Project Gutenberg's Handbuch der chemischen Technologie, by Rudolf Wagner

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Title: Handbuch der chemischen Technologie
       Achte Auflage

Author: Rudolf Wagner

Release Date: January 7, 2018 [EBook #56330]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HANDBUCH DER CHEMISCHEN ***




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                                Handbuch

                                   der

                         chemischen Technologie

                                   zum

                        Gebrauche bei Vorlesungen

         an Universitten, technischen Hoch- und Mittelschulen,

                                sowie zum

          Selbstunterrichte fr Chemiker, Techniker, Apotheker,
                  Verwaltungsbeamte und Gerichtsrzte.

                                   Von

                             Rudolf Wagner,
          Doktor der Staatswissenschaften und der Philosophie,
           knigl. bayer. Hofrath, ordentl. ffentl. Professor
      der chem. Technologie an der staatswirthschaftlichen Facultt
         der knigl. Julius-Maximilians-Universitt in Wrzburg.

                             Achte Auflage.

                         Mit 336 Holzschnitten.

                                 Leipzig
                         Verlag von Otto Wigand.
                                  1871.

                    *       *       *       *       *




                       Vorrede zur achten Auflage.


Der achten Auflage meiner chemischen Technologie, die der siebenten nach
zwei Jahren schon folgt, sind nur wenige Worte mit auf den Weg zu geben.

Die Anordnung des Materials ist zwar in der vorliegenden Auflage im
wesentlichen unverndert geblieben, doch habe ich, den Wnschen einiger
Fachgenossen Gehr schenkend, die Rohstoffe und Produkte der chemischen
Industrie und die Technik des Glases und der Thonwaaren, die in den
frheren Auflagen einen gemeinschaftlichen Abschnitt bildeten, in zwei
gesonderte Abtheilungen gebracht. Der mit der chemischen Fabrikindustrie
sich beschftigende Abschnitt wurde vielfach erweitert und viele Kapitel
desselben vollstndig neu bearbeitet. Die Schilderung der Technik der
Kali- und Ammoniaksalze, so wie die der Theerfarben, ist der gesteigerten
Bedeutung dieser Produkte entsprechend, eine erweiterte und eingehendere
geworden. Die chemischen Formeln sind durchweg Molekularformeln.

Ungeachtet der theilweisen Umarbeitung des Buches und der vielen Zustze
und Verbesserungen, ist es der Verlagshandlung gelungen, durch grsseres
Format und compresseren Druck die Bogenzahl der vorigen Auflage nicht zu
berschreiten.

Von der vorliegenden Auflage erscheint unter meiner Mitwirkung eine
englische Bearbeitung von Herrn William Crookes in London und eine
franzsische Uebersetzung von Herrn Professor L. Gautier in Melle
(Deux-Svres). Eine unlngst in den Niederlanden erschienene hollndische
Uebertragung (der zum Theil veralteten siebenten Auflage) ist ohne mein
Mitwissen und ohne Erlaubniss meines Verlegers verffentlicht worden.

Die erste Auflage des vorliegenden Buches, die ich als Privatdocent der
chemischen Technologie in der philosophischen Facultt der Hochschule zu
Leipzig herausgab, erschien im September 1850. Die beiden nchsten
Auflagen, von denen die zweite im Mai 1853 und die dritte im Juli 1856
versendet wurden, bearbeitete ich von Nrnberg aus, wo ich vier Jahre als
Professor der technischen Chemie an der knigl. Gewerbeschule wirkte. Die
nchsten fnf Auflagen, von denen

                      die vierte im Mai 1859
                       "  fnfte  "  "  1862
                       "  sechste im October 1865
                       "  siebente im Mrz 1868

verffentlicht wurde, bearbeitete ich in Wrzburg, vielfach untersttzt
durch Beitrge und Rathschlge von Freunden und Collegen, denen ich
hiermit, nach Beendigung der achten Auflage, meinen verbindlichsten Dank
abstatte.

  Universitt =Wrzburg=, den 10. Dezember 1870.

                                                    $Dr. Rudolf Wagner.$




                                 Inhalt.


  =Einleitung= 1. Definition des Begriffs Technologie 1. Unterschiede
  zwischen Gewerbelehre, Gewerbekunde und Technologie 1. Mechanische
  Technologie 2. Chemische Technologie 2.


                              I. Abschnitt.

  =Die chemische Metallurgie, die Legirungen und die Metallprparate.=

                             (Seite 4-126.)

  =Allgemeines= 4. Metallurgie 4. Metallurgische Httenkunde 4. Erze 4.
  Aufbereitung 5. Vorbereitung 5. Zugutemachen 6. Beschicken 6.
  Httenprodukte (Edukte, Httenfabrikate, Zwischenprodukte, Abflle) 6.
  Schlacken 7.

  =Eisen= 7. Eisenerze 8. [Greek: a]) =Roheisen= 9. Ausbringen des Eisens
  9. Theorie des Ausbringens 9. Hochofen und Hochofenprocess 10. Geblse
  11. Cylindergeblse 11. Gang der Schmelzung 12. Chemischer Process im
  Hochofen 13. Cyanverbindungen 13. Vertheilung der Temperatur im
  Hochofen 13. Gichtgase 14. Gewinnung von Salmiak daraus 14. Roheisen
  15. Weisses Roheisen 15. Graues Roheisen 15. Zusammensetzung der
  Roheisensorten 15 und 16. Eisengiesserei 16. Schacht- oder Kupolofen
  17. Frmerei 17. Adouciren (Tempern) 18. _Fonte mallable_ 18.
  Emailliren von eisernen Geschirren 18. [Greek: b]) =Stabeisen= 19.
  Herdfrischung 19. Schwedischer Frischprocess 21. Puddelprocess 21.
  Theorie des Eisenpuddelns 21. Puddeln mit Gas 21. Verfeinerung des
  Stabeisens auf dem Walzwerk 22. Blechfabrikation 23. Drahtfabrikation
  23. Drahtseile 24. Eigenschaften des Stabeisens 24. [Greek: g]) =Stahl=
  25. Gewinnungsarten des Stahls 25. I. Frischstahl 25. 1)
  Herdfrischstahl 25. 2) Flammenofenfrischstahl (Puddelstahl) 26. 3)
  Bessemerstahl 26. 4) Uchatius- und Martinstahl 27. 5) Heaton- oder
  Salpeterfrischstahl 27. II. Kohlungsstahl 27. Cmentstahl 28. Gussstahl
  28. III. Flussstahl 28. Glisentistahl 28. Versthlen (Einsatzhrtung)
  28. Eigenschaften des Stahls 29. Anlassen (Nachlassen) von Stahl 29.
  Wolframstahl 30. Damascenerstahl 30. Zusammensetzung des Stahls 30.
  Stahlstich (Siderographie) 30. Gegenwrtiger Zustand der Stahlindustrie
  31. Stahlproduktion 31.

  =Eisenprparate= 31. Eisenvitriol 31. Eisenmennige 32. Blutlaugensalz
  33. aus Blutlauge 33. mittelst Stickstoff der Luft 34. mittelst
  Cyanbarium 34. mittelst Schwefelkohlenstoff (nach Glis) 34. mit
  schwefelsaurem Ammon (nach H. Fleck) 34. Rothes Blutlaugensalz 34.
  Cyankalium 35. Cyansalz 36. Berlinerblau 35. Turnbull's Blau 36.
  Berlinerblau aus Gaskalk 36. Lsliches Berlinerblau 37.

  =Kobalt= 37. Safflor oder Zaffer 37. Smalte 38. Kobaltultramarin 38.
  Coeruleum 38. Rinmann's Grn 39. Kobaltoxydul 39. Kobaltviolett 39.
  Kobaltwolframiat 39. Kobaltgelb 39. Kobaltbronze 40.

  =Nickel= 40. Nickelerze 40. Gewinnung des Nickels 41.
  Concentrationsschmelzen auf Stein 41. auf Speise 42. auf Schwarzkupfer
  oder Nickelsauen 42. Darstellung von Nickel auf trockenem Wege 42. auf
  nassem Wege 42. Wrfelnickel 43. Eigenschaften des Nickels 43.
  Nickelproduktion 43.

  =Kupfer= 43. Kupfererze 45. Kupfergewinnung in Schachtfen 45.
  Garmachen 46. Saigern 47. Zugutemachen der Erze in Flammenfen 48.
  Gewinnung des Kupfers aus oxydirten Erzen 50. auf nassem Wege 50.
  Cmentkupfer 50. Kupfer auf galvanischem Wege 51. Eigenschaften des
  Kupfers 51. Kupferproduktion 52.

  =Legirungen des Kupfers= 52. Bronze 52 (Kanonenmetall, Glockenmetall,
  Statuenbronze 52). Messing 53 (Tombak, Blattgold, Aichmetall,
  Sterrometall, Mnzmetall 54). Bronzefarben 54. Neusilber 55
  (Chinasilber, Perusilber, Alfnide, Christoflemetall, Alpaka 55).
  Nickelmnzen 55. Kupferamalgam (Metallkitt) 56.

  =Kupferprparate= 56. Kupfervitriol 56. Doppelvitriol 57. Kupferfarben
  57. Braunschweiger Grn, Bremer Grn 59. Casselmann's Grn 59.
  Mineralgrn oder Scheele's Grn 59. Mineralblau, Bergblau, Kalkblau,
  Oelblau, Schweinfurtergrn 59). Zinnsaures Kupferoxyd (Gentele's Grn
  60. Grnspan 60 u. 61).

  =Blei= 61. Bleierze 61. Gewinnung des Bleies durch Niederschlagsarbeit
  61. durch Rstarbeit 62. Werkblei 63. Frischprocess 63. Eigenschaften
  und Anwendung des Bleies 63. Schrotfabrikation 64. Legirungen des
  Bleies 65.

  =Bleiprparate= 65. Massicot 65. Bleigltte 65. Mennige 65.
  Bleisuperoxyd 66. Oxydirte Mennige 66. Bleizucker 66. Chromsaures Blei
  66 (Chromeisenstein 66. Kaliumchromat 67. Chromgelb 68. Chromroth 69.
  Chromoxyd 69. Chromgrn 69. Guignet's Grn 69. Chromalaun 69.
  Chromchlorid 69). Bleiweiss 69 (nach der hollndischen Methode 70. nach
  der sterreichischen 70. nach der englischen 70. nach der franzsischen
  71. aus schwefelsaurem Blei 72. aus Chlorblei 73. Basisches Chlorblei
  73. Prfung von Bleiweiss 74).

  =Zinn= 74. Zinnerze 74. Gewinnung des Zinnes 75. Anwendung desselben
  75. Verzinnen 76. _Moir metallique_ 76.

  =Zinnprparate= 76. Musivgold 76. Zinnsalz 77. Natriumstannat 77.
  Zinnchlorid 77. Pinksalz 77.

  =Wismuth= 78. Vorkommen und Gewinnung 78. Eigenschaften und Anwendung
  des Wismuths 79. Wismuthlegirungen 79.

  =Zink= 79. Zinkerze 79. Gewinnung des Zinkes in Muffeln 80. in Rhren
  80. in Tiegeln 81. Zugutemachen der Zinkblende 82. Eigenschaften des
  Zinkes 82. Anwendung desselben und Zinkproduktion 83.

  =Zinkprparate= 83 (Zinkweiss 83. Zinkvitriol 84. Chromsaures Zink 84.
  Chlorzink 84. Lthsalz 84. Zinkoxychlorr 84).

  =Kadmium= 84. Wood's Legirung 85. Schwefelkadmium 85.

  =Antimon= 85. Antimonerze 85. Ausschmelzen von Schwefelantimon 85.
  Darstellung von metallischem Antimon durch Rsten 86. durch Eisen 86.
  Eigenschaften des Antimons 86. Eisenschwarz 87. Schriftgiessermetall
  87.

  =Antimonprparate= 87 (Antimonoxyd 87. Antimonsure 87. Schwefelantimon
  87. Neapelgelb 87. Antimonzinnober 87).

  =Arsen= 87. Arsenige Sure 88. Arsensure 88. Realgar 89. Operment 89.
  Rusma 89.

  =Quecksilber= 89. Vorkommen 89. Gewinnung des Quecksilbers aus dem
  Zinnober in Idria 90. in Spanien 90. in Bhmen 92. in der Rheinpfalz
  92. Eigenschaften des Quecksilbers 93.

  =Quecksilberprparate= 93. Quecksilberchlorid 93. Zinnober 93.
  Knallquecksilber 94. Zndhtchen 94.

  =Platin= 95. Platinerze 95. Gewinnung des Platins nach Wollaston 96.
  nach Deville und Debray 96. Eigenschaften des Platins 97. Platinschwamm
  und Platinmohr 97. Anwendungen des Platins 97. Platinlegirungen 98.
  Elaylplatinchlorr 98.

  =Silber= 98. Silbererze 98. Gewinnung des Silbers durch Ausschmelzen
  99. durch europische Amalgamation 99. durch amerikanische Amalgamation
  101. Silberextraction nach Augustin 101. nach Ziervogel 101. nach v.
  Hauer 102. nach Patera 102. nach Percy 102. nach Rivero und Gmelin 102.
  Extraction mittelst Blei 102. Silberhaltiges Werkblei 103. Entsilbern
  des Werkbleies durch Abtreiben 103. durch Pattinsoniren 103. mittelst
  Zink 104. Feinbrennen des Silbers 104. Silberproduktion 105. Chemisch
  reines Silber 105. Eigenschaften des Silbers 105. Legirungen des
  Silbers 106. Mnzgewicht 106. Silberprobe 107 (durch Kupellation 107.
  Titrirprobe 107. Hydrostatische Probe 107). Versilbern 108.
  Schwarzfrben des Silbers 108. Salpetersaures Silber 108.

  =Gold= 109. Vorkommen als Berggold und Waschgold 109. Analysen von
  Gediegengold 109. Ferneres Vorkommen des Goldes 109. Goldproduktion
  109. Gewinnung des Goldes aus dem Sande durch Waschen 109. durch
  Quecksilber 110. durch Natriumamalgamation 110. durch Verschmelzen 110.
  durch Behandeln mit Alkali 110. aus eingesprengtem Golde 110.
  Extraction des Goldes auf nassem Wege 110. Goldscheidung 110 (durch
  Schwefelantimon 110. durch Schwefel und Bleigltte 110. durch
  Cmentation 110. durch Quartation 110. durch Schwefelsure oder
  Affination 111. Chemisch reines Gold 112. Eigenschaften des Goldes 113.
  Legirungen, Frben des Goldes 113. Goldprobe 114. Anwendungen des
  Goldes 114. Vergolden 114 (mit Blattgold 114. auf kaltem Wege 114. auf
  nassem Wege 114. Feuervergoldung 114). Goldpurpur 115. Knallgold 115.

  =Braunstein= und =Manganprparate= 115. Braunstein und Braunsteinprobe
  116. Kaliumpermanganat 117. Verwendung desselben zur Desinfection 118.

  =Aluminium= 118. Gewinnung aus Chloraluminium-Chlornatrium 118. aus
  Kryolith 118. Eigenschaften des Aluminiums 118. Aluminiumbronze 119.
  Anwendungen des Aluminiums 119.

  =Magnesium= 120. Darstellung und Eigenschaften des Magnesiums 120.

  =Galvanotechnik= 121. Anwendung des Galvanismus 121. Elektrolytisches
  Gesetz 121. Galvanoplastik 121. Vergoldung und Versilberung auf
  galvanischem Wege 122. Verkupfern 124. Verzinken 124. Verzinnen 124.
  Versthlen 124. Galvan. Aetzen 125. Metallochromie 125. Elektrotypie
  125. Glyphographie 125. Galvanographie 126.


                             II. Abschnitt.

          =Rohstoffe= und =Produkte der chemischen Industrie=.

                            (Seite 127-302.)

  =Kalisalze= 127. Kohlensaures Kalium (Potasche) 127. Quellen des Kalis
  127. I. Darstellung der Kalisalze aus Stassfurter Salzen, namentlich
  aus Carnallit 127 ([Greek: a]) Darstellung von Chlorkalium 128. [Greek:
  b]) Darstellung von Kaliumsulfat 130. [Greek: g]) Darstellung von
  Kaliumcarbonat oder Mineralpotasche 131. II. Kalisalze aus Feldspath
  131. III. Kalisalze aus dem Meerwasser 132. IV. Kalisalze aus der Asche
  der Vegetabilien 132 (Allgemeines ber Holzasche 133. Auslaugen der
  Asche 133. Versieden der Rohlauge 133. Glhen und Calciniren der rohen
  Potasche 133. Zusammensetzung der Potasche des Handels 136. Potasche
  aus Hefenschlempe oder Vinasse 136). V. Kalisalze aus der Schlempekohle
  der Rbenmelasse 136 (Melassenasche 137. Verarbeitung der Melasse 137.
  Schlempekohle 138. Weissgebrannte Schlempekohle oder Salin 138.
  Raffiniren desselben 139. Raffinirte Rbenpotasche 140). VI. Kalisalze
  aus den Seealgen oder Tangen 140 (Calcinationsverfahren 140.
  Verkohlungsverfahren 142. Extraction der Algen mit Wasser 142). VII.
  Kalisalze aus dem Schweisse der Schafwolle 142 (Methode von Maumen
  142. Verfahren von Havrez 143). Darstellung gereinigter Potasche 143.
  Darstellung von Aetzkali 144.

  =Salpeter= 145. Vorkommen des natrlichen Salpeters 145. Gewinnung des
  Salpeters in den Salpeterplantagen 146. Raffination des Rohsalpeters
  148. Darstellung von Kaliumsalpeter aus Chilisalpeter 149. Prfung des
  Salpeters 151. Anwendung desselben 151. Natriumsalpeter 152. Vorkommen
  des Jods darin 153. Produktion von Natriumsalpeter 153.

  =Salpetersure= 153. Gewinnung durch Destillation von Natriumsalpeter
  mit Schwefelsure 153. Bleichen der Salpetersure 154. Condensation
  derselben 155. Andere Methoden der Salpetersuredarstellung 156. Dichte
  der Salpetersure 157. Rothe rauchende Salpetersure 158. Anwendung der
  Salpetersure 158.

  =Technik der explosiven Krper= 159. a) _Das Schiesspulver und
  chemische Principien der Feuerwerkerei_ 159. Schiesspulver 159.
  Materialien 159. Zerkleinern derselben in Pulverisirtrommeln 159. in
  Walzmhlen 159. in Stampfmhlen 160. Mengen und Anfeuchten des Satzes
  160. Verdichten desselben 160. Krnen in Sieben 160. in der
  Congreve'schen Krnmaschine 161. nach Champy 161. Poliren 161. Trocknen
  des Pulvers 162. Ausstuben desselben 162. Eigenschaften des Pulvers
  162. Zusammensetzung 163. Produkte der Verbrennung 163. -- Neue
  Sprengpulver 165 (Pyronone 165. Saxifragin 165. Schultze's Pulver 165.
  Lithofracteur 165. Haloxylin 165. Callou's Pulver 165. Sprengl 165.
  Dynamit 165. Dualin 165. Pikratpulver 165). -- Pulverprobe 165. --
  Weisses Schiesspulver von Augendre 166. Verbrennungsprodukte desselben
  nach Pohl 166. -- Chemische Principien der Feuerwerkerei 167
  (Salpeterschwefel 167. Grauer Satz 168. Chlorkalischwefel 168.
  Frictions-Znder 168. Satz zu Zndnadelgewehren 168. Brandstze 168.
  Farbige Feuer 169). b) _Nitroglycerin_ 169. Darstellung des
  Nitroglycerins 170. Zersetzungsprodukte 170. Dynamit 172. Dualin 172.
  c) _Schiessbaumwolle_ 173. Darstellung derselben 173. Eigenschaften
  173. Schiessbaumwolle als Surrogat des Schiesspulvers 175. Collodium
  175.

  =Kochsalz= 176. Vorkommen 176. Gewinnung desselben aus dem Meerwasser
  177. mit Hlfe von Salzgrten 178. von Frost 178. von Brennmaterial
  178. Gewinnung des Steinsalzes 179. Stassfurter Mineralien 179
  (Anhydrit, Boracit, Carnallit 180. Kieserit, Sylvin, Tachhydrit,
  Kainit, Schnit oder Pikromerit 180). Gewinnung der Salzsoolen 181.
  Darstellung des Kochsalzes aus den Soolen 181. Gradiren der Soole 183.
  Versieden der Soole 183. Denaturiren des Salzes 184. Eigenschaften des
  Kochsalzes 185. Anwendung desselben 185. Salzproduktion 186.

  =Sodafabrikation= 186. [Greek: a]) Natrliche Soda 186. Trona Urao 187.
  [Greek: b]) Soda aus Sodapflanzen 187. [Greek: g]) Auf chemischem Wege
  dargestellte Soda 188. Verfahren von Leblanc 188 (Erzeugung von Sulfat
  188. Umwandlung des Sulfats in Rohsoda 189). Sodafen 189. Sodaofen mit
  Drehherd 192. Auslaugen der Rohsoda 193. Abdampfen der Lauge 197.
  Sodasalz 198. Krystallisirte Soda 200. Theorie der Sodabildung 201.
  Verwerthung der Sodarckstnde 201. Regeneration des Schwefels 202.
  [Greek: a]) Darstellung der schwefelhaltigen Lauge 202. [Greek: b])
  Zersetzung der Lauge mit Salzsure 203. [Greek: g]) Darstellung des
  reinen Schwefels 204. Sonstige Methoden der Sodafabrikation 205.
  Sodagewinnung aus Sulfat nach Kopp 205. aus Kochsalz nach Schloesing
  206. aus Kryolith 206. aus Bauxit 206. aus Natriumsalpeter 206.
  Aetznatron 207. Natriumbicarbonat 208. Sodaproduktion 209.

  =Jod=- und =Bromgewinnung= 209. Vorkommen des Jods 209. Gewinnung des
  Jods aus Kelp 209. nach Barruel 210. aus der Tangkohle 210. aus dem
  Chilisalpeter 210. Eigenschaften des Jods 210. Jodproduktion 210. Brom
  211. Gewinnung und Anwendung des Broms 211. Bromproduktion 212.

  =Schwefel= 212. Vorkommen 212. Gewinnung des Schwefels durch
  Ausschmelzen des natrlichen Schwefels 213. Destillation des Schwefels
  214. Raffinirapparat von Lamy 214. Stangenschwefel 215. Schwefelblumen
  216. Gewinnung von Schwefel aus Schwefelkies 216. durch Rsten von
  Kupferkies 217. als Nebenprodukt der Steinkohlengasfabrikation 217. als
  Nebenprodukt bei der Verarbeitung des Kelps (vegetabilischer Schwefel)
  217. durch Reaction von schwefliger Sure auf Kohle 217. Anwendung und
  Eigenschaften des Schwefels 218. Schwefelproduktion 218. Schweflige
  Sure 219. Darstellung derselben 219. Anwendung derselben 220. --
  Schwefligsaures Calcium 220. -- Unterschwefligsaures Natrium 220.

  =Schwefelsurefabrikation= 221. Rauchende Schwefelsure aus
  Eisenvitriol 221. aus schwefelsaurem Eisenoxyd 222. aus
  zweifach-schwefelsaurem Natrium 222. aus Glaubersalz und Borsure 222.
  -- Englische Schwefelsure 222. Theorie der Bildung derselben 223.
  Verbrennen des Schwefels 224. Bleikammerapparat 225.
  Schwefelkiesrstfen 226. Gerstenhfer's Rstofen 226. Kammersure 227.
  Concentration derselben in Blei 228. in Platinapparaten 228. Breant's
  Heber 228. Concentration in Glasretorten 229. Schwefelsure mittelst
  schwefliger Sure und Chlor 229. und Salpetersure (ohne Bleikammer)
  230. aus Gyps 230. Anwendung und Eigenschaften der Schwefelsure 230.

  =Schwefelkohlenstoff= 232. Darstellung desselben 232. Eigenschaften und
  Anwendung 233. Schwefelchlorr 233.

  =Salzsure= 234. Eigenschaften derselben 235. Anwendung 235.
  Glaubersalz 236. Directe Darstellung desselben 236. Indirecte Methode
  nach Balard und Merle 236. nach Longmaid 236. nach de Luna und Clemm
  236. Anwendung des Glaubersalzes 236.

  =Chlorkalk= 237. Darstellung mittelst Braunstein 237. mittelst
  Calciumchromat 238. nach Schloesing 238. mittelst Kupferchlorid 238.
  mittelst zweifach-chromsaurem Chlorkalium 238. mittelst Natriumnitrat
  239. nach Longmaid 239. nach Oxland 239. nach Maumen 239
  Chlorentwickelungsapparate 239. Condensationsapparate 239. Regeneration
  des Mangansuperoxydes 241. Theorie der Chlorkalkbildung 243.
  Zusammensetzung des Chlorkalkes 243. Eigenschaften desselben 243. --
  Chlorometrie nach Gay-Lussac 244. nach Penot-Mohr 245. nach Wagner 245.
  Chlorimetrische Grade 245. -- Chloralkalien 245. Aluminiumhypochlorit
  246. Magnesiumhypochlorit 246. Zinkhypochlorit 246. Bariumhypochlorit
  246. -- Kaliumchlorat 246. Kaliumperchlorat 247.

  =Alkalimetrie= 247. nach Descroizilles 248. nach Gay-Lussac 248. nach
  Mohr 248. nach Fresenius und Will 249. nach Grneberg 250.

  =Ammoniak= und =Ammoniaksalze= 250. Quellen des Ammoniaks 250.
  Aetzammoniak 251. Anwendung desselben 251. Fabrikation desselben 252.
  I. Anorganische Ammoniakquellen 253. 1) Natrliches kohlensaures
  Ammoniak 253. 2) Natrliches Ammonsulfat 253. 3) Vulkan. Ammoniak 253.
  4) Ammoniak als Nebenprodukt bei der Bereitung von Aetznatron 254. 5)
  Ammoniak als Nebenprodukt der Schwefelsurefabrikation 254. 6) Ammoniak
  aus dem Stickstoff der Luft 254. 7) Ammoniak aus Cyanverbindungen 254.
  II. Organische Ammoniakquellen 254. 8) Ammoniak aus Steinkohlen [Greek:
  a]) bei der Gasbereitung 255. [Greek: b]) bei der Koksbereitung 255.
  [Greek: g]) bei der Verbrennung 255. Apparate von Mallet 256. von Rose
  257. von Lunge 258. 9) Ammoniak aus gefaultem Harn 259. Apparat von
  Figuera 259. 10) Ammoniak durch trockne Destillation von
  Thiersubstanzen 260. 11) Ammoniak als Nebenprodukt der
  Rbenzuckerfabrikation 261. -- Technisch wichtige Ammoniaksalze 261.
  Salmiak 261. Ammonsulfat 263. Ammoncarbonat 264. Ammonnitrat 264.

  =Seifenfabrikation= 265. Fettsubstanzen 265 (Palml 265. Illipe- oder,
  Bassial 265. Galambutter 265. Carapal 265. Vateriatalg 265.
  Cocosnussl 266. Talg 266. Schmalz 266. Olivenl 266. Thran 267. Andere
  Oele 267. Oelsure 267. Colophonium 267). Lauge 267. Theorie der
  Seifenbildung 268. Hauptsorten von Seife 268. Kernseife 270.
  Baumlseife 270. Oelsureseife 271. Harztalgseife 272. Gefllte Seifen
  272. Schmierseifen 273. Knochenseife, Kieselseife etc. 274.
  Toilettenseifen 275. Anwendung und Wirkung der Seife 276. Seifenprobe
  276. Chemische Seifenprobe 276. Unlsliche Seifen 277.

  =Borsure und Borax= 278. Borsure 279. Borsuremineralien 279.
  Borsuregewinnung in Toscana 279. durch natrliche Soffionen 279. durch
  Bohrlcher 280. Theorie der Bildung der Borsure 280. Eigenschaften und
  Verwendung derselben 281. Borax 281. aus Tinkal 281. aus Borsure 282.
  Reinigen des Borax 283. Borax aus Boronatrocalcit oder Tiza 284.
  Octadrischer Borax 285. Anwendung des Borax 285. Bordiamanten 286.

  =Fabrikation des Alauns, des Aluminiumsulfates und der Aluminate= 286.
  Vorkommen des Alauns in der Natur 286. Alaunerze 287. Darstellung des
  Alauns aus Alaunstein 287. aus Alaunschiefer und Alaunerde 287 (Rsten
  der Alaunerde 288. Auslaugen derselben 288. Concentriren der Rohlauge
  288. Mehlmachen 289. Waschen des Mehls und Umkrystallisiren 289). aus
  Thon 290. Alum-cake 290. aus Kryolith 290. aus Bauxit 291. aus
  Hohofenschlacken 292. aus Feldspath 292. Kaliumalaun 292. Ammoniakalaun
  292. Natriumalaun 293. Neutraler oder kubischer Alaun 293.
  Aluminiumsulfat 293. Natrium-Aluminat 294. Anwendung des Alauns und des
  Aluminiumsulfates 295. Aluminiumacetat 296.

  =Ultramarin= 296. Natrliches Vorkommen desselben 296. Knstliches
  Ultramarin 297. Materialien 297. Glaubersalz oder Sulfat-Ultramarin
  298. Soda-Ultramarin 300. Kieselerde-Ultramarin 300. Theorie der
  Ultramarinfabrikation 301. Eigenschaften und Anwendung des Ultramarins
  301.


                             III. Abschnitt.

  =Technik des Glases, der Thonwaaren, des Gypses, Kalkes und Mrtels.=

                            (Seite 302-396.)

  =Glasfabrikation= 302. Allgemeines 302. Rohmaterialien 304.
  Entfrbungsmittel 305. Glasscherben 306. Glashfen 307. Glasfen 308.
  Siemens' Regeneratorofen 310. Vorbereitung des Satzes 312. Fritten 312.
  Heissschren 312. Lutern 313. Kaltschren 313. Fehler des Glases 313.
  Eintheilung der Glassorten 314. Tafelglas 315. Mondglas 315. Walzenglas
  316. Spiegelglas 318. Schleifen 321. Belegen der Spiegel 321.
  Silberspiegel 322. nach Drayton 322. nach v. Liebig 322. nach Lwe,
  Petitjean, F. Bothe 322. Platinspiegel 322. Hohlglasfabrikation 323.
  Flaschen, Becherglser, Glasrhren 323. Gepresstes und gegossenes Glas
  324. Wasserglas 325 (Kaliumwasserglas 325. Natriumwasserglas 325.
  Doppelwasserglas 325. Fixirungswasserglas 325. Stereochromie 326).
  Krystallglas 327. Optisches Glas 329. Flintglas 329. Kronglas 330.
  Strass 331. Gefrbte Glser 332. Glasmalerei 333. Email 334 (Beinglas
  335. Alabasterglas 335. Reissteinglas 335). Achatglas 335. Eisglas 335.
  Haematinon 335. Astralit 336. Aventuringlas 336. Glasincrustationen
  336. Faden- oder Petinetglas 336. Glas als Gespinnstfaser 337.
  Reticulirtes Glas 337. Milleflori 337. Glasperlen 337. Hyalographie
  338.

  =Keramik= oder =Thonwaarenfabrikation= 339. Feldspath 339. Bildung des
  Thones 340. Porcellanerde 340. Eigenschaften des Thones 340. Arten des
  Thones 342 (Tpferthon 342. Walkerde 342. Mergel 342. Lehm 342. Lss
  342). Zusammensetzung der Kaoline 342. Eintheilung der Thonwaaren 343.
  -- I. Hartes Porcellan 344 (Materialien 344. Schlmmen und Trocknen der
  Masse 345. Kneten und Faulen 345. Formen der Masse 346. Trocknen der
  Porcellanobjecte 347. Glasur 347. Auftragen derselben durch Eintauchen
  348. mittelst Bestuben 348. durch Begiessen 349. durch Verflchtigen
  349. Lster 349. Kasetten oder Kapseln 349. Porcellanofen 349.
  Entleeren des Ofens 351. Fehler der Porcellanmasse und der Glasur 351.
  Porcellanmalerei 351. Decoriren des Porcellans 352. Lithophanien 353).
  II. Weiches oder Frittenporcellan 353 (Franzsisches P. 353. Englisches
  P. 354. Parian 354. Carrara 355). III. Steinzeug oder Steingut 355
  (Feines weisses Steinzeug 355. Wedgwood 355. Gemeines Steinzeug 355.
  Terralith und Siderolith 358). IV. Fayence 358 (Majolika 358. Feine
  Fayence 359. Gemeine emaillirte Fayence 359. Verzierung der Fayence
  359. Flowing colours 360. Lster 360). Etruskische Vasen 361. Thnerne
  Pfeifen 361. Khlkrge oder Alcarrazas 361. V. Gemeines Tpfergeschirr
  362. Bleiglasur 363. -- VI. Backstein-, Ziegel- und Rhrenfabrikation
  363 (Terracottwaaren 364. Ziegelmaterial 365. Vorbereitung des Thones
  365. Streichen der Ziegel 365. Ziegelstreichmaschinen 366. Pressziegel
  368. Brennen in Meilern 369. in Oefen 369. Ringofen von Hoffmann u.
  Licht 371. Feldziegeleien 372. Klinker 373. Dachziegel 373. Hohlziegel
  373. Leichte Ziegelsteine 374. Feuerfeste Steine 374. Dinasteine 375.
  Thon- und Drainrhren 375. Schmelztiegel 375. Hessische Tiegel 376.
  Charmottetiegel 376. Kalktiegel 376. Magnesiatiegel 376. Spinelltiegel
  376. Bauxittiegel 376.)

  =Kalk und Kalkbrennen= 376. Vorkommen des Kalkes 376. Kalkbrennen in
  Meilern 377. in Oefen mit unterbrochenem Gange 377. mit
  ununterbrochenem Gange 378. in Oefen zu doppelter Benutzung 379.
  Eigenschaften des gebrannten Kalkes 380. Lschen des Kalkes 380.
  Anwendung des Kalkes 380.

  =Mrtel= 381. a) Luftmrtel 381. Erhrten desselben 382. b)
  Hydraulischer Mrtel 383. Hydraulischer Kalk 384. Cmente 384. Trass
  oder Duckstein 384. Puzzuolane 384. Santorin 384. Knstliche Cmente
  384. Portland-Cment 385. Deutsches Cment 386. Concrete 389.
  Festwerden und Erhrten des hydraulischen Mrtels 389.

  =Gyps und Gypsbrennen= 390. Vorkommen des Gypses 391. Eigenschaften
  desselben 391. Brennen des Gypses 391. Gypsbrennofen, gewhnlicher 392.
  nach Scanegatty 393. nach Dumesnil 393. Mahlen des Gypses 394.
  Anwendung desselben 394. Gypsabgsse 395. Stucco, Scaliogla 395.
  Annalin 395. Hrten des Gypses 395. Marmorcment 395. Pariancment 395.


                             IV. Abschnitt.

           =Die Pflanzenstoffe und ihre technische Anwendung.=

                            (Seite 397-577.)

  =Technologie der Pflanzenfaser= 397. Allgemeines ber Pflanzenfaser
  397. -- Flachs 398 (Rsten 398. Brechen 398. Botten 398. Ribben 399.
  Hecheln 399. Ausbeute an Flachs 400. Spinnen des gehechelten Flachses
  400. Zwirn 400. Weben des Leingarns 400. Arten der Leingewebe 400). --
  Hanf und andere Gespinnstpflanzen 401 (Chinesisches Gras 401. Rameehanf
  402. Rheahanf 402. Jute 402. Hibiscushanf 402. Sunnhanf 402.
  Neuseelndischer Flachs 402. Alohanf 402. Manillahanf 402. Ananashanf
  402. Pikahahanf 402. Kokosnussfaser 402).

  =Baumwolle= 402 (Arten derselben 403. Spinnen der Baumwolle 403. Garn
  405. Baumwollgewebe 405). Stellvertreter der Baumwolle 405.
  Flachsbaumwolle 405. -- Unterscheidung der Baumwollfaser von der
  Leinfaser 405. von dem Seidenfaden 406. von der Wollfaser 407.

  =Papierfabrikation= 408. Materialien derselben 408. Lumpensurrogate
  409. Mineral. Surrogate 409. Fabrikation des Handpapiers 410
  (Zerkleinern und Zertheilen der sortirten Lumpen 410. durch Faulen 411.
  im Stampfgeschirr 412. im Hollnder 412. Bleichen des Stoffes 414.
  Antichlor 414. Bereitung des Ganzstoffes 415. Blauen und Leimen 415.
  Verfertigen der Papierbogen durch Schpfen 416. Papierformen 417.
  Pressen und Trocknen des Papiers 418. Leimen der Papierbogen 418.
  Ausrsten des Papiers 418. Papiersorten 418). Maschinenpapier 419
  (Papiermaschinen 419. Papierschneidemaschinen 422). Pappe 422
  (Geschpfte Pappe 422. Gekautschte Pappe 423. Geleimte Pappe 423).
  Papiermach 423. Papier aus farbigem Stoffe 423. Buntpapier 424.
  Pergamentpapier 424.

  =Strkemehl= 425. Allgemeines 425. Eigenschaften desselben 425.
  Rohmaterialien 426. Strke aus Kartoffeln 427. Verfahren von Vlker
  428. Trocknen der Kartoffelstrke 429. Gewinnung von Weizenstrke 429.
  mit Ghrung 430. ohne Ghrung 431. Verfahren von Martin 431.
  Zusammensetzung und Anwendung der Strke 431. -- Strke aus Reis 432.
  aus Rosskastanien 432. Arrow-root 432. Cassavastrke 432. Sago 432. --
  Dextrin 433.

  =Zuckerfabrikation= 434. Allgemeines und Geschichtliches 434.
  Vorkommen und Eigenschaften des Zuckers 435. Spec. Gewicht der
  Zuckerlsungen 436. Saccharate 436. A. Rohrzucker 437. Zusammensetzung
  des Zuckerrohrs 437. Fabrikation 438. Sorten des Rohrzuckers 439.
  Handelswerth derselben 439. Melasse 439. Raffination des Rohrzuckers
  440. Rohrzuckerproduktion 441. B. Rbenzucker 441. Allgemeines und
  Geschichtliches 441. Arten der Rbe 442. Ertrag 443. Chemische
  Zusammensetzung der Rbe 443. Saccharimetrie 444 (Chemische Probe 444.
  Ghrungsprobe 445. Physikalische Bestimmung 445). Darstellung des
  Zuckers aus der Rbe 446. 1) Waschen und Putzen der Rben 446. 2)
  Zerreiben der Rbe 447. Gewinnung des Saftes 447 (durch das Reib- und
  Pressverfahren 448. Presslinge 448. Saftgewinnung mit Hlfe von
  Centrifugen 449. durch Auslaugen des Rbenbreies (Maceration nach
  Schtzenbach) 449. Auslaugen der grnen Schnitzel (Dialyse, Diffusion,
  Osmose) 450). 3) Scheidung des Saftes 450. Entkalkung desselben 450.
  Luterung mit Baryt 452. 4) Filtration des entkalkten Saftes durch
  Knochenkohle 453. Kohlenfilter 453. Abdampfpfannen 455 (Gewhnliche
  Pfannen 455. Kipppfannen 455. Pfanne von Pecqueur 455. von
  Brame-Chevallier 456. von Pclet 456. Vacuumpfannen 457). Abdampfen des
  Saftes 459. 5) Verkochen des Saftes zur Krystallisation 459. 6) Arbeit
  auf Rohzucker oder auf Brotzucker 460. Khlen und Fllen 461. Decken
  und Nutschapparate 461. Clairciren und Centrifugen 461.
  Rbenzuckermelasse 463. Kandiszucker 463. Rbenzuckerproduktion 464. C.
  Traubenzucker (Kartoffelzucker, Strkezucker, Glycose, Dextrose) 464.
  Vorkommen und Eigenschaften 465. Darstellung aus Trauben 466. aus
  Strkemehl 467. Anwendung des Traubenzuckers 467. Produktion an
  Strkezucker 468.

  =Ghrungsgewerbe= 468. Allgemeines 468. Geistige Ghrung 469. Hefe 469
  (Ober- und Unterhefe 469. Fortpflanzung derselben 470. Rolle der Hefe
  bei der geistigen Ghrung 470. Selbstghrung 470). Bedingungen der
  geistigen Ghrung 471. Charakteristik der Ghrungsgewerbe 471.

  =Weinbereitung= 472. Weinstock und seine Hauptarten 472. Traubenlese
  473. Pressen der Trauben 473. Gewinnung des Traubensaftes mit
  Centrifugalapparaten 474. Bestandtheile des Mostes 474. Ghrung
  desselben 475. Abziehen und Lagern des Weines 475. Bestandtheile des
  Weines 476 (Alkoholgehalt des Weines 476. Bestimmung desselben mit dem
  Vaporimeter 477. mit dem Ebullioskop 477. Extractbestandtheile 479.
  Mineralbestandtheile und wohlriechende Bestandtheile 479). Krankheiten
  des Weines 480. Conserviren des Weines durch Erwrmen (Pastriren) 481.
  Klren und Gypsen des Weines 482. Rckstnde der Weinbereitung 482. --
  Schaumweinfabrikation 483. Most- und Weinverbesserung 485 (durch
  Chaptalisiren 486. durch Gallisiren 486. durch Petiotisiren 487. durch
  Anwendung des Frostes 487. Entsuern des Weines 487. durch
  Calciumcarbonat 487. durch Zuckerkalk 487. durch neutrales
  Kaliumtartrat 487. Zusatz von Weingeist 488. Zusatz von Glycerin oder
  Scheelisiren 488).

  =Bierbrauerei= 488. Allgemeines 488. Materialien der Brauerei 489
  (Getreide 489. Hopfen 489. Conserviren desselben 490. Hopfensurrogate
  490. Wasser 491. Ferment 491). I. Malzbereitung 491 (Einweichen 491.
  Keimen der gequellten Gerste 493. Trocknen und Darren der gekeimten
  Gerste 493. Malzdarren 494. Statik der Malzbereitung 495). II.
  Bereitung der Bierwrze 495 (Schroten des Malzes 495. Maischen 496.
  Decoctionsmethode 497. Infusionsmethode 499. Extractgehalt der Wrze
  499. Kochen derselben 500. Hopfenhalten 500. Khlen der Wrze 501.
  Khlgelger 502). III. Ghrung der Bierwrze 502 (Unterghrung 503.
  Fassen und Nachghrung 504. Oberghrung 505). Dampfbrauerei 505.
  Bestandtheile des Bieres 505. Bierprfung 506 (Balling's
  saccharometrische Probe 508. Hallymetrische Probe 509). Nebenprodukte
  der Brauerei 510 (Treber, Malzkeime, Khlgelger, Glattwasser, Oberteig
  510). Besteuerung des Bieres 511 (des Malzes 511. der gequellten Gerste
  511. der Wrze 511. des fertigen Bieres 512).

  =Spiritusfabrikation= 512. Allgemeines 512. Technisch wichtige
  Eigenschaften des Alkohols 512. Rohmaterialien der Spiritusfabrikation
  513. A. Darstellung der weingaren Maische 514 (aus Getreide 514. aus
  Kartoffeln mit Malz 515. mittelst Schwefelsure 516. Maische aus Rben
  517. aus den Abfllen der Zuckerfabrikation 518. aus Rbenmelasse 518.
  aus Wein 518). B. Destillation der weingaren Maische 519 (Gewhnlicher
  Destillirapparat 520. Verbesserte Destillirapparate 520. von Dorn 520.
  von Pistorius 521. von Gall 524. von Schwarz 525. von Siemens 526. von
  Cellier-Blumenthal 527. von Derosne 528. von Laugier 529).
  Sulenapparat 530. Entfuselung 530. Ausbeute an Alkohol 531.
  Alkoholometrie 532. Beziehungen der Brennerei zur Landwirthschaft 533.
  Schlempe 533. -- Press- und Pfundhefe 534. Kunsthefe 535. Besteuerung
  des Branntweins 535 (Produktensteuer 536. Besteuerung des Rohstoffes
  536. Blasenzins 537. Maischraumsteuer 537).

  =Brotbckerei= 537. Allgemeines 537. Anmachen des Mehles 538. Kneten
  und Knetmaschinen 539. Backofen 540. Surrogate des Fermentes fr die
  Brotghrung 541. v. Liebig's Vorschlge 541. Horsford's Backpulver
  (_yeast powder_) 542. Kohlensurebrot (_arated-bread_) 542. Ausbeute
  an Brot 542. Zusammensetzung des Brotes 542. Verunreinigungen desselben
  542.

  =Essigfabrikation= 543. Entstehungsweise des Essigs 543. [Greek: a])
  Darstellung des Essigs aus alkoholhaltigen Flssigkeiten 543. Essig aus
  Alkohol 543 (Erscheinungen whrend der Essigbildung 544. Aeltere
  Methode der Essigbildung aus Wein etc. 545. Schnellessigfabrikation
  545. Pasteur's Methode der Darstellung von Essig mit Hlfe von
  Mycoderma 547. Essigbildung mit Hlfe von Platinmohr 548). Prfung und
  Eigenschaften des Essigs 549. Acetometrie 549. [Greek: b]) Darstellung
  des Essigs aus Holzessig 550. Trockne Destillation des Holzes 551.
  Reinigen des Holzessigs 552. -- Holzgeist 553.

  =Conservirung des Holzes= 553. Allgemeine Principien desselben 554. 1)
  Conservation des Holzes durch Entfernung des Wassers vor seiner
  Verwendung 555. 2) durch Entfernung der Saftbestandtheile 555. 3) durch
  Luftcirculation um das Holz 556. 4) durch chemische Vernderung der
  Saftbestandtheile 557. 5) durch Vererzung des Holzes 558. Boucherie's
  Methode 558.

  =Tabak= 559. Arten der Tabakpflanze 559. Chemische Bestandtheile der
  Tabakbltter 559. Tabakfabrikation 560. Rauchtabak 561. Schnupftabak
  562.

  =Aetherische Oele und Harze= 563. Darstellung der therischen Oele 563.
  durch Auspressen 563. unter Mitwirkung des Wassers 563. Ausziehen
  mittelst fetter Oele 563. Anwendung derselben in der Parfmerie 564
  (Riechende Wsser, wie Eau de Cologne, Eau de mille fleurs 564.
  Duftextracte 564. Chemische Parfms 564. Parfmirte Fette [Pommaden]
  564). in der Liqueurfabrikation 564. -- Harze 565. Siegellack 565.
  Asphalt 566. Kautschuk 566 (Eigenschaften 566. Lsungsmittel 566.
  Vulkanisirtes Kautschuk 567. Hornisirtes Kautschuk 568. Produktion und
  Consumtion von Kautschuk 568). Guttapercha 569 (Eigenschaften 569.
  Lsungsmittel 569. Anwendung der Guttapercha 569. Gemenge von
  Guttapercha mit Kautschuk 570).

  =Firnisse= 570 (Oelfirnisse 570. Tapetenfirniss 571. Druckschwrze 571.
  Oellackfirnisse 571. Weingeistlackfirnisse 572. Terpentinllackfirnisse
  572). Pettenkofer's Regenerationsverfahren fr Oelgemlde 573.

  =Kitte= 573. Allgemeines 573. Kalkkitte 574 (Casenkitt 574. Glas- und
  Porcellankitt 574). Oelkitt 574 (Glaserkitt 574. Glycerinkitt 574).
  Harzkitt 574 (Marineleim 575. Zeiodelit 575. Diatit 575). Eisenkitt
  575. Strkekitt 575.


                              V. Abschnitt.

            =Die Thierstoffe und ihre technische Anwendung.=

                            (Seite 577-652.)

  =Verarbeitung der Wolle= 577. Abstammung und Beschaffenheit der Wolle
  577. Arten der Wolle 577. Zusammensetzung derselben 578. Technisch
  wichtige Eigenschaften der Wolle 579. Wsche, Schur und Sortiren der
  Wolle 580. Spinnen der Streichwolle 581. Kunst- und Lumpenwolle 582.
  Tuchfabrikation 583 (Loden 583. Walken 583. Rauhen, Scheeren und
  Ausrsten des Tuches 583. Arten der tuchartigen Zeuge 584).
  Verarbeitung der Kammwolle 585. Kammwollzeuge 585.

  =Verarbeitung der Seide= 586. Arten des Seidenspinners 586. Zucht der
  Seidenraupe 587. Chemische Beschaffenheit der Seide 588. Zubereitung
  der Seide 588 (Sortiren der Cocons 589. Haspeln und Spinnen der Seide
  589. Mouliniren oder Zwirnen der Seide 589. Titriren und Conditioniren
  der Seide 589. Entschlen der Seide 590). Seidenweberei 590. Arten der
  Seidenzeuge 591. -- Unterscheidung der Seide von der Wolle und den
  vegetabilischen Gespinnstfasern 592.

  =Gerberei= 593. Allgemeines 593. Anatomie der Thierhaut 593. I. Roth-
  oder Lohgerberei 594. Gerbmaterialien 594. Untersuchung derselben 597.
  Hute 598. Einzelne Arbeiten der Lohgerberei 599. Reinmachen der Haut
  599 (Einweichen der Haut 599. Reinigen der Fleischseite 599. Reinigen
  der Haarseite 599. Schwellen und Treiben der Hute 600). Gerben der
  geschwellten Blsse 600 (Einsetzen in Gruben 600. Gerben in der
  Lohbrhe 600. Schnellgerberei 603. Zurichten der lohgaren Hute 603.
  des Sohlleders 604. des Schmal- und Fahlleders 604. Schlichten, Falzen
  und Krispeln 604. Ponciren, Pantoffeln, Pressen, Aussetzen, Einfetten
  605). Juchten 605. Saffian 606. Corduan 607. Lackirtes Leder 607. --
  II. Alaun- oder Weissgerberei 608 (Gemeine W. 608. Ungarische W. 610.
  Franzsische oder Erlanger W. 610. Lederbereitung mit unlslichen
  Seifen 611). -- III. Smisch- oder Oelgerberei 612. -- Pergament 613.
  -- Chagrin 613. -- Fischhaut 614.

  =Leimfabrikation= 614. Allgemeines 614. Lederleim 615 (Kalken des
  Leimgutes 615. Versieden des Leimgutes 616. Formen der Gallerte 617.
  Trocknen des Leims 617). Knochenleim 618. Flssiger Leim 619. Prfung
  des Leims 619 (nach Graeger 619. nach Risler-Beunat 620. nach
  Schattenmann 620. nach Weidenbusch 620. nach Lipowitz 620). Fischleim
  621. -- Leimsurrogate 621 (Kleberleim 622. Eiweissleim 622. Casenleim
  622). -- Elastischer Leim 622.

  =Phosphorfabrikation= 622. Allgemeines 622. Materialien der Fabrikation
  622. Specielles der gewhnlichen Phosphordarstellung 623 (Weissbrennen
  der Knochen 623. Zersetzen der Knochenerde durch Schwefelsure 624.
  Destillation des Phosphors 624. Raffination desselben 626. Formen des
  Phosphors 626). Andere Methoden der Phosphordarstellung nach Donovan
  628. nach Cari-Montrand 628. nach Fleck 629. nach Gentele 629. nach
  Gerland 629. nach Minary und Soudry 629. Eigenschaften des Phosphors
  629. Rother oder amorpher Phosphor 629.

  =Zndrequisiten= 631. Allgemeines und Geschichtliches 631
  (Wasserstofffeuerzeug 631. Chemisches Feuerzeug 631. Phosphorfeuerzeug
  632). Fabrikation der phosphorhaltigen Zndhlzer 633 1) Herstellung
  der Holzdrhte 633. 2) Bereitung der Zndmasse 635. 3) Betupfen und
  Trocknen der Hlzchen 636). Antiphosphorfeuerzeuge 637. mit amorphem
  Phosphor 637. ohne Phosphor 637. -- Reibzndkerzchen 638.

  =Knochenkohle= 638. Darstellung und Eigenschaften derselben 639.
  Prfung 639. Wiederbelebung der Knochenkohle 640. Surrogate 640.

  =Milch= 640. Molken 641. Milchzucker 642. Verhindern des Sauerwerdens
  der Milch 642. Prfung der Milch 642. Anwendung derselben 643. --
  Butter 643. -- Kse 644. Bildung und Zusammensetzung des Kse 644.

  =Fleisch= 646. Allgemeines 646. Bestandtheile des Fleisches 646.
  Zubereitung desselben 646. Kochen des Fleisches 648. Bouillontafeln
  648. Fleischextract 649. Aufbewahren des Fleisches 649 (nach Appert
  649. durch Wasserentziehung 649). Fleischzwieback 650.
  Fleischextract-Brot von E. Jacobson 650. Erbswurst 651. Einsalzen des
  Fleisches 651. Ruchern desselben 651. Cirio's Verfahren der
  Fleischconservation 652. Conserviren mittelst Essig 652. mit
  schwefliger Sure 652. durch Eis und Frost 652. Gefrorenes Fleisch aus
  Australien 652.


                             VI. Abschnitt.

                    =Die Frberei und der Zeugdruck.=

                            (Seite 653-694.)

  =Frberei und Zeugdruckerei im Allgemeinen= 653. Farbstoffe 653. Lacke
  und Lackfarben 655. Anstrich-, Tusch- und Pastellfarben 655. Zeugfarben
  655. Malerfarben 655.

  A. =Theerfarbstoffe= 655. Kohlentheer 655. Hauptbestandtheile desselben
  655. Ausbeute an den Haupttheerprodukten 655. Benzol (Benzin) 655.
  Eigenschaften und Darstellung desselben 655 (Apparat von Mansfield 655.
  Verbesserter Apparat 656. Apparat von Coupier 656). Benzol aus
  Steinkohlengas 657. -- Nitrobenzol 657. -- Rohanilin 658. Darstellung
  nach Bchamp 659. Zusammensetzung des Anilinls 659. Anilinproduktion
  659. -- I. Anilinfarben 659. 1) Anilinroth oder Fuchsin 660. 2)
  Anilinviolett 661. Mauven 661. Neu- oder Jodviolett 661. 3) Anilinblau
  661. Toluidinblau 662. Bleuin 662. Naphtylblau 662. 4) Anilingrn 662.
  Aldehydgrn 662. Jodgrn 662. 5) Anilingelb 663. Chrysanilin 663. 6)
  Anilinschwarz 663. Lukasschwarz 663. 7) Anilinbraun 663. Bismarckbraun
  663. II. Carbolsurefarben 663. Carbolsure 663. 1) Pikrinsure 664.
  Trinitrokresylsure 664. Victoriaorange (_Jaune-anglais_) 664. 2)
  Phnicienne (Phenylbraun) 664. 3) Grnat soluble oder Granatbraun 664.
  4) Corallin 664. Paeonin 664. Rosolsure 665. 5) Azulin (Phenylblau)
  665. Farbstoff direkt aus Nitrobenzol: Erythrobenzin 665. -- III.
  Naphtalinfarben 665. Naphtalin 665. Benzosure 665. Naphtosure 665.
  1) Martiusgelb (Manchestergelb, Naphtalingelb) 666. 2) Magdalaroth
  (Naphtalinroth) 666. 3) Naphtalinviolett 667. 4) Naphtalinblau 667. --
  IV. Anthracenfarben 667. Anthracen 667. Darstellung von knstlichem
  Alizarin (Anthracenroth) 668. -- V. Farbstoffe aus Cinchonin 668.
  Cyanin oder Lepidinblau 668.

  B. =Pigmente des Pflanzen- und Thierreichs= 668. Rothe Farbstoffe 668
  (Krapp 668. Krapplack 669. Krappblumen 669. Azale 669. Pincoffin 669.
  Garancin 669. Garanceux 670. Colorin 670. Kopp's Krappprparate 670. --
  Rothholz 670. -- Santelholz 670. -- Safflor 671. -- Cochenille 671. --
  Lac-Dye 672. -- Orseille, Persio 672. Cudbear 672. Orseilleprparate
  672). Blaue Farbstoffe 672 (Indig 672. Indigproben 673. Indigblau 673.
  Indigcarmin 674. -- Campecheholz 675. -- Lakmus 675). Gelbe Farbstoffe
  675 (Gelbholz 675. Orlean 676. Gelbbeeren 676. Curcuma 676. Wau,
  Quercitron 676). Braune, grne und schwarze Farben 676. -- Tinte 677.

  =Bleicherei= 677. Theorie derselben 677. Bleichen der Baumwolle 678.
  der Seide 678. der Wolle 679.

  =Frberei= 679. Allgemeines 679. Beizen 680. Wollfrberei 681
  (Blaufrben 681. Indigblau 681. Indigkpen 681. Waidkpe 681.
  Potaschenkpe 682. Vitriolkpe 682. Harnkpe 682. Opermentkpe 682.
  Zinnkpe 682. Schsischblau 683. Kaliblau 683. Holzblau 683. --
  Gelbfrben 683. -- Rothfrben 684. -- Grnfrben 684. -- Schwarzfrben
  684). -- Seidenfrberei 685. -- Baumwollfrberei 686. --
  Trkischrothfrberei 687. -- Frben der leinenen Zeuge 687.

  =Zeugdruckerei= 687. Allgemeines 687. Beizen 689. Verdickungsmittel
  689. Reservagen 689. Aetzmittel 689 (Suren 689. Oxydirende Mittel 689.
  Reducirende Mittel 690). -- Baumwollzeug- oder Kattundruck 690
  (Kesselfarben 690. Tafelfarben 690. Dampffarben 691. Aetzdruck 691.
  Druck mit Theerfarben 692. Appretur der bedruckten Zeuge 693). --
  Leinwanddruck 693. -- Wollzeugdruck 693 (Golgasdruck 693. Berilldruck
  694. -- Seidendruck 694. Mandarinage 694. Bandanas 694).


                             VII. Abschnitt.

                           =Die Beleuchtung.=

                            (Seite 695-775.)

  =Beleuchtung= 695. Allgemeines 695. Natur der Flamme 696. Arten der
  Beleuchtung 697.

  I. =Beleuchtung mittelst Kerzen= 698. 1. Stearinkerzen 698 (A.
  Darstellung der Fettsuren durch Verseifung mit Kalk 698. mit Baryt
  698. mit Thonerde-Natron 700. mit vermindertem Kalkzusatze und
  Hochdruck 700. mit Schwefelsure und Dampfdestillation 700. mit Wasser
  und Hochdruck 703. mit berhitzten Wasserdmpfen 704. B. Darstellung
  der Kerzen 705. Docht 705. Giessen der Kerzen 705). -- 2. Talgkerzen
  707 (Gezogene Kerzen 707. Gegossene Kerzen 707). -- 3. Paraffin- und
  Belmontinkerzen 708. Kerzen aus Fettsure 709. -- 4. Wachskerzen 709
  (Wachs 709. Bleichen desselben 709. Chemische Eigenschaften des Wachses
  710. Chinesisches Wachs 710. Andaquieswachs 710. Japan. Wachs 710.
  Carnaubawachs 710. Palmenwachs 710. Myrthenwachs 710. Darstellung der
  Wachskerzen 710. der Kirchenkerzen 710. der Wachsstcke 710). --
  Wallrathkerzen 711. -- Glycerin 712 (Darstellung im Grossen 712.
  Anwendung desselben 713. Nitroglycerin oder Sprengl 714).

  II. =Beleuchtung mittelst Lampen= 714. Fette Oele 714. Reinigen
  derselben 715. Solarl und Petroleum 716. Lampen 716. Allgemeines 716.
  Eintheilung der Lampen 716. 1) Sauglampen 716. 2) Drucklampen 719
  (Arostatische Lampen 720. Hydrostatische L. 720. Statische L. 720.
  Mechanische L. 720. Uhrlampe 720. Federlampe oder Moderateur 721). 3)
  Solarl- und Petroleumlampen 723.

  III. =Gasbeleuchtung= 724. Allgemeines und Geschichtliches 724. I.
  Steinkohlengas 725. Zusammensetzung der Gaskohle 726. Produkte der
  trockenen Destillation derselben 726. a) Darstellung des rohen Gases
  727 (Retorten 727. Verschluss der Retorten 728. Retortenofen 729.
  Chargiren der Retorten 729. Vorlage 731). b) Verdichtung der flchtigen
  Destillationsprodukte 731 (Condensatoren 731. Scrubber 732. Exhaustor
  733). c) Reinigung des Gases 734 (mit Kalk 734. mit Suren und
  Metallsalzen 734. Laming's Mischung 735). Gasbehlter 735. Statik der
  Gasbereitung 737. Vertheilung des Leuchtgases 738 (Rhrenleitung 738.
  Hydraul. Ventil 739. Gasdruckregulator 739). Prfung des Gases 741
  (gasometrisch 741. aus dem spec. Gewichte 741. photometrisch 742. mit
  dem Gasprfer 742). Gas am Consumtionsorte 742. Gasuhren 743. Brenner
  743. Nebenprodukte der Gasbereitung 744 (Koks 744. Gaswasser 744. Theer
  745. Theerprodukte 745. Asphalt 746. Gaskalk 746. Schwefel aus der
  Laming'schen Masse 746). Zusammensetzung des Kohlengases 746. II.
  Holzgas 746. III. Torfgas 748. IV. Wassergas 749 (Platingas 750.
  Gekohltes Wassergas 750. nach Frankland 751. nach Leprince 752. nach
  Isoard 752. nach Baldamus und Grne 752. Carbonisirtes Gas 752. Luftgas
  753). V. Oelgas 753 (Suintergas 753. Schieferl- und Petroleumgas 754.
  Hirzel's Gasapparat 755. Kreosotgas 756). VI. Harzgas 756.

  =Andere Beleuchtungsarten=: Siderallicht (Kalklicht, Drummond's Licht)
  757. Tessi du Motay's Beleuchtung mit Hydro-Oxygen-Gas und Magnesia
  757. mit Zirkonerde (Zirkonlicht) 757. Magnesiumlicht 757. Chathamlicht
  757. -- Elektrische Beleuchtung 757. Leuchtkraft der Leuchtmaterialien
  758.

  =Paraffin- oder Solarlindustrie= 759. Paraffin aus Petroleum 759. aus
  Ozokerit und Neft-gil 760. durch trockene Destillation 761 (Bereitung
  des Theeres 761. Verarbeitung desselben 763. B. Hbner's
  Dampfdestillation 767. Ausbeute an Paraffin 767. Eigenschaften des
  Paraffins 768). Fabrikation des Solarls 769.

  =Petroleum= 772. Vorkommen 772. Bildung des Petroleums 772. Reinigen
  des rohen Erdles 773. Constitution des Erdles 773. Technologisches
  ber Petroleum 774. Produktion 775.


                            VIII. Abschnitt.

                             =Die Heizung.=

                            (Seite 776-828.)

  =Brennmaterialien im Allgemeinen= 776. Brenn- und Flammbarkeit 777.
  Wrmeeffect 777. Ermittelung der Brennkraft 777 (nach Karmarsch 777.
  nach Berthier 778. durch die Elementaranalyse 778. nach Stromeyer 779).
  Specifischer und pyrometrischer Wrmeeffect 779. Mechan. Aequivalent
  der Wrme 780.

  =Brennmaterialien im Besondern= 780. Holz 780. Holzkohlen 782
  (Meilerverkohlung 784. Haufenverkohlung 785. Verkohlung in Meilerfen
  787. Ofenverkohlung 787. in Retortenfen 787. Schwedischer
  Verkohlungsofen von Schwarz 787. Verkohlung mit gleichzeitiger
  Theerproduktion 788. Schwedischer Thermokessel 789.) Eigenschaften der
  Holzkohle 789. Brennbarkeit und Heizwerth derselben 790. Roth- oder
  Rstkohle 790. Roth- oder Rstholz 791.

  =Torf= 791. Bildung und Zusammensetzung desselben 791. Entwssern des
  Torfes 792. Presstorf 793. Heizwerth des Torfes 794. Neue Verwendungen
  des Torfes 794. -- Torfkohle 794.

  =Braunkohlen= 795. Bildung derselben 795. Alaunerde 796. Arten der
  Braunkohle 796. Zusammensetzung derselben 796. Anwendung der Braunkohle
  797.

  =Steinkohlen= 797. Allgemeines und Bildung der Steinkohlenlager 797.
  Accessorische Bestandtheile der Steinkohlen 798. Eintheilung und
  Charakteristik der Steinkohlenarten 798 (Anthracit 798. Backkohle 799.
  Gaskohle 799. Sandkohle 799. Sinterkohle 799). Wrmeeffect der
  Steinkohlen 800. Nutzbare Verdampfungskraft der Steinkohlen 800.
  Bogheadkohle 801. Blattelkohle 801. Wemysskohle 801.

  =Petroleum= als Brennstoff 801. Verdampfungskraft desselben 802.

  =Koks= 802. Allgemeines 802. Nasse Aufbereitung der Steinkohle 802.
  Meilerverkokung 803. Ofenverkokung 803 (Geschlossene Koksfen 804.
  Verkokungsfen der Staubkohlen 804. Steinkohlenbackfen 804. Appolt's
  Koksofen 807. Koksfen von Marsilly 807. von Jones 807. Doppelkoksofen
  von Fremmont und von Gendebien 807. von Dubochet 807. von
  Dubochet-Powel 807. Koksofen von Knab 807). Eigenschaften und
  Brennwerth der Koks 808. Zusammensetzung der Koks 808.

  =Knstliche Brennstoffe= 809. Knstliche Stckkohle oder Peras 809.
  Patentkohle von Wylam und Warlich 809. Geformte Holzkohle 809.
  Kohlenziegel oder Briquettes 809. Gasgemenge als Brennmaterial 809
  (Gichtgase 811. Generatorgase 811. Siemens' Regeneratoren mit
  Gasfeuerung 811. Gas fr Heizzwecke 811).

  =Heizung und Feuerung= 812. Allgemeines 812. I. =Heizung von Wohnungen=
  812 (directe Heizung 812. Kaminheizung 812. Ofenkamine 812. Ofenheizung
  813. Luftheizung 817. Calorifres 818. Kanalheizung 819.
  Heisswasserheizung 819. Dampfheizung 820. Combination von Dampf- und
  Wasserheizung 820. Gasheizung 821. Heizung ohne die gewhnlichen
  Brennmaterialien 821).

  II. =Kesselfeuerung mit Rauchverzehrung= 822. Allgemeines 822.
  Rauchverzehrung und Rauchentfernung durch Waschen 823. durch
  verbesserte Roste 824 (Treppenrost 824. Etagenrost 824. Mobile Roste
  824. Kettenrost 824. Rotirender Rost 824). durch verbesserte
  Brennstoffzufuhr 825 (Stanley's Vorrichtung 825. Pultfeuerung 825.
  Schttelpultrost Vogl's 825). durch ungleiche Rostbeschickung 827.
  durch Nebenstrme von Luft 827. Resum ber den Werth der
  rauchverhtenden Feuerungen 828.

                    *       *       *       *       *




                               Einleitung.


Die wirtschaftliche Thtigkeit des Menschen ist eine dreifache, sie ist
entweder producirend oder veredelnd oder vertheilend (umsetzend).

Man unterscheidet demnach zwischen Produktion oder Gtererzeugung (d. i.
die Ausbeutung von Grund und Boden), und Fabrikation und Handel
(Tauschwirtschaft).

Hiervon bildet nun die veredelnde Arbeit, die es mit der Zubereitung und
Verarbeitung der Rohstoffe zu thun hat, das Gewerbe im engern Sinne oder
diejenige Gruppe von Gewerben, welche man =Gewerke= nennt.

Die Lehre von den stoffveredelnden Gewerben oder mit anderen Worten die
=Gewerkslehre=, ist die =Technologie=. Dem Sinne des Wortes nach ist
letztere die Lehre von den Knsten ([Greek: techn, logos]). In dieser
allgemeinen Bedeutung wre die Technologie der Inbegriff aller denkbaren
Kunstfertigkeiten. Um nun zu einiger Begrnzung zu gelangen, rechnet man
zur Technologie nur jene Kunstfertigkeiten, welche Gegenstand dauernder
Beschftigung oder wirklichen Erwerbs sind oder werden knnen, mit
alleiniger Ausnahme derjenigen, welche entweder wie die knstlerische
Thtigkeit im engern Sinne, -- obgleich dieselbe im Schaffen von Werthen
jede Industrie bertrifft -- vorzugsweise zur Befriedigung des
sthetischen Gefhles zu dienen bestimmt sind, oder zahlreicher solcher
Gewerbe (Handwerke), welche die von dem technologischen Gewerbe
zubereiteten Stoffe zu fertigen Artikeln fr den unmittelbaren Gebrauch
der Consumenten verarbeiten. In diesem Sinne wird die Technologie zur
Gewerbelehre, Gewerbekunde.

Die Ausdrcke Technologie, Gewerbelehre, Gewerbekunde sind jedoch
keineswegs gleichbedeutend. Bergbau und Handel -- von denen es der
erstere mit der Occupation freiwilliger Naturgaben, der letztere mit der
Vertheilung des Gtervorrathes von Land zu Land, von Ort zu Ort
(Grosshandel) oder an die einzelnen Bewohner des nmlichen Ortes
(Kleinhandel) zu thun hat -- gehren als producirende und umsetzende
(vertheilende) Gewerbe in des Gebiet der Gewerbelehre, sicherlich aber
nicht in das der Technologie. Bei einigen Industriezweigen ist die
Stellung eine zweifelhafte; dahin gehrt =nicht= das hufig mit dem
Bergwesen vereinigte Httenwesen, und die Werkzeug- und Maschinenlehre,
die ohne Zweifel einen integrirenden Theil der Technologie ausmachen, wol
aber der Eisenbahnbau, der Strassen- und Brckenbau, die Schifffahrt, die
Baukunst, die Artilleriewissenschaft u. s. w. Letztere Zweige werden
meist Gegenstand specieller Behandlung. Gewerkslehre und Technologie sind
identisch.

Die Technologie ist keine selbstndige Wissenschaft mit eigenthmlichen
Grundstzen, sondern sie fusst lediglich auf der Anwendung der Principien
und Erfahrungsstze der Mechanik und der Naturwissenschaft mit steter
Bercksichtigung des Wirtschaftslebens, zum Zwecke der Verarbeitung der
Rohmaterialien zu Gegenstnden des physischen Gebrauches. Sie ist
demnach praktische Naturwissenschaft und hat die Aufgabe, die
technisch-industrielle Thtigkeit auf ihre naturwissenschaftliche Basis
zurckzufhren, und zu lehren, auf welche Weise dieselbe zum Vortheil des
wirthschaftlichen Lebens und der sittlichen Menschheit auszubeuten sei.

Durch die Verarbeitung der Rohstoffe, die entweder Naturprodukte, wie sie
die Urproduktion (Berg- und Salinenbau, Forstwirtschaft, Ackerbau,
Viehzucht, Jgerei und Fischerei) liefert, oder schon Fabrikate (aus den
Httenwerken, chemischen Fabriken, Sgereien, Spinnereien, Webereien,
Gerbereien u. s. w.) sein knnen, wird entweder nur deren Form oder deren
innere Krperlichkeit (Substanz, Materie) verndert. Je nachdem nun das
Eine oder das Andere geschieht, zerfallen die smmtlichen Gewerke, deren
Wesen die Technologie lehrt, in mechanische und chemische. Man theilt
deshalb auch die Technologie ein in mechanische und chemische
Technologie.

Die =mechanische= Technologie umfasst diejenigen Gewerke, durch welche
der Rohstoff nur seiner Form nach verndert wird, seiner Natur und
Substanz nach aber derselbe bleibt; sie betrachtet z. B. die Verarbeitung
des Holzes durch den Schreiner, Zimmermann, Drechsler, die Umwandlung des
Eisens in Schienen, in Blech und Draht, in Gussgegenstnde, die des
Silbers und Goldes in Schmuckgegenstnde, in Geschirre und Mnzen, die
der Kupferlegirungen und des Stahles zu Kanonen und zu Glocken, die der
Gespinnstfasern (Flachs, Baumwolle, Jute, Ramee, Seide, Wolle) zu
Gespinnsten (Garn, Zwirn), Wirkwaaren und Geweben (Leinwand, Kper,
Sammt, Band), der Lumpen zu Papier, des Hornes zu Kmmen, der Haare zu
Pinseln etc.

Die =chemische= Technologie dagegen hat es mit jenen Gewerken zu thun,
durch welche der Rohstoff seiner Natur (und selbstverstndlich auch
seiner Form) nach verndert wird, wie es der Fall ist bei der Extraction
der Metalle aus ihren Erzen, der Umwandelung des Bleies in Bleiweiss und
Bleizucker, des Schwerspathes in Chlorbarium und Barytweiss, des
Kryoliths in schwefelsaure Thonerde, Alaun und Soda, des Steinsalzes in
Sulfat und Soda, des Carnallits und Kainits in Chlorkalium, Kaliumsulfat,
Brom und Potasche, des Kupfers in Grnspan und Vitriol; des Torfes und
der Boghead- und Braunkohle in Paraffin, Solarl und Photogen; der
Seetange in Kelp und Jod; des Oeles und Fettes in Seife und
Stearinkerzen, des Strkemehls in Zucker und Weingeist; des Weingeistes
in Essig; der Verarbeitung der Gerste und des Hopfens zu Bier; der
Ueberfhrung des Roheisens in geschmeidiges Eisen, der des letzteren in
Stahl; der Verarbeitung der Steinkohle auf Koks, Gas und Theer, dieses
Kohlentheers auf Benzol, Carbolsure, Anilinl, Anthracen, Asphaltpech
und Naphtalin, der Fabrikation von Theerfarben, (Rosanilin, Anilinblau,
Manchestergelb, Bismarckbraun, Magdalaroth, Alizarin, Jodgrn,
Pikrinsure) u. s. w.

In den meisten Fllen ist die Bearbeitung des Rohstoffes =mechanisch= und
=chemisch= zugleich wie z. B. in der Glasfabrikation, in der man Sand mit
Potasche, Glaubersalz oder Soda und Kalkstein zur Glasmasse
zusammenschmilzt und die so erhaltene Masse zu Gefssen und Platten
verarbeitet; ferner in der Rbenzuckerfabrikation, bei welcher zwar der
Rohstoff, der Zucker, seiner Natur nach vllig unverndert bleibt, auch
die Gewinnung des Saftes etc. eine rein mechanische Operation ist; die
Luterungsmethoden sind aber fast smmtlich chemische Processe.
Aehnliches gilt von der Strkemehlfabrikation und der Gerberei, zum
grossen Theile auch von den Operationen der Frberei und Zeugdruckerei.
Die Keramik (d. i. die Technologie der Thonwaaren) wird, obgleich bei ihr
die mechanische Arbeit und das kunstgewerbliche Element prdominiren,
doch meist den chemischen Gewerben beigezhlt. Die Lehre von den
Brennstoffen und den Feuerungsanlagen (d. i. die Pyrotechnik) bildet
einen wichtigen und integrirenden Theil der chemischen Technologie. Eine
strenge Sichtung beider Theile der Technologie ist nicht mglich, daher
definiren wir chemische Technologie als die Lehre von denjenigen
Gewerken, durch deren Betrieb vorzugsweise die Natur des Rohstoffes
verndert wird.

In der mechanischen Gewerkslehre spielt die Maschine in allen ihren
Nancen als Motor oder Kraftmaschine, als Transmission und Regulator,
endlich als Werkzeug- und Fabrikationsmaschine, eine weit hervorragendere
Rolle als in der chemischen Technologie. Hier erstrecken sich die
Fortschritte und die mglichen Verbesserungen hauptschlich:

1) auf Ersparniss an Rohstoff und wo nur immer thunlich, auf Regeneration
desselben;

2) auf Ersparniss an Brennstoff und

3) auf Ersparniss an Zeit durch Abkrzung und Verbesserung der einzelnen
Operationen.

In der =ideellen= chemischen Fabrik -- dem =Thnen='schen Staate der
Volkswirthschaftslehre vergleichbar -- giebt es, streng genommen, keine
Abflle, sondern nur Produkte (Haupt- und Nebenprodukte). Je besser daher
in der =realen= Fabrik die Abflle verwerthet werden, desto mehr nhert
sich der Betrieb seinem Ideal, desto grsser ist der Gewinn.




                              I. Abschnitt

   Die chemische Metallurgie, die Legirungen und die Metallprparate.

                              Allgemeines.


[Sidenote: Begriff des Wortes Metallurgie.]

Die =Metallurgie= im engeren Sinne des Wortes umfasst die Lehre von den
theils mechanischen, theils chemischen Processen und Operationen, durch
welche die Metalle und gewisse Verbindungen derselben im Grossen (in
=Httenwerken=) dargestellt werden. Wir haben es ausschliesslich mit den
=chemischen= Httenprocessen zu thun, indem wir die Vernderungen
verfolgen, welche das Erz unter der Hand des Httenmannes erfhrt, bis
dahin, wo das Metall oder ein anderes Httenprodukt daraus hervorgeht.
Die Metalle, mit deren Ausbringung sich die Metallurgie beschftigt, sind
nicht sehr zahlreich; die wichtigsten derselben sind: Eisen, Kobalt,
Nickel, Kupfer, Blei, Chrom, Zinn, Wismuth, Zink, Antimon, Arsen,
Quecksilber, Platin, Silber, Gold. Mit Ausnahme des Chroms und des
Kobalts (welches letztere indessen auch seit 1862 durch =Fleitmann=
zuerst auf metallurgischem Wege im Grossen gewonnen worden ist) werden
smmtliche Metalle in den Httenwerken fast nur metallisch dargestellt.
Von dem Nickel, Antimon und Arsen stellt man ausserdem Verbindungen dar.
An die genannten Metalle schliessen sich an das Aluminium und das
Magnesium, welche indessen zur Zeit noch nicht auf der Htte, sondern in
chemischen Fabriken dargestellt werden.

Die Metallurgie fhrt als Theil der Technologie die Httenprocesse, nach
denen die Ausbringung der Metalle erfolgt, auf physikalische und
chemische Prinzipien zurck. Die metallurgische =Httenkunde= macht es
sich dagegen zur Aufgabe, die auf genannten Grundstzen ruhenden
Operationen nher zu beschreiben.

[Sidenote: Erze.]

Nur wenige Metalle finden sich gediegen, die meisten kommen in chemischen
Verbindungen im Mineralreiche, in den =Erzen= vor, worunter man
gewhnlich ein Gemenge einer oder mehrerer jener natrlichen Verbindungen
mit dem begleitenden Gestein oder berhaupt aller Mineralien versteht,
welche durch ihren Metallgehalt die Aufmerksamkeit des Berg- und
Httenmannes auf sich zu lenken geeignet sind. Die Erze sind das
Material, das von dem Httenmann zugute gemacht wird. Diejenigen Stoffe,
mit denen das Metall am hufigsten in den Erzen verbunden vorkommt, sind
der Sauerstoff und der Schwefel.

  In den Erzen kommen die Metalle in folgenden Zustnden vor:

  1) =Gediegen=, z. B. Gold, Silber, Platin, Quecksilber, Kupfer und
  Wismuth;

  2) Mit =Schwefel=, =Antimon= oder =Arsen= verbunden, und zwar

  a) als einfache Erze, z. B. Zinnober HgS, Bleiglanz PbS, Speiskobalt
  CoAs;

  b) als Doppelerze, z. B. Buntkupfererz, Fe_{2}S_{3}, 3 Cu_{2}S,
  Kupferkies Fe_{2}S_{3}, Cu_{2}S, Rothgiltigerz Sb_{2}S_{3}, 3AgS;

  3) Mit =Sauerstoff verbunden= als

  a) basische Oxyde, z. B. Eisenglanz Fe_{2}O_{3}, Zinnstein SnO_{2},
  Rothkupfererz Cu_{2}O;

  b) Oxydhydrate, z. B. Brauneisenstein Fe_{2}O_{3}, 3H_{2}O;

  c) Sauerstoffsalze, z. B. Malachit C Cu O_{3} + Cu H_{2}O;

  4) Mit =Schwefel und Sauerstoff verbunden=, z. B. Rothspiessglanzerz
  2Sb_{2} S_{3} + Sb_{2}O_{3};

  5) Mit =Salzbildern= verbunden, z. B. Hornsilber AgCl;

  6) =In Verbindung mit Salzbildern und Sauerstoff=, z. B. Bleihornerz C
  Pb O_{3} + PbCl_{2}.

[Sidenote: Aufbereitung.]

Die Erze (welche auf Gngen, in Lagern, in Nestern oder in Imprgnationen
vorkommen) sind theils mit Erzen anderer Metalle vermengt, theils durch
die Gebirgsart verunreinigt, in welcher die Lagersttte des Erzes sich
befindet. Daher bedrfen die Erze meist einer Zertheilung und Scheidung
von den fremden Erzen und den beigemengten erdigen Massen (Gangart,
taubes Gestein). Die dies bezweckende Arbeit, mit anderen Worten die
=mechanische= Reinigung der bergmnnisch gewonnenen Erze heisst die
=Aufbereitung=. Sie bildet, als die letzte der bergmnnischen Arbeiten,
deren Schluss. Hufig beginnt schon an der Grube die Scheidung, indem man
alles taube Gestein bei Seite wirft. Man sortirt die Erze gewhnlich in
drei Haufen; der erste Haufen (=Stuferze=) ist so reichhaltig, dass er
direct in der Htte verschmolzen werden kann; der zweite Haufen enthlt
rmeres Erz (=Mittelerz=), welches, ehe es zugutegemacht werden kann,
aufbereitet werden muss; der dritte Haufen besteht zum grssten Theile
aus Gangart, so dass die geringe Quantitt des darin enthaltenen Erzes
die Ausbringungskosten nicht deckt. Die Aufbereitung der Erze geschieht
entweder nur durch Menschenhnde (=trockene Aufbereitung=), oder durch
Maschinenkraft (=knstliche= oder =nasse Aufbereitung=). Der letzteren
geht die erstere stets voran; die nasse Aufbereitung soll nur vollenden,
was durch die Aufbereitung auf trockenem Wege nicht mehr ausgefhrt
werden konnte.

[Sidenote: Vorbereitung.]

Durch die Operation der bergmnnischen Aufbereitung erlangen die Erze
jene Reichhaltigkeit, welche zu der Verarbeitung derselben in der Htte
erforderlich ist. Ehe man den Schmelzprocess einleitet, ist in vielen
Fllen eine =Vorbereitung der Erze= nothwendig, die entweder im
=Verwittern= und =Abliegen= der Erze an der Luft besteht, oder in einer
Erhitzung =ohne= Luftzutritt, dem =Brennen=, oder =mit= Luftzutritt, dem
=Rsten=. Durch das Verwittern und Abliegen an der Luft bezweckt man eine
mechanische Absonderung des Lettens und Schieferthones von den Erznieren,
wie es hauptschlich bei den Eisenerzen und bei dem Galmei vorkommt, auch
zuweilen eine Oxydation der Eisenerze und des beigemengten Schwefelkieses
zu Eisenvitriol, der dann durch den Regen fortgewaschen wird. Das
Brennen, Calciniren oder Mrbebrennen soll gewisse Erze, wie Eisensteine,
Galmei, Kupferschiefer etc., auflockern dadurch, dass flchtige Stoffe,
wie Wasser, Kohlensure, bituminse Substanzen, ausgetrieben werden, oder
allein durch die ausdehnende Kraft der Wrme. Durch das Rsten bewirkt
man eine hnliche, aber durchgreifendere Wirkung: man erhitzt dabei die
Erze bis zu einer Temperatur, bei welcher noch keine Schmelzung
stattfindet, wol aber chemische Einwirkung der Luft und Wrme, zuweilen
auch fester Zuschlge wie Kochsalz auf das zu rstende Erz stattfinden
kann.

Man will durch das Rsten immer eine Oxydation, theils mit, theils ohne
Verflchtigung bezwecken. Letzterer Fall findet z. B. statt beim Rsten
des Magneteisensteines (Fe_{2}O_{3}, FeO), dessen Oxydul allmhlich in
Oxyd bergeht. Bei einer Oxydation mit Verflchtigung kann dreierlei
stattfinden, nmlich:

  1) =eine Verflchtigung gewisser Bestandtheile durch Oxydation;= dieser
  Rstmethode werden gewhnlich Schwefel-, Arsen- und Antimonverbindungen
  unterworfen, wobei schweflige Sure, arsenige Sure und Antimonoxyd
  sich verflchtigen, whrend entweder Metall hervortritt wie beim Rsten
  von Zinnober, oder sich die Metalle in Oxyde oder in schwefelsaure
  Salze umwandeln. Die verflchtigten Substanzen lassen sich zum Theil
  auffangen und nutzbar machen, so die schweflige Sure zur Darstellung
  von englischer Schwefelsure, die arsenige Sure etc.;

  2) =eine Verflchtigung gewisser Bestandtheile durch Reduction=; sie
  kommt seltener und hauptschlich bei schwefelsauren und arsensauren
  Metalloxyden durch Erhitzen derselben mit Kohle vor, wobei der Schwefel
  als schweflige Sure, das Arsen als solches entweicht;

  3) =eine Verflchtigung durch Ueberfhrung in Chlormetalle=, wenn bei
  der Rstung des Erzes mit Kochsalz bei Zutritt der Luft sich zum Theil
  flchtige Chlorverbindungen erzeugen, wie es bei der Silbergewinnung
  durch die europische Amalgamation und nach der Methode von =Augustin=
  der Fall ist.

[Sidenote: Zugutemachen.]

Auf die Vorbereitung folgt das =Zugutemachen= der Erze, wobei in der
Regel der Schmelzprocess Anwendung findet, durch welchen man die
Ausbringung des Metalles oder einer Verbindung desselben beabsichtigt.
Diejenigen chemischen Operationen im Grossen, welche mit der Ausbringung
eines Metalles oder einer Verbindung desselben endigen, nennt man
=Httenprocesse=.

Nur selten macht man einzelne Erzsorten fr sich allein zugute, in den
meisten Fllen mischt man rmere und reichere Erze derselben Art, um die
Erzmasse auf einen gewissen mittleren Gehalt zu bringen. Diese
Mengungsarbeit nennt man das =Gattiren= (Maschen, Mischen, Mllern). Man
bezweckt dabei auch die verschiedenen Gangarten, welche die Erze
begleiten, in der Weise zu mengen, dass sie beim darauf folgenden
Schmelzen zur Bildung einer Schlacke von erforderlicher Beschaffenheit
beitragen. Wo durch das Gattiren der Erze eine solche Beschaffenheit
nicht herzustellen ist, setzt man gewisse Substanzen hinzu, die man je
nach ihrer Wirkung =Zuschlge= oder =Flsse= nennt. Zuschlge veranlassen
die Abscheidung eines nutzbaren Bestandtheils aus einem Erze oder aus
einem Httenprodukte und dienen zu dessen Ansammlung. Die Zuschlge sind
=Rstzuschlge= wie Kohle, gebrannter Kalk, Kochsalz, =Schmelzzuschlge=
wie Quarz und gewisse Silicate (Hornblende, Feldspath, Augit, Grnstein,
Chlorit, Schlacken), Kalkmineralien wie Kalkstein, Flussspath, Gyps,
Schwerspath, Thonmineralien wie Thonschiefer, Lehm u. s. w., salzige
Zuschlge wie Potasche, Borax, Glaubersalz, Salpeter, metallische
Zuschlge wie Eisen (bei der Zerlegung von Zinnober und Bleiglanz), Zink
(zur Extraction des Silbers aus Werkblei), Arsen (zur Anreicherung des
Nickel- und Kobaltgehaltes in Speisen), Eisenhammerschlag, Rotheisenstein
und Braunstein (beim Frischen des Roheisens); salzige Zuschlge, zu
welchen vorzglich die eisenoxydulreichen Frischschlacken gehren, welche
entweder durch ihren Sauerstoffgehalt (beim Eisenfrischen) oder durch
ihren Eisengehalt als Niederschlagsmittel (zum Niederschlagen des Bleies
aus dem Bleiglanz) wirken.

Die Flsse befrdern nur die Abscheidung des Metalles, indem das Erz
leicht flssiger gemacht wird und die ausgebrachten Metalltheilchen sich
leichter vereinigen knnen. Man kann die Flsse in drei Abtheilungen
bringen, nmlich 1) in solche, die auf das Schmelzgemenge nicht
wesentlich chemisch einwirken, sondern nur Leichtflssigkeit und
Verdnnung bewirken; hierher gehren Flussspath, Borax, Kochsalz,
verschiedene Schlackensorten, 2) in solche, welche ausserdem noch
reducirend wirken, wie ein Gemenge von Weinstein und Salpeter (=schwarzer
Fluss=), 3) in diejenigen, deren Wirkung endlich auch noch in einer
absorbirenden, entweder von Suren oder von Basen besteht; letztere
Abtheilung schliesst sich an die Zuschlge an.

[Sidenote: Beschicken.]

Das Vermengen der Erze mit Zuschlgen und Flssen wird das =Beschicken=
(Auflaufen) genannt. Die Menge der Beschickung, welche innerhalb einer
bestimmten Zeit (in der Regel 12 oder 24 Stunden) verarbeitet wird,
heisst =Schicht=, die auf einmal in einen Schachtofen aufzugebende Masse
von Beschickung mit Brennstoff wird =Gicht= oder =Charge= genannt.

[Sidenote: Httenprodukte.]

Durch die Httenprocesse werden die =Httenprodukte= erzeugt, welche sind
1) durch den Schmelzprocess fallende Metalle -- =Edukte=. Der relative
Grad ihrer Reinheit wird bei edlen Metallen mit =fein= (Feinsilber,
Feingold), bei unedlen Metallen mit =gar= oder =roh= (Garkupfer,
Roheisen) bezeichnet. Ein hherer Grad von Reinheit wird durch das Wort
=raffinirt= ausgedrckt. 2) Solche Httenprodukte, welche in den Erzen
nicht fertig gebildet enthalten sind, sondern erst whrend des
Zugutemachens in der Weise sich bilden, dass mehrere Bestandtheile der
Erze und der Beschickung sich vereinigen, nennt man =Httenfabrikate=;
sie sind meist schon Handelswaare; es gehren hierher das antimon- und
arsenhaltige Hartblei, der Stahl, die Arsenikalien (arsenige Sure,
Operment und Realgar), das Schwefelantimon etc. Bei der Erzeugung der
Edukte bilden sich vielfache Nebenprodukte, die, wenn sie noch so viel
von dem auszubringenden Metalle enthalten, dass die weitere Verarbeitung
mglich wird, 3) =Zwischenprodukte=, im entgegengesetzten Falle, in
welchem sie als nicht schmelzwrdig aus der Htte entfernt werden, 4)
=Abflle= heissen. Die Zwischenprodukte sind =Legirungen= (Tellersilber
aus Silber, Kupfer und Blei bestehend; Werkblei, Blei mit etwas Silber
und Kupfer; Schwarzkupfer, Kupfer mit Eisen, Blei etc.),
=Schwefelmetalle= (Steine, Leche), =Arsenmetalle= (Speisen, so z. B. die
Kobalt- oder Nickelspeise der Blaufarbenwerke, im wesentlichen
Arsennickel), =Kohlenmetalle= (z. B. Roheisen und Stahl), Oxyde (z. B.
Bleigltte).

[Sidenote: Schlacken.]

Die hauptschlichsten Httenabflle sind die =Schlacken=, jene bei den
meisten Schmelzprocessen erfolgenden glas- und emailhnlichen Massen,
deren wichtigste die Silicatschlacken, d. h. Verbindungen der Kieselsure
mit Erden (besonders Kalk, Magnesia, Thonerde) und Metalloxyden
(Eisenoxydul, Manganoxydul etc.) sind. Sie bilden sich bei
Schmelzprocessen aus den in den Rohmaterialien nie fehlenden Beimengungen
und Zuschlgen und erfllen bei der Ausbringung der Metalle den wichtigen
Zweck, die mit ihnen zugleich sich ausscheidenden Metall- oder
Schwefelmetallpartikelchen vor der oxydirenden Geblseluft zu schtzen,
indem sie dieselben einhllen und ihnen endlich sich zu vereinigen
gestatten. Sie leisten ausserdem auch als Zuschlge oft wichtige Dienste
und werden nicht selten wegen eines in ihnen noch befindlichen
Metallgehaltes verschmolzen. Ihre Beschaffenheit ist von ihrem Gehalte an
Kieselsure abhngig; in Bezug darauf theilt man sie in =Sub-=,
=Singulo-=, =Bi-= und =Trisilicate=. Das Verhltnis des Sauerstoffs der
Kieselsure zu dem Sauerstoff der Basen ist darin folgendes:

                          Subsilicat      3 : 6
                          Singulosilicat  3 : 3
                          Bisilicat       6 : 3
                          Trisilicat      3 : 1

Die Schlacken sind entweder =glasig= oder =krystallinisch=. Aus den
krystallinischen Schlacken scheiden sich oft krystallinische Partien von
Silicaten aus, welche vllig mit gewissen Mineralien bereinstimmen, so
z. B. Augit, Olivin, Wollastonit, Glimmer, Idokras, Chrysolith, Feldspath
u. s. w. Die Gemenge der Singulosilicate geben im Allgemeinen
dnnflssige (=frische= oder =basische=), schnell erstarrende Schlacken,
die Bi- und Trisilicate dagegen zhflssige (=saigere= oder =saure=) und
nur langsam fest werdende.

  Soll eine Schlacke dem Schmelzprocess, bei welchem sie fllt,
  entsprechend zusammengesetzt sein, so werden an ihr folgende
  Eigenschaften verlangt: 1) Ein geringeres specifisches Gewicht als
  dasjenige des durch den Schmelzprocess dargestellten Produktes, so dass
  sie dessen Oberflche bedecken kann; 2) Eine Gleichartigkeit in der
  ganzen Masse, weil gegentheilig der Schmelzprocess kein normaler war;
  3) Eine gewisse Leichtschmelzbarkeit, damit die ausgebrachten
  Metallpartikelchen in Folge ihres hheren specifischen Gewichtes in der
  flssigen Schlacke mit Leichtigkeit niedersinken knnen; 4) Eine
  bestimmte chemische Zusammensetzung, damit die Schlacke auf das sich
  ausscheidende Produkt nicht zerlegend einwirke.


                               Das Eisen.

                      (Fe = 56; spec. Gew. = 7,7.)

[Sidenote: Das Eisen. Vorkommen desselben.]

Das Eisen ist das wichtigste und ntzlichste aller Metalle, sein Gebrauch
ist mit allen Zweigen der Technik und fast allen Bedrfnissen des Lebens
auf das Innigste verwebt. Die ausserordentliche Anwendung verdankt das
Eisen, ausser seinem massenhaften Vorkommen, hauptschlich der
Leichtigkeit, mit der es in Folge eigenthmlicher Modificationen bei
seiner Darstellung und Verarbeitung, unter gnzlich verndertem
Charakter, mit neuen und immer nutzbaren Eigenschaften auftritt.

So hufig nun auch Mineralien sich finden, welche Eisen enthalten, so
eignen sich doch nur wenige davon zu Eisenerzen und mit Vortheil knnen
nur die Sauerstoffverbindungen des Eisens zur Darstellung im Grossen
angewendet werden. Die wichtigsten =Eisenerze= (Eisensteine) sind
folgende:

  1) Der =Magneteisenstein= (Fe_{2}O_{3}, FeO = Fe_{3}O_{4}) ist das
  reichste Eisenerz (es enthlt gegen 72 pCt. Eisen), und findet sich
  allgemein verbreitet, besonders aber in Russland, Norwegen und Schweden
  im krystallinischen Schiefergebirge vor. Aus diesem Eisenerz stellt man
  das berhmte schwedische Eisen z. B. das von Dannemora dar. Nicht
  selten wird es von Schwefelkies, Bleiglanz, Kupferkies, Apatit u. a.
  Mineralien begleitet, wodurch seine Brauchbarkeit als Eisenerz
  beeintrchtigt wird.

  2) Der =Rotheisenstein= oder der =Eisenglanz= (Fe_{2}O_{3}) enthlt 69
  pCt. Eisen. Der Rotheisenstein findet sich in Gngen und Lagern im
  lteren Gebirge, so wie eingesprengt in Gneuss, Granit u. s. w.; er
  kommt ferner im Uebergangsgebirge vor und heisst nach seinen
  physikalischen Eigenschaften =Glaskopf= (Blutstein), =Eisenrahm=,
  =Eisenocker=. Mit Kieselerde gemengt heisst der Rotheisenstein
  =Kieseleisenstein=, mit Thon gemengt der rothe =Thoneisenstein=, mit
  Kalkverbindungen gemengt =Minette=, mit sehr verschiedenem Eisengehalt.
  Der =Eisenglanz= ist krystallisirtes Eisenoxyd, dessen bedeutendste
  Lagersttte sich auf der Insel Elba findet. Der Rotheisenstein dient in
  seinen Varietten als hauptschlichstes Material der Eisengewinnung in
  Sachsen, auf dem Harz, in Nassau, Westfalen, Siegen, Oberhessen,
  Wrttemberg u. s. w.

  3) Der =Spatheisenstein= (Eisenspath, Stahlstein) (FeCO_{3} mit 48,3
  pCt. Eisen) ist der Hauptbestandtheil der metallfhrenden Formation; er
  enthlt fast immer grssere oder geringere Mengen von kohlensaurem
  Manganoxydul. Das kugelige, nierenfrmige kohlensaure Eisenoxydul
  heisst =Sphrosiderit=. Ausserdem fhrt er in seinen verschiedenen
  Zustnden die Namen =Kohleeisenstein=, =Flinz=, =Blackband=. Letzteres,
  fr Schottland (und Westfalen) von grosser Bedeutung, ist ein Gemenge
  von Spatheisenstein mit Kohle und Schieferthon, fltzartig in den
  oberen Gebilden der Steinkohlenformation abgelagert. In Steiermark und
  in Siegen dient es zur Fabrikation des Rohstahls. Der =Thoneisenstein=
  oder =Clayband=, besonders in England, Schottland, Westfalen, Schlesien
  und im Banate sich findend, ist ein inniges Gemenge von Spatheisenstein
  mit Thonmineralien.

  4) Aus dem Spatheisenstein entsteht durch die Einwirkung von Luft und
  von kohlensurehaltigem Wasser als secundres Produkt der
  =Brauneisenstein= (theils Fe_{2}O_{3}, H_{2}O, theils Fe_{2}O_{3},
  3H_{2}O), welcher je nach seinen physikalischen Eigenschaften die Namen
  Lepidokrokit, Nadeleisenerz, Rubinglimmer (Pyrosiderit) und
  Stilpnosiderit fhrt. Dieses Eisenerz enthlt hufig kohlensaure
  Kalkerde, Kieselsure, Thon u. s. w. Eine thonige Variett ist der
  =Gelbeisenstein=. Hierher drfte auch der =Bauxit=, ein Gemenge von
  Thonerdehydrat mit Eisenoxydhydrat zu rechnen sein.

  5) =Bohnerz=, kuglige Krner meist mit concentrisch schaliger
  Absonderung, ein hufig im sdwestlichen Deutschland und in Frankreich
  in der Juraformation vorkommendes Eisenerz, dessen Entstehungsweise
  nicht bekannt ist. Es besteht entweder aus Kieselsure, Eisenoxydul und
  Wasser, oder aus Brauneisenstein und Kieselthon.

  6) Der =Raseneisenstein= (Wiesenerz, Morasterz, Sumpferz, Limonit,
  Seeerz), findet sich in der norddeutschen Ebene, in Holland, Dnemark
  und im sdlichen Schweden in Torfmooren und unter dem Rasen der Wiesen.
  Er entsteht durch die Einwirkung von kohlensurehaltigem, Eisenoxydul
  enthaltendem Wasser auf Vegetabilien. Er kommt in knolligen oder
  schwammartigen Massen von brauner oder schwarzer Farbe vor und besteht
  aus Eisenoxydulhydrat, Manganoxyd, Phosphorsure, organischen
  Bestandtheilen und Sand. Nach =Hermann= besteht er aus Eisenoxydhydrat,
  Manganoxydhydrat, phosphorsaurem Eisenoxyd und dreibasisch
  quellsatzsaurem Eisenoxyd. Das daraus gewonnene Eisen wird theils zum
  Guss benutzt, wozu es sich wegen seiner Dnnflssigkeit und weil es die
  Formen gut ausfllt, besonders eignet, theils aber auch in Stabeisen
  verwandelt, welches jedoch des Phosphorgehaltes wegen brchig ist.

  7) Der =Franklinit= (Fe_{2}O_{3} [ZnO, MnO], mit 45 Proc. Eisen, 21
  Proc. Zink u. 9 Proc. Mangan) wird neuerlich in Nordamerika
  (New-Jersey) ebenfalls als Eisenerz verwendet, zugleich wird aber auch
  Zink daraus gewonnen.

  Ausser den Eisenerzen wendet man auch hier und da eisenoxydulreiche
  =Schlacken= aus Frischfeuern, Puddelfen etc., welche 40-75 pCt. Eisen
  enthalten, ferner Bohr- und Drehspne, Glhspan, Abflle von
  Schmiedeeisen, Bruchstcke von Roheisen etc. entweder fr sich oder
  gemeinschaftlich mit Eisenerzen zur Darstellung von Roheisen an.

  In metallurgischer Hinsicht theilt man die Eisenerze in leicht und
  schwer reducirbare (leicht- und schwerschmelzbare). Zu den ersteren
  gehren diejenigen, welche bei der vorbereitenden Rstung eine porse
  Beschaffenheit annehmen, die es den reducirenden Hochofengasen
  ermglicht, schnell zu reduciren und zu schmelzen; dies ist der Fall
  bei dem Eisenspath, welcher Kohlensure, und dem Brauneisenstein,
  welcher beim Rsten Wasser verliert. Schwer reducirbare Eisenerze sind
  Eisenglanz, Rotheisenstein und Magneteisenstein.


                          [Greek: a]) Roheisen.

[Sidenote: Ausbringen des Eisens.]

Das =Ausbringen des Eisens= aus den Erzen grndet sich vorzugsweise auf
folgende zwei Eigenschaften:

1) Theilchen von reinem oder fast reinem Eisen, im Hochofen so gut als
unschmelzbar, kleben bei starker Rothglhhitze zu grsseren Massen
zusammen (Schweissbarkeit des Eisens);

2) bei hoher Temperatur bildet das Eisen mit Kohlenstoff eine leicht
schmelzbare Verbindung (Kohleeisen, Roheisen, Gusseisen).

In frheren Zeiten, und jetzt nur noch sprlich in einigen Gegenden, war
die directe Darstellung des Eisens (Stabeisen) aus den Erzen durch die
sogenannte =Rennarbeit= oder =Luppenfrischerei= sehr blich; die
Rennarbeit lieferte zwar ein vorzglich reines und zhes Stabeisen,
gestattete jedoch nur eine geringe Ausdehnung der Fabrikation und eine
sehr unvollkommene Benutzung der Erze. Gegenwrtig gewinnt man das Eisen,
indem man zuerst Roheisen darstellt und dieses dann durch den Puddlings-
oder Frischprocess entkohlt.

[Sidenote: Theorie des Ausbringens.]

Das Ausbringen des Eisens zerfllt in das =Rsten= und in das
=Zugutemachen=. Das Rsten der Eisenerze hat zum Zweck, gewisse
Substanzen, wie das Wasser und die Kohlensure zu entfernen, die Masse
dadurch mrber und porser und so zur Reduction geschickter zu machen und
das etwa vorhandene Eisenoxydul in Eisenoxyd berzufhren, welches minder
leicht verschlackt wird. Die gersteten Eisenerze werden darauf (unter
Stempeln, Pochhmmern oder Walzwerken) zerkleinert und reichere Erze mit
rmeren in dem Verhltniss gemischt (gattirt), welches nach der Erfahrung
die grsste Ausbeute giebt. Die gemengten Erze, welche aus einer
Sauerstoffverbindung des Eisens und Ganges (Kieselsure oder Kalk)
bestehen, werden mit kohlehaltigen Substanzen gemengt und stark erhitzt
zu metallischem Eisen reducirt, denn:

                      Fe_{2}O_{3} + 3C = 3CO + 2Fe;

die Kohle wirkt mithin bei dem Ausbringen des Eisens als Brennmaterial
und (fr sich so wie als Kohlenoxyd und Kohlenwasserstoff) als
Reductionsmittel. Nhme man den Process in der Weise vor, dass man die
zerkleinerten und gersteten Erze mit Kohle mengte und dem Schmelzprocess
unterwrfe, so wrde man das Eisen in fein zertheilter Gestalt als
schwammige Metallmasse erhalten. Um nun das fein zertheilte Eisen zu
einer Masse zu vereinigen, setzt man vor dem Ausschmelzen Krper zu,
welche sich mit der Gangart zu einer leichtflssigen Glasmasse verbinden.
Diese Masse heisst die =Schlacke=; sie dient also dazu, die in den Erzen
enthaltenen fremden und der Qualitt des Eisens zum Theil schdlichen
Bestandtheile zu entfernen, das Zusammenfliessen der geschmolzenen
Metalltheilchen zu bewirken und das bereits gebildete Roheisen vor der
oxydirenden Wirkung der Geblseluft zu schtzen. Die Schlacke ist ein
Gemenge mehrerer kieselsaurer Salze, das entweder mit den Eisenerzen
selbst bricht, oder wie schon erwhnt wurde, durch Zusatz whrend des
Schmelzens erst entsteht. Es ist nothwendig, dass die Schlacke bei
derselben Temperatur schmilzt, bei welcher das Eisen flssig wird.
Mangelt es an Kieselsure, so setzt man Quarz, Sand, mangelt es an Basen,
so setzt man Kalkstein oder Flussspath hinzu. Das Gemenge von rmeren und
reicheren Eisenerzen heisst die =Gattirung=, die mit den Zuschlgen und
Flssen, d. h. mit den schlackebildenden Substanzen gemengte Gattirung
die =Beschickung=, welche nicht ber 50 pCt. Eisen enthalten darf.

Wenn Eisen im breiartigen Zustande mit Kohle zusammenkommt, wie dies bei
dem Ausbringen des Eisens der Fall ist, so wird ein grosser Theil der
Kohle von dem entstandenen dnnflssigen Roheisen gelst; beim Erkalten
des Eisens scheidet sich der grsste Theil der Kohle krystallinisch als
Hochofengraphit ab, whrend ein anderer Theil der Kohle mit dem Eisen
chemisch verbunden bleibt. Durch das Ausschmelzen lsst sich demnach kein
reines, sondern nur kohlehaltiges Eisen (Roheisen, Gusseisen) gewinnen.

[Sidenote: Hochofenprocess.]

Gegenwrtig fhrt man den Schmelzprocess allgemein in =Hochfen=,
zuweilen auch noch in =Blaufen= (Blasefen) aus. Beide Oefen
unterscheiden sich wesentlich nur durch die Art ihrer Zustellung,
insofern die Hochfen mit offener Brust arbeiten, d. h. einen Vorherd
haben, aus welchem ein continuirliches Abfliessen der Schlacken mglich
ist, whrend die Blaufen (Blasefen) Oefen mit geschlossener Brust sind,
aus deren Herd Roheisen und Schlacke von Zeit zu Zeit abgestochen werden.

[Illustration: Fig. 1.]

[Sidenote: Beschreibung des Hochofens.]

Ein =Hochofen= ist ein mit starkem Gemuer (Rauhmauer _A_ [Fig. 1])
umgebener Schachtofen von 14 bis 35 Meter Hhe, dessen innerer Theil der
=Kernschacht= oder die =Seele= die Gestalt zweier, mit den Grundflchen
aneinander gefgter, abgestutzter Kegel hat. Die Mauer des eigentlichen
Kernschachtes _B_ umgiebt eine zweite, welche den Rauhschacht bildet, an
welche sich das Mauerwerk des Ofens, die Rauhmauer _A_ anschliesst.
Zwischen Kern- und Rauhschacht findet sich ein Raum fr die Fllung
aufgespart, welcher mit schlechten Wrmeleitern (Asche, Schutt) angefllt
ist und zugleich der Ausdehnung des Kernschachtes durch die Wrme den
nthigen Spielraum gestattet. Der Theil des Kernschachtes von _B_ nach
_C_ heisst der =Schacht=, von _D_ nach _E_ die =Rast=. Der Theil _B_, wo
der Kernschacht den grssten Durchmesser hat, wird =Kohlensack= oder
=Bauch= genannt. Unterhalb der Rast zieht sich der Raum zu dem
=Gestell= _F_ zusammen, dessen unterer Theil (der =Eisenkasten=) das
geschmolzene Roheisen aufnimmt. In dem =Gestell=, der wichtigste
Theil des Hochofens, insofern in demselben der Schmelzprocess vor
sich geht, befinden sich, einander gegenber liegend, zwei Oeffnungen
mit eingesetzten konischen Rhren (=Formen=) (Fig. 2), in welche die
Mundstcke (=Dsen=, =Deusen=, =Deupen=) der Windleitungsrhren, welche
den Hochofen mit Luft versehen, eintreten. Der Eintritt der Luft in die
Dse wird, wie in der Zeichnung durch ein Kegelventil oder nur durch ein
Schieberventil regulirt.

[Illustration: Fig. 2.]

Die obere Oeffnung des Schachtes _A_ heisst die =Gicht=, durch dieselbe
wird die Beschickung und Brennmaterial in den Hochofen gebracht.
Letzterer ist entweder an einem Abhange gebaut, so dass man auf einem
Wege zur Gicht gelangen kann, oder es fhrt zu demselben die
=Gichtbrcke= _P_. Der untere Theil des Gestelles ist nach der
Vorderseite hin verlngert und bildet den =Vorherd=, welcher durch den
=Wallstein= _M_ begrenzt ist. Auf der einen Seite steht der Wallstein von
der Wand ab und bildet eine Spalte, die sogenannte =Abstichffnung=,
welche whrend des Schmelzens mit Thon verstopft ist, darauf aber zum
Ablassen des geschmolzenen Eisens und der Schlacke dient. Der Wallstein
ist zum Schutze mit einer Eisenplatte bedeckt. Die Brustwand reicht nicht
bis auf den Boden des Herdes, sondern endigt in einer bestimmten Hhe
ber demselben mit einem Gewlbe oder Stein, dem Tumpelstein _o_, welcher
durch ein massives Eisenstck, das Tumpeleisen, getragen wird. Den Boden
des Herdes bilden die Bodensteine, die Seitenwnde, die Backensteine, die
Hinterwand ein Rckstein.

[Sidenote: Geblse.]

[Illustration: Fig. 3.]

Zum Speisen des Hochofens mit Luft wendet man jetzt allgemein das
=Cylindergeblse= an. Die zweckmssigste Art desselben ist die Figur 3
abgebildete. In dem gusseisernen Cylinder _A_, in dem der Kolben _c c_
auf und nieder bewegt werden kann, geht die Kolbenstange _a_ luftdicht
durch die Stopfbchse _e_; durch _b_ und _d_ communicirt der Cylinder mit
der freien Luft, durch _f_ und _g_ aber mit dem Kasten _E_; darin
angebrachte Klappen bewirken durch Schliessen und Oeffnen die Fllung des
Kastens _E_ mit Luft. Durch ein bei _i_ angebrachtes Rohr strmt sie in
den Feuerraum des Hochofens. Zum Reguliren des Geblses benutzt man einen
grossen, aus Eisenblech luftdicht zusammengenieteten Ballon, in welchen
man die Luft aus dem Kasten _E_ treten lsst. Das Princip desselben ist
dem des Gasbehlters in Leuchtgasfabriken gleich. Die Anwendung von
erhitzter Geblseluft ist eine der wichtigsten Verbesserungen in dem
Eisenhttenwesen, die erhitzte Luft veranlasst nmlich eine Verminderung
des Aufwandes an Brennmaterial (die Brennstoffersparniss betrgt 1/3-2/5,
im Durchschnitt also 0,366 des frher verbrauchten Quantums) und eine
Vermehrung der absoluten Produktion um 50 Proc.; dabei ist der Ofengang
regelmssiger und die Arbeit im Herde weit leichter, obgleich man auf
anderen Htten das Entgegengesetzte behauptet, indem nicht nur Strungen
im regelmssigen Gange des Hochofens stattfanden, sondern auch die
bermssig hohe Temperatur im Gestell die feuerfestesten Steine zu sehr
angriff und daher die Campagnen bedeutend abkrzte. Das Erhitzen der
Geblseluft geschieht entweder durch die Gichtgase, oder durch besondere
Feuerungen in Rhrenapparaten, oder endlich durch =Siemens='
Regenerativsystem, nach welchem man Gicht- oder Generatorgase durch einen
mit feuerfesten Steinen lose ausgefllten Raum und dann nach Abstellung
der Gase die kalte Luft durch die glhend gewordenen Steine leitet, wobei
sie sich zu weit hheren Temperaturen erhitzen lsst, als in
Rhrenapparaten, deren Material hohen Temperaturen nicht widersteht. Man
erhitzt die Geblseluft bis auf 200-400 C. Koksfen erfordern pro Minute
gewhnlich 2000 bis 4000 Kubikfuss Luft.

[Sidenote: Gang der Schmelzung.]

Der =Hochofenbetrieb= erfolgt auf folgende Weise. Man heizt zuerst den
Ofen an, indem man auf dessen Boden Holz anzndet und darauf das
Brennmaterial (in Deutschland frher meist Holzkohlen, gegenwrtig fast
durchweg Koks, mitunter auch Anthracit, selten rohe Steinkohle) bringt,
bis endlich der ganze Schacht mit glhenden Kohlen angefllt ist. Zu
gleicher Zeit setzt man die Geblse in Thtigkeit und trgt
schichtenweise Erz- und Kohlengichten ein. In dem Maasse, als die Kohlen
verbrennen und Erze und Zuschlag schmelzen, sinken die Schichten
allmhlig nieder. Die Kieselerde schmilzt mit den vorhandenen Erden und
Oxyden zu Schlacke zusammen, die durch Eisenoxydgehalt gewhnlich gefrbt
erscheint, whrend das schon frher reducirte halbflssige Eisen sich mit
dem Kohlenstoff zu leichtflssigem =Roheisen= vereinigt. Das geschmolzene
Eisen sammelt sich am Boden des Gestelles an; auf dem Eisen schwimmen die
geschmolzenen Schlacken, die man ber dem Wallstein abfliessen lsst. Das
flssige Eisen, das fast die Hhe des Wallsteins erreicht hat, wird durch
das Einstossen der Verstopfung der Abstichffnung ber Rinnen alle zwlf
Stunden =abgestochen=, wobei es durch einen schon vorher im Sande vor dem
Ofen gemachten Ablassgraben nach den Formen geleitet wird. Whrend des
Abstechens sind die Geblse in Ruhe. Roheisen in Mulden nennt man
=Flossen=, in Barren =Gnze=. Das Schmelzen (die =Campagne= oder
=Httenreise=) dauert gewhnlich so lange, als der Ofen aushlt, oft
mehrere Jahre.

[Sidenote: Chemischer Process im Innern des Hochofens.]

[Illustration: Fig. 4.]

Der beim Niederschmelzen der Beschickung im Hochofen stattfindende
chemische Process ist in verschiedener Hhe im Hochofen ein sehr
verschiedener. Beistehende Figur 4 zeigt das Innere eines mit Beschickung
und Brennmaterial gefllten Hochofens im senkrechten Durchschnitte. Die
schmaleren Schichten bedeuten die Beschickung, die breiteren das
Brennmaterial. Von der Oberflche der flssigen Schlacke _f f_ an bis zum
Gichtniveau lsst sich das Innere in fnf Regionen oder Zonen eintheilen,
nmlich:

                      1) in die Vorwrmezone _a b_,
                      2) die Reductionszone _b c_,
                      3) die Kohlungszone _c d_,
                      4) die Schmelzzone _d e_,
                      5) die Verbrennungszone _e f_.

In dem oberen Theile des Schachtraumes, der =Vorwrmzone=, wird die
Beschickung vorgewrmt und vollstndig ausgetrocknet. Innerhalb dieser
Zone gelangt das Erz kaum zum schwachen Glhen. Die =Reductionszone= hat
die betrchtlichste Ausdehnung; im unteren Theile des Schachtes,
besonders in der Gegend des Kohlensackes, wird das Eisenoxyd durch
Einwirkung der reducirenden Gase zuerst zu Eisenoxydul-Oxyd und endlich
zu metallischem Eisen reducirt. Die in dieser Zone vorhandenen
reducirenden Agentien sind: Kohlenoxydgas, Kohlenwasserstoffgas,
Cyanwasserstoffgas oder Cyankaliumdmpfe. An einer Stelle dieser Zone ist
das Eisen als hmmerbares Eisen vorhanden. Noch tiefer im Ofen, in der
=Kohlungszone= findet die Kohlung des Eisens statt, wodurch sich
stahlartiges Eisen bildet, das mehr oder weniger zusammengesintert aus
dem Kohlungsraum in die =Schmelzzone= gelangt und sich hier mit
Kohlenstoff zu Gusseisen sttigt. In der =Verbrennungs=- oder
=Oxydationszone=, im Vergleich zu den brigen Zonen nur von sehr geringem
Umfange, trifft die aus den Dsen in den Ofen strmende Luft auf Kohlen,
welche sich in strkster Weissglut befinden und bildet mit denselben
Kohlensure, welche aber, indem sie durch die hher liegenden Schichten
Kohle strmt, zu Kohlenoxyd reducirt wird (CO_{2} + C = 2CO); durch die
Verbrennung des in dem Brennmaterial enthaltenen Wasserstoffs wird aber
auch Wasser gebildet, welches nebst dem durch die Geblseluft
eingefhrten Wasserdampfe (welchen man in der neueren Zeit durch
vorheriges Leiten der Geblseluft ber englische Schwefelsure zu
entfernen sucht), durch die grosse Hitze des mittleren Theils in seine
Bestandtheile, in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt wird. Der Sauerstoff
bildet mit der Kohle Kohlenoxyd, whrend der Wasserstoff mit der Kohle
Kohlenwasserstoff bildet. Ausserdem tritt der Stickstoff des
Brennmaterials (der Koks), so wie ein Theil des Stickstoffs der
eingeblasenen atmosphrischen Luft mit der Kohle zusammen und bildet Cyan
(-metalle oder -wasserstoff)[1]. Die reducirenden Gase treffen die
erhitzten Erze und bewirken die Reduction der Metalloxyde, whrend die
Gase (=Gichtgase=, Hochofengase) durch die Gicht entweichen. Das
reducirte Eisen verbindet sich, indem es tiefer sinkt, mit Kohlenstoff zu
Roheisen, schmilzt dabei und wird durch die Schlacke vereinigt. Indem das
Roheisen durch seine Schwere herabsinkt und die Region des Ofens
erreicht, in welcher die Hitze am strksten ist, wirkt sein Kohlenstoff
auf die Thonerde, den Kalk, die Kieselerde u. s. w., deren Metalle sich
mit dem Eisen verbinden.

  [1] Nach der Ansicht von =Berthelot= (1869) bildet sich hierbei
      zunchst Kaliumacetylr C_{2}K_{2}, welches dann mit dem Stickstoff
      direkt zu Cyankalium 2(CNK) zusammentritt.

  Aus neueren Untersuchungen geht hervor, dass die bei dem
  Hochofenprocess in so grosser Menge sich bildende Cyanwasserstoffsure,
  indem sie sich mit den in dem Brennmaterial und den Schlacken
  enthaltenen Alkalien und Erden zu =Cyanmetallen= vereinigt, wesentlich
  bei der Reduction der Eisenerze mitwirkt. Auch die Ansicht ist
  ausgesprochen worden, dass selbst das Roheisen nicht nur
  Kohlenstoffeisen, durch Zersetzung von Cyaneisen entstanden, ist,
  sondern Cyaneisen (vielleicht auch Stickstoffeisen) beigemengt enthlt;
  es sei hierbei an die Entdeckung =Whler='s erinnert, dass die
  ebenfalls durch den Hochofenprocess entstehenden und in der sogenannten
  Eisensau befindlichen Titanwrfel kein metallisches Titan, sondern
  Stickstofftitan-Titancyanr sind. Wie bedeutend die Erzeugung von
  Cyanmetallen bei den mit Steinkohlen betriebenen Hochfen sein mag,
  geht aus einer Untersuchung von =Bunsen= und =Playfair= ber den
  Process der englischen Roheisenbereitung hervor, nach welcher in einem
  Hochofen tglich gegen 225 Pfund Cyankalium erzeugt werden. =Eck= zu
  Knigshtte in Oberschlesien bemerkte auch die Bildung von Cyankalium
  und Schwefelcyankalium; er berechnete aus dem Kaligehalte des
  Eisenerzes (Thoneisenstein), des Zuschlages und der Steinkohlen, dass
  im Ofen zu Knigshtte tglich 35-1/2 Pfund Cyankalium gebildet werden
  knnen. In der Schmelzzone findet auch Reduktion der Thonerde und
  Kieselerde zu Aluminium und Silicium statt.

[Sidenote: Vertheilung der Temperatur in dem Hochofen.]

Fig. 5 zeigt die an den Grenzen der verschiedenen Zonen des Hochofens
herrschenden Temperaturen. Die Temperatur der Verbrennungszone wrde eine
hhere sein, als es in der That der Fall ist, wenn nicht die Umwandlung
der Kohlensure in Kohlenoxyd durch Aufnahme von Kohlenstoff eine
bedeutende Temperaturerniedrigung zur Folge htte. Das Kohlensuregas
verdoppelt nmlich sein Volumen, indem es durch Aufnahme von Kohle in
Kohlenoxyd bergeht; dieses Uebergehen des Kohlenstoffs in den
gasfrmigen Zustand ist mit Bindung von Wrme verknpft. Wenn man
bedenkt, dass in den Hochfen unter den gnstigsten nahe liegenden
Verhltnissen nur 16,55 Proc. Brennmaterial im Ofen zur Realisation
gelangen, whrend 83,45 Proc. aber in der Gicht in der Form brennbarer
Gase verloren gehen, so lag es nahe, diese [Sidenote: Gichtgase.]
=Gicht=- oder =Hochofengase= anzuwenden, und dies ist auch mit dem
glcklichsten Erfolge zum Schmelzen und Frischen des Eisens, zum
Ausschweissen des gefrischten Eisens in Flammenfen, zum Erwrmen der
Geblseluft, zum Rsten der Eisensteine, zum Darren und Verkohlen des
Holzes etc. geschehen.

[Illustration: Fig. 5.]

[Sidenote: Anwendung derselben zur Darstellung von Salmiak.]

  Die Anwendung derselben scheint aber noch keineswegs erschpft, denn R.
  =Bunsen= und L. =Playfair= fanden, dass die Gase der
  Steinkohlenhochfen =Ammoniak= in solcher Menge enthalten, dass dessen
  Gegenwart besonders in den tieferen Theilen des Ofenschachts schon
  durch den Geruch zu erkennen ist. Die genannten Chemiker gelangten zur
  Ueberzeugung, dass die Verwerthung des Ammoniaks auf die einfachste
  Weise ausgefhrt werden knne, indem man die Gase vor ihrer Verwendung
  als Brennmaterial durch einen mit Salzsure versehenen
  Condensationsraum leitet. Wenn man die durch die Verdichtung des
  Ammoniaks erhaltene Salmiaklsung fortwhrend in die Pfanne eines
  geeigneten Flammenofens fliessen lsst, in welchem man einen kleinen
  Theil des Gasstromes ber der Flssigkeit verbrennt, so lsst sich der
  Abdampfungsprocess dergestalt reguliren, dass man den Salmiak in einer
  fortwhrend abfliessenden, concentrirten Lsung als metallurgisches
  Nebenprodukt erhlt. Aus dem Alfreton-Hochofen in England knnte man
  auf diese Weise tglich 2,44 Centner Salmiak als Nebenprodukt, ohne
  erhebliche Kostenerhhung des Betriebes und ohne die mindeste Strung
  des Processes gewinnen. Was die Ammoniakbildung hierbei anlangt, so
  hngt sie mit der oben erwhnten Cyanbildung zusammen. Cyankalium
  zerfllt, wenn es mit Wasserdmpfen zusammenkommt, in Ammoniak und
  ameisensaures Kali (KCN + 2H_{2}O = NH_{3} + CHKO_{2}); durch eine
  umgekehrte Reaktion kann sich aus ameisensaurem Ammoniak, indem man aus
  demselben allen Sauerstoff in Form von Wasser austreten lsst,
  Cyanwasserstoffsure bilden (CH(NH_{4})O_{2} - 2H_{2}O = CHN).

[Sidenote: Roheisen oder Gusseisen.]

Das durch den Hochofenprocess erhaltene Eisen heisst das =Roheisen= oder
=Gusseisen=. Dasselbe besteht aus Eisen, Kohlenstoff (als Graphit und in
Form von Eisencarburet), Silicium (als Siliciumgraphit und in Form von
Siliciumeisen), Schwefel, Phosphor, Arsen, Aluminium. Von dem
Kohlenstoffgehalte ist die Farbe und die Beschaffenheit des Roheisens
abhngig. Frher glaubte man, dass die mehr oder weniger dunkle Farbe des
Roheisens von einem grsseren oder geringeren Kohlenstoffgehalte abhngig
sei, so dass die dunkelste Sorte die grsste Menge und die hellste die
geringste Menge Kohlenstoff enthielte. Gegenwrtig ist aber bewiesen,
dass nicht die Menge, dass vielmehr die verschiedene Art und Weise, wie
der Kohlenstoff (und das ihm analoge Silicium) im Roheisen vorkommt, die
Beschaffenheit desselben bedingt, dass ein Theil des Kohlenstoffs und
Siliciums mit dem Eisen chemisch verbunden sei, whrend der grsste Theil
des Kohlenstoffs und des Siliciums dem Eisen nur mechanisch in Form von
Graphit (Kohlenstoffgraphit und Siliciumgraphit) beigemengt ist. Neue
Untersuchungen von =Frmy= u. A. machen es brigens auch wahrscheinlich,
dass das Roheisen fters stickstoffhaltig sei und der Stickstoff mit die
Eigenschaften des Roheisens bedinge, whrend =Caron=, =Gruner= und
=Rammelsberg= dieser Ansicht entgegentreten. Man unterscheidet =weisses=
und =graues= Roheisen.

[Sidenote: Weisses Roheisen.]

Das =weisse Roheisen= ist charakterisirt durch silberweisse Farbe, Hrte,
Sprdigkeit, starken Glanz und grsseres specifisches Gewicht. Letzteres
betrgt 7,58-7,68. Zuweilen lassen sich in demselben Prismen erkennen,
man nennt es dann =Spiegeleisen= oder =Spiegelfloss= (Rohstahleisen);
diese Eisensorte lsst sich als eine Verbindung von CFe_{6} oder genauer
Fe_{6}C + Fe_{8}C (mit 5,93 Proc. C) betrachten. Wird das Gefge des
weissen Roheisens strahlig-faserig und geht die Farbe desselben ins
blulichgraue ber, so heisst die Variett =blumiges Floss=. Wenn die
weisse Farbe noch mehr verschwindet und die Bruchflchen anfangen zackig
zu werden, so erhlt man eine zwischen dem weissen und grauen Roheisen in
der Mitte stehende Variett, das =luckige Floss=.

[Sidenote: Graues Roheisen.]

Das =graue Roheisen= ist von hellgrauer bis dunkelschwarzgrauer Farbe,
krnigem bis feinschuppigem Gefge. Das specifische Gewicht desselben ist
im Mittel = 7,0, also weit geringer als das des weissen Roheisens. Es ist
weniger hart als letzteres. -- Wenn in einem Stcke beide Roheisensorten,
entweder in besonderen Lagen oder das eine in die Masse des andern
zerstreut vorkommen, so heisst ein solches Eisen =halbirtes Roheisen=
oder =Forelleneisen=. Es dient vorzglich zu Gusswaaren. Der chemische
Unterschied zwischen =weissem= und =grauem= Roheisen liegt darin, dass
ersteres nur chemisch gebundenen Kohlenstoff (4-5 Proc.), letzteres wenig
gebundenen Kohlenstoff (0,5-2 Proc.), aber viel mechanisch beigemengten
(1,3-3,7 Proc.) enthlt. In Bezug auf den Schmelzpunkt des Roheisens ist
zu erwhnen, dass das weisse Roheisen, das am meisten Kohlenstoff
enthlt, am leichtesten schmilzt; das graue Roheisen ist viel
dnnflssiger als das weisse. Geschmiedet kann das Roheisen nicht werden,
da es in der Glhhitze zwar weich und mrbe wird, dass es mit einer
gewhnlichen Holzsge leicht geschnitten werden kann, unter dem Hammer
aber auseinander fliegt. Wegen der dnnflssigen Beschaffenheit wird das
=graue Roheisen= vorzglich zu Gusswaaren angewendet, es fllt die Formen
mit grosser Schrfe und Reinheit aus, whrend weisses Roheisen mit
stumpfen Ecken und concaver Oberflche erstarrt und deshalb nie zum
Giessen angewendet werden kann. Das graue Roheisen ist ferner hinlnglich
weich, um gefeilt, gehobelt, gebohrt und gedreht werden zu knnen; das
weisse Roheisen ist dagegen so =hart=, dass es jeder mechanischen
Verarbeitung widersteht. Wird geschmolzenes graues Roheisen =rasch=
abgekhlt, so geht es in =weisses= Roheisen ber. Lsst man dagegen bei
starker Hitze geschmolzenes weisses Roheisen =langsam= abkhlen, so
verwandelt es sich in =graues= Roheisen.

  Auf die Beschaffenheit des aus dem Hochofen erhaltenen Roheisens ist
  nicht nur die Beschickung, sondern auch hauptschlich die Temperatur
  des Ofens von grsstem Einflusse. Es scheint, als ob sich im Hochofen
  bei jeder Beschickung zuerst stets weisses Roheisen bildet und dass
  dieses erst bei sehr gesteigerter Temperatur in graues Roheisen
  berzugehen vermag. Findet die Reduction bei einem richtigen
  Quantittsverhltniss zwischen Erz, Zuschlag und Brennmaterial statt,
  so wird der Gang des Hochofens ein =garer= (Gargang) genannt. Man
  erhlt dadurch ein Roheisen mit gehrigem Kohlenstoffgehalt,
  vorherrschend weisses Roheisen. Die Schlacke ist bei diesem Gange
  niemals dunkel gefrbt, weil sie nur wenig Eisenoxydul enthlt. Wenn in
  Folge von vorherrschendem Erze, also von mangelndem Brennmaterial, die
  Temperatur, welche zur vollstndigen Kohlung des Eisens erforderlich
  ist, nicht erreicht wird, so findet nicht selten nur unvollstndige
  Reduction statt, in dem eine grosse Menge von Eisenoxydul in die
  Schlacke geht und derselben eine dunkle Farbe ertheilt. Der Gang des
  Ofens wird in diesem Falle ein =bersetzter= oder =scharfer= oder
  =Rohgang= genannt. Durch berwiegendes Brennmaterial, wodurch die Hitze
  im Hochofen zu sehr gesteigert wird, wird ein =heisser=, =hitziger=
  oder =bergarer Gang= des Hochofens hervorgebracht und graues Roheisen
  gebildet.

  Die Resultate der chemischen Untersuchung einiger Roheisensorten mgen
  die Zusammensetzung des Roheisens im Allgemeinen veranschaulichen: 1.
  Spiegeleisen aus 14 Th. Spatheisenstein, 9 Th. Brauneisenstein erhalten
  (Hammerhtte). 2. Blumiges Floss aus Steiermark. 3. Weisses Roheisen.
  4. Halbirtes Roheisen. 5. Graues Roheisen (aus Brauneisenstein mit
  Holzkohle). 6. Graues Roheisen (aus Brauneisenstein und
  Spatheisenstein). 7. Graues Roheisen (aus ockrigem Brauneisenstein mit
  Koks erblasen).

                              1.    2.     3.    4.    5.    6.    7.
     Gebundener Kohlenstoff  5,14  4,92   2,91  2,78  0,89  1,03  0,58
     Graphit                   0     0      0   1,99  3,71  3,62  2,57
     Schwefel                0,02  0,017  0,01    0    --    --    --
     Phosphor                0,08    0    0,08  1,23   --    --    --
     Silicium                0,55    0      0   8,71   --    --    --
     Mangan                  4,49    0    1,79    0    --    --    --

  Das Zeichen --, dass auf den Krper nicht geprft, das Zeichen 0, dass
  der Krper nicht gefunden wurde. =M. Buchner= fand bei einer
  Untersuchung des Kohlenstoff- und Siliciumgehaltes des Roheisens:

                           1.    2.    3.    4.    5.    6.
             C[Greek: g]  4,14  3,80  4,09  3,75  3,31  3,03
             C[Greek: b]   --    --    --    --    --    --
             Si           0,01  0,01  0,26  0,27  Spur  0,15

  1. 2. 3. 4. Spiegeleisen, grossblttrig oder vollkommen krystallinisch.
  5. 6. Luckiges Roheisen.

                          7.    8.    9.    10.     11.   12.
            C[Greek: g]  3,40  2,70  2,13  3,60 }  3,34  2,72
            C[Greek: b]   --    --    --    --  }
            Si           0,14  0,12  0,10  0,66    0,10  0,20

  7. 8. 9. Weisses grelles Roheisen. 10. Weisses Gusseisen. 11. Halbirtes
  Roheisen. 12. Stark halbirtes Roheisen.

                           13.   14.   15.   16.   17.   18.
             C[Greek: g]  2,17  1,35  1,18  0,71  0,38  0,26
             C[Greek: b]  2,11  2,47  2,42  2,79  3,28  3,83
             Si           0,09  0,70  0,66  1,53  1,62  0,59

  13. Minder halbirtes Gusseisen. 14. 15. 16. Graues Gusseisen. 17.
  Schaumiges, grobkrniges Roheisen. 18. Ueberkohltes schwarzgraues
  Roheisen.

[Sidenote: Statistica ber Roheisenproduktion.]

Die Roheisenerzeugung auf der ganzen Erde betrgt gegenwrtig (1870)
reichlich 200 Millionen Zollcentner, davon kommen auf

         England, Wales und Schottland  115,000,000 Zollcentner
         Frankreich                      24,500,000      "
         Nordamerika                     20,200,000      "
         Preussen                        16,300,000      "
         Belgien                          8,900,000      "
         Oesterreich                      6,750,000      "
         Russland                         6,000,000      "
         Schweden                         4,500,000      "
         Luxemburg                        1,100,000      "
         Bayern                             732,000      "
         Sachsen                            280,000      "
         Wrttemberg                        138,000      "
         Baden                               16,000      "
         Hessen                             250,000      "
         Braunschweig                        90,000      "
         Thringen                           18,000      "
         Australien                       2,000,000      "
         Italien                          0,750,000      "
         Spanien                          1,200,000      "
         Norwegen                         0,500,000      "
         Dnemark                         0,300,000      "
                                        -----------------------
                                        209,524,000 Zollcentner

im Werth von ungefhr 650 Millionen Thaler.

[Sidenote: Eisengiesserei, Umschmelzen des Roheisens.]

[Sidenote: Schacht- oder Kupolofen.]

[Illustration: Fig. 6.]

[Illustration: Fig. 7.]

  Zur Herstellung der =Eisengusswaaren= verwendet man meist ein schwach
  halbirtes graues Roheisen, welches sich durch grosse Dichtigkeit,
  Festigkeit, scharfes Ausfllen der Form und hinreichende Weichheit zur
  mechanischen Bearbeitung auszeichnet. Obgleich das Giessen =direkt= aus
  dem Hochofen (=Hochofenguss=) geschehen kann, zieht man es vor, die
  =Flossen= oder =Gnze= umzuschmelzen (=Umschmelzebetrieb=), dies
  geschieht entweder in =Tiegeln=, in =Schachtfen= oder in
  =Flammenfen=. =Tiegel= (von Graphit oder feuerbestndigem Thon) wendet
  man nur zum Giessen kleiner Gegenstnde an, man schmilzt gewhnlich
  darin 5-8 Pfund. Am hufigsten findet der =Schacht=- oder =Kupolofen=
  Anwendung; Fig. 6 und 7 zeigen einen solchen Ofen; er besteht aus einem
  cylindrischen Schachtofen von 2,5-3,5 Meter Hhe, in welchem man durch
  die Gicht das Roheisen und das Brennmaterial (Holzkohlen oder Koks)
  schichtweise in den Schacht _A_ eintrgt; die Oeffnungen _c_ und _d_
  dienen zur Einfhrung der Dsen des Geblses. Die nach der Rinne _B_
  fhrende Oeffnung ist whrend des Schmelzens verschlossen; wenn das
  geschmolzene Eisen die Oeffnung _a_ erreicht hat, wird dieselbe
  vermittelst Thon verschlossen und die zuerst in _a_ befindliche Dse in
  die Oeffnung _d_ gelegt. Das geschmolzene Eisen wird entweder in die
  Form unmittelbar geleitet, oder in eiserne, mit Thon berstrichene
  Giesspfannen gelassen und nach der Form hingetragen. Auch hierbei hat
  die Benutzung von heisser Geblseluft bedeutende Ersparniss an
  Brennmaterial zur Folge gehabt.

[Sidenote: Flammenofen.]

  Das Umschmelzen des Roheisens in =Flammenfen= endlich geht in einem
  gewhnlichen Flammenofen auf die Weise vor sich, dass man das Eisen auf
  dem mit Sand bedeckten =Schmelzherde=, der in der Richtung seiner Lnge
  etwas geneigt ist und an dessen tieferliegenden schmalen Seite das
  =Stichloch= zum Abstechen des geschmolzenen Eisens befindlich ist,
  schmelzen lsst und dann absticht. Auf dem =Feuerherde= befindet sich
  Steinkohlenfeuer, dessen Flamme ber eine niedrige Scheidewand (die
  =Feuerbrcke=) hinweg ber den Schmelzherd zieht, denselben in seiner
  ganzen Lngenausdehnung bestreicht und endlich in einen hohen
  Schornstein tritt. Aus dem Stichloche luft das Eisen entweder direkt
  in die Formen, oder man fllt damit lehmbestrichene Kellen und Pfannen,
  die von den Arbeitern zu den Formen getragen und dort durch Umneigen
  ausgegossen werden. In einem Flammenofen lassen sich mehr als 50
  Centner Roheisen auf einmal umschmelzen. Hierbei ist zu
  bercksichtigen, dass das Roheisen whrend des Umschmelzens in
  Flammenfen mit der atmosphrischen Luft in Berhrung kommt, dadurch
  theilweise entkohlt und zu Gusswaaren untauglich wird.

[Sidenote: Formerei.]

  Ein wesentlicher und schwieriger Theil der Eisengiesserei besteht in
  der Herstellung der =Gussformen=. Je nach den Materialien, aus denen
  die Formen bestehen, unterscheidet man 1) =Sandguss= in Formen aus
  Sand, der so fein sein muss, dass die feinsten Gegenstnde sich darin
  abdrcken lassen, und so zusammenhaften, dass die schrfsten Kanten
  stehen bleiben; er enthlt so viel Thon, dass er sich beim Befeuchten
  mit Wasser ballt; er wird vorher durch einen Zusatz von Kohlenstaub
  locker gemacht, damit die Wasserdmpfe, die bei der Berhrung des
  heissen Gusseisens mit dem feuchten Sand sich bilden, leicht entweichen
  knnen. Bei Gegenstnden, die auf der einen Seite eben sind, wie
  Gitter, Platten, Rder etc., wendet man den =Herdguss= an, d. h. man
  giesst auf einem Theile der Httensohle, der mit Formsand bedeckt ist;
  in diesem Formsand ist das Modell so eingedrckt, dass dessen
  Oberflche horizontal ist. Zu zusammengesetzten Gusswaaren, z. B. zu
  Tpfen, wendet man den =Kastenguss= an. Die Sandformen werden vor dem
  Eingiessen des Eisens nicht getrocknet; 2) der =Masseguss= in Formen
  aus Sand und Lehm, wobei die Formen vor dem Giessen sorgfltig
  getrocknet werden mssen; 3) der =Lehmguss= in Formen aus Lehm, der
  gesiebt, angefeuchtet und, um das Reissen beim Trocknen zu verhten,
  mit Pferdemist durchknetet ist; 4) der =Schalenguss= (Kapselguss) in
  gusseiserne Formen. Letzterer wird nur selten und zwar nur zu
  Hartwalzen zum Ausstrecken des Blechs, die eine grosse Hrte besitzen
  mssen, und fr Eisenbahnwagenrder benutzt. Er grndet sich auf die
  Eigenschaft des grauen Roheisens, im geschmolzenen Zustand durch
  schnelle Abkhlung rasch zum Erstarren gebracht, in hartes weisses
  Roheisen berzugehen. Giesst man daher das Roheisen in gusseiserne
  Formen (Coquillen), welche die Wrme schnell ableiten, so wird die
  ussere Schicht in Folge der schnellen Abkhlung weiss und hart. So
  kann man Walzen giessen, die an der Oberflche sehr hart und doch, weil
  sie im Innern aus grauem Roheisen bestehen, nicht sprde und
  zerbrechlich sind.

  Der am hufigsten angewendete =Eisenguss= ist der Sandguss, man benutzt
  ihn zum Giessen von Ofenplatten, Rdern, Gittern, Roststben etc. Den
  Masseguss wendet man an, wenn man ein Zusammenstrzen einer Sandform zu
  frchten hat; man benutzt diesen Guss zum Giessen von eisernen Rhren
  und Kanonen. Zur Herstellung der letzteren findet das halbirte Roheisen
  =Anwendung=, indem dasselbe Zhigkeit mit Elasticitt und einer
  gewissen Hrte vereinigt; es scheint indessen, als werde das Roheisen
  (und auch das bisher angewendete Geschtzmetall) in der
  Geschtzgiesserei in der Zukunft vollstndig durch den Gussstahl
  ersetzt werden, wie die Fabrikate von =Krupp= in Essen beweisen. Man
  benutzt den Masseguss auch zu den sogenannten Galanteriewaaren aus
  Eisenguss (Schreibezeuge, Leuchter, Ringe etc.). Den Lehmguss wendet
  man endlich fr sehr grosse Gegenstnde an, und besonders fr solche,
  wozu man kein besonderes Modell machen will oder kann, z. B. zum
  Giessen von grossen Kesseln, Glocken etc. Man unterscheidet dabei drei
  Haupttheile:

  a) den Kern, der an Grsse und Gestalt dem Innern des Gussstcks
  gleichkommt,

  b) das Modell (Hemd, Eisenstrke) und

  c) den Mantel (die Einhllung des Modells).

  Die Lehmformen werden scharf getrocknet. Der =Kunstguss=, d. i. die
  Anfertigung von Monumenten, Statuen etc., ist gleichfalls Lehmguss;
  hierzu beginnt aber in der neuern Zeit das Zink das Gusseisen zu
  verdrngen.

  Bei solchen Gegenstnden, welche viel Erhabenheiten auf ihrer
  Oberflche und besonders eine solche Form haben, dass ein theilweises
  Abheben des Mantels nicht ausfhrbar ist, wie z. B. bei dem Guss von
  Grabmonumenten, Kunstfen, Statuen u. s. w., wird auf den gebrannten
  Kern die Form in Wachsabgssen aufgetragen. Das von dem Modelleur
  angefertigte Modell wird in Gyps abgegossen, und es werden so viel
  einzelne Gypsformen dargestellt, als des Abhebens wegen nthig sind.
  Man giesst das Wachs in die einzelnen Formen, trgt die Wachsabgsse
  auf den Kern und setzt sie auf demselben vorsichtig zusammen. Diese
  Wachsform wird mit feingeschlmmtem Thon, der mit etwas Graphit
  gemischt worden ist, berpinselt, und nachdem dies mehrere male
  geschehen ist, die Form mit einer strkeren, mit Kuhhaaren untermengten
  Thonschicht umgeben. Ist der Ueberzug getrocknet, so schmilzt man das
  Wachs durch Erwrmen der Form heraus.

[Sidenote: Adouciren. Tempern.]

  Nach dem Gusse werden die Gusswaaren durch mechanische Bearbeitung
  vollendet, es werden z. B. die Giessnhte abgehauen, der eingebrannte
  Sand von der Oberflche abgelst u. s. w. Oft mssen die Eisengsse
  ausgebohrt (wie Kanonen), oder (wie Maschinentheile) abgedreht,
  ciselirt, gehobelt, gefrst, gedreht und geschliffen werden. Da
  dieselben nun durch schnelles Erkalten auf der Oberflche oft solche
  Hrte und Sprdigkeit besitzen, als wren sie aus weissem Roheisen
  gegossen und dadurch nicht mit Feilen, Meisseln etc. bearbeitet werden
  knnen, so sucht man solchen Eisengssen durch das =Adouciren=
  (Tempern, Anlassen) die nthige Weichheit zu ertheilen. Das Adouciren
  besteht wesentlich in anhaltendem starken Glhen der Gussstcke in
  einer Einhllung und sehr langsamem Erkalten. Das Adouciren geschieht
  entweder auf =physikalischem= oder auf =chemischem Wege=. Im ersteren
  Falle, in welchem keine chemische Vernderung eintritt und das
  Harteisen nur durch Anderslagerung der Molekle in weiches Eisen
  bergeht, berzieht man die Gegenstnde mit Lehm und glht sie zwischen
  Kohlen aus, oder man glht sie einfach unter trockenem Kiessand, oder
  in mit Kohlenstaub angefllten Kapseln bei nicht anhaltender
  Rothglhhitze. Sollen die Gusswaaren durch das Adouciren zugleich eine
  gewisse Festigkeit erhalten, welche dem Stahl und Stabeisen
  eigenthmlich ist, so muss die Einhllung und lnger anhaltende Hitze
  chemisch, d. h. entkohlend, einwirken. Als Hlle benutzt man ein
  Cementirpulver aus Kohle, Knochenasche, Eisenhammerschlag, rothem
  Eisenoxyd, Braunstein oder Zinkoxyd. Gleichmssig und durch die ganze
  Masse hindurch entkohlten Eisenguss nennt man =hmmerbaren,
  schmiedbaren Eisenguss= (_fonte mallable_). Auf diese Weise stellt man
  neuerdings unzhlige kleine Gegenstnde aus Gusseisen dar, die man
  frher zu schmieden pflegte, wie z. B. Schlssel, Lichtputzen,
  Schnallen u. s. w. Durch Einsatzhrtung (siehe bei Stahl) lassen sich
  diese Gegenstnde oberflchlich versthlen, so macht man jetzt z. B.
  gegossene Scheeren und Messer (selbst Rasirmesser), die sich von den
  sthlernen kaum unterscheiden lassen. Man berzieht die gegossenen
  Gegenstnde hufig mit einem Firniss von Steinkohlentheer und Graphit
  oder Leinlfirniss und Kienruss, oder bronzirt oder brnirt dieselben.

[Sidenote: Emailliren von eisernen Geschirren.]

  Die eisernen Kochgeschirre pflegt man, um sie gegen das Rosten und den
  Einfluss schwacher Suren zu schtzen, auf der inneren Seite zu
  =emailliren=; dies geschieht, indem man die Flche durch verdnnte
  Schwefelsure von Oxyd befreit, einen aus Borax, Quarz, Feldspath, Thon
  und Wasser bestehenden Brei in dem Gefsse umherschwenkt, auf den
  feuchten Ueberzug ein feines Pulver von Feldspath, Soda, Borax und
  Zinnoxyd streut und darauf die Geschirre in einer Muffel bis zum
  Schmelzen der Glasmasse erhitzt. Das in Frankreich fabricirte =glasirte
  Eisen= ist ein hnliches emaillirtes Eisen. Die Glasurmasse wird durch
  Zusammenschmelzen von 130 Th. Flintglaspulver, 20-1/2 Th. kohlensaurem
  Natron und 12 Th. Borsure dargestellt. Man benutzt das glasirte Eisen
  hauptschlich statt der Zinkgefsse und verzinnter Blechgeschirre,
  namentlich verfertigt man daraus Zuckerhutformen und
  Krystallisirgefsse fr Stearinsure.


                  [Greek: b]) Schmiede- oder Stabeisen.

[Sidenote: Stabeisen oder Frischeisen.]

In lteren Zeiten[2] und auch gegenwrtig noch in Steiermark, Illyrien,
Italien, Schweden, Ostindien, Borneo, Madagaskar, brachte man, wie
bereits Seite 9 gesagt, das Stabeisen direct aus den Erzen aus, indem man
dieselben auf einem Herde mit Kohlen unter Mitwirkung eines Geblses
reducirte und den erhaltenen Klumpen von reducirtem Eisen sofort
ausschmiedete. Gegenwrtig hat man diese wenig ergiebige Gewinnungsart
(=Luppenfrischerei= oder =Rennarbeit=) verlassen und stellt allgemein
zuerst Roheisen und aus diesem das Stabeisen dar. Derjenige Process,
durch welchen das =Roheisen= in =Stabeisen= oder =Frischeisen= verwandelt
wird, heisst der =Frischprocess=; er beruht der Hauptsache nach auf der
Entfernung der grssten Menge des Kohlenstoffs und der brigen fremden
Krper des Roheisens durch Oxydation. Man verwendet zum Frischen nur
=weisses= Roheisen, und zwar mglichst kohlenstoffarmes, weil es vor dem
Schmelzen erweicht, lange dnnflssig bleibt und daher den oxydirenden
Agentien eine grssere Oberflche darbietet; auch verbrennt der chemisch
gebundene Kohlenstoff des weissen Roheisens leichter als der Graphit des
grauen Roheisens. Der =Frischprocess= oder das =Frischen= geht entweder
vor sich:

1) auf Herden (Herdfrischung oder deutscher Frischprocess),

oder

2) in Flammenfen (Puddelprocess oder englischer Frischprocess).

    Die Bereitung des Stabeisens

3) durch Einblasen von Luft in das geschmolzene Roheisen (nach dem
Verfahren von =Bessemer=)

wird beim Stahl beschrieben werden.

[Sidenote: Herdfrischung.]

[Illustration: Fig. 8.]

[Illustration: Fig. 9.]

Bei dem =Frischprocess= wird das weisse Roheisen (oder, wenn graues
Roheisen, vorher gefeintes und dadurch in die weisse Modification --
=Feineisen=, =Feinmetall= -- bergefhrtes Roheisen) in Platten von 1-1,3
Meter Lnge, 27 Centim. Breite und 4-9 Centim. Strke in dem vertieften
vierseitigen Feuerraum _a_ des Herdes _b_ (Fig. 8) so eingeschmolzen,
dass das schmelzende Roheisen erst im flssigen Zustande dem Winde des
Geblses ausgesetzt ist. Diese Vertiefung ist mit eisernen Platten
ausgelegt und erhlt durch die Dse _c_ die nthige Geblseluft
zugefhrt. Zuerst fllt man den Feuerraum mit glhenden Holzkohlen, lsst
das Geblse an und bringt das Roheisen in Gnzen auf den Herd _b_, das in
dem Maasse in die Herdvertiefung geschoben wird, als es an der vorderen
Seite abschmilzt. Durch die Geblseluft wird fortwhrend Kohlenstoff aus
dem Roheisen zu Kohlensure verbrannt und das Roheisen entkohlt. Der den
Gnzen anhngende Sand, die durch Oxydation des Siliciums des Roheisens
entstandene, sowie die durch die Holzkohlenasche in die Masse gelangte
Kieselerde kommen ebenfalls bei dem Frischen in Betracht; diese Krper
verbinden sich nmlich mit dem gleichzeitig entstehenden Eisenoxydul zu
basisch kieselsaurem Eisenoxydul, zu der sogenannten =Rohschlacke= (in
100 Theilen 68,84 Eisenoxydul und 31,16 Kieselsure)[3], die ber dem
geschmolzenen Eisen steht und whrend des Einschmelzens von Zeit zu Zeit
abgelassen wird, ohne das Eisen jedoch gnzlich von der Schlacke zu
entblssen. Diese Schlacke wird zu der nchsten Schmelzung mit
Eisenhammerschlag (Oxydul-Oxyd) gemengt gegeben, um die Entkohlung des
Eisens zu bewirken. Wenn man nmlich Roheisen (Kohleneisen) mit
Eisenoxyduloxyd und basisch kieselsaurem Eisenoxydul glht, so giebt das
Eisenoxyduloxyd an den Kohlenstoff des Roheisens Sauerstoff ab, und es
bilden sich Kohlenoxyd und Stabeisen. Bei der Frischung werden auch alle
anderen in dem Roheisen enthaltenen Stoffe, wie Aluminium, Phosphor,
Mangan u. s. w., als Thonerde, Phosphorsure, Manganoxydul in die
Schlacke getrieben. -- Nach dem Einschmelzen des Eisens werden die
Schlacken abgelassen und die Eisenstcke unter hufigem Wenden dem Wind
des Geblses ausgesetzt; das Eisen wird, indem es immer mehr und mehr
seinen Kohlenstoff verliert, dnnflssiger und schmilzt ab. Dieser
Process (das =Rohaufbrechen=) wird so lange fortgesetzt, bis das Eisen
gar ist. Die sich nach dem Rohaufbrechen bildende Schlacke wird um so
reicher an Eisenoxydul, je mehr sich das Eisen der Gare nhert, wodurch
sie endlich zur =Garschlacke= (ungefhr SiO_{4}Fe_{2}) wird, welche
ebenso wie die mit Hammerschlag versetzte Rohschlacke als Zusatz zur
Befrderung der Entkohlung des Eisens benutzt wird. Die Garschlacke ist
niemals krystallinisch, sondern stets dicht und von grsserem spec.
Gewicht als die Rohschlacke. Nach dem Rohaufbrechen nimmt der Frischer
das =Garaufbrechen= vor, das darin besteht, die ganze Eisenmasse durch
verstrkte Hitze halbflssig zu machen, damit sich die Schlacke
abscheide. Nach beendigtem Gareinschmelzen hebt man die gefrischte
Eisenmasse (=Deul=, =Luppe=, =Klump=, =Wolf=) aus dem Feuer heraus und
bringt sie noch glhend unter den =Aufwerfhammer= _a_ (Fig. 9), welcher
durch eine Welle und durch Daumen in Bewegung gesetzt wird. Durch die
Schlge des Hammers werden alle Schlackentheile ausgepresst. Der Deul
wird darauf in Stcke (Schirbel) zerschnitten und diese werden dann zu
Stben ausgeschmiedet. Aus 100 Theilen Roheisen erhlt man im
Durchschnitt 70-75 Theile Stabeisen.

  [2] Von den neuerdings aufgetauchten Verfahren der directen Darstellung
      von Eisen und Stahl aus den Erzen von =Chenot=, =Uchatius= u. A.
      wird beim Stahl die Rede sein.

  [3] =Mitscherlich=, =Hausmann=, =Bothe= u. A. haben gezeigt, dass die
      nicht selten krystallisirt vorkommende Rohschlacke die
      Zusammensetzung und die Krystallform des Olivins besitzt.

[Sidenote: Schwedischer Frischprocess.]

  Der =schwedische Frischprocess= (die Wallonenschmiede) unterscheidet
  sich von der deutschen Frischung dadurch, dass nur geringe Mengen des
  Eisens auf einmal in Arbeit kommen und dass man keine Schlacke zusetzt.
  Die Entkohlung geht aber nur durch den Sauerstoff der Luft vor sich.
  Dieses Verfahren erfordert viel Brennmaterial, auch oxydirt sich ein
  nicht unbedeutender Theil des Eisens; das erhaltene Eisen enthlt aber
  keine Schlacke und ist daher dichter.

[Sidenote: Puddelprocess.]

[Sidenote: Puddelfen.]

[Illustration: Fig. 10.]

[Illustration: Fig. 11.]

Der =Puddelprocess= (oder das Frischen im Flammenofen). In Lndern, in
denen die Holzkohlen wegen ihres hohen Preises zum Frischen des Roheisens
nicht angewendet werden knnen, benutzt man die Steinkohlen. Spter wurde
die Steinkohle anstatt der Holzkohle auch auf dem Continent beim Frischen
angewendet, welche eine grssere Produktion ermglicht, und obgleich die
Qualitt des so erhaltenen Eisens eine untergeordnete ist, doch auch
konomisch sich als praktisch erweist. Da wegen des Schwefelgehaltes der
Steinkohlen eine unmittelbare Berhrung derselben mit dem Eisen vermieden
werden muss, so wendet man zum Entkohlen des Roheisens Flammenfen
(Puddelfen) an. Fig. 10 zeigt einen Puddelofen im Vertikaldurchschnitt,
Fig. 11 im Horizontaldurchschnitt. _F_ ist der Rost, _A_ der Puddelherd
und _C_ der Canal, durch welchen die Gase in den Schornstein gelangen.
Der Puddelherd _A_ besteht aus einem viereckigen eisernen Kasten, in
welchen atmosphrische Luft ungehindert durch den Rost eintreten kann.
Auf diesen Herd bringt man eine Decke von Frischschlacken, zu welchen man
Hammerschlag gesetzt hat, und erhitzt die Masse, bis ihre Oberflche
weich geworden ist. Das zu entkohlende Roheisen (am besten weisses
Roheisen) wird in Quantitten von 300-350 Pfd. bis zum Erweichen
erhitzt, sodann mittelst einer Krcke ber die Herdsohle des Ofens
ausgebreitet und unter fortwhrendem Erhitzen umgerhrt (=gepuddelt=).
_D_ und _E_ sind Arbeitsffnungen, die leicht geschlossen und geffnet
werden knnen. Auf dem breiigen Eisen zeigen sich blaue Flmmchen von
brennendem Kohlenoxydgase und das Eisen wird zher und steifer. Der
grsste Theil der beim Puddelprocess sich bildenden Schlacke fliesst vorn
im Ofen von dem Eisen ber die schiefe Ebene _B_ ab, und wird, von Zeit
zu Zeit durch eine Oeffnung _o_ abgelassen. Nach beendigtem Puddeln
vereinigt man das auf der Herdsohle ausgebreitete Eisen zu Bllen und
befreit es unter dem =Stirnhammer= oder durch ein =Quetschwerk= von der
Schlacke. Wo graues oder halbirtes Roheisen zum Puddeln angewendet werden
muss, wird dasselbe, wie oben bereits erwhnt, vor dem eigentlichen
Puddeln durch Einschmelzen im Flammenofen durch das Feinmachen in weisses
Roheisen, in =Feineisen= (Feinmetall) verwandelt.

  Die =Theorie des Eisenpuddelns= ist folgende: Beim Zustrmen von Luft
  zu dem auf dem Herde des Flammenofens eingeschmolzenen Roheisen bildet
  sich eine nicht unbedeutende Menge von Eisenoxydul-Oxyd, dessen
  Sauerstoff den Kohlenstoff des Roheisens in Gestalt von Kohlenoxydgas
  entfernt, das in mit blulicher Flamme verbrennenden Blschen
  entweicht. Mit der fortschreitenden Entkohlung wird die Masse immer
  strengflssiger und es bilden sich in ihrem Innern feste Krper von
  Schmiedeeisen, deren Menge zunimmt und welche mit dem Rhreisen
  zusammengehuft und lose aneinander geschweisst werden. Dadurch trennt
  sich das noch kohlehaltige Eisen und wird durch fortgesetztes Umrhren
  vllig entkohlt. In der Praxis ist jedoch dieser Process nicht so
  einfach, dies hat darin seinen Grund, dass es 1) nicht wohl mglich
  ist, alles Eisenoxydul-Oxyd mit dem Kohleeisen in Berhrung zu bringen,
  weshalb leicht Oxyd in dem Eisen bleibt, wodurch der Zusammenhang der
  einzelnen Theile aufgehoben wird. Dieses berschssige Oxyd sucht man
  durch Zusatz von Rohschlacke zu entfernen, welche dadurch in
  Garschlacke bergeht. Durch die Abscheidung des Eisenoxydul-Oxydes wird
  ein Eisenverlust von 4-5 Proc. herbeigefhrt, zu dem noch durch das
  Verbrennen des Kohlenstoffs etwa 5 Proc. kommen. Ein anderer Grund
  liegt 2) in einem Gehalte des Roheisens an Hochofenschlacke und
  mechanisch anhngender Kieselerde etc. Whrend des Puddelns vereinigt
  sich die freie Kieselerde mit der Hochofenschlacke; kommt nun in dem
  letzteren Stadium des Processes diese kieselerdereiche Schlacke mit dem
  Eisenoxydul bei mangelndem Kohlenstoff in Berhrung, so giebt sie ihre
  Kieselerde theilweise an das Eisenoxydul ab und bildet mit demselben
  Garschlacke, welche an den Wnden und der Sohle des Ofens adhrirt, und
  eine basische, strengflssige Hochofenschlacke, welche mit dem Eisen
  gemengt bleibt. Diese Schlacke zu entfernen, ist der Puddelprocess nach
  seinem gegenwrtigen Stande durchaus unfhig. Der Faulbruch eines
  Eisens, von welchem diese Schlacke zwei oder mehrere Procente ausmacht,
  erklrt sich dadurch auf eine ganz ungezwungene Weise.

[Sidenote: Mit Gas.]

  In neuerer Zeit wendet man hufig, anstatt den Flammenofen mittelst
  Steinkohlen und atmosphrischer Luft zu heizen, als Brennmaterial
  =Gicht=- oder =Hochofengase= an, oder auch =Generatorgase=. So nennt
  man die in einer schachtfrmigen Vorrichtung -- dem Generator -- durch
  unvollstndige Verbrennung von Brennmaterial (gewhnlich solchem, das
  wie Holzabflle, Holzkohlen und Braunkohlenklein, Torf etc. als festes
  Brennmaterial nicht anwendbar ist) erzeugten brennbare Gase von
  hnlicher Zusammensetzung wie die Gichtgase, jedoch mit vorwaltendem
  Kohlenoxydgas. Der Generator ist unmittelbar bei dem Flammenofen
  angelegt, sodass die darin erzeugten Gase fast ebenso heiss zur
  Verbrennung gelangen, als sie aus dem Generator entweichen. Seit
  einigen Jahren wendet man hierbei die =Siemens='sche
  Regenerationsfeuerung an, welche den hchsten Effect giebt. Das ihr zu
  Grunde liegende Princip hat den Grundgedanken mit der calorischen
  Maschine gemein. So wie nmlich dort seiner Zeit Drahtgeflechte zur
  Anwendung kamen, um die verlorene Hitze von der austretenden auf die
  zutretende Luft zu bertragen, so werden bei den =Siemens='schen
  =Regeneratoren mit Gasfeuerung= lose mit feuerfesten Ziegeln angefllte
  Kammern dazu verwendet, um die in dem verbrauchten, dem Schornstein
  zustrmenden Gase enthaltene Wrme aufzufangen und nutzbar in den Herd
  der Verbrennung zurckzufhren. Sind zwei solcher Kammern vorhanden, so
  wird durch eine wechselseitige Wrmeaufnahme und Abgabe der Kammern
  Zweierlei erreicht: zunchst eine grosse Menge Wrme, die sonst zu
  Verlust gegangen wre, zu Gute gemacht, dann das Feuer mit heisser Luft
  gespeist und mithin die Verbrennungstemperatur gesteigert. Dabei bleibt
  die =Siemens='sche Einrichtung aber keineswegs stehen, denn zwei andere
  Kammern wrmen auch das Brennmaterial vor, welches zu dem Behufe stets
  in einem Generator zuvor in Gas verwandelt wird. Diesem Heizgas
  entsprechen ebenso wie der dem Feuer zuziehenden Luft zwei Heizkammern,
  welche abwechselnd Wrme aufspeichern und abgeben. Eisen, welches zu
  viel Phosphor enthlt, wird davon befreit, indem man whrend des
  Puddelns in das geschmolzene Eisen das sogenannte =Schafhutl='sche
  Mittel, ein Gemenge von Braunstein, Kochsalz und Thon eintrgt. Nach
  =Richter= trgt Bleigltte besser zur Oxydation des Schwefels des
  Roheisens bei als Braunstein. Auch Wasserdmpfe im berhitzten Zustande
  hat man zur Entfernung des Schwefels anzuwenden vorgeschlagen.

[Sidenote: Verfeinerung des Stabeisens.]

[Illustration: Fig. 12.]

[Sidenote: Walzwerk.]

[Illustration: Fig. 13.]

Man verarbeitet das =Stab=- oder =Schmiedeeisen=, das durch den
Stirnhammer, durch Quetschwerke oder Walzwerke von den Schlacken befreit
worden ist, auf den =Walzwerken= zu =Grobeisen=. Ein Walzwerk (Fig. 12)
hat wesentlich folgende Einrichtung. _BB'_ und _AA'_ sind cannelirte,
gusseiserne Walzenpaare, von denen _AA'_ zum Walzen von Flachstben,
_BB'_ zum Walzen von Quadratstben bestimmt sind. Durch die Schrauben
_oo_ knnen die oberen Cylinder den unteren beliebig genhert werden. Aus
den Rhren _ii_ fliesst Wasser auf die sich erhitzenden Theile des
Walzwerks. Die Vorrichtung _MN_ dient dazu, das Walzwerk ausser
Verbindung mit der bewegenden Kraft zu setzen. Die Rder _F_ und _c_
bertragen die Bewegung auf die Rder _F'_ und _c'_, die an den oberen
Walzen _A'_ und _B'_ sitzen und bewirken eine Umdrehung derselben in
entgegengesetzter Richtung. Die durch den Hammer in die geeignete Form
versetzten glhenden Eisenstcke passiren immer kleinere Oeffnungen des
Walzwerkes und werden so verdnnt und gestreckt. Sehr dnne Stbe
schneidet man auf den =Schneidewerken=, welche (Fig. 13) aus abwechselnd
grsseren und kleineren versthlten Scheiben, die auf eisernen Wellen
fest eingekeilt sind, bestehen. Man unterscheidet das Stabeisen als
=Quadrateisen= mit quadratischem Durchschnitte, =Flacheisen=, dessen
Querschnitt ein Rechteck ist, mit verschiedenem Verhltnisse von Breite
und Dicke, =Rundeisen= mit kreisfrmigem Durchschnitte. Die dnnste Sorte
des Flacheisens heisst =Band=- oder =Reifeisen=; unter =Zaineisen= oder
=Krauseisen= versteht man nicht glatt geschmiedetes Quadrateisen mit
eingekerbten Flchen (Eindrcke des Hammers); dnne vierkantige Sorten
des Stabeisens sind =Nageleisen=. Ausserdem unterscheidet man noch
=Faoneisen= von dem verschiedensten Querschnitt (Eisenbahnschienen).

[Sidenote: Blechfabrikation.]

  Das zur =Blechfabrikation= angewendete Eisen muss weich und zhe sein,
  damit dasselbe die Bearbeitung bei abnehmender Temperatur am lngsten
  aushalte, ohne sprde zu werden. Man unterscheidet grssere und
  kleinere Bleche. Da die letzteren gewhnlich verzinnt werden, nennt man
  auch diese =Weissbleche=, die grsseren =Schwarzbleche=. Bei der
  Anfertigung des Schwarzbleches wird das Stabeisen (Flacheisen) glhend,
  so wie es aus den Walzen herauskommt, vermittelst der Blechscheere in
  kleinere Platten (=Strze=) zerschnitten und diese nach dem Erhitzen in
  einem Flammenofen zwischen glatten Walzen (Blechwalzwerke) gestreckt.
  Die Strze gehen viermal durch die Walzen, wobei nach jedesmaligem
  Durchgange die Walzen enger zusammengeschraubt werden. Bevor die Strze
  unter die Walze kommen, muss das Oxyd (der Glhspan) abgeschlagen
  werden, damit er sich nicht eindrcke. Frher und auch noch jetzt
  stellt man in einigen Gegenden das Eisenblech durch Hmmern dar
  (geschlagenes Blech); obwol auf diese Weise die Bleche nicht
  vollkommen gleichmssig hergestellt werden knnen, so zieht man sie
  dennoch zu gewissen Zwecken, wie z. B. zu Dampfkesseln, den gewalzten
  Blechen vor. Die Anfertigung des Weissbleches und des galvanisirten
  (mit Zink berzogenen) Bleches ist der des Schwarzbleches hnlich. Von
  der Verzinnung des Weissbleches wird bei dem Zinn die Rede sein.

[Sidenote: Drahtfabrikation.]

[Illustration: Fig. 14.]

[Illustration: Fig. 15.]

  Zur =Drahtfabrikation= benutzt man ein zhes, festes, im Bruche fadiges
  Eisen. Ehedem benutzte man Zangen, mit deren Hlfe man des Eisen durch
  Lcher zu Draht zog; jetzt wendet man fr die grberen Sorten
  =Walzwerke=, fr die feineren Sorten =Ziehscheiben= an. Die Anwendung
  des Walzwerkes erstreckt sich nur auf die dickeren Sorten Eisendraht
  bis etwa zu 1/4 Zoll herab. Ein hierzu anwendbares Walzwerk besteht aus
  drei Walzen mit correspondirenden runden Rinnen, die bei ihrer
  Umdrehung die zwischen sie gesteckten Eisenstangen fassen, und in die
  Form jener Rinnen pressen. Die Walzen des Walzwerkes werden mit solcher
  Geschwindigkeit in Bewegung gesetzt, dass sie 240 Umlufe in einer
  Minute machen. Da ihr Durchmesser 8 Zoll betrgt, so ist die
  Umfangsgeschwindigkeit = 8,37 Fuss in einer Secunde oder 8 Fuss 4-1/2
  Zoll Draht kommen in einer Secunde aus den Walzen hervor. Der feinere
  Draht wird verfertigt, indem man grberen Draht durch zweckmssig
  gestaltete, unbewegliche Oeffnungen in harten Krpern zieht, und dieses
  Durchziehen in fortschreitend kleineren Lchern wiederholt, bis die
  erforderliche Feinheit des Drahtes erfolgt ist. Der ausgeglhte Draht,
  der bis zu 4-1/2 Linie im Durchmesser ausgewalzt worden ist, wird auf
  die Haspel _A_ (Fig. 14) gelegt. Das eine vorn etwas zugespitzte Ende
  des Drahtes steckt man durch das Loch des =Zieheisens= _B_, dessen
  Durchmesser etwas kleiner als der des Drahtes ist, befestigt ihn an den
  Haken _c_ (Fig. 15) der =konisch geformten Trommel= (=Ziehscheibe=,
  Leier, Bobine) _C_, welche durch die horizontale Betriebswelle _D_
  (Fig. 14) und durch ineinander eingreifende konische Rder in Bewegung
  gesetzt wird. Durch eine mechanische Ausrckung kann die Ziehscheibe in
  Ruhe oder Bewegung gesetzt werden. Der Fig. 15 abgebildete Durchschnitt
  derselben, sowie die Zeichnung Fig. 14 macht jede weitere Beschreibung
  unnthig. Die Gestalt der =Ziehlcher= ist fr den Erfolg des
  Drahtziehens von grosser Bedeutung. Zur Erzielung von rundem und
  gleichmssigem Draht mssen die Ziehlcher vllig kreisfrmig und
  mglichst glatt sein. Wren die Lcher durch die ganze Dicke der
  Ziehplatte cylindrisch, d. h. von gleichbleibendem Durchmesser, so
  wrde in den meisten Fllen der durchzuziehende Draht eher abreissen,
  als sich pltzlich verdnnen lassen. Aus diesem Grunde macht man im
  Allgemeinen die Lcher trichterfrmig. Die Zieheisen bestehen aus
  Stahl; zum Ziehen feiner Drhte setzt man auch gebohrte Edelsteine an
  die Stelle der Zieheisen. Der Eisendraht lsst sich kaum fter als
  drei- bis fnfmal ziehen, ohne des Glhens bedrftig zu sein. Wird der
  Draht in nicht ganz verschlossenen Gefssen geglht, so bildet sich auf
  der Oberflche Oxyd, welches vor dem wiederholten Ziehen durch Beizen
  mit verdnnter Schwefelsure sorgfltig entfernt werden muss. Man hat
  gefunden, dass, wenn in der Sure etwas Kupfervitriol aufgelst wird,
  die auf dem Eisen sich niederschlagende, usserst dnne Kupferhaut das
  nachherige Ziehen, durch Verminderung der Reibung im Ziehloche,
  erleichtert. Der dnnste Eisendraht, welcher im Handel vorkommt, hat
  einen Durchmesser von 1/166 Zoll, man nennt ihn =Bleidraht=. Durch
  Verzinken wird der Draht hufig vor Oxydation geschtzt. Dass der Draht
  beim Ausglhen etwas von seiner Sprdigkeit verliert, ist bekannt. Wird
  ja der kufliche Eisendraht, der zum Ueberstricken von Tpfen etc.
  dient, vorher geglht, damit er nicht so leicht bricht. Die
  vielfltigen Benutzungen des Eisendrahtes sind allgemein bekannt. Eine
  neue und besonders fr das Berg- und Salinenwesen, fr die Drahtseil-
  oder Kettenschifffahrt (Touage), ferner fr unterseeische
  Telegraphenleitungen sehr wichtige Anwendung des Drahtes ist die
  Vorfertigung der =Drahtseile=, welche aus Eisendrhten ebenso gebildet
  werden, wie die gewhnlichen Taue aus Hanffden, und gegen die
  Hanfseile und eisernen Ketten, an deren Stelle sie bei der Erzfrderung
  jetzt ziemlich allgemein getreten sind, sowol vermehrte Sicherheit als
  bedeutende Kostenersparniss gewhren.

[Sidenote: Eigenschaften des Stabeisens.]

Das =Stabeisen=, =Frischeisen=, =Schmiedeeisen=, =geschmeidige Eisen= ist
ein Aggregat von Fasern, welche nach =Fuchs= durch Aneinanderreihung von
hchst kleinen Krystallen gebildet sind. Durch starke Erschtterungen,
Stsse etc., aber auch durch Erhitzen und Ablschen in Wasser wird der
Zusammenhang zwischen den kleinsten Theilchen aufgehoben und die faserige
Textur geht in die krnige ber; es wird in diesen Fllen minder fest,
wie die Erfahrungen an Eisenbahnwagenaxen und Kettenseilen beweisen. Es
ist von hellgrauer Farbe, krnigem oder zackigem Bruche; sein
specifisches Gewicht ist von 7,60-7,90 (der des chemisch reinen Eisens
ist 7,844). Der Kohlenstoffgehalt betrgt 0,24-0,84 Proc., von welchem
nur Spuren von Kohlenstoff mechanisch beigemengt sind. Das Stabeisen ist
demnach ein Gemenge von Eisen mit etwas Kohleeisen.

  Die chemische Untersuchung einiger Stabeisensorten gab folgende
  Resultate: 1) Englisches Stabeisen aus Sd-Wales; 2) weiches Stabeisen
  von Mgdesprung am Harz; 3) Schwedisches Dannemora-Eisen.

                                  1.      2.      3.
                   Eisen        98,904  98,963  98,775
                   Kohlenstoff   0,411   0,400   0,843
                   Silicium      0,084   0,014   0,118
                   Mangan        0,043   0,303   0,054
                   Kupfer          --    0,320   0,068
                   Phosphor      0,041     --      --

  Es ist eigenthmlich fr das Schmiedeeisen, dass es im glhenden
  Zustande in kaltes Wasser getaucht nicht sprde wird und noch
  schmiedbar ist. Es ist weit weicher als das weisse und hellgraue
  Gusseisen und lsst sich leicht feilen, mit Meissel, Hobelmaschine etc.
  bearbeiten. Das Schmiedeeisen schmilzt weit schwerer als das Roheisen;
  in der Weissglhhitze wird es weich, so dass zwei Stcke durch
  Hammerschlge, durch Walzen oder Pressen zu einem einzigen vereinigt
  werden knnen. Diese Eigenschaft, welche man die =Schweissbarkeit=
  nennt, theilt das Eisen mit dem Platin, Palladium, Kalium und Natrium.
  -- Das durch die Herdfrischung oder durch Puddeln erhaltene Stabeisen
  ist mehr oder weniger mit fremden Substanzen verunreinigt. Wenn es
  Schwefel, Arsen oder Kupfer enthlt, so zerbrckelt es, wenn es
  rothglhend gehmmert wird, man nennt dann das Eisen =rothbrchig=;
  durch Silicium wird das Eisen hart und mrbe (=faulbrchig=), durch
  Phosphor =kaltbrchig=, d. h. es lsst sich zwar glhend verarbeiten,
  bricht aber beim Erkalten schon beim Biegen. Calcium macht das
  Stabeisen =hadrig=, d. h. es hrt auf, schweissbar zu sein. Was die
  Anwendbarkeit der verschiedenen Stabeisensorten fr praktische Zwecke
  betrifft, so ist hartes krystallinisches Eisen berall dort
  vorzuziehen, wo der Reibung zu widerstehen ist, wie z. B. zu den
  ussersten Theilen der Tyres, zu den Kpfen der Eisenbahnschienen,
  ferner zu Gegenstnden, welche eine dauernde Politur erhalten sollen.
  Zhes fadiges Eisen eignet sich dagegen am besten fr Maschinenteile,
  den Fuss von Eisenbahnschienen, fr Ketten und Anker, berhaupt fr
  Gegenstnde, bei welchen Widerstandsfhigkeit gegen Last und Schlag
  Haupterforderniss ist.


                         [Greek: g]) Der Stahl.

[Sidenote: Stahl.]

Der Stahl unterscheidet sich vom Roh- und Stabeisen durch seinen
Kohlenstoffgehalt, vom Roheisen durch seine Schweissbarkeit, vom
Stabeisen durch seine Schmelzbarkeit. In Bezug auf den Kohlenstoffgehalt
liegt er in der Mitte zwischen Roheisen und Stabeisen. Ob der
Stickstoffgehalt, der neuerdings in vielen Stahlsorten wahrgenommen
worden ist, wesentlich ist fr den Begriff Stahl, lsst sich nach dem
gegenwrtigen Stande der Frage ber die Constitution des Stahls nicht mit
Bestimmtheit beantworten. Man kann den Stahl gewinnen

a) direct aus Eisenerzen als =Rennstahl=:

   1) durch Reduction der Erze im Holzkohlenfeuer eines Geblseherdes
      (durch Rennarbeit), wobei der Stahl als ungeschmolzener Klumpen zum
      Vorschein kommt (natrlicher Stahl);

   2) durch Glhen der Erze mit Kohle ohne Schmelzung (Cementstahl aus
      Erzen);

   3) durch Schmelzen der Erze mit Kohle in Tiegeln, wobei der Stahl als
      flssige Masse erhalten wird (Gussstahl aus Erzen);

b) durch theilweise Entkohlung von Roheisen als =Frischstahl=:

   4) durch Frischen in Herden mittelst Holzkohlenfeuerung
      (Herdfrischstahl);

   5) durch Frischen in Flammenfen bei Steinkohlen- oder Gasfeuerung
      (Puddelstahl oder Flammenofenfrischstahl);

   6) durch Einblasen von Luft in flssiges Roheisen (Bessemerstahl);

   7) durch Glhen des Roheisens mit entkohlenden Substanzen ohne
      Schmelzung (Glhstahl);

   8) durch Schmelzen des Roheisens mit entkohlenden Substanzen
      (Gussstahl aus Roheisen. Sind die entkohlenden Substanzen
      Eisenerze, so heisst der Stahl Erzstahl);

   9) durch Behandeln des geschmolzenen Roheisens mit Natriumnitrat
      (Heatonstahl, Hargreavesstahl, Salpeterfrischstahl);

c) durch Kohlung von Schmiedeeisen als =Kohlungsstahl=:

  10) durch Glhen mit Kohle ohne Schmelzung (gewhnlicher Cementstahl);

  11) durch Schmelzen mit Kohle (Gussstahl und Schmiedeeisen);

d) durch Combination von b und c als =Flussstahl=:

  12) durch Schmelzen von Roheisen und Schmiedeeisen.

Der in frherer Zeit =direct= aus den Erzen dargestellte Stahl hiess
=Wolfsstahl=, wenn er durch Verschmelzen der Erze in Herden erhalten, und
=Osemund=- oder =Blasestahl=, wenn der Stahl in Blau- oder Blasfen
dargestellt worden war. Der =indische= Stahl oder =Wootz= wird in Indien
noch heutzutage direct aus den Erzen dargestellt. Das vor einigen Jahren
aufgetauchte Verfahren der directen Stahlbereitung von =Chenot=, nach
welchem reine und reiche Eisenerze durch reducirende Gase zu Eisenschwamm
reducirt werden, welcher dann in Oel getaucht und geglht wird, ist in
der That keine directe Stahlbildung, sondern nur Erzeugung von Stahl
durch Kohlung von Stabeisen. Aehnliche Darstellungsarten des Stahls
direct aus den Erzen sind die von =Gurlt= und von =Liebermeister=.

Je nach der Darstellungsweise unterscheidet man daher nachstehende
verschiedene Stahlsorten:

[Sidenote: Frischstahl.]

I. Der =Frischstahl=, durch theilweise Entkohlung des Roheisens erhalten,
kann entweder sein:

1) =Herdfrischstahl= (Schmelzstahl, natrlicher Stahl, Mock); zu seiner
Darstellung dient hauptschlich ein aus Spatheisenstein erblasenes
Roheisen (Rohstahleisen), welches in Steiermark, Krnten, Krain und
Tirol, ferner im Thringerwalde (Schmalkalden und Suhl) und endlich in
den preussischen Regierungsbezirken Arnsberg und Coblenz (im
Siegenschen) in grossen Quantitten als Spiegeleisen und luckiges und
blumiges Floss, grsstentheils mit Holzkohlen, zum Theil auch mit Koks
erblasen wird. Aus gewhnlichem grauen Roheisen kann man zwar auch
Rohstahl darstellen, er ist jedoch von geringerer Qualitt. Das
Rohstahlfeuer hat im Wesentlichen die Einrichtung eines Frischfeuers,
doch unterscheidet sich das Stahlfrischen vom Eisenfrischen dadurch, dass
man das Garwerden des Roheisens durch Behandeln =unter= dem Winde zu
bewirken sucht, whrend das Roheisen beim Eisenfrischen stets =vor= oder
=ber= dem Winde gehalten werden muss. Dadurch wird der Kohlenstoff nur
allmhlich verbrannt und der Arbeiter hat es in seiner Gewalt, den
Process in dem Augenblick zu unterbrechen, wo der Stahl gar ist.

2) =Flammenofenfrischstahl= oder =Puddelstahl=. Ein allgemein anerkannter
Fortschritt in der Stahlfabrikation ist dadurch eingetreten, dass man aus
sehr verschiedenen Sorten von Roheisen durch den Puddelprocess mit
Steinkohlen Puddelstahl erzeugt, welcher bei einem sehr billigen Preise
zu Bandagen fr Locomotiv- und Eisenbahnwagenrder und andere grssere
und schwerere Gegenstnde verwendet wird. Besonders wichtig ist der
Puddelstahl als Material fr die Gussstahlfabrikation.

  Der steirische und krntnische Schmelzstahl ist zwar weit theurer als
  der Puddelstahl, zu einzelnen bestimmten Zwecken aber auch unersetzbar,
  wie zu Schneidewaaren, Klingen, Sgen, Federn, Feilen. Im Allgemeinen
  verwendet man den Puddelstahl immer mehr und mehr zu Zwecken, zu denen
  man sonst Holzkohlenstabeisen gebrauchte.

3) =Bessemerstahl=. Die Anwendung eines Stromes atmosphrischer Luft zum
Entkohlen des flssigen Roheisens, um aus diesem direct Stahl
darzustellen, bildet die Basis des Bessemerprocesses, durch welchen der
nach dem Erfinder =Henry Bessemer= in Sheffield (1855) benannte
=Bessemerstahl= (_Bessemer steel_) dargestellt wird. Wenn beim
Verfrischen des Roheisens zu Stahl, sei es nun im Frischherde oder im
Puddelofen, zwar die Luft durch ihren Sauerstoff thtig ist, um die
Entkohlung des Roheisens zu bewirken, so ussert sie doch ihre Wirkung
dort nur auf die Aussenflche kleinerer oder grsserer Eisentheilchen und
die Operation schreitet daher nur langsam vorwrts; zugleich ist die
Temperatur nicht hoch genug, um den resultirenden Stahl, welcher
strengflssiger ist als das Roheisen, flssig zu erhalten. Daher kommt
es, dass durch den Frischprocess der Stahl in Form einer teigigen Masse
erhalten wird, deren Ungleichfrmigkeit man durch nachheriges Umschmelzen
zu beseitigen sucht. =Bessemer= dagegen treibt grosse Mengen Luft durch
ein sehr heiss geschmolzenes Roheisenquantum und vollendet so dessen
Entkohlung und Umwandelung in Stahl in ausserordentlich kurzer Zeit.
Dabei erhht sich die Temperatur in Folge der Verbrennung des
Kohlenstoffs, einer kleinen Menge Eisen und der vorhandenen fremden
Stoffe (Silicium, Aluminium, Phosphor etc.) dergestalt, dass auch nach
Beendigung der Entkohlung der resultirende Stahl flssig bleibt -- ein in
konomischer Hinsicht wichtiges Moment -- und sofort in Formen gegossen
werden kann.

  Man bedient sich bei der Bereitung des =Bessemerstahls= eines kleinen,
  einige Fuss hohen Schachtofens oder einer eifrmigen, von Eisenblech
  gemachten und mit feuerfestem Thonbeschlag ausgeftterten Retorte
  (Birne, Convertor), in welche einige Zoll ber dem Boden, durch fnf,
  aus feuerfestem Thon bestehende, 3/8 Zoll weite Formen stark gepresster
  Wind eingefhrt werden kann. Auf der halben Hhe des Ofens ist eine
  Oeffnung angebracht, durch welche flssiges Roheisen aus dem Hochofen
  eingeleitet werden kann; auf der entgegengesetzten Seite befindet sich
  am Boden eine mit Lehm verschlossene Oeffnung, durch welche der Stahl
  abgestochen werden kann. Sobald der Wind eingelassen und der Ofen etwa
  zur Hlfte mit flssigem Roheisen angefllt worden ist, entsteht
  heftiges Aufkochen des Metalles mit Flammen und Funkensprhen (was
  darauf zu beruhen scheint, dass unvollstndig entkohltes Eisen und mit
  fein eingemengtem Oxyd beladenes Eisen durcheinander geschttelt
  werden). Je nach der Dauer der Einwirkung (10-25 Minuten) bildet sich
  Stahl oder Stabeisen. In neuerer Zeit scheint man nach dem sogenannten
  =englischen= Verfahren es vorzuziehen, die Entkohlung des Roheisens,
  selbst in dem Falle, wo Stahl (oder Bessemermetall) fabricirt werden
  soll, fast vollstndig, d. h. ziemlich bis zum Zustande des
  Schmiedeeisens zu treiben und dann eine gewisse Menge geschmolzenes
  weisses Roheisen (Spiegeleisen) zuzumischen. Nach dem =schwedischen=
  Verfahren treibt man die Entkohlung nur so weit, dass die Stahlbildung
  eingetreten ist. Man stellt daraus dar Dampfkesselbleche, Radbandagen
  (Tyres), Federn, Wagenaxen, Eisenbahnschienen, Kanonen, Kanonenkugeln
  und schwere hrtere Gegenstnde. Weniger geeignet erscheint der
  Bessemerstahl zu Werkzeugen, wie Bohrer, Meissel, Drehsthle, Feilen
  etc., namentlich in solchen Fllen, wo es auf die Erzielung einer
  dauerhaften Schrfe ankommt. Der weiche Bessemerstahl (=Bessemereisen=)
  hat sich als ein ausgezeichnetes Material zur Herstellung dnner Bleche
  erwiesen, welche verzinnt oder zur Erzeugung von gepressten und
  vertieften Gegenstnden verwendet werden. Von England aus verbreitete
  sich seit 1862 der Bessemerprocess nach Schweden, Frankreich, dem
  norddeutschen Bunde, Sddeutschland, Oesterreich, Russland und Italien.
  Auch in Nordamerika hat man seit 1866 mit der Errichtung von
  Bessemerhtten begonnen. Nach einer bei Gelegenheit der Pariser
  Ausstellung vom Jahre 1867 gemachten Schtzung werden jhrlich folgende
  Mengen von Bessemerstahl producirt, woraus zugleich zu ersehen, wie
  gross der Lohn ist, den =Bessemer= von seiner Erfindung in England
  erntet, da die von den Htten an ihn zu entrichtende Patenttaxe pro
  Centner 1/3 Thaler betrgt:

                           Htten  Converters         Centner.
           England      in  15  und  50   per Woche   120,000
           Preussen      "   6   "   22    "    "      29,200
           Frankreich    "   6   "   12    "    "      17,600
           Oesterreich   "   6   "   14    "    "      13,000
           Schweden      "   7   "   15    "    "      10,600

  Die in Seraing (in Belgien) existirende Bessemerhtte soll wchentlich
  gegen 1200 Centner Bessemerstahl produciren. In Oberitalien bestehen
  zwei Bessemerhtten. Aus den vorstehenden Erhebungen ergiebt sich, dass
  die Productionsfhigkeit an Bessemerstahl in Europa fast das Quantum
  von 9,5 Millionen Centner erreicht, wenngleich die wirkliche Production
  im Jahre 1869 nicht ber 6 Millionen Centner ausgemacht haben drfte,
  wovon gegen 70 Proc. auf England kommen.

4) =Uchatius=- und =Martinstahl=. An den Bessemerstahl schliesst sich der
vom k. k. Obersten =Uchatius= im Jahre 1856 dargestellte =Uchatiusstahl=
an, der direct aus dem Roheisen dargestellt wird, indem man granulirtes,
aus Magneteisenstein erblasenes Roheisen mit Spatheisensteinpulver
beschickt und die Beschickung im Graphittiegel schmilzt und den
erhaltenen Stahl in Zaine giesst. Nach der vor einigen Jahren von =E.
Martin= aufgetauchten Modification, die den in neuester Zeit
vielbesprochenen =Martinstahl= liefert, wird das Schmelzen nicht mehr in
Tiegeln, sondern auf der muldenfrmigen Sohle eines Flammenofens mit
Hlfe eines =Siemens='schen Regenerativ-Gasofens ausgefhrt. Es wird eine
Partie Roheisen eingeschmolzen und in das unter einer Schlackendecke
stehende Bad in gewissen Zwischenrumen so lange Schmiedeeisen
eingetragen, bis eine Schpfprobe nachweist, dass die ganze Masse die
sehnige Natur des Schmiedeeisens angenommen hat. Durch Zusatz einer
bestimmten Menge Roheisen wird alsdann die Masse in Stahl verwandelt. Der
Martinstahl ist Massegussstahl und dient zu Eisenbahnschienen, Bandagen
und hauptschlich Gewehrlufen. Den =Tunner='schen Glhstahl (1855) oder
hmmerbares Gusseisen erhlt man durch Glhen von weissem Roheisen mit
sauerstoffabgebenden Krpern (Eisenoxyd, Braunstein, Zinkoxyd).

5) =Heatonstahl=. Nach dem Verfahren von =Heaton= (mit welchem im Princip
das Verfahren von =Hargreaves= und eine neue Methode der Stahlbereitung
von =Bessemer= -- 1869 -- identisch sind) wird das Roheisen mit
Natronsalpeter gefrischt. Hierdurch wird nicht nur das Roheisen entkohlt,
sondern auch der Phosphor und der Schwefel in Form von Phosphat und
Sulfat in die Schlacke getrieben. Die Einfhrung des =Salpeterfrischens=
in die Eisenindustrie scheint grosse Wichtigkeit erlangen zu wollen.

[Sidenote: Kohlungsstahl.]

II. Die zweite Hauptstahlart ist der =Kohlungsstahl= (Cementstahl),
welcher durch anhaltendes Glhen von Stabeisen mit kohlehaltigen
Substanzen, die zugleich Stickstoff enthalten, dargestellt wird. Um einen
guten Cementstahl zu erzeugen, ist es nothwendig, gutes Stabeisen
anzuwenden, wie es Schweden (namentlich Dannemora) und der Ural liefert.
Das schwedische Eisen (aus Magneteisenstein und Rotheisenstein
dargestellt) gelangt in grosser Menge nach Frankreich und England, um
dort in Cementstahl bergefhrt zu werden, da das englische Eisen und
selbst das beste nur zu gewhnlichen Stahlsorten zu verwenden ist. Der
Cementstahl (und neuerdings auch der Bessemerstahl) ist das Hauptmaterial
der englischen Gussstahlfabrikation, die ihren Sitz in Sheffield hat.

  Das Verfahren bei der Cementstahlfabrikation ist folgendes: Die
  Eisenstbe werden schichtenweise mit dem kohlehaltigen Pulver
  (Cementirpulver) in thnerne Ksten eingelegt, diese werden luftdicht
  verschlossen. Zwei solche Ksten sind in einem Ofen angebracht, der mit
  Steinkohlen, selten mit Holz gefeuert wird und 6 Tage in der Rothglut
  bleibt, worauf man ihn erkalten lsst und die in Stahl verwandelten
  Stbe herausnimmt. Ein Ofen enthlt 300-350 Ctr. Eisen. Die
  Cementirpulver mssen die zur Bildung von Cyankalium nthigen
  Bedingungen oder bereits fertig gebildetes Cyanmetall, wie z. B.
  Cyanbarium, enthalten, da, wie aus neueren Untersuchungen hervorzugehen
  scheint, das Cyan (CN) als Trger des Kohlenstoffs bei der
  Cementstahlbildung angesehen werden muss. Der durch Cementiren
  erhaltene Rohstahl ist nach der Operation brchig und auf seiner
  Oberflche gewhnlich blasig (daher sein Name =Blasenstahl=).

[Sidenote: Gerbstahl.]

  Sowol der Roh- als auch der Cementstahl sind sehr ungleichartig und
  lassen sich daher nicht direct verarbeiten, sondern mssen vorher durch
  =Gerben= oder =Raffiniren= homogen gemacht werden. Das Gerben geschieht
  dadurch, dass man die rohen Stbe zu dnnen flachen Stben ausreckt,
  diese rothglhend in kaltes Wasser wirft, mehrere davon zu einem Bndel
  (eine Zange oder Garbe) zusammenlegt, weissglhend macht und dann
  wieder unter dem Hammer oder zwischen Walzen ausreckt. Der Gerbstahl
  fhrt, weil er auch zu Tuch- und Schafscheeren verwendet wird, den
  Namen =Scheerenstahl=. Das Gerben eignet sich besser fr den Rohstahl
  als fr den Cementstahl, bei dessen Raffination das Umschmelzen
  geeigneter ist.

[Sidenote: Gussstahl.]

Der =Gussstahl=, welcher in der modernen Industrie zur Darstellung von
Kanonen, Glocken, Eisenbahn-Radreifen (Bandagen, Tyres), Achsen und
anderen Theilen von Locomotiven, Anker, Gewehrlufen, Pumpenstangen und
als Werkzeugstahl eine so wichtige Verwendung gefunden, wird durch
Umschmelzen von Frischstahl (Herdfrischstahl und Flammenofenfrischstahl),
Martinstahl, Bessemermetall oder Kohlungsstahl dargestellt. Durch
zweckmssige Auswahl des einzuschmelzenden Materials lsst sich jede
gewnschte Beschaffenheit des Gussstahls erlangen.

  Das Schmelzen des Stahles geschieht in feuerfesten Tiegeln (ohne
  Geblse) entweder bei Glhfeuer von Koks oder mittelst
  Steinkohlenflammenfeuer in nach Art der Glasfen construirten
  Flammengefssfen oder endlich mit Gasfeuerung und =Siemens='schen
  Regeneratoren. Der geschmolzene Stahl wird in eiserne Barrenformen
  gegossen. Nach dem Erkalten werden die Stahlbarren wieder glhend
  gemacht und unter Hmmern oder zwischen Walzen ausgereckt; das so
  bearbeitete Metall heisst alsdann =raffinirter Gussstahl=. Derselbe ist
  weit vorzglicher als Stahl aus demselben Eisen, das aber durch Gerben
  von rohem Cementstahl bereitet wurde. In Preussen hat sich die
  Gussstahlfabrikation hauptschlich auf das Ruhrsteinkohlenbecken
  concentrirt, und die bedeutendste Fabrik dort und wol berhaupt Europas
  ist die von =Fr. Krupp= in Essen, deren Hauptmaterial Puddelstahl
  ist[4]. Bei der Vollkommenheit des Gussstahles und der Mglichkeit
  dieses in Beziehung auf Festigkeit, Zhigkeit, Elasticitt und Hrte
  beste aller Materialien durch Giessen in die gewnschte Form bringen zu
  knnen, ist der Anwendung des Gussstahls ein grosses Feld geffnet und
  der Maschinenconstruction ein weites unschtzbares Mittel geboten.

  [4] Im Jahre 1864 producirte die =Krupp='sche Gussstahlfabrik mit 6600
      Arbeitern 54 Millionen Pfd. Gussstahl. In der Fabrik befinden sich
      363 Dampfmaschinen (mit 3160 Pferdekraft) und 34 Dampfhmmer. Im
      Januar 1866 beschftigte das Etablissement ber 8000 Arbeiter. Die
      Produktion von 1865 betrug 100, die von 1866 etwa 120 Millionen
      Pfd. Gussstahl. Die 1867 auf dem Marsfelde in Paris ausgestellte
      Krupp'sche Gussstahlkanone wog 1000 Ctr. Die Bochumer
      Gussstahlfabrik hatte unter anderm auch eine Glocke von fast 300
      Centner Gewicht geliefert, so wie ein interessantes
      Gussstahlobject, bestehend aus 22 aneinanderhngenden, ein einziges
      Stck bildenden Wagenrdern.

[Sidenote: Stahl aus Schmiedeeisen und Roheisen.]

III. Eine dritte Stahlsorte ist die durch Zusammenschmelzen von Roheisen
(Spiegeleisen) und Schmiedeeisen dargestellte. Die Zhigkeit, Hrte und
Schweissbarkeit des so erhaltenen Stahles -- im Jahre 1867 auf der
Pariser Ausstellung in der italienischen Abtheilung unter dem Namen
=Glisentistahl= ausgestellt -- sind von der Quantitt des zugesetzten
Schmiedeeisens abhngig. In gewisser Hinsicht ist der Martinstahl hierher
zu rechnen.

[Sidenote: Versthlen.]

Oftmals ist es zu gewissen technischen Zwecken hinreichend, weiches Eisen
nur auf seiner Oberflche in Stahl zu verwandeln. Man nennt diese
Operation die =Versthlung= oder die =Einsatzhrtung=; sie wird
ausgefhrt, indem man den zu versthlenden Gegenstand auf der Oberflche
mittelst Smirgel reinigt, ihn mit einem kohlehaltigen Cementpulver
(vergl. Seite 27) einschichtet und in einem gewhnlichen Windofen ohne
Geblse glht. An der Oberflche verwandelt man das Eisen in Stahl, indem
man dasselbe im glhenden Zustande mit Blutlaugensalzpulver oder mit
einem Gemenge von Thon und Boraxpulver berstreut.

[Sidenote: Eigenschaften des Stahls.]

[Sidenote: Anlassen des Stahls.]

[Sidenote: Stahl mit anderen Metallen.]

[Sidenote: Damascenerstahl.]

Stahl ist von lichtgrauweisser Farbe, nicht sehr starkem Glanz, krnigem
und gleichartigem Bruche, und von je dichterem Korne, je besser er ist.
Die krnige Textur des Stahles ist charakteristisch; guter weicher Stahl
zeigt nie die grobkrnige Textur des grauen Roheisens, noch das Sehnige
des Schmiedeeisens. Gehrteter Stahl gleicht auf seiner Bruchflche dem
feinsten Silber und die Krner sind kaum mit unbewaffnetem Auge zu
unterscheiden. Er lsst sich, gleich dem Schmiedeeisen, im glhenden
Zustande schneiden und schweissen; nur ist er dabei vorsichtiger zu
behandeln, um eine Entkohlung zu vermeiden. Er ist ferner schmelzbar wie
das Gusseisen und vereinigt deshalb die Vorzge desselben mit denen des
Schmiedeeisens. Durch Eintauchen von weichem Stahl in verdnnte Salzsure
oder Salpetersure wird die Textur desselben blossgelegt, welches Mittel
zur Beurtheilung und Vergleichung der Qualitt des Stahles anwendbar ist.
-- Sein specifisches Gewicht variirt zwischen 7,62-7,81. Es vermindert
sich beim Hrten (z. B. von 7,92 auf 7,55). Der Kohlenstoffgehalt
differirt von 0,6-1,9 Proc. Durch den grsseren Gehalt an Kohlenstoff
nimmt die Festigkeit und Hrte des Stahles zu. Der Stahl enthlt keinen
Graphit. Die sich als Elasticitt ussernde Biegsamkeit, welche guter
Stahl in hohem Grade besitzt, nimmt mit der Hrte ab. Im glhenden
Zustande abgelscht, gewinnt der Stahl an Hrte und Sprdigkeit, so dass
er Glas ritzt und der Feile widersteht. Ein polirtes Stahlstck nimmt bei
allmligem Erhitzen nach und nach verschiedene Farben (Anlauffarben) an.
Durch das Erhitzen des Stahls bildet sich nmlich auf der Oberflche
desselben eine dnne Oxydschicht, welche die Farben dnner Schichten
zeigt, die wir an den Seifenblasen und dann bemerken, wenn wir einen
Tropfen Oel auf Wasser giessen; die wir ferner bei der =Metallochromie=
wahrzunehmen Gelegenheit haben. Man nennt diese Operation, welche das
farbige Anlaufen des Stahles zum Zwecke hat, das =Anlassen= (Nachlassen).
Zur richtigen Beurtheilung der Temperatur und des davon abhngigen
Hrtegrades bedient man sich der Anlauffarben. Da es ziemlich schwierig
ist, ein Stahlstck gleichmssig zu erwrmen, so bedient man sich
zuweilen zu diesem Zwecke der Metallbder. Man benutzt verschiedene
Legirungen von Zinn und Blei, die man bis auf ihren Schmelzpunkt erhitzt.
In das geschmolzene Metall wird der glasharte Stahl so lange eingetaucht,
bis er die Temperatur des Metallbades angenommen hat. Folgende Tabelle
giebt die Zusammensetzung der Metallbder, wie sie fr das Anlassen
schneidender Stahlinstrumente durch Erfahrung am zweckmssigsten befunden
worden ist:

  ===========================+===================+========+===============
      Name des Instruments.  |     Metallbad.    |Schmelz-|  Anlauffarbe.
                             |                   | punkt. |
  ---------------------------+--------+----------+--------+---------------
                             | Pb.    |   Sn.    |        |
  Lanzetten                  |  7     |    4     |  220  |Kaum blassgelb.
  Rasirmesser                |  8     |    4     |  228  |Blassgelb bis
                             |        |          |        |  strohgelb.
  Federmesser                |  8-1/2 |    4     |  232  |Strohgelb.
  Scheeren                   | 14     |    4     |  254  |Braun.
  Aexte, Hobeleisen,         |        |          |        |
   Taschenmesser             | 19     |    4     |  265  |Purpurfarbig.
  Klingen, Uhrfedern,        |        |          |        |
  Crinolinfedern             | 48     |    4     |  288  |Hellblau.
  Dolche, Bohrer, feine Sgen| 50     |    2     |  292  |Dunkelblau.
                             |-------------------|        |
  Hand-, Lochsgen           |in kochendem Leinl|  316  |Schwarzblau.[5]

Je niedriger man den Stahl erhitzt, um so hrter, aber auch um so sprder
bleibt er. Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass noch andere Substanzen
als Kohle Eisen in Stahl umzuwandeln vermgen; das Hrten des
Eisens mittelst Borax deutet darauf hin, dass der Kohlenstoff durch das
der Kohlenstoffgruppe ungehrige Bor, vielleicht auch durch Silicium
ersetzt werden knne. Ferner ist es ausser allem Zweifel, dass ausser dem
Kohlenstoff Beimengungen anderer Metalle dem Stahl vorzgliche
Eigenschaften ertheilen knnen, so verdankt der =Wolframstahl=, welcher
seit einigen Jahren, namentlich in Steiermark, erzeugt wird, seine
vorzglichen Eigenschaften, die in besonderer Festigkeit und grosser
Hrte bestehen, dem Vorhandensein von kleinen Mengen Wolfram. Eine
berhmte Sorte des Stahls ist der =Damascenerstahl=, der zur Herstellung
der Damascenerklingen dient, zu welchem jedoch das Rohmaterial aus Kabul
in Afghanistan bezogen wird; er besitzt die Eigenschaft, wenn seine
Oberflche mit Sure getzt wird, ungleichfrmige Adern (Damascirung) zu
zeigen; auch durch Umschmelzen verliert er diese Eigenschaft nicht. Man
hat sie durch die Annahme zu erklren gesucht, dass der Kohlenstoff mit
dem Eisen in verschiedener Weise verbunden sei, und dass diese
verschiedenen Kohlenstoffverbindungen je nach ihrer grsseren oder
geringeren Neigung zu krystallisiren sich trennen. Dieser Stahl (auch
=Wootz= genannt) wird in Ostindien von den Eingebornen dargestellt, indem
das nach einem sehr unvollkommenen Processe dargestellte Roheisen in
zerhacktem Zustande mit 10 Proc. zerschnittenem Holze der _Cassia
auriculata_ gemengt, das Gemenge in Schmelztiegel gebracht und darin mit
Blttern der _Asclepias gigantea_ bedeckt wird; die Tiegel werden mit
feuchtem Thon verstrichen und in einem Ofen bei mglichst niederer
Temperatur ungefhr 2-1/2 Stunde lang erhitzt. Der erhaltene
aluminiumhaltige Stahl wird vor dem Ausschmieden nochmals erhitzt.

  [5] Im Allgemeinen giebt man die =gelbe= Anlauffarbe Werkzeugen, welche
      sehr hart bleiben sollen, mithin allen zur Bearbeitung des Eisens
      und von harten Gesteinen dienenden, dann Rasirmessern,
      chirurgischen Instrumenten, Grabsticheln, Stempeln, Zieheisen etc.;
      die =purpurrothe= Farbe meist den Werkzeugen zur Holzbearbeitung;
      die =violette= bis =dunkelblaue= Farbe erhalten Gegenstnde, die
      zugleich Elasticitt (Federhrte) besitzen sollen, wie Uhrfedern,
      Klingen, Sensen, Sicheln, Hand- und Lochsgen.

Als Beispiel der Zusammensetzung einiger Stahlsorten seien folgende
Analysen angefhrt:

                  1.       2.       3.        4.      5.      6.     7.
  Eisen         97,91    98,154   98,602    98,75   99,01   99,12  99,351
  Kohlenstoff {C[Greek: g]}
              {C[Greek: b]}
                 1,69    1,730     1,380     1,02    0,41}
                         0,010     Spur      0,15    0,08}   1,87   0,532
  Silicium       0,03    0,202     0,006     0,04     --     0,10   0,032
  Schwefel       Spur    0,003      --        --      --      --    0,001
  Phosphor        --      --       Spur       --      --      --    0,001
  Mangan          --      --       0,012      --      --      --     --
  Kupfer         0,37     --        --        --      --      --     --
               100,00  100,000   100,000   100,00    99,5  101,09  99,917

1) Raffinirter Gerbstahl von Siegen. 2) Gussstahl von Schmalkalden. 3)
Puddelstahl. 4) Russische Gussstahlkanone. 5) Cementstahl von Elberfeld.
6) Englischer Cementstahl. 7) Kruppstahl.

[Sidenote: Stahlstich.]

  Zum Graviren und Aetzen von Stahl (=Siderographie=) benutzt man Platten
  aus Gussstahl, entkohlt sie auf der Oberflche, um sie zum Graviren
  geeignet zu machen und verwandelt sie nach dem Graviren wieder in
  Stahl. Eine solche Platte dient als Matrize, um mittelst derselben
  Patrizen anzufertigen, die zur beliebigen Uebertragung des Stiches auf
  andere Platten benutzt werden. Zur Anfertigung der Patrizen dient eine
  Walze aus Gussstahl, die eine so grosse Oberflche besitzen muss, dass
  diese die Platte gerade bedeckt. Die Walze wird auf der Oberflche
  entkohlt und sodann gegen die Matrize gepresst, sodass die Zeichnung
  erhaben auf der Matrize zum Vorschein kommt. Die Patrize wird darauf
  gehrtet und kann nun benutzt werden, um auf Kupfer oder weich gemachte
  Stahlplatten die Zeichnung zu bertragen. Anstatt des Gravirens der
  Platten wendet man auch das Aetzen an, zeichnet wie gewhnlich und tzt
  sodann die Zeichnung in den Stahl mittelst einer Aetzflssigkeit ein;
  als solche benutzt man Salpetersure oder salpetersaures Silberoxyd
  oder schwefelsaures Kupferoxyd. Eine vorzgliche Aetzflssigkeit ist
  eine Auflsung von 2 Th. Jod und 5 Th. Jodkalium in 40 Th. Wasser.

[Sidenote: Gegenwrtiger Zustand der Eisenindustrie.]

  Die internationalen Industrieausstellungen zu London (1851 und 1862)
  und Paris (1855 und 1867) haben die enormen Fortschritte der
  Stahlindustrie seit einem Vierteljahrhundert vor Augen gefhrt. Die in
  der That bewunderungswrdigen Erfolge lassen sich in folgende zwei
  Punkte zusammenfassen: 1) Fr einen bedeutenden Theil der jetzigen
  Stahlfabrikation tritt als bezeichnend das Streben nach massenhafter
  und wohlfeiler Produktion solchen Stahles auf, welcher -- in Folge
  grsserer Festigkeit und geringerer Abnutzbarkeit -- vortheilhaft als
  Ersatz des Schmiedeeisens und der Bronze zu grossen Objecten verwendet
  werden kann, keineswegs aber zu feineren Arbeiten ohne Weiteres eine
  gleiche Brauchbarkeit besitzt. Man braucht in dieser Hinsicht nur an
  die Kanonen, die Eisenbahnschienen, die Thurmglocken, die Wellbume fr
  Dampfboote u. s. w. zu erinnern, welche in Menge schon aus Stahl
  hergestellt werden. Auf vorzgliche Gte des Stahles wird Verzicht
  geleistet, daher die steigende Ausdehnung der Fabrikation von
  Puddelstahl auf Kosten der Schmelz- und Rohstahlbereitung und in der
  Gussstahlfabrikation, die besonders zur Erzeugung eines Massestahls von
  homogener Beschaffenheit geeignet ist, die Einfhrung von Methoden,
  welche auf die directe Verwendung des Roheisens (nach den Verfahren von
  =Bessemer=, =Heaton=, =Hargreaves=, =Martin= und =Uchatius=), ja selbst
  auf die der Eisenerze (nach den Vorschlgen von =Chenot=,
  =Liebermeister= und =Gurlt=) sich sttzen. 2) Ein neues, usserst
  schtzbares Material ist der Stahlindustrie in dem zhen Massen- oder
  Maschinengussstahl geworden, welcher, zu verhltnissmssig niedrigen
  Preisen dargestellt, Anwendungen gestattet, zu denen man frher nur
  Schmiedeeisen nahm. In diese Kategorie gehrige Stahlsorten sind der
  =Krupp='sche Maschinengussstahl, der Bessemerstahl, sowie jene
  Stahlsorten, welche man (wie den Martinstahl) durch Zusammenschmelzen
  von Roheisen oder Schmiedeeisen oder mit Eisenoxyd erhlt. Wie es
  scheint, wird der Gussstahl das Schmiedeeisen im Maschinenbau
  verdrngen, sich auch an die Stelle des kohlenstoffreicheren harten
  oder Werkzeugstahles setzen, sofern es sich um Artikel handelt, welche
  der knstlichen Hrtung nicht bedrfen. Diese Umwlzung, welche der
  Stahlindustrie einen total vernderten Charakter verleiht, ist bereits
  in bedeutendem Grade fortgeschritten und entwickelt sich tglich mehr.

  Die jhrliche =Stahlproduktion= in Europa lsst sich (1870) auf
  6,285,000 Zollcentner ( 50 Kilogr.) schtzen, davon kommen auf

                     Grossbritannien      2,300,000
                     Frankreich           1,350,000
                     Belgien                125,000
                     Norddeutscher Bund   1,120,000
                     Oesterreich            900,000
                     Schweden               250,000
                     Russland               150,000
                     Italien                 75,000
                     Spanien                 15,000
                                          ------------------
                                          6,285,000 Centner.

  Von den 1,120,000 Ctr. Stahl, welche der norddeutsche Bund producirt,
  kommen auf die lteren preussischen Provinzen (annhernd) 998,000 Ctr.;
  diese vertheilen sich auf

                     Westphalen             780,000
                     Rheinprovinz           194,000
                     Schlesien               18,000
                     Sachsen                  8,000
                                            ----------------
                                            998,000 Centner.

  Von den 1,350,000 Centnern Stahl, welche Frankreich producirt, sind

                     Herd- und Puddelstahl  360,000
                     Cementstahl            150,000
                     Gussstahl              180,000
                     Bessemerstahl          660,000
                                          ------------------
                                          1,350,000 Centner.


                             Eisenprparate.

[Sidenote: Eisenvitriol.]

Der =Eisenvitriol= (grner Vitriol, Kupferwasser, schwefelsaures
Eisenoxydul, Ferrosulfat (FeSO_{4} + 7H_{2}O) kommt in grnlichen
Krystallen im Handel vor, die einen zusammenziehenden, tintenartigen
Geschmack besitzen, an der Luft leicht verwittern und sich dabei mit
einem gelben Pulver -- basisch schwefelsaurem Eisenoxyd -- berziehen, zu
welchem zuletzt die Krystalle gnzlich zerfallen. 100 Th. krystallisirter
Eisenvitriol (im chemisch reinen Zustande) bestehen aus:

                        26,10 Th. Eisenoxydul,
                        29,90  "  Schwefelsure,
                        44,00  "  Wasser.

[Sidenote: Darstellung des Eisenvitriols neben der Alaunfabrikation.]

[Sidenote: Darstellung des Eisenvitriols auf Bhnen.]

[Sidenote: Aus abdestillirtem Schwefelkies.]

[Sidenote: Aus Eisen und Schwefelsure.]

Da die Alaunerze, welche zur Alaunfabrikation angewendet werden, stets
=Schwefelkies= (FeS_{2}), sei es als Eisenkies oder als Vitriolkies,
enthalten, welcher durch Verwittern und Rsten in schwefelsaures
Eisenoxydul und Eisenoxyd bergeht, so erhlt man den Eisenvitriol sehr
hufig als Nebenprodukt bei der Alaunfabrikation, indem man die
eisenhaltigen Mutterlaugen abdampft und krystallisiren lsst. In einigen
Gegenden, wie zu Goslar am Harz, gewinnt man zuerst durch Abdampfen der
Flssigkeit, die man durch Auslaugen der verwitterten Kiese erhalten hat,
Eisenvitriol, und setzt zu der zurckgebliebenen Lsung eine Kali- oder
Ammoniakverbindung, um daraus Alaun zu gewinnen. -- Aus Stein- und
Braunkohlenlagern, in denen sich hufig Schwefelkies und Magnetkies in
grosser Menge findet, die sich leicht zu Eisenvitriol und Schwefelsure
oxydiren, gewinnt man den Eisenvitriol, indem man in einer mit Lehm
wasserdicht gemachten Grube das Erz ausbreitet und dort jahrelang liegen
lsst. Die Grube ist nach der einen Seite zu geneigt, auf dieser Seite
befindet sich ein ebenfalls wasserdichter Behlter. Wenn es auf diese
Haufen (=Bhnen=) regnet, so lst das Wasser den entstandenen
Eisenvitriol auf und fliesst in den Behlter, in welchem sich
Eisenabflle befinden, um das Eisenoxyd in Oxydul umzuwandeln und die
freie Schwefelsure abzustumpfen. Aus diesem Behlter pumpt man die
Lsung in die Abdampfpfannen, in welchen sie zur Krystallisation
abgedampft wird. In Gegenden, in welchen vortheilhaft aus Schwefelkies
Schwefel destillirt werden kann, benutzt man den abdestillirten
Schwefelkies (Schwefelbrand, Abbrand) durch Verwitternlassen und
Auslaugen auf Eisenvitriol. Aus den zur Eisenvitriolfabrikation
verwendeten Erzen gehen natrlicherweise mancherlei fremde Bestandtheile
in den Eisenvitriol ber, die denselben verunreinigen. Zuweilen stellt
man den Eisenvitriol aus Eisenabfllen und Kammersure oder solcher
Schwefelsure dar, welche bereits zur Reinigung von Rohpetroleum etc.
gedient hat.

[Sidenote: Aus Spatheisenstein und Schwefelsure.]

[Sidenote: Traubenvitriol.]

[Sidenote: Schwarzvitriol.]

  Dort, wo die localen Verhltnisse es gestatten, gewinnt man
  Eisenvitriol oft sehr wohlfeil durch Auskochen von gepochten
  Eisenfrisch- und Puddelschlacken mit Schwefelsure. Wo Spatheisenstein
  (kohlensaures Eisenoxydul FeCO_{3}) rein vorkommt, kann man sich
  desselben zur Bereitung des Eisenvitriols bedienen, indem man das
  Mineral in Schwefelsure lst und die Lsung zum Krystallisiren
  abdampft. Die im Grossen erhaltene Eisenvitriollsung wird in die
  Krystallisirgefsse gegossen, in welche man gewhnlich Holzstbe oder
  Strohhalme gestellt hat. Die an den Stben sich absetzenden Krystalle
  bilden den sogenannten =Traubenvitriol=. Die am Boden und an den
  Wandungen befindlichen Krystalle, die =Tafeln=, sind minder schn
  krystallisirt. Durch verschiedene Metallsalze verunreinigt, existirt im
  Handel eine fast dunkelbraune Art von Eisenvitriol, der sogenannte
  =Schwarzvitriol=, der aber auch zuweilen auf den Htten angefertigt
  wird, indem man grnen Eisenvitriol durch einen Aufguss von
  Erlenblttern oder Gallpfeln schwarz frbt.

[Sidenote: Anwendung des Eisenvitriols.]

  Der Eisenvitriol dient hauptschlich als Desinfectionsmittel, dann auch
  in der Frberei zum Schwarzfrben, indem das Oxydul des Eisenvitriols
  sich zu Oxyd oxydirt, und in diesem Zustande durch die in den
  Gallpfeln, der Eichenrinde, dem Quercitron, dem Gelbholz, dem
  Fustikholz u. s. w. enthaltene Gerbsure in gerbsaures Eisenoxyd
  verwandelt wird; es wird ferner angewendet zur Bereitung der Tinte, zum
  Desoxydiren des Indigs (Bereitung der kalten Kpe), zum Reinigen des
  Leuchtgases, zum Fllen des Goldes aus seinen Lsungen; zur Darstellung
  von Berlinerblau und zum Blaufrben, zur Darstellung der rauchenden
  Schwefelsure und noch zu vielen anderen Zwecken.

[Sidenote: Eisenmennige.]

  Die =Eisenmennige= (_minium de fer_), die seit einiger Zeit zum
  Anstreichen als Ersatzmittel der gewhnlichen Mennige empfohlen worden
  ist, besteht aus Eisenoxyd und Thon und erscheint als ein feines Pulver
  von dunkelrothbrauner Farbe. Eine hollndische Eisenmennige bestand
  aus:

                            Eisenoxyd   85,57
                            Thon         8,43
                            Wasser       6,00
                                       ------
                                       100,00

  Die Eisenmennige ist zum Anstreichen weit vortheilhafter als die
  Bleimennige. Die Kosten eines Anstriches verhalten sich wie 20
  (Eisenmennige) und 39 (Bleimennige). In vorzglicher Qualitt wird die
  Eisenmennige in der Fabrik von =Schloer= und =Leroux= zu Hellziehen in
  der bayerischen Oberpfalz producirt. --

[Sidenote: Blutlaugensalz.]

Das =gelbe Blutlaugensalz= (Ferrocyankalium, Kaliumeisencyanr,
blausaures Eisenoxydul-Kali oder Blausalz; K_{4}FeCy_{6} + 3H_{2}O), ist
ein in technischer Beziehung beraus wichtiger Krper. Das Blutlaugensalz
krystallisirt in grossen, blass citronengelben Prismen, die luftbestndig
und nicht giftig sind, bitterlich sss schmecken, sich in 4 Th. kaltem
und 2 Th. siedendem Wasser, aber nicht in Alkohol lsen. Es besteht in
100 Theilen aus:

                       37,03 Kalium,
                       17,04 Kohlenstoff, } Cyan,
                       19,89 Stickstoff,  }
                       13,25 Eisen,
                       12,79 Wasser.

Bei der Temperatur des siedenden Wassers verlieren die Krystalle ihr
Wasser.

[Illustration: Fig. 16.]

[Illustration: Fig. 17.]

Im Grossen stellt man das Blutlaugensalz dar, indem man stickstoffhaltige
Kohle, wie die aus Horn, Blut, Klauen, Wollstaub, Lederabschnitten, mit
Potasche (d. h. mglichst schwefelfreies Kaliumcarbonat) in eisernen
Gefssen glht. Man nimmt entweder auf 100 Th. Potasche 75 Th. einer
solchen Kohle, oder nach =Runge= auf 100 Th. Potasche 400 Th. Hornkohle
und 10 Th. Eisenfeile. Das Zusammenschmelzen der Rohmaterialien geschieht
entweder in geschlossenen eisernen Gefssen (Muffeln, Birnen) oder in
offenem Flammenofenfeuer. Die =Muffel= oder die Birne (Fig. 16) ist ein
ei- oder birnenfrmiger gusseiserner Kessel _a_ von 1,2 Meter Durchmesser
in der Lnge und 0,8 Meter in der Breite; ihre Seitenwnde sind 12-15
Centim. stark. Am vordern Theile befinden sich eine Mndung von 27
Centim. Durchmesser mit einem kurzen, nach aussen etwas geschweiften Hals
und am hintern Theile ein kegelfrmiger dreieckiger Zapfen von 27-30
Centim. Lnge. Die Muffel ist in etwas geneigter Lage in einen Ofen
eingemauert (sodass der Zapfen etwas tiefer liegt als die Mndung) und
der Bauch in dem Ofenraum frei liegt und auf der untern und obern Seite
von der vom Rost _b_ aufsteigenden Flamme getroffen wird. Der Rauch zieht
durch _c_ ab. Die Mauerffnung _g_, durch die man zu dem Schmelzkessel
gelangt, ist durch eine eiserne Platte _m_ geschlossen, wobei jedoch die
der Birne entstrmenden Gase ungehindert durch _c_ nach dem Schornstein
_e_ entweichen knnen. In der ber dem Schmelzkessel befindlichen Pfanne
_i_ wird spter die Lauge verdampft. Da diese Muffeln sehr bald
durchlchert sind, so ist ihr Gebrauch sehr kostspielig. Durch Umdrehen
der Muffel im Ofen, sodass die durchlcherte Stelle nach oben kommt, und
Verschmieren derselben mit Lehm kann sie allerdings noch einige Zeit
benutzt werden. Diese Gefsse sind jedoch jetzt fast berall durch
gusseiserne Kessel ersetzt, welche die Sohle eines =Flammenofens= bilden.
Der Kessel oder die Schale _a_ (Fig. 17) ist 10 Centim. dick, hat einen
Durchmesser von 1-1,8 Meter und einen etwa 10 Centim. hohen Rand. Auf den
Rost _b_ in einer Schachtfeuerung wird das Brennmaterial geworfen, dessen
luftfreie Flamme ber die Feuerbrcke _g_ in den Schmelzraum und dann
nach dem etwas tiefer liegenden Fuchs _c_ in den Schornstein _e_ geht,
wenn man es nicht vorzieht, die Verbrennungsgase vorerst unter eine oder
zwei Abdampfpfannen zu fhren. Die erhaltene schwarze Masse, die
sogenannte =Schmelze=, wird mit siedendem Wasser ausgezogen. Die
Flssigkeit heisst die =Rohlauge= oder =Blutlauge=. Aus ihr krystallisirt
beim Erkalten Blutlaugensalz heraus, das durch Umkrystallisiren gereinigt
wird. Die ausgelaugten Rckstnde (die =Schwrze= oder der =Satz=) werden
als Dnger verwendet.

  Die Theorie der Bildung des Blutlaugensalzes ist folgende: Es treten
  kohlensaures Kalium, schwefelsaures Kalium, stickstoffhaltige Kohle und
  Eisen in Wechselwirkung. Durch die Einwirkung der Kohle entsteht Kalium
  und Schwefelkalium. Letzteres giebt seinen Schwefel an das Eisen ab und
  bildet Schwefeleisen, whrend zugleich der Stickstoff der Kohle durch
  Veranlassung des Kaliums mit dem Kohlenstoff Cyan bildet, welches mit
  dem Kalium zu Cyankalium zusammentritt. Beim Auslaugen der Schmelze mit
  Wasser zersetzen sich Cyankalium und Schwefeleisen gegenseitig, wodurch
  Blutlaugensalz und Schwefelkalium entsteht, welches aufgelst in der
  Mutterlauge zurckbleibt. Nach =Emil Meyer= (1868) ist es
  vortheilhafter, zur Ueberfhrung des Cyans in Ferrocyan eine andere
  Eisenverbindung als das Schwefeleisen zu whlen. Er empfiehlt in dieser
  Beziehung Eisencarbonat. Das Ferrocyankalium krystallisirt berdies aus
  Lsungen, die frei von Schwefelkalium sind, viel vollstndiger und
  reiner. =v. Liebig= hat nachgewiesen, dass in der Schmelze nur
  Cyankalium und das Eisen, nicht aber Blutlaugensalz enthalten ist. Erst
  durch Behandeln der Schmelze mit Wasser oder durch die Einwirkung von
  feuchter Luft erzeugt sich Blutlaugensalz. Hufig setzt man bei dem
  Schmelzprocesse Leder, getrocknetes Blut etc. unverkohlt zu, was den
  Vortheil hat, dass das sich entwickelnde Ammoniak die Bildung von
  Cyankalium veranlasst. Ein sehr zweckmssiges Material der
  Blutlaugensalzfabrikation ist nach =P. Havrez= (in Verviers) der
  =Wollschweiss=, welcher nicht nur das Kali, sondern auch eine gewisse
  Menge Stickstoff und ausserdem Heizmaterial liefert. 100 Kil.
  Wollschweiss enthalten 40 Kil. Kaliumcarbonat, 1-2 Kil. Cyankalium und
  ber 50 Kil. brennbare Kohlenwasserstoffe, deren Heizwerth mindestens
  dem von 40 Kil. Steinkohle gleich ist.

  Man hat auch versucht, durch die Einwirkung von =Ammoniak= auf
  glhendes Kaliumcarbonat, sowie unter Mitwirkung des =Stickstoffs der
  atmosphrischen Luft= Cyankalium zu erzeugen. Letztere Methode besteht
  darin, dass man mit 30 Proc. Kaliumcarbonat getrnkte, gepulverte
  Holzkohle in stehenden, weiten, thnernen Cylindern 10 Stunden lang in
  der Weissglhhitze erhlt und Luft durchleitet. Die durchgeglhte Kohle
  wird mit gepulvertem Spatheisenstein gemengt und ausgelaugt. Es hat
  indessen nicht den Anschein, als ob dieses neue Verfahren fr jetzt das
  ltere zu verdrngen geeignet wre. Mehr Aussicht auf Erfolg hat die
  Darstellung von =Cyanbarium= mit Hlfe des atmosphrischen
  Stickstoffes, da der Baryt erfahrungsmssig weit leichter als das Kali
  Kohlenstoff und Stickstoff zu Cyan vereinigt, und die Ueberfhrung des
  Cyanbariums in Blutlaugensalz. Nach dem Verfahren von =Glis= (1861)
  stellt man Blutlaugensalz durch gegenseitige Einwirkung von
  =Schwefelkohlenstoff= und =Schwefelammon= dar; das so erhaltene
  Sulfocarbonat wandelt man durch Schwefelkalium in Schwefelcyankalium
  um, wobei Schwefelammon und Schwefelwasserstoff verflchtigt werden.
  Das Schwefelcyankalium endlich wird durch Glhen mit Eisen in
  Blutlaugensalz (und Schwefeleisen) bergefhrt. Nach einem im Jahre
  1863 von =H. Fleck= beschriebenen Verfahren der
  Blutlaugensalzfabrikation bildet sich durch Einwirkung eines Gemisches
  von =schwefelsaurem Ammon=, Schwefel und Kohle auf schmelzendes
  Schwefelkalium zunchst Schwefelcyankalium in der Schmelzmasse. Die
  Hlfte des als schwefelsaures Ammon angewendeten Stickstoffes bleibt
  als Cyan in der Schmelze, whrend die andere Hlfte als Schwefelammon
  entweicht, welches wieder in schwefelsaures Ammon bergefhrt wird. Das
  Schwefelcyankalium setzt sich mit metallischem Eisen in Cyankalium und
  Schwefeleisen um, welches letztere wieder dazu dient, um die Bildung
  von Blutlaugensalz in der Schmelzlsung zu bewirken.

[Sidenote: Anwendung des gelben Blutlaugensalzes.]

  Das gelbe Blutlaugensalz dient in der Technik zur Darstellung des
  rothen Blutlaugensalzes, des Berliner Blaues, des Cyankaliums, in der
  Frberei zur Erzeugung von Blau und Braunroth, sowie zur
  oberflchlichen Umwandlung des Eisens in Stahl (Einsatzhrtung). Seit
  etwa zwanzig Jahren wird es auch zur Fabrikation von sogenanntem
  amerikanischem oder weissen Schiesspulver und gewissen Sorten von
  Sprengpulver verwendet.

[Sidenote: Rothes Blutlaugensalz.]

Das =rothe Blutlaugensalz= (Ferridcyankalium, Kaliumeisencyanid oder
Gmelins Salz; K_{3}FeCy_{6}) ist ein ebenfalls in der Frberei hufig
angewendeter Krper. Dieses Salz krystallisirt in wasserfreien, schnen
rothen Sulen, die sich in 4 Th. Wasser lsen. Es besteht in 100 Theilen
aus:

                        35,58 Kalium,
                        21,63 Kohlenstoff } Cyan,
                        25,54 Stickstoff  }
                        17,29 Eisen.

Man stellt es dar, indem man entweder durch eine Lsung des gelben
Blutlaugensalzes Chlorgas leitet, bis Eisenoxyd nicht mehr gefllt wird
und die Lsung zum Krystallisiren abdampft; oder auf trockenem Wege,
indem man fein zerriebenes gelbes Blutlaugensalz der Wirkung von Chlorgas
aussetzt, wobei es hufig umgerhrt, oder in einem Fasse, welches sich
langsam um seine Achse dreht und in welches man das Chlorgas einleitet,
bewegt werden muss. Sobald man bemerkt, dass das Chlor unabsorbirt durch
die Masse hindurchgeht, muss die Operation unterbrochen und das Pulver
der Wirkung des Chlors entzogen werden. Man lst dann in mglichst wenig
Wasser; rothes Blutlaugensalz krystallisirt heraus, whrend Chlorkalium
gelst bleibt:

                K_{4}FeCy_{6}  +  Cl = KCl  +  K_{3}FeCy_{6}.
           Gelbes Blutlaugensalz.          Rothes Blutlaugensalz.

Nach =E. Reichardt= (1869) lsst sich das Chlor mit gutem Erfolge durch
Brom ersetzen. Das rothe Blutlaugensalz dient hauptschlich zum
Blaufrben von Wollstoffen und (mit Natron- oder Kalilauge gemischt) als
Aetzmittel (Mercer's Liquor) in der Kattundruckerei.

[Sidenote: Cyankalium.]

  Das =Cyankalium= oder blausaure Kali (KCy) findet in der galvanischen
  Vergoldung und als Reductionsmittel vielfache Anwendung. Ausserdem wird
  es in neuerer Zeit vielfach zur Herstellung des _Grnat soluble_
  (isopurpursaures Kali) aus Pikrinsure benutzt. Es steht zu erwarten,
  dass diese Verbindung bald im Grossen und billiger dargestellt werden
  wird, um eine noch ausgedehntere Anwendung zu erlangen. Man erhlt es,
  indem man getrocknetes Blutlaugensalz in einem Porzellantiegel erhitzt,
  so lange noch Stickstoffgas entweicht. Am Boden des Tiegels sondert
  sich Kohleneisen ab, whrend das darber stehende Cyankalium abgegossen
  wird (K_{4}FeCy_{6} = 4KCy + FeC_{2} + 2N). Aus 10 Th. Blutlaugensalz
  erhlt man 7 Th. Cyankalium. Dass das Cyankalium als Hochofenprodukt
  sich bildet, ist Seite 13 angegeben worden. Nach =Liebig='s Methode
  erhitzt man ein Mol. Blutlaugensalz mit einem Mol. kohlensaurem Kali.
  Zehn Theile Blutlaugensalz geben nach diesem Verfahren 8,8 Th.
  Cyankalium, das mit 2,2 Th. cyansaurem Kali gemengt ist. Fr technische
  Zwecke ist ein Gemenge von Cyankalium mit Cyannatrium (=Cyansalz=
  genannt) bedeutend wohlfeiler. Man stellt es dar, indem man 9 Th.
  trockenes gelbes Blutlaugensalz mit 2 Th. trockenem Natriumcarbonat
  zusammenschmilzt. Die Masse schmilzt sehr bald und das Eisen des
  Blutlaugensalzes sondert sich vollstndig und leicht von der
  dnnflssigen Masse ab. Das so dargestellte Cyansalz wird an der Luft
  minder leicht zersetzt als das Cyankalium und lsst sich bei weit
  niedrigerer Temperatur darstellen.

[Sidenote: Berliner Blau.]

=Berliner Blau=, =Pariser Blau=, Eisencyanrcyanid. Man unterscheidet
drei verschiedene Sorten Berlinerblau, die sich von einander durch ihre
Bereitungsweise und ihre Zusammensetzung unterscheiden, nmlich das
neutrale, das basische Berlinerblau und ein Gemisch von beiden.

  [Greek: a]) Das =neutrale Berlinerblau= (Pariserblau, Erlangerblau,
  Hamburgerblau) wird erhalten, indem man eine Lsung von gelbem
  Blutlaugensalz in eine Lsung von Eisenchlorid oder in die eines
  Eisenoxydsalzes giesst. Es bildet sich ein prchtig blauer, sehr
  voluminser Niederschlag, welcher sich nur schwierig auswaschen lsst
  und stets eine gewisse Menge gelbes Blutlaugensalz enthlt, das durch
  Auswaschen nicht entfernt werden kann.

  [Greek: b]) Das =basische Berlinerblau= entsteht durch Fllen von
  gelbem Blutlaugensalz mit Eisenoxydullsung, wodurch ein weisser
  Niederschlag von Eisencyanr sich bildet, welcher an der Luft oder
  durch oxydirende Agentien blau wird, indem ein Theil des Eisens sich
  oxydirt, wodurch ein anderer Theil Eisencyanr jenes Cyan aufnimmt und
  dadurch in Cyanid bergeht, welches sich mit dem brig gebliebenen
  Cyanr zu Berlinerblau vereinigt, welchem Eisenoxyd beigemischt ist.
  Man giebt an, das basische Berlinerblau unterscheide sich von dem
  neutralen dadurch, dass es im Wasser lslich sei. Dies ist insofern
  nicht richtig, als die Lslichkeit dieser Verbindung durch einen Gehalt
  an Blutlaugensalz bedingt ist.

  [Greek: g]) Da man im Fabrikbetriebe aber weder reines Eisenoxydul-
  noch ein reines Eisenoxydsalz anwendet, sondern immer ein oxydhaltiges
  Eisenoxydulsalz, so besteht der Niederschlag anfangs immer aus einem
  Gemenge von neutralem Berlinerblau mit weissem Eisencyanr, welches
  spter in basisches Berlinerblau bergeht. Das Berlinerblau des Handels
  ist daher immer ein =Gemisch von neutralem mit basischem Berlinerblau=
  in wechselnden Verhltnissen. Als Eisenoxydulsalz wendet man allgemein
  Eisenvitriollsung an, die durchaus frei von Kupfer sein muss, indem
  Kupfersalze mit Blutlaugensalz einen chocoladebraunen Niederschlag
  geben.

[Sidenote: Aelteres Verfahren der Darstellung von Berlinerblau.]

  Nach dem lteren Verfahren lst man den Eisenvitriol und den Alaun in
  siedendem Regen- oder Flusswasser, klrt die Flssigkeit durch
  Decantiren und schttet sie noch heiss unter bestndigem Umrhren in
  die heisse Blutlauge so lange, als noch ein Niederschlag erfolgt. Man
  zieht die ber dem Niederschlage stehende Flssigkeit ab und ersetzt
  sie durch frisches Wasser, lsst wieder absetzen und fhrt damit fort,
  bis alles schwefelsaure Kali entfernt ist. Man bringt nun den
  Niederschlag auf Seihetcher zum Abtropfen und unterwirft ihn dann der
  Anfeuerung. Zu diesem Zwecke erhitzt man den im Wasser suspendirten
  Niederschlag bis zum Sieden, setzt dann Salpetersure hinzu, kocht noch
  einige Minuten, entleert das Ganze in einen Bottich und setzt englische
  Schwefelsure hinzu. Nach Verlauf von einigen Tagen wird der
  unterdessen blau gewordene Niederschlag ausgewaschen, an der Luft etwas
  getrocknet, ausgepresst, in kleine lnglich viereckige Stckchen
  zerschnitten, in schwach geheizten Trockenkammern getrocknet und
  zuletzt in einem bis auf etwa 80 geheizten Raume getrocknet. Da sich
  das Berlinerblau nach dem Austrocknen nur mit grosser Schwierigkeit in
  den Zustand feinster Zertheilung zurckfhren lsst, den es frisch
  gefllt hatte, so bringt man es auch als Teig (_en pte_) in den
  Handel. Die dem Berlinerblau beigemengte Thonerde hat sich aufs
  Innigste mit dem Blau gemischt und vergrssert so die Quantitt, ohne
  die Intensitt der Farbe zu beeintrchtigen. Sind dem Berlinerblau
  grssere Mengen Thonerde beigemengt, so wird seine Farbe natrlich
  lichter und es heisst dann =Mineralblau=, obgleich man unter dieser
  Benennung auch zu Pulver geriebene Kupferlasur oder durch Fllung von
  salzsaurem oder salpetersaurem Kupferoxyd erzeugtes, mit Kalk
  verunreinigtes Kupferoxyd versteht.

[Sidenote: Neuere Methoden der Darstellung von Berlinerblau.]

  Nach neueren Methoden lsst sich das Berlinerblau auf folgende Weise am
  besten herstellen: 1) Es beruht auf der Anwendung des Chlors im
  Knigswasser zur Zersetzung des weissen Niederschlags, in bekannter
  Weise aus Blutlaugensalz und Eisenvitriol dargestellt. Der Eisenvitriol
  muss mglichst oxydfrei sein. Es muss ferner die Blutlaugensalzlsung
  noch heiss niedergeschlagen werden, damit eine Oxydation des
  Niederschlages und die dadurch herbeigefhrte vorzeitige Bluung
  desselben so viel als thunlich vermieden werde. Deshalb muss auch der
  weisse Niederschlag sogleich und zwar mglichst schnell abfiltrirt
  werden. Nur das durch oxydirende Einwirkung des Chlors, der
  Salpetersure etc. auf den weissen Niederschlag entstandene Blau
  besitzt die erforderliche Intensitt der Farbe, whrend der an der Luft
  blau gewordene Niederschlag, selbst wenn er durch Digestion mit
  Salzsure von dem beigemengten Eisenoxydulhydrat befreit wurde, stets
  eine wenig ausgiebige Farbe liefert. Das Auswaschen und Trocknen
  erfolgt wie gewhnlich. 2) Nach einem anderen Verfahren geschieht das
  Anbluen des weissen Niederschlages durch Eisenchlorid (oder
  schwefelsaures Eisenoxyd), welches dadurch zu Eisenchlorr (oder
  schwefelsaurem Eisenoxydul) reducirt wird, das man darauf anstatt des
  Eisenvitriols zur Herstellung des weissen Niederschlages benutzt. 3)
  Eine andere Methode grndet sich darauf, dass das Anbluen des weissen
  Niederschlages auch durch eine Auflsung von Manganchlorid
  (Mn_{2}Cl_{6}) zu bewirken ist. Das Vortheilhafte dieser Methode ist
  lediglich durch lokale Verhltnisse bedingt. Da der Handelswerth der
  Manganerze von ihrem Gehalte an Mangansuperoxyd abhngt, die
  gewhnlichen Erze aber meistens ziemlich viel Manganoxyd beigemengt
  enthalten, das denselben durch Salzsure in der Klte entzogen worden
  kann, so liesse sich durch Digestion der Manganerze mit Salzsure der
  Handelswerth derselben steigern und zu gleicher Zeit ein
  Anbluungsmittel fr die Fabrikation von Berlinerblau gewinnen. Auch
  eine Auflsung von Chromsure (gewhnlich ein Gemisch von zweifach
  chromsaurem Kali mit Schwefelsure) lsst sich zum Anbluen des weissen
  Niederschlages anwenden, indessen ist auch diese Methode nur unter
  gewissen Bedingungen anzuempfehlen, da das sich bildende Chromoxydsalz
  in der Kegel schwer zu verwerthen sein wird.

[Sidenote: Turnbull's Blau.]

[Sidenote: Berlinerblau aus Steinkohlengas und Knochen.]

  =Turnbull's Blau.= Wird eine Lsung von rothem Blutlaugensalz mit einer
  Lsung von schwefelsaurem Eisenoxydul vermischt, deren Menge jedoch
  nicht zu vollstndiger Zersetzung des rothen Blutlaugensalzes
  hinreicht, so erhlt man den in England unter dem obigen Namen
  bekannten Niederschlag, der wesentlich aus Fe_{2}Cy_{3}, 3 FeCy
  besteht, ausserdem auch noch chemisch gebundenes gelbes Blutlaugensalz
  enthlt. Seit einigen Jahren ist von =Mallet=, ferner von
  =Gautier-Bouchard= mit Erfolg versucht worden, Berlinerblau aus den
  =Nebenprodukten der Gasfabrikation= aus Steinkohlen darzustellen, so
  aus dem ammoniakalischen Wasser, ferner aus der zum Reinigen des Gases
  angewendeten =Laming='schen Mischung und aus dem Kalk, womit das
  Steinkohlengas gereinigt worden ist. Dieser =Gaskalk= enthlt nicht nur
  Cyancalcium und Cyanammonium, sondern auch ziemlich viel freies
  Ammoniak. Um letzteres besonders zu gewinnen, setzt man den Gaskalk
  Wasserdmpfen aus und leitet das sich entwickelnde Ammoniak in
  Schwefelsure. Das Zurckbleibende wird mit Wasser ausgelaugt. Die
  Lauge enthlt die Cyanverbindungen gelst; aus ihr wird auf gewhnliche
  Weise Berlinerblau erzeugt. Nach Versuchen von =Krafft= geben 1000
  Kilogr. Gaskalk, nach dem angegebenen Verfahren behandelt, 12-15
  Kilogr. Berlinerblau und 15-20 Kilogr. Ammoniaksalz. =Phipson= giebt
  an, 1 Tonne Newcastlekohle gbe eine Quantitt Cyan, welche 5-8 Pfd.
  Berlinerblau entspricht. Auch bei der Fabrikation der Thierkohle stellt
  man nebenbei Berlinerblau dar.

[Sidenote: Lsliches Berlinerblau.]

  =Lsliches Berlinerblau.= Da das gewhnliche Berlinerblau seiner
  Unlslichkeit im Wasser wegen nur als Deckfarbe Anwendung finden kann,
  das basische Berlinerblau aber nur bei Gegenwart von Blutlaugensalz
  sich lst, so ist die Entdeckung, dass reines Berlinerblau sich in
  Oxalsure lse und in dieser Gestalt als Saftfarbe Anwendung finden
  knne, fr die Farbentechnik von grosser Wichtigkeit. Nach dem von dem
  Entdecker angegebenen Verfahren soll man das Berlinerblau 1-2 Tage lang
  mit concentrirter Salzsure oder auch mit concentrirter Schwefelsure,
  welche letztere nach dem Vermischen mit dem Berlinerblau mit einem
  gleichen Quantum Wasser verdnnt wird, digeriren, darauf die Sure
  beseitigen, das Berlinerblau vollstndig auswaschen, trocknen und in
  Oxalsure lsen. Das zweckmssigste Mengenverhltnis zur Darstellung
  einer haltbaren Lsung besteht in 8 Th. mit Schwefelsure behandeltem
  Berlinerblau, 1 Th. Oxalsure und 256 Th. Wasser. Nach anderen Angaben
  erhlt man in Wasser vollkommen und leicht lsliches Berlinerblau 1)
  durch Fllen einer wsserigen Lsung von =Eisenjodr= mit
  =Blutlaugensalz=, sodass letzteres jedoch im Ueberfluss bleibt; 2)
  durch Vermischen einer Lsung von Eisenchlorid in therhaltigem
  Weingeist mit wsseriger Blutlaugensalzlsung.

  Reines Berlinerblau ist dunkelblau, hat einen kupferhnlichen Glanz und
  Strich, ist in Wasser und Alkohol unlslich und wird durch alkalische
  Lsungen und concentrirte Suren, sowie durch Erhitzen zersetzt. Je
  leichter und lockerer, um so besser ist es. Man verwendet es besonders
  in der Wassermalerei und als Leimfarbe, seltener in der Oelmalerei. Die
  vorzglichste Anwendung findet das Berlinerblau in der Frberei fr
  Wolle und Baumwolle und in der Zeugdruckerei. Das Verfahren, es auf
  Seide anzuwenden, heisst nach seinem Erfinder =_Bleu-Raymond_=. Das auf
  Seide hervorgebrachte =_Bleu de France_= ist aus Berlinerblau, aber auf
  eigenthmliche Weise ohne alle Eisenbeize, nur mit
  Ferrocyanwasserstoffsure (durch Behandeln von Ferrocyankalium mit
  Schwefelsure erhalten) dargestellt. Beim Kochen und gleichzeitiger
  Einwirkung der Luft giebt diese Sure unter Freiwerden von Blausure
  Berlinerblau. Wie schon angefhrt, enthlt das Berlinerblau hufig
  Thonerde, den geringeren und helleren Sorten (dem Mineralblau) sind
  ausserdem Schwerspath und gefllter schwefelsaurer Baryt (Barytweiss),
  Kaolin, Zinkweiss und Magnesia beigemengt. Nach den Angaben von =Pohl=
  soll das Berlinerblau mit Strkekleister, der mit Jodtinctur geblut
  ist, vermischt im Handel vorgekommen sein.


                               Das Kobalt.

                      (Co = 59; spec. Gew. = 8,7.)

[Sidenote: Metallisches Kobalt.]

Das Kobalt kommt in der Natur hauptschlich als =Speiskobalt= (CoAs_{2}
mit 3-24 Proc. Kobalt und 0-35 Proc. Nickel) und als =Kobaltglanz=
(CoAsS, mit 30-34 Proc. Kobalt) vor. In neuerer Zeit stellt man in
Iserlohn und auf dem schsischen Blaufarbenwerke Pfannenstiel bei Aue
=metallisches Kobalt= im Grossen dar. Es besitzt eine stahlgraue Farbe
mit einem Stich ins Rthliche, hat lebhaften Metallglanz, lsst sich gut
poliren, ist geschmeidig, dehnbar und bertrifft an Zhigkeit das Eisen.
Erst in sehr hoher Temperatur schmilzt es. Von verdnnten Suren wird es
langsam, von Salpetersure und Knigswasser leichter aufgelst.

[Sidenote: Kobaltfarben.]

Die auf Kobaltfarben zu verarbeitenden Erze werden, um das Kobalt zu
oxydiren, den Schwefel und das Arsen zu verflchtigen, gerstet. Im
gersteten Zustande heissen die Kobalterze =Safflor= oder =Zaffer=. Je
nach der Reinheit der gersteten Kobalterze unterscheidet man ordinre
(OS), mittlere (MS) und feine (FS und FFS) Safflore. Sie bestehen
wesentlich aus Kobaltoxyd, -Oxydul, Arsen, Nickel, mit Spuren von
Mangan-, Wismuthoxyd u. s. w. Die Safflore werden zur Darstellung der
=Kobaltfarben= angewendet. In Schweden stellt man Safflore durch Fllen
einer Lsung von schwefelsaurem Kobaltoxydul mit einer Lsung von
kohlensaurem Kali dar. Man stellt aus dem Safflor dar: die =Smalte=, das
=Kobaltultramarin=, das =Coeruleum= (Coelin) und das =Rinmann='sche
=Grn= (Kobaltgrn, Schsischgrn), an welche sich das =Kobaltgelb=, das
=Kobaltviolett= und die =Kobaltbronze= anschliessen.

[Sidenote: Smalte.]

  Es ist bekannt, dass Glser durch Kobaltverbindungen blau gefrbt
  werden. Schmelzt man Zaffer (unreines Kobaltoxydul) mit Kieselerde und
  Kali zusammen, so erhlt man ein intensiv blaues Glas, das im
  feingemahlenen Zustande unter dem Namen =Smalte= oder =blaue Farbe=
  bekannt ist. Der Erfinder derselben ist der bhmische Glasmacher
  =Christoph Schrer=, welcher in der Mitte des 16. Jahrhunderts lebte.
  Er verkaufte sein Geheimniss den Englndern, welche Farbemhlen
  anlegten und das Kobalt aus Sachsen kommen liessen. Zu gleicher Zeit
  entstanden in Bhmen 11 Farbemhlen. Alle diese Werke gingen aber ein,
  als Kurfrst Johann I. die Kobaltausfuhr aus Sachsen verbot und selbst
  die noch bestehenden Farbenwerke bei Schneeberg anlegte. Man stellt die
  Smalte auf den Blaufarbenwerken dar, indem man die gersteten
  Kobalterze mit Quarzsand und Potasche in Hfen in einem Glasofen
  zusammenschmilzt; das erhaltene Glas wird, sowie es aus dem Ofen kommt,
  abgelscht, wodurch es mrbe wird und zerfllt. Darauf wird das Glas in
  Pochwerken gepocht und mit Wasser auf Mhlen fein gemahlen. Das
  feingemahlene Pulver lsst man mit Wasser in Waschfssern stehen, was
  sich zuerst absetzt, ist das grbere =Streublau= (Streusand), das auf
  die Mhle zurckgegeben oder in den Handel gebracht wird. Aus der
  trben Flssigkeit setzen sich nach und nach ab =Couleur= (grberes
  Pulver), =Eschel= und =Sumpfeschel=. Durch wiederholtes Mahlen und
  Auswaschen stellt man aus der gewhnlichen Smalte verschiedene Sorten
  dar. Die beste, d. h. die kobaltreichste Sorte Smalte heisst
  =Knigsblau=. Eigenthmlich ist es, dass das Kobaltoxydul, dessen Salze
  (auch das kieselsaure Kobaltoxydul) sonst eine rothe Frbung besitzen,
  in der Smalte Tiefblau erzeugt. Eine Reihe von =R. Ludwig= in
  Schwarzenfels (im preussischen Regierungsbezirk Fulda) ausgefhrter
  Versuche hat gezeigt, dass die frbende Substanz der Smalte
  Kali-Kobaltoxydul-Silicat ist, in welchem sich der Sauerstoff der Sure
  zu dem der Base wie 6 : 1 verhlt. =Ludwig= fand in 100 Theilen

                 norwegischer Smalte         deutscher Smalte
                  (hhere Couleur)   (hohe Eschel) (grobe blasse Couleur)
  Kieselerde           70,86             66,20             72,11
  Kobaltoxydul          6,49              6,75              1,95
  Kali und Natron      21,41             16,31              1,80
  Thonerde              0,43              8,64             20,04

  Ausserdem finden sich darin kleine Mengen von Eisenoxydul, Kalk,
  Nickeloxydul, Arsensure, Kohlensure und Wasser, mitunter auch Blei-
  und Eisenoxyd. In einer prchtigen ultramarinhnlichen Smalte waren
  nach =Oudemans= jun. 5,7% Kobaltoxydul enthalten. Die Potasche kann in
  der Smaltefabrikation nicht durch Soda ersetzt werden, weil
  Kobalt-Natronglser niemals rein blau gefrbt sind.

[Sidenote: Kobaltspeise.]

  Da bei dem Rsten der Kobalterze das Rsten nicht lange genug
  fortgesetzt wird, um das in den Erzen enthaltene Nickel zu oxydiren, so
  schmilzt dieses Metall in den Hfen mit den noch vorhandenen Metallen
  zu einer Masse zusammen, welche =Kobaltspeise= genannt wird. Sie ist
  von weisser, ins Rthliche gehender Farbe, starkem Metallglanz und
  feinkrnigem Bruch und besteht aus Nickel 40-56%, Arsen 26-44%,
  ausserdem aus Kupfer, Eisen, Wismuth, Schwefel u. s. w. Eine aus dem
  schsischen Erzgebirge stammende Speise bestand nach einer von mir
  (1870) ausgefhrten Analyse aus:

                            Nickel      48,20
                            Kobalt       1,63
                            Wismuth      2,44
                            Eisen        0,65
                            Kupfer       1,93
                            Arsen       42,08
                            Schwefel     3,07
                                       ------
                                       100,00

  Die Kobaltspeise (Nickelspeise) ist das hauptschlichste Material zur
  Darstellung des =Nickels=.

[Sidenote: Anwendung der Smalte.]

  Man benutzt die Smalte zum Bluen des Papiers, der Leinwand, zum
  Blaufrben des Krystallglases und des Emails etc. Wegen ihrer Hrte
  eignet sie sich nicht besonders zum Bluen des Papiers, da ein mit
  Smalte geblutes Papier die Feder stumpf macht. In der neueren Zeit ist
  die Smalte in ihrer Anwendung zum Bluen zum grossen Theil durch das
  knstliche Ultramarin verdrngt worden.

[Sidenote: Kobaltultramarin.]

  Das =Kobaltultramarin=, Leithener oder Thnard's Blau (_Bleu Thnard_)
  ist eine aus Thonerde und Kobaltoxydul (Kobaltoxydul-Aluminat)
  bestehende Farbe, welche zuerst von =Wenzel= in Freiberg, dann zum
  zweiten Male von =Gahn= in Falun und endlich zum dritten Male von
  =Thnard= in Paris und von =v. Leithener= in Wien entdeckt wurde. Man
  stellt das Kobaltultramarin dar, indem man eine Alaunlsung mit der
  Lsung eines Kobaltoxydulsalzes mischt und dann durch kohlensaures
  Natron fllt oder sofort Natronaluminat mittelst Chlorkobalt zersetzt.
  Der aus Thonerdehydrat und Kobaltoxydulhydrat bestehende Niederschlag
  wird ausgewaschen, getrocknet und anhaltend geglht. Nach =Louyet= soll
  man das gallertartige Thonerdehydrat (am vortheilhaftesten dasjenige,
  welches bei der Verarbeitung des Kryoliths und Bauxits gewonnen wird)
  mit phosphorsaurem und arsensaurem Kobaltoxydul mengen, worauf schon in
  der Rothglhhitze die blaue Farbe entstehen soll. Die Gegenwart von
  Phosphorsure oder Arsensure begnstigt auch in der That die
  Verbindung der Thonerde mit dem Kobaltoxydul und erhht die Schnheit
  des Kobaltultramarins. Die Farbe desselben kommt bei Tageslicht dem
  Ultramarin fast ganz gleich, bei knstlichem Lichte erscheint sie aber,
  wie die meisten Kobaltfarben, schmutzig violett. Diese Verbindung ist
  luft- und feuerbestndig und wird in der Wasser-, Oel- und
  Porcellanmalerei benutzt.

[Sidenote: Coeruleum.]

  Das =Coeruleum= (Coelin) ist eine neue lichtblaue Farbe fr die Oel-
  und Aquarellmalerei, welche in England dargestellt wird und die
  vortreffliche Eigenschaft besitzt, beim Lampenlichte nicht violett zu
  erscheinen. Es ist zinnsaures Kobaltoxydul (SnO_{2}, CoO), gemengt mit
  Zinnsure und Gyps und besteht aus 49,6 Th. Zinnoxyd, 18,6 Kobaltoxydul
  und 31.8 Th. Gyps.

[Sidenote: Rinmann'sches Grn.]

  Das =Rinmann='sche =Grn= (Kobaltgrn, Zinkgrn, Schsischgrn) ist die
  dem Kobaltultramarin entsprechende grne Verbindung, in welcher die
  Thonerde durch Zinkoxyd ersetzt ist. Man stellt diese Farbe dar, indem
  man Zinkvitriollsung mit Kobaltoxydullsung mengt, das Gemenge
  vermittelst kohlensauren Natrons fllt, den Niederschlag auswscht,
  trocknet und glht. Es besteht aus 88 Th. Zinkoxyd und 12 Th.
  Kobaltoxydul.

[Sidenote: Kobaltoxydul.]

  Das in der Porcellan- und Glasmalerei angewendete =Kobaltoxydul=
  (Kobaltoxyd) ist wohl von der Smalte und dem Safflor zu unterscheiden.
  Man stellt es auf den Blaufarbenwerken und in chemischen Fabriken
  theils auf trockenem, theils auf nassem Wege dar. Ersteren schlgt man
  in England und Norwegen, letzteren in Sachsen und auf den tunaberger
  Kobaltwerken in Schweden ein. Das schwarze Kobaltoxyd des Handels (RKO)
  besteht zum grssten Theile aus reinem Kobaltoxyd (Co_{2}O_{3}) und
  wird wahrscheinlich dargestellt, indem man Kobaltoxydulhydrat oder
  kohlensaures Kobaltoxydul bei Zutritt der Luft lngere Zeit erhitzt.
  Der grsste Theil des im Handel vorkommenden Kobaltoxydes wird in den
  Nickelfabriken als Nebenprodukt auf nassem Wege dargestellt. Man
  unterscheidet RKO Hyperoxyd, PKO phosphorsaures Oxydulhydrat, AKO
  arsensaures Oxydulhydrat, KOH kohlensaures Oxydulhydrat. Geglhtes
  phosphorsaures Kobaltoxydul (von der Formel P_{2}O_{3}, 2 CoO) wird als
  violette Farbe unter dem Namen =Kobaltviolett= beim Tapetendruck und in
  der Zeugdruckerei angewendet. =Wolframsaures Kobaltoxydul= (geglht)
  ist neuerdings als blaue Farbe empfohlen worden.

[Sidenote: Chemisch reines Kobaltoxydul.]

  Chemisch reines =Kobaltoxydul=, wie es bisweilen zur Erzeugung zarter
  Farben angewendet werden muss, stellt man am besten dar, indem man 1
  Th. gerstetes und gepulvertes Kobalterz mit 2 Th. zweifach
  schwefelsaurem Kali erhitzt, bis keine Schwefelsure mehr entweicht.
  Die erkaltete Masse, welche aus schwefelsaurem Kali, schwefelsaurem
  Kobaltoxydul und unlslichen arsensauren Salzen besteht, wird mit
  Wasser ausgezogen und die Lsung zur Abscheidung des mglicherweise
  vorhandenen Eisens mit etwas Kobaltoxydulhydrat digerirt. Die vom
  ausgeschiedenen Eisenoxydulhydrat abfiltrirte Lsung wird durch
  kohlensaures Natron gefllt und der entstandene Niederschlag nach dem
  Auswaschen geglht.

[Sidenote: Salpetrigsaures Kobaltoxydul-Kali.]

  Das =salpetrigsaure Kobaltoxydul-Kali= oder =Kobaltgelb= wurde zuerst
  von =Fischer= in Breslau durch Vermischen einer Kobaltoxydullsung mit
  salpetrigsaurem Kali dargestellt. Es erscheint als gelber,
  kristallinischer Niederschlag, welcher in Wasser ganz unlslich ist.
  St. =Evre= untersuchte den gelben Krper und hob besonders, wegen
  seiner schnen Farbe, welche vollkommen der des _Jaune indien_
  (euxanthinsaure Magnesia) hnlich ist, und seiner Bestndigkeit unter
  dem Einflusse oxydirender und schwefelnder Substanzen, seine
  Anwendbarkeit in der Oel- und Aquarellmalerei hervor. Man stellt die
  gelbe Verbindung nach St. =Evre= dar, indem man aus salpetersaurem
  Kobaltoxydul-Kali durch einen geringen Ueberschuss von Kali rosenrothes
  Kobaltoxydul-Kali fllt und in den Brei Stickstoffoxydgas leitet oder
  einfacher nach =Hayes=, indem man Dmpfe von Untersalpetersure in eine
  mit etwas Kali versetzte Lsung von salpetersaurem Kobaltoxydul leitet,
  wo alles Kobalt in Kobaltgelb bergefhrt wird. Da das salpetrigsaure
  Kobaltoxydul-Kali auch aus unreinen Kobaltoxydullsungen vollkommen
  frei von Nickel, Eisen etc. gefllt wird, so ist es auch in der
  Porcellan- und Glasmalerei allen anderen Kobaltprparaten vorzuziehen,
  wenn es sich um die Herstellung einer reinen blauen Nance handelt.

[Sidenote: Kobaltbronze.]

  =Kobaltbronze=, ein dem violetten Chromchlorid sehr hnliches
  metallglnzendes, violettes, schuppiges Pulver, kommt seit einiger Zeit
  aus dem Blaufarbenwerke Pfannenstiel in den Handel und ist
  phosphorsaures Kobaltoxydul-Ammoniak.


                               Das Nickel.

                   (Ni = 59; spec. Gew. = 8,97-9,26.)

[Sidenote: Nickel, dessen Vorkommen.]

Das Nickel kommt in folgenden Nickelerzen vor: dem =Kupfernickel=
(Rothnickelkies) NiAs (mit 4,4 Proc. Ni), dem =Antimonnickel= NiSb (mit
31,4 Proc. Ni), dem =Weissnickelkies= NiAs_{2} (mit 28,2 Proc. Ni) und
berhaupt den nickelreichen Varietten des Speiskobalts, dem =Nickel=-
oder =Haarkies= NiS (mit 64,8 Proc. Ni) und dem =Nickelantimonglanz=
NiS_{2} + Ni (Sb, As_{2}) (mit 26,8 Proc. Ni). Zu Rewdansk am Ural findet
sich kieselsaures Nickeloxydulhydrat als =Rewdanskit= (mit 12,6 Proc.
Ni), das auf Nickel verarbeitet wird. Hufig ist auch ein mit Nickelerzen
imprgnirter =Magnetkies= und =Schwefelkies= Gegenstand der
Nickelgewinnung, auch die =Kobaltspeise= der Blaufarbenwerke (vergl. S.
38) und gewisse bei manchen Kupferhttenprocessen erzeugte Produkte, so
z. B. der Nickelvitriol, der bei der Verhttung des =Kupferschiefers= in
Mansfeld als Nebenprodukt auftritt. Auch in manchen Braunsteinsorten
findet sich Nickel (und Kobalt),[6] so wie in gewissen Magneteisensteinen
(in einem solchen aus Pragaten in Tyrol fand =Th. Petersen= 1,76% NiO).

  [6] In England stellt man aus den Rckstnden der Chlorbereitung
      mittelst Braunstein Kobalt und Nickel dar. Nach =Gerland= giebt 1
      Tonne Braunstein 2,5 Kil. Nickel und 5 Kil. Kobalt.

[Sidenote: Gewinnung des Nickels.]

  Die im Mineralreiche sich findenden Nickelverbindungen sind im reinen
  Zustande hchst selten nur das Material zur Darstellung des Nickels, in
  den meisten Fllen kommen die Nickelerze mit anderen Erzen oder erdigen
  Substanzen gemengt vor, sodass hnlich wie bei der Kupfergewinnung der
  eigentlichen Nickeldarstellung meist ein Concentrationsschmelzen
  vorausgeht. Als Concentrationsmittel verwendet man bei Erzen, welche
  das Nickel als Schwefelmetall enthalten, Schwefeleisen, bei Erzen
  dagegen, in denen das Nickel neben Arsen vorkommt, das Arsen. Das
  Produkt ist in dem ersten Falle =Stein=, in dem zweiten =Speise=. Aus
  diesen nickelhaltigen Produkten, zu denen auch zuweilen Schwarzkupfer
  sich gesellt, stellt man dann auf trockenem oder auf nassem Wege
  entweder metallisches Nickel oder eine Legirung desselben mit Kupfer
  dar.

  Die Nickelgewinnung zerfllt daher in zwei Phasen, nmlich

  I. In das Concentrationsschmelzen, welches die Ansammlung des Nickels
  der Erze

    [Greek: a]) in einen Stein,
    [Greek: b]) in Speise, oder
    [Greek: g]) in Schwarzkupfer

  bezweckt;

  II. In die Ausscheidung des Nickels (oder der Nickellegirung) aus dem
  Produkte des Concentrationsschmelzens, was

    [Greek: a]) auf trockenem oder
    [Greek: b]) auf hydrometallurgischem Wege geschehen kann.

  Seitdem man erkannt hat, dass bei der Darstellung einer
  Nickelkupferlegirung, behufs der Fabrikation von Neusilber, gerade die
  werthvollsten Eigenschaften des Nickels -- seine weisse Farbe, seine
  Widerstandsfhigkeit gegen chemische Agentien -- maskirt werden, zieht
  man vor, reines Nickel darzustellen.

[Sidenote: Concentrationsschmelzen der Nickelerze.]

  Das =Concentrationsschmelzen= der Nickelerze [Greek: a]) auf =Stein=
  findet besonders Anwendung, wenn die Nickelerze in Schwefelkies und
  Magnetkies vorkommen, und beruht darauf, dass durch Schmelzen des
  theilweise gersteten Erzes mit Quarz oder kieselerdereichen
  Substanzen das beim Rsten entstandene Eisenoxyd zum grssten Theile
  verschlackt wird, whrend das gleichfalls oxydirte Nickel, welches
  leichter reducirbar ist als das Eisenoxyd, metallisch wird und in dem
  Stein, welcher aus den unzersetzten Schwefelmetallen und reducirten
  Sulfaten entsteht, sich ansammelt. Ist das Erz zugleich kupferhaltig,
  so wird dasselbe noch vollstndiger im Stein concentrirt als das
  Nickel. Befindet sich zu viel Eisenoxydul im Rstgut, so wird ein Theil
  davon in Berhrung mit Kohle zu Eisen reducirt, welches entweder vom
  Stein aufgenommen wird oder als nickelhaltige Eisensau sich abscheidet.
  Durch Wiederholung des Rstprocesses und des reducirenden solvirenden
  Schmelzens des Steins, wobei das Eisenoxydul in die Schlacke geht,
  lsst sich das Eisen immer mehr und mehr abscheiden. Noch vollstndiger
  entfernt man das Eisen, dessen Abscheidung spter bei der Fabrikation
  von Nickelmetall grosse Schwierigkeiten macht, wenn der im Schachtofen
  concentrirte Stein im Spleissofen oder Garherd verblasen, d. i. einem
  oxydirenden Schmelzen bei Geblseluft ausgesetzt wird. Ein noch
  besseres Resultat giebt ein Concentriren des gersteten Steins im
  Flammenofen unter Zusatz von Quarz, Schwerspath und Kohle, wobei
  Schwefelbarium sich bildet, welches unter Bildung von Baryt in der
  Beschickung enthaltenes oxydirtes Nickel und Kupfer schwefelt, whrend
  der Baryt mit dem Quarz und dem Eisenoxydul zu einer leichtflssigen
  Schlacke zusammentritt. Auf der =Isabellenhtte= zu Dillenburg (Nassau)
  wird der nickelhaltige Schwefel- und Kupferkies, welcher im
  Durchschnitt 7,5 Proc. Nickel enthlt, auf folgende Weise zu gute
  gemacht. Das Erz wird zunchst in berwlbten Rststadeln gerstet,
  zerschlagen im Krummofen ohne Zuschlge (da die Erze Kieselerde,
  Thonerde und Kalk in gengender Menge enthalten) mit Koks auf
  =Rohstein= (a) verschmolzen, welcher gerstet und dann in demselben
  Ofen mit Schlackenzustzen auf =Concentrationsstein= (b) verschmolzen
  wird. Um den Eisengehalt zu vermindern, aber noch so viel Schwefel
  darin zu lassen, dass der Stein der Zerkleinerung wegen sprde bleibt,
  wird derselbe im Herde verblasen, wodurch der =Raffinationsstein= (c)
  entsteht, aus welchem dann auf nassem Wege Nickel oder Nickellegirung
  dargestellt wird.

                                   (a)  (b)  (c)
                         Nickel     19   24   35
                         Kupfer     13   39   43
                         Eisen      35   12    2
                         Schwefel   33   25   20
                                   ---  ---  ---
                                   100  100  100

  Auf hnliche Weise verfhrt man zu Klefva in Schweden, auf der
  Aurorahtte zu Gladenbach im Grossherzogthum Hessen und zu Varallo in
  Piemont.

  [Greek: b]) Das Concentrationsschmelzen der Nickelerze =auf Speise=
  findet Anwendung, wenn das Nickel als Arsennickelverbindung in den
  Erzen enthalten ist, ferner bei arsen- und antimonhaltigen Speisen,
  welche bei der Kupfer-, Silber- und Bleigewinnung zuweilen fallen,
  endlich auch bei gewissen arsenfreien Httenprodukten, z. B.
  nickelhaltigen Kupferschlacken, in welch letzterem Falle ein
  Arseniciren des Materials (meist durch Zusatz von Arsenkies FeAs +
  FeS_{2}, welcher beim Erhitzen fr sich in As und in 2 FeS zerfllt)
  stattfindet. Unterwirft man eine wesentlich aus Nickel, Eisen und Arsen
  bestehende Verbindung zunchst einer theilweisen Rstung und dann das
  Rstgut einem reducirenden und solvirenden Schmelzen, so geht das Eisen
  zum grssten Theil in die Schlacke, whrend das oxydirte Nickel zu
  Metall, sowie vorhandene arsensaure Salze zu Arsenmetallen (Speise)
  reducirt werden, in welchen das Nickel sich ansammelt, da dasselbe
  grssere Verwandtschaft zum Arsen als zum Schwefel hat. Ist in der
  ursprnglichen Verbindung zugleich Kupfer enthalten, so geht dasselbe
  in die Speise, lsst sich aber daraus als Stein darstellen, wenn man
  ausser mit Arsenkies noch Schwefelkies beschickt, welcher das
  vorhandene Kupfer schwefelt. Durch wiederholtes Rsten und solvirendes
  Schmelzen der Speise, zu welchem mitunter noch ein Verblasen sich
  gesellt, lsst sich der Eisengehalt immer mehr und mehr verringern,
  wobei namentlich ein Zuschlag von Schwerspath und Quarz gute Dienste
  geleistet hat. Man verschmilzt arsenhaltige Nickelerze auf Speise z. B.
  zu Sangerhausen im Mansfeld'schen, zu Schladming in Steiermark und zu
  Birmingham (wo man Erze von Dubschan in Ungarn und auch spanische Erze
  zu gute macht), whrend man in Freiberg und am Unterharze bei der
  Kupfer-, Silber- und Bleigewinnung erhaltene Speisen concentrirt, auf
  der Altenauer Htte (Oberharz) und zu Joachimsthal in Bhmen arsenfreie
  Httenprodukte, z. B. nickelhaltige Kupferschlacken oder nickelhaltige
  Rckstnde von der Silberextraction, auf Nickelspeise verschmilzt. Die
  Nickelspeisen enthalten 40-55 Proc. Nickel, 30-40 Proc. Arsen,
  ausserdem Schwefel, Eisen, Wismuth, Kupfer.

  [Greek: g]) Das Concentrationsschmelzen auf =Schwarzkupfer= oder
  =Nickelsauen=. Bei sehr geringem Nickelgehalt der Kupfererze sammelt
  sich derselbe in den obersten Kupferscheiben beim Garen in solcher
  Menge an, dass deren Verarbeitung auf Nickel vortheilhaft erscheint.
  =Wille= fand in Garkupfer aus dem Kupferschiefer bei Riechelsdorf in
  Hessen

                13,6  12,8  2,9  12,1  7,8 Proc. Nickel.

  In den obersten Garkupferscheiben findet sich das Nickel zuweilen in
  Nickeloxydulkrystallen.

[Sidenote: Darstellung von Nickel oder von Nickelkupferlegirung.]

  II. Die Darstellung von =metallischem Nickel= oder einer =Legirung=
  desselben mit Kupfer aus dem Produkte der Concentrationsarbeit
  geschieht entweder [Greek: a]) auf trockenem oder [Greek: b]) auf
  hydrometallurgischem Wege.

  [Greek: a]) =Nickelgewinnung auf trockenem Wege.= Die bisher befolgten
  Methoden der Darstellung des Nickels auf trockenem Wege fhrten zu
  keinem gengenden Ergebniss. Durch wiederholtes Rsten von
  =Nickelspeise= mit Kohlenpulver und Holzspnen, wie es von =v.
  Gersdorf= vorgeschlagen worden ist, lsst sich zwar Nickeloxyd
  erhalten, welches dann durch Kohle zu Metall reducirt werden kann, das
  Nickeloxyd ist aber stets mit arsensaurem Nickeloxyd und das daraus
  dargestellte Nickel mit Arsen verunreinigt, wodurch das Nickel und das
  Neusilber sprde wird und die Eigenschaft erlangt, an der Luft bald
  braun anzulaufen. Auch das Eisen, welches das Nickel in der Speise
  immer begleitet, lsst sich auf dem angegebenen Wege nicht entfernen.
  Bessere Resultate giebt das von =H. Rose= im Jahre 1863 vorgeschlagene
  Verfahren, arsenfreies Nickel aus Nickelspeise dadurch darzustellen,
  dass man die gepulverte Speise mit Schwefel mengt und erhitzt, wobei
  unter Bildung von Schwefelnickel Schwefelarsen verflchtigt wird. Ein
  etwaiger Arsenrckstand kann durch Rsten des Schwefelnickels und
  nochmaliges Erhitzen mit Schwefel vllig entfernt werden. Das zuletzt
  beim Rsten erfolgende schwefelsaure Nickeloxydul entlsst beim starken
  Glhen seine Schwefelsure. Das Oxyd wird durch Kohle reducirt. Zu
  Dillenburg hat man aus dem Raffinationsstein (aus Nickel, Kupfer, Eisen
  und Schwefel bestehend) dadurch eine Nickelkupferlegirung darzustellen
  versucht, dass man den gepochten Stein vollstndig abrstete und dann
  in Mengen von 100 Pfd. mit 45 Pfd. Soda in einem Flammenofen bei
  Rothglhhitze behandelte, um den Schwefel als Schwefelnatrium lslich
  zu machen. Man laugt Schwefelnatrium und schwefelsaures Natron mit
  Wasser aus.

  [Greek: b]) =Nickelgewinnung auf nassem Wege.= Der hydrometallurgischen
  Nickelausscheidung geht gewhnlich ein Rsten der Erze oder
  nickelhaltigen Httenprodukte (Speise, Stein) voraus, um das vorhandene
  Eisen in das in Suren lsliche Eisenoxyd berzufhren, das Nickel,
  Kupfer und Kobalt aber entweder als Sulfate in Wasser oder als Oxyde
  oder basische Salze in Suren (Schwefelsure, Salzsure) lslich zu
  machen. Aus der Lsung wird das Nickel durch ein entsprechendes Reagens
  als Oxyd oder als Sulfuret gefllt und aus dem Niederschlage
  metallisches Nickel oder Kupfernickellegirung dargestellt. Die
  Gewinnung des Nickels auf nassem Wege zerfllt folglich in drei Phasen,
  nmlich 1) =Darstellung der Nickellsung.= Werden nickelhaltige
  =Steine= (mit oder ohne Zusatz von Eisenvitriol) gerstet, so bilden
  sich zunchst die schwefelsauren Salze der vier Metalle Eisen, Kupfer,
  Nickel und Kobalt, welche bei gesteigerter Temperatur in verschiedenen
  Hitzgraden sich zersetzen, am ersten das schwefelsaure Eisenoxydul und
  Oxyd, am schwierigsten das schwefelsaure Kobaltoxydul. Aus dem Rstgut
  lsst sich mittelst Wasser der grsste Theil des Nickels und Kobalts,
  auch etwas Kupfer extrahiren, whrend das Eisen nebst einem Theil des
  Kupfers (mit kleinen Mengen von Kobalt und Nickel) ungelst
  zurckbleiben. Aus dem Rckstande lsst sich durch Suren das
  Kupferoxydul und Nickeloxydul extrahiren. Wird das Rstgut sofort mit
  Salzsure extrahirt, so lst sich mehr Kupferoxyd als Nickeloxydul; aus
  dem Rckstande lsst sich durch heisse concentrirte Sure Nickel- und
  Eisenoxyd extrahiren. Aus der =Speise= lsst sich das Arsen entfernen
  und das Nickel in Lsung bringen, wenn man die gerstete Speise mit
  einem Gemenge von Natronsalpeter und Soda glht, das entstandene
  arsensaure Natron mit Wasser auszieht, den Rckstand mit Schwefelsure
  behandelt und dann unter Zurcklassung von Eisenoxyd Nickel- und
  Kobaltvitriol extrahirt. Nach dem Vorschlage von =Whler= kann man das
  Arsen durch Schmelzen der Speise mit Schwefelnatrium und Auslaugen der
  Masse in Gestalt von Sulfosalz entfernen. 2) Die Fllung des Nickels
  aus der Lsung geschieht auf verschiedene Weise, so nach =Stapff=
  (1858) durch Kreide, mittelst deren man durch fractionirte Fllung bei
  verschiedenen Temperaturen zuerst Eisen und Arsen, dann Kupfer
  abscheiden kann, sodass nur noch Nickel in der Lsung sich befindet,
  aus welcher das Nickel durch eisenfreie Kalkmilch gefllt wird. Nach
  =Louyet= (1849) wendet man zum Fllen des Eisens etwas Chlorkalk und
  Kalkmilch an; der Niederschlag, welcher alles Eisen und Arsen enthlt,
  wird abfiltrirt. Aus dem sauren Filtrat fllt man durch
  Schwefelwasserstoff Wismuth, Blei und Kupfer und kocht das Filtrat mit
  Chlorkalk, wodurch das Kobalt als Superoxyd ausgeschieden wird, whrend
  das Nickel allein in Lsung bleibt. Um reines Kobaltoxyd zu erhalten,
  muss man die Fllung durch Chlorkalk so vorsichtig leiten, dass noch
  etwas Kobalt beim Nickel bleibt, da eine Beimengung von Kobalt dem
  Nickel nicht schadet. In Joachimsthal fllt man aus der sauren
  Flssigkeit, aus welcher durch Schwefelwasserstoffgas das Kupfer
  entfernt wurde, das Nickel durch zweifach-schwefelsaures Kali in
  Gestalt von schwer lslichem schwefelsaurem Nickeloxydul-Kali, wo dann
  nickelfreies Kobalt in der Lsung bleibt, welches durch kohlensaures
  Natron gefllt wird. 3) Die Ueberfhrung des Nickelniederschlags in
  Nickelmetall (oder in Kupfernickel) kann beispielsweise auf folgende
  Weise geschehen: Das aus der schwefelsauren Nickeloxydullsung mit
  Kalkwasser gefllte Nickeloxydulhydrat wird durch Filtriren und Pressen
  so verdichtet, dass es getrocknet werden kann, was in einem
  Trockenflammenofen durch die abziehende Flamme des Verblaseofens
  geschieht. Nach dem Trocknen wird der Niederschlag mit Wasser gemahlen
  und mit salzsurehaltigem Wasser so lange gewaschen, bis aller Gyps,
  welcher dem Niederschlage in der Menge von 8-12 Proc. beigemengt war,
  entfernt ist. Das reine Nickeloxydul wird nun mit gewissen
  consistenzgebenden Mitteln (man nahm frher ein Gemenge von Roggenmehl
  mit Rbenmelasse) zu einem steifen Teig eingestampft, der in Wrfel von
  1,5-3 Centim. Seite zerschnitten wird. Diese Wrfel werden schnell
  getrocknet und nach dem Trocknen mit Kohlenstaub in Tiegeln oder
  vertikal stehenden Thoncylindern bei starker Hitze zu Metall reducirt,
  was bei dem kupferhaltigen Nickel leicht, in 1-1/2 Stunden, bei dem
  reinen Nickel dagegen schwerer von statten geht und 3 Stunden starker
  Weissglhhitze beansprucht. Das kupferhaltige Nickel, =Kupfernickel=,
  tritt hierbei in wirkliche Schmelzung, whrend das reine Nickel seiner
  Strengflssigkeit wegen nur in einen stark zusammengesinterten, dem
  usseren Ansehen nach vllig compacten Zustand bergeht und so als
  =Wrfelnickel= in kleinen, etwas unregelmssigen Wrfeln von etwa 1
  Centim. Seitenlnge in den Handel kommt, denen man zuweilen durch
  Rotirenlassen mit Wasser in Fssern den gewnschten Metallglanz
  ertheilt. Auf der Isabellenhtte bei Dillenburg wird das Kupfernickel
  nicht mehr zu Wrfeln geformt, sondern nach Art des Rosettenkupfers zu
  Scheiben gerissen. Um die Neusilberfabrikanten zur Abnahme des
  Rosettennickels zu bewegen, ist auf der Htte dafr Sorge getragen,
  dass die Mischungsverhltnisse immer dieselben bleiben; sie sind
  gegenwrtig 66,67 Proc. Kupfer und 33,33 Proc. Nickel.

  Das Wrfelnickel enthlt 94-99 Proc. Nickel.

[Sidenote: Eigenschaften des Nickels.]

Das =reine= Nickel ist fast silberweiss mit einem geringen Stich ins
Gelbliche, strengflssig, ziemlich hart, sehr dehnbar und politurfhig,
hat einen bedeutenden Glanz und ein spec. Gewicht von 8,97-9,26. Im
reinen Zustande lsst es sich walzen, schmieden und zu Draht ziehen. Die
Zhigkeit des Nickels zu der des Eisens verhlt sich wie 9 : 7. Es bietet
manche Analogie mit dem Eisen dar, unterscheidet sich aber durch seine
grssere Widerstandsfhigkeit gegen chemische Agentien von demselben;
seiner silberhnlichen Farbe wegen und weil es den Einflssen von Luft,
Wasser und vielen Suren widersteht, findet es zur Herstellung
silberhnlicher Legirungen, namentlich des =Neusilbers= oder =Argentans=
(siehe Kupfer) und neuerdings auch als Mnzmetall (in der Schweiz, in
Belgien und in Nordamerika) Anwendung. Die seit einiger Zeit aufgekommene
sogenannte =Drittel-Silberlegirung= (_tiers-argent_), die sicherlich
grosse Verbreitung finden wird, besteht aus:

                              Silber 27,56
                              Kupfer 59,06
                              Zink    9,57
                              Nickel  3,42
                                     -----
                                     99,61

  Die =Produktion an Nickel= ist gegenwrtig (1870) eine sehr
  bedeutende[7], wie folgende Angaben zeigen:

               Der norddeutsche Bund producirt  6800 Centner
               Oesterreich                      2000    "
               Belgien                           800    "
               Frankreich                        400    "
               Norwegen                         1200    "
                                             --------------
                                             11,200 Centner

  im Werthe von etwa 1 Million Thaler.

  [7] Die Nickelfabrik von =Fleitmann= und =Witte= in Iserlohn producirt
      jhrlich fr 200 bis 250,000 Gulden Nickel.

  In Belgien stellt man das Nickel aus italienischen Erzen dar; auf dem
  unter =Kntzel's= Leitung stehenden Nickelwerk zu Val benoit bei
  Lttich verarbeitet man Magnetkies von Varallo in Oberitalien, der
  einen Nickel- und Kobaltgehalt von 2,5-5 Proc. besitzt. Schweden
  producirt jhrlich gegen 1600 Ctr. Nickelkupfer und Nickelstein.


                               Das Kupfer.

                     (Cu = 63,4; spec. Gew. = 8,9.)

[Sidenote: Kupfer. Vorkommen desselben.]

Das Kupfer ist eines der am hufigsten vorkommenden Metalle. Es war schon
in den ltesten Zeiten bekannt und wurde von den Griechen und Rmern zum
grssten Theil von der Insel Cypern bezogen, daher der Name =Cuprum=,
Kupfer. Es findet sich zum Theil gediegen, meist aber oxydirt und
geschwefelt. Zu den oxydirten Kupfererzen gehren das Rothkupfererz, der
Kupferlasur und Malachit, zu den geschwefelten der Kupferglanz,
Kupferkies, das Buntkupfererz und die Fahlerze. Der grsste Theil des
angewendeten Kupfers wird aus den geschwefelten Kupfererzen gewonnen.

[Sidenote: Kupfererze.]

  Das =gediegene Kupfer= kommt in grosser Menge am Oberen See in
  Nordamerika und in Chile vor. Unter dem Namen =Kupfersand= und
  =Kupferbarilla= werden gegenwrtig grosse Mengen von Erz aus Chile in
  England eingefhrt, welches aus etwa 60-80 Proc. Kupfer und 20-40 Proc.
  Quarz besteht.

  Das =Rothkupfererz= (Kupferoxydul) Cu_{2}O (mit 88,8 Proc. Kupfer)
  findet sich theils in Oktadern krystallisirt, theils derb und
  eingesprengt (Cornwallis). Ein inniges Gemenge von Kupferoxydul mit
  Eisenocker fhrt den Namen =Ziegelerz=.

  Der =Kupferlasur= (mit 55 Proc. Kupfer) ist eine Verbindung von
  kohlensaurem Kupferoxyd mit Kupferoxydhydrat (2CuCO_{3} +
  CuH_{2}O_{2}), und kommt in schnen blauen Krystallen, theils derb und
  eingesprengt vor. (Cornwallis, frher zu Chessy bei Lyon.)

  Der =Malachit= (mit 57 Procent Kupfer) ist basisch kohlensaures
  Kupferoxydhydrat (CuCO_{3} + CuH_{2}O_{2} und kommt theils in schiefen
  rhombischen Sulen, theils tropfsteinartig und faserig (Atlaserz),
  theils erdig (Kupfergrn), meist mit Kupferlasur vor (Ural, Australien,
  Canada).

  Der =Kupferglanz=, Kupferglas, Halbschwefelkupfer (Cu_{2}S) mit 80
  Proc. Kupfer, das =Buntkupfererz=, eine Verbindung von Kupferglanz mit
  Anderthalb-Schwefeleisen (3Cu_{2}S + Fe_{2}S_{3}) mit 55,54 Proc.
  Kupfer, und der =Kupferkies= (Cu_{2}S + Fe_{2}S_{3} oder CuFeS_{2}) mit
  34,6 Proc. Kupfer, sind die wichtigsten der zur Kupfergewinnung
  angewendeten Schwefelverbindungen des Kupfers. Der Kupferkies ist
  hufig mit Eisenkies gemischt, auch Silber und Nickel kommen als
  Begleiter vor.

  Auch der bei den Bleierzen angefhrte =Bournonit= (mit 12,76 Proc.
  Kupfer) gehrt hierher.

  Der =Kupferschiefer= ist ein im Zechstein vorkommender bituminser
  Mergelschiefer, dessen Masse geschwefelte Kupfererze (Kupferglanz,
  Kupferkies, Buntkupfererz) fein eingesprengt enthlt. Er kommt
  besonders im Mansfeld'schen, zu Stollberg am Harz, zu Riechelsdorf in
  Hessen vor.

  Die =Fahlerze= sind Verbindungen elektropositiver Schwefelmetalle
  (namentlich Schwefelkupfer) und Schwefelsilber mit den elektronegativen
  Sulfureten Schwefelarsen und Schwefelantimon. Wegen des Silbergehaltes
  rechnet man die Fahlerze gewhnlich zu den =Silbererzen=. Sie enthalten
  14-41,50 Proc. Kupfer. Noch ist zu den Kupfererzen zu rechnen der
  =Atakamit= (3CuH_{2}O_{2} + CuCl_{2}) mit 56 Proc. Kupfer, welcher sich
  besonders in Chile und anderen Gegenden der Westkste von Sdamerika,
  ferner in Sdaustralien findet und in den Kupferwerken von Swansea
  verhttet wird. Zu Pulver gemahlen kommt er von Peru aus als Streusand
  unter dem Namen =Arsenillo= nach Europa.

[Sidenote: Gewinnung des Kupfers.]

Je nach der Beschaffenheit der Kupfererze ist die Gewinnung des Kupfers
eine verschiedene. Wenn sie bei den oxydirten (=ockrigen=) Kupfererzen
auf eine einfache Reduction durch Kohle unter Zusatz eines Flussmittels
zurckgefhrt werden kann, ist doch die Menge der in der Natur
vorkommenden oxydirten Kupfererze sehr gering; man verschmilzt sie
deshalb meist mit den geschwefelten (=kiesigen=) Erzen. Wir betrachten in
Folgendem die Gewinnung des Kupfers:

                       1) Aus oxydirten Erzen.
                       2) Aus geschwefelten Erzen.
                       3) Auf nassem Wege.

Die Kupfergewinnung aus den =kiesigen Erzen= geschieht entweder in
=Schachtfen= oder in =Flammenfen=. Bei dem Schmelzen in =Flammenfen=
bewirkt man die Reduction des aus dem Kupferstein durch Rsten erhaltenen
Kupferoxydes nicht durch Kohle, sondern =durch den Schwefel= des Steines
selbst. Dadurch wird der Kupfergehalt immer mehr in dem Steine
concentrirt, bis endlich zur Zersetzung der letzten Schwefelantheile
geschritten werden kann. Diese Zersetzung wird durch das Abrsten des
concentrirten Kupfersteins und das zu gleicher Zeit stattfindende
Schmelzen desselben bewirkt, worauf bis zur vollstndigen Abscheidung des
Schwefels die Luft ungehindert zutreten kann. Dabei bildet sich stets
Kupferoxydul, sodass zuletzt das gereinigte Kupfer sich im Zustande des
bergaren Garkupfers befindet. Bei dem Verschmelzen der Kupfererze in den
=Schachtfen= befolgt man zwar das nmliche Verfahren, den Kupfergehalt
des Erzes zuerst im Kupferstein zu concentriren, die Reduction des
Kupferoxydes in dem gersteten Stein geschieht aber nicht durch den
Schwefel, sondern =durch die Kohle=, womit die Beschickung im Schachtofen
geschichtet ist. Daraus folgt der wesentliche Unterschied des Zustandes,
in dem sich das Kupfer -- abgesehen von der Verunreinigung mit anderen
Metallen -- nach beendigtem Schmelzprocess befinden muss. Durch den
Schachtofen erhlt man nie ein bergares oder ein mit Kupferoxydul
verunreinigtes, sondern stets ein kohlehaltiges Kupfer. Es wird demnach
weder durch den Schachtofen, noch durch den Flammenofen ein hammergares
Kupfer erhalten werden knnen; die Mittel aber, dem Kupfer die Hammergare
zu ertheilen, mssen bei dem in dem Flammenofen dargestellten Kupfer
gnzlich verschieden sein von den bei dem durch Verschmelzung im
Schachtofen erhaltenen Kupfer angewendeten.

[Sidenote: Das Zugutemachen der Kupfererze in Schachtfen.]

Die beim Zugutemachen der geschwefelten Kupfererze in =Schachtfen=
stattfindenden Processe bestehen in der Regel darin, dass man die Erze
rstet, wobei ein Theil des Schwefels, Arsens und Antimons verflchtigt
wird, ein Theil der in den Erzen enthaltenen Metalle in schwefelsaure
Salze (Vitriole), arsensaure und antimonsaure bergeht, whrend ein Theil
des Erzes sich dem Rsten entzieht. Bei dem reducirenden Schmelzen
(=Rohschmelzen=, =Erzschmelzen=) des Rstgutes unter Zusatz von
schlackebildenden Materialien wird zuvrderst das Kupferoxyd zu
metallischem Kupfer reducirt, whrend die Vitriole sich wieder in
Schwefelmetalle verwandeln, die mit dem metallischen Kupfer und den
unzersetzt gebliebenen Schwefelmetallen den kupferreicheren =Rohstein=
(=Kupferstein=) bilden, und aus den vorhandenen antimon- und arsensauren
Metalloxyden sich durch Reduction Antimon- und Arsenmetall (=Speise=)
erzeugt. Die brigen Metalloxyde, namentlich das zu Oxydul reducirte
Eisenoxyd, verbinden sich mit den Zuschlgen zu =Schlacke=. Durch
Wiederholung des Rst- und reducirenden Schmelzprocesses
(=Concentrationsschmelzen=), erhlt man zuletzt neben einer geringen
Quantitt Stein (=Dnnstein= oder =Lech=), metallisches Kupfer
(=Rohkupfer=, =Schwarzkupfer=), mit fremden Metallen verunreinigt, von
welchen es durch ein oxydirendes Schmelzen (=Rohgarmachen=) befreit wird,
indem die fremden Metalle als Oxyde theils verflchtigt werden, theils in
die Schlacke (=Garschlacke=) gehen. Das =Garkupfer= (=Rosettenkupfer=,
=Scheibenkupfer=) enthlt, weil bei dem Rohgarmachen der Rstprocess
gewhnlich zu weit getrieben wird, Kupferoxydul, wodurch seine
Dehnbarkeit vermindert wird. Durch ein schnelles reducirendes Schmelzen,
durch Umschmelzen zwischen Kohlen auf einem Herde wird das Kupferoxydul
reducirt und es bildet sich geschmeidiges (=hammergares=) Kupfer. Durch
das Raffiniren des Kupfers in Flammenfen wird zweckmssig das Roh- und
Hammergarmachen zu einem Process vereinigt.

[Illustration: Fig. 18.]

[Illustration: Fig. 19.]

[Illustration: Fig. 20.]

Das =Roh=schmelzen der gersteten Erze zu =Rohstein= (Kupferstein)
geschieht in Schachtfen, theils mit Holzkohlen, theils mit Koks. Fig. 18
zeigt den vertikalen Durchschnitt des Schachtofens, Fig. 19 dessen
vordere Ansicht, mit Beseitigung der vorderen Mauer, um den innern
Schmelzbau sichtbar zu machen. Fig. 20 zeigt endlich den untern Theil
dieses Ofens. _t_ _t_ sind die Oeffnungen fr die Dsen des Geblses;
durch die ber dem Sohlenstein befindlichen beiden Oeffnungen _o_ _o_
(=Augen=) und zwei kurze Kanle (Spuren) rinnt der flssige Inhalt des
Ofens in die beiden schalenfrmigen Vertiefungen _C'_ _C'_
(=Spurtiegel=). Da das gerstete Kupfererz (Kupferkies etc.) stets
Eisenoxyd enthlt, so wrde durch eine einfach reducirende Schmelzung
leicht Eisen reducirt werden. Um dies zu vermeiden, setzt man
schlackebildende Substanzen hinzu (Quarz oder kieselsurereiche
Zuschlge). Das in dem Ofen zu Oxydul reducirte Eisenoxyd tritt mit der
Kieselerde zu einer leichtflssigen Schlacke zusammen. Das beim Rsten
entstandene Kupferoxyd und Kupferoxydul wird durch das in dem Rstgut
enthaltene Schwefeleisen zu metallischem Kupfer reducirt (3CuO + FeS =
SO_{2} + FeO + 3Cu). Whrend der Verschlackung scheiden sich die
Schwefelmetalle ab und sammeln sich im untern Theile des Ofens als
=Kupferstein= (Rohstein), ein Gemenge von Schwefelkupfer, Schwefeleisen
und anderen Schwefelmetallen mit einem durchschnittlichen Kupfergehalt
von etwa 32 Proc. Die zugleich gebildete Schlacke fhrt den Namen
=Rohschlacke= (Schwielschlacke).

Das =Rsten des Kupfersteins= hat dessen mglichst vollstndige Oxydation
unter Beseitigung des vorhandenen Schwefels zum Zweck. Der erfolgte
=Spurrost= wird in einem Schachtofen mit einem Zuschlag von Schlacke
verschmolzen, welcher Process das =Spuren= oder die
=Concentrationsarbeit= genannt wird. Der fallende Stein heisst der
=Spurstein= oder =Concentrationsstein=, der etwa 50 Proc. Kupfer enthlt,
vollstndig abgerstet und zu Schwarzkupfer verschmolzen wird. Sind die
Roh- und Spursteine =silberhaltig=, so werden sie vor weiterer Behandlung
entsilbert, was frher durch die Amalgamation, gegenwrtig nach dem
=Ziervogel='schen Verfahren (siehe Silber) geschieht, wenn man nicht
vorzieht, erst das metallische Kupfer durch den Saigerprocess mittelst
Blei vom Silber zu trennen.

Man umgeht bei reinen Kupfererzen das Spuren und verschmilzt den
vollstndig abgersteten Kupferstein zu =Schwarzkupfer= (Rohkupfer,
Gelbkupfer) durch die =Schwarzkupferarbeit= (Schwarzmachen,
Rohkupferschmelzen). Dies geschieht in Schachtfen von geringerer Hhe
(Krummfen) als die beim Schmelzen der gersteten Kupfererze
angewendeten. Der Schwefelgehalt des Steines ist durch das Rsten so weit
verringert worden, dass er das nun reducirte Kupfer nicht mehr
aufzunehmen vermag. Es scheidet sich deshalb neben einer geringen Menge
Stein (=Dnnstein=, =Oberlech=, =Armstein=) als =Schwarzkupfer= ab,
welches 93-95 Proc. Kupfer enthlt. Schwarzkupfer aus Mansfeld enthielt
nach =Fach= (1866):

                             Kupfer    93,49
                             Blei       1,49
                             Zink       1,47
                             Eisen      1,03
                             Nickel}    1,25
                             Kobalt}
                             Silber     0,03
                             Schwefel   0,99
                                       -----
                                       99,75

[Sidenote: Garmachen.]

Das Schwarzkupfer oder Rohkupfer wird nun durch ein krftiges oxydirendes
Schmelzen von den Verunreinigungen (Schwefel und beigemengte fremde
Metalle) befreit, wobei sich die Verunreinigungen frher verschlacken als
das Kupfer. Dieser Process heisst das =Garmachen des Schwarzkupfers= und
wird ausgefhrt

                1) im kleinen Garherde (Herdgarmachen);
                2) im grossen Garherde oder Spleissofen;
                3) im Zugflammenofen oder Raffinirofen.

[Sidenote: Auf dem Herde.]

[Illustration: Fig. 21.]

[Illustration: Fig. 22.]

Das =Herdgarmachen= wird auf dem Garherde vorgenommen, dessen vertikalen
Durchschnitt Fig. 21, dessen perspectivische Ansicht Fig. 22 zeigt.
Dieser Herd besteht aus einem Gemuer, auf dessen oberer Flche eine
halbkugelfrmige Vertiefung _a_, die Herdgrube, angebracht ist. _b_ ist
eine gusseiserne Deckplatte des Herdes. Zwei Dsen, von denen die eine
bei _h_ sichtbar ist, treiben Wind in das Feuer und auf die Oberflche
des Kupfers. Man schmilzt nun Schwarzkupfer unter Zusatz von Kohlen unter
Mitwirkung des Geblses nieder. Schwefel, Arsen und Antimon verflchtigen
sich. Eisenoxyd und die brigen nicht flchtigen Oxyde scheiden sich mit
dem Kupferoxydul der Kieselsure aus der Herdmasse zu Schlacke verbunden
auf der Oberflche des Kupfers als =Garschlacke= ab, die von Zeit zu Zeit
abgezogen wird. Nach dem Garwerden des Kupfers wird das Geblse
abgehangen, die Oberflche des Kupfers von Kohlen und Schlacken befreit
und dieselbe unter Aufstreuen von Kohlenklein so weit abgekhlt, dass das
Kupfer, ohne eine Explosion befrchten zu mssen, mit Wasser
oberflchlich zur Abkhlung gebracht werden kann. Es bildet sich eine
dnne Scheibe (=Rosette=), welche abgehoben und alsbald in kaltem Wasser
abgelscht wird, um die Oxydation des Kupfers zu verhten. So fhrt man
fort, Wasser aufzusprengen und Scheiben abzuheben, bis der Herd fast
entleert ist. Man nennt diese Arbeit das =Scheibenreissen=, =Spleissen=,
=Rosettiren=. Das so erhaltene Kupfer ist das =Rosettenkupfer=,
=Garkupfer=, =Scheibenkupfer=.

[Sidenote: Garmachen im grossen Garherde.]

[Illustration: Fig. 23.]

Das =Garmachen im grossen Garherde oder Spleissofen= (Geblseflammenofen)
ist in Folge der Unvollkommenheit des Herdgarmachens eingefhrt worden.
Der =Spleissofen= ist dem Silbertreibherd hnlich. Fig. 23 zeigt ihn im
vertikalen Durchschnitte. _A_ ist der Schmelzherd, _B_ der Spleissherd
(es sind zwei solcher Herde vorhanden), _n_ die Form des Geblses, _l_
der Rost fr das Brennmaterial. Das Verfahren ist dem Herdgarmachen
hnlich. Wenn das Kupfer die Gare erreicht hat, wird es in die
Spleissherde abgelassen und in diesen in Rosettenkupfer verwandelt. Da
bei diesem Garmachen das Brennmaterial vom Schmelzgute getrennt ist, so
findet eine vollstndigere Reinigung des Kupfers statt, als im kleinen
Herde.

[Sidenote: Saigerung.]

Bei Verarbeitung silberhaltiger Kupfererze wird das Schwarzkupfer =vor=
dem Garmachen der Operation des =Saigerns= unterworfen, wenn man es nicht
vorzieht, zur Entsilberung die =Ziervogel='sche Wasserlaugerei (s.
Silber) anzuwenden. Diese Operation beruht darauf, dass Kupfer und Blei
sich zusammenschmelzen lassen, dass aber beim Erkalten beide Metalle
nicht verbunden bleiben, und eine Legirung von vielem Kupfer mit wenig
Blei sich bildet und das brige Blei sich ausscheidet. Die Absonderung
geschieht zum grssten Theil nach dem specifischen Gewichte, die unterste
Schicht bildet silberhaltiges Blei. Lsst man die flssige Masse langsam
erkalten, so fliesst das Blei mit dem Silber verbunden aus, bei schnellem
Erkalten erhlt man dagegen ein inniges Gemenge beider Metalle. Das
Silber wird von dem Blei durch Abtreiben oder durch Pattinsoniren
geschieden.

  Wie schon erwhnt, ist das auf dem kleinen und grossen Herde
  dargestellte Kupfer meist kupferoxydulhaltig. Bei einem Oxydulgehalt
  von 1,1 Proc. ist aber das Kupfer so wenig dehnbar und geschmeidig,
  dass es sich bei gewhnlicher Temperatur nicht mehr bearbeiten lsst,
  ohne schieferig zu werden und Kantenrisse zu bekommen. Bei einem
  Kupferoxydulgehalte von 1-1/2 Proc. wird die Verminderung der
  Festigkeit auch schon in erhhter Temperatur bemerklich und das Kupfer
  wird kalt- und rothbrchig. Dies ist der Zustand des Kupfers, welchen
  man in Deutschland mit dem Namen des =bergaren= bezeichnet. Dieses mit
  Kupferoxydul verunreinigte Kupfer kann nur durch Reduction des Oxyduls
  seine vorige Festigkeit wieder erhalten. Der dies bezweckende Process
  wird das =Hammergarmachen= und das dabei erhaltene Kupfer =hammergares
  Kupfer= genannt. Mansfelder Garkupfer enthielt nach =Steinbeck= (1864):

                            Kupfer      94,37
                            Silber       0,02
                            Nickel       0,36
                            Eisen        0,05
                            Blei         0,60
                            Sauerstoff   0,58
                            Schwefel     0,02
                                       ------
                                       100,00

[Sidenote: Das Zugutemachen der Erze in Flammenfen.]

Der grosse Reichthum Grossbritanniens an dem fr den Flammenofenprocess
sich am besten eignenden Brennstoff, der Steinkohle, fhrte wol zuerst
auf die Idee, anstatt des Zugutemachens der Kupfererze in Schachtfen die
Gewinnung des Kupfers in Flammenfen einzufhren. Mit dieser, in Bezug
auf Grossbritannien vortheilhaften wirthschaftlichen Seite, vereinigt die
Anwendung der Flammenfen zugleich vielfache Vortheile von allgemeiner
Wichtigkeit, namentlich ist das nach dem englischen Verfahren gewonnene
Kupfer weit vorzglicher als das der brigen Kupferwerke, wenn es auch
dem aus russischen und australischen Erzen gewonnenen an Gte nachsteht.
Die bedeutendsten englischen Kupferwerke sind zu Swansea; sie erhalten
ihre Erze aus den Kupferminen in Cornwall, Nord-Wales, Westmoreland, den
angrenzenden Theilen von Lancashire und Cumberland, aus Schottland und
Irland u. s. w., doch werden auch grosse Mengen von eingefhrten Erzen
(aus Chili, Peru, Australien, Cuba und Norwegen) verschmolzen. Ausserdem
befinden sich noch Kupferwerke auf der Insel Anglesea, in Staffordshire
und bei Liverpool. Die englischen Kupfererze bestehen meist aus
Kupferkies mit beigemengtem Schwefelkies, nicht selten auch etwas
Zinnkies und Arsenkies, und Gangart.

  Die hauptschlichsten Processe des englischen
  Kupfergewinnungsverfahrens bestehen in folgenden Operationen: 1) Rsten
  des kiesigen Kupfererzes (_calcination_); 2) Verschmelzen der
  gersteten Erze zu Rohstein (_melting for coarse metal_); 3) Rsten des
  Rohsteines (_calcination of coarse metal_); 4) Darstellen des weissen
  Concentrationssteines (_white metal_) durch Verschmelzen des gersteten
  Rohsteins mit reichen Erzen; 5) Darstellen eines blauen
  Concentrationssteines (_blue metal_) durch Verschmelzen des gersteten
  Rohsteines mit gersteten Erzen von mittlerem Kupfergehalt; 6)
  Darstellen eines rothen und weissen Steines durch Verschmelzen der bei
  den vorhergehenden Operationen gewonnenen Schlacken; 7) Rstschmelzen
  des blauen Steines No. 5 und Darstellung des weissen Extrasteines; 8)
  Rstschmelzen des weissen Extrasteines und Darstellung des
  Concentrationssteines; 9) Rstschmelzen des gewhnlichen weissen
  Steines und der kupferhaltigen Bden zum Zweck der Darstellung von
  Schwarzkupfer (_blistered copper_, Blasenkupfer); 10) Raffiniren des
  Schwarzkupfers. Nach =Gurlt='s Ansicht lassen sich alle Operationen des
  Zugutemachens der Kupfererze in Flammenfen auf hchstens zwei
  Rstungen und drei Schmelzungen zurckfhren, nmlich auf 1) das Rsten
  der gepulverten Erze unter Zusatz von Kochsalz oder Chlorcalcium, um
  flchtige Chloride zu bilden; 2) das Verschmelzen der gersteten Erze
  bei Erzeugung einer mehr saigeren Schlacke auf Rohstein; 3) das
  Rstschmelzen des Rohsteines mit erhitzter Geblseluft auf
  Schwarzkupfer mit oder ohne Zuschlag von chlorhaltigen Substanzen; 4)
  das Raffiniren des Schwarzkupfers.

[Sidenote: Rsten der Erze.]

  Das _Rsten_ der kiesigen Kupfererze ist im Allgemeinen von dem auf dem
  Continent gebruchlichen Verfahren nicht verschieden. Das Erz erleidet
  whrend des Rstens keinen wesentlichen Gewichtsverlust, indem die
  Aufnahme an Sauerstoff so ziemlich den Verlust an Schwefel, Antimon,
  Arsen etc. compensirt. Das Produkt des Rstens ist ein schwarzes
  Pulver, dessen Farbe vom Kupfer- und Eisenoxyd herrhrt. Whrend des
  Rstens entwickeln sich weisse Rauchwolken, aus schwefliger Sure,
  arseniger Sure etc. bestehend. In neuerer Zeit hat man durch
  Einfhrung zweckmssiger Rstapparate, namentlich des
  =Gerstenhfer='schen Rstofens, die schweflige Sure fr die
  Schwefelsurefabrikation zu verwerthen gesucht.

[Sidenote: Verschmelzen der gersteten Erze.]

[Illustration: Fig. 24.]

  =Das Verschmelzen der gersteten Erze zu Roh- oder Kupferstein=
  geschieht in den =Schmelzfen=. Die Figur 24 stellt einen solchen
  Schmelzofen, wie er zu Swansea gebruchlich ist, dar. Der Herd
  verengert sich gegen seine Mndung hin, sodass er eine Art von Mulde
  bildet, _K_ ist der Fllungstrichter, _G_ ist eine mit kaltem Wasser
  gefllte Grube. Die Operation des Kupfersteinschmelzens durch den
  Flammenofenprocess bezweckt das Kupfer von der Gangart und einem Theil
  der in dem gersteten Erze enthaltenen fremden Metalloxyde durch ein
  reducirendes und auflsendes Schmelzen abzuscheiden. Der Schwefel ist
  hierbei von Wichtigkeit, indem die unzersetzt gebliebenen
  Schwefelmetalle beim Schmelzen die Oxyde und die schwefelsauren Salze
  zerlegen. Es verwandeln sich zunchst Eisenoxyd und Schwefeleisen in
  schweflige Sure und Eisenoxydul, welches letztere mit der vorhandenen
  Kieselsure zu Schlacke zusammentritt. Bei gesteigerter Temperatur wird
  das Kupferoxyd von dem Schwefeleisen und Schwefelkupfer unter Bildung
  von Eisenoxydul und metallischem Kupfer zerlegt, welches letztere sich
  zum Theil in dem entstandenen Kupferstein auflst, zum Theil auch durch
  das Eisenoxyd zu Kupferoxydul reducirt wird, das bei der hchsten
  Temperatur des Ofens sich verschlackt. Indem nun durch lebhaftes Rhren
  der geschmolzenen Masse Stein und Schlacken in innige Berhrung kommen,
  setzt sich das in dem Steine enthaltene Schwefeleisen mit dem
  Kupferoxydul der Schlacken in Schwefelkupfer und kieselsaures
  Eisenoxydul um, sodass dem Kupfer fast jeder Weg zur Verschlackung
  abgeschnitten ist.

[Sidenote: Rsten des Rohsteines.]

[Sidenote: Concentrationsstein.]

[Sidenote: Roh- oder Schwarzkupfer.]

[Sidenote: Garmachen des Schwarzkupfers.]

  =Das Rsten des Rohsteines= geschieht meist in denselben Flammenfen,
  welche zu dem Rsten des Erzes Anwendung finden. Der Zweck des Rstens
  ist hauptschlich, das Eisen zu oxydiren und den Schwefel bis auf ein
  gewisses Quantum zu verflchtigen und zu verbrennen. Eine gewisse
  Menge Schwefel in dem Rstprodukte ist nothwendig, weil ausserdem
  das Concentrationsschmelzen nicht oder doch nur mit Kupferverlust
  ausfhrbar wre. Auf das Rsten folgt die Darstellung des =weissen
  Concentrationssteines=. Zu diesem Zwecke wird der gerstete Rohstein
  mit reichen Kupfererzen beschickt, welche fast kein Schwefeleisen,
  sondern nur Schwefelkupfer, Kupferoxyd und Quarz in solchen
  Verhltnissen enthalten, dass der Schwefelkies durch den Sauerstoff
  der Oxyde oxydirt wird, wobei alles Kupfer mit dem berschssigen
  Kupfer zu Stein zusammentritt, das zu Oxydul oxydirte Eisen aber mit
  dem Quarz kieselsaures Eisenoxydul bildet. Das Schmelzen geschieht
  auf hnliche Weise wie das Rohsteinschmelzen. Der sich bildende
  =weisse Concentrationsstein= ist fast von der Zusammensetzung des
  Kupferglanzes (Cu_{2}S) und wird in Sandformen abgestochen. Der
  weisse Stein wird auf =Roh-= oder =Schwarzkupfer= verschmolzen.
  Man bringt den zu verarbeitenden Stein auf die Herdsohle eines von
  dem Schmelzofen nicht verschiedenen Ofens und lsst das Glhfeuer
  12-24 Stunden lang einwirken. Im Anfange darf die Hitze nicht bis
  zum Schmelzen gehen, nur gegen das Ende wird sie erhht. Durch
  dieses Rstschmelzen wird der Schwefel in Gestalt von schwefliger
  Sure beseitigt und zugleich entweder durch Verflchtigung allein
  oder durch den Sauerstoff und Verschlackung die Verunreinigung,
  wie Arsen, Kobalt, Nickel, Zinn, Eisen u. s. w., entfernt. Whrend
  des Einschmelzens zerlegen sich Kupferoxydul und Schwefelkupfer
  gegenseitig zu schwefliger Sure und metallischem Kupfer (2Cu_{2}O +
  Cu_{2}S = SO_{2} + 6Cu). Das geschmolzene Rohkupfer wird in Formen
  abgestochen. Es berzieht sich auf der Oberflche mit schwarzen
  Blasen, weshalb es =Blasenkupfer= genannt wird. Auf der Bruchflche
  zeigt es ein porses, bienenzelliges Ansehen, welches von den Gasen
  und Dmpfen (schweflige Sure, Arsendmpfe) herrhrt, welche sich bei
  dem Aufkochen des Rohkupfers entwickeln. Das Roh- oder Schwarzkupfer
  ist schon ziemlich rein, von Schwefel, Eisen und anderen Metallen
  fast frei. Die letzte Operation des englischen Flammenofenprocesses
  ist das =Garmachen des Schwarzkupfers=, welches auf der Sohle eines
  Flammenofens (Zugflammenofen) ausgefhrt wird. Zuerst wird schwach
  erhitzt, um die Oxydation zu beendigen. Nach ungefhr sechs Stunden
  gerth das Kupfer in Fluss. Nachdem alles Kupfer in dem Sumpfe
  niedergeschmolzen ist und der Ofen sich in starker Hitze befindet,
  wird die kupferoxydulreiche, rthlich gefrbte Schlacke abgezogen. Es
  wird die Oberflche des geschmolzenen Kupfers mit Holzkohlenpulver
  bedeckt und darauf in das flssige Metallbad eine hlzerne Rhrstange,
  gewhnlich von Birkenholz, gebracht. Man nennt diese Operation das
  =Schumen= oder =Polen=; sie hat die Reduction des vorhandenen
  Kupferoxyduls durch die aus der hlzernen Rhrstange unter Aufschumen
  des Kupfers sich entwickelnden reducirenden Gase zum Zweck. Darauf hat
  das Kupfer die Hammergare.

[Sidenote: Gewinnung des Kupfers aus oxydirten Erzen.]

Die Darstellung des Kupfers aus =oxydirten Erzen= ist einfach. Die Erze
werden mit Kohle in einem Schachtofen niedergeschmolzen, indem man sie
mit den erforderlichen Zuschlgen versetzt, um eine leichtflssige
Schlacke, die kein Kupfer aufnimmt, zu erzielen. Das erfolgende
Schwarzkupfer wird in Spleissfen gar gemacht und in Blcken als
Rosettenkupfer in den Handel gebracht. Zu Chessy bei Lyon verschmilzt man
Malachit, Kupferlasur und Rothkupfererz. Es findet dabei durch
Verschlackung ein nicht unbedeutender Kupferverlust statt. Auf den
sibirischen Kupferhtten am Ural giebt man den oxydirten Kupfererzen
einen Zuschlag von kiesigen Kupfererzen und von Schwefelkies, wobei das
Kupfer durch den Schwefel vor der Verschlackung geschtzt und in einen
Stein verwandelt wird, den man auf Schwarzkupfer verschmilzt.

[Sidenote: Gewinnung des Kupfers auf nassem Wege.]

Die Gewinnung des Kupfers =auf nassem Wege= (die hydrometallurgische
Kupfergewinnung) findet in neuerer Zeit immer mehr und mehr Anwendung und
ist das Resultat der Uebertragung der Erkenntnisse der analytischen
Chemie in das praktische Leben. Die grosse Leichtigkeit, mit welcher das
Kupfer in Lsung gebracht und daraus gefllt wird, gab die Veranlassung,
den nassen Weg der Kupferextraction zu versuchen, wenn der trockene Weg
wegen Kupferarmuth der Erze keine konomisch vortheilhaften Resultate
giebt. Eine der ltesten Methoden der hydrometallurgischen
Kupfergewinnung ist die durch =Cementation=. Sie besteht in dem Ausfallen
des Kupfers aus Kupfervitriollsung durch metallisches Eisen; solche
Lsungen kommen theils fertig gebildet als Grubenwsser oder Cementwsser
vor, theils werden sie knstlich durch Behandeln von armen oxydirten
Kupfererzen mit schwefligsauren Dmpfen oder durch Extraction des Kupfers
mittelst Salzsure oder verdnnter Schwefelsure oder auch nur durch
Rsten von kiesigen Erzen und Auslaugen des erzeugten Kupfervitriols
bereitet. Das durch Fllen von metallischem Kupfer aus Lsungen durch
Eisen erhaltene Kupfer nennt man =Cementkupfer=. Auf der Insel =Anglesea=
hebt man die Cementwsser zuerst in ein grosses Bassin, um sie durch
Absetzen von Eisenocker zu klren, und leitet sie darauf in die
Cementgruben, in welchen sich das zur Zersetzung des Kupfervitriols
bestimmte alte Guss- und Schmiedeeisen befindet. Von Zeit zu Zeit muss
das Eisen bewegt werden, damit die oxydirte Flche sich abscheuere. Von
Zeit zu Zeit werden die Bodenstze in den Smpfen aufgerhrt und die
trbe Flssigkeit mit allem Schlamm in grosse Smpfe geleitet, in welchen
sich der Schlamm absetzt, der in einem Trockenofen bei Flammenfeuer
getrocknet wird. Der Kupfergehalt des Schlammes ist sehr verschieden, der
reichste enthlt ungefhr 50 Proc. Kupfer, durchschnittlich kann man
einen Kupfergehalt von 15 Proc. annehmen, da der Hauptbestandtheil des
Schlammes basisch schwefelsaures Eisenoxyd ist. Dem Anhaften des
ausgeschiedenen Kupfers an dem Eisen wird vorgebeugt, wenn in dem
Apparate, in welchem die Fllung vor sich geht, eine Rhrvorrichtung
befindlich ist, hnlich der in den Maischmaschinen. Zu =Herrengrund= bei
=Neusohl= in Niederungarn, wo frher betrchtliche Mengen von
Cementkupfer gewonnen wurden, ist die Gewinnung jetzt sehr unbedeutend.
Dagegen zu =Schmllnitz= in Oberungarn und zu =Rio tinto= in Sdspanien
hat die Cementkupferbereitung eine grosse Ausdehnung erhalten. In
Norwegen schlgt man das Kupfer aus den Lsungen (nach =Sinding='s
Verfahren) durch Schwefelwasserstoff nieder und verarbeitet das gefllte
Kupfer entweder auf Kupfervitriol oder auf metallisches Kupfer.

  Kupferkieshaltige Pyrite werden, nachdem sie durch Abrsten ihren
  Schwefel als schweflige Sure (zum Zweck der Schwefelsurefabrikation)
  abgegeben haben, meist auch noch auf nassem Wege entkupfert; man kann
  das Kupfer mit einer Lsung von Eisenchlorid ausziehen und aus der
  Lsung (nach dem Vorschlage von =Gossage=) das Kupfer mittelst
  Schwefeleisen fllen. Arme ockerige Erze, die nicht mehr mit Vortheil
  geschmolzen werden knnen, werden durch Rsten mit Schwefelkies oder
  durch Calciniren mit Eisenvitriol oder berhaupt auf irgend eine Weise,
  wobei schweflige Sure sich entwickelt, auf Kupfervitriol verarbeitet.
  Auch aus kiesigen Kupfererzen hat man unter Umstnden mit Gewinn
  Cementkupfer dargestellt, so verwandelt z. B. =Bankart= die Kupfererze
  durch Rsten in Sulfate, schlgt aus deren Lsung das Kupfer durch
  Eisen nieder und gewinnt aus der Lauge Eisenvitriol.

[Sidenote: Kupfer auf galvanischem Wege erhalten.]

  Das durch Anwendung des =galvanischen Stromes= erhaltene Kupfer ist das
  reinste; vor einiger Zeit ist vorgeschlagen worden, bei dem Fllen von
  Cementkupfer, um an Eisen und Zeit zu sparen, die Elektricitt
  anzuwenden. Dass der Kupfervitriol auf elektrolytischem Wege unter
  Abscheidung von cohrentem Kupfer zersetzt werden kann, ist eine fr
  =galvanoplastische= Darstellungen wichtige Thatsache.

[Sidenote: Eigenschaften des Kupfers.]

  Das Kupfer zeichnet sich durch seine bekannte rothe Farbe aus, ist
  stark glnzend und obgleich ziemlich hart, doch so dehnbar, dass es
  sich zu den feinsten Drhten ziehen und zu dnnen Blttchen schlagen
  lsst. Durch Erwrmen steigert sich seine Dehnbarkeit. Es hat einen
  hakigen, krnigen Bruch, ein spec. Gewicht von 8,9 (1 Kubikfuss Kupfer
  wiegt 456-476 Pfd.) und schmilzt bei einer Temperatur von 1200
  (Pouillet) oder 1400 (Daniell) (etwas leichter als Gold, etwas
  schwerer als Silber). Reines Kupfer fliesst in dnnen, schnell
  erstarrenden Strmen, das mit Oxydul verunreinigte fliesst trge,
  erstarrt langsamer und stets in dicken Massen. Das geschmolzene Kupfer
  hat eine eigenthmliche meergrne Farbe. Zu Gusswaaren eignet sich das
  Kupfer nicht, indem es, vermuthlich wenn es zu heiss gegossen wird, nur
  porse und blasige Gsse liefert. Beim Erkalten dehnt es sich scheinbar
  (es =steiget=) aus, d. h. es scheint nach dem Erstarren einen grssern
  Raum einzunehmen als im geschmolzenen Zustande. Durch dieses Ausdehnen
  wird das Kupfer zur Bearbeitung unter dem Hammer und dem Walzwerk
  unbrauchbar, weil der Zusammenhang der Masse auf mechanische Weise,
  durch krystallinische Gefge und durch Hhlungen und Zwischenrume,
  welche im Innern der Masse sich bilden, unterbrochen wird. Damit das
  Ausdehnen oder Steigen des Kupfers nicht stattfinde, ist es
  unerlsslich, das Metall (wie =C. Stlzel= vorgeschlagen) unter einer
  Kohlendecke zu schmelzen, oder das flssige Metall bis zu einer
  gewissen Temperatur sich abkhlen zu lassen und es dann in geschlossene
  Formen zu giessen, damit es schnell erstarre. Zink, Blei (etwa 0,1
  Proc.), Kalium und andere Metalle entziehen dem Kupfer die Eigenschaft,
  zu steigen. Auch eine gewisse Quantitt beigemengtes Kupferoxydul
  verhindert das Steigen des Kupfers in den Formen, doch lsst sich diese
  Eigenschaft in der Praxis nicht anwenden, weil Kupferoxydul das Kupfer
  kaltbrchig macht. Reines Kupfer zeigt vor dem Erstarren die
  Eigenschaft des Kupferregens oder des Spratzens, d. h. es werden, noch
  ehe die Erstarrung auf der Oberflche eintritt, Kupferkgelchen
  (=Streu-= und =Spritzkupfer=) als ein feiner und oft sehr dichter Regen
  mit grosser Gewalt in die Hhe geschleudert. Bei hherer Temperatur und
  bei Luftzutritt verbrennt des Kupfer mit schner grner Flamme. An der
  feuchten Luft berzieht es sich nach und nach mit kohlensaurem
  Kupferoxydulhydrat (sogenanntem =Grnspan=). Im Feuer bei Luftzutritt
  nimmt es anfangs Regenbogenfarben an, spter berzieht es sich mit
  einer braunrothen Rinde von Kupferoxydul, welche nach und nach eine
  schwarze Farbe annimmt und beim Ablschen des glhenden Metalls in
  Wasser oder beim Hmmern und Biegen in Schuppen abfllt (=Kupferasche=,
  =Kupferhammerschlag=). In dem Zustande, in welchem das Kupfer durch den
  Schmelzprocess auf den Kupferhtten (als =Werkkupfer=) gewhnlich
  dargestellt wird, ist es mit anderen Metallen, vorzglich mit Eisen,
  Antimon, Arsen, in einigen Fllen vorzugsweise mit Blei, in anderen mit
  Zinn, zuweilen auch mit Zink, und fast stets mit Schwefel verunreinigt.
  =Reischauer= fand in einem vollkommen dehnbaren Werkkupfer 1,48 Proc.
  solcher in Salpetersure unlslicher Stoffe (Antimon, Blei, Zinn,
  Eisen, Nickel). Bei einem grsseren Quantum fremder Krper besitzt es
  bei jeder Temperatur einen so geringen Grad von Festigkeit, dass es
  sich durch Hmmern und Walzwerke nicht bearbeiten lsst. Selbst zu
  Gusswaaren (zu Statuenguss) ist dieses unreine Kupfer nicht geeignet,
  theils weil ihm die Kupferfarbe abgeht, theils weil es den Einflssen
  der Atmosphre nicht widerstehen kann. Man benutzt das Kupfer zu
  Siedepfannen in Zuckerfabriken, Kesseln, Blasen und Khlapparaten in
  Brennereien und Brauereien, zum Beschlagen der Schiffe, zur
  Scheidemnze, zum Graviren (Kupferstich und Kupferwalzen im Zeugdruck),
  zur Fabrikation des Kupfervitriols, der Kupferfarben etc. Raffinirtes
  Kupfer aus Mansfeld enthielt nach =Steinbeck= (Juni 1868):


                              Kupfer  99,28
                              Silber   0,02
                              Nickel   0,32
                              Eisen    0,06
                                     ------
                                     100,00

  Die =Kupferproduktion= auf der ganzen Erde betrgt gegenwrtig (1870)
  etwa 1,300,000 Ctr., davon kommen auf

                    Russland               130,000 Ctr.
                    England                350,000  "
                    Oesterreich             60,000  "
                    Chile                  280,000  "
                    Nordamerika            200,000  "
                    Preussen                57,500  "
                    Spanien                 40,000  "
                    Schweden                40,000  "
                    Belgien                 20,000  "
                    Sachsen                    700  "
                    Cuba                    40,000  "
                    Bolivia und Peru etc.   30,000  "

  Der Preis des Kupfers betrgt im Mittel 40 Thlr. der Centner; als
  Gesammtwerth des jhrlich producirten Kupfers ergiebt sich demnach die
  Summe von 52 Mill. Thlr.

[Sidenote: Legirungen des Kupfers.]

=Kupferlegirungen=. Von diesen Legirungen erwhnen wir als die
wichtigsten die =Bronze=, das =Messing= und das =Neusilber=.

[Sidenote: Die Bronze.]

Die =Bronze= ist eine Legirung aus Kupfer und Zinn oder Kupfer, Zinn und
Zink, oder endlich Kupfer und Aluminium. Durch den Zusatz von Zinn oder
von Zinn und Zink oder endlich von Aluminium wird das Kupfer
leichtflssiger und daher brauchbarer zum Guss, dichter und deshalb
politurfhiger; es wird ferner hrter, sprder, klingender und tnender
und ist (mit Ausnahme der Aluminiumlegirung) weit wohlfeiler als reines
Kupfer, wodurch es ebenfalls zu vielen Zwecken geeigneter wird. Ein
geringer Zusatz von Phosphor (0,12-0,50 Proc.) macht einige dieser
Legirungen homogener und geschmeidiger. Die hauptschlichsten Arten der
Bronze sind =Glockenmetall=, =Kanonenmetall= und =Statuenbronze=.

[Greek: a]) =Glockenmetall= (Glockengut, Glockenspeise) besteht
durchschnittlich aus 78 Th. Kupfer und 22 Th. Zinn. Es muss Klang mit
Hrte und Festigkeit verbinden. Es ist ein sprdes Metall und deshalb ist
die Behandlung der Glocke auf der Drehbank nicht mehr ausfhrbar; die
Glocke muss demnach den Ton, den sie erhalten soll, durch den Guss, durch
ihre Form und durch die Metallmischung erhalten. Zuweilen wird dem
Metall, um Zinn zu ersparen, Zink und Blei zugesetzt, was leicht
schdlich sein kann. Ein Vorurtheil ist es hingegen, dass, um der Glocke
einen besonders hellen Klang zu verschaffen, Silber beigemischt werden
msse.

[Greek: b]) =Kanonenmetall= (Geschtzmetall, Stckgut, Kanonengut)
besteht durchschnittlich aus 90 Th. Kupfer und 9 Th. Zinn und muss
mechanisch und chemisch dauerhaft sein. Die mechanische Dauerhaftigkeit
erfordert 1) =Zhigkeit=, damit das Geschtz nicht beim Entznden der
Ladung, wobei dasselbe einem Drucke von wenigstens 1200-1500 Atmosphren
ausgesetzt ist, gesprengt werde; 2) =Elasticitt=, damit den durch die
hufigen und stossweisen Gasentwickelungen auf die Cohsion geschehenden
Angriffen entgegengetreten werde; 3) =Hrte=, welche die beim Anschlagen
des Geschosses entstehenden Vertiefungen in der innern Wand des
Geschtzes (der =Seele=), die sogenannten =Kugellager=, verhindern soll.
Die =chemische Bestndigkeit= endlich verlangt die mglichst grsste
Unangreifbarkeit des Geschtzes durch die Luft, durch die
Zersetzungsprodukte des Schiesspulvers und der Schiessbaumwolle und durch
die bei der Entzndung derselben bewirkte hohe Temperatur. Das
Kanonenmetall von der oben angegebenen Zusammensetzung hat die
Eigenthmlichkeit, sich zu entmischen, entweder durch eine Art Saigerung,
indem zinnreiche leichtflssige Legirungen von den zinnarmen
strengflssigen sich trennen, oder auch durch Verbrennen, indem das Zinn
leichter und frher verbrennt als das Kupfer und die Legirung dadurch
stets zinnrmer wird. Diese Neigung zum Entmischen ist beim Giessen der
Geschtze eine Quelle von grossen Schwierigkeiten. In neuerer Zeit hat
man und wie es scheint, nicht ohne Erfolg, durch Zusatz von etwas
Phosphor (0,12-0,50 Proc.) das Geschtzmetall gleichfrmiger zu machen
gesucht.

[Greek: g]) =Statuenbronze= zu Bildsulen, Bsten, Verzierungen besteht
aus Kupfer, Zinn, Blei und Zink. Sie muss so zusammengesetzt sein, dass
sie im geschmolzenen Zustande dnnflssig genug ist, um die Gussform
vollstndig auszufllen und einen reinen scharfen Guss zu liefern, der
sich leicht ciseliren lsst und eine schne Patina annimmt. Die
Reiterstatue des Knigs Ludwig XIV. in Paris (1699 beendigt) besteht aus
91,40 Kupfer, 5,53 Zink, 1,70 Zinn und 1,37 Blei; die Reiterstatue von
Ludwig XV. aus 82,65 Kupfer, 10,30 Zink, 4,10 Zinn und 3,15 Blei; die von
Heinrich IV. (auf dem _Pont neuf_ zu Paris) aus 89,62 Kupfer, 4,20 Zink,
5,70 Zinn und 0,48 Blei. Man schtzt an der Statuenbronze die
Eigenschaft, sich bald mit einer gleichmssigen und schn grnen
Oxydschicht (=Antikbronze=, =Patina=) zu berziehen, eine Schicht, deren
Bildung man auch hufig durch Anwendung chemischer Mittel befrdert. Die
=Aluminiumbronze= (aus 90 Th. Kupfer und 10 Th. Aluminium bestehend) wird
wegen ihrer schnen Farbe in vielen Fllen angewendet, wo man sich sonst
des Messings bedient htte.

[Sidenote: Das Messing.]

Das =Messing= (Gelbguss) gehrt zu den ltesten und am lngsten bekannten
Legirungen. Zink und Kupfer verbinden sich in allen Verhltnissen mit
einander, aber nur das Messing hat unter allen Legirungsverhltnissen
allein technische Anwendung gefunden. Die Quantitt der beiden Metalle im
Messing variirt je nach der Anwendung, die von dem Messing gemacht werden
soll. Durchschnittlich betrgt der Zinkgehalt 30 Proc. Im Allgemeinen
ertheilt ein geringerer Zinkgehalt dem Messing eine dunklere
rthlichgelbe Frbung, ein grsserer Zinkgehalt eine lichtere gelbliche
Frbung. Je grsser der Kupfergehalt ist, desto dehnbarer ist das
Messing. In kaltem Zustande ist das Messing hmmerbar und lsst sich
strecken, walzen und zu Draht ausziehen; in heissem Zustande erhlt es
leicht Brche und Risse. Ein =hmmerbares= oder =schmiedbares Messing=
(_yellow metal_), welches sich in der Glhhitze unter Hammer und Walzen
strecken lsst, erhlt man durch Zusammenschmelzen von 40 Th. Zink mit 60
Th. Kupfer. Das Messing hat vor dem reinen Kupfer vielfache Vorzge. Es
hat eine angenehmere Farbe, oxydirt sich nicht so leicht, besitzt
grssere Hrte und Steifheit (und eignet sich nur deshalb zu
Blechgefssen und Stecknadeln), niedrigeren Schmelzpunkt und ist im
geschmolzenen Zustande weit dnnflssiger, ohne beim Erstarren wie das
Kupfer blasig zu werden; es ist aus diesem Grunde, und weil es weit
billiger ist als Kupfer, zu Gusswaaren ein schtzbares Material. Ein
Zusatz von Blei (1-2 Proc.) macht das Messing zur Bearbeitung auf der
Drehbank geeignet; solches Messing lsst sich auch besser feilen, da es
die Feilen nicht verschmiert.

  Die =Fabrikation des Messings= geschieht auf zweifache Weise: 1)
  entweder durch Zusammenschmelzen von Galmei, Kohle und Schwarzkupfer,
  oder 2) durch Zusammenschmelzen von metallischem Zink mit Garkupfer.
  Die Messingbereitung mittelst =Galmei= ist die lteste und jetzt schon
  fast allgemein aufgegebene Methode. Man bedient sich dazu solcher
  Oefen, in welchen 7-9 Tiegel aus feuerfestem Thon zu gleicher Zeit
  eingesetzt werden knnen. Die Tiegel stehen auf einem Rost. Man benutzt
  gewhnlich gersteten Galmei und zinkhaltigen Ofenbruch der Hochfen.
  Da man mit Galmei dem Messing nicht mehr als 27-28 Proc. Zink geben
  kann, so setzt man kurz vor dem Giessen der geschmolzenen Masse Galmei
  zu. Frher liess man die Messingfabrikation in zwei Operationen
  zerfallen: die erste bezweckte die Herstellung einer Legirung
  (=Arcoschmelzen=), welche nur 20 Proc. enthielt; bei der zweiten
  verband man das =Arco= (Rohmessing, Stckmessing) mit einer neuen
  Zinkmenge, um es in eigentliches Messing zu verwandeln
  (Tafelmessingschmelzen). Das Arcoschmelzen ist ein sehr
  unvortheilhaftes Verfahren, weil die Schmelzkosten dadurch unnthig
  vergrssert werden, doch war man frher der Ansicht, es werde durch ein
  besonderes Arco- und Tafelmessingschmelzen ein besseres Produkt
  erhalten. Das Arcoschmelzen fllt gegenwrtig hinweg und man giebt dem
  Metallgemisch, wenn es in Fluss gekommen ist, das noch mangelnde Zink.
  Auf gleiche Weise verfhrt man mit dem Ofenbruche, aus welchem allein,
  ohne Zusatz von metallischem Zink, kein Messing hergestellt werden
  kann. Beim Guss zu Tafelmessing wird der Inhalt aus allen Tiegeln in
  einem Tiegel (dem sogenannten =Giesser=), welcher vor dem
  Messingschmelzofen in einer Grube (dem =Monthal=) steht,
  zusammengegossen, das flssige Metall mit einem eisernen Stabe
  (=Kaliol=) umgerhrt und die Oberflche gereinigt, worauf der Inhalt in
  die bestimmten Formen gegossen wird. Der Guss in eisernen Formen
  gelingt nicht gut, wenn es sich um die Herstellung dnner Platten
  handelt, daher giesst man zwischen Granittafeln, von denen je zwei eine
  Gussform ausmachen. Die Granittafeln erhalten einen Ueberzug aus Lehm
  und Kuhmist und werden vor dem Gusse gut angewrmt. Es knnen gegen 20
  Tafeln gegossen werden, ehe man den Lehmberzug zu erneuern braucht.
  Die gegossenen Tafeln werden hierauf berarbeitet, um die Gussnaht zu
  beseitigen und dann vermittelst einer Circularsge in Stcke von
  passender Form zerschnitten. Die Fabrikation des Messings aus =Zink=
  kann auf verschiedene Weise ausgefhrt werden. Die einfachste und
  vorzglichste Methode besteht in der Anwendung gewhnlicher Tiegel, in
  welche Kupfer und Zink mit einander geschichtet eingetragen werden und
  eine starke Decke von Kohlenstaub erhalten. Kupfer und Zink werden in
  zolldicken Stcken angewendet. Ein Arcoschmelzen findet bei diesem
  Verfahren nicht statt. Bisweilen setzt man auch schon dnngewalztes
  Kupferblech Zinkdmpfen aus, um es in Messingblech berzufhren.

  Dem =Messing hnliche Legirungen= sind =Tombak= (rothes Messing,
  Rothmetall), welches auf etwa 85 Th. Kupfer 15 Th. Zink enthlt. Aus 2
  Th. Zink und 11 Th. Kupfer stellt man in Nrnberg und Frth die
  Legirung dar, die von den dasigen Metallschlgern zu =Blattgold=
  (Goldschaum) verarbeitet wird. Andere Kupferzinklegirungen von
  goldhnlicher Farbe, die jetzt keine oder doch nur sprliche Anwendung
  finden, sind: =Prinzmetall=, =Semilor=, =Orede=, =Mannheimer Gold=,
  =Pinchbak= etc. Das in neuerer Zeit aufgetauchte =Aichmetall= besteht
  aus 60 Th. Kupfer, 38,2 Th. Zink und 1,8 Eisen. Es ist wesentlich
  schmiedbares Messing. Das =Sterrometall= ist von hnlicher
  Zusammensetzung, jedoch weit hrter. Das =Muntzmetall=, in England zu
  Schiffsbeschlgen, zu Bolzen, Schiffsngeln u. dgl. vielfach
  angewendet, besteht aus Kupfer und Zink in Verhltnissen, welche
  zwischen 50 Proc. Zink und 63 Proc. Kupfer bis zu 39 Proc. Zink und 50
  Proc. Kupfer schwanken. Die Legirung zur =Kupferscheidemnze= besteht
  in Frankreich und Schweden aus 95 Th. Kupfer, 4 Th. Zinn und 1 Th.
  Zink, in Dnemark aus 90 Th. Kupfer, 5 Th. Zinn, 5 Th. Zink. Das unter
  dem Namen =Weissmessing= vorkommende Metallgemisch besteht wie das
  =Bathmetall= aus 55 Th. Kupfer und 45 Th. Zink, und wie das
  Ldenscheider =Knopfmetall= aus 20 Th. Kupfer und 80 Th. Zink. -- Die
  =Bronzefarben= (Metall- oder Staubbronze), welche gegenwrtig zum
  Bronziren von Gyps- und Holzgegenstnden, sowie von Metallgusswaaren,
  ferner in der Buch- und Steindruckerei, in der Lackirerei, in der
  Wachsleinwand- und Tapetenfabrikation ausgedehnte Anwendung finden,
  werden aus den Abfllen der Metallschlgerei, aus der sogenannten
  Schawine durch Feinreiben und Erhitzen mit etwas Oel, Talg, Paraffin
  oder Wachs dargestellt; die hierbei sich bildenden schnen Farben
  (violett, kupferroth, orange, goldgelb, grn) sind Anlauffarben. Die
  Legirung zu diesen Bronzefarben ist:

                    fr helle Nancen       { Kupfer  83,
                                            { Zink    17,
                    fr rothe Nancen       { Kupfer  94-90,
                                            { Zink     6-10,
                    fr kupferrothe Nancen   Kupfer 100.

  Der Kupfergehalt der Bronzefarben bei verschiedenen Mustern ergab sich
  bei der Analyse folgendermaassen:

       [Greek: a]) Franzsische Bronzen: Kupferroth 97,32 Proc.
                                         Orange     94,44   "
                                         Blassgelb  81,29   "
       [Greek: b]) Englische Bronzen:    Orange     90,82   "
                                         Hochgelb   82,37   "
                                         Blassgelb  80,42   "
       [Greek: g]) Bayerische Bronzen:   Kupferroth 98,92 Proc.
                                         Violett    98,82   "
                                         Orange     95,30   "
                                         Hochgelb   81,55   "
                                         Speisegelb 82,34   "

[Sidenote: Das Neusilber.]

Das =Neusilber= (Argentan, Pakfong, Weisskupfer) ist eine Legirung aus
Kupfer, Nickel, Zink oder Zinn, die man auch betrachten kann als Messing
mit einem Zusatze von 1/6-1/3 Nickel. Das Neusilber ist von fast
silberweisser Farbe, von dichtkrnigem oder feinzackigem Bruche, 8,4-8,7
spec. Gewicht und ist hrter, aber fast ebenso dehnbar als gewhnliches
Messing. Es ist im hohen Grade politurfhig. Bei der Bereitung des
Neusilbers werden Zink, Kupfer und Nickel im zerkleinerten Zustande,
letzteres meist als =Wrfelnickel= angewendet. Man bringt die Metalle
gemengt in einen Tiegel, doch in der Weise, dass oben und unten etwas
Kupfer zu liegen kommt, bedeckt das Ganze mit Kohlenpulver und schmilzt,
wobei fters mit einem eisernen Stabe umgerhrt wird. Gutes Neusilber
gleicht 12lthigem Silber und nimmt eine schne Politur an, welche an der
Luft unverndert bleibt. Es wird von sauren Flssigkeiten weit weniger
als Kupfer und Messing angegriffen, weshalb es ohne Gefahr zu Geschirren,
in denen Speisen aufbewahrt werden sollen, Anwendung finden kann.

Die Zusammensetzung des Neusilbers ist:

                            Kupfer   50-66
                            Zink     19-31
                            Nickel   13-18,5

In =Sheffield= werden nachstehende Sorten gefertigt:

                                Kupfer.  Nickel.  Zink.
                  Ordinr         8        2      3-1/2
                  Weiss           8        3      3-1/2
                  Electrum        8        4      3-1/2
                  Strengflssig   8        6      3-1/2
                  Tutenay         8        3      6-1/2

Das Neusilber ist selbst auf dem Probirsteine kaum vom 12lthigen Silber
zu unterscheiden. Befeuchtet man aber den Strich mit Salpetersure, so
wird er rascher gelst als der von Silber, und auf Zusatz von
Chlornatriumlsung erfolgt keine Trbung. Das im Handel vorkommende
=Alfnide=, aus dem man gegenwrtig Milchkannen, Theeservice, Gabeln,
Lffel u. s. w. fabricirt, ist galvanisch versilbertes Neusilber, welches
etwa 2 Proc. seines Gewichtes an Silber enthlt und sich durch
vollkommene Aehnlichkeit mit silbernen Gefssen und Gerthschaften bei
bedeutend billigerem Preise empfiehlt. Dem Chinasilber hnlich sind die
unter dem Namen =Perusilber=, =Chinasilber=, =Christoflemetall= und
=Alpaka= aufgetauchten Legirungen. Das _tiers-argent_
(Drittel-Silberlegirung) besteht aus 27,5 Silber und 62,5 Kupfer, Nickel
und Zink.

  Eine andere silberhaltige Nickellegirung wird in der =Schweiz= seit
  1850 als =Scheidemnzmetall= angewendet. Es sollen in 1000 Th.
  enthalten

              die Stcke von Silber. Kupfer. Zink. Nickel.
               20 Rappen      150     500     250   100
               10   "         100     550     250   100
                5   "          50     600     250   100

  Das eigenthmliche Verfahren, das Silber anstatt mit Kupfer mit
  Neusilber zu legiren, wurde wol durch das Bestreben hervorgerufen, der
  geringhaltigen Silberscheidemnze ein weniger unehrenhaftes Aussehen zu
  verleihen, als das Scheidemnzsilber darbietet, wenn es abgegriffen
  ist. Die Schweizer Mnzen werden allerdings durch die Abnutzung nicht
  roth, nehmen aber dagegen eine nicht angenehme, schmutzig gelbe Farbe
  an. In =Belgien= wendet man seit etwa zehn Jahren eine hnliche
  Legirung (aus 25 Th. Nickel und 75 Th. Kupfer) zu den 5-, 10- und
  20-Centimesstcken an. Auch in den =Vereinigten Staaten= Nordamerikas
  prgt man gegenwrtig Scheidemnzen (Centstcke), enthaltend 12 Th.
  Nickel und 88 Th. Kupfer. Das unter dem Namen =Suhler Weisskupfer= im
  Handel vorkommende Metall enthlt 88 Th. Kupfer, 8,75 Th. Nickel und
  1,75 Th. Antimon.

[Sidenote: Kupferamalgam.]

  Eine Verbindung von 30 Th. Kupfer und 70 Th. Quecksilber, die man
  erhlt, indem man Kupferpulver mit salpetersaurem Quecksilberoxydul
  befeuchtet, darauf mit heissem Wasser bergiesst und durch Reiben die
  nthige Menge Quecksilber incorporirt, ist unter dem Namen =Metallkitt=
  bekannt; sie ist eine weiche Masse, die nach einigen Stunden erhrtet.


                            Kupferprparate.

[Sidenote: Kupfervitriol.]

Der =Kupfervitriol= (Kupfersulfat, Cupricumsulfat, schwefelsaures
Kupferoxyd, cyprischer oder blauer Vitriol) findet sich in der Natur als
Ueberzug, oder in derben, nierenfrmigen Massen, oder aufgelst im
=Cementwasser=. Er krystallisirt in schnen blauen, triklinodrischen
Sulen, welche sich in 2 Th. heissem und 4 Th. kaltem Wasser, nicht aber
in Alkohol lsen. Das krystallisirte schwefelsaure Kupferoxyd besteht in
100 Theilen aus:

                        32,14 Th. Schwefelsure,
                        31,79  "  Kupferoxyd,
                        36,07  "  Wasser;

seine Formel ist CuSO_{4} + 5H_{2}O.

[Sidenote: Gewinnung das Kupfervitriols.]

Man stellt den Kupfervitriol chemisch rein dar, indem man metallisches
Kupfer mit concentrirter Schwefelsure erhitzt; das Kupfer wird hierbei
auf Kosten eines Theils des Sauerstoffs der Schwefelsure oxydirt,
whrend schweflige Sure entweicht (Cu + 2H_{2}SO_{4} = CuSO_{4} +
2H_{2}O + SO_{2}). Oft ist die Darstellung der schwefligen Sure der
Hauptgrund zur Gewinnung des Kupfervitriols auf diesem Wege. Wird das
Kupfer (am besten ist hier das zertheilte Cementkupfer anwendbar) vorher
in Rstherden in Kupferoxyd bergefhrt, so erspart man die Hlfte der
Schwefelsure. Im Grossen gewinnt man den Kupfervitriol, indem man 1) des
natrlich vorkommende Cementwasser zum Krystallisiren abdampft, 2) indem
man in einem Flammenofen Kupferplatten bis zum Siedepunkte des Schwefels
erhitzt, den Ofen verschliesst und Schwefel hineinwirft. Der Schwefel
verbindet sich mit dem Kupfer zu Schwefelkupfer (Cu_{2}S), das in einem
Flammenofen bei sehr geringer Hitze oxydirt wird (Cu_{2}S + 5O = CuSO_{4}
+ CuO); die gerstete Masse wird in einen Kessel gebracht und so viel
Schwefelsure hinzugesetzt, als nothwendig ist, alles Kupferoxyd zu
sttigen. Die klare Lsung wird vom ungelsten Rckstande abgegossen und
zur Krystallisation hingestellt. Man gewinnt den Kupfervitriol 3) indem
man den Concentrationsstein oder Spurstein, der ungefhr 60 Proc. Kupfer
enthlt, mit =Schwefelsure= behandelt; zu diesem Zwecke wird der Stein
mehrere Male gerstet, dnn in Kasten geschttet und mit =Wasser
ausgezogen=. Die Auflsung wird in bleiernen Gefssen abgedampft und in
kupfernen Gefssen zum Krystallisiren hingestellt. Aus der von den
Krystallen abgegossenen Mutterlauge fllt man das Kupfer durch
metallisches Eisen, weil der daraus dargestellte Kupfervitriol zu
eisenhaltig ausfallen wrde. Der auf diese Weise gewonnene Kupfervitriol
ist der wohlfeilste; er enthlt ungefhr 3 Proc. Eisenvitriol und
zuweilen, wenn die Kupfersteine nickelhaltig waren, auch
Nickelvitriol[8]. Hufig stellt man auch den Kupfervitriol aus
Kupferabfllen, Kupferasche, Kupferhammerschlag durch Erhitzen derselben
in einem Flammenofen bis zur vollstndigen Oxydation und Lsung des
Oxydes in verdnnter Schwefelsure dar. 4) In Marseille verarbeitet man
Malachit durch Lsen desselben in Schwefelsure auf Kupfervitriol. 5)
Neuerdings stellt man (nach =Sinding='s Verfahren) in Norwegen
Kupfervitriol dar, indem man kupferhaltige Eisenkiese rstet, das
Rstprodukt mit Wasser auszieht, aus der Lauge das Kupfer mittelst
=Schwefelwasserstoff= fllt und das Schwefelkupfer nach dem Trocknen
durch eine vorsichtig durchgefhrte Flammenofenrstung zu Vitriol
oxydirt. 6) In grosser Menge erhlt man den Kupfervitriol als
Nebenprodukt bei der =Affinirmethode= oder bei der Scheidung des Goldes
vom Silber. Bei dieser Methode wird das goldhaltige Silber mit
Schwefelsure behandelt, wodurch schwefelsaures Silberoxyd gebildet wird,
whrend das Gold ungelst zurckbleibt. Die Lsung des schwefelsauren
Silberoxydes wird mit metallischem Kupfer zusammengebracht; es lst sich
von letzterem ein Molekl in der Schwefelsure auf, whrend das Silber
metallisch gefllt wird (Ag_{2}SO_{4} + Cu = CuSO_{4} + 2Ag). Der auf
diese Weise dargestellte Kupfervitriol ist vollkommen rein. 7) Auch bei
der hydrometallurgischen Silbergewinnung nach =Ziervogel='s Verfahren
erhlt man Kupfervitriol als Nebenprodukt. Der aus den Abfllen bei dem
Kupferhttenprocess gewonnene Kupfervitriol wird von beigemengtem
Eisenoxydul durch Erhitzen in einem Flammenofen bis zur beginnenden
Zersetzung befreit, das Eisenoxydul wird in Oxyd verwandelt, das beim
Auflsen der Masse ungelst zurckbleibt. Nach einem anderen, von =Bacco=
angegebenen, Verfahren lst man den zu reinigenden Kupfervitriol in
Wasser und vermischt die Lsung mit kohlensaurem Kupferoxyd, welches
alles Eisen, auch das in Gestalt von Eisenoxydul vorhandene, als Oxyd
fllt, whrend eine entsprechende Menge Kupferoxyd sich auflst. Nach
gengender Einwirkung wird die reine Kupfervitriollsung von dem
Niederschlage abfiltrirt.

  [8] Der aus den nickelhaltigen Krtzkupfergranalien im Mansfeld'schen
      dargestellte Kupfervitriol enthlt (nach =Herter='s 1865
      ausgefhrter Analyse) noch 0,083 Proc. Nickel.

[Sidenote: Doppelvitriol.]

  Unter =Doppelvitriol= oder =gemischtem Vitriol= versteht man einen aus
  Kupfervitriol und Eisenvitriol bestehenden, zusammenkrystallisirten
  Vitriol. Der =Salzburgervitriol= (Doppel-Adler) enthlt 76 Proc., der
  =Admonter= 83 Proc. und der =Doppel-Admonter= 80 Proc. schwefelsaures
  Eisenoxydul. Zuweilen findet sich in dem gemischten Vitriol auch noch
  schwefelsaures Zinkoxyd (weisser Vitriol). In der neueren Zeit wird
  aber der gemischte Vitriol weniger hufig angewendet.

[Sidenote: Anwendung des Kupfervitriols.]

  Der Kupfervitriol findet hufig Anwendung zur Darstellung der
  Kupferfarben (zu welchem Behufe er frei von Eisen- und Zinkvitriol sein
  muss), des essigsauren Kupferoxydes, zum Verkupfern, zum Brniren des
  Eisens, zum Frben des Goldes, zum Schwarzfrben von Tuch und Wollgarn,
  als Reservage in der kalten Indigkpe, zum Erweichen des Getreides vor
  dem Sen und zur Erzeugung galvanoplastischer Abdrcke. Seit etwa
  zwanzig Jahren gehen grosse Mengen von Kupfervitriol nach Mexiko und
  Peru, um dort bei dem Ausbringen von Silber (nach der amerikanischen
  Amalgamation) verwendet zu werden.

[Sidenote: Kupferfarben.]

=Kupferfarben.= Von den vielen Farben, in welchen Kupfer den frbenden
Bestandtheil ausmacht, seien folgende beschrieben: 1) Braunschweigergrn,
2) Bremergrn und Bremerblau, 3) Casselmann's Grn, 4) Mineralgrn, 5)
Schweinfurtergrn.

[Sidenote: Braunschweigergrn.]

  Mit dem Namen =Braunschweigergrn= bezeichnet man verschiedene
  Kupferverbindungen, welche als Malerfarbe Anwendung finden. Was
  gegenwrtig im Handel unter diesem Namen vorkommt, ist basisch
  kohlensaures Kupferoxyd (CuCO_{3} + CuH_{2}O_{2}) und eine Nachahmung
  des =Berggrn=, welches entweder fein gemahlener Malachit oder ein
  Bodensatz aus kupferhaltigen Cementwssern ist. Man gewinnt das
  Braunschweigergrn, indem man Kupfervitriol mit kohlensaurem Natron
  oder kohlensaurem Kalk, oder Kupferchlorid, durch Zersetzen von
  Kupfervitriol mit Kochsalz erhalten, mit einem kohlensauren Alkali
  zersetzt, den entstandenen Niederschlag mit heissem Wasser auswscht
  und ihn dann mit Schwerspath, Permanentweiss, Zinkweiss oder Gyps,
  nicht selten auch mit Schweinfurtergrn nancirt. Eine Sorte
  Braunschweigergrn, welche jedoch gegenwrtig nicht mehr benutzt zu
  werden scheint, ist eine Art knstlichen Atakamits, ein
  Kupferoxychlorid, welchem nach =Ritthausen= die Formel CuCl_{2}, 3CuO +
  3H_{2}O zukommt. Das im Handel vorkommende Braunschweigergrn ist meist
  mit dem arsenhaltigen Schweinfurtergrn gemengt. Das Berggrn ist als
  Wasser-, Oel- und Kalkfarbe anwendbar.

[Sidenote: Bremerblau oder Bremergrn.]

Das =Bremerblau= oder =Bremergrn= ist wesentlich Kupferoxydhydrat und
erscheint in Gestalt einer usserst lockeren und hellblauen Masse, deren
Farbe jedoch etwas ins Grnliche geht. Je reiner blau und je lockerer die
Farbe, desto hher steht es im Preise. Als Wasser- und Leimfarbe giebt es
ein helles Blau (weshalb es =Bremerblau= genannt wird), mit Oel
angewendet, geht dagegen die ursprngliche blaue Farbe schon nach 24
Stunden in Grn ber, welches dadurch entsteht, dass sich das Kupferoxyd
des Bremergrns chemisch mit den Bestandtheilen des Oeles (Oelsure,
Palmitinsure) zu grner Kupferseife verbindet. Das Bremergrn kommt in
verschiedenen Nancen im Handel vor, welche durch Vermischen des
Niederschlages mit leichten weissen Krpern, namentlich von Brei aus fein
geschlemmtem Gyps hergestellt werden. Als Ausgangspunkt der Fabrikation
dient gegenwrtig fast berall Kupferoxychlorid (CuCl_{2}, 3CuO +
4H_{2}O). Der zur Darstellung dieser Verbindung eingeschlagene Weg ist
ohne Einfluss auf die Eigenschaften der fertigen Farbe, insofern man nur
mit Sorgfalt darauf bedacht ist, dass der blassgrne Brei, in den
Fabriken Oxyd genannt, kein Kupferchlorr (Cu_{2}Cl_{2}) enthlt.

  Die Bereitung geschieht nach der Vorschrift von =Gentele= auf folgende
  Weise:

  1)                          112,5 Kilogr. Kochsalz und
                              111     "     Kupfervitriol,

  beide vollkommen eisenfrei, werden im trockenen Zustande mit Wasser zu
  einem dicken Brei gemahlen, wobei sich die aufgelsten Portionen zu
  Kupferchlorid und schwefelsaurem Natron umsetzen: 2) 112,5 Kilogr.
  altes Schiffskupfer werden in quadratzollgrosse Stcke zerschnitten, in
  ein Fass geschttet, in welchem sich mit Schwefelsure angesuertes
  Wasser befindet und krftig umgerhrt, hierdurch wird alles Oxyd von
  der Oberflche des Kupfers entfernt. Man wscht das Kupfer mit Wasser
  rein ab. 3) Das gereinigte Kupfer wird nun in den sogenannten
  Oxydirksten mit dem aus Kupferchlorid und Glaubersalz bestehenden Brei
  in 1/2 Zoll dicken Lagen aufgeschichtet und diese Substanzen in einem
  Keller oder sonstigen Raume der gegenseitigen Einwirkung berlassen.
  Das Kupferchlorid nimmt zuerst Kupfer auf und verwandelt sich dadurch
  in Kupferchlorr, letzteres geht durch Aufnahme von Sauerstoff und
  Wasser in die oben erwhnte unlsliche, grne, basische Verbindung
  ber. Um deren Bildung zu befrdern, wird die Masse whrend des
  Verweilens in den Oxydirksten alle 2-3 Tage mit einer kupfernen
  Schaufel umgeschaufelt. Da bekanntlich das Kupferchlorr beim Behandeln
  mit Alkalien und alkalischen Erden gelbes oder rothes Kupferoxydul
  abscheidet, so darf auch nicht die geringste Spur von Kupferoxydul
  zurckbleiben, weil sich sonst bei weiterer Verarbeitung die reine
  Farbe des Bremergrn trben wrde. In manchen Fabriken hat man zur
  Beseitigung des Kupferchlorrs den Brei Jahre lang unter fterem
  Umschichten stehen lassen, ehe man ihn weiter verarbeitet. Man erreicht
  denselben Zweck, wenn man das feuchte Gemenge von Zeit zu Zeit vor der
  jedesmaligen Umarbeitung trocken werden lsst, wobei die Luft an die
  Stelle des verdunsteten Wassers tritt und so eine vollstndige
  Oxydation bewirkt. Nach beendigter Oxydation, in der Regel nach 3-5
  Monaten, hebt man die zerfressene Kupfermasse aus den Oxydationsksten,
  bringt sie in einen Schlmmbottich und wscht sie mit geringen Mengen
  Wasser zu einem dnnen Schlamm, welchen man von dem unoxydirten Kupfer
  trennt. 4) Auf je 6 solche Eimer Schlamm setzt man 6 Kilogr. Salzsure
  und lsst das innige Gemisch 1-2 Tage lang stehen. 5) In einen anderen
  Bottich, den Blaubottich oder Blauback, bringt man fr je 6 Eimer des
  mit Salzsure versetzten Schlammes 15 Eimer klare und farblose
  Kalilauge. Man verdnnt den angesuerten Schlamm noch mit 6 Eimern
  Wasser und trgt den Inhalt der sauren Btte schnell in die Kalilauge
  in dem Blaubottich ein, whrend einige Arbeiter den Inhalt des
  letzteren unausgesetzt umrhren. Die basische Kupferverbindung geht
  durch die Behandlung mit Salzsure in grnes neutrales Kupferchlorid
  ber, welches letztere sich mit dem Kali in Chlorkalium und blaues
  Kupferoxydhydrat (Bremerblau) umsetzt. 6) Nachdem das Ganze eine
  ziemlich steife Consistenz angenommen hat, lsst man es 1-2 Tage lang
  stehen, darauf wird der Niederschlag durch wiederholtes Umrhren mit
  Wasser und Decantiren von dem Kali und Chlorkalium befreit, hierauf auf
  Seihetchern einige Wochen feucht erhalten und der Luft ausgesetzt und
  zuletzt gepresst, zerschnitten, und bei einer Temperatur, welche 30-35
  C. nicht berschreiten darf, getrocknet, indem bei hherer Temperatur
  das Hydratwasser entweichen und das Bremerblau in schwarzbraunes
  Kupferoxyd bergehen wrde.

  Nach =anderen Vorschriften= erhlt man das Bremerblau auf folgende
  Weise: 1) 50 Kilogr. fein zerschnittenes Kupferblech wird mit 30
  Kilogr. Kochsalz unter Befeuchten von 15 Kilogr. zuvor mit dem
  dreifachen Volumen Wasser verdnnter Schwefelsure gemischt. Hierbei
  wird Salzsure frei, welche unter Mitwirkung der Luft das Kupfer zuerst
  in Kupferchlorid, dann in Chlorr berfhrt, woraus sich durch weitere
  Oxydation das basische Kupferchlorid bildet, welches man auf die
  angegebene Art durch Kalilauge zersetzt. 2) Man besprengt nach =Habich=
  das Kupferblech mit einer Auflsung von Kupferhammerschlag
  (Kupferasche) in reiner Salzsure, um die basische
  Chlorkupferverbindung zu bilden. 3) Man versetzt neutrales
  salpetersaures Kupferoxyd mit einer zur Zersetzung unzureichenden Menge
  von kohlensaurem Kali oder Natron; der anfnglich sich bildende
  flockige Niederschlag von kohlensaurem Kupferoxyd verwandelt sich unter
  Abgabe von Kohlensure nach und nach in basisch salpetersaures
  Kupferoxyd (CuN_{2}O_{6} + CuH_{2}O_{2}), welches sich als schweres
  grnes Pulver absetzt. Man bergiesst dieses Kupfersalz mit einer
  Auflsung von Zinkoxydkali (durch Auflsen von Zinkweiss in Kalilauge
  erhalten), wodurch man eine tiefblaue, hchst lockere Farbe von grosser
  Deckkraft erhlt, welche aus zinksaurem Kupferoxyd mit geringer
  Beimischung von hchst basisch salpetersaurem Kupferoxyd besteht. 4)
  Ein magnesiahaltiges Bremerblau erhlt man durch Fllen einer Auflsung
  von Kupfervitriol, Bittersalz und etwas Weinstein durch Potasche, indem
  man die Auflsung der ersteren in die Potaschenlsung giesst und von
  letzterer einen Ueberschuss anwendet.

[Sidenote: Casselmann's Grn.]

Die von =W. Casselmann= 1865 entdeckte schne arsenfreie grne Farbe --
=Casselmann's Grn= -- wird dargestellt, indem man eine siedend heisse
Lsung von Kupfervitriol mit einer siedenden Lsung von essigsaurem
Alkali vermischt. Der sich bildende Niederschlag ist ein basisches
Kupferoxydsalz von der Formel (CuSO_{4} + 3CuH_{2}O_{2} + 4H_{2}O).
Getrocknet und zerrieben bildet diese Farbe, nchst dem Schweinfurter
Grn, die schnste aller Kupferfarben weshalb ihre Verwendung anstatt der
arsenhaltigen Kupferfarben sehr anzuempfehlen ist.

[Sidenote: Mineralgrn und Mineralblau.]

  Das =Mineralgrn= oder =Scheele's Grn=, eine gegenwrtig nur noch
  selten angewendete, nur wenig deckende Farbe, besteht wesentlich aus
  Kupferoxydhydrat und arsenigsaurem Kupferoxyd. Man erhlt es, indem man
  eine Auflsung von 1 Kilogr. reinem, eisenfreiem Kupfervitriol in 12
  Liter Wasser lst und mit einer Lsung von 350 Gramm arseniger Sure in
  1 Kilogr. gereinigter Potasche und 8 Liter Wasser unter bestndigem
  Umrhren versetzt. Der entstehende grasgrne Niederschlag wird mit
  warmem Wasser ausgewaschen und getrocknet. =Habich= schlug vor, die
  Flssigkeit, welche arsenige Sure und Kupfervitriol enthlt, nicht mit
  tzendem oder kohlensaurem Kali oder Natron, sondern mit zinksaurem
  Kali zu fllen; man erhlt eine zwar hellere, aber usserst brillante
  Farbe. Zuweilen versteht man unter =Mineralgrn= fein geriebenen
  Malachit oder auch basisches Kupferoxydhydrat.

  Obgleich man unter =Mineralblau= in der Regel die helleren, mit Thon
  oder Kaolin etc. versetzten Sorten von Berlinerblau versteht, so
  bezeichnen Andere mit diesem Namen oder dem Namen =Bergblau= (_cendres
  bleues_) eine blaue Malerfarbe, welche ehedem durch Mahlen und
  Schlmmen der reinsten Stcken des =Kupferlasurs= (2CuCO_{3} +
  CuH_{2}O_{2}) in Tyrol und zu Chessy bei Lyon dargestellt wurde.
  Gegenwrtig soll man es darstellen, indem man eine Lsung von
  salpetersaurem Kupferoxyd mit Aetzkalk, nach anderen Angaben mit Kali
  fllt und den noch feuchten, aber ausgewaschenen Niederschlag mit
  Kreide, Gyps oder Schwerspath nancirt. In Frankreich wird das Bergblau
  zum Theil noch feucht in Form eines Teiges verkauft. Die unter dem
  Namen =Kalkblau= (auch =Neuwiederblau= genannt) in Gestalt viereckiger
  Stcken oder quadratischer Tafeln in dem Handel vorkommende blaue Farbe
  wird durch Fllen einer Lsung von 100 Th. Kupfervitriol und 12-1/2 Th.
  Salmiak mittelst der Kalkmilch von 30 Th. gebranntem Kalk in der Klte
  dargestellt. Die Farbe besteht aus Kupferoxydhydrat und schwefelsaurem
  Kalk und ist nach der Formel 2(CaSO_{4}, 2H_{2}O) + 3CuH_{2}O_{2}
  zusammengesetzt. Es ist eine reinere blaue Nance als das Bremerblau,
  besitzt im Wasser ziemliche Deckkraft, aber wenig in Oel.

[Sidenote: Oelblau.]

  Das =Oelblau=, eine Farbe, welche mit Oelen und Firnissen
  zusammengerieben ein herrliches Veilchenblau giebt, ist
  =Schwefelkupfer= (CuS). Man wendet hierzu theils das in der Natur als
  =Kupferindig= vorkommende Schwefelkupfer, theils das knstlich
  dargestellte an. Man erhlt das Oelblau durch Zusammenschmelzen von
  fein zertheiltem metallischem Kupfer mit Kaliumschwefelleber und
  Behandeln der geschmolzenen Masse mit Wasser, wobei das Schwefelkupfer
  in kleinen glnzenden blulichen Krystallen zurckbleibt, welche nach
  dem Trocknen fein zerrieben werden.

[Sidenote: Schweinfurtergrn.]

Das =Schweinfurtergrn= ist die schnste und beliebteste, aber auch die
gefhrlichste aller Kupferfarben; es fhrt auch den Namen =Wienergrn=,
=Neuwiedergrn=, =Mitisgrn=, =Kirchbergergrn=, =Kaisergrn=,
=Papageigrn= etc. etc., je nachdem das eigentliche Schweinfurtergrn
rein oder mit Schwerspath, schwefelsaurem Bleioxyd und Chromgelb nancirt
ist. Die Zusammensetzung und die Darstellungsweise des Schweinfurtergrn
war Fabrikgeheimniss, bis =v. Liebig= und nach ihm =Braconnot= die
Bereitungsart verffentlichten. Nach der Untersuchung von =Ehrmann= ist
das Schweinfurtergrn im reinen Zustande eine Verbindung von neutralem
essigsauren Kupferoxyd mit arsenigsaurem Kupferoxyd nach der Formel

           (C_{2}H_{3}O)_{2} } O_{2} + 3(CuO, As_{2}O_{3})[9]
                          Cu }

und besteht in 100 Th. aus

                      Kupferoxyd        31,29  Th.
                      arseniger Sure   58,65   "
                      Essigsure        10,06   "

  [9] Diese Formel ist eine durchaus empirische und die eigentliche
      Zusammensetzung des Schweinfurtergrns ist noch zu ermitteln. Ein
      Theil des Kupfers ist als Oxydul, ein Theil des Arsens als
      Arsensure da.

  Nach der Angabe von =Ehrmann= lst man gleiche Gewichtstheile arseniger
  Sure und neutralen Grnspans, jedes fr sich, in Wasser, und mischt
  die concentrirten Lsungen siedend heiss mit einander. Es bildet sich
  sofort ein flockiger olivengrner Niederschlag von arsenigsaurem
  Kupferoxyd, whrend die Flssigkeit freie Essigsure enthlt. Wenn der
  Niederschlag in der Flssigkeit ruhig stehen bleibt, so verringert er
  sein Volumen und wird dicht und krystallinisch; zugleich bilden sich in
  ihm grne Stellen, welche nach und nach grsser werden, bis nach
  Verlauf von einigen Stunden er vollstndig in eine intensiv grne,
  krnig krystallinische Masse bergegangen ist. Diese neue Verbindung
  ist das Schweinfurtergrn; sie wird abfiltrirt und gewaschen; sie
  scheint auf die Weise zu entstehen, dass aus je vier Moleklen
  arsenigsauren Kupferoxydes ein Molekl arseniger Sure aus- und eine
  quivalente Menge von Essigsure eintritt. Die Vorschrift von
  =Braconnot=, mit Hlfe von =Kupfervitriol= Schweinfurtergrn zu
  bereiten, ist mit einigen Abnderungen die gegenwrtig in den Fabriken
  angewendete. Nach ihr lst man 15 Kilogr. Kupfervitriol in der
  kleinsten Menge siedenden Wassers und vermischt die heisse Lsung mit
  einer gleichfalls heissen und concentrirten Lsung von arsenigsaurem
  Kali oder Natron, welche 20 Kilogr. arsenige Sure enthlt. Es bildet
  sich sofort ein schmutziggrner Niederschlag. Indem man zu der
  Flssigkeit 15 Liter concentrirten Holzessigs oder so viel setzt, dass
  sie nach Essigsure riecht, verwandelt sich der Niederschlag in
  Schweinfurtergrn, welches, um die Abscheidung und Beimengung von
  arseniger Sure zu verhindern, sogleich abfiltrirt und mit siedendem
  Wasser ausgewaschen wird. Es kommt demnach bei der Fabrikation von
  Schweinfurtergrn darauf an, mglichst billig auf nassem Wege neutrales
  arsenigsaures Kupferoxyd darzustellen und dieses durch Digestion mit
  verdnnter Essigsure in arsenig-essigsaures Kupferoxyd berzufhren.
  Das Schweinfurtergrn ist als Oel- und Wasserfarbe anwendbar; in Oel
  deckt es nicht besonders, trocknet aber gut; auf frischem Kalk lsst
  sich die Farbe nicht anwenden, denn der Aetzkalk entzieht ihr die
  Essigsure und es hinterbleibt gelbgrnes arsenigsaures Kupferoxyd,
  welches keine angenehme Farbe hat. Es bildet ein aus smaragdgrnen,
  mikroskopischen Krystallen bestehendes Pulver, dessen Farbe um so
  satter ist, je grsser die Krystalle sind; beim Zerreiben wird die
  Farbe heller. Es befindet sich im Handel als =krystallinisches= Pulver
  und im zerriebenen Zustande als =amorphes= Schweinfurtergrn. Am Lichte
  und an der Luft ist es unvernderlich. Es ist unlslich in Wasser; bei
  lngerem Kochen mit Wasser wird es wahrscheinlich unter Verlust von
  Essigsure braun. Es ist bekannt, dass in Zimmern mit feuchten Wnden,
  deren Tapeten Schweinfurtergrn enthalten, sich ein widriger und
  Kopfschmerzen verursachender Geruch zeigt, der von einer sich
  entwickelnden flchtigen Arsenverbindung, wahrscheinlich
  Arsenwasserstoff, herrhrt.

[Sidenote: Zinnsaures Kupferoxyd.]

  =Zinnsaures Kupferoxyd= oder =Gentele's Grn=, durch Fllen von
  Kupfervitriol mit zinnsaurem Natron, Auswaschen und Trocknen des
  Niederschlages enthalten, ist eine schn grne und giftfreie
  Kupferfarbe.

[Sidenote: Grnspan.]

[Sidenote: Anwendung des Grnspans.]

  =Grnspan= oder =essigsaures Kupfer= kommt im Handel vor als
  =neutraler= oder =krystallisirter Grnspan= und als =basischer
  Grnspan=. Der =neutrale= oder =krystallisirte Grnspan= ist neutrales
  essigsaures Kupferoxyd (C_{2}H_{3}O)_{2}} O_{2} + H_{2}O / Cu} das
  ursprnglich von den Hollndern allein dargestellt wurde, die, um
  andere Fabriken irre zu leiten, das Prparat mit dem Namen
  destillirter Grnspan bezeichneten. Der =basische= oder =blaue
  Grnspan= wird im Grossen hauptschlich in der Umgegend von Montpellier
  dargestellt; man verfhrt dabei, indem man die Weintreber in Fsser
  oder grossen irdenen Hfen sich selbst berlsst. Der in den Trebern
  enthaltene Zucker geht unter Mitwirkung der gleichzeitig vorhandenen
  Fermente in Alkohol und dieser dann in Essigsure ber. Dabei erhht
  sich die Temperatur betrchtlich. Wenn nach Verlauf von 3-4 Tagen ein
  deutlicher Essiggeruch sich entwickelt, werden die Treber mit erhitzten
  Kupferblechen, die man vorher mit einer Auflsung von Grnspan
  bestrichen und wieder getrocknet hat, in irdenen Hfen geschichtet.
  Diese Hfen werden in einem Keller, dessen Temperatur 10-12 betrgt,
  mit Strohmatten bedeckt, aufgestellt. Wenn sich auf den Blechen eine
  hinreichend starke Decke von Grnspan gebildet hat, kratzt man dieselbe
  ab, knetet den Grnspan in einem Fasse mit Wasser an und bringt den
  Brei in lederne Beutel, denen man durch Pressen eine viereckige Form
  giebt. Die vom Grnspan befreiten Bleche werden von Neuem benutzt, bis
  dieselben gnzlich aufgelst sind. Dieser Grnspan ist blau und wird
  =blauer= oder =franzsischer Grnspan= genannt, er hat die Formel
  (C_{2}H_{3}O)_{2}} O_{2}, CuH_{2}O_{2} + 5H_{2}O / Cu}. Auf andere
  Weise erhlt man den Grnspan, indem man, wie z. B. in Grenoble,
  Kupferplatten mit Essig befeuchtet und an einem warmen Orte aufstellt,
  oder Kupferplatten mit Flanelllappen, welche mit Essig getrnkt sind,
  schichtet; dieser Grnspan ist von =grner= Farbe und hat die Formel
  (C_{2}H_{3}O)_{2}} O_{2}, 2CuH_{2}O_{2} / Cu}. -- Der =neutrale Grnspan=
  wird erhalten 1) durch Auflsen des basischen Salzes in Essigsure;
  2) durch Zersetzen von Kupfervitriol mit Bleizucker

  CuSO_{4}+(C_{2}H_{3}O)_{2}} O_{2} = PbSO_{4}+(C_{2}H_{3}O)_{2}} O_{2}.
                          Pb}                                 Cu}

  Nach der ersten Methode lst man den basischen Grnspan in 4 Th.
  destillirtem Essig oder Holzessig unter Erwrmen in einem kupfernen
  Kessel auf, decantirt die klare Flssigkeit und dampft sie dann bis zum
  Erscheinen einer Salzkruste ab, worauf sie in hlzerne Gefsse gebracht
  wird, in denen sich der neutrale Grnspan an hineingestellte Holzstbe
  ansetzt. Nach dem zweiten Verfahren werden die Lsungen gemischt, die
  Flssigkeiten von dem ausgeschiedenen schwefelsauren Bleioxyd
  abgegossen und unter Zusatz von etwas Essigsure zum Krystallisiren
  abgedampft. Anstatt des Bleizuckers wendet man zur Zersetzung des
  Kupfervitriols auch essigsauren Kalk und neuerdings auch essigsauren
  Baryt an. Der neutrale Grnspan kommt im Handel in Trauben (_grappes_)
  vor, die aus dunkelgrnen, undurchsichtigen Sulen bestehen, sich in
  13,4 Th. kaltem und 5 Th. siedendem Wasser, in 14 Th. siedendem Alkohol
  lsen. -- Man wendet beide Grnspansorten an als Oel- und
  Wasserfarbe[10], zur Bereitung von Kupferfarben (Schweinfurtergrn), in
  der Frberei und Druckerei, beim Vergolden und in frherer Zeit zur
  Darstellung der Essigsure.

  [10] In Russland verwendet man den Grnspan vielfach als Malerfarbe in
       Oel; zu dem Ende wird er mit Bleiweiss zusammengerieben, wodurch
       eine Zersetzung in kohlensaures Kupfer und in basisches
       essigsaures Blei vor sich geht; ersteres giebt dem noch
       unzersetzten Bleiweiss eine hellblaue Farbe, welche aber nach dem
       Anstriche in Oel allmhlich in das angenehme Grn bergeht,
       welches die russischen grnen Dcher fast allgemein darbieten.


                                Das Blei.

                     (Pb = 207; spec. Gew. = 11,37.)

[Sidenote: Blei. Vorkommen desselben.]

Das Blei ist seit den ltesten Zeiten bekannt. In der Natur kommt es nur
sehr selten gediegen, hufig aber an Schwefel gebunden als =Bleiglanz=
(PbS) und als =Bournonit= (Spiessglanzbleierz) vor. Letzteres Bleierz
besteht aus 41,77 Th. Blei, 12,76 Kupfer, 26,01 Antimon und 19,46
Schwefel (3Cu_{2}S, Sb_{2}S_{3} + 2[3PbS, Sb_{2}S_{3}]), und wird auf
Blei und Kupfer verarbeitet. Ausserdem findet es sich noch als
=Weissbleierz= (Cerussit, kohlensaures Bleioxyd, PbCO_{3}), als
=Grnbleierz= (Pyromorphit, phosphorsaures Bleioxyd, 3[P_{2}O_{5}, 3PbO]
+ PbCl_{2}), als =Mimetesit= (arsensaures Bleioxyd, 3[As_{2}O_{5}, 3PbO]
+ PbCl_{2}), als =Vitriolbleierz= (Anglesit, schwefelsaures Bleioxyd,
PbSO_{4}), als =Gelbbleierz= (molybdnsaures Bleioxyd, PbMoO_{4}) und als
=Rothbleierz= (Krokoit, chromsaures Bleioxyd, PbCrO_{4}).

[Sidenote: Gewinnung des Bleies durch Niederschlagsarbeit.]

Man gewinnt das Blei gewhnlich aus dem =Bleiglanz=. Derselbe (86,57 Blei
und 13,43 Schwefel und stets etwas Silber enthaltend) ist von bleigrauer
Farbe, vollkommenem Metallglanz, krystallisirt in Wrfeln, ist sprde und
hat ein spec. Gewicht von 7,75. Ausser zur Bleigewinnung, dient er auch
feingemahlen (als Glasurerz oder Alquifoux) zum Glasiren des
Tpferzeuges, zur Herstellung des Pattinson'schen Bleiweisses, auch wol
als Streusand und zur Verzierung von Bijouteriearbeiten. Der Bleiglanz
findet in neuerer Zeit auch zur Reindarstellung des Platins aus den
Platinerzen Anwendung.

Die Gewinnung geschieht entweder durch =Niederschlagsarbeit= oder durch
=Rstarbeit=.

Die Gewinnung des Bleies =aus dem Bleiglanze durch Niederschlagsarbeit=
grndet sich auf das Verhalten des metallischen Eisens zu Bleiglanz. Wenn
man nmlich Schwefelblei mit metallischem Eisen erhitzt, so bildet sich
Schwefeleisen und metallisches Blei (PbS + Fe = FeS + Pb). Bei der
Niederschlagsarbeit wird der Bleiglanz, der von dem fremden Gestein durch
Ausschmelzen oder Schlmmen getrennt worden ist, mit Eisengranalien
gemengt -- die man erhlt, indem man geschmolzenes Roheisen in Wasser
giesst -- und in einem Schachtofen niedergeschmolzen. Man erhlt
=metallisches Blei= und =Bleistein=, welcher letztere wesentlich aus
Schwefeleisen, Schwefelblei und etwas Schwefelkupfer besteht. Anstatt des
metallischen Eisens wendet man zur Abscheidung des Bleies aus dem
Bleiglanz auch Eisenerze, Eisenfrischschlacken u. s. w. an, welche auch
noch durch ihren Sauerstoff entschwefelnd wirken.

[Illustration: Fig. 25.]

[Illustration: Fig. 26.]

[Illustration: Fig. 27.]

  Fig. 25, 26 und 27 zeigen einen Bleischmelzofen. _B_ ist der
  Ofenschacht, _CD_ der Herd und Tiegel des Ofens, wie die Zeichnung
  zeigt, zum Theil ausserhalb des Ofens. Von _D_ kann durch einen Canal
  das flssige Metall in den Stichtiegel abgelassen werden. Die aus dem
  Schachte entweichenden Gase gehen, ehe sie in die Esse _F_ gelangen,
  durch Kammern, in welchen sich die durch das Geblse _O_ fortgerissenen
  Erztheilchen absetzen. Die gattirten Erze, mit Eisengranalien
  vermischt, werden in abwechselnden Schichten in den Ofen eingetragen.
  Die flssigen Produkte sammeln sich in dem Tiegel _D_ an. Die Produkte
  sind silberhaltiges =Blei= und =Bleistein= mit 30 und mehr Pfund Blei
  und 3 und mehr Pfund Silber im Centner, ferner mit einem grsseren oder
  geringeren Kupfergehalte. Je nach der Quantitt und Qualitt der in dem
  Steine enthaltenen Metalle wird derselbe gerstet und auf Vitriol oder
  Cementkupfer verarbeitet oder mit reichen Bleischlacken und
  Eisengranalien verschmolzen und auf Blei verarbeitet.

[Sidenote: Gewinnung des Bleies durch Rstarbeit.]

Die Gewinnung des Bleies =aus dem Bleiglanze durch Rsten in Flammenfen=
grndet sich auf des Verhalten des Bleioxydes und schwefelsauren
Bleioxydes gegen Bleiglanz. Durch die Einwirkung des Sauerstoffs der
atmosphrischen Luft wird ein Theil des Bleiglanzes zu Bleioxyd und
schwefliger Sure oxydirt, nebenbei bildet sich auch schwefelsaures
Bleioxyd. Durch den Sauerstoff des schwefelsauren Bleioxydes und des
reinen Bleioxydes wird der Schwefel des noch unzersetzt gebliebenen
Bleiglanzes oxydirt und entfernt (3PbO + PbS = 4Pb + SO_{2} + O; PbSO_{4}
+ PbS = 2Pb + 2SO_{2}). Ist bei dem Rstungsprocesse berschssiger
Bleiglanz vorhanden, so bildet sich ein Bleisubsulfuret (Pb_{2}S), aus
welchem metallisches Blei, indem der Rckstand sich hher schwefelt,
aussaigert (2Pb_{2}S = 2PbS + 2Pb).

[Illustration: Fig. 28.]

  Auf diesen Process, =Rstsaigerprocess= genannt, mit welchem die
  Anwendung von =Flammenfen mit vertieften Herde= verbunden ist, grndet
  sich das englische Verfahren der Bleigewinnung. Die gewhnliche
  Einrichtung der Flammenfen zum Verschmelzen der Bleierze in Derbyshire
  und Cumberland geht aus der Zeichnung Fig. 28 hervor. Der Herd, welcher
  aus Schlacken zusammengeschmolzen ist, ruht auf einer massiven Mauer.
  Die Flche desselben ist von allen Seiten gegen die Abstichseite
  geneigt. Hier befindet sich die Abstichffnung und in deren tiefster
  Stelle des Stichloch, aus welchem das Blei in den Vortiegel abfliesst.
  Der Ofen ist mit sechs Thrffnungen _o o_ versehen, von denen sich
  drei auf der Abstichseite und eine gleiche Anzahl auf der Rckseite
  befinden. Die zu verhttenden Erze werden durch eine verschliessbare,
  trichterfrmige Oeffnung _T_ auf den Herd des Ofens gebracht.
  Gewhnlich werden jedesmal 16 Ctr. Bleischliche eingetragen und in
  einer Zeit von 6-7 Stunden verarbeitet. Der Aufwand an Steinkohlen
  betrgt, dem Gewichte nach, ungefhr die Hlfte des Gewichtes der Erze.
  Das Erz wird gleichmssig ber den Herd ausgebreitet. Hierauf
  verschliesst man die Thren des Ofens, damit dieser allmlig sich
  erwrme. Nach zwei Stunden ffnet man wieder, bis der den Ofen
  erfllende Rauch verschwunden ist. Dann schliesst man aufs Neue und
  giebt ein starkes Feuer. Spter werden die Thren zum zweiten Male
  geffnet und das Erz abwechselnd durch die eine und die andere
  Seitenffnung des Ofens umgerhrt. Die Masse wird nun teigig und das
  Blei rinnt von allen Seiten ab. Man setzt die Arbeit des Umrhrens etwa
  eine Stunde lang fort und dann fngt die Masse an, in einen fast
  flssigen Zustand berzugehen. Diese Neigung zum Flssigwerden
  befrdert man durch Zustze von Flussspath. Sobald sie vollkommen
  dnnflssig ist, lsst man die oberste Schlacke abfliessen. Man bringt
  diese Schlacke durch Begiessen mit Wasser zum Erstarren. Man nennt sie
  weisse Schlacke; sie ist von weisser oder lichtgrauer Farbe, hat ein
  emailhnliches Aussehen und enthlt oft bis zu 22 Proc. schwefelsaures
  Bleioxyd. Durch die mittlere Thr wird dann Steinkohlenklein geworfen,
  um die auf dem Metalle zurckgebliebene zhflssige und noch
  reichhaltige Schlacke zum Erstarren zu bringen. Zuletzt wird die
  Stichffnung aufgemacht und des Blei in den Stichtiegel abgestochen.

[Sidenote: Werkblei.]

[Sidenote: Frischprocess.]

Das durch die Niederschlags- oder durch die Rstarbeit gewonnene Blei
heisst =Werkblei= und enthlt Silber, Kupfer, Antimon u. s. w. Um das
Silber aus demselben abzuscheiden, unterwirft man das Werkblei der
Entsilberung, entweder auf dem Treibherde oder durch Pattinsoniren oder
endlich dem Behandeln mit Zink nach dem Verfahren von =Corduri= (s.
Silber). -- Die durch den Treibprocess entstandene Bleigltte wird
entweder als solche verwerthet oder durch den =Frischprocess= zu
metallischem Blei reducirt. Das Frischen geht in Flammenfen vor sich,
auf deren Herden man die Bleigltte mit Kohlen schichtet. Das auf diesem
Wege gewonnene Blei enthlt hufig Kupfer, Antimon, auch wol etwas
Silber. Es ist daher minder weich (=Hartblei=) als das aus reiner Gltte
dargestellte Blei (=Weichblei=). Die Zusammensetzung verschiedener
Freiberger Bleisorten ergiebt sich aus nachstehenden Analysen von
=Reich=:

   ========+===========+=============+===========+===================
           |           |             |           |     Antimonblei.
           |   Rohes   | Raffinirtes | Hartblei. | Muldener | Halsbr.
           | Werkblei. |    Blei.    |           |  Htte.  | Htte.
   ========+===========+=============+===========+==========+========
   Blei    |   97,72   |    99,28    |  87,60    |  90,76   |  87,60
   Arsen   |    1,36   |     0,16    |   7,90    |   1,28   |   0,40
   Antimon |    0,72   |     Spur    |   2,80    |   7,31   |  11,60
   Eisen   |    0,07   |     0,05    |   Spur    |   0,13   |  Spur
   Kupfer  |    0,25   |     0,25    |   0,40    |   0,35   |  Spur
   Silber  |    0,49   |     0,53    |   --      |   --     |   --

[Sidenote: Eigenschaften des Bleies.]

[Sidenote: Anwendung des metallischen Bleies.]

  Das Blei, wie es als =raffinirtes= und =pattinsonirtes Blei= im Handel
  vorkommt, zeigt eine eigenthmlich lichtgraue Farbe. Es ist im Ganzen
  wenig geneigt, krystallinisches Gefge anzunehmen und zeigt auf der
  Bruchflche ein gleichartiges geschmolzenes Ansehen, doch erhlt man es
  bei gewissen metallurgischen Arbeiten krystallisirt in Formen des
  Tesseralsystems (Combinationen von Wrfel und Oktader), so z. B. beim
  Pattinsoniren. Das Blei zeichnet sich durch Weichheit und Biegsamkeit
  aus, daher es einen ziemlich hohen Grad von Dehnbarkeit, aber nur
  geringe absolute Festigkeit besitzt. Frisch geschabt oder geschnitten
  zeigt es einen starken Glanz, der aber an der Luft sich bald verliert.
  An den Hnden, auf Papier und auf leinenen Zeugen frbt es stark ab.
  Die Hrte wird durch Bearbeitung nicht merklich erhht. Sein spec.
  Gewicht = 11,37. Ein Kubikfuss Blei wiegt daher ber 600 Pfd. Das aus
  den Erzen dargestellte Blei ist fast immer mehr oder weniger mit
  anderen Metallen verunreinigt. Gewhnliche Verunreinigungen sind Kupfer
  und Antimon, selten kleine Quantitten von Arsen und Zink, noch
  seltener Eisen. Eine andere hufige Verunreinigung des Bleies ist die
  mit Bleioxyd, von dem geringe Mengen dem Metalle mechanisch beigemengt
  sind. Durch diese Beimengung vermindert sich die Geschmeidigkeit und
  Dehnbarkeit betrchtlich, dagegen widersteht ein so verunreinigtes Blei
  strker der Kraft, mit der es zusammengedrckt wird. Wenn demnach das
  Blei zum Tragen von Lasten Verwendung finden soll, ist die
  Verunreinigung mit Oxyd vortheilhaft. Kommt dagegen die Dehnbarkeit in
  Betracht, wie bei der Herstellung von Bleiblech, so ist beim
  Verschmelzen die Bildung des Oxydes zu verhten. Das Blei gehrt zu den
  leichtflssigen Metallen, es schmilzt schon bei 332; es erstarrt ruhig
  und mit eingesenkter Oberflche. Bis fast zum Schmelzpunkt erhitzt,
  wird es sprde und bricht durch starkes Hmmern in Stcke. Bei starker
  Weissglhhitze gerth es bei Abschluss der Luft in eine kochende
  Bewegung und verdampft. Das Blei lsst sich nur schwierig feilen, indem
  die Feilspne ihrer Weichheit wegen die Vertiefungen der Feile
  verstopfen. Das Blei nimmt hchstens 1,5 Proc. Zink und 0,07 Proc.
  Eisen auf, dagegen um so mehr Kupfer, je hher die Temperatur ist. Die
  Anwendung des Bleies ist eine sehr vielfltige. Man benutzt es in der
  Form von Bleiplatten zu Siedepfannen fr Schwefelsure, Vitriol und
  Alaun, zu Bleikammern bei der Fabrikation der englischen Schwefelsure,
  ferner zu Wasser- und Gasleitungsrhren, Retorten, in dnnen Folien zum
  Einwickeln des Schnupftabaks (Tabakblei), eine durchaus unstatthafte
  Anwendung, da der Tabak bleihaltig wird, zur Fabrikation des Schrots,
  zum Giessen von Kugeln, zu Bleimantelgeschossen fr gezogene
  Kanonenrohre, zu Legirungen, bei httenmnnischen Processen zum
  Ausbringen gewisser Metalle, wie des Silbers und Goldes, zur
  Darstellung des Bleizuckers, der Mennige und des Bleiweisses.

[Sidenote: Schrotfabrikation.]

  Der =Flintenschrot= ist bezglich seiner Herstellung insofern
  interessant, als man sich dabei keiner Giessform bedient, da er in der
  That aus erstarrten Bleitropfen besteht. Die Schrotfabrikation begreift
  fnf verschiedene Operationen: 1) das Schmelzen des Bleies; 2) das
  Krnen des geschmolzenen Metalles; 3) das Sortiren der Bleikrner nach
  ihrer Grsse; 4) die Sonderung der unregelmssig geformten Schrotkrner
  von den runden; 5) das Scheuern und Gltten der Krner. Reines Blei
  wird in der Schrotfabrikation nicht angewendet, sondern stets mit
  geringen Quantitten Arsen legirt, wodurch es die Eigenschaft erhlt,
  sich leichter krnen zu lassen. Die Menge des zuzusetzenden Arsens
  richtet sich nach der Qualitt des angewendeten Bleies. Gewhnlich
  setzt man 0,3-0,8 Proc. Arsen hinzu. Zu viel Arsen bewirkt eine
  linsenfrmige Abplattung der Krner, zu wenig eine lnglichrunde Form.
  Man setzt das Arsen entweder in Natur oder als Schwefelarsen oder
  arsenige Sure zu. Setzt man das Arsen als arsenige Sure zu, so
  bedeckt man die Oberflche des geschmolzenen Bleies mit Kohlenstaub und
  steigert die Hitze sofort bis zur Rothglut. Das Arsen wird in grobes
  Papier gewickelt in einem eisernen Drahtkorbe in das geschmolzene Blei
  eingetragen und gut umgerhrt. Zum =Krnen= des Bleies bedient man sich
  Blechkessel mit flachem Boden (=Schrotform=), die siebartig mit runden
  Lchern von gleichem Durchmesser versehen sind. Wollte man das Blei
  einfach in die Schrotform giessen, so wrden sich weit mehr ovale als
  runde Krner bilden. In der Form muss sich daher eine porse Masse
  befinden, welche sich fest an die Wnde anlegt und das flssige Blei in
  einer Temperatur erhlt, dass es weder zu leicht noch zu schwierig
  durch die Poren fliesst. Dazu eignet sich das von dem geschmolzenen
  Metall abgeschpfte Gekrtz. Indem sich das flssige Metall durch das
  Gekrtz einen Weg brechen muss und in einzelnen Tropfen durch die
  Formlcher fliesst, nimmt es whrend des freien Falles, wie die Tropfen
  jeder anderen Flssigkeit, Kugelgestalt an. Die Temperatur des
  geschmolzenen Bleies richtet sich nach der Schrotnummer, bei grobem
  Schrot muss sie so sein, dass ein hineingehaltener Strohhalm kaum
  gebrunt wird. Man erbaut eigene hohe thurmartige Gebude, auf deren
  Hhe sich die Schrotform befindet. Statt der Thrme kann auch ein
  tiefer Brunnen oder Schacht dienen. Die whrend des Herabfallens
  erstarrten Schrotkrner werden in einem Gefsse mit Wasser aufgefangen,
  welches auf 100 Th. 0,025 Th. Schwefelnatrium gelst enthlt, um durch
  Bildung eines dnnen Ueberzugs von Schwefelblei die Oxydation der
  Schrotkrner an der Luft zu verhindern. Nach einem durchaus
  verschiedenen Principe wird der sogenannte =Centrifugalbleischrot=
  dargestellt. Man dreht nmlich eine horizontale Scheibe, welche auf
  einer verticalen Spindel befestigt und mit einer siebartig
  durchlcherten Scheidewand aus Messingblech versehen ist, mit einer
  Randgeschwindigkeit von 1000 Fuss per Minute und giesst die
  geschmolzene Bleilegirung auf dieselbe. Das Metall wird durch die
  Lcher der Seitenwand in Folge der Centrifugalkraft in regulren,
  glnzenden, gleichgrossen Krnern auf einen um die Scheibe kreisfrmig
  angebrachten Schirm aus Leinwand geworfen, ohne dass dieselben oval
  oder cylindrisch werden. Die gleichfalls in Centrifugalbewegung
  versetzte und sich mit grosser Geschwindigkeit erneuernde Luftmasse
  bringt die Krner zum Erstarren, noch ehe sie den Leinwandschirm
  berhren. Die beim Durchgehen durch eine und dieselbe Schrotform
  entstehenden Krner sind nicht von gleicher Grsse. Man =sortirt= sie
  deshalb durch Siebe mit kreisrunden Lchern. Sind die Schrotkrner nach
  der Grsse sortirt, so mssen auch noch diejenigen =abgesondert=
  werden, welche nicht vollkommen rund sind oder andere Fahler haben. Zu
  diesem Zwecke bedient man sich einer etwas gegen den Horizont geneigten
  und mit Randleisten versehenen langen Tafel, an deren Seiten Rinnen
  angebracht sind und welche in horizontaler Richtung hin und her bewegt
  wird. Die runden Krner fallen in einen Kasten, der zu ihrer Aufnahme
  bereit steht, whrend die fehlerhaften, birnfrmigen Schrote entweder
  liegen bleiben oder seitwrts in die Rinne und von da in einen
  besonderen Kasten laufen. Die letzte Operation ist das =Scheuern= und
  =Gltten=. Zu dem Ende giebt man sie nebst Graphit (auf 100,000 Th.
  Schrot 6 Th. Graphit) in die Scheuertonne, die sich um eine eiserne
  horizontale Axe bewegt, und lsst so lange rotiren, bis der Schrot den
  erforderlichen Grad von Gltte und Glanz erlangt hat. Anstatt des
  Graphits hat man in England Quecksilber oder Zinnamalgam zum
  Ueberziehen der Schrotkrner angewendet, wodurch die Krner einen
  vorbergehenden weissen Glanz annehmen; das Quecksilber erhht jedoch
  die Fabrikationskosten, ohne das Fabrikat zu verbessern. Wenn eine
  weisse oder bronzehnliche Farbe der Schrotkrner verlangt wrde,
  mchte es zweckmssiger sein, beim Gltten anstatt des Graphits
  Bronzepulver in die Scheuertonne zu geben. Der Bleiverlust in der
  Schrotfabrikation betrgt gegen 2 Proc. Gewhnlich werden zehn
  verschiedene Schrotkaliber gefertigt und zwar von Nr. 0, dem grbsten,
  bis zu Nr. 9 oder 10, dem feinsten. Die kleinsten Krner fhren den
  Namen =Vogeldunst=, die grbsten (von Erbsengrsse) =Rehposten= oder
  =Schwanenschrot=.

[Sidenote: Legirungen des Bleies.]

Von den Legirungen des Bleies sind zu erwhnen das =Schnellloth der
Klempner= (gleiche Theile Blei und Zinn), die =Legirung zu Orgelpfeifen=
(96 Th. Blei und 4 Th. Zinn), die =Legirung der Weissgiesser= (Blei,
Antimon und Zinn), die =Legirung zu Schiffsngeln= (3 Th. Zinn, 2 Th.
Blei, 1 Th. Antimon), das =Calain= der Chinesen, aus welchem die Folien
zum Ausfttern der Theekisten verfertigt werden (126 Th. Blei, 17,5 Th.
Zinn, 1,25 Th. Kupfer und eine Spur Zink); andere Legirungen zu Lettern
und zu der Chemitypie siehe unten.


           Bleiprparate (mit Einschluss der Chromprparate).

[Sidenote: Bleigltte.]

Das =Bleioxyd= PbO findet in der Industrie Anwendung in zweierlei
Gestalt, entweder als =Massicot= oder als =Bleigltte=.

Das =Massicot= (gelbes Bleioxyd) ist ein gelbes Pulver, hufig mit einem
Stich ins Rthliche, welches entweder durch Erhitzen von kohlensaurem
oder salpetersaurem Bleioxyd oder durch Calcination von Blei auf einem
Flammenherd gewonnen wird. Vor dem Bekanntwerden des chromsauren
Bleioxydes wurde es als gelbe Malerfarbe angewendet. Es schmilzt in der
Rothglhhitze leicht zu einer glasartigen Masse, dem =Bleiglas=, welches
indessen in den meisten Fllen ein Gemisch von geschmolzenem Bleioxyd mit
kieselsaurem Bleioxyd ist. Die =Bleigltte= ist geschmolzenes
krystallinisches Bleioxyd und wird als Httenprodukt bei dem
Silberverhttungsprocesse beim Abtreiben des Reichbleies vom
Pattinsoniren gewonnen. Sie enthlt stets grssere oder geringere Mengen
von Kupferoxyd, etwas Antimonoxyd, auch kleine Mengen von Silberoxyd,
endlich auch zuweilen metallisches Blei (=Wittstein= will darin 1,25-3,10
Proc. Blei gefunden haben). Durch Digestion mit einer Lsung von
kohlensaurem Ammoniak kann sie von dem beigemengten Kupferoxyd befreit
werden. Das Bleioxyd absorbirt aus der Luft Kohlensure, in geschmolzenem
Zustande verbindet es sich leicht mit der Kieselerde und den Silicaten
und bildet mit den letzteren leicht schmelzbare Glser. Es lst sich in
Essigsure, Salpetersure, sehr verdnnter Salzsure, es lst sich ferner
in Kali- und Natronlauge durch Kochen auf. In kohlensaurem Ammoniak,
kohlensaurem Kali und Natron ist es unlslich. Es findet Anwendung in der
Glasfabrikation zur Darstellung von Krystallglas, Flintglas und Strass,
in der Potterie zu Glasur und als Fluss in der Porcellan- und
Glasmalerei, zur Bereitung von Lein- und Mohnlfirniss, von Bleipflaster
(lsaurem Bleioxyd), von Kitt, Mennige und essigsaurem Bleioxyd. Eine
Lsung von Bleioxyd in Natronlauge (Natriumplumbat) wird zur Bereitung
von zinnsaurem Natron angewendet; sie dient ferner zum Schwarzfrben von
Horn (namentlich in der Kammfabrikation, um gewhnlichem Horn das
Aussehen von Bffelhorn oder, rtlich angewendet, von Schildkrot zu
geben) und von Haaren (zu diesem Behufe nur in sehr verdnnter Lsung
anwendbar), sowie in der Metallochromie zur Erzeugung der
Regenbogenfarben auf Messing und Bronze.

[Sidenote: Mennige.]

Die =Mennige=, =Minium=, ist eine Verbindung von Bleioxyd mit
Bleisuperoxyd von der Formel Pb_{3}O_{4}. Man stellt die Mennige dar,
indem man, wie z. B. zu Villach, Bleioxyd in einem Ofen bei Luftzutritt
erhitzt. Der zu diesem Zwecke dienende Ofen ist ein Flammenofen, dessen
Herd mit Ziegelsteinen gepflastert ist; auf diesen Herd bringt man das
Bleioxyd, in die Feuerungsrume das Brennmaterial, dessen Flamme ber den
Herd schlgt und durch den Schornstein entweicht. Der Luftzug darf nur
ein sehr geringer sein, da ausserdem das Bleioxyd schmelzen und in
Bleigltte bergehen wrde, welche nicht zu Mennige oxydirt werden kann.
Whrend des Erhitzens wird fortwhrend umgerhrt. Hufig erzeugt man die
Mennige aus Bleioxyd, das man aus metallischem Blei in dem Flammenofen
selbst dargestellt hat; es geschieht dies z. B. in den Fabriken von
=Bigaglia= in Venedig, von =Roard= zu Clichy und auf der Bleihtte zu
Shrewsbury, in welchen man an den heissen Stellen des Ofens Blei in
Massicot, an den weniger heissen letzteres unter Umrhren in Mennige
verwandelt. Die reinste Mennige erhlt man durch Glhen von kohlensaurem
Bleioxyd in einem Flammenofen; sie fhrt den Namen =Pariser Roth=.
Neuerdings stellt man auch die Mennige (nach =Burton='s Verfahren) durch
Erhitzen von schwefelsaurem Bleioxyd mit Chilesalpeter und Soda und
Auslaugen der erhitzten Masse mit Wasser dar; Mennige bleibt zurck,
whrend schwefelsaures und salpetrigsaures Natron sich lsen. -- Man
benutzt die Mennige zur Fabrikation des Bleiglases, zur Darstellung von
Kitt fr Glasrhren, Dampfleitungsrhren und zum Verstreichen von Fugen
von Kesseldeckeln, und als Farbenmaterial, als Wasser- und als Oelfarbe;
sie ist in beiden Fllen von grosser Deckkraft u. s. w.

[Sidenote: Bleisuperoxyd.]

  Durch Behandeln der Mennige mit Salpetersure erhlt man das
  =Bleisuperoxyd= PbO_{2} als braunes Pulver, welches bei der Fabrikation
  der Zndwaaren in grosser Quantitt Anwendung findet, obgleich man
  hierzu das auf nassem Wege aus Bleizucker und Chlorkalk dargestellte
  Superoxyd vorzieht. -- Das, was man in den Zndholzfabriken =oxydirte
  Mennige= nennt, ist ein zur Trockne gebrachtes Gemisch von
  Salpetersure mit Mennige und besteht aus salpetersaurem Bleioxyd,
  Bleisuperoxyd und unzersetzter Mennige.

[Sidenote: Verbindungen des Bleioxydes.]

Von =Bleisalzen=, die in den Gewerben Anwendung finden, sind folgende die
wichtigsten:

[Sidenote: Bleiacetat.]

Das =Bleiacetat= (Bleizucker, essigsaures Bleioxyd)

                  ((C_{2}H_{3}O)_{2}} O_{2} + 3H_{2}O)
                  (               Pb}                )

besteht in 100 Theilen aus:

                            58,71 Bleioxyd,
                            27,08 Essigsure,
                            14,21 Wasser,

krystallisirt in vierseitigen Sulen, die sich in 1,66 Th. Wasser und 8
Th. Alkohol lsen; beim Erhitzen zerlegt es sich in Bleicarbonat, das
zurckbleibt und in sich verflchtigendes Aceton. Mit Schwefelsure
bildet es Bleisulfat und Essigsure. Man stellt es dar, indem man
Bleigltte oder besser noch Massicot in bleiernen oder verzinnten
kupfernen Pfannen, mit destillirtem Essig oder Holzessig behandelt, die
geklrte Flssigkeit abdampft und in Porcellanschalen oder hlzernen
Ksten krystallisiren lsst. Aus 100 Th. Bleigltte erhlt man 150 Th.
Bleizucker. Man wendet denselben in der Frberei, zur Bereitung der
essigsauren Thonerde (Rothbeize), bei der Firnissbereitung und zur
Darstellung von Farbematerialien, namentlich von Bleiweiss und Chromgelb,
an. Von dem =dreibasisch essigsauren Bleioxyd= (dem Bleiessig) wird bei
der Bleiweissfabrikation die Rede sein.

[Sidenote: Bleichromat.]

[Sidenote: Chromeisenstein.]

=Bleichromat=. Den Ausgangspunkt fr das Bleichromat und fr alle
Chromprparate bildet der =Chromeisenstein=, der wesentlich aus
Eisenoxydul und Chromoxyd (FeO, Cr_{2}O_{3} oder Cr_{2}FeO_{4}) besteht,
also ein Magneteisenstein ist, in welchem das Eisenoxyd durch das
isomorphe Chromoxyd ersetzt ist. Ebenso findet sich hufig ein Theil des
Chromoxydes durch Thonerde und Eisenoxyd, ein Theil des Eisenoxyduls
durch Magnesia und Chromoxydul vertreten. Er ist eisengrau bis
pechschwarz. Von dem Gehalte an Chromoxyd ist der Werth des
Chromeisensteins abhngig. Nach den Analysen von =Clouet= (1869) enthielt
im Durchschnitte

            Chromeisen von Baltimore     45    Proc. Chromoxyd
                 "      "  Norwegen      40     "        "
                 "      "  Frankreich   37-51   "        "
                 "      "  Kleinasien    53     "        "
                 "      "  Ungarn        31     "        "
                 "     vom Ural          49,5   "        "
                 "     von Californien   42,2   "        "

[Sidenote: Kaliumchromat.]

=Kaliumchromat.= a) =Gelbes= oder =neutrales Kaliumchromat= CrO_{2}}
O_{2} / K_{2}} oder K_{2}CrO_{4} wird dargestellt, indem man gemahlenen
und geschlmmten Chromeisenstein mit Potasche und Salpeter gemengt auf
der Sohle eines Flammenofens schmilzt. Durch den Sauerstoff des Salpeters
werden Chromoxyd und Eisenoxydul hher oxydirt, ersteres zu Chromsure.
Aus der zerstossenen Masse zieht man durch Kochen mit Wasser das
gebildete Kaliumchromat, unzersetzt gebliebenes Kaliumcarbonat und etwas
Kaliumaluminat und Kaliumsilicat aus. Die Lsung wird durch Holzessig
zersetzt, wodurch Thonerde und Kieselerde zu Boden fallen, und darauf bis
zum Erscheinen einer Salzhaut abgedampft. Das Kaliumchromat krystallisirt
in citronengelben undurchsichtigen Sulen heraus, die sich leicht in
Wasser, nicht aber in Alkohol lsen und grosse Neigung zeigen, in
Kaliumbichromat berzugehen. Schwefelsure und Salpetersure verwandeln
es sogleich in diese Verbindung. b) Das =doppelt-chromsaure Kali= oder
=Kaliumbichromat= K_{2}Cr_{2}O_{7} krystallisirt in wasserfreien,
morgenrothen Prismen, die sich in 10 Th. Wasser lsen. Die Lsung wirkt
in hohem Grade tzend. Bei starkem Erhitzen entwickelt es Sauerstoff,
whrend Chromoxyd und Kaliumchromat zurckbleibt. Man stellt dieses Salz
durch Behandeln der neutralen Verbindung mit Salpetersure oder
Schwefelsure dar. Salpetersure ist vorzuziehen, weil man hier neben dem
Kaliumchromat den leicht zu verwerthenden Salpeter erhlt, welcher in der
Mutterlauge bleibt, nachdem das chromsaure Kali durch Krystallisation
ausgeschieden worden ist.

  =Jacquelain= hat in der neueren Zeit, wie jedoch schon frher
  =Stromeyer=, empfohlen, das Kalksalz als Ausgangspunkt zur Darstellung
  der chromsauren Salze zu benutzen; er schlgt vor, Chromeisenstein mit
  Kreide unter hufiger Erneuerung der Oberflche zu glhen, die fein
  gemahlene Masse in heissem Wasser zu vertheilen und unter stetem
  Umrhren Schwefelsure bis zur schwach sauren Reaction zuzusetzen. Das
  Kalksalz, welches nach dem Glhen Calciumchromat war, ist nach dem
  Behandeln mit Wasser und Schwefelsure in Calciumbichromat
  bergegangen. Ausser dieser Verbindung enthlt die Lsung noch etwas
  schwefelsaures Eisenoxyd, das mittelst Kreide gefllt wird. Die Lsung
  enthlt nur noch Calciumbichromat und etwas Gyps. Das Kaliumbichromat
  lsst sich aus diesem Salze einfach darstellen, indem man eine Lsung
  von Kaliumcarbonat auf Calciumbichromat einwirken lsst, es bildet sich
  Calciumcarbonat, whrend die Lsung des Kaliumbichromates zum
  Krystallisiren abgedampft wird. =Tilghman= schlgt vor,
  gepulverten Chromeisenstein mit 2 Th. Kalk und 2 Th. Kaliumsulfat
  gemengt, 18-20 Stunden lang in einem Flammenofen zu glhen. Eine andere
  von demselben vorgeschlagene Methode besteht darin, Chromeisenstein mit
  Feldspathpulver und Kalk zu glhen. Nach =Swindells= soll man den
  Chromeisenstein, mit einem gleichen Gewicht Chlornatrium oder
  Chlorkalium gemengt, in einem Flammenofen bis zur angehenden
  Weissglhhitze unter fortwhrendem Darberleiten von stark erhitzten
  Wasserdmpfen erhitzen. Es entsteht Natrium- oder Kaliumchromat. Die
  wichtigste Verbesserung in der Darstellung des Kaliumchromates besteht
  in der Ersetzung des Salpeters durch Potasche und der Anwendung eines
  Ofens, welcher der atmosphrischen Luft zu dem Gemisch zu treten
  erlaubt, sodass die Oxydation des Chromeisens auf Kosten des
  atmosphrischen Sauerstoffs vor sich geht; endlich auch in dem Zusatz
  von Kalk, wodurch nicht allein an Alkali gespart, sondern auch die
  Oxydation wesentlich erleichtert wird, indem die Masse eine teigige
  Consistenz annimmt, welche mit Leichtigkeit umgerhrt werden kann.
  Letzterer Umstand ist nicht unwichtig, denn, wendet man Alkali allein
  an, so schmilzt das Gemisch zu einer dnnen Flssigkeit, in welcher der
  Chromeisenstein zu Boden sinkt und die Luft mithin auf ihn nicht
  einwirken kann.

[Sidenote: Anwendungen des Kaliumchromates.]

  Vor dem Jahre 1820 fand das Kaliumchromat nur zur Darstellung von
  Bleichromat Anwendung. Ersteres wurde damals auf kostspielige Weise aus
  dem Chromeisenstein durch Calciniren desselben mit Salpeter
  dargestellt. Im genannten Jahre ermittelte =Kchlin= die Anwendbarkeit
  des Bichromates als Aetzbeize auf Trkischroth, wodurch der Impuls zu
  einer ausgedehnten Anwendung dieses Salzes gegeben wurde. Hierauf
  folgten andere technische Anwendungen, namentlich in der Frberei, von
  welchen speciell erwhnt sei die Erzeugung von Chromgelb und
  Chromorange im Zeugdruck, das Chromschwarz mit Blauholz, die Oxydation
  von Katechu und von Berlinerblau, der Enlevagendruck, um Weiss auf
  indigoblauem Grunde zu erzeugen, das Bleichen von Palml und hnlichen
  Fetten, die Herstellung von gewissen Zndmassen in der Zndholz- und
  Zndrequisitenfabrikation, die Darstellung von chromsaurem
  Quecksilberoxydul und Chromoxyd fr die Porcellanmalerei und Decoration
  der Thonwaaren und in jngster Zeit die Fabrikation von =Smaragdgrn=
  oder =Vert Guignet=, das als Krperfarbe im Zeugdruck hufige Anwendung
  findet. Grosse Mengen von Kaliumchromat finden auch in der
  Theerfarbenindustrie zur Fabrikation von Anilinviolett, Anilingrn und
  von Alizarin aus Anthracen Anwendung. Neuerdings wird das Kaliumchromat
  auch zur Darstellung von Chlorgas verwendet, ebenso auch zuweilen zum
  Entfuseln des Branntweins und zum Reinigen des aus Holzessig
  dargestellten Essigs. Der Verbrauch von Bichromat fr die genannten
  Zwecke ist ein so bedeutender, dass die Darstellung dieses Salzes einen
  nicht unwichtigen Gewerbzweig ausmacht[11]. In den letzten Jahren sucht
  man in dem Zeugdruck das Kaliumbichromat durch das =zweifach-chromsaure
  Ammoniak= zu ersetzen.

  [11] Nach =J. Persoz= (1869) giebt es sechs Fabriken, die sich mit der
       Darstellung von Kaliumchromat befassen, nmlich zwei in
       Schottland, eine in Frankreich, eine zu Drontheim in Norwegen und
       eine zu Kazan am Ural. Alle Fabriken produciren jhrlich gegen
       60,000 Centner.

[Sidenote: Bleichromat.]

Man unterscheidet dreierlei Verbindungen der Chromsure mit dem Blei,
nmlich neutrales Bleichromat (Chromgelb), basisches (Chromroth) und ein
Gemenge von neutralem mit basischem (Chromorange). Das =neutrale
Bleichromat= oder =Chromgelb= PbCrO_{4} stellt man auf zweierlei Weise
dar: entweder 1) durch Niederschlagen von Kaliumchromat mit Bleiacetat
oder 2) aus Bleisulfat oder Chlorblei. Nach der ersten Methode stellt man
zunchst eine Bleiauflsung dar, wozu man sich kleiner Holzbottiche
bedient, die terrassenfrmig geordnet sind. Man fllt die Bottiche mit
gekrntem Blei, schliesst die Hhne und gibt in den obersten Bottich eine
Fllung von Essig. Nach etwa 10 Minuten ffnet man den Hahn am Boden und
lsst die Flssigkeit in den zweiten, von da in den dritten und vierten
Bottich laufen. Der Essig kommt in dem Sammelbottich an, ohne erhebliche
Bleimengen aufgenommen zu haben. Es soll auch durch diese erste Operation
das Blei nur benetzt und zur Oxydation geneigt gemacht werden. Die
Bottiche bleiben ohne Essigfllung stehen, bis das Blei sich mit einem
blulich weissen Hutchen bedeckt. Der oberste Bottich erhlt dann seine
Essigladung; nach 1/2-1 Stunde erfolgt die Entleerung des Essigs in den
zweiten Bottich u. s. f., bis die gesttigte Bleilsung, basisches
Bleiacetat (Bleiessig) enthaltend, unten im Sammelbottich anlangt. Zum
Behufe der Chromgelbfabrikation wird die Lauge mit so viel Essig
versetzt, dass sie eben sauer zu reagiren beginnt und dann zum Abklren
in einen grsseren Laugenbottich gebracht. In einem zweiten Laugenbottich
hlt man sich eine Auflsung von 25 Kilogr. Kaliumbichromat in 500 Liter
Wasser vorrthig. Man giesst von der Bleilauge so lange in die
Chromlsung, als noch in letzterer ein Niederschlag erfolgt, wscht den
Niederschlag aus, versetzt ihn, wenn eine ordinre Sorte Chromgelb
hergestellt werden soll, mit Gyps, Schwerspath oder auch Permanentweiss
(geflltes Bariumsulfat) und trocknet ihn. Nach =Liebig= stellt man
Chromgelb aus dem Bleisulfat, welches in grosser Menge aus den
Kattundruckereien zu erhalten ist, dar, indem man dasselbe mit einer
warmen Lsung von gelbem Kaliumchromat digerirt. Je nachdem grssere oder
geringere Mengen des Bleisulfates in Chromat bergefhrt wurden,
entstehen mehr oder weniger hellgelbe Farben.

  Nach =Habich= giebt es zwei Doppelverbindungen von Chromat mit Sulfat,
  welche den Formeln PbSO_{4} + PbCrO_{4} und 2PbSO_{4} + PbCrO_{4}
  entsprechen. Die =erste= derselben bildet sich, wenn eine Lsung von
  Kaliumbichromat mit der entsprechenden Menge Schwefelsure versetzt und
  mit der Bleilsung gefllt wird. Die =zweite= Verbindung entsteht, wenn
  der Schwefelsurezusatz etwa um das Doppelte erhht wird. Sie zeigt
  dieses Aufquellen im feuchten Zustande nicht, sondern bildet nach dem
  Trocknen eine feurige, fast schwefelgelbe Farbe von feurigem Bruche.
  Nach =Anthon= erhlt man ein schnes Chromgelb, wenn man 100 Th. frisch
  geflltes Chlorblei mit einer Lsung von 47 Th. Kaliumbichromat
  digerirt.

[Sidenote: Chromroth.]

  Das =basische Bleichromat= oder =Chromroth= (Chromzinnober,
  sterreichischer Zinnober), PbCrO_{4} + PbH_{2}O_{2} ist eine rothe
  Farbe, welche in neuerer Zeit vielfach als Anstreichfarbe angewendet
  wird, und entsteht aus dem neutralen Bleichromat dadurch, dass man
  demselben die Hlfte seiner Chromsure durch Kali, entweder durch
  Schmelzen mit Salpeter oder durch Kalilauge entzieht. Nach =Liebig= und
  =Whler= stellt man das Chromroth dar, indem man Salpeter (am
  zweckmssigsten ein Gemenge nach gleichen Theilen von Kalium- und
  Natriumnitrat) bei ganz schwacher Glhhitze zum Schmelzen bringt und
  nach und nach in kleinen Antheilen reines Chromgelb eintrgt. Die Masse
  im Tiegel wird mit Wasser ausgezogen und das sich abscheidende
  Chromroth nach gutem Auswaschen getrocknet. Das so erhaltene Chromroth
  ist von prchtig zinnoberrother Farbe und besteht aus lauter glnzenden
  Krystallpartikelchen. Auf nassem Wege stellt man nach =Dulong= das
  Chromroth durch Fllen von essigsaurem Bleioxyd mit einer Lsung von
  Kaliumchromat, zu welchem Kali gesetzt worden ist, dar. Alle
  Chromrothe, von dem dunkelsten Zinnoberroth bis zur matten Mennigfarbe,
  unterscheiden sich von einander nur durch die Grsse der Krystalle, aus
  welchen das Pulver besteht. Zerreibt man nmlich Chromroth von der
  verschiedensten Nance zu einem gleichfrmig feinen Pulver, so
  resultirt bei allen ein Produkt von gleicher Dunkelheit und die
  brillante mit dem Zinnober wetteifernde Farbe ist verschwunden. Soll
  demnach ein Chromroth von grosser Farbentiefe hergestellt werden, so
  muss man der Krystallbildung Vorschub leisten und insbesondere jede
  Strung derselben durch Umrhren u. s. w. vermeiden. Gemenge von
  neutralem und basischem Bleichromat kommen in verschiedenen Nancen
  unter dem Namen =Chromorange= in den Handel. Man erhlt sie durch
  Fllen von basischem Bleiacetat (Bleiessig) mit Kaliumchromat, durch
  Kochen von Chromgelb mit Kalkmilch, oder endlich durch Behandeln von
  Chromgelb mit einer zur Ueberfhrung in Chromroth nicht hinreichenden
  Menge Kali. =Anthon= empfiehlt zur Darstellung von Chromorange 100 Th.
  Chromgelb mit 55 Th. Kaliumchromat oder 12-18 Th. Aetzkalk zu Kalkmilch
  gelscht, zu behandeln.

[Sidenote: Chromoxyd.]

  Das =Chromoxyd= Cr_{2}O_{3}, das in der Glasfrberei, Porcellan- und
  Glasmalerei unter dem Namen =Chromgrn= vielfache Anwendung findet,
  wird auf verschiedene Weise dargestellt. Im wasserfreien Zustande
  wendet man es als Schleifmaterial, zum Ueberziehen der Streichriemen
  der Rasirmesser und als unzerstrbare und unnachahmliche Druckfarbe fr
  gewisse Banknoten an. Am schnsten und in einem Zustande, der in
  technischer Beziehung allen Anforderungen entspricht, erhlt man es
  durch Glhen von chromsaurem Quecksilberoxydul. Leider ist die
  Darstellungsart zu complicirt und zu kostspielig, um im Grossen
  angewendet zu werden. =Lassaigne= schlgt vor, gleiche Molekle von
  gelbem Kaliumchromat und Schwefel zu glhen und die geglhte Masse mit
  Wasser auszuziehen. Nach =Whler= mischt man gelbes Kaliumchromat mit
  Salmiak, glht und laugt mit Wasser aus, wobei das Chromoxyd
  zurckbleibt. Man erhlt es auch durch Calciniren eines Gemenges von
  Kaliumbichromat mit Kohle und Auslaugen des entstandenen
  Kaliumcarbonates mit Wasser. =Chromoxydhydrat= (nach der Formel
  Cr_{4}H_{6}O_{9} zusammengesetzt) kommt seit einiger Zeit entweder fr
  sich oder in Verbindung mit Borsure oder Phosphorsure als schne
  grne Farbe und als Ersatzmittel des Schweinfurter Grns unter den
  Namen =Mittlergrn=, =Smaragdgrn=, =Pannetier's Grn=, =Arnaudon's
  Grn=, =Matthieu-Plessy's Grn= im Handel vor. =Guignet's Grn= besteht
  in 100 Th. aus

                            Chromoxyd  76,25
                            Borsure   11,71
                            Wasser     12,04
                                      ------
                                      100,00

  Nach =Scheurer-Kestner= ist jedoch die Anwesenheit der Borsure im
  =Guignet='schen Grn blos eine zufllige und nicht nothwendige.

[Sidenote: Chromalaun.]

  Der =Chromalaun= Cr_{2}} / K_{2}} 4SO_{4} + 24H_{2}O, in dunkelvioletten
  oktaedrischen Krystallen auftretend, bildet sich in grosser
  Menge als Nebenprodukt bei der Fabrikation gewisser Theerfarben
  (Anilinviolett, Anilingrn, Anthracenroth). Er findet Anwendung als
  Mordant in der Frberei, zum Unlslichmachen von Leim und Gummi, so wie
  zur Anfertigung wasserdichter Stoffe. Hufig stellt man auch aus ihm
  wieder Kaliumchromat dar.

[Sidenote: Chromchlorid.]

  Das =Chromchlorid=, Cr_{2}Cl_{6}, am besten durch Zersetzen von
  Schwefelchrom mit Chlor dargestellt, ist eine in violetten Blttchen
  krystallisirende, glnzende, glimmerartige Masse, die als
  Farbematerial, besonders in der Buntpapierfabrikation, Anwendung finden
  kann.


[Sidenote: Bleiweiss.]

[Sidenote: Bleiweissfabrikation nach der hollndischen Methode.]

[Illustration: Fig. 29.]

[Illustration: Fig. 30.]

Das =Bleiweiss= (basisches Bleicarbonat von der Formel 2PbCO_{3} +
PbH_{2}O_{2}) wird auf verschiedene Weise dargestellt. Man unterscheidet
die =hollndische=, =franzsische= und =englische Methode=. Die
=hollndische Methode= der Bleiweissfabrikation ist auf die Erscheinung
begrndet, dass metallisches Blei in Berhrung mit Essigdmpfen,
Kohlensure und Sauerstoff bei geeigneter Temperatur in Bleiweiss
verwandelt wird. Die Mittel, nach dieser Methode Bleiweiss zu fabriciren,
sind verschieden. In Holland und Belgien, auch in einigen deutschen
Fabriken, wird das Blei in dnnen, spiralfrmig gewundenen Blechen in
irdene, inwendig glasirte Tpfe (Fig. 29) gesetzt, auf deren Boden sich
ordinrer mit Bierhefe gemischter Essig befindet; die Tpfe werden mit
Bleiplatten bedeckt und in Pferdemist eingegraben. Ein derartig
vorgerichtetes Mistbad (Fig. 30) wird =Looge= genannt. Durch die in dem
Pferdemiste eintretende Ghrung wird die Temperatur erhht, der Essig
verdampft und giebt dadurch unter Mitwirkung des Sauerstoffs zur Bildung
von basischem Bleiacetat Anlass. Durch die in dem ghrenden Miste
erzeugte Kohlensure wird das basische Bleiacetat ((C_{2}H_{3}O)_{2}}/Pb}
O_{2}, 3PbH_{2}O_{2}) zersetzt in Bleiweiss und neutrales Bleiacetat.
In den meisten Fabriken Deutschlands und namentlich Oesterreichs (so zu
Klagenfurt und Wolfsberg in Krnthen) hat man den Gebrauch des Dngers
gnzlich beseitigt. Man nennt diese Methode der Bleiweissdarstellung das
Kammerverfahren. Anstatt der Tpfe werden =geheizte Kammern= benutzt, in
denen der Lnge nach in mehrfachen Reihen ber einander Latten sich
befinden, ber welche die Bleiplatten, dachfrmig gebogen, gehngt
werden. Der Boden der Kammern ist mit einer Schicht Lohe, Frchten,
Weinlager, faulenden Stoffen u. s. w. bedeckt, durch welche Essig langsam
durchsickert. Rationeller ist folgende Einrichtung: Der Boden der Kammer
ist eine mit durchlcherten Dielen bedeckte Kufe, in welcher sich
erwrmter Essig befindet. Durch die Oeffnungen der Dielen gelangen die
Essigdmpfe in die Kammern. In allen diesen Fllen werden die Bleibleche
von ihrer Oberflche nach innen zu, allmlig in Bleiweiss verwandelt.
Dieses Rohprodukt wird von dem Gehalte an Bleiacetat durch Auswaschen von
dem unangegriffenen, metallischen Blei durch Schlmmen befreit und kommt
dann erst als reines Bleiweiss in den Handel. Eine jetzt in England
gebruchliche Modification der hollndischen Bleiweissfabrikation besteht
darin, dass man das feingekrnte, mit 1 bis 1,5 Proc. Essig befeuchtete
Blei in die, vom Boden aus mit Dampf auf ungefhr 35 erwrmten Fcher
eines hlzernen Kastens bringt, in welchen ein Strom von Kohlensure und
hinreichend Dampf geleitet wird, um die Atmosphre im Innern und das Blei
eben feucht zu halten. Nach 10-14 Tagen ist die Umwandlung vollendet. Das
rohe Bleiweiss wird wie gewhnlich gewaschen und geschlmmt.

[Sidenote: Nach der englischen Methode.]

Nach der =englischen Methode= wird Blei in einem Kessel geschmolzen, aus
welchem es auf die Sohle eines grossen Flammenofens fliesst, zu welchem
ein Geblse fortwhrend Luft fhrt. Das Blei zertheilt sich, bietet der
Luft eine grosse Oberflche dar und fliesst zu einer Rinne, deren
Seitenwnde mit kleinen Oeffnungen durchbohrt sind, durch welche die
Bleigltte abfliesst, whrend das schwerere Blei auf dem Boden der Rinne
bleibt. Die fein zertheilte Bleigltte, welche man auf diese Weise
erhlt, wird mit 1/100 ihres Gewichtes in Wasser aufgelsten Bleizuckers
befeuchtet und hierauf in horizontale Trge gebracht, die oben
verschlossen sind und unter einander communiciren. In diesem Zustande
wird durch die Bleigltte ein Strom von unreiner Kohlensure geleitet,
die in einem Flammenofen durch Verbrennung von Koks erzeugt wird. Die
Geblse, welche den Flammenofen speisen, bringen einen hinreichenden
Druck hervor, um das Gas durch Rhren, die durch kaltes Wasser abgekhlt
werden, bis zu der Gltte zu treiben. Krcken, die durch eine
Dampfmaschine bewegt werden, rhren das Oxyd bestndig um, wodurch die
Verbindung der Kohlensure mit dem Oxyd begnstigt wird. Das auf diese
Weise erhaltene Bleiweiss deckt sehr gut und wird von den Englndern dem
auf nassem Wege erhaltenen vorgezogen.

[Sidenote: Bleiweissfabrikation nach der franzsischen Methode.]

[Illustration: Fig. 31.]

Die =franzsische Methode= oder das Verfahren von =Thnard= und =Roard=
ist das bei weitem allgemeinere Verfahren der Bleiweissfabrikation. Da
dasselbe auch das rationellste ist, so verweilen wir ein wenig lnger bei
demselben. Die Methode besteht darin, Bleigltte in Essigsure
(rectificirtem Holzessig) aufzulsen, um eine Lsung von basischem
Bleiacetat (Bleiessig, (C_{2}H_{3}O)_{2}} / Pb} O_{2} + 2PbH_{2}O_{2}) zu
erzeugen. Indem man dann durch diese Lsung Kohlensuregas leitet, werden
zwei Molekle Bleioxyd als Bleiweiss ausgefllt, whrend neutrales
Bleiacetat, in Lsung zurckbleibt. Indem man die zurckbleibende Lsung
von Neuem mit Bleigltte digerirt, bildet sich wieder basisches
Bleiacetat (Bleiessig), aus welchem durch Kohlensure abermals zwei
Molekle Bleioxyd als Bleiweiss ausgefllt werden.

[Sidenote: Der Apparat der Bleiweissfabrikation zu Clichy.]

In =Clichy= bei Paris stellt man auf normale Weise das Bleiweiss in
folgendem Apparate durch Zersetzen des Bleiessigs (basisches Bleiacetat)
mittelst Kohlensure dar. In dem Bottich _A_ (Fig. 31) bewirkt man die
Auflsung von Bleigltte in Essigsure, welche durch den Rhrer _BC_
beschleunigt wird; aus diesem Bottich fliesst die Lsung des dreibasisch
essigsauren Bleioxydes in das aus verzinntem Kupferblech bestehende
Reservoir _E_, in welchem sich metallisches Blei, Kupfer und andere
unlsliche Substanzen absetzen. Die klare Flssigkeit fliesst aus _E_ in
den zur Zersetzung bestimmten Kasten, der mit einem Deckel bedeckt ist,
durch welchen 800 Rhren bis ungefhr 32 Centimeter tief unter das Niveau
der Flssigkeit fhren. Diese Rhren sind durch die gemeinsame grssere
Rhre _gg_ verbunden, welche wiederum mit dem Waschkasten _P_ in
Verbindung steht. In diesem Waschkasten sammelt und reinigt sich die
Kohlensure, welche in einem kleinen Kalkofen _G_ durch die Zersetzung
von 2-1/2 Maasstheilen Kreide und einem Maasstheile Koks unter Mitwirkung
von atmosphrischer Luft erzeugt wird. Frher wurde die Kohlensure
durch Verbrennen von Holzkohle erzeugt. Nach Verlauf von 12 bis 14
Stunden ist die Zersetzung beendigt. Man lsst die ber dem Bleiweiss
stehende klare Lsung von neutralem essigsauren Bleioxyd in den Kasten
_i_ und den Bodensatz in das Reservoir _O_ fliessen. Vermittelst einer
Pumpe _R_ pumpt man die Lsung von dem neutralen essigsauren Bleioxyd in
den Bottich _A_ zurck und fngt die Operation von Neuem an. Das in dem
Reservoir _O_ befindliche Bleiweiss wird wiederholt mit Wasser gewaschen
und das erste Waschwasser mit der Flssigkeit in dem Bottich _A_
vereinigt. Das ausgewaschene Bleiweiss wird getrocknet. Um Kohlensuregas
behufs der Bleiweissfabrikation wohlfeil darzustellen, ist vorgeschlagen
worden, ein Gemenge von kohlensaurem Kalk, Kohle und Braunstein zu glhen
(CaCO_{3} + C + 3MnO_{2} = Mn_{3}O_{4} + CaO + 2CO_{2}); man verwendet
wohl auch die Kohlensure, die sich bei der Ghrung der Bierwrze und
Branntweinmaische entwickelt, oder man benutzt endlich, wo sich die
Gelegenheit darbietet, das der Erde entstrmende Kohlensuregas, indem
man es durch ein Pumpwerk aufsaugt und durch Rhren dahin leitet, wo es
benutzt werden soll. Bei Brohl in der Nhe des Laacher Sees wurde auf
diese Weise die Kohlensure zur Bleiweissfabrikation benutzt.

  Nach der jetzt nicht mehr gebruchlichen Methode von =Button= und
  =Dyer= wird ein inniges Gemisch von schwach befeuchteter Bleigltte mit
  einer geringen Menge Bleizuckerlsung in einen langen steinernen Trog
  gebracht und dann unter fortwhrendem Durcharbeiten mittelst einer
  Maschine heisses Kohlensuregas darber geleitet. Ist alle Bleigltte
  in Bleiweiss verwandelt, so wird die Masse gemahlen. Nach =Pallu=
  (1859) bringt man (mittelst der Centrifugalmaschine) fein zertheiltes
  Blei auf eine schiefe Ebene und befeuchtet es daselbst mit Essigsure.
  Nach einer Stunde etwa ist das Blei in essigsaures und in kohlensaures
  Salz bergegangen. Darauf lsst man ber die geneigte Ebene eine
  Bleizuckerlsung fliessen, welche das krystallisirte Acetat auflst und
  das Bleiweiss fortfhrt und letzteres in einem Bottich absetzt. Die
  darber stehende klare Flssigkeit wird ber eine zweite Tafel gegossen
  u. s. f. Nach einem hnlichen Principe stellt =Grneberg= (1860)
  Bleiweiss dar, indem er gekrntes Blei der Rotation und der
  gleichzeitigen Einwirkung von Luft, Essigsure und Kohlensure
  aussetzt.

[Sidenote: Bleiweiss aus Bleisulfat.]

  Das =Bleisulfat= (PbSO_{4}) wird in ansehnlicher Menge als Nebenprodukt
  bei verschiedenen chemischen Operationen, z. B. bei der Darstellung der
  essigsauren Thonerde aus Alaun und Bleizucker, oder bei der Essigsure
  aus Bleizucker und Schwefelsure, als werthloses Nebenprodukt erzeugt,
  das der schwierigen Reduction wegen bis jetzt nicht mit Vortheil auf
  metallisches Blei verarbeitet werden und seines geringen
  Deckungsvermgens wegen auch nicht anstatt Bleiweisses Anwendung finden
  konnte. Seit einiger Zeit hat man in Frankreich angefangen, das
  schwefelsaure Bleioxyd durch kohlensaure Alkalien in Bleiweiss
  umzuwandeln. Man wendet zu diesem Zwecke kohlensaures Ammoniak oder
  Natriumcarbonat an. =Payen= empfiehlt diese Methode fr Gegenden, in
  denen schwefelsaures Bleioxyd zu haben ist. Um das Bleisulfat
  vortheilhaft auf metallisches Blei zu benutzen, wird dasselbe
  lufttrocken mit 67 Proc. Kreide, 12-16 Proc. Kohle und 37 Proc.
  Flussspath gemischt, in einem Ofen geschmolzen. Es wird hierbei zuerst
  Bleicarbonat gebildet, das sodann durch die Kohle reducirt wird; auf
  der andern Seite entsteht schwefelsaurer Kalk, mit welchem der
  Flussspath zu Schlacke zusammenschmilzt:

      (PbSO_{4} + CaCO_{3} + 2C + nFl_{2}Ca = Pb + 3CO + CaSO_{4} +
                                                              nFl_{2}Ca).

  Auf nassem Wege kann man es reduciren, indem man es, wie =Bolley= will,
  mit Zink und Wasser zusammenbringt, wobei Chlorzink und metallisches
  Blei entsteht. Nach dem Vorschlage von =Krafft= fhrt man das
  Bleisulfat durch Kochen mit Bariumacetat in Bleizucker (und in
  Barytweiss) ber.

[Sidenote: Theorie der Bleiweissfabrikation.]

  Abgesehen von der zuletzt erwhnten Darstellungsart des Bleiweisses aus
  dem schwefelsauren Bleioxyd, ist die Bleiweissbildung nach allen
  angefhrten Methoden abhngig:

  1) von der Bildung von basischem Bleiacetat;

  2) von der Zersetzung dieser Verbindung in neutrales Bleiacetat und in
  Bleiweiss.

  Betrachtet man das Bleiweiss einfach als Bleicarbonat, so lsst sich
  die Bleiweissbildung durch folgende zwei Formeln anschaulich machen:

  I. 2{ C_{2}H_{3}O } O + 3PbO = (C_{2}H_{3}O)_{2} } O_{2}, 2PbH_{2}O_{2};
      {           H }                          Pb  }
        Essigsure.     Bleioxyd.         Basisches Bleiacetat.

  II. (C_{2}H_{3}O)_{2} } O_{2}, 2PbH_{2}O_{2} + 2CO_{2} + 2PbCO_{3} +
                     Pb }                                Bleicarbonat.
                                                (C_{2}H_{3}O)_{2} } O_{2}
                                                               Pb }
               Basisches Bleiacetat.               Neutral. Bleiacetat.

  Man sieht ein, dass eine betrchtliche Menge Bleiweiss durch eine
  verhltnissmssig geringe Menge von neutralem essigsauren Bleioxyd
  erzeugt werden kann. Die Bleiweisserzeugung wrde auf diese Weise ohne
  Grenzen sein, wenn nicht das Bleiweiss eine gewisse Menge Bleizucker
  enthielte, wenn ferner bei der Fabrikation der Verlust an Essigsure
  vermieden werden knnte.

[Sidenote: Bleiweiss aus Chlorblei.]

[Sidenote: Basisches Chlorblei als Surrogat des Bleiweisses.]

  Nach =Tourmentin= wird Bleiweiss mittelst =basischen Chlorbleies= (aus
  Kochsalz und Bleigltte) dargestellt, indem man diese Verbindung mit
  Wasser umrhrt, durch das Gemenge einen Strom Kohlensuregas leitet und
  die Flssigkeit in einem bleiernen Kessel mit Kreidepulver so lange
  kocht, bis sie filtrirt nicht mehr durch Schwefelammonium geschwrzt
  wird. Das gebildete Bleiweiss wird durch Waschen von dem Kochsalz
  befreit, geschlmmt und getrocknet. Das basische Chlorblei, das von
  =Pattinson= als Ersatzmittel des Bleiweisses vorgeschlagen worden ist,
  wird dargestellt, indem man eine heisse Lsung von Chlorblei (PbCl_{2})
  die im Kubikfuss 400-500 Grm. enthlt, mit einem gleichen Volumen
  gesttigten Kalkwassers vermischt. Es setzt sich sogleich ein weisser
  Niederschlag (PbCl_{2} + PbH_{2}O_{2}) ab, der getrennt, gewaschen und
  getrocknet wird. Das Chlorblei wird durch Zersetzen von fein gemahlenem
  Bleiglanz in bleiernen Kesseln mit concentrirter Salzsure dargestellt.
  Das sich hierbei entwickelnde Schwefelwasserstoffgas wird durch eine
  Rhre abgeleitet, entzndet und die Flamme in eine Schwefelsurekammer
  geleitet, um auf diese Weise den Schwefel des Bleiglanzes zur
  Schwefelsurefabrikation zu benutzen. Das Pattinson'sche Bleiweiss ist
  nicht ganz schneeweiss, sondern von einer etwas ins Brunliche gehenden
  Farbe, welche aber in allen Fllen, wo das Bleiweiss mit etwas Schwarz
  oder Blau versetzt werden soll, kaum zu bemerken sein wird. Dagegen
  besitzt es eine ausgezeichnete Deckkraft.

[Sidenote: Eigenschaften des Bleiweisses.]

  =Bleiweiss= ist im reinen Zustande blendend weiss, ohne Geruch und
  Geschmack. Je nach der Darstellungsart zeigt das Bleiweiss ein
  verschiedenes Aussehen; von den in den Tpfen gelegenen Bleiblttern
  erhlt man das sogenannte =Schieferweiss=, das in Gestalt dnner
  Platten in den Handel kommt. Diejenigen Bleiplatten, mit denen die
  Tpfe zugedeckt waren, bekommen eine dickere Kruste, aus denen das
  =gemeine Bleiweiss= gebildet wird. Das =Kremser Weiss= ist reines
  Bleiweiss, mittelst Gummiwasser in Tfelchen geformt. =Perlweiss= ist
  mit etwas Berlinerblau oder Indigo versetzt. =Mulder=, =Grneberg= u.
  A. fanden das im Handel vorkommende Bleiweiss zusammengesetzt aus 2
  Mol. kohlensaurem Bleioxyd und 1 Mol. Bleioxydhydrat 2(PbCO_{3}) + PbO,
  H_{2}O. 100 Th. kufliches Bleiweiss (von verschiedener Bezugsart)
  enthielten:

                 1.     2.     3.     4.     5.     6.     7.    8.
    Bleioxyd    83,77  85,93  86,40  86,25  84,42  86,72  86,5  86,51
    Kohlensure 15,06  11,89  11,53  11,37  14,45  11,28  11,3  11,26
    Wasser       1,01   2,01   2,13   2,21   1,36   2,00   2,2   2,23

  1. Kremserweiss. 2. Geflltes Bleiweiss aus Magdeburg. 3. Harzer
  Bleiweiss. 4. Kremserweiss. 5. Kohlensaures Bleioxyd, durch Nachahmung
  der hollndischen Methode von Hochstetter selbst erzeugt. 6. Bleiweiss
  aus Offenbach. 7. Bleiweiss aus Klagenfurt. 8. Englisches Bleiweiss,
  nach der hollndischen Methode dargestellt.

  Was die deckenden Eigenschaften des Bleiweisses anbelangt, so scheint
  es sicher zu sein, dass dieselben von dem Aggregationszustande
  abhngen; ein durch Fllung erhaltenes lockeres, krystallinisch
  krniges Bleiweiss deckt weniger, als ein nach der hollndischen
  Methode bereitetes, dichteres. Es scheint, als ob die grssere
  Deckkraft des Bleiweisses mit dem grsseren Gehalte an Hydrat zunehme.

[Sidenote: Verflschung des Bleiweisses.]

  Man versetzt das Bleiweiss in den Fabriken hufig (in neuerer Zeit
  jedoch minder oft) mit Schwerspath (zu 30,66, selbst bis zu 72 Proc.)
  und schwefelsaurem Bleioxyd, seltener mit Witherit (kohlensaurem
  Baryt), Kreide, Gyps oder Thon. Ein Zusatz von Schwerspath zum
  Bleiweiss behufs des Oelanstrichs ist nicht rationell, da der
  Schwerspath keine Deckkraft hat und somit viel Oelfirniss ohne Zweck
  consumirt wird. Reines Bleiweiss muss sich in verdnnter Salpetersure
  vollstndig lsen, durch berschssig zugesetztes Aetzkali darf in der
  klaren Lsung kein Niederschlag entstehen (Kreide); der in
  Salpetersure unlsliche Rckstand deutet auf Gyps, Schwerspath oder
  schwefelsaures Bleioxyd. Das Bleisalz verrth sich dadurch, dass eine
  Probe desselben auf Kohle vor dem Lthrohre erhitzt, Metallkgelchen
  zeigt; Schwerspath giebt sich dadurch zu erkennen, dass eine Probe mit
  Kohle erhitzt und der Rckstand mit verdnnter Salzsure bergossen,
  mit Gypslsung einen weissen Niederschlag erzeugt; Gyps ebenso
  behandelt, giebt mit Gypslsung keinen, wol aber mit oxalsaurem
  Ammoniak einen weissen Niederschlag. Nach =W. Stein= ermittelt man in
  einem Gemenge von Bleiweiss mit Schwerspath die Menge des Bleiweisses
  am einfachsten durch den Glhverlust, welcher im directen Verhltnisse
  zur Menge des kohlensauren Bleioxydes steht. Derselbe betrgt bei
  unvermischten Proben durchschnittlich 14,5 Proc.

  Ein Gemenge von 33,3 Th. Bleiweiss und 66,6 Th. Schwerspath verlor beim
   "     "     "  66,6  "      "      "  33,3  "       "         "     "
   "     "     "  80    "      "      "  20    "       "         "     "
   "     "     "  50    "      "      "  50    "       "         "     "

  Glhen  4,5-5  Proc.
     "    6,5-7    "
     "   13        "
     "   10-10,4   "

[Sidenote: Anwendung des Bleiweisses.]

  Die Anwendung des Bleiweisses als Malerfarbe, zum Kitt, zum
  Leinlfirniss, zur Darstellung der Mennige ist bekannt. Mit der
  Anwendung des Bleiweisses ist der Nachtheil verbunden, dass dasselbe
  durch Schwefelwasserstoff ausserordentlich leicht afficirt und in
  Schwefelblei verwandelt wird. =Thnard= hat vorgeschlagen, die durch
  Verwandlung des Bleiweisses in Bleisulfuret schwarz gewordenen
  Oelgemlde durch Behandeln derselben mit Wasserstoffsuperoxyd zu
  restauriren. Durch den (als Ozon vorhandenen) Sauerstoff dieser
  Verbindung wird nmlich das Schwefelblei in weisses Bleisulfat
  verwandelt.


                                Das Zinn.

                     (Sn = 118; spec. Gew. = 7,28.)

[Sidenote: Zinn. Vorkommen und Gewinnung desselben.]

[Illustration: Fig. 32.]

Das Zinn findet sich in der Natur nie gediegen, sondern oxydirt als
=Zinnstein= (SnO_{2} mit 79 Proc. Zinn), und als Schwefelzinn mit anderen
Schwefelmetallen verbunden in =Zinnkies= [(2Cu_{2}S + SnS_{2}) + 2(FeS,
ZnS), SnS_{2} mit 26-29 Proc. Zinn] vor. Der Zinnstein, so wie er sich
als Bergzinnerz im Gebirgsgestein, auf Lagern, =Stockwerken=, Gngen, im
Granit, Syenit u. a. m., oder auf secundrer Lagersttte, den sogenannten
=Seifenwerken= oder =Zinnseifen= (Ablagerungen von verschiedenartigen
Gerllen, besonders von Kieseln, mit Zinnsteingerllen) als =Seifenzinn=
(Holzzinn, Cornish-Zinn) findet, enthlt ausser dem Zinnoxyd Schwefel,
Arsen, Zink, Eisen, Kupfer und andere Metalle. Doch kommt der Zinnstein
im Schuttland, im Sande der Flsse (z. B. in Cornwall, auf Malacca,
Banca) zuweilen als fast chemisch reine Zinnsure vor. Ueberhaupt giebt
der Zinnstein der Seifenwerke (weil hier die Natur die mechanische
Scheidung bereits ausgefhrt hat) ein weit reineres Zinn als das
Bergzinnerz. Letzteres wird zuerst durch Pochen und Schlmmen von der
anhngenden Bergart und durch Rsten vom Schwefel, Arsen und Antimon
befreit. In Sachsen findet sich der Zinnstein in einem jngeren Granit,
der, vom lteren Gebirge umgeben, ein Stockwerk bildet. Er ist von
Wolfram, Molybdnglanz, Schwefel- und Arsenkies begleitet und fhrt den
Namen =Zinnzwitter=. Nachdem zu =Altenberg= (im schsischen Erzgebirge)
gebruchlichen Verfahren wird das gerstete Zinnerz im Schachtofen (Fig.
32 I u. II), von etwa 3 Meter Hhe, dessen Wnde aus Granit construirt
und der auf einem Mauerwerke von Gneiss ruht, verschmolzen. Ein solcher
Schachtofen besteht aus dem Schacht _A_ und dem Vorherd _B_, der
Bodenstein _D_ besteht aus einem Stck und ist muldenfrmig nach _d_ zu
ausgehauen. Der Vorherd _B_ steht durch eine Stichffnung mit einem
eisernen Kessel in Verbindung; bei _o_ mndet die Dse des Geblses. Das
Erz wird mit Kohlen (und mit Zinnschlacken) geschichtet; das reducirte
Zinn sammelt sich auf dem Vorherd _B_, von welchem es in den Kessel _C_
fliesst. Es enthlt aber Eisen und Arsen. Von diesen Beimengungen wird es
befreit, indem man es auf einem Herde, der mit glhenden Kohlen bedeckt
ist, aussaigert; das reine Zinn schmilzt zuerst, fliesst durch die Kohlen
und sammelt sich auf dem Stichherde an, whrend eine strengflssige
Legirung von Zinn mit Eisen u. s. w. in Krnern zurckbleibt. Man nennt
dieselbe =Drner= und die Operation des Aussaigerns das =Pauschen=. Die
Zinnschlacken werden von Zeit zu Zeit verschmolzen (das
=Schlackentreiben=), wobei sich Zinn und eine Art Ofensau, =Hrtlinge=
genannt, bilden, welche eben so wie die Drner aus einer Legirung von
Eisen und Zinn bestehen. Das im Schachtofen erhaltene Zinn ist sehr rein
und enthlt kaum 1/10 Proc. von fremden Metallen; es ist das
=Krnerzinn=. Die zurckbleibende schwerer schmelzbare Legirung wird
nochmals umgeschmolzen und als =Blockzinn= in den Handel gebracht. Das in
Bhmen und Sachsen ausgebrachte Metall fhrt, je nachdem es in Stangen
geformt, oder in dnne Bltter gegossen worden ist, den Namen
=Stangenzinn= oder =Rollzinn=. Das gleichzeitige Vorkommen des Zinnsteins
mit dem Wolfram erschwert zuweilen die Darstellung des reinen Zinnes
ausserordentlich.

[Sidenote: Eigenschaften des Zinnes.]

  Das Zinn besitzt eine silberweisse Farbe mit einem geringen Stich ins
  Bluliche, verbunden mit dem vollkommensten Metallglanze, welcher dem
  Glanze des Silbers sehr nahe kommt. Nchst dem Blei ist das Zinn das
  weichste der Metalle, doch besitzt es schon so viel Hrte, dass eine
  frei schwebende Zinnstange beim Anschlagen einen Klang hren lsst.
  Reines Zinn nimmt die Eindrcke mit dem Nagel des Fingers kaum mehr an.
  Beim Biegen knirscht es um so strker, je reiner es ist. Das Zinn ist
  ausserordentlich geschmeidig und lsst sich zu dnnen Blttern
  ausstrecken. Die Dehnbarkeit ist geringer. Beim Reiben ertheilt das
  Zinn den Fingern einen eigenthmlichen und lange anhaftenden Geruch.
  Das spec. Gewicht des reinen Zinnes ist 7,28, das durch Hmmern und
  Walzen bis auf 7,29 erhht werden kann. Ein Kubikfuss Zinn kann je nach
  den vorhandenen Verunreinigungen 375-400 Pfd. wiegen. Bis fast auf den
  Schmelzpunkt erhitzt, wird das Zinn sprde und lsst sich durch
  krftige Hammerschlge zertheilen. Sein Schmelzpunkt ist bei 228.
  Dient das Zinn zu Gusswaaren, so hngen Glanz und Festigkeit gnzlich
  von der Temperatur des geschmolzenen Zinnes im Augenblicke des
  Ausgiessens ab; war es so stark erhitzt, dass die Oberflche des
  Metalles Regenbogenfarben zeigte, so erscheint es nach dem Erstarren
  auf der Oberflche gestreift und rothbrchig; war es dagegen zu wenig
  erhitzt, was sich durch das matte Ansehen der Oberflche zu erkennen
  giebt, so ist es auch nach dem Erstarren matt und kaltbrchig. Das Zinn
  hat nach dem Erstarren den grssten Glanz und die meiste Festigkeit,
  wenn die entblsste Oberflche des flssigen Metalles rein und
  spiegelhell erscheint. Bei starker Weissglhhitze beginnt das Zinn zu
  sieden und sich langsam zu verflchtigen. Das geschmolzene Zinn bedeckt
  sich an der Luft mit einer grauen, aus Zinnoxydul und metallischem Zinn
  bestehenden Haut, =Zinnkrtze= genannt. Durch fortgesetztes Schmelzen
  bei Luftzutritt verwandelt sich das Zinn vollstndig in gelblichweisses
  Zinnoxyd (=Zinnasche=). An der Luft bsst das Zinn nach und nach seinen
  Glanz ein.

[Sidenote: Anwendung des Zinnes.]

  Man wendet das Zinn an zu Legirungen (Kanonenmetall, Bronze,
  Glockenmetall) und frher hufiger als jetzt zu Geschirren zum Haus-
  und Tischgebrauch, zu Destillirhelmen, Khlapparaten und Rhren, zu
  Kesseln fr Frber und Apotheker etc. In Verbindung mit Blei wird das
  Zinn zu den Zinngeschirren verarbeitet, weil diese Legirungen hrter
  sind als jeder der Componenten fr sich und daher der Abnutzung besser
  widerstehen. Eine Legirung von Zinn mit Blei heisst 2pfndig, wenn sie
  auf 1 Pfd. Zinn 1 Pfd. Blei enthlt; sie heisst 3pfndig, wenn sie auf
  2 Pfd. Zinn 1 Pfd. Blei enthlt etc. Theils durch Walzen, theils durch
  Schlagen unter dem Stanniolhammer stellt man aus dem Zinn die
  =Zinnfolie= (=Stanniol=) dar, von welcher die strkere Sorte
  (=Spiegelfolie=) zum Belegen der Spiegelplatten, die dnnere (Folie)
  zum Ausfttern von Bchsen, Ksten, zum Einwickeln von Chocolade,
  Seife, Kse u. s. w. benutzt wird. Das =Schlagsilber= oder =unechte
  Blattsilber= (Silberschaum) ist Zinn mit etwas Zink versetzt und in
  dnne Blttchen ausgeschlagen. Zinn mit kleinen Mengen Kupfer, Antimon
  und Wismuth legirt, bildet das hufig zu Lffeln u. s. w. verarbeitete
  =Compositionsmetall=. Eine hnliche Legirung ist das
  =Britanniametall=, das neuerdings zu Lffeln, Leuchtern, Zuckerdosen,
  Kaffee- und Theetpfen hufige Anwendung findet, indem es mehr als Zinn
  dem Ansehen des Silbers sich nhert, bei grsserer Hrte auch grsseren
  Glanz annimmt und leichtere Formen erlaubt. Es lsst sich auch zu Blech
  verarbeiten. Es besteht aus 10 Th. Zinn und 1 Th. Antimon. Da das im
  Handel vorkommende Zinn gewhnlich mit anderen Metallen verunreinigt
  ist, die smmtlich ein hheres spec. Gewicht als das Zinn haben, so hat
  man in der Bestimmung des spec. Gewichts des Zinnes ein Mittel, seine
  Reinheit zu prfen. Je geringer das spec. Gewicht ist, desto reiner ist
  das Zinn. Eine Legirung von Zinn und Blei zeigt in den gebruchlichsten
  Legirungsverhltnissen folgende spec. Gewichte:

      Verhltnisse.      Spec. Gew.        Verhltnisse.     Spec. Gew.

  1 Th. Sn. + 1 Th. Pb.    8,864      1 Th. Sn. + 4 Th. Pb.    10,183
  2   "     + 3    "       9,265      3   "     + 2    "        8,497
  1   "     + 2    "       9,553      2   "     + 1    "        8,226
  2   "     + 5    "       9,770      5   "     + 2    "        8,109
  1   "     + 3    "       9,9387     3   "     + 1    "        7,994
  2   "     + 7    "      10,0734

  Durch Glhen des Zinnes an der Luft erhlt man die =Zinnasche=, die zum
  Poliren von Glas und Metall und zum Weissfrben des Emails dient.

[Sidenote: Verzinnen.]

[Sidenote: Verzinnen von Kupfer.]

[Sidenote: von Messing.]

[Sidenote: von Eisenblech.]

  Oft berzieht man Gefsse aus anderen Metallen mit Zinn, was
  =Verzinnung= genannt wird. Bedingungen des Verzinnens sind, dass die
  Oberflche des zu verzinnenden Metalles rein, d. h. oxydfrei sei, und
  dass beim Auftragen des geschmolzenen Zinnes die Oxydation desselben
  verhindert werde. Die zu verzinnenden Gegenstnde werden deshalb vorher
  durch Scheuern, Abschaben oder durch saure Beizen gereinigt. Die
  Oxydation des aufgetragenen Zinnes wird durch Colophonium und Salmiak
  vermindert, welche beide Substanzen das entstandene Oxyd augenblicklich
  wieder reduciren. Die =Verzinnung des Kupfers=, =Messings= und
  =Schmiedeeisens= geht leicht vor sich, indem man das zu verzinnende
  Gefss fast bis zum Schmelzpunkte des Zinnes erhitzt, geschmolzenes
  Zinn darauf schttet und das Metall vermittelst eines Bschels Werg,
  der mit etwas Salmiak bestreut worden ist, auf der Oberflche des
  Kupfers durch Reiben vertheilt. Gegenstnde von =Messing=, wie
  Stecknadeln, werden behufs des Verzinnens in einen verzinnten Kessel
  mit Zinnkrnern (=Weisssud= oder =Zinnsud=), und mit einer Lsung von
  saurem weinsauren Kali (Cremor tartari) einige Stunden lang gekocht.
  Die verzinnten Gegenstnde werden mit Kleie oder mit Sgespnen
  abgerieben. Um =Eisenbleche= zu verzinnen, werden die Bleche erst mit
  sauer gewordenem Kleienwasser und mit Schwefelsure gebeizt, darauf in
  schmelzenden Talg und dann in geschmolzenes Zinn eingetaucht. Durch den
  Talg wird die Oxydation des Zinnes verhindert. Nachdem die Bleche
  hinreichend mit Zinn berzogen sind, werden sie aus dem Zinnbade
  entfernt, durch Schlagen mit einer Ruthe oder durch eine Hanfbrste von
  berflssigem Zinn befreit und mit Kleie gereinigt. Die auf diese Weise
  verzinnten Bleche haben den Fehler grosser Weichheit und
  Leichtflssigkeit, was nach =Budy= und =Lammatsch= dadurch vermieden
  werden kann, dass man das Zinn mit 1/16 Nickel legirt. Der hhere Preis
  der Legirung soll dadurch compensirt werden, dass man nur halb so viel
  bedrfe.

[Sidenote: Moir metallique.]

  Wenn man verzinntes Blech mit Suren behandelt, so geschieht es hufig,
  dass sich auf der Oberflche des Zinnes perlmutterartig glnzende
  Zeichnungen zeigen, die davon herrhren, dass das Zinn bei schnellem
  Erkalten krystallisirt. Durch Behandeln des Bleches mit Suren, am
  besten mit einem Gemenge von 2 Th. Salzsure, 1 Th. Salpetersure, und
  3 Th. Wasser werden die krystallinischen Stellen blosgelegt, die, durch
  die ungleiche Reflexion des Lichtes, mattere und lichtere Stellen
  zeigen. Man nennt solches Blech =gemort= oder =geflammt= (_moir
  metallique_).


                             Zinnprparate.

[Sidenote: Musivgold.]

Das =Musivgold= (Zinnsulfid SnS_{2}) wird im Grossen dargestellt, indem
man ein Amalgam, aus 4 Th. Zinn mit 2 Th. Quecksilber bestehend, mit
2-1/3 Th. Schwefel und 2 Th. Salmiak innig mischt, das Gemenge in einen
Kolben giebt, welchen man in einem Sandbade, ungefhr zwei Stunden lang,
anfangs nicht vllig bis zum Glhen, dann nach und nach strker erhitzt.
Zuerst entweicht der Salmiak, darauf sublimirt das Quecksilber als
Zinnober mit kleinen Mengen von Zinnchlorid verunreinigt, und zurck
bleibt das Musivgold, von welchem jedoch in den meisten Fllen nur die
obere Schicht aus einem brauchbaren Prparat besteht, whrend die untere
Schicht als missfarbig abgesondert wird.

  Der Vorgang bei der Bildung des Musivgoldes nach der gegebenen
  Vorschrift scheint folgender zu sein: Das Zinn zersetzt den Salmiak und
  bildet Zinnchlorr, welches sich mit unzersetztem Salmiak verbindet,
  ausserdem Wasserstoff und Ammoniak. Der Wasserstoff verbindet sich im
  Augenblicke des Freiwerdens mit dem Schwefel zu Schwefelwasserstoff,
  welcher mit dem Ammoniak zu Ammoniumsulfhydrat zusammentritt. Letztere
  Verbindung setzt sich mit dem Zinnchlorr zu Salmiak und
  Einfach-Schwefelzinn um. Das Einfach-Schwefelzinn geht sofort durch
  Aufnahme von Schwefel in Musivgold ber. Es ist auch mglich, dass das
  Ammoniumsulfhydrat sich mit dem Schwefel zu einem Ammoniumpolysulfuret
  vereinigt, welches unmittelbar aus dem Zinnchlorr Musivgold bilden
  kann. Das Quecksilber verflchtigt sich als Zinnober und scheint
  hierbei keinen andern Zweck zu haben, als zu bewirken, dass das
  Musivgold fr Augenblicke Gasform annehmen kann. Der Salmiak und das
  Quecksilber wirken aber auch physikalisch gnstig bei der Bildung von
  Musivgold ein, indem sich beide von der Rothglhhitze verflchtigen und
  daher jede Wrmemenge binden, welche eine hhere Temperatur erzeugen
  und eine Zersetzung des Musivgoldes nach sich ziehen wrde. Es ist
  brigens Thatsache, dass Musivgold untadelhaft auch ohne Quecksilber
  dargestellt werden kann. Das Musivgold erscheint, wenn die Operation
  gut gelungen, in zarten goldgelben oder brunlichgelben
  metallglnzenden Schuppen, welche sich zwischen den Fingern wie Talg
  anfhlen lassen. Es lst sich in Schwefelkalimetallen zu Sulfosalzen,
  aus denen durch Zusatz von Suren nichtkrystallinisches gelbes
  Zweifach-Schwefelzinn ausgeschieden wird. Mglich, dass es gelingen
  wird, durch sehr langsame Abscheidung des Zweifach-Schwefelzinns aus
  einer Lsung von Zinnsulfid-Schwefelnatrium das Musivgold =auf nassem
  Wege= zu erhalten. Es lsst sich auf die Oberflche der Krper in den
  dnnsten Schichten zertheilen und wird zur unechten Vergoldung auf
  Holz, Gyps, Pappe, Papiermach, Messing, Kupfer etc. verwendet, indem
  man es mit Eiweiss auftrgt; man berzieht es nachher, wie bei Lampen,
  mit einem Lack. Gegenwrtig ist es zum grossen Theile durch die weit
  schneren Bronzepulver (Bronzefarben) verdrngt worden und findet nur
  noch beim Bronziren der Lampenfsse Anwendung, da das gewhnliche
  Bronzepulver durch das sauer reagirende Rbl bald aufgelst werden
  wrde. Ehedem gebrauchte man es auch zum Bestreichen des Reibkissens
  der Elektrisirmaschinen.

[Sidenote: Zinnsalz.]

Das =Zinnsalz=, (Chlorzinn SnCl_{2}) wird im krystallisirten Zustande
(SnCl_{2} + 2H_{2}O) durch Auflsen von Zinnspnen in Salzsure und
Abdampfen der Lsung dargestellt. Nach =Nllner= soll man die Salzsure,
so wie sie sich aus den Retorten entwickelt, sogleich auf granulirtes
Zinn, das in Vorlagen von Steingut eingefllt ist, einwirken lassen, und
die aus den Vorlagen abfliessende concentrirte Zinnsalzlsung in
zinnernen Pfannen unter Zusatz von granulirtem Zinn eindampfen. -- Das
Zinnsalz erscheint in farblosen, durchsichtigen Krystallen, die sich sehr
leicht in Wasser lsen. Die Lsung scheidet sehr bald ein basisches Salz
ab. Diese Abscheidung wird durch Zusatz von Weinsure vermieden. Man
benutzt das Zinnsalz als Reductionsmittel von Indigo, Eisenoxyd und
Kupferoxyd und als Beizmittel, hauptschlich zur Darstellung der rothen
Farben mit Cochenille[12] und in der Krapp- und Trkischrothfrberei zum
Aviviren und Rosiren.

  [12] Das sogenannte =salpetersaure Zinn= der Frber wird durch Auflsen
       von gekrntem Zinn in Knigswasser erhalten; diese Auflsung fhrt
       in der Frberei auch den Namen =Physik=, =Composition=,
       =Rosirsalz=; sie enthlt Zinnchlorid (SnCl_{4}) und Zinnchlorr.
       Eine Verbindung des Zinnchlorids mit Salmiak (SnCl_{4} +
       2NH_{4}Cl) wird unter dem Namen =Pinksalz= in der Kattundruckerei
       als Beize benutzt. Eine concentrirte wsserige Lsung dieses
       Salzes ndert sich beim Kochen nicht, die verdnnte aber lsst
       alles in dem Doppelsalze enthaltene Zinnoxyd durch Kochen fallen.
       Dieses Verhalten, sowie seine neutrale Eigenschaft machen das
       Pinksalz besonders geeignet, anstatt des immer sauer reagirenden
       Zinnchlorrs als Beizmittel zu dienen. Das reine Zinnchlorid wird
       in Frankreich vielfach zur Bereitung von Fuchsin verwendet. In
       flssiger Form dient es unter Anderem zum Frben mit Jodgrn auf
       Wolle und Halbwolle nach dem von Th. =Peters= in Chemnitz (1869)
       angegebenen vortrefflichen Verfahren. Man erhlt es in schnen
       grossen Krystallen von der Formel SnCl_{4} + 5H_{2}O bei Dr.
       =Gerlach= in Kalk bei Cln a./Rh.

[Sidenote: Natriumstannat.]

Das =Natriumstannat= (Sodastannat, Zinnoxyd-Natron), eine gegenwrtig in
der Frberei und Zeugdruckerei hufig angewendete Verbindung, lsst sich
auf verschiedene Weise darstellen. Frher erhielt man dieselbe dadurch,
dass man metallisches Zinn mit Chilisalpeter verquickte, die erhaltene
Masse auflste und zur Krystallisation abdampfte. Nach der von =Young=
vorgeschlagenen Methode ist die Reduction des Zinnes aus seinen Erzen
berflssig; nach ihr schmilzt man den Zinnstein mit Aetznatron zusammen
und lsst die klare Lsung der geschmolzenen Masse krystallisiren. Eisen,
Kupfer u. dergl., die sich in kleiner Menge stets in dem Zinnstein
finden, werden durch das berschssige Natron als unlsliche Oxyde
abgeschieden. =Brown= fand, dass sich beim Kochen von metallischem Zinn
mit Bleioxyd und Natronlauge unter Abscheidung von metallischem Blei
Natriumstannat bildet. Darauf grndet =Hffely= seine Methode der
Darstellung von Natriumstannat. Man digerirt in einem Metallgefsse
Bleigltte mit Natronlauge von ungefhr 22 Proc. Natrongehalt und
verdnnt die entstandene Lsung, wenn man das zu erzeugende
Natriumstannat in Lsung aufbewahren will, und zwar ber dem
Niederschlage. In die Lsung des Natriumplumbates, welche zur
Beschleunigung der Operation erhitzt wird, bringt man granulirtes Zinn,
worauf Blei in Form von Bleischwamm sich ausscheidet und Natriumstannat
sich bildet. Man kann jedoch auch sofort die Natronlauge mit Bleigltte
und granulirtem Zinn zusammenbringen und das Gemisch kochen, bis alles
Zinn gelst ist.

  In den letzten Jahren ist in England in der Frberei ein Doppelsalz von
  Natron mit Arsensure und Zinnsure (Zinnoxyd) in Gebrauch gekommen.
  Die Anwendung dieses giftigen Doppelsalzes als Ersatz fr reines
  zinnsaures Natron, welche nur durch die damit verbundene Ersparniss
  veranlasst wurde, ist aber keineswegs zu rechtfertigen. Das
  Natriumstannit -- =Prparir=- oder =Grundirsalz= -- wird der
  Wohlfeilheit wegen auch zuweilen durch Auflsen von Zinnsalz in
  berschssiger Natronlauge dargestellt. In diesem Falle bildet sich
  allerdings Natriumstannit-Zinnoxydul-Natron, (Sodastannit), welches
  sich aber durch die Kohlensure der Luft in kohlensaures Kali und
  Zinnoxydul zersetzt; letzteres geht an der Luft sofort in Zinnoxyd
  ber. Auch beim ruhigen Stehen der Lsung von Natriumstannit zersetzt
  sich das Zinnoxydul in Zinn und Zinnoxyd; ersteres geht in der Luft
  nach und nach in Zinnoxyd ber.


                              Das Wismuth.

                     (Bi = 210; spec. Gew. = 9,79.)

[Sidenote: Wismuth. Vorkommen und Gewinnung desselben.]

Das Wismuth ist eines der seltener vorkommenden Metalle; es findet sich
im Erzgebirge, in Peru und in Australien meist gediegen auf Kobalt- und
Silbergngen im Granit, Gneus, Glimmerschiefer, und im Uebergangs- und
Kupferschiefergebirge. Ausserdem kommt es oxydirt vor als =Wismuthocker=
(BiO_{3} mit 89,9 Proc. Wismuth), mit Schwefel verbunden als
=Wismuthglanz= (BiS_{3} mit 80,98 Proc. Wismuth) und als
=Wismuthkupfererz= (mit 47,24 Proc. Wismuth). Da das Wismuth meist
gediegen vorkommt, so ist die Gewinnung desselben ziemlich einfach, da
man es in Folge seines niederen Schmelzpunktes durch Aussaigern
(Ausschmelzen) von der Gangart trennen kann.

[Sidenote: Wismuthsaigerofen.]

[Illustration: Fig. 33.]

Bei Schneeberg im schsischen Erzgebirge besteht ein =Wismuthsaigerofen=,
auf welchem man das Wismuth auf folgende Weise ausbringt. Die
durchschnittlich 4-12 Proc. Wismuth enthaltenden Erze werden so viel als
mglich von der Gangart getrennt und in haselnussgrossen Stcken in
gusseiserne Rhren _A_ (Fig. 33) eingetragen, welche durch das Feuer auf
dem Roste geheizt werden, das ausgeschmolzene Wismuth fliesst in eiserne
Npfe _B_, die durch darunter befindliche glhende Kohlen erhitzt
werden. In diesen Npfen befindet sich Kohlenpulver, welches das flssige
Wismuth vor der Oxydation schtzt. Die in den Rhren zurckbleibenden
Erze werden in einen mit Wasser angefllten Kasten _D_ gedrckt. Man
gewinnt auf diese Weise etwa 2/3 vom Wismuth, indem der Rest in den
Rckstnden verbleibt. -- Bei der Verarbeitung mit Kobaltspeise (siehe
Seite 38) gewinnt man das Wismuth als werthvolles Nebenprodukt. Auch aus
der Testasche vom Raffiniren des Blicksilbers stellt man in Freiberg auf
nassem Wege Wismuth dar, indem man dieselbe mit verdnnter Salzsure
extrahirt, aus der Flssigkeit fllt man durch Wasser basisches
Chlorwismuth, welches nach dem Trocknen durch Schmelzen mit Soda reducirt
wird.

[Sidenote: Eigenschaften des Wismuths.]

Das Wismuth ist ein rthlichweisses Metall, von starkem Glanz,
grossblttriger Textur, Hrte und solcher Sprdigkeit, dass es gepulvert
werden kann. Bei vorsichtigem Hmmern ist es jedoch etwas dehnbar. Es
schmilzt bei 249 (nach =Crighton=), nach =Erman= bei 265 und erstarrt
bei 242 mit bedeutender Volumenvergrsserung. Sein specifisches Gewicht
= 9,799.

  Die Zusammensetzung von schsischem ([Greek: a]) und von peruanischem
  ([Greek: b]) Wismuth ist folgende:

                                ([Greek: a])  ([Greek: b])
                       Wismuth     96,731        93,372
                       Antimon      0,625         4,570
                       Arsen        0,432          --
                       Kupfer       1,682         2,058
                       Schwefel     0,530          --
                                   --------------------
                                  100,000       100,000

[Sidenote: Anwendung des Wismuths.]

  Man benutzt das Wismuth zu Legirungen, als Oxyd mit Borsure und
  Kieselsure geschmolzen zu optischen Glsern, neuerdings in sehr
  bedeutender Menge zu Porcellanlsterfarben, und als basisch
  salpetersaures Wismuthoxyd zu weisser Schminke (_Blanc de fard_). Unter
  den Legirungen des Wismuths sind die mit Blei, Zinn und Kadmium (s. d.)
  die wichtigeren. =Newton='s leichtflssige Legirung besteht aus 8 Th.
  Wismuth, 3 Th. Zinn und 5 Th. Blei und schmilzt bei 94,5 C. =Rose='s
  Metall besteht aus 2 Th. Wismuth, 1 Th. Blei und 1 Th. Zinn und
  schmilzt bei 93,75 C. Ein geringer Zusatz von Kadmium macht diese
  Legirungen noch leichtflssiger. Eine Legirung von 3 Th. Blei, 2 Th.
  Zinn und 5 Th. Wismuth, deren Schmelzpunkt bei 91,66 C. liegt, eignet
  sich zum Abklatschen (Clichiren) von Holzschnitten, Druckformen,
  Stereotypen u. s. w. Ehe man z. B. einen Holzschnitt in die Masse
  abgedrckt, muss dieselbe schon so weit erkaltet sein, dass sie teigig
  zu werden anfngt. Das Wismuth eignet sich zu diesem Zwecke ganz
  besonders wegen seiner Ausdehnung beim Erstarren. Eine hnliche
  Legirung benutzt man zu Metallbdern, um Stahlarbeiten darin
  anzulassen, ferner zu Stiften, welche anstatt der Graphitstifte auf
  besonders (mit Knochenasche) prparirten Papieren dienen. Endlich hat
  man eine Wismuthlegirung von bestimmtem Schmelzpunkte angewendet, um
  dem Explodiren der Dampfkessel vorzubeugen; zu diesem Zwecke
  verschliesst man ein kurzes Rohr, das in dem Dampfkessel eingeschraubt
  ist, mit einer Platte von dieser Legirung; wenn die Temperatur der
  Dmpfe bis zum Schmelzpunkte der Legirung steigt, so schmilzt die
  Platte und die Dmpfe entweichen.


                                Das Zink.

                   (Zn = 65,2; spec. Gew. = 7,1-7,3.)

[Sidenote: Zink. Vorkommen desselben.]

Das Zink kommt in der Natur nie gediegen, sondern an Schwefel gebunden
als =Zinkblende= (ZnS) mit 67 Proc. Zink und zuweilen kleinen Mengen von
Indium, oxydirt als =edler Galmei=, =kohlensaures Zinkoxyd= oder
=Zinkspath= (ZnCO_{3}) mit 52 Proc. und als =gewhnlicher Galmei= oder
=Kieselzinkerz= (eine Verbindung von Zinksilicat mit Wasser) mit 53,8
Proc. Zink vor. Ausserdem findet es sich als =Rothzinkerz=, ein durch
Manganoxyd rthlich gefrbtes Zinkoxyd, als =Gahnit= (AlZnO_{4}) und in
einigen Fahlerzen.

[Sidenote: Gewinnung des Zinkes.]

Das Verfahren der =Gewinnung des Zinkes= aus seinen Erzen besteht im
Wesentlichen in der Behandlung der gersteten Zinkerze (gebrannter
Galmei oder gerstete Blende) in einem Schacht- oder Gefssofen, in
welchen man ein Gemenge von Erz, Zuschlag und Brennmaterial von oben
aufgiebt; die Verbrennung darin wird durch ein Geblse unterhalten. Erz,
Zuschlag und Brennstoff werden in solchen Verhltnissen angewendet, dass
das in den Erzen enthaltene Zink sich reduciren und verflchtigen kann,
whrend alle anderen Bestandtheile mit dem Zuschlage Schlacken bilden.
Das Brennmaterial wird in solcher Menge aufgegeben, dass es nicht nur zur
vollstndigen Reduction gengt, sondern in grossem Ueberschusse vorhanden
ist, damit vor den Formen nicht etwa ein oxydirendes Gas wie Kohlensure
entstehen knne. Der Zuschlag muss so beschaffen sein, dass bei der
Bildung der Schlacke in keinem Falle eine oxydirende Substanz sich bilden
kann. Erfordert z. B. die Beschaffenheit des Erzes die Benutzung von Kalk
als Zuschlag, so wendet man denselben gebrannt und nicht als kohlensauren
an. Man leitet vorzugsweise getrocknete Luft in den Ofen. Die Produkte
der Behandlung sind 1) Zinkdmpfe, die sich in abgekhlten Canlen
verdichten, 2) die durch die Verbrennung erzeugten Gase, welche zum
Heizen des Dampfkessels der Geblsemaschine, zum Brennen des als Fluss
verwendeten Kalkes, zum Umschmelzen des destillirten Rohzinkes und zum
Trocknen und Rsten der Erze verwendet werden, 3) die nicht flchtigen
Stoffe (Schlacken, Stein, reducirte Metalle).

[Sidenote: Destillation des Zinkes in Muffeln.]

[Illustration: Fig. 34.]

[Illustration: Fig. 35.]

[Illustration: Fig. 36.]

Die Destillation des Zinkes aus seinen Erzen (Galmei) aus
=muffelhnlichen Destillationsgefssen=, ist in =Oberschlesien=
(Knigshtte, Lydogniahtte etc.), =Stolberg= bei Aachen, in
=Westphalen=, =Belgien= etc. blich. Die Muffeln werden ber Schablonen
aus feuerfestem Thon und zerstossenen gebrannten Muffelscherben
gefertigt. Die vordere Seite der Muffel hat zwei Oeffnungen; die untere
ist mit einer Platte _a_ (Fig. 34 und 35) verschlossen, welche entfernt
wird, wenn die Destillationsrckstnde herausgenommen werden sollen. Oben
ist ein kniefrmig gebogenes Rohr eingesetzt, welches bei _c_ mit einer
whrend der Destillation verschlossenen Oeffnung versehen ist, durch
welche die Beschickung eingetragen wird. Durch die Oeffnung _d_ trpfelt
das flssige Zink in den darunter befindlichen Raum. Frher wendete man
Oefen mit 6-10 Muffeln, gegenwrtig solche mit 20 an. Die Muffeln stehen
in dem gewlbten Zinkofen (Fig. 36), zu beiden Seiten einer langen
Rostfeuerung auf Bnken, so das sie die Flamme des Brennmaterials so viel
als mglich umspielt. Fig. 36 zeigt die ussere Ansicht des Ofens. Das
destillirende Zink wird in den Rumen _t_, _t_ aufgefangen. Das bei
Beginn der Destillation sich bildende Zinkoxyd enthlt fast alles
Kadmiumoxyd und wird zur Darstellung des Kadmiums verwendet. Im Anfange
sind die Verdichtungsrume noch so khl, dass die Zinkdmpfe sich nicht
zu flssigem, sondern sofort zu festem, fein zertheiltem Metall
verdichten, welches den Namen =Zinkrauch= fhrt. In einem Zinkrauch aus
Schlesien fanden sich gegen 98 Proc. Zink. Die spter sich bildenden
Zinktropfen (=Tropfzink=) werden durch Schmelzen gereinigt; man giesst
das geschmolzene Metall in Form von Tafeln und liefert es (als
=Werkzink=) in den Handel.

[Sidenote: Destillation des Zinkes In Rhren.]

[Illustration: Fig. 37.]

[Illustration: Fig. 38.]

[Illustration: Fig. 39.]

[Illustration: Fig. 40.]

Nach der =belgischen Methode= (auf der _Vieille montagne_) geschieht die
Reduction des Galmei und die Destillation des Zinkes in Thonrhren,
welche reihenweise und etwas geneigt neben und bereinander liegen. Die
=Rhren= (Fig. 37) sind cylindrisch, gewhnlich 1 Meter lang und haben
eine Weite von 18 Centimeter im Lichten. Die Dicke der Rhren betrgt 5
Centimeter. Sie sind an dem einen Ende geschlossen. Mit der vorderen
Oeffnung berhren die Rhren die Vorwand des Ofens; sie dient zum
Eintragen der Beschickung, zum Abziehen der Zinkdmpfe und zum Entfernen
der Destillationsrckstnde. An jeder dieser Rhren wird eine
gusseiserne, 25 Centimeter lange Ansetzrhre (Fig. 38) befestigt und an
diese endlich noch eine 20 Centimeter lange Rhre von Eisenblech (Fig.
39) geschoben, welche inwendig mit Lehm verstrichen ist, in der sich die
Zinktropfen sammeln. Fig. 40 zeigt den senkrechten Durchschnitt eines
belgischen Zinkdestillationsofens. Das Rsten geschieht meist in
Schachtfen. Die Destillirrhren kommen in acht Reihen bereinander in
den Ofen. Zu diesem Behufe befinden sich in der hinteren Mauer _b d_ des
Ofens acht vorspringende Bnke, auf welchen das geschlossene Ende der
Rhren ruht. Man giebt den Rhren eine geringe Neigung nach vorn. Das
Eintragen der Beschickung in die Rhren geschieht tglich Morgens 6 Uhr;
die Rhren (Fig. 40) werden abgenommen, der Rckstand aus der Retorte
entfernt, die Beschickung durch die Ansetzrhre (Fig. 38) in die
Destillirrhren gebracht und die Eisenblechrhren wieder aufgeschoben.
Die Blechrhren werden auf gusseisernen Vorlagen befestigt.

[Sidenote: Destillation des Zinkes in Tiegeln.]

[Illustration: Fig. 41.]

Nach der =englischen Zinkgewinnungsmethode= (in Wales, Sheffield,
Birmingham) findet eine sogenannte abwrts gehende Destillation und zwar
in =Tiegeln= statt. Die Reduktionsfen sind so eingerichtet, dass auf dem
Herde 6 bis 8 Tiegel _c c_ (Fig. 41) aufgestellt werden knnen. Das ber
den Tiegeln und der Feuerung befindliche Gewlbe ist mit Oeffnungen
versehen, durch welche man zu den Tiegeln gelangen kann. Die Tiegel sind
aus feuerfestem Thon gefertigt. In der Mitte des Bodens der Tiegel
befindet sich eine Oeffnung, aus welcher die Zinkdmpfe sich in die
Verdichtungsrhren begeben. Beim Fllen verstopft man diese Oeffnung
mittelst eines Holzpfropfens, der in der Hitze bald verkohlt. Das
Eintragen der Beschickung in die Tiegel geschieht durch eine im Deckel
des Tiegels befindliche Oeffnung, die auch noch ungefhr zwei Stunden
nach dem Eintragen offen bleibt, bis eine blaue Frbung der Flamme die
beginnende Reduktion anzeigt. Darauf wird die Oeffnung im Deckel durch
eine Platte aus feuerfestem Thon geschlossen, die Verdichtungsrhre an
die untere Tiegelffnung gefgt und darunter das zur Aufnahme des Zinkes
bestimmte Gefss gestellt, welches fters mit Wasser gefllt wird, um das
Umherspritzen des niederfallenden Zinkes zu verhten. Die untere Mndung
der Fallrhre bleibt aber immer noch einige Zoll ber dem Niveau des
Wassers. Das destillirende Zink sammelt sich in Tropfen und als feines
Pulver mit Zinkoxyd gemengt in den Gefssen und wird demnchst in
eisernen Gefssen umgeschmolzen. Das auf der Oberflche sich
abscheidende Oxyd wird abgeschpft und das Metall in Formen gegossen.

[Sidenote: Zinkgewinnung aus Blende.]

  Zum =Zugutemachen der Zinkblende= giebt es zwei Wege: nach dem einem
  rstet man und fhrt sie in den Zustand des Oxydes ber, worauf man wie
  bei dem Galmei verfhrt; nach dem anderen und vortheilhafteren macht
  man die Zinkblende =direct= zu gute. Dies geschieht dadurch, dass man
  eine zur gnzlichen Entschwefelung der Blende und Freiwerden des Zinkes
  hinreichende Menge Eisenerz zusetzt. Als Zuschlag wird gebrannter Kalk
  angewendet. Enthalten die zuzusetzenden Eisenerze Wasser und
  Kohlensure, so mssen letztere durch vorhergehende Rstung entfernt
  werden, damit keine Substanz in den Ofen gelangt, welche das reducirte
  Zink wieder oxydiren kann. Giebt das Eisenerz Veranlassung zur Bildung
  einer grossen Menge von oxydirenden Substanzen, so wird die Zinkblende
  direct mit Roh- oder Schmiedeeisen zu gute gemacht. =Swindells= hat
  vorgeschlagen, die Zinkblende mit Kochsalz zu rsten, wobei Glaubersalz
  und Chlorzink sich bilden, aus der durch Auslaugen erhaltenen
  Flssigkeit zuerst krystallisirtes Glaubersalz zu gewinnen, dann daraus
  das Zinkoxyd durch Kalk niederzuschlagen und ersteres auf gewhnliche
  Weise zu reduciren.

[Sidenote: Eigenschaften des Zinkes.]

  Das Zink ist von grauweisser, ins Bluliche gehender Farbe, von meist
  bltterig krystallinischem, bisweilen sehr kleinbltterigem Gefge, mit
  starkem Metallglanz auf den Flchen. Farbe, Gefge und Glanz ndern
  sich in verschiedener Richtung ab, je nachdem das Zink mit anderen
  Metallen mehr oder weniger verunreinigt ist. Nach =Bolley= hat das nahe
  der Schmelzhitze ausgegossene Zink nach dem schnellen Erkalten ein
  spec. Gewicht von 7,178, langsam erkaltet von 7,145, das in der
  Glhhitze ausgegossene schnell erkaltet 7,109, langsam erkaltet, 7,120.
  Durch Hmmern und Walzen wird das spec. Gewicht bis auf 7,2, sogar bis
  auf 7,3 erhht. Ein Kubikfuss Zink wiegt demnach 360-390 Pfd. Das Zink
  ist etwas hrter als das Silber, aber weniger hart als das Kupfer; es
  lsst sich schwer mit der Feile bearbeiten, weil das Metall sehr bald
  die Zhne der Feile verstopft, leichter mit der Raspel. Im reinen
  Zustande hat es fast Silberklang. Im Allgemeinen gehrt es zu den
  sprden Metallen und besitzt nur geringe absolute Festigkeit (sie
  betrgt fr den Quadratzoll im gegossenen Zustande nur etwa 2500, bei
  Draht und Blech dagegen 16,700-19,800 Pfd.). Dem Zusammendrcken
  dagegen widersteht es mit grosser Kraft. Zink im vollkommen reinen
  Zustande ist schon bei gewhnlicher Temperatur etwas dehnbar und kann
  zu dnnen Blechen ausgetrieben werden, ohne Kantenrisse zu erhalten.
  Diese Dehnbarkeit verschwindet aber schon durch geringe Verunreinigung
  mit anderen Metallen, sodass das nicht vollkommen reine Zink bei
  gewhnlicher Temperatur unter dem Hammer zerspringt. Das Zink schmilzt
  bei 412. Bei angehender Weissglhhitze (bei 1040 nach =Deville= und
  =Troost=) verflchtigt es sich und lsst sich bei Abschluss der Luft
  destilliren. Bei 500 entzndet es sich und verbrennt mit grnlicher,
  hellleuchtender Flamme zu nicht flchtigem Zinkoxyd (=Zinkweiss=). In
  der Wrme dehnt sich das Zink sehr stark und zwar unter allen technisch
  wichtigen Metallen am strksten aus (von 0-100 im Lngendurchmesser um
  1/310, das gehmmerte um 1/322), weshalb sich das geschmolzene Zink
  beim Erstarren sehr stark zusammenzieht. Beim Ausgiessen des Zinkes
  mssen die gusseisernen Formen stark erhitzt und die Temperatur des
  geschmolzenen Zinkes nicht sehr erhht werden, damit die Erstarrung
  allmlig und bei einer mglichst geringen Temperaturdifferenz erfolge.
  Die Dehnbarkeit des Zinkes ist zwischen 100 und 150 am grssten und
  selbst das mit allen Metallen verunreinigte Zink lsst sich bei dieser
  Temperatur ausdehnen. Diese Eigenschaft des Zinkes, in einer die
  Siedehitze des Wassers etwas bersteigenden Temperatur dehnbar zu sein
  und im ausgedehnten Zustande es auch bei gewhnlicher Temperatur zu
  bleiben, ist fr die Technik von unschtzbarem Werthe. Ueber 150
  verringert sich die Geschmeidigkeit des Zinkes, bei 200 ist das Metall
  so sprde, dass es zu Pulver gestossen werden kann. Durch berhitzte
  Wasserdmpfe oxydirt sich Zink (H_{2}O + Zn = ZnO + H_{2}), von welcher
  Eigenschaft man beim Entzinken des Bleies Gebrauch macht. An feuchter
  Luft berzieht sich das Zink mit einer Haut von Oxyd, welche die
  darunter liegenden Zinktheile vor weiterer Oxydation schtzt. Seiner
  leichten Oxydirbarkeit durch Wasser und Suren wegen eignet es sich
  nicht zu Koch- und Milchgeschirren. Die das kufliche Zink
  verunreinigenden Metalle sind Eisen und Blei. Ein Bleigehalt von 0,5
  Proc. macht das Zink geschmeidiger; man giebt deshalb dem zur
  Blechfabrikation dienenden Zink zuweilen einen geringen Bleizusatz. Fr
  Zink, welches zu Messing benutzt werden soll, ist ein Bleigehalt schon
  von 0,25 Proc. hchst schdlich, indem dadurch die Festigkeit des
  Messings bedeutend abnimmt. Ein Eisengehalt von 0,3 Proc. --
  gewhnlich eine Folge des Umschmelzens des Zinkes in eisernen Kesseln
  -- ist auf die Geschmeidigkeit des Zinkes ohne Einfluss. Durch einen
  grsseren Eisengehalt wird aber das Zink sprde und brchig. Im
  Allgemeinen ist das =Galmeizink= reiner als das =Blendezink=. Der beim
  Auflsen des Zinkes in Suren bleibende schwarze Rckstand, frher fr
  Zinkcarburet gehalten, besteht aus Eisen, Blei und Kohle. Mit Eisen in
  Berhrung, bewahrt das Zink das Eisen vor Oxydation (galvanisirtes
  Eisen). Das Zink fllt viele andere Metalle aus ihren Lsungen, so
  namentlich Kupfer, Silber, Blei, Kadmium, Arsen etc. Die Auflslichkeit
  des Zinkes in verdnnten Suren ist um so grsser, je mehr dasselbe mit
  fremden Metallen verunreinigt ist. Das kufliche Zink lsst sich durch
  wiederholte Destillation, besonders wenn der zuerst bergehende
  Antheil, aus kadmiumhaltigem Zink bestehend, beseitigt und die
  Destillation nicht bis zur Verflchtigung des ganzen Zinkes fortgesetzt
  wird, von dem grssten Theile der fremden Metalle trennen.

[Sidenote: Anwendung des Zinkes.]

  Das Zink findet Anwendung als Blech zum Dachdecken, zu Gefssen, zu
  Rinnen und Rhren, zur Druckerei, zu Platten und Cylindern fr
  galvanische Apparate, den Zinklegirungen (Messing, Bronze, Goldschaum,
  leonische Waaren, Bronzefarben), als Bestandtheil der galvanischen
  Batterie, zum Entsilbern des Werkbleies, zur Darstellung von
  Wasserstoff unter Mitwirkung von Wasser und Schwefelsure oder
  Salzsure (H_{2}SO_{4} + Zn = ZnSO_{4} + H_{2}) zum Protegiren des
  Eisens, zum Ueberziehen der Telegraphendrhte und berhaupt zur
  Verzinkung von Draht, Ketten und Blech, zur Bereitung von Zinkvitriol,
  Zinkweiss u. s. w. Eine Hauptanwendung des Zinkes ist die zu Gusswaaren
  (=Zinkguss=) anstatt der Bronze, des Gusseisens und selbst der
  Steinmetzarbeiten (zu architektonischen Zwecken). Neuerdings stellt man
  Karttschen aus Zink dar.

  Die =Zinkproduktion= (1870) ist etwa folgende:

        Schlesien                               780,000 Centner.
        Die rheinischen Gesellschaften          220,000    "
        Die Vieille Montagne                    704,000    "
        Die brigen belgischen Gesellschaften   190,000    "
        Spanien                                  30,000    "
        England                                 150,000    "
        Frankreich                               10,000    "
        Oesterreich                              40,000    "
        Polen                                    30,000    "
                                              ------------------
                                              2,154,000 Centner.


                             Zinkprparate.

[Sidenote: Zinkweiss.]

Das =Zinkweiss=, Zinkoxyd, ZnO, das jetzt hufig als Ersatzmittel fr
Bleiweiss angewendet wird, stellt man aus schlesischem oder belgischem
Zink durch Erhitzen an der Luft dar. Zu diesem Zwecke bringt man das Zink
in Retorten aus Glashfenmasse, welche denen der Leuchtgasfabriken sehr
hnlich und mit einer Oeffnung versehen sind, durch welche sie beschickt
werden, und wodurch die Zinkdmpfe entweichen. Die Retorten liegen zu
8-18 in zwei rckwrts zusammenstossenden Reihen in einem Flammenofen.
Sobald die Retorten bis zum Weissglhen erhitzt worden sind, werden 1-2
Zinktafeln in jede Retorte gebracht. Das Metall verwandelt sich in
Dmpfe, welche durch die Oeffnung der Retorte entweichen und sogleich
nach ihrem Austritt aus der Retorte einen bis auf 300 erhitzten
Luftstrom treffen, durch welchen das Zink verbrannt und in Zinkoxyd
verwandelt wird. Das entstandene lockere Zinkoxyd wird durch den
Luftstrom fortgerissen und in Kammern gefhrt, in welchen es sich
allmlig absetzt. Das so erhaltene Zinkoxyd ist von weisser Farbe und
kann sofort, ohne Mahlen oder Schlmmen mit dem Firniss verrieben werden.
Auch durch Behandeln von Zink mit berhitzten Wasserdmpfen erhlt man
(unter Wasserstoffentwicklung) Zinkoxyd. Das Zinkweiss kommt etwas
theurer zu stehen als das Bleiweiss, deckt aber besser und zwar decken 10
Gewichtstheile Zinkweiss denselben Flchenraum wie 13 Gewichtstheile
Bleiweiss. Der Zinkweissanstrich hat ferner vor dem Bleiweissanstrich den
Vortheil, dass er auch bei schwefelwasserstoffhaltigen Ausdnstungen eine
weisse Farbe behlt. Durch Zusatz verschiedener Metallfarben kann man dem
Zinkweiss jede beliebige Frbung ertheilen, so grn durch =Rinmann='s
Grn, blau durch Ultramarin, citronengelb durch Schwefelkadmium und
chromsaures Zink, orangegelb durch Schwefelantimon, schwarz durch
Kienruss.

[Sidenote: Zinkvitriol.]

  Der =Zinkvitriol=, Zinksulfat, schwefelsaures Zinkoxyd, auch weisser
  Vitriol oder Galitzenstein (ZnSO_{4} + 7H_{2}O), kommt theils in der
  Natur als neueres Gebilde durch Verwitterung der Zinkblende entstanden
  vor, theils wird er knstlich aus der Blende dargestellt, theils auch
  als Nebenprodukt bei der Entwickelung von Wasserstoff erhalten. Er
  kommt in weissen Stcken vor, die zusammenziehend metallisch schmecken
  und als Zusatz zu den trocknenden Oelen bei der Firnissbereitung, zur
  Feuerversilberung, zum Desinficiren der Kloaken und in den
  Kattundruckereien benutzt werden. Beim Erhitzen zerfllt der
  Zinkvitriol in Zinkoxyd, schweflige Sure und Sauerstoff (neue und
  praktische Methode der Darstellung des Sauerstoffs im Grossen).

[Sidenote: Chromsaures Zinkoxyd.]

  Das =Zinkchromat= (chromsaures Zinkoxyd), durch Fllen von Zinkvitriol
  mit Kaliumbichromat erhalten, ist ein schn gelber Niederschlag, der in
  dem Kattundruck Anwendung findet, da er sich in Ammoniak lst und nach
  der Verflchtigung des Ammoniaks als unlsliches Pulver wieder
  abscheidet. Seit einiger Zeit kommt auch ein basisches Zinkchromat
  unter dem Namen =Zinkgelb= in dem Handel vor.

[Sidenote: Chlorzink.]

  Das =Chlorzink= ZnCl_{2} erhlt man durch Auflsen von metallischem
  Zink in Salzsure oder am vortheilhaftesten als Nebenprodukt in den
  Soda- und Schwefelsurefabriken, wenn man die berflssige und hufig
  kaum zu verwerthende Salzsure noch warm auf gemahlene Zinkblende
  einwirken lsst und den entweichenden Schwefelwasserstoff sogleich
  durch Verbrennen zu schwefliger Sure und Wasser wieder zur
  Schwefelsurefabrikation benutzt. Die erhaltene Lsung wird bis zur
  Syrupconsistenz abgedampft. Wasserfrei erhlt man das Chlorzink durch
  Erhitzen eines Gemenges von Zinkvitriol und Kochsalz (ZnSO_{4} + 2NaCl
  = Na_{2}SO_{4} + ZnCl_{2}), wobei Chlorzink sublimirt. Ihrer
  Eigenschaft wegen, gewisse organische Substanzen in Folge von
  Wasserentziehung mehr oder minder zu verndern, lsst sich eine
  concentrirte Chlorzinklsung in vielen Fllen anstatt der englischen
  Schwefelsure verwenden. So ist z. B. das Chlorzink im Stande, die
  Schwefelsure beim Lutern des Brennls zu ersetzen, da das Chlorzink
  nur die Unreinigkeiten, nicht aber das Oel selbst angreift. Da die
  Farbstoffe des Krapps durch Chlorzink nicht verndert werden, dagegen
  die Holzfaser dadurch zerstrt wird, so ist es sehr wahrscheinlich,
  dass man Krapp ebenso wol durch Chlorzinklsung als durch Schwefelsure
  in Garancin wird berfhren knnen. Dass dort, wo die Schwefelsure
  durch Bildung gepaarter Substanzen wirkt, wie z. B. beim Auflsen des
  Indigs, oder wo sie zur Zersetzung von Salzen dient, wie z. B. bei der
  Ausscheidung der Stearinsure aus dem Kalksalze, das Chlorzink nicht
  als Ersatzmittel angewendet werden kann, bedarf kaum der Erwhnung.
  Neuerdings ist das Chlorzink auch beim Verseifen der Fette behufs der
  Abscheidung der Stearinsure anstatt der Schwefelsure angewendet
  worden, ebenso bei der Bereitung des Pergamentpapieres und des Aethers.
  Mit dem grssten Vortheil hat man das Chlorzink zum Conserviren von
  Holz, namentlich der Eisenbahnschwellen, benutzt, ferner (nach den
  Vorschlgen von =Varrentrapp= und =Rostaing=) zum Zersetzen des
  Chlorkalkes, zum Bleichen der Papiermasse und zum Leimen derselben. In
  England findet es unter den Namen _Sir William Burnett's Fluid_ oder
  _Drew's Desinfectant_ als Desinfectionsmittel vielfache Anwendung. Das
  sogenannte =Lthsalz= ist eine Verbindung von Chlorzink mit Salmiak
  (2NH_{4}Cl + ZnCl_{2}); in Lsung als =Lthwasser= erhlt man es durch
  Auflsen von 3 Loth Zink in starker Salzsure und Zusetzen von 3 Loth
  Salmiak. =Zinkoxychlorr= (basisch salzsaures Zinkoxyd), dadurch
  erhalten, dass man in flssiges Chlorzink (oder Eisen- oder
  Manganchlorr) Zinkweiss (Zinkoxyd) einrhrt, ist in neuerer Zeit von
  =Sorel= als plastische Masse (Metallkitt, Zahnkitt) vorgeschlagen
  worden.


                              Das Kadmium.

                      (Cd = 112; spec. Gew. = 8,6.)

[Sidenote: Kadmium.]

Das Kadmium, ein seltener vorkommendes und technisch noch wenig benutztes
Metall, ist ein fast steter Begleiter des Zinkes in den Zinkerzen,
besonders in dem schlesischen Galmei, aber auch in der Zinkblende. Es
wurde 1817 fast gleichzeitig von =Stromeyer= in Hannover und =Hermann= in
Schnebeck entdeckt. Das Kadmium steht hinsichtlich seiner Eigenschaften
in der Mitte zwischen Zinn und Zink; es ist zinnweiss, stark glnzend,
dehnbar und hmmerbar und verliert an der Luft nach und nach seinen
Glanz. Es hat ein spec. Gewicht von 8,6, schmilzt bei 360, siedet bei
860 (nach =Deville= und =Troost=; bei 746,2 nach =Becquerel=) und lsst
sich leicht destilliren. In den Handel kommt es gewhnlich in 60-90 Grm.
schweren Stben. Schlesischer Galmei enthlt bis 5 Proc. und darber,
Galmei von Wiesloch ber 2 Proc., Zinkblende vom Oberharz 0,35-0,79
Proc., Blende von Przibram 1,78 Proc., von Eaton in Nordamerika 3,2 Proc.
Kadmium. Der Kadmiumgehalt dieser Erze concentrirt sich in dem
brunlichen Rauche, der im Anfang der Zinkdestillation sich zeigt. Dieser
Rauch, aus reinem und kohlensaurem Zink und Kadmium bestehend, dient als
=Kadmiumerz=. Die Reduktion desselben geschieht mittelst Holzkohle in
kleinen, cylindrischen, gusseisernen Retorten, die mit konischem Vorstoss
von Eisenblech versehen sind. Das in dem Vorstosse befindliche Metall
wird in Gestalt von Stangen von Fingerdicke in den Handel gebracht. Die
Gesammtproduktion von Kadmium in Belgien (jedoch nicht aus belgischen,
sondern aus spanischen Zinkerzen) betrgt jhrlich nicht viel ber 5
Ctr., in Schlesien etwa 2 Ctr.

  Mit Blei, Zinn und Wismuth bildet es =Wood's Metalllegirung=. Eine
  Legirung von 3 Th. Kadmium, 4 Th. Zinn, 15 Th. Wismuth und 8 Th. Blei
  schmilzt schon bei 70. Sie findet als Metallkitt Anwendung. Fr
  Clichs empfiehlt =Hofer-Grosjean= eine Legirung von 50 Th. Blei, 36
  Th. Zinn und 22,5 Th. Kadmium. Von den Kadmiumprparaten findet nur das
  =Schwefelkadmium= (CdS) als gelbe Malerfarbe (_Jaune brillant_) und in
  der Feuerwerkerei zur Erzeugung von blauem Feuer Anwendung. Man erhlt
  sie am schnsten durch Fllen einer Lsung von schwefelsaurem Kadmium
  mit Schwefelnatrium, Auswaschen, Pressen und Trocknen des
  Niederschlages.


                              Das Antimon.

                     (Sb = 122; spec. Gew. = 6,712.)

[Sidenote: Antimon.]

Das Antimon (Spiessglanz, Spiessglas) findet sich am hufigsten mit
Schwefel verbunden als =Grauspiessglanzerz= oder =Antimonglanz= mit 71,5
Proc. Antimon (Sb_{2}S_{3}), der auf Lagern und Gngen im Granit, und im
krystallinischen Schiefer- und Uebergangsgebirge bricht. Auch findet sich
das Antimon als Antimonoxyd (Sb_{2}O_{3}) und zwar in den beiden
Mineralien =Valentinit= (rhombisch) und =Senarmontit= (tesseral);
letzteres kommt in grosser Menge in Constantine (in Algerien) und auf
Borneo vor. Man gewinnt es, indem man das Grauspiessglanzerz
(Schwefelantimon) aus den Erzen ausschmilzt. Das Ausschmelzen geschieht
in einigen Gegenden, wie auf dem Wolfsberg bei Harzgerode, in Tiegeln
_b_, deren Boden durchlchert sind und die auf kleineren Tiegeln _c_
stehen, die rund herum von heissem Sand oder Asche umgeben sind. Zu
beiden Seiten der Tiegel sind Mauern mit Zuglchern aufgefhrt (Fig. 42).

[Illustration: Fig. 42.]

  Um das Brennmaterial besser zu benutzen, wendet man an anderen Orten,
  so in Ungarn, eine hnliche Vorrichtung mit zwei Tpfen oder Tiegeln
  an, bringt die Tiegel aber in der Weise auf den Herd eines
  Flammenofens, dass nur die oberen, beschickten Tiegel von der Flamme
  bestrichen werden. Die unteren Tiegel stehen ausserhalb des Ofens vor
  jedem grsseren Tiegel in kleinen Gewlben und sind mit den Tiegeln
  durch Thonrhren in Verbindung gesetzt. Fig. 43 zeigt den
  Verticaldurchschnitt, Fig. 44 den Grundriss des zum Aussaigern
  angewendeten Ofens. Eine Erluterung der Zeichnung ist berflssig.

[Illustration: Fig. 43.]

[Illustration: Fig. 44.]

[Illustration: Fig. 45.]

  Am schnellsten lsst sich die Aussaigerung des Schwefelantimons
  bewerkstelligen, wenn man das Antimonerz unmittelbar auf den geneigten
  Herd eines =Flammenofens= (Fig. 45) bringt und dafr sorgt, dass das
  aussaigernde Schwefelantimon von dem tiefsten Punkte des Herdes durch
  eine Rinne _e_ nach einem ausserhalb des Ofens befindlichen Recipienten
  _f_ fliesst. Erst nachdem das Erz sich in einem erweichten Zustande
  befindet und eine Schlackendecke sich gebildet hat, wird die
  Abstichffnung verschlossen und das Feuer verstrkt. Das noch im Erze
  zurckgebliebene Schwefelmetall sammelt sich unter der Schlacke und
  wird nach Beendigung der Operation abgestochen.

Das =metallische Antimon= stellt man aus dem Schwefelantimon auf
zweierlei Weise dar, entweder rstet man das ausgesaigerte
Schwefelantimon oder man zersetzt es durch angemessene Zuschlge. Zur
Gewinnung des Antimons mittelst der =Rstarbeit= wird das Schwefelantimon
auf der Sohle eines Flammenofens unter bestndigem Umrhren gerstet, bis
es zum grssten Theil in antimonsaures Antimonoxyd bergefhrt worden
ist. Das gerstete Produkt, die =Spiessglanzasche=, wird in Tiegeln
reducirt. Zur Reduction wrde schon Erhitzen allein gengen, da das
Rstgut immer unzersetztes Schwefelantimonium enthlt (3Sb_{4}O_{8} +
4Sb_{2}S_{3} = 20Sb + 12SO_{2}), da sich aber Antimonoxyd verflchtigen
wrde, wenn man keine Decke anwendete, so vermischt man die
Spiessglanzasche mit rohem Weinstein oder Kohle und kohlensaurem Natrium.
Zur Reduction gengt starke Rothglhhitze. Man lsst den Regulus langsam
unter der Schlackendecke erstarren, damit er jene sternfrmig
krystallinische Oberflche erhalte, welche man im Handel begehrt.

  Zweckmssig entfernt man den Schwefel aus dem Schwefelantimon =durch
  Eisen=. Durch die alleinige Anwendung des Eisens ist der Erfolg der
  Zersetzung ein ungnstiger, weil die Trennung des Schwefeleisens von
  dem Antimon wegen des fast gleichen specifischen Gewichts beider
  Substanzen nur schwierig ausgefhrt werden kann. Aus diesem Grunde und
  um der Schwefelverbindung ausser einem geringeren specifischen Gewicht
  grssere Leichtflssigkeit zu geben, setzt man kohlensaures oder
  schwefelsaures Alkali hinzu. 100 Th. Schwefelantimon, 42 Th.
  Schmiedeeisen, 10 Th. calcinirtes schwefelsaures Natrium und 3-1/3 Th.
  Kohle haben sich als passendes Verhltniss bewhrt. Um zugleich einen
  arsenfreien Regulus zu erlangen, schmilzt man das nach der angegebenen
  Vorschrift erhaltene Antimon und zwar 16 Th. desselben, den man, wenn
  er noch nicht eisenhaltig genug ist, mit 2 Th. Schwefeleisen versetzen
  kann, mit 1 Th. Schwefelantimon und 2 Th. trockener Soda zusammen und
  erhlt die Masse eine Stunde lang im Fluss. Den Regulus schmilzt man
  noch ein zweites Mal mit 1-1/2 Th. und ein drittes Mal mit 1 Th. Soda,
  bis die Schlacke hellgelb ist. Zur Abscheidung des Arsens scheint die
  Gegenwart von Schwefeleisen Bedingung zu sein, indem wahrscheinlich
  eine dem Arsenkies hnlich zusammengesetzte Verbindung entsteht.

[Sidenote: Eigenschaften des Antimons.]

  Das im Handel vorkommende Antimon ist niemals chemisch rein, sondern
  enthlt Arsen, Eisen, Kupfer und Schwefel. Der Einfluss dieser
  Verunreinigungen auf die physikalischen Eigenschaften des Antimons ist
  um so weniger bekannt, als man die Eigenschaften des reinen Antimons
  selbst so gut als noch nicht kennt. Durch Schmelzen des Antimons mit
  Antimonoxyd reinigt man das Antimon; das Oxyd oxydirt dabei den
  Schwefel und das Eisen und wird in demselben Verhltniss reducirt. Das
  Antimon ist fast silberweiss mit einem Stich ins Gelbliche, besitzt
  starken Metallglanz und eine bltterig krystallinische Struktur. Es
  krystallisirt ebenso wie das isomorphe Arsen und Wismuth in deutlichen
  Rhombodern, hat ein spec. Gewicht von 6,712 und schmilzt bei 430 C.
  Beim Erstarren dehnt sich das geschmolzene Metall nicht aus. Es ist
  ziemlich feuerbestndig und beginnt erst in starker Weissglhhitze sich
  zu verflchtigen. Es ist ausserordentlich sprde und nicht dehnbar und
  lsst sich sehr leicht in Pulver verwandeln. An Hrte bertrifft es das
  Kupfer. Mit anderen Metallen vereinigt es sich leicht und ertheilt
  denselben im Allgemeinen Sprdigkeit. Zinn und Blei wird zuweilen
  durch Zusatz von etwas Antimon hart gemacht. Da das Antimon an der Luft
  ziemlich unverndert bleibt, so hat man jngst den Vorschlag gemacht,
  Kupfer zum Schutze mit einer Schicht von Antimon zu berziehen. Das
  unter dem Namen =Eisenschwarz= vorkommende und zum Bronziren von Gyps-
  und Papiermachfiguren, auch von Zinkgussgegenstnden angewendete
  Pulver, durch welches diese Figuren das Ansehen von blankem Stahl
  erhalten, ist =fein zertheiltes Antimon=, aus einer Antimonlsung durch
  Ausfllen mittelst Zink erhalten.

[Sidenote: Legirungen des Antimons.]

  Das Antimon wird in grsster Menge von den Schriftgiessern gebraucht.
  Das =Schriftgiessermetall= besteht aus 1 Th. Antimon und 4 Th. Blei,
  ausserdem hufig noch aus einer geringen Menge Kupfer.


                            Antimonprparate.

[Sidenote: Antimonoxyd.]

  Das =Antimonoxyd=, (Sb_{2}O_{3}), durch Rsten von Schwefelantimon oder
  durch Fllen von Chlorantimonlsung mit kohlensaurem Natrium,
  Auswaschen und Trocknen des Niederschlages dargestellt, ist neuerdings
  als =Bleiweisssurrogat= vorgeschlagen worden. Seiner Eigenschaft wegen,
  bei Gegenwart von Alkali Sauerstoff aufzunehmen und dadurch in
  =Antimonsure= Sb_{2}O_{5} berzugehen, die zur Bereitung von
  Anilinroth unlngst in Vorschlag gebracht worden ist, kann man das
  Antimonoxyd zur Umwandelung des Nitrobenzols in Anilin, ferner zur
  Darstellung von Jodcalcium benutzen. Im letztem Falle trgt man in
  Antimonoxyd, welches in Kalkmilch suspendirt ist, Jod ein, so lange als
  dasselbe sich noch lst.

[Sidenote: Schwefelantimon.]

  Das ausgesaigerte =Schwefelantimon= (Sb_{2}S_{3}) findet sich im Handel
  meist in der kegelfrmigen Gestalt der Gefsse, in denen es erstarrt;
  es ist metallischglnzend, graphitfarben, sehr weich und auf dem Bruche
  strahlig krystallinisch. Es enthlt gewhnlich Eisen, Blei, Kupfer und
  Arsen. Es findet zum Ausbringen des Goldes aus goldhaltigem Silber, in
  der Veterinrmedicin, in der Feuerwerkerei und zur Bereitung der
  Zndpillen der Zndnadelgewehre Anwendung.

  =Neapelgelb.=

  Das =Neapelgelb=, eine orangegelbe, sehr bestndige Oel- und
  Schmelzfarbe, ist wesentlich antimonsaures Bleioxyd und wird auf
  folgende Weise dargestellt: Man mengt 1 Th. Brechweinstein
  (Antimon-Kalium-Tartrat) mit 2 Th. Bleinitrat und 4 Th. Kochsalz, glht
  das Gemenge bei mssiger Rothglhhitze zwei Stunden lang, sodass es
  schmilzt, und bringt die geglhte Masse nach dem Erkalten in Wasser, wo
  sie zu einem feinen Pulver zerfllt und das Kochsalz sich auflst. Fr
  Schmelzfarben wird das Neapelgelb, um es heller zu machen, mit Bleiglas
  zusammengeschmolzen. Neuerdings stellt man es durch Rsten eines
  Gemenges von antimoniger Sure mit Bleigltte dar.

[Sidenote: Antimonzinnober.]

  Der =Antimonzinnober= (Antimonoxysulfuret von der Formel
  Sb_{6}S_{6}O_{3} ein dem Zinnober an Farbe hnliches Prparat, wird
  erhalten, indem man Natrium- oder Calciumdithionit auf Antimonchlorr
  und Wasser einwirken lsst; es bildet sich beim Erhitzen bis zum Sieden
  ein Niederschlag, der sich leicht absetzt, ausgewaschen und getrocknet
  wird. Er bildet ein carminrothes zartes Pulver von sammethnlicher
  Beschaffenheit. Luft und Licht verndern ihn nicht. Er kann als
  Wasserfarbe wie als Oelfarbe Verwendung finden. Um ihn im Grossen
  darzustellen, verfhrt man auf folgende Weise: 1) Man rstet
  Schwefelantimon in einem Luftstrom, welchem Wasserdampf beigemengt ist;
  das Schwefelantimon verwandelt sich hierbei zum grssten Theile in
  Antimonoxyd. Die beim Rsten sich bildende schweflige Sure dient zur
  Darstellung von Calciumdithionit (aus den Sodarckstnden). Das
  Antimonoxyd wird in gewhnlicher Salzsure gelst. 2) Man fllt mit
  Dampf geheizte grosse Holzbottiche zu 7/8 mit der Lsung des
  Calciumdithionits an, setzt dann nach und nach Antimonchlorrlsung zu
  und erhitzt unter Umrhren bis auf etwa 60. Die Reaction tritt bald
  ein und es bildet sich ein orangerother Niederschlag, der nach dem
  Absetzenlassen auf einem Leinwandfilter gesammelt, ausgewaschen und bei
  etwa 50 getrocknet wird.


                               Das Arsen.

                      (As = 75; spec. Gew. = 5,6.)

[Sidenote: Arsen.]

Das Arsen findet sich in der Natur entweder gediegen oder mit Schwefel,
Metallen und Schwefelmetallen verbunden. Die Oxydationsstufen des Arsens
kommen dagegen in der Natur nie in solcher Menge vor, dass eine
technische Benutzung desselben mglich wre. Das Arsen ist ein fester
krystallinischer Krper von stahlgrauer glnzender Farbe. Man stellt es
durch Sublimation des in der Natur vorkommenden =gediegenen Arsens= oder
durch Erhitzen von =Arsenkies= (FeS_{2} + FeAs_{2}) und Arsenikalkies
(Fe_{4}As_{6}) dar oder auch durch Reduktion des weissen Arsens (der
arsenigen Sure: As_{2}O_{3} + 3C = 3CO + 2As). Es erscheint im Handel in
schwarzgrauen, metallglnzenden Krusten und fhrt den Namen
=Fliegenstein=, =Scherbenkobalt= oder =Npfchenkobalt=, der zuweilen 8-10
Proc. Schwefelarsen beigemengt erhlt. Das reine Arsen findet nur selten
Anwendung, man benutzt es bei der Fabrikation von Schrot und zur
Erzeugung eines Lichtes (durch Verbrennen von Arsen in einem Strom von
Sauerstoff), welcher unter dem Namen Indisches Feuer zu
trigonometrischen Signalen benutzt wird.

[Sidenote: Arsenige Sure.]

[Illustration: Fig. 46.]

Die =arsenige Sure= oder das =weisse Arsen=, As_{2}O_{3} (Rattengift,
Giftmehl, Httenrauch), wird bei der Verarbeitung arsenhaltiger Erze in
den Blaufarbenwerken, auf Zinn- und Silberhtten u. dgl. als Nebenprodukt
gewonnen, indem man die arsenhaltigen Erze in Flammenfen rstet und die
sich entwickelnden Dmpfe durch Kanle und Kammern leitet, um die
arsenige Sure zu verdichten. In Schlesien wird Arsenkies eigens zur
Gewinnung von arseniger Sure gerstet. Man erhlt auf diese Weise die
arsenige Sure in pulverfrmigem Zustande, als =Arsen=- oder =Giftmehl=;
um sie zu raffiniren, wird dieses Pulver sublimirt. Das Sublimiren
geschieht in eisernen Kesseln _a_ (Fig. 46), auf welche man eiserne Ringe
_b_ _c_ _d_ und auf diese eine Haube _e_ stellt, welche vermittelst der
Rhren mit der Kammer _i_ in Verbindung steht. Neben dieser Kammer
befinden sich noch einige andere Kammern. Nachdem alle Fugen verstrichen
worden sind, beginnt die Sublimation. Die Hitze muss dabei so gesteigert
werden, dass die in der Kammer _i_ sich ansammelnde arsenige Sure weich
zu werden beginnt; nach dem Erkalten erscheint sie als ein vollkommenes
Glas (=Arsenglas=) mit muscheligem Bruche, Glasglanz und
Durchsichtigkeit, das mit der Zeit weiss, porcellanartig, opal- und
wachsartig glnzend wird. Sie ist wie alle anderen Arsenprparate im
hchsten Grade giftig. Zuweilen finden sich in der arsenigen Sure kleine
Mengen von Schwefelarsen und von Antimonoxyd. Man benutzt die arsenige
Sure in der Kattundruckerei, zur Reinigung des Glases (namentlich des
Krystallglases) whrend des Schmelzens, zur Darstellung von
Arsenprparaten (arsenigsaure Alkalien, Schweinfurtergrn und andere
Kupferfarben), beim Ausstopfen von Thierblgen, in alkalischer Lsung zur
Ueberfhrung des Nitrobenzols in Anilin, in Salzsure gelst zum
Graubeizen von Messing und zuweilen zum Hrten von Eisen u. s. w.

[Sidenote: Arsensure.]

Die =Arsensure=, (H_{3}AsO_{4}), erhalten durch Kochen von 400 Kilogramm
arseniger Sure mit 300 Kilogr. Salpetersure (oder Knigswasser) von
1,35 spec. Gewicht und Abdampfen der Lsung bis zur Trockne oder in
neuerer Zeit weit vortheilhafter durch Leiten von Chlorgas in Wasser, in
welchem arsenige Sure sich suspendirt befindet, wird zuweilen anstatt
der Weinsure in der Zeugdruckerei und ausserdem zur Bereitung gewisser
Theerfarben, namentlich des Rosanilins oder Fuchsins[13], angewendet. Das
=saure Natriumarseniat= (saures arsensaures Natron), welches gegenwrtig
in den Frbereien und Zeugdruckereien als Befestigungsmittel der Beizen,
berhaupt als Surrogat des Kuhkothes verwendet wird, und aus 25 Th.
Natron und 75 Th. Arsensure besteht, wird durch vorsichtiges, aber
lngere Zeit fortgesetztes Erhitzen von 36 Th. arseniger Sure mit 30 Th.
Natriumnitrat oder vortheilhafter durch Erhitzen eines Gemenges von
trockenem Natriumarsenit und Natriumnitrat (oder auch als Nebenprodukt
bei der Darstellung von Anilin aus Nitrobenzol) erhalten.

  [13] Es giebt Anilinfarbenfabriken, die jhrlich ber 2000 Ctr.
       Arsensure consumiren.

[Sidenote: Schwefelarsen.]

  Unter den =Schwefelungsstufen des Arsens= giebt es zwei, die in der
  Technik Anwendung finden; es sind dies der Realgar und das Operment.

[Sidenote: Realgar.]

[Sidenote: Weissfeuer.]

  =Realgar=, rothes Arsen, Rubinschwefel, Rauschroth (As_{2}S_{2}) kommt
  schon in der Natur hufig auf Erzgngen krystallinisch oder in
  deutlichen Krystallen vor und wird knstlich dargestellt, indem man
  Schwefel mit berschssigem Arsen oder arseniger Sure
  zusammenschmilzt, oder im Grossen Arsenkies mit Schwefelkies der
  Destillation unterwirft. Realgar erscheint als rubinrothe Masse von
  muscheligem Bruche, die mit salpetersaurem Kali gemengt und angezndet
  unter Verbreitung eines weissen glnzenden Lichtes verbrennt. Auf
  dieser Eigenschaft beruht seine Anwendung zu =Weissfeuer=; der Satz
  dazu besteht aus 24 Th. Salpeter, 7 Th. Schwefel und 2 Th. Realgar. Das
  in England unter dem Namen =indisches Feuer= zu trigonometrischen
  Signalen benutzte Licht erhlt man durch Verbrennen von metallischem
  Arsen in einem Strome von Sauerstoff.

[Sidenote: Operment.]

[Sidenote: Rusma.]

  =Operment=, =Auripigment=, Rauschgelb (As_{2}S_{3}) findet sich
  ebenfalls in der Natur und wird knstlich durch Zusammenschmelzen von
  Schwefel mit arseniger Sure oder Realgar, oder durch Destillation von
  einer entsprechenden Mischung von Arsenkies und Schwefelkies
  dargestellt. Es erscheint in derben, hellorangegelben, durchsichtigen
  Massen, die fast stets arsenige Sure enthalten, sodass das auf
  trockenem Wege dargestellte gelbe Schwefelarsen vielleicht (analog dem
  Antimonzinnober) als ein Arsenoxysulfuret betrachtet werden kann. Auf
  nassem Wege erhlt man es durch Fllen einer salzsauren Lsung von
  arseniger Sure mit Schwefelwasserstoffgas, oder durch Zersetzen von
  Schwefelarsen-Schwefelnatrium (As_{2}S_{3}, Na_{2}S durch Schmelzen von
  arseniger Sure mit Schwefel und kohlensaurem Kali dargestellt) mit
  verdnnter Schwefelsure. Man benutzt es in der Frberei als
  Reductionsmittel des Indigs und zur Darstellung des =Rusmas=; letzteres
  besteht aus 9 Th. Kalk und 1 Th. Operment mit etwas Wasser zu einem
  Teig gemacht. Es wird von den Orientalen als Enthaarungsmittel
  angewendet, lsst sich aber zweckmssig durch das =Calciumsulfhydrat=,
  erhalten durch Leiten von Schwefelwasserstoffgas in Kalkbrei, bis
  letzterer eine graublaue Farbe angenommen hat, ersetzen.


                            Das Quecksilber.

                     (Hg = 200; spec. Gew. = 13,5.)

[Sidenote: Quecksilber. Vorkommen und Gewinnung.]

Das Quecksilber gehrt zu den seltener vorkommenden und nur sparsam in
der Erdrinde vertheilten Metallen. Die wichtigen Vorkommnisse sind: 1)
=Gediegen Quecksilber=, zuweilen etwas Silber enthaltend, kommt fast in
allen Quecksilberbergwerken, doch meist nur in geringer Quantitt, in
Gestalt von Trpfchen vor, die in den Hhlungen des porsen Gesteines
haften. 2) =Zinnober= (HgS mit 86,29 Quecksilber und 13,71 Schwefel); er
bricht auf Lagern und Gngen im krystallinischen Schiefergebirge, im
Uebergangs- und Fltzgebirge, besonders mit Quecksilber, auch mit
Schwefelkies und anderen Erzen, in Begleitung von Quarz, Eisenspath,
Kalkspath etc., und kommt zuweilen auch auf secundren Lagersttten, in
losen abgerundeten Stcken vor. Die ausgezeichnetsten Fundorte des
Zinnobers sind Almaden und Almadenejas in Spanien, wo er schon im
Alterthume gewonnen wurde, und Idria in Krain. Ferner findet sich der
Zinnober in der bayerischen Rheinpfalz (bei Wolfstein, am Stahlberge,
Moschellandsberg, am Potzberge bei Kusel), bei Olpe in Westphalen, in
einigen Gegenden Krntens, zu Eisenerz in Steiermark, Horzowitz in
Bhmen, an mehreren Orten Ungarns und Siebenbrgens, zu Vall'alta in
Venetien, am Ural, in China und Japan, in dem District Sarawak auf
Borneo, in Mexico, zu Huancavelica in Peru und in sehr bedeutender Menge
in Californien. Der Zinnober (welcher auch die Namen Stahlerz,
Korallenerz, Ziegelerz fhrt) ist das Hauptquecksilbererz.

  Hierher verdient auch das =Quecksilberlebererz= Erwhnung, ein
  unreiner, mit vielen thonigen und bituminsen Theilen gemengter
  Zinnober oder auch ein zinnober- und paraffinreicher Kohlenschiefer.
  Das Vorkommen des Lebererzes ist, so viel bekannt, auf Krain
  beschrnkt. Von den brigen Quecksilbererzen sei nur noch das
  =Quecksilberfahlerz= mit 2-15 Proc. Quecksilber erwhnt.

  Die =Production an Quecksilber= (1870) ist annhernd folgende:

           Spanien                                 22,000 Ctr.
           Californien                             56,000  "
           Peru                                      3200  "
           Oesterreich, Zollverein und Frankreich    2600  "
           Italien {Toscana                           700  "
                   {Agordo in Venetien
                                                    ----------
                                                   84,500 Ctr.

  Die Gewinnung des Quecksilbers aus dem Zinnober geschieht

  1) durch =Rsten= und zwar in Schachtfen, wobei die Verdichtung der
  Quecksilberdmpfe in gemauerten oder eisernen Kammern vor sich geht wie
  in Idria, oder in rhrenartig zusammengefgten Thongefssen (Aludeln)
  wie zu Almaden in Spanien;

  2) durch =Zerlegen= des Zinnobers in geschlossenen Rumen durch
  Zuschlge wie durch Eisenhammerschlag oder durch Kalk, wie in Bhmen
  und in der Pfalz.

[Sidenote: Verfahren in Idria.]

[Illustration: Fig. 47.]

[Illustration: Fig. 48.]

[Illustration: Fig. 49.]

Die Apparate, die zur Gewinnung des Quecksilbers in Idria Anwendung
finden, sind durch die Zeichnungen Fig. 47, 48 und 49 versinnlicht. _A_
ist ein Rstofen, welcher auf beiden Seiten mit einer Reihe von
Verdichtungskammern _C_, _C_ ... _D_ in Verbindung steht. Das zu rstende
Erz schttet man in groben Stcken auf das Gewlbe _nn'_ des Ofens,
welcher mit zahlreichen Oeffnungen versehen ist, und fllt den Raum _V_
vollstndig damit an; auf das Gewlbe _pp'_ kommt Erz in kleinen Stcken,
endlich auf _r r'_ bringt man Staub und die quecksilberhaltigen
Rckstnde frherer Operationen. Nachdem der Ofen beschickt ist,
entzndet man das Brennmaterial, gewhnlich Buchenholz, auf dem Roste.
Man steigert nach und nach die Hitze bis zum Dunkelrothglhen und erhlt
sie darin 10-12 Stunden. Durch den stattfindenden starken Zug gelangt die
zum Rsten des Schwefels erforderliche Luft in den Ofen. Durch die hohe
Temperatur entweicht der Zinnober aus dem Erz in Dampfgestalt und
verwandelt sich durch die Einwirkung des Sauerstoffs der Luft in
schweflige Sure und metallisches Quecksilber (HgS + 2O = SO_{2} + Hg).
Die Verbrennungsprodukte entweichen durch ein Rohr in die massiven, mit
Cement berzogenen Verdichtungskammern _C C_..., deren Sohle aus
festgestampftem Thon in Form zweier gegen einander geneigter Ebenen
besteht, von welchen das condensirte Quecksilber in einer Steinrinne in
ein Reservoir aus Porphyr abfliesst. In der letzten Kammer fliesst aus
dem Wasserbehlter fortwhrend kaltes Wasser ein. Die letzten Spuren von
Quecksilber verdichten sich in den Rauchkammern _D D_.

  Um Brennmaterial und Zeit zu ersparen, hat man in der neueren Zeit in
  Idria Versuche mit =Flammenfen= angestellt, welche eine
  ununterbrochene Quecksilberdestillation gestatten.

[Sidenote: Verfahren in Spanien.]

[Illustration: Fig. 50.]

[Illustration: Fig. 51.]

[Illustration: Fig. 52.]

Bei der Einrichtung in =Almaden= geschieht die Verdichtung der
Quecksilberdmpfe in =Aludeln=, d. i. birnfrmigen, an beiden Enden
offenen Gefssen von gebranntem Thon, welche so in einander gefgt
werden, dass, wie Fig. 50 zeigt, das dnnere Ende des einen in das
weitere des anderen passt, und dass nach dem Lutiren der Fugen mit Thon
und Asche lange Reihen -- =Aludelschnre= -- entstehen. Der Ofen _A_
(Fig. 51 und 52) ist ein cylindrischer Schachtofen, der durch ein
durchbrochenes Gewlbe in zwei Abtheilungen getheilt ist. In der untern
Abtheilung wird gefeuert, in die obere wird das Erz gebracht, in der
Weise, dass zu unterst grosse Stcke eines zinnoberhaltigen Sandsteines
gebracht werden, der wegen geringen Gehaltes keine weitere Scheidung
zulsst; auf diese Steine bringt man das reiche Erz. Ein Gewlbe
schliesst oben den Ofen; die Oeffnung zum Eintragen der obersten
Schichten ist mit einer lutirten Thonplatte bedeckt. Die Dmpfe treten
zuerst in die Kammern _c c_ und dann in die zwlf Aludelreihen. Jede
Reihe ist 20-22 Meter lang und zhlt 44 Aludeln; es sind demnach 528
Aludeln in jedem Ofen. Die Reihen liegen auf dem geneigten =Aludelplan=.
Aus der am tiefsten Punkte liegenden Aludel bei _f_ fliesst das
verdichtete Quecksilber durch eine Rinne _g_ in die steinernen Behlter
_h h_. Die in den Aludeln nicht verdichteten Dmpfe gelangen in die
Kammer _B_, wo sie sich vollstndig niederschlagen. Der Rauch entweicht
durch den Schornstein _b_. Das mit Russ verunreinigte Quecksilber wird
dadurch gereinigt, dass man es ber eine etwas geneigte Flche fliessen
lsst. Der Russ adhrirt der Flche, whrend das Quecksilber ziemlich
rein in einen Sumpf abfliesst. Der russige Staub wird ebenso wie der in
der Kammer _B_ sich ansammelnde gesammelt und von Neuem destillirt. Die
in dem Ofen eingesetzte Erdmasse betrgt 250-300 Ctr., welche 25-30,
zuweilen, obgleich selten, 60 Ctr. liefert. Das Quecksilber wird in
schafledernen Beuteln oder auch in schmiedeeisernen Flaschen versendet.

[Sidenote: Gewinnung des Quecksilbers durch Zerlegen des
  Schwefelquecksilbers durch Zuschlge.]

[Illustration: Fig. 53.]

  =Verfahren zu Horzowitz in Bhmen.= Der mit Thoneisenstein brechende
  Zinnober wird mit 1/4-1/3 Eisenhammerschlag (Eisenoxydul-Oxyd)
  beschickt und in einem =Glockenofen= (Fig. 53) auf eiserne Teller oder
  Schalen _b b_ gebracht, die an einem eisernen Dorne befestigt und mit
  einer eisernen und in Wasser tauchenden Glocke _e e_ bedeckt sind. Die
  Glocke befindet sich in einem gemauerten Ofenschachte und wird durch
  Steinkohlenfeuer zum Glhen gebracht. Das niederfallende Quecksilber
  sammelt sich in dem Wasser in _d_ an. Jede Glocke, deren sechs in einem
  Ofen sich befinden, enthlt 1/2 Ctr. Erz und 1/4 Ctr. Hammerschlag, zu
  deren Verarbeitung 30 bis 36 Stunden erforderlich sind.

  =Verfahren in der Rheinpfalz.= Die Gruben am Rosswalde bei Stahlberg,
  nrdlich von Rockenhausen, wurden schon im Jahre 1410 erffnet. Man
  gewann anfnglich Eisenkies und silberhaltige Kupfererze und lernte
  erst spter das Zugutemachen der Quecksilbererze. Etwas neuer als die
  Gruben am Stahlberge sind jene im Landsberge bei Moschel, im Potzberge
  bei Kusel und bei Wolfstein; brigens fallen Entdeckung und Benutzung
  der dortigen Quecksilbererzlagersttten gleichfalls ins 15.
  Jahrhundert. Der Zinnober ist in Sandstein eingesprengt. Der
  Quecksilbergehalt des Gesteines macht gewhnlich 0,005 und zuweilen
  0,01 Proc. aus. Soll die Ausbeute an Quecksilber die Kosten des
  Ausbringens lohnen, so muss der Quecksilbergehalt des Erzes 1/600
  betragen. Man nimmt die Zersetzung des Schwefelquecksilbers in eisernen
  Retorten, von denen 30-50 Stck in einem Galeerenofen liegen, durch
  Kalk vor, wobei Quecksilberdmpfe entweichen und ein Gemenge von
  Schwefelcalcium, unterschwefligsaurem und schwefelsaurem Kalk
  zurckbleibt. Zu =Obermoschel= enthlt jede Retorte ein Gemenge von 40
  Pfd. reichem Erz und 15-18 Pfd. Kalk, und ist mit einer thnernen
  Vorlage versehen, welche zur Hlfte mit Wasser gefllt ist. Die
  zusammengefgten Stellen werden mit Lehm lutirt. Man steigert allmlig
  die Hitze bis zum Rothglhen. Jede Operation dauert zehn Stunden. Nach
  deren Beendigung wird der Inhalt der Vorlagen in ein mit Wasser
  geflltes Thonbecken gezogen und darin verwaschen; das Quecksilber
  bleibt darin zurck, das Wasser aber fliesst nebst einem schwarzen
  Pulver (=Quecksilberschwarz=), wahrscheinlich aus fein zertheiltem
  Quecksilber und Schwefelquecksilber bestehend, ab. Dieses schwarze
  Pulver wird gesammelt und mit Kalk einer neuen Destillation
  unterworfen. Am =Landsberge= werden smmtliche Retorten jedesmal mit 5
  Ctr. und 1-2 Ctr. Kalk besetzt. Die Destillation dauert sechs Stunden.
  Drei Destillationen liefern ungefhr 1/2 Ctr. Quecksilber.

[Sidenote: Eigenschaften des Quecksilbers.]

[Sidenote: Anwendung des Quecksilbers.]

  Das =Quecksilber= ist metallglnzend, zinnweiss, bei gewhnlicher
  Temperatur tropfbar flssig, bei -39,5 wird es fest, dehnbar, es
  siedet bei 360. Sein spec. Gewicht = 13,5. Es verbindet sich mit
  vielen Metallen und bildet mit denselben die =Amalgame=, es verbindet
  sich leicht mit Blei, Wismuth, Zink, Zinn, Silber, Gold, schwer mit
  Kupfer, nicht mit Eisen, Nickel, Kobalt und Platin. Auf dieser
  Eigenschaft, sich mit den meisten Metallen zu verbinden, beruht seine
  Anwendung zur Scheidung einiger Metalle, wie des Goldes und Silbers von
  den Erzen (Amalgamation, Verquickung); man benutzt Amalgame zum
  Spiegelbelegen, zur Feuervergoldung, fr das Reibzeug der
  Elektrisirmaschinen. Das Quecksilber findet ferner Anwendung zur
  Anfertigung physikalischer Instrumente, zur Darstellung der Secretage
  fr Hutmacher (einer Lsung von Quecksilber in Salpetersure), zur
  Fabrikation des Sublimats, Zinnobers, Knallquecksilbers u. s. w. Fr
  die Naturwissenschaft ist das Quecksilber ganz unentbehrlich. Ohne
  dasselbe wrde die Gasometrie noch wenig ausgebildet sein und die
  Wrmelehre, sowie die Lehre vom Luftdruck noch auf einem niedrigen
  Standpunkte sich befinden. Neuerdings ist gefunden worden, dass durch
  geeigneten Natriumzusatz zum Quecksilber das Auflsungsvermgen
  desselben fr gewisse Metalle (besonders Gold und Silber) betrchtlich
  erhht wird. Ferner ist die Beobachtung gemacht worden, dass Natrium
  das Quecksilber in einen starren Krper berfhrt, der mit Leichtigkeit
  und ohne die Anwendung geeigneter Gefsse transportirt und durch
  Digestion mit schwefelsurehaltigem Wasser leicht wieder vom Natrium
  getrennt werden kann.


                          Quecksilberprparate.

[Sidenote: Verbindungen des Quecksilbers.]

Von den Verbindungen des Quecksilbers, die technische Anwendung finden,
sind nachstehende Prparate die wichtigsten.

[Sidenote: Quecksilberchlorid.]

Das =Quecksilberchlorid= (Sublimat), HgCl_{2} (in 100 Th. 73,8 Th.
Quecksilber und 26,2 Th. Chlor) wird durch Sublimation eines Gemenges von
schwefelsaurem Quecksilberoxyd mit Kochsalz oder auf nassem Wege durch
Auflsen von Quecksilberoxyd in Salzsure, oder endlich durch Kochen
einer Chlormagnesiumlsung mit Quecksilberoxyd (MgCl_{2} + HgO = HgCl_{2}
+ MgO) dargestellt. Im sublimirten Zustande bildet es eine weisse
kristallinische Masse, die bei 260 schmilzt, bei 290 siedet, sich in
13,5 Th. Wasser von 20 und in 1,85 Th. Wasser von 100, ferner in 2,3
Th. kaltem und in 1,18 Th. siedendem Alkohol auflst. Das
Quecksilberchlorid findet Anwendung zum Conserviren von Holz
(Kyanisiren), zur Bereitung von Anilinroth, im Zeugdruck als Reservage,
zum Stahltzen und zur Darstellung anderer Quecksilberprparate. Als
Holzconservationsmittel hat man jngst die Verbindung HgCl_{2}, 2 KCl,
die man durch Kochen von Carnallit mit Quecksilberoxyd erhlt, in
Vorschlag gebracht.

[Sidenote: Zinnober.]

Der =Zinnober= (Schwefelquecksilber, Quecksilbersulfid, Mercuriumsulfid)
HgS kommt, wie schon erwhnt, in der Natur als natrlicher Zinnober in
rothen, derben Massen oder in durchsichtigen, rothen Krystallen vor, und
war schon zu =Plinius=' Zeiten unter dem Namen =Minium= bekannt. Man
stellt jedoch den Zinnober, um ihn als Farbematerial anzuwenden, stets
knstlich und zwar auf =trockenem Wege= und =auf nassem= dar. Auf
=trockenem Wege= erhlt man den Zinnober, indem man 540 Th. Quecksilber
mit 75 Th. Schwefel innig mengt und das entstandene schwarze Pulver in
eisernen Gefssen bei mssigem Feuer bis zum Schmelzen, und darauf in
irdenen, nur lose verstopften Gefssen im Sandbade erhitzt. Die
sublimirte Masse erscheint cochenillerothglnzend, im Bruche faserig; sie
giebt beim Zerreiben ein scharlachrothes Pulver, den =prparirten
Zinnober=, dessen Farbe um so schner ist, je reiner die Materialien und
je freier die schwarze Verbindung von berschssigem Schwefel war.
Einigen Chemikern zufolge soll man die Scharlachfarbe des Zinnobers
dadurch sehr erhhen, dass man dem Gemenge vor dem Sublimiren 1 Proc.
Schwefelantimon zusetzt und den Zinnober nach dem Zerreiben Monate lang
an einem dunklen Orte mit verdnnter Salpetersure digerirt oder den etwa
beigemengten Schwefel durch Digestion mit Kalilauge entfernt. Auf
=nassem= Wege erhlt man den Zinnober, indem man =weissen Prcipitat=
(Mercur. praecipit. alb. s. Hydrarg. amidato-bichlorat., NH_{2}HgCl, das
man durch Fllen einer Auflsung von Quecksilbersublimat mit Ammoniak
erhlt) mit einer Auflsung von Schwefel in Schwefelammonium digerirt
(=Liebig=) oder nach =Martius=, indem man 1 Th. Schwefel, 7 Th.
Quecksilber und 2-3 Th. concentrirter Schwefelleberlsung Tage lang mit
einander schttelt. Nach der =Brunner='schen Methode, die den schnsten
Zinnober liefert, mengt man 114 Th. Schwefel mit 300 Th. Quecksilber und
setzt zur Beschleunigung des Processes etwas Kalilsung zu. Auf einfache
Weise geschieht das Mischen dadurch, dass man beide Bestandtheile in gut
verschlossene, starke Flaschen bringt und dieselben an irgend einen sich
hin und her bewegenden Balken einer Dampfmaschine oder den einer
Sgemhle befestigt. Die schwarze Verbindung wird mit einer Lsung von 75
Th. Kali in 400 Th. Wasser gemischt und im Wasserbade bei 45 erhitzt.
Nach einigen Stunden nimmt die Masse eine rothe Farbe an; sie wird zur
Abkhlung in kaltes Wasser gegossen, auf Filtern gesammelt, gewaschen und
getrocknet. -- Der im Handel vorkommende Zinnober wurde frher mitunter
mit Mennige, Eisenoxyd und Chromzinnober verflscht; gegenwrtig kommt
nicht selten Gyps (bis zu 15-20 Proc.) beigemengt vor. Beim Erhitzen
bleiben diese Substanzen zurck. Mennige, das gewhnlichste
Verflschungsmittel des Zinnobers, lsst sich auch dadurch nachweisen,
dass ein mit Mennige verflschter Zinnober beim Ueberziehen mit
Salpetersure -- in Folge von Bleisuperoxydbildung -- braun wird und mit
Salzsure behandelt Chlorgas entwickelt. Reiner Zinnober ist in
Natriumsulfhydrat (NaSH) leicht und vollkommen lslich.

[Sidenote: Knallquecksilber.]

  Das =Knallquecksilber= oder =knallsaure Quecksilberoxyd=
  C_{2}Hg_{2}N_{2}O_{2} besteht in 100 Theilen aus 77,06 Th.
  Quecksilberoxyd und 23,94 Th. Knallsure, vorausgesetzt, dass man die
  Existenz der noch niemals fr sich dargestellten Knallsure zugiebt.
  Nach einer neueren, wie es scheint, richtigeren Anschauung, die zuerst
  von =Gerhardt= ausgesprochen wurde, ist das Knallquecksilber eine
  Nitroverbindung und kann betrachtet werden als Cyanmethyl, in welchem
  der Wasserstoff des Methyls durch Untersalpetersure und durch
  Quecksilber ersetzt worden ist C {Hg_{2}} / NO_{2}}, CN. Es wurde von
  =Howard= entdeckt und frher =Howard's Knallpulver= genannt. Es wird im
  Grossen auf folgende Weise dargestellt. Man lst bei gelinder Wrme 2
  Pfd. Quecksilber in 10 Pfd. Salpetersure von 1,33 spec. Gewicht und
  versetzt die Lsung mit noch 10 Pfd. Salpetersure. Die Flssigkeit
  wird in sechs tubulirte Retorten vertheilt und in jede Retorte zu der
  noch warmen Flssigkeit 10 Liter Alkohol von 0,833 spec. Gewicht
  zugegossen. Misst man Quecksilber, Salpetersure und Alkohol, so nimmt
  man auf 1 Volumen Quecksilber 7-1/2 Volumen Salpetersure und 10
  Volumen Alkohol. Nach Verlauf von einigen Minuten beginnt eine grosse
  Menge Gas sich zu entwickeln, und es bildet sich ein weisser
  Niederschlag, der auf einem Filter gesammelt und zur Entfernung der
  Sure mit kaltem Wasser gewaschen wird. Das Filter wird darauf mit dem
  Niederschlage auf einem Kupferbleche oder auf einer Porcellanplatte,
  welche durch Wasserdampf nicht bis zu 100 erwrmt wird, ausgebreitet
  und getrocknet. Aus 100 Th. Quecksilber erhlt man auf diese Weise
  118-128 Th. Knallquecksilber; nach der Theorie msste man 142 Th.
  erhalten. Der getrocknete Niederschlag wird in kleine Partien getheilt
  und eine jede derselben in Papier eingeschlagen, besonders aufbewahrt.
  Das knallsaure Quecksilberoxyd bildet weisse, durchsichtige
  Krystallnadeln, die bis zu 186 erhitzt oder heftig gestossen mit
  starkem Knalle detoniren. Vorzglich leicht explodirt das
  Knallquecksilber auf Eisen, wenn es mit einem eisernen Instrumente
  geschlagen wird. Mit 30 Proc. Wasser gemischt, lsst es sich ohne
  Gefahr auf einer Marmortafel mit einem hlzernen Pistill fein reiben.

[Sidenote: Zndhtchen.]

  Das Knallquecksilber wird in grosser Menge zum Fllen der =Zndhtchen=
  gebraucht. Die =Zndhtchen= sind aus dnn gewalztem Kupferblech
  gefertigt, die, um das Auseinanderspringen whrend des Entzndens zu
  vermeiden, hufig an den Seiten gespalten sind. Um die Zndhtchen zu
  fllen, reibt man 100 Th. Knallquecksilber auf Marmortafeln mit Reibern
  oder Walzen aus Buchsbaumholz mit 30 Th. Wasser fein und setzt zu dem
  Brei 50 Th. Salpeter, oder 62,5 Th. Salpeter und 29 Th. Schwefel, oder
  60 Th. Mehlpulver. Der nasse Brei wird auf Papierunterlagen getrocknet
  und vermittelst Haarsieben gekrnt. Die Krner werden auf Papier
  ausgebreitet und in flachen Holzksten getrocknet. Auf das in das
  Zndhtchen gelegte Korn des Zndpulvers wird in manchen Fabriken ein
  kleines Kupferplttchen gelegt, das fest auf die Zndmasse aufgepresst
  wird. Andere Fabriken berkleiden das Korn mit einer weingeistigen
  Lsung von Schellack, Mastix oder Sandarak, welche aber wegen der
  oxydirenden Einwirkung auf das Kupfer zu verwerfen sind; am
  zweckmssigsten ist eine Auflsung von Mastix in Terpentinl. Das Korn
  wird in dem Htchen mit einer Harzauflsung befestigt und zum Schutze
  vor der Feuchtigkeit mit dieser Lsung berzogen. Ein Kilogramm
  Quecksilber, das man in Knallquecksilber verwandelt, ist zur Fllung
  von 40,000 Zndhtchen ausreichend. Fr Jagdflinten reicht diese Menge
  fr 57,600 Zndhtchen hin. Obgleich das Knallquecksilber weit
  schneller explodirt als das Schiesspulver, so geschieht doch die
  Explosion langsam genug, um ein Projectil fortschleudern zu knnen. Auf
  diesem Umstande beruht die Mglichkeit, mit Zndhtchen ohne Pulver zu
  schiessen.


                               Das Platin.

                  (Pt = 197,4; spec. Gew. = 21,0-23,0.)

[Sidenote: Platin. Vorkommen.]

Das Platin findet sich nur gediegen und zwar in geringer Menge in dem
=Platinerze=, das besonders in Sdamerika (Columbia) im aufgeschwemmten
Lande und am Ural in Form kleiner, rundlicher, metallglnzender,
stahlgrauer Krner vorkommt. In der neueren Zeit hat man auch gediegenes
Platin unter Waschgold in Californien, im Oregongebirge, in Brasilien,
auf Hati, ferner in Australien und auf der Insel Borneo gefunden,
endlich auch jngst im norwegischen Kirchspiele Roeraas als
Krnereinsprengung in felsigem Gesteine[14]. Dass das Platin berhaupt
viel allgemeiner verbreitet sei, als man frher annahm, geht aus den
Untersuchungen =v. Pettenkofer='s hervor, in welchen nachgewiesen wird,
dass alles Silber, das nicht direct aus einer Scheidung herrhrt, einen
geringen Platingehalt habe. Das Platin wurde von den Spaniern in Amerika
entdeckt, von denen es anfnglich fr Silber gehalten wurde, bis 1752
=Scheffer= das Platin als eigenthmliches Metall erkannte.

  [14] Auf den bei =Ibbenbren= in Westfalen gelegenen Bleigruben soll im
       Mai 1870 Platin gefunden worden sein.

[Sidenote: Platinerz.]

Die unter dem Namen =Platinerz=, gediegen Platin, rohes Platin, in dem
Handel vorkommenden Erze sind Gemenge von Platin mit Palladium, Rhodium,
Iridium, Osmium, Ruthenium, Eisen, Kupfer und Blei, und enthalten
ausserdem gewhnlich noch Krner von Osmium-Iridium, Gold, Chromeisen,
Titaneisen, Spinell, Zirkon und Quarz. Nach der Zerstrung der
Gebirgsmassen, in denen es enthalten war, ist es von den Fluthen
fortgerissen worden. =Boussingault= fand in Sdamerika in einem Gange von
verwittertem Syenit die primre Lagersttte des Platins, und am Ural ist
es jedenfalls der Serpentin, in welchem das Platinerz vorkommt, der durch
geologische Ereignisse zerstrt und weggewaschen wurde, mit Zurcklassung
der darin enthaltenen schweren Mineralien, wie z. B. Chromeisen,
Titaneisen, Zirkon u. s. w. Auf Borneo findet sich dem Platinerz
Rutheniumsesquisulfuret beigemengt, welchem =Whler= (1866) den
mineralogischen Namen =Laurit= gab.

=Berzelius= (a), =Svanberg= (b und c), =Bleekerode= und =Weil= (e) fanden
bei der Analyse des =Platinerzes= von Ural (a), Columbien (b), Choco (c),
Borneo (d) und Californien (e):

                           a        b        c        d        e
       Platin            86,50    84,30    86,16    71,87    57,75
       Rhodium            1,15     3,46    2,16      --       2,45
       Iridium             --      1,46    1,09      7,92     3,10
       Palladium          1,10     1,06    0,35      1,28     0,25
       Osmium              --      1,03    0,97      0,48     0,81
       Osmium-Iridium     1,14      --     1,91      8,43    27,65
       Kupfer             0,45     0,74    0,40      0,43     0,20
       Eisen              8,32     5,31    8,03}
       Kalk                --      0,12     -- }     8,40     7,70
       Quarz               --      0,60     -- }

Im Durchschnitt betrgt nach =H. Deville= der Platingehalt bei
Platinerzen aus

                     Columbien     76,8-86,20 Proc.
                     Californien   76,5-85,50   "
                     Oregon           50,45     "
                     Australien    59,80-61,40  "
                     Sibirien       73,5-78,9   "
                     Borneo        57,75-70,21  "

Die jhrliche =Ausbeute an Platin= betrgt 35-50 Centner, wovon auf den
Ural 28-40 Centner, auf Columbia und Brasilien 6-8 Centner kommen.

[Sidenote: Gewinnung des Platins aus den Platinerzen.]

Das Platin wird aus den Erzen (nach dem lteren, jedoch von den Pariser
Platinfabrikanten =Chapuis= und =Desmoutis & Quennessen= noch heutzutage
angewendeten Verfahren von =Wollaston=) auf folgende Weise gewonnen. Nach
dem Waschen werden dieselben bis zum Rothglhen erhitzt und darauf mit
Salzsure behandelt. Dann bergiesst man diese Erze mit kaltem
Knigswasser, um das Gold zu entfernen, filtrirt ab und behandelt den
Rckstand in einer Retorte von Neuem mit Knigswasser. Die abdestillirte
Flssigkeit enthlt Osmiumsure, der ungelste Rckstand Osmium-Iridium,
Ruthenium, Chromeisenstein und Titaneisen, whrend in der Flssigkeit
Palladium, Platin, Rhodium und eine geringe Menge Iridium enthalten sind.
Diese Lsung wird mittelst kohlensauren Natriums neutralisirt und mit
einer Lsung von Cyanquecksilber versetzt, wodurch das Palladium als
Cyanpalladium ausgeschieden wird[15]. Die vom Cyanpalladium abfiltrirte
Flssigkeit wird durch Abdampfen concentrirt und mit einer gesttigten
Lsung von Salmiak versetzt, wodurch =Platinsalmiak= (PtCl_{4},
2NH_{4}Cl) mit einer Spur Iridium gefllt wird. Behufs der technischen
Anwendung ist diese geringe Beimischung des Platins vortheilhaft zu
nennen, da es dem Platin die zum Verarbeiten nthige Hrte ertheilt. Der
Platinsalmiak wird getrocknet und geglht, wodurch das metallische Platin
als schwammige Masse, als =Platinschwamm=, zurckbleibt. Der
Platinschwamm wird in eisernen Cylindern, die mit sthlernen Kolben
versehen sind, bei der Rothglhhitze zusammengepresst und diese Operation
so lange wiederholt, bis das Platin das Ansehen von geschmolzenem Platin
hat und zum Verarbeiten hinreichend compact ist. Nach =Descotil= und
=Hess= soll man die Platinerze behufs der Abscheidung des Platins mit der
2-4fachen Menge Zink zusammenschmelzen, die entstehende gleichartige
sprde Masse pulvern und sieben, mit verdnnter Schwefelsure das Zink
und den grssten Theil des Eisens ausziehen, die zurckbleibende Masse
erst zur Entfernung von Eisen, Kupfer und Blei mit Salpetersure und dann
mit Knigswasser behandeln, welches den Rckstand seiner Zertheilung
wegen weit besser lst, und darauf wie gewhnlich verfahren. =Jeanetty=
(in Paris) machte das Platin durch Zusatz von Arsen leicht schmelzbar und
entfernte das Arsen durch Verflchtigen.

  [15] Aus einer Legirung von Palladium mit Wasserstoff hat =Th. Graham=
       (1869) Denkmnzen prgen lassen.

[Sidenote: Verfahren von Deville und Debray.]

Das vorzglichste Verfahren der Gewinnung des Platins aus dem Platinerze
ist das von =H. Deville= und =H. Debray= im Jahre 1859 angegebene,
welches darauf beruht, dass das Blei alle Metalle des Platinerzes
auflst, mit alleiniger Ausnahme des Osmium-Iridiums und des Eisens. Man
schmilzt das Platinerz in einem Flammenofen mit dem gleichen Gewicht
Bleiglanz zusammen (wobei das Eisen einen Theil des Bleiglanzes zersetzt
und daraus metallisches Blei abscheidet) und erhlt dadurch einen
Regulus, auf dessen Grund das Osmium-Iridium sich befindet, whrend auf
dem Regulus eine Bleischlacke schwimmt. Der platinhaltige Regulus wird
hierauf auf dem Treibherde (siehe Silber) abgetrieben, wobei alle fremden
Metalle sich verflchtigen oder sich in die Herdmasse ziehen, whrend das
zurckbleibende Platin durch Umschmelzen in Kalktiegeln gefeint wird; der
Kalk wirkt hierbei auf alle Unreinigkeiten des Platins wie Silicium,
Eisen, Kupfer u. dergl. ein und verwandelt sie in schmelzbare
Verbindungen, die sich in die porse Masse der Schmelzgefsse ziehen. Das
Heizmaterial ist Leuchtgas, das mit Sauerstoff verbrannt wird. Um 1
Kilogr. Platin zu schmelzen, braucht man 100 Liter Sauerstoff und 300
Liter Leuchtgas[16]. Das nach der Schmelzmethode erhaltene Platin wird
noch unter den Hammer gebracht und geschmiedet, um es dicht zu machen.

  [16] Die Firma =Johnson, Matthey u. Co.= in London hat auf der
       internationalen Ausstellung des Jahres 1862 durch einen massiven,
       2-1/3 Ctr. schweren Block von reinem Platin (im Werthe von 85,000
       Frcs.) eine Probe dafr abgelegt, dass sie die Schmelzung der
       grssten Massen Platin, die je auf einmal zur Verarbeitung kommen
       drften, nach der Schmelzmethode von =Deville= und =Debray= vllig
       in der Gewalt hat.


[Sidenote: Eigenschaften des Platins.]

[Sidenote: Platinschwamm und Platinmohr.]

[Sidenote: Gehmmertes und geschmolzenes Platin und Anwendung
  desselben.]

  Das =Platin= ist ein fast silberweisses, doch etwas ins Stahlgraue
  gehendes sehr glnzendes, hmmer- und streckbares Metall, das so weich
  ist, dass es mit der Scheere geschnitten werden kann. Es lsst sich zu
  fast mikroskopischen Drhten ausziehen; zu diesem Behufe berzieht man
  einen Platindraht mit Silber und lsst das Stck durch die Drahtstrecke
  gehen; wenn der Draht mglichst fein ausgezogen ist, behandelt man
  denselben mit Salpetersure, die das Silber lst, das Platin aber
  unangegriffen lsst. Das spec. Gewicht des Platins ist 21,0-23,0. Es
  lsst sich schweissen und im Knallgasgeblse schmelzen. Sein
  Schmelzpunkt liegt bei 1460-1480 (nach =Deville=). Man kennt das
  Platin als =Platinschwamm=, als =Platinmohr= und als =gehmmertes= und
  =geschmolzenes Platin=. =Platinschwamm= und =Platinmohr= haben beide
  die Eigenschaft, Gase und besonders Sauerstoff in ausserordentlich
  bedeutender Menge in ihren Poren aufzunehmen; kommt daher
  Wasserstoffgas mit diesen Krpern zusammen, so verbindet sich derselbe
  mit dem Sauerstoff unter Mitwirkung des Platins als prdisponirenden
  Krpers zu Wasser. Diese Verbindung geht aber unter so grosser
  Wrmeentwickelung vor sich, dass das Platin ins Glhen kommt. Der
  darauf geleitete Wasserstoff wird deshalb entzndet. Auf den eben
  beschriebenen Vorgang grndet sich das bekannte =Dbereiner='sche
  =Wasserstofffeuerzeug=. Der =Platinmohr= ist hchst fein zertheiltes
  Platin, als schwarzes Pulver erscheinend, das man entweder darstellt,
  indem man schwefelsaures Platinoxyd mit kohlensaurem Natron und Zucker
  kocht, wodurch das Platinmohr als schwarzes Pulver zu Boden fllt, oder
  indem man Zink mit Platin zusammenschmilzt und die Legirung mit
  verdnnter Schwefelsure behandelt. Der Platinmohr besitzt die
  Eigenschaft, Sauerstoff zu absorbiren in noch hherem Grade als der
  Platinschwamm, er dient zur Erzeugung von Essig aus Alkohol. Das
  =gehmmerte Platin= kann durch Austreiben oder auch durch Schmelzen und
  Giessen verarbeitet werden. Um seine Verarbeitung haben sich in neuerer
  Zeit =Heraeus= in Hanau, ferner die Pariser Firmen Gebr. =Chapuis,
  Desmoutis u. Quennessen, Godart u. Labordenave=, endlich und vor Allen
  =Matthey= in London hchst verdient gemacht. Es dient zur Anfertigung
  vieler chemischer und technischer Apparate, die durch hohe Temperatur
  und die meisten Agentien nicht angegriffen werden, nichtsdestoweniger
  aber mit der grssten Vorsicht zu behandeln und namentlich vor der
  Berhrung mit tzenden Alkalien, schmelzendem Salpeter, freiem Chlor
  (Knigswasser), Schwefel (Schwefellebern), Phosphor, geschmolzenen
  Metallen und leicht reducirbaren Metalloxyden zu hten sind. Man
  fertigt aus dem Platin Bleche, Drhte, Tiegel, Lffel, Lthrohrspitzen,
  Blitzableiterspitzen, Retorten, Zangen, Kessel fr Affinirwerksttten
  und Schwefelsurefabriken[17]; man benutzt es ferner zur Construction
  galvanischer Elemente, zu Senflffeln, zu Galanteriewaaren, Uhrketten,
  Dosen, zu Glhlampen und zum Ueberziehen von Kupferschalen, Porcellan,
  Steingut und Glas. In der neueren Zeit hat man das Platin auch in der
  Porcellanmalerei zur Hervorrufung eines grauen Tones angewendet. In
  Russland hat man seit dem Jahre 1828 Platin zu Mnzen und zwar zu
  Drei-, Sechs- und Zwlfrubelstcken ausgeprgt; nach der Ukase vom 22.
  Juni 1845 ist aber die Ausprgung von Platinmnzen (die im Ganzen
  14,250 Kilogr. ausmachte) eingestellt, und sind die umlaufenden
  zurckgezogen worden. In Frankreich fertigt man gegenwrtig aus Platin
  Denkmnzen und Preismedaillen. (Die erste Platinmnze wurde in Paris
  1799 durch den Graveur =Duvivier= geprgt. Sie trug das Bildniss des
  Ersten Consuls. Im Jahre 1788 ward Ludwig XVI. eine Taschenuhr
  berreicht, in welcher die Axe und die Zhne des Steigrades aus Platin
  gefertigt waren.) Platindrahtgewebe werden, durch eine
  Wasserstoffgasflamme glhend gemacht, als Leuchtmittel (Platingas)
  benutzt. Nach =Kraut= enthlt mancher Platindraht Barium oder eine
  Bariumverbindung.

  [17] Ein Concentrirkessel fr Schwefelsure (von =Matthey=) zur
       tglichen Concentration von 8 Tonnen (= 160 Ctr.) Schwefelsure
       kostet bei =Johnson, Matthey u. Co.= 62,500 Frcs; ein Kessel fr 5
       Tonnen (= 100 Ctr.) 41,000 Frcs. Das zu letzterem Kessel
       erforderliche Platin hat einen Metallwerth von 27,500 Frcs.

[Sidenote: Platinlegirungen.]

  Das Platin schmilzt leicht mit den meisten Metallen zusammen. Wichtig
  ist eine von =Deville= dargestellte Legirung aus 78,7 Th. Platin und
  21,3 Th. Iridium, welche fast nicht von Knigswasser angegriffen wird
  und zugleich hart und hmmerbar ist. Legirungen mit 10-15 Proc. Iridium
  widerstehen den Reagentien und dem Feuer weit besser als Platin, sie
  sind strengflssiger als letzteres, dabei hrter und daher die aus
  ihnen gefertigten Gefsse nicht so leicht aus der Form zu bringen. Auch
  eine Legirung von 92 Th. Platin, 5 Th. Iridium und 3 Th. Rhodium
  widersteht den Agentien besser als Platin (nach =Chapuis=). Eine dem
  Gold in Bezug auf Farbe, Glanz und Dauer hnliche Legirung besteht nach
  =Bolzani= aus 3 Th. Platin und 13 Th. Kupfer. Eine Legirung von Platin
  mit Gold zu chemischen Gerthen verarbeitet, soll nach =Percy= der
  Einwirkung der Alkalien vortrefflich widerstehen. Mit Stahl nach
  gleichen Gewichtsverhltnissen versetzt, bildet das Platin eine
  Legirung, die als Spiegelmetall von keiner anderen Legirung bertroffen
  wird; ihre Farbe ist weiss und ihr spec. Gewicht 9,862.

[Sidenote: Elaylplatinchlorr.]

  Das =Elaylplatinchlorr= (PtC_{2}H_{3}Cl_{2}) wird erhalten, indem man
  Platinchlorid in Weingeist auflst, die Lsung im Wasserbade verdampft
  und das Auflsen und Abdampfen mehrmals wiederholt. Wenn man in die
  sehr verdnnte Lsung des Abdampfungsrckstandes Gegenstnde aus Glas
  oder Porcellan taucht und dieselben sodann ber der Lampe erhitzt, so
  erhalten sie einen spiegelnden Ueberzug von metallischem Platin. Eine
  hnliche Substanz wendet man zur Erzeugung von Platinlster in der
  Decoration von Porcellangegenstnden an.


                               Das Silber.

                   (Ag = 108; spec. Gew. = 10,5-10,7.)

[Sidenote: Silber. Vorkommen desselben.]

Das Silber kommt in der Natur ziemlich hufig, und zwar theils gediegen
(meist goldhaltig), theils mit Arsen, Antimon, Tellur und Quecksilber
verbunden, theils als Schwefelmetall mit anderen Sulfureten vereinigt,
selten als Oxyd an Suren gebunden vor. Die am hufigsten vorkommenden
Silbererze sind: Das =Silberglaserz= oder der =Silberglanz=, Silbergehalt
84-86 Proc. (Ag_{2}S), das =Dunkel-Rothgltigerz=, Silbergehalt 58-59
Proc. (3Ag_{2}S + Sb_{2}S_{3}), das =lichte Rothgltigerz=, Silbergehalt
64-64,5 Proc. (3Ag_{2}S + As_{2}S_{3}), der =Miargyrit= (Ag_{2}S +
Sb_{2}S_{3}), das =Sprdglaserz= (6Ag_{2}S + Sb_{2}S_{3}), Silbergehalt
67-68 Proc., der =Polybasit= [(Ag_{2}S, Cu_{2}S)_{9}, Sb_{2}S_{3}],
Silbergehalt 64-72,69 Proc., und das =Weissgltigerz= [(FeS, ZnS,
Cu_{2}S)_{4}, Sb_{2}S_{3} + (PbS, AgS)_{4}, Sb_{2}S_{3}], Silbergehalt
30-32,69 Proc. Ausserdem findet sich das Silber sehr hufig im
=Bleiglanz=, dessen Silbergehalt gewhnlich zwischen 0,01-0,03 Proc.
schwankt, zuweilen 0,5, selten 1,0 Proc. erreicht, in den =Kupfererzen=:
Kupferglanz, Kupferkies und Buntkupfererz mit 0,020-1,101 Proc.
Silbergehalt, in den =Fahlerzen= (vergl. S. 44), in den =Zinkerzen=:
Zinkblende und Galmei u. s. w.

[Sidenote: Gewinnung des Silbers.]

Das httenmnnische Verfahren der Darstellung des Silbers kann geschehen:

   I. auf nassem Wege:

    1) mittelst Quecksilber
      a) europische  }
      b) amerikanische} Amalgamation;

    2) mittelst Auflsung und Fllung:
      a) Augustin's Methode,
      b) Ziervogel's Methode,
      c) sonstige Methoden.

  II. auf trockenem Wege:

    1) Gewinnung von silberhaltigem Blei;

    2) Abscheidung des Silbers aus silberhaltigem Blei:
      a) Abtreiben auf dem Treibherde,
      b) Concentriren des Silbers im Werkblei (Pattinsoniren),
      c) Entsilberung des Werkbleies durch Zink,
      d) Feinmachen des Blicksilbers.

[Sidenote: Durch Ausschmelzung.]

1) Das =Ausschmelzen des Silbers= aus den Erzen findet nur selten statt
und kann nur mit Erzen vorgenommen werden, die sehr reich an gediegenem
Silber sind.

[Sidenote: Durch Ausziehen des Silbers mittelst Amalgamation.]

[Sidenote: Europische Amalgamation.]

2) =Die Gewinnung des Silbers durch Quecksilber= oder der
=Amalgamationsprocess= wird nur bei sehr silberarmen Erzen (aber auch bei
silberhaltigem Kupferstein, bei Speise etc.) angewendet, die ungefhr 100
bis 120 Grm. im Zollcentner enthalten. Das in =Europa= gebruchlich
gewesene Verfahren[18] ist folgendes, welches in vier Hauptoperationen:
1) in das Rsten, 2) in das Amalgamiren, 3) in die mechanische Scheidung
des Silberamalgams vom berschssigen Quecksilber und 4) in die
Verflchtigung des Quecksilbers aus dem Silberamalgam zerfllt. Man setzt
zu den zu amalgamirenden Erzen 10 Proc. Kochsalz und rstet das Gemenge,
um Antimon und Arsen zu verflchtigen, welche im oxydirten Zustande in
besonderen Rumen aufgefangen werden. Durch die gegenseitige Einwirkung
des Kochsalzes und gersteten Schwefelkieses, aus welchem durch das
Rsten schwefelsaures Eisenoxyd geworden, entstehen schwefelsaures
Natrium, Eisenchlorid und entweichende schweflige Sure. Das Eisenchlorid
giebt sein Chlor an das Silber ab und bleibt als Eisenoxyd zurck. Ferner
haben sich gebildet schwefelsaures Kupferoxyd, schwefelsaures Eisenoxyd,
welche den noch unvernderten Theil des Schwefelsilbers zu schwefelsaurem
Silberoxyd oxydiren, whrend sie selbst zu Oxydulsalzen reducirt werden.
Durch die Einwirkung des noch unvernderten Kochsalzes bildet sich
Chlorsilber und schwefelsaures Natrium. Die brigen vorhandenen Metalle
werden ebenso wie das Silber in Chlormetalle verwandelt. Die braune Masse
wird nach beendigtem Rsten gemahlen und auf die =Amalgamirfsser=
gebracht, in denen sie mit Wasser, Eisenstckchen und Quecksilber gemengt
16-18 Stunden lang herumgedreht wird, indem die Fsser in jeder Minute
sich 20-22 Mal um ihre Axe drehen. Durch das Eisen werden alle
vorhandenen Metalle regulinisch ausgeschieden, whrend sich das frei
gewordene Chlor mit dem Eisen zu Eisenchlorr verbindet. Die reducirten
Metalle verbinden sich mit dem Quecksilber zu =Amalgam=.

  [18] In Freiberg trat 1858 die nasse Silbergewinnung durch Auslaugen
       nach =Augustin= an die Stelle der bis dahin blichen Amalgamation.

  Zur Verdeutlichung des Wesens des Amalgamationsverfahrens nehmen wir
  an, es solle aus einem Silbererz, bestehend aus:

            (Cu_{2}S, AgS, FeS) + (As_{2}S_{3}, Sb_{2}S_{3})

  nach dieser Methode das Silber ausgeschieden werden[19]. Nach dem
  Rsten (das bei dem vorliegenden Beispiele in Aufnahme von 30 Mol.
  Sauerstoff besteht) mit Kochsalz (ClNa) haben sich folgende Krper
  gebildet:

  [(Cu_{2}Cl_{2}, AgCl, FeCl_{2}) + 3Na_{2}SO_{4}] +
            zurckbleibende Krper  [As_{2}O_{3} + Sb_{2}O_{3} + 6SO_{2}]
                                         sich verflchtigende Krper.

  In den Amalgamirfssern verwandeln sich unter Mitwirkung des Eisens,
  Quecksilbers und Wassers die zurckbleibenden Krper in:

      (Cu_{2}Cl_{2}, AgCl, FeCl_{2}) + 3Na_{2}SO_{4} + 3Fe + nHg =
               3Na_{2}SO_{4}+ (Cu, Ag, nHg) + 4FeCl_{2}).
                                 Amalgam.

  [19] Bei diesem Beispiele ist auf die zugleich sich bildenden
       flchtigen Chlorverbindungen (Chlorschwefel, Arsenchlorid,
       Antimonchlorid etc.) keine Rcksicht genommen worden. Wer
       ausfhrliche Belehrung ber den Vorgang bei der obigen Rstung
       sucht, den verweise ich auf das Werk von =B. Kerl=, Metallurg.
       Httenkunde, 1861: Bd. I. pag. 65; 1865: Bd. III. 1. Abtheil. p.
       217.

[Illustration: Fig. 54.]

Nach beendigtem Rotiren sammelt sich das Amalgam am unteren Theile der
Fsser an und wird durch den nach unten gerichteten Spund abgelassen. Das
ablaufende Amalgam fliesst durch einen zwillichen Sack in steinerne
Trge, das Silberamalgam concentrirt sich in dem Sacke, whrend das
flssige Quecksilber abluft. =Zur Trennung des berschssigen
Quecksilbers vom Silberamalgam= wird der Sack darauf zugeschnrt und
zwischen Brettern ausgepresst. Das in dem Sacke zurckbleibende feste
Amalgam[20] wird zum Ausglhen auf eiserne Teller _b b_ (Fig. 54)
gebracht, welche in der Mitte einen hohlen Dorn haben, sodass ein Teller
auf den anderen gesetzt werden kann. Der unterste Teller _b_ ist auf
einer eisernen Stange _c_ befestigt, die in der Mitte eines mit Wasser
angefllten Kastens _d_ steht, das Ganze wird mit einer eisernen Glocke
_e_ bedeckt, sodass der innere Raum luftdicht abgesperrt ist. Durch ein
ausserhalb der Glocke befindliches Kohlenfeuer wird das Quecksilber aus
dem Amalgam dampffrmig ausgetrieben, das, keinen Ausweg findend, in dem
Wasser des Kastens _d_ sich condensirt. Das Silber bleibt nebst den
anderen in dem Amalgam enthaltenen Metallen auf den eisernen Tellern
zurck. Durch die Vorrichtung _g_ kann die Glocke aufgezogen und
niedergelassen werden. Es heisst in diesem Zustande =Tellersilber=
(Anquicksilber, Amalgamirmetall)[21]. Jetzt benutzt man gewhnlich zur
Trennung des Silbers vom Quecksilber einen Apparat, welcher aus einer
weiten gusseisernen, in einem Ofen befindlichen Rhre besteht, an deren
einem Ende eine rechtwinkelig nach abwrts gebogene Rhre befestigt ist,
whrend sie an dem anderen Ende luftdicht verschliessbar ist und mit dem
Amalgam beschickt wird. Das nach abwrts gebogene Rohr fhrt unter
Wasser, in welchem sich das condensirte Quecksilber absetzt. In der
neueren Zeit hat man die Benutzung gespannter Wasserdmpfe zur
Destillation des Quecksilbers aus dem Amalgam empfohlen. Um es von dem
grssten Theile der fremden Metalle zu befreien, wird das Tellersilber in
Graphittiegeln, mit Kohlenpulver bestreut, noch einmal umgeschmolzen.
Selbst nach dem Umschmelzen (=Raffinatsilber=) enthlt es aber noch 3-5
Loth Kupfer auf die Mark, von welchem es durch =Abtreiben= oder durch
Affiniren befreit wird.

  [20] Das feste Silberamalgam besteht nach =Kersten= aus

                           Silber        11,0
                           Quecksilber   84,2
                           Kupfer         3,5
                           Blei           0,1
                           Zink           0,2

  [21] Freiberger Tellersilber bestand nach =Lampadius= aus

                           Silber        75,0
                           Quecksilber    0,7
                           Kupfer        21,2
                           Blei           1,5

       Freiberger Raffinatsilber nach =Plattner= aus

                           Silber       71,55
                           Kupfer       28,01

[Sidenote: Amerikanische Amalgamation.]

  Die =amerikanische Amalgamation= ist in Mexico, Peru und Chile blich.
  Die zur Amalgamation bestimmten Silbererze, hauptschlich
  Rothgltigerz, Fahlerz, seltener Chlorsilber und gediegen Silber,
  werden trocken gepocht, ohne vorher gewaschen zu werden, und nachher
  mit Wasser gemahlen, bis sie einen hohen Grad von Feinheit erlangt
  haben, was zum Gelingen der Operation unerlsslich ist. Das gepochte
  Erz wird in die Erzmhlen gebracht, unter deren Steinen aus Porphyr
  oder Basalt das Mahlen vor sich geht. 6-8 Ctr. Erz brauchen dazu 24
  Stunden; die Arbeiter befeuchten das Erz von Zeit zu Zeit, damit es die
  Consistenz eines dnnflssigen Schlammes habe. Der Brei gelangt nun auf
  einen mit Steinplatten ausgelegten Hofraum, der etwas abschssig ist,
  damit das Regenwasser abfliessen kann. Nach einigen Tagen setzt man
  =Magistral=, d. i. gersteten und feingeriebenen =Kupferkies=
  (FeCuS_{2}) hinzu in der Menge von 1/2-3 Proc., lsst auch diesen durch
  Treten einkneten und setzt sodann nach und nach Quecksilber hinzu,
  ungefhr das Sechsfache von dem in dem Erz befindlichen Silber (die
  =Incorporation=). Das Durchtreten wird einen Tag um den andern 2-5
  Monate lang wiederholt, bis die Entsilberung beendigt zu sein scheint,
  darauf wird der Quickbrei in ausgemauerten Cisternen verwaschen, um das
  Amalgam zu scheiden, welches durch Pressen in Zwillichscken vom
  berschssigen Quecksilber befreit und destillirt wird. Die Theorie der
  Amalgamation ist folgende: Der Kupferkies wird durch das Rsten in
  schwefelsaures Kupferoxyd und schwefelsaures Eisenoxyd bergefhrt,
  welche beiden Salze sich mit dem Kochsalze zu Kupfer- und Eisenchlorid
  und schwefelsaurem Natrium umsetzen. Diese beiden Chloride wirken nun
  auf das vorhandene metallische Silber und bilden Chlorsilber, whrend
  sie selbst zu Chlorren reducirt werden, whrend das beim
  Verwitterungsprocesse gebildete schwefelsaure Silberoxyd direct mit dem
  Kochsalze sich umsetzt. Zugleich findet auch eine chlorende Einwirkung
  des Kupfer- und Eisenchlorides auf das Schwefelsilber, sowie auf die
  brigen Schwefelmetalle statt. Das Chlorsilber wird vom Kochsalze
  aufgelst und das Silber aus dieser Lsung durch das Quecksilber
  ausgeschieden, welches letztere in Quecksilberchlorr bergeht. Das
  reducirte Silber wird von nicht verndertem Quecksilber aufgenommen.
  Die amerikanische Amalgamation ist mit grossem Zeitaufwande und enormem
  Quecksilberverluste (da fr jedes Molekl Silber, welches aus dem
  Chlorsilber reducirt wird, 1 Molekl Quecksilberchlorr (Hg_{2}Cl_{2})
  sich bildet) verbunden, dagegen kann man nach dieser Methode ohne
  Brennmaterial und mit geringer Arbeit Erze behandeln, welche so arm
  sind, dass die meisten anderen Methoden nicht anwendbar sein wrden.

[Sidenote: Augustin's Methode der Silbergewinnung.]

Die lteste hydrometallurgische Silbergewinnungsmethode ist die von
=Augustin= -- die sogenannte =Kochsalzlaugerei= --; dieselbe grndet sich
auf die Bildung eines leicht lslichen Doppelchlorrs, wenn Chlorsilber
mit einer berschssigen concentrirten Lsung von Kochsalz in der Wrme
zusammengebracht wird, und auf die Fhigkeit des Kupfers, aus der
concentrirten Lsung dieser Verbindung das Silber vollstndig
abzuscheiden. Die durch Pochen und Mahlen in ein Mehlpulver verwandelten,
wesentlich aus Schwefelkupfer, Schwefelsilber und Schwefeleisen
bestehenden Kupfersteine werden zuerst =ohne Kochsalz gerstet=, dadurch
bildet sich zuerst Eisensulfat, dann Kupfersulfat und zuletzt bei hherer
Temperatur Silbersulfat, wobei schon alles Eisensulfat und ein grosser
Theil des Kupfersulfats bereits zersetzt ist, sodass das Rstgut nach
Beendigung des Vorrstens aus Eisenoxyd, Kupferoxyd, kleinen Mengen von
Kupfersulfat besteht. Darauf wird durch fortgesetztes =Rsten mit
Kochsalz= das Silbersulfat in Chlorsilber bergefhrt. Das Rstgut wird
mit heisser concentrirter Kochsalzlsung ausgezogen, wobei das
Chlorsilber gelst wird. Aus der Flssigkeit scheidet man durch
metallisches Kupfer das =Silber= und aus der sich bildenden
kupferchlorrhaltigen Lauge das Kupfer durch Eisen ab.

[Sidenote: Ziervogel's Methode der Silbergewinnung.]

Die =Ziervogel='sche =Silberextractionsmethode= oder die =Wasserlaugerei=
geht anfangs denselben Weg wie die Methode =Augustin='s, trennt sich von
derselben aber insofern, als beim Rsten =kein= Kochsalz zugegeben wird.
Das Rstgut, wesentlich aus Silbersulfat, wenig Kupfersulfat, viel
Kupferoxyd und Eisenoxyd bestehend, wird mit heissem Wasser ausgezogen,
welches das Silber- und das Kupfersulfat auflst. Aus dieser Lsung wird
das Silber durch metallisches Kupfer niedergeschlagen und als
Nebenprodukt Kupfersulfat erhalten. Im Mansfeld'schen wendet man die
Methode =Ziervogel='s schon seit mehreren Jahren zur Entsilberung der
Kupfersteine an; sie ist weniger complicirt und erfordert, weil das
Auslaugen schneller von statten geht, weniger Rstkosten und Arbeitslohn,
als das Verfahren von =Augustin=, dagegen ist die Rstoperation
schwieriger auszufhren, es werden reichere Steine erfordert und in der
Regel bleiben reichere Rckstnde. Bei Gegenwart von Arsen und Antimon
ist =Ziervogel='s Verfahren nicht anwendbar, weil sich beim Rsten
Silberarseniat und Silberantimoniat bilden, die in Wasser unlslich sind.
Ein Bleigehalt verursacht dagegen leicht Sinterungen, wodurch die Rstung
erschwert wird.

[Sidenote: Andere Methoden der hydrometallurgischen Silbergewinnung.]

  =Silberextraction mittelst unterschwefligsauren Natriums und
  Chlornatriums.= Nach v. =Hauer='s Vorschlag rstet man die Erze wie
  nach der europischen Amalgamation mit Kochsalz, um das Silber in
  Chlorsilber zu verwandeln, und lst letzteres in einer Lsung von
  Natriumdithionit (Natriumhyposulfit) auf. Aus der Lsung wird das
  Silber durch Kupfer oder Zinn niedergeschlagen. Auch =Patera= schlgt,
  veranlasst durch die Unbequemlichkeit, mit welcher die Anwendung einer
  heissen concentrirten Kochsalzlsung zur Silberextraction nach
  =Augustin='s Verfahren verknpft ist, ebenfalls Natriumdithionit vor.
  Aehnliche Vorschlge sind auch von =Percy= gemacht worden, welcher
  ausserdem auf die Anwendbarkeit des Chlorkalkes und Chlors zur
  Umwandlung des Silbers in Chlorsilber aufmerksam macht. Schon von
  =Rivero= und =Gmelin= wurde vorgeschlagen, die Silbererze nach dem
  Rsten mit Kochsalz mit Ammoniakflssigkeit zu digeriren, aus der
  ammoniakalischen Flssigkeit das Chlorsilber durch Schwefelsure zu
  fllen und durch Schmelzen mit einem Flussmittel zu reduciren.
  Erwhnenswerth ist auch die sogenannte =Schwefelsurelaugerei=, bei
  welcher silberhaltige Kupfersteine oder auch Schwarzkupfer mit heisser
  verdnnter Schwefelsure behandelt wird, wobei Kupfersulfat in Lsung
  geht, das Silber aber im Rckstande bleibt, welcher durch Verbleien
  entsilbert wird.

[Sidenote: Silbergewinnung auf trockenem Wege.]

  Die =Extraction des Silbers= aus seinen Erzen =mittelst Blei= beruht:

  1) Auf der Eigenschaft des Bleies, Schwefelsilber unter Bildung von
  Schwefelblei und Abscheidung von metallischem Silber zu zersetzen:


                     Ag_{2}S } geben {  Ag_{2}Pb_{n}
                     nPb     }       {  PbS

  Andere dem Silber beigemengte Schwefelmetalle, besonders Schwefelkupfer
  und Schwefeleisen, werden vom Blei weniger zersetzt. Die Produkte der
  Schmelzung sind =silberhaltiges Blei und silberfreier Stein=, aus
  Schwefelblei, Schwefelkupfer und Schwefeleisen bestehend. Die
  Ausziehung des Silbers durch Blei erfolgt um so vollstndiger, je
  kupferrmer die Erze sind.

  2) Auf der zersetzenden Einwirkung von Bleioxyd und schwefelsaurem
  Bleioxyd auf Schwefelsilber, in deren Folge silberhaltiges Blei und
  schweflige Sure sich bilden:

      Ag_{2}S } geben { Pb_{2}Ag_{2} und Ag_{2}S  } geben { PbAg
      2PbO    }       { SO_{2}           PbSO_{4} }       { 2SO_{2}

  3) Auf der reducirenden Einwirkung von Blei auf Silberoxyd oder auf
  schwefelsaures Silberoxyd:


       2Pb     } geben { PbO      und 3Pb          } geben } PbAg
       Ag_{2}O }       { Ag_{2}Pb     Ag_{2}SO_{4} }       } 2PbO
                                                           } 2SO_{2}

  4) Auf der grsseren Verwandtschaft des Silbers zum Blei als zum
  Kupfer. Wird silberhaltiges Kupfer mit Blei zusammengeschmolzen, so
  entsteht ein Gemenge von leichtflssigem silberhaltigem Blei und einer
  schwer schmelzbaren Legirung von Kupfer und Blei. Ersteres kann von
  letzterem durch Aussaigerung getrennt werden.

[Sidenote: Gewinnung von silberhaltigem Blei (Werkblei).]

Der Bleiarbeit werden =eigentliche Silbererze=, welche gerstete kiesige
Erze, silberhaltige Kupfer- und Bleierze in gerstetem oder ungerstetem
Zustande, gersteter silberhaltiger Scherbenkobalt u. s. w. unterworfen.
Das Wesentliche der Bleiarbeit besteht darin, dass man die zu
entsilbernden Substanzen mit geschmolzenem Blei behandelt. Es resultirt
ebenso wie beim Zugutemachen von silberhaltigem Bleiglanz (vgl. Seite 63)
=silberhaltiges Werkblei=.

Die Entsilberung des Werkbleies kann geschehen

  1) auf dem Treibherde,
  2) durch das Pattinsoniren,
  3) vermittelst Zink.

[Sidenote: Die Treibarbeit.]

[Illustration: Fig. 55.]

Das =Treiben= (oder Abtreiben) auf =Treibherden= wird mit dem
silberhaltigen Blei sowol auf den Silberhttenwerken, als auf den
Bleihttenwerken vorgenommen. Es beruht darauf, dass das oxydirbare Blei
von den nicht oder nur schwer oxydirbaren Metallen, mit denen es gemischt
ist, durch einfache oxydirende Schmelzung abgeschieden wird, indem man
dafr sorgt, dass das entstehende Bleioxyd theils abgezogen wird, theils
in die Poren des Treibherdes sich einzieht. Die dadurch sich stets
erneuernde Oberflche des Metallbades wird so lange oxydirt, als die
Metalllegirung noch Blei enthlt, bis zuletzt das Silber im reinen
Zustande zurckbleibt. Der Treibherd ist ein runder Geblse-Flammenofen
mit einer angebauten Feuerung _F_ (Fig. 55); der Herd _A_ ist mit einer
aus Blech gefertigten und inwendig mit feuerfestem Thon ausgeschlagenen
Haube _B_ bedeckt, welche durch die Vorrichtung _D_ aufgehoben und
niedergelassen werden kann. Der Herd wird aus ausgelaugter Asche oder
besser aus Kalkmergel geschlagen, in der Mitte befindet sich eine
Vertiefung _c_ zum Ansammeln des Silbers, _b_ ist der Feuerraum. In dem
aus Bruchsteinen bestehenden, den Herd einschliessenden Raum, dem
Ofenkranz, befindet sich 1) das =Glttloch=, welches mit Herdmasse
whrend der Arbeit so weit geschlossen gehalten wird, dass sich dasselbe
mit der oberen Flche des im Treibofen eingeschmolzenen Werkbleies im
Niveau befindet, sodass die ber dem Metall sich bildende Gltte
abfliessen kann. Sobald die Menge des Werkbleies abnimmt, wird der
Herdmasse im Glttloch durch Auskratzen derselben ein niedriges Niveau
gegeben; diese rinnenfrmige Vertiefung heisst die =Glttgasse=; 2) das
=Blechloch= (Schrloch) _P_, in der Regel gegenber der Feuerbrcke,
dient zum Eintragen der Herdmasse und der Werke; 3) die =Formen= des
Geblses _a_ und _a'_.

  Die Treibarbeit wird bei gesteigerter Temperatur so lange fortgesetzt,
  bis sich das auf dem Herde zurckgebliebene Silber nur noch mit einer
  dnnen Schicht von Bleigltte berzieht, die ebenso schnell zu
  verschwinden scheint, als sie entsteht. Das Entstehen und Verschwinden
  des Hutchens giebt sich durch ein Farbenspiel, das =Blicken des
  Silbers=, zu erkennen. Sobald diese Erscheinung wahrgenommen wird, hrt
  man mit dem Feuern auf, khlt das =Blicksilber= durch Besprengen mit
  Wasser und hebt es aus dem Ofen. Das abfliessende flssige Bleioxyd
  erstarrt beim Erkalten zu einer blttrig krystallinischen Masse von
  gelber oder rthlich gelber Farbe, =Bleigltte= (vergl. Seite 65).

[Sidenote: Das Pattinsoniren.]

Das =Pattinsoniren=. Der Treibprocess ist bei einem sehr geringen
Silbergehalte des Bleies nicht mehr lohnend. Es gilt im Allgemeinen als
Regel, dass Werkblei mit einem geringeren Silbergehalt als 0,12 Proc.
nicht mehr vertrieben werden kann. Der Umstand nun, dass viele Bleiglanze
Englands ein Werkblei geben, welches nur 0,03-0,05 Proc. Silber enthlt,
mithin nicht treibwrdig ist, bewog 1833 =Pattinson= in Newcastle,
Versuche ber neue Trennungsmethoden anzustellen, welche ihn zur
Entdeckung des nach ihm genannten Krystallisirprocesses fhrten, durch
welchen es mglich geworden ist, den Silbergehalt armer Bleie (bis herab
zu 0,009 Proc. Silber) so weit zu concentriren, dass neben hchst
silberarmem Kaufblei treibwrdige Werke erfolgen. Indessen wendet man das
Verfahren auch als Concentrationsarbeit bei schon treibwrdigem Blei an.

  Das Pattinsoniren, so wie es gegenwrtig (so zu Stolberg bei Aachen, an
  der Lahn, in Schlesien, am Oberharz etc.) ausgefhrt wird, grndet sich
  auf die Erscheinung, dass, wenn man eine hinreichende Menge von
  silberhaltigem Blei in einem eisernen Kessel einschmilzt und die
  flssige Masse gleichmssig sich abkhlen lsst, in derselben sich
  kleine Krystalle (Octader, an ihren Enden verwachsen) bilden, deren
  Menge fortwhrend zunimmt. Werden diese Krystalle mit Hlfe eines
  durchlcherten Lffels herausgeschpft und untersucht, so findet man,
  dass sie weit rmer an Silber sind als die ursprngliche Legirung,
  whrend in dem flssig gebliebenen Theile das Silber sich concentrirt
  hat. Schmilzt man diese Krystalle und verfhrt auf gleiche Art, so
  bilden sich von Neuem Krystalle, die abermals silberrmer sind als die
  frheren. Die ersten Anschsse sind die silberrmsten, die spteren
  werden immer silberreicher. Das einer Reihe derartiger Separationen
  unterworfene Blei ist nach Beendigung der Arbeit in einen kleinen und
  reichen Theil, =Reichblei= (mit 0,5-1,5 Proc. Silber) und einen
  grssern, sehr silberarmen Theil, =Armblei= (mit 0,001 bis 0,003
  Procent Silber) getrennt worden. Als Grenze, bis zu welcher die
  Anreicherung des Silbers im Blei durch des Pattinsoniren fortgesetzt
  werden kann, sind 2,5 Proc. Silber im Blei anzunehmen.

  Die Grenze, bis zu der man in den Pattinsoniranstalten bei den
  einzelnen Krystallisationen mit dem Ausschpfen der Krystalle zu gehen
  pflegt, ist verschieden; am gebruchlichsten ist das =Drittel=- und das
  =Achtelsystem=. Bei ersterem schpft man bei jeder Krystallisation 2/3,
  bei letzterem 7/8 des Kesselinhaltes dem Volumen nach an Krystallen
  aus, sodass resp. 1/3 und 1/8 flssiges Blei (Mutterlauge)
  zurckbleibt. Die erstere verlangt eine grssere Anzahl von Arbeitern
  und von Kesseln und ist bei silberreicherem Blei am Platze, das
  Achtelsystem dagegen eignet sich besser fr sehr armes Blei. In neuerer
  Zeit hat =Boudchen= eine Modification des Pattinsonirens eingefhrt,
  welche darin besteht, dass man die Bleikrystalle nicht ausschpft,
  sondern sie in dem Bade lst und in demselben in Bewegung erhlt, damit
  sie nicht zusammenwachsen und silberhaltiges Blei einschliessen, und
  dass man zuletzt das angereicherte flssige Blei am Boden des Kessels
  abzieht. In allen Fllen arbeitet man mit grossen Massen (200 Ctr.)
  damit der Zeitraum des Abkhlens mglichst gross sei. Das Reichblei
  wird abgetrieben (auf der Friedrichshtte bei Tarnowitz geben 100 Th.
  Reichblei beim Abtreiben 1,28 Th. Silber).

[Sidenote: Entsilberung des Werkbleies mittelst Zink.]

Die Entsilberung des Werkbleies =durch Zink= ist im Jahre 1850 von
=Parkes= in Vorschlag gebracht, in jngster Zeit aber erst durch
=Corduri= (in Toulouse) u. A. ausgebildet und in die Praxis eingefhrt
worden. Diese Methode, die nach dem gegenwrtigen Standpunkte zu
urtheilen (Mai 1870), das Pattinsoniren vollstndig verdrngen wird,
grndet sich darauf, dass 1) Blei und Zink mit einander keine Legirung
bilden; 2) die Verwandtschaft des Silbers zum Zink grsser ist als die
zum Blei.

  Man trgt in einen eisernen Kessel 20 Ctr. Werkblei ein,[22] versetzt
  diese nach dem Schmelzen mit 1 Ctr. geschmolzenem Zink und lsst es
  nach gehrigem Umrhren so lange stehen, bis das Zink an der Oberflche
  zu einem Kuchen erstarrt, den man vom Bleiherd abhebt. Das Zink wird
  (nach dem lteren Verfahren) von dem Silber durch Destillation
  geschieden. Nach Beendigung der Destillation nimmt man die Rckstnde
  heraus und treibt, nachdem man etwas Blei hinzugefgt hat, wie
  gewhnlich auf dem Treibherde ab. Das condensirte Zink dient zur
  Entsilberung neuer Quantitten Blei. Nach dem neuen (von =Corduri=
  eingefhrten) Verfahren oxydirt man, zum Zweck der Trennung des Silbers
  vom Zink letzteres im glhenden Zustande durch berhitzten Wasserdampf
  (Zn + H_{2}O = ZnO + H_{2}). -- Das bei der Entsilberung des Werkbleies
  durch Zink zurckbleibende zinkhaltige Werkblei wird durch Erhitzen mit
  Chlorblei oder einer Mischung von Bleisulfat und Chlornatrium (oder
  Stassfurter Chlorkalium) entzinkt, wobei sich Chlorzink bildet (Zn +
  PbCl_{2} = ZnCl_{2} + Pb).

  [22] Auf dem Httenwerke zu Call in der Eifel enthlt das Werkblei
       durchschnittlich 0,25 Kil. Silber in 1000 Kilogr.

[Sidenote: Feinbrennen des Blicksilbers.]

  =Feinbrennen des Blicksilbers.= Das unmittelbar aus den Erzen gewonnene
  Silber, mag es nun durch Amalgamation oder durch Bleiarbeit, oder
  endlich durch Niederschlagen aus seiner Lsung durch metallisches
  Kupfer dargestellt worden sein, ist niemals rein, sondern enthlt immer
  noch mehrere Procente anderer Metalle. Auch bei der Treibarbeit wird
  der Process nie so lange fortgesetzt, bis alle fremden Metalle
  vollkommen oxydirt wren, und gewhnlich betrgt der Silbergehalt des
  Blicksilbers oft nicht ganz 95 Proc. (in Tarnowitz, wie oben bemerkt,
  nur 93,7 Proc.). Die Reinigung des Silbers von allen Beimischungen
  anderer Metalle durch Oxydation nennt man das =Feinbrennen des
  Silbers=. Enthlt das Silber nur noch Blei oder macht letzteres den
  vorwiegenden Bestandtheil des fremden Metalles aus, so ist das
  Feinbrennen nichts als ein fortgesetzter Treibprocess, welcher aber
  nicht auf den grossen Herden der Treibfen, sondern in einem mehr
  concentrirten Raume vorgenommen wird. Macht dagegen das Blei nicht den
  berwiegenden Bestandtheil der Verunreinigungen aus, so wird erst dem
  Silber durch Schmelzen ein Zusatz von Blei gegeben und darauf erst die
  Oxydation vorgenommen. Stets entstehen beim Feinbrennen kleine
  Quantitten von Bleigltte, welche man aber nicht wie bei dem
  Treibprocess von der Oberflche des Silbers ablaufen, sondern von der
  gewhnlichen Masse (Knochenasche, Mergel) absorbiren lsst, aus welcher
  die Gefsse, deren man sich zum Feinbrennen bedient, gefertigt sind. Im
  Allgemeinen lassen sich drei Arten des Feinbrennens unterscheiden,
  nmlich 1) das Feinbrennen in Testen, Schalen oder eisernen Ringen,
  welche mit Knochenasche ausgefttert sind, vor dem Geblse; 2) das
  Feinbrennen unter der Muffel; 3) das Feinbrennen im Flammenofen.
  Letzteres Verfahren ist das vortheilhafteste und einfachste. 100 Th.
  Blicksilber geben 96,8 Th. =Brandsilber= (mit 99,9 Proc. Silber).

[Sidenote: Silberproduktion.]

  Die jhrliche Produktion an Silber schtzt man (nach Angaben von 1868)
  auf circa 60 Mill. Thaler; von letzterer Summe kommen auf

               Russland                    1,500,000 Thlr.
               Schweden und Norwegen         500,000  "
               Grossbritannien             1,620,000  "
               Preussen mit dem Harz       1,400,000  "
               Sachsen                       920,000  "
               Das brige Deutschland      1,800,000  "
               Oesterreich                    80,000  "
               Frankreich                  2,100,000  "
               Spanien                       425,000  "
               Australien und Oceanien     4,900,000  "
               Chile                       7,600,000  "
               Bolivia                       600,000  "
               Peru                        5,480,000  "
               Ecuador                       240,000  "
               Brasilien                      18,000  "
               Mexiko                     30,000,000  "
               Vereinigte Staaten            600,000  "

[Sidenote: Chemisch reines Silber.]

  =Chemisch reines Silber= erhlt man, indem man kupferhaltiges Silber in
  Salpetersure lst, aus der Lsung das Silber durch Kochsalz oder
  Salzsure fllt und das entstandene Chlorsilber reducirt. Zu diesem
  Zwecke trgt man es in schmelzendes kohlensaures Kali ein oder glht es
  mit Colophonium und Potasche. Auf nassem Wege reducirt man Chlorsilber,
  indem man dasselbe mit Zink und verdnnter Salzsure zusammenbringt
  (2AgCl + Zn + ClH = ZnCl_{2} + Ag_{2} + ClH).

[Sidenote: Eigenschaften des Silbers.]

  Das reine Silber (=Feinsilber=) ist von rein weisser Farbe und von
  starkem Glanz, der durch Politur ausserordentlich erhht wird. Auf dem
  frischen Bruche hat es ein mehr geflossenes und dichtes, als ein
  hakiges Ansehen. Es ist weicher als Kupfer, aber hrter als Gold. Im
  reinen Zustande ist es am weichsten und besitzt einen dumpfen Klang. Es
  ist ausserordentlich dehnbar und geschmeidig und bertrifft in dieser
  Beziehung mit Ausnahme des Goldes alle brigen Metalle. Hchst geringe
  Beimischungen anderer Metalle vermindern die Dehnbarkeit und
  Geschmeidigkeit; ein Kupfergehalt ist dagegen nicht nachtheilig, ein
  Goldgehalt sogar vortheilhaft. Sehr nachtheilig ist dagegen ein Gehalt
  von Blei und Antimon. Durch Schmelzen mit Kohle verliert des Silber an
  Geschmeidigkeit und erhlt bei Bearbeitung unter dem Hammer und
  Walzwerk Risse und Sprnge. Durch das Umschmelzen des Silbers im
  Graphittiegel wird das Silber in seinen Eigenschaften nicht verndert.
  Das spec. Gewicht des Silbers ist ungefhr 10,5 und kann durch Hmmern
  bis auf 10,7 erhht werden. Die absolute Festigkeit des Silbers ist
  geringer als jene des Kupfers. In der Wrme dehnt es sich von 0-100 um
  1/524 aus und schmilzt bei 916 (nach =Deville=). Bei sehr hoher
  Temperatur, die nur durch das Knallgasgeblse, durch Brennspiegel
  oder durch galvanische Batterien hervorgebracht werden kann,
  verflchtigt sich das Silber[23]. Im geschmolzenen Zustande und bei
  Luftzutritt absorbirt das Silber Sauerstoffgas, welches erst bei dem
  Erkalten des Silbers, oft mit Gerusch und unter Umherspritzen von
  flssigem Silber, entweicht (=Spratzen= oder =Sprtzen= des Silbers).
  Enthlt das Silber eine geringe Quantitt Blei oder etwa 1 Proc.
  Kupfer, so erstarrt es ruhig mit concaver Oberflche, indem es nach dem
  Erkalten ein geringeres Volumen einnimmt als im geschmolzenen Zustande.
  Das Silber wird von schwachen Suren nicht angegriffen, von
  Salpetersure aber schon in der Klte, von concentrirter Schwefelsure
  beim Erhitzen gelst.


  [23] =Stass= (in Brssel) hat neuerdings (1869) behufs der Darstellung
       von chemisch reinem Silber durch die Knallgasflamme 50 Grm. Silber
       berdestillirt.

[Sidenote: Legirungen des Silbers.]

Das Silber bildet mit Blei, Zink, Wismuth, Zinn, Kupfer und Gold
Legirungen, von denen die mit Blei fr die Gewinnung des Silbers von
Wichtigkeit ist. Die wichtigste der Legirungen ist aber die mit Kupfer,
weil das reine Silber als zu weich, fast nie, sondern nur mit Kupfer
legirt, verarbeitet wird. Diese Legirungen sind hrter und klingender als
reines Silber. In Deutschland bezeichnete man frher allgemein und
zuweilen gegenwrtig noch den Gehalt dieser Legirungen an reinem Silber
auf die Weise, dass man die =Lothe= angiebt, die in der Mark enthalten
sind. (Eine Mark = 16 Loth; ein Loth = 18 Grn.) Eine =feine Mark= = 16
Loth Feinsilber. Eine =rauhe= oder =beschickte= Mark enthlt Kupfer und
Silber in verschiedenen Verhltnissen; 12lthig heisst z. B. Silber, das
in der Mark auf 4 Loth Kupfer 12 Loth Silber enthlt. In Frankreich und
seit 1870 fast allgemein auch in Deutschland bezeichnet man das
Feinsilber mit 1000/1000 und deutet den Feingehalt der Legirungen durch
Tausendtheile an. Wren die Silbermnzen in allen Staaten gleichmssig
legirt, so wrde der Mnzverkehr ausserordentlich einfach sein, da man
dann den Werth der fremden Mnzsorten in einheimische nur nach dem
Gewicht zu reduciren brauchte. Da dies aber nicht der Fall ist, so wird
durch den =Mnzfuss= eines Landes der Feingehalt (=Korn=) und das Gewicht
(=Schrot=) bestimmt und angegeben, wie viel einer gewissen Art Mnzstcke
aus einer feinen Mark geprgt werden sollen.

[Sidenote: Mnzgewicht.]

  In Deutschland war bis zum Jahre 1857 die =klnische Mark= oder
  =Vereinsmark= (= 233,855 Grm.) das Mnzgewicht. Die feine Mark Silber
  lieferte

    nach dem 14 Thalerfusse 14 Thaler,
     "    "  24-1/2 Guldenfusse 24-1/2 Gulden oder 49 halbe Gulden,
     "    "  20 Guldenfusse 20 Conventionsgulden.

[Sidenote: Neuer Mnzfuss.]

  Nach dem =Wiener Mnzvertrage= vom 24. Januar 1857 gelten in allen
  deutschen und sterreichischen Staaten folgende Bestimmungen: 1) Das
  Pfund (1/2 Kilogr.) dient der Ausmnzung zur Grundlage. 2) Mit
  Festhaltung der reinen Silberwhrung wird die Mnzverfassung der
  betheiligten Staaten in der Art geordnet, dass, je nachdem in denselben
  die Thaler- oder Guldenrechnung eingefhrt ist, entweder der 30
  =Thalerfuss= (an Stelle des frheren 14 Thalerfusses) zu 30 Thalern aus
  dem Pfunde Feinsilber, oder der 45 =Guldenfuss= zu 45 Gulden aus dem
  Pfunde Feinsilber, und der 52-1/2 =Guldenfuss= (an Stelle des frheren
  24-1/2 Guldenfusses) zu 52-1/2 Gulden aus dem Pfunde Feinsilber, als
  Landesmnzfuss gilt. 3) Unter Mnzen der =Thalerwhrung= sind die des
  30 Thalerfusses, der =sterreichischen Whrung= die des 45
  Guldenfusses, der =sddeutschen Whrung= die des 52-1/2 Guldenfusses zu
  verstehen. 4) Der Feingehalt wird nicht mehr wie frher in Lothen,
  sondern wie in Frankreich und England in Tausendtheilen ausgedrckt. 5)
  Das Mischungsverhltniss der Vereinsmnzen ist

                               900 Silber,
                               100 Kupfer.

  Es werden demnach 13-1/2 doppelte oder 27 einfache Vereinsthaler 1 Pfd.
  wiegen[24]. Die Abweichung im Mehr oder Weniger darf im Feingehalte nie
  mehr als drei Tausendtheile, im Gewicht aber bei den einzelnen
  Vereinsthalern nie mehr als vier Tausendtheile seines Gewichtes
  betragen. Die Feinheit kann mithin 0,897 oder 0,903 sein; das Gewicht
  von 30 Vereinsthalern kann 498 oder 502 Grm. (anstatt 500 Grm.)
  ausmachen. 6) Die =Silberscheidemnze= wird nie nach einem leichtem
  Mnzfusse als 34-1/2 Thaler in Thalerwhrung, 51-3/4 Gulden
  sterreichischer Whrung und 60-3/8 Gulden sddeutscher Whrung
  ausgeprgt. (Die preussischen 1/6 Thaler haben einen Silbergehalt von
  0,520, die Silbergroschen von 0,220.)

  [24] Ein Vereinsthaler wiegt somit 18,518 Grm. und enthlt 16,666 Grm.
       Silber.

  In den Lndern des =lateinischen Mnzvereins= (Frankreich, Italien,
  Belgien, Portugal und Schweiz), welchen sich nach der Revolution von
  1868 auch Spanien angeschlossen hat, prgt man aus 1 Kilogr. Silber von
  900/1000 200 Franken (= 222-2/9 Franken aus 1 Kilogr. Feinsilber); die
  1 und 2 Frankenstcke, ebenso auch die 50 und 20 Centimesstcke werden
  seit 1865 nur zu 835/1000 Silbergehalt ausgeprgt. (1 Kilogr. Silber
  von 0,900 = 20 Fnffrankenstcken.) In =England= prgt man aus einem
  Troy-Pound (= 373,248 Grm.) Silber von 925/1000 66 Schilling, aus einem
  Troy-Pound Feinsilber 71-13/37 Schilling.

[Sidenote: Legirung der Silberarbeiter.]

  Was die =Legirung der Silberarbeiter= betrifft, so bestehen in den
  meisten Lndern gesetzliche oder usuelle Legirungsverhltnisse, aus
  welchen die Silberarbeiten gefertigt werden. Silber von dem
  vorgeschriebenen Feingehalt heisst =Probesilber=. Es hlt

           in Bayern[25], Oesterreich 13 Loth -- Grn = 0,812
            " Preussen, Sachsen etc.  12  "   --   "  = 0,750
            " England                 14  "  14,4  "  = 0,925
                                 { a. 15  "   3,6  "  = 0,950
            " Frankreich         { b. 12  "  14,4  "  = 0,800

  [25] Kosten 500 Grm. Feinsilber 52-1/2 fl. s. W., so kosten 500 Grm.
       13lthiges Silber (= 0,812) 42,6 fl. (1/32 Pfd. = 1 Loth davon
       1,31 fl.).

  Seit einiger Zeit findet die sogenannte =Drittel-Silberlegirung=
  (_tiers-argent_), angeblich aus 1/3 Silber und 2/3 Nickel, aber
  factisch aus 27,56 Proc. Silber und 59 Proc. Kupfer, 9,57 Proc. Zink
  und 3,42 Proc. Nickel bestehend, in der Silberarbeiterei Anwendung. Der
  Verkaufspreis dieser Legirung ist 90 Frcs. per Kilogr. Die aus
  derselben gefertigten Bestecke und Tafelgeschirre lassen nichts zu
  wnschen brig, sie besitzt grssere Hrte als Silber und lsst sich
  trefflich ciseliren.

[Sidenote: Silberprobe.]

  Um den Feingehalt einer Legirung (vorausgesetzt, dass dieselbe nur aus
  Silber und Kupfer besteht) kennen zu lernen, wendet man 1) die Probe
  auf trockenem Wege, die Kupellation, 2) die Probe auf nassem Wege, die
  Titrirmethode, 3) die Hydrostatische Probe an.

[Sidenote: Probe auf trockenem Wege.]

  Der =eigentlichen Probe auf trockenem Wege= oder der =Kupellation= geht
  eine approximative Bestimmung des Feingehaltes der zu untersuchenden
  Probe voran, die darin besteht, dass man mit der Probe einen Strich auf
  den Probirstein (Basalt, Kieselschiefer) macht und ebenso mit
  Probirnadeln, die aus Legirungen derselben Metalle verfertigt und ihrer
  Zusammensetzung nach bekannt sind. Aus der Aehnlichkeit der Farbe der
  Striche schliesst man auf die Aehnlichkeit der Legirung; hierbei ist
  jedoch der Umstand nicht ausser Acht zu lassen, dass die Oberflche von
  Silberlegirungen durch Ansieden hufig silberreicher gemacht worden
  ist. Darauf schmilzt man die Legirung auf einer Kapelle (d. h. einem
  kleinen Gefsse, das aus 3/4 ausgelaugter Asche von harten Hlzern und
  1/4 gebrannten Knochen angefertigt ist) mit Blei zusammen, und zwar mit
  einer um so grsseren Menge desselben, je geringer der Silbergehalt
  ist. Zuerst macht man die Kapelle in einer Muffel glhend, bringt dann
  das Blei hinein und wenn dieses geschmolzen ist, auch die Silberprobe.
  Kupfer und Blei oxydiren sich und ziehen sich in die porse Masse der
  Kapelle. Wenn die Oberflche des geschmolzenen Silbers oxydfrei
  erscheint, so ist die Kupellation beendigt. Nach dem Erkalten wird das
  Silberkorn gewogen und daraus der Feingehalt der Legirung berechnet.
  Man stellt stets zwei Proben an, die, wenn sie Gltigkeit haben sollen,
  bis auf 1/1152 bereinstimmen mssen.

[Sidenote: Probe auf nassem Wege.]

  Die =Probe auf nassem Wege= oder die =Titrirmethode= wurde wegen der
  Ungenauigkeit der Kupellation auf Veranlassung der franzsischen
  Regierung von =Gay-Lussac= ausfindig gemacht. Sie ist leichter
  auszufhren und bis auf 1/2000 = 1/20 Proc. genau. Diese Methode beruht
  auf der Eigenschaft des Kochsalzes, das Silber aus seiner
  salpetersauren Lsung als Chlorsilber niederzuschlagen. Da man weiss,
  dass 5,4274 Grm. Kochsalz genau 1 Grm. Silber aus seiner Lsung fllen,
  so kann man bei Anwendung der gewhnlichen Titrirapparate einen Schluss
  auf den Feingehalt der aufgelsten Legirung ziehen.

[Sidenote: Hydrostatische Probe.]

  Fr diejenigen Flle, in welchen die Silberproben durch Kupellation und
  durch Titriren nicht zulssig sind, wie z. B. bei dem geprgten Gelde,
  sucht =Karmarsch= die =hydrostatische= Probe zu substituiren, nach
  welcher durch alleinige Bestimmung des spec. Gewichtes einer
  Kupfer-Silberlegirung der Feingehalt angegeben wird. Da Kupfer und
  Silber beim Legiren sich ausdehnen, eine Legirung aber um so dichter
  wird, je mehr sie dem mechanischen Druck unterworfen war, so liegt
  darin eine Unsicherheit der Basis der hydrostatischen Silberprobe,
  welche die Probe nicht fr gegossenes und wenig bearbeitetes, sondern
  nur ausschliesslich fr geprgtes Silber anwendbar macht. Bei geprgtem
  Silber weichen die berechneten Resultate von der Probe durch
  Kupellation selten mehr als 3 Grn, d. i. 10,4/1000 ab. Die empirische
  Regel der Bestimmung des Silbers nach der hydrostatischen Methode ist
  folgende: Man subtrahirt von dem gefundenen spec. Gewichte der Legirung
  die Zahl 8,814, hngt dem Reste zwei Nullen an und dividirt diese Zahl,
  die jetzt als Ganzes gilt, durch 579. Der Quotient giebt den Feingehalt
  in Grnen an. Es sei z. B. das spec. Gewicht einer Legirung = 10,076,
  so ist der Feingehalt derselben = 216 Grn oder 0,750, denn:

                         10,076 - 8,814 = 1,251
                                   und
                             125100/579 = 216.


[Sidenote: Versilbern.]

[Sidenote: durch Plattiren,]

[Sidenote: durch Feuer,]

[Sidenote: auf kaltem Wege,]

[Sidenote: auf nassem Wege.]

  Das =Ueberziehen= von Metallen =mit Silber= oder das =Versilbern= kann
  geschehen 1) durch =Plattiren=, 2) durch =Feuer= (Feuerversilberung),
  3) =auf kaltem=, 4) =auf nassem= und 5) =auf galvanischem Wege=. Um
  Kupferblech mit einer Schicht von feinem Silber zu berziehen
  (Plattiren), bringt man auf die sorgfltig gereinigte Oberflche des
  Kupfers eine Auflsung von salpetersaurem Silberoxyd, wodurch eine
  dnne Silberschicht entsteht. Auf diese Schicht bringt man eine
  Silberplatte, glht beide und streckt sie dann unter Walzen,
  Kupferdraht lsst sich schon bersilbern, indem man auf denselben
  Silberblech legt und ihn dann heiss durch cannellirte Walzen gehen
  lsst. -- Das =Versilbern im Feuer= geschieht mit Hlfe eines
  Silberamalgams oder eines Gemenges von 1 Th. geflltem Silber, 4 Th.
  Salmiak, 4 Th. Kochsalz, 1/4 Th. Quecksilberchlorid, das man auf die
  sorgfltig gereinigte Oberflche des Metalles aufreibt; aus dem
  Ueberzuge von Silberamalgam wird das Quecksilber durch Ausglhen
  entfernt. Zum Versilbern der Knpfe empfiehlt man einen Teig von 48 Th.
  Kochsalz, 48 Th. Zinkvitriol, 1 Th. Quecksilberchlorid und 2 Th.
  Chlorsilber. -- Behufs der =Versilberung auf kaltem Wege= wird die
  gereinigte Oberflche des zu versilbernden Metalles mit einem mit
  Wasser angefeuchteten Gemenge von gleichen Theilen Chlorsilber,
  Kochsalz, 2/3 Kreide und 2 Th. Potasche mittelst eines Korkes
  angerieben, bis die gewnschte Silberfarbe zum Vorschein gekommen ist.
  Nach Prof. =Stein= soll man 1 Th. salpetersaures Silberoxyd mit 3 Th.
  Cyankalium zusammenreiben und so viel Wasser hinzusetzen, dass ein
  dicker Brei entsteht, welchen man mit einem wollenen Lappen rasch und
  gleichfrmig aufreibt. =Roseleur= und =Lavaux= empfehlen zu gleichem
  Zwecke ein Bad aus 100 Th. schwefligsaurem Natrium und 15 Th. irgend
  eines Silbersalzes. =Thiede=, Uhrmacher in Berlin, schlug vor, die
  Uhrzifferbltter dadurch mit einer schnen, matten, weissen krnigen
  Silberschicht zu berziehen, dass man mittelst Kupfer geflltes Silber
  mit einem Gemenge von gleichen Theilen Kochsalz und Weinstein mit den
  Fingern auf die Kupfer- und Bronzeplatten einreiht. Um =Eisen zu
  versilbern=, muss dasselbe erst mit einer Schicht Kupfer berzogen
  werden. Bei der auf =nassem Wege= bewirkten =Versilberung= oder dem
  =Silbersud= wird das zu versilbernde Metall in eine siedend heisse
  Lsung von gleichen Theilen Weinstein und Kochsalz mit 1/4 Chlorsilber
  gebracht, bis die Versilberung hinreichend eingetreten ist. Von der
  =galvanischen Versilberung=, welche die jetzt allgemein gebruchlichere
  ist, wird am Ende des Kapitels von den Metallen die Rede sein.

[Sidenote: Schwarzfrben des Silbers.]

  Das jetzt gebruchliche =Schwarzfrben= von silbernen Gegenstnden, das
  sogenannte =Oxydiren= oder =Galvanisiren= des Silbers wird entweder
  durch Schwefel oder durch Chlor bewirkt; ersterer giebt einen
  blauschwarzen, letzteres einen braunen Ton. Die Frbung durch Schwefel
  wird durch Eintauchen des Gegenstandes in Schwefelkaliumlsung, die
  durch Chlor durch Eintauchen in eine Lsung von Kupfervitriol und
  Salmiak hervorgebracht.

[Sidenote: Silbernitrat.]

[Sidenote: Zeichentinte.]

  Das =Silbernitrat= (Silbersalpeter, Hllenstein) AgNO_{3} wird aus
  kupferhaltigem Silber dargestellt, indem man dasselbe in Salpetersure
  lst, die Lsung zur Trockne verdampft und den Rckstand bis zum
  vollstndigen Zersetzen des salpetersauren Kupferoxydes erhitzt. Die
  zurckbleibende Masse wird mit Wasser ausgezogen, filtrirt und zum
  Krystallisiren abgedampft; die erhaltenen Krystalle werden geschmolzen
  und in Form von Stngelchen gebracht. Man benutzt das Silbernitrat zum
  Wegbeizen von Wucherungen in der Chirurgie, in grsster Menge zu
  photographischen Zwecken (in Berlin wurden im Jahre 1869 allein mehr
  als 115 Ctr. Silber auf Silbernitrat verarbeitet)[26] und endlich zum
  Zeichnen der Wsche. Eine dazu anwendbare =Zeichentinte=
  (unauslschliche Tinte) besteht aus zwei verschiedenen Flssigkeiten,
  wovon die eine, mit welcher man die zu beschreibende Stelle befeuchtet,
  aus einer Lsung von Pyrogallussure in einem Gemisch von Wasser und
  Weingeist, die andere, womit man schreibt, aus einer mit etwas
  arabischem Gummi versetzten ammoniakalischen Lsung von Silbersalpeter
  besteht. (Das Anilinschwarz, auf dem Gewebe mittelst Anilinlsung und
  einer Lsung von Kupferchlorid und chlorsaurem Natrium hervorgerufen,
  ist als waschchte Zeichentinte sehr zu empfehlen). Das _Sel Clment_,
  welches in neuerer Zeit fr photographische Zwecke warm empfohlen wird,
  ist ein geschmolzenes Gemenge von Silbernitrat mit Natrium- und
  Magnesiumnitrat. Es soll vor dem reinen Silbernitrat mancherlei Vorzge
  besitzen.

  [26] Nach einer Schtzung ist die Grsse des Silberverbrauches in der
       Photographie gegenwrtig (1870) jhrlich

                        in Deutschland  400 Ctr.
                          " Frankreich   400  "
                          " England      400  "
                          " Nordamerika  200  "
                                        ---------
                                        1400 Ctr.

       im Werthe von 4,200,000 Thalern.


                                Das Gold.

                   (Au = 197; spec. Gew. = 19,5-19,6.)

[Sidenote: Gold, Vorkommen und Gewinnung desselben.]

Das Gold findet sich fast nur gediegen und zwar als =Berggold= auf seiner
ursprnglichen Lagersttte, meist auf Gngen, seltener auf Lagern,
vorzglich in Gesellschaft von Quarz, Schwefelkies und Brauneisenstein;
dann secundr als =Waschgold= (Goldsand) in Krnern, Blttchen und
abgerundeten Stcken im Sande der Flsse und im Seifengebirge, dem von
Flssen aufgeschwemmten lockeren Lande, dessen Hauptmasse aus Thon- und
Quarzsand besteht, zwischen welchen Glimmerblttchen, Gerlle von Syenit,
Chloritschiefer, Krner von Chromeisen und Magneteisen, Spinell, Granat
u. s. w. sich befinden. Im gediegenen Zustande enthlt es stets mehr oder
weniger Silber, so das Elektrum, das Palladgold u. s. w.

Nach neueren Analysen enthielt Gediegengold aus

                                                             I.    II.
               Siebenbrgen Sdamerika Sibirien Californien Australien
    Gold           64,77      88,04      86,50     89,60    99,2  95,7
    Silber         35,23      11,96      13,20     10,06     0,43  3,9
    Eisen
    und andere
    Metalle         --         --         0,30      0,34     0,28  0,2

Ausserdem trifft man das Gold hufig im gediegenen Tellur und
Tellursilber, zuweilen im Rothgltigerz, ferner in Schwefelkies,
Kupferkies, im Antimonglanz, in der Zinkblende, dem Arsenkies (z. B. dem
von Reichenstein in Oberschlesien) und nach =Eckfeldt= in allen Arten von
Bleiglanz und in manchen Thonsorten. Afrika, Ungarn, der Ural, Australien
und Amerika, (Mexico, Brasilien, Peru, Californien, Columbien, Victoria
in Neuholland etc.) liefern die grsste Menge des Goldes.

  Die =Goldausbeute= soll nach den vorhandenen (bis Ende 1869 reichenden)
  Angaben betragen 400 Millionen Thaler. Diese Summe vertheilt sich etwa
  in folgender Weise:

           Californien                      100,000,000 Thlr.
           Die brigen Theile der Union      45,000,000  "
           Britisch-Columbia                  8,600,000  "
           Mexiko                            35,000,000  "
           Sdamerika                        20,000,000  "
                                            -----------------
                               Ganz Amerika 208,600,000 Thlr.

           Russland                          31,000,000 Thlr.
           Uebriges Europa                   10,000,000  "
           Asien und Afrika                  14,000,000  "
           Australien (Neusdwales,      }
             Queensland, Westaustralien, }
             Sdaustralien, Victoria)    }  110,500,000  "
           Neuseeland und Tasmanien      }   17,000,000  "
           Alle brigen Lnder                8,900,000  "
                                            -----------------
                                     Summa  191,400,000 Thlr.
                            Im Ganzen daher 208,600,000 Thlr.
                                            191,400,000  "
                                            -----------------
                                            400,000,000 Thlr.

[Sidenote: Gewinnung des Goldes aus dem Goldsande durch Waschen.]

[Sidenote: durch Quecksilber,]

[Sidenote: durch Verschmelzen,]

[Sidenote: durch Behandeln mit Alkali.]

[Sidenote: Aus eingesprengtem Golde.]

Die =Gewinnung des Goldes= richtet sich nach der Art des Vorkommens. Die
grsste Menge des circulirenden Goldes wird aus dem Goldsande oder
verwitterten goldhaltigen Felsarten durch Auswaschen des =Waschgoldes=
gewonnen. Man nimmt das Waschen hufig in hlzernen Npfen oder in
Krbisflaschen vor, die mit dem goldhaltigen Sand angefllt sind; man
schttelt diesen Sand so lange mit Wasser, bis die grsste Menge
fortgewaschen ist. In anderen Districten geschieht das Waschen in Wiegen
auf schiefgestellten Tafeln, Wasch- oder Schlmmherden. Das so erhaltene
Gold ist nicht rein, sondern mit Krnern von Titaneisen, Magneteisen u.
s. w. vermischt. =Die Ausziehung des Goldes= aus dem Goldsande =durch
Quecksilber= wird in sogenannten Quick- oder Goldmhlen vorgenommen, in
welchen der durch Wasser aufgeschwemmte Sand in vielfache Berhrung mit
dem Quecksilber kommt. Durch Zusatz von etwas Natrium zum Quecksilber
(=Natriumamalgamation=) wird nach den Versuchen von =H. Wurtz= die
Extraction des Goldes erleichtert und vervollstndigt. Das erhaltene
Goldquecksilber wird durch Pressen in Beuteln von Leder, Barchent oder
Zwillich vom berschssigen Quecksilber befreit und das zurckbleibende
Amalgam in eisernen Retorten oder Glockenfen geglht. Am vollstndigsten
wird das Gold aus dem Goldsande durch Ausschmelzen gewonnen, wobei man
25-30 Mal mehr Gold als durch Verwaschen gewinnt. Man verschmilzt den
Goldsand in Eisenhochfen mit Flussmitteln auf goldhaltiges Roheisen und
scheidet daraus das Gold mittelst Schwefelsure ab. Nach dem Vorschlage
von =Hardings= soll man das Gold aus goldfhrenden Quarzen dadurch
gewinnen, dass man den Quarz unter Hochdruck in Alkalilauge lst, wodurch
sich als Nebenprodukt Wasserglaslsung bildet. Befindet sich Gold
eingesprengt in Kupfer- und Bleierzen, so behandelt man diese Erze auf
gewhnliche Weise, d. h. man rstet sie und wscht sie aus. Bei
goldreichen Erzen wendet man die =Amalgamation= an. In anderen Fllen
wendet man die =Eintrnkungsarbeit= an, welche darin besteht, dass man
die goldhaltigen Schwefelmetalle rstet und schmilzt. Den erhaltenen
Rohstein, in welchem sich das Gold angesammelt befindet, rstet man
abermals, schmilzt ihn nach dem Rsten mit Bleigltte zusammen, welche
das in dem Rohstein enthaltene Gold in sich aufnimmt und von letzterem
durch =Abtreiben= auf dem Treibherde geschieden wird.

[Sidenote: Extraction des Goldes aus armen gldischen Erzen.]

Bei der Extraction armer gldischer Erze, z. B. der Arsenabbrnde von
Reichenstein in Schlesien, hat man die Behandlung derselben mit
Chlorwasser oder einer angesuerten Chlorkalklsung in Anwendung
gebracht. Das Gold lst sich in dem Chlorwasser als Goldchlorid
(AuCl_{3}) auf, und wird aus der Lsung durch Eisenvitriol (oder durch
Schwefelwasserstoff) niedergeschlagen. Diese Methode, von =Plattner=
ermittelt und von =Th. Richter=, =Georgi= und =Duflos= geprft, drfte
manche bisher gebruchliche Extractionsmethoden des Goldes zu verdrngen
im Stande sein. Nach =Allain= kann man aus Kiesen, welche zuvor gerstet
und durch Behandlung mit Schwefelsure von Eisen, Zink, Kupfer etc.
befreit worden sind, mittelst Chlorwasser noch 1/10,000 Gold extrahiren.

[Sidenote: Goldscheidung.]

Das nach vorstehenden Methoden erhaltene Gold enthlt kleine
Beimischungen von anderen Metallen und stets Silber. Um das Gold von
diesen Beimischungen zu scheiden, wendet man folgende Methoden an:

  1) die Goldscheidung durch Schwefelantimon (Sb_{2}S_{3});
  2) die Goldscheidung durch Schwefel und Bleigltte;
  3) die Goldscheidung durch Cementation;
  4) die Scheidung in die Quart (Quartation);
  5) die Goldscheidung durch Schwefelsure (Affinirung).

Da die letztere Methode der Goldscheidung alle brigen verdrngt hat, so
wird es hinreichend sein, die vier ersten nur kurz zu erwhnen.

[Sidenote: Durch Schwefelantimon.]

  1) =Die Goldscheidung durch Schwefelantimon= oder das Giessen des
  Goldes durch Spiessglanz geht vor sich, indem man die Goldlegirung
  (Gold, Silber, Kupfer u. a.), die mindestens 60 Proc. enthlt, in einem
  Graphittiegel bis zum Schmelzen erhitzt und dann gepulvertes
  Schwefelantimon (in der Menge von 2 Th. auf 1 Th. der Legirung)
  eintrgt. Die geschmolzene Masse wird in eine mit Oel ausgestrichene
  gusseiserne Form gegossen. Nach dem Erkalten findet man die Masse in
  zwei Schichten gesondert, von denen die obere, das =Plachmal= (Plagma)
  aus Schwefelsilber, Schwefelkupfer und Schwefelantimon, die untere aus
  dem Knig (dem Antimongold) besteht. Durch Wiederholung dieses
  Processes wird das Plachmal von noch beigemengtem Golde befreit. Das
  Gold aus dem Knig wird vom Antimon durch Erhitzen der Legirung unter
  der Muffel oder vor dem Geblse, wobei das Antimon wegraucht, getrennt,
  und das zurckbleibende Gold mit Borax, Salpeter und Glaspulver
  zusammengeschmolzen.

[Sidenote: Durch Schwefel.]

  2) Die =Goldscheidung durch Schwefel und Bleigltte= (Scheidung durch
  Guss und Fluss, =Pfannenschmied='scher Process) bezweckt nicht die
  vollstndige Trennung des Goldes von seinem Legirungsmetall (Silber,
  Kupfer), sondern nur das Concentriren in einer geringeren Quantitt
  Silber, als in der ursprnglichen. Die Goldscheidung durch Schwefel ist
  demnach eine Concentrationsarbeit, eine Vorbereitungsarbeit fr die
  Scheidung auf nassem Wege, besonders fr die Scheidung durch die Quart.
  Die Absicht bei dieser Scheidung ist demnach nur die Ersparung an
  Salpetersure. Es wird die granulirte goldhaltige Legirung mit 1/7 Th.
  befeuchteten Schwefelpulvers in einen glhenden Graphittiegel
  eingetragen und mit Kohlenpulver bedeckt. Der Tiegel wird 2-2-1/2
  Stunden in einer schwachen Glhhitze erhalten und dann bis zum
  Schmelzen erhitzt. Enthielt die Legirung grssere Mengen Gold, so
  sondert sich jetzt ein goldreiches Silber ab, whrend nur eine sehr
  kleine Menge des Goldes in dem Plachmal zurckbleibt. War die Legirung
  dagegen sehr arm an Gold, so findet eine derartige Absonderung entweder
  gar nicht oder nur unvollstndig statt. Um diese zu bewirken, streut
  man auf die geschmolzene Masse Bleigltte (auf jede Mark Silber 1-
  1-1/2 Loth), deren Sauerstoff einen Theil des Schwefelsilbers zu
  schwefliger Sure verbrennt, whrend die freigewordene, quivalente
  Quantitt Silber mit dem grssten Theil des Goldes ausfllt. Das
  reducirte Blei schmilzt mit den Schwefelmetallen zusammen.

[Sidenote: Durch Cementation.]

  3) Bei der =Goldscheidung durch Cementation= wird die goldhaltige
  Legirung in feinen Granalien oder in Gestalt dnner Bleche mit
  Cementpulver (aus 4 Th. Ziegelmehl, 1 Th. Kochsalz und 1 Th. geglhtem
  Eisenvitriol bestehend) in einem Tiegel (der Cementirbchse)
  geschichtet und derselbe einer allmlig gesteigerten, mehrstndigen
  Hitze ausgesetzt. Durch Einwirkung des Eisenvitriols auf Kochsalz
  entwickelt sich Chlor, welches das Silber in Chlorsilber umwandelt, das
  Gold aber nicht angreift. Das Chlorsilber wird von dem Ziegelmehl
  aufgesogen. Nach dem Erkalten kocht man die Masse mit Wasser aus, um
  die Goldgranalien und Bleche zu gewinnen. Unlngst (1869) hat =F. B.
  Miller= (in Sidney) auf die Eigenschaft des Chlorgases auf Gold bei
  hherer Temperatur nicht einzuwirken, Silber, Kupfer und andere Metalle
  dagegen in Chlormetalle berzufhren, eine neue Methode der
  Goldscheidung gegrndet.

[Sidenote: Scheidung in die Quart.]

  4) =Die Scheidung auf nassem Wege= oder die =Scheidung in die Quart=
  oder die =Quartation= hat davon ihren Namen, dass man frher annahm,
  dass, wenn man die Scheidung des Goldes vom Silber auf nassem Wege
  vornehmen wolle, der Silbergehalt das Dreifache des Goldgehaltes
  betragen msse. M. von =Pettenkofer='s Untersuchungen haben aber
  gezeigt, dass die doppelte Menge von Silber hinreichend sei, um durch
  gehrig concentrirte Salpetersure, durch hinreichendes Kochen aus
  einer Legirung von Gold und Silber letzteres aufzulsen. Man schmilzt
  bei dieser Scheidung die Legirung mit der erforderlichen Menge Silber
  zusammen, granulirt das Metallgemisch und bergiesst es in einem
  Platinkessel mit vollkommen =chlorfreier= Salpetersure von 1,320 spec.
  Gewicht. Silber wird gelst, whrend Gold zurckbleibt. Das Gold wird
  in einem Tiegel mit Borax und Salpeter umgeschmolzen.

[Sidenote: Goldscheidung durch Schwefelsure.]

5) =Die Goldscheidung durch Schwefelsure= oder die =Affinirung= ist
schon in der Krze bei dem Kupfervitriol (s. S. 56) angegeben worden. Sie
empfiehlt sich vor der Quartation mittelst Salpetersure durch grssere
Einfachheit, Wohlfeilheit und durch den Umstand, dass man mit Hlfe
dieser Methode Legirungen von fast jedem Goldgehalte scheiden kann. Um
sie auszufhren, darf die Legirung nicht ber 20 Proc. Gold und 10 Proc.
Kupfer enthalten. Am vortheilhaftesten soll nach den Erfahrungen von =M.
v. Pettenkofer= die Scheidung mit einer Legirung vor sich gehen, die in
16 Th. nicht viel mehr als 4 und nicht viel weniger als 3 Th. Gold, das
brige Silber und Kupfer enthlt. Meist wird die Legirung in Form von
Granalien angewendet. Zur Auflsung dienten frher Platingefsse, jetzt
wendet man allgemein gusseiserne Kessel oder Porcellangefsse an. Die zur
Scheidung angewendete Schwefelsure muss ein spec. Gewicht von 1,848
haben. Man bergiesst in dem Gefsse 1 Molek. der Legirung mit 2 Molek.
an Schwefelsure und erhitzt, bis nach 12 Stunden die Lsung des Silbers
und des Kupfers vollstndig vor sich gegangen ist. Die whrend dieser
Operation sich entwickelnden Dmpfe von Schwefelsure und schwefliger
Sure werden entweder in eine Esse abgeleitet oder besser noch, wie von
=Poizat= bei Paris zur Fabrikation von Schwefelsure oder auch zur
Herstellung von Antichlor verwendet. Wenn alles Silber in Sulfat
umgewandelt worden ist, wird die Lsung in eine Bleipfanne abgegossen,
das darin zu einem Krystallbrei erstarrte Silbersulfat wird mit einem
eisernen Spaten ausgestochen und in bleierne, mit heissem Wasser gefllte
Fllpfannen gethan (1 Th. Silbersulfat lst sich in 88 Th. siedendem
Wasser). Das Ausfllen des Silbers geschieht durch Kupferblechstreifen.
Die entstehende Lsung von Kupfersulfat wird, nachdem die freie
Schwefelsure durch Kupferoxyd neutralisirt worden ist, auf Kupfersulfat
verarbeitet. Das ungelst zurckbleibende Gold wird durch Kochen mit
Natriumcarbonat und Behandlung mit Salpetersure von beigemengtem
Eisenoxyd, Schwefelkupfer, Bleisulfat befreit, getrocknet und mit etwas
Salpeter umgeschmolzen. Die Anwendung dieser Scheidungsart hat es mglich
gemacht, kupferhaltiges Silber mit einem Goldgehalte von 1/12-1/10 Proc.,
den man in allen lteren Silbermnzen findet, zu affiniren. Nach =M. v.
Pettenkofer='s Untersuchungen enthlt das auf diese Weise erhaltene Gold
noch etwas Silber und Platin (97,0 Th. Gold, 2,8 Th. Silber und 0,2 Th.
Platin), von welchen Metallen es durch Umschmelzen mit Salpeter und
Natriumbisulfat befreit wird.

  Die Pariser Affiniranstalten liefern dem Eigenthmer des zu
  affinirenden goldhaltigen Silbers sowol das Silber, als auch das
  abgeschiedene Gold zurck und erhalten fr ihre Arbeit nur das in der
  Legirung enthaltene Kupfer nebst 5-5-1/2 Franken fr das Kilogramm
  des affinirten Metalles. Enthlt die Legirung weniger als 1/10 Gold, so
  behalten sie 1/2000 des Goldes und alles Kupfer, liefern dagegen alles
  brige Gold und alles Silber ab und zahlen ausserdem eine Prmie von 75
  Centimes auf das Kilogramm feingemachten Metalles. Verlangt der
  Eigenthmer alles Gold und Silber zurck, so berechnet der Affineur 2
  Franken 10-68 Centimes (je nach dem Cours des Silbers) pro Kilogramm
  und behlt ausserdem das Kupfer. Fr das Affiniren von silberhaltigem
  Gold zahlt man in Paris ebenfalls 5 Franken pro Kilogramm. In Paris und
  Umgegend werden jhrlich fr 130 Mill. Franken fr die Bank von
  Frankreich, fr die Mnze und fr die Privatspeculation affinirt. --
  Die badische Regierung bergab einer Scheideanstalt in Frankfurt a. M.
  den Kronenthaler (eine Geldmnze, die laut Mnzvereinbarung vom 7.
  August 1858 bis zum Jahre 1864 aus dem Verkehr verschwunden sein
  musste) zum Einschmelzen unter folgenden Bedingungen: 1) Fr Schmutz
  wird 1/1000 in Abzug gebracht; 2) Der Feingehalt der Kronenthaler wird
  nach der Probe zu 0,876 (d. h. in 1 Kilogr. Kronenthaler 876 Grm.
  Feinsilber) berechnet; 3) Die Rcklieferung geschieht in Barren zu
  0,990-0,998 Feingehalt; 4) fr das Gold, das die Scheideanstalt aus 1
  Kilogr. Silber zieht, hat sie 30 Kreuzer (= 1 Frank 7 Centimes) zu
  vergten; der Mehrbetrag an Gold ist das, was sie daran verdient.

[Sidenote: Chemisch reines Gold.]

  Um chemisch reines Gold zu erhalten, lst man Gold in Knigswasser auf,
  dampft die Lsung zur Trockne, lst das zurckbleibende Goldchlorid in
  Wasser und fllt das Gold daraus durch Eisenvitriollsung:

  Goldchlorid 2(AuCl_{3})}       {Gold 2Au
  Eisenvitriol 6FeSO_{4} } geben {Schwefelsaures Eisenoxyd 2Fe_{2} 3SO_{4}
                         }       {Eisenchlorid Fe_{2}Cl_{6}

  Nach =Jackson= erhlt man das Gold in Gestalt eines gelben Schwammes,
  wenn man zu concentrirter Goldchloridlsung kohlensaures Kali und eine
  ziemliche Menge krystallisirter Oxalsure setzt und die Lsung rasch
  bis zum Sieden erhitzt;

            Goldchlorid 2(AuCl_{3})   }       {Gold 2Au
            Oxalsure 3C_{2}H_{2}O_{4}} geben {Salzsure 6ClH
                                      }       {Kohlensure 6CO_{2}.

  Auch das Wasserstoffsuperoxyd schlgt (nach =Reynolds=) das Gold aus
  der sauren Lsung in schnen metallglnzenden Flittern nieder:

         Goldchlorid 2(AuCl_{3})         }       {Gold 2Au
         Wasserstoffsuperoxyd 3H_{2}O_{2}} geben {Salzsure 6ClH
                                         }       {Sauerstoff 6O.

[Sidenote: Eigenschaften des Goldes.]

  Man wendet zum Fllen des Goldes zuweilen auch Chlorantimon oder
  Chlorarsen an. Das nach dem einen oder dem anderen Verfahren erhaltene
  Gold wird in einem Graphittiegel unter einer Boraxdecke umgeschmolzen.

  Die Farbe des Goldes ist allgemein bekannt, aber schon hchst geringe
  Mengen anderer Metalle knnen die goldgelbe Farbe dieses Metalls
  modificiren. Durch Poliren nimmt es hohen Glanz an. An Hrte bertrifft
  es nur wenig das Blei, dagegen ist es das geschmeidigste aller Metalle.
  Neben der Geschmeidigkeit und Dehnbarkeit besitzt das Gold grosse
  absolute Festigkeit, welche jener des Silbers fast gleich kommt. Die
  Elasticitt ist unbedeutend, daher es auch wenig Klang besitzt. Das
  spec. Gewicht des Goldes geht von 19,25 im gegossenen und nicht
  ausgestreckten Zustande bis 19,55, selbst bis zu 19,6, wenn es durch
  Bearbeitung verdichtet worden ist. Gold dehnt sich beim Erwrmen von 0
  bis 100 um 1/682 aus, schmilzt bei 1037 (nach =Deville=) und zieht
  sich nach dem Guss in den Formen stark zusammen, woraus hervorgeht,
  dass es im geschmolzenen Zustande betrchtlich ausgedehnt worden sein
  muss. Schmelzendes Gold leuchtet mit meergrner Farbe. Die Eigenschaft
  des Goldes, an der Luft, im Wasser und bei der Berhrung mit allen
  Suren, mit Ausnahme des Knigswassers, unverndert zu bleiben, erhht
  den Werth des Goldes betrchtlich. Nach Versuchen von =Hatchett=
  vermindern schon sehr kleine Mengen von Blei, Antimon und Wismuth die
  Dehnbarkeit des Goldes; die brigen technisch wichtigen Metalle folgen
  bezglich ihres Einflusses auf die Dehnbarkeit in nachstehender Reihe:
  Arsen, Zink, Nickel, Zinn, Platin, Kupfer und Silber, so dass in der
  That nur zwei Metalle, Kupfer und Silber, existiren, welche mit dem
  Golde legirt werden knnen, um ihm mehr Hrte zu ertheilen, ohne seine
  Dehnbarkeit merklich zu beeintrchtigen. Unter allen Metallen hat das
  Gold die grsste Verbindungsfhigkeit mit dem Quecksilber. Das zu
  dnnen Blttern ausgeschlagene Gold lsst das Licht, je nach dem Grade
  seiner Ausplattung, bald mit blauer, bald mit grner Farbe durchfallen.

[Sidenote: Legirungen des Goldes.]

  Feines Gold wird seiner Weichheit wegen nicht verarbeitet; es wird nur
  zum Blattgold und zum Malen und Decoriren von Glas oder Porcellan
  angewendet[27]. Das so verarbeitete Gold ist stets mit Kupfer oder mit
  Silber legirt, ein solches Gemisch ist weit hrter als feines Gold. Man
  berechnet die Goldlegirungen nach Karat und Grn; man theilt die Mark =
  1/2 Pfund in 24 Karate, den Karat in 12 Grn. Unter 18kartigem Golde
  versteht man solches, das auf die Mark 18 Karat Gold und 6 Karat Kupfer
  oder Silber enthlt. Die Kupferlegirung wird die =rothe Karatirung=,
  die Silberlegirung die =weisse Karatirung= genannt; eine Legirung mit
  beiden Metallen heisst =gemischte Karatirung=. Diese verschiedenen
  Legirungen werden behufs der Verarbeitung zu Goldarbeiten, nach
  gesetzlichen Bestimmungen dargestellt. So verarbeitet man in Frankreich
  18, 20 und 22kartiges, in Deutschland 8, 14 und 18kartiges Gold. Zu
  leichteren Waaren verarbeitet man oft auch 6kartiges (Joujou-Gold),
  oder noch schlechteres, wobei dem usseren Ansehen durch Vergoldung
  nachgeholfen werden muss. Die sterreichischen Ducaten haben einen
  Feingehalt von 23 Karat 9 Grn, die hollndischen von 23 Karat 6-6,9
  Grn, die engl. Victoria's 22 Karat, die preussischen Wilhelmsd'or
  21-2/3 Karat, die Zwanzigfrankenstcke (6,451 Grm. zu 900/1000
  Feingehalt) 21 Karat 7-1/5 Grn. Nach dem Wiener Mnzvertrage vom 24.
  Januar 1857 werden in allen deutschen und sterreichischen Staaten
  =Vereinshandelsmnzen= in Gold unter der Benennung =Krone= und =Halbe
  Krone= ausgeprgt und zwar 1) die Krone zu 10 Gramm Feingold, 2) die
  Halbe Krone zu 5 Gramm Feingold. Das Mischungsverhltniss dieser
  Goldmnze ist

                               Gold    900
                               Kupfer  100

  Es werden demnach 45 Kronen und 90 Halbe Kronen ein Pfund (= 500 Gramm)
  wiegen. (Das Werthverhltniss von Silber und Gold ist etwa 1 : 15,3 bis
  1 : 15,5.)[28]

  [27] Das Gold wird zur Decoration von Thonwaaren in grsserer Menge
       verbraucht als man sich vorstellen mag. Im Jahre 1869 wurden in
       England allein (hauptschlich in den Potterien Staffordshire's)
       fr diesen Zweck nahezu fr 350 bis 400,000 Thaler Gold consumirt.

  [28] Nach dem internationalen Mnzvertrage vom 23. Decbr. 1865 ist in
       den Lndern des =lateinischen Mnzvereins= (Frankreich, Spanien,
       Portugal, Belgien, Italien und Schweiz) das Preisverhltniss
       zwischen Gold und Silber zu 1 : 15-1/2 angenommen. In Frankreich
       ist jedoch die praktische Werthrelation beim Austausch von fremdem
       Silber gegen franzsisches Gold -- in Folge der Kosten der
       Umprgung, die gegenwrtig (1870) 3/4 Proc. betragen -- nicht
       1 : 15,50, sondern wie 1 : 15,61. Der Mnzverein umfasst (nach der
       Einverleibung Venetien's in Italien und nachdem nach der
       Vertreibung der Bourbonen auch in Spanien wirthschaftlich
       geordnetere Verhltnisse Platz gegriffen haben) heute 90 Millionen
       europische Staatsangehrige.

[Sidenote: Frben des Goldes.]

  Alle Goldlegirungen zeigen nach dem Poliren eine Farbe, welche von der
  des reinen Goldes verschieden ist, sie erscheinen rthlichweiss oder
  blassgelb. Um diesen Legirungen nun die hochgoldgelbe Farbe des Goldes
  zu ertheilen, pflegt man sie durch Kochen in einer Flssigkeit
  (=Goldfarbe=), aus Kochsalz, Salpeter und Salzsure bestehend, zu
  =frben=. Die Wirkung der Goldfarbe beruht auf ihrer Eigenschaft, durch
  das aus ihr sich entwickelnde Chlor aus dem vergoldeten Gegenstand
  etwas Gold aufzulsen und es sodann als ein dnnes Hutchen reinen
  Goldes auf der Oberflche wieder abzusetzen. Der Zweck des Frbens kann
  eben so gut durch eine schwache galvanische Vergoldung erreicht werden.

[Sidenote: Goldprobe.]

  Um den Feingehalt einer Goldlegirung zu ermitteln, bedienen sich die
  Goldarbeiter des Probirsteines und der Probirnadeln (siehe Seite 107),
  und behandeln den Strich mit verdnntem Knigswasser, um aus dem
  Verschwinden oder Unverndertbleiben einen Schluss auf den Goldgehalt
  zu ziehen. Wie sich von selbst versteht, kann diese Methode nur
  annhernde Resultate geben; man hat ferner dabei zu bercksichtigen,
  dass die Oberflche der zu prfenden Legirung durch Frben und Ansieden
  hufig goldreicher gemacht worden ist, dass also, bei
  Bijouteriearbeiten namentlich, die ersten Striche auf dem Probirsteine
  nicht entscheiden. -- Am besten nimmt man die Goldprobe =durch
  Kupellation= vor. Zu diesem Zwecke schmilzt man das goldhaltige Korn,
  je nach seiner Farbe, mit dem dreifachen, doppelten oder gleichen
  Gewichte an Silber und mit ungefhr der zehnfachen Menge an Blei
  zusammen, und treibt dann ab. Nach dem Abtreiben plattet man das
  silberhaltige Korn aus und digerirt das Blech mit Salpetersure, das
  zurckbleibende Gold wird ausgewaschen, getrocknet, geglht und
  gewogen.

[Sidenote: Technische Anwendung des Goldes.]

  Man wendet das Gold bekanntlich an zu Gerthen, Schmucksachen, zu
  =Mnzen= und zum Ueberziehen metallener Gegenstnde mit Gold
  (=Vergoldung=); die Bedeutung desselben in der Porcellan- und
  Glasmalerei wurde schon erwhnt.

[Sidenote: Vergolden.]

Das =Vergolden= geschieht entweder =durch Blattgold=, auf =kaltem Wege=,
auf =nassem Wege=, =durch die Feuervergoldung= oder =auf galvanischem
Wege=.

[Sidenote: Vergolden durch Blattgold.]

  =Mit Blattgold= (geschlagenem Gold) vergoldet man Holz, Stein und
  dergl. Das zu diesem Zwecke angewendete Blattgold wird dargestellt,
  indem man feines Gold zuerst in Stangen (Zaine) ausgiesst, diese dann
  zu Platten ausschlgt und durch Walzen in Bleche verwandelt. Zwanzig
  Ducaten geben Goldblech von 50 Fuss Lnge und 1 Zoll Breite, welche man
  in Stckchen (Quartiere) von 1 Zoll Lnge schneidet. Diese Bleche
  werden zuerst zwischen Pergamentblttern (Pergamentform), darauf
  zwischen Goldschlgerhutchen, der usseren feinen Haut vom Blinddarme
  des Rindes (Hautform) geschlagen. Die fertigen Goldplttchen werden in
  kleine Bcher aus sehr glattem Papier eingelegt, das mit etwas Bolus
  oder Rthel bestrichen ist, um das Anhaften des Goldes zu verhindern.
  Der Abfall (Schawine, Krtze) dient zur Darstellung der =Goldbronze=
  (Muschelgold, Malergold). Die mit Blattgold zu vergoldenden Gegenstnde
  werden zuerst mit einem Gemenge von Bleiweiss und Firniss oder Leim und
  Kreide berstrichen und dann mit Blattgold bedeckt. Eiserne und
  sthlerne Gegenstnde, wie Sbelklingen, Gewehrlufe, werden zuerst mit
  Salpetersure behandelt, dann erhitzt, bis sie blau anlaufen und mit
  Blattgold berdeckt.

[Sidenote: Auf kaltem Wege.]

[Sidenote: Auf nassem Wege.]

  Auf =kaltem Wege= vergoldet man, indem man feines Gold in Knigswasser
  lst, in diese Goldlsung Leinwandlppchen taucht, dieselben trocknet
  und dann zu Zunder verbrennt. Die Asche (=Goldzunder=) enthlt fein
  zertheiltes Gold und Kohle, das man vermittelst eines in Salzwasser
  getauchten Korkes auf die vorher gereinigte und polirte Oberflche des
  zu vergoldenden Kupfers, Messings oder Silbers aufreibt. Die
  =Vergoldung auf nassem Wege= geschieht, indem man die Gegenstnde in
  eine verdnnte Goldchloridlsung oder in ein siedend heisses Gemenge
  von verdnnter Goldchloridlsung mit einer Lsung von kohlensaurem
  Natron oder Kali taucht. Eisen und Stahl, die auf diese Weise vergoldet
  werden sollen, werden zuerst mit einer Kupfervitriollsung verkupfert.
  Eisen und Stahl lassen sich auch dadurch auf nassem Wege vergolden,
  dass man die Gegenstnde zuerst mit Salpetersure tzt und dann mit
  einer Lsung von Goldchlorid in Aether bestreicht und erhitzt. Als Bad
  zum Vergolden auf nassem Wege ist auch in der neueren Zeit eine Lsung
  von Goldchlorid in pyrophosphorsaurem Natrium empfohlen worden.

[Sidenote: Feuervergoldung.]

  Die Gegenstnde sollen sich fast augenblicklich vergolden. Die
  =Feuervergoldung= wird besonders bei Gegenstnden von Bronze, Messing
  und Silber angewendet. Sie geht auf dieselbe Weise wie die
  entsprechende Feuerversilberung vor sich, indem man auf die zu
  vergoldende Flche mit Hlfe einer Lsung von Quecksilber in
  Salpetersure ein Goldamalgam auftrgt und den Gegenstand behufs des
  Abdampfens des Quecksilbers erhitzt, wobei das Gold als dnne Schicht
  auf dem Gegenstande zurckbleibt. Das hier angewendete Goldamalgam
  besteht aus 2 Th. Gold und 1 Th. Quecksilber. Man ertheilt der
  Vergoldung entweder durch Poliren ein =glnzendes Ansehen= oder man
  =mattirt= sie. Letzteres geschieht, indem man den zu mattirenden
  Gegenstand mit einem geschmolzenen Gemenge von Salpeter, Alaun und
  Kochsalz erhitzt und ihn sodann in kaltes Wasser taucht. Auch
  stellenweise lsst sich das Mattiren ausfhren, indem man die spter zu
  polirenden Stellen mit einem Gemenge von Kreide, Zucker und Gummi
  bedeckt (=aufspart=) und das Mattiren auf die nicht bedeckten Theile
  ausfhrt. Das Mattiren grndet sich darauf, dass aus dem schmelzenden
  Salzgemenge sich Chlorgas entwickelt, welches das Gold tzt und dadurch
  matt macht. Soll die Vergoldung die rthliche Frbung der
  Kupferkaratirung besitzen, so taucht man die Bronze nach dem Verrauchen
  des Quecksilbers in geschmolzenes =Glhwachs= oder Vergolderwachs (ein
  Gemenge von Wachs, Bolus, Grnspan und Alaun) und lsst das Wachs ber
  Kohlenfeuer abbrennen. Hierbei wird das Kupferoxyd des Grnspans zu
  Kupfer reducirt, das sich mit dem Golde zu rother Karatirung verbindet.
  Stahl und Eisen werden vorher verkupfert. Um bei der Feuervergoldung
  die Anwendung des gesundheitsschdlichen Quickwassers (salpetersaure
  Quecksilberlsung) und das umstndliche Auftragen des Amalgam zu
  vermeiden, bringt =Masselotte= in Paris die zu vergoldenden Stcke in
  ein =basisches= Bad eines Quecksilbersalzes, verbindet sie mit der
  Kathode einer galvanischen Batterie und lsst den Strom durchgehen, bis
  die Stcke vollstndig mit Quecksilber berzogen sind, vergoldet (resp.
  versilbert) sie dann in einem sehr reichen Bad und bringt sie dann
  nochmals in das erste Bad, wo sie bei Durchleitung des Stromes mit
  einer zweiten Quecksilberschicht bedeckt werden. Zuletzt lsst man die
  Stcke in einem Ofen mit verschliessbarer Glaswand abrauchen, wobei
  kein Arbeiter zugegen zu sein braucht. Man erhlt so eine sehr schne
  und solide Vergoldung. Nach =H. Struve= besteht die bei der
  Feuervergoldung zurckbleibende Schicht nicht aus reinem Gold, sondern
  aus einem quecksilberarmen Goldamalgam (mit 13,3-16,9 Proc.
  Quecksilber). Von der Vergoldung auf =galvanischem Wege= wird in dem
  folgenden Abschnitte die Rede sein.

[Sidenote: Goldpurpur.]

  =Der Goldpurpur= oder Purpur des Cassius ist ein zuerst von =Cassius=
  in Leyden 1683 dargestelltes Goldprparat, das bekanntlich angewendet
  wird, um Glasflssen eine Purpurfarbe zu ertheilen. Man stellt ihn dar,
  indem man eine Lsung von Goldchlorid mit Zinnsesquichlorid versetzt.
  Nach =Bolley= verfhrt man am zweckmssigsten, wenn man 10,7 Th.
  Zinnchlorid-Chlorammonium mit Zinn digerirt, bis dasselbe aufgelst
  ist, mit 18 Th. Wasser verdnnt, die Goldlsung mit 36 Th. Wasser
  verdnnt und beide Flssigkeiten vermischt. -- Er erscheint als
  braunes, purpurrothes oder schwarzes Pulver, ber dessen chemische
  Constitution noch nicht entschieden ist, ob es goldsaures Zinnoxyd oder
  zinnsaures Goldoxyd ist. Dass das Gold darin nicht im feinzertheilten
  metallischen Zustande, sondern oxydirt enthalten ist, ist
  wahrscheinlicher als die neuerdings von =Knaffl=, =Fischer= u. A.
  ausgesprochene Ansicht, dass das Gold darin in einer purpurrothen
  Modification enthalten sei. Nach dieser Ansicht wre der Goldpurpur
  nichts Anderes, als eine Mischung von hchst fein vertheiltem
  metallischem Golde mit Zinnoxyd. Nach anderen Forschern (namentlich
  =Th. Scheerer= in Freiberg) erschiene keine Combination fr den
  Goldpurpur wahrscheinlicher als Au_{2}O, Sn_{2}O_{3}. Ein gut
  zubereiteter Goldpurpur muss 39,68 Proc. Gold enthalten.

[Sidenote: Goldsalz.]

  Das =Goldsalz=, welches in der Photographie zur Tonung der Papierbilder
  Anwendung findet, ist entweder =Goldchlorid-Chlornatrium= (AuCl_{3},
  NaCl + 2H_{2}O) oder =Goldchlorid-Chlorkalium= (2AuCl_{3}, KCl +
  5H_{2}O).


                 Der Braunstein und die Manganprparate.

[Sidenote: Der Braunstein.]

Das in technischer Beziehung allein wichtige Manganerz ist der durch
Aufbereiten der Erze gewonnene =Braunstein= (Mangansuperoxyd, Pyrolusit,
Polianit, Graubraunsteinerz, Weichmanganerz, Glasmacherseife), welcher in
reinem Zustande 63,64 Mangan und 36,36 Sauerstoff enthlt und nach der
Formel MnO_{2} zusammengesetzt ist, aber in der Regel geringe Mengen von
Baryt, Kieselerde und Wasser, nicht selten auch grssere Mengen von
Nickel, Kobalt und Thallium enthlt. Ausserdem sind von bisweilen
angewendeten Manganerzen anzufhren der =Braunit= Mn_{2}O_{3}, der
=Manganit= Mn_{2}O_{3}, H_{2}O, der =Hausmannit= Mn_{3}O_{4},
Manganoxydul zum Theil ersetzt durch Kali, Baryt, Magnesia, Kupferoxydul
etc. Der Braunstein des Handels ist meist ein Gemenge von Pyrolusit mit
Hausmannit, Braunit und anderen Manganerzen.

  Der Braunstein dient zur Bereitung von Sauerstoffgas, von Chlor und
  unterchlorigsauren Salzen (Chlorkalk), zur Darstellung des Broms aus
  den Mutterlaugen von der Verarbeitung der Stassfurter Carnallite und
  Kainite, zur Jodgewinnung aus dem Kelp, zum Entfrben und Frben des
  Glases, in der Glas- und Emailmalerei, zur braunen Tpferglasur, zur
  Frbung der Masse gewisser Arten feineren Steingutes, zum Frben und
  Marmoriren der Seifen, beim Eisenpuddeln, in der Frberei und
  Zeugdruckerei zur Erzeugung von Bisterbraun, zur Darstellung des
  bermangansauren Kalis, welches in der Desinfection eine grosse Rolle
  spielt etc. Die wichtigste Anwendung des Braunsteins ist die zur
  Entwickelung von Chlor.

[Sidenote: Braunsteinproduktion.]

  Die =Produktion an Braunstein= in Deutschland ist etwa folgende:

  Grossherzogthum Hessen: Giessen        150,000 Ctr. }
                          Battenberg        2500  "   } 155,300 Ctr.
  			  Rossbach          2000  "   }
  			  Eimelrod           800  "   }
  Nassau                                 400,000  "
  Stromberg bei Kreuznach                 25,000  "
  Crettnich bei Birkenfeld                 1,400  "
  Grossherzogthum Baden                    1,500  "
  Knigreich Bayern (bei Gpfersgrn)        800  "
  Oesterreich (Platten in Bhmen)          3,200  "
  Knigreich Sachsen                       4,000  "
  Ilfeld und Elbingerode am Harze         60,000  "
  Schmalkalden                             2,500  "
  Frstenthum Schwarzburg-Sondershausen   12,000  "
  Herzogthum Sachsen-Gotha (Liebenstein)  60,000  "
                                         ------------
                                         655,700 Ctr.

[Sidenote: Braunsteinprobe.]

Der Handelswerth des Braunsteins ist abhngig: 1) von der Quantitt des
ausserhalb des Manganoxyduls (MnO) vorhandenen Sauerstoffs oder auch des
Chlors, welche der Braunstein zu entwickeln vermag; 2) von den
Beimengungen an in Sure lslichen Substanzen (kohlensaurer Kalk,
kohlensaurer Baryt, Eisenoxyd), welche bei der fabrikmssigen Anwendung
des Braunsteins zur Chlorentwickelung einen Theil der benutzten Sure
sttigen; auch knnen zwei verschiedene, von jenen Beimengungen freie
Braunsteinsorten, um eine gleiche Menge Chlor zu entwickeln, verschiedene
Quantitten Sure erfordern und dadurch ungleichen Werth erhalten; dies
ist z. B. der Fall, wenn eine Braunsteinsorte ausser Mangansuperoxyd
(MnO_{2}) auch Manganoxyd (Mn_{2}O_{3}) und zwar als Hydrat enthlt.
Durch beigemengte Gangarten wie Quarz, Schwerspath wird der Preis durch
den Raum und das Gewicht, welche sie auf dem Transporte nutzlos
einnehmen, sehr erhht; 3) von dem Wassergehalte, der bis zu 15 Proc.
betragen kann.

  Nach den Versuchen von =Fresenius= ist die zum Trocknen des Braunsteins
  geeignetste Temperatur 120, weil dabei alles hygroskopische Wasser,
  aber kein Hydratwasser fortgeht. Fr Handelszwecke ist es bequemer und
  vollkommen ausreichend, den fein gepulverten Braunstein in dnner
  Schicht sechs Stunden lang bei 100 zu trocknen, zumal auch in England
  alle Braunsteinproben mit bei 100 getrockneten Pulvern angestellt
  werden und eine allgemeine Uebereinstimmung in diesem Punkte nicht hoch
  genug angeschlagen werden kann. Da die bei 100 getrockneten
  Braunsteine bei vollstndigem Trocknen bei 120 noch 0,3 bis 0,5 Proc.
  Feuchtigkeit abgeben, so lsst sich ja nthigenfalls der eine Zustand
  auf den anderen mit Leichtigkeit reduciren.

  Unter der grossen Anzahl der vorgeschlagenen =Braunsteinproben= sei die
  zuerst von =Thomson= und =Berthier= vorgeschlagene und spter von
  =Will= und =Fresenius= vereinfachte Methode angefhrt, welche sich
  darauf grndet, dass ein Molekl Mangansuperoxyd mit Schwefelsure
  bergossen und erhitzt, durch seinen frei werdenden Sauerstoff ein
  Molekl Oxalsure in zwei Molekle Kohlensure umzuwandeln vermag.

  1 Mol. Mangansuperoxyd MnO_{2}   }       { 1 Mol. Mangansulfat MnSO_{4}
  1 Mol. Schwefelsure H_{2}SO_{4} } geben { 2 Mol. Kohlensure 2CO_{2}
  1 Mol. Oxalsure C_{2}H_{2}O_{4} }       { 2 Mol. Wasser 2H_{2}O.

  Aus dem Gewichte der entwichenen Kohlensure lsst sich dann leicht der
  Gehalt des Braunsteins an Mangansuperoxyd berechnen.

[Illustration: Fig. 56.]

  Zur Ausfhrung der Braunsteinprobe nach =Will= und =Fresenius= bedient
  man sich des in Fig. 56 abgebildeten Apparates. Zwei Glasklbchen _A_
  und _B_ werden durch luftdicht geschlossene Korke vermittelst einer
  rechtwinklig gebogenen Glasrhre verbunden, welche in dem Kolben _A_
  nur bis durch den Kork, in _B_ aber bis auf den Boden reicht. In jedem
  Kolben befindet sich noch eine an beiden Seiten offene Glasrhre _c_
  und _d_. In den Kolben _A_ bringt man das Gemenge des zu
  untersuchenden, vorher bei 120 getrockneten Braunsteins mit der
  Oxalsure oder des oxalsauren Kalis und so viel Wasser, dass der Kolben
  ungefhr bis zum dritten Theile angefllt ist. Den Kolben _B_ fllt man
  zur Hlfte mit englischer Schwefelsure an. Nachdem dies geschehen,
  verschliesst man die obere Oeffnung der Rhre _c_ mit etwas Wachs und
  wgt den Apparat; darauf zieht man mit dem Munde durch die Rhre _d_
  etwas Luft aus dem Kolben, so dass beim Entfernen des Mundes eine
  kleine Quantitt Sure in den Kolben =A= tritt. Die Entwickelung der
  Kohlensure tritt sofort ein; sie entweicht durch die Schwefelsure in
  den Kolben _B_ und wird dadurch getrocknet. Lsst die
  Kohlensureentwickelung nach, so saugt man abermals etwas Schwefelsure
  herber und fhrt so fort, bis aller Braunstein zersetzt ist, was
  ungefhr 5 bis 10 Minuten Zeit erfordert. Die Beendigung des Versuches
  erkennt man nicht nur in dem Aufhren der Kohlensureentwickelung,
  sondern auch daran, dass kein schwarzes Pulver mehr am Boden des
  Kolbens sich befindet. Nach vollendeter Kohlensureentwickelung
  entfernt man das Wachs bei _c_ und saugt lngere Zeit bei _d_, um alle
  Kohlensure aus dem Apparate zu entfernen. Durch nochmaliges Wgen
  erfhrt man den Gewichtsverlust und daraus durch Berechnung die
  Quantitt des in dem Braunstein enthaltenen Mangansuperoxydes, da sich
  zwei Molekle Kohlensure (2CO_{2} = 88) zu einem Molekl
  Mangansuperoxyd (MnO_{2}) verhalten wie die gefundene Kohlensure zu x.
  Wendet man zu dem Versuche 2,98 Gramm getrockneten Braunstein an und
  dividirt die Quantitt der Kohlensure durch 3, so sind die Centigramme
  der entwichenen Kohlensure der Ausdruck des Procentgehaltes an reinem
  Superoxyd. Auf einen Theil Braunstein wendet man 1-1/2 Th. neutrales
  Kaliumoxalat an. Braunsteinsorten, welche kohlensaure Erden enthalten,
  werden von diesen Beimengungen vor dem Versuche befreit, indem man eine
  gewogene Menge des Braunsteins mit sehr verdnnter Salpetersure
  digerirt, den Braunstein dann auf ein Filter bringt, mit Wasser
  auswscht und dann mit dem Filter vorsichtig in das Klbchen _A_ wirft,
  worauf die Operation wie gewhnlich vorgenommen wird.

  Von anderen Braunsteinproben seien noch die von =Nolte= und einige
  volumetrische Proben erwhnt. Das Wesen der von =Nolte= empfohlenen
  Probe besteht darin, dass der Braunstein fr jedes Atom Superoxyd als
  Salzsure 1 Atom Chlor frei macht und dieses wiederum 2 Atome Kupfer in
  Chlorr verwandeln kann. Man bergiesst 0,687 Gramm Braunstein in einem
  Kolben mit starker Salzsure und Eisenchlorrlsung, welche 0,9 Gramm
  Eisen enthlt, setzt 2,0 Gramm Kupferblech hinzu und erhitzt, bis die
  dunkelbraune Lsung hellgelb geworden ist. Das ungelst gebliebene
  Kupfer wird gewogen. Betrug der Gewichtsverlust 0,78 Gramm, so enthielt
  der Braunstein 78 Proc. MnO_{2}.

  Auf titriranalytischem Wege fhrt man die Braunsteinprobe aus:

  1) indem man nach =Mohr= den Braunstein durch Schwefelsure unter
  Zusatz von berschssiger titrirter Oxalsure versetzt, und den
  unzersetzt gebliebenen Theil der Oxalsure durch Chamaeleonlsung
  ermittelt;

  2) indem man aus dem Braunstein mittelst Salzsure Chlor sich
  entwickeln lsst und das Chlor entweder mittelst arseniger Sure
  bestimmt, welche durch das Chlor in Arsensure bergefhrt wird
  (As_{2}O_{3} + 4Cl + 2H_{2}O = As_{2}O_{5} + 4ClH), oder durch das
  Chlor Jod aus einer Jodkaliumlsung abscheidet (Cl + JK = J + ClK) und
  des Jod mittelst schwefliger Sure oder unterschwefligsaurem Natriums
  bestimmt;

  3) indem man den Braunstein in einem Gemenge von Eisenchlorr und
  Salzlsung lst (MnO_{2} + 3FeCl_{2} + 4HCl = MnCl_{2} + Fe_{2}Cl_{6} +
  2H_{2}O + FeCl_{2}) und den unzersetzt gebliebenen Antheil Eisenchlorr
  mittelst Chamaeleon oder zweifach chromsaurem Kali bestimmt.


                           Kaliumpermanganat.

[Sidenote: Uebermangansaures Kalium.]

Das bermangansaure Kalium (KMnO_{4}), welches zu Desinfections- und
Bleichzwecken, so wie als Oxydationsagens in der volumetrischen Analyse
vielfach benutzt wird, verdankt seine Anwendung seinem grossen
Ozongehalte. Mit Sure, z. B. verdnnter Schwefelsure zusammengebracht,
bildet es Manganoxydul und Ozon (Mn_{2}O_{7} = 2MnO + 5O).

  Man stellt das Kaliumpermanganat (zu technischen Zwecken) auf folgende
  Weise dar. 500 Kilogr. Kalilauge von 45 B. (= 1,44 spec. Gewicht)
  werden mit 105 Kilogr. Kaliumchlorat eingedampft und whrend des
  Eindampfens mit 180 Kilogr. gepulverten Braunsteins gemengt und das
  Erhitzen so lange fortgesetzt, bis die Masse ruhig fliesst. Man rhrt
  bis zum Erkalten. Die pulverige Masse wird nun in kleinen eisernen
  Kesseln zur Rothgluth erhitzt, bis sie halbflssig geworden, die
  erkaltete Masse zerschlagen, dann in einem Kessel mit viel Wasser
  erhitzt und eine Stunde der Ruhe berlassen. Die von dem
  ausgeschiedenen Mangansuperoxydhydrat abgegossene klare Lsung wird
  hierauf zur Krystallbildung abgedampft. 180 Kilogr. Braunstein geben
  98-100 Kilogr. krystallisirtes Permanganat. Der Vorgang hierbei ist
  annhernd folgender:

  [Greek: a]) Beim Schmelzen der Mischung bildet sich Kaliummanganat und
  Chlorkalium:

     6MnO_{2} + 2KClO_{3} + 12KOH = (3K_{2}MnO_{4}) + KCl + 6H_{2}O;

  [Greek: b]) Beim Auflsen der Schmelze zerfllt das mangansaure Kali in
  Kalihydrat, Mangansuperoxydhydrat und bermangansaures Kali:

     3K_{2}MnO_{4} + 6H_{2}O = 4KOH + 2KMnO_{4} + MnO_{2} + 4H_{2}O.

  Es geht folglich 1/3 der Mangansure unter Bildung von Mangansuperoxyd
  verloren. Dasselbe ist der Fall, wenn man nach den Vorschlgen von
  =Tessi du Motay= die Ueberfhrung des mangansauren Kalis in
  bermangansaures durch schwefelsaure Magnesia bewirkt:

  3K_{2}MnO_{4} + 2MgSO_{4} = 2KMnO_{4} + MnO_{2} + 2K_{2}SO_{4} + 2MgO.

  Aus diesem Grunde ist die Idee =Staedeler='s, das mangansaure Kali
  durch Chlor in bermangansaures berzufhren, eine sehr
  beachtenswerthe:

                   K_{2}MnO_{4} + Cl = KCl + KMnO_{4}.

  Zu Desinfectionszwecken dient meist ein Gemenge von Kali- und
  Natronsalz oder auch nur bermangansaures Natron, welches von =H. B.
  Condy= in London in die Technik eingefhrt wurde. Eine Lsung davon ist
  _Condy's liquid_; ein Gemisch von bermangansaurem Natron und
  schwefelsaurem Eisenoxyd (=nicht= Eisenoxydul) ist unter dem Namen
  =Khne='s Desinfectionsmittel bekannt. Ausser zum Desinficiren und
  Bleichen wendet man das bermangansaure Kali zur Erzeugung von
  Manganbraun auf Baumwolle und unter dem Namen Chamaeleonbeize zum
  Frben gewisser Holzarten an.


                             Das Aluminium.

                     (Al = 27,4; spec. Gew. = 2,5.)

[Sidenote: Gewinnung.]

Das Aluminium (Alumium, Thonerdemetall), als Thonerde (Aluminiumoxyd) zu
den verbreitetsten Elementen auf der Erdoberflche gehrend, wurde im
Jahre 1827 von =Whler= in Gttingen entdeckt und durch Reduction von
Chloraluminium mittelst Kalium dargestellt. =Deville= beschftigte sich
seit 1853 mit der Darstellung des Aluminiums und fand, dass es sich weit
weniger leicht oxydire, als man bis dahin geglaubt hatte, dass es auch
beim Schmelzen und Giessen sich nicht oxydire, in siedendem Wasser blank
bleibe und durch verdnnte Suren nicht angegriffen werde. =Deville='s
Mittheilung veranlasste durch die in seiner Abhandlung ausgesprochene
Hoffnung, das in der Natur so beraus verbreitete Aluminium werde grosse
technische Wichtigkeit erlangen, dass auf kaiserliche Rechnung dieses
Metall in Javelle bei Paris fabrikmssig dargestellt wurde. Gegenwrtig
existiren in Frankreich zwei Aluminiumfabriken (zu Salyndres und zu
Amfreville bei Rouen) und eine in England (zu Washington bei
Newcastle-on-Tyne).

  Das Aluminium wird durch Zersetzen von Chloraluminium-Chlornatrium
  mittelst Natrium dargestellt. Das Natrium wird durch Glhen eines
  Gemenges von 100 Th. calcinirter Soda, 15 Th. Kreide und 45 Th.
  Steinkohle erhalten; hierzu ist nicht einmal die zur Zinkgewinnung
  nthige Temperatur erforderlich. Das Chloraluminium wird erhalten,
  indem ein geglhtes Gemenge von reiner Thonerde, durch Glhen von
  Ammoniakalaun oder besser aus dem Bauxit dargestellt, mit Kochsalz und
  mit Steinkohlentheer gemengt, in einer eisernen Gasretorte bei gelindem
  Glhen mit Chlorgas behandelt wird, wobei die Kohle mit dem Sauerstoff
  der Thonerde zu Kohlenoxyd, das Aluminium mit dem Chlor und dem
  Chlornatrium zusammentritt, sich als Chloraluminium-Chlornatrium
  verflchtigt und in einer gemauerten, im Innern mit Fayence
  ausgekleideten Kammer verdichtet wird. Hier ist eine Verunreinigung des
  Chlor-Aluminiums mit Eisenchlorid nicht zu vermeiden, weshalb denn auch
  das Pariser Aluminium immer eisenhaltig ist. Aus dem
  Chloraluminium-Chlornatrium wird das Aluminium dadurch ausgeschieden,
  dass man es in Dampfform oder besser auf der Sohle eines Flammenofens
  mit Natrium zusammenbringt, wobei freies Aluminium und eine aus
  Chloraluminium-Chlornatrium und berschssigem Chlornatrium bestehende
  wenig flchtige Salzmasse sich bildet, welche das metallische Aluminium
  umschliesst. =H. Rose= in Berlin wandte zu seinen Versuchen nicht das
  knstlich dargestellte Chloraluminium, sondern den =Kryolith=, eine
  Verbindung von Fluoraluminium mit Fluornatrium (Al_{2}Fl_{6} + 6NaFl)
  an. Indem man den Kryolith in der Hitze mit Natrium behandelt, bildet
  sich Aluminium und Fluornatrium, welches letztere durch Behandeln mit
  Aetzkalk in Aetznatron und Fluorcalcium bergefhrt wird. Auch aus dem
  Bauxit hat man neuerdings Aluminium darzustellen versucht.

[Sidenote: Eigenschaften des Aluminiums.]

Eine reine blanke Flche des Metalles erscheint grauweiss von einem
Farbenton, welcher zwischen der Farbe des Zinnes und jener des Zinkes
liegt; es hat ein spec. Gewicht von 2,5, ist hrter als Zinn, aber
weicher als Zink und Kupfer, etwa eben so hart als Feinsilber; es hat
einen starken Klang; es ist nicht sehr biegsam und bricht mit unebener,
zackig feinkrniger Flche; es ist leicht zu feilen, verstopft aber den
Feilhieb wie Zinn oder Blei. Unter dem Hammer zeigt es sich geschmeidig,
doch erhlt es bei etwas starkem Austreiben viele Kantenrisse. Es lsst
sich zu Blech auswalzen; das Blech ist leicht zerbrechlich, zeigt grosse
Steifheit, jedoch keine auffallende Elasticitt. Aluminiumblech von
Papierdnne kann wiederholt hin- und hergebogen werden, ehe es zerbricht.
Es lsst sich auch gleich dem Gold und dem Silber zu den dnnsten
Blttern (Blattaluminium) ausschlagen, welche anstatt des Blattsilbers
Anwendung finden. Es lsst sich nur schwer zu Draht ziehen. Es hlt sich
an der Luft sehr gut und ertrgt selbst Glhhitze, ohne sich betrchtlich
zu oxydiren, doch bildet sich auf der Oberflche ein dnnes Hutchen von
Thonerde, das beim Schmelzen und Giessen die Vereinigung der
Metalltheilchen erschwert. Man wendet daher ein Flussmittel an, wozu sich
Chlorkalium besonders eignet. Der Schmelzpunkt des Aluminiums liegt bei
etwa 700. In Salzsure und Natron- oder Kalilauge lst es sich unter
strmischer Wasserstoffentwickelung. Salpetersure, verdnnte, wie
concentrirte, sind, kalt und warm angewendet, ohne alle Einwirkung. Durch
Quecksilber wird es nicht amalgamirt, mit Zinn bildet es eine ziemlich
harte, aber doch streckbare Legirung, mit Kupfer bildet es die
=Aluminiumbronze= (aus 90 bis 95 Proc. Kupfer und 10 bis 5 Proc.
Aluminium bestehend); sie hat ihrer goldhnlichen Farbe wegen Anwendung
gefunden. Ebenso wie das Eisen und Zink legirt sich das Aluminium mit
Blei nicht. Das im Handel vorkommende Aluminium ist stets von Silicium
und Eisen verunreinigt. Man hat bis 0,7 Proc. Silicium und 4,6-7,5 Proc.
Eisen, im Aluminiumdraht 3,7 Proc. Silicium und 1,6 Proc. Eisen
gefunden[29].

  [29] =Rammelsberg= fand (1868) in einer aus Kryolith und Natrium in
       einem Porcellantiegel dargestellten Aluminiumsorte 10,46 Proc.
       Silicium! Die Darstellung von _reinem_ Aluminium drfte somit wohl
       noch ein Problem sein.

[Sidenote: Anwendung des Aluminiums.]

  Nach dem auf der internationalen Industrieausstellung in Paris 1867 zu
  Tage getretenen Standpunkte der gegenwrtigen Aluminiumindustrie kann
  man dem Aluminium eine grosse technische Bedeutung nicht einrumen.
  Doch sind einige seiner Anwendungen immerhin von Interesse. So hat man
  z. B. sogleich bei dem Bekanntwerden dieses Metalles die Frage
  aufgeworfen, ob das Aluminium nicht zum Mnzprgen angewendet werden
  knnte. Durch Leichtigkeit und Reinlichkeit wrde solche Mnze sehr
  angenehm sein, und das Falschmnzen wre ausgeschlossen, weil kein
  anderes hier anwendbares Metall ein so geringes spec. Gewicht hat. Mit
  der Zeit wird man ohne Zweifel dahin gelangen; aber fr jetzt sind noch
  zu viele Modificationen in den Verhltnissen der Fabrikation zu
  erwarten und noch zu viele Ungleichheiten zwischen den verschiedenen
  Lndern in Beziehung auf die Gewinnung des Metalls vorhanden. Man
  knnte hinzufgen, dass ein Metall, welches sich in Seifensiederlauge
  begierig auflst, nicht den fr Geld (abgesehen von Scheidemnze)
  unerlsslichen Charakter eines edeln Metalls an sich trgt; dass das
  Mnzmetall auch fr andere Gebrauchszwecke vorzgliche Tauglichkeit
  haben muss, wenn es sich in Werthschtzung erhalten soll; besonders
  aber, dass Silber und Gold durch keinerlei ussere Einflsse, selbst
  nicht durch Auflsung in Suren etc. eigentlich verloren gehen, sondern
  durch leichte Verfahrungsarten mit wenig Kosten wiederhergestellt
  werden knnen, wogegen das Aluminium, in Thonerde verwandelt, vllig
  werthlos ist und zu seiner Wiederherstellung ganz ebenso grossen
  Kostenaufwand wie zu der ersten Gewinnung erfordert. Zudem vergesse man
  nicht, dass Gold und Silber ihren hohen Werth zum wesentlichen Theile
  ihrem seltenen Vorkommen verdanken; Aluminium aber knnte in jeder
  chemischen Fabrik ohne Schwierigkeit bereitet werden. Es wre daher die
  Geldprgung aus Aluminium ein den Grundbedingungen des Geldwesens
  widersprechendes Unternehmen; und wenn schon das russische Platingeld
  sich nicht halten konnte, so htte das Aluminiumgeld noch hundertfach
  weniger Aussicht. Aber zur Verfertigung von Denkmnzen, Preismedaillen
  bei Ausstellungen, Rechenpfennigen, Spielmarken und Gewichten hat das
  Aluminium schon ziemlich mannichfaltige Anwendungen gefunden, zu
  welchen es durch seine Geschmeidigkeit und seine Unvernderlichkeit an
  der Luft ausgezeichnet geeignet ist, zumal es durch das Leuchtgas und
  die Ausdnstung der Abtritte nicht leidet, welche das Silber, das
  Kupfer und deren Legirungen so schnell schwrzen. Gegen diese
  Anwendungen ist gerade kein Einwurf zu erheben; die Vorliebe dafr wird
  sich aber grsstentheils auf Curiosittenliebhaber beschrnken.
  Medaillen aus Britanniametall geprgt und galvanisch versilbert, sehen
  brigens weit schner aus als die wenigstens zwanzigmal so theuern
  Aluminiummedaillen, und gengen gewiss Jedem, der silberartiges
  Aussehen ohne die grossen Kosten des Silbers wnscht. Die
  Schmuckwaarenfabrikation hat sich schnell des Aluminiums bemchtigt,
  dessen Leichtigkeit fr Armbnder und Kopfschmuck hchst schtzbar ist,
  und welches vermge seiner Gussfhigkeit, seiner Geschmeidigkeit beim
  Prgen, seiner Tauglichkeit zu ciselirter Arbeit, seines
  unvernderlichen Glanzes, seines schnen Matt, selbst seiner Farbe,
  welche jene des Goldes hebt, einen vortrefflichen Ersatz fr das Silber
  in allen den Fllen gewhrt, wo nicht Gold ausschliesslich der Stoff
  des Schmuckes ist. -- Es scheint, dass das Aluminium in der
  Schmuckfabrikation etwa eine Rolle spielen knnte, wie jetzt die des
  Platins ist, nmlich zur Herstellung weisser Verzierungen auf
  Goldwaaren; selbstndige Schmuckgegenstnde aus Aluminium drften
  ebenso wenig Liebhaber finden als solche aus Platin, weil ihre Farbe
  nicht schn genug ist. Aus dem nmlichen Grunde ist eine erfolgreiche
  Concurrenz mit dem Silber nicht zu erwarten, und wollte man etwa das
  Aluminium versilbern, so fiele jeder Grund weg, es dem viel
  wohlfeileren Neusilber und Britanniametall vorzuziehen. Ein Pariser
  Fabrikant hat den Vortheil erkannt, welchen er aus dem neuen Metall
  ziehen konnte: er wendet es in vielerlei Gestalten an, zu eingelegter
  Arbeit, zum Ausfttern der Fcher in Chatoullen u. dgl., zu Deckeln auf
  Glsern, zu kleinen Gefssen und Gerthen jeder Art; er will es selbst
  statt Krystallglas gebrauchen, um den Reisenecessaires die grsste
  Leichtigkeit zu verleihen. Ein Schritt weiter und man kommt zur
  Anfertigung massiv aus Aluminium gegossener, ciselirter, guillochirter,
  damascirter Tabakdosen, Bchsen, Etuis u. dgl. Petschafte, Federhalter,
  Schreibzeuggarnituren, Briefbeschwerer, Cigarrengestelle, Hemdknpfe,
  Jagdgerthe, Stock- und Reitpeitschenknpfe, Fingerhte,
  Pferdegeschirrbeschlge, Statuetten, Leuchter, Armleuchter,
  Verzierungen auf Tischuhren, Becher, Vasen und tausend andere Artikel
  bieten sich von selbst dar. Die Vergoldung wird diese Benutzungen des
  Aluminiums noch bedeutend erweitern. Man macht bereits aus Aluminium
  Hausschlssel, Dessertmesserklingen, Messer- und Gabelhefte, Lffel,
  Gabeln, Serviettenringe, Brillengestelle, Fassungen fr Opernglser,
  Sextanten, Nivellirinstrumente u. s. w. -- Kein Zweifel, dass man alle
  die genannten Waaren, und viele mehr, aus Aluminium machen kann, aber
  wir sind berzeugt, dass bei dem hohen Preise -- das Kilogramm kostet
  1870 immer noch 120-140 Frcs. -- die Liebhaber sich meist verlieren
  werden, sobald der Reiz der Neuheit verschwunden ist. Fr eine dauernde
  und allgemeine Anwendung ist das Aluminium bei seinem immer noch hohen
  Preise nicht schn und edel genug. Die Uhrmacherkunst, die Fabrikation
  chirurgischer und musikalischer Instrumente, die Verfertigung
  knstlicher Gebisse knnten aus der Benutzung des Aluminiums manchen
  Vortheil ziehen.


                             Das Magnesium.

                    (Mg = 24; spec. Gewicht = 1,743.)

[Sidenote: Magnesium.]

Das Magnesium, welches in unerschpflichen Mengen als Chlor- und
Brommagnesium im Meerwasser und im Carnallit, als Magnesiumsulfat im
Kieserit, Schoenit und Kainit und als Carbonat in dem Magnesit und den
Dolomiten sich findet, ausserdem als Silicat einen Hauptbestandtheil
vieler Gesteine ausmacht, ist seit einigen Jahren, gleich dem Aluminium,
in den Kreis der technisch benutzten Metalle gezogen worden. Es ist
silberweiss, auf dem frischen Bruche bald schwach krystallinisch, bald
feinkrnig oder selbst fadig. Es hat etwa die Hrte des Kalkspathes und
luft an der Luft etwas an, aber nicht schneller als das Zink, auch geht
die Vernderung nicht tief. Es schmilzt nahe dem Schmelzpunkte des
Zinkes. Etwas oberhalb des Schmelzpunktes entzndet es sich und verbrennt
mit blendend weissem Licht zu Magnesia. Die Lichtintensitt des in
Sauerstoff verbrennenden Magnesiums bertrifft die einer Kerzenflamme um
mehr als das Fnfhundertfache. Es lsst sich auch zu Draht ziehen. Sein
specifisches Gewicht ist = 1,743. Es lsst sich leicht feilen, bohren,
sgen und zu Blech ausschlagen, ist aber kaum ductiler als Zink bei
gewhnlicher Temperatur. Es geht nahezu bei derselben Temperatur in Dampf
ber wie das Zink und kocht wie dieses. Das geschmolzene Magnesium ist
teigig, wenig beweglich und lsst sich schwer formen. Die Anwendung des
Magnesiums beschrnkt sich vor der Hand auf die des Magnesiumdrahtes, der
beim Verbrennen in einer Gas- oder Wasserstoffflamme das in der
Photographie, als Signallicht und zu Beleuchtungszwecken verwendbare
Magnesiumlicht giebt. Im Kriege England's gegen Theodor von Abyssinien
(1868) wurde von dem Magnesiumlichte ein ausgedehnter Gebrauch gemacht.
Ausserdem ist es in seiner Legirung mit Kupfer statt des Zinkes zur
Messingfabrikation, mit Zink zu Feuerwerkszwecken vorgeschlagen worden.

  Man stellt das Magnesium ganz analog dem Aluminium dar, indem man eine
  geeignete Magnesiumsverbindung durch Erhitzen mit Natrium reducirt, so
  Chlormagnesium (nach =Bunsen=, =Deville= und =Caron=),
  Magnesiumnatriumfluorr (=Tissier=), Magnesiumnatriumchlorr
  (=Sonstadt=), Tachhydrit (Magnesiumcalciumchlorr =H. Schwarz=),
  Carnallit (Magnesiumkaliumchlorr =Reichardt=). =Petitjean= will
  Magnesium durch Einwirkung von Kohlenwasserstoffen auf
  Schwefelmagnesium oder durch Zusammenschmelzen des letzteren mit
  Eisenfeile darstellen. Ob die Vorschlge =Marquart='s, Magnesium durch
  Destillation von Dolomit oder Magnesit mit Kohle in Zinkretorten
  darzustellen, zu einem gnstigen Resultate fhren werden, sei der
  Zukunftsmetallurgie anheimgegeben. Das Magnesium wird von der unter der
  Leitung =Mellor='s stehenden _Magnesium Metal Company_ in Manchester
  und der _American Magnesium Company_ in Boston im Grossen dargestellt.
  Die englische Fabrik stellt jhrlich gegen 20 Centner Magnesium dar.


                           Die Galvanotechnik.

[Sidenote: Anwendung des Galvanismus.]

[Sidenote: Elektrolytisches Gesetz.]

Es ist gewiss eine der hervorragendsten Eigenschaften der strmenden
Elektricitt, dass gewisse zusammengesetzte Krper durch dieselbe in ihre
Bestandtheile zerlegt werden, wobei sich die Bestandtheile an den Stellen
abscheiden, an welchen der Strom in den zu zersetzenden Krper eintritt;
der eine Bestandtheil befindet sich an der Eintrittsstelle des
elektrischen Stromes in die Flssigkeit, der andere Bestandtheil an der
Austrittsstelle. Die Wissenschaft und das Gewerbewesen haben aus dieser
Eigenschaft den grssten Nutzen gezogen und noch sind von derselben die
grssten Entdeckungen zu erwarten. Die Zerlegung eines zusammengesetzten
Krpers durch strmende Elektricitt wird die Elektrolyse genannt;
derjenige Krper, der fhig ist, durch Elektricitt zerlegt zu werden,
heisst ein Elektrolyt; die Stellen des Ein- und Austrittes die Elektroden
und zwar die Eintrittsstelle oder der positive Pol die Anode, und die
Austrittsstelle oder der negative Pol die Kathode. Die Bestandtheile des
durch Elektricitt zerlegten Krpers nennt man die Ionen, und zwar den an
der Anode (dem + Pole) ausgeschiedenen Bestandtheil das Anion, und den an
der Kathode auftretenden Krper das Kation. Derjenige elektrische Strom,
der die Elektrolyse von einem Molekl Wasser zu bewirken vermag, ist im
Stande, in jedem anderen binr zusammengesetzten Krper, der von dem
elektrischen Strom durchstrmt wird, ebenfalls ein Molekl zu zersetzen.
Daraus geht hervor, dass die durch den elektrischen Strom zerlegten
Gewichtsmengen sich wie die chemischen Aequivalente verhalten. Dieses
Gesetz wurde von =Faraday= aufgestellt, es ist unter dem Namen des
elektrolytischen bekannt. Die Physik lehrt, dass die an der Anode (dem +
Pole) sich ansammelnden Krper elektronegative sind, weil ungleichnamige
Elektricitten sich anziehen und gleichnamige sich abstossen. Die an der
Kathode (dem - Pole) sich ansammelnden sind demnach die elektropositiven.
Weil Wasser das gewhnliche Auflsungsmittel der Krper ist, so treten
hufig seine Bestandtheile bei der Elektrolyse mit ins Spiel und
veranlassen secundre Erscheinungen. So giebt z. B. Kupfervitriol an der
Anode Sauerstoffgas und an der Kathode metallisches Kupfer, indem das an
letzterer auftretende Kupferoxyd durch den zugleich auftretenden
Wasserstoff des Wassers zu Kupfer oxydirt wird. Der dagegen an der Anode
frei gewordene Sauerstoff verbindet sich mit dem daselbst befindlichen,
als Leiter dienenden Zink zu Zinkoxyd, das mit der Schwefelsure zu
Zinksulfat zusammentritt. Fr jedes Aequivalent Kupfer (= 63,4), das
gefllt wird, lst sich ein Aequivalent Zink (= 65,2) auf. Wendet man
anstatt des Kupfervitriols passende Lsungen von Gold, Silber u. s. w.
an, so kann man auch auf galvanischem Wege vergolden, versilbern u. dgl.
Von der technischen Anwendung der Elektrolyse seien folgende Flle
angefhrt:

[Sidenote: Galvanoplastik.]

1) =Galvanoplastik.= Wie oben gesagt wurde, lagert sich das aus dem
Kupfersulfat elektrolytisch abgeschiedene Kupfer an der Kathode in
zusammenhngender Form ab. Durch fortgesetzte Operationen kann man das
Kupfer zu einer solchen Dicke anwachsen lassen, dass dasselbe von den
Rndern der Form, auf welcher die Abscheidung geschah, losgetrennt werden
kann und einen Abdruck der Form darstellt. Auf diesem Umstande beruht die
=Galvanoplastik=, die 1839 von =v. Jacobi= in Petersburg und fast
gleichzeitig von =Spencer= in Liverpool erfunden wurde. Diese Kunst wurde
verbessert von =Bequerel=, =Elsner=, =Smee=, =Ruolz=, =Elkington=,
=Christofle=, =Bouilhet=, =Meidinger=, =Klein=, =Oudry=, =Feuquires=,
=Braun=, =Varrentrapp= u. v. A.

Die =Metalllsung=, welche zur Darstellung galvanoplastischer Abdrcke
angewendet wird, ist stets eine gesttigte Lsung von Kupfersulfat. Die
=Form= (das Modell oder die Matrize), auf welcher die Ablagerung vor sich
gehen soll, darf aus keinem Metall bestehen, das von der
Kupfervitriollsung angegriffen wird, namentlich nicht aus Zinn, Zink
oder Eisen. Zuweilen wendet man Kupfer an, das mit einer dnnen Schicht
Silber (auf nassem Wege) berzogen worden ist. Hufiger benutzt man
Formen aus Gyps und Guttapercha. Damit der Strom gleichmssig gehe, ist
es wesentlich, das Zink, das sich an dem elektropositiven Pol befindet,
zu amalgamiren. Das Amalgamiren geschieht, indem man das Zink in
Salzsure eintaucht, dann einige Tropfen Quecksilber darauf fallen lsst,
und dieselben durch Reiben oder Brsten auf der Oberflche verbreitet.

[Sidenote: Anfertigung von Kupferplatten.]

  Um Kupferplatten auf galvanischem Wege zu erzeugen, dient folgender
  Apparat. In einem hlzernen Troge, der mit Harz ausgegossen ist, bringt
  man am Boden die gravirte Platte an, auf der sich das Kupfer ablagern
  soll. Ueber derselben ist ein Holzrahmen angebracht, der an seiner
  unteren Seite mit einer Blase, mit Pergament oder mit einer porsen
  Thonplatte, einem sogenannten Diaphragma, verschlossen ist. Unmittelbar
  ber diesem Rahmen befindet sich eine Zinkplatte, die vermittelst eines
  Bleistreifens mit der Kupferplatte verbunden ist. In den Trog giesst
  man eine in der Klte gesttigte Kupfervitriollsung, die man durch
  Hineinlegen einiger Stckchen Kupfervitriol gesttigt erhlt. Um den
  inneren Theil des Rahmens bringt man eine concentrirte Lsung von
  Zinkvitriol. Von grosser Wichtigkeit ist die Galvanoplastik fr die
  Herstellung von Matrizen fr die Schriftgiesserei, von
  Stereotypplatten, zur Vervielfltigung von Holzschnitten, zur billigen
  und getreuen Reproduktion von Kunstgegenstnden (massive Objecte,
  Statuen, Monumente) u. s. w. geworden.

[Sidenote: Anfertigung von Medaillen.]

  Um Medaillen und hnliche kleine Gegenstnde galvanoplastisch
  nachzubilden, benutzt man einige Elemente einer schwachen galvanischen
  Batterie. An der Kathode befestigt man die Platte, auf welcher der
  Niederschlag erfolgen soll, in verticaler Stellung, und ihr gegenber
  die Platte, welche das Material zu der neuen Platte liefern soll,
  ebenfalls in verticaler Stellung. In dem Verhltniss, als sich Metall
  an der Kathode niederschlgt, lst sich Metall an der Anode, sodass die
  Flssigkeit immer gleichmssig concentrirt ist. Nicht leitende
  Substanzen, die man galvanoplastisch nachbilden will, wie Gypsabgsse,
  Wachs-, Paraffin- oder Stearinsureabdrcke macht man auf der
  Oberflche durch Graphit, Silber- und Goldbronze oder Eisenoxyd-Oxydul
  leitend; so kann man auf diese Art Kupfer auf Gyps oder Stearinsure
  niederschlagen. Gyps muss vor dem Auftragen von Graphit mit Paraffin
  oder Stearinsure eingelassen werden, damit er keine Flssigkeit
  einsaugen kann. Die Guttapercha eignet sich ihrer Eigenschaft wegen, in
  heissem Wasser zu einer plastischen teigartigen Masse zu erweichen,
  sich in diesem Zustande in alle Formen pressen zu lassen und nach dem
  Erkalten genau die Form zu behalten, in welche sie gepresst wurde,
  besonders gut zur Herstellung von Formen, die man gleichfalls durch
  Graphit etc. leitend macht. -- Um einen zhen, geschmeidigen
  Kupferabsatz zu erhalten, hat =v. Kobell= vorgeschlagen, die
  Kupfervitriollsung mit einem Zusatz von Zinkvitriol und Glaubersalz zu
  versehen. -- Das Kupfer wird galvanisch nur dann im cohrenten
  regulinischen Zustande gefllt, wenn die Kupfervitriollsung in
  ziemlich concentrirter Form angewendet wird und der elektrische Strom
  gerade hinreicht, die Metalllsung, aber nicht auch Wasser zu ersetzen.
  Entwickelt sich neben dem abgeschiedenen Metalle auch noch Wasserstoff
  an der Kathode, so wird das Metall nicht in cohrenter Form, sondern in
  Gestalt eines dunklen Pulvers abgeschieden.

[Sidenote: Vergoldung, Versilberung u. s. w. auf galvanischem Wege.]

[Sidenote: Goldlsung.]

[Sidenote: Silberlsung.]

2) =Vergoldung, Versilberung u. s. w. auf galvanischem Wege.= Um
Gegenstnde von Kupfer, Bronze, Messing u. s. w. auf galvanischem Wege zu
vergolden, muss die Oberflche derselben vollkommen gereinigt sein. Das
Reinigen geschieht durch Eintauchen des Gegenstandes in siedende
Natronlauge, wodurch das Fett und der Schmutz aus den Vertiefungen
entfernt werden. Man bedient sich zur Vergoldung, wie auch zur
Versilberung allgemein der galvanischen Batterie mit einer
Zersetzungszelle und zwar ist die jetzt von =Smee= construirte Batterie,
die aus platinirtem Silberblech, das mit amalgamirtem Zinkblech umgeben
ist, die bei weitem gebruchlichere. Die Elemente dieser Batterie hngen
in bleiernen, inwendig verpichten Gefssen. Als =Zersetzungsflssigkeit=
benutzt man die Verbindung des Cyankaliums mit Gold oder Silber. Eine
Auflsung von Cyankalium in Wasser hat die Eigenschaft, fein zertheiltes
metallisches Gold, Goldoxyd, Gold- oder Silberchlorid zu lsen und
Doppelcyanre zu bilden, deren Lsung sich am besten als
Zersetzungsflssigkeit eignet. Die zu vergoldenden oder versilbernden
Gegenstnde werden in die Zersetzungszelle mittelst eines Drahtes
eingehngt, der mit dem positiven Pole der Batterie in Verbindung steht.
Ein zweiter Draht ist mit dem negativen Pole der Batterie verbunden, der
in der Zersetzungszelle in ein angenietetes Platinblech endet. Anstatt
der Leitungsdrhte wendet man sehr zweckmssig Drahtseile an. Der Process
der galvanischen Vergoldung oder Versilberung dauert nur einige Minuten,
deshalb hngt man die Anode nicht ein, sondern bewegt dieselbe in der
Auflsung mit der Hand hin und her, damit die Vergoldung gleichmssig
ausfalle. Anstatt der Anode aus Platin, wendet man zweckmssig Bleche aus
Gold oder Silber an, die von dem sich ausscheidenden Cyan nach und nach
aufgelst werden; dadurch wird bezweckt, dass der Gehalt der Lsung an
Gold und Silber stets gleich bleibt. Um eine geeignete =Goldlsung= zu
bereiten, wendet man 100 Gramme Cyankalium auf ein Liter destillirtes
Wasser an. Fr diese Lsung lst man 7 Gramme Feingold in Knigswasser,
dampft die Lsung im Wasserbade vorsichtig zur Trockne, lst den
Rckstand in etwas destillirtem Wasser und setzt die Flssigkeit zu der
Lsung des Cyankaliums. -- Da die Lsung des Goldchlorids, das sich durch
Auflsen von Gold in Knigswasser bildet, trotz des Abdampfens noch freie
Sure enthalten kann, die aus der Cyankaliumlsung Blausure entwickelt,
so hat man vorgeschlagen, das Gold aus dieser Lsung mittelst
Eisenvitriol zu fllen, das fein zertheilte Gold auf einem Filter zu
sammeln, mit destillirtem Wasser auszuwaschen und dann in die erwrmte
Cyankaliumlsung zu bringen, in der sich das Gold lst. Nach =Braun= lst
man das Gold in Knigswasser, dampft die vom ausgeschiedenen Chlorsilber
abfiltrirte Lsung, zu welcher man Kochsalzlsung gesetzt hatte (auf 3
Th. Gold 10 Th. Kochsalz), zur Trockne ein, lst den Rckstand in Wasser
und fllt die Lsung mit berschssigem Ammoniak. Der Niederschlag
(Knallgold) wird ausgewaschen und in einer hinreichenden Menge von
Cyankalium gelst. Nach dem Herzog von =Leuchtenberg= ist es zweckmssig,
der Goldlsung etwas Aetzkali zuzusetzen. =Elsner= benutzt anstatt des
Cyankaliums das Blutlaugensalz, das schon vorher von =Elkington= und
=Ruolz= vorgeschlagen worden war. Man lst zu diesem Zwecke 28 Gr.
gewalztes Gold in Knigswasser, verdampft die Lsung im Wasserbade zur
Trockne, lst den Rckstand in Wasser und setzt zu der Lsung 210 Gr. mit
etwas Wasser angerhrter Magnesia. Die entstandene goldsaure Magnesia
wird auf einem Filter mit Wasser ausgewaschen und dann mit Salpetersure
behandelt, welche die Magnesia auflst, das Goldoxyd zurcklsst. Nach
hinreichendem Auswaschen wird das Gold in einer Auflsung von 500 Gr.
Blutlaugensalz in 4 Litern Wasser gelst. Die Lsung =zum Versilbern= auf
galvanischem Wege stellt man dar, indem man gut ausgewaschenes, frisch
geflltes Chlorsilber in Cyankaliumlsung (100 Gr. Cyankalium auf 1 Liter
Wasser) eintrgt, so viel sich darin aufzulsen vermag, und zu dieser
Lsung eine gleiche Menge von der Cyankaliumlsung setzt.

  Die galvanische Versilberung ist auf Kupfer, Glockengut, Messing,
  Tombak, Roh- und Stabeisen direct mit gutem Erfolge ausfhrbar; Zinn
  und polirter Stahl mssen dagegen vorher galvanisch verkupfert werden,
  wenn die Versilberung dauerhaft sein soll; Zink muss auf jeden Fall
  vorher verkupfert sein. Sehr beliebt sind gegenwrtig die aus Neusilber
  und aus Britanniametall hergestellten und galvanisch versilberten
  Gegenstnde, welche unter dem Alfnide (Chinasilber vgl. Seite 55) in
  dem Handel vorkommen. Auf 1 Quadratmeter Metallflche hat man von 1,0
  bis zu 22,0, ja selbst 240 Grm. Silber niedergeschlagen, die Dicke der
  Silberschicht mithin 1/9400, 1/450, 1/42 Millimeter betrug. Man giebt
  den galvanisch versilberten Metallwaaren in England zuweilen einen
  schwachen Ueberzug von Palladium zur Verhtung des Schwarzwerdens durch
  schwefelwasserstoffhaltige Exhalationen.

[Sidenote: Kupferlsung.]

Eben so empfiehlt man eine Lsung von 1 Th. Cyansilber in 100 Th. Wasser.
Zur =galvanischen Verkupferung= ist eine Auflsung von Kupferoxyd in
Cyankalium die tauglichste Zersetzungsflssigkeit. Um sie darzustellen,
erhitzt man eine Kupfervitriollsung mit etwas Kali und Traubenzucker,
bis sich ein Absatz von rothem Kupferoxydul gebildet hat, den man auf
einem Filter mit destillirtem Wasser auswscht und in einer
Cyankaliumlsung lst. Nach der von =Weil= (in Paris) eingefhrten
trefflichen Methode der galvanischen Verkupferung von Gusseisen, Stahl
und Stabeisen wendet man als Zersetzungsflssigkeit eine Lsung von 350
Grm. Kupfersulfat, 1500 Grm. Kalium-Natrium-Tartrat (Seignettesalz),
400-500 Grm. Aetznatron in 10 Liter Wasser gelst an.

  =Oudry's= Verfahren der galvanischen Verkupferung von Eisen, welche in
  Paris zur Verkupferung der Gascandelaber, der Fontainen am
  Concordienplatze etc. etc. Anwendung gefunden, unterscheidet sich von
  der gewhnlichen galvanischen Verkupferung in zwei Richtungen. Einmal
  dadurch, dass das Kupfer nicht unmittelbar auf das Eisen gefllt,
  sondern dass dieses vorerst mit einer fr Wasser und saure
  Flssigkeiten undurchdringlichen Hlle berzogen und dieses sodann
  durch Einreiben von Graphit fr den galvanischen Strom leitend gemacht
  wird, und dann dadurch, dass das Ausfllen des Kupfers in der Regel so
  lange fortgesetzt wird, bis eine Kupferschicht von 1 bis 2 Millimetern
  Dicke gebildet ist, wodurch die Verkupferung sehr dauerhaft wird. Die
  Oberflche der Artikel, welche verkupfert werden sollen, bedarf nicht
  erst einer oft mhsamen Reinigung von Eisenoxyd, sondern sie wird nur
  allenfalls mit Meissel und Feile abgeglichen und mit einer Brste aus
  Eisendraht gereinigt. Hierauf werden dieselben mit einer gut deckenden
  und schnell trocknenden Farbe zwei Mal berstrichen, deren frbender
  Bestandtheil meistens aus Mennige besteht, und sonach wird der Ueberzug
  mit Graphit gut eingerieben. Im Falle irgend ein Theil vorzugsweise der
  Abnutzung ausgesetzt ist, kann dieser, wie dies z. B. mit den Fssen
  der Gascandelaber in Paris geschieht, vor der Bedeckung mit der Farbe
  mit Kupferblech bekleidet werden, welches natrlich nicht bemalt wird.
  Die solcher Gestalt prparirten Eisenstcke werden nun in eine
  concentrirte Lsung von Kupfervitriol gelegt und mit einer
  entsprechenden Anzahl galvanischer Elemente in Verbindung gesetzt. Hat
  man z. B. einen gewhnlichen Gascandelaber zu verkupfern, so wird
  dieser in eine etwas saure Lsung von Kupfervitriol in einem seiner
  Grsse entsprechenden Holzreservoir eingelegt und von allen Seiten mit
  porsen Thoncylindern von ungefhr 0,5 Meter Hhe und 12 Centimeter
  Durchmesser umgeben, welche Cylinder verdnnte Schwefelsure enthalten,
  in welche Zinkcylinder eingesetzt sind, die unter einander durch
  Leitungsdrhte verbunden werden; hiernach werden beide Enden sammt dem
  Mitteltheil des Candelabers in leitende Verbindung mit den
  Zinkelementen gesetzt. Zur Ausfllung einer 1 Millimeter dicken
  Kupferlage bei einem solchen Candelaber sollen 4-1/2 Tage gengen. Die
  grossen Fontainen des Concordienplatzes, welche verkupfert worden sind,
  sollen aber 2 Monate im Bade gelegen haben. Der Preis fr das
  Verkupfern ist fr Stcke von der Grsse gewhnlicher Candelaber 9 Fr.,
  kann aber fr grosse Kunstgegenstnde bis auf 25 Fr. per Kilogramm
  ausgefllten Kupfers steigen. Wenn die ausgefllte Kupferlage sehr dick
  ist, so wird deren Oberflche ein wenig knollig, und muss daher, wenn
  sie vollkommen glatt sein soll, mit der Feile etwas abgeglichen werden.

[Sidenote: Zink- und Zinnlsung.]

Zum =Verzinken= des Eisens kann man eine Lsung von Zinksulfat anwenden.
Das mit einer Zinkhaut berzogene Eisen fhrt den Namen =galvanisirtes
Eisen=; dasjenige, welches im Handel diesen Namen fhrt, ist jedoch nicht
auf galvanischem Wege mit Zink berzogen, sondern auf gewhnlichem Wege
verzinktes Eisen. Zum =Verzinnen= wendet man eine Zinnauflsung an,
welche man dadurch gebildet hat, dass man als Zersetzungsflssigkeit
Aetznatronlauge, als Kathode ein Eisenblech, als Anode eine Zinnstange
benutzt.

  Auch ein galvanisches Ueberziehen mit Eisen (=Versthlen=) findet
  statt. Seit einer Reihe von Jahren pflegt man gestochene Kupferplatten
  (nach dem von =H. Meidinger= angegebenen Verfahren) mit Eisen zu
  berziehen (zu versthlen), um solche fr lngeren Gebrauch tauglich zu
  machen. Dies geschieht, indem man ein Bad von Eisenvitriol und Salmiak
  anwendet, eine Eisenplatte am Zinkpol und die zu versthlende Platte am
  Kupferpol befestigt und in die Flssigkeit einhngt. Die so versthlten
  Platten zeigen eine grauweisse glnzende Farbe. Ist die zwar sehr
  dnne, aber dennoch usserst harte Eisenschicht, welche 5000-15,000
  Abdrcke aushlt, abgenutzt, so kann die nmliche Platte beliebig oft
  von Neuem versthlt werden, ohne dass sie irgendwie darunter leidet.
  Die Anwendung von eisernen Clichs (nach der Methode von =Klein=,
  =Feuquires= und =Varrentrapp=[30] dargestellt), berhaupt das
  Verfahren der Reduction des Eisens auf galvanischem Wege ist als ein
  sehr bedeutender Fortschritt in der Galvanotechnik anzusehen.

  [30] Vergl. Jahresbericht der chem. Technologie, 1868 p. 141 u. 145.

[Sidenote: Das Aetzen auf galvanischem Wege.]

  =Das Aetzen auf galvanischem Wege= grndet sich auf die Thatsache, dass
  unter gewissen Bedingungen die an den Elektroden ausgeschiedenen Stoffe
  sich mit denselben chemisch verbinden. Erfolgt eine Verbindung, so wird
  die Elektrode nach und nach zerstrt. Regulirt man dieses Zerstren
  dergestalt, dass die Elektrodenplatte durch Ueberziehen mit Aetzgrund
  (aus 4 Th. Wachs, 4 Th. Asphalt und 1 Th. schwarzem Pech dargestellt)
  bis auf gewisse freigelassene Stellen unzerstrbar ist, so hat man alle
  Bedingungen zum Aetzen. In die mit Aetzgrund bedeckte Kupferplatte wird
  die beabsichtigte Zeichnung bis auf das blanke Metall einradirt, und
  darauf als positive Elektrode einer constanten Kette in
  Kupfervitriollsung, einer anderen als negative Elektrode dienenden
  blanken Kupferkette gegenber gestellt. Whrend sich die letztere mit
  Kupfer berzieht, wird an den radirten Stellen durch den Sauerstoff des
  zersetzten Wassers Kupferoxyd gebildet und dieses von der in
  Kupfervitriol frei gewordenen Schwefelsure immer wieder aufgenommen
  und entfernt.

[Sidenote: Metallochromie.]

  4) =Metallochromie= oder =galvanische Metallfrbung=. Auch
  zusammengesetzte Krper, wie z. B. Metalloxyde, knnen durch den
  galvanischen Strom in cohrenter Form auf Metallflchen
  niedergeschlagen werden. Bleioxyd (Bleigltte) hat vorzglich die
  Eigenschaft, aus seiner Lsung in Aetzkali oder Aetznatron als
  Superoxyd abgeschieden zu werden. =Becquerel= hat darauf ein Verfahren
  begrndet, Metalle mit diesem Superoxyd zu berziehen, das unter dem
  Namen =Metallochromie= oder =galvanische Metallfrbung= bereits
  Anwendung gefunden hat, da dasselbe die Hervorbringung verschiedener
  Farben gestattet. Diese Farben gehren in die bekannte Kategorie der
  Farben dnner Schichten. Bringt man in eine vollkommen gesttigte
  Auflsung von Bleioxyd in Aetzkali eine Platte, die mit der Anode einer
  galvanischen Batterie in Verbindung steht, whrend ihr gegenber eine
  Platinplatte als Kathode dient, so wird auf der Platte Bleisuperoxyd
  abgelagert, und die Farbe ndert sich mit der Dicke der Schicht; ist
  die gewnschte Wirkung erreicht, so muss der Krper sogleich aus der
  Flssigkeit genommen und abgewaschen werden. Hlt man die Spitze ruhig
  ber eine Stelle, so entstehen um dieselbe herum die bekannten
  Nobili'schen Farbenringe. Um diese zu vermeiden, muss man die Elektrode
  in fortwhrender Bewegung und in einer gewissen Entfernung von der
  Oberflche des Krpers halten. Die Metallochromie findet Anwendung zur
  Verzierung von Gegenstnden aus Kupfer, Tombak und Messing, welche
  vorher eine dnne galvanische Vergoldung empfangen haben. Die
  Hauptfarbe ist grn oder purpurroth, welche in Nebenfarben (hellroth,
  blau, violett, gelb) bergeht. Anstatt der Lsung des Bleioxydes in
  Aetzkali kann man auch eine mit Kalilauge versetzte Lsung von
  Kupfervitriol und Kandiszucker in Wasser anwenden.

[Sidenote: Elektrotypie.]

  =Elektrotypie.= Um Lettern auf galvanoplastischem Wege zu
  vervielfltigen, wird der Lettersatz mit Spatien in solcher Ausdehnung
  umgeben, als die Grsse der von jeder Letter darzustellenden Matrize es
  erfordert. Der Satz wird dann mit Schnren festgebunden, an den Rndern
  mit Wachs umgeben, davon ein galvanoplastischer Abdruck erzeugt und die
  einzelnen Matrizen mit einer Scheere ausgeschnitten. Auf der Rckseite
  werden dieselben verzinnt und mit Lettermetall zur gehrigen Dicke
  ausgegossen. Zur Erzeugung von Stereotypplatten und zur Copirung von
  Holzschnitten ist die Guttapercha als Material zur Matrize besonders
  geeignet.

[Sidenote: Glyphographie.]

  Die =Glyphographie= ist eine Anwendung der Galvanoplastik, um
  Holzschnitte nachzuahmen. Sie ist eine Erfindung =Palmer='s in London
  und ist durch =V. Ahner= in Leipzig verbessert worden. Seitdem die
  galvanisch in Kupfer oder Eisen reproducirten Holzschnitte als Clichs
  allgemein Anwendung gefunden, hat die Glyphographie allen Boden
  verloren. Sie bezweckt die von dem Knstler ausgefhrte Zeichnung
  direct in eine Typenplatte zu verwandeln; die Zeichnung kann dabei in
  ihrer natrlichen Richtung, nicht verkehrt wie beim Holzschnitt,
  gemacht werden, worin besonders bei solchen Sachen, in welchen viel
  Schrift vorkommt, eine grosse Erleichterung ist. Das Verfahren, soweit
  es bekannt ist, besteht in Folgendem: Eine vollkommen eben geschliffene
  Kupferplatte wird mit Schwefelleberlsung angestrichen und dadurch ihre
  Oberflche geschwrzt; die mit Wasser abgesplte und gereinigte Platte
  wird mit einem weissen Radirgrund versehen, der aus einer Mischung von
  Burgunderpech, weissem Wachs, Colophonium, Wallrath und schwefelsaurem
  Blei besteht. In diesen weissen Grund zeichnet der Knstler mit den
  dazu bestimmten Nadeln, sodass der schwarze Grund blossgelegt wird und
  die Zeichnung schwarz auf weiss erscheint. Die fertige Radirung wird
  dem Galvanoplastiker bergeben, welcher nunmehr die mechanischen
  Beihlfen zur Erzeugung eines galvanoplastischen Abdruckes besorgt. Es
  werden vor Allem die breiten weissen Flchen mittelst einer dicken,
  breiartigen Firnissmasse erhht, damit sie nicht berwachsen. Dann wird
  die Platte copirt und der galvanoplastische Abdruck auf einem
  Holzklotze befestigt, sodass er mit dem Letternsatze gleiche Hhe
  erhlt und gleichzeitig mit diesem abgedruckt werden kann. Von der
  radirten Platte knnen auch Gypsabgsse hergestellt und hiervon
  Stereotypplatten abgegossen werden, und es scheint, als ob dieser
  Vorgang in England hufiger angewendet wird, als die galvanoplastische
  Copie, da berdies die Druckerschwrze von galvanoplastischen Modellen
  nie so gut angenommen wird, als von Stereotypplatten. Eine, wie es
  scheint, der Glyphographie sehr hnliche Methode zur Herstellung von
  Reliefplatten fr den Buchdruck ist von den Herren =Haase= und =Shne=
  in Prag in Anwendung gebracht, jedoch nicht verffentlicht worden.

[Sidenote: Galvanographie.]

  Kurze Zeit (1842) nach der Entdeckung der Galvanoplastik durch =Jacobi=
  wurde durch =v. Kobell= in Mnchen die Idee gefasst, die neue Kunst zu
  benutzen, um in Tuschmanier gemalte Bilder auf galvanischem Wege in
  Kupfer vertieft dargestellt, zu copiren, dass sie nun durch druckbare
  Platten vervielfltigt werden knnen, welche Kunst mit dem Namen
  =Galvanographie= bezeichnet worden ist. Es wird auf eine glatte und
  versilberte Kupferplatte eine Tuschzeichnung in Oelfarbe (=v. Kobell=
  empfiehlt eine mit Dammarfirniss versetzte und mit Graphit abgeriebene
  Lsung von Wachs in Terpentinl) gemalt; sobald die Farbe eingetrocknet
  ist, wird darauf eine Kupferplatte erzeugt, welche dann unmittelbar zum
  Abdruck in der Kupferdruckpresse dient und dieselbe Tuschzeichnung, wie
  sie der Knstler auf der Platte hervorbrachte, in beliebiger Anzahl von
  Abdrcken auf Papier wiedergiebt. Die Abdrcke nhern sich am meisten
  der sogenannten Aquatinta-Manier, unterscheiden sich aber von ihr durch
  ausserordentliche Weichheit der Schattirungen, welche in der That denen
  eines getuschten Bildes tuschend hnlich sind; die Platten ertragen
  ohne betrchtliche Abnutzung ber 600 Abdrcke. Die Bilder werden in
  einer Farbe gemalt, damit die Tuschzeichnung durch hheres oder flaches
  Auftragen der Farbe eine Art Relief bildet, das sich in der
  galvanoplastischen Platte vertieft darstellt und zur Aufnahme der
  Druckerschwrze dient, die alle diese Vertiefungen in demselben
  Verhltnisse ausfllt und dann an die Oberflche des Papiers sich
  anheftet.




                             II. Abschnitt.

            Rohstoffe und Produkte der chemischen Industrie.

                           Das Kaliumcarbonat.

(K_{2}CO_{3} = 138,2; in 100 Th. 68,2 Th. Kali und 31,8 Th. Kohlensure.)


[Sidenote: Quellen des Kalis.]

Das =Kaliumcarbonat= (kohlensaures Kali) in der Form, in welcher es im
Handel vorkommt, fhrt den Namen =Potasche=, weil in frherer Zeit das
meiste Kaliumcarbonat aus der Asche (Holzasche) gewonnen wurde. Das Kali
findet sich in reichlichster Menge in der Natur und zwar niemals frei,
sondern als Silicat, als Chlorkalium, als Kaliumsulfat, als
pflanzensaures Kalium und endlich als fettsaures Kalium. Es kommt im
Mineralreich und in der organischen Natur vor. Fr technische Zwecke
benutzbare Kaliquellen sind gegenwrtig folgende:

                  {   I. die Stassfurter und Kaluczer Salzmineralien
  A. Anorganische {      Carnallit, Sylvin, Kainit und Schoenit,
     Kaliquellen  {  II. der Feldspath und hnliche Gesteine,
                  { III. das Meerwasser und die Mutterlauge der Salinen,
                  {  IV. der natrliche Kalisalpeter;

                  {   V. die Asche der Vegetabilien,
  B. Organische   {  VI. die Schlempekohle von der Verarbeitung der
     Kaliquellen  {      Rbenmelasse,
                  {  VII. die Tange (als Nebenprodukt der Jodgewinnung),
                  { VIII. der Schweiss der Schafwolle.

[Sidenote: Kalisalze aus den Stassfurter Salzmineralien.]

I. Aus den =Stassfurter= und =Kaluczer Kalimineralien=, dem (in neuerer
Zeit auch fr die Bromgewinnung wichtig gewordenen) Carnallit, ferner aus
dem Sylvin (ClK) und dem Kainit (einer Verbindung von Kaliumsulfat mit
Magnesiumsulfat und Chlormagnesium) stellt man gegenwrtig grosse Mengen
von Kalisalzen dar, namentlich aus dem Carnallit, welcher in der obersten
Region des Stassfurter Steinsalzlagers (brigens auch an anderen Orten,
so z. B. zu Kalucz in Galizien, in der Nhe der Lemberg-Czernowitzer
Bahn; ferner zu Maman in Persien) sich findet, nach der Formel KCl,
Mg {Cl_{2} / {Br_{2} + 6H_{2}O und, abgesehen von dem Brom, in 100 Th. aus

                          Chlorkalium       27
                          Chlormagnesium    34
                          Wasser            39
                                           ---
                                           100

Die Fabrikation der Kalisalze aus den Salzmineralien der Carnallit-Region
zerfllt

    [Greek: a]) in die Darstellung von Chlorkalium;
    [Greek: b])  "  "       "       "  Kaliumsulfat;
    [Greek: g])  "  "  Fabrikation von Potasche.

  [Greek: a]) =Darstellung von Chlorkalium.= Nach dem ursprnglichen
  (1861 patentirten) Verfahren =A. Frank='s wurden die Abraumsalze im
  Flammenofen mit oder ohne Wasserdampf einem Glhprocesse unterworfen
  und dann mit Wasser extrahirt. Aus der Lauge sollte durch Eindampfen
  und Aussoggen das Chlorkalium gewonnen werden. Diesem Verfahren liegt
  die Thatsache zu Grunde 1) dass der Carnallit des Abraumsalzes durch
  Wasser in Chlorkalium und Chlormagnesium sich spaltet und 2) letzteres
  beim Glhen in Wasserdampf sich zersetzt in Salzsure, die entweicht,
  und in zurckbleibende Magnesia. Beim Betrieb im Grossen gab das
  Verfahren jedoch ungengende Resultate. In Folge des Vorhandenseins
  anderer Chlormetalle in dem Abraumsalze (Chlornatrium und Tachhydrit)
  geht die Zersetzung des Carnallits nur partiell und usserst langsam
  vor sich. Ausserdem giebt der Kieserit des Abraumsalzes zur Bildung von
  Schoenit Veranlassung, welches Doppelsalz das erhaltene Chlorkalium
  verunreinigt. Endlich findet sich dem Chlorkalium noch fast alles
  Chlornatrium beigemengt, das in dem Abraumsalz sich fand. Es war eine
  glckliche Idee =Grneberg='s, vor der Verarbeitung der Abraumsalze
  deren Bestandtheile einer mechanischen Separation zu unterwerfen. Die
  Grundzge dieses Verfahrens sind folgende: Das Abraumsalz besteht der
  Hauptsache nach aus den drei Salzen,

                 dem Carnallit mit dem spec. Gew. 1,618
                  "  Kochsalz   "   "    "    "   2,200
                  "  Kieserit   "   "    "    "   2,517

  Wenn das Abraumsalz grob gemahlen und zu verschiedenen Kornsorten
  gleicher Grsse gesiebt wird, so lassen sich die einzelnen Salze dem
  specifischen Gewichte nach trennen in Apparaten, wie sie im Bergwesen
  zur Trennung der Erze von der Gangart benutzt werden. Anstatt Wasser,
  welches die Salze whrend des Setzprocesses lsen wrde, wird eine
  gesttigte Chlormagnesiumlsung, die als letzte Mutterlauge massenhaft
  erhalten wird und keinen Einfluss auf die zu scheidenden Salze ausbt,
  angewendet. Der Carnallit, als das specifisch leichteste der
  Abraumsalzbestandtheile, bildet nach der Setzung die obere Schicht der
  gesetzten Salze, das Kochsalz die mittlere und der Kieserit die
  unterste Lage. Die drei Schichten werden durch sauberes Abheben
  getrennt. Die Carnallitlage wird zur Chlorkaliumfabrikation verwendet.
  Das Kochsalz, die mittlere Schicht, ist so frei von Kali, dass es
  direct verwendet werden kann. Der Kieserit endlich geht, nachdem er
  durch Waschen mit kaltem Wasser von dem anhngenden Kochsalz befreit
  worden ist, in die weiter unten zu beschreibende Fabrikation von
  Kaliumsulfat ber.

[Illustration: Fig. 57.]

[Illustration: Fig. 58.]

  Die meisten Fabriken in Stassfurt verarbeiten jedoch die Abraumsalze
  so, wie sie von der Grube geliefert werden, und zwar nach folgendem
  Verfahren, das aus fnf auf einander folgenden Operationen besteht. 1)
  Auslaugen des Carnallits mit einer zur vlligen Lsung unzureichenden
  Menge heissen Wassers, wodurch hauptschlich nur Chlorkalium und
  Chlormagnesium gelst werden, die grsste Menge des Kochsalzes und des
  Magnesiumsulfates aber zurckbleibt; 2) Auskrystallisiren des
  Chlorkaliums durch Abkhlung; 3) Abdampfen und Abkhlung der
  Mutterlauge, wodurch eine zweite Krystallisation von Chlorkalium
  erhalten wird; 4) nochmaliges Abdampfen und Abkhlung der Mutterlaugen,
  wo das Doppelsalz von Chlorkalium und Chlormagnesium (knstlicher
  Carnallit) erhalten wird, welcher dann ebenso wie der natrliche
  verarbeitet wird; 5) Auswaschen des Chlorkaliums, Trocknen und
  Einpacken.

[Illustration: Fig. 59.]

  1) Der Carnallit wird in gusseiserne Auslaugegefsse gebracht und mit
  3/4 seines Gewichts von Wasser, welches zum Waschen von Chlorkalium
  gedient hat und viel Kochsalz und etwas Chlorkalium enthlt, bergossen
  und dann durch ein ringfrmiges Rohr _T_ (Fig. 59) Dampf von 120 C.
  hineingeleitet. In der Fabrik von =Douglas=, welche gemahlenen
  Carnallit verarbeitet, fassen die Bottiche (Fig. 57, 58, 59) 20 Tonnen
  davon, sind mit einem dicht schliessenden Deckel bedeckt, in welchem
  nur eine Oeffnung zum Entweichen des berflssigen Dampfes befindlich
  ist. Eine von einer Dampfmaschine bewegte verticale eiserne Welle _C_
  mit Armen geht durch die Achse des Gefsses und bewegt das Salz
  bestndig umher. Dies dauert etwa drei Stunden, worauf man zwei Tage
  ruhig stehen lsst. Die Auflsung ist dann ganz gesttigt und zeigt 32
  B. Der obere Hahn _r_ wird nun geschlossen und ein unterer _r'_ mit
  einer auswrts gehenden Rhre _s_ geffnet. Der Dampf drckt die Lsung
  in diese hinauf nach dem Krystallisationsraume. Der Rckstand, welcher
  etwa 1/3 des angewendeten Carnallits betrgt, wird noch ein oder zwei
  Mal mit Wasser ausgelaugt.

[Illustration: Fig. 60.]

[Illustration: Fig. 61.]

  2) Die Krystallisationsgefsse aus Eisenblech oder Holz sind entweder
  flache Ksten oder hlzerne Fsser von 1,20 Meter Durchmesser und 1,5
  bis 1,9 Meter Hhe. Beim langsamen Abkhlen krystallisirt das
  Chlorkalium mit etwas Kochsalz gemischt und stark mit Chlormagnesium
  imprgnirt. Das an den Seiten der Gefsse sich ansetzende ist reiner
  und enthlt etwa 70 Proc. Chlorkalium, das Bodensalz unreiner (55
  Proc.). In flachen Gefssen geht die Abkhlung schneller, das Salz ist
  feiner, was zu weiterer Verwendung vortheilhaft ist, aber es ist
  unreiner als das grber krystallisirte und verlangt lngeres und
  sorgfltigeres Auswaschen. Man nimmt dazu reines Wasser, welches man
  eine Stunde darauf stehen lsst und dann abzapft. Dieses Wasser dient,
  wie oben erwhnt, zum Auskochen des Carnallits. Eine einzige solche
  Waschung bringt das grob krystallisirte von den Seiten der Gefsse auf
  80 Proc. Chlorkalium, das fein krystallisirte verlangt zwei bis drei
  Waschungen. Die meisten Fabriken liefern das Salz mit diesem Gehalt von
  80 Proc., einige wenige treiben es auf 85 bis 90 Proc.

  3) Das Eindampfen der ersten Mutterlauge geschieht in eisernen Pfannen
  von verschiedener Grsse. Da beim Eindampfen reichlich Kochsalz
  niederfllt, welches am Boden festbrennen knnte, so lsst man die
  Flammen nur seitlich die Wnde des Kessels (wie Fig. 61 zeigt) umsplen
  und rhrt bestndig um, damit sich an diesen das Salz nicht festsetzt.
  Nachdem die Lauge auf etwa 2/3 ihres Volumens eingedampft ist, zeigt
  sie 33 B. Man lsst sie dann in die Krystallisationsgefsse ablaufen
  und nimmt das niedergefallene Salz aus den Pfannen heraus. Es besteht
  aus 60-65 Proc. Kochsalz, 6 Proc. Chlorkalium und 30 Proc. des
  Doppelsalzes von Magnesiumsulfat und Kaliumsulfat, das unter dem Namen
  Schoenit oder Pikromerit auch fertig gebildet unter den Stassfurter
  Salzen auftritt. Es wird als Dnger verwandt. In einigen Fabriken
  erhitzt man die Abdampfkessel durch Dampf. Vier Rhren _T_ (Fig. 60)
  liegen dazu parallel den langen Seiten im Kessel und ffnen sich dann
  in den Raum _U_ zwischen dem Kessel und einem ihn umgebenden Mantel.
  Der unbenutzte Dampf entweicht durch das Rohr _T'_. Die Concentration
  geht schneller als bei der directen Erhitzung. Die Krystallisation der
  zweiten Lauge giebt eine neue Quantitt Chlorkalium, welches aber nur
  50-60 Proc. enthlt und 2-3 Waschungen erfordert, um auf 80 gebracht zu
  werden.

  4) und 5) Die zweite Mutterlauge wird bis auf 35 B. concentrirt, wobei
  ein hnliches Salzgemenge wie bei der ersten Concentration niederfllt,
  welches mit diesem vereinigt wird. Dieses Gemenge enthlt dann gegen 10
  Proc. Kali und wird mit Vortheil als Dnger verwandt. Diese
  concentrirte Lauge giebt nun aber beim Krystallisiren nicht
  Chlorkalium, sondern knstlichen Carnallit, welcher ebenso behandelt
  wird wie der natrliche, nur ist die Arbeit bei seiner grsseren
  Reinheit viel einfacher und rascher. Man lst etwa drei Tonnen davon
  auf einmal in heissem Wasser auf, was drei Stunden erfordert, lsst
  zwei Stunden ruhig stehen und zapft dann in die Krystallisationsgefsse
  ab. Da der knstliche Carnallit nur wenig Kochsalz enthlt, so fllt
  das Chlorkalium viel reiner aus und man kann es durch Auswaschen auf
  85-90 Proc. bringen.

  Das durch Waschen gereinigte =Chlorkalium= wird schnell getrocknet,
  entweder in einem Flammenofen, wo es eine schwache Calcination
  erleidet, oder auf dem metallenen Boden einer Kammer, welche durch
  Rhren erhitzt wird, die durch die Feuerluft eines Braunkohlenfeuers
  geheizt werden. Nach dem Trocknen wird das Salz zerdrckt, gesiebt und
  in Fsser von Tannenholz gepackt, welche etwa 500 Kilogr. enthalten.
  Sie werden dann in der Fabrik selbst auf Waggons der Magdeburger
  Eisenbahn geladen und nach den verschiedenen europischen Mrkten
  versandt. Das kufliche Chlorkalium, welches 80-86 Proc. KCl. enthlt,
  wandert entweder in die Salpeterfabriken, wo es mit Natriumsalpeter in
  Kaliumsalpeter umgesetzt wird, oder in die Alaunfabriken, oder man
  verwendet es zur Darstellung von Kaliumchlorat und Kaliumchromat, oder
  endlich dient es zur Fabrikation von Kaliumsulfat und Kaliumcarbonat.

[Greek: b]) =Darstellung von Kaliumsulfat.= Das Kaliumsulfat lsst sich
darstellen

a) aus Chlorkalium und Schwefelsure;

b) aus Chlorkalium und Schwefelkies, durch den =Longmaid='schen
Rstprocess (siehe Sodafabrikation) und in vielen Fllen der chlorirenden
Rstung in der Metallurgie, wenn das bisher bliche Kochsalz durch
Chlorkalium ersetzt wird;

c) aus Chlorkalium und Kieserit;

d) aus dem Kainit.

  Die Umsetzung von Chlorkalium in Kaliumsulfat durch Glaubersalz, die
  wiederholt zur Darstellung von Kaliumsulfat versucht wurde, hat sich im
  Grossen als nicht praktisch erwiesen, weil die beiden Sulfate der
  Alkalien allzugrosse Neigung haben, sich mit einander zu einem
  Doppelsalze zu verbinden. Die sub a und b genannten Methoden knnen nur
  unter gewissen Bedingungen mit Gewinn ausgebt werden. In England
  stellt man jedoch fabrikmssig Kaliumsulfat aus dem Chlorkalium (der
  Kelpfabriken) und aus Schwefelsure dar. Dies geschieht genau in
  derselben Weise, wie die Umwandlung des Kochsalzes in Glaubersalz bei
  der Sodafabrikation, und in den identischen Apparaten und Oefen. Eine
  weit grssere Bedeutung als die vorstehenden Methoden haben die sub c
  und d angefhrten Verfahren, das Kaliumsulfat mit Hlfe der
  Schwefelsure des Kieserits darzustellen. Die Hauptgrundzge des von
  =H. Grneberg= eingefhrten Verfahrens sind folgende: Man beginnt mit
  der Darstellung von Schoenit (vergl. S. 129) und gleichzeitig auch von
  Carnallit, indem man Chlorkalium und Kieserit heiss lst und die Lsung
  krystallisiren lsst:

               4 Mol. Kieserit    } = { 2 Mol. Schoenit,
               3  "   Chlorkalium }   { 1  "   Carnallit;

  Beide Salze, der Schoenit und der knstliche Carnallit werden durch
  Krystallisation geschieden und ersteres nach folgendem Schema mit
  Chlorkalium zerlegt:

              4 Mol. Schoenit    }   { 4 Mol. Kaliumsulfat,
              3  "   Chlorkalium } = { 2  "   Schoenit,
                                     { 1  "   Carnallit.

  Die einzelnen Salze werden durch Krystallisation getrennt und das
  zuerst sich ausscheidende Kalisulfat durch Waschen mit kaltem Wasser
  gereinigt. Wie weit die Anreicherung des Kalisulfates aus dem Schoenit
  durch blosses Umkrystallisiren desselben und ohne Chlorkaliumzusatz
  getrieben werden kann, ist noch zu ermitteln. Es scheint aber
  festzustehen, dass in dem zur Potaschenfabrikation bestimmten
  schwefelsaurem Kali ein einige Procente betragender Schoenitgehalt
  nicht ungern gesehen wird.

  Seitdem der =Kainit= in dem Hangenden der Kalisalze der
  Carnallit-Region massenhaft gefunden worden, dient auch er zur
  Darstellung von Kaliumsulfat. Zu dem Ende wird der Kainit mit Wasser
  behandelt und dadurch in Folge Austretens von Chlormagnesium in
  Schoenit bergefhrt:

                  Kainit                 } = { Schoenit
                  _minus_ Chlormagnesium }   {

  Der Schoenit wird dann mit Chlorkalium in Kaliumsulfat umgewandelt. Das
  Kaliumsulfat ist entweder Zwischenprodukt fr die Potaschendarstellung
  oder Handelsartikel fr die Alaunfabrikation oder endlich einer der
  wichtigsten Bestandtheile der Kalidngerfabrikate.

[Greek: g]) =Darstellung von Kaliumcarbonat= (Mineralpotasche). Behufs
der technisch vortheilhaftesten Ueberfhrung von Chlorkalium und
schwefelsaurem Kali in Potasche sind zahlreiche Vorschlge gemacht
worden, die aber zum kleinsten Theil nur realisirbar sind. Das einzige
von der Praxis adoptirte Verfahren der Darstellung von Mineralpotasche
ist eine Nachbildung des =Leblanc='schen Sodabildungsprocesses.

  Das =Leblanc='sche Verfahren, von =H. Grneberg= (1865) zuerst zur
  Potaschedarstellung angewendet, hat sich nicht berall bewhrt, so
  fhrt z. B. =Lunge= an, dass in einer englischen Fabrik langjhrige und
  kostspielige Versuche, =Leblanc='s Process zur Potaschenfabrikation
  einzufhren, zu einem negativen Resultate gefhrt htten. Es war dort
  berhaupt nur dann mglich, eine brauchbare Handelswaare zu erzeugen,
  wenn man eine bedeutende Menge (bis zur Hlfte) amerikanischer
  Perlasche mit hineinarbeitete. Der eigentliche Grund des Scheiterns der
  Versuche ist nicht bekannt geworden; doch scheint es, als ob die
  erzielte Potasche ein gar zu unscheinbares Ansehen gehabt htte; man
  konnte sie nicht, wie die Soda, einfach weissbrennen, sondern musste
  sie auflsen, wieder eindampfen und calciniren und diesen Process sogar
  mehrfach wiederholen, was natrlich zu kostspielig wurde. Ein hnliches
  Verfahren macht sich nur fr wirkliche gereinigte Potasche (fr
  Glasfabrikanten) bezahlt, welche dann auch wirklich in derselben Fabrik
  in grossem Maassstabe, aber nur aus amerikanischer Perlasche
  dargestellt wurde. Vermuthlich zeigte sich bei den Versuchen ber
  knstliche Potasche nach =Leblanc='s Verfahren auch der Uebelstand,
  welchen schon vor einigen Jahren =E. Kopp= bei hnlichen Versuchen in
  der grossen Sodafabrik in Dieuze bei Nancy beobachtet hat: nmlich die
  Bildung von Cyankalium, wol auch cyansaurem Kali, welche nur schwierig
  zu entfernen sind.

  In Kalk bei Cln und in Stassfurt werden grosse Mengen Mineralpotasche
  von tadelloser Beschaffenheit nach =Leblanc='s Process seit Jahren
  dargestellt. Das Nhere des Verfahrens wird zur Zeit noch geheim
  gehalten. Bekannt ist, dass man (schoenithaltiges) Kaliumsulfat mit
  Kreide und Steinkohlenklein calcinirt und die calcinirte Masse mit
  Wasser auslaugt, wobei Mineralpotasche in Lsung geht und
  Schwefelcalcium zurckbleibt, aus welchem man nach =Schaffner='s
  Verfahren Schwefel regenerirt. Die Gegenwart einer gewissen Menge
  Schoenit oder Magnesiumsulfat in dem zur Fabrikation von
  Mineralpotasche bestimmten Kaliumsulfat ist eher vortheilhaft als
  schdlich, indem durch die Magnesia die Rohpotasche pors wird und
  leichter und vollstndiger ausgelaugt werden kann, als die mit reinem
  Kaliumsulfat dargestellte Rohpotasche.

[Sidenote: Kali aus Feldspath.]

II. =Kalisalze aus Feldspath.= Die analytische Chemie hat gezeigt, dass
in den verbreitetsten Arten von Mineralien, die als Gemengtheile ganzer
Gebirgsmassen vorkommen, eine unversiegbare Kaliquelle sich findet. Der
Kaligehalt einiger der bekanntesten Gebirgsarten und Fossilien ist
folgender: 10-16 Proc. im Kalifeldspath (Orthoklas) und in einigen
feldspathreichen Fossilien. 8-10 Proc. im Kaliglimmer. 7-8 Proc. im
Glaukonit, Phonolith, Trachyt. 6-7 Proc. im Granulit und Porphyr,
Glimmerschiefer. 5-6 Proc. im Granit, Syenit, Gneis. 1-2 Proc. im
Dolerit, Basalt, Kaolin, Thon, Lehm.

  Vor dem Auffinden der Kalischtze in Stassfurt, Kalucz u. a. O. stand
  die Kaligewinnungsfrage aus Feldspath und hnlichen Gesteinen permanent
  auf der Tagesordnung in der technischen Chemie. Gegenwrtig ist
  begreiflicherweise angesichts der blhenden Mineralkalisalzindustrie
  aus Carnallit und Kainit die Feldspathkalifrage _ad calendas graecas_
  vertagt und alle Vorschlge, welche die Extraction des Kalis aus dem
  Feldspath zum Zwecke hatten, haben heute nur noch historisches
  Interesse zu beanspruchen. Das beste Verfahren zur Darstellung der
  Kalisalze aus dem Feldspath ist das von =Ward= (1857) angegebene, bei
  welchem das Fluor als Aufschliessungsmittel des Feldspaths dient.

  Es besteht wesentlich darin, dass man den bis zur Feine des
  Portland-Cmentes gemahlenen Feldspath mit feingepulvertem Flussspath
  (die Menge des Fluors darin soll der im Gestein enthaltenen Kalimenge
  quivalent sein) und einem Gemisch von Kreide und Kalkhydrat mengt und
  in Gypsfen, Gasretorten, Cementbrennfen etc. frittet und die
  gefrittete Masse, die in Folge des Kreidezusatzes pors und deshalb
  leicht auszulaugen ist, mit Wasser auslaugt, wo der Kali des Feldspaths
  sofort als Aetzkali in die Lsung bergeht. Der Rckstand vom Auslaugen
  giebt nach dem Brennen und Mahlen einen hydraulischen Mrtel.

[Sidenote: Kalisalze aus dem Meerwasser.]

III. =Kalisalze aus dem Meerwasser.= Die Gewinnung der Kalisalze aus dem
Meerwasser, namentlich aus dem Wasser des mittellndischen Meeres,
welches nach einer Analyse von =Usiglio= in 10,000 Gewichtstheilen 5,05
Gewichtstheile Kali enthlt, geht auf dieselbe Weise vor sich, wie die
Verarbeitung der Mutterlaugen der Salinen von Schnebeck, Drrenberg u.
s. w., die bereits zu Anfang dieses Jahrhunderts von =Herrmann= in
Schnebeck eingefhrt wurde.

  Die Kalisalzgewinnung wird am Mittelmeere im grossen Maassstabe von der
  =Compagnie Merle= in Alais (Gard) ausgebt. Das gegenwrtig angewendete
  Verfahren von =Balard= und =Merle= liefert unter Anwendung von
  knstlicher Klte mittelst des =Carr='schen Apparates von 1 Kubikmeter
  Mutterlauge von 28 B. (entsprechend circa 75 Kubikmeter Meerwasser)

                 40 Kilogr. wasserfreies Natriumsulfat,
                120   "     raffinirtes Seesalz,
                 10   "     Chlorkalium.

  Vor einigen Jahren noch liess man die auf 28 B. (= 1,225 spec. Gew.)
  gebrachten Mutterlaugen knstlich abkhlen, um sie auf Chlorkalium zu
  verarbeiten, heutzutage zieht man es vor, die Mutterlaugen in den
  Salzgrten selbst sich concentriren zu lassen, wobei folgende drei
  Sorten Salz nach einander sich absetzen: a) das =erste= Salz, welches
  aus der bis 32 B. (= 1,266 spec. Gew.) concentrirten Mutterlauge sich
  abscheidet, ist nur unreines Seesalz; b) das =zweite= Salz, zwischen 32
  und 35 B. (= 1,266 bis 1,299) sich absetzend, besteht aus gleichen
  Theilen Kochsalz und Bittersalz und heisst =gemischtes Salz=; c) das
  =dritte= Salz, welches zwischen 35 und 37 B. (= 1,299 bis 1,321) sich
  abscheidet, heisst =Sommersalz=; es enthlt noch Kochsalz und
  Bittersalz, aber auch alles Kali und zwar zum Theil als Schoenit, zum
  Theil auch als Carnallit. Das =zweite= Salz (gemischtes Salz) wird
  sofort aufgelst und die Lsung in die =Carr='sche Eismaschine
  gebracht, wo sich in Folge von Umsetzung der Bestandtheile Glaubersalz
  krystallisirt ausscheidet. Das =dritte= Salz (Sommersalz) wird in
  siedendem Wasser gelst; beim Erkalten scheidet sich die Hlfte des
  Kalis als Kainit ab; aus der Mutterlauge, die ausser Carnallit noch
  Kochsalz und Bittersalz enthlt, erhlt man durch Abkhlung noch
  Glaubersalz und durch Abdampfen der Flssigkeit und durch Versetzen
  derselben mit Chlormagnesium einer frheren Operation, alles Kali in
  Form von Carnallit, welches durch Auflsen in bekannter Weise in seine
  beiden Bestandtheile, Chlorkalium und Chlormagnesium, zerlegt wird.

  Auf diese Weise ist es gelungen, von dem in der Mutterlauge
  befindlichen Kali 45 Proc. als Chlorkalium und 55 Proc. als Schoenit zu
  gewinnen. Letzteres wird von der Compagnie =Merle= auf Kaliumsulfat und
  auf Potasche verarbeitet.

[Sidenote: Kali aus der Pflanzenasche.]

IV. =Kalisalze aus der Asche der Vegetabilien.= Verbrennt man eine
Pflanze oder einzelne Theile derselben, so bleibt ein unverbrennlicher
Rckstand, den man Asche nennt. Dieser Rckstand enthlt die
anorganischen Bestandtheile, welche die Pflanze whrend ihrer Vegetation
aus dem Boden genommen. Sie besteht aus Kali, kleinen Mengen von Natron,
Lithion und Rubidion, Kalk, Magnesia, etwas Eisen- und Manganoxydul und
zwar gebunden an Phosphorsure, Schwefelsure, Kieselsure, Chlor, Brom,
Jod, Fluor und Kohlensure. Die in der Asche sich findenden Verbindungen
sind nicht durchgehends dieselben, welche in den Pflanzen vorkommen; die
zum Einschern erforderliche hohe Temperatur zerstrt vorhandene
Verbindungen und bildet neue. Die Quantitt und Qualitt der Asche ist
nicht bei allen Pflanzen gleich; whrend die am Meeresstrande und im
Meere selbst wachsenden Pflanzen vorzugsweise Natron (Soda) enthalten,
sind die Binnenpflanzen besonders kalireich; die Aschenmenge ist nicht
allein bei den verschiedenen Pflanzen eine verschiedene, sondern es geben
auch die verschiedenen Pflanzentheile verschiedene Quantitten. Die
saftreichsten Pflanzen und Pflanzentheile geben im Allgemeinen die meiste
Asche, Kruter grssere Mengen als Strucher, letztere grssere Mengen
als Bume, Bltter und Rinde der Bume mehr als der Stamm. Es ist
einleuchtend, dass die Menge der in dem Pflanzensafte enthaltenen
auflslichen unorganischen Bestandtheile, also hauptschlich die
Quantitt der Salze der Alkalien, in den saftreichsten Pflanzentheilen am
grssten sein muss.

  =Bttinger= fand in der Buchenholzasche

                  21,27 Proc. lsliche   Bestandtheile,
                  78,73  "    unlsliche       "

  Die lslichen Bestandtheile waren

                      Kaliumcarbonat    15,40 Proc.
                      Kaliumsulfat       2,27  "
                      Natriumcarbonat    3,40  "
                      Chlornatrium       0,20  "
                               -----------
                               21,27 Proc.

  Der Werth einer Asche als Rohstoff der Potaschenfabrikation wird
  hauptschlich durch ihren Gehalt an Kaliumcarbonat bestimmt.
  Nachstehende Hlzer und Vegetabilien liefern im Durchschnitt in 1000
  Th. folgende Mengen an Potasche:

     Fichte                 0,45    Buchenrinde                 6,00
     Pappel                 0,75    Farnkraut                   6,26
     Buche                  1,45    Maisstengel                17,50
     Eiche                  1,53    Bohnenstengel              20,0
     Buchsbaum              2,26    Sonnenblumenstengel        20,0
     Weide                  2,85    Brennnesseln               25,03
     Rster                 3,90    Wickenkraut                27,50
     Weizenstroh            3,90    Disteln                    35,37
     Rinde von Eichensten  4,20    Trockne Weizenstengel vor
     Wollgras               5,00    der Blthe                 47,0
     Binse                  5,08    Wermuthkraut               73,0
     Weinrebe               5,50    Erdrauchkraut              79,0
     Gerstenstroh           5,80

  Nach =Hss= geben 1000 Theile

                   Asche.  Potasche.                 Asche.   Potasche.
     Fichtenholz    3,40     0,45       Weidenholz    28,0      2,85
     Buchenholz     5,8      1,27       Weinreben     34,0      5,50
     Eschenholz    12,2      0,74       Farnkraut     36,4      4,25
     Eichenholz    13,5      1,50       Wermuth       97,4     73,00
     Ulmenholz     25,5      3,90       Erdrauch     219,0     79,90

  Die Gewinnung der Potasche aus der Asche der Vegetabilien zerfllt in
  drei Hauptoperationen, nmlich

    a) in das Auslaugen der Asche;
    b) in das Versieden der Rohlauge;
    c) in das Glhen oder Calciniren der rohen Potasche.

  In Bezug auf die Verbrennungsmethode der zur Potaschenbereitung
  verwendeten Vegetabilien ist derjenigen der Vorzug zu geben, bei
  welcher dafr gesorgt ist, dass die Verbrennung nur langsam erfolgt, da
  bei zu lebhaftem Luftzug und zu starkem Feuer ein Theil der Asche
  mechanisch mit fortgerissen, ein anderer Theil durch Reduktion der
  Alkalien zu Metallen verflchtigt wird, keine unverbrannte
  Kohlentheilchen zurckbleiben und der Asche keine Kalisalze entzogen
  werden knnen, welches letztere leicht geschieht, wenn die Asche auf
  feuchtem Erdboden dargestellt wurde. Die im Walde durch Niederbrennen
  von Bumen und Struchern erhaltene Asche heisst =Waldasche=, die als
  Nebenprodukt in den Feuerungsanlagen gewonnene Ofen- oder Herdasche
  fhrt dagegen den Namen =Brennasche=. Die Brennasche kann verflscht
  sein mit schon ausgelaugter Asche (Bckelasche), sie kann ausserdem
  Torfasche, Braunkohlen- und Steinkohlenasche enthalten. Annhernd kann
  man die Asche auf ihren Gehalt an lslichen Salzen auf die Weise
  prfen, dass man eine bestimmte Menge davon mit einer gewogenen Menge
  siedendem Wasser auslaugt und dessen specifisches Gewicht nach dem
  Auslaugen mit Hlfe eines Arometers ermittelt. Je hher das
  specifische Gewicht der Lauge sich zeigt, desto grsser wird im
  Allgemeinen der Gehalt der Asche an auflslichen Salzen sein. In
  frheren Zeiten wurde die Waldasche von besonderen Arbeitern, den
  Aescherern oder Aschenschwelern, meist im Walde selbst mit Wasser oder
  mit Aschenlauge zu einem Teig geknetet, getrocknet, calcinirt und in
  diesem Zustande an die Potaschensieder abgegeben, die sie dann weiter
  reinigten. Von dieser Art ist der =Okras= oder =Ochras=, ein Mittelding
  zwischen roher Asche und Potasche, das in Ostpreussen in der Umgegend
  von Danzig und in Schweden bereitet wird.

  a) Das Auslaugen der Asche bezweckt die Trennung der lslichen Salze
  der Holzasche, die circa 25-30 Proc. vom Gesammtgewicht ausmachen, von
  den im Wasser unlslichen. Es geschieht in Holzbottichen von der
  Gestalt eines umgekehrten abgeschnittenen Kegels, in welchen sich ber
  dem eigentlichen Boden ein zweiter durchlcherter befindet, der auf
  einem hlzernen Kreuze ruht und mit Stroh bedeckt ist. Diese
  Auslaugebottiche, =Aescher= genannt, ruhen neben einander auf einem
  Gerste, jeder ist am unteren Theile mit einem Zapfen versehen, um die
  Lauge ableiten zu knnen. Unter jedem Aescher befindet sich ein zum
  Theil in die Erde gegrabenes Gefss (ein =Sumpf=), das zum Aufnehmen
  der Rohlauge aus dem Aescher dient. Die auszulaugende, durch Sieben von
  einem grossen Theile der Kohlepartikelchen befreite Asche wird in einem
  besonderen Kasten, dem =Netzkasten=, mit kaltem Wasser benetzt, mit
  Schaufeln durch einander gearbeitet und 24 Stunden ruhig liegen
  gelassen. Dieses Benetzen und Liegenlassen im benetzten Zustande hat
  zum Zweck, nicht nur das sptere Auslaugen zu erleichtern, sondern auch
  die Menge der Potasche dadurch zu erhhen, dass whrend des
  Liegenlassens das in der rohen Asche vorhandene Kaliumsilicat durch die
  Kohlensure der Luft in Kaliumcarbonat und Kieselsure zersetzt wird.
  Ist die Asche hinreichend mit Wasser imprgnirt, so beschickt man die
  Aescher damit und stampft die Asche darin fest. Nachdem die obere
  Flche geebnet ist, wird kaltes Wasser aufgegossen, bis die Lauge am
  Zapfenloche auszufliessen anfngt. Die zuerst in den Sumpf abfliessende
  Lauge enthlt gewhnlich gegen 30 Proc. lsliche Salze. Wenn der Gehalt
  nur noch 10 Proc. betrgt, setzt man das Auslaugen mit heissem Wasser
  fort, so lange als noch etwas gelst wird. Die schwachen Laugen lsst
  man durch neue Aescher gehen, um alle Lauge auf einen Salzgehalt von
  20-25 Proc. zu bringen. Obgleich durch das sptere Auslaugen mit
  heissem Wasser auch das Kaliumsulfat der Asche aufgelst und der
  Potasche einverleibt wird, so zieht man doch dieses Verfahren vor, weil
  man dadurch das Gewicht des Produktes vermehrt und ja auch zu gewissen
  Zwecken der Kaligehalt des Kaliumsulfates mitwirkt.

  Der nach dem Auslaugen in dem Aescher bleibende Rckstand
  (=Seifensiederasche=) ist in Folge des Gehalts an Calciumphosphat als
  Dngemittel von Werth. Man verwendet ihn ferner zur Fabrikation von
  grnem Bouteillenglas, sowie in den Salpetersiedereien zum Bau der
  Salpeterhaufen.

  b) Das Versieden der Lauge. Die durch Auslaugen der Holzasche gewonnene
  Lauge ist dunkelbraun gefrbt, indem das Kaliumcarbonat aus den nur
  unvollstndig verkohlten Holzstckchen Humussubstanz mit brauner Farbe
  auflst. Das Abdampfen oder Versieden der Lauge geschieht in flachen
  eisernen Pfannen oder Kesseln unter fortwhrendem Zusatz von frischer
  Lauge, bis eine herausgenommene Probe der Lauge (die =gare Lauge=)
  krystallinisch erstarrt. Ist dieser Zeitpunkt eingetreten, so mssigt
  man das Feuer; es scheidet sich an den Wandungen der Pfanne eine
  Salzkruste ab, welche sich vergrssert, bis endlich alle Lauge in eine
  trockene Salzmasse verwandelt ist, welche man nach dem Erkalten mit
  Hlfe von Hammer und Meissel aus der Pfanne schlgt. Die so erhaltene
  Potasche heisst =rohe Potasche= oder =Fluss= oder =ausgeschlagene
  Potasche=; sie erscheint als eine dunkelbraun gefrbte Masse und
  enthlt gegen 6 Proc. Wasser. Diese Methode des Abdampfens ist mit dem
  Uebelstand behaftet, dass der Boden der Pfanne oder des gusseisernen
  Kessels, in welchem das Versieden vor sich geht, in dem Grade, als er
  sich mit einer strkeren Salzrinde berzieht, strker erhitzt wird, als
  der obere Theil, wodurch sehr leicht ein Durchbrennen oder ein
  Zerspringen desselben herbeigefhrt wird; bei dem Ausschlagen der
  Salzmasse kann ferner leicht eine Beschdigung der Pfanne stattfinden.
  Man wendet deshalb auch folgende Methode der Eindampfung an: Man
  versiedet die Lauge in dem Kessel unter fortwhrendem Zufluss von neuer
  Lauge, bis Salz sich abzuscheiden beginnt; hierauf hemmt man den
  Zufluss frischer Lauge und bringt den Inhalt des Kessels unter
  fortwhrendem Umrhren mit eisernen Rhrhaken zur Trockne. Dieses
  Rhren beschleunigt das Trocknen und verhindert das Ansetzen der
  Potasche an die Wnde des Abdampfgefsses. Die Potasche bleibt als
  braunes Pulver zurck, welches gegen 12 Proc. Wasser enthlt. Die so
  erhaltene Potasche heisst zum Unterschied von der ausgeschlagenen
  =ausgerhrte Potasche=. In einigen Potaschefabriken trennt man das in
  der Lauge enthaltene Kaliumsulfat zum grssten Theile von der Potasche,
  indem man die bis zu einer gewissen Consistenz eingedampfte Lauge, bei
  welcher jedoch noch kein kohlensaures Kali krystallinisch sich
  ausscheiden kann, in hlzernen Bottichen unter fterem Umrhren
  erkalten lsst. Es scheidet sich dadurch der grsste Theil des
  Kaliumsulfates krystallinisch aus. Die darber stehende Flssigkeit
  wird abgezapft und zur Trockne verdampft. Hufig wird jedoch die
  Potasche erst bei ihrer Verwendung von dem Kaliumsulfat befreit, so z.
  B. in den Blutlaugensalzfabriken. Das ausgeschiedene Kaliumsulfat wird
  zur Darstellung von Kalialaun oder zur Glasfabrikation verwendet.

  c) Das Calciniren der rohen Potasche bezweckt die vollstndige
  Entwsserung und die Zerstrung der frbenden organischen Substanzen.
  Frher nahm man das Calciniren in eisernen Tpfen (Potten, daher der
  Name Pott-Asche oder Potasche) vor, gegenwrtig geschieht es allgemein
  in besonderen Calcinirfen (Fig. 62), die sich von anderen Flammenfen
  durch die doppelte Feuerung unterscheiden. Gewhnlich sind zwei solcher
  Oefen neben einander aufgefhrt. Die Flammen der beiden Feuerungen
  (von denen die eine _A_ in Fig. 62 im Durchschnitt abgebildet ist)
  schlagen in der Mitte zusammen und gehen dann durch die Arbeitsffnung
  _o_ in den vor dem Ofen angebrachten Schornstein _K_. Die Feuerung
  geschieht mit Holz. Zwischen den beiden Feuerbrcken liegt der 1-1,3
  Meter breite Arbeitsraum (=Calcinirherd=) _C_.

[Illustration: Fig. 62.]

  Das Heizen des Calcinirofens erfordert viel Brennmaterial; es ist
  deshalb in den Potaschesiedereien die Einrichtung getroffen, dass das
  Calciniren dann erst seinen Anfang nimmt, wenn eine recht grosse Menge
  roher Potasche vorrthig ist und man also eine Zeit lang fortcalciniren
  kann. Zuerst wrmt man den Ofen gehrig aus, welches 5-6 Stunden Zeit
  erfordert. Hierbei muss man mssig zu feuern anfangen und es ist der
  Ofen ausgeheizt genug, wenn man im Gewlbe des Ofens keine dunkle
  Flecken mehr wahrnimmt; bei diesem Zustande des Ofens knnen die beim
  Verbrennen des Holzes sich bildenden Wasserdmpfe im Innern des Ofens
  sich nicht mehr verdichten. Ist der Ofen gehrig ausgewrmt, so wird
  der Anfang mit dem Eintragen der in Stcke von der Grsse eines
  Hhnereies zerschlagenen Potasche gemacht. Bei einem Ofen, welcher 3
  Ctr. rohe Potasche fasst, geschieht dies auf folgende Weise: Man theilt
  zuerst den Centner in drei gleiche Theile, trgt hiervon das Drittel
  mit eisernen Schaufeln fast ganz vorn in den Ofen und legt die
  eingetragene Potasche so, dass sie eine quer ber den Herd laufende
  Lage bildet und dass, wenn die beiden anderen Drittel auf dieselbe
  Weise eingetragen werden, nur erst das vorderste Drittel der Herdflche
  mit Potasche bedeckt ist. Nach einigen Minuten trgt man das zweite und
  wieder nach einigen Minuten das dritte Drittel des eingetheilten
  Centners der rohen Potasche ein. Ist nun auf diese Weise das vorderste
  Drittel der Herdflche mit Potasche berlegt worden, so wird auf
  dieselbe Weise auch der zweite und dritte Centner Potasche eingetragen
  und also der ganze Herd gleich dick mit Potasche belegt. Unter
  fortgesetztem mssigem Heizen fngt die Potasche an zu schumen und es
  entweicht das in ihr enthaltene Wasser. Durch Umrhren mit eisernen
  Haken sucht man das Festbacken der Potasche an der Herdsohle zu
  verhindern und die Entwsserung zu befrdern. Nach etwa einer Stunde
  ist die Potasche entwssert, sie fngt in dieser Zeit Feuer, wird
  anfangs durch Verkohlung der organischen Substanzen schwarz, sehr bald
  aber durch Verbrennung der kohligen Theile heller und heller, bis ihre
  Oberflche weissglnzend wird. Sie wird nun mit der Schaufel gewendet,
  der vordere Theil in den Hintergrund des Ofens gebracht und der hintere
  Theil nach dem vorderen Raume hin. Die Hitze ist genau zu reguliren, um
  die Einwirkung des kohlensauren Kalis auf die Silicate der Herdsohle
  und das Schmelzen der Potasche zu verhten. Das Calciniren und das
  zeitweilige Umrhren wird fortgesetzt, bis eine herausgenommene Probe
  auch im Innern keine schwarzen Punkte mehr zeigt. Die fertige Potasche
  wird mit einer eisernen Krcke aus dem Ofen ausgezogen und auf einen
  vor demselben befindlichen, mit Backsteinen gepflasterten Platze, dem
  =Khlherde=, erkalten gelassen. Nach dem Erkalten wird die Potasche
  sogleich in Fsser geschlagen, die, da die Potasche leicht Flssigkeit
  anzieht, mglichst dicht sein mssen.

  In den Vereinigten Staaten und in Canada stellt man die auf dem
  europischen Markte mit dem Namen =amerikanische Potasche= bezeichnete
  Potaschesorten dar, von denen dreierlei Produkte zu unterscheiden sind,
  nmlich 1) die =Potasche=, die auf dieselbe Weise gewonnen wird wie in
  Europa; 2) die =Perlasche=, die man aus der Potasche durch Auslaugen
  mit Wasser, Absetzenlassen der Lauge, Abdampfen bis zur Trockne und
  Calciniren der zurckbleibenden weissen Salzmasse erhlt; 3) die
  =Steinasche= ist ein Gemenge von (nicht calcinirter) Potasche mit
  Aetzkali und wird dargestellt, indem man die Lauge vor dem Abdampfen
  mit Aetzkalk theilweise tzend macht und dann hartsiedet. Sie findet
  sich im Handel in Bruchstcken von 6 bis 10 Centim. Dicke, ist, hnlich
  dem Aetznatron, steinhart und durch beigemengtes Eisenoxyd roth
  gefrbt. Sie enthlt bis zu 50 Proc. Kalihydrat.

  Die Zusammensetzung der Potasche des Handels ist eine ziemlich
  vernderliche, wie folgende Beispiele von Potaschenanalysen zeigen:

                           1.    2.    3.    4.    5.    6.    7.    8.
    Kaliumcarbonat        78,0  74,1  71,4  68,0  69,9  38,6  49,0  50,84
    Natriumcarbonat        --    3,0   2,3   5,8   3,1   4,2   --   12,14
    Kaliumsulfat          17,0  13,5  14,4  15,3  14,1  38,8  40,5  17,44
    Chlorkalium            3,0   0,9   3,6   8,1   2,1   9,1  10,0   5,80
    Wasser                 --    7,2   4,5   --    8,8   5,3   --   10,18
    Unlslicher Rckstand  0,2   0,1   2,7   2,3   2,3   3,8   --    3,60

  1. von Kasan, von =Hermann=; 2. von Toscana; 3. und 4. von Nordamerika
  (4. war von rthlicher Farbe); 2., 3. und 4. analysirt von =Pesier=; 5.
  von Russland; 6. aus den Vogesen (5. und 6. analysirt von =Pesier=); 7.
  aus Helmstedt in Braunschweig, von =Limpricht=; 8. aus Russland, von
  =Bastelaer=.

  Die calcinirte Potasche ist theils weiss, theils perlgrau, gelblich,
  rthlich oder blulich. Die rthliche Frbung rhrt her von Eisenoxyd,
  die bluliche von kleinen Mengen Kaliummanganates; sie erscheint als
  eine harte, aber leichte, porse und nicht krystallinische Salzmasse,
  die sich niemals vollstndig in Wasser lst.

  In frherer Zeit stellte man grosse Mengen von =Potasche aus
  Weinrckstnden= dar. Der Wein enthlt Kaliumbitartrat. In solchen
  Lndern, in denen der Wein behufs der Spiritusgewinnung destillirt
  wird, bleibt in der Brennblase dieser Weinstein mit andern Krpern
  gemengt als =Hefenschlempe= oder =Vinasse= zurck. Man trocknete sie
  und verkohlte und calcinirte den Rckstand, um dadurch eine sehr
  gesuchte Potasche zu erhalten. 1 Hectoliter Hefenschlempe gab im
  Durchschnitt 1 Kilogr. kohlensaures Kali. Wie gross die Menge der so
  dargestellten Potasche war, ergiebt sich daraus, dass in den 19
  weinproducirenden Departements Frankreichs jhrlich 9-10 Millionen
  Hectoliter Schlempe erhalten werden, die man gegenwrtig auf Weinstein,
  auf Glycerin und auf Weinsure verarbeitet.

[Sidenote: Kali aus der Melasse.]

V. =Kalisalze aus der Schlempekohle von der Rbenmelasse.= Den
Potaschearten, die man durch Einschern von Vegetabilien erhlt, hat sich
eine neue Sorte Potasche angereiht, deren Fabrikation eine grosse
wirtschaftliche Bedeutung erlangt hat. Wir sprechen von der Potasche aus
den Zuckerrben, die zuerst in Frankreich von =Dubrunfault= dargestellt
wurde. In den Zollverein wurde ihre Fabrikation 1840 durch =H. Varnhagen=
in Mucrena in der preuss. Provinz Sachsen eingefhrt.

  Unter den Pflanzen, die bei der Verbrennung eine kalireiche Asche
  hinterlassen, steht die Zuckerrbe mit oben an. Bereits im ersten
  Decennium des laufenden Jahrhunderts, als die Rbenzuckerindustrie
  Wurzel zu fassen begann, bezeichnete der franzsische Agronom =Mathieu
  de Dombasle= die Rbe als eine der beachtenswerthesten Pflanzen in
  Hinsicht auf die Produktion von Kalisalzen. Er suchte die Rbe sogar
  gleichzeitig zur Erzeugung von Zucker und von Potasche zu verwenden,
  indem er vorschlug, die Rbenpflanze whrend der Cultur zu entblttern
  und die Bltter durch Verbrennen auf Potasche zu verarbeiten. Der
  Versuch hatte ihm gelehrt, dass 100 Kilogr. trockne Rbenbltter 10,5
  Kilogr. Asche hinterlassen, aus welcher 5,1 Kilogr. Potasche
  dargestellt werden konnte. Die Praxis zeigte aber bald das Irrige in
  der Anschauungsweise =Dombasle='s. Die Entbltterung vertrug sich nicht
  mit der Erzeugung zuckerreicher Rben und die Kalisalzgewinnung fiel
  der Vergessenheit anheim. Gegen das Jahr 1838 nahm =Dubrunfault= die
  Frage wieder auf. Nachdem durch die Erfahrung dargethan, dass alle
  Alkalisalze, welche die Rbe whrend ihrer Vegetation aufgenommen, in
  den Saft bergehen und sich nach der Abscheidung des grssten Theiles
  des Zuckers in der Mutterlauge, in der sogenannten =Melasse=
  concentriren, suchte er die Melasse zu verwerthen, indem er den Zucker
  darin durch Ghrung in Alkohol verwandelte und nach dem Abdestilliren
  desselben den salzreichen Rckstand, die =Schlempe= oder Vinasse, zur
  Trockne brachte, die trockne Masse durch Verkohlen in die
  =Schlempekohle= berfhrte und endlich durch Calcination derselben und
  Raffination der zurckbleibenden Salzmasse Potasche und andere
  Kalisalze darstellte. Von nun an ward die Gewinnung der Potasche aus
  der Schlempekohle der Melassebrennereien ein blhender Industriezweig.
  Im Jahre 1865 erreichte sie das enorme Quantum von 240,000 Centnern,
  welche sich auf folgende Lnder vertheilen:

                       Frankreich     96,000 Ctr.
                       Zollverein     86,000  "
                       Oesterreich    38,000  "
                       Belgien        20,000  "
                                     ------------
                                     240,000 Ctr.

  Wenn noch im Jahre 1862 zur Zeit der Londoner Ausstellung die
  Potaschegewinnung aus Rbenmelasse als irrationell bezeichnet werden
  konnte, indem es vernnftiger sei, die Kalisalze der Melasse den
  Rbenfeldern zurckzuerstatten, als sie in den Handel zu bringen, so
  ist heute die Sachlage eine andere. Mit Recht verkauft der
  Rbenzuckerfabrikant die Kalisalze der Melasse und giebt dem Boden in
  Form von billigem Stassfurter Kalidnger das, was demselben durch die
  Vegetation der Rbe entzogen wurde. Indem das Kaliprparat durch den
  Rbenorganismus wandert, findet im technologischen Sinne eine
  Veredelung, d. h. eine Wertherhhung statt.

  Die Rbenmelasse, wie sie aus den Zuckerfabriken in die
  Melassebrennereien gelangt, um dort in Spiritus und in Schlempekohle
  verwandelt zu werden, besteht in 100 Theilen aus

                            Brunner.  Fricke.  Lange.    Heidenpriem.
    Wasser                    15,2     18,0     18,5     19,0   19,7
    Zucker                    49,0     48,0     50,7     46,9   49,8
    Salzen und
      organischen Substanzen  35,8     34,0     30,8     34,1   30,5

  Ein Bild von der Zusammensetzung der Melassenasche geben folgende
  Analysen von =Heidenpriem=:

                                  1.       2.       3.
                 Kali           51,72    47,67    50,38
                 Natron          8,00    11,43     8,29
                 Kalk            5,04     3,60     3,12
                 Magnesia        0,18     0,10     0,18
                 Kohlensure    28,90    27,94    28,70

  Phosphorsure, Kieselsure, Chlor, Eisenoxyd etc., was an Hundert
  fehlt. Der Aschengehalt betrgt 10 bis 12 Proc. Nach =Dubrunfault= ist
  der alkalimetrische Grad der Rbenmelassen nahezu eine constante
  Grsse. Die Asche von 100 Grm. Melasse neutralisirt im Mittel 7 Grm.
  Schwefelsure (H_{2}SO_{4}).

  Die Verarbeitung der Melasse geschieht gegenwrtig auf folgende Weise:
  Zunchst wird die Melasse mit Wasser oder besser mit Schlempe auf 8-11
  B. reducirt und mit 0,5-1,5 Proc. reiner Mineralsure versetzt.
  Letzterer Zusatz hat nicht nur den Zweck, die alkalische Beschaffenheit
  der Melasse aufzuheben, sondern auch den nicht ghrungsfhigen
  rechtsdrehenden Rohrzucker in ghrungsfhigen linksdrehenden Zucker
  berzufhren. Frher wendete man hierzu die Schwefelsure an, aber auf
  die Empfehlung von =A. Wurtz= hin wendet man gegenwrtig allgemein die
  Salzsure an. Man umgeht dadurch die unangenehme Bildung von
  Schwefelkalimetallen aus den Sulfaten unter Mitwirkung der in der
  Melasse enthaltenen organischen Krper. Die Kehrseite der Anwendung der
  Salzsure zeigt sich in der grsseren Schwierigkeit der Abscheidung der
  Salze aus der Schlempe, da die Chlorre, die sich nun bilden, leichter
  lslich sind als die Sulfate. Die mit Salzsure versetzte Melasse wird
  mit Hefe der Ghrung berlassen und nach Beendigung der Ghrung der
  Alkohol abdestillirt. Die in der Brennblase zurckbleibende =Schlempe=
  ist eine dnne Flssigkeit von etwa 4 B., die neben unzersetzter Hefe,
  Ammoniaksalzen und sonstigen organischen Krpern smmtliche
  anorganische Salze des Rbensaftes enthlt. Das Kali ist wol zum
  grssten Theile als Kaliumnitrat darin, obgleich ein Theil der
  Salpetersure whrend der Ghrung der mit Salzsure angesuerten
  Melasse entweicht und mitunter zur Bildung rother Dmpfe in dem
  Ghrungslokale Veranlassung giebt. =Evrard= will den Salpeter sogar aus
  der eingedampften Rbenmelasse durch Krystallisation erhalten und durch
  Ausschleudern reinigen.

  Die Sure der Schlempe wird durch Calciumcarbonat neutralisirt und dann
  in Kesseln oder flachen Pfannen abgedampft. Die zur Verdampfung der
  Schlempe dienende Einrichtung besteht aus dem Heizofen und einer im
  Ganzen 20,3 Meter langen Pfanne. Diese letztere ist in zwei
  Abtheilungen getheilt, davon die eine grssere und 14,3 Meter lange die
  eigentliche Abdampfpfanne ist; die andere umfasst den 6 Meter langen
  Calcinirofen. Beide haben eine Breite von im Ganzen 1,6 Meter; die
  lichte Weite betrgt 2 Meter und die Hhe der Pfanne 0,34 Meter; das
  Gewlbe darber ist 0,6 Meter hoch; es ist aus Charmottesteinen
  angefertigt. Der Ofen hat eine Breite von 1,3 Meter und die Rostflche
  betrgt 3,3 Quadratmeter. Die Abdampfung geschieht mit Oberfeuerung;
  die Flamme und die Feuergase gehen zunchst ber die Feuerbrcke und
  streichen dann der ganzen Lnge nach ber die Pfanne hin. -- Zunchst
  dem Ofen ist die Calcinirpfanne aufgebaut, dahinter die Abdampfpfanne,
  welche dicht an den Schornstein anschliesst, so dass die Dmpfe sofort
  in denselben abgefhrt werden. Die aus den Blasen nach beendigter
  Destillation abgedampfte Schlempe wird zunchst in einer Cisterne
  gesammelt. Eine Pumpe fhrt dieselbe alsdann in ein ber der
  Abdampfpfanne nicht weit vom hinteren Ende derselben aufgestelltes
  Reservoir, von wo dieselben im continnirlichen Strahle nach der
  Abdampfpfanne abfliesst. Im Anfange der Schicht werden beide Pfannen
  mit der Schlempe gefllt; spter wird die in der Abdampfpfanne
  concentrirte Lauge in dem erforderlichen Maasse in die Calcinirpfanne
  abgelassen und hier schliesslich zur Trockne verdampft. Die
  Calcinirpfanne wird tglich einmal entleert und wird im Durchschnitt
  eine tgliche Ausbeute von etwa 5-5-1/2 Ctnr. Schlempekohle erzielt.

  Als Zusammensetzung der Schlempekohle ergiebt sich annhernd folgende:

             In Wasser unlsliche Bestandtheile = 23   Proc.
             Kaliumsulfat                       = 10,07  "
             Chlorkalium                        = 11,61  "
             Kaliumcarbonat                     = 31,40  "
             Natriumcarbonat                    = 23,26  "
             Kieselsure u. Kaliumhyposulfit      Spur
                                                  ----------
                                                  99,34

[Illustration: Fig. 63.]

  In den meisten Melassebrennereien des norddeutschen Bundes wird die
  Schlempekohle an die Salpeterfabriken abgegeben, in andern Brennereien,
  namentlich in denen Belgiens und Frankreichs, wird die Schlempekohle
  durch Calcination, Auslaugen und Krystallisirenlassen der einzelnen
  Salze weiter verarbeitet. Zu dem Ende dampft man die dnne Schlempe in
  Pfannen bis auf 38-40 B. (= 1,33-1,35 spec. Gew.) ab und bringt die
  concentrirte Schlempe zum Verkohlen und Calciniren in einen Ofen,
  dessen Construktion aus beistehender Zeichnung erhellt (Fig. 63). Die
  eingedampfte Schlempe kommt zunchst in das Reservoir _V_, aus welchem
  es in den Ofen abgelassen werden kann. Der Ofen hat drei Abtheilungen,
  hnlich einem Sulfat- oder Glaubersalzofen. Auf den Rost _G_ der ersten
  Abtheilung kommt das Brennmaterial, in die zweite Abtheilung _M_ (den
  Calcinirraum) die trockne Masse, die durch Abdampfen der Schlempe in
  der dritten Abtheilung des Ofens _M'_ sich bildet. Vor jeder dieser
  Abtheilungen befindet sich eine Arbeitsthr, ebenso eine Thr an der
  andern Seite des Ofens bei _P_. Die zum Calciniren erforderliche Luft
  strmt theils durch den Rost _G_, theils durch Oeffnungen _B_ in der
  Brustmauer der Feuerung ein. Wie oben bereits bemerkt, luft die bis
  auf 38-40 abgedampfte Schlempe in die als Abdampfpfanne fungirende
  Abtheilung _M'_, welche von _M_ durch eine Brcke _A'_ getrennt ist.
  Durch die Einwirkung der Hitze wird sie bald dick und teigig, durch
  fleissiges Rhren mit Krcken _R_ sucht man das Zusammenballen der
  Masse zu vermeiden. Nachdem sie zur Trockne gebracht, schaufelt man die
  braungefrbte Salzmasse ber _A'_ nach dem Calcinirraum _M_ und lsst
  in die Pfanne _M'_ neue Schlempe fliessen. Die Salzmasse in _M_ fngt
  alsbald an sich zu entznden und stsst widrig riechende Dmpfe aus.
  Der Calcinirprocess oder das Weissbrennen wird brigens wesentlich
  befrdert theils durch den Luftstrom, der durch die Oeffnungen bei _B_
  einstrmt, theils durch das in der Salzmasse enthaltene salpetersaure
  Kali. Die Temperatur darf brigens dabei nicht zu hoch steigen, weil
  sonst die Salze zu einer compacten, schwer auszulaugenden Masse
  schmelzen und das Kaliumsulfat zu Schwefelkalium reducirt werden wrde,
  welches letztere aus der Potasche nicht entfernt werden knnte.

  Die =weissgebrannte= Schlempekohle, oder das =Salin=, so wie es aus dem
  Calcinirofen kommt, enthlt 10 bis 25 Proc. unlsliche Substanzen
  (Calciumcarbonat, Kohle und Calciumphosphat) und 3 bis 4 Proc.
  Feuchtigkeit; der Rest besteht aus Kalium- und Natriumcarbonat,
  Kaliumsulfat und Chlorkalium, zuweilen auch aus namhaften Mengen von
  Cyankalium. Das Verhltniss des Kalis zum Natron ist kein constantes
  und ist abhngig von der Beschaffenheit des Bodens, auf welchem die
  Rbe gewachsen. In Frankreich hat man die Beobachtung gemacht, dass die
  Melassenpotasche aus dem Departement du Nord minder kalireich sei als
  aus den Departements der Oise und der Somme. Im Allgemeinen aber wird
  man annehmen knnen, dass die Salzmasse oder Salin im Mittel enthalte

                        7-12 Proc. Kaliumsulfat
                       18-20   "   Natriumcarbonat
                       17-22   "   Chlorkalium
                       30-35   "   Kaliumcarbonat

  Folgende ausfhrliche Analysen des Salins geben ein Bild der
  Zusammensetzung der weissgebrannten Schlempekohle:

                                      a.     b.     c.     d.
           Wasser und Unlsliches   26,22  19,82  17,47  13,36
           Kaliumsulfat             12,95   9,88   2,55   3,22
           Chlorkalium              15,87  20,59  18,45  16,62
           Chlorrubidium             0,13   0,15   0,18   0,21
           Natriumcarbonat          25,52  19,66  19,22  16,54
           Kaliumcarbonat           23,40  29,90  42,13  50,05
                                   ---------------------------
                                   100,00 100,00 100,00 100,00

  Die lslichen Salze der weissgebrannten Schlempekohle werden nach dem
  von =Kuhlmann= angegebenen =Raffinirverfahren= von einander geschieden.
  Zunchst wird die Salzmasse durch cannelirte Walzen gemahlen. Hierauf
  kommt das zerkleinerte Material in die Auslaugebottiche, von denen ein
  jeder 26,4 Centner fasst. Das Auslaugen geschieht methodisch, genau so
  wie in den Sodafabriken. Die aus den Bottichen ablaufende Lauge hat
  eine Dichte von 1,229 (= 27 B.). Der Rckstand dient als Dngemittel.
  Die Lauge luft in ein grosses Reservoir von 210 Hektoliter Inhalt und
  wird mit abgngiger Wrme bis auf 1,26 (= 30 B.) eingeengt. Bei diesem
  Concentrationsgrade scheidet sich nach dem Erkalten der Lauge ein
  grosser Theil des Kaliumsulfates ab, welches man ausschpft, abtrocknen
  lsst und durch Abwaschen mglichst von der anhngenden Mutterlauge
  befreit. Es enthlt 80 Proc. Kaliumsulfat und ausserdem Kaliumcarbonat
  und organische Krper und wird nach dem =Leblanc='schen Process in
  Potasche bergefhrt.

  Die Lauge von 30 B. wird nun in Kesseln von 90 Hektoliter Capacitt
  mit Hlfe von Dampf von drei Atmosphren bis auf 42 B. (= 1,408)
  eingedampft. Hierbei scheidet sich ein Gemenge von Natriumcarbonat und
  Kaliumsulfat ab, welches oft 30 alkalimetrische Grade zeigt. Die Lauge
  kommt nun in Krystallisirgefsse, in denen man sie bis auf 30 C., aber
  nicht weiter, abkhlen lsst. Whrend des Erkaltens krystallisirt
  Chlorkalium heraus (90 Proc. Chlorkalium und einige Procente
  Natriumcarbonat, entsprechend 3-5 alkalimetrischen Graden). Wenn aus
  Mangel an Aufsicht die Temperatur der Krystallisationsgefsse unter 30
  C. fallen sollte, so berziehen sich die Chlorkaliumkrystalle mit
  Krystallen von Natriumcarbonat, was begreiflicher Weise sorgfltigst zu
  vermeiden ist. Die Flssigkeit, welche nun eine Dichte von 42 B. und
  eine Temperatur von 30 C. besitzt, wird in grossen Pfannen von 20
  Hektoliter Inhalt

                im Winter bis zu 1,494 Dichte (= 48 B.),
                 " Sommer  "   " 1,51     "   (= 49 B.)

  abgedampft. Whrend dieser Arbeit fllt Natriumcarbonat in reichlicher
  Menge nieder; die ersten Antheile davon zeigen 82 alkalimetrische
  Grade, spter nimmt aber die Reinheit ab bis auf 50 Grade.

  Nachdem das Natriumcarbonat sich abgeschieden, bringt man die Lauge in
  kleine Krystallisirgefsse von 2-1/2 Hektoliter Inhalt, in welchen man
  die Lauge sich selbst berlsst. Jedes Gefss giebt nahezu 130 Kilogr.
  Krystalle von wechselnder Zusammensetzung, denen aber ein Doppelsalz
  von der Formel (K_{2}CO_{3} + Na_{2}CO_{3} + 12 H_{2}O) zu Grunde
  liegt. Die dunkelgefrbte Mutterlauge davon wird in einem Flammenofen
  abgedampft und calcinirt und bildet eine halbraffinirte Potasche, die
  durch Eisenoxyd rthlich gefrbt ist und den Namen =Rothsalz= fhrt.
  Dieses Produkt wird mit Wasser ausgelaugt und die Lauge bis auf
  1,51-1,525 Dichte (= 49-50 B.) gebracht, wobei sich viel Kaliumsulfat
  und Natriumcarbonat absetzen. Die Mutterlauge wird zur Trockne gebracht
  und im Flammenofen weissgebrannt. Das so erhaltene Produkt ist
  =raffinirte Potasche= und besteht durchschnittlich in 100 Theilen aus

                    Kaliumcarbonat                91,5
                    Natriumcarbonat                5,5
                    Chlorkalium und Kaliumsulfat   3,0
                                                 -----
                                                 100,0

  Das frher ausgeschiedene Natriumcarbonat von 80-85 alkalimetrischen
  Graden wird durch Waschen mit einer kalten und gesttigten Lsung von
  Natriumcarbonat von den Kalisalzen befreit und dadurch ein Produkt
  erhalten, welches 90 alkalimetrische Grade zeigt. Die zum Abdampfen der
  concentrirten Laugen und zum Weissbrennen des trocknen Produkts
  dienenden Oefen mssen bis zum Rothglhen erhitzt sein, bevor man die
  Flssigkeit auf die Backsteinsohle des Ofens bringt. Denn bei
  unzureichendem Vorwrmen filtrirt die Lauge in das Gemuer ein und
  zerstrt es in der krzesten Zeit.

  Die whrend des Raffinirprocesses abgeschiedenen Salze -- Kaliumsulfat
  und Chlorkalium -- werden weiter gereinigt. Das Doppelsalz der beiden
  Alkalicarbonate wird mit kleinen Mengen siedenden Wassers behandelt,
  wodurch das Kaliumcarbonat in Lsung geht, die beim Abdampfen eine sehr
  reine Potasche liefert.

  Folgende Analysen =raffinirter= Rbenpotaschesorten mgen ein Bild von
  deren Zusammensetzung geben:

                                    a.        b.        c.
              Kaliumcarbonat      88,73     94,39     89,3
              Natriumcarbonat      6,44     Spuren     5,6
              Kaliumsulfat         2,27      0,28      2,2
              Chlorkalium          1,00      2,40      1,5
              Jodkalium            0,02      0,11      --
              Wasser               1,39      1,76      --
              Unlsliches          0,12      --        --

  a und b Potasche aus Waghusel in Baden, c franzsische doppelt
  raffinirte Potasche. Die =rohen= Rbenpotaschen (nicht zu verwechseln
  mit der sogenannten Rohpotasche, mit welchem Namen man gewhnlich das
  Produkt des Weissbrennens der Schlempekohle, das Salin, bezeichnet)
  zeigen folgende Zusammensetzung:

                               a.    b.    c.    d.    e.
              Kaliumcarbonat  53,9  79,0  76,0  43,0  32,9
              Natriumcarbonat 23,1  14,3  16,3  17,0  18,5
              Kaliumsulfat     2,9   3,9   1,19  4,7  14,0
              Chlorkalium     19,6   2,8   4,16 18,0  16,0

  a franzsische Potasche, b aus Valenciennes, c aus Paris, d aus
  Belgien, e aus Magdeburg.

[Sidenote: Kalisalze aus den Seealgen.]

VI. =Kalisalze aus den Seealgen oder Tangen.= Aus den Seetangen werden
als Nebenprodukt der Jod- und Bromgewinnung grosse Mengen von Kalisalzen
dargestellt. Man wendet dazu =drei= verschiedene Methoden an, nmlich

a) die =ltere= oder das =Calcinationsverfahren=, welches die Tange
verbrennt und die zurckbleibende Asche einem methodischen Auslauge- und
Krystallisirprocess unterwirft;

b) das =Verkohlungsverfahren= oder =Stanford='s Methode, nach welcher die
Tange durch trockne Destillation in =Tangkohle= bergefhrt werden,
welche gleichfalls dem Auslaugen unterworfen wird. Die hierbei
auftretenden Produkte der trocknen Destillation (photogenhnliche
Flssigkeiten) vermindern die Herstellungskosten der Kalisalze;

c) nach einem =dritten= (von =Kemp= und =Wallace=) vorgeschlagenen
Verfahren werden die Seetange mit Wasser ausgekocht, die Abkochung wird
eingedampft und der Rckstand vorsichtig eingeschert.

  Das hauptschlich angewendete Verfahren ist das =ltere=. Es wird
  ausgebt in Frankreich an den Ksten der Bretagne und der
  Basse-Normandie, insbesondere in den Umgebungen von Brest und
  Cherbourg; ferner in Schottland und Irland.

  Die Fabrikation der Kalisalze beginnt mit der Einscherung der
  Pflanzen, wodurch eine halbverglaste Masse entsteht, welche man in
  Frankreich =Varech= oder =Vraic=, in England und Schottland =Kelp=
  nennt. Man unterscheidet den =getrifteten Tang= oder die =Treibalgen=
  und den =geschnittenen Tang= oder die =Schnittalgen=; der von beiden
  Sorten gelieferte Kelp zeigt in Hinsicht auf Zusammensetzung und auf
  Handelswerth grosse Verschiedenheiten. Der geschnittene Tang (Fucus
  serratus und F. nodosus), in der Volkssprache der Normandie =Meereiche=
  genannt, wchst auf den Felsen und Klippen und am Meeresufer und muss
  gesammelt werden; der getriftete Tang (Laminaria digitata), im Munde
  des Volkes =Seequecke= und =Seeruthe= genannt, dagegen wird von den
  Wogen an die Kste geworfen; er enthlt 25 Proc. mehr Kali und 300
  Proc. mehr Jod, als der geschnittene Tang. Letzterer ist also nicht nur
  kalirmer, als der getriftete Tang, sondern enthlt auch mehr Natron
  und hat deshalb einen geringeren Werth. Der getriftete Tang ist ferner
  reicher an Chloralkalien, als an schwefelsauren Salzen; bei den
  geschnittenen Tangen gilt das Gegentheil. Da der Preis des kohlensauren
  Kalis den der Soda bersteigt und das Chlorkalium weit mehr werth ist,
  als das Chlornatrium, so ist es begreiflich, dass die getrifteten Tange
  (abgesehen von der grsseren Jodmenge, die sie enthalten) eine weit
  kostbarere Kaliquelle darbieten, als die geschnittenen Tange. Es folgt
  daraus, dass die westlichen Ksten Grossbritanniens, die vom Ocean
  besplt und durch die Strme reichlich mit getriftetem Tang versehen
  werden, eine weit bessere Varechsorte liefern mssen, als die stlichen
  Ksten, die eine mehr geschtzte Lage haben und an welchen sich
  vorzugsweise der geschnittene Tang findet. Allerdings ist vieler Orten
  dieser natrliche Vortheil zum Theil durch die Sorglosigkeit der
  Landleute, die mit der =Einscherung des Tangs= sich beschftigen,
  compensirt.

  Der Kelp hat im Durchschnitt folgende Zusammensetzung:

                          Unlsliches   57,000
                          Kaliumsulfat  10,203
                          Chlorkalium   13,476
                          Chlornatrium  16,018
                          Jod            0,600
                          Andere Salze   2,703
                                       -------
                                       100,000

  Den besten Kelp der Westkste liefert die Insel Rathlin. Die Tonne
  Rathlin-Kelp (= 22-1/2 Ctr.) hat in Glasgow einen Werth von 7-1/2 bis
  10-1/2 Pfd. Sterl. (= 187,50 bis 262,50 Frcs.), whrend der Galway-Kelp
  in Folge des absichtlich oder zufllig beigemengten Sandes nur 2 bis 3
  Pfd. (= 50 bis 75 Frcs.) kostet. 22 Tonnen Tang im feuchten Zustande
  liefern

                   1 Tonne Kelp guter Mittelqualitt,
                   5 bis 6 Ctr. Chlorkalium,
                   3 Ctr. Kaliumsulfat.

  Das kufliche Chlorkalium besteht aus 80 Proc. Chlorkalium, 8 bis 9
  Proc. Wasser und 11 bis 12 Proc. Chlornatrium und Natriumsulfat. Das
  Kaliumsulfat aus Kelp besteht etwa zur Hlfte aus Kaliumsulfat, zur
  anderen Hlfte aus 20 Proc. Wasser und 30 Proc. eines Gemenges von
  Kochsalz und Glaubersalz.

  Die Verarbeitung des Kelps geschieht in Schottland auf folgende Weise:
  Die erste Operation, die mit dem Kelp vorgenommen wird, ist die, ihn
  mittelst grosser Hmmer in kleine Stcke von der Grsse der kleinen
  Chausseesteine zu zerschlagen. So vorbereitet wird er in grossen
  gusseisernen Gefssen mit heissem Wasser bergossen, um alle lslichen
  Bestandtheile auszuziehen. Es wird dabei wie beim Auslaugen der rohen
  Soda verfahren, indem dieselbe Flssigkeit mit verschiedenen
  Quantitten Kelp zusammengebracht wird, zuerst mit beinahe schon ganz
  ausgelaugtem und erst zuletzt mit frischem Kelp, bis die Flssigkeit 36
  bis 40 Grad Tw. oder ein specifisches Gewicht von 1,18 bis 1,20 zeigt.
  Der bei diesem Auslaugen bleibende Rckstand betrgt 30 bis 40 Proc.
  des Kelps und bildet eine dunkelgrne erdartige Masse, der Hauptsache
  nach aus Kieselerde bestehend (wol meist von dem den Seepflanzen vor
  dem Verbrennen noch anhngenden Sande herrhrend), ferner aus Calcium-
  und Magnesiumcarbonaten, -sulfaten und -phosphaten und Stckchen
  unverbrannter Kohle. Dieser Rckstand wird von Glashtten, welche
  Bouteillen anfertigen, gern gekauft.

  Der so erhaltene wsserige Auszug des Kelps wird in gusseisernen fast
  halbkugelfrmigen Kesseln von 2,1-2,2 Meter Durchmesser ber freiem
  Feuer abgedampft; er enthlt der Hauptsache nach Chlorkalium, viel
  weniger Chlornatrium, Kaliumsulfat, Kaliumcarbonat, Natriumcarbonat,
  endlich Jodkalium, Schwefelkalium und Kalium- und Natriumdithionit;
  diese Salze werden zum grssten Theile nur durch abwechselndes
  Abdampfen und Abkhlen in Folge ihrer verschiedenen Lslichkeit
  getrennt. Das Kaliumsulfat als das bei weitem unlslichste, fllt schon
  whrend des ersten Eindampfens fortwhrend zu Boden und wird von den
  umstehenden Arbeitern mit grossen siebartig durchlcherten Lffeln
  herausgeschpft und noch feucht als _plate sulfate_ in den Handel
  gebracht. Nachdem dieses Salz ziemlich vollstndig entfernt ist, lsst
  man die Flssigkeit in ein grosses gusseisernes Gefss (_cooler_)
  abfliessen, wo beim Erkalten eine grosse Menge Chlorkalium
  herauskrystallisirt und sich an den Gefsswnden festsetzt. Die
  Mutterlauge hiervon wird wieder nach dem Kessel zurckgebracht. Bei dem
  weiteren Eindampfen fngt nun das Chlornatrium an
  herauszukrystallisiren. Dasselbe hat die Eigenthmlichkeit, in heissem
  Wasser nur sehr unbedeutend mehr lslich zu sein, als in kaltem,
  whrend die Lslichkeit der meisten anderen Salze mit der Temperatur
  ausserordentlich zunimmt. Man kann daher mit der Concentration der
  Lauge immer fortfahren, bis man glaubt, dass auch schon Chlorkalium mit
  herausfallen knnte. Dann schpft man das zu Boden fallende Kochsalz
  heraus und bringt die Lauge wieder zur Krystallisation einer neuen
  Menge Chlorkalium in die Khlgefsse, ohne besorgen zu mssen, dasselbe
  durch Chlornatrium verunreinigt zu erhalten. Auf diese Weise verfhrt
  man viermal und erhlt vier Krystallisationen von Chlorkalium. Die
  erste Krystallisation davon enthlt etwa 86 bis 90 Proc. reines
  Chlorkalium, das brige ist meist Kaliumsulfat; die zweite und dritte
  Krystallisation sind sehr rein und enthalten 96 bis 98 Proc.
  Chlorkalium; die vierte enthlt schon etwas Natriumsulfat beigemischt.
  Die nach der vierten Krystallisation bleibende Mutterlauge wird nicht
  wieder eingedampft; sie zeigt 66 bis 76 Grad Tw. oder ein spec. Gewicht
  von 1,33 bis 1,38; sie enthlt noch Natriumsulfat, Schwefelverbindungen
  der Alkalien und unterschwefligsaure Salze derselben, die kohlensauren
  Alkalien und Jodkalium. Diese Flssigkeit wird in einem flachen
  offenen, unter freiem Himmel stehenden Gefsse langsam mit verdnnter
  Schwefelsure versetzt. Es erfolgt ein heftiges Aufbrausen, indem
  Kohlensure und Schwefelwasserstoff gasfrmig davon gehen; an der
  Oberflche setzt sich in Folge der Zersetzung der Polysulfurete und
  Hyposulfite ein dicker Schaum von reinem Schwefel ab. Man schpft ihn
  zum Abtropfen und Trocknen ab, um ihn dann in den Handel zu bringen.
  Nachdem die genannten Gase vollstndig entwichen sind, mischt man die
  Flssigkeit mit einer noch grsseren Quantitt Schwefelsure, fgt eine
  gewisse Menge feingemahlenen Braunstein hinzu und verarbeitet die
  Mischung auf Jod (siehe dieses).

  Da bei der Verarbeitung der Seealgen durch Einschern und Auslaugen der
  Asche (Kelp, Varech) grosse Mengen werthvoller Stoffe, insbesondere
  namhafte Antheile von Jod, durch Verflchtigung verloren gehen, so hat
  man versucht, die Einscherung zu umgehen und die Algen =durch
  Destillation= nur zu verkohlen. Die =Tang=- oder =Algenkohle= ist
  alsdann (analog der Schlempekohle) das Material zur Darstellung der
  Kalisalze und des Jods. Diese Methode wird allgemein das
  =Stanford='sche =Verfahren= genannt. Die Algen werden getrocknet, zu
  Kuchen zusammengepresst, hnlich dem Presstorf, und dann in Gasretorten
  der trocknen Destillation unterworfen. Die Produkte der Destillation
  werden in gewhnlicher Weise aufgesammelt. Die so erhaltene Algen- oder
  Tangkohle giebt beim Behandeln mit siedendem Wasser alle Salze (Jodre,
  Chlorre, Sulfate etc.) ab und zeichnet sich nach dem Trocknen durch
  grosses Entfrbungsvermgen aus. Die Fucuskohle enthlt 33 Proc. Kohle,
  der Rest besteht aus Alkali- und Erdsalzen. Die flchtigen Produkte
  sollen auf Paraffin, Photogen, Essigsure, Ammoniaksalze und Leuchtgas
  verarbeitet werden. Bei der Destillation geben 100 Th. frische Algen

                 68,5-72,5 Th. ammoniakalisches Wasser,
                       4,0  "  Theer,
                   7,0-7,5  "  Algenkohle,
                   2,0-2,5  "  Leuchtgas.

  Obgleich =Stanford='s Verfahren durchaus rationell zu nennen ist, so
  zeigen sich doch bei seiner Ausfhrung im Grossen mannichfache
  Schwierigkeiten, die seine Einfhrung in Frankreich und Schottland
  verhindert haben. Ebenso unausfhrbar erwiesen sich die Vorschlge von
  =Kelp= und =Wallace=, die Algen mit Wasser zu extrahiren und aus dem
  Auszuge die Salze und insbesondere das Jod zu gewinnen.

  Was die =Menge= der aus den Seealgen gewonnenen =Kalisalze= betrifft,
  so belief sich dieselbe im Jahre 1865 nach =Joulin=

  in Frankreich auf                     1,500,000 Kilogr.
   " Schottland, Irland und England auf 1,200,000  "
                                       ------------------
                                        2,700,000 Kilogr. = 54,000 Ctr.

  Angesichts der riesigen Stassfurter und Kaluczer Chlorkaliumfabrikation
  hat somit die Kalisalzgewinnung aus Seealgen nur noch geringe
  Bedeutung.

[Sidenote: Kalisalze aus dem Wollschweisse.]

VII. =Kalisalze aus dem Schweisse der Schafwolle.= Es ist bekannt, dass
mit den Krutern und Grsern, welche die Schafe auf der Weide fressen,
dem Boden grosse Mengen von Kali entzogen werden, welche, nachdem sie
durch den Schaforganismus gewandert, zugleich mit dem Schweiss durch die
Haut ausgeschieden und in der Wolle als Wollschweiss (suint) abgelagert
werden. Die Untersuchungen =Chevreul='s haben gezeigt, dass der
Wollschweiss fast den dritten Theil des Gewichts roher Merinowolle
ausmacht und dass der in kaltem Wasser lsliche Theil aus dem Kalisalze
einer Fettsure (sudorate potassique, suintate de potasse) besteht. Nach
=Reich= und =Ulbricht= sind die im Wollschweiss enthaltenen Suren
Verbindungen der Oel- und Stearinsure, wahrscheinlich auch der
Palmitinsure. Der Schweiss findet sich in geringerer Menge in grober
Wolle als in feiner. Im Durchschnitte betrgt er 15 Proc. vom Gewicht des
rohen Vliesses.

  Die Menge des Wollschweisses, welche beim Waschen der Wolle in Lsung
  tritt, und das Quantum des darin enthaltenen Kalis ist so bedeutend,
  dass im Jahre 1860 von den franzsischen Technikern =Maumen= und
  =Rogelet= auf die Verarbeitung des Wollschweisses eine Methode der
  Potaschengewinnung gegrndet wurde, welche in den Centren der
  franzsischen Wollindustrie, in Rheims, Elbeuf und Fourmies, Wurzel
  gefasst hat. Man kauft die Waschwsser nach einem Tarif, der sich nach
  der Concentration dieser Wsser richtet (1000 Kilogr. Wolle geben
  Waschwsser, welche nach =Chandelon= bei einem spec. Gewicht von 1,03
  mit 5 Fr. 48 Ct., von 1,05 mit 10 Fr. 45 Ct., von 1,25 mit 18 Fr. 47
  Ct. bezahlt werden), dampft dieselben zur Trockne ab und erhitzt den
  trocknen kohligen Rckstand in Gasretorten, wobei Kohlenwasserstoffgas
  und Ammoniak sich entwickeln, die durch Gasreiniger geleitet werden,
  damit das Ammoniak zurckgehalten und das Kohlenwasserstoffgas als
  Leuchtgas Anwendung finden knne. In dem kohligen Rckstand in der
  Retorte sind die Kalisalze enthalten, welche mittelst Wasser extrahirt
  werden. Die durch Auslaugen erhaltene Flssigkeit enthlt
  Kaliumcarbonat und Kaliumsulfat und Chlorkalium, die man nach dem
  gewhnlichen Verfahren durch Abdampfen und Krystallisirenlassen von
  einander trennt. Der ausgelaugte Rckstand enthlt erdige Krper und
  eine kohlige Substanz, die so fein zertheilt ist, dass sie als
  schwarze Farbe Anwendung finden knnte. Nach =Maumen= und =Rogelet=
  enthlt ein Vliess von 4 Kilogr. Schwere 600 Grm. Wollschweiss, welcher
  198 Grm. reines Kaliumcarbonat zu liefern vermag. Nach einer Schtzung
  von =Fuchs= reducirt sich die Menge Wollschweiss auf 300 Grm., worin

               Kaliumsulfat         7,5 Grm. =  2,5 Proc.
               Kaliumcarbonat     133,5  "   = 44,5  "
               Chlorkalium          9,0  "   =  3,0  "
               organische Stoffe  150,0  "   = 50,0  "
                                  -----------------------
                                  300,0 Grm.  100,0 Proc.

  Die Wollfabrikanten

         von Rheims waschen jhrlich 10 Millionen Kilogr. Wolle
          "  Elbeuf    "       "     15     "        "      "
          "  Fourmies  "       "      2     "        "      "
                                     --------------------------
                                     27 Millionen Kilogr. Wolle

  welche von 6,750,000 Stck Schafen geliefert werden. Diese Quantitt
  Wolle wrde nach =Maumen= 1,167,750 Kilogr. Potasche liefern knnen,
  einen Werth von 80-90,000 Pfd. Sterl. reprsentirend. =Maumen= und
  =Rogelet= schtzen die Anzahl der Schafe in Frankreich auf 47 Millionen
  Stck; knnte man aus der Wolle derselben alles Kali gewinnen, so wrde
  Frankreichs Boden alles Kali liefern, das die franzsische Industrie
  bedarf. Diese Wolle knnte nmlich an Kaliumcarbonat 12 Mill. Kilogr.
  liefern, daraus, sagen die Urheber des neuen Verfahrens, knne man
  darstellen 17-1/2 Mill. Kilogr. Salpeter und 1870 Mill. Patronen, jede
  mit 12,5 Grm. Schiesspulver. (Nach =P. Havrez= (in Verviers) ist es
  vortheilhafter, wenn man den Wollschweiss, welcher in neuester Zeit
  (1869) von =Mrcker= und =Schulze=[31] einer genauen Untersuchung
  unterworfen wurde, gleichzeitig auf Kaliumcarbonat und Blutlaugensalz,
  als wenn man ihn nur auf Kaliumcarbonat verarbeitet.)

  [31] Journ. fr prakt. Chemie Bd. 108 p. 193-208.

  Begreiflicherweise kann die neue Potaschengewinnung nur in den
  Mittelpunkten der Wollindustrie Eingang finden, der kleine Landwirth
  wird immer besser thun, mit seinen Wollwaschwssern den Boden zu dngen
  und somit ihm das zurckzugeben, was er durch die Vegetation, die als
  Schaffutter diente, verlor. Wirthschaftlich wichtiger ist die Einfuhr
  von auslndischem Wollschweiss. So hat England allein im Jahre 1868 aus
  Australien und vom Cap 63 Mill. Kilogr. rohe Wolle erhalten, die 1/3
  Wollschweiss enthielten. Aus diesem Schweisse knnten 7-8 Mill. Kilogr.
  reine Potasche im Werthe von 6,400,000 Frcs. erhalten werden.

  Ist nun auch durch die Stassfurter Kalisalzindustrie die Verarbeitung
  des Schafwollschweisses auf Potasche in den Hintergrund gedrngt, so
  bietet doch diese eigenthmliche Potaschegewinnung Stoff genug zum
  Nachdenken fr den Schafzchter und fr den Physiologen. Denn sehr nahe
  liegt der Gedanke, dass, da die Bildung des Wollhaares und Abscheidung
  von Kalisalzen in dem Organismus des Schafes zu gleicher Zeit und an
  dem nmlichen Orte stattfinden, mglicherweise eine vermehrte
  Kalizufuhr die Qualitt der Wolle beeinflussen knnte. Wenn es sich um
  die Produktion von Wollsorten mit bestimmten Eigenschaften handelt,
  wre es vielleicht vortheilhaft, das Lecksalz zeitweilig durch
  Stassfurter Chlorkalium zu ersetzen. Es ist bemerkenswerth, dass die
  Schafe einem Gemenge von Chlorkalium und Chlornatrium den Vorzug geben
  vor reinem Kochsalz.

=Darstellung gereinigter Potasche.= In frherer Zeit, als man die
Potasche vorzugsweise durch Auslaugen der Holzasche erhielt, musste die
Potasche als ein Gemenge von Kaliumcarbonat, Kaliumsulfat und Chlorkalium
betrachtet werden, in welchem der Gebrauchswerth der einzelnen Kalisalze
ein sehr verschiedener war. Seitdem das Kaliumcarbonat aus der
Schlempekohle und auf chemischem Wege durch Umsetzung von Chlorkalium und
Kaliumsulfat dargestellt wird und somit ein reineres Produkt als frher
in den Handel kommt, sucht man die Rohlauge methodisch zu verarbeiten,
wie es bei der Darstellung der amerikanischen Potasche, bei der
Verarbeitung der Salze der Schlempekohle und des Kelpes der Fall ist, und
die einzelnen Salze derselben in mglichst reiner Gestalt auszuscheiden.

  Kaliumcarbonat, wie es als Laboratoriums- oder pharmaceutischer Artikel
  auftritt, erhielt man frher durch Glhen von Weinstein oder eines
  Gemenges von Weinstein und Salpeter, oder auch durch Glhen von
  essigsaurem Kali. Gegenwrtig stellt man es durch vorsichtiges Glhen
  eines Gemenges von Kaliumsalpeter mit berschssiger Kohle, oder durch
  Glhen von Kaliumcarbonat dar.

  In England geschieht die Darstellung von Kaliumcarbonat fabrikmssig.
  Man verwendet es dort zur Flintglasfabrikation. Das Flintglas Englands
  verdankt seine Farblosigkeit wol nicht allein der Anwendung von
  Bleiglas berhaupt, sondern im Speciellen auch der Verwendung ganz
  reiner Materialien. Das hier in Rede stehende Prparat ist reines
  krystallisirtes Kaliumcarbonat mit 16 bis 18 Proc. Wassergehalt, was
  nicht ganz 2 Moleklen Krystallwasser entspricht; das zweite Molekl
  wird durch die Hitze bei der Fabrikation schon theilweise ausgetrieben.
  Das Salz erscheint in kleinen Wrfeln. Als Rohmaterial dient die
  amerikanische Perlasche; dieselbe hat drei Flammenofen-Operationen zu
  passiren, bevor sie in dem Schlussstadium anlangt. Zuerst wird sie in
  einem Flammenofen von der Bauart eines gewhnlichen Sodaofens
  geschmolzen und zwar unter Zusatz von Sgespnen, um das tzende Kali
  und Schwefelkalium in kohlensaures zu verwandeln. Die geschmolzene
  Asche wird nun aufgelst und die Lsung durch Ruhe geklrt, dann von
  dem Bodensatze klar abgezogen und in einem Flammenofen zur Trockne
  verdampft; die Masse stellt jetzt ein grauschwarzes Pulver dar. Nun
  wird sie noch einmal aufgelst, die Lsung durch Absitzenlassen geklrt
  und in einem dritten Flammenofen zur Trockne verdampft; jetzt erscheint
  das Produkt erst weiss. Es wird nun zum dritten Male aufgelst, so weit
  verdampft, dass beim Erkalten alles schwefelsaure Kali
  herauskrystallisirt und die Mutterlauge davon wiederum so lange
  eingedampft, bis sie beim Erkalten zu einer Krystallmasse mit dem oben
  erwhnten Wassergehalte erstarrt.

  Die specifischen Gewichte von Lsungen von Kaliumcarbonat (bei 15)
  sind (nach =Gerlach=):

                Proc.   Spec. Gew.    Proc.    Spec. Gew.
                  1       1,009        30        1,301
                  2       1,018        35        1,358
                  4       1,036        40        1,418
                  5       1,045        45        1,480
                 10       1,092        50        1,544
                 15       1,141        51        1,557
                 20       1,192        52        1,5704
                 25       1,245        52,024    1,5707

[Sidenote: Aetzkali.]

  =Darstellung von Aetzkali.= Das Aetzkali (Kaliumhydroxyd, KHO, in 100
  Theilen aus 83,97 Kali und 16,03 Wasser bestehend) wird gegenwrtig,
  namentlich in England, fabrikmssig dargestellt.

  Die hauptschlich dazu angewendete Methode besteht darin,
  Kaliumcarbonat, (wie es aus dem Chlorkalium der Kaluczer Sylvine, der
  Stassfurter Carnallite, der Schlempekohle und des Kelps durch
  =Leblanc='s Process gewonnen wurde) in Form von Rohpotasche (d. h. mit
  Schwefelcalcium und Kalkhydrat gemengt, wie dieselbe aus dem
  Calcinirofen kommt) mit Wasser auszulaugen und die Lauge durch
  Behandeln mit Aetzkalk kaustisch zu machen. Vortheilhafter, d. h. zeit-
  und materialersparender ist es, wenn man die Quantitt Steinkohle,
  welche man dem Gemenge von Kaliumsulfat und Kalkstein behufs der
  Fabrikation von Mineralpotasche zusetzt, etwas vergrssert, die
  Schmelzung entsprechend lnger whren lsst und die gewonnene
  Rohpotasche sofort mit Wasser von 50 C. auslaugt. Man umgeht dadurch
  die nachtrgliche Kaustificirung der Rohlauge durch Kalk. Die Lauge
  wird, um an Brennstoff beim Abdampfen zu sparen, nach dem von =Dale=
  gegebenen Beispiele zum Speisen des Dampfkessels benutzt und darin bis
  auf das spec. Gewicht von 1,25 gebracht. Hierauf wird sie in offenen
  Pfannen unter Ausschpfung der sich ausscheidenden fremden Salze zur
  Trockne abgedampft. Man verwendet gegenwrtig vielfach das Aetzkali zur
  Umsetzung des Natriumsalpeters in Kalisalpeter und (neben Aetznatron)
  zur Darstellung der Oxalsure aus Sgespnen. Unter denjenigen
  Reaktionen, bei denen Aetzkali auftritt, sind fr die Bereitung von
  Aetzkali rtlich beachtenswerth: 1) Zersetzung von Kaliumsulfat mit
  Aetzbaryt; 2) Ueberfhrung von Chlorkalium in Kieselfluorkalium und
  Zersetzen des letzteren durch Aetzkalk; 3) Glhen von Kalisalpeter mit
  Kupferblech. Folgende Tabelle zeigt den Gehalt der Kalilauge an Kali
  bei den verschiedenen spec. Gewichten:

          Spec. Gewicht.    Grade nach =Baum=.   Kaliprocente.
              1,06                   9                 4,7
              1,11                  15                 9,5
              1,15                  19                13,0
              1,19                  24                16,2
              1,23                  28                19,5
              1,28                  32                23,4
              1,39                  41                32,4
              1,52                  50                42,9
              1,60                  53                46,7
              1,68                  57                51,2


                              Der Salpeter.

  (KNO_{3} = 101,2. In 100 Th. 46,5 Th. Kali und 53,5 Th. Salpetersure.)

[Sidenote: Salpeter.]

Der Salpeter (Kalisalpeter, Kaliumnitrat) kommt theils fertig gebildet in
der Natur vor, theils wird er als chemisches Produkt knstlich
dargestellt. Es ist bekannt, dass an den Mauern der Stlle hufig
Auswitterungen (Mauerfrass, Salpeterfrass) beobachtet werden, die zum
grssten Theil aus salpetersauren Salzen bestehen. Eben so findet man
diese Auswitterung in Hhlen und auf der Oberflche des Bodens in
Spanien, Ungarn, Aegypten, Ostindien (am Ganges und auf Ceylon) und
mehreren Theilen Sdamerikas (so namentlich zu Tacunga im Staate
Ecuador); in Chile und Peru findet man sogar salpetersaures Natrium
(Chilesalpeter) in ungeheuren Massen in einer Erstreckung von mehr als 30
Meilen unter einer Schicht von Thon.

[Sidenote: Vorkommen des natrlichen Salpeters.]

  Der natrliche Salpeter kommt unter sehr verschiedenen Verhltnissen
  vor, welche jedoch smmtlich die Mitwirkung organischer Substanzen
  erkennen lassen; er bedeckt den Boden mit Efflorescenzen, die gleich
  einer Vegetation ppig emporwuchern. Wird der Salpeter durch Abkehren
  entfernt, so whrt es nicht lange und es sind neue Ausblhungen da, die
  der Ernte harren. So gewinnt man den Salpeter aus dem durch die
  Ueberschwemmungen des Ganges abgelagerten Schlamme, so erhlt man in
  Spanien den Kalisalpeter durch Auslaugen des Ackerbodens, welcher
  demnach nach Belieben als Salpeterplantage oder als Weizenfeld benutzt
  wird. In den natrlichen Salpeterbildungssttten bildet sich der
  Salpeter unter sehr verschiedenen Bedingungen, er entsteht in der
  Ackererde im intensiven Sonnenlicht so gut als wie im Schatten des
  Waldbodens und der Dunkelheit der Hhlen; in allen Fllen muss aber
  eine Bedingung erfllt sein, nmlich das Vorhandensein organischer
  Stoffe, des Humus, welcher durch seine langsame Verbrennung die
  Salpeterbildung einleitet. Trockene Luft, regenarme oder regenlose
  Gegend, sind die unerlsslichen Bedingungen nicht nur zur Bildung,
  sondern auch =zur Conservation= des Salpeters. Eine andere, aber vom
  Klima unabhngige Bedingung ist das Vorhandensein von verwittertem
  krystallinischen Gestein, das Feldspath als Gemengtheil enthlt. Aus
  dem Kali dieses Gesteins bildet sich nun der Kalisalpeter, der in Folge
  seiner mangelnden Hygroskopicitt durch Capillaritt an die Oberflche
  gelangt und durch die erwhnten Ausblhungen sich kund giebt. Alle bis
  jetzt bekannten natrlichen Salpeterbildungssttten sind mit dem
  feldspathigen Element versehen, auch die von Tacunga, deren Boden aus
  Trachyten und Tuff entstanden ist, die unter den vulkanischen Gesteinen
  des Staates Ecuador vorherrschen. Zwischen der Fruchtbarkeit und der
  Salpeterbildung eines Erdreichs findet ein thatschlicher Zusammenhang
  statt. Dies gilt ebenso gut fr Sdamerika wie fr die salpeterhaltigen
  Felder Spaniens, die nach Belieben des Cultivators Salpeter oder Weizen
  liefern, wie fr die Ufer des Ganges, welche Kehrsalpeter geben neben
  den ppigsten Tabak-, Mais- und Indigpflanzen. Der Ursprung der
  Salpetersure ist wie oben erwhnt in der langsamen Verbrennung der
  stickstoffhaltigen organischen Substanzen zu suchen, die in dem Humus
  enthalten sind, und nicht in der Salpetersure der Luft, in welcher
  bekanntlich, wie die Untersuchungen von =Boussingault=, =Millon=,
  =Zabelin=, =Schnbein=, =Froehde=, =Bttger= und =Meissner= gelehrt
  haben, durch Elektricitt und durch die geheimnissvolle Rolle des Ozons
  sich auch immense Mengen von Salpetersure und salpetriger Sure
  bilden. Wie =Goppelsrder='s Untersuchungen gezeigt haben, findet sich
  in den natrlich vorkommenden Salpetersorten fast durchweg etwas
  salpetrige Sure.

[Sidenote: Gewinnung des Salpeters.]

In Lndern, in welchen wie z. B. in Ungarn, der Salpeter auswittert, ist
die Gewinnung desselben sehr einfach; man laugt die salpeterhaltige Erde
(=Gayerde=, =Gaysalpeter=, =Kehrsalpeter=) mit Wasser, oft unter Zusatz
von Potasche, aus, um den in der Erde enthaltenen salpetersauren Kalk zu
zersetzen, verdampft die Lauge und bringt dieselbe zur Krystallisation.
Den Salpeterbildungsprocess der Natur ahmt man in den =Salpeterplantagen=
knstlich nach, in denen man alle Bedingungen, welche die Salpeterbildung
begnstigen, zu erfllen sucht. Die Vortheile der Salpeterplantagen sind
frher bertrieben dargestellt worden; gegenwrtig ist man, namentlich
seitdem die Fabrikation des Conversionssalpeters und die Einfuhr von
indischem Salpeter den Verbrauch in Europa zum grossen Theile deckt, in
den meisten Lndern des nrdlichen Europas zu der Einsicht gekommen, dass
es weit grsseren Nutzen bringe, das hierzu erforderliche Land, den
Dnger und die Arbeitskraft dem Ackerbau zuzuwenden.

  Als Materialien whlt man Erde, die reich ist an Calciumcarbonat, wie
  Mergel, Bauschutt, Holz-, Torf-, Braunkohlen-, Steinkohlenasche, Staub
  und Koth von Chausseen, Abfall aus Stuben, Stllen, Stdten, Schlamm
  aus Teichen und Schleusen, Kalkrckstnde aus Soda-, Gas-,
  Papierfabriken, Bleichereien, Asche und Kalk von Seifensiedern etc.,
  und als Stickstofflieferer: dngerhaltige Materialien oder Dnger
  selbst, thierische Abflle, wie Fleisch, Sehnen, Hute, Blut aller Art
  aus den Schlachthusern und Wasenmeistereien, Rckstnde aus chemischen
  Fabriken, aus Gerbereien und Leimfabriken, von wollenen Lumpen aus
  Tuchfabriken; man schichtet auch nicht selten die frischen thierischen
  Abflle mit Vegetabilien, namentlich mit solchen, welche, wie
  Kartoffelkraut, Runkelrbenbltter, Bilsenkraut, Nesseln, Sonnenblumen,
  Borretsch etc., Salpeter enthalten, und begiesst die Haufen von Zeit zu
  Zeit mit Jauche oder Glle. Die Principien, welche man bei der
  zweckmssigsten Mischung der Erde zur Salpeterbildung zu befolgen hat,
  sind dieselben, welche die Agriculturchemie zur Herstellung des
  Compostes kennen gelehrt hat. Aus der prparirten Erde, =Muttererde=,
  welche man mit Stroh oder mit Reissig durchflicht, um der Luft
  mglichst allseitig Zutritt zu gestatten, bildet man auf einem
  geneigten, festgeschlagenen Lehmboden Haufen von 2-2-1/2 Meter Hhe von
  der Form einer abgestutzten Pyramide. Man kann auch in besonderen
  Haufen (=Faulhaufen=) die Fulniss der thierischen Substanzen einleiten
  und die so erhaltene Masse mit der brigen Erde mischen. Wenn die
  Salpetererde der Reife sich nhert, lsst man die Haufen austrocknen;
  es bildet sich dann an der Oberflche eine 6-10 Centimeter dicke Rinde,
  welche reicher ist an salpetersauren Salzen als die andere Masse, da
  sich durch Capillarwirkung die Lauge an die Oberflche zieht und dort
  ihr Wasser verliert. Diese Kruste wird so oft abgekratzt, bis der Kern
  des Haufens der Luft zu wenig Oberflche darbietet, wo er dann mit
  bereits ausgelaugter Erde =umkrnzt= oder ganz abgetragen und neu
  aufgebaut wird. In der =Schweiz= gewinnt man in mehreren Cantonen den
  Salpeter in den Stllen, welche in der Regel an Bergabhngen liegen,
  sodass blos der Eingang zu ebener Erde ist, whrend der
  gegenberliegende Theil des Gebudes einige Fuss hher ist als der
  Boden und auf Pfhlen ruht. Auf diese Weise ist der gedielte Boden des
  Stalles vom Erdboden durch eine Luftschicht getrennt. Unter dem Stalle
  wird eine Grube von 0,6-1,0 Meter Tiefe gegraben; diese Grube fllt man
  mit einer porsen Erde, welche den erforderlichen Kalkgehalt hat, und
  tritt dieselbe fest. Diese Erde absorbirt den Harn der Thiere. Nach 2-3
  Jahren nehmen die Salpetersieder in den leerstehenden Sommerstallungen
  die Bodenbretter ab, entfernen die Salpetererde aus der Grube und
  laugen dieselbe mit Wasser aus. Die Lauge wird in einer Htte, in
  welcher ein Kessel in einem in die Erde eingegrabenen Herde eingesenkt
  ist, versotten. Die ausgelaugte Erde kommt in die Stlle zurck. Es
  lohnt sich erst nach sieben Jahren, aus demselben Stalle wieder
  Salpeter zu gewinnen. Ein einziger Stall soll 50-200 Pfd. Rohsalpeter
  liefern, nach anderen Angaben kann sich der Ertrag bei einem Stalle auf
  10 Ctr. belaufen. Die Lauge wird mit Asche und Aetzkalk versetzt, vom
  Bodensatze abgegossen, in der Siedehtte eingedampft und der
  Krystallisation berlassen. Man lsst die Krystalle in Krben
  abtropfen, verpackt sie in Scke und versendet sie an die
  Raffiniranstalten der Pulvermhlen. In =Schweden=, wo jeder
  Grundbesitzer zur Lieferung von Salpeter an die Behrde als Steuer
  verpflichtet ist, sind die salpeterbildenden Materialien in hlzerne
  Ksten oder Schuppen eingetragen, werden darin von Zeit zu Zeit mit
  Rindsharn bergossen und umgeschaufelt. Nach 2-3 Jahren ist die Erde
  reif.

[Sidenote: Behandeln der reifen Salpetererde.]

Aus der reifen Salpetererde wird in den Salpetersiedereien der
Kalisalpeter auf folgende Weise dargestellt: _a_) die Erde wird mit
Wasser ausgelaugt (=Darstellung der Rohlauge=); _b_) die Lauge (Rohlauge)
wird gebrochen, d. h. sie wird mit der Lsung eines Kaliumsalzes
zusammengebracht, um das vorhandene Calcium- und Magnesiumnitrat in
Kaliumnitrat zu verwandeln (=Brechen der Rohlauge=); _c_) die gebrochene
Lauge wird abgedampft, um den Salpeter (=Rohsalpeter=) krystallisirt zu
erhalten; _d_) der Rohsalpeter wird gelutert und raffinirt.

[Sidenote: Darstellung der Rohlauge.]

Die siedewrdige Erde wird mit Wasser ausgelaugt, um die in Wasser
lslichen Bestandtheile von den unlslichen zu trennen. Hierbei ist das
Auslaugen mit der geringsten Menge Wasser vorzunehmen, um spter bei der
Verdampfung an Brennmaterial zu ersparen. Laugen von 12-13 Proc. Gehalt
sind siedewrdig.

[Sidenote: Brechen der Rohlauge.]

Die Rohlauge (in Oesterreich =Grundwasser= genannt) enthlt die Nitrate
von Calcium, Magnesium, Kalium und Natrium, Chlorcalcium, Chlormagnesium,
Chlorkalium, Ammoniaksalze und vegetabilische und thierische Substanzen.
Um die Nitrate des Calciums und Magnesiums, welche sich in der Rohlauge
vorfinden, in Kaliumnitrat berzufhren, wird die Rohlauge =gebrochen=,
d. h. es wird die Rohlauge mit einer Auflsung von 1 Th. Potasche in 2
Th. Wasser versetzt:

    Calciumnitrat Ca(NO_{3})_{2}   }       { Kaliumnitrat 4KNO_{3}
    Magnesiumnitrat Mg(NO_{3})_{2} } geben { Calciumcarbonat CaCO_{3}
    Kaliumcarbonat 2K_{2}CO_{3}    }       { Magnesiumcarbonat MgCO_{3}

Zu gleicher Zeit werden auch die Chlorre des Calciums und Magnesiums
zersetzt und in Chlorkalium und Calcium- und Magnesiumcarbonat zerlegt.
Von der Potaschenlsung wird so lange zugesetzt, als noch ein
Niederschlag in der Flssigkeit sich bildet. Um einen Maasstab fr die
Quantitt der zuzusetzenden Potaschenlsung zu haben, macht man mit etwa
1/2 Liter der Rohlauge eine vorlufige Probe, welche Menge
Potaschenlsung zugesetzt werden muss, bis kein Niederschlag mehr
entsteht.

  Zuweilen wendet man zum Brechen der Rohlauge auch Kaliumsulfat anstatt
  der Potasche an. Die Anwendung des Kaliumsulfates verlangt zuerst eine
  Zersetzung der Magnesiasalze der Rohlauge durch Kalkmilch und
  nachheriges Abdampfen; auf Zusatz von Kaliumsulfat scheidet sich sodann
  Calciumsulfat aus (Ca(NO_{3})_{2} + K_{2}SO_{4} = 2KNO_{3} + CaSO_{4}).
  Auch bei der Anwendung von Chlorkalium zum Brechen der Lauge entfernt
  man zuerst die Magnesiasalze mittelst Kalkmilch. Hierauf setzt man zu
  der decantirten Flssigkeit die erforderliche Quantitt eines Gemenges
  von Chlorkalium und Glaubersalz nach gleichen Moleklen. Hierdurch wird
  der Kalk als Gyps niedergeschlagen; das entstandene Natriumnitrat setzt
  sich mit dem Chlorkalium zu Kaliumsalpeter und Kochsalz um.

[Sidenote: Versieden der Rohlauge.]

[Illustration: Fig. 64.]

Die von dem aus kohlensauren Erden bestehenden Absatz klar
abgegossene Rohlauge besteht aus einer Lsung von Kaliumnitrat,
Chlorkalium und Chlornatrium, kohlensaurem Ammoniak und berschssiger
Potasche; ausserdem finden sich darin frbende Stoffe, jedoch weniger als
vorher. Das Versieden der Lauge geschieht in kupfernen Kesseln (Fig. 64),
deren Anlage so gemacht ist, dass die Feuergase durch die den Kessel
umgebenden Zge _c c_ unter die Vorwrmpfanne _D_ und von da in den
Schornstein _q_ gehen. In einigen Fabriken benutzt man die entweichende
Wrme zum Trocknen des Salpetermehls. In den Siedekessel lsst man durch
einen Hahn so viel Rohlauge nachfliessen, als durch das Kochen Wasser
entweicht. Am dritten Tage etwa fangen die Chlormetalle (Chlornatrium,
Chlorkalium) an sich auszuscheiden, der Arbeiter muss nun Sorge tragen,
dieselben nicht anbrennen zu lassen, was zu Explosionen oder mindestens
zu Strungen des Betriebes Anlass geben knnte; zu diesem Zwecke wendet
er eine hlzerne, keilfrmig zugeschrfte Stange an, mit deren Hlfe er
die bereits ausgeschiedenen festen Theile umrhrt. Nach jedesmaligem
Umrhren schpft er das Lockergewordene mit einem kupfernen Siebe heraus.
Da sich dessenungeachtet an den Wandungen des Kessels Kesselstein
ansetzt, so wendet man jetzt fast allgemein den =Pfuhleimer=, d. h. ein
flaches Gefss _m_ an, welches man mittelst einer Kette _h_ in die Mitte
der Lauge ungefhr 6 Centimeter vom Boden des Kessels herablsst. Der
Pfuhleimer wird mit Backsteinen beschwert. Die ausgeschiedenen festen
Theile setzen sich nmlich nicht sofort als Kesselstein ab, sondern
bleiben einige Zeit in der Flssigkeit suspendirt, indem sie von dem
Boden des Kessels an den Wnden hinaufgetrieben werden, um von der
Oberflche in der Mitte wieder auf den Boden zu gelangen. Durch den
Pfuhleimer wird nun das Herabfallen derselben auf den Boden verhindert,
indem sich darin nach und nach alle festen Theile ansammeln. Da in dem
Pfuhleimer kein Kochen stattfindet, so fallen auch die einmal
hineingekommenen Theilchen nicht wieder heraus. Von Zeit zu Zeit wird
dieses Gefss emporgezogen und in einen ber den Kessel befindlichen, mit
Lchern versehenen Kasten geleert, aus welchem die den festen Theilchen
anhngende Lauge wieder in den Kessel zurckluft. Das in dem Kessel
Abgeschiedene besteht grsstentheils aus kohlensauren Erden und Gyps.

  Nachdem ein Theil der Verunreinigungen durch den Pfuhleimer entfernt
  worden ist, enthlt die Lauge hufig noch Chlornatrium. Da dieses Salz
  nicht gleich dem Salpeter in heissem Wasser leichter lslich ist als in
  kaltem, so krystallisirt es schon whrend des Abdampfens heraus. Man
  entfernt dann den Pfuhleimer aus der Lauge; das Chlornatrium scheidet
  sich an der Oberflche der Flssigkeit und am Boden des Kessels aus und
  wird mit einem Schaumlffel herausgenommen. Sobald das Kochsalz
  reichlich herauskrystallisirt, hat die Lauge die zum Krystallisiren
  erforderliche Strke erreicht. Ist die Lauge in der That gar, so
  erstarrt ein Tropfen derselben, auf kaltes Metall gebracht, sogleich zu
  einer festen Masse. Man kann auch ein Wenig der zu prfenden Lauge in
  einen Blechlffel schpfen und sehen, ob nach der Abkhlung der
  Salpeter in Nadeln anschiesst. Die gare Lauge wird in besondere
  Bottiche gebracht und darin 5-6 Stunden stehen gelassen; whrend dieser
  Zeit setzen sich noch mehr Unreinigkeiten ab, die Lauge klrt sich und
  khlt zum Theil aus. Ist die Abkhlung bis auf etwa 60 vorgeschritten,
  so schpft man die klare Lauge in kupferne Krystallisirgefsse. Nach
  zweimal 24 Stunden ist die Krystallisation beendigt; man trennt nun die
  Mutterlauge (=Altlauge=, =Hecklauge=), welche dem nchsten Rohsieden
  zugesetzt wird, von den Krystallen.

[Sidenote: Lutern oder Raffiniren des Rohsalpeters.]

Der =Rohsalpeter= (Salpeter vom ersten Sude) ist gelb gefrbt und enthlt
durchschnittlich 20 Proc. zerfliessliche Chlormetalle, Erdsalze und
Wasser. Die die Entfernung der Verunreinigungen bezweckende Operation
nennt man das =Lutern= oder =Raffiniren des Salpeters=. Ein grosser
Theil des Salpeters wird gegenwrtig einfach durch Raffiniren des
=indischen Salpeters=[32] dargestellt. Die ursprngliche Methode der
Salpetergewinnung durch Auslaugen salpeterhaltiger Erden ist in Europa
nur noch an wenigen Orten in Anwendung.

  [32] Aus Indien (Bombay, Madras, Pegu) wurden in England folgende
       Mengen von indischem Salpeter eingefhrt:

            1860  16,460,300 Kilogr.    1864  22,259,840 Kilogr.
            1861  15,690,150   "        1865  27,244,360   "
            1862  22,162,400   "        1866  29,322,400   "
            1863  20,238,250   "        1867  29,420,600   "
                                        1868  33,062,000   "

  Das Raffiniren grndet sich darauf, dass der Salpeter in heissem Wasser
  sich weit leichter lst als die beiden Chlorre Chlornatrium und
  Chlorkalium. Man bringt in einen Kessel 12 Ctr. (= 600 Liter) Wasser
  und lst darin 24 Ctr. Rohsalpeter bei gelinder Wrme auf; darauf
  erhitzt man die Lsung bis zum Sieden und trgt noch 36 Ctr.
  Rohsalpeter ein. Enthielt der Rohsalpeter 20 Proc. Chloralkalien, so
  wird der Salpeter von der angewendeten Wassermenge in der Siedehitze
  gelst, von den Chloralkalien bleibt dagegen ein Theil ungelst zurck
  und wird aus dem Kessel herausgekrckt. Der auf der Oberflche der
  Flssigkeit sich zeigende Schaum wird mit einer Schaumkelle abgenommen.
  Darauf sucht man die noch nicht abgeschiedenen organischen Stoffe durch
  Leim niederzuschlagen. Gewhnlich rechnet man auf 1 Ctr. Rohsalpeter
  20-50 Grm. Tischlerleim, welche in etwa 2 Liter Wasser aufgelst
  werden. Damit keine Krystallisation des Salpeters eintrete, setzt man
  der Flssigkeit so viel Wasser zu, dass die Totalmenge desselben 20
  Ctr. (1000 Liter) betrage. Der Leim reisst alle in der Flssigkeit
  schwimmenden Krper mit sich auf die Oberflche, wodurch eine grosse
  Menge Schaum entsteht, der sofort abgenommen wird. Die Flssigkeit wird
  nach dem Abschumen etwa 12 Stunden auf der Temperatur von 88 erhalten
  und dann vorsichtig in die kupfernen Krystallisirbecken geschpft,
  deren Boden nach der Mitte zu abschssig ist und an dem einen Ende
  hher steht als an dem anderen. In diesen Becken khlt sich die Lauge
  ab und es wrden sich grosse Salpeterkrystalle bilden, wenn man dies
  nicht absichtlich durch Umrhren mit Krcken verhinderte, wodurch
  =Salpetermehl= sich bildet. Das Salpetermehl kommt aus den
  Krystallisirbecken in die =Waschgefsse=, kleine Trge von 10 Fuss
  Lnge auf 4 Fuss Breite, von der Gestalt der Auslaugeksten, jedoch mit
  einem Doppelboden versehen, von welchem der innere durchlchert ist.
  Seitlich befinden sich zwischen den beiden Bden mit Zapfen zu
  verschliessende Lcher. Das Salpetermehl wird hierin mit 60 Pfd. einer
  gesttigten Lsung reinen Salpeters bergossen und bei geschlossenen
  Zapfen 2-3 Stunden damit in Berhrung gelassen; dann zapft man ab,
  lsst abtropfen und wiederholt diese Operation zweimal, erst mit 60
  Pfd., dann mit 24 Pfd. Salpeterlsung, indem man nach jedem Aufguss der
  Salpeterlsung mit einer gleichen Menge Wasser nachwscht. Die zuerst
  ablaufenden Waschwsser, welche die Chloralkalien enthalten, werden
  beim Raffiniren des Rohsalpeters zugesetzt, die letzten Waschwsser --
  fast reine Salpeterlsungen -- werden bei den ersten Waschungen anderen
  Salpetermehls angewendet. Nachdem man das ausgewaschene Salpetermehl
  einige Zeit auf dem Waschkasten gelassen hat, wird es in einer
  Trockenpfanne bei gelinder Wrme getrocknet, gesiebt und verpackt. In
  einigen preussischen Salpeterfabriken bringt man es aus dem Waschkasten
  in den sogenannten =Aufschttekasten= und dann auf Trockentafeln,
  welche mit Leinwand berzogen sind.

[Sidenote: Darstellung des Kaliumnitrates aus Chilisalpeter.]

Seit etwa zwanzig Jahren stellt man sehr bedeutende Mengen von
Kaliumsalpeter aus dem Chilisalpeter dar. Man nennt diesen Salpeter zum
Unterschiede von dem indischen und Plantagensalpeter
=Conversionssalpeter=. Es lassen sich folgende vier Methoden anwenden:

1) Es wird das Natriumnitrat mit Chlorkalium zerlegt. Der Vorgang ist
dabei folgender:

    100   Kilogr. Natriumnitrat } geben { 119,1 Kilogr. Kaliumsalpeter
     87,9    "    Chlorkalium   }       {  68,8    "    Kochsalz.

=Longchamp= und nach ihm =Anthon= und =Kuhlmann= haben dieses Verfahren
empfohlen. Es wird auch in der That gegenwrtig hufig im Grossen
benutzt, da die Zersetzung beider Salze eine schnelle und vollstndige
ist, das abfallende Kochsalz leicht von allem anhngenden Salpeter
befreit werden kann, ebenso auch die Reinigung des Salpeters vom Kochsalz
einfach und vollstndig ist. Es sei hierbei erwhnt, dass in einigen
Lndern die Steuerbehrde von dem dabei abfallenden Kochsalze die
Salzsteuer erhebt. Das erforderliche Chlorkalium wird durch die
Zersetzung des Carnallits erzeugt, oder auch bei der Verarbeitung des
Kelps oder der Schlempekohle und der Kaluczer Sylvine gewonnen.

  In einem gusseisernen Kessel von etwa 4000 Liter Inhalt werden
  quivalente Mengen von Chilisalpeter und Chlorkalium aufgelst, genau
  nach der Procentigkeit der jedesmal vorliegenden Handelswaare
  berechnet. Der Chilisalpeter schwankt in der Regel nur unbedeutend um
  96 Proc.; aber das Chlorkalium von 60-90 Proc., man nimmt gewhnlich 7
  Ctr. des ersteren und die entsprechend berechnete Menge der letzteren.
  Zuerst wird das Chlorkalium fr sich aufgelst, bis die Lsung
  1,200-1,210 (heiss gemessen) zeigt; dann wird der Chilisalpeter
  zugesetzt und nun so lange gefeuert, bis die Flssigkeit 1,500 zeigt;
  das sich fortwhrend ausscheidende Chlornatrium wird, sowie es sich
  bildet, herausgekrckt und auf einer schiefen Ebene so ablaufen
  gelassen, dass die Mutterlauge in den Kessel zurckfliesst. Es wird
  dann noch gewaschen, bis es hchstens 1/2 Proc. Salpeter enthlt, und
  auch die Waschwsser werden in den Kessel gegeben. Wenn die Lauge im
  Kessel auf 1,500 gekommen ist, lsst man sie kurze Zeit absitzen, wobei
  das niederfallende Salz allen Schmutz mit sich reisst, und lsst dann
  die klare Lauge nach den Krystallisirgefssen laufen. In der
  ursprnglichen Patentbeschreibung ist eine Grdigkeit von 1,550
  vorgeschrieben; dies zeigte sich aber nicht vortheilhaft, weil bei
  solcher Concentration die Lauge theils whrend des Absitzens, theils
  beim Ablaufen schon stark krystallisirte und die Rinnen verstopfte. Die
  Krystallisirgefsse sind ganz flach, sodass schon nach 24 Stunden die
  Krystallisation vollstndig ist; durch gelegentliches Umrhren erreicht
  man es, dass die Krystalle so fein wie Bittersalz fallen. Die
  Mutterlauge wird abgezogen und die Krystalle vollstndig abtropfen
  gelassen. Dann bergiesst man die Krystalle mit so viel Wasser, dass
  sie davon bedeckt werden, und lsst dies 7-8 Stunden stehen; hierauf
  zieht man es ab und berlsst die Krystalle ber Nacht dem Abtropfen;
  am nchsten Tage wiederholt man dasselbe Verfahren noch einmal.
  Natrlich kann man die Waschungen, wenn nthig, beliebig oft
  fortsetzen; aber ein hinreichender Grad der Reinheit wird meist schon
  nach dem zweiten Male erreicht sein. Die erste Mutterlauge, sowie alle
  Waschwsser kehren in den ursprnglichen Auflsekessel zurck.

2) Es wird der Natriumsalpeter durch Chlorbarium in Bariumsalpeter
bergefhrt und dieser dann durch Kaliumsulfat oder Potasche in
Kaliumnitrat verwandelt.

  [Greek: a])  85 Kilogr. Natriumnitrat}geben{130,5 Kilogr. Bariumnitrat,
              122    "    Chlorbarium  }     { 58,5    "    Kochsalz.

  [Greek: b]) 130,5 Kilogr. Bariumnitrat    } 87,2 Kilogr. Kaliumsulfat
              brauchen bei ihrer Umwandelung}              oder
              in Kaliumsalpeter             } 69,2    "    Kaliumcarbonat.

Bei Anwendung von Kaliumsulfat erhlt man als Nebenprodukt =Barytweiss=,
welches sich gut verwerthen lsst, in dem andern Falle Bariumcarbonat,
welches durch Salzsure wieder in Chlorbarium bergefhrt werden kann.
Stellt man sich die Frage, ob die Nachtheile, die aus dem Hereinziehen
der Barytverbindungen in diesen Process, erwachsen knnen, sich durch die
Vortheile aufwiegen lassen, so sind besonders die folgenden Momente als
leitend festzuhalten: a) Lohnt es sich, aus dem natrlichen vorkommenden
Bariumcarbonat durch Umwandlung in Chlorbarium (vielleicht durch
Verdichtung der in der Sodafabrikation zuletzt entweichenden
Salzsuredmpfe durch Witherit erhalten) und Fllen mit verdnnter
Schwefelsure das Barytweiss als Hauptprodukt darzustellen, so ist
anzunehmen, dass ein werthvolles Nebenprodukt den Mehraufwand an Arbeit
wohl lohnen werde; b) der Umweg und die dadurch vermehrte Arbeit wird
reichlich compensirt durch grssere Ausbeute und reineres Produkt.

3) Es wird der Natriumsalpeter durch Potasche in Kaliumsalpeter
bergefhrt, wobei als Nebenprodukt reine =Soda= fllt:

  85   Kilogr. Natriumsalpeter } geben { 101,2 Kilogr. Kaliumsalpeter
  69,2    "    Kaliumcarbonat  }       {  53      "    Soda (calcinirte).

Diese Art der Salpeterfabrikation hat sich erst seit dem Krimkriege
(1854-55) in Deutschland eingebrgert, und zwar ist =Wllner= in Cln als
derjenige Chemiker anzusehen, welcher zuerst Conversionssalpeter mittelst
Potasche fabrikmssig darstellte. Die politischen und geographischen
Verhltnisse Deutschlands liessen in jener Zeit Preussen vor Allem als
fr diese Fabrikation geeignet erscheinen, und zwar war es nchst Harburg
Stettin, welches durch seine gnstige Lage (Seeverbindung mit Russland)
in dieser Hinsicht am meisten bevorzugt war, und woselbst alsbald das
erste grssere Werk fr diesen Industriezweig gegrndet wurde. Dieses
Werk vermochte jedoch trotz seinem bedeutenden Umfange seiner Zeit nicht
den tglich gesteigerten Anforderungen der russischen Regierung zu
gengen; es entstanden nach und nach andere Fabriken und kleinere Werke
dehnten sich aus, sodass nach Beendigung des Krieges bereits an fnf
Orten Deutschlands diese Salpeterfabrikation in grsserem Umfange
betrieben wurde.

  Im Jahre 1862 wurden in Deutschland nach diesem Principe in acht
  Fabriken circa 7,500,000 Pfd. Kalisalpeter dargestellt. Diese starke
  Concurrenz hatte das Sinken der Salpeterpreise zur nchsten Folge, aber
  sie spornte auch die einzelnen Producenten zur fortwhrenden
  Vervollkommnung ihrer Fabrikation und in gleichem Maasse zur Aufsuchung
  billigerer Rohstoffe fr dieselbe an. Whrend frher fast
  ausschliesslich das aus dem Kelp gewonnene Chlorkalium zur
  Salpeterfabrikation angewendet wurde, ging man whrend des Krimkrieges
  zur Verwendung der russischen Potasche ber. Doch auch dieser Rohstoff
  wurde alsbald zu theuer, und man wandte sich zu der aus der
  Rbenmelasse als Nebenprodukt gewonnenen Schlempekohle. Die
  entstehenden neuen Fabriken wurden lediglich fr Verarbeitung dieses
  letzteren Rohstoffes angelegt. Freilich stiegen bei Verwendung so
  unreiner Rohstoffe auch die Schwierigkeiten der Fabrikation, denn es
  galt, aus diesen Rohstoffen nicht allein einen reinen Salpeter, sondern
  auch eine =hochgrdige Soda= zu gewinnen. Dies ist nun gelungen und es
  wird in den Salpeterfabriken, die Conversionssalpeter mittelst Potasche
  darstellen, eine Soda erzielt, welcher der nach dem =Leblanc='schen
  Verfahren erhaltenen nichts nachgiebt.

4) Es wird der Natriumsalpeter durch Aetzkali zerlegt, welche sich
vollstndig zu Kaliumsalpeter und Aetznatron umsetzen.

  Dieses zuerst von =Landmann= und =Gentele=, spter in modificirter Form
  von =Schnitzer= empfohlene und von =C. Nllner= in die Praxis
  eingefhrte Verfahren wird in einer Salpeterfabrik in Lancashire (nach
  der Beschreibung von =Lunge=) in folgender Weise ausgefhrt. Zu
  Kalilauge von 1,5 spec. Gewicht wird eine quivalente Menge von
  Natriumsalpeter zugesetzt und nach kurzer Einwirkung zur
  Krystallisation gebracht. Den sich ausscheidenden Kaliumsalpeter trennt
  man von der Mutterlauge, welche jetzt bedeutend weniger als 1,50 zeigt,
  dampft diese wieder bis zu demselben spec. Gewicht ein und lsst
  wiederum erkalten. Man erhlt eine zweite Krystallernte von
  Kaliumsalpeter; die Mutterlauge ist gewhnlich so gut wie ganz frei
  davon und enthlt nur Aetznatron und verunreinigende Salze; zuweilen
  jedoch ist sie noch so reich an Salpeter, dass man eine dritte
  Krystallisation desselben vornehmen muss. Was sich whrend des
  Eindampfens abscheidet, ist meist Natriumcarbonat, herstammend von dem
  Chlornatriumgehalte des Handelschlorkaliums, welcher sich natrlich
  ebenfalls als kohlensaures Salz wiederfindet. Die geringen Mengen
  unzersetzten Chlorkaliums, Chlornatriums und Calciumsulfates bleiben
  fast ganz in der Mutterlauge von kaustischer Soda zurck. Die letztere
  wird weiter eingedampft, zuletzt bis zum glhenden Flusse, und
  berhaupt mit ihr ganz wie gewhnlich verfahren. Man erlangt jedoch aus
  ihr nie ein Aetznatron von so schner weisser Farbe, wie es sich jetzt
  hufig im Handel findet, sondern es behlt immer eine schwach bluliche
  Frbung. Der in beiden Krystallisationen erhaltene Salpeter wird in
  eisernen Gefssen mit kaltem Wasser, resp. frheren Waschwssern, so
  lange gewaschen, bis er nur noch 0,1 Proc. Chlornatrium enthlt: die
  Waschwsser werden bei den folgenden Operationen in systematischer
  Reihenfolge weiter verwendet. Den gewaschenen Salpeter lst man in
  eisernen Kesseln in der Hitze auf und lsst ihn in anderen eisernen
  Kesseln erkalten, wobei fter umgerhrt wird. Das ausgeschiedene
  Krystallmehl wird von Neuem gewaschen, bis der gewnschte Grad von
  Reinheit erreicht ist. Trotzdem ausschliesslich eiserne Gefsse in
  Anwendung sind, findet man doch kein Eisen im Salpeter; natrlich
  werden die Gefsse immer vollkommen sauber gehalten. Zum Trocknen des
  Salpeters dient eine Kammer aus Ziegeln, ganz so gebaut, wie man hufig
  die Chlorkalkkammern trifft: nmlich in zeltartiger Form, also ein
  spitzbogiges Gewlbe, vom Boden aus aufsteigend und im Scheitel 2 Meter
  hoch, sodass ein Mann darin arbeiten kann. Die Breite ist etwa 2 Meter,
  die Lnge 5 Meter. Salpeter wird darin auf hlzernen Gersten
  ausgebreitet und durch eiserne Rhren, welche darin herumgefhrt sind
  und die heisse Luft einer Feuerung leiten, wird die Temperatur auf 70
  C. gehalten; das Trocknen erfolgt daher sehr schnell.

[Sidenote: Prfung des Salpeters.]

  =Prfung des Salpeters.= Reiner Salpeter erstarrt nach vorsichtigem
  Schmelzen zu einer weissen Masse, die auf dem Bruche grobstrahlig ist.
  Eine Verunreinigung von 1/80 Chlornatrium macht den Bruch schon etwas
  krnig, bei 1/10 ist der Kern schon nicht mehr strahlig und weniger
  durchsichtig und bei 1/30 ist das Strahlige nur noch an den Kanten zu
  bemerken. Das Nmliche geschieht durch eine Verunreinigung mit
  salpetersaurem Natron. Diese Methode (von =G. Schwartz=) benutzt die
  Behrde in Schweden, wo jeder Grundbesitzer verpflichtet ist, eine
  gewisse Menge Salpeter an den Staat abzugeben. -- Andere Methoden, wie
  die von =Riffault=, =Huss=, =Gay-Lussac=, sind theils zeitraubend,
  theils fr die Praxis nicht geeignet. Die Methode von =Riffault= beruht
  auf der Eigenschaft einer gesttigten Salpeterlsung, bei der
  Temperatur, bei welcher sie gesttigt ist, noch Chlornatrium aufnehmen
  zu knnen. Die Methode des k. k. Obersten =Huss= grndet sich darauf,
  dass eine bestimmte Menge Wasser nur eine bestimmte Menge Salpeter bei
  einer gewissen Temperatur gelst enthalten kann. Man hat daher nur
  nthig, durch Versuche zu ermitteln, bis zu welcher Temperatur
  Salpeterlsungen von verschiedener Concentration abgekhlt werden
  mssen, damit Salpeter sich auszuscheiden beginne; aus dieser
  Temperatur lsst sich der Gehalt an reinem Salpeter berechnen. Die
  beste Methode, den raffinirten Salpeter, der zur
  Schiesspulverfabrikation angewendet werden soll, auf Chlormetalle
  (Kochsalz) zu prfen, besteht darin, eine Lsung desselben mit einer
  Lsung von Silbernitrat zu versetzen. Es darf dadurch keine oder nur
  eine sehr geringe Trbung und kein Niederschlag erfolgen. =G. Werther=
  bediente sich sehr zweckmssig zur Ermittelung des Chlorgehaltes, sowie
  des Schwefelsuregehaltes titrirter Lsungen von Silber- und
  Bariumnitrat. Die Lsungen sind so abgestimmt, dass jeder Theilstrich
  der Silberlsung 0,004 Grm. Chlor und jeder Theilstrich der
  Bariumlsung 0,002 Grm. Schwefelsure entspricht. Man kann nun entweder
  in derselben Lsung zuerst den Chlor- und hierauf sogleich den
  Schwefelsuregehalt ermitteln, oder man kann in zwei besonderen Glsern
  in verschiedenen Proben Chlor und Schwefelsure bestimmen. Nach der
  Probe von =Reich= erhitzt man 0,5 Grm. trockenen, gepulverten Salpeter
  mit dem 4-6fachen Quarzpulver gemengt bis zum Dunkelrothglhen; es wird
  alle Salpetersure ausgetrieben und der Gewichtsverlust giebt den
  Gehalt des Salpeters an Salpetersure. Schwefelsaure Salze oder
  Chlorverbindungen werden bei der angegebenen Temperatur nicht zersetzt.
  Ist der Gewichtsverlust = d, so hatte man

                          1,874. d Kaliumsalpeter,
                     oder 1,574. d Natriumsalpeter.

  =Al. Mller= schlgt zur Bestimmung der Salpetersure eine Methode vor,
  die sich darauf grndet, dass fr Kalium und Natrium NO_{3} = Cl und
  durch Zersetzung des ersteren durch das letztere je ein Atom um 52-35,5
  = 26,5 leichter wird. Der gewogene Salpeter wird mit concentrirter
  Salzsure wiederholt zur Trockne gebracht, bis alle Salpetersure
  entfernt ist; der Rckstand wird geglht und gewogen. Chemisch reiner
  Kaliumsalpeter darf mit Kaliumcarbonat, Chlorbarium, Silbernitrat und
  Kaliummetaantimoniat keinen Niederschlag geben. Zieht Salpeter
  Feuchtigkeit aus der Luft, so ist dies ein Zeichen, dass er
  Natriumsalpeter enthlt oder beim Schmelzen, wenn ein solches
  stattgefunden hat, zu stark erhitzt und theilweise zerstrt worden ist.
  Nach =R. Bttger= ist fast aller im Handel vorkommende Salpeter durch
  salpetrigsaures Kali mehr oder weniger verunreinigt.

[Sidenote: Anwendung des Kaliumsalpeters.]

  Der Salpeter wird zu den mannigfaltigsten Zwecken angewendet; seine
  Hauptanwendungen sind folgende: 1) zur Fabrikation des Schiesspulvers;
  2) zur Darstellung der englischen Schwefelsure und der Salpetersure;
  3) in der Glasfabrikation zum Reinigen der Glasmasse; 4) als
  Oxydations- und Flussmittel bei verschiedenen Metallarbeiten; als
  Flussmittel verwendet man hufig ein Gemenge von Salpeter mit
  Weinstein, welches Gemenge zuweilen vorher erhitzt wird. Erhitzt man
  ein Gemenge von 1 Th. Salpeter mit 2 Th. Weinstein, so entsteht der
  =schwarze= Fluss, d. i. ein Gemenge von Kaliumcarbonat mit fein
  zertheilter Kohle. Erhitzt man gleiche Theile Salpeter und Weinstein,
  so erhlt man den =weissen Fluss=, d. i. ein Gemenge von Kaliumcarbonat
  mit unzersetztem Salpeter. Beide Vorschriften werden in den Gewerben
  hufig benutzt; da aber der Salpeter bei der ersten Vorschrift
  smmtlichen Sauerstoff, bei der zweiten einen Theil desselben einbsst,
  so ist es einleuchtend, dass der schwarze Fluss zweckmssiger durch
  Mengen von Potasche mit Russ, der weisse Fluss durch Mengen von
  Potasche mit etwas Salpeter dargestellt werden kann. Der schwarze Fluss
  wird benutzt, wenn Metalle nur umgeschmolzen werden sollen, der weisse
  dagegen, wenn sich ein Theil der Metalle oxydiren soll; 5) zum
  Einpkeln des Fleisches neben Kochsalz und zuweilen auch Zucker; 6) zur
  Bereitung des Schnellflusses und Knallpulvers. Der =Schnellfluss von
  Baum= ist ein Gemenge von 3 Th. Salpeter, 1 Th. Schwefelpulver und 1
  Th. Sgespnen (am besten von harzreichem Holze); bringt man in dieses
  Gemenge eine Silber- oder Kupfermnze, so schmilzt diese, weil sich
  leicht schmelzbare Schwefelmetalle (Schwefelsilber und Schwefelkupfer)
  bilden. Das =Knallpulver= ist ein Gemisch von 3 Th. Salpeter, 2 Th.
  Kaliumcarbonat und 1 Th. Schwefel, welches in einem Schlchen ber der
  Lampe erhitzt, heftig explodirt, indem es durch seine ganze Masse
  hindurch auf einmal zersetzt wird und dabei grosse Quantitten Gas sich
  entwickeln:

         Salpeter 6KNO_{3}     }   { Stickstoffgas 6N
         Potasche 2K_{2}CO_{3} } = { Kohlensure   2CO_{2}
         Schwefel 5S           }   { Kaliumsulfat  5K_{2}SO_{4}

  7) als Dngemittel in der Landwirthschaft; 8) zur Darstellung vieler
  chemischer und pharmaceutischer Prparate; 9) zum Frischen des Eisens
  (Salpeterfrischen) nach dem Verfahren von =Heaton= (vergl. Seite 27).

[Sidenote: Natriumsalpeter.]

Der =Natriumsalpeter= (Natriumnitrat, salpetersaures Natron, kubischer
Salpeter, Chilisalpeter) NaNO_{3} (in 100 Th. aus 36,47 Th. Natron und
63,53 Th. Salpetersure bestehend) findet sich im District Atacama und
Tarapaca, nicht weit vom Hafen Yquique in Peru (drei Tagereisen von
Conception) in Lagern (_caliche_ oder _terra salitrosa_ genannt) von
wechselnder Dicke (0,3-1,0 Meter) in einer Erstreckung von mehr als 30
Meilen (bis in die Nhe von Copiapo im Norden von Chile), mit Thon
bedeckt. Die Lager bestehen fast ganz aus reinem, trockenem, hartem Salz
und liegen fast unmittelbar unter der Oberflche des Erdreiches. An
anderen Orten in Peru bildet der Natriumsalpeter, der ber Valparaiso,
dem Hauptstapelplatze des in Peru, Bolivien und Chile gewonnenen
Salpeters, als =Chilisalpeter= nach Europa gebracht wird, den
Hauptgemengtheil einer sandigen Ablagerung, welche an einzelnen Stellen
bis zur Oberflche der Erde herauftritt, whrend sie an anderen Stellen
bis zu einer Tiefe von hchstens 2,6 Meter unter der Bodenflche liegt.
Der ungereinigte Chilisalpeter stellt eine aus krystallinischen
Bruchstcken bestehende, meist brunlich oder gelblich gefrbte, etwas
feuchte Masse dar, indessen kommt dieses Salz gewhnlich an Ort und
Stelle des Vorkommens durch Auflsen in Wasser und Eindampfen der Lsung
bis zur Trockne ganz oder halb gereinigt in den Handel. Eine Probe davon
enthielt:

                         Natriumnitrat    94,03
                         Natriumnitrit     0,31
                         Chlornatrium      1,52
                         Chlorkalium       0,64
                         Natriumsulfat     0,92
                         Natriumjodat      0,29
                         Chlormagnesium    0,96
                         Borsure         Spuren
                         Wasser            1,96
                                         -------
                                         100,00

Er lsst sich nur bedingt zur Fabrikation des Schiesspulvers, wol aber zu
der des Sprengpulvers benutzen, da er Feuchtigkeit aus der Luft anzieht,
dagegen verwendet man ihn zur Darstellung der Salpetersure, der
englischen Schwefelsure, zum Reinigen des Aetznatrons, zur Darstellung
des Chlors in den Chlorkalkfabriken, zur Fabrikation von arsensaurem
Natron, zum Einpkeln des Fleisches, zur Glasbereitung, zur Bereitung von
Bleioxychlorr (als Bleiweisssurrogat), zur Regeneration des Braunsteins,
bei der Bereitung von Mennige, in sehr bedeutender Menge zur Umwandelung
des Roheisens in Stahl nach dem Verfahren von =Hargreaves= (1868) und
=Heaton= (1869), und hauptschlich zur Fabrikation des Kaliumsalpeters,
seitdem das Chlorkalium (durch Zersetzen des Carnallits und Reinigen des
Sylvins, als Produkt der Kelpverarbeitung und aus der Schlempekohle) so
beraus billig in den Handel gebracht wird. Seit etwa 30 Jahren hat er in
Folge seiner gnstigen Wirkung auf das Wachsthum der Halmfrchte eine
wichtige Anwendung in der Agricultur als Dngemittel erhalten.

  In dem Chilisalpeter findet sich stets etwas salpetrigsaures Natrium,
  ausserdem sind darin kleine Mengen von Jod enthalten, welches sich in
  den Mutterlaugen, die man beim Reinigen des Chilisalpeters durch
  Umkrystallisiren erhlt, ansammelt. In Tarapaca stellt man tglich 40
  Kil. Jod dar. Nach =L. Krafft= enthlt 1 Kilogr. Rohsalpeter 0,59 Grm.
  Jod. Nach =Nllner= (1868) spielten bei der Bildung der
  sdamerikanischen Salpeterlager die stickstoffhaltigen Jodsammler, die
  Seetange, eine Hauptrolle. Der Jodgehalt des Chilisalpeters wrde
  demnach denselben Ursprung haben, wie das Jod der schottischen und
  franzsischen Fabriken. Folgende Zusammenstellung zeigt die Grsse der
  Ausfuhr an Natriumsalpeter aus Sdamerika:

  1830   18,700 Ctr.    1858  1,220,240 Ctr.    1865  2,992,000 Ctr.
  1835  140,399  "      1860  1,732,160  "      1866  3,040,000  "
  1840  227,362  "      1861  1,825,170  "      1867  3,502,000  "
  1845  376,239  "      1862  2,255,350  "      1868  3,845,000  "
  1850  511,845  "      1863  2,063,000  "      1869  2,965,000  "
  1853  866,241  "      1864  2,523,000  "


                           Die Salpetersure.

[Sidenote: Salpetersure. Gewinnung derselben.]

Die =Salpetersure= (NHO_{3}) wird fast durchgngig durch Zersetzen von
Natriumsalpeter (seltener Kaliumsalpeter) mittelst Schwefelsure und
Verdichtung der hierbei sich bildenden Dmpfe erhalten.

[Sidenote: Darstellung der Salpetersure.]

[Illustration: Fig. 65.]

Man stellt die Salpetersure fabrikmssig dar, indem man in einen
gusseisernen Kessel _A_ (Fig. 65) durch die obere Oeffnung das
salpetersaure Salz (Kalium- oder Natriumnitrat) einfhrt und mit Hlfe
eines Trichters Schwefelsure auf das Salz giesst, den Kessel
verschliesst und durch eine mit Lehm ausgeftterte eiserne Rhre _B_ mit
dem glsernen Retortenhalse _C_ verbindet, der in die als Vorlage
dienende steinerne Flasche _D_ mndet. Die Flasche _D_ steht durch ein
Rohr mit einer zweiten hnlichen Flasche _D'_ in Verbindung, diese mit
einer dritten u. s. f., in welcher die in der ersten Flasche nicht
condensirten Dmpfe aufgefangen werden. Der Kessel wird durch den
seitlich vorhandenen Feuerherd erhitzt, die Verbrennungsgase entweichen
durch den Rauchfang _G H_. Im Anfange der Operation ist der in dem Kanal
vorhandene Schieber _d_ niedergeschoben, so dass er den unteren Kanal
schliesst; der Rauch geht dann durch _E_ und erwrmt die Vorlagen _D_,
_D'_ und _D''_, was erforderlich ist, um ein Springen derselben durch die
berdestillirende heisse Sure zu verhten. Sobald die Destillation im
Gange ist, stellt man den Schieber so, dass _E_ geschlossen ist und die
Verbrennungsgase nur durch den unteren Kanal _G_ entweichen knnen.

Die in den ersten als Vorlage dienenden Flaschen enthaltene Salpetersure
ist fr den Verkauf hinlnglich stark, whrend die spteren, in welche
zur besseren Condensation der Dmpfe Wasser durch die Oeffnung _b_, _b'_,
_b''_ eingegossen worden war, eine schwchere Sure, das gewhnliche
Scheidewasser, enthalten.

  Hufig wendet man zur Destillation der Salpetersure =Galeerenfen= an,
  wobei man die Salpetersure aus glsernen Retorten destillirt.
  Beabsichtigt man chemisch reine Salpetersure darzustellen, so stellt
  man die zuerst bei der Destillation bergehende Portion als
  salzsurehaltig bei Seite.

  Die anzuwendenden Quantitten der Materialien betragen auf

      30 Kilogr. Kaliumsalpeter   29   Kilogr. engl. Schwefelsure
      17   "     Natriumsalpeter  14,6   "      "         "

  Das bei Anwendung von Natriumsalpeter zurckbleibende Natriumbisulfat
  dient entweder zur Darstellung rauchender Schwefelsure oder mit
  Kochsalz geglht zur Bereitung von Sulfat und von Salzsure.

  Die auf diese Weise erhaltene Salpetersure (NHO_{3}) erscheint als
  farblose, durchsichtige Flssigkeit von 1,55 spec. Gewicht und 80 C.
  Siedepunkt. An der Luft raucht sie, indem sie aus derselben
  Feuchtigkeit anzieht. Mit Wasser zusammengebracht, erhitzt sich die
  Salpetersure und ihr Siedepunkt steigt. Eine Sure aus 100 Th.
  Salpetersure (NHO_{3}) und 50 Th. Wasser bestehend, siedet erst bei
  129; bei weiterer Verdnnung erniedrigt sich der Siedepunkt, so dass
  beim Erhitzen einer verdnnten Salpetersure ber 100 zuerst Wasser
  mit etwas Salpetersure bergeht, bis endlich der Siedepunkt nach und
  nach wieder bis auf 130 gestiegen ist, bei welcher Temperatur das
  =doppelte Scheidewasser= (von 1,35-1,45 spec. Gewicht) berdestillirt.
  Das gewhnliche =einfache Scheidewasser= hat ein spec. Gewicht von
  1,19-1,25.

[Sidenote: Bleichen der Salpetersure.]

[Illustration: Fig. 66.]

  Die strkere Salpetersure ist gewhnlich durch Untersalpetersure gelb
  oder roth gefrbt; wenn es sich darum handelt, eine farblose, von
  Untersalpetersure vollkommen freie Salpetersure darzustellen,
  unterwirft man sie dem =Bleichen=. Zu dem Ende erhitzt man dieselbe in
  glsernen Ballons, die in einem bis auf 80-90 erhitzten Wasserbade
  sich befinden (Fig. 66), so lange, als noch rothe Dmpfe entweichen,
  welche letztere man entweder in eine Schwefelsurekammer leitet und sie
  sofort verwerthet oder sie durch ein Rohr ins Freie fhrt. Durch dieses
  Erhitzen wird zugleich die vorhandene Salzsure in Gestalt von Chlor
  verflchtigt. Von vielleicht vorhandener Schwefelsure kann man die
  Salpetersure durch Destillation ber salpetersauren Baryt und von den
  letzten Spuren von Salzsure durch Destillation ber salpetersaures
  Silberoxyd befreien.

[Sidenote: Condensation der Salpetersure.]

  In neuerer Zeit sind in der Salpetersurefabrikation Verbesserungen
  aufgetaucht, die sich theils auf die =Umgehung des Bleichens=, theils
  auf die Condensationsapparate beziehen. In erster Hinsicht ist eine in
  der Fabrik von =Chev= in Paris bliche Vorrichtung anzufhren. Es ist
  dem Praktiker bekannt, dass die rothen Dmpfe bei der Fabrikation der
  Salpetersure sich nur bei Beginn und gegen das Ende der Destillation
  bilden. Man braucht daher nur fractionirt zu destilliren, um einerseits
  rothe Sure, andererseits weisse Sure zu erhalten, die, ohne der
  Bleichung zu bedrfen, sofort in den Handel gebracht werden kann. Zu
  dem Ende wendet man einen Hahn aus Steinzeug von der in Fig. 67
  abgebildeten Form an, dessen Rohr _A_ mit dem Destillirapparat in
  Verbindung steht, whrend die Rohre _B_ und _B'_ in verschiedene zum
  Auffangen bestimmte Ballons mnden. Der Hahn ist so gebohrt, dass man
  nach Belieben die Communikation zwischen _A_ und _B'_, wobei _B'_
  abgeschlossen ist, oder zwischen _A_ und _B_ herstellen kann. Durch
  geeignetes Stellen des Hahnes kann man daher die rothe Sure von der
  weissen vollstndig und kostenfrei trennen.

[Illustration: Fig. 67.]

[Illustration: Fig. 68.]

  Eine zweite Verbesserung von =Plisson= und =Devers= bezieht sich auf
  den =Condensationsapparat=, der hier aus einer Batterie von 10 Flaschen
  besteht, von denen 6 unten offen sind und in Trichter endigen, so dass
  sie in die Mndungen gewhnlicher Flaschen passen. _G_ (Fig. 68) zeigt
  eine solche unten offene Flasche. Aus dem hinter dem Mauerwerk _M_
  versteckten Cylinder geht ein Rohr aus Steinzeug, mit welchem ein
  zweimal gebogenes Glasrohr _G_ in Verbindung steht, das in eine der
  drei Mndungen der ersten Flasche _A_ fhrt. In dieser Flasche sammelt
  sich das zuerst Uebergehende, das was vielleicht bersteigt, und
  berhaupt alle Unreinigkeiten. Die Flasche _A_ ist inwendig mit einem
  kleinen Rohr _T_ versehen, das einen hydraulischen Verschluss bewirkt
  in der Weise, dass, wenn die Flssigkeit in der Flasche eine Hhe von
  einigen Centimetern erreicht hat, der Ueberfluss durch das Rohr _T_ in
  die gut verschlossene Flasche _A'_ abfliesst. In der zweiten Mndung
  der Flasche _A_ ist ein Trichter, durch welchen Wasser aus _F_ in die
  Flasche _A_ fliesst und die Condensation untersttzt. Durch das
  Glasrohr _F_ gehen die Suredmpfe in die Flasche _B_, welche ebenso
  wie die beiden Flaschen _B'_ und _B''_ die in ihnen verdichteten
  Produkte durch das Rohr _T'_ in den Ballon _A''_ fhrt. Die in _B_
  nicht condensirten Dmpfe gehen nach _C_ und von da nach _D_; in diesen
  beiden Flaschen verdichtet sich ein Theil der Sure, der nach _B_ und
  endlich nach _A''_ fliesst; der nicht condensirte Rest geht durch das
  Glasrohr _G_ nach _D'_; dann nach _C''_ und endlich nach _B'_, worin
  die verdichteten Theile sich ansammeln. Von da gehen die Dmpfe durch
  die Flaschen _B''_ _C''_ _D''_ und aus der letzten Flasche das, was
  noch nicht verdichtet ist, in den Rauchfang. Aus den =Mariotte='schen
  Flaschen _F'_ und _F''_ fliesst Wasser zu, was im Verein mit dem Wasser
  aus _F_ die producirte Sure bis auf 36 B. (= 1,31 spec. Gewicht =
  42,2 Proc. N_{2}O_{5}) verdnnt. Um jedem Druck in den Flaschen _A'_
  und _A''_ vorzubeugen, geht ein Rohr _H_ und ein hnliches _H'_ (in der
  Abbildung weggelassen) von _T_ und _T'_ ab, um die nicht verdichteten
  Dmpfe in die Flasche _B''_ zu fhren, wo sie sich mit dem nicht
  condensirten Reste vereinigen. -- Der ganze Apparat, der auf den ersten
  Anblick complicirt zu sein scheint, ist usserst leicht zu handhaben;
  die Suredmpfe condensiren sich im Anfange in der Flasche _A_, aus
  welcher sie in einen besonderen Recipienten _A'_ gefhrt werden, darauf
  verdichten sie sich in den Flaschen _B_ _B'_ _B''_, aus welchen das
  Produkt in den allgemeinen Recipienten _A''_ fliesst.

[Illustration: Fig. 69.]

[Illustration: Fig. 70.]

  Dieser neue Verdichtungsapparat ist usserst vortheilhaft. Einmal
  zusammengesetzt, braucht er nur sehr selten auseinander genommen zu
  werden. Die Handarbeit des Leerens und Zusammenfgens bei dem
  gewhnlichen Apparate und der damit zusammenhngende grosse
  Kittverbrauch fallen bei dem neuen Apparate hinweg. In Folge des langen
  Weges, den die Dmpfe zurckzulegen haben, geht die Condensation
  vollstndiger vor sich, wie die Ausbeute von 132-134 Kilogr. Sure von
  36 auf 100 Kilogr. Salpetersure beweist, whrend ltere Apparate nur
  125-128 Kilogr. liefern. Die innere Einrichtung der Flaschen und der
  den hydraulischen Schluss bewirkende Hebetrichter ergiebt sich aus
  Folgendem. In jeder der =Flaschen= der unteren Reihe befindet sich ein
  gebogenes Rohr aus Steinzeug _T_ (Fig. 69), dessen Mndung _O_ ins
  Freie geht; eine spaltenfrmige Oeffnung _L_ stellt die Communikation
  zwischen der Flssigkeit und dem Innern der Rhre her; die Flssigkeit
  kann demnach in der Flasche nur bis zu einer gewissen Hhe sich
  ansammeln. Es ist klar, dass hierdurch die Flasche einen hydraulischen
  Schluss erhlt. -- Der =Hebetrichter= besteht aus einem steinernen
  Rohre von etwa 3 Centim. Durchmesser, dessen Seitenwand der Lnge nach
  durchbohrt ist (Fig. 70); die in das Innere der Rhre gelangende
  Flssigkeit kann mithin nur bis zur Oeffnung _O_ steigen; sobald diese
  Hhe erreicht ist, fliesst die Flssigkeit in demselben Verhltniss
  aus, als durch den Trichter _E_ nachstrmt.

[Sidenote: Andere Methoden der Salpetersuredarstellung.]

  Ausser durch die Einwirkung von Schwefelsure auf Kalium- oder
  Natriumnitrat, lsst sich Salpetersure aus den Nitraten auch noch auf
  andere Art darstellen. Von den vielen Vorschlgen in dieser Hinsicht
  seien einige der besseren angefhrt:

  1) Einwirkung von Manganchlorr (Rckstnde von der Chlorbereitung) auf
  Natriumnitrat. Wenn ein Gemenge beider Salze bis auf etwa 230 erhitzt
  wird, so entwickeln sich salpetrige Dmpfe (NO_{2} + O) und es bleibt
  ein Manganoxyd zurck, welches wieder zur Chlorentwickelung dienen
  kann:

                  5MnCl_{2}  }       { (2MnO + 3MnO_{2})
                        und  } geben { 10NaCl
                  10NaNO_{3} }       { 10NO_{2} + 2O

  Indem man das Gemenge von Untersalpetersure und Sauerstoff in den
  Condensationsapparat mit Wasser zusammen bringt, verwandelt es sich in
  Salpetersure; der Ueberschuss der Untersalpetersure zersetzt sich in
  Salpetersure und Stickstoffoxyd. Wenn die in den Apparaten enthaltene
  Luft hinreichend ist, um die ganze Menge des letzteren wieder in
  Salpetersure zu verwandeln, so wiederholt sich dieser Vorgang; wenn
  dagegen die Luftmenge unzureichend ist, so lst das Stickstoffoxyd sich
  in der Salpetersure auf und der Ueberschuss desselben entweicht in die
  Luft. Aus zahlreichen Versuchen, welche =Kuhlmann= unter Benutzung von
  Thonretorten anstellte, hat sich ergeben, dass 100 Th. salpetersaures
  Natrium nach diesem Verfahren im Mittel 125-126 Th. Salpetersure von
  35 liefern. Es ist dies nahezu dieselbe Ausbeute wie beim gewhnlichen
  Verfahren (127-128 Proc.). Es wurden auch Versuche mit anderen
  Chlorren, namentlich mit Chlorcalcium, Chlormagnesium und Chlorzink
  angestellt, wobei ein entsprechender Vorgang eintrat, nmlich
  Salpetersure, Chlornatrium und Kalk, Magnesia oder Zinkoxyd gebildet
  wurden;

  2) Einwirkung gewisser Sulfate auf salpetersaure Alkalisalze.
  =Kuhlmann= hat durch viele Versuche bewiesen, dass die schwefelsauren
  Salze, selbst solche, welche sehr bestndig sind und keineswegs die
  Rolle einer Sure spielen, die Zersetzung der salpetersauren
  Alkalisalze bewirken knnen. Mangansulfat zersetzt Natriumnitrat unter
  Bildung hnlicher Produkte wie beim Manganchlorr. Aehnliche Reaktionen
  finden statt mit Zinksulfat, mit Magnesiumsulfat, ja selbst mit Gyps;

  3) aus Natriumnitrat und Kohle, wobei neben Soda Salpetersure
  auftritt;

  4) aus Natriumnitrat und Kieselerde (oder Thonerde). Mit der
  Darstellung der Salpetersure mit der Bereitung von Natriumsilicat und
  von Soda;

  5) aus Bariumnitrat und Schwefelsure (ohne Destillation). Die vom
  Barytweiss abgegossene Salpetersure (von 10 bis 11 B.) kann durch
  Kochen bis auf 25 B. gebracht werden.


[Sidenote: Dichten der Salpetersure.]

Nach =J. Kolb= steht das specifische Gewicht einer Salpetersure mit
seinem Gehalt an concentrirter Salpetersure in folgendem Zusammenhange:

             =======================+========================
              100 Theile enthalten  |        Dichte
              NHO_{3}  | N_{2}O_{5} |   bei 0  |  bei 15 C.
             ----------+------------+-----------+------------
              100,00   |   85,71    |   1,559   |   1,530
               97,00   |   83,14    |   1,548   |   1,520
               94,00   |   80,57    |   1,537   |   1,509
               92,00   |   78,85    |   1,529   |   1,503
               91,00   |   78,00    |   1,526   |   1,499
               90,00   |   77,15    |   1,522   |   1,495
               85,00   |   72,86    |   1,503   |   1,478
               80,00   |   68,57    |   1,484   |   1,460
               75,00   |   64,28    |   1,465   |   1,442
               69,96   |   60,00    |   1,444   |   1,423
               65,07   |   55,77    |   1,420   |   1,400
               60,00   |   51,43    |   1,393   |   1,374
               55,00   |   47,14    |   1,365   |   1,346
               50,99   |   43,70    |   1,341   |   1,323
               45,00   |   38,57    |   1,300   |   1,284
               40,00   |   34,28    |   1,267   |   1,251
               33,86   |   29,02    |   1,226   |   1,211
               30,00   |   25,71    |   1,200   |   1,185
               25,71   |   22,04    |   1,171   |   1,157
               23,00   |   19,71    |   1,153   |   1,138
               20,00   |   17,14    |   1,132   |   1,120
               15,00   |   12,85    |   1,099   |   1,089
               11,41   |    9,77    |   1,075   |   1,067
                4,00   |    3,42    |   1,026   |   1,022
                2,00   |    1,71    |   1,013   |   1,010

Folgende Tabelle giebt vergleichende Angaben der Dichte und der Grade
nach =Baum=:

  ========+=========+========================+========================
          |         |                        |
   Grade  | Dichte. |100 Theile enthalten bei|100 Theile enthalten bei
   nach   |         |           0           |          15 C.
   Baum. |         |  NHO_{3}  | N_{2}O_{5} |  NHO_{3}  | N_{2}O_{5}
  --------+---------+-----------+------------+-----------+------------
     6    |  1,044  |    6,7    |     5,7    |    7,6    |     6,5
     7    |  1,052  |    8,0    |     6,9    |    9,0    |     7,7
     9    |  1,067  |   10,2    |     8,7    |   11,4    |     9,8
    10    |  1,075  |   11,4    |     9,8    |   12,7    |    10,9
    15    |  1,116  |   17,6    |    15,1    |   19,4    |    16,6
    20    |  1,161  |   24,2    |    20,7    |   26,3    |    22,5
    25    |  1,210  |   31,4    |    26,9    |   33,8    |    28,9
    30    |  1,261  |   39,1    |    33,5    |   41,5    |    35,6
    35    |  1,321  |   48,0    |    41,1    |   50,7    |    43,5
    40    |  1,384  |   58,4    |    50,0    |   61,7    |    52,9
    45    |  1,454  |   72,2    |    61,9    |   78,4    |    72,2
    46    |  1,470  |   76,1    |    65,2    |   83,0    |    74,1
    47    |  1,485  |   80,2    |    68,7    |   87,1    |    74,7

                       47 B. entsprechen 96 Twaddle
                       46 "      "       92    "
                       45 "      "       88    "
                       43 "      "       84    "
                       42 "      "       80    "
                       38 "      "       70    "
                       34 "      "       60    "
                       29 "      "       50    "
                       25 "      "       40    "
                       20 "      "       30    "
                       14 "      "       20    "
                        7 "      "       20    "

               Salpetersure von 1,52 siedet bei  86
                    "         "  1,50   "    "    99
                    "         "  1,45   "    "   115
                    "         "  1,42   "    "   123
                    "         "  1,40   "    "   119
                    "         "  1,35   "    "   117
                    "         "  1,30   "    "   113
                    "         "  1,20   "    "   108
                    "         "  1,15   "    "   104


[Sidenote: Rauchende Salpetersure.]

Wenn man bei Darstellung der Salpetersure auf 1 Molekl Kaliumnitrat 1
Molekl Schwefelsure verwendet, so erhlt man als Destillat eine
rothgelbe Flssigkeit, aus einem Gemenge von Salpetersure und
Untersalpetersure bestehend. Die Flssigkeit fhrt den Namen =rothe
rauchende Salpetersure=. Bei Anwendung gleicher Molekle von
Kaliumnitrat und Schwefelsure wird nmlich nur die Hlfte der
Salpetersure ausgetrieben, die andere Hlfte aber zerlegt in
Untersalpetersure und Sauerstoff, welche erstere sich mit der
unzerlegten Salpetersure zu rauchender Salpetersure vereinigt. Wendet
man dagegen zur Zersetzung des Kalium- oder Natriumnitrates zwei Molekle
Schwefelsure an, so erhlt man alle Salpetersure unzersetzt und in der
Retorte bleibt Kalium- oder Natriumbisulfat zurck. Bei Anwendung von
Natriumnitrat braucht man jedoch, da dieses Nitrat weit leichter von der
Schwefelsure zersetzt wird, als die entsprechende Kaliumverbindung,
erfahrungsgemss nicht 2 Molekle Schwefelsure anzuwenden. Man begngt
sich mit 1,25-1,50 Moleklen. 100 Th. Chilisalpeter geben 120-110 Th.
Salpetersure von 36 B.

  Zum Zwecke der Darstellung von =rauchender= Salpetersure setzt man in
  neuerer Zeit bei der gewhnlichen Darstellung der Salpetersure einen
  Krper zu, welcher zersetzend auf sie einwirkt. Frher wendete man
  hierzu Schwefel an, gegenwrtig Strkemehl. Nach =C. Brunner='s
  Vorschrift wird ein Gemenge von 100 Th. Salpeter mit 3-1/2 Th.
  Strkemehl in einer Retorte mit 100 Th. englischer Schwefelsure von
  1,85 spec. Gewicht bergossen. Die Destillation beginnt gewhnlich
  schon ohne Erwrmung. Durch schwaches Erhitzen wird sie beendigt. 100
  Th. Kaliumnitrat liefern auf diese Weise ungefhr 60 Th. stark roth
  gefrbte rauchende Salpetersure. Es ist anzurathen, die Retorte nur
  bis zu 1/3 anzufllen.

[Sidenote: Anwendung der Salpetersure.]

  Die technische =Anwendung= der Salpetersure beruht auf ihrer
  Eigenschaft, mit gewissen Krpern zusammengebracht, in Stickoxyd und
  Untersalpetersure und in Ozon zu zerfallen, letzteres bildet entweder
  mit dem betreffenden Krper ein Oxyd oder es oxydirt ihn zu
  eigenthmlichen Verbindungen, whrend die Untersalpetersure bei
  Gegenwart organischer Verbindungen zuweilen in die Zusammensetzung der
  organischen Krper eintritt und sogenannte Nitroverbindungen
  (Nitrobenzol oder knstliches Bittermandell, Nitronaphtalin,
  Nitroglycerin oder Sprengl, Nitromannit, Schiessbaumwolle,
  Martiusgelb, Pikrinsure) bildet. Eine grosse Anzahl der Metalle lst
  sich in Salpetersure, wenn dieselbe nicht zu concentrirt ist. Hchst
  concentrirte Salpetersure kann mit Blei und Eisen zusammengebracht
  werden, ohne dass eine Zersetzung der Salpetersure stattfindet.
  Eiweisshnliche Krper (Haut, Wolle, Seide, Horn, Federn) werden durch
  starke Salpetersure dauernd gelb gefrbt (wahrscheinlich durch Bildung
  von Pikrinsure), daher ihre Anwendung zum Gelbfrben der Seide etc.;
  lngere Zeit fortgesetzte Einwirkung der Salpetersure auf die
  genannten Stoffe fhrt ihre gnzliche Zerstrung und theilweise
  Ueberfhrung in Pikrinsure herbei. Viele stickstofffreie organische
  Stoffe, wie Cellulose, Strkemehl, Zucker etc., werden durch die
  Einwirkung von Salpetersure unter Bildung von Oxalsure zerstrt.
  Kurze Einwirkung sehr verdnnter Salpetersure fhrt das Strkemehl in
  Dextrin, concentrirte Salpetersure fhrt es in das explosive Xylodin
  ber. Die Eigenschaft der Salpetersure, gewisse Farbstoffe, wie das
  Indigblau, zu zerstren, benutzt man in der Kattundruckerei, um durch
  Aufdrucken von Salpetersure auf blauem Grunde gelbe Muster zu
  erzeugen, ferner in der Tuchweberei zum Gelbbeizen der Sahlleisten,
  damit die Tuche das Aussehen von in der Wolle gefrbten Geweben
  annehmen, bei denen die gelben Leisten angewebt sind. In der
  Hutfabrikation verwendet man eine Auflsung von Quecksilber in
  Salpetersure, um die glatten Haare zum Verfilzen geeignet zu machen.
  Ein Hauptverbrauch der Salpetersure ist der zur Fabrikation der
  Schwefelsure; sie findet ferner in der Metallverarbeitung mannichfache
  Anwendung, so u. A. um Stahl und Kupfer zu tzen, zum Gelbbrennen des
  Messings und der Bronze, zum Frben des Goldes, zur Bereitung der unter
  dem Namen =Rouille= zum Schwarzfrben der Seide angewendeten Eisenbeize
  (in Lyon allein verbraucht man von dieser Beize tglich gegen 250
  Centner), zur Bereitung der Pikrinsure aus Carbolsure, des
  Martiusgelbes aus dem Naphtalin, des Nitrobenzols und Nitrotoluols der
  Anilinfabriken, zur Darstellung der Phtalsure (aus Naphtalin) behufs
  der knstlichen Fabrikation der Benzosure, zur Bereitung von
  Anthrachinon zum Zweck der Alizarindarstellung aus Anthracen, zur
  Fabrikation des Silbernitrates (bei der enormen Ausbreitung der
  Photographie ein wichtiger Gebrauch der Salpetersure), der Arsensure
  (fr die Fuchsinbereitung), des Knallquecksilbers, des Sprengls (und
  der beiden Prparate Dynamit und Dualin) u. s. w.


                     Technik der explosiven Krper.

   a) _Das Schiesspulver und chemische Principien der Feuerwerkerei._

[Sidenote: Schiesspulver. Allgemeines.]

Das gewhnliche =Schiesspulver= ist ein gekrntes Gemenge von
Kaliumsalpeter, Schwefel und Kohle in bestimmten Verhltnissen. Bei einer
Temperatur von etwa 300 und bei der Berhrung mit glhenden oder
brennenden Krpern oder endlich durch Reibung und Schlag entzndet es
sich, verbrennt mit einer gewissen Geschwindigkeit und giebt als
Verbrennungsprodukte Stickstoff, Kohlensure oder Kohlenoxydgas und als
Rckstand ein Gemenge von Kaliumsulfat und Kaliumcarbonat. Wenn die
Entzndung in einem verschlossenen Gefsse vor sich geht, so erleiden die
Wnde durch die grosse Menge der sich entwickelnden heissen Gase einen
solchen Druck, dass sie unfehlbar zerreissen wrden, wenn nicht, wie in
dem Geschtz, die Einrichtung getroffen wre, dass ein Theil der Wand
nachgiebt. Auf diese Weise wird die Kugel nach einer Richtung hin
fortgeschleudert. Dabei ist wohl zu beachten, dass nur derjenige Theil
der entwickelten Gase zur Wirkung kommt, welcher gebildet wird, so lange
die Kugel den Lauf noch nicht verlassen hat; je langsamer also ein Pulver
abbrennt, je geringer ist seine Wirkung auf das Projectil.

[Sidenote: Fabrikation des Schiesspulvers.]

Die zur Pulverfabrikation dienenden Materialien mssen von der grssten
Reinheit sein, der Salpeter darf keine Chlormetalle, der Schwefel keine
schweflige Sure enthalten, deshalb wendet man nie Schwefelblumen,
sondern stets Stangenschwefel an. Die grsste Aufmerksamkeit ist auf die
Wahl der =Kohle= zu verwenden. Zur Darstellung der Kohle verwendet man
Pflanzen, die eine vorzglich ausgebildete Bastfaser besitzen, wie Flachs
und Hanf. Von Bumen whlt man mehrjhrige Zweige, deren Durchmesser
ungefhr 5-9 Centim. betrgt. In dem grssten Theile von Deutschland,
Frankreich und Belgien verkohlt man hauptschlich Faulbaumholz (_Prunus
Padus_), aber auch Holz der Pappel, Linde, Erle, Weide, Rosskastanie, in
England schwarze Corneliuskirsche und Erle, in Italien nur Hanf, in
Spanien Hanf, Flachs, Weinreben, Weiden, Oleander und Taxus, in
Oesterreich Hundsbeer-, Haselstrauch oder Erle; die Kohle dieser
Vegetabilien eignet sich, wegen ihrer leichten Zerreiblichkeit, am besten
zur Pulverfabrikation. Alle die genannten Substanzen geben bei der
Verkohlung, die man in Cylindern, die denen der Gasanstalten hnlich
sind, in Gruben, in Kesseln, mittelst erhitzten Wasserdampfes, vornimmt,
ungefhr 35-40 Proc. Kohle. Wenn bei der Verkohlung des Holzes die
mglichst niedrige Temperatur angewendet worden ist, so erhlt man eine
rthlichbraune, glatte, mit vielen Querrissen versehene Kohle, die
=Rothkohle= (_charbon roux_). Die durch Erhitzen in Cylindern gewonnene
Kohle bezeichnet man ziemlich unpassend, zum Unterschied von anderer,
durch Verkohlen von Holz in Gruben erhalten, mit dem Namen =destillirter
Kohle=.

[Sidenote: Reiben und Mengen der Materialien.]

Die mechanische Bereitung des Schiesspulvers zerfllt in:

1) das Pulverisiren der Materialien; 2) das Mischen derselben; 3) das
Anfeuchten des Pulversatzes; 4) das Verdichten desselben; 5) das Krnen
und Sortiren des Pulvers; 6) das Poliren desselben; 7) das Trocknen und
8) das Ausstuben des Pulvers.

[Sidenote: Das Pulverisiren der Materialien.]

Das Pulverisiren oder Zerkleinern der Materialien kann auf dreierlei
Weise geschehen, entweder

                  a) durch die Pulverisirtrommeln, oder
                  b) durch Walzmhlen, oder endlich
                  c) durch Stampfmhlen.

  a) Das Zerkleinern der Materialien mit Hlfe der =Pulverisirtrommeln=
  wurde zuerst Ende des vorigen Jahrhunderts in Folge des
  ausserordentlichen Bedarfs an Schiesspulver durch die franzsischen
  Revolutionskriege angewendet. Es eignet sich dieses Verfahren
  (Revolutionsverfahren) sehr gut zum Pulverisiren der
  Pulverbestandtheile, indem es bequem ist, frdert und keinen Staub
  erzeugt. Die dazu angewendeten Trommeln bestehen aus zwei starken
  Holzscheiben, welche durch Bretter zu einem hohlen Cylinder verbunden
  sind. Im Innern befinden sich vorspringende Leisten, durch welche die
  herabfallenden Kugeln aufgehalten werden. Die Trommel ist inwendig mit
  Leder berzogen. Man bringt die zu pulverisirende Substanz mit einer
  gewissen Anzahl bronzener Kugeln von 1/4 Zoll Durchmesser in die
  Trommel, die auf einer Axe ruht und um dieselbe drehbar ist.

  Man pulverisirt nun Kohle und Schwefel (jeden dieser Krper fr sich),
  da der in Gestalt von Salpetermehl erhaltene Salpeter schon die nthige
  Feinheit besitzt.

  b) Die Zerkleinerung durch =Walzmhlen= mit vertical auf einem
  Bodensteine umlaufenden schweren Walzen ist gegenwrtig sehr
  gebruchlich.

  c) Die Zerkleinerung durch =Stampfmhlen= geschieht gegenwrtig nur
  noch in kleineren Fabriken. Die Stampfen, von denen in der Regel 10-12
  in einer Reihe nach einander durch eine Daumenwelle gehoben werden,
  sind von Holz (Ahorn- oder Weissbuchenholz) und mit einem Schuh aus
  Bronze versehen. Die Stampfen haben bei einer Lnge von 8 Fuss ein
  Gewicht von ungefhr 1 Ctr. und machen in der Minute 40-60 Stsse. Die
  Stampflcher sind in einem Troge von Eichenholz (dem Grubenstock)
  birnenfrmig ausgemeisselt. In jedem Loche stampft man 16-20 Pfd.
  Substanz auf einmal. In der Schweiz wendet man anstatt der Stampfen
  =Hmmer= an.

[Sidenote: Das Mengen der Materialien und das Anfeuchten des Salzes.]

Das Mengen der gepulverten Materialien geht in den =Mengtrommeln= vor
sich, welche sich von den Pulverisirtrommeln dadurch unterscheiden, dass
sie aus Leder bestehen. Das Mengen dauert mit 100 Kilogr. Satz und 150
Kilogr. Bronzekugeln etwa 3 Stunden bei 10 Umdrehungen in der Minute. In
den Fabriken, in denen man Walzmhlen oder Stampfmhlen anwendet,
schliesst sich das Mengen sofort an das Pulverisiren an. Der Satz wird
mit 1-2 Proc. Wasser befeuchtet, was gewhnlich durch eine an der Axe der
Walze angebrachte und mit einem Ventil versehene Giessvorrichtung
bewerkstelligt wird. Eine salbenhnliche Beschaffenheit deutet die
Vollendung des Mengens an. Man verbindet zuweilen das Pulverisiren der
Kohle und des Schwefels in Trommeln mit dem Mengen des Satzes in
Walzmhlen.

  Bei Anwendung von Stampfmhlen werden Schwefel und Kohle, welche vorher
  fr sich durch 1000 Stsse zerkleinert worden sind, mit dem Salpeter
  gemischt und eine Zeit lang bearbeitet. Nach 2000 und spter nach 4000
  Stssen wird der Inhalt der Stampflcher ausgewechselt, es werden
  wieder 4000 Stsse gegeben u. s. f., bis nach Verlauf von elf Stunden
  40,000 Stsse gegeben worden sind. Man wiederholt das Auswechseln des
  Inhalts 6-8 mal. Dort, wo man sich der Trommeln zum Mengen der
  Materialien bedient, folgt auf das Mengen die Operation des
  =Anfeuchtens=. Zu diesem Zwecke kommt der trockene Satz aus den
  Trommeln in einen hlzernen Kasten, ber welchem sich ein siebhnlich
  durchlchertes Rohr befindet, durch welches von Zeit zu Zeit der Satz
  mit Wasser besprengt wird, bis derselbe, wobei mit einem Holzspatel
  wiederholt umgerhrt wird, 8-10 Proc. Wasser enthlt.

[Sidenote: Das Verdichten des Satzes.]

Wenn, wie erwhnt, in den Stampfmhlen das Verdichten mit dem Mengen
zusammenfllt, so ist bei Anwendung von Trommeln und Walzmhlen eine
besondere Operation, das =Verdichten des Satzes=, nothwendig. In den
franzsischen und preussischen Pulvermhlen geschieht die Verdichtung
durch Zusammenpressen des Satzes zwischen zwei Walzen von 0,6 Meter
Durchmesser, von welchen die untere von Holz, die obere von Bronze ist.
Zwischen beiden Walzen bewegt sich ein Tuch ohne Ende, auf welches an der
einen Seite der befeuchtete Satz gelegt wird. Auf der andern Seite kommt
derselbe als =Pulverkuchen= von 1-2 Centim. Dicke und dem Ansehen und
fast der Hrte des Thonschiefers heraus.

  Die Operation des Verdichtens ist fr die Eigenschaften des Pulvers von
  grosser Wichtigkeit. Je strker der dabei angewendete Druck ist, desto
  mehr wirksame Bestandtheile, bis zu einer gewissen Grenze, befinden
  sich in einem bestimmten Volumen und desto grsser ist die bei der
  Zersetzung entwickelte Gasmenge. Je grsser die Zusammenpressung ist,
  desto langsamer zersetzt sich des Pulver, desto niedriger ist die
  Temperatur und demnach auch die Ausdehnung der Gase. War das Pulver
  dagegen nur einem sehr schwachen Drucke ausgesetzt, so wird das Pulver
  in seiner ganzen Masse pltzlich zersetzt und wirkt explodirend.

[Sidenote: Das Krnen des Pulverkuchens und das Sortiren des Pulvers.]

Das Krnen des Pulverkuchens geschieht entweder

              1) durch Siebe oder
              2) durch Walzen (Congreve'sche Methode), oder
              3) nach dem Verfahren von Champy.

  Die =Krnmethode in Sieben= geschieht auf folgende Weise: Die Siebe
  selbst bestehen aus runden hlzernen Rahmen, zwischen welchen mit
  Lchern versehenes Pergament eingespannt ist. Die Lcher haben
  verschiedene Dimensionen. Man unterscheidet die Siebe je nach der
  Grsse ihrer Lcher und dem Zwecke, wozu sie gebraucht werden, als
  =Schrotsiebe=, welche zum Zerbrckeln oder Schroten des verdichteten
  Pulverkuchens dienen; es wird ein Lufer (eine linsenfrmige Scheibe)
  aus hartem Holz (Guajakholz, Vogelbeer- oder Eichenholz) auf das Sieb
  gelegt und letzteres und der Lufer durch Schtteln bewegt. Durch die
  zweite Art der Siebe, das =Kornsieb=, wird dem geschroteten Pulver die
  erforderliche Grsse des Kornes ertheilt; durch die dritte Art endlich,
  das =Sortir=- oder =Staubsieb=, werden die gleich grossen Krner von
  den brigen und der Staub von dem gekrnten Pulver gesondert. Man
  wendet in deutschen und franzsischen Fabriken hufig die
  =Krnmaschine= von =Lefebvre= mit acht Sieben an, die in einen
  achteckigen Holzrahmen eingesetzt sind.

  Die =Congreve='sche =Krnmaschine= besteht aus drei Paar Messingwalzen
  von 0,65 Meter Durchmesser, welche mit 2 Millimeter hohen, flachen,
  vierseitigen Pyramiden (sogenannten Diamantspitzen) versehen sind. Die
  obersten Walzen sind grobzhniger als die anderen. Der geschrotete
  Pulverkuchen wird dem obersten Walzenpaare durch ein Tuch ohne Ende
  zugefhrt. Die Art der Beschickung des Tuches ist eigenthmlich: der
  Boden des viereckigen Kastens, in welchem der Pulverkuchen sich
  befindet, kann nmlich nach Art eines Kolbens sich senken und heben;
  nachdem dieser Kasten mit verdichtetem Pulverkuchen gefllt ist, steigt
  der Boden, durch die Maschine in Bewegung gesetzt, langsam aufwrts und
  lsst aus einer seitlichen Oeffnung die Pulvermasse gleichmssig auf
  das Tuch fallen. Indem das geschrotete Pulver zwischen den Walzen
  hindurchgeht, wird es gekrnt und fllt dann auf zwei Systeme von
  Sieben aus Drahtgeflecht, welche durch die Maschine, welche sie
  fortbewegt, zugleich eine rttelnde Bewegung erhalten. Unter den
  Walzenpaaren liegt ein langes, geneigtes Sieb, dessen Maschen so eng
  sind, dass sie das Kanonenpulver nicht, wol aber das Musketenpulver und
  den Staub hindurchlassen. Unter ihm in paralleler Lage befindet sich
  ein zweites feines Sieb, welches nicht das Musketenpulver, sondern nur
  den Staub hindurchfallen lsst. Unter diesem endlich liegt ebenfalls
  geneigt der Boden des Siebapparates, auf welchem der Staub sich
  ansammelt. Die Quantitt des Staubes ist bei der Congreve'schen
  Krnmaschine verhltnissmssig eine geringe, da durch diese Maschine
  nur eine zerbrckelnde, aber keine zerknirschende Wirkung auf den
  Pulverkuchen ausgebt wird.

  In der ersten franzsischen Revolution machte sich das Bedrfniss eines
  schnelleren Verfahrens der Darstellung des Pulvers und vorzugsweise der
  Operation des Krnens fhlbar. Man erreichte ein schnelleres Krnen und
  zugleich ein rundes Pulver durch das Verfahren von =Champy=. Der dabei
  angewendete Apparat besteht in einer hlzernen Trommel, durch deren
  hohle Axe ein mit feinen Lchern versehenes Kupferrohr mitten in der
  Trommel mndet. Durch die Brause strmt Wasser als ein feiner Regen in
  den Pulversatz. Die Trommel wird um ihre Axe bewegt. Jedes
  Wassertrpfchen bildet den Mittelpunkt eines Pulverkornes, welches
  unablssig in dem feuchten Pulversatze sich herumbewegt und sich auf
  diese Weise abrundet und durch concentrische Schichten einem Schneeball
  hnlich sich vergrssert. Das Rotiren der Trommel wird eingestellt,
  sobald die Krner die erforderliche Grsse erreicht haben. Die Krner
  sind fast vollkommen kugelfrmig, aber nicht von gleicher Grsse. Durch
  Sieben sortirt man die Krner von einander und von dem Staube. Die zu
  grossen Krner werden aufs Neue pulverisirt. Die zu feinen Krner
  wendet man dagegen bei der nchsten Operation an, welches, indem es den
  Kern bildet, sehr leicht grssere Krner giebt. Nach dem Berner
  Verfahren stellt man =runde= Pulverkrner dar, indem man das gekrnte
  eckige Pulver in Barchentscken sich drehen lsst, wodurch die eckigen
  Krner sich abrunden und zugleich gltten. Durch diese Methode wird ein
  grosser Theil des Pulvers in Staub verwandelt.

[Sidenote: Das Poliren des gekrnten Pulvers.]

Das Poliren, Gltten oder Schleifen des gekrnten Pulvers hat zum Zweck,
nicht nur die Krner von allem Staub zu befreien, sondern deren
Oberflche zu gltten. Zu diesem Behufe bringt man etwa 5 Ctr. gekrntes
Pulver in eine Trommel, wie sie zum Pulverisiren der Materialien und zum
Mengen des Pulversatzes angewendet wird, und lsst die Trommel, natrlich
ohne Kugel und Leisten, einige Stunden sich langsam um ihre Axe drehen.

  In anderen Lndern bedient man sich zum Gltten des Pulvers lnglicher
  Tonnen (=Rollfsser=), welche mit Hlfe einer durch die Axe gehenden
  Welle umgedreht werden knnen. Man vermehrt die Reibung der
  Pulverkrner dadurch, dass in dem Fasse in der Richtung der Axe
  viereckige Stbe angebracht sind. Der in Holland gebruchliche Zusatz
  von Graphit whrend des Polirens ist nachtheilig, indem er die
  Leichtentzndlichkeit auf Kosten des Glanzes verringert.

[Sidenote: Trocknen des Pulvers.]

In kleinen Pulvermhlen setzt man das Pulver, in dnne Schichten
ausgebreitet, zum Trocknen der Luft oder der Sonnenwrme aus, auch
bedient man sich daselbst eines in der Mitte des Trockenraumes stehenden
Ofens, welcher im Zimmer selbst geheizt wird, whrend das Pulver auf
Horden an den Wnden ausgebreitet liegt. In grsseren Pulverwerken wendet
man knstliche Trocknungsmethoden an.

  Es ist fr die Qualitt des Pulvers wichtig, dass das Trocknen nur
  langsam geschehe, ausserdem treten von zu schnellem Trocknen noch
  folgende Nachtheile ein: a) es zieht sich aus dem Pulver, besonders
  wenn dasselbe sehr feucht und nicht polirt ist, mit dem entweichenden
  Wasser Salpeter auf die Oberflche und die Krner backen sehr zusammen;
  b) es entstehen durch den entweichenden Wasserdampf Kanle in den
  Krnern, welche deren Dichte verringern und eine grssere Oberflche
  hervorbringen, demnach auch die Ursache einer grsseren Hygroskopie
  werden; c) ein schnell getrocknetes Pulver liefert mehr Abgang beim
  Ausstuben. Aus diesen Grnden wird selbst in Pulverwerken, in denen
  knstliche Trocknungsmethoden angewendet werden, das Pulver vorher in
  luftigen und warmen Rumen einer kurzen Lufttrocknung unterworfen.

[Sidenote: Ausstuben des getrockneten Pulvers.]

In einigen Fabriken wird das Pulver nach beendigter Trocknung in der
erwhnten Trommel nochmals eine kurze Zeit polirt. In anderen und zwar in
den meisten Fabriken lsst man das zweite Poliren weg und beschliesst mit
dem =Ausstuben= die Fabrikation des Pulvers. Diese Operation geht in
schrg aufgehngten Scken oder Schluchen von Zwillich vor sich, welche
durch eine einfache Vorrichtung in rttelnde Bewegung versetzt werden,
wodurch der Staub durch die feinen Oeffnungen des Zwillichs geht, das
Pulver aber in einen Kasten fllt. Der Abgang beim Ausstuben betrgt
ungefhr 0,148 Proc. vom Gewichte des angewendeten Pulvers; er ist
reicher an Kohle als das Schiesspulver und darf daher nicht zu neuem
Satze hinzugegeben werden.

[Sidenote: Eigenschaften des Pulvers.]

  Ein gutes Pulver muss, ausser der zweckmssigen Zusammensetzung,
  gewisse physikalische Eigenschaften haben, aus welchen man einen
  Schluss auf seine Gte ziehen kann. Diese Eigenschaften sind folgende:
  1) Es muss schieferfarbig (blaugrauschwarz) sein; eine blos
  blulichschwarze Farbe deutet auf ein zu grosses Verhltniss an Kohle,
  eine zu schwarze Farbe auf vorhandene Feuchtigkeit. Wurde bei der
  Fabrikation anstatt der schwarzen Kohle Rstkohle (_charbon roux_)
  angewendet, so hat das Pulver eine brunlichschwarze Farbe; 2) es darf
  nicht glnzend polirt sein: einzelne schimmernde Punkte auf der
  Oberflche deuten auf Salpeter, der sich dort durch Krystallisation
  ausgeschieden hat; 3) die Krner mssen nahezu gleiche Grsse haben,
  wenn das Pulver nicht absichtlich ein Gemenge von zweierlei Sorten ist;
  4) die Krner mssen beim Drcken in der Hand gleichsam knirschen; sie
  mssen so fest sein, dass sie sich mit den Fingern in der flachen Hand
  nicht leicht zerreiben lassen; 5) die Krner mssen nach dem Zerdrcken
  einen unfhlbaren Staub bilden; scharfe Theile, die durch das Gefhl
  darin unterschieden werden, deuten auf nicht hinlnglich fein
  gepulverten Schwefel; 6) das Pulver darf nicht abfrben, wenn man es
  ber den Handrcken oder ber Papier rollen lsst, sonst enthlt es
  Mehlpulver oder zu viel Feuchtigkeit; 7) ein kleines Hufchen Pulver
  auf weissem Papier entzndet, muss schnell verbrennen, ohne einen
  Rckstand zu hinterlassen und ohne das Papier zu entznden; schwarze
  Flecken deuten auf zu viel oder schlecht gemengte Kohle; sieht man nach
  dem Abbrennen des Pulvers auf dem Papier gelbe Streifen, so ist
  dasselbe mit dem Schwefel der Fall; bleiben kleine Krner zurck, so
  ist das Pulver nicht gut gemengt; lassen sich diese Krner nicht weiter
  entznden, so enthlt es unreinen Salpeter, ein Fall, der gegenwrtig
  kaum noch vorkommt; brennt das Pulver endlich Lcher in das Papier, so
  ist es feucht oder von sehr untergeordneter Qualitt.

  Dass Pulversorten von gleichem kubischen Gewichte nicht gleiches spec.
  Gewicht haben, lehrt folgende Tabelle. Es hatten:

                                       1 Kubikfuss (preuss.)
                                            in Pfunden     Spec. Gewicht
  Geschtzpulver von Neisse (ord.)               60             1,77
        "         "    "    (neue Fabrik)        60             1,67
        "         "  Berlin    "    "            60             1,63
        "         "  Russland (ord.)             60-5/16        1,56
        "         "  Bern (No. 6)                59-3/8         1,67
  Gewehrpulver von Berlin (neue Fabrik)          60             1,63
        "       "  Bern (No. 4)                  60-5/8         1,67
        "       "  Hounslow                      59             1,72
  Prschpulver von Berlin (alte Fabrik)          62             1,77
  Prschpulver von Le Bouchet                    59-1/4         1,87
  Sehr grobkrn. Pulver, niederlndisch (ord.)   60-3/16        1,87
   "       "        "    sterreichisches        64-3/8         1,72

  Das Pulver kann ber 14 Proc. Feuchtigkeit aus der Luft absorbiren. Hat
  es nicht mehr als 5 Proc. absorbirt, so erhlt es durch das Trocknen
  seine frhere Wirksamkeit wieder; enthlt es aber mehr Feuchtigkeit, so
  verliert es die Eigenschaft, rasch zu verbrennen, und beim Trocknen
  berziehen sich die einzelnen Krner mit einer Salpeterkruste, wodurch
  die gleichfrmige Mischung und folglich auch die Wirksamkeit des
  Pulvers leidet. Selbst gutes, anscheinend trockenes Pulver enthlt
  wenigstens 2 Proc. Wasser. Das Pulver lsst sich durch Stoss und
  Temperaturerhhung entznden. In Bezug auf die Entzndlichkeit des
  Schiesspulvers durch Schlag und Stoss hat man gefunden, dass am
  leichtesten durch den Schlag von Eisen auf Eisen, von Eisen auf
  Messing, von Messing auf Messing eine Entzndung vor sich gehe, minder
  leicht von Blei auf Blei, von Blei auf Holz, am wenigsten leicht von
  Kupfer auf Kupfer oder von Kupfer auf Bronze. Wird trockenes Pulver
  schnell einer Temperatur von 300 C. ausgesetzt, so verpufft es. Ganz
  dasselbe geht vor sich, wenn auch nur an einem kleinen Theile eines
  Pulverquantums die nthige Temperaturerhhung bewirkt wird, wie es der
  Fall ist bei der Berhrung mit der Lunte oder dem glhenden
  Stahlstckchen des Feuerstahls oder endlich der Flamme des
  explodirenden Knallquecksilbers. Es wird gegenwrtig als ausgemacht
  angesehen, dass unter den Pulverbestandtheilen die Kohle zuerst Feuer
  fngt und darauf die Entzndung auf die brigen Materialien bertrgt.
  Was die zuerst von =Hearder= beobachtete Nichtentzndlichkeit des
  Pulvers unter dem Recipienten einer Luftpumpe durch einen glhend
  gemachten Platindraht betrifft, so hat =v. Schrtter= gefunden, dass
  Schiesspulver, welches sich im Vacuum der Luftpumpe befindet, mit der
  Spirituslampe rasch erhitzt, immer explodirt. Zu hnlichen Ergebnissen
  gelangte =F. A. Abel= in Woolwich.

[Sidenote: Zusammensetzung des Schiesspulvers.]

  Das Schiesspulver besteht ziemlich genau aus je 2 Mol. Kaliumnitrat, 1
  Mol. Schwefel und 3 Mol. Kohle, demnach in 100 Th. aus:

                          74,84 Salpeter,
                          11,84 Schwefel,
                          13,32 Kohle (No. I).

  Mit dieser Zusammensetzung stimmt annhernd die der besten Jagd- und
  Flintenpulver berein. Die ordinren oder Sprengpulver enthalten auf
  gleiche Molekle Salpeter und Schwefel 6 Molekle Kohle, mithin in 100
  Theilen:

                          66,03 Salpeter,
                          10,45 Schwefel,
                          23,52 Kohle (No. II).

[Sidenote: Produkte der Verbrennung.]

  =Bunsen= und =Schischkoff= fanden ein Jagd- und Scheibenpulver
  zusammengesetzt aus:

                      Salpeter                78,99
                      Schwefel                 9,84
                              { Kohlenstoff    7,69
                      Kohle   { Wasserstoff    0,41
                              { Sauerstoff     3,07
                              { Asche        Spuren
                                            -------
                                             100,00

  Der Pulverrckstand bestand aus

                       Kaliumsulfat          56,62
                       Kaliumcarbonat        27,02
                       Kaliumhyposulfit       7,57
                       Schwefelkalium         1,06
                       Kaliumhydroxyd         1,26
                       Schwefelcyankalium     0,86
                       Salpeter               5,19
                       Kohle                  0,97
                       Ammoncarbonat      }
                       Schwefel           } Spuren
                                           -------
                                            100,55

  Aus dieser Analyse folgt, dass der Pulverrckstand wesentlich aus
  Kaliumsulfat und Kaliumcarbonat und nicht, wie frher angenommen wurde,
  aus Schwefelkalium besteht. Fr den Pulverdampf wurde folgende
  Zusammensetzung gefunden:

                       Kaliumsulfat          65,29
                       Kaliumcarbonat        23,48
                       Kaliumhyposulfit       4,90
                       Schwefelkalium          --
                       Kaliumhydroxyd         1,33
                       Schwefelcyankalium     0,55
                       Salpeter               3,48
                       Kohle                  1,86
                       Ammonsesquicarbonat    0,11
                       Schwefel                --
                                            ------
                                            100,00

  Daraus lsst sich der Schluss ziehen, dass der Pulverrauch im
  Wesentlichen die Zusammensetzung des Pulverrckstandes besitzt, dass
  darin der Schwefel und Salpeter des Pulvers etwas vollstndiger zu
  Kaliumsulfat verbrannt sind und statt des fehlenden Schwefelkaliums
  kohlensaures Ammoniak auftritt. Die =gasfrmigen Verbrennungsprodukte=
  zeigen folgende Zusammensetzung in 100 Raumtheilen:

                       Kohlensure           52,67
                       Stickstoff            41,12
                       Kohlenoxyd             3,88
                       Wasserstoff            1,21
                       Schwefelwasserstoff    0,60
                       Sauerstoff             0,52
                       Stickoxydul             --
                                            ------
                                            100,00

  Die =festen Verbrennungsprodukte= (Rckstand und Rauch), die sich bei
  vorstehenden Gasen bildeten, bestanden aus

                       Kaliumsulfat          62,10
                       Kaliumcarbonat        18,58
                       Kaliumhyposulfit       4,80
                       Schwefelkalium         3,13
                       Schwefelcyankalium     0,45
                       Kaliumnitrat           5,47
                       Kohle                  1,07
                       Schwefel               0,20
                       Ammonsesquicarbonat    4,20
                                            ------
                                            100,00

  Die Umsetzung, welche das Schiesspulver beim Abbrennen erleidet, lsst
  sich durch folgendes Schema ausdrcken:

                                                                     Grm.
         {Salpeter  0,789}                     {K_{2}SO_{4}         0,422
  1 Grm. {Schwefel  0,098}                     {K_{2}CO_{3}         0,126
  Pulver {Kohle { C 0,076} giebt               {K_{2}S_{2}O_{3}     0,032
         {      { H 0,004} verbrannt           {K_{2}S              0,021
         {      { O 0,030}           Rckstand {KCNS                0,003
                                      0,680    {KNO_{3}             0,037
                                               {C                   0,007
                                               {S                   0,001
                                               {(NH_{4})_{2}CO_{3}  0,028

                                                                  Kubik-
                                                        Grm.      centim.
                                               {N      0,099   =  79,40
                                       Gase    {CO_{2} 0,201   =  101,71
                                       0,314   {CO     0,009   =    7,49
                                       -----   {H      0,0002  =    2,34
                                       0,994   {SH_{2} 0,0018  =    1,16
                                               {O      0,0014  =    1,00
                                                                  ------
                                                                  193,10

  Bei verschiedenem Druck bilden sich indessen verschiedene
  Verbrennungsprodukte, wie die Versuche von =Craig= und die jngsten von
  =N. Fedorow= (1869) unwiderlegbar gezeigt haben.

  Das Schiesspulver ist durch keine andere bekannte Substanz zu ersetzen,
  da andere hnliche Stoffe, wie Knallquecksilber, Kaliumchlorat u. s.
  w., zu schnell explodiren und das Geschtz unfehlbar zertrmmern,
  andere Stoffe, wie die Schiessbaumwolle, unter den Zersetzungsprodukten
  Wasser und salpetrige Sure erzeugen, die auf die Wnde des Geschtzes
  und auf den nachfolgenden Schuss von grossem Einflusse sind.

[Sidenote: Neue Sprengpulver.]

  Unter dem Namen =Pyronone= ist krzlich ein neues Sprengpulver
  aufgetaucht, welches aus 52,5 Th. Natriumnitrat, 20 Th. Schwefel und
  27,5 Th. Gerberlohe besteht. Es ist weit billiger als das gewhnliche
  Sprengpulver, ob auch wirksamer, ist zu bezweifeln. Zweckmssiger ist
  das von =Wynands= unter dem Namen =Saxifragin= eingefhrte
  Sprengpulver, aus 76 Th. Bariumnitrat, 22 Th. Holzkohle und 2 Th.
  Kalisalpeter bestehend. Das von Hauptmann =E. Schultze= 1864 erfundene
  neue Schiess- und Sprengpulver besteht aus Holzkrnern, die mit
  Salpetersure und Schwefelsure behandelt und dann mit einer Lsung von
  Salpeter getrnkt und endlich getrocknet werden. Es wird in
  Edgeworthlodge in Hampshire dargestellt. =Bndisch= hat ein Verfahren
  erfunden, das =Schultze='sche Pulver zu einem festen Krper
  zusammenzupressen, wodurch er in kleinerem Umfange die grsste Kraft
  enthlt und sich gefahrlos transportiren lsst. Das unter der
  Bezeichnung =Lithofracteur=[33] in Belgien angewendete weisse
  Sprengpulver ist eine explosive Substanz, welche sich dem Pyroxylin an
  die Seite stellt. Das =Haloxylin= von =Neumeyer= und =Fehleisen= ist
  ein Gemenge von Kohle, Salpeter und Blutlaugensalz. -- Das Sprengpulver
  von =Callou= ist ein Gemenge von Kaliumchlorat und Operment. -- Das
  unter dem Namen =Sprengl= (Nitroleum) vorkommende flssige
  Sprengprparat ist Nitroglycerin, aus welchen man die weiter unten zu
  beschreibenden Sprengmischungen =Dynamit= und =Dualin= darstellt. Seit
  einigen Jahren findet in England und Frankreich das pikrinsaure Kalium
  zum Fllen der zur Zerstrung der Panzerplatten der Kriegsschiffe
  bestimmten Bomben Anwendung, ebenso zur Darstellung des sogenannten
  =Pikratpulvers=.

  [33] Vergl. =C. Luckow=, Ueber Sprengpulver und Sprengpulversurrogate,
       namentlich ber verbesserten Lithofracteur. Deutz 1869.

[Sidenote: Pulverprobe.]

  Um die Kraft des Schiesspulvers zu messen, die bei gleichen
  Bestandtheilen von der mechanischen Bearbeitung abhngig ist, bedient
  man sich der =Probemrser=, der =Stangenprobe=, der =Hebelprobe=, der
  =Pendelprobe= und des =Chronoskops=. Ersterer besteht aus einem
  bronzenen Mrser, der eine Kugel von 58-6/10 Pfd. (29,4 Kilogr.) unter
  einem Winkel von 45 durch eine Ladung von 92 Grm. des Pulvers
  fortschleudert. Die Bohrung des Mrsers hat 191 Millimeter im
  Durchmesser und 239 Millimeter Tiefe. Das Pulver muss die Kugel 225
  Meter weit schleudern. Sehr gutes Pulver trgt 250, ja 260 Meter weit.
  Die =Stangenprobe= besteht aus einem vertikal liegenden Mrser, der
  durch 22-25 Grm. Pulver ein Gewicht von 8 Pfd. hebt, das sich zwischen
  gezhnten Stangen bewegt. Aus der Hhe, bis zu welcher das Gewicht
  gehoben wird, lsst sich auf die Gte des Pulvers ein Schluss ziehen.
  Bei der =Hebelprobe= giebt die Grsse der Reactionsbewegung den
  Maassstab der Kraftusserung des zu probirenden Pulvers. An einem
  Winkelhebel, dessen Arme senkrecht auf einander stehen, befindet sich
  an dem Ende des bei der Anwendung horizontal stehenden Armes ein
  kleiner Bller, der mit 30 Graden Pulver geladen und darauf mit Hlfe
  eines eingesetzten Stupinenfadens entzndet wird. Durch die
  Reactionskraft des ausstrmenden Gases wird der Bller mit seinem Arme
  nach abwrts gedrckt, der andere Arm dagegen mit dem daran
  befindlichen Gegengewichte gehoben und zwar um so mehr, je strker das
  Pulver ist. Ein kleiner Steller an dem ussersten Endpunkte des ersten
  Hebelarmes gleitet whrend seiner Bewegung nach abwrts an den Zhnen
  eines vertikal dagegen stehenden Bogens und verhindert das Zurckgehen
  des Hebels in seine alte Lage. Das Mittel von vier Schssen wird als
  das erforderliche Maass der Strke des Pulvers angesehen. Bei der
  Hebelprobe soll

                       Sprengpulver      22 Grade
                       Stckpulver       60   "
                       Scheibenpulver   130   "
                       Musketenpulver    80   "

  schlagen. Bei der =Pulverprobe von Regnier= (_prouvette  main de
  Regnier_), welche vorzglich in Frankreich zur Prfung des Jagdpulvers
  Anwendung findet, wird die Wirkung, sowohl die vor- als rckwrts
  wirkende, des Pulvers auf eine Elasticitt einer Stahlfeder ausgebt.
  An der zweischenkeligen freihngenden Stahlfeder ist die kleine Kanone
  so befestigt, dass sie sich mit der Mndung an das Ende des einen
  Schenkels, mit der Traube dagegen an ein mit dem anderen Schenkel fest
  verbundenes, hakenfrmiges Querstck von Eisen sttzt. Es ist mithin
  die Gesammtkraft des sich zersetzenden Pulvers in Wirksamkeit, beide
  Schenkel einander zu nhern, indem der eine Schenkel durch die vorwrts
  wirkende Kraft, der andere durch die Reactionskraft bewegt wird. Der
  Grad dieser Annherung wird an einem mit Lufen versehenen Gradbogen
  abgelesen. Gewhnliches Jagdpulver zeigt an diesem Instrumente 12, das
  feinste aber 14. Die =Pendelprobe= oder das =ballistische Pendel=
  (_pendule ballistique_) hat zweierlei Einrichtung, entweder wird dabei
  die Grsse der Reactionsbewegung in Graden an einem Bogen gemessen,
  welche ein pendelartig aufgehngter Kanonenlauf beim Abfeuern zeigt,
  oder auch die Wirkung der Kugel auf den als Pendel aufgehngten
  Kugelfang beobachtet. In der sogenannten =hydrostatischen Pulverprobe=
  ist eine kleine Kanone senkrecht auf einem Schwimmer befestigt. In
  Folge der Reactionsbewegung wird letzterer bis zu einer gewissen Tiefe
  in das Wasser eingetaucht. Man drckt die Tiefe in Graden aus. Auch das
  elektromagnetische =Chronoskop= (namentlich den elektroballistischen
  Chronographen von =le Bouleng=) hat man zur Ermittelung der
  Geschwindigkeit von Geschossen angewendet. Mit Hlfe dieses Apparates
  misst man die Zeit, und somit die Geschwindigkeit, welche die Kugel
  braucht, um einen bestimmten Weg zurckzulegen, dadurch, dass die Kugel
  in dem Momente, wo sie den Lauf verlsst, den Schlussdraht einer
  elektromagnetischen Kette zerreisst, wodurch der Zeiger einer Uhr in
  Bewegung gesetzt wird, whrend durch den Aufschlag der Kugel auf die
  Fangplatte die Kette geschlossen und dadurch die Uhr arretirt wird. Aus
  dem Wege, welchen inzwischen der Zeiger zurckgelegt hat, lsst sich
  die Zeit ablesen. Bei der von =Melsens= (in Brssel) jngst in
  Vorschlag gebrachten =calorimetrischen Probe= ist der Haupttheil ein
  Apparat, aus einem mit Quecksilber gefllten Holzgefsse bestehend, in
  welches der Probemrser eingefhrt wird. Zu Messung der vor und nach
  dem Schusse bestehenden Temperaturen des den Mrser umgebenden
  Quecksilbers dienen zwei Thermometer. Die Differenz beider Temperaturen
  dient als Anhaltepunkt zur Bestimmung der beim Schiessen mit einer
  bestimmten Pulversorte freigewordenen Wrmemenge.

[Sidenote: Weisses Schiesspulver.]

  Im Jahre 1849 ist von =Augendre= eine neue Art Schiesspulver, als
  =weisses Pulver= zusammengesetzt worden, welches auch unter der
  Bezeichnung =deutsches Weisspulver= oder =amerikanisches Pulver=
  Anwendung findet. Dasselbe besteht aus gelbem Blutlaugensalz,
  Kaliumchlorat und Rohrzucker, und entzndet sich sowol als feiner
  Staub, wie im gekrnten Zustande bei Berhrung mit rothglhenden
  Krpern oder mit der Flamme. Durch Reibung zwischen polirten Krpern
  entzndet es sich nicht, eben so wenig durch Schlag von Holz auf Holz
  oder von Holz auf Metall. Es hat vor dem gewhnlichen Schiesspulver
  folgende Vorzge: Es besteht aus unvernderlichen Substanzen und kann
  daher durch Abwgen der Bestandtheile immer von derselben
  Beschaffenheit erhalten werden. Seine Bestandtheile sind an der Luft
  unvernderlich. Die Fabrikation erfordert wenig Zeit. Die Kraft des
  Pulvers ist weit grsser; man kann in demselben Raume mehr Schsse
  unterbringen. Endlich hat es noch den Vorzug, dass der Staub dieselbe
  Wirkung hat wie das gekrnte Pulver; man kann daher das Krnen
  ersparen. Als Schattenseiten des neuen Pulvers werden angefhrt: Es
  oxydirt die eisernen Lufe stark, wodurch sich sein Gebrauch auf
  Bronzelufe und zum Fllen der hohlen Projectile beschrnkt. Es ist
  viel leichter entzndlich als das gewhnliche Schiesspulver, indessen
  nicht so leicht wie andere Gemische mit chlorsaurem Kali. Vor Allem
  mchte aber der hohe Preis die Anwendung des neuen Pulvers untersagen.
  =J. J. Pohl= hat (1861) das neue Pulver untersucht und als das beste
  quantitative Mischungsverhltniss ermittelt ein Gemenge aus

                         28 Th. Blutlaugensalz,
                         23  "  Rohrzucker,
                         49  "  Kaliumchlorat

  welches ein sehr gut abbrennendes Pulver liefert und nahezu dem
  Verhltnisse

                         1 Mol. Blutlaugensalz,
                         1  "   Rohrzucker,
                         3  "   Kaliumchlorat.

  entspricht, welches in 100 Th. 28,17 Th. Blutlaugensalz, 22,78 Th.
  Rohrzucker und 49,05 Th. Kaliumchlorat enthlt. Ueber die
  Verbrennungsprodukte dieses Schiesspulvers ist um so weniger ohne
  genaue Analysen etwas Bestimmtes zu sagen, als das Abbrennen im Freien
  oder im geschlossenen Raume, sowie rasch oder absichtlich verlangsamt,
  von Einfluss auf die Art der Zerlegung sein werden. Nimmt man hierbei
  mglichste Zerlegung an, so knnte die Zersetzung nach folgendem Schema
  vor sich gehen:

  100 Th. Pulver liefern:

           Stickstoff                               1,865 Th.
           Kohlenoxyd                              11,192  "
           Kohlensure                             17,587  "
           Wasser                                  16,788  "
                                                   ----------
                 Summa der gasfrmigen Produkte    47,442 Th.

  Ferner:

          Cyankalium                                 17,385 Th.
          Chlorkalium                                29,840  "
          Kohleneisen (FeC_{2})                       5,333  "
                                                     ----------
                Summa der nicht flchtigen Theile    52,558 Th.

  Auf Raumtheile bezogen, lieferten hingegen 100 Grm. bei 0 C. und 760
  Millimeter Barometerstand:

                   Stickstoff      1927,0 Cubikcentim.
                   Kohlenoxyd      8942,9      "
                   Kohlensure     8942,9      "
                   Wasserdampf    20867,9      "
                                  --------------------
                                  40680,4 Cubikcentim.

  Die Verbrennungstemperatur berechnet man zu 2604,5, somit betrgt die
  Menge der gelieferten Gase 431162 Cubikcentim.

[Sidenote: Feuerwerkerei, chemische Principien derselben.]

=Chemische Principien der Feuerwerkerei.= Unter dem Namen
=Feuerwerksstze= versteht man in der Artillerietechnik und in der
Lustfeuerwerkerei gewisse Mischungen von brennbaren Krpern, wie Kohle,
Schwefel u. s. w., mit Sauerstoff abgebenden, d. h. die Verbrennung
unterhaltenden Krpern, von welchen letzteren hauptschlich der Salpeter
und das Kaliumchlorat in Anwendung kommen. Diese Mischungen sollen je
nach dem Zwecke, den sie zu erfllen haben, unter grsserer oder
geringerer Gas-, Licht- und Wrmeentwickelung bald schneller, bald minder
schnell verbrennen. Je nach ihrer Bestimmung nennt man diese Mischungen
Brandstze, Zndstze, Leuchtstze u. s. w.

Das Princip, das bei einer rationellen Anfertigung von Feuerwerksstzen
befolgt werden soll, ist, dass man von den Materialien keinen Ueberschuss
weder der brennbaren Krper, noch der Verbrennungsunterhalter, und von
den zur Verbrennung nichts beitragenden fremden, jedoch unvermeidlichen
Substanzen, wie z. B. von den die pulverfrmigen Stze zusammenhaltenden
Bindemitteln, nur die unumgnglich nothwendige Quantitt anwende. Es
lsst sich theoretisch sehr leicht ermitteln, in welchem
Gewichtsverhltniss die brennbaren Krper und die Verbrennungsunterhalter
unter einander zu mischen seien. So wre es z. B. bei der Mischung von
Salpeter und Schwefel behufs eines Feuerwerksatzes unzweckmssig, auf 2
Aeq. Salpeter 1 Aeq. Schwefel (1), oder auf 2 Aeq. Salpeter 3 Aeq.
Schwefel (2) anzuwenden; im letzteren Falle htte man zu viel des
brennbaren Krpers, im ersteren Falle zu viel des
Verbrennungsunterhalters angewendet:

  (1) S kann aus 2KNO_{3} hchstens 3O aufnehmen, daher bleiben 3O
  unbenutzt.

  (2) 3S und 2KNO_{3} geben entweder K_{2}S und 2SO_{3} oder ein Gemenge
  von K_{2}SO_{4}, K_{2}S und SO_{2}; in beiden Fllen ist Schwefel
  brig, der unbenutzt bleibt.


In vielen Fllen sind wir aber nicht im Stande, theoretisch die Art der
Zersetzung der Feuerwerksstze anzugeben, weil die Verwandtschaftskraft
der in den Stzen in Wechselwirkung tretenden Krper von den bekannten
Gesetzen abweicht, je nachdem Nebenumstnde, die theoretisch noch nicht
ermittelt sind, auf den Zersetzungsprocess ihren Einfluss ausben. Die
zweckmssigsten Mischungsverhltnisse knnen bis jetzt nur durch Versuche
ermittelt werden. Erst dann, wenn man die constant auftretenden
Zersetzungsprodukte der Feuerwerksstze erkannt und gewisse Fragen
bezglich der Wrmeentwickelung bei der Verbrennung der brennbaren Krper
in den Stzen zu verschiedenen Oxydationsstufen, und bezglich der
specifischen Wrme beantwortet haben wird, erst dann wird man im Stande
sein, zur Beurtheilung des Werthes und der Wirksamkeit eines Satzes
chemische Grundstze anzuwenden. Bei der Beurtheilung der
Mischungsverhltnisse aus alter Zeit traditionell berlieferter
Feuerwerksstze hat sich gezeigt, dass die der Theorie am besten
entsprechende Zusammensetzung mancher Stze schon ehemals durch Versuche
richtig ermittelt war. Die meisten aber haben die durch die
wissenschaftlichen Principien erforderlichen Vernderungen erlitten.
Zuweilen behlt man indessen auch alte Stze bei, welche die Wissenschaft
nicht zu rechtfertigen vermag, welche sich aber in der Anwendung gut
bewhren.

[Sidenote: Die gebruchlichsten Feuerwerksstze.]

  Die am hufigsten angewendeten Stze bestehen aus Salpeter, Schwefel
  und Kohle, und zwar in dem Verhltniss wie im Schiesspulver, oder mit
  Ueberschuss von Schwefel und Kohle. Gewisse Stze enthalten anstatt des
  Salpeters oder neben demselben Kaliumchlorat und gewisse Salze, welche
  letztere nicht zur Verbrennung wesentlich sind, sondern der Mischung
  whrend des Brennens ein lebhaftes Licht oder eine bestimmte Frbung
  ertheilen. Hierher gehren die =Signal=- und =Leuchtstze=.

[Sidenote: Schiesspulver.]

  Feuerwerksstze, die bei schneller Verbrennung grosse Quantitten von
  Gas und stark treibende Kraft entwickeln sollen, enthalten vorzugsweise
  Schiesspulver. Will man eine verhltnissmssig langsame Verbrennung
  erzielen, so wendet man das Pulver in nicht gekrntem Zustande, als
  =Mehlpulver=, und mehr oder minder stark zusammengepresst, wie z. B. in
  den Raketen an. Beabsichtigt man dagegen eine pltzliche Verbrennung
  des Schiesspulvers, wie z. B. in den Kanonenschlgen, so wendet man
  gekrntes Pulver an.

[Sidenote: Salpeterschwefel.]

[Sidenote: Grauer Satz.]

  Der =Salpeterschwefel= ist ein Gemisch von 2 Mol. Salpeter (75
  Gewichtsth.) und 1 Mol. Schwefel (25 Gewichtsth.), das als
  Hauptbestandtheil fr diejenigen Stze angewendet wird, welche
  langsamer verbrennen und zu gleicher Zeit starkes Licht entwickeln
  sollen. Fr sich allein ist der Salpeterschwefel keiner Anwendung
  fhig, weil er nicht die zu seinem Fortbrennen nthige Wrme
  entwickelt, ferner als treibende Kraft nicht benutzt werden kann, da er
  im gnstigsten Falle nur 1 Mol. schweflige Sure zu liefern im Stande
  ist:

                2KNO_{3} + S = K_{2}SO_{4} + SO_{2} + N,

  d. i. auf 1 Volumen der Mischung nur etwa 7,28 Volumen Gas. Aus diesen
  Grnden vermischt man den Salpeterschwefel entweder mit Kohle oder mit
  Mehlpulver. Ein solches Gemisch, das sich durch die Praxis bewhrt hat
  und den Namen =grauer Satz= fhrt, besteht aus 93,46 Proc.
  Salpeterschwefel und 6,54 Mehlpulver. Dieses Gemisch wird als
  Grundmischung fr andere Stze benutzt, die langsam verbrennen und
  dabei intensives Licht entwickeln sollen. Bezglich der
  Lichtentwickelung ist der graue Satz eine vorzgliche Mischung, weil
  sich bei der Verbrennung desselben ein nicht flchtiges und
  unschmelzbares Salz, Kaliumsulfat bildet, das in der Flamme der
  verbrennenden Mischung zum Glhen gebracht wird. Alle Leuchtstze, die
  bei ihrer Verbrennung =farbiges= Licht erzeugen sollen, mssen nach
  jenem Princip angefertigt sein, und namentlich muss das Salz, welches
  die Frbung erzeugen soll, bei der Temperatur der Verbrennung des
  Satzes noch feuerbestndig sein.

[Sidenote: Mischungen von Kaliumchlorat.]

[Sidenote: Frictions-Zndsatz.]

[Sidenote: Satz zu Zndnadelgewehren.]

  Das Kaliumchlorat KClO_{3} giebt im Gemisch mit brennbaren Krpern
  seinen Sauerstoff vollstndig, leichter und mit grsserer Schnelligkeit
  als der Salpeter ab. Man benutzt daher dieses Salz als Gemengtheil zu
  Stzen, bei denen schnelle Entzndlichkeit und schnelle Verbrennung in
  Betracht kommen. Ein Gemisch von Kaliumchlorat (80 Gewichtsth.) mit
  Schwefel (20 Gewichtsth.), =Chlorkalischwefel= genannt, wurde frher
  als Zusatz zu den schnell verbrennlichen Theilen solcher
  Feuerwerksstze benutzt, welche aus langsamer verbrennlichen Salzen
  bestanden. Ein Gemenge von Schwefel, Kohle und Kaliumchlorat stellt ein
  sehr wirksames Percussionspulver dar. Ein Gemenge von gleichen
  Gewichtstheilen Schwefelantimon und Kaliumchlorat wird ausschliesslich
  zur =Zndung= gebraucht; es ist durch Reibung, Schlag und Stoss
  entzndlich und findet zur Entzndung des Schiesspulvers mittelst der
  sogenannten Schlagrhren in groben Geschtzen Anwendung. Noch sicherer
  wirkt die =Armstrong='sche Mischung, aus rothem Phosphor und
  Kaliumchlorat bestehend. Der Satz fr =Zndnadelgewehre= besteht
  entweder aus einem Gemenge von Kaliumchlorat und Schwefelantimon oder
  aus einer Knallquecksilbermischung. Folgende Vorschrift liefert ein
  gutes Prparat: 16 Th. Kaliumchlorat, 8 Th. Schwefelantimon, 4 Th.
  Schwefelblumen, 1 Th. Kohlenpulver werden mit etwas Gummiwasser oder
  Zuckerwasser angefeuchtet, worauf man noch fnf Tropfen Salpetersure
  hinzusetzt. Von diesem Satze befindet sich eine kleine Menge (die
  Zndpille) an der Patrone. Die Reibung einer im Augenblicke des
  Abdrckens schnell vorwrts geschobenen sthlernen Nadel bewirkt die
  Entzndung des Satzes. In England bedient man sich wieder der obigen
  Mischung aus amorphem Phosphor und Kaliumchlorat. Die =explosiven
  Krper= und ihre Anwendbarkeit in der Kriegsfeuerwerkerei sind, wenn
  man von dem Knallquecksilber absieht, noch nicht gehrig studirt.
  Beachtung und Verwendung verdienen der =Nitromannit= (Knallmannit), die
  =pikrinsauren Alkalien= und vor Allem das weiter unten erwhnte
  =Nitroglycerin=. =Dessignolle=, welcher bei der Bereitung des Pulvers
  den Salpeter durch Kaliumpikrat ersetzen will, sah bei der Explosion
  des pikrinsauren Kaliums verschiedene Produkte sich bilden, je nachdem
  die Entzndung in freier Luft ([Greek: a]) oder unter Druck ([Greek:
  b]) stattfand. Es bilden sich in beiden Fllen:

  [Greek: a]) 2C_{6}H_{2}K(NO_{2})_{3}O = K_{2}CO_{3} + 5C + 2N + NO +
                     Kaliumpikrat              NO_{2} + 4CO_{2} + 2CHN.

  [Greek: b])        "  = K_{2}CO_{3} + 6C + 3N + 5CO_{2} + 2H_{2} + O.

  Auch das =Knallanilin= (chromsaures Diazobenzol, durch die Einwirkung
  von salpetriger Sure auf Anilin und Fllen des Produktes mit einer
  salzsauren Lsung von zweifach-chromsaurem Kali erhalten), ist nach
  =Caro= und =Griess= ein Krper, welcher das Knallquecksilber ersetzen
  knnte.

[Sidenote: Brandstze.]

  Die =Brandstze= bestehen wesentlich aus Mehlpulver und grauem Satz,
  und gewissen organischen Substanzen wie Pech, Harz, Theer, die sich
  leicht entznden und leicht verbrennlich sind, zu ihrer vollstndigen
  Verbrennung jedoch eine viel lngere Zeit brauchen, als die am
  langsamsten verbrennenden Feuerwerksstze. Die Temperatur, die sich bei
  der Verbrennung der Stze erzeugt, ist eine viel hhere, als die zum
  Entznden von Holz erforderliche, sie ist aber zu schnell
  vorbergehend, um eine Entwickelung der brennbaren Gase aus dem Holze,
  die zum Fortbrennen desselben nothwendig ist, zu bewirken. Eine lngere
  Zeit whrende Hitze erzeugen nur jene organischen Substanzen, indem
  sie, durch den Feuerwerkssatz entzndet, Kohlenwasserstoffe entwickeln,
  welche die Entzndung von Holz und hnlichen brennbaren Krpern
  bewirken.

[Sidenote: Farbige Feuer.]

  Von den Salzen, die zu =farbigen Feuern= Anwendung finden, sind es die
  salpetersauren Verbindungen des Baryts, Strontians und des Natrons,
  sowie das schwefelsaure Kupferammoniak. Das sogenannte
  =Kaltgeschmolzenzeug=, aus grauem Satz, Mehlpulver und Schwefelantimon,
  die unter Branntwein zusammengerhrt werden, bestehend, wird zum
  weissen Feuer benutzt. Die in der Kriegsfeuerwerkerei gebruchlichen
  Mischungsverhltnisse sind folgende, fr 100 Theile berechnet:

                                 Grn  Roth  Gelb  Blau  Weiss
            Kaliumchlorat        32,7  29,7   --   54,5   --
            Schwefel              9,8  17,2  23,6   --    20
            Holzkohle             5,2   1,7   3,8  18,1   --
            Bariumnitrat         52,3   --    --    --    --
            Strontiumnitrat       --   45,7   --    --    --
            Natriumnitrat         --    --    9,8   --    --
            Kupfer-Ammon-Sulfat   --    --    --   27,4   --
            Salpeter              --    --   62,8   --    60
            Schwefelantimon       --    5,7   --    --     5
            Mehlpulver            --    --    --    --    15[34]

  [34] Es ist vielleicht nicht berflssig, daran zu erinnern, dass das
       Zusammenreiben der Materialien sehr gefhrliche Explosionen zur
       Folge haben kann. Die Materialien sind =einzeln= fein zu reiben
       und blos mit der Hand unter einander zu mengen.

  Eine schne =weisse= Flamme, welche mit einem prachtvoll blauen Rande
  umgeben ist, erhlt man nach =Uhden= aus 20 Th. Salpeter, 5 Th.
  Schwefel, 4 Th. Schwefelkadmium und 1 Th. Kohle. Chlorthallium giebt in
  geeigneter Mischung eine prchtig grne Flamme. Das =Magnesiumlicht=
  ist gleichfalls zu pyrotechnischen Zwecken in neuerer Zeit
  vorgeschlagen worden.

  Unter den die Farbe ertheilenden Salzen sind selbstverstndlich
  diejenigen die vorzglichsten, deren Sure durch Sauerstoffabgabe den
  Verbrennungsprocess zu untersttzen im Stande ist. In dieser Beziehung
  wrden die chlorsauren Salze der die Frbung ertheilenden Basen die
  vortheilhaftesten sein, da die Chlorsure ihren Sauerstoff leichter und
  vollstndiger abgiebt als die Salpetersure. Der Anwendung dieser Salze
  stehen aber mehrere Hindernisse entgegen: sie werden theils an der Luft
  leicht feucht, theils zersetzen sie sich ausserordentlich leicht, sogar
  freiwillig und unter Explosion, endlich sind sie noch nicht durch den
  Handel zu beziehen. -- Anstatt der salpetersauren Salze des Bariums und
  Strontiums wendet man auch hufig die Carbonate derselben an. Nach
  =Dessignolle= und =Casthelaz= lassen sich prchtige farbige Flammen mit
  pikrinsaurem Ammoniak erhalten und zwar aus folgenden Mischungen:

                     Gelb { Pikrins. Ammoniak     50
                          { Pikrins. Eisenoxydul  50

                     Grn { Pikrins. Ammoniak     48
                          { Salpeters. Barium     52

                     Roth { Pikrins. Ammoniak     54
                          { Salpeters. Strontium  46


                           b) _Nitroglycerin_.

[Sidenote: Nitroglycerin.]

Das =Nitroglycerin= (Sprengl, Nitroleum, Trinitrin, Glycerylnitrat,
Glonon) wurde im Jahre 1847 im Laboratorium von Professor =Pelouze= in
Paris durch =Sobrero= entdeckt, von dem Schweden =Alfred Nobel= im Jahre
1862 aber zuerst fabrikmssig dargestellt und als Sprengmaterial in die
Technik eingefhrt. Es hat die Formel C_{3}H_{5}N_{3}O_{9} oder
C_{3}H_{5}} O_{3}, es ist mithin Glycerin C_{3}H_{5}} O_{3}, in welchem 3
At. (NO_{2})_{3}} H_{3}} durch 3 At. NO_{2} ersetzt sind. Bei der
Verbrennung desselben geben 100 Theile

                         Wasser        20   Th.
                         Kohlensure   58    "
                         Sauerstoff     3,5  "
                         Stickstoff    18,5  "
                                      ---------
                                      100,0 Th.

Da das spec. Gewicht des Sprengls 1,6 ist, so giebt 1 Vol. davon bei der
Verbrennung

                        Wasserdampf     554 Vol.
                        Kohlensure     469  "
                        Sauerstoff       39  "
                        Stickstoff      236  "
                                       ---------
                                       1298 Vol.

Nach in Belgien angestellten Versuchen bilden sich bei der Verbrennung
des Nitroglycerins grosse Mengen von Stickoxydul und kein freier
Sauerstoff; der Vorgang bei der Explosion lsst sich mithin durch
folgende Gleichung veranschaulichen:

      2 Molek.                           }   { Kohlensure 6CO_{2}
      Nitroglycerin C_{3}H_{5}N_{3}O_{9} } = { Wasser      5H_{2}O
                                         }   { Stickoxydul  N_{2}O
                                         }   { Stickstoff  4N

Nach der Angabe =Nobel='s werden bei der Entzndung des Sprengls diese
Gase auf das Achtfache ihres Volumens ausgedehnt. Mithin gbe 1 Vol.
Sprengl 10,384 Vol. Gase, whrend 1 Vol. Pulver nur 800 Vol. bildet. Die
Kraft des Sprengls verhlt sich folglich zu der des Pulvers

                      dem Volumen nach wie 13 : 1,
                      dem Gewichte nach wie 8 : 1.

Zum Zwecke der Darstellung mischt man rauchende Salpetersure von 49-50
B. mit der doppelten Gewichtsmenge concentrirter Schwefelsure. 3300 Grm.
des wohlerkalteten Gemisches von Schwefelsure und Salpetersure bringt
man in einen Glaskolben -- anstatt dessen kann man auch einen Topf von
Steingut oder eine Porcellanschale benutzen -- welches in einer mit
kaltem Wasser gefllten Wanne steht, und lsst dann langsam und unter
bestndigem Umrhren 500 Grm. Glycerin von 30-31 B. hineinfliessen. Nach
der von =E. Kopp= (1868) gegebenen Vorschrift wendet man ein vorher
bereitetes Suregemisch von 3 Th. rauchender Schwefelsure von 66 B. und
1 Th. rauchender Salpetersure von 49-50 B. (=Nitrirsure=) zum Nitriren
des Glycerins an. Auf 350 Grm. Glycerin rechnet man 2800 Grm.
Nitrirsure. Von grsster Wichtigkeit ist es, eine merkliche Erwrmung
des Gemisches zu vermeiden, indem sonst eine strmische Oxydation des
Glycerins, mit Bildung von Oxalsure, eintreten wrde. Aus diesem Grunde
muss das Gefss, in welchem die Umwandlung des Glycerins in Nitroglycerin
stattfindet, fortwhrend durch kaltes Wasser von aussen abgekhlt werden.
Ist das Ganze innig gemischt, so lsst man es 5-10 Minuten lang ruhig
stehen und giesst es dann in das fnf- bis sechsfache Volumen kalten
Wassers, welches vorher in rotirende Bewegung versetzt worden ist. Sehr
rasch sinkt nun das entstandene Nitroglycerin in Form eines schweren
Oeles nieder; man sammelt dasselbe durch Decantiren in einem mehr hohen
als breiten Gefsse, wscht es in demselben einmal mit Wasser, decantirt
dieses und giesst das Nitroglycerin in Flaschen. Dasselbe ist jetzt zum
Verbrauche fertig, wenn auch in diesem Zustande noch etwas sure- und
wasserhaltig, indess bleibt dies ohne Nachtheil, da, wenn das Prparat
bald nach seiner Darstellung verwendet wird, diese Beimischungen auch
seinem Detoniren keineswegs Eintrag thun. Es ist immer anzurathen, das
Nitroglycerin =nie= zu transportiren, sondern den fr einen Tag
erforderlichen Bedarf an Ort und Stelle des Verbrauches selbst
darzustellen.

  Das Nitroglycerin ist eine lartige Flssigkeit von gelber bis
  brunlicher Farbe, schwerer als Wasser. Im Wasser ist es unlslich,
  lslich dagegen in Alkohol, Aether u. s. w. Einer selbst wenig
  intensiven, jedoch lnger anhaltenden Klte ausgesetzt, krystallisirt
  es in langen Nadeln. Das beste Mittel, Nitroglycerin zur Detonation zu
  bringen, ist ein recht krftiger Stoss und Schlag; brigens lsst sich
  leicht und ohne grosse Gefahr mit ihm umgehen. In dnner Schicht flach
  ausgegossen, lsst es sich durch einen brennenden Krper nur schwierig
  entznden und es brennt nur theilweise ab; man kann ein Nitroglycerin
  enthaltendes Flschchen gegen einen Stein werfen, so dass es zerbricht,
  ohne dass das Prparat explodirt. Auch lsst es sich durch vorsichtiges
  Erwrmen ohne Zersetzung verflchtigen; fngt es aber dabei lebhaft an
  zu kochen, so droht Detonation. Lsst man einen Tropfen Nitroglycerin
  auf eine mssig heisse Gusseisenplatte fallen, so verflchtigt er sich
  ruhig; ist die Platte rothglhend, so entzndet sich der Tropfen
  unmittelbar und brennt ebenso wie ein Pulverkorn ohne Gerusch ab. Wenn
  dagegen die Platte nicht rothglhend, indessen doch so heiss ist, dass
  das Nitroglycerin sofort in's Kochen gerth, so zersetzt sich der
  Tropfen pltzlich unter heftiger Detonation. Uebrigens kann das
  Nitroglycerin, namentlich wenn es unrein und sauer ist, nach Verlauf
  einer bestimmten Zeit eine freiwillige Zersetzung erleiden, welche von
  Gasentwickelung und Bildung von Oxalsure begleitet ist. Dieselbe rhrt
  wahrscheinlich von einer hnlichen Ursache her, wie die freiwilligen
  Explosionen des Nitroglycerins, deren beklagenswerthe Wirkungen durch
  die Zeitungen bekannt geworden sind. Da das Nitroglycerin in sehr gut
  zugestopften Flaschen eingeschlossen war, so konnten die bei seiner
  freiwilligen Zersetzung entstandenen Gase nicht entweichen, bten
  folglich einen starken Druck auf das Nitroglycerin aus, und unter
  diesen Verhltnissen war der geringste Stoss und die schwchste
  Erschtterung hinreichend, die Explosion hervorzurufen. Man muss daher
  (nach =K. List=) dafr sorgen, dass die sich entwickelnden Gase
  ungehindert entweichen knnen, was bei ruhigem Stehen durch losen
  Verschluss, beim Versenden durch Sicherheitsventile geschehen kann.
  Auch durch Vermeidung von Erwrmung lsst sich, wie es scheint, der
  Zersetzung vorbeugen. Um das Sprengl =unexplodirbar= zu machen, lst
  =A. Nobel= dasselbe in reinem Holzgeist (Methylalkohol) auf. Aus dieser
  Lsung kann man das Nitroglycerin mit allen seinen Eigenschaften durch
  Behandeln mit Wasser wieder abscheiden. Zu vorstehendem Vorschlage
  bemerkt =Ch. Seely=, dass derselbe in mehreren Beziehungen bedenklich
  sei, 1) wegen der Kosten des Holzgeistes und des Nitroglycerinverlustes
  beim Auswaschen, 2) wegen der Flchtigkeit des Holzgeistes, der zum
  Theil an der Luft entweicht, so dass das Nitroglycerin ungeschtzt
  zurckbleiben knne; 3) sei eine chemische Wirkung zwischen beiden
  Substanzen wahrscheinlich und 4) sei der Holzgeist und dessen Dampf
  sehr entzndlich und gebe letzterer, mit Luft gemischt, ein
  explodirendes Gemenge. In Amerika sind noch verschiedene andere
  Vorschlge aufgetaucht, das Nitroglycerin unexplodirbar zu machen. So
  ist empfohlen worden, dasselbe -- hnlich wie es =Gale= fr
  Schiesspulver mittelst Glassand bewirken will -- mit Sand oder einem
  hnlichen Krper zu vermengen, wodurch aber das Gewicht und Volumen
  vergrssert und durch die Adhsion des Sprengls am Sande Verlust
  herbeigefhrt wird. =H. Wurtz= macht den sehr beachtenswerthen
  Vorschlag, das Nitroglycerin mit einer gleich dichten Lsung von Zink-,
  Kalk- oder Magnesianitrat zu einer Emulsion zu verarbeiten und die
  Emulsion bei dem Gebrauch mit Wasser zu versetzen, worauf das Sprengl
  sich abscheidet und durch Decantiren von dem Zusatze getrennt werden
  kann. =Seely= schlgt endlich vor, der Zersetzung des Sprengls dadurch
  vorzubeugen, dass man darin eine kleine Menge einer Substanz
  suspendirt, welche jede Spur der sich etwa bildenden Sure neutralisirt
  (ohne dabei jedoch ein Gas zu bilden). Der Geschmack des Nitroglycerins
  ist zuckerartig, zugleich aber brennend und gewrzhaft. Es wirkt
  giftig; schon in sehr kleinen Dosen verursacht es heftigen Kopfschmerz.
  Sein Dampf wirkt hnlich und dieser Umstand knnte der Verwendung des
  Prparates in tiefen Stollen und auf wetternthigen Strecken, wo die
  Dmpfe nicht so leicht abziehen knnen, wie bei Steinbruchs- und
  Tagebauen, mglicherweise hinderlich sein. Rationeller ist der
  Vorschlag von =E. Kopp= in Saverne. Danach sollen die Steinbrecher,
  anstatt das Sprengl zu kaufen, das richtig bereitete Gemisch von
  Schwefelsure und Salpetersure und hchst concentrirtes und
  wohlgereinigtes Glycerin, sowie endlich die wenigen Mess-, Mischungs-
  und Trennungsapparate beziehen und das Sprengl selbst darstellen. In
  den Hnden eines intelligenten, gut instruirten Arbeiters wird sich
  diese Methode stets als die wenigst gefhrliche bewhren. Eines
  gebten Chemikers bedarf es zur Ausfhrung solcher Versuche im kleinern
  Maassstab nicht. Es soll tglich nur die am gleichen Tag verbrauchte
  Menge Sprengl dargestellt werden. Es ist freilich auch damit nicht das
  volle Maass der wnschenswerthen Gefahrlosigkeit gegeben, da die
  Hilfsmittel in den Steinbrchen und Bergwerken stets etwas mangelhaft
  sein werden, Strungen der Arbeit nahe liegen, sichere
  Aufbewahrungsorte schwer zu finden sind u. s. w. Es steht ganz fest,
  dass die Wirkungen des Sprengles die jedes andern bisher gebrauchten
  Sprengmittels bertreffen. Es bietet den Vortheil grosser Arbeits- und
  Zeitersparniss beim Bohren der Lcher, grssere Leichtigkeit des
  Besetzens derselben und neuer Anwendungen, z. B. zum Sprengen von
  Metallblcken. Diese Vortheile sind trotz aller angefhrten
  Schattenseiten desselben so gross, dass wir von der vorschreitenden
  Wissenschaft und Technik viel eher Vervollkommnungen und gewisse
  Sicherungsmittel gegen die mannichfaltigen Gefahren, die es zur Stunde
  noch involvirt, zu erwarten haben, als dass die Furcht vor
  Unglcksfllen es verdrngen werde. Ein Verbot des Sprengles in seiner
  heutigen Unvollkommenheit, wie es z. B. nach gemachten Erfahrungen in
  Belgien, Newcastle, in Wales, Stockholm und Sydney in vielen Lndern
  erfolgte, glauben wir vorlufig als vollberechtigt erklren zu mssen.

  Ein Gemisch, das zur Darstellung des Nitroglycerins sehr geeignet ist,
  wird nach =Nobel= erhalten, wenn man in 3-1/2 Th. Schwefelsure von
  1,83 spec. Gewicht 1 Th. Kalisalpeter lst und abkhlt. Es
  krystallisirt dann ein Salz aus, welches aus 1 Mol. Kali, 4 Mol.
  Schwefelsure und 6 Mol. Wasser besteht. Jene Sure scheidet beim
  Abkhlen auf 0 fast die ganze Menge des gebildeten Salzes aus und kann
  von letzterem durch vorsichtiges Abgiessen befreit werden. Tropft man
  einer solchen Sure Glycerin zu, so geht sehr rasch die oben erwhnte
  Bildung des eigentlichen Sprengles vor sich, welches durch Wasser
  abgeschieden und gewaschen das Trinitroglycerin darstellt.

[Sidenote: Nobels Dynamit.]

  Unter dem Namen =Dynamit=[35] bringt =Nobel= seit 1867 ein neues
  Sprengmaterial in den Handel, welches dadurch hergestellt wird, dass
  man irgend einen porsen Krper in Pulverform z. B. Holzkohle,
  Infusorienerde oder Kieselguhr mit Sprengl trnkt. Gewhnlich besteht
  es aus 75 Th. Nitroglycerin und 25 Th. Kieselerde. Es hat vor dem
  reinen Nitroglycerin (wie die Versuche von =Bolley= und =Kundt= gelehrt
  haben) den Vorzug, selbst durch den strksten Stoss nicht zu
  explodiren. Das Pulver bedarf in Folge dessen einer knstlichen
  Zndung, wobei es eine solche Gewalt ausbt, dass selbst ohne Besatz
  die grssten Eisenblcke gesprengt werden. Es verbrennt in offenem
  Raume oder unter blicher Verpackung ohne Explosion. Es entwickelt bei
  seiner Verbrennung in der Luft etwas salpetrige Dmpfe, bei seiner
  Explosion nur Kohlensure, Stickstoff und Wasserdampf, also
  unschdliche Gase. Es entwickelt bei der Verbrennung keinen Rauch, aber
  hinterlsst weisse Asche. Es erleidet keine Vernderung durch
  Feuchtigkeit. In geschlossenem Raume mit sehr starker
  Widerstandsfhigkeit explodirt es durch Funken; unter allen anderen
  Umstnden erfolgt die Explosion nur durch knstliche Zndung. Die
  Vorzge gegen Sprengpulver sind: Grosse Arbeitsersparniss, weil weniger
  Bohrlcher von geringerem Durchmesser erforderlich sind. Eine grosse
  Beschleunigung der Arbeit, da sich die Sprengungen doppelt so rasch,
  wie bei Schiesspulver ausfhren lassen. Ersparniss von
  Sprengmaterialkosten. Das Dynamit kostet vier Mal so viel, leistet aber
  acht Mal so viel als Pulver. Die fast vollstndige Gefahrlosigkeit.
  Unschdlichkeit der Explosionsgase und Abwesenheit von Rauch. Einfache
  Anwendung bei nassen Bohrlchern. Da weniger Bohrlcher erforderlich
  sind, Ersparniss von Gezhkosten. Fr den Gebrauch bedient man sich
  geleimter Papierpatronen, in welche das Pulver fest eingedrckt wird.
  In Kohle kann das Pulver locker verwendet werden. Zur Zndung bedient
  man sich einer Zndschnur mit aufgeschobenem und mittelst Zange darauf
  festgekniffenen Patentzndhtchen. Diese wird 3 Centimeter tief in das
  Pulver geschoben, dies fest angedrckt und die Patrone mit einem
  Papierstpsel geschlossen. Der Besatz wird aus losem Sand hergestellt.
  Als Vorsichtsmaassregeln schreibt man vor: Vermeiden des Stubens mit
  dem Pulver, weil der Staub giftig ist, und Fllen der Patrone mit einem
  Lffel aus demselben Grunde. Ferner soll es im Interesse der Oekonomie
  gerathen sein, mglichst enge Bohrlcher zu bohren, da sie bei der
  grossen Kraft des Dynamits ausreichen. (=Nobel= verkauft das Dynamit
  mit Emballage in Fssern von 50 Pfund per Pfund zu 18 Sgr.
  Patentzndhtchen fr Dynamit kosten 100 Stck 15 Sgr.) Beim Transport
  bietet das Dynamit keine Gefahr der Explosion dar. Das von =Dittmar=
  erfundene =Dualin= ist ein Gemisch von Nitroglycerin mit Sgespnen,
  oder Holzzeug der Papierfabriken, das vorher mit einem Gemisch von
  Salpeter- und Schwefelsure behandelt wurde.

  [35] Auch bei der Fabrikation des Dynamits sind Unglcksflle nicht
       ausgeschlossen. Am 26. Januar 1870 fand in der Dynamitfabrik zu
       Dnwald bei Cln a./R. eine Explosion statt, welche 15 Menschen
       das Leben kostete; eine nicht minder verhngnissvolle am 29. Mai
       1870 zu Krmmel (Herzogthum Lauenburg), sowie am 2. April zu
       Waldenburg (Oberschlesien).


                         c) _Schiessbaumwolle_.

[Sidenote: Schiessbaumwolle.]

Die =Schiessbaumwolle= (Schiesswolle, Pyroxylin, Fulmicoton) wurde 1846
gleichzeitig von =Schnbein= in Basel und von =R. Bttger= in Frankfurt
a. M. entdeckt. Nach der 1846 von =W. Knop= (in Leipzig) verffentlichten
Methode der Darstellung nimmt man gleiche Volumen Schwefelsure von 1,84
spec. Gewicht und rauchende Salpetersure (nach =Lenk= 3 Gewichtstheile
Schwefelsure auf 1 Gewichtstheil Salpetersure), mischt beide
Flssigkeiten in einer Porcellanschale und taucht dann in die Flssigkeit
so viel gekrempelte und durch Auskochen in Sodalsung von aller
Fettsubstanz befreite Baumwolle, als die Flssigkeit aufzunehmen vermag,
bedeckt das Gefss mit einer Glasplatte und lsst das Ganze bei
gewhnlicher Temperatur einige Minuten lang stehen. Darauf nimmt man die
Baumwolle heraus, wscht sie mit kaltem Wasser, trocknet sie in warmer
Luft und krempelt sie nach dem Trocknen, um alle zusammengeballten Theile
zu zertheilen. Die Baumwolle darf nicht zu lange Zeit in dem Suregemisch
stehen bleiben, weil sie sich sonst unter heftiger Entwickelung rother
Dmpfe auflsen wrde. Die in der Pulverfabrik zu Paris hinsichtlich der
vortheilhaftesten Fabrikation der Schiessbaumwolle angestellten Versuche
fhrten zu folgenden Erfahrungsstzen: 1) gleiche Theile Schwefel- und
Salpetersure und gereinigte Baumwolle; 2) die beste Zeitdauer scheint
10-15 Minuten zu sein; 3) das einmal gebrauchte Gemisch kann nochmals
benutzt werden, dann aber ist die Baumwolle eine lngere Zeit
einzutauchen; 4) das Prparat muss langsam getrocknet werden, namentlich
darf man dasselbe, so lange es feucht ist, keiner hheren Temperatur als
100 aussetzen; 5) durch Imprgniren mit Salpetersure erhlt die
Baumwolle noch mehr Kraft.

[Sidenote: Eigenschaften der Schiessbaumwolle.]

  Die Schiessbaumwolle hat das Ansehen gewhnlicher Baumwolle und ist
  selbst unter dem Mikroskop nicht von derselben zu unterscheiden. Sie
  fhlt sich aber rauher an und hat an Elasticitt verloren; sie ist in
  Wasser, Alkohol und Essigsure unlslich, schwer lslich in reinem
  Aether, leicht lslich in alkoholhaltigem Aether und Essigther. Bei
  lngerem Aufbewahren erleidet die Schiessbaumwolle eine freiwillige
  Zersetzung, die sogar mit einer Selbstentzndung endigen kann; bei
  dieser Zersetzung entwickeln sich Wasserdmpfe und salpetrige Sure,
  und der zurckbleibende Theil enthlt Ameisensure. Die Angaben ber
  die Temperatur, bei welcher die Schiessbaumwolle sich entzndet, sind
  nicht bereinstimmend. Hufig lsst sich die Schiessbaumwolle bei
  90-100 ohne Gefahr der Entzndung trocknen, whrend die Entzndung
  schon bei 43 vorgekommen sein soll. Die Explosion aber eines kleinen
  mit Schiessbaumwolle angefllten Magazins im _Bois de Vincennes_ in
  Paris, das an einem Tage stark von der Sonne beschienen wurde, sowie
  die frchterlichen Explosionen in le Bouchet und Faversham, wo die
  Temperatur des Trockenraumes nicht ber 45-50 steigen konnte, machen
  die grsste Vorsicht beim Trocknen und der Aufbewahrung der
  Schiessbaumwolle nothwendig. Sie entzndet sich ferner durch starken
  Stoss und Schlag und hinterlsst nach der Verbrennung keine Spur von
  Rckstand. Auf gekrntem Schiesspulver abgebrannt, entzndet sich
  dasselbe nicht. Die Schiessbaumwolle ist sehr hygroskopisch und lsst
  sich selbst lngere Zeit unter Wasser aufbewahren, ohne ihre explosiven
  Eigenschaften einzubssen. Nach den besten Analysen hat die
  Schiessbaumwolle die Formel der Trinitro-Cellulose,
  C_{6}H_{7}(NO_{2})_{3}O_{5}, sie ist demnach zu betrachten als
  Baumwolle C_{6}H_{10}O_{5}, in welcher 3 Atome Wasserstoff durch 3
  Atome Untersalpetersure ersetzt worden sind. In 100 Theilen besteht
  sie aus

                           Kohlenstoff  24,24
                           Wasserstoff   2,36
                           Sauerstoff   59,26
                           Stickstoff   14,14
                                       ------
                                       100,00

  Wenn wir von der Schwefelsure, deren Anwendung zur Darstellung der
  Schiessbaumwolle durch ihre wasserbildende Eigenschaft bedingt ist,
  absehen, so lsst sich die Umwandlung der Baumwolle in Schiessbaumwolle
  durch folgende Gleichung ausdrcken:

  C_{6}H_{10}O_{5} + 3HNO_{3} = C_{6}H_{7}(NO_{2})_{3}O_{5} + 3H_{2}O
      Baumwolle                       Schiessbaumwolle

  Wenn bei der Darstellung die Cellulose gnzlich in Trinitro-Cellulose
  bergeht, so mssen 100 Th. Baumwolle 185 Th. Schiessbaumwolle geben;
  wenn sie sich in Binitro-Cellulose verwandelt, mssen 100 Th. Baumwolle
  155 Th. Schiessbaumwolle bilden. Die Versuche gaben ein mittleres
  Resultat; 100 Th. Baumwolle gaben:

  Pelouze (bei 10 Versuchen) (1849)         168-170 Th. Schiessbaumwolle.
  Schmidt und Hecker (1848)                 169      "          "
  Vankerckhoff und Reuter (1849)            176,2    "          "
  W. Crum (1850)                            178      "          "
  Redtenbacher, Schrtter u.
    Schneider (1864)                        178      "          "
  v. Lenk (1862)                            155      "          "
  Blondeau (1865)                           165,25   "          "

  Die Zersetzungsprodukte der entzndeten Schiessbaumwolle sind im
  luftleeren Raume Kohlenoxyd, Wassergas und Stickstoffgas; im luftleeren
  Raume dieselben Krper, ausserdem aber noch salpetrige Sure und Cyan.
  1 Grm. Schiessbaumwolle giebt nach =Emil Schmidt= bei der Verbrennung
  im Vacuum 588 Kubikcentim. Gas. Nach der Analyse von =Krolyi= bestehen
  die Gase in Volumenprocenten aus

                           Kohlenoxyd      30
                           Kohlensure     20
                           Sumpfgas        10
                           Stickoxyd        9
                           Stickstoff       8
                           Wasserdampf     23
                                          ---
                                          100

  1 Gewichtstheil Schiessbaumwolle wirkt so viel wie 4,5-5 Th.
  Schiesspulver.

[Sidenote: Schiessbaumwolle als Ersatzmittel des Schiesspulvers.]

[Sidenote: Fernere Anwendung der Schiessbaumwolle.]

  Die Anwendung der Schiessbaumwolle anbelangend, so scheint es, als ob
  sich dieselbe als Ersatzmittel fr das Schiesspulver nicht praktisch
  erweisen wollte. Obgleich es den Anschein hat, als wre die
  Schiessbaumwolle ihrer Leichtigkeit, Reinlichkeit, der Gefahrlosigkeit
  des Transports wegen, dem Schiesspulver vorzuziehen, so liegen doch
  bedeutende Unbequemlichkeiten in ihrem grossen Volumen und den damit
  verbundenen Schwierigkeiten des Transports, so wie in der Erzeugung
  einer grossen Menge von Feuchtigkeit (Wasser und salpetrige Sure) in
  dem Rohre, welche beim Schuss nachtheiliger als der feste
  Pulverrckstand wirkt. Im stark comprimirten Zustand wirkt die
  Schiessbaumwolle durchaus nicht; sie ist demnach zu Zndern, Raketen u.
  s. w. nicht anwendbar. Die gnstigsten Resultate wurden bei der
  Anwendung der Schiessbaumwolle zum Sprengen erhalten. =Pelouze=
  empfiehlt die Schiessbaumwolle mit Kaliumchlorat gemengt zur Fllung
  der Zndhtchen; die so dargestellten Zndhtchen sind aber weder
  sicher noch krftig genug. Fr die Verwendung der Schiessbaumwolle als
  Pulversurrogat ist es als ein namhafter Fortschritt zu betrachten, dass
  es in den letzten Jahren den Bestrebungen =Abel='s gelungen ist, die
  Schiessbaumwolle =mechanisch= der Art zu verarbeiten, dass sie
  hinsichtlich ihres Effektes dem Pulver hnlich ist. Gewhnlich wird die
  Schiessbaumwolle immer in losem, faserigem oder wolligem Zustande
  angewendet; in der neuesten Zeit wurde sie auch zu Lunten, Garn oder
  Zwirn gesponnen und in Form von Flechten oder Bndern zu Patronen
  verarbeitet. Dadurch will man bezwecken, die Schiessbaumwolle dem
  Schiesspulver mglichst hnlich zu machen, indem sie durch dieselbe auf
  mechanischem Wege in eine feste, zusammenhngende Masse verwandelt und
  als solche zu Krnern oder zu irgend einer anderen Form verarbeitet
  wird, welche die zur Erzielung einer gewissen Schnelligkeit oder
  Intensitt der Verbrennung erforderliche Oberflche und Dichtigkeit
  besitzt. Das Verfahren zur Behandlung der Schiessbaumwolle, welchem man
  in der Praxis den Vorzug giebt, ist das folgende: Zunchst wird die
  Baumwolle auf bekannte Weise in Schiessbaumwolle verwandelt, zu welchem
  Behufe man vorzugsweise die Form von losen Lunten (Vorgespinnst)
  anwendet. Nachdem das Prparat durch Auswaschen in laufendem Wasser und
  in einer sehr verdnnten Alkalilsung gereinigt worden ist, wird es
  mittelst einer der Stoffmhle (Hollnder) der Papierfabriken hnlichen
  Maschine zu einem Brei oder Zeug zerkleinert, welcher dann durch die
  gewhnlichen Processe, mittelst deren man Papierzeug in verschiedene
  Formen bringt, zu Blttern (Bogen), Scheiben, Cylindern oder anderen
  durchbrochenen oder massiven Krpern geformt wird. Dem Zeuge oder Breie
  kann man eine geringe Menge von Gummi oder von einem anderen in Wasser
  lslichen Bindemittel zusetzen. Um der Masse jeden erforderlichen Grad
  von Dichtigkeit und Festigkeit zu ertheilen, unterwirft man sie im noch
  feuchten Zustande dem Drucke hydraulischer oder anderer Pressen. Zum
  Krnen =der Schiessbaumwolle= werden die erwhnten Bogen, Scheiben etc.
  zu Stckchen von der erforderlichen Grsse zerschnitten, oder der noch
  Wasser und ausserdem eine geringe Menge Bindemittel enthaltende Zeug
  wird in ein Gefss gebracht, welchem man eine schwingende Bewegung
  ertheilt, wodurch er rasch in Krnchen von verschiedener Grsse
  verwandelt wird, die dann noch sortirt werden knnen, falls dies fr
  nthig befunden werden sollte. Bei diesen mechanischen Processen knnen
  anstatt Wasser auch andere Flssigkeiten, z. B. Holzgeist, Weingeist,
  Aether oder Gemische von diesen Flssigkeiten, mit oder ohne ein in
  diesen Flssigkeiten lsliches Bindemittel zur Anwendung kommen.
  Anstatt die ganze Masse der Schiessbaumwolle in Zeug oder Brei zu
  verwandeln, kann man auch einen Theil derselben in ihrem ursprnglichen
  Zustande lassen und mit dem Brei in solchen Verhltnissen mengen, dass
  das Gemenge nach dem Pressen eine feste, zusammenhngende Masse von der
  erforderlichen Dichtigkeit bildet. Diese solide Schiessbaumwolle kann,
  mag sie nun aus Zeug (Brei) allein, oder aus einem Gemenge von diesem
  mit faserigem Pyroxylin dargestellt worden sein, auch noch mit
  Collodium, also mit lslicher Schiessbaumwolle, in flssiger oder
  gelster Form berzogen oder damit imprgnirt werden. Solche feste
  Schiessbaumwolle kann auch aus Gemengen mehrerer Schiessbaumwollsorten
  von verschiedener Zusammensetzung, deren Eigenschaften bekannt sind, d.
  h. aus Schiessbaumwolle, welche in Gemischen von Alkohol und Aether,
  und in reinem oder mit Alkohol gemischtem Holzgeist lslich ist, und
  aus Pyroxylin, welches sich in diesen Flssigkeiten nicht lst,
  dargestellt werden; in diesem Falle knnen entweder beide oder nur eine
  von den beiden Schiessbaumwollsorten in Zeug oder Brei verwandelt
  werden, whrend die andere ihren faserigen Zustand beibehlt; oder es
  knnen auch beide Sorten im faserigen Zustande mit einander gemengt
  werden. Die Umwandlung dieser Gemenge in feste Massen kann dann
  entweder durch Druck allein -- sofern nmlich eine oder beide
  Varietten Breiform -- oder dadurch bewirkt werden, dass die in dem
  Gemenge vorhandene lsliche Schiessbaumwolle durch Behandlung mit den
  oben genannten, als Lsungsmittel wirkenden Flssigkeiten als
  Bindemittel benutzt wird, in welchem Falle die Gemenge mit oder ohne
  die Anwendung von Druck in feste Massen verwandelt werden knnen.
  Neuerdings ist die Schiessbaumwolle zum Filtriren starker Suren und
  hnlicher energisch wirkender Agentien empfohlen worden.

[Sidenote: Collodium.]

  =Maynard= benutzt die Auflsung der Schiessbaumwolle in Aether als
  klebendes Mittel und bezeichnet dasselbe mit dem Namen =Collodium= oder
  =Klebther=. Diese Lsung ist von Syrupconsistenz. Bringt man dieselbe
  als dnnen Ueberzug auf die Haut, so bildet sich durch Verdunsten des
  Aethers eine fest anhngende, undurchdringliche Schicht. Sie dient in
  der Chirurgie zum Verschliessen von Schnittwunden statt des englischen
  Pflasters, zur Erzeugung photographischer Bilder auf Glas, als
  wasserdichter Ueberzug statt des Harzfirnisses, so z. B. bei der
  Fabrikation der Salonzndhlzchen etc. Wenn man dieselbe der Luft
  aussetzt, so verdunstet der darin enthaltene Aether und hinterlsst ein
  dnnes, festes Hutchen, das in Wasser und Weingeist vollkommen
  unlslich ist und, mit der trockenen Hand gerieben, in hohem Grade
  negativ elektrisch wird. Eine vollkommen zusammenhngende und
  luftdichte Platte von Collodium kann so dnn dargestellt werden, dass
  sie die Farben der Newton'schen Ringe zeigt. =Legray= stellt durch
  folgendes Verfahren eine Schiessbaumwolle dar, die sich vollstndig in
  Aether lst: Man mischt 80 Grm. pulverisirten und getrockneten
  Kalisalpeter mit 120 Grm. englischer Schwefelsure; die breiartige
  Mischung wird, wenn sie sich zu stark erhitzt haben sollte, durch
  Eintauchen des Gefsses in kaltes Wasser abgekhlt; hierauf bringt man
  4 Grm. getrockneter Baumwolle hinein und arbeitet sie mit einem
  Porcellan- oder Glasspatel etwa fnf Minuten lang darin herum. Man
  bringt nun das Ganze in eine Schale mit Regenwasser, und sucht so
  schnell als mglich durch Zapfen und Drcken die Sure von der
  Baumwolle zu trennen. Nachdem durch mehrmaliges Auswaschen mit
  erneuerten Portionen frischen Wassers alle Sure entfernt worden,
  trocknet man die Baumwolle in gelinder Wrme. Nach =Mann= (in St.
  Petersburg) kommt es bei der Bereitung der Collodiumbaumwolle
  vorzglich auf den Wassergehalt der Schwefelsure, auf die Temperatur
  und Zeit bei der Einwirkung und auf die Gegenwart einer gewissen Menge
  Untersalpetersure in der Salpetersure an. Eine Schwefelsure von
  1,830-1,835 bei 15 (enthaltend 94 Proc. Monohydrat) eignet sich am
  besten zur Zersetzung des Salpeters. In einem Glascylinder bergiesst
  man 20 Th. gepulverten Salpeter mit 31 Th. Schwefelsure und rhrt
  beide so lange um, bis der Salpeter ganz zergangen ist. In die noch
  heisse Mischung, deren Temperatur aber hchstens 50 betragen darf,
  trgt man alsdann die Baumwolle ein und arbeitet gut durch, worauf man
  den Cylinder mit einer Glasplatte bedeckt und das Ganze ungefhr 24
  Stunden lang bei einer Temperatur von 28-30 stehen lsst. Das Gemenge
  wird mit kaltem Wasser so lange ausgewaschen, bis die zurckbleibende
  Wolle nicht mehr sauer reagirt. Die noch feuchte Wolle wird zuletzt
  durch die Behandlung mit kochendem Wasser von den letzten Spuren
  schwefelsauren Kalis, die von der Faser der Baumwolle hartnckig
  zurckgehalten werden, befreit. Bleibt die Baumwolle 5-6 Tage lang bei
  ungefhr 30 in der Mischung liegen, so gewinnt die Collodiumwolle nur
  an Gte. Eine 10-20 Minuten lange Behandlung der Baumwolle giebt ein
  vollkommenes Prparat. Auch mit Natronsalpeter kann Collodiumwolle
  erhalten werden; man wendet an 33 Th. Schwefelsure von 1,80 spec.
  Gewicht, 17 Th. Natronsalpeter und 1/2 Th. Baumwolle. Nach =Bchamp=
  erhlt man stets lsliche Schiessbaumwolle, wenn man die Baumwolle in
  das noch heisse Gemisch von Salpeter und Schwefelsure eintaucht und
  nicht wartet, bis dasselbe erkaltet ist; im entgegengesetzten Falle ist
  das Produkt unlslich, man kann es aber lslich machen, indem man es
  ein zweites Mal in das warme Gemenge der Sure mit dem Salpeter
  eintaucht. Essigther, essigsaures Methyloxyd, Holzgeist und Aceton
  lsen gleichfalls die Collodiumwolle auf; alkoholfreier Aether scheint
  auf dieselbe nicht einzuwirken. Gewhnlich wendet man zum Lsen von 1
  Th. Collodiumwolle ein Gemisch von 18 Th. Aether und 3 Th. Alkohol an.

[Sidenote: Anhang zur Schiessbaumwolle.]

  Durch gleiches Behandeln mit dem oben erwhnten Suregemisch kann man
  auch Werg, Holzspne, Papier (Pyropapier), Stroh, Zucker, Strke und
  besonders, wie bekannt, auch Glycerin und Mannit explosiv machen.


                              Das Kochsalz.

[Sidenote: Vorkommen.]

Das =Kochsalz= (Salz, Chlornatrium) besteht aus

                       Chlor    Cl  35,5    60,41
                       Natrium  Na  23      39,59
                                    -------------
                                    58,5   100,00

und ist sowol im festen Zustande (als Steinsalz), als auch aufgelst im
Meerwasser und als Salzsoole in der Rinde des Erdkrpers in reichlichster
Menge vorhanden. Als =Steinsalz= findet es sich in grossen Massen. Es
kommt mit Zwischenlagern von Thon und Gyps in grossen, fast ganz reinen
Stcken in Lagern von bedeutender Mchtigkeit, meist erst in Tiefen von
100 Meter vor. Massenhafte Steinsalzlager finden sich in den
Tertirgebilden der Karpathen und zwar im Norden derselben bei Wieliczka,
Bochnia, Laczko, Stebnik u. s. w., in der sdlichen Abdachung bei
Szlatina, Vizackna u. s. w.; in der Kreideformation bei Cardona in der
spanischen Provinz Catalonien; in den Alpen und zwar in den Ostalpen
Bayerns, ferner in Salzburg, Steiermark und Tyrol sind die allbekannten
Salzlager von Berchtesgaden, Hall, Hallein, Aussee, Hallstadt, Ischl u.
s. w. In der Triasformation kommen wichtige Salzlager vor im Teutoburger
Walde, in Wrttemberg, in der preussischen Provinz Sachsen, obenan die
Salzlager von Stassfurt und Erfurt, und in der Mark Brandenburg zu
Sperenberg bei Berlin[36]. Bemerkenswerth ist das gleichzeitige Vorkommen
von Steinsalz und Erdl (Petroleum) in den Alpen, den Karpathen, im
asiatischen Russland, in Syrien, Persien und an den Abfllen des
Himalaya; in Afrika, in Algerien und Abyssinien; in Amerika, sowol in der
Union und in Canada, als auch am Fusse der peruanischen und bolivischen
Anden etc. Nicht selten findet sich das Steinsalz mit Thon oder Mergel
gemengt und bildet dann den =Salzthon= und das =Haselgebirge=. Von der
ursprnglichen Lagersttte des Steinsalzes ist sein secundres Vorkommen
zu unterscheiden. Atmosphrische Wasser, welche in die Tiefe dringen,
lsen Salztheile auf und fhren sie auf die Oberflche. Auf solche Weise
bilden sich sowol einzelne Salzquellen, als auch Salzsmpfe und Salzseen,
aus denen durch allmlige Verdampfung das Salz sich wieder abscheidet;
damit steht auch das Vorkommen des Kochsalzes als Efflorescenz aus dem
Boden der Salzsteppen (=Steppensalz=, =Wstensalz=, =Erdsalz=) in
Zusammenhang. Bekanntere =Salzseen= sind der salzige See bei Eisleben,
der Eltonsee in der Nhe der Wolga, das Todte Meer und der durch die
Mormonen bekannt gewordene =Salt-Lake= bei Utah im Osten von dem
Felsengebirge in Nordamerika. Was die Bildung der =Salzquellen= oder
=Soolen= betrifft, so erleidet es keinen Zweifel, dass sie ihren
Kochsalzgehalt durch Auslaugung von Steinsalz sich aneigneten. Der
grossen Verbreitung der Fltzformation, welche durch das Vorkommen von
Steinsalz sich besonders auszeichnet, entspricht die grosse Anzahl von
Salzquellen in Deutschland. Das Kochsalz findet sich ferner im Meerwasser
gelst als =See=- oder =Meersalz=, oder in den Polargegenden auf den
Eisflchen in Krnerform abgeschieden, wo es den Namen =Rassol= fhrt.
Endlich ist nicht unerwhnt zu lassen, dass das Chlornatrium bei gewissen
chemischen Processen massenhaft als =chemisches Produkt= auftritt, so z.
B. in der Salpeterfabrikation aus Natriumnitrat und Chlorkalium.

  [36] Die im norddeutschen Bunde gelegenen Steinsalzlager wurden in
       folgenden Teufen erbohrt:

                  Heinrichshall bei Gera      91 Meter
                  Stotternheim (S.-Weimar)   334   "
                  Erfurt                     345   "
                  Artern                     286   "
                  Stassfurt                  259   "
                  Schningen (Braunschweig)  519   "
                  Schnebeck                 555   "

[Sidenote: Gewinnung des Kochsalzes aus dem Meerwasser.]

Das Meerwasser der verschiedensten Gegenden enthlt immer dieselben
Bestandtheile. Die Verschiedenheit in der Menge derselben ist usserst
gering und wird durch gewisse rtliche Verhltnisse, durch den Untergrund
des Meeres, durch die Verdnnung des Meerwassers an den Ksten und
Mndungen der Flsse durch Flusswasser, durch Eismassen in den
Polargegenden u. s. w. bedingt. Das spec. Gewicht des Meerwassers
schwankt bei +17 zwischen 1,0269 und 1,0289; das des Rothen
Meeres ist weit hher und betrgt 1,0306. In 100 Th. Meerwasser sind
enthalten:

    ================+=========+==============+==========+========
                    | Grosser | Atlantischer | Nordsee. | Rothes
                    |  Ocean. |    Ocean.    |          |  Meer.
    ================+=========+==============+==========+========
    Chlornatrium    |  2,5877 |    2,7558    |  2,5513  |  3,030
    Bromnatrium     |  0,0401 |    0,0326    |  0,0373  |  0,064
    Kaliumsulfat    |  0,1359 |    0,1715    |  0,1529  |  0,295
    Calciumsulfat   |  0,1622 |    0,2046    |  0,1622  |  0,179
    Magnesiumsulfat |  0,1104 |    0,0614    |  0,0706  |  0,274
    Chlormagnesium  |  0,4345 |    0,3260    |  0,4641  |  0,404
    Chlorkalium     |    --   |      --      |    --    |  0,288
    ----------------+---------+--------------+----------+--------
                    |  3,4708 |    3,5519    |  3,4384  |  4,534

Das in den verschiedenen Meeren aufgelste Salz ist, wie folgt,
zusammengesetzt:

  A: Kaspisches Meer.
  B: Schwarzes Meer.
  C: Ostsee[37].
  D: Nordsee durchschnittl. von 7 Stellen.
  E: Mittellnd. Meer durchschnittl. von 3 Stellen.
  F: Atlant. Ocean durchschnittl. von 3 Stellen.
  G: Todtes Meer durchschnittl. von 5 Stellen.

                                A     B     C     D     E     F     G
  Gehalt    { feste Salzmasse  0,63  1,77  1,77  3,31  3,37  3,63 22,30
  berhaupt { Wasser          99,37 98,23 98,23 96,69 96,63 96,37 77,70

  Die gelsten festen Bestandtheile
  enthalten in 100 Theilen
  { Chlornatrium              58,25 79,39 84,70 78,04 77,07 77,03 36,55
  { Chlorkalium                1,27  1,07   --   2,09  2,48  3,89  4,57
  { Chlorcalcium                --    --    --   0,20   --    --  11,38
  { Chlormagnesium            10,00  7,38  9,73  8,81  8,76  7,86 45,20
  { Bromnatrium und
  {   -Magnesium                --   0,03   --   0,28  0,49  1,30  0,85
  { Calciumsulfat              7,78  0,60  0,13  3,82  2,76  4,63  0,45
  { Magnesiumsulfat           19,68  8,32  4,96  6,58  8,34  5,29   --
  { Calcium- und
  {   Magnesiumcarbonat        3,02  3,21  0,48  0,18  0,10   --    --
  { Stickstoffh. u.
  {   bituminse Substanzen     --    --    --    --    --    --   1,00

  [37] Im Ostseewasser aus dem grossen Sunde zwischen den Inseln Oesel
       und Moon fand Baron =Sass= (1866) bei 1,00474 spec. Gewicht nur
       0,666 Proc. feste Bestandtheile.

1 Kubikmeter Meerwasser enthlt mithin etwa 28-31 Kilogr. Chlornatrium
und 5-6 Kilogr. Chlorkalium.

Man erhlt das Kochsalz aus dem Meerwasser

    a) vermittelst der Salzgrten durch Verdunstung;

    b) mit Hlfe von Frost;

    c) mit Hlfe von Brennmaterial.

[Sidenote: Mit Hlfe von Salzgrten.]

Die Gewinnung des Kochsalzes aus dem Meerwasser in den Meersalinen mit
Hlfe von =Salzgrten= erstreckt sich in Europa in den am Atlantischen
Ocean gelegenen Lndern (Frankreich, Spanien, Portugal) nur bis zum 48
nrdl. Breite. Ausser an den Ksten des Oceans wird von Seiten
Frankreichs und Spaniens die Meersalzgewinnung am Mittelmeere, Italiens
am Tyrrhenischen und Adriatischen Meere, Oesterreichs in Istrien und
Dalmatien betrieben. Sie geschieht auf folgende Weise: Man legt die
Salzgrten in einer flachen Gegend am Meeresufer an und zwar so, dass sie
gegen die Flut geschtzt sind; das Meerwasser geht zuerst in ein grosses
Reservoir, in welchem es hchstens 2 Meter oder mindestens 0,3 Meter hoch
steht. In diesem Behlter setzen sich alle Substanzen ab, welche
suspendirt in dem Meerwasser sich befanden. Durch einen hlzernen Kanal
luft das Wasser in kleinere Behlter, aus welchen es durch unterirdische
Rhren in die Grben fliesst, welche den Salzgarten allenthalben umgeben,
in welchen sich das Seesalz zum grossen Theil auf der Oberflche des
Wassers abscheidet. Das Salz wird gesammelt und auf den Gngen angehuft.
Man bildet aus dem herausgenommenen Salze entweder Kegel oder Pyramiden,
welche man durch Bedecken mit Seegras oder Stroh gegen den Regen schtzt.
Indem diese Haufen sich lngere Zeit berlassen bleiben, ziehen die
zerfliesslichen Salze -- das Chlormagnesium und das Chlorcalcium -- sich
in den Boden und hinterlassen das Seesalz ziemlich rein. Die in den
Salzgrten verbleibende Mutterlauge wird auf Chlorkalium (vergl. Seite
132), Glaubersalz und Magnesiasalze verarbeitet, nach einem Verfahren,
welches ursprnglich von =Herrmann= in Schnebeck herrhrt und in
Frankreich von =Balard= eingefhrt und von =Merle= verbessert wurde.

[Sidenote: Mit Hlfe von Frost.]

  Auch durch =Frost= lsst sich aus dem Meerwasser das Kochsalz gewinnen.
  Die dabei angewendete Methode grndet sich darauf, dass eine Lsung von
  Kochsalz bei einer Temperatur von einigen Graden unter dem
  Gefrierpunkte des Wassers sich spaltet in fast reines gefrierendes
  Wasser und eine flssigbleibende reichhaltigere Soole. Entfernt man das
  Eis und setzt man die Flssigkeit von Neuem der Klte aus, so lsst
  sich wieder ein Theil ihres Wassers als Eis entfernen und man erhlt
  endlich eine Salzsoole, aus welcher sich durch schwaches Eindampfen
  schon Kochsalz ausscheidet. Um ein reineres Produkt zu erhalten,
  reinigt man die Soole vor dem Eindampfen durch Kalk, wodurch die
  Magnesiasalze ersetzt werden.

[Sidenote: Mit Hlfe von Brennmaterial.]

  Das mit Hlfe von =Brennmaterial= aus dem Meerwasser dargestellte
  Kochsalz (_sel ignifre_) wird in der Normandie, besonders zu
  Avranchin, in den =Laverien= auf folgende Weise gewonnen. Man benutzt
  dort den salzhaltigen Sand an der Meereskste, um des Seewasser mit dem
  darin enthaltenen Salze zu sttigen. Das so erhaltene salzreiche
  Seewasser wird darauf abgedampft. Hufig wird am Ufer ein Damm oder
  Wall von Meeressand aufgeworfen, welcher zur Zeit der hchsten Flut vom
  Meere berflutet wird. In der Zwischenzeit von einer Flut zur andern
  wird der Sand theilweise trocken und bedeckt sich an der Oberflche mit
  einer Efflorescenz von Seesalz. Nur der vollkommen trockene Sand wird
  gesammelt und zwar tglich zwei bis drei Mal an der nmlichen Stelle.
  Die heissen Sommertage sind fr das Sammeln des Sandes am gnstigsten.
  Um den Sand auszulaugen, werden hlzerne Ksten angewendet, deren Bden
  aus schwachen Brettern bestehen, die man mit Strohschichten bedeckt.
  Die Ksten werden mit dem salzhaltigen Sand gefllt und ber denselben
  in jeden Kasten Seewasser gegossen. Indem dasselbe durch den Sand
  sickert, erhlt es ein specifisches Gewicht von 1,14 bis 1,17. Die
  Dichte dieser Soole wird mit Hlfe dreier Wachskugeln bestimmt, die mit
  Blei belastet sind. Die Salzsieder zu Avranchin halten Soole von 1,16
  specifischem Gewicht fr die zum Abdampfen am meisten sich eignende.
  Das Wasser wird in flachen viereckigen Bleipfannen eingesotten. Whrend
  des Siedens wird fleissig abgeschumt und von Zeit zu Zeit neues
  Salzwasser nachgefllt, bis das Salz sich krystallisch auszuscheiden
  beginnt. Ist dieser Zeitpunkt gekommen, so setzt man noch eine kleine
  Menge Salzwasser hinzu, um die Bildung von neuem Schaum zu bewirken,
  welchen man wieder entfernt. Hierauf wird unter fortwhrendem Umrhren
  die Masse zur Trockne gebracht. Die so erhaltene fein zertheilte, aber
  hchst unreine Masse wird in einem Korb ber der Siedepfanne
  aufgehngt. Durch die Einwirkung der Wasserdmpfe werden die
  zerfliesslichen Salze -- Chlormagnesium und Chlorcalcium -- zum
  grssten Theile entfernt. Darauf bringt man das Salz in ein Magazin,
  dessen Boden aus durch Auslaugen gereinigtem, trocknem und
  festgestampftem Sand besteht. Hier vollendet sich die Reinigung des
  Salzes von den zerfliesslichen Salzen, wodurch es noch gegen 20 bis 28
  Proc. an Gewicht verliert. Das so erhaltene Salz ist weiss und sehr
  rein. 700 bis 800 Liter Salzwasser liefern, je nach dem Salzgehalt des
  angewendeten Sandes, 150 bis 225 Kilogr. Salz.

  Zu Ulverstone in Lancashire wendet man jetzt noch ein Verfahren zur
  Gewinnung des Seesalzes aus dem Meerwasser an, welches dem
  franzsischen sehr hnlich ist. Eine andere Methode ist zu Lymington an
  der Kste von Hampshire, so wie auf der Insel Wight gebruchlich; sie
  besteht darin, das Seewasser durch natrliche Verdampfung etwa bis zu
  1/6 des ursprnglichen Volumens zu concentriren und die erhaltene Soole
  in gewhnlicher Art in Pfannen zu verdampfen. Das Concentriren
  geschieht in den sogenannten =Sonnenwerken= oder =Auswerken=, welche
  mit den gewhnlichen Salzgrten bereinstimmen und sich von diesen nur
  dadurch unterscheiden, dass das concentrirte Meerwasser nicht bis zur
  Ausscheidung des Salzes in den Bassins stehen bleibt. In und bei
  Liverpool gewinnt man den Salzgehalt des Meerwassers auf die Weise,
  dass man sich desselben zum Auflsen des zu raffinirenden Steinsalzes
  bedient. Das Vortheilhafte dieses Verfahrens ist einleuchtend, wenn man
  erwgt, dass dabei mindestens noch 2,3 Proc. Kochsalz aus dem
  Meerwasser gewonnen werden knnen. An der Ostkste Englands gestattet
  es der niedrige Preis der Steinkohlen, das Meerwasser durch
  unmittelbares Versieden auf Kochsalz zu benutzen, ohne es vorher durch
  Verdunstung zu concentriren. Aus den =Salzseen= (vergl. Seite 176)
  scheidet sich whrend der heissen Jahreszeit Salz mitunter in so
  grosser Menge ab, dass es wie eine Kruste den Boden bedeckt. Der
  Eltonsee allein liefert jhrlich auf diese Weise 20 Millionen Kilogr.
  Salz. Enorme Mengen Salz werden ferner aus dem merkwrdigen =Salt-Lake=
  im von den Mormonen bewohnten Territorium Utah in Nordamerika gewonnen.

[Sidenote: Gewinnung des Steinsalzes.]

Das =Steinsalz= ist sehr hufig von Anhydrit, Thon und Mergel begleitet.
Nicht selten findet sich das Steinsalz in unregelmssigen stockfrmigen
Massen eingeschlossen, welche im Wesentlichen aus Thon bestehen
(Salzthon); oder es werden die Salzmassen durch Mergellager
(Haselgebirge) eingeschlossen und von anderen Gebirgsarten getrennt. Im
Steinsalze selbst befinden sich zuweilen andere Mineralien abgesondert,
so z. B. der =Brongniartin= (Na_{2}SO_{4} + CaSO_{4}) bei Villarrubia in
Spanien, und die merkwrdigen =Mineralien des Steinsalzlagers in
Stassfurt=. Das Steinsalzlager bei Stassfurt ist mit einer Decke von
bitteren, bunten und zerfliesslichen Salzen, sogenanntem =Abraumsalz=
(aus 55 Proc. Carnallit, Sylvin und Kainit, 25 Proc. Kochsalz, 16 Proc.
Kieserit und 4 Proc. Chlormagnesiumhydrat bestehend), in einer Dicke von
nahezu 65 Meter versehen, welches ber 12 Proc. Kali enthlt und dadurch
fr die Technik als neue und beraus wichtige Kaliquelle auftritt.

  Die Zusammensetzung des Steinsalzes zeigt sich aus folgenden Analysen:

                           I.    II.   III.    IV.     V.    VI.
        Chlornatrium    100,00  99,85  99,92  99,43  98,14  99,63
        Chlorkalium       --     --     --     --    Spur    0,09
        Chlorcalcium      --    Spur    --     0,25   --     0,28
        Chlormagnesium   Spur    0,15   0,07   0,12   --     --
        Calciumsulfat     --     --     --     0,20   1,86   --
                        -----------------------------------------
                        100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00

  I. Weisses Steinsalz von Wieliczka, II. weisses und III. gelbes
  Steinsalz von Berchtesgaden, IV. von Hall in Tyrol, V. Knistersalz von
  Hallstadt, VI. Steinsalz von Schwbischhall.

  Das sogenannte =Knistersalz=, welches zu Wieliczka in
  krystallinisch-krnigen Massen vorkommt, hat die Eigenthmlichkeit, bei
  der Auflsung in Wasser unter kleinen Detonationen Gas zu entwickeln.
  Die mikroskopischen Hhlen, in denen sich das Gas eingeschlossen
  befindet, erleiden allmlig in dem Maasse, als das Salz sich lst, eine
  Verdnnung ihrer Wnde, die das Gas sehr bald befhigt, die Wnde unter
  Explosion zu durchbrechen und zu entweichen. Das entweichende Gas ist
  entzndlich. Es besteht aus comprimirten Kohlenwasserstoffgasen,
  welche, wenn das Knistersalz von unterirdischen Wassern aufgelst, zum
  Theil als Gas zum Ausstrmen gelangen, theils im verdichteten Zustande
  als Petroleum oder Bergl ausfliessen. Beachtenswerth ist, wie schon
  oben erwhnt, das gleichzeitige Vorkommen von Petroleum und Steinsalz
  an vielen Orten. Die im =Stassfurter= Steinsalzlager sich findenden
  Mineralien sind nach F. =Bischof=, =Reichardt=, =Zincken= u. A.
  folgende:

  A = Chemische Formel.
  B = In 100 Gewichtstheilen sind enthalten:
  C = Spec. Gewicht d. Verbindung.
  D = 100 Gewichtstheile Wasser lsen bei 18-3/4C.
  E = Synonym und Bemerkungen.

  ==========+=============+=====================+======+=======+=========
            |      A      |          B          |   C  |   D   |     E
  ==========+=============+=====================+======+=======+=========
            |             |                     |      |       |
  Anhydrit  |  CaSO_{4}   |100 Calciumsulfat.   | 2,968| 0,20  |Karste-
            |             |                     |      |       |nit.
           {|             |26,82 Magnesia.      |}     |fast   |
  Boracit  {|B_{16}O_{30} |62,57 Borsure.      |} 2,91|unls- |Stassfur-
           {| Cl_{2}Mg_{7}|10,61 Chlormagnesium.|}     |lich.  |tit.
            |             |                     |      |       |
           {|             |26,76 Chlorkalium.   |}     |       |
  Carnallit{| KMgCl_{3}   |34,50 Chlormagnesium.|}1,618| 64,5  |Enthlt
           {| + 6 H_{2}O  |38,74 Wasser.        |}     |       |Brom.
            |             |                     |      |       |
  Eisen-    | Fe_{2}O_{3} | 100 Eisenoxyd.      | 3,35 | unls-|{Eisen-
  glimmer   |             |                     |      | lich. |{glanz.
            |             |                     |      |       |{Eisen-
            |             |                     |      |       |{rahm.
            |             |                     |      |       |
           {| MgSO_{4} +  |87,10 Magnesium-     |}     | 40,9  |Martin-
  Kieserit {| H_{2}O[38]  |      sulfat.        |}2,517|       |sit?
           {|             |12,90 Wasser.        |}     |       |
            |             |                     |      |       |
           {| 2CaSO_{4}   |45,18 Calciumsulfat. |}     | zer-  |
           {| MgSO_{4}    |19,93 Magnesium-     |}2,720| setzt |
  Polyhalit{| K_{2}SO_{4} |      sulfat.        |}     | sich  |
           {| 2H_{2}O     |28,90 Kaliumsulfat.  |}     |bei der|
           {|             | 5,99 Wasser.        |}     | Aufl-|
           {|             |                     |}     | sung. |
            |             |                     |      |       |
  Steinsalz |    NaCl     |100 Chlornatrium.    | 2,200| 36,2  |
            |             |                     |      |       |
            |             |                     |      |       |{Scht-
            |             |                     |      |       |{zellit.
  Sylvin    |    KCl      |100 Chlorkalium.     | 2,025| 34,5  |{Hvelit.
            |             |                     |      |       |{Leopol-
            |             |                     |      |       |{dit.
            |             |                     |      |       |
           {| CaCl_{2}    |21,50 Chlorcalcium.  |}     |       |
  Tach-    {| 2MgCl_{2}   |36,98 Chlormagnesium.|}1,671| 160,3 |
  hydrit   {| 12H_{2}O    |41,52 Wasser.        |}     |       |
            |             |                     |      |       |
           {| K_{2}SO_{4} |36,34 Kaliumsulfat.  |      |       |{
  Kainit   {| MgSO_{4}    |25,24 Magnesium-     |      |       |{Enthlt
           {| MgCl_{2}    |     sulfat.         |      |       |{Brom.
           {| 6H_{2}O     |18,95 Chlormagnesium.|      |       |{
           {|             |19,47 Wasser.        |      |       |{
            |             |                     |      |       |
  Schnit  {| K_{2}SO_{4} |43,18 Kaliumsulfat.  |      |       |
  oder     {| MgSO_{4}    |29,85 Magnesium-     |      |       |
  Pikro-   {| 6H_{2}O     |      sulfat.        |      |       |
  merit    {|             |26,97 Wasser.        |      |       |

  [38] Der sehr verschiedene Wassergehalt, der bei den Analysen des
       =Kieserits= gefunden wurde, machen es nach =Rammelsberg= nicht
       unwahrscheinlich, dass dieses Mineral ursprnglich =wasserfrei=
       ist.

  Der Sylvin kommt ausser in Stassfurt auch noch in grsster Menge im
  Hangenden des oberen Salzthonlagers bei =Kalucz= in Galizien vor.

[Sidenote: Gewinnung des Steinsalzes.]

  Das =Verfahren zur Gewinnung des Steinsalzes= ist ein sehr
  verschiedenes, je nachdem das Steinsalz zu Tage tritt oder durch
  Schchte, Stollen, Schrfe oder Bohrlcher entweder unter der
  Erdoberflche oder unter einer Gebirgsdecke vorkommt. Tritt das
  Steinsalz zu Tage, so wird es =steinbruchhnlich= gewonnen und diese
  Methode der Gewinnung ist natrlich die einfachste und billigste. Ist
  aber die unterirdische bergmnnische Gewinnung erforderlich, so ist
  dieselbe um so kostspieliger, in je grsserer Tiefe das Steinsalz
  lagert. Hufig ist aber nicht nur die Tiefe der Steinsalzlager unter
  der Oberflche der Erde, sondern auch die Beschaffenheit der Ablagerung
  selbst, auch wol die einmal eingefhrte Art der Benutzung des
  Steinsalzes auf die Wahl der Gewinnungsart von Einfluss. Oefters ist
  das Steinsalz aus Gemengen von Steinsalz, Salzthon, Gyps, Dolomit etc.
  zusammengesetzt; das so verunreinigte Steinsalz wrde als Kochsalz
  nicht angewendet werden knnen, sondern erst durch Auflsen und
  Versieden in Siedesalz umgewandelt werden mssen. Im letzteren Falle
  sucht man die Frderungs- und Auflsungskosten dadurch zu ersparen,
  dass man der Natur das Geschft des Auflsens auf der Lagersttte
  selbst bertrgt und die gesttigte Salzlsung zu Tage frdert. Ob man
  durch =Schchte= (senkrechte Gruben) oder durch =Stollen= (horizontale
  Gnge, welche von aussen bis zu dem Salzlager gefhrt werden) am
  zweckmssigsten den Sulzberg erreicht, darber entscheidet nicht nur
  die Tiefe desselben, sondern auch die Art des zu durchbrechenden
  Gesteines und die Mglichkeit, zudringende Wsser abzuleiten. Fr den
  Bau auf Steinsalz ist es ein hchst gnstiger Umstand, dass in das
  Steinsalzgebirge so leicht kein Wasser eindringt, indem der das
  Steinsalz umgebende Salzthon das Wasser zurckhlt und das massive
  Steinsalz sich durch die entstehende gesttigte Soole einen natrlichen
  Schutzdamm gegen das eindringende Wasser bildet. Nicht allein nur die
  unbedeutende Menge des Wasserzuflusses, sondern auch das massenhafte
  Vorkommen des Steinsalzes, dessen Cohsionsverhltnisse es gestatten,
  dass hangende Steinsalz- und Salzthonmassen keine Untersttzung
  brauchen, durch deren Beschaffung die Gewinnungsarbeiten, z. B. bei den
  Steinkohlen, so bedeutend erschwert und vertheuert werden, tragen zur
  Erleichterung des Bergbaues auf Steinsalz wesentlich bei. Ist das
  Gebirge, welches das Steinsalz bedeckt, frei von Spalten, durch welche
  Wasser eintreten kann, so lassen sich Steinsalzmassen auf weite
  Strecken ausbrechen, ohne den darber lagernden Schichten eine Sttze
  zu geben. Diese Abbaumethode fhrt den Namen =Glockenbau=; sie ist in
  den sdstlichen Karpathenlndern gebruchlich. Eine andere
  Abbaumethode ist der =Kammerbau=, bei welchem das Steinsalz in durch
  mchtige Pfeiler von einander getrennten Rumen (Kammern) weggenommen
  wird.

[Sidenote: Gewinnung der Salzsoolen.]

Die =Salzsoolen= finden sich in der Natur in den Salzquellen. In den
letzten Jahrzehnden hat man die Natur dadurch untersttzt, dass man sich
den Salzlagern, welche die sssen Quellen in Salzquellen berfhrten,
=durch Bohrlcher= zu nhern oder dieselben zu erreichen suchte. Die
Bohrlcher sind mithin knstlich dargestellte Soolquellen von solcher
Reichhaltigkeit, dass nach und nach die Benutzung der schwachen
natrlichen Salzquellen berflssig wird. Der Salzgehalt eines Bohrloches
ist begreiflicherweise am grssten, wenn das Steinsalzlager selbst
erreicht worden ist; in einzelnen Fllen wird durch ein Bohrloch eine
Anreicherung einer salzarmen Soole herbeigefhrt. Um die natrlichen
Soolquellen zu gewinnen, werden dieselben gefasst, d. h. sie werden in
einen Schacht oder Brunnen (Soolbrunnen), welcher zugleich als Reservoir
fr grssere Mengen von Soole dienen kann, vereinigt. Da die meisten
natrlichen Soolen zu salzarm sind, um sofort versotten werden zu knnen,
sondern erst durch den Gradirprocess einen Theil ihres Wassergehaltes
verlieren mssen, so ist es beim Heben der Soole aus dem Brunnen am
vortheilhaftesten, dieselbe sogleich auf die Gradirhuser zu heben.
Aelter als die Gewinnung der gesttigten Salzsoole mit Hlfe von tiefen
Bohrlchern ist die Darstellung der gesttigten Soolen auf der
Salzlagersttte in den sogenannten =Sinkwerken=, =Whren= oder
=Sulzenstcken=. Das lteste Verfahren zum Auslaugen des
steinsalzhaltenden Salzthones bestand darin, in den Salzthon eine Grube
oder eine Cisterne auszugraben und diese mit Wasser auszufllen. Nachdem
das Wasser alles Salz aufgelst hatte, wurde es ausgeschpft und in
Kesseln eingekocht. Das ausgelaugte Gebirge heisst =Heidengebirge=. Die
aus den Sinkwerken abgelassene Soole bleibt in Reservoiren zum Abklren
einige Tage ruhig stehen, ehe sie versotten wird. Von der Bereitung
gesttigter Soolen in den Sinkwerken unterscheidet sich die Gewinnung
zahlreicher oder gesttigter Soolen mit Hlfe von =Bohrlchern=. Diese
Soole stammt entweder von einer fliessenden Salzquelle oder einem
Soolreservoir im Steinsalzgebirge oder endlich davon her, dass
Grubenwasser oder absichtlich eingeleitetes Tagewasser Steinsalz im
Gebirge auflste. Es ist einleuchtend, dass ein jedes Bohrloch als der
senkrechte Schenkel einer communicirenden Rhre, deren anderer Schenkel
durch gegen den Horizont geneigte Quellen gebildet wird, in der That ein
artesischer Brunnen ist; diese Quellen werden durch das Bohrloch frher
mit der Erdoberflche in Verbindung gesetzt, als es bei dem natrlich
fortgesetzten Laufe der Quellen geschehen sein wrde. Die zur Hebung der
Soole erforderliche Kraft ist von der Hhe abhngig, bis zu welcher die
Quelle im Bohrloche aufsteigt. Ist die Steigkraft so gross, dass sich das
Wasser nicht nur bis zur Mndung des Bohrloches, sondern durch
aufgesetzte Rhren noch ber die Erdoberflche erheben wrde, so wird die
hebende Kraft in der Pumpe (das Einsetzen und Bewegen eines Kolbens)
berflssig. Die aus den Bohrlchern gehobene Soole ist meist durch
Schlammtheilchen von Salzthon oder von Gyps getrbt. Die Soole muss
deshalb in den Reservoirs einige Zeit zum Abklren stehen bleiben, ehe
sie zum Sieden verwendet wird. Zum Fortleiten der Soole wendet man
hlzerne und gusseiserne Rhren, frher auch Bleirhren an.[39]

  [39] In Berchtesgaden wird die berschssige Sinkwerkssoole nach
       Reichenhall geleitet, mit der dortigen Quellsoole gattirt und auf
       den drei Salinen Reichenhall, Traunstein und Rosenheim auf Salz
       verarbeitet. Die Lnge der Soolenleitung von Berchtesgaden ber
       Reichenhall nach Rosenheim betrgt 12,5 deutsche Meilen, wozu noch
       eine fast 1,5 Meilen lange Rhrenleitung vom Theilungspunkte bei
       Hammer bis nach Traunstein kommt, so dass eine fast 14 Meilen
       lange Rhrenfahrt erforderlich gewesen, um die Verbindung zwischen
       smmtlichen sdbayerischen Salinen zu Stande zu bringen.

  Man theilt je nach der Art der Verunreinigung die Soolen in zwei
  Klassen, die =Soolen erster Klasse= sind mit schwefelsauren Salzen
  (Bittersalz, zuweilen auch Glaubersalz) und mit Chlormagnesium
  verunreinigt, die =Soolen zweiter Klasse= enthalten neben dem Kochsalz
  Chlorcalcium und Chlormagnesium. Die Soolen, besonders diejenigen,
  welche durch Torfgrnde oder Braunkohlenlager fliessen oder in einem
  solchen Terrain zu Tage treten, enthalten frbende =organische
  Substanzen= (Humussure, Quellsure, Quellsatzsure).

[Sidenote: Darstellung des Kochsalzes aus den Soolen.]

Die Gewinnung des Kochsalzes aus den Soolen zerfllt in zwei Operationen:

    a) in die Anreicherung der Soolen
         [Greek: a]) durch Erhhung des Salzgehaltes,
         [Greek: b]) durch Verminderung des Wassergehaltes;
    b) in das Versieden der siedewrdigen Soole.

[Sidenote: Die Anreicherung der Soolen.]

Die natrlichen Soolquellen enthalten selten so viel Kochsalz, dass sie
siedewrdig erscheinen. Es folgt daraus die Nothwendigkeit, ihren
Salzgehalt zu erhhen (die Soole anzureichern), was entweder ([Greek: a])
geschehen kann durch Auflsen von Salz (Steinsalz), welches im
natrlichen Zustande oft nicht zu verwenden ist und deshalb dem
Reinigungsprocess unterworfen werden muss, oder ([Greek: b]) durch
Verminderung des Wassergehaltes ohne Anwendung von Brennmaterial. Ob das
Anreicherungsmittel Steinsalz oder Meersalz oder gesttigte knstliche
Salzsoole; ob ferner das Auflsungsmittel schwache Quellsoole oder
Meerwasser oder eine nicht gesttigte Bohrlochs- oder Sinkwerkssoole ist,
hat auf die Bereitung der Soole keinen Einfluss. Bedient man sich zur
Anreicherung der Quellsoole zugleich des Steinsalzes und der Gradirung,
so ist es am zweckmssigsten, das zur Anreicherung anzuwendende Steinsalz
unter die Dornenwnde des letzten Gradirfalles zu bringen.

[Sidenote: Durch Gradiren.]

Die Anreicherung einer Soole durch Verminderung des Wassergehalts heisst
das =Gradiren der Soole=. Diese Anreicherung kann geschehen durch
Frostklte (Eisgradirung) oder durch Verdunsten des Wassers (eigentliche
Gradirung). Die =eigentliche Gradirung= durch Verdunstung eines Theiles
des Wassers ist _a_) Sonnengradirung, _b_) Tafelgradirung, _c_) Dach-
oder Pritschengradirung, _d_) Trpfelgradirung.

  Die =Sonnengradirung= wird bei der Gewinnung des Seesalzes in den
  Salzgrten angewendet und geschieht auch in den Salzseen Russlands, aus
  welchen des Salz blos durch Verdunsten des Wassers mittelst der
  Sonnenwrme ausgeschieden wird. Setzt man die Sonnengradirung bis zur
  Aussonderung des Salzes fort, so nennt man das so erhaltene Salz
  =Sonnensalz=. Die =Tafelgradirung=, eine zu Reichenhall versuchsweise
  angewendete Verdunstungsmethode, besteht darin, die zu gradirende Soole
  langsam aus staffelfrmig unter einander gestellten Reihen von Kasten
  herabfliessen zu lassen. Die Soole wird also bis in die oberste Reihe
  von Kasten gehoben, luft aus dieser in die zweite Reihe, dann in die
  dritte, vierte Reihe u. s. f., bis sie endlich in die unterste
  Kastenreihe gelangt, aus welcher die Soole in ein Bassin luft, um
  entweder zur Siedung abgegeben zu werden oder noch einmal zur weiteren
  Concentration die Kastenreihe durchzumachen. Die Vorzge der
  Tafelgradirung vor der Sonnengradirung sollen darin bestehen, dass der
  Abdampfungsprocess beschleunigt wird. Die =Dach=- oder
  =Pritschengradirung= ist keine besondere Gradirmethode, sondern es ist
  die Bedachung der Soolenbehlter nebenbei dazu benutzt worden, die in
  das Reservoir zu leitende Soole auf der geneigten Flche, welche die
  Bedachung der Behlter bildet, langsam niederfliessen zu lassen. An
  hellen Sonnentagen kann die dadurch bewirkte Anreicherung der Soole
  eine sehr bedeutende sein. Man hat ferner eine =Seil=- oder
  =Strickgradirung= vorgeschlagen, bei welcher die Soole an Seilen
  herabrinnt. Werden anstatt der Seile Streifen aus Leinwand angewendet,
  so heisst die Gradirung =Coulissengradirung=.

[Sidenote: Dorn- oder Trpfelgradirung.]

Die wichtigste Gradirung ohne Feuer ist die =Trpfel=- oder
=Dorngradirung=. Die =Gradirhuser= oder =Leckwerke= haben Dornwnde, aus
Balkengersten bestehend, deren Zwischenrume mit Dornen (Schwarzdorn
oder Schlehdorn, _Prunus spinosa_) ausgelegt sind. Jede Gradirwand, deren
Lnge sich nach der Grsse der Saline richtet, steht mit ihrem Fusse ber
einem aus Bohlen construirten wasserdichten Behlter (dem =Sumpfe=,
=Bassin= oder =Hlter=), welcher die an den Dornen herabrinnende gradirte
Soole aufzunehmen bestimmt ist. Der obere Theil der Gradirhuser ist
zuweilen mit einem Dache versehen, hufig auch nicht. Auf dem Gradirhause
luft der ganzen Lnge nach ein wasserdichter Kasten (der =Tropfkasten=
oder =Soolkasten=), der die zum Gradiren bestimmte Soole aufnimmt. Der
Tropfkasten ist mit =Tropfhhnen= versehen, aus welchen die Soole in
Rinnen, an denen Einschnitte sich befinden, luft; aus diesen
Einschnitten gelangt die Soole auf die Dornen. Die Grsse des
Soolenabflusses aus den Tropfhhnen wird durch das =Stellen= der Hhne
regulirt. Die sogenannte =Geschwindstellung= ist eine
Umstellungsvorrichtung, welche den Zweck hat, die Soole bei genderter
Richtung des Windes auf die entgegengesetzte Seite der Dornwnde zu
leiten. Die bewegenden Krfte auf den Salinen zum Aufbringen der Soole
auf die Gradirhuser, so wie zur weiteren Fortleitung der gefallenen
Soole sind Wasserrder, Gpel, Dampfmaschinen und Windmhlen. Man lsst
die Soole wiederholt von den Gradirwerken herabfallen. Die Soole kann
durch das Gradiren bis zu 26 Proc. Salzgehalt angereichert werden,
obgleich eine solche Lthigkeit auf wenigen Salinen erreicht wird.

  Die Trpfelgradirung ist nicht nur ein Anreicherungsprocess, sondern
  auch ein =Reinigungsprocess=, indem ein Theil des Rohsalzgehaltes der
  Soole, der nicht Kochsalz ist, auf den Dornen der Wnde als =Dornstein=
  zurckbleibt. Die Beschaffenheit dieses Steines hngt zwar von der
  Zusammensetzung der Quellsoole ab, doch ist seine Zusammensetzung
  ziemlich bereinstimmend. Meist besteht er nur aus Gyps und auf dem
  ersten Soolfalle aus Calciumcarbonat, wenn die Soole viel
  Calciumbicarbonat aufgelst enthielt. Wenn nach einigen Jahren der
  Dornstein zu stark wird, mssen die Dornen herausgenommen und durch
  frische ersetzt werden. Der Dornstein wird im getrockneten und
  gemahlenen Zustande als Dngemittel verwendet. In den Smpfen, welche
  die gradirte Soole aufnehmen, setzt sich ein dicker Schlamm ab,
  =Zunder= oder =Sinter= genannt. Er besteht aus Gyps, Calciumcarbonat
  und Eisenoxydhydrat. Die Trpfelgradirung hat in neuerer Zeit, seitdem
  die Bohrlcher fast allenthalben siedewrdige Soole liefern, viel von
  ihrer Bedeutung eingebsst.

[Sidenote: Das Versieden derm Soole.]

Die Aufgabe des Siedeprocesses ist, das Maximum an reinem und trocknem
Salze mit dem Minimum an Brennstoff aus einer gegebenen Soole
darzustellen. Die ltesten Siedeeinrichtungen waren kesselartige Gefsse.
Gegenwrtig wendet man =Siedepfannen= aus zusammengenieteten gehmmerten
Eisenblechplatten an, deren Lnge 10 Meter, deren Tiefe 0,6 Meter
betrgt. Sie ruhen theils auf gemauerten Pfeilern, theils auf den
Mauern, wodurch zugleich der Zug bedingt wird. Die Pfannen sind mit einem
Dampfmantel (=Brodemfang=) versehen, welcher oberhalb des Daches
ausmndet und die Wasserdmpfe in die Luft fhrt. Die Soole, welche man
in die Siedepfanne bringt, enthlt, je nachdem sie gradirte Quellsoole
oder Bohrsoole ist, 18 bis 26 Proc. Salz; die Pfannen werden damit bis
zur Hhe von 0,3 Meter angefllt.

In vielen Salinen zerfllt der Siedeprocess in zwei Abtheilungen:

    a) in die Wasserverdampfung bis zur Sttigung der Soole in der
       Siedehitze (das =Stren=),

    b) in die Wasserverdampfung von der siedend gesttigten Soole, damit
       das Salz sich krystallinisch abscheide (das =Soggen=, Soogen oder
       Socken).

Das Sieden wird ununterbrochen mehrere Wochen fortgesetzt. Es sondert
sich dabei Gyps und schwefelsaures Natrium theils als Schaum, welcher
abgenommen wird, theils als Absatz aus, welchen man mit einer Krcke
herausschafft. Sobald sich auf der Oberflche der siedenden Soole eine
Salzhaut bildet, hat die Soole die Gare erreicht und man schreitet zum
Soggen des Salzes. Whrend der Periode des Soggens wird die Temperatur
der Flssigkeit auf 50 erhalten. Dabei fllt nun die entstandene
Salzhaut aus der Soole in kleinen Krystallen zu Boden, es bildet sich
eine neue Haut u. s. f., bis sich endlich keine oder nur eine sehr
schwache Salzhaut erzeugt. Von nun an wird das gesoggte Salz
=ausgewirkt=, d. h. mit Schaufeln (Soggestielen) herausgenommen und in
konische Krbe aus Weidengeflecht (=Salzkrbe=) gebracht, die man auf
einem an dem Brodemfang angebrachten Gerste abtropfen lsst, bis nichts
mehr abfliesst, worauf man das Salz in der =Trockenkammer= (Darrstube),
welche auf dem Bodenraume des Siedehauses (der =Salzkothe=) angebracht
sind, trocknet und zuletzt in Fsser oder Tonnen bringt.

  Die Menge der Mutterlauge, welche nach Ablauf einer Siedeperiode von
  zwei, drei oder mehreren Wochen zurckbleibt, ist, mit der Menge der
  versottenen Soole verglichen, eine sehr geringe. Frher wurde sie meist
  weggegossen oder zu Bdern gebraucht. Gegenwrtig bereitet man daraus
  Chlorkalium, schwefelsaures Natron, schwefelsaure Magnesia, knstliches
  Bitterwasser, auf einzelnen Salinen (Schnebeck und Kreuznach) auch
  Brom. Begreiflicherweise erhlt man aus einer Soole niemals die
  Salzmenge, welche man nach dem Salzgehalte der eingelassenen Soole
  erhalten sollte, indem theils fremdartige Stoffe als =Pfannenstein=
  beim Sieden abgeschieden werden, theils ein gewisser Theil des Salzes
  in der Mutterlauge bleibt. Hierin und in dem Verlust, welcher aus dem
  mechanischen Verstreuen des Salzes bei den Arbeiten des Wirkens und dem
  Transportiren des Salzes nach den Trockenstuben und nach den Magazinen
  sich zeigt, besteht der =Siedeverlust=. Dieser betrgt in den Salinen

                        zu Reichenhall 8 Procent,
                         "  Traunstein 8    "
                         "  Rosenheim  8    "
                         "  Schnebeck 9,25 "

  Bei Soole aus Bohrlchern ist er zwar geringer, doch betrgt er auch
  hier noch 4 bis 6 Procent.

[Sidenote: Denaturirung des Salzes.]

  In Folge des monopolistischen Zwanges, welchem das Kochsalz bei der
  Gewinnung und dem Verkaufe (bis 1867) unterworfen war, kommt es vor,
  dass das Kochsalz absichtlich durch die Administration verunreinigt
  (denaturirt) wird, damit es zu dem innerlichen Gebrauche untauglich
  werde und nur zu technischen Zwecken oder als Viehsalz (Lecksalz) oder
  endlich als Dngemittel Anwendung finde. Nach der Bestimmung des
  deutschen Zollbundesrathes vom 8. Mai 1868 ber die =Salzdenaturirung=
  sind in smmtlichen Zollvereinsstaaten als Mischungsmittel bestimmt
  worden: fr Vieh- und Dngsalz 1/4 Proc. Eisenoxyd oder Rthel
  (eisenschssiger Thon), ausserdem 1 Proc. Pulver von unvermischtem
  Wermuthkraut wenn Siedesalz, und wenn Steinsalz fr Viehsalzbereitung
  verwendet wird, 1/2 Proc. desselben Pulvers. Das Wermuthpulver kann
  auch durch die doppelte Menge Heuabflle in vllig zerkleinertem
  Zustande theilweise ersetzt werden, und zwar so, dass zum Siedesalze
  mindestens noch 1/4, zum Steinsalz mindestens noch 1/8 Proc.
  Wermuthpulver verwendet werden muss. Auch darf bei Steinsalz, statt 1/2
  Proc. Wermuthpulver, 1/4 Proc. Holzkohle zugefgt werden. Die
  Denaturirung aber des zu gewerblichen Zwecken bestimmten Salzes hat zu
  geschehen durch Beimischung von 5 Proc. calcinirtem oder mit 11 Proc.
  krystallisirtem Glaubersalz, oder endlich mit 5 Proc. Kieserit und 1/2
  Proc. gemahlener Holzkohle oder Asche. Ausserdem sind mit Genehmigung
  fr chemische Fabriken, Seifensiedereien, Gerbereien etc. auch andere
  fr sie besonders passende Denaturirungsmittel zulssig. (Im
  Grossherzogthum Hessen nimmt man seit 1870 zum Denaturiren des Salzes
  zum Eisenfrischen 10 Proc. Braunstein oder 3 Proc. conc. Schwefelsure
  mit 4 Th. Wasser; fr die Feilenfabrikation 5 Proc. Klauenmehl oder
  2-1/2 Proc. Klauenmehl mit 2-1/2 Proc. Photogen oder 33-1/3 Proc.
  Lederpulver.)

[Sidenote: Eigenschaften des Kochsalzes.]

  Das Kochsalz krystallisirt in farblosen Wrfeln oder in einer Form, die
  sich auf die Wrfelform zurckfhren lsst. Nach der Grsse der Wrfel
  unterscheidet man grob-, mittel- und feinkrniges Salz, ferner Salz von
  mildem und von scharfem Korn. Ersteres besteht aus vollkommen
  ausgebildeten Wrfeln und fhlt sich daher rauh und scharf an. Das
  milde Salz besteht zum Theil aus kleinen tafelfrmigen und spiessigen
  Krystallen und lsst sich mit der Hand zusammenballen, whrend das Salz
  von grobem und scharfem Korn auseinanderfllt, sobald der Druck
  nachlsst. Die Grsse der Krystalle hngt von der Zeit ab, in der die
  Verdampfung der Soole erfolgt, man hat demnach in der Beschleunigung
  und Verzgerung des Abdampfprocesses ein einfaches Mittel, Salz von
  beliebiger Korngrsse darzustellen. Soll Salz von grobem Korne
  dargestellt werden, so muss das Niedersinken der auf der Oberflche der
  Soole sich ausscheidenden Krystalle durch Ruhigstehenlassen der
  Flssigkeit verzgert werden. Das sogenannte =Sonntagssalz=, welches
  whrend des Sonntags und der Feiertage, an denen nicht gesoggt wird, in
  den Pfannen sich abscheidet, ist ein derartiges grobkrniges Salz.
  Vollkommen reines Kochsalz ist nicht hygroskopisch; in dem gewhnlichen
  Siedesalz sind es auch nur die Beimengungen von Chlormagnesium und
  Chlorcalcium, welche das Salz hygroskopisch machen. Der Wassergehalt
  des Salzes betrgt 2,5-5,5 Proc. Beim Erhitzen des Kochsalzes bis zur
  Glhhitze verknistert oder decrepitirt es, indem die zwischen den
  Lamellen der Krystalle eingeschlossene Mutterlauge Wasserdmpfe
  entwickelt und die Krystalle zersprengt. In der hellen Rothglhhitze
  schmilzt das Salz zu einer farblosen lartigen Flssigkeit, in der
  Weissglhhitze verflchtigt es sich unverndert. Das Kochsalz ist
  leicht lslich in Wasser, 100 Theile Wasser lsen bei 12 C. 35,91
  Theile Kochsalz. Es ist eine Eigenthmlichkeit des Kochsalzes, von
  heissem Wasser nicht in bedeutend grsserer Menge aufgelst zu werden,
  als in kaltem.

  Um das Verhltniss des Kochsalzes zum Wasser in einer Soole
  auszudrcken, braucht man den Ausdruck =Lthigkeit= oder
  =Procentigkeit=. Eine 15lthige Soole besteht mithin in 100
  Gewichtstheilen aus 15 Gewichtstheilen Kochsalz und 85 Theilen Wasser.
  Die =Grdigkeit= der Soole bezeichnet die Gewichtsmenge Wasser der
  Soole, welche 1 Gewichtstheil Kochsalz enthlt, so ist eine 15,6grdige
  Soole eine solche, in welcher 1 Gewichtstheil Kochsalz von 15,6
  Gewichtstheilen Wasser in Lsung gehalten wird. Die =Pfndigkeit= der
  Soole drckt die Salzmenge in Pfunden aus, welche in einem Kubikfuss
  Soole enthalten ist. Die Lthigkeit einer Soole lsst sich aus dem
  specifischen Gewichte nach folgender von =Gerlach= (1859) revidirten
  Tabelle ermitteln:

  -----------+----------+------------+----------+------------+---------
  Lthigkeit.|  Spec.   | Lthigkeit.|  Spec.   | Lthigkeit.|  Spec.
             | Gewicht. |            | Gewicht. |            | Gewicht.
  ===========+==========+============+==========+============+=========
     1       |  1,0075  |    7,5     |  1,0565  |    16      |  1,1206
     1,5     |  1,0113  |    8       |  1,0603  |    17      |  1,1282
     2       |  1,0151  |    8,5     |  1,0641  |    18      |  1,1357
     2,5     |  1,0188  |    9       |  1,0679  |    19      |  1,1433
     3       |  1,0226  |    9,5     |  1,0716  |    20      |  1,1510
     3,5     |  1,0264  |    10      |  1,0754  |    21      |  1,1593
     4       |  1,0302  |    10,5    |  1,0792  |    22      |  1,1675
     4,5     |  1,0339  |    11      |  1,0829  |    23      |  1,1758
     5       |  1,0377  |    11,5    |  1,0867  |    24      |  1,1840
     5,5     |  1,0415  |    12      |  1,0905  |    25      |  1,1922
     6       |  1,0452  |    13      |  1,0980  |    26      |  1,2009
     6,5     |  1,0490  |    14      |  1,1055  |    26,39   |  1,2043
     7       |  1,0526  |    15      |  1,1131  |            |

[Sidenote: Anwendung des Kochsalzes.]

  Die beraus wichtige und ausgedehnte Anwendung des Kochsalzes ist so
  bekannt, dass es hier eines nheren Eingehens darauf kaum bedarf.
  Ausser als Nahrungsmittel (ein Mensch von 75 Kilogr. Gewicht enthlt
  0,5 Kilogr. Kochsalz und braucht jhrlich 7,75 Kilogr.) dient das
  Kochsalz zu Zwecken der Agricultur und Viehzucht, zur Bereitung der
  Soda, des Chlors, des Salmiaks, in der Weissgerberei (zur Bereitung der
  Alaunbeize), in der Loh- oder Rothgerberei (beim Schwitzen der Hute),
  zur chlorirenden Rstung der Silbererze (in der Amalgamation und in dem
  Verfahren der Silbergewinnung von =Augustin=), bei der
  Aluminiumfabrikation, zur Darstellung des Natriums, zum Salzen der
  Brunnen, zum Aussalzen der Seife, zum Glasiren von Thongeschirren
  (schmilzt man Kochsalz mit eisenhaltigem Thon zusammen, so oxydirt sich
  das Natrium auf Kosten des Eisens zu Natron, welches sich mit der
  Thonerde und Kieselerde zu Glasur verbindet, whrend das Eisen sich mit
  dem Chlor als Chloreisen verflchtigt), zum Conserviren von
  Schiffsbauholz und Eisenbahnschwellen, zum Einsalzen der Fische, des
  Fleisches und der Butter (es hlt sich Butter mit Kochsalz unter Zusatz
  von 2 Proc. Chlorcalcium gesalzen, weit besser als mit reinem Salz
  gesalzene; die Anwendung geschieht so, dass man das Kochsalz mit einer
  sehr concentrirten Lsung des Chlorcalciums befeuchtet).

  Die =jhrliche Produktion= an Salz betrug 1870 in

England                 32,400,000 Ctr.
Russland                20,000,000  "
Oesterreich             10,000,000  "
Frankreich              10,500,000  "
Italien                  5,000,000  "
Portugal und Spanien    14,000,000  "
Zollverein              10,000,000  "
{Norddeutscher Bund     7,5 Mill. Ctr.}
{Sddeutschland[40]     2,5   "    "  }
Schweiz                    600,000  "

  [40] Das Knigreich =Bayern= producirt jhrlich an Stein- und Siedesalz
       in

                      Berchtesgaden    150,000 Ctr.
                      Reichenhall      200,000  "
                      Traunstein       200,000  "
                      Rosenheim        275,000  "


                          Die Sodafabrikation.

   (Soda oder Natriumcarbonat, Na_{2}CO_{3} = 106. In 100 Th. 58,5 Th.
                    Natron und 41,5 Th. Kohlensure.)

[Sidenote: Allgemeines.]

Alle Soda, deren sich die Industrie bedient, hat dreierlei Ursprung, sie
ist nmlich entweder

    [Greek: a]) natrliche Soda, oder

    [Greek: b]) aus Vegetabilien (der Zuckerrbe und den Sodapflanzen und
                Seealgen) stammende, oder endlich

    [Greek: g]) auf chemischem Wege dargestellte Soda, indem man gewisse
       in der Natur massenhaft vorkommende Natriumverbindungen (Steinsalz,
  Glaubersalz, Natriumsalpeter, Kryolith) unter gleichzeitiger Gewinnung
  von Nebenprodukten (z. B. Salzsure, Chlorkalk, Schwefel, Kaliumnitrat,
  Alaun, Natriumaluminat) in Soda berfhrt.


                     [Greek: a]) _Natrliche Soda._

[Sidenote: Vorkommen der natrlichen Soda.]

In der Natur findet sich die Soda als Bestandtheil vieler Mineralquellen,
z. B. der zu Karlsbad[41], der zu Burtscheid bei Aachen, zu Vichy in
Frankreich, des Geisers auf Island, ferner als Auswitterung an
vulkanischen Gesteinen, z. B. Trass, aber auch Gneuss (so bei Bilin in
Bhmen), so wie als anderthalb-kohlensaures Natrium (Natrium-Pyrocarbonat
C_{3}O_{8}Na_{4} + 3H_{2}O) in grosser Menge und zwar aufgelst im Wasser
der sogenannten Natronseen. Aegypten, Centralafrika (besonders in der
Provinz Munio des Knigreichs Bornu, wie Dr. =Barth= angiebt), die Ebenen
lngs des kaspischen und schwarzen Meeres, Californien (so der =Owen
Lake=), Mexiko und mehrere sdamerikanische Staaten haben solche Seen
aufzuweisen. In der grossen ungarischen Ebene wittert in der heissen
Jahreszeit kohlensaures Natrium als krystallinische Salzdecke, rohe Soda
oder Szks aus, welche eingesammelt und in den Handel gebracht wird[42].
Die gyptische Soda fhrt den Namen =Trona= (daher der Name Natron). In
Columbia gewinnt man Soda, dort zu Lande =Urao= genannt, aus einem See,
der 48 engl. Meilen von der Stadt Merida entfernt und in einem kleinen
Thal liegt, welches von den Eingeborenen _La Lagunilla_ genannt wird. In
der heissen Jahreszeit krystallisirt die Urao aus dem Wasser heraus,
welches von Tauchern mit Lebensgefahr von dem 3 Meter tiefen Boden des
Salzsees heraufgeholt wird. Die Gewinnung des Salzes dauert ungefhr zwei
Monate und bringt ungefhr 1600 Ctr. Unter der spanischen Regierung,
welche die Urao eben so wie den Tabak zum Monopol gemacht hatte, wurde
diese Soda zu Venezuela zur Bereitung des =Mo= oder eingedickten
Tabaksaftes verwendet. In jngster Zeit ist ein, wie man behauptet,
unerschpfliches Lager von natrlicher Soda in Virginien aufgefunden
worden[43].

  [41] Die Karlsbader Quelle frdert jhrlich gegen 133,700 Ctr.
       kohlensaures Natrium zu Tage.

  [42] Die Einsammlung der Szks in Ungarn, welche im Jahre 1852 noch
       gegen 17,000 Ctr. betrug, machte im Jahre 1861 8000 Ctr., 1864
       6000 Ctr. und im Jahre 1869 kaum noch 5500 Ctr. aus.

  [43] Vergl. Chemical News 1870 Nr. 538 p. 129.

  Wahrscheinlich entsteht das kohlensaure Natrium der Natronseen durch
  Zersetzen des Kochsalzes mittelst kohlensauren Kalkes; mglicherweise
  bildet es sich auch aus dem schwefelsauren Natrium, das durch die
  Einwirkung organischer Substanzen zu Schwefelnatrium reducirt wird,
  welches sich durch die im Wasser gelste Kohlensure in
  anderthalb-kohlensaures Natrium umwandelt. Die natrliche Soda wird
  selten exportirt, sondern in den Lndern verwendet, in welchen sie
  producirt wird, mit Ausnahme der gyptischen Trona, die in erheblichen
  Mengen nach Venedig geht, um dort bei der Fabrikation von Glasperlen
  Verwendung zu finden. Im Handel findet sie sich meist mit Wstensand
  vermischt und in Ziegelform gebracht.


       [Greek: b]) _Aus Vegetabilien stammende Soda (Sodaasche)._

[Sidenote: Soda aus den Sodapflanzen und der Zuckerrbe.]

Eben so wie die Binnenpflanzen aus dem Boden von den Alkalien
hauptschlich Kali aufnehmen, das man als Kaliumcarbonat in der Asche
dieser Pflanzen trifft (siehe =Potasche=), enthalten die am
Meeresgestade, im Meere selbst, in Salzsteppen u. s. w. wachsenden
Pflanzen unter ihren anorganischen Bestandtheilen mehr oder weniger
Natrium (an Schwefelsure, sowie an organische Suren) gebunden, welche
Verbindungen beim Verbrennen und Auslaugen der Asche (unter Mitwirkung
des in der Asche befindlichen Kalkes) kohlensaures Natrium geben. Ausser
den im Meere selbst vegetirenden Fucusarten sind es besonders die
Gattungen Salsola, Atriplex, Salicornia etc., welche zur Fabrikation von
Soda verwendet und zu diesem Zwecke in gewissen Gegenden cultivirt
werden. Um aus diesen Pflanzen die Soda zu gewinnen, werden dieselben
abgemht, die Fucusarten zur Ebbezeit ans Land gebracht und am Strande
getrocknet. Diese Pflanzen werden darauf in Gruben zu Asche verbrannt.
Die Hitze steigert sich dabei so sehr, dass die Asche in Fluss gerth und
nach dem Erkalten eine harte, graubraune, schlackenartige Masse
darstellt. Die Masse fhrt den Namen =rohe Soda= oder =Sodaasche=. Der
Gehalt der rohen Soda an Natriumcarbonat ist sehr verschieden; er variirt
von 3-30 Procent. Man verarbeitet sie durch Auslaugen und Abdampfen der
Lauge. Je nach den verschiedenen Lndern und den verschiedenen
Gewinnungsarten unterscheidet man folgende Sodasorten:

  a) =Barilla=, Soda von Alicante, Malaga, Cartagena, den canarischen
  Inseln; man gewinnt sie aus der Barilla (_Salsola soda_), welche an der
  spanischen Kste angebaut wird. Sie enthlt 25 bis 30 Proc.
  Natriumcarbonat.

  b) =Salicor= oder Soda von Narbonne, durch Verbrennen von _Salicornia
  annua_ erhalten, welche Pflanze man ausset und nach der
  Samenentwickelung erntet, enthlt 14 Proc. Natriumcarbonat.

  c) =Blanquette= oder Soda von Aigues-mortes, aus den zwischen
  Aigues-mortes und Frontignan vorkommenden Strandpflanzen: _Salicornia
  europaea_, _Salsola tragus_, _Salsola Kali_, _Statice limonium_,
  _Atriplex portulacoides_ etc. dargestellt, enthlt nur 3-8 Proc.
  Natriumcarbonat.

  d) Der Blanquette-Soda etwa gleichwerthig ist die im sdlichen Russland
  viel gebrauchte =Araxessoda=, welche in Armenien im Districte Scharus
  auf der Araxeshochebene dargestellt wird.

  e) Noch geringer als die vorstehende Sorte ist die =Vareksoda=
  (Tangsoda), welche in der Normandie und in der Bretagne aus
  verschiedenen Tangen, besonders dem Blasentang (_gomon_, _fucus
  vesiculosus_) bereitet wird.

  f) Mit der Vareksoda ziemlich gleichwerthig ist der =Kelp=, den man an
  den westlichen Ksten Grossbritanniens (in Schottland, Irland und auf
  den Orkneyinseln) aus verschiedenen Salsola- und Tangarten (_Fucus
  serratus_ und _F. nodosus_, ferner _Laminaria digitata_), hier und da
  wie z. B. auf der Insel Jersey aus Seegras (_Zostera marina_)
  darstellt. 480 Ctr. getrocknete See- und Strandpflanzen liefern gegen
  20 Ctr. Kelp und diese nur 50-100 Pfund Natriumcarbonat. Trotz des so
  geringen Sodagehaltes waren vor der Einfhrung der Sodafabrikation aus
  Kochsalz allein auf den Orkneyinseln gegen 20,000 Personen mit der
  Kelpgewinnung beschftigt. Gegenwrtig wird der Kelp hauptschlich auf
  Jod und auf Chlorkalium (vergl. Seite 140) verarbeitet.

  g) Unter den Sodasorten vegetabilischer Abkunft ist auch die aus der
  =Zuckerrbe stammende Soda= anzufhren, die bei der Verarbeitung der
  Schlempekohle der Rbenmelassebrennereien neben Potasche (vergl. Seite
  138) in grosser Menge auftritt. Sie enthlt (nach den 1868 ausgefhrten
  Analysen von =Tissandier=) stets einige Procente kohlensaures Kalium.


          [Greek: g]) _Auf chemischem Wege dargestellte Soda._

[Sidenote: Chemische Soda.]

Der geringe Gehalt der franzsischen Sodaaschen an kohlensaurem Natrium
versetzte Frankreich lange Jahre hindurch in eine grosse Abhngigkeit von
Spanien. Alle die zahlreichen Methoden, die von den franzsischen
Chemikern ausfindig gemacht wurden, aus dem Kochsalze eine der Barilla an
Wohlfeilheit und Gte gleichkommende Soda zu liefern, fhrten zu keinem
Resultate und grosse Geldpreise, welche die Pariser Akademie der
Wissenschaften auch fr die Lsung der Aufgabe ausgesetzt hatte, wurden
nicht errungen. Nach wie vor gingen von Frankreich aus jhrlich 20 bis 30
Millionen Franken fr Soda nach Spanien. Erst in Folge der
Revolutionskriege, wo die Einfuhr von Soda und Potasche gehemmt war und
alle Potasche, die Frankreich selbst erzeugte, sofort von den
Salpetersiedern und Pulverfabrikanten consumirt wurde, lernte man die
Mittel kennen und anwenden, aus Koch- oder Steinsalz in ergiebiger Weise
Soda zu gewinnen. Der Wohlfahrtsausschuss decretirte im Jahre 1793, dass
ihm ber alle Sodafabriken die genauesten Angaben mitzutheilen seien. Der
Fabrikant =Leblanc= war unter den ersten, welche diesem Aufrufe Folge
leisteten, und die Grundstze, nach denen er im Begriff stand, eine
Sodafabrik zu errichten, der allgemeinen Benutzung berliess. Es wurde
von der Beurtheilungscommission fr das zweckmssigste erklrt und ist
auch bis auf die heutige Zeit das fast ausschliesslich angewendete
Verfahren geblieben. Nachdem die Wiedergewinnung des Schwefels aus den
Sodarckstnden mit Erfolg ins Leben getreten ist, sind die Sodafabriken
zugleich Werksttten geworden fr eine grossartige Schwefelgewinnung.

[Sidenote: Verfahren von Leblanc.]

Der Process der Sodafabrikation nach =Leblanc= zerfllt gegenwrtig in
vier Phasen:

    _a_) in die Erzeugung von Natriumsulfat aus Koch- oder Steinsalz und
    Schwefelsure oder gewissen Sulfaten, oder aus Kochsalz und
    Schwefelkies und hnlichen Schwefelmetallen durch Rsten;

    _b_) in die Umwandlung des Sulfates in den Sodafen (mittelst eines
    Gemenges von Kreide und Steinkohlenklein) in Rohsoda;

    _c_) in die Ueberfhrung der Rohsoda in gereinigte Soda (oder in
    Aetznatron) durch Auslaugen und Abdampfen.

    _d_) in die Wiedergewinnung des Schwefels aus den Sodarckstnden.

[Sidenote: Sulfatfen.]

[Illustration: Fig. 71.]

_A_) Die =Erzeugung von Sulfat aus Kochsalz= geschieht meist durch
Kammerschwefelsure. Wie bedeutend der Schwefelsureverbrauch zu diesem
Zwecke ist, geht daraus hervor, dass 50-75 Proc. aller fabricirten
Schwefelsure zur Sulfatbereitung dienen. Die zur Condensation der
Salzsuredmpfe angewendete Methode ist in England allgemein die seit
1836 von =Gossage= eingefhrte, welche im Wesentlichen aus Koksthrmen
besteht, in welchen die salzsauren Dmpfe mit kaltem Wasser
zusammentreffen. Die =Koksthrme= oder auch einfach =Condensatoren=
genannt, sind viereckige Thrme von etwa 12-14 Meter Hhe und 1,3 Meter
innerer Weite, aus Bruchsteinen gebaut, die von Salzsure nicht
angegriffen werden und mit einem Mrtel aus Theer und Lehm gemauert. Eine
nicht ganz bis oben hinaufreichende Scheidewand theilt den Ofen in zwei
Abtheilungen, welche beide mit Koksstckchen gefllt sind, die auf einem
steinernen Roste liegen. Auf die Koks fliesst fortwhrend von oben kaltes
Wasser. Die unter den Rost der ersten Abtheilung geleiteten sauren Dmpfe
gehen aufwrts und geben an das ihnen entgegenkommende Wasser die meiste
Salzsure ab, gehen dann in der zweiten Abtheilung abwrts und entweichen
endlich in den Schornstein. Die entstandene flssige Salzsure, die sich
unterhalb der Roste ansammelt, wird abgelassen. Die Verdichtung der
Salzsure in den Koksthrmen war aber nie so vollkommen, dass nicht
kleine Mengen davon mit den Gasen in die Luft entwichen wren, bis die
Sulfatfen eine wesentliche Verbesserung erfuhren. Diese Oefen waren
anfnglich offene Flammenfen, in welchen die Schwefelsure auf das
Kochsalz in der Weise reagirte, dass das salzsaure Gas zugleich mit den
Verbrennungsprodukten der Steinkohle entwich. Das so verdnnte und heisse
Gas befand sich somit unter den zur Verdichtung ungnstigsten
Bedingungen, wenn es mit Wasser zusammengebracht wurde. Im Jahre 1836
liess sich =Gossage= einen geschlossenen Flammenofen patentiren, welcher
zuerst und whrend der ersten Phase der Zersetzung als Destillirapparat
wirkte und spter erst, durch directe Feuerung erhitzt, als offener Ofen
fungirte, um die Umwandlung des Kochsalzes in Sulfat zu vollenden. Durch
Combination dieses Ofens mit den Condensatoren gelang es in der ersten
Phase eine concentrirte, zur Chlorkalkfabrikation geeignete Sure, und in
der zweiten Phase der Zersetzung eine schwache Sure zu erhalten. Dieser
Ofen wurde im Jahre 1839 durch =Gamble= wesentlich verbessert; wenigstens
scheint der Genannte der erste gewesen zu sein, welcher die beiden Phasen
der Zersetzung in zwei verschiedenen Abtheilungen des Ofens _G_ und _E_
(Fig. 71) vor sich gehen liess. Allgemein wurde das Princip dieses
Verfahrens angewendet und lange Zeit bedienten sich die Sodafabrikanten
eines Flammenofens, der durch eine nach Belieben zu verschliessende oder
zu ffnende Oeffnung mit einer Art Muffel communicirte, deren Boden aus
einer starken eisernen Platte bestand. Die Flamme der Feuerung ging,
nachdem sie den Flammenofen erhitzt hatte, um die Muffel herum und dann
in den Schornstein. Die Muffel selbst communicirte mit einem
Verdichtungsapparate _M M'_, welcher concentrirte Salzsure lieferte.
Nach diesem Verfahren liess man das Kochsalz auf die gusseiserne Sohle
der Platte _G_ fallen und die vorher erwrmte Schwefelsure darber
fliessen. Es fand eine lebhafte Reaktion statt und die Hlfte oder fast
2/3 der Salzsure entwichen und konnten leicht verdichtet werden, da die
sauren Dmpfe nicht mit den Verbrennungsgasen der Feuerung gemengt waren.
Das so erhaltene Produkt war ein Gemenge von Natriumbisulfat mit
Kochsalz:

              2NaCl + H_{2}SO_{4} = NaHSO_{4} + NaCl + HCl

und wurde dann in den Flammenofen _E_ gekrckt, whrend die Muffel eine
neue Ladung von Salz und Schwefelsure empfing. In dem Flammenofen,
dessen Temperatur weit hher war, als die der Muffel, ging das Gemenge
von Kochsalz und Bisulfat in Salzsure und neutrales Sulfat ber:

                  NaHSO_{4} + NaCl = Na_{2}SO_{4} + HCl

Die hierbei sich entwickelnde Salzsure war aber nur schwer zu
condensiren, weil sie mit Stickstoff, Kohlensure und Kohlenoxydgas
gemengt war. Trotz des Condensationsthurmes entwich ein Theil der
Salzsure in die Luft und es bedurfte sehr complicirter Apparate und
besonderer Vorsichtsmaassregeln, um bei der Anwendung der eben
beschriebenen Sulfatfen eine gengende Condensation zu erzielen.

[Sidenote: Neuer Sulfatofen.]

Alle diese Uebelstnde sind verschwunden, seitdem man die Construktion
der Sulfatfen in folgender Weise verbessert hat. Der =neue Ofen=,
welcher nichts zu wnschen brig lsst, besteht aus zwei Muffeln, von
denen die eine aus Gusseisen, die andere aus Backsteinen gemauert ist.
Der innere Theil der ersteren reprsentirt ein Segment einer hohlen
gusseisernen Kugel von 9 Fuss (= 2,74 Meter) Durchmesser und 1 Fuss 9
Zoll (= 0,52 Meter) Tiefe. Er steht auf einer Backsteinlage und ist mit
einem gusseisernen Deckel versehen, der gleichfalls ein Kugelsegment von
1 Fuss (= 0,30 Meter) Tiefe im Centrum darstellt. In dem Deckel befinden
sich zwei durch Thren verschlossene Oeffnungen; die eine davon dient zum
Eintragen des Kochsalzes, whrend durch die andere das Gemenge in die
Backsteinmuffel geschafft wird. Die Feuerung befindet sich seitlich von
der gusseisernen Muffel und die Flamme derselben lsst man zunchst auf
den Deckel wirken, dann auf die Schale. Die erforderliche Wrme wird
somit durch Transmission der Substanzen in der Muffel gegeben, und die
Gase, die in diesem Falle nicht mit Luft vermischt werden, entwickeln
sich bei einer verhltnissmssig nicht hohen Temperatur. Die
Backsteinmuffel liegt neben der eisernen Muffel und stellt eine Kammer
von etwa 30 Fuss Lnge (9,14 Meter) und 9 Fuss Breite (2,74 Meter) dar;
unter der aus Backsteinen gemauerten Sohle befindet sich eine Reihe von
Zgen; ihr oberer Theil besteht aus einem dnnen Gewlbe von Backsteinen,
welches ein zweites Backsteingewlbe trgt; in dem Raume zwischen beiden
circulirt die Flamme. An einer der beiden Seiten der Backsteinmuffel
befindet sich die Feuerung, deren Flamme zunchst in dem Raume zwischen
den beiden Gewlben circulirt und dann durch die Zge geht, die unter der
Sohle liegen. Auf diese Weise geht die Wrme durch das Mauerwerk der
Wlbung und der Sohle auf das Gemenge von Bisulfat und Kochsalz in der
Muffel ber.


  Will man mit diesem Apparat arbeiten, so bringt man 1/2 Tonne Kochsalz
  in die vorgewrmte eiserne Muffel und darauf die erforderliche Menge
  Schwefelsure (von 1,7 spec. Gew.)[44]. Die Masse wird von Zeit zu Zeit
  durchgekrckt. Sie verdickt sich allmhlig und nach 1-1/2 Stunde etwa
  (nachdem 2/3 der Salzsure entwichen sind) ist sie so consistent
  geworden, dass sie durch den Communikationskanal in die Backsteinmuffel
  geschafft werden kann, welche auf lebhafter Rothglhhitze erhalten
  wird, damit das salzsaure Gas vollstndig entweiche. Will man whrend
  dieser Phase der Operation eine concentrirte Sure erhalten, so khlt
  man das Gas vor seinem Eintritt in den Condensator ab; diese
  Vorsichtsmaassregel ist aber berflssig, wenn man schwache Sure
  darzustellen beabsichtigt. Es ist eine Einrichtung zur Unterbrechung
  der Communikation zwischen beiden Muffeln vorhanden, so, dass die aus
  den beiden Muffeln entweichenden Gase getrennt aufgefangen werden
  knnen. Mittelst dieser Verbesserungen und zweckmssigen Condensatoren
  von hinlnglicher Capacitt und mit der erforderlichen Menge Wasser
  gespeist, lsst sich die Fabrikation des Sulfates mit Leichtigkeit so
  leiten, dass die Nachbarschaft der Fabrik nicht die geringste
  Belstigung erfhrt.

    [44] Die Menge der zum Zersetzen des Kochsalzes verwendeten
         Schwefelsure wird so gewhlt, dass 1 bis 3 Proc. Kochsalz
         unzersetzt bleiben. Man ist in diesem Falle sicher, ein vllig
         neutrales Sulfat zu erhalten. 100 Theile Kochsalz brauchen zur
         vollstndigen Zersetzung:

             95 Th. Schwefelsure von 60 B. = 1,70 spec. Gew.
            104  "       "         "  55 "  = 1,62   "    "

  Seit zwanzig Jahren wendet =Tennant= in Glasgow hnliche Oefen in
  seiner Fabrik an, in welcher wchentlich bis zu 500 Tonnen (= 10,000
  Ctr.) Kochsalz zersetzt werden und zwar inmitten einer dichten
  Bevlkerung. Dank diesen verbesserten Einrichtungen ist es mglich
  gewesen, Sodafabriken in den Stdten selbst anzulegen. Die neuen Oefen,
  welche in Belgien durch das Gesetz vorgeschrieben sind, werden auf dem
  Continent hufig =belgische Oefen= genannt. Trotz alledem erheben sich
  in England in den Sodafabrikationsdistrikten immer noch Klagen ber
  nicht gengende Condensation der Salzsuredmpfe.

[Sidenote: Die Umwandlung des Sulfates in Rohsoda.]

_B_) =Die Umwandlung des Sulfates in Rohsoda.= Das Sulfat wird behufs
seiner Umwandlung in Soda mit Kreide (zuweilen auch mit Kalkhydrat) und
Kohle gemischt und das Gemenge auf dem Herde eines Flammenofens
geschmolzen. Die drei Materialien werden nur oberflchlich mit einander
gemischt. Die von =Leblanc= aufgestellten Mischungsverhltnisse sind:

                        100 Th. Sulfat,
                        100  "  Calciumcarbonat,
                         50  "  Kalk.

In zehn verschiedenen Fabriken schwankt der auf 100 Th. Sulfat
angewendete kohlensaure Kalk zwischen 90 bis 121 Theile, die Kohle
zwischen 40 und 75. Der natrliche kohlensaure Kalk wird neuerdings in
einigen Fabriken zum Theil durch den Kalk der ausgelaugten und
entschwefelten Sodarckstnde ersetzt.

[Illustration: Fig. 72.]

[Illustration: Fig. 73.]

In England wendet man meist Flammenfen mit zwei Etagen
(_balling-furnaces_) an (Fig. 72). Ehedem wurde der Ofen mit dem
=gepulverten= und gemischten Material beschickt, whrend man heutzutage
es vorzieht, die Materialien in =Stcken= anzuwenden, damit man die
Sodablcke pors genug erhlt, um ihr Zertheilen zu befrdern und das
Auslaugen zu erleichtern. In Deutschland haben die Sodafen gewhnlich
nur einen Herd (Fig. 73), auch sind sie weit grsser. In England bleibt
das Gemenge, welches in der oberen Etage durch die verlorene Wrme
vorbereitet wurde, nur etwa eine halbe Stunde lang auf dem unteren Herde,
welcher den eigentlichen Arbeitsofen (_working-furnace_) ausmacht. In den
deutschen Sodafabriken wird das in den stark angeheizten Flammenofen
gebrachte Gemisch von Sulfat, Calciumcarbonat und Kohlenklein _M_
erhitzt, bis die Masse in breiigen Fluss kommt, wobei unter fortwhrendem
Bearbeiten der Masse mit langen eisernen Krcken _K_ Blasen von
Kohlenoxyd aus der Masse hervorbrechen und mit blauer Flamme verbrennen.
So wie die Flmmchen erscheinen, wird die Masse sofort durch die
Arbeitsffnungen _P P_ aus dem Ofen gekrckt und in flache Blechksten
auf Wgen _C_ befindlich gebracht, in welchen sie erkaltet.

  Es ist schwierig zu sagen, ob das englische oder das continentale
  Verfahren das vortheilhaftere sei. Vom theoretischen Standpunkte aus
  scheint die englische Methode den Vorzug zu verdienen. Da man weniger
  Substanz (etwa 7 Centner, in den continentalen Fabriken dagegen 30-70
  Centner) auf einmal verarbeitet, so ist die Arbeit weniger mhsam, die
  Manipulation leichter und das Gemisch bleibt krzere Zeit einer
  intensiven Hitze ausgesetzt, welche wohl einen Verlust von Natrium
  durch Verflchtigung nach sich ziehen knnte. In englischen Fabriken
  verliert man nach den Untersuchungen von =Wright= (1867) bei der
  Umwandelung von Sulfat in Soda 20 Proc. des im Sulfat enthaltenen
  Natriums. Dieser Verlust vertheilt sich in folgender Weise:

         Unzersetztes Sulfat                               3,49
         Unlsliche Natriumverbindungen                    5,44
         Verflchtigung von Natrium                        1,14
         In den Rckstnden bleibendes Natrium             3,61
         Verlust beim Abdampfen und Calciniren der Laugen  6,56
                                                          -----------
                                                          20,24 Proc.

[Sidenote: Sodaofen mit Drehherd.]

[Illustration: Fig. 74.]

  Eine eigenthmliche Art Sodaofen ist der =Ofen= mit =Drehherd= (Fig.
  74). Im Jahre 1853 schlugen =Elliot= und =Russell= die Vereinfachung
  der Sodafabrikation durch die Anwendung eines Drehofens vor, wodurch
  das Rhren der Masse mit der Hand entbehrlich wird. Im Wesentlichen
  besteht diese Einrichtung darin, dass der Herd des Ofens von einem
  Cylinder gebildet wird, welcher um seine horizontale Axe gedreht werden
  kann. Spter wurde der Ofen durch =Stevenson= und =Williamson=
  verbessert. Nach dieser Methode kommt das Gemenge von Sulfat, Kalkstein
  und Kohle in den eisernen Cylinder _A_, der inwendig mit feuerfesten
  Steinen berkleidet ist. Aeusserlich sind an demselben zwei Rippen _B_
  angegossen, mit denen der Cylinder auf zwei Paaren von mit
  entsprechenden Nuthen versehenen Rdern _C_ ruht. Das eine Paar Rder
  ist mit einer Axe versehen, durch deren Drehung den Rdern und durch
  diese dem Cylinder eine Drehung mitgetheilt wird. Die Feuerluft des
  Ofens _D_ strmt durch die Oeffnung _E_ in den Cylinder und geht dann
  durch _F_ in das Pfannengewlbe _G_ und dann durch den Fuchs _K_ in den
  Schornstein. Nachdem das Innere des Cylinders bis zum Rothglhen
  erhitzt worden ist, bringt man die fr eine Operation geeignete Menge
  der Materialien auf einem Eisenbahnwagen _J_ durch einen, mit dem
  Cylinder nicht in fester Verbindung stehenden Rumpf oder Trichter _H_
  in den Cylinder. Nachdem die Hitze etwa 10 Minuten lang auf den Inhalt
  des Cylinders gewirkt hat, setzt man die Rder in Bewegung und lsst
  den Cylinder eine halbe Umdrehung machen. Darauf lsst man ihn wieder
  etwa 5 Minuten lang in Ruhe, worauf man ihm wieder eine halbe Umdrehung
  giebt. In dieser Weise wird fortgefahren, bis die Masse im Cylinder in
  Fluss gerth, was nach etwa einer Stunde der Fall ist. Dann wird der
  Cylinder in continuirliche Drehung versetzt, so dass er in je drei
  Minuten sich ein Mal umdreht. Der Fortgang der Operation wird nun von
  Zeit zu Zeit durch Oeffnen einer in dem Cylinder angebrachten Thre
  beobachtet. Ergiebt sich dabei die Beendigung des Processes, so lsst
  man die Sodaschmelze in untergestellte eiserne Gefsse aus dem
  Cylinder abfliessen. Die Oeffnungen _B_ und _B'_ dienen zum Fllen und
  zum Entleeren. Die Vortheile des Drehofens liegen auf der Hand. Da man
  kein Werkzeug zum Umrhren der Masse braucht, so kann der Ofen
  geschlossen bleiben; die inwendige Lage von Backsteinen hat grosse
  Dauer und die Ersparniss an Handarbeit ist ganz bedeutend. Ein Cylinder
  von 11 Fuss Lnge (= 3,35 Meter) und 7,5 Fuss Durchmesser (= 2,25
  Meter) zersetzt 14 Centner Sulfat (= 700 Kilogr.) in einer Zeit von
  zwei Stunden und zwar zum Kostenpreise von 2 Sh. 1 Penny (= 2 Fr. 60
  Cent.) pro Tonne. Von einer Verflchtigung von Alkali kann bei dem
  Umstande, dass der Ofen geschlossen bleibt, selbstverstndlich keine
  Rede sein. Die vorstehende, in der That etwas khne Neuerung ist sehr
  verschieden beurtheilt worden. Einige Fabrikanten halten sie fr eine
  wichtige Verbesserung, whrend andere der Ansicht sind, dass sie zu
  kostspielig sei, der Betrieb leicht Strungen erlitte und die Controle
  der Operation grosse Schwierigkeiten mache. Eine Thatsache spricht aber
  entschieden zu Gunsten des neuen Verfahrens, nmlich auf den _Jarrow
  Chemical Works_ (South-Shields), wo der Drehherd lngst eingefhrt war,
  hat man nach und nach drei neue Oefen nach dem nmlichen Principe
  errichtet, was sicher nicht der Fall gewesen wre, wenn der erste Ofen
  nicht befriedigende Resultate geliefert htte. Seit einigen Jahren
  fhrt man den Drehherd auch auf dem Continente ein.

  Die Rohsoda hat annhernd folgende Zusammensetzung:

                          Natriumcarbonat    45
                          Schwefelcalcium    30
                          Aetzkalk           10
                          Calciumcarbonat     5
                          Fremde Krper      10
                                            ---
                                            100

  Betrchtliche Mengen von Rohsoda werden namentlich in England ohne
  weitere Behandlung zur Seifenfabrikation, in der Bleicherei und zur
  Fabrikation von Bouteillenglas verwendet.

[Sidenote: Auslaugen der Rohsoda.]

_C_) =Ueberfhrung der Rohsoda in gereinigte Soda= durch Auslaugen und
durch Abdampfen, [Greek: a]) =Das Auslaugen der Rohsoda.= Die Rohsoda
wird durch Auslaugen mit Wasser in eine Lsung von Natriumcarbonat und in
einen unlslichen Rckstand (Sodarckstand, Sodakalk, Sodamark) zerlegt.
=100= Th. Rohsoda geben dabei

                   in Wasser lslicher    45,0 Theile
                   Sodarckstand          58,7   "
                                         ------------
                                         103,7 Theile

Die Blcke der englischen Rohsoda sind im Allgemeinen von dunklerer Farbe
und weit kohlereicher als die Soda der continentalen Fabriken. Vor dem
Auslaugen setzt man sie gewhnlich 1-2 Tage lang der Luft aus, in einigen
Fabriken sogar 10-12 Tage, nicht nur um sie vollstndig erkalten zu
lassen, sondern auch, damit sie etwas zerfallen, wodurch die sptere
Behandlung erleichtert wird.

  Die =lteste= Methode des Auslaugens bestand darin, die Rohsoda fein zu
  mahlen und das gesiebte Pulver mit der vierfachen Gewichtsmenge Wasser
  anzurhren. Nachdem das ungelst Gebliebene sich abgesetzt, decantirte
  man die erhaltene Sodalsung, die mit einem neuen Rohsodaquantum
  zusammengebracht wurde, und diesen Vorgang wiederholte man drei- bis
  viermal. Zugleich wurde die vom ersten Bottich abgegossene Sodalsung
  durch reines Wasser ersetzt, welches nach und nach von einem Bottich
  zum andern wanderte. Auf diese Weise wurden der Rohsoda alle lslichen
  Bestandtheile entzogen. Wie leicht einzusehen, litt dieses
  Auslaugeverfahren an mehreren Uebelstnden; einmal ist hierbei die
  lsende Kraft des Wassers keine ununterbrochene, indem sie sich nur im
  Moment des Umrhrens ussern kann; die gelsten Mengen sind daher nie
  betrchtlich. Das andere Mal erfordert dasselbe viel Handarbeit. Es
  findet daher wol nirgends mehr Anwendung.

[Illustration: Fig. 75].

  Die Methode des Auslaugens =durch einfache Filtration=, wegen der
  vielen Arbeit auch keineswegs zu empfehlen, besteht darin, die Rohsoda
  in Ksten aus Schwarzblech zu bringen, die mit einem siebhnlich
  durchlcherten falschen Boden versehen sind und sie darin mit Wasser
  zusammenzubringen. Eine Reihe von Blechksten _A_, _B_, _C_, _D_ ...
  (Fig. 75), von 1,5 Meter Hhe, 1,8 Meter Breite und 2 Meter Lnge, ist
  neben einander auf einer Erhhung aus Mauerwerk aufgestellt. 25 Centim.
  vom Boden entfernt befindet sich der durchlcherte falsche Boden von
  Holz oder von gelochtem Bleche. Eine ber den Ksten angebrachte
  hlzerne Rhrenleitung _K_, die durch die Eisen _F_, _F'_ gehalten
  wird, leitet durch die Zapfen _t_, _t'_ und _t''_ die Flssigkeit in
  die Ksten. An letzteren sind unterhalb des falschen Bodens Hhne _r_,
  _r'_ und _r''_ angebracht, durch welche man die Flssigkeit aus den
  Ksten in die Rinne _K'_ ablassen kann. Die Rohsodablcke kommen in
  Stcke von Kopfesgrsse zerschlagen auf den falschen Boden, wo sie
  einem wiederholten Auslaugungsprocess unterworfen werden. Nehmen wir an
  ein System der drei Ksten _A_, _B_, _C_ und den Kasten _A_ mit
  frischer Rohsoda, _B_ mit einmal und _C_ mit zweimal ausgelaugter
  Rohsoda beschickt, so lsst man in jeden der drei Ksten durch die
  Rinne _K_ die letzten Ausssswsser einer vorhergehenden Auslaugung
  treten. Diese Wsser bleiben acht Stunden in jedem Kasten. Nach Ablauf
  dieser Zeit lsst man die Lauge (die 30 B. zeigt) durch _r_ in die
  Rinne _K'_ abfliessen, ebenso auch die weit schwcheren Laugen aus _B_
  und _C_, die in grossen Reservoirs sich mit der Lauge aus _A_ mischen
  und deren Titre auf etwa 25 B. herabdrcken. Man lsst von Neuem
  Ausssswasser auf _A_ und _B_ und in einen vierten, mit neuer Rohsoda
  beschickten Kasten _D_ laufen; nach acht Stunden leitet man die Laugen
  in das Reservoir, das bereits die Laugen der ersten Arbeit enthlt, u.
  s. w. fort. Dadurch ist es mglich, ununterbrochen eine Lauge von 25
  B. Dichte zu haben. Nachdem der Inhalt eines jeden Kastens einer
  dreimaligen Auslaugung unterworfen worden war, beendigt man das
  Aussssen der Rckstnde mit bis auf 50 C. erwrmtem Wasser. Die
  hierbei gewonnenen Flssigkeiten dienen, wie oben bemerkt, zum
  Auslaugen der Soda in den Ksten _A_, _B_ und _C_.

[Illustration: Fig. 76.]

[Illustration: Fig. 77.]

  Der von =Clment Desormes= eingefhrte Auslaugeapparat besteht (Fig.
  76) aus einer Anzahl von staffelfrmig aufgestellten Eisenblechksten.
  Die Anzahl der Ksten betrgt 12 bis 14, die Abbildung hat deren nur
  fnf, _A_, _B_, _C_, _D_, _E_. Der oberste Kasten _A_ ist von Gusseisen
  und doppelt so gross als die brigen. Durch gebogene Rhren, welche
  etwa 15 Centim. ber dem Boden angebracht sind, kann die Flssigkeit
  jedes hher stehenden Kastens in den zunchst tiefer stehenden
  fliessen, also aus _A_ nach _B_, aus _B_ nach _C_ und so fort. Der
  unterste Kasten _E_ giebt die Flssigkeit in die Klrksten _F F'_ ab,
  von denen sechs vorhanden sind und welche unter einander durch Rhren
  in Verbindung stehen, die etwa 3 Zoll unter dem oberen Rande sich
  befinden. Die auszulaugende und fein gemahlene Rohsoda kommt in
  siebartig durchlcherte Blechgefsse _f f_, _e e_, _d d_ u. s. w. Soll
  das Auslaugen beginnen, so werden die Auslaugeksten mit warmem Wasser
  gefllt, hierauf werden zwei Blechgefsse je mit 50 Kilogr. Rohsoda
  beschickt, mittelst einer durch die Handhaben gesteckten Stange, in den
  untersten Auslaugekasten _E_ gehngt, nach 25-30 Minuten werden sie
  herausgenommen, in _D_ eingehngt, whrend in _E_ zwei neue kommen, und
  so wird fort operirt, so dass nach 8 Stunden, wenn 14 Auslaugeksten
  vorhanden sind, nicht allein in dem ersten Kasten _A_ sich Sodagefsse
  befinden, welche alle Ksten passirt haben, sondern dass schon zwei
  solcher Gefsse _f f_ aus _A_ herausgenommen und zum Abtropfen auf _k_
  gestellt sind. Nach einer halben Stunde wird aus diesen Gefssen der
  Rckstand in einen Karren geleert, um aus der Fabrik entfernt zu
  werden, whrend _e e_ an die Stelle von _f f_ zum Abtropfen kommen, _d
  d_ an die Stelle von _e e_ u. s. f., in _E_ endlich zwei neugefllte
  Gefsse. Jedesmal wenn zwei neue Gefsse in den untersten Ksten
  eingehngt werden, lsst man nun in den obersten Kasten _A_ ohngefhr
  doppelt so viel Wasser fliessen, als das Volumen der Soda betrgt. Das
  Wasser verdrngt die schwerere Lauge am Boden, diese fliesst durch das
  Rohr in das nchstfolgende Gefss _B_, macht hier wieder die schwerere
  Lauge nach _C_ berfliessen u. s. w., so dass zuletzt die fast
  gesttigte Lsung aus _E_ in die Klrksten _F F_ luft, wo sich die
  aufgeschwemmten trbenden Substanzen ablagern. Die Temperatur muss in
  den Auslaugeksten auf 45 bis 50 C. erhalten werden, nicht hher, weil
  sonst, wie man sagt, das Schwefelcalcium eine Zersetzung erleidet. Zum
  Erwrmen dienen Dampfrhren, welche in die Ksten mnden, etwa in einem
  Dritttheile ihrer Hhe. Auch in den Klrksten wird die Lauge durch
  Dampf erwrmt, damit nicht Salz auskrystallisire. Das Einhngen der
  Soda in durchlcherten Gefssen in die Auslaugeksten ist das bekannte
  Verfahren, bei welchem man die aufzulsenden oder auszulaugenden
  Substanzen an die Oberflche des Lsungsmittels bringt, was das
  Gelstwerden ausserordentlich beschleunigt, indem die entstandene
  concentrirte Lauge sich dabei nicht um den aufzulsenden Krper
  ansammelt und so die fernere Einwirkung des Lsungsmittels hindert,
  sondern zu Boden fliesst und daher stets dem Lsungsmittel Platz macht.
  Haben die Seihgefsse eine so bedeutende Grsse, dass sie, mit Soda
  gefllt, nicht von den Arbeitern direct translocirt werden knnen, so
  geschieht dies mittelst eines verschiebbaren Flaschenzuges. Der
  Flaschenzug ist nmlich an einem kleinen Wagen befestigt, welcher oben
  auf einer Eisenbahn luft, die sich ber die Reihe der Auslaugeksten
  hinzieht. Durch Fig. 77 sind zwei Auslaugeksten in vergrssertem
  Maassstabe und von etwas vernderter Einrichtung dargestellt. Jeder
  Kasten ist hier in der Mitte durch eine senkrechte doppelte Scheidewand
  in zwei Abtheilungen getheilt, welche durch die Oeffnungen _a_ und _b_
  mit einander in Verbindung stehen. In den Raum zwischen den beiden
  Scheidewnden mnden die Dampfrhren _h h_; _g g_ sind die
  Ueberlaufrhren; _n n_ ... die Seiher von Eisenblech, an den schmalen
  Seitenwnden mit durchlochten Laschen versehen, um die Stange zum
  Translociren hindurchstecken zu knnen. Dieses Auslaugeverfahren findet
  noch in vielen Sodafabriken Anwendung.

  Nach Angaben von =Drre= soll der nachstehend beschriebene Apparat dem
  eben beschriebenen noch vorzuziehen sein. Es stehen vier
  schmiedeeiserne oder gusseiserne Ksten von etwa 1,6 Meter Lnge, 1,6
  Meter Breite und 1,65 Meter Tiefe terrassenfrmig. Von der, zu
  faustgrossen Stcken zerschlagenen rohen Soda kommen in jeden dieser
  Ksten 10 Centner mit der nthigen Menge Wasser. Das Auslaugen erfolgt
  in 12 Stunden, whrend der die Soda vier Mal translocirt wird, und zwar
  nach jedesmal 3 Stunden in den zunchst hher stehenden Laugekasten, so
  dass der Rckstand nach 12 Stunden als erschpft aus dem obersten
  Kasten ausgeworfen wird. In den beiden obersten Ksten findet das
  Auslaugen kalt statt, im dritten Kasten bei etwa 44 C., im vierten bei
  56 C. Die Lauge gelangt aus dem obersten Kasten ohne Weiteres in den
  folgenden, aus diesem aber erst in eine Cisterne, wo sie durch Dampf
  erwrmt wird; zwischen dem dritten und vierten Kasten ist ebenfalls ein
  Gefss eingeschaltet, in welchem die Lauge auf ihrem Wege nach dem
  vierten Kasten auf 56 C. gebracht wird. Whrend man nun in den
  obersten Kasten alle drei Stunden Wasser nachgiebt, fliesst aus dem
  untersten Kasten die Lauge mit der geeignetsten Concentration (24 B.)
  in ein grsseres Reservoir. Vier solcher Reihen von Ksten, mit den
  dazu gehrenden Wrmegefssen, bilden ein System.

[Illustration: Fig. 78.]

  Auf rationelle und konomisch vortheilhafte Weise wurde das Problem des
  Auslaugens der Rohsoda zuerst durch =James Shanks= in St. Helens
  gelst. Das neue Verfahren -- die =methodische Filtration= -- grndete
  sich auf die Thatsache, dass eine Lsung um so dichter wird, je mehr
  Salze sie gelst enthlt, und dass einer Flssigkeitssule einer
  schwachen Lauge von einer gewissen Hhe durch eine minder hohe
  Flssigkeitssule einer strkeren Lauge das Gleichgewicht gehalten
  wird. Nach diesem Principe stehen die Bottiche in der Zahl von vier bis
  acht (Fig. 78) in einer Reihe horizontal neben einander; durch
  dieselben luft Wasser, welches, indem es die Bottiche durchstrmt, die
  Soda auslaugt und dadurch von Bottich zu Bottich dichter wird; das
  Niveau der Flssigkeit sinkt von Bottich zu Bottich, von dem ersten an,
  der reines Wasser enthlt, bis zu dem letzten, von welchem gesttigte
  Lauge abluft. Obgleich also die Bottiche in einer Horizontalebene
  stehen, ist doch das Niveau der Flssigkeit darin staffelfrmig. Die
  Bottiche haben 2,6 Meter Lnge und Breite und 2 Meter Tiefe, und sind
  mit einem falschen Boden _F_ versehen, der aus gelochtem Blech
  zusammengesetzt ist und durch einen Rost getragen wird. Vom Boden eines
  jeden Bottichs geht ein Blechrohr _T_, welches an beiden Seiten offen
  ist und dessen untere Oeffnung diagonal geschnitten ist, bis an die
  Oberflche und trgt seitlich ein kurzes Rohr _t_, welches, wie aus der
  Zeichnung hervorgeht, einen Bottich mit dem andern verbindet. Durch die
  mit Hhnen versehenen Wasserleitungsrohre _r_, _r'_, _r_, _r_, kann
  jeder Bottich mit Wasser versehen werden. Durch die am Boden der
  Bottiche befindlichen Hhne _R_ und _R'_ kann die Lauge in die Rinne
  _c'_ geleitet werden. Vier Waschungen sind in der Regel gengend.
  Betrachten wir nun die vier Bottiche, welche in der Zeichnung
  dargestellt sind. Der eine Bottich enthlt Rohsoda, die bereits drei
  Waschungen durchgemacht hat, sie enthlt daher nur geringe Mengen
  lslicher Salze. Dieser Bottich (I) erhlt demnach Ausssswasser,
  welches dann, nachdem es der Soda alles Lsliche entzogen, in den
  Bottich (II) gelangt, dessen Soda erst zweimal ausgewaschen worden war;
  hierauf geht die Lauge in den Bottich (III), dessen Inhalt erst ein
  einziges Mal mit Wasser in Berhrung gewesen war, und endlich in den
  mit frischer Rohsoda beschickten Bottich (IV). Von da aus luft die
  Lauge nach dem Reservoir. Der Bottich (I) wird mit neuer Rohsoda
  versehen und ndert durch in die Oeffnungen der Blechrohre gebrachte
  Zapfen den Marsch der Lauge in der erforderlichen Weise ab. Diese
  Anordnung gestattet dem Arbeiter, sich zwei nebeneinanderstehende
  Bottiche herauszusuchen und den einen davon zum Eintritts-, den andern
  zum Austrittsbottich zu machen. Da die Bottiche abwechselnd gefllt und
  entleert werden, so enthlt derjenige, der zuletzt beschickt wurde,
  auch die reichhaltigste Substanz und die gesttigtste Flssigkeit, die
  am dichtesten ist und deshalb am tiefsten steht; folglich ist dieser
  Bottich bis zur neuen Reihenfolge, der Austrittsbottich, aus welchem
  man die gesttigte Lauge gewinnt. Andererseits enthlt der Bottich, in
  welchem in diesem Moment die erschpfteste Masse sich befindet, die
  schwchste Lauge und diese folglich im hchsten Niveau. Dieser Bottich
  bildet selbstverstndlich das Eintrittsgefss fr das reine Wasser.
  Sobald die Beschickung in diesem Bottich vllig erschpft ist, entfernt
  man sie und ersetzt sie durch neue Beschickung; durch Oeffnen einer
  Reihe von Hhnen wird dieser Bottich in den Austrittsbottich
  bergefhrt. Zugleich leitet man den Strom kaltes Wasser in den
  benachbarten Bottich u. s. w. Je mehr Bottiche eine Reihe enthlt, um
  so eher lsst sich eine bestimmte Menge Rohsoda in einer gegebenen Zeit
  erschpfen. Es giebt jedoch praktische Grenzen, die nicht berschritten
  werden drfen, sowol fr die Anzahl der Auslaugungsgefsse, als auch
  fr die Schnelligkeit des Wasserstromes. Es gengt, dass die ablaufende
  Lauge eine Dichte von etwas unter 1,3 (1,27 bis 1,286) habe; ein
  Kubikfuss der Lsung (= 0,028 Kubikmeter) enthlt alsdann 4,5 bis 4,95
  Kilogr. feste Bestandtheile, was einem Gehalt von ungefhr 13,5 Proc.
  vom Gewichte der Flssigkeit entspricht. Die Vortheile des neuen
  Auslaugeverfahrens in seiner Anwendung auf Sodafabrikation sind
  folgende: 1) der Transport der Rohsoda von Bottich zu Bottich fllt
  hinweg, da die Soda in demselben Behlter bleibt vom Anfang an bis zu
  Ende und man erspart betrchtlich an Handarbeit; 2) da die rohe Soda
  von der Flssigkeit bedeckt bleibt, so setzt sie sich niemals so fest
  zusammen, wie es nach dem lteren Verfahren hufig geschieht und
  wodurch das Auslaugen so bedeutend erschwert wird. Im Gegentheile die
  umgebende Flssigkeit trgt die rohe Soda hydrostatisch, so dass die
  Masse immer porser wird in dem Maasse, als das Auslaugen
  fortschreitet, wodurch das Auslaugen befrdert und vervollstndigt
  wird; 3) der abwrts gehende Strom der Flssigkeit nimmt den dichtesten
  Theil der Lsung mit fort, so dass die Operation mit geringeren
  Wassermengen, in weniger Zeit und weit vollstndiger verluft, als wenn
  die Filtration eine aufsteigende gewesen wre; 4) die Schnelligkeit und
  das Continuirliche der Operation entziehen das Alkali schleunigst der
  Einwirkung des unlslichen Calciumsulfuretes und krzen die Dauer der
  graduellen Reaktionen, durch welche sich lsliche Schwefelmetalle
  bilden und zwar zum grossen Nachtheile fr das Produkt; 5) die grosse
  Concentration der so gewonnenen Lauge krzt die Abdampfungsdauer ab,
  wodurch ganz wesentlich an Brennstoff gespart wird.

  Die Beschaffenheit der durch Auslaugen der Rohsoda gewonnenen und durch
  Absetzenlassen geklrten =Lauge= ist von der Beschaffenheit der
  Rohsoda, von der Dauer der Einwirkung der Luft und des Wassers und der
  dabei angewandten Temperatur abhngig, so dass allgemeine Angaben
  darber nicht gemacht worden knnen. =Kynaston=, =Scheurer-Kestner= und
  =J. Kolb= haben nachgewiesen, dass die trockne Rohsoda kein Aetznatron
  enthlt und dass dessen Gegenwart in der Lauge nur von der Einwirkung
  des Kalkes auf das Natriumcarbonat bei Gegenwart von Wasser herrhrt.
  Auch das Schwefelnatrium kann in einer normal bereiteten Rohsoda nur
  spurenweise vorkommen, aber die Menge des Schwefelnatriums, das in der
  Lauge sich findet, kann noch weit mehr variiren als die des
  Aetznatrons, und ist nur von der Art und Weise des Auslaugens
  abhngig. Meistens ist es Natriummonosulfuret, das in der Lauge
  enthalten ist, entstnde auch Polysulfuret, so wrde es durch das
  zugleich vorhandene Aetznatron in Monosulfuret verwandelt werden. Das
  Eisen ist als Eisenoxyd in der Rohsoda, erst bei der Einwirkung von
  Wasser verwandelt es sich in Schwefeleisen, das in dem vorhandenen
  Schwefelnatrium sich auflst und die Laugen grn oder gelbbraun frbt.
  Die Menge des Wassers, die man zum Auslaugen der Rohsoda anwendet, ist
  ohne Einfluss auf die Kausticitt der Lauge, whrend die
  Schwefelnatriummenge, wie oben bemerkt, mit dem Wasserquantum, der
  Digestionsdauer, der Temperatur- und Concentrationszunahme gleichfalls
  zunimmt. Dies ist eine Folge der vermehrten Lslichkeit des
  Schwefelcalciums, welches mit Wasser in Calciumsulfhydrat und
  Kalkhydrat zerfllt; erstere Verbindung giebt dann mit dem Aetznatron
  Schwefelnatrium und zwar um so leichter, je concentrirter die Lauge
  ist. Auch kohlensaures Natrium setzt sich mit dem Schwefelcalcium um:
  je verdnnter die Lsung, je hher die Temperatur und je lnger die
  Einwirkung war.

  Fr die =Praxis= folgt aus den Arbeiten =J. Kolb='s, dass man die
  Rohsoda rasch auslaugen, dabei mglichst wenig Wasser anwenden und die
  Temperatur so niedrig wie mglich halten muss. Es wre ein immenser
  Fortschritt, erfnde man einen Apparat, mittelst dessen man die Rohsoda
  in der Klte in einigen Stunden (und nicht, wie bei den jetzt
  angewendeten Apparaten, in einigen Tagen) auslaugen knnte, und bei
  welchem man nur so wenig Wasser anzuwenden brauchte, dass man sofort
  ganz concentrirte Laugen erhielte. Diese Laugen wrden dann frei von
  Schwefelnatrium sein.

  Als Beispiel der Zusammensetzung einer Rohlauge sei die Analyse einer
  solchen Lauge (aus der chemischen Produkten-Fabrik von =Matthes= und
  =Weber= zu Duisburg a/Rh.) angefhrt. Spec. Gewicht = 1,25. 1 Liter
  Lauge enthlt 313,9 Grm. festes Salz, welches in 100 Th.
  zusammengesetzt war aus

                      Natriumcarbonat       71,250
                      Natriumhydroxyd       24,500
                      Kochsalz               1,850
                      Natriumsulfit          0,102
                      Natriumhyposulfit      0,369
                      Schwefelnatrium        0,235
                      Cyannatrium            0,087
                      Thonerde               1,510
                      Kieselerde             0,186
                      Eisen                 Spuren
                                           -------
                                           100,071

  Eine Rohlauge aus dem Klrkessel der Rhenania bei Aachen hatte ein
  spec. Gewicht von 1,252 und enthielt ein Liter 311 Grm. festen
  Rckstand.

[Sidenote: Abdampfen der Lauge.]

[Greek: b]) =Abdampfen der Lauge.= Die durch Absetzenlassen in den
Klrbassins von allen suspendirten Theilchen befreite Rohlauge enthlt
wesentlich Natriumcarbonat und Aetznatron, ausserdem Kochsalz und andere
Natronsalze in geringer Menge. Beachtenswerth ist die Gegenwart von
Schwefeleisen-Schwefelnatrium in der Rohlauge, welches die Ursache der
Frbung des Sodasalzes beim Eindampfen ist. Werden die Laugen abgedampft,
sobald sie die Auslaugeapparate verlassen haben, so befrdert man die
Suspension des Sulfosalzes und man erhlt ein gefrbtes Salz. Um die
Abscheidung dieser fr den Betrieb strenden Eisenverbindung zu
befrdern, ist es daher absolut nthig, dass die Laugen im abgekhlten
und wenig concentrirten Zustande in den Klrbassins lngere Zeit
verweilten. Das Sulfosalz kann jedoch auch durch Oxydation beseitigt
werden, wie es in England nach dem Verfahren von =Gossage= mit Hlfe der
atmosphrischen Luft geschieht. Als oxydirende Agentien wendet man auch
ferner Chlorkalk und besonders Natriumsalpeter an. Auch die Anwendung
eines Bleisalzes oder von Kupferoxyd oder von Spatheisenstein ist in
Vorschlag gebracht worden. Da nach =J. Kolb='s Versuchen das
Eisenmonosulfuret in Aetznatron und Natriumcarbonat unlslich ist, so
kann durch Zusatz von Eisenvitriol das Sulfosalz in Eisenmonosulfuret und
Natriumsulfat bergefhrt werden. Das Monosulfuret scheidet sich schnell
ab und die darberstehende vollkommen farblose Flssigkeit liefert vllig
weisses Salz.

  Die Verarbeitung der Lauge geschieht auf =zweierlei= Weise, nmlich

  [Greek: a]) nach der =einen= Art wird die Rohsodalauge ohne Weiteres
  zur Trockne eingedampft, so dass keine Mutterlauge bleibt. In diesem
  Falle erhlt man ein gleichartiges Produkt, in welchem alle
  Bestandtheile der Lauge, auch das Aetznatron unverndert sich finden;

  [Greek: b]) nach der =anderen= Art dampft man die Lauge (hnlich wie
  die Kochsalzlsung; vergl. Seite 184) bis zu einem gewissen Grade ein,
  aus der bersttigten und siedenden Flssigkeit scheidet sich nun das
  kohlensaure Natron als krystallinisches Pulver (=Sodasalz=) und zwar
  als Salz mit 1 Molekl Wasser Na_{2}CO_{3} + H_{2}O aus. In dem Maasse,
  als die Ausscheidung erfolgt, zieht man es heraus (soggt es). Whrend
  des Verdampfens und Soggens fliessen immer neue Mengen Lauge aus dem
  Reservoir oder den hher stehenden Pfannen zu, und dies so lange,
  Wochen oder Monate hindurch, als noch ein gengend reines Salz erhalten
  wird. Anfangs ist begreiflich in der Lauge die Menge des Carbonates
  sehr berwiegend ber die Menge der anderen, oben genannten
  Bestandtheile der Lauge, aber mit der Zeit wird das Verhltniss immer
  ungnstiger. Dies hat zur Folge, dass das sich ausscheidende Carbonat
  im Laufe der Verdampfungsperiode immer weniger rein wird, indem sich
  gleichzeitig mit ihm immer mehr und mehr Kochsalz und Sulfat
  ausscheiden und die anhngende unreine Mutterlauge das Salz immer
  strker verunreinigt. Die schliesslich bleibende Mutterlauge
  (=Rothlauge=) enthlt vorzugsweise nur Aetznatron und Schwefelnatrium,
  weil deren reichliches Vorhandensein das Lsungsvermgen der Lauge fr
  die Salze fast auf Null reducirt. Das ausgesoggte und durch
  Abtropfenlassen oder durch Centrifugiren von der Mutterlauge so viel
  als mglich befreite Sodasalz wird auf dem Herde eines mit Koksfeuerung
  versehenen Flammenofens unter Umrhren ausgetrocknet und calcinirt, um
  das Schwefelnatrium der anhngenden Mutterlauge zu oxydiren und ein
  vllig weisses Produkt zu erhalten. Das Produkt ist die =calcinirte
  Soda=. Die Qualitt dieser Soda, der Gehalt an Carbonat, ist sehr
  verschieden, das heisst es kommen sehr verschiedene Sorten dieser Soda
  in den Handel. Sie entstehen dadurch, dass man das, whrend des
  Eindampfens der Lauge sich ausscheidende Salz, nach der Zeitdauer des
  Verdampfens, in verschiedene Classen theilt. Das zuerst erhaltene Salz
  (der erste Ausschlag) liefert die beste Sorte; beim weiteren Verdampfen
  wird das Salz, wie gesagt, immer weniger rein, und es liegt in der Hand
  des Sodafabrikanten, wie viele Sorten Soda er darstellen will. Meistens
  lassen die Fabrikanten den Gehalt von fnf zu fnf Procent abnehmen und
  garantiren den Gehalt. Eine Soda, welche 90 Proc. alkalisches Natron
  enthlt, heisst 90grdige Soda; eine Soda von 70 Procent Gehalt an
  alkalischem Natron wird 70grdig genannt. Das Uebrige ist Sulfat und
  Kochsalz, neben einer kleinen Menge von Sulfit, das bei dem Calciniren
  entstanden ist.

[Illustration: Fig. 79.]

  Wird nach der oben angegebenen Methode die Rohsodalauge ohne weiteres
  bis =zur Trockne= verdampft, so dass keine Mutterlauge bleibt, so
  bedient man sich eines Flammenofens (Fig. 79). Man stampft zuerst auf
  der Ofensohle eine dicke Lage Sodasalz fest, damit die einzudampfende
  Lauge nicht mit den Backsteinen in Berhrung kommt. Sobald der Ofen
  durch das auf _A_ brennende Koksfeuer dunkle Rothglhhitze angenommen,
  lsst man die bis auf 33 abgedampfte Lauge aus der Vorwrmpfanne _D_
  und _E_ in den Ofen fliessen. Sobald die Lauge das heisse Sodasalz
  berhrt, beginnt heftiges Sieden, die Masse steigt und fllt und lsst
  sich leicht zur Trockne bringen. Durch Umrhren mit eisernen Krcken
  erhlt man das Salz pulvrig. Sobald eine gengende Menge Salz erhalten
  worden ist, hemmt man das Nachfliessen der Lauge und zieht das trockne
  Salz aus dem Ofen. Durch die Klappen _F_, _G_ und die Zge _C_, _C'_
  ist es mglich, die Verbrennungsgase entweder in den Schornstein oder
  unter die Laugenpfannen _D_ und _E_ zu leiten. =J. Brown= erhielt bei
  der Analyse von =Sodasalz=, durch Eindampfen der Rohlauge:

                                           I.      II.
                 Natriumcarbonat         68,907  65,513
                 Natriumhydroxyd         14,433  16,072
                 Natriumsulfit            7,018   7,812
                 Natriumhyposulfit        2,231   2,134
                 Schwefelnatrium          1,314   1,542
                 Chlornatrium             3,972   3,862
                 Natriumaluminat          1,016   1,232
                 Natriumsilicat           1,030   0,800
                 Unlsliche Substanz      0,814   0,974
                                        ---------------
                                        100,000 100,000

  Dieses Salz wird dann in einem Flammenofen stark erhitzt, durch diesen
  Process wird das Schwefelnatrium in Natriumsulfit und ein Theil des
  Hydrates in Natriumcarbonat umgewandelt. Das Salz ist, so wie es aus
  dem Ofen kommt, zum Verkaufe fertig. In den grossen Alkaliwerken in und
  bei New-Castle wird es aufgelst und nachher mit Kohlensure behandelt;
  das so dargestellte Salz enthlt weniger Aetznatron.

  Ein weit besseres Produkt erhlt man nach der oben erwhnten =anderen=
  Methode, nmlich durch Abdampfen der Lauge nicht bis zur Trockne,
  sondern nur bis zu einem gewissen Concentrationsgrade, wobei kleine
  Krystalle von Sodasalz (Na_{2}CO_{3} + H_{2}O) sich abscheiden.

  Was die Art und Weise des Abdampfens der Lauge betrifft, so sind
  heutzutage zwei verschiedene Verfahren im Schwange. Nach dem =einen=
  Verfahren wirkt die Wrme auf die Oberflche der Flssigkeit; das
  Abdampfen geschieht in viereckigen Pfannen aus Kesselblech, welche auf
  der Sohle des Flammenofens eingemauert sind. Es findet ein schnelles
  oberflchliches Sieden statt und die Oberflche der Flssigkeit bedeckt
  sich mit Salzkrusten, die der Arbeiter zerstrt, damit unaufhrlich
  neue Portionen der Flssigkeit mit der Wrme in Berhrung kommen. Von
  Zeit zu Zeit wird das zu Boden gesunkene Salz durch Seitenffnungen
  herausgekrckt und zum Abtropfen auf eine geneigte Ebene gebracht.
  Diese Abdampfungsmethode ist konomisch und frdernd, sie hat aber den
  Nachtheil die sauern Verbrennungsprodukte -- Kohlensure und schweflige
  Sure -- in unmittelbaren Contakt mit der alkalischen Lauge zu bringen
  und dadurch zu veranlassen, dass das Aetznatron in Carbonat und ein
  Theil des letzteren in Sulfit bergeht, welches letztere spter durch
  Oxydation in Sulfat verwandelt wird. Nach dem =zweiten= Verfahren wirkt
  die Wrme auf den Boden der Pfanne. Dadurch ist allerdings die
  Berhrung der Verbrennungsprodukte mit der Lauge abgeschnitten, dagegen
  leidet hierbei die Pfanne weit mehr und es bedarf besonderer
  Vorsichtsmaassregeln, um dem Verbrennen der Pfanne durch den Absatz
  einer die Wrme nicht leitenden Salzschicht vorzubeugen. =Gamble= in
  St. Helens wendet, um dem genannten Uebelstande auszuweichen, eine
  Pfanne von eigenthmlicher Form an, die im Querdurchschnitt dem eines
  Bootes analog ist. Diese Pfanne fhrt auch den Namen =Bootpfanne=. Die
  Flamme, gewhnlich die verlorene Wrme der Sodafen, spielt gegen die
  geneigten Wnde, deren Neigung die Extraktion des Salzes erleichtert,
  welche man auf dieselbe Weise wie das Kochsalz aus den Pfannen der
  Salinen auswirkt und dann abtropfen lsst.

  Gleichviel ob nach der ersten oder zweiten Methode dargestellt, bringt
  man das erzielte Produkt in einen Flammenofen, in welchem es oxydirt
  und mit Kohlensure verbunden wird; das Schwefelnatrium geht hierbei
  zum grssten Theile in Sulfit und Sulfat ber. Das so erhaltene
  Sodasalz besitzt eine graue Farbe. Um es zu reinigen, lst man es
  mittelst Dampf in der kleinsten Menge Wasser, lsst die Lsung sich
  absetzen, decantirt die klare Flssigkeit und dampft sie von Neuem zur
  Trockne ab. Auf diese Weise erhlt man vollkommen weisses Sodasalz
  (=raffinirte Soda=). Noch reiner lsst sich das Produkt erhalten, wenn
  man nach =Ralston= das unreine Salz methodisch mit einer kalten und
  gesttigten Lsung von reinem Natriumcarbonat wscht, wodurch nur die
  fremden Salze, Chlornatrium, Schwefelnatrium und Sulfat, gelst werden,
  whrend das Natriumcarbonat vollkommen rein zurckbleibt.

  Wie oben erwhnt, dampft man in der Regel nicht bis zur Trockne,
  sondern nur bis zu einem bestimmten Concentrationspunkt ab, der durch
  die Erfahrung ermittelt wird, und schpft die dabei niederfallenden
  Krystalle heraus. Durch Variirenlassen des relativen Volumens der
  Flssigkeit erhlt man mehr oder minder reine Produkte. Dampft man z.
  B. die gewhnliche Lauge aus den Auslaugegefssen (von 1,286 spec.
  Gew.) bis auf 7/12 ihres Volumens ab und nimmt man dabei sich
  ausscheidendes Salz heraus, so erhlt man ein Produkt, welches einem
  gereinigten Sodasalz von 57 Proc. entspricht. Dampft man dann den Rest
  der Lauge auf 3/7 ihres Volumens ab, so entspricht das ausgeschiedene
  Salz einer Soda von 50 Proc. Die zur Trockne verdampften Mutterlaugen
  geben ein sehr kaustisches Produkt, das alle lslichen Unreinigkeiten
  enthlt. =Kuhlmann= in Lille stellt diese fractionirten Produkte
  einfach durch Abdampfen der Lauge in graduirten Pfannen dar. Die
  Reinigung der Rohlauge lsst sich ohne Mitwirkung von Feuer ausfhren,
  wenn man nach =Gossage= (1853) die Lauge, welche Schwefeleisen durch
  das vorhandene Schwefelnatrium gelst enthlt, langsam durch einen
  Koksthurm filtrirt, in welchem die Flssigkeit einen in
  entgegengesetzter Richtung sich bewegenden Luftstrom trifft. Hierdurch
  wird das Schwefelnatrium oxydirt und das Schwefeleisen unlslich
  ausgeschieden. Die Zusammensetzung von =raffinirter Soda= sei nach den
  Analysen von =Tissandier= (1869) durch folgende Beispiele versinnlicht:

                          1.       2.       3.       4.      5.
        Feuchtigkeit     2,22     3,11     1,15     1,00    0,40
        Unlsliches      0,12     0,22     0,08     --      0,06
        Chlornatrium    12,48     6,41     3,28     2,11    0,99
        Sulfat           8,51     3,25     2,15     1,50    0,35
        Carbonat        76,67    87,01    92,34    95,39   98,20
                       -----------------------------------------
                       100,00   100,00   100,00   100,00  100,00

  Die Natriumhydroxyd haltigen Sodasorten haben nach =Tissandier=
  folgende Zusammensetzung:

                                 1.      2.      3.      4.
             Feuchtigkeit       2,10    1,50    2,48    1,38
             Unlsliches        0,12    0,11    0,21    0,09
             Chlornatrium       4,32    2,43    3,50    4,11
             Sulfat             8,80    1,62    2,15    2,50
             Carbonat          82,47   88,09   84,54   81,67
             Natriumhydroxyd    2,11    6,25    7,12   10,25
                              ------------------------------
                              100,00  100,00  100,00  100,00

[Illustration: Fig. 80.]

[Illustration: Fig. 81.]

  Behufs der Darstellung von =krystallisirter Soda= oder
  =Sodakrystallen=, Na_{2}CO_{3} + 10H_{2}O (mit 63 Proc. Wasser) lst
  man die calcinirte Soda in heissem Wasser bis zur Sttigung, klrt die
  Flssigkeit durch Absetzenlassen und lsst sie in eisernen Gefssen bis
  zum Erkalten stehen, wo die Soda in grossen Krystallen sich absetzt.
  Man lst das Sodasalz in Kesseln aus Schwarzblech von konischer Gestalt
  (Fig. 80), in welche durch das Rohr _C_ ein Dampfstrom geleitet wird.
  Die aufzulsende Soda kommt in den siebhnlich durchlcherten
  Blechkasten _D_, welcher durch Kolben gehoben und gesenkt werden kann.
  Der Kessel wird durch den Hahn _B_ zu 3/4 mit Wasser gefllt und dann
  der mit Soda beschickte Kasten in das Wasser getaucht, whrend durch
  _C_ Dampf eingeleitet wird. Es findet schnelle Temperaturerhhung
  statt, in deren Folge die Soda sich lst. Sobald die Lauge eine Dichte
  von 30 bis 32 B. zeigt, leitet man sie in die Krystallisirgefsse aus
  Schwarzblech, die 5 Meter lang, 2 Meter breit und 0,45 Meter tief sind
  und an einem luftigen Orte sich befinden. Bei mittlerer Temperatur ist
  nach Verlauf von 5-6 Tagen die Krystallbildung beendigt. Nachdem die
  Mutterlauge durch eine am Boden der Krystallisirgefsse befindliche
  Oeffnung abgelassen worden ist, die man dann auf eine geringgrdige
  Soda verarbeitet, lst man die Krystalle von den Wandungen und
  unterwirft sie einer nochmaligen Krystallisation. Zu dem Ende lst man
  die Sodakrystalle in einem konischen Blechkessel _A_ (Fig. 81), der
  direkt durch die Flamme der Feuerung _C_ erhitzt wird. Mit Hlfe der
  Zge _D_, _D_ kann die Flamme den Kessel berall umspielen. Der Kessel
  wird mit Krystallen gefllt, durch das Rohr _B_ etwas Wasser zugeleitet
  und dann erhitzt. Das Krystallwasser reicht hin, um alles Salz zum
  Schmelzen zu bringen. Nachdem dies erreicht, entfernt man das Feuer,
  deckt den Kessel mit einem Holzdeckel zu und lsst die Flssigkeit sich
  absetzen. Ist die Klrung vor sich gegangen, so leitet man die Lauge
  mit Hlfe von Hebern in ein Reservoir, giebt sie dann in viereckige
  Kasten von Gusseisen, die einen Durchmesser von 40-50 Ctm. haben. Hier
  beginnt die Krystallisation, die nach acht Tagen beendigt ist. Die
  Krystallbildung wird durch Einhngen 6-9 Centim. breiter Eisenstbe in
  die Flssigkeit wesentlich befrdert. Nachdem die Mutterlauge von den
  Krystallen entfernt, stellt man die Kasten kurze Zeit in einen Kessel
  mit siedendem Wasser, wodurch die Krystalle von den Wnden in Folge
  angehender Schmelzung sich ablsen, so dass durch blosses Umdrehen des
  Kastens die Krystallmasse in einem Stck herausfllt. Nach dem
  Abtropfenlassen zerschlgt man die Masse und lsst sie in einer bis auf
  15-18 C. erwrmten Trockenkammer trocknen, worauf man sie, um
  jeglicher Verwitterung vorzubeugen, sofort in Fsser packt.

  Das Krystallisirtsein der Soda bietet stets Garantie fr grosse
  Reinheit. Der allgemeineren Anwendung der krystallisirten Soda steht
  ihr grosser Wassergehalt entgegen, der die Fracht unnthigerweise
  vertheuert. Der Verbrauch derselben ist trotzdem in England ein weit
  betrchtlicherer als in Frankreich und Deutschland, wo, wenn von der
  pharmaceutischen Verwendung abgesehen wird, ihr Gebrauch lediglich auf
  die Flle sich beschrnkt, wo die Gegenwart von Aetznatron in der Soda
  von Nachtheil sein knnte. --

[Sidenote: Theorie des Leblanc'schen Sodabildungsprocesses.]

  =Theorie der Sodabildung.= Der chemische Process, durch welchen das
  Natriumcarbonat nach der Methode von =Leblanc= sich bildet, ist erst
  durch neuere Untersuchungen von =Gossage= und durch =Scheurer-Kestner=
  aufgehellt worden. Frher nahm man, nach der Erklrung von =Dumas= an,
  dass beim Calciniren eines Gemenges von Sulfat, Calciumcarbonat und
  Kohle, letztere unter Kohlenoxydgasbildung das Sulfat zu
  Schwefelnatrium reducire, welches dann durch das Calciumcarbonat unter
  Bildung von Natriumcarbonat und Calciumoxysulfuret, und Entweichen
  eines Theiles der Kohlensure zersetzt werde [([Greek: a]) Na_{2}SO_{4}
  + 4C = Na_{2}S + 4CO_{2}; ([Greek: b]) 2Na_{2}S + 3CaCO_{3} =
  2Na_{2}CO_{3} + CaO, 2CaS + CO_{2}]. Nach =Unger='s Ansicht, mit
  welcher im wesentlichen die von =E. Kopp= (1865) harmonirt, verliert,
  nachdem sich das Schwefelnatrium gebildet hat, das Calciumcarbonat die
  Kohlensure und es bleibt ein Gemenge zurck von Aetzkalk,
  Schwefelnatrium und Kohle, welches sich zu Calciumoxysulfuret und
  Aetznatron umsetzt, welches letztere durch Aufnahme von Kohlensure in
  Folge des Verbrennens von Kohle in Natriumcarbonat bergeht. Letztere
  Ansicht ist wol diejenige, die der Wahrheit am nchsten kommt, nur ist
  es, wie =Scheurer-Kestner=, =Dubrunfault=, =J. Kolb= und =Th. Petersen=
  (1860 bis 1869) nachgewiesen haben, nicht nthig, die Existenz eines
  Calciumoxysulfuretes anzunehmen, um die Nichteinwirkung des
  Schwefelcalciums auf das Natriumcarbonat zu erklren, da
  Schwefelcalcium fast unlslich in Wasser ist (12,500 Th. Wasser lsen
  bei 12,6 nur 1 Th. Schwefelcalcium). Mit dieser Anschauungsweise
  stimmen auch die von =Pelouze= (1866) erhaltenen Resultate berein.
  Whrend des Sodabildungsprocesses im Soda Ofen geht der vorhandene
  Kohlenstoff =nur= in Kohlensure ber, nmlich:

  [Greek: a]) 5Na_{2}SO_{4} + 10C = 5Na_{2}S + 10CO_{2};
  [Greek: b]) 5Na_{2}S + 7CaCO_{3} = 5Na_{2}CO_{3} + 5CaS +
                                                          2CaO + 2CO_{2}.

  Da sich jedoch whrend der Operation der Sodabildung und namentlich
  gegen das Ende derselben aus dem schmelzenden Gemenge Kohlenoxydgas
  entwickelt und mit blauer Flamme verbrennt, eine Gasentwickelung,
  welche selbst noch fort dauert, nachdem die Schmelze aus dem Ofen
  gezogen worden ist, so muss dieses Kohlenoxyd, _obgleich es ein
  secundres Produkt ist_, mit in die Gleichung aufgenommen werden. Die
  Bildung des Kohlenoxydes ist gleichwol von grosser Wichtigkeit, weil
  das Auftreten dieses Krpers den Moment wahrnehmen lsst, wo die Hitze
  hinlnglich hoch und die Hauptreaktion beendigt ist. Durch die
  Untersuchungen =Unger='s ist es ausser allem Zweifel, dass bei der
  Reduktion des Sulfates durch Kohle sich nur Kohlensure und kein
  Kohlenoxydgas entwickelt. Das Kohlenoxyd bildet sich also nicht whrend
  der Reduktion des Sulfates, sondern ist das Resultat der Einwirkung der
  Kohle auf die berschssig angewendete Kreide oder den Kalkstein. Die
  Reduktion des Calciumcarbonates durch Kohle findet erst bei weit
  hherer Temperatur statt als die Reduktion des Sulfates; sie folgt auf
  die letztere, d. h. nach Beendigung der Hauptreaktion. In diesem
  Stadium ist das Natriumcarbonat fertig gebildet.

  Man hat demnach =drei Phasen= in dem =Sodabildungsprocesse= zu
  unterscheiden, nmlich

  [Greek: a]) zuerst findet Reduktion des Sulfates unter Entwickelung von
  Kohlensure statt (Na_{2}SO_{4} + 2C = Na_{2}S + 2CO_{2});

  [Greek: b]) hierauf geht die doppelte Zersetzung zwischen dem
  entstandenen Schwefelnatrium und dem Calciumcarbonat vor sich (Na_{2}S
  + CaCO_{3} = Na_{2}CO_{3} + CaS);

  [Greek: g]) zuletzt findet theilweise (und durch das Erkalten der Masse
  aufgehaltene) Reduktion des berschssig angewendeten Calciumcarbonates
  durch die Kohle statt (2CaCO_{3} + 2C = 2CaO + 4CO). Beim Auslaugen
  giebt der entstandene Aetzkalk zur Bildung von Aetznatron Veranlassung.

  Die Theorie verlangt mithin auf 100 Th. Sulfat nur gegen 20 Th. Kohle.
  Der bliche Zusatz von berschssigem Kohlenstoff (40 bis 75 Proc.)
  gewhrt aber in zweifacher Beziehung Vortheil, nmlich einmal als
  Ersatz fr denjenigen zu dienen, welcher im Laufe der Operation in
  Folge unvollkommener Mischung zu Oxyd reducirt worden ist; das andere
  Mal erlaubt der Zusatz genau den Zeitpunkt wahrzunehmen, wo die
  Reaktion beendigt ist, da die Schmelze der Einwirkung der Ofenhitze
  entzogen werden muss, nachdem die Entwickelung von Kohlenoxyd begonnen
  und bevor sie aufgehrt hat.

[Sidenote: Verwerthung der Sodarckstnde.]

=Verwerthung der Sodarckstnde.= Wie frher bereits hervorgehoben,
liefert das =Leblanc='sche Sodaverfahren, wenn man von der Kryolithsoda
und von der bei der Darstellung des Conversionssalpeters auftretenden
Soda absieht, trotz der unzhligen Versuche, dasselbe durch andere
Methoden und Processe zu ersetzen, noch immer beinahe ausschliesslich die
ungeheuren Mengen von Soda, Aetznatron und Bicarbonat, welche
gegenwrtig verbraucht werden. Diesen Vorzug vor allen anderen Processen
verdankt =Leblanc='s Methode unzweifelhaft grossentheils der Erzeugung
der =Sodarckstnde=, insofern diese eben die werthvolle Eigenschaft
besitzen, sich von dem in der Rohsoda enthaltenen Alkali durch das
Auslaugen leicht und vollstndig trennen zu lassen. Gleichwol sind diese
Rckstnde stets als die grsste Schattenseite dieses so wichtigen
Zweiges der chemischen Industrie betrachtet worden. Die grosse Menge von
Schwefel, welche in die Fabrikation eingetreten, ist in diesen
Rckstnden untergegangen und zwar der Art, dass nach einer Mittheilung
von =A. Oppenheim= der in der Sodafabrik von Dieuze (in Lothringen) in
den festen Rckstnden aufgespeicherte Schwefel auf 3-3/4 Millionen
Franken geschtzt wird. Jede Tonne Alkali giebt nicht weniger als 1-1/2
Tonnen trockenen Rckstand und die auf diese Weise erzeugten enormen
Massen werden gewhnlich in der Nhe der Fabriken aufgehuft, wo sie oft
ganze Berge von betrchtlicher Hhe bilden. Diese Rckstande entwickeln,
zumal bei heissem Wetter, bedeutende Mengen von Schwefelwasserstoff,
welches die Bewohner der Nachbarschaft in der nachtheiligsten Weise
belstigt; berdies werden aus ihnen durch den Regen und durch die mit
den Halden in Berhrung kommenden Tagewsser grosse Quantitten einer
mehr oder weniger intensiv gelb gefrbten, Calciumsulfuret und
Calciumpolysulfuret enthaltenden Flssigkeit ausgelaugt, welche das
Wasser aller Brunnen und Wasserlufe, zu denen sie Zutritt hat,
vergiftet. Diese Uebelstnde werden durch den Gehalt der Rckstnde an
Schwefel bedingt, welcher nicht weniger als 80 Proc. der gesammten, bei
der Sodafabrikation verwendeten Schwefelmenge betrgt und offenbar einen
sehr grossen Verlust reprsentirt. Alle Versuche und Anstrengungen,
diesen Schwefel auf einfache und billige Weise wieder zu gewinnen und
damit die Schdlichkeit, ja Gefhrlichkeit dieser Rckstnde fr das
Allgemeinwohl zu beseitigen, sind bis vor Kurzem gescheitert, obgleich
viele Chemiker und Techniker diesem Gegenstande seit 30 bis 40 Jahren
viel Zeit und Geld geopfert haben. Unter diesen Mnnern nehmen =W.
Gossage= und =Guckelberger= (in Ringkuhl bei Kassel) mit die ersten
Pltze ein. Sehr zahlreiche Methoden zur Wiedergewinnung des Schwefels
aus den Sodarckstnden sind beschrieben und patentirt worden; jedoch war
es bis auf die neueste Zeit durch keine derselben gelungen, die
hauptschlichste praktische Schwierigkeit der Frage -- die Behandlung so
bedeutender Rckstandsmengen ohne zu grossen Aufwand von Arbeit und Geld
-- zu berwinden.

Erst seit 1863 etwa wird Schwefel aus Sodarckstnden in regelmssigem
Betriebe gewonnen und zwar nach =drei= verschiedenen Verfahren von
=Guckelberger= (durch =L. Mond= in modificirter Form in die Praxis
eingefhrt), von =Max Schaffner= (in Aussig) und von =P. W. Hofmann= (in
Dieuze). Die Schwefelregeneration machte seitdem so rasche Fortschritte,
dass zur Pariser Ausstellung 1867 nicht weniger als sieben Fabriken
Proben von solchem aus Alkalirckstnden dargestellten Schwefel
eingesendet hatten, welcher nach den drei verschiedenen Methoden
regenerirt worden war. Alle diese Methoden beruhen auf demselben
Principe, nmlich auf der Umwandlung der in den Rckstnden enthaltenen
unlslichen Calciumsulfurete in lsliche Verbindungen vermittelst einer
Oxydation durch den atmosphrischen Sauerstoff, Auslaugen der oxydirten
Masse und Fllung des in die Laugen bergegangenen Schwefels durch eine
starke Sure, wozu in der Praxis selbstverstndlich Salzsure verwendet
wird.

[Sidenote: M. Schaffner's, Schwefelregeneration.]

  Wir mssen uns begngen, nur eines dieser Verfahren zu beschreiben, und
  zwar =M. Schaffner='s Regenerationsverfahren. Dasselbe zerfllt in
  folgende Arbeiten:

    [Greek: a]) die Darstellung der schwefelhaltigen Lauge,
    [Greek: b]) die Zersetzung der erhaltenen Lauge,
    [Greek: g]) die Darstellung des Schwefels.

  [Greek: a]) Behufs der =Darstellung der schwefelhaltigen Lauge= werden
  die Sodarckstnde einem Oxydationsprocesse an der Luft unterworfen,
  indem man dieselben in grosse Haufen aufstrzt. -- Der Haufen erwrmt
  sich nach einiger Zeit und es beginnt die Bildung von Polysulfureten
  und bei weiterer Oxydation die Bildung von unterschwefligsauren Salzen.
  Die Praxis lehrt sehr bald durch Beurtheilung der Farbe, wie lange man
  den Haufen liegen lassen muss. Nach einigen Wochen hat nmlich der
  Haufen im Innern eine gelbgrne Farbe und er ist zum Auslaugen reif. Er
  wird aufgehackt, die grssern Stcke zerschlagen, bleibt noch etwa 24
  Stunden an der Luft liegen, wo dann die gewnschte Oxydation
  vollstndig wird. -- Das Auslaugen geschieht mit kaltem Wasser wie beim
  Auslaugen der rohen Soda, so dass man es am Schlusse nur mit
  concentrirten Laugen zu thun hat. Nach diesem Auslaugeprocess werden
  die Sodarckstnde noch einmal oxydirt, indem man sie in 1 Meter tiefe
  und ebenso breite Gruben bringt, die neben den Auslaugekasten liegen.
  Diese Oxydation in Gruben, wobei die durch den Zersetzungsprocess frei
  werdende Wrme mehr zusammengehalten wird, als in freien Haufen, geht
  rascher vor sich als die erste Oxydation. Durch den frhern
  Auslaugeprocess ist die Masse nun porser als bei der ersten Oxydation
  und somit hat auch die Luft mehr Zutritt und es bilden sich darum neben
  Polysulfureten auch mehr unterschwefligsaure Salze. Statt nach dem
  ersten Auslaugen die Sodarckstnde aus dem Auslaugegefss zur zweiten
  Oxydation in eine Grube zu bringen, kann man sie auch im Auslaugegefss
  liegen lassen und die zweite Oxydation knstlich beschleunigen, dass
  man mit einem Ventilator die Gase aus einem Kamin, in welches
  Feuerungsanlagen einmnden, unter den doppelten Boden des
  Auslaugegefsses fhrt. Man erspart hierdurch an Arbeitslhnen, indem
  das einmalige Aus- und Einfahren aus dem Auslaugebassin in die Grben
  umgangen wird. Zugleich ist diese Art der Oxydation eine sehr
  energische, indem in 8-10 Stunden der Process vollendet und die Masse
  abermals zum Auslaugen reif ist. Je nach Beschaffenheit der
  Sodarckstnde kann man diese Oxydation 3-4 Mal wiederholen. Die
  Rauchgase, die im Wesentlichen aus Wasserdampf, berschssiger warmer
  Luft und Kohlensure bestehen, haben alle Eigenschaften, um auf das
  Schwefelcalcium in der Art zersetzend einzuwirken, dass Polysulfuret
  und unterschwefligsaures Salz entsteht. Die Gase drfen jedoch nicht zu
  warm zur Anwendung gelangen. Die Laugen, die man von der ersten
  Oxydation erhlt, bestehen hauptschlich aus Polysulfuret neben
  unterschwefligsauren Salzen; bei den Laugen von der zweiten Oxydation
  ist das unterschwefligsaure Salz vorherrschend und die Laugen der
  dritten Oxydation enthalten noch mehr unterschwefligsaures Salz.
  Smmtliche Laugen vereinigen sich in einem gemeinsamen Reservoir. Das
  Produkt dieser ganzen Manipulation ist also eine Lauge von einem
  bestimmten Gehalt an Polysulfureten des Calciums neben einem gewissen
  Gehalt an unterschwefligsauren Salzen.

[Illustration: Fig. 82.]

  [Greek: b]) Die =Zersetzung der Lauge mit Salzsure= geschieht in
  geschlossenen Apparaten aus Gusseisen oder Stein. Die Zersetzung ist
  darauf basirt, dass unterschwefligsaures Salz durch Salzsure
  schweflige Sure entwickelt unter Ausscheidung von Schwefel
  (CaS_{2}O_{3} + 2 HCl giebt CaCl_{2} + SO_{2} + S + H_{2}O). Ferner,
  dass schweflige Sure das Polysulfuret unter Ausscheidung von Schwefel
  in unterschwefligsaures Calcium verwandelt (2 CaS_{1} + 3 SO_{2} = 2
  CaS_{2}O_{3} + S_{1}). Durch Titrirung wird die Schwefellauge auf ihren
  Gehalt an Polysulfuret und unterschwefligsaures Salz geprft und
  darnach der Sodarckstand schwcher oder strker oxydirt. In Praxis ist
  der Ausfllapparat aus Gusseisen oder Stein; Fig. 82 zeigt den
  Ausfllapparat von Gusseisen, wie er in den meisten Fabriken eingefhrt
  ist. _A_ und _B_ enthalten die zur Zersetzung bestimmte Lauge. _l_ ist
  die Laugenleitung, durch einen darin befindlichen Gummischlauch wird
  die Lauge bald durch _q_ in das Gefss _A_ geleitet, bald durch _q'_ in
  das Gefss _B_. _T_ und _T'_ sind Thonrhren und dienen zum Eingiessen
  der Salzsure. Die Rhren _c_ und _d_ correspondiren ebenfalls mit dem
  Glasapparat, _c_ sitzt auf dem Deckel von _A_, whrend sein langer
  Schenkel in die Flssigkeit von _B_ einmndet, bei _d_ ist dies der
  umgekehrte Fall, der kurze Schenkel sitzt auf dem Deckel von _B_,
  whrend der lange Schenkel in die Flssigkeit von _A_ eintaucht. Der
  Hahn _a_ wird geschlossen, wenn die Gase durch _c_ in die Flssigkeit
  von _B_ treten sollen, Hahn _b_ wird geschlossen und _a_ geffnet, wenn
  die Gase durch _d_ in die Flssigkeit von _A_ treten sollen. Durch das
  Rohr _R_ entweicht das etwa berschssige Gas. Nach erfolgter
  Zersetzung mit Salzsure lsst man durch das Ventil _V_ oder _V'_ Dampf
  einstrmen, um die letzte von der Flssigkeit absorbirte schweflige
  Sure berzutreiben. Ist der Process beendigt, so fliesst der Schwefel
  mit der Chlorcalciumlauge durch die Oeffnung _O_ oder _O'_ aus. Zuerst
  ffnet man den Holzstpsel _p_ und lsst den grssern Theil der
  Chlorcalciumlauge abfliessen. Um zu erfahren, ob alle schweflige Sure
  bergetrieben ist, ffnet man den Holzhahn _h_ oder _h'_ und berzeugt
  sich durch den Geruch, ob noch schweflige Sure entweicht. Die Hhne
  _f_ und _f'_ sind vorhanden, um sich von der gehrigen Fllung des
  Apparates mit Lauge und von dem Gang der Zersetzung berzeugen zu
  knnen. Der Gang der Arbeit ist ganz derselbe wie beim Glasapparat. Zum
  Zweck der Reinigung sind alle Rhren mit Deckel versehen.

  Der so erhaltene Schwefel ist feinkrnig, enthlt etwas Gyps,
  hauptschlich vom Schwefelsuregehalt der Salzsure herrhrend, er
  fliesst sammt der Chlorcalciumlauge in eine Rinne _g_ und von hier in
  ein Bassin mit doppeltem Boden; die Lauge fliesst hier ab und der
  Schwefel bleibt zurck, er wird mit Wasser abgewaschen und gelangt dann
  zum Schmelz- oder Reinigungsprocess.

  [Greek: g]) Die =Darstellung des reinen Schwefels= geschieht durch
  folgenden einfachen Process, der direct reinen Schwefel liefert,
  welcher als =raffinirter Schwefel= in den Handel gebracht werden kann.
  Der Schwefel von dem Ausfllapparat wird mit so viel Wasser in einen
  gusseisernen geschlossenen Kessel gebracht, dass die Masse eine
  breiartige Consistenz hat; man lsst sodann Dampf einstrmen, der einen
  Ueberdruck von 1-3/4 Atmosphren hat, und rhrt dabei um. Es schmilzt
  auf diese Weise der Schwefel unter Wasser, die an dem Schwefel
  adhrirende Chlorcalciumlauge wird vom Wasser aufgenommen und der Gyps
  ist als feines Krystallpulver im Wasser suspendirt. Der unter Wasser
  geschmolzene Schwefel sammelt sich im tiefsten Theil des Kessels an und
  kann nun abgelassen und in die gewnschten Formen gegossen werden. Ist
  aller Schwefel abgeflossen, so fliesst sodann das gypshaltige Wasser
  ab, da Schwefel und Wasser sich scharf nach dem spec. Gewicht scheiden.
  Gleichzeitig mit dem Schwefel giebt man eine kleine Quantitt Kalkmilch
  in den Schmelzkessel, um etwa noch vorhandene freie Sure unschdlich
  zu machen. Aus dem berschssigen Kalk bildet sich beim Schmelzen
  Schwefelcalcium und wenn der zum Schmelzen gelangende Schwefel
  arsenhaltig ist, so lst sich das Schwefelarsen in Schwefelcalcium auf
  und somit wird das Schwefelarsen in das ber dem geschmolzenen Schwefel
  stehende Wasser gefhrt. Die Vortheile des Schmelzens unter Wasser sind
  daher einleuchtend: Man hat nicht nthig, den gefllten Schwefel
  sorgfltig auszuwaschen und zu trocknen, die Destillation wird erspart
  und durch denselben Process wird der Schwefel vom Arsen befreit.
  Endlich hat die Art des Schmelzens unter Dampfdruck auch noch den
  Vortheil, dass der Schwefel nur so weit erhitzt wird, dass er sich
  gerade im dnnflssigsten Zustande befindet und nicht berhitzt werden
  kann, was beim nachherigen Giessen in Formen sehr erwnscht ist.

  Um den Schmelzkessel zu versinnlichen, wie derselbe in der Praxis
  ausgefhrt ist, mag beistehende Skizze (Fig. 83 und 84) dienen.

[Illustration: Fig. 83.]

[Illustration: Fig. 84.]

  Ein gusseiserner Cylinder _B_ liegt in einem schmiedeeisernen Cylinder
  _A_, die Stirnseiten sind mit einander verschraubt. Der Apparat liegt
  nach einer Seite geneigt, damit sich der geschmolzene Schwefel am
  tiefsten Theil ansammeln kann. In den innern Cylinder _B_ kommt der
  Schwefel mit dem nthigen Wasser und es befindet sich in diesem
  Cylinder eine Welle mit Armen zum Umrhren der Masse. Der Rhrer wird
  durch Maschinenkraft mittelst des Zahnrades _R_ bewegt. An beiden Enden
  der Rhrerwelle befinden sich Stopfbchsen. Bei _m_ wird der Schwefel
  eingebracht, es ist dies ein Mannlochverschluss (wie bei Dampfkesseln).
  Der Dampf strmt aus einem besondern Dampfkessel bei _a_ in den
  schmiedeeisernen Cylinder ein, umgiebt also den gusseisernen Cylinder
  _B_, strmt bei _o_ in den innern Cylinder und nach beendigter
  Schmelzung lsst man den Dampf durch _d_ und das Ventil _v_ entweichen.
  Der geschmolzene Schwefel wird durch eine besondere Ablassvorrichtung
  bei _z_ abgelassen. _S_ ist ein Sicherheitsventil.

  Auf diese Weise gewinnt man etwa 50-60 Proc. des in den Sodarckstnden
  enthaltenen Schwefels in Form von chemisch reinem Schwefel. Auf einen
  Centner Schwefel werden 2-2-1/4 Centner Salzsure gebraucht.

  Bei denjenigen Fabriken, wo die Salzsure grossen Werth hat, kann man
  auch die =Rckstnde der Chlorkalkfabrikation= mit in Anwendung bringen
  und dadurch chemisch reinen Schwefel erhalten. Die Rckstnde der
  Chlorkalkfabrikation, die im Wesentlichen aus Manganchlorr mit viel
  freier Salzsure neben Eisenchlorid bestehen, werden zu diesem Zweck
  wie folgt behandelt: Zuerst werden die Chlorrckstnde von ihrem
  Gehalte an Eisenchlorid befreit. Man lsst zu diesem Zwecke diese
  Rckstnde in ein Gefss fliessen und durch ein Trichterrohr
  Schwefellauge in kleinen Quantitten einlaufen. Es entwickelt sich
  sofort Schwefelwasserstoffgas und dieses reducirt das Fe_{2}Cl_{6} zu
  FeCl_{2}. Man rhrt dabei um. Ohne weitere Reaktion erkennt man schon
  an der Farbe, wenn die Reduktion vorber ist. Der sich hier
  ausscheidende Schwefel ist von graugelber Farbe, derselbe wird von Zeit
  zu Zeit gesammelt und in den Schwefelfen verbrannt. Wenn die
  Chlorkalkrckstnde auf diese Weise prparirt sind, so enthalten sie
  also kein Eisenchlorid. Im Ausfllapparat knnen nun dieselben wie
  Salzsure verwendet werden. Bei Erklrung des Vorgangs im
  Ausfllapparat wurde gezeigt, dass die Polysulfurete immer durch die
  schweflige Sure der vorhergehenden Zersetzung in unterschwefligsaure
  Salze bergefhrt wurden. Wenn also die Zersetzung mit Salzsure
  erfolgt, so ist kein Schwefelcalcium mehr vorhanden. Statt Salzsure
  wendet man nun die prparirten Chlorrckstnde an und es wirken die in
  denselben vorhandenen freien Salze nun ebenso gut zersetzend auf die
  unterschwefligsauren Salze, als reine Salzsure. Schwefelmangan und
  Schwefeleisen kann sich nicht bilden, da gewhnlich kein
  Schwefelcalcium mehr vorhanden ist. Sollte aber doch etwas
  Schwefelcalcium vorhanden sein, so setzt man etwas Salzsure zu, bevor
  man die Chlorrckstnde anwendet. Man kann auf diese Weise 3/4 der
  ganzen Salzsure ersparen, die sonst nthig wre, und erhlt doch
  reinen Schwefel.

[Sidenote: Sonstige Verfahren der Darstellung von Soda aus Glaubersalz.]

=Andere Methoden der Sodafabrikation.= Unter den sonstigen (fast
zahllosen) Verfahren der Darstellung von Soda sind folgende
erwhnenswerth. Nach =Kopp='s Verfahren der Sodafabrikation (das auf die
Versuche des =P. Malherbe= -- 1777 -- sich sttzt und frher unter dem
Namen des =Alban='schen Verfahrens bekannt war) mischt man Natriumsulfat,
Eisenoxyd, Kohle und schmilzt in einem gewhnlichen Sodaschmelzofen:

             2Fe_{2}O_{3}  }    geben   { Fe_{4}Na_{6}S_{3}
             3Na_{2}SO_{4} }    beim    { 14 CO
            16C            } Calciniren { 2CO_{2}

  Die rohe eisenhaltige Soda absorbirt an der Luft ausser Wasser
  Sauerstoff und Kohlensure und verwandelt sich in Natriumcarbonat und
  einen unlslichen Rckstand von natriumhaltigem Schwefeleisen
  Fe_{4}Na_{2}S_{3}:

             Fe_{4}Na_{6}S_{3} }         { 2Na_{2}CO_{3}
             2O                }  geben  { Fe_{4}Na_{2}S_{3}
             2CO_{2}           }         {

  Das Auslaugen wird mit Wasser von 30-40 vorgenommen. Ist die
  Lufttemperatur nicht zu hoch, so liefern die starken Lsungen im
  Allgemeinen ohne vorheriges Concentriren nach 24-48 Stunden eine
  reichliche und schne Krystallisation von grossen farblosen
  Sodakrystallen. Der unlsliche Rckstand wird getrocknet und gerstet;
  die dabei sich entwickelnde schweflige Sure wird in den Bleikammern
  sofort wieder in die Schwefelsure bergefhrt, welche wieder zur
  Umwandlung von Kochsalz in Sulfat dient, so dass also derselbe Schwefel
  immer wieder benutzt wird:

               Fe_{4}Na_{2}S_{3} }  geben  { 2Fe_{2}O_{3}
               14O               }         { Na_{2}SO_{4}
                                 }         { 2SO_{2}

  Aus dem Rstrckstande wird das Sulfat durch Auslaugen entfernt. Es ist
  nicht zu lugnen, dass das =Kopp='sche Verfahren, welches auch von
  =Stromeyer= und =Waldeck= empfohlen wird, vor der Methode von =Leblanc=
  gewisse Vorzge darbietet.

[Sidenote: Directe Ueberfhrung von Kochsalz in Soda.]

  Eine =directe Ueberfhrung des Kochsalzes= in Soda ist auf mannichfache
  Weise versucht worden, ohne dass das Problem in gengender Weise gelst
  worden wre. Man muss indessen zugeben, dass in dieser Richtung noch
  viel zu leisten mglich ist. Bringt man Ammonbicarbonat in
  concentrirter Lsung mit gesttigter Salzsoole zusammen, oder besser
  noch, mischt man die Salzsoole mit fein gepulvertem Ammonbicarbonat und
  lsst die Mischung nach wiederholtem Umrhren einige Stunden ruhig
  stehen, so sondert sich das schwer lsliche Natriumbicarbonat als
  krystallinisches Pulver aus und die darberstehende Flssigkeit ist
  eine wsserige Salmiaklsung. Da das Natriumbicarbonat schon in
  schwacher Rothglhhitze in Natriummonocarbonat bergeht, so hat man
  darauf ein Verfahren der Sodafabrikation begrndet. So haben =Dyar= und
  =Hemming= in England eine fabrikmssige Bereitung der Soda aus Kochsalz
  und Ammonbicarbonat ausgefhrt; mit welchem konomischen Erfolge, ist
  nicht bekannt. Das neue Verfahren von =Schloesing= und =Rolland=, auf
  welches dieselben 1855 fr England ein Patent erhielten, enthlt einige
  Verbesserungen, obgleich es im Grunde dem vorstehenden Verfahren gleich
  ist. =Schloesing= benutzt zur Sodafabrikation eine concentrirte
  Kochsalzlsung, welche mit Ammoniak gesttigt ist, und Kohlensuregas.
  Die erste Operation besteht darin, Ammoniak und Kohlensure auf
  Kochsalzlsung einwirken zu lassen. Man wendet hierzu an auf 100 Theile
  Wasser 30-33 Theile Kochsalz, 8-1/2-10 Theile Ammoniak und Kohlensure
  im Ueberschuss. Die Absonderung des unlslich ausgeschiedenen
  Bicarbonates von der Flssigkeit bildet die zweite Operation. Man
  bewirkt dieselbe mittelst eines Centrifugalapparates. Soll die Soda
  vollkommen rein werden, so wscht man das Salz im Centrifugalapparate
  mit einer Lsung von Bicarbonat. Die dritte Operation, das
  Calciniren des Bicarbonates und die dadurch bewirkte Ueberfhrung
  in Soda, wird in einem Cylinder aus Eisenblech ausgefhrt. Die
  entweichende Kohlensure wird aufgefangen. Die vierte und fnfte
  Operation bezwecken die Wiedergewinnung der Kohlensure und des
  Ammoniaks aus der Flssigkeit, von welcher das Bicarbonat durch den
  Centrifugalapparat getrennt worden ist. Man erhitzt die Flssigkeit
  erst fr sich in einem Kessel, wobei Kohlensure und Dmpfe von
  kohlensaurem Ammon entweichen. Diese leitet man durch einen
  Cylinder, in welchem eine gleichartige kalte Flssigkeit ber Koks
  herabrinnt. Diese Flssigkeit absorbirt dabei die Ammoniakdmpfe,
  lsst aber die Kohlensure weiter gehen, welche aufgefangen wird.
  Die Flssigkeit wird darauf mit Kalkmilch erhitzt, so dass das
  Ammoniak ausgetrieben wird. Nachdem die Flssigkeit von Kohlensure
  und Ammoniak befreit ist, wird sie durch Absetzenlassen geklrt
  und dann das noch darin enthaltene Kochsalz durch Abdampfen wieder
  gewonnen, was die sechste Operation bildet. -- Nach Versuchen von
  =Heeren= (1858) ist vorstehendes Verfahren mehr zur Darstellung von
  Bicarbonat, als von Soda geeignet, doch sollen neuerdings (durch die
  Bemhungen von =Margueritte= und =de Sourdeval=) Verbesserungen Platz
  gegriffen haben, in der Anwendung des Principes der Dephlegmation der
  Alkoholdmpfe zur Extraction des kohlensauren Ammons bestehend, welche
  dem Verfahren Zukunft zu sichern scheinen.

[Sidenote: Soda aus Kryolith.]

  Gegenwrtig werden grosse Mengen von Soda bei der Verarbeitung des
  =Kryoliths= (Al_{2}Fl_{6}, 6NaFl) gewonnen, indem man das Mineral
  durch Erhitzen mit Kalk aufschliesst:

            1 Mol. Kryolith } geben { 6 Mol. Fluorcalcium
            6  "   Kalk     }       { 1  "   Natrium-Aluminat

  Letztere Verbindung ist in Wasser lslich und wird durch Kohlensure
  zersetzt, wobei sich Thonerde niederschlgt, die auf =Alaun=
  verarbeitet wird, und Soda in Lsung bleibt. 100 Kilogr. Kryolith geben

              44   Kilogr. trocknes Aetznatron,
              75      "    calcinirte Soda,
             203      "    krystallisirtes Natriumcarbonat,
             119,5    "    Natriumbicarbonat.

  Aus dem =Bauxit= (siehe unter Alaun) gewinnt man auf hnliche Weise
  durch Aufschliessen desselben mit Glaubersalz und Kohle neben Thonerde
  Soda[45].

  [45] Im Jahre 1867 verarbeiteten fnf Fabriken Deutschlands 150,000
       Ctr. Kryolith auf etwa 270,000 Ctr. calcinirte Soda. Die
       _Pennsylvania Salt manufacturing Company_ verarbeitet in ihrer
       Fabrik zu =Natrona= bei Pittsburgh jhrlich gegen 50,000 Ctr.
       Kryolith.

[Sidenote: Soda aus Natriumsalpeter.]

  Bei der Ueberfhrung des =Natriumsalpeters= in Kaliumsalpeter mittelst
  Kaliumcarbonat (vergl. Seite 150) werden gegenwrtig nicht unbedeutende
  Mengen hochgrdiger Soda gewonnen. Das Natrium des Natriumsalpeters
  kann berhaupt auf folgende Weise in Soda (oder Aetznatron) bergefhrt
  werden:

    a) durch Glhen von Natriumsalpeter mit Kohle;

    b) durch Erhitzen von Natriumsalpeter mit Kieselerde und Zersetzen
       des kieselsauren Natriums durch Kohlensure;

    c) durch Glhen von Natriumsalpeter mit Braunstein;

    d) durch Zersetzen des Natriumsalpeters

       [Greek: a]) mit Kaliumcarbonat,

       [Greek: b]) mit Aetzkali;

  in letzterem Falle tritt neben Kaliumsalpeter Aetznatron auf.

[Sidenote: Aetznatron.]

=Aetznatron= (oder Natriumhydroxyd NaHO). Seit dem Jahre 1851 wird das
Aetznatron entweder in Form hchst concentrirter Lauge, oder hufiger
noch als geschmolzenes Natronhydrat (in 100 Th. Aetznatron aus 77,5 Th.
Natron und 22,5 Th. Wasser bestehend) in den Sodafabriken dargestellt und
unter dem Namen =Soda=- oder =Seifenstein= in den Handel gebracht. Lange
Zeit hindurch stellte man nach althergebrachter Weise das Aetznatron
durch Behandeln nicht zu concentrirter Lsungen von Rohsoda mit Aetzkalk
dar. Um an Brennmaterial behufs des Abdampfens so verdnnter
Flssigkeiten zu sparen, ahmt man jetzt in vielen Fabriken das von =Dale=
gegebene Beispiel nach, der die verdnnte Natronlsung zum Speisen seines
Dampfkessels benutzt und ohne Inconvenienzen die Lauge darin bis auf das
spec. Gewicht von 1,24 bis 1,25 bringt. Hierauf wird die Lauge in
gusseisernen Kesseln bis auf 1,9 spec. Gewicht abgedampft, bei welchem
Concentrationsgrade sie beim Erkalten erstarrt.

  Das gegenwrtig im Grossen angewendete Verfahren der Darstellung von
  Aetznatron ist folgendes: Die Anwendung des Kalkes zur Umwandelung der
  Soda in Aetznatron ist lngst verlassen, vielmehr stellt man bei der
  Sodafabrikation sofort Aetznatron an. Dies geschieht dadurch, dass man
  die Quantitt Steinkohle, welche man dem Gemisch von Sulfat und
  Kalkstein (Kreide) zusetzt, etwas vergrssert und die gewonnene Rohsoda
  sofort mit Wasser von 50 auslaugt. Nachdem man die Lauge sich hat
  klren lassen, concentrirt man sie rasch bis auf 1,5 spec. Gewicht,
  wobei sich Natriumcarbonat, Natriumsulfat und Kochsalz am Boden
  ausscheiden und die Flssigkeit eine ziegelrothe Farbe (sie heisst
  =Rothlauge=) annimmt, von einer eigenthmlichen Verbindung von
  Schwefelnatrium und Schwefeleisen herrhrend. Die Lauge wird nachher in
  grossen gusseisernen Kesseln oder Pfannen erhitzt und, nachdem sie eine
  hohe Temperatur erreicht hat, nach und nach auf je 100 Kilogr. zu
  erzielendes Aetznatron mit 3-4 Kilogr. Natriumsalpeter versetzt. In dem
  Verhltnisse als das Wasser entweicht, reagirt der Natronsalpeter auf
  das Schwefelnatrium und des immer vorhandene Cyannatrium ein und es
  findet reichliche Ammoniak- und Stickstoffgasentwickelung statt. Ein
  Theil dieses Ammoniaks rhrt von der Zersetzung der Cyanre her, ein
  anderer und zwar grsserer Theil ist eine Folge der Oxydation der
  Schwefelmetalle, wobei Wasser zersetzt wird und der Wasserstoff die
  Salpetersure zu Ammoniak reducirt. Wenn die abgedampfte Masse die
  Dunkelrothglhhitze erreicht, bemerkt man auf der Oberflche fein
  zertheilten Graphit als Zersetzungsprodukt des Cyans. Der Vorgang bei
  der Oxydation des Schwefelnatriums durch Natriumsalpeter kann durch
  folgende zwei Gleichungen ausgedrckt werden:

  [Greek: a]) 2Na_{2}S + 2NaNO_{3} + 4H_{2}O = 2Na_{2}SO_{4} + 2NaHO +
                                                                 2NH_{3};

  [Greek: b]) 5Na_{2}S + 8NaNO_{3} + 4H_{2}O = 5Na_{2}SO_{4} + 8NaHO + 8N.

  Nach =Pauli= ist die Art der Reaktion zum grssten Theile von der
  Temperatur der erhitzten Lauge abhngig. Zwischen 138 und 143 geht der
  Natronsalpeter einfach in salpetersaures Natron ber, bei 155
  entwickelt sich Ammoniak unter strmischem Aufsieden der Flssigkeit.
  Die Menge des sich hierbei entwickelnden Ammoniaks ist so bedeutend,
  dass eine Condensation desselben lohnend erscheint; man wrde in diesem
  Falle den zum Abdampfen dienenden Kessel mit einem gewhnlichen
  Koksthurm verbinden. Bei neuer Concentration der Lauge, so dass der
  Siedepunkt weit hher steigt als 155, hrt die Ammoniakentwickelung
  auf und es findet reichliche Entwickelung von Stickstoffgas statt. Um
  an Natriumnitrat zu sparen -- 1 Tonne = 20 Ctr. Aetznatron nehmen
  immerhin 0,75 bis 1 Ctr. Natriumnitrat in Anspruch -- oxydirt man die
  Lauge, aus welcher die Soda durch Krystallisirenlassen ausgeschieden
  wurde, dadurch in einigen Fabriken, dass man dieselbe durch einen
  Koksthurm laufen und dort einem Luftstrom begegnen lsst: das
  Schwefeleisen, welches durch das Schwefelnatrium in Lsung erhalten
  worden war, schlgt sich hierbei nieder. In anderen Fabriken treibt man
  mit Hlfe einer Luftpumpe atmosphrische Luft 6-8 Stunden lang in
  dnnen Strahlen durch die heisse Lauge. Dadurch wird das
  Schwefelnatrium oxydirt und die Flssigkeit entfrbt.

[Sidenote: Neuere Methoden der Darstellung von Aetznatron.]

  Seit einigen Jahren stellt man auch Aetznatron durch Zersetzen einer
  Lsung von Natriumsulfat mit Aetzbaryt dar, wobei als Nebenprodukt
  Barytweiss auftritt. Neuerdings ist von =Ungerer= anstatt des Baryts
  Aetzstrontian in Vorschlag gebracht worden. Das Aetznatron wird
  ausserdem dargestellt bei der Verarbeitung des Kryolith auf
  schwefelsaure Thonerde (siehe Alaun), oder durch Glhen von
  Natriumsalpeter mit Braunstein; ferner durch Zersetzen von
  Kieselfluornatrium oder Fluornatrium mit Aetzkalk. Man reinigt das
  Aetznatron durch zwlfstndiges Schmelzen in einem eisernen Tiegel, wo
  alle Salze und alle Thonerde und Kieselerde unlslich sich ausscheiden.
  Wo es auf grosse Reinheit ankommt, stellt man gegenwrtig Aetznatron
  =auf synthetischem Wege= durch Zusammenbringen von Natrium mit Wasser
  (unter Beobachtung der hierbei gebotenen Vorsichtsmaassregeln) dar.

  Nach den Untersuchungen von =Dalton= entspricht

  ein spec. Gewicht der Natronlauge   Procenten an Natriumhydroxyd (NaHO)
               2,00                                 77,8
               1,85                                 63,6
               1,72                                 53,8
               1,63                                 46,6
               1,56                                 41,2
               1,50                                 36,8
               1,47                                 34,0
               1,44                                 31,0
               1,40                                 29,0
               1,36                                 26,0
               1,32                                 23,0
               1,29                                 19,0
               1,23                                 16,0
               1,18                                 13,0
               1,12                                  9,0
               1,06                                  4,7

  Das Aetznatron findet seine Hauptanwendung in der Seifenfabrikation, in
  der Verarbeitung und Reinigung der Produkte der trocknen Destillation
  der Braunkohle, des Torfes etc. zum Zwecke der Darstellung von
  Paraffin, Solarl und Carbolsure, zum Reinigen des Petroleums, zur
  Bereitung des Natronwasserglases etc.

[Sidenote: Natriumbicarbonat.]

Das =Natriumbicarbonat= (zweifach-kohlensaures Natron) NaHCO_{3} (in 100
Theilen aus 36,9 Th. Natron, 10,73 Th. Wasser und 52,37 Th. Kohlensure
bestehend) wird dargestellt, indem man gewaschenes Kohlensuregas durch
eine Auflsung von Natriumcarbonat leitet. War die Lsung concentrirt, so
scheidet sich das Bicarbonat als krystallinisches Pulver aus, war sie
verdnnt, so erhlt man grosse Krystalle. Da das Kohlensuregas jedoch
nur langsam von der Lsung absorbirt wird, so ist es vortheilhafter, die
Kohlensure auf das krystallisirte oder zum Theil verwitterte
Natriumcarbonat einwirken zu lassen. Man nimmt ein inniges Gemenge von 1
Theil krystallisirtem Natriumcarbonat mit 4 Theilen verwittertem Salz
oder auch ein Gemenge beider Salze zu gleichen Gewichtstheilen und
bewirkt die Sttigung dieses Gemenges am einfachsten durch Hinstellen in
flachen Schalen neben ghrenden Most, Bierwrze oder Branntweinmaische.
Bei der Bereitung von sogenanntem Wassergas fr Beleuchtungszwecke (aus
glhenden Koks und Wasserdmpfen) kann man die Reinigung des Gases von
der Kohlensure sehr gut mit der Bereitung von Bicarbonat verbinden. Wo
Kohlensure der Erde entstrmt, ist die Bereitung dieses Salzes sehr
vereinfacht.

  Durch die Einwirkung des Kohlensuregases auf das krystallisirte
  kohlensaure Natrium entsteht zuerst Sesquicarbonat (dem Urao und der
  Trona entsprechend) und aus diesem erst Bicarbonat. Die neun
  Mischungsgewichte Wasser, welche aus jedem Mischungsgewicht des
  krystallisirten Natriumcarbonates hierbei austreten, lsen einen Theil
  des Natriumcarbonates auf und sammeln sich in einem Reservoir an. Diese
  Lsung dient bei weiteren Operationen zum Befeuchten der zu
  behandelnden Krystalle. Zuweilen stellt man auch das Kohlensuregas
  durch die Einwirkung von Schwefelsure auf Calciumcarbonat oder, wo es
  die Umstnde erlauben, von Salzsure auf Marmor, Dolomit oder Magnesit
  dar. Das so erhaltene Bicarbonat wird in einem Strome Kohlensuregas
  bei etwa 40 getrocknet. Man hat ferner vorgeschlagen, das Bicarbonat
  dadurch darzustellen, dass man dem Natriummonocarbonat die Hlfte
  seines Natriums durch eine Sure entzieht, wobei die andere Hlfte mit
  der Kohlensure zu Bicarbonat zusammentritt. Man lst zu diesem Zwecke
  28-1/2 Theile krystallisirtes Natriumcarbonat in der doppelten
  Gewichtsmenge warmen Wassers und bringt die Lsung in einen grossen
  Glasballon. Darauf bringt man durch eine bis auf den Boden des Ballons
  reichende Trichterrhre 4-9/10 Th. englische Schwefelsure in die
  Flssigkeit, wobei dieselbe nicht bewegt werden darf. Beim ruhigen
  Stehenlassen scheidet sich nach einigen Tagen das Bicarbonat in
  Krystallen ab, welche mit Wasser abgesplt und getrocknet werden. --
  Durch Fllen einer concentrirten Kochsalzlsung mit Ammonbicarbonat
  erhlt man sofort einen Niederschlag von Natriumbicarbonat, whrend die
  darberstehende Flssigkeit Salmiak enthlt.

  Das Natriumbicarbonat krystallisirt in monoklinischen Tafeln, reagirt
  schwach alkalisch und verliert schon bei 70, so wie beim Kochen seiner
  Lsung Kohlensure und geht in Monocarbonat ber. An trockner Luft
  verwandelt es sich nach und nach in Sesquicarbonat. Man benutzt es zur
  Entwickelung von Kohlensure bei der Herstellung von moussirenden
  Getrnken, zum Entsuern des Bieres, bei der Bereitung von Brot ohne
  Ghrung (mit Salzsure oder mit saurem Calciumphosphat), zum Fllen der
  Thonerde aus der Natrium-Aluminat-Lsung (in der Kryolith- und
  Bauxit-Industrie), so wie zur Bereitung eines Bades zum Vergolden und
  Verplatiniren. Endlich ist es in neuerer Zeit zum Entschlen der Seide
  und zum Reinigen der Wolle vorgeschlagen worden. Es soll die Seide und
  die Wolle weit weniger angreifen als Seife und Ammoniak. 1 Gramm dieses
  Salzes giebt, mit einer Sure vollstndig zersetzt, ungefhr 270
  Kubikcentimeter Kohlensuregas, entsprechend 0,52 Grm.

  Die =Grsse der Sodaproduktion= in Europa ist gegenwrtig (1870)
  ungefhr folgende:

                   Grossbritannien  6,250,000 Centner
                   Frankreich       2,600,000    "
                   Zollverein       1,650,000    "
                   Oesterreich        350,000    "
                   Uebrige Lnder   1,000,000    "
                                   ------------------
                                   11,850,000 Centner


                       Die Jod- und Bromgewinnung.

[Sidenote: Gewinnung des Jods.]

Das =Jod= findet sich im Meerwasser und wandert von da in die
vegetabilischen Jodsammler, die Seealgen oder Tange, durch deren
Verarbeitung der grsste Theil des in der Industrie verwendeten Jodes
dargestellt wird. Auch in dem rohen Chilisalpeter, so wie in einigen
Salzsoolen, so in derjenigen der Saline Sulza (Sachsen-Weimar), kommt das
Jod in namhafter Menge vor. Das Vorkommen des Jodes im Mineralreiche als
Bleijodr und in den Phosphoriten von Amberg in Bayern und von Diez (an
der Lahn) in dem preussischen Regierungsbezirke Wiesbaden, ist ohne alle
technische Bedeutung. Der Hauptsitz der Jodfabrikation ist Glasgow in
Schottland, wo 12 Fabriken sich befinden, ausserdem sind zwei Fabriken in
Irland und zwei (Brest und Cherbourg) in Frankreich.

[Illustration: Fig. 85.]

[Illustration: Fig. 86.]

[Sidenote: Aus Kelp.]

Zum Zweck der Jodgewinnung werden die Seealgen (vergl. Seite 140)
eingeschert und die erhaltene Asche (=Kelp= oder =Varech=) in folgender
Weise behandelt: Man laugt den in kleine Stcke zerschlagenen Kelp mit
Wasser aus, wobei sich 60-70 Proc. lsen und 30-40 Proc. Kelpabfall
bleiben. Die Lauge (von 1,18-1,20 spec. Gew.) enthlt Chloralkalien,
Alkalisulfate und -carbonate, Jodkalium, Schwefelkalium und
unterschwefligsaure Alkalien. Durch Eindampfen und Abkhlen der Lauge
erhlt man nach und nach daraus Kaliumsulfat, Chlorkalium und Kochsalz.
Die Mutterlauge davon wird in offenen flachen Gefssen mit verdnnter
Schwefelsure versetzt, wobei unter heftiger Entwickelung von Kohlensure
und Schwefelwasserstoff ein dicker Schaum von Schwefel sich bildet, der
abgeschpft, getrocknet und in den Handel gebracht wird. Nachdem die Gase
entwichen sind, setzt man zu der Flssigkeit noch mehr Schwefelsure und
eine entsprechende Menge Braunstein (Verfahren von =Wollaston=) und
bringt die Mischung in ein grosses bleiernes Destillirgefss _C_ (Fig.
85), wobei sich Jod entwickelt, welches in den Thonvorlagen _B_, _B'_,
_B''_, _B'''_ als eine feste krystallinische Masse sich absetzt. In der
grossen Jodfabrik von =Paterson= in Glasgow wendet man zum Destilliren
des Jods einen gusseisernen halbkugelfrmigen Kessel von etwa 1,3 Meter
Durchmesser an, auf welchem sich ein bleierner Deckel mit zwei Helmen von
Steinzeug befindet, welche letztere die Joddmpfe in zwei Systeme von
thnernen Vorlagen (jedes zu 4-5 Stck) fhren. In Cherbourg gewinnt man
das Jod aus der Lauge (nach dem Verfahren von =Barruel=) einfach durch
Einleiten von Chlorgas. Nach der letzteren Methode wird das Jod aus dem
Jodmagnesium ausgeschieden und durch Chlor ersetzt (MgJ_{2} + Cl_{2} =
MgCl_{2} + J_{2}). Einer neueren Methode zufolge destillirt man die
Jodalkalimetalle behufs ihrer Ausscheidung des Jods mit
Eisenchloridlsung, wobei alles Jod bergeht (2NaJ + Fe_{2}Cl_{6} = 2J +
2NaCl + 2FeCl_{2}). Das Jod ist in Wasser sehr wenig lslich und fllt
als schwarzes Pulver zu Boden. Bei der Ausscheidung durch Chlor muss
genau die zur Zersetzung des Jodmagnesiums nothwendige Menge Chlor
angewendet werden; war die Menge des Chlors zu gering, so scheidet sich
kein Jod aus; im entgegengesetzten Falle bildet sich Chlorjod und freies
Brom, welche beide Krper zum Theil dampffrmig entweichen. Das
abgeschiedene Jod wird von der darber stehenden Flssigkeit getrennt,
zum Abtropfen in ein thnernes, mit Lchern versehenes Gefss gebracht
und auf Lschpapier vollends getrocknet. Bei allen diesen Operationen
muss die Anwendung von Metall vermieden werden. Das so erhaltene Jod wird
durch Sublimation gereinigt. Zu dieser Operation dient der in
beistehender Figur (Fig. 86) abgezeichnete Apparat, der aus steinernen
Retorten _C_, _C_ die sich in dem Sandbade _B_ befinden, welches durch
eine darunter befindliche Feuerung erwrmt wird, besteht. In eine jede
dieser Retorten bringt man ungefhr 40 Pfund Jod, umschttet sie
vollstndig mit Sand, damit sich kein Jod an dem oberen Theile condensire
und den Retortenhals verstopfe. Der Retortenhals fhrt in die Vorlagen
_R_, _R_, in welchen sich das Jod krystallinisch ansetzt. Die zur Seite
der Vorlagen befindlichen Rhren _ab_, _ab_ leiten die bei der
Sublimation sich entwickelnden Wasserdmpfe ab. 1 Tonne Kelp giebt 4,07
Kilogr. Jod.

[Sidenote: Verfahren der Jodgewinnung nach Stanford und Moride aus dar
Tangkohle.]

  Nach der von =E. C. Stanford= 1862 vorgeschlagenen Methode der
  Jodgewinnung (vergl. Seite 142) werden die Tange nicht eingeschert,
  sondern einer Destillation mit berhitzten Wasserdmpfen unterworfen,
  wodurch der Verflchtigung des Jodes vorgebeugt wird und die bei der
  Destillation sich entwickelnden theerartigen Produkte und brennbaren
  Gase mit verwerthet werden knnen. Die so erhaltene Tangkohle wird nach
  dem Erkalten mit Wasser extrahirt und die Lsung der Salze in bekannter
  Weise auf Jod, Chlorkalium etc. verarbeitet. Die flchtigen Produkte
  sind Leuchtgas, Essigsure, Ammoniak, Minerall und Paraffin. Nach der
  1866 von =Moride= in Nantes beschriebenen Modification vorstehenden
  Verfahrens wird die durch Auslaugen der Tangkohle erhaltene Lsung in
  durch Dampf geheizten Pfannen abgedampft und aus der Flssigkeit
  Kaliumsulfat, Chlorkalium etc. gewonnen. Nachdem er nun die Mutterlauge
  mit Chlor oder mit Untersalpetersure versetzt hat, extrahirt er das
  Jod mit Benzin (nicht Benzol) in einem Apparat, welcher so eingerichtet
  ist, dass das Benzin das Jod sofort an Natron oder Kali abgiebt, worauf
  es wieder auf's Neue jodlsend wirkt. Die jodhaltige Flssigkeit wird
  auf gewhnliche Art auf Jod verarbeitet.

[Sidenote: Gewinnung des Jodes aus dem Chilisalpeter.]

  Der =rohe Chilisalpeter= (welcher nach der von =Nllner=
  ausgesprochenen Ansicht =jod=haltigen Seetangen sein Dasein verdankt)
  enthlt constant 0,059 bis 0,175 Proc. Jod und zwar in Gestalt von
  Natriumjodat, dann in geringer Menge als Jodnatrium und Jodmagnesium.
  Die beim Raffiniren des Rohsalpeters oder die bei dessen Umwandelung in
  Kaliumsalpeter fallenden Mutterlaugen, welche 0,28 bis 0,36 Proc. Jod
  enthalten, werden auf Jod verarbeitet, indem man in die Lauge
  schweflige Sure leitet, bis das ausgeschiedene Jod sich wieder zu
  lsen beginnt. Neuerdings giebt man der salpetrigen Sure den Vorzug
  vor der schwefligen Sure. Das abgeschiedene Jod wird wie gewhnlich
  getrocknet und durch Sublimation gereinigt. Das in der Flssigkeit in
  Form von Jodmetallen noch enthaltene Jod wird mit Hlfe von Chlor
  ausgefllt.

[Sidenote: Eigenschaften und Anwendung des Jod.]

  Das Jod (J = 127; spec. Gewicht = 4,94) erscheint als ein
  schwarzgrauer, krystallinischer, metallglnzender Krper, dem Graphit
  nicht unhnlich, der sich beim Erhitzen in Dmpfe verwandelt, welche
  (nach =Stas=) im gesttigten Zustande blau, im verdnnten violett
  sind. Es schmilzt bei 115 C. und siedet ber 200 C. Das Jod lst sich
  etwas in Wasser, leicht in Alkohol und Aether, Jodwasserstoffsure,
  Jodkalium, Schwefelkohlenstoff, Chloroform, Benzol, einer wssrigen
  Lsung von schwefliger Sure und einer Lsung von unterschwefligsaurem
  Natrium. Eine Auflsung des Jodes mit Strke zusammengebracht, frbt
  letztere violett. Vorgekommene Verflschung des Jodes mit Kohlenpulver
  oder Graphit lsst sich durch Behandeln mit Alkohol oder
  Natriumhyposulfit, in welchem Jod vollkommen lslich sein muss, oder
  durch Sublimation auffinden. Bisweilen hat man auch das Gewicht des
  Jodes durch Wasserzusatz zu vermehren gesucht. -- Man wendet das Jod in
  grosser Menge in der Photographie, zur Bereitung des Jodquecksilbers,
  des Jodkaliums und anderer Jodprparate an[46]. In neuerer Zeit benutzt
  man es auch zur Herstellung gewisser Theerfarben, so z. B. des
  Jodvioletts und Jodgrns, ferner zur Bereitung des blauen Cyanins,
  welches aus der Jodverbindung einer aus der flchtigen Base Lepidin
  sich bildenden basischen Verbindung besteht. Im Jahre 1869 wurden in
  der Farbenfabrikation consumirt circa 900 Centner Jod, hiervon kommen

            auf den norddeutschen Bund               650 Ctr.
            auf Frankreich, England und die Schweiz  250  "

  Die =Produktion an Jod= betrug 1869

                    Schottland und Irland  1829 Ctr.
                    Frankreich             1324  "
                    Tarapaca                300  "
                                           ---------
                                           3453 Ctr.

  [46] Von dem grossen Verbrauche des Jods fr die Photographie kann die
       Notiz einen Begriff geben, dass eine einzige Fabrik in Berlin
       jhrlich 30,000 Pfd. Jodkalium (wozu ber 200 Ctr. Jod gebraucht
       werden) fabricirt.

[Sidenote: Bromgewinnung.]

=Bromgewinnung.= Das Brom findet sich in geringer Menge im Meerwasser. 1
Liter desselben enthlt 0,061 Grm. Brom. Dagegen sind die Mutterlaugen
mehrerer Salinen wie z. B. der zu Schnebeck (bei Magdeburg), ferner die
Mutterlauge von der Verarbeitung der Stassfurter Kalisalze (insbesondere
des Carnallits und des Kainits) so reich an =Brom=, dass die Darstellung
dieses Krpers daraus lohnend erscheint. Um die Beimengung des Chlors
mglichst zu vermeiden, versetzt man die Mutterlauge zunchst mit
verdnnter Schwefelsure, wobei Brom- und Chlorwasserstoffsure frei
werden, um das Gemenge dann bis auf 120 zu erwrmen und so die flchtige
Chlorwasserstoffsure von der minder flchtigen Bromwasserstoffsure zu
trennen, welche in der Flssigkeit zurckbleibt. Beim Erkalten derselben
scheiden sich noch schwefelsaure Salze ab. Die von den Krystallen
getrennte saure Flssigkeit wird mit Braunstein und Schwefelsure
destillirt. Als Vorlage dienen zwei Woulff'sche Flaschen, von denen die
erste leer bleibt, die zweite aber Natronlauge enthlt. In der ersten
condensiren sich Wasser, etwas Brom, Bromoform und Bromkohlenstoff,
whrend die Bromdmpfe in die zweite Flasche gehen und sich dort zu
Bromnatrium und Natriumcarbonat lsen. Die Lauge wird zur Trockne
verdampft, der Rckstand geglht (um das Natriumbromat in Bromnatrium zu
verwandeln) und mit Schwefelsure und Braunstein destillirt, wodurch man
reines Brom erhlt, welches man am besten unter concentrirter
Schwefelsure auffngt und aufbewahrt.

  Nach einem andern Verfahren von =Leisler= (1866 in England patentirt)
  lsst man das Brom aus der magnesiahaltigen Flssigkeit (z. B. aus der
  Mutterlauge von der Verarbeitung der Kainite, Carnallite und
  Tachhydrite oder aus dem Wasser des todten Meeres)[47] durch
  Kaliumbichromat und eine Sure unter Mitwirkung von Wrme abscheiden
  und das auf diese Weise verflchtigte Brom durch einen mit metallischem
  Eisen beschickten Condensator leiten, so dass Bromeisen entsteht, aus
  welchem sich dann reines Brom oder eine Bromverbindung mit Leichtigkeit
  darstellen lsst. Der vom Patenttrger angewendete Apparat ist eine
  Destillirblase, deren unterer Theil aus Eisen besteht, whrend der
  obere, der Helm, aus Blei oder aus Steinzeug angefertigt, gerumig, von
  domartiger oder gewlbter Form und mit einem gebogenen, aus Blei oder
  aus Steinzeug bestehenden Ableitungsrohre versehen ist. Dieses Rohr
  fhrt zu einem irdenen Recipienten, der ungefhr wie eine =Woulff='sche
  Flasche geformt, aber am Boden mit einer Vorrichtung zum Ablassen der
  in ihm enthaltenen Flssigkeit versehen ist. Die Blase wird bis etwa
  zum oberen Rande des gusseisernen Bodens oder Untertheils mit der zu
  verarbeitenden Flssigkeit gefllt und dann mittelst eines
  gewhnlichen, unter ihr angebrachten Ofens geheizt. Whrend die
  Flssigkeit sich erhitzt, wird eine gesttigte kalte Lsung von
  Kaliumbichromat zugesetzt; dann wird das Ganze tchtig durch einander
  gerhrt. Bevor die Flssigkeit die Temperatur von 66 C. angenommen
  hat, wird auf je 100 Volumen der zu verarbeitenden Flssigkeit 1
  Volumen Salzsure zugesetzt, welche vorher mit ihrem drei- bis
  vierfachen Volumen Wasser verdnnt worden ist, und dann wird wiederum
  tchtig durchgerhrt, so dass alles sich gehrig vermischt. Darauf wird
  der Helm aufgesetzt, Ableitungsrohr, Recipient und Condensator werden
  mit einander verbunden und smmtliche Verbindungen lutirt, nachdem der
  Condensator vorher mit Drehspnen von Schmiedeeisen, welche mglichst
  gross, leicht und spiralfrmig sein sollen, gefllt worden ist. Das
  Feuer wird so regulirt, dass der Inhalt der Blase ununterbrochen und
  ruhig im Kochen bleibt und ein gleichmssiger Dampfstrahl durch den
  Condensator blst, bis kein Brom weiter bergeht. Das mit dem Dampfe
  bergegangene Brom verbindet sich mit dem im Condensator enthaltenen
  Eisen; das entstandene Bromeisen lst sich in der geringen, im
  Condensator verdichteten Menge Wasser und fliesst aus demselben in ein
  untergesetztes Gefss. Sobald die Bromentwickelung aufgehrt hat, wird
  die Blase geffnet und die rckstndige Flssigkeit aus derselben
  mittelst eines Hebers abgezogen; darauf wird die Blase von neuem
  beschickt, die Beschickung wiederum mit Kaliumbichromat und Salzsure
  versetzt und die Destillation wiederholt. Das Eisen braucht erst nach
  mehreren Operationen erneuert zu werden, da jedes Mal nur eine geringe
  Menge desselben verbraucht wird. Das erhaltene Bromeisen wird nach dem
  gewhnlichen Verfahren in Bromkalium oder eine andere Bromverbindung
  umgewandelt. Zur Darstellung von Brom wird das Bromeisen in geeigneten
  Retorten mit Kaliumbichromat und Sure erhitzt und das bergehende Brom
  condensirt und aufgefangen. Zur Erleichterung der ersteren Entwickelung
  des Broms knnen Stckchen von Feuerstein, Quarz oder dergl. in die
  Destillirblase gebracht worden; oder es wird Luft oder Dampf durch die
  in ihr enthaltene Flssigkeit geblasen, um den Uebertritt der Dmpfe in
  den Condensator zu beschleunigen. -- Das Brom ist das einzige, bei
  gewhnlicher Temperatur flssige Nichtmetall. Es erscheint als
  Flssigkeit, die in Masse betrachtet dunkelrothbraun, in dnnen
  Schichten hyazintroth gefrbt ist; der Geruch ist stark und sehr
  unangenehm und dem des Chlors hnlich. Eingeathmet wirkt das Gas
  hnlich dem Chlor, nur schwcher. Das Brom ist in Wasser weniger
  lslich als das Chlor; die wssrige Lsung ist gelbroth und wird im
  Lichte gleich dem Chlorwasser unter Freiwerden von Sauerstoff und
  Bildung von Bromwasserstoffsure zersetzt. 100 Th. Bromwasser enthalten
  bei 15 3,226 Th. Brom. Mit Wasser bildet das Brom bei 0 ein festes
  krystallisirtes Bromhydrat. Das Brom lst sich leicht in Aether,
  Alkohol, Chloroform, Schwefelwasserstoff und Bromwasserstoffsure. In
  wssriger, schwefliger Sure lst es sich (SO_{2} + H_{2}O + 2Br =
  SO_{3} + 2BrH) zu Bromwasserstoffsure; es siedet bei +63 und
  verwandelt sich dadurch in dunkelrothe Dmpfe. Bei -7,3 erstarrt es zu
  einer bleigrauen, bltterigen, graphithnlichen Masse. Gegen Farbstoffe
  verhlt sich das Brom wie das Chlor; organische Substanzen werden von
  Brom gebrunt. Das Brom wird bekanntlich hnlich dem Jod (als
  Bromkalium, Bromammon, Bromkadmium und unterbromigsaures Kali) in der
  Photographie und als Arzneimittel ausserdem seit einiger Zeit (in Form
  von Bromthyl, Bromamyl und Brommethyl) zur Erzeugung gewisser
  Theerfarben (z. B. fr Hofmann's Blau und fr das aus dem Anthracen
  dargestellte knstliche Alizarin) massenhaft verwendet. -- Als
  Desinfectionsmittel ist es ebenfalls bedeutungsvoll. Bei der
  Darstellung des Ferridcyankaliums lsst sich nach =E. Reichardt= (1869)
  das Chlor mit gutem Erfolge durch Brom ersetzen. Die fabrikmssige
  Bromdarstellung aus den Carnallit-, Tachhydrit- und Kainitmutterlaugen
  ist zuerst von =A. Frank= in Stassfurt (seit 1866) ausgebt worden. --
  Die =Bromproduktion= mag sich gegenwrtig (1870) auf 1150 Centner
  belaufen; dieselben vertheilen sich

                      auf Stassfurt     400 Centner
                       "  Frankreich    100   "
                       "  Schottland    300   "
                       "  Nordamerika   350   "
                                       -------------
                                       1150 Centner.

  [47] Nach einer Untersuchung von =Lartet= enthlt 1 Liter Wasser des
       todten Meeres bei 300 Meter Tiefe 7,093 Grm. (=0,7 Proc.) Brom.


                              Der Schwefel.

[Sidenote: Schwefel.]

Der =Schwefel=, im Vereine mit der Steinkohle, dem Steinsalz und dem
Eisen eine der Grundlagen der heutigen chemischen Industrie ausmachend,
findet sich hufig im gediegenen Zustande im Gyps und in den damit in
Verbindung stehenden Thon- und Mergellagern, im Fltz- und im tertiren
Gebirge, selten auf Lagern und Gngen, im krystallinischen Schiefer- und
Uebergangsgebirge; ferner auf und in Braun- und Steinkohlenfltzen.
Ausserdem kommt er besonders als vulkanisches Sublimationsprodukt vor, so
in den Solfataren bei Neapel. In Gngen und Ablagerungen findet er sich
am verbreitetsten auf Sicilien, von wo aus fast ganz Europa mit Schwefel
versorgt wird, ferner in Aegypten an den Ufern des rothen Meeres,
namentlich des Golfs von Suez, auf den jonischen Inseln (besonders auf
Corfu), am _Clear_- oder _Borax-lake_ in Californien[48] und am
Popocatepetl (im mexikanischen Staate Puebla), wo man jhrlich ber 2000
Ctr. Schwefel sammelt. Der Schwefel setzt sich auch aus den
Schwefelquellen (z. B. dem Aachner Wasser) ab. Der Schwefel kommt ferner
mit Metallen verbunden als Schwefelkies (FeS_{2} mit 53,3 Proc. Schwefel
und nicht selten etwas Thallium in dem Pyrit und in dem Markasit oder
Vitriolkies), Kupferkies, Bleiglanz, Zinkblende, Rothgltigerz u. s. w.
und mit Sauerstoff als Schwefelsure im Anhydrit, Gyps, Kieserit,
Schwerspath, Clestin u. s. w. vor[49]. Das Vorkommen des Schwefels in
Gestalt von natrlichem Schwefelwasserstoff und schwefliger Sure ist fr
die Technik von keiner Bedeutung. Von grosser Tragweite ist dagegen das
mit Erfolg gekrnte Streben der modernen Industrie, den Schwefel aus
gewissen Fabrikationsrckstnden (z. B. von der Soda- und
Potaschenbereitung) zu regeneriren!

  [48] Der kalifornische Schwefel kommt nicht in Stangenform, sondern in
       Holzkisten gegossen von 100 Kilogr. Gewicht im Handel vor.

  [49] Der =Schwefelgehalt= der schwefelhaltigen Mineralien ist
       folgender:

       Pyrit (FeS_{2})                  enthlt 53,3  Proc. Schwefel.
       Kupferkies (Fe_{2}Cu_{6}S_{6})      "    34,9    "      "
       Magnetkies (Fe_{7}S_{8} oder
               nach Th. Petersen FeS)      "    39,5    "      "
       Bleiglanz (PbS)                     "    13,45   "      "
       Zinkblende (ZnS)                    "    33,0    "      "
       Kieserit (MgSO_{4} + H_{2}O)        "    23,5    "      "
       Anhydrit (CaSO_{4})                 "    23,5    "      "
       Gyps (CaSO_{4} + 2H_{2}O)           "    18,6    "      "
       Steinkohle (namentlich Gaskohle)    "     1,0    "      "

Die Steinkohlenmenge, welche jhrlich in London zur Leuchtgasbereitung
verwendet wird, enthlt 200,000 Ctr. Schwefel, entsprechend 612,500 Ctr.
Schwefelsure!

[Illustration: Fig. 87.]

[Illustration: Fig. 88.]

[Sidenote: Gewinnung des Schwefels durch Ausschmelzen und Lutern.]

Die Gewinnung des vulkanischen Schwefels geht, je nach der Natur des
Rohmaterials und der Reichhaltigkeit desselben, entweder durch
=Ausschmelzen= oder durch =Destillation= vor sich. Bei reichem Rohstoffe
geschieht das Ausschmelzen in gusseisernen =Kesseln= _A_ (Fig. 87),
welche durch ein auf dem Roste _A_ befindliches Kohlenfeuer gelinde
erhitzt werden. Whrend des Schmelzens wird die Masse mit einem
Eisenstocke umgerhrt. Nachdem der darin enthaltene Schwefel geschmolzen
ist, schpft man das Gestein mit dem Lffel _C_ heraus und giesst den
Schwefel zuletzt in eine mit Wasser benetzte Mulde oder in eine
Blechpfanne _D_. Nach dem Erkalten wird die Schwefelmasse in Stcke
geschlagen und in Fsser verpackt in den Handel gebracht. Das
ausgeschpfte Gestein wird, ebenso wie rmeres schwefelhaltiges Gestein
in Haufen oder in =Schachtfen= (Fig. 88) ausgeschmolzen, wobei als
Brennstoff ein Theil des Schwefels selbst dient. In dem Gestelle dieses
Ofens entzndet man eine kleine Menge unreinen Schwefels und fllt nach
und nach den Schacht _E_ mit groben Bruchstcken des erdigen Schwefels
an, die sehr bald an der Oberflche sich entznden und den geschmolzenen
Schwefel austreten lassen. Die Oeffnungen _f_, _f_, _f_ liefern die zur
Verbrennung eines Theiles des Schwefels erforderliche Luft. Der
ausgeschmolzene Schwefel, der sich im unteren Theile des Schachtes
ansammelt, wird durch den Kanal _g_ in Holz- oder Blechgefsse
abgestochen. Weit besser als in Schachtfen gelingt das Ausschmelzen des
Schwefels in =Meilern=.

[Illustration: Fig. 89.]

Weit rationeller als das vorstehende Verfahren ist die Gewinnung des
Schwefels durch =Destillation=, wobei man nicht mehr wie frher irdene
Tpfe als Retorte und Vorlage, sondern einen wirklichen Destillirapparat
(Fig. 89) anwendet. _A_ ist ein Kessel aus Gusseisen, welcher nach der
Fllung mit Rohmaterial mit einem eisernen Deckel geschlossen wird. Die
Art der Heizung und der Weg, welchen die Verbrennungsgase um den Kessel
und um den Vorwrmer _D_ zurckzulegen haben, ist aus der Zeichnung
ersichtlich. Die Schwefeldmpfe entweichen durch das eiserne Rohr _m_ in
den Condensator _B_, aus welchem der flssige Schwefel in das Gefss _k_
luft. Das vorgewrmte Material wird aus _D_ durch Hinwegnahme eines
Schiebers bei _p_ in den mittlerweile entleerten Destillirkessel
gebracht. Seit einigen Jahren saigert man den Vorschlgen von E. u.
=P. Thomas= gemss, den Schwefel aus seinen Erzen mittelst Wasserdampf
von 130 aus, mithin nach demselben Principe, nach welchem =M. Schaffner=
den aus den Sodarckstnden regenerirten Rohschwefel reinigt. Dass man in
neuester Zeit auch versucht hat, den Schwefel aus dem Gestein durch
=Extraction= mit =Schwefelkohlenstoff= oder auch mit =Steinkohlentheerl=
von 0,88 zu gewinnen, sei nur beilufig erwhnt.

Der durch Ausschmelzen erhaltene Schwefel ist der =Rohschwefel=; =Mne=
erhielt bei der Analyse von Proben sicilianischen Schwefels folgende
Resultate:

                                           1.   2.   3.   4.   5.
       Schwefel (in CS_{2} lslich)       90,1 96,2 91,3 90,0 88,7
       Kohlige Substanz                    1,0  0,5  0,7  1,1  1,0
       Schwefel (in CS_{2} unlslich)      2,0  --   1,5  2,1  1,7
       Kieselsand                          2,3  1,5  3,3  2,8  5,5
       Kalkstein (bisweilen Clestin)      4,1  1,8  2,5  3,0  2,8
       Verlust                             0,5  --   0,7  1,0  0,3

Die unteren Partien der Brote von Rohschwefel enthalten oft bis zu 25
Proc. fremder Krper.

Um ihn von den erdigen Theilen zu befreien, wird der Rohschwefel der
=Raffination= unterworfen und beliebig entweder in Form von Stangen als
=Stangenschwefel= oder als feines Pulver als =Schwefelblumen= in den
Handel gebracht.

[Illustration: Fig. 90.]

[Sidenote: Raffinirapparat von Lamy.]

[Sidenote: Stangenschwefel.]

[Sidenote: Schwefelblumen.]

Der zur Raffination des Schwefels dienende von =Michel= in Marseille
construirte und von =Lamy= verbesserte Apparat besteht wesentlich aus
einem oder aus zwei gusseisernen Cylindern _B_ (Fig. 90), welche die
Stelle einer Retorte vertreten, und einer grossen Kammer _G_, welche als
Vorlage dient. Der erste Cylinder _B_ wird durch den darunter
befindlichen Feuerraum erhitzt. Die Flamme umspielt den Cylinder und
entweicht nebst den Verbrennungsgasen durch den Schornstein _E_, nachdem
sie vorher durch die Zge _C_ einen Theil ihrer Wrme an den Kessel _D_
abgegeben hat, in welchem der Schwefel eine vorlufige Reinigung erleidet
und durch das Rohr _F_ in den Cylinder _B_ fliesst. Die Cylinder _B''_
mnden in die gewlbte Schwefelkammer, welche aus Backsteinen construirt
ist. An dem einen Ende der Kammer ist eine (in der Abbildung nicht
angegebene) Thrffnung, welche von Innen durch eine mit Blei berzogene
Thr von Eisenblech, von Aussen durch Backsteine geschlossen ist. Am
unteren Theile der Kammer ist in einer gusseisernen Platte ein rundes
Loch, welches durch eine konische Stange _J_, _H_ verschlossen oder
geffnet werden kann. Der durch _H_ ausfliessende Schwefel luft in den
Kessel _L_, neben welchen ein in Fcher abgetheilter Drehbottig _M_ sich
befindet, in welchen der Schwefel in Stangenform gebracht wird; die
Schwefelstangen werden bei _N_ aufgespeichert. Soll =Stangenschwefel=
dargestellt werden, so verfhrt man auf folgende Weise: Man beschickt
einen jeden Cylinder mit Rohschwefel, lutirt die Schliessdeckel und
erhitzt den einen Cylinder; sobald die Destillation darin bis zur Hlfte
vorgeschritten ist, beginnt man mit dem Erhitzen des zweiten Cylinders.
Die Verbrennungsgase aus beiden Herden steigern die Temperatur des
Kessels _D_ dergestalt, dass der Schwefel schmilzt und sich dadurch
reinigt, sowohl durch Absetzen der schweren Unreinigkeiten, als auch
durch Verdunstung des darin enthaltenen Wassers und Abscheidung leichter
Krper an der Oberflche. Sobald die Destillation des ersten Cylinders
vorber ist, beschickt man ihn von Neuem und zwar aus dem Kessel _D_ mit
Hlfe des Rohres _F_. Jede Destillation dauert vier Stunden; man erhlt
mit den beiden Cylindern in 24 Stunden in sechs Operationen 1800 Kilogr.
Schwefel. Da die Temperatur in der Kammer stets ber 112 bleibt, so
erhlt sich der Schwefel darin flssig. Sobald die Schicht des
geschmolzenen Schwefels dick genug ist, zieht man ihn in den kleinen
Kessel _L_ ab und schpft ihn in Holzformen. Will man =Schwefelblumen=
darstellen, so ist das Verfahren das nmliche, nur darf die Temperatur in
der Kammer =110= nicht berschreiten, weil sonst der Schwefel schmilzt.
Um diese niedere Temperatur zu erhalten, nimmt man in dem Zeitraume von
24 Stunden nur zwei Destillationen  =150= Kilogr. vor. Sobald die am
Boden der Kammer befindliche Schicht von Schwefelblumen eine gewisse Hhe
erreicht hat, ffnet man die erwhnte Thre und schaufelt die
Schwefelblumen heraus. Neuerdings (1854) ist der Apparat =Lamy's= durch
=Dujardin= wesentlich verbessert worden.

  Bei der Destillation des Schwefels findet ein Verlust von 11-20 Proc.
  statt, welcher zum Theil in dem Verbrennen von Schwefel seinen Grund
  hat. Der grauschwarze Rckstand in den Kesseln fhrt den Namen
  =Schwefelschlacke=. Die im Handel sich findenden Schwefelblumen
  enthalten stets schweflige Sure und Schwefelsure, wovon man sie zum
  grssten Theile durch Auswaschen mit Wasser befreien kann.

[Sidenote: Darstellung des Schwefels durch Destillation von
Schwefelkies.]

Ausser aus vulkanischem Schwefel gewinnt man gegenwrtig grosse
Schwefelmengen auf folgende Weise:

1) aus =Eisenkies= oder =Pyrit= FeS_{2}. Dieses Mineral besteht in 100
Theilen aus 46,7 Theilen Eisen und 53,3 Theilen Schwefel und ist demnach
so zusammengesetzt, dass, wenn man ihm genau die Hlfte des Schwefels
entzieht, Eisen und Schwefel in einem solchen Verhltniss mit einander
verbunden zurckbleiben, dass durch Oxydation dieser Verbindung
Eisenvitriol sich bildet. Der Schwefelkies kann mithin 26,65 Theile
Schwefel verlieren, ohne dadurch durch Eisenvitrioldarstellung untauglich
zu werden. Wollte man jedoch die Hlfte des in dem Schwefelkies
enthaltenen Schwefels durch Erhitzen austreiben, so wrde eine Temperatur
anzuwenden sein, bei welcher das zurckbleibende Einfach-Schwefeleisen
schmelzen, sich in die zur Destillation angewendeten Thoncylinder ziehen
und dieselben zerstren wrde. Man begngt sich deshalb, nur 13-14 Proc.
Schwefel aus dem Schwefelkies durch Erhitzen abzuscheiden, wobei der
Rckstand pulverfrmig bleibt und die Destillationsgefsse nicht
angreift.

[Illustration: Fig. 91.]

  Das bliche Verfahren der Darstellung von Schwefel aus Schwefelkies
  durch =Destillation= ist folgendes: Man erhitzt den Schwefelkies in
  konischen Rhren aus feuerfestem Thon _A A_, welche, wie Fig. 91 zeigt,
  geneigt ber einer Feuerung liegen. Die untere Oeffnung wird mit einer
  siebhnlich durchlcherten Scheibe aus gebranntem Thon verschlossen,
  welche den Schwefelkies herabzufallen verhindert und doch dem
  ausgeschmolzenen Schwefel entweder im flssigen Zustande oder als
  Schwefeldmpfe Austritt gestattet. An diesem Ende befindet sich eine
  thnerne Rhre _b_, durch welche der Schwefel in eine mit Wasser
  versehene Vorlage _C_ gelangt. Die konischen Rhren werden mit grblich
  gepochtem Schwefelkies beschickt, mit auflutirten Thonplatten
  verschlossen und dann erhitzt. Der in der Vorlage befindliche
  =Rohschwefel= ist von graugrner Farbe und wird durch Schmelzen zum
  Theil gereinigt; der so erhaltene Schwefel kommt in Stcken als
  =geschmolzener Schwefel= in den Handel. Um ihn von beigemengtem
  Schwefelarsen zu befreien, lutert man ihn durch Destillation. Der
  Rckstand von der Luterung des Rohschwefels ist der =Rossschwefel=,
  welcher in der Thierheilkunde Anwendung findet. Der aus Schwefelkiesen
  gewonnene Schwefel verdankt seine orangegelbe Farbe hufiger
  beigemengtem Thallium als dem Arsen. =Crookes= fand in spanischem
  Pyritschwefel bis zu 0,29 Proc. Thallium.

[Sidenote: Gewinnung des Schwefels durch Rsten von Kupferkies.]

  2) durch =Rsten von Kupferkies=. Es lsst sich der Schwefel aus den
  Kiesen auch durch =Rstung= (Kernrsten) gewinnen. Hierbei ist der
  Schwefel Nebenprodukt bei der Gewinnung des Kupfers; aus kiesigen
  Kupfererzen (gewhnlich Kupferkies) wurde frher am Unterharz in
  tropfsteinhnlicher Gestalt der sogenannte =Jungfernschwefel= gewonnen,
  indem man den Schwefel aus einer Oeffnung in die Seite des Rsthaufens
  heraustropfen liess. Gegenwrtig gewinnt man den Schwefel noch durch
  Rsten von Kupferkiesen zu Agordo (in Venedig), zu Wicklow in Irland
  und in Mhlbach (Salzburg), wo man im Jahre 1868 gegen 2000 Ctr.
  Rohschwefel producirte.

[Sidenote: Gewinnung des Schwefels als Nebenprodukt der
  Steinkohlengasfabrikation.]

  3) als =Nebenprodukt der Steinkohlengasfabrikation=. Bei der Reinigung
  des Steinkohlengases wendet man zum Entschwefeln ein Gemenge von
  Eisenoxyd mit porsen Krpern (z. B. Sgespne) an -- die sogenannte
  =Laming='sche Mischung -- in welcher sich der Schwefel (Fe_{2}O_{3} +
  H_{2}S = 2FeO + H_{2}O + S) bis zur Menge von 40 Proc. ansammelt. Nach
  dem Patent von =Hills= rstet man sie in einem besonderen Rstofen, um
  schweflige Sure fr die Schwefelsurefabrikation und andererseits
  Eisenoxyd zu erzeugen, welches von Neuem zur Entschwefelung des Gases
  verwendet wird. 1 Tonne (= 20 Ctr.) des Gemenges giebt 1,25 Tonnen
  englischer Schwefelsure. Die Steinkohlenmenge, welche in London
  jhrlich zur Leuchtgasbereitung verwendet wird, enthlt 200,000 Ctr.
  Schwefel, entsprechend 612,500 Ctr. englischer Schwefelsure.

  4) aus den =Sodarckstnden=. Die beim Auslaugen der nach =Leblanc='s
  Process erhaltenen Rohsoda verbleibenden =Rckstnde=, wesentlich aus
  Calciumsulfuret bestehend, liefern gegenwrtig, indem man sie dem von
  =M. Schaffner=, =Guckelberger= (und =L. Mond=) und =P. W. Hofmann=
  herrhrenden =Regenerationsverfahren= (vergl. Seite 202) unterwirft,
  namhafte Mengen von =regenerirtem Schwefel=. Die bei der Fabrikation
  der Mineralpotasche (aus dem Kaliumsulfat der Kainite und der
  Carnallite) sich bildenden Rckstnde werden gleichfalls (in Kalk bei
  Cln und in Stassfurt) auf Schwefel verarbeitet[50].

  [50] Die =Regenerirung des Schwefels= aus den Sodarckstnden (Seite
       202) hat bereits grosse Ausdehnung gewonnen; so liefert z. B. der
       sterreichische Verein fr chem. und metallurg. Produktion zu
       Aussig (Director =Max Schaffner=) jhrlich 450,000 Kilogr. (= 9000
       Ctr.) Stangenschwefel (aus den Sodarckstnden) in den Handel.
       Auch die unter =Hasenclever='s Leitung stehende =Rhenania= in
       Aachen producirt massenhaft regenerirten Schwefel. Ebenso auch
       Mannheim, Ringkuhl bei Kassel und die meisten englischen
       Sodafabriken.

[Sidenote: Gewinnung des Schwefels durch Reaction von Schwefelwasserstoff
auf schweflige Sure.]

  5) aus =schwefliger Sure und Schwefelwasserstoff=. =Dumas= machte die
  Beobachtung, dass, wenn man 1/3 Schwefelwasserstoffgas verbrennt und
  die erzeugte schweflige Sure nebst 2/3 Schwefelwasserstoffgas in eine
  feucht zu erhaltende Kammer leitet, man fast allen Schwefel erhalten
  knne.

          Schweflige Sure SO_{2}      }       { Schwefel 3S
          Schwefelwasserstoff 2H_{2}S  } geben { Wasser 2H_{2}O

  Diese Reaction, wobei brigens fast die Hlfte des Schwefels durch
  Bildung von Pentathionsure (die jedoch zweckmssig in unterschweflige
  Sure bergefhrt werden kann) verloren geht, ist nun hufig zu Grunde
  gelegt worden, um den Schwefel aus Gyps, Schwerspath, dem Rckstande
  der Sodafabrikation wieder zu gewinnen. Das Verfahren kommt bei allen
  Vorschlgen darauf hinaus, dass man z. B. Schwerspath durch Glhen mit
  Kohle zu Schwefelbarium reducirt, letzteres mit Salzsure bergiesst,
  um auf der einen Seite Chlorbarium, auf der anderen
  Schwefelwasserstoffgas zu erhalten, welches man entweder zum Theil
  verbrennt und dann, nach obiger Reaction, durch unverbrannten
  Schwefelwasserstoff in Schwefel berfhrt oder das
  Schwefelwasserstoffgas sofort in Wasser leitet, in welches zugleich
  schwefligsaures Gas, durch Rsten von Schwefelkies erzeugt, geleitet
  wird[51]. Durch eine hnliche Reaction erhlt man auch Schwefel als
  wichtiges =Nebenprodukt= bei der =Verarbeitung des Kelps= auf Kalisalze
  und auf Jod. In der Jodfabrik von =Paterson= in Glasgow betrgt die
  jhrliche Ausbeute an (vegetabilischem) =Schwefel aus Kelp= gegen 2000
  Ctr. Nach =E. Kopp= lsst sich aus dem Schwefelwasserstoffgas auch
  durch unvollstndige Verbrennung desselben (H_{2}S + O = H_{2}O + S)
  Schwefel konomisch vortheilhaft gewinnen.

  [51] Dass man den Schwefel aus dem Schwefelwasserstoff auch durch
       Leiten des letzteren Gases in Eisenchlorid erhalten kann, ist
       bereits von der Technik bercksichtigt und neuerdings (1862) von
       =Gossage= wieder empfohlen worden.

[Sidenote: Durch Reaction von schwefliger Sure auf Kohle.]

  6) aus =schwefliger Sure und Kohle=. Leitet man schweflige Sure ber
  glhende Kohlen, so verbrennen letztere zu Kohlensure und der Schwefel
  wird ausgeschieden. Auf diese Weise erhlt man beim Rsten der
  Zinkblende z. B. zu Borbeck bei Essen namhafte Mengen von Schwefel.

[Sidenote: Durch Erhitzen von Schwefelwasserstoff.]

  7) aus =Schwefelwasserstoff=. Schwefelwasserstoffgas zerfllt, wenn es
  durch rothglhende Rhren geleitet wird, in seine Bestandtheile.

[Sidenote: Eigenschaften und Anwendung des Schwefels.]

  Der Schwefel besitzt in seinem gewhnlichen Zustande eine
  eigenthmliche gelbe Farbe, die bei 100 dunkler wird und bei -50 fast
  verschwindet, lsst sich leicht pulverisiren, hat ein spec. Gewicht von
  1,98-2,06, schmilzt bei 115 zu einer dnnflssigen gelben Flssigkeit,
  beginnt bei 160 dickflssiger und pomeranzengelb zu werden, wird bei
  220 zh und rthlich, zwischen 240 und 260 sehr zh und rothbraun,
  ber 340 wieder etwas flssiger, bis er, ohne seine dunkle Farbe zu
  verlieren, bei 420 zu sieden beginnt und sich in dunkelrothbraune
  Dmpfe verwandelt. Wenn man bis auf 230 erhitzten Schwefel durch
  Eintauchen in Wasser pltzlich abkhlt, so erhlt man ihn weich und
  plastisch und er kann in diesem Zustande zu Abdrcken von Medaillen und
  berhaupt Gravirarbeiten benutzt werden. Da er nach einigen Tagen seine
  ursprngliche Hrte wieder erlangt, so knnen die Abdrcke, die er
  liefert, wieder als Matrizen dienen zur Verfertigung sehr reiner
  Formen. Wird der Schwefel bei Zutritt der Luft erhitzt, so verbrennt er
  zu schwefliger Sure. Er lst sich nicht in Wasser, in unbedeutender
  Menge in absolutem Alkohol und Aether, weit leichter in erwrmten
  fetten und flchtigen Oelen (zu =Schwefelbalsam=), leicht in
  Schwefelkohlenstoff, Steinkohlentheerl, Benzol und Chlorschwefel[52].
  Er lst sich ferner beim Kochen mit Natron- oder Kalilauge, mit
  Lsungen von Schwefelkalium oder -Calcium, mit Lsungen gewisser
  Sulfosalze (z. B. der Verbindung Sb_{2}S_{3}, Na_{2}S, welche dadurch
  in Sb_{2}S_{5}, Na_{2}S bergeht) und endlich mit schwefligsauren
  Alkalien, welche dadurch in unterschwefligsaure Salze bergefhrt
  werden.

  [52] Nach =Cossa= (1868) lsen

       100 Th. Schwefelkohlenstoff bei   15   C.  37,15 Th. Schwefel
       100  "          "            "    38   "   94,57  "     "
       100  "          "            "  48,5   "  146,21  "     "
       100  "  Benzol               "    26   "    0,96  "     "
       100  "    "                  "    71   "    4,37  "     "
       100  "  Aether               "  23,5   "    0,97  "     "
       100  "  Chloroform           "    22   "    1,20  "     "
       100  "  Anilin               "   130   "   85,27  "     "

       nach =Pelouze= (1869)

       100 Th. Theerl von 0,88
               spec. Gew.           "   130   "   43,00  "     "

  Man benutzt den Schwefel zur Schwefelsurefabrikation, zur Bereitung
  des Schiesspulvers, der Zndrequisiten und Schwefelfden, zum Schwefeln
  des Hopfens, des Weines, zum Einpudern des Weinstockes (bei der
  Traubenkrankheit)[53], zur Bereitung von schwefliger Sure,
  schwefligsauren und unterschwefligsauren Salzen, Schwefelkohlenstoff,
  zur Herstellung von Zinnober, Musivgold und anderen Schwefelmetallen,
  zur Fabrikation von Ultramarin, zum Kitten, zum Vulkanisiren und
  Hornisiren des Kautschuks und der Guttapercha u. s. w.

  [53] Wie gross der Verbrauch an Schwefel zum Einpudern der Trauben
       geworden ist, erhellt aus einer Mittheilung von =W. Sartorius= von
       =Waltershausen= (Journal fr Landwirthschaft von W. Henneberg,
       1863, Bd. VIII, p. 62) nach welcher in einem Jahre gegen 850,000
       Ctr. Schwefel Siciliens (also gegen 20-25 Proc. der
       Gesammtproduktion) theils fr Sicilien, theils fr Italien,
       Frankreich und Spanien zu diesem Zwecke verbraucht werden.

  Der meiste Schwefel kommt, wie oben bemerkt, aus Sicilien. Die
  Totalausfuhr Siciliens betrug

                         1853    1,800,000 Ctr.
                         1854    2,100,000  "
                         1855    2,000,000  "
                         1856    2,500,000  "
                         1857    2,400,000  "
                         1858    3,000,000  "
                         1859    2,900,000  "
                         1860    2,500,000  "
                         1861    2,800,000  "
                         1862    3,200,000  "
                         1863    3,500,000  "
                         1864    3,750,000  "
                         1865    3,550,000  "
                         1866    3,828,000  "
                         1867    3,724,000  "
                         1868    4,052,000  "

             (deren Werth auf 37 Mill. Lire angegeben wird).

  Die Schwefelproduktion in Europa betrgt (1870) gegen 7 Mill. Ctr.,
  davon kommen auf

                  Italien               6,860,000 Ctr.
                  Spanien                  80,000  "
                  Oesterreich              42,000  "
                  Norddeutscher Bund       15,500  "
                  Belgien                   8,000  "
                  Uebriges Europa           7,000  "
                                        --------------
                                        7,012,500 Ctr.

  Der regenerirte Schwefel ist hierbei selbstverstndlich nicht mit in
  Betracht gezogen.


               Schweflige Sure und unterschweflige Sure.

[Sidenote: Die schweflige Sure.]

Die =schweflige Sure= (SO_{2} oder wasserhaltig H_{2}SO_{3}) lsst sich
gewinnen

    a) durch Oxydation des Schwefels,
    b) durch Reduction der Schwefelsure,
    c) durch Combination von a) und b).

Die Darstellung der schwefligen Sure =durch Oxydation des Schwefels=
geschieht [Greek: a]) durch Verbrennen von Schwefel (Stangenschwefel oder
Schwefelblumen) an der Luft; [Greek: b]) durch Rsten von Schwefel- oder
Kupferkies, oder der =Laming='schen Mischung der Leuchtgasfabriken;
[Greek: g]) durch Erhitzen von Braunstein mit Schwefelpulver. Die
Darstellung der schwefligen Sure =durch Rsten von Schwefelmetallen=
(Pyrite, Kupferkies, Zinkblende, Kupferstein, Bleistein etc.) zu
metallurgischen Zwecken ist ohne Zweifel die vortheilhafteste und die im
grssten Maassstabe ausgebte, namentlich (seit der Einfhrung des
=Gerstenhfer='schen Rstofens) behufs der Fabrikation von Schwefelsure.
Wo die schweflige Sure als Conservationsmittel von Nahrungsstoffen und
Rohmaterialien zur Fabrikation von Nahrungsmitteln dienen soll, wie z. B.
beim Schwefeln des Hopfens, des Weins etc., darf diese Art der
Darstellung von schwefliger Sure nicht Platz greifen, weil die so
erzeugte schweflige Sure stets mit arseniger Sure gemengt ist. Das
=Laming='sche Mittel der Leuchtgasfabriken, ein Gemenge von Eisenoxyd mit
anderen Krpern, in welchem sich beim Reinigen des Gases der Schwefel bis
zur Menge von 40 Proc. ansammelt, wird durch Rsten regenerirt, wobei
colossale Mengen schwefliger Sure sich bilden, welche in London zur
Schwefelsurefabrikation verwendet wird. Durch =Erhitzen von Metalloxyden
mit Schwefel= kann nur unter gewissen Bedingungen mit Nutzen schweflige
Sure dargestellt werden. Man wendet an entweder Braunstein oder
Kupferoxyd, ersterer giebt, je nach dem Gewichtsverhltniss der
Materialien, entweder nur die Hlfte oder smmtlichen angewendeten
Schwefel in Gestalt von schwefliger Sure. Auch durch Erhitzen von
Eisenvitriol mit Schwefel (FeSO_{4} + 2S = FeS + 2SO_{2}) stellt man
zuweilen schweflige Sure dar. Zinkvitriol giebt beim Erhitzen schweflige
Sure und Sauerstoff (ZnSO_{4} = SO_{2} + O + ZnO). Kieserit (MgSO_{4} +
H_{2}O) mit Kohle gemengt und erhitzt, giebt alle Schwefelsure als
schweflige Sure ab.

  Die Darstellung der schwefligen Sure durch =Reduction der
  Schwefelsure= findet hufig Anwendung, doch ist in den meisten Fllen
  die schweflige Sure Nebenprodukt. Man reducirt die Schwefelsure durch
  Erhitzen derselben mit gewissen Metallen, wie Kupfer, Quecksilber oder
  Silber:

      Schwefelsure 2H_{2}SO_{4}  }       { Kupfersulfat CuSO_{4}
      Kupfer Cu                   } geben { Schweflige Sure SO_{2}
                                  }       { Wasser 2H_{2}O

  Es bildet sich hierbei eine kleine Menge Schwefelkupfer. In Fllen, in
  denen eine Verunreinigung der schwefligen Sure mit Kohlensure und
  Kohlenoxydgas nicht nachtheilig ist, reducirt man die Schwefelsure
  durch Kohlenstaub, Hobelspne, Sgespne etc.

     Schwefelsure 2H_{2}SO_{4}  }       { Schweflige Sure 2SO_{2}
     Kohle C                     } geben { Kohlensure CO_{2}
                                 }       { Wasser 2H_{2}O

  Da bei dieser Operation Schwefelsure und Holz endlich vollstndig in
  schweflige Sure, Kohlensure und Wasser bergehen, so kann die
  Gasentwickelung ununterbrochen stattfinden, wenn man nur von Zeit zu
  Zeit bald neues Holz, bald neue Schwefelsure zusetzt.
  Schwefelsuredmpfe zerfallen beim Ueberhitzen in schweflige Sure und
  Sauerstoffgas (H_{2}SO_{4} = SO_{2} + O + H_{2}O). Die =Reduction der
  Schwefelsure durch Schwefel= ist als ein combinirtes Verfahren der
  Darstellung der schwefligen Sure durch Oxydation und durch Reduction
  zu betrachten:

     Schwefelsure 2H_{2}SO_{4}  }         {Schweflige Sure 3SO_{2}
     Schwefel S                  }  geben  {Wasser 2H_{2}O

  Die Operation ist indessen sehr ungestm und schwer zu regeln, da der
  Schwefel schon bei einer Temperatur schmilzt, die weit niedriger ist,
  als die, bei der die Reaction stattfindet. Mit der schwefligen Sure
  geht ferner hufig Schwefeldampf ber, welcher sich in den
  Gasleitungsrhren absetzt und dieselben verstopft.

  Die schweflige Sure ist bei gewhnlicher Temperatur ein farbloses,
  stechend riechendes Gas von 2,21 spec. Gewicht. Sie lst sich in Wasser
  in betrchtlicher Menge (1 Vol. Wasser absorbirt bei 18 44 Vol. Gas).
  In Weingeist lst sie sich noch reichlicher als in Wasser. Bei
  Gegenwart von Wasser treten alle hheren Oxydationsstufen des
  Stickstoffs an die schweflige Sure Sauerstoff ab und verwandeln
  dieselbe zu Schwefelsure, whrend sie selbst zu Stickoxyd reducirt
  werden. Chlor verwandelt die feuchte schweflige Sure gleichfalls in
  Schwefelsure; Jod verhlt sich ebenfalls oxydirend. Mit
  Schwefelwasserstoff zusammengebracht, findet Schwefelausscheidung
  statt.

  Die Hauptanwendung der schwefligen Sure in der Technik ist eine ebenso
  wichtige als mannichfaltige, sie dient zur Schwefelsurefabrikation, in
  der Papierfabrikation als Antichlor, zur Fabrikation der =E.
  Kopp='schen Krappprparate, zur Bereitung des Natriumhyposulfits, seit
  einiger Zeit zur Fabrikation von Ammonsulfat aus Harn etc. (das sich
  bildende schwefligsaure Ammoniak geht an der Luft nach und nach in
  schwefelsaures Salz ber); zum Aufschliessen von Alaunschiefer behufs
  der Alaunfabrikation (=Laminne='s Patent); zum Extrahiren des Kupfers
  aus gewissen Kupfererzen; zum Conserviren (Schwefeln) der eingemachten
  Frchte, des Weines, des Hopfens, der comprimirten Gemse, des
  Fleisches, des Dextrinsyrups, des Zuckersaftes bei der Rben- und
  Rohrzuckerfabrikation, zum Maischen der Kartoffeln und des Mais in der
  Spiritusbereitung, zum Bleichen von thierischen Substanzen (Seide,
  Wolle, Badeschwmme, Federn, Leim, Darmsaiten, Hausenblase), welche
  durch Chlor nicht farblos, sondern gelb gefrbt werden, von Korb- und
  Strohgeflechten, von arabischem Gummi etc. Das Bleichen durch
  schweflige Sure lsst sich auf zwei wesentlich von einander
  verschiedene Ursachen zurckfhren, nmlich in den meisten Fllen auf
  eine blosse Verhllung, in einigen wenigen Fllen aber auf eine
  wirkliche Zerstrung des Farbstoffes. Die Pigmente der meisten blauen
  und rothen Blumen, Frchte u. s. w. gehen mit der schwefligen Sure
  farblose Verbindungen ein: die Farbe ist aber nicht zerstrt. Eine
  durch schweflige Sure gebleichte Rose erhlt durch Befeuchten mit
  verdnnter Schwefelsure ihre ursprngliche rothe Farbe wieder. Die
  Farbstoffe der gelben Blumen verhalten sich indifferent gegen
  schweflige Sure und werden durch dieselbe nicht gebleicht. Manche
  Farben, wie das Indigblau, das Carmin und der gelbe Farbstoff der
  Seide, werden anfnglich durch schweflige Sure nicht gebleicht, spter
  aber findet eine Bleichung statt dadurch, dass unter dem Einflusse des
  Lichtes der mit ihr gemengte Sauerstoff, d. h. als Ozon, eine
  Zerstrung der genannten Farben vermittelt. Die sauerstoffentziehende
  Eigenschaft der schwefligen Sure hat man auch in neuerer Zeit als
  =Feuerlschmittel= benutzt.

[Sidenote: Calciumsulfit.]

  Das =Calciumsulfit= (neutrales schwefligsaures Calcium) SCa_{2}O_{3} +
  H_{2}O (in 100 Th. 41 Th. schweflige Sure enthaltend), verdient alle
  Beachtung, indem in dieser Verbindung die schweflige Sure in einem
  Zustande in den Handel gebracht werden kann, in welchem sie
  Haltbarkeit, leichte Transportfhigkeit und billigen Preis vereinigt.
  Bei der Anwendung macht man die schweflige Sure durch Schwefelsure
  oder Salzsure frei. -- Das =Bariumsulfit= ist dem Calciumsalz
  vielleicht noch vorzuziehen.

[Sidenote: Natriumhyposulfit.]

Das =unterschwefligsaure Natrium= (Natriumhyposulfit, Natriumdithionit),
S_{2}Na_{2}O_{3} + 5H_{2}O, ein in neuerer Zeit vielfltig und zwar zu
photographischen Zwecken, in der Metallurgie (nach =Patera=) zum Lsen
des Chlorsilbers aus den mit Kochsalz gersteten Silbererzen und (nach
=Stromeyer=) zur hydrometallurgischen Kupfergewinnung, in der
Kattundruckerei als Mordant, als Antichlor in der Papierfabrikation u. s.
w. angewendetes Salz, lsst sich auf verschiedene Weise darstellen. Nach
=Anthon= mengt man 4 Theile calcinirtes Natriumsulfat mit 1-1-1/4 Theil
Holzkohlenpulver, befeuchtet das Gemenge und setzt es, in einen Tiegel
oder ein eisernes Gefss gepackt, 6-10 Stunden der Rothglhhitze aus. Die
Masse wird zerkleinert, mit Wasser befeuchtet und in dnnen Lagen der
Einwirkung von schwefliger Sure ausgesetzt. Die wsserige filtrirte
Lsung lsst man abdampfen und krystallisiren. Nach =E. Kopp='s Methode
(die von =M. Schaffner= in Aussig ausgebildet wurde) stellt man zunchst
unterschwefligsaures Calcium dar, indem man schweflige Sure auf das beim
Auslaugen der Rohsoda zurckbleibende Calciumsulfuret der Sodafabriken
(vergl. Seite 202) einwirken lsst, und das so erhaltene Kalksalz durch
eine Lsung von Natriumsulfat zersetzt, wobei sich Gyps niederschlgt und
unterschwefligsaures Natrium in Lsung bleibt. Neuerdings wandelt man die
Pentathionsure (S_{5}O_{5}, H_{2}O), die in grosser Menge bei der
Reaction von Schwefelwasserstoff und schwefliger Sure behufs der
Schwefeldarstellung (vergl. S. 217) sich bildet, durch Kochen mit
Natronlauge in unterschwefligsaures Natrium (2S_{5}O_{5}, H_{2}O +
3H_{2}O = 5S_{2}O_{2}, H_{2}O) um.

  Es hat die in technischer Beziehung so wichtige Eigenschaft, mit
  Silberoxyd ein leicht lsliches Doppelsalz (unterschwefligsaures
  Silber-Natrium) zu bilden und deshalb unlsliche Silberverbindungen,
  wie Jodsilber und Chlorsilber, mit Leichtigkeit aufzulsen, daher seine
  Anwendung in der Daguerreotypie und Photographie und zur
  hydrometallurgischen Silbergewinnung. Unterschwefligsaures Natrium lst
  Jod in grosser Menge, darauf beruht seine Anwendung in der Chlorometrie
  und berhaupt den jodometrischen Methoden, von denen einige auch in
  technischer Hinsicht von Wichtigkeit sind. Eine mit schwefligsaurem
  Natrium versetzte Lsung von unterschwefligsaurem Natrium lst Malachit
  und Kupferlasur in Form von unterschwefligsaurem Kupferoxydul-Natrium
  auf; diese Eigenschaft ist von =Stromeyer= zur hydrometallurgischen
  Kupfergewinnung benutzt worden. Endlich benutzt man das
  unterschwefligsaure Natrium auch zur Darstellung des Antimonzinnobers
  und zur Bereitung von Anilin- oder Aldehydgrn (Emeraldin). Das
  unterschwefligsaure Blei und die Kupferverbindung hat man als
  Bestandtheil der Zndmasse phosphorfreier Zndhlzchen anzuwenden
  vorgeschlagen. In grosser Menge verwendet man das unterschwefligsaure
  Natrium anstatt der Soda zum Reinigen der Wsche. Die Eigenschaft des
  Natriumhyposulfits, bei verhltnissmssig niederer Temperatur in seinem
  Krystallwasser zu schmelzen und nach dem Erkalten wieder zu erstarren,
  verwerthet =H. Fleck= zum Verschliessen der Glasrhren mit Zndmasse
  bei Sprengarbeiten unter Wasser. Wie enorm der Verbrauch an
  unterschwefligsaurem Natrium ist, geht daraus hervor, dass eine
  chemische Fabrik (die Rhenania bei Aachen) davon jhrlich 2000 Centner
  darstellt. Die unter =Schaffner='s Leitung stehende Fabrik in Aussig
  producirt gegenwrtig sogar 6000 Centner.


                      Die Schwefelsurefabrikation.

(Schwefelsure H_{2}SO_{4} mit dem Mischungsgewicht 196 besteht in 100
Theilen aus 81 Th. wasserfreier Schwefelsure und 18,5 Th. Wasser.
Technisches Mischungsgewicht = 106.)

[Sidenote: Schwefelsure.]

Man unterscheidet in der Fabrikation und im Handel zwei Sorten
Schwefelsure:

_a_) die =rauchende= oder =Nordhuser Schwefelsure= (Vitrioll),
destillirt aus Eisenvitriol oder Natriumbisulfat oder Ferrisulfat
(schwefelsaurem Eisenoxyd), oder durch Zersetzen von Glaubersalz mit
Borsure behufs der Fabrikation von Borax;

_b_) die =englische= oder =gewhnliche Schwefelsure=, entweder aus
schwefliger Sure durch Oxydation mittelst Salpetersure erzeugt, oder,
wiewohl usserst selten aus natrlichen Sulfaten, wie z. B. Gyps,
abgeschieden.

[Sidenote: Rauchende Schwefelsure.]

a) =Rauchende Schwefelsure.= In der Rothglhhitze werden alle
schwefelsauren Salze zersetzt, mit Ausnahme der schwefelsauren
Verbindungen der Alkalien und alkalischen Erden. Es knnten deshalb alle
schwefelsauren Salze, mit Ausnahme der genannten, zur Fabrikation der
rauchenden Schwefelsure Anwendung finden. Seiner Billigkeit wegen giebt
man dem Eisenvitriol zum Brennen des Vitriolls den Vorzug. Dieses Salz
zerfllt in der Rothglhhitze in Eisenoxyd, wasserfreie Schwefelsure und
schweflige Sure:

                                         } Eisenoxyd Fe_{2}O_{3}
         Eisenvitriol 2FeSO_{4} liefert  } Schwefelsure SO_{3}
                                         } Schweflige Sure SO_{2}

Man wrde durch das Brennen des Eisenvitriols wasserfreie Schwefelsure
erhalten, wenn es mglich wre, denselben vollstndig zu entwssern. Es
bleibt bestndig Wasser zurck und man erhlt deshalb die sogenannte
=rauchende Schwefelsure=, ein vernderliches Gemenge von wasserfreier
Schwefelsure mit der englischen Schwefelsure (H_{2}SO_{4}).

[Illustration: Fig. 92.]

  Die Darstellung der rauchenden Schwefelsure geschieht auf folgende
  Weise: Die Eisenvitriollsung oder Vitriolmutterlauge wird bis zur
  Trockne abgedampft und in Kesseln mglichst entwssert. Die trockene
  und geschmolzene Salzmasse (=Vitriolstein=) wird in dem Brennofen (Fig.
  92) weiter behandelt; dieser Ofen ist ein Galeerenofen, in welchem die
  Feuerung in zwei Reihen von feuerfesten irdenen Kolben _A_, deren Hlse
  so eingemauert sind, dass die Mndungen der Vorlagen _B_, _B_ bequem in
  dieselben eingefhrt und verkittet werden knnen, erhitzt. Wenn die
  Kolben -- ein jeder mit 2,5 Pfd. der Masse -- beschickt worden sind,
  fngt man an zu erhitzen; die zuerst bergehende schweflige Sure
  enthaltende wasserhaltige Schwefelsure wird gewhnlich nicht
  aufgefangen. Beginnen aber weisse Nebel von wasserfreier Schwefelsure
  sich zu zeigen, so legt man die Vorlagen, welche ungefhr 30 Grm.
  Wasser enthalten, vor und beginnt die Destillation, nachdem die Fugen
  mit Kitt lutirt worden sind. Nach 24 bis 36 Stunden ist die
  Destillation beendigt. Die Kolben werden von Neuem gefllt und bei
  beginnender Destillation dieselben Vorlagen mit der schon
  bergegangenen Sure abermals vorgelegt. Nach viermaligem Abtreiben hat
  das Vitrioll die erforderliche Concentration. Der in den Retorten
  bleibende Rckstand ist rothes, noch etwas Schwefelsure enthaltendes
  Eisenoxyd (Colcothar, Caput mortuum Vitrioli, Pariser Roth). Die
  Ausbeute an rauchender Schwefelsure betrgt zwischen 45 bis 50 Proc.
  vom Gewicht des entwsserten Eisenvitriols[54]. Man destillirt weit
  zweckmssiger =Ferrisulfat= (Eisenoxydsulfat), aus Colcothar und
  englischer Schwefelsure bereitet, wobei man das in dem Kolben
  zurckbleibende Eisenoxyd immer wieder benutzen kann. Hufig bringt man
  auch in die Vorlage englische Schwefelsure und leitet in diese
  wasserfreie Schwefelsure, die man durch Brennen von vollkommen
  entwssertem Eisenvitriol oder besser durch Erhitzen von schwefelsaurem
  Eisenoxyd erhlt. Das bei der Bereitung der Salpetersure aus
  Chilisalpeter als Rckstand bleibende =Natriumbisulfat= (NaHSO_{4})
  wird gegenwrtig hier und da ebenfalls zur Fabrikation der rauchenden
  Schwefelsure benutzt. Bei der Destillation bleibt Glaubersalz und ein
  Theil des Wassers zurck, whrend ein Gemenge von wasserfreier
  Schwefelsure mit englischer Schwefelsure bergeht. Man hat auch in
  Frankreich angefangen, mit der Fabrikation von Borax die von rauchender
  Schwefelsure zu verbinden. Zu diesem Zwecke destillirt man ein Gemenge
  von calcinirtem =Glaubersalz= und =Borsure= und leitet die sich
  entwickelnden Dmpfe von wasserfreier Schwefelsure in englische
  Schwefelsure. Die rauchende Schwefelsure ist lartig, von
  brunlichgelber bis dunkelbrauner Farbe und stechendem Geruche nach
  schwefliger Sure. An der Luft raucht sie; beim Erhitzen giebt sie
  Dmpfe von wasserfreier Schwefelsure. Ihr spec. Gewicht = 1,86-1,92.
  Man benutzt sie fast nur noch zum Auflsen des Indigs. 4 Th. rauchender
  Schwefelsure lsen 1 Th. Indig, whrend von der englischen 8 Th. dazu
  erforderlich sind.

  [54] In Davidsthal in Bhmen erhlt man aus 14 Ctr. Vitriolstein
       (geschmolzenem Eisenvitriol) in 36 Stunden 5-1/2 Ctr. rauchende
       Schwefelsure.

[Sidenote: Englische Schwefelsure.]

Die =englische= oder =gewhnliche Schwefelsure= (H_{2}SO_{4}) besteht in
ihrer hchsten Concentration in 100 Theilen aus 81,5 Th. Schwefelsure
und 18,5 Th. Wasser. Ihre Darstellung im Grossen datirt aus dem Jahre
1746, in welchem Jahre Dr. =Roebuck= von Birmingham die erste Bleikammer
zu Preston-Pans in Schottland baute.

  Nach dem Verfahren der Schwefelsurefabrikation, nach welchem man
  schweflige Sure in geeigneter Weise mit Salpetersure oder salpetriger
  Sure zusammenbringt, ist nach =R. Weber='s (1866) und =Winkler='s
  (1867) verffentlichten Versuchen wol kaum zu bezweifeln, dass
  folgender Vorgang stattfindet. Die Oxydation der schwefligen Sure
  erfolgt in der Bleikammer unter Einfluss des Wasserdampfes
  hauptschlich durch den Sauerstoff der salpetrigen Sure, welche sich
  hierbei in Stickoxydgas verwandelt. Letztere Sure bewirkt die
  Oxydation, sobald sie von berschssigem Wasser aufgenommen ist. Die
  Lsung derselben bildet sich, indem das Wasser entweder die in der
  Bleikammer verbreitete freie salpetrige Sure unverndert aufnimmt oder
  die Untersalpetersure zerlegt. Die Zersetzung der erzeugten
  Salpetersure erfolgt namentlich unter Beihlfe der schon gebildeten
  Schwefelsure. Das Wasser disponirt hier zur Schwefelsurebildung in
  derselben Weise wie bei anderen, durch die schweflige Sure bewirkten
  Reductionsprocessen. Durch die anwesende atmosphrische Luft wird das
  Stickoxyd zu Untersalpetersure oder salpetriger Sure oxydirt. Die
  Untersalpetersure wird weiter zersetzt und bei fortwhrend
  zustrmender schwefliger Sure ist der Process der Schwefelsurebildung
  ein ununterbrochener. Unter Umstnden giebt die salpetrige Sure in
  Berhrung mit schwefliger Sure und berschssigem Wasser leicht Anlass
  zur Bildung von Stickoxydul, wodurch Verluste an nutzbaren Oxyden des
  Stickstoffs entstehen. Die mitunter sich bildenden Krystalle,
  =Bleikammerkrystalle=, nach =R. Weber= aus (H_{2}SO_{4} + N_{2}O_{3},
  SO_{3}) bestehend, entstehen nur bei fehlerhafter Leitung des
  Processes, nur bei Mangel an Wasser.

[Illustration: Fig. 93.]

[Illustration: Fig. 94.]

[Sidenote: Das neuere Verfahren der Schwefelsurefabrikation.]

Die heutige Methode der Schwefelsurefabrikation wurde 1774 von einem
Zeugdrucker in Rouen eingefhrt und von =Chaptal= verbessert. Der
heutzutage berall bliche Apparat besteht im Wesentlichen aus vier
Theilen, nmlich 1) einem Ofen (Brenner) _F_ (Fig. 93), in welchem
schweflige Sure durch Verbrennen von Schwefel oder durch Rsten von
Eisenkies erzeugt wird; die schweflige Sure entweicht durch das Rohr _T_
und fhrt mit sich die Salpetersure und die salpetrigen Dmpfe, welche
mittelst besonderer Apparate in dem Ofen _F_ sich erzeugen[55], 2) einem
mit Koksstcken gefllten Apparat, in welchem von oben nach unten ein
Strom salpetriger Schwefelsure luft; 3) einer Anzahl von Kammern aus
Bleiplatten (Bleikammern) _A_, _A'_ und _A''_, in denen die Bildung der
Schwefelsure unter Mitwirkung von Wasserdmpfen (Hochdruckdmpfen) vor
sich geht und endlich 4) einem grsseren mit Koks angefllten Apparate
_K_ (=Gay-Lussac='schen Condensationsapparat), in welchem Schwefelsure
von 66 B. (= 1,84 spec. Gew.) von oben nach unten luft und welcher die
Bestimmung hat, die Untersalpetersure und die salpetrige Sure (nicht
aber das Stickoxydgas, wie man vor =Winkler='s Untersuchung glaubte) den
aus der letzten Kammer einstrmenden Gasen zu entziehen, ehe dieselben
ins Freie gelangen. Der Ofen, in welchem das Verbrennen des Schwefels
geschieht, hat folgende Einrichtung (Fig. 94). Auf aus Backsteinen
aufgefhrten Mauern, die durch Bgen mit einander verbunden sind, liegt
etwa 80 Centimeter ber dem Boden eine starke eiserne Platte, die nach
vorn etwas geneigt ist. Auf dieser Platte ruhen die Seitenmauern, whrend
die hintere Seite und die Decke des Ofens gleichfalls aus Eisenplatten
gebildet sind. Dasselbe gilt auch von der Vorderseite des Ofens, in
welchem mehrere (3-6) grssere Oeffnungen _P_, _P'_ und _P''_ sich
befinden, die durch eiserne mit hlzernen Handhaben versehene Thren
verschlossen werden. Im Innern auf der Eisenplatte, welche die Herdsohle
bildet, sind der Lnge nach drei eiserne Schienen von etwa 10 Centim.
Hhe angebracht, welche den Herd in 3 oder 6 Abtheilungen (der Anzahl der
Thren entsprechend) theilen. Bei _H_, _H'_ und _H''_ sind Luftlcher
angebracht. Von der eisernen Platte, welche die Decke des Ofens bildet,
geht ein weites Rohr ab, welches die in dem Ofen gebildeten Gase und
Dmpfe abfhrt. Beim Betriebe des Ofens bringt der Arbeiter in jede
Abtheilung des Ofens etwa 50 Kilogr. Schwefelstcke und zndet die
Oberflche derselben an; der Zug durch die Lcher _H_, _H'_ wird der Art
regulirt, dass die erforderliche Menge Schwefel zu schwefliger Sure
verbrennt, aber kein Schwefel sublimirt. Im letzteren Falle wrde die
producirte Schwefelsure trbe und milchig ausfallen[56]. Der
Schwefelofen hat indessen nicht nur den Zweck, schweflige Sure zu
liefern, sondern er soll auch zugleich die salpetrigsauren Dmpfe neben
der schwefligen Sure bilden. Zu dem Ende wird in den geschmolzenen
Schwefel in jede Abtheilung des Ofens mittelst einer Tiegelzange ein mit
Fssen versehener Tiegel _N_ gebracht, in welchem ein Gemisch von
Natriumsalpeter und Schwefelsure von 52 B. (= 1,56 spec. Gew.)[57]
sich befindet. Durch die Verbrennungswrme des Schwefels entwickelt sich
aus diesem Gemisch Untersalpetersure und Salpetersure, welche mit der
schwefligen Sure gemengt durch das gusseiserne Rohr _T_ entweichen. Das
Rohr _T_ geht zunchst durch einen hlzernen, mit kaltem Wasser
versehenen Khlapparat _B_, um die Temperatur der Dmpfe zu erniedrigen
und fhrt sie dann in den untern Theil _a_ des von =Gay-Lussac=
eingefhrten Condensationsapparates _C_, welcher der =Denitrificateur=
genannt wird. Die Einrichtung desselben ist aus Fig. 95 ersichtlich.
Ueber der leeren Abtheilung des aus Bleiplatten oder Sandstein
bestehenden Apparates befindet sich ein mit Blei berzogener Eisenrost
_G_, unterhalb desselben die Dmpfe durch _M_ einstrmen. Oberhalb des
Rostes erhebt sich die Kokssule, ber welche, wie erwhnt, salpetrige
Schwefelsure fliesst, welche von der Condensation der letzten Produkte
in den Kammern herrhrt. Diese Sure gelangt durch Dampfdruck, hnlich
wie bei einem Montejus aus dem Gefss _J_ in die Mariotte'sche Flasche
_V_, von wo aus sie durch _T_ auf den Schaukelapparat und von da durch
_T'_ nach der Kokssule luft, jedoch vorher durch eine Brause in dem als
hydraulischen Verschluss dienenden Deckel _A_, _F_ fein zertheilt wird.
Indem nun diese Sure mit den noch warmen Gasen in innige Berhrung
kommt, giebt sie alle salpetrigen Verbindungen in Dampfform ab, welche
sich den Gasen beimischten und durch die Oeffnung _m_ (Fig. 93) in die
Bleikammern gelangen. Die denitrificirte Sure luft durch des Rohr _t_
in das Reservoir ab.

  [55] Zur Umwandlung von 1 Kilogr. Schwefel in Schwefelsure braucht man
       folgende Luftmengen, wenn der Schwefel vorhanden ist als

       freier Schwefel 5275 Liter Luft (mit 4220 Liter Stickstoff)
       Pyrit           6595   "    "   ( "  5276   "        "    )

[56] Der Theorie nach sollen in den Schwefelofen auf je 1 Mol. Schwefel
nicht mehr als 3 Mol. Sauerstoff eintreten, nmlich 2, um schweflige
Sure zu bilden, und das 3. Mol. zur Umwandlung der letzteren in
Schwefelsure, mit anderen Worten, 1 Kilogr. Schwefel braucht 1500 Grm. =
1055 Liter Sauerstoff = 5275 Liter Luft (welche 4220 Liter Stickstoff
enthalten). Um dieser Grenze so viel als mglich sich zu nhern, hat man
vielfache Vorschlge gemacht. So wendet man in einigen Fabriken zur
Regelung der Luftzufuhr ein Anemometer, besonders das von =Combes= an,
welches durch ein Rohr mit dem Schwefelofen in Verbindung steht, sodass
alle in den Ofen strmende Luft das Anemometer passiren muss. In Belgien
wendet man zuweilen das von =Stas= vorgeschlagene Verfahren an, nach
welchem man einestheils nur die zum Verbrennen des Schwefels
erforderliche Luft zutreten lsst, anderntheils durch ein mit Klappen
versehenes Rohr die genau gemessene Luftmenge, die zur Ueberfhrung der
schwefligen Sure in Schwefelsure gehrt. Welches Verfahren auch
angewendet werden mag, die aus den Kammern tretende Luft darf nicht mehr
als 2-3 Proc. Sauerstoff enthalten. Durch sorgfltige Ueberwachung der
Schwefelfen ist es dem Fabrikanten gelungen, aus 100 Kilogr. kuflichem
Schwefel 306 Kilogr. Schwefelsure von 1,843 spec. Gewicht zu erhalten,
whrend nach der gewhnlichen Methode selten mehr als 280-290 Kilogr.
gewonnen werden.

  [57] Auf 100 Th. Schwefel rechnet man etwa 6, hchstens 8 Th.
       Natriumsalpeter (oder eine entsprechende Menge Salpetersure).

[Illustration: Fig. 95.]

  In den Bleikammern geht nun die Bildung der Schwefelsure vor sich.
  Hufig ist nur eine Bleikammer vorhanden, welche wie in Fig. 93 durch
  Wnde aus Bleiplatten _R_, _R'_ in drei Abtheilungen getheilt ist, die
  mit ihrem untern Ende in die Schwefelsure tauchen, womit der Boden der
  Kammern bedeckt ist. Durch Rohre ist, wie aus der Zeichnung
  ersichtlich, die Communication zwischen den Kammerabtheilungen
  hergestellt. Die Rhren _v_, _v'_ und _v''_ fhren Dampfstrahlen in die
  Kammern, welche die Gase mischen und das zur Schwefelsurebildung
  erforderliche Wasser zufhren. In der mittleren Abtheilung oder Kammer,
  der grssten von allen, geht die Hauptbildung der Sure vor sich, die
  an den Wnden der Kammer sich niederschlgt und mit vielem Wasser
  verbunden (als Kammersure) auf dem Boden der Kammer sich ansammelt.
  Die in der letzten Abtheilung befindlichen Gase, welche nur sehr wenig
  schweflige Sure enthalten und hauptschlich aus atmosphrischem
  Stickstoff und salpetrigen Dmpfen bestehen, gehen durch das Rohr _T'_
  nach dem Reservoir aus Bleiblech _D_, in welchem sich die letzten
  Antheile der Schwefelsure niederschlagen. In dem Rohr _T'_ ist ein
  Schaufenster _L_, durch welches man die Farbe der Gase wahrnehmen kann.
  Aus dem Reservoir _D_ gehen die Gase durch das Rohr _T''_ nach dem von
  =Gay-Lussac= und =Lacroix= eingefhrten Apparat _K_, in welchem sie
  alle salpetrigsauren Verbindungen abgeben. Dasselbe grndet sich auf
  die Lslichkeit der salpetrigen Sure in concentrirter Schwefelsure
  und auf die Bildung einer Verbindung beider Krper. Er besteht
  wesentlich aus einer Kokssule von 8-10 Meter Hhe, ber welche aus der
  Mariotte'schen Flasche _M'_ Schwefelsure von 62 oder 64 B. mittelst
  eines Schaukelapparates strmt. Die Schwefelsure nimmt aus den Gasen
  alle salpetrige Sure auf und geht durch die Bleirhre _h h_ in ein
  Reservoir _J_, aus welchem die Sure durch Dampfdruck mittelst _h'_
  nach der Mariotte'schen Flasche geleitet werden kann[58]. Das Rohr
  _T'''_ endlich fhrt die Gase in den Fabrikschornstein ab. -- Was die
  Capacitt der Bleikammern betrifft, so ist fr je 20 Kilogr. Schwefel,
  die in 24 Stunden umgewandelt werden, ein Kammerraum von 1000 Kubikfuss
  rh. (= 30 Kubikmeter) erforderlich. Da hierbei etwa 6O Kilogr.
  Schwefelsurehydrat entstehen, so erzeugt obiger Raum von 1000
  Kubikfuss pro Stunde etwa 2,5 Kilogr. Schwefelsure.

  [58] Die Absorption der salpetrigen Dmpfe durch Schwefelsure in dem
       Koksthurm ist in neuester Zeit in Folge des niedrigen Preises des
       Natriumsalpeters an vielen Orten aufgegeben worden.

[Illustration: Fig. 96.]

[Sidenote: Anwendung von Eisenkies zur Bildung schwefliger Sure.]

Die zur Schwefelsurebildung erforderliche schweflige Sure wird nicht
immer durch Verbrennen von Schwefel in Substanz, sondern auch noch auf
andere Weise erzeugt, so z. B. durch Erhitzen von Kieserit mit Kohle oder
durch =Rsten von Schwefelmetallen= (Eisen- und Magnetkies, Kupferkies,
Zinkblende[59], Kupferrohstein[60] etc.) zu metallurgischen Zwecken oder
direct zum Behufe der Schwefelsurefabrikation. In letzterer Hinsicht
verdient hauptschlich der =Eisenkies= oder =Pyrit= FeS_{2} (mit 53,5
Proc. Schwefel) Beachtung. Reiche Fundorte dieses technisch so wichtigen
Minerals sind z. B. in der Provinz Huelva in Spanien, in der Grafschaft
Wicklow in Irland, in Belgien, in Schweden und Norwegen, in England (in
Dorset, Devon und Cornwall), am Harz, im bayerischen Walde, bei Meggen an
der Ruhr-Sieg-Bahn u. s. w. Auch der beim Aufbereiten der Steinkohlen
bleibende Rckstand wird, wenn er reich an Schwefelkies ist, zur
Schwefelsurefabrikation verwendet. In England, wo dieser Rckstand fr
Schwefelsure zum Aufschliessen der Phosphate in den Dngerfabriken
vielfach verwendet wird, fhrt er den Namen =Scotch gold=. Das Rsten
der Pyrite geschieht in besonderen Oefen (Kilns); die Pyrite kommen
entweder in Pulverform oder in Stcken von etwa Nussgrsse zur Anwendung.
Die Construction der zum Rsten der Pyrite dienenden Oefen ist eine sehr
verschiedene, hufig sind sie jedoch Schachtfen, den gewhnlichen
Kalkfen nicht unhnlich. In neuerer Zeit sind jedoch die Kilns durch
Oefen mit Rosten ersetzt worden, bei welchen die quadratischen Roststbe
mittelst eines Schlssels drehbar gemacht sind, wodurch sich deren Fugen
nach Belieben mehr ffnen und schliessen lassen. Man kann dadurch die
Verbrennung auf das Genaueste reguliren. Die vollkommenste Rstung geht
jedoch in den seit 1864 aufgetauchten und glnzend bewhrten
=Gerstenhfer='schen Rostfen vor sich. Dieser Ofen (Terrassen- oder
Schttofen) (Fig. 96) grndet sich auf die Bewegung des Erzes durch den
Fall in der einen und Bewegung der erhitzten Verbrennungsluft in der
entgegengesetzten Richtung. Um das Erz eine gengende Zeit im Ofen
verweilen zu lassen, was auch die Einfhrung eines grobem Pulvers
gestattet, ohne dem Schachte eine zu grosse Hhe zu geben, wird die
Geschwindigkeit des Erzes durch den Stoss gegen Bnke gehemmt, die in
gewissen Zwischenrumen in dem Schachte angebracht sind. Das zerkleinte
Erz fllt durch die mit canellirten Walzen versehenen
Vertheilungstrichter _a_ auf thnerne Trger oder Bnke _b_ und rutscht
von einer Etage auf die andere, wobei dasselbe durch die glhenden
Ofenwnde, welche vorher durch Feuerung auf einem wegnehmbaren Rost
erhitzt sind, entzndet wird und unter Einfluss der durch _c_ oder besser
seitlich eintretender Geblseluft oder gewhnlicher Zugluft fortrstet.
Das auf die Sohle des, wohl nach unten zusammengezogenen, Ofens gefallene
Rstgut wird durch eine seitliche Oeffnung ausgezogen. Die schweflige
Sure gelangt durch Canle _d_ oder einen seitlichen Canal in
Schwefelsurekammern, nachdem sie nthigenfalls Flugstaubkammern passirt
hat.

  [59] In der Rhenania bei Aachen und in Zwickau verwendet man z. Th.
       Zinkblende bei der Schwefelsurebereitung.

  [60] Auf den Mansfelder Kupferhtten erhielt man 1868 durch Rsten der
       Rohsteine im =Gerstenhfer='schen Ofen gegen 10,000 Ctr. Das
       Communion-Bergamt Goslar producirte 1867 50,000 Ctr. und die
       erzgebirgischen Htten 66,000 Ctr. =metallurgischer=
       Schwefelsure.

  Erzeugt man die salpetrigen Dmpfe wie gewhnlich mittelst
  Natriumsalpeter und Schwefelsure, so wird das Gemenge dieser beiden
  Krper in Tiegeln gleichfalls in den Ofen gebracht. Bei der Verwendung
  von Kiesen zur Erzeugung der schwefligen Sure tritt der Uebelstand
  auf, dass das Volumen der Verbrennungsgase weit betrchtlicher ist als
  bei Anwendung von sicilianischem Schwefel; diese Zunahme ist eine
  Folge der Oxydation des Eisens der Pyrite, welche Stickstoff im
  Ueberschuss den Gasen zugesellt (2FeS_{2} + 11O = 4SO_{2} +
  Fe_{2}O_{3}). Whrend 1 Kilogr. freier Schwefel zu seiner Ueberfhrung
  in Schwefelsure nur 5275 Liter Luft bedarf, braucht 1 Kilogr. Schwefel
  in Form von Pyrit angewendet, 6595 Liter Luft. Die aus dem Rstofen
  kommenden Gase, welche nicht nur aus schwefligsaurem Gase, sondern, wie
  =Fortmann= (1868) gezeigt, auch aus Dmpfen von wasserfreier
  Schwefelsure bestehen, gehen, ehe sie in die Bleikammern gelangen, in
  vier besondere kleine Kammern (Vorkammern), in welchen die mechanisch
  mit fortgerissenen und die leichter condensirbaren flchtigen Krper
  (Eisenoxyd, Selen, Thalliumverbindungen, arsenige Sure etc.) sich
  ablagern. Dieser Absatz (Schlamm) gab bei der Untersuchung seiner Zeit
  die Veranlassung zur Entdeckung des Selens (1817) und des Thalliums
  (1862), welches letztere in sehr vielen Pyriten, namentlich in den
  Kiesen von Meggen im Siegerlande sich findet[61]. Obgleich in den
  Vorkammern ein grosser Theil arseniger Sure sich absetzt, so ist es
  doch kaum mglich, mittelst der Pyrite eine arsenfreie Schwefelsure
  darzustellen, so dass man immer noch sicilianischen Schwefel anwendet,
  wo man vllig freie Schwefelsure erhalten will.

  [61] =Carstanjen= fand (1868) in dem Flugstaube aus den Kiesrstfen
       der Oranienburger Schwefelsurefabrik, welche Pyrite aus Meggen
       rstet, 3,5 Proc. Thallium.

  Die schweflige Sure, die in dem Httenrauch und in den =gasigen
  Produkten des Erzrstens= enthalten ist, wird in neuerer Zeit an vielen
  Orten auf Schwefelsure verarbeitet, so z. B. auf den Freiberger
  Schmelzhtten, auf der Muldner und Halsbrckner Htte in Sachsen, in
  Oker am Unterharze. An letzterem Orte ist der Betrieb der
  Schwefelsurefabrik auf die Abrstung von Kupfer- und Bleierzen
  basirt[62].

  [62] Wie gross die Menge des Schwefels ist, die beim Erzrsten meist
       noch verloren geht, ergiebt sich aus einer -- im Jahre 1861
       angestellten -- Berechnung =Leplay='s, nach welcher der jhrlich
       in den Htten von Sd-Wales ausgetriebene Schwefel einen Werth von
       200,000 Pfd. Sterl. (= 1,3 Mill. Thlr.) reprsentirt. Jhrlich
       gingen gegen 46,000 Tonnen ( 1000 Kilogr.) in die Luft, welche
       der Atmosphre 92,000 Tonnen schwefliger Sure (entsprechend
       1,400,000 Ctr. engl. Schwefelsure) zufhrten! Durch die
       Einfhrung der =Gerstenhfer='schen Rstfen ist diesem Verluste
       zum grossen Theile vorgebeugt.

[Sidenote: Kammersure.]

  Die Sure, welche sich aus den verschiedenen Bleikammern in einem
  Hauptreservoir angesammelt hat (=Kammersure=), wird von hier
  abgezogen, sobald sie ein spec. Gewicht von 1,5 oder 50 B. oder 104
  Tw. erreicht hat. Diese Sure wird entweder, wie z. B. zum
  Aufschliessen der Phosphate in den Dngerfabriken, in der
  Sodafabrikation, der Darstellung von Stearinsure, Salpetersure,
  Eisenvitriol etc., sofort verwendet oder, wenn sie versendet werden
  soll, durch Abdampfen zur hchsten Concentration gebracht. Ist sie
  arsenhaltig, so wird sie vor dem Abdampfen durch =Behandeln mit
  Schwefelwasserstoffgas= von dem Arsen befreit.

[Illustration: Fig. 97.]

[Sidenote: Concentration der Kammersure.]

[Sidenote: In Bleipfannen.]

Die Concentration der Kammersure zerfllt in zwei verschiedene Phasen.
Die erste kann in Bleigefssen ausgefhrt werden, die zweite dagegen
erfordert die Anwendung von Platin- oder Glasgefssen. In Bleipfannen
kann die Schwefelsure nur bis zu einer gewissen Concentration gebracht
werden, weil sonst das Blei angegriffen und sogar schmelzen wrde.
Schwache Schwefelsure greift das Blei nur wenig an, concentrirte und
siedende Sure dagegen bildet unter Entwickelung von schwefliger Sure
Bleisulfat. Manche Fabrikanten concentriren ihre Sure bis zu 60 B. (=
1,71 spec. Gew.) in den Bleipfannen, andere nur bis zu 55 (= 1,59 spec.
Gew.), noch andere nur bis zu 52 B. (= 1,54 spec. Gew.). Die zur
Concentration angewendeten Bleipfannen sind viereckig, weit und ziemlich
flach und ruhen auf Eisenplatten, so dass sie nicht unmittelbar von dem
Feuer getroffen werden. Ihre Aufstellung ist terrassenfrmig (Fig. 97),
so dass die erste _m_, unter deren Vordertheil der Rost liegt, am
niedrigsten steht, und die beiden brigen _n_ durch die erwrmte Luft,
die unter denselben fortstrmt, erwrmt werden. Die Schwefelsure wird
daher in der ersten Pfanne am strksten, in der letzten Pfanne am
schwchsten erhitzt. Die Sure darf in den Bleipfannen hchstens 24-36
Centimeter hoch stehen. Nachdem die Sure in den Bleipfannen bis zur
erforderlichen Concentration gelangt ist, bringt man sie (als
=Pfannensure=) zur weiteren Concentration in Glas-, Steingut- oder
Platingefsse.

[Illustration: Fig. 98.]

[Illustration: Fig. 99.]

[Sidenote: Im Platinkessel.]

Der heutzutage hufig angewendete =Concentrirapparat aus Platin=[63]
(Fig. 98) befindet sich neben den Bleipfannen; die Einrichtung ist so
getroffen, dass die Feuerung des Kessels mit dem Feuerraum _A_
communicirt. Er wird von der Pfanne, in der das Niveau fast
unvernderlich bei _n_ ist, durch den Bleiheber _x_ gespeist, dessen
lngerer Schenkel in ein Gefss taucht, das mit Hlfe einer fixen Rolle
bis ber das Niveau _n_ gehoben und auch wieder bis zur Rinne _d_
niedergelassen werden kann. Sobald das erstere der Fall ist, steht die
Schwefelsure in der Pfanne und dem Gefsse in gleichem Niveau und der
Heber ist geschlossen; wirkt aber der Heber gesenkt, so beginnt der Heber
an zu spielen und die Sure fliesst durch den Ausguss _c_ und den
Trichter _d_ in den Kessel _B_. Der auf demselben befindliche kleinere
Hut _C_ mndet in das Schlangenrohr eines Khlapparates, in welchem die
berdestillirte verdnnte Sure verdichtet wird. Die condensirte
Flssigkeit besteht zuerst aus Wasser mit sehr wenig Sure. Sobald aber
die Temperatur der siedenden Sure bis auf 310-320 gestiegen ist,
verdichtet sich in dem Khlapparat die concentrirteste Sure. Seit
einiger Zeit bringt man im Innern der Platinblase eine Vorrichtung an,
wodurch die an den Seitenwnden sich verdichtende Flssigkeit, anstatt in
die concentrirte Sure zurckzufliessen, nach aussen abgeleitet wird.
Dadurch findet die Concentration der Sure weit schneller statt als bei
den gewhnlichen Apparaten[64].

  [63] Ein in der chem. Fabrik zu Griesheim bei Frankfurt a. M.
       aufgestellter Concentrirapparat fr eine Produktion von circa 50
       Ctr. Sure aus der Platinfabrik von =Johnson=, =Matthey= u. Co. in
       London kostete 9816 fl. s. W. (incl. Fracht und Zoll).

  [64] Eine solche Platinblase von 3 Hektoliter Capacitt, in 24 Stunden
       60-70 Ctr. Sure von 66 liefernd, kostete frher nebst Zubehr
       44,000 Frcs.

  Um die bis zu 1,78-1,80 (= 63-66 B.) specifischem Gewicht concentrirte
  Sure aus dem Kessel zu entfernen, bedient man sich des =Breant='schen
  Hebers (Fig. 99); derselbe ist von Platin. Sein ausserhalb des Kessels
  befindlicher Schenkel ist ungefhr 5 Meter lang und mit einer 15
  Centimeter weiten kupfernen Rhre von 36 Centimeter Lnge versehen,
  welche bei _a_ aus _M_ mit kaltem Wasser gefllt wird, whrend das
  erwrmte Wasser bei _b_ abfliesst. Zur Vermehrung der Oberflche des
  Hebers theilt sich das Hauptrohr in vier enge Rhren. Man fllt den
  Heber, indem man den Hahn bei _c_ schliesst, dann bei dem Kugelventile
  _b_ und dem bei _e_ Schwefelsure eingiesst; darauf giesst man zum
  luftdichten Verschluss in die Kugelventile etwas Schwefelsure und
  ffnet den Hahn bei _c_, worauf die Schwefelsure abfliesst. Msste man
  mit dem Abziehen der Sure warten, bis dieselbe sich in dem Kessel
  abgekhlt htte, so wrde man Zeit verlieren und der Kessel nicht in
  einem seinem hohen Preise entsprechenden Verhltnisse benutzt werden
  knnen. Die Sure tritt siedend heiss in den krzeren Schenkel des
  Hebers, der in dem Khlapparate _K_ liegt, khlt sich aber, whrend sie
  durch den lngeren Schenkel fliesst, ab und gelangt ziemlich erkaltet
  in die zur Versendung dienenden Krge oder Ballons _A_, _A'_, _A''_.

[Sidenote: Concentration in Glasgefssen.]

[Illustration: Fig. 100.]

Dort, wo die Glasretorten zu billigem Preise zu haben sind, concentrirt
man die Schwefelsure in =Glasretorten=, welche in der Zahl von 10 in
Sandbdern in einem Galeerenofen (Fig. 100) liegen. Diese Retorten werden
in grosser Menge und guter Qualitt von der Firma =Stone=, =Fawdry= and
=Stone= in Birmingham geliefert. Die Retorten sind mit Allongen versehen,
welche in irdene Ballons mnden, um die sich entwickelnden Dmpfe zu
condensiren, oder sie bestehen aus Retorte und Glashelm. In England
werden 70 Proc. aller fabricirten Schwefelsure in Glasgefssen
concentrirt. Neuerdings bedient man sich zum Concentriren der
Schwefelsure zuweilen auch =gusseiserner= Kessel.

[Sidenote: Andere Methoden der Schwefelsurefabrikation.]

  Von den vielen in neuerer Zeit aufgetauchten Principien der Darstellung
  der Schwefelsure auf anderen als dem gewhnlichen Wege seien einige
  der wichtigeren erwhnt. =Hahner= oxydirt die schweflige Sure bei
  Gegenwart von Wasserdmpfen durch Chlor:

       Schweflige Sure SO_{2} }       { Schwefelsure H_{2}SO_{4}
       Wasserdmpfe 2H_{2}O    } geben { Salzsure 2ClH
       Chlor 2Cl               }       {

  Das Chlor wird aus der bei der Sodafabrikation entstehenden Salzsure
  erzeugt. Soll die Schwefelsure wieder zur Zersetzung von Kochsalz
  dienen, so braucht sie begreiflicher Weise nicht von der Salzsure
  befreit zu werden. Dem von =Persoz= beschriebenen Verfahren der
  Schwefelsuredarstellung liegen folgende zwei Reactionen zu Grunde: 1)
  Oxydation der schwefligen Sure durch Salpetersure, indem man die
  schweflige Sure entweder in bis auf 100 erhitzte Salpetersure
  leitet, welche vorher mit dem vier- bis sechsfachen Volumen Wasser
  verdnnt wurde, oder in eine Mischung von einem salpetersauren Salze
  mit Salzsure, wodurch sich nun Chloruntersalpetersure
  N_{2}Cl_{4}O_{2} bildet; 2) die Dmpfe der Untersalpetersure werden
  wieder mittelst des Sauerstoffs der Luft unter Mitwirkung von
  Wasserdmpfen zu Salpetersure oxydirt, welche man darauf wieder zur
  Oxydation von schwefliger Sure verwendet. Das Verfahren von =Persoz=
  soll folgende Vortheile bieten: 1) es macht die Bleikammern
  berflssig; 2) es lsst sich schweflige Sure beliebigen Ursprungs
  anwenden, wenn sie auch mit Stickstoff, Kohlensure und anderen Gasen
  gemengt ist. Die schweflige Sure lsst sich daher nicht nur durch
  Verbrennung von Schwefel und Rsten von Schwefelmetallen, sondern auch
  auf die Weise erzeugen, dass man Eisen-, Kupfer- und Zinkvitriol bei
  erhhter Temperatur der Einwirkung von Sauerstoff, Kohlenoxyd, Kohle
  oder organischen Substanzen aussetzt, wobei schweflige Sure sich
  entwickelt und ein Metall oder ein Oxyd zurckbleibt, sodass sich mit
  der Schwefelsurefabrikation auch die Gewinnung gewisser Metalle
  verknpfen lsst; es wird immer wieder die nmliche Salpetersure
  benutzt.

  Um die Schwefelsure aus dem =Gyps= und hnlichen Sulfaten
  darzustellen, sind schon unzhlige Vorschlge gemacht worden, ohne dass
  es bis jetzt gelungen wre, nur eines der verschiedenen vorgeschlagenen
  Verfahren in die Praxis einzufhren. Im Folgenden seien einige dieser
  Vorschlge nher angefhrt: =Tilghman= bringt Gypsstcke in einem
  vertikal stehenden, inwendig mit Magnesit berzogenen Thoncylinder zur
  starken Rothglhhitze, leitet durch den Boden und die damit verbundenen
  glhenden Thonrhren Wasserdmpfe und durch den Deckel die gasfrmigen
  Zersetzungsprodukte -- nmlich Sauerstoff, Schwefelsure und schweflige
  Sure -- nach den Bleikammern. In der Retorte soll Aetzkalk
  zurckbleiben; in gleicher Weise wird Bittersalz behandelt. =Shanks=
  bringt in einen steinernen Behlter gepulverten Gyps und Chlorblei und
  eine grssere Menge bis auf 50-60 erhitztes Wasser. Die Mischung muss
  tchtig umgerhrt werden. Beide Salze zersetzen sich sehr schnell:

       Gyps CaSO_{4} + 2H_{2}O  }       { Chlorcalcium CaCl_{2}
       Chlorblei PbCl_{2}       } geben { Schwefels. Blei PbSO_{4}
                                }       { Wasser 2H_{2}O

  Das Chlorcalcium bleibt aufgelst, whrend das schwefelsaure Blei einen
  Niederschlag bildet, welchen man, nachdem das Chlorcalcium getrennt
  wurde, mit Salzsure und zwar, um eine vollstndige Zersetzung zu
  bewirken, mit mehr als einem Mischungsgewicht behandeln muss:

    Schwefelsaures Blei PbSO_{4} }       { Chlorblei PbCl_{2}
    Salzsure 2ClH               } geben { Schwefelsure H_{2}SO_{4}

  Die Mischung wird umgerhrt und bis auf etwa 60 erhitzt, wobei
  Chlorblei sich am Boden ansammelt und die Schwefelsure in die Lsung
  bergeht. Die Schwefelsure wird auf die gewhnliche Weise concentrirt.
  Das Chlorblei dient wieder zur Zersetzung von schwefelsaurem Calcium.
  Ein hnliches Verfahren ist von =v. Seckendorff= beschrieben worden.
  Leitet man salzsaures Gas ber bis zum Glhen erhitzten Gyps, so
  entweicht Schwefelsure und Chlorcalcium bleibt zurck:

           Gyps CaSO_{4}   }       { Schwefelsure H_{2}SO_{4}
           Salzsure 2HCl  } geben { Chlorcalcium CaCl_{2}

[Sidenote: Eigenschaften und Anwendung der Schwefelsure.]

  Die hchst concentrirte englische Schwefelsure von der Formel
  H_{2}SO_{4} enthlt 18,46 Proc. Wasser, hat ein spec. Gewicht von 1,848
  und ist eine im reinen Zustande vollkommen farblose Flssigkeit, welche
  aber gewhnlich durch zufllig hineingerathene Staubtheilchen gelblich
  oder brunlich gefrbt ist. Ihre Consistenz ist eine dickflssige und
  lartige. Sie zerstrt viele organische Stoffe unter Abscheidung von
  Kohle, raucht nicht an der Luft und ist in so hohem Grade
  hygroskopisch, dass sie nach und nach das Fnfzehnfache ihres Volumens
  Wasser anzuziehen vermag. Mit Wasser gemischt, entbindet sie grosse
  Mengen von Wrme. Die Schwefelsure besitzt unter allen flchtigen
  Suren die grsste Verwandtschaft zu den Basen und treibt beim Erhitzen
  alle brigen flchtigen Suren aus ihren Salzen aus; dagegen wird die
  Schwefelsure aus ihren Salzen in der Glhhitze ausgetrieben durch
  Kieselsure, Borsure und Phosphorsure. Der Siedepunkt der hchst
  concentrirten Sure liegt bei 338.

  Tabelle ber den Gehalt der englischen Schwefelsure an wasserfreier
  Schwefelsure bei verschiedenem spec. Gewicht und 15,5 Temperatur:

        =====================+==============+=============
        Schwefelsurehydrat. | Specifisches | Wasserfreie
                             |   Gewicht.   |    Sure.
        =====================+==============+=============
                             |              |
                 100         |    1,8485    |    81,54
                  99         |    1,8475    |    80,72
                  98         |    1,8460    |    79,90
                  97         |    1,8439    |    79,09
                  96         |    1,8410    |    78,28
                  95         |    1,8376    |    77,40
                  94         |    1,8336    |    76,65
                  93         |    1,8290    |    75,83
                  92         |    1,8233    |    75,02
                  91         |    1,8179    |    74,20
                  90         |    1,8115    |    73,39
                  89         |    1,8043    |    72,57
                  88         |    1,7962    |    71,75
                  87         |    1,7870    |    70,94
                  86         |    1,7774    |    70,12
                  85         |    1,7673    |    69,31
                  84         |    1,7570    |    68,49
                  83         |    1,7465    |    67,68
                  82         |    1,7360    |    66,86
                  81         |    1,7245    |    66,05
                  80         |    1,7120    |    65,23
                  79         |    1,6993    |    64,42
                  78         |    1,6870    |    63,60
                  77         |    1,6750    |    62,78
                  76         |    1,6630    |    61,97
                  75         |    1,6520    |    61,15
                  74         |    1,6415    |    60,34
                  73         |    1,6321    |    59,55
                  72         |    1,6204    |    58,71
                  71         |    1,6090    |    57,89
                  70         |    1,5975    |    57,08
                  69         |    1,5868    |    56,26
                  68         |    1,5760    |    55,45
                  67         |    1,5648    |    54,63
                  66         |    1,5503    |    53,82
                  65         |    1,5390    |    53,00
                  64         |    1,5280    |    52,18
                  63         |    1,5170    |    51,37
                  62         |    1,5066    |    50,55
                  61         |    1,4960    |    49,74
                  60         |    1,4860    |    48,92
                  59         |    1,4760    |    48,11
                  58         |    1,4660    |    47,29
                  57         |    1,4560    |    46,58
                  56         |    1,4460    |    45,68
                  55         |    1,4360    |    44,85
                  54         |    1,4265    |    44,03
                  53         |    1,4170    |    43,22

  Die Grade nach =Baum= (rationelle Scala) und nach =Twaddle=
  entsprechen folgenden spec. Gewichten:

        Grade nach Baum.   Grade nach Twaddle.   Spec. Gewicht.
               66                  168                1,84
               63                  154                1,77
               60                  140                1,70
               57                  130                1,65
               50                  104                1,52
               45                   88                1,44
               40                   76                1,38
               35                   62                1,31
               30                   52                1,26
               25                   42                1,21

  (Die Scala der =Baum='schen Arometer ist sehr hufig von den
  Mechanikern empirisch und =fehlerhaft= erhalten worden, indem dieselben
  den Punkt, bei welchem das Instrument in Schwefelsure von blicher (?)
  Concentration einsinkt, mit 66 bezeichnen, den Abstand zwischen diesem
  Punkte und dem Wasserpunkte in 66 Theile theilen und die Theilung ber
  66 fortsetzen. Factisch ist die concentrirte englische Schwefelsure
  nach der Formel SO_{3} + 1-1/2H_{2}O zusammengesetzt; sie enthlt 91-92
  Proc. Schwefelsurehydrat SH_{2}O_{4} oder SO_{3}, H_{2}O und hat das
  spec. Gewicht von 1,82-1,83.

  Die Schwefelsure findet eine ausserordentlich ausgedehnte und
  mannichfache Anwendung, davon sei angefhrt: zur Darstellung vieler
  Suren (Salpetersure, Salzsure, schweflige Sure, Kohlensure,
  Weinsure, Citronensure, Stearinsure, Palmitinsure und Oelsure,
  Phosphorsure), zur Darstellung des sauren Calciumphosphates (oder
  schwefelsauren Knochenmehls als Dnger fr Rben, Gras und Cerealien),
  zur Bereitung des Chlors, der Stearinkerzen (zum Zersetzen der
  Kalkseife), des Phosphors (zum Zersetzen der Knochenerde), zur
  Fabrikation von Glaubersalz behufs der Sodadarstellung, und der
  Fabrikation von Kaliumsulfat (aus dem Chlorkalium des Carnallits) zum
  Zwecke der neuern Methode der Potaschendarstellung, schwefelsaurem
  Ammoniak (z. B. bei der Reinigung des Leuchtgases), Alaun und Vitriol
  (Eisen- und Kupfervitriol), Barytweiss, zuweilen zum Zersetzen des
  Kryoliths, zur Darstellung von Wasserstoffgas, zur Darstellung des
  Nitrobenzols in den Theerfarben-Fabriken, zur Scheidung des Goldes vom
  Silber, zur Entsilberung des Kupfersteins und des Schwarzkupfers durch
  die sogenannte Schwefelsurelaugerei, zum Raffiniren des Rbls,
  Solarls, Petroleums und Paraffins, zum Verseifen der Fette und Oele,
  zum Auflsen des Indigos, zur Darstellung des Garancins und anderer
  Krappprparate (auch zur Darstellung des knstlichen Alizarins aus dem
  Anthracen), zur Fabrikation des Strkezuckers, in der
  Spiritusfabrikation (nach =Leplay=) anstatt des Malzes zur Umwandlung
  der Strke in Dextrose, zur Fabrikation des Pergamentpapiers, zur
  Bereitung des Mineralspiritus aus Steinkohlen, der Wichse, als
  desinficirendes Mittel, zum Entwssern der Geblseluft fr
  Eisenhochfen, zum Trocknen der Luft fr Trockenrume (z. B. fr Leim),
  zum Beizen des Eisenblechs vor seiner Umwandelung in Weissblech
  u. s. w.


                        Der Schwefelkohlenstoff.

[Sidenote: Schwefelkohlenstoff.]

Der =Schwefelkohlenstoff= (Schwefelalkohol, Kohlensulfid CS_{2}), im
Jahre 1796 von =Lampadius= in Freiberg entdeckt und in 100 Theilen aus
15,8 Th. Kohlenstoff und 84,2 Th. Schwefel bestehend, wird gewonnen,
indem man dampffrmigen Schwefel mit glhenden Kohlen zusammenbringt,
oder gewisse Schwefelmetalle, wie Schwefelkies, Schwefelantimon,
Zinkblende etc. mit Kohle destillirt[65]. Die Ausbeute an
Schwefelkohlenstoff ist (nach =Sidot= und =W. Stein=) am grssten, wenn
man den Schwefeldampf bei =mittlerer= Rothglut auf die Kohle einwirken
lsst.

  [65] Hchst beachtenswerth ist der Vorschlag von =Sussex= (vergl.
       =B. Kerl=, Httenkunde, 1863; Bd. II. p. 475) beim Zugutemachen
       kiesiger Kupfererze den Schwefel durch Kohlezusatz in Form von
       Schwefelkohlenstoff zu entfernen.

[Illustration: Fig. 101.]

  Bei der Fabrikation des Schwefelkohlenstoffs wendet man zweckmssig den
  Apparat von =Peroncel= (Fig. 101) an. _A_ ist eine thnerne Gasretorte,
  steht auf einer steinernen Unterlage _B_ und ist in einem Ofen
  eingemauert. Auf dem Cylinderdeckel befinden sich zwei Anstsse _E_,
  _E_; in den einen derselben ist ein Porcellanrohr eingekittet, welches
  fast bis auf den Boden des Cylinders geht; es ruht auf einer Lage von
  Kohlenstckchen, mit welchen der Boden des Cylinders bedeckt ist. Sonst
  ist der Cylinder mit Kohlenstckchen angefllt. Durch die mit dem
  Porcellanrohr versehene Oeffnung _E_ wird der Schwefel nachgeworfen,
  durch die andere Oeffnung von Zeit zu Zeit die Kohle nachgegeben. Die
  sich bildenden Dmpfe von Schwefelkohlenstoff entweichen durch das
  Seitenrohr _H_ und durch _T_ in die Vorlage _J_ aus Steinzeug, in
  welcher sich ein Theil des Schwefelkohlenstoffs verdichtet und durch
  _K_ in die mit Wasser gefllte Florentiner Flasche _L_ fliesst und von
  da durch den Schenkel _M_ in des Gefss _O_ tritt, aus welchem es mit
  Hlfe des Hahnes _N_ abgelassen werden kann. Die in dem Ballon _J_
  nicht condensirten Dmpfe gehen durch das Rohr _P_, _P_ in den
  Khlapparat _T_, aus welchem es bei _R_ in die bereit gehaltene Vorlage
  fliesst. Der so erhaltene Schwefelkohlenstoff wird in einem
  Destillirapparate aus Zink im Wasser oder mit Hlfe von Dampf
  rectificirt. =Cloz= empfiehlt, vor der Rectification den
  Schwefelkohlenstoff 24 Stunden lang mit etwas Quecksilberchlorid zu
  digeriren. Auf diese Weise lassen sich mit Leichtigkeit, vorausgesetzt,
  dass der Cylinder _A_ eine Hhe von etwa 2,1 Meter und einen
  Durchmesser von 0,3 Meter habe, 2 Ctr. Schwefelkohlenstoff darstellen.

  Trotz der sorgfltigsten Khlung erhlt man niemals diejenige Quantitt
  Schwefelkohlenstoff, welche man der Rechnung nach aus dem angewandten
  Gewicht Schwefel erhalten sollte, der Grund davon liegt nicht nur in
  der unvermeidlichen Verflchtigung eines Theils des
  Schwefelkohlenstoffs whrend der Darstellung und Rectification, sondern
  auch wahrscheinlich in der gleichzeitigen Bildung von
  =Einfach-Schwefelkohlenstoff= (CS, dem Kohlenoxyd entsprechend),
  welcher neben dem gewhnlichen Zweifach-Schwefelkohlenstoff in
  grsserer Menge sich bildet. Der so erhaltene Schwefelkohlenstoff
  enthlt 10 bis 12 Proc. Schwefel aufgelst und ausserdem
  Schwefelwasserstoff, welche ihm einen hchst unangenehmen Geruch
  ertheilen. Man reinigt ihn durch Rectification, indem man in den
  Rectificationsapparat Chlorkalklsung bringt, welche den
  Schwefelwasserstoff zerstrt, und die Rectification dann dadurch
  einleitet, dass man Wasserdampf von 1 Atmosphre unter die Blase
  leitet. Um den Schwefelkohlenstoff in den Condensationsgefssen vor der
  Verdunstung zu schtzen, erhlt man ihn unter einer Schicht Wasser von
  20-30 Centim. Hhe.

  Im reinen Zustande ist der Schwefelkohlenstoff eine wasserhelle,
  dnnflssige und leicht bewegliche, das Licht sehr stark zerstreuende
  und daher lebhafte Farben spielende Flssigkeit von eigenthmlichem an
  Chloroform erinnerndem Geruche und aromatischem Geschmacke.
  Specifisches Gewicht = 1,2684. Der Siedepunkt liegt bei 46,5 und
  verflchtigt sich deshalb bei gewhnlicher Temperatur schon stark. Bei
  -95 wird er unter gewhnlichen Verhltnissen nicht fest, leitet man
  aber auf die Oberflche von Schwefelkohlenstoff einen krftigen
  Luftstrom, so lsst sich (nach =Wartha=) starrer Schwefelkohlenstoff
  als schneeartige Kruste darstellen. Mit Wasser verbindet er sich nicht,
  mit Weingeist, Aether und hnlichen Flssigkeiten ist er in allen
  Verhltnissen mischbar. Harze, Oele, Kautschuk, Guttapercha, Kampher,
  Schwefel, Phosphor und Jod lst er in grosser Menge (100 Theile
  Schwefelkohlenstoff lsen bei 15 C. 37,15 Th. und bei 38 C. 94,57 Th.
  Schwefel). Er ist usserst leicht entzndlich und verbrennt mit
  rthlich-blauer Flamme zu schwefliger Sure und Kohlensure. Ein
  Gemenge seines Dampfes mit Sauerstoff oder mit atmosphrischer Luft
  giebt eine heftig explodirende Verbindung. Ein Gemenge von Stickoxyd
  mit Schwefelkohlendmpfen giebt beim Entznden ein hchst intensives
  Licht, das zu photographischen Zwecken angewendet worden ist. Bis auf
  die neuere Zeit stand der technischen Anwendung des
  Schwefelkohlenstoffes der hohe Preis desselben im Wege. Dass er in der
  Technik wichtige Benutzung finden werde, ist schon von dem Entdecker
  =Lampadius= vorhergesehen worden, der ihn unter Anderem zur Bereitung
  von Firnissen (Bernstein- und Mastixfirniss), von Kitten und zur
  Bearbeitung von Kautschuk vorschlug. Der eigentliche Urheber der
  modernen Verwendung des Schwefelkohlenstoffs in der Industrie ist
  =Jesse Fisher= in Birmingham (1843). In seine Fusstapfen traten spter
  =E. Deiss= und =Seyfferth= (in Braunschweig). Seit lngerer Zeit wird
  der Schwefelkohlenstoff in der Fabrik von =Deiss= in Pantin in drei
  Retorten in der Quantitt von 500 Kilogr. in 24 Stunden dargestellt und
  zwar so, dass dem Fabrikanten das Kilogramm Schwefelkohlenstoff nur auf
  50 Centimes zu stehen kommt. Gegenwrtig (1870) kommt diese Flssigkeit
  zum Preise von 30 Fr. fr 100 Kilogr. in den Handel. Bis zum Jahre 1850
  war die einzige technische Anwendung des Schwefelkohlenstoffs in
  grsserem Maassstabe die zum Vulkanisiren und zum Lsen von Kautschuck.
  In neuerer Zeit hat man vorgeschlagen, 1) denselben zum Ausziehen des
  Fettes aus den Knochen, die zur Darstellung der Knochenkohle bestimmt
  sind, zu benutzen. Man knnte auf diese Weise 10-12 Proc. Fett
  gewinnen. 2) Zum Extrahiren der Oele aus den lhaltigen Samen (Oliven,
  Raps, Rbsen, Leinsamen, Mohnsamen), zum Ausziehen von Schwefel aus
  schwefelhaltiger Erde, zum Extrahiren von bituminsen Gesteinen[66]. 3)
  Zum Entfetten der Wolle; das aus der Wolle ausgezogene Fett lsst sich
  zur Seifenbereitung benutzen. 4) Zum Extrahiren der Gewrze (Pfeffer,
  Nelken, Knoblauch, Zwiebeln) behufs der Darstellung lslicher Gewrze.
  5) Zur Fabrikation von Blutlaugensalz nach dem Verfahren von =Glis=
  (vergl. Seite 34) und von Schwefelcyanammon behufs der Darstellung der
  _Serpents de Pharaon_. 6) Zur Reinigung des rohen Paraffins (nach
  =Alcan='s Methode). 7) Zur Bereitung des _Fenian Fire_ oder _Liquid
  Fire_, einer Lsung von Phosphor in Schwefelkohlenstoff, womit
  Brandgeschosse fr gezogene Geschtze gefllt werden. 8) Bei der
  galvanischen Versilberung setzt man dem Silberbade eine geringe Menge
  Schwefelkohlenstoff zu, um sofort einen =glnzenden= Ueberzug zu
  erhalten. 9) Zum Tdten der Ratten, des Kornwurmes, der Motten wird der
  Schwefelkohlenstoff mit grossem Erfolg angewendet. Die Gewinnung der
  fetten Oele durch Extraction mittelst Schwefelkohlenstoff oder die
  =chemische= Oelgewinnung nimmt gegenwrtig schon grossartige
  Dimensionen an. Zu Moabit bei Berlin, zu Ludwigshafen a/Rh., zu
  Stargardt in Pommern und zu Grimma in Sachsen stellt man auf diese
  Weise Oel aus Raps, Leinsamen, Baumwollsamen, Palmkernen etc. dar,
  welches sich durch grosse Reinheit auszeichnet. Eben so hat =Deiss= in
  Brssel und London, ferner in Pisa, Sevilla und Lissabon grosse
  Fabriken gegrndet, in welchen Olivenl theils aus Oliven, theils aus
  Olivenpresslingen durch Extraction dargestellt wird. 10) Versuchsweise
  zum Betriebe von Dampfmaschinen.

  [66] Extractionsapparate der Art sind u. a. von =Seyfferth=, von
       =Lunge=, von =Moussu= etc. construirt worden.

[Sidenote: Das Schwefelchlorr.]

  Anhangsweise sei hier das =Schwefelchlorr= (Cl_{2}S_{2}) erwhnt, eine
  Verbindung, welche man in neuerer Zeit zum Vulkanisiren des Kautschuks
  angewendet hat. Es bildet eine lartige Flssigkeit von 1,60
  specifischem Gewichte, brunlicher Farbe, erstickendem Geruche, raucht
  an der Luft und siedet bei 144. Sie ist schwerer als Wasser und
  zersetzt sich, damit zusammengebracht, sehr bald in schweflige Sure,
  Salzsure, etwas Schwefelsure und Schwefel. Das Schwefelchlorr ist
  ein gutes Lsungsmittel fr Schwefel; Rapsl wird durch Schwefelchlorr
  in eine kautschukhnliche Masse bergefhrt, Leinl in Firniss
  verwandelt. Man erhlt das Schwefelchlorr, indem man gewaschenes und
  getrocknetes Chlorgas durch geschmolzenen und bis auf 125 bis 130
  erhitzten Schwefel leitet. Es entsteht sofort Schwefelchlorr, welches
  mit fortgerissenen Schwefeldmpfen in eine abgekhlte Vorlage
  destillirt. Um das so erhaltene Schwefelchlorr von dem mechanisch
  beigemengten Schwefel zu befreien, wird es destillirt, wobei Schwefel
  zurckbleibt.


                   Die Salzsure und das Glaubersalz.

[Illustration: Fig. 102.]

[Illustration: Fig. 103.]

[Sidenote: Salzsure.]

Wie schon oben bei der Beschreibung der Sodafabrikation aus Kochsalz
angegeben worden ist, wird das bei der Sodafabrikation aus den Sulfatfen
(vergl. Seite 189) entweichende chlorwasserstoffsaure Gas in Wasser
aufgefangen und die Lsung unter dem Namen =Salzsure= in den Handel
gebracht. Zum Zwecke der Condensation fhrt entweder ein Rohr aus dem
Raume, in welchem die Zersetzung des Kochsalzes durch die Schwefelsure
vorgenommen wurde, in den Koksthurm und in Condensationsflaschen, oder
man bedient sich des (Fig. 102, 103 und 104 in zwei Durchschnitten und im
Aufrisse) abgebildeten Apparates. Dieser Apparat besteht aus mehreren
neben einander liegenden gusseisernen cylindrischen Gefssen von 1,7
Meter Lnge und 0,70 Meter Durchmesser. Die Wanddicke der Cylinder
betrgt 3 Centimeter. Die Cylinder sind an beiden Enden offen und werden
mit gusseisernen Deckeln (hnlich wie Gasretorten) verschlossen, welche
mit Hlfe von Thonkitt aufgelegt werden. In dem vordern Deckel befindet
sich eine Oeffnung _o_ zum Abfhren der chlorwasserstoffsauren Dmpfe. In
dieser Oeffnung liegt eine Allonge _a_ aus Steinzeug oder Blei, welche
die Dmpfe in den Verdichtungsapparat leitet. Der hintere Deckel hat
gleichfalls eine Oeffnung _d_, in welcher ein Bleitrichter sich befindet.
Die Disposition des Apparates ist der Art, dass die Flamme der Feuerung
_O_ erst um die Cylinder -- von denen gewhnlich zwei Paar (Fig. 103) in
einem Ofen liegen -- herum und dann erst in den Schornstein _F_ geht. Der
Ofen ist durch ein flaches Gewlbe _B_ geschlossen. Soll die Arbeit
beginnen, so giebt man jedem Cylinder 150 Kilogr. Steinsalz (oder auch
eine entsprechende Menge Chlorkalium, wenn man die Darstellung von
Kaliumsulfat beabsichtigt), das man in dem Cylinder gleichmssig
ausbreitet, lutirt den Deckel auf und giebt durch den Bleitrichter die
zur Zersetzung des Salzes erforderliche Menge Schwefelsure von 66 B.
auf. Nachdem dies geschehen, wird der Trichter entfernt und die Oeffnung
durch einen Thonpfropfen verschlossen. Nach beendigter Reaction wird das
Sulfat, das beilufig 180 Kilogr. wiegt, entfernt, der Cylinder von neuem
mit Salz beschickt u. s. f. Die Condensationsapparate bestehen (Fig. 102
und 104) aus Strngen zum Theil mit Wasser gefllter Woulf'scher
Flaschen, von denen das erste Paar hufig durch den Khlapparat _E E_ mit
kaltem Wasser gekhlt wird. Zur Condensation der letzten Antheile des
salzsauren Gases wendet man Regenkammern oder Koksthrme an.

[Illustration: Fig. 104.]

Dass das Chlormagnesium in wssriger Lsung, wie es bei der Verarbeitung
des Carnallits erhalten wird, beim Abdampfen bis zur Trockne und Erhitzen
des Rckstandes all sein Chlor als Salzsure abgiebt, ist fr die
Salzsuregewinnung beachtenswerth.

[Sidenote: Eigenschaften der Salzsure.]

Die Salzsure bildet eine farblose, hufig durch Eisenchlorid gelblich
gefrbte Flssigkeit von stechendem Geschmack. Bei 20 kann das Wasser
das 475fache seines Volumens an chlorwasserstoffsaurem Gase absorbiren;
die alsdann gesttigte Flssigkeit enthlt 42,85 Proc. Chlorwasserstoff-
oder salzsaures Gas, ihr spec. Gewicht = 1,21. Folgende Tabelle zeigt das
spec. Gewicht der Salzsure von verschiedener Concentration und den
Gehalt derselben an reinem salzsauren Gase (bei 7 C.).

        =============+============+==============+================
        Specifisches | Grade nach | Grade nach   | Sureprocente.
          Gewicht.   |    Baum.  | Twaddle.[67] |
        =============+============+==============+================
                     |            |              |
            1,21     |    26      |      42      |      42,85
            1,20     |    25      |      40      |      40,80
            1,19     |    24      |      38      |      38,88
            1,18     |    23      |      36      |      36,36
            1,17     |    22      |      34      |      34,34
            1,16     |    21      |      32      |      32,32
            1,15     |    20      |      30      |      30,30
            1,14     |    19      |      28      |      28,28
            1,13     |    18      |      26      |      26,26
            1,12     |    17      |      24      |      24,24
            1,11     |    15,5    |      22      |      22,22
            1,10     |    14,5    |      20      |      20,20
            1,09     |    12      |      18      |      18,18
            1,08     |    11      |      16      |      16,16
            1,07     |    10      |      14      |      14,14
            1,06     |     9      |      12      |      12,12
            1,05     |     8      |      10      |      10,10
            1,04     |     6      |       8      |       8,08
            1,03     |     5      |       6      |       6,06
            1,02     |     3      |       4      |       4,04
            1,01     |     2      |       2      |       2,02

  [67] Die Grade der in England blichen =Twaddle='schen Arometerscala
       bieten bei der Salzsure den beachtenswerthen Umstand dar, dass
       die Grade nach Twaddle ziemlich genau mit den Sureprocenten
       zusammenfallen.

[Sidenote: Anwendung der Salzsure.]

  Die Salzsure wird in der grssten Masse zur Darstellung des
  Chlorkalkes, Kaliumchlorates und anderer Chlorprparate angewendet, sie
  dient ferner zur Fabrikation des Salmiaks, des Chlorantimons, des Leims
  und des Phosphors, zur Darstellung der Kohlensure bei der
  Mineralwasserfabrikation, zur Herstellung von Natriumbicarbonat; zum
  Reinigen der Thierkohle in den Rbenzuckerfabriken[68], in der
  Bleicherei als Ersatz fr die Schwefelsure, zur Ueberfhrung des
  rechtsdrehenden Zuckers in den linksdrehenden bei der Verarbeitung der
  Rbenmelasse auf Spiritus, zur hydrometallurgischen Kupfer-, Nickel-,
  Kadmium-, Zink- und Wismuthgewinnung, zur Behandlung gewisser
  Eisenerze, um dieselben vor der Verhttung von der Phosphorsure zu
  befreien, zur Darstellung von Superphosphat in den Dngerfabriken, zum
  Auflsen verschiedener Metalle (Zinn) entweder fr sich, oder mit
  Salpetersure gemischt, als Knigswasser; ferner zum Beseitigen des
  Kesselsteines, so wie zur Verhtung der Bildung desselben, zum
  Reinigen von eisenhaltigem Sand in der Glasfabrikation, zum Ablschen
  und Reinigen der Koks, zur Herstellung von feuerfestem Thon. Eine
  wichtige Anwendung der Salzsure findet endlich in der
  Baumwollindustrie statt, nmlich zur Zersetzung der Kalkseife, die sich
  beim Beuchen der mit Fett imprgnirten Baumwollgewebe mit Kalk bildet.
  Seit einigen Jahren wurden grosse Mengen von Salzsure zur Regeneration
  des Schwefels aus den Sodarckstnden consumirt. Frher versendete man
  die Salzsure in Glasballons oder Steinzeugkruken, die oft mehr Werth
  hatten, als die Sure selbst; jetzt benutzt man in England zur
  Versendung Fsser, die inwendig mit einer 1/4 Zoll dicken Schicht von
  Guttapercha berzogen sind.

  [68] Man kann den Salzsureverbrauch einer Rbenzuckerfabrik, welche
       180,000 Ctr. Rben in der Campagne verarbeitet, auf mindestens 400
       bis 500 Ballons veranschlagen.

[Sidenote: Glaubersalz.]

Das =Glaubersalz=, =Natriumsulfat=, =schwefelsaures Natrium= oder
schlechtweg =Sulfat= genannt (Na_{2}SO_{4} + 10H_{2}O, in 100 Th. aus
19,3 Th. Natron, 24,7 Th. Schwefelsure und 56 Th. Wasser, im
wasserfreien Zustande als Na_{2}SO_{4} aus 43,6 Th. Natron und 56,4 Th.
Schwefelsure bestehend), wird, wie aus dem Vorstehenden hervorgeht, zum
grssten Theile durch Zersetzen des Kochsalzes mit Schwefelsure
dargestellt. Ausserdem findet es sich in der Natur in den Mineralien
=Thenardit= (Na_{2}SO_{4}) und =Brogniartin= oder =Glauberit=
(Na_{2}SO_{4} + CaSO_{4}), in vielen Mineralwssern, wie in dem
Carlsbader und Pllnaer Wasser, in dem Meerwasser und in den meisten
Salzsoolen.

  Ausser durch Zersetzen des Kochsalzes mit Schwefelsure (die sogenannte
  =directe= Darstellungsart), oder durch Zersetzen von Natriumsalpeter
  behufs der Darstellung von Salpetersure, kann man das Sulfat auch
  =indirect= darstellen, d. h. ohne Schwefelsure. Die wichtigsten der in
  dieser Beziehung in Vorschlag gebrachten Methoden sind folgende: 1)
  Verfahren von =Balard= und =Merle=, nach welchem durch doppelte
  Zersetzung aus Kochsalz und Bittersalz (oder Kieserit nach =Grneberg=,
  den Vorschlgen des Prinzen zu =Schnaich-Carolath= und nach =Clemm=)
  des Meerwassers, der Mutterlaugen der Salinen unter dem Einflusse
  niederer Temperatur (entweder im Winter oder durch Klteerzeugung
  mittelst des =Carr='schen Eisapparates) Glaubersalz und Chlormagnesium
  erzeugt wird; 2) Verfahren von =Longmaid=, wobei Schwefelkies oder
  kiesige Kupfererze mit Kochsalz gerstet werden, indem man durch
  gebrannten Kalk oder durch Schwefelsure getrocknete Luft zufhrt. Es
  entwickelt sich hierbei Chlorgas. Das Rstgut wird ausgelaugt und
  dadurch Sulfatlsung erhalten, der Rckstand aber auf Kupfer
  verarbeitet; 3) Verfahren von =de Luna= und =Clemm=. Bittersalz oder
  Kieserit mit Kochsalz geglht, geben unter Entwickelung von Salzsure
  ein Gemenge von Sulfat und Magnesia; 4) Verfahren von =Kuhlmann=
  (vergl. Seite 156). Bittersalz mit Natriumsalpeter geglht, giebt unter
  Entwickelung von Untersalpetersure Sulfat; 5) Beim Zugutemachen der
  Abflle, die sich bei der Aufbereitung des Braunkohlen- und Torftheeres
  auf Paraffin und Leuchtl ergeben, erhlt man (nach =Perutz= und
  =Breitenlohner=) betrchtliche Mengen von Sulfat. Das Sulfat, so wie es
  in den Sodafabriken als Zwischenprodukt auftritt, enthlt
  durchschnittlich 93-97 Proc. Natriumsulfat und 2-3 Proc. Chlornatrium.

[Sidenote: Anwendung.]

  Das Sulfat dient in grsster Menge zur Fabrikation der Soda, des
  Ultramarins und des Glases; im letzteren Falle kommt nur das Natron
  desselben in Betracht; man schmilzt dasselbe mit Kohle und Kieselerde
  (Quarz) zusammen, durch die Einwirkung der Kohle wird die Schwefelsure
  des Glaubersalzes zu schwefliger Sure reducirt, diese durch die
  Kieselerde (Kieselsure) ausgetrieben und es bleibt Natriumsilicat
  zurck. Behufs der Anwendung in der Glasfabrikation wird das
  Glaubersalz vorher vom Eisen gereinigt, indem man das Eisenoxyd nach
  dem Lsen des Salzes mit Kalk fllt, die klare Lsung wieder abdampft
  und das Produkt trocknet. Auf gleiche Weise kann man aus Sulfat durch
  Zusammenschmelzen desselben mit Sand und Kohle Wasserglas darstellen,
  auch nach hnlichem Princip aus Sulfat durch Thonerde oder durch Bauxit
  Natrium-Aluminat erhalten. Nicht unbedeutende Mengen von Sulfat finden
  ferner beim Ausbringen des Antimons aus den (kiesigen) Antimonerzen (z.
  B. zu Bouc und Septmes bei Marseille) Verwendung. Neuerdings wendet
  man das Sulfat mit vielem Vortheile in der Frberei, namentlich in der
  Wollfrberei als Hlfsmaterial an.

[Sidenote: Zweifach-schwefelsaures Natrium.]

=Zweifach-schwefelsaures Natrium= oder =Natriumbisulfat= (NaHSO_{4}), das
man in grossen durchsichtigen Krystallen erhlt, wenn man 1 Molekl
schwefelsaures Natrium und 1 Molekl englischer Schwefelsure zusammen in
Wasser lst und die Lsung in der Wrme verdampfen lsst, wird in neuerer
Zeit mit chlormagnesiumhaltigem Abraumsalz gemischt zur Entzinkung des
Bleies (nach der Entsilberung desselben durch Zink; vergl. Seite 104)
angewendet. Als Nebenprodukt erhlt man das Natriumbisulfat bei der
Bereitung der Salpetersure aus Natriumsalpeter und Schwefelsure und
beim Verarbeiten des Kryoliths mittelst Schwefelsure.


                  Der Chlorkalk und die Chloralkalien.

[Sidenote: Chlorkalk und Chloralkalien. Chlor im Allgemeinen.]

Es ist eine der wichtigsten Eigenschaften des gasfrmigen Chlors, welches
man z. B. erhlt, wenn man Salzsure mit einem Superoxyd, z. B.
Braunstein (Mangansuperoxyd) erhitzt, organische Pigmente und Miasmen zu
zerstren und deshalb als Bleichmittel und Anticontagium
(Desinfectionsmittel), ausserdem aber auch noch als Oxydationsmittel und
als Solvens, so z. B. bei der Extraction von Gold aus kiesigen Erzen etc.
vielfache Anwendung zu finden.

Das Chlorgas ist bei gewhnlicher Temperatur und bei gewhnlichem
Luftdruck ein grnlichgelbes Gas von 1,33 spec. Gewicht, von erstickendem
Geruch, das vom Wasser in grosser Menge absorbirt wird (2,5 Vol. Gas von
1 Vol. Wasser) und dann das =Chlorwasser= bildet. Die bleichende
Eigenschaft des gasfrmigen, so wie des in Wasser gelsten Chlorgases
beruht auf seiner grossen Verwandtschaft zum Wasserstoff, nach welcher es
den organischen Stoffen direkt Wasserstoff entzieht und dieselben auf
diese Weise zerlegt, oder, und dies geschieht in den meisten Fllen, eine
Wasserzersetzung bewirkt, in deren Folge die frbenden Substanzen durch
den als Ozon ausgeschiedenen (oder zerlegten?) Sauerstoff des Wassers
oxydirt und in Kohlensure und Wasser bergefhrt werden. In beiden
Fllen bildet sich Salzsure, was bei der Anwendung des Chlors zum
Bleichen wohl zu bercksichtigen ist. Indem Chlor mit einem organischen
Krper zusammenkommt, entzieht das Chlor einen Theil des Wasserstoffs der
organischen Verbindung und bildet Salzsure, whrend hufig der
ausgetretene Wasserstoff in dem organischen Krper durch Chlor vertreten
wird. Bei der Bleiche von leinenen oder baumwollenen Stoffen, von
Papierzeug durch Chlor wird nicht die Faser angegriffen, sondern nur der
die Faser frbende kohlenstoffreiche Krper durch das bei der
Wasserzersetzung freiwerdende Ozon zu farblosen Krpern oxydirt. Durch
Chlor knnen nur stickstofffreie organische Krper gebleicht werden,
stickstoffhaltige nehmen eine gelbe Farbe an. Das Chlor ist weder als
Gas, noch in seiner wsserigen Lsung transportabel; man benutzt deshalb
zum Bleichen nicht das Chlor in Substanz, sondern eine Verbindung des
Chlors mit Sauerstoff, die =unterchlorige Sure=, und zwar, da sie im
freien Zustande nicht existiren kann, als =unterchlorigsaures Salz= oder
=Hypochlorit=. In den Salzen verbindet man die unterchlorige Sure mit
Calcium, Kalium oder Natrium, zuweilen auch Magnesium, Aluminium, Barium
und Zink. Die Verbindung des Calciumhydroxydes mit der unterchlorigen
Sure ist der wesentliche Bestandtheil des =Chlorkalks=, =Bleichkalks=
oder =Bleichpulvers=. Der Chlorkalk wurde im Jahre 1799 von =Ch. Tennant=
in Glasgow zum ersten Male fabrikmssig dargestellt. Fast durchweg bildet
seine Fabrikation einen Nebenzweig der Sodafabrikation nach =Leblanc='s
Process.

[Sidenote: Darstellung des Chlorkalkes.]

Man stellt den Chlorkalk im Grossen auf folgende Weise dar: In Fabriken,
in welchen Soda und Chlorkalk zu gleicher Zeit fabricirt werden, erhlt
man das Chlor, indem man das Kochsalz, das durch Schwefelsure in
Glaubersalz verwandelt werden soll, mit Braunstein (Mangansuperoxyd)
mengt und erhitzt.

Der Vorgang hierbei ist folgender:

      Kochsalz 2NaCl             }       { Glaubersalz Na_{2}SO_{4}
      Braunstein MnO_{2}         } geben { schwefelsaures Mangan MnSO_{4}
        und                      }       { Chlor 2Cl und 2H_{2}O
      Schwefelsure 2H_{2}SO_{4} }

  In anderen Fabriken wendet man zur Chlordarstellung Braunstein und
  Salzsure, oder Braunstein, Schwefelsure und Salzsure an; im ersteren
  Falle erhlt man nur die Hlfte des in der Salzsure enthaltenen
  Chlors, whrend die andere Hlfte an Mangan gebunden, als Manganchlorr
  zurckbleibt, denn:

         Braunstein (MnO_{2}), }       { Chlor (Cl_{2})
         Salzsure (4ClH)      } geben { Manganchlorr (MnCl_{2})
                               }       { Wasser (2H_{2}O).

  Im zweiten Falle erhlt man die ganze Menge des in der Salzsure
  enthaltenen Chlors, denn:

  Braunstein (MnO_{2}),       }       { schwefelsaures Mangan (MnSO_{4})
  Salzsure (2ClH)            } geben { Chlor (Cl_{2})
  Schwefelsure (H_{2}SO_{4}) }       { Wasser (2H_{2}O).

  Wie =Clemm= gezeigt hat, kann man das =Chlormagnesium=, welches bei der
  Verarbeitung der Carnallite und Kainite so massenhaft auftritt, zur
  Chlordarstellung verwenden, indem man die Chlormagnesiumlsung bis auf
  44 B. (= 1,435 spec. Gew.) eindickt und mit so viel Braunsteinpulver
  mischt, dass auf 1 Mol. MnO_{2} 2 Mol. MgCl_{2} kommen. Die erkaltete
  Masse wird in kleinen Stckchen der Einwirkung von Wasserdmpfen von
  200 bis 300 C. ausgesetzt, wobei sich Chlorgas entwickelt.

  =Chlordarstellung ohne Braunstein.= Von den hier in Betracht kommenden
  Methoden sind folgende die wichtigeren:

  1) das auf Vorschlgen von =Mac-Dougal= und =Rawson= beruhende
  Verfahren von =J. Shanks=, welches in der grossen chemischen Fabrik von
  St. Helens in Lancashire eingefhrt ist. Nach demselben wird
  Calciumchromat durch Salzsure zerlegt, wobei sich Chromchlorid und
  Chlorcalcium bilden und ein Theil des Chlors frei wird (2CaCrO_{4} +
  16HCl = Cr_{2}Cl_{6} + 2CaCl_{2}, + 3H_{2}O + 6Cl). Aus 158 Th.
  Chromsure kann man somit 106 Th. Chlor erhalten. Das hierbei erhaltene
  Chromchlorid wird mit Calciumcarbonat gefllt, abermals durch Glhen
  mit Kalk in Chromat umgewandelt u. s. f. Obwol dieses Verfahren nur
  unter ganz besonderen Umstnden Anwendung finden drfte, so verdient es
  doch jedenfalls Beachtung. Eine Schattenseite desselben ist, dass nur
  3/8 des Chlors der Salzsure frei werden, whrend mit Braunstein 1/2
  frei wird.

  2) =Schloesing='s Methode bezweckt, alles in der Salzsure enthaltene
  Chlor zur Ausnutzung zu bringen. Lsst man auf Mangansuperoxyd ein
  Gemenge von Salpetersure und Salzsure einwirken, so beobachtet man,
  dass ber einem gewissen Grade der Concentration beim Erwrmen eine
  Mischung von Chlor mit den rthlichen Produkten des Knigswassers
  entweicht, dass man aber bei geringerem Concentrationsgrade bis zum
  Sieden erhitzen kann, ohne ein anderes Gas als Chlor zu erhalten, indem
  die Salpetersure sich vollstndig mit dem entstandenen Manganoxydul zu
  Nitrat verbindet, whrend aus der Salzsure Chlor und Wasser entsteht.
  Andererseits bleibt beim Rsten des erhaltenen Nitrates Mangansuperoxyd
  zurck, whrend die entweichenden rothen Dmpfe bei Gegenwart von Luft
  und Wasser wieder Salpetersure bilden. Das Manganoxyd und die
  Salpetersure knnen demnach, abgesehen von den unvermeidlichen
  Verlusten, immer wieder zur Darstellung von Chlor dienen; die
  Salpetersure spielt hier, indem sie den Sauerstoff zur Zersetzung der
  Salzsure aus der Luft herbeifhrt, eine hnliche Rolle wie bei der
  Schwefelsurebereitung. Die Zersetzung des Nitrates beginnt bei 150
  und verluft bei 175-180 regelmssig bis zu Ende; das rckstndige
  Oxyd ist ziemlich dicht und sehr reich an Superoxyd (in einem Fall 93,3
  Proc. reines Superoxyd neben etwas Kalk und Eisen).

  3) Nach =A. Vogel='s Methode zersetzt man Kupferchlorid in der Wrme,
  wobei 3 Mol. Kupferchlorid 1 Mol. Chlor abgeben (nach =Laurens= wre
  der Vorgang: 2CuCl_{2} = Cl_{2} + Cu_{2}Cl_{2}). Das krystallische
  Kupferchlorid wird mit dem halben Gewicht Sand vermischt, vollstndig
  entwssert und das trockene Gemenge in Thonretorten auf 250-300
  erhitzt, wobei das Chlorgas sich entwickelt. Den Rckstand in den
  Retorten, aus Kupferchlorr-Chlorid bestehend, verwandelt man wieder in
  Chlorid, indem man ihn in Salzsure gemischt 12 Stunden lang der Luft
  aussetzt. Mit dem so regenerirten Chlorid stellt man von Neuem Chlorgas
  dar. =A. Mallet= hat dieses beachtenswerthe Verfahren durch
  Construktion eines rotirenden Apparates, der zu gleicher Zeit auch zur
  technischen Sauerstoffdarstellung benutzt werden kann, in die Praxis
  einzufhren gesucht. 100 Kilogr. Kupferchlorr geben 6 bis 7 Kubikmeter
  Chlor. Da man, nach =Mallet='s Angaben, binnen 24 Stunden mindestens
  4-5 Operationen auszufhren vermag, so wird man mit 100 Kilogr.
  Rohmaterial innerhalb dieser Zeit 200-300 Kilogr. Chlorkalk darstellen
  knnen.

  4) Wenn man nach =Pligot= 3 Th. Kaliumbichromat mit 4 Th.
  concentrirter Salzsure und etwas Wasser so gelinde erwrmt, dass keine
  Chlorentwicklung stattfindet, so erhlt man beim Erkalten der
  Flssigkeit Krystalle von =zweifach-chromsaurem Chlorkalium= KCl,
  CrO_{3}. Diese Krystalle geben beim Erhitzen bis auf 100 ihr Chlor
  fast vollstndig ab. Der Rckstand kann durch Auflsen in Salzsure
  wieder in das ursprngliche Salz verwandelt werden.

  5) Nach =Dunlop='s Patent vom Jahre 1853 stellt man in der Fabrik von
  =Tennant= in Glasgow das zur Chlorkalkbereitung erforderliche Chlor
  dar, indem man Schwefelsure auf ein Gemisch von 3 Mol. Kochsalz und 1
  Mol. Natriumsalpeter einwirken lsst, wobei Chlorgas und
  Untersalpetersure sich entwickeln. Die Untersalpetersure lsst man
  aus dem Gemenge durch concentrirte Schwefelsure absorbiren, welche als
  nitrirte Schwefelsure zur Schwefelsurefabrikation dient. Es bleibt
  Glaubersalz (oder vielmehr, da man aus praktischen Grnden 6 Mol.
  Schwefelsure verwendet, Natriumbisulfat) zurck.

  6) Bei der chlorirenden Rstung der Schwefelmetalle entwickelt sich
  Chlor. =Longmaid= hat nun 1850 ein Verfahren der Darstellung von
  Glaubersalz aus Kochsalz und Schwefelkies, unter gleichzeitiger
  Entwickelung von Chlor, angegeben, welches seitdem eine gewisse
  Berhmtheit erlangt und zahlreiche Nachahmer gefunden hat. Auf das
  nmliche Prinzip luft ein von einem belgischen Chemiker beschriebenes
  Chlordarstellungsverfahren hinaus: Man stellt zunchst schwefelsaures
  Eisenoxyd durch directe Verbindung von Eisenoxyd mit Schwefelsure dar,
  mischt dann dieses Sulfat mit Kochsalz und erhitzt das Gemenge in einem
  Strome trockener Luft, wobei das Kochsalz alles Chlor abgiebt.

  7) Nach den Vorschlgen von =Oxland= erhlt man aus (durch
  Schwefelsure getrocknetem) chlorwasserstoffsaurem Gase Chlor, indem
  man 1 Vol. des trockenen Gases mit 2 Vol. Luft gemischt durch ein
  glhendes Rohr streichen lsst, wo sich Chlor und Wasser bilden.

  8) Nach =Maumen= endlich erhlt man Chlorgas (gemengt mit
  Stickstoffgas), wenn man ein Gemisch von 1 Th. Salmiak, 3 Th.
  salpetersaurem Ammoniak und 16 Th. Quarzsand erhitzt (NH_{4}Cl +
  2(NH_{4})NO_{3} = Cl + 5N + 6H_{2}O). Der Zusatz von Sand ist nthig,
  um einer Explosion vorzubeugen. --

[Sidenote: Chlorentwickelungsapparate.]

[Illustration: Fig. 105.]

[Illustration: Fig. 106.]

Zur _Chlorentwickelung_ dienen folgende Apparate. Wendet man zur
Chlorentwickelung =Salzsure= und =Braunstein= an, so benutzt man grosse
Steinzeuggefsse, welche mit einer weiten Oeffnung zum Einfllen und zum
Ausleeren bestimmt und mit engeren Rhrenabstzen versehen sind, in
welche die Ableitungsrhren zu sitzen kommen. Die Erhitzung wird
bewerkstelligt durch _Wasserdampf_. Zu dem Ende setzt man mehrere solche
Gefsse in einen Kasten von Holz oder Mauerwerk mit hlzernem Deckel so
ein, dass nur die Hlse und aus den Seitenwnden die Ablassrhren
hervorragen, wobei die Fugen durch Filz sorgfltig verschlossen sind, um
das Entweichen des Wasserdampfes zu hindern, der aus einem Dampfkessel in
die Ksten geleitet wird. Das Erhitzen wird so lange fortgesetzt, bis die
kleineren Leitungsrhren da heiss zu werden anfangen, wo das Gas in sie
eintritt. Fig. 105 zeigt einen solchen Apparat im Durchschnitte. _A_ das
Chlorentwickelungsgefss, _a_ Oeffnung zum Einfllen, _b_ zur Ableitung
des Gases, _c_ Ablassrohr, _B_ Kasten, worin das Entwickelungsgefss
sitzt und in welchen Wasserdampf geleitet werden kann. Die Hlse _a_ und
_b_ ragen aus dem Deckel hervor; sie sind mit einem Rande _r_ rund herum
umgeben, in welchen Thonkitt eingedrckt werden kann, der dann, mit
weichem Leder noch berbunden, eine dichte Verschliessung hervorbringt.

  Benutzt man dagegen zur Chlorentwickelung =Kochsalz=, =Schwefelsure=
  und =Braunstein=, so muss der Apparat eine strkere Erhitzung
  gestatten. Fig. 106 zeigt einen hierzu tauglichen Apparat im
  Durchschnitte. Er besteht theils aus Eisen, theils aus Blei. Der
  eiserne Theil ist eine flache, kesselfrmige Schale mit vorstehendem
  Rande _a a_, der mit Lchern in kurzen Distanzen durchbohrt ist, um
  eiserne Schrauben durchstecken zu knnen. Sie besitzt ein Ausflussrohr
  _b_, ihre Eisenstrke kann 3-5 Centim. betragen, wogegen der
  vorstehende Rand bei 2-3 Centim. Dicke hinreichend stark genug ist;
  dieser eiserne Theil ist es, durch welchen die Erwrmung ohne Gefahr
  geschehen kann; derselbe ist mit gewhnlicher Kesseleinmauerung
  versehen. Der bleierne Theil vergrssert das Gefss und enthlt die
  Fll- und Ableitungsvorrichtungen. Es ist ein Cylinder _d d_ aus 1-1,5
  Centim. dicken Bleiplatten gefertigt ohne Lthung und blos durch
  Einschmelzung von Blei zusammengefgt. Der untere Theil ist offen und
  hat eine der eisernen Schale genau entsprechende Flantsche, in welche
  entsprechende Lcher gebohrt werden. Ein eiserner Ring, zur Verstrkung
  auf die Flantsche gelegt, erlaubt es durch hindurchgesteckte Schrauben,
  den Blei- und Kesselrand oder eben die Flantschen so fest
  zusammenzuschrauben, dass das Gefss an der Fuge fr Flssigkeiten
  dicht ist. Der obere Theil des Cylinders bildet ein Gewlbe, in welchem
  sich ein Bleitrichter mit einer innen und aussen gebogenen Rhre,
  ferner ein Ableitungsrohr fr das Chlor, endlich eine Oeffnung mit Hals
  von starkem Blei und gebogen befindet. In diese Oeffnung kommt ein mit
  Blei berzogener Holzkeil, der fest eingeschlagen und mit Thonkitt
  umgeben wird. Durch diese Oeffnung _f_ wird das Gemenge der Materialien
  eingetragen. Die Schwefelsure wird durch den Bleitrichter zugegossen.
  Man erhitzt so lange, bis die Gasableitungsrhren sich zu erhitzen
  anfangen.

[Sidenote: Condensationsapparate.]

[Illustration: Fig. 107.]

  Das Chlorgas tritt durch _M_ in eine vierseitige Kammer aus Platten von
  Sandstein oder Steinzeug oder aus Backsteinen gemauert, welche mit
  Asphaltkitt zusammengefgt und mit Theer oder Asphaltfirniss berzogen
  sind. Auch Bleikammern sind hier und da im Gebrauch. Die Kammer besteht
  (Fig. 107) aus mehreren Etagen, deren Boden in jeder mehrere Zoll mit
  zu Pulver gelschtem Kalkhydrat bedeckt ist. Das Chlorgas wird schnell
  und unter Wrmeentwickelung absorbirt. Die Temperatur darf nicht hher
  als 25 steigen, weil sich sonst chlorsaurer Kalk bildet, der nicht
  bleichend wirkt. Eine nachtheilige Temperaturerhhung wird durch
  langsames Zuleiten des Gases verhindert. Sobald kein Chlor mehr
  absorbirt wird, nimmt man den fertigen Chlorkalk durch die an der
  vorderen Seite befindlichen Thren aus den Kammern und beschickt diese
  und den Entwickelungsapparat von Neuem. -- Der gesttigte Chlorkalk
  wird in der Fabrik hufig mit Kalkhydrat verdnnt oder gestreckt.

[Illustration: Fig. 108.]

  Handelt es sich um die Darstellung von =flssigem Chlorkalk=, so wendet
  man zweckmssig folgenden Apparat (Fig. 108) an. Zwei bis vier Gefsse
  aus Steinzeug _A_ von etwa 2 Hektoliter Capacitt stehen in einem
  Gefsse aus Blei _B_, deren Boden auf einer gusseisernen Platte _C_
  ruht, unter welcher die Feuerung _D_ sich befindet. Die
  Chlorentwickelungsgefsse stehen auf Unterstzen _F_ von Steinzeug.
  Eine concentrirte Chlorcalciumlsung in _B_ dient als Bad. Der
  Braunstein kommt in die siebhnlich durchlcherte Steinzeugrhre _I_.
  Die Salzsure wird durch die Trichterrhre _K_ zugegossen. Durch die
  Bleirhre _s_ geht das Gas zunchst in die Waschflasche _R_ und dann
  durch die Rhre _n_ in das mit Braunsteinstckchen angefllte
  Bleigefss _T_, in welchem die dem Chlor beigemengten Salzsuredmpfe
  zersetzt werden, ehe sie durch das Rohr _m_ in das Absorptionsgefss
  _S_ gelangen. Letzteres ist ein mit Blei ausgelegtes liegendes Fass, in
  welchem eine hlzerne Welle mit speichenartigen Armen sich befindet,
  auf welchen durchlcherte Tafeln von Guttapercha ausgespannt sind. Die
  Zapfen der Welle sind von Guajakholz, die Lager von hornisirtem
  Kautschuk. Auf der einen kreisrunden Seite des Fasses tritt die Welle
  durch eine Stopfbchse und trgt hier eine Kugel _o_ zum Drehen. Das
  Chlor tritt ber den Spiegel der Flssigkeit ein, wird durch die
  Rhrvorrichtung continuirlich in die Kalkmilch _Z_ eingetrieben und auf
  diese Weise rasch absorbirt. Eine Rhre fhrt aus dem Absorptionsgefss
  in ein kleines Gefss, worin sie 18-24 Centim. unter Wasser taucht; aus
  letzterem fhrt eine Rhre ins Freie, damit, wenn die Absorption mit
  der Chlorentwickelung nicht Schritt zu halten vermag, keine zu grosse
  Spannung in den Entwicklern _A_ entstehe. Wie bei dem festen Chlorkalk
  ist auch hier die vollstndige Sttigung mit Chlor zu vermeiden, ebenso
  hat man sich vor Temperaturerhhung zu hten, da =Schlieper=
  nachgewiesen hat, dass continuirliche Lsungen dadurch Sauerstoffgas
  entwickeln, verdnnte dagegen Calciumchlorat liefern.

[Sidenote: Verwerthung der Rckstnde von der Chlorentwickelung.]

  Da bei der Chlorkalkdarstellung fast durchgngig von dem Braunstein und
  der Salzsure ausgegangen wird, so bestehen die Chlorrckstnde
  wesentlich aus einer Lsung von Manganchlorr neben freier Salzsure.
  Die zahlreichen Vorschlge, welche die Verwerthung der Chlorrckstnde
  zum Zweck haben, lassen sich eintheilen

  [Greek: a]) in solche, welche die Regeneration von Mangansuperoxyd
  beabsichtigen, und

  [Greek: b]) in solche, bei denen dies nicht der Fall ist.

  Die ersteren sind bei Weitem die wichtigeren und haben eine um so
  grssere industrielle Tragweite, als in den meisten Fllen mit der
  Verwerthung der Chlorrckstnde die der Sodarckstnde (vergl. Seite
  205) verbunden ist.

[Sidenote: Dunlop's Verfahren.]

  [Greek: a]) =Regeneration des Mangansuperoxydes.= Wenn man von
  =Balmain='s Vorschlgen absieht, nach welchen man das Manganchlorr mit
  dem Ammoniakwasser der Gasfabriken neutralisiren, die ber dem
  Niederschlage stehende Flssigkeit auf Salmiak verarbeiten und den
  Niederschlag in einem Flammenofen so lange erhitzen soll, bis er
  aufhrt wie Zunder zu brennen und zum Theil in Mangansuperoxyd
  verwandelt worden ist, welches wiederum zur Chlorentwickelung dienen
  kann, so ist das von =Dunlop= herrhrende Verfahren der
  Braunsteinregeneration, das in der Fabrik von =Ch. Tennant= in Glasgow
  angewendet wird, eines der ltesten und besten. =Forchhammer= hat vor
  lngerer Zeit gefunden, dass Mangancarbonat beim Erhitzen bis auf 260
  C. in Mangansuperoxyd bergehe. Nach dreistndigem Erhitzen ist alle
  Kohlensure ausgetrieben und man hat eine Verbindung von 2MnO_{2} +
  MnO. Auf diese Grundlagen sttzt sich =Dunlop='s Verfahren, welches in
  zwei Phasen zerfllt, nmlich

  1) in die Umwandelung des Manganchlorrs in Carbonat;

  2) in die Ueberfhrung des Carbonates in Mangansuperoxyd.

  Nachdem die Chlorrckstnde sich geklrt haben, setzt man
  Calciumcarbonat (in neuerer Zeit auch Kalkmilch) zu und neutralisirt
  dadurch die berschssige Sure. Dadurch wird zugleich das Eisenoxyd
  unlslich abgeschieden. Nach Absetzenlassen des Niederschlags erhlt
  man eine ziemlich reine Manganchlorrlsung, die in grossen flachen
  Gefssen mit fein gepulverter Kreide innig zusammengerhrt wird. Die
  dadurch erhaltene dickmilchige Flssigkeit bringt man nun zur weiteren
  Zersetzung in einen grossen gusseisernen Kessel von 3 Meter Durchmesser
  und 27 Meter Lnge. Durch die ganze Lnge des Kessels geht eine starke
  schmiedeeiserne Welle, an welcher gusseiserne Arme als Rhrer
  angebracht sind. An jedem Ende der Welle, die durch Stopfbchsen aus
  dem Kessel tritt, steht eine Dampfmaschine, welche die Welle in
  Umdrehung versetzt und so den kohlensauren Kalk fortwhrend im
  Manganchlorr suspendirt erhlt. In diesen Cylinder lsst man
  Hochdruckdampf eintreten und die Masse bei 2 Atmosphrendruck
  durcharbeiten; bei diesem Druck und der ihm entsprechenden Temperatur
  erfolgt die Zersetzung des Manganchlorrs durch das Calciumcarbonat.
  Das so erhaltene Mangancarbonat wird durch Auswaschen von allem
  Chlorcalcium befreit und dann zu grossen Haufen zum Ablaufen des
  Wassers aufgeschichtet und kommt hierauf nach dem Rstofen, wo zunchst
  die Kohlensure entfernt und gleichzeitig das Oxydul zu Superoxyd
  oxydirt wird. Auf dem Fussboden, der Sohle des Ofens, geht in der Mitte
  ein aus Ziegeln gemauerter Feuerkanal entlang, theilt sich am Ende in
  zwei starke gusseiserne Rhren, die zu beiden Seiten des gemauerten
  Kanals zurckkehren und auf diese Weise die Wrme auf der ganzen
  Bodenflche des Ofens mglichst gleichmssig verbreiten. Seiner Hhe
  nach zerfllt derselbe in vier Etagen, die durch Schienengeleise
  gebildet sind, auf denen kleine niedrige Wagen mit flachen Ksten aus
  Eisenblech mittelst Ketten langsam durch die ganze Lnge des Ofens
  hindurch bewegt werden knnen. Das Mangancarbonat kommt zuerst noch im
  halb feuchten Zustande auf einen Wagen der obersten Etage, langt dann
  vllig getrocknet und schon mit Verlust eines Theils der Kohlensure am
  hinteren Theile des Ofens an, wird hier nach der nchst
  darunterliegenden Etage hinabgelassen und kommt in dieser, wo die
  Temperatur schon hher ist, wieder zurck, tritt dann nach der dritten
  Etage, wo die Oxydation mehr und mehr fortschreitet, bis endlich das
  ursprngliche Mangancarbonat in der untersten Etage als Mangansuperoxyd
  aus dem Ofen herausgenommen wird; dabei geht die Farbe desselben, sowie
  die Oxydation vorschreitet, durch Braun in Schwarz ber. Die vordere
  und hintere Stirnflche des Ofens sind nur durch bewegliche
  Blechklappen geschlossen, so dass immer hinreichend Sauerstoff zur
  Oxydation in den Ofen gelangen kann. Die eigentliche Feuerung befindet
  sich unterhalb des Fussbodens und muss ausserordentlich sorgfltig
  regulirt werden, da alles auf die Temperatur ankommt. Bei einer zu
  hohen Temperatur wrde man nmlich statt des Superoxyds nur Oxyd-Oxydul
  erhalten, dagegen wrde bei einer zu niedrigen Temperatur das
  Mangancarbonat nur partiell zersetzt sein.

[Sidenote: Gatty's Verfahren.]

  Ein anderes beachtenswerthes Regenerationsverfahren des Braunstein ist
  das von =Gatty= herrhrende. Die Rckstnde bestehen entweder aus
  Manganchlorr oder Mangansulfat; man verwandelt diese Salze in
  Mangannitrat, das man dann durch Erhitzen zersetzt, oder mengt die
  Rckstnde mit Natriumnitrat und erhitzt dann. Die Rckstnde werden zu
  dem Ende bis zur Syrupconsistenz abgedampft und dann mit
  Natriumsalpeter gemengt:

  auf 79 Kilogr. Manganchlorr } wendet man an 106 Kilogr. Natriumnitrat.
   "  95    "    Manganvitriol }

  Das Gemenge wird bei mssiger Wrme getrocknet und sodann in einem
  eisernen Cylinder bis zum Dunkelrothglhen erhitzt. Die sich
  entwickelnden Dmpfe von salpetriger Sure benutzt man zur
  Schwefelsurefabrikation. Der Rckstand in dem Cylinder besteht aus
  einem Gemenge von Mangansuperoxyd und Chlornatrium oder Glaubersalz, je
  nachdem Manganchlorr oder Manganvitriol vorlag. Durch Auslaugen erhlt
  man das Mangansuperoxyd rein. Ist mit letzterem Chlornatrium gemengt,
  so unterbleibt das Auslaugen und man verwendet das Gemenge ohne
  Weiteres zur Chlorbereitung.

[Sidenote: Hofmann's Verfahren.]

  Wichtiger als die vorstehenden Regenerationsverfahren sind diejenigen
  Methoden, die Combinationen sind der Verwerthung der Chlor- und der
  Sodarckstnde (vergl. Seite 205). Das von =P. W. Hofmann= in Dieuze
  herrhrende und durch =E. Richters=' Arbeiten besttigte Verfahren ist:
  Das Manganchlorr wird durch sogenannte gelbe Lauge, die man durch
  Auslaugen der Rckstnde von der Sodabereitung erhalten, in
  Schwefelmangan bergefhrt. Der sich bildende Niederschlag besteht aus

                         Schwefelmangan    55,0
                         Schwefel          40,0
                         Manganoxydul       5,0
                                          -----
                                          100,0

  Nach dem Trocknen wird derselbe gerstet und die sich bildende
  schweflige Sure in die Bleikammern der Schwefelsurefabrik geleitet.
  Die zurckbleibende Asche besteht aus

                         Mangansulfat      44,5
                         Mangansuperoxyd   18,9
                         Manganoxydul      36,6
                                          -----
                                          100,0

  Sie wird mit Natriumnitrat gemischt und bis auf 300 erhitzt. Es bildet
  sich Glaubersalz und Mangannitrat, welches sofort in Mangansuperoxyd
  und Untersalpetersure zerfllt:

    [Greek: a]) MnSO_{4} + 2NaNO_{3} = Mn(NO_{3})_{2} + Na_{2}SO_{4};
    [Greek: b]) Mn(NO_{3})_{2} + MnO_{2} + 2NO_{2}.

  Das Glaubersalz wird ausgelaugt. Die rothen Dmpfe treten in die
  Bleikammer ein oder werden auf Salpetersure verarbeitet. Der Rckstand
  ist als Chlorquelle (nach den Angaben von =P. W. Hofmann=; ob immer
  oder nur in einzelnen mit besonderer Sorgfalt dargestellten Proben, sei
  dahingestellt) dem Braunstein gleichwerthig. Er ist eisenfrei.

[Sidenote: Weldon's Verfahren.]

  Hchst beachtenswerth erscheint =W. Weldon='s Regenerationsverfahren.
  Dasselbe besteht einfach darin, dass zu den wesentlich aus
  Manganchlorr bestehenden Rckstnden auf jedes Molekl Manganchlorr 2
  Mol. Kalkhydrat zugesetzt werden, worauf dann in das aus Manganoxydul,
  Kalkhydrat und Chlorcalcium bestehende Gemisch atmosphrische Luft
  eingepresst wird. Dadurch wird das weisse Oxydulhydrat rasch auf eine
  sehr dunkel gefrbte hhere Oxydationsstufe gebracht, welches sich mit
  dem Kalk zu =Calciummanganit= (CaMnO_{3} oder MnO_{2}, CaO) verbindet.
  Nachdem sich diese Verbindung abgesetzt hat, wird die ber ihm stehende
  Chlorcalciumlsung zum grssten Theile abgezogen und jenes ist dann zur
  ferneren Behandlung mit Salzsure behufs der Chlorentwickelung bereit.
  Bei dieser bildet sich wieder genau ebenso viel Manganchlorr, als
  vorher in Oxyd umgewandelt wurde. Diese Reihe von einfachen Operationen
  wird nun auf gleiche Weise wiederholt und damit wird beliebig lange
  fortgefahren. Auf diese Art wird das Mangan in einem und demselben
  Gefsse einem bestndigen Kreislaufe regelmssig wiederkehrender
  Umwandlungen unterworfen, insofern es zunchst aus Chlorr in Oxydul,
  aus Oxydul in Superoxyd (als Calcium-Manganit), welches bei der
  Behandlung mit Salzsure Chlor abzugeben vermag und dann wieder in
  Chlorr umgewandelt wird, und so fort. Die ausserordentliche
  Einfachheit des =Weldon='schen Verfahrens sichert demselben einen
  unbedingten Vorzug gegenber anderen, zu gleichem Zwecke
  vorgeschlagenen, mehr oder weniger complicirten und in Folge dessen
  nicht ohne grssere oder geringere Schwierigkeiten ausfhrbaren
  Methoden, die ausserdem kostspielige Apparate erheischen.

[Sidenote: Andere Methoden der Verwerthung der Chlorrckstnde.]

  [Greek: b]) =Verwerthung der Chlorrckstnde ohne Regeneration von
  Mangansuperoxyd.= Nicht immer hat man die Erzeugung von Mangansuperoxyd
  bei der Verarbeitung der Chlorrckstnde im Auge. So fllt =M.
  Schaffner= in Aussig das Manganchlorr mit Kalk und calcinirt den
  Niederschlag nach dem Trocknen in einem Flammenofen. Man erhlt so ein
  eisenhaltiges Manganoxyd-Oxydul, welches beim Hohofenprocess als
  Zuschlag dient. Das Eisen erhlt hierdurch einen grossen Mangangehalt,
  der es zum Bessemerprocess geeignet macht. Aus der nebenbei sich
  bildenden Chlorcalciumlsung wird durch Kammerschwefelsure fr die
  Papierfabrikation als Fllstoff besonders gut geeigneter Gyps (Annalin)
  gefllt. In der von =Malherbe= vorgeschlagenen und von =E. Kopp=
  verbesserten Methode der Sodafabrikation aus Schwefelnatrium und Eisen
  (vergl. Seite 205) lsst sich das Eisenoxyd und Eisencarbonat durch die
  entsprechenden Manganverbindungen ersetzen. Mangancarbonat kann ferner
  Schwefelnatrium in Soda berfhren und zur Fabrikation der
  bermangansauren Salze Verwendung finden. =Anton Leykauf= (in Nrnberg)
  will die Chlorrckstnde zur Darstellung einer violetten Farbe
  (=Nrnberger Violett=), einer Verbindung von Manganoxyd und Ammoniak
  mit Phosphorsure verwenden. Es ist endlich nicht unerwhnt zu lassen,
  dass die Chlorrckstnde ebenso gut wie Eisenvitriol, Zinkvitriol und
  Chlorzink als desodorisirendes Desinfectionsmittel Verwendung finden
  knnen.

[Sidenote: Theorie der Bildung des Chlorkalkes.]

  Die Theorie der Bildung des Chlorkalkes ist folgende: Wenn Chlorgas mit
  Kalkhydrat (CaH_{2}O_{2}) zusammenkommt, so verbindet sich ein Theil
  des Sauerstoffs des Kalkes mit Chlor zu unterchloriger Sure, welche
  mit dem unzersetzten Kalk unterchlorigsauren Kalk bildet, whrend ein
  anderes Aequivalent Chlor mit dem seines Sauerstoffs beraubten Calcium
  zu Chlorcalcium zusammentritt, denn:

    Kalkhydrat 2CaH_{2}O_{2} }       { Calciumhypochlorit Ca(ClO)_{2}
    Chlor 2Cl_{2}            } geben { Chlorcalcium CaCl_{2}
                             }       { Wasser 2H_{2}O

  Ein so zusammengesetzter Chlorkalk besteht in 100 Theilen aus

                       Calciumhypochlorit    49,31
                       Chlorcalcium          38,28
                       Wasser                12,41
                                            ------
                                            100,00

  oder aus

                              Chlor   48,90
                              Kalk    38,69
                              Wasser  12,41
                                     ------
                                     100,00

  Ein idealer Chlorkalk, wie er vorstehender Zusammensetzung entspricht,
  kommt im Handel nicht vor. Eine gute Chlorkalksorte, die 26,52 Proc.
  wirksames Chlor enthielt, hat folgende Zusammensetzung:

               Calciumhypochlorit                    26,72
               Chlorcalcium                          25,51
               Kalk                                  23,05
               Gebundenes Wasser mit Feuchtigkeit    24,72
                                                    ------
                                                    100,00

  welche man zur bessern Uebersicht auch so darstellen kann:

           Calciumhypochlorit                            26,72
           Chlorcalcium (wirksames)                      20,72
           Chlorcalcium (berschssiges)                  4,79
           Kalkhydrat (CaH_{2}O_{2})                     30,46
           Weiteres gebundenes Wasser und Feuchtigkeit   17,31
                                                        ------
                                                        100,00

  Nach =Fresenius= (1861) ist der Chlorkalk ein Gemenge von 1 Molek.
  Ca(ClO)_{2} mit 2 Molek. basischem Chlorcalcium von der Formel
  CaCl_{2}, 2CaH_{2}O_{2} + 2H_{2}O.

[Sidenote: Eigenschaften des Chlorkalkes.]

  Der Chlorkalk erscheint als ein weisses Pulver, das aus
  Calciumhypochlorit, Chlorcalcium und berschssigem gelschten Kalke
  besteht; in 10 Th. Wasser lsen sich die bleichenden Verbindungen auf,
  whrend der berschssige Kalk zurckbleibt. Das Chlor des
  Chlorcalciums im Chlorkalke wirkt ebenfalls bleichend, indem beim
  Behandeln des Chlorkalkes mit Suren die freigewordene unterchlorige
  Sure und die Salzsure sich zu Wasser und Chlor umsetzen

                    ( Cl } O + H  } = H } O + Cl } )
                    ( H  }     Cl }   H }     Cl } )

  Die bleichende Wirkung des Chlorkalks erfolgt nicht sogleich, wenn
  nicht zugleich eine Sure zugefgt wird[69]. Anstatt der Sure wendet
  man auch zweckmssig Zinkvitriol (oder Chlorzink) an, es fallen Gyps
  und Zinkoxyd aus und unterchlorige Sure bleibt in Lsung[70]. -- Die
  Anwendung des Chlorkalkes ist schon angefhrt worden. In den meisten
  Fllen lsst sich seine Wirkung auf eine Oxydation in Folge von
  Ozonbildung zurckfhren. Man wendet den Chlorkalk mitunter zur
  Darstellung von Sauerstoffgas an (1 Kilogr. Chlorkalk von der Formel
  Ca(ClO)_{2} giebt 132,2 Grm. oder 92,4 Liter Sauerstoff).

  [69] Man benutzt diese Eigenschaft des Chlorkalkes, um auf trkischroth
       gefrbtem Zeuge weisse Muster hervorzubringen, indem man die
       Muster vermittelst mit Gummi verdickter Weinsure aufdruckt und
       die Zeuge sodann etwa eine Minute lang in Chlorkalklsung taucht.

  [70] In den letzten Jahren sind an mehreren Orten Explosionen von
       verschlossenen Gefssen mit Chlorkalk wahrgenommen worden
       (Ca(ClO)_{2} + CaCl_{2} = 2CaCl_{2} + O_{2}). Um den Chlorkalk
       weniger leicht zersetzbar zu machen, hat man vorgeschlagen, ihn
       sofort nach seiner Bereitung fein zu mahlen und ihn in Fsser
       einzustampfen, in welchen er nach kurzer Zeit Steinhrte annimmt.

[Sidenote: Chlorometrie.]

  Da in dem Chlorkalk nur die Menge des darin enthaltenen
  unterchlorigsauren Calciums mit seinem Aequivalent Chlorcalcium bei
  seiner Anwendung in Betracht kommen kann, so bestimmt dieselbe seinen
  Werth. Die Operation, durch welche man die Menge des in dem Chlorkalk
  enthaltenen verwerthbaren Chlores erfhrt, fasst man mit dem Namen der
  =Chlorometrie= zusammen. Lange Zeit begngte man sich, die entfrbende
  Eigenschaft des Chlorkalkes auf eine Indigolsung, deren Gehalt man
  genau kannte, mit der eines gleichen Volumens Chlor auf dieselbe Lsung
  zu vergleichen; da sich aber eine Indigolsung leicht verndert, ferner
  der Indigo nicht immer von gleicher Gte zu erhalten ist, so ist diese
  Methode nicht genau und wird jetzt nicht mehr befolgt.

[Sidenote: Probe von Gay-Lussac.]

  =Gay-Lussac= benutzt die _oxydirende Einwirkung des Chlorkalks auf
  arsenige Sure_. Als Vergleichungspunkt dient ein Volumen trocknes
  Chlorgas, das in einem Volumen Wasser gelst ist. Wenn man diese Lsung
  in eine in 100 Theile getheilte (graduirte) Rhre giesst, so entspricht
  jeder Theil einem Hundertstel Chlor. Andererseits stellt man eine
  Lsung von arseniger Sure in Salzsure und Wasser dar, von der Strke,
  dass bei gleichem Volumen beide Lsungen sich gegenseitig zersetzen.
  Die Zersetzung geht (indessen keineswegs glatt) auf folgende Weise vor
  sich:

       Arsenige Sure As_{2}O_{3} }       { Arsensure As_{2}O_{5}
       Wasser 2H_{2}O             } geben { Salzsure 4ClH
       Chlor 2Cl_{2}              }       {

  Das Wasser wird hierbei zersetzt, der Sauerstoff desselben verbindet
  sich mit der arsenigen Sure und bildet Arsensure, whrend der
  Wasserstoff des Wassers mit dem Chlor zusammentritt. Gewhnlich nimmt
  man ein Liter Chlorgas, das man in einem Liter destillirten Wasser
  lst; andererseits bereitet man eine =Normallsung von arseniger
  Sure=, welche durch das Liter Chlorwasser vollstndig zu Arsensure
  oxydirt wird. Nimmt man nun eine Lsung von Chlorkalk oder einer
  anderen zum Bleichen angewendeten Chlorverbindung, deren
  Entfrbungsvermgen man kennen lernen will, so kann man, wenn man diese
  Flssigkeit in eine Lsung von arseniger Sure giesst, aus der Menge
  derselben, die zum Zersetzen des Hypochlorites erforderlich ist, auf
  die in der ursprnglichen Lsung enthaltene Chlormenge einen sicheren
  Schluss ziehen. Um dieses Verfahren auszufhren, nimmt man z. B. 10
  Grammen Chlorkalk, zerreibt denselben mit Wasser und setzt dann so viel
  destillirtes Wasser hinzu, dass das Volumen der Lsung genau ein Liter
  betrgt. Hierauf bringt man vermittelst einer Pipette 10
  Kubikcentimeter der Lsung der arsenigen Sure in ein Becherglas, setzt
  zu derselben einen Tropfen Indigolsung, damit die Flssigkeit schwach
  gefrbt erscheint, und fgt dann aus der erwhnten Brette
  Chlorkalklsung hinzu, bis die Frbung fast nicht mehr zu bemerken ist.
  Darauf setzt man abermals einen Tropfen Indigolsung hinzu und dann so
  lange Chlorkalklsung, bis die Flssigkeit entfrbt und wasserhell ist.
  -- Zur Darstellung der normalen Lsung der arsenigen Sure wendet man
  4,4 Gr. arsenige Sure, 32,0 Gr. reine Salzsure und eine hinlngliche
  Menge Wasser, um ein Liter zu fllen, an. Enthalten 10 Grm. Chlorkalk 1
  Liter Chlorgas, so hat er 100 Grade.

[Sidenote: Probe von Penot.]

  =Penot= hat das Verfahren von =Gay-Lussac= dahin abgendert, dass er
  statt der sauren Lsung der arsenigen Sure arsenigsaures Natrium und
  statt der Indigolsung ein farbloses jodirtes Papier anwendet, das sich
  durch die geringste Menge freie Sure blau frbt. Zur Bereitung des
  jodirten Papiers erhitzt man 1 Gr. Jod, 7 Gr. krystallisirtes
  Natriumcarbonat, 3 Gr. Strkemehl mit 1/4 Liter Wasser bis zur
  Auflsung und Entfrbung, verdnnt sodann auf 1/2 Liter und trnkt
  damit weisses Papier. Die Arsenprobeflssigkeit ist eine Auflsung von
  4,44 Gr. arseniger Sure und 13 Gr. krystall. Natriumcarbonat, die auf
  1 Liter verdnnt ist. Man giesst dieselbe aus der Brette in die
  Chlorkalklsung (10 Gr. Chlorkalk auf 1 Liter), bis ein Tropfen der
  letzteren das jodirte Papier nicht mehr frbt. =Mohr= hat vorstehendes
  Verfahren modificirt; er bereitet die Arsenflssigkeit durch Auflsen
  von 4,95 Gr. arseniger Sure und 10 Gr. Natriumbicarbonat in Wasser und
  Verdnnen der Flssigkeit bis zu 1 Liter; er stellt ferner eine
  Jodlsung dar durch Auflsen von 12,7 Gr. Jod vermittelst Jodkalium und
  Verdnnen mit Wasser bis zu 1 Liter. Das jodirte Papier ist einfaches
  Jodstrkepapier. Man fhrt die Chlorkalkprobe aus, indem man Chlorkalk
  mit Wasser zerreibt und abschlmmt, bis alle Theile schweben, dann
  Arsenlsung hinzusetzt, bis das Betupfen eines Jodkaliumstrkepapiers
  keine blauen Flecken mehr erzeugt, alsdann Strkelsung zufgt und mit
  Jodlsung blau titrirt. Zu 1 Grm. Chlorkalk brachte man 72 Kubikcentim.
  arsenigsaures Natrium; es wurden verbraucht 0,2 Kubikcentim. Jodlsung
  (Titre: gleich stark wie Arsenlsung, d. h. Volumen gegen Volumen),
  folglich blieben 71,8 Kubikcentim. arsenigsaures Natrium. Der Chlorkalk
  enthlt demnach 25,460 Proc. wirksames Chlor, da jeder Kubikcentimeter
  der verbrauchten Arsenlsung 0,00355 Gr. wirksamem Chlor entspricht
  (0,00355  71,8 = 0,2546).

[Sidenote: Probe von R. Wagner.]

  Nach meiner Methode (1859) wird die Chlorkalkprobe _auf jodometrischem
  Wege_ ausgefhrt, indem man aus einer mit Salzsure angesuerten
  schwachen Jodkaliumlsung (1 und 10) durch die obige Chlorkalklsung
  Jod ausscheidet und die ausgeschiedene Jodmenge mittelst
  Natriumhyposulfit bestimmt:

  Jod 2J                     }     {Jodnatrium 2NaJ
  Natriumhyposulfit          }geben{Natriumtetrathionat Na_{2}S_{4}O_{6}
  2Na_{2}S_{2}O_{3} + 5H_{2}O}     {Wasser 5H_{2}O

  Die Ausfhrung der Probe geschieht auf folgende Weise: 100
  Kubikcentimeter der milchigen Chlorkalklsung (= 1 Grm. Chlorkalk),
  durch Lsen von 10 Grm. Chlorkalk in Wasser bis zu 1 Liter (unter
  Anwendung der Schttelflasche) erhalten, mischt man mit 25 Kubikcentim.
  Jodkaliumlsung und setzt verdnnte Salzsure bis zur sauren Reaction
  hinzu. Die klare, dunkelbraune Lsung wird mit Natriumhyposulfit (24,8
  Grm. Salz in 1 Liter; 1 Kubikcentim. der Lsung entspricht 0,0127 Grm.
  Jod oder 0,00355 Grm. Chlor) farblos titrirt.

[Sidenote: Chlorimetrische Grade.]

  In Deutschland, England, Russland und Amerika drckt man die =Strke
  des Chlorkalkes= in Graden aus, welche gleich sind den Procenten an
  wirksamem Chlor, in Frankreich (und auch in einigen deutschen Fabriken)
  dagegen bedeuten die Grade die Anzahl Liter Chlorgas von 0 und 760
  Millimeter Barometerstand, welche aus 1 Kilogr. des zu prfenden
  Chlorkalkes frei gemacht werden knnen. Folgende Tabelle giebt die
  =chlorimetrischen Grade= fr Frankreich und fr Deutschland (und
  England) an:

                      Franzsisch.      Deutsch.
                           63            20,02
                           65            20,65
                           70            22,24
                           75            23,83
                           80            25,42
                           85            27,01
                           90            28,60
                          100            31,80
                          105            33,36
                          110            34,95
                          115            36,54
                          120            38,13
                          125            39,72
                          126            40,04

  Die Procente berechnet man aus den franzsischen Graden durch
  Multiplication der letzteren mit 0,318 (1 Liter Chlorgas = 35,5 Krithen
  wiegt 3,18 Grm.).

[Sidenote: Chloralkalien.]

Von den sogenannten =Chloralkalien= wendet man das =unterchlorigsaure
Kalium= oder =Chlorkali= (_Eau de Javelle_) und die entsprechende
=Natriumverbindung= (_Eau de Labarraque_) an. Man stellt diese
Bleichflssigkeiten (Fleckwasser) dar, indem man durch eine Lsung
tzender (1) oder kohlensaurer (2) Alkalien Chlorgas leitet:

    (1) 2NaOH + Cl_{2} = NaOCl + NaCl + H_{2}O;
    (2) 2Na_{2}CO_{3} + Cl_{2} + H_{2}O = NaOCl + NaCl + 2NaHCO_{3};

oder indem man Chlorkalk mit Wasser auszieht und die Flssigkeit mit
Natriumcarbonat oder Natriumsulfat behandelt; es scheidet sich
Calciumcarbonat oder -sulfat ab, whrend Hypochlorit und Chlorr des
Alkalimetalles gelst bleiben.

  Das =Aluminiumhypochlorit= (Chloralaunerde oder Wilson's
  Bleichflssigkeit) wird durch Vermischen von Chlorkalklsung und
  Aluminiumsulfat erhalten; es wirkt lediglich durch Abgabe von Ozon,
  wobei Chloraluminium entsteht. =Magnesiumhypochlorit= (Chlormagnesia,
  Ramsay's oder Grouvelle's Bleichflssigkeit), durch Zersetzen von
  Chlorkalk mit Bittersalz dargestellt, ist, wie die Thonerdeverbindung
  ein energisches Bleichmittel. Vor dem Chlorkalk hat sie (nach den
  Versuchen von =Jokisch=) bei ihrer Anwendung zum Bleichen zarterer
  Stoffe den Vorzug des Fehlens der Nebenwirkung einer tzenden
  alkalischen Erde. Neuerdings ist =Zinkhypochlorit= (Varrentrapp's
  Bleichsalz) als krftiges Bleichmittel empfohlen worden; man versetzt
  Chlorkalk mit Zinkvitriol oder mit Chlorzink, im ersteren Falle fallen
  Gyps und Zinkvitriol nieder und unterchlorige Sure bleibt in Lsung,
  die im zweiten Falle mit Chlorcalcium gemengt ist. Auch
  =Bariumhypochlorit=, welches mit verdnnter Schwefelsure versetzt
  unter Abscheidung von Barytweiss unterchlorige Sure liefert, verdient
  Beachtung.

[Sidenote: Kaliumchlorat.]

Das =Kaliumchlorat= (chlorsaures Kalium), KClO_{3} (in 100 Th. 38,5 Kali
und 61,5 Chlorsure), ein in weissen, tafelfrmigen rhombischen
Krystallen krystallisirendes Salz, wurde frher dargestellt, indem man
Chlorgas durch eine concentrirte Lsung von Kaliumcarbonat leitete, wobei
alle Kohlensure entwich und eine Lsung entstand, die Kaliumchlorat und
Chlorkalium enthielt. Das Kaliumchlorat krystallisirt aus der Flssigkeit
zuerst heraus. Die Mutterlauge liefert beim Abdampfen Chlorkalium. Die
Krystalle von Kaliumchlorat werden mit kaltem Wasser abgewaschen und
durch Umkrystallisiren gereinigt. 100 Kilogr. Potasche geben 9-10 Kilogr.
Kaliumchlorat. Gegenwrtig stellt man nach der von =Graham= angegebenen
und von =v. Liebig= verbesserten Methode das Kaliumchlorat dar, indem man
das Chlorgas auf Kalkmilch bei hherer Temperatur einwirken lsst; es
entsteht Chlorcalcium und Calciumchlorat, welches letztere durch
Chlorkalium zersetzt wird. Die gewhnliche Darstellungsmethode besteht
darin, dass man Chlorgas in eine Mischung auf 1 Mol. Chlorkalium und 6
Mol. Kalkhydrat, welche mit Wasser zu einem dnnen Brei angerhrt ist,
leitet. Aus der Lsung krystallisirt beim Eindampfen und Erkaltenlassen
das Kaliumchlorat heraus, whrend Chlorcalcium in der Mutterlauge bleibt.

[Illustration: Fig. 109.]

  Man benutzt hierzu den Fig. 109 abgebildeten Apparat. _B_, _B_ ... sind
  Chlorentwickler aus Steinzeug, die in einem Wasser- oder
  Chlorcalciumbade stehen. Durch das Bleirohr _f f_ geht das Chlorgas
  zunchst in das khlgehaltene Bleigefss _C_, um es von Wasserdampf und
  beigemengter Flssigkeit zu befreien und dann durch _g_ in das mit Blei
  ausgeftterte Absorptionsgefss _A_, in welchem sich Kalkmilch
  befindet. _E_ ist ein eiserner, mit Blei berzogener Rhrer, _h_ ein
  Rohr zum Ableiten des nicht absorbirten Gases, _D_ ein Rohr zum
  Ablassen des Inhaltes. Die Kalkmilch kommt erwrmt auf 50-60 C. in
  das Gefss _A_ oder wird darin durch eingeleiteten Dampf auf diese
  Temperatur erhitzt; durch die Einwirkung des Chlors steigt dann die
  Temperatur fast bis zum Siedepunkt. Ungeachtet der hohen Temperatur
  entsteht neben Calciumchlorat stets etwas Calciumhypochlorit. Sobald
  das Chlor nicht mehr aufgenommen wird, lsst man die trbe Flssigkeit
  in einen Behlter von Blei, oder mit Blei ausgefttert, zur Ablagerung
  des Ungelsten. Die geklrte Flssigkeit verdampft in Bleipfannen auf
  25-30 B., wobei das Hypochlorit vollstndig in Chlorat verwandelt
  wird, dann setzt man das Chlorkalium, in heissem Wasser gelst, hinzu,
  verdampft noch etwas und lsst krystallisiren. Der Rechnung nach ist
  auf 2-1/4 Th. angewandten Kalk 1 Th. Chlorkalium erforderlich; man
  pflegt indess auf 3 Th. Kalk 1 Th. Chlorkalium zu nehmen. Auch durch
  Kochen einer Chlorkalklsung und Eindampfen derselben bis zur Trockne
  bildet sich Calciumchlorat, das durch Kaliumcarbonat oder Chlorkalium
  in Kaliumchlorat bergefhrt wird. Alter Chlorkalk, der seine
  Bleichkraft zum grssten Theile schon verloren, enthlt Calciumchlorat
  und lsst sich vortheilhaft noch zur Fabrikation von Kaliumchlorat
  anwenden.

  Das Kaliumchlorat krystallisirt in perlmutterglnzenden Blttchen, die
  luftbestndig sind, sich in 16 Th. Wasser von 15, 8 Th. Wasser von 35
  und 1,6 Th. Wasser von 100 auflsen, beim Erhitzen Sauerstoff abgeben
  und beim Zusammenreiben mit brennbaren Krpern auf das heftigste
  explodiren. 1 Kilogr. Kaliumchlorat giebt beim starken Glhen oder beim
  Erhitzen mit 0,5 Kilogr. Braunstein oder 1 Kilogr. Eisenoxyd 391,2 Grm.
  oder 273,5 Liter Sauerstoffgas. Es findet jetzt hauptschlich Anwendung
  in der Feuerwerkerei als Zusatz zur Masse der Zndhtchen und der
  Zndpillen der Zndnadelgewehre, als Bestandtheil des weissen oder
  amerikanischen Schiesspulvers, zur Bereitung der Zndrequisiten und des
  Kaliumpermanganates und als oxydirendes Mittel in der Zeugdruckerei, z.
  B. zur Erzeugung von Anilinschwarz. Zu letzterem Zweck setzt man den
  aufzudruckenden Farben einige Procente Kaliumchlorat zu und fixirt die
  Farbe nach dem Aufdrucken durch Hochdruckwasserdmpfe (3-4
  Atmosphren). Bei dieser hohen Temperatur findet eine Zersetzung des
  Kaliumchlorates in Berhrung mit der organischen Substanz statt,
  wodurch eine Oxydation und theilweise Zerstrung des Farbstoffes
  stattfindet. Hufig wird der Farbstoff durch diese Behandlung auch
  lebhafter und schner.

  Seit einigen Jahren findet das =berchlorsaure Kalium=
  (Kaliumperchlorat, KClO_{4}) in der Feuerwerkerei als Ersatz fr das
  gefhrliche chlorsaure Kali Anwendung. Die mit ihm dargestellten
  Feuerwerksstze zeigen wegen des strkeren Sauerstoffgehaltes des
  Salzes grsseren Glanz und intensiveres Licht.


                            Die Alkalimetrie.

[Sidenote: Alkalimetrie.]

Die =Potasche= (sei sie aus der Holzasche, aus der Schlempekohle der
Rbenmelasse, aus dem Kelp oder in der chemischen Fabrik aus dem
Chlorkalium des Meerwassers oder des Carnallits oder des Kaliumsulfates
der Kainite dargestellt) ist ein Gemenge von Kaliumcarbonat mit anderen
Kalium- oder Natriumsalzen und die =Soda= ein Gemenge von Natriumcarbonat
mit fremden Salzen (hauptschlich Sulfat und Kochsalz). In den meisten
Fllen richtet sich der Werth beider Krper nach der Menge des in ihnen
enthaltenen kohlensauren Alkalis. Seitdem man die Gewerbe auf
naturgesetzliche Grundlagen zurckzufhren sich bemht, war man daher
bedacht, ein Verfahren auszumitteln, durch welches man den Gehalt der
Potasche an reinem Kaliumcarbonat mit einer fr technische Zwecke
gengenden Genauigkeit auf eine leicht und schnell ausfhrbare Weise
bestimmen knne. Die Chemie zeigt hierzu zwei Wege, nmlich

    a) die Suremenge zu bestimmen, welche erforderlich ist, um das
       Kaliumcarbonat zu neutralisiren;

    b) die Quantitt der Kohlensure zu ermitteln, welche durch Zusatz
       einer strkern Sure aus der Potasche ausgetrieben werden kann.

Beide Verfahren knnen selbstverstndlich nur Anwendung finden, wenn
ausser dem kohlensauren Alkali keine anderen kohlensauren Salze in der
Potasche sich finden. Alle Methoden, welche den Gehalt der Potasche an
Kaliumcarbonat zu ermitteln den Zweck haben, werden =kalimetrische
Methoden= und die Gesammtheit derselben =Kalimetrie= (Potassometrie)
genannt. Die Prfungsmethoden der Potasche und der Soda (=Sodametrie=)
fasst man auch hufig unter dem Namen =Alkalimetrie= zusammen.

[Sidenote: Volumetrische Probe.]

  Nach dem lteren von =Descroizilles= zuerst angewendeten und spter von
  =Gay-Lussac= verbesserten Verfahren, dessen Idee von =Richter=
  ausgegangen, ist die Quantitt Schwefelsurehydrat, welche man braucht,
  um aus dem Kaliumcarbonat der Potasche alle Kohlensure auszutreiben,
  der Maassstab, nach welchem man den Werth der Potasche bestimmt. Die
  Wgungen, die man sonst bei chemisch-technischen Untersuchungen
  anzuwenden pflegt, sind hierbei so viel als thunlich in =Messungen=
  verwandelt, weshalb diese Methode auch die =volumetrische Probe= oder,
  weil man bei ihr eine Sure von genau bestimmtem Suregehalt (_titre_)
  anwenden muss, die =Titrirprobe= genannt wird. Die =Probesure= erhlt
  man durch Vermischen von 100 Grm. reiner Schwefelsure von 1,842
  specifischem Gewicht mit 1000 Grm. (= 1000 Kubikcentimeter = 1 Liter)
  destillirtem Wasser. Anstatt diese Quantitt zu wgen, kann man auch
  54,268 Kubikcentimeter der Schwefelsure mit 1 Liter Wasser vermischen.
  50 Kubikcentimeter der Probesure sind hinreichend, um 4,807 Grm. Kali
  in schwefelsaures Kali zu verwandeln. Die Bretten sind die
  gewhnlichen, in der Titriranalyse blichen. Man fllt die Brette,
  welche in 100 halbe Kubikcentimeter getheilt ist, bis zum Punkte 0 mit
  Probesure an, darauf wgt man 4,807 Grm. Potasche ab, lst diese Menge
  in siedendem Wasser und setzt zu der Lsung so lange von der Probesure
  aus der Brette, bis die Sttigung erfolgt ist. Um den Sttigungspunkt
  genau bestimmen zu knnen, wird die Lsung der Potasche mit etwas
  Lakmustinctur blulich gefrbt; mit dem Zugiessen der Probesure hrt
  man dann erst auf, wenn die Lsung eine weinrothe Farbe angenommen hat.
  Aus der Zahl der verbrauchten halben Kubikcentimeter der Probesure
  schliesst man dann auf den Gehalt der untersuchten Potasche. Um ganz
  sicher zu gehen, rechnet man von der verbrauchten Menge 1/2 Grad ab.
  Angenommen, man htte 60 halbe Kubikcentimeter zur Sttigung der
  Potasche gebraucht, so wrde demzufolge die Potasche 59-1/2grdig sein.
  Wenn ausser dem Kaliumcarbonat noch Sulfurete, Sulfite und Hyposulfite
  in der Potasche vorhanden sind, so entstehen bei dieser Prfungsmethode
  der Potasche Fehler, welche indessen bei der gewhnlichen Potasche
  unbercksichtigt gelassen werden knnen. Aus den gefundenen Procenten
  Kali berechnet man die Procente Kaliumcarbonat, indem man die
  Kaliprocente mit 1,47 multiplicirt. Zeigt z. B. eine Potasche einen
  Gehalt an Kali (K_{2}O) von 50 Proc., so enthlt sie 50  1,47 = 73,5
  Proc. Kaliumcarbonat.

[Sidenote: Probe von Mohr.]

  =Mohr= hat die volumetrische Potaschenprobe wesentlich verbessert.
  Diese Verbesserungen beziehen sich theils auf die Apparate, theils auf
  die Probesure. Die frhere Brette von =Gay-Lussac= hat mehrere
  Fehler, welche sich bei jedem Gebrauche derselben fhlbar machen. Vor
  Allem ist es schwierig, das Instrument genau bis an 0 zu fllen; es ist
  ferner nicht mglich, whrend des Giessens die Quantitt der
  verbrauchten Flssigkeit abzulesen. Diese Uebelstnde beseitigt =Mohr=
  durch die krystallisirte Oxalsure (C_{2}H_{2}O_{4}, 2H_{2}O = 126; 1/2
  Mol. = 63), die sich zu diesem Zwecke dadurch empfiehlt: 1) dass sie
  stark sauer ist und der Schwefelsure in ihrer Wirkung auf Lakmus nicht
  nachsteht; 2) dass sie im trockenen Zustande unverndert bleibt, nicht
  zerfliesst und nicht verwittert und deshalb auf der Wage in beliebiger
  Menge mit grosser Genauigkeit gewogen werden kann; 3) dass ihre Lsung
  beim Aufbewahren sich nicht zersetzt und nicht wie die Lsung der
  Weinsure und Citronensure schimmelt; 4) dass sie in heissen und
  siedenden Flssigkeiten nicht flchtig ist. 63 Grm. der Oxalsure (=
  1/2 Mol.) werden in Wasser gelst, so dass die Lsung genau 1 Liter
  betrgt. Dieser sauren Probeflssigkeit entspricht eine zweite, die aus
  einer Auflsung von Aetzkali (KOH) besteht. Sie ist so titrirt, dass
  beim Vermischen derselben mit einem gleichen Volumen der Probeoxalsure
  der letzte Tropfen Kalilsung die Farbe der zugesetzten Lakmustinktur
  aus Roth in Blau berfhrt, was jedesmal durch einen einzigen Tropfen
  gelingt, wenn die Lsung kohlensurefrei ist. Zu einer kalimetrischen
  Probe wiegt man von der geglhten und wasserfreien Potasche 1/20 Mol.
  in Gramme ab, mithin 6,911 Grm. Potasche oder 5,32 Grm. Soda. Da die
  Probeflssigkeit in 1000 Kubikcentim. 1/2 Mol. Oxalsure enthlt, so
  wrden 100 Kubikcentim. dieser Flssigkeit genau 1/20 Mol. des Alkalis
  sttigen. Man bringt die Potasche mit etwas Lakmustinktur in eine
  kleine Kochflasche und lsst einen Strahl Probesure hinzu, welche die
  Potasche unter Aufbrausen zersetzt. Die Farbe geht aus Blau in Violett
  ber und das Aufbrausen wird schwcher. Man bringt nun die Flssigkeit
  zum Kochen und lsst noch mehr Probesure hinzu, bis die Farbe
  vollkommen zwiebelroth geworden, dann lsst man noch Probesure im
  Ueberschuss bis zu den nchsten vollen 5-6 Kubikcentim. hinzu. Das
  Alkali ist nun entschieden bersttigt; durch Kochen, Schtteln und
  Hineinblasen und zuletzt Aussaugen mit einer Glasrhre wird die letzte
  Spur Kohlensure entfernt. Der Sttigungspunkt des Alkalis ist jetzt um
  2-5 Kubikcentim. berschritten und diess muss genau bestimmt werden.
  Man fllt jetzt eine in 1/10 Kubikcentim. getheilte Handpipette bis an
  den Nullpunkt mit Aetzkali und lsst dasselbe tropfenweise in die rothe
  Alkaliflssigkeit fallen, indem dieselbe dabei umgeschwenkt wird. Die
  Farbe geht jetzt rasch aus Hellroth in Violett und dann pltzlich in
  klares Blau ber. Man liest nun die verbrauchten Kubikcentimeter
  Aetzkali ab und zieht sie von den verbrauchten Kubikcentimetern
  Probesure ab; der Rest giebt die Procente an reinem Kaliumcarbonat.
  3,45 Grm. = 1/40 Mol. Potasche brauchten z. B. 36 Kubikcentimeter
  Probesure und 3 Kubikcentimeter Probekali = 33 Kubikcentimeter
  Probesure = 66 Proc. Kaliumcarbonat (da anstatt 1/20 Mol. nur 1/40
  Mol. angewendet worden war, so mussten die Kubikcentimeter der Sure
  verdoppelt werden, um Procente zu erhalten).

[Sidenote: Probe von Fresenius und Will.]

  Unter den kalimetrischen Verfahren, die sich auf die Ermittelung der
  Kohlensuremengen grnden, welche durch Zusatz einer strkern Sure aus
  der Potasche ausgetrieben werden, steht das von =Fresenius= und =Will=
  oben an. Der dazu angewendete Apparat ist bereits bei Gelegenheit der
  Braunsteinprobe (vergl. Seite 116) beschrieben worden. In den Kolben
  _A_ bringt man die abgewogene Potasche und fllt alsdann den Kolben bis
  zum dritten Theil mit Wasser an; _B_ wird bis zur Hlfte mit
  gewhnlicher englischer Schwefelsure angefllt. Die Rhre _a_ ist mit
  ihrem Ende _b_ durch ein Wachskgelchen verschlossen. Die Pfropfen
  werden alsdann aufgesetzt und der Apparat wird gewogen. Man saugt nun
  aus der Rhre _d_ etwas Luft und verdnnt somit die Luft im ganzen
  Apparate. Die Folge davon ist, dass die in _B_ befindliche
  Schwefelsure in der Rhre _c_ in die Hhe steigt und in den Kolben _A_
  herberfliesst. Die sich in _A_ entwickelnde Kohlensure kann nur durch
  die Schwefelsure entweichen, wo sie alles Wasser abgiebt. Wenn nach
  fterem Saugen durch neues Hinzutreten von Schwefelsure keine
  Kohlensure sich mehr entwickelt, so entfernt man das Wachs vom Ende
  der Rhre _a_ und saugt bei _d_ so lange, bis alle Kohlensure, mit
  welcher der Apparat noch erfllt war, durch Luft ersetzt ist. Man lsst
  den Apparat erkalten, trocknet ihn ab und wgt ihn, nachdem man das
  Wachskgelchen wieder auf _a_ gebracht hat. Da die Gewichtsverminderung
  nothwendig dem Gewicht der entwichenen Kohlensure gleich sein muss, so
  erfhrt man hierdurch die Menge der Kohlensure und somit auch die des
  reinen Kaliumcarbonates, welche derselben entspricht. Es ist klar, dass
  vorstehendes Verfahren, je nach der Zusammensetzung der Potasche, auf
  geeignete Weise abgendert werden muss. Alle Salze, welche flchtige
  Suren enthalten, mssen, wenn sie in der Potasche vorkommen, einen
  strenden Einfluss auf die Methode ausben; Calciumcarbonat ist hierbei
  nicht in Betracht zu ziehen, da dasselbe, falls es zugegen sein sollte,
  durch blosses Behandeln der Probe mit Wasser getrennt werden kann.
  Enthlt dagegen die Potasche Schwefelkalium, ein Sulfit oder ein
  Hyposulfit, so setzt man zu der Probe eine Messerspitze voll gelben
  Kaliumchromates; sowohl der Schwefelwasserstoff, als auch die
  schweflige Sure werden dadurch im Momente des Freiwerdens zersetzt und
  die entstehenden Produkte oder Edukte (Chromsulfat, Wasser und
  Schwefel) bleiben smmtlich zurck. Enthlt die Potasche tzendes Kali,
  wie es bei den nordamerikanischen Potaschen der Fall ist, so wrde das
  Verfahren einen zu geringen Kaligehalt angeben. In diesem Falle, der
  bei deutschen und russischen Potaschen indessen selten eintritt,
  befeuchtet man die Potasche vorher mit Ammoncarbonat, trocknet und
  glht sie.

[Sidenote: Ausdruck des Handelswerthes.]

  Da die Potasche usserst hygroskopisch ist, so reicht es keineswegs
  hin, um den Handelswerth derselben richtig zu bestimmen, lediglich
  anzugeben, wie viel Kaliumcarbonat darin enthalten ist, sondern diese
  Angabe muss sich auf wasserfreie Potasche beziehen und man muss auch
  noch wissen, wie viel Wasser sie enthlt. Um den Wassergehalt zu
  erfahren, erhitzt man eine gewogene Menge, z. B. 10 Grm., Potasche in
  einem Schlchen von Eisenblech ber der Weingeist- oder Gaslampe oder
  ber einem Kohlenfeuer so lange, bis alles Wasser ausgetrieben ist, was
  man daran erkennt, dass eine darber gehaltene Glasscheibe sich nicht
  mehr beschlgt, wozu in der Regel fnf Minuten gengend sind. Der
  Gewichtsverlust, in Decigrammen ausgedrckt, zeigt den Wassergehalt in
  Procenten an. Von dieser so getrockneten Potasche werden 6,23 Grm.
  abgewogen und auf die angegebene Weise weiter behandelt. Da 6,29 Grm.
  Potasche und 4,84 Grm. Soda, wenn sie reines Carbonat wren, genau 2
  Grm. Kohlensure enthalten, so zeigen je 2 Centigramme Verlust ein
  Procent Carbonat an. Betrug der Gewichtsverlust des Apparates bei der
  Prfung einer Potasche 1,64 (= 164 Centigramme), so enthielt diese
  Potasche 164/2 = 82 Proc. Kaliumcarbonat. Fr den wissenschaftlichen
  Gebrauch wrde es gengen, die so erhaltenen Resultate in Procenten
  auszudrcken und z. B. zu sagen, eine Potasche enthlt in 100 Theilen

                           Kaliumcarbonat   82
                           fremde Salze      8
                           Wasser           10
                                           ---
                                           100

  Fr den commerciellen Verkehr jedoch und um den Handelswerth (_titre_)
  der Potasche auszudrcken, ist diese Methode unbequem, da die Potasche
  Wasser anzieht und mit dem Wassergehalt ihre Zusammensetzung sich
  ndert. =Will= und =Fresenius= haben daher eine andere, weit
  zweckmssigere Methode angegeben, von welcher es wnschenswerth wre,
  dass sie allgemein angenommen wrde. Nach derselben bezieht sich die
  Angabe des Procentgehalts der Potasche immer auf den wasserfreien
  Zustand; dieser Procentgehalt wird durch den unvernderlichen Zhler
  eines Bruches ausgedrckt, whrend man den wechselnden Wassergehalt
  durch einen vernderlichen Nenner bezeichnet. Angenommen, man wolle
  bezeichnen, dass eine Potasche im wasserfreien Zustande 60 Proc.
  Kaliumcarbonat enthielte, so wrde man schreiben 60/100; stellt man
  sich vor, dieselbe zge nunmehr so viel Feuchtigkeit an, dass 100
  Pfund derselben 105 oder 109 wgen, so htte man in dem ersten Falle
  60/105, im zweiten 60/109. Es wird also nach dieser Bezeichnungsweise
  von dem Fabrikanten der Preis der Potasche im wasserfreien Zustande
  festgesetzt und der Gehalt der Waare durch einen Bruch bezeichnet in
  der Art, dass der Zhler den Gehalt an Kaliumcarbonat angiebt, whrend
  der Nenner 100 die Abwesenheit von Wasser bezeichnet. Potasche von
  60/100 kostet z. B. 18 fl. Der mit der Aufnahme von Wasser sich
  vergrssernde Nenner giebt alsdann dem Kufer an, wieviel von der
  wasserhaltigen Waare ihm fr gleichen Preis geliefert werden muss. Wird
  aus der Potasche von 60/100 durch Wasseraufnahme solche zu 60/105 oder
  60/109, so drfen alsdann 105 oder 109 Pfund derselben gleichfalls nur
  18 fl. kosten. Es ist einleuchtend, dass diese Bezeichnungsweise bei
  gleicher Einfachheit weit grssere Sicherheit als die frhere gewhrt.
  Jeder Zweifel wird dadurch ausgeschlossen, jedem Missverstndnisse
  vorgebeugt. Der Kufer braucht, falls er sich auf die
  Gewissenhaftigkeit des Fabrikanten verlassen kann, nur eine
  Wasserbestimmung zu machen, um den wirklichen Werth der zu kaufenden
  Waare zu beurtheilen. Er braucht, mit anderen Worten, nur den Nenner
  des Bruches zu prfen, weil dieser dem Wechsel unterworfen ist, den
  unvernderlichen Zhler nimmt er als richtig an. Den Gehalt der Soda
  giebt man in der Regel in Graden an. In =Frankreich= versteht man
  darunter Procente an Natriumcarbonat, in =England= Procente an
  Aetznatron. Da nun Natriumcarbonat in 100 Theilen aus 58,6 Theilen
  Natron und 41,4 Theilen Kohlensure besteht, so sind z. B.

       80 franzsische Bezeichnung = 46,9 englische Bezeichnung.
       86      "            "      = 50,5     "          "
       96      "            "      = 52,8     "          "

[Sidenote: Grneberg's Verfahren der Werthermittelung der Potasche.]

  Die im Vorstehenden erwhnten Methoden der Potascheprfung haben ihre
  grossen Mngel, weil sie die in den Potaschesorten enthaltene Soda
  unbercksichtigt lassen und die Qualitt der Kalisalze summarisch
  behandeln. Und doch sind diese Kalisalze fr den Techniker von sehr
  verschiedenem Werth; das Kaliumcarbonat ist mehr werth als das
  Chlorkalium, letzteres wieder weniger als das Kaliumsulfat. Es bleibt
  somit nichts brig, als bei Werthermittelung von Potaschen vollstndige
  Analysen auszufhren, d. h. jedes der darin enthaltenen Salze zu
  bestimmen, fr jedes der Salze einen Werth per Procent auszusetzen und
  diese Werthe sodann zu einer den Werth des Produktes ausdrckenden
  Gesammtsumme zu vereinigen. Durch Anwendung der Titriranalyse ist dies
  gegenwrtig leicht. Der Gang der von =H. Grneberg= beschriebenen
  Methode ist folgender: Es wird der alkalimetrische Gehalt der zu
  untersuchenden Potasche nach der =Gay-Lussac='schen Methode als
  Kaliumcarbonat gesucht, das Chlor mit salpetersaurem Silber, die
  Schwefelsure mit salpetersaurem Blei bestimmt. Das vorhandene Kali
  wird als Weinstein abgeschieden und hieraus berechnet. Smmtliches
  gefundene Chlor wird auf Chlorkalium und smmtliche Schwefelsure auf
  Kaliumsulfat berechnet, der an Chlor und Schwefelsure nicht gebundene
  Rest des gefundenen Kali, abgesehen von zu vernachlssigenden kleinen
  Quantitten Kaliumsilicates, welches als Carbonat gefunden wird, ist
  als Kaliumcarbonat vorhanden und wird als solches berechnet. Das so
  ermittelte Kaliumcarbonat wird von den alkalimetrisch gefundenen
  Potascheprocenten in Abrechnung gebracht und der verbleibende Rest auf
  Natriumcarbonat im Verhltniss von 69,1 : 53,0 calculirt.


                   Das Ammoniak und die Ammoniaksalze.

[Sidenote: Allgemeines ber Ammoniak.]

Das =Ammoniak= findet sich fertig gebildet in der Luft und in Gestalt von
Ammoniaksalzen in einigen Mineralien, auch entsteht es in betrchtlicher
Menge als vulkanisches Produkt. Die grsste Menge des Ammoniaks und der
Ammoniaksalze, welche in der Technik Verwendung finden, wird jedoch
gewonnen durch trockne Destillation der Steinkohlen, der Knochen und
hnlicher Thiersubstanzen, durch Fulniss des Harnes und Destillation der
ammoniakhaltigen Flssigkeit und durch Einwirkung von berhitzten
Wasserdmpfen auf gewisse Cyanverbindungen. Die Gewinnung des Ammoniaks
durch Reduktion der Salpetersure und aus den Hohofengasen ist
gleichfalls erwhnenswerth. Die von der Technik benutzten Quellen des
Ammoniaks sind:

                             {  1) das natrliche kohlensaure Ammoniak,
                             {  2) die Herstellung von Ammoniaksalzen bei
                             {       der Borsuregewinnung,
                             {  3) der vulkanische Salmiak,
  [Greek: a]) =Anorganische= {  4) Ammoniak aus der Salpetersure beim
                 Quellen.    {                  Reinigen von Aetznatron,
                             {  5)    "      "  dem Stickoxyd und der
                             {                  salpetrigen Sure,
                             {  6)    "      "  dem Stickstoff der Luft,
                             {  7)    "      "  gewissen Cyanverbindungen;

                             {  8) die Steinkohle liefert Ammoniak
                             {     a) bei der trocknen Destillation behufs
                             {          der Leuchtgasbereitung,
  [Greek: b]) =Organische=   {     b) bei deren Ueberfhrung in Koks,
                Quellen.     {     c) bei ihrer Verbrennung als
                             {        Brennmaterial;
                             {  9) Ammoniak aus gefaultem Harn,
                             { 10)    "     durch Destillation der
                             {              Knochen,
                             { 11)    "     aus Rbensaft.

  Das Ammoniak NH_{3} besteht aus 1 Vol. Stickstoff und 3 Vol.
  Wasserstoff, welche sich zu 2 Vol. Ammoniakgas verdichtet haben, ist
  ein farbloses Gas, besitzt den bekannten durchdringenden Geruch und
  tzenden alkalischen Geschmack. Wasser absorbirt bei +15 das 727-, bei
  0 das 1050fache seines Volumens an Ammoniakgas und die so erhaltene
  =Ammoniakflssigkeit= (Salmiakgeist, Ammonhydroxyd) hat das spec.
  Gewicht von 0,824 (= 31,3 Proc. NH_{3}). Fr den technischen und
  pharmaceutischen Gebrauch ist aber eine geringhaltige Flssigkeit
  zweckmssiger und haltbarer und man stellt fast durchgngig
  Salmiakgeist von 0,960 spec. Gewicht (= 9,75 Proc. NH_{3}) dar.
  Folgende Tabelle giebt den Zusammenhang des spec. Gewichtes des
  Salmiakgeistes mit seinem Gehalte an Ammoniak an:

                      Spec. Gewicht.   NH_{3} Proc.
                          0,875           32,50
                          0,824           31,30
                          0,900           26,00
                          0,905           25,39
                          0,925           19,54
                          0,932           17,52
                          0,947           13,46
                          0,951           12,0
                          0,953           11,5
                          0,955           11,0
                          0,957           10,5
                          0,959           10,0
                          0,961            9,5
                          0,963            9,0
                          0,965            8,5
                          0,968            8,0
                          0,970            7,5
                          0,972            7,0
                          0,974            6,5
                          0,976            6,0
                          0,978            5,5

  Auch in Alkohol ist das Ammoniakgas in reichlicher Menge lslich. Der
  Salmiakgeist findet zahlreiche technische Anwendungen, so z. B. zum
  Extrahiren der Orseillefarbstoffe aus den Flechten, der Cochenille, als
  Beizezusatz in der Schnupftabakfabrikation, zum Reinigen des
  Leuchtgases von Kohlensure und Schwefelwasserstoff, zum Verseifen der
  Fette und Oele, nach dem Vorschlage von =Glis= zur Fabrikation des
  Blutlaugensalzes mit Hlfe von Schwefelkohlenstoff, zum Auflsen des
  Silbers (Chlorsilbers) aus den Erzen, als Antichlor in den
  Bleichereien, in den Lack- und Farbenfabriken u. dgl. Was die Anwendung
  des Salmiakgeistes zum Extrahiren des Kupfers aus kiesigen Kupfererzen
  betrifft, so ist von =G. Barruel= im Jahre 1852 behauptet worden, dass
  sich das Kupfer ohne vorhergehende Rstung aus den Erzen (Kupferkies,
  Fahlerz) durch Ammoniak ausziehen lasse. Zu dem Ende solle man durch
  das feingepulverte, mit Salmiakgeist angerhrte Erz einen Luftstrom
  treiben. Das Kupfer lse sich vollstndig auf und verbleibe nach dem
  Abdestilliren der ammoniakalischen Flssigkeit als Kupferoxyd in
  schwarzen glimmerartigen Blttchen. =v. Hauer= erhielt, als er diese
  Methode versuchte, unbefriedigende Resultate. =Schnbein= hat den
  Vorgang, der bei der Kupfergewinnung durch Ammoniak stattfindet,
  studirt und gefunden, dass es nicht sowol das Ammoniak ist, welches aus
  den Kupfererzen das Kupfer als Oxyd auflst, als vielmehr die durch
  Oxydation des Ammoniaks gebildete salpetrige Sure. In Anschluss an die
  Arbeit von =Schnbein= hat =Tuttle= gefunden, dass die Oxydation des
  Ammoniaks gleichzeitig mit der des Kupfer stattfinde und durch diese
  bedingt sei. Was die praktische Verwendung des vorstehenden Verfahrens
  anlangt, so wurde bei einem am Rheine angestellten Versuche gefunden,
  dass das Ammoniak, obgleich man in luftdichten Gefssen arbeitete, nur
  zum Theil wiedergewonnen werden kann. =v. Liebig= hat diese Erscheinung
  aus der Beobachtung von =Way= (die indessen thatschlich von =Bronner=
  zu Wiesloch bei Heidelberg herrhrt) zu erklren gesucht, dass die
  thonigen Bestandtheile des am Rhein angewendeten Kupferschiefers das
  Ammoniak der Lsung entziehen, hnlich wie dies bei Ackerkrume der Fall
  ist. Damit ist aber auch der Anwendung des Salmiakgeistes zur
  Kupferextraktion das Urtheil gesprochen, da es kein Mittel giebt, die
  Absorption desselben durch das Erzpulver zu verhten. Die Eigenschaft
  thonreicher Erden und hnlich constituirter Mischungen, Ammoniak und
  Ammoniaksalze aus ihren wsserigen Lsungen aufzunehmen und unlslich
  zu machen, ist berhaupt stets bei der technischen Verwendung des
  Ammoniaks ins Auge zu fassen. Handelt es sich darum, das in den Erzen
  als Malachit und Lasur enthaltene Kupfer bei starkem Kalkgehalt der
  Erze in Lsung zu bringen, so kann man mit Erfolg, wie die Versuche von
  =Langsdorf= zu Thal-Itter gezeigt haben, Ammoniak (sowol tzendes, als
  auch kohlensaures) verwenden. -- Erwhnenswerth ist die Anwendung des
  Salmiakgeistes zur =knstlichen Eiserzeugung= nach dem Verfahren von
  =Carr=; das Princip dieser Eisbildung beruht auf der Austreibung des
  Ammoniakgases aus seiner wsserigen Lsung durch Erwrmen, welches
  sofort in einem hinreichend starken Condensator aufgefangen und durch
  Abkhlung und Druck verflssigt wird. Wird nun die Retorte nach
  Austreibung des Ammoniakgases in kaltes Wasser gestellt, so entsteht
  ein Vacuum in dem Apparate und es erfolgt eine abermalige Verdampfung
  des im Condensator befindlichen flssigen Ammoniaks, das wieder von dem
  Wasser in der Retorte absorbirt wird. Um aber von Neuem seinen
  gasfrmigen Zustand zu erlangen, muss es bedeutende Mengen Wrme
  aufnehmen, die es seiner nchsten Umgebung entzieht, wodurch die zur
  Eiserzeugung erforderliche Temperaturerniedrigung entsteht. Die
  =Carr='sche Eismaschine liefert fr jedes verbrannte Kilogramm Kohle
  10 Kilogr. Eis. -- Nicht mit Stillschweigen ist endlich der Vorschlag
  von =Fournier= zu bergehen, das Ammoniakgas als Prfungsmittel fr die
  Dichtheit der Leuchtgasleitungsrhren zu benutzen. Zu diesem Behufe
  leitet man das Leuchtgas durch Salmiakgeist, ehe es in die Leitung
  gelangt. Man braucht nun blos bei geschlossenen Brennern lngs der
  smmtlichen Theile der Leitung einen mit Salzsure befeuchteten
  Glasstab oder rothes Lakmuspapier hinzufhren, um die undichten Stellen
  zu entdecken. Oft ist brigens schon der Geruch ausreichend, um die
  Undichtheiten zu erkennen. -- Was die Wichtigkeit des Ammoniaks und der
  Ammoniaksalze im Allgemeinen betrifft, so nimmt dieselbe von Tag zu Tag
  zu und zwar nicht nur fr die Zwecke der Agricultur und insofern das
  Ammoniak ein unentbehrlicher Krper fr die Salpeterbildung ist,
  sondern auch, weil in vielen Fllen das Ammoniak an die Stelle des Kali
  zu industriellen Zwecken tritt.

  In neuerer Zeit ist des Ammoniakgas auch als =Motor= angewendet worden.
  Diese =Ammoniakgaskraftmaschinen= grnden sich darauf, dass aus
  wsseriger Ammoniaklsung durch Erhitzung das Gas ausgetrieben wird.
  Das Gas lsst man in einer Kolbenmaschine wirken, welche ebenso wie
  eine Dampfmaschine mit Condensation eingerichtet ist. Nachdem das
  Ammoniakgas in dem Cylinder thtig gewesen, wird es von kaltem Wasser
  absorbirt. Diese Lsung wird von Neuem zur Entwickelung von Ammoniakgas
  benutzt. Derartige Maschinen sind construirt worden von =v.
  Waeyenberch= u. A. =Tellier= schlgt das Ammoniakgas zum Luftleermachen
  von Tonnen und Fssern vor, =Frommont= construirte mit Ammoniakgas
  betriebene Pumpen.

[Sidenote: Darstellung des Salmiakgeistes.]

Der Salmiakgeist wird dargestellt, indem man Salmiak oder Ammonsulfat in
der Wrme durch Aetzkalk zersetzt und das sich entwickelnde Ammoniakgas
von kaltem Wasser verschlucken lsst. In der Praxis wird der Kalk immer
im Ueberschuss angewendet, so dass gleiche Theile Ammoniaksalz und Kalk
genommen werden. Bei gewissen technisch-chemischen Operationen entweicht
Ammoniakgas in grosser Menge, so z. B. bei der Bereitung von
Ammoncarbonat durch Sublimation eines Gemenges von Salmiak und Kreide,
wobei auf 100 Th. des erhaltenen Ammoncarbonates gegen 14 Th. Ammoniakgas
frei werden, die von Wasser aufgefangen und auf Salmiakgeist benutzt
werden knnen. Es ist durch =Wagner= aufmerksam gemacht worden, dass
unter gewissen rtlichen Verhltnissen die Fabrikation von Salmiakgeist
(zu technischem Gebrauche) mit der des Barytweiss verknpft werden kann,
indem man aus einer Lsung von Ammonsulfat die Schwefelsure mittelst
Aetzbaryt als Barytweiss ausfllt und die klare Flssigkeit von dem
Niederschlage trennt.

[Illustration: Fig. 110.]

  Zur Darstellung des Salmiakgeistes im Grossen wendet man den Fig. 110
  im Durchschnitt abgebildeten Apparat an. Zur Entwickelung des Gases
  dient eine gusseiserne Blase _A_, die bis an die obere Wlbung in einen
  Ofen eingemauert ist. Den Hals der Blase verschliesst eine durch
  Mennigekitt verdichtete und mit Schrauben befestigte eiserne Platte,
  durch welche ein eisernes Rohr _m_ das Ammoniakgas nach dem
  Waschgefsse _B_ fhrt. Letzteres besteht aus einem in einen
  Holzbottich eingesetzten verschlossenen Blechgefss, durch dessen obere
  Mndung ein weites Rohr _o_ eintritt, in welches das Gasleitungsrohr
  _m_ mndet. Das Waschgefss ist nur so weit mit Wasser angefllt, dass
  das Rohr _n_ und das Gasleitungsrohr _o_ eben in dasselbe
  tauchen, da im Laufe der Operation aus der Blase _A_ ziemlich viel
  Wasser berdestillirt, das sich in _B_ verdichtet. Man bringt 100 Th.
  gelschten Kalkes mit Wasser zu einem dnnen Kalkbrei angerhrt in die
  Blase und fgt, nachdem der Kalkbrei vllig erkaltet ist, 100 Th.
  gepulverten Salmiak oder schwefelsaures Ammoniak unter Umrhren des
  Kalkbreies mit einem eisernen Stabe zu. Nachdem der Deckel lutirt und
  aufgeschraubt, beginnt man mit der Feuerung auf dem Roste _C_. Das in
  dem Deckel der Blase befindliche Quecksilbermanometer _b_ gestattet den
  Gang der Entwickelung zu beobachten. Das Ammoniakgas tritt aus dem
  Waschgefss durch das Rohr _t_ in den von =Brunnquell= vorgeschlagenen
  Absorptionsapparat _D_, welcher berall zu empfehlen ist, wo man unter
  geringem Druck arbeitet. Dieser Apparat besteht aus einem grossen
  Kasten und vier flachen Ksten _a' a'' a''' a''''_ mit ihrer Mndung
  nach unten gekehrt und einer auf den andern gestellt. In den Boden der
  letzteren Ksten sind abwechselnd auf dem einen, bei dem nchsten auf
  dem andern Ende der schmalen Seite Ausschnitte angebracht. Der Kasten
  ist mit Wasser gefllt. Tritt nun durch das Gasleitungsrohr _t_
  Ammoniakgas in den Kasten _a''''_, so wird sich dasselbe unter
  demselben zu einer sich vergrssernden Blase (etwa wie die Luftblasen
  unter dem Eise) ausbreiten, bis es die Oeffnungen erreicht hat, durch
  welche sodann das Gas in einzelnen Blasen aufsteigt, um unter dem
  zweiten, dritten und vierten Boden dasselbe Spiel zu beginnen. Der
  Kasten wird in einen Holzbottich eingesetzt, in welchem zum Zweck der
  Abkhlung Wasserwechsel stattfindet. Die eiserne Blase _A_ hat eine
  solche Capacitt, dass sie 20 Kilogr. Ammonsulfat und 80 Liter Wasser
  zu fassen vermag. Die Arbeit ist beendigt, wenn der Boden der Blase bis
  zum Dunkelrothglhen erhitzt ist und das Quecksilber im Manometer am
  niedrigsten steht. Die im Waschapparat _B_ befindliche Flssigkeit
  lsst sich zum Anrhren des gelschten Kalkes bei einer spteren
  Operation wieder verwenden. In neuerer Zeit stellt man grosse Mengen
  von (zu technischem Gebrauch bestimmten) Salmiakgeist direct aus dem
  Gaswasser der Leuchtgasfabriken dar, indem man dasselbe mit Kalkhydrat
  destillirt (siehe unten).

  Die durch die Untersuchungen von =H. Rose=, =Persoz= und =Rammelsberg=
  bekannte Thatsache, dass Chlorcalcium Ammoniakgas aufnimmt und beim
  Erhitzen wieder abgiebt, hat =Knab= zur Magazinirung des Ammoniakgases
  zu verwenden gesucht. Whrend strkster Salmiakgeist nur 25 Proc.
  NH_{3} enthlt, finden sich in dem =Knab='schen Prparat 50 Proc. Fr
  den Transport ist der Vorschlag =Knab='s nicht ohne Interesse.

[Sidenote: Anorganische Ammoniakquellen.]

Bevor die Darstellung der Ammoniaksalze aus Knochen, Steinkohlen und Harn
geschildert werden wird, seien in der Krze I. die =anorganischen
Quellen= des Ammoniaks, von denen einige bereits industrielle Bedeutung
erlangt haben, angefhrt.

  1) Das =natrliche kohlensaure Ammoniak= findet sich in grosser Menge
  in den Guanolagern von Peru, Chile und der Westkste von Patagonien.
  Nach Deutschland kam es als Handelsartikel zuerst im Jahre 1848. Die
  Analyse einer Probe ergab 20,44 Ammoniak, 54,35 Kohlensure, 21,54
  Wasser und 21,54 unlsliche Theile, wonach es Ammonbicarbonat
  (NH_{4})HCO_{3} ist.

  2) Die Gewinnung von =natrlichem Ammonsulfat= als Nebenprodukt der
  Borsurefabrikation in Toskana hat seit einigen Jahren riesige
  Dimensionen angenommen. Die Suffioni enthalten nmlich ausser der
  Borsure die Sulfate von Kali, Natron, Ammoniak, Rubidion etc. Wie
  gross die Menge dieser Substanzen ist, erhellt aus einem in Travale
  angestellten Versuche. Vier Suffioni ergaben innerhalb 24 Stunden nicht
  weniger als 5000 Kilogr. Salz, bestehend aus 150 Kilogr. Borsure, 1500
  Kilogr. (= 30 Ctr.) Ammonsulfat, 1750 Kilogr. Bittersalz, 750 Kilogr.
  Eisen- und Manganvitriol etc. Das Ammoniak ist wahrscheinlich ein
  Produkt der stickstoffhaltigen organischen Krper, die in reichlicher
  Menge in den Gebirgen Toskana's vorkommen. Das Erdreich in der Umgebung
  der Lagunen enthlt Ammonsulfat in grosser Menge; in Verbindung mit
  Eisen-, Natrium- und Magnesiumsulfat bildet es das von =Bechi=
  entdeckte Mineral =Boussingaultit=.

  3) Die Ammoniaksalze =vulkanischen Ursprungs= haben fr die Technik
  wenig Interesse. Ammonsulfat findet sich als =Mascagnin= als Sublimat
  am Vesuv und Aetna. Ebenso auch Salmiak, welcher hufiger und zuweilen
  in grosser Menge vorkommt; so fand es sich z. B. auf dem Aetna in den
  Jahren 1635 und 1669 in solcher Menge, dass es eingesammelt und nach
  den Stdten Catania und Messina zum Verkauf gebracht werden konnte. Der
  Strom von 1832 setzte so viel Salmiak ab, dass der Fhrer des Geologen
  =Elie de Beaumont='s durch das Einsammeln desselben seinen
  Lebensunterhalt gewinnen konnte.

  4) Bei zahlreichen anorganisch-chemischen Processen bildet sich
  Ammoniak, bei nur wenigen jedoch in solcher Menge, dass dessen
  Gewinnung vortheilhaft erscheint. Dies ist z. B. der Fall bei der
  =Bereitung von Aetznatron= (vergl. Seite 207) und dem Reinigen
  desselben durch Natriumnitrat. Die Menge des sich hierbei entwickelnden
  Ammoniaks ist so bedeutend, dass eine Condensation desselben lohnend
  erscheint; man htte in diesem Falle den zum Abdampfen der Lauge
  dienenden Kessel mit einem gewhnlichen Koksthurme zu verbinden. Stellt
  man Natriumarsenit dadurch dar, dass man arsenige Sure in Natronlauge
  lst, die Lsung des Natriumarsenits zur Trockne verdampft und den
  Rckstand mit Natriumnitrat mischt und erhitzt, so findet gleichfalls
  bedeutende Ammoniakentwickelung statt.

  5) Auch als =Nebenprodukt der Schwefelsurefabrikation= hat man
  Ammoniak zu gewinnen gesucht, indem man die entweichenden salpetrigen
  Dmpfe in Ammoniak umwandelt. Nach =W. Neath= leitet man diese Dmpfe
  mit Wasserdampf gemischt durch eine bis zur Rothglhhitze erhitzte
  Retorte, die mit Holzkohlenstckchen angefllt ist. Das hierbei
  entstandene Ammoniak wird auf gewhnliche Weise durch Schwefelsure
  aufgefangen. Es ist nicht wahrscheinlich, dass vorstehendes Verfahren
  mit Erfolg zur Verdichtung und Verwerthung der aus der Bleikammer
  entweichenden Dmpfe wird Anwendung finden knnen, da die Absorption
  der salpetrigen Dmpfe durch Schwefelsure nichts zu wnschen brig
  lsst; jedoch lsst sie sich vielleicht unter Umstnden in chemischen
  Fabriken benutzen, so z. B. bei der Darstellung des Nitrobenzols in den
  Anilinfabriken, der Oxalsure, der Pikrinsure etc.

  6) Vielfache Versuche, den =Stickstoff der Luft= auf directem Wege in
  Ammoniak berzufhren, haben bisher zu keinem praktischen Ergebniss
  gefhrt. Beachtenswerth vielleicht ist der Vorschlag =Fleck='s, ein
  Gemenge von Stickstoff, Kohlenoxyd und Wasserdampf ber glhendes
  Kalkhydrat zu leiten, wobei sich Ammoniak und Kohlensure bilden:

              Stickstoff 2N  }       { Ammoniak 2NH_{3}
              Kohlenoxyd 3CO } geben {  und
              Wasser 3H_{2}O }       { Kohlensure 3CO_{2}

  7) Wichtiger ist die =indirecte= Benutzung des atmosphrischen
  Stickstoffs zur Ammoniakbildung. Nach den Vorschlgen von =Margueritte=
  bildet man zunchst =Cyanbarium= und treibt den Stickstoff desselben
  bei 300 durch einen Dampfstrom in Gestalt von Ammoniak aus. Nach dem
  englischen Patente calcinirt man in einem Tiegel Bariumcarbonat mit 20
  bis 30 Proc. Steinkohlentheer, um die Masse zu zertheilen und pors zu
  machen. Nachdem auf diese Weise Baryt dargestellt worden ist, lsst man
  abkhlen und bringt das kohlehaltige Gemisch in eine thnerne oder
  eiserne Retorte. Hierauf lsst man einen Strom Luft einstrmen, welcher
  vorher mit Wasserdampf gesttigt wurde, indem man ihn ber siedendes
  Wasser streichen liess. Sorgt man dafr, dass das Gemisch constant auf
  einer Temperatur von 300 erhalten wird, so entweicht Ammoniak in
  reichlicher Menge, indem smmtlicher Stickstoff des zuerst entstandenen
  Cyanbariums in Form von Ammoniak ausgetrieben wird. Der in Form von
  Carbonat zurckbleibende Baryt wird immer wieder verwendet. Die Praxis
  hat sich noch nicht ber den Werth des vorstehenden Verfahrens
  ausgesprochen. Bei dieser Gelegenheit sei die merkwrdige
  Ammoniakentwickelung erwhnt, welche stattfindet, wenn die Rohsoda aus
  dem Ofen kommt, und bis zum Erkalten der Masse fortwhrt. Ohne Zweifel
  bildet sich dieses Ammoniak durch die Einwirkung der feuchten Luft auf
  die Cyanalkalimetalle, die in der rohen Soda in nicht unbetrchtlicher
  Menge sich finden. In der chemischen Fabrik von =Kuhlmann= in Lille
  werden zur Zeit Versuche ber die erwhnte Ammoniakerzeugung
  angestellt. Auch die Bildung des Ammoniaks in den mit Koks betriebenen
  Hohfen ist bei dieser Gelegenheit anzufhren; wenn man in Betracht
  zieht, dass nach =Bunsen= und =Playfair= der Alfreton-Hochofen tglich
  mindestens 224,7 Pfd. Cyankalium erzeugt, und in demselben Hohofen aus
  den Gichtgasen tglich 2-14/100 Ctr. Salmiak als Nebenprodukt ohne
  erhebliche Kostenerhhung des Betriebes und ohne die mindeste Strung
  des Eisenprocesses gewonnen werden knnen, so liegt die Vermuthung
  nahe, dass dieses Ammoniak ein Zersetzungsprodukt der whrend des
  Hohofenprocesses sich bildenden Cyanre sei.

[Sidenote: Organische Ammoniakquellen.]

Weit wichtiger fr den Techniker als die anorganischen Bildungsweisen das
Ammoniaks sind II. die =organischen Quellen=, unter denen 8) die
=Steinkohle= oben an steht. Die Steinkohle giebt ihren Stickstoff,
welcher im Durchschnitte 0,75 Proc. vom Gewicht der lufttrocknen Kohle
ausmacht, als Ammoniak bei drei Anwendungen der Kohle ab, nmlich

  [Greek: a]) bei der trocknen Destillation behufs der
  =Leuchtgasbereitung=, wo das Ammoniak in dem Condensations- oder
  Gaswasser auftritt, welches im Wesentlichen eine wsserige Lsung von
  Ammonsesquicarbonat ist. Diese Quelle des Ammoniaks ist eine reichlich
  sprudelnde. In London allein destillirt man jhrlich 1 Million Tonnen
  Steinkohle zur Leuchtgasfabrikation; nimmt man an, dass aller
  Stickstoff als Salmiak gewonnen werden knne, so erhielte man gegen
  194,460 Ctr. davon als jhrliches Produkt;

  [Greek: b]) bei der Ueberfhrung der Steinkohle in =Koks= bildet sich
  ebenfalls Ammoniak, welches man neuerdings ebenfalls in Ammoniaksalze
  berzufhren gesucht hat. Nach zahlreichen erfolglos gebliebenen
  Versuchen ist es in jngster Zeit auf den grossen Kokswerken in Alais
  in Frankreich gelungen, Ammoniaksalze mit Vortheil zu gewinnen. Auch in
  den Kokswerken der _Socit de carbonisation de la Loire_ bei St.
  Etienne werden in dem =Knab='schen Koksofen grosse Mengen von
  Ammoniaksalzen gewonnen. Es sei bei dieser Gelegenheit darauf
  aufmerksam gemacht, dass bei der immer noch im Steigen begriffenen
  Wichtigkeit der Theerfarben die ltere Methode der Koksbereitung
  verlassen und ein neues Verfahren eingefhrt werden sollte, welches die
  Gewinnung des der Theerfarbenindustrie unentbehrlichen Benzols
  gestattet und die der Ammoniaksalze erleichtert;

  [Greek: g]) bei der Verbrennung der Steinkohlen als =Brennmaterial=
  entweicht ein Theil des Stickstoffs derselben als Ammoniak. Obgleich
  die Bedingungen, unter denen die Steinkohle unter einer Feuerung am
  vollstndigsten und besten verbrennt, gerade diejenigen sind, bei denen
  die Bildung des Ammoniaks verhtet wird, und die Condensation des
  Ammoniaks aus den Rauchgasen auf grosse Schwierigkeiten stsst, so
  liegen doch vielfache Versuche vor, das fr die Technik so beraus
  wichtige Problem zu lsen. Eine Entziehung des Ammoniaks aus den
  Verbrennungsgasen dadurch, dass man dieselben ber Gyps, Eisenvitriol,
  Manganchlorr, verwitterte Braunkohle u. dgl. leitet, bietet
  Schwierigkeiten dar, es scheint daher vortheilhafter, sogleich bei der
  Verbrennung der Steinkohle dahin zu streben, dass das Ammoniak in den
  Verbrennungsgasen in Form eines leicht condensirbaren Salzes, z. B. von
  Salmiak, enthalten sei. Es werden zu dem Ende die Kohlen mit einer
  Lsung von Chlormagnesium befeuchtet, wozu Mutterlauge der Salinen oder
  der Verarbeitung des Carnallits Anwendung finden kann. Die bei der
  Verbrennungstemperatur aus dem Chlormagnesium sich entwickelnde
  Salzsure verbindet sich mit dem gleichzeitig entstandenen Ammoniak zu
  Salmiak. Die Verbrennungsgase werden aus dem Rauchfange in eine Kammer
  geleitet, vielleicht unter Mitwirkung eines Exhaustors, worin sich der
  Salmiak absetzt, der durch Sublimation gereinigt wird. =Kuhlmann= liess
  die aus dem zum Brennen der Knochen dienenden Ofen austretenden, mit
  den Verbrennungsgasen der Steinkohlen gemischten Dmpfe, bevor sie in
  den Schornstein gelangten, durch einen grossen steinernen Behlter
  strmen, in welchem durch eine Art Schpfrad bestndig
  Chlormanganlsung gehoben und in Regenform ausgegossen wurde. Die
  salmiakhaltige Flssigkeit wurde auf Salmiak verarbeitet. Das Resultat
  entsprach jedoch nicht den gehegten Erwartungen, da der sich schnell
  absetzende Russ der Absorption Hindernisse bereitete.

[Sidenote: Ammoniak aus den Condensationswasser der Gasfabriken.]

Wie aus Vorstehendem folgt, haben die Ergebnisse der Bestrebungen, den
Stickstoff der Steinkohle bei der Koksbereitung und bei ihrer Benutzung
als Brennmaterial als Ammoniak zu verwerthen, fr die Technik der
Gegenwart nur untergeordnete Bedeutung, desto wichtiger ist die =trockne
Destillation der Steinkohle= zum Zwecke der Leuchtgasbereitung, welche
die hauptschlichste Ammoniakquelle ist, die berhaupt existirt. Bei der
Destillation der Steinkohle bilden sich ausser den gasigen Produkten, die
das Leuchtgas ausmachen, Dmpfe, die nach ihrer Verdichtung als Theer und
als =Gas-= oder =Condensationswasser= auftreten. Letzteres ist im
Wesentlichen eine wsserige Lsung von Ammonsesquicarbonat, welches
ausserdem noch Schwefelammon und Cyanammon, neben geringen Mengen von
Schwefelcyanammon und Salmiak enthlt. Durch Theerbestandtheile ist es
ferner stets gefrbt und verunreinigt.

  Der Gehalt an Ammoniak ist selbstverstndlich kein constanter; derselbe
  hngt ab von dem Feuchtigkeitsgrade der Gaskohlen, dem
  Stickstoffgehalte derselben und der bei der Destillation eingehaltenen
  Temperatur. Je hher letztere ist und je lnger dieselbe einwirkt,
  desto mehr wird der Stickstoff der Steinkohle als Ammoniak auftreten,
  whrend er ausserdem zum Theil als Anilin, Chinolin, Lepidin u. s. w.,
  zum Theil auch als Cyan auftritt. In der Steinkohle in dem Zustande
  (mit etwa 5 Proc. hygroskopischem Wasser), wie sie in den Gasfabriken
  Anwendung findet, ist 0,75 Proc. Stickstoff enthalten. 100 Kilogr.
  einer solchen Steinkohle knnen demnach unter den gnstigsten
  Verhltnissen nur 0,91 Kilogr. Ammoniak liefern[71]. Im Durchschnitt
  hat man gefunden, dass 1 Kubikmeter Gaswasser wenigstens 50 Kilogr.
  trocknes Ammonsulfat giebt, so dass zur Herstellung von 100 Kilogr.
  dieses Salzes 20 Hektoliter (= 40 Ctr.) Gaswasser erforderlich sind.

  [71] Nach =A. W. Hofmann= (Report by the Juries, London 1863 p. 57)
       giebt die Steinkohle bei der Destillation sogar nur 1/3 ihres
       Stickstoffs ab, 2/3 davon bleiben in dem Koks. Genaue Versuche in
       dieser Richtung liegen jedoch nicht vor.

  Das Ammoniak des Gaswassers lsst sich auf verschiedene Weise gewinnen.
  Dort, wo man Absatzquellen fr unreinen Salmiak (oder Ammonsulfat) und
  billiges Brennmaterial hat, kann man das Gaswasser direct mit Salzsure
  neutralisiren und die Flssigkeit dann verdampfen. Ein solches
  Verfahren findet z. B. in einer Salmiakfabrik zu Liverpool statt, wo
  man whrend der kalten Jahreszeit wchentlich gegen 300 Ctr. Rohsalmiak
  darstellt.

  In den meisten Fllen wird das Gaswasser einer Dampfdestillation
  unterworfen, um das Ammoncarbonat daraus zu entfernen, welches entweder
  auf Ammonsulfat (wie bei dem von =Mallet= construirten Apparat) oder
  auf Salmiakgeist (wie bei der Vorrichtung =Rose='s) verarbeitet wird.

[Illustration: Fig. 111.]

[Sidenote: Mallet's Apparat.]

  Der Apparat =Mallet='s, der in mehreren grsseren Gasfabriken
  angewendet wird und Fig. 111 im Vertikaldurchschnitte dargestellt ist,
  grndet sich darauf, dass Wasserdampf in grosse mit Gaswasser
  angefllte Gefsse geleitet wird, aus denen er das reine oder
  kohlensaure Ammon, je nachdem man vorher Kalk zusetzt oder nicht,
  austreibt, welches in eine saure Flssigkeit gelangt, wodurch es in
  schwefelsaures Ammoniak bergefhrt wird. Er besteht aus zwei (oder
  drei) staffelfrmig ber einander stehenden Kesseln _A_ und _B_ aus
  starkem Eisenblech. _A_ steht direct ber der Feuerung und ist am
  Deckel mit einem Bleirohr _c_ versehen, welches in die Flssigkeit des
  zweiten eingemauerten Kessels _B_ taucht, welcher nach und nach erwrmt
  wird. Jeder Kessel ist mit einem Mannloch _b_ und _e_ und mit einem
  Rhrapparat _a_ und _a'_ versehen. Die beiden Kessel _A_ und _B_ stehen
  unter sich ausser durch das Rohr _c_ auch noch durch das Rohr _d_ in
  Verbindung, durch welches das erschpfte Gaswasser aus _B_ nach _A_
  gelangen kann, um aus _A_ durch ein mit Hahn versehenes Rohr (in der
  Zeichnung nicht sichtbar) abzufliessen. Die beiden Kessel werden mit
  Gaswasser unter Zusatz von Kalkmilch angefllt. Es wird das Ammoniak
  frei und es bilden sich Calciumcarbonat und Schwefelcalcium, welche
  nach dem Austreiben des Ammoniaks in dem Wasser zurckbleiben. Die zu
  behandelnden Gaswsser gelangen schon vorgewrmt mittelst des Rohres
  _h_ aus dem Khlapparat _D_ in die beiden Kessel. Der Khlapparat _D_
  wird durch die Trichterrhre _g_ aus dem Reservoir _E_ gespeist. Das
  aus dem Kessel _A_ sich entwickelnde Ammoniakgas geht nebst einem
  Dampfstrom in den Kessel _B_, erwrmt das daselbst befindliche
  Gaswasser und treibt das Ammoniak aus demselben aus. Das Gas geht aus
  _B_ durch das Rohr _c'_ in den Waschapparat und von da in den
  Khlapparat _D_, in welchem mit Gaswasser gekhlt wird, und zuletzt in
  den Khlapparat _F_, den man mit gewhnlichem Wasser khlt. Das in
  beiden Khlapparaten condensirte Wasser und das Ammoniakgas gelangen
  in das Gefss _G_, aus welchem die Pumpe _R_ die Flssigkeit in das
  Waschgefss _C_ fhrt, aus welchem es von Zeit zu Zeit in den Kessel
  _B_ abgelassen wird, um das Ammoniak ein zweites Mal auszutreiben. Das
  nicht verdichtete Ammoniakgas geht aus dem Gefsse _G_ in einen
  Woulf'schen Apparat. Die erste Flasche _H_ enthlt Olivenl, welches
  die dem Ammoniak beigemengten Kohlenwasserstoffe zurckhalten soll, die
  Flasche _I_ Natronlauge, um das Gas von allen fremden Krpern zu
  befreien, die letzte Flasche endlich ist zur Hlfte mit reinem Wasser
  angefllt. Aus dieser letzten Waschflasche geht das Ammoniakgas in ein
  grosses, mit Blei ausgefttertes Gefss _L_, welches verdnnte
  Schwefelsure, wenn man Ammonsulfat darstellen will, oder Wasser
  enthlt, wenn man Salmiakgeist darzustellen beabsichtigt. Das Gefss
  _L_ wird mit kaltem Wasser gekhlt und ist mit einer Trichterrhre _i_
  zum Einfllen der Sure und mit einem Rohre versehen, welches das nicht
  absorbirte Gas in das mit Wasser gefllte Gefss fhrt. Der Inhalt des
  Sttigungsgefsses _L_ wird nach geschehener Neutralisation zum
  Krystallisiren verdampft.

[Illustration: Fig. 112.]

[Sidenote: Rose's Apparat.]

  Handelt es sich um die Darstellung von Salmiakgeist, so kann der von
  =Rose= in Schningen bei Braunschweig construirte Apparat, welcher in
  Fig. 112 im vertikalen Durchschnitt abgebildet ist, empfohlen werden.
  Dieser Apparat besteht aus dem direct erhitzten Kessel _A_, den
  Vorwrmern _B_ und _C_, welche durch die Verdichtungsrhren _d_, _e_
  und _f_ erhitzt werden, ferner aus den durch die Leitung _g_ mit den
  Condensatoren verbundenen Absorptionsgefssen _D_, _E_ und _F_, von
  welchen die beiden letzteren durch die Gasfilter _G_ und _H_ mit
  einander in Verbindung stehen. Das vorgewrmte Gaswasser in _B_ und _C_
  kann durch die mit Hhnen versehenen Rhren _m_ und _l_ in den Kessel
  geleitet werden, whrend das kalte Gaswasser nicht in den Kessel,
  sondern stets in die beiden Khlapparate _B_ und _C_ kommt. Der Kessel
  wird mit 2/3 seines Volumens an Gaswasser und 1/3 Kalkhydrat beschickt.
  Die blechernen Gasfilter _G_ und _H_ sind durch Bleirohr mit einander
  verbunden und mit frisch ausgeglhter Holzkohle beschickt, welche aus
  dem durchgehenden Gase alle brenzlichen Stoffe aufnimmt. Von den
  Absorptionsgefssen enthlt _D_ Salzsure, dagegen _E_ und _F_ reines
  Wasser. Nachdem Kessel, Vorwrmer und Absorptionsgefsse beschickt und
  die Gasfilter aufgesetzt sind, beginnt die Feuerung unter dem Kessel
  _A_; das mit Wasserdampf gemischte Ammoniakgas verliert in den
  Condensatoren _e_ und _f_ einen Theil seines Wassers, welches in den
  Kessel zurckluft. In die Flssigkeit im Kessel ist eine mit
  Messingfeile gefllte Blechhlse _b_ eingelassen, in welcher ein
  Thermometer angebracht ist. Sobald die Temperatur 92-94 C. zeigt, wird
  der Hahn _h_ geffnet und der bisher offene Hahn _i_ geschlossen, damit
  das Ammoniakgas in die Salzsure des Gefsses _D_ strme. Nachdem die
  Gasfilter, durch welche das Ammoniakgas bisher gereinigt wurde, durch
  neue ersetzt sind, schliesst man _h_ und lsst das Gas wieder durch _i_
  nach _E_ und von da aus durch die Gasfilter _G_ und _H_ nach dem
  Hauptabsorptionsgefsse _F_ treten. Die Gasfilter werden erneuert,
  sobald die Temperatur im Kessel _A_ auf 96, 98 und 100 gestiegen
  ist. Hat die Temperatur 103 C. erreicht (dabei ist vorausgesetzt, dass
  der Siedepunkt des Wassers an dem betreffenden Orte = 100 C. ist), so
  ist aus der Flssigkeit in _A_ alles Ammoniak entwichen und man lsst
  sie durch den Hahn _a_ abfliessen. Der Kessel wird von Neuem mit Kalk
  und mit dem vorgewrmten Gaswasser aus den Vorwrmern _B_ und _C_
  beschickt. Whrend die Temperatur im Kessel _A_ nach und nach auf 103
  steigt, erwrmt sich der Vorwrmer _B_ auf 90 und _C_ auf 25-32. Das
  Gefss _F_ enthlt 150-120 Liter Wasser, welche in Salmiakgeist von
  0,910-0,920 specifisches Gewicht bergefhrt werden. Vorstehend
  beschriebener Apparat, bei welchem durch die glsernen
  Sicherheitsrhren _c_ und _n_ eine Controle fr die Grsse des
  Gasdruckes geboten ist, kann in den Gasfabriken so angebracht werden,
  dass die belriechenden Gaswsser aus den cementirten und
  verschlossenen Cisternen in gusseisernen Rhren in die Vorwrmer
  geleitet werden knnen und auf diese Weise die Verarbeitung ohne alle
  Belstigung fr die Umwohnenden vor sich geht.

[Illustration: Fig. 113.]

[Sidenote: Lunge's Apparat.]

  Vorstehendem Apparat ist bei weitem der von =G. Lunge= angegebene
  vorzuziehen. _a_ (Fig. 113) ist der Destillirkessel, _b_ das Gasrohr,
  welches sich in die Schlange _c_ fortsetzt, die in dem mit
  Ammoniakwasser gefllten Gefsse _d_ aus Eisenblech (besser als von
  Holz, ausser wenn dieses mit Blei ausgelegt ist) liegt. Das Rohr _e_
  mit Hahn gestattet es, den Inhalt von _d_ nach _a_ fliessen zu lassen,
  wenn dieses nach Beendigung der Arbeit entleert worden ist. Das
  Ablassrohr _f_ ist so angebracht, dass es nicht leicht durch den Kalk
  verstopft und jedenfalls ohne Schwierigkeit gereinigt werden kann. _g_
  ist das Kegel- oder Kugelventil, welches whrend der Arbeit das
  Ablassrohr _f_ verschliesst. Der rechenfrmige Rhrer _h_ dient dazu,
  um den Kalk nicht am Boden anbrennen zu lassen und ihn vor dem Ablassen
  aufzurhren. _h_ ist das Fllrohr fr das Gefss _d_. Man bemerke auch
  das Verbindungsrohr _i_, dessen Hahn geffnet wird, wenn die
  Flssigkeit in _d_ zu heiss wird und Dmpfe entbindet; diese gehen dann
  durch _i_ nach _b_ und _c_, gemeinschaftlich mit den Dmpfen aus dem
  Kessel _a_. Sie gehen weiter nach dem Waschgefsse _k_, welches man mit
  Kalkmilch fllen kann; auch knnte man es z. B. mit Holzkohle
  beschicken, man msste dann nur statt des Flltrichters eine weitere
  Oeffnung anbringen. Dann gehen die Dmpfe in das Absorptionsgefss _l_,
  welches aus Holz, mit Blei ausgelegt, besteht. Das Blei darf nicht
  gelthet, sondern muss mit der Knallgasflamme zusammengeblasen sein.
  Das Gas tritt durch das unten trichterfrmig erweiterte Bleirohr _m_
  ein; unter diesem steht eine Bleischale. Diese ist als Verbesserung
  angebracht, weil der Bleiboden da, wo die Dmpfe direct auf ihn blasen,
  sehr schnell zerstrt wird; auch kann man das Gasrohr nicht aufwrts
  biegen, weil es sich dann zu leicht verstopfen wrde. _o_ ist ein
  kleineres, oben offenes Gefss von Holz mit Bleiverkleidung, in welches
  man die Sureballons ausleert; die Sure dann fliesst durch den mit
  Thonhahn versehenen Heber _p_ in das Saturationsgefss _l_ ab, indem
  man ihre Menge so regulirt, dass die Flssigkeit nur immer eben sauer
  bleibt. Die entweichenden Dmpfe werden in der Haube _r_ aufgefangen
  und durch ein weites (punktirt angegebenes) Rohr in den nchsten
  Schornsteinzug, am besten aber noch durch ein brennendes Feuer gefhrt.
  Man kann auch den Zugcanal von dem Kessel _a_ her unter dem Boden von
  _l_ her fhren, welcher dann natrlich nicht eine Unterlage von Holz,
  sondern von Eisen haben muss; aber dies ist kaum nthig, da schon
  ohnehin eine usserst reichliche Ausscheidung von Salz in _l_
  stattfindet. Man zieht dasselbe von der offenen Vorderseite (rechts)
  aus auf dem geneigten Boden nach der Vertiefung _s_ hin, in welcher ein
  durchlcherter Bleieimer steht; wenn dieser voll von Salz ist, zieht
  man ihn vermittelst der abgebildeten Kette und Rolle in die Hhe, was
  durch Hlfe des Gegengewichtes _t_ ohne alle Mhe geschehen kann, lsst
  ihn einige Augenblicke abtropfen und entleert ihn dann in den
  Weidenkorb _u_, von welchen mehrere an der Seitenwand das Gefss _l_
  entlang stehen. Im Uebrigen wird verfahren wie bei dem Apparate von
  =Rose=, nur ist kein Abdampfen erforderlich, da alle Mutterlaugen nach
  _l_ zurcklaufen.

[Sidenote: Ammoniak aus gefaultem Harne.]

Eine wichtige Ammoniakquelle ist 9) der =gefaulte Harn=. Wenn
stickstoffhaltige organische Krper der Fulniss unterliegen, so bildet
sich stets Ammoniak und zwar, wenn der organische Krper eine
Protensubstanz war, zum Theil als kohlensaures Ammoniak, zum Theil als
Schwefelammon. War dagegen der organische Krper schwefelfrei, und nur
solche knnen zur Herstellung des Ammoniaks Verwendung finden, so bildet
sich nur Ammoncarbonat. Dies ist der Fall bei der Fulniss des Harnes, wo
der Harnstoff CH_{4}N_{2}O unter Wasseraufnahme in Ammoncarbonat
bergeht. Der gefaulte Harn wird entweder fr sich benutzt, so z. B. zum
Entschweissen der Wolle und zum Entfetten des Tuches, oder der
Destillation unterworfen. Das Destillat nennt man =Harngeist=.

[Illustration: Fig. 114.]

  Zur Destillation eignet sich besonders der von =Figuera= in dessen
  Fabrik zu Bondy bei Paris angewendete Apparat, der auch in Deutschland
  bekannt zu werden verdient. Der Inhalt der Latrinen und Kloaken von
  Paris wird in la Villette deponirt und von da mittelst colossaler
  Pumpen in ein Leitungsrohr getrieben, welches, mit dem Ourcq-Canal
  parallel laufend, in der Entfernung von einigen Kilometern in die
  grossen Reservoirs mndet, die in der Nhe von Bondy, mitten im Walde
  gleichen Namens liegen. Nach einiger Zeit scheidet sich in diesen
  Reservoiren eine feste Masse ab, welche nach berstandener Ghrung und
  dem Trocknen als =Poudrette= in den Handel gelangt. Die ber diesem
  Absatz stehende ziemlich klare Flssigkeit zapft man in andere Bassins
  ab. Man nennt diese Flssigkeit _Eaux vannes_, wir wollen sie Glle
  nennen. Sowie dieselbe in die Bassins kommt, enthlt sie nur wenig
  Ammoniak, das aber in grosser Menge sich bildet, sobald die Flssigkeit
  in Fulniss tritt. Nach etwa einem Monat ist die Flssigkeit zur
  Destillation reif. Der Apparat =Figuera='s (Fig. 114) besteht
  wesentlich aus einem Dampfkessel, dessen Dampf in zwei grosse
  Eisenblechcylinder strmt, die mit gefaulter Glle angefllt sind; das
  ausgetriebene kohlensaure Ammoniak verdichtet sich zunchst in dem
  bleiernen Schlangenrohre eines Khlapparates und gelangt im
  tropfbarflssigen Zustande in eine saure Flssigkeit, wodurch es in
  Ammonsulfat bergefhrt wird. Die Einrichtung des Apparates ist
  folgende: Der Holzbottich _A_ fasst 250 Hektoliter Glle und wird durch
  das Rohr _h_ gefllt. _C_ und _C'_ sind zwei Blechgefsse von je 100
  Hektoliter Capacitt, _P_ und _P'_ sind hnliche, doch weit kleinere
  Gefsse, deren Bestimmung weiter unten angegeben werden wird. Beim
  Beginn der Arbeit wird der 130 Hektoliter fassende Dampfkessel _W_ mit
  der durch die vorhergehende Destillation fast erschpften Flssigkeit
  aus _C_ und _C'_ gefllt; sie enthlt noch kleine Mengen von Ammoniak
  und ist ausserdem so heiss, dass die Operation ununterbrochen fortgehen
  kann. Die in _A_ vorgewrmte Glle geht durch ein vom Boden des
  Bottiches _A_ ausgehendes Rohr nach _C_ und von da durch das Rohr _h''_
  nach _C''_, worauf _A_ mit neuer Glle gespeist wird. Der Dampfkessel
  ist mit drei Rhren versehen; _T_ ist das Dampfrohr, das Rohr _m_ geht
  in den Kessel bis auf einige Centimeter vom Boden herab und erhebt sich
  hier ber die Bedachung der Fabrik; _n_ ist ein Sicherheitsrohr und
  zeigt zugleich durch Emporsteigen von Schaum an, sobald die Flssigkeit
  im Dampfkessel bis zur unteren Mndung des Rohres _m_ gefallen ist; _v_
  endlich ist ein gewhnliches mit Hahn verschlossenes Rohr. Der in dem
  Dampfkessel entwickelte Dampf geht durch das Rohr _T_ und nimmt die
  kleine Menge Ammoniak mit sich, welche die Flssigkeit im Dampfkessel
  noch enthielt; der Dampf geht zunchst nach _C_ und entwickelt daraus
  kohlensaures Ammoniak, welches durch das Rohr _t_ in das Gefss _P_
  entweicht. Letzteres Gefss hat folgenden Zweck: Der in _C_
  einstrmende Dampf bewirkt ein Wallen der Flssigkeit und
  betrchtliches Schumen. Unter normalen Verhltnissen steigt der Schaum
  in dem Rohr _t_ empor und darf selbst in _P_ eine gewisse Hhe
  erreichen, das Gefss aber nie anfllen, weil sonst der Schaum in das
  Rohr _T'_ steigen und die Flssigkeit in dem Gefsse _C'_ verunreinigen
  wrde. Um den Stand des Schaums in dem Gefsse _P_ zu erkennen, nimmt
  der Arbeiter von Zeit zu Zeit einen der drei Holzpfropfen heraus,
  welche drei Oeffnungen in verschiedener Weite an der Seite
  verschliessen, und sieht, durch welche Oeffnung der Schaum ausfliesst.
  Hlt er den Gang der Operation fr zu heftig, so mssigt er das Feuer
  unter dem Dampfkessel. Aus dem Gefss _P_ geht der Dampf durch _T'_
  nach _C'_, wo er auf die nmliche Weise wirkt wie in _C_, entweicht
  durch das Rohr _t'_, passirt durch das zweite Probegefss _P'_ und geht
  von da mittelst des Rohres _T''_ in das Bleirohr des Khlapparates, wo
  er durch die Glle, die als Khlwasser dient, condensirt wird. Die
  verdichteten Produkte begeben sich durch das Rohr _t''_ in einen mit
  Bleiplatten ausgeftterten Bottich, der die zur Sttigung des Ammoniaks
  erforderliche Menge Schwefelsure enthlt. Nach beendigter
  Destillation, die ungefhr zwlf Stunden dauert, wird der Dampfkessel
  durch das Rohr _v_ ausgeleert und sofort wieder mit Glle aus _C_ und
  _C'_ angefllt, worauf die Arbeit von Neuem beginnt. Der Ammoniakgehalt
  der in Bondy verarbeiteten Glle ist ein nicht constanter; im
  Durchschnitt aber lsst sich annehmen, dass 1 Kubikmeter (etwa 40
  Kubikfuss) 9-12 Kilogr. Ammonsulfat liefern. Jede Destillation giebt
  gegen 200 Kilogr. davon. Da die Fabrik in Bondy mit eilf Apparaten
  arbeitet, so producirt sie tglich etwa 2200 Kilogr. (= 50 Ctr.)
  Ammonsulfat, was einem Quantum von 2500 bis 3000 Hektoliter Glle
  entspricht. -- Wie wichtig die Gewinnung von Ammoniaksalzen aus dem
  Harn werden knnte, geht aus dem Umstande hervor, dass, wenn man in
  Paris die 800,000 Kubikmeter Harn, die jhrlich in den Gossen und
  Abzugscanlen verloren gehen, auf Ammoniak verarbeiten wollte, man
  ungefhr 7-800,000 Kilogr. Ammonsulfat (= 140-160,000 Ctr.) gewinnen
  wrde.

[Sidenote: Ammoniak aus Knochen.]

10) Durch =trockne Destillation= von =Thiersubstanzen=, als der
=Knochen=, des Horns (Hufe von Pferden, Rindvieh, Hornspne von
Horndrehern), der Abgnge von Huten (Schwanz-, Kopf- und Fussenden aus
den Gerbereien), des Fleisches gefallener Thiere, getrockneter
menschlicher oder thierischer Excremente etc., zersetzt sich die
organische Substanz und der grsste Theil derselben geht in Gestalt von
Ammoncarbonat, Wasser, Cyan und Schwefelammon und eines Oeles, Thierl
oder Knochenl ber, in welchem =Anderson= ausser einigen ihrer
Constitution nach noch unbekannten Basen (Pyrrolbasen) und einer Reihe
von Basen der Aethylaminreihe, folgende organische Basen nachgewiesen
hat: Pyridin C_{5}H_{5}N, Picolin C_{6}H_{7}N, Lutidin C_{7}H_{9}N und
Collidin C_{8}H_{11}N. Der organische Theil der genannten Thiersubstanzen
enthlt 12 bis 18 Proc. Stickstoff, so z. B. der Knochenknorpel 18 Proc.,
so dass der Stickstoffgehalt der Knochen, in denen der Knorpel 1/3 des
Gewichtes ausmacht, gegen 6 Proc. betrgt. Bffelhorn enthlt 17 Proc.,
wollene Lumpen enthalten 10 Proc., altes Leder 6,7 Proc. Stickstoff.

  Die Menge des Ammoniaks in den Produkten der Destillation wechselt
  nicht nur nach der Art und Gte der Rohmaterialien, sondern auch nach
  der Art der Destillation und Khlung und nach der bei ersterer
  angewendeten Temperatur. Das Ammoncarbonat, welches bei der trocknen
  Destillation als Hauptprodukt sich bildet, setzt sich zum Theil in den
  Khlgefssen im festen Zustande als sogenanntes =Hirschhornsalz= (_sal
  cornu cervi_) ab, oder bleibt zum Theil in der wssrigen Flssigkeit
  gelst (Hirschhorngeist, spiritus cornu cervi).

[Illustration: Fig. 115.]

  Die Fabrikation der Ammoniaksalze durch trockne Destillation von
  Thiersubstanzen, einst schwunghaft betrieben und die hauptschlichste
  Ammoniakquelle bildend, hat seit der allgemeinen Verbreitung der
  Leuchtgasfabrikation aus Steinkohle und der Verarbeitung der dabei
  fallenden Condensationswsser auf Ammoniaksalze allen Boden verloren
  und geschieht nur noch dort, wo die Verkohlung der Thiersubstanz die
  Fabrikation von Knochenkohle, von Blutlaugensalz und von Phosphor zum
  Zwecke hat. In fast allen diesen Fllen wird die Darstellung der
  Ammoniaksalze als ein notwendiges Uebel betrachtet. Die
  Thiersubstanzen, z. B. die Knochen, werden auf die Weise verkohlt, dass
  man dieselben in eiserne Retorten oder Cylinder bringt, hnlich denen,
  in welchen die Steinkohlen zum Zwecke der Leuchtgasbereitung destillirt
  werden, und die entweichenden Produkte in Vorlagen und Khlapparaten
  auffngt. Fig. 115 zeigt einen solchen Apparat. Die zur Destillation
  der Knochen dienenden fnf Retorten sind in dem Gewlbe eines Ofens
  eingemauert und sind an ihrem hinteren Ende mit Rhren _c c_ versehen,
  welche die sich bildenden Gase und Dmpfe in die erste Bleikammer _B_
  leiten; was sich darin nicht verdichtet, geht durch das Rohr _d_ in die
  zweite Bleikammer _C_. Die in den Kammern verdichtete Masse wird durch
  Sublimation in eisernen Tpfen _D D_ mit bleiernen Deckeln gereinigt.
  Unterwirft man nicht Knochen, sondern andere Thiersubstanzen, wie Horn,
  Wolllumpen, Kalbshaare oder Lederabflle zum Zwecke der
  Blutlaugensalzbereitung der trocknen Destillation, so erhlt man kein
  festes Ammoncarbonat, sondern eine ammoniakalische Flssigkeit von
  13-15 B., welche auf verschiedene Weise zu gute gemacht werden kann.
  Das ammoniakalische Wasser wird entweder fr sich mit Schwefelsure
  oder Salzsure neutralisirt, wobei sich in der Regel noch braune
  Theerflocken abscheiden, und dann nach dem Filtriren auf die
  entsprechenden Salze verarbeitet, oder auf andere Weise verwerthet. So
  schlgt =Gentele= hierzu folgenden Weg ein in dem Falle, dass die
  Phosphorfabrikation nicht als selbstndiger Industriezweig, sondern
  neben der Fabrikation von Knochenleim, Salmiak und Blutlaugensalz
  betrieben wird. Der Betrieb steht dann in folgendem Zusammenhange: Die
  zur Herstellung von Blutlaugensalz angewendeten Thierstoffe werden
  verkohlt; die Thierkohle dient zur Blutlaugensalzfabrikation; das als
  Nebenprodukt gewonnene Ammoncarbonat wird zur Bereitung von Salmiak
  benutzt. Die Knochen werden nach ihrer Entfettung mit Salzsure
  ausgezogen und der zurckbleibende Knorpel auf Knochenleim verarbeitet.
  Das in der Salzsure aufgelste Calciumphosphat fllt man mit
  Ammoncarbonat und verwendet es zur Phosphordarstellung. Die ber dem
  Niederschlage stehende Salmiaklsung wird auf Salmiak verarbeitet.

  Wo die Oertlichkeit es gestattet, verwendet man die Mutterlaugen von
  Salzsoolen, von der Verarbeitung des Carnallits auf Chlorkalium, vom
  Meerwasser etc., welche smmtlich reich an Chlormagnesium sind, zur
  Darstellung von Salmiak, indem man diese Flssigkeiten mit dem
  Hirschhorngeist fllt. Die zu verschiedenen Zeiten von =Dyar= und
  =Hemming=, =Schloesing= u. A. gemachten Vorschlge, das Ammoncarbonat
  haltige Wasser durch Mischen mit concentrirter Kochsalzlsung und
  Einleiten von Kohlensuregas zur Fabrikation von Salmiak und von
  Natriumbicarbonat zu verwenden, sind im Grossen kaum praktisch
  ausfhrbar.

[Sidenote: Ammoniak aus Rben.]

  Ammoniak 11) als Nebenprodukt der =Rbenzuckerfabrikation=. Beim Kochen
  des Rbensaftes entwickelt sich Ammoniak in reichlicher Menge, welches
  man auf Ammonsulfat verarbeitet. Das Ammoniak ist ein
  Zersetzungsprodukt der in dem Rbensafte sich findenden Asparaginsure
  und des Betans. Eine Fabrik, die jhrlich 200,000 Ctr. Rben
  verarbeitet, knnte 877 Ctr. Ammonsulfat (nach =Renard=, 1869) als
  Nebenprodukt gewinnen.

[Sidenote: Technisch wichtige Ammoniaksalze.]

=Technisch wichtige Ammoniaksalze.= Der =Salmiak= (Chlorammonium,
salzsaures Ammoniak) NH_{4}Cl besteht in 100 Theilen aus

                    Ammoniak  31,83      Ammon  33,75
                                    oder
                    Salzsure 68,22      Chlor  66,25

und kam in frherer Zeit aus Aegypten, welches vom 13. Jahrhundert an bis
zur zweiten Hlfte des 18. Jahrhunderts das ausschliessliche Privilegium
besass, ganz Europa mit Salmiak zu versorgen. Man bereitete den Salmiak
in Aegypten durch Verbrennen des Kameelmistes, wo derselbe als
Brennmaterial dient. Die Nahrung des Kameels besteht fast nur als
Salzpflanzen. Der Salmiak findet sich theils fertig gebildet in der
Kameelglle, theils und zwar hauptschlich bildet er sich erst beim
Verbrennen des Mistes aus den in den Excrementen enthaltenen
stickstoffhaltigen Substanzen und den Chlormetallen (Chlorkalium,
Chlornatrium). In dem beim Verbrennen des an der Sonne getrockneten
Kameelmistes sich bildenden Russ ist der Salmiak enthalten. Er wurde
sorgfltig gesammelt und dann in besonderen Anstalten der Sublimation
unterworfen.

[Illustration: Fig. 116.]

  Auf Grund der in Aegypten gemachten Erfahrungen hat man in Gegenden, wo
  der Mist nur wenig Werth hat und als Brennmaterial dient durch
  Nachahmung jenes Vorganges Salmiakfabriken zu grnden versucht, indem
  man die Excremente der Thiere mit Kochsalz vermischte, diese trocknete
  und dann verbrannte. In Europa stellte man zuerst Salmiak durch trockne
  Destillation der Oelkuchen und aus dem beim Brennen der Pechkohle sich
  bildenden Russ dar. Die erste Salmiakfabrik Deutschlands war die der
  Gebrder =Gravenhorst= in Braunschweig (1759). Heutzutage wird der
  Salmiak aus dem Ammoniak dargestellt, welches als Produkt der trocknen
  Destillation der Knochen und der Steinkohlen, sowie der Destillation
  des gefaulten Harnes auftritt. Man erhlt, wie oben ausfhrlich
  errtert, durch Neutralisation des Gaswassers mit Salzsure (vergl.
  Seite 256), als Nebenprodukt bei der Fabrikation von Knochenleim und
  Phosphor (vergl. Seite 261), aus Ammoncarbonat und Kochsalzlsung,
  chlormagnesiumhaltiger Mutterlauge etc. (vergl. Seite 261) und endlich
  aus Ammonsulfat und Kochsalz. Der auf die eine oder die andere Weise
  erhaltene, stets gelblich gefrbte Rohsalmiak muss behufs seiner
  Reinigung sublimirt werden. Die =Sublimation= geschieht in gusseisernen
  flachen =Kesseln= _w_ (Fig. 116), die aus Platten zusammengenietet und
  inwendig mit feuerfesten Steinen ausgesetzt sind. Unter dem Kessel
  befindet sich die Feuerung. Nachdem der Salmiak in den Kessel
  eingetragen und festgestampft worden ist, beginnt man den Kessel
  vorsichtig zu erwrmen, bis aus dem Salmiak alles Wasser ausgetrieben
  worden ist. Darauf legt man auf den Rand des Kessels einen Ring aus
  Lehmbrei und drckt in diesen einen Deckel aus Gusseisen _F_, _G_ und
  _H_, welcher die Gestalt eines Uhrglases hat. Diese Deckel lassen sich
  mittelst der Rollen und Gewichte _B_, _C_ und _D_ heben und senken.
  Anstatt dieser Deckel wendet man auch Hauben von Blei an, deren obere
  Oeffnung mit einer eisernen Stange lose verschlossen ist. Damit der
  Deckel whrend der Sublimation durch den Druck im Innern nicht
  abgeworfen werde, beschwert man ihn mit Gewichten oder befestigt ihn
  sonst auf dem Kessel. Die Eisenstange wird whrend der Sublimation von
  Zeit zu Zeit herausgezogen, um den nicht verdichteten Dmpfen Ausgang
  zu verschaffen. Nach und nach verstrkt man das Feuer. Die Temperatur
  ist mit grosser Sorgfalt zu reguliren; wre die Wrme zu gering, so
  wrde man ein lockeres und undurchsichtiges Produkt erhalten und nicht
  das feste und durchscheinende Produkt, wie es im Handel gewnscht wird.
  Bei zu hoher Temperatur dagegen knnten die in dem Rohsalmiak
  enthaltenen organischen Substanzen verkohlen und durch die sich hierbei
  bildenden flchtigen Produkte den Salmiak verunreinigen. Die Erfahrung
  hat gelehrt, dass es vortheilhaft sei, mglichst grosse
  Sublimationsgefsse, etwa von 2-1/2-3 Meter innerem Durchmesser
  anzuwenden. Wenn der sublimirte Kuchen eine Dicke von 6-12 Centim.
  erreicht hat, unterbricht man die Sublimation, entfernt die erhrtete
  Masse aus dem Deckel oder der Haube und befreit sie mittelst eines
  Hobels von anhngenden Unreinigkeiten. Eine neben den Sublimirfen
  befindliche Trockenvorrichtung, welche mit Hlfe des Schiebers _E_ und
  der Vorrichtung _A_ verschlossen werden kann, dient zum Trocknen des zu
  sublimirenden Salmiaks.

[Illustration: Fig. 117.]

  Gegenwrtig geschieht das Sublimiren des Salmiaks hufig auch in
  =Tpfen= oder auch in =Glaskolben=. Der zu sublimirende Salmiak wird
  mit 20-30 Proc. seines Gewichtes gepulverter Thierkohle gemengt und das
  Gemisch in einer erhitzten Schale aus Thon oder aus Blei bis zur
  staubigen Trockne erwrmt und dann in die Sublimirgefsse gebracht.
  Diese sind in einigen Fabriken Tpfe _B_ und _M_ (Fig. 117) aus
  Steinzeug, welche in zwei Reihen auf einem Gewlbe ber einer Feuerung
  _G_ stehen. Jeder Topf ist 50 Centimeter hoch. Oben wird durch eine
  eiserne Platte, welche jedem Topfe entsprechende Ausschnitte hat, das
  Ganze geschlossen. Jeder Topf wird mit einem andern topfhnlichen
  Gefsse, meist einem Blumentopfe, bedeckt. Die Sublimirtpfe stehen bis
  an den Blumentopf in Sand. In Fabriken, wo man Glaskolben zum
  Sublimiren verwendet, sind diese Kolben 60 Centim. hoch, mit einem
  Durchmesser von 30 Centim. und mit einem etwas abgeplatteten Boden
  versehen. An der Stelle, wo der Hals auf den Kolben aufsitzt, sind sie
  abgesprengt. 16 dieser Kolben, von denen ein jeder mit 9 Kilogr. des
  Gemisches von Salmiak mit Kohle beschickt ist, werden in zwei Reihen
  auf einen Galeerenofen gebracht und in eiserne Sandkapellen eingesetzt,
  so dass die Kolben etwa 1/3 ihrer Hhe ber den Kapellenrand
  hervorragen. Der Kolben wird bis fast an den Hals mit einer
  fingerdicken Sandschicht belegt, vorher aber mit einer Bleiplatte
  berdeckt. Im Anfange der Operation lsst man einige Minuten die
  Salmiakdmpfe aus dem offen gehaltenen Kolben entweichen, damit die im
  Kolben befindliche Luft ausgetrieben werde, und bedeckt dann die
  Kolbenffnung mit einer gut schliessenden Bleiplatte. Sobald letztere
  mit einem glasartig glnzenden Sublimat bedeckt erscheint, wird der
  ber die Kapelle sich erhebende Kolbentheil von allem Sande entblsst
  und nun Sorge getragen, dass die Bleiplatten nicht zu fest an den
  Kolben backen, zu welchem Behufe der Arbeiter von Zeit zu Zeit an die
  untere Bleiflche klopft. Erscheint der Salmiak glasig und wird beim
  Anklopfen die Bleiplatte nicht mehr unter Entwickelung von Dampf
  gehoben, so lsst man die Platte ruhig auf dem Kolben, damit der
  Salmiak zu einer glashnlichen Masse sublimire. Dem vollstndigen
  Verschliessen der oberen Oeffnung muss durch zeitweiliges Nachbohren
  mit einem spitzigen Eisen vorgebeugt werden. Nach 12 bis 16 Stunden ist
  die Sublimation beendigt. Es werden dann die Bleiplatten entfernt und
  durch Korkpfropfen oder durch Baumwollbusche ersetzt, und die Kapellen
  langsam erkalten gelassen. Whrend des Abkhlens dehnt sich der Salmiak
  aus und sprengt die Glaskolben. Der von den Glasscherben befreite
  Salmiakhut wird mittelst eines Messers von allen unreinen Stellen durch
  Schaben befreit und dann in Hutform verpackt. Der auf diese Art
  sublimirte Salmiak ist krystallinisch und vollkommen weiss. Handelt es
  sich darum, ihn vollkommen frei von Eisen zu haben, so mischt man den
  zu sublimirenden Salmiak mit 5 Proc. saurem Calciumphosphat oder 3
  Proc. Ammonphosphat. Hierdurch wird des Chloreisen zersetzt und das
  Eisen bleibt als Phosphat in der Retorte zurck, whrend der Salmiak im
  eisenfreien Zustande sublimirt.

  Der im Handel vorkommende Salmiak ist entweder sublimirt oder
  krystallisirt. Ersterer bildet meniskenhnliche Scheiben von 5-15
  Kilogr. Gewicht (die englischen Salmiakbrote sind bis zu 50 Kilogr.
  schwer), welche weiss und durchscheinend, fett glnzend, klingend und
  aus parallelen faserigen und splittrigen Schichten gebildet sind.
  Gewhnlich sind sie aus mehreren Schichten gebildet. Der krystallisirte
  Salmiak oder die Salmiakblume wird erhalten, indem man den durch
  Umkrystallisiren gereinigten Salmiak mit siedend gesttigter
  Salmiaklsung zu einem dicken Brei anrhrt und diesen dann in
  Zuckerformen aus Steinzeug oder glasirtem Eisen stampft, nach dem
  Abtropfen der Lauge aus der Form entfernt und die Brote nach dem
  vollstndigen Trocknen in blaues Papier gepackt in den Handel bringt.
  -- Der Salmiak findet in grosser Menge in der Arzneikunde Anwendung. In
  der Technik verwendet man ihn beim Verzinnen und Verzinken des Kupfers,
  Eisens und Messings, sowie beim Lthen. Ausserdem dient derselbe in der
  Zeugdruckerei, der Farbenfabrikation, vor dem Bekanntwerden des
  =Deville='schen Verfahrens in der Platingewinnung und Fabrikation des
  Platinschwammes, in der Schnupftabakfabrikation, zur Herstellung von
  Eisenkitt (1 Th. Salmiak, 2 Th. Schwefel und 50 Th. Eisenfeilspne),
  von reinem Salmiakgeist, Ammoncarbonat und anderen Ammoniakprparaten.

[Sidenote: Ammonsulfat.]

Das =Ammonsulfat= (schwefelsaures Ammoniak) (NH_{4})_{2}SO_{4} findet
sich in der Natur in kleiner Menge in dem Mineral =Mascagnin=, in grosser
Menge neben der Borsure in Toskana und macht einen Bestandtheil des
=Boussingaultits= (vergl. Seite 253) aus.

  Man erhlt es, wie schon in dem Vorhergehenden erwhnt, durch
  Neutralisation von Ammoncarbonat aus dem Condensationswasser der
  Gasfabriken, den Produkten der trocknen Destillation der Knochen, des
  gefaulten Harnes mit Schwefelsure (Kammersure), oder durch Zersetzen
  desselben mit Gyps oder mit Eisenvitriol. Es wird durch Abdampfen und
  Krystallisirenlassen der Lsung gewonnen. Die bei Anwendung von
  Theerwasser in der Regel braungefrbten Krystalle lassen sich durch
  Wiederauflsen, Filtriren der Lsung durch Thierkohle und
  Krystallisiren reinigen oder dadurch, dass man die Lsung bis zur
  Krystallisation bringt und die aus der Flssigkeit whrend des
  Abdampfens sich abscheidenden Krystalle herauskrckt, sie in Krben
  abtropfen lsst und sie dann auf erwrmten Platten von Charmottesteinen
  scharf trocknet. Hierdurch werden die anhngenden Theertheile bis zur
  vlligen Zersetzung erhitzt, ohne dass das Ammonsulfat eine Vernderung
  erleidet, welches man nun durch Behandeln mit Wasser, Filtriren und
  Abdampfen der Lsung in vllig reinem Zustande erhlt. Fr die
  Darstellung des Ammonsulfates ist es von Belang, dass durch Sttigen
  von Ammoncarbonat mit schwefliger Sure (durch Rsten von Pyriten,
  Zinkblende etc. erhalten) dargestelltes Ammonsulfit an der Luft nach
  und nach in Ammonsulfat bergeht. Dieses Salz ist das wichtigste aller
  Ammoniaksalze, insofern es den Ausgangspunkt zur Fabrikation des
  Salmiaks, des Ammoncarbonates, Salmiakgeistes etc. bildet. Fr sich
  findet es ausgedehnte Anwendung in der Alaunfabrikation und von
  Dngerprparaten. Eine wsserige Lsung von Ammonsulfat (1 : 10) ist
  empfohlen worden, um leicht feuerfangende Gewebe und Gespinnste vor der
  Entflammung zu schtzen.

[Sidenote: Ammoncarbonat.]

Das =Ammoncarbonat=, wie es in der Technik und Pharmacie Verwendung
findet, ist sogenanntes anderthalb-kohlensaures Ammon oder
Ammonsesquicarbonat und ist nach der Formel (NH_{4})_4C_{3}O_{8} oder
2([NH_{4}]_{2}CO_{3}) + CO_{2} zusammengesetzt. Es wird entweder direct
aus den Produkten der trocknen Destillation der Knochen oder durch
Sublimiren eines Gemenges von Salmiak mit Kreide gewonnen.

  Was die erstere Methode betrifft, so erhlt man bei der trocknen
  Destillation von Knochen ausser dem Hirschhorngeist, der wesentlich
  eine wsserige Lsung von kohlensaurem Ammon ist, in den aus
  Steinplatten zusammengefgten Condensationskammern ein festes Sublimat
  von kohlensaurem Ammon (=Hirschhornsalz=), welches durch beigemengten
  Thiertheer und Oel eine brunlichgelbe Farbe besitzt und durch
  Sublimation in reines kohlensaures Ammon bergefhrt wird. Fr
  pharmaceutische Zwecke stellt man das kohlensaure Ammon durch
  Sublimation eines Gemenges von Kreide mit Salmiak oder besser mit
  Ammonsulfat dar. Zur Sublimation wendet man denselben Apparat an,
  dessen man sich zum Reinigen des Hirschhornsalzes bedient. In die
  Sublimirgefsse bringt man ein Gemenge von 4 Th. Kreide, 4 Th.
  Ammonsulfat und 1 Th. Holzkohlenpulver. Die Temperatur wird nach und
  nach bis zum schwachen Glhen des Kesselbodens gesteigert. Man erhlt
  stets ein reines und weisses Sublimat. Das hierbei in reichlicher Menge
  sich entwickelnde Ammoniakgas lsst man von mit Schwefelsure
  imprgnirten Koksstckchen oder auch von Wasser absorbiren, wenn man
  Salmiakgeist darstellen will. =Kunheim= stellt das Ammoncarbonat durch
  Zersetzen von Salmiak mit Bariumcarbonat dar, wobei Chlorbarium als
  Nebenprodukt erhalten wird. Das Ammoncarbonat bildet in frisch
  sublimirtem Zustande eine weisse krystallinische und durchscheinende
  Masse, die an der Luft unter Aufnahme von Wasser Ammoniak abgiebt und
  dadurch oberflchlich in Ammonbicarbonat (Ammonhydrocarbonat (NH_{4}}
  CO_{3}) bergeht; letzteres giebt sich als Ueberzug von weissem
  Krystallmehl zu erkennen, H} welches durch Schaben und Brsten leicht
  entfernt werden kann. Seines stechenden Geruches wegen fhrt das
  kohlensaure Ammoniak den Namen =Riechsalz=. Das unreine kohlensaure
  Ammoniak ist das Rohmaterial zur Herstellung der brigen Ammoniaksalze,
  ferner verwendet man es zu gleichen Zwecken wie das unreine
  Aetzammoniak als Fleckwasser, zum Lsen von Fett, zum Extrahiren von
  Flechtenfarbstoffen in der durch die Anilinfarbenfabrikation in den
  Hintergrund gedrngten Herstellung der Orseille u. s. w. Das reine
  Ammoncarbonat findet in der Heilkunde Anwendung und wird ausserdem in
  der Zucker- und Lebkuchenbckerei zum Auftreiben des Teiges angewendet.

[Sidenote: Ammonnitrat.]

Das =Ammonnitrat= (salpetersaures Ammon) (NH_{4})NO_{3}, durch Umsetzung
aus Ammonsulfat und Kaliumnitrat erhalten, wobei aus der Flssigkeit
zuerst Kaliumsulfat sich abscheidet und das in der Flssigkeit bleibende
Ammonnitrat durch Abdampfen und Krystallisirenlassen der Lsung gewonnen
wird, krystallisirt in sechsseitigen Sulen wie der Salpeter und lst
sich ausserordentlich leicht in Wasser. Beim Auflsen in Wasser bewirkt
es eine derartige Temperaturabnahme, dass man es als sogenanntes
=Gefriersalz= zur Herstellung von Eis in den Glaciren benutzt hat. Beim
Erhitzen zerfllt es in Stickoxydulgas und Wasserdampf (N_{2}O +
2H_{2}O), eine Eigenschaft, von der vielleicht bei der Bereitung von
Sprengpulver Gebrauch gemacht werden knnte. --


                         Die Seifenfabrikation.

[Sidenote: Seife. Allgemeines.]

Die =Seife= in des Wortes gewhnlicher Auffassung ist das Produkt der
Einwirkung von tzenden Alkalien auf Fette und besteht wesentlich aus
stearinsaurem, palmitinsaurem und lsaurem Kalium oder Natrium. War
gleich die Seife lngst schon vor unsrer Zeitrechnung bekannt, so konnte
doch die Fabrikation derselben erst rationell und schwunghaft betrieben
werden, seitdem einerseits =Chevreul= in seinen classischen
Untersuchungen uns mit der Natur der Fette und somit auch mit dem Wesen
des Verseifungsprocesses bekannt machte, andererseits die Entwickelung
der Sodaindustrie einen wichtigen Anstoss gab. Nicht lnger auf die
theuere Potasche und die unsichere und stets geringe Ausbeute an Soda aus
Barilla, Blanquette, Salicor, Kelp und Varech beschrnkt, konnte sich die
Seifenindustrie in einer Weise entwickeln, welche frher nicht geahnt
wurde. Als mchtiger Hebel der Sodafabrikation, die auf das innigste mit
fast allen Zweigen chemischer Gewerbsthtigkeit verschmolzen ist, bildet
die Seifenbereitung eines der wichtigsten Glieder in der
Entwickelungsgeschichte der chemischen Gesammtindustrie.

[Sidenote: Rohstoffe der Seifenfabrikation.]

Die zur Fabrikation der Seife angewendeten =Rohmaterialien= sind
zweierlei Art, sie sind =Fettsubstanzen= und =Lsungen von tzenden
Alkalien= oder =Laugen=.

  Die wichtigsten dieser Fettsubstanzen sind folgende:

  Das =Palml= ist ein vegetabilisches Fett, welches aus der Frucht einer
  Palmenart, _Avoira Elais_ oder _Elais guianensis_, nach Anderen dagegen
  von _Cocos butyracea_, _C. nucifera_ und _Areca oleracea_ in Guinea und
  Guyana gewonnen wird. Es ist von rothgelber Farbe, von Butterconsistenz
  und von starkem und angenehmem Geruch, welcher an den der
  Veilchenwurzel erinnert. Im frischen Zustande schmilzt es bei 27, der
  Schmelzpunkt steigt aber mit der Zeit bis auf 31 und selbst 36, da
  die in dem Palml enthaltenen Fette sich mit der Zeit in Glycerin und
  freie fette Suren zersetzen. Es besteht zum grssten Theile aus
  Palmitin und kleinen Mengen von Olen.

  Das Palmitin, frher mit dem Margarin verwechselt, wird durch Alkalien
  verseift und dadurch in Glycerin und palmitinsaures Kalium verwandelt:

  Palmitin (Tripalmitin) C_{3}H_{5}         } O_{3} }
                        (C_{16}H_{31}O)_{3} }       }
                                    {Glycerin C_{3}H_{5} } O_{3}
                                   ={              H_{3} }

  Kaliumhydroxyd 3KOH            }  {Kaliumpalmitat 3 { C_{16}H_{31}O } O
                                 }  {                 {             K }

  Die Palmitinsure, der Stearinsure sehr hnlich und oft mit dieser
  verwechselt, ist eine feste, weisse und kristallinische fette Sure,
  welche bei 62 schmilzt. Das Palml enthlt oft 1/3 seines Gewichtes
  freie Palmitinsure und diese Menge nimmt mit dem Alter des Oeles noch
  zu. Der rothgelbe Farbstoff des Palmles wird whrend der Verseifung
  nicht zerstrt, so dass die aus rohem Palml dargestellte Seife
  (Palmseife, _palm-soap_) eine gelbe Farbe besitzt. Zerstrt man aber
  den Farbstoff des Palmles durch chemische Mittel wie Kaliumbichromat
  und Schwefelsure (=Bleichen des Palmles=), so erhlt man ein nur
  schwach gefrbtes Fett, das bei der Verseifung eine weisse Seife
  liefert.

  =Das Illipe- oder Bassial=, ein dem Palml sehr hnliches Fett, wird
  aus den Samen von _Bassia latifolia_, eines am Himalaya wachsenden
  Baumes, durch Auspressen gewonnen. Es ist gelb, wird aber nach und nach
  am Lichte weiss und besitzt einen schwachen, nicht unangenehmen Geruch.
  Bei gewhnlicher Temperatur hat es Butterconsistenz. Sein spec. Gewicht
  = 0,958. Es schmilzt bei 27-30. Es ist wenig lslich in Alkohol,
  leicht lslich in Aether, Kali und Natron verseifen es leicht; es
  bildet sich dabei Oelsure, sowie zwei feste fette Suren von
  verschiedenem Schmelzpunkte. Die =Galambutter=, von _Bassia butyracea_,
  wird zuweilen mit Palml verwechselt, mit dem sie viel Aehnlichkeit
  hat, jedoch rther von Farbe ist, schon bei 20-21 schmilzt und sich
  brigens wie das Palml verhlt. Sie kommt aus dem Innern von Afrika.
  An diese beiden Fette schliesst sich an das =Carapal=, aus dem ligen
  Kerne einer Species von _Persoonia_, einer in Bengalen und auf
  Coromandel wachsenden Palme, und der =Vateriatalg= (Pineytalg,
  malabarischer Talg), aus den Frchten von _Vateria indica_ gewonnen;
  ersteres ist hellgelb und scheidet sich bei 18 in Oel und festes Fett;
  letzterer weisslichgelb, wachsartig und schmilzt bei 35. Eine neue
  Fettsubstanz, welche zur Seifenbereitung verwendet wird, ist der
  =Mafurratalg=, welchen die Bewohner von Mozambique aus einer in Europa
  wenig bekannten Frucht (Mafurra- oder Mafutrakerne), von der Grsse der
  kleinen Cacaobohnen, durch Auskochen mit Wasser gewinnen. Die
  Mafurrakerne werden nicht nur von Mozambique, sondern auch von
  Madagaskar und der Insel Runion bezogen. Das Fett ist gelblich, riecht
  wie Cacaobutter und ist leichter schmelzbar als Talg. Das =Fett der
  Samen= _Brindonia indica_, das zu Goa als Nahrungsmittel, zu
  Einreibungen, als Leuchtmaterial und zur Bereitung von Seife verwendet
  wird, ist fast weiss, schmilzt bei 40, ist unlslich in kaltem und
  sehr wenig lslich in siedendem Alkohol.

  Das =Cocosnussl= wird aus dem ligen Kerne der Cocosnsse (_Cocos
  nucifera_, _C. butyracea_), die in Vorder- und Hinterindien, besonders
  an der Kste von Malabar und Bengalen, sowie auf Ceylon und den
  Malediven, ausserdem in Brasilien wachsen, durch Auspressen und
  Auskochen mit Wasser, in neuerer Zeit jedoch auch in Deutschland aus
  importirten Kernen durch Extraktion mit Schwefelkohlenstoff gewonnen.
  Es ist ein weisses Fett von der Consistenz des Schweineschmalzes, aber
  bltteriger Beschaffenheit und unangenehmem Geruch. Es schmilzt bei 22
  und erstarrt erst bei 18-20. Es besteht zum grssten Theil aus einem
  eigenthmlichen Fette, dem =Cocinin=, und aus kleinen Mengen von Olen.
  Ersteres zerfllt beim Verseifen in Glycerin und in =Cocinsure=
  (Cocostearinsure) C_{13}H_{26}O_{2}. Man hat begonnen, die Oelkerne
  der Cocosnsse, welche im Handel den Namen =Copperah= fhren, nach
  Europa zu schaffen und erst hier auszupressen oder zu extrahiren. =W.
  Wicke= erhielt (1860) aus Copperah 61,57 Proc. Fett. Das Cocosnussl
  ist seit etwa 2 Decennien eine der wichtigsten Fettsubstanzen fr die
  Seifensiederei geworden, indem es sich vorzugsweise zur Herstellung der
  sogenannten =gefllten Seifen= eignet.

  Der =Talg= (Unschlitt, graisse, suif, _tallow_) wird durch Ausschmelzen
  (Auslassen) namentlich des in der Bauchhhle angesammelten Fettes des
  Rindviehs und der Schafe gewonnen. Die Hrte des Talges richtet sich
  nach der Art des Thieres, welches ihn lieferte, und nach der
  Ftterungsweise. Die grsste Hrte erreicht der Talg bei
  Trockenftterung, die geringste bei Ftterung mit den Abfllen der
  Brauerei und Brennerei. Der russische Talg ist weit hrter als der
  deutsche, eine Folge der in Russland lnger als acht Monate whrenden
  Trockenftterung. Im Allgemeinen schmilzt der Talg bei 37 und enthlt
  75 Proc. seines Gewichtes starres Fett, aus Stearin (Tristearin) und
  Palmitin (Tripalmitin) bestehend, der Rest ist Olen (Triolen). Talg,
  der zu lange aufbewahrt wurde, ehe man ihn aus dem Zellgewebe
  ausschmolz, hat einen sehr blen Geruch und meist auch eine dunkle
  Farbe. Die Trennung des Fettes von der Zellensubstanz kann auf
  zweierlei Weise bewirkt werden, einmal durch einfaches Erhitzen des
  rohen Talges, wodurch die Zellenwand eintrocknet, sich zusammenzieht
  und dem Zelleninhalt, dem Fett, auszutreten gestattet, oder das andere
  Mal durch gnzliche oder theilweise Zerstrung der Membrane durch
  chemische Mittel, entweder durch Schwefelsure oder durch Salpetersure
  oder durch Lauge. Eine der besten unter den vorgeschlagenen Methoden
  ist die von =d'Arcet=, bei welcher man sich der Schwefelsure bedient
  und in verschlossenen Kesseln arbeitet. Die Schwefelsure entmischt die
  sich bildenden Dmpfe und zerstrt zum grossen Theil ihre nachtheiligen
  Wirkungen, zugleich erhlt man mehr und besseren Talg. Bei Anwendung
  eines verschlossenen Kessels leitet man die sich entwickelnden Dmpfe
  entweder in den Feuerraum oder in einen Verdichtungsapparat. Man wendet
  nach =d'Arcet= auf 100 Th. in Stcke zerschnittenen Talg 1 Th.
  Schwefelsure und 50 Th. Wasser an. Whrend bei dem gewhnlichen
  Verfahren des Ausschmelzens der Verlust gewhnlich 15 Proc. betrgt,
  vermindert er sich bei dem =d'Arcet='schen Verfahren auf 5-8 Proc.

  Das =Schmalz= (Schweineschmalz) findet in Europa seines hohen Preises
  wegen in der Seifensiederei nur selten Anwendung, in grosser Menge
  dagegen in Nordamerika, namentlich in Cincinnati, wo enorme Quantitten
  von Schweinefett producirt werden, welche man fabrikmssig in festes
  Fett (42-44 Proc.) und in flssiges Schmalzl (_lardoil_), gegen 56-58
  Proc. des ursprnglichen Fettes betragend, trennt. Letzteres soll in
  Amerika zur Verflschung des Olivenles Verwendung finden.

  Das =Oliven=- oder =Bauml= wird in der Provence, in Italien und
  Spanien, an der nordafrikanischen Kste etc. aus den Oliven, den
  Frchten des Oelbaumes (_Olea europaea_), aus der Familie der
  Jasmineen, gewonnen. Es ist fr die Gte des Oeles nothwendig, die
  Einsammlung der Oliven zu der geeignetsten Zeit vorzunehmen, d. h. in
  den Monaten November und December. Nur die vollkommen reifen Oliven
  geben ein Oel ohne allen Nebengeschmack, die nicht hinlnglich zur
  Reife gelangten liefern ein herbes und bitteres Oel, die berreifen
  dagegen ein dickes, leicht ranzig werdendes. Im sdlichen Frankreich
  befolgt man bei der Darstellung des Olivenles folgendes Verfahren: Die
  reifen Oliven werden auf einer Mhle gemahlen und dadurch in einen Brei
  verwandelt; der Brei kommt in platte, aus Binsen geflochtene Krbe oder
  Scke oder zweckmssiger in rosshaarene Pressbeutel und darin unter die
  Presse. Das beim ersten Pressen erhaltene Oel ist die vorzglichste
  Sorte und heisst =Jungfernl= (huile vierge). Nach dem ersten Pressen
  enthlt der Brei noch eine nicht unbetrchtliche Menge Oel; um dasselbe
  zu gewinnen, bergiesst man den Brei mit siedendem Wasser und bringt
  ihn dann von Neuem unter die Presse. Ungeachtet des zweimaligen
  Auspressens bleibt immer noch Oel genug in den Oelkuchen oder
  Oeltrestern (grignons) zurck, um die weitere Behandlung derselben
  vortheilhaft zu machen. Das durch das zweite Auspressen gewonnene Oel
  besitzt eine schngelbe Farbe, hat aber eine grssere Neigung zum
  Ranzigwerden als das Jungfernl. Gewisse Sorten davon verwendet man in
  der Trkischrothfrberei, zum Einfetten der Wolle behufs des
  Vorspinnens u. s. w. Dasjenige, das zur ersten Anwendung fhig ist,
  heisst =Tournantl=, das zum Einfetten der Wolle dienende =Lampantl=.
  Ersteres reagirt sauer, enthlt also freie fette Suren, ist dick,
  trbe und ranzig und besitzt die Eigenschaft, mit kohlensauren Alkalien
  eine emulsionhnliche Flssigkeit zu bilden, die in der
  Trkischrothfrberei den Namen =Weissbad= fhrt. Ein dickes, unreines,
  sogenanntes _Huile d'enfer_ scheidet sich in den Cisternen ab, in denen
  man das zum Auspressen der Oliven benutzte Wasser aufbewahrt. Der
  zweimal ausgepresste Brei wird nochmals gemahlen und darauf
  ausgepresst. Das durch dieses Verfahren gewonnene Oel (=Nachl=) eignet
  sich nur zur Seifenfabrikation. Seit einer Reihe von Jahren hat man an
  verschiedenen Orten die Extraktion des Olivenls aus den Oliven
  mittelst Schwefelkohlenstoff dem Auspressen vorgezogen.

  Der =Thran= (Fischthran), aus dem Speck der Bartenwale oder Walfische,
  der Potfische, der Delphine und hauptschlich der Flossenfssler
  (Seehunde, Seelwen, Walrosse) und anderer Seesugethiere gewonnen, ist
  verschieden je nach der Thierart und der Bereitungsweise. Er hat ein
  spec. Gewicht von 0,927 bei 20, scheidet bei 0 etwas festes Fett ab,
  lst sich in grsseren Mengen Weingeist und besteht aus Olen, Stearin
  und kleinen Mengen von Glyceriden der Valeriansure und hnlichen
  flchtigen fetten Suren. Der Thran ist nicht nur ein wichtiges
  Material der Seifenfabrikation, sondern dient auch zum Einfetten des
  Leders, zur Fabrikation von smischgarem Leder u. s. w. Das =Hanfl=,
  aus den Hanfsamen (_Cannabis sativa_) gewonnen, welche etwa 25 Proc.
  davon liefern, ist im frischen Zustande hellgrn, nimmt spter eine
  braungelbe Farbe an. Es dient hauptschlich zur Bereitung der grnen
  Seife. Das =Leinl=, ebenfalls trocknend, wird aus dem Leinsamen
  (_Linum usitatissimum_) gewonnen, der 22 Proc. giebt. Sein spec. Gew.
  ist 0,9395 bei 12. Es besteht zum grssten Theil aus einem lartigen
  Glyceride, das bei der Verseifung eine von der Oelsure verschiedene
  Sure liefert; es enthlt auch etwas Palmitin. Das =Ricinusl= von
  _Ricinus communis_ verhlt sich beim Verseifen dem Cocosnussl sehr
  hnlich. Wenn die Ricinusstaude, wie in Frankreich und in Algerien die
  Aussichten dazu vorhanden sind, eine ausgedehntere Cultur wird erfahren
  haben, drfte das Ricinusl einige Wichtigkeit fr die
  Seifenfabrikation erlangen. Das =Rapsl= giebt fr sich, mit Alkalien
  versotten, eine schlechte, schaumige und krmlige Seife; diese
  unangenehmen Eigenschaften werden nach =Alex. Mller= beseitigt, wenn
  man das Rapsl vorher in =Rapselaidin= berfhrt, was auf folgende
  Weise geschieht: Man giesst in einen hlzernen Bottich zu je 1 Ctr.
  Rapsl 1 Pfd. Salpetersure, die mit 1-1/2-2 Pfd. Wasser verdnnt wird,
  mischt einige eiserne Ngel hinzu und rhrt Oel und die saure
  Flssigkeit mit einem hlzernen Spatel wiederholt durcheinander. Indem
  die sich bildende salpetrige Sure auf das Oel einwirkt, erstarrt
  dasselbe nach und nach zu einer gelben Fettmasse, welche nach einigen
  Wochen, wenn die Consistenz nicht mehr zunimmt, direct mit Natronlauge
  verseift werden kann. Die bei der Stearinkerzenfabrikation in grosser
  Menge abfallende rohe =Oelsure= (eine Auflsung von unreiner
  Stearinsure und Palmitinsure in Oelsure) ist gleichfalls ein
  wichtiges Material zur Herstellung der Seife. Der bei der Destillation
  des Terpentinles bleibende, gelblich bis undurchsichtigschwarzbraune
  Rckstand, das =Colophonium=, wird aus Nordamerika in grosser Menge
  nach Europa gebracht und hier zur Fabrikation der Harzseife, zum Leimen
  der Papiermasse und, mit Talg- und Oelseife vermischt, als =gelbe
  Seife= verwendet.

[Sidenote: Lauge.]

Das zweite wichtige Rohmaterial der Seifensiederei bildet die =Lauge=,
eine wsserige Lsung von Aetzkali oder Aetznatron. Die Lauge hat nicht
nur insofern Bedeutung, als sie einen Bestandtheil der Seife ausmachen
soll, sondern auch weil sie durch ihre chemische Einwirkung auf die Fette
eine Zerlegung derselben und eine Umwandlung in Seifen bewirkt.

In der Regel stellt der Seifenfabrikant die Lauge selbst dar und zwar
frher meist mit Hlfe von Holzasche und Potasche, gegenwrtig meist
mittelst Soda. Die Umwandlung der Alkalicarbonate in tzende geschieht
auf die gewhnliche Weise mit Hlfe von gebranntem Kalk. Neuerdings
liefern indessen die chemischen Fabriken dem Seifenfabrikanten das
Aetznatron unter dem Namen =Soda=- oder =Seifenstein= (vergl. Seite 207)
fix und fertig.

  Die Herstellung der Seifensiederlauge aus Holzasche geschieht auf
  folgende Weise: Man bringt die gesiebte Asche auf den gepflasterten
  Boden, besprengt dieselbe mit so viel Wasser, dass sie zusammenballt,
  arbeitet sie mit einer Schaufel durcheinander und bildet daraus einen
  Haufen. Nachdem man in den Aschenhaufen eine Vertiefung gemacht hat,
  bringt man 1/10-1/12 Th. gebrannten Kalk in dieselbe und begiesst ihn
  mit so viel Wasser, dass er sich lscht, whrend des Lschens wird er
  mit Asche bedeckt. Nachdem der gelschte Kalk mit der Asche gut
  durcheinandergearbeitet ist, kommt die Masse zum Auslaugen in den
  =Aescher=, ein aus Fassdauben oder auch aus Gusseisen bestehendes
  Gerth, welches die Gestalt eines 1/4 von der Spitze abgeschnittenen
  Kegels besitzt; an seinem Boden, nach der vordern Seite zu, befindet
  sich ein Hahn. Inwendig trgt der Boden ein etwa fnf Zoll hohes
  Holzkreuz, auf welchem ein zweiter durchlcherter Boden liegt, so dass
  zwischen den beiden Bden die Lauge sich ansammeln kann. Unter dem
  Hahne befindet sich in der Regel ein grosser Behlter aus Holz oder
  Eisen, welcher zum Aufnehmen der abfliessenden Lauge bestimmt ist. Die
  fest gedrckte Masse in dem Aescher wird mit etwas Stroh bedeckt und so
  oft mit Wasser begossen, bis nichts mehr davon aufgenommen wird. Darauf
  wird der Hahn geffnet und die abfliessende Lauge in dem Sumpfe
  angesammelt. Man giesst von Zeit zu Zeit Wasser auf den Aescher nach,
  bis das zuletzt abfliessende reines Wasser ist. Gewhnlich gewinnt man
  drei verschiedene Sorten von Lauge, nmlich 1) die =Feuer=- oder
  =Meisterlauge= mit 18-20 Proc. Kaligehalt, 2) die =Abrichtelauge=,
  welche 8-10 Proc. Kali, und 3) die =schwache Lauge=, welche nur 1-4
  Proc. davon enthlt. Die letztere Lauge wird bei der Anstellung eines
  neuen Aeschers statt des blossen Wassers auf die auszulaugende Asche
  gegossen. Das bei der Kryolithzersetzung auftretende =Natrium-Aluminat=
  findet in Nordamerika unter dem Namen _Natrona refined Saponifier_
  zum Verseifen Anwendung. Anstatt der tzenden Alkalien lsst sich auch
  =Schwefelnatrium= zur Verseifung anwenden.

[Sidenote: Theorie der Seifenbildung.]

=Theorie der Seifenbildung.= Man nahm frher an, dass die Fette und Oele
als solche die Eigenschaft besssen, sich mit den Alkalien zu verbinden,
bis =Chevreul= in seiner Untersuchung ber die Fettsubstanzen die
Entdeckung machte, dass die Fette, wenn sie aus ihrer Seifenverbindung
ausgeschieden werden, andere Eigenschaften besitzen, als vorher. Dieser
Chemiker wies nach, dass alle Fette aus eigenthmlichen Suren, der
Stearinsure, Palmitinsure (Margarinsure) und Oelsure als nicht
flchtigen Suren und gewisse riechende Fette ausserdem aus einer
gewissen Anzahl flchtiger Fettsuren, wie der Buttersure, Caprin-,
Capron-, Capryl-, Valeriansure u. s. w. und einer sssschmeckenden
Substanz bestehen, die zwar schon frher von =Scheele= entdeckt und
=Oelsss= genannt, von =Chevreul= aber genauer untersucht und mit dem
Namen =Glycerin= bezeichnet wurde.

  In Folge der Forschungen =Berthelot='s und anderer Chemiker nimmt man
  an, dass alle in der Seifenfabrikation in Betracht kommende Oele und
  Fette Aether des Glycerins C_{3}H_{8}O_{3} seien, welches letztere als
  ein trivalenter Alkohol (C_{3}H_{5} / H_{3})} O_{3} angesehen wird. So
  ist z. B. das Palmitin, welches den Hauptbestandtheil des Palmles
  ausmacht, Glyceryltripalmitat oder Tripalmitin, d. h. Glycerin, in
  welchem 3 Atome Wasserstoff durch das Radical der Palmitinsure ersetzt
  sind: (C_{3}H_{5} / 3C_{16}H_{31}O)} O_{3}. Analog sind Stearin
  (Tristearin) und Olen (Triolen) constituirt. Verseift man die Fette,
  z. B. Palml, mit tzenden Alkalien, z. B. mit Aetznatron, so zerfllt
  das Fett (d. i. der Aether) in Alkohol (d. i. Glycerin) und in
  Natriumpalmitat (d. i. Seife) nach folgender Gleichung:

  Tripalmitin C_{3}H_{5}      } O_{3} }geben{ Glycerin C_{3}H_{5} } O_{3}
              3C_{16}H_{31}O  }       }     {          H_{3}      }
  und Aetznatron 3 NaOH               }     { und Seife (Natriumpalmitat)
                                                     3{ C_{16}H_{31}O } O
                                                      { Na            }

  Das bei dem =Verseifungsprocess= (Saponification) sich bildende
  Glycerin bleibt, nachdem die Seife abgeschieden, in der Lauge, die
  gegenwrtig das Hauptmaterial zur Darstellung des werthvollen Glycerins
  abgiebt. Fette, welche, wie die tropischen Pflanzenfette (Palml und
  Cocosnussl), die fetten Suren zum Theil schon im freien Zustande
  enthalten, lassen sich begreiflicherweise weit leichter verseifen, als
  vollkommen neutrale Fette, wie Talg und Olivenl, bei welchen die Lauge
  zunchst erst eine Umsetzung in fette Suren und Glycerin zu bewirken
  hat. Die Oelsure, das Nebenprodukt der Stearinkerzenfabrikation, lsst
  sich schon durch Alkalicarbonat in Seife berfhren, ebenso das
  Colophonium, welches wesentlich aus einer Harzsure, der Pininsure,
  besteht. Die Seifenbildung vermittelst Oelsure und Colophonium ist
  demnach kein eigentlicher Verseifungsprocess, weil das
  Charakteristische desselben, die Glycerinbildung, fehlt. Die Zerlegung
  eines Fettes durch Alkali geschieht nicht pltzlich und durch die ganze
  Masse hindurch, wie die Zersetzung eines unorganischen Salzes, sondern
  hat mehrere Phasen zu durchlaufen. Nachdem zuerst eine emulsionhnliche
  Mischung der Fettsubstanz mit der Lauge sich gebildet hat, entstehen
  saure fettsaure Salze, die die brige Fettsubstanz suspendirt
  enthalten, bis endlich nach und nach auch das freie Fett der Einwirkung
  des Alkalis unterliegt und die sauren Salze in neutrale, in Seife
  bergehen.

  Mit Kaliumhydroxyd (Kalilauge) verseift bilden die Fette stets
  =weiche=, mit Natriumhydroxyd (Natronlauge) stets =harte= Seifen. Man
  theilt demnach die Seifen ein

                [Greek: a]) in harte oder Natriumseifen,
                [Greek: b]) in weiche oder Kaliumseifen;

  man unterscheidet ferner je nach der angewendeten Fettsubstanz
  Talgseife, Oelseife, Palmlseife, Oelsureseife, Cocosnusslseife,
  Thranseife, Harzseife u. s. w. In technischer Hinsicht kann man die
  Seifen (die harten oder Natriumseifen) eintheilen in

                         1) Kernseife,
                         2) geschliffene Seife,
                         3) gefllte Seife.

  Die =Kernseife= hat davon ihren Namen, dass die fertige Seife nach der
  Scheidung aus ihrer Lsung durch Kochsalz (durch das =Aussalzen=) zum
  =Kern= zu sieden, d. h. zu einer gleichfrmig geschmolzenen
  blasenfreien Masse zu vereinigen ist, in welcher nach dem Erstarren
  feine Krystallfden wahrgenommen werden knnen. Die der Seife immer in
  kleinen Mengen anhngenden Unreinigkeiten setzen sich in dem nicht
  krystallisirenden Theile der Seife ab und bilden die natrliche
  Marmorirung (=Fluss= oder =Faser=). Die regelrecht ausgesalzene Seife
  sondert sich zuerst von der Unterlauge in Gestalt halbflssiger,
  rundlicher Klmpchen oder Kerne. Die Kernseife allein ist reine Seife,
  indem sie durch die Operation des Aussalzens vom Glycerin und der
  berschssigen Lauge und anderen Unreinigkeiten, ferner von
  berschssigem Wasser befreit wurde. Die grosse Mehrzahl der
  Seifenfabrikanten stellt gegenwrtig die Kernseife nicht mehr dar. Die
  =geschliffene= oder =glatte Seife= entsteht durch das sogenannte
  =Schleifen= der Kernseife. Lsst man nmlich die fertige Kernseife in
  dem Siedekessel mit Wasser oder sehr schwacher Lauge sieden, so nimmt
  die Seife einen Theil Wasser auf, verliert dagegen die Fhigkeit zu
  krystallisiren oder eine Marmorirung anzunehmen. Es findet demnach bei
  der Herstellung der geschliffenen Seife ebenso das Aussalzen und die
  Abscheidung der hauptschlichsten Unreinigkeiten statt, wie bei der
  Kernseife, von welcher sich die geschliffene Seife nur durch einen
  grsseren Wassergehalt unterscheidet. Die =gefllte Seife=, gegenwrtig
  leider die gebruchlichste, ist die geringste aller Seifensorten, indem
  eine solche Seife bei ihrer Bereitung nicht so weit ausgesalzen wurde,
  dass sich die Unterlauge von der Seife getrennt htte, wo also der
  ganze Inhalt des Siedekessels zusammenbleibt, um als Seife verkauft zu
  werden. Beim Erkalten erstarrt nmlich das Ganze zu einer festen Seife,
  welche den bedeutenden Wassergehalt durch ihr Ansehen nicht verrth.
  Diese Eigenthmlichkeit, selbst bei grossem Wassergehalt trocken und
  hart zu erscheinen, besitzt besonders die Cocosnusslseife, weshalb
  denn auch seit der allgemeinen Verbreitung des Cocosnussles die
  Anfertigung der gefllten Seifen einen um so grssern Aufschwung
  erhalten musste, als sie ihre wasserbindende Eigenschaft auch anderen
  Seifen (Palmlseife, Talgseife u. s. w.) mittheilen. Seifen dieser Art
  sind oft so stark gefllt, dass eine Produktion von 250-300 Th.
  frischer Seife aus 100 Th. Fett etwas ganz Gewhnliches ist.

[Sidenote: Hauptsorten von Seife.]

=Hauptsorten von Seife.= Die deutsche =Talgkernseife= ist wesentlich ein
Gemenge von Natriumstearat mit Natriumpalmitat und wird meist auf
=indirectem= Wege dargestellt durch Verseifen von Talg mit Kalilauge und
Ueberfhren des so entstandenen Kaliumstearates und -palmitates durch
Kochsalz (durch das Aussalzen) in die Natriumverbindung.

  Der Siedekessel ist von der Form eines an der Spitze abgerundeten
  Kegels; der untere Theil, der die Abrundung des Kegels bildet und mit
  dem Feuer in Berhrung kommt, besteht entweder aus genietetem
  Eisenblech oder ist von Eisen gegossen. Der obere kegelfrmige Theil,
  der sogenannte =Sturz=, ist in der Regel aus Tannenholz gebildet und
  hat die Gestalt eines sich nach oben erweiternden Fasses ohne Boden; in
  neuerer Zeit besteht der Sturz nicht selten aus einer mit Cement
  verputzten Mauerung. Der Sturz hat hauptschlich zum Zweck, der whrend
  des Siedens stark schumenden Masse Raum zum Steigen zu verschaffen.
  Man beabsichtige z. B. 10 Ctr. Talg in Seife umzuwandeln, so fllt man
  den Kessel mit der erforderlichen Menge Feuerlauge (ungefhr 500 Liter)
  von 20 Proc. (= 1,226 spec. Gewicht), giebt den Talg hinzu, bedeckt den
  Kessel mit einem beweglichen Deckel und kocht die Masse unter
  bisweiligem Umrhren fnf Stunden lang und trgt noch nach und nach
  Feuerlauge nach. In diesem Zustande zeigt die Masse eine durchsichtige,
  gallertartige Beschaffenheit und wird =Seifenleim= genannt. Wenn der
  Seifenleim die gehrige Consistenz hat, so darf er auf Zusatz frischer
  Lauge nicht dnner werden, von dem Rhrspaten nicht tropfenweise,
  sondern als ein zusammenhngender Strahl abfliessen, auf eine kalte
  Stein- oder Metallplatte gegossen, zu einer dichten Gallerte erstarren.
  Die Seifenleimbildung wird befrdert, wenn man nicht auf einmal,
  sondern nur nach und nach die Lauge zugiebt. Nach den Untersuchungen
  von =Mge-Mouris= kann man jedoch das ganze Laugenquantum auf einmal
  zusetzen, wenn man das Fett zuvor durch Eigelb, Galle, eiweissartige
  Krper oder Seife emulsionirt oder in den kugelfrmigen Zustand (tat
  globulaire) versetzt hat. Wie =Fr. Knapp= gezeigt, ist es auf alle
  Flle vortheilhaft, das Fett mit der erforderlichen Laugenmenge in
  Emulsion zu verwandeln, die Mischung lngere Zeit ohne Erwrmen oder
  bei etwa 50 C. stehen zu lassen und die so auf kaltem Wege
  vorgebildete Seife durch eine kurze nachtrgliche Behandlung in der
  Siedehitze nun zu vollenden. Nimmt man die Verseifung mit Natronlauge
  vor, so bedient man sich einer Lauge von 10-12 B. (= 1,072-1,088 spec.
  Gewicht). Nachdem die Verseifung erfolgt ist, schreitet man zum
  =Aussalzen=, welches darin besteht, der heissen Masse Kochsalz
  zuzusetzen. Man rechnet auf 100 Pfd. Talg 12-16 Pfd. Salz. Die Masse
  wird im Sieden erhalten, bis der Seifenleim zu einer weissen
  griesartigen Masse geronnen ist und sich unter derselben eine klare
  Flssigkeit, die sogenannte =Unterlauge=, abscheidet, welche abgelassen
  wird. Ist eine Vorrichtung zum Ablassen nicht vorhanden, so schpft man
  die Seife in den Khlbottich. Der Zweck des Aussalzens ist, die
  Kaliumseife durch das Kochsalz zum Theil in Natriumseife zu verwandeln,
  indem sich Chlorkalium bildet, das neben im Ueberschusse angewendetem
  Kochsalze in der Mutterlauge gelst bleibt; ausserdem bewirkt das
  Aussalzen, dass die Seife von der Unterlauge und dadurch von einer
  Wassermenge befreit wird, welche die spteren Laugenzustze bis zur
  Unwirksamkeit verdnnen wrde. Der gewonnene Seifenleim kommt darauf in
  den Kessel zurck; es wird schwchere Lauge, die Abrichtelauge, darauf
  gegossen und bis zum Sieden erhitzt. Die Seife lst sich abermals zu
  einem klaren Leime auf, der aber zum grssten Theil aus
  Natronseifenleim besteht. Whrend des Siedens wird fortwhrend
  Abrichtelauge zugegeben. Ehe dies aber geschieht, ist ein wiederholtes
  Aussalzen erforderlich. Frher, bei Anwendung roher und sehr unreiner
  Materialien, war man oft genthigt, das Aussalzen vier bis fnf Mal zu
  wiederholen. Durch das Einkochen wird die Seife immer mehr und mehr
  concentrirt, sie wird zuerst weich, blasenwerfend (zach) und
  aufsteigend. Sobald das Schumen aufhrt, die Seife aufpoltert und im
  Kerne siedet, schpft man sie von Neuem von der Unterlauge hinweg in
  die Khlbtte. Der Zweck dieses zweiten Siedens ist, die Seife, welche
  bis dahin eine schaumige Beschaffenheit besass, zu einer gleichmssig
  geschmolzenen und blasenfreien Masse zu vereinigen. Diese Vereinigung
  befrdert man, indem man die Masse vor dem Erkalten mit einem eisernen
  Stabe schlgt (=Kerben der Seife=). Durch das Schlagen wird die Seife
  marmorirt und erhlt die sogenannten Mandeln oder Blumen. Die fertige
  Seife wird nun gefrbt. Zu diesem Zwecke bringt man sie noch flssig in
  die =Seifenform= oder =Lade=, einen viereckigen Kasten aus Tannenholz,
  der zum Auseinandernehmen eingerichtet ist, und lsst sie darin
  erkalten. Der durchlcherte Boden der Form ist mit Leinwand bedeckt,
  damit die der Seifenmasse noch beigemengte Lauge abfliessen kann. Nach
  dem Erkalten wird die Form auseinandergenommen, die fertige Seife
  mittelst eines Lineals abgetheilt und mit dem aus Draht gefertigten
  =Seifenschneider= in Tafeln oder Riegel geschnitten, die zum vlligen
  Austrocknen einem luftigen Orte ausgesetzt werden. In neuerer Zeit
  wendet man auch eine Maschine von =Lesage= zum Zerschneiden der Seife
  in Stcke an. 10 Ctr. Talg geben durchschnittlich 16-2/3 Ctr. Seife,
  die an der Luft noch um 10 Proc. eintrocknet.

  Da selbst durch wiederholtes Aussalzen eine vollstndige Umwandlung der
  Kaliumseife in Natriumseife nicht stattfindet, so ist die gewhnliche
  deutsche Kernseife immer mit einer grossen Menge Kaliumseife gemengt,
  welche ihr eine beim Gebrauch angenehme Geschmeidigkeit verleiht. Nach
  von =A. C. Oudemans= (1869) angestellten Versuchen wird sogar nur etwa
  die Hlfte des Kaliums durch Natrium ersetzt.

[Sidenote: Baumlseife.]

  Die =Baumlseife=, auch Marseiller, venetianische oder spanische Seife
  genannt, wird in sdlichen Gegenden, in denen der Oelbaum cultivirt
  wird, mit Baum- oder Olivenl bereitet, zu welchem man hufig andere
  Oele, wie Leinl, Mohnl, Sesaml, Erdnussl, Baumwollsamenl etc.
  gesetzt hat. Man wendet bei der Herstellung der Baumlseife zwei Arten
  von Lauge an: die eine davon enthlt nur Aetznatron und wird zum
  Vorsieden benutzt; die zweite enthlt neben Aetznatron noch Kochsalz
  und dient zum Abscheiden des Seifenleims und zum Klarsieden der Seife.
  Das =Vorsieden= soll die Bildung einer Emulsion, aus Oel und verdnntem
  Alkali bestehend, bewirken; diese Emulsion befrdert, wie man lange vor
  =Mge-Mouris=' Untersuchungen wusste, die Seifenbildung, indem sie das
  mit Wasser nicht mischbare Oel in einem fein vertheilten Zustande
  enthlt, wodurch die Berhrungspunkte mit dem Alkali betrchtlich
  vergrssert werden. Um den Seifenleim von einem grossen Theil des mit
  der Natronlauge zugesetzten Wassers zu befreien, wendet man
  kochsalzhaltige Natronlauge an, durch welche sich der Seifenleim, ein
  Gemenge von fertiger Seife und Oelemulsion, von dem Wasser trennt (das
  =Ausscheiden des Seifenleims=, relargage). Die dritte Operation, das
  =Klarsieden= endlich, vollendet die Verseifung des Seitenleims. Durch
  die Anwendung von kochsalzhaltiger Natronlauge ist man im Stande, die
  Seifenmasse in einem solchen Zustande zu erhalten, in welchem sie
  Alkali aufnehmen kann, ohne jedoch dabei Wasser zu binden.

  Das =Vorsieden= geschieht mit einer Aetznatronlauge von 6 bis 9 B. (=
  1,041-1,064 spec. Gewicht) in grossen Kesseln mit geneigten Wnden und
  kupfernen Boden, welche gegen 250 Ctr. fassen knnen. Man erhitzt die
  Lauge bis zum Sieden und setzt dann das zu verseifende Oel hinzu. Zur
  Befrderung der Verbindung wird von Zeit zu Zeit umgerhrt. Die Masse
  gelangt bald ins Sieden und schumt. Nach und nach nimmt der Schaum ab
  und verschwindet endlich gnzlich. Durch fortgesetztes Sieden erlangt
  die Masse Consistenz und es steigen schwrzliche Dmpfe auf, von der
  Zersetzung eines kleinen Theiles des consistenten Seifenleimes durch
  den berhitzten Kupferkessel herrhrend; sowie dieser Zeitpunkt
  eingetreten ist, verdnnt man die Masse mit strkerer Lauge von 20 B.
  (= 1,157 spec. Gewicht). Beabsichtigt man die Fabrikation von
  blulichweisser Seife, so setzt man gegen das Ende des Siedens etwas
  Eisenvitriol in den Kessel; je mehr man Eisenvitriol anwendet, desto
  dunkler fllt die blaue Farbe der Seife aus. Nachdem die Masse die
  gehrige Consistenz erlangt hat und vollkommen homogen geworden ist,
  ist die Operation des Vorsiedens beendigt. Wollte man die Verseifung
  nun dadurch zu vollenden suchen, dass man der Masse strkere Lauge
  hinzusetzte, so wrde man zu keinem Resultate gelangen, weil die grosse
  Wassermenge, welche man in Gestalt von Vorsiedelauge der Masse
  zuzusetzen genthigt war, die starke Lauge bis zur Unwirksamkeit
  verdnnen wrde. Es folgt daraus die Nothwendigkeit, diese Wassermenge
  abzuscheiden, was durch den Zusatz von kochsalzhaltiger Lauge
  geschieht. Durch das =Aussalzen= scheidet sich der Seifenleim in
  Flocken und zwar nach einigen Stunden so vollstndig ab, dass die
  Unterlauge durch eine am Boden des Kessels befindliche Oeffnung, die
  gewhnlich mit einem hlzernen Zapfen verschlossen ist, abgelassen
  werden kann. Nach dem Abziehen beginnt das =Klarsieden der Seife= mit
  kochsalzhaltiger Lauge von 18-20. Nachdem das Gemenge einige Stunden
  lang gekocht hat, wird die Unterlauge abermals abgezapft und durch neue
  kochsalzhaltige Lauge von 20-28 ersetzt. Durch fortgesetztes schwaches
  Kochen erlangt die Seife nach und nach eine gewisse Consistenz; sie ist
  aber bei weitem noch nicht gargesotten. Sobald die Lauge alles Alkali
  an das Oel abgegeben hat, wird die Unterlauge zum dritten Male
  abgezogen und neue Lauge zugegeben. Das Ablassen und Nachgiessen wird
  nach Umstnden 4-6 Mal wiederholt. Ist die Seife gargesotten, so lsst
  sie ein cohrentes Korn wahrnehmen; sie hat ferner den Oelgeruch
  verloren und einen angenehmen, entfernt an Veilchen erinnernden dafr
  angenommen. Der Kern auf der Hand plattgedrckt, breitet sich nach dem
  Erkalten zu einer festen, schuppigen Masse aus. Nach dem letzten
  Laugenzusatz soll das Sieden des Seifenleims whrend des Winters 10-12
  Stunden lang, whrend des Sommers 12-18 Stunden lang fortgesetzt
  werden. Die gargesottene Seife erstarrt beim Erkalten zu einer
  homogenen blaugraugefrbten Masse, deren Farbe von Schwefeleisen
  (entstanden durch den zugesetzten Eisenvitriol und das Schwefelnatrium
  der Natronlauge) und Eisenseife herrhrt. Diese bluliche Frbung ist
  aber fr das Auge nicht angenehm, man sucht deshalb diese Frbung in
  Adern hervorzubringen, was durch =Marmoriren= geschieht. Die Eisenseife
  ist bei niedriger Temperatur in dem gargesottenen Seifenleime nicht
  lslich, sie scheidet sich deshalb beim ruhigen Stehen der Seifenmasse
  am Boden des Gefsses aus, whrend der obere Theil aus weisser Seife
  besteht. Rhrt man nun die Seife, anstatt sie whrend des Erkaltens
  ruhig stehen zu lassen, zu der rechten Zeit um, so wird sich die
  gefrbte Eisenseife, anstatt sich am Boden abzusetzen, in der Masse
  verbreiten und bluliche Adern bilden, welche man durch das Marmoriren
  zu erhalten sucht. In englischen Fabriken geschieht das Marmoriren
  dadurch, dass man zu der fast gargesottenen Seife eine concentrirte
  Lsung von roher schwefelnatriumhaltiger Soda setzt; durch Umrhren der
  vorher mit Eisenvitriol versetzten Masse entsteht die Marmorirung. Die
  fertige Seife wird aus dem Kessel genommen, in lange, hlzerne, etwas
  geneigt gestellte Formen geschpft und in denselben erkalten gelassen.
  Nach acht bis zehn Tagen hat die Seife die erforderliche Consistenz
  erlangt. Durch die Einwirkung der atmosphrischen Luft gehen das
  Schwefeleisen und die Eisenseife allmlig in Eisenoxydseife ber,
  wodurch die Adern oberflchlich eine brunlich gelbe Frbung annehmen.
  Bei sorgfltiger Arbeit liefert eine Millerole Olivenl (= 64 Liter
  oder 58-60 Kilogr.) 90-95 Liter Kernseife. Bei der Fabrikation der
  =weissen Oelseife= ist der Gang derselbe, nur mssen Lauge und Oel
  besonders rein sein.

  Eine normale Marseiller Marmorseife soll enthalten:

                                       I.      II.
                       Fette Suren    63      62
                       Alkali          13      11
                       Wasser          24      27
                                      ------------
                                      100     100

[Sidenote: Oelsureseife.]

  Die =Oelsureseife= oder =Olenseife= wird aus der rohen Oelsure
  dargestellt, die als Nebenprodukt der Stearinkerzenfabrikation
  auftritt, falls man sich zur Verseifung des Talgs und des Palmles des
  Kalkes bedient. Die nach dem Destillationsverfahren erhaltene Oelsure
  ist zur Seifendarstellung minder geeignet. Die Oelsure wird entweder
  mit kohlensaurem Natrium oder mit Aetznatron in Seife bergefhrt. Das
  erstere Verfahren hat den Uebelstand, dass durch die Kohlensureabgabe
  ein starkes Aufschumen stattfindet, was leicht ein Uebersteigen zur
  Folge hat. Nach =Pitman= soll man die Oelsure mit trockenem
  krystallisirten Natriumcarbonat durch Erhitzen in Seife berfhren.
  Dies geschieht in einem Kessel, welcher entweder durch freies Feuer
  erhitzt wird oder besser mit einem =Morfit='schen Quirl, durch welchen
  sowol mit Hlfe des durch die Rhren des Quirls geleiteten Dampfes die
  Erhitzung, als auch das Umrhren der Masse erfolgt, versehen ist. Der
  Kessel wird bis zu einem Drittheil mit Oelsure angefllt und diese
  erhitzt, wobei man 5 Proc. Harz zusetzt. Fr feinere Seifen nimmt man
  von dem Harz Umgang. Ist das Harz in der Oelsure vollstndig gelst,
  so setzt man nach und nach das gepulverte Natriumcarbonat hinzu, indem
  man den Quirl langsam sich umdrehen lsst und mit dem Erhitzen
  fortfhrt. Ist das erforderliche Quantum Soda zugesetzt, hat das
  Schumen aufgehrt und ist die Masse dick geworden, so fllt man sie in
  eine Form, in welcher sie beim Erkalten zu fester Seife erstarrt. Bei
  Anwendung von Aetznatron bringt man die Hlfte der erforderlichen Lauge
  von 20-25 B. (= 1,15-1,20 spec. Gewicht) in den Kessel und erhitzt bis
  zum Sieden. Dann setzt man unter Umrhren die Oelsure zu. Nachdem die
  Leimbildung vor sich gegangen, siedet man unter Zusatz von neuer Lauge
  weiter, bis die Seife sich ausscheidet, was durch Kochsalzzusatz
  wesentlich erleichtert wird. Sowie die Unterlauge sich abgeschieden,
  wird die Seife in die Form geschpft und gekrckt, bis sie starr zu
  werden beginnt. Nicht selten setzt man der Oelsureseife, um ihr
  grssere Hrte zu geben, ein kleines Quantum (5-8 Proc.) Talg zu. 100
  Kilogr. bei der Kalkverseifung erhaltene Oelsure geben 150-160 Kilogr.
  Seife. Durch Destillation gewonnene Sure giebt stets etwas weniger.
  Eine gute franzsische Oelsureseife enthlt:

                            Fette Suren   66
                            Natron         13
                            Wasser         21
                                          ---
                                          100

[Sidenote: Harztalgseife.]

  =Gelbe Harztalgseife.= Das Colophonium und das gewhnliche Fichtenharz
  verbinden sich in der Siedehitze leichter als die Fette mit Alkalien
  und selbst mit kohlensauren. Die auf diese Weise erhaltene Verbindung
  ist aber nur uneigentlich Seife zu nennen. Sie hat keine Consistenz und
  kann nicht ohne Nachtheil zum Einseifen gebraucht werden. Ein ganz
  anderes Produkt wird erhalten, wenn man zu dem Harz eine gewisse Menge
  Talg mischt; man erhlt dann die sogenannte gelbe =Harztalgseife=.
  Diese in England in grosser Menge fabricirte Seife ist sehr consistent
  und in Wasser leicht lslich. Zu ihrer Darstellung bereitet man zuerst
  gewhnliche Talgseife und erst wenn dieselbe gargesotten worden ist
  setzt man 50-60 Proc. ausgesuchtes Harz, das vorher zur Beschleunigung
  der Verbindung in kleine Stcke geschlagen worden ist, hinzu. Man rhrt
  die Masse um, bis das Harz vollstndig aufgelst und verseift ist. Der
  Seifenleim nimmt eine schne gelbe Farbe an und wird etwas dnnflssig
  und gleichartig. Ist gargesotten, so zieht man die Unterlauge ab und
  giesst den Seifenleim in einen Kessel, wo er mittelst einer Lauge von
  7-8 geschmolzen und auf gleiche Weise wie die weisse Seife gereinigt
  wird. Es scheiden sich Eisen- und Thonerdeseife ab, der entstandene
  Schaum wird abgenommen und die Seife in hlzerne oder weissblechene
  Formen zum Erstarren gegossen. Man verbessert die braune Farbe der
  Harztalgseife gewhnlich durch Zusatz von =Palml= zum Talg, wodurch
  die Seife auch einen angenehmen Geruch erhlt. Das Palml wird
  gewhnlich nur als Zusatz zum Talg benutzt, jedoch stellt man auch aus
  reinem Palml Seife unter gleichzeitigem Zusatz von Colophonium dar.
  Die in Deutschland hufig dargestellte =Palmlseife= ist hinsichtlich
  der Bereitung der Harztalgseife sehr hnlich. Man verseift ein Gemenge
  von 2 Th. Talg und 3 Th. Palml mit Kali- oder Natronlauge auf die
  gewhnliche Weise und mischt die fertige Seife mit einer Harzseife, aus
  1 Th. Harz und der nthigen Menge Kalilauge bereitet.

[Sidenote: Gefllte Seifen.]

=Gefllte Seifen.= Die Thatsache, dass dem mit Natronlauge bereiteten
Seifenleim eine gewisse Menge Wasser einverleibt werden kann, ohne sein
Aussehen wesentlich zu beeintrchtigen, sowie das Bestreben des
Publikums, trotz der gesteigerten Preise der in der Seifenfabrikation
angewendeten Fette, den Bedarf an Seife so wohlfeil als mglich sich zu
verschaffen, hat die Veranlassung gegeben, dass viele Seifenfabrikanten
nur noch =gefllte Seifen= (vergl. Seite 269) fabriciren und auf die
Herstellung von Kernseife geradezu verzichten. Die gefllten Seifen sind
nicht so weit ausgesalzen, dass sich die Unterlauge von dem Seifenleim
abgeschieden htte; es bleibt demnach der ganze Kesselinhalt beisammen,
um als Seife verkauft zu werden. Da die der Seife einverleibte Unterlauge
nun wesentlich neben Glycerin und Salzen aus Wasser besteht, so ist
demnach Wasser derjenige Stoff, durch den sich der Seifenfabrikant fr
den gesteigerten Preis der Fettsubstanzen schadlos zu halten sucht. Diese
Art Seife, auch =Eschweger Seife= (Schweizerseife, knstliche Kernseife)
genannt, erscheint in ihrem frischen, wasserreichen Zustande vollkommen
hart und trocken und hat durch die geringere Quantitt des verwendeten
Fettes einen im Vergleich mit der Kernseife geringeren Preis, ein
Umstand, der ihr zahlreiche Freunde zugefhrt hat. Man versteht es, aus
100 Kilogr. Fettsubstanz ber 300 Kilgr. anscheinend guter und harter
Seife zu erzielen; wenn nun auch die gegenwrtig im Handel vorkommenden
Seifen nicht so stark gefllt sind, so ist doch eine Produktion von
200-220 Th. frischer Seife aus 100 Th. Fett etwas ganz Gewhnliches.
Namentlich das Cocosnussl, welches seit dem Jahre 1830 in grsserer
Menge in der deutschen Seifenfabrikation verbraucht wird, eignet sich zu
gefllten Seifen, indem es anderen Fetten die Eigenschaft ertheilt,
gefllte Seifen zu bilden.

  Der Verlauf bei der Fabrikation der =Cocosnusslseife= ist ein etwas
  anderer, als bei den vorher erwhnten Seifen. Mit schwachen Laugen
  bildet das Cocosnussl nicht jenes milchartige Gemisch, das man bei
  anderen Seifensorten bemerkt, sondern das Oel schwimmt als klares Fett
  obenauf, nur wenn durch fortgesetztes Sieden die Lauge die gehrige
  Consistenz erreicht hat, tritt die Verseifung ein und geht pltzlich
  und rasch vor sich. Deshalb wendet man zur Darstellung dieser
  Seifensorte sogleich eine starke Natronlauge an. Die Cocosnusslseife
  lsst sich nicht von der Unterlauge trennen, weshalb nie Kalilauge
  angewendet werden darf, weil sonst alles beim Aussalzen entstehende
  Chlorkalium mit in die Seife bergehen wrde. Man muss, da hierbei eine
  Trennung der Seife von der Lauge nicht stattfindet, nur die genau
  nothwendige Menge Aetzlauge anwenden. Reine Cocosnusslseife erhrtet
  schnell. Sie ist weiss, alabasterartig, durchscheinend, leicht und gut
  schumend, jedoch von widrigem Geruch, der bis jetzt noch durch kein
  Mittel entfernt werden konnte. Gegenwrtig wird indessen das
  Cocosnussl nur selten fr sich, sondern als Zusatz zu Palml und Talg
  verseift. Man kann auf diese Weise Seife ohne alles Sieden, durch
  blosse Erwrmung bis auf 80 C. durch Einleiten von Dampf bis zum
  Schmelzen des Fettes, mit starker Natronlauge und durch fleissiges
  Umrhren in kurzer Zeit in grosser Quantitt darstellen (=Seife auf
  kaltem Wege=, =chemische Seife=). Die so erhaltene Seife ist, obgleich
  sehr wasserhaltig, hart und vollkommen trocken. Bei lngerem,
  monatelangem Liegen an der Luft tritt allerdings eine nicht
  unbetrchtliche Gewichtsabnahme und eine geringe Volumenverminderung
  ein und es entstehen auf der Oberflche reichliche Efflorescenzen. =B.
  Unger= (1869) schlgt vor, die Eschweger Seife in folgender Weise
  darzustellen: Man verseift einerseits Palml mit Natronlauge und salzt
  wie gewhnlich aus. Das Produkt ist Natriumpalmitat. Andererseits
  verseift man Cocosl mit kohlensurehaltiger Aetznatronlauge, fgt die
  Palmlseife hinzu und kocht. In der Regel nimmt man auf 2 Th. Palml 1
  Th. Cocosl. Auf 100 Th. Cocosl rechnet man 14,3 Th. Aetznatron
  (Na_{2}O) und 12,8 Th. Natriumcarbonat. Letzteres ist unumgnglich
  nthig zur Seifenbildung. Nach =Unger='s Ansicht besteht die Eschweger
  Seife aus 5 Mol. fettsaurem Natrium, 1 Mol. Natriumcarbonat und x Mol.
  Wasser, wobei x eine hohe, aber keineswegs schwankende Zahl ist. Den
  gefllten Seifen giebt man hufig eine knstliche Marmorirung, welche
  natrlich nicht auf eine Bildung von Kern sich grndet, sondern eine
  einfache Frbung ist, die in folgender Weise ausgefhrt wird: Man
  bringt die frbende Substanz (Eisenroth, Braunroth, Frankfurter
  Schwarz) in eine kleine Menge der Seife, so dass diese durch und durch
  gleichmssig gefrbt erscheint. Diese Masse wird nun abwechselnd mit
  der nicht gefrbten so in die Form geschpft, dass Schichten von
  ungleicher Dicke sich bilden, denen durch Umrhren leicht eine
  Marmorirung ertheilt werden kann. Eine solche Marmorirung lsst sich
  indessen leicht von der durch natrlichen Fluss gebildeten
  unterscheiden.

[Sidenote: Weiche Seifen.]

Wie oben erwhnt, bildet das Kali mit den Fetten, sowohl mit den festen,
als auch mit den Oelen, nur =weiche Seifen= (Schmierseifen), welche an
der Luft nicht austrocknen, sondern aus derselben Wasser an sich ziehen
und eine Gallerte bilden. In der Regel sind diese sogenannten Seifen
unreine Lsungen von Kaliumoleat in berschssiger Kalilauge, gemengt mit
dem bei der Verseifung ausgeschiedenen Glycerin. Die weichen Seifen
knnen daher nur mit Kalilauge bereitet werden, obgleich man aus
praktischen Grnden fast immer einen Theil Kalium durch Natrium ersetzt.
Das Aussalzen fllt hinweg, da sonst die weiche Seife in harte
Natriumseife bergefhrt wrde, was man nicht beabsichtigt; es erfolgt
somit keine Trennung des Seifenleims von der Unterlauge, die mit all'
ihren Unreinigkeiten der Seife einverleibt bleibt.

  In Folge der grossen Lslichkeit und der alkalischen Beschaffenheit der
  weichen Seife, erhlt sie fr gewisse Anwendungen den Vorzug vor der
  Natriumseife, so unter Anderem zum Walken und Entfetten des Tuches und
  anderer Wollzeuge. Zur Herstellung der Lauge wendet man nie Holzasche,
  sondern immer die weit reinere Potasche an; man macht sie auf die
  gewhnliche Weise mit Aetzkalk kaustisch und bereitet Laugen von
  verschiedenem Gehalt; die schwchere, sogenannte =Verbindungslauge=,
  darf blos Aetzkali enthalten, die strkere, die =Sprenglauge=, enthlt
  neben Aetzkali auch noch Kaliumcarbonat, da die Praxis gelehrt hat,
  dass die Verseifung der Oele leichter geschieht, wenn die Laugen eine
  gewisse Menge Kaliumcarbonat enthalten. Von den Fettarten wendet man
  folgende an: Thran (namentlich Sdseethran), Hanfl, Rbl, Leinl und
  Leindotterl. Die Wahl der Fette richtet sich theils nach dem Preise,
  theils nach der Jahreszeit; im Winter verarbeitet man die sogenannten
  =weichen= oder =warmen Oele=, welche bei 0 noch nicht gestehen wie das
  Hanfl, das Lein- und Leindotterl, das Sommerrbsenl u. s. w.; im
  Sommer dagegen die =harten Oele=, wie Winterrbsenl, Sdseethran und
  Hringsthran. Damit demnach die weiche Seife im Sommer keine zu weiche
  Beschaffenheit habe, muss in derselben mehr Kaliumpalmitat im
  Verhltniss zum Oleat sein als bei der Winterseife. Hufig verseift man
  ein Gemenge verschiedener Oele oder von Hanfl mit Palml oder Talg,
  von Thran und Talg u. s. w.

  Das Sieden der weichen Seife beginnt mit einer mssig starken Lauge von
  8-10 Proc. Kaligehalt, wobei sich anfnglich eine Art Emulsion bildet,
  die nach und nach ihre trbe Beschaffenheit verliert und zugleich mehr
  fadenziehend wird. Das Ueberschumen der Seife wird durch Schlagen mit
  einem Rhrscheit (das =Wehren=) verhindert. Sobald alles Kali der Lauge
  gebunden ist, wird neue und zwar strkere Lauge zugesetzt und mit dem
  Sieden und dem Laugenzusatz fortgefahren, bis die Seife beim Erkalten
  nicht mehr trbe wird und zu einer klaren zhen Masse erstarrt. Enthlt
  die Seife einen zu grossen Ueberschuss an Aetzkali, was am einfachsten
  durch den Geschmack wahrgenommen werden kann, so setzt man eine
  entsprechende Menge Oel zu. Nachdem das =Vorsieden= vorber, beginnt
  das =Klarsieden=, durch welches das berschssige Wasser entfernt
  werden soll. Zur Vermeidung des langwierigen Abdampfens ziehen es
  mehrere Fabrikanten vor, sogleich concentrirte Lauge zum Verseifen
  anzuwenden. Sobald die Seife whrend des Klarsiedens einen Theil des
  Wassers verloren hat, bemerkt man statt des blossen Aufwallens auf der
  Oberflche die Bildung handgrosser Bltter, welche sich ber- und
  ineinanderschieben (das =Blttern der Seife=). Nimmt eine
  herausgenommene Probe der Seife beim vollkommenen Erkalten auf einer
  Glasplatte eine so zhe Beschaffenheit an, dass sie von dem Glase
  abgezogen werden kann, so ist die Seife fertig. Nach dem Erkalten wird
  sie, in Tonnen gefllt, in einem Kellerlokale aufbewahrt.

  Der Schmierseife kann ein ziemliches Quantum Natronwasserglaslsung
  einverleibt werden, ohne dass ein Aussalzen eintritt oder die Seife ein
  verndertes Ansehen zeigt. In neuerer Zeit wendet man zum Fllen von
  Schmierseifen auch Lsungen von Kaliumsulfat, ferner ein Gemenge von
  Alaun und Kochsalz oder auch, und zwar vorzugsweise, Kartoffelstrke
  an.

[Sidenote: Verschiedene andere Seifen.]

  =Verschiedene andere Seifen.= Andere weiche Seifen sind eine aus
  =Schweinefett= dargestellte, welche mit dem therischen Oele der
  bittern Mandeln oder der Mirbanessenz (Nitrobenzol) versetzt als
  =Mandelseife= kosmetischen Zwecken dient; ferner eine in England
  versuchsweise fabricirte =Fischseife= aus Fischen, Talg und Harz;
  =Wollseife=, nach =Chaptal= aus Scheerwolle, Kalilauge u. s. w. Die
  sogenannte =Knochenseife= ist nichts als ein Gemenge von gewhnlicher
  Harz- oder Cocosnusslseife mit Knochengallerte. Zur Fabrikation dieser
  Seife worden Knochen mit Salzsure behandelt, um das darin enthaltene
  Calciumphosphat aufzulsen und die zurckbleibende, mit Wasser gut
  ausgewaschene Gallerte zu dem Seifenleim whrend des Siedens gegeben.
  Eine andere Art Knochenseife ist die =Liverpool-Armenseife=, welche
  smmtliche Bestandtheile der Knochen, also nicht nur die Gallerte,
  sondern auch die Knochenerde enthlt. Die in Stcke zerschlagenen
  Knochen werden mit Kalilauge erweicht und die erweichte Masse unter
  fortwhrendem Sieden mit dem zu verseifenden Oele gemischt. Da es bei
  der Knochenseife darauf abgesehen ist, dem Unbemittelten fr wenig Geld
  ein grosses Stck Seife zu liefern, so fllt natrlicherweise bei deren
  Fabrikation das Aussalzen und Abscheiden von der Mutterlauge weg. Die
  =Kieselseife= ist gewhnliche Oel- oder Talgseife, in welche man, um
  sie ersparender zu machen, Kieselerde eingerhrt hat. Anstatt der
  Kieselerde setzt man auch gepulverten Bimsstein hinzu und erhlt die
  =Bimssteinseife=. In England und in Nordamerika stellt man die
  Kieselseife dar, indem man die Kieselerde nicht mechanisch, sondern als
  Wasserglaslsung der Seife zumischt. Nach Versuchen von =Seeber= kann
  jedoch eine Vormischung der harten Talg- und Oelseifen mit Wasserglas
  nur in geringem Grade stattfinden, da bei grsseren Mengen ein
  Aussalzen eintritt. Anders verhlt sich die Cocosnusslseife, welche
  bei einem Gehalt von 24 Proc. kieselsaurem Natron und 50 Proc. Wasser
  noch eine merkwrdige Hrte zeigt. Wie =Storer= angiebt, stellt man in
  den Vereinigten Staaten wasserglashaltige Seifen in der Weise dar, dass
  man das Wasserglas zu der aus dem Kessel in die Form geschpften noch
  heissen Seifenlsung setzt und hierauf die Mischung bis beinahe zum
  Erstarrungsmomente tchtig durcheinander rhrt. Von dem Wasserglas,
  welches eine Dichte von 35 B. (= 1,31 spec. Gewicht) hat, werden 25
  bis 40, ja sogar 60 Proc. zu der Seifenlsung gesetzt. Diese Art der
  Wasserglasseife soll die Harzseife vollstndig ersetzen knnen. Seitdem
  durch die Verarbeitung des Kryoliths Natrium-Aluminat massenhaft
  auftritt, bedient man sich einer Lsung desselben zur Herstellung einer
  thonerdehaltigen Seife.

[Sidenote: Toiletten-Seifen.]

=Toilettenseifen.= In England bereitet der Toilettenseifenfabrikant in
Folge der Steuergesetze seine Seife nur in seltenen Fllen selbst,
sondern bezieht sie von dem eigentlichen Seifenfabrikanten und
verwandelt sie durch Umschmelzen, Parfmiren und Formen in die
Toilettenseife. Die feineren Sorten der englischen Toilettenseife
besitzen daher neben den ihnen eigenthmlichen Vorzgen auch noch alle
guten Eigenschaften der gewhnlichen Seife. In Frankreich und Deutschland
dagegen wird die Seifenmasse in der Regel von dem Parfmisten selbst und
zwar meist durch das sogenannte kalte Verfahren erzeugt, nach welchem es
usserst schwierig ist, eine gute Toilettenseife zu erzielen. Denn
abgesehen davon, dass das Produkt bei unvollkommener Verseifung nicht
schumt, hat die Gegenwart von freiem Alkali erfahrungsgemss noch den
Uebelstand, dass sich die verwendeten therischen Oele unter dessen
Einfluss vielfach rasch verndern und dass das Aroma der Seifen nach
kurzer Zeit abstirbt. Eine vllig neutrale, kein berschssiges Fett und
Alkali enthaltende Seife kann durch das kalte Verfahren nur nach langer
Erfahrung gewonnen werden, indem man stets bedacht ist, die Materialien
von immer gleicher Beschaffenheit zu whlen.

  Man stellt die Toilettenseife auf dreierlei Weise dar, nmlich:

    1) durch Umschmelzen von Rohseife,
    2) durch die sogenannte kalte Parfmirung von fertiger geruchloser
       Seife.
    3) durch directe Bereitung.

  Die =Methode des Umschmelzens= wird einfach auf diese Weise ausgefhrt,
  dass man die feingehobelte Seife unter fortwhrendem Umkrcken in einem
  Kessel schmilzt und nach dem vollstndigen Schmelzen der Seife die
  Riechstoffe zusetzt und das Ganze gehrig mischt, ehe man es in die
  Form bringt. Nach dem =Verfahren der kalten Parfmirung= wird die kalte
  geruchlose Seife in Riegel geschnitten, diese werden auf einer Maschine
  in Spne verwandelt, diese mit den Riechstoffen bergossen, mit den
  Pigmenten versehen und zwischen Walzen malaxirt, bis die Seife
  gleichmssig gefrbt und parfmirt erscheint. Die Maschine verwandelt
  die Seifenmasse in breite Tafeln von beliebiger Dicke. Eine hierzu
  verwendbare Maschine -- =Pilirmaschine= -- ist von =Fr. Struve= in
  Leipzig construirt worden. Die vermittelst derselben dargestellten
  Seifen heissen =gestossene oder pilirte Seifen=. Bei der =directen
  Bereitung= der Toilettenseifen wird der aus den reinsten Materialien
  selbst bereiteten Seife das Aroma und das Pigment in noch weichem
  Zustande einverleibt. Als Materialien wendet man an Zinnober, Corallin
  und Fuchsin fr Roth, die violetten Theerfarben fr Violett, Ultramarin
  fr Blau, eine Lsung von Krmelzucker in Lauge fr Braun oder besser
  Caramel. Die pfirsichblthfarbigen Adern, welche gewisse Sorten von
  englischer parfmirter Seife durchziehen, sollen durch Zusatz von etwas
  Weinstein zu der mit Bittermandell parfmirten Seife entstehen.

  Wir fhren beispielsweise die Vorschrift zur Bereitung einiger
  Toilettenseifen an: Die =Windsorseife= erhlt man auf folgende Weise:
  Man verseift 40 Pfd. Hammeltalg und 15 bis 20 Pfd. Olivenl mit
  Natronlauge von 19 und macht die Seife mit 15grdiger, zuletzt mit
  20grdiger Lauge fertig und richtet sie ebenso ab wie eine Kernseife,
  doch muss sie neutral sein und darf keinen Laugenberschuss haben.
  Nachdem die Seife gargesotten ist, lsst man sie 6 bis 8 Stunden im
  Kessel ruhig stehen, damit sich die Unterlauge mglichst vollstndig
  absondere, und bringt sie in eine flache Form und drckt sie so lange,
  bis sich kein Fluss mehr zeigt. Man parfmirt sie mit einem Gemisch von
  Kmmell, Bergamottl, Lavendell, spanischem Hopfenl und Thymianl.
  Die gewnschte braune Farbe ertheilt man ihr mit gebranntem Zucker. Die
  =Rosenseife= (_savon  la rose_) stellt man durch Zusammenschmelzen von
  3 Th. Oelseife mit 2 Th. Talgseife und etwas Wasser dar; der
  Seifenkrper wird durch Rosenl, Nelkenl u. s. w. parfmirt und durch
  Zinnober gefrbt. Die als Rasirseife angewendete =Bartseife= muss
  schumen, darf aber kein freies Alkali enthalten. Man stellt sie
  zuweilen durch Kochen von Fettsuren mit einem Gemenge von Natrium- und
  Kaliumcarbonat und Parfmiren der Seife mit Pfeffermnzl dar. Hufig
  sind die Bartseifen mit Kali bereitete Schmierseifen. Die =leichte=
  oder =Schaumseife= (montirte Seife) hat bei gleichem Volumen nur die
  Hlfte weniger Substanz als die brigen Seifen. Um sie zu bereiten,
  wird Oelseife (Palml- oder Olivenlseife) unter Zusatz von 1/3-1/8
  Volumen Wasser geschmolzen und ununterbrochen mit einem mit Flgeln
  versehenen Rhrapparat gerhrt, bis die schumende Masse das doppelte
  Volumen erreicht hat. Darauf wird sie in Formenksten geschpft.
  Bemerkenswerth ist, dass nur Oelseifen, nicht aber Talgseifen
  Schaumseifen bilden knnen. Die Schaumseifen werden mit verschiedenen
  therischen Oelen parfmirt. Die =transparenten= oder =durchscheinenden
  Seifen= stellt man dar, indem man in Spne geschnittene, vollkommen
  getrocknete Talgseife mit einem gleichen Gewicht Alkohol bergiesst und
  das Gemenge in einer Destillirblase erhitzt, bis die Seife gelst ist.
  Darauf lsst man die geschmolzene Masse erkalten, damit alle
  Unreinigkeiten sich absetzen, und giesst nach einigen Stunden die klare
  Flssigkeit in weissblechene Formen, in welchen den Seifentafeln
  verschiedene Erhabenheiten aufgedrckt werden. Die Seife wird erst
  nach 3-4 Wochen fest und brauchbar. Zur Frbung der transparenten Seife
  wendet man einen alkoholischen Auszug von Cochenille und Alkanna oder
  auch Anilinfarben fr Roth und Pikrinsure oder auch Martiusgelb fr
  Gelb an. Das Parfmiren geschieht sehr hufig mit Zimmetl, nicht
  selten jedoch auch mit einem Gemisch von Thymianl, Majoranl und
  Sassafrasl. Die seit einigen Jahren aufgekommenen =Glycerinseifen=
  werden noch anders dargestellt, indem man eine alkoholische Lsung von
  gewhnlicher Seife mit Glycerin versetzt und vor der Mischung den
  Alkohol durch Erwrmen verdunstet; oder, indem man 5 Ctr. Seife in
  einer gleichen Menge Glycerin in einem mittelst Dampf geheizten
  Kupferkessel lst und die Lsung auf bliche Weise in Formen giesst,
  worauf die erstarrte durchscheinende Seife zu kleinen Stckchen
  zerschnitten wird, welche dann noch beschnitten und in beliebige Formen
  gepresst werden knnen. Eine Lsung von Seife in berschssigem
  Glycerin (35 : 30) bildet die =flssige= Glycerinseife, welche klar und
  von der Farbe und Consistenz gereinigten Honigs ist. Beide
  Seifenvarietten werden mit therischen Oelen parfmirt.

[Sidenote: Anwendung der Seife.]

  =Anwendung und Wirkungsweise der Seife.= Die Seife wendet man
  bekanntlich an zum Reinigen der Haut, der Wsche, der Tuche, der
  Wollzeuge, zum Bleichen, als Schmiermittel, um die Reibung zu
  verhindern, zur Darstellung lithographischer Tinte u. s. w. Die
  reinigende Eigenschaft der Seife hat man vielfach dem in ihr
  enthaltenen Kali zugeschrieben und die Frage, warum man nicht lieber
  geradezu Alkalien, kohlensaure oder tzende, anwende, dahin
  beantwortet, dass freies Alkali wol im Allgemeinen zu tzend sein
  mchte. Das Alkali, obwol es durch seine Verbindung mit den fetten
  Suren wesentlich milder geworden ist, hat doch seine Fhigkeit nicht
  verloren, sich mit Schmutz mancherlei Art, namentlich mit fettigen
  Substanzen zu verbinden. Die chemische Erklrung dieses eigenthmlichen
  Verhaltens lsst sich in der von =Chevreul= beobachteten Thatsache
  finden, dass sich die neutralen Salze der Alkalien der fetten Suren
  (Stearinsure, Palmitinsure, Oelsure) bei ihrer Auflsung in Wasser
  zersetzen, wobei zweifach-fettsaures Salz sich unlslich ausscheidet,
  whrend Alkali frei wird. Durch das freie Alkali wird die anhngende
  Unreinigkeit von der Faser entfernt und durch die ausgeschiedenen
  fettsauren Salze eingehllt und so ein erneutes Niederschlagen
  derselben verhindert. Der Seifenschaum hlt die Schmutztheilchen
  ebenfalls suspendirt. Die Fettsuren in der Seife sind als
  Einhllungsmittel und Trger der Alkalien anzusehen, wie zugleich als
  Schutzmittel gegen den Uebergang der Alkalien in den kohlensauren
  Zustand.

[Sidenote: Seifenprobe.]

  =Seifenprobe.= Wenn man die im Vorstehenden entwickelten Ansichten ber
  die Wirkungsweise der Seife festhlt, so sind auch schon im Allgemeinen
  die Principien gegeben, auf welchen die richtige Beurtheilung der
  Werthbestimmung der Seife beruht. Je grsser in einer gegebenen Seife
  die Quantitt der eigentlichen fettsauren Verbindung ist, desto grsser
  ist ihr Werth. Eine normale Seife sollte neben dem fettsauren Alkali
  nur noch freies Wasser enthalten und es giebt demnach die
  Wasserbestimmung schon einen werthvollen Anhaltepunkt der Bestimmung
  des Werthes der Seife. Da es nun der Seifenfabrikant in seiner Macht
  hat, je nach der Natur der angewendeten Fettsubstanzen aus 100 Th. Fett
  300 Th. anscheinend guter und harter Seife zu fabriciren, so zeigt sich
  die Wichtigkeit der Wasserbestimmung. Mit der Wassermenge in genauer
  Beziehung steht eine andere Eigenschaft der Seifen, die bei ihrer
  Werthbestimmung nicht unbercksichtigt gelassen werden darf. Wenn der
  Wassergehalt der Seife so gering ist, dass er eine gewisse fr jede
  andere Seifensorte besondere Grenze berschritten hat, so werden die
  Seifen so hart, dass es grosse Mhe kostet, durch Reiben die nthige
  Menge abzulsen, wobei, abgesehen von dem unnthigen Kraftaufwande, die
  zu reinigenden Stoffe betrchtlich leiden. Dieser Uebelstand ist jedoch
  von untergeordneter Bedeutung, da der materielle Werth einer derartigen
  Seife um so grsser ist, und man erinnere sich, wie es frher zur Zeit
  der Kernseife in geordneten Haushaltungen Gebrauch war, Kernseife
  Jahrzehnte hindurch aufzubewahren, ehe man sie in Gebrauch nahm. Auf
  der andern Seite wird die Seife bei zu grossem Wassergehalt zu leicht
  lslich in Wasser, wodurch ein grosser Verlust herbeigefhrt wird. Der
  Hrtegrad der Seife bildet demnach einen zweiten Faktor, der bei der
  Werthbestimmung der Seife zu bercksichtigen ist. Viele Seifen
  enthalten 2 bis 3 Proc. Glycerin. Aber nicht der Wassergehalt und der
  Zustand der Hrte einer Seife sind als die einzigen Kriterien bei der
  Beurtheilung einer Seife in Betracht zu ziehen. Es kommen noch andere
  Umstnde in Betracht. Die nach dem Austrocknen der Seife
  zurckbleibende Substanz muss, wenn die untersuchte Seife als Kernseife
  verkauft worden war, neutrales fettsaures Alkali sein und darf weder
  freies Alkali, noch Kochsalz, noch unverseiftes Fett enthalten. Das
  Vorhandensein von freiem Alkali nach =W. Stein= durch Calomel, durch
  Quecksilberchlorid, nach =Naschold= auch durch salpetersaures
  Quecksilberoxydul nachweisbar -- ist in den meisten Fllen nachtheilig,
  in einzelnen wieder vortheilhaft; unverbundenes Fett dagegen verhindert
  die Bildung von reichlichem Seifenschaum und ertheilt der Seife nach
  einiger Zeit einen ranzigen Geruch.

  Aus dem Vorstehenden folgt, dass die richtige Werthbestimmung der Seife
  eigentlich eine chemische Analyse einschliesst. Da, wie frher
  hervorgehoben, an die Stelle der Kernseifen gefllte Seifen und zwar
  bermssig stark gefllte getreten sind, so wre es an der Zeit, dem
  Missbrauche mit der Seife eine Grenze zu stecken. Ebenso gut, wie in
  den meisten Lndern gesetzliche Bestimmungen ber erlaubte und nicht
  erlaubte Zustze zu den edlen Metallen und zum Zinn bestehen, wrden
  hnliche Bestimmungen ber den erforderlichen Gehalt der Kernseife und
  der gefllten Seife sich aus dem Grunde rechtfertigen, weil die
  Beurtheilung der Seifen nach dem usseren Ansehen so ungemein schwer
  ist, dass schon die Unterscheidung der beiden Hauptabtheilungen, der
  Kernseife und der gefllten und geschliffenen, grosse Uebung und
  Kenntniss voraussetzt. (Hinsichtlich der Details der Seifenprfung sei
  auf die Lehrbcher der technischen Untersuchungsmethoden von =P.
  Bolley= und von =Alex. Bauer=, sowie auf die treffliche Abhandlung von
  =A. Span= -- 1869 -- verwiesen.)

[Sidenote: Unlsliche Seifen.]

=Unlsliche Seifen.= Alle Seifen, welche nicht Kali oder Natron zur Base
haben, sind in Wasser unlslich. Viele dieser unlslichen Seifen sind fr
die Technik von grosser Wichtigkeit und drften noch ausgedehnterer
Anwendung fhig sein.

  Die =Calciumseife= spielt eine wichtige Rolle in der
  Stearinkerzenfabrikation. Man erhlt sie entweder direct durch
  Verseifen von Fett mit Kalkhydrat oder Aetzkalk oder durch Zerlegen von
  in Wasser lslicher Seife mit einem lslichen Kalksalze; sie bildet
  sich daher fortwhrend, wenn Seife in hartem Wasser gelst worden soll.
  Die =Barium=- und die =Strontiumseife= sind der Calciumseife sehr
  hnlich. =Magnesiumseife= bildet sich nur schwierig auf directem Wege,
  indirect bildet sie sich unter Anderem beim Auflsen von gewhnlicher
  Seife in Meerwasser. Die =Aluminiumseife= ist ohne Zweifel eine der
  wichtigsten unlslichen Seifen; Thonerde verseift die Fette nicht, wenn
  man aber Kalium- oder Natrium-Aluminat anwendet, so bildet sich
  Aluminiumseife, welche wiederholt vorgeschlagen worden ist, um Gewebe,
  Holz u. dgl. wasserdicht zu machen. So schlgt =Jarry= vor, Holz
  (Eisenbahnschwellen) durch Trnken mit Aluminiumoleat oder -stearat vor
  Feuchtigkeit zu schtzen, was wol beachtet zu werden verdient. Das in
  den letzten Jahren vielfach zur Anwendung gekommene Mittel, Zeuge durch
  Behandeln mit Aluminiumacetat und dann mit Seifenlsung wasserdicht zu
  machen, beruht gleichfalls auf der Bildung von Aluminiumseife. Beim
  Aviviren mit Thonerdesalzen gebeizter und gefrbter und bedruckter
  Zeuge mit einer Lsung von Seife bildet sich auch Aluminium-Oleat, das
  auch zuweilen als Leim in der Papierfabrikation Anwendung findet.

  Die =Manganseife= wird durch Zersetzen von Mangansulfat mit
  gewhnlicher Seife oder durch Auflsen von Mangancarbonat in Oelsure
  durch Kochen dargestellt. Sie findet als Siccativ Anwendung. Die
  =Zinkseife=, durch doppelte Zersetzung aus Zinksulfat und Seife oder
  durch Verseifen aus Zinkweiss (Zinkoxyd) mit Olivenl oder Fett in der
  Wrme dargestellt, bildet eine gelblichweisse Masse, die, nach der
  ersten Methode erhalten, schnell zu einer zerreiblichen Masse
  eintrocknet, durch Verseifen von Zinkweiss bereitet dagegen als
  pflasterhnliche Substanz (Zinkpflaster) erscheint. Die Zinkseife
  bildet sich ferner bei der Anwendung von Zinkweiss als Oelfarbe. Die
  =Bleiseife= (Bleipflaster) wird durch Verseifen von Bleigltte oder
  Bleiweiss mit Olivenl oder durch Zersetzung von Bleiacetat mit
  lslicher Seife erhalten. Eine gelblichweisse pflasterhnliche Masse,
  die auch in dem Bleiglttfirniss enthalten ist. Die =Zinnseife=, durch
  doppelte Zersetzung von Zinnchlorr oder Zinnchlorid mit Seife
  erhalten, bildet sich beim Aviviren der mit Zinnlsung vorgeheizten und
  mit Krappprparaten ausgefrbten Zeuge. Die =Kupferseife= entsteht
  durch Fllen von Kupfervitriollsung mit Seife; sie ist eine grne,
  trockene und sprde werdende, wenig in Alkohol, leichter in Aether und
  Oelen lsliche Masse, welche man auch durch Kochen von Oelsure mit
  Kupfercarbonat darstellen kann. Sie macht einen Bestandtheil des
  Glhwachses aus. Ein Gemenge von Kupfer- und Eisenseife, durch Fllen
  einer Lsung von Kupfer- und Eisenvitriol mit Seife dargestellt, dient
  mit Bleiglttfirniss und Wachs zusammengeschmolzen, um Gypsabgssen
  einen sehr dauerhaften grnen, bronzehnlichen Ueberzug zu geben. Die
  =Quecksilberseife=, aus Quecksilberchlorid und Seife dargestellt, ist
  klebrig, schwierig trocknend, weiss, wird durch Luft und Licht grau und
  in der Wrme flssig; ist schwer in Alkohol, leicht in Oel lslich.
  Nach den Versuchen von =Deyeux= liefert Quecksilberlsung mit Oel und
  Wasser gekocht Quecksilberpflaster. Quecksilberseife findet sich ferner
  in alter Quecksilbersalbe und Quecksilberpflaster der Officinen,
  whrend die frisch bereiteten Prparate das Quecksilber metallisch und
  hchst fein zertheilt enthalten. Die =Silber=-, =Gold=- und
  =Platinseife=, durch doppelte Zersetzung dargestellt, haben bis jetzt
  keine Anwendung gefunden. Die Goldseife mchte zur Erzeugung von
  Glanzvergoldung auf Porcellan, die Silberseife als haarschwrzendes
  Mittel Beachtung verdienen. --


                       Die Borsure und der Borax.

[Sidenote: Borsure.]

Die =Borsure= kommt in der Natur vor in dem =Sassolin= H_{3}BO_{3} aus

                  Borsureanhydrid (B_{2}O_{3})   56,45
                  und Wasser                      43,55
                                                 ------
                                                 100,00

bestehend, ferner in folgenden Mineralien:

  Boracit (Magnesiumborat mit Chlormagnesium)[72] mit 62,5  Proc. Borsure
  Rhodicit (Calciumborat)                         "  30-45    "      "
  Tiza oder Boronatrocalcit                       "  30-44    "      "
  Hydroboracit                                    "  47       "      "
  Tinkal oder Borax (Natriumborat)                "  36,53    "      "
  Datolith (Boro-Silicat)                         "  18       "      "
  Botryolith (desgl.)                             "  20,35    "      "
  Axinit   (desgl.)                               "  2-6,6    "      "
  Turmalin (Schrl) (desgl.)                      "  2-11,8   "      "

  [72] Der in den Steinsalzlagern Stassfurts vorkommende Stassfurtit ist
       als eine dichte Variett des Boracit zu betrachten. Er findet sich
       in der Carnallitregion des Salzlagers vor, indessen so vereinzelt,
       dass die jhrliche Ausbeute nur 200 Ctr. betrgt.

  In geringer Menge kommt die Borsure auch in vielen Mineralwssern und
  im Meerwasser vor. Der Larderellit (Ammonborat) und der Lagonit
  (Ferricumborat), die beide in geringen Mengen in Toscana gefunden
  wurden, haben nur mineralogisches Interesse.

Die Borsure findet sich als Sassolin in mehreren vulkanischen Gegenden,
besonders auf einer der liparischen Inseln (Volcano) in Gesellschaft von
Schwefel, in den heissen Quellen von Sasso bei Siena und vor Allem in
einem Landstrich zwischen Volterra und Massa maritima in Toscana, in
welchem an vielen Punkten borsurehaltige Wasserdmpfe aus Klften und
Spalten des Bodens (Soffioni) hervorstrmen. =Hffer= und =Mascagni=
wiesen zuerst 1776 die Borsure in diesen Dmpfen nach. Es bilden sich
kleine Smpfe[73] und die Ausbeute dieser Lagoni wurde fr Toscana eine
reiche Erwerbsquelle. Die Borsurelagunen liegen zerstreut auf einem
Raume von etwa sechs Meilen im Umfange. Seit dem Jahre 1818 wurden
knstliche Lagunen angelegt, um die Borsure der Soffioni fabrikmssig zu
gewinnen. Die ersten Lagunen entstanden um Monte Cerboli und somit war
der Grund gelegt zu dem Orte, welcher spter nach dem Besitzer
=Larderel=, Larderello genannt wurde. Spter entstanden noch mehrere
andere Borsurefabriken, so zu Lustignano, am Monte rotondo, zu San
Federigo, Castel nuovo, Sasso, Serrazano und Lago, von denen eine jede 8,
15, 17, 30, selbst 35 Lagunen besitzt. Es wird die Hitze der Soffioni zum
Abdampfen der Borsurelsung angewendet. 1839 betrug die Produktion der
Borsure auf den Werken der Erben =Larderel='s 717,333 Kilogr., 1867
betrug sie 2,350,000 Kil. 100 Kilogr. Borsure kosten gegenwrtig 10-50
fl. Seit 1854 ist die Borsuregewinnung in Toscana in ein neues Stadium
getreten, indem auf die Anregung hin von =Gazzeri= in Florenz durch
=Durval= knstliche Soffioni angelegt werden dadurch, dass man einfach in
den borsurehaltigen Grund bohrte. =Durval= hatte in der Nhe von Monte
rotondo auf Tiefe von 150-18O Fuss (1862) bereits 18 knstliche Soffionen
erbohrt, welche jhrlich ber 200,000 Kil. Borsure liefern.

  [73] Diese Smpfe fhren die Namen _Fumacchi_, _Fumarole_, _Soffioni_,
       _Mofetti_.

  Der Boden der natrlichen Lagunen ist aus Schlamm gebildet, der durch
  ein scheinbares Sieden ununterbrochen bewegt wird, eine Erscheinung,
  die von der unausgesetzten Bildung von Fumarolen herrhrt. In der Regel
  finden sich die Mndungen der Dampfquellen an den tiefsten Stellen der
  Thler; das daraus durch Abkhlung condensirte Wasser verbreitet sich
  dann ber das umliegende Terrain und bildet daraus einen Sumpf, in
  welchem sich alle in den Fumarolen enthaltenen verdichtbaren Stoffe
  absetzen. Nach einer Untersuchung von =Payen= bestehen die Dmpfe der
  Fumarolen aus durch Abkhlung =verdichtbaren= und =nicht verdichtbaren=
  Stoffen. Die ersteren bestehen aus Wasser, schwefelsaurem Kalk,
  schwefelsaurer Magnesia, schwefelsaurem Ammoniak, Chloreisen,
  Salzsure, organischer Substanz, einem therischen Oele von
  Fischgeruch, Thon, Sand und kleiner Menge von Borsure; der nicht
  condensirte gasfrmige Theil der Fumarolen bestand aus

                      Kohlensure            0,573
                      Stickstoff             0,348
                      Sauerstoff             0,0657
                      Schwefelwasserstoff    0,0133

  Den Angaben =Payens=, dass die Fumarolen fast keine Spur von Borsure
  enthielten, zuwider, fand =C. Schmidt= (aus Dorpat), dass in den
  Fumarolen, noch ehe sie in das Wasser der Lagunen treten, Borsure
  enthalten sei, dass die unmittelbar ohne Wasserzutritt verdichteten
  Dmpfe prformirte Borsure neben Kohlensure und Ammoniak in grosser,
  Schwefelwasserstoff in kleiner Menge enthalten. Das Fumarolenliquidum
  enthlt ungefhr 0,1 Proc. Borsure.

[Sidenote: Theorie der Bildung der natrlichen Borsure.]

  =Dumas= und mit ihm =Payen= stellen zur Erklrung der Bildung der
  vulkanischen Borsure die Hypothese auf, dass im Innern der Erde ein
  Lager von =Schwefelbor= (B_{2}S_{3}) sich befinde, welches, wenn es mit
  dem Meerwasser in Berhrung kommt, sich mit dem Wasser zu Borsure und
  Schwefelwasserstoff umsetze. Allerdings ist eine
  Schwefelwasserstoffentwickelung in den Lagunen stets zu bemerken,
  welche aber wahrscheinlich nur in einem zuflligen Zusammenhange mit
  der Borsure steht. =P. Bolley= erklrte die Bildung der Borsure und
  des Sassolins aus dem Verhalten des Borax zu Salmiak, da sich ebenso
  wie der Borax, auch der Boracit, Datolith, Turmalin und Axinit verhlt.
  In vulkanischen Gegenden ist bekanntlich das Vorkommen des Salmiaks
  etwas sehr Gewhnliches; es bedarf daher nur zur Borsurebildung des
  gleichzeitigen Vorkommens eines solchen Minerals. Bei berschssigem
  Salmiak wird nmlich der Borax vollstndig in Chlornatrium und Borsure
  zerlegt, wahrscheinlich geschieht dasselbe auch bei andern
  Borsureverbindungen. Die Hypothese =Bolley='s nimmt zur Erklrung der
  Bildung der vulkanischen Borsure den Salmiak, ebenfalls ein
  vulkanisches Produkt, zu Hlfe, welches indessen, andern Beobachtungen
  zufolge, nicht =vor= der Borsure schon da war, sondern sich
  gleichzeitig mit derselben bildete. Nach einer zuerst von mir im Jahre
  1851 ausgesprochenen Ansicht, die 1854 durch Prof. =Becchi= in Florenz
  als eine gegrndete Anerkennung fand, befindet sich im Erdinnern
  =Borstickstoff= (BN), welcher ebenso wie der von =Whler= knstlich
  dargestellte durch heisse Wasserdmpfe in Borsure und Ammoniak zerlegt
  wird. Auch =Warington= (1854) und =Popp= (1870) leiten die Entstehung
  der Borsure und des Ammoniaks in Vulkanen aus der Zersetzung von
  Borstickstoff durch Wasserdmpfe ab; ersterer will an der Borsure und
  dem Salmiak von der liparischen Insel Volcano noch unzersetzten
  Borstickstoff gefunden haben. Es unterliegt keinem Zweifel, dass auch
  durch die Zerlegung borsurehaltiger Gesteine durch Salzsure oder
  Schwefelsure in vulkanischen Gegenden sich Borsure bilden kann.
  Neuerdings (1862) neigt sich =Becchi= mehr der Ansicht zu, dass die
  Borsure das Resultat der Zersetzung von Calciumborat sei. Specielle
  Versuche haben ihn gelehrt, dass ein Strom berhitzten Dampfes ber
  rothglhendes Calciumborat geleitet, reichliche Mengen von Borsure mit
  sich fortreisst. In den Serpentinen und Kalkgesteinen, welche in der
  Nhe der Soffioni sich finden, hat =C. Schmidt= allerdings Borsure
  nachgewiesen. Das gleichzeitig auftretende Ammoniak hlt er fr ein
  Produkt der stickstoffhaltigen organischen Krper, die in reichlicher
  Menge in den Gebirgen Toscanas vorkommen[74].

  [74] Die Menge des neben der Borsure vorkommenden Ammoniaks ist
       auffallend gross, so gaben vier Soffioni bei Travale innerhalb 24
       Stunden 150 Kilogr. Borsure und 1500 Kilogr. Ammonsulfat.

[Sidenote: Gewinnung der Borsure.]

Um die Borsure zu gewinnen, stellt man ber den natrlichen
Zerklftungen, aus welchen sich die Fumarolen entwickeln, oder den
knstlichen von =Durval= angelegten Soffionis, mit Wasser angefllten
Bassins (knstliche Lagunen) her, in welche so viel als mglich Soffioni
mnden. Die Soffioni verdichten sich in diesem Wasser. Sobald das Wasser
die nthige Menge von Borsure aufgenommen hat, wird sie aus den
verschiedenen Lagunen in eine grosse gemauerte Cisterne abgelassen. Aus
dieser Cisterne fliesst die Lsung in die Abdampfpfannen. Zum Abdampfen
der Borsurelsung benutzt man die Wrme derjenigen Soffioni, welche
wegen ungnstiger Lage sich nicht zur Anlegung von Lagunen eignen. Man
umgiebt die Dampfquellen mit einem hlzernen Kamin und leitet sie in
gemauerten unterirdischen Kanlen unter die Abdampfbatterien. In den
Pfannen setzen sich noch verschiedene Unreinigkeiten, namentlich Gyps ab.
Sobald die Lsung ein spec. Gewicht von 1,070-1,08 bei 80 zeigt, bringt
man sie in hlzerne, mit Blei ausgeftterte Krystallisirgefsse, in
welchen sich die Borsure krystallinisch absetzt; man lsst in Krben die
Mutterlauge abtropfen und trocknet sie in einem Trockenofen, der
ebenfalls durch die Wrme der Soffioni geheizt wird.

  Auf vorstehende Weise wird im Allgemeinen in Toscana die Borsure
  gewonnen. Es lassen sich aber nicht alle Borsure fhrenden Terrains
  nach dem gewhnlichen Verfahren ausbeuten; man hat deshalb zur
  Gewinnung der Borsure aus dem Wasser des Monte-rotondo-Sees mit Erfolg
  ein neues Verfahren eingefhrt. Der Borsuregehalt dieses Wassers
  betrug ursprnglich nur etwa 1/2000 und wegen dieses geringen Gehaltes
  wurde dasselbe nicht zur Borsuregewinnung benutzt. Das den See
  umgebende Terrain lsst hier und da schwache Dampfstrme hervortreten,
  die, wenn sie in gewhnlicher Weise benutzt worden wren, keine
  erhebliche Menge von Borsure gegeben haben wrden; das Abdampfen des
  Wassers mittelst Brennmaterial war aber bei dem geringen Gehalt
  desselben nicht statthaft. Der See wurde daher mit einem Graben
  umgeben, der das Quellwasser, welches sonst in den See floss, sowie den
  grssern Theil des sonst in den See fliessenden Regenwassers, auffngt.
  In Folge dieser Einrichtung enthlt das Wasser des Sees nun etwa 2 pro
  Mille Borsure, also in gleichem Gewichte 4 Mal so viel als frher. Man
  hat ferner durch die oben erwhnten =Durval='schen Bohrlcher
  (knstliche Soffioni) der toscanischen Borsuregewinnung mchtig
  Vorschub geleistet. In neuester Zeit endlich hat man eine Verbesserung
  des Betriebes dadurch eingefhrt, dass man einen Theil der aus den
  natrlichen und knstlichen Soffioni verdichtet und mit der so
  erhaltenen Flssigkeit die Lagunen speist. In dem Grade, als der
  Verbrauch der Borsure zugenommen hat, macht man bezglich ihrer
  Reinheit immer grssere Ansprche. Frher begngte man sich mit einer
  Sure, welche 70-80 Proc. Borsurehydrat enthielt, gegenwrtig will man
  nur gereinigte Sure, die hchstens 10 Proc. Unreinigkeiten enthlt.
  Man reinigt sie durch Umkrystallisiren und Behandeln der Lsung mit
  Thierkohle. =Clouet= schlgt vor, die rohe Borsure behufs ihrer
  Reinigung mit 5 Proc. gewhnlicher Salpetersure zu vermischen, die
  Masse einige Stunden lang liegen zu lassen und sie dann in einem Ofen
  zu erhitzen. Durch diese Behandlung werden sowol die organischen Stoffe
  als auch die Ammoniaksalze, welche in der rohen Borsure enthalten
  sind, zerstrt und verflchtigt, und man erhlt aus derselben einen
  viel reineren Borax als bei der Anwendung der rohen Sure. Ausser
  Toscana liefert die Insel Vulcano Borsure in den Handel; man schtzt
  die von Vulcano stammende Borsuremenge auf 3000 Kilogr. jhrlich.
  Ehedem, als die Borsure nur mehr pharmaceutische Verwendung fand,
  bereitete man die Borsure, indem man 1 Th. Borax in 4 Th. siedendem
  Wasser lste und 1/3 Th. Schwefelsure oder besser 1/2 Th. Salzsure
  von 1,2 spec. Gew. zusetzte. Die Sure scheidet sich dabei beim
  Erkalten ab und wird durch Umkrystallisiren gereinigt.

  In 100 Th. kuflicher toscanischer Borsure fand =H. Vohl= (1866):

  ===============+==========+==========+==========+==========+==========
                 |     1.   |     2.   |     3.   |    4.    |    5.
  ===============+==========+==========+==========+==========+==========
  Borsure       |  45,1996 |  47,6320 |  48,2357 |  45,2487 |  48,1314
  Krystallwasser |  34,8916 |  35,6983 |  37,2127 |  34,9010 |  38,0610
  Angezogenes    |          |          |          |          |
    Wasser       |   4,5019 |   2,5860 |   1,0237 |   4,4990 |   1,5240
  Schwefelsure  |   9,6135 |   7,9096 |   8,4423 |   9,5833 |   7,8161
  Kieselsure    |   0,8121 |   1,2840 |   0,6000 |   0,2134 |   0,0861
  Sand           |   0,2991 |   0,5000 |   0,1000 |   0,7722 |   0,4154
  Eisenoxyd      |   0,1266 |   0,1631 |   0,0920 |   0,1030 |   0,0431
  Manganoxydul   |   0,0031 |   Spuren |   Spuren |   Spuren |   Spuren
  Thonerde       |   0,5786 |   0,0802 |   0,0504 |   0,1359 |   0,1736
  Kalk           |   0,0109 |   0,3055 |   0,5178 |   Spuren |   Spuren
  Magnesia       |   0,6080 |   Spuren |   Spuren |   Spuren |   Spuren
  Kali           |   0,1801 |   0,2551 |   0,5178 |   0,6140 |   0,4134
  Ammoniak       |   2,9891 |   3,5165 |   3,5169 |   3,7659 |   3,0890
  Natron         |   0,0029 |   Spuren |   Spuren |   Spuren |   Spuren
  Chlornatrium   |   0,1012 |   0,0595 |   0,0401 |   0,1671 |   0,0321
  Organische     |          |          |          |          |
    Substanzen   |          |          |          |          |
    und Verlust  |   0,0918 |   0,0101 |   0,0101 |     --   |   0,0449
  ---------------+----------+----------+----------+----------+----------
                 | 100,0000 | 100,0000 | 100,0000 | 100,0000 | 100,0000

[Sidenote: Eigenschaften und Verwendung der Borsure.]

Die gereinigte krystallisirte Borsure krystallisirt in
perlmutterglnzenden Blttchen, verliert bis ber 100 erhitzt die Hlfte
ihres Krystallwassers, ohne zu schmelzen, whrend die andere Hlfte erst
in der Glhhitze und Schmelzen unter starkem Aufblhen ausgetrieben
werden kann. Nach dem Erkalten erscheint die wasserfreie Sure als ein
durchsichtiges, hartes, sprdes Glas von 1,83 spec. Gewichte. 1 Th.
Borsure lst sich in 25,6 Th. Wasser bei 15 C. und in 2,9 Th. bei 100.
Eine bei 8 gesttigte Lsung hat ein spec. Gewicht von 1,014. Die
Borsure ist eine feuerbestndige Sure und treibt, mit schwefelsauren
Salzen erhitzt, aus letzteren die Schwefelsure aus. Mit Wasser- und
Alkoholdmpfen verflchtigt sie sich. Sie ertheilt der Alkoholflamme eine
grne Frbung. In chemischer Hinsicht verhlt sie sich der Kieselsure
sehr hnlich. Die Borsure wird hauptschlich zur Fabrikation des Borax,
zum Glasiren gewisser Porcellanarten und als Zusatz zur Masse einiger
Thonwaaren und in wsseriger Lsung mit Schwefelsure vermischt zum
Trnken der Dochte bei der Stearin- und Paraffinkerzenfabrikation
verwendet. Ausserdem dient sie zum Frben des Goldes, zum Aetzen von
Eisen und Stahl zum Zweck der Verzierung, zur Darstellung von Flintglas,
und knstlichen Edelsteinen. Seit dem Jahre 1859 benutzt man auch die
Borsure bei der Fabrikation desjenigen Chromoxydhydrates, welches unter
dem Namen =Smaragdgrn=, =Pannetier's Grn=, _Vert-Guignet_, im Handel
sich findet.

[Sidenote: Borax.]

Der =Borax= oder das =borsaure Natrium= enthlt im wasserfreien Zustande
Na_{2}B_{4}O_{7} und besteht in 100 Th. aus

                   Borsureanhydrid (B_{2}O_{3})  69,05
                   Natron (Na_{2}O)               30,95
                                                 ------
                                                 100,00

Er findet sich fertig gebildet in der Natur in einigen alpinischen Seen
in den Schneegebirgen von Indien, China, Persien, auf Ceylon, namentlich
in dem See Teschu-Lumbu in Gross-Thibet, welcher fnfzehn Tagereisen von
dem Orte gleiches Namens liegt und frher grosse Mengen von Borax
lieferte. Ausserdem kommt er in grsserer Quantitt bei Potosi in
Bolivien und (wie es scheint in unerschpflicher Menge) im _Borax
Lake_[75] und im _Pyramid Lake_ (letzterer in Humboldt-County, Nevada) in
Californien vor. Der durch freiwillige Verdunstung durch die Sonnenwrme
aus dem Wasser der Boraxseen herauskrystallisirte Borax wurde frher in
grosser Menge unter dem Namen =Tinkal=, =Tinkana=, =Swaga= oder =Pounxa=
in Europa eingefhrt. Es erschien in kleinen sechsseitigen, mehr oder
minder abgeplatteten Krystallen, die bisweilen farblos, bald aber auch
gelblich oder grnlich waren und immer eine erdige Rinde zeigten, die
sich fettig anfhlte und seifenhnlich roch. Die Raffinirung des rohen
Borax geschah in Venedig, welches lange Zeit ausschliesslich im Besitz
des Geheimnisses der Raffinationsmethode war, und spter in Holland. Am
Boraxsee oder _Clear Lake_ in Californien (50 deutsche Meilen nrdlich
von S. Francisco) wird der boraxhaltige Schlamm aus dem See durch Baggern
gewonnen, an der Sonne getrocknet und dann ausgelaugt[76].

  [75] Das Wasser des Borax-See's hat (nach einer Analyse von =Moore= von
       1870) ein spec. Gewicht von 1,027 und enthlt in 1 Liter 35,23
       Grm. feste Bestandtheile, darunter 3,96 Grm. Borax.

  [76] Die Boraxfabrikation am _Clear Lake_ liefert tglich 2000 Kilogr.
       Borax.

  Die =Reinigung des Tinkal= lsst sich auf verschiedene Weise ausfhren.
  Nach der lteren Methode bringt man ihn auf einen Spitzbeutel und
  wscht ihn mit einer Lsung von Natron, welche 5 Proc. davon enthlt,
  so lange, als die Flssigkeit noch gefrbt hindurchluft; durch dieses
  Auswaschen wird der Borax von der anhngenden Fettsubstanz befreit,
  welche mit der Soda zu einer im Wasser leicht lslichen Seife
  zusammentritt. Nachdem der Borax gut abgetropft ist, lst man ihn in
  siedendem Wasser und giebt auf 100 Th. des zu raffinirenden Salzes 12
  Th. krystallisirtes Natriumcarbonat zu und filtrirt dann die Lsung.
  Nach dem Filtriren wird die Lsung durch Abdampfen bis auf 18-20 B.
  gebracht und in hlzernen, mit Blei ausgeftterten Gefssen
  krystallisiren gelassen. Damit keine Krystallkrusten, sondern einzelne,
  wol ausgebildete Krystalle sich bilden, ist es nothwendig, dass die
  Flssigkeit sehr langsam sich abkhle. Nach einem andern Verfahren
  bergiesst man denselben mit einer kleinen Menge kalten Wassers und
  setzt nach und nach unter Umrhren 1 Proc. Kalkhydrat hinzu. Nach
  einiger Zeit wird siedendes Wasser zugesetzt und die Flssigkeit
  durchgeseiht. Es bleibt hierbei die Fettsubstanz, welche den Tinkal
  verunreinigte, als unlsliche Calciumseife zurck. Zu der Flssigkeit
  setzt man 2 Proc. Chlorcalcium, seiht wieder durch, dampft die
  Flssigkeit ab und lsst krystallisiren. =Clouet= zertheilt den Tinkal,
  um ihn zu reinigen, zu Pulver, mischt ihn mit 10 Proc. Natriumnitrat
  und calcinirt die Mischung bei mssigem Feuer in einer gusseisernen
  Pfanne, wobei die Fettsubstanzen zerstrt werden. Man lst die
  calcinirte Masse nachher in Wasser auf und trennt die Lsung von der
  zurckgebliebenen Kohle, worauf man aus ihr durch Abdampfen und
  Krystallisiren ohne Weiteres rohen Borax enthlt.

[Sidenote: Borax aus Borsure.]

Seit dem Jahre 1818 begann in Frankreich die =Fabrikation von Borax
mittelst Borsure=, wodurch sich der Preis des Borax um 3/4 erniedrigte.
Dieses Verfahren ist gegenwrtig das allein bliche. Je nach dem
Wassergehalt des krystallisirten Borax und seiner Krystallform
unterscheidet man 1) den =gewhnlichen= (natrlichen oder knstlichen)
oder =prismatischen Borax=, 2) den =octadrischen Borax=, welcher nur die
Hlfte des Krystallwassers des prismatischen Borax enthlt:

Der _prismatische_ Borax (Na_{2}B_{4}O_{7} + 10H_{2}O) besteht aus

                          Borsure         36,6
                          Natron           16,2
                          Krystallwasser   47,2
                                          -----
                                          100,0

Der _octadrische_ Borax (Na_{2}B_{4}O_{7} + 5H_{2}O) aus

                         Borsure }
                         Natron   }       69,36
                         Krystallwasser   30,64
                                         ------
                                         100,00

[Illustration: Fig. 118.]

  Die Fabrikation des =prismatischen Borax= geschieht auf folgende Weise:
  Man lst in einem mit Bleiblech ausgeftterten Bottich _A_ (Fig. 118),
  der durch Wasserdmpfe erwrmt werden kann, 26 Ctr. krystallisirtes
  Natriumcarbonat in etwa 1500 Litern Wasser und erhitzt bis zum Sieden.
  Der Dampfkessel _C_ dient zur Bildung der Wasserdmpfe, die durch das
  Dampfrohr _c_ in den Bottich geleitet werden und bei _m_ ausstrmen.
  Durch die Hhne _b_ und _r_ wird die Flssigkeit aus _A_ abgelassen.
  Durch das weite Rohr _a_, das durch einen Deckel genau verschlossen
  werden kann, trgt man die aufzulsenden Substanzen ein. Nachdem die
  Lsung vor sich gegangen und die Flssigkeit siedet, wird die Borsure
  in Quantitten von 8-10 Pfd. eingetragen. Neben der Kohlensure
  entwickeln sich auch kleine Mengen von Ammoncarbonat, welche durch das
  in dem Deckel des Apparates _A_ befindliche Ableitungsrohr _o_ in ein
  Gefss mit verdnnter Schwefelsure gelangen, von welcher das Ammoniak
  zurckgehalten wird. Zur Sttigung der erwhnten 26 Ctr. Soda hat man
  gegen 24 Ctr. roher Borsure nothwendig. Die siedend gesttigte Lsung
  zeigt 21-22 B. und hat eine Temperatur von 104. Wre sie dichter, so
  setzt man etwas Wasser hinzu; zeigte sie sich dagegen zu verdnnt, so
  lst man eine kleine Menge von rohem Borax in ihr auf, um sie bis auf
  21 B. zu bringen. Die Lsung bleibt in dem Bottich _A_ ruhig stehen,
  damit sich alle unlslichen Substanzen daraus abscheiden. Die geklrte
  Lauge gelangt dann durch den Hahn _r_ in die Krystallisirgefsse _P P_,
  der abgeschiedene Schlamm durch _b_ in das untergesetzte Gefss _K_.
  Die Krystallisirgefsse sind aus Holz und mit Bleiblech ausgefttert.
  Nach 2-3 Tagen ist die Krystallisation beendigt. Die Mutterlauge wird
  aus allen Krystallisirbottichen in das Gefss _H_ gelassen. Die
  Krystalle kommen zum Abtropfen auf die geneigte Ebene _M_. Der so
  erhaltene Borax erscheint in kleinen zerbrckelten Krystallen, die
  behufs der Reinigung umkrystallisirt werden mssen. Die hierbei
  gewonnene Mutterlauge dient zum Lsen neuer Mengen von Soda. Nach drei
  bis vier Operationen enthlt die Mutterlauge eine gengende Quantitt
  Glaubersalz, um aus den Laugen sich krystallinisch abscheiden zu
  knnen. Zu diesem Behufe lsst man die Lauge bis auf 30 sich abkhlen.
  Da die Lslichkeit des Glaubersalzes in Wasser bei einer Temperatur von
  33 ihr Maximum erreicht, so ist es klar, dass die Krystallisation des
  Glaubersalzes erst beginnen kann, sobald die des Borax beendigt ist.
  Nach der Krystallisation des Glaubersalzes giebt die in einem eisernen
  Kessel abgedampfte Mutterlauge noch eine Krystallisation von Borax,
  deren Mutterlauge wieder auf Glaubersalz verarbeitet wird. Die letzten
  Mutterlaugen geben beim Eindampfen bis zur Trockne eine Salzmasse, die
  in der Glasfabrikation noch benutzt werden kann. =Bischof= wirft die
  Frage auf, ob es nicht vortheilhafter sein mchte, dem Wasser der
  Lagunen Natron zuzusetzen und an Ort und Stelle in Toscana Borax
  darzustellen, als in Frankreich und Liverpool aus der toscanischen
  Borsure Borax zu fabriciren. Es wrde auch dadurch der Verlust an
  Borsure vermindert, welcher in =Larderel='s Fabrikanlagen durch deren
  Verflchtigung entsteht. =Jean= macht den Vorschlag, in der
  Boraxfabrikation das Natriumcarbonat durch =Schwefelnatrium= zu
  ersetzen und das sich bei der Boraxbildung entwickelnde
  Schwefelwasserstoffgas (das doch jedenfalls eine Quelle von
  Inconvenienzen fr die Boraxfabrik sein wird) auf Schwefelsure oder
  auf Schwefel zu verarbeiten.

[Sidenote: Reinigen des Borax.]

[Illustration: Fig. 119.]

Um den rohen Borax =zu reinigen=, lst man ihn in dem mit Blei
ausgeftterten hlzernen Bottich _A_ (Fig. 119), welcher durch
eingeleitete Wasserdmpfe erhitzt wird. Man fllt den Bottich mit Wasser
und hngt den zu reinigenden Borax in einem Drahtsiebe unter die
Oberflche der Flssigkeit. Auf je 100 Th. Borax setzt man 5 Th.
krystallisirtes Natriumcarbonat hinzu und fhrt mit dem Auflsen neuer
Quantitten fort, bis die Lauge 22 B. zeigt. Nachdem die Lsung durch
Absetzen sich geklrt hat, lsst man sie durch den Hahn _C_ in das
Khlschiff _B_ fliessen. Um jeden Verlust an Lauge zu verhten, besteht
der Boden unter _B_ aus wasserdichtem Cment und ist geneigt, damit die
etwa verschttete Lauge in einen Kanal abfliesse. Die Krystallisirgefsse
bestehen aus starkem Holz und enthalten im Innern ein Bleigefss; sie
werden mit der Lauge bis auf einen Zoll vom Rande angefllt und mit einem
Deckel dicht verschlossen. Beim Erkalten entsteht nun durch Verdichtung
der Wasserdmpfe auf der Oberflche der Lauge eine geringe Wasserschicht,
wodurch der Entstehung kleiner Krystalle auf der Oberflche vorgebeugt
wird. Geschhe dies nicht, so wrden diese Krystalle zu Boden fallen und
sich daselbst zu Krystallkrusten vereinigen. Da man grosse Krystalle zu
erhalten sucht, so muss die Abkhlung der Flssigkeit mglichst langsam
geschehen. Zu diesem Zwecke sind die Zwischenrume _H_ mit einem
schlechten Wrmeleiter, gewhnlich mit Wolle ausgestopft.

  Die Krystallisation erfordert je nach der Temperatur der usseren Luft
  16-28 Tage. Nach dieser Zeit hat die Lauge immer noch eine Temperatur
  von 27-28 C. Wollte man die Flssigkeit noch weiter sich abkhlen
  lassen, so wrden auch fremde Substanzen mit dem Borax sich abscheiden.
  Die Mutterlauge wird dann mit Hlfe eines Hebers mglichst schnell von
  den Krystallen abgezogen und in flache Krystallisirgefsse gegeben, wo
  sich noch kleine Krystalle bilden. Die in dem Gefss _B_ erzielten
  grossen Boraxkrystalle werden mit Hlfe eines Schwammes von der
  anhngenden Mutterlauge befreit; darauf wird das Krystallisirgefss
  schnell wieder mit dem Deckel bedeckt. Ohne diese Vorsichtsmaassregel
  wrden die Krystalle zu schnell abkhlen und Sprnge und Zerklftungen
  erhalten. Nach einigen Stunden bricht man die Krystalle aus dem Gefsse
  heraus, ohne jedoch dabei die Krystalle und das Blei der Gefsse zu
  beschdigen. Die Krystalle werden auf hlzernen Tafeln getrocknet und
  nach dem Sortiren verpackt. Frher pflegte man den Krystallen zuvor
  durch Rtteln in Sieben die abgestumpften Kanten und Ecken, und das
  weisse Pulver, womit der raffinirte Tinkal in Folge des Transportes
  berzogen war, zu geben, da die Consumenten darin Kennzeichen einer
  guten Qualitt zu sehen glaubten. Gegenwrtig ist dieses Vorurtheil
  besiegt.

  In =englischen= Fabriken wendet man bei der Darstellung von Borax aus
  Borsure folgendes Verfahren an: Man schmilzt die rohe Borsure mit
  ihrem halben Gewichte calcinirter Soda auf dem Herde eines Muffelofens
  ein; die Masse frittet zunchst und gerth dann in schaumigen Fluss,
  wobei sie fortwhrend durch Rhrkrcken umgearbeitet wird. Das
  Ammoniak, welches als schwefelsaures Salz einen erheblichen
  Bestandtheil der rohen Borsure ausmacht, entweicht bei diesem
  Processe, mit Kohlensure verbunden, durch eine Oeffnung im Gewlbe des
  Ofens nach einer Verdichtungskammer (vergl. Seite 261). Die aus dem
  Ofen kommende Schmelze wird in eisernen Kesseln in der Wrme
  ausgelaugt, die Lsung durch Absetzen von den suspendirten Theilchen
  geklrt und dann in kleineren Gefssen mglichst langsam abgekhlt, um
  schne Krystalle zu erhalten. Wie Seite 222 erwhnt wurde, hat man auch
  in Frankreich angefangen, mit der =Fabrikation von rauchender
  Schwefelsure= die von Borax zu verbinden. Zu diesem Zwecke destillirt
  man ein Gemenge von calcinirtem Glaubersalz und Borsure und
  verarbeitet den in der Retorte bleibenden Rckstand von Borax durch
  Auflsen und Krystallisirenlassen. Nach der Methode von =Khnke= wendet
  man zur Neutralisation der Borsure nicht Natriumcarbonat, sondern
  Natriumhydroxyd (Aetznatron) an und lsst den Borax aus einer sehr
  alkalischen Lsung krystallisiren.

  In neuerer Zeit stellt man Borax aus dem oben erwhnten natrlichen
  =Calcium-Borat= oder =Calcium-Natrium-Borat= (Tiza oder
  Boronatrocalcit)[77] dar, welches gegenwrtig in grosser Menge aus
  Tarapaca in Peru und von der Westkste Afrika's nach Europa gelangt. Da
  die Aufschliessung des Minerals mit Schwefelsure nur ungengende
  Resultate gegeben, so wendet man (nach den Vorschlgen von =Lunge=) zur
  Darstellung von Borax aus Tiza die Zersetzung mit Salzsure an. Zu dem
  Ende bergiesst man das gemahlene und geschlmmte Material mit zwei
  Dritteln seines Gewichtes kuflicher Salzsure und der doppelten Menge
  Wasser, und digerirt in mssiger Wrme, noch besser bei Siedehitze, so
  lange, bis die Zersetzung vollstndig ist, was bald eintritt. Besonders
  zu Ende der Digestion muss man die Wrme steigern, um sicher alle
  Borsure in Lsung zu behalten; auch muss man zu diesem Zwecke das
  verdampfte Wasser bis auf sein ursprngliches Volumen ergnzen. Man
  lsst nun in der Hitze absetzen und trennt die klare Lsung von dem
  unbedeutenden Rckstande durch Decantiren oder Abhebern. Beim Erkalten
  krystallisirt die Borsure fast vollstndig heraus, whrend
  Chlornatrium und Chlorcalcium in der Mutterlauge bleiben, nebst einer
  geringen Menge berschssiger Salzsure. Die angegebene Menge von zwei
  Dritteln des Minerals an Salzsure bezieht sich brigens auf einen
  Mittelgehalt desselben von 40 Proc. an Borsure und muss bei
  erheblicher Abweichung davon entsprechend abgendert werden. Die
  herauskrystallisirte Borsure lsst man abtropfen, presst oder
  schleudert sie aus, wscht sie einmal mit kaltem Wasser, schleudert sie
  nochmals aus und erhlt sie dann fast vollkommen rein, so dass sie nach
  der Behandlung mit Soda schon bei der ersten Krystallisation reinen
  Borax giebt. Die Rckstnde von der Digestion mit Salzsure sammelt man
  an und behandelt sie noch einmal fr sich mit heisser Salzsure. In der
  Mutterlauge von der Borsurekrystallisation, welche mit den anderen
  Salzen fast gesttigt ist, bleibt so wenig Borsure, dass ihre
  Gewinnung kaum lohnen drfte; man kann sie aber auch noch hieraus fast
  vollstndig durch Niederschlagen mit Kalk erhalten. -- Die
  Aufschliessung des Boronatrocalcits mit Soda bietet vielfache
  Schwierigkeiten dar, doch wird sie in England fabrikmssig ausgebt.
  Auch auf die Verwendbarkeit der =Stassfurter Boracite= oder
  =Stassfurtite= zur Darstellung von Borax ist aufmerksam gemacht worden.

  [77] Nach =Whler= nach der Formel Na_{2}B_{4}O_{7} + 2CaB_{4}O_{7} +
       18H_{2}O zusammengesetzt.

  Der prismatische Borax bildet fast farblose und durchsichtige Krystalle
  von 1,75 spec. Gewicht, welche sich in 12 Th. kaltem und 2 Th.
  siedendem Wasser zu einer schwach alkalisch reagirenden Flssigkeit
  auflsen. An der Luft verwittern die Krystalle nur oberflchlich,
  zerspringen meistens beim Erwrmen und blhen sich dann zu einer
  schwammigen Masse auf (=calcinirter Borax=), die in der Glhhitze zu
  einem durchsichtigen Glase (=Boraxglas=) schmilzt, welches aus der Luft
  nur sehr langsam Wasser aufnimmt und dabei seine Durchsichtigkeit
  verliert.

[Sidenote: Octadrischer Borax.]

Der =octadrische Borax= (Na_{2}B_{4}O_{7} + 5H_{2}O) wird auf folgende
Weise erhalten: Man lst prismatischen Borax in siedendem Wasser, bis die
siedende Lsung 30 B. (= 1,260 spec. Gewicht) zeigt. Darauf berlsst
man die Flssigkeit einer langsamen und regelmssigen Abkhlung. Wenn die
Temperatur bis auf 79 C. gesunken ist, fangen die octadrischen
Krystalle an sich zu bilden und dies dauert fort, bis die Temperatur nur
noch 56 betrgt. Von dieser Zeit an giebt die Mutterlauge nur noch
prismatische Krystalle. Versumt man die Mutterlauge zu gehriger Zeit
abzugiessen, so erhlt man ein Gemenge von prismatischem und
octadrischem Borax. =Buran= verfhrt bei Darstellung des octadrischen
Borax auf hnliche Weise. Er verdampft die Auflsung bis zu 32 B. (=
1,282), darauf verschliesst er den Kessel, um die Abkhlung mglichst zu
verlangsamen. Wenn 10 Ctr. in Arbeit genommen worden waren, so ffnet er
nach Verlauf von 6 Tagen den Kessel, giesst den noch flssigen Theil ab
und nimmt den gebildeten octadrischen Borax heraus, der als dichte Rinde
sich abgelagert hat. Auf ihrer Oberflche sieht man einen Anfang
prismatischer Krystallisation, welche durch mechanische Mittel
abgesondert wird.

  Indischer Tinkal und chinesischer halbraffinirter Borax soll bisweilen
  aus octadrischem Borax bestehen. Der octadrische Borax kommt im
  franzsischen Handel unter dem Namen calcinirter Borax, Juwelierborax,
  Rindenborax u. s. w. vor. Er unterscheidet sich von dem prismatischen
  Borax ausser durch die Krystallform und den Wassergehalt dadurch, dass
  er ein spec. Gewicht von 1,81 hat und die Krystalle eine weit grssere
  Hrte besitzen, denn der gewhnliche Borax wird durch den octadrischen
  geritzt. Der prismatische Borax zerklftet sich und zerspringt schon
  bei einem Temperaturwechsel, der 15 betrgt, der octadrische aber
  behlt unter gleichen Umstnden seinen Zusammenhang. Whrend der
  gewhnliche Borax im Wasser sowol als in feuchter Luft durchsichtig
  bleibt und in trockener Luft an der Oberflche verwittert, werden die
  Krystalle des octadrischen Borax, dem Wasser und der feuchten Luft
  ausgesetzt, undurchsichtig, wobei sie nach und nach fnf Aequivalente
  Wasser aufnehmen und in den prismatischen Borax bergehen. Beim
  Erhitzen schmilzt er leicht und blht sich whrend des Schmelzens weit
  weniger auf als der prismatische Borax.

[Sidenote: Anwendung des Borax.]

  Die =Anwendung des Borax= ist eine sehr mannigfaltige. Geschmolzener
  Borax hat die Eigenschaft, bei hoher Temperatur Metalloxyde zu lsen
  und mit denselben durchsichtige, nicht gefrbte Glser zu bilden, so
  wird z. B. Borax durch Kobaltoxydul blau, durch Chromoxyd grn gefrbt.
  Auf diese Eigenschaft, welche man in der analytischen Chemie zum
  Erkennen und Unterscheiden gewisser Metalloxyde vor dem Lthrohr
  benutzt, ist auch seine Anwendung zum Lthen basirt. Der Borax ist
  ferner ein hufiger Bestandtheil des Strass, einiger Glassorten und
  Emails, sowie vieler Glas- und Porcellanfarben. In grsster Menge
  benutzt man ihn zur Glasur der feineren Fayence und irdener Thonwaaren,
  auch zuweilen als Zusatz zur Masse gewisser Thonarten. Bei der
  Ausscheidung vieler Metalle aus ihren Erzen kann der Borax als
  Flussmittel benutzt werden; in der That benutzt man den rohen Borax in
  Sdamerika (unter dem Namen =Quemason=) zum Kupferschmelzen. Der Borax
  bildet mit Schellack (in dem Verhltnis von 1 Th. Borax auf 5 Th. Harz)
  einen in Wasser lslichen Firniss, welcher in der Hutfabrikation
  (gewhnlich mit Anilinschwarz gemengt, wenn es sich um schwarze Hte
  handelt) zum Steifen der Filzhte Anwendung findet; mit Casen giebt er
  eine Flssigkeit, die sich durch grosse Klebekraft auszeichnet und
  anstatt einer Lsung von arabischem Gummi gebraucht werden kann. Man
  hat ferner den Vorschlag gemacht, den Borax statt der Seife zum
  Entschlen der Seide, statt der Soda bei der Wsche, zum Reinigen der
  Haare, zu kosmetischen Zwecken etc. zu verwenden. In der Zeugdruckerei
  und Frberei hat man ihn wiederholt zur Fixation der mineralischen
  Mordants (namentlich Thonerde und Eisenoxyd), so wie als Menstruum in
  Wasser unlslicher Farbstoffe, endlich auch als Surrogat des
  Kuhkothbades anzuwenden vorgeschlagen. In Folge seiner Eigenschaft, die
  Fette zu emulsiren, kann der Borax zur Darstellung der Weissbder
  dienen. Mit einer Lsung von arabischem Gummi giebt Borax eine sehr
  consistente Gallerte. Nach =Clouet= ist ein Gemenge von Borsure und
  Kalium- oder Natriumnitrat in manchen Fllen ein besseres Flussmittel,
  als Borax. Er nimmt 100 Th. Borsure und 100 Th. Kalium- oder
  Natriumnitrat, befeuchtet das Gemenge mit etwa 10 Proc. Wasser und
  lsst es in einem emaillirten eisernen Kessel flssig werden, worauf er
  es auf Bleiplatten giesst. Nach dem Erkalten bildet die Masse weisse
  krystallinische Platten, die in den Handel gebracht werden knnen. Die
  mit Kaliumnitrat bereitete Masse ist namentlich fr die Fabrikation von
  Krystallglas, die mit Natriumnitrat dargestellte fr die
  Emailfabrikation geeignet. Borax ist das zweckmssigste Mittel zur
  Vertilgung der Schaben (Blatta orientalis). Wsserige Boraxlsung ist
  zum Imprgniren des Holzes behufs seiner Conservation in Vorschlag
  gebracht worden. Das Zink- und Manganborat finden als Siccativ in der
  Firnissbereitung Anwendung. Das Chromborat findet zur Darstellung der
  unter den Namen =Vert-Guignet=, Pannetier's Grn, Smaragdgrn bekannten
  grnen Farbe Anwendung.

[Sidenote: Bordiamanten.]

  =Whler= und =H. Deville= haben 1857 nachgewiesen, dass das dem
  Kohlenstoff so beraus nahe stehende Bor ebenso wie der Kohlenstoff in
  zwei allotropischen Zustnden aufzutreten vermag, nmlich krystallisirt
  (diamanthnlich[78]) und amorph. Der =Bordiamant= wird auf zweierlei
  Weise dargestellt, nmlich durch Reduktion von geschmolzener Borsure
  mit Aluminium:

           Borsure B_{2}O_{3}  }       { Thonerde Al_{2}O_{3}
           Aluminium 2Al        } geben { Bor 2B

  oder durch Ueberfhren von amorphem Bor in krystallisirtes. Diese
  letztere Methode giebt ein besseres Resultat als die erstere. Man
  bringt ein Gemenge von 100 Grm. wasserfreier Borsure mit 60 Grm.
  Natrium in einen kleinen, bis zum vollen Glhen erhitzten Tiegel von
  Gusseisen, schttet darauf 40 bis 50 Grm. Kochsalz und bedeckt den
  Tiegel. Sobald die Reaktion vorber ist, rhrt man die Masse, welche
  das reducirte amorphe Bor in einem geschmolzenen Gemenge von Borsure,
  Borax und Kochsalz vertheilt enthlt, mit einem eisernen Stabe um und
  giesst sie dann in mit Salzsure angesuertes Wasser. Man filtrirt das
  Bor ab, wscht es mit salzsurehaltigem Wasser und lsst es auf porsen
  Steinen bei gewhnlicher Temperatur trocknen. Geschmolzenes Eisen fhrt
  bekanntlich amorphen Kohlenstoff in krystallinischen (in Graphit) ber;
  auf hnliche Weise wird durch schmelzendes Aluminium amorphes Bor in
  krystallisirtes verwandelt. Man verfhrt dabei auf folgende Weise: Ein
  kleiner hessischer Tiegel wird mit amorphem Bor angefllt, dann wird
  bis zu einer gewissen Tiefe ein Loch ausgebohrt und in dieses eine 4-6
  Grm. schwere Stange gestellt. Man setzt den Tiegel darauf 1-1/2-2
  Stunden lang einer Temperatur aus, welche hinreicht, um Nickel zu
  schmelzen. Nach dem Erkalten sind gewhnlich schon an der Oberflche
  des Aluminiums schne Borkrystalle zu bemerken. Man lst die Masse in
  verdnnter Salzsure auf, wobei alle eingeschlossenen Borkrystalle zum
  Vorschein kommen. Von dem zugleich mit entstandenen Borgraphit lassen
  sich die Bordiamanten durch Schlmmen leicht trennen. Die Bordiamanten
  krystallisiren tetragonal, sind durchsichtig, bald granatroth, bald
  honiggelb, im vollkommen reinen Zustande jedoch vollkommen farblos und
  von grossem Lichtbrechungsvermgen, Glanz und einer Hrte, welche der
  der Diamanten gleich ist oder dieselbe noch bertrifft; die Krystalle
  ritzen den Korund mit Leichtigkeit, greifen selbst den Diamant etwas
  an. Die Entdeckung der Bordiamanten kann mit der Zeit fr die Technik
  mglicherweise von Wichtigkeit werden.

  [78] Der sogenannte =Borgraphit= ist nach neueren Untersuchungen
       =Whler='s (Februar 1867) Boraluminium von der Formel AlB_{2}.


  Die Fabrikation des Alauns, des Aluminiumsulfates und der Aluminate.

[Sidenote: Alaun. Allgemeines.]

Der =Alaun= ist ein aus Aluminiumsulfat, Kalium- oder Ammonsulfat und
Krystallwasser bestehendes Salz, welches je nach der Natur des darin
enthaltenen Alkalisulfates als Kaliumalaun und Ammonalaun unterschieden
wird. Zu dem Alaun sind in dem letzten Jahrzehend Aluminiumsulfat und
Natrium-Aluminat gekommen, um der Technik reines, namentlich eisenfreies
Thonerdesalz zu liefern.

[Sidenote: Vorkommen des Alauns in der Natur.]

Der Alaun, besonders der =Kaliumalaun= (Al_{2} / K_{2})} 4SO_{4} +
24H_{2}O findet sich als Ausblhung oder Auswitterung nicht selten auf
dem Alaunschiefer, seltener in ausgebildeten Krystallen, als vielmehr als
=Federalaun= (Federsalz, Haarsalz, Keramohalit). Er findet sich
vorzugsweise in vulkanischen Gegenden, zumal in den Solfataren, in
schwefelkieshaltigen Thonlagern, auf Stein- und Braunkohlenlagersttten
vor. In der Nhe der Vulkane entsteht der Alaun, indem die sich bildende
schweflige Sure[79] bei Gegenwart von Luft und Feuchtigkeit in
Schwefelsure bergeht, welche auf die in den Laven enthaltene Thonerde
und Kali einwirkt. Der natrliche Alaun hat indessen mehr mineralogisches
als technisches Interesse, indem aller Alaun, der sich gegenwrtig im
Handel findet, knstlich dargestellt ist.

  [79] Von grosser Wichtigkeit fr die Erklrung der Bildung des
       natrlichen Alauns ist die Beobachtung =Fr. Knapp='s, dass beim
       Rsten der Pyrite neben schwefliger Sure auch Schwefelsure in
       namhafter Menge auftritt.

[Sidenote: Materialien der Fabrikation des Alauns.]

Die fabrikmssige Darstellung des Alauns (des Aluminiumsulfates und des
Natrium-Aluminats) grndet sich auf geeignetes und massenhaftes Vorkommen
gewisser Thonerdeverbindungen, welche die Rohmaterialien dieses
Industriezweiges abgeben. Je nach ihren Bestandtheilen zerfallen diese
Materialien (=Alaunerze=) in folgende =vier= Gruppen:

  1) In solche, in denen die zur Alaunbildung erforderlichen
  Bestandtheile (=Aluminium=, =Kalium= und =Schwefelsure=) in solcher
  Menge vorhanden sind, dass eine Ausscheidung derselben ohne Zusatz von
  Alkalisalz lohnend erscheint. Hierher gehren der Alaunstein, so wie
  gewisse Sorten von Alaunschiefer;

  2) In solche, in denen nur die Elemente zur Bildung des
  Aluminiumsulfates (Aluminiumsilicat und Schwefelkies) vorhanden sind,
  das Alkalisalz ganz oder doch zum grssten Theile zugesetzt werden
  muss. Zu dieser Gruppe gehren die Alaunschiefer und die Alaunerze aus
  der Braunkohlenformation oder die eigentliche Alaunerde;

  3) In solche, welche nur das =Aluminium= enthalten und denen mithin
  Schwefelsure und Alkalisalze zugesetzt werden muss. In diese
  Abtheilung gehren [Greek: a]) die Thone, [Greek: b]) der Kryolith
  (Fluoraluminium-Fluornatrium), [Greek: g]) der Bauxit
  (eisenoxydhaltiges Thonerdehydrat), [Greek: d]) die Hohofenschlacken,
  die man in neuerer Zeit auch auf Thonerdeprparate zu verarbeiten
  sucht;

  4) Zu der vierten Gruppe wrden alle jene Materialien der
  Alaunfabrikation zu rechnen sein, welche wie der Feldspath =Aluminium=
  und =Kalium= in einer zur Alaungewinnung geeigneten Menge enthalten und
  denen mithin nur Schwefelsure zugesetzt werden muss.

[Sidenote: Darstellung des Alauns aus Alaunstein.]

1. _Gruppe._ Der =Alaunstein= oder =Alunit= kommt nur in vulkanischen
Gegenden vor und ist das Produkt der Einwirkung von schwefligsauren
Dmpfen auf trachitische oder andere Gebirgsarten, die reich an Feldspath
(Feldspathlava) sind. Der am lngsten bekannte Fundort des Alaunsteins
ist Tolfa bei Civita-Vecchia im Kirchenstaate. Ferner findet sich der
Alaunstein in grsserer Menge zu Munkcs in Ungarn. Der krystallisirte
Alaunstein besteht aus Kalium-Aluminium-Sulfat und Aluminiumhydroxyd
(nach =Al. Mitscherlich=: K_{2}SO_{4} + Al_{2}(SO_{4})_{3} +
2(Al_{2}O_{3}, 3H_{2}O)).

  Der Alaunstein verliert schon bei angehender Rothglhhitze sein Wasser
  und geht in eine Verbindung ber, aus welcher das Wasser Alaun
  auszieht, whrend auf ungebrannten Alaunstein das Wasser nicht
  einwirkt. Ist der Alaunstein zu stark erhitzt worden, so ussert das
  Wasser keine Wirkung mehr darauf, indem in starker Rothglhhitze sich
  das Aluminiumsulfat in Thonerde, schweflige Sure und Sauerstoff
  zersetzt, auch das Kaliumsulfat sich zerlegt, dessen Kalium mit der
  Kieselerde und Thonerde zusammentritt. Aus diesem Verhalten des
  Alaunsteines in der Hitze ergiebt sich dessen Behandlung, um daraus
  Alaun zu gewinnen. Es wird zu =Tolfa= das Mineral in Stcke zerschlagen
  und dann entweder in Haufen oder in Oefen, welche entweder unsern
  Kalkfen hnlich oder Flammenfen sind, gerstet, worauf der gerstete
  Stein in grossen lnglich gemauerten Bhnen, die mit gemauerten Grben
  umgeben sind, in mssig hohen Haufen ausgeschttet und mit Wasser
  begossen wird. Der gerstete Alaunstein zerfllt dadurch zu einem
  blassrthlichen Brei, welcher nun mit heissem Wasser ausgelaugt wird,
  worauf die klare Lauge, ohne weitern Zusatz, zum Krystallisationspunkte
  versotten wird. Der =rmische Alaun= hat die Eigenthmlichkeit, beim
  Erkalten der Lsung erst in Octadern und dann in Wrfeln zu
  krystallisiren; man nennt ihn deshalb auch =kubischen Alaun=. Wenn man
  letzteren in Wasser lst und die Lsung bei 100 erhitzt, so setzt sich
  basischer Alaun ab und die darber stehende Flssigkeit giebt beim
  Abdampfen octadrischen Alaun. Lsst man aber die Flssigkeit ber dem
  Niederschlage stehen, so lst sich der letztere beim Erkalten wieder
  auf und die Lsung giebt beim Krystallisiren wieder kubischen Alaun.
  Erinnert man sich des Umstandes, dass bei der Fabrikation des rmischen
  Alauns der Alaun beim Ausziehen des gersteten Alaunfels mit
  berschssiger Thonerde zusammenkommt, so ist es einleuchtend, dass man
  gewhnlichen Alaun in kubischen umwandeln kann, wenn man die Lsung des
  ersteren mit Thonerdehydrat digerirt und die Lsung nur auf 40
  erwrmt. Die fleischrothe Farbe des rmischen, ebenso des
  neapolitanischen Alauns rhrt von etwas mechanisch eingeschlossenem
  Eisenoxyd her, welches beim Lsen der Krystalle in Wasser ungelst
  zurckbleibt.

[Sidenote: Darstellung des Alauns aus Alaunschiefer und Alaunerde.]

2. _Gruppe._ Weit wichtiger als die Gewinnung des Alauns aus dem
Alaunstein ist die Fabrikation desselben aus den eigentlichen
=Alaunerzen=, dem Alaunschiefer und der Alaunerde.

[Sidenote: Alaunschiefer.]

Der =Alaunschiefer= ist ein von Schwefelkies durchdrungener, durch Kohle
stark gefrbter Thonschiefer oder Schieferthon, welcher sich hufig in
der unmittelbaren Nhe von Steinkohlenfltzen findet. Er kommt vor in
Oberbayern, im preussischen Regierungsbezirke Dsseldorf und Trier, in
Sachsen, Bhmen, am Harze, in Belgien bei Lttich u. s. w.

  Nur an wenigen Orten, wo der Alaunschiefer Feldspath enthlt, findet
  sich in dem Schiefer so viel Alkali, dass ein fernerer Zusatz von
  Alkalien zu der gesttigten Lauge behufs der Darstellung nicht mehr
  nthig ist.

[Sidenote: Alaunerde.]

Die =Alaunerde= ist eine mit vielen erdigen Theilen und Schwefelkies
(Vitriolkies) gemengte Braunkohle oder auch ein mit Bitumen und
Schwefelkies gemengter Thon. Gewhnlich ist sie erdig, im Grossen
zuweilen schieferig. Sie findet sich in der norddeutschen Ebene in der
Nhe der Oder bei Freienwalde, Gleissen, Schermeisel und in der
Oberlausitz bei Muskau; sie kommt ferner vor zu Kreuzkirch bei Neuwied
und auf der Rhn. Der Schwefel ist in der Alaunerde theils im freien
Zustande (durch Schwefelkohlenstoff ausziehbar), theils als Vitriolkies
und Eisenkies enthalten. Das Eisen befindet sich darin theils als
Schwefelkies, theils als Eisenhuminat.

[Sidenote: Darstellung des Alauns aus der Alaunerde und aus dem
Alaunschiefer.]

Die Darstellung des Alauns daraus zerfllt in folgende sechs Operationen:

[Sidenote: Rsten der Alaunerde.]

  1) Die =Rstung der Alaunerde= ist die bei Weitem wichtigste aller
  Operationen, da ein grosser Theil der Alaunwerke nur durch mglichst
  billige Erzeugung des Aluminiumsulfates bei den theuren alkalischen
  Zuschlagsmitteln seine Existenz behaupten kann. Ob zur Erzielung des
  Maximums an Aluminiumsulfat die Erze einem wirklichen =Rstprocesse=
  unterworfen werden mssen, oder ob ein blosses =Verwitternlassen=
  derselben ausreicht, darber muss die Beschaffenheit der einzelnen Erze
  und die Erfahrung entscheiden. Der Vorgang, welcher bei dem
  Verwitterungs- und Rstprocesse stattfindet, ist folgender: Bei dem
  =Verwitterungsprocess= wird das Eisenbisulfuret, das sich in der
  Alaunerde in Gestalt von Vitriolkies oder Wasserkies befindet, durch
  Aufnahme von Sauerstoff in Eisenvitriol und Schwefelsure verwandelt,
  welche letztere, indem sie auf den Thon einwirkt, eine quivalente
  Menge Aluminiumsulfat bildet. Durch des =Rsten= geht das
  Eisenbisulfuret in Monosulfuret und Schwefel ber, welcher letztere
  ebenso wie der in der Alaunerde enthaltene freie Schwefel zu
  schwefliger Sure verbrennt, die zersetzend auf den Thon einwirkt und
  Aluminiumsulfit und -sulfat bildet. Erstere geht in Folge des
  Liegenlassens des gersteten Haufens an der Luft nach und nach in
  schwefelsaure Thonerde ber. Das Eisenmonosulfuret geht durch den
  Rstprocess in Eisenvitriol und letzterer in unlsliches Ferrisulfat
  ber, wobei die Schwefelsure frei wird, die einen neuen Antheil Thon
  zersetzt. Werden die Erze sogleich nach der Rstung verarbeitet, so
  geben sie etwa um 1/6 weniger Aluminiumsulfat, als solche, die nach der
  Rstung etwa noch ein Jahr der Luft ausgesetzt werden. Zu Ampsin bei
  Lttich leitet man die beim Rsten von Zinkblende sich bildende
  schweflige Sure (nach dem Patente von =de Laminne=) nebst
  Wasserdmpfen in alte Alaunschieferhalden, wodurch sich reichlich
  Aluminiumsulfat bildet, das man durch Auslaugen gewinnt.

[Sidenote: Auslaugen.]

  2) Das =Auslaugen= der gersteten Alaunerze geschieht in den
  =Auslaugeksten= (dem Waschwerk), in welche das Erz gekarrt wird. Diese
  Ksten stehen in fnf Reihen neben einander: die erste Reihe ist um
  eine Kastenhhe hher als die zweite und diese gleichfalls um eine
  hher als die dritte. Die Ksten haben eine Lnge von etwa 6-7 Meter,
  eine Breite von 5 und eine Hhe von 1,3 Meter und stehen auf einem
  Boden von festgestampftem Thon. Sie werden zu 3/4 mit Erz und darauf
  mit Wasser angefllt. Entfernt man einen unten am Kasten befindlichen
  Zapfen, so fliesst die Lauge vermittelst einer Rinne in einen zweiten
  Auslaugekasten, von da in einen dritten und so fort. Hat die Lauge noch
  nicht ein spezifisches Gewicht von 1,16 erreicht, so wird sie auf
  frisches Erz geschttet. Das ausgelaugte Erz, welches sich vorher nicht
  entzndet hatte, wird wieder auf Haufen geschttet, der Verwitterung
  nochmals unterworfen und spter noch einmal ausgelaugt. Man leitet die
  Lauge in Ksten, in welchen sie so lange stehen bleibt, bis die
  grberen Unreinigkeiten sich abgesetzt haben, worauf aus diesen die
  geklrte Lauge durch einen gemauerten Kanal in einem vor dem Siedehaus
  befindlichen bedeckten Behlter oder auch in das Siedehaus selbst
  gefhrt wird.

[Sidenote: Abdampfen der Lauge.]

  3) Das =Concentriren der rohen Lauge= durch Abdampfen geschieht in
  bleiernen Pfannen, welche man zuweilen durch =gusseiserne= ersetzt. Da
  diese aber leicht springen, ferner durch die saure Flssigkeit leicht
  angegriffen werden, =bleierne= Pfannen dagegen leicht durchschmelzen,
  so hat man gegenwrtig auf den meisten Alaunwerken die zweckmssige
  Einrichtung getroffen, dass die Lauge in =gemauerten= Rumen, welche
  den Herd eines Flammenofens bilden, sich befindet und die Flamme und
  heisse Luft ber die Oberflche hinstreichen. Da hierbei die Rohlauge
  durch Russ und Flugasche verunreinigt wird, so verdient die von
  =Bleibtreu= auf den rheinischen Alaunwerken eingefhrte =Gasheizung=
  alle Beachtung. Die Behandlung der rohen Lauge whrend des
  Concentrirens ist von ihrer Beschaffenheit und der Quantitt des darin
  enthaltenen Eisenvitriols abhngig. Da gewhnlich der Eisenvitriol in
  grosser Menge in der rohen Lauge enthalten ist, so sind in Deutschland
  viele Alaunwerke zugleich Vitriolwerke. Ist die Menge des Eisenvitriols
  in der rohen Lauge zu gering, als dass sich eine Verarbeitung derselben
  auf Vitriol verlohnte, so nimmt man keine Rcksicht darauf, sondern
  dampft die Rohlauge ab, bis sie ein spec. Gewicht von 1,40 zeigt.
  Whrend des Siedens der Lauge scheidet sich basisches Ferrisulfat aus
  und die Lauge nimmt eine rothgelbe Farbe und schlammige Beschaffenheit
  an, weshalb sie, ehe man zum Alaunmachen schreitet, geklrt werden
  muss. Das Klren geschieht in den =Sedimentir=- oder =Schlammksten=,
  grossen, aus hlzernen Bohlen zusammengefgten Ksten, deren Fugen
  wasserdicht verkittet sind. Nachdem darin der =Vitriolschmand= sich
  abgeschieden und die Lauge sich geklrt hat, wird sie in die
  =Prcipitirksten= (Rttel- oder Schttelksten) geleitet um dort
  gefllt zu werden.

[Sidenote: Mehlmachen.]

  4) Die =Prcipitation= der Gut- oder Garlauge oder des =Mehlmachen=
  geschieht durch Zusatz eines Kaliumsalzes, wenn man Kaliumalaun, eines
  Ammonsalzes, wenn man Ammonalaun darstellen will. Die Lsung des
  Alkalisalzes wird der =Fluss= oder das =Prcipitirmittel= genannt.
  Indem das Aluminiumsulfat der Lauge mit dem Alkalisalze zusammentritt,
  bildet sich Alaun, welcher in dem Flssigkeitsquantum, das in der Lauge
  und dem Fluss enthalten ist, in der Klte sich nicht lst und daher zum
  grssten Theile sich abscheidet. Die Bildung grsserer Krystalle,
  welche Mutterlauge einschliessen und dadurch verunreinigt wrden, sucht
  man durch Umrhren der Lauge zu verhindern. Der Alaun scheidet sich in
  Gestalt eines feinen krystallinisches Pulvers als =Alaunmehl= aus,
  welches von der anhngenden Mutterlauge durch Waschen befreit werden
  kann. Frher wendete man als Fllungsmittel Holzaschenlauge, gefaulten
  Harn u. s. w. an, jetzt benutzt man entweder Chlorkalium (aus
  Schlempekohle, aus Kelp oder Carnallit), oder das bei der Zersetzung
  des Kainits auftretende Kaliumsulfat. Chlorkalium ist nur dann mit
  Vortheil anwendbar, wenn die Lauge grssere Mengen von Eisenvitriol
  enthlt, welcher sich damit zu Kaliumsulfat und Eisenchlorr umsetzt.
  Potasche ist nur dann mglich, wenn die Lauge die zur Neutralisation
  erforderliche Menge freier Schwefelsure enthlt, ausserdem wrde sich
  ein Theil der schwefelsauren Thonerde als unlslicher Alaun abscheiden.
  Als Ammonsalz wendet man fast nur das schwefelsaure Salz an. 100 Th.
  Aluminiumsulfat bedrfen zur Fllung

                        Chlorkalium     43,5 Th.
                        Kaliumsulfat    50,9  "
                        Ammonsulfat     47,8  "

  Die ber dem Alaunmehl stehende Mutterlauge ist schwach grnlich
  gefrbt und enthlt nur noch wenig Alaun, dagegen Chloreisen
  (Eisenchlorr und -chlorid), Ferro- und Ferrisulfat, Magnesiumsulfat
  oder Chlormagnesium, je nachdem man zum Fllen des Alaunmehls sich der
  Sulfate oder der Chlormetalle bedient hatte. Man verarbeitet sie auf
  unreinen Alaun, Eisenvitriol oder benutzt sie zur Darstellung von
  Ammonsulfat.

[Sidenote: Waschen und Umkrystallisiren.]

  5) Das so gewonnene Alaunmehl wird =gewaschen=, um es von anhngender
  Mutterlauge zu befreien. Zu diesem Zwecke benutzte man frher eine
  =Waschbank=, eine aus etwa 1,3 Meter breiten Bohlen gefertigte geneigte
  Ebene, die sich unter einem Winkel von etwa 15 gegen den Horizont
  neigt. Unter der Waschbank befindet sich ein Sumpf, zur Aufnahme des
  abfliessenden Waschwassers bestimmt. Hier wurde nun das den
  Prcipitirksten entnommene Alaunmehl mit kaltem Wasser gewaschen. Das
  in den Sumpf ablaufende Wasser wurde mit neuer Alaunlauge versotten.
  Seit einiger Zeit fhrt man das Waschen des Mehls in einer Centrifuge
  mit 800-1000 Umdrehungen per Minute aus. Das gewaschene Alaunmehl wird
  6) durch =Umkrystallisiren= in die Form von grsseren Krystallen
  gebracht, wodurch der Alaun grssere Reinheit erhlt als in der Gestalt
  von Alaunmehl. In den deutschen Alaunwerken lst man zu diesem Zwecke
  das Alaunmehl in 40 Proc. seines Gewichtes siedendem Wasser in
  hlzernen, mit Blei ausgeftterten Bottichen (=Wachspfannen=) und
  leitet die heisse Lsung in die =Krystallisir=- oder =Wachsfsser=. Die
  Krystallisation des Alauns in denselben erfolgt sehr bald und ist je
  nach der Temperatur der Luft in 8-10 Tagen beendigt. Nach vollendeter
  Krystallisation findet sich nur in der Mitte des Fasses noch eine
  geringe Quantitt flssiger Lauge, whrend der ganze brige Raum mit
  Alaunkrystallen angefllt ist. Das Fass wird umgestrzt, um die Lauge
  abfliessen zu lassen. Um beim Transport des Alauns die Holzfracht zu
  sparen, welche durch Verpacken des Alauns in Fsser nothwendig
  veranlasst wrde, zerschlgt man die fest zusammenhngende
  Krystallmasse nicht, sondern verschickt sie in der ursprnglichen
  Tonnenform. Man nennt die Krystallisation des Alauns das =Wachsmachen=
  oder =Raffiniren= und die reinen Krystalle die =Wachskrystalle= (oder
  =raffinirten Alaun=).

[Sidenote: Darstellung des Alauns aus Thon.]

3. _Gruppe._ Die Darstellung des Alauns und des Aluminiumsulfates aus
solchen Materialien, welche nur Aluminium enthalten und denen mithin
Schwefelsure und Alkalisalz zugesetzt werden muss, hat gegenwrtig eine
grosse Ausdehnung erlangt. Die aluminiumhaltigen Materialien, die hierzu
Anwendung finden, sind [Greek: a]) der Thon; [Greek: b]) der Kryolith;
[Greek: g]) der Bauxit; [Greek: d]) die Hochofenschlacken.

  [Greek: a]) =Darstellung von Alaun aus Thon.= Man verwendet hierzu
  einen Thon, der mglichst frei sein muss von Calcium- und
  Ferrocarbonat, und glht ihn bei Zutritt der Luft, theils um das Eisen
  darin in Eisenoxyd berzufhren und daraus das Wasser zu entfernen,
  theils aber auch, um die Thonerde lslicher in Suren zu machen. Durch
  die Entfernung des Wassers wird nmlich der Thon pors und erlangt die
  Eigenschaft, die Schwefelsure durch Capillaritt aufzunehmen. Man
  trgt den schwach geglhten und pulverisirten Thon in Schwefelsure von
  50 B. (= 1,52 spec. Gew.) ein, die vorher in einer Bleipfanne bis nahe
  zum Sieden erhitzt worden ist. Die Masse schumt auf und verdickt sich.
  Man lsst sie in eisernen Ksten erstarren. Sodann zieht man sie mit
  Wasser oder besser mit Lauge, die man beim Waschen des Alauns erhlt,
  aus, lsst die Flssigkeit absetzen und kocht sie nach dem Klren mit
  der nthigen Menge Kaliumbisulfates. Man berlsst die Mischung in
  bleiernen Pfannen der ruhigen Krystallisation. Der so gewonnene
  Rohalaun wird mit Wasser gewaschen, sodann in Wasser gelst und die
  Lsung whrend des Erkaltens in einer flachen Bleipfanne gerhrt,
  wodurch man Alaunmehl erhlt, das mit Wasser abgesplt und dadurch von
  aller Mutterlauge befreit wird. Man verwendet dieses Alaunmehl, ohne es
  in Krystalle zu verwandeln. -- Seit einigen Jahren kommt das Produkt
  der Einwirkung der Schwefelsure auf Thon in fein gemahlenem Zustande
  in den Handel und findet unter dem Namen _alum-cake_ oder _tourteaux
  d'alun_ bei der Fabrikation von geringen Papiersorten Anwendung. Es
  enthlt 13 bis 17 Proc. Thonerde.

[Sidenote: Darstellung des Alauns aus Kryolith.]

[Greek: b]) _Darstellung des Alauns aus Kryolith._ Seit dem Jahre 1857
stellt man dar Alaun und Aluminiumsulfat (neben Soda; vergl. Seite 206)
aus dem grnlndischen Mineral =Kryolith= oder =Grnlandspath=
(Al_{2}Fl_{6} + 6NaFl)[80] in 100 Th. bestehend aus

                            Fluor       54,5
                            Aluminium   13,0
                            Natrium     32,5

dar. Die hierbei angewendeten Methoden sind folgende:

  a) Zerlegung des Kryoliths durch Calciumcarbonat auf trocknem Wege nach
  =Thomsen='s Methode. Man erhitzt ein Gemenge von 1 Mol. Kryolith mit 6
  Mol. Calciumcarbonat. Es bildet sich unter Entweichen von Kohlensure
  in Wasser lsliches Natriumaluminat und unlsliches Fluorcalcium:
  (Al_{2}Fl_{6}, 6NaFl) + 6CaCO_{3} = Al_{2}O_{3}, 3Na_{2}O + 6CaFl_{2} +
  6CO_{2}. In Kopenhagen geschieht die Zersetzung des Gemenges von
  Kryolith und Kreide durch Steinkohlenfeuer, welches einestheils ber
  das auf Steinplatten ausgebreitete Schmelzgut hinwegstreicht, dann aber
  auch unter den Steinplatten hindurchgeht. In Folge dieser
  gleichmssigen Erhitzung entstehen wenig oder gar keine Klumpen. In der
  Harburger Fabrik findet bei Anwendung eines gewhnlichen Flammenofens
  an der Feuerbrcke gewhnlich Sinterung statt, whrend an der
  Fuchsseite die Zersetzung nicht vollstndig ist. Die beim Erkalten hart
  werdenden Klumpen lassen sich dann fast gar nicht auslaugen. Man zieht
  deshalb die glhenden Klumpen etwas frher, als die brige Mischung,
  aus, zerdrckt dieselben, reibt sie mit eisernen Krcken durch ein
  Drahtsieb, zermalmt die Siebgrbe unter Kollermhlen, glht nochmals,
  siebt wieder und erhlt dann dieselben Resultate, wie in Kopenhagen.
  Das Mengen der Bestandtheile geschieht entweder blos unter Kollermhlen
  oder besser, indem man das unter solchen Mhlen Zerkleinte in einem
  grossen eisernen Rollirfass mit 25 Stck eisernen 24pfndigen
  Kanonenkugeln rotiren lsst. Man erhlt dabei eine um 4 Proc. hhere
  Ausbeute. Man laugt alsdann das Natriumaluminat mit Wasser aus und
  leitet in die Lsung die bei der vorhergehenden Schmelze entwichene
  Kohlensure, welche unter Bildung von Natriumcarbonat Aluminiumhydroxyd
  ausscheidet. Soll letzteres nicht gelatins, sondern erdig und compact
  niederfallen, so fllt man nicht mit Kohlensuregas, sondern mit
  Natriumbicarbonat. Die geklrte Sodalauge giesst man ab und versiedet
  sie auf Soda, whrend die ausgewaschene Thonerde in verdnnter
  Schwefelsure gelst wird. Diese Lsung wird entweder zur Bildung von
  Alaun mit einem Kaliumsalz versetzt oder fr sich abgeraucht und das
  entstehende feste Salz unter dem Namen =concentrirter Alaun= oder
  =Sulfat= in der Frberei verwendet. 100 Pfd. Kryolith liefern 33 Pfd.
  Thonerde, welche 90 Pfd. englische Schwefelsure zur Neutralisation
  erfordern. 100 Pfd. Kryolith knnen somit 305 Pfd. Alaun bilden; ferner
  liefern sie

             calcinirte Soda                        75 Pfd.
             krystallis. kohlensaures Natrium      203  "
             Aetznatron                             44  "
             Natriumbicarbonat                   119,5  "

  [80] Die Produktion an Kryolith in Grnland betrug

                     im Jahre 1856    6,860 Centner.
                      "   "   1860  202,500    "
                      "   "   1866  264,680    "
                      "   "   1867  397,006    "
                      "   "   1868  525,820    "
                      "   "   1869  580,330    "

  b) Zerlegung des Kryoliths durch Aetzkalk auf nassem Wege nach
  =Sauerwein=. Man kocht hchst fein gemahlenen Kryolith mit gebranntem
  und gelschtem, mglichst eisenfreiem Kalk in einem Bleigefss, so
  entsteht mit grosser Leichtigkeit eine Lsung von Natriumaluminat und
  unlslichem Fluorcalcium: (Al_{2}Fl_{6}, 6NaFl) + 6CaO = Al_{2}O_{3},
  3Na_{2}O + 6CaFl_{2}. Nachdem sich das Fluorcalcium abgesetzt hat,
  decantirt man die klare Lauge, wscht den Rckstand einige Male aus,
  giebt die ersten Waschwasser zur Hauptlauge und benutzt die letzten
  Laugen statt Wasser bei einer nchsten Operation. Zur Abscheidung der
  Thonerde behandelt man die Lsung in der Hitze mit hchst fein
  gepulvertem berschssigem Kryolith unter stetem Umrhren, wobei die
  Zersetzung nach der folgenden Formel vor sich geht:

  (Al_{2}O_{3}, 3Na_{2}O) + (Al_{2}Fl_{6}, 6NaFl)=2Al_{2}O_{3} + 12NaFl.

  Da die ausgeschiedene fein vertheilte Thonerde den Kryolith zu umhllen
  strebt, so wendet man letzteren hchst fein zertheilt im Ueberschuss
  unter stetem Rhren an. Die Umwandlung der Stoffe hat stattgefunden,
  wenn sich in der Lsung kein Aetznatron mehr findet, dessen
  Vorhandensein bei Zusatz von Salmiaklsung zu einer filtrirten Probe an
  dem Thonerde-Niederschlag beim Erhitzen sich kund giebt. Ist diess
  nicht mehr der Fall, so lsst man sich die Lauge klren, zieht die
  klare Lsung des Fluornatriums ab, wscht die rckstndige Thonerde aus
  und verfhrt damit wie oben angegeben. Durch Kochen der
  Fluornatriumlsung mit gebranntem und gelschtem Kalk erzeugt man
  Aetznatron, welches von dem Fluorcalcium-Niederschlage getrennt und
  durch theilweises oder vollstndiges Eindampfen in Natronlauge oder
  festes Aetznatron verwandelt wird. (Das bei der Verarbeitung des
  Kryoliths in grosser Menge abfallende Fluorcalcium wird neuerdings auf
  Glas verarbeitet.)

  c) Zerlegung des Kryoliths durch Schwefelsure. In der Fabrik von
  =Weber= in Kopenhagen gewinnt man durch Zersetzen von Kryolith mit
  Schwefelsure und Behandeln des erhaltenen Natriumsulfates (nach
  =Leblanc='s Process) mit Kohle und Calciumcarbonat Soda und als
  Nebenprodukt eisenfreies Aluminiumsulfat. Der Kryolith erfordert zu
  seiner Zersetzung auf 238 Th. 240 Th. wasserfreie oder 321 Th.
  gewhnliche englische Schwefelsure des Handels und giebt dabei
  neutrales Aluminiumsulfat, Natriumsulfat und Fluorwasserstoff nach der
  Gleichung:

            Al_{2}Fl_{6}, 6 NaFl }       { Al_{2}(SO_{4})_{3}
            6H_{2}SO_{4}         } geben { 3Na_{2}SO_{4}
                                 }       { 12HFl

  Dampft man die Lsung ein und lsst krystallisiren, so scheidet sich
  das schwefelsaure Natrium aus und die brig bleibende, an
  Aluminiumsulfat reiche Mutterlauge liefert das Material zur
  Alaunbereitung. Dieses Verfahren erfordert besondere Feuerung und
  besondere Apparate, liefert theurere Produkte und die Arbeiten sind
  umstndlicher, als bei den vorigen, das Glaubersalz muss erst noch in
  Soda verwandelt werden, wobei die Hlfte der zur Zersetzung des
  Kryoliths angewandten Schwefelsure verloren geht. Ausserdem muss die
  Fluorwasserstoffsure entfernt oder in eine technisch zu verwerthende
  Verbindung bergefhrt werden. Nach =Persoz=' Vorschlag erhitzt man den
  Kryolith mit dem dreifachen Gewicht concentrirter Schwefelsure in
  Platingefssen bis zum Ueberdestilliren des grssten Theils der Sure
  und unter Auffangung der Flusssure. Aus dem Rckstand zieht man mit
  wenig kaltem Wasser den grssten Theil des darin enthaltenen zweifach
  schwefelsauren Natriums aus, bringt die ungelst bleibende wasserfreie
  schwefelsaure Thonerde durch Kochen mit Wasser in Lsung und wandelt
  dieselbe durch Zusatz von Kaliumsulfat oder Ammonsulfat in eisenfreien
  Alaun um. Das zweifach schwefelsaure Natrium wird zur Trockne verdampft
  und die trockne Masse in Retorten destillirt, wobei rauchende
  Schwefelsure bergeht und Glaubersalz zurckbleibt.

[Sidenote: Darstellung von Alaun aus Bauxit.]

[Greek: g]) =Darstellung von Alaun aus Bauxit.= Im sdlichen Frankreich
bei _Argile des Baux_, dann bei Fons  Fy im Dpartement der Charente,
ferner in Calabrien, bei Belfast in Irland, in Steiermark, in Krain (in
der Wochein, weshalb der Bauxit auch Wocheinit genannt wird) und am
Senegal finden sich grosse Mengen eines Minerals, wesentlich aus
eisenoxydhaltigem Thonerdehydrat (mit 60 Proc. Thonerde) bestehend,
welches, weil es zuerst in der Commune Baux in Frankreich gefunden wurde,
mit dem Namen =Bauxit= bezeichnet worden ist. Behufs der Herstellung von
Alaun und Aluminiumsulfat schliesst man den Bauxit durch Erhitzen mit
Natriumcarbonat oder mit einem Gemenge von Natriumsulfat mit Kohle auf.
In beiden Fllen bildet sich durch Auslaugen der aufgeschlossenen Masse
eine Lsung von Natrium-Aluminat, aus welcher genau so wie beim Kryolith
beschrieben, Alaun (oder Aluminiumsulfat) und Soda dargestellt wird.

[Sidenote: Darstellung von Alaun aus Hohofenschlacken.]

[Greek: d]) =Darstellung des Alauns aus Hohofenschlacken.= Nach der von
=J. Lrmann= gegebenen Vorschrift zersetzt man die Schlacken mit
Salzsure und fllt aus der Chloraluminiumlsung die Thonerde mit
Calciumcarbonat (neben der Kieselerde). Die Thonerde wird in
Schwefelsure gelst u. s. w., wobei die Kieselerde zurckbleibt. 100
Kilogr. reine Schlacke mit 25 Proc. Thonerde geben 180 Kilogr. Alaun
(neben 31 Kilogr. Kieselerde).

[Sidenote: Alaun aus Feldspath.]

4. _Gruppe._ Die Fabrikation des Alauns aus jenen Materialien, welche wie
der Feldspath und hnliche Gesteine Aluminium und Kalium enthalten, ist
gegenwrtig fr die Industrie von keiner Bedeutung. Es sei daher auf das
verwiesen, was Seite 131 ber die Darstellung der Kalisalze aus dem
Feldspath gesagt worden ist.

[Sidenote: Eigenschaften des Alauns.]

Der =Kaliumalaun= (Al_{2} / K_{2})} 4SO_{4} + 24H_{2}O oder K_{2}SO_{4} +
Al_{2}(SO_{4})_{3} + 24H_{2}O) besteht in 100 Theilen aus:

                         Kali              9,95
                         Thonerde         10,83
                         Schwefelsure    33,71
                         Wasser           45,51
                                         ------
                                         100,00

krystallisirt leicht und deutlich in regulren Octadern, verliert bei
60 C. 18 Molekle Wasser, schmilzt bei 92 in seinem Krystallwasser zu
einer farblosen Flssigkeit und bleibt nach dem Erkalten noch lngere
Zeit flssig, bevor er zu einer Krystallmasse erstarrt. Nicht ganz bis
zum Glhen erhitzt, verliert er unter starkem Aufblhen sein Wasser und
geht in =gebrannten Alaun= (_Alumen ustum_) ber, der als weisse, porse,
zerreibliche Masse erscheint.

  Durch Glhen mit Kohle bildet der Kaliumalaun eine pyrophorische Masse.

           100 Th. Wasser von   0 lsen   3,9 Th. Kalialaun,
            "   "    "     "   20   "    15,8  "      "
            "   "    "     "   40   "    31,2  "      "
            "   "    "     "  100   "   360,0  "      "

  Diese Lsung schmeckt ssslich zusammenziehend und reagirt sauer; in
  Folge dieser sauren Reaction entwickelt Alaun mit Kochsalz erhitzt
  Salzsure und zerstrt concentrirte Alaunlsung die blaue Farbe vieler
  (aber nicht aller) Ultramarinsorten.

[Sidenote: Ammonalaun.]

Der =Ammonalaun= (Al_{2} / (NH_{4})_{2})} 4SO_{4} + 24H_{2}O oder
(NH_{4})_{2}SO_{4} + Al_{2}(SO_{4})_{3} + 24H_{2}O) besteht in
100 Theilen aus:

                          Ammoniak         3,89
                          Thonerde        11,90
                          Schwefelsure   36,10
                          Wasser          48,11
                                         ------
                                         100,00

Man fabricirt ihn gegenwrtig hufiger als den Kaliumalaun. Beim starken
Erhitzen des Ammonalauns entweicht Ammonsulfat, Wasser und Schwefelsure,
whrend reine Thonerde zurckbleibt.

           100 Th. Wasser von   0 lsen   5,22 Th. Ammonalaun
            "   "    "     "   20   "    13,66  "     "
            "   "    "     "   40   "    27,27  "     "
            "   "    "     "  100   "   421,90  "     "

[Sidenote: Natriumalaun.]

Der =Natriumalaun= (Al_{2} / Na_{2}} 4SO_{4} + 24H_{2}O oder Na_{2}SO_{4}
+ Al_{2}(SO_{4})_{3} + 24H_{2}O) besteht in 100
Theilen aus:

                          Natron           6,8
                          Thonerde        11,2
                          Schwefelsure   34,9
                          Wasser          47,1
                                        ------
                                         100,0

  Seine Darstellung aus Aluminiumsulfat und Natriumsulfat ist eben so
  leicht wie die Bereitung des Kaliumalauns und er wrde jedenfalls wegen
  des niedrigen Preises des Natriumsulfates vortheilhaft anzuwenden sein,
  wenn nicht seine grosse Lslichkeit in Wasser die Ausscheidung aus
  seiner Mutterlauge verhinderte. Zu beachten hat man, dass der
  Natriumalaun seine Fhigkeit zu krystallisiren verliert, wenn seine
  Lsung gekocht wird. Da sich das Eisen aus ihm nicht durch
  Umkrystallisiren entfernen lsst, so muss man zu seiner Darstellung
  eisenfreie Materialien anwenden, die Lsungen beider kalt vermischen
  und die Flssigkeit bei 60 langsam verdampfen.

  Der =neutrale= oder =kubische Alaun= (Wrfelalaun) (K_{2}SO_{4} +
  Al_{2}O_{3}, 2SO_{3}) wird erhalten, indem man dem Alaun durch Zusatz
  von Kalium- oder Natriumcarbonat Schwefelsure entzieht, bis Thonerde
  sich auszuscheiden beginnt, oder Alaunlsung mit Thonerdehydrat
  digerirt. Man stellt ihn ferner durch Kochen von 12 Th. Alaun und 1 Th.
  gelschtem Kalk in Wasser dar. Die Flssigkeit liefert beim Erkalten
  Wrfel, welche zu gewissen Anwendungen in der Frberei und
  Zeugdruckerei vor dem gewhnlichen Alaun den Vorzug verdienen, weil sie
  durch keine saure Reaction die Nancen der Farben zu verndern im
  Stande sind. Ammonalaun giebt, auf hnliche Weise behandelt, ebenfalls
  einen neutralen Ammonalaun. Kubischer Alaun von Schwemsal war nach der
  Analyse von =Blesser= (a) und =Schmidt= (b) zusammengesetzt aus:

                                      (a)      (b)
                     Schwefelsure   34,52    33,95
                     Thonerde        11,86    11,48
                     Kali             9,44     9,04
                     Wasser          45,27    45,61
                                    ---------------
                                    101,09   100,08

  Der =unlsliche Alaun=, basischer Alaun (Al_{2} / K_{2})} 2SO_{4}),
  durch Kochen einer Alaunlsung mit Thonerdehydrat erhalten, ist ein in
  Wasser unlsliches, weisses Pulver und nhert sich in seiner
  Zusammensetzung der des reinen Alaunsteines. Er lst sich in
  Essigsure.

[Sidenote: Aluminiumsulfat.]

=Aluminiumsulfat= (schwefelsaure Thonerde). Die Mglichkeit der Ersetzung
des Kaliums durch Ammon in der Alaunfabrikation zeigt zur Genge, dass
weder das Kaliumsulfat, noch das Ammonsulfat in den Hauptanwendungen des
Alauns irgend eine Funktion zu erfllen haben. Der wirksame Bestandtheil
im Alaun ist nur das Aluminiumsulfat und der Grund, weshalb man
Alkalisulfat hinzusetzt, ist ja nur der, die Bildung einer Verbindung von
genau bestimmter Zusammensetzung hervorzurufen, die in Folge der
Leichtigkeit, mit der sie sich krystallinisch aus der Flssigkeit
ausscheidet, leicht eisenfrei dargestellt werden kann. Die neuen Methoden
der Fabrikation des Alauns aus Thon und Schwefelsure, aus Kryolith und
Bauxit mussten daher auf die Darstellung des Aluminiumsulfates fhren,
die gegenwrtig in grosser Menge dargestellt wird und zuweilen unter dem
Namen =concentrirter Alaun= im Handel vorkommt. Es erscheint in platten,
viereckigen Tafeln, ist von weisser Farbe, schwach durchscheinend und
lsst sich mit einem Messer wie Kse schneiden. Es lst sich leicht in
Wasser, enthlt immer freie Schwefelsure und ist nie frei von Kalium-
und Natriumalaun.

  Im reinen Zustande hat es die Formel Al_{2}(SO_{4})_{3} + 18H_{2}O, wie
  z. B. eine Analyse von =Wilson= mit Aluminiumsulfat von =Pattinson u.
  Co.= in Newcastle zeigt:

                          Thonerde        18,78
                          Schwefelsure   38,27
                          Wasser          42,95
                                         ------
                                         100,00

  Das Prparat hat jedoch nicht immer diese Zusammensetzung, so fand
  =Varrentrapp= bei der Untersuchung von Proben von Aluminiumsulfat aus
  drei verschiedenen Alaunfabriken:

                               1.      2.      3.      4.
              Thonerde        15,3    12,5    15,1    13,0
              Schwefelsure   38,0    30,6    38,0    34,0

  Bei Zugrundelegung obiger Formel htten die Proben nur enthalten
  drfen:

                               1.      2.      3.      4.
              Schwefelsure   35,8    29,2    43,3    30,5

  Der Wassergehalt variirt mitunter selbst an dem nmlichen Stck
  zwischen 56 und 48 Proc. =Weygand= fand in einem Prparat aus Schwemsal
  15,57 Th. Thonerde, 38,13 Th. Schwefelsure, 1,15 Th. Eisenoxyd, 0,62
  Th. Kali, 45,79 Th. Wasser. Das Aluminiumsulfat, wie sie die
  Kryolithfabrik in Harburg in den Handel liefert, enthlt gegen 5 Proc.
  Natriumsulfat.

  Angesichts solcher Thatsachen erscheint die Anwendung des
  Aluminiumsulfates statt Alaun, ungeachtet des billigeren Preises, wenig
  empfehlenswerth, da man mit einem Produkte von so verschiedenem Sure-
  und Wassergehalt weder beim Frben, noch beim Leimen des Papieren
  gleichmssige Resultate erzielt. Seit einigen Jahren jedoch, namentlich
  seit der Verarbeitung des Kryoliths, stellt man Aluminiumsulfat von
  ziemlicher Reinheit dar. Mehrere Sorten bei Tafelconsistenz gegossenen
  Prparates ergaben bei der Analyse folgende Resultate (nach =H.
  Fleck=):

            Aluminiumsulfat        47,35     50,80     51,63
            Natriumsulfat           4,35      1,24      0,77
            Freie Schwefelsure     0,73      0,27       --
            Wasser                 47,37     47,47     46,94
                                   -------------------------
                                   99,80     99,78     99,34

  Das Aluminiumsulfat wird aus Thon, aus Alaunerde, aus Kryolith oder aus
  Bauxit dargestellt, wie oben fr die Fabrikation des Alauns
  beschrieben. Wendet man Thon oder Alaunerde an, so muss aus der mit
  Wasser verdnnten Lsung von Aluminiumsulfat das Eisen durch
  Ferrocyankalium vollstndig als Berlinerblau abgeschieden worden. Aus
  dem Kryolith stellt man das Prparat dadurch dar, dass man die aus dem
  Natriumaluminat durch Kohlensure oder durch Kryolithpulver
  abgeschiedene Thonerde in einen mit Bleiblech berkleideten
  Holzbottich, welcher bis auf 80-90 C. erhitzte Kammerschwefelsure
  enthlt, eintrgt, bis ein unlslicher Rckstand bleibt. Hierauf lsst
  man die concentrirte Lsung sich klren und bringt die klare Lauge in
  kupferne Kessel, in denen sie bis zum Schmelzen der Salzmasse
  abgedampft wird, worauf man sie mit kupfernen Kellen ausschpft und in
  kupferne flache Formen giesst, welche, wie in Harburg, die Fabrik
  eingeprgt enthalten. Fr die Flle in der Frberei und Zeugdruckerei,
  wo es auf Genauigkeit in dem Thonerdegehalt der Farben ankommt, lsst
  sich der Alaun durch das Aluminiumsulfat einstweilen nicht ersetzen. Es
  ist vorerst Sache der Fabrikanten, ein reines, namentlich eisenfreies
  Prparat in den Handel zu bringen; man wrde dasselbe alsdann in Form
  von Lsungen anwenden knnen, deren Thonerdegehalt aus dem spec.
  Gewicht zu ermitteln wre.

[Sidenote: Natrium-Aluminat.]

=Natrium-Aluminat= (Thonerde-Natron) ist ein Aluminiumprparat, welches
seit einigen Jahren fabrikmssig dargestellt wird und, wie es scheint,
eine sehr geeignete Form darbietet, in welcher die Thonerde in der
Frberei und dem Zeugdruck benutzt werden kann. Seine Bereitung und
Anwendung grndet sich auf die Lslichkeit des Aluminiumhydroxydes in
Kalium- oder Natriumlauge und die Zersetzbarkeit des so erhaltenen
Alkalialuminates durch Kohlensure, Natriumbicarbonat, Essigsure,
Natriumacetat, Salmiak etc.

  Das Natrium-Aluminat wurde zuerst 1819 von =Macquer= und =Haussmann=
  der Beachtung der Frber empfohlen, allein ohne Erfolg, woran ohne
  Zweifel der Umstand schuld war, dass es bei weitem nicht so wohlfeil
  als der Alaun dargestellt werden konnte. Im Jahre 1832 machte
  =Dbereiner= von neuem auf diese Verbindung aufmerksam. Mchten
  technische Chemiker, sagte er, ein wohlfeiles Verfahren, thonsaures
  Kali zu bereiten, ausmitteln und unter dem Namen =Haussmann's
  Thonkalilauge= in den Handel bringen. Der erste, der Aluminat im
  Grossen darzustellen versuchte, war =Tissier=, welcher, ohne von den
  gleichzeitigen Arbeiten =Thomsen='s in Kopenhagen Kenntniss zu haben,
  Natriumaluminat durch Kochen von gepulvertem Kryolith mit gebranntem
  Kalk und Filtriren der siedenden Flssigkeit darzustellen lehrte und
  eine Vorschrift gab, die seitdem von =Sauerwein= (siehe Seite 291) u.
  a. verbessert wurde. Dass der Kryolith, mge er nach =Tissier='s
  Methode mit Aetzkalk auf nassem Wege, oder nach =Thomsen='s Verfahren
  durch Erhitzen mit Kreide aufgeschlossen worden sein, ein
  vortreffliches Material zur Bereitung des Natriumaluminates abgiebt,
  liegt auf der Hand, da ja erst das Aluminat, und aus diesem erst das
  Aluminiumsulfat oder der Alaun dargestellt wird. Trotzdem hat keine der
  Fabriken, die Kryolith verarbeiten, bis jetzt in Deutschland
  Natriumaluminat in den Handel gebracht. In Frankreich und England steht
  die Sache anders, hier wird seit einigen Jahren in den Fabriken von
  Bell u. Co. in Newcastle, und von Merle u. Co. in Alais (Frankreich)
  Natriumaluminat in grosser Menge und vollkommen rein dargestellt. In
  Frankreich stellt man diese Verbindung nach der von =Morin= angegebenen
  Methode dar, wobei die von =Lechatelier=, =Deville= und =Jacquemart=
  gegebenen Winke nicht unbercksichtigt blieben. Nach dem Verfahren der
  ersteren geht man von dem Mineral =Bauxit= (vergl. Seite 292) aus,
  welches 60-75 Proc. Thonerde und 12-20 Proc. Eisenoxyd enthlt. Das
  Mineral wird entweder mit Aetznatron oder mit Soda aufgeschlossen. Im
  erstern Falle wird dasselbe im gepulverten Zustande mit Natriumlauge
  gekocht, wodurch sich eine Lsung von Natriumaluminat bildet. Im
  zweiten Falle wird eine Mischung des Minerals mit calcinirter Soda in
  einem Flammenofen erhitzt, bis eine herausgenommene Probe mit Salzsure
  nicht mehr aufbraust, d. h. bis alles Natriumcarbonat zersetzt ist. Die
  durch Auslaugen der Schmelze gewonnene Flssigkeit wird nach dem Klren
  zur Trockne abgedampft. Das Produkt ist ein weisses Pulver mit einem
  Stich ins Grnlichgelbe, trocken anzufhlen und leicht zu verpacken. So
  wie es im Handel vorkommt, besteht es aus

                   Thonerde                         48
                   Natron                           44
                   Chlornatrium und Glaubersalz      8
                                                   ---
                                                   100

  Die Formel (Al_{2} / Na_{6})} O_{6} wrde erfordern

                            Thonerde    52,79
                            Natron      47,21
                                       ------
                                       100,00

  Das Natriumaluminat ist in kaltem wie in heissem Wasser mit gleicher
  Leichtigkeit lslich. Aus der Luft absorbirt die ussere Schicht etwas
  Feuchtigkeit und Kohlensure, weshalb das so vernderte Produkt beim
  Auflsen eine durch suspendirte Thonerde trbe Flssigkeit giebt. Die
  Lsungen der Verbindung bleiben lange klar, wenn sie kein hheres spec.
  Gewicht haben als 10-12 B. (= 1,07-1,09). Das Verfahren der
  Darstellung des Natriumaluminates kann wie es scheint, noch dadurch
  vereinfacht werden, dass man zum Aufschliessen des Bauxits Glaubersalz
  gemengt mit Kohle (vergl. Seite 292) verwendet. Endlich kann auch diese
  Verbindung erhalten werden, indem man eine Mischung von Bauxit mit
  Kochsalz in einem Flammenofen glht und einen Strom erhitzten
  Wasserdampf darber leitet. Nach der von =Lechatellier=, =Deville= und
  =Jacquemart= vorgeschlagenen Methode der Darstellung des Aluminates ist
  Aluminiumsulfat der Ausgangspunkt; man fllt aus ihr die Thonerde und
  lst letztere in Natriumlauge auf. Das Natriumaluminat findet Anwendung
  als Mordant in der Frberei und Zeugdruckerei, zur Bereitung von
  Lackfarben, zum Hrten der Steine und zur Herstellung knstlicher
  Steine, zum Leimen der Papiermasse, zum Verseifen der Fette in der
  Stearinkerzenfabrikation, wobei sich Thonerdeseife bildet, die durch
  Essigsure in Aluminiumacetat und Fettsure zerlegt wird und seit
  einiger Zeit in grosser Menge bei der Fabrikation von Milchglas
  (Halbporcellan). Bei der von =Balard= empfohlenen Methode der
  Sodafabrikation aus Bauxit, Glaubersalz und Kohle tritt das
  Natriumaluminat als Zwischenprodukt auf, welches durch Kohlensure in
  Soda und in Thonerde zerlegt wird[81].

  [81] Die _Pennsylvania Salt Manufacturing Company_ zu Natrona bei
       Pittsburgh bringt grosse Mengen von Natrium-Aluminat unter dem
       Namen _Natrona refined Saponifier_ fr die Seifenfabrikation in
       den Handel.

[Sidenote: Anwendung des Alauns und des Aluminiumsulfates.]

  Der Alaun findet in Folge der grossen Verwandtschaft der in ihm
  enthaltenen Thonerde zu den Gespinnstfasern, namentlich Wolle und
  Baumwolle einestheils, anderntheils zu den Farbstoffen (mit Ausschluss
  der Theerfarben) Anwendung in der Frberei und Zeugdruckerei, insofern
  die Thonerde die Verbindung des Farbstoffes mit der Faser vermittelt.
  Auf der Eigenthmlichkeit des Thonerdehydrates, mit den Farbstoffen
  Verbindungen einzugehen, beruht die Anwendung des Alauns zur
  Darstellung der Lackfarben. Der Alaun dient ferner als Luterungsmittel
  beim Ausschmelzen des Talges, zum Hrten des Gypses, zum
  Unlslichmachen des Leimes in der Handpapierfabrikation und zur
  Herstellung des vegetabilischen Leimes (Aluminiumpinat) in der
  Maschinenpapierfabrikation, zur Darstellung des Aluminiumacetates. In
  der Weiss- oder Alaungerberei macht eine Lsung von Alaun und Kochsalz
  die geschwellten Hute weissgar. Aluminiumoleat und -palmitat
  (Thonerdeseife) dienen zum Garmachen des Leders nach =Knapp='s
  Verfahren. Der Alaun dient ferner als Klrungsmittel vieler
  Flssigkeiten, z. B. schlammigen Trinkwassers; im letzteren Falle
  werden, indem der Alaun aus dem Schlamm Thonerde aufnimmt und in
  unlslichen Alaun bergeht, die in dem Wasser suspendirten
  Unreinigkeiten von dem niederfallenden Alaun eingehllt und die
  Flssigkeit wird dadurch geklrt. Eine siedend gesttigte Lsung von
  Alaun, Kochsalz und Salpeter wird zum Frben des Goldes benutzt.

[Sidenote: Aluminiumacetat.]

  Das =Aluminiumacetat= (essigsaure Thonerde) wird durch Zersetzung von
  Aluminiumsulfat mit Bleiacetat, Barium- oder Calciumacetat erhalten;
  die von dem Bleisulfat abfiltrirte Flssigkeit wird zur Trockne
  verdunstet; die zurckbleibende Masse ist gummiartig und nicht
  krystallisirbar, zerfliesslich und sehr zusammenziehend. Lsst man sie
  an der Luft verdunsten, so geht das Aluminiumacetat unter Verlust von
  Essigsure in eine in Wasser vollkommen unlsliche Verbindung (basisch
  essigsaure Thonerde) ber. Im reinen Zustande findet diese Verbindung
  weit seltener Anwendung als in Form einer Mischung von Alaun,
  Kaliumacetat und Kaliumsulfat, in welchem Zustande sie die =Rothbeize=
  (_mordant rouge_) bildet. Soll neutrales Aluminiumacetat mit Hlfe von
  Alaun dargestellt werden, so wendet man auf 100 Th. Bleizucker 62,6 Th.
  Alaun an, wenn die Zersetzung gegenseitig eine vollstndige sein soll.
  Meist nimmt man aber den Alaun im Ueberschuss. Vortheilhafter ist es,
  Alaunlsung vorher durch Natriumcarbonat in unlslichen Alaun zu
  verwandeln und diesen dann in Essigsure zu lsen, und am
  vortheilhaftesten, seit dem Entstehen der Kryolith- und
  Bauxitindustrie, dass man die aus Natronaluminat ausgeschiedene
  Thonerde in Essigsure lst. Das Aluminiumacetat kommt nicht in den
  Handel, sondern wird von den Consumenten selbst bereitet; es zeigt fast
  nie eine constante Zusammensetzung, was davon herrhrt, dass man zum
  Zersetzen des Alauns bald Bleizucker, bald Calciumacetat, bald
  Natriumacetat verwendet und zwar diese Zersetzungsmittel in sehr
  verschiedenen Mengen. Man setzt zuweilen der Rothbeize Mittel zu, die
  deren schnelles Trocknen auf den Stoffen verhindern sollen, z. B.
  Glycerin, Chlorzink, Kochsalz und Salmiak. Arsenige Sure, die man
  frher oft zusetzte, wird zu diesem Zwecke nicht mehr verwendet. Man
  verwendet das Aluminiumacetat als Beize in der Baumwollfrberei und
  Zeugdruckerei, sowie zum =Wasserdichtmachen= von Wollgeweben. Von den
  brigen Thonerdesalzen finden technische Anwendung das
  =Aluminiumhyposulfit= (nach =E. Kopp='s Vorschlage zum Mordanciren von
  Baumwollstoff), ferner das =Aluminiumhypochlorit= (namentlich auf
  =Orioli='s Empfehlung hin) unter dem Namen =Wilson='s Bleichflssigkeit
  zum Bleichen, das =Aluminiumsulfit= (zur Luterung des Rbensaftes in
  der Zuckerfabrikation) und das =Aluminiumoxalat= (nach den Vorschlgen
  von =Dent= und =Brown=) zum Conserviren der Steine (Marmor, Dolomit,
  Kalkschiefer und Kreide).


                             Das Ultramarin.

[Sidenote: Ultramarin.]

[Sidenote: Natrliches.]

Das =Ultramarin= ist die bekannte schne blaue Farbe, die man frher aus
dem =Lasurstein= (_Lapis Lazuli_) ausschied, jetzt aber knstlich in den
Ultramarinfabriken Europa's in der Menge von 180,000 Ctr. jhrlich
darstellt. Der Lasurstein findet sich in schn blauen Massen von
2,75-2,95 spec. Gewichte. Aus diesem Steine stellte man ehedem das
Ultramarin dar, indem man die wenigen guten Stcken grblich pulverte,
glhte, in Wasser abschreckte und das erhaltene feine Pulver mit sehr
verdnnter Essigsure digerirte, um das mit dem Lasurstein gemengte
Calciumcarbonat aufzulsen. Darauf wurde der Lasurstein auf dem Reibstein
fein gerieben, mit einem gleichen Gewichte eines Gemenges von Harz,
Wachs, Leinl und Burgunderpech gemischt. Diesen Teig knetete man nun
unter Wasser so lange, als dasselbe noch blau gefrbt wird; aus dem
Wasser setzt sich das Ultramarin als feines Pulver ab. Auf diese Weise
erhielt man ungefhr 2-3 Proc. Ultramarin, welches wegen seiner Schnheit
und Seltenheit, wegen seiner Unvernderlichkeit am Lichte, im Oel und
auch Kalke in sehr hohem Preise stand. Durch die chemische Analyse des
Lasursteines gelangte man zur genauen Kenntniss der Zusammensetzung
desselben, welche nach vielen fruchtlosen Versuchen zur Darstellung des
knstlichen Ultramarins fhrte, das dem natrlichen an Gte und Schnheit
der Farbe nichts nachgiebt und sowol das natrliche, als auch andere
blaue Farben, wie z. B. die Smalte in den meisten Fllen ersetzen kann.
Der Lasurstein besteht in 100 Theilen aus 45,40 Th. Kieselerde, 31,67
Th. Thonerde, 9,09 Th. Natron, 5,89 Th. Schwefelsure, 0,95 Th. Schwefel,
3,52 Th. Kalk, 0,86 Th. Eisen, 0,42 Th. Chlor, und 0,12 Th. Wasser.

[Sidenote: Knstliches Ultramarin.]

Das knstliche Ultramarin wurde von =Christian Gmelin= im Jahre 1822
entdeckt, aber 1828 erst von =Guimet= in grsseren Mengen dargestellt.
Die ersten deutschen Ultramarinfabriken wurden gegrndet 1836 in
Wermelskirchen (von Dr. =Leverkus=) und 1838 in Nrnberg (von =J.
Zeltner= unter Mitwirkung von =Leykauf=). Das Verfahren der Darstellung
des Ultramarins wurde in neuerer Zeit verbessert durch die Herren
=Reinhold Hoffmann= (Director des Blaufarbenwerkes Marienberg in Hessen),
=Wilkens= in Kaiserslautern, =Frstenau= in Coburg und =Gentele= in
Stockholm.

[Sidenote: Rohstoffe.]

Die Rohstoffe sind: 1) ein mglichst eisenfreies Aluminiumsilicat, am
besten Porcellanerde, 2) calcinirtes Glaubersalz, 3) calcinirte Soda, 4)
Schwefelnatrium (als Nebenprodukt der Fabrikation), 5) Schwefel, 6)
Holzkohlen- oder Steinkohlenpulver.

  Als =Aluminiumsilicat= verwendet man Porcellanthon oder eine weisse
  Thonart, deren Zusammensetzung von der der Porcellanerde nicht sehr
  abweicht. Geringe Beimengungen von Kalk und Magnesia sind nicht
  schdlich; der Eisenoxydgehalt soll nicht ber 1 Proc. betragen. Die
  Ultramarinfabrik in Meissen verarbeitet Porcellanerde von Seilitz bei
  Meissen, die Nrnberger Fabrik zum Theil Porcellanthon von
  Tirschenreuth in der Oberpfalz. Der zur Herstellung des Ultramarins
  sich eignende Thon soll mglichst nach der Formel Si_{2}O_{7}Al_{2}
  zusammengesetzt sein; ob die Kieselerde darin vollstndig in Gestalt
  von Silicat oder zum Theil frei enthalten ist, scheint gleichgltig zu
  sein. Hat auch der Thon in Folge beigemengten Sandes die angegebene
  Zusammensetzung nicht, so erhlt er dieselbe doch durch das Schlmmen,
  welches genau auf dieselbe Weise wie in der Porcellanfabrikation
  ausgefhrt wird. Der geschlmmte Thon wird getrocknet und nach dem
  Trocknen geglht, wodurch der Thon mrbe und sprde wird, die
  Eigenschaft verliert, schmierig und fett zu sein, und sich nun leicht
  durch Pochwerke und Quetschwerke pulvern lsst. Nach dem Pochen wird
  der Thon gesiebt, um ihn in staubfrmiges Mehl zu verwandeln. Das
  =Glaubersalz= oder =Sulfat=, in der Ultramarinbereitung zuerst von
  =Leykauf= in Nrnberg angewendet, darf keine freie Sure enthalten und
  muss frei von Blei und mglichst frei von Eisen sein. Hat das zur
  Verfgung stehende Glaubersalz diese Eigenschaften nicht, so lst man
  es in Wasser, neutralisirt die freie Sure mit Kalkmilch, wobei
  zugleich das Eisenoxyd gefllt wird, decantirt nach dem Absetzenlassen
  die klare Lauge und lsst krystallisiren und entwssert die Krystalle
  auf der vertieften Sohle eines Flammenofens oder eines eisernen
  Kessels. Oder man dampft die Lauge, ohne sie krystallisiren zu lassen,
  unter fortwhrendem Nachgiessen von frischer Lauge ab, um durch Soggen
  wasserfreies Glaubersalz zu gewinnen, das herausgekrckt und getrocknet
  wird. Das so erhaltene Produkt wird in Quetschmhlen zerquetscht und
  gesiebt. =Kaliumsalze= bilden kein Ultramarin, wol aber
  =Bariumsalze=[82]. Die =calcinirte Soda= findet, wie sie von den
  Sodafabriken oder als Nebenprodukt bei der Verarbeitung des Kryoliths
  und des Natriumnitrates geliefert wird, Anwendung; sie wird ebenso wie
  das Glaubersalz zerdrckt und im gesiebten Zustande aufbewahrt. Sie
  muss mindestens 90grdig sein. In neuester Zeit zieht man in einigen
  Fabriken das Aetznatron der Soda vor. Das =Schwefelnatrium= (bei der
  Anwendung als Sulfuret von der Formel Na_{2}S in Anwendung gebracht)
  tritt in der Regel als Nebenprodukt der Fabrikation auf und wird
  entweder in flssiger Form oder eingetrocknet und pulverisirt
  angewendet. Den =Schwefel= wendet man in Form von Stangenschwefel an;
  er wird als staubfrmiges Pulver vorrthig gehalten. Die =Kohle=,
  welche zur Entfernung des Sauerstoffs dient, wurde in die
  Ultramarinfabrikation von =Leykauf= eingefhrt; man wendet sie an in
  Gestalt von Holzkohle oder Steinkohle; von letzterer benutzt man nur
  backende, wenig Asche hinterlassende. Beide Kohlenarten werden vor
  ihrer Anwendung in ein feines Pulver verwandelt. Zu diesem Behufe
  bedient man sich entweder der Pulverisirtrommeln, wie in der
  Schiesspulverfabrikation, oder man mahlt die Kohle in Sandstein- oder
  Granitmhlen mit Wasser, bis sie in einen feinen Schlamm verwandelt
  worden ist, welcher nach dem Trocknen zerdrckt und gesiebt wird.
  Einige Fabriken wenden neben der Kohle noch =Colophonium= und
  =Theerasphalt= an. Zu gewissen Sorten von Ultramarin, welche der
  Einwirkung des Alauns widerstehen sollen, kommt noch ein Antheil
  =Kieselerde= (fein zerriebener Quarzsand oder am besten als
  Nebenprodukt auf nassem Wege erhalten). Anhangsweise sind hier noch zu
  erwhnen die weissen Stoffe, welche zum Mischen und Strecken des
  fertigen Ultramarins gebraucht werden wie =Lenzin=, =Gyps=,
  =Schwerspathpulver= und =Barytweiss=. Bei der Herstellung der
  Waschkugeln findet endlich noch =Mehl= Anwendung. Ueber den Vortheil
  der Anwendung des =Kryolithts= in der Ultramarinfabrikation gehen die
  Ansichten der Betheiligten sehr auseinander.

  [82] =Fr. Kuhlmann= fand in einem Ofen, welcher zur Reduktion von
       Schwerspath zu Schwefelbarium diente, =Barium-Ultramarin=, d. i.
       Ultramarin, in welchem das Natrium durch Barium ersetzt war.

[Sidenote: Darstellung des Ultramarins.]

=Fabrikationsverfahren des Ultramarins.= Die verschiedenen Methoden der
Ultramarindarstellung lassen sich auf folgende =drei=, nach den
wesentlichen Rohstoffen classificirt, zurckfhren, nmlich:

    [Greek: a]) Fabrikation von Sulfat- oder Glaubersalz-Ultramarin;
    [Greek: b])      "       "  Soda-Ultramarin;
    [Greek: g])      "       "  Kieselerde-Ultramarin.

[Greek: a]) =Fabrikation von Sulfat-Ultramarin.= Diese Sorte von
Ultramarin wird nach dem sogenannten =Nrnberger Verfahren= aus Kaolin,
Sulfat und Kohle dargestellt. Die Fabrikation desselben zerfllt

    a) in die Herstellung des grnen Ultramarins,
    b) in die Ueberfhrung desselben in Ultramarinblau.

  a) =Herstellung des grnen Ultramarins.= Bei der Bereitung des Satzes
  ist sowol das Verhltniss der Materialien, als auch eine hchst innige
  Mengung von grosser Wichtigkeit. Bei der Anwendung von trockenen
  Materialien verfhrt man auf die Weise, dass man die Stoffe in kleinen
  Quantitten zusammenwiegt, sie dann in kleinen Trgen hin- und
  herschaufelt, durch Siebe siebt und das Verschaufeln und Sieben
  mehrmals wiederholt. Dort, wo Lsungen von Glaubersalz, Soda und
  Schwefelnatrium angewendet werden, wird in die Lsung der Porcellanthon
  gebracht und das Ganze zur Trockne eingedunstet. Manchmal wird
  demselben auch das Kohlenpulver zugegeben. Das trockene Gemisch wird in
  einem Flammenofen schwach geglht, hierauf gepulvert und durch
  Schaufeln und Sieben das Pulver mglichst gleichfrmig gemacht. Die
  Verhltnisse, in welchen die Rohmaterialien gemengt werden, sind sehr
  verschieden; in jedem Falle muss 1) Natron als Glaubersalz oder Soda in
  solcher Menge in die Mischung eintreten, dass durch das Natron die
  Hlfte der Kieselsure des Thons gesttigt werden kann; 2) noch so viel
  Natron neben Schwefel vorhanden sein, um eine gewisse Menge
  Natriumpolysulfuret zu bilden; 3) noch Schwefel und Natrium als
  Natriumsulfuret (Na_{2}S) in dem Gemisch brig bleiben, nachdem man vom
  ganzen Gemenge so viel grnes Ultramarin, wie sich dessen
  Zusammensetzung nach den neueren Analysen ergeben hat, abgezogen hat,
  als die in der Mischung vorhandene Kieselerde und Thonerde zu bilden
  vermgen. Als Norm fr Mischungen knnen folgende gelten:

                                                I.    II.
                Porcellanthon (wasserfrei)     100    100
                calcinirtes Glaubersalz     83-100     41
                calcinirte Soda                 --     41
                Kohle                           17     17
                Schwefel                        --     13

  100 Th. calcinirte Soda werden durch 80 Th. calcinirtes Glaubersalz,
  100 Th. des letzteren durch 60 Th. trockenes Schwefelnatrium ersetzt.

  Der Satz, der in der Regel in grsseren Mengen dargestellt und in
  Vorrath aufbewahrt wird, kommt in Charmottetiegel, in welche er mit
  passenden Holzkeulen eingestampft wird[83]. Das Erhitzen geschieht in
  Oefen, deren Construktion der der kleinen Porcellanfen hnlich ist,
  bei erforderlicher hoher und gleichfrmiger Temperatur und mglichst
  gehindertem Luftzutritt. Die Temperatur, welche den Glhgefssen nach
  und nach ertheilt wird, streift an helle Rothglhhitze oder angehende
  Weissglhhitze. Die Dauer eines Brandes variirt von 7-10 Stunden. Man
  lsst den Ofen verschlossen erkalten. Der Inhalt der Tiegel erscheint
  als eine gesinterte Masse von grauem, oft gelbgrnem Ansehen; er wird
  wiederholt abgewssert. Das so erhaltene Ultramarin ist eine lockere,
  schwammige, aus kleinen und grossen porsen Stcken bestehende Masse,
  die auf Mhlen bis zur ussersten Feinheit gemahlen wird; das Pulver
  wird gewaschen und nach dem Waschen getrocknet. Nachdem das Produkt
  noch in Quetschmhlen trocken gerieben und durch Haarsiebe geschlagen
  wurde, ist es als =grnes Ultramarin= sowohl zum Verkauf, als auch zur
  Ueberfhrung in blaues Ultramarin anwendbar.

  [83] Glht man diesen Satz bei Luftabschluss, so erhlt man eine weisse
       Masse, die nach dem Behandeln mit Wasser eine weisse lockere
       Substanz darstellt, welche =Ritter= mit dem Namen =weisses
       Ultramarin= belegt hat. Es wird an der Luft grn und beim Erhitzen
       an der Luft blau.

  Das grne Ultramarin zeigt sich zusammengesetzt aus:

                          nach =Stlzel= (1855)

       Thonerde                             30,11
       Eisen                                 0,49 (Eisenoxyd 0,7)
       Calcium                               0,45
       Natrium                              19,09 (Natron  25,73)
       Kieselerde                           37,46
       Schwefelsure                         0,76
       Schwefel                              6,08
       Chlor                                 0,37
       Magnesia, Kali, Phosphorsure        Spuren
                                           -------
                                            94,81
       Sauerstoff                            5,19
                                           -------
                                           100,00

  Die untersuchte Sorte war aus einer Ultramarinfabrik aus
  Kaiserslautern.

  Das grne Ultramarin hat als grne Farbe im Ganzen noch einen
  untergeordneten Werth, indem es an Schnheit der Nuance den meisten
  Kupferfarben weit nachsteht.

  b) =Ueberfhrung des Ultramaringrns in Ultramarinblau.= Die
  Ueberfhrung des grnen Ultramarins in blaues kann auf verschiedene
  Weise ausgefhrt werden und bietet keine Schwierigkeit dar, gegenwrtig
  findet aber meist diese Ueberfhrung durch Rsten mit Schwefel bei
  niedriger Temperatur und unter Luftzutritt statt, so dass der Schwefel
  zu schwefliger Sure verbrennen kann, wobei zugleich ein Theil des
  Natriums sich oxydirt, welches dann aus dem blauen Ultramarin als
  Natriumsulfat ausgezogen wird. Der im grnen Ultramarin enthaltene
  Schwefel bleibt jedoch, nur mit weniger Natrium verbunden, vollstndig
  zurck. Bei dem in mehreren Ultramarinfabriken blichen =Rstverfahren=
  wendet man kleine, ber einem Feuerraume fest eingemauerte Cylinder an,
  deren hinterer Boden mit einer Oeffnung versehen ist, in welche die Axe
  einer Flgelwelle gesteckt werden kann. Der vordere Theil lsst sich
  leicht hinwegnehmen; dieser Theil hat eine Oeffnung fr die
  durchgehende Axe der Flgelwelle, eine kleine Oeffnung unten und eine
  grssere oben, zum Eintragen des Schwefels dienend, welche beide mit
  Riegeln verschlossen werden knnen. An der obern Seite des Cylinders
  befindet sich noch eine weitere kleine Oeffnung zum Austreten der
  schwefligen Sure. Der Cylinder wird mit der Flgelwelle versehen, mit
  25-30 Pfd. grnem Ultramarin beschickt, verschlossen und in dem Ofen
  erhitzt. Von Zeit zu Zeit werden die Flgel gedreht, um das Ultramarin
  gleichmssig zu erhitzen. Nachdem der Inhalt des Cylinders so weit
  erhitzt worden ist, dass eine Probe des in die Oeffnung geworfenen
  Schwefels sich von selbst entzndet, mssigt man das Feuer, wirft
  alsdann in den Cylinder 1 Pfd. Schwefelpulver, dreht die Flgelwelle
  und lsst die Fllffnung offen, damit der Schwefel verbrennen kann.
  Man dreht langsamer, bis keine Schwefeldmpfe mehr entweichen. Dieselbe
  Behandlung mit Schwefel wird so lange wiederholt, bis eine
  herausgenommene Probe die hchste Reinheit und Intensitt der blauen
  Farbe zeigt. In einigen Fabriken beendigt man das Fertigrsten nicht
  auf einmal, sondern man laugt das Produkt, ehe es ganz blau geworden
  ist, noch einmal aus, mahlt, knetet und siebt es; es wird dadurch eine
  gleichfrmigere Bluung erzielt, weil keine Krner verbleiben knnen,
  welche inwendig grnlicher wren als aussen. Die blaugebrannten
  Ultramarine sind dann erst Handelswaare, wenn sie nochmals ausgelaugt,
  getrocknet und gesiebt worden sind. Die helleren Sorten werden durch
  weisse Zustze erzeugt. Nach einem =anderen= Rstverfahren wendet man
  eine Art gemauerter Muffelfen oder solche Herdfen an, in welche die
  Flamme der Heizung nicht eintreten kann. Das Ultramarin wird auf dem
  Herde in einer 6 bis 8 Centim. hohen Schicht gleichmssig ausgebreitet
  und so lange unter Verschluss der Thre erhitzt, bis hineingeworfener
  Schwefel sogleich zu brennen beginnt. Man wirft eine Schaufel voll
  Schwefelpulver auf und lsst dasselbe unter Umrhren mit einer eisernen
  Krcke verbrennen. Diese Operation wird wiederholt, bis die Nance und
  Intensitt der blauen Farbe nicht mehr zunimmt.

  Es ist noch nicht entschieden, ob die deutsche (Nrnberger) Methode des
  Blaubrennens in Cylindern oder die auf Herden den Vorzug verdiene. Bei
  letzterer Methode, wo man das Ultramaringrn in einer Art Backofen,
  dessen Herd von unten geheizt wird, erhitzt und mit Schwefel blau
  brennt, ist die Wirkung eine schnellere, weil viel grssere
  Berhrungsflchen vorhanden sind, als bei ersterer Methode. Aber bei
  jedem dieser Verfahren geht noch viel schweflige Sure verloren;
  dieser Verlust ist so bedeutend, dass die Ultramarinfabriken durch
  geeignete Verbindung ihrer Rstfen mit Bleikammern grosse Mengen von
  Schwefelsure erzeugen knnen, whrend gegenwrtig die entweichende
  schweflige Sure der Fabrik selbst und der Umgegend lstig wird. Mit
  der so gewonnenen Schwefelsure knnten die Ultramarinfabriken einen
  grossen Theil ihres Glaubersalzes selbst darstellen. Wenn man des blaue
  Ultramarin durch Verdrngung auslaugt, so lassen sich ziemlich
  concentrirte Glaubersalzlsungen erhalten, welche in der Fabrikation
  Anwendung finden knnen, nachdem man das Eisen daraus durch Kalk
  entfernt hat. =Hanstein= sucht die in der Lauge enthaltene
  Schwefelsure dadurch auszunutzen, dass er sie als Barytweiss fllt.
  Das Ultramarin nimmt beim Blaubrennen mit Schwefel zwar an Gewicht zu,
  beim Auswaschen aber im Ganzen nur einige Procente ab. Beim
  nachlssigen Auswaschen backt das Ultramarin in den Fssern, in denen
  es aufbewahrt wird, nach und nach wieder zusammen. Das letzte
  Prpariren des Ultramarins geschieht auf der granitnen Prparirmhle
  mit Bodenstein und Laufer von 1,3-1,6 Meter Durchmesser. Die fein
  geriebene Farbe wird nun noch geschlmmt und die verschiedenen
  Schlmmwsser in Bottiche von Nr. 00, 1, 2, 3 u. s. w. abgelassen,
  woraus die verschiedenen Sorten Farbe gewonnen werden. Whrend des
  Schlmmens geht auch das Versetzen der helleren Sorten des Ultramarins
  mit Porcellanthon vor sich. Die breiige Masse von geschlmmtem
  Ultramarin wird in hanfene Scke gebracht und ausgepresst und nach dem
  Auspressen auf Horden in geheizten Rumen getrocknet. Die getrocknete
  Masse wird gesiebt.

[Sidenote: Fabrikation von Soda-Ultramarin.]

[Greek: b]) Das =Soda-Ultramarin=, wie es in Frankreich, Belgien, in
Hessen und in der Rheinpfalz dargestellt wird, ist entweder reines
Soda-Ultramarin oder ein Gemenge davon mit Sulfat-Ultramarin. Der Satz
besteht beispielsweise aus:

                                    I.    II.    III.
                     Kaolin        100    100    100
                     Sulfat         --     41     --
                     Soda          100     41     90
                     Kohle          12     17      6
                     Schwefel       60     13    100
                     Colophonium    --     --      6

  Das Erhitzen des Gemenges geschieht in Hfen oder besser in
  Flammenfen. Es bildet sich ein grn gefrbtes Produkt, das zerreiblich
  und so pors ist, dass es den Sauerstoff mit grosser Leichtigkeit zu
  absorbiren vermag. Daher wird beim Erkalten des Flammenofens der
  grsste Theil des Produktes in Ultramarinblau bergefhrt.
  Ultramaringrn kann daher nach diesem Verfahren nicht dargestellt
  werden. Mengt man das erhaltene unvollkommene Blau mit Schwefel und
  unterwirft es in grossen Muffeln, deren Boden aus feuerfesten Platten
  besteht und die Decke aus Eisen, dem Abbrennen, so erhlt man
  vollkommenes Ultramarinblau, welches sich von dem Endprodukt des
  Nrnberger Verfahrens durch dunklere Frbung und grsseren
  Farbenreichthum auszeichnet. Je mehr Schwefel und Soda dem rohen
  Gemenge zugesetzt wird, desto mehr erlangt das Rohprodukt die
  Eigenschaft, eine blaue Farbe anzunehmen, so dass bei geeigneten
  Mischungsverhltnissen ein schnes Ultramarinblau, welches keiner
  weiteren Behandlung mit Schwefel bedarf, sofort in der ersten Phase
  sich bildet. So dargestelltes Ultramarin enthlt 10-12 Proc. Schwefel.

=Fabrikation von Kieselerde-Ultramarin.=

[Greek: g]) Das =Kieselerde-Ultramarin= ist Soda-Ultramarin, bei dessen
Bereitung fein zertheilte Kieselerde zugesetzt wurde und zwar 5-10 Proc.
vom Gewicht des Kaolins. Das durch das Kieselerdeverfahren dargestellte
Ultramarin ist stets blau und die weitere Behandlung mit Schwefel fllt
weg.

  Es widersteht einer Alaunlsung und zwar um so besser, je mehr
  Kieselerde es enthlt, und ist durch eine eigenthmlich rthliche
  Frbung charakterisirt, deren Intensitt mit der Kieselerdemenge
  wchst. Das Kieselerdeverfahren liefert fr viele Zwecke des
  vorzglichste Produkt, leider bietet aber die Fabrikation in Folge der
  Neigung des kieselsurereichen Gemisches im Ofen zu sintern, grosse
  Schwierigkeiten.

[Sidenote: Constitution des Ultramarins.]

  Seit dem Bekanntwerden des Ultramarins haben sich die Chemiker mit der
  Frage beschftigt, auf welche Weise in dem Ultramarin die Molekle
  gruppirt seien, welche Verbindung namentlich die blaue Frbung bewirke.
  =Marggraf= war der Erste, der diese Frage zu beantworten versuchte; im
  Jahre 1758 widerlegte er die damals verbreitete Ansicht, dass der
  Lasurstein Kupfer enthalte und dass dieses die Ursache der Frbung sei;
  da die Analyse ihm Eisenoxyd ergab, so erklrte er das Eisen in dem
  Ultramarin fr das frbende Princip. =Guyton-Morveau= schrieb die Farbe
  dem Schwefeleisen zu, eine Ansicht, die bis auf die neuere Zeit von
  vielen Chemikern vertreten wurde, obgleich ihr mehrere, namentlich
  =Brunner=, entgegentraten. Wenn nun gleich alle Analysen des
  Ultramarins einen Eisengehalt anzeigen, so ist es doch Thatsache, dass
  die meisten Ultramarinfabrikanten nach eisenfreiem Thone und
  Glaubersalz trachten. Man zhlt deshalb gegenwrtig die geringe Menge
  Eisen zu den unwesentlichen Bestandtheilen des Ultramarins. Alle
  Chemiker sind darber einig, dass bei der Feststellung einer
  rationellen Formel des Ultramarins nur vier Substanzen, nmlich
  Kieselerde, Aluminium, Natrium und Schwefel in Betracht zu ziehen
  seien, ber die rationelle Formel selbst und ber die Theorie der
  Bildung des Ultramarins, namentlich der Ueberfhrung des grnen in
  blaues, herrscht dagegen keine Uebereinstimmung, obgleich die in
  neuerer Zeit ausgesprochenen Ansichten bei weitem nicht mehr so
  divergiren, als die frheren.

  Nach =Breunlin= wre, abgesehen von der an Calcium gebundenen
  unwesentlichen Schwefelsure, aller Schwefel in dem Ultramarin als
  Natriumpolysulfuret, und alles Natrium und Aluminium (mit Ausnahme von
  dem Aluminium im beigemengten Thon) an Kieselerde gebunden.

  Nach der Ansicht von =Wilkens= ist das grne Ultramarin, welches der
  Bildung von blauem stets vorangeht, eine reine
  Schwefelnatriumverbindung, das blaue Ultramarin dagegen eine
  Schwefelnatriumverbindung und eine Verbindung von Natriumhyposulfit.
  Nach der Auffassung =Ritter='s wre das blaue Ultramarin eine
  Verbindung von Natrium-Aluminium-Silicat mit Natriumpolysulfuret und
  dem Natrium einer Sauerstoffsure des Schwefels, wahrscheinlich
  Natriumhyposulfit. Ultramarin wird bekanntlich beim Uebergiessen mit
  Salzsure unter Zersetzung entfrbt, wobei
  Schwefelwasserstoffentwickelung und Abscheidung von Schwefelmilch
  stattfindet. Aus der Bildung von letzterer glaubte man mit Bestimmtheit
  auf das Vorhandensein eines Polysulfurets in dem Ultramarin schliessen
  zu drfen.

  Es ist bemerkenswerth, dass alle Chemiker, die sich mit der Ermittelung
  der Constitution des Ultramarins beschftigten, analytisch verfuhren
  und den synthetischen Weg unbeachtet liessen. Es liegt aber ziemlich
  nahe, die Sulfurete des Aluminiums und deren Verbindungen mit
  Schwefelnatrium darzustellen und letztere dem Verfahren des Abbrennens
  mit Schwefel, dem Behandeln mit Chlor u. s. w. zu unterwerfen. Nach =W.
  Stein= wre es ja das dunkelfarbige Schwefelaluminium, welches beim
  Rsten frei wird und dem Ultramarin seine Frbung giebt. Es unterliegt
  wol keinem Zweifel, dass bei Verarbeitung derjenigen
  Ultramarinmischungen, in denen Schwefel und Kohle vorkommt, der
  Schwefelkohlenstoff, dessen Vorhandensein bei Beginn des Brandes schon
  durch den Geruch wahrzunehmen, bei der Ultramarinbildung mit wirksam
  ist. Da whrend eines gewissen Aggregatzustandes der Schwefel =blau=
  erscheint, genau so wie im Ultramarin, so meint =Nllner=, es handele
  sich in der Ultramarinfabrikation nur darum, diesen Aggregatzustand des
  Schwefels durch Dazwischenhalten eines fremden Krpers wie Thonerde
  oder Kieselerde zu fixiren. Mit solchen und anderen Aussprchen, wie
  sie z. B. =Geuther=[84] unlngst gethan, so geistreich wie diese
  Ansichten auch aussehen, ist der Technologie jedoch nicht gedient.

  [84] Nach =A. Geuther= (Lehrbuch der Chemie. 1870. p. 348) enthlt das
       weisse Ultramarin nur =monovalentes= Natrium, das blaue aber
       =pentavalentes= und das grne =trivalentes= Natrium!!

[Sidenote: Eigenschaften des Ultramarins.]

  =Eigenschaften und Anwendung des Ultramarins.= Das Ultramarin ist ein
  unfhlbares lasurblaues Pulver, das sich in Wasser nicht lst und an
  dasselbe nichts abgeben darf; es wird von alkalischen Laugen nicht
  angegriffen, jedoch durch Suren, selbst durch sauer reagirende Salze,
  wie z. B. durch Alaunlsung, unter Entwickelung von
  Schwefelwasserstoffgas entfrbt[85]. Die Bezeichnung, =surefestes
  Ultramarin=, welche man in neuerer Zeit einer Sorte Ultramarinblau
  gegeben hat, bezieht sich nur auf die Widerstandsfhigkeit gegen Alaun,
  welche durch Zugeben von Kieselerde dargestellt wird.

  [85] Der Lapis lazuli widersteht der Einwirkung des Alauns und selbst
       der der Essigsure. Das in den Sodafen hin und wieder sich
       findende Ultramarin hat dieselbe Surefestigkeit. Die geringe
       Stabilitt der meisten knstlichen Ultramarine zeigt, dass die
       Fabrikation desselben bei weitem noch nicht ihren
       Culminationspunkt erreicht hat.

  Es hat als blaue Farbe die Smalte und hnliche Kobaltfarben fast
  gnzlich, den Lakmus und das Berlinerblau zum Theil verdrngt. Es dient
  besonders zum Malen und Tnchen auf Kalkgrund, sowie in der
  Wasserglasmalerei oder Stereochromie, zum Tapetendruck, in der
  Buntpapierfabrikation, zum Druck auf Leinwand, Baumwoll-, Woll- und
  Seidenzeuge, in der Buchdruckerei und in der Lithographie u. s. w. Ein
  grosser Theil des Ultramarins wird ferner angewendet, um an sich
  gelblich- oder rthlich-weisse Stoffe dem Auge rein weiss erscheinen zu
  lassen. Die blaue Farbe des Ultramarins wirkt auf den schmutziggelben
  Ton zu Weiss ergnzend. Man nennt diese Art der Anwendung des
  Ultramarins das =Blauen=, das indessen weit richtiger das Weissen zu
  nennen wre. So blaut man unter Anderem die Leinwand (auf 50 Stck
  Leinwand 2-3-1/2 Pfd. Ultramarin), die Papiermasse, die Wsche, die
  Kalkmilch beim Anstreichen, die Strke, das Barytweiss, die Stearin-
  und Paraffinmasse zur Kerzenfabrikation und endlich auch den Zucker.
  Man hat in neuerer Zeit die Frage aufgeworfen, ob der Ultramarinzusatz
  zum Zucker nicht nachtheilig sei. Wenn man aber in Betracht zieht, dass
  das Ultramarin aus lauter der Gesundheit nicht schdlichen Substanzen
  besteht, dass ferner die Menge des Ultramarins im Zucker eine
  verschwindend kleine ist -- auf 1000 Ctr. Zucker gengen in der Regel
  2-1/2 Pfd. Ultramarin --, so wird diese Frage unbedingt mit Nein
  beantwortet werden mssen.

  Das =grne= Ultramarin, ein glanzloses Pulver, welches namentlich als
  ordinre Tncher-, seltener als Tapetenfarbe Anwendung findet, ist
  mitunter mit Indigcarmin und einer gelben Zinnlackfarbe geschnt.

  Es wird zuweilen behauptet, dass dem Ultramarin mitunter Indig und
  Berlinerblau zur Erhhung des Farbentones zugesetzt, dass es ferner oft
  mit Smalte und Berlinerblau verflscht werde. Derartige
  Verunreinigungen und Verflschungen kommen wol gegenwrtig nicht mehr
  vor, da der Preis selbst der besseren Ultramarinsorten geringer ist,
  als der der genannten Substanzen. Kreide, die man frher hufig
  zusetzte, kommt gegenwrtig usserst selten als Verflschungsmittel des
  Ultramarins vor, da man in dem Thon und dem Alabaster ein weit
  geeigneteres Mittel zum Versetzen des Ultramarins hat.
  Schwerspathpulver und Permanentweiss findet sich dagegen in neuerer
  Zeit fters dem Ultramarin beigemengt.




                             III. Abschnitt.

   Technik des Glases, der Thonwaaren, des Gypses, Kalkes und Mrtels.

                          Die Glasfabrikation.


[Sidenote: Begriff und allgemeine Eigenschaften des Glases.]

Das Glas ist ein durch Schmelzen erhaltenes amorphes Gemenge
verschiedener Silicate, in welchem gewhnlich Alkalisilicat und
Calciumsilicat die Hauptbestandtheile bilden. Bei gewissen Glsern wie
bei dem Wasserglas, dessen Anwendbarkeit auf seine Lslichkeit im Wasser
sich grndet, ist nur kieselsaures Alkali vorhanden; in allen anderen
Fllen sind neben dem Alkali (Kali oder Natron) noch andere Basen,
entweder alkalische und eigentliche Erden wie Kalk, Baryt, Strontian,
Magnesia, Thonerde u. s. w., oder Metalloxyde wie Bleioxyd, Wismuthoxyd,
Thalliumoxyd, Zinkoxyd, Eisenoxydul, Manganoxydul u. s. w., vorhanden. In
einzelnen Fllen, wie bei der Darstellung gewisser zu optischen Zwecken
dienender Glser, wird die Kieselsure entweder zum Theil oder gnzlich
durch Borsure ersetzt.

  Das Glas ist entweder durchsichtig (eigentliches Glas) oder es ist
  undurchsichtig (Schmelzglas oder Email), farblos oder gefrbt und
  widersteht, wenn man von dem Wasserglase absieht, der Einwirkung von
  Luft und Wasser, den Einflssen der gewhnlichen Suren und alkalischen
  Flssigkeiten bis zu einem gewissen Grade. =Durchsichtigkeit und
  Bestndigkeit= in chemischer Hinsicht sind die werthvollsten
  Eigenschaften des Glases, die demselben anhaftende Zerbrechlichkeit und
  Sprdigkeit ein Uebelstand, der aber mit der Natur des Glases auf das
  Innigste verknpft ist. =Amorphismus= gehrt zum Grundbegriffe des
  Glases. Verschwindet der amorphe Zustand des Glases, d. h. geht es in
  den krystallinischen Zustand ber, so hrt es auf, Glas zu sein. Der
  Amorphismus des Glases wird durch die =Zusammengesetztheit= bedingt.
  Einfache Silicate haben das Bestreben, aus dem amorphen Zustand in den
  krystallinischen berzugehen und sind schon aus dem Grunde nicht zur
  Glasfabrikation geeignet. In Folge der amorphen Beschaffenheit geht dem
  Glase jede regelmssige Spaltbarkeit ab und ist an den stets
  scharfkantigen Bruchstcken nur der muschelige Bruch nach allen
  Richtungen hin wahrzunehmen. Ist das Glas in dicken Massen sprde, so
  zeigt es in dnnen Blttchen und Fden eine grosse Elasticitt und
  Biegsamkeit. Die einzelnen Silicate, ihre Qualitt und Menge sind fr
  die Beschaffenheit der Glasmasse von grosser Wichtigkeit; die =Silicate
  der Alkalimetalle= geben dem Glase Leichtflssigkeit und Weiche,
  kieselsaures Kalium giebt dem Glase weniger Glanz als das
  Natriumsilicat, lsst es dagegen ungefrbt, whrend Natriumzusatz dem
  Glase stets eine blulich-grne Frbung ertheilt. =Calciumsilicat=
  macht das Glas bestndiger, hrter und glnzender, aber auch
  strengflssiger, doch nicht in so hohem Grade als das =Magnesium=- und
  =Aluminiumsilicat=. Das =Bleisilicat= und eben so das =Wismuthsilicat=
  machen das Glas leicht flssig und schleifbar, ausserdem ertheilen sie
  demselben neben hohem Glanz bedeutendes Lichtbrechungsvermgen, in
  optischer Beziehung werthvolle Eigenschaften. Das =Zinksilicat= und das
  =Bariumsilicat= verhalten sich dem Bleisilicat bezglich des Glanzes
  und des Lichtbrechungsvermgens hnlich, nur ist das =Bariumglas=
  hrter als das Bleiglas. Das Zinksilicat hat das Eigenthmliche, dass
  es die grnliche Frbung des Natriumsilicates zum Verschwinden bringt.
  =Eisen=- und =Mangansilicat= machen das Ganze leichtflssig und
  gefrbt. Silicate anderer Metalloxyde kommen in der Zusammensetzung der
  Glasmasse nur insofern in Betracht, als sie frbende Eigenschaften
  besitzen.

[Sidenote: Eintheilung der Glassorten.]

  Lsst man die chemische Zusammensetzung der Glasmasse als
  Eintheilungsgrund gelten, so hat man folgende vier Glasarten zu
  unterscheiden:

  I. Das =Kalium-Calcium-Glas= oder bhmische Krystallglas ist vollkommen
  farblos, usserst strengflssig, hart und durch chemische Bestndigkeit
  ausgezeichnet. Das =Spiegelglas= ist hufig ein Gemisch von dieser
  Glassorte mit der nachfolgenden.

  II. Das =Natrium-Calcium-Glas=, franzsisches Glas, Fensterglas, ist
  etwas hrter als das vorige, weniger strengflssig und zeigt die allem
  Natriumglase charakteristische blulichgrne Frbung. Das zu optischen
  Zwecken dienende =Crownglas= gehrt hierher.

  III. Das =Kalium-Blei-Glas=, Krystall- oder Klingglas, ist weich und
  leicht schmelzbar. Es zeichnet sich durch hohes specifisches Gewicht,
  Glanz, Lichtbrechungsvermgen und einen schnen Klang aus. Varietten
  dieser Glasart sind 1) das =Flintglas=, ein optisches Glas, welches
  reicher an Blei ist als das Krystallglas und ausser dem Blei zuweilen
  Wismuth, neben der Kieselsure zuweilen Borsure enthlt; 2) der
  =Strass=, die Grundlage der knstlichen Edelsteine.

  IV. Das =Aluminium-Calcium-Alkaliglas=, Bouteillenglas oder Buttelglas,
  enthlt ausser den genannten Basen oft noch betrchtliche Mengen von
  Eisen und Mangan und an der Stelle des Calciums oft Magnesium. Das
  Alkali ist in geringerer Menge vorhanden, als in den brigen
  Glassorten. Die Farbe ist rthlichgelb oder dunkelgrn.

  Das =specifische Gewicht des Glases= ist von seiner Zusammensetzung
  abhngig. Das Alkali-Calcium-Glas ist das leichteste, dann folgt das
  Aluminium-Calcium-Alkaliglas und zuletzt das Thalliumglas wie aus
  nachstehenden Angaben folgt:

                  Bhmisches Krystallglas         2,396
                  Crownglas                       2,487
                  Spiegelglas                     2,488
                  Fensterglas                     2,642
                  Bouteillenglas                  2,732
                  Krystall- oder Klingglas    2,9-3,255
                  Flintglas von Frauenhofer       3,77
                      "      "  Faraday           5,44
                  Thalliumglas                    5,62

  Die Strahlenbrechung ist bei langsam gekhlten Glsern einfach, bei
  rasch gekhlten oder gepressten doppelt. Die Grade der Strahlenbrechung
  sind sehr verschieden, Blei- und Wismuthglser brechen das Licht am
  strksten, erreichen aber nie den Grad der Lichtbrechung, wie
  diamantglnzende Krper. Setzt man den luftleeren Raum als Einheit, so
  ist der Brechungsexponent des glasglnzenden Bergkrystalles = 1,547,
  der des Diamanten aber 2,506. Bei Crownglas von Frauenhofer von 2,52
  spec. Gewicht ist der Brechungsexponent = 1,534-1,544, bei Flintglas
  von Frauenhofer von 3,7 spec. Gewichte der Brechungsexponent = 1,639,
  bei Thalliumglas von Lamy = 1,71-1,965.

[Sidenote: Rohmaterialien der Glasfabrikation.]

  Die Rohmaterialien der Glasfabrikation sind folgende:

  1) Die =Kieselerde=, die sich rein als Bergkrystall, Quarz und in
  gewissen Sandsorten und mit Basen verbunden in vielen Silicaten findet,
  wie z. B. in dem Feldspath, wird in der Glasfabrikation meist als
  Quarz, Sand oder Feuerstein angewendet. Der Sand muss zu den bessern
  Glassorten mglichst eisenfrei sein; das Eisen, das in der Regel nur in
  Gestalt von Eisenoxyd auf der Oberflche der reinen Quarzkrystalle, aus
  denen der Sand besteht, sich befindet, wird entweder durch einfaches
  Waschen oder besser noch durch Digestion mit Salzsure entfernt. Vor
  der Anwendung pflegt man den Sand auszuglhen, damit er mrbe werde,
  sich mit weniger Mhe mahlen lasse und leichter schmelze. Zuweilen muss
  der Sand geschlemmt werden, um ihn von Thon, Humus u. dgl. zu befreien.
  Zu ordinren Glassorten, wo die Farbe des Glases unwesentlich ist, ist
  es vortheilhafter, einen unreinen Sand anzuwenden, da mit Thon, Mergel
  und Lehm verunreinigter Sand weit leichter schmilzt als reiner. Aus
  diesem Grunde bedient man sich zur Herstellung des Bouteillenglases
  anstatt der Kieselerde nicht selten des Mergels oder Lehms, welche
  ausser der Kieselerde auch noch betrchtliche Mengen von Thonerde in
  die Glasmasse bringen.

  2) Die =Borsure= setzt man fr gewisse Glassorten als theilweises
  Ersatzmittel fr Kieselsure zu; sie befrdert die Schmelzbarkeit der
  Masse, giebt dem Glase einen hohen Glanz und ist ein vorzgliches
  Mittel gegen das Entglasen. In der Regel setzt man sie der Glasmasse in
  Gestalt von Borax (Natriumborat) zu. Neuerdings hat man vorgeschlagen,
  die Tiza (Boronatrocalcit) in der Glasfabrikation anzuwenden.

  3) =Kali= und =Natron= wendet man in sehr verschiedener Form in der
  Glasfabrikation an, Kali jedoch meist in Form von Potasche oder
  unvollstndig ausgelaugter Holzasche, Natron meist in Gestalt von Soda
  und Glaubersalz, in einzelnen seltenen Fllen in Form von Kryolith und
  von Natrium-Aluminat. Calcinirte Soda wird, wenn es die Art des
  herzustellenden Glases erlaubt, gegenwrtig stets der Potasche
  vorgezogen, da das Natron, bei billigerem Preise, eine grssere
  Sttigungscapacitt besitzt, 10 Th. Natriumcarbonat entsprechen 13 Th.
  Kaliumcarbonat. In der neueren Zeit wird zu weissem Glase das Natron in
  Gestalt von Glaubersalz[86] gesetzt; in diesem Falle setzt man zu dem
  Gemenge der Kieselerde mit dem Glaubersalz so viel Kohle, dass die
  Schwefelsure des Glaubersalzes zu schwefliger Sure und die Kohle zu
  Kohlenoxyd reducirt wird. Das entstandene Natriumsulfit wird dann
  leicht von der Kieselsure unter Freiwerden von schwefliger Sure
  zersetzt. Auf 100 Th. Glaubersalz (wasserfrei) wendet man 8-9 Th. Kohle
  an. Ein Ueberschuss von Kohle ist nachtheilig, weil sich dadurch eine
  grosse Menge Schwefelnatrium bilden wrde, welches das Glas braun
  frbt.

  [86] Die Anwendbarkeit des Glaubersalzes in der Glasfabrikation ist
       eine in der Geschichte der Glasindustrie epochemachende Erfindung.
       Obgleich =Lampadius= und =Gehlen= schon in den ersten Jahren des
       laufenden Jahrhunderts auf das Glaubersalz als Glasrohmaterial
       aufmerksam gemacht, so gebhrt doch das Verdienst, das Glaubersalz
       in die Glasfabrikation eingefhrt zu haben, dem bayer.
       Oberbergrath und Philosophen =Franz von Baader= in Mnchen. Vergl.
       Biographie Franz von Baaders, herausgegeben von Prof. Dr. Franz
       Hoffmann, 1857 p. 48. --

  4) Der in der Glasfabrikation angewendete =Kalk= muss mglichst
  eisenfrei sein. Man verwendet ihn als Marmor oder Kreide entweder im
  rohen Zustande, d. h. ohne ihn vorher zu brennen oder zu pulvern, oder
  gebrannt und gelscht. In der Regel kommt er im natrlichen Zustande
  entweder als gepochter Kalkstein oder geschlemmte Kreide zur
  Verwendung. Auf 100 Gewichtstheile Sand rechnet man in der Regel 20
  Gewichtstheile Kalk. In einigen bhmischen Fabriken wendet man den Kalk
  in der zweckmssigsten Form, nmlich als Calciumsilicat, als
  =Wollastonit= an, welcher die Formel SiO_{3}Ca hat. Anstatt des Kalkes
  kann man auch =Strontian= und =Baryt= anwenden, ersteren in Gestalt von
  =Strontianit= (SrCO_{3}) letzteren in Form von =Witherit= (BaCO_{3}).
  Der =Flussspath= (CaFl_{2}) und das bei der Verarbeitung des Kryoliths
  auf Soda fallende Fluorcalcium werden seit einiger Zeit zur Herstellung
  von Milchglas angewendet, eben so das =Natrium-Aluminat=.

  5) Das =Bleioxyd= wird in den meisten Fllen in Gestalt von =Mennige=
  angewendet, welche, indem sie einen Theil ihres Sauerstoffs abgiebt und
  dadurch zu Bleioxyd reducirt wird, reinigend auf die Glasmasse
  einwirkt. Das Blei giebt dem Glase ein hohes specifisches Gewicht,
  hohes Lichtbrechungsvermgen, Weichheit und Schleifbarkeit. Es ertheilt
  dem Glas einen schwachgelblichen Ton und hat den Uebelstand, die Masse
  der Glashfen stark anzugreifen. Die Mennige muss vollkommen frei sein
  von Kupfer und Zinnoxyd, weil ersteres das Glas grn frben, letzteres
  das Glas milchig und undurchsichtig machen wrde. Das Bleiweiss wrde
  eben so gut als die Mennige in der Glasfabrikation Anwendung finden
  knnen, wenn es nicht meist mit Schwerspath versetzt wre.

  6) Das Zinkoxyd wird der Glasmasse stets in Gestalt von =Zinkweiss=
  zugesetzt. Wenn die Farbe des herzustellenden Zinkglases nicht in
  Betracht zu ziehen ist, so wird man mit Sand, Glaubersalz und
  =Zinkblende= Zinkglas herstellen knnen.

  7) Das =Wismuthoxyd=, das nur in kleiner Menge zur Herstellung gewisser
  optischer Glser Anwendung findet, wird zu der Glasmasse entweder als
  Wismuthoxyd oder als salpetersaures Wismuthoxyd gesetzt.

  Die Formeln gewisser in der Natur vorkommender Silicate nhern sich in
  ihrer Zusammensetzung dergestalt der des Bouteillenglases, dass
  dieselben, mit den erforderlichen Zustzen versehen, in der
  Glasfabrikation Anwendung finden knnen. Hierher gehren der
  =Feldspath=, der =Pechstein=, der =Bimsstein=, der =Klingstein=, der
  =Amphibol=, der =Basalt= und manche Laven. Auch manche Hochofen- und
  Eisenfrischschlacken finden in der Glasfabrikation Anwendung. So wird
  der sogenannte schwarze =Hyalith= in Bhmen durch Zusatz von
  Eisenfrischschlacken, dann auf dem Fichtelgebirge ein hnliches
  schwarzes Glas, das =Knopfglas=, durch Zusatz von eisenhaltigen
  Amphibolgesteinen dargestellt. Der Feldspath wrde ein kostbares
  Rohmaterial der Glasfabrikation abgeben, wenn er wohlfeil genug zu
  erlangen wre; durch Zusatz von Borax und Bleioxyd kann man mit ihm ein
  allen Anforderungen entsprechendes Glas darstellen. Gewisse Laven kann
  man, ebenso wie den Basalt, ohne weiteren Zusatz durch Schmelzen in
  Glas berfhren. Leichtschmelzende Thone, eisen- und kalkhaltiger Lehm
  oder Mergel lassen sich auch zu Bouteillenglas anwenden, eben so auch
  Granit (besonders der finnlndische, Rapakiwi genannt), der unter
  Zuschlag von Schwerspath auf mehreren Bouteillenhtten verschmolzen
  wird.

[Sidenote: Entfrbungsmittel.]

  Zu =farblosen Glsern= bedient man sich ausser den genannten
  Materialien noch gewisser =Entfrbungsmittel=, welche theils chemisch
  durch Sauerstoffabgabe, theils physikalisch durch Ergnzung verschieden
  gefrbter Nancen zu Weiss wirken. Solche Entfrbungsmittel sind der
  =Braunstein=, die =arsenige Sure=, der =Salpeter= und die schon
  erwhnte =Mennige=.

  1) Der =Braunstein= (MnO_{2}) wird schon seit den ltesten Zeiten zum
  Farblosmachen der Glasmasse angewendet. Bei der Anwendung des
  Braunsteins ist zu bercksichtigen, dass er nur in geringer Menge der
  Glasmasse zugesetzt, dieselbe entfrbt, in grosser Quantitt dagegen
  derselben eine violette oder vielmehr amethystrothe Frbung ertheilt,
  die so intensiv sein kann, dass das Glas schwarz und undurchsichtig
  erscheint. Die violette Frbung des Glases wird in der Regel wol durch
  Manganisilicat (kieselsaures Manganoxyd) herbeigefhrt, whrend, wenn
  der Braunstein entfrbend wirken soll, Manganosilicat (kieselsaures
  Manganoxydul) in der Masse sich befinden muss. Ueber die Art und Weise,
  wie der Braunstein entfrbend auf die Glasmasse wirke, sind
  verschiedene Erklrungen gegeben worden. Am richtigsten wol ist es die
  Entfrbung der Glasmasse einem Ergnzen complementrer Farben zu Weiss,
  nmlich dem Grn vom Ferrosilicat, und dem Violett vom Manganosilicat,
  zuzuschreiben; zu dieser Annahme ist man um so mehr berechtigt, als
  =Krner= in Jena bereits im Jahre 1836 den Beweis geliefert hat, dass
  man durch Zusammenschmelzen von Glsern, die durch Eisen grn und durch
  Mangan rthlich gefrbt waren, ein farbloses Glas erhalte, =Suckow=
  ferner farbloses Glas durch Zusammenschmelzen von durch Manganoxydul
  schwach roth gefrbtem Glas mit Kupferoxyd erhielt. Auf den Glashtten
  des bayerischen Waldes giebt man einem rosenrothen Quarz von Rabenstein
  bei Zwiesel den Vorzug, indem die Fabrikanten behaupten, dass sie mit
  keiner andern Quarzart, selbst nicht mit dem reinsten Bergkrystall,
  eine so reine Glasmasse darzustellen vermchten. =v. Fuchs= fand in
  diesem Quarz 1-1,5 Proc. Titanoxyd, welches in hnlicher Weise
  chromatisch neutralisirend zu wirken scheint, wie der Braunstein.
  =Kohn= empfiehlt als Entfrbungsmittel oder Maskirungsmittel, ein
  Gemisch von =Nickeloxydul= oder =Antimonoxyd=, durch welches man im
  Stande sei, dem Glase eine durch die ganze Masse hindurch
  gleichmssige, ins Rthliche ziehende Frbung zu ertheilen. Ein
  neuerdings in Vorschlag gekommenes Entfrbungsmittel ist das
  =Zinkoxyd=, welches die grne Frbung des Glaubersalzglases entfernen
  und ausserdem dem Glase einen hhern Glanz ertheilen soll. 2) Die
  =arsenige Sure= wirkt als Entfrbungsmittel nur chemisch, sei die
  Frbung des Glases durch Kohle oder durch Ferrosilicat hervorgebracht.
  Ist ein kohlehaltiges Glas durch arsenige Sure zu entfrben, so hat
  man folgendes Schema:

            Arsenige Sure As_{2}O_{3} }       { Arsen As_{2}
                                       } geben {
            Kohle 3C                   }       { Kohlenoxydgas 3CO

  hat man ein eisenoxydulhaltiges Glas durch arsenige Sure zu entfrben,
  so geben:

        Eisenoxydul 6FeO           } = { Eisenoxyd 3Fe_{2}O_{3}
        Arsenige Sure As_{2}O_{3} }   { Arsen As_{2}.

  Die arsenige Sure wird durch Kohle und Eisenoxydul schon in schwacher
  Rothglut reducirt und das Arsen verflchtigt. Man bringt die arsenige
  Sure in die Glasmasse erst, nachdem dieselbe vollkommen geschmolzen
  ist und drckt ein Stck davon mit Hlfe einer Eisenstange bis auf den
  Boden des Glashafens hinab. Durch die sich sofort entwickelnden Dmpfe
  von arseniger Sure findet eine Verbrennung des Kohlenstoffs und eine
  Oxydation des Eisenoxyduls zu dem minder frbenden Eisenoxyd statt und
  das reducirte Arsen entweicht. 3) Der =Salpeter= wird meist als
  Chilisalpeter (Natriumnitrat) zu der Glasmasse gesetzt. Bei der
  Fabrikation von Bleiglas mchte auch die Anwendung von Bleinitrat am
  Platze sein. Bariumsalpeter ist in neuerer Zeit ebenfalls als
  Entfrbungsmittel der Glasmasse vorgeschlagen worden. Seine Wirkung ist
  der der arsenigen Sure gleich.

  4) Dass die =Mennige= auch als Entfrbungsmittel dient, wurde bereits
  angefhrt. Nach =Chambland= sollen die chemisch wirkenden
  Entfrbungsmittel dadurch ersetzt werden knnen, dass man einen Strom
  atmosphrischer Luft in das schmelzende Glas leitet. Dadurch wird
  ferner die Glasmasse in Bewegung gesetzt, die Theile gehrig gemischt
  und die Masse gleichfrmig.

[Sidenote: Glasscherben.]

  Die in den vorstehenden Abschnitten betrachteten Materialien der
  Glasfabrikation werden niemals fr sich allein verschmolzen, sondern
  immer mit ungefhr dem dritten Theile schon fertigen Glases. Dazu
  dienen die =Glasscherben= oder Brocken (das Bruchglas), deren
  sorgfltiges Einsammeln eben so gut zum Betrieb einer Glasfabrik
  gehrt, wie das Lumpensammeln zum Betrieb einer Papiermhle. Durch
  umsichtiges Sammeln gehen in der That nur geringe Mengen von Glas
  verloren, so dass der Glasfabrikant thatschlich nur die Umgestaltung
  der Glasbrocken zu bernehmen hat. Da bei wiederholtem Umschmelzen der
  Glasscherben immer ein Theil der Alkalien durch Verflchtigung verloren
  geht, so muss bei jedesmaligem Schmelzen Alkali zugegeben werden. Auch
  das sogenannte =Herd=- und =Pfeifenglas=, welches sich bildet, wenn die
  Glasmasse whrend der Schmelzung zu stark schumt und bersteigt, oder
  ein Glashafen reisst oder durchlchert wird und die Masse sich mit der
  Asche mischt, oder endlich an der Blserpfeife hngen bleibt, dient als
  Zusatz zur Glasmasse.

[Sidenote: Die Glashfen.]

Die =Glashfen= oder die Schmelzgefsse, in welchen der Glassatz
geschmolzen wird, werden auf der Htte selbst aus schwer schmelzbarem
Thon und gepulverten Charmottesteinen angefertigt; sie sind ungefhr 0,6
Meter hoch und in den Wnden 9-12 Centimeter stark. Die Hfen werden im
Schatten und vor Luftzug geschtzt, in einer Temperatur von 12-15
getrocknet. Whrend des Trocknens wird der Boden des Hafens, als der
dickste Theil, fters gestampft, bis das Stampfen keinen Eindruck mehr
auf die Masse macht. Nachdem diese Consistenz erreicht ist, bringt man
die Glashfen in einen Raum, dessen Temperatur allmlig bis auf 30 bis
40 gesteigert wird. Nachdem sie etwa einen Monat daselbst verweilt,
knnen sie in die Aufwrmefen (Temperfen) gebracht werden, die aber
auch bis auf etwa 50 abgekhlt sein mssen. Das Brennen oder Aufwrmen
geschieht durch stufenweise Verstrkung des Feuers, bis endlich die Hfen
bis zum Glhen erhitzt sind. In diesem Zustande bringt man sie aus dem
Anwrmeofen in den Schmelzofen, welchen man auch vorher ungefhr bis zur
Temperatur der erstern hat abfallen lassen. Das Feuer wird nach und nach
in dem Ofen bis zur Schmelzhitze verstrkt, was nach 3-4 Stunden der Fall
ist. In der Regel lsst man einen neuen Hafen whrend einer ganzen
Arbeit, d. h. whrend 25-40 Stunden, leer stehen, ehe man den Glassatz
eintrgt. Aber auch dann wrden die alkalischen Bestandtheile des
Glassatzes (Potasche, Kalkstein, Glaubersalz, Soda etc.) die Masse der
Glashfen, die das Maximum der Dichte noch nicht erreicht haben, stark
angreifen, und eine ziemliche Menge thonreiches Glas bilden, welches sich
der Glasmasse beimischt und dieselbe fehlerhaft macht. Es ist deshalb
zweckmssig, das erste Mal nur einen stark mit Glasbrocken versetzten
Glassatz oder auch nur Glasabflle in einen neuen Glashafen einzutragen.
Es bildet sich dadurch auf den innern Hafenwnden ein sehr
strengflssiges Glas, welches gleich einer Glasur, die Hafenmasse vor
weiterer Zerstrung schtzt. Man nennt diese Arbeit das =Aussumen= oder
Einglasen der Glashfen.

[Illustration: Fig. 120.]

[Illustration: Fig. 122.]

[Illustration: Fig. 121.]

[Illustration: Fig. 123.]

  Die Form der Glashfen ist verschieden. Bei Holz- und bei Gasfeuerung
  ist sie die eines nach unten conischen Cylinders (Fig. 120). Bei
  Steinkohlenfeuerung wendet man die =Haubenhfen= oder =bedeckten Hfen=
  (Fig. 121) an, welche oben mit einer gewlbten Haube endigen, deren
  hinterwrts stehende Oeffnung sich von innen an das Arbeitsloch
  anschliesst. Eine eigenthmliche Art von Haubenhafen zeigt Fig. 122,
  hier befindet sich in der Mitte eine Scheidewand. Der Glassatz wird
  durch die Oeffnung _A_ eingetragen, schmilzt in dieser, dem Feuer
  besonders ausgesetzten Abtheilung und dringt unter der Scheidewand in
  die andere Abtheilung _B_, in welcher die Masse gelutert aufsteigt, da
  die Unreinigkeiten (Glasgalle etc.) in _A_ zurckbleiben, und dann
  ausgearbeitet wird. In der Fabrikation von gegossenen Spiegeln wendet
  man zum Lutern lnglich viereckige Glashfen (=Glaswannen=) (Fig. 123)
  an, welche in der Mitte mit einem Falze zum Eingriffe der Wangen der
  Zangen versehen sind, mit welchen sie gefasst und gehoben werden.

[Sidenote: Die Glasfen.]

Man theilt die Glasfen ein 1) in =Schmelz=- oder =Werkfen=, in welchen
der Glassatz geschmolzen und die daraus entstandene Glasmasse in einen
solchen Zustand versetzt wird, dass sie zu Glasgerthschaften verarbeitet
werden kann; 2) in =Nebenfen=, welche hufig mit dem Schmelzofen in
Verbindung stehen deren Construction je nach dem Zwecke, zu welchem sie
bestimmt sind, verschieden ist.

[Illustration: Fig. 124.]

  Die =Schmelz=- oder =Werkfen= knnen nur mit dem feuerfestesten Thone
  hergestellt werden. Als Baumaterial wendet man ein Gemenge von weissem
  Thon mit einer gleichen Quantitt gebrannten und gesiebten Thones
  derselben Gattung an. Eine solche Mischung hat nicht die nachtheilige
  Eigenschaft, die der gewhnliche getrocknete Thon besitzt, bei der
  Temperatur der Schmelzhitze zu schwinden; er ist ferner in Folge seiner
  lockern Beschaffenheit ein schlechter Wrmeleiter und bleibt von dem
  Fallen und Steigen der Temperatur ziemlich unberhrt. Als Mrtel kann
  Kalkmrtel begreiflicherweise nicht dienen, da er den Thon der
  Ofenmasse auflsen und damit zu einem Glase zusammenschmelzen wrde,
  man wendet deshalb zum Verbinden der Steine Thonbrei aus demselben
  Thone, aus dem das Baumaterial besteht, an. Man wendet die Ofensteine
  entweder weich, oder blos an der Luft getrocknet, oder in einem
  Ziegelofen gebrannt, an. Der Schmelzofen muss auf trocknem Grunde
  stehen; denn jeder nasse Boden khlt den Boden von unten ab, wodurch
  nicht nur grssere Mengen von Brennmaterial verbraucht werden, sondern
  auch bei einer Abkhlung von unten die Glasmasse sitzenbleibt und sich
  nur obenher lutert. Es wird zum Grunde ein starkes oder doppeltes
  Steinpflaster und darber ein Ziegelpflaster gegeben. Nachdem die
  Gewlbe geschlossen und die Flchen beschnitten und geebnet worden
  sind, besteht die ganze Masse des Ofens aus einem einzigen Stcke
  feuerfesten Thons, welches ein Gewicht von 800-1000 Ctr. hat. Der Ofen
  wird bei einer Temperatur von 12-15 getrocknet und das Austrocknen
  durch hufige Wiederholung des Schlagens der inneren und usseren
  Flche des Ofens befrdert. Nach 4-5 Monaten ist der Ofen lufttrocken.
  Nun giebt man schwaches Feuer, das man whrend eines Monats verstrkt,
  um den Ofen zu brennen (=Aufwrmen des Ofens=); man giebt ferner dem
  Gewlbe eine massive Decke von Backsteinen (das =Hemd=) und berkleidet
  diese wieder 5-6 Zoll dick mit einem Gemenge von Lehm und Hcksel. Die
  Temperatur wird endlich gesteigert. Darauf ist der Ofen zur Aufnahme
  der Glashfen geschickt. Weit hufiger werden besonders geformte,
  getrocknete oder gebrannte Ofensteine zum Ofenbau verwendet. In dem
  Schmelzofen wird so lange geschmolzen, als er aushlt. Doch, wo man
  strengflssiges Glas fabricirt und nicht besonders guten Thon zur
  Verfgung hat, ist die Dauer der Campagne 1-1/4-1-3/4 Jahr. Wo man
  dagegen im Besitz von feuerfestem Thone ist und leichtflssige
  Bleiglser darstellt, kann ein Ofen 4-5 Jahre aushalten. In dem
  Glasofen befinden sich 6, 8-10 Glashfen oder Wannen, welche smmtlich
  auf gleiche Temperatur gebracht werden mssen: daher sind die
  Schmelzfen =stehende Flammenfen=, in welchen der Schmelzraum oberhalb
  des Feuerraums liegt. Der Schmelzraum ist entweder viereckig oder
  lnglich rund und berwlbt. Durch die Mitte der Sohle geht ein
  ziemlich breiter Kanal, dessen beide Enden an den schmalen Seiten des
  Ofens die Feuerung bilden. Es bleiben daher zu beiden Seiten dieser
  Grube, =Pipe= genannt, zwei schmale Streifen -- die =Bank= von der
  Ofensohle brig, worauf die Hfen mit der Glasmasse stehen. Die Hfen
  auf der Bank umschliesst der sogenannte =Ring=, ein Mauerwerk von der
  Hhe der Hfen, und auf diesem steht die =Ofenkappe= oder =Kuppe=,
  welche den Ofen von oben bedeckt. An dem untern Theile der Kappe, ber
  dem Ringe, vor jedem Glashafen, befindet sich das =Arbeitsloch=, durch
  welches der Glasmacher die geluterte Glasmasse aus dem Hafen nimmt.
  Unter dem Formsteine geht durch den Ring zu jedem Hafen ein sogenanntes
  =Glutloch=, durch welches der Hafen auf der Bank umgedreht und gesetzt
  werden kann. Nachstehende Zeichnungen geben ein Beispiel eines
  viereckigen Hohlglasofens und zwar Fig. 124 den Grundriss des Ofens in
  der Hhe der Arbeitslcher, Fig. 125 die ussere Ansicht des Ofens von
  der Seite der Arbeitslcher, Fig. 126 einen Durchschnitt des Ofens nach
  der Lnge, Fig. 127 einen Durchschnitt nach der Breite. In dem
  Grundrisse bedeuten _o o_ die Pipe, _c_, _c_, _c_, _c_, _c_, _c_ die
  Schmelzhfen, _n_, _n_, _n_ die Glashfen, welche aufgewrmt werden
  sollen, _d_, _d_, _d_ die Arbeitslcher, _b_, _b_ die Bnke, _i_, _i_
  zwei Vorwrme- und Khlfen, _h_, _h_ zwei Temperfen, _e_, _e_ die
  ussern Brustmauern, auf welchen die Schienenwnde _f_, _f_, _f_ ruhen.
  _l_, _l_ sind kleine Herde, um die Temperatur in den Temperfen zu
  erhhen, wenn es nthig erscheinen sollte.

[Illustration: Fig. 125.]

[Illustration: Fig. 126.]

  Fig. 125 bedarf keiner weiteren Erklrung; an dem einen Arbeitsloch ist
  ein Schornstein _l_ gezeichnet _y_, _y_, _y_, _y_ sind Quadersteine,
  auf welchen die hlzernen Trger _z_, _z_, _z_, _z_ liegen, die einen
  Holzrost tragen, auf welchem das Scheitholz getrocknet wird.

  In Fig. 126 bedeuten _f_, _f_ die Bank, auf welcher die Glashfen _h_,
  _h_, _h_ stehen; die ber den Hfen befindlichen Oeffnungen sind die
  Arbeitsffnungen; _n_, _n_ sind die grossen Schrlochgewlbe. In Fig.
  127, welche den Durchschnitt des Ofens nach der Breite zeigt, bedeutet
  _b_, _b_ den Fundamentoder Sohlstein, _c_, _d_ sind die Bnke, _g_ der
  Schornstein, obgleich die Glasfen in der Regel keinen Schornstein
  haben, durch den der Zug hervorgebracht wird; der Schornstein _g_ hat
  nur die Bestimmung, die lstige und berflssige Hitze nach oben zu
  fhren (Fig. 127). Die Flamme des Brennmaterials, welche von den beiden
  Rosten _m m_ (Fig. 126) in die Pipe strmt und von da in dem
  Schmelzraume sich verbreitet, tritt in die Temper- und Khlfen und von
  dort endlich in einen Schornstein. Die Schornsteine dienen indessen nur
  aushlfsweise zum Hervorbringen des Zuges. Die erforderliche Zufhrung
  der Luft geschieht durch ein unter dem Roste liegendes kreuzfrmiges
  System von vier Kanlen, welche dort, wo sie ins Freie mnden, mit
  Steinen verschlossen sind; nur derjenige Kanal bleibt offen, auf
  welchen der Wind stsst. Ungeachtet dieser unvollkommenen Einrichtung
  geht doch in dem Schmelzofen eine lebhafte Verbrennung vor sich.
  Diejenigen Schmelzfen, in denen mit =Steinkohlen= gefeuert wird, sind
  mit einem Roste versehen. Seit einigen Jahren wendet man die
  =Siemens='schen Glasschmelzfen mit Gasfeuerung und Regeneratoren[87]
  (vergl. Seite 22) vielfach als Glasfen an.

  [Illustration: Fig. 127.]

  [Illustration: Fig. 128.]

  Der =Siemens='sche Ofen besteht aus zwei Theilen, dem =Generator= (Fig.
  128) und dem =Schmelzofen= (Fig. 129). Ersterer ist von dem Ofen vllig
  getrennt und kann sich in weiter, vielleicht 30 und mehr Meter
  Entfernung von ihm befinden, wobei dann die Gase durch ein weites Rohr
  nach dem Ofen hingeleitet werden. Das Brennmaterial (Braunkohle, Torf,
  Steinkohle, Holz)[88] wird in den Generator durch die Fllvorrichtung
  _A_ in Zeitrumen von 2-6 Stunden eingefhrt; auf der schiefen Ebene
  rutscht es weiter herab, um auf den Treppenrost _O_ zu gelangen, wo die
  Gasbildung erfolgt. Das Gas, aus einem Gemenge von Kohlenoxyd und
  Stickstoff bestehend, steigt mit einer Temperatur von 150-200 aus dem
  Generator durch eine weite Blechrhre _V_ 4-5 Meter in die Hhe,
  gelangt von da in ein horizontales Rohr und zieht dann in den
  Schmelzofen. Der obere Raum desselben ist einem gewhnlichen Glasofen
  mit den Hfen _P_, _P_ ... ganz hnlich, in dem unteren Raume befinden
  sich die Regeneratoren (vgl. S. 311), mit Gitterwnden versehene und
  damit angefllte Rume. Die Gase aus dem Generator ziehen zunchst in
  das _eine_ Regeneratorsystem, welches im Glhen sich befindet, nehmen
  dann darin die Temperatur der Steine an und gehen dann in den
  Schmelzraum, wo sie zur Verbrennung heisse Luft vorfinden, welche einen
  hnlichen mit glhenden Steinen gefllten Regenerator durchstrichen
  hat. Die heissen Verbrennungsprodukte ziehen aus dem Schmelzraum durch
  ein _zweites_ System von Regeneratoren und erhitzen die darin
  enthaltenen kalten Steine, welche durch passende Umstellung des Gas-
  und Luftstromes Gase und Verbrennungsluft wieder erhitzen. Die Gase
  entweichen zuletzt, nachdem sie den grssten Theil ihrer Wrme in den
  Regeneratoren abgelagert haben, in den Schornstein. Die Erfahrung hat
  gelehrt, dass man in mit Steinkohlen betriebenen Regeneratorfen selbst
  bleihaltiges Glas in offenen Hfen schmelzen kann, ohne eine Reduction
  von Blei durch Rauch befrchten zu mssen. Die Brennmaterialersparniss
  gegenber den lteren Glasfen betrgt 30-50 Proc.

  [87] Die =Siemens='schen Gasfen erhielten auf der Pariser
       Weltausstellung (1867) in Klasse 51 der internationalen Jury die
       goldene Preismedaille.

  [88] Auch in Holzglashtten finden gegenwrtig (1870) die
       =Siemens='schen Regenerativfen mit grossem Erfolge Anwendung.
       Vergl. Jahresbericht der chemischen Technologie 1869. Leipzig 1870
       p. 351.

[Illustration: Fig. 129.]

[Sidenote: Vorbereitung des Satzes und das Schmelzen.]

Ehedem galt die krystallisirte Kieselerde, der Bergkrystall, als das
vollkommenste Glas und die Aufgabe der Glasfabrikation schien nur eine
mglichst getreue Nachahmung oder eine knstliche Darstellung dieses
Minerals zu sein. Man hatte sich daran gewhnt, allein die Kieselerde als
wirklichen Bestandtheil des Glases zu betrachten, die alkalischen Zustze
hielt man nur fr Krper, welche man in der Absicht zusetzte, die fr
sich unschmelzbare Kieselerde zum Schmelzen zu bringen. Man nannte
deshalb die in der Glasfabrikation angewendeten Alkalien und Erden
=Flussmittel=, ein Ausdruck, der sich bis auf den heutigen Tag unter den
Glasmachern erhalten hat. Es war nicht unbekannt, dass mit der Menge der
Zustze der Brennmaterialverbrauch und die Strengflssigkeit der
Glasmasse, auf der andern Seite aber auch die Haltbarkeit des daraus
dargestellten Glases abnehme. Dem Glase neben bestimmten, einer gewissen
Glassorte eigenthmlichen Eigenschaften den erforderlichen Grad der
Haltbarkeit und Schmelzbarkeit zu geben, dabei den Brennstoffverbrauch
auf das Minimum zu reduciren und in der krzesten Zeit das grsste
Quantum an Glas zu verarbeiten, das sind die Rcksichten, die der
Glasfabrikant bei der Herstellung der Glasmasse zu nehmen hat.

  Von besonderer Wichtigkeit fr das Verstndniss des Vorganges bei der
  Glasfabrikation ist die Kenntniss des Verhaltens des Glases im Feuer.
  Bei dem Maximum der Temperatur des Glasschmelzofens, ungefhr bei
  1200-1250 C., ist das geschmolzene Glas dnnflssig und etwa von der
  Consistenz eines dicken Zuckersaftes. Diese Beschaffenheit ist fr die
  Luterung der Glasmasse sehr wesentlich, weil in dem dnnflssigen
  Zustande alle Krper, die nicht in der Masse sich auflsen knnen,
  entweder auf der Oberflche oder am Boden der Schmelzgefsse sich
  abscheiden. In diesem Zustande nun kann ferner das Glas gegossen
  werden. In der Rothglhhitze ist das Glas ungemein dehnbar und
  geschmeidig; auf dieser Eigenschaft beruht die mechanische Verarbeitung
  des Glases. Zwei Stcke rothglhendes Glas lassen sich durch blosses
  Aneinanderdrcken zu einem Ganzen vereinigen. Bei dem Glasspinnen wird
  das Glas zu dem ussersten Grade seiner Dehnbarkeit gebracht; man
  bedient sich dazu eines Spinnrades, auf welchem das ausgezogene Glas
  aufgehaspelt wird. Mglicherweise hat das =Glas als Gespinnstfaser=
  Zukunft![89] Wenn man das Glas im geschmolzenen Zustande sehr langsam
  erkalten lsst oder wenn man es einer lange andauernden Erweichung
  unterwirft, so verliert das Glas seine Durchsichtigkeit und verwandelt
  sich in eine fast durchaus undurchsichtige Masse, die unter dem Namen
  des =entglasten Glases= oder des =Raumur='schen =Porcellans= bekannt
  ist. Der chemische Process bei der Entglasung ist trotz mehrfacher
  Untersuchungen noch nicht erforscht. =Dumas= hlt die Entglasung fr
  eine Krystallisation des Glases, hervorgerufen durch die im Augenblicke
  der Entglasung eintretende Bildung von Verbindungen innerhalb einfacher
  Proportionen, die bei der stattfindenden Temperatur unschmelzbar sind.
  Er nimmt an, dass die relative Unschmelzbarkeit theils in der
  Verflchtigung von Alkali, theils in einer einfachen Theilung unter den
  Elementen des Glases ihren Grund habe, indem die Alkalien in denjenigen
  Theil bergehen, welcher den glasartigen Zustand beibehlt. Andere
  Chemiker, so =Berzelius= und =Pelouze=, glauben, dass die Bildung von
  Raumur'schem Porcellan in der Bildung von krystallisirtem Glase von
  unvernderter Zusammensetzung ihren Grund habe, welcher Ansicht auch im
  Allgemeinen die Glasfabrikanten sind. Wenn Glas bis zum Weichwerden
  erhitzt worden ist und nachher schnell abgekhlt wird, so wird es
  usserst sprde und zeigt dann Eigenthmlichkeiten, welche wir an den
  =Glastropfen= und an den =Bologneser= Flschchen beobachten. Die
  =Glastropfen= und =Glasthrnen= sind Tropfen von geschmolzenem Glase,
  welche man durch Fallenlassen in kaltes Wasser hastig abgekhlt hat.
  Bricht man die ussere Spitze ab, so verwandelt sich die ganze Masse
  des Glases mit einigem Gerusch in ein Pulver. Eine hnliche
  Erscheinung bieten die =Bologneser Flschchen= oder =Springkolben= dar.
  Wenn man an diese Klbchen von aussen stark schlgt, so zerbrechen sie
  nicht, whrend die geringste Erschtterung im Innern sie in Splitter
  mit einer Detonation zerspringen macht. Ein Stckchen Glas oder ein
  Feuersteinstckchen, welches man hineinfallen lsst, bewirken dieses
  Zerspringen schon. Um nun dem Glase die grosse Sprdigkeit zu nehmen
  und es dadurch in den Stand zu setzen, Temperaturwechsel ohne zu
  zerspringen zu ertragen, lsst man das Glas sehr langsam erkalten. Dies
  geschieht durch die Operation des =Khlens= in besonderen Oefen, in den
  Khlfen.

  [89] Die Glasfden =Brunfaut='s in Wien, die seit 1869 zur Herstellung
       von Glaswatte, Federn, Schleiern, Schleifen, Netzen und dergl.
       dienen, haben nach den Messungen von =Fr. Kick= in Prag einen
       Durchmesser von 0,006-0,012 Millimeter. Sie sind demnach noch
       etwas feiner als einfache Coconfden. --

[Sidenote: Fritten.]

Ehedem wurde der Glassatz, ehe man ihn in dem Schmelzofen dem
eigentlichen Schmelzen bergab, in einem besondern Ofen, dem
=Fritteofen=, bis zur angehenden Schmelzung erhitzt und dadurch in Fritte
verwandelt. Die Vortheile des Frittens bestehen darin, dass Kohlensure
und Wasser aus den Glasmaterialien verflchtigt werden, wodurch man der
Entweichung derselben im Schmelzofen selbst vorbeugt, was sonst eine
betrchtliche Temperaturerniedrigung zur Folge haben wrde. Da in der
Fritte das Alkali auch zum grssten Theile schon an Kieselerde gebunden
enthalten ist, so greift die Fritte die Hfen nicht so stark an, als der
nicht gefrittete Glassatz. Ferner erleidet der pulverfrmige Glassatz
whrend des Frittens eine bedeutende Volumenverminderung oder Schwindung,
whrend er sich im Anfang des Erhitzens aufzublhen pflegt.

[Sidenote: Heissschren.]

Ist der Schmelzofen in Betrieb gesetzt und hat er die erforderliche
Temperatur erreicht, so wird der Rost gereinigt, werden erst die Brocken,
dann der Glassatz in die Glashfen gegeben und eingeschmolzen. Das
Eintragen der Schmelzpost geschieht auf 3-4mal. Sind alle Hfen voll, so
bringt der Schrer den Ofen auf die grsste und gleichmssigste
Temperatur (=Heissschren=). Ist die Glasmasse im Schmelzen, so verbindet
sich die Kieselerde mit dem Kali, Natron, Kalke, der Thonerde, dem
Bleioxyde etc. zu Glase; diejenigen Substanzen, die nicht in die
Glasmasse eintreten knnen, scheiden sich auf der Oberflche der
schmelzenden Masse als =Glasgalle= (wesentlich Natriumsulfat und
Chloralkalien) aus, welche mit Hlfe eines eisernen Lffels entfernt
wird; hat sich nur wenig davon ausgeschieden, so lsst man dieselbe auch
bei der hohen Temperatur des Ofens sich verflchtigen.

[Sidenote: Lutern.]

Um sich von dem Fortgange des Schmelzprocesses zu berzeugen, wird von
Zeit zu Zeit mit Hlfe eines kurzen, unten plattgeschmiedeten
Eisenstabes, des =Randkolbens=, ein Tropfen aus der Glasmasse genommen.
Ist der Satz vollkommen geschmolzen, so schreitet man zum =Lutern=, d.
h. man unterhlt noch eine Zeit lang eine solche Temperatur, dass das
Glas in dem dnnflssigen Zustande beharrt. Whrend dieser Periode
setzen sich ungelste Krper und Klmpchen in dem Hafen zu Boden, die
Luftblasen in der Masse verschwinden und es scheidet oder verflchtigt
sich mit der noch vorhandenen Glasgalle das im Ueberschuss angewendete
Flussmittel, wodurch das Glas an Hrte und Dauerhaftigkeit gewinnt. Die
im Anfange des Schmelzens stattfindende Gasentwickelung bewirkt eine
vortheilhafte Bewegung der Masse, durch welche die anfnglich sich
bildenden Verbindungen von ungleichem specifischem Gewichte und
ungleicher Zusammensetzung gemischt werden. Nach beendigter
Gasentwickelung dagegen suchen sich die dichteren Theile abzusondern,
wozu um so mehr Veranlassung gegeben, als die Temperatur am Boden des
Hafens weit niedriger ist als an den obern Theilen. Man bewirkt eine
innige Mengung durch Umrhren mit der Schpfkelle oder durch das
sogenannte Polen. Letzteres geschieht dadurch, dass man entweder ein
Stck arsenige Sure oder ein Stck feuchten Holzes, ein Stck Rbe oder
eine andere wasserhaltige Substanz an einem Eisenstabe befestigt, bis auf
den Boden des Hafens niederstsst. Es entsteht ein heftiges Aufwallen von
Dampfblasen, wodurch die verschiedenen schweren Schichten der Glasmasse
untereinander gebracht werden.

[Sidenote: Kaltschren]

Nach beendigtem Lutern folgt das =Kaltschren=, d. h. ein Ablassen der
Ofentemperatur, bis das Glas denjenigen Grad der Zhflssigkeit erlangt
hat, welcher zum Blasen, berhaupt zur Verarbeitung der Masse
erforderlich ist. Auf der Temperatur des Kaltschrens -- 700-800 C. --
muss der Ofen so lange erhalten werden, als das Verarbeiten des Glases
dauert. Um eine kleine Flche auf dem geschmolzenen Glase zu begrnzen,
die leicht frei von allen Unreinigkeiten zu erhalten ist und von dem
Glasblser zum Eintauchen der Pfeife benutzt wird, lsst er zuweilen
Thonringe aus Hafenmasse auf dem geschmolzenen Glase schwimmen.

  Die Zeit der Luterung und Verarbeitung ist verschieden. Ein mit
  Steinkohlen betriebener Schmelzofen zu strengflssigem Bouteillenglase
  brauchte:

                     zum Einschmelzen 10-12 Stunden
                      "  Lutern       4- 6    "
                      "  Verarbeiten  10-12    "

  sodass in einer Woche 5-6 Schmelzen gemacht werden konnten.

[Sidenote: Fehler des Glases.]

  Es ist usserst schwierig, ein vollkommen fehlerfreies Glas
  darzustellen. Die hauptschlichsten Fehler sind folgende: Streifen,
  Fden, Thrnen oder Tropfen, Steine, Blasen und Knoten. Die =Streifen=
  sind eine Folge der Ungleichheit des Glases, wenn entweder die
  einzelnen, bei dem Schmelzprocess entstandenen Verbindungen sich
  gegenseitig nicht aufgelst oder bei einem Nachlassen der Temperatur
  aus einem Gemenge sich abgeschieden haben. Durch die Streifen
  erscheinen die durch das Glas betrachteten Gegenstnde verzerrt. Man
  wird selten grssere Stcke von Glas finden, die von diesem Fehler
  vollkommen frei wren; besonders hufig kommt er bei Glsern von hohem
  specifischem Gewichte, namentlich bei dem Bleiglase vor. Den Streifen
  schliessen sich die =Winden= oder =Fden= an, welche von der Verglasung
  des Thones herrhren und sich durch eine grne Farbe auszeichnen; sie
  machen das Glas sehr zerbrechlich, da das Aluminiumsilicat einen andern
  Ausdehnungscofficienten besitzt als das Calcium- und Natriumglas. Mit
  dem Namen =Rampen=, =Thrnen= oder =Tropfen= bezeichnet man gleichfalls
  Theilchen von Thonglas, welches durch die Verglasung des Thones des
  Schmelzofens in Folge verflchtigten Alkalis sich bildete und von der
  Decke des Schmelzofens in die Glashfen tropfte. Solche Tropfen
  enthaltende Glser sind unbrauchbar. Die kleinen =Blasen=, die sich
  sehr hufig in der Glasmasse finden, zeigen an, dass das Glas nicht
  hinlnglich gelutert und whrend des Luterungsprocesses nicht
  dnnflssig genug war. Grosse Blasen knnen sich auch durch
  ungeschicktes Aufnehmen der Glasmasse mit der Pfeife bilden. Die
  =Knoten= endlich, einer der hufigsten Fehler des Glases, knnen auf
  verschiedene Weise entstehen, wenn z. B. Sandkrner in der Glasmasse
  unaufgelst enthalten sind, so knnen sich durch Vereinigung mehrerer
  solcher Krner Knoten bilden; ebenso verhlt es sich mit der Glasgalle
  (Alkalisulfate oder Chloralkalimetalle), welche in der Glasmasse oft
  schneeflockenhnliche Gestalten bilden. Eine dritte Art von Knoten
  (=Steine= genannt) rhrt von Ofen- und Hafenstcken her, welche durch
  die Werkzeuge des Glasmachers losgestossen und in die Glasmasse
  gerathen sind. Endlich kann auch durch eine theilweise Entglasung ein
  =Wolkigwerden der Masse= eintreten, welches der Verarbeitung hchst
  nachtheilig ist. Der bedeutendste Fehler ist eine zu leichte
  Zersetzung, welche sich durch Mattwerden und Irisiren der Oberflche
  kund giebt; sie ist die Folge einer fehlerhaften Zusammensetzung,
  besonders eines grossen Ueberschusses an Flussmitteln.

[Sidenote: Eintheilung des Glases nach der Zusammensetzung und seiner
Fabrikation und Bestimmung.]

=Eintheilung des Glases.= Man theilt das Glas nach seiner Zusammensetzung
und nach seiner Fabrikation und Bestimmung in folgender Weise ein:

                          I. _Bleifreies Glas._

  A. =Tafelglas.=  a) Fensterglas (Scheibenglas):
                           [Greek: a]) Walzenglas,
                           [Greek: b]) Mondglas,
                   b) Spiegelglas:
                           [Greek: a]) Geblasenes Spiegelglas,
                           [Greek: b]) Gegossenes Spiegelglas.

  B. =Hohlglas.=   (Buttelglas):
                        a) Gewhnliches Bouteillenglas,
                        b) Medicin- und Parfmerieglas,
                        c) Gobeleterie (Trinkgefsse, Glaskelche,
                             Karaffen etc.),
                        d) Wasserleitungs- und Gasrhren,
                        e) Glaskolben, Retorten etc.

  C. =Gepresstes Glas.=

  D. =Wasserglas.=

                        II. _Bleihaltiges Glas._

                           A. Krystallglas.
                           B. Optisches Glas.
                           C. Email.
                           D. Strass.

                 III. _Gefrbtes Glas und Glasmalerei._

                         IV. _Glasverzierungen._

[Sidenote: Bleifreies Glas, Tafel- oder Fensterglas.]

Die in den Glashfen der Schmelzfen geschmolzene Glasmasse wird entweder
zu =Tafelglas= (Fensterglas, Spiegelglas) oder zu =Hohlglas= verarbeitet.
Das Tafelglas, mit diesem Namen bezeichnet, weil es in Form von kleineren
oder grsseren Glastafeln, besonders fr Fensterscheiben dargestellt
wird, ist entweder ordinres Bouteillenglas der Zusammensetzung nach,
oder feineres Glas mit weisser Farbe. Letzteres verwendet man nur fr
grssere oder dickere Scheiben, ersteres fr das gewhnliche dnne
Fensterglas, wobei es weniger auf weisse Farbe ankommt. Fr das ordinre
Fensterglas ist bei der Herstellung des Satzes Wohlfeilheit ein
wesentlicher Punkt. Man verwendet deshalb rohe, nicht gereinigte
Materialien wie rohe Potasche und rohe Soda, Holzasche, Pfannenstein der
Salinen, Glaubersalz und gewhnlichen Sand und Glasbrocken nach Vorrath.

  Im Allgemeinen lsst sich annehmen, dass auf den meisten Glashtten man
  das Fenster- oder Tafelglas heutzutage durch Zusammenschmelzen von 100
  Th. Sand, 30-40 Th. calcinirter, gereinigter Soda und 30-40 Th.
  Calciumcarbonat darstellt. Anstatt der Soda bedient man sich auch einer
  quivalenten Menge von Glaubersalz und setzt in diesem Falle (wie S.
  305 erwhnt), die erforderliche Menge Kohlenpulver hinzu. =Benrath=
  (1869) fand in verschiedenen Tafelglassorten folgende Zusammensetzung:

           Kieselsure                 70,71    71,56    73,11
           Natron                      13,25    12,97    13,00
           Kalk                        13,58    13,27    13,24
           Thonerde und Eisenoxyd       1,92     1,29     0,83
                                       -----------------------
                                       99,46    99,09   100,18

[Sidenote: Werkzeuge.]

  Die hauptschlichsten Werkzeuge, deren sich die Glasmacher zur
  Herstellung des Tafel- und Hohlglases bedienen, sind folgende:

  a) Die =Pfeife= oder das =Blasrohr= (Fig. 130) ist eine 1,5-1,8 Meter
  lange Rhre von Schmiedeeisen, etwa 3-4 Centimeter dick und inwendig 1
  Centimeter weit. _a_ ist das Mundstck und muss sehr glatt gefeilt
  sein, damit es mit Leichtigkeit zwischen den Lippen umgedreht werden
  kann. Der aufgeschobene hlzerne Griff _c_ von 0,3-0,5 Meter Lnge
  schtzt den Arbeiter, _b_ dient zum Anheften des Glases.

[Illustration: Fig. 130.]

[Illustration: Fig. 131.]

[Illustration: Fig. 132.]

  b) Die =Heft=- oder =Nabeleisen= sind 1-1,3 Meter lange und fingerdicke
  Eisenstbe, welche zum Anheften der von der Pfeife abgesprengten
  Gegenstnde dienen. Man bringt an die Spitze des Eisens etwas Glas und
  hlt es dann an die passende Stelle, wo dann der Gegenstand sofort
  anklebt. Man benutzt diese Eisen ferner auch zum Transportiren der
  geblasenen Gegenstnde nach dem Khlofen. Neuerdings sucht man das
  Hefteisen zu gewissen Zwecken durch Zangen zu ersetzen. c) Der =Marbel=
  (Fig. 131 und 132) ist ein Stck Holz, das mit runden Vertiefungen
  versehen ist und zum Abrunden der an der Pfeife sitzenden Glasballen
  dient. Er wird immer nass gehalten. Hufig sind auch die Marbel aus
  Gusseisen, Messing oder aus geschliffenem Sandstein. d) Das
  =Abstreichblech= (Fig. 133), ein bogenfrmig ausgeschnittenes Blech,
  dient dazu, die Glasmasse so viel als mglich von der Pfeife zu
  trennen, sodass diese durch einen Hals mit der eigentlichen Glasmasse
  zusammenhngt. e) Die =Scheere= (Fig. 134) wird angewendet, um Lcher
  in das heisse Glas zu stossen und dieselben durch Ausschneiden zu
  Oeffnungen zu erweitern.

  Man verwendet ferner zur Erleichterung des Formens der Glasgegenstnde
  aus Holz, Thon oder Messing bestehende zwei- oder mehrtheilige Formen.

[Illustration: Fig. 133.]

[Illustration: Fig. 134.]

Die Umwandelung der geluterten Glasmasse zu Tafelglas geschieht auf
zweierlei Weise, entweder durch die =Mondglas=- oder durch die
=Walzglasmacherei=.

[Sidenote: Mondglas.]

  Das =Mondglas= (in England =Kronglas= genannt) ist die lteste Sorte
  des Fensterglases und hat seinen deutschen Namen von der Form der
  Stcke, in welcher es in dem Handel sich findet. Das Produkt der
  Mondglasmacherei ist nmlich eine grosse Scheibe, deren Dicke von der
  Peripherie zum Centrum in der Weise zunimmt, dass im Mittelpunkte und
  in der unmittelbaren Umgebung derselben in einer Breite von 6 Zoll ein
  Knopf oder Nabel (das sogenannte =Ochsenauge=) sich befindet, der zu
  Fensterscheiben sich eignet. Es werden daher um den Knopf herum
  Segmente abgeschnitten, welche kleiner sind als die halbe Scheibe und
  dem halben Mond hnlich sehen. Ausser durch die grssere Dnne zeichnet
  sich das Mond- oder Scheibenglas vor dem Walzenglas durch schneren
  Glanz und zwar auf beiden Seiten und durch viel gleichfrmigere
  Oberflche aus, da bei der Fabrikation des Mondglases das bei dem
  Walzenglase bliche Strecken, wodurch die obere Flche fters ein
  wellenfrmiges Ansehen bekommt, wegfllt. Dagegen hat es wieder das
  Nachtheilige, dass man nicht Scheiben von jeder Grsse aus dem Mondglas
  schneiden kann, indem aus einer Mondglasscheibe der grssten Art von
  64-66 Zoll kaum eine quadratische Tafel von 22 Zoll geschnitten werden
  kann; bei dem Mondglase kommen ferner wegen der Ochsenaugen in der
  Mitte und des krummen Randes weit mehr Abflle vor als bei dem
  Tafelglase.

[Sidenote: Fabrikation des Mondglases.]

  Zur Herstellung des Mondglases gehren =drei= Arbeiter; der erste, der
  =Anfnger=, nimmt nur Glasmasse mit der Pfeife auf und zwar genau so
  viel, als zur Verfertigung einer Mondglasscheibe dient; darauf
  bernimmt die Pfeife der zweite Arbeiter, der =Vorblaser=. Dieser
  bearbeitet das Glas, bis es in eine grosse Kugel verwandelt ist, die
  nun in die Hnde des dritten Arbeiters, des =Fertigmachers=, kommt,
  welcher die Kugel ffnet und die Scheibe bildet. Die Arbeit selbst
  geschieht auf folgende Weise: Der Anfnger nimmt die gewrmte Pfeife,
  fhrt damit in den Glashafen, dreht die Pfeife bestndig um, bis sich
  rund um den Knopf Glasmasse angelegt hat und zieht die Pfeife aus dem
  Ofen. Er geht nun an den Marbel, hlt die Pfeife horizontal und wlzt
  die an derselben hngende kugelfrmige Glasmasse hin und her, bis sie
  eine fast cylindrische Gestalt angenommen hat. Zugleich blst er etwas
  in das Rohr, sodass eine kleine, etwa 3 Centimeter lange Hhlung vor
  dem Pfeifenkopfe entsteht, welche hauptschlich das Verstopfen der
  Pfeifenmndung verhindern soll. Darauf taucht der Anfnger die Pfeife
  abermals in den Glashafen, wlzt sie nach dem Herausnehmen wieder und
  taucht sie ein drittes, viertes und fnftes Mal ein. Die Anzahl der
  Eintauchungen richtet sich nach der Grsse der Scheiben, die
  hergestellt werden sollen. Das Gewicht der Glasmasse an der Pfeife
  betrgt 10-14 Pfd. Bei der letzten Aufnahme der Glasmasse wird die
  Pfeife nicht so tief in die Masse eingetaucht als vorher, damit sich
  das nun anhngende Glas mehr nach vorn hinzieht als nach dem
  Pfeifenkopfe, folglich eine Neigung bekommt, sich von der Pfeife zu
  entfernen, was in der Folge geschehen muss. Der Vorblaser giebt nun
  durch Blasen, Schwingen und wiederholtes Anwrmen der Masse die Gestalt
  eines Sphroides. Nachdem dasselbe etwas abgekhlt, schiebt er die
  Kugel in den Auslaufofen, legt das Rohr der Pfeife in eine eiserne
  Gabel, welche sich dem Loche des Auslaufofens gegenber befindet, und
  dreht die Pfeife sammt der Kugel mit grosser Schnelligkeit. In dem
  Maasse, als die Glasmasse sich erweicht, dreht der Vorblaser die Pfeife
  strker um; durch die Wirkung der Axifugalkraft verliert sich die
  Kugelgestalt und die dem Feuer zugekehrte Seite wird abgeplattet,
  whrend der Umfang der Kugel betrchtlich zunimmt. Jetzt zieht der
  Fertigmacher die Pfeife aus dem Auslaufofen, legt sie horizontal in die
  Gabel des Abschlagstockes und heftet in der Mitte der entstandenen
  ebenen Flche ein in weiches Glas eingetauchtes Hefteisen an, whrend
  zugleich der Hals der Blase mit Hlfe eines Tropfens kalten Wassers von
  der Pfeife abgesprengt wird. Die so geffnete Blase, welche mit ihrer
  abgeplatteten Seite an dem Hefteisen festsitzt, wird nun vor die grosse
  Oeffnung des Auslaufofens gebracht und in schnelle Drehung versetzt.
  Alles kommt jetzt darauf an, dass nur die Oeffnung (das Maul) der Blase
  und deren Umgebung, nicht aber der hintere Theil, der schon eben ist,
  erweiche. Das erweichte Glas entfernt sich nun durch das Drehen von dem
  Drehungsmittelpunkte, das Maul erweitert sich, bis es endlich mit dem
  schon ebenen Boden in eine ebene Flche kommt und eine flache Scheibe
  von etwa 1,6 Meter Durchmesser bildet. Das Umdrehen der Scheibe muss
  bis zum Erstarren fortgesetzt werden. Nachdem sich die Scheibe etwas
  abgekhlt hat, wird sie auf trockenen Sand gelegt und von dem Hefteisen
  abgesprengt. Mit Hlfe einer eisernen Gabel, der Scheibengabel, bringt
  man die Scheiben in einen Khlofen und stellt sie hier vorsichtig auf
  ihren Rand und schrg gegen die Mauer oder eiserne Stangen angelehnt,
  sodass 150-200 Glasscheiben in einem Khlofen Platz finden. Aus den
  fertigen Scheiben werden Halbmonde und Mittelstcke geschnitten; den
  mittlern Theil, das Ochsenauge, verwendet man zu Strassen- und
  Kutschlaternen.

[Sidenote: Walzenglas.]

Das =Walzenglas= entsteht durch Aufsprengen oder Aufschneiden eines
glsernen Cylinders oder einer Walze und Strecken der geffneten Walze zu
einer ebenen Flche, zu einer Glastafel. Von dieser ursprnglichen
Gestalt des Glases hat es den Namen =Walzenglas= erhalten. Da aber die
gestreckten Walzen Tafeln bilden, so nennt man es auch =Tafelglas=.
Obgleich Walzen- und Tafelglas im Grunde dasselbe bedeuten, so macht man
doch in der Regel noch einen Unterschied zwischen beiden Glassorten und
nennt das ordinre Tafelglas =Walzenglas=, das feinere =Tafelglas=
(Solintafeln). Bei dem Walzenglas stellt die Hhe der Walze, bei dem
Tafelglas der Umfang derselben die grsste Dimension an.

  Die Herstellung der Walzen gehrt zu den schwierigeren Aufgaben der
  Glasfabrikation. Die Verfertigung des Walzenglases selbst zerfllt in
  zwei Hauptoperationen, nmlich

    1) in des Blasen der Walzen oder Cylinder,
    2) in das Strecken derselben.

  Nachdem die Glasmasse in dem Hafen gehrig gelutert ist und die zum
  Verarbeiten erforderliche Zhflssigkeit erlangt hat, erwrmt der
  Arbeiter den Kopf seiner Pfeife, nimmt damit etwas Glasmasse auf und
  dreht die horizontal auf einer Gabel (Pfeifenlager) liegende Pfeife,
  bis das Glas nicht mehr flssig genug ist, um von der Pfeife
  abzufliessen. Whrend dieser Zeit wird auch ein Wenig in das Rohr
  geblasen, damit eine kleine Hhlung entsteht und die Mndung des Rohres
  sich nicht verstopfe. Darauf nimmt der Arbeiter zum zweiten Male
  Glasmasse auf und lsst das Glas etwas erkalten, dann wird zum dritten,
  vierten u. s. w. Male Glas aufgenommen, bis die zur Herstellung einer
  Walze erforderliche Glasmasse an der Pfeife sich befindet. Bei diesem
  Aufnehmen wird whrend des Umdrehens der Pfeife die Glasmasse auf dem
  Marbel abgerundet, so dass sie jetzt die Gestalt _a_ (Fig. 135) hat.

  Jetzt kommt es darauf an, die kleine Hhlung vor der Mndung der Pfeife
  dergestalt zu erweitern, dass der an der Pfeife sitzende Theil der
  Glasmasse die Form eines Flaschenhalses annehme, dessen unterer Theil,
  an welchem noch die Glasmasse sitzt, die Weite der Walze erhlt, damit
  sonach durch das Anwrmen und Ausblasen dieser Masse, whrend der an
  der Pfeife sitzende Theil khl bleibt, die Walze selbst allmlig
  ausgebildet werde. Zu diesem Zwecke bringt der Arbeiter das Glas _b_ in
  die mit Wasser gefllte Hhlung des Marbels und dreht dasselbe unter
  starkem Blasen darin um. Man nennt diese Arbeit das =Durchbrechen= der
  Glasmasse. Wenn nun die Pfeife ein wenig in die Hhe gezogen wird, so
  bildet sich der Hals des Cylinders, der bereits die erforderliche
  Weite hat. Durch das Durchbrechen erlangt die Glasmasse die Form _c_
  und endlich die von _d_.

[Illustration: Fig. 135.]

  Sobald das Glas etwas erstarrt ist, bringt der Arbeiter die Pfeife mit
  der Glasmasse in das Arbeitsloch und dreht sie bestndig so schnell um,
  dass das Glas nicht Zeit hat, auf die eine oder die andere Seite zu
  sinken, wobei man die Erwrmung des Halses, der die nthige Steifheit
  behalten muss, um die vordere Masse zu tragen, dadurch regulirt, dass
  man ihn ausserhalb des Arbeitsloches lsst. Sobald das Glas gehrig
  erwrmt ist, entfernt der Arbeiter die Pfeife aus dem Arbeitsloch,
  bringt sie schnell in eine vertikale Lage in die Tafelschwenkgrube, d.
  i. den Raum, der sich zwischen zwei Stnden findet, und blst und
  schwingt nun die Masse pendelartig hin und her. So entsteht ein hohler
  Cylinder _e_, der oben einen Hals hat und unten durch eine Halbkugel
  geschlossen ist. Es ist jetzt nthig, den Cylinder zu =ffnen=. Zu
  diesem Zwecke blst der Arbeiter stark in die Pfeife, verschliesst das
  Mundstck derselben mit dem Daumen, sodass die eingeblasene Luft nicht
  entweichen kann, bringt den vordern Theil des Cylinders in den Ofen.
  Die eingeschlossene Luft dehnt sich aus und treibt das vordere Ende des
  Cylinders zu einer dnnen Blase auf, welche endlich mit einem kleinen
  Knalle platzt, whrend die aufgeplatzten Rnder sogleich verschmelzen.
  Indem der Arbeiter die horizontal liegende Pfeife schnell dreht,
  erweitert sich die Oeffnung in Folge der Axifugalkraft bis zu
  Cylinderweite _g_. Ist das Glas gehrig erstarrt, so legt man dasselbe
  auf eine Gabel, ein Gehlfe schiebt einen erwrmten hlzernen Stock in
  die Walze, der Walzenmacher lsst einen Tropfen Wasser auf das Glas an
  der Pfeifenmndung fallen und schlgt auf die Pfeife, wodurch sich die
  Walze von der Pfeife loslst und auf dem von dem Gehlfen gehaltenen
  Stock hngt. Walzen von sehr dnnem Glase bedrfen keiner Abkhlung.
  Sie werden daher einfach auf das Walzenlager und dort bis zum Erkalten
  gebracht. Walzen von dickerem Glase werden dagegen zur Abkhlung in
  eigenthmliche Hfen, in Khlhfen, gelegt und erst nach dem Erkalten
  auf das Walzenlager gebracht.

  Um die Walze in einen Cylinder berzufhren, wird vor Allem der Hals
  (die =Haube= oder =Kappe= _o_) abgesprengt. Man windet entweder zu
  diesem Zwecke einen heissen Glasfaden um das Haubenende und lsst,
  nachdem er abgezogen, einen Tropfen Wasser auffallen, oder man legt die
  Walze an der abzusprengenden Stelle in ein gebogenes, bis zum
  Rothglhen erhitztes Eisen (=Absprengeeisen=) und berhrt die erhitzte
  Linie mit einem nassen Finger; die Haube springt alsdann nach dieser
  Richtung ab und wird wieder eingeschmolzen. Das =Oeffnen= oder
  =Aufsprengen= der Walze geschieht mit Hlfe des =Aufsprengeisens=, mit
  dessen scharfer Kante der Arbeiter auf der innern Seite des Cylinders
  in einer geraden Linie, von einem Ende bis zum andern, einige Male hin
  und her fhrt, wodurch sich das Glas auf der ganzen Lnge der Linie
  erhitzt. Wird das Ende dieser Linie mit einem spitzen Stein geritzt und
  dann benetzt, so springt der Cylinder, dieser Linie folgend, von einem
  Ende bis zum andern auf.

[Illustration: Fig. 136.]

[Illustration: Fig. 137.]

  Nachdem eine grosse Zahl geffneter Cylinder, man blst in der Regel
  drei Tage, fertig geworden, nimmt man das =Strecken= derselben in dem
  =Streck=- oder =Plattofen=, der mit einem Khlofen in unmittelbarer
  Verbindung steht, vor. Fig. 136 zeigt den Grundriss in der Hhe der
  Sohle beider Oefen, des Streckofens _C_ und des Khlofens _D_. In dem
  Kanal _B_ werden die geffneten Walzen _a a a_ auf zwei Eisenschienen
  fortgeschoben; durch diesen Kanal streicht ein Theil der
  Verbrennungsgase und erwrmt den vordersten Cylinder bis fast zum
  Erweichen. Der wichtigste Theil des Streckofens ist die =Streckplatte=
  _C_, aus feuerfestem Thon mit Cement angefertigt, gebrannt und geebnet.
  Eine hnliche Platte _D_ befindet sich auch in dem Khlofen. Um das
  Anhaften der Glastafeln auf der Streckplatte zu vermeiden, wirft der
  Strecker etwas feingemahlenen Gyps oder zerfallenen Kalk in die Flamme,
  welche Krper durch den Zug in den Ofen gerissen werden und so die
  Platte bestubt wird. Der Arbeiter legt nun eine Walze auf die
  Streckplatte, nimmt das Plttholz und fhrt damit ber das Glas einige
  Male auf und nieder (Fig. 137), bis die Walze in eine Glastafel
  verwandelt ist. Die Glastafel wird durch Bgeln mit dem Polirholz
  vollends geebnet. Der Arbeiter schiebt nun die Tafel auf der
  Fortsetzung des Strecksteines in den Khlofen, wo sie bis zum Erstarren
  liegen bleibt. Ein anderer Arbeiter, der vor der Oeffnung _d_ des
  Khlofens steht, fasst mit einer Gabel die erkaltete Scheibe und stellt
  sie senkrecht. Sind an der Wand des Khlofens 30-40 Tafeln hinter
  einander aufgestellt, so schiebt der Arbeiter durch den Ofen einen
  eisernen Stab _s_ ein, lehnt dann an diesem Stabe die Glastafeln auf
  u. s. w., bis der Ofen voll ist. Die Oeffnungen des Platt- und
  Khlofens werden nun zugestellt und der Ofen der allmligen Abkhlung
  berlassen; nach 4-5 Tagen werden die Scheiben aus dem Khlofen
  entfernt, sortirt und verpackt.

[Sidenote: Spiegelglas.]

Das =Spiegelglas=[90] wird entweder geblasen oder gegossen. Die
Fabrikation des =geblasenen= Spiegelglases hat grosse Aehnlichkeit mit
der Verfertigung des Tafelglases und ist auf vielen Htten mit dieser
verbunden. Die Materialien sind zum grssten Theile dieselben, welche
zum feinen weissen Glase angewendet werden; nur mssen sie von besonders
reiner Beschaffenheit sein und bedrfen daher einer sorgfltigeren
Vorbereitung und Reinigung. Das Blasen des Spiegelglases wird mit
denselben Werkzeugen ausgefhrt, wie das Blasen des Tafelglases. Die
erhaltenen Glaswalzen werden endlich auch aufgesprengt, im Streckofen
gestreckt und im Khlofen abgekhlt. Das Gewicht der Glasmasse, die der
Blser mit der Pfeife aufnimmt, betrgt 45 Pfd., woraus eine Tafel von
1,5 Meter Lnge und 1-1,1 Meter Breite bei 1-1,1 Centimeter Dicke
erhalten wird. Die Umwandelung der Glastafeln in Spiegel durch die
Belegung geschieht genau so wie bei den gegossenen Spiegeln. Die zu
=gegossenen Spiegeln= angewendete Glassorte ist ein aus den reinsten
Materialien dargestelltes bleifreies Natrium-Calcium-Glas. Das
Kalium-Calcium-Glas ist zwar dem mit Soda geschmolzenen bei weitem
berlegen, sowol was Farblosigkeit, als Glanz betrifft; man wrde aber
die Vorzge eines solchen Glases mit einem sehr hohen Preise bezahlen
mssen. In England, Belgien und Deutschland sind die Rohmaterialien des
gegossenen Spiegelglases: Sand, Kalkstein, Soda oder Glaubersalz.

  [90] Wenn irgendwo so zeigen sich beim Spiegelglase die enormen
       Fortschritte der Glasfabrikation seit 10 bis 20 Jahren. Das
       Spiegelglas ist billiger und dadurch einer allgemeineren Anwendung
       fhig geworden. Whrend noch vor einer kurzen Reihe von Jahren das
       Spiegelglas als ein Luxusartikel betrachtet wurde, wird dasselbe
       heute als Rohglas vielfach verwendet zu Verglasungen von
       Werksttten, Fabrikgebuden, Magazinen, Treibhusern, fr
       Bedachungen von Stiegenhusern, Passagen und Bahnhfen, berhaupt
       aller Localitten, bei denen eine seitliche Beleuchtung nicht
       statthaft ist. Im polirten, aber unbelegten Zustande ist sein
       Verbrauch fr Schaufenster ein ganz erstaunlicher geworden, aber
       auch fr gewhnliche Fenster nimmt sein Verbrauch zu, seitdem
       seine Vorzge in Hinsicht auf Lichteffect, auf Eleganz, auf
       Erleichterung der Heizung trotz des ungleich hheren Preises vor
       dem gewhnlichen geblasenen Fensterglase sich geltend gemacht
       haben. In der Glasjury der Pariser internationalen Ausstellung des
       Jahres 1867 brach sich die Ansicht Bahn, dass bevor zehn Jahre
       vergangen, das Spiegelglas in den Wohnungen der wohlhabenderen
       Stnde an die Stelle des gewhnlichen Fensterglases getreten sein
       werde. Allgemein anerkannt ist es, dass das belegte Spiegelglas
       die schnste, relativ preiswrdigste Zimmerdecoration bildet. Eine
       wichtige Rolle in dem allgemeinen Gebrauch der Spiegelglasplatten,
       welche deren Fabrikation und Anwendung mchtig Vorschub leistet,
       spielen die in neuester Zeit aufgekommenen Gesellschaften, welche
       die Spiegelscheiben whrend des Gebrauches fr eine unbedeutende
       Summe gegen Bruch sichern. Ein in Deutschland nachahmungswerther
       Umstand ist ferner die in Frankreich und England sich immer mehr
       und mehr einbrgernde Sitte, die grossen Wandspiegel zu den
       Immobilien eines Bauunternehmens zu rechnen, fr welche dem
       Hauseigenthmer von dem Miether eine entsprechende Vergtung
       gezahlt wird. Die Verwendung der 3 bis 5 Centimeter dicken
       Rohglasplatten fr Flur- und Trottoirbelege behufs Beleuchtung
       unterirdischer Rume, fr Aquarien, zu Frbereien, fr Ghrgefsse
       der Brennereien und Brauereien verbreitet sich immer mehr. --

=Benrath= (1869) fand in englischem ([Greek: a]) und in Aachner
([Greek: b]) Spiegelglas:

                                     ([Greek: a])  ([Greek: b])
            Spec. Gew.                   2,448         2,456
            Kieselerde                  76,30         78,75
            Natron                      16,55         13,00
            Kalk                         6,50          6,50
            Thonerde und Eisenoxyd       0,65          1,75
                                       ---------------------
                                       100,00        100,00

Folgende Beschreibung der gegossenen Spiegel grndet sich vorzugsweise
auf die Einrichtung und das Verfahren, das man in St. Gobin und Ravenhead
anwendet.

Die Fabrikation zerfllt in

       1) das Einschmelzen und Lutern,
       2) das Giessen und Khlen,
       3) das Schleifen zerfllt in [Greek: a]) das Rauhschleifen,
                                    [Greek: b]) das Feinschleifen,
                                    [Greek: g]) das Poliren,
       4) das Belegen.

[Sidenote: Das Einschmelzen und Lutern der Glasmasse.]

[Sidenote: Das Giessen und Khlen.]

  Die Schmelzhfen und Luterungswannen sind von sehr verschiedener
  Gestalt und Grsse. Die erstern sind abgestutzte Kegel von
  kreisfrmigem Querschnitte, oben in eine Kuppel oder Haube abgerundet.
  Die Haube oder Kuppel, eine kugelartige, mit dem Hafen aus einem Stck
  bestehende Wlbung hat drei grosse fensterartige Einschnitte an ihrer
  Basis, die in einem Bogen von 120 von einander abstehen. Die
  =Luterungswannen= sind weit kleiner und niedriger und bilden
  viereckige Ksten und Falzen zum Eingriff der Tiegelzangen. Die Heizung
  erfordert eine Kohlensorte von sehr langer Flamme und in grsseren
  Klumpen, demnach eine Stckkohle. Die Schmelzhfen und die
  Luterungswannen stehen nicht nebeneinander in demselben Ofen, sondern
  es sind fr beide Zwecke verschiedene Oefen vorhanden. Die Wannen sind
  offen und fassen genau die zu einem Spiegel erforderliche Glasmasse.
  Weil sie zum Zweck des Giessens zweimal tglich aus dem Ofen genommen
  werden mssen, so befindet sich unter dem Arbeitsloch des Ofens ein
  Aufbrechloch von dem Umfang der Wanne, das bis auf die Httensohle,
  also auch inwendig bis auf die Bank niedergeht. Nachdem der Glassatz
  geschmolzen ist, wozu 16 bis 18 Stunden erforderlich sind, wird die
  Masse aus den Hfen in die Luterungswannen geschpft. Man bedient sich
  dazu grosser kupferner Lffel, die an einem langen Stiele befestigt
  sind und drei Mann zur Bedienung brauchen. Die Luterungszeit betrgt
  etwa 6 Stunden, so dass man in Ravenhead, wo ein doppeltes Schmelz-,
  Luter- und Giesssystem befolgt wird, tglich zweimal, Morgens und
  Abends giessen kann. Whrend des Luterns verschwinden die durch das
  Herausschpfen in der Masse erzeugten Blasen und der Natronberschuss
  verflchtigt sich. Nachdem die Schmelzung und Luterung vorber ist,
  untersucht man, ob das Glas die erforderliche Beschaffenheit habe, um
  gegossen werden zu knnen. Zu diesem Behufe bringt man das Ende eines
  eisernen Stabes in den Tiegel und zieht die Probe; die herausgenommene
  Masse bildet durch ihr eignes Gewicht einen Faden, wobei sie die
  Gestalt einer Birne annimmt; hieraus lsst sich abnehmen, dass die
  Masse die zum Giessen erforderliche Zhflssigkeit erlangt habe. Ist
  dies der Fall, so wird die Wanne mittelst Krahnvorrichtungen aus dem
  Ofen gehoben und schwebend nach dem =Giesstische= befrdert, welcher
  mit Rdern untersttzt, auf Eisenbahnschienen luft, welche parallel
  mit den Beschickungsffnungen der Khl- oder Temperfen gelagert sind.
  Die Form, auf welcher die Glastafeln gegossen werden, ist eine massive
  =Metallplatte= (Fig. 138).

[Illustration: Fig. 138.]

  In den franzsischen Spiegelgiessereien sind die Platten aus einem
  Stcke von Kupfer oder Bronze, vllig eben und polirt, 4 Meter lang,
  2,25 Meter breit, 12-18 Centimeter dick, damit sie sich durch die Hitze
  nicht werfen (in St. Gobin hat man eine solche Tafel, welche
  50-55,000 Pfd. wiegt, und 100,000 Franken gekostet hat). In England ist
  die Giessplatte von Gusseisen, 25 Centim. stark, auf der Hobelmaschine
  geebnet und gross genug, dass man Spiegelplatten von 5 Meter Lnge und
  gegen 2,8 Meter Breite darauf giessen kann. Da die Glasmasse auf die
  Platte ausgegossen und auf derselben durch eine starke und schwere,
  ebenfalls bronzene oder gusseiserne Walze gestreckt wird, so wrde sie,
  wenn die Platte kalt wre, erstarren und sich dieser Behandlung nicht
  unterziehen lassen. Es ist daher erforderlich, die Platte zu erwrmen;
  die Giessplatte steht gewhnlich 0,8 Meter hher als die Httensohle.
  Die Dicke des Spiegels wird durch kupferne Leisten oder Stbe bestimmt,
  welche so lang als die Tafel sind. Ihre Dicke betrgt wenigstens 8
  Millimeter und nimmt mit dem Umfang des Spiegels zu. Diese Leisten
  werden unmittelbar vor dem Giessen auf die Tafel gelegt und weiter oder
  enger gestellt, je nachdem ein grsserer oder kleinerer Spiegel
  gegossen werden soll. Die zur Ausbreitung der Glasmasse auf der Platte
  dienende =Walze= ist von Bronze oder Gusseisen, hohl oder massiv, genau
  abgedreht und hat ein Gewicht von 5-6 Centner. So lange sie nicht in
  Thtigkeit ist, ruht sie auf einem besondern Gestell von gleicher Hhe
  mit der Platte und wird gegen diese angedrckt. Der zum Handhaben der
  glhenden Wanne erforderliche Kranich ist auf Rollen beweglich und
  lsst sich vor jedem einzelnen Khlofen an der geeigneten Stelle
  mittelst in die Mauer eingelassener Ringe und Haken befestigen. Zur
  Bedienung der Giessplatte, der Wanne und des Kranichs, mit einem Wort,
  zu einem Guss gehren 15 Mann. Die Operation zerfllt in

    a) das Ausfahren der Wanne und Hinfahren zum Giesstisch;
    b) das Reinigen der Platte und der Wanne;
    c) den eigentlichen Guss und das Einbringen in den Khlofen.

  Nachdem die Vorstellthr des Schmelzofens hinweggenommen, wird die
  Wanne, mit Zangen von der Bank losgemacht und gelftet, whrend ein
  Arbeiter eine grosse Wagenschaufel darunter schiebt. Die auf der
  Schaufel freistehende, weissglhende Wanne wird nach dem Giesstisch
  gefahren. Hier wird die Platte abgefegt, die Glasmasse in der Wanne
  abgerahmt, letztere ringsum abgeputzt und nach einigen
  Pendelschwingungen umgekippt und der schon ziemlich dickflssige Inhalt
  dicht vor die Walze entleert, welche sich in demselben Augenblick in
  Bewegung setzt. Ehe das Glas erkaltet, wird die zuletzt gebildete Kante
  der Glastafel ber ein als Lineal aufgelegtes Stck Quadrateisen 5-6
  Centimeter hoch aufgebogen. Dieser aufgebogene Rand (=Randleiste=)
  dient als Sttzpunkt fr ein Eisen, durch welches die unterdessen
  erstarrte Glastafel in den Khlofen geschoben wird. Da der Giesstisch
  unmittelbar vor dem Guss vor das Mundloch des betreffenden Khlofens
  gefahren worden war, so stsst die Glasplatte dicht an und bildet eine
  Art Fortsetzung der mit feinem Sand bestreuten Ofensohle; die fertige
  Glasplatte kann demnach bequem und ohne dass ein Verbiegen zu
  befrchten wre, in den Ofen geschoben werden. Unterdessen zieht man
  eine andere Wanne aus dem Schmelzofen, die in dem Augenblicke bei dem
  Giesstische ankommt, wo die erste Glasplatte in den Khlofen gebracht
  wird. Jeder Khlofen hat zwei Feuerungen und fasst drei Glastafeln; er
  muss genau bis auf die Temperatur der eben gegossenen Platte vorgeheizt
  sein. Sobald die drei Platten in dem Ofen sich befinden, verstopft man
  sorgfltig alle Oeffnungen und berlsst das Glas einige Tage lang der
  freiwilligen Abkhlung. Die erkaltete Glasplatte kommt aus dem Khlofen
  in das Beschneidezimmer auf einen mit Tuch beschlagenen Tisch, auf
  welchem sofort mit Lineal und Diamant die unregelmssigen Rnder
  abgenommen werden. Die Risse und Sprnge an der Oberflche, die
  Blschen und die eingeschlossenen Sandkrner werden mit Rthel oder
  Kreide bezeichnet und darnach nach Maassgabe der Reinheit der Flche,
  Tafeln von der sich ergebenden Grsse geschnitten.

[Sidenote: Das Schleifen.]

  Die beschnittenen Glastafeln sind zwar auf der unteren Seite, welche
  die Glasplatte berhrt hatte, ziemlich eben und glatt, die obere mit
  der Walze behandelte Seite zeigt dagegen immer Wellen, weshalb die
  Tafeln an beiden Seiten geschliffen und polirt werden mssen. Zum
  Schleifen (=Rauhschleifen=) kittet man die untere Glastafel (das
  =Bodenglas=) in Gyps auf eine hlzerne oder steinerne Platte
  (=Schleifbank=); die andere kleinere (das =Oberglas=) aber kittet man
  an einen mit Gewichten beschwerten Kasten. Letztere wird so auf erstere
  gelegt, dass die Flchen der Glasplatten sich berhren; man streut
  etwas geschlemmten Sand zwischen beide Flchen, trpfelt Wasser auf und
  lsst die obere sich schleifend ber der unteren in allen Richtungen
  durch Maschinenkraft hin- und herbewegen. Wenn der Schliff bis auf die
  tiefsten Stellen angegriffen hat und folglich die Oberflche wenigstens
  im Rauhen zur Ebene geworden ist, muss die Glastafel zur Bearbeitung
  der zweiten Flche umgedreht werden. Der Zweck des =Klarschleifens=
  oder =Doucirens=, der Oberflche diejenige hchste Feinheit des Korns
  zu geben, ohne welche die Politur unmglich wre, erfordert so
  sorgfltige Verwendung der Kraft, dass man diese Operation zweckmssig
  durch Handarbeit ausfhren lsst. Zum =Poliren= der klargeschliffenen
  Glastafeln wird wieder Maschinenkraft angewendet; es werden dabei sowol
  die Spiegeltafeln als auch die Reibapparate bewegt und zwar in
  Richtungen, die aufeinander senkrecht sind. Den Reibapparaten ist eine
  hnliche hin- und hergehende Bewegung in die Breite ertheilt worden; er
  besteht aus einem schmalen Trog, so lang als die Polirbank breit ist,
  der zur Aufnahme der den Druck regulirenden Gewichte bestimmt ist. An
  der unteren Flche des Troges befinden sich Reibekissen von
  gepolstertem Leder, die um ihren Befestigungs- und Mittelpunkt drehbar
  sind. Man polirt mit Colcothar (englisch Roth) und etwas Wasser. Durch
  das Schleifen bssen die Glastafeln durchschnittlich die Hlfte ihrer
  Dicke, folglich auch die Hlfte ihres Gewichtes ein. Wenn eine
  Spiegelglasfabrik jhrlich 400,000 Quadratfuss Glastafeln erzeugt, die
  ungefhr 16,000 Ctr. wiegen, so gehen davon 8000 Ctr. mit mindestens
  1800 Ctr. Natron, entsprechend 2700 Ctr. calcinirter Soda und einem
  Geldwerthe von 13,000 fl., verloren. Durch das Zugutemachen dieser
  Glasmasse von 8000 Ctr., die mit allen Unkosten des Schmelzens,
  Giessens und Schleifens behaftet ist, liesse sich ohne Zweifel der
  Preis der Spiegel in einem Grade erniedrigen, der den Absatz
  betrchtlich erweitern und auf den Betrieb berhaupt von dem
  entschiedensten Einfluss sein wrde. Trotzdem sieht man meist dieses
  werthvolle Material mit dem Schleifschlamme wegfliessen.

[Sidenote: Belegen.]

  =Spiegel.= Nach dem Poliren werden diejenigen Glastafeln, die zu
  =Spiegeln= bestimmt sind, mit =Beleg=, d. h. mit einem Zinnamalgam
  versehen, damit die Lichtstrahlen, welche zwar schon von der vorderen
  glatten Flche des Glases zum Theil zurckgeworfen werden, eine
  mglichst vollstndige Reflexion erleiden. Das in der Spiegelbelegung
  angewendete =Quecksilber= muss in dem Zustand der grssten Reinheit
  sein. Das Zinn wird in Gestalt von =Zinnfolie= verwendet; sie muss aus
  dem feinsten Zinn geschlagen sein und ihre Farbe der des polirten
  Silbers nahe kommen; sie muss durchaus ganz sein. Die Arbeit des
  Belegens ist an sich einfach, erfordert aber Vorsicht, Uebung und
  Reinlichkeit. Der Beleger legt die zu belegende Glastafel auf den mit
  Tuch beschlagenen Putztisch und nimmt mit einem Flanelllappen und
  Holzasche allen Schmutz und alles Fett hinweg. Hierauf wird die Tafel
  mit einem leinenen Lappen abgewischt, auf die andere Seite gekehrt und
  diese auf die nmliche Weise gereinigt; die zu belegende Seite bleibt
  nach oben gekehrt auf dem Putztische liegen, whrend der Beleger den
  Belegstein vorrichtet. Er entrollt eine Folie, schneidet sie so zu,
  dass sie ber jeder Seite des Glases einen halben Zoll vorsteht,
  berfhrt sie mit einer Brste nach allen Richtungen, so dass keine
  Falte wahrzunehmen ist und die Folie vollkommen auf dem Belegstein
  aufliegt. Darauf giesst er ein wenig Quecksilber darber und reibt
  dasselbe mit einem Tuchbuschchen ber die ganze Folienflche, wovon
  diese wie polirt ist (das =Antrnken=). Man stellt den Belegstein
  vollkommen horizontal, giesst auf die Folie so viel Quecksilber, als
  sie durch Adhsion tragen kann, ohne dass das Quecksilber ber den Rand
  fliesst. Dazu gehren bei einer Glastafel von 30-40 Quadratfuss 150-200
  Pfund Quecksilber, welche eine Schicht von einigen Linien bilden. Die
  Glastafel wird nunmehr, nachdem die trbe Haut des Metalls vom vorderen
  Rand entfernt worden, mit der einen Lngenkante zwischen der Oberflche
  des Quecksilbers und der Folie ber einem Stck ausgespannten Zeug
  vorgeschoben, welches die letzten Staubtheilchen abwischt. Man rckt so
  langsam vor, indem man die Kante stets untergetaucht hlt. Die
  Unreinheit der Quecksilberflche ist auf diese Weise unschdlich
  gemacht. Mit dem Aufschieben schwimmt die Glasplatte auf dem
  berschssigen Quecksilber, welches abgepresst werden muss. Ist die
  Glasplatte durch Gewichte belastet, so giebt man dem Belegstein eine
  ganz geringe Neigung. So bleibt die Glastafel ruhig wenigstens 24
  Stunden liegen, damit die Belegung einige Festigkeit bekommt (sie
  =trocknet=). Nunmehr wird das Glas von dem Belegstein abgenommen und
  auf das Ablauf- oder Trockengerst getragen; hier wieder auf Latten
  gelegt, mit der belegten Seite nach oben; ferner giebt man der Platte
  eine Neigung, die etwas grsser ist als jene, welche sie auf dem Steine
  hatte. Die Neigung wird immer mehr und mehr vergrssert, bis sie
  endlich in eine fast senkrechte Lage kommt. In dieser Lage bleiben die
  Glser wenigstens 8 Tage bis 3 Wochen stehen. 50 Quadratdecimeter
  Spiegelglas erfordern 2,023 Grm. Amalgam.

[Sidenote: Silberspiegel.]

  In neuerer Zeit hat man vielfach versucht, anstatt der Belegung der
  Spiegel mit Zinnamalgam eine =Versilberung= der Glastafeln anzuwenden.
  Das von =Drayton= im Jahre 1844 vorgeschlagene Verfahren ist das
  folgende. Man lst 32 Grm. salpetersaures Silber in 64 Grm. Wasser und
  16 Grm. flssigem Ammoniak und setzt zu der filtrirten Lsung 108 Grm.
  Weingeist von 0,842 spec. Gew. und 20-30 Tropfen Cassial. Nachdem das
  zu versilbernde Glas horizontal gelegt worden ist, bringt man auf allen
  Seiten eine Einfassung von Glaserkitt an, so dass die Flssigkeit 0,5-1
  Centimeter hoch auf der zu versilbernden Glasflche stehen bleiben
  kann. Nachdem diese _versilbernde Flssigkeit_ (Nr. I.) auf das
  gereinigte und polirte Glas gegossen worden ist, lsst man 6-12 Tropfen
  der _reducirenden Flssigkeit_ (Nr. II.), aus 1 Volumen Nelkenl und 3
  Volumen Weingeist bestehend, auf verschiedenen Stellen in die
  Flssigkeit auf dem Glase fallen. Je mehr Nelkenl man anwendet, desto
  schneller scheidet sich das Silber ab; die Fllung oder Ablagerung
  erheischt jedoch beilufig zwei Stunden, was ein Arbeiter nach einiger
  Uebung leicht in seine Gewalt bekommt. Die zum Theil entsilberte
  Flssigkeit lsst sich nach dem Filtriren wieder zum Versilbern
  verwenden. Fr jeden Quadratfuss Glas braucht man etwa 9 Decigramme
  salpetersaures Silber. Zur Darstellung fehlerfreier (aber leider nicht
  immer haltbarer) Spiegel[91] wendet =v. Liebig= eine ammoniakalische,
  mit Aetzkali oder Aetznatron versetzte Lsung von salpetersaurem
  Silber, welche mit wssriger Milchzuckerlsung versetzt ist, an. Man
  fertigt eine ammoniakalische Lsung von salpetersaurem Silber, welche
  in 200 Kubikcentimetern Wasser 10 Grm. geschmolzenes salpetersaures
  Silber enthlt, setzt dazu nicht mehr Ammoniak, als fr eine klare
  Lsung nthig ist und hernach 450 Kubikcentimeter einer Natronlauge von
  1,035 spec. Gewicht. Den hierbei entstehenden Niederschlag lst man
  durch Zusatz von Ammoniak wieder auf, bringt das Volumen der Mischung
  auf 1450 Kubikcentimeter, fgt so viel von verdnnter Silberlsung
  hinzu, dass ein bleibender grauer Niederschlag entsteht und verdnnt
  zuletzt mit Wasser bis auf 1500 Kubikcentimeter. Diese Flssigkeit
  mischt man kurz vor ihrer Anwendung mit 1/6-1/8 ihres Volumens
  Milchzuckerlsung, welche auf 10 Gewichtstheile Wasser 1 Th.
  Milchzucker enthlt. Die zu versilbernde Glasplatte wird in dem mit der
  Versilberungsflssigkeit gefllten Gefss in der Art schwebend
  befestigt, dass die Oberflche des Glases die Flssigkeit vollstndig
  berhrt und die Entfernung derselben vom Boden des Gefsses etwa
  reichlich 1/2 Zoll betrgt. Die Reduktion beginnt sofort, anfangs
  erscheint die Glastafel schwarz und wird bald darauf spiegelnd. Die
  Bestimmung der an einer Glasplatte niedergeschlagenen Silberschicht
  ergab 0,0049 Grm. auf 226 Quadratcentimeter, es erfordert also
  1 Quadratmeter 2,210 Grm. Silber. Die versilberte Platte wird mit
  warmem destillirten Wasser gewaschen und an einem warmen Orte
  getrocknet. Einmal trocken, haftet die Belegung so fest, dass sie sich
  nur schwer abreiben, ja sogar mit feinem Polirroth und Sammet gut
  poliren lsst. Es ist zweckmssig, den fertigen Silberspiegel vor
  seiner Fassung mit einem Firniss zu berziehen oder besser noch
  galvanisch zu verkupfern. =Lwe= wendet zur Spiegelversilberung
  salpetersaures Silber, Strkezucker und Kali, =A. Martin= Silbernitrat,
  Ammoniak, Kali und durch Salpetersure intervertirten Rohrzucker,
  =Petitjean= Silberoxyd, Ammoniak und Weinsure an. =F. Bothe= (in
  Saarbrcken) benutzt statt der Weinsure Oxyweinsure.

  [91] Nach =Carey Lea= (1866) soll die Glasversilberung schner und
       gleichfrmiger unter Mitwirkung von directem Sonnenlichte
       ausfallen.

[Sidenote: Platinspiegel.]

  Nach dem Vorschlage von =Dod= wendet man Platin zum Ueberziehen von
  Spiegelglas behufs der Herstellung von sogenannten =Platinspiegeln= an.
  Die Franzosen =Creswell= und =Tavernier= haben bereits eine Fabrik fr
  den neuen Artikel in Gang gebracht. Bisher sah man das Platin nur als
  Verzierung auf Porcellan angewandt; die Verwendung auf grssere
  spiegelnde Flchen war also nahe gelegt. Die spiegelnde Metallflche
  liegt bei dem neuen Artikel ebenso wie bei dem Porcellan frei auf dem
  Glase, durch Einbrennen mit demselben untrennbar verbunden, und bedarf
  keiner schtzenden Glastafel. Das Einbrennen ist eine leichte Arbeit:
  mit Lavendell zusammmengeriebenes Platinchlorid wird mit einem Pinsel
  auf die Glastafel getragen und dieselbe nach dem Eintrocknen in einer
  Muffel gebrannt; hiermit ist der Spiegel fertig. Fr die Wohlfeilheit
  derselben ist besonders der Umstand gnstig, dass alle fehlerhaften
  Glastafeln dazu benutzt werden knnen, die bei der gewhnlichen
  Fabrikation verworfen werden mssen, wenn sie sich nur auf der einen
  Seite schleifen und poliren lassen. Die hintere Seite kann beschaffen
  sein, wie sie will, und es kommt auch nichts darauf an, dass beide
  Glasflchen parallel sind. Die Dnne der Platinschicht bringt es
  brigens mit sich, dass solche Platten, obwol sie beim Daraufsehen
  einen guten Spiegel abgeben, doch gegen das Licht gehalten
  durchsichtig sind und man durch sie hindurch sehen kann, ohne selbst
  gesehen zu werden. In Paris macht man in Lden und Wohnungen von dem
  platinirten Glase bereits vielfach Gebrauch.

[Sidenote: Hohlglas.]

Die =Hohlglasfabrikation= beschftigt sich mit der Fabrikation aller
Arten =hohler Gefsse= zum Aufbewahren von Flssigkeiten. Sie verarbeitet
entweder =gemeines grnes Glas= (Buttelglas), das von hellerer oder
dunklerer Farbe und mehr oder weniger rein ist, oder =feines weisses
Glas= oder endlich =Krystallglas=. Aus gemeinem grnen Glase werden
ausser Medicinglsern, Retorten und Kolben auch Bouteillen dargestellt.
Da jedoch die Bouteillen zu den gesuchtesten Glasgegenstnden gehren, da
sich ferner hierzu eine dunkle in dickeren Schichten fast undurchsichtige
Glasart eignet, so wird die Bouteillenfabrikation hufig ganz allein und
besonders betrieben. Die Verarbeitung von feinem weissen Glas liefert
alle Arten von Trinkglsern, Wasserflaschen, so wie Teller, Schalen,
Vasen, Kronleuchter u. s. w. Aus Krystallglas werden dieselben
Gegenstnde wie aus dem weissen Glas hergestellt, nur in einem hhern
Grade der Vollkommenheit. Letzterer Zweig der Glasfabrikation, in welchem
das kunstgewerbliche Element bedeutend hervorragt, bildet die
=Gobeleterie=.

  Der Glassatz fr ordinres Bouteillenglas besteht aus Sand, Potasche
  oder Soda, Seifensiederasche, Holzasche, Glaubersalz, Kochsalz,
  Gaskalk, Kalk, Lehm, Schlacken, Basalt und andern feldspathhaltigen
  Mineralien. Zu Medicinglas nimmt man die eisenfreieren Materialien, die
  noch reineren zum weissen Hohlglase. Wenn nun auch fr die Herstellung
  des Bouteillenglases keine so sorgfltige Auswahl der Materialien wie
  bei den feineren Glassorten erforderlich ist, so mssen diese doch
  wegen des nthigen Widerstandes gegen den Druck bei moussirenden
  Flssigkeiten und gegen den Angriff von Suren passend ausgewhlt, sehr
  gut geschmolzen, das Glas selbst mit Aufmerksamkeit verarbeitet und
  abgekhlt werden. Bei der Analyse verschiedener Sorten von Hohlglas
  fanden sich folgende Resultate:

      =Spec. Gew.=        2,47     2,48     2,47     2,3      2,4
      Kieselsure        74,71    74,66    75,94    74,37    74,26
      Kali                 --      4,32      --     12,48      --
      Natron             15,74    11,01    15,15     3,42    14,06
      Kalk                8,77     9,13     8,01     9,02     8,60
      Thonerde            0,43 }                            { 2,52
      Eisenoxyd           0,14 }   0,88     0,90     0,71   { 0,38
      Manganoxyd          0,21 }                            { 0,18
                        ------------------------------------------
                        100,00   100,00   100,00   100,00   100,00

[Illustration: Fig. 139.]

  Die Einzelnheiten der Herstellung der verschiedenen Hohlglasgegenstnde
  sind, nach der Verschiedenheit der Formen, die aus dem zhflssigen
  Glase verfertigt werden sollen, hchst mannichfaltig und knnen hier
  nur in einzelnen Beispielen angegeben werden. Das Verfertigen der
  =grnen Bouteillen= geschieht auf folgende Weise: Sobald die
  hinreichende Menge von Glas von der Pfeife aufgenommen worden ist,
  bringt der Blser die Glasmasse auf den Marbel und wlzt ihren vorderen
  Theil darauf hin und her, blst auch von Zeit zu Zeit in das Rohr,
  wobei darauf zu sehen ist, dass das Glas um die Hhlung herum berall
  gleiche Dicke enthalte und die Form _a_ (Fig. 139) annehme. Nun kommt
  die Pfeife mit dem Glase in das Arbeitsloch zum Anwrmen, wobei
  dieselbe bald links, bald rechts gewendet wird, damit das Glas sich
  nicht auf die Seite neige; sobald es heiss genug ist, bringt der
  Fertigmacher die Pfeife in eine senkrechte Lage und blst unter
  pendelartigem Schwingen Luft ein, wodurch der Bauch der ursprnglich
  birnfrmigen Masse erweitert wird und nun die Gestalt _b_ erhlt.
  Darauf wird die Glasmasse in die hlzerne Form _c d_ eingesenkt und
  krftig geblasen; so wie das Glas durch das Blasen die Form immer mehr
  ausfllt, zieht der Arbeiter auch die Pfeife mehr an sich, damit der
  Bouteillenhals seine Gestalt behlt und sich allmlig in den Bauch der
  Flasche verliert. Darauf wird die Flasche der Form entnommen, die
  Pfeife wird einigemal hin- und hergeschwenkt, damit der noch etwas
  flssige Hals sich mehr in die Lnge ziehe und die erforderliche
  Gestalt bekomme. Um dem Boden und der Mndung die gebruchliche Form zu
  geben, wird abermals angewrmt, so dass nur der Boden glhend wird;
  whrend dieser Zeit erwrmt ein Gehlfe ein Eisen (das =Nabeleisen=),
  an dessen Spitze etwas Glasmasse befestigt ist. Unter gewissen
  Handgriffen drckt der Gehlfe sein Eisen auf den Mittelpunkt des
  Bodens gleichmssig einwrts (siehe _e_). Darauf wird die Pfeife von
  dem Halse abgesprengt, das abgesprengte Ende ins Feuer gebracht und mit
  dem Abstreichblech der Rand der Flasche umgelegt. Um den Hals herum
  wird etwas Glasmasse befestigt. Whrend der Blser eine neue Flasche
  beginnt, bringt der Gehlfe die fertige Flasche in den Khlofen und
  trennt durch einen kurzen Schlag das Nabeleisen von der Flasche. In
  neuerer Zeit bedient man sich anstatt des Nabeleisens der
  =Flaschenzange= (Fig. 140) oder =Klappform=.

[Illustration: Fig. 140.]

[Illustration: Fig. 141.]

  Aus dem Vorstehenden geht hervor, auf welche Weise ein Kolben (ein
  Ballon) geblasen wird; wenn der Blser whrend des Aufblasens den
  Kolben ber seinen Kopf erhebt so senkt sich der bauchige Theil auf der
  einen Seite und es bildet sich eine Retorte (siehe _a_ und _b_ Fig.
  141).

[Illustration: Fig. 142.]

[Illustration: Fig. 143.]

[Illustration: Fig. 144.]

  Zur Herstellung der Becherglser wird zunchst ein Glasballon mit
  mglichst dnnen Wnden (Fig. 142 _A_) geblasen, dieser dann an ein
  Nabeleisen geheftet und von der Pfeife abgesprengt. Das abgesprengte
  Ende wird angewrmt, mit der Scheere abgeschnitten (Fig. 142 _B_),
  ausgeweitet und umgebogen (_C_). Diese Art Becherglser haben unten
  eine scharfkantig abgesprengte Glasstelle, von welcher aus das Glas bei
  Temperaturwechsel leicht springt. Man pflegt deshalb gegenwrtig die
  Becherglser in Formen mit geraden Wnden (Fig. 143 _a_) zu blasen und
  das Formen in Zangen (_b_ und _c_) zu vollenden.

  Um Glasrhren herzustellen, wird zuerst ein kleiner Ballon geblasen, an
  welchen ein Gehlfe auf der der Pfeifenmndung entgegengesetzten Seite
  sein Hefteisen anheftet, und sich, rckwrts schreitend, mglichst
  schnell entfernt. Bei einigermaassen starken Rhren muss der Blser
  whrend des Ausziehens fortwhrend Luft einblasen und die Pfeife und
  folglich auch das Glas rotiren lassen. Das Ausziehen hrt auf, wenn die
  Rhre die gehrige Dicke hat, sie zeigt dann folgende Gestalt (Fig.
  144). Die fertige Rhre wird, um die Krmmung derselben auszugleichen,
  auf den Boden gelegt und nach dem Erkalten in 4-6 Fuss lange Stcke
  geschnitten. =Glasstbe= werden auf dieselbe Weise hergestellt, und
  unterbleibt dabei das vorlufige Aufblasen der Glasmasse.

[Sidenote: Gepresstes und gegossenes Glas.]

  Mit dem Namen =gepresstes= oder =gegossenes Glas= bezeichnet man alle
  in Formen gefertigte verzierte Glasgegenstnde, wenn man auch das
  Blasen dabei zu Hlfe nehmen musste. Die messingenen und gravirten
  Formen bestehen aus zwei oder mehreren Theilen. Glasgegenstnde mit
  enger Mndung und tiefer Hhlung werden ganz so wie das gewhnliche
  Hohlglas in diesen Formen aufgeblasen. Schalenfrmige Gegenstnde
  werden gepresst, indem man die zhflssige Glasmasse in die untere
  Hlfte der Form bringt und durch die obere Hlfte krftig aufpresst,
  wobei die berflssige Glasmasse durch besondere Oeffnungen oder an den
  Seiten herausgepresst wird. Auf hnliche Art stellt man massives
  gepresstes Glas wie Messerbnkchen u. s. w. dar. Die durch Pressen
  hervorgebrachten Verzierungen sind hufig kunstvoller als die
  geschliffenen und weit billiger herzustellen; es mangelt ihnen aber die
  Schrfe der Ecken und Kanten, so wie die der geschliffenen Waare
  eigenthmliche spiegelnde Oberflche. Man sucht in neuerer Zeit diese
  Fehler dadurch zu vermeiden, dass man anstatt der rautenfrmig
  gravirten Formen, die den sogenannten Brillantschliff imitiren sollten,
  Formen benutzt, welche den geschlten Schliff nachahmen, wodurch die
  Glser gestreifte und glatte Flchen erhalten. In der Regel kommt das
  Glas schon aus der Form mit glnzender Oberflche, die, wenn nthig,
  durch geringe Nachhlfe durch Schleifen oder Poliren ihre hchste
  Vollkommenheit erlangt.

[Sidenote: Das Wasserglas.]

Unter =Wasserglas= versteht man ein in Wasser lsliches =kieselsaures
Alkali=. Dass eine Verbindung, erhalten durch Schmelzen von Kieselsand
mit vielem Alkali, an feuchten Orten zerfliesst, wusste =v. Helmont=
bereits 1640. Dasselbe Prparat aus Kieselerde und Weinsteinsalz
(Kaliumcarbonat) zu bereiten, lehrte =Glauber= 1648 und gab ihm den Namen
=Kieselfeuchtigkeit=. =v. Fuchs= entdeckte nun 1825 eine Verbindung von
Kieselsure mit Alkali, in welcher die Kieselerde vorherrschte, die zwar
in Wasser sich lst, aber an der Luft nicht zerfliesst, eine Verbindung,
die als =Wasserglas= bekannt ist und wichtige Anwendung gefunden hat.

  Man unterscheidet vier Arten von Wasserglas:

                         a) Kaliumwasserglas,
                         b) Natriumwasserglas,
                         c) Doppelwasserglas,
                         d) Fixirungswasserglas.

  Das =Kaliumwasserglas= wird bereitet durch Zusammenschmelzen von
  Quarzpulver oder reinem Quarzsand 45 Th., Potasche 30 Th.,
  Holzkohlenpulver 3 Th., und Lsen der geschmolzenen und gepulverten
  Masse durch Kochen in Wasser. Das in der Flssigkeit mglicherweise
  vorhandene Schwefelkalium wird durch Kochen derselben mit Kupferoxyd
  oder Kupferhammerschlag, oder auch Bleigltte unschdlich gemacht. Der
  Zusatz von Kohle soll die vollkommene Austreibung der Kohlensure durch
  Reduktion derselben zu Kohlenoxyd bewirken und ausserdem die Schmelzung
  beschleunigen. Zurckgebliebene Kohlensure ussert stets einen
  nachtheiligen Einfluss auf das Wasserglas. Das =Natriumwasserglas= wird
  entweder aus Quarzpulver 45 Th., calcinirter Soda 23 Th., Kohle 3 Th.,
  oder nach =Buchner= am wohlfeilsten aus Quarzpulver 100 Th.,
  calcinirtem Glaubersalz 60 Th., Kohle 15-20 Th. dargestellt. =Kuhlmann=
  stellt das Natriumwasserglas durch Auflsen von Feuersteinpulver in
  concentrirter Natronlauge in eisernen Kesseln unter einem Drucke von
  7-8 Atmosphren dar. Besonders vortheilhaft lsst sich anstatt des
  Feuersteins nach =Liebig= die aus Kieselpanzern bestehende
  Infusorienerde (Kieselguhr, Tripel) anwenden. Das =Doppelwasserglas=
  (Kalium- und Natriumwasserglas) lsst sich nach =Dbereiner= darstellen
  durch Zusammenschmelzen von Quarzpulver 152 Th., calcinirter Soda 54
  Th., Potasche 70 Th., nach =v. Fuchs= aus Quarzpulver 100 Th.,
  gereinigter Potasche 28 Th., calcinirter Soda 22 Th., Holzkohlenpulver
  6 Th. Es lsst sich ferner erhalten 1) durch Zusammenschmelzen von
  Seignettesalz (Kalium-Natrium-Tartrat (Na / K)} C_{4}H_{4}O_{6} +
  4H_{2}O) mit Quarz; 2) aus gleichen Moleklen Kalium- und
  Natrium-Nitrat und Quarz; 3) aus gereinigtem Weinstein und
  Natriumsalpeter und Quarz. Es ist merklich leichter schmelzbar als
  jedes der vorhergehenden. Zum technischen Gebrauche kann man auch

           3 Volumen concentrirter Kaliumwasserglaslsung mit
           2    "          "       Natriumwasserglaslsung

  mischen. Mit dem Namen =Fixirungswasserglas= bezeichnet =v. Fuchs= eine
  Mischung von mit Kieselerde vollkommen gesttigtem Kaliumwasserglas mit
  Natriumkieselfeuchtigkeit (durch Zusammenschmelzen von 3 Th.
  calcinirter Soda mit 2 Th. Quarzpulver erhalten); es findet einzig und
  allein zum Fixiren der Farben in der Stereochromie Anwendung.

  Das Wasserglas giebt in fein gepulvertem Zustande durch Kochen mit
  Wasser jene Auflsung, welche unter dem Namen =prparirtes Wasserglas=
  bekannt ist. Diese Lsung kommt im Handel 33grdig und 66grdig vor,
  womit angezeigt wird, dass in ersterem in 100 Gewichtstheilen 33
  Gewichtstheile festes Wasserglas und 67 Gewichtstheile Wasser enthalten
  sind. Hieraus ergiebt sich dann, dass im 40grdigen der Wassergehalt
  60 betrgt und im 66grdigen 34. Die Suren, selbst die Kohlensure,
  zersetzen die Wasserglaslsung und scheiden die Kieselerde daraus
  gallertartig aus; sie muss daher in gut verschlossenen Gefssen
  aufbewahrt werden.

  Das Wasserglas hat in der Industrie vielfache und wichtige Anwendungen
  gefunden. Seine erste Benutzung fand es beim Mnchener Hoftheater als
  =Schutzmittel gegen das Feuer=, indem es als Ueberzug fr Gegenstnde
  aus Holz, Leinwand, Papier, dieselben vor dem Verbrennen schtzt. Man
  setzt zu der Wasserglaslsung irgend eine feuerfeste Krperfarbe, wie
  Thon, Kreide, Knochenerde, Glaspulver (namentlich von Bleiglas), Pulver
  von Hohofen- oder Frischschlacken, Flussspath, Feldspath u. s. w. Das
  33grdige Wasserglas wird beim ersten Anstriche mit der doppelten
  Gewichtsmenge Regenwasser verdnnt. Man giebt mehrere Anstriche und
  lsst jeden Anstrich, bevor man einen neuen auftrgt, gut trocknen,
  wozu wenigstens 24 Stunden Zeit erforderlich sind. Zu den spteren
  Anstrichen bedient man sich einer starken Auflsung und zwar einer
  solchen, welche aus gleichen Gewichtstheilen Wasserglas von 33 und
  Regenwasser besteht. Holz, Leinwand, Papier etc., welche mehrmals mit
  Wasserglas angestrichen wurden, brechen nicht mehr in Flammen aus,
  sondern verkohlen nur, gewinnen ausserdem bedeutend an Dauerhaftigkeit.
  Holz, welches dem freien Einflsse der Witterung ausgesetzt ist oder
  sich an feuchten Orten bei Mangel an Luftwechsel befindet, wird durch
  einen Wasserglasanstrich conservirt und gegen Schwamm und Wurmfrass
  gesichert.

  Eine der vorzglichsten und zu technischen Zwecken wichtigsten
  Eigenschaften des Wasserglases ist die zu binden und zu kleben; es
  dient daher, lockeren Massen Dichtigkeit und strkern Zusammenhang zu
  geben, getrennte Theile von Krpern zu vereinigen u. s. w., in welcher
  Beziehung es noch nicht die vielseitige Anwendung gefunden hat, deren
  es fhig ist. Es lsst sich in dieser Hinsicht mit dem Leim vergleichen
  und man knnte es einen =mineralischen Leim= nennen. =Kreide= giebt mit
  Wasserglaslsung eine sehr compacte Masse, welche beim Austrocknen fast
  Marmorhrte erhlt. Hierbei findet keine chemische Wechselwirkung,
  keine Umsetzung der Bestandtheile zu Calciumsilicat und Kaliumcarbonat
  statt; das Erhrten ist entweder nur eine Wirkung der Adhsionskraft
  oder geschieht dadurch, dass das Wasserglas und Calciumcarbonat direct,
  d. h. ohne sich gegenseitig zu zersetzen, eine schwach chemische
  Verbindung mit einander eingehen. Der =Dolomit= scheint hinsichtlich
  der bindenden Kraft den Kalkstein noch etwas zu bertreffen. Das
  =Calciumphosphat= (Knochenerde) giebt mit Wasserglas eine sehr compacte
  Masse, ohne dass eine chemische Wirkung oder Umsetzung der
  Bestandtheile dabei statt hat. Mit =gelschtem Kalk= zusammengerieben,
  kommt das Wasserglas schnell zum Gerinnen und trocknet dann langsam zu
  einer ziemlich harten Masse aus; es bildet sich hierbei Calciumsilicat
  und das Kali wird ausgeschieden. =Zinkoxyd= (Zinkweiss) und =Magnesia=
  wirken vorzglich energisch auf des Wasserglas und zwar offenbar
  chemisch, indem sich die Kieselerde mit einem Antheil Kali mit der
  Magnesia oder dem Zinkoxyd verbindet und zugleich etwas Kaliumcarbonat
  gebildet wird. =Gyps= mit Wasserglas zusammengerieben, kommt sogleich
  ins Stocken und beim Austrocknen wittert sehr bald Kalium- oder
  Natriumsulfat in grosser Menge aus; nach dem Trocknen ist die Masse
  kaum fester als der gewhnliche Gyps. Dieses Verhalten zeigt deutlich,
  dass man aus Gyps gefertigte Gegenstnde mit Wasserglas nicht
  imprgniren kann, um sie fester und luftbestndiger zu machen, indem es
  wegen des Stockens in dieselben nicht eindringen kann. Eine wichtige
  Anwendung des Wasserglases ist die =zum Anstrich= von Steinen und
  Mrtelwnden, sowie zur Herstellung von =Caement= und von =knstlichen
  Steinen=. Letztere (von =Ransome= zuerst fabrikmssig dargestellt)
  finden in England, Indien und Amerika immer mehr und mehr Anwendung.
  Sie werden dargestellt, indem man durch Mischen von Sand mit
  Natriumsilicatlsung eine plastische Masse bereitet, welche in Formen
  gepresst und dann in eine Lsung von Chlorcalcium gebracht wird. Das
  hierbei sich bildende Calciumsilicat verkittet die Sandkrner, whrend
  Chlornatrium in Lsung geht und durch Waschen vollstndig entfernt
  wird. Als =Kitt= fr Steine, Glas und Porcellan ist das Wasserglas
  ebenfalls beachtenswerth. Zur Herstellung =xyloplastischer Objecte=,
  dadurch, dass man durch Salzsure aufgeschlossenes Holz mit Wasserglas
  imprgnirt, sind die Alkalisilicate in neuerer Zeit auch verwendet
  worden.

[Sidenote: Stereochromie.]

  Eine der interessantesten und wichtigsten Anwendungen des Wasserglases
  ist unstreitig die fr eine neue Art von Wand- oder Monumentalmalerei,
  welche von =v. Fuchs= =Stereochromie= (von [Greek: stereos], fest,
  dauerhaft, und [Greek: chrma], Farbe) genannt worden ist. Bei dieser
  Malart, die von =v. Kaulbach= eingefhrt und ausgebildet wurde, bildet
  das Wasserglas das Bindemittel der Farben und ihrer Grundlagen. Bei der
  Stereochromie oder der Wand- und Monumentenmalerei =auf Mrtelgrund=
  ist besonders auf das Fundament, nmlich auf den Mrtelgrund,
  =Untergrund= und =Obergrund= Bedacht zu nehmen. Es ist dabei
  wesentlich, dem Grunde durch und durch gleiche steinartige
  Beschaffenheit zu geben und ihn gleichsam mit der Mauer zu
  verschmelzen. Der erste Bewurf oder Untergrund wird mit Kalkmrtel
  gemacht. Den so hergestellten Bewurf lsst man nicht nur gut
  austrocknen, sondern auch mehrere Tage der Luft ausgesetzt, damit er
  daraus Kohlensure anziehen kann. Ist der Mrtel vollkommen getrocknet,
  so bringt man das Wasserglas in Anwendung, womit er getrnkt wird. Man
  wendet Natrium- oder Doppelwasserglas an, versetzt mit so viel
  Natriumkieselfeuchtigkeit, dass es nicht opalisirend, sondern ganz klar
  ist. Nachdem der Untergrund auf diese Weise befestigt ist, bringt man
  den =Obergrund=, welcher das Bild aufnehmen soll, an, welcher von
  hnlicher Beschaffenheit wie der Untergrund, ungefhr eine Linie dick
  auf den Untergrund mglichst eben aufgetragen und wenn er trocken
  geworden, mit einem scharfen Sandstein abgerieben wird, um die dnne
  Lauge von kohlensaurem Kalk, welcher sich beim Austrocknen gebildet hat
  und das Einsaugen der Wasserglaslsung verhindern wrde, wegzunehmen
  und zugleich der Oberflche die erforderliche Rauheit zu geben. Sobald
  der Obergrund ausgetrocknet ist, imprgnirt man ihn mit Wasserglas, um
  ihm gehrige Consistenz zu geben und ihn mit dem Untergrunde zu
  verschmelzen. Auf den vollkommen trockenen Obergrund werden die Farben
  blos mit reinem Wasser unter fterem Anspritzen der Mauer mit reinem
  Wasser aufgetragen. Es ist dann weiter nichts mehr brig, als die
  Farben gehrig zu fixiren, wozu das oben erwhnte =Fixirungswasserglas=
  bestimmt ist. Da aber die Farben nur sehr schwach haften und den
  Gebrauch des Pinsels nicht gestatten, so wird das Wasserglas in Form
  eines feinen Regens oder Nebels mit einer von =Schlotthauer=
  angegebenen und von =v. Pettenkofer= verbesserten Staubspritze auf das
  Gemlde gespritzt. Sind die Farben gut fixirt, so ist das Gemlde
  fertig. Zum Schluss wird es nach ein paar Tagen mit Weingeist
  abgewaschen, wodurch Schmutz und Staub nebst etwas frei gewordenem
  Alkali weggenommen werden. Als Malgrund empfiehlt =v. Fuchs= einen
  Wasserglasmrtel, bestehend aus einem Gemenge von Wasserglaslsung mit
  gepulvertem Marmor, Dolomit, Quarzsand und an der Luft zerfallenem
  Kalk. Als stereochromische Farben verwendet man: Zinkweiss, Chromgrn
  (Chromoxyd), Kobaltgrn (Rinmann's Grn), Chromroth (basisches
  Bleichromat), Zinkgelb, Eisenoxyd (hellroth, dunkelroth, violett und
  braun), Schwefelcadmium, Ultramarin, Ocker (Hellocker, Fleischocker,
  Goldocker), Terra de Siena, Umbra u. s. w. Zinnober ist zu verwerfen,
  weil er im Lichte braun und zuletzt ganz schwarz wird. Kobaltultramarin
  zeigt sich nach dem Fixiren merklich heller und ist daher in der
  Stereochromie nicht anzuwenden.

  Die Stereochromie ist als eine ganz neue Malart zu betrachten, insofern
  bei ihr ein von den bei allen Malarten gebruchlichen verschiedenes
  Bindemittel angewendet wird; ihre Auszeichnung, abgesehen von der
  artistischen Vollkommenheit, beruht in dem Malgrunde, wodurch sie fhig
  ist, unter jedem Himmelsstriche auszuhalten und vielen sonst
  schdlichen Einflssen -- Rauch, sauren Dmpfen, dem grellsten Wechsel
  der Temperatur, Hagel u. s. w. -- zu widerstehen, welche den Fresken
  verderblich sein wrden. Das Wasserglas als Bindemittel, wodurch nicht
  nur der Malgrund befestigt, sondern mit diesem zugleich die Farben
  gleichsam verschmolzen und verkieselt werden, macht das Wesen dieser
  Malart aus, wodurch sie der Frescomalerei bedeutend berlegen ist,
  deren Grund aus gewhnlichem Kalkmrtel besteht.

[Sidenote: Bleihaltiges Glas.]

Unter =Krystallglas= (Krystall) versteht man gegenwrtig allgemein
bleihaltiges Kaliumglas. Frher bezeichnete man mit diesem Namen das
gemeine (bhmische) Kalium-Calcium-Glas, das auch jetzt noch zuweilen
=leichtes Krystallglas= zum Unterschied von dem =schweren= bleihaltigen
genannt wird.

  Das Krystallglas wurde zuerst in England dargestellt. Seine Einfhrung
  steht in innigem Zusammenhange mit der Anwendung der Steinkohlen als
  Brennmaterial in den Glashtten (1635). Da man wahrnahm, dass der
  Steinkohlenrauch die reine Farbe des Glases beeintrchtigte, so
  bedeckte man die Schmelzhfen mit einer Kuppel, wodurch sie die Gestalt
  einer kurzhalsigen Retorte erhielten. Wenn nun auch hierdurch der
  Zutritt des Rauches verhindert war, so ergab sich doch ein anderer
  Nachtheil, indem in den bedeckten Hfen nicht die hohe Temperatur
  erzielt werden konnte, die zum Schmelzen der Glasmasse erforderlich
  war. Man musste der Masse grssere Mengen von Alkali zusetzen, wodurch
  aber wieder die Qualitt des Glases abnahm. Um ein allen Anforderungen
  entsprechendes Glas darzustellen, musste eine Substanz ausfindig
  gemacht werden, durch welche die Glasmasse leichter schmelzbar wurde,
  ohne dadurch, wie nach dem Zusatz von grsserer Menge von Potasche, ein
  an der Luft zerfliessliches und im Wasser lsliches Glas zu erhalten;
  eine derartige Substanz fand man auch in der That in dem Bleioxyd. Man
  erhielt durch die Anwendung von Bleioxyd ein schnes und glnzendes
  Glas, das gegenwrtig fr alle Gegenstnde, wo Farblosigkeit, Glanz
  neben starkem Lichtbrechungsvermgen verlangt werden, Anwendung findet.
  Als Glassatz fr Krystallglas seien folgende Mischungen angefhrt. Bei
  Steinkohlenfeuerung in bedeckten Hfen:

                          Sand             300
                          Potasche         100
                          Glasbrocken      300
                          Mennige          200
                          Braunstein      0,45
                          Arsenige Sure  0,60

  In den Glashtten zu Edinburg und Leith wendet man folgenden Satz an:

            Vorher geschlmmter und gut gebrannter Sand    300
            Potasche                                       100
            Mennige                                        150
            Bleigltte                                      50
            Kleine Mengen Braunstein oder arseniger Sure.

  Um das Glas flssiger zu machen, wird etwas Salpeter zugesetzt, aber
  nicht in zu grosser Menge, weil sonst die Schmelzhfen leiden. Wenn
  whrend des Glasschmelzens Alkali sich verflchtigt, so rhrt dies
  stets davon her, dass das Alkali in unrichtigem Verhltnisse und zwar
  im Ueberschusse angewendet wurde. Es ist daher im Allgemeinen
  anzurathen, zum Glassatze nur so viel Alkali zu bringen, als man in der
  Glasmasse zu behalten wnscht und nicht mehr. =Dumas= empfiehlt das
  Krystallglas aus 300 Sand, 200 Mennige und 95 oder 100 trockener
  Potasche zu schmelzen. Von der Voraussetzung ausgehend, dass beim
  Schmelzen kein Verlust stattfindet, sind die geeignetsten
  Mischungsverhltnisse folgende:

                         Kieselerde    57,4   57
                         Bleioxyd      36,3   36
                         Kali           6,3    7
                                      ----------
                                      100,0  100

  Die Schmelzzeit dauert 12-16 Stunden mit Inbegriff der Luterungszeit,
  nach der Beschaffenheit des Ofens und der Regelmssigkeit der Heizung.
  Nach der Schmelzung wird abgeschumt und sogleich zur Verarbeitung des
  Glases geschritten. Das Krystallglas wird auf dieselbe Weise wie das
  gewhnliche Glas verarbeitet, kann aber leichter gehandhabt werden als
  letzteres, weil es leichtflssiger ist und nicht so leicht entglast,
  weshalb es hufiger als das gewhnliche Glas im Feuer angewrmt werden
  kann. Die Krystallglasgegenstnde werden, so wie sie aus der Hand des
  Arbeiters kommen, sogleich in den Khlofen gebracht und wegen der Dicke
  des Glases sehr allmlig abgekhlt. Zu diesem Zwecke befinden sich in
  dem Khlofen zwei eiserne Schienen, auf denen Bleche oder Platten
  ruhen, auf welche die zu khlenden Glser gelegt werden und welche
  vermittelst Haken aneinander gehngt werden knnen. Man bringt das Glas
  zuerst in den heissesten Theil des Khlofens auf ein Blech oder eine
  Platte, die man an die frher eingelegte anhngt, whrend man am
  entgegengesetzten kltesten Theile des Ofens die erste Platte, mit
  welcher man die brigen gegen diese Seite hingezogen hat, nebst den
  darauf befindlichen Glasgegenstnden hinwegnimmt. =Benrath= ([Greek:
  a]) und =Faraday= ([Greek: b]) fanden bei der Analyse von bestem
  Krystallglas:

                                ([Greek: a])   ([Greek: b])
                Kieselsure         50,18          51,93
                Bleioxyd            38,11          33,28
                Kali                11,61          13,67
                Thonerde etc.        0,04           --
                                    --------------------
                                    99,95          98,88

  Nach =Benrath= (1868) hat Normalkrystallglas die Formel
  K_{10}Pb_{7}Si_{36}O_{84} (d. i. 5K_{2}O, 7PbO, 36SiO_{2}).

[Sidenote: Schleifen.]

  Das Krystallglas wird entweder in Messingformen gepresst oder
  geschliffen. Seiner geringen Hrte wegen eignet es sich zum =Schleifen=
  besser als jedes andere Glas. Die =Schleifbank= hat im Wesentlichen die
  Construction einer Drehbank. Die =Schneidescheibe= ist von Gusseisen
  und auf der Peripherie gut abgedreht; ber derselben befindet sich in
  einem Bottich mit Wasser angerhrter und feingeschlemmter Sand. Durch
  einen geffneten Hahn fallen unaufhrlich sandhaltige Tropfen auf die
  Schneidescheibe. Die Arten der Schliffe sind usserst mannichfaltig.
  Der bekannteste ist der Brillantschliff, ferner der gemuschelte
  Schliff, der Schliff mit scharfer Kante, mit Walzen, der
  fischschuppenartige, der geschlte (mit concaven Einschnitten), der
  matte Schliff, der Silberschliff u. s. w. Die geschliffenen Stellen
  sind rauh und werden deshalb auf der steinernen =Glttscheibe= weiter
  behandelt. Fr die angeschliffenen Brillanten ist die Peripherie der
  Scheibe keilartig geformt, fr die glatten Wrfel aber ist die
  Peripherie flach. Ueber diesen Scheiben befindet sich ein mit Hhnen
  versehenes Wasserreservoir, aus welchem whrend des Schleifens Wasser
  auf die Scheibe luft. An der Seite der Scheibe ist ein Schwamm
  befestigt, welcher die Oberflche des Steines fortwhrend rein erhlt.
  Die glattgeschliffenen Stellen werden nun auf der hlzernen
  =Polirscheibe= (aus Lindenholz), deren Holzfasern in der Richtung der
  Drehungsaxe laufen, polirt. Zum Poliren wendet man auch Holzscheiben
  mit Filz berzogen, sowie Korkscheiben an. Die letzte Politur erhalten
  die Glser erst auf der =Brstscheibe=, welche 2 Meter im Durchmesser
  und 10 Centimeter Breite auf der Peripherie hat. Man trgt auf diese
  Brste mit Wasser angerhrten Bimsstein auf und polirt das so
  geschliffene Glas fertig.

[Sidenote: Optisches Glas.]

Die Herstellung guter =optischer Glser=, besonders in grssern
Dimensionen, ist so schwierig, dass selbst durch die unermdlichsten und
andauerndsten Arbeiten es doch nicht gelungen ist, sie immer in der Weise
herzustellen, wie sie der Optiker, der Mikroskopiker, der Astronom, der
Photograph u. s. w. bedarf. Durchsichtigkeit, Hrte, ein grosser Grad von
lichtbrechender und farbenzerstreuender Kraft, Eigenschaften, welche
berhaupt das Glas zu optischem Gebrauche so schtzbar machen, sind dem
Glase ohne Mhe zu geben; allein die zu allen seinen Anwendungen so
wesentliche Bedingung einer vollkommen homogenen Beschaffenheit ist nicht
so leicht zu erfllen. Die einzelnen Theile des Glases, mgen sie noch so
tadelfrei sein, wirken ohne homogene Beschaffenheit nicht gleichfrmig;
die Lichtstrahlen werden von der Richtung, die sie nehmen sollen,
abgelenkt und das Glasstck wird dadurch unbrauchbar. Die Streifen und
Fden entspringen aus solcher Ungleichheit. Knnen diese
Unregelmssigkeiten schon so gross sein, dass man sie mit blossem Auge
wahrnimmt, so mssen sie einen noch weit betrchtlicheren Nachtheil in
Fernrhren ausben, da hier ihre Wirkung bedeutend vergrssert erscheint.
Es wre ein Irrthum, wollte man glauben, dass diese Streifen von
Unreinigkeiten herrhren. Sowol in als neben den Streifen wrde das Glas
gleich gut zum optischen Gebrauch sein, wenn es nur berall von gleicher
Beschaffenheit wre. Aber in der Ungleichheit eben liegt der Fehler und
in dieser Beziehung ist die Zusammensetzung selbst von sehr geringem
Belange. Da das Glas aus Materialien besteht, die an Brechkraft
verschieden sind, so muss es whrend seiner Herstellung immer einen
Zeitpunkt geben, wo Streifen vorhanden sind. Man hat also weniger dahin
zu trachten, gerade die Verhltnisse zu erlangen, welche in einmal gut
erkanntem optischen Glase durch die Analyse aufgefunden wurden, als
vielmehr einen Process zu entdecken, durch welchen die Streifen jener
Periode vor der Vollendung des Glases vernichtet und neue verhindert
werden. Ausser diesen Mngeln giebt es noch andere im Glase. Zuweilen ist
es, wie man sagt, wellig, wenn es in seiner Masse das Ansehen von Wellen
hat; doch ist dies nur eine Abnderung jener Unregelmssigkeit, welche in
hherm Grade als Streifen erscheint. Hin und wieder bemerkt man auch
Anzeigen besonderer Structur und Krystallisation oder einer
unregelmssigen Spannung seiner Theile, welche Fehler aber hchst
wahrscheinlich durch sorgfltiges Abkhlen vermieden werden knnen.
Ferner schliesst das Glas zuweilen Blasen ein, welche einen Lichtverlust
veranlassen, gerade so wie es dunkle Flecke von gleicher Grsse gethan
haben wrden. Unter allen Fehlern ist der, welcher die Streifen und
Wellen hervorbringt, am schwersten zu vermeiden, leichter noch bei dem
bleifreien optischen Glase, dem =Kronglase= (Crownglas), als bei dem
Flintglase.

  Das Flintglas besteht zum Drittel seines Gewichts und mitunter darber
  noch aus Bleioxyd, wodurch es nicht nur ein so hohes spec. Gewicht,
  sondern auch dasjenige Verhltniss von Lichtbrechungs- und
  Zerstreuungsvermgen erhlt, wodurch es mit dem Kronglase combinirt,
  die so wichtige achromatische Combination bildet. Das Flintglas ist
  ferner sehr leichtflssig und besitzt die Eigenschaft, andere Stoffe
  mit Leichtigkeit aufzulsen, wodurch die Bildung von Streifen sehr
  befrdert wird. Der geringste Unterschied in der Zusammensetzung
  benachbarter Theile wird sogleich sichtbar. Eine Variation in den
  Mischungsverhltnissen, welche bei dem gewhnlichen Glase keine durch
  das Auge wahrnehmbare Wirkung hervorbringt, erzeugt beim Flintglase
  bereits starke Streifen. Deshalb muss hier die Mischung viel inniger
  sein, als bei den brigen Glasarten, allein es liegt in der Natur der
  Mineralien, sie nur noch unvollkommener zu machen. Das Bleioxyd ist so
  schwer und zugleich so leichtflssig, dass es schmilzt und zu Boden
  sinkt, wenn noch die leichteren Substanzen im oberen Theile des
  Schmelzhafens angehuft liegen; unter den gewhnlichen Umstnden ist
  die Mischung so unvollkommen, dass man aus dem oberen und unteren
  Theile eines Glashafens Glas von sehr verschiedenem spec. Gewichte
  erhlt. =Lamy= hat neuerdings auf die Anwendbarkeit des
  Thalliumflintglases zur Herstellung gewisser optischer Glser
  aufmerksam gemacht. In diesem Glase ist nicht das Blei, sondern das
  Kalium durch Thallium ersetzt. Nach den Versuchen von =Cl. Winkler= (in
  Pfannenstiel) lsst sich mit Erfolg das Blei im Flintglase durch
  Wismuth ersetzen.

[Illustration: Fig. 145.]

[Illustration: Fig. 146.]

  =Bontemps= zu Choisy-le-Roy bei Paris verfhrt bei der Anfertigung von
  Flintglas auf folgende Weise: Ein Glassatz, bestehend aus

                        100 Kilogr. weissem Sand,
                        106    "    Mennige,
                         43    "    Kaliumcarbonat,

  wird bei Steinkohlenfeuerung in einem kleinen Schmelzofen, von welchem
  Fig. 145 den vertikalen, Fig. 146 den horizontalen Durchschnitt zeigt,
  geschmolzen. Der Ofen enthlt nur einen bedeckten Schmelzhafen _B_, der
  auf der Bank _A_ steht. _a a_ sind die Schrffnungen, _c_ ist ein
  eiserner Rhrer, der in einem Cylinder aus unschmelzbarem Thon _d_
  befestigt ist. _f_ dient zum Tragen des Rhrhakens. Nachdem der in
  getrennten Portionen nach und nach eingetragene und geschmolzene Satz
  nach etwa 14 Stunden in gleichmssigen Fluss gekommen ist, wird der
  vorher bis zum Rothglhen erhitzte Rhrer in den Hafen gebracht, um die
  verschiedenen Schichten der Glasmasse mit einander zu mengen und
  zugleich die Blasenbildung zu befrdern. Nach ungefhr 5 Minuten
  entfernt man die Eisenstange, whrend der Thonrhrer in der Glasmasse
  bleibt. Man schliesst den Tiegel und schrt von Neuem. Nach etwa 5
  Stunden wird wieder gerhrt und von nun an das Rhren jede Stunde
  vorgenommen. Whrend dieser Zeit wird 2 Stunden lang geschrt, damit
  die Blasen entweichen knnen. Darauf wird wieder heiss geschrt; sobald
  die Masse sehr dnnflssig ist, wird unter beschrnktem Luftzutritt
  fortwhrend gerhrt, bis die Masse zhflssig geworden ist. Darauf
  entfernt man den Thonrhrer und lsst den gut verschlossenen Ofen 8
  Tage lang zum Abkhlen stehen. Nach Verlauf dieser Zeit werden von der
  Glasmasse zwei gegenberstehende Flchen angeschliffen und polirt, um
  im Innern der Masse die fehlerfreien und gleichfrmigen Stcke zu
  erkennen und herauszuschneiden. Hufig findet man die Glasmasse nach
  dem Erkalten in viele Stcke zersprungen; die grsseren Stcke
  zertheilt man durch gelindes Anschlagen mit dem Hammer noch weiter,
  wobei sie sich wahrscheinlich zum Theil nach Maassgabe ihrer
  Gleichartigkeit absondern. Diese Glasstcke werden dadurch zu Scheiben,
  aus welchen die optischen Linsen geschliffen werden, umgeformt, dass
  sie, nachdem man die scharfen Kanten und Ecken davon abgeschlagen hat,
  unter einer Muffel, auf einer mit feinem Sand bestreuten Schale oder
  auf einem irdenen Teller mit hohem Rande, bis zum gleichfrmigen
  Erweichen erhitzt werden und sich in jener Form scheibenhnlich
  ausbreiten. Nach einer Analyse von =Dumas= besteht das Flintglas von
  =Guinand= aus

                 Kieselerde                         42,5
                 Bleioxyd                           43,5
                 Kalk                                0,5
                 Kali                               11,7
                 Thonerde, Eisenoxyd, Manganoxydul   1,8
                                                   -----
                                                   100,0

  Die zweite Art des optischen Glases, das bleifreie =Kronglas=
  (Crownglas) besteht nach =Bontemps= aus 120 Th. Sand, 35 Th. Potasche,
  20 Th. Soda, 15 Th. Kreide und 1 Th. arseniger Sure.

  Bei Linsen aus Flintglas ist das Lichtbrechungsvermgen am grssten,
  leider aber auch die Farbenzerstreuung am bedeutendsten, sodass die
  damit hervorgebrachten Bilder stets einen farbigen Rand besitzen, was
  jede genaue Beobachtung hindert. Bei bleifreien Glsern (Kronglas) ist
  das Brechungsvermgen, aber auch die Farbenzerstreuung weit geringer.
  Combinirt man daher eine convexe Linse von Flintglas mit einer concaven
  von Kronglas, so erhlt man unter allen Umstnden ein farbloses Bild,
  da die Farbenzerstreuung des Flintglases compensirt worden ist. Eine
  solche Combination zweier Linsen heisst eine =achromatische Linse=.

[Sidenote: Strass.]

Die Nachahmung von Edelsteinen (die Fabrikation =knstlicher Edelsteine=
oder =Amausen=) ist ein interessanter Zweig der Glasfabrikation, der
schon frh -- in Aegypten und Griechenland -- eine sehr hohe Stufe der
Vollkommenheit erreicht hatte. Gegenwrtig hat man es so weit gebracht,
dass man alle Edelsteine, mit Ausnahme des edlen Opals, nachzuahmen im
Stande ist. Man nennt die zur Fabrikation der knstlichen Edelsteine
dienende Masse =Strass= oder =Mainzer Fluss= und die Edelsteine selbst
_Pierres de Strass_, die man in Frankreich so ausgezeichnet darstellt,
dass sie das Auge des Kenners zu tuschen im Stande sind und man zur
Feile und zur hydrostatischen Wage greifen muss -- sie sind weniger hart,
aber weit schwerer als die chten Steine -- um sich zu berzeugen, ob man
es mit einem Mineral oder mit einem Kunstprodukt zu thun hat.

  Die Basis aller dieser Edelsteine ist ein =farbloser Strass=, welcher
  aus einem Boro-Silicat des Kalis, Natrons und Bleioxydes besteht und
  mehr Bleioxyd enthlt als das Flintglas. =Donault-Wieland= fand bei der
  Analyse von farblosem Strass:

                         Kieselerde        38,1
                         Thonerde           1,0
                         Bleioxyd          53,0
                         Kali               7,9
                         Borax          }
                         Arsensure.    } Spuren
                                          ------
                                          100,0

  Diese Analyse fhrt zu der Formel

                (3K_{2}O, 6SiO_{2}) + 3(3PbO, 6SiO_{2}).

  Durch =Frben des Strass= will man die in der Natur vorkommenden
  Edelsteine nachahmen. Hauptbedingung ist dabei die grsstmglichste
  Aehnlichkeit mit den natrlichen Edelsteinen. Daraus ergiebt sich, dass
  nicht allein die Farben, sondern auch deren Intensitt bei der
  Fabrikation von Strass genau vorgeschrieben ist. Die Materialien mssen
  fein gepulvert und dann durch wiederholtes Sieben aufs Vollkommenste
  mit einander gemengt werden. Um die Masse ohne Streifen und Blasen
  gleichfrmig geschmolzen zu erhalten, mssen die sorgfltig gemengten
  Materialien in den besten Tiegeln bei allmlig verstrktem Feuer
  geschmolzen werden. Ist die hchste Temperatur erreicht, so muss
  dieselbe gleichmssig erhalten und die Masse 24-30 Stunden lang im
  Feuer gelassen werden, damit sich die Masse zugleich abkhle. =Topas=
  wird erhalten aus weissem Strass 1000, Antimon 40, Goldpurpur 1. Auch
  mit Eisenoxyd lsst sich Topas erhalten: Strass 1000, Eisenoxyd 1.
  =Rubin= lsst sich aus der Topasmasse darstellen, indem man 1 Th.
  derselben mit 8 Th. Strass in einem hessischen Tiegel schmilzt und die
  Temperatur des Ofens 30 Stunden lang erhlt. Einen weniger schnen
  Rubin erhlt man aus Strass 1000, Mangansuperoxyd 25. =Smaragd= ist am
  leichtesten darzustellen. Folgende Mischung ist zur Nachahmung des
  natrlichen Smaragds sehr geeignet: Strass 1000, Kupferoxyd 8,
  Chromoxyd 0,2. Durch grsseren Zusatz von Kupferoxyd und Chromoxyd und
  indem man zugleich etwas Eisenoxyd zusetzt, lsst sich die grne Nance
  abndern und ein dunklerer Smaragd erzeugen, welcher Aehnlichkeit mit
  dem Peridot hat. =Saphir= wird erhalten aus Strass 1000, reinem
  Kobaltoxyd 15. =Amethyst= wird mit folgender Mischung dargestellt:
  Strass 1000, Mangansuperoxyd 8, Kobaltoxyd 5, Goldpurpur 0,2.
  =Aquamarin= oder =Beryll= aus Strass 1000, Antimonglas 7, Kobaltoxyd
  0,4. =Karfunkel= oder =syrischer Granat= aus Strass 1000, Antimonglas
  500, Goldpurpur 4, Mangansuperoxyd 4. Es ist leicht einzusehen, dass
  die Herstellung von knstlichen Edelsteinen, was die zum Frben
  angewendeten Metalloxyde betrifft, noch keineswegs ihre Vollendung
  erreicht hat. Wenn man anstatt oder neben dem Bleioxyde Wismuthoxyd,
  Zinkoxyd, kohlensauren Baryt und kohlensauren Strontian neben den
  kieselsauren und borsauren Salzen auch phosphorsaure und Fluormetalle
  anwenden wrde, so liessen sich ohne Zweifel mannichfache brauchbare
  und werthvolle Glser herstellen. Ganz dasselbe lsst sich auch auf die
  frbenden Metalloxyde beziehen. Durch die Ausbildung der Lthrohrprobe
  hat man eine grosse Anzahl von prachtvoll gefrbten Glasperlen kennen
  gelernt, deren Nance eine andere ist, je nachdem reducirende oder
  oxydirende Einwirkung vorhanden ist. Die Fabrikation der knstlichen
  Edelsteine und die der gefrbten Glser berhaupt hat von der Existenz
  gewisser frbender Metalloxyde noch keine Notiz genommen, sonst wrde
  man sich nicht erklren knnen, warum Wolframsure, Molybdnsure,
  Titansure, Chromsure (nicht Chromoxyd) und Chromoxydul,
  Schwefelkalium, Kohle u. s. w. bis jetzt noch so wenig Anwendung
  fanden.

[Sidenote: Gefrbtes Glas und Glasmalerei.]

Die =gefrbten Glser= theilt man ein in solche, die durch ihre ganze
Masse hindurch gefrbt sind und solche, bei denen ein ungefrbtes Glas
mit einer Schicht des gefrbten Glases berzogen ist. Letzteres Glas
heisst =Ueberfangglas=. Die letztere Methode der Darstellung von
gefrbten Glsern wendet man bei solchen Metalloxyden an, welche wie das
Kupferoxydul, Kobaltoxydul, Goldoxyd, zum Theil auch das Manganoxyd die
Glasmasse so intensiv frben, dass dieselbe schon bei geringer Dicke fast
undurchsichtig erscheint. Indem die dnne Schicht des gefrbten Glases
stellenweise hinweggeschliffen wird, erhlt man eine jetzt sehr beliebte
Verzierung geschliffener Glaswaaren.

  Die Herstellung des =Ueberfangglases= (Tafelglas und Hohlglas)
  geschieht auf folgende Weise: Man bringt in den Ofen zwei Glashfen, in
  dem einen bleihaltiges Glas, in dem andern das gefrbte Glas, das zum
  Ueberfangen dienen soll. Wir whlen als Beispiel durch Kupferoxydul
  roth gefrbtes Glas, bestehend aus bleihaltigem Glase, Kupferoxydul und
  Zinnoxydul. Letzteres schtzt das Kupferoxydul vor seiner Oxydation zu
  Oxyd, welches das Glas grn frben wrde. Zusatz von etwas Eisenoxydul
  macht das Glas scharlachroth. Der Glasmacher taucht die Pfeife zuerst
  in das rothe Glas, jedoch so, dass nur wenig Glasmasse an der Pfeife
  hngen bleibt, darauf in das weisse Glas, von welchem so viel
  herausgenommen wird, als zur Herstellung der Walze oder des Cylinders
  erforderlich ist. Die Glasmasse wird dann wie gewhnlich aufgetrieben
  und in =Tafelglas= umgewandelt. Behufs des Ueberfangens von =Hohlglas=
  verarbeitet man das rothe Glas in dem Hafen zu etwa zollstarken Zapfen,
  welche nun bei der Arbeit im Glasofen so weit erhitzt werden, dass man
  davon Stcke mit der Scheere abschneiden kann. Man unterscheidet
  Ueberfangen von =Aussen= und Ueberfangen =zwischen zwei Schichten=. Im
  ersteren Falle wird ein weisser Glasklumpen an die Pfeife genommen und
  mittelst eines flachen eisernen Werkzeuges, des Streicheisens, das
  abgeschnittene Stck rothen Glases durch Streichen und Anwrmen so
  gleichfrmig als mglich ausgebreitet. In dem zweiten Falle wird nur
  eine sehr kleine Menge weissen Glases herausgenommen, auf dieser das
  rothe Glas ausgebreitet und ber diesem durch Eintauchen in weisses
  Glas ein gengend grosser Glasklumpen gebildet. Wird nun der Kolben
  aufgeblasen, so dehnen sich beide Glser gleichmssig aus. =Rothe=
  farbige Glser erzeugt man durch =Goldpurpur=, durch =Kupferoxydul= und
  durch =Eisenoxyd=. Vermittelst Goldpurpur wird das =Gold=- oder =chte
  Rubinglas= erzeugt. Durch Zusatz von Silber und Antimonprparaten
  lassen sich fast alle Nancen des Rothen vom Rosa bis zum Purpurroth
  hervorbringen. Man war lange Zeit hindurch der Meinung, dass das
  Rubinglas durch kein anderes Goldprparat als durch Goldpurpur erzeugt
  werden knne. =Fuss= hat jedoch vor etwa 25 Jahren gezeigt, dass man
  ein eben so gutes Rubinglas erhalte, wenn man das Glas oder vielmehr
  den dazu angewendeten Satz mit einer Lsung von Goldchlorid befeuchte.
  Wenn das durch Zusammenschmelzen vorstehenden Satzes erhaltene Goldglas
  rasch erkaltet, so ist es, ebenso wie das Kupferoxydulglas, farblos.
  Wird es darauf gelinde erwrmt, jedoch nicht bis zum Erweichen, so
  entwickelt sich pltzlich die prachtvolle Rubinfarbe. Man nennt diesen
  Vorgang das =Anlaufen des Glases=; es findet eben so gut im
  Sauerstoffgas, als im Wasserstoff- und Kohlensuregas statt. Das zur
  Herstellung des =Kupferoxydulglases= dienende =Kupferoxydul= wird durch
  Glhen von Kupferabschnitzeln dargestellt, oder es wird dazu der
  Kupferhammerschlag benutzt, welcher zum grossen Theil aus dieser
  Oxydationsstufe besteht. Als Basis benutzt man bleihaltiges Glas, aus
  welchem man etwa 3 Proc. Kupferoxydul setzt. Da letzteres grosse
  Neigung hat, in Kupferoxyd berzugehen und dadurch das Glas grn zu
  frben (das =Durchgehen des Glases=), so sind geringe Mengen
  reducirender Mittel anzuwenden, man verwendet hierzu Eisenhammerschlag,
  Eisenfeile, Russ, Weinstein oder das Polen mit frischem Holze. Das
  Kupferglas ist nach dem Erkalten farblos mit einem Stich ins Grnliche.
  Durch das Anlaufen entsteht auch hier erst die rothe Farbe. =Eisenoxyd=
  erzeugt ein hufig angewendetes Roth. Man benutzt es in Gestalt von
  reinem Oxyd, von Blutstein, Ocker oder Rthel. =Gelb= wird
  hervorgebracht, und zwar =topasgelb=, durch antimonsaures Kali oder
  auch Antimonglas. Chlorsilber, borsaures Silberoxyd und Schwefelsilber
  geben ebenfalls gelb. Uranoxyd giebt grnlichgelb. Ordinres ins
  Braunrothe sich ziehendes Gelb wird durch Eisenoxyd erhalten. =Blau=
  wird erzeugt durch Kobaltoxyd, seltner durch Kupferoxyd; =Grn= durch
  Chromoxyd, Kupferoxyd und endlich Eisenoxydul, welches letztere
  indessen ein Grn von wenig Feuer und Reinheit liefert; =Violett= durch
  Manganoxyd (Braunstein und Salpeter); =Schwarz= durch viel Eisenoxydul,
  namentlich mit einem Zusatze von Kupferoxyd, Braunstein und
  Kobaltoxydul; ein schneres Schwarz erhlt man durch Iridiumsesquioxyd.
  Eigenthmlich ist die Wirkung der =Schwefelalkalien= auf die Farbe des
  Glases. Frher war man der Ansicht, dass in dem gelben Glas, welches
  man erhlt, wenn man eine verkohlte Substanz, z. B. Weinstein,
  Birkenholz etc. zum gewhnlichen weissen Glase mischt, die entstehende
  gelbe Frbung von der Kohle herrhre. =Splitgerber= hat dagegen
  gezeigt, dass diese gelbe Farbe vom Schwefel herrhrt, welcher aus den
  die angewandte Potasche und Soda verunreinigenden schwefelsauren Salzen
  stammt.

[Sidenote: Glasmalerei.]

=Glasmalerei.= Schon in sehr frher Zeit versuchte man farbige Glser zu
Figuren und anderen Gegenstnden zusammenzusetzen, hnlich wie man es bei
den rmischen Fussbden mit farbigen Steinen zu thun gewohnt war. So
entstanden die ltesten Glasgemlde, welche in der That =Glasmosaiken=,
Umrisse in Blei mit farbigen Glsern ausgefllt, waren. Die Glasmalerei
schwang sich in Deutschland im Laufe des Mittelalters zur hchsten
Vollkommenheit empor und verbreitete sich durch ganz Europa, besonders
als im 13. Jahrhundert an die Stelle der romanischen und byzantinischen
Bauart die germanische trat. Bis dahin kannte man meist nur
Rundbogenfenster von mssiger Grsse, die nicht durch Glasgemlde
verdunkelt werden durften. Seit dem 13. Jahrhundert, als die gothische
Baukunst alle mssigen, nicht tragenden Mauermassen aufhob, gediehen die
Fenster, die hufig den ganzen Raum zwischen den Pfeilern ausfllten, zu
einer oft kolossalen Grsse, die ein zu grelles Licht in die Kirche
gesendet htten, wenn sie nicht gleichsam mit Glasteppichen behngt
worden wren. Wenn sich die Kunst bis dahin meist mit Ornamenten begngt
hatte, so versuchte sie es nun ganze Figuren zusammenzusetzen. Mit dem
15. Jahrhundert veredeln sich die sonst steifen und ernsten Figuren der
Heiligen immer mehr, und es werden ganze Reihen geistlicher und
weltlicher Geschichten dargestellt, welche sich in von schnen Bndern
umschlossene Felder theilen, so z. B. in der Sebaldus- und Lorenzkirche
und in der Tucherkapelle in Nrnberg durch die Glasmalerfamilie
=Hirschvogel=. So blhte sie noch nach dem Ende des Mittelalters das
ganze 16. Jahrhundert fort, bis sich die Glasmaler die Aufgabe stellten,
die Effecte und die Beleuchtung des Oelgemldes auf Glas anzuwenden.
Dieser Epoche des Missverstandes gehren die berhmten franzsischen und
niederlndischen Glasmaler des 16. Jahrhunderts an: Als man sich endlich
von der Unmglichkeit, die Oelmalerei nachzuahmen, sattsam berzeugt, kam
die Glasmalerei dermassen in Verfall, dass alle ihre Werksttten sich
schlossen. Die Kunst der Glasmalerei im alten Style sollte jedoch wieder
auferstehen, und dies geschah in Bayern am Anfang dieses Jahrhunderts
durch =Frank= in Nrnberg und =Helmle= in Freiburg im Breisgau, und ein
Jahrzehend spter durch =Ludwig= I., Knig von Bayern, der die ersten
zarten Keime derselben pflegte. Seitdem ist sie in Mnchen, in Berlin, in
Kln (bei =Baudri=) in neuer, ja in knstlerischer und technischer
Hinsicht sogar in grsserer Herrlichkeit erstanden, als dies im
Mittelalter der Fall gewesen.

  Das Wesen der Glasmalerei lsst sich in der Krze auf folgende Weise
  ausdrcken. Wenn leicht schmelzbare, durch Metalloxyde gefrbte
  Glasflsse in fein geriebenem Zustande auf eine Glasflche aufgetragen
  werden, so knnen sie bei mssiger Hitze, bei der die Glastafel noch
  nicht zum Schmelzen kommt, dergestalt eingeschmolzen werden, dass sie
  eine hchst dauerhafte Malerei von ausgezeichneter Wirkung darstellen.
  Da die farbigen Glasflsse durchsichtig oder doch durchscheinend sind,
  so werden alle Glasmalereien auf durchfallendes Licht berechnet, und
  hierin liegt eben der wesentliche Unterschied zwischen Glas- und
  anderen Malereien. Der Knstler kann ferner beide Glasflchen zugleich
  benutzen. Die Oberflche, welche dem Beschauenden zugekehrt ist,
  enthlt die strksten Schatten. Gewhnlich trgt man auf diese Seite
  alle schattirten Farben auf, und bringt dagegen die lichten Partien auf
  die entgegengesetzte Seite. Die Farben sind Metalloxyde, und zwar zum
  Theil dieselben, die man auch zum Frben des Strass anwendet. Da den
  durch Einbrennen erzeugten Farben die Reinheit und das Feuer abgeht,
  das namentlich bei grssern Glasmalereien zur Hebung des Effects
  unumgnglich ist, so bedient man sich zu Draperien, fr den Himmel u.
  s. w., wo grosse gefrbte Flchen erforderlich sind, des farbigen und
  berfangenen Tafelglases, und bringt durch Einbrennen geeigneter
  dunkler Farben die nthigen Schattirungen hervor. Die jetzigen
  Glasgemlde sind demnach in der That Combinationen von wirklichen
  Glasmalereien und Glasmosaik. Diesem Kunstgriff allein verdanken die
  Glasgemlde ihre prachtvolle lebhafte Colorirung.

  Die in der Glasmalerei als =Farben= angewendeten =Metalloxyde= sind
  usserst mannigfaltig. =Weiss= kommt in alten Glasmalereien fast nie
  vor. In der neuern Malerei wendet man, vorzglich zum Mischen der
  Fleischtne, reines Weiss an. Man benutzt hierzu Zinnoxyd und
  antimonsaures Kali. Zu =Gelb= verwendet man Neapelgelb oder
  Antimongelb, dann ein Gemenge von Eisenoxyd, Zinn- und Antimonoxyd, von
  Antimonsure und Eisenoxyd, oder Chlorsilber oder ein Gemenge von
  Schwefelsilber mit Schwefelantimon. Bleichromat und Bariumchromat geben
  ein nicht durchsichtiges Hellgelb. Zu =Roth= benutzt man reines
  Eisenoxyd (Wangenroth), Goldpurpur und ein Gemenge von Goldoxyd,
  Zinnoxyd und Chlorsilber. =Braun= erhlt man mit Hlfe von Manganoxyd,
  gelbem Ocker, Umbra und Ferrochromat. Zu =Schwarz= verwendet man
  Iridiumoxyd, Platinoxyd, Kobalt- und Manganoxyd, zu =Blau= Kobaltoxyd
  oder Kalium-Kobalt-Nitrit, zu helleren Nancen ein Gemenge von
  Kobaltoxyd, Zinkoxyd und Thonerde, zu =Grn= Chromoxyd und Kupferoxyd.

  Man unterscheidet in der Glasmalerei =weiche und harte Glasfarben=. Die
  ersteren, die man auch Lackfarben nennt, sind nicht sehr leichtflssig
  und verglasen dergestalt, dass sie aufgestrichenen Lackfarben hnlich,
  Glanz und Durchsichtigkeit, aber auch grosse Weichheit besitzen; man
  malt mit ihnen nur auf die hintere Seite der Glastafeln. Die
  Haupteigenschaften der Farben fr die vordere Seite der Glastafel, der
  harten oder auch Schattenfarben, sind Hrte und Halbdurchsichtigkeit.
  Die =Flsse= bestehen aus Kieselerde, Mennige und Borax. Die mit dem
  Flussmittel auf das Innigste gemischte Farbe wird als feinstes Pulver
  mit einem Bindemittel zusammengerieben, welches aus dem Pinsel fliesst,
  am Glase fest anhaftet und sich im Feuer vollstndig verflchtigt, ohne
  aufzublhen oder rissig zu werden. In neuerer Zeit wendet man als
  Vehikel nur therisches Oel und zwar Terpentinl an, rectificirtes und
  verdicktes, ersteres nennt man Dnnl, letzteres Dickl. Neben dem
  Terpentinl benutzt man noch Lavendell, Bergamottl und Nelkenl. Auf
  der Glastafel, auf welcher die Glasmalerei hergestellt werden soll,
  wird das ganze Bild in seinen Umrissen und Schattirungen mit rother,
  schwarzer oder brauner Farbe auf der einen Flche ausgefhrt und auf
  der andern mit den auf die einzelnen Stellen gehrigen Farben
  illuminirt, oder es wird mit den Glasmalerfarben wie in der Oelmalerei
  verfahren, oder man combinirt beide Maximen, indem man jede derselben
  stellenweise, je nach dem beabsichtigten Effecte, Platz greifen lsst.
  Alle Schatten und die in dunklen Farben ausgefhrten Umrisse, so wie
  das, was man in der Oelmalerei Untermalung nennt, werden auf der
  vordern, dem Beschauer zugewendeten Flche ausgefhrt; die ganze
  Stellen illuminirenden Farben und Flsse, besonders Haupttne, werden
  auf der hintern Flche aufgetragen. Mitteltinten, Uebergnge und
  Abstufungen werden sowol auf der vordern als hintern Flche
  aufgetragen. In einzelnen Fllen trgt man auf beiden Flchen an den
  sich entsprechenden Stellen Farbe auf, um durch den Zusammenklang
  derselben bei durchfallendem Lichte besondere Nancen hervorzubringen.
  So giebt Goldgelb auf der einen Flche und Purpur auf der andern
  Scharlach, Blau und Gelb, Grn u. s. w. Bei Ueberfangglsern kann man
  dadurch verschiedene Schattirungen hervorbringen, dass man von der
  gefrbten Glasschicht durch Schleifen mit Smirgel mehr oder weniger
  nach bestimmten Umrissen hinwegnimmt, oder man schleift die farbige
  Schicht bis auf das weisse Glas durch und erzielt dadurch farbige
  Verzierungen auf weissem Grunde. Die so gebildeten weissen Stellen
  lassen sich auch auf der entgegengesetzten Seite beliebig frben, um
  verschiedene Effecte hervorzubringen. Ebenso lassen sich durch Bedecken
  der weissen Flche eines einseitig berfangenen Glases mit andern Tnen
  besondere Nancen herstellen, so gewinnt man eine grne Nance, wenn
  man blaues Ueberfangglas auf seiner weissen Flche mit gelber
  Silberfarbe berzieht. Das Einbrennen der Farben geschah nach einer
  lteren Methode auf die Weise, dass man die Glastafeln mit trockenem
  Kalkpulver in eine eiserne Pfanne schichtete und diese zum Rothglhen
  erhitzte. In neuerer Zeit wendet man hierzu Muffelfen an. Der Boden
  der Muffel wird etwa einen Zoll hoch mit Kalkpulver bedeckt, darauf
  kommen vollkommen horizontal die Glastafeln, jedoch so, dass sie weder
  sich noch die Muffel berhren. Ueber diese Tafeln kommt eine zweite
  Schicht Kalk, dann wieder Glastafeln u. s. f. bis zur Mitte der Muffel.
  Das zum Einbrennen der Farben erforderliche Feuer muss auf die Muffel
  von allen Seiten gleichmssig einwirken. Glht die Muffel dunkelroth
  und zeigen sich auf Probestreifen die Farben eingeschmolzen und
  tadellos, was nach 6-7stndigem Feuer der Fall zu sein pflegt, so
  entfernt man das Feuer und berlsst die Muffel der Abkhlung. Nach
  vollstndigem Erkalten entfernt man die Glser aus der Muffel, reinigt
  sie mit warmem Wasser und trocknet sie sorgfltig ab.

[Sidenote: Email, Beinglas, Reisstein- oder Alabasterglas, Eisglas.]

Unter =Email= verstand man ursprnglich in der Glasfabrikation eine
Glasmasse, gleichviel farblos oder gefrbt, welche durch Zinnoxyd
undurchsichtig gemacht worden ist. Nach einer lteren Vorschrift stellt
man das Email auf folgende Weise dar: Man oxydirt eine Legirung aus 15-18
Th. Zinn und 100 Th. Blei durch Erhitzen bei Zutritt der Luft,
pulverisirt das Oxyd und schlmmt es hierauf. Das so erhaltene Gemenge
von Zinnoxyd und Bleioxyd (Bleistannat) wird nun mit einer Glasmasse
gefrittet. Eine emailhnliche Beschaffenheit wird dem Glase auch durch
arsenige Sure, Chlorsilber, Calciumphosphat, Kryolith, Flussspath,
Natrium-Aluminat und geflltes Bariumsulfat ertheilt.

  Das bekannte =Beinglas=, ein milchweisses, schwach durchscheinendes
  Glas, enthlt Calciumphosphat in Gestalt weissgebrannter Knochen,
  Bakerguano, Sombrerit oder Phosphorit. Man benutzt es zu
  Lampenschirmen, Thermometerscalen etc. Man erhlt es durch Versetzen
  von weissem Hohlglase mit 10-20 Proc. weissgebrannter Knochen (oder
  entsprechenden Mengen obengenannter Mineralphosphate). Das Glas ist
  nach dem Schmelzen vollkommen klar und durchsichtig, erhlt aber die
  durchscheinende Beschaffenheit und milchweisse Farbe in dem Maasse, als
  es bei dem Verarbeiten mit der Pfeife angewrmt wird. Die milchweisse
  Farbe tritt um so mehr hervor, je fter die Anwrmung geschieht. Es
  lassen sich auf diese Weise die Glser von einer durchscheinenden
  Opalfarbe bis zum gesttigten Milchweiss frben. Beinglas ist dadurch
  charakterisirt, dass es das knstliche Licht mit rother Farbe
  durchlsst. Ein dem Beinglas hnliches, aber undurchsichtiges Glas und
  von weit edlerem Schimmer ist das =Alabaster-= oder =Opalglas= oder,
  weil es dem Reiskorn in seinem optischen Verhalten hnlich ist, =Reis-=
  oder =Reissteinglas=. Es zeigt nicht den rthlichen Schein des mit
  Calciumphosphat bereiteten Glases. Das Alabasterglas ist keine
  eigenthmliche Glasmischung, sondern nur eine eigenthmliche Vorstufe
  des in der Bildung begriffenen Glases, ein sehr kieselerdereiches,
  unvollkommen geschmolzenes Glas, dessen Trbung von unaufgelsten
  Theilen herrhrt. Man wendet bei der Darstellung des Alabasterglases
  denselben Satz wie zu Krystallglas an; so wie der Satz geschmolzen ist,
  wird das Glas ausgeschpft und abgeschreckt. Ist dann eine neue Portion
  eingeschmolzen, so wird das kalte abgeschreckte Glas darauf gegeben,
  dadurch die Masse abgekhlt und das niedergeschmolzene Glas bei
  mglichst geringer Hitze verarbeitet. Die unaufgelsten Theilchen der
  Glasmasse, welche die Trbung bewirken, drfen nur mikroskopisch und
  weder deutlich unterscheidbare Krner noch Blschen sein. Darin liegt
  nun die grosse Schwierigkeit bei der Bereitung des Alabasterglases,
  weil eben jene Unreinigkeiten eigentlich erst mit der vlligen
  Durchschmelzung und Luterung der Masse verschwinden. Man sieht aus dem
  Vorstehenden, dass thatschlich zwischen Alabasterglas und
  Raumur'schem Porcellan kein Unterschied existirt.

  Das =Kryolithglas= (Heissgussporcellan, _hot-cast-porcelain_), ein in
  neuerer Zeit von Pittsburg eingefhrtes milchweisses Glas, wird nach
  =Williams= durch Schmelzen eines Satzes von

                        67,19 Proc. Kieselerde,
                        23,84   "   Kryolith und
                         8,97   "   Zinkoxyd

  erhalten. Der Kryolith lsst sich nach =Cheyney= durch Flussspath
  (selbstverstndlich wohl unter vollstndiger Abnderung des Satzes)
  ersetzen, eben so auch durch =Natrium-Aluminat=. =Benrath= (1869) fand
  in solchem Milchglas

                        Kieselerde   70,01 Proc.
                        Thonerde     10,78   "
                        Natron       19,21   "
                                    ------------
                                    100,00 Proc.

  Ein solches Glas steht dem franzsischen Frittenporcellan ziemlich
  nahe.

  =Achatglas= erhlt man, indem man verschieden gefrbte Glasstcke mit
  einander bis zum Zhflssigwerden erhitzt, dann umrhrt und die Masse
  sofort verarbeitet. Das =Eisglas= (_verre craquel_), eine schne
  gegenwrtig beliebte Glasverzierung, zeigt auf der Oberflche eine
  durch natrliche Sprnge hervorgebrachte Zerklftung. Diese Sprnge
  werden durch Eintauchen des fertigen, noch glhendheissen
  Glasgegenstandes in kaltes Wasser erzeugt, durch Anwrmen unschdlich
  gemacht und durch Aufblasen des Gegenstandes geffnet, so dass das
  Ganze das Ansehen einer im Aufthauen begriffenen Eismasse, oder einer
  zerklfteten ausgewitterten Felsoberflche hat. Zuweilen werden die
  zwischen den Klften stehen gebliebenen Erhhungen noch etwas rauh
  geschliffen.

[Sidenote: Hmatinon.]

  Bei den Alten bezeichnete man mit dem Namen =Hmatinon= eine zu
  Prunkgefssen, Mosaiken etc. angewendete Glasmasse, welche unter anderm
  von =Plinius= erwhnt und ziemlich hufig in den pompejanischen
  Nachgrabungen gefunden wird. Dieses Glas ist durch eine schne rothe
  Farbe, welche zwischen der des Zinnober und der Mennige liegt,
  charakterisirt. Es ist undurchsichtig, hrter als das gewhnliche Glas,
  besitzt grosse Politurfhigkeit, muschligen Bruch und hat ein spec.
  Gewicht von 3,5. Durch Umschmelzen geht die rothe Farbe verloren und
  kann durch keinen Zusatz wiederhergestellt werden. Das Hmatinon
  enthlt kein Zinn und ausser Kupferoxydul keine frbende Substanz. v.
  =Pettenkofer= stellte das Hmatinon dar durch Zusammenschmelzen von
  Kieselerde, Kalk, gebrannter Magnesia, Bleigltte, Soda,
  Kupferhammerschlag und Eisenhammerschlag. Als ein Theil der Kieselerde
  in der Mischung durch Borsure ersetzt wurde, erhielt man eine Masse,
  welche nach dem Schleifen und Poliren Krystallisationen von grosser
  Schnheit in einem dunkelrothen, fast schwarzen Grunde zeigte. Der
  blulich dichroitische Schimmer auf dunklem Grunde ist mit dem
  Schimmern von Sternen auf nchtlichem Hintergrund zu vergleichen,
  weshalb =v. Pettenkofer= dieser boraxhaltigen Masse den Namen
  =Astralit= gab. Gegenwrtig ist man, wie behauptet wird, in der
  Herstellung des Hmatinon so weit gekommen, dass man diesen Stoff in
  beliebigen Quantitten mit Sicherheit erzeugen und daraus unter
  Beobachtung der nthigen Vorsichtsmaassregeln Platten jeder Art giessen
  und Gegenstnde aller Art mittelst der Pfeife blasen kann. Die Masse
  lsst sich leicht formen, schneiden und schleifen und zeichnet sich
  durch Festigkeit und Hrte aus.

[Sidenote: Aventuringlas.]

  Das =Aventurin=- oder =Aventuringlas=, dem Hmatinon sehr nahe stehend,
  wurde ehedem nur auf der Insel Murano bei Venedig, gegenwrtig aber in
  mehreren Glasfabriken Deutschland's, Italien's, Oesterreich's und
  Frankreich's dargestellt und zu Kunst- und Schmucksachen verarbeitet.
  Es ist eine brunliche Glasmasse, in welcher krystallinische Flittern
  von metallischem Kupfer (nach =Whler=, von Kupferoxydul nach =v.
  Pettenkofer=) fein vertheilt sind, welche ihr ein eigenthmliches
  schillerndes Ansehen geben. Das Aventuringlas ist ziemlich leicht
  schmelzbar. Es bilden sich zuweilen Kupferschlacken, welche durch
  ausgeschiedenes metallisches Kupfer viel Aehnlichkeit mit dem
  Aventuringlas haben. =Frmy= und =Clemandot= stellten ein
  aventurinhnliches Glas, welches reichlich Krystalle von metallischem
  Kupfer enthielt, dadurch dar, dass sie ein Gemisch von 300 Th.
  gestossenen Glases, 40 Th. Kupferoxydul und 80 Th. Hammerschlag zwlf
  Stunden lang schmolzen und die Masse einer langsamen Abkhlung
  unterwarfen. Die bayerischen und bhmischen Glashtten liefern
  heutzutage das Aventuringlas so schn als frher die Fabriken in
  Murano. =v. Pettenkofer= hat Aventuringlas direkt aus Hmatinon
  dargestellt, dadurch, dass er der schmelzenden Hmatinonmasse so viel
  Eisenfeile zumischte, dass etwa die Hlfte des darin enthaltenen
  Kupfers reducirt wurde, welches sich nach lngerem Schmelzen am Boden
  des Tiegels zu einem Regulus ansammelt. Frischgeschmolzen ist das Glas
  tief grnschwarz, beim langsamen Abkhlen geht es in wirkliches
  Aventuringlas ber. =v. Pettenkofer= glaubt, und wie es scheint, mit
  vollkommenem Recht, dass das Aventuringlas ein Gemisch sei von grnem
  Eisenoxydulglas mit rothen Kupferoxydulsilicatkrystallen; durch die
  complementre Aufhebung beider Nancen entsteht der unbestimmte braune
  Ton des Aventuringlases. Das Eisenoxydul ist deshalb zur Darstellung
  des Aventuringlases ebenso unentbehrlich und wesentlich, wie das
  Kupferoxydul, denn das Aussehen des Aventuringlases ist so zu sagen die
  diagonale Wirkung der optischen Krfte beider. Man wird deshalb stets
  Aventurin erhalten, wenn man in einer nicht zu strengflssigen
  Glasmasse ein Gemenge von gleichen Theilen Eisenoxydul und Kupferoxydul
  auflst und nach erfolgter Auflsung die Glasmasse unter Umstnden
  abkhlen lsst, welche der Entstehung von Krystallen gnstig sind. Das
  Kupferoxydul wird sich beim langsamen Abkhlen als eine krystallinische
  rothe Verbindung ausscheiden, das Eisenoxydul wird im Glase mit grner
  Farbe aufgelst bleiben. Wie =Pelouze= gefunden hat, lsst sich durch
  reichlichen Zusatz von Kaliumchromat zum Glassatz in Folge von
  Abscheidung von Flittern von Chromoxyd =Chrom-Aventurin= darstellen,
  ein Glassatz, der indessen von =A. Wchter= im Jahre 1849 schon zu
  Porcellanglasur in Vorschlag gebracht worden war.

[Sidenote: Glasincrustationen.]

  Die =Glasincrustationen= entstehen, wenn Reliefgegenstnde aus
  schwachgebranntem, unglasirtem weissen Thon oder aus Specksteinmasse
  zwischen glhend auf einander gelegte Bleiglasschichten eingeschlossen
  werden. Dadurch erhlt der Reliefgegenstand das Ansehen, als wenn er
  von mattem Silber wre. Dieser silberartige Glanz rhrt von einer
  geringen Menge Luft her, welche sich zwischen der Thonflche und dem
  Glas befindet. Die Kunst des Incrustirens wurde vor etwa 80 Jahren von
  einem bhmischen Glasfabrikanten erfunden und zwar zufllig durch
  Beobachtung des silberartigen Glanzes eines Thautropfens auf einem
  filzigen Pflanzenblatte. Es gelang ihm, denselben Effect auch im Glas
  hervorzubringen. Hat der Glasberzug eine passende gelbe Farbe, so
  erhlt der Reliefgegenstand das Ansehen von mattem Golde.

[Sidenote: Filigranglas.]

  Mit dem Namen =Faden=- oder =Petinetglas= (Filigranglas) bezeichnet man
  jene Glasarbeiten, deren Krper neben einander hinlaufende oder
  scheinbar gewebeartig sich kreuzende, undurchsichtige weisse oder
  farbige Fden zeigen. Die Herstellung dieser Glasart beruht im
  Wesentlichen auf dem Umstande, dass ein kurzer dicker Glasstab ohne
  Vernderung seiner runden oder eckigen Form im rothglhenden Zustande
  bis zur Dicke eines Haares und noch feiner ausgezogen werden kann. Bei
  der Fabrikation von Petinetglas taucht man Stbe von undurchsichtigem
  oder farbigem Glase in undurchsichtiges Glas und zieht dieselben so
  dnn, als man sie zu der jedesmaligen Verwendung haben will. Man
  verbindet auch wol mehrere Stbe mit einander und zieht dieselben zu
  einem Faden aus, in welchem mehrere Fden neben einander herlaufen.
  Dreht man diesen Faden hnlich einem Strick, so laufen die darin
  enthaltenen Streifchen in Schraubenwindungen sich scheinbar kreuzend
  neben einander her, ganz mit dem Ansehen eines lockern Gewebes
  (Petinet). Verbindet man eine Anzahl solcher Stbe zu einem hohen
  Cylinder, so hat man ein Gefss, welches vor der Vollendung noch im
  Ganzen gedreht werden kann, so dass die einzelnen Fden abermals
  Spiralen um den Umfang des Gefsses bilden. Nimmt man zwei solche
  Rhren, welche in entgegengesetzter Richtung gedreht sind und in der
  Grsse, dass sie in einander geschoben werden knnen, erhitzt dieselben
  und bildet daraus ein Gefss, so nimmt dasselbe das Ansehen eines
  zarten regelmssigen Gewebes an; da sich aber die Stbchen nur an den
  erhabenen Punkten berhren, an den tiefer liegenden Stellen aber etwas
  Luft eingeschlossen wird, die sich durch die Erhitzung gleichmssig
  ausdehnt, so entstehen an den Berhrungspunkten runde Luftblschen,
  welche wesentlich zur Verschnerung des Effectes des Ganzen beitragen.
  Die Luftblasen machen das Wesen des =reticulirten Glases= aus, welches
  aus kleinen Luftblschen gebildete netzfrmige Gewebe eingeschlossen
  enthlt.

[Sidenote: Millefioriarbeiten.]

  Das =Millefiori= stellt die bekannten mosaikartigen Glasarbeiten
  (Briefbeschwerer, Messerschalen, Stockknpfe u. s. w.) dar, bei denen
  die mannigfaltigsten farbigen Muster in eine Umhllung von Krystallglas
  eingeschlossen sind. Die Herstellung des Millefioriglases beruht ebenso
  wie die des Petinetglases auf dem Umstande, dass ein Glasstab ohne
  Vernderung seiner runden oder eckigen Form im zhflssigen Zustande
  bis zur Dicke eines Haares und noch feiner ausgezogen werden kann.
  Rollt man z. B. einen Glasstab von rother Farbe und taucht denselben
  sodann nacheinander in weisses, blaues und grnes Glas, so wird der
  Stab auf dem Querdurchschnitte einen rothen Kern mit einem weissen,
  blauen und grnen Ringe umgeben zeigen. Wird dieser runde Stab im
  erhitzten Zustande an den Seiten mit einem eisernen Instrumente
  regelmssig eingedrckt, so wird er im Querschnitt einen Stern bilden,
  der eine rothe Scheibe mit farbigen Zickzacklinien umgeben enthlt. Die
  Herstellung der Millefioriverzierungen geschieht auf folgende Weise:
  Man fertigt zuerst sogenannte =Elemente=, nmlich einfache Anordnungen
  von verschieden gefrbten und geformten Glasstben, die dann beliebig
  combinirt werden knnen. Zu diesem Behufe nimmt man beispielsweise
  einen kurzen und dicken Glasstab aus rothem Glase und umgiebt ihn mit
  sechs Fden von blauem Glase und formt diese mit Hlfe einer Zange so,
  dass ihre Querschnitte Dreiecke zeigen. Die Zwischenrume zwischen
  diesen Fden fllt man mit Zinnoxyd versetztem und daher
  undurchsichtigem weissen Glase aus, welches die Grundmasse bildet. Das
  Ganze ist nun mit Hlfe dieser Grundmasse zu einem Stab vereinigt, der
  alle einzelnen Theile, aber in grossem Maassstabe enthlt. Wird nun das
  Stck bis zum Erweichen erwrmt und in die Lnge gezogen, bis er nur
  noch 1,25-2 Centimeter dick ist, so werden sich alle Theile des
  Elementes entsprechend verkleinern, ohne jedoch ihre gegenseitige Lage
  zu verndern. Der Querschnitt wird daher die ursprngliche Zeichnung
  mit grosser Regelmssigkeit und Schrfe zeigen. Dreht man die Elemente
  whrend des Ausziehens, so bilden sich Spiralen, welche wieder vielfach
  abgendert werden knnen u. s. f. Das Element wird mittelst Meissel und
  Hammer in kurze Endchen getheilt. Bei den einfachen Millefioriarbeiten
  werden auf einer stark erhitzten Krystallglasplatte von dem Element
  kurze Theilchen (Scheibchen von 1-2 Centimeter Dicke) zu einem
  grsseren Muster zusammengelegt, das durch eine darber gelegte heisse
  Krystallglasplatte eingeschlossen wird. Hohle Gefsse, Flaschen und
  dergleichen werden erst kleiner geblasen, als sie werden sollen, und
  nachdem die farbigen Scheiben zu Mustern aufgelegt sind, wieder in
  flssiges Glas getaucht und fertig geblasen, oder man bringt die Muster
  wirklich zwischen doppelte Gefsswnde. Eine der beliebtesten
  Millefioriarbeiten sind die bhmischen kugelfrmigen Schwersteine mit
  eingeschlossenen Blumen oder andern bunten Gegenstnden, die man auf
  folgende Weise herstellt: Nachdem die Elementenscheibchen in der
  gehrigen Ordnung zusammengelegt sind und dann ein an einer Eisenstange
  aufgenommener Glasklumpen in zhflssigem Zustande darauf gedrckt
  wurde, taucht der Arbeiter das Ganze wieder in die geschmolzene
  Glasmasse des Hafens, damit sich eine kugelfrmige Glasmasse darber
  bildet, welche nach dem Erstarren und Abkhlen, wenn es erforderlich
  erscheint, noch durch Schleifen in die erforderliche Form gebracht
  wird.

[Sidenote: Glasperlen.]

Man unterscheidet zwei Arten von =unchten Perlen= oder =Glasperlen=,
nmlich massive oder geschmolzene, und hohle oder geblasene. Die erstern
fhren auch den Namen =Venetianer Perlen=, weil sie frher vorzugsweise
in Venedig gefertigt wurden. Bei der Herstellung der kleinen Venetianer
Perlen bedient man sich der in den Glashtten auf der Insel Murano bei
Venedig verfertigten hohlen Glasstngelchen oder Glasrhrchen, die 1
Centimeter etwa dick sind und deren Hhlung ungefhr den dritten oder
vierten Theil ihrer Dicke weit ist. Diese Rhren bestehen theils aus
weissem und gefrbtem Beinglas und theils aus mit Zinnoxyd bereitetem
Emailglas, welches durch Zusatz frbender Metalloxyde mit allen mglichen
Farben versehen werden kann[92].

  [92] Der Export von =Glasperlen= aus Venedig reprsentirte im Jahre
       1868 7,755,000 Frcs.

[Sidenote: Massive Perlen.]

  Um aus diesen Rhren die Glasperlen zu machen, werden die Rhren in
  kleine Stckchen zerlegt. Die abgeschnittenen Stckchen werden gesiebt.
  Nun sind die Stckchen aber noch nicht kugelfrmig, sondern vielmehr
  kleine scharfkantige Cylinder, die noch abgerundet werden mssen, weil
  sie sonst den Faden durchschneiden wrden. Zu diesem Zwecke wirft man
  die Glasstckchen in ein Gefss, in welchem sich Kohlenpulver befindet
  und rhrt sie darin um, damit ihre Hhlung mit Kohlenpulver sich
  anflle und dadurch das Zuschmelzen in der Folge verhindert werde.
  Darauf bringt man sie in fast bis zum Glhen erhitzte weite eiserne
  Gefsse mit flachem Boden und rhrt sie mit einem eisernen Spatel
  unablssig um. Die scharfen Kanten der Stckchen erweitern und runden
  sich durch des bestndige Umrhren ab. Sobald dies geschehen ist, lsst
  man sie abkhlen, wscht sie in reinem Wasser unter starkem Umrhren
  und trocknet sie. Auf andern Htten werden die Glasstckchen in einem
  ber dem Feuer befindlichen kaffeetrommelhnlichen Apparat abgerundet.
  Zuletzt werden die fertigen Perlen in Schnre gefasst. Im bayerischen
  Fichtelgebirge stellte man =gewickelte= Perlen dar, indem der Arbeiter
  mit einem langen eisernen Stabe, der in eine konische Spitze ausluft
  und dessen Spitze mit Thonschlicker berzogen ist, in geschmolzenes
  Glas taucht. Hat er davon die erforderliche Menge aufgenommen, so dreht
  er den Stab so lange, bis die aufgenommene Glasmasse eine rundliche
  Gestalt angenommen, die nach dem Erstarren von dem Glase abgestossen
  wird und nun eine Perle bildet.

[Sidenote: Hohle Perlen.]

  Ganz verschieden von den Venetianer Perlen sind die =hohlen oder
  geblasenen Perlen=, welche den chten Perlen in Gestalt, Glanz, Farbe
  und Gltte sehr nahe kommen und um das Jahr 1656 von einem
  franzsischen Paternostermacher =Jaquin= erfunden wurden. =Jaquin=
  bemerkte, dass, als Weissfische (_Cyprinus alburnus_, _ablettes_), mit
  Wasser gewaschen wurden, aus dem Wasser sich beim ruhigen Stehen ein
  Bodensatz, aus den Bauchschuppen bestehend, abschied, welcher den
  schnsten Perlenglanz besass. Diese Beobachtung war die Veranlassung
  zur Fabrikation der knstlichen Perlen. =Jaquin= schuppte die Fische ab
  und nannte die Mischung der Schuppen mit Wasser =orientalische
  Perlenessenz=[93] (_Essence d'orient_). Anfnglich berzog er damit
  kleine Kugeln aus Gyps oder aus einem andern erhrteten Teige. Weil
  aber dieser Ueberzug beim Erwrmen oder Feuchtwerden sich von den
  Kgelchen absonderte, so kam er bald darauf, feine Glaskugeln nach Art
  der Spiegel inwendig mit der Perlenessenz zu berziehen. So fertigt man
  noch heute die unchten Perlen.

  [93] Die perlglnzende Substanz soll identisch sein mit _Guanin_.

  Die Gestalt der Perlen ist bald kugelrund, bald olivenfrmig, bald
  mandelfrmig, bald endlich kreisrund oder platt. Die Perlen werden aus
  Glasrhren von verschiedener Dicke geblasen. Das Ausbrechen der
  Oeffnungen bei den feinen Sorten geschieht wechselsweise mit den Rhren
  selbst, deren eine immer zu diesem Ende an die bereits geformte Perle
  angeschmolzen wird. Die meisten Perlen werden rund gemacht; die
  sogenannten =Kropfperlen= aber erhalten die Auswchse dadurch, dass der
  Arbeiter mit dem an dem einen Ende rothglhenden Glasrohre die Perle
  schnell berhrt und so das Hervorragende auswrts zieht oder einzelne
  Stellen der Glaskgelchen an die Flamme hlt und schwach in die Rhre
  blst, wodurch kleine Erhhungen entstehen. Sind die Perlen so weit
  fertig, so wird ihre innere Flche mit Perlenessenz berzogen. Es
  gehren mehr als 4000 Fische dazu, um ein Pfund Schuppen zu erhalten
  und diese geben noch nicht ganz 120 Grm. der Perlenessenz, so dass
  mithin 18-20,000 Fische zu einem Pfunde dieser Essenz erforderlich
  sind. Man schuppt blos die weissen silberglnzenden Schuppen von den
  Fischen ab, weicht sie einige Stunden in frisches Wasser ein, um den an
  den Schuppen sitzenden Schleim abzusondern, bringt dann die Schuppen in
  einen Mrser mit Wasser und reibt sie eine Viertelstunde lang durch;
  darauf presst man die Flssigkeit durch ein leinenes Tuch und lsst sie
  ruhig stehen. Die Perlenessenz scheidet sich am Boden der Glser aus;
  sie wird nochmals mit Wasser ausgewaschen und darauf mit etwas Ammoniak
  und Hausenblasenlsung gemischt, aufbewahrt. Durch den Zusatz des
  Ammoniaks soll das Verderben der Flssigkeit verhtet werden.

  Um die Perlen auf ihrer Innenseite mit dieser Essenz zu berziehen,
  saugt man mit einer zu einer feinen Spitze ausgezogenen Glasrhre etwas
  Essenz auf, bringt die Spitze in die Oeffnung einer Perle und blst
  etwas Flssigkeit in dieselbe; man bewegt sie dabei nach allen Seiten,
  damit sie die Perle berall berziehe, dann mischt man sie in einem mit
  Pergament berzogenen Siebboden und schttelt sie bestndig, bis sie
  trocken sind. Nun kommen die Perlen in den Trockenraum. Um sie
  dauerhafter und schwerer und die Perlenmasse an der inneren Seite
  haltbarer zu machen, fllt man sie noch mit Wachs aus. Die mit Wachs
  angefllten Perlen werden durchbohrt und zum Verkaufe auf Fden
  gezogen. In die rothen Perlen, welche die Korallen nachahmen sollen, in
  die gelben u. s. w. werden mit arabischem Gummi angemachte Farben, in
  die metallisch glnzenden =Marcasit=- oder =Spiegelperlen= wird eine
  leichtflssige Legirung eingeblasen.

[Sidenote: Hyalographie.]

  Die Kunst in Glas zu tzen ist im Jahre 1670 von dem Nrnberger
  Knstler =Heinrich Schwankhardt= (oder Schwanhard) erfunden worden. Sie
  wird auf folgende Weise ausgefhrt: Uebergiesst man Flussspathpulver
  mit concentrirter Schwefelsure, so entwickelt sich beim Erwrmen
  Fluorwasserstoffsure FlH, welche, wenn sie mit Glas zusammenkommt,
  sich mit der Kieselerde des Glases umsetzt zu Fluorsilicium SiFl_{2},
  welches zum grssten Theile entweicht, und zu Wasser. Auf den
  angegriffenen Stellen bleiben die brigen Bestandtheile des Glases als
  ein lockeres Pulver zurck, welches mit Leichtigkeit hinweggenommen
  werden kann. Die erste Idee, auf Glasplatten =zum Abdrucken= sich
  eignende Zeichnungen einzutzen, rhrt von =Hann= zu Warschau (1829)
  her. In neuerer Zeit (1844) ist der =Glasdruck= oder die =Hyalographie=
  von =Bttger= und =Bromeis= wieder angeregt und in der k. k.
  Staatsdruckerei in Wien durch deren frheren Vorstand von =Auer= weiter
  ausgebildet worden. Zu Aetzungen in Glas lsst sich der gewhnliche
  Aetzgrund fr Metalle nicht wol verwenden, da er durch die Flusssure
  von der Glasplatte abgelst wird. Nach der Methode =Piil='s besteht der
  zweckmssigste Radirgrund aus einer Auflsung eines geschmolzenen
  Gemenges von Asphalt und Wallrath in Terpentinl (Strichgrund) oder
  eines Gemenges von 1 Th. Asphalt mit 1 Th. Colophonium und so viel
  Terpentinl, bis die Masse ungefhr Syrupconsistenz erhlt (Deckgrund).
  Die zu tzende Glasplatte wird mit dem Aetzgrund berzogen, mit einem
  Wachsrande oder mit in Wachs getauchten Holzleisten umgeben, damit man
  die flssige Flusssure aufgiessen kann, welche man so lange einwirken
  lsst, bis die feinsten Striche die hinreichende Tiefe erlangt haben.
  Man entfernt hierauf die Flusssure, wscht die Glasplatte mit Wasser,
  trocknet sie sorgfltig, berzieht die hinreichend tief getzten
  Stellen mit Aetzgrund und lsst auf die noch tiefer zu tzenden frische
  Flusssure einwirken, wodurch bei regelrechter Wiederholung eine
  gengende Abstufung in der Tiefe der einzelnen Striche erzielt werden
  kann. Whrend =Bromeis= und =R. Bttger= angeben, dass bei der
  vollkommenen Gleichmssigkeit der Glasmasse ein Unterfressen weit
  weniger zu frchten sei, als bei Kupfer oder Stahl, machte man in Wien
  die Beobachtung, dass die Flusssure mehr als jedes andere Aetzmittel
  die Eigenschaft habe, sich zwischen der Platte und dem Aetzgrunde
  einzukeilen, in welcher Eigenschaft hauptschlich auch der Grund
  liege, dass die Hyalographie bis jetzt noch keine rechte praktische
  Anwendung gefunden habe. Die getzte Platte wird durch Erwrmen und
  Behandeln mit Terpentinl von dem Deckgrunde befreit. Zum Abdrucken
  eignet sich die lithographische Presse vorzugsweise. Damit die Platte
  unter der Presse nicht springe, kittet man sie auf eine grssere
  gusseiserne oder hlzerne Platte. Als Kitt wendet man fr grssere
  Platten ein Gemenge von frischgebranntem Gyps und Leim an, fr kleinere
  dagegen benutzt man mit Vortheil ein Gemisch von Pech und Bolus. Die
  Zeichnungen der Platten werden ausserordentlich rein und zart
  wiedergegeben, jedoch leiden sie an einer gewissen Hrte und Starrheit,
  was bei dem Glas schwer zu beseitigen sein mchte, whrend bei
  Anwendung von Kupfer und Stahl mit dem Grabstichel nachgeholfen werden
  kann. Scheint auch das Glas als Material fr Kunstleistungen nicht sehr
  geeignet, so wird es sich doch vortheilhaft fr die Herstellung von
  Landkarten, Banknoten u. s. w. verwenden lassen. Das =Glastzen= zu
  decorativen Zwecken wird gleichfalls mit Fluorwasserstoffsure
  ausgefhrt. Nach dem Verfahren von =Tessi du Motay= und =Marchal= in
  Metz erzeugt man die Sure am besten in einem Bade aus 250 Grm.
  Fluorwasserstoff-Fluorkalium, 1 Liter Wasser und 250 Grm. gewhnlicher
  Salzsure. Zum Matttzen und zum Mattschreiben auf Glas empfiehlt
  =Kessler= eine Lsung von Fluorammon, die in der That zum Etiquettiren
  von Flaschen, Cylindern, Rhren u. s. w. gute Dienste leistet. --


               Die Keramik oder die Thonwaarenfabrikation.

[Sidenote: Thon und dessen Verarbeitung.]

[Sidenote: Feldspath.]

[Sidenote: Thon.]

[Sidenote: Kaolin oder Porcellanerde.]

[Sidenote: Allgemeines ber Thonarten.]

Zu den wichtigsten Thonerdeverbindungen, die wir in der Natur vorfinden,
gehren die Feldspathe. Diese Mineralien bilden ein wichtiges Glied der
Gebirge und treten als wesentliche Gemengtheile der gneusartigen,
granitischen und porphyrartigen Gesteine auf. Aus Feldspath, Glimmer und
Quarz besteht berwiegend die Schicht des Urgebirges, welche unsern
Erdkrper umgiebt. Der Kaliumfeldspath (3Si / AlK)} O_{8} (mit
65,4 Kieselerde, 18 Thonerde und 16,6 Kali) fhrt den Namen =Orthoklas=;
ist das Kalium durch Natrium vertreten, so heisst der Feldspath =Albit=.
Viele Feldspathe enthalten Barium (nach =Alex. Mitscherlich= 0,4-2,25
Proc.). Wenn der Feldspath (oder manche Varietten von Amphibol und
Pyroxen) unter dem Einflusse von Wasser, Kohlensure und
Temperaturverhltnissen verwittert, so wird Kaliumsilicat frei, das
ausgewaschen und zum Theil von den Pflanzen aufgesogen wird und als die
Hauptquelle alles Kalis in den Aschen der Vegetabilien anzusehen ist, zum
Theil aber auch durch Kohlensure zersetzt wird, wodurch sich Kieselsure
ausscheidet, whrend Kaliumcarbonat gelst wird. In Folge dieser
Zersetzung ist dem Rckstand stets unverbundene (in Kali lsliche)
Kieselsure beigemengt, welche auch zuweilen zur Bildung von Opal,
Chalcedon und Hornstein Veranlassung gab[94]. Das zurckbleibende
Aluminiumsilicat bildet den sogenannten =Thon=, dessen wesentlichster
Bestandtheil eben Aluminiumsilicat ist. Der am Orte seiner Entstehung
lagernde Thon giebt, mit Wasser angerhrt, nur eine sehr wenig plastische
Masse; man nennt die Thonart =Kaolin= oder =Porcellanerde=, sie findet
sich hufig in Trmmern des Urgebirges, mit Quarz und auch mit Glimmer
und desgl. gemengt, was ihre Bildung aus dem Feldspath eines Granits,
eines Porphyrs u. s. w. anzeigt. Wenn diese Thonart durch
Ueberschwemmungen fortgerissen und wieder abgelagert wird, so bildet sich
der =Thon=, welcher mit Wasser die bekannte knetbare Masse bildet. Die
chemische Zusammensetzung der verschiedenen Kaoline und Thone ist eine
verschiedene, schon aus dem Grunde, weil sich darin ausser der
eigentlichen plastischen Substanz die vorhin erwhnten mechanischen
Beimengungen finden. Sobald aber diese Beimengungen theils durch
Schlmmen, theils durch ein kurzes Kochen mit Kalilauge (wodurch die
freie Kieselerde beseitigt wird) entfernt worden sind, findet man in den
meisten Fllen, dass die reine plastische Masse auf 1 Molek. Kieselerde,
1 Molek. Thonerde und 2 Molek. Wasser enthlt. Die Menge der freien
Kieselsure schwankt zwischen 1-14 Proc.

  [94] So finden sich z. B. in der Porcellanerde von Oberzell bei Passau
       Knollen von Opal und Halbopal; auch der sogenannte Knollenstein in
       dem zersetzten Porphyr der Umgegend von Halle drfte auf hnliche
       Weise entstanden sein.

  Die Verwitterung des Feldspathes lsst sich durch folgendes Schema
  verdeutlichen:

           1 Molek. Feldspath Si_{3}O_{8}KAl oder 3Si } O_{8}
                                                  AlK }

  giebt unter Mitwirkung von Wasser

                   1 Molek. Porcellanerde 2SiO_{4}HAl
               und 1   "    saures Kaliumsilicat,

  welches letztere sich zum Theil in der Weise zersetzt, dass Kieselerde
  ausgeschieden wird und eine lsliche Verbindung (von der
  Zusammensetzung des Wasserglases) zurckbleibt. Bekannte Fundorte, auf
  welchen die Porcellanerde bauwrdig angetroffen wird, sind 1) im
  Knigreiche Bayern, die Umgegend von Aschaffenburg (Spessart), ferner
  Stollberg, Diendorf, Oberedsdorf und einige andere Ortschaften im
  Regierungsbezirke Niederbayern; ausserdem bei einigen Orten
  Oberfrankens (Schwefelgosse, Brand, Niederlamitz, Gpfersgrn) und der
  Oberpfalz (Beratzhausen und Ehefeld bei Amberg). Die bei Wegscheid in
  Niederbayern sich findende und durch Verwitterung von Gneus (von
  Porcellanspath nach Fuchs) entstandene wird gewhnlich Passauer
  Porcellanerde genannt. Material der Porcellanfabrik zu Nymphenburg. 2)
  Im Knigreiche Preussen, Morl und Trotha bei Halle. Zersetzter Porphyr.
  Material der Berliner Porcellanfabrik. 3) Im Knigreiche Sachsen, Aue
  bei Schneeberg (gegenwrtig erschpft) und Seilitz bei Meissen. Erstere
  ist durch Verwitterung von Granit, letztere aus Porphyr entstanden. Die
  Seilitzer Erde wird auf der Meissner Porcellanfabrik verarbeitet. 4) In
  der ungarisch-sterreichischen Monarchie, Brenditz in Mhren, Zedlitz
  bei Karlsbad in Bhmen, Prinzdorf in Ungarn. 5) In Frankreich, St.
  Yrieux bei Limoges. Zerstrtes Gneusgebirge. 6) In England, St. Austle
  in Cornwall. Verwitterter Granit. Der _cornish stone_, der in den
  Thondistricten Englands eine grosse Rolle spielt, ist halb verwitterter
  Pegmatit, eine aus Orthoklas und Quarz gemengte Felsart. Er findet sich
  zu Tregoning-Hill bei Helstone und zeichnet sich durch einen Gehalt an
  kieselsaurem Kali aus, weshalb er auch zur Glasur verwendet werden
  kann. 7) In China.

  Es liegt in der Natur der Sache, dass je nach der Natur des
  Muttergesteins, durch dessen Verwitterung der Thon entstanden ist, der
  Thon mit fremden Substanzen verunreinigt sein muss. Von der Qualitt
  und Quantitt dieser fremden Krper, so wie von dem sehr verschiedenen
  Verhltnisse zwischen den Hauptbestandtheilen eines jeden Thones --
  Kieselsure und Thonerde -- rhren die grossen Verschiedenheiten in den
  Eigenschaften des Thones her. Die in den geringeren Thonarten sich
  findenden Verunreinigungen sind: Sand (theils in Form von wirklichem
  Quarzsandstein, als in Kali lsliche Kieselsure, theils auch Trmmer
  unzersetzter Mineralien), Barytverbindungen, Magnesium- und
  Calciumcarbonat, Eisenoxyd, Schwefelkies und organische Ueberreste. Der
  im jngeren Gebirge und besonders im aufgeschwmmten Lande vorkommende
  Thon ist weit hufiger als die Porcellanerde.

[Sidenote: Technisch wichtige Eigenschaften des Thones.]

[Sidenote: Farbe.]

  Fr die technische Verarbeitung des Thones wichtige Eigenschaften sind
  =Farbe=, =Plasticitt= (Bindevermgen) und =Feuerfestigkeit=
  (Strengflssigkeit). Im Naturzustande ist die Farbe des Thones eine
  weisse, gelbliche, bluliche oder graugrne. Reiner Thon ist weiss; die
  Farben rhren daher von Beimengungen her. Weisser Thon enthlt zuweilen
  geringe Mengen von Eisenoxydul und wird nach dem Brennen gelblich oder
  rthlich, farbiger dagegen, dessen Frbung von der Gegenwart
  organischer Substanzen herrhrt, brennt sich hufig durch
  Verflchtigung der Verunreinigungen weiss. Die brigen gefrbten Thone
  verndern beim Brennen ihre Farbe und werden rthlich oder
  rthlichgelb. Feinere Thonarbeiten knnen nur aus sich weiss brennendem
  Thone dargestellt werden.

[Sidenote: Plasticitt.]

[Sidenote: Schmelzbarkeit.]

  Der Thon saugt begierig Wasser ein und bildet damit eine zhe Masse,
  die knet- und formbar (bildsam oder plastisch) und zur Annahme feiner
  Eindrcke geeignet ist. Es ist klar, dass die Bildsamkeit eines Thones
  von der Menge des vorhandenen plastischen Thones abhngig ist und dass
  dieselbe abnehmen muss, wenn der Thon einen nicht bildsamen Gemengtheil
  enthlt. Die Plasticitt eines Thones wird am meisten beeintrchtigt
  durch Sand, weniger durch Kalk, am wenigsten durch Eisenoxyd. Thone,
  die im hohen Grade bildsam sind, nennt man =fett= und =lang= (weil sie
  im angemachten Zustande sich schlpfrig anfhlen und sich ziehen
  lassen, ohne sofort abzureissen); den Gegensatz bilden die =mageren=
  und =kurzen= Thone, die sich rauh anfhlen, leicht abreissen und nur
  wenig Bildsamkeit besitzen. Alle Thonarten =schwinden=, d. h. sie
  nehmen sowohl beim Trocknen, als auch beim Brennen ein geringeres
  Volumen ein, woher es geschieht, dass die Form der Gegenstnde entweder
  sich =verzieht= oder der Thon =reisst=. Ein und derselbe Thon schwindet
  um so mehr, je feuchter er gewesen und je lnger die Einwirkung der
  Hitze gewhrt hat. Die fetten Thone schwinden mehr als die mageren. Die
  Verkleinerung der Oberflche durch das Schwinden variirt von 14 bis zu
  31 Proc., die der Capacitt (des Inhaltes) von 20 bis 43 Proc. Durch
  das Brennen nimmt die Dicke und die Hrte eines Thones oft bis zu dem
  Grade zu, dass er am Stahl Funken giebt. Seine Eigenschaft, mit Wasser
  eine plastische Masse zu bilden, hat er gnzlich verloren. Reiner Thon
  (Aluminiumsilicat) ist fr sich nicht schmelzbar (feuerfest), durch
  Beimengungen wie Kalk, Eisenoxyd und andere Basen wird aber der Thon
  mehr oder weniger leicht schmelzbar. Nach den Untersuchungen von =E.
  Richters= (1868) wird die Feuerbestndigkeit eines Thones am meisten
  beeintrchtigt durch Magnesia, weniger durch Kalk, noch weniger durch
  Eisenoxyd, am wenigsten durch Kali. Schmelzbarer Thon kann
  begreiflicherweise nicht zur Fabrikation solcher Thonwaaren benutzt
  werden, welche sehr hart sein mssen wie das Porcellan oder wie
  feuerfeste Steine und Schmelztiegel beim Gebrauch einer hohen
  Temperatur ausgesetzt werden. Einige schwer schmelzbare und feuerfeste
  Thonarten sintern bei der hchsten Brennhitze zusammen, wodurch die
  Masse geflossen (aufgelst) erscheint und nicht mehr an der Zunge
  haftet. Bei der Fabrikation gewisser Thonwaaren ruft man die Neigung
  des Zusammensinterns durch geeigneten Zusatz eines Flussmittels hervor
  oder befrdert sie hierdurch.

[Sidenote: Eintheilung der Thonarten.]

  Die Thonarten, welche in der Keramik Anwendung finden, pflegt man
  einzutheilen in

          1) =feuerfeste= (Porcellanerde und plastischer Thon),
          2) =schmelzbare= (gemeiner Tpferthon, Walkererde),
          3) =kalkige= oder =aufbrausende= (Mergel, Lehm),
          4) =ockerige Thone= (Rthel, Bolus, Ocker).

  Neben der oben angefhrten Porcellanerde (Kaolin) ist der =feuerfeste
  Thon= (Porcellanthon, Kapselthon, Pfeifenthon, plastischer Thon) die
  wichtigste Thonart; er ist verschieden gefrbt, sehr zhe, im hohen
  Grade plastisch, brennt sich weiss und ist im Porcellanofenfeuer nicht
  schmelzbar. Gewhnlich kommt er in tertiren Ablagerungen vor, bald ist
  er von anderen Thonarten, bald von Quarzsandmassen, zuweilen von
  Braunkohlenlagern begleitet. Fr die Praxis ist es wichtig, zu wissen,
  dass oft Thone von demselben Lager und von derselben Grube bedeutende
  Verschiedenheiten in dem Grade der Feuerbestndigkeit darbieten, deren
  Ursache in neuerer Zeit insbesondere von =C. Bischof=, =Otto= sen. und
  =Th. Richters= vom experimentellen und von =A. Trrschmidt= vom
  praktischen Standpunkte aus zu ergrnden versucht wurde. Die Lager bei
  Klingenberg am Main (in Unterfranken), am Rhein (Coblenz, Cln,
  Lautersheim und Vallendar), Wiesloch in Baden, Bunzlau in Schlesien,
  Schwarzenfeld (bei Schwandorf), Amberg, Kemnath und Mitterteich in
  Bayern, Grossalmerode in der Provinz Hessen, zu Colditz und
  Hubertusburg in Sachsen, zu Einberg bei Coburg, in der Gegend von Namur
  in Belgien, bei Dreux in Frankreich, Devonshire und Stourbridge in
  England sind die bekanntesten. Nachstehende Analysen geben ein Bild von
  der Zusammensetzung einiger feuerfesten Thone:

                         1.       2.       3.       4.       5.
         Kieselerde    47,50    45,79    53,00    63,30    55,50
         Thonerde      34,37    28,10    27,00    23,30    27,75
         Kalk           0,50     2,00     1,25     0,73     0,67
         Magnesia       1,00      --       --       --      0,75
         Eisenoxyd      1,24     6,55     1,75     1,80     2,01
         Wasser         1,00    16,50      --     10,30    10,53

  1. Almerode in Kurhessen (Schmelztiegel); 2. Schildorf bei Passau
  (Graphittiegel); 3. Einberg bei Coburg (Porcellankapseln, feuerfeste
  Steine); 4. Stourbridge; 5. Newcastle (feuerfeste Steine).

[Sidenote: Tpferthon.]

  Der =gewhnliche Tpferthon= besitzt die meisten usseren Eigenschaften
  des plastischen Thones; viele Arten desselben fhlen sich weich an und
  bilden mit Wasser eine ziemliche zhe Masse, allein sie sind
  zerreiblicher und zertheilen sich weit leichter im Wasser. Hufig ist
  der Tpferthon stark gefrbt und behlt seine Farbe auch nach dem
  Brennen bei. Meist braust er schon mit Salzsure etwas auf und macht
  dann den Uebergang zu dem Mergel. In Folge seines Gehaltes an Kalk und
  Eisenoxyd ist er schmelzbar und schmilzt je nach der Quantitt dieser
  Beimengungen bei hherer oder niedrigerer Temperatur zu einer
  dunkelgefrbten, schlackenhnlichen Masse. Er findet sich vorzglich in
  den jngsten Gebilden der Erdrinde, oft ganz an der Oberflche,
  zuweilen indessen auch in mchtigen Ablagerungen in einigen tertiren
  und Fltzformationen. Zuweilen liegen in ihm fremde Krper, wie
  organische Reste, Eisenkies und Strahlkies, Gyps, Nieren von thonigem
  Sphrosiderit.

[Sidenote: Walkererde.]

  Die =Walkererde= ist eine weiche zerreibliche Masse und rhrt von der
  Verwitterung von Diorit und Dioritschiefer her. In Wasser zerfllt sie
  zu einem zarten Pulver und bildet einen nicht plastischen Brei. Auf
  ihrer Eigenschaft, sich in Wasser fein und schnell zu zertheilen und in
  diesem Zustande Fett zu absorbiren, beruht ihre Anwendung zum
  Fleckausmachen, zum Walken des Tuches etc. Sie findet sich bei Riegate
  in Surrey und bei Maidstone in Kent; sie kommt ferner vor zu Vaals bei
  Aachen, Rosswein in Sachsen, dann in Hessen (in der Nhe von Cassel),
  Bhmen, Schlesien, Mhren, Steiermark. Man verwendet sie auch in der
  Buntpapier- und Tapetenfabrikation, und auch als Zusatz zum Ultramarin.

[Sidenote: Mergel.]

  Der =Mergel= ist ein mechanisches Gemenge von Thon und Calciumcarbonat,
  welches mitunter auch Sand (Sandmergel) und andere zufllige
  Beimengungen enthlt. Derjenige, der berwiegenden Kalk enthlt, heisst
  =Kalkmergel=, der mit vorwaltendem Thongehalt, =Thonmergel=. In Wasser
  zerfllt er zu Pulver und bildet eine teigige, nicht zusammenhngende
  Masse. Mit Suren braust er stark auf, wobei sich oft mehr als die
  Hlfte seines Gewichtes lst. Er schmilzt leicht. Der Mergel ist
  besonders dem jngern Fltzgebirge eigen und findet sich in den
  Gebilden des bunten Sandsteins und Keupers, auch in der Lias- und
  Kreideformation. Einige Varietten des Mergels werden zu Tpferwaaren
  benutzt, die nicht stark gebrannt werden. Seine Hauptanwendung findet
  der Mergel in der Landwirthschaft als Dngemittel.

[Sidenote: Lehm.]

  Der =Lehm= (Leimen, Lss, Ziegelthon) macht den Uebergang vom Thon zum
  Sande. Er ist ein mit Quarzsand und mehr oder weniger Eisenocker,
  zuweilen auch mit Kalk gemengter Thon von gelber oder brunlicher
  Farbe, die nach dem Brennen in Roth bergeht. Er bildet mit Wasser eine
  wenig plastische Masse und ist nicht sehr feuerbestndig. Der Lehm ist
  die verbreitetste Formation des Thones und, indem er besonders in den
  jngsten Ablagerungen der Erdrinde nahe an der Oberflche vorkommt, von
  grossem Einfluss auf die Lockerheit des Bodens. Dem Lehm hnlich ist
  der =Letten=, der in vielen tertiren und Fltzformationen sich findet.
  Der in den Rheingegenden in grossen Massen angeschwemmte =Lss= ist
  eine Art feinen Lehms. -- Der Lehm findet Anwendung zu Backsteinen und
  Ziegeln, mit Hcksel vermengt zum Ausstacken der Fachwerke und zu den
  Lehmwnden, zu dem Pisbau, zum Vermauern der Steine bei Brandmauern,
  Schornsteinmauern, wobei er aber nicht wie der Kalkmrtel die Steine zu
  einem Ganzen verbindet, sondern nur die Fugen ausfllt.

  Die in Deutschland seltener in der Thonwaarenfabrikation Anwendung
  findenden Gemenge von Thon und Eisenocker oder Eisenoxydhydrat, wie
  =Rthel=, =Bolus= und =Ocker=, knnen bergangen werden.

[Sidenote: Zusammensetzung der Kaoline.]

Die Kaoline im reinen Zustande und nur durch Waschen von grberen Krpern
(Quarzkrnern und dergl.) befreit, sind Gemenge von Porcellanthon mit
Gesteinrckstand. Der Porcellanthon, d. i. der plastische Theil des
Kaolins, ist immer gleich zusammengesetzt. Die Zusammensetzung der
Kaoline ergiebt sich aus folgenden Analysen:

                                       Kieselerde
    Fundort       Gesteinrckstand  frei  an Thonerde  Thonerde  Wasser
                                            gebunden
  St. Yrieux             9,7        10,9     31,0        34,6     12,2
  Cornwallis            19,6         1,2     45,3        24,0      8,7
  Devonshire             4,3        10,1     34,0        36,8     12,7
  Passau                 4,5         9,7     36,7        37,0     12,8
  Aue                   18,0         1,7     34,2        34,1     11,0
  Morl bei Halle        43,8         4,4     21,6        22,5      7,5

[Sidenote: Eintheilung der Thonwaaren.]

=Eintheilung der Thonwaaren.= Nach der innern Beschaffenheit der
gebrannten Masse (des =Scherbens=), kann man die Thonwaaren am
naturgemssesten unterscheiden als =dichte= und =porse= Thonwaaren. Die
=dichten= sind so stark erhitzt worden, dass ihre Masse halbverglast
(aufgelst, geflossen) erscheint; sie sind im Bruche glasartig,
durchscheinend, undurchdringlich fr Wasser und geben am Stahle Funken.
Die porse Thonwaare ist in der Masse nicht verglast und daher locker;
ihr Bruch ist erdig, ihre Masse zerreiblich, lsst in nicht glasirtem
Zustande Wasser durch und klebt an der Zunge. Die gebrannte Masse, mag
sie dicht oder pors sein, bleibt entweder =rauh=, in welchem Falle die
Thonwaare =einfach= heisst, oder sie ist mit einer glasartigen Masse, mit
=Glasur=, berzogen und heisst dann =zusammengesetzt=.

  Die Thonwaaren lassen sich in folgender bersichtlicher Weise
  eintheilen:

  I. =Dichte Thonwaaren.= A. =Aechtes oder hartes Porcellan.= Masse
  gleichsam geflossen, nicht mit dem Messer ritzbar, feinkrnig,
  durchscheinend, klingend, weiss, gleichartig und strengflssig. Bruch
  mssig muschelig und feinkrnig. Spec. Gewicht 2,07-2,49. Die Masse
  besteht aus zwei Substanzen, nmlich aus einer unschmelzbaren, dem
  Kaolin, welche ihr die Eigenschaft ertheilt, den zur Porcellanerzeugung
  nthigen Hitzegrad zu ertragen, ohne zu erweichen, und einem zu Glas
  schmelzenden unbildsamen Zusatze, dem sogenannten Flusse, meist
  Feldspath mit oder ohne Zufgung von Gyps, Kreide und Quarz; die Glasur
  ist wesentlich dem zur Masse gesetzten Flusse gleich und besteht
  ebenfalls aus Feldspath, zuweilen mit etwas Gyps, aber =nie= mit Blei-
  oder Zinnoxyd. Es ist fr die Fabrikation des chten Porcellans
  charakteristisch, dass das Garbrennen der Masse, wobei diese
  durchscheinend und dicht wird, mit dem Aufbrennen in =einer= Operation
  geschieht.

  B. =Weiches Porcellan= oder =Frittenporcellan=. Masse leichtflssiger
  als das chte oder harte Porcellan; man unterscheidet:

  [Greek: a]) =franzsisches= oder =eigentliches Frittenporcellan=, eine
  glashnliche Masse (unvollstndig geschmolzenes
  Kalium-Aluminium-Silicat) ohne Zusatz von Thon dargestellt (daher mit
  Unrecht zu den Thonwaaren gerechnet), mit bleihaltiger, dem
  Krystallglas hnlicher Glasur;

  [Greek: b]) =englisches weiches Porcellan=, die Masse zusammengesetzt
  aus Kaolin, plastischem, sich weiss brennendem Thone (Pfeifenerde),
  Feuerstein und als Flussmittel Cornish stone (verwitterter Pegmatit),
  Gyps oder Knochenasche (wesentlich Calciumphosphat) in sehr
  verschiedenen Verhltnissen. Die Glasur besteht aus _Cornish stone_,
  Kreide, Feuersteinpulver, Borax, meistens mit, seltener ohne Zusatz von
  Bleioxyd. Da die Glasur weit leichtflssiger ist als die Masse, so muss
  letztere in dem ersteren lngeren Feuer bereits fast gargebrannt sein,
  ehe in einem zweiten, mssigeren und krzeren Feuer die Glasur
  aufgebrannt wird. Die Verschiedenheit der Glasur von dem Fluss der
  Masse bewirkt eine geringere Haltbarkeit der ersteren und hufige
  Rissigkeit derselben.

  C. =Statuenporcellan= oder =Biscuit= und zwar:

  [Greek: a]) chtes und unglasirtes Porcellan,

  [Greek: b]) parisches Porcellan oder Parian. Unglasirtes
  Statuenporcellan von einer dem englischen Porcellan hnlichen, aber
  strengflssigeren Masse,

  [Greek: g]) Carrara, zwischen Parian und Steinzeugmasse in der Mitte
  stehend, weniger durchscheinend als Parian und von etwas weisserer
  Farbe.

  D. =Steinzeug.= Masse dicht, klingend, feinkrnig, homogen, nur an den
  Kanten oder kaum durchscheinend, weiss oder gefrbt. Das feine weisse
  Steinzeug ist nur durch die mangelnde Durchscheinenheit usserlich von
  dem Porcellan unterschieden.

  [Greek: a]) Glasirtes porcellanartiges Steinzeug. Die Masse besteht aus
  plastischem, sich weiss brennendem, weniger feuerbestndigem Thon mit
  Zusatz von Kaolin und Feuerstein; als Flussmittel ein feldspathiges
  Mineral; die Glasur enthlt Borax und Bleioxyd und ist durchsichtig;

  [Greek: b]) weisses oder gefrbtes unglasirtes Steinzeug (hierher
  gehrt das =Wedgwood=). Aehnlich der vorigen Masse;

  [Greek: g]) gemeines Steinzeug mit Salzglasur. Der halbgeflossene
  Zustand der Masse ist nicht durch Zusatz von Flussmittel hervorgerufen,
  sondern nur durch strkere Einwirkung des Feuers auf die nicht
  vollstndig feuerfeste Thonmasse. Die Masse besteht aus plastischem
  Thon (Pfeifenthon), entweder fr sich oder mit einem Gemengtheile, der
  sich im Feuer wenig oder nicht zusammenzieht und die Schwindung des
  Thones vermindert, z. B. feinem Sande oder Scherben von gebranntem
  Steinzeug. Glasur ein Anflug von kieselsaurem Thonerde-Natron.

  II. =Porse Thonwaaren.= A. =Feine Fayence mit durchsichtiger Glasur.=
  Masse erdig, an der Zunge hngend, undurchsichtig, etwas klingend, mit
  durchsichtiger, bleiischer, auch Borax, Feldspath u. s. w. enthaltender
  Glasur.

  B. =Fayence mit undurchsichtiger Glasur= (auch zuweilen =Steingut=
  genannt). Masse aus sich gelblich brennendem Tpferthon oder Thonmergel
  bestehend, mit undurchsichtiger weisser oder gefrbter zinnhaltiger
  Glasur (Email). Hierher gehren die Majoliken und emaillirten Fayencen
  des Mittelalters, die Delfter Waare u. s. w.

  C. =Ordinre Tpferwaare.= Masse gewhnlicher Tpferthon oder
  Thonmergel und stets rthlich gefrbt, weich und pors. Meist bleiische
  und immer undurchsichtige Glasur. Je nach der Farbe der Glasur =weisse=
  oder =braune Tpferwaare=. Erstere bildet das gewhnliche Kochgeschirr,
  letztere das bunzlauer oder waldenburger Geschirr.

  D. =Ziegel=, =Terracotten=, =Backsteine=, =feuerfeste Steine= (Tiegel,
  Rhren, Bauornamente, Krge, Urnen des Alterthums u. s. w.). Masse
  erdig; meist mehr oder weniger ungleichartig; immer gefrbt (brennt
  sich nicht weiss), pors, leichtflssig, wenig klingend und
  undurchsichtig. Glasur findet nur ausnahmsweise Anwendung.


                          I. Hartes Porcellan.

[Sidenote: Mahlen und Mischen der Materialien.]

Das =harte= oder =chte Porcellan= ist zusammengesetzt aus einem Gemenge
von farbloser Porcellanerde mit Feldspath als wesentlichem Flussmittel,
welchem bisweilen Quarz, Kreide oder Gyps zugesetzt werden. Die
Porcellanerde, an und fr sich unschmelzbar, wrde im Feuer sich nur zu
einer erdigen undurchsichtigen Masse brennen, mit den Flussmitteln innig
gemischt, schmelzen letztere bei der hohen Temperatur des Glasofens,
umhllen die Kaolinmolekle und fllen die Poren aus. Nach =Ehrenberg='s
Beobachtungen unter dem Mikroskope lassen sich in dem Porcellan die
filzhnlich zusammengehuften Kaolinkgelchen in der geschmolzenen Masse
deutlich erkennen. Die =Materialien der Porcellanfabrikation= finden sich
nicht in der Natur in einem solchen Zustande, in welchem sie ohne weitere
Vorbereitung zur Herstellung der Masse verwendet werden knnten. Die
Porcellanerde, Feldspath und Quarz mssen vorher in unfhlbaren Staub
verwandelt werden. Nach dem Zerkleinern wird das Ganze gesiebt. Die
fernere Trennung der fremdartigen Bestandtheile geschieht durch das
=Schlmmen=, welches sich auf die Eigenschaft des plastischen Theiles der
Porcellanerde grndet, mit Wasser ein milchhnliches Liquidum zu bilden,
welches das Kaolin suspendirt enthlt. Je nach dem Grade der Feinheit
setzen sich diese Theilchen frher oder spter ab, whrend die grberen
Beimengungen sogleich sich absetzen, andere Unreinigkeiten organischer
Natur dagegen auf der Oberflche schwimmend bleiben.

  Aus diesen geschlmmten Materialien wird nun die Porcellanmasse
  zusammengesetzt. Reines Kaolin, obgleich von grosser Plasticitt, kann
  fr sich allein zur Herstellung des Porcellans keine Anwendung finden,
  da daraus hergestellte Gegenstnde beim Trocknen stark schwinden und
  Risse bekommen und im Feuer erweichen und sich setzen. Diese
  Uebelstnde fallen hinweg, wenn man das Kaolin mit feingeschlmmtem
  Quarzsand vermischt; dieser Zusatz vermindert jedoch die Plasticitt
  und erschwert das Formen der Masse. Ferner erhrtet eine nur aus Kaolin
  und Sand bestehende Masse im Feuer zu einer wohl festen, aber auch
  porsen Masse, die sich nur schwierig mit einer Glasur berziehen
  lsst. Giebt man aber dem Gemisch noch einen Zusatz von Feldspath, so
  bildet derselbe im Porcellanofen ein Glas, welches die porse Masse
  durchzieht und sie nicht nur undurchdringlich fr Flssigkeiten macht,
  sondern auch Adhsion der Glasur zur Masse vermittelt. Die in der
  Berliner Porcellanmanufactur angewendete Masse besteht nur aus Kaolin
  und Feldspath, ohne Zusatz eines sonstigen Flussmittels[95].

  [95] Das fertige Berliner Porcellan besteht nach =G. Kolbe= (1863) aus
       66,6 Th. Kieselerde, 28,0 Th. Thon, 3,4 Th. Kali, 0,70 Th.
       Eisenoxydul, 0,6 Th. Magnesia und 0,3 Th. Kalk.

  Zusammensetzung der Porcellanmasse nach den Materialien:

                                           Nymphenburg.
                       Kaolin von Passau        65
                       Sand daraus               4
                       Quarz                    21
                       Gyps                      5
                       Biscuitscherben           5

                                               Wien.
                       Kaolin von Zedlitz       34
                       Kaolin von Passau        25
                       Kaolin von Unghvar        6
                       Quarz                    14
                       Feldspath                 6
                       Scherben                  3

                                             Meissen.
                       Kaolin von Aue           18
                       Kaolin von Sosa          18
                       Kaolin von Seilitz       36
                       Feldspath                26
                       Scherben                  2

  Das Mischen der abgemessenen Substanzen im breiigen Zustande erfolgt in
  grossen Bottichen durch Umrhren; dies geschieht am innigsten und
  zweckmssigsten indem man die Schlempe durch eine Pumpe aus dem einen
  Bottich pumpt und durch ein Sieb in einen zweiten Bottich laufen lsst,
  aus welchem sie eine zweite Pumpe wieder in den ersten Bottich zurck
  befrdert.

[Sidenote: Trocknen der Masse.]

[Sidenote: Durch Verdunstung.]

[Sidenote: Durch Absorption.]

[Sidenote: Durch Luftdruck.]

[Sidenote: Durch Pressen.]

Nachdem aus den Setzbottichen das Wasser abgelassen worden ist und die
Masse sich als Schlamm (barbotine) abgeschieden hat, muss sie durch
Trocknen auf die gehrige Consistenz gebracht werden. Das Abtrocknen (das
Massekochen) durch =Verdunstung= kann geschehen, indem man die Masse in
weiten hlzernen Kasten einem starken Luftzuge aussetzt. Dies ist eine
sehr gewhnliche Methode, die Masse zu trocknen, da aber dieselbe nur
whrend des Sommers Anwendung finden kann und wohl selten eine Fabrik den
Sommer hindurch so viel zu liefern vermag, dass sie des Trocknens im
Winter berhoben wre, so sucht man das Abtrocknen =durch Wrme= zu
bewerkstelligen. Das gewhnlichste Mittel des Trocknens der Masse ist das
durch =Absorption=, wozu man sich als absorbirender Unterlage des
gebrannten Lehmes (der Ziegelmasse) oder des Gypses bedient. Das
Abtrocknen durch Gyps ist ziemlich kostspielig, weil die absorbirenden
Gypswnde nach einiger Zeit wieder getrocknet werden mssen und hufig
sogar einer Erneuerung bedrfen; ferner geht das Trocknen ziemlich
langsam vor sich, weil der Gyps, wenn er eine gewisse Menge Wasser
aufgenommen hat, an der Aussenseite erst wieder Wasser abgeben muss, um
auf der Innenseite wieder welches aufnehmen zu knnen. Das Abtrocknen der
Masse kann auch geschehen =durch Luftdruck=; man bringt zu diesem Zwecke
die zu trocknende Masse in einen aus porsen Platten zusammengesetzten
Kasten, unter welchem man einen luftverdnnten Raum erzeugt, entweder
durch Condensation von Wasserdmpfen oder durch Abfliessenlassen von
Wasser. Auf letzteres Princip grndet sich der Apparat von =Talabot=.
Neuerdings hat man das Trocknen der Masse durch Gyps hufig durch das von
=Grouvelle= und =Honor= eingefhrte Verfahren des Trocknens ersetzt. Zu
diesem Zwecke bringt man die von dem grssten Theile des Wassers bereits
befreite Masse in feste hanfene Scke und setzt sie in einer Schrauben-
oder Hebelpresse einem langsam wirkenden Drucke aus. Die gepresste Masse
hat im Allgemeinen grssere Plasticitt, als die durch knstliche Wrme
entwsserte Masse; die Pressmethode ist aber kostspielig, da die Scke
mrbe werden und bald erneuert werden mssen.

[Sidenote: Kneten und Faulen der getrockneten Masse.]

Mge man die Masse mit Hlfe von Gyps oder durch Anwendung von Pressen
getrocknet haben, in allen Fllen wird sie nicht gleichmssig getrocknet
sein; sie enthlt ferner stellenweise Lufttheile, die erst ausgetrieben
werden mssen. Die Gleichfrmigkeit der Masse erreicht man durch =Kneten=
und =Faulenlassen= (Rotten) der Masse, das Kneten geschieht durch Treten
mit den Fssen oder durch Schlagen. Die Plasticitt der Porcellanmasse
wird wesentlich befrdert, wenn man dieselbe an einem feuchten Orte
lngere Zeit sich selbst berlsst, wo dann eine Art Fulniss eintritt.

  Jauche und Moorwasser sind diejenigen Flssigkeiten, welche man zur
  Befrderung der Fulniss anwendet. =Brongniart= erklrt den gnstigen
  Einfluss der Fulniss auf die Masse durch die Annahme, dass sich durch
  die Fulniss Gase bilden, welche allen Theilen eine fortwhrende
  Bewegung ertheilen, die einer Mischung der Masse durch Kneten,
  Schneiden u. s. w. gleichkommt und sie vielleicht in ihrer Wirkung noch
  bertrifft, weil sie sich auch auf die feinsten Molekle ausdehnt und
  so zu sagen keines derselben an seiner Stelle duldet. Die Ursachen, aus
  welchen durch die Fulniss und das lange Liegenlassen der
  Porcellanmasse eine Verbesserung derselben eintritt, sind nicht
  bekannt, und man hat zur Erklrung des Vorganges bis jetzt nur
  Hypothesen aufgestellt. =Salvtat= stellt die folgende Hypothese auf:
  Bei der Fulniss der Porcellanmasse treten reichliche Mengen von
  Schwefelwasserstoffgas auf. Dieses Gas entsteht wahrscheinlich durch
  Reduction des schwefelsauren Kalkes zu Schwefelcalcium unter Mitwirkung
  der organischen Substanz und entweicht aus dem Schwefelcalcium, sowie
  dasselbe mit der Kohlensure der Luft in Berhrung tritt. Die
  eintretende schwarze Frbung der Masse und ihr Weisswerden an der Luft
  ist eine Folge der Bildung von schwarzem Schwefeleisen, welches an der
  Luft sich zu Eisenvitriol oxydirt, der mit den Waschwssern entfernt
  wird. Mglicherweise kann auch durch langes Aufbewahren der Masse unter
  Wasser die Zersetzung eines Theiles des feldspathhaltigen Elementes
  veranlasst werden. Nach =E. von Sommaruga= (in Wien) werden die aus den
  vorhandenen Sulfaten entstandenen Schwefelmetalle an der Luft in
  Schwefelwasserstoff und kohlensaures Salz umgesetzt, welches letztere
  zum Theil durch das aus der Masse abtropfende Wasser aufgenommen und
  entfernt wird, wodurch die Feuerfestigkeit der Masse zunimmt. Die
  hinreichend abgelagerte und wieder weiss gewordene Masse wird mit einem
  sichelhnlichen Werkzeuge oder auch mit Hlfe hlzerner Messer in feine
  Spne geschnitten, die von den Massearbeitern wieder zusammengeschlagen
  und zu Ballen geknetet werden.

[Sidenote: Das Formen.]

Die geknetete und der Fulniss unterworfen gewesene Porcellanmasse
gelangt nun in besondere Rume, in welchen dieselbe geformt wird. Das
Formen geschieht entweder: a) durch Drehen auf der Tpferscheibe, b) mit
Hlfe von Formen.

[Sidenote: Das Drehen auf der Tpferscheibe.]

  Die =Tpferscheibe= (Drehscheibe) besteht in ihrer einfachsten Form aus
  einer vertikalen eisernen Axe, einer oben darauf befestigten
  horizontalen hlzernen Scheibe, auf welcher die Masse gedreht wird, und
  einem unten angebrachten Schwungrade. Nachdem der Dreher die zu
  formende Masse auf die Scheibe gebracht hat, setzt er den Apparat in
  Bewegung und hlt die Hnde mit einem gelinden Drucke gegen die Masse.
  Hlt er die Daumen in den Mittelpunkt und drckt abwrts, so entsteht
  eine Hhlung, welche sich erweitert, wenn er die Daumen entfernt, und
  eine glockenhnliche Gestalt annimmt, sobald er die Daumen wieder
  nhert. Fasst der Dreher die Wnde des Gefsses zwischen Hand und
  Daumen, so kann er die Wand beliebig erhhen und verdnnen. Die Hnde
  werden durch Eintauchen in =Schlicker=, in Wasser fein zertheilte
  Porcellanmasse, schlpfrig erhalten. Die Masse wird entweder direct auf
  der Holzscheibe oder auf einer Unterlage von Gyps, die mittelst
  Schlicker auf der Scheibe befestigt ist, gedreht. Bei grossen Stcken
  wendet man zum Formen die Faust an, bei tieferen Stcken, um
  gewissermaassen die Finger zu verlngern, Stbchen, die mit Schwamm
  umwickelt sind. Nachdem die Form des Gefsses der wirklichen so nahe
  als mglich gekommen, vollendet der Dreher die Form mit Hlfe des
  =Steges=, einer Art Lehre aus Eisen, Schiefer oder Horn, deren Form
  sich nach der Art des herzustellenden Gegenstandes richtet; sie ist
  bald dreieckig, bald in Curven geschnitten. Hierauf schneidet er das
  geformte Stck mit Hlfe eines feinen Messingdrahtes von der Scheibe ab
  und bringt es vorsichtig auf ein Brett, um es hier bis zur ferneren
  Verarbeitung trocknen zu lassen.

[Sidenote: Das Formen mit Gypsformen.]

  Alle Gegenstnde von nicht kreisfrmigem Querschnitte, demnach ovaler
  oder complicirter Gestalt, werden in =Formen= bearbeitet, welche
  diejenigen Flchen vertieft enthalten, die auf dem herzustellenden
  Gegenstande erhaben sein sollen und umgekehrt. Das Formen geschieht
  entweder: a) durch Pressen und mit Anwendung von trockener Masse; b)
  mit weicher Masse von Teigconsistenz, oder c) durch Giessen mit
  flssiger Masse. Man beginnt mit der Anfertigung des =Modells= oder der
  =Patrone=; die massiven Stcke brauchen nur ein Modell, die hohlen
  Stcke fters zwei. Das =Material zum Modell= ist entweder Thon oder
  Wachs oder Gyps, oder endlich Metall. Nur wenige Substanzen sind
  geeignet, als =Material fr die Masseformen= verwendet zu werden. Die
  zu formende Porcellanmasse muss hinlnglich geschmeidig sein, um sich
  in alle Vertiefungen der Form drcken zu lassen, auf der andern Seite
  muss sie beim Entfernen aus der Form Steifigkeit genug haben, um sich
  nicht mehr zu verbiegen. Die Masse muss demnach in der Form
  consistenter geworden sein. Daraus folgt, dass zur Herstellung einer
  Form nur ein porses Material, welches Feuchtigkeit zu absorbiren
  vermag, Anwendung finden kann. Nur der Gyps und der gebrannte Thon
  besitzen Porositt in hinlnglichem Grade. Gewhnlich wendet man
  =Formen von Gyps= an. Man unterscheidet =Ballenformerei= und
  =Schwartenformerei=. Nach der ersten Art wird die Porcellanmasse in
  Stcken von der geeigneten Grsse, die von dem Ballen abgeschnitten
  werden, entweder mit den Fingern oder mit einem besonders zugerichteten
  Holze so in die Form eingepresst, dass das Stck eine gleichmssige
  Scherbenstrke erhlt. Zwischen die Finger und die Porcellanmasse muss
  ein feines leichtes Lppchen gelegt werden. Man legt dann, wenn die
  Form aus zwei Hlften besteht, die beiden Hlften auf einander und
  vereinigt durch Druck die beiden geformten Hlften. Teller, Tassen und
  hnliche Hohlgefsse formt man mit Hlfe von =Schwarten=, worunter man
  flache, dnne Bltter von Porcellanmasse versteht, welche man entweder
  durch Schlagen mit einem hlzernen, mit Schafleder berzogenen Hammer
  oder durch Auswalzen erzeugt. Am zweckmssigsten combinirt man beide
  Methoden, indem man einen kleinen Masseballen erst durch Schlagen
  abplattet und dann mit einem Wellholz ausrollt, wobei zwei Lineale,
  welche zu beiden Seiten der Schwarte zu liegen kommen, das Maass fr
  die Strke der Schwarte geben. Neuerdings fertigt man die Schwarten
  hufig mit Hlfe von Maschinen.

[Sidenote: Formen durch Giessen.]

[Sidenote: Das Nachbessern und Ansetzen.]

  Das Formen von Porcellangegenstnden =durch Giessen= aus dickem
  Massebrei beruht gleichfalls auf der Eigenschaft der Gypsformen, Wasser
  zu absorbiren und auf diese Weise die Porcellanmasse consistenter zu
  machen. Die zum Giessen bestimmte Porcellanmasse wird mit Wasser zu
  einer dicken Schlempe angerhrt, welche keine Luftblasen, keine Knoten
  und Massetheilchen enthalten darf. Sie wird in ein Reservoir gebracht,
  von wo aus sie in die Formen gegossen werden kann, welche auf der
  inwendigen Flche mit Hlfe eines Pinsels mit einer dnnen Schicht von
  Masse berzogen wurden. Man fllt nun die Form mit dem Massebrei an,
  wobei dafr zu sorgen ist, dass die Luft aus der Form entweichen kann.
  Nachdem nun durch Absorption von Wasser eine dnne Masseschicht
  entstanden ist, giesst man die flssige Masse ab und fllt neue Masse
  nach, was so oft wiederholt wird, bis die gewnschte Wanddicke erreicht
  ist. Nach vorstehender Methode stellt man =Porcellanrhren= und
  =Porcellanretorten= dar. Hierbei ist es hufig der Fall, dass die
  Schablone nicht beweglich, sondern befestigt ist, wodurch der zu
  formende Gegenstand einen weniger ungleichmssigen Druck erfhrt. Es
  kommt selten vor, dass der geformte Gegenstand ohne weiteres getrocknet
  und gebrannt werden knne; in den meisten Fllen ist noch ein
  =Abdrehen=, =Ausbessern=, Verzieren durch Guillochiren und endlich ein
  =Ansetzen= von besonders geformten Theilen, z. B. Henkeln, nothwendig.

[Sidenote: Fertigen von Porcellangegenstnden ohne Formen.]

  Gewisse Porcellanarbeiten werden aus freier Hand gefertigt, so die
  Sculpturarbeiten und die Anfertigung von Blumen, von welchen letzteren
  man die Bltter, Stengel, Kelche und Blumenkronen so wie alle brigen
  Theile mit Hlfe des Bossirgriffels bildet. Feine Bltter werden
  indessen auch hufig in grosser Anzahl auf einmal in Gypsformen
  gepresst. Die Unmglichkeit, freischwebende Theile wie Halme,
  Blumenstengel in Porcellanmasse auszufhren, welche sich beim Trocknen
  und Brennen verziehen oder umsinken wrden, beschrnkt einigermaassen
  die Auswahl unter den Blumen; man formt daher die Blumen meist ohne
  Stengel und macht diesen dann aus Draht. Die Bltter werden in der
  inneren Handflche geformt, deren Furchen die Aderung des Blattes
  ziemlich tuschend nachbilden. Eine andere Arbeit aus freier Hand ist
  die Verzierung von Figuren mit Spitzen, Stickereien u. s. w., welche
  man mit Hlfe von Tll und gehkeltem Zeug darstellt; man benetzt es
  mit Wasser, taucht es in Schlicker, legt es an die betreffende Stelle
  des Porcellangegenstandes auf und lsst es trocknen. Whrend des
  Brennens wird die organische Substanz, aus welcher der Tll oder das
  Zeug besteht, zerstrt und es bleibt das Porcellangewebe allein zurck.
  Aehnliche Verzierungen werden auch erhalten, indem ein Arbeiter mit
  einem zugespitzten Holze von der Gestalt eines Bleistiftes dicklich
  gehaltene Porcellanschlempe tupfweise an die passende Stelle bringt.

[Sidenote: Trocknen der Porcellanwaaren.]

Nachdem die Porcellanwaaren geformt und durch das Abdrehen u. s. w.
vollendet worden sind, werden sie an den Trockenort gebracht, wo =das
Trocknen= bei gewhnlicher Temperatur im Schatten vor sich geht. Da die
Molekle der Masse in dem Grade einander nher gerckt werden, als daraus
die Feuchtigkeit verschwindet, so findet ein Schwinden, d. h. ein
Abnehmen des Volumen statt, welches indessen die Proportionen
unangetastet lsst, wenn das Trocknen gleichmssig geschieht. Die zu
trocknenden Waaren bleiben auf Brettergestellen so lange sich selbst
berlassen, bis sie keine Feuchtigkeit mehr verlieren.

[Sidenote: Glasur und Glasiren.]

Nur eine geringe Anzahl von Porcellangegenstnden und dann meist nur
Statuen und Figuren, kommt =unglasirt=, als sogenanntes =Biscuit=, in den
Handel. Die meisten Porcellangegenstnde sind mit einem glnzenden
glashnlichen Ueberzuge, mit der =Glasur= berzogen.

  Alle Glasuren, welche in der Fabrikation von irdenen Waaren Anwendung
  finden, lassen sich unter folgende vier Abtheilungen bringen: 1)
  =Erdglasuren= sind durchsichtige Glser aus Kieselerde, Thonerde und
  Alkalien geschmolzen; sie sind hchst strengflssig und schmelzen in
  der Regel bei derselben Temperatur, bei welcher die Masse ihre Gare
  erlangt. Die Glasur des harten Porcellans ist eine solche Erdglasur. 2)
  =Bleihaltige Glasuren= sind bleihaltige durchsichtige Glser, welche
  auch zuweilen neben der Kieselsure Borsure enthalten; meist schmelzen
  sie bei einer Temperatur, welche niedriger ist, als diejenige, bei
  welcher die Masse sich gar brennt. Das gewhnliche Tpferzeug und die
  feine Fayence erhalten eine bleihaltige Glasur. 3) =Emailglasuren= sind
  theils weisse, theils gefrbte undurchsichtige Glasuren, meist Zinnoxyd
  neben Bleioxyd enthaltend; sie schmelzen leicht und dienen zum Maskiren
  der unangenehmen Farbe der darunter liegenden Masse. 4) =Lster= sind
  meist Erd- und Alkaliglasuren, die die Masse als usserst dnne
  Schicht, gleichsam als Hauch berziehen und nicht nur die darunter
  liegende Masse schtzen und undurchdringlich machen sollen (wie die
  Glasur des gewhnlichen Steinzeuges, mit Hlfe von Kochsalz und
  Wasserdmpfen hervorgebracht), sondern auch hufig (wenn sie
  Metalloxyde enthalten) nebenbei den irdenen Gegenstand zu decoriren
  bestimmt sind (Goldlster, Kupfer- und Bleilster).

[Sidenote: Porcellanglasur.]

Gegenwrtig handelt es sich nur um die =Porcellanglasur=. Man verlangt
von ihr, dass sie bei der Temperatur, bei welcher die Porcellanmasse nur
verglaset, schon schmilzt, dass sie ungefrbt und undurchsichtig sei; die
Glasur muss ferner glatt und glasglnzend sein, sich von der Masse nicht
lostrennen und nicht Risse bekommen, demnach fast genau denselben
Ausdehnungscofficienten besitzen wie die Masse selbst; sie muss endlich
hart und widerstandsfhig gegen Schnitt, Druck und Reibung sein. Die
Glasur ist eine Porcellanmasse mit reichlichem Zusatz von Flussmitteln,
so dass die Masse in dem Porcellanofen zum Schmelzen kommt.

In Meissen besteht die Glasur aus

                   Quarz                         37
                   Kaolin von Seilitz            37
                   Kalk von Pirna                17,5
                   Porcellanscherben              8,5
                                                -----
                                                100,0

In der Berliner Porcellanfabrik setzt man die Glasur zusammen aus

                    Kaolin von Morl (bei Halle)   31
                    Quarzsand                     43
                    Gyps                          14
                    Porcellanscherben             12
                                                 ---
                                                 100

[Sidenote: Auftragen der Glasur.]

[Sidenote: Durch Eintauchen.]

Das =Auftragen der Glasur= kann, wenn wir das Glasiren im =Allgemeinen=
betrachten, auf viererlei Weise geschehen, nmlich; 1) durch Eintauchen,
2) durch Bestuben, 3) durch Begiessen, 4) durch Verflchtigen. Man trgt
entweder die Glasur in Substanz mit allen Ingredienzien auf (durch
Eintauchen und Begiessen), oder man fhrt der Masse gewisse Bestandtheile
direct (durch Bestuben) oder durch Verflchtigen zu, welche mit der
Masse zu Glasur zusammentreten. Das =Glasiren durch Eintauchen= ist die
zum =Glasiren des Porcellans=, der feinen Fayence und zuweilen des
Tpferzeuges angewendete Methode; sie erfordert denjenigen Grad von
Porositt der Masse, um Flssigkeiten begierig zu absorbiren; zugleich
muss die Masse so viel Zusammenhang besitzen, dass sie vom Wasser nicht
mehr aufgeweicht wird. Um daher die geformten und getrockneten
Porcellangegenstnde in den Zustand zu versetzen, in welchem sie mit
Wasser zusammengebracht, nicht mehr ihre Form verlieren, mssen sie
vorher gebrannt werden. Das chte Porcellan wird deshalb vor dem Glasiren
einem schwachen Brand, dem =Verglhen= unterworfen. Die mit Wasser
gemahlene Glasur wird mit Wasser zu einem dnnflssigen Teig wiederum
ungefhr von der Consistenz der Kalkmilch angerhrt. Taucht man nun ein
verglhtes Geschirr in die Glasurbrhe, so wird ein Theil des Wassers von
der porsen Masse rasch absorbirt und das in dem Wasser suspendirt
gewesene Glasurmehl wird hnlich einem Niederschlag auf einem Filter, auf
der Oberflche des Porcellans zurckbleiben, adhriren und sich daselbst
als eine gleichmssige Schicht verdichten.

[Sidenote: Glasieren mittelst Bestuben.]

  Das =Glasiren mittelst Bestuben= ist die einfachste und billigste
  Glasirmethode und findet nur bei grberen Waaren Anwendung, die zu
  einem so niederen Preise verkauft werden, dass ein Verglhen der Masse,
  um ihr die Eigenschaft, im Wasser sich zu zertheilen, zu benehmen, als
  zu kostspielig nicht mglich ist. Man beutelt ber die frisch geformten
  noch feuchten Waaren Bleigltte oder Mennige, zuweilen nur
  Bleiglanzpulver (Glasurerz); es bleibt alsdann eine Schicht davon auf
  der feuchten Oberflche haften. Diese Pulver liefern das Bleioxyd, die
  Masse der Kieselerde und der Thonerde, welche zur Bildung der Glasur
  erforderlich ist. In neuerer Zeit hat man zum Bestuben ein fein
  gepulvertes Gemenge von Zinkblende und calcinirtem Glaubersalz
  vorgeschlagen.

[Sidenote: Durch Begiessen.]

  Das =Glasiren durch Begiessen= findet bei Geschirren Anwendung, welche
  keine Porositt und demnach kein Absorptionsvermgen mehr besitzen.
  Derartige Geschirre sind das Frittenporcellan und das englische
  Porcellan. Das Glasiren durch Begiessen kommt aber auch vor bei dem
  gewhnlichen Tpferzeug und bei einigen Arten von Fayence. Man giebt
  der Glasurbrhe Rahmconsistenz und giesst davon in oder auf die zu
  glasirenden Waaren, indem man sie durch eigenthmliches Bewegen und
  durch Schwenken berall auszubreiten sucht. Durch dieses
  Glasirverfahren hat man die Mglichkeit, das Innere eines Gefsses mit
  einer andern Glasur als die ussere Flche zu versehen. So sind z. B.
  viele Fayencen inwendig weiss und auswendig braun glasirt.

[Sidenote: Durch Verflchtigen.]

  Das =Glasiren durch Verflchtigung= wird auf die Weise ausgefhrt, dass
  man gegen das Ende des Brandes in dem Ofen einen salzigen oder
  metallischen Dampf bildet, der sich mit der Kieselerde der Masse zu
  einem wirklichen Glase verbindet. Die nach der Verflchtigungsmethode
  glasirten Gegenstnde sind so zu sagen nur auf der Oberflche polirt,
  alle Formen bleiben demnach gnzlich unverndert. Man verfhrt hierbei
  auf zweierlei Weise: nach der gewhnlichen Art, die nur bei solchen
  Waaren Anwendung finden kann, welche =ohne Kapseln= und offen gebrannt
  werden, wirft man =Kochsalz= in den Ofen und bringt auf die Feuerungen
  grnes Holz, welches zur Bildung von =wasserreichem Rauch= Veranlassung
  giebt. Da das Kochsalz schon in der Rothglhhitze Dampfgestalt annimmt,
  so ist das Innere des Ofens mit den Dmpfen desselben angefllt, welche
  mit den Wasserdmpfen zu Salzsure und Natron sich umsetzen. Letzteres
  schlgt sich auf die Masse nieder und bildet mit der kieselsauren
  Thonerde derselben ein Glas, das den Gegenstand berzieht. Die Glasur
  bildet sich eben so vollstndig im Innern der Gefsse, als an der
  usseren Oberflche.

  Bei feinem Steinzeug, das in =Kapseln eingesetzt= gebrannt wird,
  verfhrt man behufs des Glasirens durch Verflchtigen auf die Weise,
  dass man die innere Flche der Kapseln mit den Substanzen berzieht,
  durch deren Verflchtigung eine Glasur auf den eingesetzten Gefssen
  sich bilden soll. Eine sehr gebruchliche Mischung zum Glasiren der
  inneren Kapselflche besteht aus Potasche, Bleigltte und Kochsalz.
  Whrend des Brennens verflchtigt sich einerseits Kochsalz und
  andererseits Chlorblei, die mit der Kieselerde der Geschirrmasse sich
  zu einer dnnen Glasschicht verbinden. Man wendet in England auch
  hufig Borsure an, die bei hoher Temperatur auch sich verflchtigt.
  Diese Art des Glasirens, besonders in England heimisch, wird _Smearing_
  genannt.

[Sidenote: Lster und Flowing colours.]

  Hierher gehren auch die =Lster= und die _flowing colours_ der
  Englnder, wodurch die Weisse des Porcellangrundes auf liebliche Weise
  abgendert wird. Man erhlt diese Farben, indem man die Kapseln mit
  einem Gemenge von Chlorcalcium, Chlorblei und Thon bestreicht und
  gewisse Metalloxyde wie Kobaltoxyd in kleinen Gefssen in die Kapseln
  stellt. Die Metalloxyde werden in Chlormetall verwandelt und
  verflchtigt und setzen sich gleich einem Nebel auf dem Geschirre ab.

[Sidenote: Die Kapseln oder Kasetten.]

Porcellangefsse und berhaupt feinere irdene Waaren drfen beim Brennen
nicht der freien Einwirkung der Flamme ausgesetzt sein, weil Flugasche
und Rauch eine Verunreinigung derselben bewirken wrde; man muss sie
deshalb in einer Umhllung brennen, welche zu diesem Zwecke eigens aus
Thon verfertigt und =Kapsel= oder =Kasette= genannt wird. Man fertigt die
Kapseln aus feuerfestem Thon, welcher mit gestossenen, schon gebrannten
Kapselscherben (=Charmotte= oder mit Quarzsand) stark versetzt ist. Durch
diesen Zusatz ist das Schwinden und auch die Gefahr des Verziehens und
Reissens der Kapsel stark vermindert. In die Kapsel legt man zuerst eine
ebengeschliffene Platte aus Kapselmasse (=Pumbse=) und stellt erst auf
diese das Porcellan. Das Einsetzen der Porcellangeschirre in die Kapseln
erheischt die grsste Sorgfalt. Hat der Arbeiter in die sorgfltig
gereinigte Kasette den Pumbs gelegt, so bringt er das betreffende
Porcellanstck, ohne dessen Glasur zu verletzen, an seinen Ort, so dass
es die Kapsel ausser mit dem Fusse nirgends berhre. Auf diese Kapsel
kommt eine zweite, darauf eine dritte u. s. f., bis eine =Sule=
entstanden ist, welche der Einsetzer nach dem Ofen hin trgt.

[Illustration: Fig. 147.]

[Illustration: Fig. 148.]

[Sidenote: Der Porcellanofen.]

  Die Einrichtung des Porcellanofens ist Fig. 147 im verticalen
  Durchschnitt und Fig. 148 in der usseren Ansicht abgebildet. Der
  abgebildete Ofen ist ein verticalstehender Flammenofen mit drei Etagen
  und fnf Feuerungen mit Holzfeuerung eingerichtet. Im Allgemeinen
  stellt ein solcher Ofen einen hohlen Cylinder vor, dessen obere Decke
  eine Kuppel bildet, aus der in der Axe der Schornstein sich erhebt. Die
  flachen Gewlbe oder Etagen, in welche er abgetheilt ist, communiciren
  durch Feuerffnungen. Die beiden Etagen _L_ und _L'_ dienen zum =Gar=-,
  =Glatt=- oder =Starkbrennen= des Porcellans; die obere Etage _L''_, die
  =Krnung= genannt, dient zum Rohbrennen. Am Boden der beiden untern
  Abtheilungen sind die fnf Feuerungen angebracht, aus gemauerten
  viereckigen Ksten _f_ bestehend, deren eine Wand vom Ofen selbst
  gebildet ist; in jedem Kasten liegt unten ein Rost. Von jedem
  Feuerkasten fhrt unten eine Oeffnung _g_ durch die Ofenwand in den
  Ofen. _G_ ist der Aschenraum, _T_ die Oeffnung des Aschenraumes, die
  whrend des Brennens verschlossen ist, _o_ eine Oeffnung, durch welche
  das Brennmaterial auf den Rost aufgegeben wird. Die Feuerksten knnen
  mittelst eines eisernen Schiebers verschlossen werden. Das Innere des
  Ofens besteht aus Charmottesteinen und aussen ist derselbe mit eisernen
  Schienen versehen. In jede Etage fhrt eine Thre _P_ zum Einsetzen und
  Ausnehmen des Porcellans; sie wird nach der Beschickung mit feuerfesten
  Steinen zugesetzt und verschmiert. Die Heizung geschieht zuerst in den
  unter den Feuerungen befindlichen Feuerkammern, indem man etwas Holz
  darin anwendet. Ist durch dieses schwache Feuer, das =Flattirfeuer=
  (Lavir- oder Vorfeuer), die Waare bis zum starken Rothglhen erhitzt
  worden, so beginnt man das =Scharf=-, =Gut=- oder =Glattfeuer=. Spter
  feuert man nicht mehr in der Feuerkammer, sondern legt das Holz in die
  vorspringende Oeffnung. Hier findet das Verbrennen so statt, dass von
  oben die Luft eintritt und dann durch das Brennmaterial hindurch in den
  Ofen geht. Auf diese Weise wird stets der untere Theil des Holzes
  verzehrt und die heisse Luft tritt aus den glhenden Kohlen sofort in
  den Ofen, whrend bei andern Feuerungen die Luft zuletzt durch das
  kalte Brennmaterial geht, das man von Zeit zu Zeit aufschttet, und
  dadurch abgekhlt wird. Die in der Feuergrube sich ansammelnden Kohlen
  bilden dort eine bedeutende Glut, die zum Steigern der Temperatur nicht
  wenig beitrgt, ja ohne welche der beabsichtigte Wrmegrad kaum
  erreicht werden wrde. Sobald die Kohle in dem Feuerkasten in solcher
  Masse sich angesammelt hat, dass sie ber die Ofensohle emporsteigt,
  ffnet man die vorher verschlossenen Zuglcher am Feuerkasten und
  gestattet dadurch der Luft den Zutritt zu den glhenden Kohlen. Auf
  solche Weise wird die Flamme durch den horizontal eintretenden
  Luftstrom mehr zur Axe des Ofens hingefhrt. Whrend des Scharffeuerns
  sind die Feuerherde (die Schren) wahre Generatoren und man hat so in
  jedem Feuerraum zwei Verbrennungen ber einander, die sich
  wechselseitig bedingen. So lange der Ofen nicht in voller
  Weissglhhitze steht, hat man nicht nthig, sich von der Hhe der
  Temperatur genauere Kenntniss zu verschaffen; ist aber Weissglhhitze
  eingetreten, so sucht man durch Probeziehen den Stand nher zu
  ermitteln. Nachdem nmlich die Kapselsulen oder Stsse in den Ofen
  eingesetzt waren, vermauert man, wie oben bemerkt, die Einsetzffnung,
  lsst aber in der Mauer eine =Probeffnung=, durch welche man glasirte
  Porcellanscherben in besonders dazu gefertigten Kapseln einsetzt.
  Nachdem der Ofen weissglhend ist, ffnet man die Probeffnungen, nimmt
  die Probescherben heraus und beurtheilt den Schmelzgrad ihrer Glasur.
  Das Gutbrennen dauert 17 bis 18 Stunden; man verschliesst dann den Ofen
  und lsst ihn erkalten, wozu 3-4 Tage erforderlich sind.

  Zum Gelingen des Porcellanbrennens ist nicht nur eine sehr hohe
  Temperatur, nicht nur eine reichliche Entwickelung, sondern auch eine
  bestimmte chemische Beschaffenheit der Flamme Bedingung, insofern
  letztere von wesentlichem Einflusse auf die Farbe des Produktes ist. Zu
  diesem Zwecke muss die Flamme, wenn der Ofen in vollem Gange sich
  befindet, so viel als mglich die Beschaffenheit der Holzgasflamme
  besitzen, d. h. nicht blass und durchsichtig, sondern fett und weiss
  sein. Whrend der ersten Periode des Feuerns wirken die Gase oxydirend,
  in der Periode des Scharffeuerns ist dagegen der Ofen mit reducirenden
  Gasen angefllt.

[Sidenote: Das Entleeren des Ofens und Sortiren der Waare.]

  Nachdem der Ofen gehrig abgekhlt ist, schreitet man zum =Entleeren=
  desselben. Das den Kapseln entnommene Geschirr wird einer genauen
  Prfung unterworfen, wobei es in vier Sorten geschieden wird: a) in
  =Feingut=, wozu alles Geschirr gehrt, welches fleckenlos, milchweiss,
  blasenfrei, spiegelglatt in der Glasur, nicht verbogen und nicht
  gerissen ist; b) in =Mittelgut=, welches minder weiss und glatt in der
  Glasur ist und nur kleine Fehler hat, die man entweder =beim Malen=
  decken kann oder beim Gebrauch des Geschirres nicht nachtheilig sind;
  c) zum =Ausschuss= gehren alle Stcke, deren Glasur schlecht
  geschlossen oder eierschalig (d. h. wenn in der Glasur sehr viele feine
  Pnktchen sichtbar werden) und deren Farbe gelblich ist, die
  Verunreinigungen der Masse oder Verbiegungen zeigen; d) Stcke endlich
  mit Blasen oder Rissen, mit groben Verziehungen der Formen sind
  unverkuflich und gehren dem =Bruchgeschirre= an.

[Sidenote: Fehler der Porcellanmasse und der Glasur.]

  Die hauptschlichsten Fehler der =Porcellanmasse= sind folgende: =Risse
  der Masse=; die Porcellanmasse ist kurz und nur wenig plastisch; sie
  zieht sich beim Trocknen stark zusammen und die kleinste Ungleichheit
  in der Zusammenziehung beeintrchtigt nicht nur die Form, sondern
  bewirkt selbst eine Trennung der Theile, die oft erst nach dem Brande
  als Riss sich bemerklich macht. Ein Aufsitzen des Porcellans auf einer
  Unterlage ist gleichfalls oft der Grund des Entstehens der Risse. Das
  =Verziehen= kann davon herrhren, dass entweder die Flamme zu stark auf
  gewisse Theile des Stckes wirkte, oder die Masse in Folge fehlerhafter
  Zusammensetzung zu schmelzbar war. Der =Wund= oder die =Windung=: die
  Porcellanmasse ist so empfindlich gegen Druck, dass sie an einer nur
  etwas mehr gedrckten Stelle weit weniger schwindet als an andern
  Stellen und man daher an einem auf der Scheibe gedrehten Stcke die
  Spirale sieht, nach welcher der Arbeiter beim Aufdrehen mit den Fingern
  von der Mitte gegen auswrts oder von unten nach auswrts gefahren ist.
  Dieser Fehler wird der Wund genannt. Die =Flecken= knnen von Krnern
  der Kapseln herrhren, welche auf das darin befindliche Porcellan
  gefallen und daraus eingeschmolzen sind. Solche Stellen kann man
  zuweilen ausbessern. Hufig haben die Flecken in der Einwirkung des
  Rauches auf die Porcellanmasse ihren Grund und tragen dann dazu bei,
  dass das Geschirr dem Ausschuss beigesellt werden muss. Die =gelbe
  Frbung=, welche die Masse zuweilen whrend des Brennens annimmt, rhrt
  theils von der Einwirkung des Rauches, theils auch von einer
  oxydirenden Einwirkung der Flamme her, welche das Eisen der Masse in
  Eisenoxyd berfhrt. In der =Glasur der Porcellanmasse= machen sich
  hauptschlich folgende Fehler bemerklich: =Blasen=, sie knnen in Folge
  von Gasentwickelung durch die Reaction der Glasurbestandtheile auf
  einander entstehen, aber auch das Resultat eines zu starken Feuers auf
  normal zusammengesetzte Masse oder Glasur sein. Die =eierschalige
  Beschaffenheit= ist ein Fehler, der sich bei der Glasur von Porcellan
  oft zeigt und derselben das Glnzende nimmt; wenn die Glasur nicht
  hinlngliche Schmelzbarkeit besass oder wenn sie nur unvollkommen
  gebrannt war, oder wenn endlich unter dem Einflusse reducirender Gase
  sich Alkalien verflchtigten, so zeigt die Glasur eine
  eierschalenhnliche Beschaffenheit. Wenn die Masse und die Glasur
  verschiedene Ausdehnungscofficienten haben, so zeigen sich auf der
  Oberflche =Haarrisse=; sind dieselben zahlreich und zeigen sie eine
  gewisse Regelmssigkeit, so nennt man solche Geschirre craquelirte
  (vases craquels).

[Sidenote: Porcellanmalerei.]

  Die =Porcellanmalerei= ist ein Zweig der Glasmalerei, deren Wirkung
  aber ausschliesslich auf das reflectirte, nie auf das durchgehende
  Licht berechnet ist. Die Porcellanfarben sind gefrbte Glser, welche
  durch Aufschmelzen (Einbrennen) auf die Porcellanmasse Festigkeit und
  Glanz erlangen. Zur Erzeugung jeder Farbe gehrt das farbegebende
  Metalloxyd und der Fluss. Je nach ihrem Verhalten im Feuer theilt man
  die Porcellanfarben ein in Scharffeuerfarben und Muffelfarben. Erstere
  enthalten frbende Oxyde, die vollkommen oder mindestens so
  feuerbestndig sind, dass sie die zum Scharfbrennen erforderliche Hitze
  unverndert ertragen. Man trgt sie =unter der Glasur= auf und schmilzt
  sie mit derselben. Da die meisten Metalloxyde bei der Temperatur des
  Scharffeuers ganz oder zum Theil sich verflchtigen und einen unreinen
  Ton geben, so sind die meisten Porcellanfarben =Muffelfarben=, welche
  stets nach dem Glasiren auf der Glasur aufgetragen und in der Muffel
  eingebrannt werden.

  Die in der Porcellanmalerei angewandten Metalloxydsalze sind folgende:

    Eisenoxyd fr Roth, Braun, Violett, Gelb und Sepia,
    Chromoxyd fr Grn,
    Kobaltoxyd und Kalium-Kobalt-Nitrit fr Blau und Schwarz,
    Uranoxyd fr Orange und Schwarz,
    Manganoxyd fr Violett, Braun und Schwarz,
    Iridiumoxyd fr Schwarz,
    Titanoxyd fr Gelb,
    Antimonoxyd fr Gelb,
    Kupferoxyd und Kupferoxydul fr Grn und Roth,
    Ferrochromat fr Braun,
    Bleichromat fr Gelb,
    Bariumchromat fr Gelb,
    Chlorsilber fr Roth,
    Platinchlorid und Platinsalmiak fr Platinfarbe,
    Goldpurpur fr Purpur und Rosenroth.

  Von den vorstehenden Oxyden sind zu Scharffeuerfarben anwendbar das
  Uranoxyd, das Kobaltoxyd, das Chromoxyd, das Mangan- und Eisenoxyd und
  das Titanoxyd. Die meisten Metalloxyde, so das Eisenoxyd, das
  Chromoxyd, das Iridiumoxyd, besitzen schon von Hause aus die gewnschte
  Nance; diese werden nur mit dem Flussmittel zusammengerieben und als
  Farbe benutzt; einige Oxyde erlangen die verlangte Frbung erst, wenn
  sie durch Schmelzen in Silicate oder Borate, berhaupt in Glser
  bergegangen sind. So mssen z. B. Kobaltoxyd und Kupferoxyd erst mit
  Kieselsure und Borsure, Antimonoxyd mit dem Bleioxyd des Flusses
  zusammentreten, damit eine blaue, grne oder gelbe Farbe sich bilde.
  Letztere Farben heissen =Schmelzfarben=, weil sie ihre Farbe erst
  erhalten, wenn sie mit dem Flussmittel zusammengeschmolzen werden, zum
  Unterschiede von den =Frittefarben=, deren Verwendung ein Fritten
  vorausgehen muss, durch welches die Farbe in einen halbverglasten
  Zustand versetzt wird.

[Illustration: Fig. 149.]

[Illustration: Fig. 150.]

  Das Einbrennen der Farben geschieht bei den Scharffeuerfarben im
  Gutofen mit dem Aufbrennen der Glasur, bei den Schmelzfarben dagegen in
  der =Muffel= (Fig. 149) aus Kapselmasse gefertigt, welche in dem
  Muffelofen zum Glhen erhitzt wird; die vordere Wand der Muffel dient
  als Thre zum Eintragen des Geschirres, das Rohr _o_, um die Temperatur
  und den Grad des Aufgebranntseins zu beobachten; das von der Mitte der
  oberen Wlbung der Muffel sich erhebende Rohr _m_ gestattet den sich
  entwickelnden Terpentinl- oder Lavendelldmpfen den Abzug. Beide
  Rohre sind mit Thonpfropfen verschlossen. Fig. 150 zeigt eine
  eingesetzte Muffel mit Geschirr, so wie sie in der kaiserlichen
  Manufactur zu Svres blich ist. Sobald die Muffel lebhaft rothglht,
  beginnen die Farben zu fliessen; man ffnet von Zeit zu Zeit das
  Schauloch, um den Moment wahrzunehmen, wo die spiegelnde Oberflche
  anzeigt, dass die Farben vollkommen geflossen sind. Das Schaurohr und
  das obere Abzugsrohr der Muffel drfen nie zu gleicher Zeit geffnet
  werden, damit nicht ein kalter Luftstrom in die Muffel dringt. Da die
  Muffelfarben stets auf der Glasur sich befinden, so lassen sie sich
  meist als fhlbare Erhabenheiten wahrnehmen; da sie ausserdem gefrbte
  Bleiglser und deshalb weich sind, so unterliegen diese Farben doppelt
  der Abnutzung -- Uebelstnde, die bei den Scharffeuerfarben, als unter
  der Glasur liegend, nicht vorkommen.

[Sidenote: Decoriren des Porcellans.]

  Das Gold wird behufs der =Vergoldung von Porcellan= aus seiner Lsung
  in Knigswasser entweder durch Eisenvitriol oder durch salpetersaures
  Quecksilberoxydul oder vortheilhafter noch durch Oxalsure gefllt. Vor
  seiner Anwendung wird das Gold mit dem Flussmittel auf das Innigste
  gemischt. Man wendet als Fluss basisch salpetersaures Wismuthoxyd an.
  Das =Muschel=- oder =Malergold=, dessen man sich ebenfalls zum
  Vergolden bedient, besteht aus den Schabinen von der Bereitung des
  chten Goldblattes. Diese Schabinen werden mit einem in siedendem
  Wasser leicht lslichen Krper, wie Zucker, Salz oder Honig, fein
  gerieben. Die Vergoldung muss auf die von Fett vollstndig befreite
  Flche aufgetragen werden, weil sonst das Gold durchaus nicht adhriren
  wrde. Das Gold wird entweder mit dem Pinsel oder durch Druck
  aufgetragen. Das Einbrennen geschieht in der Muffel. Da das Gold dabei
  nicht schmilzt, sondern nur durch den schmelzenden Fluss auf das
  Porcellan befestigt wird, so zeigt es nach dem Brennen keinen Glanz,
  welchen es erst durch das Poliren (Vorpoliren mit glattem Achat und
  Reinpoliren mit Blutstein) erhlt.

[Sidenote: Durch Glanzvergoldung.]

  Ganz verschieden von der vorstehenden Vergoldung ist die =Meissner
  Vergoldung= oder =Glanzvergoldung=, deren Glanz nicht nur durch Reiben
  und Poliren hervorgebracht wird, sondern whrend des Brennens selbst
  entsteht. Sie wird gewhnlich durch Einbrennen einer Lsung von
  Schwefelgold oder Knallgold in Schwefelbalsam erhalten. Ob ein
  Gegenstand durch geflltes metallisches Gold oder durch ein
  Glanzgoldprparat vergoldet ist, lsst sich mit Sicherheit nicht durch
  Streichen mit dem Finger, mit Leder oder durch Kratzen mit den Ngeln
  u. s. w. beurtheilen. Fhrt man aber die vergoldete Flche einige Male
  gegen das Haupthaar, so nimmt dieses die Glanzvergoldung wie eine feine
  Feile weg, wogegen die echte Vergoldung davon nicht leidet.

[Sidenote: Durch Silber und Platin.]

  Das =Versilbern= und =Platiniren= ist nur in geringer Ausdehnung
  blich. Das metallische Silber wird aus seiner Lsung durch Kupfer oder
  Zink, das Platin aus neutralem Platinchlorid durch Kochen mit Kali und
  Zucker gefllt. Das Schwarzanlaufen der Versilberung auf Porcellan
  durch schwefelwasserstoffhaltige Ausdnstungen kann man nach =Rousseau=
  verhindern, wenn man vor dem Brennen auf das Silber eine sehr dnne
  Schicht Gold ausbreitet. Es entsteht dann eine weisse Legirung von
  Gold-Silber, welche bestndig ist. Es sind indessen zum Gelingen viele
  Vorsichtsmaassregeln nthig. Silber und Platin werden mit basisch
  salpetersaurem Wismuthoxyd gemengt, aufgetragen und eingeschmolzen; sie
  werden nachtrglich polirt. =Glanzplatin= oder =Platinlster= erhlt
  man durch Auftragen von Platinsalmiak mit Lavendell oder
  Schwefelbalsam und Einbrennen.

[Sidenote: Lithophanien.]

  Das Durchscheinende des Porcellans hat man zur Darstellung der
  =Lithophanien= oder =Lichtbilder= benutzt; es sind dies in flachen
  Gypsformen mit Reliefzeichnungen gepresste dnne und nicht glasirte
  Porcellanplatten, welche im durchfallenden Lichte in Folge der
  zweckmssig abgestuften Dicke Licht und Schatten der Figuren mit einer
  sonst unerreichbaren Wrme und Weichheit im Uebergange der Tne zeigen.
  Eine grosse Aehnlichkeit mit den Lithophanien haben die unter dem Namen
  Email ombrant oder Email de Rubelles oder Lithoponien angefertigten
  Porcellan- und Fayencegegenstnde; in Bezug auf die Pressung zeigen sie
  aber das Entgegengesetzte der Lithophanien, weil bei dem Email ombrant
  die dunkelsten Stellen gerade am meisten vertieft, daher am dnnsten
  sein mssen, und das Bild nicht im durchgehenden, sondern im
  auffallenden Lichte betrachtet wird. Man wendet diese Verzierung auf
  Tafelservice und Kacheln an; diese Gegenstnde erhalten durch Formen
  eingedrckte Vertiefungen, welche dann mit halbdurchsichtiger gefrbter
  Glasurmasse ausgefllt werden, wobei die tiefsten Stellen dickere
  Schichten von Glasur aufnehmen und daher dunkler erscheinen als die
  erhabeneren Stellen, welche weniger mit Glasur bedeckt werden und
  dadurch heller bleiben.


                   II. Weiches oder Frittenporcellan.

[Sidenote: Franzsisches Frittenporcellan.]

Das =weiche= oder =Frittenporcellan= wird als franzsisches und
englisches unterschieden.

Das =franzsische= oder =eigentliche Frittenporcellan= (mit welchem im
vorigen Jahrhundert die Fabrikation des Porcellans berhaupt in
Frankreich und Italien begann) ist eine 1695 von =Morin= in Saint-Cloud
bei Paris erfundene glasartige Masse (ein unvollstndig geschmolzenes
Alkali-Erde-Silicat), ohne Zusatz von Kaolin, mit bleihaltiger, dem
Krystallglas hnlicher Glasur. Es gehrt demnach nur uneigentlich zu den
Thonwaaren, die Aehnlichkeit mit dem Porcellan entspringt nur aus der
unvollkommenen Schmelzung der durch Uebersetzung mit Kalk und Thonerde
strengflssig gemachten Masse. Die Masse zu dem Frittenporcellan wird
zusammengesetzt: 1) aus einer glasartigen Masse, der =Fritte=, um der
Masse Kieselerde und Alkalien zu geben, 2) aus =Mergel=, um Thon
beizufgen, 3) aus =Kreide=, als kalkigem Bestandtheil.

  Die Verhltnisse dieser drei Gemengtheile sind im Allgemeinen:

                              Fritte  75-75
                              Mergel  17- 8
                              Kreide   8-17

  Die Fritte wird mit Kreide und Kalkmergel gemischt, als dnner Brei
  fein gemahlen, als Brei einige Monate lang aufbewahrt, getrocknet, von
  Neuem gepulvert und durchgebeutelt. Der an und fr sich kurzen Masse
  ertheilt man einen gewissen Grad von Plasticitt durch Zusatz von
  Seifen- oder Leimwasser oder Gummischleim. Das Frittenporcellan wird in
  Kapseln gargebrannt, ehe man es mit Glasur versieht; da es whrend des
  Brennens sich leicht verzieht, so muss es auf allen Seiten gesttzt
  werden; man brennt es deshalb auf Formen von feuerfestem Thon, die
  genau die Gestalt der Geschirre haben. Es wird schon in dem Verglhofen
  des gewhnlichen Porcellanofens gargebrannt. Die =Glasur= des
  Frittenporcellans ist ein zu diesem Behufe eigens bereitetes
  Krystallglas. Das Frittenporcellan ist leicht an dem Bleigehalt der
  Glasur zu erkennen. Eine Auflsung einer Schwefelleber einige Zeit in
  einem Gefsse aus Frittenporcellan aufbewahrt, schwrzt es
  oberflchlich. -- Dem franzsischen Porcellan steht nahe das
  =Kryolithglas= oder =Heissgussporcellan= (vergl. Seite 335).

[Sidenote: Englisches Frittenporcellan.]

Das =englische Porcellan= besteht in der Masse aus plastischem Thon, aus
Porcellanerde von Cornwallis (sogenanntem _China clay_), _Cornish stone_
(durch Verwitterung von Pegmatit entstanden), Feuerstein und
Knochenasche. Der Zusatz der letzteren, 1802 von =Ch. Spade= eingefhrt,
(in neuerer Zeit zuweilen durch natrliches Calciumphosphat -- Apatit,
Phosphorit, Staffelit, Navassit und Sombrerit -- ersetzt) befrdert die
Leichtflssigkeit des Produktes. Die Glasur besteht aus Cornish stone,
Kreide, Feuerstein, Borax und Bleioxyd. Da die Glasur leichter schmelzbar
ist als die Masse, so muss letztere im ersten, strkeren Feuer
grsstentheils gargebrannt werden, ehe im zweiten krzeren Feuer die
Glasur aufgebrannt wird; hierin liegt ein wesentlicher Unterschied
zwischen hartem und englischem Porcellan. Beim harten Porcellan ist der
Grad der Schmelzbarkeit der Masse und der Glasur ziemlich derselbe,
namentlich stimmt in dieser Beziehung der Fluss der Masse mit der Glasur
berein, whrend beim englischen und berhaupt beim Frittenporcellan eine
Verschiedenheit des Flusses der Masse von dem der Glasur charakteristisch
ist. Daraus folgt, dass das englische Porcellan weit weniger haltbar sei
und leichter rissig werden muss, als das harte; auf der andern Seite ist
die Masse des englischen Porcellans plastischer, bedarf zum Garbrennen
wegen der berwiegenden leichtflssigen Bestandtheile eines geringen
Feuers und ist deshalb dem Verziehen beim Brennen weniger ausgesetzt. Auf
dieser letzteren Eigenschaft beruht namentlich der Vorzug, dass die
englischen Porcellane ohne Schwierigkeit mit geringer Scherbenstrke
hergestellt werden knnen, whrend andererseits dieselben vermge ihrer
leichtflssigen bleihaltigen Glasur die Anwendung der schnsten
Farbennancen zu Verzierungen gestatten. Das Brennen geschieht in eigenen
Etagenfen mittelst Steinkohlen. Die Geschirre stehen in Kapseln. Die
Glasur ist stets bleihaltig. Das Glasiren wird durch Eintauchen
bewerkstelligt. In neuerer Zeit spielt die Borsure als Mittel zum
Glasiren des englischen Porcellans eine grosse Rolle.

[Sidenote: Parian und Carrara.]

  Das =parische Porcellan= oder =Parian= (dieser Name ist abgeleitet von
  der durch ihren Marmor berhmten Insel Paros) ist unglasirtes
  Statuenporcellan von einer dem englischen Porcellan hnlichen, aber
  strengflssigeren Masse, weniger Fluss und mehr Kieselerde enthaltend.
  Die Farbe der Masse zeigt einen etwas milden gelblichen Ton; die
  Oberflche ist wachsartig und fetthnlich schimmernd. Das Parian wurde
  zuerst von =Copeland= im Jahre 1848 dargestellt, obgleich die Idee,
  parischen Marmor durch Porcellanmasse nachzuahmen, nicht neu ist,
  =Khn= in Meissen und auch die Nymphenburger Fabrik haben lngst
  Medaillen und Statuetten geliefert, welche mit dem Statuenmarmor grosse
  Aehnlichkeit haben, obgleich letztere ihrer Zusammensetzung nach sich
  dem harten Porcellan anschliessen. Die Zusammensetzung des Parian ist
  eine sehr verschiedene; manche Probe enthlt Calciumphosphat, andere
  wieder Bariumsilicat, noch andere endlich nur Kaolin oder Thon und
  Feldspath.

  Der =Carrara= (eine Benennung nach dem durch seinen Marmor berhmten
  Carrara in Toskana) steht zwischen Parian und Steinzeug in der Mitte
  und ist weniger durchscheinend als Parian und von etwas weisserer
  Farbe.


                           III. Das Steinzeug.

[Sidenote: Steinzeug.]

Das =Steinzeug= schliesst sich unmittelbar an das Porcellan an, insofern
seine Masse dicht, klingend, kleinkrnig, gleichartig, nicht an der Zunge
hngend und somit undurchlassend fr Feuchtigkeit ist. Die Masse ist halb
verglast, aber nicht aufgelst wie bei dem Porcellan und nur an den
Kanten oder kaum durchscheinend. Das feine weisse Steinzeug unterscheidet
sich nur durch Abwesenheit der durchscheinenden Eigenschaft usserlich
von dem Porcellan. Man unterscheidet das Steinzeug

    1) als porcellanartig glasirtes,
    2) als weisses oder gefrbtes unglasirtes,
    3) als gemeines Steinzeug, mit Kochsalz glasirt.

Das =feine weisse Steinzeug= besteht in der Masse aus plastischem, sich
weiss brennendem, weniger feuerbestndigem Thon mit Zusatz von Kaolin und
Feuerstein und einem feldspathartigen Mineral (in der Regel Cornish
stone) als Flussmittel. Die Glasur enthlt Bleioxyd und Borax und ist
durchsichtig. Das Flussmittel ist in dem Steinzeug stets in grsserer
Menge vorhanden als in dem Porcellan und macht gewhnlich mehr als die
Hlfte des Gewichtes der Masse aus. Daraus folgt, dass das Steinzeug im
Porcellanofenfeuer zusammenschmilzt und nur bei weit niedrigerer
Temperatur gebrannt werden kann. Da die Masse zum Theil aus plastischem
Thone besteht, so ist sie weit bildsamer als die Porcellanmasse. Demnach
ist das Steinzeug als ein Ersatzmittel fr das Porcellan zu betrachten,
dessen grssere Wohlfeilheit in der Leichtigkeit beruht, mit welcher es
geformt und gebrannt werden kann, whrend es mit dem Porcellan die
Eigenschaft der Undurchdringlichkeit fr Flssigkeiten theilt.

  Das =weisse= oder =gefrbte unglasirte Steinzeug= oder =Wedgwood=
  besteht in der Masse aus plastischem, weniger feuerbestndigem Thone,
  Kaolin, Feuerstein und Cornish stone, letzterer bis zur Hlfte des
  Ganzen, ist weit leichtflssiger als Porcellan und erfordert daher
  einen geringeren Hitzegrad zum Brennen. Das farbige Steinzeug ist
  grsstentheils von derselben Grundmasse als das weisse feine Steinzeug,
  wird aber entweder in der ganzen Masse, oder nur oberflchlich durch
  eine Belegung mit einer Schicht von sogenannten Angussfarben gefrbt.
  Man wendet das Angiessen besonders bei den blauen und grnen Massen an,
  deren Preise bedeutend gesteigert werden wrden, wenn man die ganze
  Masse frben wollte. Sehr hufig bringt man Verzierungen durch
  aufgelegte Reliefs von anders gefrbter Thonmasse an. Die gefrbten
  Wedgwoodwaaren sind unter dem Namen =Aegyptian=, =Bamboo=, =Basaltgut=,
  =Biscuitgut=, =Jaspisgut= u. s. w. bekannt.

[Sidenote: Gemeines Steinzeug.]

Das =gemeine Steinzeug= gehrt ebenfalls noch zu den Thongeschirren mit
verglaster Masse, deren halbgeflossener Zustand jedoch nicht durch einen
Flusszusatz hervorgebracht, sondern nur durch eine strkere Einwirkung
des Feuers auf die nicht vollstndig feuerbestndige Thonmasse bewirkt
wird. Die Zusammensetzung der Masse ist weit einfacher als bei dem feinen
Steinzeug und Porcellan und besteht hauptschlich aus plastischem Thone,
zum Theil mit einem Gemengtheile, der sich im Feuer wenig oder nicht
zusammenzieht und die Schwindung des Thones vermindert, z. B. feinem Sand
oder gemahlenen Scherben von gebranntem Steinzeug. Geschirre aus
Steinzeug vertragen pltzlichen Temperaturwechsel sehr schlecht und
eignen sich deshalb nicht als Kochgeschirre, dagegen sind sie
vortrefflich, wenn es sich um besondere Reinhaltung und eine gewisse
chemische Bestndigkeit der Masse oder um eine betrchtliche Strke
handelt. Daher ihre Anwendung zu Mineralwasserkrgen, Sureflaschen,
Gefssen zu chemischem und pharmaceutischem Gebrauche, Milchnpfen,
Wassereimern, Gefssen zum Einmachen der Frchte in Essig und Salz, zum
Aufbewahren von Schmalz u. s. w. Die Farbe des gemeinen Steinzeuges ist
meistens grau.

[Sidenote: Steinzeugfen.]

[Illustration: Fig. 151.]

[Illustration: Fig. 152.]

  =Brennfen.= Bekanntlich werden die Oefen, deren man sich zum Brennen
  der Thonwaaren bedient, eingetheilt in stehende und liegende. Erstere
  benutzt man zum Brennen des Porcellans (vergl. Seite 350), des feinen
  Steinzeuges und der Fayence; damit in ihnen das Brennmaterial so viel
  als mglich zur Realisation gelange, mssen sie eine gewisse Hhe
  haben, in dessen Folge die Geschirre beim Einsetzen hohe Sulen bilden,
  zu deren Aufbau Kapseln oder Casetten unerlsslich sind. Fr gemeines
  Steinzeug und fr gewhnliche Tpferwaare wren derartige Hlfsmittel
  zu kostspielig, weshalb man auch zum Brennen solcher Geschirre nicht
  stehende, sondern =liegende Brennfen= anwendet, in welchen die
  Richtung des Zuges nicht vertical, sondern mehr oder weniger horizontal
  ist. Das gemeine Steinzeug wird unmittelbar der Einwirkung des Feuers
  ausgesetzt. Die Oefen sind in der Regel roh ausgefhrt. Fig. 151 zeigt
  den verticalen Durchschnitt eines solchen Ofens nach der Linie _A B_ in
  Fig. 152. Fig. 153 ist ein Durchschnitt nach der Linie _C D_ und zwar
  von der Seite _B_ gesehen, so dass man im Hintergrunde des Gewlbes die
  gitterfrmige Hinterwand erblickt. Fig. 154 ist ein Durchschnitt
  ebenfalls nach der Linie _C D_, dagegen von der Seite _A_ betrachtet.
  Fig. 152 ist ein Grundriss nach der Linie _E F_ in Fig. 151. _a a_ ist
  das aus Thon gearbeitete Ofengewlbe, _b_ die Geschirrkammer, _c_ die
  Feuerkammer, _d_ der Rost, _e_ das Heizloch, _f_ der Aschenfall, _g_
  eine Oeffnung, welche zum Eintreten der Luft dient, _i i_ eine durch
  den Ofen gehende gitterfrmige Mauer (der =Stnder=), welche die Flamme
  gleichmssig vertheilen soll, ehe sie aus der Feuerkammer in die
  Geschirrkammer tritt; _k_ ist die durchbrochene Rckwand des Ofens,
  durch welche die Flamme in den Schornstein _o_ zieht. Es wird mit
  Steinkohlen gefeuert.

[Illustration: Fig. 153.]

[Illustration: Fig. 154.]

[Illustration: Fig. 155.]

  Eine andere Form des Ofens, wie sie zum Brennen der Mineralwasserkrge
  blich ist, zeigt der verticale Durchschnitt (Fig. 155). Der Ofen wird
  an einen sanft aufsteigenden Hgel gebaut. Am tiefsten Punkte befinden
  sich drei aus Backsteinen aufgefhrte und berwlbte Feuerungen _A_,
  hinter welchen das zu brennende Geschirr bereinander aufgesetzt wird.
  In der Mitte des Brennraumes befindet sich eine gemauerte und
  durchbrochene Scheidewand _C_ (das =Fenster=), welche die Feuergase
  gleichmssig in die zweite Abtheilung des Brennraumes vertheilen, aber
  auch den allzu grossen Druck der in der obern Hlfte stehenden
  Geschirre aufhalten soll. Das Gewlbe, sowie die beiden Wnde _B_ und
  _E_ sind aus zerbrochenem Steinzeuggeschirr, das durch Mrtel verbunden
  ist, aufgefhrt. Ein Schornstein ist nicht vorhanden; die
  Verbrennungsgase gehen direct durch die durchbrochene Mauer _E_ in die
  Atmosphre. Der Brand dauert in der Regel 8 Tage.

  Die hohe Temperatur, bei welcher das gemeine Steinzeug gebrannt wird,
  und die Art der Zusammensetzung der Masse bewirkt schon an und fr sich
  eine Verglasung, weshalb eine =Glasur= gerade nicht nothwendig ist.
  Dort, wo sie angebracht wird, dient sie mehr zur Hebung des Ansehens
  als der Brauchbarkeit. Am hufigsten ist die Glasur ein blosser Anflug
  oder Lster mit Hlfe von Kochsalz erzeugt. Man fhrt des Glasiren
  dadurch aus, dass man whrend des Brennens Kochsalz in den Brennofen
  wirft. Das Glasiren wird erst gegen das Ende des Brandes vorgenommen,
  nachdem die Temperatur im Ofen ihr Maximum erreicht hat, das zur
  Verflchtigung des Kochsalzes nothwendig ist. In dem liegenden Ofen
  sind eine Anzahl von Oeffnungen in dem Gewlbe angebracht, durch welche
  die Arbeiter das Kochsalz einwerfen. Nach dem Einbringen des Kochsalzes
  verschliesst man die Oeffnungen einige Zeit lang, worauf die zweite
  Hlfte Kochsalz eingebracht wird. Die Kieselerde zersetzt das Kochsalz
  bei Gegenwart von Wasserdmpfen in Salzsure und Natron, mit welchem
  sie sich verbindet. Die auf der Oberflche der Steinzeuggeschirre
  entstehende Glasur besteht demnach aus Natrium-Aluminium-Silicat. Nach
  =Leykauf='s Beobachtungen zersetzten Thone von mehr als 50 Proc.
  Kieselerde das Kochsalz um so besser, je mehr Kieselerde sie enthalten.

  Ein Ofen von mittlerer Grsse verlangt etwa 80 bis 100 Pfd. Kochsalz;
  die Tpfer ziehen die unreinen Sorten desselben dem reinen Salze vor.
  Die so erhaltene Glasur ist fast farblos und die Geschirre zeigen dann
  die Farbe ihrer Masse. Die auf gewissen Steinzeugsorten wahrnehmbare
  ungleiche Farbe, die auf der einen Seite dunkel und fast kastanienbraun
  ist, whrend sie auf der entgegengesetzten in ein blasses Graubraun
  bergeht, wird dadurch hervorgebracht, dass man sofort nach dem
  Eintragen des Kochsalzes Birkenrinde in das Feuer wirft, welche russige
  Verbrennungsgase entwickelt.

[Sidenote: Lackirte Thonwaaren.]

  Unter dem gleichbedeutenden Namen =Terralith= und =Siderolith= werden
  im nrdlichen Bhmen und von der berhmten Firma =Villeroy= und =Boch=
  (vier Fabriken in Dresden, Wallerfangen, Septfontaines und Metlach
  umfassend) Thonwaaren verfertigt, welche zwischen Steinzeug, Steingut
  und gewhnlicher Tpferwaare in der Mitte stehen, aber mit keiner
  Glasur, sondern mit einem starken, einfach gefrbten oder bronzirten
  Firnissberzug versehen sind. Solche Geschirre knnen, da die Farbe der
  Masse durch die Lackirung versteckt wird, aus gefrbten Thonen
  hergestellt werden, welche man genau so wie die Masse in den
  Steingutfabriken behandelt. Vorzugsweise werden Leuchter, Becher,
  Krge, Blumenvasen, Blumenampeln, Krbe, Schreibzeuge, Butterdosen,
  Fruchtkrbe, Basreliefbilder und verschiedene Nippsachen aus dieser
  Thonmasse geformt, getrocknet und in Kapseln in gewhnlichen Brennfen
  scharf gebrannt. Von der Vorfertigung der Masse an bis zum Trocknen des
  Geschirres wendet man grosse Sorgfalt an, um an der Waare, auf welche
  viel Arbeit und Kunst verwendet wurde, mglichst wenig zu verlieren.
  Farben und Bronze werden mit Bernsteinfirniss angerhrt und mit
  Terpentin- oder Leinl verdnnt mit Pinseln auf die Waare aufgetragen
  und letztere nun in Muffeln einem schwachen Feuer ausgesetzt, welches
  eben nur die Verdunstung der den Farben und dem Lack zugesetzten
  therischen Oele bezweckt, daher die Terralithwaaren mit getrocknetem
  Firnissberzuge aus dem Ofen kommen.


                            IV. Die Fayence.

[Sidenote: Fayence.]

Die =Fayence= (englisches Steingut) hat ihren Namen von der Stadt Fanza
im Kirchenstaate, wo derartige Gefsse vorzugsweise gefertigt wurden. Im
9. Jahrhundert verfertigten die Araber in Spanien schon Fayence (in den
Sammlungen unter dem Namen der =hispano-maurischen Poterien= bekannt),
von dort kam sie nach der Insel Majorka, woher auch der Name =Majolika=
fr Fayence stammt[96] und im 13. Jahrhundert nach Italien, wo die
Majolikaindustrie vom 15. Jahrhundert ab zu hoher Blthe sich
entwickelte, mit dem 17. Jahrhundert aber abzunehmen begann. Die
hauptschlichsten Erzeugnisse dieser Zeit sind die Sculpturen des =Luca
della Robbia= (gestorben 1481 zu Florenz). In Frankreich lsst sich die
Fabrikation emaillirter Fayencen vorzugsweise auf die Erzeugnisse
zurckfhren, welche unter dem Namen der Palissy-Fayencen (nach =Bernhard
Palissy=) auf uns gekommen und deren erstes Entstehen in die Mitte des
16. Jahrhunderts fllt. Das Eigenthmliche der Palissy-Fayencen, was
dieselben zu den gesuchtesten Artikeln der keramischen Kunst macht,
besteht darin, dass die Figuren und Ornamente stets _en relief_
ausgefhrt sind und colorirt erscheinen. Den grssten Anspruch auf
Originalitt haben =Palissy='s sogenannte _Pices rustiques_, grosse
Flachgefsse, auf welchen nach der Natur modellirte und in ihren
natrlichen Farben staffirte Fische, Schlangen, Frsche, Krebse,
Eidechsen, Muscheln und Vegetabilien mit knstlerischem Effect gruppirt
sind.

  [96] Der Wechsel der Buchstaben beruht darin, dass die lteren
       toskanischen Schriftsteller jene Insel Majolika statt Majorka
       schrieben; so =Dante=: _Tra isola di Capri e Majolica_.

Die Masse der zu der Fayence zu rechnenden =porsen= Thonwaaren ist
erdig, an der Zunge hngend, undurchsichtig, von mehr oder weniger
lockerem Gefge und wenig oder nicht klingend. Sie besteht wesentlich aus
plastischem Thone oder einem Gemenge von diesem mit gemeinem Tpferthone.
Sie unterscheidet sich von dem gewhnlichen Tpfergeschirr ausser durch
die Anwendung feinerer Materialien auch durch weit sorgfltigere
mechanische Bearbeitung. Man unterscheidet =feine weisse= und =gemeine
emaillirte Fayence=. Die =feine Fayence= (Halbporcellan) besteht in der
Masse wesentlich aus plastischem Thone, versetzt mit gemahlenem Quarz
oder Feuerstein, mit Kaolin oder Pegmatit, also feldspathigen
Gemengtheilen. Die Gemengtheile der feinen Fayence sind so beschaffen,
dass sich die Masse vollkommen oder fast weiss brennt; sie erhalten stets
eine durchsichtige, farblose Glasur, so dass die Farbe der Geschirre die
durch die Glasur hindurchgehende Farbe der Masse ist. Die Massen der in
den verschiedenen Lndern mit dem Namen Fayence bezeichneten Geschirre
verhalten sich im Feuer sehr verschieden; einige sind strengflssig und
gar nicht schmelzbar und vertragen einen hohen Hitzegrad beim Brennen,
andere sind dagegen schmelzbar und knnen nur bei verhltnissmssig
niederer Temperatur gebrannt werden. Die Zusammensetzung der Glasur ist
daher je nach der Natur der Masse und der Bestimmung des Geschirres eine
sehr verschiedene.

Die =gemeine emaillirte Fayence= besteht der Masse nach aus einem Gemenge
von Tpferthon oder plastischem Thon, Mergel (Thon mit Calciumcarbonat)
oder Quarz und Quarzsand. Charakteristisch fr ihre Masse ist ein Gehalt
von 15-25 Proc. Kalk, der bei der niederen Temperatur, bei welcher die
gemeine Fayence gebrannt wird, seine Kohlensure nur zum Theil verliert.
Die gemeine Fayence lsst sich daher leicht von anderen Thonarten dadurch
unterscheiden, dass sie im gargebrannten Zustande, mit Suren bergossen,
aufbraust. Ihr Gefge ist locker und erdig, ihre Farbe in Folge eines
Eisenoxydgehaltes von 2-4 Proc. stark gelb, so dass die gemeine Fayence
mit einer undurchsichtigen Glasur (einem Email), aus Zinnoxyd, Bleioxyd,
Alkalien und Quarz bestehend, berzogen werden muss. In dem hohen
Eisenoxyd- und Kalkgehalt der Masse liegt der Grund, warum dieselbe bei
einer verhltnissmssig niedrigen Temperatur gebrannt werden muss, da sie
bei hohen Hitzegraden zu einer Schlacke zusammenschmelzen wrde.

  Die Fayence wird ebenso wie das Porcellan zweimal =gebrannt= und zwar
  das erste Mal =ohne=, das zweite Mal =mit= Glasur. Bei der Fayence ist
  aber der erste Brand der strkste, beim Porcellan dagegen der zweite.
  Das Brennen der Fayence erfolgt in =Kapseln= oder =Casetten=, welche
  man mit lufttrockner Waare fllt und dann sulenfrmig bereinander
  stellt, so dass der Boden der nchstfolgenden Kapsel der vorhergehenden
  als Deckel dient. Die Verbindungsstelle von je zwei Kapseln wird mit
  fettem Thon verstrichen. Beim Hartbrennen kann man, weil die Fayence
  beim Brennen nicht erweicht und verschmelzen kann, mehrere Stcke
  unmittelbar aufeinander in eine einzige Kapsel stellen. Die einzelnen
  Stcke bedrfen nur einer Untersttzung an wenigen Punkten, wozu die
  sogenannten =Pinnen= (kleine dreiseitige Prismen aus unglasirtem Thone)
  benutzt werden, auf denen die in die Kapseln eingesetzten Stcke mit
  der Unterseite ruhen. Da die Pinnen die Glasur nur an wenigen Punkten
  berhren, so machen diese an derselben eine kaum bemerkbare trockne
  Stelle. Anstatt der Kapseln wendet man auch hufig oben und unten
  offene Cylinder (Koken) an, in welchen man die zu brennenden Geschirre
  mit Hlfe von Pinnen befestigt.

  Das hartgebrannte Fayencegeschirre wird sofort =glasirt=. Die mit
  Wasser zu einer dnnen Schlempe angerhrte Glasur befindet sich in
  einem Kasten, in welchen die mit Glasur zu berziehenden Gegenstnde
  einige Augenblicke getaucht werden. Die Materialien zur Glasur werden
  vorher zu einem Glase geschmolzen und dieses dann zu einem zarten
  Pulver gemahlen, wie erwhnt, in Gestalt von Schlempe aufgetragen. Das
  Material fr die Fayenceglasur ist Feldspath und in England Cornish
  stone, ferner Feuerstein, Schwerspath, Sand, Borax und Borsure,
  Krystallglas, Soda und Natriumsalpeter, Bleigltte, Bleiweiss, Mennige
  und Smalte. Die Zusammensetzung dieser Glasuren ist daher gewhnlich
  eine sehr complicirte, aber als wesentlichen Bestandtheilen stets aus
  Kieselsure, Borsure, Thonerde, Bleioxyd und Alkali zusammengesetzt.

  In neuerer Zeit wendet man in England mit vielem Vortheil bei der
  Bereitung der Glasur die aus Peru eingefhrte Tiza
  (Natrium-Calcium-Borat) an. Im Allgemeinen dient der Bleizusatz, die
  erforderliche Leichtflssigkeit der Glasur hervorzubringen, whrend man
  zugleich durch den Feldspath (theils durch dessen Kieselerde, indem
  sich kieselsaurer Kalk bildet, theils durch dessen Thonerde) der
  Weichheit und Leichtritzbarkeit abzuhelfen sucht, welche sonst die
  Blei-Alkaliglser charakterisirt.

[Sidenote: Verzieren der Fayence.]

  Zur =Verzierung der Fayence= wendet man an 1) das Bemalen, 2) das
  Angiessen, 3) das Bedrucken, 4) das Lstriren. Das =Bemalen= geschieht
  gewhnlich mit dem Pinsel und zwar theils unter, theils auf der Glasur;
  da bei dem Aufbrennen der Glasur die Temperatur bei weitem nicht die
  des Porcellanbrennofens erreicht, so knnen die meisten Fayencefarben
  unter der Glasur aufgetragen werden. Kunstgerechte Malerei mit dem
  Pinsel ist jedoch bei der Fayence nicht am Platze. Ebenso wie beim
  Glase bilden Chromoxyd, Kobaltoxyd, Eisenoxyd, Antimonoxyd u. s. w. die
  Farbstoffe. Die rosen- und purpurrothen Frbungen, die man bei dem
  Porcellan mit Goldprparaten erzielt, waren lange Zeit von der
  Fayencemalerei ausgeschlossen, bis man in England die =Pink-colour=
  (Nelkenfarbe) entdeckte, in welcher das Frbende Chromoxydul, dem auch
  die Pyropen ihre Frbung verdanken, zu sein scheint. Man bereitet diese
  Farbe, indem man

                           Zinnsure      100
                           Kreide          34
                           Kaliumchromat  3-4
                           Kieselerde       5
                           Thonerde         1

  mit einander mischt und das Gemenge mehrere Stunden heftig glht; die
  Masse erscheint schmutzig rosenroth; sie nimmt eine angenehmere Frbung
  an, wenn man sie nach dem Schlmmen mit Wasser wscht, das mit etwas
  Salzsure angesuert worden ist. Das =Angiessen= besteht darin, den
  Fayencegefssen innerlich oder usserlich einen Ueberzug von
  verschieden gefrbter Masse zu geben, daher denn das Stck inwendig
  weiss, auswendig blau, roth und grn sein kann, whrend die Masse des
  Gefsses selbst keine von diesen Farben zu haben braucht. Die Massen,
  womit man angiesst, bestehen gewhnlich aus fettem, mit Wasser zu einer
  Schlempe angerhrtem Thon und frbenden Metalloxyden. Das =Bedrucken=
  der Fayence geschieht vor dem Auftragen der Glasur und zwar meist in
  Schwarz, Blau oder Pink-colour. Fr Schwarz wendet man ein Gemenge von
  Hammerschlag, Braunstein und Kobaltoxyd oder Chromschwarz an, fr Blau
  Kobaltoxyd, welches man, je nach der helleren oder dunkleren Farbe, die
  man erzielen will, mit Feuerstein und Schwerspathpulver versetzt; das
  Gemenge wird gefrittet, die Fritte dann gemahlen und mit einem Fluss,
  aus gleichen Theilen Flintglas und Feuerstein bestehend, versetzt. Die
  auf eine Kupfer- oder Stahlplatte getzte oder gravirte Zeichnung wird
  mit der mit abgekochtem Leinl abgeriebenen Farbe auf feines und
  weiches Papier abgedruckt, welches, um das Eindringen des Leinles zu
  verhten, vorher mit Leinsamenschleim getrnkt wird. Die abgedruckte
  Zeichnung wird auf die verglhte Waare gebracht und vorsichtig mit
  einem Stck Filz oder Schwamm angedrckt. Die Geschirre werden einige
  Zeit lang in Wasser gestellt und dann das erweichte Papier abgezogen,
  wobei die farbige Zeichnung auf dem Thone sitzen bleibt. Da bei dem
  darauf folgenden Glasiren diejenigen Stellen, wo die lige Zeichnung
  sich befindet, keine Glasur annehmen wrden, so glht man die mit
  Zeichnungen versehenen Geschirre; dadurch wird einerseits das Oel der
  Druckfarbe zerstrt, andererseits die Farbe durch Fritten so weit
  befestigt, dass sie whrend des Glasirens auf nassem Wege nicht mehr
  beschdigt werden kann. Da die zum Druck benutzten Kupfer- oder
  Stahlplatten sich durch die scharfen Theilchen der Glasflsse usserst
  schnell abnutzen, so ist man auf eine andere Methode des Abdruckens
  gefhrt worden, bei welcher dieser Uebelstand beseitigt ist. Man reibt
  nmlich die erwrmte Platte, deren Zeichnung abgedruckt werden soll,
  mit dick eingekochtem Leinl und wenig Terpentinl ohne Farbe ein und
  druckt dann auf ein feuchtes Blatt von Gelatine ab. Ist dies geschehen,
  so legt der Arbeiter die Gelatinetafel auf eine Tischplatte und rollt
  z. B. eine Tasse, auf welche die Zeichnung abgedruckt werden soll,
  langsam darber, worauf der Firniss auf das Geschirr bergedruckt wird.
  Man bestubt den Abdruck mit der fein gepulverten Farbe, lsst ihn
  trocknen und nimmt mit Baumwolle oder einem weichen Pinsel die lose
  Farbe auf, die nun da haftet, wo der Firniss aufgetragen worden ist;
  hierauf wird die Farbe unter der Muffel eingebrannt.

[Sidenote: Flowing colours.]

  Eine sehr hufig auf Fayence angewendete Verzierung sind die _Flowing
  colours_. Das damit versehene Geschirr zeigt sehr krftige und satt
  dunkelblaue Zeichnungen, welche ausgeflossen sind und sich so in den
  weissen Grund verlaufen, dass auch dieser einen blulichen Schein
  bekommt. Die vllig undurchsichtige Waare erhlt dadurch den Anschein,
  als ob sie durchscheinend sei und dadurch ein porcellanhnliches
  Aussehen. Man druckt die Kobaltoxydzeichnung auf das Geschirr wie
  gewhnlich auf und glasirt dann. Das Glattbrennen geschieht in Kapseln,
  deren innere Seite mit einem Gemenge von Chlorcalcium, Chlorblei und
  Thon bestrichen ist, oder man stellt das Gemenge neben das Geschirr in
  den Kapseln in kleinen Tiegeln. Das Kobaltoxydul wird durch die sich
  verflchtigenden Chloride (Chlorcalcium, Chlorblei) in Chlormetall
  verwandelt und zum Theil verflchtigt und setzt sich gleich einem Nebel
  auf dem Geschirre ab.

[Sidenote: Lster.]

  Eine sehr beliebte Verzierung der Fayence wird dadurch hervorgebracht,
  dass man derselben einen hchst zarten metallischen Anflug, =Lster=,
  giebt, welcher seinen Glanz allein durch das Brennen erhlt, whrend
  dickere Metallschichten den Glanz erst nach dem Brennen durch das
  Poliren erhalten. Man unterscheidet folgende Arten von Lster:
  =Goldlster=. Je nach dem Glanze und der Dicke der Vergoldung
  unterscheidet man 1) Glanzvergoldung, 2) Goldlster und 3)
  Burgoslster. Der Goldlster wird hufig zum Verzieren von Fayence,
  hauptschlich zum Ueberziehen ganzer Flchen gebraucht; er hat ein
  minder glnzendes Aussehen als die Glanzvergoldung, ein besseres und
  glnzenderes jedoch als der Burgoslster. Alle Vorschriften zur
  Darstellung dieses Lsters kommen auf die Anwendung von Schwefelgold
  oder Knallgold und Schwefelbalsam hinaus. Der =Burgoslster= ist nichts
  Anderes als Goldlster, aber in sehr zarter Lage aufgetragen. Man
  benutzt ihn hauptschlich zum Fondiren von Flchen, indem man zuerst
  Druck oder Malerei auf denselben anbringt, welche durch den Lster
  ersichtlich bleiben. Dieser Lster bedingt zugleich eine rosenrothe
  Frbung der Glasur und gewhrt demnach den doppelten Effect von Farbe
  und Goldglanz. Der =Platinlster= wird durch Mischen von wasserfreiem
  Platinchlorid mit Lavendell oder einem andern therischen Oele, oder
  mit Schwefelbalsam erhalten. Man wird auch dazu den Platinsalmiak und
  die sogenannten Platinbasen anwenden knnen. Der =Silberlster= ist
  entweder =gelber Lster= oder =Cantharidenlster=, letzterer vom
  Ansehen der Flgeldecken der spanischen Fliegen oder Canthariden.
  =Salvtat= glaubt, dass Chlorsilber, hnlich wie das Goldprparat
  obigen Flssigkeiten einverleibt, angewendet werden knne, um einen
  metallisch glnzenden =gelben Lster= zu erzeugen. Es ist unerlsslich,
  den Gegenstand nach dem Auftragen des Lsters in einer reducirenden
  Atmosphre zu brennen. Der =Cantharidenlster= ist dem gelben Lster
  gleich zusammengesetzt, der einzige Unterschied besteht darin, dass
  letzterer auf weisses, ersterer auf blaugefrbtes Geschirr aufgetragen
  wird. Die Ueberlagerung des blauen Grundes mit dem gelben Lster giebt
  eine beliebte grnliche Frbung. Applicirt man den gelben Lster auf
  verschieden gefrbten Grund, so lassen sich mannigfache und reiche
  farbige Lster herstellen. Der =Kupferlster= zeigt dasselbe Ansehen
  und das nmliche rthliche und gelbliche Farbenspiel wie der
  Burgoslster. Man findet ihn hufig auf gewhnlicher spanischer Fayence
  und auf gewisser Majolika aus dem Zeitalter des Georgio. Die usserst
  dnne frbende Schicht ist vielleicht durch Cuprosilicat gebildet. Mit
  dem Namen =Bleioxyd=- oder =Bleilster= bezeichnet man jene in
  Regenbogenfarben spielende, glnzende Frbung, welche gewisse mit
  Bleiglasur berzogene Thongeschirre zeigen. Diese Geschirre wurden
  whrend des Brennens der Einwirkung von reducirenden Dmpfen
  ausgesetzt, welche wahrscheinlich zu gleicher Zeit auch auf das in der
  Masse enthaltene Eisenoxyd wirken. Setzt man zu der Bleiglasur
  Chlorsilber, so wird auch dieses reducirt und es entstehen prchtige
  Lster von Goldgelb bis Silberweiss je nach der Menge des Silbers.

[Sidenote: Etruskische Vasen.]

  Die =etruskischen Vasen= der alten Rmer schliessen sich der Fayence
  an, sie sind aus eisenhaltigem, mit Quarz versetztem Thon geformt, nur
  leicht gebrannt, bald unglasirt, bald mit einer leichtflssigen Glasur
  bedeckt. Sie zeichnen sich durch die Schnheit ihrer Formen aus und
  scheinen mehr zur Zierde und zur Aufbewahrung trockener Gegenstnde
  (Graburnen, Thrnenkrge, Opferschalen, Lampen, Gtterbilder) als von
  Flssigkeiten gedient zu haben. Hierher gehrt auch die =Delftwaare=,
  welche im 17. Jahrhundert von den Hollndern geliefert wurde. Sie
  besteht wesentlich aus Tafelservice, deren Hauptstcke Thiere und
  Pflanzen darstellen, wie sie als Gericht auf die Tafel kommen.

[Sidenote: Thnerne Pfeifen.]

  An die Fayencefabrikate schliessen sich die =thnernen Pfeifen= an,
  deren Fabrikation manches Eigenthmliche darbietet. Man verwendet zu
  ihrer Fabrikation =Pfeifenthon=, der eine schne weisse Farbe haben,
  keine Eisentheile, keinen Sand und kein Calciumcarbonat enthalten und
  sich weiss brennen soll. Ist man genthigt, einen sich etwas gelblich
  brennenden Thon zu verwenden, so erzeugt man im Ofen zu einem gewissen
  Zeitpunkt einen dicken Rauch, dessen Kohlenstoff das Eisenoxyd des
  Thones, von welchem die gelbe Farbe herrhrt, zum Theil reducirt,
  wodurch die gelbliche Farbe zerstrt wird. Um die Pfeifen zu formen,
  wird ein Stck Thon mit einem Brett (dem Roller) auf einem glatten
  Brette gerollt und dadurch in dnne Walzen (Weller oder Welger),
  verwandelt, welche an dem einen Ende weit dicker als an dem andern sind
  oder einen Klumpen haben, aus welchem der Kopf der Pfeife gebildet
  werden soll. Die Walzen werden hierauf getrocknet, bis sie hinlnglich
  geschmeidig sind, und sodann mit einem starken Draht aus Messing
  (Weiserdraht) bis an den Kopf durchbohrt. Nachdem dies geschehen, legt
  ein Arbeiter (der Former oder Kastner) die Walze in eine mit Leinl
  bestrichene messingene Form, welche einem Pfeifenfutterale gleicht und
  aus zwei Hlften besteht. Der dicke Theil der Walze kommt in den
  ausgehhlten Kopf. Die beiden Hlften der Form werden fest
  zusammengeschraubt, wodurch der berflssige Thon aus der Form
  herausgepresst und der Stiel der Pfeife rund und gleichfrmig wird;
  darauf zieht man den Weiserdraht etwas zurck und bohrt mit Hlfe eines
  mit Leinl bestrichenen Kegels, welcher genau die Grsse der Aushhlung
  hat, den Kopf aus, hebt die Pfeife mittelst des Weiserdrahtes aus der
  Form, befreit sie mit Messern oder Haken von allen Anhngseln und
  beschneidet sie an der Mndung des Rohres. Alsdann glttet ein neuer
  Arbeiter mittelst einer Glasrhre oder eines Stckes Achat oder
  Feuerstein. So weit fertig gebildet, werden die Pfeifen zuerst auf
  Trockenbrettern getrocknet und dann gebrannt. Die Kapseln, in denen die
  Pfeifen gebrannt werden, haben gewhnlich die Gestalt hohler Walzen und
  sind in der Mitte mit einer Lehre versehen, an welcher die Pfeifen
  (gewhnlich 12 Dutzend) mit ihren aufgerichteten Stielen
  pyramidenfrmig zusammenstossen, und werden oben mit einem Ring
  geschlossen. Hufig sind auch die Kapseln lngliche Thonksten, in
  welche die zu brennenden Pfeifen abwechselnd mit Lagen von
  Pfeifenscherben gelegt werden, damit sie sich nicht werfen. Zuweilen
  brennt man die Pfeifen auch ohne Kapseln. Um den Pfeifen an der Spitze
  die Porositt zu benehmen, in deren Folge sie an den feuchten Lippen
  haften, reibt man sie an der Spitze mit einer Mischung von Seife, Wachs
  und Leimwasser ein.

[Sidenote: Khlkrge.]

  =Khlkrge.= Zu den nicht glasirten thnernen Gefssen gehren die
  =Khlkrge= oder =Alcarrazas=; sie haben eine vasenhnliche Gestalt,
  sind 25-50 Centimeter hoch und haben die Bestimmung, Flssigkeiten,
  besonders Wasser, abzukhlen. Fllt man ein solches Gefss mit Wasser,
  so sickert ein Theil der Flssigkeit durch die Poren der Wnde und
  verdunstet an der usseren Flche. Die zur Verdunstung nthige Wrme
  wird theilweise dem Wasser in dem Gefsse entzogen, wodurch die
  Temperatur desselben um mehrere Grade sinkt. Nach =Sallior= sollen sie
  eine Abkhlung von 15 bewirken, in Svres angestellte Versuche ergaben
  nur eine Abkhlung von 3-5. Die Porositt dieser Gefsse wird theils
  durch schwaches Brennen, theils durch Beimengung von Substanzen, die
  beim Brennen zerstrt werden, theils auch durch Zusatz von Kochsalz,
  das nach dem Brennen ausgelaugt wird, hervorgebracht. In Frankreich
  stellt man diese Khlkrge unter dem Namen Hydrocrames dar. Im
  englischen Handel kommen Wein- und Butterkhler (_aegyptian wine and
  butter cooler_) vor, deren Masse aus blos verglhtem Thone, der sich
  sehr pors brennt, besteht. Die Gefsse werden vor dem Gebrauche 1/2
  Stunde lang unter Wasser gestellt, um sie vllig damit ansaugen zu
  lassen. Die Khlkrge sind in den warmen Lndern seit langer Zeit
  bekannt und sehr wahrscheinlich in Ostindien viel lnger als in
  Aegypten, Spanien und der Trkei. Bei den Seefahrern fhren sie die
  Namen Gargouletten (leichte Flaschen), bei den Aegyptern Kolles oder
  Gullies, bei den Spaniern Alcarrazas; in allen Theilen der Levante
  werden dieselben Baldaques und auf den franzsischen Colonien Canaris
  genannt. Die Khler sind in China, Persien, Syrien, Kleinasien und
  Aegypten ebenso allgemein als bei den orientalischen Seefahrern in
  Gebrauch, und wahrscheinlich wurden sie durch die Araber nach Spanien
  verpflanzt. Die grosse Thonwaarenfabrik zu Kenneh in Obergypten
  liefert Khler fr das ganze Land. Eines der Mitglieder der gelehrten
  Commission, welche die Expedition unter Bonaparte nach Aegypten
  begleitete, hat den zu Khlern verwendeten mergelartigen Thon nach
  Frankreich gebracht, worauf =Fourmy= hnliche Gefsse herstellte. In
  Bengalen bereitet man Khlgefsse aus dem Schlamme des Ganges.


                     V. Das gemeine Tpfergeschirr.

[Sidenote: Gemeines Tpfergeschirr.]

Das =gemeine Tpfergeschirr= hat die Bestimmung, zu Zwecken der Kochkunst
und der Haushaltung, namentlich den minder wohlhabenden Klassen zu
dienen; es ist daher Wohlfeilheit die hauptschlichste Rcksicht, die bei
der Herstellung dieser Art Thonwaare zu nehmen ist. Aus diesem Umstande
ergiebt sich, dass je nach den localen Verhltnissen ganz verschiedene
Thonarten und zwar besonders diejenigen angewendet werden, die leicht und
in der Nhe zu haben sind, daher die vorherrschende Benutzung von
Tpferthon und Thonmergel, wo man nicht ber bessere Thonsorten verfgen
kann. Fr die sogenannte =Weisstpferei=, welche die Herstellung von
gewhnlichem Kchengeschirr zur Aufgabe hat, wendet man gewhnlich den
gemeinen Tpferthon an, fr die =Brauntpferei=, zu welcher das Bunzlauer
und Waldenburger Geschirr gehrt, benutzt man dagegen einen ziemlich
feuerbestndigen Thon. Die in der Natur vorkommenden Thonarten sind in
der Regel zu fett, als dass sie allein und ohne Zusatz einer anderen
Substanz zur Herstellung der Tpferwaare benutzt werden knnten. Man
findet zwar zuweilen deren, die sich nach dem Durchtreten und
Durcharbeiten im natrlichen Zustande verarbeiten lassen; diese Thone,
die im Allgemeinen selten vorkommen, enthalten schon an und fr sich Sand
oder eine andere magere Substanz. Wo derartige Thone nicht vorkommen, ist
man genthigt, zu dem Thon Sand zu setzen, welcher den Zusammenhang der
Thontheilchen unter einander verhindert. Ausser dem Sand wendet man
hierzu an Feuerstein, Kreide, Charmotte und Steinkohlenasche. Das
Tpfergeschirr wird auf der Drehscheibe geformt, der gedrehte Gegenstand
wird von der Scheibe entfernt, lufttrocken gemacht und dann =glasirt=.
Die gegenwrtig bliche Bleiglasur war den Alten unbekannt. Die Masse des
gewhnlichen Tpfergeschirres ist fast nie weiss oder gelblich, sondern
meist braunroth, die Glasur nie wie Email, sondern stets durchsichtig und
zwar theils zufllig, theils absichtlich gefrbt. Da die in Frage
stehenden Thonwaaren theils in Folge der Leichtschmelzbarkeit ihrer
Masse, theils auch zur Verminderung der Produktionskosten bei schwachem
Feuer gebrannt werden, so muss die Glasur entsprechend leichtflssig
sein. Eine solche Substanz ist nun die =Bleiglasur=, ein
Aluminium-Bleiglas, welches in den meisten Gegenden Deutschlands aus
=Bleiglanz= (Glasurerz, _alquifoux_) und Lehm (Thon und Sand)
zusammengesetzt ist. Die Materialien werden auf einer Handmhle mit
Steinen (=Glasurmhle=), von hnlicher Construction wie die
Getreidemhle, fein gemahlen und gemengt. Whrend des Brennens wird der
Bleiglanz gerstet, der Schwefel entweicht als schweflige Sure, und das
durch Rsten entstandene Bleioxyd tritt mit der Kieselerde und der
Thonerde des Lehmes (oder eines Gemenges von Sand und Thon) zu
Aluminium-Blei-Silicat zusammen. Wegen des grossen Eisenoxydgehaltes des
Lehmes oder Sandes ist diese Glasur stets gefrbt.

  Das Glasiren der lufttrockenen Waare geschieht auf dreifache Weise,
  entweder durch Eintauchen oder durch Begiessen oder durch Bestauben.
  Durch Eintauchen lassen sich ohne Gefahr fr das Geschirr nur verglhte
  Gegenstnde glasiren; stnde auch diesem Verfahren die Nothwendigkeit
  des vorlufigen Verglhens im Wege, so ist es doch aus Rcksichten fr
  die Arbeiter nicht zu empfehlen, weil die Hnde mit der bleihaltigen
  Glasur in Berhrung kommen. Darum wendet man hufig die Methode des
  Begiessens zum Glasiren der Thongeschirre an. Soll ein Geschirr durch
  Bestauben glasirt werden, so taucht man es zuerst in eine Schlempe aus
  fettem Thon und bersiebt es dann mit dem feingemahlenen Glasursatze;
  dieses Verfahren ist fr den Glasurarbeiter von grsstem Nachtheil,
  weil dabei das Einathmen von Bleitheilchen nicht umgangen werden kann.
  Damit das Geschirr nicht an die Unterlage anschmelze, muss die Glasur
  am usseren Boden der Geschirre sorgfltig entfernt werden.

  Wenn das Bleioxyd im richtigen Verhltniss zur Kieselerde des Thons
  oder Lehms angewendet wurde, so ist das entstehende Bleiglas in den
  gewhnlichen, in der Haushaltung vorkommenden organischen Suren nicht
  lslich und die Bleiglasur durchaus zu empfehlen. Ist hingegen ein
  Theil des Bleioxydes mit der Kieselerde nicht gehrig verbunden, so
  kann der Fall eintreten, dass ein Theil des Bleies sich schon im
  heissen Essig lst. So haben =Buchner=, =A. Vogel=, =Erlenmeyer= u. A.
  bei der Untersuchung von Glasur verschiedener Arten von Thongeschirr
  gefunden, dass die Mengen auflslichen Bleioxydes in der Glasur des
  Tpfergeschirres nicht immer so unerheblich sind, als man bisher
  geglaubt hat, und dass schon sehr verdnnter Essig dessen Lsung
  bewirkt. Die Benutzung von mit solcher Glasur versehenem Geschirr ist
  offenbar nicht unbedenklich. Obwohl es wnschenswerth wre, eine
  wohlfeile bleifreie Bleiglasur herzustellen, welche die Vorzge der
  Bleiglasur htte, so ist doch nicht zu verkennen, dass die Nachtheile
  der Bleiglasur hufig zu grell geschildert worden sind. Alle Nachtheile
  wrden vollkommen verschwinden, wenn der Tpfer seine Waare, die er
  unvollkommen gebrannt aus dem Ofen zieht, nicht in den Handel brchte,
  sondern erst nochmals brennte, oder durch zweckmssigere Construction
  der Brennfen in den Stand gesetzt wre, den ganzen Einsatz oder doch
  den grssten Theil desselben vollkommen zu brennen, dann endlich, wenn
  der Tpfer bei der Zusammensetzung der Bleiglasur rationell verfhre.
  Zweckentsprechender noch wrde es sein, wenn dem Tpfer ein
  fabrikmssig durch Schmelzen erhaltenes Bleisilicat geliefert wrde.
  Neuerdings hat man nicht ohne Erfolg vielfach =bleifreie= Glasuren
  herzustellen versucht, so z. B. durch geeignete Anwendung von
  Wasserglas oder einem Gemisch davon mit Calciumborat.

[Sidenote: Brennen der Tpferwaaren.]

  Die mit Glasur versehenen Geschirre werden nun in den Brennofen
  eingesetzt und gebrannt. Der Ofen ist in den meisten Gegenden ein
  liegender, etwa 2-1/4-2-3/4 Meter hoher, 7-10 Meter langer Flammenofen
  mit einem Tonnengewlbe. An dem einen Ende befindet sich der
  Feuerkasten, an dem andern der Schornstein. Die Feuerkammer ist von
  dem eigentlichen Ofen durch eine vielfach durchbrochene Mauer aus
  Ziegelsteinen getrennt. Die zu brennenden Geschirre werden ohne
  Kapseln der Einwirkung des Feuers ausgesetzt. Nach der Feuerung hin
  kommen die Geschirre auf fusshohe Unterlagen (Brennscherben), weiter
  nach einwrts stellt man sie auf die mit Sand bestreute Ofensohle.
  Zuerst macht man schwaches Feuer und verstrkt es nur allmlig. Das
  Vorfeuer whrt 11-12 Stunden, das Scharffeuer 4-5 Stunden. Etwa 18-24
  Stunden nach beendigtem Brennen knnen die gebrannten Geschirre aus
  dem Ofen entfernt werden.


             VI. Backstein-, Ziegel- und Rhrenfabrikation.

[Sidenote: Steine aus Thon.]

Die Fabrikation der gebrannten Steine aus Thon, die in neuester Zeit
erst, namentlich aber durch den unermdlichen =Trrschmidt= eine
rationelle Grundlage erhalten, beschftigt sich mit der Herstellung von
=Backsteinen= (Mauerziegel oder Barnsteine), =Dachsteinen=,
=Pflasterziegeln= (Fliessen) und =Terracotten=. Nicht zu verwechseln mit
den Backsteinen sind die in mehreren Gegenden gebruchlichen, nicht
gebrannten, sondern nur an der Luft getrockneten Ziegel, welche zu
Mauerwerk verwendet und =Lehmpatzen= (Luftsteine, gyptische Ziegel)
genannt werden.

Zur besseren Uebersicht theilen wir das Kapitel, das von der
=Fabrikation= der =Backsteine= handelt, in drei Abschnitte, deren
=erster= das zur Herstellung der Steine geeignete Material betrachtet,
die brigen Abschnitte handeln:

               2) von der Bearbeitung des Thones,
               3) von dem Streichen der Ziegel,
                   [Greek: a]) mit der Hand,
                   [Greek: b]) mit Hlfe von Maschinen,
               4) von dem Brennen der getrockneten Steine.

[Sidenote: Terracotta.]

  Unter =Terracottwaaren= versteht man in der weitern Bedeutung des
  Wortes gebrannte, unglasirte Gegenstnde von gelb- oder rothgebranntem
  Thone, demnach auch die Ziegel- oder Backsteine; im engern Sinne
  braucht man dagegen nur den Namen Terra cotta, um zu Bildwerken und
  Bauornamenten (Thurmspitzen, Spitzbogenfenster, Portalverzierungen,
  Kreuzblumen, Rosetten etc.) bestimmte gebrannte Thongegenstnde zu
  bezeichnen. Vor dem gehauenen Stein haben sie den Vorzug der
  mechanischen Vervielfltigung des knstlerischen Entwurfes durch blosse
  Handarbeit, und da sie hohl gefertigt werden, weit grssere
  Leichtigkeit voraus.

[Sidenote: Das Ziegelmaterial.]

Nicht jeder Thon eignet sich zur Herstellung von Ziegeln, doch knnen
gewisse Sorten, die an sich nicht dazu taugen, durch zweckmssige
Zubereitung brauchbar gemacht werden. Obgleich man schon in den meisten
Fllen aus der usseren Beschaffenheit einer Thonart auf deren grssere
oder geringere Anwendbarkeit zur Herstellung von Backsteinen einen
Schluss ziehen kann, so ist es doch nothwendig, dass man Ziegel daraus
formt und dieselben dann in einem bewhrten Ziegelbrennofen brennt.
Hierbei ist nicht zu bersehen, dass die Probeziegel an verschiedene
Stellen des Ofens gebracht werden mssen, um das Verhalten derselben bei
den verschiedenen Temperaturen des Ofens genau kennen zu lernen, da die
Temperatur, bei welcher die Backsteine gebrannt werden mssen, von der
Zusammensetzung des Lehms abhngig ist. Wo man die Wahl zwischen mehreren
Thonarten hat, wird man natrlich stets jene whlen, welche dem Feuer am
besten widersteht, die als nothwendig erscheinende Wohlfeilheit des
Materials zwingt indessen die Fabrikanten von Backsteinen, hufig
dasjenige Material zu whlen, das am leichtesten und billigsten zu
beschaffen ist. Es lassen sich aus sehr verschieden zusammengesetzten
Thonen, namentlich was ihren Gehalt an kohlensaurem Kalk betrifft,
Backsteine von der erforderlichen Beschaffenheit herstellen,
vorausgesetzt, dass man beim Brennen die zweckmssigste Temperatur
anwendete. Ein Ziegelthon, welcher viel kohlensauren Kalk enthlt, lsst
sich zwar bei einer weit niedrigern Temperatur, demnach mit geringerem
Brennstoffaufwand brennen; den so erhaltenen Steinen geht indessen die
erforderliche Festigkeit und Dauerhaftigkeit ab. Nicht selten kommen
ferner im Thon vor: Glimmer, Feldspath, Eisenoxydhydrat, Ferriphosphat,
nebst vegetabilischen Ueberresten. Wenn diese Stoffe nicht in zu grosser
Menge und gleichmssig vertheilt in dem Thon vorkommen, so sind sie nicht
nachtheilig. Glimmer und Feldspath, sowie Eisenoxyd wirken als
Flussmittel und sind daher bis zu einem gewissen Grade eher ntzlich als
schdlich, weil sie das Zusammensintern der Masse beim Brennen befrdern.
Kieselgerlle, grbere Stcken von kohlensaurem Kalk und Gypskrystalle
sind der Anwendbarkeit eines Ziegelthones sehr hinderlich; die Gerlle
zersprengen den durch das Brennen hart gewordenen Backstein, da sie ihr
Volumen vergrssern, whrend der Thon sich zusammenzieht. Kalknieren und
Gypskrystalle wirken noch nachtheiliger, da diese beim Brennen ihr
Volumen verkleinern, daher spter durch Anziehung von Kohlensure und
Wasser an Volumen betrchtlich zunehmen und dadurch den Mauerstein
sprengen. Schwefelkies macht den Thon zur Fabrikation von Backsteinen
ungeeignet, da das Eisensulfuret, welches nach dem Brennen in den Steinen
enthalten ist, an der Luft in Eisenvitriol bergeht, der in kurzer Zeit
auswittert und dadurch den Stein mrbe macht.

  In den Niederlanden, in der Themse oberhalb London, an den Mndungen
  des Ganges und des Nils, verwendet man den Flussschlamm, der sich in
  der Nhe der Mndungen in den Flssen und namentlich an den Stellen, wo
  Ebbe und Flut aufhren wirksam zu sein, absetzt und dort zur Bildung
  der Delta Veranlassung giebt, als Material fr die Fabrikation von
  Backsteinen. Seit 1852 stellt man (auf Anregung von =Bernhardi= in
  Eilenburg) aus Kalksandmasse -- einem Gemenge von gebranntem Kalk, Sand
  und Wasser -- die sogenannten =Kalkziegelsteine= dar, die als
  Baumaterial vielfache Anwendung finden.

[Sidenote: Vorbereitung des Thones.]

  Das Ausgraben des Thones aus den Thongruben erfolgt im Sommer oder
  Herbste, weil zu dieser Zeit der Thon meist weniger feucht und schwer
  und deshalb mit geringeren Kosten zu frdern ist. Der ausgegrabene Thon
  wird in einer nicht zu hohen Schicht ausgebreitet, und wenn es die
  Umstnde erlauben, lngere Zeit hindurch im Freien liegen gelassen,
  damit Feuchtigkeit und Wrme, namentlich auch Frost auf ihn einwirken.
  Sehr vortheilhaft ist es, wenn er gehrig durchfriert und dann wieder
  aufthaut, da dadurch der Thon sehr aufgelockert wird. Der den
  atmosphrischen Einflssen ausgesetzt gewesene und wiederholt
  durchgearbeitete Thon wird nun =eingesumpft=. Zu diesem Zwecke bringt
  man denselben in Gruben von etwa 4 Meter Lnge, 2 Meter Breite und 1,3
  Meter Tiefe und bergiesst ihn mit so viel Wasser, dass dasselbe etwa 6
  Centimeter darber steht. Hier lsst man ihn mit Wasser sttigen und
  rhrt ihn wiederholt um, wobei man von Zeit zu Zeit Wasser hinzugiesst.
  Sobald der Thon gehrig weich geworden ist, beginnt man mit dem
  =Durchtreten= auf dem neben dem Sumpfe (fosse) befindlichen, gedielten
  und mit Rndern eingefassten Tretplatz. Es wird zuerst eine 9-12
  Centimeter hohe Schicht Thon auf den Tretplatz gebracht und diese von
  den Arbeitern mit den Fssen durchtreten, wobei harte Krper, wie
  Kieselgerlle und Kalknieren, aus dem Thon entfernt werden; von Zeit zu
  Zeit wird die Masse umgeschaufelt und mit Wasser begossen. Auf die
  erste Schicht kommt eine zweite, auf letztere eine dritte u. s. f., bis
  endlich die Dicke der Schicht das Durchtreten unmglich macht. Hier
  geschieht auch bei zu fettem Thon das Vermengen mit Sand, eine Arbeit,
  die, wenn es irgend mglich ist, umgangen werden muss, da sie das
  Fabrikat vertheuert. Am vortheilhaftesten ist es, wenn man neben zu
  fettem Thone einen mageren hat und diese beiden durch Durchtreten mit
  einander vermengt. Einen zu mageren Thon kann man, wenn man keinen
  fetten Thon zur Verfgung hat, durch Schlmmen von einem Theile seines
  Sandes befreien und ihn dadurch geeignet zur Backsteinfabrikation
  machen. Dieses Schlmmen geschieht auf zweierlei Weise. Nach der einen
  Art rhrt man den Thon in der Sumpfgrube mit Wasser zu einer Art
  Schlempe an und lsst diese eine kurze Zeit in der Grube ruhig stehen,
  damit ein Theil des Sandes sich absetze, darauf bringt man den oberen
  thonigen Theil in eine andere Sumpfgrube und entfernt den sandigen
  Bodensatz aus der ersten Grube. Nach einem andern Verfahren bringt man
  den mageren Thon nach und nach in einen hlzernen Kasten, welcher an
  der Vorderseite mit Zapfenlchen in verschiedener Hhe versehen ist,
  rhrt den Thon durch Umrhren mit Wasser zu einem recht dnnen Brei an
  und lsst ihn sodann, jenachdem der dem Lehm beigemengte Sand grber
  oder feiner ist, 2-5 Minuten ruhig stehen. Nach Verlauf dieser Zeit
  ffnet man nach und nach die Zapfen und lsst das Thonwasser langsam in
  die Grube laufen, in welcher nach der Verdunstung des Wassers ein von
  Sand gereinigter, brauchbarer Thon zurckbleibt. In London und
  berhaupt in England, wo die Backsteine fast das ausschliessliche
  Baumaterial sind und die Huser von aussen sehr selten einen Abputz
  bekommen, reinigt man den Thon auf das sorgfltigste. Die den
  Alluvialablagerungen entnommenen Massen, welche in dem Becken von
  London ber dem sogenannten London-clay liegen, werden durch einfache
  Schlmmvorrichtungen von beigemengten Feuer- und Kieselsteinen,
  Kalknieren u. s. w. befreit und nach Umstnden mit Steinkohlencindern
  (ein Gemenge von kleinen Koksstckchen und Asche) oder mit Sand
  vermischt, angewendet.

  Das Treten des Thones wird gegenwrtig hufig durch Knetmaschinen und
  Schlmmvorrichtungen ersetzt. Eine der einfachsten und bewhrtesten
  Schlmmmaschinen ist die von =Henschel= in Cassel, bei welcher der Thon
  in einen hlzernen bedeckten Trog, in dessen Axe sich eine mit
  Rhrarmen versehene Welle befindet, mit Wasser gegeben wird; durch die
  Bewegung der Welle zerdrcken die Arme den Thon und zertheilen ihn in
  dem Wasser zu einer Schlempe, welche man nun durch ein Sieb laufen
  lsst. Zuweilen bedient man sich zum Vorbereiten des Thones auch eines
  mit Steinen belasteten =Karrens=, dessen breite Rder von ungleichem
  Durchmesser sind und welcher auf der Trettenne von zwei ausserhalb
  derselben an einen Schwenkbaum gespannten Pferden herumgezogen wird.
  Indem die Rder des Karrens den Thon durchschneiden, wird derselbe
  gehrig durchknetet. Ein ganz verschiedenes Princip liegt der
  =Thonpresse= zu Grunde, welche einen festgebauten Kasten mit
  durchlcherter oder gitterartiger Wand enthlt; man fllt diesen mit
  nassem Thon und treibt dann mit Hlfe eines hineingepressten Stempels
  den Thon durch die engen, aber zahlreichen Wandffnungen heraus, wobei
  alle grberen Unreinigkeiten im Innern zurckgehalten werden. Diese
  Operation erfordert sehr grosse Kraft, zeigt sich aber hchst wirksam
  und hat deshalb zur Construction mehrerer etwas verschiedener Maschinen
  Veranlassung gegeben.

[Sidenote: Das Streichen der Ziegel.]

Das Streichen (oder Formen) der Ziegel (Backsteine) =mit der Hand= ist
eine sehr einfache Arbeit. Man wendet hierzu Formen von Holz oder von
Gusseisen an, welche aber wegen des Schwindens der Backsteine beim
Trocknen und Brennen grsser sein mssen als die herzustellenden Steine.
Fig. 156 zeigt die obere Ansicht (_B_) und den Durchschnitt (_A_) einer
gewhnlichen Form.

[Illustration: Fig. 156.]

[Illustration: Fig. 157.]

[Illustration: Fig. 158.]

  Bisweilen giebt man den Formen eine solche Breite (Fig. 157), dass man
  darin zwei Steine auf einmal formen kann, obgleich diese Art Formen
  weniger bei Mauersteinen als bei Fliessen Anwendung findet. Der
  Arbeiter wirft einen Ballen Thon in die mit Sand bestreute Form, drckt
  denselben in die Form recht dicht ein, damit die Ecken gehrig
  ausgefllt werden und streicht dann das, was ber die Form hervorragt,
  mit dem Streichholze (Fig. 158) weg. Die Form wird auf einem Brette
  entleert und der geformte Stein auf dieses zum Trocknen hingelegt.
  Nachdem er hier so weit ausgetrocknet ist, dass er ohne
  Beeintrchtigung seiner Gestalt aufgehoben werden kann, wird er zum
  vlligen Austrocknen, auf der hohen Kante stehend, in Trockenscheuern
  so lange einem nicht zu raschen Luftwechsel ausgesetzt, bis er vllig
  lufttrocken erscheint. In Flandern, Brabant und Holland trocknet man im
  Freien, indem man die Steine in Gestalt von durchbrochenen Mauern
  aufstellt und dieselben mit Strohmatten bedeckt. Zweckmssig regulirtes
  Trocknen der Backsteine ist fr ihre Qualitt von Wichtigkeit. Geht
  nmlich das Trocknen zu schnell vor sich, so ist ein unregelmssiges
  Schwinden und ein Verziehen oder Reissen unvermeidlich. Die Steine
  mssen ferner whrend des Trocknens mglichst lose auf ihrer Unterlage
  aufliegen, weil sonst diese Enden beim Zusammenziehen nicht nachfolgen
  knnten und der Ziegel in der Mitte voneinanderreissen msste. Von Zeit
  zu Zeit vorgenommenes Verschieben der Steine oder untergestreuter Sand
  verhindert das Anhaften derselben am besten. Die Leistung der Arbeiter
  in einer bestimmten Zeit ist von ihrer Gewandtheit und ihrer
  Krperkraft abhngig; als tgliches Leistungsquantum pro Kopf eines
  Arbeiters eines sogenannten Tisches (aus 5-10 Personen bestehend)
  knnen 1000 Stck Bauziegel als Maximum gerechnet werden.

[Sidenote: Ziegelstreichmaschinen].

Das Formen der Ziegel =mit Hlfe von Maschinen=[97] hat, wenn es von
Vortheil sein soll, mehr und billigere Arbeit zu leisten, als durch
Handarbeit geleistet werden kann. Nehmen wir an, dass ein Streicher,
untersttzt durch zwei Handlanger und ein Kind, im Durchschnitt tglich
5-6000 Backsteine zu liefern im Stande ist. Es wird sich nun schwerlich
eine Streichmaschine construiren lassen, lieferte sie auch in der
nmlichen Zeit fnfmal mehr Ziegel, welche nicht wenigstens ebenso viel
kostete, als zwanzig Arbeiter, die zur Fabrikation von 30,000 Ziegeln
erforderlich gewesen wren. Eine Maschinenziegelei erfordert ein grosses
Anlagekapital, die Deckung der Zinsen, die Unterhaltung der Maschine, die
Nothwendigkeit, dieselbe ununterbrochen zu beschftigen, die zu ihrer
Leitung und Beaufsichtigung erforderlichen Leute, endlich die Beschaffung
der bewegenden Kraft setzt einen enormen und unaufhrlichen Absatz
voraus. Ein derartiger Absatz ist aber nur in einem Seehafen oder in
nchster Nhe eines schiffbaren Flusses oder in nchster Nhe grosser
oder in raschem Aufschwunge begriffener Stdte ausfhrbar, weil die
Ziegel durch weiten Landtransport zu kostspielig werden. Es bedarf daher,
Alles in Allem betrachtet, eines seltenen Zusammentreffens von Umstnden,
um eine Maschinenziegelei rentabel zu machen und sie in den Stand zu
setzen, mit der Handarbeit concurriren zu knnen. Man begegnet daher
Maschinenziegeleien nur in solchen Lndern, wo der Tagelohn am theuersten
ist und die Nhe grosser Stdte und eines Seehafens auf einen grossen und
fortwhrenden Absatz zu rechnen gestattet.

  [97] Ueber Maschinenziegelei siehe eine Abhandlung =Emil Teirich='s in
       Wien, Jahresbericht der chem. Technologie 1868 p. 407.

  Alle in den letzten Jahrzehnden construirten Streichmaschinen lassen
  sich auf folgende =vier= Arten von Maschinen zurckfhren:

  1) auf Maschinen, welche das Streichen der Ziegel mit der Hand
  nachahmen;

  2) auf Maschinen, die das Formen durch eine ununterbrochene
  Kreisbewegung ausfhren;

  3) auf Maschinen, welche mit einer Form zum Ausstechen der Backsteine
  aus einem Thonkuchen versehen sind;

  4) auf Maschinen, welche ein fortlaufendes Band aus Thon von einer
  Breite, die der Lnge der Ziegelsteine entspricht, bilden und dieses
  Band mit Hlfe eines Messers oder eines Fadens in einzelne Steine
  zerschneiden.

[Illustration: Fig. 159.]

  I. Die Maschinen der =ersten Art=, welche das Streichen mit der Hand
  nachahmen, bestehen aus einem gusseisernen Formrahmen, der durch eine
  Combination verschiedener Maschinentheile in eine hin- und hergehende
  Bewegung versetzt wird. In dem ersten Theile der Bewegung gelangt die
  Form unter den mit Thon gefllten Trichter und wird daselbst gefllt;
  die Form geht dann in eine zweite Stellung, wo durch einen Hebel der
  Inhalt zusammengepresst wird; in der dritten Stellung gleitet sie ber
  den Boden, welcher beim Pressen zum Widerstand diente und tritt unter
  einen Pressstempel, welcher den fertig geformten Backstein aus der Form
  treibt. Hierauf beginnt das Spiel von Neuem. Als Beispiel einer
  derartigen Maschine beschreiben wir die von =Carville= (von Issy bei
  Paris). Das Ziegelmaterial gelangt aus der Knettonne _A_ (Fig. 159)
  unter die Presswalze _B_, welche fortwhrend durch einen aus dem
  Reservoir _C_ kommenden Wasserstrahl feucht erhalten wird, damit der
  Thon nicht an der Walze adhrire; ein Trichter mit Sand _D_ bestreut
  die Backsteine mit Sand, ehe sie unter den Pressapparat kommen, welcher
  durch den Hebel _F_ und das Gegengewicht _G_ wirkt. Die Formen gehen
  dann auf einer endlosen Kette _I_ weiter; diese aus Blechstreifen
  bestehende Kette bildet den Boden der durch die Wellen _J J_ constant
  bis zu dem Pressstempel bewegten Formen, wo die Ziegel aus den Formen
  auf Bretter gelangen, auf welchen sie in den Trockenraum weiter gefhrt
  werden. Durch das in _N_ befindliche Wasser werden die Formen gewaschen
  und mit Hlfe des Trichters _K_ mit Sand bestreut, ehe sie unter der
  Presswalze mit Thon gefllt werden. Fig. 160 giebt die Details der
  Kette, welche die Formen bildet, und der Vorrichtungen, welche den
  Pressstempel in Bewegung setzen, sobald es Zeit ist, die Backsteine aus
  der Form zu entfernen.

[Illustration: Fig. 160.]

  II. Die Maschinen der =zweiten Art=, bei welchen das Formen der
  Backsteine durch eine ununterbrochene Kreisbewegung geschieht, sind den
  vorstehenden hnlich; es findet jedoch bei ihnen der Unterschied statt,
  dass statt einer Form mehrere vorhanden sind, die sich entweder auf
  einer horizontalen, um eine verticale Axe sich drehenden Scheibe oder
  auf der Peripherie eines Cylinders befinden, welcher sich um eine
  horizontal liegende Axe dreht. Bei einigen Maschinen der Art beginnt
  eine schwere gusseiserne Walze das Pressen, welches durch das Gleiten
  der Formen zwischen zwei nicht ganz parallelen Blechwalzen fortgesetzt
  wird. Bei den Scheibemaschinen wird das Auspressen der geformten Steine
  aus der Form entweder durch Hebel oder durch eine schiefe Ebene
  bewirkt; bei den Cylindermaschinen ist in den Formen ein beweglicher
  Boden, welcher mehr und mehr durch die Form hindurch bewegt wird, wenn
  dieselbe dem tiefsten Stande sich nhert.

  III. Die Maschinen der =dritten Art= unterscheiden sich von den
  vorhergehenden dadurch, dass das Ziegelmaterial zuerst in einen
  platten Thonkuchen von der Dicke der herzustellenden Ziegelsteine
  verwandelt wird, auf welchen die Form wie eine gewhnliche
  Ausstechmaschine niederfllt, um den Backstein auszuschneiden. Dieses
  System findet besonders Anwendung, wenn es sich darum handelt,
  Verzierungen an den Ziegelsteinen anzubringen.

  IV. Die Maschinen der =vierten Art= endlich, bei welchen ein langes
  Band aus Thon, so dick und breit als der Lnge der Ziegel entspricht,
  erzeugt wird, welches durch Querschnitte in einzelne Theile zertheilt
  wird, zerfallen in zwei Unterarten, je nachdem das Thonband entweder
  mittelst Herauspressen des Thones durch eine lnglich viereckige
  Oeffnung, oder mittelst Walzen, das Abschneiden aber entweder sofort,
  wenn ein Stck von der einfachen Ziegellnge oder Ziegelbreite
  herausgetreten ist, oder erst nachher durch viele auf einmal vollzogene
  Schnitte stattfindet. Das Zerschneiden geschieht entweder mit einem
  Messer oder mit einem Messingdraht. Auf das nmliche Princip grnden
  sich die Thonrhrenpressmaschinen, die gegenwrtig zur Fabrikation der
  Drainrhren dienen.

[Illustration: Fig. 161.]

[Illustration: Fig. 162.]

  Die Maschine von =Terrasson-Fougres= lsst sich zum Theil auf das
  vierte System zurckfhren, obgleich das Streichen erfolgt, ohne dass
  ein Maschinentheil vorhanden wre, welcher mit dem Namen Form belegt
  werden knnte. Auf einer endlosen Kette wird mit Hlfe einer Presswalze
  _A_ (Fig. 161) ein Thonband gebildet, welches beim Hervortreten unter
  dem Presscylinder durch gespannte verticale Drhte die nthige Breite
  erhlt und sodann auf den Rollen _D_ weiter gefhrt wird und zwar bis
  zu einer Vorrichtung (Fig. 162), welche vom Erfinder das Fallwerk
  genannt wird. Das Fallwerk selbst ist eine Art Holzrahmen und mit eilf
  durch Gewichte _F_ in Spannung erhaltenen Eisen- oder Kupferdrhten
  versehen, welche beim Niedergang des Fallwerkes als Messer wirken.
  Jeder dieser Drhte muss mit Genauigkeit justiert werden, alle mssen
  in einer Ebene und vollkommen gleich weit von einander liegen und zwar
  so weit, als es die Breite der Ziegel verlangt. Sind die Ziegel auf die
  ganze Hhe der Masse durchschnitten, so wird das Fallwerk wieder
  gehoben: auf diese Art gehen die beiden Operationen des Formens und
  Schneidens ununterbrochen vor sich. Die Bretter, auf denen die
  geformten Steine liegen, laufen auf der Leitung weiter fort bis an den
  Ort, wo die Ziegel getrocknet werden sollen. Der Apparat _G_ ruht auf
  sechs Rdern, wodurch der leichte Transport der Maschine nach allen
  Theilen der Ziegelei ermglicht ist.

[Sidenote: Backsteine aus trocknem Thon.]

  =Pressziegel= sind durch Pressen mittelst eines fast =trockenen Thones=
  hergestellt, dessen natrliche Feuchtigkeit mehr als hinreichend ist,
  um durch den starken Druck, welchem der Thon unterworfen wird, den
  erforderlichen Zusammenhang zu erzielen. Es werden dadurch weit
  dichtere Steine erzeugt, die man, weil sie mehr Festigkeit besitzen,
  weit dnner streichen kann als die gewhnlichen Ziegelsteine. Eine der
  vollkommensten Maschinen zur Fabrikation von Pressziegeln ist die von
  =Nasmyth= und =Minton=, bei welcher das Wesentliche in einer besonderen
  Construction des Excentricums besteht, welches die comprimirenden
  Formen in Thtigkeit setzt. Bei jeder Rotation desselben soll der
  gepulverte Thon comprimirt werden, dann soll die Compression
  nachlassen, damit die zwischen den Thontheilchen eingeschlossene Luft
  entweichen kann, worauf die letzte Verdichtung erfolgt. Bei der
  Fabrikation von Pressziegeln aus gepulvertem Thon zeigt es sich
  nmlich, dass, wenn der erforderliche Grad der Verdichtung mit einem
  Druck erreicht werden soll, ein Theil der zwischen den Thontheilchen
  eingeschlossenen Luft beim Nachlassen der comprimirenden Kraft sich
  wieder auszudehnen strebt und daher den Ziegel lamellenartig spaltet.
  Mit Hlfe einer neuerdings von =Julienne= construirten Maschine zum
  Herstellen von Ziegeln aus trockenem Thon sollen ein Mann und ein Kind
  tglich im Stande sein, in einer zehnstndigen Schicht 4000 Stck
  Ziegel zu streichen.

[Sidenote: Das Brennen der Ziegel.]

=Das Brennen= der an der Luft vollstndig getrockneten Backsteine oder
Ziegel geht entweder in besonders dazu construirten Oefen (=Brennfen=)
oder in =Feldfen= oder =Meilern= (Feldbrennerei) vor sich. Die Brennfen
sind entweder a) =offene= Oefen (Schachtfen) oder b) =gewlbte= oder
=geschlossene= Oefen oder endlich c) Oefen mit ununterbrochenem Brande
(=continuirliche Oefen=). Sie sind theils auf Holz-, theils auf Torf-,
Braunkohlen- und Steinkohlenheizung eingerichtet.

[Illustration: Fig. 163.]

[Illustration: Fig. 164.]

  Von den vielfachen Constructionen von Ziegelbrennfen seien einige der
  besseren als Beispiele angefhrt. Fig. 163 stellt einen Etagenofen vor,
  welcher auf Holzfeuerung eingerichtet ist; die drei ber einander
  liegenden Rume _A_, _B_ und _C_ werden nach einander geheizt, die
  Feuerung _D_ (mit der Heizthre _F_) giebt eine lange Flamme, welche
  durch eine durchbrochene Mauer vertheilt wird und dann in den Brennraum
  _A_ und von da durch Oeffnungen in die Feuerung _H_ tritt, welche durch
  die Heizthre _G_ unterhalten wird; die Verbrennungsprodukte werden
  wieder durch die durchbrochene Mauer _J_ zertheilt und gelangen in die
  oberste Etage _C_. Das Brennen selbst wird durch die Hhe des
  Schornsteins _N_ regulirt, welcher sich mit der Hhe der in Brand
  gesetzten Etage vermindert. Fig. 164 zeigt einen Lngendurchschnitt des
  Ofens nach der schmalen Seite und von der Feuerung _H_ aus gesehen.
  Fig. 165 einen Horizontaldurchschnitt in der Hhe der Sohle der
  mittleren Etage. Diese Ofenconstruction gewhrt eine betrchtliche
  Brennmaterialersparniss, da man das zum Brennen der in den Abtheilungen
  _B_ und _C_ befindlichen Backsteine erforderliche Vorfeuer vermeiden
  kann.

  Ein zweckmssig eingerichteter, offener, mit Holz betriebener
  Ziegelofen ist Fig. 166 im Durchschnitt durch die schmale Seite nach
  der Richtung der Feuerungen dargestellt, eine Zeichnung, welche durch
  den Horizontaldurchschnitt Fig. 167 vervollstndigt wird. Es sind drei
  Feuerungen vorhanden, von welchen _P_ die mittlere ist. Die Feuerung
  hat keinen Rost und ist mit einer Reihe von Gurtbgen _o o o_
  berwlbt, die eine durchbrochene Decke bilden, die Flamme zertheilen
  und dieselbe in den Brennraum _B B_ fhren, welcher oben offen ist. Die
  zu brennenden Steine werden auf die Bgen _o o o_ auf die hohe Kante
  gestellt und zwar der Art, dass die Steine der verschiedenen Schichten
  einander kreuzen und hinlnglich von einander entfernt sind, um die
  Flamme ungehindert durchgehen zu lassen. Um nicht zu viel Wrme zu
  verlieren, schichtet man die Steine weit ber den Ofen hinaus. Obgleich
  ein nicht unbedeutender Wrmeverlust mit der Anwendung dieses Ofens
  verknpft ist, so wendet man ihn doch wegen des bequemen Einsetzens und
  Ausziehens hufig an.

[Illustration: Fig. 165.]

[Illustration: Fig. 166.]

[Illustration: Fig. 167.]

[Illustration: Fig. 168.]

[Illustration: Fig. 169.]

  Das Brennen der Backsteine mit Holz ist natrlich viel theurer als mit
  Steinkohle. So bckt man nach den Angaben von =Carville= in dem Fig.
  168 und 169 dargestellten Ofen 80,000 Ziegel mit 160 Hektoliter
  Steinkohle. Da 1 Hektoliter Steinkohle 80 Kilogr. wiegt und 100 Kilogr.
  3 Frcs. 12 Cents. kosten, so kommt das Brennen von 80,000 Ziegeln noch
  nicht ganz auf 400 Frcs. zu stehen.

[Illustration: Fig. 170.]

[Illustration: Fig. 171.]

[Illustration: Fig. 172.]

  Wendet man zum Brennen der Steinkohlen geschlossene und mit Rost
  versehene Oefen an, so giebt man dem Ofen die in Zeichnung Fig. 170
  dargestellte Form. Die Capacitt des Ofens _A_ wird durch dicke Mauern
  _B_ bestimmt, die zu brennenden Steine werden auf der Sohle _C_ des
  Ofens in Gewlben aufgeschichtet, unter welchen die
  Verbrennungsprodukte frei circuliren knnen. _D D_ (Fig. 172) sind zwei
  Rste. Fig. 171 zeigt die Anordnung der Steine in dem Ofen.

[Illustration: Fig. 173.]

[Illustration: Fig. 174.]

  Man hat den Versuch gemacht, mit dem _Backen der Ziegelsteine das
  Kalkbrennen_ zu verbinden. Fig. 173 und 174 stellen derartige
  Ziegel-Kalkfen dar. Die Sohle des Brennraumes _A_ besteht aus
  bogenfrmigen Gewlben aus Kalkstein, den man zugleich mit den
  Backsteinen brennt. Der Zug wird durch den Schornstein _B_ vermittelt
  und durch die Zuglcher regulirt. Die sechs Feuerungen sind durch eine
  starke Mauer _D_ von einander getrennt. Das Brennmaterial kommt auf den
  Rost _E_, unter dem sich der Aschenfall _F_ findet. Die auf einer
  Ofenseite befindlichen Feuerungen sind durch die Mauern _G_ von
  einander getrennt.

[Sidenote: Continuirliche Brennfen.]

Von den in Vorschlag gebrachten =continuirlichen Brennfen= hat sich der
ringfrmige Ziegelofen von =Hoffmann= und =Licht= in jeder Hinsicht
bewhrt. Diese Oefen bestehen aus einem im Grundriss ringfrmigen, im
Querschnitt beliebig geformten Ofenkanal, der zwar an verschiedenen
Punkten von aussen zugnglich und beschickbar und an eben so vielen
Punkten gegen einen im Centrum stehenden Schornstein verschliessbar, im
Uebrigen aber frei ist.

  Denkt man sich den Querschnitt des Ofenkanals mittelst eines Schiebers,
  der durch Falze eingesetzt wird, an irgend einer Stelle geschlossen,
  die zunchst davor gelegene Eingangsthr und den zunchst dahinter
  liegenden Rauchkanal geffnet, alle brigen Eingnge und Rauchkanle
  aber geschlossen, und im Schornstein eine aufsteigende Luftsule, so
  wird ein Luftzug entstehen, der aus der Atmosphre durch die geffnete
  Thr in den Ofen tritt und diesen seiner ganzen Lnge nach bis auf die
  andere Seite des Schiebers durchstreicht, um durch den dort geffneten
  Rauchkanal (und den Rauchsammelkanal) in den Schornstein zu treten.
  Denkt man sich ferner den Ofenkanal mit den zu brennenden Kalksteinen
  gefllt, und zwar der Art, dass der Luftzug in der ersten Hlfte des
  Kanals bereits fertig gebrannte, in der Abkhlung begriffene Steine
  durchstreicht, demnchst des Feuer speist (welches durch Einstreuen des
  Brennmaterials in die glhenden Steinmassen von oben unterhalten wird)
  und auf der letzten Hlfte des Ofenkanals durch noch nicht gebrannte
  Steine zieht, um dann durch den offenen Rauchkanal in den Schornstein
  zu entweichen, so ist es klar:

  a) Dass die in die offene Thr eindringende Luft auf dem ersten Theil
     ihres Laufes im Ofen, indem sie die fertig gebrannten Steine
     abkhlt, sich in hohem Grade erhitzt, folglich

  b) im Stande ist, den Effect des Feuers in eben dem und (wegen der dann
     erfolgenden vollstndigeren Verbrennung der Gase) in noch hherem
     Grade zu vermehren, whrend

  c) die durch das Feuer unverbrannt streichende Luft, sowie die
     gasfrmigen Verbrennungsprodukte, auf ihrem brigen Wege durch den
     Ofen bis zum Schornstein (resp. Rauchsammelkanal) eine Menge Wrme
     an die noch ungebrannten Steine absetzen und dieselben bis zu einer
     solchen Temperatur vorwrmen und erhitzen, dass nur eine kurze
     Brennzeit und eine verhltnissmssig geringe Menge Brennmaterial
     erforderlich ist, um sie vollstndig gar zu brennen.

  Da nun die der offenen Thr zunchst stehenden Steine am meisten
  abgekhlt, also zum Herausziehen tauglich sein werden, so kann man sie
  durch frische ungebrannte ersetzen; der Abschluss des Ofens mittelst
  das Schiebers kann vor der nchsten Thr hinter den frisch eingesetzten
  Steinen erfolgen, diese Thr kann geffnet, die vorhergehende
  geschlossen werden, und ebenso der nchste Rauchkanal geffnet, der
  geffnet gewesene geschlossen und das Feuer vorwrts geschoben werden.
  Durch stetige Wiederholung dieses Vorgangs macht das Feuer
  wiederkehrend die Runde im Ofen, wie auch gleichzeitig das Ausziehen
  und Einsetzen der Steine ringsum ohne Unterbrechung stattfindet; um
  diese letzten beiden Manipulationen gleichzeitig vornehmen zu knnen,
  stehen die =zwei= ersten Thren, die eine fr das Ausziehen, die andere
  fr des Einsetzen, zu gleicher Zeit offen.

[Sidenote: Feldziegeleien.]

Im Gegensatze zu den stndigen Ziegelhtten unterscheidet man die
=Feldziegeleien=, die besonders in Gegenden am Platze sind, wo in Folge
der Entfernung von Ziegeleien die Herbeischaffung von Ziegeln grossen
Kostenaufwand verursachen wrde, vorausgesetzt, dass in geringer
Entfernung von dem Ort, wo die Bauten ausgefhrt werden sollen, sich ein
passender Ziegelthon findet. Die durch den Feldbrand hergestellten Ziegel
heissen =Feldziegel= oder =Feldsteine=. Das Verfahren beim Feldbrennen
ist verschieden, je nachdem man mit Torf, Holz oder Steinkohle feuert.
Benutzt man Torf oder Holz als Brennmaterial, so formt man aus den zu
backenden Steinen in derselben Weise, wie sie in einen Ofen eingesetzt
werden wrden, einen Haufen oder Meiler, bringt auch mehrere Feuerkanle
darin an und bekleidet den bis zu 50,000 Steine fassenden Meiler mit
einer dnnen Lage Lehm und noch von der Windseite mit beweglichen
Strohhorden. Das Einschren geschieht hier in den Heizkanlen, die
Feuergase gehen durch die Ziegelmasse hindurch und finden endlich in der
Decke ihren Ausweg. Es ist bei diesem Verfahren unvermeidlich, dass die
Temperatur in den inneren Theilen des Meilers weit hher steigt, als in
den der Lehmschicht zunchst liegenden Theilen. Soll dagegen Steinkohle
als Brennmaterial dienen, so legt man die Heizkanle enger als bei
Torffeuerung an, da sie nur zur Entzndung der Steinkohlen dienen sollen,
und fllt sie mit Steinkohle. Auf jede Schicht der eingesetzten
Backsteine kommt eine Lage zerkleinerte Steinkohle, darauf die nchste
Steinschicht, dann wieder Steinkohlen u. s. f.; der Meiler wird auch hier
mit einer Schicht Lehm bedeckt, in welcher man einige Luftlcher
anbringt, um das Brennen reguliren zu knnen. Die in den Feuerkanlen
befindlichen Steinkohlen werden angezndet, von wo aus das Feuer sich
nach und nach ber den ganzen Meiler erstreckt. Die sich entwickelnde
Hitze ist hinreichend, um die Backsteine in allen Theilen des Ofens gar
zu brennen. Whrend des Verbrennens der Steinkohlenlagen sinkt der Meiler
zusammen, was jedoch bei der geringen Dicke dieser Lagen von keinem
Nachtheil ist.

[Sidenote: Die hollndischen Klinker.]

  Die hollndischen Klinker oder Klinkerte sind sehr scharf, bis zur
  halben Verglasung gebrannte Backsteine, die sich von den gewhnlichen
  durch glasigen Bruch, grnliche oder dunkelbraune Farbe und die
  Eigenschaft, kein Wasser zu absorbiren, unterscheiden.

[Sidenote: Dachziegel und Fliessen.]

  Zur Fabrikation der =Dachziegel= bedarf man eines besseren und
  sorgfltiger zubereiteten Thones als zur Herstellung der Mauerziegel.
  Whrend man bei den letzteren das Material durch blosses Treten
  vorbereitet, wendet man bei den Dachziegeln gewhnlich die Thonmhle
  an. In Bezug auf das Streichen der Masse ist kaum etwas zu erwhnen. In
  der Regel brennt man sie gleichzeitig mit den Mauersteinen, wobei
  erstere den obern Theil des Ofens einnehmen mssen, da sie ihrer
  geringeren Dicke wegen zum Backen keiner so hohen Temperatur bedrfen
  als die Backsteine. Will man den Ziegeln eine ins Graue gehende Farbe
  ertheilen, so feuert man, wenn der Brennofen in der grssten Glut steht
  und man glaubt, dass er in einigen Stunden ausgenommen werden muss,
  Erlenzweige mit ihrem Laub, so grn und feucht, wie sie vom Baume
  kommen, ein, und hrt mit dem Torffeuer auf; zugleich werden die
  Schrlcher geschlossen. Der entstehende Rauch bildet in der porsen
  Ziegelmasse einen Absatz von Kohle, was die Ursache der Graufrbung
  ist; vielleicht wird auch das in der Masse enthaltene Eisenoxyd zu
  schwarzem Oxyd-Oxydul reducirt. Die Fabrikation der =Fliessen=
  (Pflasterziegel oder Plattziegel) stimmt im Wesentlichen mit der der
  Dachziegel berein; man giebt ihnen durch Dmpfen mit grnem Erlenholz
  hufig einen angenehmen grauen Thon; die Fliessen sind von viereckiger
  oder sechseckiger Gestalt und zum Auspflastern der Fussbden in Kchen,
  Vorpltzen, Kellern u. s. w. bestimmt. Von den Dachziegeln sind
  folgende Sorten gebruchlich: a) die =Biberschwnze=, platte, auf der
  einen schmalen platten Seite mit einer Nase versehene Dachziegel, die
  mit Hlfe der Nasen nebeneinander auf die Latten aufgehngt werden und
  auf diese Weise die platte Flche des Daches bilden. Man theilt sie in
  ganze oder halbe, je nachdem sie volle gewhnliche Breite oder die
  Hlfte derselben haben; b) die =Blendsteine= unterscheiden sich von den
  Biberschwnzen dadurch, dass sie keine Nase haben, mittelst welcher sie
  aufgetragen werden knnen, sondern mit Lchern zum Aufnageln versehen
  sind; c) die =Kaff=- oder =Kappziegel=, welche die Stelle der
  sogenannten Kappfenster vertreten und Licht und Luft auf den Boden des
  Hauses leiten sollen, sind von den Biberschwnzen dadurch
  unterschieden, dass sie bei gleicher Lnge dreimal so breit sind und in
  der Mitte eine Ausbauchung mit einer Oeffnung besitzen; d) die
  gegenwrtig nicht mehr gangbaren =Passziegel= (Pfannenziegel oder
  Schlussziegel) besitzen die Gestalt eines liegenden [S liegend]; der
  abwrts gehende Theil eines solchen Ziegels greift immer in den
  aufwrts gehenden des folgenden. Ein mit solchen Ziegeln bedecktes Dach
  schliesst zwar vollstndig, beschwert aber auch das Gebude zu sehr; e)
  die =Hohlziegel=, von der Gestalt eines halben hohlen abgekrzten
  Kegels oder eines halben hohlen Cylinders, werden in =Forstziegel= und
  in =Kehlziegel= unterschieden. Sonst wurden erstere zur Bedeckung
  ganzer Dcher gebraucht, gegenwrtig benutzt man sie nur noch zum
  Eindecken der Forsten oder Firste.

[Sidenote: Hohlziegel.]

Die Anwendung von =hohlen Backsteinen= (Hohlziegeln) stammt aus den
ltesten Zeiten. Die sogenannten Topfgewlbe sind in der That weiter
nichts als Mauerwerk aus hohlen Steinen, um das Gewicht des
auszufhrenden Mauerkrpers geringer zu machen und dadurch den Druck auf
die Theile des Bauwerkes, welche ihn zu tragen haben, zu vermindern. Die
Tpfe sind 21-24 Centimeter hoch, 9-12 Centimeter im Durchmesser, in der
Mitte hohl und hartgebrannt. Durch die Einfhrung der Drainpressen hat
man nun Gelegenheit, die Topfform zu verlassen und Ziegelsteine zu
fabriciren, welche mit den Vortheilen des gewhnlichen Formates die
Vorzge der Tpfe vereinigen. Es werden auf Drainpressen durch geeignete
Formen Steine hergestellt, welche die viereckige Gestalt und Grsse
unserer gewhnlichen Mauersteine haben und ihrer Lnge nach von
Oeffnungen durchlaufen werden. Fr einzelne Anwendungen fabricirt man
Steine, bei denen die Oeffnungen die Steine nicht nach der Lnge, sondern
nach der Quere durchlaufen.

  Derartige Hohlziegel zeigen, mit gewhnlichen Backsteinen verglichen,
  manche Vortheile, deren hauptschlichste folgende sind: 1) man braucht
  zu ihrer Fabrikation nur etwa 60-70 Proc. des Materials; 2) sie lassen
  sich viel rascher fabriciren, da sie mit Hlfe der Presse dargestellt
  werden; 3) sie trocknen schneller und gleichfrmiger, weil das
  Austrocknen auch von innen geschieht; 4) sie erfordern zum Backen eine
  weit niedrigere Temperatur, sodass man 20-30 Proc. Brennmaterial
  erspart; 5) der Transport der Steine wird natrlich ein billigerer; die
  Mauern trocknen leichter und schneller aus. Fig. 175 zeigt eine sehr
  gebruchliche Art von Hohlziegeln, Fig. 176 eine andere Modification
  derselben.

[Illustration: Fig. 175.]

[Illustration: Fig. 176.]

[Sidenote: Leichte oder schwimmende Ziegelsteine.]

  Die sogenannten =leichten Ziegelsteine= (porse Backsteine,
  Schwammsteine), welche auf dem Wasser schwimmen, waren schon den Alten
  bekannt. =Posidonius= und nach ihm =Strabo= sprechen von einer in
  Spanien vorkommenden thonartigen Erde, die man als Polirmittel des
  Silbers brauche und aus welcher man dort Bausteine forme, die auf dem
  Wasser schwimmen. Aehnliches geschehe auf einer Insel des Tyrrhenischen
  Meeres und auf mehreren Punkten in Asien. =Vitruvius Pollio= hat sich
  ber diese Steine als ein wegen seiner Leichtigkeit zum Bauen ganz
  besonders sich eignendes Material geussert und auch =Plinius= hat
  Steine aus dieser bimssteinhnlichen, aber plastischen Masse als einen
  Gegenstand von grosser Wichtigkeit erwhnt. Diese Thatsachen blieben
  Jahrtausende lang fast ganz unbeachtet, weil das Material sich nur
  sprlich und vereinzelt fand, bis im Jahre 1791 der Italiener =Giovane
  Fabroni= aus einer als Bergmehl bezeichneten Kieselerde, die sich bei
  Santafiora in Toscana findet, schwimmende Ziegelsteine herzustellen
  lehrte, welche sich gut mit Mrtel verbanden und der Erweichung durch
  Wasser vollstndig widerstanden; diese Steine leiteten die Wrme so
  gering, dass man ein Ende derselben in der Hand halten konnte, whrend
  das andere rothglhend war. =Fabroni= machte auf einem alten Fahrzeuge
  das Experiment, eine viereckige Kammer aus solchen Steinen zu wlben
  und mit Schiesspulver auszufllen. Das mit Holz bedeckte Schiff brannte
  vollstndig ab, und als der Boden der Pulverkammer weggebrannt war,
  versank es ohne Entzndung des Pulvers. Zu derselben Zeit entdeckte
  auch =Faujes= bei Coiron in Frankreich eine Art Bergmehl, die in ihren
  Eigenschaften mit dem aus Toscana vllig bereinstimmte, aber erst im
  Jahre 1832 durch die Bemhungen des Grafen =de Nantes= und des
  Bergwerkdirectors =Fournet= in Lyon Anwendung fand. Letzterer hob die
  Wichtigkeit dieser Steine fr die Marine hervor. Die Pulverkammer, die
  Kche, die Herde der Dampfmaschinen, die Orte, wo Spirituosen
  aufbewahrt werden, lassen sich dadurch sicher machen. Ebenso wichtig
  sind diese Steine fr die Gewlbe der Schmelzfen und berhaupt fr
  alle Oefen, in welchen bedeutende Hitze erzeugt wird, da diese Steine
  nicht schmelzen und sich nur wenig zusammenziehen. Frher hielt man das
  zur Fabrikation der schwimmenden Ziegelsteine geeignete Bergmehl
  allgemein fr eine unorganische Substanz und sein Auffinden fr einen
  zuflligen Umstand, weshalb denn seine technische Benutzung sich wenig
  verbreiten konnte. =Ktzing= hat jedoch nachgewiesen, dass diese
  Erdarten ihre Eigenthmlichkeiten dem Umstande verdanken, dass sie
  Zusammenhufungen von Kieselpanzern von Infusorien sind und sich auch
  in Deutschland ziemlich hufig finden. Whrend ein gewhnlicher
  Ziegelstein 2,70 Kilogr. wiegt, ist des Gewicht eines aus Berliner
  Infusorienthon dargestellten gleichgrossen Steines nur 0,45 Kilogr. Mit
  Wachs berzogene Stcke schwimmen wie Kork auf dem Wasser. Das strkste
  Porcellanofenfeuer schmelzt sie nicht und verkrzt sie wenig. Durch
  Zusatz von etwas Thon oder Lehm wird die Festigkeit den gewhnlichen
  Mauersteinen gleich. -- Man macht die porsen Backsteine gegenwrtig
  auch hufig aus gewhnlichem Ziegelthon unter Zusatz von Kohlenpulver,
  Sgespnen, Lohe, Torf, Moorerde u. s. w. Derartige Steine, =Lohsteine=
  oder =Schwammsteine=, wurden brigens schon im 14. oder 15. Jahrhundert
  dargestellt, so trifft man z. B. in Nrnberg in alten Gebuden die
  Schornsteine mit solchen leichten Ziegelsteinen aufgefhrt, bei denen
  der Thon mit Lohe oder Spreu versetzt war. Seit einigen Jahren stellt
  man zu Kolbermoor (in Sdbayern) unter dem Namen =Tuffziegel= leichte
  Backsteine aus einem Gemenge von Torf und sandhaltigem Lehm dar.

[Sidenote: Feuerfeste Steine.]

Die =feuerfesten Steine= oder =Charmottesteine= werden anstatt der
gewhnlichen Backsteine zur Construction aller solchen Feueranlagen
angewendet, wo diese schmelzen wrden. Man stellt dieselben aus einem
feuerbestndigen, an Kiesel- und Thonerde reichen, aber an Kalk,
Eisenoxydul und Alkalien armen Thonerde her. Um dessen Strengflssigkeit
zu steigern und das Schwinden und Rissigwerden beim Brennen zu
verhindern, mischt man den Thon mit schon gebranntem Thon (Charmotte),
Sand, Kohle, Koks u. s. w. Bei der Fabrikation feuerfester Steine ist zu
bercksichtigen, dass es hauptschlich zweierlei Dinge sind, welche auf
Erweichung und Schmelzung eines dem Feuer ausgesetzten feuerfesten
Steines hinwirken: ein hoher Hitzgrad an sich, dann ein gleichzeitiger
Angriff von Agentien, die wie Flugasche, alkalische Dmpfe, schmelzende
Alkalien und Metalloxyde (besonders Eisenoxydul) als Flussmittel wirken.
Daraus folgen fr die Darstellung zweierlei Gesichtspunkte, im letztern
Falle drfen nur feuerfeste Thone Bestandtheile sein, im ersten Falle
sind kieselige Zustze zulssig. Ausserdem mssen die feuerfesten Steine
starken Abwechselungen der Temperatur widerstehen und hinreichend fest
sein, um einen starken Druck auszuhalten.

  Man fertigt aus der Masse fr feuerfeste Steine nicht nur Steine,
  sondern auch Futter fr Oefen in Kreissegmenten, Platten, Kapseln fr
  Porcellan und Steingut, Muffeln fr das Einbrennen von Porcellanfarben,
  Beschlge in Fabrikfen, Rhren zum Ausfttern von Schornsteinen (als
  Schutz gegen Feuersgefahr), Gasretorten, Kaminsimse, Badewannen,
  Blumengefsse, Abtrittsrhren, Waterclosets, Viehtrge, hohle Platten
  zur Herstellung von Isolirschichten gegen aufsteigende Feuchtigkeit bei
  Bauten u. s. w. Einige Analysen von feuerfesten Steinen ergaben:

                          1.      2.       3.      4.      5.
          Kieselerde     63,09    88,1    88,43    69,3    77,6
          Thonerde       29,09     4,5     6,90    29,5    19,0
          Kalk            0,42     1,2     3,40     --      --
          Magnesia        0,66     --      --       --      2,8
          Eisenoxyd       2,88     6,1     1,50     2,0     0,3
          Kali            1,92     --      --       --      --
          Natron          0,31     --      --       --      --
          Titansure      2,21     --      --       --      --
                        ---------------------------------------
                        100,00   100,0   100,00   100,0   100,0

  1. Thon von Dowlais, 2. Steine aus den Kupferschmelzfen in Wales, 3.
  in Pembroke, 4. zu Hochfen, 5. zu Flammenfen. Die =Dinasteine=
  (_Dina-Bricks_), die man aus England (das Material ist von dem
  Dinafelsen im Vale of Neath in Glamorganshire) bezieht, aber auch in
  Deutschland von vortrefflicher Qualitt herstellt, bestehen aus fast
  reinem Quarzsand und 1 Proc. Kalk, gehren mithin nicht in die
  Kategorie der feuerfesten Thonwaaren.

[Sidenote: Thonrhren.]

  Die =Thonrhren= dienen theils als Wasserleitungsrhren, theils zur
  Anlage unterirdischer Wasserabzge auf nassen Grundstcken (die
  sogenannten =Drains=, drains, _underdrains_). Die in letzter Hinsicht
  angewendeten Rhren heissen =Drainrhren= (tuyaux de drainage,
  _drains-tiles_. Gewhnlicher Ziegelthon lsst sich zur Fabrikation der
  Drainrhren verwenden, doch muss er besonders sorgfltig zubereitet
  werden. Man muss den Thon schon vor Winter auswerfen, gut durcharbeiten
  und von allen Klumpen, Steinen und anderen fremden Stoffen befreien.
  Bei gutem Thon gengt ein mit Schlmmen verbundenes tchtiges
  Durchkneten mit Hnden und Fssen; in neuerer Zeit und namentlich beim
  grossen Betriebe wendet man hierzu jedoch hufiger die
  Thonschneidemaschine an. Einfacher und wohlfeiler als die Maschine ist
  das =Clayton='sche =Sieb=, eine mit runden Lchern versehene eiserne
  Platte, die in jeder Drainrhrenmaschine angebracht werden kann. Ehe
  man zur Fabrikation der Rhren selbst schreitet, lsst man den Thon mit
  Hlfe der Maschine durch das Clayton'sche Sieb gehen. Die Herstellung
  der Rhren geschieht auf den =Drainrhrenpressen=, deren Construction
  leicht zu verstehen ist. Wird Thonbrei aus einem damit gefllten
  Behlter, mittelst eines Stempels, durch eine kreisrunde Oeffnung
  herausgepresst, in deren Mittelpunkt concentrisch ein etwas kleinerer
  Pfropf feststehend angebracht ist, so erhlt, dem ringfrmigen
  Durchgangsraume entsprechend, der hervortretende Thonkrper die Gestalt
  einer Rhre. Die Bewegung des Stempels wird durch eine Schraube, durch
  Rderwerk und Zahnstange, durch eine hydraulische Presse oder durch
  Dampfdruck zuwegegebracht. Das Austreten der Thonrhren findet entweder
  in horizontaler oder in verticaler Richtung (von oben nach unten)
  statt. Letztere erfordert natrlich eine durch ihre Hhe unbequeme
  Bauart der Maschine, eignet sich aber fr Thonrhren von grsserer
  Dimension, weil das weiche Rohr in horizontaler Lage durch sein eigenes
  Gewicht sich plattdrckt. Unter den vielen Constructionen von
  Drainrhrenpressen sind die von =Clayton=, =Williams=, =Whitehead= und
  =Ainslie= die verbreitetsten.

[Sidenote: Schmelztiegel.]

  Von den =Schmelztiegeln= verlangt man, dass sie einer hohen Temperatur
  ohne Schmelzung oder Sinterung widerstehen; schroffe Temperaturwechsel
  aushalten, ohne zu reissen; und der Einwirkung der Asche und in
  gewissen Fllen auch Substanzen widerstehen, welche als Flussmittel
  wirken z. B. Bleigltte u. dergl. Sie sind, wenn man von den Tiegeln
  aus Eisen und Platin absieht, meist aus Thon und Graphit, zuweilen aus
  Kohle, Speckstein, Thonerde u. s. w. Unter ihnen sind die bekanntesten
  die =hessischen=, die =Charmottetiegel=, die =Graphittiegel= und die
  =englischen=. Die =hessischen= oder =Almeroder Tiegel= werden aus 1 Th.
  Thon (von 71 Th. Kieselerde, 25 Th. Thonerde und 4 Th. Eisenoxyd) und
  1/3-1/2 des Gewichtes Quarzsand angefertigt. Sie sind feuerfest,
  vertragen ohne zu bersten schnellen Temperaturwechsel und sind zuweilen
  bei chemischen Operationen anwendbar; zu manchen aber sind sie zu pors
  und ihr Korn zu grob. Wegen ihres grossen Kieselgehaltes werden
  dieselben auch von Alkalien, Bleioxyd und dergl. durchlchert. Auch
  eignen sie sich wegen ihres groben Kornes nicht zu Operationen, wo wie
  z. B. bei dem Schmelzen edler Metalle die Produkte sorgfltig gesammelt
  werden mssen. Die =Charmottetiegel= bestehen aus Thon, der mit
  Quarzsand, Charmotte und hnlichen Krpern versetzt ist. Die
  =Graphittiegel=, Ipser oder Passauer Tiegel werden in Nrnberg (bei
  =Caspar Gruber=), ferner in Hafnerzell bei Passau und auch zu Achenrain
  in Tyrol aus 1 Th. feuerbestndigem Thone von Schildorf bei Passau und
  3-4 Th. natrlichem Graphit angefertigt. In der englischen _Patent
  Plumbago Crucible-Company_ zu Battersea bei London, so wie in den
  Nrnberger Fabriken wendet man Ceylongraphit und feuerfesten Thon an.
  Die Graphittiegel vertragen den grssten Temperaturwechsel und
  schwinden hchst selten. Die =englischen Tiegel= werden in Stourbridge
  aus 2 Th. Thon und 1 Th. Koks angefertigt. Tiegel, welche in ihrer
  Masse Kohle enthalten, wirken reducirend auf die darin zu behandelnden
  Oxyde, sie werden daher vorzugsweise zu Metallschmelzungen angewendet.
  In neuerer Zeit wendet man zum Schmelzen der Metalle auch nicht selten
  (wie beim Schmelzen und Feinen des Platins nach =Deville='s Methode)
  =Kalk-= und =Kreidetiegel=, oder auch (beim Schmelzen von Eisen und
  Stahl) nach =Caron= =Magnesiatiegel= an. Letztere aus Magnesia durch
  Drcken in eine Form dargestellt, sind sehr dauerhaft und unschmelzbar.
  =Gaudin= empfiehlt zu gleichem Zwecke Tiegel aus einem Gemenge von
  Thonerde (aus Bauxit oder Kryolith) und Magnesia, die man mit dem Namen
  =Spinelltiegel= bezeichnen knnte. Sehr beachtenswerth erscheinen auch
  die von =Andouin= aus Bauxit (vergl. Seite 291) dargestellten
  =Bauxittiegel=.


                      Der Kalk und das Kalkbrennen.

[Sidenote: Vom Kalk.]

Der =Kalk= (Calciumoxyd, CaO = 56) gehrt in seiner Verbindung mit
Kohlensure als Calciumcarbonat (kohlensaurer Kalk, CaCO_{3}) zu den in
der Natur am hufigsten vorkommenden Krpern. Diese Substanz findet sich
in allen drei Naturreichen, sie macht einen Bestandtheil der Knochen der
Wirbelthiere aus, sie bildet ferner die Hauptmasse der Schalen der
Mollusken (Austern, Muscheln), Strahlthiere und den kalkigen Ueberzug
vieler Wassergewchse, z. B. der aus der Gattung Chara. In der grssten
Menge kommt sie jedoch im Mineralreiche als krniger Kalk (Urkalk),
Marmor, Kalkspath, Arragonit, Kreide und Kalkstein vor. Technische
Anwendung finden im unvernderten Zustande von diesen Mineralien der
=Marmor= zu Bildhauerarbeiten und in den Fabriken knstlicher
Mineralwsser zum Entwickeln von Kohlensure, der Kalkspath zum
Ausbringen der Metalle aus ihren Erzen auf Schmelzhtten, der
Doppelspath, eine Variett des Kalkspathes, bei gewissen optischen
Instrumenten, die Kreide als Farbe- und Schreibmaterial, in der
Sodafabrikation, zur Darstellung von hydraulischem Mrtel und als Bau-
und Pflastermaterial. Der dichte Kalkstein, welcher nach seinem
geologischen Vorkommen als Uebergangskalk, Alpenkalk, Zechstein,
Liaskalk, Jurakalk, Muschelkalk, etc. unterschieden wird, ist hufig mit
Thon, Eisen- und anderen Metalloxyden gemischt und deshalb sehr
verschieden gefrbt. Der =lithographische Stein= ist ein gelblichweisser,
schiefriger Kalkstein, der zu Solenhofen und Pappenheim in Bayern
vorkommt, und wie es schon sein Name andeutet, zur Lithographie
angewendet wird. Ein mit organischen Substanzen -- wahrscheinlich
Rckstnden zerstrter thierischer Organe -- gemengter Kalk ist der
=Stinkstein=, der beim Reiben oder Schlagen einen bituminsen Geruch
entwickelt. Er ist gewhnlich von rauchgrauer Farbe. Die =Kreide= oder
erdiges Calciumcarbonat bildet ausgedehnte, mchtige Lager im nrdlichen
Deutschland, in England, Dnemark und Frankreich. =Ehrenberg= hat
nachgewiesen, dass die Kreide aus kalkigen Infusorienpanzern besteht.
Hierher gehrt ferner der =Mergelkalkstein=, welcher sich durch seinen
Gehalt an Thon auszeichnet. Mit Natriumcarbonat bildet das
Calciumcarbonat den =Gay-Lussac= (CaCO_{3} + Na_{2}CO_{3}), mit
Bariumcarbonat den =Baryto-Calcit= (CaCO_{3} + BaCO_{3}) und mit
Magnesiumcarbonat den =Bitterspath= oder Dolomit (CaCO_{3} + MgCO_{3});
im letzteren Mineral, dem Dolomit, kann der Magnesiagehalt so steigen,
dass 3 Molekle desselben auf 1 Molekl Calciumcarbonat vorhanden sind.

[Sidenote: Eigenschaften.]

  Das =Calciumcarbonat=, gleichviel in welcher Form, ist im reinen Wasser
  nicht, wol aber im kohlensurehaltigen lslich, indem sich
  Calciumbicarbonat bildet. Wenn diese Lsung durch Verdunsten die Hlfte
  ihrer Kohlensure verliert, so setzt sich das nun unlslich gewordene
  Calciumcarbonat wieder ab und erhlt, je nach der dabei annehmenden
  Form, verschiedene Namen. Das sich absetzende Carbonat erscheint hufig
  in den sogenannten Tropfsteinhhlen in krystallinischen Zapfen
  (=Stalactiten= und =Stalagmiten=). =Kalksinter= wird der krystallinisch
  blttrige Ueberzug genannt, der als kalkige Incrustation vorkommende
  =Kalktuff=. Wird Calciumcarbonat in einer verschlossenen Porcellanrhre
  heftig und anhaltend erhitzt, so schmilzt dasselbe und erstarrt nach
  dem Erkalten zu einer krystallinischen Masse von unverndertem
  Carbonat. Erhitzt man aber Calciumcarbonat bei nicht abgeschlossener
  Luft, so wird die Kohlensure ausgetrieben und es bleibt =Aetzkalk=
  (CaO) oder =gebrannter Kalk= zurck. 100 Th. Calciumcarbonat geben 56
  Th. gebrannten Kalk. Das Volumen des Kalkes erleidet beim Brennen keine
  Verminderung. Der gebrannte Kalk ist diejenige Form, unter der der Kalk
  zu den meisten gewerblichen Zwecken geschickt ist.

[Sidenote: Brennen des Kalkes.]

  Das Brennen des Kalkes geschieht

                             a) in Meilern,
                             b) in Feldfen,
                             c) in Kalkfen.

Das =Kalkbrennen in Meilern= geschieht auf die Weise, dass man die
Kalksteine, ohne sie vorher in kleinere Stcke zu zerschlagen, in Haufen
schichtet und dieselben hnlich wie bei der Meilerverkohlung des Holzes
behandelt. Der Meiler wird mit Erde oder Rasen bedeckt und das Feuer so
geleitet, dass die grossen Kalkstcke auch im Innern gehrig gebrannt
sind. Behufs der Regulirung des Luftzuges, des Anzndens, des Bewerfens,
des Schrens, des Zubrennens und Abkhlens verfhrt man genau auf
dieselbe Weise wie bei der Meilerverkohlung. Nach =P. Lss= ist ein
derartiger Meiler 4,5 Meter hoch, fasst 52,5 Kubikmeter Steine und
liefert 35,5 Kubikmeter Kalk, so wie 2,6 Kubikmeter Kalkstaub.

In den =Feldfen=, den Meilern hnlich, stellt man die grssern Stcke
des zu brennenden Kalkes so zusammen, dass sie eine Zndgasse bilden und
schttet die kleinen Stcke auf die grssern. Es ist leicht einzusehen,
dass das Brennen des Kalkes in Meilern und in Feldfen nur in den
wenigsten Fllen Anwendung finden kann. Man bedient sich daher zum
Brennen des Kalkes fast berall besonders zu diesem Zwecke construirter
Oefen, =Kalkfen=. Die Gestalt der Oefen ist eine sehr verschiedene.
Meist sind sie cylindrisch oder eifrmig.

  Man theilt die Kalkfen ein:

    a) in solche mit unterbrochenem Brande (periodische,
       discontinuirliche Oefen),
    b) in Oefen mit ununterbrochenem Brande (continuirliche Oefen).

  Die Oefen mit unterbrochenem Brande lsst man nach beendigtem Brennen
  erkalten, um den Kalk auszuziehen, in den continuirlichen Oefen geht
  das Brennen ununterbrochen fort, da die Construction des Ofens ein
  Ausziehen des gebrannten oder garen Kalkes und ein fortwhrendes
  Nachfllen von frischem Kalke gestattet. Die continuirlichen Oefen
  zerfallen wieder in solche, in welchen Brennmaterial und Kalkstein
  gemischt, und in solche, in welchen diese Materialien geschieden sind.
  Haben auch die continuirlichen Oefen ihre grossen Vorzge besonders
  hinsichtlich der Ersparung an Brennmaterial, so sind sie doch nur an
  solchen Orten zu empfehlen, wo der fortdauernde Absatz des gebrannten
  Kalkes ein gesicherter ist. An kleinen Orten, wo nicht regelmssig
  immerfort gebrannt werden kann, neigt sich der Vorzug auf die Seite der
  kleinen compendisen periodischen Oefen.

[Illustration: Fig. 177.]

[Illustration: Fig. 178.]

[Sidenote: Periodische Kalkfen.]

Die =periodischen= Oefen (mit unterbrochenem Brande) haben entweder einen
Rost, meist sind sie aber nicht mit einem solchen versehen. Fig. 177 und
178 zeigen zwei periodische Kalkfen ohne Rost von der gewhnlichsten
Construction. Man baut sie entweder in einen Hgelabhang oder am
zweckmssigsten in den Abhang des Kalksteinbruches selbst hinein. In der
Regel baut man mehrere Oefen neben einander, so dass eine Mauer zweien
Oefen gemeinschaftlich ist. Soll in dem Ofen Kalk gebrannt werden, so
baut man aus den grssten Kalksteinen, die zu diesem Zwecke ausgesucht
werden, ein spitzbogenartiges Gewlbe von 1,3-1,6 Meter Hhe, wozu man
sich einer Brettlehne zur vorlufigen Untersttzung bedienen kann; dieses
Gewlbe dient als Feuerraum, auf welchen man durch die Gicht die brigen
Kalksteine schttet und dadurch den Schacht anfllt. Durch die
Heizffnung wird nun mit einem leicht entzndlichen Brennmaterial
(Reisigholz, Haidekraut, Spne) der Ofen allmlig angewrmt und ein
dumpfes Rauchfeuer unterhalten. Durch diese Rucherung bezweckt man die
allmlige Erwrmung der Steine, wodurch dem Zerbersten der grossen, das
Gewlbe bildenden Steine und dem Herabsinken der ganzen, den Schacht
erfllenden Steinmasse vorgebeugt wird. Allmlig wird das Feuer
verstrkt, die berussten Steine nehmen nach und nach eine hellere Farbe
an und die aus der Gicht herausbrennenden Flammen werden russfrei und
hell. Sobald der Kalkstein unter der Decke als eine weissglhende,
lockere Masse erscheint und der Inhalt des Ofens etwa um 1/6
zusammengesunken ist, sieht man das Brennen als beendigt an, worauf der
Kalk aus dem Ofen entfernt und ein neuer Brand begonnen wird. Ein Brand
dauert in der Regel 36-48 Stunden.

  Dass periodische Kalkfen =mit Rost=, wegen der rascher und
  vollstndiger erfolgenden Verbrennung des Brennmaterials den Vorzug vor
  solchen ohne Rost verdienen, bedarf keines Beweises. Alle Kalkfen mit
  unterbrochenem Gange leiden aber an dem grossen Uebelstande der
  Ungleichheit des Garbrennens und der grossen Verschwendung von
  Brennmaterial.

[Illustration: Fig. 179.]

[Illustration: Fig. 180.]

[Illustration: Fig. 181.]

  Einer der zweckmssigsten Oefen der Art ist ein periodischer Kalkofen,
  wie er in Hannover gebruchlich ist. Fig. 179 zeigt den verticalen
  Durchschnitt, Fig. 180 den Grundriss, Fig. 181 den unteren Raum des
  Ofens im verticalen Durchschnitte. Zum Brennen des Kalkes dient der
  untere, oben berwlbte Raum von unten 4 Meter, oben 3,12 Meter
  Durchmesser und 11 Fuss Hhe. Er enthlt unten 4 Schrlcher _e_, _e_,
  _e_, _e_ mit Rosten fr das Brennmaterial (Steinkohle zu Velpe,
  Braunkohle zu Frstenwalde), wie solche die Fig. 181 veranschaulicht.
  _B_ der Zugang zum Einbringen des rohen Kalksteins; derselbe wird
  whrend des Brennens zugemauert; _d_ die Thr zum Ausfahren des
  gebrannten Kalkes; auch sie bleibt whrend des Brandes vermauert; _o_
  ist eine Bedachung ber dem Eingang zu dem bedachten kreisfrmigen Raum
  um den Ofen, also zu den Schrlchern und der Thr _d_. _a_ ein Zugang
  zu dem obern Mantel ber dem Ofen, und zu den Abzchten in dem Gewlbe
  des Ofens. Dieser Zugang ist nthig, um das Austreten der Flamme aus
  den einzelnen Gewlbffnungen beobachten, und je nach Erforderniss
  einzelne derselben durch aufgelegte Steine verschliessen und dadurch
  die Gluth mehr nach anderen Punkten des Ofens hinleiten zu knnen. Aus
  Fig. 181 erkennt man ohne weitere Beschreibung die Art, wie der
  Kalkstein eingesetzt wird, so dass bei jeder der Feuerungen ein zur
  besseren Vertheilung der Flamme dienendes Gewlbe entsteht. In der
  Mitte wird ein Stck Holz eingesetzt, durch dessen Verbrennung nachher
  eine ebenfalls zur besseren Vertheilung der Flamme dienende
  cylindrische Hhlung entsteht. Whrend der ersten 6 Stunden feuert man
  schwach, dann aber schreitet man zu scharfem Feuer, bis die gelbe
  Kalkflamme aus den Gewlbffnungen herausschlgt und eine klare Gluth
  im Ofen sichtbar ist.

[Sidenote: Continuirliche Kalkfen.]

Die Formen und die Construction der =Kalkfen mit ununterbrochenem
Brande= sind ausserordentlich verschieden. Man unterscheidet besonders
zwei Arten. Bei der =einen= Art giebt man den Kalkstein schichtenweise
mit dem Brennmaterial (Torf, Braunkohle, Steinkohle) durch die Gicht auf
und entfernt den gebrannten Kalk von Zeit zu Zeit unten; bei einer
=andern= Art ist die Feuerung in einer gewissen Hhe ber und zwar
ausserhalb der Sohle eines Schachtes, so dass der Kalkstein in dem Ofen
mit dem Brennmaterial nicht in Berhrung tritt, sondern nur durch dessen
Flamme erhitzt wird. Sobald durch die an der Ofensohle befindliche
Abzugsffnung der Kalk herausgezogen wird, so sinkt der oberhalb der
Feuerungen vorhandene Kalk nach, und es wird durch die Gicht wieder
frischer Kalkstein eingetragen.

[Illustration: Fig. 182.]

  Einen Ofen mit ununterbrochenem Brande wendet man in =Rdersdorf= bei
  Berlin an (Fig. 182), wo Muschelkalkstein zum Brennen verwendet wird.
  Der Schacht des Kalkofens besteht aus der aus feuerfesten Steinen
  aufgefhrten Futtermauer _d_ und der Rauhmauer _e_, welche durch die
  Fllung eines mit Asche, Bauschutt u. s. w. angefllten Raumes getrennt
  sind. Diese Fllung soll auf der einen Seite die Wrme besser
  zusammenhalten, auf der andern Seite die Ausdehnung des Futters durch
  die Wrme compensiren. Die ussere Mauer _BB_ ist kein wesentlicher
  Theil des Ofens; sie bildet nur die zum Holztrocknen, zum Aufbewahren
  des Kalkes, zum Aufenthalt der Arbeiter u. s. w. dienenden Gallerien
  _HF_ u. s. w. Whrend des Ganges des Kalkofens ist der untere Raum _B_
  des Schachtes mit gargebranntem Kalke angefllt, welcher durch die vier
  Zugffnungen _a a_ an der Schachtsohle von Zeit zu Zeit gezogen wird.
  Um dies zu erleichtern, wird die Schachtsohle durch eine gebogene
  Flche gebildet, deren abhngige Seiten die Kalkstcke nach den
  Zugffnungen hinleiten. Der Schacht hat ungefhr eine Hhe von 14,123
  Meter. Etwa in einer Hhe von 4 Meter ber der Schachtsohle befinden
  sich die Feuerungen _h_ fr Torf oder Holz, welche zu drei oder fnf um
  den Ofen herum angebracht sind und mit Aschenfall _i_ und Rost versehen
  sind. _E_ ist ein grsserer Aschenbehlter, in welchen die Asche aus
  _i_ von Zeit zu Zeit geschafft wird. Die Flamme gelangt durch den
  Fuchs _b_ in den Schacht. Der von den Ziehffnungen vertical in die
  Hhe gehende Kanal _k_ fhrt in das Gewlbe _H_; er hat die Bestimmung,
  den Arbeiter vor der Hitze zu schtzen, indem die erhitzte Luft sofort
  nach _H_ geleitet wird. Die Kalkfen erhalten ihren Namen nach der
  Anzahl der Feuerungen, als drei-, vier- und fnfschrige Oefen.

  Soll der Ofen in Gang gebracht werden, so nimmt man vor der Hand auf
  die seitlichen Feuerungen keine Rcksicht, sondern bringt Holz in den
  Schacht und fllt ihn dann mit Kalkstein bis zum Fuchse _b_. Nachdem
  das Holz verbrannt ist, hat der Ofen die zur Herstellung eines guten
  Zuges erforderliche Erwrmung angenommen, man fllt ihn nun mit
  Kalkstein und bringt auf die Roste der Feuerungen Torf. Durch die
  Flamme der Feuerungen, welche durch die Fchse _b_ in den Ofen zieht,
  findet das Brennen des Kalksteines in dem Schachte statt, welcher bis
  oben hinauf damit gefllt ist, sodass sogar auf die Gicht noch ein etwa
  1,3 Meter hoher Kegel von Kalksteinen aufgesetzt ist. Ist der obere
  Kalk gargebrannt, so wird der unter den Feuerungen befindliche gezogen,
  der obere sinkt nach, es wird ein neuer Kegel von Kalksteinen auf die
  Gicht gebracht und das Brennen des Kalksteins wird so lange
  fortgesetzt, als der Ofen aushlt.

[Sidenote: Oefen zu doppelter Benutzung.]

  Wenn es die Localitt gestattet, richtet man zuweilen _Oefen mit
  doppelter Benutzung_ ein, so giebt es Kalkfen, in welchen zu gleicher
  Zeit Backsteine mit gebrannt werden knnen; ferner benutzt man die aus
  der Gicht des Hochofens entweichenden Gase, endlich auch die Wrme aus
  den Koksfen zum Kalkbrennen. Seit einigen Jahren findet der =Ringofen=
  von =Hoffmann= und =Licht= (siehe Keramik) zum Brennen von Kalk (Cment
  und Backsteinen) immer mehr Anwendung, doch zeigt der Ringofen den
  Nachtheil, dass leicht ungebrannte Steine zurckbleiben.

[Sidenote: Eigenschaften des gebrannten Kalkes.]

  Die Nebenbestandtheile des rohen Kalksteins sind auf die Eigenschaften
  des gebrannten Kalksteins von grossem Einflusse. War der angewendete
  Kalkstein ziemlich reines Calciumcarbonat, so erhitzt er sich beim
  Uebergiessen mit Wasser bedeutend und bildet damit einen fetten Brei.
  Solchen Kalkstein nennt man =fetten Kalk=. In dem Grade aber, als sich
  der Kalkstein in seiner Zusammensetzung dem =Dolomit= (CaCO_{3} +
  MgCO_{3}) nhert und magnesiahaltig wird, wird der nach dem
  Uebergiessen mit Wasser entstehende Brei krzer; einen solchen
  magnesiahaltigen Kalk nennt man =magern Kalk=. Bei einem Magnesiagehalt
  von 10 Proc. ist das Magerwerden schon deutlich zu bemerken, bei 25-30
  Proc. ist der Kalk bereits unbrauchbar. Der Kalk ist, so wie er aus dem
  Kalkofen kommt, nicht gleichmssig gar gebrannt, einzelne Stcke wurden
  zu wenig erhitzt und halten in der Mitte noch einen Kern von rohem
  Kalkstein (sie sind nur ausgebrannt), andere Stcke haben dagegen eine
  zu starke Erhitzung erlitten und heissen dann =todtgebrannt=. Das
  Todtbrennen des Kalks liegt entweder daran, dass durch zu kurze und
  pltzliche Hitze =halbkohlensaures Calcium= (CaCO_{3} + CaH_{2}O_{2})
  oder halbgebrannter Kalk gebildet worden ist, welcher nach der Meinung
  der Kalkbrenner nicht mehr gar gebrannt werden kann (die knstlich
  dargestellte Verbindung verliert beim strkeren Glhen alle
  Kohlensure), oder dass durch zu hohe Temperatur die nie in den
  Kalksteinen fehlende Kieselerde und Thonerde mit dem Kalk auf der
  Oberflche zusammengesintert sind. Die Asche des Brennmaterials ist
  auch zuweilen die Ursache des Todtbrennens des Kalksteins. Durch das
  angehende Zusammensintern wird verhindert, dass der gebrannte Kalk mit
  Wasser einen Brei bildet.

[Sidenote: Lschen des Kalkes.]

  Wird gebrannter Kalk mit Wasser bergossen, so nehmen 100
  Gewichtstheile Kalk ungefhr 32 Gewichtstheile Wasser auf: (CaO = 56)
  nehmen auf (H_{2}O = 16), oder dem Vol. von 3 Vol. Kalk und 1 Vol.
  Wasser, der Kalk erhitzt sich dabei bis auf 150 und zerfllt endlich
  zu einem vollkommen weissen Pulver (=Mehlkalk=, =Kalkpulver=), welches
  ein dreimal grsseres Volumen einnimmt als der Kalkstein vorher. Fr
  technische Zwecke wendet man aber weit mehr Wasser an, als zur Bildung
  des Mehlkalkes erforderlich wre. Die Ueberfhrung des gebrannten
  Kalkes durch Wasser in eine breiartige Masse heisst das =Lschen des
  Kalkes=. Der gelschte Kalk ist =Calciumhydroxyd= (CaH_{2}O_{2}). Bei
  dem Lschen des Kalkes ist es wesentlich, die mglichst grosse
  Vertheilung und Volumenvergrsserung zu erzielen. Wird der gebrannte
  Kalk nur mit so viel Wasser befeuchtet, als er bedarf, um in Hydrat
  berzugehen, so zerfllt er unter Freiwerden von Wrme zu einem feinen
  Pulver, welches sich scharf anfhlt. Nimmt man noch weniger Wasser, so
  erhlt man ein sandiges Pulver, welches mit Wasser einen schlechten
  Kalkbrei giebt. Es ist deshalb nicht vortheilhaft, den gebrannten Kalk
  in einem Korbe auf kurze Zeit in Wasser unterzutauchen, so dass er sich
  zu Pulver lscht, und dann mit Wasser zu einem Brei anzurhren; er
  vergrssert dabei sein Volumen nicht bedeutend, er =wchst= oder
  =gedeiht schlecht=. Nachdem der Kalk mit der dreifachen Gewichtsmenge
  Wasser gelscht worden ist, verdnnt man ihn mit einer gleichen Menge
  Wasser, =sumpft ihn ein=, d. h. man lsst ihn in die =Kalkgrube=
  ablaufen, deren Wnde gengend pors sein mssen, um ein schnelles
  Durchsickern des berschssig zugesetzten Wassers zu gestatten. Das
  Einsumpfen bietet mehrere Vortheile, einmal wird der Kalkbrei mit der
  Zeit noch fetter und speckiger, indem die in dem frischgelschten Kalke
  immer noch sich findenden unaufgeschlossenen Theile durch die
  Einwirkung des Wassers mit der Zeit sich zertheilen, das andere Mal
  kann man den Kalkbrei lngere Zeit in diesen Gruben aufbewahren, ohne
  dass Bildung von Calciumcarbonat eintritt; gewhnlich wird die
  Oberflche des Kalksumpfes mit Brettern berlegt und auf diese einige
  Zoll hoch frischer Sand geschttet. Das Einsumpfen hat aber noch einen
  weiteren Nutzen: indem nmlich durch das in den Boden abziehende Wasser
  ein Auslaugen des Kalkes stattfindet, werden die Salze der Alkalien,
  die immer in kleiner Menge in den Kalksteinen vorkommen, entfernt und
  dadurch ein Auswittern derselben aus den spter damit aufgefhrten
  Mauern verhtet. Eine eigenthmliche Art der Lschung des Kalkes ist
  das =Trockenlschen=, wobei man den gebrannten Kalk mit Sand bedeckt
  und letzteren benetzt und darauf achtet, dass an keiner Stelle der Kalk
  ohne Sand mit der Luft in Berhrung komme.

  Der =gelschte Kalk= hlt das Wasser mit solcher Hartnckigkeit zurck,
  dass bei 250-300 noch kein Gewichtsverlust stattfindet. In Wasser fein
  zertheiltes Calciumhydroxyd bildet den =Kalkbrei=, welcher mit Wasser
  verdnnt die =Kalkmilch= liefert. Letztere giebt durch Filtriren das
  =Kalkwasser=, eine gesttigte Lsung von Kalk in Wasser, welche auf 778
  Th. Wasser 1 Th. Kalkhydrat enthlt. An der Luft absorbirt der
  gebrannte Kalk Wasser und Kohlensure, zerfllt dabei zu einem feinen
  weissen Pulver, giebt jedoch das anfangs aufgenommene Wasser unter
  Austausch gegen Kohlensure wieder ab und hinterlsst endlich neutrales
  Calciumcarbonat. Deshalb pflegt man gelschten Kalk, wenn derselbe in
  grsseren Quantitten vorrthig gehalten werden muss, vor der Luft
  geschtzt in Gruben aufzubewahren. Das Kalkwasser reagirt alkalisch;
  diese Reaction rhrt theils von dem Kalke, theils davon her, dass die
  meisten Kalksteine Kochsalz und kieselsaures Alkali enthalten, welches
  durch die Einwirkung des Aetzkalkes in tzendes Alkali bergeht.

[Sidenote: Anwendung des Kalkes.]

  Die Anwendung des gebrannten Kalkes ist eine beraus mannigfache und
  grndet sich in allen Fllen darauf, dass der Kalk eine starke Base
  ist, welche berall und wohlfeil erhalten werden kann und durch
  einfaches Begiessen mit Wasser in denjenigen Zustand der Zertheilung
  bergeht, in welchem meist der Kalk in der Technik Anwendung findet.
  Seiner grossen Verwandtschaft zur Kohlensure wegen wird er zur
  Darstellung des Aetzkalis und Aetznatrons aus den kohlensauren Alkalien
  verwendet. Der gelschte Kalk dient ferner zur Darstellung des
  Ammoniaks aus dem Salmiak, des Calciumhypochlorites (Chlorkalk), zum
  Ausfllen der Magnesia aus der Mutterlauge der Salinen, zum Reinigen
  des Leuchtgases von Kohlensure und theilweise auch von
  Schwefelwasserstoffgas, zum Einkalken des Getreides vor dem Sen, zur
  Raffination des Zuckers und zur Gewinnung des Zuckers aus dem
  Rbensafte, in der Sodafabrikation zum Zersetzen des Glaubersalzes
  (unter Mitwirkung von Kohle), in der Gerberei zum Enthaaren und
  Vorbereiten der Hute, in der Bleicherei zum Buchen der
  Baumwollgewebe, in der Frberei zur Bereitung der Indigkpen, als
  Zusatz zum Glase, in der Fabrikation der Stearin- und Palmitinkerzen,
  zur Fabrikation von Alaun und Aluminiumsulfat aus Kryolith, bei der
  Bereitung von Strkezucker (zur Neutralisation der Schwefelsure), zur
  Herstellung von Kitt mit Casen, als Polirmittel und bei der
  Ausbringung der Metalle als schlackebildender Zusatz. Die Eigenschaft
  des Kalkes, vor dem Knallgasgeblse (einem mit einem Gemenge von 2 Vol.
  Wasserstoff und 1 Vol. Sauerstoff gespeisten Geblse) ausserordentlich
  lebhaft zu leuchten, benutzt man als Signallicht auf Leuchtthrmen, bei
  geodtischen Operationen, zum Beleuchten der Objecte unter dem
  Mikroskop u. s. w. Die wichtigste Anwendung des Kalkes ist aber die zur
  Bereitung von Mrtel.


                               Der Mrtel.

[Sidenote: Mrtel.]

Unter =Mrtel= oder =Speise= versteht man mit Sand oder mit einem
sandartigen Zusatze gemengten Kalkbrei, welcher theils zur Vereinigung
von Bausteinen, theils als Abputz dient. Der gewhnliche Mrtel heisst
=Luftmrtel=, der unter Wasser erhrtende und daher zu Wasserbauten sich
eignende Mrtel wird =hydraulischer Mrtel= oder =Wassermrtel= genannt.


                          a) _Der Luftmrtel._

[Sidenote: Luftmrtel.]

Wenn gelschter Kalk an der Luft sich selbst berlassen bleibt, so
trocknet er nach und nach unter Kohlensureabsorption aus, wobei er stark
schwindet und viele Risse bekommt. Wird hierbei die Luft abgehalten und
zugleich ein angemessener Druck angebracht, so erlangt das
Calciumhydroxyd (Kalkhydrat) nach dem Trocknen Marmorhrte. Das
Kalkhydrat wre demnach schon fr sich geeignet, die Bausteine zu
verbinden, wenn sie ebene Flchen htten. Da die Bausteine aber auf ihrer
Oberflche sehr grosse Unebenheiten haben, welche zum Verschwinden
gebracht werden mssen, so wren dicke Lagen von Kalkbrei anzubringen,
die beim Austrocknen schwinden und Klfte bekommen wrden. Um Letzterem
vorzubeugen, um ferner den Verbrauch an Kalk zu verringern, versetzt man
den Kalkbrei mit Sand und hnlichen Krpern, die mit ihm ein festes
Conglomerat, zum Theil unter Umstnden auch eine chemische Verbindung
bilden, die mit den Bausteinen ein Ganzes bildet.

Man bereitet den Luftmrtel gewhnlich mit dem bereits eingesumpften
gelschten Kalke, der, wenn es erforderlich erscheint, unter Zusatz von
Wasser mit dem Sande innig vermengt wird, so dass in dem entstehenden
Mrtel keine Kalkklmpchen mehr wahrgenommen werden knnen. Als Zuschlag
braucht man zum Mrtel nur Sand. Man zieht den eckigen und kantigen Sand
dem runden vor, wol aber ohne Grund; dass der Kalkbrei an Sandkrnern mit
rauhen Flchen besser adhrire, als an solchen mit glatten, ist
einleuchtend, dass aber die Ecken und Kanten die Adhsion nicht zu
vermehren im Stande sind, ist wahrscheinlich. Die Natur bietet uns in den
Breccien eine Verkittung von runden und stumpf- oder scharfeckigen
Stcken, die durch gleiche Kraft zusammengehalten werden, es ist daher
nicht einzusehen, warum der Luftmrtel, der doch in der That eine
Nachahmung jener Breccien bezweckt, sich anders verhalten soll. Das
Verhltniss des Sandes zum Kalke ist fr die Qualitt und den Grad des
Erhrtens des herzustellenden Mrtels von der grssten Wichtigkeit. In
der Praxis rechnet man auf 1 Kubikmeter steifen Kalkbrei (aus fettem
Kalke) 3-4 Kubikmeter Sand, bei magerem, magnesiahaltigem Kalke nimmt man
auf eine gleiche Quantitt 1-2-1/2 Kubikmeter Sand, weil die fremden
Gemengtheile darin sich schon selbst wie Sand verhalten. Soll der so
bereitete Mrtel zur Verbindung der Mauersteine oder Backsteine
angewendet werden, so befeuchtet man die Oberflche der porsen Steine,
um der Absorption der Feuchtigkeit des Mrtels vorzubeugen und wirft den
Mrtel mit einer Kelle darauf. Der Mrtel wird im Ueberschusse
angewendet, um alle Zwischenrume auszufllen, dann drckt man die neuen
Steine auf die bereits festliegenden und nthigt so den berschssigen
Mrtel, herauszudringen.

[Sidenote: Erhrten des Mrtels.]

  Die =Erhrtung des Mrtels=, obgleich schon nach einigen Tagen
  gengend, um einer Mauer eine gewisse Festigkeit zu ertheilen,
  geschieht so allmlig, dass sie nach vielen Jahrhunderten noch nicht
  ihr Maximum erreicht hat. Was die Theorie der Erhrtung des Mrtels an
  der Luft betrifft, so haben sich darber mehrere Ansichten geltend zu
  machen gesucht. Dass das Austrocknen allein nicht der Grund des
  Erhrtens sein kann, davon kann man sich leicht berzeugen, wenn man
  den Luftmrtel im Wasserbade oder ber der Lampe austrocknet; das
  Resultat des Trocknens ist keineswegs eine steinartige, sondern eine
  brcklige, leicht zerreibliche Masse. Der Mrtel kann aber nur binden,
  wenn er eine steinartige Masse bildet. =v. Fuchs= nahm als Ursache der
  Mrtelerhrtung die Bildung von sogenanntem halbkohlensauren Kalk
  (CaCO_{3} + CaH_{2}O_{2}), einer Verbindung an, welche nicht in das
  gewhnliche Calciumcarbonat (CaCO_{3}) bergefhrt werden knne. Neuere
  Untersuchungen haben das Irrige dieser Ansicht bewiesen und gezeigt,
  dass die Annahme der Existenz von halbkohlensaurem Kalk nicht
  nothwendig sei, da die Menge der im Luftmrtel gefundenen Kohlensure
  (nach den Analysen von =A. Vogel=, von =Alex. Bauer= u. A.) derjenigen
  hufig entspricht, welche neutrales Calciumcarbonat verlangt, whrend
  in anderen Fllen (so in den Analysen von =Anton v. Schrtter=) die
  Kohlensure um 20 Proc., ja selbst um 70 Proc. gegen die Berechnung
  zurckbleibt. Die Untersuchungen von =Alex. Petzholdt=, =A. v.
  Schrtter= u. A. haben endlich gezeigt, dass mit der Erhrtung des
  Mrtels hufig eine Zunahme an lslicher Kieselerde zu bemerken sei.
  Diese Umwandelung des Quarzsandes in lsliche Kieselerde durch
  fortgesetzte Einwirkung von Calciumhydroxyd ist jedoch fr die
  Erhrtung nur von untergeordnetem Werthe, da Kalksand und geschlmmte
  Kreide anstatt des Kieselsandes als Zuschlag zum Mrtel angewendet,
  eine ebenso steinharte Masse bildet. Auch ist nicht zu vergessen, dass
  der Uebergang von festem Mrtel nur nach und nach und stets in zwei
  Stadien erfolgt. In dem =ersten= Stadium findet der Uebergang von dem
  breiigen in den festen Zustand statt (das =Anziehen= oder =Binden=), in
  dem =zweiten= Stadium geht das steinige Erhrten der weichen mit dem
  Nagel noch ritzbaren Masse vor sich.

  Nach den in jngster Zeit (1870) von =W. Wolters= ausgefhrten
  Untersuchungen und den von frheren Forschern (namentlich =W.
  Michalis=) erhaltenen Resultaten lassen sich die Vorgnge beim
  Erhrten des der Luft ausgesetzten Mrtels so ziemlich bersehen. Zu
  Anfang verliert der Mrtel nur Wasser. Durch dieses Trocknen gelangen
  nach und nach die Kalktheilchen in die Sphre ihrer Adhsion und
  haften dadurch an einander. Man sagt dann, der Mrtel habe angezogen.
  Die Absorption von atmosphrischer Kohlensure, bis dahin schwach nur
  und oberflchlich, wird intensiver und die Festigkeit und Hrte nimmt
  in gleichem Maasse zu. Das Ende des Austrocknens ist zugleich des der
  vollendeten Kohlensuerung und der Zeitpunkt der erreichten Steinhrte.
  In diesem Stadium besteht die Funktion der Kohlensure darin, dass sie
  die noch getrennten aber aneinander adhrirenden und in unmittelbarer
  Berhrung befindlichen Theilchen des Calciumhydroxydes zu einer
  einzigen zusammenhngenden Masse von Calciumcarbonat verschmilzt. Die
  entschiedene Adhsion dieses Carbonates an die Bausteine und den
  Mrtelsand ist ein zweiter frdernder Factor der Verkittung einestheils
  der Calciumhydroxydmolekle zu einer steinharten Masse von Carbonat,
  anderntheils des Carbonates mit dem beigemengten Sand und den
  Bausteinen. Das Steinhartwerden des Mrtels ist also die Folge zunchst
  eines =mechanischen= Vorganges, wodurch die Kalkmolekle in
  unmittelbare Berhrung gebracht werden, dann eines =chemischen=
  Processes, der Kohlensuerung, welche die nahe aneinander gerckten
  Theilchen zu einem Ganzen verkittet. Als ergnzendes Moment mag die mit
  der Zeit, obwohl immerhin schwach stattfindende Aufschliessung des
  Quarzsandes unter Bildung von Calciumsilicat wirken. Die Kohlensuerung
  vollzieht sich nur allmhlich, bei dicken Mauern vielleicht vollstndig
  erst im Laufe von Jahrhunderten. Es ist daher nichts Seltenes, dass man
  bei der Analyse von altem Luftmrtel aus dem Innern von Mauern noch
  Aetzkalk findet.


                       b) _Der hydraulische Mrtel._

[Sidenote: Hydraulischer Mrtel.]

Gewisse Kalksteine haben, wenn sie mehr als 10 Proc. Kieselerde
enthalten, die Eigenschaft, nach dem Brennen mit Wasser einen magern Brei
zu geben, welcher unter dem Einflusse des Wassers nach lngerer oder
krzerer Zeit erhrtet. Man nennt solche Kalksteine =hydraulischen Kalk=
und verwendet ihn zur Herstellung des =hydraulischen Mrtels= oder
=Wassermrtels=.

[Sidenote: Hydraulischer Kalk.]

Im =ungebrannten Zustande= sind die hydraulischen Kalke Gemenge von
Calciumcarbonat mit Kieselerde oder einem Silicat, meist und wesentlich
Aluminiumsilicat, welches letztere in Salzsure unlslich ist und durch
dieselbe nicht aufgeschlossen wird. Durch das =Brennen= erleidet der
hydraulische Kalk dieselbe Vernderung, die ein in Suren unlsliches
Silicat erleidet, wenn dasselbe durch Erhitzen mit kohlensauren Alkalien
aufgeschlossen wird; der hydraulische Kalk wird durch das Brennen in
Salzsure zum grossen Theile lslich und verliert seine Kohlensure. =v.
Fuchs=, =Feichtinger=, =Harms=, =Heldt=, =W. Michalis=, =A. v. Kripp= u.
A. stellten zahlreiche Versuche an, deren Resultate bereinstimmend
bewiesen, dass nur die Kieselerde im gallertartigen Zustande den Kalk in
hydraulischen verwandelt und dass die in dem hydraulischen Kalk
vorkommenden Gemengtheile wie Thonerde und Eisenoxyd auf das Erhrten des
hydraulischen Kalkes erst dann von Einfluss sind, wenn durch starkes
Erhitzen bis zum Schmelzen diese Krper sich chemisch mit der Kieselerde
verbunden haben.

Man stellt den hydraulischen Mrtel dar, indem man entweder

1) hydraulischen Kalk mit Wasser zu einem Brei macht und Sand zusetzt;
oder

2) gewhnlichen Kalkbrei aus Luftkalk mit Wasser und Cment mengt.

Beim Lschen des hydraulischen Kalkes wird das Wasser absorbirt, ohne
dass bedeutende Wrmeentwickelung und Volumenvergrsserung stattfindet.
Die Verwendung des hydraulischen Mrtels geschieht auf dieselbe Weise wie
die des Luftmrtels, nur muss der Kalkbrei frisch bereitet angewendet,
die Steinflchen aber gehrig benetzt und das Mauerwerk feucht erhalten
werden. Je fester und dichter der Mrtel beim Vermauern angedrckt wird,
desto fester wird beim nachherigen Erhrten seine Consistenz; wird er
dagegen nur locker aufgetragen, so wird durch Eindringen des Wassers der
Zusammenhang geschwcht, so dass auch beim nachfolgenden Erhrten nur
eine weniger dichte Masse entsteht.

[Sidenote: Die Cmente.]

Aus dem Vorstehenden folgt, dass man, indem dem gewhnlichen Kalk durch
geeigneten Zusatz Kieselsure zugefhrt wird, hydraulischen Mrtel
knstlich erzeugen kann. Solche Zustze oder Zuschlge nennt man
=Cmente= (Cemente). In Bezug auf ihren Ursprung lassen sich dieselben
eintheilen 1) in =natrliche Cmente=, welche, ohne dass sie gebrannt zu
werden brauchen, in dem Zustande, wie sie sich finden (sie sind nmlich
durch vulkanische Hitze bereits gebrannt), zur Herstellung von
Wassermrtel gebraucht werden knnen, und 2) in =knstliche Cmente=,
welche vorher durch Brennen aufgeschlossen werden mssen und dadurch erst
in Cmente bergehen. Die natrlichen Cmente sind, wie oben bemerkt,
durch vulkanische Processe aufgeschlossen worden; zu ihnen gehren der
=Duckstein= oder =Trass=, die =Puzzuolane= und das =Santorin=.

  Der =Trass= oder =Duckstein= ist eine Art Trachyttuff, welcher in
  bedeutenden Mengen im Brohl- und Nettethal, unfern Andernach,
  angetroffen wird. Der Trass ist wesentlich nichts anderes als
  zertrmmerter und zerriebener Bimsstein, welchen die vielen
  vulkanischen Kegelberge der Rheinufer lieferten. Er enthlt sehr oft
  Bimssteinfragmente, manchmal in grosser Zahl, eingeschlossen; ausserdem
  finden sich darin Titaneisen-, Magneteisenpartikelchen,
  Thonschieferstckchen u. s. w. Schon seit dem dritten Jahrhundert
  verwendet man den Trass zur Herstellung von hydraulischem Mrtel und
  bearbeitet daraus Quadern, die in den Mauern alter Festungen, Kirchen,
  Schlsser und Thrme jetzt noch zu sehen sind. Die Zusammensetzung des
  Trass aus dem Brohlthale ist folgende:

                                    In Salzsure
                                lsliche   unlsliche Bestandtheile.
                Kieselerde       11,50              37,44
                Kalk              3,16               2,25
                Magnesia          2,15               0,27
                Kali              0,29               0,08
                Natron            2,44               1,12
                Thonerde         17,70               1,25
                Eisenoxyd        11,17               0,75
                Wasser            7,65                --
                                 -----              -----
                                 56,86              42,98

  Die =Puzzuolane= (Puzzolanerde) ist ein dem Trass verwandter Krper,
  welcher bei Puzzuoli bei Neapel, dem Puteoli der Alten, vorkommt; sie
  findet sich ferner in Hgeln von ziemlicher Ausdehnung an der
  sdwestlichen Seite der Apenninenkette, in der Gegend von Rom bis gegen
  die pontinischen Smpfe und Viterbo. Sie bildet eine lockere, graue
  oder gelblichbraune, matte Masse, von theils feinkrnigem, theils
  erdigem Bruche. Sie besteht in 100 Th. aus 44,5 Th. Kieselsure, 15 Th.
  Thonerde, 8,8 Th. Kalk, 4,7 Th. Magnesia, 12 Th. titanhaltigem
  Eisenoxyd, 5,5 Th. Kali und Natron und 9,2 Th. Wasser. Ihres geringen
  Kalkgehaltes halber kann sie keinen hydraulischen Kalk geben, muss
  mithin mit Luftkalk gemengt werden, um einen hydraulischen Mrtel zu
  bilden. Bei dem Bau des Leuchtthurmes von Eddystone wurden gleiche
  Theile gepulverter Puzzuolane und zu Pulver gelschten Kalkes
  verwendet.

  Das =Santorin= ist ein von der griechischen Insel =Santorin= (auch St.
  Erini, nach der Schutzpatronin des Eilandes, der heiligen Irene),
  =Therasia= und =Asprosini= stammendes, an der Kste von Dalmatien
  hufig zu Wasserbauten angewendetes natrliches Cment, welches mit dem
  Trass den vulkanischen Ursprung und das ussere Ansehen gemein hat, von
  demselben sich aber durch seine weit geringere Aufschliessbarkeit in
  Sure unterscheidet. Nach den Untersuchungen von =G. Feichtinger=
  (1870) ist die Santorinerde als ein Gemenge von Cment und Sand zu
  betrachten. Das Cment ist der fein abschlmmbare Theil, der Sand
  besteht aus Bimsstein- und Obsidianstckchen. Nur dem feinen Pulver, d.
  i. der in grosser Menge darin sich findenden amorphen Kieselerde
  verdankt die Santorinerde ihre Wirksamkeit als Cment.

[Sidenote: Knstliche Cmente.]

=Knstliche Cmente.= Das seltene Vorkommen und der hohe Preis der
natrlichen Cmente gab die Veranlassung, dass man an ihre Stelle ein
wohlfeileres Material zu setzen suchte. So versuchte =Parker= durch
Brennen der nierenfrmigen Massen, die sich in der ber der Kreide
liegenden Thonschicht an den Ufern der Themse, auf den Inseln Sheppey,
Wight u. s. w. finden, ein Cment darzustellen, auf dessen Bereitung 1796
=Parker=, =Wyatt= u. Co. ein Patent fr England erhielten und dadurch
eine Cmentfabrik grndeten, welche bis auf den heutigen Tag blht. Das
so dargestellte Cment fhrt den Namen =englisches= oder =rmisches
Cment= (=Roman-Cment=). Die Thonnieren werden in einem gewhnlichen
Ofen, wie man sich deren zum Kalkbrennen berhaupt bedient, bei einer
Temperatur gebrannt, welche fast hinreicht, sie zu verglasen, und dann
auf einer Mhle feingepulvert. Das rothbraune Pulver, welches
Kohlensure und Wasser aus der Luft begierig aufnimmt, wird nach dem
Beuteln in Fsser verpackt. Er lsst sich ohne weiteren Zusatz als
hydraulischer Mrtel verwenden und erhrtet in 15-20 Minuten. Das rasche
Erhrten des hydraulischen Mrtels und seine grosse Festigkeit nach
diesem raschen Erhrten, welche die des gewhnlichen Mrtels wenigstens
fnfmal bertrifft, machen ihn zu einem hchst werthvollen Baumaterial,
das den gewhnlichen Mrtel rasch verdrngen wrde, wenn nicht die
Kostbarkeit des hydraulischen Mrtels die Ursache wre, dass man ihn nur
da anwenden kann, wo gewhnlicher Mrtel nicht ausreicht. In Deutschland
wird das Romancment von vorzglicher Beschaffenheit von =Leube= in Ulm
dargestellt.

=W. Michalis= fand bei der Analyse verschiedener Sorten Romancment:

                             1.       2.       3.      4.
            Kalk            58,38    55,50    47,83    58,88
            Magnesia         5,00     1,73    24,26     2,25
            Kieselsure     28,83    25,00     5,80    23,66
            Thonerde         6,40     6,96     1,50     7,24
            Eisenoxyd        4,80     9,63    20,80     7,97

  Die Analysen sind auf das Cment im kohlensure- und wasserfreien
  Zustande berechnet. No. 1 ist Romancment aus Kalkstein vom Krienberge
  bei Rdersdorf, der oberen Abtheilung des Muschelkalks angehrend; im
  Zustande der grssten Verwitterung vorkommend. -- No. 2 aus
  Kalksteinnieren von der Insel Sheppey; gelblichbraun, derb und fest. --
  No. 3 aus Kalkstein, der das Lager von Bleierz bei Tarnowitz bedeckt;
  zur Muschelkalkformation gehrig; blulichgrau, derb und zum
  Krystallinischen hinneigend. -- No. 4 aus fettem und magerem Kalkstein
  von Hausbergen.

Das =Portland-Cment= (der Name ist durch die mit dem Portland-Baustein
bereinstimmende Farbe und Festigkeit entstanden), ein
schuppig-krystallinisches Pulver von grauer Farbe mit einem Stich ins
Grnliche, wurde zuerst 1824 von =Joseph Aspdin= in Leeds dargestellt.
Nach dem ihm fr England ertheilten Patent bereitet er das Cment auf
folgende Weise: Er nimmt eine grosse Menge Kalkstein, wie er in Leeds zum
Wegmachen angewendet wird, pulverisirt ihn entweder durch Maschinen, oder
nimmt den Staub oder Koth von den mit diesem Material reparirten
Strassen, trocknet die Masse und brennt sie in einem Kalkofen. Hierauf
nimmt er eine gleiche Gewichtsmenge Thon und knetet denselben mit dem
gebrannten Kalk und Wasser zusammen, bis eine plastische Masse entsteht,
die man trocknet, nach dem Trocknen in Stcke bricht und in einem
Kalkofen brennt, bis alle Kohlensure entwichen ist. Dann wird die Masse
in ein feines Pulver verwandelt und ist zum Gebrauch fertig. Er kommt im
Handel vor als graues, ins Grnliche gehendes, sandig anzufhlendes
Pulver. Der eigentliche Grnder der in England so schwunghaft betriebenen
Fabrikation jenes knstlichen Cmentes, das unter dem Namen
Portland-Cment versendet wird, ist =Pasley=, welcher (1826) das Cment
durch Brennen eines Gemisches von Flussthon (aus dem Medway-Fluss),
welcher durch das zu Fluthzeiten eintretende Meerwasser salzhaltig ist,
mit Kalkstein oder Kreide zu bereiten lehrte[98]. Gegenwrtig stellt man
auf hnliche Weise aus dem Schlamme, der sich an den Mndungen grosser
Strme absetzt und dort zu Deltabildungen Veranlassung giebt, ein dem
Portland-Cment ganz gleiches Material her.

  [98] Der Thon des Medway-Flusses ist wahrscheinlich wegen seines
       Natriumgehaltes zur Portland-Cmentfabrikation der geeignetste.
       =v. Pettenkofer= macht mit Recht darauf aufmerksam, dass man
       vielleicht mit grossem Vortheil manche Mergel in gute Cmente
       verwandeln knne, wenn man sie mit Kochsalzlsung getrnkt brenne.

  Die =Fabrikation des Portland-Cments= geschieht gewhnlich auf die
  Weise, dass man die innige Mischung der Rohmaterialien (Kalkstein und
  Thon) in Stcke gleicher Hhe (Backsteine) ferner dieselben erst
  lufttrocken werden lsst und dann in Schachtfen brennt. Die
  Schachtfen haben eine Hhe von 14-30 Meter und eine lichte
  Schachtweite von 2,3-4 Meter. In einer Hhe von 1-1,3 Meter ber dem
  Erdboden liegt ein entsprechend starker Rost, dessen Stbe sich nach
  beendetem Brande gnzlich entfernen lassen. Die mehr oder minder
  gesinterte Masse gleitet beim Erkalten theils freiwillig nieder, theils
  wird das Fallen derselben mit Brechstangen befrdert. Die Oefen werden
  solchergestalt beschickt, dass je eine Lage Brennmaterial und eine Lage
  Cmentsteine abwechseln. Als Brennmaterial whlt man in der Regel Koks.
  Fr jedes Material ist die geeignete Weissglhhitze durch Versuche zu
  erproben; zu stark gebranntes Cment bindet mit Wasser gar nicht mehr;
  die Farbenvernderungen, welche im Feuer vor sich gehen, knnen einen
  wesentlichen Anhalt ber die beim Brennen innezuhaltenden Grenzen
  darbieten. Bei lebhafter, ungefhr eine Stunde lang anhaltender
  Rothgluth hat zwar der Kalk bereits aufschliessend auf den Thon gewirkt
  und die Masse besitzt eine hellgelbbraune Farbe, aber ihre
  Erhrtungsfhigkeit ist nur gering, sie erhitzt sich stark mit Wasser
  und zerfllt an der Luft wie gewhnlicher Aetzkalk. Mit steigender
  Temperatur wird die Masse immer dunkler braun; ihre Bestndigkeit an
  der Luft wchst mit ihrer Erhrtungsfhigkeit; ihre Erhitzung mit
  Wasser nimmt ab; Beweise, dass der beim Brennen aus dem Kalkstein
  zunchst entstehende tzende Kalk mehr und mehr in chemische Verbindung
  mit den Bestandtheilen des Silicates tritt. Mit Weissglut wird die
  Masse grau, nimmt einen Stich in's Grne (von einer Calcium-Ferrat-
  oder Silicatbildung) an, welcher wiederum mit der Temperatur zunimmt.
  Bis jetzt hat noch immer die Gte und Erhrtungsfhigkeit des Cments
  zugenommen; denn die Hrte und Widerstandsfhigkeit des angemachten
  Cments steht, innerhalb der zulssigen Grenzen, mit der Dichtigkeit
  des gebrannten Cmentes in geradem Verhltnisse. Nimmt die Intensitt
  des Feuers noch weiter zu, so tritt an die Stelle der grngrauen eine
  blaugraue Frbung und dann wird das Cment schon untauglich. Bei noch
  weiterer Steigerung der Temperatur wird die Masse immer dichter, man
  knnte sagen basaltischer und zuletzt geht sie in den Zustand
  vollkommener Schmelzung ber und wird obsidianartig. Im ersten Stadium
  giebt die Masse ein helles gelbbraunes, lockeres Pulver; im zweiten,
  dem Normalstadium ein graues scharfes Pulver, mit einem Stich in's
  Grne, im dritten ist das Pulver entschieden bleigrau, whrend das
  letzte, das verglaste Cment, ein helles, weissgraues, usserst
  scharfes Pulver giebt, wie wir es an Glsern erkennen. Man hat also
  sein Augenmerk darauf zu richten, dass durchweg die bimssteinartige
  grngraue Masse erzeugt werde; dass man mglichst wenig gelbbraune
  Stcke einerseits und so wenig als mglich blaugraue und verglaste
  Partien andererseits erhalte. Die Stcke sollen gut stehen, dass
  heisst im gebrannten Zustande nach dem Erkalten nicht zerfallen. Dieses
  spontane Zerfallen tritt ein beim blaugrauen, todtgebrannten, aber auch
  beim ganz normal gebrannten Cment; in diesem Falle liegt die Ursache
  in der chemischen Zusammensetzung allein. Je kalkhaltiger (basischer)
  die Mischung ist, desto sicherer lsst sich das Cment normal brennen
  und desto weniger zerfllt es nach dem Brande; thonreiche Mischungen
  zerfallen je nach ihrer Zusammensetzung mehr oder weniger stark, oft
  total. Das zerfallene Cment stellt, wenn von normal gebrannter Masse
  herrhrend, ein usserst feines, hellbraunes Pulver dar; todtgebranntes
  blaues Cment giebt ein ebenso feines blaugraues Pulver. Nach
  =Michalis= lsst sich durch Zusatz von Kalk oder Alkalien das
  Zerfallen des Cments verhten, wenn sonst nicht durch zu scharfes
  Brennen die erwhnten blaugrauen Massen erzeugt werden. In der Praxis
  kann aber aus konomischen Grnden nur an einen Kalkzusatz gedacht
  werden. Je feiner Thon und Kalkstein gemischt werden, desto hher kann
  man unbeschadet mit dem Kalkgehalte gehen; ja alsdann ist ein mglichst
  hoher Kalkgehalt von grsstem Nutzen, weil er vorzglich gute Brnde
  zur Folge hat. Nichts ist aber gefhrlicher, als bei schlechter
  mechanischer Mischung den Kalkgehalt zu steigern; alsdann wird man
  nmlich anstatt einen Fehler (des Zerfallen) zu beseitigen, nur noch
  einen andern Nachtheil (das Treiben und Reissen) hinzufgen. Auf
  innigste Mischung der Rohmaterialien ist daher in jeder Hinsicht das
  grsste Gewicht zu legen. Die kalkreicheren Cmente ziehen langsamer
  an, aber erhrten vorzglicher. Von dem Momente der Erstarrung an
  erhrtet das Cment zunehmend sowol an der Luft, wie im Wasser. An der
  Luft ohne jeden Substanzverlust; unter Wasser wird es zunchst nicht
  unbetrchtlich angegriffen, da er in Wasser nicht unlslich ist. Vor
  allem aber werden durch Wasser die Alkalien extrahirt. Zum Brennen des
  Portland-Cmentes (hinsichtlich der Details sei auf =W. Michalis= und
  =Paul Lss=[99] verwiesen) dient jetzt hufig der Ringofen (vergl.
  Seite 371). Das getrocknete Cment wird vor seiner Verwendung noch zu
  feinem Pulver gemahlen.

  [99] Vergl. =W. Michalis=, Die hydraulischen Mrtel, Leipzig 1869 und
       =Paul Lss=, Bau von Kalk-, Cment-, Gyps- und Ziegelfen,
       Berlin 1870.

  Das Portland-Cment fngt, mit Wasser zu einem Brei angerhrt, schon
  nach einigen Minuten an, zu erstarren, nach einigen Tagen besitzt es
  schon eine ziemliche Hrte, die nach einigen Monaten einen solchen Grad
  erreicht, dass es beim Anschlag mit einem harten Krper wie gebrannter
  Thon klingt. Es lsst sich gleich dem Gyps ohne Sandzusatz in Formen
  giessen und eignet sich daher besonders zur Herstellung
  architektonischer Verzierungen und mit Sand gemengt zur =Fabrikation
  von knstlichen Steinen=. In neuerer Zeit hat =Grneberg= die
  Herstellung von Krystallisirgefssen aus Portland-Cment und =Posch=
  die zu Reservoirs fr heisse und warme Soole vorgeschlagen.

[Sidenote: Fabrikation von knstlichem Cment in Deutschland.]

Aus dem Vorstehenden geht hervor, dass die Fabrikation von knstlichem
Cment (Portland-Cment) in jeder Gegend mglich ist. In der That
fabricirt man jetzt auch in mehreren Theilen Deutschlands durch Mischen
von Kreide und Thon, Formen der Mischung zu Ziegeln, Brennen und
Zermahlen derselben, ein Cment, welches allen Anforderungen entspricht,
ohne dass es dabei nothwendig wre, die Materialien aus grossen
Entfernungen herbeizuschaffen. So wurde z. B. der hydraulische Kalk fr
die Gltzschthalberbrckung auf der schsisch-bayerischen
Staatseisenbahn durch Mischung gleicher Theile von Ziegelmehl, Sand und
Kalkmehl erhalten; das Gemenge wurde kurz vor der Verwendung mit Wasser
angemacht und als mglichst dicker Brei verarbeitet. Zur Darstellung von
hydraulischem Mrtel benutzt man ausser der oben erwhnten Mischung von
Kreide und Thon, die Mergel (wie sie unter andern bei Kufstein in Tyrol
in vorzglicher Beschaffenheit sich finden), die Aschen von Steinkohlen
und Torf, die bei der Alaunfabrikation aus Alaunschiefer und Alaunerde
zurckbleibende Masse, manche Hochofenschlacken, gebranntes
Tpfergeschirr, Porcellankapselscherben, gepulverten Feuerstein und
Chalcedon[100] u. s. w. Obgleich die Principien bekannt sind, nach
welchen hydraulische Mrtel angefertigt werden mssen, so misslingen
dennoch immer sehr viele Versuche. Das Misslingen liegt meist in dem
unrichtigen Hitzegrad beim Brennen, in der versumten Innigkeit der
Mischung, hauptschlich aber in der Unkenntniss der chemischen
Zusammensetzung der zu mischenden Substanzen. So ist, um ein Beispiel
anzufhren, nicht jeder Mergel zur Herstellung eines guten hydraulischen
Mrtels geeignet. Bedingungen der Anwendbarkeit sind 1) das richtige
Verhltniss des eingemengten Thons, am vortheilhaftesten 25 Proc.; 2)
dieser Thon muss die erforderliche Beschaffenheit haben, er muss reich an
Kieselerde und dabei hchst fein zertheilt sein; er muss ferner mit dem
kohlensauren Kalk in innigem Gemenge sich befinden. Diese drei
Bedingungen finden sich nur sehr selten mit einander vereinigt. In
Deutschland wurde ein dem englischen Portland-Cment gleichkommendes
Produkt zuerst im Jahre 1850 durch =Gierow= in Stettin dargestellt,
hierauf 1852 von =H. Bleibtreu= bei Stettin (auf der Insel Wollin),
spter auch in Bonn eine Fabrik errichtet, deren Produkte in grossen
Mengen consumirt werden. Auch anderwrts wird gegenwrtig Portland-Cment
dargestellt, so von Gebr. =Heyn= in Lneburg, von =A. Licht u. Comp.= in
Dirschau bei Danzig, vom Bonner Bergwerks- und Httenverein (bei
Obercassel oberhalb Bonn), von =Saulich= in Perlmoos bei Kufstein
(Tyrol), so dass die deutsche Industrie in Bezug auf Portland-Cment bald
von England unabhngig sein wird. Nach =W. Michalis= seien im Folgenden
einige Portland-Cmentanalysen (auf den kohlensure- und wasserfreien
Zustand berechnet) angefhrt:

                   1.    2.    3.    4.    5.    6.    7.    8.    9.
   Kalk          59,06 62,81 61,91 60,33 61,64 61,74 55,06 57,83 55,28
   Kieselsure   24,07 23,22 24,19 25,98 23,00 25,63 22,92 23,81 22,86
   Thonerde       6,92  5,27  7,66  7,04  6,17  6,17  8,00  9,38  9,03
   Eisenoxyd      3,41  2,00  2,54  2,46  2,13  0,45  5,46  5,22  6,14
   Magnesia       0,82  1,14  1,15  0,23   --   2,24  0,77  1,35  1,64
   Kali           0,73} 1,27  0,77  0,94   --   0,60  1,13  0,59  0,77
   Natron         0,87}       0,46  0,30   --   0,40  1,70  0,71   --
   Calciumsulfat  2,85  1,30   --   1,52  1,53  1,64  1,75  1,11  3,20
   Thon }
   Sand }         1,47  2,54  1,32  1,04  1,28  1,13  2,27   --   1,08

  [100] =H. Frhling= (1870) stellt aus gebrannten Chalcedonen ein
        besonderes Cment, das =Chalcedoncement= dar, welches in der
        Menge von 1 Vol. mit 1 Vol. Kalkbrei und 2 Vol. weissen Sandes
        einen glnzend weissen, dem geschliffenen Marmor hnlichen
        Verputz liefert.

  No. 1 ist Portland-Cment von =White= und =Brother= von =Michalis=
  analysirt. No. 2 ist Stettiner Cment von =Michalis= analysirt. No. 3
  ist Wildauer Cment ebenfalls von =Michalis= analysirt. No. 4
  desgleichen. No. 5 ist Sterncment aus Vorpommern von demselben
  analysirt. No. 6 ist Stettiner Cment von demselben analysirt. No. 7
  ist englisches Cment von =Hopfgartner= analysirt. No. 8 ist Cment vom
  Bonner Bergwerks- und Httenverein von =Hopfgartner= analysirt und
  No. 9 ist Cment von Kraft und Saulich in Perlmoos von =Feichtinger=
  analysirt.

  Vergleicht man damit die procentische Zusammensetzung von englischen
  Portland-Cmenten, so ergeben sich nur ganz geringe Differenzen, welche
  jedenfalls von keinem Einfluss sein knnen. Die deutschen
  Portland-Cmente besitzen dieselbe Farbe wie das englische
  Portland-Cment, erhrten unter Wasser auch bald und die Hrte, die sie
  erlangen, steht der des erhrteten englischen Portland-Cmentes nicht
  nach. Unter dem Mikroskop betrachtet, zeigen die Theilchen der
  deutschen Portland-Cmente dieselbe bltterige und schieferige Form,
  wie sie von =v. Pettenkofer= zuerst bei dem englischen Portland-Cmente
  gefunden wurde. Dadurch, dass dieselben, wie das englische
  Portland-Cment, bis zur Sinterung des Thones gebrannt wurden, besitzen
  ihre Theile eine eben so grosse Dichtigkeit, wie die des englischen.
  Was die Fabrikationsweise des Kufsteiner Portland-Cmentes betrifft, so
  giebt =Feichtinger= darber folgende Notizen: In der Nhe von Kufstein
  findet sich ein Mergellager von einer solchen Ausdehnung, dass bei
  einer jhrlichen Erzeugung von 200,000 Ctnr. dasselbe 600 Jahre
  ausreichen drfte. Das Kufsteiner Portland-Cment ist ein natrlicher
  hydraulischer Kalk zum Unterschiede von den englischen
  Portland-Cmenten, welche durchwegs knstliche hydraulische Kalke sind.
  Es ist dies der erste Fall, dass in den grossen Mergellagern in den
  Alpen ein Mergel gefunden wurde, der einfach durch Brennen ein so
  vorzgliches Produkt liefert wie das englische Portland-Cment ist, und
  mit Gewissheit lsst sich daher auch annehmen, dass noch an mehreren
  Orten Mergel zu finden sein wrden, welche sich ebenso zur
  Portland-Cmentfabrikation eignen. Es ist daher nicht uninteressant,
  die procentische Zusammensetzung des Mergels, aus welchem das
  Kufsteiner Portland-Cment bereitet wird, kennen zu lernen. Derselbe
  besteht aus:

                { Calciumcarbonat             70,64
  In Salzsure  { Magnesiumcarbonat            1,02
  lsliche      { Eisenoxyd                    2,58
  Bestandtheile { Thonerde                     2,86 Gesammtmenge der in
                { Gyps                         0,34 Salzsure lslichen
                { Wasser und organ. Substanz   0,79 Bestandtheile
                                              -----
                                                          78,23

                { Kieselerde                  15,92
  In Salzsure  { Thonerde                     3,08
  unlsliche    { Eisenoxyd                    1,40 Gesammtmenge der in
  Bestandtheile { Kali                         0,55 Salzsure unlslichen
                { Natron                       0,82 Bestandtheile
                                              -----
                                                          21,77

  Die Menge des in Salzsure unlslichen Theiles, welcher als sogenannter
  Thon bezeichnet wird, betrgt nur 21,77 Proc., whrend die meisten
  Mergel eine viel grssere Menge Thon enthalten und auch in der Praxis
  die Annahme herrscht, dass diejenigen Mergel, bei welchen der Thon
  25-30 Proc. betrgt, die besten sind. Dieser Mergel unterscheidet sich
  von anderen auch noch durch die chemische Zusammensetzung seines
  Thones, und bekanntlich ist letztere von einem wesentlichen Einflusse
  fr die Gte eines Cmentes. Vergleicht man die chemische
  Zusammensetzung vom Thone des Kufsteiner Mergels mit der des Thones vom
  Medway-Flusse, welcher in England zur Fabrikation von Portland-Cment
  verwendet wird, so findet sich darin auf 100 Kieselerde:

                                Thon                  Thon
                        vom Kufsteiner Mergel.  vom Medway-Flusse.
              Thonerde          19,34                 17,0
              Eisenoxyd          8,79                 21,6
              Kali               3,45                  2,8
              Natron             5,15                  3,0
                                -----                 ----
                                36,73                 44,4

  Es folgt hieraus, dass im Thon vom Kufsteiner Mergel die Kieselerde
  bereits mit einer bedeutenden Menge von Basen verbunden ist; letztere
  betragen der Quantitt nach nur um einige Procent weniger wie im Thone
  des Medway-Flusses, aber immerhin mehr als sonst in den Mergeln
  gefunden wird. Dadurch hat der Thon im Kufsteiner Mergel auch die
  Eigenschaft, im Feuer leicht zu schmelzen, er kann leicht
  aufgeschlossen werden. Von Einfluss auf die Gte des Kufsteiner
  Portland-Cmentes ist auch dessen geringer Magnesiagehalt und die
  hufig ausgesprochene Ansicht, dass ein grsserer Gehalt an Magnesia
  nur nachtheilig wirke, findet hier ihre Besttigung. Alle vorzglichen
  hydraulischen Kalke enthalten nur wenig Magnesia. Wenn man ferner die
  procentische Zusammensetzung des Kufsteiner Portland-Cmentes mit
  derjenigen des Mergels, aus welchem es bereitet wird, vergleicht, so
  wird man finden, dass die Menge der Schwefelsure (Gyps) in dem
  gebrannten Steine zugenommen hat. Dies ist eine Folge der als
  Brennstoff angewendeten Braunkohle, welche Schwefelkies enthlt.

  Als Anhang zu den Cmenten sei das =Concrete= (knstlicher Stein) der
  Englnder erwhnt, worunter man einen dem Wasser gut widerstehenden
  Mrtel versteht, der indessen nie die Festigkeit des mit Sand
  gemischten Cmentes erreicht. Es besteht aus einem Gemenge von
  gewhnlichem Mrtel mit Steinen, Grus, das man in verlorenen Formen
  oder Verschalungen aus Holz (Gussmauern) oder in bleibenden, aus
  Ziegel- oder Quadermauern (Futtermauern) bestehend, erstarren lsst.
  Man verwendet zu dem Concrete gewhnlich mageren, thonhaltigen Kalk,
  den man mit 2-3 Volumen grberem und feinerem Sand mengt. Nach =Pasley=
  erhlt man aber ein besseres Produkt, wenn 1 Vol. frisch gebrannter
  Kalk, in Stcken nicht grsser als eine Faust (etwa 35 Pfd.) gemahlen
  mit 3-1/2 Vol. scharfem Flusssand und ungefhr 1,5 Vol. Wasser schnell
  gemischt und eingestampft wird. Die Maurer benutzen jedoch nicht die
  erstere Vorschrift, weil das trockene Gemisch sich besser mit Wasser
  mischt und zher und langsamer im Erhrten ist. Der Mrtel erhrtet in
  wenigen Stunden hinlnglich, um, wenn auch die schwersten Mauern auf
  einer Grundlage von Concrete aufgefhrt werden sollen, sogleich damit
  beginnen zu knnen. Auf 1,3-2 Meter dicken Schichten von Concrete sind
  auf sumpfigem Grunde die Fundamente grosser Bauwerke in London nach dem
  Vorgange von =Smirke= gebaut worden, welcher auf die Anwendung des
  ungelschten Kalkes zur Darstellung des Concretes geleitet wurde.

[Sidenote: Erhrten des hydraulischen Mrtels.]

  Das =Festwerden und Erhrten des hydraulischen Mrtels= ist oft zum
  Gegenstande ausfhrlicher Untersuchungen gemacht worden. Beim
  Festwerden lassen sich, und das ist fr die Praxis von Wichtigkeit,
  zwei verschiedene Vorgnge unterscheiden: zunchst das blosse
  =Erstarren=, wobei die angemachte Masse aufhrt, flssig zu sein, aber
  noch sehr leicht vom Nagel geritzt wird; dann, was viel lnger dauert,
  das =Hartwerden= selbst, d. h. die durch andauernde Vermittelung des
  Wassers vor sich gehende Versteinerung.

  Der beim Erhrten des hydraulischen Mrtels stattfindende chemische
  Vorgang ist von =v. Fuchs=, =v. Pettenkofer=, =Winkler=, =Feichtinger=,
  =Heldt=, =Lieven=, =Schulatschenko=, =Ad. Remel=, =Heeren=, =W.
  Michalis=, =v. Schoenaich-Carolath= u. A. studirt worden. Nach einigen
  Forschern theilt man die hydraulischen Mrtel nach den chemischen
  Vorgngen beim Erhrten unter Wasser und den verschiedenen
  Verbindungen, die in den noch nicht erhrteten Mrteln enthalten sind,
  in zwei Klassen.

  Die _erste Klasse_, die man als =Roman-Cmente= bezeichnet, umfasst die
  Gemenge von Aetzkalk mit den Zuschlgen (den eigentlichen Cmenten):
  Puzzuolane, Trass, Santorin, Ziegelmehl und solche hydraulische Mrtel,
  welche man durch Brennen von hydraulischem Kalk und Mergel erhlt. Alle
  diese Cmente erhalten in frischem Zustande Aetzkalk. Die _zweite
  Klasse_ bilden die =Portland-Cmente=, welche in frischem Zustande
  keinen Aetzkalk enthalten. Die Erklrung des chemischen Vorganges beim
  Erhrten eines =Roman-Cmentes= rhrt von =v. Fuchs= her, welcher
  zuerst nachgewiesen hat, dass es die Verbindung von Kalk mit
  Kieselsure ist, welcher ein hydraulischer Mrtel seine
  charakteristischen Eigenschaften verdankt. Er hat nachgewiesen, dass
  aus allen hydraulischen Mrteln durch Suren Kieselerde im
  gallertartigen Zustande ausgeschieden wird. Dasselbe findet bei den
  chemischen Verbindungen von Kieselsure und Kalk statt. Silicate,
  welche fr sich nicht mit Salzsure Kieselgallerte abscheiden, erlangen
  diese Eigenschaft, wenn sie lngere Zeit der Einwirkung von Kalk unter
  Wasser ausgesetzt sind: Die Alkalien sind auf die Bildung und das
  Erhrten des hydraulischen Mrtels von gnstigem Einfluss. In ersterer
  Beziehung wirken sie ntzlich, indem sie die Kieselerde des Quarzes und
  die durch Suren nicht zersetzbaren Silicate besonders leicht
  aufschliessen und in den gallertartigen Zustand berfhren. In Bezug
  auf das Erhrten wirken sie indirect, indem sie die Kieselerde
  aufgeschlossen enthalten und nach und nach ihren Platz dem Kalk
  berlassen. Wasserglaslsung giebt schon in der Klte ihre Kieselsure
  an Kalk ab, unter Freiwerden von Alkali. Die Alkalien werden brigens
  durch das Wasser ausgewaschen. =Kuhlmann=, der sich mit dem
  hydraulischen Kalke und der Fabrikation knstlicher Steine
  beschftigte, giebt an, dass man fetten Kalk in hydraulischen durch
  inniges Mischen desselben mit 10-12 Proc. kieselsaurem Alkali oder
  durch Behandeln mit einer Wasserglaslsung berfhren knne. Fasst man
  die Resultate aller Versuche, die sich auf die Erhrtung des
  Roman-Cmentes beziehen, zusammen, so erklrt sich das Erhrten
  wesentlich durch die Bildung einer Verbindung eines sauren Silicates
  oder aufgeschlossener Kieselerde mit dem vorhandenen gebrannten Kalk,
  zu wasserhaltigem basischem Calciumsilicate, in welchem die
  Kieselerde, wie es scheint, zum Theil durch Thonerde und Eisenoxyd
  ersetzt sein kann. Die Erhrtung ist keineswegs eine Folge der
  Hydratation eines beim Brennen des hydraulischen Kalkes erzeugten
  Silicates, denn sonst mssten entwsserte Zeolithe unter Wasser
  gleichfalls erhrten, was mit der Erfahrung nicht bereinstimmt. Neben
  dem Hydrosilicate bildet sich stets eine grssere oder kleinere Menge
  von Calciumcarbonat, deren Bildung jedoch unwesentlich fr das Erhrten
  des hydraulischen Mrtels zu sein scheint.

  Der Vorgang beim Erhrten des =Portland-Cmentes= ist von =Winkler= und
  von =Feichtinger=, jedoch nicht im gleichen Sinne, zu erklren versucht
  worden. Nach ersterem besteht der chemische Vorgang, welcher unter
  Mitwirkung des Wassers das Erhrten bewirkt, in dem Zerfallen eines
  Silicates von genau bestimmter Zusammensetzung, in freien Kalk und
  solche Verbindungen zwischen Kieselerde und Calcium, und Thonerde und
  Calcium, welche auf nassem Wege zwischen genannten Krpern hergestellt
  werden knnen. Der ausgeschiedene Kalk verbindet sich an der Luft mit
  der Kohlensure zu Calciumcarbonat. Ein erhrtetes Portland-Cment
  enthlt demnach dieselben Verbindungen wie ein erhrtetes Roman-Cment;
  diese Verbindungen bilden sich aber unter Einwirkung des Wassers auf
  entgegengesetzte Art. Ihre Unlslichkeit in Wasser und ihr inniges
  Aufeinanderlagern whrend des allmligen Entstehens bewirkt, dass das
  ursprngliche Pulver nach und nach in eine cohrente Masse bergeht.
  Aus den Versuchen =Winkler='s scheint zu folgen, dass die Kieselsure
  in den Portland-Cmenten durch Thonerde und Eisenoxyd vertreten werden
  kann. Die Thonerde vermindert hierbei den Grad des Erhrtens nicht,
  macht aber das Cment minder geeignet, den Einwirkungen der Kohlensure
  zu widerstehen. Whrend des Erhrtens des Portland-Cmentes durch die
  Einwirkung des Wassers wird fortdauernd Kalk ausgeschieden, bis als
  Endresultat der Einwirkung von Wasser auf Portland-Cment die
  Verbindungen Ca_{2}Si_{3}O_{9} und CaAl_{2}O_{4} entstehen. Letztere
  Verbindung wird durch Kohlensure zerlegt, sie muss aber so lange im
  erhrteten Portland-Cment als bestehend angenommen werden, als noch
  Kalkhydrat in demselben enthalten ist. =G. Feichtinger= ist, was die
  Theorie der Erhrtung des Portland-Cmentes betrifft, anderer Ansicht
  als =Winkler=. Seine Versuche bestimmen ihn zu der Meinung, dass in
  allen hydraulischen Mrteln die Erhrtung auf einer chemischen
  Vereinigung zwischen Calcium und Kieselerde und zwischen Calcium und
  erhaltenen Silicaten beruhe. In allen hydraulischen Kalken ist freier
  Kalk enthalten. Dafr spricht folgender Versuch. Wenn man
  Portland-Cment mit einer hchst concentrirten Lsung von kohlensaurem
  Ammon zu einem Brei anrhrt und lngere Zeit unter fterem Umrhren
  stehen lsst, so tritt keine Erhrtung ein, und es wird ein grosser
  Theil des Kalkes in Calciumcarbonat umgewandelt. Wscht man dann das
  berschssige kohlensaure Ammon weg, trocknet das so behandelte
  Portland-Cment und macht es dann mit reinem Wasser zu Mrtel an, so
  erhrtet es nicht; setzt man ihm aber etwas Calciumhydroxyd hinzu, so
  erhrtet es wie frischer Mrtel. Dasselbe Resultat erhlt man, wenn man
  Portland-Cment statt mit kohlensaurem Ammon mit Kohlensuregas in
  Berhrung bringt. Hierzu wurde Portland-Cment mit viel Wasser
  angerhrt, in ein hohes Cylindergefss gebracht, und dann unter
  hufigem Umrhren der Masse 1-2 Stunden lang ein Strom Kohlensuregas
  eingeleitet; dadurch wurde ein grosser Theil des Calciums in
  Calciumcarbonat umgewandelt (die Menge des Calciumcarbonates betrug
  dabei oft bis 27 Proc.). So behandeltes Portland-Cment, getrocknet und
  mit Wasser zu Mrtel angemacht, erhrtete niemals; sobald man aber
  Calciumhydroxyd hinzusetzte, erhrtete es ebenso wie frischer Mrtel.
  Wre also die Ansicht von =Winkler= richtig, so drfte bei so
  behandelten Portland-Cmenten nach Zusatz von Calciumhydroxyd keine
  Erhrtung mehr eintreten. So aber zeigen diese Versuche, dass in den
  Portland-Cmenten auch Silicate oder freie Kieselerde enthalten sind;
  dass ferner in den Portland-Cmenten auch freier Kalk vorhanden ist und
  sein muss, und dass die Erhrtung der Portland-Cmente auf demselben
  chemischen Processe beruht, wie die der anderen von =Winkler= als
  Roman-Cmente bezeichneten. Die Portland-Cmente sind nicht bis zu
  Verglasung, d. h. bis zur vollstndigen Verbindung aller Alkali- und
  Erdmetalle, also auch des Calciums mit Kieselerde, gebrannt. Ein so
  weit erhitztes Portland-Cment wre ein ganz unbrauchbares Material.
  Die Portland-Cmente sind nur bis zur Sinterung des in ihnen
  enthaltenen Thones gebrannt.


                      Der Gyps und das Gypsbrennen.

[Sidenote: Vorkommen.]

Der =Gyps= ist wasserhaltiges Calciumsulfat und besteht nach der Formel
CaSO_{4} + 2H_{2}O in 100 Theilen aus:

                                    Kalk           32,56
                 Schwefel   18,60 } Schwefelsure  46,51
                 Sauerstoff 27,91 }
                                    Wasser         20,93
                                                  ------
                                                  100,00

Er gehrt zu den verbreitetsten Mineralkrpern und bildet theils fr
sich, theils mit dem =Anhydrit= (Karstenit, CaSO_{4}) Lager und Stcke,
zuweilen sogar ganze Gebirgsstockmassen. Die Gypslager und Stcke gehren
vorzglich den Fltzformationen und gewissen tertiren Gebilden an.

  Man unterscheidet folgende Arten des Gypses: 1) =Gypsspath=
  (bltteriger Gyps, Frauenglas, Fraueneis, Marieneis, Selenit), worunter
  sowohl der zu Krystallen ausgebildete, als auch der bltterige
  krystallinische Gyps verstanden ist. 2) =Fasergyps= (Federweiss),
  faserig krystallinischer Gyps. Seideglnzend. 3) =Schaumgyps=
  (Gypsblte), schuppig krystallinischer Gyps. 4) =Krniger Gyps= von
  grob- oder feinkrnig krystallinischer Textur, dessen reinste
  Varietten den Namen =Alabaster= fhren. 5) =Dichter Gyps= (Gypsstein),
  dichte, durchscheinende Massen von splittrigem Bruch. 6) =Erdiger Gyps=
  (Gypserde, Gypsgut, Mehlgyps).

[Sidenote: Eigenschaften des Gypses.]

Der =Gyps= lst sich in 445 Th. Wasser von 14 C. und 420 Th. von 20,5
C. auf; die Lslichkeit des Gypses wird durch Gegenwart von Salmiak
vermehrt. Von Wichtigkeit ist sein Verhalten in der Wrme. Die von
=Graham= herrhrende Angabe, dass Gyps im luftleeren Raume ber
Schwefelsure bis auf 100 erhitzt, die Hlfte seines Wassers verliere
und dadurch in die Verbindung CaSO_{4} + H_{2}O (mit 12,8 Proc. Wasser)
bergehe, die mit Wasser nicht erhrtet, ist nach =Zeidler= irrig. Bei
90 schon entweichen bei lngere Zeit fortgesetztem Erhitzen ber 15
Proc. Wasser und bei hherer Temperatur entweicht auch der Rest des
Wassers, das brigens nach den grndlichen Untersuchungen von =Zeidler=
(1866) erst bei einer Steigerung der Temperatur bis auf 170 fortgeht. An
der Luft erhitzt ist das Verhalten des Gypses ein anderes; er beginnt
dabei erst etwas ber 100 Wasser zu verlieren, welches noch unter 132
vollstndig entweicht. Der seines Wassers zum grssten Theil beraubte
Gyps heisst =gebrannter Gyps= oder =Sparkalk=; er hat die Eigenschaft,
die beiden Molekle Wasser, die er durch das Brennen verlor, wieder
aufzunehmen und dabei zu erstarren[101]. Auf dieser Eigenschaft beruht
die Anwendung des Gypses zum Giessen und zu Mrtel. Der ber 204
gebrannte Gyps ist =todtgebrannt=, d. h. er hat die Fhigkeit verloren,
in gepulvertem Zustand mit Wasser zusammengerhrt einen erhrtenden Brei
zu bilden. Dieses Verhalten mag wol darin seinen Grund haben, dass durch
das zu starke Erhitzen die Atome des Gypses sich anders lagerten und
dadurch der Gyps in Anhydrit bergeht, welchem ebenfalls die Eigenschaft
fehlt, mit Wasser zu erhrten.

  [101] Nach =Zeidler= ist der gebrannte Gyps der Gewerbe, wie er zu
        Stucco und Gypsgssen dient, nicht sowol =wasserfreier= Gyps, als
        vielmehr Gyps mit 1/4 (= 5,27 Proc.) seines natrlichen
        Wassergehaltes.

  Das eine Molekl Wasser des Gypses ist salinisches Wasser und lsst
  sich demnach durch Salze vertreten; darin liegt der Grund, warum auch
  das Pulver des ungebrannten Gypses erhrtet, wenn man es, statt mit
  Wasser, mit der wsserigen Lsung von Kaliumsulfat, Kaliumcarbonat u.
  s. w. mengt. Die Erhrtung erfolgt schneller als mit gebranntem Gyps
  und reinem Wasser; bei Anwendung von Kaliumbitartrat findet das Stocken
  sofort statt. Die erhrtete Masse gleicht, was Hrte und Aussehen
  betrifft, dem auf gewhnliche Weise erhrteten Gyps. Bei Anwendung von
  Kaliumsulfat bildet sich ein Doppelsalz von der Formel (K_{2}SO_{4} +
  CaSO_{4} + H_{2}O), whrend die Gypsgsse mit Kaliumbitartrat nichts
  sind als Gemenge von Weinstein- und Gypskrystallen (=Schott d. .=).
  Kaliumchlorat und Kaliumnitrat, so wie die Natriumsalze bewirken die
  Erhrtung des Gypspulvers nicht. Wird auf solche Weise erhrteter Gyps
  wieder gepulvert und von Neuem mit einer Auflsung von Kaliumsulfat
  oder Kaliumcarbonat versetzt, so erhrtet er nochmals. Man wird diese
  Eigenschaft wahrscheinlich in solchen Fllen benutzen knnen, wo man
  genthigt ist, einen nicht mehr gut erhrtenden alten oder auch zu
  wenig gebrannten Gyps zu verwenden, indem man ihn statt mit Wasser, mit
  einer Lsung von Kaliumcarbonat anrhrt.

[Sidenote: Brennen des Gypses.]

Das =Brennen des Gypses= bezweckt eine vollstndige Entwsserung
desselben durch Erhitzen. Alle in neuerer Zeit vorgeschlagenen
Verbesserungen im Gypsbrennen grnden sich auf die Beobachtung, dass die
relative Hrte des gebrannten und gegossenen Gypses in geradem
Verhltniss zu der Hrte des Gypses vor dem Brennen stehe. Die dichten
Gypssteine geben demnach wieder harten und dichten Gyps, whrend die
weichen und leichten Steine auch nur weichen Gyps liefern.

  Bei in grsserm Maassstabe angestellten Versuchen ber das Brennen des
  Gypses kam =Payen= zu folgenden Resultaten: a) die niedrigste
  Temperatur, bei welcher der Gyps noch mit Vortheil gebrannt werden
  kann, jedoch weit langsamer, ist 80 C.; b) eine Temperatur von
  110-120 gengt, um ihm alles Wasser zu entziehen und ihn im
  technischen Sinne vollkommen zu brennen; c) um das Brennen
  gleichfrmiger als alle Theilchen der Substanz zu machen, ist es
  zweckmssig, den Gyps als Pulver oder in kleinen Stckchen anzuwenden.
  In allen Fllen beabsichtigt man, ein ganz gleichartiges Produkt zu
  erzielen und nicht ein Gemenge von schlecht gebranntem mit gar- oder
  mit todtgebranntem Gypse. Es ist demnach die Frage, ob es zweckmssiger
  sei, den Gyps zerkleinert zu brennen oder in ganzen Stcken, in welchem
  letzteren Falle grssere Mengen von Brennmaterial erforderlich sind.
  Zur vlligen Verflchtigung des Krystallwassers gengt allerdings eine
  Temperatur von 110-120, es gehrt aber auch noch ein pulverfrmiger
  Zustand des Gypses und ein Ausbreiten desselben in Lagen von 6-8
  Centim. Hhe dazu; ausserdem muss die Oberflche des zu brennenden
  Gypses durch Umrhren und Wenden fters erneuert werden. Man hat
  deshalb sehr zweckmssig die Wrme der Gewlbe der Flammen- und
  Verkohlungsfen zum Gypsbrennen benutzt, deren strahlende Wrme sich
  ohne neuen Brennmaterialverbrauch auf 120 erhalten lsst. Will man nur
  kleine Quantitten Gyps brennen, so bringt man den fein gemahlenen Gyps
  in einem eisernen Kessel ber ein schwaches Kohlenfeuer und rhrt so
  lange, bis die wallende Bewegung der Oberflche aufgehrt hat und eine
  ber den Gyps gehaltene Glasplatte nicht mehr mit Wasserdmpfen
  beschlgt.

[Sidenote: Brennfen.]

Im Grossen brennt man den Gyps in =Gypsbrennfen=, wobei im Allgemeinen
zu bemerken ist, dass man nicht wie beim Brennen des Kalkes die zu
brennenden Gypssteine mit Brennmaterial durchschichten kann, weil sonst
der Gyps oberflchlich zu Schwefelcalcium (CaSO_{4} + 4C = CaS + 4CO)
reducirt werden wrde.

[Illustration: Fig. 183.]

[Illustration: Fig. 184.]

  Eine sehr einfache, aber sehr gebruchliche Construction eines
  Gypsofens zeigt Fig. 183; er besteht aus vier starken Mauern _A_, die
  oben mit einem flachen Gewlbe berspannt sind, welches einige
  Abzugskanle _a a_ enthlt. In zwei einander gegenberstehenden Mauern
  befinden sich die zum Feuern dienenden Schrlcher. In dem Ofenraum
  baut man nun die grssern Gypssteine zu kleinen Gewlben oder
  Feuergassen auf, schttet darauf den brigen Gyps und unterhlt in den
  Schrlchern ein schwaches Feuer mit Reissig. _b_ ist eine Oeffnung zum
  Beschicken und Entleeren des Ofens, die whrend des Brennens
  verschlossen wird. Zweckmssig ist der Gypsbrennofen von =Scanegatty=
  (Fig. 184). Der innere Raum ist in der Hhe von 1 Fuss ber dem Boden
  durch des Gewlbe _P_, _P_ in zwei ungleiche Hlften getheilt. In die
  obere Abtheilung wird der zu brennende Gyps sowol durch die Thre _G_,
  als auch durch die Mundffnung _H_ eingesetzt; sie ist mit einer Anzahl
  von Zgen versehen. Die untere Abtheilung, der Feuerraum, steht mit der
  vor dem Ofen gelegenen Feuerung _E_ in Verbindung. Der Zug _C_ endigt
  in den Aschenfall unter dem Rost _A_, auf dem ein Steinkohlenfeuer sich
  befindet. Die Flamme tritt bei _X_ unter das durchbrochene Gewlbe _P_
  und entweicht durch die Oeffnungen _c_, _c_, _c_ in den Gypsbrennofen.
  Die sich entwickelnden Wasserdmpfe entweichen durch im obern Theile
  des Gewlbes befindliche Oeffnungen. Ein solcher Ofen fasst gegen 54
  Kubikmeter Gyps. Da bei diesem Ofen das Brennen des Gypses nicht sowol
  durch die Flamme, als vielmehr durch die heisse Feuerluft geschieht, so
  lsst sich eine Ueberhitzung leichter vermeiden.

[Illustration: Fig. 185.]

[Illustration: Fig. 186.]

  Der in neuerer Zeit aufgekommene Gypsbrennofen von =Dumesnil= (Fig. 185
  im Horizontaldurchschnitt ber der Sohle des Brennraumes, und Fig. 186
  im Verticaldurchschnitt dargestellt) ist hnlich dem Ofen von
  =Scanegatty= construirt, zeigt aber von diesem wesentliche
  Verschiedenheiten. Er besteht aus dem untern Theile, welcher die
  Feuerung enthlt und dem darber befindlichen Brennraume. Ersterer
  reicht unter den Fussboden hinab und besteht aus dem Aschenfalle _A_
  mit seiner Thre _B_, dem Roste _C_ und dem Feuerraume _D_, zu welchem
  letzteren ein Kanal _H_ fhrt. Oben ist der Feuerraum durch ein Gewlbe
  geschlossen. Seitlich unterhalb des Gewlbes gehen von dem Feuerraume
  12 Kanle _E_ aus, welche nach oben gebogen sind und die Feuerluft in
  den Brennraum fhren. _J_ ist eine Vertiefung, in welche der Heizer auf
  der Treppe _g h_ hinabsteigt, wenn er zum Aschenfall gelangen will. Der
  Brennraum hat das Mauerwerk _J_ aus feuerfesten Steinen zur Basis.
  Seine innen cylindrische, aussen schwach konische Seitenwand _K_ ist
  aus zwei Lagen Steinen gebildet und usserlich mit Gyps bekleidet. Oben
  ist er durch die gewlbte Decke _L_ begrenzt, welche in ihrer Mitte die
  eisenblechene Esse _P P_ trgt. Diese Esse ist mit einer Klappe _Q_
  versehen, welche durch eine Kette _U U_ regulirt werden kann. Ausserdem
  sind noch, symmetrisch um diese vertheilt, vier kleine Zugrhren _O_
  angebracht, die man durch aufgelegte Deckel schliessen kann. Diese
  Rhren dienen dazu, die Hitze in den verschiedenen Theilen des Ofens
  gleichmssig zu machen. In der Wand des Brennraumes sind, einander
  gegenberstehend, zwei Oeffnungen angebracht, eine _M_ in der
  Seitenwand, welche zum Einbringen der unteren Gypslagen in den
  Brennraum, sowie beim Entleeren des Ofens, benutzt wird, und eine _N_,
  welche dazu dient, die oberen Gypslagen in den Brennraum zu bringen.
  _M_ kann durch eine ausserhalb mit einer Ziegelbedeckung versehene
  gusseiserne Platte, _N_ durch eine Thre von starkem Eisenblech
  verschlossen werden. Als sehr wichtiger Theil, um ringsum im Brennraume
  ein gleichmssiges Brennen des Gypses zu erzielen, ist auf der Sohle
  des Brennraumes ber den Mndungen der Kanle _E_ eine cylindrische, im
  Innern 1 Meter weite Haube von gebrannter Thonmasse angebracht, welche
  nach oben durch die Kappe _G_ geschlossen und seitwrts mit 12
  Oeffnungen _F_ von 0,7 Meter Hhe versehen ist, durch welche die
  Feuerluft hindurchstrmt, um sich zwischen der Gypsmasse zu vertheilen.
  Um die gleichmssige Vertheilung der Wrme in dem Brennraume zu
  bewirken, muss der zu brennende Gyps in demselben in geeigneter Art
  angeordnet werden. Man stellt die Stcke in von der Haube nach der Wand
  des Brennraumes gehenden Reihen so auf, dass sie auf der schmalen Seite
  stehen und zwischen ihnen angemessene Zwischenrume bleiben. Vor den
  Oeffnungen _F_ lsst man breitere Zwischenrume frei. Die zweite Lage
  macht man aus quer ber den Reihen der ersten Lage ebenfalls auf die
  schmale Seite gelegten Gypsstcken. Ueber der zweiten Lage macht man
  eine dritte hnlich der ersten, nur dass man vermeidet, die hohlen
  Rume derselben vertical ber denen der ersten Lage anzubringen. In
  dieser Weise wird mit dem Beschicken des Ofens fortgefahren. Dann wird
  der bei der Thre _M_ noch freigelassene Raum ebenfalls vollgesetzt und
  diese Thre geschlossen. Die weitere Fllung erfolgt durch die Oeffnung
  _N_, indem man die Gypsstcke auch ferner angemessen aufeinander
  schichtet und nach oben hin immer kleinere Stcke nimmt. Ist die
  Beschickung beendet, so setzt man das Feuer in Gang. Whrend der vier
  ersten Stunden unterhlt man das Feuer gelinde; whrend der acht
  folgenden Stunden verstrkt man das Feuer. Nach Verlauf von 12 Stunden
  hrt man mit dem Feuern auf; man schliesst dann alle Oeffnungen und
  breitet zugleich oben auf dem Gypse im Brennraume 5 bis 6 Kubikmeter
  grobes Gypspulver aus. Dadurch wird der Zug im Ofen sehr verlangsamt
  und durch die vorhandene Hitze zugleich dieser pulverfrmige Gyps
  gebrannt. Nachdem der Ofen 12 Stunden lang zur Abkhlung gestanden hat,
  beginnt man, den gebrannten Gyps herauszuziehen.

[Sidenote: Mahlen des Gypses.]

Sofort nach dem Brennen wird der Gyps gepulvert, wenn er nicht schon im
zerkleinerten Zustande dem Brennen unterworfen wurde. Das Pulvern macht
keine Schwierigkeit, da er so weich und mrbe ist, dass er sich fast
zwischen den Fingern zerdrcken lsst. Im Kleinen geschieht es mittelst
Zerschlagen mit hlzernen Schlgeln und darauf folgendem Sieben, im
Grossen entweder in einer Stampfmhle oder in einer Walzmhle, oder
endlich in einer gewhnlichen Mahlmhle mit horizontalen Steinen, welche
ebenso wie eine Mehlmhle beschaffen ist, jedoch keine Beutelvorrichtung
hat; der gemahlene Gyps luft unmittelbar aus dem Boden der die
Mhlsteine umgebenden Zarge in untergestellte Fsser. Nach dem Mahlen
oder Sieben schlgt man den Gyps in trockne Fsser und bewahrt ihn, vor
Feuchtigkeit geschtzt, auf.

[Sidenote: Anwendung des Gypses.]

Der Gyps wird auf mannichfaltige Weise benutzt. Der ungebrannte Gyps
findet zuweilen in Stcken als =Baustein= Anwendung, da indessen der Gyps
in Wasser nur =schwer= lslich, aber nicht =un=lslich ist, so lst sich
mit der Zeit der Gyps durch Regen und berhaupt durch Feuchtigkeit auf.
Deshalb ist diese Anwendung mit Recht von den Behrden untersagt. Der
dichte und feste feinkrnige Gyps, besonders der weisse, wird zu
Bildhauerarbeiten, zu gedrehten und geschliffenen Gegenstnden und zu
architektonischen Verzierungen verwendet. Aus dem Alabaster von Volterra
verfertigt man zu Florenz Vasen von grosser Schnheit. Dasselbe Material
dient zur Fabrikation der rmischen Perlen. Auch die faserige Variett
des Gypses wird zu Damenhals- und Armschmuck verarbeitet, indem man durch
convexes Schleifen sein Schillern zu verstrken sucht. Hier und da
gebraucht man den Fasergyps zum Streusande, den spthigen als Polirmittel
und zum Putzen von silbernen Gegenstnden. Auch wird das feine Gypspulver
zur Grundmasse der Pastellfarben und als Zusatz zu gewissen
Porcellanmassen verwendet. Ungebrannter Gyps findet ferner Anwendung zur
Umwandlung des kohlensauren Ammoniaks in schwefelsaures. Der Gyps enthlt
46,5 Proc. Schwefelsure und 18,6 Proc. Schwefel; beide Krper hat man
aus dem Gyps zu isoliren versucht (vergl. Seite 213 und 230). Eine sehr
ausgedehnte und wichtige Anwendung findet sowol der rohe, als auch der
gebrannte Gyps in der Landwirthschaft als Dngemittel, vorzglich zum
Bestreuen der Wiesen, des Klees und anderer Futterkruter und der
Hlsenfrchte.

  Man nahm frher an, dass die gnstige Einwirkung des Gypses auf die
  Vegetation darauf beruhe, dass der Gyps Ammoniak absorbirt, welches
  ausserdem auf einem nicht gegypsten Boden wieder verdunstet sein wrde.
  Das bei der Fulniss sich entwickelnde, sowie das in der Atmosphre
  enthaltene kohlensaure Ammon werde fixirt; es zerlege sich mit dem
  Gypse in der Weise, dass Ammonsulfat und Calciumbicarbonat entsteht.
  Diese Erklrung der Wirksamkeit der Gypsdngung ist ungengend.
  Untersuchungen von =W. Mayer= haben gezeigt, dass der Ackerboden durch
  seinen Thon, sein Eisenoxyd u. s. w. das Ammoniak weit besser und in
  grsserer Menge fixirt als der Gyps. Bei der Gypsdngung hlt man eine
  Dosis von 5 Ctr. auf den englischen Acker fr gengend; angenommen,
  aller Gyps gelange zur Realisation und diene zur Fixirung von
  kohlensaurem Ammon, so knnte er doch nicht mehr davon binden als
  2-7/10 Ctr. =Mayer='s Versuche zeigen dagegen, dass auf einen engl.
  Acker

            eine Sorte Havannaerde                   227 Ctr.
            Kalkboden von Schleissheim bei Mnchen   158  "

  Ammoniak fixirt enthlt. Wie aus =v. Liebig='s neueren Versuchen (1863)
  folgt, begnstigt der Gyps dadurch die Vegetation, dass er an die
  Ackererde einen Theil seines Kalkes abgiebt und dafr Magnesia und Kali
  eintauscht; diese Stoffe werden durch Gyps im Boden verbreitbar
  gemacht. Man hat sich ferner zu erinnern, dass Gypspulver, auch von
  ungebranntem Gypse, mit Lsungen gewisser Kaliumsalze zusammengebracht,
  zu einer Masse erstarrt, in welcher das Kalium (nach =Schott= als
  Doppelsalz) in schwer lslicher Form enthalten ist, und man wird diese
  Eigenschaft des Gypses bei der Aufstellung einer Theorie der
  Gypsdngung nicht hoch genug anschlagen knnen.

[Sidenote: Gypsabgsse.]

Die Anwendung des Gypses zum =Giessen= und zu =Abdrcken= ist eine sehr
beliebte zur Nachahmung und Vervielfltigung von Gegenstnden. Man
bedient sich hierzu eines dnnen Breies aus 1 Th. gebranntem Gypse und
2-1/2 Th. Wasser; obgleich der Gyps durch das Brennen nur gegen 20 Proc.
verliert, so ist er doch noch im Stande, mit 2-1/2 Th. Wasser einen
harten Brei zu geben, weil durch die entstehenden Gypskrystalle (CaSO_{4}
+ 2H_{2}O) das brige Wasser mechanisch eingeschlossen wird. Das Erhrten
des Gypses erfolgt bei gut gebranntem Gypse in 1-2 Minuten und unter
geringer Erwrmung. Die Herstellung von =Gypsabgssen= ist nach der
Gestalt der Gegenstnde mehr oder weniger schwierig. Die angewendeten
Formen sind hufig selbst aus Gyps angefertigt und werden, um das
Adhriren des eingegossenen Gypses zu verhindern, mit Oel getrnkt. Um
die Unbequemlichkeit harter Formen zu umgehen, bedient man sich auch
elastischer Leimformen. Oft auch benutzt man Formen von Gyps als Modell
zum Giessen von Zink und Bronze oder zur Vervielfltigung
galvanoplastischer Gegenstnde, zu Modellen in der Porcellan- und
Fayencefabrikation u. s. w. Der gegossene Gyps wird auch unter anderm
gebraucht, um die Bden von Oelfssern zu bekleiden.

  Um das Erhrten des Gypsbreies zu verzgern, giebt man ihm einen Zusatz
  von Leim, welcher ausserdem dem Gyps grssere Hrte, einen gewissen
  Grad von Durchscheinenheit und ein marmorhnliches Ansehen ertheilt.
  Den so gemischten Gyps wendet man hauptschlich zu architektonischen
  Verzierungen, die unter dem Namen =Stucco= (=Stuck=, =Gypsmarmor=)
  bekannt sind, an. Zu diesem Zwecke wird der Gyps mit Leimwasser,
  welchem man etwas Zinkvitriollsung zugesetzt hat, angerhrt und auf
  das Mauerwerk aufgetragen. Nach dem Trocknen wird der Ueberzug mit
  Bimsstein abgeschliffen. Auf die trockne Oberflche trgt man eine neue
  Lage Gyps, die mit strkerem Leimwasser angemacht ist, auf, polirt dann
  die vllig trocken gewordene Oberflche mit Tripel und Leinwandballen
  und trnkt dann dieselbe mit Olivenl. Um gefrbten Gypsmarmor
  darzustellen, rhrt man den Gyps mit Farben, wie mit Colcothar, Russ,
  Indig, Mennige u. s. w., an oder macht aus dem gefrbten Gypse Kuchen,
  welche man bereinander legt und durchschneidet, um gebnderten Gyps zu
  erzeugen. =Kuhlmann= empfiehlt die Anwendung einer Lsung von
  Kaliummanganat, mit welcher man den Gyps anrhrt, um sehr schn
  gefrbte knstliche Steine zu erhalten. Ein Gemisch von feinem Gyps und
  gepulvertem Frauenspath (Gypsspath) mit Leimwasser giebt die in neuerer
  Zeit vielfach zu ornamentalen Zwecken angewendete =Scaliogla= (von
  scaglia, Schuppe, Rinde).

  Der Gyps (namentlich der unter dem Namen =Annalin= durch Fllen einer
  Chlorcalciumlsung mit Schwefelsure knstlich dargestellte) wird auch
  in grosser Menge in der Papierfabrikation als mineralisches
  Lumpensurrogat, als Fllstoff, verwendet.

[Sidenote: Hrten des Gypses.]

Der Gyps lsst sich auf verschiedene Weise =hrten=. Eine der ltesten
Methoden besteht darin, das Pulver von gebranntem Gyps mit Lsungen von
Leim oder arabischem Gummi anzurhren und auch den fertigen gegossenen
und abgetrockneten Gegenstand in derartige Lsungen zu tauchen. Spter
schlug man vor, Gypsgegenstnde in eine Auflsung von 40 Loth =Alaun= in
6 Pfd. Wasser zu tauchen, sie 15-30 Minuten darin zu lassen, dann
herauszunehmen und ber den erkalteten Gegenstand Alaunlsung zu
schtten, so dass er mit einer Krystallschicht berzogen ist, ihn
trocknen zu lassen, mit Sandpapier zu poliren und endlich mit einem
feuchten Tuche die letzte Politur zu geben. Dieses Verfahren wurde spter
dahin vereinfacht, dass man gebrannte Gypsstcke, sowie sie aus dem Ofen
kommen, mit Alaunlsung trnkt oder gepulverten Gyps mit Alaunlsung
anrhrt und dann nach dem Trocknen zum zweiten Male brennt. Der Alaungyps
erstarrt nach dem Mahlen so leicht wie gewhnlicher Gyps. Die Hrte des
Produkts tritt dann erst hervor, wenn man das Pulver anstatt mit Wasser
mit Alaunlsung anmacht. Nach diesem Verfahren hergestellte
Gypsgegenstnde erhalten durch vollstndiges Trocknen die Hrte und das
Durchscheinende des Marmors und Alabasters. Die Hrte wird weder durch
kaltes noch durch siedendes Wasser vermindert. Der mit Hlfe von Alaun
gehrtete Gyps heisst =Marmorcment=. Das =Pariancment= ist durch
=Borax= gehrteter Gyps; zu dem Ende befeuchtet man die gebrannten
Gypsstcke mit einer Lsung von 1 Th. Borax in 9 Th. Wasser durch und
durch, glht sie sechs Stunden lang und mahlt sie hierauf. Noch besser
soll der Erfolg sein, wenn man dieser Lsung 1 Th. Weinstein und die
doppelte Wassermenge zusetzt.

  Das Hrten von Gyps mit =Wasserglaslsung= ist nur schwierig
  auszufhren; Gyps mit Wasserglaslsung zusammengerieben kommt sogleich
  ins Stocken und beim Austrocknen wittert sehr bald Kalium- oder
  Natriumsulfat in grosser Menge aus; nach dem Trocknen ist die Masse
  kaum fester als der gewhnliche Gyps. Aus Gyps gefertigte Gegenstnde
  lassen sich daher nicht mit Wasserglaslsung imprgniren, um sie fester
  zu machen, indem die Flssigkeit wegen des Stockens nicht eindringen
  kann. Bessere Resultate erhlt man mit Anhydrit oder mit dem ihm sich
  gleich verhaltenden starkgebrannten Gyps. =Knauer= und =W. Knop= (1865)
  combiniren Kaliumwasserglas mit Casen-Kali, um Gyps zu hrten. In
  neuerer Zeit ist auch die =Kieselfluorwasserstoffsure= (fr sich oder
  als Kieselfluorkalium) zu gleichem Zwecke vorgeschlagen worden. Das
  Erhrten des Gypses wird (nach =C. Puscher=) verzgert, wenn man dem
  gebrannten Gypspulver 2-4 Proc. Eibischwurzelpulver zufgt und die
  Mischung mit 40 Proc. Wasser zum Teige knetet.

  Von den vorstehenden Methoden unterscheiden sich wesentlich diejenigen,
  die eine Hrtung des Gypses nicht durch Zusatz eines andern Krpers,
  sondern durch eigenthmliche Behandlung des Gypses erstreben. Hierher
  gehrt das Verfahren von =Fissot=, welches sich indessen nur zur
  Umwandlung der Gypsblcke in knstlich gehrtete Steine zu Bauzwecken
  eignet; nach diesem Verfahren giebt man dem rohen Gypsblocke die
  gewnschte Gestalt, bringt ihn in den Brennofen, lsst ihn nach dem
  Brennen erkalten und taucht ihn dann 1/2 Minute lang unter Wasser;
  nachdem er einige Sekunden der Luft ausgesetzt, taucht man ihn 1-2
  Minuten lang in Wasser; an der Luft nimmt er nach dieser Behandlung
  eine grosse Hrte an. Wie es scheint, beruht dieses Verfahren auf einer
  vermehrten Aneinanderkittung der einzelnen Theilchen durch
  Krystallisation. Vllig fertig gemachte und getrocknete Gypsgegenstnde
  nehmen, wenn sie mit Stearinsure oder mit Paraffin (nach
  =Angerstein=), welche beiden Krper vorher zweckmssig in
  Petroleumther gelst werden, getrnkt worden sind, einen gewissen Grad
  von Durchscheinenheit und durch Reibung gute Politur an, sodass sie dem
  mit Wachs getrnkten Meerschaum hneln. Da hierbei vollkommene Reinheit
  der Gypsmasse unerlsslich ist, so ist es, da ohnehin das Verfahren nur
  bei kleinen Gegenstnden Anwendung finden kann, am besten, Gypsspath
  anzuwenden und ihn whrend des Brennens vor jeder Beimengung von
  Unreinigkeit zu verwahren. Um der Masse ein besonders warmes Ansehen zu
  geben, giebt man dem Paraffin oder der Stearinsure durch Zusatz von
  etwas Gummigutt und Drachenblut eine schwach rthlichgelbe Frbung.




                             IV. Abschnitt.

            Die Pflanzenstoffe und ihre technische Anwendung.

                   Die Technologie der Pflanzenfaser.


[Sidenote: Pflanzenfaser.]

Die =Pflanzenfaser= oder die =Cellulose= C_{6}H_{10}O_{5} ist derjenige
Stoff, der das Gewebe der Vegetabilien bildet und in den verschiedensten
Formen in den Pflanzen vorkommt. In grsster Menge findet er sich mit
incrustirender Substanz durchdrungen im Holze und bildet die =Holzfaser=,
in langen Faden oder Bscheln bildet er den =Flachs= (Lein), den =Hanf=,
die =Brennnesselfden= und die =Baumwolle=, welche Substanzen die
technisch so beraus wichtige Gruppe der =Gespinnstfasern= bilden und zur
Fabrikation der Gespinnste und Gewebe, des Papiers und der
Schiessbaumwolle dienen. Mit Schwefelsure behandelt, geht er in Dextrose
(Glycose) ber, worauf die Verwendung der Cellulose zur
Spiritusdarstellung beruht. Dass der reine Pflanzenzellenstoff von
gleicher Zusammensetzung in dem Holze, der Baumwolle, dem Flachse und dem
Papier vorkommt, geht aus folgenden Analysen dieser verschiedenen
Substanzen hervor:

    ======================+=========+============+=========+==========
       Zellenstoff aus:   |  Holz.  | Baumwolle. | Flachs. | Papier.
    ======================+=========+============+=========+==========
                          |         |            |         |
    Kohlenstoff           |  43,87  |   43,30    |  43,63  |  43,87
    Wasserstoff           |   6,23  |    6,40    |   6,21  |   6,12
    Sauerstoff            |  49,90  |   50,30    |  50,16  |  50,01
                          +---------+------------+---------+----------
                          | 100,00  |  100,00    | 100,00  | 100,00
                          |         |            |         |

Diejenigen Pflanzentheile, welche als Gespinnstfaser verarbeitet werden,
stellen Faserbndel dar, die fest, geschmeidig, spaltbar und wo mglich
bleichbar sein mssen. Diesen vier Eigenschaften entsprechen in
hervorragendem Grade zunchst der Flachs, der Hanf und die Baumwolle,
dann, wiewohl in schwcherem Maasse, einige der unten zu erwhnenden
Flachs- und Hanfsurrogate, die erst durch die internationalen
Industrieausstellungen der beiden letzten Decennien in weiteren Kreisen
bekannt geworden sind.


                        [Greek: a]) _Der Flachs._

[Sidenote: Flachs.]

[Sidenote: Rsten desselben.]

Der =Flachs= ist die zum Spinnen vorgerichtete Faser der =Leinpflanze=
(_Linum usitatissimum_), einer Pflanze aus der Familie der Caryophylleen.
Die Ernte des Leins geschieht, indem die Pflanzen aus dem Boden gerauft,
in Bndel gebunden, und zum Trocknen auf das Feld gestellt werden. Nach
dem Trocknen werden die Pflanzen auf der Flachsraufe, einem Kamme mit
eisernen Hakenzhnen (dem Riffelkamm oder Reffkamm), =geriffelt=, d. h.
die Samenkapseln abgerissen, dann aber der Flachs in handdicke Bndel
gebunden und der Rotte bergeben. Die in dem Lein enthaltenen Fasern,
welche den Flachs bilden, liegen unter der Rinde der Pflanze und zwar
durch eine gummiartige Substanz (die nach =J. Kolb= Pektose ist)
zusammengeleimt, welche daraus entfernt werden muss, so dass durch die
nachfolgende mechanische Behandlung die spinnbaren Fasern isolirt werden
knnen, ohne bermssig beschdigt zu werden. Dies geschieht durch das
=Rsten= oder =Rotten=, deren Zweck nach =J. Kolb= das Hervorrufen der
Pektinghrung ist, wodurch das Pektin in Pektinsure bergeht. Behufs des
Rstens bringt man die Flachsstengel in Bche oder in stehendes Wasser,
und hlt sie durch aufgelegte schwere Krper unter der Oberflche des
Wassers, bis eine Art von Fulniss eingetreten ist, welche diejenigen
Stoffe, von welchen die Faser zusammengehalten wird, nicht aber die Faser
selbst zerstrt. Man nennt diese Art der Rste die =Wasserrste=. Nach
einer andern Methode setzt man die geriffelten Stengel, in dnnen Lagen
auf Feldern ausgebreitet, den Einflssen der Atmosphre aus und ersetzt
den fehlenden Regen durch fleissiges Begiessen mit Wasser (=Thaurste=,
Landrotte, Luftrotte). Beide Methoden sind langwierig und ungesund, weil
durch die bei der Fulniss sich entwickelnden Gasarten die Umgegend
vergiftet, durch die Wasserrste ausserdem das Wasser verdorben und zur
Erhaltung des Lebens von Fischen untauglich wird.

[Sidenote: Warmwasserrste.]

[Sidenote: Dampfrste.]

  Nach vielen Versuchen, die schon seit langer Zeit mit verschiedenen
  chemischen Substanzen (Kalilauge, verdnnter Schwefelsure) angestellt
  worden sind, war endlich vor wenigen Jahren das seither unter dem Namen
  =Warmwasserrste= bekannt gewordene Verfahren zuerst von =Schenck= in
  Irland eingefhrt worden. Gegenwrtig hat sich dieses Verfahren auf dem
  Continente eingebrgert. Das Rsten geht nach dieser Methode in grossen
  Bottichen vor sich, in welchen das Wasser mittelst Dampf auf 25-30
  erhitzt wird, nach 60-90 Stunden ist das Rsten beendigt. Die
  Vortheile, welche die Warmwasserrste darbietet, sind: 1) dass die
  Arbeit des Rstens dem Leinbauer gnzlich abgenommen wird und in eigene
  Anstalten bergeht, wodurch ein besseres und gleichmssigeres Produkt
  erzielt wird; 2) dass in Folge eines um etwa 10 Proc. geringeren
  Gewichtsverlustes nach der Rste, verglichen mit dem
  Wasserrstverfahren, der Ertrag ein weit grsserer ist; 3) dass bei dem
  fabrikmssigen Betriebe dieser Rstart die Unkosten verhltnissmssig
  gering sind. In neuerer Zeit hat man auch angefangen, heisse
  Wasserdmpfe zum Rsten des Flachses anzuwenden. Diese Dampfrste, von
  =Watt= und =Buchanan= eingefhrt, soll vor der Warmwasserrste grosse
  Vorzge besitzen.

[Illustration: Fig. 187.]

[Sidenote: Brechen des Flachses.]

  Im gerotteten Zustande besteht der Flachs aus Cellulose und
  Pektinsure. Nach beendigtem Rsten und Drren sucht man die Fasern von
  der Hlse und dem durch das Rsten mrbe gewordenen Kern zu trennen,
  was durch das Brechen, Schwingen und Hecheln geschieht. Durch das
  =Brechen= werden die holzigen Theile zerklopft (gebrochen), das Bast
  widersteht durch seine grssere Zhigkeit und bleibt fast unversehrt.
  Das Werkzeug, dessen man sich zum Brechen bedient, besteht (Fig. 187)
  aus zwei ineinandergreifenden Theilen; der obere _B_ (der Deckel oder
  Schlegel) wird aus zwei Holzschienen gebildet, die an dem einen Ende so
  mit einem Untergestell verbunden sind, dass sie sich wie in einem
  Charniere bewegen lassen. Diese beiden Holzschienen laufen nach unten
  messerschneidenartig zu und vereinigen sich in dem Handgriffe _C_. Das
  Untergestell _A_ ist der ganzen Lnge nach in zwei durchgehende Rinnen
  ausgeschnitten, die so beschaffen sind, dass die Latten des Deckels
  bei der niedergehenden Bewegung sich genau in die Rinnen des unteren
  Theiles (der Lade) hineinlegen. Indem der Arbeiter abwechselnd den
  Deckel aufhebt und schnell wieder niederstsst, bringt er zu gleicher
  Zeit ein Bschel Flachs quer ber die Lade, welches zwischen den Latten
  des Deckels und den Rinnen der Lade zerknickt und zerquetscht wird, da
  es allmlig der Lnge nach fortgezogen wird. Die holzigen Theile, die
  Schebe oder Ahne fallen theils von selbst, theils werden sie nach
  beendigtem Brechen zum grossen Theil durch Ausschtteln entfernt.

  Bei dem Handbrechen ist ein ziemlicher Verlust an Flachs schwer zu
  vermeiden, weshalb gut construirte Flachsbrechmaschinen den Vorzug
  verdienen.

[Illustration: Fig. 188.]

[Illustration: Fig. 189.]

[Illustration: Fig. 190.]

[Illustration: Fig. 191.]

[Illustration: Fig. 192.]

[Sidenote: Botten oder Blaueln.]

[Sidenote: Schwingen des Flachses.]

[Sidenote: Ribben.]

[Sidenote: Hecheln des Flachses.]

  Anstatt des Brechens bedient man sich in Belgien des =Botthammers=,
  womit der Flachs gleichsam gedroschen wird. Der Botthammer (Fig. 188)
  ist ein flacher viereckiger Holzblock, auf der unteren Seite (Fig. 189)
  mit querlaufenden, parallelen Einkerbungen versehen, und an einem
  langen, gekrmmten Stiele befestigt. Der Arbeiter tritt mit der
  Fussspitze auf das eine Ende des Flachses, hlt ihn so fest, und
  schlgt mit dem Botthammer krftig auf die freie Stelle, wendet von
  Zeit zu Zeit um und durchschttelt ihn, bis der Flachs gleichmssig
  gebrochen ist. Der gebrochene oder gebottelte Flachs enthlt immer noch
  fest anhngende, beim Schtteln sich nicht absondernde Schebetheile,
  welche durch das Schwingen entfernt werden. Der hierbei benutzte
  Apparat besteht aus dem =Schwingstock= und aus dem =Schwingmesser=.
  Ersterer (Fig. 190) ist ein auf einem Fussgestell aufrecht befestigtes
  Brett mit einem Einschnitte an der Seite, in welchen man ein Bschel
  Flachs so legt, dass es an der vordern Seite des Brettes herabhngt,
  whrend es hinter demselben festgehalten wird. Das Schwingmesser (Fig.
  191) ist aus hartem, dnnem Holze, an den Kanten zugeschrft und mit
  einem Handgriffe versehen. Der Arbeiter schlgt damit den lngs des
  Brettes herabhngenden Flachs, dann dreht er denselben herum und fhrt
  fort zu schlagen, bis der Flachs vllig von der Schebe befreit ist.
  Anstatt des Schwingens oder auch nach demselben wendet man in einigen
  Flachsgegenden das Ribben an, das in einem krftigen Ausstreichen mit
  dem =Ribbenmesser= (Fig. 192), einer dnnen Klinge _o_ aus Eisenblech,
  welche in einem hlzernen Griff _p_ gefasst ist, besteht. Der sitzende
  Arbeiter fasst ein Bndel Flachs (eine Riste) mit der linken Hand,
  breitet dasselbe auf einem ber die Knie gebreiteten Schurzfell aus und
  fhrt mit der Rechten das Messer. Trotz dem sorgfltigsten Schwingen
  oder Ribben wird der Flachs nicht in den zum Spinnen erforderlichen
  Zustand bergefhrt. Abgesehen von noch vorhandenen Schebeberresten,
  ist der Bast noch nicht vollstndig in seine Fasern zertheilt, sind
  auch noch kurze Fasern mit langen gemengt, liegen endlich auch
  zahlreiche Fasern verwirrt und gekrmmt. Die letzte Arbeit der
  Flachszurichtung, das Hecheln, soll demnach: 1) die Schebeberreste
  vollstndig entfernen; 2) den Bast in die einzelnen, zum grssten Theil
  noch bnderartig zusammenhngenden Flachsfasern spalten; 3) die zu
  kurzen Fasern absondern; 4) die langen Fasern glatt und parallel legen.
  Die =Hechel=, das Werkzeug, dessen man sich zum Hecheln bedient,
  besteht aus feinen, spitzen Stahlzinken, welche auf einem festen
  Holzboden befestigt sind. Man bedarf mehrerer Sorten Hecheln, bei
  welchen die Zinken dichter oder entfernter, feiner oder grber sind.
  Der Arbeiter schlgt den Flachs handvollweise durch die Hecheln und
  zwar zuerst durch die grberen, zuletzt durch die feinsten.

[Sidenote: Gewirre oder Hede.]

  Die von den Zhnen der Hechel zurckgehaltenen krzeren Fasern nennt
  man das =Gewirre= (daraus verdorben die Worte Werrig oder Werg) oder
  die =Hede=, die zur Seilerarbeit oder zu geringerem Gespinnst verwendet
  werden kann. Gewhnlich ist die Zurichtung der Flachsfaser mit der
  Arbeit des Hechelns beendigt, in speciellen Fllen, wo besondere
  Reinheit und Feinheit der Fasern erforderlich ist, vervollstndigt man
  die Wirkung der Hechel durch Klopfen und Brsten und durch Kochen mit
  Seifenlsung.

[Sidenote: Ausbeute an Flachs.]

  Der durchschnittliche Ertrag an geschwungenem Flachs und Leinsamen
  betrgt pro Hektare 492 Kilogr. Flachs und 440 Kilogr. Leinsamen

               100 Kilogr. gersteter und gedrrter Flachs
        wiegen nach dem Brechen                    45-48 Kilogr.
           "    "    "  Schwingen oder Ribben      15-25   "
           "    "    "  Hecheln                       10   "

  Dabei erhlt man 5-10 Kilogr. Schwingwerg und 5-15 Kilogr. Hechelwerg.

[Sidenote: Spinnen des Flachses.]

Das =Spinnen des gehechelten Flachses= bezweckt dessen Umwandlung in
Garn. Das Spinnen kann geschehen auf dem Spinnrade (Handspinnerei), oder
auf Maschinen (Maschinenspinnerei). Die Aufgabe der Spinnerei ist, die
Fasern des gehechelten Flachses so auszuziehen und anzuordnen, dass sie
einen Faden von mglichst gleicher Dicke bilden, und dann diesem Faden
die Drehung zu geben. Das Spinnen auf dem Spinnrade ist allgemein
bekannt. Die Verarbeitung in den mechanischen Spinnereien zerfllt in
folgende Abtheilungen: 1) der gehechelte Flachs wird in ein Band von
ziemlich gerade und parallel liegenden Fasern, die Grundlage des
knftigen Garnfadens verwandelt; 2) dieses Band wird gestreckt; dadurch
wird dasselbe verfeinert und die parallele Lage der Fasern vollkommen
bewirkt; 3) das gestreckte Band wird durch weiteres Strecken und geringes
Drehen in den Vorgespinnstfaden verwandelt; 4) der Vorgespinnstfaden geht
durch fortgesetztes Strecken und verstrktes Drehen in das Feingespinnst,
in das Garn ber. Das Werg wird ebenfalls auf Maschinen zu Gespinnst
verarbeitet; indem dasselbe zuerst hnlich der Baumwolle gekratzt, auf
der Kratzmaschine in Bnder verwandelt und brigens wie der Flachs
behandelt wird. Das Leingarn wird gehaspelt, dann entweder roh, oder
gebleicht zu Geweben verarbeitet. Die durch Drehen (Zwirnen) vereinigten
Fden irgend eines Gespinnstes bilden den =Zwirn=.

[Sidenote: Weben des Leingarnes.]

[Sidenote: Leinene Zeuge.]

Beim =Weben= des Garnes werden Fden parallel neben einander aufgespannt
(die =Kette=) und durch dieselben Fden so rechtwinklig gefhrt (der
=Einschuss=, =Schuss=, =Einschlag=), dass dichte Gewebe entstehen, die
man mit dem Namen =leinene Zeuge= zusammenfasst. Durch die Umkehr des
Einschusses an den beiden Rndern des Gewebes, wobei derselbe die
ussersten Kettenfden umschlingt, entsteht die =Kante= oder
=Sahlleiste=.

[Sidenote: Arten der Leingewebe.]

  Die wichtigsten Leinwandsorten sind ohne Zweifel die =glatten= weissen,
  welche die Namen =Leinwand=, =Leinen= oder =Linnen= fhren. Doch werden
  auch =gekperte= und =gemusterte= sehr hufig angewendet. Zur
  Verfertigung =farbigen= Zeuges muss das dazu bestimmte gefrbte Garn
  schon beim Aufbumen geordnet werden, und beim Weben selbst, welches
  allerdings mhsamer als das der gewhnlichen glatten weissen Zeuge ist,
  muss der Arbeiter ebenso viele Schtzen haben, als beim Einschlage
  Fden von verschiedener Farbe vorhanden sein sollen. Der zu Tafelzeugen
  bestimmte =leinene Damast=, welcher grosse Muster wie Blumen,
  Landschaften, Portrts u. s. w. enthlt, wird ebenso wie der =Drell=
  oder =Zwillich=, auf dem Jacquard-Stuhl gewebt. Der Zwillich ist auf
  =beiden= Seiten rechts, whrend der leinene Damast dies bloss auf
  =einer= Seite ist. Beim Zwillich bildet der Einschlag die Figuren,
  whrend dies beim Damast durch die Kette geschieht. Der =Batist= ist
  eine aus dem feinsten Gespinnst nicht sehr dicht gewebte Leinwand. Der
  Flachs dazu wird mit besonderer Sorgfalt gebaut, damit er eine
  bestimmte Lnge erreiche, und das Weben des Zeuges verrichtete man
  frher in sehr hellen und feuchten Kellern, um das Zerreissen der
  zarten Fden mglichst zu verhten; jetzt ist dies nicht mehr der Fall,
  sondern man wendet zum Beleuchten eine Lsung von Chlorcalcium oder
  eine glycerinhaltige Mischung an. Das =Kammertuch=, welches man oft mit
  Batist verwechselt, ist ebenso fein wie der Batist, aber weniger dicht.
  Aus der Picardie erhalten wir Kammertuch von so grosser Feinheit, dass
  ein Stck von 7 Meter kaum 180-240 Grm. wiegt. =Schleier=, =Klar= oder
  =Schier= unterscheidet sich von dem Batist nur durch grssere
  Lockerheit des Gewebes. Fast ebenso locker ist =Linon=, welches das
  Mittel zwischen Batist und Schleier hlt. Die =leinene Gaze=, ein
  dnnes, florartig gewebtes Zeug, ist dem Linon hnlich. =Creas=, eine
  ursprnglich spanische feine Leinwand, aus vorher schon gebleichtem
  Garn gewebt, nimmt nach dem Mangen und Gltten ein sehr angenehmes,
  seidenartiges Ansehen an. Der =Tll= (den man auch aus Baumwollengarn
  macht) ist ein aus gebleichtem Leingarn durchbrochen gewebtes Zeug,
  welches stark gesteift und unter Anderem zum Durchnhen der Zierrathen
  benutzt wird. Die grbste, meistens hnfene Leinwand ist des
  =Segeltuch=, das =Matrosenlinnen= und die =Pack=- und =Sackleinwand=.
  Das sogenannte =Bleichtuch= ist eine Art grober Leinwand, welche in den
  Wachsbleichen zu der Unterlage des zu bleichenden Wachses gebraucht
  wird.

[Sidenote: Appretur.]

  Die fertigen Zeuge werden gebleicht und dann, um ihnen ein geflliges
  Ansehen zu geben, =appretirt=. Die Appretur zerfllt in das =Strken=,
  =Gltten= und =Pressen=. Durch das Strken wird die Leinwand steif und
  zur Annahme des Glanzes geeignet. Das Gltten und Pressen geschieht
  entweder auf Mangen oder Rollen, oder vermittelst eines aus 3-5 Walzen
  bestehenden Kalanders. -- Von dem Bleichen der leinenen Zeuge wird
  weiter unten die Rede sein.


  [Greek: b]) _Der Hanf und andere weniger wichtige Gespinnstpflanzen._

[Illustration: Fig. 193.]

[Illustration: Fig. 194.]

[Sidenote: Hanf.]

  Der =Hanf= (_Cannabis sativa_) wird hauptschlich wegen des Bastes
  seiner Stengel angebaut. Der daraus gewonnene Faden ist zwar etwas
  grob, hat aber dafr ganz besondere Festigkeit und lsst sich daher
  kaum durch ein anderes Material zu Tauwerk und Segeltuch ersetzen.
  Nicht minder wird aber auch das Hanfgespinnst zu huslichem Gebrauch
  vielfach verwendet. Die Verarbeitung der Hanfstengel stimmt im
  Wesentlichen mit jener des Flachses berein. Der Hanf wird nmlich im
  Wasser gerstet, getrocknet, gebrochen und auf der =Hanfreibe=
  zerquetscht. Die ltere Art derselben (Fig. 193) besteht aus einem
  grossen Steinkegel, der mit Hlfe einer Achse an einer verticalen Welle
  angebracht ist und sich mit dieser in einer Kreisbahn bewegt.
  Vortheilhaft sind die neuen Hanfreiber (Fig. 194), deren Construktion
  aus beistehender Zeichnung erhellt. Der geriebene Hanf heisst Reinhanf,
  der seiner Lnge wegen beim Spinnen Schwierigkeiten darbietet und
  deshalb in 2 bis 3 Theile zerrissen wird, was man =Stossen= nennt.
  Hierauf folgt das Schwingen und Hecheln.

[Sidenote: Andere Gespinnstpflanzen.]

  In neuerer Zeit sind verschiedene, meist auslndische Faserstoffe als
  =Stellvertreter des Flachses und Hanfes= in die europische Industrie
  eingefhrt worden. Die hauptschlichsten derselben sind folgende:

    [Greek: a]) _Stengelfasern_:

  1) =Chinesisches Gras= (Chinagras, Tschuma), die Faser von _Urtica s.
  Boehmeria nivea_ und _heterophylla_, welche in China und Ostindien, in
  Mexico und dem Mississippithale, auf Cuba, in der Wolgaebene Russlands,
  im sdlichen Frankreich und in Algier angebaut werden. Die in China
  gebruchliche Herstellung der Fden ist insofern bemerkenswerth, als
  die Fden nicht gesponnen, sondern durch Aneinanderstckeln einzelner,
  Ende bei Ende gelegter und durch Rollen unter der Hand vereinigter
  Fasern gebildet werden; sie erscheinen daher glatt und nicht gedreht
  und bieten deshalb einen eigenthmlichen Glanz dar. Es dient zur
  Herstellung des schnen Gewebes, das unter dem Namen Grasleinen oder
  _China grass-cloth_ bekannt ist. Das Rohmaterial, von Hause aus
  grnlich oder braun, lsst sich bleichen und nimmt dann alle Farben an.

  2) Die =grosse Nessel=, _Urtica dioca_, liefert einen feinen Bast, aus
  welchem das Nesseltuch hergestellt wird.

  3) =Rameehanf= oder =Rami= von _Urtica s. Boehmeria utilis_, eine
  Nesselart, die auf Borneo, Java, Sumatra und anderen Inseln des
  indischen Archipels, in neuerer Zeit auch in der Union und
  versuchsweise in Deutschland angebaut wird. Er ist 1-2 Meter lang,
  gelblichweiss, von der Feinheit reingeschwungenen groben Flachses, aber
  fast glanzlos und steif.

  4) =Rheahanf= (Kankhura- oder Kalluihanf), _Urtica s. Rhea
  tenacissima_, aus Ostindien. Hat nicht viel Werth als Gespinnstfaser.

  5) =Jutehanf= (_paut-hemp_), von der in Ostindien und China
  einheimischen Gemselinde, _Corchorus capsularis_, _C. textilis_, _C.
  olitorius_, _C. siliquosus_. Das Gespinnstmaterial ist ein brauner,
  grober und langer Faserstoff, der in England zu dickem Garne versponnen
  wird, woraus man Sack- und Packtuch (Gunny) webt. Zu Tauwerk kann die
  Jute den Hanf nicht ersetzen, da sie zu wenig Festigkeit besitzt und im
  Wasser leicht fault.

  6) =Hibiscushanf= (Bombayhanf oder Umbaree), von _Hibiscus cannabinus_,
  deren Bastfasern man von dem Holze durch Rsten und Pochen absondert;
  man verfertigt daraus in England Tauwerk.

  7) =Sunnhanf= (Janapam oder ostindischer Hanf), von _Crotalaria
  juncea_, ist dem gewhnlichen Hanfe sehr hnlich, steht ihm aber an
  Festigkeit und Lnge der Fasern nach.

    [Greek: b]) _Blattfasern_:

  8) =Neuseelndischer Flachs=, _Phormium tenax_, eine in Neuseeland
  einheimische Gespinnstpflanze (Koradi oder Korere), deren Bltter
  zahlreiche gerade Lngenfasern von ziemlicher Feinheit, weisser Farbe
  und Seidenglanze enthalten. Das zubereitete Material ist dem
  gewhnlichen Hanfe hnlich, jedoch hrter, steifer und rauher.

  9) =Alohanf= (Pitta oder Pite) kommt aus Peru, Westindien, Mexico und
  Ostindien und besteht aus den gereinigten Fasern der Bltter mehrerer
  Agavearten, wie _A. americana_, _A. vivipara_, _A. foetida_ etc. Er ist
  gelblichweiss und wird hauptschlich zu Seilerwaaren verarbeitet.

  10) =Manilahanf= (Pinasfaser oder Avaka) kommt von _Musa textilis_, _M.
  troglodytarum_ und _M. paradisiaca_, die in Ostindien und mehreren
  Inseln des indischen Archipels wachsen. Er kommt im Handel vor in
  gelblichweissen oder brunlichgelben Fasern von 1,3-2,2 Meter Lnge,
  die zum Theil in basthnliche Streifen vereinigt sind, durch Hecheln
  aber fein zertheilt dargestellt werden knnen. Die weisse Sorte zeigt
  nach dem Hecheln einen Seidenglanz und wird zu Glockenzgen, Taschen u.
  dergl. verarbeitet, auch zuweilen als Einschuss in Mbeldamaste
  verwendet. Die geringeren oder gefrbten Sorten Manilahanf dienen zu
  Seilerarbeiten.

  11) =Ananashanf= (oder Pinna) kommt aus Westindien, Central- und
  Sdamerika und besteht aus den Bastfasern der gewhnlichen Ananas
  (_Ananassa sativa s. Bromelia ananas_) und anderen Ananasarten. Er
  eignet sich ziemlich gut zu feinen Geweben.

  12) =Pikabahanf= (oder Piassava), aus den Blttern der _Attalea
  funifera_, einer in Brasilien wachsenden Palme, wird zu Seilerwaaren
  verwendet.

    [Greek: g]) _Fasern aus Fruchthllen_:

  13) =Kokosnussfaser= (Coir oder Kair) ist der rothbraune Faserstoff,
  mit welchem die Schale der Kokosnsse (von _Cocos nucifera_) usserlich
  umhllt ist. Sie besitzt grosse Elasticitt und Strke und wird zu
  Seilen, Teppichen, Matten, Flechtwerken u. s. w. verarbeitet.


                      [Greek: g]) _Die Baumwolle._

[Sidenote: Baumwolle.]

Die =Baumwolle= oder =Cotton= ist die Samenwolle der Frchte mehrerer
Staudengewchse aus der Gattung _Gossypium_, welche in allen Lndern des
Grtels zwischen der tropischen Zone und gemssigten, besonders in den
Sdstaaten der nordamerikanischen Union (Alabama, Mississippi, Georgia,
Sd-Carolina, Tennessee, Louisiana, Arkansas, Florida, Texas), Mexico,
Brasilien, Westindien, Ostindien, Algerien, Aegypten, Australien
(Queensland), der Trkei (Macedonien, Thessalien, Candia), Neapel (z. B.
in der Ebene von Salerno), Sicilien, Malta, Spanien (in Andalusien), in
der Krim, in Griechenland etc. angebaut werden. Die Frucht besteht aus
einer drei- bis fnffcherigen Kapsel von der Grsse einer welschen Nuss,
in der sich die erbsengrossen schwarzen Samen von weissem Wollflaum
umgeben befinden. In einer Art von Baumwollenstaude (_Gossypium
religiosum_) ist die Baumwolle gelb gefrbt; sie wird von den Chinesen
zur Fabrikation des Nanking angewendet. Wenn die Kapseln reif sind, so
platzen sie auf und die Wolle tritt heraus; in jeder Zelle liegt ein
Bschel Baumwolle, deren Fasern an den Samen festsitzen. So wie die
Baumwolle nach Europa kommt, hat sie schon an ihren Erzeugungsorten eine
vorlufige Reinigung erlitten, indem sie egrenirt, d. h. von den
Samenkrnern sorgfltig befreit worden ist. Wollte man die Baumwolle mit
den Samen verpacken, so wrde dieselbe schmutzig und lig, und zum
Verspinnen untauglich werden. In den Vereinigten Staaten wendet man zum
Egreniren die =Entkrnungsmaschine= von =Whitney= an, deren wirkende
Haupttheile Kreissgebltter sind. Es befinden sich an einer horizontalen
Achse 18-20 solcher Sgebltter, die sich wenigstens 100mal in einer
Minute umdrehen. Diese Sgen greifen mit einem Theile ihrer Peripherie
zwischen den Stben eines engen Gitters durch, fassen mit ihren spitzen
Zhnen die dort hingelegte Baumwolle und ziehen sie herum, ohne die
Samenkrner mitzunehmen, da fr diese die Oeffnungen des Gitters zu eng
sind. Bei zwanzig Sgeblttern reinigt eine solche Maschine gegen 400
Pfund, bei 80 Sgeblttern bei einer Consumtion von 2 Pferdekrften gegen
500 Pfund rohe Baumwolle. In neuerer Zeit ersetzt man den Sgecylinder
zuweilen durch einen Krempelcylinder. Man benutzt die Baumwollsamen zum
Verfttern, zum Dngen, und zur Oelbereitung (in Amerika erhlt man aus
30 Pfund Baumwolle Krner zu einem Pfund Oel).

[Sidenote: Arten der Baumwolle.]

  Man unterscheidet die Baumwolle nach den Lndern und nach den
  Stapelpltzen als nordamerikanische (Sea Island oder lange Georgia,
  Orleans, Upland, Louisiana, Alabama, Tennessee, Georgia, Virginia),
  sdamerikanische (Fernambuk, Siara, Bahia u. s. w.), columbische,
  peruanische, westindische (Domingo, Bahama, Barthelemy), ostindische
  (Dhollerah, Surate, Manilla, Madras, Bengal), levantische
  (macedonische, smyrnaer), gyptische (Mako oder Jmel), australische
  (Queensland) und europische (spanische: Motril, sicilianische:
  Castellamare und Bianca, griechische und maltesische) Sorten.

[Sidenote: Spinnen derselben.]

=Baumwollspinnerei.= Die Reihe der Arbeiten, welchen die Baumwolle bis
zur vollendeten Darstellung des =Baumwollgarnes= unterworfen wird, ist in
den Spinnereien folgende:

  1) =Die Auflockerung und Reinigung der rohen Baumwolle=, wodurch die
  durch das Pressen vor der Verschiffung zu festen Knollen und Klumpen
  verdichtete Wollmasse wieder zertheilt wird, die Fasern nach und nach
  auf das vollstndigste von einander gelst und zugleich die, oft noch
  in grosser Menge vorhandenen Reste der Samenkrner, sowie Sand, Staub
  und andere Unreinigkeiten entfernt werden. Die Bearbeitung geschieht
  zunchst entweder [Greek: a]) durch =Klopfen= und =Schlagen mit der
  Hand=, oder [Greek: b]) mit dem =Wolf=, welcher die Auflockerung durch
  einen mit spitzigen eisernen Zhnen besetzten Cylinder bewirkt, und
  [Greek: g]) dem =Willow= (Zauseler), eine dem Wolf verwandte Maschine,
  aber mit stumpfen Stiften oder Pflcken versehen. Die Fortsetzung der
  Auflockerung und Reinigung geschieht mittelst der =Schlagmaschinen=
  (Flackmaschinen), wesentlich aus einem Flgelrad und einem Ventilator
  bestehend; die Schlge der Flgel trennen die Wollfasern von den
  Unreinigkeiten, welche letztere durch den Luftstrom fortgeweht werden
  oder durch den Rost fallen. Um eine vollkommene Bearbeitung zu
  erlangen, gebraucht man zwei solcher Maschinen nach einander. Die
  beiden Schlagmaschinen heissen [Greek: a]) die =Putzmaschine= (_batteur
  plucheur_), sie enthlt zwei Flgelrder (Schlger) hintereinander und
  bewirkt also eine zweimalige Bearbeitung der Baumwolle, welche zuletzt
  als eine lockere, aber noch nicht vllig gereinigte Masse hervorgeht;
  [Greek: b]) die =Watten=- oder =Wickelmaschine= (_batteur taleur_),
  welche nur einen, viel schneller umlaufenden Schlger hat und zugleich
  eine Vorrichtung enthlt, wodurch die nun schon ziemlich gereinigte
  Baumwolle in Form einer lose zusammenliegenden Flche (Watte, Pelz) auf
  eine Walze (=Wickel=) aufgerollt wird, welche man sodann der
  Kratzmaschine vorlegt. Unter dem Namen =Epurateurs= construirt man in
  neuerer Zeit Maschinen, welche zwischen den Schlagmaschinen und
  Krempeln inne stehend, die Wirkungsweise beider mit einander vereinigen
  und die Anwendung derselben ganz oder theilweise ersetzen. Der
  Epurateur eignet sich vorzglich zur Wattenfabrikation.

  2) =Das Krempeln oder Kratzen.= Die natrliche oder verwirrte Lage der
  Baumwollfaser wird durch die Behandlung mittelst der
  Auflockerungsmaschinen keineswegs gehoben, eher fast noch vermehrt. An
  ein Verspinnen der aufgelockerten Baumwolle ist daher erst dann zu
  denken, wenn sie vorlufig vollkommen gerade gestreckt und in parallele
  Lage zu einander gebracht sind. Dieser Forderung zu gengen, sind
  zunchst die =Krempel=- oder =Kratzmaschinen= bestimmt, deren
  Hauptbestandtheile mehrere auf ihrer Oberflche dicht mit Drahthkchen
  besetzte Walzen und flache Hlzer sind, zwischen welchen die Baumwolle
  dnn ausgebreitet durchgefhrt und gleichsam gekmmt wird, wobei
  zugleich die noch vorhandenen kleinen Unreinigkeiten abfallen. Ein Kamm
  mit feinen Stahlzhnen lst von der letzten Walze die Baumwolle in
  Gestalt einer zarten, aus ziemlich parallel liegenden Fasern
  bestehenden Flche (=Vliess=) ab. Das =Krempeln= wird in der Regel zwei
  Mal und zwar mit folgenden Maschinen vorgenommen: [Greek: a]) die
  =Reisskrempel= oder =Vorkratze=, welche das Vliess selbst auf eine
  hlzerne Trommel wickelt; [Greek: b]) die =Feinkrempel= oder
  =Feinkratze=, welche das von der Reisskrempel gelieferte Vliess
  verarbeitet und daraus ein neues Vliess bildet, welches, nachdem es
  mittelst des Kammes abgelst ist, sogleich durch einen =Trichter= geht,
  und darin seiner Breite nach dergestalt zusammengedrngt wird, dass es
  die Gestalt eines schmalen und lockeren Bandes annimmt. Hufig lsst
  man auch schon durch die Vorkratze Bnder bilden, von denen man eine
  Anzahl mit Hlfe einer besonderen Maschine, dem =Doubleur= oder der
  =Lappingmaschine= zu einem breiten Vliesse vereinigt, welches man der
  Feinkratze vorlegt; letzteres Verfahren, obgleich weitlufiger, hat den
  Zweck, eine gleichmssigere Vertheilung der Baumwolle in dem auf der
  Feinkratze entstehenden Bande hervorzubringen. In neuerer Zeit wendet
  man hufig statt des Krempelns, das =Kmmen= der Baumwolle an. Man
  beabsichtigt dadurch theils eine Trennung der langen Fasern von den
  kurzen, um erstere allein zur Erzeugung der hheren Garnnummern
  benutzen zu knnen, theils auch bei der langen Georgia (Sea-Island), um
  die ausgekmmten langen Fasern mit Seide (Florettseide) vereinigt zu
  verspinnen.

  3) =Das Strecken oder Laminiren= der gekrempelten Baumwolle. Die
  Operation des Streckens und die des damit in Verbindung stehenden
  =Doublirens= hat den Zweck, die Fasern der von der Krempel kommenden
  Bnder mehr parallel zu legen und ihre ungleiche Dicke zu beseitigen.
  Die hierzu in Anwendung kommende Maschine, die =Strecke=, besteht aus 2
  bis 6, gewhnlich aber aus drei Paaren kleiner Walzen, durch welche die
  von der Krempel kommenden Bnder wiederholt gehen mssen. Die Bnder
  werden hier ausserordentlich stark in die Lnge gezogen, aber trotzdem
  wenig oder gar nicht verdnnt, weil man so ziemlich in demselben
  Verhltnisse =doublirt=, d. h. eine gewisse Anzahl von Bndern neben
  einander legt und daraus ein einziges Band macht.

  4) =Das Vorspinnen.= Die Umwandlung des gestreckten Bandes in einen
  Garnfaden ist, was man eigentlich =Spinnen= nennt; denn die bisher
  angefhrten Operationen sind nur Vorbereitungen dazu, durch welche man
  beabsichtigt, der Faser eine zum Ausziehen des Fadens geeignete Gestalt
  und Beschaffenheit zu geben. Da nun aber das von der Strecke gelieferte
  Band oft weit ber 100 Mal grber ist als der daraus zu spinnende
  Garnfaden, so lsst sich die nothwendige Ausdehnung und Verfeinerung
  nicht auf einmal vornehmen, sondern sie muss stufenweise geschehen,
  indem man sie mittelst 3 oder 4 successiv angewendeten Maschinen
  verrichtet. Diese fortschreitende Dehnung unter gleichzeitiger
  Anwendung der =Drehung= bildet das =Vorspinnen=, durch welches grober,
  lockerer Faden, das =Vorgespinnst= entsteht. Bei der Erzeugung aller
  mittelfeinen und feinen Garne wird das Vorspinnen zweimal vorgenommen,
  wobei des erste Mal =grobes Vorgespinnst= (Lunte), das zweite Mal
  =dnnes Vorgespinnst= oder =Vorgarn= erhalten wird. Aus letzterem wird
  sodann auf der Spinnmaschine, durch das =Feinspinnen= das Garn
  hervorgebracht.

  Die gestreckten Bnder knnen nicht ohne Weiteres bedeutend in die
  Lnge gezogen werden, ohne abzureissen. Lsst man aber auf das
  Ausziehen sogleich eine Drehung folgen, durch welche die Fasern um
  einander herum gewunden und in Folge des daraus hervorgehenden Druckes
  einander genhert werden, so ist das Ausziehen der Bnder zu einem
  selbstndigen Faden mglich. Es giebt zweierlei Wege, dieses Ziel zu
  erreichen, entweder man ertheilt dem Vorgespinnst eine =bleibende=
  Drehung, oder man dreht es nur =vorbergehend=, d. h. die gegebene
  Drehung wird von der Maschine selbst sofort wieder aufgehoben, so dass
  nur die davon bewirkte Zusammendrngung der Fasern als sichtbarer
  Erfolg brig bleibt. Hiernach zerfallen die Vorspinnmaschinen in
  [Greek: a]) =Vorspinnmaschinen mit bleibender Drehung= (oder bleibendem
  Drahte), von denen die wichtigeren sind: die =Kannenmaschine= oder
  =Laternenbank=, die =Banc-Abegg=, die =Spulenmaschine=, die
  =Spindelbank=, die gebruchlichste der Vorspinnmaschinen, in Sachsen
  und Norddeutschland berhaupt kurz der =Flyer=, in Sddeutschland und
  der Schweiz die =Banc  broches= genannt; [Greek: b])
  =Vorspinnmaschinen mit vorbergehender Drehung= (oder falschem Draht),
  von denen die hauptschlicheren sind: die =Rhrenmaschine=, die
  =Eklipsemaschine=, die =Wrgelmaschine= oder der =Rota-frotteur=.

[Sidenote: Feinspinnen.]

  5) =Das Feinspinnen.= Das Ausziehen des Vorgespinnstes zu
  _Feingespinnst_ (Garn, Twist), geschieht entweder durch zeitweises
  Festhalten des Fadens vermittelst einer Klemme (auf der Jenny, die
  jetzt nicht mehr angewendet wird), oder durch ununterbrochenes
  Ausziehen zwischen Walzenpaaren, von denen die nchstfolgenden
  schneller sich umdrehen, als die vorhergehenden (auf der
  =Drosselmaschine= und der =Mulemaschine=, welche, wenn Handarbeit zur
  Bewegung des zum Spinnen und Aufwinden der Fden erforderlichen Wagens
  dient, =Handmule=, bei Anwendung von Dampf- oder Wasserkraft
  =Selfactor= genannt wird). Das fertige Gespinnst wird auf der Weife
  oder dem Haspel in Gebinde und Strhne aufgewunden und dann nach den
  Feinheitsnummern sortirt.

[Sidenote: Garn.]

  Das von den Spinnmaschinen gelieferte Garn unterscheidet man als
  =Muletwist= und =Watertwist=; ersterer zeichnet sich durch seine
  lockere, wenig gedrehte Beschaffenheit aus. Letzteres ist strker
  gedreht und wird beinahe ausschliesslich als Kettgarn benutzt.

[Sidenote: Baumwollgewebe.]

  Die =Baumwollgewebe= sind: 1) =glatte= (leinwandartige), 2)
  =gekperte=, 3) =gemusterte= und 4) =sammtartige=.

  a) Zu den =glatten= (leinwandartigen) Baumwollgeweben a) mit
     =parallelen= Kettfden gehren: 1) =Kattun= (als Druckkattun oder
     als Baumwoll-Leinwand); 2) =Nanking=; 3) =Shirting= (Hemdenkattun,
     Futterkattun); 4) =Kambrik= (Kammertuch); 5) =Baumwollbatist=
     (schott. Batist); 6) =Jaconet=; 7) =Perkal= (zum Druck bestimmter
     Perkal heisst =Kaliko=); 8) die aus ganz oder theilweise gefrbtem
     Garn gewebten Zeuge =Gingham=, =Baumwoll-Barge=, =Haincord=; 9) die
     locker gewebten Zeuge =Musselin= (Vapeur, Zephyr), =Organdin= (Mull,
     Linon); =Baumwoll-Stramin=; b) mit =gekreuzten= Kettfden; 10)
     =Tll= und =Gaze=.

  b) Zu den =gekperten= Baumwollstoffen gehren: 1) =Kper= oder Crois;
     2) =Baumwollmerino=; 3) =Drill= oder =Drell=; 4) =Bast=; 5) =Satin=
     (engl. Leder); 6) =Barchent= (_fustian_).

  c) Der gefrbte rauhe und gleich dem Wolltuch geschorene Barchent
     heisst =Beaverteen=, der feinere =Moleskin=.

  d) Zu den =gemusterten= Baumwollstoffen gehren 1) =Dimity= (Wallis);
     2) gemusterte =Drelle= und =Barchente=; 3) =Baumwolldamast=;
     4) =Piqu=.

  e) Zu den =sammtartigen= Baumwollstoffen gehren: 1) =Manchester=; 2)
    =Baumwollsammt= (_velvet_).

[Sidenote: Stellvertreter der Baumwolle.]

[Sidenote: Cottonisiren des Flachses.]

Es sind verschiedene Ersatzmittel fr die Baumwolle vorgeschlagen worden.
Man hat bis jetzt aber noch kein Material gefunden, das vollkommen die
Baumwolle zu ersetzen im Stande wre. Einige dieser sogenannten
Ersatzmittel sind die =schwarze Pappel= (_Populus nigra_) und die =Espe=
(_P. tremula_), deren Wolle nur die Elasticitt fehlt, um als
Stellvertreter der Baumwolle dienen zu knnen, die =Binse= (_Juncus
effusus_), die =deutsche Tamariske=, =Disteln= und =Grauwolle=
(_Agrostis_), die _Salix pentandra_, die _Zostera marina_ und die
=Flachsbaumwolle=. Vor etwa zwanzig Jahren hat die Bereitung der
=Flachsbaumwolle= durch =Claussen=, oder durch das Verfahren,
kurzfaserigen Flachs darzustellen, welcher gefilzt, gekratzt und auf der
Baumwollspinnmaschine entweder fr sich oder mit Baumwolle versponnen
werden kann, berhaupt in den Haupteigenschaften mit der Baumwolle
bereinstimmen soll, viel von sich reden gemacht, indem man schon die
Hoffnung hegte, dass dadurch der Baumwollindustrie ein inlndisches
Rohmaterial gegeben worden sei. Was den Flachs in dieser Beziehung von
der Baumwolle unterscheidet, ist die Zusammengesetztheit und die Lnge
seiner Faser. Letztere soll auf einer Schneidemaschine auf die Lnge der
Baumwollfaser reducirt, das Auflsen der zusammengesetzten Fasern in
Primitivfasern auf chemischem Wege bewirkt werden. =Claussen= bringt zu
diesem Zweck den Flachs in eine concentrirte Lsung von
Natriumbicarbonat, und sodann in ein saures Bad (1 Th. Schwefelsure und
200 Th. Wasser). Der Flachs verwandelt sich dadurch in eine flaumige
Masse, die im gebleichten Zustande der Baumwolle hnlich ist. Das
=Claussen='sche Verfahren ist aber keine Verbesserung, sondern eine
Verschlechterung des Flachses, da derselbe seine Haupteigenschaften,
Lnge und Strke, durch das =Cottonisiren= verliert, ausserdem auch die
Festigkeit der Faser dabei leidet.

[Sidenote: Unterscheidung der Baumwollfaser von der Leinfaser.]

Durch das jetzt sehr bliche Verspinnen und Verweben von mit Baumwolle
gemischten Leinen ist ein sicheres Mittel Bedrfniss geworden, =Baumwolle
von Leinen zu unterscheiden=. Die Prfungsmethoden zur Unterscheidung
beider grnden sich entweder auf geringe chemische Unterschiede, oder auf
unter dem Mikroskop (am besten mit dem Polarisationsapparate combinirt)
wahrnehmbare Verschiedenheiten in der Gestalt. Die chemischen
Verschiedenheiten der Leinfaser und der Baumwolle sind zu geringe, als
dass die Prfungsmethoden, die sich darauf grnden, hinlngliche
Sicherheit fr die Unterscheidung in schwierigen Fllen gewhren knnten.
Thierfasern (wie Seide und Schafwolle) und Pflanzenfasern zu Geweben
verarbeitet, unterscheiden sich chemisch dergestalt von einander, dass
schon ihr Verhalten zu chemischen Agentien zur Unterscheidung vollkommen
hinreicht. Die physikalische Beschaffenheit der Fasern, z. B. die Art und
Weise, wie die Fasern Farbstofflsungen aufnehmen, wie sie durch Oel mehr
oder weniger durchscheinend werden, liefert uns Prfungsmethoden, die fr
einzelne Flle, wie wenn es sich um den Nachweis von Baumwolle in
Leinwand handelt, sehr wohl anzuwenden, aber keineswegs unfehlbar sind.
Einige der lteren Methoden sind auch in der Zukunft nicht zu entbehren.
Eine gengende Sicherheit in schwierigen Fllen gewhrt aber nur das
Mikroskop.

  Von den wichtigeren Prfungsmethoden zur Erkennung der Baumwolle in
  leinenen Geweben seien folgende angefhrt: Die =Schwefelsureprobe=,
  von =Kindt= und =Lehnert= empfohlen. Die mit Seifenwasser etc.
  vollkommen von der Appretur befreite trockne Probe taucht man zur
  Hlfte in Schwefelsure von 1,83 spec. Gewicht, und zwar 1-1-1/2
  Minute lang ein; alsdann wirft man sie in Wasser, woselbst sie einige
  Augenblicke ruhig bleibt, um dann ausgewaschen und getrocknet zu
  werden. Die Schwefelsure zerfrisst die Baumwolle um so viel rascher
  als das Leinen; es werden daher gemischte Fden verdnnt, rein
  baumwollene Fden ganz entfernt. Da reines Leinen indessen ebenfalls
  verdnnt wird, so ist die Probe im ersten Falle etwas misslich, aber im
  andern Falle sicher. Gefrbte Muster werden am besten zuerst entfrbt
  oder gebleicht. Die =Farbeprobe=, von =Elsner=, ist in sehr vielen
  Fllen brauchbar, aber nicht immer ausreichend, namentlich bedarf sie
  eines sehr gebten Auges, um die feinen Farbenunterschiede zu erkennen.
  Als Farbetinctur whlt man den weingeistigen Auszug der Frberrthe
  (Rubia tinctorum). Ein halb Loth der zerschnittenen Wurzel wird in
  einem Glaskolben mit 6 Loth Alkohol von 94 Proc. bergossen und 24
  Stunden lang bei gewhnlicher Temperatur unter fterem Umschtteln
  damit in Berhrung gelassen. Die dadurch entstandene klare braungelbe
  Tinktur wird durch weisses Lschpapier filtrirt und zum Gebrauche
  aufbewahrt. Reine Leinengewebe frben sich beim Eintauchen in diese
  Tinktur nach 1/3-1/4 Stunde gleichfrmig unrein =orangenroth=, reine
  Baumwollgewebe dagegen gleichfrmig =gelb=; ist das Gewebe gemischt, so
  erscheinen die Leinenfden gelbroth, die Baumwollfden gelb, das Ganze
  erscheint daher nicht gleichfrmig gefrbt, sondern =gestreift=. Werden
  die Gewebestreifen =vor= dem Eintauchen an den Kanten 2 Linien breit
  ausgezupft, was brigens von wesentlichem Einfluss auf die Erkennung
  der einzelnen Fden ist, so tritt die Erscheinung so deutlich hervor,
  dass die einzelnen verschieden gefrbten Fden von Leinen und Baumwolle
  an den ausgezupften Kanten mit Leichtigkeit gezhlt werden knnen.
  Besser ist die =Fuchsinprobe=. Man taucht einen Streifen des Gewebes in
  eine weingeistige Lsung von Fuchsin (Anilinroth), begiesst ihn hierauf
  mit Wasser, bis dieses ungefrbt abluft und legt ihn endlich noch 1-3
  Minuten in schwachen Salmiakgeist. Hier verschwindet die Farbe der
  Baumwollfden, whrend die Leinenfden rosenroth gefrbt bleiben. Die
  von =Elsner= vorgeschlagene =Entfrbungsprobe= grndet sich darauf,
  dass der mit Cochenille gefrbte Leinfaden sich durch eine schwache
  Chlorkalklsung spter entfrbt, als der ebenso gefrbte Baumwollfaden.
  Die zu prfende Leinwand muss vor der Frbung durch Cochenille von
  aller Appretur befreit werden. Die gefrbte und getrocknete Probe wird
  auf die Oberflche einer schwachen und filtrirten Chlorkalklsung
  gelegt. Die Entfrbung der Baumwolle erfolgt schon nach einigen
  Secunden. Die =Oelprobe=, von =Frankenstein= angegeben, ist fr
  ungefrbte Gewebe vortrefflich und wegen ihrer Einfachheit besonders zu
  empfehlen. Man taucht ein Stckchen der zu prfenden Leinwand in Bauml
  oder Rbl. Das Oel wird vom Gewebe sehr schnell aufgesogen; durch
  gelindes Pressen zwischen Lschpapier entfernt man das berschssige
  Oel. War das Gewebe gemischt, so erscheint dasselbe gestreift, der
  Leinfaden wird durchsichtig, der Baumwollfaden bleibt undurchsichtig.
  Legt man die mit Oel getrnkte Leinwand auf eine dunkle Flche, so
  erscheinen die jetzt durchscheinenden Leinenfden dunkler, als die
  neben ihnen liegenden Baumwollfden. Noch besser bewhrt sich die Probe
  unter der Lupe. Auch hier ist es anzurathen, aus der Leinwand, ehe man
  sie mit dem Oele trnkt, mehrere Faden am Rande des zu prfenden
  Gewebes zu zupfen. Die =Kaliprobe= von =Bttger= angegeben. Aus
  Leinfasern bestehende Gewebe sollen in concentrirter Kalilsung
  innerhalb 2 Minuten tiefgelb gefrbt erscheinen, whrend aus Baumwolle
  bestehende Gewebe eine nur schwachgelbe Frbung annehmen; gemischte
  Gewebe sollen nach dieser Methode gestreift erscheinen. Die Kaliprobe
  gewhrt nur geringe Sicherheit. Die =Verbrennungsprobe= nach
  =Stckhardt=. Ein Leinenfaden in senkrechter Stellung angebrannt,
  erscheint nach dem Erlschen der Flamme am gebrannten Ende in glatter
  zusammenhngender Form verkohlt, whrend ein Baumwollfaden, eben so
  behandelt, sich pinselfrmig ausspreizt. Dieser Versuch gelingt auch
  mit gefrbter Waare, die mit Chromgelb (chromsaurem Bleioxyd) gefrbten
  Gewebe ausgenommen. Nach der Rstprobe wird das zu prfende Gewebe,
  nach sorgfltigem Auswaschen der Appretur, in einem Glasrohr ber der
  Spirituslampe so lange erhitzt, bis es strohgelb erscheint. Bei der
  Betrachtung unter dem Mikroskop lassen sich dann die gekruselten
  Baumwollfasern von den gestreckten glnzenden Flachsfasern
  unterscheiden. Hanf und Flachs lassen sich, ausser durch das Mikroskop,
  nur schwierig von einander unterscheiden. Salpetersure kann jedoch
  hierbei angewendet werden, da sich die Leinen- (Flachs-) faser in
  gewhnliche Salpetersure getaucht, nicht frbt, whrend die Faser des
  Hanfes nach einigen Secunden blassgelb erscheint, die Faser des
  neuseelndischen Flachses (Phormium tenax) dagegen blutroth gefrbt
  wird. Nach =O. Zimmermann= soll die Beimischung von Baumwolle in
  Leinwand entdeckt werden knnen, wenn man das zu prfende Gewebe 8-10
  Minuten in ein Gemisch von 2 Theilen Salpeter und 3 Theilen englischer
  Schwefelsure eintaucht, auswscht, trocknet und mit alkoholhaltigem
  Aether behandelt. Die beigemischte Baumwolle lse sich alsdann als
  Collodium auf, die Leinenfaser nicht.

  Zur Unterscheidung =thierischer= und =vegetabilischer= Fasern wendet
  man das =Anznden= an. Nhert man einen Seidenfaden der Lichtflamme,
  so entzndet er sich und verbreitet einen Geruch nach verbrennendem
  Horn oder Federn, brennt aber nur so lange fort, als man ihn in dem
  Grade, als er verzehrt wird, weiter in die Flamme schiebt. Entfernt man
  ihn aus der Flamme, so erlischt er, und an dem angebrannten Ende des
  Fadens bleibt eine schwarze, kohlige Masse, welche dicker ist als der
  Faden. Bei einem Schafwollfaden beobachtet man die nmlichen
  Erscheinungen, nur ist der dabei auftretende Geruch noch widriger.
  Leinfaden und Baumwollfaden brennen auch nach dem Entfernen aus der
  Flamme fort, und es entwickelt sich dabei kein unangenehmer Geruch. Man
  benutzt ferner zur Unterscheidung der Thier- und Pflanzenfasern das
  Kochen mit =Kalilauge=; Wolle und Seide lsen sich darin auf; Leinen
  und Baumwolle nicht. Nach =Pohl= taucht man auch das zu prfende Gewebe
  in eine etwas verdnnte Lsung von Pikrinsure einige Minuten lang, und
  wscht es dann sorgfltig aus. Wolle und Seide nehmen dabei eine chte
  gelbe Farbe an, whrend Baumwolle und Leinen weiss bleiben. Diese
  Methode soll nicht nur bei gemischtem Gewebe, sondern auch bei
  gemischten Fden praktisch anwendbar sein.

[Illustration: Fig. 195.]

[Illustration: Fig. 196.]

[Illustration: Fig. 197.]

[Illustration: Fig. 198.]

[Illustration: Fig. 199.]

[Illustration: Fig. 200.]

  Als die sicherste Prfungsmethode ist die =mikroskopische Untersuchung=
  der Gewebe zu bezeichnen. Die =Leinfaser= erscheint unter dem Mikroskop
  als walzenfrmige, niemals platte, unter Wasser gesehen, niemals stark
  um sich selbst gedrehte Gestalt; sie ist ferner durch ihre schmale, oft
  nur als Lngslinie erscheinende Innenhhle charakterisirt. Ausserdem
  ist die Leinenfaser mehr steif und gerade, als die biegsamere
  Baumwollfaser (Fig. 195). Die =Hanffaser= ist der Leinenfaser sehr
  hnlich, unterscheidet sich von derselben durch ihre hufig verzweigten
  Enden und ihre starrere Beschaffenheit; ihre Innenhhle ist gewhnlich
  auch weit breiter. Die =Baumwollfaser= bildet lange, schwach verdickte
  und deshalb bandartig zusammengefallene, platte Zellen, die unter
  Wasser gesehen, =pfropfenzieherartig= um sich selbst gewunden
  erscheinen (Fig. 196). Die =Schafwollfaser= ist die dickste aller
  Fasern; sie erscheint unter dem Mikroskop vollkommen stielrund und mit
  dachziegelfrmig angeordneten Oberhautschuppen versehen (Fig. 197). Der
  =Seidenfaden= (Fig. 198) ist die dnnste aller Fasern; sie erscheint
  vollkommen rund, glatt, ohne Innenhhle. Will man einen verwebten
  Seidenfaden auf seine Aechtheit prfen, so wird derselbe unter Wasser
  auf der Glastafel zerfasert, mit einem Deckelglase bedeckt unter dem
  Mikroskop betrachtet. Die schmale, runde und glnzende Seide
  unterscheidet sich sogleich von der mit Schuppen versehenen Wolle (Fig.
  200). Wolle und Baumwolle (Fig. 199) sind ebenfalls leicht von einander
  zu unterscheiden.


                         Die Papierfabrikation.

[Sidenote: Begriff und Geschichte des Papieres.]

Das =Papier= ist im Wesentlichen ein dnner Filz aus Fasern pflanzlichen
Ursprungs, der dadurch entsteht, dass man den auf mechanische und
chemische Weise gereinigten und in feine und zarte Fserchen zertheilten
Faserstoff in Wasser suspendirt, auf diese Art in dnne Schichten
gleichmssig ausbreitet, darauf aber das Wasser durch Ablaufenlassen,
Auspressen und Trocknen in der Art entfernt, dass eine gleichmssig dnne
Lage der filzartig angeordneten und dicht zusammenschliessenden Fserchen
zurckbleibt.

  Zur Geschichte des Papieres folgende Notizen. In der ltesten Zeit
  gebrauchte der Mensch Stein, Erz (Kupferlegirungen), Blei, Elfenbein,
  Wachs u. dgl., um darauf durch Zeichen seine Gedanken mitzutheilen und
  Zeitereignisse der Nachwelt zu berliefern. Spter nahm er dnne
  Krper, z. B. Thierhute und Baumbltter, vorzglich die grossen und
  breiten Bltter der Palmen, in welche man die Schriftzge einritzte und
  dann durch Trnken mit Oel sichtbar machte. Auch auf Baumrinde,
  besonders auf Baumbast, schrieben mehrere Vlker des Alterthums; die
  alten Deutschen schrieben zuerst auf Birkenbast, darum heisst auch
  eines der ltesten deutschen Heldengedichte der =Birkengesang=, andere
  Vlker schrieben mit Pinsel und Farbe auf Kattun und Taffet. Indessen
  war schon mindestens 600 Jahre vor Christi Geburt Papier aus der
  =Papyrusstaude= (_Cyperus Papyrus_ oder _Papyrus antiquorum_), einem
  2-3 Meter hohen Cypergras, das seit den ltesten Zeiten in Aegypten
  heimisch gewesen zu sein scheint, sich jedoch in neuerer Zeit nur
  selten dort noch findet, bereitet worden. Zur Zeit der rmischen
  Kaiserherrschaft war der Gebrauch des aus der Papyrusstaude gewonnenen
  Papieres ganz allgemein verbreitet. Durch starken Gebrauch wurde es
  indessen seit dem 5. Jahrhundert immer theurer und seltener, bis
  endlich im 11. und 12. Jahrhundert die Fabrikation desselben aufhrte
  und durch die des Baumwollpapiers verdrngt wurde. Dieses Papier war
  unter dem Namen Pergament aus Tuch bekannt und unterschied sich von dem
  Linnenpapier nur durch geringere Festigkeit und grssere Brchigkeit.
  Nach dem Ansehen mehrerer spanischen Papierreste aus dem 12.
  Jahrhundert zu urtheilen, hat man schon damals versucht, die Baumwolle
  mit leinenen Lumpen zu mischen, was wol spter zur Erfindung des
  =Linnenpapiers= fhrte, das in Deutschland schwerlich vor 1318
  vorkommt. In der Mitte des 14. Jahrhunderts wird das Linnenpapier
  bereits hufig in Deutschland gebraucht. Die ersten zuverlssigen
  Nachrichten von der Fabrikation desselben sind jedoch weit jnger. Wie
  =v. Murr= berichtet, ist bereits 1390 zu Nrnberg eine grosse
  Papiermhle von einem Rathsmitgliede, Ulmann Stromer, angelegt worden.

[Sidenote: Materialien der Papierfabrikation.]

Das hauptschlichste =Material der Papierfabrikation= sind die unter dem
Namen =Lumpen=, =Hadern=, =Stratzen= bekannten Abflle von gewebten
Stoffen. Die gesuchtesten Lumpen sind die =leinenen=, weil sie das
festeste und dauerhafteste Papier liefern und daher weit hufiger
verarbeitet werden als Woll- und Baumwolllumpen. Erstere, die nur rauhes
und weniger zusammenhngendes Papier geben, gelangen gegenwrtig berdies
weit seltener in die Papierfabriken, seitdem sie zur Fabrikation der
Kunst- oder Lumpenwolle und in Folge ihres grossen Stickstoffgehaltes zur
Bereitung des Blutlaugensalzes eine zweckmssigere Verwendung gefunden
haben. Baumwolllumpen geben ein rauheres, schwammiges und lockeres
Papier, weshalb dieselben nicht allein, sondern mit Linnenlumpen gemengt
verarbeitet werden. Die in der Baumwollspinnerei (in den Putz- und
Wattenmaschinen, sowie beim Krempeln) sich ergebenden Abflle werden
ebenfalls in der Papierfabrikation benutzt. Seidene Lumpen liefern nur
schlechtes Papier und finden zur Herstellung von gekrempelter Seide
behufs des Verspinnens eine bessere Verwendung.

  Die Lumpen oder Hadern gelangen in die Papierfabrik entweder noch
  unvollstndig unsortirt als =Landhadern= oder bereits in drei Sorten
  geschieden, als weisse, graue und bunte, oder von den Hndlern selbst
  noch weiter sortirt als weisse, halbweisse, Concepthadern, blaue
  Sackstcke.

[Sidenote: Lumpensurrogate.]

  Der Papierverbrauch ist in Europa seit 50 Jahren auf mehr als das
  Doppelte gestiegen. Da die Papierfabrikation aber nur gewisse Abflle
  von Flachs, Baumwolle und Hanf, die meist von abgetragenen Kleidern und
  Wsche herrhren, verarbeitet, so musste ein Mangel an Rohmaterial
  eintreten, da die Produktion an Lumpen nicht in dem nmlichen
  Verhltniss zunehmen kann, als der gesteigerte Papierverbrauch, ferner
  die Kunstwollfabriken und andere Industriezweige der Papierfabrikation
  einen nicht unbedeutenden Bruchtheil des Rohmaterials entziehen. Man
  hat daher an =Ersatzmittel fr die Lumpen= in der Papierfabrikation
  denken mssen. Unter den unzhligen vorgeschlagenen vegetabilischen
  Stoffen sind nur zwei wohlfeil genug und in hinreichender Quantitt zu
  beschaffen, um mit Vortheil zur Herstellung geringerer Papiersorten
  Anwendung finden zu knnen, nmlich das =Stroh= und das =Holz= gewisser
  Nadel- und Laubhlzer. Unter den Strohgattungen scheint besonders das
  =Maisstroh= Beachtung zu verdienen. =v. Auer= (in Wien) hat gezeigt,
  dass aus der Maisstrohfaser ein Papier herzustellen sei, welches
  hinsichtlich der Weisse und Reinheit nichts zu wnschen brig lasse.
  Auch die Bagasse von _Andropogon glycichylum_ oder _Sorghum
  saccharatum_ hat in Nordamerika Anwendung zur Papierfabrikation
  gefunden. Das =Holz= ist seit etwa zehn Jahren, namentlich durch die
  Bemhungen der Papierfabrik von =H. Vlter= in Heidenheim,
  =G. Rostovsky= in Niederschlema und =Cl. Winkler= in Niederpfannenstiel
  (Sachsen) ein beraus wichtiges Lumpensurrogat geworden, das aber so
  wenig wie das Stroh als absolutes Ersatzmittel der Lumpen, sondern in
  der Regel nur als ein Zusatz auftritt, indem das aus reinem Holze
  gefertigte Papier viel zu wenig Festigkeit besitzt. Gewhnlich setzt
  man 30-70 Proc. =Holzzeug= (Holzstoff) zu gewhnlichen Lumpen, um eine
  Papiermasse zu erhalten, die sich besonders zur Herstellung von
  ordinren Druck- und Conceptpapieren eignet. Alle weichen Laub- und
  Nadelhlzer eignen sich zur Holzpapierfabrikation, besonders
  Zitterpappel, Linde, Aspe, Fichte und Tanne (die Fhre ist in Folge
  ihres grsseren Harzgehaltes weniger geeignet). Die durch Absgen und
  Spalten auf passende Grsse und Strke gebrachten und von der Rinde,
  sowie von den grssten Aesten mglichst befreiten Holzstcke werden auf
  einem Steincylinder, der auf einer rotirenden horizontalen Axe
  befestigt ist, und dem sie -- die Lnge des Holzes parallel mit der Axe
  gedacht -- durch einen besondern Mechanismus stets gleichmssig
  zugefhrt werden, unter stetem Zufluss von Wasser ausgefasert
  (abgeschliffen). Die losgerissenen Fasern werden auf Siebwerke gefhrt,
  wo sie nach ihrer Feinheit gesondert werden. Die nasse Masse wird
  mittelst hydraulischer oder Schraubenpressen oder auch mittelst
  Pappmaschinen ausgepresst, dergestalt, dass das Gewicht des
  lufttrocknen Stoffes, der indessen immer noch circa 2/3 Wasser enthlt,
  32-40, in der Regel 35-36 Proc. vom Gewicht des nassen Stoffes betrgt.
  In neuerer Zeit sucht man nach dem Verfahren von =Bachet= und =Machard=
  (1867) mit der Herstellung von Holzpapierstoff die Fabrikation von
  Spiritus zu verbinden, indem man die incrustirende Substanz des Holzes
  durch Behandeln mit Salzsure in Dextrose (Krmelzucker) berfhrt, die
  durch geistige Ghrung in Alkohol umgewandelt wird, whrend die
  zurckgebliebene feste Cellulose fr die Zwecke der Papierfabrikation
  Anwendung findet. Man unterscheidet je nach der Feinheit der Fabrikate
  vier Qualitten Holzzeug: No. 1 zu Schreib- und Druckpapier, No. 2 zu
  Tapetenpapier, Packpapier besserer Art, auch zu Druckpapier, No. 3 und
  4 werden zu Pappen verwendet. In neuerer Zeit stellt man das Holzzeug
  auch auf =chemischem= Wege dar (so z. B. in der grossen Holzstofffabrik
  zu Manayunk bei Philadelphia), indem man das grblich in Spne
  verwandelte oder geraspelte Holz bei hoher Temperatur und starkem
  Druck, mit starken Alkalilaugen behandelt, wodurch die Fasern so
  aufgelockert und weich werden, dass sie sich hnlich der Flachs- und
  Baumwollfaser, im Hollnder leicht kurz mahlen und bleichen lassen.

[Sidenote: Mineralische Lumpensurrogate.]

  Im Gegensatz zu den vegetabilischen Lumpensurrogaten sind noch die
  =mineralischen Lumpensurrogate= anzufhren, die gegenwrtig in der
  Papierfabrikation eine ausgedehnte Anwendung finden. Ein mssiger
  Zusatz eines geeigneten Mineralkrpers zur Papiermasse ist keineswegs
  nachtheilig, sondern nutzt in mehrerlei Hinsicht, ordinre und
  mittelfeine Papiere gewinnen dadurch an Weisse, der bei sehr dnnem
  Papier eintretende Uebelstand des Durchscheinens wird in einem gewissen
  Grade dadurch aufgehoben, die Festigkeit des Papiers leidet nicht und
  endlich wird das Papier durch einen Zusatz von anorganischer Masse
  wohlfeiler. Ein Zusatz von 5-10 Proc. vom Papiergewicht ist nur
  vortheilhaft, eine Steigerung des Zusatzes bis auf 20-25 Proc. macht
  dagegen das Papier rauh und brchig und stumpft beim Schreiben die
  Federn ab. Die Haupteigenschaften, die ein erdiges Lumpensurrogat haben
  muss, sind niedriger Preis, weisse Farbe, Unlslichkeit in Wasser und
  usserst feine Zertheilung. Das erste mineralische Ersatzmittel, das in
  Anwendung kam und heutzutage noch am hufigsten angewendet wird, ist
  sandfreier =Thon=, geschlmmter Porcellanthon oder Porcellanerde, die
  unter dem Namen =China clay=, =Lenzin= oder =Kaolin=, =Bleicherde= in
  den Papierfabriken Eingang findet. Ein anderes Lumpenersatzmittel ist
  feingemahlener =ungebrannter Gyps= -- hufig =geflltes= Calciumsulfat
  --, welches dem Fabrikanten unter dem Namen =Annaline=,
  _pearl-hardening_ oder =Milchweiss= zugeht. Es bertrifft an Weisse den
  Porcellanthon, dessen Farbe stets etwas ins Gelblichgraue spielt, ist
  auch nicht theurer als das Lenzin, lsst sich ber nicht so fein
  zertheilen und giebt keinen so fetten Brei wie der Thon. In letzterer
  Hinsicht verdient den Vorzug das durch Fllung dargestellte
  =Bariumsulfat=, das seit 1850 in den Papierfabriken Anwendung gefunden
  hat und im Handel die Namen =Blanc fixe=, =Barytweiss=,
  =Permanentweiss=, =Patentweiss= fhrt. Auf 100 Kilogr. Ganzstoff
  verwendet man 15 Kilogr. teigfrmiges Barytweiss.

[Sidenote: Die Fabrikation des Hand- oder Bttenpapieres.]

Die =Verfertigung des weissen Papieres= geschieht auf zweierlei Weise,
nmlich:

A. =Nach der lteren Methode=, bei welcher die Handarbeit, namentlich bei
der Bildung der Bogen aus dem breiartigen Papierzeuge vorherrschend ist,
weshalb das nach diesem Verfahren dargestellte Papier =Hand=- oder
=Bttenpapier= genannt wird; die hergestellten Bogen sind von
beschrnkter Lnge und Breite.

B. =Nach der neueren Methode=, welche, mit Hlfe von Maschinen
ausgefhrt, ein Blatt von sehr ansehnlicher Breite und jeder beliebigen
Lnge darstellt; das so erhaltene Papier heisst =Maschinenpapier= oder
=Papier ohne Ende=.

[Sidenote: Das Zerschneiden und Reinigen der sortirten Lumpen.]

Die =Zerkleinerung= und =Zertheilung der sortirten Lumpen= zu Fserchen,
aus welchen der Papierstoff besteht, geschieht keineswegs in einer
Operation, sondern stufenweise, und findet durch Anwendung verschiedener
mechanischer Mittel statt -- Lumpenschneider, Halbhollnder,
Ganzhollnder -- zu denen frher hufiger als gegenwrtig ein chemischer
Process sich gesellte, der die Auflsung des Gewebes zu Fasern
begnstigte, nmlich eine Behandlung der Lumpen mit alkalischer Lauge
oder eine Art Fulnissprocess -- das Faulen der Lumpen.

  Eine vorbereitende Arbeit fr die Operationen des Zertheilens der
  Lumpen ist das =Zerschneiden= derselben in Stcke oder Streifen von 3-6
  Centimeter Breite. In sehr vielen Fabriken geschieht das Zerschneiden
  =aus freier Hand= an feststehenden Messern, weil damit eine Sortirung
  verbunden wird, welche die Besichtigung jedes einzelnen Stckes und
  eine Absonderung verschiedenartiger Theile erfordert. Zweckmssiger und
  frdernder sind die =Lumpenschneidemaschinen=, deren lteste als
  =Lumpen=- oder =Hadernschneider=, der in Bau und Wirkungsweise grosse
  Aehnlichkeit mit einer Hcksel- oder Tabaklade hat, bereits im ersten
  Viertel des 18. Jahrhunderts auftritt. Dieser Lumpenschneider leidet
  aber an vielen Mngeln: Bei dem Auseinanderliegen seiner Theile
  erfordert er viel Raum und hufige Reparaturen, durch die Fortleitung
  der Kraft von der Wolle aus, durch die Zugstange zum Messer, sowie
  durch die Umkehrung der Bewegung jener geht viel Kraft verloren und
  endlich ist auch die Leistungsfhigkeit gering, indem das bewegliche
  Messer nur so oft an dem befestigten vorberstreift, als die Welle
  Umdrehungen macht, im hchsten Falle 150 mal in der Minute. Diese
  Uebelstnde haben ohne Zweifel die Veranlassung zur Construction auf
  andere Principien gesttzter Lumpenschneidemaschinen gegeben, die mit
  wenigen Ausnahmen auf den Grundgedanken zurckzufhren sind, Messer
  durch drehende Bewegung wirken zu lassen. Alle diese Schneidemaschinen
  lassen sich auf folgende =vier= Arten von =Maschinen= zurckfhren: 1)
  auf Maschinen mit mehreren auf der Peripherie eines Cylinders
  befestigten Klingen, welche bei dessen Umdrehung an einem unbeweglichen
  horizontalen Messer vorberstreifen (z. B. die Lumpenschneidemaschine
  des Englnders =Davey=); 2) auf Maschinen mit einem Messer, auch zwei
  oder mehreren Messern, auf der Flche eines Rades ungefhr in radialer
  Stellung angebracht, bei Umdrehung des Rades an einem festliegenden
  Messer vorbergehend wie die Maschine von =Bennet=; 3) auf Maschinen
  mit einer Anzahl kreisfrmiger, am Rande ringsum scharfschneidiger
  Stahlblechscheiben an einer Welle, wie der bekannte Lumpenschneider von
  =Uffenheimer= in Wien; 4) auf Maschinen mit paarweise scheerenartigen
  zusammenwirkenden Schneidscheiben auf zwei Wellen, einem
  Eisenschneidewerk nicht unhnlich. Hierher gehrt die Schneidemaschine
  von =Breton= und die von =Cox=. Nachdem die Lumpen zerschnitten worden
  sind, werden sie =gereinigt=, d. h. vom Staube und anderen anhngenden
  Unreinigkeiten befreit. In den englischen Papierfabriken beginnt man
  die Operation des Reinigens durch Auflockern der Lumpen in einem
  =Willow= oder =Zauseler=, wobei sie einen grossen Theil des Sandes
  abgeben, der durch ein unter dem Willow angebrachtes Gitter fllt.
  Hierauf wird der Staub durch Sieben mglichst entfernt und der Rest der
  Unreinigkeiten durch Kochen und Waschen beseitigt. Die einfachste Art
  der =Siebmaschinen= besteht aus einem sechs- bis achteckigen Gestelle
  in Form einer Trommel, die mit Drahtgewebe berkleidet ist; die Lumpen
  werden durch eine seitwrts angebrachte Thr eingefllt und durch
  Umdrehung der Trommel darin herumgeworfen, wobei der Staub und
  hnliche Unreinigkeiten abgesondert werden. Die =nasse= Reinigung, die
  auf die trockne folgt, geschieht entweder mittelst Wasser oder mittelst
  Lauge, oder durch Lauge und Wasserdmpfe. Alkalische Laugen verdienen
  den Vorzug vor dem reinen Wasser, weil sie nicht nur in Folge
  schnelleren und besseren Reinigens die nachherige Arbeit des Bleichens
  bedeutend erleichtern, sondern auch die Fasern dergestalt erweichen,
  dass sie dann auf dem Hollnder leichter und feiner in Halb- und
  Ganzstoff bergefhrt werden knnen. Vor der Behandlung der Lumpen mit
  Lauge werden dieselben mit reinem Wasser gewaschen, ebenso nach der
  Anwendung der Lauge.

  In frherer Zeit wendete man zum Kochen der Lumpen einen eisernen,
  direct geheizten Kessel an, der gegen 500 Kilogr. Lumpen fassen konnte.
  Die gesteigerten Ansprche aber, welche an die Papierfabrikation
  gestellt wurden, haben zur Erzielung grsserer Reinheit und Weisse bei
  mglichster Schonung der Faser ein anderes Verfahren nothwendig
  gemacht, da in den feststehenden Kesseln die Lumpen gewhnlich nicht
  gleichmssig durchkocht erscheinen und namentlich der bei der Bereitung
  der Lauge in Anwendung kommende Kalk hchst mangelhaft vertheilt war.
  Diese Uebelstnde sind durch die Anwendung des =rotirenden Kessels=
  beseitigt, der von England aus in die Papierfabrikation eingefhrt
  wurde. Ein rotirender Kessel, auf welchem im Jahre 1859 =H. Vlter= ein
  Patent nahm, besteht aus einem horizontal gestellten Dampfcylinder, in
  welchem ein drehbarer durchlcherter Cylinder angebracht ist. Letzterer
  enthlt die Lumpen und wird, nachdem die nthige Lauge dazu gelassen,
  mittelst angemessener Rhrenleitungen und Hhne aus einem Dampfkessel
  mit Dampf versehen. Der innere Cylinder wird in Drehung versetzt,
  dadurch sind die Lumpen in bestndiger Bewegung (die durch im Innern
  des Cylinders angebrachte Stangen noch begnstigt wird) und daher der
  Einwirkung des Dampfes gleichmssig ausgesetzt. Nach vollendeter
  Operation wird die Flssigkeit abgelassen, das eine Ende des Kessels
  entfernt und der durchlcherte Cylinder herausgezogen; die ausgelaugten
  Lumpen werden in darunter gestellte Kannen geschttet und der
  Waschmaschine bergeben. Um Sand und Schmutztheile abzusplen, was vor
  dem Eintragen der Lumpen in die Halbstoffhollnder geschehen muss, ist,
  namentlich bei grberen Lumpensorten das Kochen mit Lauge nicht immer
  gengend, da ein grosser Theil der Schmutztheile in einem leicht
  ablsbaren Zustande zwischen den einzelnen Lppchen gelagert bleibt,
  whrend die Sandkrner durch das dichte Uebereinanderliegen der Hadern
  zu Boden zu sinken verhindert sind. Man bearbeitet deshalb die
  gekochten Lumpen 10-12 Minuten in einem von =Silbermann= construirten
  Waschhollnder, hnlich dem, der zum Auswaschen des Halbstoffes nach
  der Bleiche Anwendung findet. Die in solcher Weise behandelten Hadern
  bedrfen einer weit krzeren Zeit in dem Halbstoff-Hollnder und nutzen
  die Messer der Walze nicht so bald ab.

[Sidenote: Die weitere Zertheilung der gereinigten Lumpen zu Halbstoff
und dann zu Ganzstoff.]

Die Maschinerie, deren man sich zur Zertheilung der zerschnittenen und
gereinigten Lumpen in feine Fserchen bedient, heisst im Allgemeinen das
=Geschirr= oder die =Papiermhle=, und bearbeitet (zermalmt oder
zerstampft) das Material in Vermengung mit Wasser, so dass sie es
unmittelbar in Form eines Breies (=Stoff=, =Zeug=) liefert, welcher nur
noch einer Verdnnung mit mehr Wasser bedarf, um auf Papier verarbeitet
zu werden. Die Zerfaserung zerfllt in zwei Stadien, indem man nmlich
zuerst =Halbstoff= und aus diesem dann =Ganzstoff= herstellt.

Die Maschinen, die man zur Zerkleinerung der Lumpen anwendet, sind:

    1) das =deutsche= oder =Stampfgeschirr= (Hammerstock, Hammergeschirr);

    2) die =hollndische Stoffmhle= (hollnder Walzenmhle), von welcher
       man

      [Greek: a]) den =Halbstoff-Hollnder= und

      [Greek: b]) den =Ganzstoff-Hollnder= unterscheidet.

  Ehedem pflegte man die Lumpen durch das sogenannte =Faulen=, =Rotten=
  oder =Maceriren= zu erweichen und dadurch zu dem nachfolgenden
  Zermalmen vorzubereiten. Die zur Maceration bestimmten Lumpen werden
  mit Wasser in steinernen Trgen eingestampft und zugedeckt sich selbst
  berlassen. Nach 2-3 Tagen beginnt die Masse sich zu erhitzen und es
  entwickelt sich ein bler, ammoniakalischer Geruch. Die Erwrmung nimmt
  dergestalt zu, dass man die Hand nicht in der Masse verweilen lassen
  kann, auch wird der Geruch strker. Nach Verlauf von noch 2 bis 3
  Tagen, nachdem sich auf der Oberflche ein schleimiger Krper
  abgeschieden hat, der stellenweise bereits in Schimmel berzugehen
  beginnt, sind die Lumpen hinlnglich macerirt und knnen nun mit
  Leichtigkeit zerkleinert und in Papierstoff verwandelt werden.
  Ueberschreitet man diesen Zeitpunkt, so gehen die Lumpen zum Theil in
  eine braune humusartige Masse ber und der unzersetzte Rest ist nur
  noch zu ordinrem Papier brauchbar. In Folge des grossen
  Materialverlustes hat man das Faulen (der Wasserrste der
  Flachsbereitung zu vergleichen) lngst schon durch das Kochen der
  Lumpen mit Lauge ersetzt, da noch dazu das Papier aus ungefaulten
  Lumpen den Vorzug grsserer Festigkeit besitzt.

[Sidenote: Stampfgeschirr.]

  Das =deutsche= oder =Stampfgeschirr=, das gegenwrtig nur noch selten
  und in kleinen Fabriken Anwendung findet, besteht im Wesentlichen aus
  den Stampfen oder Hmmern, und dem Grubenstock oder Lcherbaum.
  Letzterer ist ein starker eichener Balken, in welchem gewhnlich 6-8
  Stampflcher ausgemeisselt sind, die von oben nach unten sich verjngen
  und deren Boden aus einer gusseisernen Platte besteht. Seitlich am
  Boden befindet sich eine Oeffnung mit einem feinen Haarsiebe (=Kas=
  genannt) bedeckt, durch welche das Wasser, das jedem Loche durch eine
  Rinne zugefhrt wird, wieder abfliesst. Die Hmmer sind 1-1/3 Meter
  hohe eichene Balkenstcke, und mit ihren Stielen in den
  =Hinterstndern= befestigt. Sie werden an ihrem Kopfe mittelst einer
  Daumenwelle in einer Minute 72-80mal 15-18 Centimeter hoch gehoben.
  Zwei Latten, die =Vorderstnder=, machen, dass die Hmmer stets
  senkrecht sich heben und fallen, sie dienen ferner dazu, die Hmmer
  hoch aufgehoben zu halten, wenn das Stampfloch ausgeleert werden soll.
  In jedem Loche arbeiten drei bis fnf (meist vier) Hmmer. Die Lumpen
  werden in dem Stampfgeschirr mit so viel Wasser gemengt bearbeitet,
  dass das Ganze einen dicken Brei bildet. Die continuirliche langsame
  Kreisbewegung der Masse in den Lchern bewirkt, dass alle Theile
  derselben nach und nach die Wirkung der Stampfen erfahren. Nach der
  Beschaffenheit der Lumpen bleiben sie 12, 20 und mehr Stunden im
  Geschirr.

[Illustration: Fig. 201.]

[Illustration: Fig. 202.]

[Sidenote: Hollnder.]

Die =hollndische Stoffmhle= oder der =Hollnder=, der gegenwrtig fast
durchgngig an die Stelle des Stampfgeschirres getreten ist -- welches
zwar einen festeren Stoff liefert, aber in Schnelligkeit der Arbeit nicht
concurriren kann, ist beistehend abgebildet. Fig. 201 zeigt einen
=Halbstoffhollnder= im Grundrisse, Fig. 202 im verticalen Durchschnitt
nach der Linie _A B_. Die Hauptbestandtheile eines Hollnders berhaupt
sind 1) eine mit Messern besetzte, schnell um ihre Axe laufende =Walze=,
2) das unter dieser angebrachte, aus hnlichen Schienen oder Messern
gebildete =Grundwerk=, 3) der =Kasten= (Trog), in welchem das Grundwerk
sich befindet und die Walze sich dreht, 4) die =Haube= oder der
=Verschlag=, welcher ber den Trog geht und ein Herausschleudern der
Masse verhindern soll. Der Kasten _C C_ ist ein lnglich viereckiger Trog
aus Holz, Stein oder Gusseisen, der durch vier eingesetzte ausgeschweifte
Eckstcke im Innern oval gestaltet ist. Der hohle ovale Raum des
Hollnderkastens wird durch eine Wand _x x_, die gleiche Hhe mit den
usseren Wnden hat, jedoch nur den mittleren Theil der Lnge einnimmt,
in zwei Abtheilungen, die =Arbeitsseite= (wo das Zermalmen der Lumpen vor
sich geht) und die =Laufseite= geschieden, die aber an den schmalen
Seiten des Kastens mit einander in Verbindung stehen. Die Arbeitsseite,
in der die Walze und das Grundwerk sich befinden, ist etwas breiter als
die andere Abtheilung, daher steht die Papiermasse an der leeren Seite
stets hher als an der Walzenseite und daher dieser auch mit einer
gewissen, durch die Unterschiede im Niveau bedingten Geschwindigkeit
zustrmt. Unter der Walze ist auf dem Boden des Hollnderkastens ein
massiver eichener Holzblock _t_, der =Kropf=, der mit seinem oberen
concaven Theile fast den vierten Theil des Umkreises der Walze
concentrisch umfasst und zu beiden Seiten in einer geneigten Flche
abfllt, die in der Figur mit _y_ bezeichnete ist sanft abgedacht, _z_
dagegen ist sehr steil. Ausserhalb zwischen den Stndern _h i_, _h i_
befinden sich zwei starke Bohlen _l m_, _l m_, in welchen die Metallager
_n n_ fr die eiserne Welle _o o_ angebracht sind. Auf der eisernen Welle
befindet sich die =Walze= _Q_, die massiv aus Eichenholz gefertigt ist.
Auf dem Umkreise der Walze ist eine Anzahl =Schienen= (Messer)
eingelassen, die mit der Walzenaxe parallel stehen und deren Kanten 3-5
Centimeter ber die cylindrische Oberflche des Holzkrpers vorstehen.
Die Schienen sind entweder aus weicherem Stahl (Bessemerstahl) oder aus
versthltem Eisen, selten und nur bei Ganzstoffhollndern sind die
Schienen aus Bronze. Senkrecht unter der Walze ist in einer Vertiefung
des Kropfes das =Grundwerk= eingelassen. Das Grundwerk besteht aus einer
Vereinigung einer Anzahl auf der Kante stehender, zugeschrfter Schienen
von demselben Materiale wie die Schienen der Walze.

  Damit bei der Bewegung der Walze kein Papierstoff durch
  Centrifugalkraft herausgeschleudert werde, ist ein Theil des Kastens
  mit einem Dache, der =Haube= bedeckt. An jedem der beiden Enden der
  Haube ist durch einen Boden ein dreiseitiger Raum _u_ abgeschlossen,
  welcher an der gegen die Walze hin gekehrten Seite anstatt der Wand
  einen mit Messingdraht bespannten Rahmen (=Waschscheibe=), hat. Gegen
  diesen Rahmen wird, so lange bei der Arbeit im Hollnder das Auswaschen
  des Papierstoffes nthig ist, von der schnell umlaufenden Walze Stoff
  geschleudert; das unreine Wasser dringt dabei durch die Siebe in die
  Rume _u u_ und fliesst durch die Oeffnungen _g g_ ab. Zum Ersatze
  leitet man reines Wasser in den Hollnderkasten. Ist das Auswaschen
  beendigt, so schliesst man das Wasserzuleitungsrohr und schiebt
  (=verschlgt=) vor jede Waschscheibe ein Brett _k_ (die =blinde
  Scheibe=), damit dem Stoff fernerhin kein Wasser mehr entzogen werde.
  Die Arbeit in der Stoffmhle geschieht auf folgende Weise: Nachdem der
  Kasten mit der erforderlichen Wassermenge angefllt worden ist, werden
  die zerschnittenen Hadern hineingeschttet. Hierauf wird die Walze in
  Bewegung gesetzt, mit einer Geschwindigkeit von 100 bis 150 Umlufen in
  der Minute. Die Messer derselben schlagen mithin usserst schnell in
  die Flssigkeit und ziehen die Lumpen mit Gewalt in den Raum hinein,
  der zwischen dem Walzenumkreise und dem Grundwerke sich befindet,
  zerreissen sie, indem die Messer der Walze und die des Grundwerkes wie
  Scheerenschneiden gegen einander wirken, und werfen endlich die Lumpen
  ber die hchste Kante des Kropfes wieder aus. Von hier fliesst die
  Masse ber die steile Abdachung des Kropfes _z_ herunter, stsst dabei
  auf den Theil, der in dem zunchst liegenden Theile des Kastens sich
  befindet, und bewirkt so eine langsame Strmung, welche die Papiermasse
  stets wieder von der Seite _y_ der Walze zufhrt. Auf diese Weise wird
  der doppelte Erfolg erzielt, dass in der ununterbrochen bewegten Masse
  die Lumpen sich nicht absetzen knnen, dass ferner alle Theile
  derselben wiederholt unter die Walze gelangen. Bei Beginn der Arbeit
  wird die Walze so gestellt, dass zwischen ihr und dem Grundwerke ein
  gehriger Zwischenraum bleibt. In dieser Phase werden die Lumpen wenig
  zerkleinert, dagegen gewaschen, wo die Waschscheiben auf die im vorigen
  Abschnitte erklrte Weise wirken. Spter lsst man die Walze mehr
  herab, um mit dem Waschen schon eine Zerkleinerung zu bewirken; zuletzt
  wird endlich die Walze dem Grundwerk mglichst genhert, die
  Blindscheibe eingeschoben und der Wasserzufluss eingestellt, und das
  Zermalmen fortgesetzt, bis die Lumpen den gehrigen Feinheitsgrad
  erlangt haben.

  Die Arbeit im Halbstoff-Hollnder whrt ungefhr zwei Stunden, krzere
  Zeit fr weiche und reine Lumpen, lngere Zeit fr grbere und
  schmutzige. Der Halbstoff wird entweder sofort in den
  Ganzstoff-Hollnder abgelassen und weiter verarbeitet, oder er ist zum
  Bleichen bestimmt und wird nach einer unten zu beschreibenden Methode
  behandelt.

[Sidenote: Bleichen des Halbstoffes.]

Wenn nicht schon die Lumpen gebleicht wurden, so ist es zur Herstellung
eines schnen weissen Papieres unumgnglich nothwendig, den Halbstoff zu
=bleichen=. Das Bleichen geschieht entweder mit Chlorgas, oder mit
Chlorwasser, oder mit Chlorkalk und anderen Bleichsalzen, mit letzteren
entweder im Halbstoffhollnder oder ausserhalb desselben. Hiernach giebt
es verschiedene Bleichmethoden. Fr die Haltbarkeit und Festigkeit des
herzustellenden Papiers ist die Chlorbleiche nur dann von Nachtheil, wenn
das Chlor zu lange einwirkte, in welchem Falle die Faser mrbe wird, oder
wenn man bersehen hat, das berschssige Chlor und die daraus
entstandene Salzsure durch Auswaschen und durch Anwendung von
sogenanntem Antichlor zu entfernen.

[Illustration: Fig. 203.]

  Um mit Hlfe von =gasfrmigem Chlor= zu bleichen, leitet man das auf
  bekannte Weise dargestellte Chlorgas zuerst zur Reinigung in die
  Waschflaschen _a a_ (Fig. 203) und dann in eine hlzerne Kammer _A_, in
  welcher der feuchte Halbstoff auf fnf bis sechs bereinander
  befindlichen Etagen ausgebreitet liegt. Diese Etagen sind mit
  Oeffnungen versehen, damit das Chlorgas herabsteigen kann, wie es in
  der Zeichnung durch Pfeile angegeben worden ist. Das berschssige
  Chlorgas entweicht durch die Oeffnung _c_ in einen Behlter, in welchem
  sich ebenfalls Halbstoff befindet, um denselben zum Bleichen
  vorzubereiten. Die mit Chlor behandelte Masse wird durch eine
  Seitenffnung aus der Kammer entfernt, mit Wasser ausgewaschen, mit
  Soda, Potasche oder gefaultem Harn neutralisirt und nach Umstnden mit
  Antichlor behandelt. Auf 100 Kilogr. Halbstoff rechnet man 2,5 bis 5
  Kilogr. Kochsalz behufs der Chlorgasentwickelung. Wenn die Bleiche mit
  =Chlorkalk= geschehen soll, von welchem man auf 100 Kilogr. Halbstoff
  1-2 Kilogr. anwendet, extrahirt man den Chlorkalk mit Wasser und
  digerirt mit der wsserigen Lsung den Halbstoff. Der Chlorkalk wirkt
  energischer, wenn zugleich kleine Mengen von Schwefelsure oder
  Salzsure zugesetzt werden. Da die Anwendung einer zu grossen Menge
  Schwefelsure jedoch sehr leicht eine Schwchung der Faser herbeifhren
  knnte, so ist neuerdings die Kohlensure zur Zersetzung des
  Chlorkalkes vorgeschlagen worden. =Orioli= empfiehlt das
  =Aluminiumhypochlorit= (deren Lsung unter dem Namen =Wilson='s
  Bleichflssigkeit schon lngst bekannt ist) zum Bleichen des
  Papierstoffes; es soll lediglich durch Abgabe von ozonisirtem
  Sauerstoff bleichend wirken, indem andererseits Chloraluminium entsteht
  (Al_{2}Cl_{6}O_{3} = 3O + Al_{2}Cl_{6}). Beachtenswerther sind die
  Vorschlge von =Varrentrapp=, das =Zinkhypochlorit= (unter dem Namen
  =Varrentrapp='s Bleichsalz bekannt) als energisches Bleichmittel in der
  Papierfabrikation u. dergl. anzuwenden. Man versetzt Chlorkalk mit
  Zinkvitriol oder besser mit Chlorzink; im ersten Falle fallen Gyps und
  Zinkoxyd nieder und unterchlorige Sure bleibt in Lsung, im zweiten
  Falle mit Chlorcalcium gemengt. Beim Bleichen von Papierstoff ist
  Chlorzink stets den Mineralsuren zum Zersetzen des Chlorkalkes
  vorzuziehen, weil man nicht Gefahr luft, die Pflanzenfaser zu
  zerstren. Falls man Zinkvitriol anwendet, kann man (bei Ganzstoff) den
  Niederschlag von Gyps und Zinkoxyd der Faser beigemengt lassen.

[Sidenote: Antichlor.]

  Um das von der Bleiche im Papierstoffe zurckgebliebene Chlor und die
  durch die Einwirkung des Chlores entstandene Salzsure zu
  neutralisiren, setzt man beim darauf folgenden Waschen etwas Soda oder
  Potasche, oder besser =Antichlor= zu, da namentlich der letzte Rest von
  Chlor der organischen Substanz hartnckig anhngt und durch blosses
  Waschen kaum beseitigt werden kann. Als Antichlor hat man bisher
  hauptschlich =Natriumsulfit=, =Zinnchlorr=, =Natriumhyposulfit= und
  =Leuchtgas= vorgeschlagen. Ein Molekl Natriumsulfit (Na_{2}SO_{3} +
  7H_{2}O) entfernt 1 Molekl Chlor (Cl_{2}), indem Salzsure und
  Natriumsulfat sich bilden; man wendet das Sulfit gemengt mit
  Natriumcarbonat an, damit auch die entstandene Salzsure neutralisirt
  werde. Durch Auswaschen (mit der Waschtrommel) entfernt man darauf das
  Natriumsulfat und das Chlornatrium. Das weit billigere Calciumsulfit
  lsst sich eben so gut als Antichlor anwenden als das entsprechende
  Natriumsalz. Ein Molekl Zinnsalz (SnCl_{2} + 2H_{2}O) nimmt ebenfalls
  ein Molekl Chlor (Cl_{2}) auf, wodurch Zinnchlorid (SnCl_{4})
  entsteht. Man wendet das Zinnsalz in salzsaurer Lsung an. Nach
  vollendeter Einwirkung setzt man so viel Natriumcarbonat zu, als
  erforderlich ist, um die Salzsure zu sttigen. Ein Molekl
  Natriumhyposulfit (Na_{2}S_{2}O_{3} + 5H_{2}O) absorbirt 4 Molekle
  Chlor, indem Natriumsulfat, Salzsure und Schwefelsure entstehen. Auch
  das Kalksalz wird als Antichlor Anwendung finden knnen. Das
  Natriumhyposulfit bildet, seitdem es als Nebenprodukt der
  Sodafabrikation massenhaft und billig auftritt, ein unersetzliches
  Mittel, um dem Papierstoff den letzten Rest des Chlores zu entziehen.
  Neuerdings (1868) hat =J. Kolb= mit Erfolg das unterschwefligsaure
  Natron durch =Ammoniak= ersetzt. Was endlich die Anwendung des
  =Leuchtgases= zur Beseitigung des Chlors in der Papiermasse betrifft,
  so datirt dieselbe aus dem Jahre 1818, in welchem Jahre =Uffenheimer=
  in seiner Fabrik in Guntramsdorf in Oesterreich seinen Halbstoff durch
  Gas entchlorte. Es wre wol von Interesse, das Leuchtgas von Neuem als
  Antichlor zu verwenden. Vielleicht wren auch Benzol, Photogen,
  Petroleumther und hnliche Kohlenwasserstoffe zur Entchlorung der
  Papiermasse geeignet.

[Sidenote: Bereitung des Ganzstoffes.]

Nachdem durch Waschen und Anwendung von Antichlor alle durch die Bleiche
dem Halbstoffe mitgetheilten, dem Papier nachtheiligen Substanzen
entfernt worden sind, kommt der Stoff in den =Ganzstoffhollnder=, um in
=Ganzstoff= verwandelt zu werden. Der Ganzstoffhollnder unterscheidet
sich von dem Halbstoffhollnder dadurch, dass seine Walze, wie sein
Grundwerk eine grssere Anzahl Schienen enthlt, die Walze dem Grundwerke
mehr genhert ist, und die Walze weit schneller umluft. In gut
bereitetem Ganzstoffe mssen alle Fasern gehrig und gleichmssig
zerkleinert sein, was man daran erkennt, dass die breiartige Masse beim
Ausgiessen aus einem Gefsse kleine Klmpchen wahrnehmen lsst und mit
Wasser verdnnt als eine milchhnliche Flssigkeit erscheint.

[Sidenote: Blauen.]

Ungeachtet der sorgfltigsten chemischen Bleiche ist der Ganzstoff nie
vollkommen weiss, sondern besitzt stets noch einen schwachen gelblichen
Schein, welchen man durch das sogenannte =Blauen= mglichst zu entfernen
strebt. Zu diesem Behufe setzt man dem Ganzstoffe in dem Hollnder, kurz
bevor er vllig fein gemahlen ist, eine kleine Menge blauer Farbe:
Ultramarin, Pariserblau, Indig, Anilinblau (frher Smalte oder andere
blaue Kobaltfarben) zu, zuweilen in einem solchen Verhltniss, dass eine
schwach bluliche Nance der Papiermasse bemerklich wird. Vom Ultramarin
setzt man auf 100 Kilogr. trockene Papiermasse, je nach der Strke der
Bluung, 0,5-1,5 Kilogr. zu.

[Sidenote: Das Leimen des Ganzstoffes.]

In vielen Fllen, insbesondere bei der Bereitung des Maschinenpapieres,
wird der bereits geblute Ganzstoff im Hollnder noch geleimt. Dieses
Verfahren wird das =Leimen in der Btte= oder die =Masseleimung= genannt.
Die Leimung des Papier=stoffes= anstatt des Papier=blattes= gewhrt
mancherlei Nutzen, denn man umgeht nicht allein das Leimen als besondere
Arbeit, die mit Aufwand an Zeit und Arbeitslohn verknpft ist, sondern
man erreicht auch eine weit gleichfrmigere, durch die ganze Masse des
Papierbogens hindurch gehende Leimung, whrend das in Bogen geleimte
Papier aus drei Schichten besteht, zwei usseren, aus geleimtem Papier
bestehend, und einer inneren aus angeleimtem Papier; in dieser physischen
Beschaffenheit liegt auch der Grund, dass derartiges Papier an radirten
Stellen, wo man also die Schicht des geleimten Papiers entfernt hat,
lscht. Gewhnlicher Leim ist bei der Masseleimung nicht wol anzuwenden,
da derselbe in der Zeit, die bis zur Herstellung des vollendeten
Papierbogens verstreicht, leicht fault. Dagegen hat sich die
=vegetabilische Leimung= vollkommen bewhrt, die immer auf die Erzeugung
von =harzsaurem Aluminium= (Aluminiumpinat) hinaus kommt. Alle
Vorschriften stimmen darin berein, dass sie zunchst die Darstellung
einer =Harzseife= verlangen, welche dann im Hollnder durch Alaun oder
Aluminiumsulfat zersetzt wird. Das Strkemehl, das man gewhnlich
zusetzt, hat bei der Bereitung des vegetabilischen Leimes nur eine
untergeordnete Bedeutung und lsst sich auch ohne Nachtheil weglassen; im
Allgemeinen aber giebt es der Flssigkeit eine dicklichere Consistenz, in
deren Folge der durch die Alaunlsung entstandene Niederschlag von
Aluminiumresinat sich langsamer senkt und deshalb gleichmssiger mit der
Faser verbindet, weshalb auch bei Anwendung von Strkemehl ein geringeres
Quantum Leim gengt, als im gegentheiligen Falle.

  Geringere Grade von Festigkeit erreicht man durch Anwendung
  gewhnlicher =weisser Seife= (am besten Oelseife, von welcher man auf
  100 Kilogr. trocknen Ganzstoff 3 Kilogr. nimmt, die durch ein gleiches
  Quantum Alaun zersetzt werden), in diesem Falle ist es
  Aluminiumpalmitat und -oleat, welches die Papierfaser umgiebt, die
  Poren des Papieres ausfllt und das Eindringen von Flssigkeit
  verhindert. Mittlere Grade von Festigkeit und Steifheit erhlt man
  durch combinirte Anwendung von Harz- und Oelseife. =Wachsseife= (durch
  Kochen von weissem Wachs mit Aetznatronlauge erhalten) wird ihrer
  reinen weissen Farbe wegen gegenwrtig nur noch hier und da bei der
  Anfertigung reiner Schreibpapiere angewendet. Statt des harzsauren
  Aluminium lassen sich auch andere unlsliche harzsaure Verbindungen als
  vegetabilischer Leim verwenden, so namentlich das =harzsaure Zink=,
  welches man erhlt, wenn man die dem Hollnder zugegebene gewhnliche
  Harzseife statt mit Alaun mit Zinkvitriol oder mit Chlorzink zersetzt.


                        [Greek: a]) _Handpapier._

[Sidenote: Die Verfertigung der Papierbgen durch Schpfen.]

Die Ueberfhrung des mit Wasser zu einem dnnen Brei verdnnten
Ganzstoffes in Papierbgen geht vor sich 1) durch Ausbreitung des Stoffes
zu einer dnnen gleichfrmigen Schicht, 2) durch Entwsserung dieser
Schicht, verbunden mit Verdichtung der zurckgebliebenen festen Masse.
Die Entfernung des Wassers geschieht auf dreierlei Weise, nmlich durch
Filtration, hierauf durch Druck und zuletzt durch Verdunstung.

  Diese Verschiedenheit und Aufeinanderfolge dieser drei
  Entwsserungsarten liegt in der Natur der Sache. Der flssige Ganzstoff
  giebt gern einen Theil seines Wassergehaltes ab, wenn man letzterem
  Gelegenheit zum Ablaufen verschafft, so z. B. auf einem Siebe oder
  einer siebhnlichen Vorrichtung, auf welcher die Fasern zurckgehalten
  werden. Es ist einleuchtend, dass hierdurch nur ein Theil des Wassers
  entfernt werden kann, da die Fasern durch ihre verfilzte Beschaffenheit
  eine nicht unbetrchtliche Menge Wasser in Folge von Capillaritt
  festhalten. Wollte man den auf den Sieben zurckgebliebenen weichen
  Brei sofort dem Austrocknen durch Verdunsten berlassen, so wrde dies
  nicht nur sehr langsam gehen, sondern das ausgetrocknete Papier wrde
  locker, pors, von geringer Festigkeit und mit rauher, runzliger Flche
  zurckbleiben. Diese Uebelstnde sind zu beseitigen, wenn man den
  weichen Brei, der auf den Sieben kein Wasser mehr abgiebt, einem
  allmlig verstrkten Drucke unterwirft, dadurch zugleich auch die
  Fasern einander nhert und dabei die Oberflche ebnet. Das letzte
  Wasser, welches durch Pressen nicht beseitigt werden kann, wird durch
  Verdunstung (Trocknen) entfernt.

Die erste der Operationen, durch welche aus dem Ganzstoff das Papier
dargestellt wird, ist das =Schpfen=, wodurch der flssige Stoff auf
einer siebartigen Flche, der =Form=, zu einer dnnen Schicht,
ausgebreitet wird, wobei zugleich eine Abscheidung eines grossen Theiles
des Wassers durch Filtration stattfindet. Der Ganzstoff, so wie er den
Hollnder verlsst, fliesst entweder sofort in die =Schpfbtte=, aus
welcher die Papierbgen geschpft werden, oder er wird in einen
besonderen Kasten, den =Stoff=- oder =Zeugkasten= gebracht, in welchem er
bis zur weiteren Verarbeitung aufbewahrt wird. Die =Schpfbtte= ist ein
rundes oder lnglich vierereckiges Gefss aus Holz, welches mit
Bleiplatten ausgefttert und auf Unterlagen gestellt ist. An der einen
Seite der Btte steht der mit dem Schpfen beschftigte Arbeiter, der
=Schpfer=. Quer ber der Btte liegt ein breites Brett, die =Brcke=
oder der =Steg=, und dicht neben demselben der gegen jenen etwas geneigte
=kleine Steg=, welcher dazu dient, die Papierform schnell nach dem
grossen Stege hinzuschieben. Der grosse Steg ist mit einer senkrechten
Sttze, dem =Esel=, zum Anlehnen der Formen versehen. Der Btteninhalt
wird whrend des Schpfens erwrmt.

  Eine wesentliche Verbesserung der Schpfbtte ist die Combination
  derselben mit dem =Knotenfnger=, der die Bestimmung hat, einerseits
  alle Kntchen und Klmpchen aus dem breiartigen Ganzstoffe zu
  entfernen, andererseits die Nachfllung von frischen Ganzstoff in die
  Schpfbtte regelmssig zu verrichten. Der Knotenfnger, wie er fr die
  Fabrikation des Handpapieres Anwendung findet, besteht im Wesentlichen
  aus einem in der Schpfbtte aufrecht stehenden Siebcylinder, in
  welchem eine Flgelwelle sich dreht. Der Ganzstoff wird in dem Maasse,
  als er von dem Schpfer consumirt wird, durch eine Pumpe in den
  Siebcylinder gebracht und durch die Flgelwelle durch das Sieb in die
  Schpfbtte getrieben, wobei die Knoten im Innern des Cylinders
  zurckbleiben.

Die zum Schpfen des Ganzstoffes angewendeten =Papierformen= sind ein
Gewebe oder Geflecht aus Messingdraht, das so beschaffen sein muss, dass
es das Wasser mglichst schnell abfliessen lsst, ohne Papierstoff
hindurchzulassen. Man hat zwei Arten von Formen, nmlich

  1) die =gerippten Formen=, deren Gitter aus parallel neben einander
  liegenden Drhten besteht, welche in gewissen, durch Querleisten
  bestimmten Entfernungen mit einander durch quer durchflochtene
  Bindedrhte verbunden sind, welche letztere, indem sie hher als die
  Bodendrhte liegen, im Papier dnne Stellen bilden, die beim Durchsehen
  als helle Linien sich zu erkennen geben. Auf solchen Formen
  dargestelltes Papier heisst =geripptes Papier=, welches stets zu den
  mittleren oder geringen Papiersorten zu rechnen ist, bei dessen
  Fabrikation weniger Gltte der Oberflche, als Verminderung der
  Arbeitszeit verlangt wird;

  2) die =Velinformen= bestehen, nicht wie die gerippten Formen aus einem
  Geflechte, sondern aus einem auf dem Webstuhle gefertigten feinen
  Messingdrahtgewebe. Das mit diesen Formen geschpfte Papier, das
  =Velinpapier= erhlt eine zartgekrnte, ebene Oberflche, der durch
  Pressen und Satiniren grosse Gltte und selbst ein gewisser Grad von
  Glanz ertheilt werden kann. Beim Durchsehen erscheint es gleichfrmig
  und zeigt keine helleren und dunkleren Linien wie die gerippten
  Papiere.

  Auf den gerippten wie auf den Velinformen pflegt man das Fabrikzeichen,
  eine Firma, ein Wappen u. dergl. von Draht gebildet, anzubringen,
  wodurch diese Zeichen im Papier als strker durchscheinend sich
  darstellen (=Wasserzeichen=). Der =Deckel= der Papierform bildet den
  Rand derselben und bestimmt durch seine Grsse und Gestalt jene des auf
  der Form geschpften Papierbogens, und durch seine Hhe das Quantum von
  Ganzstoff, das auf der Form Platz finden kann. Was in der
  Papierfabrikation =Filz= genannt wird, ist nicht, wie etwa der Hutfilz,
  wirklicher Filz, sondern ein grobes, lockeres, gekpertes Gewebe aus
  Wolle, das nur schwach gewalkt und weder gerauhet noch geschoren ist.

  Die Arbeit an der Schpfbtte geschieht von zwei Arbeitern, nmlich dem
  =Schpfer=, welcher mit den Formen das Papier aus der Btte nimmt, und
  dem =Kautscher=, welcher die so entstandenen Papierbogen ab und
  zwischen die Filze einlegt, eine Arbeit, welche das =Kautschen= genannt
  wird. Nachdem die Btte mit Ganzstoff angefllt worden ist, rhrt man
  den Btteninhalt mit der =Schpfkrcke= von Zeit zu Zeit durch. Der
  Schpfer fasst eine mit dem Deckel versehene Form an der Mitte der
  schmalen Seite mit beiden Hnden, taucht sie schrg in den breiartigen
  Btteninhalt, stellt sie darin horizontal, nimmt sie wieder heraus,
  schttelt sie einige Mal hin und her, um das Ablaufen des Wassers zu
  befrdern und den berflssigen Ganzstoff abzuwerfen, und schiebt sie
  endlich auf den kleinen Steg. Hierauf nimmt der Schpfer eine zweite
  Papierform, die auf dem grossen Stege bereit liegt, und schpft einen
  zweiten Bogen. Mittlerweile legt der Kautscher den Bogen von der
  ersten, ihm zugeschobenen Form auf die Filze. Zu dem Ende lehnt er
  einige Sekunden lang die Form schrg an den Esel, damit das Wasser
  mglichst ablaufe, legt sie hierauf umgekehrt auf den Filz, drckt ein
  wenig darauf und hebt sie wieder auf, wobei der Papierbogen auf dem
  Filze liegen bleibt. Die leere Form wird dem Schpfer zurckgegeben.
  Der Kautscher bedeckt den ersten Papierbogen mit einem Filze, auf
  welchen er den zweiten Bogen bringt u. s. f. Der Schpfer kann in einem
  Tage gegen 5000 Bogen fertigen.

[Sidenote: Das Pressen der Papierbgen.]

Sobald durch die Arbeit des Schpfens und Kautschens ein Stoss von einer
gewissen Hhe, ein =Pauscht=, entstanden ist, so wird ber den obersten
Papierbogen noch ein Filz, darber ein Brett gelegt und der ganze Stoss
unter die Presse gebracht. Die Anzahl Bogen in einem Pauscht betrgt
meist 181 (man nimmt an, dass drei Pauscht 181  3 = 543 Bogen 20 Buch =
480 Bogen geleimten und 500 Bogen nicht geleimten Papieres liefern). Das
Pressen trgt wesentlich mit dazu bei, die Festigkeit und Gltte des
Papieres zu erhhen. Wollte man den Papierbogen nach dem Schpfen nur
trocknen, so wrde das Papier eine lockere und schwammige Beschaffenheit
erhalten und im hohen Grade wassereinsaugend sein. Man sucht daher mit
der Entfernung des Wassers eine Verdichtung der Papiermasse durch Pressen
zu bewirken.

[Sidenote: Das Trocknen des Papiers.]

Durch das Auspressen kann das Papier selbstverstndlich nicht von allem
Wasser befreit werden; man muss es daher nach dem Auspressen =trocknen=,
welches in der Weise geschieht, dass man die Papierbgen in gehrig
gelfteten Rumen (entweder Trockenbden oder besonderen Trockenhusern)
auf Schnren aufhngt. Um an Raum zu sparen, hngt man meist zwei bis
fnf Bogen bereinander.

  Eine gebte Arbeiterin kann in einer Stunde 800-900 Lagen von je 2-5
  Bogen, demnach 1600-4500 Bogen aufhngen und nach dem Trocknen dieselbe
  Anzahl Bogen von den Schnren abnehmen.

[Sidenote: Das Leimen der Papierbgen.]

  Die getrockneten Papierbgen sind, sofern sie nicht bereits in der
  =Btte= geleimt wurden, wassereinsaugend, weich und von geringer
  Haltbarkeit. In diesem Zustande heisst das Papier =ungeleimtes Papier=
  und eignet sich nur zur Anwendung als Lsch- oder Fliesspapier,
  Filtrirpapier, Pack- oder Druckpapier. Behufs seiner Benutzung als
  Schreib- und Zeichenpapier ist es dagegen nothwendig, dass das Papier
  geleimt werde. Durch das Leimen sollen die Poren des Papieres mit einer
  Substanz ausgefllt werden, welche der Feuchtigkeit widersteht und die
  Capillaritt des Papieres aufhebt, will man also die Fasern, aus denen
  das Papier besteht, zusammenkleben, sie in eine festere Verbindung mit
  einander bringen und dem Papierbogen dadurch grssere Steifheit,
  Festigkeit und Hrte geben. Der gewhnliche Leim kann diese Bedingungen
  nicht erfllen, weil er im getrockneten Zustande beim Zusammenbringen
  mit Wasser wieder erweicht. Dieser Uebelstand wird aber beseitigt, wenn
  man dem Leim ein lsliches Aluminiumsalz, wie Alaun, Aluminiumsulfat,
  Chloraluminium zusetzt. Dadurch wird der Leim vor dem schnellen
  Verderben bewahrt und in einer Weise verndert (ungefhr so wie die
  Thierhaut durch Thonerdesalz in der Alaun- und Weissgerberei), dass er
  einmal im Papiere eingetrocknet, vom Wasser nicht wieder aufgeweicht
  und klebrig gemacht wird. Der Papierfabrikant bereitet sich seinen Leim
  selbst aus Hammelfssen und den Abfllen der Gerbereien, indem er diese
  Materialien mit Wasser sieden lsst, bis alles Lsliche ausgezogen ist,
  das so erhaltene Leimwasser filtrirt und dann mit Alaun versetzt. Die
  Leimung erfolgt, indem der Leimer 80 bis 100 Bogen in die Hnde nimmt
  und in der Leimbtte so bewegt, dass jeder Bogen in zweiter Wendung mit
  Leimlsung getrnkt ist. Ein guter Arbeiter leimt in 12 Stunden
  40-50,000 Bogen. Die Trocknung des Papieres nach der Leimung darf weder
  zu schnell noch zu langsam und muss in luftigen Rumen stattfinden.

[Sidenote: Das Ausrsten (Appretur) des Papiers.]

  Nachdem das geleimte Papier gepresst und getrocknet worden ist, bedarf
  es noch einer Ausrstung, um als fertige Waare zu gelten. Es ist
  nmlich noch nicht eben und glatt genug und enthlt verschiedenartige
  anhngende und theilweise selbst festsitzende Unreinigkeiten. Auch ist
  es nthig, dass es abgezhlt und zusammengelegt werde. Die erste der
  Ausrstungsarbeiten besteht in dem =Auslesen= oder =Putzen=, welches
  die Entfernung aller fremdartigen Krper zum Zwecke hat. Mit dieser
  Arbeit ist zugleich ein Auslesen der beschdigten Bogen verknpft. In
  Folge der Einfhrung der Knotenfnger in die Papierfabrikation ist das
  Auslesen gegenwrtig sehr erleichtert, ja in einzelnen Fllen selbst
  berflssig geworden. Das ausgelesene Papier wird =gezhlt= und
  =zusammengelegt= und geschieht bei gehriger Uebung so schnell, dass
  ein Arbeiter stndlich 8-15,000 Bogen zu zhlen im Stande ist. Man legt
  das Papier in ganzen oder halben Buchen zusammen, 24 Bogen geleimtes
  und 25 Bogen nichtgeleimtes Papier machen ein =Buch=, 20 Buch ein
  =Ries=, 10 Ries einen =Ballen=. Das oberste und das unterste Buch eines
  jeden Ries besteht in der Regel aus Ausschussbogen. Eine mglichst
  ebene und glatte Oberflche des Papieres wird durch mehrmaliges und
  anhaltendes =Pressen= (das sogenannte =Trockenpressen=) erzielt, wobei
  jedesmal die Bogen in anderer Richtung aufeinandergelegt werden. Dieses
  Umlegen der Bogen heisst das =Auswechseln= oder =Austauschen=. Die
  meisten Papiersorten erlangen durch das Pressen ihre Vollendung, nur
  die feinsten Papiere (z. B. Briefpapier) werden noch durch das
  =Satiniren= geglttet. Man satinirt entweder in der Presse oder
  mittelst eines Walzwerkes (=Satinirmaschinen=).

[Sidenote: Die hauptschlichsten Papiersorten.]

  Die Papiersorten des Handels zerfallen in drei Hauptgattungen, nmlich:

  A. =Schreib=- und =Zeichenpapiere=, von denen die =Schreibpapiere=
  wieder zerfallen in die geringste Sorte, das =Conceptpapier=, das
  mittelfeine =Kanzleipapier= und die feinsten Sorten, als =Post=- oder
  =Briefpapier=, und das =Velinschreib=- oder =Briefpapier=.

  B. =Druckpapier=, von welchen man wieder unterscheidet eigentliches
  =Druckpapier= fr Buchdrucker in seinen verschiedenen Arten, als
  Conceptdruck, Kanzleidruck, Postdruck und Velindruck,
  =Notendruckpapier= und =Kupferdruckpapier= und =Seidenpapier=, welches
  letztere zum Einwickeln von Gold- und Silberwaaren, zum Einlegen
  zwischen Kupferstiche etc. dient.

  C. =Lsch=- und =Packpapier=. Das =Lsch=- oder =Fliesspapier= ist
  stets ungeleimt und erscheint in seiner feinsten Sorte als
  =Filtrirpapier=; das =Packpapier= ist gewhnlich halb geleimt und
  erscheint bald als gelbes Strohpapier, blaues Zucker- und Nadelpapier
  u. s. w.


                     [Greek: b]) _Maschinenpapier._

[Sidenote: B. Die Fabrikation des Maschinenpapiers.]

Die Herstellung des Papiers durch Schpfen des mit Wasser gemischten
Ganzstoffes mit Hlfe von Formen scheint eine so einfache Arbeit zu sein
und nimmt zugleich so viel Zeit in Anspruch, dass der Gedanke ein sehr
naheliegender ist, die Arbeit anstatt durch Menschenhnde auf
mechanischem Wege ausfhren zu lassen. Bei den Bestrebungen, die auf eine
Einfhrung der =Maschine zur Verfertigung der Papierbogen= gerichtet
waren, hat man zweierlei Wege eingeschlagen, auf dem einen suchte man
Bogen von der gewhnlichen Grsse nach einem Verfahren herzustellen, dem
immer noch die alte Fabrikationsmethode zu Grunde lag, auf dem anderen
Wege und nur dieser letztere hat zum Ziele gefhrt, bildete man sehr
lange Papierbltter (=endloses Papier=) von einer in gewissen Grenzen
vernderlichen Breite, welche erst spter als fertiges Papier in einzelne
Bogen zerschnitten wurden. Unter den vorgeschlagenen Maschinen haben sich
die =Formen mit gerader Form= oder die sogenannten Schttelmaschinen am
meisten bewhrt, namentlich sind sie zur Fabrikation feiner Papiere die
allein tauglichen.

  Um ein fortlaufendes Papierband von unbestimmter Lnge und einer
  bestimmten Breite zu erzeugen, hat die Maschine den von der Stoffmhle
  kommenden Ganzstoff nach einander

  1) auf die passende Consistenz durch Verdnnen mit Wasser zu bringen;

  2) den Ganzstoff durch die Knotenmaschine von Knoten zu befreien;

  3) mit dem von Knoten befreiten, breiartigen Ganzstoff mittelst des
  Regulators den Stoff- oder Zeugbehlter regelmssig so zu speisen, wie es
  zur geordneten Ablieferung des Stoffes auf die Form und zur Erzeugung
  eines mglichst gleichdicken Papierblattes erforderlich ist; der
  Ganzstoff wird in einen gleichmssigen Strahl von der Breite des
  herzustellenden Papieres ausgebreitet;

  4) der so zustrmende Ganzstoff wird in ein scharfgerandetes Blatt
  geformt;

  5) das so entstandene Papierblatt von dem grssten Theile des Wassers zu
  befreien und zwar durch Abtropfenlassen, durch luftverdnnten Raum und
  durch Pressen;

  6) den zurckgebliebenen Rest des Wassers durch Wrme zu entfernen, indem
  man das Papier um grosse mit Dampf geheizte Cylinder fhrt;

  7) das fertige Papier mittelst einer Papierschneidemaschine in Bogen von
  den blichen Formatgrssen zu zerschneiden.

  Nachdem der Ganzstoff auf den erforderlichen Grad der Feinheit gebracht
  worden ist, wird er durch =Rhrvorrichtungen= mit Wasser =verdnnt= bis
  zur gehrigen Consistenz. So fliesst der Stoff zunchst dem
  =Knotenfnger= zu. Dieser Apparat bestand ursprnglich aus einem unten
  geschlossenen Cylinder von Messingblech, dessen Umfang mit sehr feinen
  Lchern durchbohrt war und in welchem eine Rhrvorrichtung mit grosser
  Schnelligkeit sich drehte. Im Laufe der Zeit ist er wesentlich verndert
  worden. Eine der besten Knotenfangmaschinen ist die von =Mannhardt= und
  =Steiner= in Mnchen, durch welche das Zurckhalten der Knoten und des
  Sandes weit vollstndiger als durch viele andere Vorrichtungen erreicht
  wird. Nachdem der Ganzstoff durch die Knotenmaschine von allen
  Unreinigkeiten befreit worden ist, kommt er auf die Papiermaschine. Damit
  das Ganzstoffreservoir fortwhrend mit frischen Portionen von Stoff so
  regelmssig gespeist wird, wie es zur geordneten Ablieferung des Stoffes
  auf die Papierform und zur Erzeugung eines mglichst gleichdicken
  Papierblattes erforderlich ist, benutzt man den =Regulator=, welcher eine
  sehr wesentliche Vorrichtung an den Papiermaschinen aller Art ist.

  Die =Papiermaschine= ist in den beiden Zeichnungen Fig. 204 und 205 im
  senkrechten Durchschnitt dargestellt. Die Zeichnung ist ihrer Lnge wegen
  in zwei Theile getrennt worden. Fig. 205 ist demnach als die Fortsetzung
  von Fig. 204 zu betrachten. Der Bewegungsmechanismus ist weggelassen.

  Nachdem der Ganzstoff durch die Knotenmaschine _a_ gegangen ist, fliesst
  er in den schmalen Trog _a'_ und wird mittelst des Regulators der =Form=
  der Papiermaschine bergeben. Die Form _a'' a''_ ist ein endloses
  Metalldrahtsieb von der Art wie die gewhnlicher Velinformen, dessen
  oberer Theil in seiner ganzen Breitenausdehnung von einer Anzahl hohler
  Kupferwalzen untersttzt und dadurch vollkommen horizontal erhalten wird.
  Die gerade Flche des Siebes hat eine Lnge von 3-4 Meter und eine Breite
  von 1-1,6 Meter. Der untere Theil der Form _a''_ ist durch einige Walzen
  in einem stumpfwinkeligen Zickzack ausgespannt. Die zunchst dem
  Regulator _a'_ liegenden Walzen liegen sehr nahe nebeneinander, weiterhin
  sind sie entfernter. Die Form hat eine doppelte Bewegung, nmlich einmal
  die fortschreitende in der Lngenrichtung, wodurch das entstandene
  Papierblatt weiter gefhrt wird und ununterbrochen neue leere Theile des
  Metalldrahttuches dem darauffliessenden Ganzstoff dargeboten werden, weil
  die Form fortwhrend circulirt; das andere Mal erhlt die Papierform eine
  schttelnde Bewegung in der Richtung nach ihrer Breite, um das Abfliessen
  des Wassers aus dem auf der Form ausgebreiteten Stoff und auch die
  gleichfrmige Vertheilung der Masse selbst zu befrdern (daher ja auch
  die Bezeichnung =Schttelmaschine=). Um nach Belieben minder breites
  Papier herstellen zu knnen, als der Breite der Papierform entspricht,
  befinden sich oben auf der Form zwei parallele Leisten, mit deren Hlfe
  ein Raum gebildet werden kann, der die Breite des zu fabricirenden
  Papieres hat. Zur Regulirung der Dicke der Papierschicht liegen an der
  Stelle oder nahe derselben, wo der Ganzstoff auf die Papierform tritt,
  quer ber dieselbe zwei Messinglineale, deren untere Kanten in einem
  geringen Abstande von der Flche der Form sich befinden. An beiden
  Seiten der Form befinden sich Lederriemen _m m_, damit die Rnder des
  Papierblattes glatt und gerade ausfallen. Diese Riemen nehmen alle
  Unregelmssigkeiten des Randes mit fort. In dem Gefsse _n_ werden sie
  mit Wasser gewaschen und dadurch von aller anhngenden Papiermasse
  befreit.

[Illustration: Fig. 204.]

[Illustration: Fig. 205.]

  Der aus dem Reservoir _c_ auf die Papierform fliessende Brei bildet
  sofort eine lockere Schicht, indem die Fasern auf dem Drahtgewebe sich
  absetzen, und das berschssige Wasser durch das Gewebe in den darunter
  befindlichen Kasten _c_ abgeben. Bei _t_, wo der Riemen zum Zwecke der
  Rckwrtsbewegung aufsteigt, lftet oder lst er zugleich ein wenig das
  Papierblatt von der Form. Obgleich das sich fortbewegende Papierblatt
  einen grossen Theil seines Wassers abgegeben hat, ist es doch bei weitem
  noch nicht fest genug, um sich von der Form frei nach der Presswalze
  bewegen zu knnen. Man kommt daher der Entwsserung durch =Anwendung des
  Luftdruckes= zu Hlfe, indem man unter der Papierform, kurz bevor das
  Papierblatt dieselbe verlsst, einen luftverdnnten Raum erzeugt.
  Anfnglich suchte man sich denselben durch Ventilatoren zu verschaffen,
  spter erreichte man den Zweck vollstndiger durch eine Luftpumpe oder
  einen =Saugapparat= (Glockenapparat), der vor der gewhnlichen Luftpumpe
  den Vorzug verdient. Der Saugapparat besteht aus drei glockenfrmigen
  Gefssen, die mit ihrem unteren offenen Ende in einen Wasserbehlter
  tauchen, und bei ihrer, der Reihe nach abwechselnd erfolgenden Hebung
  Luft saugen, die dann beim Niedergange durch ein sich ffnendes Ventil in
  die Atmosphre tritt. Der Apparat hat demnach Aehnlichkeit mit einem
  =Baader='schen Kasten- oder Glockengeblse, mit dem Unterschiede jedoch,
  dass er umgekehrt wirkt. Der Kasten _d d_, ber welchen das noch
  schwammige Papierblatt mit seiner ganzen Breite passirt und dessen
  Inneres mit dem Saugapparate in Verbindung steht, ist oben offen, sonst
  luftdicht gearbeitet, 50-60 Centim. breit und von einer Lnge gleich der
  Breite der Papierform; seine oberen Kanten sind mit Leder belegt, damit
  das Drahtgewebe sich luftdicht auflegen kann. Nachdem das Papierblatt den
  Kasten passirt ist, wird es noch an der Stelle, wo das Blatt die Form
  verlsst, um unter die Presswalzen einzutreten, durch einen Cylinder aus
  Drahtgewebe _e'_ weiter verdichtet und ausgepresst, welchem ein
  darunterliegender Cylinder entspricht. Diese Siebwalzen, =Egoutteurs=
  oder =Dandyrollers= genannt, haben jedoch gegenwrtig weniger den Zweck,
  das Papier zu entwssern, als vielmehr ihm das Ansehen des geschpften
  und gerippten Papieres zu geben und Wasserzeichen darin anzubringen. Eine
  an dem Egoutteur befestigte Schabeklinge dient zu seiner Reinhaltung. Das
  Papierblatt ist nun so weit entwssert und verdichtet, dass es ohne Form,
  die nun leer zurckgeht, seinen Weg verfolgen kann. Es geht zunchst frei
  von der Form ber ein endloses Filztuch nach der =Nasspresse= _h h_ aus
  zwei eisernen Walzen bestehend, welche durch eine Pressschraube oder
  angehngte Gewichte auf einander gepresst werden. Die eine der eisernen
  Walzen wirkt unmittelbar auf das Papier und giebt der ihr zugekehrten
  Seite bereits eine gewisse Gltte. Damit auch die dem endlosen Filztuche
  zugekehrte Seite die gleiche Wirkung erfhrt, passirt das Papierblatt auf
  einem Filz noch ein zweites Walzenpaar _h' h'_. Beide Walzenpaare sind
  mit Schabeklingen und Trgen des ausgepressten Wassers versehen. Die
  Entwsserung durch Auspressen hat hiermit ihr Ende erreicht. Es folgt zum
  Schlusse die Entfernung des letzten Restes Wasser durch Trocknen in der
  =Trockenpresse=. Diese besteht aus grossen gusseisernen Cylindern _u_,
  _v_, _w_, in deren Hhlung Wasserdampf von ungefhr 130 C. eingefhrt
  wird, um sie bis zur Siedetemperatur des Wassers zu erhitzen. Diese
  Cylinder sind mit den entsprechenden Druckwalzen _u'_ _v'_ _w'_, auch
  jedes Walzenpaar mit einem Filztuche versehen, welches letztere die
  innigste Berhrung des Papieres mit dem Trockencylinder bewirkt. Das
  Papier wird in der Trockenpresse durch die Dampfwrme getrocknet und
  auch, und zwar zuerst auf der einen Seite, dann auf der anderen,
  geglttet. Whrend des Ueberganges von der zweiten Trockenpresse zur
  dritten wird das Papier sehr schwach wieder befeuchtet, durch den beim
  Trocknen von den unteren Cylindern aufsteigenden Wasserdampf, wodurch es
  denjenigen Grad von Weichheit erhlt, welcher das gehrige Glattpressen
  sichert. Die Wirkung der Presse _w w'_ ist gleichwol nicht so
  ausgezeichnet als jene von _v v'_, die das Papierblatt in einem
  feuchteren, daher geschmeidigeren Zustande erhlt. Darin ist auch der
  Grund zu suchen, warum meist die eine zuerst geglttete Seite des
  Papieres merklich gltter ist als die andere. Das fertige Papier verlsst
  unter der Walze _y_ den Filz und geht auf den sechsstbigen Haspel _j_,
  durch dessen Umdrehung es aufgewickelt wird. Ist derselbe angefllt, wozu
  gegen 60 Drehungen gehren, so schneidet man des Papierblatt durch und
  lsst durch einen Stoss den Hebel _k_ eine halbe Kreisbewegung um seinen
  Drehungspunkt machen, bringt dadurch den zweiten Haspel _j'_ an die
  Stelle des ersten und lsst das Papier auf ihn laufen. Beim Uebergange
  von der Trockenpresse auf den Haspel wird das Papierblatt durch
  Lngenschnitte dergestalt zertheilt, dass seine Breite in mehrere Theile
  zerlegt, folglich das ganze breite Blatt in schmlere Bltter getrennt
  wird, die sich neben einander aufwickeln.

[Sidenote: Die Papierschneidemaschine.]

  Das auf der Maschine verfertigte Papier gelangt entweder in langen
  zusammengerollten Blttern in den Handel, namentlich zur Anwendung in der
  Tapetenfabrikation, zum Zeichnen u. s. w., oder man schneidet es in Bgen
  nach den verlangten Formaten. Zum Zerschneiden wendet man zuweilen ein
  grosses Messer aus freier Hand an. Hierbei ist es nthig, dass der
  Haspelumfang durch Verkrzung oder Verlngerung seiner Arme so regulirt
  werde, dass jeder Umgang eine Anzahl Bgen mit dem geringsten Abfall
  liefere. Ist ein derartiger Haspel mit Papier angefllt, so wird die
  darauf befindliche Papiermasse nach einer geraden Linie, die zu der
  Haspelaxe parallel ist, durchgeschnitten und auf einem Tische
  ausgebreitet. Hierauf legt man ein starkes Brett von der Grsse eines
  Bogens darauf, drckt dasselbe mit einer gewissen Kraft nieder und
  durchschneidet nun das Papier nach den Kanten des Brettes. Meist bedient
  man sich aber gegenwrtig zum Zerschneiden des Papieres besonderer
  =Papierschneidemaschinen=, welche man entweder mit der Papiermaschine zu
  einem Ganzen verbindet oder fr sich gebraucht. Das buch- und riesweise
  zusammengelegte Papier wird noch an den Rndern beschnitten, wozu man und
  zwar vorzugsweise in England verschiedene Maschinen,
  =Beschneidemaschinen=, in Anwendung gebracht hat.


                 [Greek: g]) _Pappe und andere Papiere._

[Sidenote: Fabrikation der Pappe.]

  Die unter dem Namen =Pappe= oder =Pappendeckel= bekannten Bltter aus
  Papiermasse knnen auf dreierlei Weise erhalten werden, nmlich: 1)
  durch Schpfen von Bogen von der Dicke der herzustellenden Pappe --
  =geschpfte= oder =geformte Pappe=; 2) durch Vereinigen von frisch
  geschpften Papierbgen durch Pressen -- =gekautschte Pappe=; 3) durch
  Aufeinanderleimen von fertigen Papierbgen -- =geleimte Pappe=.

  1) Die =geschpfte= oder =geformte Pappe= ist die geringste Sorte, die
  nur zu ordinren Papparbeiten und zum Einpacken Anwendung findet. Als
  Material verwendet man diejenigen Lumpen, die sich nicht zur
  Herstellung von Papier eignen, ferner Buchbinderspne, Abfall der
  Papierfabriken, altes Papier u. dergl. Die Lumpen werden zerschnitten
  und dann zu grobem Stoff in der Stoffmhle verarbeitet, die
  Papierabflle in Wasser aufgeweicht und dann fein zermahlen.
  Gewhnlich setzt man zu der fertigen Masse, ehe man zum Schpfen
  schreitet, Thon oder Kreide, zuweilen bis zu 25 Proc. vom Gewicht der
  Pappe. Das Schpfen geschieht mit Hlfe von groben gerippten Formen,
  die, um viel Stoff aufzunehmen, mit einem hohen Deckel versehen sind.
  Das Kautschen und Pressen zwischen den Filzen und ohne dieselben wird
  auf dieselbe Weise wie bei der Herstellung von Bogen vorgenommen. Da
  die Pappbogen nicht wie die Papierbogen beim Trocknen zusammengebogen
  werden drfen, so hngt man sie mittelst kleiner Haken, welche man
  durch eine Ecke der Pappe sticht, an Schnre oder legt sie flach ber
  dieselben. Bei gnstiger Witterung breitet man sie auch zum Trocknen
  auf Rasen aus. Die getrockneten Pappen werden gepresst und darauf durch
  ein Walzwerk gelassen. Die so erhaltene Pappe ist von geringer
  Festigkeit und usserst weich, weil die Entwsserung der dicken Bogen
  durch Abtropfen auf der Form nur sehr unvollkommen geschieht. Bei der
  Schwierigkeit, eine so grosse Menge Pappmasse regelmssig auf der Form
  auszubreiten, ist es nicht mglich, der Pappe berall gleiche Dicke und
  eine glatte Oberflche zu geben.

  2) Die =gekautschte Pappe= wird aus besseren Materialien dargestellt
  als die geschpfte Pappe. Die zum Schpfen dienenden Formen sind den in
  der Papierfabrikation angewendeten vllig gleich. Auch die Verfertigung
  der Pappe ist von der des Papieres nur dadurch verschieden, dass man
  beim Kautschen der Pappe immer erst einige in der Dicke eines starken
  Papieres geschpfte Bogen ohne Zwischenlage aufeinander legt, ehe
  wieder ein Filz darber gedeckt wird. Es giebt hinsichtlich des
  Kautschens der Pappe zwei Verfahrungsarten, nach der einen werden,
  nachdem ein Bogen auf den Filz abgelegt ist, die brigen Bogen einzeln
  nacheinander darbergekautscht, bis die erforderliche Dicke erreicht
  ist. Nach der zweiten nimmt der Kautscher die mit einem Bogen bedeckte
  Form in Empfang und behlt sie, bis der Schpfer mit der andern Form
  einen zweiten Bogen verfertigt hat; dann strzt er die erste Form um,
  legt sie auf die zweite und drckt sie an. Wird die obere Form
  aufgehoben, so bleiben beide Bogen auf den unteren liegen; mit der leer
  gewordenen Form wird ein neuer Bogen geschpft und das Verfahren
  wiederholt. Sobald auf diese Weise die erforderliche Anzahl Bogen
  aufeinander liegt, kautscht man mit einem Male auf einen Filz und legt
  darber sofort einen andern Filz. Letzteres Verfahren hat den Vortheil,
  dass durch den Druck der beiden Formen schon viel Wasser ausgepresst
  wird, ehe die Bltter zwischen die Filze kommen. Die in der Anzahl von
  6-12 zusammengekautschten Bogen werden durch das nachfolgende Pressen
  vollstndig vereinigt. Eine besonders harte und dichte Sorte
  gekautschter Pappe bilden die =Pressspne= (Glanzpappe), die beim
  Ausrsten des Tuches, in den Buchdruckereien zum Pressen und Gltten
  der bedruckten Bogen und dergl. Anwendung finden. Der Stoff dazu wird
  in der Btte geleimt. Hufig setzt man feine Sgespne von Eichenholz
  und gebrannten Kalk zu. In das Innere der Pressspne nimmt man
  Papierbgen aus grberem Stoffe.

  3) Die =geleimte Pappe= (Kartonpapier) entsteht durch Aufeinanderkleben
  von 2 bis 15 Bogen geleimten Papieres, wobei man gewhnlich sich des
  Strkekleisters bedient. Die aneinander geklebten Bogen werden gepresst
  und zuweilen auch satinirt. Manche Sorten von Pressspnen, sowie das
  sogenannte =Bristol=- oder =Isabellenpapier=, welches zur
  Miniaturmalerei mit Wasserfarben dient, gehrt hierher; letzteres wird
  aus den besten Sorten geleimten Velinpapiers erhalten. Die geringeren
  Sorten geleimter Pappe stellt man aus gewhnlichem ungeleimten
  Druckpapier dar, welchem man nur oberflchlich eine Lage von geleimtem
  Papier giebt. Die in neuerer Zeit hufig zu Relief-Ornamenten
  angewendete =Steinpappe= wird aus Ganzstoff, Leimlsung, gepulvertem
  Cment, Thon und Kreide oder Barytweiss gebildet.

  Das =Papiermach=, so wie es zu Dosen, Puppenkpfen, den
  =Fleischmann='schen Figuren (in Nrnberg), zu Zuckerformen, Zellen fr
  galvanische Batterien etc. Anwendung findet, wird auf verschiedene
  Weise erhalten. Gewhnlich bereitet man aus altem Papier durch Kochen
  mit Wasser einen Teig, den man nach Beseitigung des berschssigen
  Wassers durch Auspressen mit Leimlsung, Gummi oder Strkekleister
  versetzt und dann in gelte Formen drckt. Nach dem Trocknen werden die
  geformten Gegenstnde mit Leinl getrnkt und dann bei hherer
  Temperatur gebacken. Meist mengt man die Papiermasse mit Sand, Thon,
  Kreide oder Schwerspath. -- Eine andere Sorte von Papiermach besteht
  aus Papierbgen, die mit einem Gemenge von Leim und Kleister
  bereinander geklebt werden. Hufig wendet man hierbei Modelle oder
  Formen von Holz an, ber die ein Papierblatt nach dem andern aufgezogen
  wird. Nach scharfem Trocknen auf den Formen werden die Gegenstnde
  abgedreht, behobelt u. dergl. und dann lackirt.

[Sidenote: Papier aus farbigem Stoffe.]

Die durch die ganze Masse hindurch gefrbten Papiere werden entweder auf
die Weise dargestellt, dass man schon farbige Lumpen anwendet
(=naturfarbige= Papiere, wie das braune Packpapier) oder den aus
halbweissen Lumpen bereiteten Ganzstoff in der Btte frbt (=im Zeug
gefrbte Papiere= wie das Zucker- und Nadelpapier). Zur Fabrikation der
letzteren nimmt man auf 50 Kilogr. trockne Papiermasse folgende
Substanzen, zu

               Gelb:     { 2,5 Kilogr.   Bleiacetat,
                         { 0,45   "      Kaliumbichromat;
               Blau:     { 2,5    "      Eisenvitriol,
                         { 1,5    "      Ferrocyankalium;
               Grn:     { 3      "      Blau,
                         { 1,05   "      Gelb;
               Violett:    1,05   "      Blauholzextract;
               Rosa:       6      "      Limaholzextract;
               Chamois:  { 3      "      Doppelvitriol,
                         { 3      "      Chlorkalk u. s. w.

Gegenwrtig wendet man zum Frben der Papiermasse vielfach die
Theerfarben, zur Erzeugung von Blau fast durchweg das Ultramarin und in
Wasser lsliches Anilinblau an. In der Fabrikation der =bunten Papiere=
bereitet man Lsungen mineralischer, chemischer oder vegetabilischer
Farbstoffe nach den Regeln der Frberei (=Saftfarben=, =flssige Farben=)
oder rhrt feine erdartige Farben (=Deckfarben=, =Krperfarben=) mit
einer klebrigen Flssigkeit (Strkekleister, Lsung von arabischem Gummi,
von Dextrin oder von mit Alaun versetztem Leim) an, und trgt diese
Flssigkeiten mittelst eines Schwammes oder einer Brste auf das Papier
auf, wenn nur eine Seite gefrbt werden soll, oder zieht den Bogen ohne
Weiteres durch die Farbenbrhe. Bei gemusterten Buntpapieren verfhrt man
hnlich wie in dem Zeugdrucke und wendet auch analoge Druckmaschinen an.
Die Fabrikation des =Buntpapieres= und der =Tapeten= bildet gegenwrtig
einen wichtigen Industriezweig, deren Betrachtung uns wegen Mangel an
Raum leider versagt ist[102].

  [102] Vergl. =W. F. Exner=, Die Tapeten- und Buntpapier-Industrie.
        Weimar 1869.

[Sidenote: Das Pergamentpapier.]

Das =Pergamentpapier= besitzt in den meisten seiner Eigenschaften eine
solche Analogie mit einer thierischen Membran, dass es mit Recht
=vegetabilisches Pergament= (Phytopergament) genannt worden ist. Es
entsteht durch die Einwirkung von Schwefelsure oder einer Lsung von
Chlorzink auf ungeleimtes Papier. Wendet man Schwefelsure an, so ist die
zweckmssigste Verdnnung: 1 Kilogr. concentrirte englische Schwefelsure
und 125 Grm. Wasser. Durch diese Sure zieht man das Papier in der Weise
hindurch, dass es gleichmssig auf beiden Seiten von der Sure benetzt
wird. Die Zeitdauer der Einwirkung der Sure auf das Papier wird durch
die Beschaffenheit des letzteren bedingt. Je dicker oder je fester das
Papier ist, desto lnger muss die Sure einwirken. Bei den im Handel
vorkommenden Fliesspapiersorten ist eine Zeitdauer von 5-20 Sekunden als
Minimum und Maximum hinreichend, um die Umwandlung zu bewirken. Nachdem
die Sure lange genug eingewirkt hat, bringt man das Papier in kaltes
Wasser, dann in verdnnte Ammoniaklsung und schliesslich wieder in
Wasser, um alle Sure auszuwaschen, zuletzt trocknet man es. Beim
freiwilligen Trocknen kraust sich das Pergamentpapier, so dass es
unansehnlich aussieht. Um dieses zu verhindern, wird folgendes Verfahren
angewendet: Eine Dampfmaschine zieht das endlose Papier zuerst durch
einen Bottich mit Schwefelsure, dann durch Wasser, Ammoniak und wieder
Wasser, hierauf ber Tuchwalzen, um es von einem Theile des Wassers zu
befreien und endlich ber polirte und erhitzte Walzen, durch welche es
gepresst und geglttet wird.

  Das Pergamentpapier, regelrecht bereitet, besitzt dieselbe Farbe und
  durchscheinende Beschaffenheit wie das thierische Pergament, auch hat
  sich bei ihm der faserige Zustand in eine hornartige Beschaffenheit
  verwandelt, und ebenso hat es in Bezug auf Cohsion, Biegsamkeit,
  Hygroskopicitt u. s. w. viel Aehnlichkeit mit dem gewhnlichen
  Pergament. In Wasser getaucht, wird es weich und schlaff, ohne an
  Festigkeit zu verlieren. Es lsst Flssigkeiten nur vermge der Dialyse
  durch sich hindurch. Es wird durch Kochen mit Wasser nicht angegriffen
  und fault auch nicht. Die werthvollen Eigenschaften des
  Pergamentpapieres lassen dasselbe in mancherlei Anwendungen als
  geeignet erscheinen, so namentlich als Material fr Urkunden und
  Dokumente, Werthpapiere und berhaupt alle Schriftstcke, deren
  Erhaltung von Wichtigkeit ist. Ein anderer Vorzug des
  Pergamentpapieres im Vergleich mit dem gewhnlichen Pergamente besteht
  darin, dass ersteres weit weniger als letzteres der Zerstrung durch
  Insekten ausgesetzt ist. Das Pergamentpapier bietet ferner den Vortheil
  dar, dass man ein darauf geschriebenes Wort nur schwierig verlschen
  und durch ein anderes ersetzen kann, was eine gewisse Sicherheit gegen
  Flschung gewhrt. Die Festigkeit und Dauerhaftigkeit des
  Pergamentpapieres lsst dasselbe zu Plnen und Zeichnungen, namentlich
  zu Bauzeichnungen, die nicht selten der Nsse ausgesetzt sind, als
  besonders geeignet erscheinen. Ferner kann das Pergamentpapier zum
  Einbinden von Bchern ausgedehnte Anwendung finden. Bcher, Karten
  etc., die zum Schulgebrauche bestimmt sind, knnen zweckmssig auf
  Pergamentpapier gedruckt werden, damit sie dauerhafter sind. Anstatt
  der Thierblase eignet es sich zum Verschliessen von Glsern mit
  eingemachten Frchten, mit Extracten, Syrupen etc., zur Verbindung der
  Theile von Destillir- und anderen Apparaten, zu knstlichen
  Wurstdrmen. In der Chirurgie verwendet man es statt der Leinwand, des
  Wachstuches und der Guttapercha bei eiternden und verjauchenden
  Wundflchen.


                             Das Strkemehl.

[Sidenote: Allgemeines.]

Das Strkekorn, eine der verbreitetsten Substanzen des Pflanzenreiches,
erscheint immer in organisirter Form und besteht aus Strkesubstanz
(Strkemehl, Amylon), Wasser und kleinen Mengen mineralischer Stoffe. Das
Strkemehl nhert sich unter allen organischen Verbindungen in chemischer
und morphologischer Hinsicht am meisten der Cellulose; seine
Zusammensetzung C_{6}H_{10}O_{5} ist die nmliche. In Folge seines
lockeren Zusammenhanges lsst sich das Strkemehl durch chemische und
physikalische Agentien mit Leichtigkeit in Strkegummi (lsliche Strke,
Dextrin) und in Zucker berfhren, und wird dadurch zu einer der in
technischer Hinsicht wichtigsten Substanzen. Mit seltenen Ausnahmen kommt
das Strkemehl in Krnerform oder Kgelchen von bestimmter Gestalt und
Grsse vor. Das einzelne Strkemehlkorn ist nicht durch und durch
homogen, sondern besteht aus zahlreichen, aneinander gelagerten
Schichten, die im Allgemeinen, je weiter nach innen (nach =Ngeli=) um so
wasserhaltiger sind. Der innerste Theil des Kornes stellt sich gewhnlich
als eine lufterfllte Hhle dar, um welche herum die Schichten abgelagert
zu sein scheinen. In der Regel liegen die dickeren Stellen aller
Schichten smmtlich nach einer Richtung hin; sind die Schichten berall
gleich dick, so bleiben die Krner kugelfrmig; sind sie in der
Aequatorialzone dicker, so nimmt das Strkemehlkorn eine linsenfrmige
Gestalt an u. s. w. Bei der mikroskopischen Prfung zeigen sich die
Grenzen der Schichten als Linien, bald mehr, bald weniger deutlich
ausgeprgt, welche um die Centralhhlung herumlaufen.

  =Payen= hat die grssten Dimensionen der Strkemehlkrner bestimmt und
  dieselben in 1/1000 Millimetern angegeben. Aus seinen Untersuchungen
  heben wir folgende Beispiele hervor:

           Strkekrner aus dicken Kartoffeln         185
                "        "  gewhnlichen Kartoffeln   140
                "        "  Maranta indica            140
                "        "  Bohnen                     74
                "        "  der Sagopalme              70
                "        "  Linsen                     67
                "        "  Erbsen                     50
                "        "  Weizen                     50
                "        "  Mais                       50

  Fig. 206 zeigt (nach =Schleiden=) Krner von Kartoffelstrke, Fig. 207
  von Weizen. Die Kartoffelstrke bildet wegen der Grsse ihrer Krner
  ein etwas weniger feines Pulver als die Weizenstrke.

[Illustration: Fig. 206.]

[Illustration: Fig. 207.]

[Sidenote: Eigenschaften des Strkemehls.]

  Das gewhnliche Strkemehl enthlt im lufttrockenen Zustande noch
  ungefhr 18 Proc. Wasser. In diesem Zustande besitzt das Strkemehl,
  obgleich es pulverfrmig ist, doch noch grosse Neigung, sich zu Ballen
  zu vereinigen. An feuchter Luft aufbewahrtes Strkemehl enthlt gegen
  35,5 Proc. Wasser. In kaltem Wasser, in Alkohol und Aether, therischen
  und fetten Oelen ist Strkemehl vollkommen unlslich. Bei einer
  Temperatur von 160 geht gewhnliche Strke in Dextrin ber. Erwrmt
  man Strkemehl mit der 12-15fachen Wassermenge bis auf 55, so findet
  keine sichtbare Vernderung der Strke statt; bei einer Temperatur von
  55-58 beginnen die jngeren Strkekrner aufzuschwellen, und je hher
  die Temperatur steigt, eine desto grssere Anzahl von Krnern zeigt
  diese Wirkung; bei hherer verdickt sich die Flssigkeit (bei
  Kartoffelstrke bei 62,5, bei Weizenstrke bei 67,5 nach =Lippmann=)
  und bildet dann den =Kleister=, dessen Consistenz bis 100 noch
  zunimmt. Die Kleisterbildung geht vor sich durch das Platzen der
  Schichten und durch Wasseraufnahme der schwammigen Masse. Der Kleister
  enthlt keine Strke gelst; auf Fliesspapier oder durch Frostklte
  kann man demselben das Wasser entziehen. Das Steifungsvermgen des
  Kleisters aus den verschiedenen Strkesorten ist ein verschiedenes, so
  ist nach =J. Wiesner= (1868) des Steifungsvermgen der Maisstrke bei
  gleicher Bereitung und gleicher Menge des zum Steifen verwendeten
  Kleisters grsser als das der Weizenstrke und dieses grsser als jenes
  der Kartoffelstrke. Durch lngere Zeit fortgesetztes Kochen der Strke
  mit Wasser lst sich die Strke darin auf; 1 Th. Strke lst sich in 50
  Th. Wasser, beim Erkalten der Lsung scheidet sich ungefhr die Hlfte
  in Form von Kleister ab. Die Strke wird durch Jod eigenthmlich blau
  oder violett gefrbt. Die trockene Strke besitzt ein spec. Gewicht von
  1,53, sie setzt sich demnach leicht aus dem Wasser ab. Alkalien und
  verdnnte Suren bewirken schon in der Klte Schwellen und theilweise
  Zerstrung der Schichten der Strkemehlkrner. Durch die Einwirkung von
  siedendem Wasser, welches 2 pro Mille Oxalsure gelst enthlt, kann
  man die Strke vollstndig lsen. In der Lsung ist Dextrin enthalten.
  Ebenso lst sich Strkemehl unter Dextrinbildung, wenn man die Strke
  mit Malzauszug (sogenannter Diastase) oder verdnnten Suren
  zusammenbringt. Bei der Behandlung mit Speichel, organischen Suren und
  verschiedenen anderen Lsungsmitteln wird der Hauptbestandtheil der
  Strkekrner, von =Ngeli= mit dem Namen =Granulose= belegt, ausgezogen
  und es bleiben den Schichtungen entsprechende, aus Cellulose bestehende
  hutige Zellen zurck. Durch fortgesetzte Einwirkung von Malzauszug und
  Suren geht die Strke unter Wasseraufnahme in Strkezucker (Dextrose,
  Glycose) ber[103]. Das Strkemehl lst sich in der Klte in
  concentrirter Salpetersure; Wasser fllt aus dieser Lsung eine
  explosive Verbindung, das =Xylodin= (welches neuerdings von =Uchatius=
  als =weisses Schiesspulver= in die Technik einzufhren versucht worden
  ist). Beim Erhitzen von Strkemehl mit concentrirter Salpetersure
  findet Bildung von Oxalsure unter lebhafter Entwickelung von rothen
  Dmpfen statt. Der Strkekleister wird an der Luft nach und nach sauer
  unter Bildung von Milchsure.

  [103] Nach den Jahre lang (1860-1868) fortgesetzten Untersuchungen von
        =Musculus= findet die Bildung des Zuckers aus der Strke dadurch
        statt, dass sich letztere unter Wasseraufnahme direct in Dextrose
        und Dextrin spalte, whrend man frher annahm, dass die Strke
        sich zunchst in das isomere Dextrin umwandele und dass letztere
        dann unter Wasseraufnahme in Dextrose bergehe.

[Sidenote: Rohmaterialien der Strkemehlfabrikation.]

Nur wenige Pflanzen enthalten die Strke in solcher Menge, dass mit
Vortheil daraus das Strkemehl abgeschieden werden knnte; diese Pflanzen
sind a) die Kartoffeln (20 Proc. Strke), b) der Weizen (55-65 Proc.
Strke), c) der Reis (mit 70-73 Proc. Strkemehl), d) die Wurzel von
_Jatropha Manihot_, e) die Wurzel von _Maranta arundinacea_, f) das
Palmenmark, g) die _Canna coccinea_ (wegen des alle Monate erfolgenden
Blhens _Tous les mois_ genannt). In Deutschland stellt man das
Strkemehl nur aus Kartoffeln, Reis und Weizen dar; bei der Gewinnung aus
Weizen hat man die Strke aus einer grossen Menge Kleber auszuscheiden,
whrend bei den Kartoffeln die Strke in Zellen eingeschlossen ist, die
ausserdem nur wenig andere Stoffe enthalten.

[Sidenote: Strke aus Kartoffeln.]

=Gewinnung der Kartoffelstrke.= Die =Kartoffeln= bilden das wichtigste
Material der Strkefabrikation. Ihre mittlere Zusammensetzung ist
folgende:

                          Frische Knollen.   Bei 100 getrocknet.
               Wasser           75,1                   --
               Albumin           2,3                  9,6
               Fett              0,2                  0,8
               Cellulose         0,4                  1,7
               Salze             1,0                  4,1
               Strkemehl       21,0                 83,8
                               -----                -----
                               100,0                100,0

Sie enthlt 28 Proc. Trockensubstanz oder 23 Proc. unlsliche Substanz
und 77 Proc. Saft.

[Illustration: Fig. 208.]

[Illustration: Fig. 209.]

Die Strkekrner finden sich in den Kartoffeln in Zellen eingeschlossen,
die zerrissen werden mssen, wenn es sich um die Fabrikation der
Kartoffelstrke handelt. Fig. 208 zeigt (nach =Schleiden=) einen feinen
Querschnitt einer frischen gesunden Kartoffel unter dem Mikroskope
betrachtet. An der Aussenseite der Kartoffel befinden sich einige Lagen
flachgedrckter brunlicher Zellen, die sich zuweilen in einzelnen Lappen
_a_ ablsen. Man nennt sie die =Oberhaut= der Kartoffel; an diese
schliessen sich die =Borkenzellen= _b_ an, welche zuweilen einen
feinkrnigen Inhalt zeigen, meist aber nur eine klare Flssigkeit
einschliessen. Weiter nach dem Innern der Kartoffeln zu gehen sie nach
und nach in die =ussern= _c_ und durch diese in die =innern
Rindenzellen= _d_ ber, mit welchen letztern auch die =Markzellen= der
Kartoffeln bereinstimmen. In den Markzellen liegen die Strkekrner in
der Zahl von 15-20. In den ussersten Zellen sind fast nur kleine Krner,
ebenso in den ganz jungen Kartoffeln; letztere scheinen mit der Kartoffel
zu wachsen. Wird eine Kartoffel gekocht, so trennen sich die einzelnen
Zellen von einander (das Mehligwerden der Kartoffeln) (Fig. 209). Die
Strkekrner in jeder Zelle quellen auf und erfllen den Raum bis auf
kleine netzfrmig verbundene Streifen, die aus geronnenem Eiweiss des
Zellensaftes bestehen.

  Die Fabrikation des Strkemehls zerfllt in

    1) das Zerreiben der gereinigten Kartoffeln,
    2) das Auswaschen des Strkemehls aus dem Brei,
    3) das Reinigen und Trocknen der Strke.

  Die Kartoffeln werden gereinigt und dann sofort auf den Trichter oder
  Rumpf gebracht, der sie nach und nach zu dem =Reibcylinder= gelangen
  lsst. Der Reibcylinder besteht in den lteren Fabriken aus hlzernen,
  mit Reibeisenblech beschlagenen Walzen, deren untere Hlfte in Wasser
  taucht, um den dem Reibeisen adhrirenden Kartoffelbrei abzusplen. In
  neuerer Zeit bedient man sich allgemein zum Zerreiben der Kartoffeln
  des mit Sgezhnen versehenen =Thierry='schen Reibcylinders, wie er in
  den Rbenzuckerfabriken zum Zerreiben der Rben Anwendung findet. Die
  auf dem Cylinder befestigten Sgebltter mssen krzere Zhne haben als
  die zum Zerreiben der Zuckerrben angewendeten Sgen, damit alle Zellen
  zerrissen werden und das blossgelegte Strkemehl alsdann durch blosses
  Waschen und durch gelindes Reiben ausgewaschen werden kann. Die
  Leistung der Reibmaschine ist um so vollkommener, je vollstndiger alle
  Zellen geffnet, je weniger dagegen Zellen in Bruchstcke verwandelt
  werden. Man ertheilt den Cylindern eine Umdrehungsgeschwindigkeit von
  600-900 Umdrehungen in der Minute. Ein Cylinder von einem Durchmesser
  von 0,50 Meter und einer Lnge der Sgebltter von 0,40 Meter kann, bei
  800 Umlufen in der Minute, 14-15 Hektoliter Kartoffeln in einer Stunde
  zu Brei reiben. Der Brei kommt sofort auf die Apparate zum Auswaschen.

  Unter den zum =Auswaschen des Strkemehls aus dem Kartoffelbrei
  dienenden Apparaten= war frher das =Cylindersieb= das gebruchlichste.
  Dieser Apparat bestand wesentlich aus einem runden Metallsieb, in
  welchem ein Paar Brsten langsam rotirten und den im Siebe befindlichen
  Kartoffelbrei unter fortwhrendem Wasserzufluss so lange durchrieben
  bis das Wasser hell abfloss, worauf der Rckstand entfernt und neuer
  Brei in das Sieb gebracht wurde. Das Auswaschwasser, welches die
  Strkekrner suspendirt enthlt, wird nach den Absetzbottichen
  geleitet. Obgleich das angegebene Verfahren ziemlich einfach ist, so
  hat es doch mehrere wesentliche Nachtheile, die seiner Anwendung im
  Wege stehen. Das Auswaschen ist nmlich keineswegs ein vollkommenes und
  es bleibt ein nicht unbetrchtlicher Theil Strke in dem Brei zurck;
  ferner geht das Auswaschen nicht ununterbrochen vor sich, des Ausleeren
  des erschpften Breies und das Beschicken des Cylinders mit neuem Brei
  nimmt viel Zeit weg. Bei dem =ununterbrochen= wirkenden Auswaschapparat
  von =Lain= ist der Verlust an Strkemehl mglichst vermieden, da man
  das Auswaschen des Breies lngere Zeit fortsetzt, ohne jedoch dadurch
  die Arbeitsleistung des Apparates zu beeintrchtigen. Das Wesentliche
  des =Lain='schen Apparates ist ein =geneigtes Sieb=, aus mehreren
  Reihen Drahtgewebe in verschiedenen Abstufungen der Feinheit bestehend,
  welches sich ber einem in mehrere Abtheilungen getheilten Trog
  befindet. Der Kartoffelbrei gelangt aus dem Reibcylinder in einen am
  untersten Theil des geneigten Siebes befindlichen Raum. Von hier aus
  fhren ihn zwei Vaucanson'sche Ketten auf die beiden Gewebe bis zum
  obern Theil des geneigten Siebes, wo der ausgewaschene und erschpfte
  Brei beseitigt wird. In der ganzen Lnge des Siebes fliesst ein
  Wasserstrahl auf den Brei. Das Wasser gelangt mit der Strke durch die
  Maschen des Siebes in die entsprechenden Abtheilungen. Von hier aus
  wird es zum Auswaschen des aufsteigenden, noch nicht erschpften Breies
  verwendet. Auf diese Weise wird das Wasser immer strkemehlhaltiger,
  bis es endlich in die letzte Abtheilung des Troges gelangt und in die
  Absetzbottiche luft. Der Apparat ist vollkommen rationell construirt,
  das unterste Sieb mit den weitesten Maschen empfngt ununterbrochen
  frischen Kartoffelbrei, whrend vom obersten engsten Siebe die
  Rckstnde ebenso ununterbrochen fortgefhrt werden. Gleichzeitig geht
  der Wasserstrom, der das Auswaschen des Breies bewirken soll, von oben
  nach unten ber das Sieb, sodass der Brei, je mehr er erschpft ist, um
  so reineres Wasser trifft. Bei dem in Hohenheim aufgestellten Apparate
  fllt der Kartoffelbrei unmittelbar durch einen Schlauch von der
  Reibmaschine auf eine Siebflche, welchem durch ein Rderwerk eine
  rttelnde Bewegung ertheilt ist und auf welche Wasser fliesst. Dadurch
  wird schon der grsste Theil der Strke ausgewaschen und gelangt mit
  dem Wasser in einen Sammelbottich. Von dem Siebe kommt der Brei
  zwischen steinerne Walzen, welche ihn durch ungleiche Drehung noch
  feiner zerreiben, ehe er in einen Siebcylinder gelangt, der sich
  langsam um seine Axe dreht und zugleich mit Wasser versehen wird. Hier
  wird das Strkemehl vollstndig von den Fasern getrennt. Es lassen sich
  mit dieser Vorrichtung tglich 80-100 Ctr. Kartoffeln zerreiben und
  auswaschen.

[Sidenote: Verfahren von Vlker.]

  Ein von den vorstehenden Methoden im Princip gnzlich verschiedenes
  Verfahren der Abscheidung des Strkemehls von den Kartoffeln ist
  neuerdings von =Vlker= angewendet worden. Es wird dabei die Structur
  der Kartoffeln theils mechanisch, theils chemisch, durch =Verrottung=
  zerstrt und eine viel grssere Ausbeute an Strkemehl erhalten. Die in
  Scheiben zerschnittenen Kartoffeln werden durch Maceration in Wasser
  von dem grssten Theile ihres Vegetationswassers beraubt und dann durch
  einen chemischen Process in eine fein zertheilte Masse verwandelt; zu
  diesem Zwecke bringt man die zu verrottende Kartoffelsubstanz in
  Haufen von mehreren Fuss Hhe, um eine Selbsterwrmung herbeizufhren;
  damit die unteren Schichten nicht von den oberen zusammengedrckt
  werden, wodurch der Luftzutritt verhindert wre, bildet man die Haufen
  aus abwechselnden Schichten von Kartoffelsubstanz und Reissigholz oder
  Horden. Die Haufen berlsst man bei einer Temperatur von 30-42 sich
  selbst. Nach etwa acht Tagen ist die Verrottung gengend vorgeschritten
  und der Faserstoff hat soweit seinen Zusammenhang verloren, dass die
  Kartoffelsubstanz in eine weiche, teigartige Masse verwandelt ist. In
  der Masse befinden sich Strkemehl, Faserstoff und Schale in einem
  breiartigen und lockeren Gemenge neben einander, sodass nun eine
  vollstndige Abscheidung des Strkemehls auf mechanischem Wege leicht
  ausfhrbar ist. Man weicht zu diesem Behufe die Masse in Wasser auf und
  lsst sie durch ein groblcheriges Sieb gehen, wobei die grbsten
  Theile zurckbleiben. Die Abscheidung der grberen Theile geschieht mit
  Hlfe eines Haar- oder Drahtsiebes, dessen Maschen so fein sind, dass
  nur das Strkemehl und feine Fasertheilchen hindurchgehen. Die Trennung
  der Strkekrner von den Fasertheilchen geschieht durch einen
  Schlmmapparat, durch welchen die Faser durch das Wasser fortgefhrt
  wird, whrend die schweren Strkekrner zurckbleiben.

[Sidenote: Das Trocknen der Kartoffelstrke.]

  Man mag den einen oder den andern der vorstehend beschriebenen
  Auswaschapparate angewendet haben, in allen Fllen ist das Resultat des
  Auswaschens eine milchweisse Flssigkeit, aus welcher in den
  Sammelbottichen sich nach einigen Stunden alle Strke vollstndig
  abgesetzt haben wird. Nachdem die darber stehende Flssigkeit
  abgelassen wurde, rhrt man das Strkemehl mit neuem Wasser an und
  lsst einen Augenblick ruhen, damit schwere Krper, wie Steinchen, Erde
  u. s. w., sich ablagern knnen, und zieht das aufgeschlmmte Strkemehl
  durch ein feines Sieb. Das Abschlmmen wird, je nach der Strkesorte,
  die man darzustellen beabsichtigt, nochmals oder auch zweimal
  wiederholt, wobei man Siebe mit engeren Maschen als vorher anwendet.
  Nach dem letzten Auswaschen setzt sich das Strkemehl am Boden der
  Sammelbottiche ab und bildet eine gengende harte Masse, um sich leicht
  in Stcke schneiden zu lassen. Man bringt nun diese Stcke auf mit
  Leinwand bedeckte Horden und breitet durch Schtteln die Strke darauf
  aus. Nach etwa 24 Stunden bringt man die abgetropfte Strke auf eine
  Gypsunterlage von 2 Decimeter Dicke und lsst sie je nach der Witterung
  und Jahreszeit 1-2 Tage darauf liegen. Durch den Gyps wird der Strke
  so viel Wasser entzogen, dass sie nun den Trockenkammern bergeben
  werden kann. In neuerer Zeit sucht man die Entfernung des Wassers von
  den Strkekrnern durch =Centrifugiren= der Strkemilch zu erreichen.
  Soll die Strke zur Fabrikation von Dextrin oder Strkezucker dienen,
  so braucht man sie nicht zu trocknen. Die feuchte Strke, welche
  ungefhr 33 Proc. Wasser enthlt und den Namen =grne Strke= fhrt,
  lsst sich, ohne zu verderben, lngere Zeit aufbewahren. Die Temperatur
  der =Trockenstuben= darf im Anfange nicht ber 60 steigen, weil sonst
  in Folge des hohen Wassergehaltes die Strke sofort in Kleister
  bergehen wrde. Nachdem die Strke getrocknet ist, zerdrckt man die
  locker zusammengebackenen Stcke mit Hlfe einer eisernen Walze oder
  auch, indem man die Stcke zwischen Bronzewalzen hindurchgehen lsst,
  und bringt sie entweder zerbrckelt in den Handel (als sogenannte
  =Schfchen=) oder beutelt sie. Die =Stengelstrke= gewinnt man, indem
  man die feuchten Strkekuchen mit Strkekleister zu einem dicken Teig
  knetet und diesen Teig durch Trichter mit vielen engen Oeffnungen
  (Zotten), welche ber Horden durch Maschinen in constantem Abstand
  herumgefhrt werden, gehen lsst. Auf diesen Horden wird die Strke
  getrocknet und in leichten Fsschen, die innen mit Strohpapier beklebt
  sind, versendet. Um aus Kartoffeln die grsste Menge Strke zu
  erhalten, drfen dieselben nicht gekeimt haben, da durch das Keimen der
  Strkemehlgehalt betrchtlich abnimmt. Bei zweckmssigem Aufbewahren
  der Kartoffeln in Silos findet noch Zunahme im Strkemehlgehalt statt,
  sodass Kartoffeln, welche im September und October 16 Proc. Strkemehl
  enthielten, vom November bis Mrz einen Gehalt von 18 Proc. zeigen.

[Sidenote: Gewinnung der Weizenstrke.]

Von den Cerealien findet allein der =Weizen= zur Fabrikation der Strke
Anwendung. Die Zusammensetzung des (ungarischen) Weizenkornes ist (nach
=O. Dempwolf=, 1869) folgende:

                        Wasser              10,51
                        Asche                1,50
                        Kleber              14,35
                        Strke              65,40
                        Fett und Holzfaser   8,24
                                           ------
                                           100,00

Von den Bestandtheilen des Weizens ist hervorzuheben, dass

                    Strkemehl }
                    Kleber     } in Wasser unlslich,
                    Hlle      }
                    Salze      }
                    Albumin    } in Wasser lslich sind,
                und Dextrin    }

und dass von den drei erstgenannten unlslichen Weizenbestandtheilen der
Kleber von Milchsure und verdnnter Essigsure gelst wird, whrend sich
Strkemehl und Hlle darin nicht lsen. Man whlt zur Strkefabrikation
einen Weizen, der auf mssig cultivirtem Boden gebaut wurde und arm an
Kleber, reich an Strkemehl ist. Man zieht deshalb einen weissen mehligen
Weizen einem braunen kornartigen vor.

  Man unterscheidet verschiedene Arten der Gewinnung der Weizenstrke,
  nmlich

    A. mit Ghrung (lteres Verfahren),
       [Greek: a]) aus ungeschrotetem } Weizen,
       [Greek: b]) aus geschrotetem   }
    B. ohne Ghrung (neueres Verfahren).

  Die =Gewinnung der Strke aus Weizen mit Ghrung= ist, obgleich
  keineswegs ein rationelles Verfahren, doch in Deutschland noch immer
  das gebruchlichste; man unterscheidet dabei folgende vier Operationen:

    1) das Einquellen und Ghren des Weizens,
    2) das Auswaschen der Strke (das Austreten) aus der gegohrenen Masse,
    3) das Auswaschen und Reinigen der gewonnenen Strke,
    4) das Trocknen derselben.

  Wird =ungeschroteter Weizen= verarbeitet, so bergiesst man den Weizen
  in Quellbottichen mit Wasser und lsst ihn weichen, bis er zwischen den
  Fingern mit Leichtigkeit zerdrckt werden kann. Zur Absonderung der
  Hllen zerquetscht man die Krner entweder durch Treten in Scken, die
  in einer flachen Kufe mit Wasser bergossen sind, oder zerdrckt sie
  zwischen Walzen und verdnnt den erhaltenen Brei mit Wasser, in welchem
  sich der grsste Theil der Strkemehls und des Klebers aufschwemmt,
  zieht das milchige Wasser von den zurckbleibenden Hllen ab und
  schlmmt so lange ab, bis das Wasser klar abluft. Das milchige Wasser
  berlsst man in Sammelbottichen sich selbst. Es lagert sich eine
  Schicht ziemlich reiner Strke ab und darber eine Lage durch Kleber
  verunreinigter Strke. Nach einigen Tagen ist das darber stehende
  Wasser sauer und ein Theil des Klebers in der entstandenen Milchsure
  und Essigsure gelst worden; man ersetzt es durch frisches Wasser,
  lsst auch dieses sauer werden und fhrt so einigemal fort. Darauf wird
  die Strke mit frischem Wasser angerhrt, absetzen gelassen und zum
  Trocknen gebracht.

  Wendet man =Weizenschrot= zur Darstellung der Strke an, so rhrt man
  dasselbe mit _Sauerwasser_, d. h. dem von einer vorhergehenden
  Operation herrhrenden, sauer gewordenen Wasser zu einem dnnen Brei
  ein und berlsst die Masse in Bottichen der Ghrung. Unter Mitwirkung
  eines Theiles des Klebers, der in Hefe bergegangen ist, erleidet die
  durch das Einweichen in Wasser in dem Weizen entstandene kleine Menge
  Zucker die geistige Ghrung; es findet reichliche
  Kohlensureentwickelung statt und es bildet sich eine Decke, die
  gehoben und spter durchbrochen wird. Nun geht die Alkoholghrung in
  die Essig- und spter auf Kosten eines kleinen Theiles Strke in die
  Milchsureghrung ber; durch die so entstandenen Suren lst sich der
  Kleber, whrend Strkemehl und Hlle ungelst zurckbleiben. Sobald die
  Flssigkeit in den Ghrungsgefssen ziemlich klar erscheint und beim
  Kneten in der Hand die Strke leicht abgiebt, ist die Masse zum
  Auswaschen geeignet. Je nach der Temperatur sind 12-30 Tage
  erforderlich, um allen Kleber zu lsen. Das =saure Wasser= enthlt
  ausser dem Kleber Essigsure, Milchsure, Buttersure (kleine Mengen
  von Bernsteinsure), Ammoniaksalze, etwas Schwefelwasserstoff und die
  mineralischen Bestandtheile des Weizens, namentlich phosphorsaure
  Erden. Nachdem die Masse durch Ghrung den erforderlichen Grad der
  Reife erlangt hat, schreitet man zum Auswaschen oder Austreten
  derselben. Zu diesem Behufe bringt man die gut umgerhrte Masse in
  hanfene Scke (Tretscke) und tritt sie in dem Tretfasse mit den Fssen
  aus. Die so gewonnene milchige Flssigkeit wird in die Abssswannen
  gebracht. Der Inhalt in den Scken wird ein zweites und dann ein
  drittes Mal mit Wasser ausgetreten; der auf diese Weise von dem
  Strkemehl befreite Rckstand ist ein Gemenge von Hllen und Kleber und
  dient als Mastfutter. Die ausgetretene milchige Flssigkeit enthlt
  Strkemehl, kleine Mengen feinzertheilten Klebers und etwas
  Hllensubstanz, und zwar suspendirt in einer sauren Lsung von Kleber
  und anderen Eiweisssubstanzen und mineralischen Salzen; man lsst sie
  durch ein feines Haarsieb gehen und schreitet dann zum Absssen und
  Abschlmmen der Strke. Das Austreten der gegohrenen Masse ist in den
  grsseren Strkefabriken gegenwrtig durch ein anderes Verfahren
  ersetzt, nach welchem die Masse in eine siebhnlich durchlcherte
  Trommel, die sich um ihre Axe dreht, kommt und darin unter Zufluss von
  Wasser ausgewaschen wird. Die nach der einen oder der andern Methode
  erhaltene milchige Flssigkeit wird in den Sammelbottichen sich selbst
  berlassen; hier setzen sich nun die suspendirten Stoffe und zwar nach
  ihrem specifischen Gewichte ab, am Boden bildet sich eine feste Schicht
  von ziemlich reiner Strke, dann kommt ein Gemenge von Strke mit
  Hllen und Kleber, und obenauf als oberste Schicht ein Schlamm, fast
  nur aus Kleber und Hllen und nur kleiner Menge von Strkemehl
  bestehend. Die ber dem Absatz stehende Flssigkeit ist das
  Sauerwasser, welchem zum Theil frisches Gemenge von Weizenschrot und
  Wasser zur Beschleunigung der Ghrung zugesetzt wird, der brige Theil
  wird mit den ausgetretenen Rckstnden als Viehfutter verwendet. Die in
  den Sammelbottichen zurckbleibende Strke wird mit Wasser angerhrt
  und abermals absetzen gelassen; die durch Abzapfen von dem darber
  stehenden Wasser befreite Strkeschicht wird durch Abschaben von der
  oberen kleber- und hllehaltigen Schicht befreit und dann nochmals mit
  Wasser angerhrt u. s. w., bis das darber stehende keine saure
  Reaction mehr besitzt. Um die Strke aus den Absatzbottichen
  herausnehmen zu knnen, wird ihr ein Theil des Wassers durch aufgelegte
  Tcher entzogen; darauf entfernt man die Strke aus den Kufen mit Hlfe
  eines spatenhnlichen Instruments und trocknet sie auf die bereits
  angegebene Art. Wenn es sich um die Herstellung von =Waschstrke=
  handelt, so setzt man der Strke whrend des Reinigungsprocesses eine
  kleine Menge von Ultramarin zu, die sich in dem Strkemehl vertheilt
  und mit demselben absetzt. In neuerer Zeit hat man den Vorschlag
  gemacht, das Austrocknen der Strke durch Anwendung der
  Centrifugalmaschine zu beschleunigen.

  Die =Gewinnung der Weizenstrke ohne Ghrung= ist ein von =E. Martin=
  eingefhrtes Verfahren, welches die ltere Methode zum Theil schon
  verdrngt hat. Nach diesem Verfahren knetet man =Weizenmehl= mit Wasser
  zu einem Teige an und nimmt auf 100 Th. Mehl ungefhr 40 Th. Wasser.
  Der Teig bleibt vor dem Auswaschen 1/2-2 Stunden liegen, damit der
  Kleber gehrig Wasser anziehe. Behufs des Auswaschens bringt man den
  Teig auf ein feines Drahtsieb, das ber einem mit Wasser angefllten
  Bottich liegt. Ueber dem Sieb befindet sich eine Brause, welche feine
  Wasserstrahlen ber den Teig giesst, der Teig wird in der Quantitt von
  etwa 10 Pfd. geknetet, bis das Wasser nicht mehr milchig abluft. Man
  lsst die Strke aus dem Wasser sich absetzen, zapft das darber
  stehende Wasser ab, rhrt die am Boden des Bottichs befindliche Strke
  mit etwas Wasser an und lsst die Flssigkeit an einem warmen Orte
  leicht ghren, um den mit durchgegangenen Kleber leicht aufzulsen. Die
  Reinigung und Trocknung geschieht auf die gewhnliche Weise. Um der
  Weizenstrke die im Handel beliebte Form von Stngelchen oder Schfchen
  zu geben, wickelt man die feuchten Strkekuchen in Papier und schnrt
  das Packet mit Schnren fest zu, ehe man es trocknet; whrend des
  Trocknens zieht sich die Masse zusammen und zertheilt sich in ziemlich
  gleichartige Stngelchen. Die Bildung derselben ist eine Folge der
  linsenfrmigen Form der Weizenstrke, weshalb die Krnchen leicht
  aneinander haften und die so entstandenen Massen beim Trocknen daher
  nur in gewissen Richtungen sich spalten. Nach der Methode von =Martin=
  erhlt man aus 100 Th. Weizenmehl ungefhr 25 Proc. =Kleber= (_Gluten_,
  _gluten granul_) mit 38 Proc. Wasser. Man verwendete ihn zuerst zur
  Fabrikation der Macaroni, der Nudeln u. s. w., indem man denselben mit
  gewhnlichem Mehl und Wasser zu einem Teig knetete. Spter schlug man
  vor, ihn statt des Albumins und Casens beim Zeugdruck oder im
  gefaulten Zustande als vegetabilischen Leim in Anwendung zu bringen. Da
  der frische Kleber leicht fault und deshalb in diesem Zustande nicht
  versendet werden kann, so haben die Gebr. =Vron= und =R. Gnsberg=
  vorgeschlagen, den Kleber zu granuliren und dann zu trocknen. Dazu wird
  der frische Kleber mit der doppelten Gewichtsmenge Mehl
  zusammengeknetet, der Teig in lange Streifen ausgerollt und diese
  sodann in die Form von Krnchen (Klebergraupen) gebracht, welche bei
  30-40 getrocknet werden. Durch dazwischen gestreutes Mehl werden die
  Krner am Zusammenkleben verhindert. Nach dem Trocknen werden die
  Krner durch Sieben sortirt. Der gekrnte Kleber ist ein
  Nahrungsmittel, welches weit mehr nhrende Bestandtheile enthlt, als
  eine gleiche Menge Mehl oder Schiffszwieback.

[Sidenote: Zusammensetzung der kuflichen Strke und Anwendung
derselben.]

  Die Zusammensetzung der kuflichen Strke ist nach =J. Wolff= folgende:

                    1.       2.       3.       4.       5.       6.
     Wasser       17,83    15,38    14,52    17,44    14,20    17,49
     Kleber         --       --      0,10     Spur     1,84     4,96
     Faser         0,48     0,50     1,44     1,20     3,77     2,47
     Asche         0,21     0,53     0,03     0,40     0,55     1,29
     Strkemehl   81,48    83,59    83,91    81,32    79,63    73,79
                 ---------------------------------------------------
                 100,00   100,00   100,00   100,00   100,00   100,00

  1. Feinste weisse Patentstrke in Stengeln, hatte ein sehr weisses,
  glnzendes, dem Krystallinischen fast hnliches Aussehen und erwies
  sich als reine Kartoffelstrke; 2. Feinste blaue Patentstrke; mit
  Ultramarin gemischte Kartoffelstrke; 3. Reiner Weizenpuder; 4. Feine
  Weizenstrke in Brocken; 5. Mittelfeine Weizenstrke in gelblich
  weissen Brocken; 6. Ordinre Weizenstrke in graulichgelben groben
  Brocken, die sich unter dem Mikroskop als ein Gemenge von Kartoffel-
  und Weizenstrke erwiesen. Der Wassergehalt der Strke lsst sich (nach
  =C. Scheibler='s Verfahren) mit Leichtigkeit durch die
  Dichtigkeitsvernderung bestimmen, welche Alkohol erleidet, wenn er mit
  einer gewissen Menge wasserhaltiger Strke digerirt wird.

  Die Strke wird in Substanz angewendet zum Steifen der Wsche, zum
  Leimen des Papieres, in der Leinen- und Baumwollindustrie zur Bereitung
  der Schlichte und zur Appretur, zur Darstellung des Strkegummis, des
  Strkesyrups und Strkezuckers, zur Fabrikation von Nudeln, knstlichem
  Sago u. s. w. Ausserdem ist sie das gebruchlichste Nahrungsmittel, das
  wir in Gestalt von Brot und den sogenannten Mehlspeisen geniessen. Sie
  bildet ferner denjenigen Krper, aus welchem sich durch die Einwirkung
  gewisser Agentien Zucker und daraus Alkohol erzeugt, sie ist mithin das
  Rohmaterial zur Erzeugung von Branntwein, Bier u. s. w. Fr die
  Haushaltungszwecke findet, wenn es sich um die Strke als
  Nahrungsmittel handelt, nur die Kartoffelstrke (als Kartoffelmehl oder
  Kraftmehl) Anwendung; zum Steifen der Wsche und zur Bereitung von
  Buchbinderkleister giebt man dagegen der Weizenstrke mit Recht den
  Vorzug; in dem Kleister sind die Strkekrner in Form gallertartiger
  Klmpchen enthalten, die in der Kartoffelstrke weit grsser sind als
  in der Weizenstrke; daraus ergiebt sich der Uebelstand, dass beim
  Bgeln der mit Kartoffelstrke gesteiften Gewebe durch das Bgeleisen,
  die Klmpchen zuweilen sich zusammenballen und fortschieben, was bei
  der Weizenstrke nie vorkommt. Der Kleister der Weizenstrke bleibt,
  der Luft ausgesetzt, lngere Zeit unverndert, whrend der
  Kartoffelkleister nach einigen Tagen schon eine gallertartige Masse
  ausscheidet, ber welcher eine wsserige und saure Flssigkeit
  schwimmt; die durch Umrhren hergestellte Mischung der Masse mit der
  Flssigkeit besitzt aber bei weitem nicht mehr das Klebevermgen des
  frischen Kleisters. Die Weizenstrke ist daher der Kartoffelstrke
  vorzuziehen und wrde letztere lngst schon aus dem Handel verdrngt
  haben, wenn sie ihr hinsichtlich der Weisse und Reinheit und des
  billigen Preises gleich kme. Einen wesentlichen Unterschied zeigen die
  beiden genannten Strkearten in Beziehung ihrer Umwandlung in Zucker
  durch Malz. Nach den Versuchen von =Ldersdorff= brauchen

           100 Pfd. Kartoffelstrke 25,6 Pfd. trockenes Malz,
           100  "   Weizenstrke    90,5  "       "      "

  um vollstndig in Strkezucker bergefhrt zu werden. Was das
  Steifungsvermgen der Strkesorten betrifft, so fand =C. Wiesner=
  (1868), dass Maisstrke am wirksamsten steife, hierauf folgt
  Weizenstrke und am schlechtesten steift Kartoffelstrke. In Bezug auf
  Gleichmssigkeit der Steifung ist gefunden worden, dass Kartoffel- und
  Maisstrke die Weizenstrke bei weitem bertrifft.

[Sidenote: Reisstrke, Kastanienstrke, Cassavastrke, Arrow-root.]

  Seit einigen Jahren wird in England, Frankreich, Belgien und dem
  Zollverein viel =Reisstrke= fabricirt. Zur Abscheidung des Klebers
  wendet man schwache Natronlauge an (im Hektoliter 287 Grm. Aetznatron
  enthaltend). Der ungeschlte Reis wird damit 24 Stunden macerirt,
  darauf gewaschen, zwischen Walzen zerquetscht oder zwischen Mhlsteinen
  gemahlen und dann durch Siebe mit Hlfe von Brsten getrieben, auf
  welchen die Kleie zurckbleibt. Die aus dem Waschwasser erhaltene
  Reisstrke wird nochmals gesiebt, gewaschen, getrocknet und in die vom
  Handel gewnschte Form gebracht. Aus der Lauge, die zum Maceriren des
  Reis gedient hat, schlgt man den Kleber durch Neutralisation mit
  Schwefelsure nieder, welcher nach dem Waschen, Trocknen und Mahlen als
  Viehfutter verwendet wird[104]. In neuerer Zeit hat auch die
  Fabrikation von =Strkemehl aus Rosskastanien= in Frankreich eine
  gewisse Ausdehnung gewonnen. Die Fabrikationskosten sind nicht nur
  niedriger, sondern der Ertrag ist reichlicher als aus Kartoffeln; die
  Kastanienstrke ist ferner ebenso schn als die aus Getreide bereitete.
  100 Th. frische Kastanien geben 19-20 Proc. trockene Strke, die sich
  jedoch durch einen bitteren Geschmack auszeichnet. Das =Arrow-root=
  oder Pfeilwurzelmehl ist das Strkemehl von _Maranta arundinacea_ und
  _M. indica_, zweier in Westindien wachsenden Cannaceen, aus deren
  Wurzelsprossen auf dieselbe Weise, wie aus den Kartoffeln, 7-20 Proc.
  Strkemehl abgeschieden werden; es kommt in Fssern, Bchsen oder
  Kasten von verzinntem Eisenblech in den Handel; die Gefsse sind mit
  dem Namen der Insel bezeichnet, auf der das Arrow-root gefunden wurde.
  Die =Cassavastrke= stammt aus den Wurzelknollen von _Jatropha Manihot_
  oder _Manihot utilissima_ und _M. Aipin_, zweier Pflanzen aus der
  Familie der Ricineen, welche in Westindien und Sdamerika, namentlich
  in Brasilien cultivirt werden. Die Wurzelknollen selbst fhren den
  Namen =Maniok=. Die rohen Knollen enthalten Blausure. Der Teig daraus
  wird aber fr Menschen und Thiere geniessbar, wenn man ihn kocht oder
  rstet. Er ist in diesem Zustande eines der wichtigsten Nahrungsmittel
  in den Tropenlndern. Die Darstellung der aus dem Maniok bereiteten
  Nahrungsmittel ist folgende: die Knollen werden grob zerrieben, wobei
  ein Theil des Saftes ausfliesst. Der durch Abtropfen von einem grossen
  Theile Flssigkeit befreite Teig wird in irdenen Gefssen bis zum
  gelinden Rsten der mit den Gefsswnden in Berhrung kommenden Theile
  erhitzt und bildet dann die =Cassava=, welche das Brot bei den
  Eingebornen des Landes ersetzt. Die kleine Menge Strke, welche sich
  aus dem Safte absetzt, wird gewhnlich in Form von Krnern
  (=Cassava-Sago= oder =Mandioka=) gebracht, indem man die feuchte Masse
  auf Platten erhitzt, wahrscheinlich um die Blausure zu verflchtigen.
  Das nach Europa eingefhrte Luxusnahrungsmittel =Tapioka= ist nichts
  weiter als Cassava-Sago.

  [104] Die Reisstrkefabrik von J. und J. =Colman= in London beschftigt
        an tausend Personen und liefert ausser gewhnlicher Waschstrke
        auch intensivgefrbte Reisstrke in den verschiedenen durch
        Theerfarben bewirkten Nancen, welche zur Frbung von
        Ballkleidern, Fenstervorhngen etc. dient. =Colman='s Fabrik
        liefert ferner Reisstrke fr Papierfabriken, in welchen sie erst
        zwischen den Fasern des Papiers in Kleister verwandelt wird,
        wodurch das so geleimte Papier einen grossen Grad von Festigkeit
        erhlt.

[Sidenote: Sago.]

  Auf den Molukken und Philippinen bereitet man aus dem Marke der
  =Sagopalme= (_Sagus Rumphii_) den =Sago=. Der Sago von Guadeloupe rhrt
  (nach =J. Wiesner=) von _Raphia farinifera_, gewisse ostindische Sorten
  angeblich von _Caryota urens_ her. Behufs der Sagobereitung werden die
  Stmme gespalten, wird das darin befindliche Mark herausgenommen, mit
  Wasser durchknetet und die Strke dann auf Sieben von Cocospalmenfasern
  ausgewaschen. Nachdem die Palmenstrke aus dem Wasser sich abgesetzt
  hat, wird sie ausgewaschen, auf Tcher zum Abtropfen gebracht und im
  noch feuchten Zustande durch Reiben durch Metallsiebe gekrnt. Die
  Krner lsst man auf eine heisse Kupferplatte fallen, wodurch die
  Strke grsstentheils in Kleister verwandelt wird und nach dem Trocknen
  die bekannten regelmssigen und harten Krner bildet, welche beim
  Kochen in Wasser gallertartig werden, aber zum Theil ihre Form
  beibehalten. Ein grosser Theil der gegenwrtig im Handel vorkommenden
  Sago ist aus Kartoffelstrke dargestellt und mit Eisenoxyd oder
  gebranntem Zucker gefrbt.

[Sidenote: Dextrin.]

Das =Dextrin=, Gommeline, Dampfgummi, Strkegummi, Gomme d'Alsace oder
Leiokom ist eine dem arabischen Gummi sowol seiner Zusammensetzung (beide
sind nach der Formel C_{6}H_{10}O_{5} zusammengesetzt), als auch seinen
brigen Eigenschaften nach, nahestehende Substanz, welche sich durch
kurze Zeit fortgesetzte Einwirkung verdnnter Suren oder eines
Malzaufgusses (Diastase) auf Strkemehl und auch durch Rsten des
letzteren bildet. Es ist im reinen Zustande vollkommen farblos und dem
arabischen Gummi hnlich, gewhnlich indessen gelblich gefrbt, leicht
und vollkommen in Wasser zu einer klaren dickflssigen, klebenden Lsung
lslich, unlslich in absolutem Alkohol, etwas lslich in schwachem
Weingeist. Seinen Namen erhielt es von seiner Eigenschaft, die
Polarisationsebene der Lichtstrahlen krftiger als irgend eine bekannte
organische Substanz nach Rechts (_dexter_) abzulenken. Durch Jod wird es
nicht blau wie die Strke, sondern schwach amaranthroth gefrbt. Durch
verdnnte Suren geht das Dextrin in Traubenzucker (=Dextrose=) ber.
Eine mit Bierhefe versetzte Dextrinlsung geht nicht in Ghrung ber; bei
einem Zusatz von Zucker zu dieser Mischung zersetzt sich aber ein grosser
Theil des Dextrins ganz wie Zucker in Alkohol und Kohlensure. Da das
Dextrin in vielen Fllen ein wohlfeiles und brauchbares Surrogat des
arabischen Gummi abgiebt, so ist seine Fabrikation zu einem nicht
unbedeutenden Industriezweig geworden. Die Zusammensetzung des kuflichen
Dextrins ist eine hchst wechselnde, wie aus folgenden Analysen =R.
Forster='s (1868) folgt:

                  1.        2.        3.       4.        5.       6.
               Dextrin,   Dunkel                                 Hell
              prima von  gebrannte Dextrin, Gommeline Dextrin, gebrannte
             Langensalza  Strke   braunes            lteres   Strke

  Dextrin       72,45     70,43     63,60    59,71     49,78     5,34
  Zucker         8,77      1,92      7,67     5,76      1,42     0,24
  Unlsliches   13,14     19,97     14,51    20,64     30,80    86,47
  Wasser         5,64      7,68     14,23    13,89     18,00     7,95
               ------------------------------------------------------
               100,00    100,00    100,00   100,00    100,00   100,00

  Als Material der Dextrinbereitung wendet man fast berall Strkemehl
  aus Kartoffeln, seltener aus Weizen an, da die erstere bei billigerem
  Preise weit reiner ist als die letztere.

  Man stellt das Dextrin dar:

    a) durch gelindes Rsten,
    b)   "   vorsichtige Einwirkung von Salpetersure,
    c)   "   Erhitzen von verdnnter Schwefelsure,
    d)   "   Behandeln mit Malzaufguss (Diastase).

  Die Bereitung von Dextrin =durch gelindes Rsten= (Rstgummi) ist eine
  sehr einfache Operation; es wird nmlich das Strkemehl auf geeignete
  Weise so weit erhitzt, dass es eine gelbbraune Farbe annimmt. Benutzt
  man =Getreidestrkemehl=, so nimmt man das Rsten in grossen Cylindern
  aus Kupfer- oder Eisenblech vor, durch welche, hnlich wie bei einer
  Kaffeetrommel, eine eiserne, mit Kurbel versehene Axe geht, deren Lager
  sich in dem vierseitigen Mauerwerk des Ofens befinden. In diesen in
  steter Bewegung erhaltenen Trommeln wird das Strkemehl erhitzt, bis es
  sich aufblht und einem scharfgebackenen Brot hnlich riechenden Dampf
  entwickelt. =Kartoffelstrkemehl= lsst sich nicht auf diese Weise
  behandeln, da dasselbe die nachtheilige Eigenschaft besitzt, in der
  Hitze zu Pulver zu zerfallen, das sich an die Wnde der Trommel
  ansetzen und zum Theil verkohlen wrde. Um diesem Uebelstande zu
  begegnen, ersetzt man die Cylinder durch Kessel mit flachem Boden, in
  denen ein mit Brsten versehener Rhrapparat sich befand. Es ergab sich
  indessen, dass die Brsten auch verkohlten. Man construirte dann grosse
  Oefen, hnlich den Backfen, in welchen das Strkemehl unter
  ununterbrochenem Umrhren gerstet wurde. Hufig befanden sich mehrere
  Metallplatten bereinander, auf denen das Strkemehl in dnner Lage
  liegt. Da sowol in den Trommeln als auch in den Oefen sehr leicht ein
  Ueberhitzen der Strke stattfinden kann, so empfiehlt sich ein Oelbad
  zum Erhitzen der Strke. Ein flacher Kessel ist mit einem doppelten
  Boden versehen, in dessen Zwischenraum sich Oel befindet, dessen
  Temperatur durch ein eingesetztes Thermometer genau ermittelt werden
  kann. Durch vorsichtiges Erhitzen kann man die Temperatur vllig
  constant erhalten. Ein ununterbrochen thtiger Rhrapparat bringt nach
  und nach alle Strke mit der Kesselflche in Berhrung und somit auf
  die zur Dextrinbildung erforderliche Temperatur. Die geeignetste
  Temperatur ist 225-260. Die gelbe oder brunliche Farbe des durch
  Rsten erhaltenen Dextrins schliesst das Rstgummi von gewissen
  Anwendungen, wie z. B. in dem Zeugdruck bei hellen Farben, total aus.
  Man begann deshalb an bessere Darstellungsarten zu denken. Eine
  derartige, jetzt allgemein bliche ist die von =Heuz=. Nach dieser
  verdnnt man 2 Kilogr. Salpetersure von 1,4 spec. Gewicht mit 300
  Liter Wasser und rhrt in diese verdnnte Sure 1000 Kilogr. (= 20
  Ctr.) Strke, worauf die Masse in Kuchen geformt an freier Luft
  getrocknet wird. Nach dem Trocknen erhitzt man sie in dem angegebenen
  Trockenapparat bei langsam steigender Temperatur, bis bei etwa 80
  Alles entwichen ist. Hierauf wird die Masse fein gemahlen, gesiebt und
  wieder in den Trockenapparat zurckgebracht, in welchem die Temperatur
  nun bis auf 100-110 gesteigert wird. In hchstens 1-1/2 Stunde ist
  alle Strke in Dextrin bergefhrt. Das auf diese Weise =mit Hlfe von
  verdnnter Salpetersure dargestellte Dextrin= lsst sich usserlich
  von dem Strkemehl nicht unterscheiden, es ist vollkommen weiss und in
  Wasser lslich. Auch =vermittelst verdnnter Schwefelsure= stellte man
  frher Dextrin dar. Auch mit =Salzsure= kann man Strkemehl in Dextrin
  berfhren, ebenso mit =Milchsure=. Da das Dextrin bei seiner
  Anwendung immer in Wasser gelst sein muss, so zieht man es bisweilen
  vor, das Dextrin sogleich als Lsung (=Dextrinsyrup=, =Gummisyrup=),
  und zwar aus Strkemehl und Malzauszug (Diastase) zu bereiten. Obgleich
  diese Methode bei weitem einfacher ist, als die im Vorstehenden
  beschriebene, so stehen doch ihrer allgemeinen Einfhrung einige
  Schwierigkeiten im Wege, 1) der grosse Wassergehalt der Lsung
  erschwert ihren Transport, 2) es ist bei der Anwendung des Malzes
  unvermeidlich, dass nicht auch ein Theil Strkemehl in Zucker
  bergefhrt werde, durch diese Beimengung verliert der Dextrinsyrup
  einen grossen Theil seiner Haltbarkeit und geht, untersttzt durch die
  nicht abscheidbaren Klebertheilchen des Malzes sehr bald in Ghrung
  ber.

  Die =Anwendung des Dextrins= ist eine mannichfaltige, an der Stelle des
  Senegalgummi und arabischen Gummi dient es in dem Zeugdruck, zum
  Drucken von Tapeten, zum Appretiren und Steifen von Zeugen, als
  Kettenschlichte, zum Glasiren von Karten und Papier, als Mundleim, in
  der Chirurgie, um feste Bandagen bei Knochenbrchen zu erhalten, zu
  feinerem Backwerk, bei der Bier- und Obstweinfabrikation, bei der
  Darstellung von einer Art englischem Pflaster u. s. w. Das Dextrin
  macht ferner einen nothwendigen Bestandtheil des Bieres aus und
  entsteht beim Backen des Brotes auf der Oberflche; es bildet zum Theil
  die Kruste des Gebckes. Bei seiner Anwendung in der Zeugdruckerei als
  Verdickungsmittel ist nicht zu bersehen, dass es durch Suren sich
  verflssigt und in Zucker bergeht.


                         Die Zuckerfabrikation.

[Sidenote: Geschichtliches und Allgemeines.]

Der Zucker ist in Ostindien und China schon seit den ltesten Zeiten
bekannt. In Europa benutzte man in frheren Zeiten statt seiner den
Honig, und obschon Rom und Griechenland Kunde vom Zucker hatten, kam er
doch bei dem geringen Verkehr mit Indien nicht oder nur als Seltenheit
zu ihnen, zuerst, wie es den Anschein hat, zur Zeit Alexander's des
Grossen. Mit den Eroberungen der Araber verbreitete sich der Zucker im
westlichen Asien, in Afrika und Sdeuropa, zur Zeit der Kreuzzge lernten
ihn die Kreuzfahrer kennen und die Venetianer brachten ihn bald nach
Europa und Nordafrika. Man baute auf Malta, Cypern, Candia und Aegypten
Zuckerrohr und von da kam es nach Sicilien. Von Sicilien brachten die
Spanier und Portugiesen das Zuckerrohr nach den Azoren, den canarischen
und den Inseln des grnen Vorgebirges (1420). Einer sehr verbreiteten,
doch auch widersprochenen Ansicht zufolge, soll das Zuckerrohr von den
canarischen Inseln aus nach Westindien und Brasilien verpflanzt worden
sein, nach =Hayti= (Hispaniola) sei es im Jahre 1506 gekommen. In den
spteren Jahrhunderten ist das Zuckerrohr auf vielen Inseln des stillen
Oceans von Reisenden aufgefunden worden.

  War auch vielleicht das Zuckerrohr in Sdamerika und auf den Antillen
  ursprnglich zu Hause, so ist es doch als ausgemacht zu betrachten,
  dass die ersten Entdeckungen von seinem Vorhandensein nichts wussten
  und es als eine eingefhrte Culturpflanze im Grossen bauten. =Ritter=
  wies in seiner Schrift ber die geographische Verbreitung des
  Zuckerrohrs nach, dass sich letzteres von seiner eigentlichen Heimath
  Ost- und Mittelasien in drei Richtungen ber die Erde verbreitet habe;
  ostwrts von Bengalen in einem Arme nach Cochinchina und China, in
  einem zweiten Arme ber die Inseln der Sdsee innerhalb der Tropen bis
  zu den Osterinseln; westwrts lngs des Indus nach Vorderasien,
  Nordafrika, Sdeuropa bis nach Amerika. Nach Einfhrung des
  Sklavenhandels nahm der Zuckerrohrbau auf den Antillen so zu, dass der
  europische und ostindische Zuckerbau verdrngt wurde. Nordamerika nahm
  erst im 18. Jahrhundert den Zuckerrohrbau auf. Die Cultur des
  Zuckerrohrs nahm immer mehr berhand und der Zucker, anfnglich nur in
  den Apotheken als Curiositt und als Medicament aufbewahrt, nahm seine
  Stelle unter den nothwendigen Lebensbedrfnissen ein, als man im 15.
  Jahrhundert den Saft auf rationelle Weise aus dem Rohre zu extrahiren
  und daraus festen Zucker darzustellen lernte, als es ein Jahrhundert
  spter gelang, das rohe Produkt durch Raffination zu verfeinern.

[Sidenote: Vorkommen und Eigenschaften des Zuckers.]

Der Zucker kommt in der Natur vor als sogenannter =Rohrzucker=, ferner
als =Traubenzucker= (Dextrose, Glycose, Krmelzucker, Strkezucker,
Kartoffelzucker) und als =Schleimzucker= (Levulose, Chylariose,
Fruchtzucker). In grsserer und in solcher Menge, dass die Darstellung
des Zuckers im Grossen vortheilhaft ist, kommt der Rohrzucker vor in dem
Zuckerrohr, dem Mais, der Zuckerhirse (_Andropogon glycichylum_), in dem
Safte mehrerer Ahornarten, namentlich des Zuckerahorns, der Birke, in der
Zuckerrbe, der Mohrrbe, in der Krappwurzel (in der nach =W. Stein= bis
zu 8 Proc. sich finden sollen), in den Krbissen, Melonen, Bananen,
vielen Palmenarten u. s. w. Der Rohrzucker ist noch nicht knstlich
dargestellt worden. Der krystallisirte Rohrzucker hat die Formel
C_{12}H_{22}O_{11}. Die Zuckerkrystalle (Kandiszucker) gehren dem
monoklinodrischen Systeme an, sind hart und haben ein spezifisches
Gewicht von 1,6. An trockener Luft bleiben sie unverndert. Beim Erhitzen
bis auf 180 schmelzen sie zu einer klebrigen farblosen Flssigkeit,
welche nach raschem Erkalten zu einer durchsichtigen, amorphen Masse
(Gerstenzucker) erstarrt, die nach lngerem Aufbewahren undurchsichtig
wird (abstirbt) und ein krystallinisches Gefge zeigt. Bei 210-220
verwandelt sich der Zucker in gebrannten Zucker oder Caramel. Der Zucker
lst sich in dem dritten Theile seines Gewichtes in kaltem Wasser,
in allen Verhltnissen in siedendem Wasser. Wenn man die Zuckerlsung auf
einer Temperatur erhlt, die ihrem Siedepunkte nahe liegt, so verliert
sie nach und nach die Eigenschaft zu krystallisiren und zwar um so
leichter, je concentrirter die Lsung ist. Er ist unlslich in absolutem
Alkohol und Aether; lslich aber in wsserigem Alkohol, besonders in der
Wrme. Die wsserige Lsung ist von rein sssem Geschmack. In
concentrirtem Zustande lsst sie sich in verschlossenen Gefssen
unverndert aufbewahren und conservirt selbst andere Gegenstnde, wie z.
B. Frchte, worauf sich das Einmachen derselben grndet. Folgende von
=Gerlach= (1864) herrhrende Tabelle giebt das spec. Gewicht und den
Gehalt an Rohrzucker einer Zuckerlsung bei 17,5 C. an:

                    ===============++==========
                     Procentgehalt. |  Spec.
                                    | Gewicht.
                    ================+==========
                                    |
                           75       | 1,383342
                           74       | 1,376822
                           73       | 1,370345
                           72       | 1,363910
                           71       | 1,357518
                           70       | 1,351168
                           69       | 1,344860
                           68       | 1,338594
                           67       | 1,332370
                           66       | 1,326188
                           65       | 1,320046
                           64       | 1,313946
                           63       | 1,307887
                           62       | 1,301868
                           61       | 1,295890
                           60       | 1,289952
                           59       | 1,284054
                           58       | 1,278197
                           57       | 1,272379
                           56       | 1,266600
                           55       | 1,260861
                           54       | 1,255161
                           53       | 1,249500
                           52       | 1,243877
                           51       | 1,238293
                           50       | 1,232748
                           49       | 1,227241
                           48       | 1,221771
                           47       | 1,216339
                           46       | 1,210945
                           45       | 1,205589
                           44       | 1,200269
                           43       | 1,194986
                           42       | 1,189740
                           41       | 1,184531
                           40       | 1,179358
                           39       | 1,174221
                           38       | 1,169121
                           37       | 1,164056
                           36       | 1,159026
                           35       | 1,154032
                           34       | 1,149073
                           33       | 1,144150
                           32       | 1,139261
                           31       | 1,134406
                           30       | 1,129586
                           29       | 1,124800
                           28       | 1,120048
                           27       | 1,115330
                           26       | 1,110646
                           25       | 1,105995
                           24       | 1,101377
                           23       | 1,096792
                           22       | 1,092240
                           21       | 1,087721
                           20       | 1,083234
                           19       | 1,078779
                           18       | 1,074356
                           17       | 1,069965
                           16       | 1,065606
                           15       | 1,061278
                           14       | 1,056982
                           13       | 1,052716
                           12       | 1,048482
                           11       | 1,044278
                           10       | 1,040104
                            9       | 1,035961
                            8       | 1,031848
                            7       | 1,027764
                            6       | 1,023710
                            5       | 1,019686
                            4       | 1,015691
                            3       | 1,011725
                            2       | 1,007788
                            1       | 1,003880
                            0       | 1,000000

Die wsserige Rohrzuckerlsung lenkt den polarisirten Lichtstrahl nach
rechts ab. Verdnnte Schwefelsure, Salzsure und die meisten anderen
organischen und Mineralsuren verwandeln den Rohrzucker in ein Gemenge
von Dextrose (Glycose) und Levulose (Chylariose), nach der Gleichung:

    C_{12}H_{22}O_{11} + H_{2}O = C_{6}H_{12}O_{6} + C_{6}H_{12}O_{6}
        Rohrzucker                    Dextrose           Levulose

Eine Folge davon ist, dass der Rohrzucker im Pflanzenreiche nur in
neutralen Pflanzensften sich vorfindet, whrend in Sften, die wie z. B.
der Traubensaft, freie Suren (Weinsure, Aepfelsure, Citronensure)
enthalten, niemals Rohrzucker, sondern Glycose und Chylariose sich
findet. Unter der Mitwirkung von Hefe spaltet sich der Zucker und giebt
die gewhnlichen Produkte der geistigen Ghrung: Alkohol, Kohlensure,
Glycerin und Bernsteinsure; bevor er sich spaltet, verwandelt er sich
aber in Chylariose. Der Rohrzucker verbindet sich mit den Hydroxyden des
Calciums und Bariums, ohne sich zu zersetzen, und bildet mit demselben
die =Saccharate=, die fr die Darstellung des Zuckers im Grossen von
vielem Interesse sind.

  Von Interesse ist besonders das Verhalten des Calciumhydroxydes gegen
  Zuckerlsungen, weil bei der Fabrikation und Raffination des Rohr- und
  Rbenzuckers fast durchweg Kalk zur Anwendung kommt. Calciumhydroxyd
  wird durch Rohrzuckerlsung in einer grossen Menge zu einer klaren
  Flssigkeit gelst, in welcher sich die Verbindung:
  C_{12}H_{22}O_{11},CaO befindet. Die Lsung trbt sich beim Erhitzen
  und gerinnt endlich vollstndig, gerade so wie Eiweiss. Der
  Kalkniederschlag (aus einer Verbindung C_{12}H_{22}O_{11},3CaO
  bestehend) verschwindet aber in dem Maasse, als die Temperatur abnimmt
  und die Flssigkeit ist schon vollstndig klar, ehe sie selbst gnzlich
  erkaltet ist. Leitet man durch die Zuckerkalklsung einen Strom
  Kohlensuregas, so wird der Kalk gefllt und der Zucker ist unverndert
  und ungefrbt in der Lsung enthalten. Eine Rohrzuckerlsung verndert
  sich, wenn sie 48 Stunden lang mit 1/2 Atom Kalk gekocht wird, nicht im
  Geringsten, whrend eine hnliche Lsung ohne Kalk, unter denselben
  Bedingungen gekocht, fast allen Zucker eingebsst hat. Der Kalk ist
  mithin ein ausgezeichnetes Mittel, dem Zucker bei den Arbeiten in der
  Fabrikation Stabilitt zu ertheilen. Die Verbindung des Rohrzuckers mit
  dem Bariumhydroxyd, der =Zuckerbaryt= C_{12}H_{22}O_{11},BaO ist
  insofern erwhnenswerth, als sie im Wasser fast unlslich ist und man
  in Folge dieser Unlslichkeit eine Methode der Abscheidung des
  Rohrzuckers als Rbensaft und Melasse mit Hlfe von Aetzbaryt
  vorgeschlagen hat, die alle Beachtung verdient. Auch der Zuckerbaryt
  ist durch Kohlensure leicht zu zersetzen. Salpetersure verwandelt den
  Zucker je nach ihrer Concentration und der Dauer ihrer Einwirkung in
  Zuckersure oder in Oxalsure. Ein Gemisch von Salpetersure und
  concentrirter Schwefelsure fhrt den Zucker in eine explosive
  Verbindung (Nitrozucker) ber. Rohrzucker reducirt mit Aetzalkali
  versetzte Kupfervitriollsung nicht; Glycose und Chylariose scheiden
  unter denselben Umstnden schon in der Klte Kupferoxydul ab.


                             A. Rohrzucker.

[Sidenote: Aus dem Zuckerrohr.]

Das =Zuckerrohr= (_Saccharum officinarum_) ist eine perennirende Pflanze
aus der Familie der Grser. Aus der faserigen, stellenweise filzartigen
Wurzel steigen mehrere walzenrunde, mit Knoten versehene Halme empor,
welche je nach der Bodenbeschaffenheit eine Hhe von 2,6-6,6 Meter und
eine Dicke von 4-6 Centimeter erreichen. Das Aeussere der Halme ist
gelblichgrn oder blau, oder auch gelb und violett gestreift. Das Innere
bildet ein safterflltes, weissliches Zellenmark. Die schilfhnlichen
Bltter erreichen eine Lnge von 1,6-2 Meter und gehen in zwei Reihen von
den Knoten aus. Die Blte erscheint an der Spitze des Rohres in einer
konisch ausgebreiteten Rispe, hnlich dem Bltenstande unseres
gewhnlichen Schilfes. Man pflanzt das Zuckerrohr sowol durch Samen, wie
auch durch Stecklinge fort. Das letztere ist das gewhnlichere.

Eine Hektare Land giebt an Zucker (Rohzucker):

                          Bei 15 Mon. Vegetationszeit    In 1 Jahre
     Auf Martinique                2500 Kilogr.         2000 Kilogr.
      "  Guadeloupe                3000   "             2400   "
      "  Reunion und Mauritius     5000   "             4000   "
     in  Brasilien                 7500   "             6000   "

[Sidenote: Zusammensetzung des Zuckerrohrs.]

Keine Pflanze enthlt eine so grosse Menge Zucker wie das Zuckerrohr, und
keine liefert ihn auch so rein. Unter den gewhnlichen Bedingungen
cultivirt, enthlt das Zuckerrohr 90 Proc. Saft, welche nach der
Untersuchung von =Pligot= 18-20 Th. krystallisirbaren Zucker enthalten.

  Tahitisches Zuckerrohr von Martinique (a), von Guadeloupe (b) und von
  Mauritius (c) zeigte sich nach =Pligot=, =Dupuy= und =Icery= (1866)
  folgendermaassen zusammengesetzt:

                              (a)        (b)        (c)
                            Pligot.    Dupuy.     Icery.
                 Zucker       18,0       17,8       20,0
                 Wasser       72,1       72,0       69,0
                 Cellulose     9,9        9,8       10,0
                 Salze         --         0,4    0,7-1,2

  Von den 18 Proc. Zucker, die im Zuckerrohre sich finden, kommen in der
  Regel nicht viel mehr als 8 Proc. als krystallinischer Zucker in den
  Handel. Dieser grosse Verlust wird durch folgende Umstnde veranlasst:
  1) presst man von den 90 Proc. Saft, welche das Zuckerrohr enthlt,
  gewhnlich nur 50-60 Proc. aus, es bleibt mithin ein Drittel des
  Zuckers in dem gepressten Stroh, in der Bagasse, zurck, welches als
  Brennmaterial zum Einkochen des Zuckersaftes dient; 2) geht wenigstens
  der fnfte Theil des in dem Safte enthaltenen Zuckers durch das
  unvollkommene Luterungsverfahren und whrend des Einkochens in Gestalt
  von Schaum verloren; 3) krystallisirt nur die Hlfte bis hchstens zwei
  Drittheile von dem Zucker, der in dem eingekochten Safte sich befindet,
  whrend der Rest in der Melasse zurckbleibt. Die 18 Proc. Zucker des
  Rohres zertheilen sich demnach auf folgende Art:

  In der Bagasse bleiben etwa                                  6   Proc.
  Durch die Luterung und durch das Abschumen gehen verloren  2,5   "
  In der Melasse bleiben zurck                                3     "
  Als Rohzucker werden gewonnen                                6,5   "
                                                              ----------
                                                              18   Proc.

[Sidenote: Darstellung des Rohzuckers aus dem Zuckerrohre.]

Die Fabrikation des Rohzuckers aus dem Zuckerrohre zerfllt 1) in das
Auspressen, 2) in das Klren und Einkochen des Saftes.

[Illustration: Fig. 210.]

  1) _Das Auspressen des Saftes._ Das gesammelte Zuckerrohr muss so
  schnell als mglich nach der Zuckermhle gebracht werden; die kleinste
  Vernachlssigung in dieser Beziehung wrde sich bei der hohen
  Temperatur durch Abnahme des Zuckers in dem Rohre rchen. Die zum
  Auspressen des Rohres dienenden =eisernen Walzenpressen= sind durch
  Fig. 210 versinnlicht. Sie bestehen aus drei hohlen gusseisernen Walzen
  _a_, _b_, _c_, welche horizontal in einem gusseisernen Gestelle liegen.
  Mittelst der Schrauben _i i_ lassen sich die Presswalzen nhern oder
  von einander entfernen. Die eine Walze wird mit Hlfe eines grossen,
  mit Getriebe versehenen Rades in Bewegung gesetzt und dreht dann
  mittelst dreier Zahnrder, welche auf den Axen der Walzen sitzen, auch
  die brigen Walzen. Das Zuckerrohr wird durch ein endloses Band ber
  die schiefe Ebene _d d_ zu den Walzen gefhrt, gelangt zuerst zwischen
  die beiden Walzen _a c_, wo es nur eine geringe Pressung erleidet, und
  kommt dann ber das gebogene Blech _n_ hinweg zwischen die dichter
  gestellten Walzen _c_ und _b_. Damit der Saft die erforderliche Zeit
  zum Ausfliessen habe, drfen die Cylinder sich nur langsam umdrehen.
  Bei 6 Decimeter Durchmesser ist die geeignetste Drehungsgeschwindigkeit
  etwa 1 Meter in der Secunde in der Peripherie. Das gekelterte Rohr
  fllt ber die Rinne _f_ hinaus. Der ausgepresste Saft sammelt sich in
  _g g_ und luft durch _h_ ab. Die Walze _a_ ist auf der Oberflche
  cannellirt; zuweilen sind auch alle Walzen cannellirt. Auf den
  dnischen Inseln Westindiens heisst die mittlere Walze der =Knig=, die
  eine Seitenwalze der =Seitenroller=, die andere der =Makasroller=.

  2) und 3) _Das Klren und Einkochen des Saftes_. Der ausgepresste Saft
  gelangt in die Siederei, in welcher er in einem Systeme von fnf
  eisernen oder kupfernen Kesseln, die in einer Reihe eingemauert sind
  und eine gemeinschaftliche Feuerung besitzen, verarbeitet wird. In die
  erste Pfanne, die als Luterungskessel dient, kommt der Saft sogleich
  von der Presse; sie ist am entferntesten vom Feuer. Das Lutern
  geschieht mit Kalkmilch; zu 15,000 Liter Saft setzt man 5-9 Liter. Dass
  man genug Kalkmilch zugesetzt hat, erkennt man daran, dass ein dicker
  und fester Schaum sich bildet, in welchem durch das Kochen Sprnge und
  Risse entstehen, durch welche eine farblose Flssigkeit dringt. Der
  Kalk neutralisirt die Aepfel- und andere Pflanzensuren und bildet mit
  dem Albumin und anderen Saftbestandtheilen eine dichte schmutzig grne
  Schaumdecke. Sobald der Saft bis zum Siedepunkte erhitzt ist, entfernt
  man den Schaum mit Hlfe eines Schaumlffels und bringt den geluterten
  Saft in die zweite Pfanne zum Abdampfen. Hier bildet sich unablssig
  neuer Schaum, der in die erste Pfanne zurckgebracht wird. In der
  dritten und vierten Pfanne, welche immer kleiner und kleiner sind, wird
  der Saft durch Abdampfen bis auf 30 B. gebracht, in der fnften und
  letzten Pfanne endlich bis zum Krystallisationspunkte eingekocht. In
  den Kesseln setzt sich ein Kesselstein in Krusten von 3-4 Linien Dicke
  ab, deren Bildung das Sieden des Saftes betrchtlich verzgert, weil
  dieser Ueberzug ein sehr schlechter Wrmeleiter ist. Um ihn zu
  entfernen, erwrmt man den Kessel im geleerten Zustande; der
  Kesselstein erleidet eine angehende Verkohlung und lsst sich leicht
  ablsen. Die zum Krystallisiren erforderliche Consistenz des
  eingekochten Zuckersaftes erfhrt man durch die Fingerprobe, indem man
  einen Tropfen zwischen Daumen und Zeigefinger auseinanderzieht, je
  dicker die Lsung ist, desto lnger die Fden; eine Lnge von 3
  Centimeter hlt man fr ein Zeichen gengender Concentration. Ehedem
  brachte man den verkochten Syrup von der Kochpfanne zuerst in die
  =Khler=, grosse hlzerne Gefsse, ein jedes von etwa 16 Ctr.
  Capacitt, in welchen sich der Zucker in Krnern abschied, und dann in
  grosse Fsser, in welchen die Melasse vom Zucker so gut als mglich
  abfloss. Diese Methode zog aber in Folge von Ghrung so bedeutende
  Verluste nach sich, dass man sie zum Theil aufgegeben und die Khler
  durch Krystallisirgefsse aus Holz, von etwa 36 Centimeter Tiefe, 1,3
  bis 1,6 Meter Breite und 2-2,6 Meter Lnge, ersetzt hat. In dem Boden
  dieser Bottiche befinden sich Lcher, die mit Zuckerrohrstckchen
  verstopft sind. Wenn nach Verlauf von 24 Stunden die Masse krnig
  geworden ist, rhrt man sie um und lsst durch die Lcher den nicht
  krystallisirten Theil, den =Syrup= oder die =Melasse=, abfliessen. Nach
  5-6 Wochen ist die Melasse abgetropft und die in den Gefssen
  zurckbleibende Masse fhrt den Namen =Rohzucker=, =Moscovade= oder
  =Puderzucker=. In anderen Districten bringt man den in den
  Krystallisirgefssen abgeschiedenen Zucker in grosse Abtropffsser, die
  ber Cisternen stehen. Die Melasse tropft zwischen den Fugen der Dauben
  und des Bodens ab und fliesst in die Cisternen, welche 15-20,000 Liter
  und darber fassen. Etwa 14 Tage nach dem Einfllen ist der Zucker
  ziemlich gereinigt. In den franzsischen und englischen Colonien pflegt
  man den Rohrzucker an Ort und Stelle mit feuchtem Thon zu =decken= und
  die gereinigten Rohrzuckerbrote unter dem Namen =Cassonade= oder
  Terrezucker in den Handel zu bringen.

[Sidenote: Sorten des Rohzuckers.]

  Im europischen Handel finden sich als die hauptschlichsten folgende
  Rohzuckersorten:

  1) =westindische=: Cuba, San Domingo oder Haiti, Jamaica, Portorico,
  Martinique, Guadeloupe, Sainte Croix, St. Thomas, Havanna;

  2) =amerikanische=: Rio Janeiro, Bahia, Surinam, Pernambuco;

  3) =ost- und hinterindische=: Java, Manilla, Bengal, Mauritius, Reunion
  oder Bourbon, Cochinchina, Siam, Canton.

  In England unterscheidet man neuerdings zuweilen zwischen
  =Sclavenzucker= und =freiem Zucker=. Freier Zucker kommt von Jamaica,
  Barbados, Demerara, Antigua, Trinidad, Dominica; Sclavenzucker dagegen
  von Cuba, Havanna, Brasilien, Ste. Croix, Portorico.

  Der =Handelswerth des Rohzuckers= richtet sich nach der Menge und der
  Natur der fremden Substanzen, welche den Zucker in dem Rohzucker stets
  begleiten. Diese Substanzen sind Wasser, Farbstoffe, eiweissartige und
  gummse Krper, Sand und Erde, lsliche Mineralsalze, Essigsure und
  andere Suren, welche von einer theilweisen Ghrung des Zuckers
  herrhren. Alle diese Substanzen mssen whrend des Raffinirens
  verschwinden. Einige derselben sind auf die Reinigung ohne
  nachtheiligen Einfluss; das Wasser, die organischen Ueberreste und der
  Sand vermindern nur durch ihre Gegenwart die Menge des vorhandenen
  Zuckers, whrend die fremden lslichen Substanzen, namentlich die
  Mineralsalze, die Ausbeute an raffinirtem Zucker verhindern, indem sie
  einen Theil des krystallisirbaren Zuckers in nicht krystallisirbaren
  berfhren. =J. Renner= fand in 100 Theilen Rohzucker:

                                                         In       In
                       Java.     Havanna.   Surinam.   Kandis.  Melis.
Rohrzucker           98,6-83,1  97,0-87,3  92,3-85,4    99,6     99,7
Schleimzucker         5,5-0,3    3,7-0,9    4,4-1,6      0,1      0,2
Wasser                6,1-0,3    3,5-0,9    6,3-3,6      0,2      0,1
Asche                 2,1-0,2    1,4-0,0    2,0-1,2      0,1      --
Caramel, Gummi,
  Pflanzensure etc.  3,5-0,5    4,5-0,4    2,1-1,1      --       --

[Sidenote: Melasse.]

  Die =Melasse= bildet sich als Nebenprodukt der Rohzuckerfabrikation in
  sehr verschiedener Menge je nach den klimatischen Verhltnissen, unter
  denen das Zuckerrohr gewachsen ist. In sehr warmen Gegenden, wo das
  Zuckerrohr zur vollkommenen Reife gelangen kann, entsteht weniger
  Melasse als in anderen, zur Cultur des Rohres weniger geeigneten
  Gegenden. Die Menge der Melasse variirt ferner nach den Varietten des
  Zuckerrohres, nach der Jahreswitterung, nach der Bodenbeschaffenheit,
  nach der Art des angewendeten Dngers. In chemischer Beziehung ist die
  Melasse als eine concentrirte wsserige Lsung von krystallisirbarem
  Zucker, Schleimzucker, kleinen Mengen von Caramel und Mineralsalzen zu
  betrachten, in welcher zuweilen kleine Krystalle von Rohrzucker sich
  suspendirt befinden. Sie erscheint als eine dunkel rothbraune, zhe,
  fadenziehende Flssigkeit von stark sssem Geschmack. Ein grosser Theil
  der Melasse wird in den Colonien zur Rumbereitung verwendet; der Rest
  dient als flssiger Zucker zur Nahrung. Die Melasse geht sehr leicht in
  die geistige und dann in die Essigghrung ber. Der bei der Anfertigung
  von gedecktem Zucker erhaltene Syrup (gedeckter oder grner Syrup) wird
  weiter auf Zucker verkocht. =J. Renner= fand in sehr consistenter
  Melasse:

                                           a.      b.
                   Rohrzucker            32,97   40,36
                   Schleimzucker          4,30    7,38
                   Wasser                13,71   16,25
                   Asche                  3,35    3,78
                   Caramel, Gummi etc.   45,65   32,22

[Sidenote: Die Raffination des Rohzuckers.]

=Die Raffination des Rohzuckers.= Die Reinigung des Rohzuckers und dessen
Umwandlung in raffinirten Zucker zerfllt in folgende Operationen,
nmlich in

  1) =Das Schmelzen und Klren.= Das Entfernen des Rohzuckers aus den
  Kisten und Fssern ist nicht ganz leicht, da die Gefsse an ihren
  Wnden eine nicht unbedeutende Menge des feuchten, selbst schmierigen
  Zuckers zurckhalten, dessen Herausschaffen mit der Hand oder mit
  Werkzeugen kostspielig ist und nur ein unvollkommenes Resultat geben
  wrde. Man bedient sich deshalb hufig eines einfachen und
  vortheilhaften Verfahrens, nach welchem man die Fsser ber eine
  gewlbte und mit einer Rinne versehene Kupferplatte strzt und aus
  einem Rohr Dampf in das Innere der Kiste oder des Fasses strmen lsst.
  Indem sich der Dampf verdichtet, sttigt er sich mit Zucker, fliesst in
  die Rinne und von da in ein Reservoir. Die sich darin ansammelnde
  Flssigkeit dient zur Auflsung des Rohzuckers. Der aufzulsende
  Rohzucker wird vorher durch ein Sieb gerieben, um alle Klumpen, die der
  Auflsung Schwierigkeiten bereiten wrden, zu zertheilen. Das Auflsen
  selbst geschieht in den meisten Raffinerien in kupfernen mit Dampf
  geheizten Pfannen. Die zur Auflsung des Rohrzuckers erforderliche
  Wassermenge betrgt gegen 30 Proc. vom Gewicht des Zuckers. Aus der
  =Schmelzpfanne= kommt die Rohrzuckerlsung in eine zweite kupferne
  Pfanne mit doppeltem Boden, die =Luterpfanne=. Als Klrmittel wendet
  man gegenwrtig fein gepulverte Knochenkohle und eine in der Wrme
  coagulirbare Eiweisssubstanz wie Hhnereiweiss oder Blut an. Das Blut
  (Rinds- oder Hammelblut) wird, sowie es den Thierkrper verlassen hat,
  mit Ruthen geschlagen, um daraus das Fibrin zu entfernen, und in gut
  verschlossenen und geschwefelten Fssern, in die man eine kleine Menge
  wsseriger schwefliger Sure oder schwefligsauren Kalk giebt,
  aufbewahrt. Zu einer gengenden Klrung ist ein Zusatz von 3-4 Proc.
  Knochenkohlenpulver und 1/2-2 Proc. Blut gengend. Sobald man
  Kohle und Blut in die Luterpfanne gebracht hat, wird mit einem
  Rhrer stark von unten nach oben gerhrt und die Flssigkeit bis zum
  tchtigen Aufwallen erhitzt. Das Bluteiweiss gerinnt, hllt alle
  trbenden Theile ein und verhindert, dass sie spter durch die Filter
  gehen. Die geronnene Masse scheidet sich nebst dem Kohlenpulver an der
  Oberflche als dicker, zusammenhngender Schaum aus.

  2) Das =Filtriren= der geklrten Zuckerlsung geschieht mit Hlfe der
  =Taylor='schen Filter[105]. Das Durchgelaufene, =Klrsel=, wird in
  einem Klrselbehlter aufgefangen und auf =Dumont='sche Filter
  gebracht, in denen sich Knochenkohle befindet. Hier geht die Entfrbung
  vor sich. Der filtrirte Saft kommt in die Kochpfanne.

  [105] Um Wiederholungen zu vermeiden, werden die =Taylor='schen Filter,
        sowie andere bei der Raffination des Zuckers vorkommende Apparate
        und Manipulationen erst bei der =Rbenzuckerfabrikation=
        beschrieben werden.

  3) Das =Kochen des Klrsels= geschah frher in Pfannen mit freier
  Feuerung, welche jetzt berall durch die Vacuumapparate ersetzt sind,
  bei denen der luftverdnnte Raum durch Luftpumpen und Einspritzungen
  mit kaltem Wasser hervorgebracht wird. Die Arbeit des Einkochens ist
  der beim Rohzucker vllig gleich, nur ist der Grad des Verkochens
  verschieden; je weniger rein und je mehr verndert der Syrup ist, desto
  strker wird er eingekocht, bis der noch heisse Saft 42-43 B. zeigt
  oder etwa 10-12 Proc. Wasser enthlt.

  4) Das =Krystallisiren und Khlen=. In der Regel beginnt der Zucker
  schon in der Vacuumpfanne zu krystallisiren; er kommt dann in die
  sogenannten =Khler=, die indessen richtiger Wrmepfannen heissen, in
  welchen er bis auf 80 erwrmt wird. Sobald die Kristallbildung auf der
  Oberflche und an den Wnden beginnt, rhrt man mit grossen hlzernen
  Krcken (Stirrhlzern) langsam um, damit die entstandenen Krystalle in
  der Flssigkeit sich zertheilen. Nach einiger Zeit, nachdem neue
  Krystalle sich gebildet haben, rhrt man von Neuem um. Die Temperatur
  der Masse hat sich dabei bis auf 50 erniedrigt. Diese
  Zuckerausscheidung in Folge von Erkalten heisst die =rasche
  Krystallisation=; auf ihr beruht die jetzt allgemein bliche
  Darstellung des festen Zuckers. In frherer Zeit wendete man zu
  demselben Zwecke die =langsame Krystallisation= an, bei welcher das
  nicht bis zum Krystallisationspunkte eingekochte Klrsel einer
  langsamen Verdunstung in erwrmten Rumen unterworfen wurde, der Zucker
  sich demnach nicht in Folge von Erkalten, sondern von Wasserentziehung
  ausschied.

  5) Das =Fllen= der krystallinischen Masse in =Formen=, in denen sich
  die Zuckerbrote bilden sollen. Das Verfahren beim Fllen ist
  verschieden, je nachdem man die ltere Kochweise ber freiem Feuer oder
  die Vacuumpfannen anwendet. Nach der lteren Methode fllte man die
  Formen zuerst nur bis zu einem Drittheil voll, nach einiger Zeit bis zu
  zwei Drittheilen und zuletzt die Form voll bis einen Zoll vom oberen
  Rande. Der Grund dieses unterbrochenen Fllens war eine gleichmssige
  Mischung des Kornes. Zehn Minuten nach dem Fllen ist eine Krystallhaut
  auf der Oberflche der Brote wahrzunehmen, worauf man zum ersten Rhren
  mit einem langen hlzernen Messer schreitet (das =Holen=, d. h. aus
  der Spitze holen), um alle Krystalle in der Masse gut zu zertheilen.
  Nach etwa einer halben Stunde wird diese Operation wiederholt; man
  nennt sie jetzt das =Stirren=. Bei Anwendung von Vacuumpfannen ist das
  Fllen in drei Perioden, das Holen und Stirren nicht mehr nthig. Das
  Local, in welchem das Fllen geschieht, wird bestndig auf einer
  Temperatur von 25-30 erhalten.

  6) Das =Decken und Trocknen=. Die gefllten Formen kommen nach 8-12
  Stunden aus der Fllstube auf den Zuckerboden; hier werden die
  zugepfropften Spitzen der Formen mit Hlfe einer Ahle geffnet, damit
  der zwischen den Zuckerkrystallen befindliche Syrup (=grner= oder
  =ungedeckter Syrup=) ablaufe. Nachdem dies geschehen, schreitet man zum
  =Decken=, d. h. zum Auswaschen der Zuckerkrystalle durch langsame
  Filtration mit Hlfe von Wasser, welches aus einem Thonbrei fliesst,
  oder durch Verdnnung des zwischen den Zuckerkrystallen befindlichen
  Syrups mit reiner Zuckerlsung (feinem Klrsel oder Decksel). Da das
  Ablaufen des grnen Syrups viel Zeit erfordert, so benutzt man jetzt
  die Centrifugalkraft, um den flssigen Antheil des Zuckers von dem
  festen zu trennen. Nach beendigtem Decken dreht man die Formen auf ihre
  Basis um (das =Lschen=), damit der an der Spitze angesammelte Syrup
  sich in der ganzen Masse des Zuckerbrotes vertheilen knne. Das
  Trocknen geschieht zuerst an der Luft, dann in Trockenstuben, bei
  anfnglich 25, bis zuletzt bei 50. Alles Uebrige, das bei der
  Raffination des Rohzuckers zu erwhnen wre, ist unter der
  Rbenzuckerfabrikation zu suchen.

[Sidenote: Rohrzuckerproduktion.]

Die =Gesammtproduktion an Rohrzucker= betrgt gegenwrtig (1870) gegen 55
Mill. Ctr., davon kommen auf

                     Cuba                15   Mill.
                     Portorico            4,5   "
                     Brasilien            1,0   "
                     Vereinigte Staaten   1,25  "
                     Mauritius            6,00  "
                     Reunion              3,75  "
                     Brit. Ostindien      6,50  "
                     Antillen, franz.     5     "
                        "      dn.       0,33  "
                        "      hollnd.   0,64  "
                        "      engl.      9     "
                     Java                 5     "
                     Manilla              3     "

An Zucker berhaupt werden jhrlich producirt:

                     Rohrzucker    55,000,000 Ctr.
                     Rbenzucker   16,000,000   "
                     Palmenzucker   2,160,000   "
                     Ahornzucker    1,125,000   "
                                   ---------------
                                   74,285,000 Ctr.


                             B. Rbenzucker.

[Sidenote: Allgemeines und Geschichtliches.]

Es war im Jahre 1747, als der Apotheker =Marggraf= in Berlin in einer der
Akademie der Wissenschaften vorgelegten Abhandlung das Vorhandensein von
krystallisirbarem Zucker in der =Runkelrbe= (_Beta cicla_) nachwies und
auf die Wichtigkeit dieser Beobachtung fr die Landwirthschaft und die
Fabrikation von einheimischem Zucker aufmerksam machte. Er schied durch
Extraction mit Alkohol aus der weissen Rbe 6,2, aus der rothen Variett
4,5 Proc. Zucker ab. Dass =Marggraf='s Beobachtungen nicht weiter
verfolgt wurden, dazu trugen ausser technischen Schwierigkeiten
vielfacher Art auch die damaligen politischen Verhltnisse viel bei. Nach
dem Aachener Friedensschlusse berschwemmten die Englnder mit ihrem
wohlfeilen Colonialzucker die auf's Neue zugnglichen Mrkte Deutschlands
und schlossen alle Concurrenz des mit vielen Kosten erzeugten
Rbenzuckers mit dem Colonialzucker aus. Lange Zeit ruhte die Darstellung
von Zucker aus Rben. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam man in
Deutschland wieder darauf zurck und begann der fabrikmssigen
Darstellung des Rbenzuckers grssere Aufmerksamkeit zu schenken.
=Achard= und =Hermbstdt= in Berlin stellten in dem ersten Jahrzehend des
laufenden Jahrhunderts Versuche ber Rbenzuckererzeugung an, und
namentlich war es der erstere, welcher es dahin brachte, bis zu 6 Proc.
krystallisirten Zucker und 4 Proc. Melasse aus der Rbe und zwar im
Grossen abzuscheiden. Alle Bemhungen der damaligen Zeit, eine heimische
Zuckerindustrie zu grnden, wrden indessen vergeblich gewesen sein,
wren sie nicht in eine Zeit gefallen, welche mit gebieterischer
Nothwendigkeit die Aufmerksamkeit der Regierungen auf die Erzeugung von
vaterlndischem Zucker lenkte. Es war die Zeit des Continentalsystems.
Allgemeiner Krieg gegen die Produkte der Colonien und gegen England
sollte eine Lhmung des britischen Handels bewirken und den Continent
unabhngig von England machen. Der Preis der Colonialwaaren steigerte
sich ausserordentlich; fr einen Centner Zucker, fr welchen man im Jahre
1805 38-63 fl. zahlte, forderte man im Jahre 1811 350 fl. -- eine
gengend starke Triebfeder zur Darstellung von einheimischem Zucker.
Hierzu kam noch, dass der erste Napoleon die junge Industrie mchtig
untersttzte. Es entstanden hunderte von Fabriken, die aber smmtlich,
weil sie auf zu knstlichem Untergrunde beruhten, nicht lnger ihre
Existenz fristeten, als das Continentalsystem dauerte. Vielleicht htte
indessen schon damals die neue Industrie Wurzel fassen knnen, wre nicht
die Mehrzahl der Fabriken von Speculanten ins Leben gerufen worden, die
mehr die in Aussicht gestellte hohe Prmie als die eigene Befhigung zu
industriellen Unternehmungen getrieben hatte. Zudem waren die meisten
Fabriken an unpassenden Orten und mit einem Kapitalaufwande angelegt,
welchen der niedrige Zuckerpreis nach der Aufhebung der Continentalsperre
nicht mehr ertragen konnte. Doch kaum zehn Jahre nach dem Sturze
Napoleon's I. betrat die Rbenzuckerfabrikation die industrielle Arena
von Neuem und zwar diesmal mit Erfolg. Dieser mchtige Umschwung war
theils eine Folge der Fortschritte der Naturwissenschaften und der
Technik, welche manche fr die Rbenzuckergewinnung belangreiche
Erfindung zu Tage befrdert hatte, zum grossen Theile aber auch eine
Folge des Schutzes, welchen die Regierungen der neuen Industrie
gewhrten. Sie ist unter dem Zollschutze gross geworden und gegenwrtig
steht sie da in erster Reihe unter den Grossindustriezweigen
Deutschlands. Seit einigen Jahren exportirt die Rbenzuckerindustrie des
Zollvereins nahezu 1 Million Centner Rbenzucker.

[Sidenote: Arten der Rbe.]

Die Stammpflanze der =Runkelrbe= (Zuckerrbe, Mangold) ist eine ziemlich
unscheinbare zweijhrige Pflanze (_Beta maritima_), welche an den
Gestaden des Mittelmeeres, hauptschlich an der spanischen und
portugiesischen Kste, so wie in Dalmatien wild wchst und in die Familie
der meldenartigen Gewchse (Chenopodeen, Atripliceen) gehrt. Lange Zeit
hindurch war man der irrigen Meinung, die Runkel- oder Zuckerrbe sei ein
Bastard der rothen und weissen Rbe, eine Ansicht, welche nur in der
Kindheit der Wissenschaft mglich war. Anfangs gehrte sie der
Gartencultur an. Man baute sie wegen ihrer schmackhaften Blattstengel als
Gemse und die rothe Variett der Wurzeln wegen, bis sie gegen Anfang des
19. Jahrhunderts in die Reihe der Futterpflanzen trat. Aber auch als
solche fand sie nicht die ihr gebhrende Wrdigung, bis endlich die
Continentalsperre ihren grossen Zuckergehalt wieder in Erinnerung
brachte. Seitdem hat sie als Fabrikpflanze die grsste Bedeutung erlangt.
Es ist die Aufgabe der Landwirthe, auf einer gegebenen Flche das Maximum
an zuckerreichsten Rben zu erzeugen, die Aufgabe des Agriculturchemikers
und Pflanzenphysiologen, den durchschnittlichen Zuckergehalt von 10-10,5
Proc. durch Abnderung des Ernhrungsprocesses, durch zweckmssige
Dngung und sorgfltige Pflege der Pflanze zu erhhen. Zahlreiche
Analysen von einzelnen Zuckerrben ergaben einen Zuckergehalt von 13,
sogar bis zu 14 Proc. Welcher Triumph fr die Wissenschaft des
Ackerbaues, wenn es einst gelingen sollte, die Ausnahme zur Regel zu
machen und allen Rben einen Zuckergehalt von 14 Proc. zu geben. In
dieser Richtung lsst sich von der Ausbildung der Naturwissenschaft des
Ackerbaues noch sehr viel erwarten.

  In Deutschland werden hauptschlich folgende sechs Zuckerrbensorten
  gebaut: 1) die =Quendlinburger= Rbe (schlank und spindelfrmig,
  rthlich oder mit rosa Anflug, ist sehr zuckerreich und wird 14 Tage
  frher reif als alle brigen Sorten); 2) die =schlesische= Rbe
  (birnfrmig, hellgrne Blattrippen, daher auch =Grnrippe= genannt, ist
  rmer an Zucker als die vorige Art, liefert aber einen bedeutenden
  Gewichtsertrag); 3) die =sibirische= Rbe (birnfrmig, weisslichgrne
  Blattrippen, weshalb auch =Weissrippe= genannt, noch rmer an Zucker
  als die schlesische Rbe, giebt aber einen hohen Gewichtsertrag); 4)
  die =franzsische= (oder belgische) Rbe (kleinbltterig, Rbe schlank
  und spindelfrmig, zuckerreich); 5) die =Imperialrbe= (schlank und
  birnenfrmig, die zuckerreichste Rbe); 6) die =Elektoralrbe= (nach
  =F. Knauer= in Grbers bei Halle a/S. eine Spielart der vorigen). Die
  Rbe ist eine zweijhrige Pflanze: in dem ersten Jahre entwickelt sie
  blos Wurzeln und Bltter, in dem zweiten Jahre trgt sie dann den
  Samen. Whrend des ersten Jahres schpfen Bltter und Wurzel aus der
  Atmosphre und der Ackerkrume atmosphrische und mineralische
  Nahrungsmittel und grosse Mengen Wasser, welche Stoffe, von den
  Blttern verarbeitet, zum Theil zum Wachsthum der Wurzel beitragen und
  sich in dem Zellgewebe derselben ansammeln, um in dem nchsten Jahre
  zur Entwickelung des Blthenstengels und der Samen verwendet zu werden.
  Gerade die Ansammlungen jener Flssigkeiten in dem Wurzelgewebe sind
  es, welche die Rbe zur Gewinnung des Zuckers so geeignet machen. Die
  beste Zeit fr die Rbenernte wrde demnach jedenfalls diejenige sein,
  in welcher die Rbe am meisten entwickelt ist und in ihren Gefssen die
  grsste Menge des zuckerreichen Saftes aufgespeichert hat. Da die
  Vegetation der Rbe den Winter hindurch nicht ruht, wenn diese auch
  dann nur in weniger merkbarer Weise vor sich geht, so wre der
  passendste Zeitpunkt zur Rbenernte im Frhjahre in dem Augenblicke, wo
  der Zelleninhalt der Wurzeln zum Theil zum Aufbau des Blthenstengels
  verwendet werden soll. Leider vertrgt die Rbe den Frost der
  nrdlichen Winter nicht, und man ist genthigt, anstatt die ergiebigere
  Frhjahrsernte abzuwarten, zur Ernte schon im Herbste zu schreiten.

  Ueber den =Ertrag an Rben= in verschiedenen Gegenden hat man folgende
  Angaben:

  Es liefert ein Magdeburger Morgen (4 Morgen = 1 Hektare = 3 bayerische
  Tagwerke):

  ==============+===============+=========+==================+==========
                |               |  Rben  |Fabrikationsfhige|  Zucker
                |               |berhaupt|     Rben in     |    in
       In       |     Nach      |   in    |     Centnern     | Pfunden
                |               |Centnern |                  |
  ==============+===============+=========+==================+==========
                |               |         |                  |
  Oesterreich   |  Krause       | 104-145 |      88-123      |  770-1084
  Oesterreich   |  Burger       | 169-193 |     143-164      | 1256-1560
  Bhmen        |  Neumann      | 112-145 |      95-123      |  836-1160
  Preussen      |  Ldersdorf   |   146   |       124        |   1088
  Preussen      |  Thaer        |   180   |       153        |   1336
  Baden         |  Stlzel      | 120-160 |     102-136      |  896-1196
  Frankreich:   |               |         |                  |
    nrdl.      |}              |         |                  |
    Departements|}              |   198   |       168        |   1476
    andere      |} Dumas        |   124   |       105        |    924
    Departements|}              |         |                  |
  Frankreich    |  Boussingault |   149   |       127        |   1116

  Im Allgemeinen pflegt man einen Ertrag von 140-160 Ctr. gekappter und
  geputzter pro Morgen einen recht guten zu nennen.

[Sidenote: Chem. Zusammensetzung der Rbe.]

  Das Fleisch der Zuckerrbe besteht aus einem Aggregat von Zellen, in
  denen der klare und farblose Saft enthalten ist. Die Zellen sind
  usserst klein; 1 Kubikcentimeter des Rbenfleisches soll ber 60,000
  Zellen in sich fassen. Die mittlere =chemische Zusammensetzung= der
  Zuckerrbe ist folgende:

       Wasser                                                 82,7
       Zucker                                                 11,3
       Cellulose                                               0,8
       Albumin, Casen und andere eiweisshnliche Krper       1,5
       Fett                                                    0,1
       Organische Substanzen, wie Citronensure, Pektin und }
         Pektinsure, sich frbender Stoff, Asparagin,      }
         Asparaginsure, eine organische Base, das          }
         Betan[106] u. s. w.                               }
       Organische Salze (Calciumoxalat und -pectat, Kalium- }  3,7
         und Natriumoxalat und -pectat)                     }
       Unorganische Salze (Kaliumnitrat, Kaliumsulfat,      }
         Chlorkalium, Calciumphosphat, Magnesiumphosphat    }
         u. s. w.)                                          }

  [106] Das =Betan= hat nach =C. Scheibler= die Formel
        C_{15}H_{33}N_{3}O_{6}.

  In der Magdeburger Gegend ist im Allgemeinen

          der grsste Zuckergehalt                = 13,3 Proc.
          der geringste Zuckergehalt              =  9,2   "
          im Durchschnitt der verarbeiteten Rben = 11,2   "

  Durch das Einmiethen verlieren die Rben an Zuckergehalt und zwar in
  Folge von Wasseraufnahme, durch Umwandelung des Rohrzuckers in
  Chylariose und indem sie auswachsend einen Theil ihres Zuckers
  verzehren; so hatte sich der Wassergehalt von 82 Proc. auf 84 Proc.
  gesteigert. Rben, die im Herbste keinen Schleimzucker enthielten,
  zeigten im Januar schon Spuren, im Februar und Mrz bestimmbare Mengen,
  in einzelnen Fllen bis zu 2 Proc. Ein vollstndiges Bild der
  Vernderung, der die Rben durch das Einmiethen unterworfen werden,
  gewhrt folgende Analyse:

                                           October.     Februar.
       Holzfaser und Pektinkrper          3,49 Proc.   2,52 Proc.
       Wasser                             82,06  "     84,36  "
       Zucker                             12,40  "     10,60  "
       Schleimzucker                       0     "      0,65  "
       Mineralsalze                        0,75  "      0,63  "
       Organische Sure, Eiweiss, Betan
         und Extractivstoffe               1,30  "      1,24  "
                                         ------------ ------------
                                         100,00       100,00

  12-1/2 Centner Rben geben 1 Centner Rohzucker.

[Sidenote: Saccharimetrie.]

Die =Saccharimetrie= beschftigt sich mit der Ermittelung des
Rohzuckergehaltes der Rben, des Rohzuckers. Diese Ermittelung kann
geschehen

    1) auf mechanischem,
    2) auf chemischem,
    3) auf physikalischem Wege.

[Sidenote: Mechanische Bestimmung.]

  =Ermittelung des Zuckergehaltes der Rben auf mechanischem Wege.= Nach
  dieser Methode isolirt man den in der Rbe enthaltenen Zucker, wobei
  man auf folgende Art verfhrt: Man wiegt sorgfltig 25-30 Grm. in dnne
  Scheiben geschnittene Rben (aus dem mittleren Theile der Rbe) ab und
  trocknet sie so lange, bis der Rckstand nichts mehr an Gewicht
  verliert. Man erfhrt so die Menge des Wassers und der in der Rbe
  enthaltenen Trockensubstanz. Der Rckstand wird gepulvert und
  wiederholt mit siedendem Alkohol von 0,83 spec. Gewicht ausgezogen,
  wodurch der Zucker gelst wird. Der ungelste Rckstand giebt nach dem
  Trocknen das Gewicht der Cellulose, der Protensubstanzen und eines
  Theiles der mineralischen Bestandtheile. Lsst man die alkoholische
  Lsung im leeren Raume ber Aetzkalk stehen, so concentrirt sich die
  Lsung nach und nach und scheidet den Zucker in kleinen, farblosen,
  durchsichtigen Krystallen ab; der fast absolute Alkohol, der dann
  zurckbleibt, enthlt nach einigen Tagen nichts mehr gelst. Gute
  Zuckerrben hinterlassen gegen 20 Proc. trockenen Rckstand; der
  Wassergehalt betrgt demnach 80 Proc. Von den 20 Proc. Rckstand kann
  man 13 Proc. etwa fr Zucker, 7 Proc. fr Pektin, Cellulose,
  Protenkrper und Mineralsalze rechnen.

  Je hher das =specifische Gewicht= des Saftes von unter gnstigen
  Bedingungen cultivirten Rben ist, desto grsser ist auch sein
  =Zuckergehalt=; es lsst sich demnach aus dem spec. Gewichte ein
  Schluss auf die Zuckerprocente ziehen. Der Saft guter Rben zeigt 8
  B., zuweilen sogar 9. Bei Rben, die nicht in geeigneter Cultur und
  passendem Boden gebaut wurden, lsst sich das Arometer zur Ermittelung
  des Zuckergehaltes nicht anwenden, da die lslichen Mineralsalze der
  Rben fr die gleiche Quantitt das spec. Gewicht weit mehr als der
  Zucker erhhen.

[Sidenote: Chemische Bestimmung.]

  Auf =chemischem Wege= bestimmt man den Zuckergehalt der Rben, indem
  man

    a) die Lslichkeit des Kalkhydrates im Rohrzucker nach bestimmten
       Gewichtsverhltnissen benutzt;

    b) den Rohrzucker durch Suren in intervertirten Zucker (ein Gemenge
       von Chylariose oder Levulose mit Dextrose oder Glycose) berfhrt
       und durch denselben Kupferoxydhydrat zu Kupferoxydul reducirt,
       dessen Menge man bestimmt;

    c) den in intervertirten Zucker bergefhrten Rohrzucker durch
       Ghrung in Alkohol und Kohlensure verwandelt und die Menge der
       letzteren ermittelt (4CO_{2} entsprechen 1 Molek. Rohrzucker
       C_{12}H_{22}O_{11}).

  Die =erste= dieser Methoden, die sich auf die =Lslichkeit des
  Kalkhydrates in einer Rohrzuckerlsung= grndet, besteht darin, die
  zuckerhaltige Flssigkeit mit berschssigem Kalkhydrat
  zusammenzureiben, die Menge des in der Flssigkeit aufgelsten Kalkes
  mit Hlfe von titrirter Schwefelsure zu bestimmen und darauf die
  entsprechende Menge des Zuckers zu berechnen. Dies Verfahren setzt
  jedoch, um einer allgemeinen Anwendung fhig zu sein, eine constante
  Zusammensetzung des in dem Wasser gelsten Zuckerkalkes voraus, was
  durch den Versuch keineswegs bewiesen ist.

  Die =zweite= Methode grndet sich (nach der Beobachtung von =Trommer=)
  darauf, dass 1) der Rohrzucker in einer alkalischen Flssigkeit
  suspendirtes Kupferoxyd nicht reducirt, dass er dieses Oxyd aber
  reducirt, sobald er durch verdnnte Schwefelsure oder Salzsure in
  intervertirten Zucker bergefhrt worden ist; 2) die Quantitt des bei
  dieser Reaction zu Oxydul reducirten Kupferoxydes der Menge des
  angewendeten Zuckers proportional ist. Sie ist auch unter dem Namen der
  =Barreswil-Fehling='schen Probe bekannt. Die hierzu erforderliche
  alkalische Kupferoxydlsung stellt man am zweckmssigsten durch
  Vermischen einer Auflsung von 40 Grm. Kupfervitriol in 160 Grm. Wasser
  mit einer Lsung von 160 Grm. neutralem weinsauren Kali in wenig Wasser
  und 600-700 Grm. Aetznatronlauge von 1,12 spec. Gewicht dar. Die
  Mischung wird auf 1154,4 Kubikcentimeter bei 15 verdnnt. Ein Liter
  der so bereiteten Kupferlsung enthlt 34,650 Grm. Kupfervitriol und
  erfordert zur Reduction 5 Grm. Dextrose oder Levulose, oder 10 At.
  Kupfervitriol (1247,5) werden durch 1 At. Dextrose oder Levulose (180)
  zu Oxydul reducirt (34,650 : 5 = 1274,5 : 180 oder = 6,93 : 1), 10
  Kubikcentimeter der Kupferlsung entsprechen also 0,050 Grm.
  getrockneter Dextrose oder Levulose. Wenn man mit =Mulder= die Wgung
  des ausgefllten, durch Glhen in Oxyde verwandelten Oxyduls der
  Anwendung von titrirten Lsungen vorzieht, so entspricht 1 Th.
  Kupferoxyd 0,552 Th. Dextrose oder Levulose (von der Formel
  C_{6}H_{12}O_{6} + H_{2}O). Um diese Probeflssigkeit anzuwenden,
  verdnnt man ein bestimmtes Gewicht der zu untersuchenden
  zuckerhaltigen Flssigkeit bis zu dem 10-20fachen Volumen in
  Kubikcentimetern. Andererseits verdnnt man 10 Kubikcentimeter der
  Kupferlsung mit 40 Kubikcentimetern Wasser, erhitzt die Flssigkeit
  zum Sieden und setzt so lange von der Zuckerlsung zu, bis alles
  Kupferoxyd genau reducirt ist. Je nher man diesem Punkte kommt, desto
  reichlicher und rther ist der Niederschlag und desto schneller setzt
  er sich ab; eine Probe des Filtrats darf weder mit Schwefelwasserstoff,
  noch, nach dem Ansuern, mit Ferrocyankalium eine Reaction auf Kupfer
  andeuten. Enthlt das Filtrat berschssigen Zucker, so zeigt es bald
  eine gelbliche Frbung. Da das Kupferoxydsalz augenblicklich und in
  entsprechender Menge durch den Zucker reducirt wird, so ist ein
  lngeres Kochen der Lsung nicht erforderlich, wenn sie immer im Sieden
  oder nahe beim Sieden erhalten wird. Um Rohrzucker in der Weise zu
  bestimmen, muss derselbe durch mehrstndige Erwrmung mit Schwefelsure
  oder Weinsure in intervertirten Zucker verwandelt werden. 100 Th.
  Dextrose oder Levulose entsprechen 95 Th. Rohrzucker.

[Sidenote: Ghrungsprobe.]

  Die =dritte= Methode, die =Ghrungsprobe=, grndet sich darauf, dass
  Rohrzucker, in wsseriger Lsung mit Hefe zusammengebracht, in ein
  Gemenge von Dextrose oder Levulose bergeht, welches dann die geistige
  Ghrung erleidet und in Alkohol und Kohlensure bergeht. Dieser Probe
  liegt die bislang fr richtig angenommene Gleichung zu Grunde, dass

  1 Mol. Rohrzucker        }   bei der       { 4 Mol. Kohlensure = 176
  C_{12}H_{22}O_{11} = 342 } Ghrung liefert { 4  "   Alkohol     = 188

  Die lteste Ghrungsmethode besteht darin, die Menge und Strke des
  erhaltenen Alkohols nach Abdestilliren desselben durch des
  Alkoholometer zu bestimmen; dieses sehr umstndliche Verfahren ist
  nicht mehr im Gebrauch.

  Leichter ist die Methode ausfhrbar, wenn man die Menge der
  entweichenden Kohlensure bestimmt. Man wendet hierzu den
  alkalimetrischen Apparat von =Fresenius= und =Will= (vergl. S. 116) an.
  Ist die Ghrung beendigt, so wird Luft durch den Apparat gesogen und
  dann der durch das Entweichen der Kohlensure entstandene Verlust
  bestimmt, welcher mit

         171/88 = 1,9432 multiplicirt die Menge des Rohrzuckers
         180/88 = 2,04545    "         "    "   der Dextrose

  giebt. Man bestimmt auch die Kohlensure durch die Gewichtszunahme
  eines mit Kali gefllten Apparates oder in Form von Bariumcarbonat,
  indem man die Kohlensure durch eine ammoniakalische Lsung von
  Chlorbarium strmen lsst.

[Sidenote: Physikalische Bestimmung.]

  Auf =physikalischem Wege= bestimmt man den Zucker, indem man die
  optischen Eigenschaften des Zuckers beobachtet. Der Rohrzucker, die
  Dextrose und das Dextrin lenken die Polarisationsebene nach rechts, der
  Schleimzucker (Levulose, Chylariose) nach links und zwar proportional
  dem Gehalte der Lsung an Zucker etc., im Volumen, und proportional der
  Dicke der Schicht der Lsung, durch welche der polarisirte Lichtstrahl
  hindurchgeht. Nach der Grsse der Drehung, die eine Flssigkeitsschicht
  von bestimmter Hhe an der Polarisationsebene hervorbringt, lsst sich
  der Gehalt der Flssigkeit an den genannten Krpern beurtheilen. Dreht
  z. B. eine Zuckerlsung, die in 100 Kubikcentim. 15 Grm. Zucker
  enthlt, in einer 200 Millimeter langen Rhre die Polarisationsebene um
  20 nach rechts, so ist das Drehungsvermgen einer Lsung, die in 100
  Kubikcentim. 30 Grm. Zucker enthlt, in der nmlichen Rhre 40. Man
  braucht mithin nur einen Apparat zur genauen Messung des
  Drehungsvermgens, um aus der Grsse der Drehung den Zuckergehalt einer
  Lsung zu berechnen. Diese Apparate heissen =Polarimeter= oder
  =Polarisations-Apparate=. Die von =Mitscherlich=, =Ventzke-Soleil=, =J.
  J. Pohl= und =Wild= construirten Apparate sind die gebruchlichsten.
  Das =polarimetrische Verfahren=, hinsichtlich dessen Details auf die
  Werke von =Otto= sen. und =J. J. Pohl= verwiesen sei, lsst sich fr
  Rbensaft und die Produkte der Zuckerfabrikation gleichmssig anwenden,
  fhrt bei einiger Uebung schnell zum Ziele und liefert brauchbarere
  Ergebnisse als die brigen saccharimetrischen Verfahren.

[Sidenote: Darstellung des Zuckers aus den Rben.]

Die =Darstellung des Zuckers aus Rben= umfasst, je nach der Art der
Verarbeitung der Rben, folgende Arbeiten und Operationen:

    1. Das Waschen und Putzen der Rben;
    2. Die Gewinnung des Saftes aus der Rbe
      [Greek: a]) nach dem Pressverfahren, bei welchem die Rben zu Brei
                  zerrieben und der Saft des Rbenbreies mittelst
                  hydraulischer Pressen ausgepresst wird;
      [Greek: b]) nach dem Centrifugalverfahren, wobei der Saft aus dem
                  Brei durch Centrifugalkraft ausgeschleudert wird;
      [Greek: g]) nach dem Macerationsverfahren (nach =Schtzenbach=),
                  bei welchem der Saft aus dem Brei durch Wasser
                  ausgelaugt wird;
      [Greek: d]) nach dem von =Robert= herrhrenden Diffusionsverfahren
                  (oder der Osmose oder Dialyse), nach welchem die Rben
                  in dnne Lamellen (Schnitze, Schnittlinge) zerschnitten
                  und diese dann in besonderen Gefssen
                  (Diffusionsapparaten) systematisch mit Wasser von
                  bestimmter Temperatur ausgelaugt werden;
    3. Die Scheidung des Saftes mit Kalk und das Entkalken des
       geschiedenen Saftes mit Kohlensure;
    4. Die Filtration des entkalkten Saftes durch Knochenkohle, das
       Verdampfen des Saftes und nochmaliges Filtriren durch
       Knochenkohle;
    5. Das Verkochen des verdampften und filtrirten Saftes zur
       Krystallisation;
    6. Die Arbeit auf Rohzucker oder Brotzucker:
      [Greek: a]) auf Rohzucker (Rohzuckerarbeit),
      [Greek: b]) auf Brotzucker (Melisarbeit).

1. =Das Waschen und Putzen der Rben.= Die Rben werden vor ihrer
Verwendung von anhngender Erde, allen berflssigen Theilen u. s. w.
befreit, was theils durch Putzen und Ausschneiden, theils durch Waschen
geschieht. Der dadurch bewirkte Abgang betrgt selten unter 10 Proc. und
steigt oft bis gegen 20 Proc. vom Gewicht der Rben.

  Eine der gebruchlichsten Waschmaschinen ist die von =Champonnois=,
  wesentlich aus einer um ihre Axe drehbaren hlzernen oder eisernen
  Lattentrommel bestehend, die bis hchstens zur Hlfte ihres
  Durchmessers in einem Troge liegt, in welchem sich so viel Wasser
  befindet, dass die Trommel etwa 24 Centimeter in dasselbe eintaucht.
  Die Trommel macht etwa acht Umdrehungen in der Minute. Seitlich
  befindet sich ein Rumpf, durch welchen die Rben in die Trommel
  gelangen. Whrend des Umdrehens, wodurch die Rben von aller
  anhngenden Erde befreit werden, gelangen sie an das Ende der etwas
  abwrts geneigten Trommel auf eine schraubenhnlich gewundene Schaufel,
  welche sie emporfhrt und auf eine schiefe Lattenflche bringt, wo sie
  Arbeiter in Empfang nehmen und mit Hlfe von Messern von den Kpfen,
  den schadhaften und holzigen Stellen befreien. Die gewaschenen Rben
  drfen nicht lange aufbewahrt werden; am besten bringt man sie von der
  Waschmaschine sofort auf den Reibapparat. Auf 1000-1200 Ctr. Rben per
  Tag (24 Stunden) rechnet man 2 Pferdekraft bei einer Lnge der
  Waschtrommel von 3,1-4 Meter und 1 Meter Durchmesser mit 30-40
  Umdrehungen in der Minute.

2. =Die Gewinnung des Saftes aus der Rbe.= Die Saftgewinnung wird in
verschiedener Weise bewirkt und zwar lassen sich die in Anwendung
stehenden Methoden wesentlich auf =zwei= Systeme zurckfhren. Nach dem
einen werden die Rbenzellen vollstndig geffnet, um den Saft zu
gewinnen, nach dem anderen bleiben dagegen die Zellen geschlossen und
wird der Saftinhalt durch dialytische Vorgnge erzielt.

Die der =ersten= Art der Saftgewinnung angehrenden Methoden sind seit
vielen Jahren ziemlich allgemein in Gebrauch. Zur Ausfhrung derselben
werden die Rben zu einem zarten Brei zerrieben, aus dem dann der Saft
ausgezogen wird

              [Greek: a]) durch Pressen, oder
              [Greek: b])   "   Centrifugiren oder endlich
              [Greek: g])   "   Maceration.

[Illustration: Fig. 211.]

[Illustration: Fig. 212.]

  Die Rbe ist ein Aggregat von Zellen, in denen der Zuckersaft sich
  befindet. Um letzteren zu gewinnen, mssen die Zellen zerrissen und
  geffnet werden. Von dem mehr oder weniger vollkommenen Zerreiben hngt
  zum grossen Theile die Ausbeute und der Ertrag an Zucker ab, denn
  findet das Zerreiben nicht vollstndig statt, so bleiben zahlreiche
  Stellen ungeffnet, aus denen dann selbst die besten Pressen den Saft
  nicht auszupressen vermgen. Anfnglich benutzte man zum =Zerreiben der
  Rben= Handreiben, welche zum fabrikmssigen Betriebe sich indessen
  nicht eigneten, selbst wenn die Reibeisen auf Walzen befestigt wurden.
  Gegenwrtig wendet man allgemein die =Thierry='sche Reibmaschine an,
  welche Fig. 211 in perspectivischer Ansicht zeigt, wobei man sich den
  Reibcylinder in dem Mantel _u_ denken muss. Der Reibcylinder (in seinen
  wesentlichen Theilen Fig. 212 abgebildet) besteht aus einem 0,5-0,6
  Meter langen Cylinder von 0,8-1,0 Meter Durchmesser, dessen Peripherie
  so mit Sgeblttern besetzt ist, dass von diesen nur die Zhne ber die
  dazwischen angebrachten Holzstcke hervorstehen. Statt hlzerner
  Walzen, wie sie frher gebruchlich waren, wendet man jetzt zur
  Herstellung des Cylinders zwei eiserne Scheiben an, von der in der
  Zeichnung 212 angedeuteten Einrichtung, sodass 250 Sgebltter, mit
  hlzernen Leisten abwechselnd, eingesetzt werden knnen. Die Drehung
  des Cylinders geschieht durch die Riemenscheibe _a_. _t_ ist ein
  Trichter zum Zulassen von Wasser, _i_ ist der kastenfrmige Rumpf, in
  welchen die zu zerreibenden Rben kommen; der Rumpf ist gewhnlich
  getheilt, sodass die Rben abwechselnd in der einen und andern
  Abtheilung vorgeschoben werden. Um die Rben gegen den Reibcylinder
  anzudrcken, wendete man frher Handarbeiten an, gegenwrtig bedient
  man sich dagegen mechanischer Vorrichtungen (sogenannter =Poussoirs=),
  welche auf verschiedene Weise in Bewegung gesetzt werden. Eine sehr
  gebruchliche derartige Vorrichtung ist in der Zeichnung zu sehen.
  Durch die Riemenscheibe _a_ und das Getriebe _b_ wird des Rad _c_ und
  das Excentrik _d_ gedreht, welches mit Hlfe der Rolle _e_ auf den
  Hebel _g_, die Stange _h_ und das Poussoir _f_ einwirkt, und dasselbe
  nach vollendeter Wirkung zurckzieht. Der Druck auf die Rben wird
  demnach weniger durch den Mechanismus als vielmehr durch das Gewicht
  _k_ bewirkt. Der um den Reibcylinder herumliegende Mantel verhindert
  das Umherschleudern des Breies, welcher von einem Troge aufgenommen
  wird. Der Cylinder erhlt 1000-1200 Umdrehungen in der Minute, wodurch
  er eine Leistungsfhigkeit von 800-1000 Ctr. Rben in 24 Stunden
  erhlt. Als Betriebskraft fr die Reibmaschine rechnet man auf 1000
  Ctr. Rben 8-10 Pferdekraft. Theils zur Erleichterung des Reibens,
  theils auch, um einen feineren Brei zu gewinnen, leitet man whrend des
  Reibens durch den Trichter _t_ etwas Wasser auf den Reibcylinder. Eine
  andere Rbenreibe ist die von =Champonnois=, die sich von der lteren
  dadurch unterscheidet, dass die Reibtrommel unbeweglich ist, dagegen
  eine Schaufel mit den Rben innen in der Trommel, bei welcher die
  Zahnung gleichfalls nach Innen angebracht ist, sich bewegt, so dass die
  Rben durch Centrifugalkraft gegen die reibende Flche gedrckt und
  zerrieben werden. Der Brei tritt durch die mit den gezahnten Blttern
  der Trommel abwechselnden leeren Zwischenrume aus.

[Greek: a]) Die Saftgewinnung aus dem Brei =durch Auspressen des Breies=.
=Achard= benutzte zu diesem Zwecke eine Stein- oder Eisenwalze, die ber
den in Leintcher eingeschlagenen Rbenbrei ging. Von allen Arten
Pressen, die spter versucht wurden, ist man, wenn man von der
Walzenpresse von =Champonnois= (verbessert von =Lachaume=) absieht, die
in neuester Zeit in einigen Zuckerfabriken Frankreichs mit Erfolg
verwendet werden soll, bei der =hydraulischen= oder =Brahma='schen
=Presse= stehen geblieben, welche auf dem bekannten hydrostatischen
Gesetze beruht, dass der Druck in einer Flssigkeit sich nach allen
Richtungen hin gleichmssig fortpflanzt.

  Der Rbenbrei wird in Tcher geschlagen oder in Scke gefllt und darin
  flach ausgebreitet zwischen Geflechten oder Blechplatten in der Presse
  zu einem Stapel aufgeschichtet. Als Zwischenlagen gestatten Weiden-
  oder Rohrgeflechte ein schnelles Abfliessen des Saftes und daher ein
  gleichmssigeres Pressen, als Blechplatten. Die Grsse der Pressflche
  ist der Grsse der Kuchen entsprechend; die Kraft, mit der die Presse
  wirkt, ist 500-600 Pfd. auf jeden Quadratzoll Pressflche. Sobald die
  Presse mit der gehrigen Anzahl von Pressschichten (25-50) beschickt
  ist, stellt man die Communication zwischen den Druckpumpen und dem
  Presscylinder her und beginnt das Pressen; unterdessen wird die zweite
  Presse entleert und von Neuem beschickt. Der ausgepresste Saft fliesst
  auf die Pressplatte, an deren Umkreise eine Rinne mit Abzugsrohr sich
  befindet, durch welche der Saft entweder in einen Saftbehlter oder
  direct in die Luterungspfannen fliesst. Meistens findet ein
  wiederholtes Pressen der Kuchen statt, da durch einmaliges Pressen nur
  aus sehr feinem Brei in sehr dnnen Schichten eine gengende Menge Saft
  erzielt werden kann. Da man whrend des Reibens der Rben und des
  Auspressens des Rbenbreies Wasser zugiebt, so lsst sich
  selbstverstndlich die Saftausbeute nicht aus der Quantitt des
  gewonnenen Saftes ermitteln, sondern nur aus dem Gewicht der
  =Presslinge=. Geben 100 Ctr. Rben 18 Ctr. Pressrckstnde, so war die
  Ausbeute an Saft 82 Proc. Als einen guten Durchschnittsertrag
  betrachtet man indessen schon 80 Proc. (anstatt 96 Proc., welche in der
  Rbe sich finden).

[Sidenote: Presslinge.]

  Die bei Anwendung von hydraulischen Pressen gewonnenen
  =Pressrckstnde= oder =Presslinge= bestehen aus der Rbenschale, der
  Cellulose, dem Pektin, den unlslichen Protensubstanzen, sowie aus den
  Bestandtheilen desjenigen Theiles des Rbensaftes, welcher durch
  Pressen nicht entfernt werden konnte. Sowie sie die Presse verlassen,
  erscheinen sie in Gestalt eines ziemlich trockenen, zusammenhngenden
  Kuchens von einigen Linien Dicke. Untersuchungen ber die Presslinge
  hat neben vielen Anderen =E. Wolff= (in Hohenheim) ausgefhrt.

                                Pressrckstnde von Hohenheim.
                                    Die Rbe gepresst mit
                          Frische    20 Proc.    14 Proc.      ohne
                           Rben.     Wasser.     Wasser.     Wasser.
     Wasser                81,56       68,01       67,92       65,94
     Asche                  0,89        5,47        5,74        5,28
     Cellulose              1,33        6,25        6,04        6,68
     Zucker                11,88        7,86        7,58        6,72
     Protenkrper          0,87        1,05        1,67       11,02
     Sonstige Nhrstoffe    3,47       11,36       10,05       14,31

  100 Th. vorstehender Rben lieferten 23,2 Th. Presslinge und 76,8 Th.
  Saft von folgender Zusammensetzung:

                                   Presslinge.   Saft.
                                      23,2       76,8
                                      -----      -----
                   Wasser             15,61      65,95
                   Asche               1,27        ?
                   Cellulose           1,47        --
                   Zucker              1,72      10,17
                   Kohlenhydrate       2,84       0,63
                   Protenkrper       0,28       0,58
                                      -----      -----
                                      23,20      76,80

  Ausser zum Mastfutter hat man die Pressrckstnde zur Bereitung von
  Branntwein und Essig, sowie neuerdings als Material zur Herstellung von
  Papier und von Leuchtgas anzuwenden vorgeschlagen. In letzterer
  Hinsicht sollen sehr gute Resultate erzielt worden sein.

[Greek: b]) Die Saftgewinnung aus dem Brei =durch Ausschleudern=. Vor
lngerer Zeit und auch neuerdings wieder hat man vorgeschlagen, den Saft
aus dem Rbenbrei mit Benutzung der weiter unten zu beschreibenden
Centrifugalmaschinen -- in der Regel =Centrifugen= oder =Schleudern=
genannt -- herauszuschleudern. Man erhlt auf diese Weise nach
=Frickenhaus= 50-60 Proc. Saft; den Rest soll man gewinnen, indem man den
mit Wasser angerhrten Rckstand noch zweimal in der Centrifuge
behandelt. Um nicht zu sehr verdnnte Sfte zu erhalten, wird der dnne
Saft zur Maceration von zuckerreicherem Rbenbrei benutzt. Die Praxis hat
sich theilweise gnstig ber diese Methode der Saftgewinnung
ausgesprochen.

  Die Leistung einer Schleuder von 1 Meter Durchmesser und 0,5 Meter Hhe
  ist zu 100 Ctr. per Tag anzunehmen. Die Arbeitskraft ist geringer als
  bei der Presse, namentlich ist die Ausgabe fr die Presstcher hierbei
  ganz vermieden. Die Kraft, mit welcher obige Schleuder auf den Saft
  wirkt, ist 5,1 Atmosphren, wodurch gegen 60 Proc. Saft erzielt werden.
  Der Rest wird durch Verdrngen mittelst Wasser bei dem verminderten
  Drucke von 1,8 Atmosphren herausgeschleudert; die Quantitt des
  zugesetzten Wassers betrgt 50-60 Proc. des Rbenquantums; von diesen
  50 Proc. bleiben 20 Proc. in den Rckstnden, whrend 30 Proc. in den
  Luterkessel bergehen. Die brigen Verhltnisse mssen entscheiden, ob
  der Mehraufwand an Brennstoff durch die Mehrausbeute an Zucker mehr als
  gedeckt wird.

[Greek: g]) Die Saftgewinnung =durch Auslaugen des Rbenbreies=
(Macerationsverfahren nach =Schtzenbach=). Nach dem =lteren= Verfahren
=Schtzenbach='s werden die Rben zuerst gereinigt und dann zur
=Schneidemaschine= gebracht, welche so eingerichtet ist, dass durch
allmlige Einwirkung einer Anzahl vertikal stehender Messer und einer
horizontal auffallenden Schneideklinge die Rben zu Parallelepipeden
(Schnitzeln) zertheilt werden, welche unter dem Einflusse der Luft sich
zusammenbiegen und nicht mehr aneinander haften. Das =Trocknen= geschieht
in Trockenrumen mit bis auf etwa 50 erhitzter Luft. Die Rbenschnitte
gehen ununterbrochen ber endlose Gewebe, die in dem Trockenraume
horizontal gelagert sind. Die Luft wird auf hnliche Weise wie in den
Malzdarren erhitzt. Die getrockneten Rben werden entweder zu Pulver
zermahlen oder im ungemahlenen Zustande verarbeitet. Im ersteren Falle
macerirt man 4 Th. Rbenmehl mit 9 Th. Wasser, welches mit etwas
Schwefelsure oder schwefliger Sure angesuert worden ist, und stumpft
dann die Sure mit Kalk ab. Nach dem zweiten gewhnlicheren Verfahren
feuchtet man die trockenen Rbenschnitte mit dnner Kalkmilch an, fllt
sie in geschlossene Cylinder und laugt sie hier mit Wasser von 80 aus.
Die weitere Verarbeitung des Saftes bietet nichts Eigenthmliches dar.

  Hinsichtlich des Werthes der =Schtzenbach='schen Saftgewinnungsmethode
  hat sich in vielen Gegenden Deutschlands die Ueberzeugung gebildet,
  dass der Kostenaufwand fr die beiden Operationen des Trocknens und
  Auslaugens weit grsser ist, als fr die directe Verarbeitung der
  grnen Rbe, ohne in Menge und Gte des gewonnenen Produktes eine
  Entschdigung zu gewhren. Dennoch kann es Flle geben, wo diese
  Industrie mit Nutzen betrieben werden mag. Sie gewhrt den Vortheil,
  das ganze Jahr regelmssig fortarbeiten zu knnen, und gestattet eine
  vortheilhafte Benutzung des Anlagecapitals und des Arbeits- und
  Aufsichtspersonals. 4,75 Centner grne Rben werden (vom 1. September
  1866 an) gleich 1 Ctnr. trockener Schnitzen gerechnet. Der Umstand,
  dass die Maceration der Rbenschnitte usserst langsam erfolgt und bei
  erhhter Temperatur vor sich geht, wobei der Saft leicht eine
  nachtheilige Vernderung erleiden kann, hat in neuerer Zeit (1853)
  =Schtzenbach= veranlasst, aus dem durch Zerreiben der Rben erhaltenen
  =Rbenbrei= durch Digestion mit kaltem Wasser den Saft zu gewinnen. In
  wissenschaftlicher Hinsicht verdient das =Schtzenbach='sche Verfahren
  alle Beachtung, in der Praxis dagegen hat es den gehegten Erwartungen
  nicht immer entsprochen. Man wirft demselben vor, dass es nur bei der
  sorgfltigsten Manipulation, wie sie in der Praxis nicht immer mglich
  ist, eine grssere Ausbeute gbe, als das Pressverfahren, und dass
  leicht Strungen des Betriebes bei demselben eintreten.

[Greek: d]) Wie oben bemerkt, kann man den Saftinhalt der Rbenzellen
erzielen, ohne dass man die Zellen zu ffnen braucht. Die Saftgewinnung
geschieht hier =durch Auslaugen der grnen Schnitzel= (Dialyse oder
Diffusion nach =Robert=; osmotische Maceration oder Osmose nach
=Dubrunfaut=). Aus der =Schtzenbach='schen Maceration hat sich das auf
Dialyse basirte Diffusionsverfahren =Robert='s herausgebildet, welches
darin besteht, dass man die grnen Rbenschnitzel mit reinem Wasser von
50 C. digerirt. Der Zucker geht durch die Zellenwandung hindurch und
lst sich in dem Wasser, whrend gewisse Nichtzuckerstoffe in den Zellen
zurckbleiben. Die erhaltene Flssigkeit ist mithin eine fast reine
Zuckerlsung und kann mit Leichtigkeit von der geringen Menge fremder
Stoffe geschieden werden. Ein Nachtheil des Verfahrens liegt in der
grossen Verdnnung der Zuckerlsung. Die =Diffusionsrckstnde= sind sehr
wssrig und enthalten 93 Proc. Wasser und 7 Proc. Trockensubstanz.

  Vergleicht man die verschiedenen Saftgewinnungsverfahren in Bezug auf
  Betriebskraft, Arbeitspersonal, Zuckerverlust etc. etc., so gebhrt dem
  =Diffusionsverfahren= der Vorzug und in der That findet dasselbe mit
  Recht eine immer grssere Verbreitung.

[Sidenote: Scheidung des Saftes.]

3. =Die Scheidung des Rbensaftes.= Der durch Auspressen oder durch
Ausschleudern oder endlich durch Maceration aus dem Brei gewonnene
Rbensaft frbt sich an der Luft tintenartig und es scheidet sich ein
schwarzer flockiger Niederschlag aus. Je mehr freie Sure der Saft
enthielt, desto weniger leicht tritt die Frbung ein und der Saft
erscheint in diesem Falle braunroth gefrbt. Der Saft ist nicht nur eine
Lsung von Zucker, sondern eine Lsung smmtlicher lslicher
Bestandtheile der Rbe, von welchen ausser dem Zucker die
stickstoffhaltigen Substanzen und die mineralischen Bestandtheile zu
beachten sind. Besonders die ersteren sind es, welche unter dem Einfluss
der atmosphrischen Luft in Fermente bergehen und den Zucker in
Milchsure und andere Produkte berfhren. Bis jetzt ist es noch nicht
gelungen, den gelsten Zucker von allen diesen Verunreinigungen zu
befreien. Man sucht zuvrderst nur diejenigen zu entfernen, welche der
Herstellung von reinem Zucker am meisten hinderlich sind oder durch
welche er seine Krystallisationsfhigkeit einbssen wrde. Die
angebrachte Abscheidung dieser schdlichen Stoffe ist die Aufgabe der
=Luterung=.

  Das jetzt fast allgemein eingefhrte =Luterungsverfahren= ist
  folgendes: Zuerst wird der Saft in der Scheidepfanne mglichst rasch
  und gleichmssig erhitzt, damit die im Safte vorhandene freie Sure
  keinen nachtheiligen Einfluss auf den Zucker ausbe und die
  Eiweisssubstanzen coaguliren. Das Erhitzen geschieht am zweckmssigsten
  in kupfernen =Luterungs=- oder =Defecationskesseln= mit doppeltem
  Boden. Sobald durch Erhitzen des Saftes die Coagulation erfolgt ist,
  was gewhnlich bei 85 geschieht, wird verdnnte Kalkmilch zugesetzt
  und innig mit dem Safte gemischt. Der Kalk sttigt die in dem Safte
  enthaltenen freien Suren, dann scheidet er die stickstoffhaltigen
  Substanzen aus, welche so leicht zum Verderben des Saftes beitragen
  knnen, oder zersetzt dieselben unter Ammoniakentwickelung. Der Kalk
  verbindet sich endlich mit einem Theile des Zuckers zu Zucker-Kalk
  (Calcium-Saccharat). Von den durch den Kalkzusatz frei gemachten Basen
  werden Eisenoxydul und Magnesia gefllt, whrend Kali und Natron frei
  gemacht werden. Damit der Kalk hinlnglich wirken knne, wird, nach
  dessen Zusatze, die Temperatur durch Einlassen von Dampf erhht. Die
  Menge des zuzusetzenden Kalkes ist von der Beschaffenheit der Rben
  abhngig. In der Regel setzt man auf 100 Lit. Saft 1-2 Pfund Kalk zu
  oder auf 2 Centner Rben 1 Pfund. Die in Form eines Schlammes
  (=Scheideschlamm=) ausgeschiedenen unlslichen Verbindungen des Kalkes
  werden von dem brigen Zuckersaft (geschiedener Saft) getrennt. Diese
  Trennung wird gegenwrtig allgemein mittelst der sogenannten
  =Filterpressen= (Pressfilter, Fachfilter) bewirkt, deren Einfhrung in
  die Zuckerfabrikation als ein bedeutender Fortschritt bezeichnet werden
  muss.

[Sidenote: Entkalken oder Saturiren des Saftes durch Kohlensure.]

Der geluterte Saft ist keineswegs eine reine Zuckerlsung, sondern
enthlt ausser dem freien Zucker Zucker-Kalk, freies Kali und Natron,
etwas Ammoniak, geringe Mengen stickstoffhaltiger organischer Substanzen,
deren Zersetzung durch die vorhandenen freien Alkalien beim weiteren
Eindampfen sich durch Ammoniakentwickelung zu erkennen giebt, organische
Suren, namentlich Asparaginsure, endlich Alkalisalze wie Kaliumsulfat
und Kaliumnitrat. Die fernere Behandlung des geluterten Saftes bezweckt
nun die mglichste Entfernung dieser fremden Stoffe aus dem Safte,
namentlich die Zersetzung des Zuckerkalkes. Die Entkalkung kann geschehen
auf =physikalischem= Wege durch Knochenkohle oder auf =chemischem= Wege
durch Kohlensure; letztere Art des Entkalkens macht indessen die
Anwendung der Knochenkohle nicht berflssig, weil ja die Kohle nicht
blos entkalkend wirkt, aber die Menge der Kohle lsst sich betrchtlich
vermindern. Der geluterte Saft wird, nachdem er durch ein Kohlenfilter
gelaufen ist, entweder sofort abgedampft oder mit =Kohlensure=
behandelt, um den bei der Luterung zugesetzten Kalk zu entfernen,
welcher sonst bei der darauf nachfolgenden Filtration ber Knochenkohle,
welche gleichfalls die Eigenschaft besitzt, den Kalk des Zuckerkalkes aus
dem Safte zu entfernen, beseitigt werden muss[107]. Die Kohlensure wurde
zuerst 1811 von =Barruel= in Paris und spter von =Kuhlmann= in Lille
empfohlen, von =Schatten= und =Michaelis= aber im Grossen zum =Entkalken=
oder =Saturiren des geluterten Saftes= angewendet. Der letztere erzeugt
die Kohlensure aus mit Wasser angerhrter Schlmmkreide (besser und
reiner aus Magnesit) und Schwefelsure, der erstere durch Verbrennen von
Holzkohle oder von Gaskoks. Neuerdings hat =Ozouf= empfohlen, die
Kohlensure durch Glhen von Natriumbicarbonat darzustellen.

  [107] Viele Fabriken, darunter die in Waghusel, entkalken nur durch
        Filtration ber Knochenkohle.

[Illustration: Fig. 213.]

  In den deutschen Fabriken bedient man sich zum Zersetzen des
  Zuckerkalkes der =Kleeberger='schen Pfanne; Fig. 213 zeigt eine solche
  im Durchschnitt. Sie ist von Gusseisen und kastenfrmig. Die
  Kohlensure wird, nachdem sie mittelst einer Lsung von kohlensaurem
  Natrium und dann mit reinem Wasser gewaschen worden ist, durch das Rohr
  _m_ in den Kasten _B_ geleitet, welcher mit dem heissen Safte angefllt
  ist. Das Rohr _m_ spaltet sich in zwei engere auseinandergehende
  Rhren, wodurch das Kohlensuregas besser zertheilt und der Saft besser
  bewegt wird. Das nicht absorbirte Gas, zum kleinen Theil aus
  Kohlensure, zum grsseren aus Stickstoff bestehend, sammelt sich in
  _B_ ber dem Safte an und drngt denselben durch die Oeffnungen _P_ in
  den oberen Raum _A_. Wenn dergestalt der Saft in _B_ bis unter _P_
  gesunken ist, so geht das in _B_ angesammelte Gas durch die Oeffnungen
  in _A_ und nochmals durch den Saft, wo die Kohlensure vollends
  absorbirt wird. Die nicht absorbirten Gase entweichen durch _n_. Nach
  beendigter Einwirkung des Kohlensuregases, daran zu erkennen, dass
  der Kalk gut abgeschieden und der Saft klar ist, schliesst man den
  Kohlensurehahn _o_ und lsst dann durch _k_ den Saft in ein Reservoir
  fliessen, in welchem sich das Calciumcarbonat absetzt. Der klare Saft
  wird dann zur weiteren Bearbeitung abgelassen. Zur Reinigung des
  Entkalkungsapparates, namentlich zur Entfernung des abgeschiedenen
  Calciumcarbonates dient die Oeffnung _e_. Der zu entkalkende Saft tritt
  durch das Rohr _s_ und die Rinne _t_ in den Apparat. Der abgeschiedene
  Schlamm (=Saturationsschlamm=) wird in gleicher Weise wie der
  Scheideschlamm in der Filterpresse von der beigemengten Zuckerlsung
  getrennt.

[Sidenote: Andere Mittel zum Entkalken des geluterten Rbensaftes.]

  Anstatt der Kohlensure (und der Knochenkohle) hat man zum Entkalken
  des geluterten Rbensaftes eine grosse Anzahl von Mitteln
  vorgeschlagen, die zum grssten Theile in der Anwendung solcher Suren
  oder Substanzen bestehen, welche mit dem Kalk des Zuckerkalkes
  unlsliche Verbindungen eingehen, ohne jedoch dabei den Zucker zu
  verndern. Die =Oxalsure= wrde zum Entkalken sehr passend sein, da
  das Calciumoxalat in der Zuckerlsung unlslich ist; sie ist jedoch fr
  jetzt noch viel zu theuer, der Niederschlag hat auch das Unangenehme,
  dass er usserst fein ist und sich deshalb nur sehr langsam absetzt und
  ein Filtriren durch Beutelfilter nthig macht. Auch die =Phosphorsure=
  wurde zum Entkalken und zum Neutralisiren des alkalisch reagirenden
  Saftes angewendet. Das Calciumphosphat scheidet sich in Flocken aus und
  kann leicht durch Filtriren durch eine dnne Schicht gekrnter Kohle
  getrennt werden. Vortheilhafter als die freie Phosphorsure scheint das
  Ammonphosphat zu sein, welches den Kalk fllt und die Alkalien
  neutralisirt, whrend das Ammoniak frei wird, das beim Erhitzen des
  Saftes entweicht. =Oelsure= und =Stearinsure= sind gleichfalls
  vorgeschlagen worden, welche mit einer Zuckerkalklsung
  zusammengeschttelt, schon in der Klte derselben den Kalk vollstndig
  entziehen. Ebenso das =Kieselsurehydrat= und das =Casen=. =Acar=
  setzt zu dem geluterten Safte =Pektinsure=, welche mit dem Kalke zu
  unlslichem Calciumpectat zusammentritt. Seitdem =Magnesiumsulfat= aus
  dem Stassfurter Kieserit usserst wohlfeil dargestellt wird, hat man es
  (nach dem Vorschlage von =Morgenstern=) gleichfalls zum Entkalken und
  Klren des Zuckersaftes mit grossem Erfolg angewendet. Die Magnesia
  nimmt bei ihrer Abscheidung einen Theil der verunreinigenden und
  frbenden Substanzen des Saftes mit. =Frickenhaus= endlich hat
  neuerdings auf die Anwendbarkeit der =Fluorwasserstoffsure= zum
  Entkalken, noch mehr aber zum Entsalzen des Rbensaftes aufmerksam
  gemacht. Ausser den im Vorstehenden genannten Substanzen, welche dem
  Safte nach der Luterung mit Kalk behufs der Entkalkung zugesetzt
  werden, giebt es noch eine Anzahl solcher, die vor dem Kalk oder neben
  demselben dem Safte beigemischt werden und den Zweck haben, =die
  Luterung vollstndiger= als mit Kalk oder ohne denselben
  =auszufhren=, oder mindestens den Saft so weit zu reinigen, dass bei
  der darauf folgenden Filtration durch Thierkohle betrchtlich =an Kohle
  gespart= werde. Hier sei zunchst die =schweflige Sure= angefhrt, von
  welcher man sich in der Zuckerfabrikation grosse Dinge versprach.
  Bereits im Jahre 1810 empfahl =Proust=, des Calciumsulfit gegen die
  schnell eintretende Ghrung des Zuckerrohrsaftes anzuwenden; 1829
  erhielt =Dubrunfaut= ein Patent auf die Behandlung des Rbensaftes mit
  schwefliger Sure vor der Luterung mit Kalk. Im Jahre 1849 hat
  =Melsens= in Brssel diesen Gegenstand wieder aufgegriffen und die
  Anwendung von zweifach schwefligsaurem Kalk empfohlen. Bei 100
  scheidet der zweifach schwefligsaure Kalk die meisten Protensubstanzen
  aus ihren Lsungen ab; er wirkt nicht allein ghrungswidrig, sondern
  demnach auch als krftiges Luterungsmittel. Die in den Rben fertig
  gebildet vorkommenden Farbstoffe werden durch die schweflige Sure nur
  maskirt, aber nicht zerstrt; sie widersetzt sich dagegen der Frbung
  des Rbensaftes durch die Luft vollkommen und bleibend. =Melsens=
  glaubt, dass man bei Anwendung seines Mittels bei der Gewinnung des
  Zuckers aus Zuckerrohr von der Gefahr der eintretenden Ghrung nicht
  mehr bedrngt, die Pfannenfeuerung durch eine Art Sonnengradirung, ja
  selbst durch Gradirung auf wirklichen Gradirhusern ersetzen knne. Bei
  den Rben fand er grssere Schwierigkeiten, besonders weil die beln
  Folgen ihres betrchtlichen Gehaltes an Salzen durch Calciumsulfit
  nicht zu heben sind. Dagegen scheint ihm ein Zusatz desselben zum
  ausgepressten Brei die Mglichkeit einer vlligen Erschpfung, durch
  systematische Auswaschung in sichere Aussicht zu stellen. Er glaubt
  auch, dass das Calciumsulfit die Knochenkohle entbehrlich machen werde.
  Die durch =Melsens= in Aussicht gestellte Vereinfachung verliert jedoch
  durch zwei Umstnde wesentlich an Werth. Erstlich behlt der fertige
  Zucker einen schwefligen Geschmack bei, welcher nur durch starkes
  Decken, wobei 10 Proc. abgehen, durch lngeres Aussetzen des
  zerstossenen Brotes an die Luft oder in einer ammoniakalischen
  Atmosphre entfernt werden kann. Zweitens fragt es sich, ob die
  Presslinge mit Calciumsulfit behandelter Rben noch als Futter
  anwendbar sind. Die von =Melsens= bekannt gegebenen Vorschlge wurden
  von =Dumas= in einer Weise bevorwortet, welche eine totale Umwlzung
  der bisherigen Zuckerfabrikation, ein Aufhren der Fabriken von
  Knochenkohle und eine folgenschwere Vermehrung der Zuckerausbeute
  erwarten liess. Von allen Hoffnungen jedoch, die sich an =Melsens='
  Methode knpften, ist bis jetzt noch keine erfllt worden.

[Sidenote: Luterung mit Baryt.]

  Die bisher abgehandelten Methoden der Abscheidung des Zuckers aus dem
  Rbensafte beruhen darauf, dass die fremden Substanzen, welche den
  Zucker begleiten, in eine unlsliche Form oder Verbindung bergefhrt
  werden, also auf einer Abscheidung dieser Stoffe von dem Zucker. Das
  Umgekehrte, nmlich die Abscheidung des Zuckers von den fremden Stoffen
  bezweckt das vor etwa 15 Jahren in Frankreich patentirte Verfahren von
  =Dubrunfaut= und =de Massy=, das sich auf die Eigenschaft des Baryts
  grndet, mit Rohrzucker in der Siedehitze eine unlsliche Verbindung
  von =Zucker-Baryt= (Barium-Saccharat, C_{12}H_{22}O_{11},BaO) zu
  bilden. Man versetzt den bis zum Sieden erhitzten Saft mit so viel
  Aetzbaryt, als nthig ist, um allen Zucker zu fllen. Der sich als
  Niederschlag ausscheidende Zucker-Baryt wird von der Flssigkeit, worin
  alle brigen Substanzen gelst bleiben, getrennt, dann in reinem Wasser
  suspendirt und durch Kohlensure zersetzt. Man erhlt einerseits reine
  Zuckerlsung, welche wie gewhnlich verkocht wird, und andererseits
  Bariumcarbonat, welches wieder auf Aetzbaryt verarbeitet wird. Nachdem
  der Zucker-Baryt durch Kohlensure zersetzt worden ist, wird die Lsung
  filtrirt und mit etwas Gyps versetzt, wo in Folge doppelter Zersetzung
  die geringe Menge des noch gelsten Bariumcarbonates als Sulfat und der
  Gyps als Calciumcarbonat ausgeschieden wird. Nach den Versuchen von =C.
  Stammer= giebt die Abscheidung des Rohrzuckers aus der Melasse durch
  Baryt nicht unbefriedigende Resultate.

4. =Die Filtration des entkalkten Saftes durch Knochenkohle, das
Verdampfen des Saftes und nochmaliges Filtriren durch Kohle.= Ehe wir die
weitere Behandlung des geluterten und entkalkten Saftes beschreiben,
wenden wir uns zu der Einrichtung der Filter und Siedepfannen.

=Die Filtra.= Nachdem =Lowitz= die Eigenschaft der Holzkohle entdeckt
hatte, entfrbend auf gefrbte Flssigkeiten zu wirken, wurde die Kohle
zuerst im Jahre 1798 zur Entfrbung der Melassen in den Zuckerraffinerien
benutzt. Spter wurde nachgewiesen, dass das Entfrbungsvermgen der
Thierkohle, (Knochenkohle, Beinkohle), das der Holzkohle weit bertreffe.
Spter entdeckte =Schatten=, dass die Thierkohle nicht nur entfrbend,
sondern auch entkalkend und entsalzend auf den Saft wirke. Darauf grndet
sich die beraus wichtige Rolle, welche die Knochenkohle in der heutigen
Zuckerfabrikation spielt. Lange Zeit wendete man sie nur als feines
Pulver an, spter im gekrnten Zustande. Nach der lteren Methode
erhitzte man den Kohlenstaub mit dem abgedampften Safte und entfernte ihn
daraus wieder durch einen Zusatz von Blut, wie dies noch jetzt bei dem
Raffiniren des Rohrzuckers theilweise gebruchlich ist.

[Illustration: Fig. 214.]

  Zur Abscheidung des entfrbten und entkalkten Saftes von den
  Kohletheilchen u. s. w. benutzt man hufig die 1825 von =Taylor=
  angegebenen Filter, welche Fig. 214 im Durchschnitt abgebildet sind. In
  einem, mit Thre versehenen und mit Kupferblech ausgeftterten Kasten,
  befinden sich zwei durch einen Querboden getheilte Abtheilungen. In der
  oberen _A_ befindet sich der zu filtrirende Saft, in der unteren _B_
  die Filtrirvorrichtung und der filtrirte Saft. Die Filtrirbeutel sind
  Schluche aus Baumwollzeug, und stecken in leinenen Beuteln der Art,
  dass sie mglichst viele Falten bilden. Die messingenen Mundstcke der
  Beutel (siehe _P_) werden in die Oeffnungen des Querbodens
  eingeschraubt. Ueber dem Boden der unteren Abtheilung befindet sich ein
  Hahn _a_ zum Ablassen des filtrirten Saftes. In die obere Abtheilung
  gelangt der Saft durch das Rohr _o_. Das zuerst Ablaufende ist meistens
  trbe und muss nochmals zurckgegossen werden. Die Poren der Filter
  verstopfen sich sehr bald und die letzteren mssen deshalb fters
  ausgewechselt werden.

[Sidenote: Dumont's Filter.]

=Pajot des Charmes= war es, welcher im Jahre 1822 die Knochenkohle in
die Filter brachte und die Entfrbung mit der Filtration verband. Diese
Versuche blieben unbeachtet, bis =Dumont= 1828 die fr die
Zuckerindustrie so wichtige Entdeckung machte, dass die Wirksamkeit der
Thierkohle bedeutend vermehrt wurde, wenn man sie im gekrnten Zustande
und in dicken Schichten anwende. Er entfernte von der Kohle allen Staub,
so dass nur noch grob gepulverte Kohle zurckblieb; er construirte dann
ein Filter -- das =Dumont='sche Filter -- in welchem die gekrnte Kohle
sich gnzlich in die Flssigkeit eingetaucht fand. Diese Art der
Anwendung der Kohle gestattet es, nach dem Gebrauche die aufgenommenen
Stoffe (namentlich den Kalk) durch das sogenannte =Wiederbeleben=
(theilweise durch Behandeln der erschpften Kohle mit Salzsure) wieder
daraus zu entfernen, wodurch die Kohle aufs Neue brauchbar wird. Nur
durch diesen Umstand ist es mglich geworden, die Thierkohle in den
Zuckerfabriken in der erforderlichen Menge anzuwenden.

[Illustration: Fig. 215.]

  Fig. 215 zeigt den Verticaldurchschnitt, Fig. 216 den
  Horizontaldurchschnitt des =Dumont='schen Filters. Das eigentliche
  Filter besteht aus einem hohen Gefsse _A l_ mit einem Siebboden _b b_,
  ber welchem die gekrnte Kohle aufgeschichtet wird. Oberhalb und unten
  seitwrts (bei _C_) sind dicht zu verschliessende Oeffnungen zum
  Eintragen und Entleeren der Kohle vorhanden. Wendet man Kohle von
  verschiedener Korngrsse und ungleicher Wirksamkeit an, so kommt in den
  unteren Theil die wirksamere und in die oberen die grbere. Auf die
  Kohle wird ein feuchtes Tuch gebreitet und ein kupferner Siebboden _c
  c_ gelegt. Gewhnlich werden mehrere Filter von einem Vorrathsbehlter
  _D_ aus mit Saft gespeist. Mit Hlfe des Hahnes _d_ wird der Saft in
  die Filter _A_ gebracht. Damit er darin gleich hoch stehe und unter
  gleichem Drucke hindurchgehe, ist mit dem Ausflussrohr ein Hahn mit
  Schwimmern _e_ verbunden. Der durch die Kohle gehende Saft kann in die
  untere Abtheilung des Filters nicht gelangen, ohne die darin
  befindliche Luft auszutreiben, welcher letzteren ein Ausweg durch das
  zu diesem Behufe angebrachte Steigrohr _t_ angewiesen ist. Der
  Siebboden unter der Kohle ist gewhnlich noch mit einem Rohrgeflecht
  bedeckt, darauf kommt ein leinenes oder wollenes Tuch. Nachdem die
  Kohle in ihrer Wirkung erschpft ist, ssst man die Filter mit
  kochendem Wasser aus, um allen Zucker daraus zu gewinnen. Zuweilen
  leitet man auch den Saft von einem Filter auf ein zweites, falls das
  erstere den Saft nicht gengend reinigt und die Kohle doch noch
  Unreinigkeiten aufzunehmen vermag.

  [Illustration: Fig. 216.]

[Sidenote: Pfannen.]

  Die =Pfannen=, welche zum Abdampfen des filtrirten Saftes und zum
  Einkochen des Klrsels dienen, lassen sich, je nachdem man freies Feuer
  oder Dmpfe oder heisse Luft zum Erhitzen benutzt, je nachdem
  unterbrochen oder continuirlich, bei gewhnlichem oder vermindertem
  Luftdrucke gearbeitet wird, hinsichtlich der Art des Verdampfens
  eintheilen in solche, die

   I. bei =gewhnlichem Luftdrucke= arbeiten, und zwar
    a) ber freiem Feuer als feststehende und Schaukel- oder Kipppfannen,
       oder
    b) mit Hochdruckdampf und
    c) mittelst erwrmter Luft;
  II. bei =vermindertem Luftdrucke= (Vacuumpfannen). Der luftverdnnte
      Raum wird erzeugt
    a) mit Hlfe der Luftpumpe,
    b) durch die Toricelli'sche Leere,
    c) mittelst Dampf und Condensation desselben oder
    d) durch Combination von a und b.

  Die Pfannen sind theils auf periodischen, theils auf continuirlichen
  Betrieb eingerichtet.

Was die Abdampfpfannen, die aus Kupfer bestehen, =ber freiem Feuer=
betrifft, so hat man bei ihrer Construction nicht allein auf konomische
Verwendung des Brennstoffs, sondern auch auf den Einfluss derselben auf
die Qualitt der Produkte und auf leichte Ausfhrung der Arbeit zu sehen.
Ein grosser Uebelstand beim Verdampfen ber freiem Feuer ist die Gefahr
der Ueberhitzung des von der Zuckerlsung nicht bedeckten Randes und die
Schwierigkeit, das Feuer schnell vermindern zu knnen, wie es beim
Entleeren der Pfannen nthig ist, wenn nicht ein Theil des Zuckers in
Caramel bergefhrt werden soll.

[Illustration: Fig. 217.]

[Illustration: Fig. 218.]

[Illustration: Fig. 219.]

  Diese Uebelstnde werden durch eine Fig. 217 im Verticaldurchschnitt
  und Fig. 218 im Grundrisse abgebildete Construction der Feuerung zum
  Theil beseitigt. _D_ ist die Abdampfpfanne, _A_ der Herdraum, _B_ der
  Feuerraum, _C_ der Aschenfall, _E_ der Schornstein. Der Brennstoff
  gelangt durch _a_ auf den schief liegenden Rost _b_. Durch die Oeffnung
  _d_ lsst sich der Rost rein erhalten. Der Feuerraum ist mit einem
  oberhalb verschlossenen Gewlbe bedeckt, in welchem die seitlichen
  Oeffnungen _e e_ die Hitze gleichmssig in den Herdraum gelangen
  lassen. Von hier aus gelangen die Verbrennungsgase durch die Kanle _f
  f_ nach abwrts und werden durch den Kanal _G_ in den Schornstein
  geleitet. _l l_ sind geschlossene Oeffnungen, welche kalte Luft in den
  Herdraum _A_ zu leiten gestatten. Leichter als in den feststehenden
  Pfannen ist das Entleeren der Zuckerlsung in den =Kipp=-, =Schaukel=-
  oder =Schwungpfannen= auszufhren. Sie sind flach, 30-36 Centim. tief,
  gehen (Fig. 219) in einen breiten Schnabel aus und sind um eine
  horizontal auf der Umfassungsmauer gelagerte Axe mittelst eines Hebels
  und Ketten beweglich. Hier wird das Feuer ununterbrochen unterhalten;
  hat der Saft die erforderliche Concentration erreicht, so hat der
  Arbeiter nur an dem Hebel _m_ zu ziehen, und die Pfanne zu entleeren.

  Sehr wirksam ist die auf =Anwendung von Wasserdmpfen= sich grndende
  =Pfanne= von =Pecqueur=, deren Einrichtung aus Fig. 220 und 221
  hervorgeht. Sie erscheint von oben gesehen lnglich viereckig und an
  der einen schmleren Seite abgerundet; auf dem Boden liegen rosthnlich
  die Dampfrhren. Der Dampf tritt durch das Rohr _a_ in das weitere
  Rohrstck _b_, von welchem sechs gebogene Rhren den Dampf dem
  Rohrstcke zufhren, von welchem aus das Condensations-Wasser durch das
  Rohr in den Dampfkessel zurckgeleitet wird. Diese directe
  Zurckleitung hat einmal den Vorzug, dass nur diejenige Wrme verloren
  geht, die durch die ussere Abkhlung verloren gehen muss; das andere
  Mal gestattet sie ein schnelleres Abdampfen, weil in dem Rhrensystem
  sich nur der heissere Dampf befindet. Bei diesen Pfannen sind ferner
  die Rhren _a_ mit _b_ und _e_ mit _d_ so verbunden, dass eine Drehung
  der Rohrstcke _b_ und _d_ mglich ist, ohne dass _a_ und _e_ ihre Lage
  verndern. Diese Drehung erlaubt die Heizrhren mit Leichtigkeit zu
  reinigen und die Pfanne schnell zu leeren, welche mit Hlfe des
  Hebelarmes _m_ um einige Zoll nach dem Hahne _g_ hin, durch welchen der
  Saft ausfliesst, geneigt gestellt werden kann. Durch diese Einrichtung
  wird die =Pecqueur='sche Pfanne eine Kipppfanne.

[Illustration: Fig. 220.]

[Illustration: Fig. 221.]

  Auch mit Hlfe =erwrmter Luft= hat man das Abdampfen des Saftes unter
  gleichzeitiger Erniedrigung der Temperatur zu erreichen gesucht, so z.
  B. in den Abdampfapparaten von =Brame-Chevallier= und =Pclet=. Der
  Apparat des ersteren hat folgende Einrichtung: Mittelst einer
  Dampfmaschine bewegte Pumpen treiben Luft durch mit Dampf geheizte
  Rhren nach den offenen Abdampfpfannen mit doppelten Bden. Hier tritt
  sie heiss aus dem oberen siebhnlichen durchlcherten Boden in den
  Saft, welcher mit einer Dampfspirale erwrmt wird. Die Luft vertheilt
  sich in kleinen Blschen in dem Safte und entweicht dampfbeladen.

[Illustration: Fig. 222.]

  Die brigen Abdampfpfannen, in denen erhitzte Luft zum Abdampfen
  benutzt wird, bieten nichts Eigenthmliches mit Ausnahme eines von
  =Pclet= beschriebenen Apparates (Fig. 222). Die Pfanne _A_, durch
  directes Feuer geheizt, ist oben mit einem gewlbten Deckel
  verschlossen. Ueber der Pfanne liegt die Axe _a_, die inwendig mit
  Flgeln versehen ist, welche durch Leisten mit einander verbunden sind,
  ber welche feine Metallsiebe so gespannt sind, dass dadurch mehrere
  ineinander steckende Walzen entstehen. Die durch den Saft zu treibende
  Luft wird in _B_, einem geschlossenen Raume, erhitzt, in welchem Rhren
  _f_ liegen, welche, von der abgehenden Hitze des Ofens umgeben, die
  Luft, die der Ventilator _C_ liefert, erwrmen. Die Luft kommt beim
  Drehen der Axe mit dem durch die Walzen gehobenen Safte in Berhrung
  und dampft ihn ab. Die Wasserdmpfe entweichen durch _e_, die
  Verbrennungsgase durch _g_.

[Sidenote: Vacuumpfannen.]

Die wichtigste Verbesserung in den Apparaten zum Eindampfen des
Zuckersaftes ist die von =Howard= im Jahre 1812 eingefhrte Anwendung des
luftverdnnten Raumes, in welchem die Verdampfung weit leichter vor sich
geht und das Sieden bei weit niedrigerer Temperatur erfolgt, als unter
den gewhnlichen Bedingungen, unter welchen das Sieden bei dem Drucke
einer Atmosphre von statten geht. Der niedrigste Siedepunkt des Klrsels
in den Vacuumpfannen ist 46,1 C., die gewhnliche Siedetemperatur
65,5-71,1. Man entgeht dadurch der Gefahr, durch hohe Temperatur und
gleichzeitige Einwirkung der Luft einen Theil des krystallisirbaren
Zuckers in nicht krystallisirbaren oder gar in Caramel berzufhren.
Ungeachtet ihrer Kostbarkeit und des zu ihrem Betriebe erforderlichen
Aufwandes von mechanischer Kraft sind die Apparate, in denen das
Verdampfen im luftverdnnten Raume geschieht -- die =Vacuumpfannen= --
gegenwrtig allgemein im Gebrauche.

  Die wesentlichen Theile einer jeden Vacuumpfanne sind 1) die Kochpfanne
  und 2) eine Vorrichtung zum Entfernen der Luft und der erzeugten
  Saftdmpfe. Die Construction der Kochpfanne ist fast bei allen
  Apparaten gleich und die Abweichungen zeigen sich hauptschlich nur in
  der Art und Weise, wie der luftverdnnte Raum hergestellt und erhalten
  wird.

[Illustration: Fig. 223.]

[Illustration: Fig. 224.]

  In Frankreich sind die von =Derosne= construirten Apparate sehr
  verbreitet. In Deutschland sind sie durch einfachere und weniger
  kostspielige Einrichtungen lngst verdrngt. Diese Vereinfachung wurde
  ermglicht theils durch vervollkommnete Dampfmaschinen, theils durch
  Ersparniss an Brennmaterial und durch zweckmssige Einrichtung der
  Luftpumpe, in deren Folge dieselbe wieder Anwendung finden knnte. Fig.
  223 und 224 zeigen einen in deutschen Zuckerfabriken sehr gewhnlichen
  Abdampfapparat. Die Kochpfanne _B_ besteht aus zwei luftdicht
  verbundenen Kugelsegmenten und ist oben mit einem Helm versehen,
  welcher durch das Rohr _l_ mit dem Condensator _A_ verbunden ist. Der
  Apparat wird durch Dmpfe, welche das Dampfrohr _r_ und _s_ liefert,
  geheizt. Der Dampf circulirt in der in der Pfanne befindlichen Spirale
  _g_. Der verkochte Saft wird durch Oeffnen des Hebelventils _f_ durch
  das Rohr _o_ in den untergesetzten Behlter _p_ abgelassen. Wenn die
  Pfanne nach beendigter Kochung entleert ist und von Neuem gefllt
  werden soll, so setzt man sie mittelst des Rohres _l_ und _w_ mit
  einer Luftpumpe in Verbindung. Ist die Luft gehrig verdnnt, was man
  an dem Manometer _h_ sieht, so kann man durch Oeffnen des Rohres,
  welches den Klrselbehlter mit der Vacuumpfanne verbindet, das Klrsel
  in Folge des Uebergewichtes des usseren Druckes in die Pfanne treiben,
  so dass die Fllung durch Einsaugen von selbst vor sich geht.
  Zweckmssiger ist indessen die Einrichtung mit dem Messcylinder _G_,
  welcher die in die Pfanne zu bringende Quantitt von Klrsel, Syrup
  oder auch Wasser genau zu messen gestattet. Dieser Messcylinder steht
  durch das Rohr _a_ oben und durch _i_ unten mit der Kochpfanne in
  Verbindung und ist mit einem Glasrohr _n_ versehen, welches den Stand
  der Flssigkeit anzeigt. Mit Hlfe der drei Rhren _b_, _c_ und _d_
  kann man nach Belieben Klrsel, Syrup oder Wasser in den Messcylinder
  bringen. Mittelst des Rohres _u_ kann man Dampf durch Kochpfanne und
  Condensator streichen lassen (ausblasen oder dmpfen), um zur
  Untersttzung der Luftpumpe die Luft schnell auszutreiben. Vermittelst
  des Probeziehers oder Stechers _e_ lsst sich eine Probe des verkochten
  Klrsels nehmen. Der Hahn _g_ ist der Fetthahn, durch welchen man, um
  das Aufschumen des kochenden Saftes zu mssigen und dessen
  Uebersteigen zu verhten, etwas Butter oder nach =Sostmann=
  zweckmssiger Paraffin in die Pfanne bringen kann, _f_ ist ein
  Mannloch, um den Apparat reinigen zu knnen. In der halben Hhe der
  Pfanne ist eine Scheibe aus starkem Spiegelglas eingesetzt, welcher
  eine zweite gegenber steht, um den Gang des Kochens beurtheilen zu
  knnen. Der Condensator besteht aus dem Mantel _B_, welcher so
  eingerichtet ist, dass der mglicherweise bersteigende Saft sich nicht
  mit dem Wasser des Condensators mischt, sondern abgelassen wird. Das
  Rohr _x_ zeigt die Hhe des Saftes in diesem Zwischenraume an. Durch
  das Rohr _m_ gelangt kaltes Wasser nach dem Condensator und strmt
  darin das brausenartig gebildete Ende dieses Rohres aus. Das
  Thermometer _z_ zeigt die Temperatur im Innern der Pfanne an.

  Nachdem die Luftpumpe in Thtigkeit gesetzt worden ist, ffnet man das
  Rohr _c_, welches zum Saftbehlter _q_ fhrt, damit der Messapparat
  sich flle. Dadurch, dass man _m_ schliesst und _z_ ffnet, gelangt der
  Saft in die Pfanne. Sobald dieselbe etwa zur Hlfte gefllt ist, ffnet
  man das Dampfrohr _s_, wodurch der Inhalt der Pfanne rasch ins Sieden
  kommt. Darauf setzt man den Condensator in Thtigkeit. Die erzeugten
  Saftdmpfe treten durch _l_ in den Condensator und werden in _w_
  schnell condensirt und mit dem Condensationswasser durch [Greek: b]
  abgeleitet. Zuweilen findet man auch die =Trappe='sche Einrichtung, bei
  welcher die =Toricelli='sche Leere Anwendung findet. Der Condensator
  ist in solcher Hhe angebracht, dass er etwa 10,6-11 Meter ber der
  Sohle des Fabrikgebudes steht; von ihm reicht ein unten offenes Rohr
  bis in einen Wasserbehlter hinab, wo es durch Wasser geschlossen wird.
  Aus diesem Behlter fliesst dann das zugeleitete und verdichtete
  Wasser, wovon in dem Rohre nur so viel stehen bleibt, als dem Grade der
  Luftverdnnung in dem Apparate entspricht. Je nachdem man die
  =Trappe='sche Vorrichtung als Luftpumpe benutzt oder nicht, spricht man
  von Condensation mit =trockener= Luftpumpe (nach =Trappe=) oder mit
  =nasser=. Bei Anwendung der trockenen Luftpumpe hat die gewhnliche
  Luftpumpe nur die Luft zu entfernen, welche sich nach und nach aus dem
  Verdichtungswasser entwickelt. Im andern Falle hat sie auch das Wasser
  zu entfernen. Man hat durch die Trappe'sche Einrichtung den Vortheil
  einer grossen Ersparung an Triebkraft: die nasse Luftpumpe erfordert
  2-3 Pferdekraft, die trockene kaum 1 Pferdekraft zu ihrem Betriebe;
  ferner hat man grssere Freiheit in der Zulassung des
  Verdichtungswassers. Die trockene Luftpumpe ist dagegen in ihrer
  Wirkung zulssiger. Als Luftpumpe wendet man zweckmssig eine
  sorgfltig gearbeitete zweistiefelige Saugpumpe an; arbeitet sie
  nass, so muss alles Condensationswasser durch die Ventile hindurch;
  bei den trockenen Luftpumpen geht nur Luft, nie Wasser durch die
  Ventile.

[Sidenote: Abdampfen des Saftes.]

Wie schon frher angegeben wurde, bleiben nach dem Lutern und dem
Erkalten ausser dem krystallisirbaren Zucker eine Anzahl Substanzen in
dem Safte zurck, die auf die weitere Behandlung desselben von Einfluss
sind. Neben dem Zucker als Zuckerkalk -- da die Entkalkung vermittelst
Kohlensure nie bis zu Ende gefhrt wird -- enthlt der Saft freies Kali
und Natron, etwas Ammoniak, gewisse stickstoffhaltige organische
Substanzen (z. B. Asparagin), deren Gegenwart durch die beim Abdampfen
hervortretende Ammoniakentwickelung[108] zu bemerken ist, endlich eine
nicht unbedeutende Menge von Alkalisalzen, z. B. Kaliumnitrat,
Kaliumsulfat, Chlornatrium u. s. w. Ausserdem finden sich in dem Safte
Levulose und die Zersetzungsprodukte derselben durch den Kalk und die
Alkalien -- Humussubstanzen, welche den Saft brunlich erscheinen lassen.

  [108] Das Ammoniak kann mit Leichtigkeit gewonnen werden. Nach =Leplay=
        und =Cuisinier= ergaben directe Versuche fr eine Fabrik von 1000
        Hektoliter Saft bis zu 300 Kilogr. Ammonsulfat tglich.

  Das =Abdampfen des geluterten Saftes= soll zunchst eine Concentration
  bezwecken, welche soweit fortzusetzen ist, bis der Saft von Neuem mit
  Vortheil gereinigt werden kann. Das Abdampfen muss mglichst rasch
  geschehen, da die Qualitt des Zuckers durch eine lngere Einwirkung
  einer hheren Temperatur um so mehr leidet, je unvollkommener derselbe
  gelutert wurde. Ehedem setzte man das Abdampfen des Saftes in der
  Regel bis zu 24-25 B. Dichte fort, ehe man ihn durch Thierkohle
  filtrirte. Gegenwrtig zieht man es vor, den Saft durch das erste
  Abdampfen nur soweit zu concentriren, als noch Ammoniakentwickelung zu
  bemerken ist, wozu meist eine Concentration bis auf 10-12 B.
  hinreicht. Nach Beendigung der Ammoniakbildung, wodurch die gnzliche
  Zerstrung der stickstoffhaltigen Krper, die noch einen zerstrenden
  Einfluss auf einen Theil des Zuckers ausben knnten, angezeigt ist,
  kann der Saft ohne Nachtheil seinen Kalk verlieren. Man wird daher um
  so frher zum Abdampfen schreiten knnen, je vollstndiger die
  Zersetzung der stickstoffhaltigen Krper bei der Luterung vor sich
  gegangen ist. Die zweite Reinigung geschieht durch =Filtration ber
  Kohle=, welche die Aufnahme der frbenden Bestandtheile des Saftes, des
  Kalkes, eines Theiles der Alkalien und gewisser organischer Substanzen
  bezweckt. Wendet man die Kohlensure zum Entkalken an, so kommt der
  ber Knochenkohle filtrirte Saft fast kalkfrei zum Kochen.

[Sidenote: Verkochen des Klrsels.]

5. =Das Verkochen des verdampften und filtrirten Saftes= (Klrsels) =zur
Krystallisation=. Nach der zweiten Filtration durch Knochenkohle gelangt
der bis auf 24 B. verdampfte Saft, der bisher den Namen =Dnnsaft=
fhrte, nun aber =Dicksaft= (Klrsel, Kochklre) heisst, in die
Kochpfanne, um bis zum Krystallisationspunkte =verkocht= zu werden.
Normaler Saft verdampft schnell und lsst dabei durch das Zerspringen der
Blasen ein eigenthmliches Knattern hren. Man spricht in diesem Falle
von _trocken sieden_. Wirft der Saft grosse, schwere und trbe Blasen,
siedet er _fett_, so hat derselbe eine fehlerhafte Beschaffenheit, eine
Folge vorhandener freier Alkalien; durch vorsichtigen Zusatz von
Schwefelsure soll man diesen Uebelstand beseitigen knnen.

  Als Zeichen der gengenden Concentration des verkochten Saftes wendet
  man verschiedene Proben an. Die Ermittelung des _specifischen
  Gewichtes_ kann nicht maassgebend sein, weil einmal die Temperatur von
  grossem Einflusse auf die Dichte des Klrsels ist und dann auch bei
  gleicher Temperatur in Folge vorhandener Mineralsalze und anderer
  Unreinigkeiten nie aus der Dichte ein sicherer Schluss auf die richtige
  Concentration zur Abscheidung des krystallinischen Zuckers gezogen
  werden kann. Nur ganz allgemein lsst sich angeben, dass das Verkochen
  bis 40-42 B. (heiss ermittelt) fortgesetzt werden soll. Besser noch
  als die Dichte wrde man den _Siedepunkt des Dicksaftes_ oder
  _Klrsels_ zur Bestimmung der Concentration des Klrsels anwenden
  knnen, da der Siedepunkt des verkochten Klrsels bei 112-120 liegt,
  wenn nicht die fremden Substanzen auch auf den Siedepunkt von Einfluss
  wren und ihn erhhten. Man benutzt daher zur Erkennung der
  erforderlichen Concentration weniger physikalische als empirische
  Proben, von denen folgende, die in der Zuckerfabrikation berhaupt und
  nicht nur beim Verkochen des Klrsels vorkommen, angefhrt sein mgen.
  Die =Fadenprobe=, bei welcher man einen Tropfen Klrsel auf den Daumen
  bringt und mit dem Zeigefinger verreibt, wobei sich schon durch Uebung
  die gengende Concentration erkennen lsst; sicherer geschieht dies,
  indem man die Finger trennt; aus der Fadenlnge und aus der Art und
  Weise, wie der Faden abreisst, beurtheilt man die Concentration. Ist
  der Saft nicht gengend verkocht, so reisst der Faden bald ab, nach
  weiterem Abdampfen lsst er sich aber so lang ziehen, als dies durch
  die Trennung der Finger nur mglich ist. Reisst der Faden etwa in der
  Mitte der Lnge ab, die er berhaupt erreichen kann, und zieht sich der
  obere Theil hakenfrmig zusammen, so hat das Klrsel diejenige
  Concentration, bei der nach dem Erkalten der Zucker krystallinisch
  ausgeschieden wird; man spricht dann von der =Hakenprobe=. Weit
  zuverlssiger als durch die Fadenprobe lsst sich der Grad des
  Verkochens durch die =Blasen=- oder =Pustprobe= ermitteln. Man benutzt
  hierzu einen flachen Schaumlffel (Pustspan), den man in das kochende
  Klrsel taucht und dann schnell herausnimmt, sodass nur wenig Saft
  daran haftet, worauf man gegen die Oeffnungen des Lffels blst,
  wodurch sich auf der hinteren Seite Blasen bilden, deren Dauer, Grsse
  und Wanddicke (das Irisiren) den Arbeiter die erlangte Concentration
  genau erkennen lsst. Je nachdem man von dem Schaumlffel nur einige
  wenige Blasen oder eine grosse Anzahl derselben fortblasen kann, welche
  kleinen Seifenblasen hnlich, als lockerer Schaum die davon fliegen,
  unterscheidet man die =schwache= und =starke Blasenprobe=. Je leichter
  die Blschen sind, desto concentrirter ist die Masse. Bei dem Verkochen
  des Dicksaftes in den Vacuumpfannen unterscheidet man das =Blankkochen=
  (Fadenprobekochen) und das =Kornkochen=. Bei dem Blankkochen wird das
  Verkochen nur so weit fortgesetzt, dass das Krystallisiren spter durch
  Erkalten erfolgt und durch Rhren befrdert wird. Bei einer besseren
  Zuckermasse kann man die Krystallisation statt im Khler schon in der
  Vacuumpfanne eintreten lassen, wodurch eine grssere Menge von
  Krystallen erhalten wird. Letzteres ist das Kochen auf Korn.

[Sidenote: Die Arbeit auf Rohzucker oder Brotzucker.]

6. =Die Arbeit auf Rohzucker oder auf Brotzucker.= Nachdem der Dicksaft
in den Vacuumpfannen auf die erforderliche Concentration gebracht worden
ist, findet mit dem Erkalten die Krystallbildung und Ausscheidung der
Krystalle statt und zwar um so vollstndiger und schneller, je reiner der
Saft war. Die fernere Behandlung der Masse bezweckt eine mglichst
vollstndige Abscheidung der Melasse von den Zuckerkrystallen und das
Ueberfhren der letzteren in die gebruchliche Form von Rohzucker und von
Broten (Saftmelis). Der entweder =blank= oder =auf Korn= verkochte
Dicksaft kommt aus der Vacuumpfanne in ein kupfernes Gefss, den
=Khler=, in welchem man den Zucker entweder allmlig erkalten lsst
oder, wenn er bei niedriger Temperatur eingekocht wurde, erwrmt. Die zum
Erwrmen dienenden Gefsse -- Anwrmer, -- besitzen einen doppelten Boden
und werden durch Dampf erhitzt. Das Local, in welchem die Anwrmer
aufgestellt sind, die =Fllstube=, ist ebenfalls geheizt. Durch das
Anwrmen beabsichtigt man, einen Theil der Krystalle zu einer hchst
concentrirten Zuckerlsung zu lsen, aus welcher sich beim Erkalten in
den Formen krystallinischer Zucker (Fllmasse) abscheidet, der der Masse
Consistenz giebt.

  Von den =Formen= unterscheidet man nach ihrer Grsse:

                  Melisformen mit  30- 34 Pfd. Fllung
                  Lompsformen  "   60- 70  "      "
                  Basterformen "  120-150  "      "

  Die konischen Formen (Fig. 225) bestanden frher und bestehen auch
  hufig noch aus einer Masse von feingeschlmmtem Thon und gepulverter
  Charmotte, waren nach einer Lehre auf der Drehscheibe aufgedreht, in
  einer Modellform ausgeglichen, dann mit einer Maschine, aus mehreren
  Klingen bestehend, welche so zusammengefgt sind, dass sie mit ihren
  Schneiden einen Kegel bilden, im Lichten ausgedreht. Da die grossen
  Formen dem Druck des Zuckers nicht widerstehen wrden, so umgiebt man
  sie mit dnnen Spnen von Buchenholz, welche durch starke Reifen
  umbunden werden. Sie sind an ihrer Spitze offen und ruhen auf Tpfen,
  welche den abfliessenden Syrup auffangen sollen. Gegenwrtig sind die
  Zuckerhutformen fast allgemein aus glasirtem oder gefirnisstem
  Eisenblech (in Frankreich in neuerer Zeit auch aus Papiermach)
  gefertigt. Fr Rohzucker hat man als Krystallisirgefsse grosse
  Blechkisten eingefhrt.

[Illustration: Fig. 225.]

[Illustration: Fig. 226.]

  Nachdem der Zucker in den Khlern auf die passende Temperatur gebracht,
  schreitet man zum =Fllen=. Man nimmt den Zucker mit Hlfe eines
  kupfernen Schpflffels heraus und bringt ihn in das =Fllbecken= von
  Kupfer mit breitem Ausgusse und eisernen Handhaben versehen. Bei _der
  lteren Methode des Verkochens_ des Klrsels ber freiem Feuer, wobei
  der Zucker nicht erwrmt, sondern abgekhlt wurde, fllte man die
  Formen nicht auf einmal voll, sondern nur etwa bis zum dritten Theile,
  nach einiger Zeit wurden sie bis zu zwei Dritttheilen und endlich ganz
  angefllt. Man suchte durch dieses Verfahren eine mglichst
  gleichmssige Mengung des Kornes zu erreichen, weil das Unterste im
  Khler ein strkeres Korn hat als das Oberste. Nach etwa 10 Minuten
  nach dem Fllen der Formen entsteht auf der Oberflche der Brote eine
  Krystalldecke, worauf man zum =Holen= (zum Holen der Krystalle aus der
  Spitze der Form) schreitet; zu diesem Zwecke sticht man mit einem 1,3
  Meter langen Messer in die Masse, lockert den an der Spitze fest
  gewordenen Zucker auf, lst die Krystalldecke vom Rande der Form ab und
  arbeitet die Masse einigemal durch. Durch dieses Stren der
  Krystallisation suchte man eine regelmssige Dichte der Zuckermasse zu
  erzielen. Nach einer halben Stunde wird die nmliche Operation -- das
  =Stirren= (Stren) -- wiederholt. _Beim Kochen in den Vacuumpfannen_
  und bei der Benutzung glasirter eiserner Formen fllt das Fllen in
  drei verschiedenen Abstzen, des Holen und Stirren weg. Man schlgt
  oder rhrt dagegen die Masse in der Khlpfanne, bis sich Krystalle von
  der gewnschten Feinheit in hinlnglicher Quantitt gebildet haben. Um
  die weisse Farbe des Zuckers zu erhhen, setzt man zu dem verkochten
  Klrsel eine kleine Menge von Ultramarin (auf 1000 Ctr. Zucker gengen
  2-1/2 Pfd. Ultramarin).

  Zu geringeren, schwierig krystallisirenden Zuckersorten (Rohzucker)
  nimmt man grssere Formen (Basterformen), zu den besseren Sorten
  (Brotzucker, Saftmelis) die kleinen Melisformen. Nach Verlauf von 24
  Stunden ist die Zuckermasse soweit erkaltet, dass man die Formen nach
  Beseitigung der Leinwandpfropfen auf Unterstze oder auf besondere
  Gestelle bringen kann. Unter den Gestellen (Fig. 226) befindet sich ein
  Gefss zum Auffangen des abfliessenden Syrups, welcher durch das Rohr
  _o_ in besondere Gefsse fliesst. Damit der nicht krystallisirte Theil
  besser abfliesse, stehen die Formen warm, bohrt man ferner die untere
  Oeffnung der Form. Der abgeflossene Syrup heisst =grner= oder
  =ungedeckter Syrup=.

[Sidenote: Decken.]

Der in den Formen befindliche Zucker wird durch das sogenannte =Decken=
weiter gereinigt und von allen nicht krystallisirten Theilen befreit. Das
Decken ist nichts anderes als ein Auswaschen der in den Zwischenrumen
der verworrenen Zuckerkrystallisation zurckgebliebenen Melasse, welche
die Farbe, die Festigkeit und die Trockenheit des Hutzuckers
beeintrchtigen wrde.

  Die lteste Methode des Deckens ist die durch Filtration mit Hlfe von
  Wasser, welches sehr allmlig aus einem =Thonbrei= fliesst. Anstatt den
  Zucker unmittelbar auf den Thonbrei zu legen, bedeckt man den Zucker
  vorher mit einem Stck Leinwand. An der Stelle des Thonbreies hat man
  neuerdings feuchte Papiermasse (Ganzzeug der Papiermasse) anzuwenden
  vorgeschlagen. Das Wasser des Thonbreies bildet mit einem kleinen
  Theile Zucker einen reinen Zuckersyrup, welcher die Melasse verdrngt
  und nach unten treibt. Der Zuckersyrup bleibt zwischen den Krystallen
  und setzt beim Trocknen wieder krystallinischen Zucker ab. Der whrend
  des Deckens ablaufende Syrup heisst =Decksyrup= und wird nach einem
  jedesmaligen Decken gesondert aufgefangen. Das Decken mit Thon wird nur
  noch selten angewendet, weil es unreinlich ist, viel Arbeit macht und
  einen nicht unbetrchtlichen Verlust an Zucker nach sich zieht.
  Namentlich zur zweiten Decke nimmt man lieber =Klrsel= oder
  =Zuckerbrei=. Im letzteren Falle entfernt man 2-3 Zoll tief den Zucker
  aus den Formen und mischt diesen mit Wasser zu einem honigdicken Brei,
  welchen man dann auf den abgekratzten Formen wieder vertheilt. Benutzt
  man Klrsel, so stellt man dieses durch Auflsen der besseren
  Zuckerabflle in Wasser dar, welches nach dem Klren in der Klte 30
  B. zeigt. Zur Entfernung der letzten Feuchtigkeit aus den Broten
  benutzt man allgemein die (von =Kranschtz= construirten) =Nutsch=-
  oder =Saugapparate=, aus liegenden Rhren bestehend, welche auf der
  oberen Seite mit trichterfrmigen Oeffnungen versehen sind, in die die
  Spitze der Form mit Hlfe eines Ringes aus vulkanisirtem Kautschuk
  luftdicht passt. Die Rhren communiciren mit einem Reservoir zur
  Aufnahme der Melasse, in dem durch eine Luftpumpe ein luftverdnnter
  Raum erzeugt wird, um aus den Spitzen den Syrup zu saugen.

[Sidenote: Clairciren und Centrifugiren.]

Durch die Kostspieligkeit des Deckens -- namentlich wenn es sich um
Rohzucker handelt -- ist man veranlasst worden, dasselbe zu umgehen und
durch andere Methoden zu ersetzen, so durch das =Clairciren=, wobei man
den verkochten Zucker nicht in den Formen, sondern in den Khlern unter
Umrhren krystallisiren lsst und die krystallinische Masse in die
=Schtzenbach='schen Ksten mit Bden aus feinem Metallgewebe bringt,
durch dessen Lcher der Syrup abtropft. Die zwischen den Zuckerkrystallen
befindliche Melasse wird durch reine Zuckerlsung verdrngt und sodann
der feuchte Zucker in Formen gefllt. Man wendet das Clairciren
gewhnlich zum Reinigen des zweiten Produktes an; seit der Einfhrung der
=Centrifugalmaschinen= (Centrifugen) zum Ausschleudern oder Centrifugiren
ist jedoch das Clairciren sehr ausser Gebrauch gekommen, welche man
gegenwrtig in allen Zuckerfabriken zum Reinigen der Produkte und
Nachprodukte anwendet.

[Illustration: Fig. 227.]

  Der wesentlichste Theil dieses fr die Zuckergewinnung so wichtigen
  Apparates (Fig. 227 stellt die Construction von =Fesca= dar) ist eine
  oben offene Trommel _a_ von feinem Metallgewebe, die auswendig durch
  Bandeisen die erforderliche Festigkeit erhlt. Sie wird innerhalb eines
  gusseisernen Behlters _b b_ mit einer Geschwindigkeit von 1000-1500
  Umdrehungen in der Minute umgetrieben, zu welchem Zwecke die eiserne
  Axe _e_ an ihrem obern Ende ein mit Leder berzogenes konisches
  Frictionsrad _c_ enthlt, das durch ein gleiches _d_ umgetrieben wird.
  Der innere Raum der Trommel wird durch einen Conus aus Blech _g_
  beengt, wodurch der zu trocknende Zucker mehr dem Rande der Trommel
  genhert, aber auch Platz fr drei Flughmmer gewonnen wird, die das
  Gleichgewicht der Trommel bei der raschen Umdrehung erhalten sollen.
  Der mittelst der Centrifuge zu reinigende Zucker muss eine
  gleichmssige Masse ohne Klumpen bilden. Je nach der Beschaffenheit der
  Masse bringt man, nachdem der Apparat in Bewegung gesetzt worden ist,
  60 bis 100 Pfund Masse in die Centrifuge. Die Masse steigt an der
  Trommelwand in die Hhe und giebt vermge der Centrifugalkraft den
  Syrup durch die Lcher des Metallgewebes ab, whrend die Zuckermasse im
  trockenen Zustande zurckbleibt. Man ist im Stande, durch diesen
  Apparat in 10-15 Minuten einen Centner trockenen Zuckers zu erhalten.
  Zur Entfernung des den Zuckerkrystallen fest anhaftenden Syrups
  befeuchtet man die in dem Apparate zurckgebliebene Masse mit dnnem
  Syrup und setzt sie nochmals der Wirkung der Centrifugalkraft aus.

[Sidenote: Lschen und Trocknen.]

Ist aller Syrup aus dem Zucker -- aus dem Brote -- entfernt und der Boden
des Brotes ziemlich trocken geworden, so reinigt man den Boden mit einem
Messer oder einer Brste, was man das =Plamotiren= oder =Planiren= nennt.
Darauf lsst man die Brote in den Formen so lange stehen, bis der Boden
etwa einen Zoll tief hart geworden ist, und entfernt sie dann aus den
Formen. Letztere Operation heisst das =Lschen=; man stsst die Form
gelinde gegen einen Holzblock (Lschstuhl), bis das Brot sich gelst hat.
Die Brote werden, ohne sie aus der Form zu nehmen, auf Bastmatten
umgekehrt, damit die in der Spitze befindliche Feuchtigkeit sich
gleichmssig vertheile, und dann in die =Trockenstube= gebracht. Vorher
wird die usserste Spitze abgeschlagen und dem Brote eine neue Spitze
angedreht. In der Trockenstube werden die Brote anfnglich bei 25,
zuletzt bei 50 getrocknet. Die gehrig getrockneten Brote werden in
einem besonderen Raume einpapiert, gebunden, gewogen und auf's Lager
gebracht.

  Wenn das bis zum Krystallisationspunkt eingedampfte Klrsel, die
  Zuckermasse durch Erkalten krystallisirt ist, wobei der Zucker die
  Gestalt kleiner krniger Krystalle annimmt, und sodann der Syrup
  abgeschieden worden ist, so wird der erhaltene Zucker als =erstes
  Produkt= bezeichnet. Der so gewonnene Syrup enthlt aber noch eine
  bedeutende Menge krystallisirbaren Zuckers, welchen man durch
  Weiterabdampfen und Erkalten gewinnt und =zweites Produkt= nennt. Es
  ist schon weniger rein als das erste. Durch hnliche Behandlung des
  von dem zweiten Produkt gewonnenen Syrups ist dann noch ein =drittes=,
  dann ein =viertes Produkt= zu gewinnen. Den von letzterem abgelaufenen
  Syrup noch weiter zu behandeln, lohnt sich selten der Mhe, weshalb man
  ihn als =Melasse= verwerthet. Das zweite Produkt wird entweder als ein
  geringer Rohzucker verkauft oder durch Wiederauflsung, Abdampfen und
  Krystallisiren in ein dem ersten gleiches Produkt verwandelt, ebenso
  wird durch Umarbeiten des dritten Produktes zweites erzielt u. s. w.
  Drittes und viertes Produkt werden gewhnlich =Nachprodukte= genannt.
  In einer Fabrik wurden in den letzten Jahren im Durchschnitt aus 100
  Kilogr. Rben gewonnen:

              erstes Produkt, zu 97 Proc.      5,8 Kilogr.
              zweites   "      " 92   "        2,25   "
              drittes   "      " 87   "        0,80   "
                                               ------------
                                               8,85 Kilogr.
              viertes Produkt, Melasse, Manko  3,65   "
                                               ------------
                                     Fllmasse 12,5 Kilogr.

  Je nach ihrer Reinheit heissen die producirten Zucker feine
  =Raffinade=, =Melis=, =Lumpen=- oder =Kochzucker=, =Farinzucker= u. s.
  w. Unter =Saftmelis= versteht man eigentlich nur Hutzucker, welcher aus
  reinem Dicksaft, also unmittelbar aus der Rbe erhalten wird,
  thatschlich aber lsst sich die Saftmelisfabrikation dahin definiren,
  dass sie in der Verbesserung der Rohsfte durch Einwerfen der
  Nachprodukte in der Weise besteht, dass ein gleichartiges Klrsel sich
  bildet, aus welchem man guten Melis darstellen kann.

[Sidenote: Rbenmelasse.]

Die =Melassen=, die in so grosser Menge bei der Rbenzuckerfabrikation
sich bilden, enthalten meist zu viel fremde Stoffe (Caramel, Salze,
Asparaginsure), um wie die Rohrzuckermelasse als Versssungsmittel
Anwendung finden zu knnen. Man verarbeitet sie deshalb auf Spiritus und
benutzt den Rckstand nach dem Abdestilliren zur Fabrikation von
Schlempekohle (vergl. Seite 137), die auf Potasche verarbeitet wird (eine
Arbeit, die seit dem Erschliessen der Stassfurter Kalisalzlager nicht
mehr lohnend und deshalb an vielen Orten in Deutschland wieder
eingestellt worden ist). Da der Rbenmelassenspiritus wegen seines beln
Geruches und Geschmackes geringen Werth hat, so verwendet man die Melasse
hufig als Viehfutter -- eine Anwendung, die alle Beachtung verdient.
Seit einigen Jahren wandern grosse Mengen Rbenmelasse aus Deutschland
nach Frankreich, um dort zur Bierbereitung Verwendung zu finden. Die
Zusammensetzung der Melasse ist verschieden und richtet sich nach der
Qualitt der verarbeiteten Rben und nach der Arbeitsmethode in den
Fabriken. 100 Th. Melasse (vergl. Seite 137) enthielten

               Zucker         50,1    49,0    48,0    50,7
               Nichtzucker    33,3    35,8    34,0    30,8
               Wasser         16,6    15,2    18,0    18,5
                             -----------------------------
                             100,0   100,0   100,0   100,0

  Es ist nicht ohne Erfolg versucht worden, den Rohrzucker aus der
  Melasse mittelst Baryt (vergl. Seite 452) abzuscheiden. Die Alkalisalze
  hat man aus der Melasse durch Zusatz von Kieselfluorwasserstoffsure zu
  fllen versucht.

[Sidenote: Kandiszucker.]

Mit dem Namen =Kandiszucker= bezeichnet man den in grossen und harten
Krystallen dargestellten Zucker. Man benutzt zu seiner Fabrikation fast
ausschliesslich nur Rohrzucker. Rbenzucker bildet zu lange und platte
Krystalle. Im Maximum setzt man von letzterem 20 Proc. zu.

  Der zur Darstellung von Kandiszucker dienende Zucker wird mit 3-4 Proc.
  feiner Knochenkohle, dann mit Eiweiss geklrt und filtrirt. Ist das
  Klrsel klar, so schreitet man zum Kochen, wozu man gewhnlich eine
  Schaukelpfanne ber freiem Feuer benutzt. Aus den Khlern gelangt das
  verkochte Klrsel sofort in die Krystallisirgefsse; letztere sind von
  Kupfer oder von lackirtem Eisenblech. Die Wnde dieser Gefsse sind in
  acht oder zehn Reihen durchlchert, um Fden durchziehen zu knnen,
  welche in den Krystallisirgefssen horizontal und in gleichmssiger
  Entfernung ausgespannt sind. In Hamburg, wo der Kandis sonst und noch
  jetzt fast ausschliesslich von einzelnen Arbeitern gemacht wird, lsst
  man das vorkochte und vorgewrmte Klrsel in kupfernen Tpfen
  (=Potten=) krystallisiren, die ebenfalls an den Seiten Lcher haben,
  durch welche sechs Reihen Fden (1 Zoll vom Boden der Tpfe bis oben)
  horizontal ausgespannt sind. Nachdem die Tpfe vorgerichtet sind,
  umklebt man den Topf usserlich mit Strkekleister und Papier, damit
  kein Syrup durch die Oeffnungen dringt (man sagt: die Potten sind
  geklickst), fllt das Klrsel ein und berlsst sie in der Stove sich
  selbst. Bei braunem Kandis kann man das Verkleistern umgehen, weil der
  Syrup Consistenz genug besitzt, um nicht durch die feinen Oeffnungen
  abzufliessen, und ausserdem auch die Oeffnungen bald durch kleine
  Kandiskrystalle verschlossen werden. Bei Anwendung von grossen
  Krystallisirgefssen verstopft man die Oeffnungen mit einem dicken Brei
  aus feinem Thon, Asche und Rindsblut. Die Temperatur in der
  Trockenstube wird anfnglich auf 75 erhalten, nach Verlauf von 6 Tagen
  steht sie noch auf 45-50 und in 8-10 Tagen ist die Krystallisation
  beendigt. Whrend des Krystallisirens ist jede Erschtterung, jeder
  Luftzug, welcher der regelmssigen Bildung der Krystalle hinderlich
  wre, zu vermeiden. Nach beendigter Krystallisation wird der Kandis
  herausgenommen und von der oben befindlichen schwachen Krystallrinde,
  dem =Dexel=, und von dem Syrup (dem Kandisstrzel) durch Umstrzen ber
  ein Reservoir befreit, ber welchem ein Sieb liegt. Darauf wird der
  Kandis gesplt, d. h. man fllt das Krystallisirgefss mit schwachem
  Kalkwasser an und schttelt, bis der den Krystallen adhrirende Syrup
  abgewaschen ist, worauf man das Splwasser ausleert und vollstndig
  abfliessen lsst. Das Splwasser muss lauwarm angewendet werden, zu
  kalt wrde es ein Springen der Krystalle veranlassen, zu heiss wrden
  die Krystalle erblinden. Nachdem alles Splwasser abgelaufen ist,
  lscht man die Krystallisationsgefsse, indem man sie umgestrzt auf
  eine ebene Steinplatte bringt und von aussen klopft, bis der Zucker
  losgelst ist. Wo man die Fden zum Krystallisiren verwendet, lst man
  aussen die Zwirnsfden, worauf der Kandis leicht auf ein
  untergebreitetes Tuch fllt. Man kann auch den Kandis von den Wnden
  der Krystallisirgefsse dadurch lsen, dass man letztere einige
  Augenblicke in siedendes Wasser taucht. Der so erhaltene Kandis ist,
  nachdem er etwa einen Tag lang getrocknet worden war, fertige
  Handelswaare. Man unterscheidet drei Sorten Kandiszucker, den
  =weissen=, aus vollkommen weissen, fast wasserhellen Krystallen
  bestehend, den =gelben=, dessen Krystalle eine strohgelbe Farbe
  besitzen, und den =braunen=, von einer dem gewhnlichen Rohrzucker
  hnlichen Farbe. Im franzsischen Flandern fabricirt man auch
  =schwarzen= Kandis, dort unter dem Namen _Sucre de Boerhaave_ bekannt.
  Zur Fabrikation des braunen Kandis dient Rohzucker mittlerer Qualitt,
  fr gelben Kandis wendet man gedeckten Zucker an, fr den weissen
  endlich raffinirten Zucker. Der Kandis wird in grosser Menge fabricirt
  und verbraucht. Die Hauptanwendung des weissen Kandis besteht in der
  Bereitung des sogenannten Liqueur, einer Lsung von Kandis in Wein
  und Cognac, die in der Champagnerfabrikation eine grosse Rolle spielt,
  ferner verwendet man ihn in allen Fllen, wo es sich um die Herstellung
  einer klaren Zuckerlsung ohne Klrung handelt. Den gelben Kandis
  benutzt man in Belgien und in einigen Gegenden Deutschlands zum
  Versssen von Thee und Kaffee. Grosse Mengen des braunen und gelben
  Kandis werden endlich als Heilmittel bei katarrhalischen Affectionen
  consumirt: es unterliegt wol keinem Zweifel, dass zu diesem Zwecke
  diejenigen Kandissorten vorzuziehen sind, deren Krystalle
  nichtkrystallisirbaren Zucker (Schleimzucker, Chylariose) in grsserer
  Menge einschliessen.

[Sidenote: Statistica ber Produktion von Rbenzucker.]

  Fasst man die gegenwrtige =Rbenzuckerproduktion= zusammen, so ergiebt
  sich, dass die jhrliche Produktion im Jahre 1870 gegen 16,000,000 Ctr.
  betrug; davon kommen auf

                  den Zollverein         4,000,000 Ctr.
                  Frankreich             6,000,000  "
                  Russland               2,500,000  "
                  Oesterreich            2,500,000  "
                  Belgien                  500,000  "
                  Schweden                 400,000  "
                  Holland                  100,000  "
                                        ---------------
                                        16,000,000 Ctr.

  Im Zollverein gab es

           1867 296 Fabriken      Rbenconsum 50,712,709 Ctr.
           1868 291     "              "      48,775,518  "

  Von den erzeugten 3,902,041 Ctrn. Zucker gingen 677,223 Ctr. ins
  Ausland. Der Rest brachte an Steuern 9,908,879 Thlr. auf.


                            C. Traubenzucker.

[Sidenote: Vorkommen, Zusammensetzung und Eigenschaften.]

Der =Traubenzucker= (Kartoffelzucker, Strkezucker, Glycose, Dextrose)
ist eine feste Zuckerart, die sich neben einem flssigen, nicht
krystallisirbaren Zucker, der =Levulose= oder =Chylariose= (von [Greek:
gylarion, Syrup)

in vielen sssen Frchten neben Rohrzucker im Honig findet und sich auf
chemischem Wege bildet

  a) durch Umwandelung der Strke, des Dextrins, des Rohrzuckers, des
     Gummis durch verdnnte Suren und die sogenannte Diastase;

  b) durch Behandeln von Cellulose und hnlichen Pflanzenstoffen mit
     verdnnten Suren;

  c) durch Spaltung gewisser Stoffe der organischen Chemie (der
     sogenannten Glycoside) wie des Amygdalins, Salicins, Phloridzins,
     Populins, Quercitrins, der Gallpfelgerbsure u. s. w., welche durch
     die Einwirkung von verdnnten Suren oder von Synaptase (Emulsin) in
     Traubenzucker und in andere Substanzen zerfallen.

  Der Traubenzucker findet sich in den Obstsorten in folgender Menge (in
  Mittelzahlen ausgedrckt):

           Pfirsiche          1,57 Proc.
           Aprikosen          1,80   "
           Pflaumen           2,12   "
           Reineclauden       3,12   "
           Mirabellen         3,58   "
           Himbeeren          4,00   "
           Brombeeren         4,44   "
           Erdbeeren          5,73   "
           Heidelbeeren       5,78   "
           Johannisbeeren     6,10   "
           Zwetschen          6,26   "
           Stachelbeeren      7,15   "
           Rothbirnen         7,45   "   (nach Fresenius)
           Birnensorten       8,02-10,8  Proc. (nach E. Wolff)
           Aepfel             8,37 Proc. (nach Fresenius)
             "                7,28-8,04  Proc. (nach E. Wolff)
           Sauerkirschen      8,77 Proc.
           Maulbeeren         9,19   "
           Ssskirschen      10,79   "
           Trauben           14,93   "

Der Traubenzucker, C_{6}H_{12}O_{6}, H_{2}O, krystallisirt aus einer
wsserigen Lsung in hemisphrischen Warzen oder in blumenkohlhnlichen
Gestalten. Er ist weniger leicht lslich in Wasser, als der Rohrzucker;
er bedarf zu seiner Lsung 1-1/3 Th. seines Gewichtes kalten Wassers; in
kochendem Wasser ist er in allen Verhltnissen lslich und es bildet sich
ein Syrup, der zwar zuckersss schmeckt, welcher sich aber nicht in Fden
ziehen lsst, wie der Rohrzuckersyrup. Man braucht 2-1/2 Mal so viel
Traubenzucker als Rohrzucker, um dem nmlichen Volumen Wasser die gleiche
Sssigkeit zu ertheilen. Bei 120 hat der Traubenzucker die Formel
C_{6}H_{12}O_{6}. Bei 140 verliert er von Neuem Wasser und geht in
Caramel ber. Mit tzenden Alkalien erhitzt, wird die Traubenzuckerlsung
schon bei 60-70 unter Bildung von Aldehydharz und humushnlichen
Substanzen zersetzt. Eine mit Kali versetzte Traubenzuckerlsung reducirt
in der Siedehitze Kupferoxydhydrat zu Kupferoxydul, Silberoxyd zu
metallischem Silber, Goldchlorid zu metallischem Gold. Eine Mischung von
Ferridcyankalium und Kali zersetzt beim Erhitzen den Traubenzucker unter
Entfrbung der vorher gelb gefrbten Flssigkeit. Unter dem Einflusse der
Fermente erleidet der Traubenzucker mannichfache Umwandelungen; die
Produkte variiren je nach der Natur der Fermente und den Bedingungen,
unter denen man arbeitet. Die Hefe, sowie sie sich bei der Ghrung der
Bierwrze bildet, zerlegt den Traubenzucker in Alkohol und Kohlensure.

                    100 Kilogr. Traubenzucker geben:
                  51,11    "    Alkohol,
                  48,89    "    Kohlensure.

  Unter gewissen, noch nicht festgestellten Bedingungen (der Temperatur
  und der Concentration) findet man in der gegohrenen Flssigkeit
  Homologe des Alkohols, nmlich Propylalkohol, Butylalkohol und
  Amylalkohol, ausserdem unter allen Umstnden Glycerin und kleine Mengen
  von Bernsteinsure und Milchsure. Wenn die Fermente, anstatt sauer zu
  sein, in Folge einer freiwilligen Zersetzung alkalisch reagiren, so
  verwandeln sie den Traubenzucker in Milchsure, ohne dass
  Gasentwickelung stattfindet. Gewhnlich bleibt die Umwandlung aber
  nicht bei der Bildung der Milchsure stehen, es tritt
  Wasserstoffentwickelung ein und die Milchsure zersetzt sich in
  Buttersure und Essigsure. Unter gewissen Umstnden erleidet der
  Traubenzucker die schleimige Ghrung und verwandelt sich in Mannit und
  einen gummihnlichen Krper.

[Sidenote: Darstellung des Traubenzuckers.]

Man stellt den Traubenzucker dar

    a) aus den Trauben,
    b) aus Strke,
    c) aus Holz und hnlichen Pflanzensubstanzen.

  Um Traubenzucker =aus Trauben= darzustellen, wird der Saft aus weissen
  Trauben geschwefelt, damit er sich lnger halte und sich durch Absetzen
  klre; der geklrte Most wird in einem Kessel mssig erwrmt und mit
  Marmor oder Kreide (nicht mit gebranntem Kalk) oder gemahlenem Witherit
  (Bariumcarbonat) versetzt, um einen Theil der Weinsure zu
  neutralisiren, dann bis zum Sieden erhitzt und 24 Stunden ruhig stehen
  gelassen, damit die unlslichen Kalksalze sich absetzen. Darauf klrt
  man den Most mit Rindsblut (auf 100 Liter Most 2-3 Liter Blut), schumt
  ab und dampft den Most bis auf 26 B. ein. Nachdem er einige Zeit in
  Fssern sich selbst berlassen blieb, giesst man ihn von den
  ausgeschiedenen Unreinigkeiten ab und kocht ihn bis auf 34 B. ein,
  wodurch ein Syrup gewonnen wird, der zu den meisten Zwecken, zu denen
  man den Traubenzucker anzuwenden pflegt, anwendbar ist. Will man jedoch
  festen Traubenzucker daraus darstellen, so bringt man den noch strker
  eingekochten Syrup in Krystallisirgefsse, in welchen sich nach 3-4
  Wochen krnige Krystalle abgeschieden haben, die man, um die nicht
  krystallisirende Chylariose abzuscheiden, in Zuckerhutformen bringt und
  dann durch Decken mit reiner Traubenzuckerlsung die Levulose verdrngt
  oder in den Centrifugalmaschinen behandelt. Im Kleinen trennt man die
  Levulose, indem man den feuchten Krystallbrei auf Platten von geglhtem
  Porcellan oder Ziegel oder Glastafeln bringt.

                1000 Gewichtstheile Trauben geben
                 800       "        Most      "
                 200       "        Syrup     "
                 140       "        rohen Traubenzucker
               60-70       "        reinen Traubenzucker.

  Der Traubenzucker aus =Strke= (=Strkezucker=, =Kartoffelzucker=) ist
  die wichtigste und diejenige Traubenzuckerart, die allein fabrikmssig
  dargestellt wird. Die Bereitung des Zuckers aus Strke, durchweg
  Kartoffelstrke, und verdnnter Schwefelsure zerfllt in folgende
  Operationen:

  a) _Das Kochen des Strkemehls mit verdnnter Schwefelsure_ geschieht
  mit Hlfe von Wasserdmpfen, welche in die Kochbottiche gefhrt werden.
  Im Kleinen wendet man zweckmssig Bleikessel an, welche unten in eine
  eiserne Pfanne eingelassen sind. Man erhitzt die erforderliche Menge
  Wasser bis zum Sieden und trgt dann in dasselbe die Schwefelsure ein,
  welche man vorher mit der dreifachen Gewichtsmenge Wasser verdnnt hat.
  Dann bringt man bei lebhaftem Sieden die mit Wasser zu einer milchigen
  Flssigkeit angerhrte Strke hinzu und rhrt hastig um, um so viel als
  mglich die Kleisterbildung zu umgehen. Nachdem alle Strke eingetragen
  ist, wird so lange gekocht, bis alle Strke in Zucker bergegangen ist.
  Bekanntlich geht die Strke zuerst in Dextrin und dann erst in Zucker
  ber, ersteres geschieht sofort, letzteres dagegen erst durch lngere
  Zeit fortgesetztes Kochen. Um den Zeitpunkt, wo die Neutralisation der
  Schwefelsure vorgenommen werden kann, richtig zu treffen, bedient man
  sich der Alkoholprobe, die sich auf die Unlslichkeit des Dextrins in
  alkoholischen Flssigkeiten grndet. Man nimmt dazu auf 1 Th. der zu
  prfenden Zuckerlsung 6 Th. absoluten Alkohols; ist kein Dextrin mehr
  vorhanden, so bildet sich kein Niederschlag, sondern nur eine schwache
  Trbung. Die hier und da vorgeschlagene Jodprobe ist ohne Nutzen, da
  sie nur anzeigen kann, dass sich das Strkemehl in Dextrin verwandelt
  habe, aus welchem sich erst bei weiterem Kochen Zucker bildet. In der
  Regel nimmt man gegenwrtig auf:

        100 Kilogr. Strkemehl,
          2    "    Schwefelsure, englische (von 60 B.) und
        300-400 Liter Wasser, wenn Syrup dargestellt werden soll;

  fr die Bereitung von festem Traubenzucker erhht man die Menge der
  Schwefelsure bis auf 4 Kilogr., um die Kochzeit abzukrzen.

  Die Verzuckerung der Strke soll in weit krzerer Zeit erfolgen, wenn
  man der Schwefelsure eine geringe Menge Salpetersure zusetzt.

  b) _Das Abscheiden der Schwefelsure_ aus der Zuckerflssigkeit ist
  unstreitig die wichtigste Operation, da von ihr nicht nur die Farbe und
  Reinheit, sondern auch der Geschmack des Produktes ganz besonders
  abhngt. Die Neutralisation geschieht durch =Baryt= oder durch =Kalk=,
  welche beide mit der Schwefelsure unlsliche Salze bilden, die sich am
  Boden des Neutralisationsgefsses absetzen, so dass die darber
  stehende Flssigkeit nach einiger Zeit klar abgezapft werden kann. Der
  =Baryt= wird als Bariumcarbonat und dieser zwar entweder als Witherit
  oder als knstlich dargestellte Verbindung angewendet und ist ohne
  Zweifel das beste Neutralisationsmittel, da das entstandene
  Bariumsulfat vollkommen unlslich ist, sich schnell und vollstndig
  ablagert und auch noch als Farbematerial verwendet werden kann. Leider
  gestatten es nur selten die localen Verhltnisse, sich des Baryts zu
  bedienen. Der =Kalk= ist das gebruchlichste Neutralisationsmittel; der
  sich bildende Gyps ist aber in Wasser nicht ganz unlslich, doch
  enthlt die Zuckerlsung nur einen sehr kleinen Theil davon, der sich
  beim Abdampfen noch betrchtlich vermindert. Man wendet den Kalk an als
  =Aetzkalk=, =Kreide= und =Marmor=. Die Neutralisation wird am
  zweckmssigsten im Kochbottiche selbst und mit der noch heissen
  Zuckerlsung vorgenommen. Fr jedes Kilogramm der angewendeten
  englischen Schwefelsure (Technisches Molekulargewicht = 100 bis 106)
  wiegt man ebenso viel feines Marmorpulver (Chem. Molekulargewicht =
  100) ab und bringt dasselbe unter fortwhrendem Umrhren in die zu
  neutralisirende Flssigkeit. Nachdem aller Kalk eingetragen worden und
  die Flssigkeit auf Zusatz von neuem Marmor nicht mehr aufbraust, prft
  man mit Lakmuspapier. Die Neutralisation ist aber keineswegs vollkommen
  erfolgt, wenn blaues Lakmuspapier sich nicht mehr rthet, und eine
  Probe mit Lakmustinktur, die weit empfindlicher ist als das damit
  getrnkte Papier, wird oft das Gegentheil beweisen, und nicht selten
  wird man nach dem Eindampfen der Flssigkeit, wobei die Schwefelsure
  mehr concentrirt wurde, finden, dass der auf 26 B. gebrachte Syrup
  wieder sauer reagirt, so dass man von Neuem zu neutralisiren genthigt
  ist. Um alle Schwefelsure zu sttigen, ist es vortheilhaft, sobald
  Lakmuspapier keine freie Sure mehr anzeigt, fr je 10 Kilogramm der
  angewendeten Schwefelsure 250-500 Grm. Bariumcarbonat in die
  Flssigkeit einzurhren, welches die letzten Surereste hinwegnimmt.

  c) _Das Eindampfen und Reinigen_ der so erhaltenen =Zuckerlsung=
  geschieht auf folgende Weise: Man dampft die Flssigkeit in flachen
  kupfernen Kesseln bei gelindem Feuer, am besten durch Wasserdmpfe ein;
  es scheiden sich dabei Gyps und andere Unreinigkeiten, letztere als
  Schaum aus, welche entfernt werden. Die bis auf 15-16 B. eingekochte
  Flssigkeit wird ber Knochenkohle filtrirt, der filtrirte Syrup wird
  durch eine Saftpumpe in grosse Reservoirs geleitet, aus welchen er in
  die Abdampfpfannen fliesst, in welchen er durch Dmpfe bis auf 30
  abgedampft wird, wobei sich von Neuem Gyps abscheidet, der von der
  Flssigkeit getrennt werden muss. Beabsichtigt man die Darstellung von
  festem Zucker, so dampft man den Syrup in flachen Gefssen bis auf
  40-41 B. ab und bringt ihn dann in Krystallisirpfannen; sobald die
  Krystallisation begonnen hat, wird die krnige Flssigkeit in Fsser
  gefllt, in denen sie nach einiger Zeit gnzlich fest wird. Auf diese
  Weise lsst sich jedoch nur ein sehr untergeordnetes und unreines
  Produkt erhalten, das namentlich zur Bereitung von knstlichem Weine
  nicht anwendbar ist. Ein schneres und weisseres Fabrikat erhlt man,
  wenn man die Melasse von den Traubenzuckerkrystallen trennt. Zu diesem
  Zwecke bringt man den durch Thierkohle filtrirten Saft, aus welchem
  sich durch Absetzenlassen ein Theil des Gypses abgeschieden hat, in
  gewhnliche Weinfsser, welche auf Querbalken eines einen Fuss hohen
  Gestelles ruhen. Der untere Boden ist mit 12-24 Lchern versehen,
  welche mit hlzernen Zapfen verschlossen sind. Nach 8-10 Tagen ist das
  Fass mit in der Flssigkeit zerstreuten Krystallanhufungen erfllt;
  man entfernt nun die Zapfen und lsst die Melasse abfliessen, wobei man
  nach und nach die Fsser neigt. Der so erhaltene Zucker wird auf
  Gypsplatten gelegt und in Trockenstuben gebracht, welche die Melasse
  zum grssten Theile absorbiren. Die trockne Masse wird gesiebt und das
  Pulver entweder in Zuckerhutformen gepresst oder als Pulver in Fsser
  gepackt. (Die Fabrikation des Traubenzuckers _aus Holz und hnlichen
  Substanzen_ hat nur fr die Spiritusfabrikation, und in neuerer Zeit
  fr die Holzpapierfabrikation -- Seite 409 -- Interesse.)

[Sidenote: Zusammensetzung des Strkezuckers.]

Die Zusammensetzung des Strkezuckers, wie er im Handel sich findet, ist
eine sehr verschiedene. Whrend indessen vor wenig Jahren noch der
kufliche Strkezucker nur 50 Proc. Zucker, 32,5 Proc. fremde Stoffe und
17,5 Proc. Wasser enthielt, kommt in neuerer Zeit der Strkezucker in
grsserer Reinheit vor, so fand =Gschwndler= (1870) bei der Untersuchung
einiger Strkezuckersorten

                              1.      2.      3.      4.      5.
       Traubenzucker         67,5    64,0    67,2    75,8    62,2
       Dextrin                9,0    17,4     9,1     9,0     8,8
       Wasser                19,5    11,5    20,0    13,1    24,6
       Fremde Bestandtheile   4,0     7,1     3,7     2,1     4,4
                            -------------------------------------
                            100,0   100,0   100,0   100,0   100,0

[Sidenote: Anwendung des Traubenzuckers.]

  Der Traubenzucker (aus Strke) findet als Ersatzmittel des Zuckers der
  Trauben und des in dem Malz durch die Einwirkung der Diastase erzeugten
  Zuckers Anwendung und zwar zur Bereitung von Wein (nach dem Verfahren
  von =Gall= und =Petiot=) und auch von Bier. 1 Ctr. Kartoffelzucker soll
  3 Ctr. Braumalz zu ersetzen im Stande sein. Auch wird er gegenwrtig in
  erstaunlicher Menge anstatt des Honigs in der Zuckerbckerei und
  Lebkchnerei verwendet, ferner findet er Anwendung in den Mostrich-
  und Tabakfabriken und endlich zur Herstellung der =Zuckercouleur=, die
  zum Braunfrben der Liqueure und des Essigs, des Rum und Cognac und
  mitunter zum Frben des Bieres und Weines verwendet wird. Man stellt
  die Zuckercouleur durch Erhitzen von Strkezucker in einem Kessel bis
  zur Bildung einer dunkelbraunen Schmelze dar, die man dann in Wasser zu
  einer dickflssigen dunkelbraunen Flssigkeit lst. Hufig nimmt man
  des Schmelzen des Zuckers unter Zusatz von Natriumcarbonat oder
  Aetznatron vor.

  Die =Produktion an Strkezucker= im Zollverein ist eine ansehnliche. Im
  Jahre 1870 producirten 60 Fabriken gegen

                     250,000 Centner Strkesyrup und
                     150,000    "    Strkezucker.


                          Die Ghrungsgewerbe.

[Sidenote: Allgemeines.]

In Zersetzung begriffene Eiweisssubstanzen oder Protenkrper, sowie
gewisse auf der niedrigsten Stufe der Organisation stehende Pflanzen, die
Hefenpilze, knnen bei Gegenwart von Wasser und innerhalb gewisser
Temperaturgrenzen, durch unmittelbare Berhrung die Zersetzung oder
Spaltung einer anderen organischen Verbindung veranlassen, ohne dass in
den meisten Fllen die Elemente der einen Verbindung an die andere etwas
abgeben oder derselben etwas entziehen. Der Process einer solchen
Zersetzung einer organischen Substanz nennt man =Ghrung=. Die Zersetzung
eines ghrungsfhigen organischen Krpers besteht entweder darin, dass
derselbe sich in zwei oder mehrere Verbindungen spaltet, wie die Dextrose
und Levulose bei der geistigen Ghrung in homologe Alkohole und Suren
(Kohlensure und Bernsteinsure), oder sich nur in seinen Moleklen
anders gruppirt, wie beim Uebergange des Milchzuckers in Milchsure (bei
der Milchsureghrung) oder dass endlich der Sauerstoff der Atmosphre
sich mit den Elementen des organischen Krpers entweder zu neuen
organischen Verbindungen, oder zu einfachen anorganischen, zu
Kohlensure, Kohlenwasserstoff u. s. w. verbindet. Letztere Art der
Zersetzung heisst, wenn ein kohlenstoffreicher Rckstand (Humus) bleibt,
=Vermoderung=, wenn dagegen nur die mineralischen Bestandtheile
zurckbleiben, =Verwesung=. Dem Sprachgebrauche nach findet das Wort
Vermoderung hauptschlich auf den Akt der Zersetzung von Vegetabilien,
das Wort Verwesung auf Thierkrper Anwendung. Beide, Vermoderung und
Verwesung, finden bei Zutritt von feuchter Luft statt. Bei Vorhandensein
von grsseren Mengen Wasser gehen beide Processe in die =Fulniss= ber,
deren Eintritt sich durch die Entwickelung belriechender Gasarten zu
erkennen giebt und deren Endprodukte =anorganische= Verbindungen --
Kohlensure, Ammoniak, Schwefelwasserstoff und Wasser sind -- whrend die
Produkte derjenigen Zersetzungsprocesse, welche man den Ghrungen
beizhlt, zum Theil immer =organische= Verbindungen sind. Sind bei der
Ghrung die Eiweisskrper nur Erreger des Zersetzungsprocesses, der sich
auf die anderen vorhandenen organischen Substanzen erstreckt, so sind die
eiweisshnlichen Krper bei der Fulniss zum grssten Theil diejenigen,
die zersetzt werden, und die meist in berwiegender Quantitt vorhanden
sind.

  Derjenige Krper, welcher die Ghrung hervorzurufen im Stande ist,
  heisst das =Ferment= oder der Ghrungserreger, bei der geistigen
  Ghrung die =Hefe=. Das Ferment ist entweder ein organisirtes Wesen,
  ein Ghrungspilz wie die Hefe, oder eine in Zersetzung begriffene
  Protensubstanz.

  In technologischer Hinsicht hat man von den zahlreichen Ghrungsarten,
  welche die heutige organische Chemie aufzuweisen vermag, nur auf
  folgende Rcksicht zu nehmen:

  1) die =geistige Ghrung= (Alkoholghrung), auf welche sich die
  wichtigsten Ghrungsgewerbe, die Weinbereitung, die Bierbrauerei und
  die Spiritusfabrikation grnden;

  2) die =Milchsureghrung=, welche beim Sauerwerden der Milch, bei der
  Sauerkrautbildung u. s. w. auftritt, und bei hherer Temperatur leicht
  in

  3) die =Buttersureghrung= bergeht.

  An diese Arten der Ghrung schliesst sich an

  4) die =Fulniss=, insofern die technische Chemie Mittel an die Hand
  giebt, die Fulniss zu verhindern oder die bereits eingetretene
  aufzuhalten. Auf der Kenntniss und Anwendung dieser Mittel beruht die
  Conservation der Nahrungsmittel.

[Sidenote: Geistige Ghrung.]

Die =geistige= oder =Alkoholghrung= bewirkt das Zerfallen gewisser
Zuckerarten, und zwar der Dextrose (Glycose, Traubenzucker), der Levulose
(Chylariose, Schleimzucker) und der Galaktose (Lactose) in eine Anzahl
von Produkten, unter denen Alkohol und Kohlensure als Hauptprodukte
auftreten. Insofern Rohrzucker und Milchzucker im Stande sind, in
intervertirten Zucker (ein Gemenge von Dextrose und Levulose) und in
Galaktose berzugehen, rechnet man auch diese Zuckerarten zu den
ghrungsfhigen. In gewisser Hinsicht schliesst sich ihnen das Strkemehl
an. Nach den Untersuchungen von =Lermer= und v. =Liebig= (1870) geht
Dextrin, bei Gegenwart von Zucker, gleichfalls in Alkohol und Kohlensure
ber. Sieht man einen Augenblick von allen solchen Ghrungsprodukten ab,
die nur in geringerer Menge auftreten, so erzeugen 100 Gewichtstheile:

                                            Alkohol.  Kohlensure.
     krystallis. Dextrose C_{6}H_{14}O_{7}    46,46 + 44,40 = 90,86
     wasserfreie Dextrose C_{6}H_{12}O_{6}    51,1  + 48,9  = 100
     Rohrzucker           C_{12}H_{22}O_{11}  53,80 + 51,46 = 105,26
     Strkemehl           C_{6}H_{10}O_{5}    56,78 + 54,32 = 111,10

1 Molek. Dextrose C_{6}H_{12}O_{6} = 180 } giebt
                                         }
                                { 2 Molek. Alkohol      2C_{2}H_{6}O = 92
                                { 4   "    Kohlensure  2CO_{2}      = 88
                                                                      ---
                                                                      180

  In neuerer Zeit hat =Pasteur= gezeigt, dass bei der Alkoholghrung
  keine Milchsure, deren Gegenwart frher angenommen wurde, auftritt,
  dass dagegen =Bernsteinsure= ein constantes Produkt der Ghrung sei,
  dessen Menge wenigstens 0,6-0,7 Proc. vom Gewicht des Zuckers betrgt.
  Ferner bildet sich =Glycerin= (ber 3 Proc. vom Zucker), welches in
  allen gegohrenen Flssigkeiten, namentlich im Wein enthalten ist. Die
  5-6 Proc. vom Gewicht des Zuckers, welche nicht Alkohol liefern,
  zerfallen bei der geistigen Ghrung in:

                Bernsteinsure                    0,6-0,7
                Glycerin                          3,2-3,6
                Kohlensure                       0,6-0,7
                Cellulose, Fettsubstanz u. s. w.  1,2-1,5
                                                  -------
                                                  5,6-6,5

[Sidenote: Hefe.]

Das Ferment der geistigen Ghrung, die =Hefe=, deren Natur zuerst von
=Cagniard-Latour= erkannt, in neuerer Zeit von =A. de Bary=, =J.
Wiesner=, =Hoffmann=, =Bail=, =Berkley=, =Pasteur=, =Hallier=, =Bchamp=,
=Lermer= festgestellt wurde, scheidet sich whrend der Ghrung sowol an
der Oberflche der ghrenden Flssigkeit, als auch am Boden der
Ghrungsgefsse als feine, gleichfrmig thonfarbig-weissliche Masse aus.
Im ersteren Falle heisst sie =Oberhefe=, sie bildet sich unter anderem
bei der Ghrung des oberghrigen Bieres, was man in vielen Gegenden
Norddeutschlands, in England und in Strassburg braut; auch die in der
Bckerei zum Aufgehen des Teiges angewendete Hefe (Brme) ist Oberhefe;
sie macht ferner einen Bestandtheil des Sauerteiges aus, in letzterem
Falle im Gemenge mit Milchsurehefe. Fr die Ghrungsgewerbe hat die
Oberhefe eine untergeordnete Bedeutung. Die =Unterhefe= ist das Ferment
der Weinghrung und der Ghrung der Bierwrze nach dem bayerischen und
Schwechater Brauverfahren. In der Branntweinbrennerei ist die Hefe meist
ein Gemenge von Ober- und Unterhefe.

  Frische Hefe erscheint als ein schmutzig gelbgrauer oder rthlicher
  Schlamm von unangenehmem Geruche und saurer Reaktion. Unter dem
  Mikroskope lassen sich beide Hefenarten leicht unterscheiden. Die
  =Oberhefe= (von oberghrigem Weizenbier) besteht aus kugelfrmigen oder
  ellipsodischen Zellen von ziemlich gleicher Grsse, deren Durchmesser
  hchstens 0,01 Millimeter betrgt; sie schwimmen theils einzeln, theils
  mit anderen Zellen von gleicher Grsse zusammenhngend, theils mit
  kleineren Nebenzellen verbunden, die so mit der grsseren Zelle
  zusammenhngen, dass zwischen ihnen kein Trennungsstrich zu bemerken
  ist, in der Flssigkeit herum. Die Oberhefe erscheint als eine mit der
  Zellenwand versehene Zelle, die so durchsichtig ist, dass eine
  darunter befindliche Zelle deutlich wahrgenommen werden kann; in ihrer
  Mitte befindet sich ein dunkler Kern (Protoplasmakrner), der aus einem
  oder mehreren Stcken besteht. Die =Unterhefe= (von bayerischem
  Lagerbier) besteht wol auch aus Zellen, von denen einige ihrer Grsse
  nach den Oberhefenzellen hneln, sie sind aber nicht zusammenhngend
  wie jene; die meisten der Unterhefenzellen sind bei weitem kleiner und
  von den verschiedensten Dimensionen; diese kleineren Zellen hngen
  theils in Gruppen an den grsseren, theils unter sich zusammen, theils,
  und es ist dies bei dem grssten Theile der Fall, schwimmen sie isolirt
  in der Flssigkeit herum. Die Unterhefenzellen hngen nur mechanisch
  aneinander, eine Erschtterung ist hinreichend, sie zu trennen. In dem
  Innern der grsseren Zellen bemerkt man deutlich kleinere Zellchen, die
  sich dem Ansehen nach wie die grosse Zelle verhalten; man zhlt deren
  drei, vier und mehrere, oder es sind dieselben in solcher Anzahl
  vorhanden, dass sie durch ihre Menge zu einer nebelartigen Masse
  verschwimmen.

  Ich fand durch Versuche (deren Resultate in einer 1847 von der
  philosophischen Facultt der Universitt Leipzig gekrnten Abhandlung
  verffentlicht wurden) die Angabe =Mitscherlich='s besttigt, dass die
  =Fortpflanzung der Oberhefe= durch Ausdehnung der Zellenhlle (durch
  Knospung oder Sprossung) stattfindet und dass eine neu gebildete Zelle
  erst dann sich fortpflanzen kann, wenn sich im Innern ein Kern gebildet
  hat, der aber nicht von der Mutterzelle herrhrt. Es geschieht fast
  immer, dass ausgewachsene Zellen mit einem Theil ihrer Brut sich von
  der ursprnglichen Zelle trennen. Zur Beobachtung der =Fortpflanzung
  der Unterhefe= brachte ich eine ausgewachsene Unterhefenzelle, in deren
  Innerem sich ein krniger Kern zeigte, mit concentrirter Bierwrze
  gemischt unter das Mikroskop. Die Temperatur blieb constant 7-10. Es
  gelang nicht, die grosse Zelle von einigen nebenschwimmenden kleinen
  Zellchen zu befreien, ebensowenig, die Art der Fortpflanzung zu
  beobachten. Der Inhalt der Zellen bewegte sich und mit der Zeit wurde
  der verschwommene Inhalt krnig; die neben der Zelle befindlichen
  Zellchen und Sporen wuchsen und ihre Anzahl nahm zu, bis sich
  mindestens 30-40 kleine Zellchen entwickelt hatten. Diese Zellen
  (Leptothrix-Krner) waren entweder aus der Mutterzelle durch Platzen
  der Zellenhlle geschlpft oder sie hatten sich aus in der Bierwrze
  bereits vorhandenen, mikroskopisch jedoch nicht wahrnehmbaren Sporen
  entwickelt.

  Der von der Zellenwandung getrennte Zelleninhalt gab:

                                  aus Bieroberhefe   aus Bierunterhefe
         Kohlenstoff                    44,37              49,76
         Wasserstoff                     6,04               6,80
         Stickstoff                      9,20               9,17
         Sauerstoff, Schwefel und Asche 40,38              34,26

  Die Oberhefe enthielt 2,5 Proc., die Unterhefe 5,29 Proc. Asche. Der
  Schwefelgehalt betrgt durchschnittlich 0,5-0,8 Proc. Die Hefenasche
  besteht wesentlich aus Kali, Phosphorsure, Kieselerde und Magnesia.

  Ueber die =Rolle der Hefe bei der geistigen Ghrung= sind (ungeachtet
  der neueren Untersuchungen von =v. Liebig=, =Pasteur=, =Lemaire= u. A.)
  die Ansichten der Chemiker noch ziemlich getheilt. Soviel lsst sich
  jedoch annehmen, dass die chemische Action bei der geistigen Ghrung
  mit den Lebensvorgngen der Hefe in unmittelbarster Beziehung steht und
  die geistige Ghrung wesentlich auf der Bildung von Hefenzellen, auf
  der Entwickelung organisirter Substanz beruhe. Hierbei hat man zwei
  Flle zu unterscheiden. Die Hefe, speciell die Bierhefe, mit ihrem
  botanischen Namen _Saccharomyces cerevisiae_ oder _Hormiscium
  cerevisiae_ -- ein Abkmmling der Schimmelpilze _Penicillium glaucum_,
  _Ascophora Mucedo_, _A. elegans_ und _Periconia hyalina_, deren Sporen
  allenthalben in der Atmosphre vorkommen -- wirkt nmlich entweder auf
  reine Zuckerlsung, ohne dass Protenkrper vorhanden sind, oder sie
  wirkt in Gegenwart von Eiweisssubstanzen. Der letztere Fall tritt ein,
  wenn eine mit Eiweisskrpern versetzte Lsung von ghrungsfhigem
  Zucker sich selbst berlassen bleibt, so dass der Zutritt der
  atmosphrischen Luft nicht ganz abgeschnitten ist. Die berall und
  namentlich in Ghrungslokalen in der Luft verbreiteten Hefensporen
  finden in dieser Lsung einen zur Vegetation geeigneten Boden, und
  indem sie sich darin zu Hefenzellen ausbilden, bewirken sie die
  geistige Ghrung, die in diesem Falle =Selbstghrung= genannt wird.
  Mge nun in dem zweiten Falle die Hefenkultur durch knstliche
  Verjngung (zu vergleichen der Pflanzmethode der Landwirthe) oder durch
  die Sporen der Luft (Saatmethode) eingeleitet worden sein, so wird man
  nach beendigter Ghrung immer ernten knnen, d. h. man wird mehr davon
  sammeln, als man angewendet hat. Im ersteren Falle, wobei Zuckerwasser
  mit Hefe zusammengebracht wurde, ohne dass die als Nahrungsmittel der
  Hefenpflanze nothwendige Protensubstanz vorhanden war, ist die Hefe
  nach beendigter Ghrung erschpft und nicht ferner im Stande, Ghrung
  zu erzeugen. Whrend der geistigen Ghrung wird demnach Hefe consumirt;
  mithin auch in dem zweiten erwhnten Falle, wo Hefe geerntet wird; da
  sich aber in Folge der vorhandenen reichlichen Nahrung grosse Massen
  von neuen Hefenzellen bilden, so wird das Gewicht der verschwundenen
  Hefe durch die Gewichtszunahme der regenerirten Hefe verdeckt.

[Sidenote: Bedingungen der geistigen Ghrung.]

Die =Bedingungen der geistigen Ghrung= fallen zusammen mit den
Bedingungen der Vegetation der Hefenpflanze, mit dem Unterschiede jedoch,
dass man bei der geistigen Ghrung die grsstmglichste Menge Alkohol
erzeugen will. Ist nicht die Alkoholproduktion, sondern die
Hefenerzeugung der Zweck der geistigen Ghrung, so kann es vorkommen,
dass nur eine geringere Menge Alkohol sich bildet.

Es mssen folgende Bedingungen erfllt sein, wenn Alkoholghrung
stattfinden soll:

  1) eine _wsserige Lsung von Zucker_ und zwar von 1 Th. Zucker in 4-10
  Th. Wasser. Der Zucker kann sein entweder eine ghrungsfhige Zuckerart
  wie Dextrose und Levulose, oder eine nicht ghrungsfhige wie
  Rohrzucker oder Milchzucker; in letzterem Falle muss zugleich eine
  Sure oder ein anderes Agens vorhanden sein, welches den Uebergang
  dieser Zuckerarten in ghrungsfhige bewirkt.

  2) _Gegenwart von Hefe_, und zwar von Pflanzen (Stellhefe) oder Sporen.
  Im ersteren Falle nimmt man an, dass 1 Th. Hefe auf 5 Th. Zucker
  hinreichend sei, um eine krftige, normal verlaufende Ghrung zu
  bewirken. Soll durch Sporen die Ghrung vor sich gehen (Selbstghrung),
  so mssen die Bedingungen der Entwickelung der Sporen -- Protenkrper
  und phosphorsaure Erden und Alkalien -- vorhanden sein. Ist demnach
  =keine= Hefe vorhanden, so treten zu den Bedingungen der geistigen
  Ghrung

  3) _atmosphrische Luft_, insofern dieselbe die zum Einleiten der
  Ghrung erforderlichen Keime liefert;

  4) eine gewisse Temperatur, deren Grenzen 5 und 30 sind. In der Regel
  geht die geistige Ghrung jedoch bei einer Temperatur zwischen 9 und
  25 vor sich. Je niedriger die Temperatur, desto langsamer verluft die
  Ghrung, und umgekehrt. Bei einer Temperatur, die hher ist als 30,
  geht die Alkoholghrung leicht in andere Ghrungsarten, namentlich in
  Buttersure ber.

  Die =vier Gewerbe=, die sich auf die geistige Ghrung grnden, sind:

  die =Weinbereitung=, bei welcher man nicht allen, sondern nur einen
  Theil des Zuckers des Mostes in Alkohol und Kohlensure berzufhren
  sucht. Der Alkohol wird von der vergohrenen Flssigkeit nicht getrennt.
  Der grsste Theil der Kohlensure entweicht. Ein kleiner Theil
  derselben bleibt in der gegohrenen Flssigkeit und ist zu deren
  Haltbarkeit nothwendig. Bei unterdrckter Ghrung wird ein Theil der
  durch eine regulirte Ghrung gebildeten Kohlensure von der Flssigkeit
  absorbirt und entweicht nach Beseitigung des Druckes unter Schumen
  (Schaumweine);

  die =Bierbereitung=, bei welcher die alkoholbildende Substanz meist
  Strkemehl ist; ein Theil desselben geht in nicht ghrungsfhiges
  Dextrin, ein anderer und grsserer Theil in Dextrose ber, deren
  Zersetzung in einer krftigen Ghrung bewirkt wird. Ein kleiner Theil
  der Dextrose wird reservirt und dient zur Unterhaltung der Nachghrung,
  welche durch Temperaturerniedrigung mglichst verlangsamt wird und in
  Folge der dabei stattfindenden Kohlensureausscheidung das Bier zum
  Aufbewahren geeignet macht. Ebenso wie bei dem Weine wird der Alkohol
  von der gegohrenen Flssigkeit nicht abgeschieden.

  Whrend man bei der Bierbrauerei nur einen Theil des als Rohmaterial
  angewendeten Strkemehls in Dextrose berfhrt und dasselbe nur nach
  und nach in Alkohol und Kohlensure verwandelt, ist es dagegen die
  Aufgabe der =Spiritusfabrikation=, aus dem gegebenen Material --
  Strkemehl oder Zucker -- in der krzesten Zeit die grsstmglichste
  Menge Alkohol zu erzeugen, welcher von der gegohrenen Flssigkeit durch
  Destillation getrennt wird. Der Zweck der Weinbereitung ist stets die
  Erzeugung von Wein, der der Brauerei die Fabrikation von Bier, bei der
  Spiritusfabrikation ereignet es sich dagegen hufig, dass die Erzeugung
  der Brennereirckstnde, als Mastfutter, als Hauptprodukt in den
  Vordergrund, die des Spiritus als Nebenprodukt in den Hintergrund
  tritt. Die Spiritusfabrikation ist oft ein Mittel zum Zweck der
  Herstellung eines concentrirten Viehfutters.

  Die =Bckerei= gehrt bei dem gegenwrtigen Betriebe des Gewerbes in
  gewisser Beziehung auch zu den Ghrungsgewerben, insofern beim Aufgehen
  des Teiges geistige Ghrung stattfindet. Nur kommt hierbei nicht der
  Alkohol, sondern nur die Kohlensure in Betracht, deren Erzeugung der
  Zweck der durch Sauerteig oder Hefe eingeleiteten Ghrung ist.

  Bei den vorstehenden Ghrungsgewerben sieht man auf die Erzeugung von
  Alkohol oder von Kohlensure, oder von beiden zugleich. Aber auch die
  Bildung von Hefe kann der Zweck der geistigen Ghrung sein, wobei der
  zugleich mit erzeugte Alkohol kaum in Frage kommt. Aus diesem Grunde
  schliesst sich die =Hefenfabrikation= den auf geistige Ghrung sich
  sttzenden Gewerben an.


                           Die Weinbereitung.

[Sidenote: Wein.]

Unter dem Namen =Wein= versteht man in der engeren Bedeutung des Wortes
eine alkoholische Flssigkeit, welche durch Selbstghrung des
Traubensaftes und ohne Destillation gewonnen wurde. In der weiteren
Bedeutung rechnet man zu den Weinen eine jede durch Ghrung eines
Obstsaftes entstandene geistige Flssigkeit.

[Sidenote: Der Weinstock und seine Hauptarten.]

Der =Weinstock=, eine Pflanze aus der Familie der Sarmentaceen, gedeiht
weder in der kalten, noch in der tropischen Zone und in den gemssigten
nur unter gewissen Bedingungen, die sich auf das Klima und die
Bodenbeschaffenheit erstrecken. Im Allgemeinen gerth er auf dem
Festlande Europas noch bis zum 50 n. B. und giebt cultivirt in besonders
gnstigen Lagen noch bis zum 51-52 n. B. (Sachsen und Schlesien)
trinkbaren Wein. Er erfordert eine mittlere Jahrestemperatur von 10-11
und eine mittlere Temperatur der Sommermonate von 18-20. Die
Jahrestemperatur ist weniger maassgebend, weil die Bildung des Zuckers
unter Mitwirkung der Sommerwrme und intensiven Sonnenlichtes vor sich
geht. Ein Klima mit strengem Winter und heissem Sommer ist daher dem
Weinbau gnstiger, als ein Klima mit gemssigtem Sommer und mildem
Winter. England mit einer mittleren Jahrestemperatur von 11 ist folglich
zum Weinbau gnzlich ungeeignet. Von grossem Einfluss auf die Qualitt
des Weins ist die Jahreswitterung; whrend der Periode des Wachsthums ist
Feuchtigkeit, whrend des Reifens Sonnenhitze am zutrglichsten.

  Der Weinstock gedeiht fast auf allen Bodenarten, sofern dieselben nur
  die zur Vegetation der Rebe erforderliche Menge von Kali enthalten; am
  besten sagt ihm ein warmer, lockerer Boden zu, weniger ein kiesiger, am
  wenigsten ein schwerer, feuchter Lehmboden mit nassem Untergrund.
  Besonders gut kommt der Weinstock auf verwitterten Feldspathgesteinen
  (Granit, Syenit, Gneuss) und auf vulkanischem Boden fort. Thonschiefer,
  Thonmergel, Gyps, Kalk- und Kreideboden sind dem Weinbau sehr
  frderlich. Die Benutzung der Weintraube ist eine hchst mannigfache,
  ausser zur Bereitung von Most und Wein, wird sie zum unmittelbaren
  Genusse verwendet; ausserdem dient sie zur Bereitung des chten
  Traubenzuckers, des Franzbranntweins (Cognacs), des Weinessigs u. s. w.
  Die Weintrester (Treber) finden zur Darstellung eines Fermentles, des
  Markles (huile de marc), die Kerne zur Bereitung von Oel, die Weinhefe
  zur Fabrikation von Potasche Anwendung. Durch Trocknen so zubereitet,
  dass sie einer lngeren Aufbewahrung fhig sind, heissen die
  Weintrauben =Cibeben= und =Corinthen=.

[Sidenote: Traubenlese.]

Die Zuckerbildung beginnt in der Traube schon frh und in dem Maasse wie
der Zuckergehalt steigt, tritt die Sure zurck. Mit dieser Abnahme geht
eine stetige Zunahme der Mineralbestandtheile Hand in Hand. Die von =C.
Neubauer= ausgefhrten Analysen von Trauben vom Neroberg bei Wiesbaden
(1868) zeigten

        am 27. Juli   0,6 Proc. Zucker und 2,7 Proc. freie Sure,
        "   9. Aug.   0,9  "      "     "  2,9  "      "     "
        "  17.  "     2,3  "      "     "  2,8  "      "     "
        "  28.  "     8,2  "      "     "  1,9  "      "     "
        "   7. Sept. 11,9  "      "     "  1,2  "      "     "
        "  17.  "    18,4  "      "     "  0,95 "      "     "
        "  28.  "    17,5  "      "     "  0,8  "      "     "
        "   5. Oct.  16,9  "      "     "  0,8  "      "     "
        "  12.  "    18,6  "      "     "  0,9  "      "     "
        "  22.  "    17,9  "      "     "  0,6  "      "     "

Da die Trauben um so mehr Zucker enthalten, je reifer sie sind, und da
sie um so alkoholreicheren Wein geben, je mehr Zucker sie enthalten, so
darf die =Traubenlese= (der Herbst) nur im mglichst reifen Zustande der
Beeren stattfinden. Die Reife erkennt man daran, dass die Beeren der
weissen Trauben an der Sonnenseite nicht mehr grn, sondern brunlichgelb
und durchscheinend sind, die der rothen und blauen Trauben schwarz
erscheinen und beide schon anfangen welk zu werden, die Kerne sich leicht
vom Fleisch lsen und die Traubenstiele braun und welk geworden sind und
am Gelenk leicht abbrechen.

  Die Trauben werden entweder abgebeert oder sie werden nicht abgebeert.
  Das =Abbeeren= (Ablsen, Rappen) von den Traubenstielen (Kmmen oder
  Trappen) geschieht entweder mit der blossen Hand, oder mittelst eines
  Weidengeflechtes, welches 8-9 Linien weite Oeffnungen hat, durch die
  man die abgerissenen Beeren in eine untergestellte Kufe fallen lsst,
  oder mittelst der Raspel, einem hlzernen oder messingenen Gitter,
  dessen Stbe oben scharfe Kanten haben und Zwischenrume zwischen sich
  lassen, welche den Beeren, aber nicht den Kmmen Durchgang gestatten,
  oder endlich mit Hlfe der Gabel, einem 0,5-0,6 Meter langen Holze, das
  sich in der Mitte in drei Aeste oder Zinken theilt. Die Kmme enthalten
  viel Gerbsure, es ist daher im Ganzen zu empfehlen, alle Beeren, bevor
  sie zerdrckt werden, von den Stielen zu trennen, selbst bei rothen
  Weinen, damit die Weine zarter und frher geniessbar werden. In
  einzelnen Fllen, wenn die Beeren zu wenig Gerbsure und zu viel
  schleimige Bestandtheile haben, ist es rathsam, die Kmme nicht von den
  Beeren zu trennen; die Weine klren sich dann leichter und schneller
  und werden haltbarer.

[Sidenote: Das Pressen der Trauben.]

Die noch an ihren Kmmen befindlichen oder von denselben getrennten
Beeren werden nun zerdrckt, dadurch geffnet und der Saft aus denselben
blosgelegt. Gewhnlich zerdrckt man sie vorher nur und presst sie erst
spter. Das Zerdrcken (Zerstampfen, Austreten) geschieht meist sofort in
dem Weinberg in einer Beute (Bottich, Hotte, Mostelschaff) entweder durch
Zerstampfen mit einer hlzernen Keule (dem Moster), oder durch Mhlen
oder durch Zertreten mit den Fssen. Eine sehr zweckmssige Vorrichtung
zum Zerdrcken der Beeren ist eine Quetschmaschine mit zwei cannellirten,
locker an einander gestellten Walzen, welche mit Hlfe von Kurbeln in
entgegengesetzter Richtung gedreht werden. Will man den erhaltenen Saft
(=Most=, =Weinmost=, =Traubensaft=) sogleich von den Kmmen, Kernen und
Schalen trennen, so wendet man eine an dem Boden und den Seitenwnden
durchlcherte Butte, in welcher, nachdem der Most abgeflossen ist, die
Kmme und Hute zurckbleiben, an. Die Butte ist ber dem Ghrbottich
angebracht. Man hat darauf zu sehen, dass alle Beeren geffnet und
zerdrckt werden, um allen Saft bloszulegen und zur Selbstghrung zu
bringen. Soll der Most ber den Kmmen und Huten ghren, so lsst man
die ganze Masse beisammen und presst den Saft erst von den Trestern ab,
sobald die Ghrung mehr oder weniger vorgeschritten ist. Fr sich allein
gegohren, giebt der Most einen minder gefrbten, reiner schmeckenden,
aber weniger haltbaren Wein. Lsst man ihn mit den Schalen ghren, so
gewinnt der Wein, wenn die Trauben blau und roth sind, eine rothe Farbe
und aromatische Bestandtheile, welche in den Schalen enthalten sind und
erst whrend der Ghrung in Folge der Entstehung von Alkohol sich lsen;
ein solcher Wein wird weit eher trinkbar, da die Gerbsure, die aus den
Kernen sich lste, eine schnellere Abscheidung der trbenden
Protenkrper bewirkt. Man erreicht dasselbe Resultat, wenn man die
ausgepressten Trester entweder ganz oder nur zum Theil unter den
ghrenden Most mischt.

  Die =Weinpressen= oder =Kaltern= (Keltern) sind sehr verschieden
  construirt; eine gewhnliche, doch unzweckmssig eingerichtete Presse
  ist die =Baumpresse=, in welcher der Druck mittelst einer langen Stange
  (eines Hebebaums) bewirkt wird; fters hat diese Stange eine Lnge von
  12-16 Meter und ist aus 4-6 eichenen Balken zusammengesetzt. Diese
  Pressen ben einen sehr bedeutenden Druck aus, arbeiten aber usserst
  langsam und sind unreinlich und unbehlflich. Die =Hebelkalter=, bei
  welcher der den Druck bewirkende Balken durch Hebel niedergedrckt
  wird, ist zwar einfacher, als die Baumpresse, aber auch minder wirksam.
  Bei den in Ungarn gebruchlichen =Schlittenpressen= wird der Druck
  durch einen mit Steinen belasteten Schlitten hervorgebracht. Der
  Presskasten selbst besteht aus vier durchlcherten, von aussen
  befestigten Holzwnden, zwischen welche der Druck nicht wie bei einer
  Spindel- oder Kartenpresse mittelst einer Schraubenspindel, sondern mit
  Hlfe eines Querbalkens ausgebt wird, der mit seinem hinteren Ende
  zwischen zwei Holzpflcken seinen Sttzpunkt hat, mit dem vorderen Ende
  aber etwas ber den mit Steinen beschwerten Schlitten hervorragt. Sehr
  gebruchlich sind ferner die =Schraubenpressen= mit Schrauben, die
  durch lange Hebel bewegt werden; sie sind entweder von Holz oder
  zweckmssiger von Gusseisen; eine der besten Pressen der Art ist die
  von =Orthlieb=, bei welcher der zu pressende Krper in die Form einer
  langen Sule gebracht wird, weil derselbe in dieser Richtung die
  grsste Nachgiebigkeit zeigt und das Abfliessen des Saftes von Innen
  nach Aussen auf krzestem Wege geschehen kann. 100 Gewichtstheile
  Trauben geben 60-70 Gewichtstheile Most. Was zuerst in den Pressen
  abfliesst, ist der Saft der reifsten Trauben; der spter bei strkerem
  Pressen abfliessende Theil ist immer reicher an Sure und Gerbstoff,
  welche theils von den unreifen harten Beeren herrhren, die jetzt erst
  zerdrckt werden, theils aber auch von den Kmmen und Hlsen. Man
  unterscheidet hiernach =Vorwein=, =Presswein=, =Tresterwein= u. s. w.
  Die Pressrckstnde, die Trester, die ausser Weinsure, Gerbsure, auch
  noch bouquetbildende Substanzen enthalten, bergiesst man mit etwas
  Wasser und presst sie nochmals, wodurch eine Art Nachwein, =Lauer=,
  gewonnen wird. Neuerdings bergiesst man, nach =Petiot='s Vorschlage,
  die Trester mit Zuckerwasser und lsst letzteres ber den Trestern
  ghren; die so erhaltene weinhnliche Flssigkeit heisst =petiotisirter
  Wein=.

[Sidenote: Gewinnung des Traubensaftes mit Centrifugalmaschinen.]

Im Jahre 1862 ist durch =v. Steinbeis= in Stuttgart unter Mitwirkung von
=Reihlen= zur Gewinnung des Traubensaftes die =Centrifugalmaschine=
(statt der Presse) in Vorschlag gebracht worden[109]. Es hat sich bei
Versuchen im Grossen herausgestellt, dass mit einer Centrifuge binnen 8
bis 10 Minuten (einschliesslich Fllen und Leeren) 100-120 Pfd.
zerdrckte Trauben in Most und Trester getrennt werden knnen. Nach den
1869 von =Balard= und =Alcan= angestellten vergleichenden Versuchen ber
das Ausschleudern und das Auspressen des Saftes ergaben sich folgende
Zahlen:

                               Centrifuge  Presse
                       Most      79,141    77,086
                       Trester   20,214    18,601
                       Verlust    0,645     4,313
                                -----------------
                                100,000   100,000

  [109] Ueber die Anwendung der Schleudermaschine zur Saftgewinnung aus
        der Traube verbreitet sich ausfhrlich =L. Rsler= in den sehr
        empfehlenswerthen Annalen der Oenologie 1869 Bd. I p. 69.

Der Most kann durch die Centrifugalmaschine mithin wenigstens ebenso
vollstndig und jedenfalls weit rascher entfernt werden als durch die
Presse.

[Sidenote: Chemische Bestandtheile des Mostes.]

Die Traube besteht aus den Kmmen, den Schalen oder Hlsen, den Kernen
und dem Traubensafte. Unsere Kenntniss ber die Zusammensetzung aller
dieser Substanzen ist, mit alleiniger Ausnahme des Traubensaftes, eine
mangelhafte. Von den Kmmen ist nur bekannt, dass sie neben Cellulose
viel Gerbsure und eine stark sauer schmeckende Sure enthalten, von den
Schalen, dass in ihnen der Farbstoff der Trauben -- das Oenocyanin --
neben kleinern Mengen von Gerbsure sich befindet, von den Kernen, dass
sie neben grossen Mengen einer eigenthmlichen Gerbsure auch viel fettes
Oel (Traubenkernl) enthalten, dessen fette Suren mit Aether verbunden
zur Bildung des Bouquets des Weines beitragen.

[Sidenote: Zuckergehalt der Trauben.]

  Die Beeren der Weintraube enthalten unter allen Obstsorten den meisten
  Zucker; der Gehalt an Zucker -- ein Gemenge von Dextrose und Levulose
  -- sinkt selten unter 12 Proc., steigt aber auch zuweilen bis zu 26-30
  Proc. Das Verhltniss zwischen Sure und Zucker gestaltet sich nach
  =Fresenius= in guten Jahren und bei guten Sorten wie 1 : 29, in
  mittleren Jahren und bei leichten Traubensorten dagegen wie 1 : 16.
  Wird das Verhltniss zwischen Sure und Zucker noch ungnstiger, z. B.
  wie 1 : 10, so sind die Trauben unreif und schmecken sauer. Der grosse
  Zuckergehalt und der Umstand, dass die Sure des Traubensaftes zum
  grssten Theile von zweifach weinsaurem Kali herrhrt, das sich mit der
  Zeit aus dem Weine grsstentheils unlslich als sogenannter Weinstein
  abscheidet, machen die Trauben zur Weinbereitung weit geeigneter, als
  jedes andere Obst, dazu kommt noch, dass die bei der Ghrung sich
  bildenden Aetherarten alle brigen an Lieblichkeit des Geruches
  bertreffen. Das Verhltniss zwischen Sure und Zucker im Moste einer
  und derselben Traubensorte charakterisirt besser als jedes andere
  Kennzeichen die Jahrgnge; so zeigten nach =Fresenius= Sylvanertrauben:

      in dem hchst geringen Jahre 1847 das Verhltniss wie 1 : 12,
      im besseren Jahre 1854             "      "        "  1 : 16,
      im guten Jahre 1848                "      "        "  1 : 24.

  Der Traubensaft oder Most (1 Kilogr. reifer Beeren gab =Al. Classen= --
  1869 -- 577 bis 688 Grm. Saft) enthlt alle in den Weinbeeren
  enthaltenen lslichen Theile und ist durch darin suspendirte
  Pflanzentheile trbe. 1 Liter Traubensaft enthlt:

                                                      Gramme.
    Wasser                                             860  bis  830
    Zucker (Dextrose und Levulose)                     150   "   300
    Uebrige Stoffe (Pektin, Gummi, sogenannte
       Extractivstoffe, Protensubstanzen, organische
       Suren und Mineralstoffe)                        30   "    20
                                                      ----------------
                                                      1040  bis 1150

  Nach einer Untersuchung von =Al. Classen= enthielten 1000 Th. Saft aus
  reifen (rheinischen) Beeren (Jahrgang 1868):

                                       1.     2.     3.
                Feste Bestandtheile  164,4  189,7  204,6
                Zucker               149,9  162,4  174,0
                Freie Sure            7,2    6,8    4,8
                Asche                  2,7    3,0    4,0

  In 100 Th. Asche waren enthalten

                                     1.    2.    3.
                     Phosphorsure  16,6  16,1  14,0
                     Kali           64,2  66,3  71,4
                     Magnesia        4,7   2,8   2,6

  Als Beispiel specieller Art seien folgende von =C. Neubauer= (1868)
  ausgefhrte Mostanalysen angefhrt:

                                           Neroberger  Steinberger
                                            Riesling.   Auslese.
          Grade der Mostwage                  95          115
                                            ------------------
          Zucker                             18,06       24,24
          Freie Sure                         0,42        0,43
          Eiweisskrper                       0,22        0,18
          Mineralbestandtheile (Kali,
           Phosphorsure etc.)                0,47        0,45
          Gebundene organische Suren und
           Extractivstoffe                    4,11        3,92
                                           -------------------
          Summa der gelsten Bestandtheile   23,28       29,22
          Wasser                             76,72       70,78
                                            ------------------
                                            100,00      100,00

[Sidenote: Die Ghrung des Traubensaftes.]

Die Ghrung des Traubensaftes ist Selbstghrung, d. h. sie erfolgt durch
Aussetzen des Traubensaftes an die Luft von selbst, ohne dass es dabei
eines Zusatzes von Hefe bedarf. Die eiweisshnlichen Substanzen des
Mostes bilden unter Mitwirkung der in der atmosphrischen Luft
befindlichen Sporen gewisser Schimmelpilze wie z. B. der _Penicillium
glaucum_ u. a. Hefenzellen, deren Bildung die Ursache der bald
eintretenden Trbung des Mostes ist. So wie Hefe auftritt, beginnt die
Ghrung und setzt sich in den meisten Fllen bei geeigneter Temperatur
bis zur Beendigung der Hauptghrung fort. Die Ghrung kann aufgehalten
werden durch Temperaturerniedrigung, ferner durch schweflige Sure, sowie
durch gewisse Schwefelverbindungen, wie z. B. durch das in den Senfsamen
enthaltene Schwefelcyanallyl. Wie frher angegeben, lsst man entweder
den ausgepressten Saft fr sich allein, oder mit den Trestern, oder
endlich mit den Trestern und Kmmen ghren. Die Weinghrung ist eine
Unterghrung und beginnt bei 10-15. Die Ghrung verluft um so
regelmssiger und sicherer, je grsser die Menge der ghrenden
Flssigkeit ist; die Ghrgefsse sind entweder hlzerne Ghrkufen oder
Bottiche, oder sie sind von Stein oder gebranntem Thone; erstere
verursachen zwar grssere Unterhaltungskosten und leiden durch Trockne
und Nsse, leiten dagegen die Wrme weniger leicht ab und werden in
Deutschland fast allgemein angewendet. Man lsst den Most entweder in
bedeckten oder geschlossenen Ghrbottichen, oder in offenen ghren.
Handelt es sich um die Herstellung von Traubensaft ohne Trester und
Kmme, so beginnt die Ghrung bei 9-12 nach und nach und ist nach
Verlauf von 4-5 Tagen im Gange; der Most trbt sich und Kohlensuregas
entweicht unter Bildung einer Schaumdecke, deren Dicke um so geringer
ist, je langsamer die Ghrung vor sich geht. Dabei nimmt die ghrende
Flssigkeit einen alkoholischen Geruch an und der anfangs ssse
Geschmack des Mostes verliert sich. Den siebenten Tag etwa werden die
Ghrungserscheinungen schwcher, bis nach 10-14 Tagen die Flssigkeit
sich zu klren beginnt, die Kohlensureentwickelung aufhrt und die
Schaumdecke verschwindet. Die whrend der Ghrung entstandene Hefe hat
sich am Boden abgeschieden und der junge Wein, welcher die Hauptghrung
berstanden hat, kommt zur Nachghrung auf die Lagerfsser.

[Sidenote: Abziehen und Lagern des Weines.]

Nachdem durch die Hauptghrung der grsste Theil des Zuckers des Mostes
in Alkohol und Kohlensure umgewandelt worden ist, findet eine
Erniedrigung der Temperatur der ghrenden Flssigkeit statt, welche im
Verein mit der Zunahme des Alkoholgehaltes die Ghrung dergestalt
verlangsamt, dass ihre vollstndige Beendigung nicht mit Sicherheit
wahrgenommen werden kann. Diese nach der strmischen Ghrung eintretende
zweite Ghrung heisst die =Nachghrung=. Wollte man den eigentlichen
Schluss derselben in den Ghrungsbottichen abwarten, so wrde unfehlbar
eine Suerung des Weines eintreten, da die bei der strmischen Ghrung
vorhandene Kohlensureschicht den Wein jetzt nicht mehr vor dem
Luftzutritt schtzt. Sobald die Kohlensureentwickelung nur noch eine
wenig bemerkbare ist und die Temperatur der ghrenden Flssigkeit fast
auf die des Ghrlokales herabgesunken ist, giebt man den Wein auf Fsser,
in denen die Nachghrung sich vollendet, ohne dass Essigsurebildung zu
befrchten wre. Bei dem Fllen des Weines auf Fsser werden die Trester
zurckgelassen. Die Fsser werden bis an den Schlund gefllt und der
Spund nur lose bedeckt. Tglich oder alle zwei Tage fllt man nach, damit
das Fass immer voll bleibe. Zur Nachghrung zieht man grosse Fsser
kleineren vor, nicht nur, weil grssere Mengen Flssigkeit leichter und
gleichmssig verghren, sondern auch grosse Fsser dem atmosphrischen
Sauerstoffe verhltnissmssig weniger Angriffspunkte darbieten. Whrend
der Nachghrung setzt sich an den inneren Wnden der Fsser Weinstein und
Hefe, ersterer krystallinisch, letztere als Schwamm, als sogenanntes
=Fassgelger= ab, von welchem der Wein, sobald die Nachghrung vorber
ist, durch =Abstechen= oder =Abziehen= desselben getrennt werden muss. Je
nach den klimatischen Verhltnissen und dem Gebrauche zieht man den Wein
im Februar oder im Mrz, zuweilen auch schon Ende December auf die
Lagerfsser. Mancher Wein bleibt aber auch ein Jahr lang auf der Hefe
stehen, ehe man ihn abzieht.

  Beim =Lagern des Weines= findet immer noch eine Art Nachghrung statt
  und der Wein veredelt sich, indem durch die Ghrung nicht nur der
  Alkoholgehalt etwas zunimmt, sondern auch diejenigen Bestandtheile des
  Weines auf einander einwirken, aus denen sich die Blume oder das
  Bouquet entwickelt, ferner der Wein durch Abscheidung aller
  suspendirten Hefentheilchen sich klrt und noch Weinstein sich absetzt.
  Die freie Sure nimmt allerdings bei gewissen Weinen durch das Lagern
  und das damit nothwendig zusammenhngende Auffllen zuweilen in einer
  dem Genuss nachtheiligen Weise zu. Die minder feinen Weine werden nach
  dem Ablagern in kleinere Fsser abgezogen, welche vorher geschwefelt
  worden sind; die besseren Weinsorten werden zuletzt auf Flaschen
  gefllt und gut verkorkt in horizontaler Lage aufbewahrt.

[Sidenote: Bestandtheile des Weines.]

Der Wein enthlt fast alle Bestandtheile des Mostes und Produkte seiner
theilweisen Zersetzung; als charakteristische Bestandtheile des Weines,
die sich in dem Moste nicht finden, treten auf Alkohol, riechende
Bestandtheile, Bernsteinsure und Glycerin. In dem Weine ist entweder die
Ghrung vollkommen beendigt und aller Zucker zersetzt, wodurch man die
sogenannten =trockenen= (rein geistigen) oder =sauren= Weine (z. B. die
Franken- und Rheinweine) erhlt, oder es ist in dem Weine noch ein Theil
des Zuckers unzersetzt enthalten, sei es, dass die Ghrung wegen Mangel
an Wasser oder an hefebildenden Substanzen, oder wegen zu niedriger
Temperatur nicht zu Ende kommen konnte. Letztere Weine heissen =ssse
Weine=, die sssen und dabei dicksaftigen Weine werden =Liqueurweine=
genannt. Wenn der Wein mit den Schalen der blauen und rothen Trauben
gegohren hat, so nimmt er aus den Schalen entweder darin bereits fertig
gebildet enthaltene oder whrend der Ghrung erst entstandene Farbstoffe
auf und heisst, wenn er dadurch roth gefrbt ist, =rother Wein=, hellroth
=Schiller=, wenn er nur rthlich ist =Bleichert=. Der rothe Wein ist
jetzt hufig petiotisirter Wein, dessen Farbe durch Heidelbeeren,
Malvenblumen, Hollunderbeeren unter Alaunzusatz erhht worden ist; auch
ist in ihm der zu geringe Gehalt an Gerbstoff durch Tannin corrigirt. Mit
Hlfe knstlicher Erwrmung und dadurch hervorgerufener schneller Ghrung
erzeugter Wein wird =gefeuerter Wein= genannt; junger Wein heisst
=grner= Wein (im ersten Jahre Most), abgelagerter Wein =Firnewein=. Der
angenehme Geruch des Weines heisst seine =Blume= (Bouquet), der
eigenthmlich gewrzhafte Geschmack, welcher sich scheinbar im Munde erst
entwickelt, wird die =Ghr= des Weines genannt. Die =Ghre=, ein in
Franken, am Rhein und an der Mosel gebruchlicher Ausdruck, bezeichnet
den eigenthmlichen aromatischen Geschmack und Geruch, der beim Kosten
des Weines wahrzunehmen ist; whrend sich die Blume erst bei der Ghrung
entwickelt, nimmt man an, dass die Ghre schon den Trauben angehre. Ist
der Wein reich an Alkohol und Extractivbestandtheilen, so sagt man von
ihm, =er habe Krper=; enthlt er viel Alkohol und therische Substanzen,
so nennt man ihn schwer.

  Die mittlere Zusammensetzung des Weines ist folgende:

                             In 1000 Theilen
         Wasser                                           900-891
         Alkohol (gewhnlicher) _G_                        80-70
         homologe Alkohole (Propyl-, Butylalkohol) _G_ }
         Aether (Essigther, Oenanthther) _G_         }
         therische Oele                               }
         Traubenzucker (Dextrose und Levulose)         }
         Glycerin _G_                                  }
         Gummi                                         }
         Pektin                                        }
         Farbstoff und Fettsubstanz                    }
         Protenkrper                                 }   20-30
         Kohlensure _G_                               }
         Weinsure und Traubensure                    }
         Aepfelsure                                   }
         Gerbsure                                     }
         Essigsure _G_                                }
         Milchsure(?) _G_                             }
         Bernsteinsure _G_                            }
         unorganische Salze                            }

  Die mit _G_ bezeichneten Stoffe sind erst whrend der Ghrung
  entstanden.

  Je nachdem einzelne dieser Bestandtheile vorherrschen, nennt man die
  Weine =ssse Weine=, =saure= oder =herbe Weine=, =adstringirende
  Weine=, =moussirende Weine= etc.

  Der =Alkoholgehalt= der Weine ist ein sehr verschiedener und richtet
  sich theils nach der Quantitt des in dem Moste vorhanden gewesenen
  Zuckers, theils auch nach der Menge der hefebildenden
  Eiweisssubstanzen. Der Alkohol ist hauptschlich gewhnlicher Alkohol
  (Aethylalkohol), ausserdem bilden sich bei der Ghrung des Mostes unter
  gewissen, noch nicht festgestellten Bedingungen Propyl- und
  Butylalkohol in geringer Menge. Das spec. Gewicht des Weines kann nicht
  zur Ermittelung des Alkoholgehaltes dienen, da ebenso wie in der Milch,
  dem Biere und vielen anderen gemischten Flssigkeiten neben dem
  Alkohol, der leichter ist als Wasser, sich Stoffe befinden, die
  schwerer sind. Das einfachste Mittel, die Menge des Alkohols im Weine
  kennen zu lernen, besteht darin, den Alkohol =abzudestilliren=, in dem
  Destillat mit Hlfe des Pyknometers oder Alkoholometers den
  Alkoholgehalt zu bestimmen und daraus den des Weines zu berechnen.

[Illustration: Fig. 228.]

[Illustration: Fig. 229.]

  Gegenwrtig wendet man zur Alkoholbestimmung des Weines auch hufig das
  =Vaporimeter= von =Geissler= in Bonn an, in welchem die Spannkraft der
  Dmpfe durch eine Quecksilbersule gemessen wird. Die Tension des
  Dampfes von absolutem Alkohol ist bei 78,3 dem einer Atmosphre
  gleich, whrend Wasserdampf erst bei 100 einen Atmosphrendruck
  ausbt. Es lsst sich mithin der Alkoholgehalt einer Flssigkeit durch
  die Hhe einer Quecksilbersule messen, die bei einer genau bestimmten
  Temperatur (in dem vorliegenden Falle der Siedetemperatur des Wassers),
  durch die sich aus der Flssigkeit entwickelnden Dmpfe emporgehoben
  wird. Der angewendete Apparat ist in Fig. 228 abgebildet. Er besteht
  wesentlich aus vier Theilen, nmlich 1) einem Messinggefss _A_, zur
  Hlfte mit Wasser gefllt, das durch eine untergestellte Lampe bis zum
  Sieden erhitzt wird; 2) einer zweimal gebogenen Glasrhre _B_, die auf
  einer hlzernen Scala befestigt ist; 3) einem cylindrischen Gefss _O_,
  welches mit Quecksilber und der zu prfenden Flssigkeit gefllt ist;
  4) einem Cylinder von Messingblech, in dessen oberem Theile ein genaues
  Thermometer _T_ sich befindet. Bei der Ausfhrung des Versuches fllt
  man das Glasgefss _O_, indem man es umgekehrt in der Hand hlt, bis
  zur Marke _a_ mit Quecksilber an und dann vollstndig mit der zu
  untersuchenden Flssigkeit. Darauf befestigt man diesen Theil des
  Apparates auf das Kochgefss, bringt den Messingcylinder ber den
  Quecksilbercylinder und erhitzt das im Kochgefsse befindliche Wasser
  bis zum Sieden. Die sich entwickelnden Wasserdmpfe steigen in den
  Messingcylinder empor und erwrmen das Quecksilber und die zu
  untersuchende Flssigkeit bis zur Siedetemperatur des Wassers. Dadurch
  verwandelt sich ein Theil der Flssigkeit in Dmpfe, welche auf das
  Quecksilber drcken und dasselbe in der Steigrhre um so hher
  hinauftreiben, je mehr Alkohol in der Flssigkeit enthalten ist. Die
  Scala auf _B_ ist so eingerichtet, dass der Stand der Quecksilbersule
  anzeigt, wie viel Procente Alkohol dem Gewichte und Volumen nach in der
  Flssigkeit enthalten sind. Die nicht flchtigen Bestandtheile des
  Weines (Extractivstoffe, Zucker u. s. w.) beeintrchtigen die Resultate
  nicht. Die freie Kohlensure muss dagegen vor dem Versuche mittelst
  frisch gebrannten Kalkes, mit welchem man den Wein zusammenschttelt
  und dann filtrirt, entfernt werden. Die in dem Weine enthaltenen
  flchtigen Aetherarten sind von nachtheiligem Einflusse auf die
  Genauigkeit der Resultate; wenngleich vorgeschlagen worden ist, diese
  flchtigen Substanzen vor dem Versuche durch Kochen der Flssigkeit mit
  Kali zu zersetzen, so hat doch die Erfahrung gelehrt, dass eine
  vollstndige Zersetzung aller flchtigen Krper des Weines sehr
  schwierig auszufhren ist, und ein Theil derselben sich der Zersetzung
  entzieht. Es ist auch nicht unerwhnt zu lassen, dass das Vaporimeter
  von der Voraussetzung ausgeht, die sich beim Kochen aus dem Weine
  entwickelnden Dmpfe seien ein Gemisch von Wasser und Dmpfen von
  gewhnlichem Alkohol. Da nun aber bei der Ghrung des Traubenzuckers
  sich neben Aethylalkohol auch die homologen Alkohole Propyl- und
  Butylalkohol in geringer Menge unter noch nicht genau festgestellten
  Bedingungen bilden, so sind die mit Hlfe des Vaporimeters erzielten
  Resultate nur dann vllig verlssig, wenn es sich nur um Mischungen von
  Aethylalkohol und Wasser handelt. Bessere Resultate giebt die
  =Destillationsprobe=, indem man 10 Kubikcentimeter Wein der
  Destillation unterwirft, das Destillat durch Zusatz von Wasser auf 10
  Kubikcentimeter Volumen bringt und aus dem spec. Gewichte der
  Flssigkeit den Alkoholgehalt des Weines erfhrt. Auch das
  =Ebullioskop= von =Tabari= (Fig. 229) findet zur Alkoholbestimmung des
  Weines zuweilen Anwendung. Wasser siedet bei +100 bei 760 Millimeter
  Barometerstand, Alkohol bei +78,3 C. Der Siedepunkt einer
  alkoholischen Flssigkeit wird sich daher der Zahl 78,3 um so mehr
  nhern, je reicher die Flssigkeit an Alkohol ist. Bei =Tabari='s
  Ebullioskop bringt man den zu untersuchenden Wein in das Gefss _C'_,
  dessen Deckel aus dem aufgeltheten Trichter _E H_ besteht; durch die
  Lampe _L_ wird die Flssigkeit erhitzt. Die sich entwickelnden Dmpfe
  erhitzen das Thermometer _t t'_ und geben durch die Hhe der
  Quecksilbersule den Alkoholgehalt an. Das mit kaltem Wasser angefllte
  Gefss _M M'_ soll dem zu hastigen Entweichen der Dmpfe vorbeugen. Ist
  der Siedepunkt des reinen Wassers an einem gegebenen Orte 99,4 C., so
  entspricht der Siedepunkt einer alkoholhaltigen Flssigkeit folgenden
  Alkoholgemengen in Gewichtprocenten:

         96,4 C. 3 Proc. Alkohol.    91,1 C.  9 Proc. Alkohol.
         95,3  "  4  "      "         90,2  "  10  "      "
         94,3  "  5  "      "         89,7  "  11  "      "
         93,5  "  6  "      "         89,3  "  12  "      "
         92,7  "  7  "      "         88,8  "  13  "      "
         91,9  "  8  "      "         88,4  "  14  "      "

  Die rothen franzsischen Weine enthalten 9-14 Proc. (dem Volumen nach)
  Alkohol, Burgunder 9, 10 und 11 Proc., Bordeaux 10, 11 und 12 Proc. Die
  Frankenweine enthalten 8-10 Proc., die Pflzer Weine 7-9,5 Proc., die
  badischen Weine (nach =Nessler=) 9,8-11,5 Proc., die Weine Ungarns 9-11
  Proc. Champagner enthalten 9-12 Proc., Xeres 17 Proc., Madeira 17-23,7
  Proc. Die in allen Weinsorten sich findende =Sure= ist ausser der
  Kohlensure, Bernsteinsure, Weinsure, Aepfelsure und Essigsure;
  diese Suren finden sich theils im freien Zustande, theils in Gestalt
  von Salzen, die Weinsure namentlich in Form von _Cremor tartari_ und
  andern sauren weinsauren Salzen. Neben einer eigenthmlichen Gummiart,
  welche zwischen dem arabischen Gummi und dem Bassorin in der Mitte
  stehen soll, von =Faur= mit dem Namen =Oenanthin= bezeichnet worden
  ist, und ungeachtet der kleinen Quantitt, in welcher es vorkommt,
  manchem Weine eine gewisse dickliche Consistenz ertheilen soll, ist
  zuerst 1859 von =Pasteur= im Weine als normaler Bestandtheil das
  =Glycerin= gefunden worden. =Pohl= fand (1863) in sterreichischen
  Weinen bis zu 2,6 Proc. Glycerin. Mit dem zunehmenden Alter nimmt der
  Glyceringehalt ab, ja in sehr alten Weinen kommt wahrscheinlich kein
  Glycerin mehr vor; dadurch lsst sich (nach =Pohl=) die Speere
  (Magerkeit) alter Weine erklren. Bei der Prfung auf Glycerin ist der
  Umstand nicht ausser Acht zu lassen, dass viele Weine gegenwrtig einen
  knstlichen Glycerinzusatz erhalten haben. Was die =Farbstoffe des
  Weines= anbelangt, so haben nur die des rothen Weines Interesse; die
  der gelbbraun gefrbten Weine sind oxydirte Extractivstoffe, die ihrem
  Wesen und ihrer Zusammensetzung nach sich den Humussubstanzen nhern.
  Der Farbstoff des rothen Weines ist von =Mulder= und =Maumen= mit dem
  Namen =Oenocyan= (Weinblau) bezeichnet worden; er ist dem
  Lakmusfarbstoff hnlich, ist im reinen Zustande blau und wird durch
  Suren gerthet. Er ist unlslich in Wasser, Alkohol, Aether, Olivenl
  und Terpentinl, etwas lslich in Alkohol, der mit kleinen Mengen von
  Weinsure oder Essigsure vermischt ist. Mit einer Spur Essigsure ist
  die Lsung prchtig blau, auf Zusatz grsserer Mengen Essigsure geht
  die Farbe der Flssigkeit in roth ber; mit Alkali neutralisirt wird
  die Lsung wieder blau. Ueberschssige Alkalien zerstren das
  Oenocyanin unter Humusbildung. Durch Verdampfen des Weines bis zur
  Trockne bleiben die nichtflchtigen Bestandtheile des Weines, das
  sogenannte =Extract= zurck; es besteht aus einem Gemenge der nicht
  flchtigen Suren, der Salze mit organischen und anorganischen Suren
  mit Oenanthin, Farbstoffen, Zucker, Protensubstanzen und
  Extractivstoffen, deren Natur nicht bekannt ist. Die Menge des
  Extractes ist sehr verschieden und richtet sich nach der Art des Weines
  und nach dem Verghrungsgrade des Zuckers. =Fresenius= fand in den
  Rheinweinen als Maximum 10,6, als Minimum 4,2 Proc. Extract, =Fischern=
  in den Pflzer Weinen 10,7 bis 1,9 Proc., =F. Schubert= im Wein aus der
  Umgegend von Wrzburg 7,2-1,1 Proc., =Pohl= in den Weinen aus Bhmen
  2,26, aus Niedersterreich 2,64, aus Ungarn 2,62 Proc. Die
  =mineralischen Bestandtheile= finden sich in dem Weine in geringer
  Menge; im Mittel von vier Madeiraweinen betrugen sie 0,25 Proc., von
  vier Rheinweinen 0,12 Proc., von vier Portweinen 0,235 Proc. =van
  Gorkom=, =Veltmann= und =Msmann= fanden in 1000 Th. Wein:

                        Madeira    2,55 Th. Asche
                        Teneriffa  2,91  "    "
                        Rheinwein  1,93  "    "
                        Portwein   2,35  "    "

  =Pohl= in den sterreichischen Weinen, und zwar aus

          Bhmen              1,97 Th.    Slavonien   1,91 Th.
          Croatien            1,68  "     Steiermark  1,63  "
          Krain               1,81  "     Tirol       1,84  "
          Nieder-Oesterreich  2,00  "     Ungarn      1,80  "

  Die Asche besteht aus Kali, Kalk, Magnesia, Natron, Schwefelsure,
  Phosphorsure und Chlor.

  Ueber die =wohlriechenden Bestandtheile= des Weines, die oft seinen
  Werth bedingen, ist etwas Zuverlssiges noch nicht bekannt. Derjenige
  Stoff, welcher dem Wein den eigenthmlichen Weingeruch ertheilt, ist
  ein Gemenge von =Oenanthther= (Weinblumenther) mit Alkohol. Der
  Oenanthther ist nach einer Untersuchung von =C. Neubauer= ein Gemisch
  verschiedener Stoffe, unter welchen Capryl- und Caprinsure-Aether die
  bei weitem wichtigsten sind, und ist ein Produkt der Ghrung des
  Mostes. Hinsichtlich der =Blume= und des =Bouquets= ist mit
  Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass es ebenfalls durch whrend der
  Ghrung entstandene Aetherarten gebildet wird, die aber ihrer usserst
  geringen Menge wegen noch nicht mit Sicherheit erkannt und
  unterschieden werden konnten[110]. Man weiss, dass bei der Ghrung des
  Zuckers neben gewhnlichem Alkohol Propyl- und Butylalkohol sich
  bilden; Bernsteinsure ferner als constantes Ghrungsprodukt auftritt;
  diese Krper, sowie die in dem Traubensafte vorhandenen Suren
  (Weinsure, Aepfelsure, Traubensure), nebst den beim Lagern des
  Weines sich bildenden (Essigsure, Propionsure, Buttersure und die
  Aldehyde dieser Suren) und den aus dem Oel der Kerne u. s. w.
  entstehenden (Oelsure, Palmitinsure), knnen nun eine grosse Anzahl
  von Aetherarten erzeugen, welche je nach den quantitativen
  Verhltnissen der Componenten den verschiedenen Geruch der einzelnen
  Weinsorten bedingen mgen.

  [110] Mit vlligem Rechte sagt =C. Neubauer= (Chemie des Weines,
        Wiesbaden 1870 Seite 97): Alles, was die Kunst zur Nachahmung
        der Weinblume bis jetzt geliefert hat, ist trotz der bestechenden
        Namen wie Perle des Rheins, Moselbouquet etc., mit welchem diese
        Prparate angepriesen werden, elendes Machwerk. Unser chemisches
        Wissen ber das Bouquet ist usserst gering und die Wissenschaft
        steht mit den ihr bis jetzt zu Gebote stehenden Mitteln, diesen
        Geistern des Weins, machtlos gegenber.

[Sidenote: Krankheiten des Weines.]

Bei der Behandlung und Aufbewahrung des Weines geschehen oft Fehler, in
deren Folge Missverhltnisse zwischen den Weinbestandtheilen sich zeigen
und Zersetzungen mannichfacher Art auftreten, die der normalen
Beschaffenheit gefhrlich sind und mit dem Namen der =Krankheiten des
Weines= bezeichnet werden. Nach =Pasteur= werden diese Krankheiten durch
organische Fermente, durch mikroskopische Organismen hervorgerufen, deren
Keime in den Wein gelangen und sich dort unter gnstigen Umstnden
entwickeln.

  Eine der am hufigsten vorkommenden Krankheiten ist das =Zhe=- oder
  =Langwerden=, wobei der Leim schleimig, dickflssig wie Oel und
  fadenziehend wie Leinsamen- oder Eibischwurzelschleim wird; diese
  Krankheit tritt besonders bei an Gerbsure armen, daher weit hufiger
  bei weissen als bei rothen Weinen und zwar gern bei solchen auf, welche
  zu frh auf Flaschen gefllt wurden. Der Zuckergehalt nimmt dabei ab;
  es ist daher wahrscheinlich, dass die Glycose sich wie bei der
  schleimigen Ghrung in Pflanzenschleim und Mannit umsetzt. Bei
  krftigen, an Alkohol und Weinsure reichen Weinen verschwindet das
  Uebel zuweilen von selbst, ebenso verschwindet es zuweilen pltzlich
  durch starkes Schtteln des Weines bei Luftzutritt, auch meistens, wenn
  man durch Zuckerzusatz eine neue Ghrung einleitet. Um das Langwerden
  des Weines zu verhten, ist ein entsprechender Zusatz von Gerbsure
  anempfohlen worden. =Franois= empfiehlt 15 Grm. Tannin auf 230 Liter
  Wein anzuwenden, welches mit gewissen schleimigen Bestandtheilen, die
  sich namentlich in jungen Weinen in erheblicher Menge finden, eine
  unlsliche Verbindung bildet. Das =Sauerwerden= des Weines besteht in
  der fortschreitenden Umwandlung des Alkohols des Weines in Essigsure.
  Die Ursache der Suerung ist _Mycoderma aceti_, welchen Pilz =Pasteur=
  in allen sauer gewordenen Weinproben nachzuweisen vermochte. Dieser
  Krankheit ist der Wein am hufigsten ausgesetzt; schwacher
  Alkoholgehalt, hhere Temperatur, Zutritt der atmosphrischen Luft sind
  die Ursache des Sauerwerdens des Weines. Ist dasselbe erst im Entstehen
  begriffen, so kann man ihm vorbeugen, wenn man durch eine neue, durch
  Zuckerzusatz bewirkte Ghrung den Alkoholgehalt und die Kohlensure,
  das beste Schutzmittel gegen Sauerwerden, erhht. Einem bereits
  merklich sauer gewordenen Weine ist nicht mehr zu helfen und es ist in
  diesem Falle am vortheilhaftesten, einen solchen Wein vollends in Essig
  bergehen zu lassen. Imprgniren mit schwefliger Sure kann die
  Essigbildung einige Zeit verzgern, aber nicht vllig hindern. Hier und
  da sucht man die Essigsure durch Zusatz von Weinsure nach und nach in
  Essigther, der keinen sauren Geschmack mehr besitzt und das Aroma des
  Weines erhht, berzufhren. Dass man die Essigsure durch
  Neutralisation mit Alkalien und alkalischen Erden nicht entfernen kann,
  da die essigsauren Salze smmtlich leicht lslich sind, bedarf kaum der
  Erwhnung.

  =Das Bitterwerden der Weine= hat einen verschiedenen Grund. Es kann
  vorkommen, dass das Ferment unter noch nicht festgestellten
  Bedingungen, namentlich Temperaturerhhung und hohes Alter des Weins,
  sich in einen bitteren Krper umwandelt, welcher den Wein fast
  ungeniessbar macht. =Maumen= schlgt vor, diesen Stoff durch Zusatz
  von gelschtem Kalk (0,25 bis 0,50 Grm. pro Liter) auszufllen. Auch
  die Bildung von braunem Aldehydharz, entstanden aus dem Aldehyd unter
  Mitwirkung von Ammoniak und Luft, kann einen bitteren Geschmack des
  Weines hervorrufen. Man hat auch behauptet, dass das Entstehen von
  citronensaurem Aether, eine allerdings intensiv bitterschmeckende
  Verbindung, die Ursache des bitteren Geschmackes mancher Weine sei. Das
  =Kahmigwerden= hat in dem Entstehen einer Schimmelpflanze in Gestalt
  einer weissen Haut auf der Oberflche alkoholarmer Weine seinen Grund
  und ist stets der Vorbote des Sauerwerdens. Der Kahm lsst sich dadurch
  entfernen, dass man so lange Wein durch ein Rohr in das Fass treten
  lsst, bis der Kahm zum Spunde hinausgetreten ist; ist der Kahm im
  Weine suspendirt, so colirt man ihn durch Leinwand und consumirt den
  Wein baldigst. Das =Abstehen= oder =Umschlagen= des Weines zeigt sich
  durch Verschwinden des Alkohols und Zersetzung der Suren des Weines;
  der Wein erhlt einen faden Geschmack und nimmt eine dunkle Farbe an.
  Bei einem weiter vorgeschrittenen Grade der Krankheit wird der Wein
  trbe, verbreitet einen blen Geruch und hinterlsst zuletzt eine saure
  Flssigkeit. Das zweifach weinsaure Kali verwandelt sich dabei in
  kohlensaures Kali, welches letztere die Farbstoffe des Weines und die
  in ihm enthaltene Gerbsure in Humussubstanzen berfhrt. Im Anfang
  lsst sich dem Uebel durch Zusatz geringer Mengen von
  Aetherschwefelsure vorbeugen. Der =Fassgeschmack=, =Fass=- und
  =Schimmelgeruch= entsteht von alten anbrchigen Dauben der Lagerfsser,
  oder durch Schimmeligwerden der Fsser in dumpfigen Kellern. Behandeln
  des Weines mit frisch ausgeglhter Holzkohle oder Schtteln mit
  Olivenl entfernt zwar den Beigeschmack, entzieht aber auch zugleich
  einen grossen Theil der aromatischen Weinbestandtheile. In leeren
  Fssern beseitigt man den Schimmelgeruch am einfachsten durch Ausblasen
  mit heissen Wasserdmpfen. Vielen pathologischen Erscheinungen in der
  Weinbehandlung kann durch Tanninzusatz vorgebeugt werden.

[Illustration: Fig. 230.]

[Illustration: Fig. 231.]

[Sidenote: Pastriren des Weines.]

  Ein grosser Fortschritt in der Weinbehandlung ist die von =Pasteur=
  eingefhrte =Conservationsmethode= (das Pasteurisiren, fr welches wir
  den krzern Namen =Pastriren= in Vorschlag bringen). Dieses Verfahren
  zum Haltbarmachen des Weines besteht in dem Erwrmen des Weines in
  Fssern bis zu einer Temperatur von 60 C. Der zum Pastriren des Weines
  dienende und von =Rossignol= construirte Apparat (der bereits am Rhein
  und Maine vielfach benutzt wird), besteht (Fig. 230 und 231) aus einem
  Fasse _T_, dessen einen Boden man weggenommen und durch einen kupfernen
  Kessel _C_ ersetzt hat. Der untere Theil dieses Kessels hat die Form
  eines abgestumpften Kegels; auf den Rand desselben ist der obere
  trompetenfrmige Theil aufgesetzt, welcher sich zu einer oben offenen
  Rhre _c_ verlngert und an der Aussenseite verzinnt ist. Der zu
  erhitzende Wein wird in das Fass gebracht; der Kessel ist mit Wasser
  gefllt und wird durch eine Feuerung, ber welcher er steht, erhitzt.
  Das Wasser bertrgt die aufgenommene Wrme auf den Wein; es wird
  niemals zum Kochen erhitzt und erlangt kaum eine hhere Temperatur als
  der Wein. Der Kessel braucht nicht entleert und wieder gefllt zu
  werden, sondern man benutzt immer dasselbe Wasser. Am besten ist es, so
  viel Wasser in den Kessel zu bringen, dass dasselbe, wenn es das
  Maximum der Temperatur erlangt hat, die Rhre _c_ zur Hlfte oder zu
  drei Viertheilen fllt. Nachdem der Wein die erforderliche Temperatur,
  welche durch ein Thermometer _t_ angegeben wird, erlangt hat, wird er
  durch einen unten an dem Fasse angebrachten Hahn _r_ abgezogen und in
  die zu seiner Aufbewahrung bestimmten Fsser gefllt, zu welchem Zweck
  man ein Kautschukrohr _f_ mit dem Hahne verbindet. Sobald das Fass leer
  ist, fllt man es wieder mit einer anderen Portion Wein, um die in der
  Feuerung und dem Wasser angesammelte Wrme zu benutzen.

  Fig. 231 zeigt, auf welche Art der untere Theil des Fasses dicht
  schliessend mit dem Kessel verbunden ist. An den Kessel ist ein
  verzinnter flacher kupferner Ring _a_ angelthet; dieser Ring befindet
  sich zwischen zwei anderen Ringen, einem ziemlich dicken eisernen Ring
  _b_ und einem 1 bis 2 Centimeter dicken Kautschukring _d_. An dem
  unteren Theile des Fasses befindet sich ferner ein eiserner Reifen _e_,
  welcher etwas in das Holz der Dauben eingefalzt ist; an diesen Reifen
  sind Winkeleisen angenietet, und diese sind durch Schraubenbolzen mit
  dem Ringe _b_ verbunden. Indem man die Schrauben fest anzieht, wird der
  Kautschukring zusammengedrckt und dadurch ein dichter Verschluss
  erzielt.

  Da der Wein sich beim Erhitzen ausdehnt, so macht man das Fass nicht
  ganz voll; die Folge davon ist, dass der Wein in demselben mit einer
  gewissen Menge Luft in Berhrung gebracht wird. =Pasteur= hat nun
  gezeigt, dass man dies vermeiden muss, wenn daran liegt, dass der Wein
  nicht durch eine rasche Oxydation, welche ein knstliches Altern
  desselben bewirkt, in seiner Farbe oder seinem Geschmack verndert
  werde. Im Allgemeinen ist es am besten, dieses knstliche Altern zu
  vermeiden, um so mehr, als mit demselben gewhnlich ein Kochgeschmack
  (_got de cuit_) sich einstellt, was niemals eintritt, wenn der Wein
  sehr kurze Zeit unter Ausschluss der Luft erhitzt wird. Die so
  ausgefhrte Erhitzung macht den pastrirten Wein unvernderlich, ohne
  seine Farbe zu modificiren, welche blos oft mehr Glanz bekommt, und
  ohne seinen Geschmack wesentlich zu verndern (der Geschmack wird nur
  durch das Entweichen von Kohlensure beim Erhitzen ein wenig weicher).

[Sidenote: Klren und Gypsen des Weines.]

  Das Klarwerden erfolgt bei den meisten Weinen von selbst, indem sich
  die hefigen Theile zu Boden setzen, sowie die Ghrung beendigt ist.
  Besonders leicht werden die sogenannten trockenen Weine, d. h. solche
  klar, welche vollkommen ausgegohren haben und keinen Zucker mehr
  enthalten. Diese brauchen keine knstliche Klrung. Bei den sssen und
  fetten Weinen dagegen, welche ausser Zucker noch viele hefebildende
  Bestandtheile enthalten und die im Weine befindlichen unlslichen
  Theilchen sich wegen der Dickflssigkeit des Weines nicht leicht
  absetzen knnen, schreitet man zum =Klren= oder =Schnen=, man setzt
  zu dem zu klrenden Weine einen leim- oder eiweisshnlichen Krper,
  welcher sich zuerst mit den trbenden Theilen mischt, dann gerinnt oder
  zusammenzieht und auf diese Weise die unlslichen Theile entfernt. Man
  hat dabei nicht zu vergessen, dass die Farbstoffe des rothen Weines
  Gerbsurederivate sind und zum grssten Theile gegen Leim sich wie
  Gerbsure verhalten und gefllt werden. Die zum Klren angewendeten
  Krper sind =leimgebende, leimartige Substanzen=, wie Hausenblase und
  Leim, =Eiweiss=, =Blut=, =Milch= und Mischungen, welche eine der
  genannten Substanzen enthalten. Der hier und da gebruchliche Zusatz
  von =Gyps= zum Wein geschieht in verschiedener Absicht. Bei der
  Bereitung von rothem Wein soll ein Gypszusatz zum Most die Farbe
  erhhen. Die Erfahrung zeigt, dass die rothe Farbe des Weines sich um
  so krftiger entwickelt, je lnger die Schalen der blauen Trauben mit
  der ghrenden Flssigkeit in Berhrung bleiben; zu gleicher Zeit muss
  aber auch die Ghrung gemssigt werden; dies geschieht nun durch den
  Gyps, welcher nach =Maumen= auf verschiedene Weise wirkt. Wendet man
  denselben als gebrannten Gyps an, so nimmt er Wasser auf und vermehrt
  auf diese Weise die Menge des Alkohols, dessen schwchende Wirkung auf
  die ghrungserregende Eigenschaft der Hefe bekannt ist. Ferner
  verwandelt er die lslichen Kalisalze des Weines in unlsliche
  Kalksalze und in Kaliumsulfat, eine Umwandlung, die in der That Nutzen
  haben kann, wenn man in Erwgung zieht, dass man dem _Cremor tartari_
  die Eigenschaft zuschreibt, das Ferment gelst zu erhalten, eine
  Eigenschaft, welche dem Kaliumsulfat, das sich brigens zum grssten
  Theile unlslich abscheidet, wahrscheinlich abgeht.

[Sidenote: Rckstnde der Weinbereitung.]

  Die bei der Weinbereitung sich ergebenden Rckstnde und Abflle
  bestehen in den =Trestern= (Kmme, Stiele, Ranken der Trauben, Hute
  und Kerne der Beeren) und in dem =Weingelger= (Hefe und Weinstein).
  Beide finden mannichfache Anwendung. Was die Trester betrifft, so hat
  man zuvrderst zu unterscheiden zwischen den mit Wasser ausgelaugten
  und den nicht ausgelaugten Trestern, welche letztere nicht
  unbetrchtliche Mengen von Most enthalten; letztere dienen 1) zur
  Bereitung von petiotisirtem Wein, nicht zu verwechseln mit dem
  Tresterwein; 2) zur Erzeugung von Branntwein (Tresterbranntwein), wobei
  nicht nur der in dem Moste enthaltene Zucker in Betracht kommt, sondern
  auch wahrscheinlich der durch Spaltung der Gerbsure, die in so grosser
  Menge in den Trestercomponenten sich findet, entstandene (vergl. S.
  465); 3) zur Fabrikation von Grnspan (vergl. S. 60); 4) zur
  Essigfabrikation und zur Befrderung der Essigbildung aus zucker- oder
  alkoholhaltigen Flssigkeiten; 5) als Viehfutter, eine in Frankreich
  fr Pferde, Maulthiere und Schafe bliche Anwendung; 6) die
  ausgepressten oder schon auf Branntwein oder Essig benutzten Trester
  knnen als Brennmaterial sowie als Dngmittel Anwendung finden; 7) die
  Traubenkerne knnen auf fettes Oel, das sie in einer Quantitt von
  10-11 Proc. enthalten, verarbeitet werden; 8) wegen ihres grossen
  Gehaltes an Gerbsure kann man die durch Auspressen oder durch
  Extraction mit Benzol oder Schwefelkohlenstoff von dem fetten Oele
  befreiten =Kuchen= zum Gerben, zum Schwarzfrben u. s. w. verwenden;
  eine sehr vortheilhafte Benutzung wre ferner deren Verarbeitung auf
  =Weinkerngerbsure=, die in den entlten Kuchen bis zu 7 Proc. sich
  findet und in allen den Fllen der Weinbehandlung anzuwenden wre, wo
  man gegenwrtig das den Bestandtheilen der Weintraube fremde Tannin
  anwendet; 9) aus dem Weingelger stellt man durch Abpressen, Trocknen
  und Verbrennen Asche dar, die in Burgund und anderen Gegenden zur
  Fabrikation der Drusenasche (Weinhefenasche, _cendres graveles_)
  dient. Auch die Trester verarbeitet man auf Potasche; 10) die Stiele
  und Kerne geben beim Verkohlen ein schwarzes Farbematerial
  (Weinrebenschwarz); 11) das Weingelger, wesentlich aus Hefetheilen und
  Weinstein bestehend, wird in den Weinlndern vor ihrer Verarbeitung auf
  Potasche oder Weinstein zur Destillation eines eigenthmlich riechenden
  Branntweins (=Drusenbranntwein=) benutzt, in welchem sich ein
  cognachnlich riechendes Oel befindet, welches unter dem Namen
  =Drusenl= (Weinl, Cognacl, _huile de marc_) im Handel vorkommt; 12)
  aus dem rohen Weinstein, welcher mit etwas weinsaurem Kalk, Farbstoff
  und Hefe mehr oder weniger dicke Krusten bildet, die sich theils an den
  Wnden der Weinfsser absetzen, theils in dem Weingelger enthalten
  sind, erhlt man durch Reinigen den Weinstein (wesentlich
  Kaliumbitartrat, C_{4}H_{5}KO_{6}), aus welchem man die Weinsure
  darstellt, welche zur Bereitung von Hefen- und Brausepulver und
  moussirenden Getrnken, sowie in der Frberei und Zeugdruckerei eine
  ausgedehnte Anwendung findet.

[Sidenote: Schaumwein.]

Die =Schaumweinfabrikation=. Der moussirende Wein oder Schaumwein ist
seit Jahrhunderten schon bekannt und geschtzt. Auf Gemlden von
niederlndischen Meistern des 17. Jahrhunderts trifft man zuweilen das
Champagnerglas mit schumendem Inhalt[111]. Die fabrikmssige Bereitung
der Schaumweine in der Champagne stammt jedoch erst aus der zweiten
Hlfte des vorigen Jahrhunderts. Ausser in der Champagne fabricirte man
spter in Burgund aus den Cte d'or-Weinen moussirende Weine, kein Wunder
daher, wenn auch in Deutschland versucht wurde, das angenehm prickelnde
Schumen bei den inlndischen Weinen nachzuahmen; und dass der Versuch
gelungen, dies beweist die am Main, an der Mosel, am Rhein und am Neckar
blhende Schaumweinindustrie, welche in vielen Gegenden Deutschlands den
Verbrauch an franzsischem Schaumwein auf ein Minimum reducirt hat. In
  Deutschland zhlt man (1870) gegen 50 Schaumweinfabriken mit einer
  Produktion von 2-1/4-3-1/2 Millionen Flaschen, wovon 1-1/4 Millionen
  ins Ausland gehen. In Frankreich wird die jhrliche Produktion auf
  16-18 Millionen Flaschen geschtzt.

  [111] So auf einem =Rembrandt='schen Gemlde von 1650 auf der
        Gemlde-Gallerie zu Dresden (=Hbner='s Verzeichniss 1862 p. 290
        No. 1225). Schenken wir der Auslegung Glauben, die gewisse
        Commentatoren dem =Virgil='schen Verse geben:

                         _Ille impiger hausit_
                         _Spumantem pateram_ --

        so scheinen selbst die Rmer den Schaumwein gekannt zu haben.

  Allen Weinen fehlt im Naturzustande die Eigenschaft des Schumens,
  welche dem Weine jedoch ertheilt werden kann, wenn man das kohlensaure
  Gas, welches sich bei der zweiten Ghrung, die, wenn man den Wein nach
  der ersten gewhnlichen stehen lsst, entwickelt, gewaltsam zurckhlt.
  Beim Oeffnen der Flasche entweicht dieses Gas und verursacht das fr
  das Auge so erfreuliche Schumen und Perlen. Die Quelle der Kohlensure
  liegt demnach in jedem Weine und alle Weine knnen in Schaumweine
  verwandelt werden, den Vorzug verdienen aber im Allgemeinen die sssen
  Weine vor den trocknen und zucker- und alkoholarmen. Das Moussiren
  lsst sich unter zweierlei Gesichtspunkten betrachten, einmal bewirkt
  der Schaumwein, sowie der Kork der Flasche beseitigt wird, einen
  =Knall= und spter in den Glsern zeigt er das eigenthmliche =Perlen=.
  Beide Effecte sind nicht proportional, der Knall kann ein usserst
  heftiger und das Perlen ein sehr schwaches sein, ebenso auch umgekehrt.
  Stellen wir uns zwei Flaschen mit Schaumwein derselben Sorte vor, mit
  dem alleinigen Unterschiede jedoch, dass die eine Flasche einen Zusatz
  einer Substanz erhielt, welche die Lslichkeitsverhltnisse des Weines
  fr das Kohlensuregas wesentlich vernderte. Die Effecte des Schumens
  werden sich nun ganz verschieden ussern. Da der Zuckergehalt in beiden
  Flaschen der nmliche war, so hat sich auch darin die nmliche Menge
  Kohlensuregas gebildet; bt z. B. das Gas in der einen Flasche einen
  Druck von 5 Atmosphren aus, so wird, wenn das Lsungsvermgen des
  Weines in der zweiten Flasche schwcher, vielleicht 1/20 geringer ist,
  dieses Zwanzigstel nicht absorbirten Gases, in dem Raume unterhalb des
  Korkes, in der sogenannten Kammer, sich ansammeln und den Druck auf den
  Wein bedeutend vergrssern. Um diejenige Menge Kohlensure, die in der
  Kammer sich befindet, ist der Wein schwcher an aufgelstem Gas, der
  Knall wird ein sehr heftiger sein und der Kork wird weit
  fortgeschleudert werden, das Perlen dagegen wird, da das aufgelste Gas
  in geringerer Menge da ist, verhltnissmssig schwach sein.

  Das =Verfahren der Fabrikation des Schaumweins= ist (im Allgemeinen)
  folgendes: Man benutzt vorzugsweise blaue Trauben, so am Rheine die
  Frhburgunder Traube von Ingelheim, der Mosel-, Main- und Nahegegend
  und manche Rothweine aus Wrttemberg (Heilbronn und Esslingen) und
  Baden (besonders die vom Kaiserstuhl im Breisgau). Sofort nach der Lese
  wird der Saft ausgepresst, damit kein Farbstoff aus den Schalen sich
  lse. Die ausgepressten, halb erschpften Trester geben beim
  nochmaligen Auspressen einen rthlich gefrbten moussirenden Wein. Der
  ausgepresste Traubensaft kommt in Kufen, worin er 24-36 Stunden lang
  bleibt; er setzt darin erdige Stoffe, vegetabilische Unreinigkeiten und
  fermentbildende Substanzen ab. Darauf zapft man ihn ab und bringt ihn
  auf Fsser, welche, damit die Ghrung mglichst langsam geschehe, in
  einem khlen Keller lagern. So lange die strmische Ghrung dauert,
  muss das Fass tglich aufgefllt werden. Beim Einfllen des Mostes in
  die Fsser ist es zweckmssig, auf 100 Flaschen Most eine Flasche
  Cognac zuzusetzen, ein Zusatz, der nicht nur den Zweck hat, den
  Alkoholgehalt und die Lslichkeit des Kohlensuregases zu erhhen,
  sondern und hauptschlich die Ghrung zu mssigen. Nachdem die
  Hauptghrung vorber ist, wird das Fass nochmals ausgefllt und dann
  verspundet. Gegen Ende December giebt man den Wein in geschwefelte
  Stckfsser, schnt ihn mit Hausenblase und lsst ihn etwa einen Monat
  lang ruhig liegen, worauf man ihn von Neuem absticht. Gegen Ende
  Februar schnt man zum zweiten Male und lsst bis zu den ersten Tagen
  des Monats April ablagern, worauf man den Wein klar auf Flaschen zieht.
  Diejenigen Weine, die sich am besten zur Schaumweinfabrikation eignen,
  sollen im Augenblicke des Abziehens an Zucker, Alkohol und freier Sure
  in der Flasche enthalten: a) 16-18 Grm. Zucker, b) 11-12
  Volumenprocente Alkohol, c) ein Aequivalent von 3-5 Grm. Schwefelsure
  an freier Sure. Durch Coupiren (Verstechen, Vermischen) der aus
  verschiedenen Lagen bezogenen Weine ist man im Stande, dem zur
  Fabrikation bestimmten Weine vorstehende Normalzusammensetzung zu
  geben.

  Die fr den Schaumwein bestimmten Flaschen (die bekannten dickwandigen
  Champagnerflaschen) mssen mit grosser Sorgfalt fabricirt, aus reinen
  Materialien dargestellt und besonders sorgfltig gekhlt sein. Im
  Allgemeinen verlangt man von einer Flasche, dass sie ein Gewicht von
  850 bis 900 Grm. habe, gleichmssig dickwandig in allen Punkten sei,
  die in gleicher Hhe liegen, und keine Steinchen in der Masse enthalte;
  die Mndung soll konisch sein und von dem usseren Rande abwrts sich
  allmlig erweitern, dadurch sitzt der Kork fester, hlt sich der Wein
  besser und der Knall wird verstrkt. Ehedem belief sich der Bruch der
  Flaschen auf 15-25 Proc. und noch mehr; gegenwrtig ist die
  Flaschenfabrikation so weit vorgeschritten und die Schaumweinbereitung
  dergestalt regulirt, dass der Bruch im Mittel kaum 10 Proc. betrgt.
  Der Preis fr 100 Flaschen ist 10 bis 11 Gulden. Ehe der Wein auf
  Flaschen gefllt wird, giesst man eine kleine Quantitt =Liqueur= in
  jede Flasche; dieser Liqueur besteht aus weissem Kandiszucker 150
  Kilogr., Wein 125 Liter, Cognac 10 Liter. Die Flssigkeit wird mit
  Hausenblase geschnt, dann klar abgestochen und zum jeweiligen Gebrauch
  im Keller aufbewahrt. Der Rohrzucker des Liqueurs ist in dem
  Champagner, wie =Fr. Mohr= angiebt, nach kurzer Zeit ganz in
  Traubenzucker(?) bergegangen. Der Zucker des Liqueurs soll in neuerer
  Zeit durch =Glycerin= zum Theil ersetzt werden. Je nach dem Geschmack
  der Consumenten und der Art des zu fabricirenden Schaumweines setzt man
  zu obigem Liqueur zuweilen Porto, Madeira, Muscatelleressenz,
  Kirschwasser, Himbeergeist u. dergl. Alle diese verschiedenen Liqueure
  werden selten in reinem Zustande angewendet, sondern im Augenblicke der
  Anwendung mit einer besonderen Flssigkeit, aus einer Mischung von:
  Wasser 60 Liter, gesttigter Alaunlsung 20 Liter, Weinsurelsung 40
  Liter, Tanninlsung 80 Liter bestehend, gemischt. Man setzt auf ein
  Stckfass Liqueur 2 Liter dieser Flssigkeit. Zu _dem Abziehen des
  Weines_ (die =Tirage=) auf Flaschen und zu deren Verschluss werden
  viererlei Arbeiter verwendet: einer, welcher den Wein auf Flaschen
  zieht, einer, der sie verkorkt, einer, welcher sie mit Bindfaden, und
  einer endlich, welcher sie mit Draht verschliesst. Das Verkorken wird
  durch eine Maschine ausgefhrt, die den Kork vollkommen gerade in die
  Flasche drckt. Nachdem die Flaschen gefllt, verkorkt und ficellirt
  sind, legt man sie so nieder, dass der Hals unter einem Winkel von etwa
  20 geneigt ist, damit die bei der langsamen Ghrung entstehende Hefe
  in den Hals gelange und sich an dem Kork absetze. Nach 8-10 Tagen
  vergrssert man die Neigung in demselben Sinne und bringt den Winkel
  ungefhr auf 45; nach Verlauf von abermals 2-3 Tagen erhebt man den
  Boden der Flasche noch mehr, um den Absatz so viel als mglich auf dem
  Korke zu sammeln; zuletzt stehen die Flaschen vertical mit dem Korke
  nach unten gerichtet. Durch die Ghrung und das Ablagern des Weines
  ist in allen Flaschen ein aus Hefe, Kleber und dergl. bestehender
  Niederschlag entstanden, welcher natrlich zur vollstndigen Klrung
  des Weines aus den Flaschen entfernt werden muss. Zu diesem Behufe
  befinden sich die Flaschen mit der Oeffnung nach unten in mit Lchern
  versehenen Tafeln. Damit der Absatz sich in dem Halse der Flasche bis
  auf den Kork herabsenke, muss jede Flasche tglich und ganz
  gleichmssig etwa 14 Tage lang gerttelt werden. Zuweilen kommt es vor,
  dass der Absatz einem Hutchen gleich der Flasche adhrirt und nicht
  entfernt werden kann; in solchem Falle ist der Wein nicht verkuflich
  und muss in den Ghrungsbottich zurckgegossen werden. Das beste
  Mittel, den Absatz pulverfrmig zu machen, besteht ohne Zweifel in der
  Anwendung von Tannin und Alaun, und nur aus diesem Grunde setzt man dem
  Liqueur, wie oben angegeben, eine kleine Menge einer Flssigkeit zu,
  welche diese Substanzen enthlt. Der sich bildende Absatz enthlt
  gerbsauren Leim und Protensubstanzen des Weines, ist in Folge eines
  Alaunzusatzes immer pulverig und giebt einen vollkommen klaren Wein.
  Hat sich aller Absatz auf den Propfen abgelagert, so schreitet man zum
  Entfernen des Absatzes, das =Degorgiren= oder Ausspritzen genannt. Zu
  diesem Behufe nimmt der Arbeiter eine Flasche mit dem Halse nach unten
  und prft den Wein, um sich von seiner Klarheit zu berzeugen, in
  welchem Falle man den Draht, der den Kork hlt, aufdreht. Eine kleine
  Menge Wein -- 40-60 Kubikcentimeter -- wird beim Heraustreiben des
  Korkes lebhaft aus der Flasche herausgeschleudert. Der leere Raum wird
  mit Liqueur ausgefllt -- diese Arbeit nennt man das =Dosiren=. Der
  Arbeiter entfernt aus der degorgirten Flasche noch 160 Kubikcentimeter
  Wein (man nennt diese Operation das =Dechargiren=) und fllt nun den
  hierdurch und durch das Degorgiren entstandenen Raum mit Liqueur aus.
  Die Flasche wird mit einem frischen Korke verkorkt, den man mit
  Bindfaden und mit Eisendraht befestigt. Der Pfropf und die Mndung
  werden mit Stanniol umwickelt. Der Schaumwein enthlt ungefhr 6-7
  Volumen Kohlensure und besitzt ein eigenthmliches Aroma, welches sich
  durch die Einwirkung der Kohlensure auf die Bestandtheile des Weines
  zu bilden scheint und vielleicht zum Theil Kohlensurether
  (Aethylkohlensure) ist. Da die Kohlensure durch eine Nachghrung
  entwickelt wird und einer solchen ein mehr als mittlerer Alkoholgehalt
  nachtheilig ist, so hat man auf den Alkoholgehalt des auf Flaschen zu
  fllenden Weines grosse Sorgfalt zu verwenden. Der nach vorstehender
  Methode dargestellte Schaumwein ist gewhnlich in 18-20 Monaten
  trinkbar, je nachdem die Jahreszeit der Ghrung mehr oder weniger
  gnstig gewesen ist. Bei der Analyse von vier Sorten Schaumweinen
  wurden -- 1867 und 1870 -- folgende Resultate erzielt:

                          1.             2.             3.
       Freie Sure     5,3 pro Mille  5,9 pro Mille  7,6 pro Mille
       Alkohol         8,4 Proc.      9,5 Proc.      8,7 Proc.
       Zucker          8,2   "        4,3   "        7,9   "
       Extract        11,6   "        7,5   "       10,3   "
       Spec. Gewicht   1,036 "        1,029 "        1,039 "

                          4.             5.             6.
       Freie Sure     7,8 pro Mille  6,2 pro Mille  5,6 pro Mille
       Alkohol         8,4 Proc.      9,8 Proc.      8,4 Proc.
       Zucker          9,1   "        7,5   "        5,4   "
       Extract        12,0   "       11,6   "       15,2   "
       Spec. Gewicht   1,046 "        1,039 "        1,041 "

  1 Sorte aus Chalons, 2, 3 und 4 Wrzburger Mousseux und zwar 2 fr den
  Export nach Indien bestimmt, 3 von =J. Oppmann= und 4 von
  =Silligmller=, beide in Deutschland hchst beliebige Sorten. 5 von
  =Sutaine= und =Comp.= in Rheims. 6 Schaumwein einer renommirten
  rheinischen Firma, in welchem ein grosser Theil des Zuckers durch
  =Glycerin= ersetzt war.

[Sidenote: Most- und Weinverbesserung.]

=Most- und Weinverbesserung.= Der Werth einer Weinsorte ist ausser von
ihrem Alkoholgehalte und ihrem Aroma auch noch von ihrem Gehalte an
freier Sure abhngig. Je weniger der letzteren sie bei gleichem
Alkoholgehalte und der erforderlichen Menge von aromatischen
Bestandtheilen enthlt, um so geschtzter und werthvoller ist sie. Das
Verhltniss zwischen den Hauptbestandtheilen des Traubensaftes, Zucker,
Sure und Wasser, stimmt in guten Mosten ziemlich berein, und man kann
wohl annehmen, dass dieses Verhltniss kein zuflliges sei, sondern dass
es zum Charakter und Wesen eines guten Mostes gehre. Es wre einseitig
und mit der Erfahrung im Widerspruche, wollte man den Werth eines Weines
nur aus dem gegenseitigen Verhltniss zwischen Alkohol, Zucker und freier
Sure im Weine ableiten, indem ja die aromatischen Bestandtheile und der
nie fehlende Glyceringehalt auf den Wohlgeschmack und auf den Werth von
so bedeutendem Einflusse sind, nichtsdestoweniger ist man doch allgemein
der Ansicht, dass gute Weine ein gewisses und ziemlich genau bestimmtes
Verhltniss zwischen Alkohol, Zucker, freier Sure und Wasser erfordern.
Solche Trauben, die sich zur Erzielung eines guten Weines nicht eignen,
knnen in zweierlei Weise behandelt werden. Entweder lsst man den durch
Auspressen gewonnenen Saft ghren wie er ist, in welchem Falle man einen
geringen oder schlechten Wein erhlt. Oder man sucht, gesttzt auf
chemische Analyse, dem mangelhaft zusammengesetzten Moste diejenigen
Bestandtheile zu geben oder auch zu entziehen, welche er in zu geringer
oder in zu reichlicher Menge enthlt, oder mit anderen Worten, man stellt
knstlich in dem Weine ein solches Verhltniss der Bestandtheile dar,
dass dasselbe, wie der Most- und Weinverbesserer meint, dem guten Moste
nahekommt. Diese knstliche Verbesserung des Weines ist wohl von der
Weinverflschung zu unterscheiden, welche dem Weine ungehrige oder der
Gesundheit nachtheilige Substanzen zusetzt.

  Von den gegenwrtig in Anwendung kommenden Methoden der Most- und
  Weinverbesserung sind als die wichtigsten folgende anzusehen:

    1) Zusatz von Zucker zu zuckerarmem Moste und Entziehung der zu
       grossen Suremenge des Mostes durch Marmorstaub (Verfahren
       =Chaptal='s),
    2) Zusatz von Zucker und Wasser zu zuckerarmem und surereichem
       Moste (Verfahren =Gall='s),
    3) nochmaliges Ghrenlassen der Trester mit Zuckerwasser
       (Verfahren =Petiot='s),
    4) Entziehung von Wasser durch Frost und Gyps,
    5) Entziehung von Sure durch chemisch wirkende Mittel,
    6) Zusatz von Alkohol zu schwachem Weine,
    7) Versetzen des fertigen Weines mit Glycerin (nach dem Entdecker
       des Glycerins,=Scheele=, =Scheelisiren= genannt).

  Der =Zuckerzusatz= zu zuckerarmem Moste gehrt zu den ltesten
  Methoden, den Wein aufzubessern. Den Rmern und Griechen war diese
  Methode bereits bekannt, da aber damals der Rohrzucker noch unbekannt
  war und man blos Honig, welcher dem Weine einen eigenthmlichen
  Geschmack ertheilte, und eingedickten Most kannte, der in den Jahren,
  wo der Zusatz am nthigsten war, ebenfalls mangelte, so kam sie wenig
  in Gebrauch. =Chaptal= gedachte 1800 in seinem Handbuche des Weinbaues
  dieses Zusatzes und empfahl, Zucker in dem geringen Moste aufzulsen,
  bis dieser so dick geworden, wie er von denselben Trauben in den
  besseren Jahren wird. Dieser Zusatz von Zucker, womit zugleich eine
  Entziehung der freien Sure des zu sauren Mostes durch Marmorstaub
  verbunden ist, fand allmlig immer mehr und mehr Eingang und wurde
  seitdem mit dem Namen =Chaptalisiren= bezeichnet[112].

  [112] Bei dem Burgunder, bei dessen Bereitung das Chaptalisiren
        gegenwrtig noch vielfach angewendet wird, nimmt man allgemein
        an, dass dieser Wein nicht mehr als 6 pro Mille freier Sure
        enthalten drfe. Ergiebt daher die Mostprfung z. B. 8 pro Mille,
        so mssen 2 pro Mille entfernt werden, wobei man von dem Satze
        ausgeht, dass 50 Th. Marmorstaub (Calciumcarbonat) 60 Th. freie
        Suren entfernen. Ist der Sureberschuss beseitigt, so setzt man
        den Zucker (Hutzucker oder besten Strkezucker) zu, dessen Menge
        sich nach dem Alkoholgehalt richtet, welchen man dem Weine zu
        geben beabsichtigt. Hat man in dem Moste z. B. 15 Proc. Zucker
        gefunden, so wird der Alkoholgehalt des fertigen Weines 7,5 Proc.
        betragen. Soll nun letzterer auf 10 Proc. erhht werden, so muss
        fr je 1000 Kilogr. Most die entsprechende Zuckermenge, im
        vorliegenden Falle mithin 50 Kilogr. Zucker zugesetzt werden. Man
        geht dabei von der Annahme aus, dass 100 Th. Zucker 50 Th.
        Alkohol liefern.

  Obgleich es nun naheliegt, dem Moste das zu geben, was die Natur blos
  durch den Mangel an Sonnenwrme nicht in gengender Quantitt zu
  erzeugen vermochte, so trat doch der allgemeinen Anwendung der Aufwand,
  den der Zuckersatz erforderte, hindernd entgegen. Er lieferte zwar
  einen alkoholreicheren und darum haltbareren Wein, allein diese Vorzge
  gehren doch weniger zu den wnschenswerthesten, selbst wenn diese
  Vorzge den erforderlichen Aufwand lohnen sollten. Der bei weitem
  grssere Theil der deutschen Weine zeigt ausser dem Mangel an Zucker
  einen Ueberfluss an Sure. Findet nun auch durch den Zuckerzusatz
  spter in Folge des grsseren Alkoholgehaltes eine vermehrte
  Absonderung des Kaliumbitartrates als Weinstein statt, so enthalten
  doch die nicht vllig gereiften Trauben eine weit grssere Menge
  Aepfelsure als Weinsure; die Aepfelsure wird aber nicht
  ausgeschieden und deshalb bei dem blossen Zuckerzusatze dennoch der
  Geschmack des Weines beeintrchtigt. Diese Suren sind, ohne der
  Qualitt des Weines zu schaden, zu vermindern oder unschdlich zu
  machen. Die Ersten, welche in dieser Hinsicht geeignete Vorschlge, die
  sich auf den =Zusatz von Zuckerwasser= (d. h. eine Lsung von
  Rohrzucker oder von Traubenzucker) bezogen, machten, waren =Dbereiner=
  in Jena und =Lampadius= in Freiberg. =Balling= (in Prag) und nach ihm
  =Gall= (in Trier) haben wesentlich die nmlichen Vorschlge gemacht.
  Die von =Gall= empfohlene Methode der Weinverbesserung, das
  =Gallisiren=, die weil sie auch zugleich eine bedeutende =Vermehrung
  des Weinquantums= giebt, ungemein populr geworden ist, besteht darin,
  dass man zuerst die besseren Trauben von den geringeren absondert, um
  davon einen besseren Bouquetwein darzustellen, statt sie mit der meist
  grsseren Menge der geringeren Trauben zu vermischen, in deren Safte
  die Vorzge der wenigen vllig reifen Trauben gnzlich verschwinden
  wrden. Den Most der geringeren Sorte soll man sofort nach dem Keltern
  mit so viel Wasser und Zucker mischen, dass sein Gehalt an Sure,
  Wasser und Zucker dem Gehalt an diesen Bestandtheilen in einem guten
  Traubenmoste gleichkommt. Durch das Gallisiren erhlt der Wein die eine
  Bedingung des Wohlgeschmacks, nmlich richtiges Verhltniss zwischen
  Sure, Zucker, Alkohol und Wasser, und wenn er sonach auch nicht so
  vorzglich wird, wie Wein aus sehr guten Trauben, indem ihm die andere
  Bedingung, der Bouquetstoff, mehr oder weniger fehlt, so wird er doch
  weit besser sein, als wenn er durch Ghrung aus dem nicht mit
  Zuckerwasser versetzten Moste aus geringen Trauben bereitet worden
  wre, dem nicht nur eine, sondern beide Bedingungen des Wohlgeschmacks
  abgehen. Wenn das =Gall='sche Verfahren hauptschlich vom
  wirthschaftlichen Standpunkte aus, aber auch vom chemischen aus
  empfohlen werden kann, so ist dabei doch vorausgesetzt, dass man einen
  Zucker verwende, welcher in der That an Reinheit dem Traubenzucker
  (oder auch Rohrzucker) mglichst gleichkommt. Auf alle Flle leidet der
  gallisirte Wein an Bouquetarmuth, wenn nicht der Weinverbesserer auch
  fr diesen Uebelstand Heilmittel in Bereitschaft hat. Nach =Gall= nun
  (dessen Anschauungsweise ich in =vielen= Stcken keineswegs theile!)
  soll ein Normalmost bestehen aus

                        Zucker         24,0 Proc.
                        freier Sure    0,6   "
                        Wasser         75,4   "
                                      -----------
                                      100,0 Proc.

  1000 Kilogr. eines solchen Mostes enthalten demnach 240 Kilogr. Zucker,
  6 Kilogr. freie Sure und 754 Liter Wasser. Hat nun die Analyse eines
  Mostes ergeben 16,7 Proc. Zucker und 0,8 Proc. Sure und will man
  demselben durch das Gallisiren auf die Zusammensetzung des =Gall='schen
  Normalmostes bringen, so hat man zuzusetzen

                      153 Kilogr. Zucker und
                      180    "    oder Liter Wasser

  wodurch man 1333 Kilogr. Most (mithin eine Vermehrung der
  ursprnglichen Menge von 33 Proc.) erhlt. In geringen Jahrgngen, wo
  der Suregehalt bis auf 12 bis 14 Proc. sich steigert, betrgt die
  Vermehrung 100-115 Proc., ja selbst mehr noch.

  Das im Jahre 1859 aufgetauchte =Petiotisiren= (von =Ptiot= zu Chaminy
  in Burgund) geht von der Thatsache aus, dass der nach dem gewhnlichen
  Verfahren dargestellte Traubensaft nicht Alles in sich aufgenommen hat,
  was die Traube an frbenden und aromatischen Stoffen enthlt und dass
  in dem Pressrckstande, dem Marke, den Kernen, den Kmmen, noch genug
  davon enthalten sei, um Zuckerwasser den Geschmack, das Aroma und
  andere Eigenschaften des Traubensaftes zu geben. Es fehlt an genauen
  Analysen der Pressrckstnde und an hinreichender Erfahrung, um sich
  gegenwrtig schon endgltig ber den Werth des Petiotisirens
  aussprechen zu knnen. Viele gewiegte Weintechniker haben jedoch keinen
  Anstand genommen, =Ptiot='s Verfahren als ein auf rationeller,
  wissenschaftlicher Basis beruhendes zu erklren, es in Schutz zu nehmen
  und warm zu empfehlen[113].

  [113] Nach der Angabe von =Beyse= sollen unreife Trauben zum
        Petiotisiren noch besser sich eignen wie ganz reife; mit jenen
        knne die Weinvermehrung recht gut bis zu 500 Proc. gesteigert
        werden!

  Zur Verbesserung des Weines hat man ferner die =Anwendung des Frostes=
  vorgeschlagen, wodurch die wsserigen Theile des Mostes vermindert
  werden. Nach den Versuchen von =Vergnette-Lamotte= und =Boussingault=
  sind die Wirkungen der Klte auf den Wein complicirter Natur. Beim
  Abkhlen des Weines auf eine Temperatur von 0-6 entstehen zuerst
  Niederschlge von Substanzen, welche bei dieser Temperatur nicht mehr
  lslich sind. Diese bestehen vorzugsweise in Cremor tartari, frbenden
  und stickstoffhaltigen Substanzen und einer Flssigkeit, welche die
  Eigenschaft besitzt, bei 6 zu erstarren. Wenn man die Weine vorsichtig
  von diesen ausgeschiedenen Substanzen abzieht, so werden sie krftiger,
  feuriger, alkoholreicher; ihr Hauptwerth besteht aber in dem Verluste
  der Fhigkeit des Nachghrens und des nachtrglichen Absetzens in
  Fssern und auf Flaschen.

  Eine =Entsuerung des Weines= durch chemisch wirkende Mittel findet
  ausser durch gebrannten Gyps statt durch =Calciumcarbonat=
  (Marmorpulver, Kreide), =Zuckerkalk= und =neutrales Kaliumtartrat=. Ein
  Zusatz von Calciumcarbonat zu dem Moste oder zu dem Weine ist nicht
  schdlich, insofern der Wein dabei keine oder nur eine sehr geringe
  Menge von Kalksalzen aufnimmt; dass Calciumcarbonat nicht zur
  Abstumpfung der durch saure Ghrung bereits entstandenen Essigsure
  dienen kann, in welchem Falle der Wein Calciumacetat enthalten und
  nicht mehr den Namen Wein verdienen wrde, bedarf kaum der Erwhnung.

  Im Principe theilweise mit der Anwendung von Calciumcarbonat gleich ist
  das von =v. Liebig= (1848) vorgeschlagene Mittel der Entsuerung, das
  in der Anwendung von =neutralem Kaliumtartrat= besteht. =v. Liebig=
  ging von der Thatsache aus, dass viele deutsche Weine, namentlich
  Rheinweine, durch das Lagern und das damit nothwendig zusammenhngende
  Auffllen auf der einen Seite zwar an Blume und Geschmack, auf der
  anderen aber auch in einer dem Genusse nachtheiligen Weise an Sure
  gewinnen. Anfangs scheidet sich der Weinstein, welcher durch die
  Verdunstung sowie durch die fortschreitende Alkoholbildung an
  Lslichkeit verloren hat, ungefhr im gleichen Schritte aus, als er
  durch Auffllen im Fasse vermehrt wird. Allein mit dem Auffllen
  empfngt der Inhalt eines Fasses zugleich freie Weinsure, welche sich
  ebenfalls vermehrt und von einer gewissen Zeit an die Lslichkeit des
  Weinsteins wieder steigert. Daher die auffallende Sure sehr alter
  Rheinweine. Die Abstumpfung der freien Sure durch neutrales
  Kaliumtartrat soll ohne die geringste Beschdigung des Geruches und
  Geschmackes des Weines geschehen knnen. Ein zweckmssiges Mittel zur
  Entsuerung solcher Weine, die keine Essigsure enthalten, ist der
  =Zuckerkalk=. Man bergiesst gelschten Kalk mit der zehnfachen Menge
  Wasser, rhrt gut um, lsst den Kalk absetzen und giesst nach einigen
  Stunden das ber dem Kalkbrei stehende klare Kalkwasser, das einen
  grossen Theil der Unreinigkeiten des Kalkes enthlt, ab, und verwandelt
  darauf den Brei durch Verdnnen mit Wasser in Kalkmilch, in welcher man
  Kandis oder Raffinade lst, bis eine klare Flssigkeit entstanden ist,
  welche man unter Umrhren in den Wein giesst. Der Kalk wird durch die
  Sure des Weines unlslich gefllt, whrend der Zucker in dem Weine
  bleibt. Mit dem Zersetzen ist behutsam zu verfahren, da der Zuckerkalk
  nicht wie der Aetzkalk nur die freie Sure, sondern auch die gebundene
  niederschlgt. Ein allgemein blicher Zusatz (1-2 Proc.) zum Wein in
  der Absicht, ihn strker und haltbarer zu machen, ist der =Weingeist=
  (Sprit). Wenn die Vermischung des Weines mit dem Weingeist -- man
  wendet entweder Franzbranntwein oder entfuselten Kartoffelspiritus an
  -- erst vor kurzem geschah, so kann auch eine nicht gebte Zunge den
  Alkohol, welcher sich mit den Weinbestandtheilen noch nicht innig
  gemischt hat, herausschmecken. Ist aber durch lngeres Lagern eine
  vollkommene Vereinigung des Alkohols mit dem Weine erfolgt, so kann man
  den zugesetzten Alkohol nicht mehr abscheiden, ihn selbst durch den
  Geschmack nicht mehr erkennen, vorausgesetzt, dass nicht zu viel
  zugesetzt wurde. Dass ein geringer Alkoholzusatz zum Wein die
  Gesundheit der Consumenten nicht beeintrchtigt, ist unzweifelhaft,
  ebenso, dass gewisse Weinsorten eines mssigen Versatzes mit Alkohol
  bedrfen, wenn sie die erforderliche Haltbarkeit erlangen sollen. (Der
  seit dem Jahre 1865 in Gebrauch gekommene Zusatz von =Glycerin= zum
  fertigen Weine, das sogenannte =Scheelisiren=[114] soll dem Wein,
  nachdem er das Stadium der Ghrung vollendet, eine den Wohlgeschmack
  strende unzureichende Ssse auf jeden beliebigen Grad steigern, ohne
  dass man, da das Glycerin unfhig ist, in Ghrung berzugehen, fr die
  Haltbarkeit des Weines etwas zu frchten htte. Die Grenzen des
  Glycerinzusatzes liegen zwischen 1-3 Liter auf 1 Hektoliter Wein. Durch
  das Glycerin und dessen billigen Preis ist man in der Lage, auch
  fertige, selbst flaschenreife Weine noch der Verbesserung zuzufhren,
  welche bisher ausserhalb des Bereiches der Weintechnik lagen.)

  [114] Bereits im Jahre 1864 habe ich mit dem knigl. Hofkellermeister
        =M. Oppmann= in Wrzburg eine Reihe von Versuchen ber die
        Verwendung des Glycerins zur Verbesserung geringerer Frankenweine
        angestellt, die vom besten Erfolg begleitet waren. Von mir rhrt
        auch die Bezeichnung =Scheelisiren= fr das Glycerinisiren des
        Weines her.


                            Die Bierbrauerei.

[Sidenote: Allgemeines.]

Unter =Bier= in der gewhnlichen Bedeutung des Wortes versteht man
dasjenige unvollstndig gegohrene und noch ghrende geistige Getrnk,
welches aus gekeimten strkemehlhaltigen Substanzen, meist aus Gerste und
Weizen, seltener Reis, Mais, Kartoffeln und Strkezucker, und Hopfen
durch geistige Ghrung, aber ohne Destillation gewonnen worden ist. Es
enthlt die Bestandtheile des Getreides oder Stoffe, die sich aus diesen
Bestandtheilen durch Umsetzung gebildet haben (Dextrose, Dextrin und
Eiweisssubstanzen, Alkohol, Kohlensure, geringe Mengen von
Bernsteinsure und Glycerin, organische Stoffe wie phosphorsaure Salze
der Alkalien und alkalischen Erden), sowie gewisse extrahirbare
Hopfenbestandtheile.

  Wir legen bei der Beschreibung des Verfahrens der Bierfabrikation die
  Methode zu Grunde, welche man im Allgemeinen in vielen Brauereien
  Bayerns und Oesterreichs (z. B. in der Dreher'schen Brauerei zu
  Schwechat) zur Erzeugung des =Braunbieres= befolgt. Von vornherein ist
  zu bemerken, dass man =Winter=- oder =Schenkbier= und =Sommer=- oder
  =Lagerbier= unterscheidet. Man braut das Bier in Bayern nur in der
  klteren Jahreszeit von Oktober bis April, wenn das Thermometer
  hchstens eine Temperatur von 12-13 zeigt. Ein Theil des Bieres wird
  nach einer kurzen Lagerung in den Fssern whrend der Wintermonate
  consumirt, es bildet das Winter- oder Schenkbier. Ein anderer Theil, zu
  dessen Bereitung mehr Gerste (Malz) und Hopfen genommen wurde, bleibt
  in besonderen Lagerkellern bis zu den Sommermonaten und wird von der
  Zeit an, wo die Bierfabrikation aufhrt, bis zum Wiederbeginn der
  Brauerei consumirt; dieser Theil des Bieres wird Sommer- oder Lagerbier
  genannt.

    1 Volumen Malz giebt durchschnittlich 2,5-2,6 Volumen Winterbier,
    1    "     "     "           "        2,0-2,1    "    Sommerbier.

  Im norddeutschen Bunde werden nach den Annahmen der Steuerbehrde
  (1870)[115] aus 1 Ctr. Malz gewonnen:

                      300 Quart leichten Bieres,
                      200   "   Doppelbier,
                      180   "   sogen. bayer. Bier.

  [115] Nach den Verhandlungen des Norddeutschen Reichstages (vom 22. Mai
        1869) hat im norddeutschen Bunde die Verwendung des
        Kartoffelzuckers und des Kartoffelsyrups in vielen Brauereien
        eine erhebliche Ausdehnung gewonnen. Ein Drittel des Braumalzes
        wird durch Kartoffelzucker ersetzt, von dem 1 Ctr. 3 Ctr. Malz zu
        ersetzen im Stande sein soll!

[Sidenote: Materialien der Bierbrauerei.]

Die =Materialien der Bierbrauerei= sind: 1) Getreide oder Substanzen,
welche dasselbe vertreten knnen, 2) Hopfen, 3) Ferment, 4) Wasser.

Das =Getreide=. Obgleich als Material zur Bildung des Alkohols im Bier
jede strkemehl- und zuckerhaltige Substanz anwendbar wre, so giebt man
doch in der Praxis den Cerealien den Vorzug und unter diesen wiederum der
=Gerste=, deren Strkemehlgehalt weniger schwankt als der anderer
Getreidearten, die ferner am leichtesten ein gutes Malz liefert, dessen
zuckerbildende Eigenschaft grsser ist als die anderer gemalzter
Cerealien. In Bayern zieht man die grosse =zweizeilige Gerste= (_Hordeum
distichon_) allen brigen Gerstensorten vor, weil sich aus einem gleichen
Volumen der zweizeiligen Gerste mehr Bier von derselben Qualitt erzielen
lsst, als von der gemeinen oder sechszeiligen, gleiche Preise aller
genannten Gerstensorten vorausgesetzt. 100 Th. getrockneter Gerste
enthalten (nach =Lermer=):

                 Strkemehl                        68,43
                 Protensubstanzen                 16,25
                 Dextrin                            6,63
                 Fett                               3,08
                 Cellulose                          7,10
                 Asche und sonstige Bestandtheile   3,51

  Die Gerstenasche enthlt in 100 Th. 17 Th. Kali, 30 Th. Phosphorsure,
  33 Th. Kieselsure, 7 Th. Magnesia, 3 Th. Kalk u. s. w. Neben der
  Gerste finden Kartoffeln, Reis, Mais, Glycerin und Kartoffelzucker in
  den modernen Bierbrauereien ausgedehnte Anwendung.

[Sidenote: Hopfen.]

Das, was man in der Bierbrauerei mit dem Namen =Hopfen= bezeichnet, sind
die weiblichen Blthen (Zapfen, Ktzchen) der Hopfenpflanze (_Humulus
lupulus_), einer perennirenden Pflanze aus der Familie der Urticeen.

  Unter den zarten, dachziegelhnlich bereinander liegenden Schuppen der
  Hopfenktzchen befinden sich goldgelbe nierenfrmige Krner (Drsen),
  die sich durch Klopfen und Absieben von den Blttchen trennen lassen.
  Diese Drschen hat man mit dem Namen =Hopfenmehl= bezeichnet (frher
  nannte man es =Lupulin= und suchte darin allein die Wirkung des
  Hopfens, jetzt weiss man aber, dass auch die brigen Theile des Zapfens
  wirksame Bestandtheile enthalten). An einer grndlichen Untersuchung
  aller derjenigen Hopfenbestandtheile, die in der Bierbrauerei in
  Betracht zu ziehen sind, fehlt es noch, ausfhrliche Untersuchungen
  liegen nur vor ber das Hopfenl, die Gerbsure und die mineralischen
  Bestandtheile. Was zuerst das =therische Hopfenl= anbelangt, welches
  sich in der Menge von 0,8 Proc. in dem lufttrocknen Hopfen findet, so
  ist dasselbe gelblich gefrbt, stark, aber nicht bedeutend nach Hopfen
  riechend, brennend und schwach bitter schmeckend, nicht narkotisch
  wirkend, von 0,908 spec. Gewichte und Lakmuspapier kaum rthend. Es
  braucht mehr als das 600fache Gewicht Wasser zur Lsung. Es ist
  schwefelfrei und gehrt zu der Gruppe therischer Oele, welche ein Oel
  von der Formel C_{5}H_{8} als gemeinsamen charakteristischen
  Bestandtheil enthalten; es ist ein Gemenge eines mit dem Terpentinl
  und Rosmarinl isomeren Kohlenwasserstoffes C_{5}H_{8} mit einem
  sauerstoffhaltigen Oele C_{10}H_{18}O, das mit dem Valerol die
  Eigenschaft gemein hat, durch oxydirende Einwirkungen und schon an der
  Luft in Baldriansure (C_{5}H_{10}O_{2}) berzugehen. Die Oxydation des
  sauerstoffhaltigen Bestandtheiles des Hopfenles zu Valeriansure ist
  die Ursache des dem alten Hopfen eigenthmlichen Ksegeruches. Die
  =Gerbsure= des Hopfens findet sich in den verschiedenen Hopfensorten
  in der Menge von 2-5 Proc. Was die Natur dieser Gerbsure betrifft, so
  hat sich herausgestellt, dass a) sie eine sogenannte eisengrnende
  Gerbsure ist, b) sie sich beim Behandeln mit Suren und Synaptase
  nicht in Gallussure und Zucker spaltet, c) bei der trocknen
  Destillation keine Pyrogallussure bildet. Das =Hopfenharz= ist der
  wichtigste Bestandtheil des Hopfens und enthlt die bitteren Principe.
  Es ist im Wasser sehr schwer lslich, vorzglich in reinem Wasser und
  bei Abwesenheit des therischen Hopfenles. Wasser jedoch, welches
  Salze, namentlich Gerbsure, Gummi und Zucker enthlt, lst davon
  betrchtliche Mengen auf, besonders bei Gegenwart von Hopfenl. Man
  muss wohl mit =Rautert= gewissen Bestandtheilen des Hopfenharzes die
  Mehrzahl derjenigen Wirkungen zuschreiben, um derentwillen man den
  Hopfen in der Bierfabrikation verwendet. Es schmeckt anhaltend und
  intensiv bitter und leidet, in dnnen Schichten der Luft ausgesetzt, in
  lngerer Zeit eine Zersetzung, in deren Folge es unlslich wird in
  vielen Lsungsmitteln, in denen es zuvor lslich war. Schneller geht
  diese Umnderung im Sonnenlichte vor sich. Hopfenharz und Hopfenbitter
  sind indessen nicht identisch, ersteres ist in Aether lslich,
  letzteres nicht. Von geringerer Bedeutung sind die brigen
  Bestandtheile des Hopfens, das Gummi und extractive frbende
  Substanzen. Die =mineralischen Bestandtheile= des Hopfens betreffend,
  so geben bei 100 getrockneten Hopfens 9-10 Proc. Asche, welche 15
  Proc. Phosphorsure, 17 Proc. Kali u. s. w. enthlt.

[Sidenote: Conserviren des Hopfens.]

  Die Qualitt des Hopfens ist von wesentlichem Einflusse auf die
  Beschaffenheit, die Feinheit des Geschmackes und die Haltbarkeit des
  Bieres. Ist whrend der Hopfenernte ungnstiges Wetter, so kann die
  Qualitt des Hopfens betrchtlich leiden. Bei feuchter Witterung lsst
  sich der Hopfen kaum trocknen, ohne dass an den innern Stengeln der
  Deckblttchen Schimmelflecken zum Vorschein kommen. Eine Vorrichtung
  zum Trocknen des Hopfens, unabhngig von der herrschenden Witterung,
  ist daher usserst wichtig. Das Trocknen mit Hlfe von erwrmter Luft
  ist ungengend, weil es gewhnlich an dem nthigen Luftwechsel fehlt;
  empfehlenswerth sind dagegen diejenigen =Hopfendarren=, in welchen die
  Luft mittels eines Ventilators erneuert und das Wenden des Hopfens,
  ohne dass Hopfenmehl verloren geht, ausgefhrt wird. Der bei einer
  Temperatur von etwa 40 getrocknete Hopfen wird mit Hlfe starken
  Pressens gedichtet und in Scken, am besten wasserdichten, verpackt,
  versendet. Um den Hopfen haltbarer zu machen, pflegt man ihn zu
  =schwefeln=, d. h. man setzt den getrockneten Hopfen den Dmpfen
  brennenden Schwefels aus (auf 1 Ctr. Hopfen verbraucht man 1-2 Pfd.
  Schwefel). Dieses Schwefeln des Hopfens und Abdarren desselben bei
  mssiger Wrme nach dem Schwefeln, starke Pressung desselben und
  Aufbewahrung in luftdicht verschlossenen Rumen -- dies sind die bis
  jetzt bekannten Mittel, den Hopfen zu conserviren und dadurch den
  grossen Schwankungen der Hopfenpreise Grenzen zu setzen. Das zuweilen
  vorkommende Schwefeln von _altem_ dunkler gewordenen Hopfen in der
  Absicht, demselben die Farbe von frischem Hopfen zu ertheilen -- die
  sogenannte Schnfrberei -- lsst sich erkennen, wenn man eine Hand
  voll des verdchtigen Hopfens in der Hand stark zusammenpresst und in
  geschlossener geballter Faust unter die Nase hlt. Die schweflige Sure
  lsst sich dann, wofern der Hopfen erst vor einigen Wochen geschwefelt
  worden war, leicht durch den Geruch erkennen. Die _chemische Prfung
  des Hopfens_ wird auf folgende Weise ausgefhrt: Man bergiesst einige
  Zapfen des zu untersuchenden Hopfens und etwas Zink in einem
  Wasserstoffentwickelungsapparate mit Salzsure und leitet das sich
  entwickelnde Wasserstoffgas in eine verdnnte Lsung von Bleiessig.
  Enthielt der Hopfen schweflige Sure, so ist dem Wasserstoffgas
  Schwefelwasserstoff (SO_{2} + 2H_{2} = SH_{2} + 2H_{2}O) beigemengt,
  der sich durch Bildung von schwarzem Schwefelblei in der Bleilsung zu
  erkennen giebt. Besser noch ist es, das sich bei diesem Versuche
  entwickelnde Gas in eine mit einigen Tropfen Kalilauge versetzte Lsung
  von Nitroprussidnatrium zu leiten; die geringste Spur von
  Schwefelwasserstoff erzeugt eine prchtige purpurrothe Frbung der
  Lsung.

[Sidenote: Surrogate des Hopfens.]

  Anstatt des Hopfens hat man hufig versucht, andere Substanzen wie die
  Rinden der Pinusarten, Quassia, Tausendgldenkraut, Wallnussbltter,
  Wermuth, Bitterklee, Colchicumbltter, wsseriges Aloextract,
  Lactucarium u. s. w. anzuwenden; in der neuesten Zeit ist sogar die
  Benutzung der Pikrinsure vorgeschlagen worden. Abgesehen davon, dass
  mehrere dieser Substanzen geradezu einen nachtheiligen Einfluss auf den
  Organismus ausben, knnen diese Krper wol dem Biere einen bittern
  Geschmack ertheilen, ersetzen aber keineswegs diejenigen Bestandtheile
  des Hopfens, um derentwillen derselbe in der Brauerei Anwendung findet.
  Und diese Bestandtheile sind: eine eigenthmliche Gerbsure, Harz und
  bittere Extractivstoffe und endlich das therische Oel. Ein
  Hopfensurrogat msste demnach diese Substanzen enthalten oder man wrde
  genthigt sein, zwei bis drei verschiedene Materialien anzuwenden, die
  zusammengenommen diese Bestandtheile besssen.

[Sidenote: Wasser.]

  In Bezug auf das =Wasser=, dessen man sich in der Brauerei zum
  Einweichen des Getreides, zum Extrahiren des Malzes und zum Einmaischen
  bedient, ist zu bemerken, dass die Wahl desselben auf die Gte des
  Bieres von dem grssten Einflusse ist. Man unterscheidet =weiches=
  Wasser vom =harten=; ersteres lst die Seife ohne Trbung auf, setzt
  beim Kochen keinen Pfannenstein ab und eignet sich zum Kochen der
  Hlsenfrchte, welche in hartem Wasser, das seine Hrte kohlensaurem
  und schwefelsaurem Kalk verdankt, nicht weich gekocht werden knnen;
  hartes Wasser zersetzt Seife und die entstandene Kalkseife setzt sich
  in weissen Flocken ab; in den Kochgeschirren, Dampfkesseln u. s. w.
  setzt es Kesselstein ab. Ein Wasser ist um so weicher, je weniger es an
  mineralischen Bestandtheilen enthlt. Das =Regenwasser= ist als
  destillirtes Wasser sehr weiches Wasser und enthlt nur Spuren
  organischer Materie, salpetersaures und kohlensaures Ammoniak, das
  =Brunnenwasser= und das =Quellwasser= sind in den meisten Fllen hartes
  Wasser, das =Flusswasser= dagegen ist weiches Wasser. Zur Bierbrauerei
  eignet sich unstreitig am besten ein reines, weiches oder doch nur
  wenig hartes Wasser; man giebt daher dem Fluss- oder Quellwasser vor
  dem Brunnenwasser den Vorzug, wenigstens so weit, als es sich um die
  Anwendung des Wassers zum Malzen handelt; zum Einmaischen scheint
  dagegen ein kalkhaltiges Wasser nicht nachtheilig zu sein, es wird sich
  zwar, wie =Mulder= sagt, der in dem Wasser enthaltene Kalk in
  unlsliches Phosphat umsetzen, es bildet sich aber zu gleicher Zeit
  eine gengende Menge Milchsure, um das Phosphat wieder aufzulsen. Es
  wird dadurch verhtet, dass die Phosphorsure durch hartes Wasser
  whrend des Brauprocesses unlslich ausgeschieden werde. Steht kein
  anderes Wasser zu Gebote, als mit trbenden und organischen Stoffen
  verunreinigtes, so ist das Wasser vorher durch Absetzenlassen und
  Filtration zu reinigen. Die Mnchener Brauereien wenden Isarwasser an,
  welches Kalk- und Magnesiasalze theils suspendirt, theils gelst, in
  reichlicher Menge enthlt und deshalb nicht sofort zum Brauen
  verwendet, sondern vorher in grosse Behlter geleitet wird, damit sich
  hier die suspendirten erdigen Theile absetzen knnen, mit denen
  jedenfalls auch durch Flchenanziehung ein Theil der aufgelsten Salze
  niedergerissen wird; durch den Zutritt der Luft wird aber auch der
  zweifach kohlensaure Kalk u. s. w. zersetzt und auf diese Weise das
  Wasser von einem grossen Theile der Kochsalze befreit. An anderen Orten
  reinigt man das zum Brauen anzuwendende Flusswasser durch Filtration
  durch Lager von Sand, Kies und Kohle.

[Sidenote: Ferment.]

  Was das =Ferment=, die Hefe, betrifft, so verweisen wir theils auf
  dasjenige, was in der Einleitung zu den Ghrungsgewerben im Allgemeinen
  von der Hefe gesagt wurde, theils auf den speciellen Theil der
  Brauerei, namentlich auf die Ghrung der Bierwrze.

[Sidenote: Das Specielle des Brauverfahrens.]

Die =Schilderung des Brauverfahrens=[116] lsst sich der leichteren
Uebersicht wegen in vier Abschnitte bringen, nmlich in:

    1) die Malzbereitung (das Malzen oder Mlzen),
    2) die Bereitung der Bierwrze (das Maischen),
    3) die Ghrung der Bierwrze,
    4) die Aufbewahrung und Pflege des Bieres.

  [116] Fr das Studium der Theorie und Praxis der Bierbrauerei sind
        nachstehende Zeitschriften warm zu empfehlen:

        1) Der bayerische Bierbrauer, redigirt von Dr. =Lintner=,
        Professor und Vorstand der Brauerschule in Weihenstephan,
        Mnchen;

        2) Der Bierbrauer, begrndet =G. E. Habich=, redigirt von =H.
        Fleck=, Leipzig.

[Sidenote: Malzen.]

I. =Die Malzbereitung.= Die Ueberfhrung der Gerste in =Malz= oder =das
Malzen= ist ein =unterbrochener Keimprocess= und eine Vorbereitung des
Getreides fr die Zwecke der Bierbrauerei und Branntweinbrennerei. Das
nicht gekeimte Getreide hat nur in sehr geringem Grade die Eigenschaft,
die in ihm enthaltene Strke in Zucker (Dextrose) zu verwandeln; diese
Eigenschaft entwickelt sich erst whrend des Keimens und durch dieselbe
ist man im Stande, Malz von ungekeimter Frucht zu unterscheiden. Warum
man der Gerste vor anderen Getreidearten den Vorzug giebt, hat, wie
schon angefhrt, darin seinen Grund, dass das Gerstenmalz die
zuckerbildende Eigenschaft in noch hherem Grade erlangt, als das Malz
anderer Getreidearten.

  Das Pflanzenleben zerfllt in drei Perioden. In der ersten entwickelt
  sich die Pflanze auf Kosten einiger ihrer Organe, welche dabei
  vollstndig erschpft werden und absterben. Diese Periode ist die Zeit
  des =Keimens=. In der zweiten Periode, die des Wachsthums, lebt die
  Pflanze auf Kosten der Aussenwelt und in der dritten, die der Blthen-
  und Fruchtbildung, leben einzelne Theile der Pflanze, die
  Fortpflanzungsorgane, auf Kosten der ganzen Pflanze, die dabei so
  erschpft wird, dass sie ihrem Untergange entgegengeht. Das Keimen, und
  nur mit dieser ersten Phase des Pflanzenlebens haben wir uns hier zu
  beschftigen, bezweckt das werdende junge Pflnzchen fr seine erste
  Entwickelung zu ernhren, namentlich fr die Ausbildung der Wurzeln,
  bis zu dem Punkte, bei welchem sie selbst im Stande sind, der Pflanze
  Nahrung zuzufhren. Zu diesem Zwecke hat die Natur eine bestimmte Menge
  von Nahrungsstoff in eigens dazu bestimmten Gebilden aufgespeichert,
  welche Nahrung dann der Pflanze so lange zugefhrt wird, bis sie sich
  unabhngig von den Hlfsorganen und selbstndig zu erhalten vermag. Das
  keimende Korn hat mithin grosse Aehnlichkeit mit dem bebrteten Eie. In
  dem Eie finden wir unter der Schale das Eiweiss mit dem Dotter und dem
  Embryo. Ist die Entwickelung des letzteren eingetreten, so erleiden die
  ihnen zunchst liegenden Theile des Eies eine Vernderung und dienen
  ihm dann zur Ernhrung, die so lange whrt, bis das gengend erstarkte
  Thier auf Kosten der Aussenwelt zu leben im Stande ist. Was bei dem Ei
  die Schale, das ist an dem Getreidekorne die lederartige Samenhaut (bei
  der Gerste mit den stehen gebliebenen Spelzen), was wir dort als
  Eiweiss und Dotter erkennen, unterscheiden wir bei der Gerste als
  Eiweiss- oder Mehlkrper, aus Eiweisssubstanz (Kleber) und Strkemehl
  bestehend, was endlich im Eie als Embryo auftritt, zeigt sich in der
  Gerste als Keim, welcher vorn hart an die Samenhaut angedrckt ist,
  hinten vom Eiweisskrper bedeckt wird. Der Keim besteht aus dem
  Wrzelchen (_radicula_), welches sich zuerst entwickelt und dem
  Blattfederchen oder Knspchen (_plumula_), das erst spter hervortritt
  und den krftigen Halm bildet. Das Blattfederchen nimmt, ehe ihm das
  Wrzelchen aus dem Boden Nahrung zuzufhren vermag, aus dem
  Eiweisskrper seine Nahrung; es kann aber davon nur Gebrauch machen,
  wenn durch Einweichen der Gerste der Eiweisskrper lslich gemacht
  worden ist. Mit der Entwickelung des Keimes findet in dem Samenkorne
  eine energische chemische Action statt, deren Sitz wesentlich in dem
  Kleber des Kornes zu suchen ist. Die Quantitt der lslichen
  Bestandtheile des Klebers nimmt zu, ebenso die Eigenschaft, die Strke
  ebenfalls in einen lslichen Krper, in Dextrin und Zucker zu
  verwandeln. Hier ist nun die Stelle, an welcher sich die Zwecke der
  natrlichen Keimung behufs der Entwickelung der Pflanze, und die Zwecke
  der Industrie, die Malzbereitung begegnen. Das Wesen der letzteren
  liegt nmlich in der Entwickelung der hchsten zuckerbildenden
  Eigenschaft der gekeimten Gerste, das Schwierige der Operation, das
  Keimen zur rechten Zeit zu unterbrechen, damit nicht der Blattkeim
  einen grossen Theil des Eiweisskrpers verschlinge und zur Entwickelung
  der Gerstenpflanze beitrage.

  Die Bedingungen des Keimens der Gerste sind immer dieselben, mge sich
  dieselbe als Saat in dem Ackerboden befinden, oder das Material zur
  Malzbereitung sein. Diese Bedingungen sind: Sttigung der Gerstenkrner
  mit Feuchtigkeit, eine Temperatur, welche nicht hher als 40, nicht
  niedriger als 4 sein darf, Zutritt der atmosphrischen Luft zu den
  Samen und Abhaltung des Lichtes.

a) Das =Einweichen oder Einquellen= der Gerste in Wasser geschieht in den
Quellbottichen oder Weichen. Man will dadurch der Gerste die zum Keimen
erforderliche Feuchtigkeit geben, ferner sucht man dieselbe dabei von
allen Unreinigkeiten und tauben Krnern zu befreien. Die Bottiche oder
Weichen sind von Holz, Sandstein oder Cment aufgefhrt; man fllt sie
zur Hlfte mit Wasser an und schttet die Gerste in dieselben unter
bestndigem Rhren ein. Es wird soviel Wasser zugesetzt, dass es einige
Zoll hoch die Gerste bedeckt. Die gesunden Krner sinken nach einigen
Stunden unter, whrend die sich auf der Oberflche des Wassers
abscheidenden tauben und beschdigten Krner abgeschpft werden und unter
dem Namen =Abschpfgerste= als Viehfutter Verwendung finden.

  Indem das Wasser nach und nach die Substanz der Krner durchdringt und
  diese erweicht und aufschwellt, lst es gewisse Bestandtheile aus der
  strohigen Hlse auf; dadurch nimmt das Wasser eine braune Farbe und
  einen eigenthmlichen Geruch und Geschmack an und grosse Neigung in
  Milch-, Buttersure- und Bernsteinsureghrung berzugehen. Diese
  Vernderung wrde einen nachtheiligen Einfluss auf das Malz ausben,
  wenn man ihm nicht durch das Wechseln des Weichwassers zuvorkme,
  welches letztere so oft wiederholt werden soll, bis das Wasser nicht
  mehr trbe abfliesst. Die Dauer des Einweichens ist von der
  Beschaffenheit und dem Alter der Gerste, von der Temperatur des
  Wassers u. s. w. abhngig. Bei junger frischer Gerste sind 48 bis 72
  Stunden gengend, whrend bei lterer und kleberreicher Gerste oft 6-7
  Tage erforderlich sind. Um eine gleichmssige Weiche zu erzielen, muss
  desshalb Gerste von mglichst gleicher Beschaffenheit und gleichem
  Alter angewendet werden. Nachdem die Quellreife eingetreten ist, lsst
  man die Gerste noch 8-10 Stunden zum Abtropfen in der Weiche liegen,
  bevor man sie auf die Malztenne zum Keimen bringt. Die Quellreife
  erkennt man daran: 1) dass das Korn mit dem Nagel leicht gebogen werden
  kann, ohne zu zerbrechen, 2) die Hlse sich leicht lst, wenn man das
  Korn der Lnge nach zwischen den Fingern drckt, 3) das Korn an einem
  Holze gestrichen, einen mehlartigen Strich giebt. Es ist rathsam, die
  Gerste eher etwas zu wenig als zu viel zu weichen, weil durch zu langes
  Weichen die Keimkraft leicht zerstrt wird, mithin beim Wachsen viele
  Krner ausbleiben. Die normal geweichte Gerste besitzt einen
  aromatischen, an Aepfel erinnernden Geruch. Im Allgemeinen betrgt die
  Menge des von der Gerste aufgenommenen Wassers 40-50 Proc., wodurch ihr
  Volumen um 18-24 Proc. zunimmt. Ungeachtet dieser Gewichtszunahme durch
  Wasserabsorption erleidet die Gerste einen Gewichtsverlust an Substanz
  von 1,04-2 Proc. =Lermer= wies in dem frischen Weichwasser
  Bernsteinsure (auf 1 Scheffel Gerste etwa 30 Grm.) nach.

b) =Das Keimen der gequellten Gerste.= Sobald die Gerste mit Feuchtigkeit
gesttigt ist, beginnt die Thtigkeit des Keimes und die Umwandlung des
Strkemehls in Zucker. Letztere geht langsam vor sich und hlt mit der
Entwickelung und dem Nahrungsbedrfniss des jungen Pflnzchens gleichen
Schritt. Kurze Zeit nach der beginnenden Entwickelung des
Blattfederchens, wo die zuckerbildende Kraft der Gerste ihr Maximum
erreicht hat, muss der Keim getdtet werden. Mit der Tdtung desselben
erlischt jedoch die zuckerbildende Kraft nicht. Es ist die Aufgabe des
Mlzers, durch Regulirung der Temperatur das Keimen zu berwachen und zur
gehrigen Zeit zu unterbrechen. Das Local, in welchem das Keimen vor sich
geht, heisst die =Malz=- oder =Haufentenne= oder der =Wachskeller=.

  Das Keimen der Gerste wird dadurch eingeleitet, dass man die geweichte
  Gerste auf dem Fussboden der Malztenne zu einem 4-5 Zoll hohen Haufen
  -- der =Malzscheibe= oder dem =Beet= -- ausbreitet, und anfangs alle
  sechs, spter alle acht Stunden umschaufelt, bis die Oberflche
  getrocknet erscheint. Whrend des Abtrocknens der Haufen (Malzscheiben
  oder Beete genannt) erscheint der Keim als weisser Punkt, aus welchem
  sich mehrere Wrzelchen entwickeln. Dieses beginnende Keimen wird das
  =Guzen= oder =Aeugeln= genannt. Sobald dasselbe bei allen Krnern
  gleichmssig eingetreten ist, steigert man die Temperatur durch
  strkeres Zusammensetzen der Haufen, d. h. dadurch, dass man dem Haufen
  eine Dicke von einem Fusse giebt und lngere Zeit, ohne zu schaufeln,
  liegen lsst. Die Temperatur des Haufens steigt 6-10 ber die der
  Umgebung und bewirkt eine starke Verdunstung von Feuchtigkeit, die sich
  in den oberen Schichten des Haufens verdichtet. Man nennt letztere
  Erscheinung das =Schweisstreiben= oder =Schwitzen=. Zu gleicher Zeit
  entwickeln sich grosse Mengen von Kohlensure, und es ist dabei ein
  angenehmer, obstartiger Geruch wahrzunehmen. Das Umschaufeln wird
  gewhnlich zum dritten Male wiederholt. Die Wrzelchen haben zu dieser
  Zeit bereits die Lnge von einigen Linien und sind ineinander
  geschlungen und gleichsam verfilzt. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen,
  wo der Entwickelung des Keimes entgegengetreten werden muss; dies
  geschieht durch Erniedrigung der Temperatur auf die Weise, dass der
  Haufen =ausgezogen=, d. h. um einige Zoll dnner gelegt wird. Der
  Mlzer beurtheilt das Fortschreiten und die Beendigung des Keimens nach
  der Lnge der Wurzelfasern; bei hinreichend gekeimter Gerste sollen die
  Keime die Lnge des Kornes um den vierten Theil oder um die Hlfte
  bertreffen, und so ineinander verfilzt sein, dass mehrere Krner
  ineinander hngen bleiben. Die Dauer des Keimens betrgt whrend der
  wrmeren Jahreszeit 7-10 Tage; gegen das Ende des Herbstes 10-16 Tage.
  Das Keimen ist um so schneller beendigt, je mehr sich die Temperatur
  whrend desselben steigert. Die mittlere Keimzeit betrgt 8 Tage. Der
  Frhling und der Herbst sind dem Keimen gnstiger als der
  Sommer. Der Gewichtsverlust, welchen die Gerste whrend des Keimens
  erleidet, macht gegen 2 Proc. aus; er kommt auf Rechnung des
  Kohlenstoffs der Gerste, welcher durch den atmosphrischen Sauerstoff
  zur Kohlensure oxydirt wird.

c) =Das Trocknen und das Darren der gekeimten Gerste.= Sobald der
Keimprocess der Gerste hinreichend vorgeschritten ist, wird durch
schnelles Entziehen von Wrme und Feuchtigkeit der Keim getdtet. Zu
diesem Zwecke bringt man die gekeimte Gerste (das Grnmalz) auf den
Trockenboden (=Schwelkboden=, =Welkboden= oder =Schwelche=), ein
gewhnlicher Getreideboden, oder ein anderer dem Luftzug ausgesetzter
Ort, der in der Nhe der Darre liegt. Das Grnmalz wird auf dem
Trockenboden 3-5 Centimeter ausgebreitet und tglich zur Verhinderung
jeder Erhitzung 6-7mal umgerhrt. Nachdem das Malz getrocknet ist,
entfernt man die Wrzelchen; ein Theil derselben fllt von selbst ab, ein
anderer Theil wird durch Treten mit Holzschuhen von dem Malze getrennt
und vermittelst einer Wurfmaschine gesondert. Das so erhaltene Malz,
=Luftmalz= (Schwelchmalz) unterscheidet sich von der gekeimten Gerste nur
durch Verminderung der Feuchtigkeit, die chemische Beschaffenheit ist
dieselbe geblieben.

  Fr einige Biere wendet man das Malz nur im getrockneten Zustande als
  Luftmalz an, fr die meisten Biersorten jedoch wird es vorher einem
  besonderen Rstprocesse, dem =Darren= unterworfen, wodurch das Luftmalz
  in =Darrmalz= bergeht. Wird nmlich das Malz whrend des Trocknens
  einer Temperatur ausgesetzt, die der Siedehitze des Wassers nahe liegt,
  so erleidet das Malz eine wesentliche Vernderung, welche sich durch
  eine dunklere Farbe und durch einen angenehmen Geschmack kundgiebt.
  Diese Vernderung ist eine Folge der fortgesetzten Einwirkung der
  zuckerbildenden Kraft auf das Strkemehl, hauptschlich ist sie aber
  durch Rsten der Malzbestandtheile hervorgebracht. Die bei dem Darren
  angewendete Temperatur ist von dem grssten Einflusse, weil die
  Temperaturgrade, bei welchen das Malz die gnstige Umwandelung erfhrt
  und diejenigen, wobei es untauglich wird, nicht weit von einander
  liegen. Ehe man das Malz der zum Darren erforderlichen Temperatur
  aussetzt, wird es vorher auf den Trockenboden gebracht und sodann auf
  der Darre bis 30-40 erhitzt. Wollte man das Grnmalz sofort stark
  erhitzen, so wrde das Strkemehl in Kleister bergehen und sich das
  Korn in eine hornartige fr das Wasser undurchdringliche Substanz
  (=Glasmalz=, =Steinmalz=) umwandeln, wodurch es zum Brauen untauglich
  wird.

  Von den jetzt blichen =Malzdarren= seien folgende angefhrt, von
  vornherein aber bemerkt, dass jede Darre wesentlich aus zwei Theilen
  besteht, nmlich der =Darrflche= oder =Darrplatte=, auf welche das zu
  darrende Malz gebracht wird, und der =Darrheizung=, durch welche man
  das auf der Darrflche befindliche Malz erhitzt. Ehedem bestand die
  Darrflche aus Kacheln oder Steinplatten, gegenwrtig ist sie stets
  durchbrochen (Hrde) und besteht entweder aus siebhnlich
  durchlchertem Metallblech (Blechdarren, Plattenhrden) oder aus
  Drahtgeflecht oder Kupfer (Drahtdarren, Drahthrden). Man unterscheidet
  =Rauch=- und =Luftdarren=. Zu den ersteren werden die aus der
  Darrfeuerung sich entwickelnden heissen Verbrennungsgase durch den
  Heizkanal in einen oberhalb befindlichen, trichterfrmig sich
  erweiternden Raum, die Sau, gefhrt, auf welchem sich die Darrplatte
  befindet. Diejenigen Brennmaterialien, welche wie Koks keinen Rauch
  geben, sind fr diese Art Darren am zweckmssigsten. Bei Anwendung von
  Holz wird das Malz dunkler und nimmt einen Rauchgeschmack an, welcher
  sich dem aus dem Malz erzeugten Biere mittheilt. Die Construction der
  =Luftdarren= ist der Art, dass die Verbrennungsgase in keine
  unmittelbare Berhrung mit dem zu darrenden Malze kommen, sondern durch
  die Feuerung und die Feuergase ein Strom erwrmter Luft erzeugt wird,
  welcher sich unter der Darrflche vertheilt und dieselbe durchdringt.
  Wenn dabei die Darrplatte nicht horizontal liegt, sondern nach zwei
  Seiten hin sich abdacht, so nennt man die Darre eine =Satteldarre=. In
  Bayern combinirt man in den grsseren Brauereien Luft- und Rauchdarren,
  indem man die Verbrennungsgase, die von den Braupfannen abziehen, durch
  einen unter der Darrflche hin- und hergehenden Kanal von Eisenblech
  leitet, dagegen die Feuergase von einer besonderen Feuerung
  (Darrfeuerung) unmittelbar mit Hlfe steinerner durchbrochener Kanle
  unter die Darrflche strmen lsst. Neuerdings construirt man hufig
  sogenannte =Doppeldarren=, bei welchen ber der gewhnlichen Darrflche
  im Abstande von etwa 1 Meter eine zweite angebracht ist.

  Es wird das =Darrmalz= nicht berall und in allen Fllen demselben
  Grade der Darrung (50-100 C.) unterworfen, deren Produkt man nach der
  Farbe als =gelbes=, =bernsteingelbes= und =braunes= Malz unterscheidet.
  Whrend bei den genannten Malzarten das Darren nur eine schwache und
  oberflchliche Vernderung bewirkt hat, stellt man zuweilen Malz
  (=Farbemalz=) von dunkelkaffeebrauner Farbe dar, welches in seiner
  ganzen Masse durch Rstung verndert ist und in den englischen
  Brauereien zum Frben des Porters angewendet wird; man rstet es
  hnlich dem Kaffee in blechernen Cylindern, ber freiem Feuer. Die
  zuckerbildende Kraft des Malzes ist darin vllig vernichtet, die Strke
  ist in Leiokom, der Zucker in Caramel bergegangen. Nach dem Darren
  befreit man das Malz von den Malzkeimen auf dieselbe Weise, wie dies
  beim Luftmalze geschieht.

  100 Th. Gerste geben durchschnittlich 92 Th. Luftmalz. Die 8 Th.
  Verlust vertheilen sich in folgender Weise:

                   das Einquellwasser fhrt weg   1,5
                   Verlust auf der Malztenne      3,0
                   Verlust an Wurzelkeimen        3,0
                   anderer Verlust                0,5
                                                  ---
                                   Gesammtverlust 8,0

  Der Feuchtigkeitsgrad des Luftmalzes ist dem der Gerste gleich und
  betrgt 12-15,2 Proc., welche beim Darren vollstndig ausgetrieben
  werden. Nach =C. John= (1869) geben 100 Th. Gerstentrockensubstanz:

                                         I.     II.
                      Malz             83,09   85,88
                      Blattkeime        3,56    3,09
                      Wurzelkeime       4,99    4,65
                      Gasige Produkte   8,36    6,38
                                      --------------
                                      100,00  100,00

  Die Vernderungen, welche das Luftmalz beim Uebergang in gedarrtes Malz
  erleidet, lassen sich am besten aus folgenden von =Oudemans=
  angestellten Analysen bersehen:

                        Luftmalz.  Gedarrtes Malz.  Stark gedarrtes Malz.
         Rstprodukte      0,0             7,8             14,0
         Dextrin           8,0             6,6             10,2
         Strkemehl       58,1            58,6             47,6
         Zucker            0,5             0,7              0,9
         Zellenstoffe     14,4            10,8             11,5
         Eiweissstoffe    13,6            10,4             10,5
         Fett              2,2             2,4              2,6
         Asche             3,2             2,7              2,7

  Der Zuckergehalt erhht sich daher whrend des Darrens nur unbedeutend,
  der Gehalt an Dextrin (Leiokom, Rstgummi) nimmt dagegen beim starken
  Darren zu und zwar in demselben Verhltnisse, in welchem der
  Strkemehlgehalt abnimmt. Die Wirkung des Malzes, Strke in Dextrin und
  Zucker zu verwandeln, rhrt bekanntlich von dem Gehalte desselben an
  =Diastase= her. =Dubrunfaut= hat nun krzlich (1868) aus dem Malz einen
  andern Stoff dargestellt, der viel wirksamer als die Diastase ist, und
  von ihm =Maltin= genannt wird. Derselbe unterscheidet sich, obwol
  bisher noch nicht ganz rein dargestellt, doch sehr wesentlich von der
  Diastase, indem er sich gegen Gerbsure wie eine Base verhlt; er
  verbindet sich mit derselben, ohne dabei seine wirksamen Eigenschaften
  zu verlieren. Das Maltin bildet in guter gekeimter Gerste den
  hundertsten Theil. Da seine activen Eigenschaften um so bedeutend
  grsser als die der Diastase sind, so kann man mit derselben Menge
  Maltin, welche in einer bestimmten Portion Malz enthalten ist, zehnmal
  so viel Bier erzeugen, als wenn man nur die Diastase benutzt.
  =Dubrunfaut= hat noch einen zweiten aber ungleich weniger wirksamen
  Krper dargestellt. Dieser verhlt sich in Betreff der Zersetzung der
  Strke wie die Diastase; das Malz enthlt davon 1-1/2 Proc., whrend es
  1 Proc. Maltin enthlt. Die energische Behandlung mit Alkohol, welcher
  man den Malzaufguss aussetzt, um die Diastase zu gewinnen, zerstrt das
  Maltin. =Dubrunfaut= glaubt daher, dass die Diastase nur eine
  unwirksamer gewordene Modification seines neuen Stoffes sei.

[Sidenote: Bereitung der Bierwrze.]

II. =Die Bereitung der Bierwrze[117].= Unter der Bezeichnung Bierwrze
versteht man die aus Malz und Hopfen bereitete zucker- und dextrinhaltige
Flssigkeit, welche spter durch Ghrung in Bier bergeht. Ihre Bereitung
zerfllt in drei Operationen, nmlich in:

    a) das Schroten des Malzes,
    b) das Maischen oder Einmaischen,
    c) das Kochen und Hopfen der Wrze.

  [117] Es sei hier ausdrcklich hervorgehoben, dass bei der Beschreibung
        der Bereitung der Bierwrze die gegenwrtig hufig angewendeten
        =Malzsurrogate= wie Strkezucker, Glycerin u. dgl.
        unbercksichtigt geblieben sind.

a) =Das Schroten des Malzes.= Die Bierwrze wird durch Extraction des
Malzschrotes mit Wasser erhalten. Zu diesem Behufe muss das Malz
zweckmssig zerkleinert (=geschroten=, =gerissen=, =gebrochen=) werden.
Eine feine Pulverung zu Mehl wrde zwar die Extraction der auflslichen
Theile des Malzes befrdern, allein aus einem zu feinem Malzmehle wrde
nur usserst schwierig die Wrze klar, durch Filtration (im Maischkasten)
erhalten werden knnen.

  Das Schroten geschieht entweder auf gewhnlichen Mahlmhlen, wo es dann
  erforderlich ist, um das Zerreiben der Hlse mglichst zu vermeiden,
  das Malz vorher mit Wasser zu netzen oder auf Schrot- oder
  Malzquetschmaschinen, welche zum Zerkleinern des Malzes vor den
  Mahlmhlen unstreitig den Vorzug verdienen, indem so behandeltes Malz
  sich vollstndiger extrahiren lsst, beim Maischen leichter bearbeitet
  werden kann und die Wrze schnell ablaufen lsst. Es lsst sich
  erklren, dass das zwischen Walzen zerquetschte Malz mehr Extract
  giebt, als das durch Schroten zerstckte, weil die Walze jeden Theil
  des Kornes gleich stark trifft und so die Hlse gleich gut abdrckt und
  lst.

[Sidenote: Maischen.]

b) Das =Maischen= hat zum Zweck, nicht nur den in dem Malz erhaltenen
Zucker und das Dextrin, berhaupt alle extrahirbaren Stoffe auszuziehen,
sondern auch aus dem noch vorhandenen unvernderten Strkemehl mit Hlfe
der sogenannten Diastase, des Wassers und einer geeigneten Temperatur,
Zucker und Dextrin zu bilden. Dem eigentlichen Maischen geht das
=Einteigen= voran, wobei das gebrochene Malz mit Wasser befeuchtet und
erweicht wird. Uebergsse man das Malz sogleich mit heissem Wasser, so
wrden sich klumpige Massen bilden, die sich nur schwierig zertheilen
lassen. Zu heisses Wasser wrde das Strkemehl des Malzes in Kleister
verwandeln, der die auflslichen Theile umhllt und das Eindringen des
Wassers verhindert; die Diastase wird ferner durch zu heisses Wasser
unwirksam. Das zur Extraction des Malzes nothwendige Wasser wird nie auf
einmal, sondern in getheilten Portionen angewendet. Die hhere Temperatur
ist in einer dicken Maische auch besser zu erhalten als in einer dnnen;
die Zuckerbildung wird also auf diese Weise befrdert, da die thtigen
Theile bei einander bleiben. Die Versuche von =Musculus= haben gezeigt,
dass durch die Wirkung der Diastase auf Strkemehl nur ein Theil
derselben in Zucker bergefhrt wird. =Lermer= fand, dass beim
Einmaischen von Gerstenmalz im besten Falle nur die Hlfte der dem
Strkemehl entsprechenden Zuckermenge gebildet wird.

  Die Maischmethoden sind sehr verschieden; darin kommen aber alle
  berein, dass man die Zuckerbildung (Verzuckerung) in denselben
  Behltern vornimmt, in welchen das Ausziehen erfolgt. Je nach der Art
  und Weise, die Maische auf die zur Verzuckerung geeignete Temperatur
  von 75 C. zu bringen, unterscheidet man folgende zwei Maischmethoden:

  a) die =Infusionsmethode=, nach welcher die Maische einen bestimmten
     Wrmegrad erhlt, ohne dass irgend eine Portion derselben bis zum
     Sieden erhitzt wurde. Man bringt das eingeteigte gebrochene Malz
     durch heisses Wasser (_erster Guss_) auf die Maischtemperatur, lsst
     die Wrze nach hinreichend erfolgter Verzuckerung von dem Rckstande
     ab und gewinnt diejenige Portion Wrze, die von den Trebern
     zurckgehalten wird, durch nochmalige Zustze von heissem Wasser
     (_zweiter_, _dritter Guss_); die Infusionsmethode ist in einem
     grossen Theile des nrdlichen Deutschlands, in Frankreich, in
     England, zum Theil in Oesterreich und in einigen Gegenden Bayerns
     gebruchlich;

  b) die =Decoctionsmethode=. Nach ihr macht man im Gegensatze zu der
     Infusionsmethode vom theilweisen Siedenlassen der Maische Gebrauch;

     [Greek: a]) wendet man das =Dickmaischkochen= an, so wird das mit
        vielem Wasser eingeteigte Malzschrot nicht auf die
        Maischtemperatur erhoben, sondern diese dadurch erzielt, dass man
        einen Theil der Maische in der Braupfanne bis zum Sieden erhitzt,
        dann zu der brigen Maische im Maischbottich giebt und dies
        einigemal wiederholt, bis die Maische die zur Verzuckerung
        geeignete Temperatur erlangt hat;

     [Greek: b]) nach dem =Lautermaischkochen= bringt man das eingeteigte
        Malzschrot auf die Maischtemperatur, giebt die erste Wrze in die
        Pfanne und bringt sie siedend auf das Schrot zurck.

  Das =Einteigen= oder =Einmaischen= geht in den =Maischgefssen= vor
  sich; sie sind entweder runde Bottiche oder viereckige Maischkasten von
  Holz und mit einem doppelten Boden versehen. Der obere der beiden Bden
  ist durchlchert und befindet sich einige Zoll ber dem unteren.
  Zwischen den Bden ist ein Hahn zum Ablassen der Wrze angebracht. In
  grsseren Brauereien ist der hlzerne Seihboden durch einen metallenen
  Seihboden verdrngt. Man lsst das heisse Wasser nicht von oben,
  sondern =von unten= in den Maischbottich einfliessen und so zu dem
  Malzschrot gelangen, zu welchem Behufe ein hlzerner vierseitiger Kanal
  oder zweckmssiger ein weites kupfernes Rohr (der =Pfaffe=) vom obern
  Rande des Bottichs bis unter den Seihboden herabreicht. Wird das
  Maischen mit Hlfe einer Rhrvorrichtung ausgefhrt, so steht der
  Pfaffe nicht in dem Bottich selbst, sondern ausserhalb desselben und
  zwar am zweckmssigsten auf dem Rohr des Abschlusshahnes. Unter den
  Maischgefssen befindet sich ein grosser Behlter, der =Biergrand=;
  dieser Behlter ist entweder von Stein, Cment, Holz oder aus
  Mauerwerk, stets aber mit Kupferblech begleitet und hat die Bestimmung,
  die von den Maischgefssen ablaufende Flssigkeit aufzunehmen. Dort, wo
  die Maische sogleich in die Braupfanne fliesst, fllt
  selbstverstndlich der Biergrand hinweg. Das Durcharbeiten der Masse
  whrend des Maischens geschieht entweder durch Handarbeit mit Hlfe von
  Krcken oder durch besondere mechanische Rhrvorrichtungen
  (=Maischmaschinen=), die durch Wasser- oder Dampfkraft in Bewegung
  gesetzt werden.

[Sidenote: Decoctionsmethode.]

Gehen wir nun zur Beschreibung des eigentlichen Maischprocesses ber und
beginnen wir mit der =Decoctionsmethode=. Das Einteigen geschieht in dem
Maischbottich, in welchen man vorher die bestimmte Menge Wasser bringt
und dann das geschrotete Malz hineinschttet. Die Wassermenge, die zum
Einteigen gebraucht wird, betrgt auf 100 Volumen Malz 202 Volumen Wasser
von gewhnlicher Temperatur. Nachdem das gebrochene Malz mit dem Wasser
gut umgerhrt worden ist, bleibt das Ganze 6-8 Stunden lang stehen.
Whrend dieser Zeit wird das fr das Maischen nothwendige Wasser in der
Braupfanne zum Kochen erhitzt; die Menge desselben richtet sich darnach,
ob Schenkbier oder Lagerbier gebraut werden soll. Das Quantum Wasser, das
zur Herstellung einer bestimmten Menge Bieres verwendet wird, heisst
=Guss=, das Verhltniss der Malzmenge zur Qualitt der zu erzeugenden
Wrze die =Schttung=. Im Knigreich Bayern ist die Biermenge, die aus
einem bestimmten Malzquantum hergestellt wird, gesetzlich bestimmt und
betrgt beim Schenkbier (Winterbier) 7 Eimer, beim Lagerbier (Sommerbier)
6 Eimer pro Scheffel Malz, oder mit anderen Worten:

                                   } 202,3 Volum. Schenkbier,
           100 Volum. Malz liefern }
                                   } 173,4   "    Lagerbier.

Um nun diese Quantitt Bier zu erzeugen, muss man natrlich beim Brauen
eine grssere Wassermenge anwenden. So werden z. B. in einer Brauerei
Bayerns folgende Quantitten Wasser genommen:

          pro Scheffel Malz    zum Schenkbier    zum Lagerbier
              zum Einteigen      7 Eimer          7   Eimer
               "   Maischen      6   "            4,5   "
                               -------------------------------
                                13 Eimer         11,5 Eimer

oder fr

          100 Vol. Malz
              zum Einteigen     202,3 Vol.      202,3 Vol.
               "  Maischen      170,0  "        130,0  "
                                --------------------------
                                372,3 Vol.      332,3 Vol.

Diese Verhltnisse wechseln nach Qualitt der Gerste, nach Witterung,
Lnge der Zeit der Aufbewahrung u. s. w.

  Von den verschiedenen Modificationen der Decoctionsmethode seien 1) die
  =bayerische= oder =Mnchner Maischmethode=, und 2) =das
  Augsburg-Nrnberger= oder =schwbische Maischverfahren= oder das =auf
  Satz brauen= angefhrt.

[Sidenote: Dickmaischverfahren.]

  Nach dem =Mnchner Maischverfahren= (Dickmaisch- oder
  Lautermaischkochen) wird die zum Sud erforderliche Wassermasse (der
  Guss) getheilt, zwei Dritttheile werden im Maischbottich mit dem
  Malzschrot zum Einteigen verwendet. Nachdem die Maische in dem Bottich
  2-4 Stunden lang eingeteigt war, trgt man das letzte Dritttheil
  Wasser, welches unterdessen in dem Braukessel bis zum Sieden erhitzt
  worden ist, unter fortwhrendem Umrhren ein, wodurch die Maische eine
  Temperatur von 30-40 annimmt. Darauf folgt das =erste
  Dickmaischkochen=; zu diesem Zwecke zieht der Brauer das eingemaischte
  Schrot auf der einen Seite des Bottichs zusammen und schpft einen
  Theil davon in die Braupfanne, worin er es bei Schenkbier 30 Minuten,
  bei Sommerbier 75 Minuten sieden lsst. Die Quantitt der
  zurckgeschpften Masse betrgt gewhnlich die Hlfte vom Guss. Die
  siedende Masse wird in das Maischgefss zurckgeschpft. Darauf folgt
  das Ueberschpfen der =zweiten Dickmaische= in die Braupfanne, in
  welcher man dieselbe bei Schenkbier 75 Minuten, bei Sommerbier eine
  Stunde sieden lsst. Durch die erste Dickmaische erhht sich die
  Temperatur im Maischbottich auf 48-50, durch die zweite auf 60-62.
  Nach beendigtem Maischen der zweiten Dickmaische beginnt das
  Ueberschpfen der =Lautermaische=, d. h. des dnneren Theiles der
  Maische in den Braukessel, in welchem man sie ungefhr 15 Minuten lang
  sieden lsst und sodann in den Maischbottich zurckbringt. Die
  Temperatur der Maische betrgt jetzt 72-75 und ist die zur
  Zuckerbildung geeignetste. Die Maische bleibt nun in dem bedeckten
  Bottich 1-1/2-2 Stunden sich selbst berlassen. Whrend dieser Zeit
  wird, sobald die Lautermaische die Pfanne verlassen hat, dieselbe
  wieder mit Wasser gefllt und zwar mit so viel, als man zum
  Nachbierbereiten (=Anschwnzen=) braucht. Nach beendigter Verzuckerung
  wird die erste fertige =Wrze= in den Grand abgelassen oder unmittelbar
  aus dem Maischbottich in die Pfanne gepumpt. Nachdem die Wrze
  abgelassen, schreitet man zum Anschwnzen, d. h. zum vollstndigeren
  Ausziehen der zurckbleibenden Trebern, auf welche man nochmals heisses
  Wasser giesst; die Masse wird durchgearbeitet, nach etwa einer Stunde
  zieht man die zweite Wrze ab, welche entweder mit der ersten gemischt
  oder getrennt von jener gebraut wird, um die Erschpfung der Trebern so
  weit als ausfhrbar zu treiben, wiederholt man den Nachguss und benutzt
  die erhaltene Wrze zum =Nachbier= (Schps, Heinzeln, Dnnbier, Covent
  oder Convent); vom Scheffel Malz bereitet man ungefhr 30-40 Maass
  Nachbier. Die dann noch bleibenden Rckstnde bergiesst man nochmals
  mit Wasser und benutzt diesen letzten Auszug (=Glattwasser=), sowie die
  taigartige Masse, welche sich aus den mehligen Theilen des Malzes
  bildet und auf den Trebern beim Maischen absetzt, den sogenannten
  =Malztaig=, auf Branntwein, sowie zur Fabrikation von Essigwrze. Der
  Malztaig findet auch zur Brotbereitung Anwendung. Die Trebern werden
  als Viehfutter benutzt.

  Das Dickmaischkochen ist keineswegs eine rationelle Methode, da das
  Herber- und Hinberschpfen der Maische nur unnthige Arbeit macht,
  zur vollstndigen Extraction des Malzes nicht so viel beitrgt, als man
  gewhnlich glaubt, und die Ueberfhrung des Strkemehls in Dextrin und
  Dextrose nicht nur nicht beschleunigt, sondern dadurch, dass durch zu
  hohe Temperatur ein Theil der sogenannten Diastase unwirksam gemacht
  werden kann, unsicherer macht. Alle Diejenigen, welche das Braugewerbe
  auf physikalische und chemische Principien zurckzufhren bemht sind,
  erklren sich gegen die so hufig, aber mit Unrecht hervorgehobenen
  Vorzge des Dickmaischkochens -- die Wrze werde bei dem wiederholten
  Kochen der Maischen gegen Suerung oder nachtheilige Vernderung mehr
  geschtzt; der durch wiederholtes Kochen bewirkte grssere Gehalt an
  Dextrin (in Folge von Tdtung der Diastase), mache es mglich, durch
  dieses Maischverfahren ein schwaches Bier von grsserer Haltbarkeit zu
  gewinnen u. s. w. -- und schlagen, um die Nachtheile dieser Methode
  mglichst zu verringern, vor, das Einteigen ziemlich warm vorzunehmen
  (etwa bis 60-65 C.), damit man mit einer einmaligen Dickmaischkochung
  der Maische im Maischbottich die verlangte Temperatur gebe.

[Sidenote: Auf Satz brauen.]

  Verschieden von dem vorstehenden Maischverfahren ist das sogenannte
  =auf Satz brauen=, wie es in vielen Brauereien Schwabens und Frankens
  (Augsburg, Ansbach, Erlangen, Nrnberg, Kulmbach, Kitzingen) angewendet
  und die =schwbische= oder =Augsburg-Nrnberger Maischmethode= genannt
  wird. Das Wesentliche derselben besteht darin, dass man die durch
  Ausziehen des Malzschrotes mit kaltem und dann mit dem ersten heissen
  Wasser erhaltene dextrinreiche Flssigkeit zur Verhinderung der
  ferneren Verzuckerung von der Maische trennt. Das gebrochene Malz wird
  in dem Malzbottich mit kaltem Wasser eingeteigt (auf 7 bayer. Scheffel
  30-35 Eimer Wasser); nach etwa 4 Stunden lsst man zwei Drittheile der
  Flssigkeit durch den Hahn in den Grand fliessen, worin die Flssigkeit
  als =kalter Satz= aufbewahrt wird. Zur Befrderung des Maischens wird
  das Schrot in dem Maischbottich umgestochen, darauf mit einer Krcke
  geebnet und dann ruhig stehen gelassen. Whrend dieser Zeit ist in dem
  Braukessel Wasser bis zum Sieden erhitzt worden (bei Anwendung von 7
  Scheffel Malzschrot 48 Eimer Wasser). Sobald das Wasser siedet, wird es
  zum Theil in den Maischbottich geschpft, bis die Temperatur der
  Maische 50-52 betrgt. Diese Arbeit wird das =Annebeln= genannt. Der
  im Grand befindliche kalte Satz wird zu der Wassermasse im Braukessel
  gebracht; er enthlt Eiweiss, Diastase, Dextrin und Dextrose gelst und
  trgt, indem das Eiweiss gerinnt und alle Unreinigkeiten des Wassers
  einhllt, zum Reinigen des Wassers bei; freilich wird dabei auch die
  werthvolle Diastase zerstrt. Man lsst die Maische eine Viertelstunde
  lang ruhig im Bottich, ffnet dann den Hahn und lsst fast alle
  Flssigkeit von der Schrotmasse schnell ab; diese (die =erste Maische=)
  wird in den Kessel geschpft und zum Sieden erhitzt. Die Flssigkeit
  muss deshalb schnell abgelassen werden, damit der Zwischenraum des
  Doppelbodens des Zapfens ganz leer wird, worauf man den Hahn wieder
  verschliesst. Whrend die erste Maische in dem Kessel bis zum Sieden
  erhitzt wird, sammelt sich in dem Doppelboden des Bottichs wieder eine
  helle und klare Flssigkeit, welche der =warme Satz= genannt wird.
  Dieser Satz kommt aus dem Bottich in den Grand und von da auf die
  Khler, wo er vor der Hand bleibt und von Zeit zu Zeit umgerhrt wird.
  Die im Braukessel bis zum Sieden erhitzte Flssigkeit wird nach dem
  Maischbottich bergeschpft, bis die Maische darin eine Temperatur von
  72-75 erreicht hat. Diese =zweite Maische= wird vollstndig, bis auf
  eine kleine Quantitt, die in dem Maischbottich zurckbleibt, um das
  Erkalten derselben zu verhten, in den Kessel zurckgeschpft und unter
  fortwhrendem Umrhren eine Stunde lang gekocht. Nach dieser Zeit wird
  die Maische nach dem Bottich zurckgeschpft; sie heisst dann die
  =dritte Maische=. Der in den Khlern befindliche warme Satz wird nach
  dem Braukessel gebracht, in welchen man jetzt Hopfen schttet, ohne den
  Hopfen aber mit dem Satz innig zu vermengen. Whrend sich die
  Flssigkeit in dem Kessel allmlig bis auf 25-28 erhitzt, wird
  =gezogen=, die zuerst abfliessende trbe Wrze in den Maischbottich
  zurckgeschpft und die andere allmlig klar abfliessende aus dem
  Biergrand auf den in dem Braukessel befindlichen Hopfen gebracht. Erst
  jetzt wird der Kessel geheizt und das Ganze 3/4 bis 1 Stunde lang
  gelinde gekocht. Die gehopfte Wrze wird nachher auf die Khle
  gebracht. Was von dem altbayerischen Verfahren gesagt wurde, gilt in
  noch hherem Grade von dem =auf Satz brauen=, einem Brauverfahren,
  das auf falschen Principien beruht und nur zu einer Zeit aufkommen
  konnte, wo man sich ber die chemischen Vorgnge beim Maischprocess
  noch keine Rechenschaft zu geben vermochte.

[Sidenote: Infusionsmethode.]

Die =Infusionsmethode= unterscheidet sich von dem Decoctionsverfahren
dadurch, dass man das eingeteigte gebrochene Malz durch heisses Wasser
auf die Maischtemperatur (70-75) bringt, ohne einen Theil der Maische
bis zum Sieden zu erhitzen, die entstandene Wrze zieht und zur
vollstndigen Erschpfung der Trebern noch mehrere Gsse macht; sie
findet in England, Nordamerika, Frankreich, Belgien und Norddeutschland
Anwendung.

  Das zum Einteigen und Maischen dienende Wasser wird ganz oder nur zum
  Theil in dem Braukessel und zwar im Winter bis auf 75, im Sommer bis
  auf 50-60 erhitzt und davon die nthige Menge in den Maischbottich
  gebracht, in welches man das gebrochene Malz schttet und mit dem
  Wasser zu einer gleichfrmigen Masse verarbeitet. Sobald das Wasser in
  dem Braukessel siedet, wird zum Maischen geschritten. Zu diesem Zwecke
  lsst man das siedende Wasser durch den Pfaffen in den Maischbottich
  fliessen, wo es, durch das Einteigwasser etwas abgekhlt, durch die
  Oeffnungen der Seihplatten aufwrts steigt und sich mit dem Malzschrot
  mischt. Die Erhhung der Temperatur bis auf 75 als der zur
  Verzuckerung geeignetsten Temperatur geschieht nur allmlig, damit
  keine Kleisterbildung stattfinde, welche der Einwirkung der Diastase
  Hindernisse in den Weg legen wrde. Da die Ueberfhrung des Strkemehls
  in Dextrin und Dextrose nur nach und nach erfolgt, so muss die
  Maischtemperatur oder Zuckerbildungstemperatur einige Zeit lang
  erhalten werden, mit der Vorsicht jedoch, dass die Temperatur nicht zu
  lange einwirke, weil sonst in Folge von Bildung von Milchsure (und
  wahrscheinlich auch Propionsure) die Maische trebersauer werden wrde.
  Das Fortschreiten der Dextrin- und Dextrosebildung lsst sich am besten
  mit Hlfe einer wsserigen Lsung von Jod (oder einer Lsung von 0,1
  Grm. Jod und 1,0 Grm. Jodkalium in 100 Kubikcentimetern Wasser)
  erkennen, welche zuerst in der Maische eine dunkelblaue, dann eine
  weinrothe und endlich, wenn nur noch Dextrin und Dextrose vorhanden
  sind, keine Frbung mehr in der klaren Wrze hervorbringt, wenn man zu
  einer kleinen Menge der Jodlsung 2-3 Tropfen der Maische bringt.

  Nachdem die Maische etwa eine Stunde lang auf der
  Zuckerbildungstemperatur erhalten worden ist, zapft man die entstandene
  Wrze ab und zwar entweder in den Grand oder einen besonderen
  Wrzebottich oder endlich sogleich in die Braupfanne. Nach dem
  Abfliessen der ersten Wrze macht man den zweiten Guss (Nachguss), um
  die Trebern mglichst zu erschpfen, indem man die Trebern mit
  siedendem Wasser bergiesst und aufmaischt und die Maische 1/2-1
  Stunde lang wieder bei etwa 75 stehen lsst. Sobald die zweite Wrze
  gewonnen ist, bergiesst man die Trebern in dem Maischbottich abermals
  mit Wasser, nachdem man zuvor den Malztaig (Obertaig) entfernt hat.
  Es ist klar, dass die Infusionsmethode hinsichtlich der Anzahl der
  zu machenden Gsse, des Wasserquantums und der Temperatur desselben
  verschieden ausgefhrt werden kann, immer ist es aber nothwendig, um
  Bier von einer gewissen Beschaffenheit zu erhalten, Wrze von gleicher
  Concentration zu verarbeiten. Man ermittelt die Concentration mit
  Hlfe von =Kayser='s oder =Balling='s =Saccharometer=, welches in
  Zuckerlsungen Procente an reinem Zucker anzeigt und, wie =Balling=
  nachgewiesen hat, Lsungen von wasserfreiem Malzextract dasselbe
  specifische Gewicht besitzen wie gleichprocentige Rohrzuckerlsungen.
  Fr die Zwecke der Brauerei braucht das Saccharometer
  (=Malzextractmesser= oder =Wrzeprober=) nur fr Lsungen bis zu 20-30
  Proc. construirt zu sein.

[Sidenote: Extract der Wrze.]

  Der =Extractgehalt=, den eine Wrze haben muss, um eine bestimmte
  Biersorte zu erzeugen, richtet sich natrlich nach den Eigenschaften,
  die man von dem Biere verlangt, ob es ein Extract- oder ein
  alkoholisches (starkes) Bier sein soll. Die Menge an Malzextract
  variirt in den verschiedenen Bieren von 4-15 Proc., die des Alkohols
  von 2-8 Proc. Wie aus dem (S. 469) Gesagten hervorgeht, liefert 1 Proc.
  Zucker in der Wrze bei der geistigen Ghrung ungefhr 0,5 Proc.
  Alkohol. Daraus ergiebt sich, zu welchen Bieren eine concentrirte und
  zu welchen eine weniger concentrirte erforderlich ist. Verlangt man z.
  B. von dem herzustellenden Biere, dass es einen Alkoholgehalt von 5
  Proc. und einen Malzextract von 7 Proc. habe, so muss die Wrze vor der
  Ghrung am Saccharometer 17 Proc. zeigen. Ein Bier von 3,5 Proc.
  Alkohol und 5,5 Proc. Extractgehalt erfordert eine Wrze von 12,5
  Saccharometerprocenten.

[Sidenote: Kochen der Wrze.]

c) =Das Kochen der Wrze= (Bierkochen). Die fertige aber ungekochte Wrze
enthlt Dextrose, Dextrinstoffe, zuweilen unverndertes Strkemehl,
Protensubstanzen, namentlich Pflanzenleim, extractive Substanzen und
unorganische Salze. Sie ist je nach der Farbe des angewendeten Malzes von
brauner oder gelbbrauner Farbe, angenehmem Geruche und sssem Geschmacke.
In Folge des Vorhandenseins einer kleinen Menge von Phosphorsure,
Milchsure u. s. w. ist die Reaction der Wrze stets sauer. Diese
Reaction ist aber nie so stark, wie bei der trebersauren Wrze, bei
welcher sich die Gegenwart an freier Sure (Milchsure, Propionsure,
unter Umstnden auch wohl Buttersure) schon durch den Geschmack und
Geruch zu erkennen giebt. Das Wrzekochen hat nun zum Zweck, die Wrze zu
concentriren, den Hopfen zu extrahiren, einen Theil der
Protensubstanzen, welche die Haltbarkeit des Bieres beeintrchtigen
wrden, zu coaguliren und nebst dem noch unvernderten Strkemehl durch
die in dem Hopfen enthaltene Gerbsure zu fllen. Durch letzteres wird
die Wrze geklrt. In vielen Brauereien sucht man durch Zusatz von Gyps
zur kochenden Bierwrze, den Gehalt an stickstoffhaltigen Substanzen im
Ganzen zu verringern.

  Man bedient sich zum Wrzekochen entweder der runden, tiefen
  =Braukessel= oder der flachen =Braupfannen=. Sie sind fast immer von
  Kupfer und nur in seltenen Fllen von Eisen. Meist sind die Pfannen
  viereckig, flach und so in den Brauofen eingemauert, dass sie bis zur
  halben Hhe vom Feuer umsplt, in der oberen Hlfte dagegen mit
  Mauerwerk fest umgeben und auf diese Weise gegen directe Einwirkung des
  Feuers geschtzt sind. Durch zweckmssige Anlage der Feuerung sucht man
  einen mglichst geringen Verbrauch an Brennstoff zu erzielen, wobei
  jedoch immer dem Umstande Rechnung getragen werden muss, dass die Wrze
  mglichst schnell zu erhitzen ist.

[Sidenote: Hopfenhalten.]

Die Art =des Hopfenhaltens=, d. h. die Anwendung des Hopfens in der
Bierbrauerei ist eine verschiedene, da sich die Art und Weise des
Zugebens und die Quantitt des Hopfens nach der Gte und der Sorte des
Hopfens, nach dem grsseren oder geringeren Extractgehalt des Bieres und
vorzglich nach der Art der Aufbewahrung richtet. Zum Winter- oder
Schenkbier, welches in der Regel schon 4-6 Wochen nach dem Brauen
consumirt wird, nimmt man in Bayern gewhnlich nur (alten) Hopfen vom
vorigen Jahre und rechnet auf den Scheffel Malz (= 2,22 Hectoliter) 2-3
Pfund, je nach seiner Gte. Zum Sommer- oder Lagerbier nimmt man neuen
Hopfen und rechnet fr jenes Bier, welches fr die ersten Monate, Mai und
Juni, bestimmt ist, auf den Scheffel trocknes Malz 4 bis 5 Pfund. Fr die
letzten Keller oder fr jenes Bier, welches sich am lngsten, vielleicht
bis September oder October, halten soll, rechnet man 6-7 Pfund neuen
Hopfen auf jeden Scheffel Malz oder auf den Eimer 1-1,5 Pfund.

  Von den Bestandtheilen des Hopfens, die bei der Bierbereitung in
  Betracht kommen, sind zu erwhnen in erster Reihe die bitteren
  (ungeachtet neuerer Untersuchungen noch immer nicht gengend bekannten)
  Stoffe, welche dem Biere neben dem bittern Geschmack auch die
  narcotischen Eigenschaften ertheilen, dann die Gerbsure, welche einen
  Theil der Protensubstanzen, welche durch das Wrzekochen fr sich
  allein nicht ausgeschieden werden, niederschlgt und so zur Klrung der
  Wrze, zur Mssigung der Hauptghrung und zur Regelung der Nachghrung
  beitrgt. Das therische Oel und das Hopfenharz wirken ebenfalls
  ghrungshemmend und somit conservirend. Von den brigen
  Hopfenbestandtheilen, die beim Hopfenhalten extrahirt werden, knnte
  noch ein Theil der anorganischen Salze angefhrt werden, obgleich
  darauf durchaus kein Gewicht gelegt werden soll. Hinsichtlich der
  Concentration, welche der Wrze durch das Wrzekochen gegeben werden
  soll, ist zu bercksichtigen, dass dieselbe 0,5-1 Saccharometerprocente
  unter derjenigen Concentration bleiben muss, die die Wrze beim Beginn
  der Ghrung haben soll, da beim Abkhlen der gekochten Wrze der
  Concentrationsgrad um so viel zunimmt. Hat die Wrze in der Pfanne die
  Temperatur von etwa 90 erreicht, so findet die Ausscheidung von
  coagulirtem Eiweiss statt und zwar bei nach dem Infusionsverfahren
  gewonnener Wrze in grsserer Menge, als bei durch die
  Decoctionsmethode erhaltener. Wenn in einer aus der Pfanne genommenen
  Probe die darin suspendirten Flocken schnell sich absetzen und die
  Flssigkeit klar und glnzend erscheint, ist die Wrze gar
  (=geschieden= oder =gebrochen=); ist, wie bei dem Infusionsverfahren,
  die Wrze durch Eindampfen noch mehr zu concentriren, so wird das
  Kochen bis zum verlangten Concentrationsgrade -- hufig 5-8 Stunden --
  fortgesetzt. Ist der Zweck des Kochens nur die Gerinnung des Albumins,
  so gengt im Winter ein einstndiges, im Sommer ein 3/4stndiges
  Kochen. Den Hopfen giebt man am zweckmssigsten in zerkleinerter
  Gestalt und erst dann zu, wenn die Albuminkrper zum grssten Theil
  schon coagulirt und abgeschpft worden sind. Um den Hopfen zu
  extrahiren, lsst man entweder die ganze gekochte und noch siedende
  Wrze durch den mit Hopfen gefllten =Hopfenseiher= (ein aus
  abgeschlten Weiden geflochtener Korb oder ein viereckiges Gefss aus
  Holzstben, dessen Boden und Seitenwnde aus durchlchertem Kupferblech
  oder aus Drahtgewebe gebildet sind) auf das Khlschiff laufen, oder man
  kocht den Hopfen zuletzt mit der ganzen Wrze, oder es wird der Hopfen
  in mehreren Wrzeportionen hintereinander und zuletzt auch noch mit der
  schwachen Nachwrze ausgekocht.

[Sidenote: Khlen der Wrze.]

d) Das =Khlen der Wrze= geschieht, damit die gekochte Wrze, die
siedend heiss aus der Pfanne kommt, bis auf die zum Hefengeben und zum
Einleiten der Ghrung geeignete Temperatur herabsinke. Bei einer
Temperatur, die zwischen 25 und 30 C. liegt, hat die Wrze grosse
Neigung, Milchsure zu bilden, das Abkhlen muss daher mglichst
beschleunigt werden, damit die Wrze schnell durch diese ihrer Existenz
so nachtheilige Temperatur gefhrt werde. Das Khlen geschieht allgemein
auf den =Khlschiffen= oder =Khlstcken=, deren Verbesserung und
zweckmssigen Einrichtung es namentlich zuzuschreiben ist, dass man
gegenwrtig an vielen Orten ein haltbares Lagerbier erzielt, dessen
Darstellung frher bei den mangelhaften Khleinrichtungen nicht mglich
war.

  Die Khlschiffe sind 6-8 Zoll tief, meistens lnglich viereckige
  Gefsse von Holz oder Metall (Eisen oder Kupfer), welche an einem
  khlen, luftigen Orte aufgestellt werden. Befrderung der Verdunstung
  durch Vergrsserung und durch Bewegung der Oberflche, mglichst
  trockener Zustand der Atmosphre, heller Himmel, Wrmeableitung durch
  die Wrme der Khlgerthschaften -- durch alles dies wird die Khlung
  der Wrze wesentlich befrdert. Die =hlzernen= Khlschiffe wirken nur
  einseitig, die Abkhlung findet nur an der Oberflche der Flssigkeit
  statt und der Boden und die Wnde tragen zur Abkhlung nur wenig bei.
  Weit vortheilhafter sind die =eisernen= Khler, welche in viel krzerer
  Zeit khlen und ausserdem noch den Vortheil lngerer Dauer und
  grsserer Reinlichkeit gewhren. In vielen Brauereien Bayerns ist noch
  das =Aufkhlen= gebruchlich, d. i. die siedend heiss von der Pfanne
  auf die Khle geschpfte Wrze wird mittelst einer Krcke an einer
  langen Stange aufgeworfen und gepeitscht. Es ist dies eine
  beschwerliche und lange anhaltende Arbeit und whrt oft 8-10 Stunden.
  Nach der herrschenden Ansicht wre die durch das Aufkhlen bewirkte
  innige Berhrung der heissen Wrze mit der Luft von gnstigem Einfluss
  auf die Haltbarkeit und den Glanz des Bieres; es ist in der That nicht
  unwahrscheinlich, dass durch Luft die Abscheidung von Protenkrpern
  bewirkt sind. Zur =Befrderung der Abkhlung= hat man fr Ableitung der
  Wasserdmpfe und Herbeifhrung frischer trockener Luft Sorge zu tragen;
  zur Befrderung dieses Luftwechsels wendet man Ventilatoren, Wellen mit
  Windflgeln und Rhrmaschinen an. Sehr zweckmssig sind die
  Khlvorrichtungen fr die =Nachkhlung=, bei welchen =kaltes Wasser=
  als Khlmittel Anwendung findet. Das beste Mittel, den Schluss der
  Abkhlung schnell herbeizufhren und die Wrze auf die zum Stellen mit
  Hefe erforderliche Temperatur (7-10 C.) zu bringen, ist ohne Zweifel
  das =Eis=, welches man entweder in Stcken in die Wrze wirft und
  zergehen lsst oder in Schwimmern auf die Oberflche der zu khlenden
  Wrze bringt. Der Concentrationsgrad der Wrze hat darber zu
  entscheiden, ob sie eine unmittelbare Eiskhlung vertragen kann. Bei
  welchem Temperaturgrade der Wrze mit der Anwendung des Eises begonnen
  werden soll, darber knnen allein konomische Grnde entscheiden. Die
  Temperatur, bis zu welcher die Wrze abgekhlt wird, richtet sich nach
  der Temperatur des Ghrungslokales und nach der Art der Ghrung. Die
  Praxis hat folgende Temperaturgrade als die passendsten kennen gelehrt:

                                    Temperatur der Wrze
          Temperatur des           bei                bei
         Ghrungslokales.     Unterghrung.       Oberghrung.
               6-7                12                15
               7-8                11                14
               8-9                10                13
               9-10                9                12
              10-12               7-8             12-11

  Die Concentration der gekochten und gehopften Bierwrze wird in
  Saccharometerprocenten ausgedrckt. Die tarifmssige Concentration der
  gekochten und gehopften Bierwrze betrgt bei 17,5 C. in Bayern, bei
  Schenk- oder Winterbier 10,4-10,8 Proc., bei Lagerbier 12,3-12,6 Proc.
  Die Wrze zum Bockbier hat 15-16 Proc., die zu Salvatorbier 17-18 Proc.
  Extractgehalt. Nach einer 1868 von =J. Gschwndler= in Weihenstephan
  ausgefhrten Untersuchung ist die Bierwrze folgendermaassen
  zusammengesetzt:

                            Decoction.  Bock.  Satzverfahren.  Infusion.
  Zucker                       4,85      7,10      4,37          5,26
  Dextrin                      6,24      8,60      7,61          6,68
  Stickstoffhaltige
    Substanzen                 0,79      1,35       --            --
  Anderweitige
    Bestandtheile              0,41      0,63      0,95          0,70
  Spec. Gewicht                1,050     1,073     1,052         1,051
  Extract (direct best.)      11,87     17,05     11,98         11,94
     "    nach Balling        12,29     17,68     12,93         12,64

[Sidenote: Khlgelger.]

  Der auf dem Boden der Khlschiffe sich sammelnde gelbgraue oder braune
  Schlamm, das sogenannte =Khlgelger=, hat je nach dem angewendeten
  Brauverfahren eine verschiedene Zusammensetzung; Gelger aus
  Brauereien, in denen die Dickmaischmethode befolgt wird, besteht,
  abgesehen von Hopfenblttchen, Gerstenhlsentrmmern und dergl.,
  wesentlich aus einer Verbindung von Hopfengerbsure mit Kleber,
  zuweilen auch mit Strkekleister, gemengt mit coagulirtem
  Pflanzeneiweiss, welches sich beim Kochen der Wrze bildete und aus der
  Braupfanne mit in die Khlgerthe geschleppt wurde. Im frischen
  Zustande bildet es einen Schlamm, der 3-4 Proc. von der Menge der
  gekhlten Wrze ausmacht; ausgewaschen und getrocknet betrgt es 0,5
  Proc. vom angewendeten Malze.

[Sidenote: Ghrung.]

III. =Die Ghrung der Bierwrze und Aufbewahrung des Bieres.= Die Wrze
ist nach gehrigem Abkhlen zur Einleitung der geistigen Ghrung
geeignet, diese geht entweder durch Selbstghrung oder, der gewhnliche
Fall, durch Zusatz von Hefe (Stellen) vor sich. Die erstere Art, die
=Selbstghrung=, tritt sofort ein, wenn die Wrze bei geeigneter
Temperatur sich selbst berlassen bleibt; in diesem Falle sind es die
berall und namentlich in den Ghrungslocalen in der Luft verbreiteten
Hefensporen, welche in der Wrze einen zu ihrer Vegetation geeigneten
Boden finden und sich darin zu Hefenzellen ausbilden. Diese sogenannte
Selbstghrung findet in Belgien bei der Bereitung des milchsurereichen
Faro und Lambik Anwendung. Der gewhnliche Fall der Einleitung der
Ghrung der Wrze geschieht durch Zusatz von =Hefe=, wobei das erste der
Existenz des Bieres immer gefhrliche Stadium der Selbstghrung
bersprungen und sogleich ein regelmssiger und rascher Gang der Ghrung
herbeigefhrt wird, der indessen so zu reguliren ist, dass die Hefe die
vorhandene Dextrose erst nach und nach, zum Theil erst in dem
Lagerkeller, in Alkohol und Kohlensure zerlege[118]. Dieser Zweck ist
dadurch zu erreichen, dass man den Ghrungsprocess mglichst verzgert
und zwar theils durch die mglichst niedrige Temperatur beim Eintritt und
der Dauer der Ghrung durch die erforderliche Abkhlung der Wrze, theils
auch durch Verminderung der Stellhefe.

  [118] Von grosser Tragweite fr eine rationelle Grundlage der Brauerei
        sind die Resultate der Untersuchungen von =Lermer= und =v.
        Liebig= (1870), wonach bei einem Zusatz von Zucker zu einer mit
        Bierhefe versetzten Dextrinlsung sich ein grosser Theil des
        Dextrins ganz wie Zucker in Alkohol und Kohlensure zersetzt. 300
        Kubikcentimeter einer Maische mit 8,449 Grm. Zucker ergaben nach
        vollstndig beendigter Ghrung 6,942 Grm. Alkohol, whrend nach
        dem Zuckergehalt die Flssigkeit nur 4,317 Grm. htte liefern
        sollen.

  Je wrmer die Wrze und je hher die Temperatur des Ghrlocales ist, je
  geringere Quantitten von Stellhefe hat man anzuwenden. Neben der
  Temperatur ist aber auch die =Art der Hefe= von Einfluss auf den Gang
  der Ghrung. Eine Hefe, welche bei rascher Ghrung und hherer
  Temperatur sich bildete, verursacht auch in neuer Wrze eine schnellere
  Zersetzung als Hefe, die bei niederer Temperatur und langsamer Ghrung
  sich abgeschieden. Die erstere scheidet sich auf der Oberflche der
  ghrenden Flssigkeit aus und heisst =Oberhefe=, whrend die zweite
  Art, die =Unterhefe=, nach dem Ablassen der gegohrenen Wrze auf dem
  Boden des Gefsses sich findet. Die Anwendung dieser beiden Hefenarten
  und die Wirkung einer hheren und niederen Temperatur fhren zur
  Unterscheidung der beiden Arten der Ghrung, nmlich der =Unterghrung=
  und der =Oberghrung=. Die erstere Art findet bei solchen Wrzen
  Anwendung, welche ein Bier von grsserer Haltbarkeit, wie die
  bayerischen Biere, liefern sollen. Bei ihr wird durch die Art der Hefe
  und durch niedrige Temperatur die Zersetzung des Zuckers mglichst
  verzgert. Die Oberghrung wird dagegen vorzugsweise bei solchen Wrzen
  angewendet, welche ein schnell trinkbares (oberghriges) Bier liefern
  sollen; man benutzt sie hauptschlich dort, wo eine glycose- oder
  zuckerreiche Wrze zur Verghrung kommt und somit schon durch die
  Zersetzung eines kleinen Theils von Glycose die zur Conservirung des
  Bieres erforderliche Alkoholmenge producirt wird. Ihres raschen
  Verlaufes wegen findet die Oberghrung auch bei solcher Wrze
  Anwendung, welche durch grosse Concentration oder durch Beimischung
  gewisser ghrungshemmender Substanzen wie die brenzlichen Stoffe eines
  stark gedarrten Malzes, ferner grssere Mengen von Hopfen (wie es bei
  dem Porter der Fall ist), weniger leicht in Ghrung versetzt werden
  knnen. Die Ghrung selbst, gleichviel ob Unter- oder Oberghrung,
  zerfllt in drei Phasen, nmlich:

  1) in die =Hauptghrung=, (rasche oder wilde Ghrung), welche bald nach
  dem Zusatz der Hefe eintritt und vorzugsweise durch die Zersetzung der
  Glycose, Bildung neuer Hefe und Temperaturerhhung charakterisirt ist;

  2) in die =Nachghrung=, wobei die Zersetzung der Glycose allerdings
  noch fortdauert, die Bildung neuer Hefenzellen aber nicht mehr so
  hervortritt, wie in der ersten Phase, und die in dem Bier suspendirten
  Hefenpartikelchen sich abscheiden und das Bier klren;

  3) in die =stille= oder =unmerkliche Ghrung=, die nach vollendeter
  Nachghrung eintritt; es findet eine weitere Zersetzung der Glycose
  statt, die Hefenbildung ist aber eine kaum bemerkbare.

[Sidenote: Unterghrung.]

Die =Unterghrung=, die fr die Bereitung des bayerischen Schenk- und
Lagerbieres allein angewendete Ghrungsart wird in grossen
=Ghrbottichen= aus Eichenholz, gewhnlich von 1000-2000 Liter Capacitt
(neuerdings nach den Vorschlgen von =G. Sedlmayr= auch in Ghrgefssen
aus Glas) vorgenommen. Das Zugeben der Hefe geschieht auf zweierlei
Weise, entweder setzt man die Hefe sogleich der zu ghrenden Wrze zu,
oder man bringt etwas Wrze vorher mit der Hefe in Ghrung und setzt dann
die ghrende Masse dem Ghrbottich zu. Nach der ersten Art (das
=Trockengeben=) schttet man die Hefe in einen kleinen Bottich, giesst
Wrze hinzu, mischt innig und giesst dann das Gemisch in den Ghrbottich,
wo man es noch mit der Handschpfe durcharbeitet. Nach der zweiten Art
(das =Herfhren des Bieres=) bringt man zu 1000 Maass Wrze 6-8 Maass
Hefe, mischt sie dann mit 3 Eimern Wrze und lsst die Mischung 4-5
Stunden stehen. Nachdem die Ghrung eingetreten ist, mischt man die
ghrende Masse mit der Wrze in dem Ghrbottich. Die Hefe soll von einer
normal verlaufenen Unterghrung abstammen, nicht zu alt, von reinem
Geruch, dicker Consistenz und schaumig sein.

  Nachdem die Wrze mit der Hefe versetzt ist, verluft die Ghrung unter
  folgenden Erscheinungen: Nach 10-12 Stunden giebt sich die beginnende
  Zersetzung der Dextrose durch Kohlensureblschen zu erkennen, welche
  einen weissen Schaumkranz am Rande des Bottichs bilden. Nach ferneren
  12 Stunden erzeugen sich grssere Massen von consistenterem Schaum, der
  sich felsenhnlich hebt und der Oberflche ein gekruseltes und
  zerklftetes Ansehen giebt; dabei giebt sich die lebhaftere
  Kohlensureentwickelung durch den Geruch zu erkennen. Man sagt nun:
  _Das Bier steht in den Krusen_. Die Krusen bleiben bei einer
  krftigen Ghrung 2-4 Tage, dann verlieren sie sich nach und nach,
  wobei zuerst die hohen Punkte der Krusen sich zu brunen anfangen,
  dann die Erhhungen zusammenfallen, bis endlich die ganze krause Decke
  so ziemlich zusammengesintert und nur noch eine brunliche dnne Decke
  zu bemerken ist, wesentlich aus den harzigen und ligen
  Hopfenbestandtheilen bestehend, welche sich bei der Hauptghrung fein
  zertheilt und deshalb mit weisser Farbe abscheiden und die Ursache des
  bitteren Geschmackes der Krusen sind, spter sich aber zu grossen
  Massen vereinigen. Die entstandene Hefe findet sich nur in geringer
  Menge in der Decke, da die bei der Unterghrung sich entwickelnde
  Kohlensure, die isolirt schwimmenden Unterhefenzellen nicht an die
  Oberflche zu heben vermag. Die Temperatur der ghrenden Flssigkeit
  steigt mit dem Beginn der Ghrung und geht mehrere Centigrade ber die
  Temperatur des Ghrkellers hinaus; erst mit der Beendigung der Ghrung
  gleichen sich die Temperatur der Flssigkeit und die des Ghrlokales
  wieder aus. Durch die Ghrung verschwindet aus der Wrze der grsste
  Theil der Dextrose, von welchem die Hlfte etwa als Kohlensure sich
  verflchtigt; die andere Hlfte aber in den specifisch leichteren
  Alkohol bergeht; dazu kommt noch, dass ein Theil der in der Wrze
  aufgelsten Eiweisssubstanzen sich whrend der Ghrung in Gestalt von
  Hefe unlslich ausscheidet. Das Saccharometer zeigt daher nach
  beendigter Ghrung weniger Grade als vorher. Der Unterschied der
  Saccharometerprocente vor und nach der Ghrung steht in directem
  Verhltniss zu der Quantitt der zersetzten Dextrose und giebt feste
  Anhaltepunkte zur Beurtheilung der fortschreitenden Ghrung. Dividirt
  man diese Differenz durch die Saccharometeranzeige vor der Ghrung, so
  erhlt man einen Bruch, der um so grsser ist, je vollstndiger die
  Verghrung vor sich gegangen ist. Dieser Bruch heisst der =scheinbare
  Verghrungsgrad= und er ist in der That gengend, um den Grad der
  stattgefundenen Verghrung zu beurtheilen, wenn es sich um die
  Vergleichung von Bieren handelt, die nach gleichem Verfahren gebraut
  sind. Zeigte z. B. eine Wrze vor der Ghrung 11,5
  Saccharometerprocente und nach der Ghrung 5 Proc., so ist die
  Differenz 6,5, welche durch 11,5 dividirt, die Zahl 0,565 giebt, d. h.
  von 100 Th. Malzextract sind scheinbar 56,5 Proc. durch die Ghrung
  zersetzt worden.

[Sidenote: Fassen und Nachghrung.]

Nach beendigter Hauptghrung, welche

                  fr Sommer- oder Lagerbier 9-10 Tage
                   "  Winter- oder Schenkbier 7-8  "

dauert, nennt man die gegohrene Wrze =grnes Bier= (Jungbier); nachdem
es durch Abscheiden der suspendirten Hefentheilchen hell geworden, ist es
=fssig=, d. h. es ist reif zum Fassen. Vor dem Fassen werden die auf dem
Biere noch schwimmenden Schaumtheile entfernt. Die auf dem Boden des
Ghrbottichs zurckbleibende Hefe besteht aus drei Schichten, von denen
die mittlere die beste Hefe ist; die untere besteht aus Khlgelger,
zersetzter Hefe und anderen Unreinigkeiten, sie wird mit der oberen
dnnen Schicht vermengt und, wenn das Gemisch nicht verkauft werden kann,
in den Branntweinbrennereien verwendet. Die consistente mittlere Schicht
dient zum ferneren Anstellen. In einigen Brauereien, namentlich in
solchen, denen es an reinem Wasser gebricht, pflegt man von Zeit zu Zeit
mit der Hefe zu tauschen (analog dem Saatwechsel der Landwirthe). Das
Winterbier kommt auf kleinere Fsser wie das Sommerbier. Es ist
gebruchlich, beim Winterbier die Fsser sogleich ganz voll zu fllen,
whrend man beim Sommerbier mehrere Gebrue in eine grssere Anzahl
Fsser vertheilt, damit der kleine Unterschied in der Farbe der
verschiedenen Gebrue ausgeglichen werde.

  Die Lagerfsser sind gewhnlich ausgepicht, d. h. auf der Innenseite
  mit Pech berzogen. Es bezweckt das Auspichen zum Theil eine grssere
  Reinlichkeit -- bei einem nicht ausgepichten Fasse zieht sich Bier in
  das Holz, wodurch, wenn das Fass leer steht, Veranlassung zur
  Essigsurebildung gegeben ist, zum Theil auch grssere Sicherheit gegen
  Verluste durch Ausrinnen, auch ist man hie und da der Ansicht, dass das
  Pech, als schlechter Leiter der Elektricitt, das Bier vor
  nachtheiligen elektrischen Einflssen bewahre. Zur Nachghrung und
  Lagerung wird das Bier in die =Lagerkeller= gebracht, die recht kalt
  sein mssen, damit die Nachghrung recht langsam verlaufe und das Bier
  bis zum Wiederbeginn des Brauens aufbewahrt werden knne. Fr das
  Sommerbier whlt man die kltesten Keller. Zweckmssige Anlage,
  Einrichtung und Behandlung guter Lagerkeller bedingt im hchsten Grade
  die Qualitt und Haltbarkeit des Bieres. Felsenkeller in Granit, Urkalk
  oder Sandstein eingesprengt, sind die besten. Ein Keller in der Ebene
  muss berdacht sein; es darf kein Wasser, weder Grund- noch Oberwasser
  in ihn dringen; er soll keinen Erschtterungen unterworfen, seine
  Sdseite muss durch Bume geschtzt sein. Gewhnlich hat ein Keller
  mehrere Abtheilungen. Um die Keller recht kalt zu erhalten, bringt man
  entweder einen grsseren Eisvorrath unmittelbar in dieselben oder nur
  in die letzte Abtheilung, in welche das Lagerbier fr die Sommermonate
  kommt.

  In dem Lagerkeller fngt das Bier sehr bald die =Nachghrung= an; die
  Zeit des Beginnes derselben ist von dem Zustande abhngig, in welchem
  das Bier gefasst worden ist, so wie von der Temperatur des Kellers. Die
  Nachghrung, welche sich durch einen feinen weissen Schaum in Gestalt
  einer Haube auf dem Spundloche zu erkennen giebt, kann unmittelbar nach
  dem Fassen eintreten, es kann aber auch vorkommen, dass sie erst nach
  acht Tagen sich zeigt. Wollen die Biere auf den Fssern nicht
  nachghren, so versetzt man sie mit etwas grnem oder Krusenbier. Nach
  beendigter Nachghrung werden die Lagerfsser nicht sofort fest
  verspundet, sondern der Spund wird blos locker aufgesetzt. In solchem
  Zustande bleiben die Biere die Sommermonate hindurch. Nicht frher als
  etwa vierzehn Tage vor dem Abziehen auf die Schenkfsser pflegt man sie
  fest zu verspunden. Bevor man die Fsser zum Ausschank angreift, mssen
  sie mehrere Tage zugespundet bleiben, damit sich die Kohlensure spannt
  und das Bier rahmt. Wurde das Bier in noch grnem Zustande gefasst, so
  enthlt es noch viel ghrungsfhige und hefebildende Theile und darf
  nicht so lange gespundet bleiben wie im entgegengesetzten Falle, weil
  sonst beim Anzapfen ein Emporsteigen des Fassgelgers zu befrchten
  wre (das Fass wrde aufstehen). In noch hherem Grade kann die
  Kohlensurespannung geschehen, wenn man die Menge der in dem Bier
  enthaltenen ghrungsfhigen Stoffe vergrssert und durch Zusatz von
  Zucker oder Wrze den zu weit vorgeschrittenen Verghrungsgrad wieder
  zurckfhrt. Gewhnlich nimmt man hierzu grnes Bier, welches in dem
  Stadium des Krusens steht; man setzt davon auf einen Eimer Bier 4-6
  Liter. Die Ghrung wird alsbald wieder beginnen. Man lsst die Fsser
  so lange ungespundet, bis das Bier die neugebildete Hefe vollkommen
  abgesetzt hat. Darauf werden sie 3-4 Tage lang gespundet, ehe man zum
  Abfllen schreitet. Man nennt solches Bier =Krusenbier= oder
  =gekrustes Bier=. Nach der Bottichghrung hat die vergohrene Bierwrze
  nach =J. Gachwndler=, (1868) folgende Zusammensetzung (vergl. Seite
  502):

                             Decoction.  Bock. Satzverfahren. Infusion.
Alkohol                        2,81      3,38      2,94         3,13
Zucker                         1,58      2,32      1,46         1,33
Dextrin                        4,61      6,91      4,77         4,80
Stickstoffhalt. Substanz       0,38      0,74       --           --
Anderweitige Bestandtheile     0,38      0,40      0,89         0,55
Spec. Gew. der Extractlsung   1,022     1,042     1,028        1,026
Extract (direct bestimmt)      6,57      9,98      6,23         6,13
  "     nach =Balling=         6,95     10,38      7,12         6,68

[Sidenote: Oberghrung.]

Die =Oberghrung= findet Anwendung zur Erzeugung der in Norddeutschland
gebruchlichen Flaschenbiere, der bhmischen Biere und der Biere des
Elsass, Englands und Belgiens. Die mit Hlfe der Oberghrung erzeugten
oder =oberghrigen= Biere sind stets weniger haltbar als die
unterghrigen, da die Oberghrung bei hherer Temperatur vor sich geht
und rascher verluft, theils auch wegen des grsseren Gehaltes an
stickstoffhaltigen Bestandtheilen, welche durch die Unterbrechung der
Ghrung weniger vollstndig abgeschieden wurden. Der Grund, warum man in
einigen Lndern der Oberghrung vor der Unterghrung den Vorzug giebt,
ist der, dass erstere nicht so wie letztere an niedere Temperatur
gebunden ist, dass sie somit berall und in jedem Klima und zu jeder
beliebigen Jahreszeit angewendet werden kann und es nicht nothwendig ist,
so grosse Vorrthe von Bier zu halten wie beim Lager- und Schenkbier
(unterghriges Bier). Fr die weinartigen und stark moussirenden
Weissbiere ist nur die Oberghrung anwendbar. Die englischen Biere (Ale
und Porter) knnte man eben so gut durch Unterghrung darstellen, aber
abgesehen davon, dass das Klima Englands der Unterghrung Schwierigkeiten
entgegenstellt, werden diese englischen Biere so reich an Alkohol,
Malzextract und conservirenden Malz- und Hopfenbestandtheilen gebraut,
dass man auch durch die wohlfeilere Oberghrung ein haltbares Bier zu
erzeugen vermag.

  Die Erscheinungen der Oberghrung unterscheiden sich von den schon
  beschriebenen der Unterghrung nur dadurch, dass sie krftiger
  auftreten, schneller auf einander folgen; die Hefe bildet ferner nicht
  die eigenthmlich gestalteten Krausen, die man bei der Unterghrung
  bemerkt, sondern grssere weisse Flocken, auch erscheint sie in
  grsserer Menge auf der Oberflche. Man unterbricht die Hauptghrung
  frher und zieht das Bier auf Fsser, worin die Nachghrung und vllige
  Ablagerung der Hefe gewhnlich im Ghrlokale selbst vor sich geht. Man
  benutzt zur Hauptghrung entweder Bottiche oder Fsser.

[Sidenote: Dampfbrauerei.]

  Der grosse Nutzen, der sich aus der Anwendung des Dampfes bei anderen
  gewerblichen Anlagen, z. B. bei der Rbenzuckerfabrikation und der
  Spiritusbereitung ergeben hat, hat seit etwa dreissig Jahren
  Veranlassung gegeben, auch in den Brauereien die directe Feuerung durch
  Dampf zu ersetzen. Die Vortheile der Dampfheizung in der Bierbereitung
  sind unter Umstnden sehr bedeutend; von dem Dampferzeugungsapparate
  aus, bei dessen Construction auf mglichst vollstndige Ausnutzung des
  Brennstoffs zu achten ist, lsst sich die Wrme mit Leichtigkeit dort
  hinleiten, wo man sie nthig hat, die Temperatur lsst sich leicht und
  genau reguliren und die zustrmende Wrme augenblicklich unterbrechen,
  ein Vortheil, der sich besonders beim Entleeren der Braupfannen
  bemerkbar macht. Ist die Brauerei im Besitz einer Dampfmaschine, so
  wird hufig der directe Dampf durch den Maschinendampf ersetzt werden
  knnen. Wenn der Dampf zum Erhitzen nur und nicht zugleich zum
  Abdampfen einer Flssigkeit dienen soll, wie bei der Anwendung des
  Dampfes zur Wrzebereitung (=Dampfmaische=), so kann man die Dmpfe
  unmittelbar in die Maische treten lassen, das Condensationswasser
  dieses Dampfes verdnnt aber die Maische, whrend er sie erwrmt. In
  anderen Fllen geschieht die Erhitzung mit Dampf mittelst eines in der
  zu erwrmenden Flssigkeit gelagerten Rhrensystems. Die directe
  Dampfanwendung empfiehlt sich bei Anwendung der Infusionsmethode,
  whrend man bei der Dickmaische den anderen Weg einschlagen und eine
  der Pecqueur'schen Pfanne (vergl. S. 455) hnliche anwenden muss.

[Sidenote: Bestandtheile des Bieres.]

Die =Bestandtheile des normalen= aus Malz und Hopfen (mit Ausschluss
=aller= Malz- und Hopfensurrogate) erzeugten =Bieres= sind: Alkohol,
Kohlensure, unzersetzte Dextrose, Dextrin, ferner Bestandtheile des
Hopfens (lige und bittere Stoffe, keine Gerbsure), Protensubstanzen,
kleine Mengen von Fett, etwas Glycerin und die anorganischen Substanzen
aus der Gerste und aus dem Hopfen, welche in das Bier bergegangen sind.
Die saure Reaction, welche jedes normale Bier nach Beseitigung der
Kohlensure besitzt, rhrt von Bernsteinsure und Milchsure, hufig auch
von Spuren von Essigsure, vielleicht auch Propionsure her. Die Summe
smmtlicher Bestandtheile eines Bieres nach Abzug des Wassers heisst sein
=Gesammtgehalt=, die Summe der nicht flchtigen Bestandtheile sein
=Extractgehalt=. Biere, welche reich an Malzextract sind, werden
=substantise= (reiche, fette, vollmundige) Biere genannt, jene dagegen,
welche wenig Extract, dagegen viel Alkohol enthalten, deren Wrze also
reich an Zucker war, welcher aber durch anhaltende Ghrung in Alkohol und
Kohlensure verwandelt wurde, mithin die mehr weinartigen Biere, heissen
=trockne= (arme, magere) =Biere=.

  Der =Alkohol= im Biere wird, wenn es sich um eine genaue chemische
  Untersuchung handelt, entweder durch Destillation und Prfung des
  Destillates mit einem Alkoholometer, oder mittelst eines Ebullioskopes,
  oder endlich mit Hlfe des Vaporimeters bestimmt. Andere Methoden,
  namentlich die hallymetrische, werden weiter unten besprochen werden.
  In Gewichtsprocenten ausgedrckt, betrgt der Alkoholgehalt im
  Durchschnitt:

      bei Wrzburger Lagerbier (1870)                   4,0-4,3 Proc.
       "      "      Schenkbier                         3,3-4,2   "
       "  Stuttgarter Lagerbier (1865)                    4,1     "
       "  Culmbacher Lagerbier (1865)                     4,5     "
       "  Coburger Lagerbier                              4,4     "
       "  Mnchener Lagerbier                           4,3-5,1   "
       "      "     Schenkbier                          3,8-4,0   "
       "  Salvator (Mnchener)                            4,6     "
       "  Bock (Mnchener) (1870)                       4,3-4,8   "
       "  Porter (Barkley, Perkins & Co., London)
            (1862)                                      5,5-7,0   "
       "  Strassburger Bier (1870)                        4,21    "
       "  Bier von Dreher zu Schwechat bei Wien (1870)    4,1     "
       "  Reisbier der Rheinischen Brauerei in Mainz
            (1870)                                        3,6     "

  Die Menge der =Kohlensure= im Bier betrgt 0,1-0,2 Proc. Die
  =Dextrose= befindet sich (nach =C. Prandtl=, 1868) in dem Biere je nach
  dem Verghrungsgrade in der Menge von 0,2-1,9 Proc. Die Menge des
  =Dextrins= betrgt nach den Untersuchungen =Gschwndler='s 4,6-4,8
  Proc. Das Verhltniss zwischen Zucker und Dextrin ist kein constantes.
  Ueber die Menge und die Natur der in dem Bier enthaltenen
  =Protensubstanzen= ist man ungeachtet vielfltiger Untersuchungen noch
  nicht im Klaren. Nimmt man an, dass das Malzextract im Durchschnitt 7
  Proc. Protensubstanzen enthlt, so lsst sich daraus nach =Mulder=
  deduciren, dass 1 Liter Bier 5,6 Eiweisssubstanzen enthlt. =A. Vogel=
  (1859) fand, dass 1 bayerisches Maass (= 1,069 Liter) Bier
  durchschnittlich 1-1,2 Grm. Stickstoff enthlt, =Feichtinger= (1864)
  fand dagegen, dass der Stickstoffgehalt in den verschiedenen Mnchener
  Bieren pro 1 bayer. Maass zwischen 0,467 und 1,248 Grm. schwankt. Von
  den in dem Biere enthaltenen =Suren= sei nur die eigenthmliche
  Ghrungssure, jedenfalls Bernsteinsure, Essigsure und Milchsure,
  welche letztere in gewissen suerlichen Bieren, so in einigen
  belgischen Bieren und der in Sachsen bekannten Gose (ein unter Zusatz
  von Salz bereitetes Weizenbier) in grsserer Menge sich findet,
  erwhnt. Gerbsure ist in bayerischem Biere nicht oder nur in fast
  unmerklicher Menge enthalten. Die =anorganischen Bestandtheile= des
  Bieres waren hufig Gegenstand ausgedehnter Untersuchungen. =Martius=
  erhielt bei Bestimmung der Aschenmenge von bayerischem Lagerbier von
  1000 Th. Bier 2,8 bis 3,16 Th. Asche, welche zu 1/3 aus Kali, zu 1/3
  aus Phosphorsure und zu 1/3 aus Magnesia, Kalk und Kieselerde bestand.

  Was den Gehalt des Bieres an =Extract= betrifft, so mgen folgende
  (nach den im Jahre 1868 ausgefhrten Untersuchungen von =J.
  Gschwndler= und =C. Prandtl=) gengen. Im Durchschnitt finden sich in
  100 Th.

         Schenkbier (Mnchen)                      5,5-6,0   Th.
         Lagerbier (Mnchen)                         6,1      "
         Schenkbier (Wrzburg)                       4,6      "
         Lagerbier (Wrzburg)                        4,4      "
         Bock (Mnchen)                            8,6-9,8    "
         Salvator (Mnchen)                        9,0-9,4    "
         Rheinisches Reisbier                        7,3      "
         Porter (Barkley, Perkins & Co., London)   5,9-6,9    "
         Scotsh (Edinburg)                        10,0-11,0   "
         Burton Ale                               14,0-19,29  "

  100 Th. Extract enthalten nach =A. Vogel= (1865) 3,2 bis 3,5 Th. Asche;
  100 Th. Asche enthalten 28-30 Th. Phosphorsure. 1 Liter Bier enthlt
  0,57 bis 0,93 Grm. Phosphorsure.

  =Lermer= lieferte jngst (1866) eine Untersuchung einiger renommirten
  Mnchener Biere, aus der wir folgende Analysen zusammenstellen:

                                          I.     II.     III.
           Spec. Gewicht               1,02467 1,0141  1,01288
                                         Proc.   Proc.   Proc.
           Extract                       7,73    4,93    4,37
           Alkohol                       5,08    3,88    3,51
           Unorganische Bestandtheile:   0,28    0,23    0,15
           Stickstoffgehalt.
                    in 100 Th. Extract  11,15    8,71   12,19
                     " 100  "  Bier      0,87    0,43    0,53

                                    IV.      V.     VI.     VII.
      Spec. Gewicht               1,0200  1,02678 1,03327 1,0170
                                    Proc.   Proc.  Proc.   Proc.
      Extract                       4,55    8,50   9,63    5,92
      Alkohol                       4,41    5,23   4,49    3,00
      Unorganische Bestandtheile:   0,18     --     --      --
      Stickstoffgehalt.
               in 100 Th. Extract   8,85     --    6,99     --
                " 100  "  Bier      0,39     --    0,67     --

  Es bezeichnet hierbei I Bockbier, II Sommerbier, III Weissbier, IV
  weisses Bockbier (oberghriges Weizenbier), smmtlich vom K.
  Hofbruhaus, V Bockbier vom Spatenbru, VI Salvatorbier, VII Winterbier
  des Lwenbru. Fr fnf dieser Biere wurden die Aschenanalysen
  durchgefhrt und zwar ergab

                           I.     II.     III.    IV.      V.
          Kali           29,31   33,25   24,88   34,68   29,32
          Natron          1,97    0,45   20,23    4,19    0,11
          Chlornatrium    4,61    6,00    6,56    5,06    6,00
          Kalk            2,34    2,98    2,58    3,14    6,21
          Magnesia       11,87    8,43    0,34    7,77    7,75
          Eisenoxyd       1,01    0,11    0,47    0,52    0,84
          Phosphorsure  34,18   32,05   26,57   29,85   29,28
          Schwefelsure   1,29    2,71    6,05    5,16    4,84
          Kieselsure    12,43   14,12    7,70    2,86    8,01
          Sand            0,83    0,67    2,30    5,20    6,27
          Kohle           0,49    0,81    0,40    0,65    0,28
                        --------------------------------------
                        100,33  101,47   98,03   99,08   98,91

[Sidenote: Bierprfung.]

Das Bier hat als Nahrungsmittel und als Object des Grosshandels eine
solche Wichtigkeit erlangt, dass man lngst schon nach Mitteln strebte,
mit Hlfe deren der relative Gehalt der verschiedenen Biere bestimmt
werden knnte. Die zu diesem Zwecke bis jetzt vorgeschlagenen Proben
fasste man unter dem gemeinschaftlichen Namen =Bierproben= zusammen und
verlangte von ihnen, dass sie leicht anwendbar seien und gengend genaue
Resultate gben, obgleich man zu Gunsten der leichten Ausfhrbarkeit gern
einen kleinen Theil der Genauigkeit opferte. Es ist herkmmlich, den
Gehalt eines Bieres an Alkohol, Extract und Kohlensure als Maassstab fr
die Gte desselben zu betrachten, obschon die Bestandtheile des
sogenannten Extractes, das Dextrin, die Hopfenbestandtheile, die durch
die alkoholische Ghrung neben Alkohol gebildeten Substanzen
(Bernsteinsure und Glycerin), nicht zu sprechen von den verwendeten
Malzsurrogaten (Strkezucker, zugesetztes Glycerin etc.), wesentlichen
Antheil an der Qualitt des Bieres nehmen und bei einer grndlichen
Bieruntersuchung bercksichtigt werden mssen.

  Die Bierprfung geschieht theils mit Hlfe der =physikalischen
  Eigenschaften=, theils aber auch durch das =chemische Verhalten=. Zu
  den ersteren sind zu rechnen Geschmack, Geruch, Farbe[119], Consistenz,
  Durchsichtigkeit (Glanz), spec. Gewicht, Lichtbrechungsvermgen, das
  Verhalten des Bieres beim Ausgiessen, die Beschaffenheit des Schaumes.
  Zu der chemischen Bieruntersuchung gehrt die Bestimmung der nheren
  Bestandtheile, nmlich der Kohlensure, des Alkohols, des Extractes und
  des Wassers.

  [119] In neuester Zeit hat man der Farbe des Bieres und der Bestimmung
        der Intensitt derselben besondere Beachtung gewidmet und eine
        =Colorimetrie des Bieres= geschaffen, die auf einer Vergleichung
        der Farbe des Bieres mit Normaljodlsung (12,7 Grm. Jod im
        Liter), welche mit Wasser bis zur gleichen Frbung des Bieres
        verdnnt wird, und Ermittelung des Jodgehaltes dieser Frbung
        beruht. Vergl. =C. Leyser=, Jahresbericht der chem. Technologie
        1869 p. 467.

[Sidenote: Balling's Bierprobe.]

=Balling's saccharometrische Bierprobe.= Nachdem durch Schtteln und
wiederholtes Umgiessen dem Biere die Kohlensure entzogen worden ist,
bestimmt man entweder mit Hlfe des Saccharometers (Arometer) oder auf
andere Weise das specifische Gewicht des Bieres. Hierauf kocht man das
Bier zur Hlfte ein, verdnnt es dann durch Zusatz von Wasser wieder bis
zu seinem ursprnglichen Gewichte und bestimmt von der so erhaltenen
Flssigkeit wieder das specifische Gewicht, welches grsser ist als das
erstgefundene. Die Differenz giebt den Alkoholgehalt. Da bei der Ghrung
von 100 Th. Malzextract 50 Th. Alkohol sich bilden, so erhlt man durch
Verdoppelung der gefundenen Alkoholmenge diejenige Menge Malzextract,
welche zu seiner Bildung nothwendig war. Dieses Malzextract addirt zu dem
im Biere noch vorhandenen, giebt den Malzextract der Wrze vor der
Ghrung.

  Bei der Ghrung der Bierwrze vermindert sich das spec. Gewicht, theils
  weil die Menge des Extractes abnimmt, theils weil der specifisch
  leichtere Alkohol sich bildet, theils auch, weil aufgelste Substanzen
  sich in Gestalt von Hefe, Obertaig u. s. w. abscheiden. Diese
  Verminderung des spec. Gewichtes, die =Attenuation=, wird entweder
  durch directe Wgung oder durch das Saccharometer bestimmt. Die
  Saccharometeranzeige des von der Kohlensure befreiten Bieres
  bezeichnet man mit _m_, den Malzextract der Wrze mit _p_. Zieht man
  von (_p_) die Saccharometeranzeige (_m_) ab, so giebt die Differenz _p
  - m_ die =scheinbare Attenuation=, welche grsser sein muss, je weiter
  die Ghrung vorgeschritten ist. Die Alkoholmenge in einem Biere steht
  folglich zu der scheinbaren Attenuation in directem Verhltniss. Der
  auf empirischem Wege gefundene =Alkoholfactor= _a_, mit welchem man die
  in Saccharometerprocenten ausgedrckte scheinbare Attenuation
  multipliciren muss, um den Alkoholgehalt des Bieres = _A_ in
  Gewichtsprocenten zu erhalten ([p - m] a = A) wird um so grsser, je
  grsser der ursprngliche Concentrationsgrad der Wrze war. Fr Wrzen
  zwischen 6-30 Proc. Extract steigt derselbe von 0,4079 bis zu 0,4588.
  Der Alkoholfactor wird nach der erwhnten Gleichung gefunden, wenn man
  die scheinbare Attenuation (p - m) und den Alkoholgehalt der gegohrenen
  Wrze in Gewichtsprocenten (A) kennt, denn a = (A / (p - m). Mit Hlfe
  des Alkoholfactors _a_ kann man den Alkoholgehalt des Bieres in
  Gewichtsprocenten berechnen. Kocht man eine Menge Bier ein, um daraus
  den Alkohol zu verflchtigen und verdnnt den Rckstand wieder bis zur
  Herstellung des ursprnglichen Gewichtes, so giebt das spec. Gewicht
  den Extractgehalt des Bieres, welchen =Balling= mit _n_ bezeichnet, an.
  Die Differenz zwischen dem Extractgehalt der Wrze (_p_) und dem des
  Bieres (_n_), also p - n giebt die =wirkliche Attenuation=, welche, mit
  dem =Alkoholfactor fr die wirkliche Attenuation= (_b_) multiplicirt,
  gleichfalls den Alkoholgehalt des Bieres in Gewichtsprocenten
  ausgedrckt (_A_) giebt [(p - n) b = A]. Der Alkoholfactor fr die
  wirkliche Attenuation ist b = (A / (p - n)). Zieht man von der
  =scheinbaren= Attenuation (p - m) die =wirkliche= (p - n) ab, so erhlt
  man die =Attenuationsdifferenz= (_d_):

                       d = (p - m) - (p - n) oder
                       d = n - m

  d wird gefunden, indem man von dem Extractgehalte des Bieres (n) die
  Saccharometerprocente des von der Kohlensure befreiten Bieres (m)
  abzieht; d ist um so grsser, je mehr Alkohol ein Bier enthlt. Der
  Alkoholfactor, welcher mit der Attenuationsdifferenz multiplicirt, die
  Alkoholprocente A giebt, der =Alkoholfactor fr die
  Attenuationsdifferenz= (c), wird nach folgender Gleichung gefunden:

                             c = A /(p - m)

  Er betrgt durchschnittlich 2,24. Mit Hlfe von c lsst sich aus der
  Attenuationsdifferenz der Alkoholgehalt eines Bieres approximativ
  berechnen, selbst wenn der Malzextractgehalt der Wrze nicht bekannt
  ist. Die scheinbare Attenuation durch die wirkliche dividirt, giebt den
  =Attenuationsquotienten= (d) = (p - m) / (p - n), mit dessen Hlfe der
  Alkoholfactor fr die scheinbare Attenuation (a) und der ursprngliche
  Extractgehalt der Wrze (p) berechnet werden kann. Erstere (a) erhlt
  man durch Division des Alkoholfactors fr die wirkliche Attenuation
  durch den entsprechenden Attenuationsquotienten. Setzt man den
  Alkoholfactor fr die Attenuationsdifferenz = 2,24 und verdoppelt den
  so erhaltenen approximativen Alkoholgehalt, so erhlt man die
  Extractmenge der Wrze, aus welcher jener Alkohol (nebst Kohlensure
  und Wrze) sich bildete. Addirt man zu diesem Extract das noch in dem
  Biere befindliche, so erhlt man annhernd den Extractgehalt der Wrze
  in Procenten. Hat man auf diese Weise p annhernd bestimmt, so ergiebt
  sich aus den zu =Balling='s Probe gehrigen Tabellen der entsprechende
  Attenuationsquotient q, wobei man Decimalen ber 0,5 fr ein Ganzes
  rechnet, unter 0,5 aber vernachlssigt. Ist nun die ursprngliche
  Concentration der Wrze p berechnet, so findet man die Alkoholprocente
  des Bieres aus der Gleichung fr die wirkliche Attenuation A = (p - n)
  b. Der Verghrungsgrad ist 9,75 oder (16,29 - 6,54)
  Saccharometerprocente (nach S. 436) = 9,75/16,29 = 0,542.

[Illustration: Fig. 232.]

[Sidenote: Fuchs' Bierprobe.]

=Hallymetrische Bierprobe.= Diese von =v. Fuchs= herrhrende Probe (auf
der Voraussetzung beruhend, dass das Bier =nur= aus Malz und Hopfen
bereitet worden sei) grndet sich darauf, dass 100 Th. Wasser unabhngig
von der Temperatur, 36 Th. reines Kochsalz (= 2,778 : 1) aufzulsen
vermgen, dass ferner eine Flssigkeit um so weniger Kochsalz lst, je
mehr sie Weingeist, Bierextract u. s. w. enthlt. Man ist demnach im
Stande, die Quantitt des Wassers zu bestimmen, wenn man das Kochsalz in
dem Biere auflst. Um die Quantitt des nicht gelsten Kochsalzes zu
messen, dient das =Hallymeter= (Fig. 231), aus zwei Glasrhren, einer
engeren und einer viel weiteren, bestehend, welche gegen jene, mit der
sie zusammengeschmolzen ist, trichterfrmig verluft. Die kleine Rhre,
die =Messrhre=, ist so graduirt, dass jede grssere Abtheilung 5 Gran
und jede der dazwischen liegenden kleineren 1 Gran prparirtes Kochsalz
fasst. Bei allen hallymetrischen Bierproben ist darauf zu sehen, dass
stets Salzpulver vom nmlichen Korne in die Rhren kommt und dieses durch
Klopfen in den kleinsten Raum gebracht wird, den berhaupt ein bestimmtes
Quantum einnehmen kann. Man muss daher das pulverisirte Kochsalz durch
ein feines Drahtsieb gehen lassen. Das gesiebte Salz wird in grsserer
Menge in Glsern mit eingeriebenen Stpseln aufbewahrt.

  Die Probe besteht aus =zwei= Versuchen. Bei dem ersten findet man den
  grssten Theil des Wassers nebst der Kohlensure und den Gesammtgehalt
  (Weingeist, Extract und Kohlensure); der zweite Versuch giebt die
  Menge des Extractes, welches, wenn man dasselbe und die Kohlensure vom
  Gesammtgehalt abzieht, den Weingeist ergiebt. Der Weingeist ist nicht
  wasserfrei, sondern mit einer bestimmten Menge Wasser verbunden. Zu
  jedem Versuche sind 1000 Gran (62,5 Grm.) Bier erforderlich, zu welchem
  man in einem Kolben 330 Gran (20,46 Grm.) gesiebtes reines Kochsalz
  setzt. Der bedeckte Kolben wird unter fterem Umschtteln des Inhaltes
  in einem Wasserbade bis auf 38 erwrmt. Nach etwa 6-10 Minuten wird
  der Kolben aus dem Wasserbade entfernt, abkhlen gelassen, die
  Kohlensure aus dem Kolben durch gelindes Einblasen entfernt und dann
  der Kolben gewogen. Der Gewichtsverlust giebt die Menge der
  Kohlensure, welche bei guten Bieren 1,5 Gran betrgt. Der Kolben wird
  dann mit dem Daumen geschlossen, umgekehrt, um das nicht gelste
  Kochsalz ber dem Finger zu sammeln und sodann das Salz und die
  Flssigkeit in das Hallymeter gebracht. Das ungelste Kochsalz setzt
  sich in der Messrhre ab. Das Absetzen wird durch Rtteln des
  Instrumentes befrdert. Sobald das Volumen des abgesetzten Salzes nicht
  mehr zunimmt, liest man an den Graden die ungelsten Grane ab und
  subtrahirt die Zahl der Grane von 330. Darauf berechnet man, welche
  Qualitt Wasser dem aufgelsten Kochsalz entspricht.

  =Beispiel.= 1000 Gran (= 62,5 Grm.) Bier lsen 330 - 18 = 312 Gran
  Kochsalz, so enthalten diese 1000 Gran Bier 866,6 Gran Wasser, denn

                           36 : 100 = 312 : x
                           ------------------
                                x = 866,6

  das, was an 1000 Gran fehlt, = 133,4 Gran, ist der Gesammtgehalt an
  Kohlensure, Extract und Weingeist. Hatte der Kolben durch das Erwrmen
  1,5 Gran an Gewicht verloren, so bleibt fr Extract und Weingeist brig
  131,9 Gran. Der zweite Versuch dient zur Bestimmung des Extractes. Zu
  diesem Behufe wgt man in einem Kolben 1000 Gran (62,5 Grm.) ab und
  kocht diese Quantitt bis auf die Hlfte, bis auf 500 Gran ein. Dabei
  entweichen Kohlensure und Weingeist vollstndig. Darauf setzt man 180
  Gran Kochsalz hinzu und verfhrt wie oben. Angenommen nun, es htten
  sich 180 - 20 = 160 Gran Kochsalz gelst, so entsprchen diese 444,4
  Grm. Wasser, denn

                            18 : 50 = 160 : x
                            -----------------
                                x = 444,4

  weshalb 55,6 Gran hier das Extract geben. Hat nun die vorlufige
  Bestimmung der Kohlensure 1,5 Gran ergeben, so ist die Quantitt des
  in dem Biere enthaltenen Weingeistes 73,6 Gran, denn 133,4 - 55,6 - 1,5
  = 73,3, was nach der dem Apparate beigegebenen Tabelle 42,27 Gran
  absolutem Alkohol entspricht. Das untersuchte Bier wrde mithin in 1000
  Gewichtstheilen bestehen aus:

                      Kohlensure             1,50
                      ungebundenem Wasser   866,60
                      gebundenem Wasser      34,03
                      Extract                55,60
                      Alkohol                42,27
                                           -------
                                           1000,00

  Es ist nochmals hervorzuheben, dass die hallymetrische Bierprobe alle
  Geltung verloren, sobald die Anwendung von Glycerin und Strkezucker
  bei der Bereitung des vorliegenden Bieres vermuthet werden kann.

[Sidenote: Nebenprodukte und Abflle der Brauerei.]

Von den bei der Bierbereitung sich ergebenden =Abfllen= und
=Nebenprodukten= stehen die =Treber= (Trester) oben an. 100 Th. Darrmalz
liefern im Durchschnitt 133 Th. nasse Treber, welche auf den Darrungsgrad
des Malzes zurckgebracht, 33 Th. betragen. Sie werden als Viehfutter
verwendet. Ausser den Hlsen und dem Zellstoff der Gerste enthalten sie
noch unzersetzte Gerste, Fett und Protensubstanz, wovon ihr Werth
abhngig ist. Treber aus einem Mnchener Bruhause, welche bei Bereitung
von Sommerbier (nach dem Dickmaischverfahren) von zweizeiliger Gerste
erhalten worden waren, hatten folgende Zusammensetzung:

                                      feucht  lufttrocken   bei 100
                                                           getrocknet
      Wasser                          74,71      7,28          --
      Asche                            1,06      3,87         4,18
      Cellulose                        3,06     11,22        12,10
      Fett                             1,70      6,23         6,72
      stickstoffhaltige Nhrstoffe     6,26     22,89        24,71
      stickstofffreie Nhrstoffe      13,21     48,51        52,29
                                     -----------------------------
                                     100,00    100,00       100,00

  Die =Malzkeime= oder =Malzblten=, welche durchschnittlich in dem
  Verhltniss von 3 Proc. vom Gewicht des Darrmalzes abfallen, sind ein
  sehr concentrirtes und protenreiches Futtermaterial. Nach den Analysen
  von =Scheven=, =Way= und =Lermer= (von ungarischer Gerste) fanden sich
  darin:

                                       Scheven    Way    Lermer
           Wasser                        7,2      3,7    10,72
           Asche                         6,8      5,1     6,91
           Cellulose                    17,0     18,5      --
           Protensubstanzen            45,3     48,9    32,40
           stickstofffreie Nhrstoffe   23,6     23,8    49,97

  Das =Khlgelger= (vergl. S. 502), welches zum Theil verfttert, zum
  Theil an Branntweinbrenner abgegeben wird, betrgt 3 Proc. von der
  erzeugten Wrze. Das =Glattwasser=, eine sehr dnne Nachwrze, dient in
  Branntweinbrennereien als Khl- und Verdnnungsmittel der Maische,
  sowie zur Essigfabrikation. Bei dem Dickmaischverfahren hat das
  Glattwasser noch 4 bis 8 Proc. Extract, bei dem Infusionsverfahren nur
  2-3 Proc. Der =Obertaig= (vergl. S. 498) ist theils Material fr
  Branntweinbrennereien, theils dient er zur Brotbereitung. Die bei der
  Ghrung der Bierwrze sich bildende Hefe wird wieder zur Biererzeugung,
  zum grsseren Theile aber in der Weissbckerei, in der Hauswirthschaft,
  in der Branntweinbrennerei und in der Essigfabrikation verwendet. Dort,
  wo Holz als Brennstoff in der Brauerei dient, kommt auch die
  =Heizasche= als Abfall in Betracht. Jede Klafter Holz hinterlsst 15-20
  Pfd. Asche.

[Sidenote: Besteuerung des Bieres.]

Die =Besteuerung des Bieres= (der Bieraufschlag) muss, soll sie den
Principien der Technologie und der Volkswirthschaft entsprechen, der Art
sein, dass sie allen Interessenten, dem Brauer, dem bierconsumirenden
Publikum und dem Staat gerecht werde. Der Braubetrieb darf durch die Art
der Besteuerung nicht behelligt werden, dem Publikum muss fr die
geeignete Beschaffenheit des Bieres eine gewisse Garantie geboten und der
Staat endlich muss vor Uebervortheilung durch Defraudation mglichst
gesichert sein. Von den verschiedenen Arten des Bieraufschlages, die in
den Bier producirenden Lndern gesetzlich eingesetzt sind, seien als die
wesentlichsten erwhnt die Besteuerung 1) des Braumalzes, 2) der Wrze,
3) des Bieres.

[Sidenote: Besteuerung des Malzes.]

Die =Besteuerung des Braumalzes= ist der bequemste Modus der Besteuerung
sowol fr den Staat, als auch fr den Brauer; sie hat den Vorzug vor
anderen Besteuerungsarten, dass die Steuer vor dem Beginn des
eigentlichen Brauprocesses erhoben wird, dass sie den Braubetrieb demnach
nicht mehr durch Controle und Ueberwachung behelligt, sondern dem Brauer
gestattet, mit dem Rohmaterial und den Braugerthen so zu verfahren, wie
es ihm am besten scheint, vorausgesetzt, dass nicht Verordnungen ihm die
aus einem gewissen Malzquantum herzustellende Biermenge vorschreiben. Der
Malzaufschlag wird entweder beim Schroten des Malzes (wie in Bayern und
Wrttemberg[120]) nach Art der Mahlsteuer oder kurz vor der Verwendung
des Malzes zum Brauen, namentlich vor dem Einmaischen[121], erhoben. In
England wird nicht das Malz, sondern die zur Malzbereitung dienende
Gerste besteuert und die Steuer nach dem =Volumen der gequellten Gerste=
erhoben. Unstreitig ist die Besteuerung des Malzes als einseitig und
nicht mehr zeitgemss anzusehen, seitdem man weiss, dass auch ohne Malz
oder vielmehr durch theilweise Substituirung desselben durch andere
strkemehlhaltige Substanzen, wie ungemalztes Getreide, Kartoffeln,
Kartoffelmehl, Reis, Sorghum, ferner durch Strkezucker normales Bier
hergestellt werden kann. Eine Beibehaltung der Malzsteuer, so eifrige
Vertreter sie auch noch finden mag, heisst dem Fortschreiten der
Ghrungsgewerbe Halt gebieten. Ueber lang oder kurz wird man in allen
Staaten, in denen die Malzsteuer noch eingefhrt ist, davon ab- und zu
einer rationelleren Besteuerungsweise bergehen mssen.

  [120] In =Bayern= betrgt der Malzaufschlag (nach dem Gesetze vom
        16. Mai 1868) fr den Scheffel ungebrochenen Malzes -- ohne
        Unterscheidung zwischen trockenem oder eingesprengtem Malze --
        (1 Scheffel bayer. = 2,2 Hektoliter) 5 fl. 12 kr. 1 Scheffel Malz
        wiegt circa 2-1/4 Ctr. Als Beispiele der Grsse einiger deutschen
        Brauereien seien die Produktions- und Steuerverhltnisse der
        =Dreher='schen Brauerei in Schwechat bei Wien und die der
        Brauerei von =G. Sedlmayr= in Mnchen angefhrt:

        erstere producirte 1866 272,059 Hektoliter Bier und zahlte an
                                                   Steuer 2,435,803 Frcs.
        letztere     "     1866 262,000Hektoliter Bier und zahlte an
                                                   Steuer 1,000,000 Frcs.

        Die Brauerei von =L. Brey= (zum Lwenbru) in Mnchen liefert
        jhrlich 280,000 Hektoliter Bier und zahlt fast 1,100,000 Frcs.
        Steuer.

        In Bayern betrug der Malzaufschlag durchschnittlich (netto):

                          1819/25 4,418,900 fl.
                          1831/37 4,985,545  "
                          1843/49 5,408,532  "
                          1855/61 6,667,396  "
                          1861/67 8,661,092  "

        Seitdem ist der Ertrag im Abnehmen, wahrscheinlich in Folge der
        Zunahme der Anwendung der Surrogate.

  [121] Nach dem Gesetze vom 4. Juli 1868 wird im =norddeutschen Bunde=
        von jedem Centner Malz- oder Getreideschrot eine Steuer von 20
        Silbergroschen erhoben.

[Sidenote: Besteuerung der Wrze.]

[Sidenote: Steuer von dem fertigen Biere.]

Die =Besteuerung der Wrze= ist die rationellste und die allein richtige
Art der Besteuerung des Bieres, da sich in der Wrze alles Nutzbare aus
dem Malze und aus den verwendeten strkemehl- oder dextrosehaltigen
Substanzen concentrirt. Hierbei hat man die =Quantitt= der Wrze und
ihren =Extractgehalt= zu ermitteln. Die Erhebung der Menge kann entweder
auf den Khlstcken, im Zusammengussbottich oder beim Fassen stattfinden.
Auf den Khlstcken lsst sich eine genaue Messung nur schwierig
vornehmen, da die Wrze darin eine dnne Schicht mit grosser Oberflche
bildet und ein sehr geringer Unterschied in der Hhe der
Flssigkeitsschicht schon bedeutend auf die Quantitt influiren kann. Das
Messen der Wrze in der Sammelkufe (dem Zusammengussstock) gewhrt
grssere Sicherheit; da die Wrzen aus allen Khlschiffen darin gemischt
sind, so ist die Sammelkufe besonders geeignet zur Bestimmung des
Extractgehaltes der Wrze. Aus der Sammelkufe gelangt die Wrze in die
Ghrfsser oder Ghrbottiche; whrend des Fassens kann eine Controle
stattfinden und die Menge der Wrze sicher ermittelt werden. Die
Ermittelung des Extractgehaltes geschieht mit Hlfe des Saccharometers.
Mit der so bestimmten Wrze ist keine Manipulation zum Nachtheile des
Staates mehr mglich, wol aber zum Schaden des Publikums; letztere
gehren jedoch nicht mehr in das Gebiet der Steuergesetzgebung, sondern
in das der polizeilichen Ueberwachung (Bierkieser, Bierprober). Die
Erhebung der Steuer von dem =fertigen Biere= ist nirgend blich, doch ist
die Vergleichung des auf den Khlschiffen, in Bottichen und Fssern
enthaltenen Biervorrathes immerhin ein Ueberwachungsmittel fr andere
Erhebungsarten.


                        Die Spiritusfabrikation.

[Sidenote: Allgemeines.]

Die Erzeugung von Alkohol hat in den meisten Lndern eine verschiedene
Grundlage und Bedeutung, andere Rohstoffe, andere Zwecke, anderen
Steuermodus -- Umstnde, welche smmtlich fr die Richtung, in welcher
die Alkoholerzeugung sich bewegt, von grosser Tragweite sind. Wird eine
alkoholhaltige Flssigkeit der Destillation unterworfen, so gehen Alkohol
und Wasser ber, whrend die nicht flchtigen Bestandtheile der
Flssigkeit in concentrirter Gestalt zurckbleiben. Die Destillation der
alkoholhaltigen Flssigkeit wird das =Brennen=, das Destillat, im
Wesentlichen ein Gemisch von Wasser und 40 bis 50 Proc. Alkohol,
=Branntwein= genannt. Alkoholreichere Destillate fhren den Namen
=Weingeist= oder =Spiritus=. Ehedem war der Zweck der
Branntweinbrennereien die Bereitung von zum Genuss bestimmten
Branntweins; seitdem man aber angefangen hat, den Spiritus in den
Gewerben zu den verschiedensten Zwecken z. B. in der Parfmerie,
Lackfirnissbereitung, als Brennspiritus zum Extrahiren u. s. w. zu
verwenden, stellt man nicht mehr Branntwein, sondern sofort durch
fabrikmssigen Betrieb das alkoholreichere Destillat, den Spiritus oder
Weingeist dar.


  Seitdem die Branntweinbrennerei als Spiritusfabrikation das
  Kleingewerbe zum Theil verlassen, hat sich die Mechanik der
  Destillirapparate bemchtigt und unter Bercksichtigung der
  physikalischen Eigenschaften eines Gemisches von Alkohol- und
  Wasserdmpfen und des Umstandes, dass die Rckstnde der Destillation
  als Viehfutter brauchbar sein mssen, Apparate construirt, welche in
  der krzesten Zeit aus dem angewendeten Rohmaterial (Kartoffeln, Rben,
  Cerealien u. s. w.) die grsstmglichste Menge von starkem Alkohol
  liefern. Der wohlthtige Einfluss der Steuergesetzgebung auf die
  Entwickelung des Brennereigewerbes ist nicht zu verkennen.

[Sidenote: Der Alkohol und seine technisch wichtigen Eigenschaften.]

Der Alkohol (als idealer Begriff der Chemie) hat die Formel C_{2}H_{6}O
oder (C_{2}H_{5} / H) O. Er ist eine farblose, dnnflssige, sehr
bewegliche Flssigkeit von 0,792 spec. Gew. und siedet bei 78,3, da
Wasser unter dem nmlichen Drucke bei 100 siedet, so kann man aus der
Siedetemperatur einer alkoholischen Flssigkeit ihren Alkoholgehalt
ermitteln. Zwischen 0 und 78,3 (seinem Siedepunkte) dehnt sich der
Alkohol um 0,0936 seines Volumens aus, whrend das Wasser sich zwischen
diesen Temperaturgraden nur um 0,0278 seines Volumens ausdehnt. Da die
Dilatation des Alkohols mithin 3-1/3mal grsser ist als die des Alkohols,
so lassen sich die eigenthmlichen Ausdehnungsverhltnisse der beiden
genannten Flssigkeiten ebenfalls zur Alkoholometrie benutzen. Die
Tension des Alkoholdampfes ist bei 78,3 dem einer Atmosphre gleich,
whrend Wasserdampf erst bei 100 einen Atmosphrendruck ausbt; es lsst
sich daher der Alkoholgehalt einer Flssigkeit durch eine
Quecksilbersule messen, welche bei einer bestimmten Temperatur durch die
aus der alkoholhaltigen Flssigkeit entwickelten Dmpfe emporgehoben wird
(Vaporimeter Seite 478). Der Alkohol ist leicht entzndlich und brennt
mit blassblauer Flamme, ohne dabei Russ abzuscheiden. Seine
Verbrennungswrme entspricht 7183 Wrmeeinheiten. Er zieht begierig
Wasser an (darauf beruht seine Anwendung zur Conservirung von
Nahrungsmitteln und anatomischen Prparaten) und mischt sich mit Wasser
in jedem Verhltniss, dabei findet Volumenverminderung (Erhhung des
spec. Gewichts) und Freiwerden von Wrme statt. Beim Vermischen von

            53,9 Volumen Alkohol mit
            49,8    "    Wasser, ist das Volumen der Mischung
           -------------
     nicht 103,7, sondern 100 Volumen.

Der Alkohol ist ein Lsungsmittel fr Harze (hierauf grndet sich die
Bereitung von gewissen Lackfirnissen, Kitten und pharmaceutischen
Prparaten), therische Oele (die Lsungen sind theils riechende Wasser,
wie die Eau de Cologne, theils Liqueure und Aquavite, theils
Leuchtstoffe, wie eine Lsung von Terpentinl in Alkohol) und
Kohlensuregas (wichtig fr die Schaumfabrikation, Seite 485).

  Durch die Einwirkung gewisser oxydirender Agentien geht der Alkohol
  erst in Aldehyd und dann in Essigsure ber (Schnellessigfabrikation).
  Er lst Kochsalz nicht auf (von der Unlslichkeit des Kochsalzes in
  Alkohol macht man bei der hallymetrischen Probe Gebrauch; Seite 509).
  Durch die Einwirkung von den meisten Suren findet eine Aetherification
  des Alkohols statt. Schwefelsure bildet je nach der angewendeten Menge
  und der Concentration Aetherschwefelsure, Aether oder
  Kohlenwasserstoffgas. Salzsure bildet Chlorthyl. Einige organische
  Suren, wie Buttersure und Oxalsure, therificiren direct den
  Alkohol; die meisten anderen organischen Suren bedrfen hierzu der
  Schwefelsure oder Salzsure. Der Alkohol ist das berauschende Princip
  aller geistigen Flssigkeiten.

[Sidenote: Die Rohmaterialien der Spiritusfabrikation.]

=Rohstoffe der Spiritusfabrikation.= Der Alkohol ist stets das Produkt
der geistigen Ghrung; die Spiritusfabrikation zerfllt in drei
Hauptoperationen:

    1) in die Darstellung der zuckerhaltigen Flssigkeit,
    2) in die Ghrung derselben,
    3) in die Abscheidung des Alkohols durch Destillation.

Es knnen mithin alle gegohrenen zuckerhaltigen Flssigkeiten oder
diejenigen Substanzen, welche durch Ghrung Alkohol liefern, zur
Spiritusfabrikation benutzt werden.

  Alle diejenigen Materialien, welche zur Erzeugung von Spiritus
  angewendet werden, enthalten bereits fertig gebildeten Alkohol oder
  Rohrzucker und Dextrose, oder endlich Substanzen, welche entweder durch
  die Einwirkung von Diastase oder von verdnnten Suren in Dextrose
  bergehen knnen; solche Substanzen sind das Strkemehl, das Inulin,
  das Lichenin, die Pektinkrper und die Cellulose. Die Rohmaterialien
  der Spiritusfabrikation lassen sich also in die folgenden drei Gruppen
  bringen:

  1. =Gruppe=: Flssigkeiten, welche die Ghrung bereits durchgemacht
  haben und daher fertig gebildeten =Alkohol= enthalten, der nur durch
  Destillation abgeschieden zu werden braucht; der Wein, das Bier und der
  Cider gehren in diese Gruppe;

  2. =Gruppe=: Feste oder flssige Substanzen, welche =Zucker=, entweder
  Rohrzucker oder Dextrose und Levulose oder Milchzucker enthalten.
  Hierher gehren die Zuckerrben, Mohrrben, das Zuckerrohr, die
  Maisstengel, das chinesische Zuckerrohr (Sorghum), die Quecke, das
  Stein- und Kernobst (namentlich Zwetschen, Kirschen und Feigen), die
  Beeren (die Trauben, Vogelbeeren und Wachholderbeeren), Melonen und
  Krbisse, die Cactusfrchte, der Krapp, die Melasse der Rohr- und
  Rbenzuckerfabriken, die Trester der Wein- und Bierbereitung, der Honig
  und die Milch.

  3. =Gruppe=: Alle Substanzen, welche weder Alkohol noch Zucker
  enthalten, deren Bestandtheile aber in Zucker und zwar in Dextrose
  bergefhrt werden knnen. Diese der Saccharification fhigen
  Bestandtheile sind das =Strkemehl=, das =Inulin=, das =Lichenin=, die
  =Pektinkrper= und die =Cellulose=; sie finden sich in einer behufs
  ihrer Anwendung in der Spiritusbereitung hinlnglichen Menge in
  folgenden

  a) =Wurzeln= und =Knollen=: Kartoffeln, Topinambur, Asphodelus,
  Kaiserkrone, Dahlienknollen;

  b) =Cerealien=: Roggen, Weizen, Gerste, Hafer, Mais, Reis;

  c) =Leguminosen= und =andere Samen=: Buchweizen, Hirse, Negerhirse,
  Erbsen, Linsen, Bohnen, Wicken, Lupinen, Kastanien, Rosskastanien,
  Eicheln;

  d) =cellulosehaltige Substanzen=: Holz (Sgespne), Papier, Stroh, Heu,
  Bltter, Flechten und Moose.

  In der Zukunft wird vielleicht eine

  4. =Gruppe= aufgestellt werden mssen, welche alle Substanzen umfassen
  wird, die zur synthetischen Darstellung von Alkohol, von sogenanntem
  =Mineralspiritus=, dienen knnen. =Berthelot= wies 1855 die Bildung
  von Alkohol aus lbildendem Gas und Wasser (C_{2}H_{4} + H_{2}O =
  C_{2}H_{6}O) nach. Oelbildendes Gas wird bei anhaltendem
  Zusammenschtteln mit concentrirter Schwefelsure unter Bildung von
  Aetherschwefelsure absorbirt, aus der Flssigkeit kann durch
  Verdnnung mit Wasser und Destillation sofort wsseriger Alkohol
  gewonnen werden. Vor der Hand ist die synthetische Bildung des
  Alkohols, die vor einigen Jahren von einem franzsischen Techniker
  auszubeuten versucht wurde, lediglich von wissenschaftlichem Interesse.


                  A. Darstellung der weingaren Maische.

[Sidenote: Weingare Maische aus Cerealien.]

Getreidebranntwein (Kornbranntwein) wird aus Weizen, Roggen und Gerste
dargestellt. Nie brennt man eine Getreideart allein, da die Ausbeute an
Alkohol erfahrungsmssig grsser ist, wenn man zwei Getreidearten, wie
Weizen und Gerste, Roggen und Gerste und dergl. brennt. Meist nimmt man
Gemenge von Roggen mit Weizen- oder Gerstenmalz, oder Weizen gemengt mit
Gerstenmalz. Auf 1 Th. Malz rechnet man 2 bis 3 Th. ungemalztes Getreide.
Entweder bereitet man wie in England eine wirkliche Wrze, indem man, wie
in der Bierbrauerei, malzt, taigt und maischt und dann die Wrze zieht,
oder man lsst die ganze Maische nebst den Trebern ghren. Letzteres
Verfahren ist in Deutschland gebruchlich und wird auch bei nachstehender
Beschreibung zu Grunde gelegt werden. In Russland und Schweden wird (nach
mir zugekommenen Mittheilungen von =N. Witt=) vielfach Branntwein _ohne
Malz_ verarbeitet, indem bei geeigneter Einmaischung des Roggenmehls
durch gewisse Bestandtheile desselben derselbe Effect erzielt wird, wie
durch die Diastase des Malzes[122].

  [122] Vergl. Zeitschrift des landwirthschaftl. Vereins in Bayern, 1866,
        Januar p. 35.

  Die Darstellung der weingaren Maische aus Getreide zerfllt in folgende
  vier Operationen, nmlich in

  1) =Das Schroten.= Das rohe so wie das gemalzte Getreide werden vor der
  Verarbeitung geschroten; da es sich in der Spiritusfabrikation nicht um
  die Darstellung einer klaren Wrze handelt, sondern darum, dass die
  Zuckerbildung eine vollstndige ist, so ist es durchaus erforderlich,
  dass das Schrot mglichst fein sei. In der Spiritusbereitung wird jetzt
  vorzugsweise =Grnmalz= verwendet.

  2) =Das Eintaigen.= Die Operation des Eintaigens ist ihrem Wesen nach
  mit dem Einmaischen der Brauer identisch, mit dem Unterschiede jedoch,
  dass der Brenner die vollstndige Ueberfhrung des Strkemehls in
  Glycose beabsichtigt, whrend der Brauer einen Theil der Strke nur in
  Dextrin berfhrt. Die vollstndige Verzuckerung, ferner die
  vollstndige Umwandelung der Glycose in Alkohol whrend der Ghrung,
  sind nur bei einer gewissen Verdnnung der Maische mglich. Unter ein
  gewisses Verhltniss des Wasserzusatzes darf nicht herabgegangen
  werden, wenn man nicht an Ausbeute verlieren will. Da in den meisten
  deutschen Lndern nicht das fertige Produkt, der Alkohol, sondern der
  Maischraum versteuert wird, so liegt es in dem Interesse des Brenners,
  seinen Maischraum mglichst auszunutzen und mit hchst concentrirter
  Maische zu arbeiten. Die Forderungen der Wissenschaft sind daher den
  Forderungen der Praxis entgegengesetzt; erstere verlangt die grsste
  Alkoholausbeute aus einem gegebenen Gewicht des Rohmaterials, letztere
  aus dem kleinsten Maischvolumen. Bis zu einem gewissen Punkte wird
  daher der Vortheil, welcher aus der genauen Befolgung der Grundstze
  der Chemie folgt, durch den Nachtheil mehr als compensirt, der aus den
  Steuerverhltnissen entspringt. Die Erfahrung hat nun den Weg gezeigt,
  auf welchem Theorie und Steuer, Gewinn und Verlust, sich mit einander
  ins Gleichgewicht setzen. Ehemals rechnete man auf 1 Th. Schrot im
  Mittel 8 Th. Wasser, es fand vollstndige Verzuckerung und vollstndige
  Verghrung statt und die Trennung des Alkohols durch Abdestilliren
  konnte aus einer so dnnen Maische mit Leichtigkeit geschehen. Diesen
  Vortheilen stellte sich der Nachtheil grsserer Gerthschaften und
  einer grsseren Brennstoffconsumtion entgegen. Dazu kam noch die
  Besteuerung des grsseren Maischraumes. Man wurde so nach und nach
  veranlasst, von 8 Th. Wasser auf sechs, fnf, ja bis auf 3,75
  herabzugehen und erhielt in Folge einer vollstndigeren Verghrung mit
  weniger Kosten eine grssere Alkoholausbeute als frher. In neuerer
  Zeit zieht man das Verhltniss von 1 : 4,5 vor. Bei einem Verhltniss
  von 1 : 3,75 tritt schon entschieden ein Verlust ein, es bleiben zu
  viel Strkemehl und Dextrin in der Schlempe zurck.

  3) =Das Ab- und Zukhlen der Maische.= Nachdem die Verzuckerung
  vollendet ist, muss die Temperatur der Maische so schnell als mglich
  auf die zum Hefengeben und zum Einleiten der Ghrung geeignete
  Temperatur herabgebracht werden. Das Khlen geschieht theils durch
  =Abkhlung= auf Khlschiffen, genau so wie in der Bierbrauerei, theils
  durch Vorrichtungen (Khlapparate), welche die Verdunstung befrdern,
  theils auch durch =Zukhlen= mit kaltem Wasser oder mit Eis. Die
  Temperatur, bis zu welcher gekhlt werden muss, richtet sich nach der
  Temperatur des Ghrlokales, ferner nach der Dauer der Ghrung; wendet
  man dreitgige Ghrung an, so braucht man begreiflicherweise eine etwas
  hhere Temperatur als bei viertgiger Ghrung. Nachdem die Maische bis
  zur erforderlichen Temperatur -- im Durchschnitt bis auf 23 C. --
  abgekhlt worden ist, setzt man ihr einen Theil des Zuckerkhlwassers
  zu und bringt sie in den Ghrbottich.

  4) =Die Ghrung der Maische.= Die Ghrbottiche sind meist aus Holz,
  doch wendet man auch solche aus Stein an. Erstere verdienen den Vorzug,
  da sie weniger schnell die Wrme ableiten. Aus dem nmlichen Grunde
  zieht man grssere Bottiche den kleineren vor. Eine Capacitt von 4000
  Litern wird selten berschritten. Man benutzt entweder Bierhefe
  (Oberhefe oder Unterhefe) im flssigen Zustande, oder =Presshefe=, wie
  die durch Abpressen der Bierhefe oder der bei der Ghrung der
  Branntweinmaische sich bildenden Hefe gewonnen wird. Letztere wird vor
  ihrer Anwendung in warmem Wasser zertheilt. Von der flssigen Bierhefe
  rechnet man auf 1000 Liter Maische 8-10 Liter, auf 3000 Liter Maische
  reicht man mit 15-20 Liter Hefe. Von der Presshefe verwendet man auf
  1000 Liter Maische 1/2 Kilogr., auf 3000 Liter 1 Kilogr. Da man Bier-
  und Presshefe nicht immer von der erforderlichen Qualitt und zu
  billigem Preise haben kann, so pflegt man in den grsseren Brennereien
  knstliche Hefe zu bereiten. Das Zugeben der Hefe zu der gekhlten
  Maische geschieht auf hnliche Weise wie das Anstellen der Bierwrze.
  Nach 3 bis 5 Stunden tritt die Ghrung ein, wobei sich die Temperatur
  auf 30-32 erhht. So wie die Kohlensureentwickelung aufhrt, sinken
  die schwereren Theile unter und machen den flssigen Platz. Diese
  Erscheinung tritt am vierten Tage ein und gilt als Zeichen der
  Beendigung der Ghrungsprocesses. So wie die Maische =weingar= oder
  =reif= ist, muss sofort zur Abscheidung des Alkohols geschritten
  werden. Dass man hier unter Reife nicht die absolute Vollendung der
  Ghrung, sondern die relative mit Bercksichtigung des konomischen
  Vortheiles versteht, welcher mit der rechtzeitigen Unterbrechung der
  Ghrung verbunden ist, bedarf kaum der Erwhnung.

[Sidenote: Maische aus Kartoffeln.]

Die =Kartoffeln= bestehen aus 28 Proc. Trockensubstanz (mit 21 Proc.
Strkemehl und 2,3 Proc. Albuminkrpern) und 72 Proc. Wasser und
enthalten ebenso wie die Cerealien nur das in Dextrose berfhrbare
Strkemehl, nicht aber auch den Umbilder, welchen man Diastase genannt
hat. Dieser Stoff wird auch nicht in den Kartoffeln durch das Keimen
erzeugt. Damit daher die Strke der Kartoffeln in Dextrose bergehe, muss
man entweder bei der Verarbeitung der Kartoffeln Malz zugeben, oder die
vorbereiteten Kartoffeln mit verdnnter Schwefelsure behandeln. Je
nachdem nun das erstere oder das letztere geschieht, unterscheidet man:
a) Darstellung der Maische mit Hlfe von Malz, b) Darstellung der Maische
mittelst Schwefelsure. Die erstere Art der Maischdarstellung ist die
gewhnliche und von ihr wird vorzugsweise im Folgenden die Rede sein.

  Man unterscheidet bei der Bereitung der weingaren Kartoffelmaische
  folgende Operationen: 1) _Das Waschen und Kochen der Kartoffeln._ Ehe
  man die Kartoffeln dmpft oder kocht, reinigt man dieselben in der
  Regel von der anhngenden Erde. Das Waschen geschieht entweder in einem
  Troge oder in einer Trommel. Nach dem Waschen schreitet man zum Kochen
  der Kartoffeln, ohne sie vorher von der Schale zu befreien. Frher
  kochte man die Kartoffeln mit Wasser, gegenwrtig allgemein mit
  Dmpfen. 2) _Das Zerkleinern der gargekochten Kartoffeln._ Sobald die
  Kartoffeln gargekocht sind, schafft man die Kartoffeln aus dem Bottich
  auf den Rumpf, der sie nach den zum Zerkleinern dienenden Apparate
  fhrt. Dabei wird die Dampfzufuhr nur ermssigt, nicht unterbrochen,
  damit die Kartoffeln heiss bleiben. Beim Erkalten nehmen gekochte
  Kartoffeln bekanntlich hufig eine seifige Beschaffenheit an, in deren
  Folge sie nur schwierig zerkleinert und nicht mehr gleichmssig mit
  Wasser gemischt werden knnen. Eine vollstndige Ueberfhrung des
  Strkemehls in Dextrose ist aber nur dann erreichbar, wenn durch die
  Quetschmaschinen eine lockere, mehlartige Substanz und nicht eine
  zusammengeballte Masse geliefert wird. Die einfachste Vorrichtung zum
  Zerkleinern der Kartoffeln besteht in zwei hohlen gusseisernen Walzen,
  deren Axen in Lagern eines Gestelles liegen und welche durch zwei Rder
  so mit einander verbunden sind, dass bei der Umdrehung die Walzen in
  entgegengesetzter Richtung sich bewegen. 3) _Das Einmaischen._ Die
  Kartoffeln werden auf hnliche Weise wie das rohe Getreide unter Zusatz
  von Malz gemaischt. Man zieht das Gerstenmalz, weil es am krftigsten
  und vortheilhaftesten wirkt, allen brigen Malzarten vor, doch wendet
  man nicht selten Roggenmalz mit Gerstenmalz gemischt an. Das Grnmalz
  wirkt krftiger als das Luftmalz und bedingt eine grssere
  Alkoholausbeute. Das Verhltniss des Malzschrotes zu den Kartoffeln
  wird verschieden angegeben, whrend auf der einen Seite behauptet
  wird, dass 2 bis 3 Proc. Gerste (als Malz) auf 100 Th. Kartoffeln
  gengend seien, wollen andere, dass man 10 Proc. Gerste nehme. Wie so
  hufig in der Welt mchte auch hier das Richtige in der Mitte liegen
  und in der That ist ein Zusatz von 5 Th. Gerste oder auch Luftmalz zu
  100 Th. Kartoffeln am gebruchlichsten. 100 Th. Kartoffeln (mit etwa 20
  Proc. Strkemehl) geben im Durchschnitt 17,3 Th. wasserfreies Extract
  in die Maischwrze, 5 Th. Gerstenmalz geben 3 Th. wasserfreies Extract;
  die Spiritusausbeute ist daher auf diese beiden Materialien zu
  vertheilen. Bei dem Dickmaischen der Kartoffeln geht man etwas weiter
  als beim Maischen des Getreides, nmlich bis zu einem Verhltnisse der
  Trockensubstanz zum Wasser, wie 1 : 4,5, 1 : 4, selbst 1 : 3. Es ist
  klar, dass der grosse Wassergehalt der Kartoffeln (72-75 Proc.) bei
  diesem Verhltnisse in Abzug gebracht wurde.

  Das =Ab=- und =Zukhlen= erfolgt auf dieselbe Weise, wie frher
  beschrieben worden ist. Auf dem Khlschiffe erleidet die Maische
  Vernderungen, welche theilweise zum Vortheil, aber auch zum Theil
  nachtheilig auf die Alkoholausbeute sind. Zu den gnstigen
  Vernderungen ist die Zunahme des Zuckergehaltes zu rechnen. In der
  abgekhlten Maische ist mehr Glycose enthalten als vorher, eine
  Thatsache, die sich nur durch die Gegenwart von Protenkrpern in der
  Maischwrze erklren lsst, welche die Eigenschaft besitzen, das
  Dextrin in der ungekhlten Maische in Dextrose berzufhren[123]. Eine
  andere Vernderung der Maische besteht in der Bildung von Milchsure,
  die sich stets unter Mitwirkung eines eigenthmlichen
  Milchsurefermentes auf Kosten des Zuckers bildet. Die Milchsure
  bildet sich um so reichlicher, je langsamer die Abkhlung der Maische
  auf die Ghrtemperatur vor sich geht. Das beste Mittel, ihre Bildung
  auf ein unschdliches Maass zu erniedrigen, besteht daher in der
  mglichst schnellen Abkhlung. Seit einiger Zeit hat man in der
  =schwefligen Sure= ein ausgezeichnetes Mittel entdeckt, um die
  Ausbeute von Alkohol aus der Maische durch Verhinderung der
  Milchsurebildung zu vergrssern. Man maischt unter Zusatz einer
  wsserigen Lsung von schwefliger Sure ein.

  [123] Jeder Eiweisskrper besitzt in einem bestimmten Zersetzungsgrade
        die Eigenschaft, Strkemehl in Dextrose berzufhren, so Blut,
        Galle, Gehirnsubstanz, Hefe, Albumin von gekeimter Gerste,
        Speichel, faules Fleisch. Wenn =Mulder= will, dass das Wort
        =Diastase= aus der Wissenschaft gestrichen werde -- er schlgt
        dafr den Namen =Satzmehlumbilder= vor -- so lsst sich vom
        Standpunkte der chemischen Wissenschaft aus kaum etwas erwidern,
        da die Diastase als chemisches Individuum nicht existirt. In der
        Technologie dagegen kann die Diastase beibehalten werden, nur sei
        unter ihr nur der Inbegriff von solchen in Zersetzung begriffenen
        Eiweisssubstanzen verstanden, welche das Strkemehl in Dextrose
        umzuwandeln vermgen.

[Sidenote: Maische mittelst Schwefelsure.]

=Darstellung der Maische mittelst Schwefelsure.= Wie auf Seite 466
angegeben worden ist, kann die Umwandelung des Strkemehls in Dextrose
ausser durch die sogenannte Diastase des Malzes auch noch durch verdnnte
Suren, namentlich verdnnte Schwefelsure, geschehen. Diese Art der
Maischbereitung ist von =Leplay= empfohlen worden.

  Bei der Ausfhrung werden die rohen Kartoffeln zu einem Brei zerrieben;
  der Brei wird in einen grossen Bottich gebracht und mit viel Wasser
  bergossen. Das aus den zerrissenen Zellen des Kartoffelbreies
  ausgeschiedene Strkemehl setzt sich theils auf den Boden des Bottichs,
  theils auf der zerriebenen Kartoffelmasse ab. Die berstehende braune
  Flssigkeit und mit ihr das Eiweiss der Kartoffeln, welches der
  Einwirkung der Schwefelsure Schwierigkeiten machen wrde, wird mit
  Hlfe eines Hebers entfernt. Die Flssigkeit selbst dient fr das Vieh
  entweder zum Trnken oder zum Annetzen des trocknen Futters. Whrend
  der Kartoffelbrei ausgelaugt wird, erhitzt man in einem zweiten Bottich
  die erforderliche Menge verdnnter Schwefelsure mit Hlfe eines
  Dampfrohres bis zum Sieden. Auf das Hektoliter Kartoffeln rechnet man
  1,5-2 Kilogr. englische Schwefelsure und zu deren Verdnnung 3-4 Liter
  Wasser. In diese siedende Flssigkeit wird nach und nach der
  ausgelaugte Kartoffelbrei eingetragen. Das Kochen wird fortgesetzt, bis
  nicht nur kein Strkemehl, dessen Anwesenheit durch Jodwasser erkannt
  wird, sondern auch kein Dextrin in der Flssigkeit mehr ist. Eine Probe
  der Flssigkeit in einem Probirglschen mit starkem Alkohol gemischt,
  darf nicht milchig werden, gegenfalls das Kochen fortgesetzt werden
  muss. Nach etwa fnfstndigem Kochen ist die Zuckerbildung beendigt.
  Die Flssigkeit wird in einen Bottich mit Doppelboden gebracht und
  behufs der Trennung des ungelsten Faserstoffes in einen anderen
  Bottich abgelassen und darin mit Hlfe von Kreide neutralisirt. Die vom
  ausgeschiedenen Gypse abgelassene Flssigkeit wird wie die mittelst
  Gyps erhaltene Maische mit Hefe zur Ghrung gebracht. Ueber den Werth
  des =Leplay='schen Verfahrens hat die Praxis noch nicht endgltig
  entschieden. In dem, was bis jetzt vorliegt, findet sich viel
  Widersprechendes. Im Allgemeinen stimmen alle Urtheile darin berein,
  dass mit dem neuen Verfahren im Ganzen wenig Vortheil verknpft ist;
  was an Malz erspart wird, absorbirt die Ausgabe fr Schwefelsure und
  Brennmaterial, von welchem wegen des mehrstndigen Kochens bedeutend
  mehr verbraucht wird.

  4) _Die Ghrung der Kartoffelmaische._ Das Zugeben der Hefe zu der
  gekhlten Maische in den Ghrbottichen geschieht auf dieselbe Weise wie
  bei der Maische aus Cerealien. Als Ghrmittel wendet man auch hier
  Bierhefe an. Auf 100 Kilogr. rechnet man 1-2 Liter breiiger Bierhefe
  oder 3/4-1 Kilogr. Presshefe. In der Kartoffelmaische befindet sich
  neben Malz- und Getreidehlsen auch fein zertheilter Zellenstoff; diese
  Substanzen werden whrend der Ghrung auf die Oberflche gehoben und
  bilden daselbst eine Decke, deren Ansehen und Verhalten einen Schluss
  auf den Verlauf der Ghrung zu ziehen gestattet. Man unterscheidet in
  dieser Hinsicht =regelmssige= und =unregelmssige Ghrung=. Erstere
  tritt nach 4-6 Stunden nach dem Hefegeben ein und verluft innerhalb
  einer dem zugesetzten Hefenquantum und der Temperatur entsprechenden
  Zeit. Die Ghrung geht ruhig, nicht strmisch vor sich, die Decke wlzt
  sich durcheinander, indem dieselbe in einer Art rollender Bewegung an
  einer Seite niedersinkt, an der anderen Seite sich aus der Maische
  wieder emporhebt (=Ghrung mit wlzender Decke=). Zuweilen blht sich
  die Decke hnlich dem ghrenden Brotteig auf und steigt, bis das
  Kohlensuregas entweicht, worauf dieselbe wieder zusammensinkt (=Ebbe=
  und =Fluth=). Unregelmssige Ghrungsarten sind dagegen die Ghrung
  =unter der Decke=, die Ghrung =mit durchbrochener Decke= und die
  Ghrung =ohne Decke=; bei der Ghrung =unter= der Decke bleibt die
  Decke whrend der Ghrung unbeweglich liegen und der Ghrungserfolg ist
  gewhnlich ein mangelhafter; der Grund davon ist in einem fehlerhaften
  Maischprocess und unvollkommener Verzuckerung, in der Benutzung eines
  zu schwachen Hefenquantums oder endlich einer zu niederen Temperatur
  der Maische und des Ghrlokales zu suchen. Wenn whrend der Ghrung die
  Decke =durchbrochen= wird und der Schaum ber die Decke emportritt, die
  Decke aber ziemlich ruhig liegt, so ist zwar die Ghrung krftiger, als
  wenn sie unter der Decke erfolgt, das Resultat ist aber dennoch nicht
  befriedigend. Wenn endlich die Ghrung =ohne= Decke verluft, so ist
  dies ein Beweis zu einer schwachen Ghrung, indem die
  Kohlensureentwickelung nicht krftig genug vor sich geht, um die
  Treber an der Oberflche der Maische halten zu knnen. Bei normalem
  Verlaufe der Ghrung ist die Hefe nach 60-70 Stunden weingar und zur
  Destillation reif. In neuerer Zeit stellt man grosse Mengen von
  Spiritus aus =Mais=[124] und versuchsweise auch aus =Reis=[125] dar.

  [124] Vergl. Jahresbericht der chem. Technologie 1861 p. 457; 1868
        p. 571; 1869 p. 470.

  [125] Vergl. Jahresbericht der chem. Technologie 1869 p. 473.

[Sidenote: Maische aus Rben.]

Bei der Anwendung von solchen Vegetabilien zur Spiritusfabrikation, in
welchen der alkoholbildende Krper bereits als Rohrzucker oder als
Dextrose vorhanden ist, erspart man den Zuckerbildungs- oder
Maischprocess und kann sofort zur Einleitung der Ghrung schreiten,
sobald die zuckerhaltigen Zellen aufgeschlossen worden sind und der
Zucker in eine passende Lsung gebracht wurde. Der grosse Vortheil,
welcher den Spiritusfabrikanten durch die Umgehung des Maischprocesses
erwchst, springt zu sehr in die Augen, als dass man sich nicht mit aller
Kraft bestreben sollte, die zuckerhaltigen Vegetabilien anstatt der
strkemehlhaltigen in die Spiritusfabrikation einzufhren, wobei jedoch
nicht bersehen werden darf, dass nur dann eine solche zuckerhaltige
Substanz Anwendung finden kann, wenn sie sich mit den bestehenden
Steuerverhltnissen vertrgt und sonst den Anforderungen Genge leistet,
die vom technischen und mercantilischen Standpunkte aus an die
Spiritusfabrikation gemacht werden.

  Unter den zuckerhaltigen Vegetabilien, die als Spiritusmaterialien
  Beachtung verdienen, stehen die =Zuckerrben= oben an[126]. Die
  Zuckerrbe ist als Spirituspflanze dann besonders von hohem Werthe,
  wenn die Kartoffelproduktion in Folge von Kartoffelkrankheit einen
  Ausfall erlitten hat, um die Kartoffeln der Consumtion fr die Menschen
  zu erhalten, ferner, wenn in Folge von niedrigen Zuckerpreisen oder
  misslichen Steuerverhltnissen die Zuckerfabrikation aus Rben nicht
  mehr lohnend ist. Die Gewinnung des Saftes ist, so einfach wie sie
  scheint, doch ausserordentlich schwierig, da die zerriebenen Rben
  ungeachtet ihres Saftreichthums einen sehr consistenten Brei bilden,
  indem die 4 Proc. Marksubstanz (Cellulose oder Pektose) hinreichen, um
  die 96 Proc. Saft aufgesogen zurckzuhalten. Diese schwammige
  Beschaffenheit des Rbenbreies steht nun der Verwandelung der ganzen
  Rben in eine hinreichend concentrirte Maische im Wege und es hat sich
  bis jetzt noch kein Mittel gefunden, eine Verflssigung des Breies
  herbeizufhren. Knnte man den consistenten Rbenbrei zur vollstndigen
  Verghrung bringen, so wrden 100 Kilogr. desselben gegen 6 Liter
  Alkohol liefern, eine Ausbeute, die selbst bei sehr niedrigen
  Spirituspreisen eine Verarbeitung der Rbe auf Spiritus gestatten
  wrde. Da eine vollstndige Verghrung des Rbenbreies nicht ausfhrbar
  ist, so lag es nahe, nur den Saft der Rben zu verarbeiten und zwar
  diesen wie bei der Rbenzuckerfabrikation durch Pressen oder durch
  Maceriren zu gewinnen. Je nach der Art der Gewinnung des Saftes kann
  man folgende Methoden unterscheiden:

    [Greek: a]) Gewinnung des Saftes durch Reiben und

       a) Pressen,
       b) Ausschleudern in Centrifugalapparaten;

  [Greek: b]) Gewinnung des Saftes durch Maceration (oder auf
  dialytischem Wege), wobei man

       a) die Rbenschnitte entweder mit kaltem oder mit heissem Wasser
          auslaugt (Verfahren von =Siemens= und =Dubrunfault=),

       b) die Rbenschnitte mit heissem Splicht (Schlempe) von der
          vorhergehenden Destillation auslaugt (Verfahren von
          =Champonnois=);

[Greek: g]) Nach dem Verfahren von =Leplay= (und einer Modification
desselben von =Pluchart=) unterwirft man die zerschnittenen Rben der
Ghrung, ohne den Saft zu extrahiren und ohne Hefe zuzusetzen, und
destillirt den Alkohol aus den gegohrenen Rbenstcken mit Hlfe von
heissen Wasserdmpfen ab.

  [126] Die Rbenbrennerei ist neuerdings von =C. Thiel= (Neue
        landwirtschaftl. Zeitung 1869 p. 57, 88, 181, 207, 258, 295, 321)
        ausfhrlichst geschildert worden.

[Sidenote: Spiritus aus den Abfllen der Zuckerfabrikation.]

Auf den Antillen sowie in Ostindien werden die =Abflle der
Zuckerfabrikation= wie Zuckerschaum, Melasse u. dergl. in Ghrung
bergefhrt und die gegohrene Flssigkeit der Destillation unterworfen.
Der durch Destillation der mit Wasser verdnnten und gegohrenen
Rohrzuckermelasse erhaltene Branntwein fhrt in den englischen Colonien
den Namen =Rum= (Rhum, Taffia) und auf Madagascar und Isle de France den
Namen =Guildive=. Die bei der Destillation zuerst bergehenden Theile
enthalten das eigenthmliche Aroma des Rums. Durch Ghrung und
Destillation des Rohrzuckerschaumes erhlt man einen brenzlichen, scharf
sauren Branntwein, der gewhnlich den schwarzen Arbeitern gegeben und
=Negerrum= genannt wird. In England und Deutschland fabricirt man viel
ordinren Rum, indem man die verdnnte Melasse der Zuckerraffinerien mit
Hefe hinstellt und nach 3-4 Tagen die gegohrene Flssigkeit destillirt.
Das dem Rum eigenthmliche Aroma rhrt von einer kleinen Menge Aether
flchtiger fetter Suren, wol Pelargonther her.

Auch die in so grosser Menge bei der Rbenzuckerfabrikation sich bildende
=Rbenmelasse= dient zur Spiritusfabrikation (vergl. Seite 137). Fr sich
allein verghrt die Melasse nur sehr schwer vollstndig. Beseitigt man
aber vorher die alkalische Beschaffenheit der Melasse und fhrt man den
Rohrzucker durch Kochen der Melasse mit verdnnter Schwefelsure in
intervertirten Zucker ber, so ist die Ghrung leicht einzuleiten und zu
Ende zu fhren. 100 Kilogr. Melasse geben im Durchschnitt 40 Liter
Branntwein. Der anfnglich widerliche Geruch des Rbenbranntweins (das
Rbenfusell besteht aus kleinen Mengen Propylalkohol, dann Butyl- und
Amylalkohol, Pelargonsure und Caprylsure; ferner haben neuere
Untersuchungen darin die Gegenwart eines Gemenges von Oenanth-, Capron-
und Valeriansure wahrscheinlich gemacht) verliert sich grsstentheils
durch lngeres Lagern. Der in der Blase nach dem Abdestilliren des
Spiritus verbleibende Rckstand wird auf Schlempekohle (vergl. Seite 136)
verarbeitet. Der Zusatz von Schwefelsure hat indessen nicht nur die
Function den Rohrzucker in einen leicht verghrbaren Zucker berzufhren,
sondern vor Allem auch der sonst leicht eintretenden Milch- und
Schleimsureghrung vorzubeugen. Nach =Al. Mller= wird die Schwefelsure
passend durch Phosphorsure zu ersetzen sein.

[Sidenote: Spiritus aus Wein und Weintrestern.]

Die Destillation von =Spiritus aus Wein= ist besonders in Frankreich,
aber auch in Spanien und Portugal zu Hause. Man schtzt die jhrliche
Produktion von Weinspiritus oder Franzbranntwein (alcool de vin) in
Frankreich auf 450,000 Hektoliter von 85 Proc. und an 400,000 Hektoliter
Branntwein von 60 Proc. Die Qualitt des aus Wein destillirten
Branntweins ist von dem Reifgrade der Trauben, von der grsseren oder
geringeren Sorgfalt bei der Ghrung und Destillation, von der mehr oder
minder innigeren Mischung der flchtigen Principien des Weines mit dem
Alkohol, von dem Alter des Weines und von der Art desselben abhngig.
Alte Weine liefern eine bessere Qualitt als junge, gallisirte und
petiotisirte Weine eignen sich besonders zur Destillation. Der frisch
destillirte Branntwein ist farblos und bleibt auch ohne Farbe, wenn man
ihn sofort auf Flaschen fllt. Da man ihn aber in Fssern aus Eichenholz
aufzubewahren pflegt, so lst er eine kleine Menge von Farb- und
Extractivstoffen daraus auf und nimmt eine gelbliche Frbung an. Die
besten Sorten von Weinbranntwein werden im Charentedepartement
destillirt; sie fhren smmtlich im Handel den Namen =Cognac= und
zeichnen sich durch seine eigenthmliche und gewrzhafte Milde aus, die
man bis jetzt vergeblich nachzuahmen gesucht hat. Auch aus den
=Weintrestern= und dem =Weingelger= destillirt man Branntwein
(Tresterbranntwein und Drusenbranntwein). Die bei der Destillation des
Spiritus aus Wein verbleibende Schlempe (_Vinasse_) enthlt grosse Mengen
von =Glycerin= und lsst sich mit Leichtigkeit zur Fabrikation desselben
verwenden.


                 B. Destillation der weingaren Maische.

[Sidenote: Destillation der Maische.]

Die weingare Maische (Kartoffelmaische) ist ein Gemenge von
nichtflchtigen und flchtigen Stoffen. Zu den ersteren gehren Fasern,
Malzhlsen, unorganische Salze, Protensubstanzen, unzersetzte und
zersetzte Hefe, Bernsteinsure, Milchsure, Glycerin u. s. w., zu den
flchtigen der Alkohol, die Fuselle, das Wasser und kleine Mengen von
Essigsure. Die durch die Ghrung entstandenen flchtigen
Maischbestandtheile werden von den nicht flchtigen durch =Destillation=
getrennt, indem man die flchtigen Bestandtheile in Dmpfe verwandelt und
diese Dmpfe durch Abkhlung wieder condensirt. Wenn man die weingare
Maische bis zum Sieden erhitzt, so bilden sich Dmpfe, welche wesentlich
aus Alkohol und Wasser bestehen; die durch die Condensation dieser Dmpfe
erhaltene Flssigkeit ist demnach ein Gemisch von Wasser und Alkohol.

      Wasser siedet bei +100  C. bei 760 Millimeter Barometerstand
      Alkohol  "     "  +78,3 "   "   "       "           "

Da nun der Siedepunkt des Wassers um 21,7 C. hher liegt als der des
Alkohols, so knnte man vielleicht glauben, dass, wenn die weingare
Maische bis auf etwa 80 erhitzt wird, =nur der Alkohol= bergehen werde,
das Wasser dagegen zurckbleiben wrde. Dies ist bekanntlich nicht der
Fall und der Siedepunkt eines Gemenges von Wasser und Alkohol ist unter
allen Umstnden sogleich vom Anfange des Erhitzens an hher als der von
reinem Alkohol und die sich bildenden Dmpfe sind stets ein Gemenge von
Alkohol- und Wasserdmpfen. Der Grund hiervon liegt theils in der
Anziehung des Alkohols zum Wasser, theils auch in der Verdunstung;
erstere hlt den Alkohol zurck und verhindert denselben, bei der
Siedetemperatur des Alkohols (bei 78,3) in Gestalt von Alkoholdampf zu
entweichen. Ist durch Erhitzen der Siedepunkt des Gemisches von Alkohol
und Wasser erreicht, es sei derselbe 90 C., so wird von dem Alkohol der
grsste Theil dampffrmig sich entwickeln, weil dessen Siedepunkt der
niedrigere ist; von dem Wasser wird dagegen nur so viel verdunsten, als
wenn durch bis auf 90 erhitztes Wasser ein Luftstrom geleitet wrde,
denn die sich entwickelnden Alkoholdmpfe verhalten sich genau so wie ein
Luftstrom und nehmen whrend ihres Durchganges durch das Gemisch von
Alkohol und Wasser eine von der Temperatur abhngige Quantitt
Wasserdampf auf. Da die aus einer Flssigkeit entweichende Dampfmenge im
direkten Verhltnisse steht zu der Temperatur der Flssigkeit, so wird
die Menge der Wasserdmpfe in dem Dampfgemisch in dem Verhltniss
zunehmen, je hher der Siedepunkt des Gemisches steigt, bis endlich, wenn
der Siedepunkt des Wassers (= 100) erreicht ist, in den sich
entwickelnden Dmpfen keine Spur von Alkohol sich mehr befindet. Bei
Beginn der Destillation bestehen daher die Dmpfe aus viel Alkohol und
=sehr wenig= Wasser, spter aus =mehr= Wasser, endlich =nur= aus Wasser.
Man kann daher nie ohne weiteres durch blosse Destillation aus einer
weingaren Maische den Alkohol von den brigen flchtigen
Maischbestandtheilen trennen. Unterbricht man die Destillation dagegen
zur gehrigen Zeit, so hat man in dem Destillat allen Alkohol, nebst
einem kleinen Theile Wasser, whrend die Destillationsrckstnde
(Phlegma) keine Spur von Alkohol mehr enthalten.

  Das aus Alkohol und Wasser bestehende Destillat heisst =Lutter=
  (Luter, Lauer); unterwirft man dasselbe einer nochmaligen Destillation
  oder Rectification, so wird das Destillat alkoholreicher, bis es
  endlich durch wiederholtes Rectificiren oder Weinen einen gewissen
  Alkoholgehalt erlangt hat, der durch Destillation nicht mehr erhht
  werden kann. Die letzten Antheile Wasser werden von dem Alkohol so
  hartnckig zurckgehalten, dass deren Entfernung durch Destillation
  nicht ausfhrbar ist, wohl aber erreicht werden kann, wenn man zu dem
  wasserhaltigen Alkohol eine Substanz setzt, die zum Wasser mehr
  Verwandtschaft, als letzteres zum Alkohol hat. Solche Krper sind z.
  B. der Aetzkalk, das geschmolzene Chlorcalcium u. s. w.; sie geben bei
  der Digestion und nachfolgenden Destillation =absoluten Alkohol=,
  welcher in der Technik im Grossen niemals Anwendung findet. Das bei der
  Rectification des Lutter zuerst bergehende, sehr alkoholreiche
  Destillat heisst =Vorlauf=, das sptere =Nachlauf=. Ein zweimal
  rectificirter Alkohol enthlt gegen 50 Proc. Alkohol; durch
  Rectification kann man den Alkohol nicht strker als 95procentig
  darstellen. Der nach dem Abtreiben des Alkohols bleibende Rckstand
  heisst =Schlempe= (auch Splicht).

[Sidenote: Destillirapparate.]

Ein =Destillirapparat=, wie er zur Spiritusgewinnung Anwendung findet,
besteht in seiner einfachsten Form aus vier Theilen, nmlich der
Destillirblase, dem Helm, dem Khlapparate und der Vorlage zur Aufnahme
des Destillates.

  Die =Blase= oder der Destillirkessel (auch Brennkessel, Brennblase) ist
  gewhnlich aus Kupferblech, seltener aus Eisenblech angefertigt und hat
  in der Regel die Gestalt eines flachen Kessels, der aber bis auf eine
  obere runde Oeffnung von 12-24 Zoll Durchmesser geschlossen ist. Die
  Oeffnung ist mit einem einige Zoll hohen, starken Halse versehen. Der
  Boden ist entweder eben oder in der Mitte nach oben aufgebogen. Zum
  Ablassen der Schlempe ist unmittelbar ber dem Boden ein mit Hahn
  versehenes Abflussrohr angebracht. Auf dem Obertheile der Blase
  befindet sich seitlich noch ein Ansatzrohr zum Fllen der Blase mit
  Maische. Der =Helm= oder =Hut= fhrt die entwickelten Dmpfe aus der
  Blase in den Condensationsapparat. Obgleich hierzu ein einfaches Rohr
  schon gengend wre, zieht man es bei einfachen Destillirapparaten vor,
  den Helm gross und weit zu machen, um nicht nur die Maischtheilchen,
  die das Destillat verunreinigen wrden, abzuscheiden, sondern auch ein
  alkoholreicheres Produkt zu erhalten, indem in Folge der grsseren
  Oberflche die Dmpfe eine Abkhlung erleiden, welche die Fortfhrung
  der zuerst condensirten Wasserdmpfe verhindert. Grssere Helme haben
  endlich auch den Vortheil, dass sie Steigraum fr die beim Erhitzen
  sich ausdehnende Maische gewhren. Da das Volumen der Dmpfe whrend
  der Abkhlung sich verringert, so wrde die Gestalt eines Kegels die
  beste Helmform sein. Die =Khlapparate= haben die Bestimmung, die durch
  den Helm zugefhrten Dmpfe nicht blos mglichst vollstndig zu
  condensiren und in eine tropfbare Flssigkeit zu verwandeln, sondern
  auch so weit abzukhlen, dass davon nichts verdunstet; sie drfen den
  Dmpfen keinen unnthigen Spielraum gestatten, weil sonst whrend der
  Destillation atmosphrische Luft eindringt, die sich mit Alkoholdmpfen
  imprgnirt und dadurch beim Austritt oder Wechsel einen Alkoholverlust
  nach sich zieht; sie mssen endlich auch einfach und dauerhaft
  construirt sein und eine leichte und vollstndige Reinigung zulassen.
  Die Khlapparate sind Leitungen aus Zinn oder Kupfer (seltener Blei),
  welche von aussen durch Wasser oder wie bei den neueren
  Destillirapparaten durch Maische abgekhlt werden.

[Sidenote: Verbesserte Destillirapparate.]

Die =Destillirapparate=, mit deren Hlfe man =sofort= durch eine
einmalige Destillation =starken Alkohol= erhalten kann, haben, so
verschieden wie auch ihre Construction sein mge, das mit einander
gemein, dass die gemischten Alkohol- und Wasserdmpfe auf ihrem Wege von
der Blase bis zum Khlapparate ununterbrochen an Alkohol reicher werden,
bis sie endlich, auf die Strke von Alkohol gebracht, in den Khlapparat
zur Verdichtung kommen.

  Diese Anreicherung wird auf zweierlei Weise bewirkt, nmlich

  1) dadurch, dass das Dampfgemisch wiederholt durch alkoholische
  Flssigkeiten streicht, die durch Verdichtung der anfangs einstrmenden
  Dmpfe entstanden sind; spter, wenn die Temperatur in Folge
  fortgesetzten Einstrmens von Dmpfen sich steigert, findet eine neue
  Destillation statt, wobei die Dmpfe weit alkoholreicher sind, als bei
  der ersten Destillation (Princip der =Rectification=);

  2) dass die Dmpfe wiederholt der Einwirkung der khleren Wnde und
  Metalloberflchen des Apparates ausgesetzt werden; durch eine derartige
  regulirte Abkhlung ist man im Stande, das =Dampfgemisch zu zerlegen=,
  so dass der alkoholreichere Theil dampffrmig bleibt, whrend die
  Wasserdmpfe sich verdichten (Princip der =Dephlegmation=).

  Ehedem war man genthigt, wenn man starken Spiritus darstellen wollte,
  das Destillat wiederholten Destillationen zu unterwerfen, welche Geld
  und Zeit kosteten. Gegenwrtig finden diese Rectificationen in dem
  Apparate selbst statt und dadurch, dass man das Dampfgemisch zerlegt,
  ist man im Stande, durch eine einmalige Destillation Spiritus von
  beliebiger Strke darzustellen.

  An den meisten der neueren Destillirapparate lassen sich folgende
  Theile unterscheiden:

  1) die Blase oder der Kessel, in welchem die sich zu destillirende
  weingare Maische befindet;

  2) zwei Khlapparate, deren einer als =Rectificator= dient; der andere
  vervollstndigt die Condensation des fertigen Produktes;

  3) ein =Dephlegmator=, in welchem das Dampfgemisch (Lutterdampf)
  zerlegt wird in einen Theil, der viel wsseriger ist und sich
  verdichtet, whrend ein anderer weit alkoholreicherer Theil dampffrmig
  bleibt. Letzterer gelangt in den Khlapparat, ersterer fliesst zur
  Blase zurck.

Von den in Deutschland blichen Destillirapparaten, bei welchen die zu
destillirende Substanz weingare Kartoffelmaische ist, seien in Folgendem
die Apparate von =Dorn=, =Pistorius=, =Gall=, =Schwarz= und =Siemens=
beschrieben.

[Illustration: Fig. 233.]

  Der =Dorn='sche Apparat (Fig. 233) besteht aus der Destillirblase _A_,
  dem gerumigen und dadurch als Dephlegmator wirkenden Helme _B_, dem
  Khlapparate _D_ und dem zwischen Blase und Khlapparat liegenden
  kupfernen Gefsse, welches durch eine Scheidewand in zwei Abtheilungen
  _C_ und _F_ getheilt ist, von welchen die obere als Vorwrmer, die
  untere als Rectificator (Lutterbehlter) wirkt. Das mit dem Helm in
  Verbindung stehende kleine Khlfass gestattet in jedem beliebigen
  Momente die aus der Blase sich entwickelnden Dmpfe auf ihren
  Alkoholgehalt zu prfen. Der Vorwrmer ist bis zum Niveau des Hahnes
  _o_ mit Maische gefllt und fasst gerade so viel Maische, als zur
  Fllung der Brennblase erforderlich ist. Mit Hlfe des Rhrwerkes _x x_
  wird die Maische von Zeit zu Zeit durcheinander gerhrt, um die
  Wrmeabsorption gleichmssig zu machen. Die aus der Blase sich
  entwickelnden Lutterdmpfe treten in das Schlangenrohr _i_ und erwrmen
  dadurch die Maische nach und nach bis fast auf 85. Nach beendigter
  Destillation wird die Schlempe durch _a_ abgelassen und die Blase aus
  dem Vorwrmer wieder mit Maische gefllt. Sobald die Destillation
  beginnt, werden die Dmpfe in dem Schlangenrohre _i_ des Vorwrmers
  verdichtet und sammeln sich als Flssigkeit in dem Lutterbehlter _F_
  an. Werden die Dmpfe in _i_ nicht mehr condensirt, was der Fall ist,
  sobald die Maische eine gewisse Temperatur erlangt hat, so treten sie
  in den Lutter und erhitzen denselben bis zum Sieden. Die durch diese
  zweite Destillation (Rectification) sich bildenden Dmpfe gehen durch
  _y_ in das Schlangenrohr _z z_ des Khlapparates und treten bei _p_ als
  Flssigkeit aus. Mit dem Destilliren wird fortgefahren, bis das
  Destillat nur noch 35-40 Proc. Alkohol enthlt; dann prft man mit
  Hlfe des kleinen Khlapparates _K_, ob sich aus der Maische noch
  Alkoholdmpfe entwickeln. Zeigt sich in dem bei _n_ antretenden
  Destillat kein Alkohol, so ist die Destillation als beendigt anzusehen.
  Die Blase wird entleert, von Neuem aus dem Vorwrmer mit Hlfe von _l_
  gefllt, der Vorwrmer mit neuer weingarer Maische beschickt und die
  Destillation wieder begonnen. Das in dem Lutterbehlter befindliche
  Lutter fliesst durch das Rohr _j_ oder _q_ in die Brennblase zurck.
  Der =Dorn='sche Apparat enthlt, wie aus der Abbildung und Beschreibung
  folgt, keinen eigentlichen Dephlegmator, auch hat er nur eine
  Brennblase. Man benutzt ihn daher gegenwrtig seltener zur
  Alkoholgewinnung aus Maische, als vielmehr zur Spiritusrectification.

[Illustration: Fig. 234.]

[Illustration: Fig. 235.]

[Sidenote: Apparat von Pistorius.]

  In Deutschland war =Pistorius= der Erste, welcher zwei Brennblasen
  anstatt einer anwendete und mit den Blasen auf hchst zweckmssige
  Weise Rectificatoren und Dephlegmatoren verband. Wenn man von einem
  normal construirten Apparat verlangt, dass man mit seiner Hlfe nicht
  nur =allen= Alkohol aus der weingaren Maische, sondern denselben auch
  mglichst rein und concentrirt und zwar mit dem geringsten Aufwand von
  Zeit, Arbeitslohn und Brennstoff erhalte, so muss man anerkennen, dass
  der Apparat von =Pistorius= viel leistet. Es wird ihm deshalb in
  Norddeutschland (weit weniger in Sddeutschland, wo mehr der
  =Gall='sche Apparat eingefhrt ist) meist der Verzog vor anderen
  Brennapparaten gegeben, zu deren Construction der =Pistorius='sche
  Apparat in vielen Fllen der Ausgangspunkt war. _A_ und _B_ (Fig. 234)
  stellen die beiden Blasen vor. _A_ ist die eigentliche Blase, welche
  sich entweder unmittelbar ber einer Feuerung befindet oder weit
  zweckmssiger durch Dampf, welcher durch ein mit einem Dampfkessel
  verbundenes Rohr einstrmt, erhitzt wird. Die zweite Blase _B_ steht
  etwas hher hinter der ersten und wird, wenn nicht Dampfheizung
  stattfindet, von der Flamme der unter der ersten Blase angebrachten
  Feuerung mitgeheizt. Die Blase _A_ heisst =Brennblase=; auf ihr ist der
  grosse Helm _D_ mittelst Schrauben befestigt. _p_ ist ein aus dem Helm
  hervorragendes Rohr und mit einem nach Innen sich ffnenden
  Sicherheitsventil versehen, durch welches Luft eintreten kann, sobald
  gegen Ende der Destillation durch Condensation der Dmpfe ein
  luftleerer Raum entstehen sollte. Mit diesem Rohre _p_ steht, wie bei
  dem =Dorn='schen Apparat, ein kleiner Khlapparat _q_ in Verbindung,
  der durch einen Hahn abgeschlossen werden kann und dazu dient, die
  Beendigung der Operation anzugeben. In beiden Blasen sind
  Rhrvorrichtungen _m_ und _n_; diese bestehen aus verticalen, oben mit
  einer Kurbel versehenen eisernen Stangen, an deren Enden eine
  Querstange befestigt ist, an welcher sich eine Kette befindet, die auf
  dem Boden der Blase aufliegt und bei der Kurbeldrehung eine schleifende
  Bewegung erhlt. Diese Rhrvorrichtungen sollen nicht nur die Maische
  gegen das Anbrennen schtzen, sondern auch die letzten Reste des
  Blaseninhaltes nach der Ausflussffnung hinschieben. Das Rohr _x_ fhrt
  die Lutterdmpfe in die zweite Blase, die =Maischblase=, in welche
  dasselbe weit hinabreicht. Das aus dem Helm _F_ der Maischblase
  abgehende Rohr _s_ fhrt die Dmpfe nach dem =Maischvorwrmer=, welcher
  (wie bei =Dorn=) in zwei Abtheilungen getheilt ist, die obere _E_
  enthlt die Maische, die untere _g_ (der Lutterkasten) die Dmpfe,
  welche letztere aus _g_ durch den engen Zwischenraum _v_ in den
  =Becken=- oder =Rectificationsapparat= _H_ steigen. Hufig treten die
  Dmpfe, bevor sie in den Lutterkasten gelangen, in eine dritte Blase,
  die =Niederschlagsblase=, die auf unserer Zeichnung sich nicht
  befindet. Der Beckenapparat besteht aus zwei oder drei gegen einander
  gerichteten, mit einander verbundenen stumpfen Kegeln aus Kupferblech
  und trgt auf der Oberflche ein flaches Wassergefss _W_. Die Becken
  stehen zwar durch ein Rohr in Verbindung, besitzen jedoch in der Mitte
  eine Scheidewand, welche so befestigt ist, dass zwischen dem usseren
  Rande derselben und der Beckenwandung nur ein schmaler Raum brig
  bleibt. Die an das untere Becken eintretenden Dmpfe knnen daher nicht
  sofort durch die entgegengesetzte Oeffnung austreten, sondern sind
  genthigt, um die Scheidewand herum zu gehen. Das Rohr _x_ fhrt kaltes
  Wasser nach dem Beckenapparat, das kurze Rohr _y_ nach dem Vorwrmer.
  Die Pumpe _P_ pumpt die Maische aus dem Maischbehlter nach dem
  Vorwrmer. Aus diesem gelangt die Maische in die zweite und von da in
  die erste Blase. Zunchst fllt man beide Blasen und den Vorwrmer mit
  Maische an; ist die Fllung geschehen, so erhitzt man die erste Blase,
  sei es durch freies Feuer, sei es durch eingeleiteten Dampf. Die aus
  der Blase _A_ sich entwickelnden Dmpfe gehen durch die Maische der
  Blase _B_, welche dadurch bis zum Sieden erhitzt wird. Die Blase _B_
  wirkt demnach als Rectificator; da die daselbst erzeugten Dmpfe keinen
  besonderen Druck mehr zu berwinden haben, so verlassen diejenigen,
  welche im Vorwrmer nicht condensirt wurden, sehr bald denselben, um
  nach dem Beckenapparate zu gehen. Soll die Destillation beginnen, so
  beschickt man jedes Becken zunchst mit kaltem Wasser und sorgt fr
  Zufluss von kaltem und Abfluss von warmem Wasser, sobald die Dmpfe den
  Beckenapparat verlassen und sich dem Khlapparat zuwenden. Sobald die
  Dmpfe das oberste Becken verlassen haben, dauert es nicht lange, so
  beginnt die eigentliche Destillation. Die condensirte Flssigkeit, die
  anfangs tropfenweise ankommt, sammelt sich in dem Cylinder, wo das
  Arometer seinen Platz hat, immer mehr und mehr an und fliesst endlich
  in Gestalt eines Strahles nach dem Spiritusreservoir ab. Die
  _Dampfheizung_ hat gegenwrtig fast berall die Heizung ber freiem
  Feuer verdrngt.

[Illustration: Fig. 236.]

[Sidenote: Apparat von Gall.]

  Bei den meisten Apparaten, die zum Destilliren der weingaren Maische
  Anwendung finden, ist der Lutterdampf von ungleicher, gegen das Ende
  der Destillation hin von abnehmender Strke. Diesem Uebelstande ist bei
  dem Apparate von =Gall= oder dem =Marienbadapparate= (Fig. 235 und 236)
  abgeholfen. Mit dem Dampfkessel stehen zwei Blasen in Verbindung und
  letztere mit dem Lutterbehlter (Separator), ebenso wie es bei anderen
  Destillirapparaten der Fall ist. Nur ist die Art und Weise der
  Verbindung eine eigenthmliche. _B B_ sind die beiden nebeneinander
  befindlichen Blasen. _C_ ist der Dampfkessel mit den Feuerrhren _i i_.
  Die Blasen sind, um die Abkhlung nach aussen aufzuheben, in den
  Dampfkessel versenkt. _D_ ist eine dritte ausserhalb des Dampfkessels
  befindliche Blase. _E_ ist der Lutterbehlter, _F_ und _G_ sind zwei
  Dephlegmatoren; _A_ ist das Khlfass mit dem Khlrohr _H_. Die Maische
  wird zuerst durch das Rohr _a a_ in die Blase _D_ gebracht, welche
  als Vorwrmer und Rectificator wirkt. Von dieser Blase aus werden die
  beiden Blasen _B B_ gefllt. Der aus dem Dampfkessel ausstrmende Dampf
  gelangt durch das gebogene Rohr _b_ in den Dreiweghahn _c_, von wo aus
  er entweder in eine der beiden Blasen _B_ oder aufwrts durch das Rohr
  _d_ nach dem Fass zum Kartoffeldmpfen gefhrt wird. Die aus einer der
  beiden Blasen _B B_ aufsteigenden Dmpfe gehen in die andere der
  Blasen, die als zweite Blase dient, von da in die Blase _D_, sodann in
  den Lutterbehlter _E_ und durch die beiden Dephlegmatoren _F_ und _G_
  in den Khlapparat. Das Eigenthmliche des =Gall='schen Apparates
  besteht darin, dass durch passende Rhrenverbindung und Hahnstellung
  eine jede der beiden Blasen beliebig zur ersten oder zur zweiten
  gemacht werden kann, indem man den Dampf nach Belieben in die rechte
  und dann in die linke Blase leitet und umgekehrt; ferner eine jede
  Blase mit dem Apparat ausser Verbindung gesetzt, geleert und neu
  beschickt werden kann, whrend die untere ununterbrochen fungirt. Es
  gehrt daher =Gall='s Apparat zu den continuirlich betriebenen
  Apparaten.

[Illustration: Fig. 237.]

[Sidenote: Apparat von Schwarz.]

  Der von =Schwarz= construirte Brennapparat ist namentlich im
  sdwestlichen Deutschland der gebruchlichste. Dieser Apparat besteht
  (Fig. 237) aus dem Dampfkessel _D_, den beiden Maischblasen _A_ und
  _B_, dem Vorwrmer _C_ mit dem Lutterbehlter _E_, den beiden
  Rectificatoren _H_ und _F_ und dem Khlapparat _G_. _M_ ist ein
  Reservoir fr kaltes, _N_ ein solches fr heisses Wasser. Der in dem
  Dampfkessel _D_ erzeugte Wasserdampf geht durch das Rohr _g_ in die
  untere Abtheilung _A_ der Doppelblase und streicht durch die darin
  befindliche vorgewrmte Maische, sammelt sich darauf schon mit
  Alkoholdmpfen gemischt in dem Helm _Z_, um durch das Helmrohr _u_
  einen entsprechenden Weg durch die obere Abtheilung der Doppelblase zu
  machen und wird von da nach einer doppelten Rectification durch das
  Rohr _t_ nach dem Vorwrmer _C_ gefhrt, dessen oberer Theil als
  Dephlegmator wirkt und mit Rhren _a a a_ versehen ist, die ausserdem
  durch Maische khl gehalten werden; das darin condensirte Phlegma
  sammelt sich in dem als Rectificator wirkenden Lutterbehlter _E_.
  Durch den letztern tritt der aus der oberen Abtheilung der Blase
  kommende Dampf ein und geht durch die Rhren _a a_ in den Helm auf das
  Helmrohr _n_, welcher letztere mit dem Kelch _H_ umgeben ist, der durch
  Wasser ununterbrochen abgekhlt wird. Hier setzt sich die Dephlegmation
  fort. Aus _H_ begiebt sich der Dampf durch _v_ nach _F_, einem Apparat,
  welcher dem Vorwrmer _C_ entsprechend eingerichtet, nur von geringeren
  Dimensionen ist, weil hier die Menge des Dampfes sich bereits in dem
  Grade vermindert hat, als sein Alkoholgehalt gesteigert ist; die
  Dephlegmationsrhren darin sind nicht mit Maische, sondern mit Wasser
  umgeben, welches unausgesetzt sich erneuert. Der in dem Helm _b_ und
  das Helmrohr _c_ anlangende Dampf ist bereits so stark, dass er sofort
  nach dem Khlapparat _G_ geleitet wird; das Destillat fliesst bei _i_
  ab. Die zu destillirende weingare Maische wird zuerst in den Vorwrmer
  _C_ gebracht, in welchem sie mit Hlfe der Rhrvorrichtung _d d_ auf
  gleichmssiger Consistenz und Temperatur erhalten wird. Nachdem sie
  darin vorgewrmt ist, gelangt sie durch das Rohr _e_ in die obere
  Abtheilung und von da mittelst des Ventils _f_ in die untere Abtheilung
  der Doppelblase, in welcher sich auch das Phlegma aus den brigen
  Theilen des Apparates sammelt; es fliesst nmlich rckwrts aus der
  Abtheilung _h_ und _l_ der beiden Rectificatoren _H_ und _F_ durch die
  beiden Rhren _m'_ und _n'_ des Phlegma in den Lutterbehlter _E_ und
  geht von da in die obere Abtheilung der Doppelblase, wo es sich mit der
  Maische mischt. Sobald die Maische allen Alkohol abgegeben, was man
  durch Prfung der Dmpfe auf ihre Entzndlichkeit mit Hlfe des
  Probehahnes _o_ erkennt, entfernt man die Schlempe aus der Blase durch
  den Hahn _p_. Durch die Rhren _q q q_ werden die Rectificatoren und
  der Khlapparat mit kaltem Wasser versehen. Das in dem Khlapparat
  erwrmte Wasser gelangt durch das Rohr _r_ in den Dampfkessel. Durch
  _R_ werden die Dmpfe in das Kartoffelfass geleitet, durch _S_ in das
  Reservoir _N_, wenn das Wasser darin bis zum Sieden erhitzt werden
  soll. Der =Schwarz='sche Apparat hat vor vielen anderen Brennapparaten
  den Vorzug, dass die einzelnen Theile leicht und sicher gereinigt
  werden knnen. Dagegen leidet er auch an mehreren Uebelstnden; so ist
  namentlich die Construction des Maischwrmers nicht ganz zweckmssig,
  es kommt die in dem Lutterbehlter _E_ verdichtete Flssigkeit nicht
  hinreichend mit den Dmpfen in Berhrung und es wird die beabsichtigte
  Destillation nicht so ausgefhrt, wie es sein sollte. Die Dmpfe gehen
  so rasch durch diese Flssigkeit, dass sie nur unvollkommen entwssert
  werden und daher noch ziemlich wasserhaltig in die
  Dephlegmationsapparate gelangen, wo ihre Rectification auch nur
  unvollstndig sein wird, weil die runden und geraden Rhren den Dmpfen
  wenig Berhrungspunkte darbieten und ein grosser Theil der Dmpfe der
  Abkhlung sich entzieht, ja selbst die zu Blschen verdichteten Dmpfe
  werden von den nicht condensirten Dmpfen mit fortgerissen. Auch der
  Khlapparat, der aus einer Anzahl gerader verticaler Rhren besteht,
  ist insofern ein unzweckmssiger, als die oben eintretenden Dmpfe,
  sowie sie condensirt worden sind, als Tropfen sofort nach unten fallen
  und abfliessen und nicht Zeit haben, ihre Wrme abzugeben. Eine
  gengende Abkhlung des Destillates ist nur durch grossen Aufwand von
  Khlwasser mglich.

[Sidenote: Siemens' Apparat.]

  Unter den Apparaten, welche im Verhltniss ihrer Leistungsfhigkeit mit
  einem geringen Kostenaufwande herzustellen sind, gehrt auch der in der
  technischen Werkstatt zu Hohenheim aufgestellte Brennapparat, welcher
  unmittelbar aus der Maische Branntwein giebt. In der Abnderung, wie er
  zur Darstellung von Spiritus sich eignet, ist er Fig. 238 im
  Durchschnitte abgebildet. Der Apparat besteht aus zwei im Dampfkessel
  stehenden Maischblasen mit einer Wechselverbindung (mit Hilfe der Hhne
  _a_, _b_ und _c_), wie bei =Gall='s Apparat; der Vorwrmer und
  Dephlegmator ist nach =Siemens= construirt. _L_ ist der Dampfkessel,
  _P_ die eine der Maischblasen, _K_ ist der Lutterbehlter, _R_ der
  Vorwrmer, _A_ das Reservoir fr den Lutter zur Speisung des
  Dampfkessels mit demselben, _C_ der Dephlegmator, _B_ der Behlter fr
  die in _C_ condensirten Dmpfe. Aus dem Dephlegmator treten die Dmpfe
  in den (nicht mit abgebildeten) Khlapparat. Die Dimensionen dieses
  Apparates sind auf folgende Calculation basirt. Der Dampfkessel hat zum
  Kochen von 5000 Kilogr. Kartoffeln in vier Zeitabschnitten  40-45
  Minuten, demnach innerhalb drei Stunden den fnften Theil des Gewichts
  der Kartoffeln, mithin 1000 Kilogr. oder in einer Stunde 333 Kilogr.
  Dampf zu geben, welche eine dampfgebende Flche von etwa 11
  Quadratmetern erforderlich machen. Fr den Brennereibetrieb ist eine
  Dampfmaschine nthig, daher ist diese dampfgebende Flche noch um etwa
  20 Proc. zu vergrssern: dem Kessel ist folglich eine Abdampfflche von
  13,5-14 Quadratmetern zu geben. Die Maischblasen brauchen nur so gross
  zu sein, als zur Fllung mit etwa 500 Liter erforderlich ist; da wie
  schon erwhnt der Lutter aus _A_ nicht in die Maischblase, sondern in
  den Dampfkessel zurckgefhrt wird und die Maischblasen, weil sie in
  dem Dampfkessel stehen, nach aussen nicht abgekhlt werden, wodurch die
  von den Dmpfen fortgerissene Wassermenge compensirt wird.

[Illustration: Fig. 238.]

  Der Maischwrmer besteht aus dem cylindrischen Theile _i i_, dessen
  fester Theil eine Vertiefung _c_ hat. In dem Cylinder befindet sich der
  engere untere Theil _o o_ des eigentlichen Maischbehlters mit dem
  Wrmerohre _f n_. Mittelst des Wechselringes _h h_ ist der obere Theil
  des Vorwrmers mit dem untern verbunden. _r_ ist ein Rhrapparat,
  welcher whrend der Destillation wiederholt in Bewegung gesetzt wird.
  Die Dmpfe aus der zweiten Blase werden in die Vertiefung _c_ unter
  dem Vorwrmer geleitet, welche, damit die Dmpfe mit dem Phlegma in
  Berhrung kommen, mit einem Siebe bedeckt ist. Die Dmpfe umgeben den
  unteren Theil des Maischbehlters und treten in das Rohr _f_ ein, durch
  welches sie in den unteren Cylinder des Dephlegmators gelangen. Das in
  dem Lutterbehlter sich ansammelnde Phlegma wird in das Reservoir _A_
  geleitet. Der obere und der untere Theil des Vorwrmers besteht aus
  Gusseisen, nur die inneren Boden- und Erwrmungsflchen sind aus
  Kupfer. Dieser Vorwrmer hat vor andern hnlichen Apparaten den Vorzug
  der gleichmssigen Vertheilung der Wrme, ausserdem, dass er leicht
  gereinigt werden kann, wodurch auf der einen Seite die
  Wrmeleitungsfhigkeit besser erhalten wird, welche gegentheils durch
  die Bildung einer die Wrme nicht leitenden Kruste schnell abnimmt, auf
  der andern Seite ein reineres Produkt erhalten wird. Der Dephlegmator
  _C_ ist so eingerichtet, dass die rectificirten Dmpfe durch zwei
  einander gegenberstehende Rhren, welche sich nach dem Khlapparat zu
  wieder vereinigen, abgeleitet werden. Das Uebrige wird aus der
  Zeichnung klar.

[Illustration: Fig. 239.]

[Sidenote: Continuirliche Destillirapparate.]

  Zu denjenigen Destillirapparaten, die zur Destillation von Wein (nicht
  von Maische) bestimmt sind und =continuirlich= betrieben werden, gehrt
  der in der Geschichte der Spiritusfabrikation Epoche machende Apparat
  von =Cellier-Blumenthal= (Fig. 239) nach der verbesserten Construction
  von =Desrosne=. Er besteht aus den beiden Blasen _A_ und _A'_, dem
  ersten Rectificator _B_, dem zweiten Rectificator _C_, dem Weinerwrmer
  und Dephlegmator _D_, dem Khlapparate _F_, dem Regulator _E_ fr den
  Zufluss der Flssigkeit, welche sich in dem Reservoir _G_ befindet. Die
  Blase _A'_, obgleich eben so wie die Blase _A_ mit Wein gefllt, wirkt
  als Dampfkessel; der sich entwickelnde Lutterdampf kommt in den beiden
  Rectificatoren mit dem in ununterbrochenen Strome herabfliessenden
  Weine in Berhrung, wodurch eine Dephlegmation stattfindet; der
  alkoholreicher gewordene Dampf wird in dem Gefss _D_ noch strker und
  gelangt von da in den Khlapparat _F_. Damit in den Rectificatoren in
  der That eine Rectification vor sich gehe, muss der abwrts strmende
  Wein bis auf eine bestimmte Temperatur erwrmt sein, die ihm dadurch
  ertheilt wird, dass er das Khlwasser erhitzt. Der aus der Blase _A'_
  sich entwickelnde Dampf geht durch das Rohr _Z_ bis auf den Boden der
  zweiten Blase _A_. Beide Blasen werden durch eine Feuerung geheizt. Mit
  Hlfe des Rohres _R'_ wird die Flssigkeit aus der zweiten Blase in die
  erste geleitet. Der erste Rectificator _B_ enthlt eine Anzahl
  halbkreisfrmiger gekrmmter und gegeneinander geneigter Scheiben von
  ungleicher Grsse, welche an senkrechten Stben so befestigt sind, dass
  sie herausgenommen und gereinigt werden knnen; die grssten Scheiben
  sind mit ihrer concaven Flche nach oben gekehrt und siebhnlich
  durchlchert. In Folge dieser Anwendung treffen die aufsteigenden
  Dmpfe grosse mit Wein befeuchtete Flchen, der berdies cascadenfrmig
  aus den Becken herabrinnt und so mit den Dmpfen in die innigste
  Berhrung kommt. In dem zweiten Rectificator _C_ sind sechs
  Abtheilungen; in der Mitte einer jeden derselben ist ein Ausschnitt und
  dieser mit einem aufrecht stehenden Ansatz versehen, ber welchem eine
  umgekehrte Kapsel befestigt ist, die fast bis auf den Boden der
  Abtheilung reicht. Ein Theil der Dmpfe condensirt sich in den
  Abtheilungen, so dass die Dmpfe gezwungen sind, den Lutter zu
  durchstreichen und dabei einen Druck von etwa 2 Centimeter
  Flssigkeitssule zu berwinden. Der Vorwrmer und Dephlegmator _D_ ist
  ein horizontal stehender Cylinder aus Kupfer, welcher ein Schlangenrohr
  mit verticalen Windungen enthlt; das Rohr _M_ communicirt mit diesem
  Rohre, dessen anderes Ende in das Rohr _O_ einmndet. In den Windungen
  sammelt sich ein Phlegma, dessen Alkoholgehalt in den vorderen
  Windungen am strksten, in den hinteren abnehmend schwcher ist; es
  sammelt sich am unteren Theile jeder Spirale und wird durch
  Ansatzrhrchen in ein Sammelrohr gefhrt, von dem aus die Flssigkeit,
  mit Hlfe eines anderen Rohres und passend angebrachter Hhne, ganz
  oder nur ein Theil davon, nach Belieben in das Rohr _O_ oder in den
  Rectificator gefhrt werden kann. Durch das Rohr _L_ wird der
  vorgewrmte Wein aus dem Dephlegmator in den Rectificator geleitet. Der
  Khlapparat _F_ ist ein berall geschlossener Cylinder mit einer
  Khlschlange, die mit dem Rohre _O_ communicirt; das andere Ende des
  Khlrohres fhrt das Destillat nach aussen. Oberhalb dieses Apparates
  befindet sich das Rohr _K_, welches den Dephlegmator mit Wein versieht.
  Der kalte Wein fliesst in den Khlapparat durch das Rohr _I_. Wenn der
  Apparat in Betrieb gesetzt werden soll, fllt man zunchst die beiden
  Blasen _A_ und _A'_ mit Wein. Darauf ffnet man den Hahn _E_, so dass
  das Rohr _J_, der Khlapparat _F_ und der Dephlegmator sich mit Wein
  fllen. Sodann erhitzt man den Wein in der Blase _A'_ bis zum Sieden;
  die Dmpfe entweichen durch das Rohr _Z_, condensiren sich in _A_,
  dessen Flssigkeit durch das Einstrmen der Dmpfe und durch die unter
  ihm circulirenden Verbrennungsgase sich erwrmt und ebenfalls bald in's
  Sieden kommt. Die Lutterdmpfe gehen nach dem ersten Rectificator _B_
  und von da in das Schlangenrohr des Dephlegmators _D_ und werden
  daselbst zum grossen Theile verdichtet; das Phlegma geht in den
  Rectificator zurck. Sobald der Vorwrmer _D_ so weit erhitzt worden
  ist, dass die Hand die Wrme in dem erhitzten Wein nicht mehr vertrgt,
  ffnet man den Hahn des Gefsses _E_, worauf die Destillation beginnt.
  Der durch das Rohr _J_ in den Khlapparat _F_ geleitete Wein beginnt
  schon in diesem Apparate sich zu erhitzen und gelangt dann in den
  Vorwrmer, wo seine Temperatur sich fast bis zum Siedepunkt steigert;
  von da fhrt ihn das Rohr _L_ in den Rectificator _B_, von wo er in die
  Blase _A_ kommt. Sobald die Flssigkeit der Blase _A'_ keinen Alkohol
  mehr enthlt, lsst man die Schlempe als Vinasse durch den Hahn _R_
  ausfliessen und ffnet darauf den Hahn _R'_, damit sich die Blase _A'_
  von Neuem flle. Der Dampf legt den nmlichen Weg, aber in umgekehrter
  Richtung zurck; nach seiner Verdichtung in dem Khlapparat _F_ gelangt
  er in das mit Arometer versehene Gefss _N_ und von da nach _H_. Der
  mit Hlfe des eben beschriebenen Apparates erhaltene Alkohol ist um so
  strker, eine je grssere Anzahl von Windungen des Khlrohres in dem
  Dephlegmator man mit dem Rectificator verbindet. Je nach dem
  Alkoholgehalt des Weines und der Strke, die das Destillat haben soll,
  entscheidet die Praxis, welche der Hhne offen zu lassen sind.
  =Desrosne='s Apparat lsst sich leicht auf den unterbrochenen Betrieb
  anwenden; zu diesem Behufe braucht man nur das Reservoir, den
  Khlapparat und den Rectificator mit kaltem Wasser anzufllen und das
  untere Ende des Rohres _L_ zu verschliessen.

[Illustration: Fig. 240.]

[Sidenote: Apparat von Laugier.]

  Von grossem Interesse ist auch der Destillirapparat von =Laugier= (Fig.
  240 im Durchschnitt abgebildet). Wenn der Apparat von =Desrosne= sich
  durch geringen Brennstoffverbrauch, Schnelligkeit der Destillation und
  vorzgliche Beschaffenheit des Destillates auszeichnet, so ist er doch
  etwas complicirt, weil er so eingerichtet ist, dass man Wein von jedem
  beliebigen Alkoholgehalt verwenden und damit Alkohol von jeder
  gewnschten Strke destilliren kann. Solche Apparate, die wie der von
  =Laugier= nur immer Flssigkeiten von gleicher Beschaffenheit (Wein
  oder Maische) destilliren und ein Destillat von constantem
  Alkoholgehalt geben sollen, knnen dagegen weit einfacher construirt
  sein. Bei =Laugier='s Apparat gelangt die zu destillirende Flssigkeit
  durch das Rohr _s_ und den Trichter _p_ in das Gefss _A_, in dessen
  unteren Theil es eintritt, um dort zur Condensation der Alkoholdmpfe
  zu dienen. Aus diesem Gefsse begiebt sich die erwrmte Flssigkeit
  durch das Verbindungsrohr _r_ in den unteren Theil des zweiten Gefsses
  _B_, wo mit Hlfe eines Khlrohres die Dephlegmation vor sich geht.
  Darauf gelangt die Flssigkeit durch _c_ in die zweite Destillirblase
  _C_, die durch die Verbrennungsgase von der Feuerung der ersten
  Destillirblase _D_ erhitzt wird; in der Blase _C_ erleidet die
  Flssigkeit eine Rectification und die Vinasse geht durch das Rohr _e_
  in die Blase _D_. _m_ ist das Dampfrohr, welches die Dmpfe aus _D_ in
  die Blase _C_ leitet, das Rohr _b_ fhrt die alkoholischen Dmpfe in
  den Dephlegmator. Durch das Rohr _d_ gelangt das Phlegma in die Blase
  _C_; _f_ dient zum Entleeren der Blase _D_; _g_ und _h_ sind Rohre, um
  den Stand der Flssigkeit in der Blase anzuzeigen; _l_ fhrt die nicht
  verdichteten Dmpfe aus dem Dephlegmator in den Khlapparat, _i_ die
  sich in dem Gefss _B_ gebildeten Dmpfe in das Khlrohr. Der in dem
  Khlapparat verdichtete Alkohol geht, wie die Abbildung zeigt, in einen
  Probecylinder _o_, worin ein eingetauchtes Arometer die Procente
  anzeigt. Der Khlapparat des Gefsses _B_ besteht aus sieben
  Abtheilungen, die durch weite Spiralen gebildet werden. Jede dieser
  Spiralen ist an ihrem niedrigsten Punkte mit einer kleinen Rhre
  versehen; diese Rhren vereinigen sich smmtlich in dem Rohre _d_,
  durch welches die condensirten Theile in die Blase zurckgefhrt
  werden. Durch die Strke des Kochens in der ersten Blase und durch den
  Zufluss von Wein kann man die Abkhlung der Dmpfe im Dephlegmator
  beliebig reguliren, so dass man Branntwein von 50 Proc. oder Alkohol
  von ber 80 Proc. erhlt.

[Illustration: Fig. 241.]

  Zuweilen wendet man Apparate von noch einfacherer Construction an, in
  welchem die zu destillirende Flssigkeit durch ein Schlangenrohr, in
  welchem Hochdruckdampf circulirt, erhitzt wird. Fig. 241 zeigt einen
  solchen Apparat. _A_ ist ein Cylinder aus Gusseisen oder Kupfer, in
  welchem die zu destillirende Flssigkeit mittelst eines kupfernen
  Schlangenrohrs erhitzt wird, das durch _b_ in den Cylinder ein- und
  durch _a_ austritt; durch _c_ wird die vom Alkohol befreite Vinasse
  abgelassen. _B_ ist der Dephlegmator, in welchem die zu destillirende
  Flssigkeit continuirlich abwrts fliesst, whrend der aus _A_ sich
  entwickelnde Lutterdampf ununterbrochen aufsteigt. Die Anordnung in dem
  Dephlegmator, um die Berhrungsflchen zu vergrssern, ist eine sehr
  verschiedene. Die Dmpfe gehen in das Reservoir _E_ und durch das Rohr
  _F_ in den Rectificator _C_, der wie gewhnlich eingerichtet ist; der
  condensirte Theil fliesst durch _H_ in den Dephlegmator zurck, die
  nicht condensirten Dmpfe gehen in das Khlrohr des Gefsses _C_, in
  welchem sie verdichtet, abgekhlt und durch _M_ abgefhrt werden. Die
  zu destillirende Flssigkeit gelangt aus einem hher gelegenen
  Reservoir durch das mit dem Hahne _K_ versehene Rohr _L I_ in den
  Apparat und zwar zunchst nach _D_, dann nach _C_, von da durch _G_ in
  den Dephlegmator und endlich in den Cylinder _A_.

[Sidenote: Die Entfuselung.]

=Entfuselung.= Wie Seite 519 hervorgehoben wurde, treten bei der
geistigen Ghrung neben dem gewhnlichen Alkohol (Aethylalkohol) unter
gewissen, noch nicht vllig festgestellten Bedingungen grssere oder
geringere Mengen homologer Alkohole: Propylalkohol, Butylalkohol und
Amylalkohol auf, deren hhere Glieder dem Alkohol unangenehme
Eigenschaften ertheilen und mit dem Namen =Fuselle= bezeichnet werden.
Das Fusell ist je nach der Natur der Maische (ob Kartoffel-, ob Korn-,
ob Rbenmaische) verschieden zusammengesetzt; es bildet sich in grsserer
Menge nur dort, wo die Ghrung bei hherer Temperatur in concentrirter
Zuckerlsung und bei Abwesenheit von Weinsure vor sich geht. Bei grosser
Verdnnung und niedriger Temperatur ghrende Flssigkeit liefert kein
Fusell, wenigstens keinen Amylalkohol, der sich auch nie im Weine
findet, welcher bei Gegenwart von Weinsure die Ghrung durchgemacht
hat.

  Alle Fuselle haben das mit einander gemein, dass sie weit weniger
  flchtig sind als Wasser und Alkohol und daher bei der
  Branntweingewinnung nur gegen das Ende der Destillation in grsserer
  Menge auftreten, whrend sie bei der Spiritusgewinnung meist in den
  Condensationsprodukten der Dephlegmatoren enthalten sind. Ein Theil des
  Fusells geht mit dem Branntwein oder Alkohol ber und lsst sich von
  demselben nur usserst schwierig trennen. Das =Kartoffelfusell= ist
  wesentlich Amylalkohol (C_{5}H_{12}O), ein farbloses, dnnflssiges Oel
  von 0,818 spec. Gew. und von durchdringendem, zum Husten reizendem,
  erstickendem Fuselgeruch und brennendem Geschmack, welches bei 133
  siedet. Durch oxydirende Agentien (Kaliummanganat und -permanganat),
  ein Gemenge von Schwefelsure und Kaliumchromat (oder Braunstein, sowie
  Platinmohr) wird es in Valeriansure (C_{5}H_{10}O_{2}) bergefhrt.
  Durch Suren wird es auf dieselbe Weise in eigenthmliche Aetherarten
  umgewandelt wie der gewhnliche Alkohol. Diese Aetherarten sind zum
  Theil von hchst angenehmem Geruch und finden deshalb in der Parfmerie
  und zum Aromatisiren von Bonbons u. s. w. Anwendung.

[Illustration: Fig. 242.]

  Fr viele Anwendungen des Kartoffelspiritus ist der Fuselgehalt ein
  Nachtheil, der durch die =Entfuselung= zu beseitigen ist. Die
  Vorschlge, die in dieser Hinsicht gemacht worden sind, kommen theils
  auf eine Zerstrung des Fusells durch Oxydation oder Chlorung oder auf
  eine Maskirung und Ueberfhrung in minder unangenehm riechende
  Verbindungen, theils auf eine wirkliche Entfernung des Fusells hinaus.
  Chlorkalk, Kaliumpermanganat und dergl. bilden, wenn man ber dieselben
  fuselhaltigen Spiritus rectificirt, valeriansauren Fuselther, doch
  erstreckt sich die oxydirende Einwirkung ebensowol auf den Amylalkohol,
  sodass das anzuwendende Quantum dieser Agentien nur usserst schwierig
  zu ermitteln ist. Rectificirt man den zu entfuselnden Spiritus mit
  einem Gemisch von Schwefelsure und Essig, so bildet sich neben etwas
  Essigther Amylacetat (C_{2}H_{3}O / C_{5}H_{11})} O, das angenehm
  obstartig riecht. Aehnlich wirken Salzsure und Salpetersure, die
  ebenfalls schon zur Entfuselung angewendet wurden. Das bewhrteste
  Entfuselungsmittel besteht in der Anwendung von gut ausgeglhter
  =Kohle= (vegetabilische Kohle, Torfkohle, Knochenkohle), welche, wenn
  man den fuselhaltigen Alkohol damit zusammenbringt, das Fusell
  mechanisch aufnimmt. Mit Hlfe von Kohle reinigt man den Spiritus und
  Branntwein theils in Dampfgestalt, theils durch Digestion in der Klte
  und Filtration, unzweckmssig durch Rectificiren ber dieselben, da bei
  der Siedetemperatur das von den Kohlen aufgenommene Fusell leicht
  wieder gelst werden kann. Die zur Entfuselung zu verwendenden Kohlen
  werden gekrnt und die Kohlenkrner durch Sieben vom Staub befreit. Mit
  der gekrnten Kohle fllt man einen kupfernen Cylinder, der unten und
  oben einen eingelegten durchlcherten Boden hat, an und schaltet den
  Cylinder zwischen dem Beckenapparat und dem Rectificator in den
  Destillirapparat ein in der Weise, dass die Dmpfe von unten nach oben
  durch die Kohle streichen. Auf 100 Liter zu entfuselnden Branntweins
  rechnet man 3-5 Kilogr. gekrnte Kohle, durch welche zweimal dieselbe
  Menge Spiritus gehen kann, ehe ihre absorbirende Kraft erschpft ist,
  die durch Ausglhen wieder hergestellt wird. Bei dem =Falkmann='schen
  Apparate (Fig. 242) ist das Wesentliche ein helmartiges Gefss _A_, in
  welchem sich die durchbrochenen Bden _b b b_ eingesetzt befinden; auf
  einem jeden Boden liegt eine Kohlenschicht, die mit einem Deckel _c_
  bedeckt ist. Das Ganze ist aber mit einem Hut geschlossen, der die
  Kohlenschicht _d d_ enthlt. Der um das Gefss _A_ auswendig
  herumlaufende Khlapparat, der in der Zeichnung durch die Zuflussrhren
  _ffff_ und die Abflussrhren _eeee_ angedeutet ist, dient dazu, die
  Temperatur der Kohlenschichten zu reguliren. Dieser Apparat ist hchst
  wirksam, da in der That in ihnen Entfuselung und Dephlegmation zu
  gleicher Zeit stattfindet.

[Sidenote: Ausbeute an Alkohol.]

Die =Ausbeute an Alkohol= aus einem gegebenen Material ist nicht nur von
dem quantitativen Verhltnisse der alkoholgebenden Bestandtheile
(Strkemehl, Dextrose oder Rohrzucker) der Rohsubstanz, sondern auch von
der mehr oder minder zweckmssigen Ausfhrung aller Operationen der
Spiritusbereitung (Maischverfahren, Leitung der Ghrung) in geeigneten
Apparaten abhngig. Was den erstern Punkt betrifft, so lehrt die Chemie,
dass, wenn wir von solchen Produkten, die wie das Glycerin und die
Bernsteinsure bei der geistigen Ghrung in nur kleiner Menge sich
bilden, absehen,

              100 Th. Strkemehl 56,78 Th. Alkohol }
              100  "  Rohrzucker 53,80  "     "    } geben.
              100  "  Dextrose   51,1   "     "    }

Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Alkoholausbeute geringer ist, als
sie nach der Voraussetzung, dass je 1 Mol. Strkemehl oder Zucker 2 Mol.
Alkohol liefere, sein sollte, so liefern 100 Th. Rohrzucker nicht, wie
oben angegeben, 53,8 Th. Alkohol, sondern nur 51,1 Th.

    100 Kilogr. Gerste      geben 44,64 Liter Branntwein von 50 Tr.
    100    "    Gerstenmalz   "   54,96   "       "       "   "   "
    100    "    Weizen        "   49,22   "       "       "   "   "
    100    "    Roggen        "   45,80   "       "       "   "   "
    100    "    Kartoffeln    "   18,32   "       "       "   "   "

  6 Liter (Quart oder Maass) Branntwein vom metrischen Centner
  (Hektoliter, Scheffel u. s. w.) rechnet man 6  30 = 300 Proc. Alkohol,
  7 Liter folglich 350, 8 Liter 400. 8 Liter  48 Proc. Tr. = 384 Proc.
  Alkohol. Die Literzahl des Branntweins oder Spiritus ist mit dem
  Alkoholgehalte in Procenten nach Tralles zu multipliciren, demnach
  geben:

    1 metrischer Centner Gerste      44,64  50 = 2232 Proc. Alkohol.
    1      "        "    Gerstenmalz 54,96  50 = 2748   "      "
    1      "        "    Weizen      49,22  50 = 2461   "      "
    1      "        "    Roggen      45,80  60 = 2290   "      "
    1      "        "    Kartoffeln  18,32  50 =  916   "      "

  (Behufs der Umrechnung auf die in Preussen blichen Quartprocente sei
  bemerkt, dass ein bayer. Maass = 1,069 Liter, 1 preuss. Quart = 1,145
  Liter.)

  Nach solchen Quartprocenten rechnet man im Spiritushandel, so zwar,
  dass man

                 in Breslau      4800 ( 60 Quart  80)
                  " Berlin     10,800 (200   "    54)
                  " Magdeburg  14,400 (180   "    80)

  Quartprocente als Einheit annahm und auf sie die Preisnotirung bezog.
  Neuerlich hat man sich geeinigt, diese auf 8000 (100 Quart  80) zu
  setzen.

[Sidenote: Alkoholometrie.]

[Sidenote: Arometer.]

=Alkoholometrie.= Um den Alkoholgehalt des Branntweins oder irgend einer
destillirten alkoholhaltigen Flssigkeit zu ermitteln, die jedoch keine
anderen Bestandtheile, als Alkohol und Wasser enthalten, bedient man sich
der =Arometer=, =Alkoholometer=, =Spiritus=-, =Branntwein=- oder
=Senkwagen=. Das =Vaporimeter= und das =Ebullioskop= (vergl. Seite 478)
finden in der Alkoholometrie seltener Anwendung. Die Anwendung der
Arometer beruht auf dem Principe, dass ein in eine Flssigkeit
getauchter Krper ein dem seinigen gleiches Volumen Wasser verdrngt und
von seinem Gewichte eben so viel verliert, als die verdrngte Wassermenge
wiegt. Je nachdem nun die das Arometer bildende Spindel mehr oder
weniger in die Flssigkeit einsinkt, erfhrt man das spec. Gewicht
derselben, aus welchem man dann den Gehalt zu absolutem Alkohol findet.
-- Die Arometer von =Tralles= und =Richter= sind die gebruchlichsten.
Mit Letzterem stimmt das von =Stoppani= berein. Beide sind
Procentarometer, d. h. sie geben durch die Zahl, bis zu welcher sie
einsinken, an, wie viel der untersuchte Alkohol in 100 Th. reinen Alkohol
enthlt. Die Differenz beider rhrt aber davon her, das das Arometer von
=Tralles= Volumenprocente, das von =Richter= Gewichtsprocente angiebt. Da
die Eintheilung des =Richter='schen Arometers auf nicht ganz richtigen
Voraussetzungen beruht, so ist das von Tralles vorzuziehen. Das
Alkoholometer von =Tralles= ist im Zollverein das gesetzliche Mittel zur
Bestimmung des Alkoholgehaltes (bei 14,44 R.); in Oesterreich ist das
Instrument ebenfalls eingefhrt, nur mit dem Unterschiede, dass die
Angaben auf die Temperatur von 12 R. (= 15 C.) sich beziehen.

  Folgende Tabelle giebt eine Vergleichung der beiden Scalen unter
  einander und mit den wahren Gewichtsprocenten, mit dem entsprechenden
  spec. Gewichte, bei einer Temperatur von 15.

  =================+=================+==================+===============
    Spec. Gewicht. |      Wahre      |    Angebliche    |Volumenprocente
  Gewichtsprocente.|Gewichtsprocente.| Gewichtsprocente |     nach
                   |                 | nach =Richter=.  |   =Tralles=.
  =================+=================+==================+===============
        0,990      |       4,99      |        5         |      6,23
        0,981      |      11,11      |       10         |     13,73
        0,972      |      18,12      |       15         |     22,20
        0,964      |      24,83      |       20         |     30,16
        0,956      |      29,82      |       25         |     36,50
        0,947      |      35,29      |       30         |     42,12
        0,937      |      40,66      |       35         |     48,00
        0,926      |      46,00      |       40         |     53,66
        0,915      |      51,02      |       45         |     58,82
        0,906      |      54,85      |       50         |     62,65
        0,899      |      60,34      |       55         |     67,96
        0,883      |      64,79      |       60         |     72,12
        0,872      |      69,79      |       65         |     76,66
        0,862      |      74,66      |       70         |     80,36
        0,850      |      78,81      |       75         |     84,43
        0,838      |      83,72      |       80         |     88,34
        0,827      |      88,36      |       85         |     91,85
        0,815      |      92,54      |       90         |     95,05
        0,805      |      96,77      |       95         |     97,55
        0,795      |      99,60      |      100         |     99,75

  Die bei uns allgemein gebruchlichen Alkoholometer sind genaue
  Volumenprocentalkoholometer und geben an, wie viel Volumen (Maasse)
  Alkohol in 100 Volumen der alkoholischen Flssigkeit enthalten sind.
  Branntwein von 50 Tralles ist also Branntwein, welcher in 100 Liter 50
  Liter Alkohol enthlt oder aus welchem von 100 Liter 50 Liter Alkohol
  erhalten werden knnen. Zieht man in Betracht, dass beim Mischen von
  Alkohol und Wasser betrchtliche Verdichtung und Volumenverminderung
  stattfindet, dass 50 Liter Alkohol und 50 Liter Wasser nur 96,377 Liter
  Mischung geben, so ergiebt sich, dass 100 Liter einer solchen Mischung
  nicht 50, sondern 51,88 Liter Alkohol enthalten.

[Sidenote: Die Beziehungen der Brennerei zur Landwirthschaft.]

Die =Brennereirckstnde=. Die Beziehung, in welcher die
Branntweinbrennerei zur Landwirthschaft und speciell zur Viehzucht steht,
ist eine intensive und usserst wichtige. Die Branntweinbrennerei
hinterlsst Rckstnde, welche sich noch als Viehfutter eignen; sie
extrahirt aus den strkemehlhaltigen Substanzen, welche sie verarbeitet,
in der That nur den Alkohol, der durch die Ghrung in der Maische sich
gebildet hat und lsst alle durch die Ghrung nicht vernderten
ursprnglichen Nhrstoffe der Kartoffeln und des Getreides in
concentrirter Form zurck. Es liegt nun auf der Hand, dass wenn in dem
gewonnenen Produkt (Spiritus oder Branntwein), die zu dessen Produktion
aufgelaufenen Kosten zurckerstattet werden, die Brennereirckstnde
kostenfrei erhaltene Futterstoffe sind, deren Produktion in den
Vordergrund tritt, whrend der Branntwein die Stelle einer
Nebenproduktion einnimmt.

  Die Branntweinbrennerei aus Kartoffeln beruht, als
  landwirthschaftliches Gewerbe betrachtet, wesentlich auf einer
  chemischen Zerlegung der Kartoffelsubstanz in Futtermaterial und in ein
  Produkt von verhltnissmssig sehr concentrirtem Werth und grosser
  Haltbarkeit und Transportfhigkeit -- in =Schlempe= und =Spiritus=.
  Eine richtige Beurtheilung, ob in einem gegebenen Falle die Brennerei
  in Verbindung mit der Landwirthschaft noch mit Vortheil betrieben
  werden kann oder nicht, ist nur mglich, wenn man die Grsse der
  Beziehung der Brennerei zur Viehwirthschaft und ebensowol in Folge der
  vergrsserten Dngerproduktion als auch der Mglichkeit von
  Urbarmachung sandigen Bodens zum Kartoffelbau u. s. w. ins Auge fasst,
  und eine genaue und umfassende Berechnung des Aufwandes und des
  Ertrages anstellt und die Bilanz zwischen Ausgabe und Einnahme zieht.
  Den =Aufwand= bilden die Kosten fr das Rohmaterial, die Arbeitslhne,
  die Beaufsichtigung, das Brennmaterial, die Abnutzung der
  Gerthschaften, die Zinsen fr das Anlage- und Betriebscapital und die
  Branntwein- (Malz-) und brigen Steuern. Der =Ertrag= ist aus dem
  Spiritus (oder Branntwein) und der Schlempe zusammengesetzt. Es bedarf
  kaum der Erwhnung, dass der Preis der Rohmaterialien zu den
  Hauptfactoren gehrt, welche den Ertrag der Brennerei bestimmen. Eine
  Vergleichung dieser Preise mit den Werthen des erzeugten Produktes --
  mit Hinweglassung der Produktionssteuer, die nur als Durchgangsposten
  zu betrachten ist -- lehrt daher gleich von vornherein erkennen, ob in
  dem gegebenen Falle von einem Ertrage noch die Rede sein kann. Der
  zweite Theil des Ertrages besteht aus den Brennereirckstnden, aus der
  =Schlempe=, welche ebenfalls zu Geld angeschlagen werden muss, eine
  Sache, die mit Schwierigkeiten verknpft ist, weil die Ansichten der
  Landwirthe, sowie der Agriculturchemiker hinsichtlich des Futterwerthes
  dieser Rckstnde noch ziemlich weit auseinander gehen und auseinander
  gehen mssen, wenn man bercksichtigt, dass die Schlempe nie eine
  constante Zusammensetzung haben kann, dass ihre Beschaffenheit sich
  nach den Rohmaterialien richtet, aus denen sie gewonnen wurde, ferner
  von dem verschiedenen Brennverfahren, der ungleichen Vollkommenheit des
  Maisch- und Ghrverfahrens u. s. w. abhngt.

[Sidenote: Schlempe.]

  Die =Schlempe= ist eine Flssigkeit, in welcher sich unzersetztes
  Strkemehl, Dextrin, Pektinkrper, Protensubstanzen, Fett, kleine
  Mengen von Zucker, Hlsen, Bernsteinsure, Glycerin, Salze und
  Hefebestandtheile theils gelst, theils suspendirt befinden. Ihr Gehalt
  an Trockensubstanz betrgt nur 4-10 Proc. Diese Verschiedenheit ist
  eine Folge der verschiedenen Zusammensetzung des Rohmaterials, der
  verschiedenen Wassermenge, die man beim Maischen zusetzt und der
  ungleichen Wasseraufnahme der gegohrnen Maische whrend der
  Destillation. =Ritthausen= analysirte Schlempesorten mit folgenden
  Resultaten und das Verhltniss der Trockensubstanz zum Maischwasser war
  bei (I) 1 : 7,3, bei (II) 1 : 6, bei (III) 1 : 4,08, bei (IV) 1 : 4,
  bei (V) 1 : 3:

                                    I.     II.   III.    IV.    V.
      Stickstofffreie Substanzen   2,78   3,23   3,08   4,14   5,31
      Protensubstanzen            0,82   1,04   1,26   1,39   1,78
      Cellulose                    0,46   0,43   0,94   0,78   1,00
      Asche                        0,52   0,59   0,72   0,79   1,01
      Wasser                      95,40  94,71  94,00  92,9   90,9

  Wenn in einer Brennerei Kartoffeln und Malz stets in gleicher Menge und
  von gleicher Beschaffenheit angewendet werden, die Maische gleiche
  Concentration besitzt und brigens das Verfahren stets dasselbe ist,
  muss die Schlempe immer ziemlich genau dieselbe Zusammensetzung haben.
  Es lsst sich annehmen, dass durchschnittlich 3/4 der festen
  Bestandtheile der Schlempe Nhrstoffe sind, dass das Verhltniss der
  stickstoffhaltigen Substanzen zu den stickstofffreien im Mittel = 1 : 3
  ist, whrend es in den Kartoffeln wie 1 : 8 ist. Indem dieselben in
  Schlempe verwandelt werden, verlieren sie den grssten Theil ihres
  stickstofflosen Bestandes und werden dadurch zu einem protenreichen
  Futtermittel. In der Praxis schtzt man 150-250 Kilogr.
  Kartoffelschlempe = 50 Kilogr. Heu.

[Sidenote: Presshefe.]

Die =Press=- oder =Pfundhefe=. Obgleich bei der Ghrung der gehopften
Bierwrze Hefe (Unter- und Oberhefe) in betrchtlicher Menge sich erzeugt
und in den meisten Fllen angewendet werden kann, wo es sich um geistige
Ghrung handelt, so ist sie doch zu gewissen Zwecken, z. B. zu der
Bckerei, ihres unangenehmen bitteren Hopfengeschmackes wegen im
ungereinigten Zustande nicht anzuwenden. Sucht man die Entfernung der
bittern Bestandtheile durch Auswaschen oder wie =Trommer= neuerdings
empfohlen hat, durch Auflsen der Hefe in Alkalilauge und Fllen aus
dieser Lsung durch verdnnte Schwefelsure, so geschieht dies immer auf
Kosten ihrer Wirksamkeit. Ausserdem ist die Hefenproduktion bei der
Bierbrauerei durchaus Nebensache und alle Rcksichten auf Quantitt und
Gte der Hefe mssen gegen die nmlichen Rcksichten gegen das Bier in
den Hintergrund treten. Es war daher in der Natur der Sache begrndet,
dass man die Hefenfabrikation als besondern und eigenthmlichen
Gewerbszweig entstehen liess und damit zugleich fr das so wichtige
Produkt eine Quelle schuf, welche es reichlicher und besser, und
namentlich auch konomisch vortheilhafter producirte. Obgleich auch die
Hefenfabrikation ihr Produkt nicht anders als durch den Process der
geistigen Ghrung erzeugen kann, so sucht man doch die Hefe zum
Hauptprodukt zu machen und die Ghrung in dieser Richtung einzuleiten und
auszufhren. Am passendsten ist die Fabrikation der Presshefe stets mit
der Fabrikation von Branntwein verbunden.

  Eine Zurckfhrung der Darstellung der Presshefe auf ihre
  naturgesetzliche Grundlage ist neuerdings durch genauere Erforschung
  der Natur der Hefe und ihrer Fortpflanzungsverhltnisse (vergl. Seite
  470) ermglicht worden. Wie aus dem frher Gesagten hervorgeht, ist die
  Hefenerzeugung der Cultur von Pflanzen an die Seite zu stellen, man
  pflanzt krftige Hefenzellen in einen Boden, der die Bedingungen der
  Hefenpflanzenentwicklung darbietet und die nthigen Nhrstoffe in
  gengender Menge enthlt. Nach einer durch die Praxis besttigten
  Ansicht bieten Lsungen von Protensubstanzen namentlich von Kleber und
  hnlichen Eiweisssubstanzen der Cerealien ein hchst geeignetes
  Nahrungsmittel der Hefenzellen dar. Man maischt Gerstenmalzschrot (1
  Theil) mit Roggenschrot (3 Theile) auf die gewhnliche Weise ein und
  khlt die Maische mit dnner Schlempe. Auf 100 Kilogramm Schrot setzt
  man 0,5 Kilogramm Natriumcarbonat hinzu und hierauf 0,35 Kilogramm
  Schwefelsure mit Wasser verdnnt und setzt die Maische mit Hefe in
  Ghrung. Aus der stark ghrenden Flssigkeit nimmt man mit Hlfe eines
  Schaumlffels die Hefe ab, schlgt sie durch ein leinenes Tuch oder
  durch ein Sieb und lsst das Durchgegangene im kalten Wasser absitzen.
  Der Absatz wird gepresst, bis er einen steifen knetbaren Teig bildet,
  den man zur besseren Entwsserung gewhnlich mit 4-10 (zuweilen sogar
  bis zu 24) Proc. Kartoffelstrkemehl versetzt. Zuweilen entfernt man
  das Wasser aus der Presshefe dadurch, dass man dieselbe auf eine
  absorbirende Unterlage -- porse Ziegelsteine oder Gypsplatten --
  bringt oder besser noch dadurch, dass man sie centrifugirt. Die Rolle
  des Natriumcarbonats scheint zu sein, die Kleberbestandtheile aus den
  Cerealien zu extrahiren und sie in auflsliche Form zu versetzen, die
  der Schwefelsure, ebenfalls die Lslichkeit des Klebers zu befrdern,
  die Milchsurebildung zu verhten, die nur auf Kosten des Strkemehls
  vor sich gehen knnte und einen Ausfall an Spiritus zur Folge haben
  wrde, und endlich zur Beschleunigung der Abscheidung der Hefekgelchen
  beizutragen. Fr die Praxis der Hefenfabrikation sind, ihre Richtigkeit
  vorausgesetzt, die Beobachtungen von =Pasteur= u. A. von grosser
  Wichtigkeit, dass Hefensporen in einer _protenfreien_ Flssigkeit,
  nmlich in einer mit Ammontartrat, Kaliumphosphat, Gyps und
  Magnesiumphosphat versetzten Zuckerlsung sich zu Hefenzellen
  entwickeln. Die Lebensthtigkeit der Hefe nimmt demnach, wie es
  scheint, das Material zum Aufbau neuer Zellen, wie hher organisirte
  Pflanzen aus der unorganischen Natur, den nthigen Stickstoff aus dem
  Ammoniak, den Kohlenstoff aus der bei der Zersetzung des Zuckers sich
  bildenden Kohlensure.

  Was die =Ausbeute an Presshefe= betrifft, so kann man auf 100 Kilogr.
  Roggen, einschliesslich des erforderlichen Malzschrotes etwa 15-16
  Kilogr. fertige Hefe rechnen. Da das wirkliche Quantum der eigentlichen
  Hefe oder der stickstoffhaltigen Substanz in der Presshefe hchstens 20
  Proc. betrgt, so wird bei der Hefefabrikation der Nahrungswerth der
  Schlempe, was deren stickstoffhaltige Substanz betrifft, nur wenig
  geschmlert.

[Sidenote: Kunsthefe.]

  Es sei hier noch die =Kunsthefe= erwhnt, welche wesentlich nur den
  Ghrungsprocess der ghrenden Maische oder Wrze von heute auf die zu
  stellende Maische oder Wrze vom folgenden Tage bertragen soll und fr
  die Spiritusfabrikation dasselbe ist, was der Sauerteig fr die
  Brodbckerei. Es giebt unzhlige Vorschriften zur Bereitung von
  Kunsthefe und knstlichen Ghrungserregern berhaupt; so weit man
  dieselben kennt, lassen sie sich auf folgende Kategorien zurckfhren:
  1) es wird einfach die Maische mit einem kleinen Theile in voller
  Ghrung begriffener Maische des andern Tages gestellt (hnlich der
  Bereitung von gekrustem Bier S. 505); 2) es wird von der in voller
  Ghrung befindlichen Maische ein kleiner Theil des flssigen Theiles
  mit Hlfe eines Hebers gezogen, diese Portion in Ghrung versetzt und
  damit die Maische des nchsten Tages gestellt; 3) sobald in der zuletzt
  gestellten Maische die Hefenbildung am krftigsten ist, mischt man
  einen Theil der an der Oberflche abgeschiedenen Hefe mit der zu
  stellenden Maische, deren Temperatur man bis zu der zur Ghrung
  erforderlichen erhht. Nach Verlauf weniger Stunden kann diese Maische
  zum Stellen verwendet werden. Handelt es sich um Bereitung von
  eigentlicher Kunsthefe, so macht man wie bei der Fabrikation von
  Presshefe einen Ansatz von Malz- und Fruchtschrot mit Wasser, Schlempe
  oder frischer Kartoffelmaische, die man entweder mit Bierhefe oder mit
  Mutterhefe, d. h. einem zurckbehaltenen Reste derselben Kunsthefe
  anstellt.

[Sidenote: Besteuerung des Branntweins.]

=Spiritussteuer.= Nach den gegenwrtig herrschenden Principien in der
Besteuerungspolitik erscheint der Branntwein als ein besonders zur
indirecten Besteuerung geeignetes Object[127], weil mit seinem Genusse,
wenn er ins Uebermaass geht, so verderbliche Folgen verknpft sind, dass
der Wunsch gerechtfertigt erscheint, es mge der Consumtion durch
Preiserhhung in Folge hoher Besteuerung eine Schranke gesetzt werden.
Die Besteuerung des Branntweins (oder des Spiritus) erstreckt sich
entweder auf die =Fabrikation= oder auf den =Verbrauch=. Die
Verbrauchssteuer ist kaum ausfhrbar und ebenso unbequem fr den
Consumenten wie kostspielig fr den Staat. Die Controle ist eine weit
leichtere und die Belstigung trifft eine geringere Anzahl von Personen,
wenn nicht der Verbrauch, sondern die Fabrikation besteuert wird. Man
kann bei dieser Besteuerungsweise ausgehen:

1) vom =Rohstoffe= (mehlhaltige Rohstoffe wie Cerealien und Kartoffeln,
ferner Zuckerrben, Treber, Kern- und Steinobst, Weinhefen), wobei dessen
mittlerer Gehalt an Trockensubstanz oder alkoholbildendem Krper
(Strkemehl oder Zucker oder Alkohol) zu bercksichtigen ist[128];

2) von der =Maische=, wobei man entweder nur ihre =Menge=, oder auch
zugleich ihre =Qualitt= und =Consistenz= in Betracht zieht;

3) von dem erzeugten =Produkte= selbst, indem man seine Grdigkeit, d. h.
die Menge des darin enthaltenen absoluten Alkohols ermittelt;

4) von der =Zeit=, welche zur Ghrung eines bestimmten Quantums Maische
und zur Destillation eines bestimmten Volumens gegohrener Masse
erforderlich ist.

  [127] Unter den indirecten Steuern ist die Branntweinsteuer eine sehr
        angemessene, nicht weil wir glauben knnten, es werde deshalb
        weniger getrunken -- denn um das herbeizufhren, msste man die
        Steuer auf Branntwein schon bis zu einer Prohibitivabgabe
        steigern -- sondern weil Branntwein in kleineren Portionen auf
        einmal consumirt wird als alle brigen Getrnke und daher an dem
        jeweilig consumirten Volumen der Steuerbetrag ganz winzig klein
        ist.

  [128] In Bayern und Wrttemberg versteuert man nur das Malz, nicht die
        Kartoffeln, die zur Branntweinfabrikation dienen.

[Sidenote: Produktensteuer.]

[Sidenote: Besteuerung des Rohstoffes.]

  Die Besteuerung des =Produktes= ist ohne Widerrede nicht nur die
  gerechteste und rationellste Besteuerungsmethode, sondern auch die in
  der Zukunft einzig und allein mgliche, falls dem Spiritus aus der
  Brennerei in dem auf synthetischem Wege dargestellten Spiritus (aus
  Leuchtgas) oder auch nur in dem aus Cellulose erhaltenen Alkohol (wie
  er gegenwrtig als Nebenprodukt der Holzpapierfabrikation auftritt) in
  der That ein Concurrent erwachsen sollte. Sie legt dem
  Brennereibetriebe keine Schwierigkeiten in den Weg, sie beschrnkt ihn
  nicht in der Wahl seiner Rohstoffe, sie trifft ferner alle Producenten
  nach Maassgabe ihrer Leistung. Sie hat aber auch ihre Schattenseiten,
  einmal treibt sie nicht, wie andere Besteuerungsarten, den Brenner, an
  Verbesserungen des Betriebes zu denken; whrend dem Brenner, dessen
  Rohstoff, dessen Maische und dessen Zeit besteuert wird, daran liegen
  muss, in der krzesten Zeit die grsste Menge Alkohol zu erzeugen und
  das Verfahren zu verbessern, da jede grssere Ausbeute an Alkohol die
  Steuer verringert, ist es fr den Producenten, dessen Produkt
  versteuert wird, in Bezug auf die Steuerquote gleichgltig, ob er auch
  rationell oder nachlssig arbeitet; die Alkoholmenge, die eben durch
  seine Brennmethode erhalten wird, wird versteuert, ist sie gering, so
  zahlt er weniger und umgekehrt. Eine andere Schattenseite der
  Besteuerung des Produktes ist die Leichtigkeit, mit welcher
  Defraudationen begangen werden knnen; die Steuerbeamten sind dadurch
  veranlasst, auch von der Fabrikation in allen ihren Phasen Notiz zu
  nehmen, um die Ueberzeugung zu gewinnen, dass nur das versteuerte
  Quantum Branntwein und nicht mehr producirt worden ist. Dadurch wird
  diese theoretisch vollkommenste Besteuerungsweise zu einer qulenden
  und betriebsstrenden fr den Brenner; sie ist in England die
  gesetzliche. Im norddeutschen Bunde erhebt man (nach dem Gesetze vom 8.
  Juli 1868) von jedem Quart Branntwein von 50 Proc. Tr., falls der
  Branntwein aus Kartoffeln und Cerealien hergestellt worden war, 1-9/16
  Silbergroschen Steuer. Die Besteuerung des =Rohstoffes= ist, wenn sie
  eine gerechte sein soll, mit grossen Schwierigkeiten verknpft, da man
  nicht nur auf die Gewichtsmenge, sondern auch auf den alkoholbildenden
  Bestandtheil darin Rcksicht zu nehmen hat. Es muss zuvor genau
  festgestellt sein, welche Alkoholausbeute eine bestimmte Menge des zu
  verarbeitenden Rohmaterials liefert. Da nun aus der Probe eines
  kleinen, beliebig genommenen Theils der Rohstoffmenge ein richtiger
  Schluss auf die Beschaffenheit des Ganzen nicht mglich ist, so folgt
  hieraus die Nothwendigkeit der Controle des Maischraumes. Auf der
  anderen Seite erfordert diese Besteuerungsweise Steuerbeamte, die
  nthigenfalls im Stande wren, Proben des Rohstoffes (chemische Probe
  durch Waage oder Titrirung, Bestimmung des spec. Gewichtes u. s. w.)
  selbst mit der erforderlichen Genauigkeit vorzunehmen. Weil das
  Rohmaterial (Kartoffeln und Cerealien, weniger leicht Rben) ziemlich
  leicht der Steuerbewachung entzogen werden kann, so sind auch hier
  Defraudationen unausbleiblich und die Behrde ist gezwungen, auch die
  Fabrikation mit zu berwachen. Obgleich noch nirgends in Anwendung, hat
  sie doch eine Zukunft, indem sie mit der Forderung der Wissenschaft,
  aus einem bestimmten Quantum Rohstoff die grsste Alkoholausbeute zu
  erzielen, im Einklange steht und dadurch zu einem mchtigen Sporn zur
  Vervollkommnung des Brennereibetriebes wird. Im norddeutschen Bunde
  (Gesetz vom 8. Juli 1868) erhebt man bei allen nicht mehlhaltigen
  Rohstoffen =Branntweinmaterialsteuer= und zwar vom Eimer (= 60 Quart)

    [Greek: a]) eingestampfter Weintrebern und Kernobst 4 Silbergroschen;
    [Greek: b]) Trauben- und Obstwein, Hefen und Steinobst
                8 Silbergroschen.

[Sidenote: Blasenzins.]

[Sidenote: Maischraumsteuer.]

  Auf die Besteuerung der =Zeit= ist der =Blasenzins= basirt. Kennt man
  alle zur Destillation erforderlichen Gerthschaften einer Brennerei, so
  lsst sich mit Leichtigkeit und ziemlich sicher ein Schluss auf die
  producirte Alkoholmenge und auf die zur Destillation nothwendig
  gewesene Zeit ziehen; eben so leicht und genau lsst sich auch diese
  Zeit controliren. Indem man eine als Einheit angenommene Spanne Zeit,
  die zur Destillation gerade gengt, mit einem bestimmten Steuersatze
  belegt, stellt man dem Brenner die Aufgabe, in der krzesten Zeit das
  grsste Alkoholquantum aus dem verarbeiteten Rohstoffe abzuscheiden; je
  hher der Steuersatz ist, desto wichtiger erscheint fr den Brenner die
  Aufgabe, deren Lsung eine von der Behrde gesetzte Prmie auf beste
  Benutzung der kostbaren Zeit ist. In wenigen Fllen ist wol in der
  Industrie das britische _time is money_ so handgreiflich dargestellt,
  als in dem vorliegenden Falle. Die Spiritusfabrikanten haben ihr
  Mglichstes gethan, die Prmie zu verdienen und die
  Branntweinbrennereien als Kleingewerbe htten lngst eingehen mssen,
  wenn die Behrden streng auf Durchfhrung der Besteuerung der Zeit
  gesehen htten. Um die Branntweinbrennereien als landwirthschaftliches
  Gewerbe neben den Spiritusfabriken der Neuzeit fortbestehen lassen zu
  knnen, ergab sich die Nothwendigkeit eines anderen Mittels zur
  Feststellung der producirten Alkoholmenge. Dieses Mittel fand sich in
  der Ausmessung des Raumes, den die Maische whrend der Ghrung
  einnimmt. Diese Art der Besteuerung fhrt den Namen =Maischraumsteuer=
  oder kurzweg =Maischsteuer=. Sie ist in einigen Lndern des Zollvereins
  die gesetzlich eingefhrte und in der That giebt es wichtige Grnde,
  aus welchen sie andern Besteuerungsarten vorzuziehen ist. Ein
  Hauptgrund liegt in der Schwierigkeit, mit der ghrenden Maische eine
  Defraudation vorzunehmen. Leider tritt vor dieser fiskalischen
  Rcksicht die wissenschaftliche dergestalt in den Hintergrund, dass in
  allen Lndern, in denen die Steuer vom Maischraum erhoben wird, der
  Brenner nicht mehr die Aufgabe hat, aus einer gegebenen Menge
  Rohmaterial die grsste Alkoholmenge zu erzeugen, sondern aus dem
  kleinsten Volumen Maische die hchste Alkoholausbeute zu erzielen. Der
  normale Verlauf des Zuckerbildungs- oder Maischprocesses, sowie der
  Ghrung der verzuckerten Maische ist aber von einem gewissen
  Verdnnungsgrade abhngig, der nicht berschritten werden darf, ohne an
  Alkohol einzubssen. Whrend die rationelle Technik eine gewisse
  Verdnnung der Maische verlangt, drngt die Besteuerung auf eine
  mglichste Benutzung des besteuerten Raumes, d. h. auf eine mglichst
  concentrirte Maische. In der Praxis ist daraus die Methode des
  Dickmaischens mit allen ihren Consequenzen hervorgegangen: die
  Destillirapparate erhielten vielfache Verbesserungen und zweckmssigere
  Einrichtung, die Fortschritte des Brennereigewerbes im Ganzen
  betrachtet, wrden indessen wahrscheinlich grsser sein, wenn die
  Eingriffe der Steuerbehrde in den Betrieb, in die Zeiteintheilung,
  Ghrdauer, Brenndauer, Dimension der Gerthschaften u. s. w. nicht
  wesentliche Hindernisse wren. Die Maischraumsteuer gewhrt dem
  fabrikmssigen Brennbetriebe grosse Vortheile vor den
  landwirthschaftlichen Kleinbrennereien. Nicht allein ist die Einfhrung
  von Dampfapparaten zur Erwrmung und Destillation, welche die
  Verarbeitung sehr dicker Maischen ermglichen, an eine gewisse Grsse
  des Betriebes gebunden, sondern die Aufstellung dieser Apparate wird
  auch in demselben Maasse billiger, als sich die Erhaltungs- und
  Amortisationskosten auf eine grssere Alkoholmenge vertheilen.
  Brennereien mit ununterbrochenem Betriebe sind also schon deshalb in
  Vortheil vor jenen, die nur whrend des Winters brennen, wie die
  kleinen landwirthschaftlichen Brennereien, die nur wesentlich die
  bessere Verwerthung der selbst erbauten Kartoffeln zum Zwecke haben. In
  der Landwirthschaft sind ja die Rckstnde der Brennereien, die
  Schlempe, als Mastfutter fr Schweine und Rinder von so hoher
  Wichtigkeit, dass die Erzeugung dieser Rckstnde fter als
  Hauptprodukt in den Vordergrund, der Branntwein als Nebenprodukt in den
  Hintergrund tritt.


                            Die Brotbckerei.

[Sidenote: Brotbereitung.]

Der Zweck der =Brotbereitung= ist, das Mehl der Krner der Cerealien
durch Abnderung seiner chemischen und physikalischen Beschaffenheit in
den Zustand zu versetzen, in welchem es am leichtesten zwischen den
Zhnen zerkleinert, mit Speichel getrnkt und dadurch am besten verdaut
wird. Rhrt man Mehl mit Wasser zu einem Teig an, so erhlt man nach dem
Trocknen bei gewhnlicher Temperatur eine Art Kuchen, der die
Strkemehlkrner unverndert und unlslich enthlt und nur schwer verdaut
wird, abgesehen davon, dass er durch seinen faden Geschmack den Appetit
nicht reizt. Wird zum Trocknen die Temperatur des Siedepunktes des
Wassers benutzt, so gleicht der Kuchen getrocknetem Kleister, welcher der
Verdauung grosse Hindernisse entgegensetzt. Wirkt diese Temperatur nur
auf die Oberflche, aber nicht in das Innere des Teiges, so wird
letzterer eine Beschaffenheit haben, welche in der Mitte steht zwischen
mehliger und glasiger; von dieser Art ist der Schiffszwieback, der immer
als ein stark ausgetrockneter Teig betrachtet werden kann und vor dem
gebackenen Brote den Vorzug grosser Haltbarkeit, den Nachtheil dagegen
eines faden Geschmackes und der Schwerverdaulichkeit hat. Durch das
Backen will man nun zweierlei erreichen, einmal soll die eigentliche
Brotmasse soweit erhitzt werden, dass das Strkemehl in den
aufgeschlossenen Zustand, in Kleister bergehe, der Teig sich aber nicht
in eine feste sprde oder wsserige Masse verwandele, sondern sich
aufblhe und nach dem beendigten Backprocesse von der bekannten lockeren
und schwammigen Beschaffenheit erscheine; das andere Mal will man durch
das Backen die Oberflche des Brotes rsten und dieselbe dadurch in die
Rinde oder Kruste berfhren, wodurch nicht nur dem Brot der
charakteristische Wohlgeschmack, sondern auch die Eigenschaft ertheilt
wird, sich lngere Zeit so ziemlich unverndert aufbewahren zu lassen.
Das Mittel zur Auflockerung des Teiges ist meist die geistige Ghrung,
die man durch Zusatz von Ghrungsmitteln (Fermenten), entweder
=Sauerteig= oder =Hefe=, einleitet; ein kleiner Theil der Strke des
Mehles geht in Krmelzucker ber, der in Alkohol und Kohlensuregas
zerfllt, letzteres sucht zu entweichen, wird aber daran durch die
Zhigkeit des Mehlteiges verhindert. Der nebenbei erzeugte Alkohol kommt
nicht in Betracht. Aus Weizenmehl und Hefe erhlt man das =Weissbrot=,
aus Roggenmehl oder einem Gemisch davon mit Weizenmehl und Sauerteig das
=Schwarzbrot=. =Heeren= fand in dem Mehle, wie es gewhnlich zum Backen
benutzt wird, durchschnittlich gegen 13 Proc. Feuchtigkeit.

[Sidenote: Die Details der Brotbckerei.]

Die Rohmaterialien der Brotbckerei sind =Mehl=, =Wasser= und
=Ghrungsmittel=, ausserdem Salz, Gewrze u. dergl. Die Zusammensetzung
der wichtigeren Mehlsorten ist folgende:

                             a.       b.       c.       d.
             Wasser        15,54    14,60    14,00    11,70
             Albumin        1,34     1,56     1,20     1,24
             Pflanzenleim   1,76     2,92     3,60     3,25
             Casen         0,37     0,90     1,34     0,15
             Fibrin         5,19     7,36     8,24    14,84
             Kleber         3,50      --       --       --
             Zucker         2,33     3,46     3,04     2,19
             Gummi          6,25     4,10     6,33     2,81
             Fett           1,07     1,80     2,23     5,67
             Strke        63,64    64,28    53,15    58,13
             Sand            --       --      6,85      --

a. Weizenmehl, b. Roggenmehl, c. Gerstenmehl, d. Hafermehl. Ausser diesen
Mehlsorten finden Mais-, Bohnen-, Erbsenmehl etc. zur Brotbereitung
rtliche Anwendung.

Die Hauptphasen der Bckerei sind:

[Sidenote: Das Anmachen des Teiges und das Kneten.]

1) =Das Anmachen des Mehles= mit Wasser zu einem Teige ist die erste
Manipulation beim Backen. Es hat zum Zweck, das Dextrin, den Krmelzucker
(deren Menge whrend des Anmachens durch die Einwirkung des Klebers auf
das Strkemehl vermehrt wird), einige eiweissartige Krper aufzulsen und
im aufgelsten Zustande die unlslichen Bestandtheile des Mehles,
namentlich den Kleber, aber auch das Strkemehl zu durchdringen,
aufzuweichen und aufzulockern. Mit dem Wasser setzt man zugleich das
Ghrungsmittel, den Sauerteig oder die Hefe (Presshefe) zu, je nachdem
Schwarzbrot oder Weissbrot dargestellt werden soll.

  Unter dem =Sauerteig= (in Sddeutschland =Frischel=) versteht man
  diejenige Menge des in Ghrung begriffenen Teiges, der bis zum nchsten
  Backen aufgehoben wird; er besteht aus einem Gemenge von Mehl und
  Wasser, in welchem ein Theil des Strkemehles unter dem Einflusse der
  in Fermente (Hefe und Milchsureferment) umgewandelten Protenkrper
  des Mehles zum Theil in Krmelzucker und als solcher in die geistige
  Ghrung und Essigghrung, zum grssten Theile aber in die
  Milchsureghrung bergegangen ist. Der Sauerteig wirkt in dem Teige
  ghrungsfortpflanzend und auf dieselbe Weise, wie ghrende Wrze unter
  ssser Wrze, d. h. wie Hefe. Der vom vorigen Backen zurckgehaltene
  Teig heisst =Grundsauerteig= (oder auch blos Grundsauer). Nach lngerem
  Liegen ist der Sauerteig nicht mehr geeignet, ghrungserregend zu
  wirken und geht nach und nach in Fulniss ber. Ueber das Verhltniss,
  in welchem man den Sauerteig zum Mehlteige setzt, lsst sich nichts
  Bestimmtes angeben, da dasselbe von der Art des herzustellenden Brotes,
  dem Suregrad und der Beschaffenheit des Sauerteiges u. s. w. abhngig
  ist. Man rechnet gewhnlich auf 100 Th. Mehl 4 Th. Sauerteig, oder auch
  auf 80 Th. Brot 3 Th. Sauerteig. Handelt es sich um Weissbrot, so
  rechnet man auf 100 Th. Mehl 2 Th. Presshefe. Das Anmachen des Mehles
  geschieht mit lauwarmem Wasser von 21-37.

[Sidenote: Kneten.]

Der so erhaltene dnne Teig, aus Mehl, Wasser und Ferment bestehend,
bleibt, mit Mehl bestreut, an einem mssig warmen Orte einige Zeit, meist
ber Nacht, stehen. Hierbei tritt die =Brotghrung= ein, indem das
Ferment auf die Dextrose des Teiges einwirkt; in Folge der
Kohlensureentwickelung hebt sich der Teig (=er geht auf=). Dem
aufgegangenen Teige verleibt man durch =Kneten= Mehl ein, weil er fr
sich zu wenig Consistenz hat, um verbacken werden zu knnen. Verfhrt man
nach der gewhnlichen Art, nach welcher man zuerst nur ein Drittheil des
Mehles mit dem Wasser anmacht, so knetet man dann die brigen zwei
Drittheile und das zur Bildung eines normalen Teiges erforderliche Wasser
ein. Nach dem Kneten bestreut man den Teig mit Mehl und lsst ihn an
einem warmen Orte nochmals aufgehen (=zukommen=), wozu kaum halb so viel
Zeit, als zu dem ersten Ghren nthig ist. In den meisten Bckereien
lsst man gegenwrtig das zweite Ghren weg und schreitet sofort nach dem
Kneten zum =Auswirken=, d. h. man bringt den Teig in die gebruchliche
Form von Brot.

  Durch das Auswirken wird der Teig zusammengedrckt und muss daher von
  Neuem an einem warmen Orte kurze Zeit der Ghrung berlassen werden, um
  sich wieder zu heben (das Zurichten). In der Regel geschieht dies auf
  Krben (Backschsseln) oder auf Leinwand (Brottchern), die man mit
  Kleie bestreut, um das Anhaften zu verhten. Das Volumen des Teiges
  nimmt bis auf das Doppelte zu. Whrend des Ghrens bestreicht man beim
  Roggenbrote die Laibe fters mit lauem Wasser, damit die Oberflche
  keine Risse erhlt. Dieses Bestreichen wird auch unmittelbar vor dem
  Einschieben in den Ofen wiederholt. Das Wasser erweicht die Rinde und
  lst etwas Dextrin aus dem Teige auf, welches nach dem Verdunsten des
  Wassers auf der Oberflche (Kruste) zurckbleibt und dem Brote Glanz
  giebt. Haben sich die Brote gengend gehoben und hauchen sie einen
  eigenthmlich geistigen Geruch aus, so ist es Zeit, die Ghrung durch
  das Backen zu unterbrechen. Da whrend des Backens die Brote durch
  Verdampfung des Wassers betrchtlich an Gewicht verlieren, das Gewicht
  des Brotes durch die Behrde aber vorgeschrieben ist, so muss man so
  viel Teig mehr nehmen. Das Gewicht des Teiges, welches zu einem Brote
  von bestimmtem Gewichte genommen werden muss, ist nach der Grsse des
  Brotes verschieden, und zwar im Verhltniss um so grsser, je kleiner
  das Brot ist. Je nach der Grsse des Brotes verliert der Teig beim
  Backen bis zu 25 Proc. an Gewicht. Der Grund davon liegt darin, dass,
  je kleiner das Brot ist, es desto mehr Kruste hat im Verhltniss zur
  Krume, dass ferner die Kruste weniger Feuchtigkeit enthlt als die
  Krume.

[Illustration: Fig. 243.]

[Sidenote: Knetmaschinen.]

  Das Kneten des Brotteiges mit den Hnden und Armen ist eine beraus
  anstrengende Arbeit, der man hufig den Vorwurf gemacht hat, dass sie
  unreinlich und ungesund sei. Ohne uns in Errterungen einzulassen, in
  wie weit diese Vorwrfe gerechtfertigt sind, ist doch anerkannt, dass
  die mit der blichen Knetmethode verbundene krperliche Anstrengung
  eine ausserordentliche ist; es wurde deshalb lngst der Gedanke
  erweckt, die Arbeit des Knetens durch Maschinen verrichten zu lassen.
  Obgleich es unmglich ist, die Handarbeit durch Maschinen dort
  verrichten zu lassen, wo der Tastsinn in Betracht kommt und die
  =Knetmaschinen= eine allgemeine Anwendung nicht finden konnten, so
  haben sie sich doch in allen Brotfabriken bewhrt, wo es sich um die
  Herstellung von nur einer Brotsorte handelte. Von den vielen im Laufe
  der Zeit aufgetauchten Knetmaschinen sei nur die folgende von =Clayton=
  (Fig. 243) angefhrt. Die Teigbestandtheile werden in den cylindrischen
  Backtrog _A_ gebracht; er ruht auf dem Gestelle _b b_ mittelst der
  hohlen Zapfen _c_ und _d_, welche sich in den Lagern _e_ drehen. Im
  Innern des Cylinders ist ein Rahmen _f_ angebracht, der um die Zapfen
  _g_ und _h_ gedreht werden kann. Die beiden Hlften dieser Rahmen sind
  durch schrge Messer _i i_ mit einander verbunden, welche beim Umdrehen
  des Troges den Teig bearbeiten. Die Bewegung des Troges und des Rahmens
  erfolgt in entgegengesetzter Richtung. Die Kurbel _o_ ist mit der Axe
  des usseren Troges, die Kurbel _p_ mit dem inneren Rahmen verbunden.
  Indem beide Kurbeln in entgegengesetzter Richtung gedreht werden,
  bewegen sich Trog und Rahmen gegen einander. Das Drehen kann auch durch
  einen einzigen Menschen mittelst einer Kurbel verrichtet werden, indem
  die Welle _h_ der Kurbel _o_, welche mit dem inneren Rahmen durch die
  hohle Axe verbunden ist und denselben bei der Umdrehung mitnimmt, ein
  konisches Rad _m_ enthlt, das in das Rad _k_ eingreift, welches
  wieder ein mit dem hohlen Zapfen des Troges verbundenes Rad _l_
  umtreibt; es muss daher, wenn das Rad _m_ nach rechts sich dreht, das
  Rad _t_ links umlaufen.

[Sidenote: Backofen.]

Die Umwandlung des gegangenen und ausgewirkten Brotteiges in Brot
geschieht durch das =Backen= in dem =Backofen=, dessen gewhnlichste Art
aus einem runden oder ovalen, mit Gewlbe berspannten Herde besteht, an
dessen vorderer Seite das =Mundloch=, eine Oeffnung zum Einschieben der
Brote und zugleich auch zum Einfhren des Brennmaterials, sich befindet.
Der Ofen ist aus Backsteinen und Lehm aufgemauert, die Sohle des Herdes
mit Ziegelsteinen belegt oder aus Lehm geschlagen. Das Ofengewlbe von
elliptischer Gestalt muss mglichst niedrig sein, um die Wrme gut
reflectiren zu knnen. Das Mundloch lsst sich mit einer Thr aus Blech
oder Gusseisen verschliessen; da dasselbe zugleich als Rauchffnung
dient, so ist ber dem Mundloch ein Rauchkanal angebracht, der den Rauch
in den Schornstein fhrt. Neben dem Mundloche sind gewhnlich noch zwei
kleine Oeffnungen vorhanden, mittelst deren und durch angezndete
Holzspne man den Ofen whrend des Einschiebens der Brote beleuchtet. Die
zum Verbrennen des Brennmaterials erforderliche Luft strmt durch den
unteren Theil des Mundloches ein, whrend durch den oberen die
Verbrennungsgase und der Rauch austreten, die fr das Heizen sehr
unangenehm sind. Zweckmssiger ist daher eine Einrichtung der Backfen,
bei welchen das Mundloch nur zum Heizen dient, der Rauch dagegen durch
Oeffnungen entweicht, die in dem hinteren Theile des Gewlbes sich
befinden und durch Schieber verschlossen werden knnen.

[Illustration: Fig. 244.]

[Illustration: Fig. 245.]

  Fig. 244 zeigt den Verticaldurchschnitt, Fig. 245 die Sohle eines
  solchen Backofens. Die nach hinten aufsteigende Backsohle _A_ hat eine
  Breite von 3,1 Meter und eine Tiefe von 4 Meter und ist mit einem
  Gewlbe in einem Abstande von 0,5 Meter berspannt. Das Mundloch hat
  eine Breite von 0,8 Meter. _e e e_ sind die Zge, durch welche die
  Verbrennungsgase in den Schornstein _D_ abgeleitet und durch einen
  Schieber _u_ verschlossen werden knnen. Diese Vertiefung _x_ giebt dem
  Bcker einen bequemen Stand. Unter dem Backofen ist der Raum fr die
  Kohlen aus dem Ofen (=Bckerkohlen=). _E_ ist die Backstube, welche
  durch den darunter liegenden Backofen die zum Gehen des Teiges
  erforderliche Temperatur erhlt. Als Brennmaterial wendet man
  trockenes, fein gespaltenes, weiches Holz an, welches man auf dem Herde
  kreuzweise schichtet. Die zum Backen erforderliche Temperatur hat der
  Backofen dann erreicht, wenn beim Reiben des Herdes oder des Gewlbes
  mit einem Holzstabe Funken sich zeigen. Die glhenden Kohlen werden
  durch das Mundloch aus dem Ofen gezogen und zum Verlschen in den
  unterhalb des Ofens befindlichen Raum gebracht. Ehe das zu backende
  Brot eingeschossen wird, reinigt man den Ofen von Asche und mit Hlfe
  eines nassen Wischers und bringt darauf die Brote mittelst der
  sogenannten Ofenschssel, eines langen, mit Stiel versehenen Brettes,
  in den Ofen. Die zum Backen geeignete Temperatur des Ofens betrgt
  200-225 C. Vor dem Einschieben bestreicht man die Oberflche mit
  Wasser, in welches man etwas Mehl eingerhrt hat, um das Aufspringen
  der Brotkruste in Folge zu schneller Einwirkung zu hoher Temperatur zu
  verhindern; die Hitze wirkt nun zuerst auf die Feuchtigkeit, sodass die
  Oberflche vor zu hoher Temperatur geschtzt ist. Die Wasserdmpfe,
  womit der Backofen sich nach und nach anfllt, sind, um eine chemische
  Vernderung der Oberflche des Brotes hervorzurufen und dadurch eine
  glatte Kruste zu erzeugen, ganz unerlsslich. Die zum Ausbacken
  erforderliche Zeit richtet sich nach der Grsse, der Form und der Art
  des Brotes. Je mehr das Brot sich der Kugelform nhert, je kleiner
  mithin die Oberflche im Vergleich zum Inhalt ist, eine desto lngere
  Backzeit ist nthig. Schwarzbrot erfordert lngere Zeit als weisses.
  Diese Backfen haben in die Augen springende Nachtheile, sie knnen nie
  gleichmssig erwrmt werden und khlen auch ungleichmssig ab, und zwar
  durch die einstrmende Luft am schnellsten im vorderen Theile.
  Gewhnlich wird nach jedem Gebck nachgeheizt, ehe wieder eingeschossen
  wird, wozu weniger Brennstoff gehrt als zum Anheizen. Bei dem
  fabrikmssigen Betriebe der Bckerei wendet man =continuirlich
  betriebene Oefen=, bei welchen Backraum und Feuerraum getrennt sind,
  an.

[Sidenote: Surrogate des Fermentes.]

  =Surrogate des Fermentes fr die Brotghrung.= Wie aus dem Vorstehenden
  folgt, beruht das Wesentliche der Brotbereitung darauf, dass das mit
  Wasser zu einem Teige verbundene Mehl durch den Umstand, dass in dem
  gegohrenen Brote der Kleber gleichsam ein Skelett oder ein
  zellenfrmiges Gewebe bildet, durch welches das Entweichen der
  Kohlensure verhindert wird, die bekannte porse und schwammige
  Beschaffenheit erhlt, die zur Verdaulichkeit des Brotes erforderlich
  ist. Diese Beschaffenheit wird nun dem Brote zum Theil auf Kosten eines
  Theiles der Strke des Mehles ertheilt, die sich erst in Strkezucker
  und dann durch Ghrung in Alkohol und Kohlensuregas umwandelt;
  letzteres sucht zu entweichen und bewirkt zunchst das Aufgehen des
  Teiges. Damit diese Ghrung vor sich gehe, ist der Zusatz von Fermenten
  nothwendig, die dem Brote fremd sind und zuweilen demselben die
  Verdauung beeintrchtigende Eigenschaften ertheilen. Es war daher schon
  lngst das Streben der Techniker, die Brotghrung und somit auch den
  Zusatz von Hefe und Sauerteig zu umgehen und dem Teige die
  erforderliche lockere Beschaffenheit durch eine in dem Teige selbst vor
  sich gehende Gas- oder Dampfbildung zu geben; denn es ist einleuchtend,
  dass jeder luft- oder dampffrmige Krper auf passende Weise in dem
  Teige vertheilt, sich ebenso wie die whrend des Aufgehens sich
  entwickelte Kohlensure verhalten wird. Obgleich das Problem, Brot von
  normaler Beschaffenheit ohne Ghrung zu bereiten, noch keineswegs
  gelst ist, so fehlt es doch nicht an darauf bezglichen Vorschlgen,
  die zum Theil alle Beachtung verdienen. Es seien im Folgenden einige
  der wichtigsten derselben angefhrt. Das =Ammonsesquicarbonat=
  (Hirschhornsalz der Pharmaceuten), dem Teige in kleiner Menge
  einverleibt, kann zum Aufgehen desselben beitragen, einmal, indem die
  Sure, die in keinem Teige fehlt, mit dem Ammoniak zusammentritt und
  Kohlensure frei macht, das andere Mal, indem das kohlensaure Ammoniak
  in der Hitze des Backofens Dampfgestalt annimmt und somit das
  Auflockern des Teiges bewirkt. =Natriumbicarbonat= und =Salzsure= sind
  wiederholt vorgeschlagen und von =J. v. Liebig= warm empfohlen worden,
  um in dem Teige selbst die zum Aufgehen desselben nthige Kohlensure
  zu entwickeln (NaHCO_{3} + ClH = NaCl + H_{2}O + CO_{2}), wobei das
  zugleich entstandene Kochsalz in dem Teige bleibt. Auf 100 Kilogr.
  Schwarzmehl nimmt man 1 Kilogr. Natriumbicarbonat, 4,25 Kilogr.
  Salzsure von 1,063 spec. Gew. (= 9,5 B. = 13 Proc. ClH), 1,75-2,0
  Kilogr. Kochsalz und 79-80 Liter Wasser; man erhlt 150 Kilogr.
  Brot[129]. Vortheilhafter und rationeller scheint das gleichfalls von
  =v. Liebig= empfohlene =Horsford='sche Backpulver (_yeast-powder_) zu
  sein. Dieses Pulver besteht aus zwei Prparaten, einem =Surepulver=
  (saurem Calciumphosphat gemengt mit saurem Magnesiumphosphat) und einem
  =Alkalipulver= (einem Gemisch von 500 Grm. Natriumbicarbonat und 443
  Grm. Chlorkalium). Auf 100 Kilogr. Mehl kommen 2,6 Kilogr. Surepulver
  und 1,6 Kilogr. Alkalipulver zur Anwendung. (Whrend des Knetens setzen
  sich Natriumbicarbonat und Chlorkalium zunchst in Chlornatrium und
  Kaliumbicarbonat um, welches letztere hierauf durch das saure Phosphat
  unter Freiwerden von Kohlensure zersetzt wird.) Durch Anwendung des
  Backpulvers ist man in den Stand gesetzt innerhalb zweier Stunden aus
  Mehl fertiges Brot zu bereiten, und erhlt dabei aus 100 Pfd. Mehl
  10-12 Proc. Brot mehr als im gnstigsten Falle nach dem gewhnlichen
  Backverfahren. Von besonderem Werthe ist die Methode in allen den
  Fllen, wo nicht stets frischer Sauerteig zu haben ist, wie z. B. auf
  Schiffen oder in Drfern, in denen nicht regelmssig gebacken wird. Die
  Anwendung des Backpulvers empfiehlt sich schliesslich noch fr den
  Kchengebrauch, indem hierdurch alle die Mhe und Zeit erspart wird,
  welche die Beschaffung sowie die Anwendung der Kunsthefe mit sich fhrt
  -- ein Vortheil, der vielen Hausfrauen von Werth sein wird und in
  Nord-Amerika dieses Backverfahren bereits zur allgemeinen Verbreitung
  gebracht hat. Reines =Kohlensuregas= dem Teige zu incorporiren, um
  demselben die Beschaffenheit eines durch Ghrung gehobenen Teiges zu
  ertheilen, ist eine ziemlich nahe liegende Idee, die zu verschiedenen
  Zeiten gefasst, vergessen und immer wieder von Neuem aufgenommen wurde,
  zahlreiche Vertreter und ebenso viele Gegner fand, ohne dass bis jetzt
  ein gengendes Resultat erzielt worden wre. Neuerdings haben
  =Dauglish= und =Bousfield= sich mit der Brotbereitung mit Hlfe von
  Kohlensure (Luftbrot, _arated-bread_) beschftigt. Das Kneten des
  Teiges geschieht in einem verschlossenen Cylinder, aus welchem die Luft
  ausgepumpt wird und in welchen man sodann unter starkem Druck
  Kohlensuregas eintreibt, welches whrend des Knetens von dem dem Mehle
  zugesetzten Wasser absorbirt wird. Hat das Kneten gengend
  stattgefunden, so ffnet man eine unter dem Knetcylinder befindliche
  Rhre, durch welche der Teig sodann durch den Gasdruck ausgetrieben
  wird. Man schneidet ihn beim Austritt aus der Rhre stckweise ab und
  bringt die so gebildeten Laibe sofort in den Backofen. Indem die von
  dem Wasser des Teiges absorbirte Kohlensure nun wieder entweicht,
  blht sie den Teig auf. -- Die Behauptung, dass das mit reiner
  Kohlensure dargestellte Brot einen andern und zwar faden Geschmack
  besitze, als das auf gewhnliche Weise mit Ghrung erhaltene, scheint
  nicht ungerechtfertigt zu sein, da in letzterem geringe Mengen der
  geistigen Produkte der Ghrung zurckbleiben, die namentlich bei
  frischem Brote durch Geschmack und Geruch wahrzunehmen sind. Es ist
  auch nicht zu vergessen, dass der bei der Brotghrung sich bildende
  Alkohol, indem er durch die Hitze des Backofens in Dampf verwandelt
  wird, neben der Kohlensure zur Auflockerung des Brotes beitrgt.
  Pflegt man ja in der Feinbckerei bei Backwerken aus Mehl, Fett und
  Eiweiss zum Auflockern des Teiges eine alkoholische Flssigkeit allein
  (Weingeist oder Rum) anzuwenden.

  [129] Das Verhltniss des Natriumbicarbonates zur Salzsure ist so
        gewhlt, dass 5 Grm. des ersteren durch 33 Kubikcentim. der Sure
        vollkommen neutralisirt werden; das Brot muss eine sehr
        schwachsaure Reaction behalten.

[Sidenote: Brotausbeute.]

  Was die =Ausbeute an Brot= aus einem bestimmten Quantum Mehl anbelangt,
  so geben 100 Kilogr. Mehl, je nach der Beschaffenheit desselben,
  125-135 Kilogr. Brot.

[Sidenote: Zusammensetzung des Brotes.]

  Das Mehl der Getreidearten enthlt im lufttrocknen Zustande 12-16 Proc.
  Wasser, whrend seiner Umwandlung zu Brot nimmt es aber noch grosse
  Mengen von Wasser auf. 100 Pfd. feinen Weizenmehls verbinden sich mit
  50 Pfd. Wasser und geben 150 Pfd. Brot. Die Zusammensetzung des Mehles
  und Brotes ist daher folgende:

                                      Weizenmehl.    Weizenbrot.
              Trockenes Mehl              84             84
              Ursprngliches Wasser       16             16
              Hinzugesetztes Wasser       --             50
                                         ---            ---
                                         100            150

  Nach =Heeren= geben 100 Pfd. Weizenmehl wenigstens 125-126 Pfd. Brot,
  100 Pfd. Roggenmehl 131 Pfd. Brot. Der Gehalt des frischen Weizenbrotes
  an Dextrin und lslicher Strke betrgt 9 Proc., an Strke 40 Proc., an
  Protenkrpern 6,5 Proc., an Wasser 40-45 Proc. Neugebackenes Brot
  besitzt, wie allbekannt, eine eigenthmliche Weichheit und Zhigkeit;
  nach einigen Tagen verliert es diese Weichheit und wird krmelnd und
  anscheinend trocken und heisst in diesem Zustande =altbacken=. Meist
  ist man der Ansicht, dass diese Vernderung in der Abnahme des
  Wassergehaltes ihren Grund habe. Dies ist aber unrichtig, da nach
  Versuchen von =Boussingault= altbackenes Brot ebenso viel Wasser als
  frisches enthlt. Die Vernderung besteht allein in einem besondern
  Molecularzustande des Brotes, welcher bei dem Altbackenwerden eintritt.

[Sidenote: Verunreinigung des Brotes.]

  Wenn das zur Brotfabrikation angewendete Mehl verdorben ist, so ist der
  Kleber verndert und erweicht; die bei dem Ghren des Teiges sich
  entwickelnde Kohlensure lockert daher den Teig nicht auf, sondern
  entweicht. Das daraus entstehende Brot ist mithin derb und weniger
  weiss. Um diesem Uebelstande zu begegnen und schlechtes Mehl zur
  Erzeugung eines anscheinend guten Brotes anzuwenden, pflegen die Bcker
  Belgiens und des nrdlichen Frankreichs dem Teig eine kleine Menge
  Kupfersulfat (1/15000-1/30000) zuzusetzen, dessen Base sich mit dem
  Kleber zu einer unlslichen Verbindung verbindet, wodurch der Teig zhe
  und weiss wird und die Eigenschaft erhlt, eine grssere Menge Wasser
  aufzunehmen. Um diese schdliche Beimengung nachzuweisen, wird eine
  Portion des verdchtigen Brotes getrocknet und durch Verbrennen
  eingeschert, in der zurckbleibenden Asche lsst sich durch
  Abschlmmen das Kupfer leicht nachweisen. In England setzt man
  allgemein dem Mehl beim Brotbacken etwas Alaun zu. In Deutschland, wo
  der Zusatz von Kupfersulfat und Alaun (0,1 Proc.) von der Behrde
  untersagt ist, bewahrt man in einigen Gegenden den Sauerteig in
  kupfernen Trgen auf, wodurch sich Grnspan erzeugt, dessen Bildung von
  den Bckern nicht ungern gesehen wird.


                          Die Essigfabrikation.

[Sidenote: Der Essig und seine Entstehungsweise.]

Das, was man im gewhnlichen Leben =Essig= nennt, ist wesentlich ein
Gemisch von Essigsure mit Wasser. Die Essigsure C_{2}H_{4}O_{2} oder
(C_{2}H_{3}O / H)} O besteht im hchst concentrirten Zustande in
100 Theilen aus

                       Kohlenstoff    24      40,0
                       Wasserstoff     4       6,7
                       Sauerstoff     32      53,3
                                      ------------
                                      60     100,0

und bildet sich durch Oxydation des Alkohols, sowie durch trockne
Destillation der Cellulose.

  Was die erstere Bildungsweise betrifft, so lsst sich der Vorgang der
  Umwandelung des Alkohols in Essigsure durch folgendes Schema
  ausdrcken:

  1 Mol. Alkohol   C_{2}H_{6}O = 46 } geben
  2  "   Sauerstoff 2O         = 32 }
                                 --
                                 78
                                 { 1 Mol. Essigsure C_{2}H_{4}O_{2} = 60
                                 { 1  "   Wasser        H_{2}O       = 18
                                                                       --
                                                                       78

  Nach diesem Schema geben 100 Th. Alkohol 129,5 Th. hchst concentrirte
  Essigsure. Der Vorgang ist aber in der That nicht so, dass sich aus
  dem Alkohol sofort Essigsure bildet. Ehe diese Sure entsteht, geht
  der Alkohol erst in einen Krper ber, welcher minder sauerstoffreich
  ist als die Essigsure, nmlich den =Aldehyd= C_{2}H_{4}O. Die
  Umwandelung des Alkohols lsst sich auf folgende Weise bersichtlich
  darlegen:

                   Alkohol  C_{2}H_{6}O = 46
                                             } (H_{2} werden durch O aus
                   Davon ab    H_{2}    =  2 }   der Luft zu H_{2}O
  ------------------------------------------     oxydirt)
             Bleibt Aldehyd C_{2}H_{4}O = 44
                    Dazu              O = 16 (aus der Luft)
  ------------------------------------------
  Resultirte Essigsure C_{2}H_{4}O_{2} = 60

  100 Kilogr. Alkohol brauchen zu ihrer Ueberfhrung in Essigsure 300
  Kilogr. (= 2322 Hektoliter) Luft, da diese genau die 69 Kilogr.
  Sauerstoff enthalten, die zur Oxydation des Alkohols zu Essigsure
  erforderlich sind. Es ist jedoch einleuchtend, dass in der Praxis
  dieses Luftquantum bei weitem unzureichend ist, da von dem dem Alkohol
  zugefhrten atmosphrischen Sauerstoff wahrscheinlich nur derjenige
  Theil, der in Gestalt von Ozon vorhanden ist, zur Essigbildung
  verwendet wird. Soll in alkoholhaltigen Flssigkeiten die Umwandelung
  des Alkohols in Essigsure erfolgen, so muss ein Ghrungspilz, die
  _Mycoderma aceti_, vorhanden sein, welcher, wie es scheint, die
  Function hat, den Sauerstoff der Luft thtig zu machen und auf den
  Alkohol zu bertragen.

  Die Entstehung des Essigs als =Produkt der trockenen Destillation= der
  Cellulose (Holz, Torf) lsst sich nicht durch einfache Gleichung
  ausdrcken, da neben Essigsure zahlreiche Verbindungen wie gasfrmige
  und flssige Kohlenwasserstoffe, Holzgeist, Aceton, Kreosot und
  Oxyphensure, Theer etc. entstehen, deren relative Menge abhngig ist
  von der Temperatur, bei welcher destillirt wird, von der Form des
  Destillirgefsses, von dem Feuchtigkeitsgrade, der Art der
  cellulosehaltigen Substanz u. s. w.


  [Greek: a]) _Darstellung des Essigs aus alkoholhaltigen Flssigkeiten._

[Sidenote: Essig aus Alkohol.]

Alkohol, fr sich der Luft oder reinem Sauerstoffgase ausgesetzt, geht
nicht in Essigsure ber. Da der Essig aber gleichwol aus dem Alkohol nur
durch Aufnahme von Sauerstoff (allerdings von thtigem) sich bildet, so
ist es einleuchtend, dass die alkoholhaltige Flssigkeit, welche in Essig
umgewandelt werden soll, in die fr die Essigbildung gnstigsten
Bedingungen versetzt werden muss. Hier, wie so hufig bei
chemisch-technischen Processen ist die Erfahrung die beste Rathgeberin.
Eine zweckmssige und auf naturgesetzliche Principien gesttzte Anwendung
dieser Erfahrungen macht das Wesen der Essigfabrikation, d.i. die
Darstellung von Essig in der krzesten Zeit und auf die billigste Weise,
namentlich mit dem geringsten Verluste von Alkohol, aus.

  Die Bedingungen, unter welchen eine vortheilhafte Erzeugung des Essigs
  im Grossen stattfinden kann, sind folgende:

  1) die alkoholhaltige Flssigkeit -- das Essiggut -- sei dieselbe
  Traubenwein oder Obstwein, gegohrener Malzauszug, Bier und Branntwein,
  soll hinreichend verdnnt sein; sie darf nicht wol ber 10 Proc.
  Alkohol enthalten. Die Erfahrung hat gezeigt, dass unmittelbar durch
  Ghrung dargestellte alkoholische Flssigkeiten leichter in Essig
  bergefhrt werden knnen, als Mischungen von Branntwein oder Alkohol
  mit Wasser. Eine zu grosse Verdnnung, die weiter geht als bis zu 3
  Proc. Alkohol, hindert zwar nicht die Essigbildung, wol aber wird sie
  dadurch verlangsamt;

  2) eine geeignete Temperatur, die nicht ber 36 C. steigen und nicht
  unter 10-12 C. sinken soll. Bei einer Temperatur von 7 C. und
  darunter findet keine Essigbildung mehr statt, eine Tatsache, die bei
  der Anfhrung der Vortheile von Felsen- und Eiskellern zur Aufbewahrung
  von Lagerbier und berhaupt gegohrenen Flssigkeiten gewhnlich
  bersehen wird. Bei einer Temperatur von 40-60 ist die Verwandtschaft
  des Alkohols zum Sauerstoff gesteigert und die Essigbildung geht
  schneller und krftiger vor sich, doch ist bei dieser Temperatur ein
  namhafter Verlust an Alkohol und Essig durch Verdampfen unvermeidlich;

  3) gehriger Luft- oder Sauerstoffzutritt zu der alkoholischen
  Flssigkeit und innige Berhrung zwischen beiden. Kleinere Massen der
  geistigen Flssigkeiten sind zur Essigbildung geeigneter als grssere
  auf einmal, weil erstere der Luft mehr Berhrungspunkte darbieten;

  4) das Vorhandensein von Substanzen, welche den Essigbildungsprocess
  einzuleiten und fortzufhren vermgen; sie sind in ihrer Wirkung den
  Ghrungserregern oder Fermenten an die Seite zu stellen und werden
  deshalb Essigsurefermente, saure Fermente genannt, obgleich die
  Essigbildung aus Alkohol keineswegs ein physiologischer Process ist.
  Das beste Ferment ist der Essig, mithin auch alle Krper, welche mit
  Essig imprgnirt sind, wie der sogenannte Essigschimmel oder Essigpilz
  (_Mycoderma aceti_); frher glaubte man, dass die Essigmycodermen zu
  dem Alkohol und dem Essig in derselben Beziehung stehen, wie die Hefe
  zum Zucker und Alkohol -- daher auch der Name =Essigghrung=, um den
  Process der Umwandlung der alkoholischen Flssigkeit in Essig zu
  bezeichnen -- gegenwrtig weiss man aber, dass dies nur insoweit
  richtig ist, als Essigkahm auf eine alkoholhaltige Flssigkeit
  gebracht, wie die Versuche von =Pasteur= (1862) gezeigt haben, ebenso
  gut wie eine kleine Quantitt Essig und die Essigsurefermente
  berhaupt bei Luftzutritt die Essigbildung einzuleiten und fortzufhren
  fhig ist, wie mit Essig getrnkte Holzgefsse und Spne; in vielen
  dieser Krper sind in Oxydation begriffene Substanzen, welche mit
  alkoholhaltigen Flssigkeiten zusammengebracht, den Alkohol mit in den
  Kreis der Oxydation hineinziehen und seine Umwandlung in Essig
  einleiten. Reine Essigsure ist daher nicht im Stande, den
  Essigbildungsprocess hervorzurufen, wol aber der Essig, der neben der
  Essigsure stets kleine Mengen der erwhnten Protensubstanzen enthlt.
  Dass es diese letzteren nicht an und fr sich sind, sondern nur ein
  eigenthmlicher und activer Zustand derselben, zeigt das Verhalten des
  Platinmohrs und des Platinschwammes, welche sofort Alkohol in
  Essigsure berfhren. Nach Allem zu schliessen, wird man wol annehmen
  drfen, dass durch die Gegenwart der _Mycoderma aceti_, wie durch fein
  zertheiltes Platin, der Sauerstoff der Luft activ, d. h. in Ozon
  bergefhrt werde und dass nur ozonisirter Sauerstoff fhig sei, aus
  Alkohol Essig zu bilden. Die Essigsure ist mithin kein Produkt der
  Mycoderma, sondern das Produkt eines Oxydationsprocesses. Eine genauere
  Untersuchung des Verhaltens des Wasserstoffsuperoxydes und anderer
  hnlicher ozonhaltiger oder ozonbildender Krper zu Gemischen von
  Alkohol und Wasser wrde ohne Zweifel wesentlich zur Kenntniss der
  Theorie des Essigbildungsprocesses beitragen und vielleicht einen neuen
  Weg zur rationellen Darstellung des Essigs erffnen.

[Sidenote: Erscheinungen whrend der Essigbildung.]

Bei der Essigbildung sind _Erscheinungen_ wahrzunehmen, deren Beobachtung
fr die Beurtheilung des Fortschreitens der Umwandelung des Alkohols in
Essigsure von Belang ist, diese Erscheinungen sind theils chemischer,
theils physikalischer Natur, theils sind sie auch nur ussere, durch die
Vernderung der chemischen Natur der Flssigkeit bedingte, zu den
_chemischen_ sind zu rechnen die Absorption des atmosphrischen
Sauerstoffes, ohne dass dabei ein Gas ausgeschieden wird. In dem Grade
als die Essigbildung fortschreitet, verliert sich der alkoholische Geruch
und Geschmack der Flssigkeit und macht der bekannten erfrischend-sauren
des Essigs Platz. Zu den _physikalischen_ Erscheinungen, die whrend des
Verlaufes der Essigbildung auftreten, gehren 1) Zunahme des specifischen
Gewichtes der Flssigkeit und 2) Erhhung der Temperatur derselben. Die
Erhhung der Temperatur der Flssigkeit whrend der Essigbildung ist eine
Folge des Ueberganges des Sauerstoffes aus dem gasfrmigen in den
tropfbar flssigen Zustand. Die Temperatur steigt um so hher, je
schneller die Aufnahme des Sauerstoffes geschieht.

[Sidenote: Die ltere Methode der Essigbildung.]

Nach dem verschiedenen Ursprunge unterscheidet man gegenwrtig folgende
Essigarten: 1) den =Weinessig=, welcher aus Wein bereitet wird und ausser
der Essigsure fast alle brigen Bestandtheile des Weines, namentlich
Weinsure, Bernsteinsure und gewisse Aetherarten enthlt, welche dem
Weinessig den charakteristisch angenehmen Geruch ertheilen; 2) den
=Branntweinessig= (Spiritusessig oder knstlichen Weinessig), welcher in
der Regel nur aus einem Gemisch von Essigsure und Wasser und geringen
Mengen von Essigther besteht; 3) den =Obstessig=, aus dem Aepfel- und
Birnenwein dargestellt, enthlt neben der Essigsure noch Aepfelsure; 4)
den =Bier=-, =Malz=- oder =Getreideessig=, welcher aus ungehopfter
Bierwrze dargestellt wird und neben der Essigsure Extractbestandtheile
wie Dextrin, stickstoffhaltige Bestandtheile und Phosphate enthlt; 5)
den =Essig aus Zuckerrben=. Die Rben werden zu einem feinen Brei
gerieben und dann gepresst. Den Rbensaft verdnnt man mit Wasser und
kocht ihn auf. Nach dem Abkhlen versetzt man ihn mit Hefe und bergiebt
ihn zuerst einer alkoholischen, dann einer sauren Ghrung. Das zur sauren
Ghrung dienende Gefss steht mit einem Ventilator in Verbindung. Durch
die Zufuhr eines reichlichen Luftquantums und durch Erhaltung einer
gleichmssigen Temperatur ist in wenigen Tagen der durch Ghrung des
Saftes entstandene Alkohol mit Hlfe von Essigzusatz zu Essigsure
oxydirt; endlich 6) den aus Holzessig dargestellten =Tafelessig=.

  Was die =ltere Methode der Essigbildung= betrifft, so ist sie ohne
  Zweifel eine Nachahmung des von selbst Sauerwerdens von Bier, Wein und
  berhaupt gegohrenen Flssigkeiten mit einigen, die Essigbildung
  frdernden und das Produkt veredelnden Modificationen, nmlich
  Anwendung geeigneter Temperatur, innige Berhrung der suernden
  Flssigkeit mit der Luft und eines sogenannten Essigsurefermentes. Man
  befolgt diese Methode bei der Bereitung des =Weinessigs=, kann sie aber
  selbstverstndlich auch bei anderen Essigsorten wie Obst- und Malzessig
  anwenden. In der Regel benutzt man Surefsser (Mutterfsser) aus
  Eichenholz, welche durch Ausdmpfen extrahirt und dann mit siedendem
  Essig eingesuert werden. Zu dem Ende giesst man in jedes Fass 1
  Hektoliter Wein. Nach 8 Tagen wieder 10 Liter und so fhrt man jede
  Woche mit dem Weinzusatze fort, bis das Surefass bis zu zwei
  Drittheilen angefllt ist. Nach ungefhr 14 Tagen nach dem letzten
  Weinzusatz ist aller Wein in Essig bergegangen. Man zieht die Hlfte
  aus dem Mutterfasse ab und bringt ihn auf das Lager; mit dem
  Weinzusatze und dem Ablassen des fertigen Essigs aber fhrt man
  ununterbrochen fort. Ein Mutterfass kann oft 6 Jahre und lnger noch
  zur continuirlichen Essigfabrikation dienen, bis sich endlich eine
  solche Menge von Hefenabsatz, Weinstein, Essiggelger u. dergl.
  gebildet hat, dass zur Reinigung des Fasses geschritten werden muss,
  worauf es von Neuem zur Essigbildung verwendet wird.

  Wenngleich bei dem vorstehend beschriebenen Verfahren der Essigbildung
  die Berhrungspunkte zwischen der scheinbar ruhigen, suernden
  Flssigkeit und der atmosphrischen Luft nicht gross sind, so werden
  sie doch ununterbrochen erneuert, einmal dadurch, dass die
  Flssigkeitsoberflche in jedem Momente eine andere wird, da jedes Atom
  des entstandenen Essigs in Folge seines hhern specifischen Gewichts
  sich senkt und der leichteren alkoholischen Flssigkeit Platz macht,
  ferner, dass auch die Luftschicht ber dem Essiggute in fortwhrender
  Bewegung sich befindet, da die entsauerstoffte und dadurch leichter
  gewordene Luft (von 0,9 spec. Gewichte) nach oben strebt und durch
  neue, specifisch schwerere Luft (von 1,0 spec. Gewicht) ersetzt wird.

[Sidenote: Schnellessigfabrikation.]

Die sogenannte =Schnellessigfabrikation=, aus einem lteren
Essigbildungsverfahren von =Boerhaave= (gegen 1720) hervorgegangen, wurde
im Jahre 1823 von =Schtzenbach= zu Endingen im Breisgau als ein
Fabrikgeheimniss fr 1500 Thlr. verkauft unter der Bedingung, dasselbe
keinem andern fr oder ohne Geldleistung bekannt zu machen. Das
Hauptprincip, worauf die Schnellessigfabrikation beruht, ist das in Essig
berzufhrende Essiggut, gewhnlich Branntwein, mit der atmosphrischen
Luft bei der erforderlichen Temperatur in die innigste Berhrung zu
bringen, oder mit andern Worten, die Oxydation des Alkohols zu Essigsure
in der krzesten Zeit und mit dem geringsten Verlust zu bewerkstelligen.
Die innige Berhrung des Essiggutes mit der Luft wird erreicht 1) durch
Vermehrung des Luftzutrittes durch einen continuirlichen Luftstrom,
welcher der Richtung des in Tropfen herabrinnenden Essiggutes
entgegengesetzt ist; 2) durch Zertheilung der suernden Flssigkeit in
Trpfchen.

[Illustration: Fig. 246.]

  Zur Ausfhrung der Schnellessigfabrikation sind besonders construirte
  und vorgerichtete Gefsse (=Gradirfsser=, =Essigstnder=)
  erforderlich, von welchen man je nach der Strke des darzustellenden
  Essigs 2-4 braucht, die zusammen wieder eine Gruppe ausmachen. Ein
  derartiges Gefss ist Fig. 246 im Durchschnitt dargestellt; es ist aus
  starkem eichenen Daubenholze angefertigt, oben offen, 2-4 Meter hoch
  und 1-1,3 Meter weit. 20-30 Centimeter hoch ber dem untern Boden bohrt
  man in gleichen Entfernungen von einander, im Umkreise des Fasses 6
  Lcher -- Luftzuglcher -- von etwa 3 Centimeter Durchmesser, so dass
  die innere Mndung des Bohrloches ein wenig tiefer liegt als die
  ussere. Etwa 1/3 Meter ber dem Boden befindet sich ein falscher
  Boden, der siebhnlich durchlchert ist, oder es wird einige Centimeter
  ber den Luftzuglchern ein Lattenrost eingelegt, auf welchen
  vorbereitete Buchenholzspne kommen und den Stnder anfllen bis etwa
  15-20 Centimeter unter dem obern Rand. Vor ihrer Anwendung werden die
  Spne ausgelaugt; die ausgelaugten Spne werden dann getrocknet.
  Nachdem die Essigstnder mit den trocknen Spnen beschickt worden sind,
  schreitet man zum Ansuern derselben. Zu diesem Zwecke giesst man
  erwrmten Essigsprit ber die im Stnder befindlichen Spne. Die
  angesuerten Fsser bleiben 24 Stunden bedeckt stehen, damit der
  Essigdunst das Holz mglichst durchdringe. 18-24 Centimeter unter dem
  obern Rand befindet sich ein hlzerner Siebboden. Die Lcher dieses
  Siebbodens sind von der Weite eines Gnsekieles und stehen 3 bis 5
  Centimeter von einander ab. Damit das Essiggut durch diese Lcher in
  dnnen Strahlen ber die Spne sich ergiesse, bringt man in die Lcher
  Bindfden, die etwa 3 Centim. unten hervorragen und mit einem Knoten
  versehen sind, mittelst dessen sie in den Bohrlchern oben aufliegen;
  diese Fden schwellen an, verringern dadurch die Oeffnungen etwas,
  saugen durch Capillaritt das Essiggut auf und lassen es vom untern
  Ende auf die Hobelspne abtropfen. In dem Siebboden befinden sich
  ferner 5-8 grssere Bohrlcher von 3-6 Centim. Weite, welche der durch
  die Zuglcher von unten eindringenden im Stnder ihres Sauerstoffs
  beraubten Luft den Austritt nach oben gestatten; in diese Lcher sind
  Glasrhren von 10-15 Centimeter Lnge (wie es Fig. 246 zeigt)
  befestigt, die etwa 8 Centimeter ber dem Siebboden hervorragen und das
  Abfliessen des Essiggutes verhindern. Der Essigstnder wird endlich mit
  einem gut schliessenden Deckel bedeckt, in dessen Mitte ein rundes Loch
  ausgeschnitten ist; durch diese Oeffnung wird das Essiggut aufgegossen,
  tritt ferner die atmosphrische Luft aus. In Folge der
  Sauerstoffabsorption entwickelt sich im Innern des Essigstnders so
  viel Wrme, dass die Luft darin in fortwhrender Strmung von unten
  nach oben erhalten wird; in dem Grade, als die entsauerstoffte Luft
  oben austritt, strmt frische Luft durch die Luftzuglcher nach.

[Illustration: Fig. 247.]

  Nachdem die Essigstnder beschickt und eingesuert sind, giebt man das
  vorbereitete Essiggut -- am hufigsten Branntwein, seltener Malzauszug,
  Bier oder Wein -- auf. Das aus dem ersten Gradirfasse abfliessende
  Essiggut kommt in das zweite und fliesst von da, wenn der Alkoholgehalt
  der suernden Flssigkeit 3-4 Proc. nicht berstieg, als fertiger Essig
  ab. Die in einen Stnder nach unten gelangende Flssigkeit sammelt sich
  in dem Raume zwischen dem Boden und dem Lattenroste oder dem falschen
  Boden an. Wie aus Fig. 246 zu ersehen ist, kann sie von da nicht
  abfliessen, bis das Niveau der Flssigkeit inwendig gleich ist dem
  Niveau der Mndung des Glashebers auswendig. In Folge dieser
  Einrichtung bleibt, sobald aus einem Stnder nichts mehr abfliesst,
  eine etwa 16-20 Centimeter hohe, warme Essigschicht zurck, die neuem
  Essiggute als Suerungserreger dient. Das Rohr muss inwendig dicht ber
  dem chten Boden ausmnden, damit die untere, am meisten Essigsure
  enthaltende und daher specifisch schwerere Schicht zuerst ausfliesse.
  Dem Uebelstande der Zerbrechlichkeit des Glashebers lsst sich am
  besten durch die Fig. 247 abgebildete Anwendung begegnen; _c c_ ist der
  Lattenrost unter den Luftzuglchern, unter welchem sich der hlzerne
  Hahn _h_ befindet, zu welchem das gebogene Glasrohr _m m_ so befestigt
  ist, dass die freie Mndung desselben ber dem chten Boden des
  Essigstnders zu liegen kommt.

  Der in jngster Zeit (1868) aufgekommene =Singer='sche
  Essiggenerator[130] besteht im wesentlichen aus einer Anzahl
  bereinander stehender flacher Holzgefsse, welche durch eine Anzahl
  hlzerner Rhren so verbunden sind, dass die Essigmischung tropfenweise
  aus einem Gefss in das andere rinnt und dabei die Rhren passirt. Jede
  der Rhren trgt in der Mitte zwei der Lnge nach verlaufende Spalten,
  durch welche die Luft freien Zutritt hat. Der ganze Apparat steht in
  einem eigens construirten Gehuse, welches ihn vor Abkhlung so wie vor
  zu raschem Luftzutritt schtzt. Durch den =Singer='schen Apparat soll
  dem Alkoholverlust der gewhnlichen Essigstnder vorgebeugt sein.

  [130] Vergl. Jahresbericht der chem. Technologie 1868 p. 580 und
        =C. Thiel=, Gewerbeblatt fr Hessen 1870 p. 161.

  _Die Zusammensetzung des Essiggutes_ ist eine sehr verschiedene, eine
  hufig angewendete Mischung besteht aus 20 Litern Branntwein von 50
  Proc. Tr., 40 Litern Essig und 120 Litern Wasser, welcher man zum Zweck
  der Nahrung fr den Essigpilz einen Auszug von Roggenmehl und Kleie
  zusetzt. Die Essigstube soll bis auf 20-24 C. erwrmt sein, in den
  Essigstndern steigt sie aber bis auf 36 und darber, wodurch in Folge
  von Verdunstung von Alkohol, Aldehyd und Essigsure ein Verlust
  stattfindet, welcher etwa 1/10 betrgt. Mit Rcksicht auf diesen
  Verlust kann man annehmen, dass 1 Hektoliter Branntwein von 50 Proc.
  Tr. (= 42 Proc. dem Gewichte nach) dem Gewichte nach liefert:

           13   Hektoliter Essig von 3 Proc. Essigsuregehalt
            9,9     "        "    "  4   "          "
            7,9     "        "    "  5   "          "
            6,6     "        "    "  6   "          "
            5,6     "        "    "  7   "          "
            4,9     "        "    "  8   "          "
            4,4     "        "    "  9   "          "
            3,9     "        "    " 10   "          "

  Fr den Transport ist es selbstverstndlich am vortheilhaftesten, nur
  den strksten Essig -- =Essigsprit= -- darzustellen und demselben am
  Orte der Consumtion mit Wasser zu verdnnen.

[Sidenote: Essig aus Zuckerrben.]

  Der Essig aus Zuckerrben wird in England und Frankreich dargestellt,
  indem man durch Auspressen erhaltenen Rbensaft von 1,035-1,045 spec.
  Gewicht mit Wasser verdnnt bis zu 1,025 spec. Gewicht, dann mit Hefe
  stellt und ghren lsst, die gegohrene Flssigkeit mit einem gleichen
  Volumen fertigen Essigs versetzt und durch die Mischung mit Hlfe eines
  Ventilators einen Luftstrom treibt, wodurch die Essigbildung in kurzer
  Zeit vor sich geht.

[Sidenote: Essig mit Hlfe von Mycoderma aceti.]

=Pasteur=, welcher der (irrigen) Ansicht sich hinneigt, dass die
Essigbildung aus Alkohol wesentlich durch einen =physiologischen Process=
bedingt sei, hat 1862 eine neue Methode der Essigbereitung[131] mit Hlfe
von _Mycoderma aceti_ beschrieben. Auf eine Flssigkeit, bestehend aus
Wasser, welchem 2 Proc. Alkohol und 1 Proc. Essig zugesetzt ist und
welche ausserdem eine kleine Menge Phosphate des Kaliums, Calciums und
Magnesiums enthlt, wird der Essigpilz ausgeset. Die kleine Pflanze
entwickelt sich und bedeckt bald die Oberflche der Flssigkeit, ohne
dass der geringste Platz leer bleibt. Gleichzeitig suert sich der
Alkohol. Sobald die Operation gehrig im Zuge, nmlich etwa die Hlfte
des vorhandenen Alkohols in Essig verwandelt ist, setzt man jeden Tag
Alkohol in kleinen Portionen oder Wein oder mit Alkohol vermischtes Bier
zu. Sobald die Wirkung schwcher zu werden beginnt, wartet man die
vollstndige Suerung des in der Flssigkeit noch enthaltenen Alkohols
ab. Man zieht dann den Essig ab und sammelt die Pflanze, um sie zu
waschen und neuerdings zu benutzen.

  [131] Gegen =Pasteur='s Ansichten ber die Essigbildung ist unlngst
        (Journ. f. pract. Chemie 1870 Bd. I. p. 312) =v. Liebig=
        energisch zu Felde gezogen.

  Derselbe Apparat, Fass, Bottich wird mit frischer Flssigkeit beschickt
  und die bei der frheren Operation gewonnene Pflanze darauf gebracht.
  Man darf dabei es aber nie der Pflanze an Alkohol fehlen lassen, weil
  sie sonst den Sauerstoff an die Essigsure abgeben und diese in
  Kohlensure und Wasser verwandeln wrde und weil damit auch zugleich
  eine Zerstrung des eigenthmlichen Aroma's, welches den Weinessig
  charakterisirt, verbunden sein wrde. Ausserdem muss die Pflanze
  mglichst bald, nachdem sie aus der Flssigkeit genommen ist, wieder
  verwendet werden, weil sie lngere Zeit ausser Berhrung mit Alkohol
  ihre Thtigkeit zum grssten Theil einbsst. Eine andere nicht minder
  nothwendige Vorsichtsmaassregel besteht darin, nicht eine allzu starke
  Entwickelung der Pflanze zu veranlassen, weil sich sonst ihre
  Thtigkeit zu sehr steigern knnte, die dann ebenfalls die Zerstrung
  der Essigsure im Gefolge haben knnte, selbst wenn noch Alkohol
  zugegen wre. Ein Bottich von 1 Quadratmeter Oberflche, welcher 50-100
  Liter Flssigkeit enthlt, liefert tglich 5-6 Liter Essig. Den Gang
  der Operation verfolgt man dabei mittelst eines in Zehntelgrade
  eingetheilten Thermometers, dessen Kugel in die Flssigkeit taucht und
  dessen Scala ausserhalb des Fasses ist. Die zweckmssigsten Gefsse
  sind runde oder viereckige hlzerne Stnder von geringer Tiefe, die mit
  Deckeln versehen sind. An den Enden befinden sich zwei kleine
  Oeffnungen fr den Zutritt der Luft. Zwei Rhren von Guttapercha,
  welche auf dem Boden des Stnders befestigt und seitwrts mit kleinen
  Lchern versehen sind, gestatten die alkoholischen Flssigkeiten
  zuzusetzen, ohne dass man den Deckel aufzuheben oder die auf der
  Oberflche befindliche Pflanzenschicht zu stren braucht. Die Stnder,
  welche =Pasteur= anwandte, hatten einen Quadratmeter Oberflche und 20
  Centimeter Tiefe. Die Vortheile des Verfahrens waren nach ihm um so
  auffallender, je grssere Gefsse er anwandte und je niedriger die
  Temperatur war. Zur Ausbildung der Pilzpflanze ist die Anwesenheit von
  phosphorsauren Salzen und Ammoniak erforderlich. Arbeitet man mit Wein,
  Malzaufguss u. dergl. m., so sind sie in gengender Menge darin
  enthalten. Bei der Verwendung von Alkohol muss man sie aber direct
  zusetzen, indem man so viel Ammonsulfat, Kalium- und Magnesiumphosphat
  als erforderlich ist, dass die Flssigkeit 1/10000 Procent dieses
  Salzgemisches enthlt, in etwas Essig lst und dieses hinzufgt. Es ist
  seit langer Zeit bekannt, dass ein Zusatz von Brot, Mehl, Malz, Rosinen
  die Essigbildung bei der Verarbeitung von reinen alkoholischen
  Flssigkeiten wesentlich befrdert. Der Grund davon ist darin zu
  suchen, dass diese Zustze die Flssigkeiten mit den erforderlichen
  anorganischen und stickstoffhaltigen Nahrungsstoffen des Essigpilzes
  versehen.

[Illustration: Fig. 248.]

[Sidenote: Essig mit Hlfe von Platinmohr.]

  Die von =Dbereiner= entdeckte Eigenschaft des =Platinschwammes= und in
  noch hherm Grade des =Platinmohrs=, Alkoholdmpfe in krzester Zeit
  und vollstndig in Essigsure berzufhren, ist wiederholt im Grossen
  zur Erzeugung von Essigsure angewendet worden. Es sei ein hierzu
  verwendbarer Apparat beschrieben, welcher Fig. 248 abgebildet ist. Es
  ist ein kleines Glashaus, im Innern mit Abtheilungen versehen, auf
  welchen flache Porcellanschalen stehen. Der in Essigsure
  berzufhrende Alkohol wird in diese Schalen gegossen, in welchen ein
  Dreifuss aus Porcellan steht, der ein Uhrglas mit Platinschwamm trgt.
  Oben am Dache und unten sind Oeffnungen, die man behufs der Ventilation
  ffnen und schliessen kann. Mit Hlfe einer kleinen Dampfheizung bringt
  man die Temperatur im Innern des Apparates bis auf 33. Es findet
  dadurch eine langsame Verdunstung des Alkohols statt, der, so wie er
  mit dem Platin in Berhrung kommt, in Essigsure bergeht, deren Dmpfe
  sich zum grossen Theile an den Wnden des Apparates niederschlagen und
  in ein Reservoir am Boden des Glaskastens gelangen. So lange fr
  gengende Ventilation gesorgt ist, behlt des Platin die Fhigkeit
  bei, Alkohol zu Essigsure zu oxydiren. Mit einem Apparat von etwa 40
  Kubikmeter Capacitt und einem Vorrath von 17 Kilogr. Platinmohr kann
  man tglich gegen 150 Liter Alkohol in die reinste Essigsure
  berfhren. Wenn man mit dem Apparate ohne Verlust arbeiten will, muss
  die Einrichtung getroffen sein, dass der entsauerstofften Luft, ehe sie
  ins Freie gelangt, die mit fortgerissenen Dmpfe der Essigsure und des
  Alkohols entzogen werden.

[Sidenote: Eigenschaften und Prfung des Essigs.]

Der Werth eines Essigs ist, soweit derselbe als Tafelessig Anwendung
findet, abhngig von seinem Geschmack und seinem Essigsuregehalte --
seiner Strke. -- Nach seinem Gehalte an Essigsure schmeckt der Essig
mehr oder weniger sauer, zeigt aber nach seiner Abstammung einen
bezeichnenden Nebengeschmack. Was die Farbe betrifft, so nimmt er im
Allgemeinen die Farbe der Flssigkeit an, aus welcher er entstanden ist;
bei Weinessig ist die Farbe gelb oder rthlich, bei Obstessig blassgelb,
Branntweinessig ist farblos. In der Regel wird jedoch letzterer mit
Caramel (Zuckercouleur) gefrbt, um ihn dem Weinessig hnlicher zu
machen. Frischer Essig enthlt neben kleinen Mengen unvernderten
Alkohols hufig auch etwas Aldehyd, eine Substanz, die sich in nicht
fertigen Essigen unvollkommener Apparate stets in grsserer Menge findet.
Zuweilen giebt man dem fertigen Essig in neuerer Zeit einen geringen
Glycerinzusatz.

  Der Gehalt des Essigs an Essigsure hngt ab von dem Alkoholgehalte des
  Essiggutes, dann auch von der mehr oder weniger vollstndigen
  Umwandlung des Alkohols. Malzessig enthlt 2 bis 5 Proc.,
  Branntweinessig 3-6 Proc., Weinessig 6-8 Proc. Essigsure.
  Selbstverstndlich ist ein gewisser Essigsuregehalt nicht wie z. B.
  der Alkoholgehalt des Weines etwas von der Natur des Essigs
  Unzertrennliches, weil es ganz vom Belieben des Fabrikanten abhngt,
  denselben zu erhhen oder zu erniedrigen. Das specifische Gewicht der
  Essigsorten variirt von 1,010-1,030; bei gleichem Essigsuregehalte
  sind reine Branntweinessige stets specifisch leichter als Essigsorten
  aus gegohrenen, nicht destillirten Flssigkeiten erzeugt; ein grsserer
  Alkoholgehalt macht den Essig leichter, fixe Bestandtheile -- gewisse
  Bestandtheile des Weines, des Malzextractes -- machen ihn schwerer. Die
  Dichten eines Gemisches von Essigsure (C_{2}H_{4}O_{2}) und Wasser
  sind nach =Oudemans= bei 15 C. folgende:

            ======+================+=================+======
            Proc. | Dens.  | Diff. |  Proc. |  Dens. | Diff.
            ======+================+=================+======
               0  | 0,9992 |       |   52   | 1,0631 |
               1  | 1,0007 | +15   |   53   | 1,0638 |   7
               2  | 1,0022 |  15   |   54   | 1,0646 |   8
               3  | 1,0037 |  15   |   55   | 1,0653 |   7
               4  | 1,0052 |  15   |   56   | 1,0660 |   7
               5  | 1,0067 |  15   |   57   | 1,0666 |   6
               6  | 1,0083 |  16   |   58   | 1,0673 |   7
               7  | 1,0098 |  15   |   59   | 1,0679 |   6
               8  | 1,0113 |  15   |   60   | 1,0685 |   6
               9  | 1,0127 |  14   |   61   | 1,0691 |   6
              10  | 1,0142 |  15   |   62   | 1,0697 |   6
              11  | 1,0157 |  15   |   63   | 1,0702 |   5
              12  | 1,0171 |  14   |   64   | 1,0707 |   5
              13  | 1,0185 |  14   |   65   | 1,0712 |   5
              14  | 1,0200 |  15   |   66   | 1,0717 |   5
              15  | 1,0214 |  14   |   67   | 1,0721 |   4
              16  | 1,0228 |  14   |   68   | 1,0725 |   4
              17  | 1,0242 |  14   |   69   | 1,0729 |   4
              18  | 1,0256 |  14   |   70   | 1,0733 |   4
              19  | 1,0270 |  14   |   71   | 1,0737 |   4
              20  | 1,0284 |  14   |   72   | 1,0740 |   3
              21  | 1,0298 |  14   |   73   | 1,0742 |   2
              22  | 1,0311 |  13   |   74   | 1,0744 |   2
              23  | 1,0324 |  13   |   75   | 1,0746 |   2
              24  | 1,0337 |  13   |   76   | 1,0747 |   1
              25  | 1,0350 |  13   |   77   | 1,0748 |   1
              26  | 1,0363 |  13   |   78   | 1,0748 |   0
              27  | 1,0375 |  12   |   79   | 1,0748 |   0
              28  | 1,0388 |  13   |   80   | 1,0748 |   0
              29  | 1,0400 |  12   |   81   | 1,0747 |   1
              30  | 1,0412 |  12   |   82   | 1,0746 |   1
              31  | 1,0424 |  12   |   83   | 1,0744 |   2
              32  | 1,0436 |  12   |   84   | 1,0742 |   2
              33  | 1,0447 |  11   |   85   | 1,0739 |   3
              34  | 1,0459 |  12   |   86   | 1,0736 |   3
              35  | 1,0470 |  11   |   87   | 1,0731 |   5
              36  | 1,0481 |  11   |   88   | 1,0726 |   5
              37  | 1,0492 |  11   |   89   | 1,0720 |   6
              38  | 1,0502 |  10   |   90   | 1,0713 |   7
              39  | 1,0513 |  11   |   91   | 1,0705 |   8
              40  | 1,0523 |  10   |   92   | 1,0696 |   9
              41  | 1,0533 |  10   |   93   | 1,0686 |  10
              42  | 1,0543 |  10   |   94   | 1,0674 |  12
              43  | 1,0552 |   9   |   95   | 1,0660 |  14
              44  | 1,0562 |  10   |   96   | 1,0644 |  16
              45  | 1,0571 |   9   |   97   | 1,0625 |  19
              46  | 1,0580 |   9   |   98   | 1,0604 |  21
              47  | 1,0589 |   9   |   99   | 1,0580 |  24
              48  | 1,0598 |   9   |  100   | 1,0553 |  27
              49  | 1,0607 |   9   |        |        |
              50  | 1,0615 |   8   |        |        |
              51  | 1,0623 |   8   |        |        |
                  |        |   8   |        |        |

[Sidenote: Acetometrie.]

Der im Handel vorkommende Essig ist immer von sehr ungleichem
Essigsuregehalt. Aus seinem specifischen Gewichte lsst sich in dieser
Hinsicht nicht schliessen, weil die anderen Bestandtheile der Flssigkeit
zur Vermehrung des specifischen Gewichtes beitragen und die Essigsure
wenig schwerer als Wasser ist. Zur Prfung der Strke des Essigs bleibt
daher kein anderer Ausweg, als denselben mit Alkali zu sttigen.

  Nach der gewhnlichen, von =Otto= eingefhrten Methode, wird der zu
  prfende Essig mit Ammoniak neutralisirt, so lange bis die anfangs
  zugesetzte Lakmustinktur wieder blau wird. Obgleich diese Methode nicht
  absolut genau ist, weil es eine Eigenschaft der neutralen essigsauren
  Alkalien ist, alkalisch zu reagiren, so beeintrchtigt doch diese
  alkalische Reaction die Genauigkeit nicht in beachtenswerthem Grade.
  Das von =Otto= construirte =Acetometer= ist eine 36 Centimeter lange
  und 1,5 Centimeter weite, unten zugeschmolzene Glasrhre mit doppelter
  Theilung, einer untern einfachen, fr den mit Lakmus gefrbten Essig
  und einer obern fr die Probeflssigkeit. Beim Gebrauche fllt man den
  Raum der Proberhre bis zu einem gewissen Punkte mit Lakmustinktur,
  dann bis zu einem zweiten Theilstriche mit dem zu untersuchenden Essig
  und setzt nun nach und nach von der Probeflssigkeit hinzu, bis die
  rothe Farbe der Flssigkeit oben wieder blau geworden ist. Die Zahl,
  die den Stand der Flssigkeit in der Proberhre bezeichnet, giebt
  sofort den Gehalt des Essigs an Essigsure in Procenten an. Die
  Genauigkeit des Resultates ist abhngig von der Sorgfalt, mit welcher
  man bei Bereitung der Aetzammoniakflssigkeit zu Werke gegangen ist;
  diese Flssigkeit muss genau 1,369 Proc. Ammoniak enthalten. Nach dem
  von =Mohr= angegebenen Verfahren nimmt man von dem zu prfenden Essig,
  welchen man auf seinen Gehalt an Essigsure (2C_{2}H_{4}O_{2} - H_{2}O
  = 102 / 2 = 51) prfen will und der gewhnlich ein spec. Gewicht von
  1,010-1,011 hat, 5,04 Kubikcent. (denn 5,1 / 1,011 = 5,04) oder
  einfacher 5 K.-C., versetzt sie mit Lakmustinctur und titrirt mit
  Normalkali blau. Am besten nimmt man 10 K.-C. des Essigs und halbirt
  die verbrauchten K.-C. des Kalis.

  =Beispiele.= 1) 10 K.-C. eines Wrzburger Tafelessigs brauchten
                  11,8 K.-C. Kali; er enthielt demnach
                  5,9 Proc. sogenannter wasserfreier Sure oder 6,7 Proc.
                    Essigsure C_{2}H_{4}O_{2};
               2) 10 K.-C. eines theilweise aus Holzessig bereiteten
                    Essigs erforderten
                  12,5 K.-C. Kali, welche entsprechen
                  6,25 Proc. wasserfreier Sure oder 7,3 Proc. Essigsure
                    C_{2}H_{4}O_{2}.


           [Greek: b]) _Darstellung des Essigs aus Holzessig._

[Sidenote: Holzessig.]

Bei der trocknen Destillation des Holzes bleibt ein Theil des
Kohlenstoffes als Kohle zurck und der Rest der Holzbestandtheile tritt
theils in Gestalt von Gasen und Dmpfen -- Kohlenoxyd, Kohlensure,
Wasserstoff, leichten und schweren Kohlenwasserstoffen --, theils in Form
condensirbarer Krper auf, welche letztere nach ihrer Verdichtung eine
braungefrbte dicke lige Flssigkeit und eine wssrige Schicht unter
derselben bilden. Die letztere (der =Holzessig=) besteht wesentlich aus
wsseriger unreiner Essigsure, etwas Propionsure und Buttersure,
kleinen Mengen von Oxyphensure (Brenzcatechin) und ausserdem Kreosot und
dem alkoholhnlichen =Holzgeiste= (einem Gemenge von Methylalkohol,
Aceton und essigsaurem Methyl), die braune, dickflssige Substanz, der
=Holztheer=, besteht aus einer Anzahl flssiger und fester Krper, unter
denen neben noch nicht nher untersuchten Brandharzen auch Paraffin,
Naphtalin, Kreosot und mehrere flssige Kohlenwasserstoffe wie Benzol,
Toluol, Xylol u. s. w. auftreten. Die bei gut geleiteter Verkohlung
gewinnbare Essigsure betrgt hchstens 7-8 Proc. vom Gewichte des
Holzes. Nach den Untersuchungen von =H. Vohl= kann auch der Torf unter
Umstnden zur Fabrikation von Essigsure (und von Holzgeist) Anwendung
finden. 10 Ctr. Torf lieferten 3 Kilogr. Essigsure und 1,45 Kilogr.
Holzgeist. Folgendes Schema zeigt die hauptschlichsten Produkte, die bei
der trocknen Destillation des Holzes sich bilden:

                {           {Acetylen C_{2}H_{2} Xylol C_{8}H_{10}       }
                {           {Elayl C_{2}H_{4}    Naphtalin C_{10}H_{8}   }
                {           {Trityl C_{3}H_{6}   Kohlenoxyd CO           }
                {[Greek: a]){Ditetryl C_{4}H_{8} Kohlensure CO_{2}      }
                {Leuchtgas  {Benzol C_{6}H_{6}   Methylwasserstoff CH_{4}}
                {           {Toluol C_{7}H_{8}   Wasserstoffgas H_{2}    }
                {           { Benzol C_{6}H_{6}
                {           {Toluol C_{7}H_{8}
                {           {Styrolen C_{8}H_{8}
                {           {Naphtalin C_{10}H_{8}
                {           {Reten C_{18}H_{18}
                {           {Paraffin C_{20}H_{42} bis C_{22}H_{46}
                {           {
  Holz          {           {       {Carbolsure C_{6}H_{6}O
  +---          {[Greek: b]){Phenole{Cresylsure C_{7}H_{8}O
  |             {Theer      {       {Phlorylsure C_{8}H_{10}O
  | { a)        {           {
  | { Holzmasse {           {Guajacole {Oxyphensure C_{6}H_{6}O_{2}
  | {           {           {          {
  +-{ b)        {           {          {        {C_{7}H_{8}O_{2} }[a]
    { Hygroskop.{           {          {Kreosote{C_{8}H_{10}O_{2}}
    { Wasser    {           {          {        {C_{9}H_{12}O_{2}}
                {           {Brandharze{        {                }
                {           {          {        {                }
                {           {          {        {                }
                {           {          {Essigsure C_{2}H_{4}O_{2}
                {           {Propionsure C_{3}H_{6}O_{2}
                {           {Buttersure C_{4}H_{8}O_{2}
                {           {Valeriansure C_{9}H_{10}O_{2}
                {[Greek: g]){Capronsure C_{10}H_{12}O_{2}
                {Holzessig  {Aceton C_{3}H_{6}O
                {           {Essigsaures Methyl C_{3}H_{6}O_{2}
                {           {Holzgeist CH_{4}O
                {           {Phenole, Guajacole und Brandharze
                {           {Kohlenstoff       85 Proc.
                {[Greek: d]){Hygroskop. Wasser 12   "
                {Holzkohle  {Asche              3   "

  [a] Verbindungen der Oxyphensure und damit homologer Suren
      mit Methyl[132].

  [132] Nach =S. Marasse= (1868) ist das rheinische
        Buchenholztheerkreosot ein Gemenge von gleichen Theilen

               Cresylsure C_{7}H_{8}O     (bei 203 siedend),
           und Guajacol    C_{7}H_{8}O_{2} ( "  200     "  ).

        Letzteres aber ist der saure Methylther der Oxyphensure
        (C_{6}H_{5} / CH_{3})} O_{2}.

[Illustration: Fig. 249.]

[Illustration: Fig. 250.]

  Der =rohe= Holzessig enthlt nicht unbedeutende Mengen von Brandharz
  aufgelst, ausserdem noch wie bereits erwhnt geringe Mengen von
  Phenolen und Guajacolen; alle diese Krper ertheilen dem Holzessig eine
  braune Farbe und den bekannten empyreumatischen Geruch und Geschmack,
  ihnen verdankt aber auch der rohe Holzessig seine ausgezeichnet
  antiseptische Eigenschaft. Dort, wo die Gewinnung von Holzessig
  Hauptsache ist, wendet man zur Destillation des Holzes eiserne Retorten
  an, denen hnlich, die man bei der Leuchtgasfabrikation anwendet, in
  Frankreich zuweilen auch stehende Cylinder aus Schwarzblech (siehe Fig.
  249). Ein solcher Cylinder _A_ hat in der oberen Hlfte eine Oeffnung
  _o_, an welcher der Vorstoss _B_ angeschraubt wird. Auf den Cylinder
  kommt der Cylinderdeckel, welchen man, sobald der Cylinder mit Holz
  angefllt ist, festschraubt; der Cylinder selbst wird mit Hlfe des
  Kranichs _D_ in einen cylinderfrmigen Ofen _B_ gebracht, welchen man
  mit dem steinernen Deckel _E_ verschliesst. Die durch Erhitzen des mit
  Holz gefllten Cylinders sich entwickelnden Produkte gehen durch das
  Rohr _b_ (Fig. 250), welches mit dem Cylinder verbunden und
  zickzackfrmig gebogen ist, durch den in dem Gestelle _d_ befindlichen
  Khlapparat _c_, welchem durch _f_ kaltes Wasser zugefhrt wird,
  whrend das Erwrmte bei _k_ abfliesst. Essig, Theer und Holzgeist
  condensiren sich und fliessen in den Bottich _g_, in welchem sich
  vorzugsweise der Theer absetzt; die leichteren Flssigkeiten laufen
  durch _m_ nach dem Bottich _h_ ab. Die nicht condensirten brennbaren
  Gase werden durch das Rohr _i_ in die Feuerung geleitet, wo sie zu
  geruchlosen Produkten verbrennen und durch die dabei erzeugte Hitze
  erheblich zur Heizung des Cylinders beitragen, sodass in den spteren
  Stadien der Destillation kein Brennmaterial mehr nachgelegt zu werden
  braucht. -- In grsseren Fabriken benutzt man anstatt der hlzernen
  Bottiche in die Erde eingelassene gemauerte oder aus Cment construirte
  Cisternen, von denen eine jede durch ein am obern Ende befindliches
  Rohr mit der nchstfolgenden communicirt. Hierbei sammelt sich die
  grsste Menge des Theers in der ersten Cisterne, whrend der Holzessig,
  von mechanisch darin schwimmendem Theer befreit, in die letzte Cisterne
  bergeht, von wo aus er der weitern Verwendung bergeben wird. Die
  Holzgasfabriken (nach =v. Pettenkofer='s Patent) erzeugen gegenwrtig
  nicht unerhebliche Mengen von Holzessig.

[Sidenote: Reinigen des Holzessigs.]

Der rohe Holzessig ist eine dunkelbraune klare Flssigkeit von suerlich
theer- und rauchartigem Geruch und Geschmack. Man verwendet einen kleinen
Theil des rohen Holzessigs zum Conserviren des Fleisches, von Holzwerk,
Tauen etc.; der grsste Theil dient, theils um verschiedene essigsaure
Salze darzustellen, welche in der Frberei und im Zeugdruck in grosser
Menge verbraucht werden und dazu schon im unreinen Zustande verwendbar
sind wie das holzessigsaure Eisen und die holzessigsaure Thonerde (Eisen-
und Alaunbeize), theils zur Darstellung einer concentrirten Essigsure
(fr industrielle Zwecke, z. B. fr die Darstellung des Anilins aus
Nitrobenzol) und essigsaurer Salze (namentlich Bleizucker), endlich und
hauptschlich zur Fabrikation von Tafelessig, welche indessen mit
konomischem Vortheil nur in solchen Lndern ausgefhrt werden kann, wo,
wie in England, die Essigerzeugung aus alkoholischen Flssigkeiten wegen
der hohen Steuer usserst kostspielig ist.

  Unter den Mitteln, den _Holzessig zu reinigen_, ist, wenn man von der
  von =E. Assmuss= empfohlenen Filtration durch grblich gestossene
  Holzkohle absieht, das einfachste die Destillation, die man gewhnlich
  aus einer kupfernen Blase mit kupfernem Khlapparate vornimmt. Zuerst
  geht eine gelblich gefrbte Flssigkeit -- =roher Holzspiritus= --
  ber, die auf Holzgeist verarbeitet wird. Spter wird das Destillat
  reicher an Essigsure.

  Die heutzutage angewendeten Methoden, dem Holzessig die letzten
  Antheile der brenzlichen Stoffe zu entziehen, zerfallen in zwei
  Abtheilungen, nach

  [Greek: a]) =der ersten= geschieht die Reinigung des Holzessigs ohne
  Sttigung mit einer Base, nach

  [Greek: b]) =der zweiten= dadurch, dass man ihn in essigsaures Salz
  verwandelt und daraus durch Destillation mit einer strkeren Sure die
  Essigsure wieder abscheidet.

  Zu der _ersteren Art_ der Reinigung des Holzessigs gehren die von
  =Stoltze= herrhrenden Vorschlge, von dem Holzessig, nachdem 10 Proc.
  abdestillirt und fr sich als roher Holzspiritus aufgefangen worden
  sind, 80 Proc. durch Destillation zu gewinnen, und darin die
  brenzlichen Stoffe durch Oxydation (durch Ozon oder Chlor) zu
  zerstren. Die Reinigung des Holzessigs _nach der zweiten Art_ ist das
  gewhnliche, in den Fabriken angewendete Verfahren; im Wesentlichen
  wurde es von =Mollerat= zuerst angegeben. Zunchst wird aus dem
  Holzessig durch Sttigen mit Kalk und Fllen der Lsung mit Glaubersalz
  Natriumacetat dargestellt, dieses Salz wird durch Krystallisation
  gereinigt und dann im trockenen Zustande so weit erhitzt, dass es
  selbst nicht zersetzt wird, die beigemengten Brenzstoffe aber verkohlt
  und unlslich werden, worauf man das reine Salz durch Auslaugen von den
  Kohlentheilen trennt und daraus die Essigsure durch Destillation mit
  Schwefelsure wieder abscheidet. Anstatt des Natriumacetates wendet man
  hufig auch das =Kalksalz= zur Darstellung der Essigsure aus dem
  Holzessig an, welches man durch Sttigen des Holzessigs mit Kalk und
  Abdampfen zur Trockne darstellt. Das trockne Salz wird gerstet, um in
  gleicher Weise wie bei dem Natriumsalze, die brenzlichen Stoffe zu
  zerstren. Zur Gewinnung der Essigsure destillirt man (nach der
  vortrefflichen Methode von =C. Vlckel= in Solothurn) mit Salzsure.
  Die Destillation kann in einer Blase mit Helm aus Kupfer und einer
  Khlrhre aus Blei, Zinn oder Silber vorgenommen werden. Auf 100 Th.
  Calciumacetates braucht man 90-95 Th. Salzsure von 20 B. (= 1,16
  spec. Gewicht). Der Gebrauch der Salzsure statt der Schwefelsure hat
  den Vortheil, dass eine Verunreinigung des Calciumacetates mit Harzen
  etc. nichts schadet, wenn nur das Calciumacetat bis zur Entfernung
  aller flchtigen Substanzen ausgetrocknet worden war. Bei Anwendung von
  Schwefelsure erhlt man dagegen eine belriechende Essigsure, die
  viel schweflige Sure und ausserdem Zersetzungsprodukte der
  beigemengten Brandharze enthlt.

[Sidenote: Der Holzgeist.]

  Wenn die bei der trocknen Destillation des Holzes erhaltene saure
  Flssigkeit im Grossen abdestillirt wird, so geht zu Anfang eine gelbe
  Flssigkeit ber, welche leichter ist als Wasser und einen
  therartigen, zugleich brenzlichen Geruch hat. Diese Flssigkeit
  (=Holzspiritus=) besteht hauptschlich aus =Holzgeist= (Methylalkohol
  CH_{4}O oder (CH_{3} / H)} O), Aceton und essigsaurem Methyl, ausserdem
  auch noch aus einer Reihe von Krpern, welche fr den vorliegenden
  Zweck nicht weiter in Betracht kommen. Der =Holzgeist= wurde 1812 von
  =Taylor= entdeckt und lange Zeit als Brennmaterial fr Spirituslampen
  verkauft; erst im Jahre 1822 wurde er von ihm als ein neuer Krper
  beschrieben. Der Holzgeist im reinen Zustande ist eine farblose
  Flssigkeit von 0,814 spec. Gewicht, die bei 66 C. siedet. Er hat
  grosse Aehnlichkeit mit dem Alkohol, sowol in Bezug auf seine
  Eigenschaften als seine Zersetzungsprodukte und chemische Constitution,
  und kann als Brennmaterial fr Lampen gebraucht werden, er verdunstet
  aber rascher und giebt weit weniger Wrme[133]. Man verwendet ihn
  ferner zur Schreinerpolitur und zu Harzfirnissen, wozu er jedoch schon
  ziemlich rein sein muss und wobei eine raschere Verdunstung ein
  Uebelstand ist. In England soll man ihn auch als berauschendes Mittel
  versucht haben, ohne dass er Unbequemlichkeiten gemacht habe. Die
  Anwendung des Holzgeistes hat bis jetzt in Deutschland, trotz
  vielfltiger Versuche, keine grosse Wichtigkeit erlangen knnen, theils
  weil er nur in kleinen Quantitten producirt wird, theils auch, weil
  er, wenn er nicht gereinigt ist, den Alkohol nur unvollkommen ersetzt,
  daher billiger sein muss als dieser, was bei den umstndlichen
  Reinigungsmethoden des Holzgeistes nicht wol mglich ist. Neuerdings
  verwendet man den Holzgeist in grosser Menge zur Herstellung von
  Methyljodr und -bromr, die in der Fabrikation von violetten und
  blauen Theerfarben Verwendung finden.

  [133] 1 Gewichtstheil Alkohol giebt beim Verbrennen zu Kohlensure und
        Wasser 7189 W.-E., Holzgeist dagegen nur 5307 W.-E.


                      Die Conservirung des Holzes.

[Sidenote: Allgemeines ber Dauer des Holzes.]

Die =Dauer= des Holzes gegen die auf seine Zerstrung einwirkenden
Einflsse ist eine hchst verschiedene und weicht selbst bei einer und
derselben Holzart, je nach Ursprung, Alter, Jahresringbreite, Splint und
Kern sehr ab. Ferner verhalten sich die einzelnen Hlzer unter
verschiedenen Umstnden, im Freien, unter Dach oder im Wasser verbaut,
keineswegs gleich. Buchenholz kann, wenn es fortwhrend unter Wasser
steht, Jahrhunderte lang dauern, eben so Eichenholz. Erlenholz dauert im
Trocknen nur kurze Zeit, unter Wasser hat es dagegen grosse
Bestndigkeit. Das Holz der Edelkastanie besitzt, im Trocknen verbaut,
die Dauer des Eichenholzes. Bei der grossen Verschiedenheit des
Verhaltens der Holzarten und bei der Manichfaltigkeit ihrer Anwendung
muss man die Dauer des Holzes betrachten:

1) je nachdem es in freier Luft, in feuchter oder nasser Lage der
Fulniss oder Zerstrung mehr oder weniger unterworfen ist;

2) oder durch verschiedene Insekten, welche zum grossen Theile im
Larvenzustande in dem Holze leben, im trocknen Zustande mehr oder minder
angegriffen wird.

Reine Holzfaser ist an sich nur wenig der Zerstrung durch die Zeit
unterworfen. Wenn man aber dessenungeachtet wahrnimmt, dass das Holz mit
der Zeit nachtheilige Vernderungen erleidet, so ist der Grund dieser
Erscheinung in Substanzen zu suchen, welche der reinen Holzfaser fremd
sind, aber dieselbe stets begleiten, nmlich in den Saftbestandtheilen,
unter denen stets auch eiweisshnliche Krper sich finden. Diese
Vernderungen treten bei den verschiedenen Hlzern nach krzerer oder
lngerer Zeit ein. Am lngsten widersteht sehr harzreiches Holz, da der
Harzgehalt das Eindringen der Feuchtigkeit verhindert. Darauf folgen die
Hlzer, welche sehr dichte Holzlagen haben und die eine die Fulnis
aufhaltende Substanz -- Gerbsure oder Tannin -- enthalten wie die Eiche.
Das Verhalten des mit Wasser vllig bedeckten Holzes ist ein sehr
verschiedenes. Mehrere Holzgattungen wie Birke, Aspe, Linde und Weide
werden im Wasser nach und nach dergestalt verndert, dass aller
Zusammenhang aufhrt und das Holz breihnlich wird. In den Torfmooren
trifft man nicht selten Stmme der genannten Holzarten, welche mit dem
Spaten eben so leicht durchstochen werden knnen als die Torfmasse.
Andere Hlzer erleiden im Wasser keine Vernderung und nehmen eine grosse
Hrte an, so die Eiche, Erle und Fhre.

  Die Insekten greifen vorzglich nur das trockne Holz an; einige leben
  jedoch auch im grnen Holze der Eiche. Der Splint wird im Allgemeinen
  leichter angegriffen als der Kern. Der Splint der Eiche ist dem
  Wurmfrasse am meisten ausgesetzt, wogegen der gesunde Kern des
  Eichenholzes wenig darunter leidet. Ulmen- und Aspenholz, eben so
  harzreiche Hlzer werden von den Insekten wenig angegriffen. Junge, an
  Saftbestandtheilen reiche Hlzer, zumal Stangen in der Rinde werden in
  der Luft bald vom Wurmfrass der Nagekfer und Kammnagekfer
  heimgesucht; am meisten suchen die Insekten Erlen, Weiden, Birken,
  Roth- und Hainbuchen heim.

  Auf die grssere oder geringere Dauer haben gewisse Verhltnisse
  Einfluss, von denen wir im Folgenden einige der wichtigeren anfhren
  wollen: a) die Umstnde, unter denen das Holz gewachsen ist. In
  klterem Klima erzeugtes Holz ist dauerhafter als das aus wrmeren
  Gegenden genommene. Armer Boden erzeugt dauerhafteres Holz als feuchter
  und an Pflanzennhrstoffen reicher. Fichtenholz auf einem reichen
  Mergelboden gewachsen ist ausserordentlich verschieden von demjenigen,
  welches auf Felsen langsam erwuchs; b) die Verhltnisse, unter denen
  das Holz verbraucht wird, sind ferner von grossem Einflusse auf die
  Dauer des Holzes. Je wrmer und feuchter das Klima und die Temperatur
  des Ortes, wo das Holz sich findet, desto schneller tritt die Fulniss
  ein; umgekehrt conservirt ein trocknes kaltes Klima das Holz
  ausserordentlich; c) die Zeit des Fllens. Winterholz gilt als
  dauerhafter als im Sommer geflltes. Es ist deshalb auch in vielen
  Forstordnungen gesetzlich verboten, das Holz ausser der Wadelzeit,
  welche gewhnlich vom 15. November bis zum 15. Februar geht, zu fllen.

  Bei Anwendung des Holzes zu Landbauten, wo es geschtzt gegen Hitze und
  Feuchtigkeit liegt, hat es fast nur einen Feind, den Holzwurm; wo es
  hingegen feucht liegt, wo kein Luftzug die Anhufung der
  Zersetzungsprodukte hindert, gehen die eiweisshnlichen Substanzen der
  Saftbestandtheile in Fulniss ber und verndern hierbei die Faser,
  welche ihren Zusammenhang verliert und zuletzt eine zerreibliche Masse
  wird. Man nennt diese Zersetzung die =Fulniss=, das =Vermodern=, oder
  =Verstocken= des Holzes. Bei Vorhandensein von gengender Feuchtigkeit
  erzeugt sich auf der Oberflche der sogenannte =Schwamm= (Hausschwamm,
  Holzschwamm). Diese wuchernden Schwmme und Pilze, von denen besonders
  der =Hauspilz= (_Thelephora domestica_), der =Hausreisch= (_Boletus
  destructor_) und der =Faltenreisch= (_Merulius vastator_) auftreten,
  kndigen sich in ihrem Entstehen durch weisse, immer mehr und mehr sich
  vergrssernde, in ein graues Faserngeflecht bergehende Flecken an,
  die spter in fr die einzelnen Species charakteristische Massen
  bergehen, so bildet der Hauspilz stige, hutige Lagen, deren untere
  Seite aus einem violetten, filzigen Gewebe besteht, whrend der Rand
  ein fleckiges Ansehen hat. Der Hausreisch unterscheidet sich durch
  einen ungleichen, runzligen und weissen Hut; er erscheint, oft weit
  verbreitet, das ganze Jahr hindurch an feuchten, schadhaften Stellen
  und zwischen Balken; jung ist er weich und schimmelartig, und schwitzt
  einen stark, aber nicht unangenehm riechenden Saft aus. Der
  Faltenreisch zeigt sich an abgestorbenen Baumstmmen, faulenden Balken
  und Brettern. Flach ausgebreitet, wird er mehrere Fuss lang,
  schwammigfleischig, rostbraun, auf der untern Seite faserig und
  sammethnlich; er kriecht auf dem Holze fort und zerstrt es nach und
  nach ganz. Meist wirkt er versteckt, erscheint pltzlich, unter den
  Dielen hervorbrechend, zerfrisst und durchbricht sie. Aus den Dielen
  und Stndern geht er in die Wnde und greift das Mauerwerk dergestalt
  an, dass er Steine hebt und zermalmt. In dieser Weise wird er zum
  =Mauerschwamm= und entwickelt hier seinen gefhrlichsten Charakter. Die
  Lebenselemente des Schwammes sind Feuchtigkeit, Mangel an Luft und
  Licht. Hieraus folgt unmittelbar die Heilmethode, welche, gesttzt auf
  vielfache Erfahrungen, darin besteht, die Feuchtigkeit zu entfernen und
  eine ununterbrochene Luftcirculation herbeizufhren. Aus diesem Grunde
  erscheint die durch =Fegebeutel= fr schwammhaltige und feuchtliegende
  Gebude in Anwendung gebrachte Luftdrainirung unter den vielen
  empfohlenen Gegenmitteln als eines der vortheilhaftesten. Unter den
  chemisch wirkenden Mitteln, die man zur Vertilgung und Verhtung des
  Hausschwammes anzuwenden vorgeschlagen hat, hat sich das holzessigsaure
  Eisenoxyd als zweckmssig herausgestellt.

  Mehr als auf dem Lande leidet das Holz, das unmittelbar dem Einflusse
  des Seewassers ausgesetzt ist; hier aber ist der =Bohrwurm= der
  gefhrlichste Feind. Dieses Thier, aus der Gattung der zweischaaligen
  Weichthiere, bohrt sich in der Jugend mit dem vorn hornartigen Rssel
  in das im Seewasser befindliche Holz (der Pfhle und Schiffe), wchst
  im Holze, wird bis 36 Centimeter lang, vergrssert die gebohrte Rhre
  und fttert sie mit Kalk aus. Die Bohrwrmer stammen aus den Meeren
  heisser Lnder; die bekannteste Art, _Teredo navalis_, greift die
  unbeschlagenen Schiffe, Holzdmme u. dergl. an, vermag sie ganz zu
  durchbohren und Schaden anzurichten. Gegenwrtig sind diese Thiere
  seltener geworden und finden sich nur noch vereinzelt in Venedig und an
  den hollndischen und englischen Ksten.

[Sidenote: Specielles ber Holzconservation.]

Die Mittel, welche angewendet worden sind, um die Zerstrung des Holzes
=durch Fulniss= zu verhten, beruhen:

    1) auf der mglichsten Entfernung des Wassers aus dem Holze vor
       seiner Verwendung;
    2) auf der Entfernung der Saftbestandtheile;
    3) auf der Erhaltung einer Luftcirculation um das Holz;
    4) auf der chemischen Vernderung der Saftbestandtheile;
    5) auf der Vererzung des Holzes und der allmligen Entfernung
       des Organischen.

[Sidenote: Austrocknen des Holzes.]

1. Ausgetrocknetes Holz erhlt sich an einem trocknen Orte lange Zeit
unverndert, zumal, wenn es bei starker Wrme bis zum Braunwerden
getrocknet worden ist. Wenn das Holz aber einem feuchten Raume bergeben
werden soll, muss es vor seiner Verwendung mglichst lufttrocken und
sodann mit einer Substanz berzogen worden sein, welche das Eindringen
der Feuchtigkeit in das Holz verhindert. In diesem Sinne wirkt das
Bestreichen und Trnken des Holzes mit Leinl, Holz- und
Steinkohlentheer, Torf- und Braunkohlenkreosot und Hydrocarbren
(Minerall). =Hutin= und =Boutigny=, von der Ansicht ausgehend, dass die
Absorption von Feuchtigkeit und zerstrenden Agentien bei dem Holze stets
von dem Hirne ausgehe, schlagen folgende Methode vor, um die an der
Hirnseite des Holzes mndenden Gefsse dauernd zu verstopfen. Man taucht
das entsprechende Ende des Holzstckes (der Eisenbahnschwelle) in einen
flssigen Kohlenwasserstoff -- Benzin, Petroleum, Photogen, Schieferl --
und zndet diesen an. Nach dem Verlschen taucht man das Ende 3-6
Centimeter tief in eine Mischung von Pech, Theer und Gummilack (besser
wol Asphalt) und theert dann das Ganze wie gewhnlich.

[Sidenote: Entfernung der Saftbestandtheile.]

2. Die Saftbestandtheile bedingen hauptschlich die Fulniss des Holzes
und mssen vor der Verarbeitung aus dem Holze entfernt werden. In dieser
Hinsicht kann man schon beim Fllen des Holzes viel wirken. Damit das
Holz die geringste Menge Saft enthalte, muss es in den Wintermonaten,
sptestens im Mrz gefllt werden. Bleiben die gefllten Bume
unentzweigt auf dem Platze liegen, so schlagen sie im Frhjahre aus und
der grsste Theil der Saftbestandtheile dient zur Vegetation der Bltter.
Es ist demnach zweckmssig, die Stmme erst nach dem Abwelken des Gipfels
wegzufahren und dann wie gewhnlich zu trocknen. Am vollstndigsten
entfernt man die Saftbestandtheile aus dem Holze durch =Auslaugen=
(Auslohen), welches auf dreierlei Weise geschehen kann, nmlich a) mit
kaltem Wasser, b) mit siedendem Wasser, c) mit Dampf.

  a) Mit =kaltem Wasser= laugt man das Holz aus, indem man dasselbe
  lngere Zeit in fliessendes Wasser legt; bei Stmmen soll man das
  Wurzelende dem Strome entgegenkehren. Das Wasser durchdringt nach und
  nach das Holz und verdrngt den Saft. Aus dem nmlichen Grunde legt der
  Schreiner seine grnen Bretter auf das Dach, um sie dem Regen
  auszusetzen oder er stellt sie wiederholt in den Regen. Es ist klar,
  dass dieses Verfahren, wenn es von Erfolg begleitet sein soll, viel
  Zeit erfordert, da das kalte Wasser strkere Holzstcke nur sehr
  langsam durchdringt; das Holz muss daher in einer durch seine
  Bestimmung vorgeschriebenen Weise zertheilt werden.

  b) Mit =siedendem Wasser= (durch Auskochen) erreicht man die Entfernung
  der Saftbestandtheile schneller und vollstndiger. Die Holzstcke,
  welche hierbei nur von kleinern Dimensionen sein knnen, werden in
  einem eisernen Kessel ausgekocht, in welchem man sie durch irgend ein
  einfaches Mittel untergetaucht erhlt. Bei grsseren Holzstcken wendet
  man mit Wasser angefllte, grosse, aus Bohlen zusammengefgte Ksten
  an, in welchen die Erhitzung der Flssigkeit durch Wasserdampf
  geschieht. Je nach der Dicke der Hlzer ist das Auskochen nach 6-12
  Stunden beendigt.

  c) Das =Auslaugen mit Dampf= (das Dmpfen des Holzes) ist das
  vorzglichste Verfahren des Auslaugens, das nicht nur, was die
  Entfernung der Saftbestandtheile betrifft, den vollkommensten Erfolg
  giebt, sondern sich auch hinsichtlich der Beschaffenheit des gedmpften
  Holzes, sowol was seine Widerstandsfhigkeit gegen Fulniss, als seine
  sonstigen Eigenschaften wie Festigkeit, Verminderung der
  hygroskopischen Eigenschaft anlangt, als sehr brauchbar bewhrt hat.
  Der zum Dmpfen angewendete Apparat besteht aus dem Dampfkessel zur
  Dampferzeugung und einem zum Einlegen des Holzes bestimmten Kasten, der
  entweder gemauert und mit Cment berkleidet oder aus Bohlen
  zusammengefgt ist, oder er besteht in einer grossen eisernen Rhre. In
  den mglichst dicht zu verschliessenden Kasten leitet man anhaltend
  einen Strom Wasserdampf, um durch Verdichtung desselben zu Wasser die
  Saftbestandtheile aufzulsen, welche Auflsung (Brhe) durch einen an
  dem Kasten angebrachten Hahn abgelassen wird. Die Farbe der ablaufenden
  Brhe ist stets dunkel, bei Eichenholz ist sie schwarzbraun, bei
  Mahagoni braunroth, bei Lindenholz rthlichgelb, bei Kirschbaum
  rthlich etc. Die Operation wird als beendigt angesehen, sobald die
  Brhe hell abfliesst. Die Zufhrung des Dampfes lsst sich mittelst
  eines Hahns in dem Dampfzuleitungsrohr leicht reguliren. Die gedmpften
  Hlzer werden an der Luft oder in einer Trockenkammer ausgetrocknet;
  sie sind fester und hrter, leichter (das Holz verliert durch das
  Dmpfen 5-10 Proc. am Gewicht) und zher als die nicht ausgelaugten
  Hlzer, ferner auch von weit dunklerer Farbe. Was die zum Dmpfen
  geeignetste Temperatur des Dampfes betrifft, so sind die Ansichten
  hierber getheilt; im Allgemeinen glaubt man, dass eine Temperatur von
  100 oder etwas darber, bereits schdlich auf die Holzfaser einwirke,
  und dass Dampf von etwa 60-70 der passendste sei. Mit dem Dmpfen wird
  zweckmssig das Theeren des Holzes verbunden, indem man gegen das Ende
  der Operation zu dem Wasser im Dampfkessel Steinkohlentheerl fgt,
  dessen Dmpfe zugleich mit denen des Wassers in das Holz gelangen.

  Ausser durch Auslaugen hat man die Saftbestandtheile, wenigstens zum
  Theil, auch durch =mechanischen Druck= zu entfernen und dadurch das
  Holz zugleich zu pressen gesucht. Zu diesem Behufe zieht man die
  Bretter zwischen Walzenpaaren hindurch, welche mehr und mehr eng
  gestellt werden. Auch durch =Luftdruck= hat man den Saft aus den
  Stmmen entfernt, indem man nach =Barlow= an dem einen Ende des Stammes
  ein metallenes Gehuse luftdicht befestigt und in dasselbe mittelst
  einer Druckpumpe Luft eintreibt, welche das Holz durchdringt und den
  Saft am andern Ende abzufliessen nthigt. Die beiden letzteren Methoden
  sind jedoch umstndlich, kostspielig und nicht sicher, und deshalb
  keiner allgemeineren Anwendung fhig.

[Sidenote: Luftdrains.]

  3. Die Unterhaltung einer Luftcirculation um das Holz durch Anbringung
  von =Luftdrains= ist dort, wo die Mglichkeit des Anbringens gegeben
  ist, ein vorzgliches Mittel, Holz zu conserviren. Besonders bei
  Fussbden ist die Anwendung von Luftdrainirung sehr zu empfehlen, die
  Luftzugkanle stehen auf der einen Seite durch Ventile mit der ussern
  Luft, auf der andern Seite mit den Schornsteinen in Verbindung.

[Sidenote: Chemische Vernderung der Saftbestandtheile.]

4. Ein vorzgliches Mittel, um die Zerstrung des Holzes durch Fulniss
zu verhten, ist die =chemische Vernderung der Saftbestandtheile=, um
sie dadurch in einen Zustand berzufhren, in welchem sie nicht mehr als
Fermente wirken knnen. Hierher gehrt in gewisser Hinsicht das bekannte
Mittel, Holzwerk, welches der Feuchtigkeit ausgesetzt werden soll, z. B.
in die Erde zu rammende Pfhle, durch Erhitzen oder durch Behandeln mit
concentrirter Schwefelsure oberflchlich zu verkohlen, wodurch die
Holzbestandtheile bis zu einer gewissen Tiefe zersetzt und ausserdem das
Holz mit einer Schicht von Kohle bedeckt wird, welche schon an und fr
sich antiseptisch wirkt. Die =Verkohlung= oder =Carbonisation des Holzes=
geschieht entweder mit Hlfe einer Gasflamme oder einer direct aus
Steinkohle erhaltenen Flamme. Der hierzu dienende Apparat von =de
Lapparent=[134] wird seit 1866 auf den Werften der Marine zu Cherbourg,
neuerdings auch in Pola und Danzig angewendet. Bei einer andern Klasse
von Mitteln wird das Holz in seiner ganzen Masse mit gewissen Stoffen
imprgnirt, die sich entweder mit den Saftbestandtheilen verbinden, oder
dieselben in einer solchen Weise verndern, dass sie nicht mehr der
Fulniss fhig sind. Von den zahllosen Imprgnationsmethoden, die fr
Holz, namentlich fr Eisenbahnschwellen, seit etwa zwanzig Jahren in
Vorschlag gebracht worden sind, seien nur folgende vier angefhrt, die
eine grssere Verbreitung gefunden haben:

  1) =M'Kyan='s conservirende Flssigkeit ist Quecksilberchloridlsung in
  sehr verschiedener Concentration. Fr die Eisenbahnschwellen der
  englischen Bahnen besteht die Lsung aus 1 Kilogr. Sublimat und 46
  Liter Wasser, auf anderen Bahnen aus 1 Kilogr. Sublimat und 80-180
  Liter Wasser. Man legt die Schwellen einfach in lange wasserdichte,
  hlzerne Trge, welche die Lsung enthalten und lsst sie im
  Verhltniss zu ihrer Dicke lngere oder krzere Zeit darin. Nach
  Erfahrungen bei dem Kyanisiren von Eisenbahnschwellen auf der badischen
  Bahn soll man

              Hlzer von      82 Millimeter Strke  4 Tage
                "     "   85-150     "        "     7  "
                "     "  150-180     "        "    10  "
                "     "  180-240     "        "    14  "
                "     "  240-300     "        "    18  "

  in die Lsung einlegen, welche 1 Kilogr. Sublimat auf 200 Liter Wasser
  enthlt[135]. Die herausgenommenen Hlzer werden mit Wasser
  abgewaschen, mit Reisbesen abgerieben und dann vor Regen und Sonne
  geschtzt zum Trocknen aufgebaut. Die Wirksamkeit des
  Quecksilberchlorides beruht hauptschlich darauf, dass es mit den
  Eiweisssubstanzen des Saftes unlsliche Verbindungen bildet, welche der
  Fulniss widerstehen; es wird nach und nach dabei zu Quecksilberchlorr
  (Calomel) reducirt, welches allmlig zum Theil als weisse Auswitterung
  an der Oberflche des Holzes erscheint. Ungeachtet der grssten
  Vorsicht, welche man den Arbeitern anempfiehlt, wie sorgfltiges
  Waschen der Hnde und des Gesichtes gleich nach der Arbeit, Verbinden
  von Mund und Nase whrend derselben, ist es doch kaum mglich,
  einzelnen Vergiftungsfllen vorzubeugen, die man indessen durch
  sofortigen Genuss von viel Milch am besten von in Wasser eingerhrtem
  Eiweiss unschdlich macht. Nach englischen Angaben soll man Holzwerk,
  das fr den Bau von Treibhusern oder Wohnungen verwendet werden soll,
  nicht kyanisiren drfen, selbst wenn es nachher mit Firniss
  berstrichen wird. Zuerst krnkelten und starben zum Theil alle mit dem
  kyanisirten Holze in Berhrung gekommenen Pflanzen, spter zeigte sich
  an allen Pflanzen im ganzen Treibhause jahrelang der nachtheilige
  Einfluss.

  [134] Jahresbericht der chem. Technologie 1868 p. 707.

  [135] Im Grossherzogthum Baden werden immer noch jhrlich gegen
        300 Ctr. Quecksilberchlorid (im Werthe von 60,000 fl.) zum
        Kyanisiren verbraucht (1870).

  =Erdmann= hat das Unzureichende des Kyanisirens nachgewiesen und
  gezeigt, dass die Sublimatlsung nicht sehr tief eindringt und daher
  das Holz zwar vor dem Anfaulen von aussen, aber nicht vor der im Innern
  vor sich gehenden Verstockung schtzt. Man hat deshalb in England
  versucht, das Kyanisiren dadurch intensiver zu machen, dass man das
  Holz in luft- und wasserdichte Trge einschloss und die Sublimatlsung
  nach dem Auspumpen der Luft durch Druck einpresste. Das Kyanisiren ist
  auf jeden Fall die kostspieligste Imprgnationsmethode. Neuerdings hat
  man anstatt des reinen Quecksilberchlorids ein Doppelsalz von der
  Formel HgCl_{2} + KCl zum Kyanisiren vorgeschlagen. Man erhlt dasselbe
  durch Zersetzen einer Lsung von Carnallit mit Quecksilberoxyd.

  2) =Burnett='s Patent (1840) schreibt 1 Kilogr. Chlorzink auf 90 Liter
  Wasser vor. Burnettirte Stmme, fnf Jahre in sumpfiges Erdreich
  eingegraben gewesen, zeigten nicht die geringste Vernderung, whrend
  andere, unprparirte, vllig zerstrt waren. Das Chlorzink ist als
  Imprgnationsmittel der Bahnschwellen auf vielen deutschen Eisenbahnen
  in Anwendung. Neben dem Chlorzink wird vielfach der Kupfervitriol und
  das holzessigsaure Zinkoxyd (nach =Scheden='s Vorschlag) zur
  Conservirung des Holzes angewendet. Die Wirksamkeit der Kupfer- und
  Zinksalze ist dadurch zu erklren, dass sich im Innern des Holzes durch
  Ausscheidung von basischem Salz und durch Verbindung des Metalloxydes
  mit Farbstoffen, Gerbsure, Harz u. s. w. unlsliche, die Holzfaser
  einhllende Verbindungen bilden.

  3) =Bethell='s (1838) patentirtes Verfahren besteht im Einfiltriren
  einer unter dem Namen =Gallotin= in den Handel gebrachten Mischung von
  Theer, Theerl und Carbolsure, unter Anwendung starken Druckes. Auf
  der Londoner Weltausstellung des Jahres 1851 waren Eisenbahnschwellen
  ausgestellt, die 11 Jahre in der Erde verweilt hatten, ohne sich zu
  verndern; andere Stcke waren vier Jahre in der See und hatten sich
  gut gehalten, whrend die nicht zubereiteten Hlzer von den
  Bohrmuscheln sehr bel zugerichtet worden waren. =Vohl= verwendet zum
  Trnken des Holzes Torf- und Braunkohlenkreosot, =Leuchs= Paraffin. Das
  Kreosotiren von Grubenhlzern ist seiner Feuergefhrlichkeit wegen
  vielfach von den Behrden untersagt. Fr die =Eisenbahnschwellen= hat
  sich das =Kreosotiren= auf vielen Bahnen als die vortrefflichste
  Conservationsmethode bewhrt!

  4) =Methode von Payne.= Dieser nahm zwei Patente (das erste 1841).
  Beiden liegt der nmliche Gedanke zu Grunde, nmlich das Holz zuerst
  mit der Lsung eines Salzes zu imprgniren, dann die Lsung eines
  zweiten Salzes nachfolgen zu lassen, welches mit dem ersten einen
  Niederschlag bildet. In den Flssigkeiten selbst machte =Payne=
  Vernderungen. Er whlte zuerst Eisenvitriol- oder Alaunlsung und
  liess Chlorcalcium- oder Sodalsung nachfolgen. Spter aber bediente er
  sich auflslicher Schwefelmetalle (Schwefelcalcium oder
  Schwefelbarium), und als zersetzender Flssigkeit der Schwefelsure
  oder des Eisenvitriols. Das zu imprgnirende Holz kommt in ein Gefss,
  welches luftleer gemacht und dann mit der ersten Salzlsung angefllt
  wird, deren Eindringen ins Holz man noch durch Druck befrdert; ebenso
  wird, nach Entfernung der ersten, die zweite Salzlsung eingepresst. In
  einigen Fllen ist es nthig, das Holz zwischen dem Imprgniren mit den
  zweierlei Flssigkeiten ganz oder theilweise zu trocknen. Das
  =Payne='sche Verfahren, welches bei mehreren grossen Gebuden in
  England in Anwendung gekommen ist, hat ausser der Verwahrung gegen
  Fulniss noch den Zweck, das Holz weniger brennbar zu machen. Denselben
  Zweck verfolgen =Buchner= und =v. Eichthal= durch Imprgniren des
  Holzes mit Eisenvitriol und dann mit einer Lsung von Wasserglas,
  wodurch die Poren des Holzes mit Ferrosilicat ausgefllt werden.
  =Ransome= suchte dasselbe durch Imprgniren mit Wasserglas und darauf
  folgende Trnkung mit einer Sure zu erreichen. Man findet hier und da
  die Angabe, dass das Behandeln des Holzes nach vorstehenden Methoden
  sehr gute Resultate geliefert habe. Wir gestehen, dass dies uns
  unbegreiflich erscheint. Der Niederschlag durch wechselseitige
  Zersetzung muss sich an der Peripherie des Holzes zuerst bilden und so
  gewiss ein Hinderniss abgeben fr weiteres Eindringen derselben. Der
  von mir 1862 gemachte Vorschlag, Hlzer dadurch zu conserviren, dass
  man sie mit unlslichen Seifen wie Aluminiumoleat, Kupferoleat und
  dergl. imprgnirt, hat im Kleinen gute Resultate ergeben.

[Sidenote: Vererzung des Holzes.]

5. Wenn man mit den Namen mineralisirtes, petreficirtes, metallisirtes,
incrustirtes Holz mit irgend einer anorganischen Substanz imprgnirte
Hlzer berhaupt bezeichnet, so verdient doch diesen Namen in der That
nur ein solches Holz, dessen Poren dergestalt mit Mineralsubstanzen
angefllt sind, dass eine =Vererzung des Holzes=, ein Zurckdrngen des
Organischen stattgefunden hat. Diese sogenannte Vererzung des Holzes
geschieht durch Zusammenbringen desselben mit einer schwefelkiesreichen
Kohle, deren Schwefelkies (Vitriolkies) durch Verwitterung in
Eisenvitriol bergeht. In Folge der Hygroskopicitt der Kohle, sowie
durch auffallenden Regen lst sich nach und nach der Eisenvitriol auf,
dringt nach und nach in das Holz ein, wodurch mit der Zeit durch Bildung
von basischem Ferrisulfat eine Vererzung des Holzes erreicht wird. Der
Werth dieses ursprnglich von =Strtzki= (1834) herrhrenden, spter von
=Apelt= in Jena empfohlenen Verfahrens ist ein sehr zweifelhafter, da
=Kuhlmann= in neuerer Zeit (1859) den zerstrenden Einfluss des
Eisenoxydes auf Holzfaser in das klarste Licht gesetzt hat. Das mit
basischem Ferrisulfat imprgnirte Holz ist nach einer gewissen Zeit
sicher kein Holz mehr.

[Sidenote: Boucherie's Imprgnationsmethode.]

  6. =Boucherie='s Imprgnationsmethode. Um das Holz vollstndig und bis
  in das Innere der Faser mit solchen Stoffen zu imprgniren, welche das
  Holz vor der Zerstrung schtzen, benutzt =Boucherie= die Kraft, mit
  welcher der Holzsaft in einem lebenden Baume von der Wurzel in alle
  Theile des Baumes getrieben wird. Wenn man einen Baum fllt und
  denselben sofort mit dem untern Ende in eine Lsung des Salzes, das zum
  Trnken des Holzes dienen soll (Kupfervitriol, holzessigsaures Eisen)
  stellt, so ist nach einigen Tagen das Holz von dem Salze durchdrungen.
  Spter hat man versucht, die gefllten Hlzer aufrecht zu stellen und
  durch aufgesetzte trichterartige Scke von getheerter oder mit
  Kautschuk berzogener Leinwand die Salzlsung hinein zu giessen, welche
  durch hydrostatischen Druck den Saft verdrngt und dessen Platz
  einnimmt. Anstatt der Salze, die dem Holze nur Dauer verleihen sollen,
  wendet man auch frbende Substanzen an, um dem Holze fr
  Schreinerzwecke verschiedene Frbung und das Aussehen fremden Holzes zu
  geben; so giebt holzessigsaures Eisen dem Holze eine braune Frbung;
  lsst man auf die Absorption der Eisenflssigkeit die einer gerbenden
  Flssigkeit folgen, so frbt sich die Holzmasse grau oder blauschwarz.
  Unter unsern Holzarten ist die Platane eine derjenigen, welche fr
  derartige Frbungen am geeignetsten ist. Strend ist hierbei, dass die
  Imprgnirungsflssigkeit das Holz nicht immer gleichmssig durchdringt
  und so undurchdrungene, ungefrbte Stellen entstehen. Ausser der
  Platane und Linde werden Buche, Weide, Ulme, Erle, Birnbaum beim
  Behandeln nach =Boucherie= vollstndig durchdrungen, nicht im Kerne,
  sondern nur im Splinte werden imprgnirt Tanne, Fichte, Eiche. Esche,
  Pappel und Kirschbaum gestatten der Imprgnationsflssigkeit fast
  keinen Eintritt.


                               Der Tabak.

[Sidenote: Der Tabak.]

Das zum Rauchen, Schnupfen und Kauen angewendete Material kommt von
verschiedenen einjhrigen Pflanzen aus dem Geschlecht _Nicotiana_, der
Familie der Solaneen angehrig, die noch bis zum 52 nrdlicher Breite
cultivirt werden, ursprnglich aber in den warmen Erdstrichen einheimisch
sind. Die besten Tabaksorten sind die amerikanischen, namentlich die aus
den sdlichen Staaten Nordamerikas, Maryland, Virginien u. a., aus
Varinas in dem Staate Orinoko, aus der Havanna auf Cuba, von Portorico u.
s. w. Von den europischen Tabaksorten sind zu erwhnen die
hollndischen, ungarischen, trkischen, franzsischen und Pflzer Tabake.
In Europa cultivirt man drei botanisch von einander verschiedene Arten
des Tabaks. Sie sind:

    1) der gemeine oder virginische Tabak (_Nicotiana tabacum_), mit
       grossen lanzettfrmigen Blttern, welche dicht an dem Stengel
       stehen, sich in der Hlfte meist umbiegen, whrend die Rippen
       breit und mit spitz ablaufenden Nebenrippen versehen sind;

    2) der Marylandtabak (_Nicotiana macrophylla_), mit breiteren und
       nicht so zugespitzten Blttern wie die des gemeinen Tabaks;

    3) der Bauern- oder Veilchentabak (_Nicotiana rustica_) zeichnet sich
       durch seine eirunden, blasigen, mit lngerem Stiele versehenen
       Bltter und durch seine grngelben, krzeren Blten von jeder
       anderen Art aus.

Die Gte des Tabaks ist abhngig vom Klima, von der Beschaffenheit des
Bodens und des Samens, das Gedeihen der Pflanzen von der Lage der Felder
etc. Nchst dem Weinstock giebt es wohl kein Bodenerzeugniss, bei welchem
der Einfluss der Cultur ein so ganz enormer ist als beim Tabaksbau.
Dieser Einfluss ist um so mehr in Betracht zu ziehen, als der Tabak in
vielen Gegenden Deutschlands zu den Hauptquellen des Erwerbes und
Wohlstandes gehrt.

Nach neueren Untersuchungen enthlt der Tabak folgende Krper:

                  { Kali
                  { Kalk
    Mineralbasen  { Magnesia
                  { Eisen- und Manganoxyd
                  { Ammoniak

                  { Salpetersure
    Mineralsuren { Salzsure
                  { Schwefelsure
                  { Phosphorsure

    Organische    { Nicotin
    Base          {

                  { Aepfelsure (Tabaksure?)
                  { Citronensure
    Organische    { Essigsure
    Suren        { Oxalsure
                  { Pektinsure
                  { Ulminsure

       Andere     { Kieselerde
    Mineralkrper { Sand

                      { Nicotianin
    Andere organische { grnes und gelbes Harz
         Krper       { Wachs oder Fett
                      { stickstoffhaltige Substanzen
                      { Cellulose

[Sidenote: Chemischer Bestand der Tabaksbltter.]

Unter den Bestandtheilen der Tabaksbltter finden sich mithin als
charakteristische drei, nmlich das Nicotianin, das Nicotin und die
Tabaksure. Das =Nicotianin= oder Tabakskampher ist eine fettartige
Substanz, welche den angenehmen Geruch des Tabakdampfes und einen
bittern, aromatischen Geschmack besitzt. Dieser Krper ist noch
unvollstndig untersucht. Der Ansicht der Tabakfabrikanten zufolge ist
diejenige Tabaksorte die vorzglichste, welche das meiste Nicotianin
enthlt[136]. Das =Nicotin= (C_{10}H_{14}N_{2}) ist eine organische Base
und erscheint im reinen Zustande als farbloses Oel von betubendem
Tabaksgeruch und tzendem Geschmack, das sich in Wasser, Weingeist,
Aether und Oelen auflst. Es ist, schon in kleiner Gabe eingenommen, ein
tdtliches Gift; schon in sehr geringer Menge wirkt es heftig auf die
Bewegungsnerven und erzeugt Convulsionen und spter Lhmung. Die
Quantitt des Nicotins in den Tabakblttern scheint zu der Qualitt in
keinerlei Beziehung zu stehen. =Schloesing= hat den Nicotingehalt vieler
franzsischer und amerikanischer Tabaksorten ausgemittelt. Es enthalten
nach ihm 100 Th. trockner entrippter Tabak aus:

                                                     Nicotin:
             dem Depart. Lot                           7,96
              "    "     Lot-et-Garonne                7,34
              "    "     Nord                          6,58
              "    "     Ille-et-Vilaine               6,29
             Pas de Calais                             4,94
             dem Elsass                                3,21
             Virginien                                 6,87
             Kentucky                                  6,09
             Maryland                                  2,29
             Havanna                      weniger als  2,0

(Trockner Schnupftabak enthlt ungefhr 2 Proc. Nicotin, durchschnittlich
im nicht getrockneten Zustande 33 Proc. Wasser, was den Nicotingehalt auf
1,36 Proc. herabdrckt.) Das Nicotin ist in dem Tabak in Form eines
Salzes enthalten. Die charakteristische Sure des Tabaks ist die
Tabaksure C_{3}H_{4}O_{4}, die grosse Aehnlichkeit mit der Aepfelsure
hat und nach neueren Untersuchungen (vielleicht) mit ihr identisch ist.
Ausser diesen Stoffen enthalten die Tabaksbltter eiweissartige
Bestandtheile, Holzfaser, Gummi, Harz. Die Tabaksbltter sind sehr reich
an mineralischen Bestandtheilen; die Quantitt derselben betrgt 19-27
Proc. vom Gewicht der trocknen Bltter. =Merz= fand 23,33 Proc. Asche von
einer Tabaksorte aus der Gegend zwischen Nrnberg und Erlangen. 100 Th.
dieser Asche enthielten 26,96 Kali, 2,76 Natron, 39,53 Kalk, 9,61
Magnesia, 9,65 Chlornatrium, 2,78 Schwefelsure, 4,51 Kieselerde, 4,20
Ferriphosphat. In jeder Tabakssorte findet sich endlich auch
Kaliumnitrat, dessen Menge jedoch zur Verbrennlichkeit des Tabaks in
keiner Beziehung steht.

  [136] Mglicherweise ist das Nicotianin mit dem =Cumarin=
        (C_{9}H_{8}O_{2}), einem Stoffe identisch, der in den Tonkabohnen
        (_Dipterix odorata_), im Waldmeister (_Asperula odorata_), im
        _Melilotus officinalis_ und _Anthoxanthum odoratum_, sowie in den
        Fahamblttern (_Angraecum fragrans_) und den Blttern von
        _Liatris odoratissima_ (aus der Familie der Asteraceen) sich
        findet. Daher vielleicht auch instinctmssig die Anwendung der
        Tonkabohnen zum Aromatisiren des Tabaks und die des Melilotus zum
        Beimengen des Rauchtabaks, wie es in Ungarn hufig geschieht.
        Vielleicht hat die in der neueren Zeit ausserordentlich in
        Aufnahme gekommene, aber sorgfltigst geheim gehaltene Anwendung
        der aus Harn bereiteten Benzosure bei der Tabaksfabrikation den
        Zweck, ein Surrogat fr den geringen Nicotianingehalt der
        schlechteren Tabaksorten abzugeben.

[Sidenote: Tabakfabrikation.]

Man verlangt von einem guten =Rauchtabak=, dass sein Rauch einen
angenehmen Geruch besitze und nicht knellere, auf der Zunge kein
beissendes Gefhl hervorbringe, endlich nicht zu stark sei. Das frische
getrocknete Tabaksblatt kann diesen Anforderungen nicht gengen, da es
reich an eiweisshaltigen Bestandtheilen ist, die beim Brennen einen
widrigen Geruch nach verbranntem Horn erzeugen, da ferner der grosse
Gehalt an Nicotin Unbehaglichkeiten beim Rauchen hervorrufen wrde. Der
Zweck der Zubereitung der Tabakbltter ist demnach, die eiweisshaltigen
Stoffe zu zerstren, den grossen Nicotingehalt herabzudrcken, das Parfm
des Tabaks zu entwickeln, und endlich den Blttern die zur Benutzung als
Rauch- und Schnupftabak geeignete Form zu geben. Das Wesentliche bei der
Zubereitung der Tabaksbltter ist eine bei 35 vor sich gehende Ghrung,
durch welche die im feuchten Zustande auf Haufen geschlagenen Bltter den
grssten Theil der eiweissartigen Bestandtheile verlieren, dagegen
angenehm riechende, durch die Ghrung entwickelte Stoffe aufnehmen. Der
Fabrikant kommt dem Ghrungsprocess durch die sogenannte =Sauce= zu
Hlfe, mit welchem Namen das Befeuchtungswasser der Bltter bezeichnet
wird. Eine vollstndige Theorie des Processes der Tabaksfabrikation ist
zur Zeit nicht mglich. Bei der Ernte des Tabaks legt man die Bltter zu
10-12 Stck bereinander, die Bltterhaufen werden an einen trockenen Ort
gebracht, mit einem Tuch bedeckt und so lange liegen gelassen, bis sie
anfangen zu schwitzen. Sodann hngt man die einzelnen Bltter zum
Trocknen an Schnren auf, wickelt dann um ungefhr 30 Bltter ein Blatt,
um eine sogenannte =Decke= zu erhalten, und presst den Tabak in dieser
Gestalt in grosse Fsser, in welchen er sich etwas erwrmt. Darauf
besprengt man die Bltter mit Salzwasser, und lsst sie, aufeinander
gelegt, bis zur Erwrmung liegen. Das Besprengen und Hinlegen wird so
lange wiederholt, als der Tabak sich noch merklich erwrmt. Man trocknet
ihn nun vollstndig an der Luft, und presst ihn nicht selten auf mehrere
Jahre in Fsser ein.

[Sidenote: Rauchtabak.]

Behufs der Rauchtabakfabrikation werden die Bltter =sortirt=, d. h.
diejenigen Bltter zusammengebracht, die gleiche Farbe und gleiche Dicke
haben. Nach dem Sortiren werden die dickeren Rippen ausgeschnitten (die
Bltter =entrippt=), weil dieselben als wesentlich aus Holzfaser
bestehend, beim Rauchen Holzrauch entwickeln wrden. Sodann werden die
Bltter =saucirt= oder =gebeizt=, d. h. mit einer besonders zubereiteten
Sauce getrnkt, die wesentlich aus Salzen (Kochsalz, Salpeter, Salmiak,
salpetersaurem Ammoniak), zuckerhaltigen, weingeistigen und
organisch-sauren, sowie gewrzhaften Substanzen besteht. Die Salze dienen
zur Befrderung der Haltbarkeit und des langsameren Verbrennens, die
brigen Krper hauptschlich zur Bildung jener angenehm riechenden
Aether, die nicht unpassend mit der Blume des Weins verglichen worden
sind. Die saucirten Bltter lsst man in Fssern ghren, sodann bei
mssiger Wrme auf Horden trocknen und auf der Schneidemaschine
zerschneiden. Der unzerschnittene gesponnene Tabak fhrt den Namen
=Rollentabak=. Eine sehr beliebte Form des Rauchtabaks ist die =Cigarre=,
die aus der Einlage und dem Deckblatt besteht. Die Eigenschaft der
Cigarren, durch das =Ablagern= an Gte zu gewinnen, scheint nicht sowol
auf dem vollstndigeren Austrocknen, als vielmehr auf einer Art
Nachghrung zu beruhen, durch welche die Gte beeintrchtigende
Substanzen zerstrt und andere vortheilhaft einwirkende gebildet werden.

  Beim Rauchen erhlt der Rauchende ausser den Produkten der Verbrennung
  des Tabaks (Kohlensure, Wasser und etwas Ammoniak) auch die Produkte
  der trocknen Destillation in den Mund, welche letztere dem Tabakrauche
  das Charakteristische geben. Eine genaue Kenntniss dieser Produkte geht
  uns zur Zeit noch ab, so viel ist aber ausgemacht, dass in dem Rauche
  die Dmpfe des Nicotianins und des Nicotins enthalten sind. =Zeise=
  fand als Bestandtheile des Tabakrauches ein eigenthmliches Brandl,
  Buttersure, Kohlensure, Ammoniak, Paraffin, Brandharz, so wie
  wahrscheinlich etwas Essigsure, ferner Kohlenoxyd und
  Kohlenwasserstoffgase. Es ist bemerkenswerth, dass Kreosot und
  Carbolsure sich beim Rauchen des Tabaks durchaus nicht bilden; aus
  diesem Grunde ist vielleicht der Tabakrauch weit weniger scharf,
  namentlich die Augen weit weniger angreifend, als der Holzrauch. Es
  wurde zur Untersuchung Portorico verwendet. Die Untersuchung von
  =Zeise=, so genau sie auch ausgefhrt zu sein scheint, lehrt uns doch
  den Trger des aromatischen Geruches vieler Sorten von Rauchtabak und
  Cigarren nicht kennen; es mag indessen wol sein, dass bei dem Tabak
  hnlich wie bei dem Weine, diejenigen Stoffe, die gerade hinsichtlich
  des Geruches und Geschmackes die maassgebenden sind, durch chemische
  Operationen und Reactionen kaum nachgewiesen werden knnen. Auf jeden
  Fall sind in dem Tabakrauche gepaarte Ammoniake enthalten, so das
  Anilin (zu dessen Bildung whrend der trocknen Destillation die
  Bedingungen, Carbolsure als Zersetzungsprodukt der Cellulose und
  Ammoniak reichlich vorhanden sind), dessen Geruch in sehr verdnntem
  Zustande eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit mit dem des Rauches
  guter Tabaksorten hat.

  Die _Verbrennlichkeit_ einer Tabaksorte steht in keiner Beziehung zum
  Salpetersuregehalt, denn whrend der daran reiche Kentucky schlecht
  brennt, ist der daran arme Java, Maryland, brasilianische und
  ungarische Tabak leicht verbrennlich. Die Verbrennlichkeit des Tabaks
  in ihren verschiedenen Graden ist krzlich von =Schloesing= zum
  Gegenstand einer Untersuchung gemacht worden. Es hat sich dabei
  ergeben, dass der im Wasser lsliche Theil der Asche eines
  verbrennlichen Tabaks stets Kaliumcarbonat enthlt und zwar um so mehr,
  je verbrennlicher der Tabak ist; der Auszug der Asche von nicht
  verbrennlichem, d. h. verkohlendem Tabak enthlt kein Kaliumcarbonat,
  sondern nur Kaliumsulfat und Chlorkalium. Ein nicht verbrennlicher
  Tabak wird verbrennlich, wenn man ihn mit der Lsung eines Kaliumsalzes
  einer organischen Sure (Aepfelsure, Citronensure, Oxalsure,
  Weinsure) behandelt und dann trocknet; ein verbrennlicher Tabak wird
  dagegen unverbrennlich, wenn man ihn Calciumsulfat oder Chlorcalcium
  oder die entsprechenden Magnesium- und Ammonverbindungen einverleibt.
  Der Grund davon scheint darin zu liegen, dass die Kaliumsalze der
  organischen Suren beim Verkohlen eine voluminse, wenig
  zusammenhngende und sehr porse Kohle liefern, die leicht verbrennt,
  whrend die Kohle der Calciumsalze der organischen Suren, unter
  gleichen Verhltnissen gebildet, wenig volumins und fest ist und nur
  schwierig verbrennt.

[Sidenote: Schnupftabak.]

Die Bltter zur Fabrikation des =Schnupftabaks= werden auf hnliche Weise
sortirt und saucirt wie die zu Rauchtabak. Zur Bereitung der Sauce wendet
man vorzugsweise Ammoniaksalze und aromatische Krper an. Die saucirten
Bltter werden, nachdem sie eine erste Ghrung durchgemacht haben, zu
=Carotten= zusammengeschnrt und diese dann gemahlen (=rappirt=). Der
rappirte Tabak wird gesiebt und dadurch in grbere und feinere Sorten
gebracht. Nach dem Sieben wird er angefeuchtet und hufig noch einer
zweiten Ghrung unterworfen. Im Schnupftabak ist das Nicotin (circa 2
Proc.) theils frei, theils als neutrales oder basisches (wahrscheinlich
essigsaures) Salz vorhanden; das Ammoniak ist darin ebenfalls an eine
Sure gebunden; beiden Salzen verdankt der Schnupftabak seine reizende
Wirkung auf die Nasenschleimhaut. Um das Austrocknen des Schnupftabaks zu
verhten, erhlt derselbe zuweilen einen Zusatz von Glycerin.

  Der Zweck der Ghrung in der Schnupftabaksfabrikation scheint zu sein
  1) die Bildung eines Fermentls oder einer Aetherart, welcher der
  Schnupftabak sein Aroma verdankt; 2) die Vernichtung eines Theiles
  (2/3) des Nicotins des Tabaks, ohne welche der Schnupftabak eine zu
  energische Wirkung auf den Organismus ausben wrde; 3) das Hervorrufen
  der alkalischen Beschaffenheit, bedingt durch die theilweise Zersetzung
  der organischen Suren des Tabaks; 4) die Entwickelung des specifischen
  Tabakgeruches durch sich bildende Dmpfe von kohlensaurem Ammoniak (und
  wahrscheinlich Ammoniakbasen wie Aethylamin) und Nicotin; 5) die
  Umwandlung der stickstoffhaltigen Bestandtheile des Tabaks in Ammoniak,
  wodurch der Verlust an Ammoniak durch Verflchtigung desselben
  ausgeglichen wird, und in schwarze Substanzen (Humuskrper), welchen
  der Schnupftabak seine dunkelbraune Farbe verdankt.


          Technische Anwendung der therischen Oele und Harze.

[Sidenote: Aetherische Oele und Harze im Allgemeinen.]

[Sidenote: Darstellung der therischen Oele.]

[Sidenote: Florentiner Flasche.]

Die =therischen Oele= und =Harze= kommen meist fertig gebildet in der
Natur vor. Die ersteren ertheilen den Pflanzen den ihnen eigenthmlichen
Geruch. Das therische Oel findet sich in den Pflanzen in Zellen
eingeschlossen, daher kommt es, dass der Geruch nach dem Zerquetschen der
Pflanze deutlicher hervortritt. Zwischen den Fingern fhlen sie sich
nicht fettig wie die fetten Oele, sondern rauh an. Eine grosse Anzahl
therischer Oele hat die Eigenschaft, aus einer ammoniakalischen
Silberlsung das Silber als einen Silberspiegel abzuscheiden, daher
frher ihre Anwendung zur Spiegelversilberung (vergl. S. 322). Die
therischen Oele werden auf verschiedene Weise, meist aber dadurch
erhalten, dass man die betreffenden Pflanzentheile mit Wasser destillirt.
Obgleich der Siedepunkt dieser Oele weit ber dem Wasser liegt, so wird
doch durch die Wasserdmpfe das therische Oel mit fortgerissen. Oele mit
sehr hohem Siedepunkte pflegt man mit Kochsalz durch Destillation aus den
Pflanzentheilen abzuscheiden. Zur Trennung des berdestillirten Oeles von
dem mit bergegangenen Wasser bedient man sich der bekannten =Florentiner
Flasche=. Auf diese Weise gewinnt man das Anis-, Kamillen-, Kmmel-,
Lavendel-, Pfeffermnz-, Nelken-, Zimmt-, Rosmarinl u. s. w. Das
Terpentinl wird durch Destillation des Terpentins mit Wasser gewonnen.

[Sidenote: Darstellung durch Auspressen.]

[Sidenote: Unter Mitwirkung des Wassers.]

[Sidenote: Ausziehen mittelst fetter Oele.]

[Sidenote: Eigenschaften der therischen Oele und Anwendung derselben.]

Einige therische Oele, die in den betreffenden Pflanzentheilen in
grossen Mengen enthalten sind, stellt man durch Auspressen dar, dies ist
der Fall bei dem Citronen-, Bergamott-, Pomeranzen- und Apfelsinenl.
Whrend die meisten therischen Oele schon durch den Vegetationsprocess
entstanden sind, giebt es einige, die sich aus den Pflanzentheilen erst
bei der Berhrung und Destillation mit Wasser bilden. Zu diesen gehrt
das =Bittermandell=, das sich unter dem Einflusse des Wassers aus dem
Amygdalin unter Mitwirkung einer eiweissartigen Substanz, der Synaptase
oder des Emulsins bildet, ferner das =Senfl=, das man auch durch
Destillation von Jodpropyl mit Schwefelcyankalium knstlich darstellt u.
s. w. Gewisse therische Oele, die nur in sehr geringer Menge vorhanden
sind, zieht man durch Digestion der Vegetabilien mit fettem Oele aus; auf
diese Weise extrahirt man Jasmin, Veilchen, Hyacinthen u. s. w. Die
therischen Oele sind in Wasser etwas lslich; solche Lsungen bilden die
=destillirten Wsser= der Pharmaceuten; einige derselben, wie das
Orangenbltenwasser (_Eau de fleurs d'oranger_) und das
Bittermandelwasser finden ausserdem in der Parfmerie und in der
Kochkunst Anwendung. Die therischen Oele sind in Alkohol lslich und
zwar in um so grsserer Menge, je mehr das Oel Sauerstoff enthlt. Auf
dieser Eigenschaft beruht ihre Anwendung in der =Parfmerie= und in der
=Liqueurfabrikation=.

[Sidenote: Parfmerie.]

Die =Parfmerie= beschftigt sich mit der Darstellung von =riechenden
Wssern= (_Esprits_, _eaux de senteur_), =Duftextracten= (_extraits
d'odeur_), der =parfmirten Fette= u. s. w. Die =riechenden Wsser=
bestehen aus einer Lsung verschiedener therischer Oele in Alkohol. Der
dazu angewendete Alkohol muss fuselfrei und ohne allen fremden Beigeruch,
die therischen Oele von bester Qualitt sein. Es ist am passendsten, die
Oele nur in dem Alkohol zu lsen und die Lsung monatelang vor dem
Gebrauche lagern zu lassen. Die frher gebruchliche Destillation ist
nicht nur nicht nothwendig, sondern auch sogar nachtheilig, da des
hheren Siedepunktes wegen ein Theil der therischen Oele in der
Destillirblase zurckbleibt. Die _Eau de mille fleurs_ wird dargestellt
durch Auflsen von 60 Grm. Perubalsam, 120 Grm. Bergamottl, 60 Gr.
Nelkenl, 15 Gr. Nerolil, 15 Gr. Thymianl in 9 Liter Alkohol und Zusatz
von 4 Liter Orangenbltenwasser und 120 Gr. Moschustinctur, die man durch
Digestion von 15 Gr. Zibeth und 75 Gr. Moschus mit 2 Liter Alkohol
dargestellt hat. -- _Eau de Cologne_ erhlt man durch Auflsen von 32 Gr.
Orangeschalenl, einer gleichen Menge Bergamottl, Citronenl, _Essence
de Limette_, _Essence de petits grains_ 16 Gr., _Essence de Cedro_, einer
gleichen Menge _Essence de Cedrat_, _Essence de Portugal_, 8 Gr. Nerolil
und 4 Gr. Rosmarinl in 6 Litern Alkohol.

[Sidenote: Chemische Parfms.]

Die =Duftextracte= (_extraits d'odeur_) werden meist durch Ausziehen der
vorher mit den Dften frischer Blumen beladenen fetten Oele und Fette mit
Alkohol dargestellt. -- In der neueren Zeit hat man (nach dem Vorschlage
von =Dbereiner=) auch knstlich dargestellte Verbindungen in der
Parfmerie angewendet, so eine alkoholische Lsung von Amylacetat unter
dem Namen =Birnl= (_pear-oil_), Amylvalerat als =Aepfell=
(_apple-oil_), Amylbutyrat als =Ananasl= (_pine apple-oil_),
Aethylpelargonat als =Quittenl=, Aethylsuberat als =Maulbeeressenz=. Als
=knstliches Bittermandell= kommt Nitrobenzol, gemengt mit Nitrotoluol
vor, das im minder reinen Zustande als _Essence de Mirbane_ bezeichnet
und in grosser Menge zu Zwecken der Parfmerie, in noch grsserer aber
als Material der Anilinbereitung dargestellt wird. -- Die =parfmirten
Fette= (Pommaden) erhlt man in der feineren Parfmerie entweder durch
=Infusion=, indem man die Blten mit warmem fetten Oel oder Fett von etwa
65 digerirt, oder durch kalte Parfmirung des Fettes durch Schichtung
desselben mit den Blten (_enfleurage_). Hufig stellt man sie auch aus
Rindsmark oder aus Schweinefett dar, indem man dieselben schmilzt und
whrend des Erkaltens einige Tropfen des therischen Oeles hinzurhrt.

[Sidenote: Liqueurfabrikation.]

Der Zweck der =Liqueurfabrikation= ist, Branntwein durch Zusatz von
Zucker oder Glycerin und aromatischen Krpern in ein dem Gaumen
angenehmeres Getrnk zu verwandeln. Man unterscheidet =feine Liqueure=
(Rosoglio) und =ordinre= (Aquavite), je nachdem zu ihrer Herstellung
vorzglich reine Materialien angewendet worden sind oder nicht. Die mit
viel Zucker versetzten lartigen Liqueure heissen =Crmes=, die mit
ausgepressten Fruchtsften, Zucker und Weingeist dargestellten =Ratafia=.

  Die Basis der Liqueurfabrikation ist ein vllig fuselfreier Weingeist
  oder Branntwein; die Vegetabilien, welche man zur Darstellung der
  Liqueure benutzt, lassen sich in drei Abtheilungen bringen. Die =erste=
  Abtheilung umfasst Pflanzensubstanzen, die nur wegen ihres Gehaltes an
  therischem Oele Anwendung finden wie Kmmel- und Anissamen,
  Wachholderbeeren, Pfeffermnze, Citronenschalen, Orangenblten und
  bittere Mandeln. Ueber diese Substanzen wird der Branntwein
  abdestillirt. Meist wendet man indessen jetzt, anstatt den Branntwein
  zu destilliren, Lsungen der kuflichen therischen Oele (Kmmell,
  Anisl etc.) in Weingeist an und nennt das letztere Verfahren die
  Fabrikation auf kaltem Wege. Die =zweite= Abtheilung enthlt diejenigen
  Vegetabilien, die sowohl wegen des therischen Oeles, als auch wegen
  ihres Gehaltes an bitteren aromatischen Stoffen Anwendung finden, es
  sind dies z. B. die Wurzeln des Calmus, Enzian, Zittwer,
  Orangenschalen, unreife Pomeranzen, Wermuth, Nelken, Zimmt, Vanille.
  Diese Pflanzensubstanzen werden mit Branntwein oder Spiritus bergossen
  entweder in der Klte macerirt oder bei 50-60 digerirt (aber nicht
  destillirt). Der Auszug fhrt den Namen Tinctur. Die =dritte=
  Abtheilung umfasst diejenigen Frchte, deren Saft zur Fabrikation der
  Ratafia Anwendung findet; hierzu gehren Kirschen, Ananas, Erdbeeren,
  Himbeeren u. s. w. Der Saft dieser Frchte wird mit Spiritus versetzt
  und verssst. -- Zum Versssen der Liqueure wendet man eine Auflsung
  von 4 Pfund Zucker in 1 Liter Wasser, die vorher aufgekocht und mit
  Eiweiss geklrt worden ist, an. Es ist rathsam, die Zuckerlsung
  siedend mit der weingeistigen Flssigkeit zu mischen. Der Procentgehalt
  an Alkohol, den man den Liqueuren giebt, ist 46 bis 50 Proc. Um die
  Liqueure fr das Auge angenehm zu machen, ertheilt man ihnen hufig
  eine Frbung, und zwar =roth= durch Sandelholz und Cochenille oder
  (arsenfreies) Anilinroth, =gelb= durch Safflor, Ringelblumen und
  Curcuma, =blau= durch Indigtinctur, =grn= durch Mischen von gelb und
  blau, =violett= durch Anilinviolett. Die durch Digestion dargestellten
  Liqueure frbt man zuweilen durch Zuckercouleur dunkler braun. Die
  =Crmes= enthalten auf das Liter Flssigkeit etwa 1 Pfund Zucker oder
  eine entsprechende Menge von Glycerin. Als Beispiel sei angefhrt der
  =Maraschino= (4 Liter Himbeerwasser, 1-3/4 Liter Orangenbltenwasser,
  1-1/2 L. Kirschwasser, 18 Pfund Zucker, 9 L. Weingeist von 89-90
  Proc.). Die =Liqueure= sind den Crmes sehr hnlich, enthalten aber
  etwas weniger Zucker; =Englisch Bitter= (5 Loth das Gelbe der
  Pomeranzenschalen, 6 Loth Chinarinde, 6 L. Enzian, 8 L.
  Cardobenedictenkraut, 8 L. Tausendgldenkraut, 8 L. Wermuth, 4 L.
  Veilchenwurzel mit 54 Liter Branntwein von 50 Proc. digerirt, die
  Tinctur versetzt mit 12 Pfd. Zucker); =Kirschen= (20 L. Kirschsaft, 20
  L. Spiritus von 85 Proc., 30 Pfd. Zucker); gewhnlich setzt man noch
  4-8 L. Bittermandelwasser hinzu; =Pfeffermnze= (2-1/2 L. Pfeffermnzl
  aufgelst in 1 L. Spiritus von 80 Proc., die Lsung gesetzt zu 54 L.
  Spiritus von 72 Proc., verssst mit 60 Pfd. Zucker, der aufgelst
  worden in 26 L. Wasser; wird durch Indigotinctur und Curcuma grn
  gefrbt).

[Sidenote: Harze.]

Die therischen Oele haben die Eigenschaft, sich an der Luft, oder auch
in der Pflanze selbst zu verdicken und dadurch in einen neuen Krper
berzugehen, welchen man =Harz=[137] nennt. Man findet die Harze im
Pflanzenreiche sehr hufig. Einige derselben, wie das Harz der Coniferen,
fliessen in Verbindung mit dem therischen Oele von selbst aus und
erhrten an der Luft. Andere Harze stellt man durch Ausziehen der
betreffenden Pflanzentheile mit Alkohol und Verdampfen des Auszugs zur
Trockne, oder durch Fllen des alkoholischen Auszugs mit Wasser dar. Man
theilt die Harze ein in =Weichharze= oder =Balsame= und in die
=Hartharze=. Die Weichharze sind Lsungen der Harze in therischen Oelen,
zu ihnen rechnet man den =Terpentin=, den =Perubalsam=; zu den Hartharzen
den =Bernstein=, das =Anime=, den =Copal=, das =Dammarharz=, den
=Mastix=, den =Schellack=, die =Benzo= und den =Asphalt=. An die Harze
schliessen sich die =Schleimharze= an, welche in Folge von Einschnitten
als dicke milchige Sfte aus den Pflanzen ausfliessen; sie sind meist von
sehr starkem Geruch und unterscheiden sich von den Harzen dadurch, dass
sie, mit Wasser zusammengerieben, eine trbe milchige Flssigkeit geben.
Zu den Schleimharzen gehren die =Asa foetida=, das =Gummi-Gutt= u. s.
w., den Beschluss dieser Klasse von Krpern machen das =Kautschuk= und
die =Gutta Percha=.

  [137] Vergl. =J. Wiesner=, Die technisch verwertheten Gummiarten, Harze
        und Balsame. Erlangen 1869.

[Sidenote: Anwendung der Harze als Siegellack.]

Das =Siegellack= besteht wesentlich aus =Schellack=, zu welchem man etwas
Terpentin gesetzt hat, um ihn schmelzbarer und weniger zerbrechlich zu
machen. Zu dem rothen und wenig gefrbten Siegellacke wendet man
mglichst farbloses Gummilack an, whrend man zu den dunklen und
schwarzen Sorten des Siegellacks das gefrbteste Gummilack setzt. Ausser
dem Schellack und dem Terpentin gehrt zur Zusammensetzung der
Siegellacke noch ein Zusatz von erdigen Krpern, welcher nicht nur das
Gewicht der Masse vermehren soll, sondern auch den Zweck hat, dem zu
schnellen Abtropfen und Rinnen des Siegellacks Einhalt zu thun. Man nimmt
Kreide, Magnesia, gebrannten Gyps, Zinkweiss, neuerdings auch Barytweiss,
Porcellanerde und Kieselguhr (Infusorienerde). Um fugenfreies rothes
Siegellack darzustellen, schmilzt man in einer eisernen Pfanne 4 Th.
Gummilack ber gelindem Kohlenfeuer und setzt dann 1 Th. venetianischen
Terpentin und 3 Th. Zinnober unter fortwhrendem Umrhren hinzu.
Gewhnliche rothe Siegellacke stellt man dar aus:

                                    1.    2.    3.    4.    5.
          Schellack                550   620   550   700   600
          Terpentin                740   680   600   540   600
          Kreide oder Magnesia     300   200    --    --    --
          Gyps oder Zinkweiss      200    --    --    --    --
          Kieselguhr                --    --    --    --    --
          Barytweiss                --   100   380   300   300
          Zinnober                 130   220   340   300   300
          Terpentinl               --    --    --    20    25

Wenn die Masse abgekhlt ist, so rollt man sie auf einer Marmortafel zu
Rollen aus oder giesst sie in Messingformen. Einige Sorten Siegellack
pflegt man zuweilen mit Benzo, Storax, Tolu- und Perubalsam wohlriechend
zu machen. Die verschieden gefrbten Sorten stellt man dar, indem man den
Zinnober durch Kobaltultramarin, chromsaures Bleioxyd, gebranntes
Elfenbein u. s. w. ersetzt. Die marmorirten Lacke werden durch Malaxiren
verschiedenartig gefrbter Massen erzeugt. Zu den geringeren
Siegellacksorten und zu dem sogenannten Packlack nimmt man anstatt des
Zinnobers Mennige und zuweilen auch rothes Eisenoxyd; das Gummilack wird
bei diesen Sorten durch ein Gemenge von Colophonium und gepulvertem Gyps
oder Kreide ersetzt. Neuerdings verwendet man neben oder statt des
Schellacks das Acarodharz (von _Xanthorrhoea hastilis_).

[Sidenote: Asphalt.]

  =Asphalt= (Erdharz, Judenpech) ist ein schwarzes glnzendes,
  zerbrechliches Harz, das wahrscheinlich durch allmlige Oxydation von
  Erdl entstanden ist und in grosser Menge auf der Insel Trinidad an der
  Nordkste von Sdamerika, vor der Mndung des Orinoco, auf dem todten
  Meere schwimmend, in Frankreich, in der Schweiz u. s. w. gefunden wird.
  Es lst sich wenig in Alkohol, leicht in Steinl, Terpentinl, Benzol
  und Photogen. Man benutzt es zu schwarzem Lack, zum Aetzgrund fr
  Kupferstecher, als dunkelbraune Lasurfarbe in der Oelmalerei etc. Man
  verwendet den Asphalt ferner mit Kalk und Sand gemischt zur
  Pflasterung, deren Dauerhaftigkeit und Vorzge sich darauf grnden,
  dass die Masse ungeachtet der grossen Entzndlichkeit des Asphalts
  wegen des Zuschlags bei Feuersbrnsten nicht anbrennt, und dass
  dieselbe durch den Zuschlag hinreichend elastisch ist, um sich bei
  starker Hitze auszudehnen und bei starker Klte wieder zusammenziehen
  zu knnen, ohne zu springen. Zur Asphaltpflasterung nimmt man
  =Erdharzkitt= von =Seyssel= (_mastix bitumineux_)[138], brennt
  denselben in Pfannen zu Staub und mengt das Pulver mit Sand, dass auf
  30-40 Proc. Kalk in der Mischung 20-40 Proc. Asphalt kommen. Vor der
  Anwendung wird die Masse geschmolzen und auf die Stelle, die
  gepflastert werden soll, ausgegossen, mit einer eisernen Schiene
  geebnet, mit heissem Sande berstreut und mittelst eines Brettes eben
  geschlagen. Anstatt des Asphaltpflasters hat man und zwar mit vielem
  Erfolg das von =Busse= erfundene =Terresin=, eine Mischung von
  Kohlentheer, Kalk und Schwefel, angewendet. Gegenwrtig wird der
  grsste Theil des Asphalts oder Asphaltpeches, der in der Firniss- und
  Lackbereitung Anwendung findet, durch Eindicken des Theeres der
  Gasfabriken erhalten.

  [138] Zu =Seyssel= im Departement Ain findet sich ein Kalkstein, der
        bis zu 18 Proc. mit Asphalt durchdrungen ist. Aus diesem
        Kalkstein stellt man zu Seyssel den Erdharzkitt auf folgende
        Weise dar: Man zieht mittelst siedenden Wassers den Asphalt aus,
        mengt 7 Th. des so erhaltenen Asphalts in 90 Th. gepulverten,
        asphalthaltigen Kalkstein und mahlt die trocken gewordene Masse.
        Aehnliche Asphaltsteine finden sich zu =Limmer= bei Hannover, zu
        =Lobsann= im Nieder-Elsass, in Nordtyrol, zu Val de travers im
        Canton Neufchatel.

[Sidenote: Kautschuk.]

Das =Kautschuk= oder das =elastische Gummi= (Caoutschuk, Federharz, Gummi
elasticum) wird in den Milchsften vieler Pflanzen, namentlich der
Urticeen, Euphorbiaceen und Apocyneen angetroffen. In grsserer Menge
findet es sich im Milchsaft der _Siphonia cahuchu_, woraus man es in
Sdamerika darstellt. Das ostindische wird von _Urceola elastica_
erhalten. Ausserdem findet es sich noch in _Ficus religiosa_ und _F.
indica_. Man gewinnt das Kautschuk, indem man Einschnitte in die Bume
macht und mit dem ausfliessenden rahmhnlichen zhen Milchsaft wiederholt
Thonfiguren von Thieren, Nachbilder des menschlichen Fusses und
birnfrmige Krper etc. berzieht. Nachdem der Saft an der Sonne oder
ber Feuer getrocknet worden ist, wird der Thon durch Klopfen oder durch
Aufweichen in Wasser entfernt. Das zurckbleibende Kautschuk hat die
Gestalt der Thonform, meist die von Flaschen oder Beuteln, hufig auch
die von Platten. Letztere fhren den Namen =Gummispeck=. Das Kautschuk
ist im gereinigten Zustande durchsichtig, in dnnen Lagen weiss, in
dicken etwas gelblich. Es hat keine Spur von faseriger Textur, ist
vollkommen elastisch und wird beim Ausziehen unklar und faserig. In der
Klte wird es fest und ist dann schwierig biegsam, aber nicht sprde.
Sein spec. Gewicht ist 0,925. Durch heisses Wasser und durch Wasserdampf
wird das Kautschuk weich, ausserdem aber nicht verndert. In Weingeist
ist es unlslich. Durch Chlor, verdnnte Suren, durch Alkalilaugen wird
es nicht verndert, durch concentrirte Schwefelsure und Salpetersure
dagegen schnell zerstrt. Wenn man stark ausgedehntes Kautschuk einige
Minuten in kaltes Wasser taucht, so ist es nach dem Herausnehmen aus dem
Wasser unelastisch, erlangt aber beim Tauchen in bis auf 45 erwrmtes
Wasser seine frhere Elasticitt wieder. Beim Erwrmen wird das Kautschuk
weicher, schmilzt bei ungefhr 200 zu einer schmierigen Masse, die nach
dem Erkalten nicht wieder fest wird. Bei Zutritt der Luft erhitzt, brennt
es mit leuchtender und russender Flamme. Im erwrmten Zustande lsst sich
das Kautschuk mit Schwefel und anderen Krpern zusammenkneten, wodurch es
in vulkanisirtes und hornisirtes Kautschuk bergefhrt werden kann. Bei
der trockenen Destillation erhlt man aus dem Kautschuk Oele, die nur aus
Kohlenstoff und Wasserstoff bestehen (Kautscheen, Heveen u. s. w.), und
sich besonders als Auflsungsmittel fr Kautschuk eignen. Das Kautschuk
besteht aus C_{4}H_{7} (in 100 Th. aus 87,5 Kohlenstoff und 12,5
Wasserstoff); sehr wahrscheinlich ist es aber ein Gemenge
verschiedenartiger Verbindungen. Das Kautschuk verbindet sich mit dem
Schwefel und bildet damit das =vulkanisirte Kautschuk= (s. unten).

[Sidenote: Lsungsmittel des Kautschuk.]

[Sidenote: Verarbeitung und Anwendung des Kautschuk.]

Das Kautschuk lst sich in weingeistfreiem Aether, in den durch trockne
Destillation des Kautschuks entstehenden Oelen, in einem hnlichen,
welches sich bei der Destillation der Steinkohlen bildet, in gereinigtem
Terpentin- und Steinl und in Schwefelkohlenstoff. Die Lsung in =Aether=
ist in technischer Beziehung nicht brauchbar, weil sie so wenig Kautschuk
enthlt, dass sie eine kaum bemerkbare Menge desselben hinterlsst. Mit
=Terpentinl= findet weniger ein Auflsen, als ein Aufquellen des
Kautschuks statt; um die Klebrigkeit der Oberflche dieser Lsung zu
beseitigen, stellt man aus 1 Th. Kautschuk und 11 Th. Terpentinl einen
dnnen Brei her und rhrt in diesen 1/2 Th. einer heissen concentrirten
Lsung von Schwefelkalium (K_{2}S_{5}) in Wasser ein; die so erhaltene
gelbe Flssigkeit hinterlsst das Kautschuk vollkommen elastisch und
nicht klebrig. Die Lsung in leichtem =Steinkohlentheerl= (sogenanntem
Benzol), sowie in den als Lampenl nicht verwendbaren Antheilen des
Petroleums, Photogens und Solarls eignet sich vorzugsweise, um Stcke
Kautschuk zu vereinigen; leider hngt solchen Gegenstnden der
unangenehme Geruch des Oeles lange Zeit an. Das vorzglichste
Lsungsmittel ist unstreitig der =Schwefelkohlenstoff=; diese Lsung
trocknet usserst schnell ein und hinterlsst das Kautschuk unverndert
und geruchlos. Wird dem Schwefelkohlenstoff eine kleine Menge Alkohol
beigemengt, so wirkt er nicht mehr auflsend auf Kautschuk, dagegen
bewirkt er eine solche Aufschwellung und Erweichung desselben, dass es in
diesem Zustande leicht vulkanisirt und gut verarbeitet werden kann. Der
Kautschuk dient zum Auswischen der Bleistiftstriche, zum Wegnehmen von
Schmutz auf Papier, zur Darstellung von Platten, Fden, Schnren, Rhren,
unter dem Namen _India-Rubber-Sponge_ als Schwammsurrogat, zur
Fabrikation wasserdichter Zeuge, zu Kitt und zur Darstellung von
vulkanisirtem und hornisirtem Kautschuk.

[Sidenote: Vulkanisirtes Kautschuk.]

  =Vulkanisiren des Kautschuks.= Wenn man Kautschuk lngere Zeit in
  geschmolzenen Schwefel taucht, so geht eine Art von Cementation vor
  sich, das Kautschuk nimmt Schwefel auf und verwandelt sich dadurch in
  eine gelbliche, ausserordentlich elastische Masse, in das =vulkanisirte
  Kautschuk=, welches von =Ldersdorff= und =Hancock= erfunden worden ist
  und in neuerer Zeit die ausgedehnteste Anwendung gefunden hat. Es hat
  folgende Eigenschaften: es behlt seine Elasticitt und Weichheit
  selbst bei niederer Temperatur bei, whrend das gewhnliche Kautschuk
  schon bei 3 hart und steif wird; es wird durch die gewhnlichen
  Lsungsmittel des Kautschuks nicht angegriffen; es widersteht endlich
  dem Zusammendrcken in hohem Grade. Das ltere Verfahren zum
  Vulkanisiren besteht darin, dnne Platten von Kautschuk in
  geschmolzenen, bis auf 120 erhitzten Schwefel zu tauchen, 10 bis 15
  Minuten darin zu lassen (wodurch sich das Gewicht des Kautschuks um
  10-15 Proc. vermehrt), sodann zwischen Cylindern tchtig durchzukneten
  und endlich noch bis auf 150 zu erhitzen. Um das Effloresciren von
  Schwefel zu vermeiden, das bisweilen auf dem nach dieser Methode
  vulkanisirten Kautschuk vorkommen soll, ist vorgeschlagen worden, das
  auf 100-120 erhitzte Kautschuk durch Kneten mit Kermes (rothem
  Schwefelantimon Sb_{2}S_{3}), oder einer Mischung von Schwefel mit
  Schwefelarsen zu vulkanisiren. Die jetzt fast allgemein angewendete
  Methode des Vulkanisirens ist die von =Parkes= in Birmingham, nach
  welcher man das Kautschuk in ein Gemenge von 40 Th. Schwefelkohlenstoff
  und 1 Th. Schwefelchlorr (vergl. S. 233) taucht und dasselbe sodann in
  einer bis auf 21 erwrmten Kammer aufhngt, bis aller
  Schwefelkohlenstoff verraucht ist. Darauf lsst man das Kautschuk zur
  Entfernung des nicht chemisch gebundenen Schwefels in einer aus 500
  Grm. Aetzkali und 10 Liter Wasser bestehenden Flssigkeit sieden und
  wscht dann, bis des ablaufende Wasser nicht mehr alkalisch reagirt.
  Seit einigen Jahren (1870) wird in den Kautschukfabriken nach dem
  Vorschlage von =Humphrey= statt des Schwefelkohlenstoffs hufig
  Petroleumther angewendet, welcher Chlorschwefel mit Leichtigkeit lst.
  =H. Gaultier de Claubry= (1860) vulkanisirt Kautschuk mittelst
  =Chlorkalk= und =Schwefel=. Mischt man trocknen Chlorkalk mit
  Schwefelblumen, so giebt sich die sofort eintretende Reaction durch
  einen Geruch nach Chlorschwefel zu erkennen. Hat man Schwefel und
  Chlorkalk, ohne zu reiben, blos gemischt, und ist Schwefel im
  Ueberschusse angewendet, so kann man mit dem Produkt Kautschuk
  vulkanisiren. In auf diese Weise vulkanisirtem Kautschuk, welches in
  der That, wie das vorhergehende Verfahren, auf die Anwendung von
  Chlorschwefel zurckkommt, findet sich Chlorcalcium. Ob =de Claubry='s
  Verfahren je Anwendung gefunden hat, ist zu bezweifeln. Das Verfahren
  von =Grard= besteht darin, das zu vulkanisirende Kautschuk 2-4 Stunden
  lang in eine Lsung von Fnffach-Schwefelkalium von 25-30 B. bei einer
  Temperatur von 150 (5 Atmosphren Druck entsprechend) zu bringen. Der
  Kautschuk wird hierbei vollstndig vulkanisirt und nach dem Waschen
  erscheint seine Oberflche glatt und fhlt sich sammethnlich an.
  Leider lsst sich dieses Verfahren nur auf kleine und dnne
  Kautschukgegenstnde anwenden. Eine Suerung des Kautschuks ist hierbei
  nicht zu befrchten. Das auf diese Weise vulkanisirte Kautschuk sieht
  schwarz aus und frbt nicht ab, wie das durch Eintauchen in Schwefel
  dargestellte. Die zu vulkanisirenden Gegenstnde werden zuerst aus
  gewhnlichem Kautschuk fertig gemacht, weil das vulkanisirte Kautschuk
  nicht klebt, auch nicht mit gewhnlicher Kautschuklsung
  zusammengeklebt werden kann. Man benutzt das vulkanisirte Kautschuk zu
  wasserdichten Gefssen, zu Flaschen zur Aufbewahrung des Aethers, zu
  Buchdruckerwalzen, zu Gasleitungsrhren, zu Spritzenschluchen, zu
  biegsamen Pfeifenrhren, zu Cigarrenspitzen, zu Eisenbahnpuffern,
  anstatt der bisher gebruchlichen Wagenfedern, zu Billardbanden
  u. s. w.

  =Hornisiren des Kautschuks.= Was seit dem Jahre 1852 unter der
  Benennung =hornisirtes Kautschuk= oder =Ebonit= vorkommt, ist eine von
  =Goodyear= entdeckte Modification des vulkanisirten Kautschuks, die
  sich durch braunschwarze oder auch schwarze Farbe, eine dem Horn oder
  Fischbein fast gleichkommende Hrte und Elasticitt auszeichnet und
  deshalb zu ganz andern Artikeln geeignet ist als das gewhnlich
  vulkanisirte Kautschuk, z. B. zu Kmmen aller Art, zu Schirmgriffen und
  Stockknpfen, zu Spazierstcken, Schirmrippen, Planchettes, die aber in
  Bezug auf Elasticitt und Steife dem Fischbein nicht gleichkommen,
  Federhaltern, Messerheften, Furnieren fr Mbelbekleidungen,
  Stethoskopen, Hrrhren, Flten und anderen Blasinstrumenten, Winkeln
  und Linealen, Schreibfedern u. s. w. u. s. w. Die Bereitung des
  hornisirten Kautschuks ist die nmliche wie die Fabrikation von
  vulkanisirtem Kautschuk. Die hornhnliche Beschaffenheit lsst sich
  zwar schon durch Steigerung des Schwefelzusatzes (auf 100 Th. Kautschuk
  30-60 Th. Schwefel) ohne andere Beimischungen erreichen; je mehr
  Schwefel incorporrirt wird, desto grsser ist die Hrte und desto
  geringer die Elasticitt der Masse, das vulkanisirte Kautschuk jedoch
  vertrgt Zustze von fremdartigen pulverfrmigen Stoffen, welche deren
  Hrte vermehren, theils auch die Farbe verndern und wohlfeilere
  Compositionen herzustellen gestatten. Zu den Zustzen, welche die Hrte
  und Elasticitt des Produktes erhhen, gehren Gutta Percha und
  Schellack, zur zweiten Klasse gehren Kreide, Schwerspathpulver,
  Barytweiss, Gyps, gebrannte Magnesia, Thon, erdige Farbstoffe,
  Schwefelantimon, Schwefelblei, Schwefelzink, Asphalt aus
  Steinkohlentheer u. s. w. Der Zusatz betrgt zuweilen bis zu 80 Proc.
  der Masse. Das hornisirte Kautschuk zeichnet sich durch einen hohen
  Grad von Politurfhigkeit aus und besitzt vor dem Horn, namentlich in
  seiner Benutzung zu Kmmen und hnlichen Gegenstnden, den Vorzug, dass
  es beim Reinigen im warmen Wasser nicht wie das Horn rauh wird, auch
  nach lngerem Gebrauche seine Elasticitt beibehlt. Mit Sand, Quarz,
  Feuerstein, Smirgel etc. gemengtes vulkanisirtes Kautschuk dient seit
  einer Reihe von Jahren zur Fabrikation knstlicher Schleifsteine und
  Wetzsteine zum Schrfen der Sensen und Sicheln.

[Sidenote: Produktion und Consumtion des Kautschuk.]

Die =Produktion= des Kautschuks betrgt jhrlich (1870) gegen 120,000
Ctr., davon kommen auf

               Java                            60,000 Ctr.
               Para                            35,000  "
               Guatemala, Carthagena           23,000  "
               Venezuela, Neu-Granada, Afrika   2,000  "
                                              ------------
                                              120,000 Ctr.

Die =Consumtion= vertheilt sich auf folgende Lnder:

                        Nordamerika   35,000 Ctr.
                        England       25,000  "
                        Frankreich    35,000  "
                        Deutschland   25,000  "
                                     ------------
                                     120,000 Ctr.

[Sidenote: Gutta Percha.]

Die =Gutta Percha= oder das =plastische Gummi= (Gummi plasticum,
Tubangummi, Gettaniagummi) ist ein dem Kautschuk in vieler Beziehung
hnlicher eingetrockneter Milchsaft der _Isonandra Gutta_, eines an den
Ufern der Meerenge von Malacca, auf Borneo, in Singapore und den
benachbarten Gegenden wachsenden Baumes. Zur Gewinnung der Gutta Percha
macht man Einschnitte in die Bume, oder fllt und schlt dieselben; der
ausfliessende Milchsaft wird in Trgen und in Gruben, oder auf Blttern
des Bananenbaums aufgesammelt und coaguliren gelassen. Die einzelnen
Stcke der Gutta Percha werden in heissem Wasser erweicht und dann durch
Pressen zu einem Ganzen vereinigt. Die rohe Gutta Percha erscheint, so
wie sie in den Handel kommt, als eine trockene, rthlich marmorirte
Masse, die zusammengeballten Lederschnitzeln nicht unhnlich ist. Sie
enthlt viele Unreinigkeiten, Sand, rothe Substanz, Rindentheile u. s. w.
Die reine Gutta Percha ist fast weiss; die braune Farbe wird durch
quellsatzsaure Salze von Magnesia, Ammoniak, etwas Kali und Spuren von
Manganoxydul verursacht. Die Gutta Percha ist ein Gemenge mehrerer
sauerstoffhaltiger Harze, die Oxydationsprodukte eines
Kohlenwasserstoffes von der Formel C_{20}H_{60} zu sein scheinen. =Payen=
fand die Gutta Percha bestehend aus reiner Gutta 75-80 Th., einem weissen
krystallisirbaren Harz, Alban, 14-16 Th. und einem gelben amorphen Harz,
Fluavil, 4-6 Th. Vor der Verarbeitung wird die Gutta Percha durch
Erweichen, Kneten zwischen Walzen und Pressen gereinigt. Die gereinigte
Masse erscheint von brauner Farbe, ist in dicken Stcken undurchsichtig
und in dnnen Blttchen wie Horn durchscheinend. Bei gewhnlicher
Temperatur ist sie zhe, sehr steif, wenig elastisch und wenig dehnbar.
Man hat gefunden, dass jeder Quadratzoll des Durchschnittes eines Riemens
von Gutta Percha mit 1872 Kilogr. belastet werden musste, ehe er riss.
Das spec. Gewicht ist 0,979. Bei 50 wird die Gutta Percha weich, bei
70-80 leicht knetbar und formbar, so dass bei dieser Temperatur, zwei
Stcke an einander gedrckt, sich vollkommen zu einem Stck vereinigen.
In der Wrme lsst sie sich leicht auswalzen, zu Fden ziehen und auch
mit Kautschuk zusammenkneten.

[Sidenote: Lsungsmittel der Gutta Percha.]

  Die Gutta Percha ist in Wasser, Weingeist, verdnnten Suren und
  Alkalilsungen unlslich, in erwrmtem Terpentinl,
  Schwefelkohlenstoff, Chloroform, Steinkohlentheerl und Kautschukl zu
  einer dicklichen Flssigkeit auflslich. Durch Aether und therische
  Oele schwillt die Gutta Percha an und bildet einen zhen Teig. In
  siedendem Wasser wird die Gutta Percha weich, die Stcke quellen auf
  und werden klebrig und fadenziehend, wobei sie einige Procente Wasser
  aufnehmen, was sie sehr langsam wieder abgeben. Im getrockneten
  Zustande ist die Gutta Percha ein sehr guter Isolator fr die
  Elektricitt.

[Sidenote: Anwendung der Gutta Percha.]

  In den Haupteigenschaften hat die Natur gewissermaassen selbst den Weg
  zur Verarbeitung und den Kreis der Anwendungen angegeben. Und wirklich
  macht man von der Eigenschaft der Gutta Percha, in der Wrme
  schweissbar zu werden, Gebrauch um die zahlreichen Objecte
  darzustellen, die als Surrogate von Leder, Pappe und Papiermach, Holz,
  Papier, Metall u. dergl. zu dienen bestimmt sind und zwar in allen
  Fllen, wo es auf Undurchdringlichkeit gegen Wasser, Widerstand gegen
  Alkohol, Laugen und Suren u. dergl. ankommt und keine hhere
  Temperatur mitwirkt. Ehe man zur eigentlichen Verarbeitung schreitet,
  wird die Gutta Percha zunchst =gereinigt=. Zu dem Ende wird die rohe
  Gutta Percha mittelst einer Maschine klein zerschnitten, indem man
  zugleich Wasser dazu fliessen lsst (zuweilen unter Zusatz von Soda
  oder Chlorkalk als Reinigungsmittel), so dass die fremden Substanzen,
  wie Erde, Sand, Holz- und Rindenstckchen etc. abgesondert werden,
  whrend andererseits durch das Wasser die Erhitzung der zum Vertheilen
  dienenden Vorrichtung verhindert wird. Die so behandelte Substanz lsst
  man 24 Stunden in Wasser stehen, innerhalb welcher Zeit die fremden
  Krper sich zu Boden setzen, whrend die gereinigte Gutta Percha oben
  aufschwimmt und abgenommen wird. Nach dieser Behandlung kocht man die
  Substanz mit Wasser, so dass ihre Theilchen sich zusammenballen und
  lsst sie noch im erhitzten Zustande durch ein Walzwerk gehen, wodurch
  sie in Bltter verwandelt wird, die nun aus reiner Gutta Percha
  bestehen. Das Bearbeiten wird ohne Wasser, aber unter Mitwirkung von
  Wrme fortgesetzt und zwar in einem Knetapparat derselben Art, wie er
  zur Reinigung des Kautschuks Anwendung findet. Indem auf diese Weise
  die Gutta Percha in einen weichen und homogenen Teig umgewandelt wird,
  ist sie vollkommen vorbereitet, sofort jede beliebige Form anzunehmen.
  Man erzeugt daraus Platten bis zu 3 Centimeter Dicke und dnne Bltter
  von der Dicke des Schreibpapiers, indem man einen Klumpen gereinigter
  Gutta Percha zwischen hohlen eisernen, mit Dampf geheizten Walzen so
  ausstreckt, als ob es sich um die Blechfabrikation handelte. Rhren aus
  Gutta Percha werden aus der erwrmten Masse nach demselben Principe
  gepresst, nach welchem man aus Blei Bleirhren, aus nassem Thone
  Rhren, aus Mehlteig die Maccaroni, aus Graphitmasse die Bleistifte
  bildet. Mannichfache Gegenstnde lassen sich durch Einpressen von
  erweichter Gutta Percha in befeuchtete Formen von Holz (z. B.
  Holzschnitte, wenn es sich um die Herstellung von Clichs handelt),
  Metall etc. herstellen; zahlreiche Artikel lassen sich aus Platten
  bilden, indem man sie daraus zuschneidet, nach Bedrfniss ber einem
  Kerne oder einem Modelle presst. In dem durch Erwrmen bewirkten
  Zustande der Erweichung lassen sich alle Zusammenfgungen ohne
  Lthmittel, nur durch Aneinanderdrcken der betreffenden Stellen
  ausfhren; beabsichtigt man eine Verbindung nur an einzelnen Stellen,
  so ist es gengend, die zu vereinigenden Rnder mittelst eines
  Bgeleisens oder einer Gasflamme zu erweichen. Handelt es sich um die
  Befestigung der Gutta Percha auf Leder oder hnlichen Materialien, so
  wendet man als Leim am zweckmssigsten eine Lsung von Gutta Percha in
  Benzol an.

  Von den zahllosen Artikeln, zu welchen die Gutta Percha mit mehr oder
  minder gnstigem Erfolge bearbeitet wird, sind folgende zu nennen. Die
  Unvernderlichkeit der Gutta Percha in feuchter Luft, in welcher das
  Leder stockt und die Unempfindlichkeit gegen chemische Agentien wie
  Suren und Laugen, machen sie besonders geeignet zu Riemen zum
  Maschinenbetriebe, ferner zu Rhren fr Wasserleitungen, Pumpen,
  Schluchen, Spritzen, Liederungen, Sohlen u. s. w. Zu chirurgischen
  Zwecken hat sich die Vortrefflichkeit der Gutta Percha vollkommen
  bewhrt; die hieraus gefertigten Sonden, Bougies, Katheder u. s. w.
  haben viele Vorzge und werden daher viel gebraucht. Durch Formen,
  Prgen, Treiben, Giessen u. s. w. verfertigt man aus der Gutta Percha
  Karniese, Leisten, Tfelwerk, architektonische Verzierungen jeder Art,
  Rahmen, Messerhefte, Sbelgriffe, Spazierstcke, Peitschen, Knpfe,
  Koffer, Tabakdosen, Flaschen und Gefsse aller Art, Hhne, Heber,
  Trichter, Ueberzge fr Walzen zum Pressen und Appretiren, Bsten und
  Statuen, Matrizen zur Galvanoplastik u. s. w. Als ein Nichtleiter der
  Elektricitt eignet sich die Gutta Percha zum Ueberziehen der
  Telegraphendrhte in unterirdischen und submarinen Leitungen, nur darf
  dieser Ueberzug nicht direct mit Wasser oder feuchter Erde in Berhrung
  kommen, weil er sonst nach und nach Wasser aufnimmt und seine
  isolirende Eigenschaft einbsst; aus diesem Grunde pflegt man die mit
  Gutta Percha umkleideten Drhte noch ausserdem mit einer Metallhlle zu
  umgeben. Eine Eigenthmlichkeit der Gutta Percha ist, dass sie zuweilen
  durch jahrelanges Liegen ihre Geschmeidigkeit dergestalt verliert, dass
  sie zu Pulver zerrieben werden kann.

[Sidenote: Gemenge von Gutta Percha mit Kautschuk.]

  Hufig benutzt man jetzt ein Gemenge von 1 Th. Gutta Percha mit 2 Th.
  Kautschuk, das in Bezug auf seine Eigenschaften in der Mitte zwischen
  beiden Substanzen steht. Es kann auf hnliche Weise wie die Gutta
  Percha vulkanisirt werden. Ein Gemisch von gleichen Theilen Kautschuk-
  oder Gutta Percha-Abfllen mit Schwefel, das man mehrere Stunden lang
  einer Temperatur von 120 aussetzt, hat hnliche Eigenschaften wie
  Knochen, Horn u. s. w. Als Zusatz zu der Masse empfiehlt man Gyps,
  Harze, Bleiverbindungen u. s. w. Dieses Gemisch soll zur Anfertigung
  von Messerheften, Thrklinken, Knpfen u. s. w. dienen.

[Sidenote: Firniss.]

[Sidenote: Oelfirnisse.]

=Firnisse.= Unter =Firniss= versteht man eine Flssigkeit von l- oder
harzartiger Beschaffenheit, die zum Ueberziehen von Gegenstnden benutzt
wird, und auf denselben nach dem Trocknen einen dnnen Ueberzug
hinterlassen soll, der sie vor der Einwirkung der Luft und des Wassers
schtzt, und ihnen eine glatte glnzende, zur Verzierung dienende
Oberflche giebt. Man unterscheidet =Oel=-, =Weingeist=- und
=Terpentinlfirnisse=. Zur Darstellung der Oelfirnisse wendet man
gewhnlich Leinl, seltener und nur fr einzelne Zwecke Mohn- und Nussl
an. Das Leinl besitzt die Eigenschaft, an der Luft allmlig zu einer
zhen durchsichtigen Masse auszutrocknen; es findet dies aber nur sehr
langsam und unvollstndig statt. Die Eigenschaft tritt weit vollkommener
hervor, wenn das Oel vorher lngere Zeit bei Zutritt der Luft unter
Zusatz gewisser oxydirender Mittel einer hheren Temperatur ausgesetzt
wird. Das Trocknen des Oelfirniss geht nicht vor sich durch Ausdnstung,
sondern dadurch, dass der Firniss Sauerstoff aufnimmt und sich in eine
feste Substanz verwandelt; je schneller diese Oxydation vor sich geht,
desto vorzglicher ist der Firniss. Diese Erfahrung hat gelehrt, dass die
Oxydation um so schneller fortschreitet, je strker sie eingeleitet
worden ist. Man pflegt deshalb die Umwandelung des Leinls in Firniss
dadurch zu bewirken, dass man das Oel mit solchen Krpern erhitzt, die
Sauerstoff abgeben knnen, die ferner die Eigenschaft haben, die in dem
Oel befindlichen Unreinigkeiten zu binden oder zu zerstren. Derartige
Krper sind Bleigltte, Zinkoxyd, Braunstein, Salpetersure u. s. w. Am
vortheilhaftesten geschieht =die Darstellung des Leinlfirniss= durch
Erwrmen des Leinles im Wasserbade, unter Zusatz der erwhnten Oxyde;
diese Oxyde senkt man zweckmssig in grblich gepulvertem Zustande (man
rechnet 1 Th. der beiden erstgenannten Oxyde auf 16 Th. Oel, 1 Th.
Braunstein auf 10 Th. Oel), in leinene Beutel gefllt in das im Kessel
befindliche Oel ein. Sie lsen sich zum Theil als lsaure Oxyde auf,
theils verbinden sie sich mit den im Oele enthaltenen Unreinigkeiten und
bilden mit denselben einen Bodensatz. Nicht unwahrscheinlich ist es auch,
dass namentlich die Bleigltte und das Zinkoxyd als Zusatz bei der
Firnissbereitung dazu dienen sollen, die Fettigkeit das in dem Oel
enthaltenen Palmitins zu zerstren, indem sie mit der Palmitinsure ein
Pflaster, eine trockne, harzige Substanz bilden. Die Anwendung des
Zinksulfates beim Sieden des Firniss scheint nicht den beabsichtigten
Nutzen zu haben. Brotrinden, Zwiebeln, Mohrrben, die man hufig dem Oel
whrend des Siedens zusetzt, haben den einzigen Nutzen, dass sie durch
ihr Braunwerden, bis zu dessen Erscheinen man das Oel zu sieden pflegt,
die Beendigung des Siedeprocesses anzeigen. Ein Leinlfirniss, der, wie
es jetzt hufig geschieht, mit Zinkweiss angerieben wird, darf kein
Bleioxyd enthalten. Als Trockenmittel (Siccativ) zur Anwendung des
Zinkweiss als Anstrichfarbe wendet man mit Braunstein bereiteten
Oelfirniss an. Je niedriger die Temperatur beim Firnisssieden war, desto
heller ist die Farbe des Firniss. Fr Firnisse, bei denen helle Farbe
Erforderniss ist, wendet man nach dem Sieden folgendes Bleichverfahren
an. Man bringt den Firniss in etwa 10 Centim. hohe, hinreichend lange und
breite Ksten von Blech oder noch besser von Blei, deren Deckel durch
eine Glasplatte gebildet wird, und setzt denselben darin einen Sommer
lang der Einwirkung der Sonnenstrahlen aus. =v. Liebig= hat folgende
Vorschrift zur Bereitung eines hellen Firniss gegeben: Man mengt 10
Kilogr. Leinl mit 300 Grm. fein geriebener Bleigltte, setzt dann 600
Grm. Bleiessig hinzu und schttelt stark um, nach einiger Zeit hat sich
die Bleigltte mit dem Bleiessig abgesetzt und man hat einen leicht
trocknenden Firniss von weisser Farbe. Nach =Barruel= und =Jean= wird die
Verharzung des Leinls durch Manganborat befrdert; 1 Th. desselben soll
zur schnellen Trocknung von 1000 Th. Oel ausreichen.

[Sidenote: Tapetenfirniss.]

  Der zur Befestigung von Gold oder Tuchscheererwolle auf Tapeten etc.
  angewendete Firniss ist eine Auflsung von Leinlbleipflaster oder
  Terpentinl, die man darstellt, indem man Leinl mit Kali- oder
  Natronlauge verseift, den mit Wasser verdnnten Seifenleim mit
  Bleiessig fllt und die aus Bleipflaster bestehende klebrige Masse in
  der hinlnglichen Menge Terpentinl auflst.

[Sidenote: Druckerschwrze.]

  Die =Druckerschwrze=, welche zum Druck von Bchern, Lithographien,
  Kupferstichen u. s. w. Anwendung findet, ist nichts als ein sehr
  consistenter, schnell trocknender Oelfirniss, der mit Russ oder Kohle
  im Zustande feinster Zertheilung vermischt worden ist. Zur Darstellung
  erhitzt man Lein- oder Nussl ber freiem Feuer in kupfernen Kesseln,
  die zur Hlfte damit angefllt sind, bis ber seinen Siedepunkt, wobei
  sich viele brennbare, unangenehm riechende Dmpfe entwickeln. Frher
  pflegte man die Dmpfe zu entznden, jetzt soll man es zuweilen
  vorziehen, das Erhitzen in mit Helm versehenen Blasen vorzunehmen. Da
  hierbei die Farbe des Firniss etwas Unwesentliches ist, so braucht das
  Oel nur lngere Zeit bei stark erhhter Temperatur behandelt zu werden,
  bis es so dickflssig geworden ist, dass es schumt und steigt und
  einen grauen Rauch von sich giebt. Wenn eine Probe auf einem kalten
  Teller eine dickliche Beschaffenheit zeigt, und sich zwischen den
  Fingern in Fden ziehen lsst, so ist der Firniss zu seiner Anwendung
  tauglich. In diesem Zustande trocknet der Firniss mit etwa 16 Proc.
  Kienruss abgerieben, leicht und schnell. Ist derselbe nicht hinlnglich
  gekocht, so luft die damit gedruckte Schrift aus, es ziehen sich
  Oeltheile in das Papier und die Schrift erscheint mit einem gelben
  Rande und frbt sich ab. Fr die zum Buchdruck bestimmte Schwrze ist
  ein Zusatz von Seife unerlsslich; es enthlt die Druckschwrze die
  Eigenschaft, von befeuchtetem Papier rein von den Lettern weggenommen
  zu werden, wodurch das unangenehme Schmieren umgangen wird. Soll der
  Druck nicht schwarz sein, sondern roth, blau etc., so vermischt man den
  Firniss mit Zinnober, mit Pariserblau, Indig u. s. w. Fr den
  =Steindruck= muss der Firniss consistenter sein, als fr den
  Bcherdruck. Die =Kupferdruckschwrze= ist ein Gemisch von steifem
  Firniss mit Frankfurter Schwarz.

[Sidenote: Oellackfirnisse.]

Die =Oellackfirnisse= (fette Firnisse) sind Auflsungen von Harzen in
Leinlfirniss, die gewhnlich mit Terpentinl, Benzol oder Petroleum
verdnnt werden. Von den Harzen wendet man Bernstein, Copal, Animeharz,
Dammarharz und Asphalt an. Um diese Firnisse darzustellen, schmilzt man
den Bernstein oder den Copal in einem Kessel ber gelindem Kohlenfeuer in
einem derartig construirten Ofen, dass der Kessel nur wenig in den Herd
hineinreicht und das Feuer nur den Boden des Kessels berhrt. Nachdem das
Harz geschmolzen ist, giesst man die erforderliche Menge siedenden
Leinlfirnisses in den Kessel, der aber hchstens bis zu 2/3 angefllt
sein darf und lsst das Gemisch ungefhr 10 Minuten lang sieden. Darauf
nimmt man den Kessel vom Feuer, lsst ihn bis auf ungefhr 140 abkhlen
und setzt dann die nthige Menge Terpentinl hinzu. Die
Gewichtsverhltnisse sind 10 Th. Copal oder Bernstein, 20-30 Th.
Oelfirniss, 25-30 Th. Terpentinl. Schwarzen Asphaltfirniss erhlt man
durch gleiche Behandlung mit 3 Th. Asphalt, 4 Th. Firniss, 15-18 Th.
Terpentinl.

  Der dunkle Bernsteinfirniss wird nicht aus dem Bernstein, sondern aus
  dem Rckstand, dem Bernsteincolophonium, bereitet, der bei der
  Destillation des Bernsteinles und der Bernsteinsure in dem
  Destillirgefsse zurckbleibt. Die Oellackfirnisse sind die festesten
  und dauerhaftesten Firnisse; sie trocknen aber etwas langsam und sind
  stets mehr oder minder gefrbt.

[Sidenote: Terpentinlfirniss.]

Die =Weingeistlackfirnisse= sind Auflsungen gewisser Harze, wie
Sandarac, Mastix, Dammar, Gummilack, Anime u. s. w. in Alkohol (in
neuerer Zeit wendet man als Lsungsmittel der Harze auch Holzgeist,
Aceton [nach =Wiederhold='s Vorschlgen], Benzol oder Benzin, Photogen,
Petroleum und Petroleumther an; auch der Schwefelkohlenstoff ist zum
Auflsen der Harze beachtenswerth). Eigenschaften eines guten
Weingeistlackfirniss sind: schnell zu trocknen, eine glnzende Oberflche
zu bilden, fest zu haften und weder zu sprde, noch zu klebend zu sein.
Der Name =Lackfirniss= oder =Lack= ist von der Auflsung des Gummilacks,
als des gebruchlichsten Harzes, auf alle Harzfirnisse bertragen worden.
Man wendet einen starken, mindestens 92procentigen Weingeist an. Die
Auflsung der gepulverten Harze wird dadurch befrdert, dass man sie mit
einem Drittheil ihres Gewichten grob gepulverten Glases vermischt. Um den
Ueberzug weniger sprd zu machen, setzt man meist Terpentin hinzu.
=Sandaracfirniss= erhlt man durch Auflsen von 10 Th. Sandarac, 1 Th.
venetianischem Terpentin in 30 Th. Weingeist. Dauerhafter ist der
=Schellackfirniss=, den man durch Auflsen von 1 Th. Schellack in 3-5 Th.
Weingeist darstellt. Die =Schreinerpolitur= ist eine Auflsung von
Schellack in vielem Weingeist, die, wenn sie auf weisses Holz angewendet
werden soll, durch Filtration durch Thierkohle entfrbt wird. Der
=Copalfirniss= bertrifft an Hrte und Dauerhaftigkeit den
Schellackfirniss. Zu seiner Darstellung wird der Copal vorher
geschmolzen, wobei aber nicht vermieden werden kann, dass er sich dabei
mehr oder weniger frbt; der geschmolzene Copal wird gepulvert, mit Sand
gemengt, mit starkem Weingeist bergossen, im Wasserbade lngere Zeit im
Sieden erhalten und die Lsung sodann filtrirt. Damit der Firniss etwas
weicher werde, mischt man etwas Terpentin oder eine Auflsung von
Elemiharz hinzu. Um farblosen Copalfirniss zu erhalten, bringt man 6
Kilogr. zerstossenen Copal in einem gut verschlossenen Gefsse in eine
Mischung von 6 Kilogr. Weingeist von 98 Tralles, 4 Kilogr. Terpentinl
und 1 Kilogr. Aether und erwrmt gelinde. Die Auflsung des Copals
erfolgt sogleich und der erhaltene Firniss wird durch freiwilliges
Absetzen geklrt.

[Sidenote: Gefrbte Weingeistlackfirnisse.]

  Um gefrbte Lackfirnisse zu erhalten, die man benutzt, um feine
  Gegenstnde aus Messing und Tombak vor dem Anlaufen durch die Luft,
  durch Angreifen u. s. w. zu schtzen, um ferner derartigen Waaren eine
  schnere goldhnliche Farbe zu ertheilen, die auch benutzt werden
  knnen, um Zinn, Weissblech, selbst Eisen ein entfernt goldhnliches
  Ansehen zu geben, wendet man die sogenannten =Goldfirnisse= an, die am
  zweckmssigsten auf folgende Weise dargestellt werden. Man bereitet
  sich getrennte weingeistige Auszge von Gummigutt und Drachenblut
  (neuerdings auch von Fuchsin und Pikrinsure oder Martiusgelb oder von
  Corallin und hnlichen aus dem Theer erhaltenen Farben) und setzt diese
  versuchsweise zu einem Lackfirniss, der aus 2 Th. Krnerlack, 4 Th.
  Sandarac, 4 Th. Elemiharz, 40 Th. Weingeist erhalten worden ist, bis
  man die gewnschte Farbe erreicht hat.

[Sidenote: Terpentinllackfirnisse.]

Die =Terpentinllackfirnisse= werden auf dieselbe Weise wie die
Weingeistlackfirnisse dargestellt. Sie trocknen langsamer, sind aber
dagegen weniger sprde, geschmeidiger und haltbarer. Den gewhnlichsten
Terpentinllackfirniss stellt man durch Auflsen von Fichtenharz in
Terpentinl dar; er ist jedoch wenig dauerhaft und erhlt nach einiger
Zeit Risse. Der =Copalfirniss= mit Terpentinl wird entweder mit
ungeschmolzenem oder mit geschmolzenem Copal dargestellt; der auf
letztere Weise erhaltene Firniss ist gefrbt. Der ungeschmolzene Copal
wird am besten mit Terpentinl behandelt, indem man letzteres in
Glaskolben im Sandbade erhitzt, und den Copal in leinene Sckchen
gebunden ber dem Oel aufhngt. Der durch die heissen Terpentinldmpfe
gelste Copal tropft in das Oel herab und verdnnt sich damit. Der mit
Terpentinl dargestellte =Dammarlackfirniss= ist ein jetzt hufig
angewendeter, nicht sehr dauerhafter, aber farbloser Lackfirniss. Zu
seiner Darstellung wird ausgesuchtes Dammarharz in grblich gepulvertem
Zustande lngere Zeit erwrmt, um es vollstndig zu trocknen und dann in
der 3-4fachen Gewichtsmenge Terpentinl gelst. =Grnen
Terpentinllackfirniss= stellt man dar, indem man Sandarac oder Mastix in
concentrirter Kalilauge auflst, mit Wasser verdnnt und die Flssigkeit
durch Kupferacetat niederschlgt; der Niederschlag wird getrocknet und in
Terpentinl aufgelst.

[Sidenote: Schleifen u. Poliren des getrockneten Lackfirniss.]

  Um die Gltte der Lackirung, namentlich auf Metallwaaren zu erhhen und
  einen spiegelhnlichen Glanz hervorzubringen, pflegt man den
  vollstndig getrockneten Lackfirniss zu schleifen und zu poliren. Das
  Schleifen wird durch Abreiben mit Filz, der befeuchtet in fein
  geschlemmtes Bimssteinpulver getaucht ist, vorgenommen, das Poliren
  vermittelst geschlmmten Tripels und Olivenls, zuletzt zur
  vollstndigen Entfernung des Oeles durch Reiben mit Weizenstrkemehl.

  Anstatt der gewhnlichen Firnisse und Lacke hat man in der neueren Zeit
  angefangen, Auflsungen von Schiessbaumwolle in weingeisthaltigem
  Aether (Collodium) und Wasserglaslsungen zur Erzeugung glashnlicher
  glnzender Ueberzge anzuwenden. Auch eine Lsung von Schellack in
  Ammoniak ist (von =C. Puscher=) als eine firnisshnliche Flssigkeit,
  namentlich zu wasserdichten Anstrichen empfohlen worden.

[Sidenote: v. Pettenkofer's Regenerationsverfahren.]

  Es drfte hier der Ort sein, =v. Pettenkofer='s
  =Regenerationsverfahren= fr Oelgemlde zu gedenken. Die Beobachtung
  hat gelehrt, dass das vernderte Aussehen, welches man nach Verlauf
  einiger Jahre an gefirnissten Oelgemlden bemerkt, in den meisten
  Fllen durch physische Einflsse veranlasst wird. Die Zeit verursacht
  auf diesen Gemlden eine Unterbrechung der Molecularcohsion. Der
  Process beginnt auf der Oberflche mit mikroskopischen Ritzen im
  Firniss und dringt nach und nach durch die verschiedenen
  Farbenschichten bis auf den Grund hinab. Die Oberflche und der Krper
  eines solchen Bildes wird im Laufe der Zeit innig mit Luft gemischt und
  reflectirt dann das Licht wie Glaspulver. Um die getrennten Molekle
  ohne alle Gefahr fr das Original wieder zu vereinigen, setzt man in
  einem geeigneten Apparate das Gemlde einer Atmosphre aus, welche sich
  bei gewhnlicher Temperatur mit Alkohol gesttigt hat. Der optische
  Effect des Originals wird so auf ganz selbstthtigem Wege hergestellt,
  indem das Gemlde gar nicht berhrt wird. Die sehr geringe Menge des
  absorbirten Alkohols verdunstet sehr bald, wenn man das Gemlde der
  Luft aussetzt, und die Oberflche desselben bleibt dann ebenso lange
  klar wie eine frisch gefirnisste.


                                 Kitte.

[Sidenote: Kitte.]

Mit dem Namen =Kitt= bezeichnet man Mischungen, welche im brei- oder
teigartigen Zustande zwischen die einander genherten Krperflchen
gebracht, dieselben nach dem Erhrten fest mit einander verbinden. Nach
dieser allgemeinen Definition umfasst das Kitten auch das Leimen von
Holz, Kleistern von Papier, welche indessen gewhnlich Gegenstand
besonderer Betrachtung sind, und schliesst nur das Lthen aus. Von einem
guten Kitt, der fr den speciellen Zweck zusammengesetzt sein muss, denn
einen Universalkitt giebt es nicht, verlangt man, dass er sich vollkommen
mit den Flchen, welche er verbinden soll, vereinigt, dicht an dieselben
anschliesst und nach dem Erhrten in sich selbst so viel Zusammenhang
erlangt, dass er den trennenden Einwirkungen, denen er ausgesetzt wird,
zu widerstehen im Stande ist. Diese Substanzen, aus denen der Kitt
zusammengesetzt wird, sind verschieden und richten sich nach der Natur
der Flchen, deren Vereinigung man beabsichtigt, und nach den Einflssen,
denen die zu verbindenden Theile unterliegen und widerstehen sollen. Die
Vorschriften zur Bereitung von Kitten sind unzhlige; die meisten
derselben knnen jedoch in einige Hauptabtheilungen gebracht werden,
wenn man den wesentlichen Bestandtheil eines Kittes als Eintheilungsgrund
gelten lsst. Hiernach hat man zu unterscheiden: 1) Kalkkitte, 2)
Oelkitte, 3) Harz- und Schwefelkitte, 4) Eisenkitte, 5) Strkekitte,
6) Kitte von geringerer Bedeutung wie Wasserglaskitte, Chlorzinkkitte und
dergl.

[Sidenote: Kalkkitte.]

Gelschter Kalk bildet mit Casen, Eiweiss, arabischem Gummi und Leim
Massen, die nach einiger Zeit eine bedeutende Festigkeit erlangen und zum
Kitten der verschiedenartigsten Krper von Holz, Stein, Metall, Glas,
Porcellan und dergl. geeignet sind.

  Den =Casenkitt= kann man auf verschiedene Weise bereiten. Nach dem
  gewhnlichen Verfahren zerreibt man frischen Kse, von welchem man die
  Molken abgepresst hat (Quark und Ksematte), auf einem Reibstein und
  setzt nach und nach zu Pulver zerfallenen gelschten Kalk zu, wodurch
  eine zhe Masse sich bildet, welche, weil sie schnell erhrtet,
  mglichst bald zu verwenden ist. Auch ohne Kalk giebt das Casen einen
  gut bindenden Kitt, wenn man dasselbe in eine Lsung von Kali- oder
  Natronbicarbonat lst und die Flssigkeit bis zur gehrigen Consistenz
  abdampft. Durch Auflsen von Casen in kalt gesttigter Boraxlsung
  erhlt man eine klare dickliche Flssigkeit, welche sich durch hohes
  Klebvermgen auszeichnet und darin eine Lsung von arabischem Gummi
  weit bertrifft. Eine Auflsung von Casen in Wasserglas ist als
  =Porcellan=- und =Glaskitt= zu empfehlen. Zum Kitten von Stein, Metall,
  Holz u. s. w., oder zum Ausfllen von Fugen, wo der Kitt mehr Krper
  haben muss, wird das Gemisch aus Casen und Kalk noch mit Cmentpulver
  (auf 1 Kilogr. frisches Casen, 1 Kilogr. gebrannter Kalk und 3 Kilogr.
  Cment) versetzt. Einen dem Casen hnlichen Kitt liefert der durch
  Fulniss vernderte Kleber, welcher von =Hannon= neuerdings zum Kitten
  von Steingut, Porcellan, Glas, Perlmutter und dergl. empfohlen worden
  ist.

[Sidenote: Oelkitte.]

Der wesentliche Bestandtheil der =Oelkitte= ist ein trocknendes Oel, am
besten in Gestalt von Oelfirniss. Diese Kitte widerstehen grsstentheils
der Einwirkung des Wassers.

  Der Leinlfirniss, so wie der fette Copallack knnen zwar schon an und
  fr sich als Kitt Anwendung finden, wenn es sich um das Kitten von
  Glas- und Porcellangegenstnden handelt; sie haben aber das
  Unangenehme, erst nach Wochen, ja selbst Monaten vollstndig zu
  erhrten und sind daher nur selten zu benutzen. Mit Bleiweiss,
  Bleigltte oder Mennige gemischt, trocknen sie zwar schneller,
  vollstndig jedoch immer erst nach einigen Wochen. Verwendet man diesen
  Kitt in grsseren Quantitten, so mischt man Oelfirniss mit einem
  Gemenge von 10 Proc. Bleigltte und 90 Proc. Schlmmkreide oder statt
  letzterer zu Pulver gelschten Kalkes; anstatt der Bleigltte lsst
  sich auch Zinkweiss anwenden. Man bedient sich dieses Kittes zur
  Verbindung von Steinen und Ziegeln bei Wasserreservoirs, Terrassen
  u. s. w. Vor dem Gebrauche wird er angewrmt, damit er dnnflssiger
  wird, sich in die Fugen besser einlegt und rascher trocknet.
  =Stephenson= benutzt als Kitt fr Dampfrhren und dergleichen, welcher
  vortrefflich hlt, ein Gemenge von 2 Th. Bleigltte, 1 Th. zu Pulver
  gelschtem Kalk und 1 Th. Sand, das mit heissem Leinlfirniss innig
  gemengt wird. Durch Auflsen von Thonerdeseife (durch Fllen von
  Alaunlsung mit Natronseife erhalten) in erwrmtem Leinlfirniss erhlt
  man nach =Varrentrapp= einen leicht zu verstreichenden und
  wasserdichten Kitt, der besonders als Steinkitt geeignet erscheint. Der
  =Glaserkitt=, welcher zum Befestigen der Fensterscheiben in die
  Holzrahmen dient, wird durch Zusammenstossen von Kreide und
  Leinlfirniss erhalten, bis sich eine teigartige, sehr zusammenhngende
  und nicht brckelnde Masse gebildet hat. Nimmt man ungekochtes Leinl,
  so erhrtet er usserst langsam, erlangt aber nach Jahren eine solche
  Festigkeit, so dass er nur schwierig von den Glastafeln getrennt werden
  kann. In Blasen eingebunden oder in mit Oel getrnkten Tchern
  eingeschlagen, kann der Glaserkitt lngere Zeit unverndert aufbewahrt
  werden. Ein schnell erhrtender Kitt fr Gefsse mit flchtigen Stoffen
  ist der von =Hirzel= vorgeschlagene =Glycerinkitt=, ein Gemisch von
  Glycerin mit Bleigltte, der auch (nach =Pollack=) ein vortreffliches
  Mittel ist zum Dichten von Eisen auf Eisen, zum Verkitten von
  Steinarbeiten, so wie zum Verkitten von Eisen in Stein.

[Sidenote: Harzkitte.]

Zu denjenigen Kitten, die am hufigsten Anwendung finden, gehren
unstreitig die =Harzkitte=, deren wirksamer Bestandtheil ein Harz ist,
welches im geschmolzenen Zustande zwischen die zu verbindenden Flchen
gebracht wird, und nach dem Erkalten und Erhrten die Verbindung
derselben sofort bewirkt. Vor den Oelkitten, mit welchen sie die
Wasserdichtigkeit gemein haben, besitzen sie den grossen Vorzug, dass sie
sogleich hart sind, dagegen leiden sie zum grossen Theile an dem Fehler,
dass sie keine hhere Temperatur ertragen, ohne zu erweichen, und an der
Luft, und namentlich dem Sonnenlichte ausgesetzt, mit der Zeit so sprde
werden, dass sie durch geringe Reibung schon als Pulver abfallen.

  Zum Kitten von Glas- und Porcellangegenstnden finden Harze allein,
  namentlich Sandarac und Mastix allein Anwendung, wozu sie sich in Folge
  ihrer Farblosigkeit und ihrer leichten Schmelzbarkeit wegen besonders
  gut eignen. Bei ihrer Anwendung trgt man das feine Pulver dieser Harze
  mit einem Pinsel auf die zu verbindenden Flchen auf und erwrmt nun
  bis zum Schmelzen der Harze ber Kohlenfeuer, worauf man die Flchen
  rasch an einander drckt. Grssere Beachtung, als sie bisher gefunden
  haben, verdienen die von =Lampadius= schon im Jahre 1828
  vorgeschlagenen =Harzkitte=. Einer derselben besteht aus einer
  Auflsung von 1 Th. geschmolzenem Bernstein in 1,5 Th.
  Schwefelkohlenstoff, welcher als ein vortrefflicher Schnellkitt zu
  betrachten ist; man braucht von der Lsung nur etwas mit einem Pinsel
  auf die Rnder der zu kittenden Gegenstnde zu streichen, und dieselben
  an einander zu drcken, wobei der Kitt unter den Hnden trocknet. Auch
  eine Auflsung von Mastix in Schwefelkohlenstoff ist als Kitt
  verwendbar. Schellack ist als Harzkitt wenig geeignet; er ist in der
  Klte zu sprde und zieht sich sehr stark zusammen; ersterer Uebelstand
  lsst sich durch Zusatz von etwas Terpentin heben, letzterer durch
  Zusatz von erdigen Pulvern, daher ist gutes Siegellack als Kitt im
  Ganzen brauchbarer als Schellack fr sich. Holz lsst sich durch
  geschmolzenen Schellack nicht dauerhaft verbinden; legt man aber
  zwischen zwei mit dickem Schellackfirniss bestrichene Holzstcke ein
  damit getrnktes Stck Musselin, so haften dieselben sehr fest. Im
  Grossen finden die Harzkitte hufig zum Auskitten von Wasserbehltern,
  Terrassen, zur Abhaltung von Feuchtigkeit und dergl. Anwendung. Man
  verwendet dazu Pech oder Colophonium, in neuerer Zeit fast durchgngig
  Asphalt, theils fr sich mit Cment versetzt, theils mit Schwefel
  gemischt, wenn eine grssere Hrte wnschenswerth erscheint, theils mit
  Terpentin oder Theer versetzt, wenn man den Kitt minder hart oder
  sprde haben will.

  Der von dem Englnder =Jeffery= herrhrende =Marineleim= (marine-glue)
  wird dargestellt, indem man Kautschuk in der 12fachen Gewichtsmenge
  Steinkohlentheerl auflst und die Lsung mit dem doppelten Gewichte
  Asphalt oder Gummilack oder beiden versetzt, die Mischung erwrmt und
  durch Umrhren gleichfrmig macht. Es giebt zwei Sorten Marineleim,
  einen harten und einen flssigen, ersterer wird hauptschlich zum
  Aneinanderleimen der Hlzer, Anbolzen von Zimmerwerk mit Holz oder
  Eisen, zum Kalfatern der Schiffe, anstatt des Schiffstheeres und zum
  Anfllen der Risse und der Spalten des Holzes, welche man vor
  Feuchtigkeit bewahren will u. s. w. angewendet. Den flssigen
  Marineleim, welchen man durch Zusatz einer grsseren Menge des
  Lsungsmittel erhlt, verwendet man zum Ueberziehen von Holz, Gyps,
  Metallflchen, zum Bestreichen der Leinwand, Taue, Rhren und dergl.
  Bei der Unlslichkeit des Seeleimes in Wasser, seiner grossen
  Festigkeit und Adhsion und seiner Unvernderlichkeit bei niederer und
  hoher Lufttemperatur, bei welcher er weder sehr weich, noch sprde
  wird, ist der Marineleim nicht nur fr die Marine, sondern auch fr
  Landbauten ein sehr beachtenswertes Produkt. Den Harzkitten schliesst
  sich der =Zeiodelit=, aus 19 Th. Schwefel und 42 Th. Glas- oder
  Steinzeugpulver bestehend an; diese Mischung, bis zum Schmelzen des
  Schwefels erhitzt, lsst sich zur Verbindung von Steinen, statt
  hydraulischen Mrtels etc. benutzen. =R. Bttger= stellt den Zeiodelit
  durch Eintragen von Infusorienerde mit etwas Graphit untermischt in
  eine gleiche Gewichtsmenge geschmolzenen dnnflssigen Schwefels dar.
  Die von =Merrick= dargestellte Mischung gleicher Theile Gummilack und
  fein zertheilter Kieselerde -- unter dem Namen =Diatit= angewendet --
  reiht sich gleichfalls den Harzkitten an.

[Sidenote: Eisenkitte.]

Unter den vielen Vorschriften zur Bereitung von =Eisenkitt= auf Schmiede-
und Gusseisen bei Wasserleitungsrhren, Dampfkesseln, Dampfrhren und
dergl. sei eine der besseren angefhrt.

  Der sogenannte =Rostkitt= besteht aus einer Mischung von 2 Th. Salmiak,
  1 Th. Schwefelblumen und 60 Th. feinen Eisenfeilspnen; beim Gebrauche
  wird sie mit Wasser angemacht, welchem der sechste Theil Essig oder
  eine kleine Menge verdnnter Schwefelsure zugesetzt worden ist. Dieser
  Kitt wird in die Fugen hineingestrichen oder hineingestampft, nachdem
  die zu verbindenden Flchen des Eisens gereinigt und wo mglich etwas
  abgefeilt sind. Nach einigen Tagen erhrtet dieser Kitt vollkommen und
  hngt sehr fest am Eisen, indem er in diesem sowol als in sich selbst
  zusammenrostet. -- In Fllen, wo der Kitt die Glhhitze auszuhalten
  hat, wie bei Verbindungen von Rhrenstcken, die im Feuer liegen, dient
  ein Kitt aus 4 Th. Eisenfeile, 2 Th. Thon und 1 Th.
  Porcellankapselmasse, mit Salzlsung zu einem Brei angerhrt, welchen
  man zwischen den Flantschen mittelst der Schrauben zusammenpresst.

[Sidenote: Strkekitte.]

Zu den =Strkekitten= gehrt der aus Strke oder Mehl gekochte
=Kleister=, welcher bekanntlich bei den Buchbinderarbeiten und berhaupt
beim Zusammenleimen von Papier und Pappe verwendet wird.

  Der Kleister wird am besten bereitet, indem man Strkemehl mit kaltem
  Wasser zu einem nicht zu dicken Brei in einem Mrser so lange anreibt,
  bis keine Klmpchen mehr vorhanden sind, und dann aus einem anderen
  Gefsse siedendes Wasser in einem dnnen Strahle so lange unter raschem
  Umrhren zusetzt, bis die Kleisterbildung beginnt, was man an dem
  Durchsichtigwerden wahrnimmt, dann aber den Rest des erforderlichen
  Wassers schnell zugiesst. Kochen der fertigen Masse ist nachtheilig und
  giebt einen Kleister, der leicht abspringt. Von grsserer Bindekraft
  als der aus Strkemehl bereitete Kleister ist der aus Roggenmehl
  dargestellte, wovon der Grund in dem Klebergehalt des letzteren zu
  suchen ist. Leider ist dieser Kleister nicht weiss, sondern grau bis
  graubraun. Um den Kleister haltbarer zu machen, lst man in dem Wasser,
  welches zur Kleisterbildung dient, eine kleine Menge Alaun. Statt des
  Wassers kann das Anbrhen des Mehles auch mit siedendem Leimwasser
  geschehen, wodurch die Klebkraft des Leimes wesentlich befrdert wird.
  Der vorzglichste Kleister ist unstreitig derjenige, bei dessen
  Bereitung zum Anrhren und Anbrhen des Strkemehles eine wsserige
  Lsung von durch Fulniss verndertem Kleber verwendet wird. Setzt man
  die Hlfte vom Gewicht der angewendeten Strke an Terpentin zum
  Kleister, welchen man durch Umrhren in der Masse vertheilt, so lange
  das Gemisch noch heiss ist, so wird der Kleister gegen die Einwirkung
  von Feuchtigkeit haltbarer und zugleich bindender.




                              V. Abschnitt.

             Die Thierstoffe und ihre technische Anwendung.

                       Die Verarbeitung der Wolle.


[Illustration: Fig. 251.]

[Illustration: Fig. 252.]

[Sidenote: Abstammung und Beschaffenheit der Wolle.]

Die =Wolle= unterscheidet sich von dem =Haar= vorzugsweise durch drei
Eigenschaften: erstens ist die Wolle feiner (das Haar geht dadurch, dass
es dicker und steifer wird, in die Borste und endlich in den Stachel
ber), zweitens ist sie nicht straff, sondern wellenfrmig hin und her
gebogen (gekruselt), und drittens enthlt sie weniger Pigment. Die
Vorzglichkeit der Wolle wchst in demselben Maasse, als sie diese drei
Charaktere im hheren Grade hat, also je weiter sie sich von der Natur
des Haares entfernt. Die Wolle ist ebenso wie das Haar keine einfache,
sondern eine organisirte Faser, aus einer epithelartigen Membran, der
Rindensubstanz und der Marksubstanz bestehend. Die Epithelsubstanz
besteht bei der Wolle aus dnnen, sich dachziegelhnlich deckenden
Plttchen, den Cuticularplttchen, wodurch die Oberflche ein schuppiges
und tannenzapfenartiges Aussehen erhlt. Fig. 251 zeigt ein Stck eines
Haidschnuckenhaares neben einem Stcke von schsischer
Non-plus-ultra-Wolle (Fig. 252) unter derselben Vergrsserung betrachtet
(woraus zugleich der enorme Unterschied in der Feinheit deutlich wird).
Die Einstlpungen auf der Oberflche der Wolle sind die Ursache von der
Rauhigkeit der Wollhaare und begrnden ihre Fhigkeit, sich zu =filzen=.

  Werden nmlich derartige Schuppenhaare einem mit schiebender und
  knetender Bewegung begleitenden Drucke, namentlich unter Mitwirkung von
  heissen Wasserdmpfen, die das Haar weich und geschmeidig machen,
  unterworfen, so schieben sich die Haare in der Richtung ihrer Schuppen
  durcheinander und bilden ein wirres, aber festes Gewebe, den =Filz=.

  Zur Wollerzeugung dient hauptschlich das =Schaf=. Gleich anderen
  Hausthieren bietet das Schaf in Folge der verschiedenen Verhltnisse
  des Klimas, der Ernhrungsweise und der Pflege eine grosse Anzahl
  Abweichungen dar, die sich auf die Beschaffenheit der Wolle erstrecken.
  Naturgemss kann man alle Schafracen in folgende beiden Abtheilungen
  bringen: 1) das =Hhe=- oder =Landschaf= mit kurzer, mehr oder weniger
  gekruselter und feiner Wolle, 2) das =Niederungsschaf= mit meist
  grober, schlichter, langer, haarhnlicher Wolle. Zu den ersteren
  gehren das =deutsche Landschaf= und ferner die =spanischen= oder
  =Merinoschafe=, die sich nach der Verschiedenheit ihres Krpers in
  mehrere Unterarten theilen, von denen als die vorzglichsten die
  =Infantado=- oder =Negrettirace= und die =Elektoralrace= (d. i. die
  kurfrstliche Race, wegen der ersten 1765 aus Spanien an den Kurfrsten
  von Sachsen gelangten Schafe) bekannt sind. Was man als =Eskurial=
  bezeichnet, ist keine eigene Race, sondern ein =Elektoralschaf= mit
  wollreicherem Vliess. Zu den Niederungschafen gehren das =Haidschaf=
  oder die =Haidschnucke= in der Gegend zwischen der Elbe- und
  Wesermndung, das =Zackelschaf=, das im sdlichen Europa und westlichen
  Asien gezogen wird, und dann die =englischen Schafe= der Southdown-,
  Leicester-, Cotswold-, Lincoln-, Teeswater- und Romney-Marsh-Race,
  ferner der schottischen Inseln, besonders von den Hebriden und
  Shetlandinseln.

  Die von anderen Thieren als dem Schafe stammenden hauptschlichsten
  Wollsorten sind folgende:

  a) Die =Kaschmirwolle= ist das feine wollige Flaumenhaar der Ziegen von
  Kashmera oder Kaschmir, welche ursprnglich an der stlichen Seite des
  Himalaja in einer Hhe von 4500 bis 5000 Meter leben. Sie ist von
  weisser, grauer oder brunlicher Farbe und ist, wie sie nach Europa
  kommt, noch reichlich mit grobem Haar gemengt (100 Kilogr. davon geben
  nach dem Sortiren und Reinigen oft nur 20 Kilogr. Flaumhaar).

  b) Die =Vicognewolle= besteht in dem nur sehr wenig gekruselten Haar
  des =Vikugne= oder =Schafkameels= (_Auchenia Vicuna_), das auf den
  hohen Gebirgen von Peru, Chili und Mexiko lebt. Die Vigognewolle wurde
  vormals hufiger als jetzt zu sehr feinem Tuche verarbeitet. Als
  Stellvertreter der chten Vigognewolle hat man angefangen, die Haare
  der Seidenhasen und Kaninchen (vermengt mit Schafwolle) zu verarbeiten.
  (Das was man gegenwrtig in der Wollindustrie mit dem Namen =Vigogne=
  oder =Vicogne= belegt, ist ein Gemenge von Schafwoll- mit
  Baumwollgarn.)

  c) Die =Alpakawolle= oder das =Pakoshaar= besteht in dem langen
  flaumartigen weissen, schwarzen oder braunen Haar der Alpagua oder
  Alpako (Pako), einer in Peru lebenden Ziege aus der Gattung Llama. Das
  Haar ist sehr fein und hat mit der Vigognewolle grosse Aehnlichkeit,
  obgleich es ihr an Feinheit nachsteht[139].

  [139] Die mikroskopischen Verhltnisse dieser Haarsorten sind in
        neuerer Zeit untersucht worden von =J. Wiesner=, Einleitung in
        die technische Mikroskopie, Wien 1867 p. 172 u. f.

  d) Das =Mohair= oder die =Kmelwolle= (Kmelhaar) ist das lange,
  seidenglnzende, wenig gekruselte Haar der =Kmel=- oder =Angoraziege=
  (_Capra angorensis_), welche um Angora in Kleinasien lebt. Aus ihr wird
  das =Kmelgarn= (flschlich Kameelgarn genannt) gesponnen, das
  besonders zu ungewalkten Zeugen (z. B. Kamelot oder Plsch) verwebt
  wird. Ferner dient es zu halbseidenen Stoffen als Einschlag.

[Sidenote: Chemische Zusammensetzung der Wolle.]

Die eigentliche Wollsubstanz besteht aus einem schwefelreichen
eiweisshnlichen Krper, dem =Keratin= (Hornstoff), ist aber in dem
Zustande, wie sie von dem Thiere kommt, mit Schweiss, Staub u. s. w.
verunreinigt. Unsere Kenntnisse ber die Zusammensetzung der Schafwolle
sind in neuerer Zeit durch die Arbeiten von =Faist=, von =Reich= und
=Ulbricht=, =Hartmann=, =M. Mrcker= und =E. Schulze= wesentlich vermehrt
worden.

  =Faist= erhielt bei der Untersuchung verschiedener Sorten lufttrockener
  Merinowolle folgende Resultate:

                              1.                         2.
                          a.     b.          c.      d.     e.     f.
   Mineralbestandtheile   6,3   16,8         0,94    1,3    1,0    1,2
   Schweiss und Wollfett 44,3   44,7        21,00   40,0   27,0   16,6
   reines Wollhaar       38,0   28,5        72,00   56,0   64,8   77,7
   Feuchtigkeit          11,4    7,0         6,06    2,7    7,2    3,5
                         ---------------------------------------------
                        100,0  100,0        100,0  100,0  100,0  100,0

   Procente reiner
    lufttrockener Wolle  49,4   35,5         78,06  58,7   72,0   82,2

1. =Rohe Schweisswolle= (lufttrocken): a) Hohenheimer Wolle mit weniger
reichlichem, lslichem Schweisse, b) Hohenheimer Wolle mit reichlichem
klebrigem Schweisse. 2) =Wolle nach der Pelzwsche= (lufttrocken): c) von
Hohenheim, mit reichlichem, klebrigem Schweisse, d) eben daher, mit
schwer lslichem Schweisse, e) Wolle aus Ungarn, durch Weichheit
ausgezeichnet, f) aus Wrttemberg, minder weich. =M. Elsner= von Gronow
bestimmte bei Gelegenheit einer (1865) verffentlichten Untersuchung ber
das Wollhaar, den Verlust der Wollen bei der Entfettung durch
Schwefelkohlenstoff. Der Verlust betrug bei

           gewaschenen Merinowollen                15-70 Proc.
           ungewaschenen Wollen (_laine en suint_) 50-80   "
           langen Kammwollen                          18   "

Der sogenannte =Wollschweiss= ist als ein Gemenge von Secretstoffen mit
von aussen und zufllig hinzugekommenen Stoffen zu betrachten. Macerirt
man die rohe Wolle einige Zeit lang in warmem Wasser, so bildet sich eine
trbe schumende Flssigkeit, die theils wirklich aufgelste, theils nur
suspendirte Schweissbestandtheile enthlt. Die Trockensubstanz des
wsserigen Extractes des Wollschweisses besteht nach =Mrcker= und
=Schulze= (1869) aus

                               1.      2.      3.      4.
             Organ. Substanz  58,92   61,86   59,12   60,47
             Mineralstoffen   41,08   38,14   40,88   39,53

1. und 2. bezieht sich auf Wolle von Landschafen, 3. und 4. von
Rambouillet-Vollblut-Schafen. Der aufgelste Theil enthlt das Kalisalz
einer Fettsure (_suintate de potasse_)[140] in solcher Menge, dass in
neuerer Zeit darauf eine Methode der Gewinnung von Potasche gegrndet
worden ist und ausserdem Chlorkalium (die aus 100 Kilogr. roher Wolle zu
gewinnende Potasche betrgt 7-9 Kilogr. S. 143). Nach =Mrcker= und
=Schulze= besteht die Wollschweissasche aus

                   Kaliumcarbonat                86,78
                   Chlorkalium                    6,18
                   Kaliumsulfat                   2,83
                   Kieselerde, Thonerde, Kalk,}
                   Magnesia, Eisenoxyd,       }   4,21
                   Phosphorsure etc.         }
                                                ------
                                                100,00

  [140] Nach =Reich= und =Ulbricht= sind die im Wollschweisse enthaltenen
        Fettsuren ein Gemenge von Oel- und Stearinsure, wahrscheinlich
        auch von Palmitinsure. Dazu kommt noch etwas Valeriansure.

Nach =P. Havrez= (1870) ist es vortheilhafter, wenn man den Wollschweiss
gleichzeitig auf Kaliumcarbonat und Blutlaugensalz, als wenn man ihn nur
auf Kaliumcarbonat verarbeitet. Wo es die rtlichen Verhltnisse
gestatten, wird das Fett des Wollschweisses auf Leuchtgas (sogenanntes
Suintergas) verarbeitet.

[Sidenote: Technisch wichtige Eigenschaften der Wolle.]

Der Werth und die Anwendbarkeit der Wolle sind von einer Anzahl
Eigenschaften abhngig, von denen die wichtigsten folgende sind:

  =Farbe= und =Glanz=. Die meiste Wolle ist von weisser Farbe, nur die
  von den Haidschnucken und gewisser Landschafe (sowie die Alpaka und das
  Mohair) sind gefrbt (schwarz, braun, grau). Der Glanz gewisser
  Wollarten ist fr ihre Anwendung zu gewissen Zwecken eine geschtzte
  Eigenschaft, sie steht nicht im Verhltniss zur Feinheit der Wolle,
  sondern vielmehr im Zusammenhange mit der =Sanftheit= (Weichheit,
  Milde) der Wolle, die man daran erkennt, dass die Wolle beim Angreifen
  ein Gefhl erweckt, welches jenem hnlich ist, das man beim Angreifen
  von Baumwolle oder loser Seide empfindet. Die =Kruselung=, eine
  Eigenthmlichkeit der Wolle des Hhe- und Landschafes, besteht darin,
  dass das Haar in mehr oder minder kleinen Bgen wellfrmig gekrmmt
  ist. Eine Wolle mit vielen und schmalen Bgen wird =klein= gekruselt
  genannt; eine Wolle mit sprlichen, aber breiten Bgen heisst =grob=
  gekruselt. Ferner macht man einen Unterschied zwischen Wolle mit hohen
  Bgen (=stark= gekruselt) und solcher mit flachen Bgen (=schwach=
  gekruselt). Was die =Feinheit= der Wolle betrifft, so gilt im
  Allgemeinen, dass je kleiner der Durchmesser eines Wollhaares, desto
  feiner dasselbe ist. Ein geringer Durchmesser oder hohe Feinheit wird
  deshalb fr die wichtigste Eigenschaft einer Wolle gehalten, weil eine
  Wolle, vereinigte sie auch alle anderen guten Eigenschaften in sich,
  doch nur dann zur Erzeugung eines vollkommenen Fabrikates geeignet
  erscheint, wenn sie mit diesen Eigenschaften auch Feinheit verbindet.
  Doch existiren auch Wollen, welche bei geringem Durchmesser der Fden
  sehr straffe Substanz besitzen und fr Gefhl und Fabrikation als
  weniger geeignet erscheinen. Das Verhltniss der Durchmesser der
  Wollfden zur Feinheit der Wolle ist mithin nicht constant und bleibt
  nur ein Beihlfskennzeichen. Ueberdies kann man weder mit dem
  =Wollmesser= (Eriometer), noch mit dem Mikrometer die Feinheit des
  Wollhaares ausschliessend bestimmen, sondern nur durch das Auge, das
  Gefhl und die praktische Erfahrung. Die Eigenschaft der
  =Gleichmssigkeit= oder =Ausgeglichenheit= besteht darin, dass das
  Wollhaar seiner ganzen Lnge nach einen gleichen Durchmesser hat. Die
  =Geschmeidigkeit= ist ein hherer Grad von Biegsamkeit; sie besteht in
  der Fhigkeit der Wollfden, alle Richtungen leicht anzunehmen.
  =Dehnbarkeit= und =Elasticitt= sind gewhnliche Begleiterinnen der
  Geschmeidigkeit. Ein Wollhaar kann, nachdem man es derartig
  ausgestreckt hat, dass die Biegungen nicht mehr sichtbar sind, noch
  etwas ausgedehnt werden, ohne zu zerreissen. Die Elasticitt des
  Wollhaares giebt sich dadurch zu erkennen, dass dasselbe, wenn es
  abgerissen wird, an den getrennten Enden mehr oder minder schnell sich
  zusammenzieht und kruselt. Die =Festigkeit= ist diejenige Eigenschaft
  der Wolle, in deren Folge sie bei starker Ausdehnung nicht zerreisst.
  Ein einzelnes Wollhaar erfordert zum Zerreissen, je nach dem Grade der
  Feinheit und Gte ein Gewicht von 2,6 bis 44,0 Grm. Unter der =Hhe=
  versteht man die Lnge des gekruselten Haares in seiner natrlichen
  Lage, unter der =Lnge= das Maass des Haares, wenn es so weit
  ausgedehnt wird, dass die Kruselung mit dem Auge nicht mehr
  wahrgenommen werden kann. Die Lnge ist bei der Auswahl der Wolle sehr
  zu bercksichtigen und bildet einen Hauptgrund zu der Unterscheidung
  zwischen Streichwolle und Kammwolle. Erstere, die =Streichwolle=
  (Kratzwolle), umfasst alle jene Wollen, die zu =tuchartig gewalkten
  Zeugen= Anwendung finden. Als Streichwolle dienen alle stark
  gekruselten Wollen, deren Haar im ausgestreckten Zustande weniger als
  15 Centimeter misst. Die =Kammwolle= (lange Wolle) ist das Material zu
  =glatten Wollzeugen=. Grundeigenschaften der Kammwolle sind eine nicht
  zu geringe Lnge (mindestens 9-12 Centimeter), eine vorzgliche
  Festigkeit und eine nicht oder nur wenig gekruselte Gestalt des
  Haares.

[Sidenote: Die Umgestaltung der Wolle zu Waare.]

Ehe die Wolle dem Handel berliefert werden kann, muss sie der Producent
erst in eine Waare verwandeln. Dies geschieht durch die =Wsche=, durch
die =Schur= oder durch das =Sortiren=.

  I. Die =Wsche=. In Deutschland geht das Waschen der Wolle auf dem
  Krper der Schafe, ehe sie geschoren werden, vor sich. Zum Unterschiede
  von der spter zu beschreibenden Fabrikwsche, nennt man diese erste
  Wsche =Rcken=- oder =Pelzwsche=. Der Zweck derselben ist, die Wolle
  von allen Unreinigkeiten und von einem Theil des Fettes zu befreien.
  Dieser Zweck muss aber erreicht werden, ohne dass dabei die Wolle
  Schaden leidet oder zu sehr entfettet wird. Durch die Pelzwsche mit
  kaltem Wasser verliert die Wolle 20-70 Proc. an Gewicht.

  II. Die =Schur=. Nachdem die Schafe vllig trocken sind, werden sie
  =geschoren=, wobei mit einer eigenthmlichen Schere (=Schafschere=) die
  Wolle glatt an der Haut abgeschnitten wird. Die Gesammtheit der auf dem
  Krper eines Schafes befindlichen Wolle wird =Vliess= genannt. In der
  Regel findet die Schafschur nur ein Mal im Jahre und zwar zu Pfingsten
  statt (=einschrige Wolle=), bei langwolligen Schafen ist dagegen
  zweimaliges Scheren gebruchlich (=zweischrige Wolle=), nmlich Ende
  September (Sommerwolle) und Ende Mrz (Winterwolle). Die Wolle von noch
  einjhrigen Schafen, die =Lammwolle=, ist durch Feinheit und
  seidenartige Beschaffenheit ausgezeichnet. Ausser der gewhnlichen
  Schurwolle kommt auch Wolle aus den Gerbereien als =Gerber=- oder
  =Raufwolle= in den Handel, die in der Regel krzer ist als die
  gewhnliche Wolle. Die von kranken oder gefallenen Thieren herrhrende
  Wolle, die sogenannte =Sterblingswolle=, hat wenig Festigkeit und
  Elasticitt und ist daher von sehr untergeordnetem =Werthe=.

  III. Das =Sortiren der Wolle=. Schon die verschiedenen Krpertheile des
  Schafes geben Wollarten von verschiedener Gte; zu den _edlen Theilen_,
  welche die vorzglichste Wolle liefern, gehren die beiden
  Schulterbltter, die Seiten und Weichen (die Wolle von den Rippen und
  der Flanke), die Seitenflche der Hinterschenkel (Hose oder Keule), zu
  den _unedlen Theilen_ rechnet man den Nacken, den Widerrist (die
  vorspringende Stelle zwischen Nacken und Hals), das Kreuz und den
  Rcken; noch geringer ist die Wolle von der Kehle, der Brust und den
  Fssen, vom Bauche und von der Stirne, die geringste ist die vom
  Wolfsbiss, d. h. vom hinteren Theile der Hinterschenkel. Die
  Abtheilungen der einzelnen Vliesstheile nach ihrer Uebereinstimmung in
  allen Eigenschaften und nach den Abstufungen in denselben heissen
  =Sorten=. Ehemals machte man nur vier solcher Sorten: Prima, Secunda,
  Tertia und Quarta; bei den Fortschritten in der Produktion edler Wolle
  fand man es aber fr nothwendig, aus dem durch noch hhere
  Vollkommenheit sich auszeichnenden Theile der Vliesse besondere Sorten
  zu bilden, welche man Super-Elekta und Elekta nannte. Andererseits
  wurden auch fr die grberen Wollen noch zwei niedrigere Sorten, Quinta
  und Sexta angenommen. Die Grundlage der Sorten bildet nun zwar
  grsstentheils der Feinheitsgrad, aber stets unter der Voraussetzung,
  dass derselbe mit gewissen anderen Eigenschaften, wie Lnge u. dergl.
  verbunden sei. Die Wolle, so wie sie im Handel vorkommt, enthlt stets
  grssere Mengen von hygroskopischem Wasser, dessen Quantum blos nach
  der usseren Beschaffenheit der Wolle nicht abgeschtzt werden kann.
  Der gewhnliche Wassergehalt der kuflichen Wolle ist im Durchschnitt
  14-16 Proc. Selbst in trockner Luft lngere Zeit aufbewahrte Wolle
  enthlt immer noch (je nach dem Grade ihrer Reinheit) 7-10 Proc.
  Wasser.

[Sidenote: Spinnerei der Streichwolle.]

Die =Verarbeitung der Wolle= durch Spinnen zu =Garn= (Streichgarn oder
Kammgarn) und durch Verweben des Garnes zu =Tuchen= oder =Zeug= begrndet
=zwei= Industriezweige, die durch Auswahl und Behandlung der sortirten
Wolle wesentlich von einander verschieden sind, nmlich: 1) die
=Verarbeitung der Streichwolle= oder die =Fabrikation= gewalkter oder
rauher, berhaupt =tuchartiger Wollstoffe=, wozu man die Wolle durch
=Kratzen= oder =Streichen= vorbereitet; 2) die =Verarbeitung der
Kammwolle= oder die =Fabrikation glatter Wollstoffe=, wozu die Wolle
durch =Kmmen= vorbereitet wird. Die =Streichwollverarbeitung= tritt in
der vollendeten Entwickelung in der Fabrikation des Tuches auf, die
=Kammwollverarbeitung= in der des Thibets, welcher berhaupt als
Reprsentant eines nicht gewalkten, glatten Wollstoffes zu betrachten
ist. Zunchst haben wir es hier nur mit der Verarbeitung der Streichwolle
zu =Streichgarn= zu thun, wobei folgende =acht= Operationen zu
unterscheiden sind:

  1) =Die Wsche der Wolle= oder die =Fabrikwsche=. Die sortirte Wolle,
  so wie sie im Handel vorkommt, enthlt immer noch eine gute Portion
  Schweiss, wovon sie vollstndig befreit werden muss. Sie wird daher zum
  =zweiten Male= gewaschen, um sie zu =entschweissen= oder =entfetten=,
  was des Ziel der Fabrikwsche ist. Das Entfetten kann nur mit Hlfe
  alkalischer Flssigkeiten geschehen, die aber so schwach alkalisch sein
  mssen, dass die Wollfaser selbst dadurch nicht angegriffen wird. Die
  alkalischen Flssigkeiten sind Gemenge von Flusswasser und gefaultem
  Menschenharne, oder auch eine Lsung von weisser Seife in Flusswasser,
  oder endlich eine schwache Sodalsung. Die entschweisste Wolle wird
  unverzglich mit reichlichem reinem Wasser gesplt oder gewaschen, bis
  das Waschwasser klar von der Wolle abluft. Nach dem Waschen muss die
  Wolle ausgewunden und dann an einem schattigen Orte getrocknet werden,
  weil sie an der Sonne leicht gelb wird. 100 Th. kufliche Wolle, welche
  schon vor der Schur mit Wasser gewaschen worden ist, verlieren durch
  die Fabrikwsche 17-40 Th., und hinterlassen demnach 60-83 Th. reine
  trockne Wolle.

  2) =Das Frben der Wolle=. Die gewaschene und entfettete Wolle wird in
  gewissen Fllen, wenn sogenannte =wollfarbige Tuche= erzeugt werden
  sollen, vor dem Verspinnen gefrbt, und alsdann ist das Frben
  diejenige Operation, die unmittelbar auf das Waschen der Wolle folgt.
  Das Frben in der Wolle eignet sich nur fr sehr haltbare Farben, weil
  andere Farben durch die Walke, wobei Seife und gefaulter Harn zur
  Anwendung kommen, zerstrt werden wrden. Durch das Frben der Wolle
  entsteht eine Gewichtszunahme, die manchmal weniger als 1 Proc., fters
  dagegen bis zu 12 Proc. betrgt.

  3) =Das Wolfen=. Die gewaschene Wolle verlangt als erste Stufe der nun
  eintretenden Bearbeitung eine Auflockerung, wodurch man beabsichtigt,
  die dichteren Flocken in gewissem Grade zu zertheilen, und zugleich die
  noch vorhandenen mechanisch anhngenden Unreinigkeiten zu beseitigen.
  Diese Auflockerung wird mit Hlfe des =Wolfes= bewerkstelligt, der mit
  dem gleichnamigen, fr die Auflockerung der Baumwolle angewendeten
  grosse Aehnlichkeit hat.

  4) =Das Einfetten=. Bei der grossen Neigung der Wolle, sich zu filzen,
  wrden die Wollfasern in der zum weiteren Entwirren bestimmten
  Maschine, der Krempel, leicht reissen, wenn man den Fasern nicht durch
  gewisse Zustze Geschmeidigkeit und Schlpfrigkeit ertheilte. In der
  Regel ist das hierzu angewendete Mittel Oel und zwar fr feine Wolle
  Bauml und Arachisl, fr rohe und grobe Wolle Rbl und Thran. Die bei
  der Fabrikation von Stearinkerzen als Nebenprodukt abfallende Oelsure
  ist zum Einfetten sehr gut statt des Baumles anzuwenden, wenn sie frei
  ist von Schwefelsure (welche Kratzenbeschlge angreifen wrde) und
  Stearinsure (die durch ihre dickliche Beschaffenheit die Vertheilung
  der Oelsure auf der Wolle erschwert). Fr 100 Kilogr. Wolle zu
  Kettgarn werden 10-12 Kilogr. Oel, fr 100 Kilogr. Einschussgarn 12-15
  Kilogr. Oel gerechnet.

  5) =Das Streichen= (Krempeln oder Kratzen) hat denselben Zweck wie das
  Krempeln der Baumwolle. Auch sind die Wollkratzmaschinen den
  Baumwollkrempeln sehr hnlich. Das Kratzen der Wolle geschieht stets
  wenigstens zwei Mal nach einander, auf etwas von einander abweichenden
  Maschinen ausgefhrt. Das erste Kratzen wird =Schruppeln= oder =Pelzen=
  genannt und auf der =Pelzkarde= (Schruppelmaschine) ausgefhrt. Hier
  wird durch die Zusammenwirkung der mit Kratzleder begleiteten Walzen
  die Wolle noch weiter aufgelockert und als ein lose zusammenhngendes
  Vliess wieder abgenommen, welches sich dann in mehreren bereinander
  liegenden Schichten auf einer grossen Trommel zu einem sogenannten
  =Pelze= aufwindet. Das zweite Kratzen geschieht auf der sogenannten
  =Lockenmaschine=, die sich von der Pelzkarde dadurch unterscheidet,
  dass sie die bearbeitete Wolle nicht in Gestalt eines Vliesses
  abliefert, sondern dieselbe mit Hlfe eines besonderen Apparates, der
  =Lockenwalze= nebst Zubehr, in runde fingerdicke Locken verwandelt,
  deren Lnge etwa 1 Meter betrgt. Diese Locken werden dann auf der
  Vorspinnmaschine aneinander gestckelt und zu Vorgespinnst weiter
  verarbeitet. In neuerer Zeit ist ein verbesserter Apparat allgemein
  eingefhrt worden, der die Lockenmaschine entbehrlich macht. Es ist
  nmlich an der letzten Kratzmaschine eine Vorrichtung angebracht,
  welche anstatt der Locken sogleich Vorgespinnst liefert, wodurch mithin
  das Vorspinnen als besondere Operation wegfllt. Maschinen dieser Art
  heissen =Vorspinnkarden=.

  6) =Das Vorspinnen.= Dort, wo die Vorspinnkarden noch nicht eingefhrt
  sind und man noch nach lterem Verfahren die Wolle auf der oben
  erwhnten Lockenmaschine in =Locken= verwandeln lsst, mssen diese
  Locken in einer selbstndigen Operation auf der =Vorspinnmaschine=,
  jedenfalls mit grsserem Aufwande von Zeit und Arbeitskraft in
  =Vorgespinnst= (Vorgarn) bergefhrt werden. Die bei der
  Streichwollverarbeitung gebruchlichen Vorspinnmaschinen kommen in
  zweierlei Art vor. Beide haben Aehnlichkeit mit der Mulemaschine,
  insofern die Spindeln sich auf einem Wagen befinden, welcher von dem
  feststehenden Theile der Maschine weggefhrt, darauf wieder eingefahren
  wird und so fort. Allein das die Ausziehung der Fden vollfhrende
  Streckwerk fehlt, das durch einen sehr einfachen Mechanismus ersetzt
  ist, indessen zur Herstellung des groben Vorgespinnstes vollstndig
  hinreicht. Entweder lsst man nun alle Bewegungen der Maschine durch
  die Hand des Vorspinners hervorbringen, oder man construirt die
  Maschine so, dass, wie bei dem Halbselfactor das Ausfahren des Wagens
  mit dem Ausziehen und Drehen der Fden durch Dampf- oder Wasserkraft,
  und nur das Einfahren, wobei das Aufwickeln des Gespinnstes auf die
  Spindeln stattfindet, durch die Hand besorgt wird.

  7) =Das Feinspinnen.= Die Ueberfhrung des Vorgespinnstes, mge
  dasselbe von der Vorspinnkarde oder von der Vorspinnmaschine geliefert
  worden sein, in Garn geschieht durch die Operation des =Feinspinnens=
  auf der =Feinspinnmaschine=; sie ist nach der Art der Mulemaschine
  gebaut, nur fllt das mehrcylindrige Streckwerk weg, das durch ein
  einziges Cylinderpaar, die =Lieferungscylinder=, ersetzt ist. In Folge
  dieser Vernderung wird auch die Arbeitsweise der Spinnmaschine eine
  andere als bei der Baumwolle, indem die Verfeinerung des Vorgespinnstes
  nicht mehr durch Cylinderverzug, sondern hauptschlich durch =Nachzug=,
  zum kleineren Theile auch durch =Wagenzug= bewirkt werden muss. Die
  Feinspinnmaschine unterscheidet sich nur in wenigen Punkten von der
  Vorspinnmaschine. Die Drehung der Spindeln beim Feinspinnen ist jener
  beim Vorspinnen entgegengesetzt, das Vorgarn dreht daher zuerst sich
  auf und nimmt dann die verkehrte neue Drehung an. Dadurch wird die
  Streckung des Fadens beim Feinspinnen wesentlich befrdert. Spinnt man
  =Schussgarn=, so hrt mit eintretendem Stillstande des Wagens am Ende
  des Auszuges die Umdrehung der Spindeln sofort auf und es wird
  eingefahren. Wird dagegen das drallere =Kettengarn= gesponnen, so
  drehen sich die Spindeln noch einige Sekunden um, wenn auch der Wagen
  bereits stillsteht; dadurch erhlt der Faden einen Zusatz von Drehung.

  8) =Das Haspeln des Wollgarnes= geschieht in hnlicher Weise wie das
  des Baumwollgarnes. Die Lnge und Eintheilung der Strhne oder Stcke
  ist in den verschiedenen Lndern, ja oft in verschiedenen Spinnereien
  der nmlichen Gegend nicht gleich, indem nicht nur die Lnge des
  einzelnen Haspelfadens (der Weifenumfang), sondern auch die Zahl der
  Fden in einem Gebinde (Litze, Klapp) und der Gebinde im Strhn (Stck,
  Strang) abweicht. Die Feinheit des Wollgarnes bestimmt man durch Angabe
  der Anzahl Strhne, welche auf ein bestimmtes Gewicht (Zollpfund  500
  Grm. oder Kilogr.) gehen. Am zweckmssigsten und verstndlichsten
  drckt man die Feinheit (wie in Belgien und zuweilen auch in
  Frankreich) durch die Anzahl Meter der Fadenlnge aus, welche 1 Kilogr.
  wiegt.

[Sidenote: Kunstwolle.]

  Die =Kunstwolle= oder =Lumpenwolle= ist derjenige Wollspinnstoff, der
  durch Zerreissen und Zerkratzen von Wolllumpen gewonnen und in sehr
  bedeutender Quantitt statt und neben neuer Schafwolle zu Garn und
  Geweben verarbeitet wird. Man unterscheidet zwei Arten von Kunstwolle,
  nmlich die sogenannte =Mungo=, eine kurzhaarige Sorte, die aus den
  Lumpen von gewalkten Wollstoffen gewonnen wird, und die =Shoddy= von
  lngerem Stapel und von gestrickten Lumpen (Strumpfzeugen) herrhrend.
  Ein wesentlicher Umstand bei der Fabrikation der Kunstwolle ist ein
  sorgfltiges Sortiren, welches in das Vorlesen, das Schneiden und das
  Sortiren im engeren Sinne zerfllt. Beim Vorlesen werden die
  nichtwollenen Bestandtheile ausgeschieden und die zurckbleibenden
  Wolllumpen durch eine Putzmaschine von Staub und anderen Unreinigkeiten
  befreit. Die gereinigten Lumpen werden nach den Hauptfarben
  zusammengeworfen und in kleine Stcke zerschnitten. Bei diesem
  Zerschneiden werden die Nhte sorgfltig herausgetrennt und zugleich
  alle baumwollenen, leinenen und seidenen Stoffe (vom Unterfutter,
  Taschen u. dergl. herrhrend) beseitigt. Nchstdem werden die Lumpen
  nochmals in die Putztrommel gebracht und darauf nochmals sortirt. Das
  Ergebniss beim Sortiren ist ausserordentlich verschieden, je nach der
  Gegend und der Tracht des Landes, wo die Lumpen gesammelt wurden.
  Erfahrungsgemss geben 100 Kilogr. Tuchlumpen, etwa 30 Kilogr. an
  Leder, Knochen u. s. w. Die brig bleibenden 70 Kilogr. roher
  Tuchlumpen liefern schliesslich 50 Proc. fertiger Mungo, nachdem sie
  4-10 Proc. Bauml vor ihrer Zerfaserung auf den Maschinen erhalten
  haben. 100 Kilogr. roher Strumpflumpen ergeben dagegen im Durchschnitt
  40-50 Kilogr. fertig sortirte, maschinenfertige Lumpen. Die Herstellung
  der Kunstwolle aus den maschinenfertigen Lumpen geschieht mit Hlfe
  eines Wolfes (=Lumpenwolf=), einer mittelst spitziger Stahlzhne und
  sehr schneller Bewegung wirkenden Maschine, in welcher die Lumpen
  zerrissen und in eine Menge loser Wollfasern verwandelt werden. Die
  Mungowolle wird von dem Lumpenwolf weg in Ballen gepackt und versendet,
  wogegen die Shoddywolle noch einer weiteren Behandlung auf einer
  gewhnlichen Vorkratze oder Reisskrempel unterliegt, wobei sie 4-10
  Proc. Bauml erhlt.

[Sidenote: Tuchweberei.]

Das =Tuch= gehrt zu den glatten Geweben, bei welchen die Einschlagfden
alternirend ber und unter jedem folgenden Kettenfaden durchzogen werden.
Die charakteristische filzartige Decke, welche die Einschlag- und
Kettenfden verdeckt, erhlt das Tuch erst durch die sptere Operation
des Walkens. Was das Weben selbst anlangt, so stimmt die Tuchweberei
gnzlich mit der Verfertigung der glatten leinwandhnlichen Stoffe
berein. Gewhnlich sind Kette und Schuss in einem Stcke Tuch von
gleicher Feinheit; wenn dies nicht der Fall ist, so ist in der Regel
seltener der Schuss als die Kette etwas feiner. Zu den Salleisten
verwendet man stets grbere Kettenfden und von ordinrer Wolle.

[Sidenote: Waschen und Walken des Lodens.]

  In dem Zustande, in welchem das Streichwollgewebe vom Tuchmacherstuhle
  kommt, gleicht es nicht im Entferntesten demjenigen Fabrikate, das
  unter der Benennung Tuch im Handel sich findet. Das Gewebe, so wie es
  der Tuchmacher abliefert, hnelt nmlich eher einem groben
  Leinengewebe, da Ketten- und Eintragfden berall bloss und sichtbar
  liegen und die dem fertigen Tuche eigenthmliche Filzdecke, welche den
  Faden verdeckt, noch nicht vorhanden ist. Letztere Decke wird erst
  durch das Walken erzeugt. In Folge der grossen Verschiedenheit beider
  Zustnde sind auch verschiedene Namen dafr blich; das Tuchgewebe
  =vor= dem Walken heisst =Loden=, whrend =nach= dem Walken der Loden
  erst die Benennung =Tuch= erhlt. Dem Walken geht voraus das =Noppen=
  und das =Waschen= des Lodens. Ersteres hat den Zweck, aus dem Loden
  Knoten, Enden, fremde Krper wie Holz und Strohtheilchen, mit Hlfe
  einer kleinen Stahlzange zu entfernen. Durch das =Waschen= sollen Oel
  (von dem Einfetten), Leim (von der Schlichte) und Unreinigkeiten aus
  dem Loden entfernt werden. Als Reinigungsmittel wendet man an
  Schmierseife, Soda- und Potaschelsung, die man mit Wasser in einen
  Trog bringt, in welchem der Loden warm und zwar in der Regel mit einer
  Waschmaschine behandelt wird. Der Zweck des =Walkens= ist neben der
  eigentlichen Reinigung (wenn kein Auswaschen des Lodens vorher
  stattgefunden hat) oder auch des nur fortgesetzten Reinigens,
  wesentlich die Hervorbringung einer Verfilzung, durch welche die Fden
  der Kette und des Einschlages verdeckt werden und das Gewebe die
  Beschaffenheit eines gleichfrmigen, kurzhaarigen Pelzes annimmt. Die
  Verfilzung erstreckt sich keineswegs nur auf die Wollhrchen auf beiden
  Oberflchen des Tuches, sondern sie geht auch in das Innere dergestalt,
  dass die Ketten- und Einschussfden kaum noch von einander getrennt
  werden knnen, ohne zu zerreissen. Die Bedingungen, unter denen das
  Walken stattfinden kann, sind Feuchtigkeit, erhhte Temperatur und eine
  mechanische Behandlung, die knetend wirkt, so dass die einzelnen
  Garnfden und Wollfasern, aus denen die Garnfden gebildet sind, gegen
  einander gedrckt und geschoben werden. Da whrend des Walkens das
  Gewebe zugleich entfettet werden soll, so muss das Wasser, das zum
  Walken dient, alkalisch gemacht werden. Diess geschieht fast allgemein
  durch gefaulten Harn, dessen Wirkung man entweder durch Seife (hufig
  Schmierseife) oder durch =Walkerde= (vergl. Seite 342) untersttzt. Die
  Walkerde wird mit Harn angerhrt, die Seife wird darin aufgelst. Fr
  ordinre Tuche nimmt man Schmierseife, fr feinere Palml-, ja selbst
  Olivenseife. Das Walken geschieht mittelst der =Walkmhlen=. Bis auf
  die neuere Zeit behielt man das Princip bei, die Walkmhle durch den
  von schweren hlzernen Hmmern (daher der Name =Hammerwalke=) auf das
  in einem Troge befindliche Tuch ausgebten Schlag wirken zu lassen.
  Gegenwrtig wendet man allgemein die =Walzenwalken= an, welche fast nur
  durch Druck oder wenigstens nur mit sehr schwachem Stoss wirken.

[Sidenote: Rauhen und Scheren des Tuches.]

  Um der durch das Walken erzeugten Filzdecke ein schneres Ansehen zu
  geben, wird das Tuch =gerauhet= und dann =geschoren=, d. h. man zieht
  die Wollhrchen in reichlicher Anzahl heraus und schneidet sie dann
  regelmssig zu einer dem Zweck entsprechenden Krze ab. 1) =Das Rauhen=
  bezweckt, die whrend des Walkens des Tuches verwirrten und verfilzten
  Fasern auf der Oberflche aufzulockern, emporzuheben, nach einer
  Richtung niederzustreichen (in den Strich zu legen) und dadurch zum
  Abscheren vorzubereiten. Man bedient sich hierzu der =Weberkarden=
  (Weberdisteln von _Dipsacus fullonum_), die vermittelst ihrer
  zurckgebogenen, in Dornen auslaufenden Kelchschuppen wirken. 2) =Das
  Scheren= des Tuches, welches unmittelbar auf das Rauhen folgt und den
  Zweck hat, die durch das Rauhen aus der Filzdecke hervorgezogenen
  Wollhrchen, nachdem diese mit Hlfe einer =Handbrste= oder einer
  =Brstmaschine= gegen den Strich aufgebrstet sind, zu gleicher Krze
  abzuschneiden, wodurch erst das Tuch die glatte und schne Oberflche
  erlangt, die man an ihm zu sehen gewohnt ist. Das Scheren geschieht
  entweder mittelst =Hand=- oder =Maschinenarbeit=. Das =Handscheren= ist
  eine langwierige, mhsame und ziemlich schwierige Arbeit. Das Tuch wird
  streckenweise an den Salleisten ber einen gepolsterten Tisch gespannt
  und dann dieser 18-24 Centimeter breite Theil der Breite nach mehrere
  Male nach einander abgeschoren. Die gegenwrtig allgemein eingefhrten
  Schermaschinen sind die =Cylinderschermaschinen=, bei welchen mehrere
  Stahlbltter schraubenartig um einen eisernen Cylinder gewunden sind,
  dem man eine ununterbrochene rotirende Bewegung und zwar ununterbrochen
  in derselben Richtung giebt. Man unterscheidet =Transversal=-,
  =Longitudinal=- und =Diagonalcylindermaschinen=: [Greek: a]) Bei der
  =Transversalschermaschine= liegt der Cylinder nach der Lnge des
  Tuches, und schreitet whrend seiner Drehung zugleich von der einen
  Kante des Stckes nach der anderen fort, wenn man nicht, was jedoch
  seltener der Fall ist, vorzieht, das Tuch sich nach seiner
  Breitenrichtung unter dem Cylinder fortbewegen zu lassen. [Greek: b])
  Bei den =Longitudinalschermaschinen= bleibt der umlaufende Cylinder,
  welcher quer ber die ganze Breite des Tuches von einer Leiste bis zur
  anderen sich erstreckt, stets an seinem Platze liegen und das Tuch geht
  mit ziemlich grosser Geschwindigkeit unter ihm, seiner Lngenrichtung
  nach fort. [Greek: g]) Zwischen den beiden vorstehenden Arten der
  Cylinderschermaschinen steht die =Diagonalcylindermaschine=, wobei
  mehrere Schercylinder schrg (in diagonaler Richtung) ber die
  Tuchflche angebracht sind, wodurch die bessere Arbeitsleistung der
  Transversalmaschine mit der Schnelligkeit der Longitudinalmaschine
  vereinigt werden soll. Die abgeschorene Wolle oder =Scherwolle= dient
  zum Auspolstern, oder auch in Tapetenfabriken zum Veloutiren.

[Sidenote: Ausrsten des Tuches.]

  Ehe das Tuch fertige Waare ist, muss es noch durch drei Operationen,
  nmlich durch das =Decatiren=, das =Brsten= und das =Pressen=,
  vollends ausgerstet werden. 1) Das =Decatiren= wurde frher nur
  angewendet, um das Tuch, welches in den Fabriken durch warmes Pressen
  mit schnem, aber nicht dauerhaftem Glanze versehen worden war, bevor
  es von dem Schneider verarbeitet wurde, von diesem knstlichen Glanze
  zu befreien und ihm einen dauerhafteren, wenngleich minder in die Augen
  springenden zu ertheilen. Gegenwrtig wird das Decatiren meist in den
  Fabriken selbst vorgenommen. Zu diesem Zwecke wickelt man das Tuch,
  mglichst straff ausgespannt, auf eine hohle, an den Enden offene, im
  Mantel mit vielen feinen Lchern versehene, kupferne Walze, und
  unterwirft es so in einem dicht verschlossenen Kasten der Einwirkung
  von heissen Wasserdmpfen. Hierdurch erhlt das Tuch einen dauerhaften
  Glanz und die Eigenschaft, sich nicht mehr rauh zu tragen. 2) Das
  =Brsten=, frher nur angewandt, um das Haar nach dem Scheren wieder im
  Striche niederzulegen, findet jetzt weit ausgedehntere Anwendung.
  Gegenwrtig wird das Tuch nicht nur nach vollendetem Scheren gebrstet,
  sondern auch schon frher zwischen dem Scheren und sogar von Anfang
  desselben unmittelbar nach dem Rauhen. Die =Brstmaschinen=, auf
  welchen das Tuch anhaltend gebrstet wird, enthalten durchgngig als
  Hauptbestandtheil einen ringsum mit steifen Brsten von Schweinsborsten
  besetzten, in schnelle Umdrehung versetzten Cylinder, zuweilen auch
  zwei dergleichen, ber welche das Tuch langsam hingefhrt wird. Das
  Tuch ist hierbei entweder trocken oder nass, sei es durch vorlufiges
  Einweichen in Wasser oder durch Daraufleiten eines Wasserstrahles in
  der Brstmaschine selbst, oder mit Wasserdampf imprgnirt, mithin
  zugleich feucht und erwrmt. 3) Das =Pressen= ist die letzte Zurichtung
  des Tuches, nach welcher dasselbe als fertige Waare in den Handel
  gebracht wird. Es soll dem Tuche Glanz und Schnheit ertheilen. Beim
  Pressen faltet man das Tuch in der Art zusammen, wie man es in den
  Handel bringt, und legt zwischen die einzelnen Lagen desselben Bogen
  von =Glanzpappe= (Pressspne); feinere rechts, grbere auf der linken
  Seite des Tuches. Man bringt 6-12 Stcke Tuch zugleich in die Presse.
  Zwischen jedes Stck kommt ein gewhnlicher Pappbogen, sodann ein
  Brett, und zwischen je zwei Bretter eine erhitzte eiserne Platte.

[Sidenote: Arten der tuchartigen Wollzeuge.]

  Ausser den eigentlichen gewalkten und geschorenen Tuchen fabricirt man
  noch eine grosse Anzahl =tuchartiger Wollzeuge=, von denen als die
  hauptschlichsten die folgenden zu nennen sind: =Flanell= ist glatt
  oder gekpert, nur wenig gewalkt, auf der rechten Seite ein Mal gerauht
  und entweder nicht oder nur ein Mal geschoren. Die Kette besteht oft
  aus Kammgarn, mitunter auch aus Baumwollgarn oder Florettseide, der
  Einschuss aber stets aus Streichwollgarn. Der =Swanskin= (Schwanenhaut)
  ist ein feiner und gekperter Flanell. Letzterem sehr hnlich ist der
  =Boi= oder =Boy=. =Kasimir= ist ein feines und gekpertes Tuch, das nur
  ein Mal gerauhet, aber eben so oft geschoren ist als feines Tuch; das
  Haar ist kurz, deckt die Gewebfden wenig und lsst den Kper
  durchblicken. Man fabricirt auch Kasimir mit Kette aus Kamm- oder auch
  Baumwollgarn. =Fries=, =Flaus=, =Coating= ist grber, dicker und
  langhaariger als Tuch, stark gewalkt und wenig gerauhet und noch
  weniger geschoren. Die Ausrstung nach dem Scheren besteht in Brsten
  oder heissem Pressen. Zuletzt wird der Stoff mit Tragantwasser
  berstrichen, geplttet, mit Bauml befeuchtet und endlich wieder
  geplttet. Eine feinere und nicht gekperte Art Fries heisst
  =Damenfries= oder =Lady-Coating=, schwerere und kurzgeschorene Sorten
  werden =Castories= genannt. Die durch dickeres Gespinnst, festere Walke
  und ein wenig krzer geschorenes Haar ausgezeichneten Friessorten
  werden als =Sibirienne=, =Kalmouck= (auch =Biber=) und =Dffel=
  unterschieden. Der =Buckskin= ist gekperter, ungerauheter, aber auf
  der rechten Seite glatt geschorener Beinkleiderstoff. Leichtere Sorten
  davon werden =Doeskin= genannt. =Kirsei= ist ein grobes, nicht
  appretirtes (mithin weder gerauhetes noch geschorenes) Zeug zu Mnteln
  fr Militr, die Marine, Eisenbahnbedienstete und dergl. Hierher
  gehren auch die =Kotzen= zu Fussdecken, Pferdedecken und dergl., der
  =Papiermacherfilz=, ein grober, gekperter, locker gewebter, wenig
  gewalkter, nicht gerauheter und nicht geschorener Stoff, welcher in der
  Papierfabrikation als Zwischenlage der geschpften Papierbogen dient
  und da er die Feuchtigkeit absorbiren soll, eine schwammige
  Beschaffenheit zeigt. Das =Filztuch=, ein Tuch durch blosse Filzung von
  Wolle, ohne alles Spinnen und Weben verfertigt, das vor etwa 20 Jahren
  grosses Aufsehen machte, ist jetzt bereits so gut wie verschwunden. Die
  zum Verfilzen bestimmte Schafwolle wird, wie bei der Verfertigung
  gewebten Tuches, zuerst entfettet, gereinigt und gewolft, sodann auf
  die Pelzkarde in eine regelmssige, dicke, wattenhnliche Schicht
  verwandelt und dann gefilzt.

[Sidenote: Kammwolle.]

Die =Verarbeitung der Kammwolle=. Wie Seite 581 errtert wurde, ist die
=Kammwolle= oder =lange Wolle= das Material zur Herstellung des
=Kammgarn=; letzteres zeigt einen schlichten glatten Faden, dessen lange
Fasern mglichst parallel neben einander liegen und dient zur Fabrikation
der =glatten Wollstoffe=, wie Thibet, Merino, Lasting, Orleans. Man
unterscheidet =eigentliches Kammgarn= und =Halbkammgarn= (Sayettengarn),
welches letztere den Uebergang von Kammgarn zum Streichgarn ausmacht und
durch diejenigen Garne gebildet wird, die zum Sticken, Stricken, in der
Strumpfwirkerei, zur Teppichfabrikation, zu Posamentirarbeiten u. s. w.
Anwendung finden. Obgleich das Halbkammgarn immer aus langer Wolle
gesponnen wird, so wird doch diese Wolle nicht gekmmt, sondern
gekrempelt, das von der Karde abgezogene Band wird dann wie ein gekmmter
Zug auf den Kammgarnmaschinen zu Garn verarbeitet. Das Kammgarn besteht
entweder nur aus Schafwolle oder aus Mohair und Alpaka oder aus Gemischen
von Wolle und Baumwolle, Wolle und Seide. Letztere Garne fhren den Namen
=Phantasiegarne=.

  Die Fabrikation der =glatten Wollzeuge= (Kammwollzeuge) fllt so
  ziemlich mit der Fabrikation der Leinwand zusammen, was das Spulen und
  Schweifen, Aufbumen und den Webstuhl anlangt. Einige Kammwollzeuge
  sind fertig, so wie sie vom Webstuhl kommen, andere bedrfen einer
  Appretur, die sich jedoch ganz nach der Art des Zeuges, dem Geschmack
  der Consumenten u. s. w. richtet. Von der beraus grossen Anzahl
  glatter Wollzeuge sind als die hauptschlichsten die folgenden zu
  nennen.

  A. _Glatte Stoffe._ Der =Perkan= wurde vormals nur aus Kamelhaaren
  gefertigt, jetzt stellt man ihn aus Kammgarn dar, wenn er durch Mangen
  gewssert worden ist, heisst er =Moor=. Der =Orleans= besteht aus
  gezwirnter Baumwollgarnkette und einfachem Kammgarneintrag. Der vom
  Webstuhl kommende Stoff wird gesengt, gewaschen, gefrbt, geschoren und
  zuletzt warm gepresst. Der =Bombasin= mit Kette und Schuss aus
  Kammgarn, wird behufs des Ausrstens geschoren, gesengt und gepresst.
  Der =Kamlot=, frher aus Kamelgarn gefertigt, besteht aus
  Kammgarnschuss und Kette. Der =Kripon= ist aus stark gedrehtem
  Kammgarne zur Kette und loserem zum Einschuss gewebt. So wie er vom
  Webstuhl kommt, wird er schwarz oder grau gefrbt, dann auf eine Walze
  geschlagen und in Wasser gekocht, um ihn kraus zu machen. Das
  =Mhlbeuteltuch= aus stark gedrehtem Kammgarne gewebt, wird zu
  Mehlbeuteln und Beutelmaschinen angewendet. Zu den glatten
  Kammwollzeugen gehren ferner der =Wollstramin=, der =Wollmusselin= und
  der =Chaly= (Wollmusselin, jedoch mit seidener Kette). Hierher gehren
  auch die sogenannten =Bradforder Artikel= (gemischte Stoffe aus Alpaka,
  Mohair, Baumwolle, Seide, so z. B. ein Alpakagewebe mit Seidenkette
  unter dem Namen =Lavella=).

  B. _Gekperte Stoffe._ Der =Merinos= mit drei- oder vierfdigem Kper,
  ist beidrecht, wird gesengt und geschoren und durch Mangen oder heisses
  Pressen mit Glanz appretirt. Nicht glnzend appretirter und weicherer
  Merino heisst =Thibet=. Andere Kpersorten mit 3, 4 oder 5 Schften
  bilden die =Sergen=. Atlashnliche Gewebe sind der =Kalmang= (Kalomang
  oder Kalmink) und der =Lasting= (zu Cravatten, Damenschuhen,
  Mbelberzgen). Das =Oelpresstuch= fr die Pressscke der Oelmhlen
  ist ebenfalls ein gekperter Stoff von Kammgarn aus besonders starker
  und zher Wolle.

  C. _Gemusterte oder faonnirte Stoffe_ treten hauptschlich als
  =Westen=- und =Hosenstoffe=, ferner als =Schuhstramin= (Schukord), als
  =Woll=- oder =Mbeldamast= auf. Auch die =Shawls= und =Umschlagetcher=
  sind hierher zu rechnen, deren Grundgewebe entweder gnzlich aus
  Kammgarn (bei den =Kaschmir-Ternauxshawls= aus Kaschmirwolle) oder aus
  florettseidener, in geringeren Quantitten Baumwollkette und
  Kammgarnschuss besteht. Die wollenen Shawls, sogenannte =Plaids=,
  =Tartans=, =Kabyles=, liefern besonders England und der Zollverein.

  D. _Sammetartige Stoffe._ Der =Wollsammet=, der =Wollplsch=, der
  =Velpel=. Von dem Sammet unterscheidet sich der Plsch und der Velpel
  nur durch die Lnge der Haare, welche beim Plsch grsser als beim
  Sammet und beim Velpel am grssten ist. Die sammetartigen Wollstoffe
  werden als Mbel-, Futter-, Vorhang-, Kragen-, Mtzenstoffe u. s. w.
  angewandt. Sie werden mehr oder minder dicht gewebt, mit lngerem oder
  krzerem Flor versehen, kommen geschnitten und ungeschnitten vor und
  erhalten die Specialbenennungen: =Astrakan=, =Krimmer=, =Biber=,
  =Castorin=, =Utrechter Sammet= u. s. w.


                    Die Seide und ihre Verarbeitung.

[Sidenote: Allgemeines.]

Die =Seide= unterscheidet sich dadurch wesentlich von der Baumwolle, dem
Flachse und Hanfe und der Wolle, dass die Natur sie bereits in Form eines
langen und feinen Fadens liefert, sodass bei ihrer Verarbeitung die
Arbeit des Spinnens, die aus den brigen kurzhaarigen Webmaterialien erst
den Faden bereitet, berflssig wird. An die Stelle des Spinnprocesses
tritt das Filiren oder Mouliniren der Seide, wobei mehrere natrliche
Fden neben einander gelegt und vereinigt werden, um einen dichteren und
strkeren Faden zu erhalten.

  Die Seide stammt von dem =Seidenspinner= oder =Maulbeerspinner=
  (_Bombyx mori_) her, welcher gleich den verwandten Arten einer
  vierfachen Verwandlung unterworfen ist. Aus dem durch die
  Frhjahrswrme gereiften =Ei= (Samen, Grains) bildet sich eine Raupe,
  die =Seidenraupe= (Seidenwurm), die je nach der Art des Seidenspinners
  bei fortschreitendem Wachsen drei- bis viermal sich hutet und sich
  dann zur Verpuppung einspinnt. Zu dem Ende giebt die Raupe durch zwei
  schlauchfrmige Drsen (Spinndrsen) ihres Kopfes eine zhe klebrige
  Flssigkeit als zwei besondere Fden von sich, welche im Augenblicke
  des Hervortretens zu einem flachen Doppelfaden sich vereinigen, der im
  ununterbrochenen Zusammenhange fortlaufend den =Cocon= bildet, welcher
  der darin verborgenen =Puppe= zum Schutze gegen Temperatureinflsse und
  Nachstellungen dient. Die beiden den Cocon bildenden Fden sind zu
  einem Doppelfaden durch eine Art glnzenden Kittes, Seifenleim oder
  Sericin genannt, verbunden, der zu gleicher Zeit ihre ganze Oberflche
  einhllt und gegen 35 Proc. vom Gewicht des Ganzen ausmacht. Nach 15-21
  Tagen ist aus der im Cocon befindlichen Puppe ein Schmetterling
  geworden, der, um sich einen Ausweg aus dem Cocon zu verschaffen, aus
  seinem Munde einen eigenthmlichen Saft absondert und dadurch eine
  Stelle des Cocons erweicht und diese durchbricht. Behufs der
  Seidengewinnung wird jedoch dieser Zeitpunkt nicht abgewartet, sondern
  der Schmetterling oder vielmehr die Puppe noch in dem Cocon getdtet,
  mit alleiniger Ausnahme der zur Fortzucht bestimmten Cocons. Der Cocon
  ist das Material der Seidengewinnung, indem der =auf=gewickelte Faden
  sorgfltigst wieder abgewickelt wird.

[Sidenote: Der Seidenbau.]

=Arten des Seidenspinners.= Die Hauptvariett desjenigen Schmetterlinges,
der die Seide producirt, ist, wie oben erwhnt, _Bombyx mori_, dessen
Nahrung die Bltter des weissen Maulbeerbaumes (_Morus alba_) sind.
Ausser dem Maulbeerspinner giebt es aber noch verschiedene
Seidenraupenarten, von denen einige Beachtung verdienen, nmlich:

  a) _Bombyx Cynthia_, den die Eingebornen des inneren nordstlichen
  Theiles von Bengalen und die Japanesen in grosser Menge ziehen. Er wird
  von den Hindus =Arrindy arria= und von den Japanesen =Yama-ma=
  genannt. Die Raupe (Fagararaupe) desselben lebt auf der Ricinusstaude
  (_Ricinus communis_) und die Seide, welche der Cocon liefert, ist,
  obgleich nicht so schn wie die des Morusspinners, doch eine sehr
  ntzliche, weil sie eine sehr dauerhafte ist. Die Ricinusraupe ist
  weniger empfindlich als die Maulbeerraupe und lsst sich nicht blos mit
  Ricinusblttern, sondern auch mit der Weberkarde (_Dipsacus fullonum_),
  der wilden Cichorie (_Cichorium Intybus_) und den Blttern des
  _Aylanthus glandulosa_ ernhren. Versuche, die Ricinusraupe in
  Deutschland und Frankreich einheimisch zu machen, haben nicht
  ungnstige Resultate ergeben.

  b) _Bombyx Pernyi_ ist in China und der Mongolei einheimisch und nhrt
  sich von Eichenblttern. Es ist vor einigen Jahren in Frankreich
  gelungen, einige Raupen dieser Race mit europischen Eichenarten zum
  Einspinnen zu bringen.

  c) _Bombyx mylitta_, die Tussahraupe, ist in allen Theilen Bengalens
  bis in die Berge des Himalaya, wo das Klima rauher ist als in den
  Ebenen von Hindostan, einheimisch. Die Seide dieser Raupe bildet einen
  betrchtlichen Handelsartikel in Bengalen. Sie nhrt sich von der Eiche
  und den Blttern anderer bei uns vorkommender Bume. Diese Raupen
  huten sich fnfmal und liefern sehr grosse Cocons. Der Faden des
  Cocons ist 6-7mal strker als der des gewhnlichen Seidenwurmes. Leider
  kann die Tussahraupe nicht knstlich und in der Gefangenschaft
  aufgezogen werden. Ausserdem sind noch die nordamerikanischen
  Varietten d) _Bombyx polyphemus_ (auf Eichen und Pappeln), c) _B.
  cecropia_ (auf Ulmen, Weissdorn und wilden Maulbeerbumen), f) _B.
  platensis_ (auf einer Mimosenart, _Mimosa platensis_) und g) _B. leuca_
  erwhnenswerth.

  Hinsichtlich der =Zucht der Seidenraupe= (Seidenbau) sind nachstehende
  Punkte zu errtern: 1) =Der Anbau der Maulbeerbume=, worunter nach den
  bisherigen Erfahrungen der weisse mit weissen, gelben oder rthlichen
  Frchten das geeignete Futter fr die Seidenraupen abgiebt, die
  Behandlung der Bume in der Samenschule, das Versetzen zu Spalieren
  oder ins Freie, die Pflege der Bume u. s. w. ist Gegenstand der
  Landwirthschaft. 2) =Die Erzeugung der Eier oder Grains= geschieht auf
  folgende Weise: Unter den frischen Cocons sucht man diejenigen aus, die
  am grssten und fettesten sind und einen feinen Faden haben. Die Cocons
  der weiblichen Schmetterlinge sind gewhnlich oval, jene des mnnlichen
  Geschlechts an beiden Enden etwas zugespitzt und in der Mitte
  ringfrmig eingedrckt. Wenngleich die weiblichen und die mnnlichen
  Cocons nicht mit Gewissheit unterschieden werden knnen, so muss man
  bei der Auswahl der Cocons doch obige Kennzeichen bercksichtigen, um
  so viel als mglich eine gleiche Anzahl von Schmetterlingen beider
  Geschlechter erwarten zu knnen. 100-120 Paare gut ausgebildeter Cocons
  liefern gegen 30 Grm. Eier oder etwa 50,000 Stck, von welchen
  gewhnlich aber nur hchstens 70-75 Proc. Raupen auskriechen. Die
  Cocons werden auf mit Leinwand bedeckten Tischen sich selbst
  berlassen. Nach etwa 12 Tagen kommen die Schmetterlinge zum Vorschein
  und begatten sich. Die Weibchen legen dann nach etwa 40 Stunden 3-400
  Eier. 3) Das =Ausbrten der Eier=. In den Seidenzchtereien berspannt
  man hlzerne Reifen oder Rahmen mit grober und dnner Leinwand, streut
  die Samen recht dnn und gleichmssig ber die Leinwand aus und bringt
  die Reifen oder Hrden in das Brutzimmer. Dabei bedeckt man die Eier
  mit einem Blatt Papier, welches mit vielen kleinen Lchern durchstochen
  ist, und legt darauf klein geschnittene Maulbeerbltter. In Frankreich
  findet die Benutzung der =Couveusen= -- Oefen zum Ausbrten der Grains
  -- mehr und mehr Anwendung, weil man durch dieselben das regelmssige
  Auskriechen der Raupen mehr und mehr sichert; namentlich ist die
  Beschaffung einer feuchten Wrme bis 30 C., welche fr die ersten
  Altersstufen der Raupen so gedeihlich ist, durch die Couveusen besser
  erreichbar. Vom 8. oder 10. Tage an beginnen die Raupen aus den
  weisslich gewordenen Eiern auszukriechen und begeben sich, ihrer
  Neigung zum Lichte und zur Nahrung folgend, durch die Lcher des
  Papieres nach den Maulbeerblttern, mit welchen man sie abheben und in
  die Ftterungsrume bringen kann. 4) Die =Aufziehung der Raupen=
  geschieht in den =Rauperien= oder =Magnanerien=. Zur Unterbringung der
  Raupen befinden sich in der Magnanerie gerumige Gestelle, die in
  horizontale Fcher getheilt sind. Letztere werden aus Rohr- oder
  Weidengeflecht oder mit Netzen bespannten hlzernen Rahmen gebildet,
  ber welche man Papierbogen ausbreitet. Man bringt die Raupen auf
  dieses Papier und giebt ihnen die nthigen Maulbeerbltter, in der
  ersten Zeit im zerschnittenen Zustande. Die Seidenraupe zeichnet sich
  durch erstaunlichen Appetit und durch schnelles Wachsthum aus; ihr
  Leben, von dem Ausschlpfen aus dem Ei bis zum Einspinnen gerechnet,
  theilt sich durch das Wechseln der Haut, welches viermal erfolgt,
  naturgemss in fnf Lebensalter, die an Dauer einander ziemlich gleich
  sind. Vom 30.-32. Tage an beginnt das Einspinnen. Nach der ersten und
  zweiten Hutung erhalten sie allmlig immer mehr Futter, da die Raupen,
  nachdem sie sich von der Anstrengung erholt haben, eine steigende
  Esslust zeigen. 5) Das =Einspinnen der Raupen=. Wenn nach der vierten
  Hutung die Zeit des Einspinnens herannaht, so bereitet man den Raupen
  aus Birkenreisern Betten (Spinnhtten). Man bringt die spinnreifen
  Raupen auf Tellern in die Spinnhtten, vertheilt sie mit den Hnden
  zwischen die Reiser, wo sie sich selbst den bequemsten Ort zum
  Einspinnen aufsuchen. Sobald die Raupe einen zur Coconbildung passenden
  Ort erwhlt und daselbst ihre ersten Fden (die spter vorsichtig
  abgezupft und fr sich gesammelt werden und die =Flockseide=, eine
  Sorte, aus der zum Theil die Florettseide besteht, bildet) befestigt
  hat, so entledigt sie sich noch einer festen, weissen oder grnen
  Substanz, die nach =Pligot= eine grosse Menge Harnsure enthlt;
  einige Zeit nachher sondert sie eine farblose, wasserhelle, stark
  alkalische Flssigkeit ab, die eine Lsung von 1,5 Proc. kohlensaurem
  Kali ist. Letztere rthselhafte Ausleerung betrgt 15-20 Proc. des
  Gewichtes der Raupe. In 4 bis 5 Tagen ist die Bildung des Cocons
  beendigt, doch werden dieselben von den Reisern erst bis zum 7. oder 8.
  Tage abgenommen, um sicher zu sein, dass smmtliche Raupen mit der
  Operation des Coconspinnens zu Ende sind.

  Was die =chemische Beschaffenheit= des Seidenfadens betrifft, so hat
  man zu unterscheiden zwischen der eigentlichen Faser und der dieselbe
  umhllenden Substanz. Die eigentliche Faser besteht zur Hlfte etwa aus
  =Fibron=, welches nach neueren Untersuchungen von =Stdeler= in
  nchster Beziehung zur Hornsubstanz und zum Schleime steht und die
  chemischen Eigenschaften dieser Krper besitzt. Die Zusammensetzung des
  Seidenfibrons wird durch die Formel C_{15}H_{23}N_{5}O_{6}
  ausgedrckt. Der gummiartige Ueberzug, nach =Stdeler= und =Cramer=
  =Seidenleim= oder =Sericin= genannt, lst sich zum Theil in Wasser,
  leicht in Seifenwasser oder anderen alkalischen Flssigkeiten. Das
  Sericin hat die Formel C_{15}H_{25}N_{5}O_{8}. =P. Bolley='s
  Untersuchungen haben gezeigt, dass in den Spinndrsen der Seidenraupe
  nur =ein= Stoff, nmlich weiches Fibron, zu finden ist, welches, in
  Form zweier Fden austretend, erst durch den Einfluss der Luft,
  oberflchlich, unter Aufnahme von Sauerstoff und Wasserstoff zu Sericin
  (Seidenleim) oxydirt wird. Die Rohseide hinterlsst nach dem Verbrennen
  geringe Mengen Asche, =Guinon= fand in bei 100 getrockneter
  piemontesischer Rohseide 0,64 Proc. Asche, die 0,526 Kalk und 0,118
  Proc. Thonerde und Eisenoxyd enthielt. =Mulder= fand in 100 Th.
  Rohseide:

                                                     weisse aus
                                    gelbe aus       der Levante
                                      Neapel       (Almasinseide)
            Fibron                    53,4             54,0
            leimgebende Substanz       20,7             19,1
            Wachs, Harz und Fett        1,5              1,4
            Farbstoff                   0,05             --
            Albumin                    24,4             25,5

  6) =Das Tdten der Puppen in den Cocons.= Die Puppe bleibt in dem Cocon
  15-20 Tage und bildet sich zu einem Schmetterlinge aus, der endlich den
  Cocon durchbricht und ausschlpft. Die nicht zur Fortpflanzung
  bestimmten Cocons darf man begreiflicherweise nicht bis zur
  Entwickelung des Schmetterlings sich selbst berlassen, weil durch das
  Herausbrechen des Schmetterlings der Zusammenhang des Seidenfadens
  zerstrt werden wrde und =durchbissene= Cocons nur einen geringen
  Werth haben. Man muss demnach die in den Cocons befindliche Puppe
  tdten, was entweder mittelst Ofenwrme oder heisser Wasserdmpfe
  geschieht.

[Sidenote: Zubereitung der Seide.]

Die =Zubereitung der Seide=, d. h. die Ueberfhrung der Cocons in Fden,
die sich als Nhseide, als Webmaterial u. s. w. eignen, zerfllt in 6
Operationen, nmlich in 1) Das =Sortiren der Cocons= geht dem Abwickeln
des Seidenfadens von dem Cocon voraus. Es muss mit grosser Sorgfalt
geschehen, weil nur gleichartige Sorten zusammen mit Vortheil verarbeitet
werden knnen und soll bezwecken [Greek: a]) nicht nur eine Trennung der
weissen Cocons von den gelben, sondern auch [Greek: b]) eine Ausscheidung
aller schad- und fehlerhaften Cocons, die sich zum Abhaspeln nicht eignen
und nur noch zur Florettseide verwendbar sind. Zu letzteren sind zu
rechnen schimmlig gewordene, durch Insekten angefressene, durchbissene
(durch Ausschlpfen der Schmetterlinge), durch Faulen der Puppen, fleckig
gewordene Cocons u. s. w. Durch das Sortiren will man [Greek: g]) die
tadellosen Cocons nochmals trennen in mehrere Sorten, wobei die Feinheit
des Fadens, deren Schnheit und Grad der Ablsbarkeit zu bercksichtigen
ist, damit man beim Abwickeln mglichst gleichartige Seide gewinne.

2) Das =Haspeln oder Spinnen der Seide= ist die erste jener Arbeiten,
welche die Gewinnung des Seidenfadens von dem getdteten und sortirten
Cocon zum Zwecke haben. Sie besteht darin, dass der Faden, welcher von
der Raupe whrend des Einspinnens zu einem Knuel =auf=gewickelt wurde,
von dem Cocon =ab=gewickelt und auf einem Haspel aufgewunden wird, so
dass er die Gestalt eines Strhnes annimmt.

  Bei dieser Arbeit nimmt man, da der einzelne Seidenfaden viel zu fein
  und zart ist, in der Regel 3-10, bei grberen Seidensorten bis zu 20
  zusammen, die durch das Haspeln zu einem Faden vereinigt werden. Dieses
  Abhaspeln oder Abwickeln wrde nun eine hchst einfache Arbeit sein,
  sobald man das Ende des Fadens aufgefunden hat, wenn die Windungen der
  Coconfden nicht mit einer klebenden Substanz an- und aufeinander
  geleimt wren, wenn ferner nicht die innerste und dichte Lage des
  Cocons das Abwickeln berhaupt desselben verbte. Der brige Faden
  lsst sich abwinden, sobald der leimartige Ueberzug durch heisses
  Wasser erweicht worden ist. Von den von dem Cocon abgehaspelten
  Doppelfden werden, wie erwhnt, mehrere zu einem zusammengesetzten
  Faden verbunden. Die erweichte leimhnliche Substanz bewirkt dann auch
  bei ihrem nachherigen Wiederaustrocknen das Zusammenkleben der zu einem
  Faden vereinigten Coconfdchen, welche nur durch diesen Leim und
  keineswegs durch Zusammendrehen mit einander verbunden sind. Die Lnge
  des von normal ausgebildeten Cocons abzuhaspelnden Seidenfadens betrgt
  250 bis 900 Meter. Um lange Strhne zu bilden, ist daher ein hufiges
  Anstckeln, eine Ersetzung der abgelaufenen Cocons durch neue
  erforderlich, wobei man jedoch nicht ausser Acht lsst, dass an einem
  Cocon der Faden nicht berall gleich stark, sondern nach aussen zu
  strker ist, weshalb die Anzahl der zusammen abzuhaspelnden Cocons
  nicht constant zu bleiben hat. Sobald der innere Theil einiger Cocons
  zur Abhaspelung kommt, hat die Hasplerin den Faden durch Hinzufgung
  eines Cocons zu verstrken. Ein Cocon giebt 0,16-0,20, hchstens 0,25
  Grm. Rohseide. Dem Gewichte nach rechnet man im Durchschnitt auf 1
  Kilogr. Rohseide 10 Kilogr. frisch getdteter oder 7-8, ja selbst 12
  Kilogr. trockener Cocons. Die gehaspelte Seide heisst =Rohseide=,
  =Ratzenseide=, =Grezseide=. Man verlangt von ihr, dass sie als ein
  runder, glatter (d. h. von Knoten und Flocken befreiter), reiner und
  glnzender, fester und starker Faden von gleicher Dicke erscheine,
  ferner, dass die Fden im Strhne nirgends aneinander geklebt seien.
  Derjenige Theil des Seidenwurmgespinnstes, welcher sich nicht abhaspeln
  lsst, wird auf =Florettseide= verarbeitet. Die Arbeit besteht im
  Reinigen, Auflockern, Krempeln oder Kmmen und Spinnen und stellt sich
  deshalb auf gleiche Stufe mit der Woll- und Baumwollspinnerei. Die
  versponnene Wolle ist daher ein wirkliches =Seidengarn=.

3) Das =Mouliniren= oder =Zwirnen der Seide=. Der einfache Rohseidenfaden
ist fr die meisten Anwendungen der Seide, mgen sich dieselben auf
Sticken oder Stricken, auf Weberei oder Strumpfwirkerei beziehen, erst
dann anwendbar, wenn mehrere solcher Fden durch Zusammendrehen zu einem
vereinigt worden sind. Dort, wo man einfache Seidenfden benutzt, giebt
man denselben vorher durch Drehung Zusammenhang, Dichte und Rundung.
Unter =Zwirnung= versteht man die Vereinigung zweier oder mehrerer Fden
durch Drehung, unter =Drehung= dagegen die gleiche Behandlung des
Rohseidenfadens.

  Die Hauptarten der =gezwirnten Seide= sind folgende:
  1) =Organsinseide=, die zur Kette der Seidenzeuge dient, ist aus der
  besten Sorte Rohseide dargestellt. Man haspelt hierzu den
  Rohseidenfaden von 3 bis zu 8 Cocons, giebt demselben vor dem
  Mouliniren eine starke Drehung rechts (in dem Sinne wie bei Schrauben)
  und moulinirt dann zwei solcher gedrehter Rohseidenfden zusammen. 2)
  =Tramaseide=, zum Einschusse und zur Verfertigung von Seidenschnren
  dienend, wird aus geringeren Cocons gefertigt. Man haspelt gewhnlich
  3-12 Cocons. Unter =einfdiger Trama= versteht man einen einfachen, fr
  sich gedrehten Rohseidenfaden; die =zweifdige Trama= besteht aus zwei
  nicht gedrehten Rohseidenfden, die links, aber weniger scharf gezwirnt
  sind als Organsin; die =dreifdige= aus drei u. s. w. Tramaseide ist
  weicher und flacher als die Organsinseide und fllt daher in den
  Seidenzeugen besser als runde Fden. 3) =Maraboutseide=, die sich durch
  dralle Zwirnung, Steifigkeit und peitschenschnurhnliche Hrte
  auszeichnet, wird aus drei Fden der weissesten Rohseide nach Tramaart
  moulinirt, dann, ohne die Seide zu entschlen, gefrbt und nach dem
  Frben nochmals gezwirnt. 4) =Poilseide= ist ein einfacher
  Rohseidenfaden, der aus mehreren gedrehten Coconfden besteht; sie
  dient als Unterlage fr Gold- und Silberfden, Tressen u. dergl. 5)
  =Nhseide= oder =Cousir= wird aus Rohseidenfden von 3-22 Cocons auf
  verschiedene Weise gedreht; die =Strick=- oder =Hkelseide= ist
  ebenfalls der Nhseide hnlich, aber strker.

4) Das =Titriren und Conditioniren der Seide=. Den =Feinheitsgrad=
(_titre_) der Rohseide, sowie der gezwirnten Seide drckt man dadurch
vergleichbar aus, dass man angiebt, wie viel Mal eine gewisse Fadenlnge
in einer gewissen Gewichtseinheit enthalten ist. Die zu Grunde gelegte
Fadenlnge ist gleich 400 Ellen oder 475 Meter. Spricht man von einer
Seide von 10 Grains, so heisst dies, dass dieses Gewicht eine Fadenlnge
von 475 Meter hat; eine Seide von 20 Grains hat die nmliche Lnge von
475 Meter, aber das doppelte Gewicht, sie ist daher nur halb so fein als
die erstgenannte Seide.

  Die Seide, die rohe wie die gezwirnte, enthlt stets grssere Mengen
  von =hygroskopischem Wasser=, dessen Quantum blos nach der ussern
  Beschaffenheit der Seide nicht abgeschtzt werden kann. Der gewhnliche
  Wassergehalt der kuflichen Seide betrgt im Durchschnitt 10-18 Proc.
  Unter Umstnden kann die Seide sogar bis ber 30 Proc. Wasser
  aufnehmen, ohne eigentlich feucht zu erscheinen. Bei einer Waare von so
  hohem Preise wie die Seide ist das hygroskopische Verhalten der Seide
  in mercantiler Hinsicht von hohem Belang, da es Veranlassung zu
  absichtlicher und unfreiwilliger Tuschung und zu Collisionen giebt
  und begreiflicherweise einen nachtheiligen Einfluss auf den
  Seidenhandel ausbt, insofern man darber im Unklaren bleibt, wie viel
  wirkliche Seidensubstanz in einem gegebenen Gewichte Seide enthalten
  ist. Um den genannten Uebelstand zu beseitigen, wird die Seide
  =conditionirt=, d. h. es wird jeder zu verkaufenden Seide der
  Wassergehalt durch Untersuchung einer Probe dieser Seide von der
  Behrde bestimmt. Die Anstalten, in denen das Conditioniren vorgenommen
  wird, heissen =Seidenconditions=- oder =Trocknungsanstalten=.

5) Das =Entschlen der Seide=. Der Rohseidenfaden, wie er in dem Cocon
vorkommt, ist mit einem eigenthmlichen Ueberzuge, dem durch Vernderung
des Fibrons an der Luft entstandenen =Sericin= oder =Seidenleim=, der
die Ursache der verschiedenen Farbe ist und der Seide eine gewisse Hrte,
Rauhigkeit und Steifheit ertheilt, versehen. Zu gewissen Zwecken, so zu
Mhlbeuteltuch, zu Gaze, zu Krepp etc. ist diese Beschaffenheit
erwnscht, in den meisten anderen Fllen ist es aber nthig, die Seide
von diesem Ueberzuge zu befreien, was durch das Entschlen der Seide
geschieht. Die Seide heisst dann =entschlte= oder =gekochte Seide= und
besitzt dann nicht nur die erforderliche Weichheit, den eigentlichen
Seidenglanz, sondern auch die Fhigkeit, die Farbstoffe beim Frben
vollkommen anzunehmen.

  Das Entschlen der Seide zerfllt in drei Operationen, nmlich in

                           1) das Degummiren,
                           2) das Kochen,
                           3) das Schnen.

  Das =Degummiren= geschieht auf folgende Weise: Man lst Baumlseife in
  warmem Wasser, erwrmt die Lsung bis auf 85 C., hngt dann die Seide
  mit Hlfe eines Stockes in ihren Strhnen in das Seifenbad ein und
  dreht die Strhne so oft auf dem Punkte herum, bis die Seide berall
  von ihrem firnissartigen Ueberzuge hinreichend befreit ist. Die so
  gereinigte Seide wird hierauf aus dem Seifenbade genommen, ausgerungen,
  in Wasser gesplt und getrocknet. Durch das Degummiren verliert die
  Seide, theils nach der Menge des Firnissberzuges, theils nach der
  Quantitt der verwendeten Seife, 12-25 Proc. an Gewicht. Im degummirten
  Zustande ist die Seide geeignet, mit dunklen Farben gefrbt zu werden,
  fr helle Farben muss sie dagegen dem =Kochen= unterworfen werden. Zu
  dem Ende giebt man die degummirte Seide in Scke aus grober Leinwand,
  sodass in jeden Sack 12-16 Kilogr. Seide kommen, und bringt die Scke
  in ein hnliches Seifenbad. In diesem Bade wird die Seide anderthalb
  Stunden lang gelassen; hierauf wird dieselbe herausgenommen,
  ausgerungen und gesplt. Die letzte Arbeit des Entschlens, das
  =Schnen=, hat den Zweck, der Seide eine schwache Frbung und dadurch
  ein angenehmeres Ansehen zu geben. Man unterscheidet verschiedene
  Nancen von Weiss, nmlich chinesisches Weiss, Azurweiss, Perlweiss
  etc. Ersteres (mit rthlichem Schimmer) erhlt man, indem man die Seide
  durch laues Seifenwasser mit einer geringen Beimengung von Orlean
  zieht. Die blulichen Nancen ertheilt man der Seide durch Indig
  (Lsung von geschlmmtem Indig). Das vollkommene Bleichen der
  entschlten Seide geschieht durch die Einwirkung der schwefligen Sure,
  entweder dadurch, dass man die Seidenstrhne in dem Schwefelkasten
  durch Verbrennen von Schwefel schwefelt, oder dass man sie mit einer
  wsserigen Lsung von schwefliger Sure behandelt. Da einestheils die
  Seide durch das Entschlen zu viel an Gewicht, berhaupt an Krper
  verliert, anderntheils aber die rohe Seide nur selten gefrbt werden
  kann, so hat sich nach und nach in der Praxis eine Mittelstufe zwischen
  der abgekochten und der rohen Seide gebildet, der sogenannte =Souple=.
  Er wird erhalten durch Behandeln der Strhne mit einem siedenden
  Wasserbade mit sehr wenig Seife (auf 25 Kilogr. Seide 1 Kilogr. Seife),
  oder mit einer Lsung von mit Schwefelsure versetztem Bittersalz oder
  Glaubersalz. Der Gewichtsverlust der Seide betrgt hierbei 4-8 bis 10
  Proc. Um die Rohseide zu bleichen, ohne ihr die natrliche Steifheit zu
  entziehen, digerirt man die Strhne bei einer Temperatur von 20-30 mit
  einem Gemenge von Salzsure und Alkohol. Die Flssigkeit nimmt hierbei
  eine grne Farbe an und in dem Verhltnisse, wie die Intensitt der
  Farbe zunimmt, wird die Seide weiss. Sie wird hierauf ausgerungen, in
  Wasser gesplt und abgetrocknet. Der Gewichtsverlust betrgt demnach
  2,91 Proc. Nach der Neutralisation der zurckbleibenden Flssigkeit mit
  Kreide kann man durch Destillation den grssten Theil des Alkohols
  wieder gewinnen.

[Sidenote: Die Seidenweberei.]

Die Fabrikation der =Seidenzeuge= stimmt im Wesentlichen mit jener der
Gewebe aus Baumwollgarn, Leinengarn, Kammwollgarn berein. Wie Seite 589
angefhrt, dient fast durchgngig Organsinseide als Kette, Trama als
Schuss. Die =gemischten Stoffe= haben Baumwollgarn, oder Garn aus
Kammwolle, Alpaka und Mohair zum Einschuss, whrend die Kette Seide ist.
Hufig ist die Kette oder der Schuss, oder auch beide, ein mehrfacher,
aber nicht gezwirnter Faden, dadurch erreicht man eine grssere Dicke und
Dichte des Gewebes, ohne dass dasselbe ein grobes Aussehen erhlt. Einer
eigenthmlichen Ausrstung bedrfen die Seidenzeuge nicht, so wie sie vom
Webstuhle kommen, sind sie fertige Waare, sie werden blos zusammengelegt
und in einer Presse glatt gepresst. Die leichteren Sorten von Atlas und
Taffet werden jedoch gummirt und cylindrirt; zu diesem Behufe wird das in
einem grossen Rahmen horizontal ausgespannte Gewebe auf der unteren Seite
mit einer dnnen Tragantlsung mit Hlfe eines Schwammes berstrichen,
schnell getrocknet und dann durch eine Kalander gelassen, deren eiserne
Walze durch einen glhend eingelegten eisernen Bolzen geheizt ist.
Schwere Seidenstoffe erhalten oft durch Druck auf die theilweise
befeuchtete Flche einen wellenartigen Schimmer (=Moirirung=),
sammetartige Seidenzeuge erhalten zuweilen vertiefte oder erhabene
Zeichnungen durch Pressen mit gravirten Metallflchen (=Gaufriren=).

  Die seidenen Zeuge zerfallen 1) in glatte, 2) gekperte, 3) gemusterte
  Stoffe, 4) Gaze oder Flore, 5) Sammet.

  a) Zu den =glatten seidenen Geweben= gehren 1) der =Taffet=, worunter
  man die leichteren, aus entschlter Seide gewebten glatten Zeuge
  versteht, bei welchem die Kette Organsin und einfdig, der Einschlag
  Trama und zwei- bis dreifdig ist; 2) =Gros= (_Gros de Tours_, _Gros de
  Naples_), ein dichter taffetartiger Stoff, der aus besonders starken
  Fden in Kette und Schuss gewebt ist und deshalb wie mit einer Art
  regelmssigen Kornes bedeckt oder, wenn dicke mit dnnen Fden
  wechseln, gerippt erscheint.

  b) Zu den =gekperten Geweben= gehren: 1) die verschiedenen =Sergen=
  (_Crois_, _Levantin_, _Drap de soie_, _Bombasin_), von welchen die von
  der Kette den grsseren Theil zeigende Seite die rechte ist; 2) der
  =Atlas= oder =Satin= in seinen Varietten: einfacher, doppelter, halber
  und Sergenatlas.

  c) Zur =gemusterten Arbeit= gehren alle figurirte, gewrfelte und
  geblmte Seidengewebe (Droguet, Chagrin, Satinet, Reps, Seidendamast,
  Brillantstoff, Pequin).

  d) Zu den =sammetartigen Geweben= gehren 1) der chte =Sammet=
  (geschnitten oder ungeschnitten), 2) der =Plsch=.

  e) Zu den =Seidengazen= oder =Flren= rechnet man 1) den Marle, 2) den
  Seidenstramin, 3) den Krepp oder Flor, 4) die Beutelgaze und 5) den
  Barge (leichter durchsichtiger Seidenstoff).

  Endlich sind hier auch die =gemischten Gewebe= anzufhren, deren
  Bedeutung von Jahr zu Jahr zunimmt. Die Verbindung oder Mischung
  verschiedener Webmaterialien hat einerseits zum Zweck, ein unedleres
  oder billigeres Material mit einem edleren oder theureren in einer
  Weise zu verbinden, dass das erstere mglichst weniger sichtbar
  erscheint, und hierdurch der Stoff einem solchen, welcher ganz aus dem
  besseren Material dargestellt ist, tuschend hnlich wird. Dieser Zweck
  ist in dem Streben begrndet, Fabrikate von werthvollerem Aeusseren zu
  mglichst billigem Preise zu liefern. Andererseits dient auch die
  Verbindung verschiedenartiger Webmaterialien dazu, eine grosse
  Mannigfaltigkeit in den Geweben herzustellen. Der verschiedene Reflex
  der einzelnen Farben auf Seide, Wolle, Alpaka, Mohair, Baumwolle und
  Leinen, je nach der Beschaffenheit des Gespinnstes und des Materiales,
  das eigenthmliche Verhalten der aus den genannten Materialien
  hergestellten Fden hinsichtlich der Feinheit, Haltbarkeit,
  Elasticitt, Angriff u. s. w. sind Eigenschaften, welche grosse
  Abwechslung und Modificationen in der Herstellung der Gewebe erlaubt.

[Sidenote: Unterscheidung der Seide von der Wolle und den vegetabilischen
Gespinnstfasern.]

Durch das gegenwrtig sehr gebruchliche Verspinnen und Verweben von
Seide und Wolle, Seide und Baumwolle, ist ein einfaches Mittel, Seide von
den brigen Webmaterialien zu unterscheiden, Bedrfniss geworden. Ebenso
wie bei der Prfung der Leinen- und Baumwollfaser grnden sich auch hier
die Prfungsmethoden auf Verschiedenheiten im chemischen Verhalten oder
auf unter dem Mikroskope wahrnehmbare Verschiedenheiten in der Gestalt.

  Was zunchst die Unterscheidung der thierischen Fasern (Seide, Wolle,
  Alpaka) von den pflanzlichen (Flachs, Hanf, Baumwolle) betrifft, so ist
  das Kochen mit _Kalilsung_ entscheidend, Seide und Wolle lsen sich
  auf, der Zellstoff der Pflanzenfasern lst sich nicht auf. Fden von
  Seide und Wolle einer Lichtflamme genhert, entznden sich und
  verbreiten den bekannten Geruch nach verbrennenden Federn, brennen aber
  nur so lange fort, als man sie in der Flamme lsst. Zieht man sie
  zurck, so verlschen sie sogleich und an dem angebrannten Ende bleibt
  eine schwarze kohlige Masse sitzen, welche dichter ist als der Faden
  selbst; Fden von Leinen und Baumwolle brennen fort, bilden keine
  kohlige voluminse Masse und entwickeln nicht den widrigen Geruch.
  _Salpetersure_ von 1,2-1,3 spec. Gew. frbt Wolle und Seide gelb,
  Baumwolle und Leinen nicht. _Salpetersaures Quecksilberoxyduloxyd_
  bewirkt mit den thierischen Webmaterialien eine intensive rothe
  Frbung, die auf Zusatz von Schwefelalkalimetall in eine schwarze
  bergeht; Leinen und Baumwolle erleiden hierdurch keine Vernderung.
  Eine wsserige Lsung von _Pikrinsure_ frbt Seide und Wolle intensiv
  gelb, die vegetabilischen Fasern dagegen nicht. Die farblose
  Flssigkeit, die man (nach =Liebermann=) beim Kochen von
  _Fuchsinlsung_ mit Alkalilauge erhlt, lsst ein in dieselbe
  getauchtes Gewebe von Wolle und Baumwolle farblos; wirft man hierauf
  die Probe in kaltes Wasser und splt gut aus, so tritt intensive
  Rothfrbung der Wolle ein, ohne dass die Baumwolle die mindeste Frbung
  annimmt. Zuweilen wendet man zur Ermittelung von Baumwolle oder Wolle
  in Seidenzeugen das _Kupferoxyd-Ammoniak_ in Verbindung mit
  berschssigem Ammoniak an, wodurch Baumwolle und Seide, letztere
  zuerst, gelst werden, whrend Wolle ungelst zurckbleibt. Wenn Wolle
  und Florettseide zusammengekrempelt und in dem nmlichen Faden gemischt
  vorkommen, so kann man durch successives Behandeln mit gewhnlicher
  Salpetersure und Ammoniak die Seide auflsen, whrend die Wolle nicht
  zerstrt wird; man kann auf diesem Wege selbst eine annhernd genaue
  quantitative Prfung beider Materialien ausfhren. Auch Bleioxyd-Natron
  (Natriumplumbat) in wsseriger Lsung kann zum Unterscheiden von Woll-
  und Seidenfden dienen; erstere werden darin schwarz (da in Folge des
  Schwefelgehaltes der Wolle schwarzes Schwefelblei sich bildet), whrend
  die Seidenfden ihre Farbe nicht verndern. Das beste Reagens, um Seide
  und Wolle zu unterscheiden, ist unstreitig Nitroprussidnatrium, welches
  in einer Lsung von Wolle oder Haar in Kalilauge eine violette Frbung
  bewirkt, dagegen eine Lsung von reiner Seide in Kalilauge unverndert
  lsst.

  Unter dem Mikroskope sind Baumwolle, Wolle und Seide mit Leichtigkeit
  von einander zu unterscheiden. Als Kennzeichen der Baumwolle (vergl. S.
  407) dient deren platte, bandfrmige Beschaffenheit, die lange Zelle,
  unter Wasser gesehen, ist in der Regel pfropfenzieherartig um sich
  selbst gewunden; das sicherste Kennzeichen der Wolle sind seine
  dachziegelfrmig angeordneten Oberhautschuppen, die schon bei 30facher
  Vergrsserung als dicht neben einander liegende unregelmssige
  Querlinien sichtbar sind. Whrend also die Baumwollfaser nur aus einer
  Zelle besteht, das Wollhaar aber, wie die Haare (Alpaka und Mohair)
  berhaupt, aus zahlreichen neben und ber einander liegenden Zellen
  gebildet wird, ist der Seidenfaden, gleich dem Coconfaden der Raupen
  und der Spinnen, ein erhrtetes Secret. Der Seidenfaden (Fig. 253) ist
  glatt, walzenfrmig, structurlos, ohne eigentliches Ende und ohne
  Innenhhle; die Breite des Fadens ist in der Regel berall dieselbe.
  Die Oberflche ist glnzend und nur in seltenen Fllen nimmt man kleine
  Unebenheiten und Eindrcke wahr.

[Illustration: Fig. 253.]

[Illustration: Fig. 254.]

[Illustration: Fig. 255.]

  Will man einen verwebten Seidenfaden auf seine Aechtheit prfen, so
  zerfasert man denselben unter Wasser auf der Glastafel, bedeckt ihn mit
  einem Deckglase und betrachtet denselben bei 120-200facher
  Vergrsserung. Die runde glnzende, verhltnissmssig schmale Seide
  ohne Innenhhle (Fig. 254 _S_) unterscheidet sich sofort von dem
  ungleich breiteren und beschuppteren Wollhaar (Fig. 254 und 255 _W_)
  und von der platten, bandfrmigen und gedrehten Baumwolle (Fig. 255
  _B_). Unter dem Mikroskope lsst sich ferner leicht entscheiden, ob der
  Seidenfaden (wie die Organsin- und Tramaseide) aus parallel neben
  einander liegenden Coconfden besteht, oder ob er (wie die gesponnene
  Florettseide) gedreht ist.


                              Die Gerberei.

[Sidenote: Allgemeines.]

Der Zweck der Gerberei ist die Ueberfhrung der Haut (hauptschlich der
der grsseren Sugethiere) in =Leder= d. h. in die bekannte Substanz,
welche bei gengender Festigkeit, Biegsamkeit und Geschmeidigkeit, sich
von der enthaarten Haut dadurch unterscheidet, dass sie der Fulniss in
hohem Grade widersteht und beim Kochen mit Wasser entweder nicht (wie das
lohgare Leder) oder nur nach lngerer Zeit (wie das alaungare Leder) in
Leim verwandelt werden kann. Der Process der Ueberfhrung der enthaarten
und vorbereiteten Haut, der sogenannten Blsse, in Leder, ist, so
verschieden auch die in der Praxis angewendeten Mittel sein mgen, im
Wesentlichen ein auf =physikalische= Principien zurckzufhrender. In
seinem weiteren Begriffe ist nach der Definition von =Fr. Knapp= Leder
nichts als Haut, in welcher man durch irgend ein Mittel das
Zusammenkleben der Fasern beim Trocknen verhindert hat.

  Die Gerberei war bis auf die neueste Zeit ein empirisches Gewerbe und
  erst durch die genaue Kenntniss der Anatomie der Haut, das Studium des
  Gerbstoffes und berhaupt der Gerbmaterialien hat man die Grundlage
  geschaffen, die da sein musste, ehe man an eine Erforschung des Wesens
  des Gerbeprocesses denken konnte. Das, was man in letzterer Hinsicht
  weiss, verdankt man zum grossen Theil den lichtvollen Untersuchungen
  =Fr. Knapp='s und =Rollett='s.

  Nicht die Haut im weiteren Sinne des Wortes ist es, die der Gerber
  verarbeitet, sondern die =gereinigte Haut= oder die =Blsse=, mit
  anderen Worten die auf chemischem und mechanischem Wege von den meisten
  brigen Gebilden und Stoffen mglichst befreite Lederhaut (Corium). Das
  Gerben in seiner allgemeinsten Bedeutung soll zweierlei bewirken,
  nmlich 1) die Neigung der Haut zu faulen mglichst aufzuheben, 2) der
  Haut die Eigenschaft zu ertheilen, nach beendigtem Trocknen nicht mehr
  als hornartige Masse, sondern als wahrnehmbar faseriges, nicht
  durchscheinendes und mehr und weniger geschmeidiges Gewebe aufzutreten.
  Eine Haut, welche diese Eigenschaften zeigt, wird mit dem Namen =gar=
  bezeichnet und der von dem Worte gar abgeleitete Ausdruck =Gerben=
  drckt sehr gut aus, dass es sich bei dem Gerbeprocesse zuvrderst um
  die Gare handelt, gleichviel ob dieselbe durch dieses oder jenes Mittel
  erreicht worden sei. Auf die Herstellung der Gare der Haut sind zwar
  alle Hauptarbeiten, nmlich das Reinmachen der Haut (oder die
  Herstellung der Blsse), das eigentliche Gerben und das Zurichten des
  Leders, von Wichtigkeit, doch ist der Einfluss der Gerbung (im engeren
  Sinne) vorherrschend. Das eigentliche Gerben kann mit einer grossen
  Anzahl organischer und unorganischer Stoffe ausgefhrt werden; im
  Grossen haben sich jedoch nur einige dieser Substanzen als vortheilhaft
  erwiesen, diese sind

       1) die Gerbsure in der =Loh=- oder =Rothgerberei=,
       2) Alaun und Kochsalz in der =Alaun=- oder =Weissgerberei=,
       3) Fett in der =Smisch=- oder =Oelgerberei=.

[Sidenote: Die Anatomie der Thierhaut.]

Die Haut der Sugethiere besteht, wenn man von den Haaren absieht, aus
mehreren Schichten. Die obere, sehr dnne, von den Haaren durchdrungene
Bedeckung die =Oberhaut= oder =Epidermis=, ist halb durchsichtig und aus
mit Kernen versehenen Zellen gebildet, und umfasst als usserste Lage die
Hornschicht, ein abgestorbenes, an dem Lebensprocess nicht mehr
concurrirendes Gewebe, welches in Folge der Abnutzung, der die
Krperoberflche ausgesetzt ist, abgestossen und durch das darunter
liegende =Malpighi'sche Netz= (_stratum Malpighii_), eine noch lebende,
aus mit Flssigkeit angefllten und kernhaltigen Zellen bestehende
Schicht, ersetzt wird. Letztere Haut (die Schleim- oder Netzhaut) stellt
den Apparat fr die Hautausdnstung und fr den Tastsinn dar und bildet
die sogenannte =Narbe= (_fleur_) auf der Haarseite des Felles. Endlich
findet sich eine weit dickere Lage eines nicht mehr aus Zellen sondern
aus einem dichten Filz vom Bindegewebsbndeln bestehenden Gewebes, die
=Lederhaut= (_corium_, _derma_) genannt, welches die intermedire Haut
und die eigentliche Lederhaut umfasst. Sie ist das eigentliche Substrat
der Lederbereitung. Unter dem Corium liegt das =Unterhautbindegewebe=
oder die =Fetthaut= (_panniculus adiposus_), diese Seite der Haut bildet
die =Aas=- oder =Fleischseite=. Die Haare sind reine Epidermisgebilde und
sitzen in dem Corium nur mittelbar, unmittelbar aber in einer in das
Corium tief hineinragenden Einstlpung der Oberhaut.

  Alle Bestandtheile der Haut, die Zellen der Epidermis, wie die
  Bindegewebefasern des Coriums und das Gewebe der Unterhaut, haben das
  mit einander gemein, dass sie in kochendem Wasser aufschwellen,
  gallertartig werden und durch fortgesetztes Kochen in Leim bergehen.
  Die Schnelligkeit, mit welcher die Umwandlung der Haut in Leim erfolgt,
  ist verschieden bei den Huten verschiedener Thiere, indem die
  Leimbildung bei Huten grosser und ausgewachsener Thiere schwieriger
  und langsamer erfolgt, als bei den Huten kleiner und junger Thiere.
  Die Bindegewebefasern gehen durch fortgesetzte Einwirkung von
  Essigsure in eine durchscheinende Gallerte ber, in welcher jedoch die
  Fasern in ihrer ursprnglichen Textur enthalten sind. Verdnnte
  Schwefelsure und Salzsure verhalten sich wie Essigsure. Alkalische
  Laugen lsen die Fasern des Bindegewebes ebenfalls auf, die Formfasern
  des Bindegewebes leisten den Suren und Laugen lngere Zeit Widerstand.
  Kalk- und Barytwasser verndern die morphologische Eigenschaft des
  Bindegewebes nicht, lockern aber den festen Zusammenhang desselben und
  gestatten die Isolirung faseriger Formelemente aus demselben. In das
  Kalk- und Barytwasser geht ein Eiweisskrper in Lsung, an dessen
  Anwesenheit im Bindegewebe das feste Aneinanderkleben der leimgebenden
  Formelemente geknpft ist. Der nmliche Eiweisskrper wird auch von
  verdnnten Mineralsuren angegriffen.

  Auf das eigenthmliche Verhalten der Hauptformelemente der Haut zu
  alkalischen und sauren Flssigkeiten grnden sich theilweise die
  vorbereitenden Operationen der Gerberei. Der Process des Gerbens selbst
  beruht dagegen auf dem Verhalten des Coriums zu Agentien anderer Art
  und Wirkungsweise. Die Bindegewebefaser geht nmlich mit der Gerbsure,
  verschiedenen Metalloxyden wie der Thonerde, dem Eisenoxyd, dem
  Chromoxyd, ferner mit oxydirtem Fett, dann mit fettsauren Metalloxyden
  (unlslichen Metallseifen), endlich mit Pikrinsure, Pininsure (aus
  Colophonium) und gewissen anderen organischen Substanzen Verbindungen
  ein, hnlich wie die Thier- und Pflanzenfaser mit den Farbstoffen. Alle
  diese Agentien, _Gerbematerialien_ genannt, haben die Bestimmung, sich
  auf die Bindegewebefasern niederzuschlagen, dieselben einzuhllen und
  das Zusammenkleben der Fasern beim Trocknen zu verhindern. Einige
  Gerbmaterialien, wie die Gerbsure, hllen die Faser dergestalt ein,
  dass ein Zusammenkleben vollkommen unmglich wird und die Haut beim
  Trocknen ohne weiteres Zuthun sogleich geschmeidig auftritt; bei andern
  Gerbemitteln, wie bei den Thonerdeverbindungen geht zwar ein
  Zusammenkleben vor sich und die Haut erscheint nach dem Trocknen dicht
  und hornhnlich, der Zusammenhang der Fasern ist aber kein inniger und
  die Haut kann durch Ziehen und Dehnen (durch das sogenannte =Stollen=)
  vollstndig die Eigenschaften des Leders erlangen.


                    I. _Die Roth- oder Lohgerberei._

[Sidenote: Gerbematerialien.]

Die =Roth=- oder =Lohgerberei=, die sich mit der Umwandelung der Haut in
=roth=- oder =lohgares= Leder befasst, verwendet als Materialien
=gerbstoffhaltige Vegetabilien= und =Hute=.

Was die =gerbstoffhaltigen Vegetabilien= betrifft, deren sich der Gerber
bedient, so enthalten dieselben durchgngig als wesentlichen Bestandtheil
einen adstringirenden Stoff, =Gerbsure=, =Tannin= oder =Gerbstoff=
genannt, welcher in den verschiedenen Pflanzen verschieden ist, aber sich
dadurch charakterisirt, dass er sauer reagirt, zusammenziehend schmeckt,
mit Eisenoxydsalzen eine schwarze oder grne Frbung giebt, Leimlsung
und Cinchoninlsung fllt und Thierhaut in Leder verwandelt. Von dem
Gallpfelgerbstoff, welcher brigens =nie= in der Gerberei Anwendung
findet, ist es erwiesen, dass er sich durch Suren und durch Ghrung in
Glycose und in Gallussure spaltet, welche letztere zur Lederfabrikation
nicht geeignet ist. Die Gerbsure der Eichenrinde kann unter den in der
Lederbereitung obwaltenden Verhltnissen nicht gespalten werden, ein fr
die Zwecke der Gerberei wichtiger und dieselben begnstigender Umstand.
Jede Gerbsure wird durch alkalische Flssigkeit (Kalkwasser, Kalilauge,
Ammoniak) bei Luftzutritt unter Bildung von braunen Humussubstanzen
sofort zerstrt.

[Sidenote: Eichenrinde.]

  Das wichtigste und durch nichts zu ersetzende Gerbmaterial ist die
  =Eichenrinde= (Eichenborke), worunter man die innere, zwischen der
  ussern Rinde und dem Splint befindliche Rinde mehrerer Eichenarten,
  _Quercus robur_ und _Q. pedunculata_ versteht. Im westlichen und
  sdlichen Deutschland befinden sich Eichenschlwaldungen, in welchen
  die Ausschlge in 9-15jhrigem Alter zur Gewinnung der besseren dnnen
  Rinde, der sogenannten =Spiegelborke=, geschlagen werden. Die
  zerkleinerte Eichenrinde fhrt den Namen =Lohe=. Nach Bestimmungen von
  =E. Wolff= finden sich in der Eichenrinde folgende Mengen Gerbstoff:

                                                                Alter
                                                             der Stmme
                                                              in Jahre
  In der rauhen
          Rinde mit Borke fanden sich 10,86 Proc. Gerbstoff     41-53
  "   "  Bastschicht
          der alten Rinde   "     "   14,43   "       "         41-53
  "   "  Glanzrinde         "     "   13,23   "       "         41-53
  "   "  rauhen Rinde
          u. Glanzrinde     "     "   11,69   "       "         41-53
  "   "  Bastschicht und
          Glanzrinde        "     "   13,92   "       "         41-53
  "   "  Glanzrinde         "     "   13,95   "       "         14-15
  "   "  Glanzrinde         "     "   15,83   "       "          2-7

  Nach den Untersuchungen =Bchner='s (1867) berschreitet dagegen der
  Gerbstoffgehalt der besten Eichenrinden 6-7 Proc. nicht. Die
  =Fichtenrinde= (gewhnlich von _Pinus sylvestris_), ist eines der
  vorzglichsten Gerbematerialien, welches bei Erzeugung des Sohlleders
  hufig verwendet wird. Man schlt in den Fichtenwldern die Mittel- und
  kleinen Bauhlzer sofort nach dem Fllen ab. =J. Feser= fand in der
  Fichtenrinde 5-15 Proc. Gerbstoff; (ich fand nur 7,3 Proc.). In
  Steiermark und Obersterreich wendet man anstatt der Fichtenrinde die
  =Tannenrinde= (mit 4-8 Proc. Gerbstoffgehalt), in Ungarn und an der
  Militrgrenze die =Erlenrinde= (mit 3-5 Proc. Gerbstoffgehalt), in den
  Vereinigten Staaten Nordamerika's die Rinde der Schierlingstanne
  (=Hemlockrinde= von _Abies canadensis_) an[141]. Die =Ulmenrinde= (mit
  3-4 Proc. Gerbstoff), die junge =Rosskastanienrinde= (mit etwa 2 Proc.
  Gerbstoff) und die =Buchenrinde= (mit 2 Proc. Gerbstoff) finden hie und
  da ebenfalls zum Gerben Anwendung. Die meisten Gattungen der =Weide=
  liefern von den jngeren Zweigen eine zum Gerben des Leders, namentlich
  desjenigen, welches zu den sogenannten dnischen Handschuhen
  verarbeitet wird, sehr brauchbare Rinde (der Gerbstoffgehalt betrgt
  3-5 Proc.). In Russland wird die Rinde der Sandweide zur Bereitung des
  Juften angewendet. In Tasmanien und Neusdwales finden (nach =J.
  Wiesner=) die Rinden von _Acacia dealbata_, _Ac. melanoxylon_, _Ac.
  lasiophylla_ und _Ac. decurrens_ Anwendung. Von den vielen
  einheimischen gerbstoffreichen Pflanzen, die zum Anbau sich eignen, ist
  besonders _Polygonum bistorta_ beachtenswerth, welches, wie die
  Untersuchungen von =C. Fraas= zeigen, 17-21 Proc. (?) Gerbstoff
  enthlt.

    [141] In dem von Amerika in Europa importirten =Hemlockextract= fand
          =Nessler= (1867) 14,3 Proc. Gerbsure.

[Sidenote: Sumach.]

  Nchst der Eichen- und Fichtenrinde ist der =Sumach= oder =Schmack=
  eines der am hufigsten angewendeten Gerbematerialien, welches jhrlich
  in sehr bedeutenden Mengen aus Syrien und Sdeuropa, neuerdings auch
  aus Nordamerika und Algerien importirt wird. Er besteht aus den
  Blttern und Blattstielen eines Strauches, des sogenannten
  =Gerber-Sumachs= (_Rhus coriaria_ und _Rh. typhina_), welcher in den
  genannten Lndern theils wild wchst, theils besonders angebaut wird.
  Man sammelt die Wurzelschsslinge, welche im Monat Juni in die Erde
  gelegt werden, und im dritten Jahre bereits so weit gediehen sind, dass
  die Stengel und Bltter derselben abgehauen werden knnen. Die
  abgehauenen Stengel und Bltter werden dann getrocknet, und hierauf die
  Bltter mit den Blattstielen mittelst Stcken abgeschlagen. Die
  abgeschlagenen Bltter und Blattstiele werden zwischen Mhlsteinen
  zermalmt, gesiebt und in Scke verpackt in den Handel gebracht. Der
  Sumach kommt im Handel nie anders als gepulvert vor und zwar in Gestalt
  eines grblichen Pulvers von bald gelbgrner, bald graugrner Farbe. Er
  enthlt 12 bis 16,5 Proc. Gerbsure; in lange Zeit aufbewahrtem Sumach
  ist der Gerbstoff in Folge einer freiwilligen Ghrung zum grossen
  Theile in secundre Produkte umgesetzt. Neben der Gerbsure findet sich
  in dem Sumach noch ein gelber Farbstoff, welcher mit dem Quercitrin
  identisch zu sein scheint.

  Nicht zu verwechseln mit dem Sumach ist der =unchte Sumach=, auch
  =venetianischer= und =italienischer Sumach= genannt, welcher aus den
  gemahlenen und gestampften Blttern, jungen Zweigen und der Rinde des
  Perckenbaumes (Frbersumach, Rujastrauches, Skumpina, _Rhus cotinus_,
  von welchem das Visetholz stammt) besteht. Der Rujastrauch ist im
  Banat, an der Militrgrenze, in Siebenbrgen und Illyrien und selbst in
  der Gegend von Wien heimisch. Die grsste Menge des venetianischen
  Sumachs wird in Ungarn und in der Trkei zum Gerben gebraucht. In
  =Tyrol= gerbt man damit Ziegen-, Schaf- und leichte Kalbfelle, und
  nennt dort das Pulver =Rausch=.

[Sidenote: Dividivi.]

  Ein anderes Gerbematerial sind die =Dividivi= oder =Libidibi=, flache,
  etwa 6 Centimeter lange, S-frmig gebogene, etwas rauhe, braunrothe
  Schoten, die glatte, eifrmige, glnzende, olivengrne Samen enthalten
  und von einem in Caraccas und Maracaibo und auf mehreren Inseln der
  Antillen wachsenden Baume, der _Caesalpinia_ oder _Poinciana coriaria_
  herrhren. Sie wurden zuerst im Jahre 1768 von den Spaniern nach Europa
  gebracht und statt der Knoppern fr Gerberzwecke empfohlen. Der in der
  ussern Rinde der Schote enthaltene Gerbstoff -- =Mller= fand in den
  Schoten ber 49 Proc., =H. Fleck= 32,4 Proc., ich fand darin 19-26,7
  Proc. -- macht zwar die =Dividivi= zu einem brauchbaren, doch theuern
  Gerbematerial geeignet, doch werden sie zuweilen in der Frberei
  benutzt. Dasselbe gilt von dem =Bablah= oder dem =indischen Gallus=,
  den Schoten der in Ostindien wachsenden _Acacia Bambolah_; es giebt
  davon mehrere Sorten, die von _Acacia arabica_, _Ac. cineraria_ und
  _Ac. Sophora_ gesammelt und in den Handel gebracht werden sollen. =H.
  Fleck= fand darin 20,5 Proc. Gerbstoff, meine Probe gab mir 14,5 Proc.
  Die =Algarobilla=, die von Chile eingefhrten Samenkapseln von
  _Prosopis pallida_ (oft mit Rinde gemengt) sind in England
  versuchsweise zum Gerben angewendet worden. Die aus Ostindien (Bombay)
  kommenden =Myrobalanen= (die Frchte von _Terminalia citrina_, _T.
  Bellirica_, _T. Chebula_) enthalten zu wenig Gerbstoff, um in der
  Gerberei ausgedehntere Anwendung finden zu knnen.

[Sidenote: Gallpfel.]

  Mit dem Namen =Gallpfel= bezeichnet man die bekannten kugligen
  Auswchse, welche an den jungen Zweigen und Blattstielen verschiedener
  Eichenarten, namentlich der _Quercus infectoria_ durch den Stich des
  Weibchens der Gallwespe (_Cynips gallae tinctoriae_) sich bilden, das
  Insect legt seine Eier in die durch den Stich entstandene Oeffnung, um
  welche dann bald durch den Ausfluss der Sfte und durch die Erweiterung
  der Drsen des Zellgewebes pathologische Anschwellungen entstehen, in
  welchen die Eier ausgebrtet werden. Man sammelt die Gallpfel zu
  verschiedenen Zeiten, ehe das Insect darin ausgebildet ist, zu welcher
  Zeit die Gallpfel am reichsten an Gerbsure sind, ferner wenn das
  ausgebildete Insect anfngt, seine Hlle zu durchbrechen, und endlich
  zu der Zeit, wo smmtliche Gallpfel entleert und trocken geworden
  sind. Darnach unterscheidet man drei Hauptsorten: die schwarzen, die
  grnen und die weissen Gallpfel. Die =schwarzen= und =grnen=
  Gallpfel heissen die Anschwellungen, die zu der Zeit eingesammelt
  wurden, als die Gallwespe noch nicht vllig ausgebildet war und vor dem
  Ausschlpfen in dem Gallapfel starb; sie zeigen daher aussen keine
  Oeffnung, aber im Innern einen scharf abgegrenzten kugligen Kern, der
  aus einer hellbraunen zerreiblichen Substanz besteht und in seiner
  kleinen Centralhhle die vertrocknete Larve enthlt. Die Gallpfel sind
  gewhnlich kuglig und oben, seltener an den Seiten, mit unregelmssigen
  Hckern besetzt; brigens sind sie glatt und schwrzlichgrn und wie
  grau bestubt; die Hcker sind gewhnlich hellbraun. Die =weissen= oder
  =gelben= Gallpfel sind eingesammelt worden, nachdem die Gallwespe
  darin ausgebildet und nach Durchbohrung ihrer Hlle entflohen ist; sie
  sind durchschnittlich grsser und schwammiger als die vorigen und
  unterscheiden sich von den durch ihre rthliche oder brunlichgelbe
  Farbe; im Innern findet sich nicht nur eine Hhlung, sondern auch ein
  kleines rundes Loch, welches von der Peripherie des Gallapfels in diese
  Hhlung fhrt. Obschon in allen Lndern Europa's Gallpfel sich bilden,
  so sammelt man doch nur die aus den sdlichen Gegenden, indem die bei
  uns vorkommenden oft nur 3-5 Proc. Gerbstoff enthalten. =v. Fehling=
  fand in Aleppo-Gallpfeln 60-66 Proc. =H. Fleck= 58,71 Proc. Gerbstoff,
  ausserdem 5,9 Proc. Gallussure.

[Sidenote: Knoppern.]

  Von den =Knoppern=, die den Gallpfeln zunchst stehen, unterscheidet
  man unnatrliche oder eigentliche Knoppern und natrliche oder
  orientalische Knoppern. Die =unnatrlichen= (oder pathologischen)
  =Knoppern= sind ebenso wie die Gallpfel braune Auswchse des
  Eichbaumes, welche durch den Stich einer Gallwespe, _Cynips Quercus
  calycis_, entstehen, nur mit dem Unterschiede, dass sie sich nicht auf
  den Zweigen und Blattstielen, sondern aus dem Saft der jungen Eicheln
  (aber nicht der Fruchtbecher, wie man frher annahm) bilden. Sie
  umgeben die Eichel meist nur an einer Seite, seltener ganz. Die
  Knoppern kommen in dem Handel in unregelmssigen, unebenen, eckigen,
  braungelben Stcken bis zu Wallnussgrsse vor; an der einen Seite ist
  die verkmmerte Eichel sichtbar, durch deren Verwundung sie entstanden,
  oder, falls die Eichel fehlt, die durch sie bewirkte schalenfrmige
  Vertiefung. Man sammelt sie besonders in Ungarn, Mhren, Slavonien,
  Steiermark, Krain und bringt sie in den Handel. Ihr Gerbstoffgehalt
  betrgt 45 Proc. Die Knoppern finden neben der Eichenrinde vielfach zur
  Bereitung von lohgarem Sohl- und Fahlleder Anwendung, welchem sie eine
  schne braune Farbe mittheilen. Seit einer Reihe von Jahren kommt auch
  =Knoppernextract= im Handel vor. Die =natrlichen= (oder
  physiologischen) =Knoppern=, auch =Valonia=, =Acker=- oder
  =Eckerdoppen= genannt, sind keine Auswchse als Folge von
  Insectenstichen, sondern sind die natrlichen Fruchtbecher der auf
  griechischen Inseln, in Kleinasien und Syrien vorkommenden _Quercus
  aegilops_ und _Valonia camata_. Die grossen Fruchtbecher sind durch
  abstehende, stumpfe oder eckige, sehr grosse, dicke Schuppen (Bracteen)
  charakterisirt; sie kommen theils mit, theils und meist ohne Eichel
  vor. Im letzteren Falle sind sie geschtzter. Ihr Gerbstoffgehalt
  betrgt 40-45 Proc.; in Valoniamehl, welches durch Mahlen
  eichelhaltiger Waare erhalten worden war, fand ich in dem einen Falle
  19, in dem anderen 27 Proc. Gerbstoff. Die Kelchschuppen der Valonia
  finden sich unter dem Namen =Drillot= im Handel; sie sind reicher an
  Gerbstoff als die Valonia selbst. (=Rothe= fand darin 43-45 Proc.)

[Sidenote: Chines. Gallpfel.]

  An die vorstehenden Produkte des Eichbaumes schliessen sich an die
  sogenannten =chinesischen Gallpfel=, die seit dem Jahre 1847 im Handel
  sich finden und aus China, Japan und Nepal kommen. Es sind blasige
  Anschwellungen, welche durch den Stich von _Aphis chinensis_ an einer
  Sumachart, der _Rhus javanica_ oder _Rh. semialata_ sich bilden und
  meist lnglich walzenfrmig, aber auch plattgedrckt, birnfrmig,
  kuglig vorkommen und auf ihrer mit gelblichgrauem Filz bedeckten
  Oberflche mancherlei hohle Hcker und Zacken zeigen. Ihre Lnge
  variirt von 3-10 Centimeter und ihre Dicke von 1,5-4 Centimeter; ihre
  Wnde sind dnn, hornartig durchscheinend und sprde. Sie zeichnen sich
  durch hohen Gehalt von Gerbstoff, nmlich 60 bis 70 Proc. aus.

[Sidenote: Catechu.]

  Seit ungefhr fnfzig Jahren werden in der Gerberei auslndische
  gerbstoffhaltige Extracte vielfach angewendet, welche in der Medicin
  unter dem Namen =Catechu= und =Kino= lngst schon Verwendung finden.
  Das =Catechu= oder =Cachon= wird durch Auskochen des Kernholzes von
  _Acacia catechu_ in Ostindien und vorzglich in Bengalen und auf
  Coromandel, Coliren der Abkochung und Eindampfen bis zur Trockniss
  bereitet; diese Sorte Catechu (=Bombay-Catechu=) kommt in ungleich
  grossen und unregelmssigen, meist quadratischen, unten glatten und
  oben schwach gewlbten Stcken im Handel vor, die mit Blttern einer
  Palmenart durchzogen sind. Auf dem Bruche erscheint es fettglnzend von
  lederbrauner bis schwarzbrauner Farbe. Aussen sind die Stcke matt und
  leicht zerreiblich. Eine andere Catechuart (=bengalisches Catechu=),
  die aus den Nssen von _Areca catechu_ dargestellt werden soll, kommt
  in grossen, unregelmssigen, kuchenfrmigen Brocken, die usserlich
  gleichmssig braun sind und inwendig hellere und dunklere Schichten
  zeigen, dabei ziemlich schwer und fest sind, im Handel vor. Dem Catechu
  hnlich ist des =Gambir=, ein auf Sumatra, Singapore, Malacca und
  besonders der Insel Rhio aus den Blttern und dnnen Zweigen der
  _Uncaria Gambir_ bereitetes Extract, das zu uns in kleinen,
  wrfelfrmigen trocknen, leichten, zerreiblichen Stcken von erdigem
  Bruche und zimmetbrauner Farbe kommt. Die Catechusorten enthalten 40-50
  Proc. einer eigenthmlichen Gerbsure (Catechugerbsure von der Formel
  C_{15}H_{14}O_{6} nach =J. Lwe=) und ausserdem eine eigenthmliche
  Sure, die Catechusure (C_{16}H_{14}O_{6}), die jedoch beim
  Gerbeprocess, wie es scheint, ausser Spiel bleibt.

[Sidenote: Kino.]

  Das =Kino= ist eine dem Catechu sehr hnliche Drogue; es soll der
  eingetrocknete Saft verschiedener Pflanzen sein, nmlich

     das afrikanische Kino von              _Pterocarpus erinaceus_,
      "  ostindische   "    "                    "      _Marsupium_,
      "       "        "   nach Anderen von _Butea frondosa_,
      "  westindische  "       von          _Coccolaba uvifera_,
      "  neuhollnd.   "        "           _Eucalyptus resinifera_.

  Das Kino bildet gewhnlich kleine, eckige, scharfkantige, sprde, zu
  einem braunrothen Pulver zerreibliche, glnzend schwarze Stcke, die
  stark zusammenziehend, hintennach ssslich schmecken und sich in
  siedendem Wasser und in Alkohol fast vollstndig zu einer blutrothen
  Flssigkeit auflsen. Es enthlt 30-40 Proc. einer der Catechugerbsure
  hnlichen Gerbsure. Catechu und Kino kommen besonders bei vielen
  sogenannten Schnellgerbeverfahren in Anwendung.

[Sidenote: Untersuchung der Gerbematerialien.]

  Da der Werth der Gerbematerialien allein von der Menge der in ihnen
  enthaltenen Gerbsure abhngig ist, so ist es von Wichtigkeit, eine
  Prfungsmethode zu haben, welche den Gehalt an Gerbstoff annhernd
  angiebt. Die in Wasser leicht lsliche Gerbsure wird aus ihrer Lsung
  durch verschiedene Mittel ziemlich vollstndig niedergeschlagen, so
  durch Leim und Thierhaut, durch essigsaures Kupferoxyd, durch
  essigsaures Eisenoxyd, durch Alkaloide (Chinchonin, Chinin) etc.; sie
  wird ferner durch eine Lsung von bermangansaurem Kali vollstndig
  zerstrt. Darauf grnden sich nachstehende Methoden der
  Gerbsurebestimmung: 1) Die Gerbsure wird mit =Leim= oder =Thierhaut=
  ausgefllt; a) die Thierhaut wird vor dem Versuche und nach dem
  Versuche gewogen; die Gewichtszunahme giebt die Menge der Gerbsure
  (=Davy=); b) die Gerbsure wird mit titrirter Leimlsung ausgefllt
  (=v. Fehling=); c) die Gerbsure wird mit einer mit =Alaun= versetzten,
  titrirten Leimlsung ausgefllt (=G. Mller=); d) es wird das
  specifische Gewicht der Gerbstofflsung mittelst eines Araeometers
  bestimmt, die Gerbsure mit Hlfe von Thierhaut entfernt, und von Neuem
  das specifische Gewicht der Flssigkeit ermittelt. Die Abnahme des
  spec. Gewichts ist dem Gerbstoffgehalt der ursprnglichen Flssigkeit
  proportional (=C. Hammer=); 2) Die Gerbsure wird durch =Kupferacetat=
  ausgefllt und zwar das Verhltniss zwischen Gerbsure und Kupferoxyd
  im Niederschlage; a) volumetrisch (=H. Fleck=) oder b) durch Wgung des
  Kupferoxydes (=E. Wolff=) bestimmt; 3) Die Gerbsuremenge wird durch
  =Ferriacetat= und auf volumetrischem Wege ermittelt (=R. Handtke=); 4)
  Man sucht die Gerbsure durch eine titrirte Lsung von
  =Kaliumpermanganat= zu zerstren (=Lwenthal=); 5) Die Gerbsure wird
  aus ihrer Lsung durch =Cinchonin=, dessen Lsung mit etwas Fuchsin
  rothgefrbt ist, gefllt. Zum Fllen von 1 Grm. Eichengerbsure braucht
  man 0,7315 Grm. Cinchonin, welche 4,523 Grm. krystallisirtem neutralem
  schwefelsaurem Cinchonin entsprechen (=R. Wagner=).

[Sidenote: Die Hute.]

Obgleich im Allgemeinen die =Hute= aller Quadrupeden zur Lederbereitung
sich eignen, so schliessen doch hufig zu geringe Dimensionen oder ihr
Nutzen als Pelzthiere die Hute vieler Thiere aus. Unter den in der
Gerberei angewendeten Huten nehmen die des Rindviehes den obersten Platz
ein, an Festigkeit und Gte stehen ihnen nach die Haut des Pferdes und
des Esels. Wie die Praxis gezeigt hat, ist die Festigkeit der Haut nicht
allein abhngig von der Art des Thieres, sondern auch von dessen
Lebensart, so bertrifft das wilde Rindvieh bei weitem das zahme, und bei
letzterem wieder ist die Festigkeit der Haut grsser bei Weidevieh als
bei im Stall geftterten Thieren. Die Dicke der Haut eines bestimmten
Thieres ist ausserordentlich wechselnd; in der Mitte des Rckens oder am
Kopfe ist es hufig doppelt so dick als am Bauche. Bei den kleineren
Thieren sind die Unterschiede in der Dicke weniger wahrnehmbar, bei den
Schafen behauptet man brigens gefunden zu haben, dass die Qualitt und
Dicke der Haut in Beziehung zu der Dicke des Vliesses im Augenblick des
Schlachtens steht; je dicker und lnger seine Wolle, desto dnner und
weniger haltbar die Haut, da, wie es scheint, die Theile, welche zur
Ernhrung und Bildung der Haare dienen, der Ernhrung der Haut entgehen.

  Das dickste und derbste Leder, besonders als Sohlenleder fr das
  Schuhwerk verwendet, liefern Stier- und Ochsenhute, welche man im
  rohen unbearbeiteten Zustande =grne Hute= nennt, und theils im
  frischen, ungetrockneten Zustande aus den nchstliegenden Metzgereien
  (eine frische Ochsenhaut, so wie sie vom Metzger kommt, wiegt 25-30
  Kilogr., verliert aber bei Austrocknen etwas ber die Hlfte an
  Gewicht), theils im getrockneten Zustande aus entfernten Gegenden
  bezieht. Letztere sind zum Theil nur getrocknet wie die aus
  Buenos-Ayres, zum Theil gesalzen und getrocknet, wie die von Bahia und
  Fernambuk in den Handel gebrachten, bisweilen auch geruchert. Ein
  dnnes, weniger dichtes Leder und von minder feinem Korn als die
  Stierhute geben die Kuhhute, welche zu leichten Sommersohlen gegerbt,
  unter dem Namen =Vacheleder= bekannt sind; die strksten Kuhhute
  stammen aus den sdamerikanischen Ebenen, sie werden wie gesagt zu
  leichtem Sohlenleder, dann zu Oberleder u. dergl. verarbeitet. Die
  Hute der Klber sind dnner als die der Khe, aber dicker als die der
  meisten anderen Thiere und liefern gegerbt ein sehr zhes, dabei
  weiches und biegsames Leder (=Kalbkid=), welches besonders als
  Oberleder des Schuhwerkes (=Schmalleder=, =Fahlleder=), verwendet wird,
  whrend die Stirnhute und strkeren Kuhhute nur als =Sohl=- und
  =Pfundleder= Verwendung finden. Die Pferdehute sind dnn und geben ein
  fast nur zu Sattlerarbeiten benutztes Leder. Die Schaffelle liefern
  Leder von geringerer Strke fr Buchbinderarbeiten, Waschleder,
  gefrbtes Leder u. s. w. Die Hute der Lmmer und jungen Ziegen liefern
  Leder fr Handschuhe, die Hute der ausgewachsenen Ziegen das beste
  Material fr Saffian und Maroquin. Hirsch- und Rehhute, sowie
  Gemsenfelle werden in der Regel smischgegerbt und als Wildleder
  verwendet. Schweine liefern ein dnnes, usserst festes, besonders fr
  Sattelsitze verwendetes Leder. Seehundsleder wird seiner grossen
  Zhigkeit wegen vorzglich zum Einfassen der Sattlerarbeiten verwendet.

[Sidenote: Die einzelnen Arbeiten der Lohgerberei]

Die =einzelnen Arbeiten in der Lohgerberei= lassen sich auf drei
Hauptarbeiten, A. auf das Reinmachen der Haut auf der Fleisch- und auf
der Narbenseite, mit anderen Worten auf eine Blosslegung des Coriums; B.
auf das eigentliche Gerben, und C. auf eine Zurichtung der lohgaren
Hute, um sie in Waare zu verwandeln, zurckfhren. Diese drei
Hauptarbeiten zerfallen wieder in folgende Operationen:

  A. =Das Reinmachen der Haut=

    1) das Einweichen der Hute,
    2) das Reinigen der Fleischseite,
    3) das Reinigen der Haarseite,
    4) das Schwellen der gereinigten Hute.

  B. =Das Gerben der Blsse=, welches durch Einsetzen in Gruben, oder
  durch Gerben mit Lohauszug (Lohbrhe), oder nach dem Verfahren der
  sogenannter Schnellgerberei vor sich geht.

  C. =Das Zurichten der lohgaren Hute=, worunter alle diejenigen
  Nacharbeiten zu verstehen sind, welche dem Leder ein dichteres Gefge,
  eine schnere Narbe, ein besseres Ansehen der Fleischseite, grssere
  Gleichfrmigkeit in der Dicke, grssere Geschmeidigkeit u. dergl.
  ertheilen sollen.

[Sidenote: Das Reinmachen der Haut.]

A. =Das Reinmachen der Haut.= 1) Das =Einweichen= oder =Wssern der Haut=
bezweckt nicht nur eine gleichfrmige Erweichung und Ausstreckung der
Haut, so dass man sie beliebig biegen kann, ohne dass Narbenbrche sich
bilden, sondern auch eine Entfernung anhngender Blut- und Fleischtheile
auf der Fleisch- oder Aasseite. Bei frischen Huten gengt schon ein- bis
zweitgiges Legen in fliessendes Wasser, oder, wo dieses nicht vorhanden,
in Weichbottiche oder Kufen, um Blut und Schmutz zu entfernen; bei
getrockneten, namentlich bei gesalzenen und gerucherten Huten, lsst
man dieselben oft 8-10 Tage lang im Wasser liegen, wobei man die Hute
der Art befestigt, dass der Strich der Haare der Stromrichtung gerade
entgegengeht, um das Wasser mglichst stark auf die Hautoberflche wirken
zu lassen. Whrend des Wsserns werden die Hute zweimal des Tages aus
dem Wasser gehoben und wieder eingelegt.

[Sidenote: Reinigen der Fleischseite.]

Ist die Haut gengend erweicht, so schreitet man 2) zum =Reinigen der
Fleischseite=. Zu dem Ende bringt man die Hute mit der Haarseite nach
unten auf den =Schabebaum=, einen halbrunden hlzernen Baum, der mit
seinem hinteren Ende auf der Erde ruht, mit dem vorderen auf einem
Kreuzholz oder Kreuzfuss. Das =Schabeeisen= besteht in einem eisernen
nach dem Rcken zu etwas gekrmmten Messer mit stumpfer Schneide, und ist
mit zwei hlzernen Handgriffen versehen. Der Arbeiter stellt sich vor den
Schabebaum und streicht, indem er das Schabeeisen an den Handhaben mit
beiden Hnden fasst, die Haut von oben nach unten herab, wobei einerseits
das Wasser ausgepresst, anderntheils die Haut gleichmssig gereckt und
die anhngenden Fleisch- und Fetttheile und das der Fleischseite
anhngende Unterzellgewebe, sowie die das Gewebe der Haut durchsetzenden
feinen Gefsse und Nerven weggenommen werden.

  Nach dem ersten Ausstreichen bringt man die Hute abermals 24 Stunden
  lang in das Wasser, streicht sie den nchsten Tag nochmals aus, trgt
  sie dann wieder einige Stunden ein und wscht sie aus, worauf man sie
  ber den Schabebaum schlgt und abtropfen lsst. Sie sind dann zum
  Enthaaren vorbereitet. Zur Befrderung des Einweichens und der damit im
  Zusammenhange stehenden Reinigung der Fleischseite werden die Hute
  zuweilen statt des blossen Aneinanderlegens, Auswaschens und Abtropfens
  in frischem Wasser gewalkt, was entweder in einer gewhnlichen Walke
  oder in einem in die Erde eingelassenen Bottich mittelst Holzstampfen
  geschieht. Man kann durch dies Verfahren die Hute in 2-3 Tagen so weit
  reinigen, als sonst nach der gewhnlichen Methode in 8-10 Tagen.

[Sidenote: Reinigen der Narbenseite.]

3) Das =Reinigen der Haar=- oder =Narbenseite= oder das =Abhaaren=
bezweckt die anatomische Scheidung der Lederhaut von der auf ihr
liegenden Epidermis und den mit letzterer zusammenhngenden Gebilden,
namentlich den Haaren. Die Haare sitzen in der gereinigten und geweichten
Haut -- nicht in dem Corium, sondern nur in einer in das Corium tief
hineinragenden Einstlpung der Oberhaut -- so fest, dass sie nicht, ohne
abzureissen, ausgerauft werden knnen, das Abrasiren ist nicht anwendbar,
weil dabei die Haarwurzeln zurckbleiben, was sich mit dem Ansehen von
gutem Leder nicht vertrgt. Man nimmt daher in der Gerberei zu
verschiedenen vorbereitenden Operationen seine Zuflucht, welche wie das
Kalken beim Kalkschen und die Ghrung beim Schwitzen die Lockerung der
Epidermis bezwecken sollen; beim Abstossen der Haare von den gekalkten
oder vom Schwitzen kommenden Huten wird daher hauptschlich nur die
Epidermis und zwar mit der in ihr befestigten Behaarung von der Lederhaut
abgestossen; die Haare dienen dabei mehr als Handhabe.

  Wie bereits gesagt, werden die auf der Fleischseite gereinigten und
  geweichten Hute auf verschiedene Weise fr die Enthaarung vorbereitet,
  nmlich a) durch =Schwitzen=, b) durch =Kalken=, c) durch Anwendung von
  =Rusma= und =Schwefelcalciumverbindungen=.

  a) Bei dicken Huten, die zu Sohlleder bestimmt sind, wird als
  vorbereitende Operation zum Enthaaren das =Schwitzen= angewendet, da
  das Kalken, weil bei dickem Leder der Kalk nie ganz vollstndig
  entfernt werden kann, das Leder hart und sprde machen wrde. Das
  Schwitzen besteht in einer durch beginnende Fulniss eingeleiteten
  Zersetzung der feuchten Haut, welche man jedoch auf die Auflockerung
  der Epidermis und Haarscke, sowie auf eine theilweise Fulniss der
  noch in der Haut zurckgebliebenen fremdartigen Stoffe beschrnken
  muss. Die Hute werden der Lnge nach, mit der Fleischseite nach innen,
  zusammengelegt, nachdem man sie auf der Fleischseite mit Kochsalz
  eingerieben oder mit etwas Holzessig getrnkt hat, und dann in einem an
  einem mssig warmen Orte befindlichen Kasten, dem =Schwitzkasten=, der
  mit einem Deckel verschlossen werden kann, bereinander geschichtet.
  Nach kurzer Zeit ist eine Steigerung der Temperatur und ein Geruch nach
  Ammoniakkrpern wahrzunehmen, welchem sehr bald die Erscheinungen der
  Fulniss folgen. Sobald letztere sich kundgeben, werden diejenigen
  Hute, deren Haare leicht ausgerauft werden knnen, sofort auf dem
  Schabebaume enthaart. Bei fabrikmssigem Betriebe wendet man anstatt
  der Schwitzkasten zweckmssig eine grosse, dicht verschliessbare Kammer
  an, deren Temperatur entweder mittelst directem Feuer oder frei
  einstrmenden Wasserdmpfen oder durch Wasserheizung so ziemlich
  constant auf 30-50 C. erhalten wird. Um aller nachtheiligen Einwirkung
  auf das Corium vorzubeugen, wendet man hufig auch das =kalte=
  Schwitzverfahren an, bei welchem man die Hute in ausgemauerte oder mit
  Cment berkleidete Gruben bringt, auf deren Boden ein hlzerner Kanal
  den Abfluss des Wassers, sowie das Eindringen von Luft gestattet. Die
  Temperatur der Grube ist auf 6-12 zu halten. Unter dem Dache circulirt
  in einer im Viereck herumgefhrten Leitung kaltes Wasser, zugleich
  tropft ein Theil dieses Wassers unaufhrlich durch die Grube nieder,
  deren Atmosphre mit Feuchtigkeit gesttigt bleibt. Nach 6-12 Tagen
  tritt, ohne dass eine Spur von Fulniss bemerkbar wre, Auflockerung
  der Haare ein.

  b) Bei leichteren, nicht fr Sohlleder bestimmten Huten wendet man
  gewhnlich das =Kalken= an. Die Behandlung der Haut mit Kalkmilch ist
  nicht nur eine vorbereitende Operation fr das Enthaaren, sondern es
  wird auch das in der Haut enthaltene Fett verseift und in Kalkseife
  bergefhrt, welche im Wasser zwar unauflslich ist, aber durch die
  nachfolgende, theils mechanische, theils chemische Behandlung
  gleichfalls beseitigt wird. Die =Kalkgruben=, in welchen das Kalken der
  Hute vorgenommen wird, sind in den Boden eingelassene Bottiche, welche
  bis auf Dreiviertel ihrer Hhe mit Kalkmilch angefllt werden. In diese
  Bottiche werden die Hute eingestossen, sodass sie unter der
  Flssigkeit liegen. In der Regel wendet man drei oder fnf Kalkgruben
  an, von denen die eine immer grssere Mengen von Kalk enthlt als die
  andere. Die Kalkmilch muss in den Gruben fter umgerhrt und die Hute
  tglich zweimal herausgenommen und neu eingeschlagen werden. Die Hute
  bedrfen zur Gare eines 3-4wchentlichen Verweilens in den Kalkgruben.

  c) Sehr dnne Hute kleiner Thiere vertragen weder das Schwitzen noch
  das Kalken; man pflegt sie daher mit sogenanntem =Rusma=, einer
  salbenartigen Mischung aus 1 Th. Operment (Schwefelarsen) mit 2-3 Th.
  gelschtem Kalk zu bestreichen, welches die Haare so erweicht, dass sie
  nach kurzer Zeit mit einem Schabmesser entfernt werden knnen.
  =Bttger= hat gezeigt, dass das =Calciumsulfhydrat= das Rusma in jeder
  Hinsicht ersetzt und in der Gerberei zum Enthaaren der Hute alle
  Beachtung verdient. Der Kalk, welcher zur Reinigung des
  Steinkohlengases gedient hat und viel Calciumsulfhydrat neben etwas
  Cyancalcium enthlt, der sogenannte =Gaskalk=, hat in neuerer Zeit
  mehrfach, selbst bei strkeren Fellen, zum Enthaaren Anwendung gefunden
  und zwar mit dem gnstigsten Erfolge, indem das Leder fester, zher,
  eleganter erscheint und mehr Gerbstoff aufnimmt.

[Sidenote: Abplen.]

  Sobald die Hute auf die eine oder die andere Weise zum Enthaaren
  gengend vorbereitet sind, wscht man sie aus und legt sie, einige
  bereinander, auf den Schabebaum, die Haarseite nach oben und den
  Strich der Haare aufwrts, sodass der Arbeiter mit dem stumpfen
  Schabemesser nach abwrts den Haaren entgegenarbeitet und letztere von
  der Narbe abstsst, eine Arbeit, die man das =Abplen= nennt. Falls die
  Haare noch zu fest sitzen sollten, wie es bei trockenen schweren Huten
  nicht selten vorkommt, so streut der Arbeiter feinen Sand in die Haare
  ein, wo dann das Messer besser angreift. Die bei schweren Huten nach
  dem Enthaaren noch festsitzenden Grundhaare werden mittelst eines
  gewhnlichen grossen und scharfen Messers, des =Putzmessers=,
  abgeputzt. Nach beendigtem Abplen werden die Hute von Neuem
  gewssert, mit der Narbenseite abwrts auf einen breiten Schabebaum
  geschlagen und auf der Fleischseite mit dem =Scheer-= oder =Finneisen=,
  einem grossen, geraden, scharfen Messer mit Griffen an beiden Enden
  bearbeitet, indem man das Messer flach gegen die Haut andrckt und
  dadurch sorgfltigst alles noch anhngende Fleisch etc.
  abschneidet, ohne die Haut zu verletzen. -- Durch das Enthaaren und
  Scheeren verliert eine trockene Haut durchschnittlich 10-12 Proc. am
  Gewichte.

[Sidenote: Schwellen der Hute.]

4) Das =Schwellen oder Treiben der gereinigten Hute=. Theils um den von
dem Kalken her in der Haut in Gestalt von kohlensaurem oder in Form von
Calciumseife oder Calciumalbuminat zurckgebliebenen Kalk zu entfernen,
theils auch die eigentliche Hautfaser auf endosmotischem oder
dialytischem Wege aufzuschwellen und sie fr das Eindringen der
gerbstoffhaltigen Flssigkeit geeignet zu machen, pflegt man nach
Vollendung der vorbereitenden Reinigungsarbeiten die Hute in der
=Schwellbeize= zu behandeln, die man durch saure Ghrung von
Gerstenschrot oder Weizenkleie bereitet, deren wesentlich wirksame
Bestandtheile hauptschlich Propionsure, Milchsure und Buttersure
sind. Werden die gereinigten Hute, nun =Blssen= genannt, mit dieser
Flssigkeit behandelt, so lsen die Suren den Kalk auf, den Kalk aus der
Calciumseife unter Abscheidung der Fettsuren, welche sich auf der
Oberflche der Flssigkeit ansammeln; die in Wasser lslichen Kalksalze
werden durch das nachfolgende Auswaschen vollstndig entfernt. Whrend
des Schwellens nimmt die Dicke der Haut um das Doppelte zu, theils indem
die Flssigkeit der Schwellbeize in die Haut eindringt und letztere
auflockert, zum Theil aber auch dadurch, dass in den Poren der Haut, sei
es in Folge von Zersetzung von Calciumcarbonat durch die Ghrungssuren,
sei es in Folge von Buttersureghrung oder einer anderen Ghrung, die
sich in der Haut fortsetzt, sich Gasarten entwickeln; dabei wird die Haut
durchscheinend und gelblich. Diejenigen Hute, die nicht durch Kalken,
sondern durch Schwitzen vorbereitet wurden, bedrfen zum Schwellen keiner
sauren Schwellbeize, sondern erlangen die nthige Schwellung durch
Wasser, obgleich die saure Schwellung, weil sie rascher und
gleichmssiger vor sich geht, unter allen Umstnden vorgezogen zu werden
verdient.

  Behufs der Umgehung des zu starken Schwellens der fr Sohlenleder
  bestimmten Hute, fgt man der Schwellbeize sofort etwas Lohe oder
  Lohbrhe zu oder schwellt sie auch nur in der =rothen Beize=, worunter
  man alte, sauer gewordene Lohbrhe versteht, welche, dem Geruch und
  Geschmack nach zu urtheilen, grosse Mengen Milchsure und Buttersure
  enthlt. Die Blssen werden zuerst in stark mit Wasser verdnnte,
  hierauf in concentrirtere rothe Beize gebracht. Nach Ablauf von 12-14
  Tagen ist das Schwellen in hinreichender Weise vor sich gegangen.
  Anstatt der Schwellbeize, in welcher organische Suren (Milchsure,
  Propionsure) wirksam sind, ist nach den Vorschlgen von =Macbride= und
  =Seguin= verdnnte Schwefelsure (1 : 1500) zum Schwellen empfohlen
  worden; die Erfahrung hat aber gelehrt, dass hierdurch zwar eine
  beschleunigte Wirkung der Haut ermglicht wird, jedoch nur auf Kosten
  der Qualitt des Leders. Auch die an phosphorsauren Salzen und an
  Harnsure reichen Excremente von Hunden, Tauben u. dergl. finden zum
  Schwellen Anwendung, indem diese Auswrfe in Wasser aufgeweicht und die
  Blssen darin bearbeitet werden.

[Sidenote: Das Gerben.]

B. =Das Gerben der geschwellten Blsse.= Durch die vorbereitenden
Arbeiten des Reinigens, Kalkens oder Schwitzens und Schwellens ist die
eigentliche Lederhaut nun so weit entblsst und aufgelockert, dass sie
von der Gerbstofflsung gehrig durchdrungen werden kann, und die
Sttigung der Faser des Coriums mit Gerbstoff mglichst vollstndig
erfolgt. Man nimmt in der Praxis an, dass eine trockene Haut bei ihrer
Ueberfhrung in Leder ihr Gewicht um ungefhr ein Dritttheil vermehrt,
folglich ebensoviel an Gerbstoff aufnimmt.

  Die Sttigung der Hautfaser mit Gerbstoff wird auf zweierlei Weise
  bewirkt, nmlich

  1) indem man die Hute abwechselnd mit Lohe schichtet, was man das
  =Einsetzen in Gruben= nennt, oder

  2) indem man sie zuerst in verdnnte, dann in concentrirte Lohauszge
  eintaucht (=Gerben in Lohbrhe=).

[Sidenote: Gerben in Gruben.]

1) Das =Einsetzen in Gruben= findet gegenwrtig meistens nur noch bei zu
Sohlen bestimmten Huten statt. Die hierzu dienenden =Loh=- oder
=Versetzgruben= sind in den Boden versenkte, wasserdichte Kasten von
Eichen- oder Fichtenholz, statt welcher auch runde Bottiche zuweilen
Anwendung finden. Nicht selten benutzt man auch ausgemauerte, mit
Portland-Cment berkleidete Gruben, deren Anwendung, namentlich im
Anfang, grosse Behutsamkeit erheischt, weil der Kalk des Mrtels auf den
Gerbstoff der Lohe zerstrend einwirkt. Zuweilen (wie in einigen Theilen
Wrttembergs) bestehen die Gruben auch aus Liasschiefer- oder aus
Sandsteinplatten. Eine Grube fasst 50-60 Sohlhute. Den Boden der Grube
belegt man einige Centimeter dick mit ausgelaugter Lohe, giebt eine 3
Centimeter dicke Schicht von frischer Lohe darauf, breitet darber die
Haut mit der Narbenseite nach unten aus, streut wieder 3 Centimeter dicke
Lohe darauf, dann eine zweite Haut und schichtet in dieser Weise den
Kasten voll. Auf die dicksten Stellen der Haut legt man auch die
dicksten Schichten der Lohe, fllt alle leer bleibenden Ecken mit alter
Lohe, bedeckt etwa 1/3 Meter hoch mit derselben (der sogenannte =Hut=)
und dann mit einem gut schliessenden Deckel, nachdem man so viel Wasser
eingepumpt hat, dass es etwas ber der obersten Haut steht. In diesem
Zustande berlsst man die Grube sich selbst. Wurde anstatt eines Theiles
der Lohe Knoppernmehl angewendet, so nimmt man nur ungefhr die Hlfte
der Eichenlohe.

  Auf diesen =ersten Satz= bleiben die Hute etwa 8-10 Wochen; wenn
  Knoppern beigemengt, so vollendet sich die Aufnahme des Gerbstoffes
  schneller. Noch bevor aller Gerbstoff der Flssigkeit entzogen ist und
  ehe sich in derselben zu grosse Mengen flchtige und riechende Suren
  gebildet haben, mssen die Hute herausgenommen und in einem zweiten
  Kasten (dem =zweiten Satze=) mit frischer Lohe so geschichtet werden,
  dass die frher oben liegenden nach unten zu liegen kommen. In diesem
  zweiten Satze bleiben die Hute 3-4 Monate; sie sollen hier bis auf den
  Kern gelohet, d. h. mit dem Gerbstoff bis in das Innerste durchdrungen
  sein. Hierauf kommen die Hute 4-5 Monate lang in einen hnlichen, noch
  geringere Mengen von Lohe enthaltenden =dritten Satz=, und bei sehr
  starken Huten (namentlich Wildhuten) muss bisweilen noch ein vierter
  und fnfter Satz gemacht werden, sodass sie bis zu zwei Jahren und
  lnger noch in der Lohgrube behandelt werden. Die Menge der Eichenlohe,
  die zum vollstndigen Gerben der Haut erforderlich ist, richtet sich
  nach ihrer Qualitt; nach den Erfahrungen der Gerber rechnet man das
  vier- bis sechsfache Gewicht der trockenen Haut, von welcher Menge, das
  Gewicht der Haut zu 20 Kilogr. angenommen,

               auf den ersten Satz  40 Kilogr. Lohe kommen
                "   "  zweiten "    35   "      "     "
                "   "  dritten "    30   "      "     "
                                   -----------------
                                   105 Kilogr. Lohe.

  Die lohgare Haut wiegt nach dem Trocknen ungefhr 22 Kilogr. (mithin
  10-12 Proc. mehr als die trockene Rohhaut[142]). Die Gare der Haut
  giebt sich dadurch zu erkennen, dass sich beim Durchschneiden mit einem
  scharfen Messer eine gleichfrmige, von fleischigen oder hornartigen
  Streifen freie Schnittflche zeigt. Bei langsamem Biegen darf die Narbe
  nicht platzen oder brechen, das Leder nicht =narbenbrchig= sein.

  [142] Im Allgemeinen verwenden die bayerischen Gerber auf 1 Ctr.
        Sohlleder 5 Ctr., zu Schmalleder 3,6 Ctr., zu Kalbleder 3,4, zu
        Zeugleder 3 Ctr. Eichenrinde. 1 Ctr. Eichenrinde kostet 2-1/3-4
        fl. s. W.

[Sidenote: Gerben in der Lohbrhe.]

2) Das =Gerben in der Lohbrhe= findet meist bei schwcheren Huten
statt. Die zu diesem Zweck angegebenen und blichen Methoden sind sehr
verschieden, kommen jedoch im Wesentlichen darin berein, dass namentlich
auf gleichmssiges Schwellen der Hute gesehen werden muss, damit die
Gerbstofflsung leicht eindringen kann, dass mit sehr verdnnten Lsungen
begonnen wird, damit keine oberflchliche Gerbung die sptere Einwirkung
auf den inneren Hauttheil erschwere, dass man oft umrhre, damit stets
frische Gerbbrhe mit den Huten in Berhrung kommt, und dass man durch
Herausnehmen und Abtropfenlassen der bereits theilweise erschpften
Flssigkeit, durch Auspressen oder durch Walken das Eindringen neuer
Flssigkeit befrdert, und dadurch viel Zeit gewinnt im Vergleich mit der
sonst nur auf dem Wege der Endosmose stattfindenden Durchdringung der
Haut mit Gerbstoff. Die Gerbebrhe wird durch Extraction der
Gerbematerialien mit Wasser auf kaltem Wege bereitet. Leichtere Hute
bedrfen zum Gerben in der Lohbrhe 7-8, schwerere 11-13 Wochen zur Gare.

[Sidenote: Schnellgerberei.]

  =Schnellgerberei.= Die hauptschlichsten Vorschlge, die zur Abkrzung
  der Zeit des Gerbeverfahrens gemacht worden sind, lassen sich in
  folgender Weise classificiren: 1) =Die Haut wird einfach in die
  Lohbrhe gelegt=, ein Verfahren, welches von =Macbride= herrhrt,
  welcher demnach als der Urheber des Schnellgerbeverfahrens zu
  betrachten ist. =Seguin= (1792) verbesserte das ursprngliche
  Verfahren. =Jones= von der Idee ausgehend, dass durch den Druck,
  welchen die in dem Bottich oder der Grube bereinander liegenden Hute
  aufeinander ausben, die Gerbeflssigkeit auf die Seite gepresst und
  dadurch verhindert werde, auf die Gesammtoberflche der Haut
  einzuwirken, trennt die einzelnen Hute durch Lagen von Wollstoff
  (Flanell) und die Zeugschichten wieder durch Lagen eines wasserdichten
  Stoffes. 2) =Circulation der Gerbeflssigkeit= findet statt bei den
  Verfahren von =Ogereau= und =Sterlingue=, sowie nach der Methode von
  =Turnbull=, bei welcher eine Anzahl Gerbebottiche durch ein
  Rhrensystem verbunden ist, und eine an den Rhren angebrachte Druck-
  und Saugpumpe die continuirliche Circulation der Gerbeflssigkeit in
  den Bottichen unterhlt. 3) Durch vermehrte =Endosmose= will =Turnbull=
  das Gerbeverfahren abkrzen. Er nht zu dem Ende die Hute zu Scken
  zusammen, fllt sie mit Lohe und Wasser und bindet die Scke zu, welche
  nun in Catechulsung untergetaucht werden, deren spec. Gewicht durch
  Zusatz von Melasse erhht worden ist, um, wie der Urheber dieser
  Methode meint, einen krftigen Austausch der Flssigkeit in den Scken
  mit der ausserhalb befindlichen einzuleiten. Die Flssigkeitsdiffusion
  oder =Dialyse=, mit welchem Namen =Graham= (1861) die durch eine
  collodale Zwischenwand bewirkte Trennung krystallinischer Krper von
  amorphen, deren Studium vielleicht den physikalischen Vorgang beim
  Gerbeprocesse zu erlutern geeignet ist, bezeichnet, war, als
  =Turnbull= seine Methode vorschlug, selbst in ihrer Idee noch nicht
  bekannt. 4) Das =Bewegen der in die Gerbeflssigkeit getauchten Hute=
  wird zur Befrderung des Gerbens hufig angewendet, so z. B. von
  =Brown=, welcher die Hute in einen offenen Cylinder, welcher die
  Einrichtung einer zum Waschen der Rben blichen Lattentrommel hat,
  bringt, der unter dem Niveau der Gerbebrhe bewegt wird. Die von
  =Squire= zu gleichem Zwecke vorgeschlagene Trommel taucht nur bis zur
  Achse in die Gerbeflssigkeit und ist mit Abtheilungen versehen, es
  werden daher die Hute abwechselnd bei jeder Umdrehung der Trommel aus
  der Gerbebrhe entfernt und wieder eingesenkt. =C. Knoderer='s
  Gerbeverfahren besteht ebenfalls zum Theil darin, dass man die Hute
  mit Auszug von Lohe und mit unausgezogener Lohe in Fsser bringt,
  dieselben verschliesst und sodann eine gewisse Zeit lang sich umdrehen
  lsst. 5) Eine =Anwendung von mechanischem Druck= findet ebenfalls
  zuweilen statt, so nimmt =Jones= von Zeit zu Zeit die Hute aus der
  Gerbeflssigkeit, breitet sie auf ein durchlchertes Brett aus und
  fhrt sie so unter einer Walze weg. =Nossiter= befreit von Woche zu
  Woche die Hute unter einer krftigen Presse von der erschpften
  Gerbeflssigkeit. Nach der von =Cox= und =Herapath= angegebenen Methode
  lsst man die Hute von Zeit zu Zeit durch Walzwerke laufen. 6) Der
  =hydrostatische Druck= ist in neuerer Zeit fters zur Befrderung des
  Eindringens der Lohbrhe in die Hute angewendet worden. =W. Drake=
  nht zwei Hute mit den Narbenseiten auf einander zu einem Sack
  zusammen, der mit Lohbrhe gefllt und zwischen zwei hlzerne Gitter
  gelegt wird, deren Stbe der Haut als Widerlager dienen. =Chaplin=
  stellt die aus Huten gebildeten und mit Lohbrhe gefllten Scke
  einfach auf eine Rinne zum Abziehen der durchsickernden Flssigkeit hin
  und lsst nur von Zeit zu Zeit die Scke wenden, um einen berall
  gleichmssigen Druck zu erhalten. Nach =Sautelet= befestigt man je zwei
  Hute durch Bgel und Schrauben zwischen drei Rahmen, in solcher Art,
  dass sie die einander gegenberstehenden breiten Seitenwnde eines
  kastenfrmigen Raumes bilden, dessen beide anderen schmalen Seiten,
  sowie der Boden und die Decke von dem mittleren Rahmen ausgemacht
  werden. Durch ein in der Decke des Kastens befindliches Rohr lsst man
  aus einem hher gelegenen Reservoir die Gerbebrhe eintreten, welche
  nun durch hydrostatischen Druck durch die Hute hindurchgepresst wird.
  7) Durch =Punktation=. =Snyder= sucht den Gerbstoff dem Innern der Haut
  dadurch zugnglicher zu machen, dass er eine Seite der Haut, die
  Aasseite oder die Narbenseite, vor dem Gerben auf einer Maschine mit
  Nadelstichen durchbohrt und so gewissermaassen knstliche Poren
  herstellt. Die Versuche von =Knapp= haben gelehrt, wie irrationell
  =Snyder='s Vorschlag ist, indem die Haut so durchdringlich und in dem
  Grade den Gerbstoffen zugnglich ist, dass ein Stck einer Kalbshaut in
  eine syrupdicke therische Lsung von Gerbstoff gelegt, in hchstens
  einer Stunde vllig gar und ausgegerbt ist. 8) Den =luftverdnnten
  Raum= zur Befrderung des Eindringens der Gerbebrhe in die Haut
  benutzten zuerst =Knowly= und =Knesbury=, indem sie die Hute in ein
  verschliessbares Gefss bringen, dessen Luft durch eine Luftpumpe
  ausgepumpt wird und in welches dann die Gerbeflssigkeit kommt. In
  neuester Zeit hat =Knoderer= sich von Neuem auf das Princip des
  luftverdnnten Raumes als Mittel zum Schnellgerben geworfen. Combinirt
  man nach der von ihm beschriebenen Methode die drei Mittel: die
  Luftverdnnung, welche die Zellen der Haut ausdehnt und zugleich die
  Zersetzung des Gerbstoffs durch die atmosphrische Luft verhindert; die
  Bewegung, welche die Auslaugung der Lohe beschleunigt und ein stetiges
  Auswalken der Hute bewirkt, und endlich die Wrme, als unvermeidliche
  Folge der Bewegung, welche die Lederbildung wesentlich befrdert, so
  ergiebt sich eine bedeutende Zeitersparniss.

[Sidenote: Zurichten der Hute.]

C. =Das Zurichten der lohgaren= Hute. Nach dem Ausgerben der Hute in
der Grube oder in der Brhe werden die Leder, um Handelswaare zu sein,
noch dem sogenannten =Zurichten= unterworfen, eine Arbeit, welche in
Deutschland von dem Gerber selbst vorgenommen, in Frankreich dagegen von
dem =Zurichter= (_corroyeur_) besorgt wird. Die einzelnen Operationen des
Zurichtens und ihre Aufeinanderfolge ist nicht bei allen Ledersorten
gleich, sondern richtet sich nach der Art und Bestimmung des Leders. Am
einfachsten ist die Zurichtung des =Sohlenleders=, da dieses bei seiner
Verarbeitung von Seite des Schuhmachers seine natrliche Oberflche
verliert und auch die Geschmeidigkeit nicht in Betracht kommt, so sind
alle Arbeiten, die sich auf diese beiden Punkte beziehen, berflssig.
Bei dem Sohlenleder handelt es sich hauptschlich um Dichte des Gefges,
um die erforderliche kernige Beschaffenheit, die dem Leder Schutz gegen
die Abnutzung durch Reibung gewhrt. Sowie das Sohlenleder die Gruben
oder die Bottiche verlsst, hat es noch nicht die erforderliche Dichte,
um beim Gebrauch nicht nachzugeben und seine Dimensionen zu verndern.

[Sidenote: Sohlleder.]

Das =Zurichten des Sohlleders= hat mithin hauptschlich die Bestimmung,
dem Leder auf mechanischem Wege, namentlich durch =Hmmern= diejenige
Dichte zu geben, welche es ausserdem bei seiner Benutzung als Sohle
annehmen wrde.

  Sobald die Hute der Grube entnommen worden sind, wird die anhngende
  Lohe abgekehrt, worauf sie an einem schattigen Orte getrocknet werden.
  Wenn sie beinahe trocken sind, werden sie ber einen ebenen und glatten
  Stein ausgebreitet und mit hlzernen oder auch eisernen Hmmern
  geschlagen. In grsseren Gerbereien wendet man zum Hmmern grosse,
  durch Dampf oder Wasser bewegte Schwanzhmmer an. Seit etwa 20 Jahren
  bedient man sich auch vielfach der =Maschinen zum Lederklopfen=.

[Sidenote: Schmalleder.]

[Sidenote: Falzen.]

  Die =Zurichtung des Schmal- oder Fahlleders= (hauptschlich fr
  Schuhmacher- und Sattlerzwecke) ist weit complicirter als die des
  Sohlenleders und nach der Bestimmung des Leders eine verschiedene. Die
  erste mechanische Operation, welcher die genannten Lederarten in der
  Regel unterworfen werden, ist das sogenannte =Falzen= (Ausschlichten,
  Dolliren), welches das Entfernen der rauhen berflssigen Fasern,
  Knoten und Schorfen der Fleischseite, um der gegerbten Haut nicht nur
  eine durchaus gleichmssige Dicke, sondern auch die fr die
  verschiedenen Anwendungen erforderliche Geschmeidigkeit zu geben, zum
  Zwecke hat. Die in Rede stehende Arbeit wird mit einem scharfen
  zweischneidigen Messer, dem =Falz-= oder =Dollirmesser=, verrichtet,
  indem man die zu bearbeitende Haut auf dem =Falzbock=, der dieselbe
  Form hat wie der Schabebock, mit der Narbenseite nach unten legt und
  mit dem Falzmesser schabt. Bei der Zurichtung von Ziegen-, Lamm- und
  Schafleder fr Handschuhmacher, Portefeuillearbeiter u. dergl. wird das
  zu falzende Fell auf eine polirte Marmorplatte aufgespannt und jede
  unebene, rauhe und vorstehende Stelle der Haut durch das flach
  aufgelegte, etwas bogenfrmig ber die Flche gefhrte Falzmesser
  hinweggenommen.

[Sidenote: Schlichten.]

  Den nmlichen Zweck wie das Falzen verfolgt das =Schlichten= und findet
  besonders dann Anwendung, wenn strkere Schichten Leder hinwegzunehmen
  sind, wie es hauptschlich bei dem fr Schuhmacherarbeiten bestimmten
  Kalbleder vorkommt. Die gegerbte Haut wird nach dem Trocknen auf einem
  Rahmen, den =Schlichtrahmen=, aufgehngt, in der Weise, dass nur das
  eine Ende eingeklemmt ist, das andere dagegen vom Arbeiter mit einer
  Zange gepackt und dadurch angespannt wird. Den angespannten Theil
  schlichtet oder beschneidet er nun mit dem =Schlichtmonde=, einer
  eisernen, versthlten, etwas concaven und scharf geschliffenen Scheibe,
  etwa 18-30 Centimeter im Durchmesser und in der Mitte mit einem mit
  Leder eingefasstem Loch versehen, in welches der Arbeiter die Hand
  steckt und nun mit der convexen Schneide das Leder auf der Fleischseite
  hinwegnimmt. Zur besseren Bezeichnung der Stellen, die hinweggenommen
  werden sollen und damit die Schneide des Schlichtmondes besser
  eingreift, bestreicht man vor dem Schlichten die Fleischseite mit
  Kreide.

[Sidenote: Krispeln.]

  In Folge des Trocknens des Leders kleben die Fasern der Haut etwas
  aneinander und die Narbe wird flach, glatt und ungleich. Um nun die
  Narbe des Leders zu heben und dem Leder selbst ein gleichmssiges und
  geflliges Ansehen zu geben, wendet man die Operation des =Krispelns=
  an. Das hierzu angewendete Werkzeug, das =Krispelholz=, ist von hartem
  Holze, ungefhr 30 Centimeter lang und 10-12 Centimeter breit, auf der
  oberen Seite flach und eben, aber unten der Lnge nach gewlbt, sodass
  es in der Mitte am dicksten ist. Die untere Seite ist der Quere mit
  parallelen Kerben versehen, welche von Zeit zu Zeit mit Hlfe einer
  Feile wieder zugeschrft werden. Oben ist an das Krispelholz ein
  Lederriemen befestigt, durch welchen der Arbeiter die Hand steckt. Das
  zu krispelnde Leder wird auf eine Tafel gelegt, am Tischrande mit
  eisernen Klammern befestigt, die Hautstelle, welche eben gekrispelt
  werden soll, wird umgebogen, das Krispelholz auf die Biegung oder Falte
  gesetzt und mit dem Leder, auf welchem sie liegt, hin- und herbewegt,
  sodass die Falte ebenfalls hin- und hergeht, wodurch die natrliche
  Hautnarbe gleichfrmig zum Vorschein kommt. Der Vorgang zum Krispeln
  ist derselbe, als wenn man bei einem trockenen Stck Leder, dessen
  Narbenseite oben liegt, eine Ecke desselben ber die Narbenseite
  aufschlgt, die flache Hand ber die Falte legt und mit der Hand die
  Falte hin- und herrollt, wodurch sich die Narbe hebt und in ihrer
  natrlichen Beschaffenheit zum Vorschein kommt.

[Sidenote: Ponciren.]

[Sidenote: Pantoffeln.]

[Sidenote: Plattstossen.]

[Sidenote: Pressen.]

[Sidenote: Aussetzen.]

  Solche Ledersorten, welche wie die zu den Krempeln und Cylindern
  dienenden keine Narbe zu besitzen brauchen, sondern glatt sein mssen,
  werden nach dem Falzen genetzt, mit einem Messer (dem Aussetzer) glatt
  gestrichen und dann wiederholt auf beiden Seiten mit Bimsstein
  abgeschliffen. Man nennt diese Arbeit das =Ponciren= oder =Bimsen=.
  Leder, welche nach dem Krispeln noch mehr Glanz erhalten sollen, wie in
  der Regel die gefrbten Leder, werden noch =pantoffelt=, d. h. es wird
  das mit der Narbenseite nach oben auf einer Tafel liegende Leder mit
  dem =Pantoffelholz= gerieben, nmlich ebenso behandelt wie mit dem
  Krispelholze. Das Pantoffelholz hat mit dem Krispelholze viel
  Aehnlichkeit, nur ist ersteres auf der unteren Seite statt mit Narben
  versehen, mit Korkholz (Pantoffelholz) belegt, welches auf der
  Aussenseite gut geglttet ist. Das Pantoffeln giebt nicht nur der Narbe
  Glanz, sondern verleiht auch der Aasseite ein zartes, sammetartiges
  Ansehen. Wo noch grssere Gltte verlangt wird, wie bei dem gelben
  lohgaren zu Sattlerarbeit bestimmten Leder (Blankleder), wird das Leder
  nach dem Krispeln und Pantoffeln auf eine Tafel gelegt und mit der
  =Plattstosskugel= die Narbe platt gestossen. Die Plattstosskugel
  besteht in einer vierkantigen Platte aus Eisen, die auf der unteren
  Flche ihrer Lnge nach gekerbt ist und oben mit einem hlzernen
  Handgriffe versehen ist. Nach dem Plattstossen wird das Leder auf der
  Narbenseite noch mit der =Blankstosskugel= oder dem
  =Blankstosscylinder= glatt und blank gerieben. Letzterer besteht aus
  einer Glaswalze von 0,3 Meter Lnge und 10 Centimeter Dicke (ehedem
  ward statt des Cylinders eine mit Handhabe versehene Kugel von grnem
  Glase angewendet), womit das Leder auf dem Blankstossblocke, welcher
  mit dem Falzbock bereinstimmt, geglttet wird. Hufig wird auch das
  Sattelleder =gepresst=, um seine Narbe dem des Schweineleders hnlich
  zu machen, welches weniger hufig zum Gerben kommt. Diese =knstliche
  Narbe= giebt man mit Hlfe von Walzen, deren Oberflche stumpfe
  Erhhungen haben, durch welche sich entsprechende Grbchen in das Leder
  eindrcken. Um das Leder gleichmssig auszudehnen und um Falten und
  andere Unebenheiten, die sich durch ungleiches Zusammenziehen beim
  Trocknen gebildet haben, fortzuschaffen, werden die Leder benetzt und
  auf einer Tafel ausgestrichen oder =ausgesetzt=. Das Ausstreichen
  geschieht mit einer stumpfen Streichklinge (=Aussetzer=,
  =Ausstreicher=), die mit einer hlzernen Handhabe versehen ist und
  senkrecht auf das auf der Tafel liegende Leder aufgesetzt wird. Die
  Klinge ist von Eisen oder von Messing oder (bei dnnem Leder) von Horn;
  und fr starkes Leder mit stumpfen Zhnen versehen.

[Sidenote: Einfetten.]

Die =letzten Zurichtearbeiten= bestehen, wenn es sich um Schmal- und
Oberleder handelt, bei denen eine gewisse Geschmeidigkeit ein
Haupterforderniss ist, in dem =Einfetten=, =Einlassen=, =Schmieren= oder
=Trnken= des Leders, wozu gewhnlich Fischthran oder ein Gemenge von
Fischthran mit Talg oder am besten sogenanntes =Gerberfett= oder =Dgras=
verwendet wird, welches letztere vernderter Thran ist, welcher in der
Smischgerberei benutzt und aus den gegerbten Fellen durch
Potaschenlsung wieder gewonnen wurde. Das Einfetten muss im nassen
Zustande der Haut geschehen, und ist gewhnlich die Operation, welche mit
den ausgegerbten Huten vorgenommen wird. Beim Aussetzen der
eingefetteten oder geschmierten Hute an die Luft und in geheizte Rume
wird das Fett von der Haut gebunden und verschwindet fr die Wahrnehmung
vollstndig. Das gefettete Schmal- und Fahlleder hat daher eine doppelte
Gerbung durchgemacht und ist daher zugleich loh- und fettgar. Es ist
daher streng genommen nicht richtig, wenn man das Schmieren der lohgaren
Hute nur als blosse Appretur betrachtet, es ist vielmehr ein wahrer
zweiter Gerbeprocess.

  Die fr =Schuhe= und =Stiefel= bestimmten Leder pflegt man auf der
  Fleischseite schwarz zu frben, indem man dieselben mit frischer
  angefeuchteter Lohe abreibt und mit Eisenbrhe, welcher etwas
  Kupfervitriol zugesetzt ist, mit einem Schwamm oder mit einer Brste
  bestreicht, hierauf auszieht, dann krispelt, schlichtet, pantoffelt und
  nochmals mit einem Teig, aus Thran, Talg, Kienruss, etwas gelbem Wachs,
  Seife und Eisenvitriol bestehend, einreibt. Diese Schwrze fllt die
  Poren und schtzt gegen die nachtheilige Einwirkung der Stiefelwichse,
  welche in der Regel mit Sure versetzt ist, liefert auch beim Putzen
  ein schneres Schwarz, als bei dem auf der Narbenseite geschwrzten
  Kalbleder. Zuletzt berzieht man das Leder noch mit einer Mischung aus
  Talg und etwas Leimlsung, glttet das Leder mit einem convexen Stck
  glatten Glases und berzieht es mit dnnem Leimwasser. Zum Erhalten der
  Geschmeidigkeit des Leders bedient man sich hufig mit Vortheil eines
  =Lederles=, welches ein Gemisch ist von Oelsurether mit Thran.

[Sidenote: Juchten.]

Unter =Juften= oder =Juchten= versteht man ein durch seine Festigkeit,
Wasserdichte, so wie durch einen eigenthmlichen Geruch sich
auszeichnendes, meist roth oder schwarz gefrbtes Leder, welches bisher
fast ausschliesslich in Russland verfertigt und von da in grosser Menge
bezogen wird. Der Name Juften stammt von dem russischen Worte =Jufti= ab,
welches ein Paar bedeutet, und scheint fr die Juftenleder hauptschlich
daher abgeleitet zu sein, weil die Felle beim Gerben paarweise
zusammengenht werden.

  Man nimmt dazu gewhnlich Hute von zwei- bis dreijhrigen Rindern,
  doch bedient man sich auch der Rosshute, der Kalb- und Ziegenfelle.
  Die bei der Fabrikation des Juchtenleders vorkommenden Operationen
  sind: 1) Das Reinigen der Hute wird wie gewhnlich, und das Enthaaren
  mittelst Kalk ausgefhrt; 2) das Schwellen verrichtet man entweder mit
  Sauerwasser aus Gerstenschrot, mit ausgegerbter und sauer gewordener
  Lohbrhe, oder mit Kaschka (mit Wasser zu einem dnnen Brei zerriebenen
  Hundekoth); 3) das Gerben der Juchten geschieht nicht mit Eichenrinde,
  sondern mit der Rinde mehrerer Weidenarten, auch mit Birken- und
  Fichtenrinde, oder auch mit allen drei Arten von Rinden. Man beginnt
  das Gerben damit, dass man die Blssen einige Tage in erschpfter
  Gerbebrhe liegen lsst, worauf man sie mit dem zerkleinerten
  Gerbematerial in Gruben mit Wasser schichtet, oder auch in einen warm
  bereiteten Auszug der Rinden legt. Die Dauer des Gerbens betrgt 5-6
  Wochen. 4) Die garen Hute werden aufgeschlagen, auf dem Schabebock
  aufgestrichen und mssig getrocknet, worauf sie mit Birkenl (Deggut,
  Dachert) getrnkt werden. Dieses Oel gewinnt man in Russland durch
  Theerschweelerei aus der weissen Birkenrinde (nach einigen Angaben aus
  der korkigen Rinde im Frhjahre, meist mit Zusatz von Birkenzweigen mit
  Knospen), es enthlt die gewhnlichen Produkte der trockenen
  Destillation des Holzes -- Kreosot, Phenol (Birkenphenol nach
  =Louginine=) und Paraffin. -- Mit diesem Oel werden die auf einer Tafel
  mit der Fleischseite nach oben ausgebreiteten Hute mit Lappen
  eingerieben und dieses so lange fortgesetzt, bis die Haut vollstndig
  mit dem Oel imprgnirt ist. Hierauf werden die getrnkten Hute so
  lange gereckt, bis sie geschmeidig geworden sind. Die Hute werden
  hierauf auf der Narbenseite mit Alaunlsung bestrichen und nach dem
  Trocknen mit einer gekerbten Walze berfahren, um auf der Oberflche
  ein beliebiges Korn zu bilden. Nunmehr werden die Hute getrocknet und
  dann gefrbt, indem man zwei Hute mit der Narbenseite bereinander
  legt, an den Kanten zusammennht, so dass ein Sack daraus gebildet
  wird, in welchen man die Farbebrhe giesst. Zur rothen Farbe bedient
  man sich einer mit Kalkwasser bereiteten Abkochung von rothem
  Sandelholz und Fernambukholz, zu welcher man etwas Potasche oder Soda
  gesetzt hat. Nach neueren Nachrichten soll man gegenwrtig nicht mehr
  die rothe Farbebrhe in die zusammengenheten Hute giessen, sondern
  damit mit Hlfe einer Brste die Hute 5-6 Mal bestreichen. Die noch
  etwas feuchten Felle werden dann aufeinander gelegt, damit sie
  gleichmssig anziehen, hierauf auf der Fleischseite gefalzt,
  geschlichtet, gekrispelt und pantoffelt, auf der Narbenseite noch mit
  Thran und Birkenl getrnkt und mit Flanell abgerieben. Man verwendet
  bekanntlich das Juchtenleder zum Einbinden von Bchern ffentlicher
  Bibliotheken, wo es in Folge der riechenden Bestandtheile des
  Birkenles, womit das Juchtenleder getrnkt ist, die Insekten und
  Wrmer vertreibt, zu Stiefeln, Sckler- und Riemerarbeiten; ferner in
  der Portefeuillefabrikation.

[Sidenote: Saffian.]

Mit dem Namen =Saffian=, =Maroquin= oder =trkisches Leder= wird ein aus
Bock- oder Ziegenfellen bereitetes, sehr feines und weiches gefrbtes
(nicht lackirtes) Leder bezeichnet. Man unterscheidet die _chten_
Saffiane (Maroquins) aus Ziegenfellen bereitet, die _unchten_ Saffiane
aus Schaffellen erhalten, gespaltene Schafleder und dnn ausgearbeitete
Kalbleder fr Buchbinder- und Portefeuillearbeiten.

  Die Fabrikation der Saffiane gilt fr eine arabische Erfindung und noch
  gegenwrtig werden im Norden Afrika's, besonders in Marokko, in der
  Trkei und in Persien betrchtliche Mengen davon angefertigt, welche
  noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts, um welche Zeit der Saffian
  in Europa erst Eingang fand, nach Europa kamen. Fr die Fabrikation von
  schnem Saffian ist eine sorgfltige Behandlung bei den Vorarbeiten
  unerlsslich. Die Felle werden durch Aetzkalk enthaart und mssen durch
  umsichtiges Beizen und Schwellen von allem Kalk befreit werden. Zum
  Gerben selbst whlt man nur solche Gerbematerialien, die wenig frbende
  Bestandtheile haben wie der Sumach. Die Operation des Gerbens geschieht
  in verschiedener Weise. Nach der im Orient blichen Methode werden die
  Blssen in Form von Scken zusammengenht und dann mit einer
  Flssigkeit angefllt, welche aus einem Gemenge von kaltem Wasser und
  Sumachpulver besteht. Die Gerbebrhe durchdringt die zu Scken
  ausgespannten Felle so rasch, dass in einem Zeitraum von drei Tagen die
  Gerbung derselben vollendet ist. Die nmliche Gerbemethode wird auch
  hin und wieder in Deutschland, seltener in Frankreich, allgemein aber
  in England bei Saffianen, ungespaltenen Schafledern und bei Kalbfellen
  in Anwendung gebracht. -- Nach einem anderen Gerbeverfahren, welches
  hier und da in Deutschland, allgemein aber in Frankreich in Gebrauch
  ist, so auch in England fr gespaltene Schafleder, bringt man die
  Blssen unter anhaltender Bewegung in passende Bottiche, welche das
  Gemisch von Wasser und Sumach enthalten; dieses Verfahren erfordert
  ungefhr acht Tage Zeit zu vollstndiger Umwandlung der Blsse in
  Leder. Der Orient und die mit ihm oben namhaft gemachten Staaten
  verarbeiten die rohen Ziegen- und Schaffelle nur so weit, bis sie
  gegerbt und getrocknet sind; selten nur werden sie dort gefrbt und
  zugerichtet. In diesem Zustande mit dem Namen =Meschinleder=
  (gleichbedeutend mit dem franzsischen _cuir en croutes_) bezeichnet,
  gehen sie nach Wien und ber Leipzig, um von deutschen Fabrikanten mit
  Farbe versehen, geglnzt und appretirt zu werden.

[Sidenote: Appretur des Saffians.]

  Das Zurichten der fr Saffian bestimmten Leder besteht zunchst in dem
  =Frben= derselben, worauf sie die letzte =Appretur= erhalten. Das
  =Frben= geschieht entweder =aus dem Troge= [Greek: a]) (bei chten
  Saffianen), oder mit =Hlfe der Brste=, [Greek: b]) (bei unchten
  Saffianen), [Greek: a]) Das Frben aus dem Troge geschieht in schmalen
  Trgen, in welche man aus einem grsseren Reservoir nur so viel Farbe
  von etwa 60 Temperatur giebt, als zur Frbung eines Felles
  erforderlich ist. Die gegerbten Felle werden mit der Aasseite nach
  innen der Lnge nach zusammengelegt. Der Arbeiter nimmt ein Fell an dem
  zusammengelegten Rande und bewegt es in der Farbenbrhe, bis dieselbe
  fast absorbirt ist. Hierauf versieht er den Trog von Neuem mit Farbe
  und verfhrt ebenso mit einem zweiten Fell und so fort. So wie die
  Felle das Bad passirt haben, werden sie ausgebreitet und 2-4 Dutzend
  derselben ber einander gelegt. Hierauf wendet man die Lage Felle um,
  sodass das erste Fell wieder nach oben kommt, und giebt dann von diesem
  an nach der Reihe das zweite Bad, und hierauf das dritte Bad. Dann
  werden die Felle geffnet oder ausgebreitet, in reinem Wasser
  ausgewaschen und dann weiter appretirt. [Greek: b]) Unchte Saffiane
  erhalten ihre Farbe durch Aufstreichen der Farbebrhe mittelst der
  Brste. Die Felle werden zu dem Ende vollstndig durchgeweicht, dann
  glatt ausgestrichen und die Farbenbrhen wiederholt aufgetragen. Es
  liegt auf der Hand, dass der Effekt, welchen die Farbe macht,
  grsstentheils von der Beschaffenheit der Narbe des Saffians abhngig
  ist, weshalb man den Operationen des Zurichtens nach dem Frben die
  grsste Sorgfalt widmet. Zunchst werden die gefrbten Felle nach dem
  Trocknen mit einem Wolllappen mit etwas Leinl auf der Narbenseite
  eingerieben, dann auf einer Glnzmaschine der Lnge nach geglnzt und
  geglttet, hierauf werden sie in die Quere platirt, dann das zweite Mal
  schrg ber die Platirung. Die gelb gefrbten Felle werden nicht
  geglnzt, weil sich sonst das Gelb ins Braune ziehen wrde. Seit
  einigen Jahren spielen die =Theerfarben= in der Lederfrberei eine
  grosse Rolle[143].

  [143] =Boelsche='s Referat im amtlichen Berichte ber die Pariser
        Ausstellung 1867. Berlin 1868 5. Heft p. 376.

  Der =Corduan=, ein gefrbtes Leder, welches in frherer Zeit eine weit
  grssere Rolle spielte als heutzutage, ist von dem Saffian wesentlich
  nur durch die grssere Strke der Felle und dadurch unterschieden, dass
  er seine natrliche Narbe behlt, whrend diese beim Saffian platirt,
  d. h. knstlich gemacht ist. Er pflegt roth, gelb oder schwarz gefrbt
  zu werden.

[Sidenote: Lackirtes Leder.]

Die Kunst, =lackirtes Leder= zu bearbeiten, dass es biegsam, geschmeidig,
dauerhaft, vollkommen trocken, nicht klebend, schn schwarz und glnzend
werde, gehrt erst der neueren Zeit an, und erst seitdem ist es mehr und
mehr steigendes Bedrfniss geworden, Fussbekleidung von lackirtem Leder
zu tragen, Wagenverdecke und Wagenbekleidungen, Mtzen- und Helmschirme
und viele andere Gegenstnde aus lackirten Huten zu bereiten.

  Lackirtes Leder kommt in der Regel nur in schwarzer Farbe vor. Die
  Herstellung des erstern besteht darin, dass man auf den entsprechend
  vorbereiteten Grund des =nicht= eingefetteten lohgaren, seltener l-
  oder smischgaren Leders, welches, nachdem es gehrig geebnet und
  geglttet, auf Holzrahmen ausgespannt worden ist, einen Lackfirniss
  auftrgt, welcher eine schwarze Farbe und die Eigenthmlichkeit hat, in
  der Klte dickflssig und zhe, in der Wrme aber dnnflssig zu sein.
  Dieser dickflssige Lack auf die Hute und Felle aufgetragen und dann
  in einen auf ungefhr 50 C. erhitzten Raum gebracht, wird dann
  dnnflssig, breitet sich auf dem horizontal liegenden Leder
  gleichmssig aus und trocknet ein. Die Fabrikation der =farbigen=
  lackirten Leder weicht insofern von der eben beschriebenen Methode ab,
  als man bei ihr nur dnnflssige Lacke anwendet und die Trocknung
  derselben nur in minder hohen Hitzgraden bewerkstelligt.

  Von grosser Wichtigkeit ist die Herstellung von glatten lackirten
  Huten fr Sattler- und Wagenmacher-Gebrauch. Das Dach des Wagens,
  welches in vielen Fllen bald steif gestellt, bald zurckgeschlagen
  werden soll, bedarf neben einer grossen, dnnen, lcherfreien Haut,
  auch eine solche, die dehnbar und weich ist, und alle Biegungen ohne zu
  brechen vertrgt. Die Haut der Kuh bot, in Folge ihrer natrlichen
  Dnne und grossen Flche, somit das einzige Material zur Herstellung
  von Wagendecken; sie wurde mit Fett weich gemacht, geschwrzt und
  gekrispelt. Allein sie war von nur kurzer Dauer, denn der Sonne
  ausgesetzt, trat das in ihr befindliche Fett auf ihre Oberflche und
  beschmutzte sie; ihre Farbe, ursprnglich schwarz, wurde bald roth, und
  der vor Kurzem noch elegante Wagen war seiner Schnheit beraubt. Nach
  der Erfindung des Lederlackes konnte man dem Wagenbauer zu Verdecken
  ein lackirtes Leder liefern, welches von den erwhnten Nachtheilen
  vllig frei ist. Da die vorhandenen Kuhhute zur Befriedigung des sich
  immer mehr steigernden Bedarfs an Verdeckledern nicht ausreichten, kam
  man auf den glcklichen Gedanken des Spaltens grosser starker
  Ochsenhute, und indem man dieselben ihrer ganzen Flche nach
  horizontal durchschnitt, erhielt man ein Leder fr die Wagendecken und
  ein zweites fr Garnirung der Kutschensitze, der Kothflgel u. s. w.

  Zum Schlusse sei noch das =Instrumenten-= oder =Klavierhammerleder=
  erwhnt, welches seiner Bestimmung nach weich, aber doch sehr elastisch
  sein muss. Die Fabrikationsweise dieses Leders wurde lange Zeit als
  tiefes Geheimniss behandelt, gegenwrtig weiss man, dass dieses Leder
  halb in Thran, halb in Fichtenlohe gegerbt ist. Ohne die Narbe von der
  Haut abzustossen, wird es in Thran gewalkt, in Lauge gewaschen und auf
  der Narbenseite an der Sonne gebleicht. Dann kommt es in eine auf
  Handwrme abgekhlte Abkochung von Fichtenlohe, in welcher es so lange
  verbleibt, bis das Leder, ursprnglich weiss, eine Lohfarbe angenommen
  hat. Hierauf wird es brigens wie smischgares Leder zugerichtet. Unter
  =dnischem= Leder versteht man eine Sorte lohgares Handschuhleder,
  welches im Norden aus Fellen von jungen Ziegen, Lmmern und aus
  Rennthierhuten mit Hlfe von Weidenrinde hergestellt wird und sich
  durch einen eigenthmlichen Weidengeruch, durch helle Farben und grosse
  Geschmeidigkeit auszeichnet.


                  II. _Die Alaun- oder Weissgerberei._

[Sidenote: Alaungerberei.]

Die =Alaun-= oder =Weissgerberei= umfasst denjenigen Theil der
Gesammtgerberei, welcher sich hauptschlich gewisser Thonerdesalze zur
Ueberfhrung der Haut in Leder bedient, das in diesem Falle =alaun-= oder
=weissgares Leder= genannt wird.

  Man unterscheidet drei Modificationen der Weissgerberei, nmlich: 1)
  die =gemeine Weissgerberei=, welche nur schwache Hute, wie
  Hammelfelle, Ziegenfelle und Schaffelle verarbeitet, dieselben erst in
  Kalkscher vorbereitet und dann mit Alaun und Kochsalz (mit Gerbesalz)
  weissgar macht, ohne sie hierauf mit Fett zu trnken; 2) durch die
  =ungarische Weissgerberei= werden starke Hute (Ochsen- und
  Bffelhute, Kuh- und Rosshute) zu Sattler- und Riemerarbeit, ohne sie
  vorher mit Kalk zu behandeln, weissgar gemacht und dann mit Fett
  getrnkt. An die ungarische Weissgerberei schliesst sich die Bereitung
  des =Klemm='schen =Fettleders= an; 3) die =franzsische= oder =Erlanger
  Weissgerberei=, welche Felle von jungen Ziegen (Kitzen), jungen Klbern
  (Kalbkid) und Lmmern, seltener Gemsenfelle, nach einem eigenthmlichen
  Verfahren zu Handschuhleder, sowie zu Leder zu Galanterieschuhwaaren
  gar macht. An diese Methode des Weissgerbeverfahrens schliesst sich 4)
  die Lederbereitung mit =unlslichen Seifen= nach dem Vorschlage von
  =Knapp= an.

[Sidenote: Gemeine Weissgerberei.]

1) Die =gemeine Weissgerberei= verarbeitet Schaf- oder Hammel- und
Ziegenfelle, welche dem Gerber entweder mit der Wolle oder bereits
geschoren berliefert werden. Im ersten Falle sind bei der Behandlung der
Felle besondere Rcksichten durch den Werth der Wolle geboten, da hufig
der Gewinn des Gerbens mehr in dem Verkauf der Wolle (=Gerberwolle=,
=Raufwolle=), als in dem des weissgaren Leders besteht. Die weisse Farbe,
grosse Weichheit und zarte Narbe, welche man vom weissgaren Leder
verlangt, fhren grosse Sorgfalt bei den vorbereitenden Operationen mit
sich, welche ausserdem mit den bei der Lohgerberei beschriebenen
zusammenfallen.

  Das =Einweichen= und =Ausstreichen= der Felle geschieht wie in der
  Lohgerberei und zwar letzteres ebenfalls mit einem Streichmesser. Der
  Arbeiter legt einen Decher (Corruption von Decuria, 10 Stck) ber den
  Streichbaum bereinander, und streicht ein Fell nach dem anderen auf
  der Fleischseite, die Schaffelle behufs des Reinigens der Wolle auch
  auf der Narbenseite aus, bis er zum letzten Fell gelangt, welches als
  unmittelbar auf dem Streichbaum liegend leicht verletzt werden knnte
  und deshalb auf den nchsten Decher gebracht wird. Die Felle werden
  hierauf =enthaart=; bei mit Haaren versehenen Huten oder Schafhuten,
  deren Wolle vorher abgeschoren wurde, geschieht das Enthaaren auf
  dieselbe Weise wie beim Lohgerben, nur werden die mit Kalkmilch
  hinlnglich behandelten Hute auf dem Streichbaum nicht mit dem
  Schabeeisen, sondern mit einem kurzen Holzstabe von der Wolle oder den
  Haaren befreit. Die noch mit der Wolle versehenen Felle werden, ehe man
  sie dem Kalkscher bergiebt, mittelst des =Anschwdens= enthaart, um
  die Wolle als Waare nicht zu entwerthen. Zu dem Ende werden die Felle
  mit der Fleischseite nach oben auf der Erde ausgebreitet, mittelst des
  Schwdenwedels (eines in Gestalt eines Pinsels zubereiteten
  Ochsenschweifes oder eines aus Werg zusammengebundenen Pinsels) mit
  einem aus gleichen Theilen Kalk und gesiebter Asche und Wasser
  bereiteten Brei bestrichen, darauf der Kopf und die Fsse nach der
  Aussenseite zu einwrts gelegt; hierauf wird jedes Fell dergestalt
  zusammengeschlagen, dass die Wolle nicht vom Kalk berhrt wird und so
  8-10 Tage liegen gelassen, bis die Wolle sich lst. Alsdann werden die
  Felle auf der Fleischseite und auf der Haarseite rein ausgewaschen, um
  sie vom Kalk zu befreien und vom Schmutz zu reinigen, worauf die Wolle
  zum Theil abgepflckt, zum Theil aber auch auf dem Streichbaume
  abgestossen wird. Die durch das Anschwden enthaarten Felle werden nun
  in den Kalkscher gepackt und weiter behandelt, wie oben angegeben
  worden ist. Um den in den Huten enthaltenen Teig so vollstndig als
  mglich zu entfernen, kommen die enthaarten Blssen in den sogenannten
  =faulen Aescher=, worunter ein Reservoir verstanden ist, welches von
  Zeit zu Zeit aufgerhrt ist und in Folge des fteren Gebrauches
  thierische Substanzen in reichlicher Menge enthlt, die unter
  Mitwirkung des Kalkes sich nach und nach zersetzen und dadurch zur
  Ammoniakentwicklung Veranlassung geben. Hierdurch wird ein guter Theil
  Fett aus den Huten entfernt. Nach dem Behandeln im Kalkscher werden
  die Hute im Schabebaum =verglichen=, d. h. es werden die zur
  Lederfabrikation unbrauchbaren Stcke wie die Spitzen der Beine und des
  Kopfes, die Ohren, die Brustzipfel und der Schwanz behufs der Bereitung
  von Leim abgeschnitten. Die verglichenen Hute werden dann eine Nacht
  im Wasser eingeweicht, dann auf dem Schabebocke mit einem stumpfen
  Streicheisen auf der Fleischseite wie auf der Narbenseite gut
  ausgestrichen und geschabt, dann mit einer hlzernen Stosskeule mit
  Wasser einige Zeit gewalkt, ausgewaschen und abermals auf dem
  Streichblock bearbeitet, wobei zugleich der rckstndige Kalk und die
  Kalkseife ausgedrckt und die Haare der Hute vollstndig entfernt
  werden. Um die letzten Mengen des Kalkes zu beseitigen und um die Hute
  zu =schwellen=, kommen dieselben in die Kleienbeize, in welcher sie 2-3
  Tage bleiben. Dann werden sie herausgenommen, in Wasser gesplt,
  ausgewunden und unmittelbar zum =Gerben= in die =Gerbebrhe= gebracht.
  Auf je einen Decher bereitet man eine Alaunbrhe aus 0,75 Kilogr.
  Alaun, 0,30 Kilogr. Kochsalz, 22,5 Liter Wasser. Von dieser heiss
  bereiteten Brhe giesst man 1 Liter in einen Waschtrog, lsst sie bis
  zur Handwrme abkhlen und zieht ein Fell ein oder zwei Mal durch, bis
  die Brhe das Fell berall gleichmssig imprgnirt hat. Nach dem
  Herausnehmen schichtet man die Felle auf einander, ohne sie
  auszuringen, lsst sie 2-3 Tage so liegen, wodurch sie die Gare
  bekommen, ringt sie dann aus und trocknet sie langsam, auf Latten
  aufgehngt.

  Was die =Theorie der Anwendung der Alaunbrhe= in der Weissgerberei
  betrifft, so neigte man sich frher allgemein der Ansicht zu, dass nur
  das Chloraluminium darin -- durch Umsetzung der Bestandtheile des
  Thonerdesulfates des Alauns und der Bestandtheile des Kochsalzes
  entstanden -- wirksam sei, man glaubte, dass ein basisches
  Chloraluminium (Aluminiumoxychlorr) mit der Haut sich verbnde,
  whrend saure salzsaure Thonerde in der Gerbebrhe zurckbliebe. Die
  Sulfate der Alkalien in der Alaunbrhe hielt man fr Ballast. Dass
  Aluminiumacetat (essigsaure Thonerde) anstatt der Alaunbrhe
  angewendet, von guter und schneller Wirkung sei, war ebenfalls bekannt.
  Die von =Knapp= _senior_ mit Alaun, Aluminiumacetat und Chloraluminium
  angestellten Versuche haben gelehrt, dass bei der Aufnahme des
  Aluminiumsalzes durch die Hautfaser keine Zersetzung des Salzes
  stattfindet; es wurden durch die Haut aufgenommen

                    von Alaun               8,5 Proc.
                     "  Aluminiumsulfat    27,9  "
                     "  Chloraluminium     27,3  "
                     "  Aluminiumacetat    23,3  "

  Die Thonerdesalze verbinden sich aber keineswegs mit der Haut unter
  allen Umstnden stets in obigen Verhltnissen, die Erfahrung lehrt im
  Gegentheile, dass die Hute aus concentrirten Salzlsungen mehr
  aufnehmen als aus verdnnten. Was die Rolle des Kochsalzes bei der
  Bereitung der Gerbebrhe betrifft, so ist das Kochsalz keineswegs nur
  das Mittel, das Thonerdesulfat des Alauns in Chloraluminium
  berzufhren (neuere Versuche von =Knapp= -- 1866 -- haben sogar
  gelehrt, dass bei Anwendung von 1 At. Kalialaun und 3 At. oder 37 Proc.
  Kochsalz, beide Salze sich =nicht= mit einander umsetzen), sondern es
  bt auch einen eigenen und zwar activen Einfluss aus, theils als eine
  die Wirkung des Alauns auf dialytischem Wege lebhaft befrdernde
  Substanz, theils weil es auch als Lsung, gleich dem Alkohol, die
  Eigenschaft besitzt, den thierischen Geweben ihren Wassergehalt so weit
  zu entziehen, dass die Fasern beim Trocknen nicht mehr zusammenkleben,
  und somit bei der Lederbildung mitwirkt.

  Die gegerbten Felle schrumpfen beim Trocknen etwas ein und besitzen
  eine ziemliche Steifheit, welche ihnen durch die Arbeit des =Stollens=
  genommen wird; die Felle werden nmlich ber den convexen Theil eines
  bogenfrmigen Eisens, der =Stolle=, und zwar ber die stumpfe Schneide
  der Breite nach hinweggezogen, um die Felle auszudehnen und alle Falten
  zu beseitigen. Vorher benetzt man sie mit Wasser oder legt sie einige
  Tage in den Keller, damit sie whrend des Stollens nicht zerreissen.
  Nach dem Stollen werden sie auf dem =Streichrahmen= oder
  =Streichschragen= mit Hlfe der =Streiche= gestrichen und dann sind sie
  Waare. Das fertige Leder wird unter der Benennung =Weissleder= in
  grossen Massen zu ordinrem Schuhfutter und dergl. verwendet.

[Sidenote: Ungarische Weissgerberei.]

2) Die =ungarische Weissgerberei= unterscheidet sich von der gemeinen
Weissgerberei dadurch, dass sie dicke Ochsen-, Bffel-, Kuh- und
Rosshute zu Sattler- und Riemerarbeit, zuweilen auch Eberhute und
Farrenhlse fr Dreschflegel verarbeitet, die Hute nicht in den Kalk
bringt und sie nach dem Gerben mit Fett trnkt. Die rohen Hute werden
blos =eingeweicht=, bis alles Blut und alle Unreinigkeiten entfernt sind,
und dann =enthaart=; zu dem Ende werden die Hute, sowie sie aus dem
Wasser kommen, mit einem scharfen Putzmesser abgeschoren. Hierauf kommen
sie sofort in die Alaunbrhe, welche fr eine Haut von ungefhr 25
Kilogr. Gewicht aus 3 Kilogr. Alaun, 3 Kilogr. Kochsalz und 20 Liter
Wasser bereitet wird. Die Alaunbrhe wird im lauwarmen Zustande in einem
lnglich-runden Bottich auf die Felle gegossen, dergestalt, dass die
Narbenseite nach oben gekehrt ist. Ein Arbeiter tritt alsdann mit den
Fssen in dem Bottiche einige Mal auf den Fellen herum, worauf sie acht
Tage lang in der Brhe liegen bleiben. Nach dieser Zeit werden sie
nochmals gut durchgetreten, worauf man das Leder auf Stangen trocknet.
Nach dem Trocknen werden die Hute gereckt und dann mit Fett getrnkt. Zu
dem Ende werden die gegerbten Hute auf Stangen ber Kohlenfeuer erwrmt,
dann auf einem Tisch ausgebreitet und auf der Fleischseite wie auf der
Narbenseite mit geschmolzenem Talg eingerieben. Jede Haut erhlt etwa 3
Kilogr. Talg. Nachdem dreissig Hute so getrnkt worden sind, werden sie
einzeln ber einem Kohlenfeuer etwa eine Minute lang durch zwei Arbeiter
hin und her gezogen, wodurch das Fett die Hute besser durchdringt,
worauf man sie in der freien Luft, die Fleischseite einwrts gekehrt,
aufhngt. Der Talg verbindet sich (wenigstens zum Theil) mit der Haut.

  Das Leder ist nun fr die Verwendung fertig. Sein Hauptverbrauch ist zu
  ordinrem Pferdegeschirr, der sich in Frankreich so weit ausdehnt, dass
  man auch die Geschirre fr die Artilleriebespannung daraus fertigt, da
  nicht leicht ein zweites Leder so viel Strke und Zhigkeit besitzt,
  und auch nicht leicht ein anderes so rasch und so wohlfeil hergestellt
  werden kann.

[Sidenote: Handschuhleder.]

3) Die =franzsische= oder =Erlanger Weissgerberei= befasst sich nur mit
der Herstellung von Glachandschuhleder und von Leder fr
Galanterieschuhwaaren. Bei dem Leder fr Glachandschuhe bleibt die Narbe
der Felle unverndert, whrend bei waschledernen Handschuhen, welche mit
Thran gegerbt wurden, stets die Narbe der Felle abgenommen ist. Das
alaungare Handschuhleder erheischt, weil es zu Luxusartikeln, den
Glachandschuhen, verarbeitet wird, die Eigenschaften des Weissleders in
hohem Grade, da diese Leder, wenn sie weiss bleiben, ein gleichmssiges
Weiss erhalten sollen, und wenn sie gefrbt werden, dieses fast durchweg
mit hellen und delicaten Farben geschieht. Nur durch sorgfltiges
Behandeln der Felle in den vorbereitenden Operationen, durch pedantische
Reinlichkeit, durch Fernhalten von Allem, was Flecke hervorrufen knnte
wie Eichenholz, eisenhaltiges Wasser und dergl. ist man im Stande, diese
Bedingungen zu erfllen. Dazu gesellt sich noch der Umstand, dass die
Handschuhe grosse Geschmeidigkeit und Dehnbarkeit, dabei mglichste
Haltbarkeit und eine unversehrte Narbe besitzen mssen.

  Zu dem besseren Glachandschuhleder werden zwei Fellsorten verwendet;
  die eine theurere ist das Fell der nur mit Milch ernhrten jungen Ziege
  (Zickel oder Kitz), die eine wohlfeilere ist das Fell des Lammes. Jedes
  dieser Felle liefert im Durchschnitt zwei Paar Handschuhe. Fr Leder zu
  Galanterieschuhwaaren verwendet man die Felle junger Klber (sogenannte
  =Kalbkid=).

  Die Vorbereitungsarbeiten sind die gewhnlichen der Weissgerberei, die
  Gerberei selbst weicht aber vollstndig ab, indem die Felle mit einem
  Gerbebrei (der =Nahrung=) gegerbt werden, durch welchen sie nicht nur
  weissgar werden, sondern auch das zur vlligen Geschmeidigkeit nthige
  Oel erhalten. Dieser Brei besteht aus Weizenmehl, Eidotter, Alaun,
  Kochsalz, welche man mit Wasser zu einem flssigen Brei anrhrt. Das
  Weizenmehl bewirkt das Aufgehen des Leders, indem die
  Kleberbestandtheile und zwar als Thonerdeverbindungen von der Haut
  aufgenommen werden; die Strke des Mehles tritt nicht in den garen
  Bestand des Leders ein. Das Eidotter wirkt durch seinen Gehalt an
  Eiweiss, aber viel wesentlicher durch seinen Gehalt an Eierl, welches
  im Eigelb im Zustande einer natrlichen Emulsion sich findet. Es giebt
  dem Leder Weichheit und Zug, und dem Handschuh die Eigenschaft, sich
  nach der Hand zu modelliren, ohne Falten zu werfen, ohne eine
  empfindliche Spannung zu erzeugen, und ohne zu zerreissen. Emulsionirte
  Oele wie Mandell, Olivenl, Thran, ja selbst Paraffin scheinen das
  Eierl vollstndig ersetzen zu knnen. Die Felle werden darin einige
  Zeit getreten und gewalkt. In neuerer Zeit soll man in Frankreich der
  Nahrung 2-3 Proc. =Carbolsure= zusetzen, um dem zu starken Erhitzen
  der mit Nahrung versehenen Felle beim Lagern derselben
  entgegenzuwirken. Dann werden sie durch einfaches Ausziehen gereckt, an
  der Luft, so schnell es geht, getrocknet, gelinde angefeuchtet,
  dutzendweise zwischen Leinwand gelegt, getreten, um sie zu erweichen
  und dann einzeln der Lnge und Quere nach auf der Fleischseite bis zu
  gengendem Ausrecken ber das Stolleisen gezogen, darauf getrocknet und
  nochmals gestollt, wodurch die letzten Spuren anhngenden Mehles
  entfernt werden und die erforderliche Geschmeidigkeit gegeben wird. Die
  Narbenseite nach aussen gekehrt, wird dieses Leder in den
  Glachandschuhen verwendet, denen man durch Gltten oder Glnzen
  (mittelst der glsernen Blankstosskugel oder mit Hlfe der
  Appretirmaschine), oder auch durch Ueberstreichen mit Eiweiss,
  Senegalgummi, Tragant oder Seife Glanz giebt. Das =Frben= der
  alaungaren Handschuhleder findet gewhnlich auf der Narbenseite,
  seltener auf der Fleischseite statt und geschieht entweder durch
  Eintauchen oder durch Anstrich. Letzteres Verfahren, unter dem Namen
  des =englischen Verfahrens= oder der =Fixfrberei= bekannt, ist das
  gewhnlichere.

  Nach =Knapp='s Versuchen lsst sich ein schnes weiches Glanzleder
  erzeugen, wenn man Blsse aus Lamm- oder Ziegenfell in einer
  gesttigten alkoholischen lauen Stearinsurelsung ausgerbt. Das so
  erzeugte Leder ist geschmeidig, von weisserer Farbe als gewhnliches
  Glachandschuhleder und von ganz besonders schnem natrlichen Glanz
  der Narbe.

[Sidenote: Knapp's Leder.]

  4) =Die Lederbereitung mit unlslichen Seifen=, von =Knapp= erfunden,
  scheint fr die Gerberei von einiger Wichtigkeit werden zu wollen. Die
  gerbende Eigenschaft des Eisenoxydes ist lngst bekannt und noch im
  Jahre 1855 liess sich =Belford= fr England ein Patent auf ein
  Verfahren zur mineralischen Gerbung der Hute patentiren, welches auf
  der Anwendung des Eisenoxydes beruht. Es ist bis jetzt aber nicht
  gelungen, ein brauchbares Leder damit herzustellen. In einer Auflsung
  von schwefelsaurem Eisenoxyd und Eisenchlorid frbt sich die Blsse
  rothbraun, in einer Lsung von Chromchlorid blaugrau, jedoch nach dem
  Trocknen erhlt man schlechtes, narbenbrchiges, oft ganz sprdes
  Leder, selbst dann noch, wenn die Gerbeflssigkeit mglichst wenig oder
  keine freie Sure enthlt. Es ist wahrscheinlich, dass die Eigenschaft
  des Eisenoxydes, durch Sauerstoffabgabe zerstrend auf die Faser
  einzuwirken, beim Brchig- und Sprdewerden des mit Eisenoxyd gegerbten
  Leders eine Rolle spielt. Wird die Eisenchloridlsung vor dem Gerben
  mit so viel Natron (Soda oder Aetznatron) versetzt, als sie vertrgt,
  ohne einen bleibenden Niederschlag zu bilden, so wird das Oxyd leichter
  und reichlicher auf die Faser niedergeschlagen; nebenbei hat man den
  Vortheil, dass die saure Reaction auf die Haut gehoben und eine dem
  Zusatz der Soda entsprechende Menge Kochsalz gebildet wird. Aus dieser
  Lsung nun gerbt sich die Haut weit leichter und mit voller
  Geschmeidigkeit. Das so gegerbte Leder hat jedoch das mit dem
  weissgaren gemein, dass es im Wasser die Gerbung verliert und deshalb
  nur fr Gegenstnde sich eignet, welche mit Wasser nicht in Berhrung
  kommen. Um ihnen Widerstand gegen die Feuchtigkeit zu geben, sind die
  Metalloxyde auf der Faser in unlsliche Verbindungen berzufhren,
  welche zugleich der Biegsamkeit und Weichheit der Hautfaser sich
  anschliessen, die Raschheit der Gerbung befrdern und mglichst haltbar
  auf der Faser fixirt sind. Hierzu eignen sich am besten die
  Verbindungen der Oxyde von der Formel R_{2}O_{3} mit den fetten Suren,
  mithin die Thonerde-, Eisenoxyd- und Chromoxydseifen, die in Wasser
  unlslich, ferner biegsam sind und, was fr die Praxis erheblich ist,
  sich durch doppelte Zersetzung aus in Wasser lslichen Verbindungen
  herstellen lassen. Bei der Ausfhrung der Gerbung mit unlslichen
  Seifen giebt es zwei Wege, nach dem =einen= (minder zu empfehlenden)
  bereitet man zwei Bder, eines mit Seifenwasser, welches 3-5 Proc.
  Kaliseife enthlt, und ein zweites, eine Auflsung des gerbenden
  Salzes, welches 5 Proc. davon enthlt. Die Blssen werden zuerst in die
  Salzlsung gebracht, fleissig darin bewegt, fters zum Abtropfen
  herausgenommen, dann von Neuem hineingelegt, bis sie gehrig imprgnirt
  sind, wozu 1-2 Tage gehren. Nach dem Abtropfen kommen sie zum
  Ausgerben ebenfalls 1-2 Tage lang in die Seifenlsung. Nach beendigtem
  Gerben werden die Hute abgesplt und getrocknet. Ein besseres Resultat
  und eine sattere Gerbung der Blsse erhlt man nach dem =zweiten=
  Verfahren, nach welchem man die Seifenlsung mit der Alaunlsung
  ausfllt und in der entstandenen zarten schlammigen Masse die Haut
  durchknetet. Die =Knapp='sche Gerbung mit unlslichen Seifen ist, wenn
  auch nicht im Princip, doch in der Tendenz einer Combination der
  Alaungerberei mit der Smischgerberei hnlich. Das mit der
  Thonerdeseife gegerbte Leder ist weiss und besitzt an Stelle der
  trocknen, fast kreidigen Oberflche der weissgaren Leder eine weiche,
  glnzende und fettig anzufhlende Oberflche. Gerbt man aus einer
  Flssigkeit, die Eisen- und Chromsalze gemischt enthlt, so erhlt man
  Leder von einer Farbe, die bei geeignetem Verhltniss der beiden Salze
  der Farbe des rothgaren Leders tuschend hnlich ist.


                  III. _Die Smisch- oder Oelgerberei._

[Sidenote: Smischgerberei.]

Die =Smisch=- oder =Oelgerberei= wandelt die Felle von Hirschen,
Elenthieren, Rehen, Hammeln, Schafen, zuweilen auch Kalbsfelle, dann auch
Ochsenhute (zu Riemen, Kuppeln und Bandeliers beim Militair) in
=Oelleder= (lgares oder smischgares Leder) um. Das Gerbmaterial ist
Fett oder Thran (seit einigen Jahren meist mit 4-7 Proc. Carbolsure
versetzt). Das =Oelleder= findet hauptschlich zu
Bekleidungsgegenstnden, namentlich zu Beinkleidern, Beuteln,
Hosentrgern, Gamaschen, Westen, waschledernen Handschuhen, Bndern und
Bandagen zu chirurgischen Zwecken Anwendung, wozu es sich in Folge seiner
Weichheit, seiner wolligen Beschaffenheit und seines Zuges wegen
besonders eignet. Da es im Wasser seine Gerbung nicht verliert und daher
auch ohne Nachtheil gewaschen werden kann, nennt man es auch
=Waschleder=. Die oberste Lage des Coriums, welche ihrer dichteren
Beschaffenheit wegen, nicht dieselbe Dehnbarkeit und Geschmeidigkeit
besitzt wie die untere, also die Narbe, wird bei dickeren Fellen
abgestossen; bei solchem lgaren Leder fllt daher der Unterschied
zwischen Narben- und Fleischseite hinweg. Das Abstossen der Narbe
befrdert zugleich das Eindringen des Fettes, welches unter der
vereinigten Einwirkung von Luft und Wrme sich in Produkte umwandelt,
welche mit der Hautfaser eine feste trockene Verbindung eingehen, in
welcher der Fettgehalt nicht mehr physikalisch zu erkennen ist,
namentlich hindert er nicht mehr das Eindringen des Wassers (das
=Oelleder= ist daher keineswegs wasserdicht wie z. B. das =Fettleder
Klemms=), dagegen nimmt es der Hautfaser das Vermgen, unter dem
Einflusse des Wassers zusammenzukleben und einzuschrumpfen. Dnnere
Felle, wie Felle von Ziegen und Lmmern, welche zu den feinen lgaren
Handschuhen dienen, behalten ihre Narbe der grsseren Haltbarkeit wegen
und werden dann auf der Fleischseite nach aussen getragen.

  Die fr das Oelleder bestimmten Felle werden bis zur beendigten
  Enthaarung eben so vorbereitet wie in der Weissgerberei; da bei dem
  lgaren Leder eine Schonung der Narbe nicht erforderlich ist, so werden
  die Haare nicht mit einer Schabe, sondern auf dem Streichbaum mit einem
  stumpfen Messer, dem Abstossmesser, abgestrichen, wobei zugleich die
  Narbe abgestossen wird. Die abgestossenen und durch Vergleichen von den
  unbrauchbaren Endstcken befreiten Felle kommen behufs ihrer
  vollstndigen Entkalkung und Schwellung in Kleienbeize. Hierauf werden
  sie ausgewunden und sofort in die Walke gebracht, um hier mit dem Fette
  getrnkt oder gegerbt zu werden. Hierzu werden die Felle, die
  Narbenseite nach oben auf dem Tische ausgebreitet und mit Thran oder
  Oel bestrichen, dann zu Knueln zusammengewickelt, unter eine
  Stampfwalke gebracht und 2-3 Stunden gewalkt, whrend dem man sie von
  Zeit zu Zeit herausnimmt, einige Zeit an der Luft liegen lsst und dann
  von Neuem lt und walkt, bis sie genug Fett aufgenommen haben. Durch
  das wiederholte Aushngen an die Luft verlieren die Felle ihr Wasser
  allmlig und in dem Maasse, als das Wasser verdunstet, tritt das Oel an
  dessen Stelle; die Felle bleiben so lange der Luft ausgesetzt, bis die
  ussere Oberflche abgetrocknet erscheint (=anrauscht=). Dass die Felle
  hinreichend Oel erhalten haben, erkennt man an einem eigenthmlichen
  scharfen, an Meerrettig erinnernden Geruch, welcher an die Stelle des
  Fleischgeruches tritt. Bereits whrend des Walkens, noch mehr aber
  whrend des Aushngens der Hute an die Luft, hat sich der Thran
  theilweise verndert und ist mit der Hautfaser in Verbindung getreten;
  ein anderer und zwar der grsste Theil des Thranes erfllt aber nur
  mechanisch die Poren des Leders. Der Zweck der nchsten Arbeit ist
  daher der, die Felle einer Art, mit Temperaturerhhung begleiteten
  Ghrung auszusetzen, durch welche dieselbe Wirkung in krzerer Zeit
  erzielt wird, welche beim Aushngen der gelten Hute stattfand, und
  wodurch der grsste Theil des Thranes in Verbindung mit der Faser
  gebracht wird. Hierzu werden die Felle in die Wrmekammer gebracht, auf
  einem auf dem Boden ausgebreiteten Leinentuche zu einem konischen
  Haufen bereinander geworfen, mit Sorgfalt bedeckt, sich selbst
  berlassen und nur von Zeit zu Zeit gelftet, damit die Hute sich
  nicht berhitzen. Das Zusammenlegen und Auseinanderwerfen der Haufen
  wird wiederholt, bis die Felle die erforderliche gelbe Farbe erhalten
  haben, welche ein Zeichen der beendigten Oxydation des Oeles ist. Das
  Behandeln der gelten Felle in der Wrmekammer nennt man das =Frben in
  der Braut=. Ungeachtet der Ghrung ist noch ein Theil des Oeles (man
  rechnet gegen 50 Proc. des ursprnglich angewendeten) in der Haut im
  unverbundenen Zustande enthalten, welches durch eine lauwarme
  Potaschenlsung entfernt wird. Aus der ablaufenden weissen Brhe
  scheidet sich beim ruhigen Stehen eine Fettmasse ab, welche =Dgras=
  oder =Gerberfett= heisst, und wie auf Seite 605 gesagt worden ist,
  zum Zurichten des lohgaren Leders verwendet wird. Die entfetteten Leder
  werden ausgerungen, getrocknet und gestollt, um ihnen die
  Geschmeidigkeit wieder zu ertheilen, welche sie durch das Trocknen zum
  Theil verloren haben.

  Das =Rauh=- oder =Rauchleder= ist lgares Leder, dessen Narbe nicht
  abgestossen worden und dessen Fleischseite geschwrzt ist. Es ist
  seiner Milde und Weichheit wegen zu Damenstiefeln sehr beliebt. Nach
  den Versuchen von =Knapp= _sen._ lsst sich eine Art Oelleder erhalten,
  wenn man eine Blsse abwechselnd mit einer Lsung von Seife und
  verdnnter Sure behandelt, so dass sich die fetten Suren in der Faser
  niederschlagen. Nach der Gerbung muss das Leder gut ausgewssert
  werden. Ueber die Constitution des Oelleders ist zur Zeit nichts
  bekannt; man weiss nicht, welche Zersetzungsprodukte des Oeles (ob
  allein die der fetten Suren oder vielleicht auch die des Glycerins)
  mit der Faser eine Verbindung eingehen. Die Smischgerberei hat im
  Principe ohne Zweifel vieles gemein mit dem Oelen der Baumwollstoffe
  als vorbereitender Operation der Trkischrothfrberei.

[Sidenote: Pergament.]

Das =Pergament= ist kein Leder im technologischen Sinne, denn die Fasern
der Haut, die zur Pergamentbereitung dient, sind weder durch Gerbstoff,
noch durch Thonerdesalze, noch durch Thran, noch durch ein anderes
Gerbematerial vor dem Zusammenkleben bewahrt, und lassen sich daher durch
kochendes Wasser mit Leichtigkeit in Leim berfhren (daher der Name
Pergamentleim, welcher bei feinen Arbeiten hher geschtzt ist als der
gewhnliche Leim). Das Pergament ist im Wesentlichen nichts anderes als
die von Haaren befreite rohe Haut einzelner und namentlich der kleineren
Thiere, wie des Kalbes und des Schafes, welches von anliegendem Schmutz
und Fleisch befreit, aufgespannt und getrocknet wird.

  Man unterscheidet eigentliches =Pergament= (parchemin, parchement),
  welches aus Schaffellen hergestellt wird, von dem Pergament, welches
  der Franzose _Vlin_ oder _Parchemin virge_, und der Englnder
  _Vellum_ nennt; letzteres ist feiner als das gewhnliche Pergament und
  wird aus jungen Kalb-, Ziegen- und todtgeborenen Lammhuten bereitet.
  Die verschiedenen Zwecke, denen das Pergament dient, bedingen bei der
  Fabrikation desselben einige Modificationen. Die Felle werden zuerst
  eingeweicht, gereinigt, im Kalkscher behandelt und enthaart;
  Schaffelle werden, um die Wolle mglichst zu schonen, geschwdet. Nach
  dem Enthaaren werden die Felle gewaschen und zwar auf dem Schabebaum
  und dann gewhnlich (doch nicht immer) geschabt und von allem Fleisch
  befreit. Hierauf wird jedes Fell mit Schnren und Wirbeln in einem
  Rahmen mit beweglichen Seiten (hnlich dem Stickrahmen) der Art
  eingespannt, dass eine faltenlose Flche entsteht. Das ausgespannte
  Fell wird nochmals ausgestrichen und dnn geschabt und darauf
  getrocknet. Einiges Pergament ist dann schon fertig und wird nur noch
  beschnitten; so stellt man z. B. das Trommelpergament aus Kalbfellen,
  das Pergament zu Pauken aus Eselshuten dar. Bei Kalbfellen zu
  Trommelpergament entfernt man mit den Haaren auch die Narbe. Solche,
  die Farbe enthalten, fr Bchereinbnde bestimmt, werden genau wie
  Trommel- und Paukenfelle behandelt, nach dem Trocknen aber auf beiden
  Seiten mit einem halbrunden Messer geschabt, dessen Scheide umgebogen
  ist. Dadurch wird den ursprnglich glatten Flchen eine rauhe
  Oberflche gegeben, wodurch diese geschickt wird zur Aufnahme von Farbe
  wie auch von Tinte. Die Vorbereitung der Felle zum Frben wie zum
  Schreiben ist nmlich eine und dieselbe, so wie auch die fr jene
  Pergamentsorte, deren man sich zu Schreibtafeln in Brieftaschen und
  dergl. bedient, und welche die Schriftzge des Bleistiftes aufnehmen
  soll. Dieses Pergament namentlich wird, nachdem es auf beiden Seiten
  abgeschabt worden, mit einer mageren Bleiweisslfarbe angestrichen, an
  deren Stelle auch hufig eine Leimfarbe aus Barytweiss oder Zinkweiss
  tritt. In England wendet man zur Herstellung des Schreibpergaments oder
  Vellums beinahe ausschliesslich jene Aas- oder Fleischseite an, welche
  man beim Spalten der Schafleder gewinnt. Oft wird das Pergament,
  nachdem es auf dem Rahmen getrocknet worden ist, gekreidet, geschabt
  und mit Bimsstein abgerieben. Zu Sieben (z. B. zum Krnen des
  Schiesspulvers) nimmt man vorzugsweise Schweinehute.

[Sidenote: Chagrin.]

  Der chte orientalische =Chagrin= (Chagrain, Saghir, Sagri, Sagre) ist
  eine Art schwach gegerbtes Pergament, dessen eine Seite krnig oder mit
  kleinen rundlichen Kntchen bedeckt ist; es wird in Persien, in der
  Trkei, in Astrachan und in den Donaufrstenthmern aus Pferdehuten
  und aus den Huten der wilden Esel hergestellt und zwar nicht aus den
  ganzen Huten, sondern nur aus dem hinteren Streif auf dem Rcken,
  gleich ber dem Schwanze, welcher in Form einer Sichel nach der Quere
  ber den Hften des Thieres entlang herausgeschnitten wird. Behufs der
  Fabrikation des Chagrins werden die Hute in Wasser geweicht, bis die
  Epidermis sich lst und die Haare abgenommen werden knnen. Die mit
  Hlfe eines dem Schlichtmond hnlichen Werkzeuges enthaarten Hute
  werden von Neuem in Wasser eingeweicht, um eine Schwellung
  hervorzubringen, dann auf der Fleischseite gereinigt, und hierauf die
  Fleischseite und die Narbenseite so weit abgeschabt, dass das Corium,
  welches zurckbleibt, einer feuchten Blase hnlich erscheint. Die so
  weit vorbereiteten Blssen werden, um die Erhabenheiten auf ihnen
  hervorzubringen, welche das Charakteristische des Chagrins bilden, in
  Rahmen eingespannt, und dann Allabuta (schwarze harte Samenkrner der
  wilden Melde, _Chenopodium album_) auf die Narbenseite gestreut und in
  die Haut entweder mit den Fssen eingetreten oder eingepresst. Sind die
  Hute trocken und sprde geworden, so werden sie aus den Rahmen
  genommen und die Samenkrner durch Schtteln abgesondert. Die Hute
  erscheinen nun mit Vertiefungen bedeckt. Sie werden dann mit
  Schabemessern vllig geebnet und darauf geschwellt, gegerbt und
  gefrbt. Da alle eingedrckten Stellen sich beim Schwellen wieder
  ausdehnen und erheben, so entstehen dadurch die gewnschten Kntchen.
  Die Gerbung geschieht entweder mit Lohe oder mit Alaun, daher mancher
  Chagrin eine Art weissgares Leder ist. Man findet die Chagrinhute im
  Handel von allen Farben, doch meist grn, welche Farbe dem Chagrin
  durch Kupfersalze ertheilt wird. Nach dem Frben werden die Hute mit
  geschmolzenem Hammeltalg getrnkt.

  Die =Fischhaut= oder der =Fischhautchagrin= kommt von verschiedenen
  Arten der Haifische (_Squalus canicula_, _S. catulus_, _S. centrina_),
  Rochen u. s. w. Die Haut dieser Fische ist nicht mit Schuppen, sondern
  mit harten Stacheln besetzt. Sobald die Hute von den Thieren abgezogen
  worden sind, spannt man dieselben straff auf, um sie zu trocknen und
  bringt sie entweder sofort in den Handel oder schleift vorher die
  Stacheln mit Sandstein ab. Man benutzte die blos getrocknete und noch
  mit den Stacheln versehene Fischhaut frher hufig zum Schleifen des
  Holzes. Jetzt giebt man zu diesem Zwecke dem Bimsstein und dem Sand-
  oder Smirgelpapier den Vorzug. Die von den Stacheln befreiten und
  gefrbten Hute dienen zu Etuis fr Fernrhre, Brillen u. s. w.


                          Die Leimfabrikation.

[Sidenote: Allgemeines.]

In dem Organismus aller, hauptschlich aber der hheren Thiere finden
sich gewisse Gebilde, welche sich durch die Eigenschaft auszeichnen, in
kaltem wie in heissem Wasser unlslich zu sein, durch fortgesetztes
Kochen aber eine wesentliche Vernderung zu erleiden, in deren Folge sie
sich lsen und beim Verdampfen der Lsung eine gelatinirende klebrige
Masse (die =Gallerte=), beim vollstndigen Austrocknen, je nach dem Grade
der Reinheit der Gebilde, einen durchscheinenden oder durchsichtigen und
sprden, in reinem Zustande geschmack-, geruch- und farblosen Krper zu
liefern, welcher mit kaltem Wasser zusammengebracht, darin aufquillt und
beim Kochen mit Wasser sich unverndert lst. Dieses Umwandelungsprodukt
der (sogenannten leimgebenden) Gebilde ist der zum Zusammenfgen der
Holzarbeiten, zur Aufhebung der Capillaritt des Handpapiers, als
Klrmittel, als Kitt in der Technik so vielfach angewendete =Leim=. Die
leimgebenden Stoffe kommen durchgngig organisirt im Thierkrper vor, in
der Regel mit anderen organischen Verbindungen innig gemengt. Man rechnet
zu ihnen das Bindegewebe, die Haut, Sehnen, die Ringsfaserhaut der
Lymphgefsse und Venen, die Knochensubstanz (Ossen), das Hirschhorn, den
Knorpel, die Schwimmblase mancher Fische, die Fischschuppen etc. Der aus
den verschiedenen leimliefernden Stoffen gewonnene Leim zeigt, je nach
seinem Ursprunge, in gewisser Hinsicht einige Unterschiede; namentlich
hat man in chemischer Beziehung zwei verschiedene Leimarten zu
unterscheiden, nmlich den Knochen- oder Hautleim (Glutin) und den
Knorpelleim (Chondrin). In technologischer Hinsicht hat man auf diese
Eintheilung nur so weit Rcksicht zu nehmen, als man die Knorpel (Rippen-
und Gelenkknorpel) von der Leimfabrikation so viel als mglich
ausschliesst, da die Erfahrung gelehrt hat, dass das Glutin dem Chondrin
an Klebvermgen weit voranzustellen ist.

  Durch das Auflsen der leimgebenden Gebilde erhlt man, wie bereits
  bemerkt, die =Gallerte=, deren Lsung jedoch ohne namhafte Klebkraft
  ist. Letztere Eigenschaft entsteht erst durch das Trocknen, durch
  welche die Gallerte in den Leim bergefhrt wird. Man hat folglich in
  der Leimfabrikation zu unterscheiden, die leimgebenden Substanzen, die
  daraus erhaltene Gallerte und den durch Eintrocknen derselben
  erhaltenen Leim. Die zur Gallertbildung erforderliche Temperatur ist
  nicht bei allen leimliefernden Gebilden die nmliche. Auch ist die
  Consistenz der aus gleich starken Lsungen erhaltenen Gallerte eine
  verschiedene je nach dem Alter der angewendeten Gewebe.

  Der Leim lst sich beim Kochen in Wasser leicht zu einer Flssigkeit,
  welche beim Erkalten zu einer Gallerte gesteht. Wasser, das noch 1
  Proc. Leim enthlt, gelatinirt noch beim Erkalten. Durch hufig
  wiederholtes Erwrmen und Erkalten oder lngere Zeit fortgesetztes
  Kochen verliert der Leim die Eigenschaft zu gelatiniren. Essigsure und
  verdnnte Salpetersure verhindern das Gelatiniren der Leimlsung.
  Alaunlsung fllt den Leim erst nach Zusatz von Kali oder Natron; der
  Niederschlag besteht aus Leim und basischem Aluminiumsulfat. Von
  Wichtigkeit ist seine Verbindung mit Gerbsure, die in Wasser fast
  unlslich ist; diese Verbindung ist constant zusammengesetzt und eignet
  sich als Mittel zur Bestimmung des Gerbstoffs in Vegetabilien.

  Die Leimfabrikation frdert dreierlei Arten von Leim zu Tage, nmlich

    a) den sogenannten =Haut-= oder =Lederleim= aus Haut, Sehnen u.
       dergl.;
    b) den =Knochenleim= aus Knochen;
    c) den =Fischleim= aus der Schwimmblase gewisser Fische.

  An diese Leimsorten schliessen sich die in jngster Zeit aufgetauchten
  Arten Leim, der =Kleberleim= und der =Eiweissleim= an.

[Sidenote: Lederleim.]

Der =Haut-= oder =Lederleim=. Die thierischen Stoffe, das =Leimgut= oder
das =Leimleder=, aus denen der Fabrikant Leim darstellt, sind gewhnlich
Abflle, so die Abflle der Gerberei, alte Handschuhe, Kaninchen- und
Hasenfelle, die vom Hutmacher von den Haaren befreit wurden, ferner
Katzen- und Hundefelle, Ochsenfsse, Pergamentabschnitzel, Suronen
(Felle, die fr viele sdamerikanische Droguen wie z. B. Indig als
Verpackung dienen), Flechsen, Gedrme, Lederabflle der Schuhmacher,
Sattler, Riemer und dergl. (welche letztere, als lohgares Leder, jedoch
nur unter gewissen Verhltnissen zur Leimfabrikation Anwendung finden
knnen). Im Allgemeinen rechnet der Leimfabrikant von feuchtem und aus
den verschiedensten Abfllen bestehenden Leimgut auf eine Ausbeute von 25
Proc. Den Vorzug giebt er dem Abfall aus den Alaungerbereien und
Handschuhfabriken, indem dieselben gereinigt und durch Kalk in einen
aufbewahrungsfhigen Zustand versetzt, dem Leimsieder dargeboten werden.
Die Verarbeitung des rohen Leimleders auf Leim zerfllt in folgende vier
Operationen:

                  1) das Kalken des Leimgutes,
                  2)  "  Versieden desselben,
                  3)  "  Formen der Gallerte,
                  4)  "  Eintrocknen derselben zu Leim.

[Sidenote: Kalken des Leimgutes.]

I. Das =Kalken des Leimgutes= hat zum Zweck die Reinigung der Abflle und
die Erreichung grsserer Haltbarkeit. Zu dem Ende behandelt man das
Leimgut in den =Kalkschern=, d. h. in grossen Gruben oder Behltnissen
mit dnner Kalkmilch 15-20 Tage lang, wobei man die Kalkmilch fters
erneuert. Durch diese Operation werden die dem Leimgute adhrirenden
Blut- und Fleischtheile gelst und die Fettsubstanzen verseift. Nachdem
dies geschehen, muss der anhngende Kalk entfernt werden. Zu diesem
Behufe schliesst man das gekalkte Leimgut in Netze oder Weidengeflechte
ein, die man in fliessendes Wasser oder in einen Brunnen hngt und der
Einwirkung des Wassers mehrere Tage lang ausgesetzt lsst. Das gewaschene
Gut breitet man an der freien Luft aus, um es zu trocknen und den
Aetzkalk in Carbonat berzufhren. Sind die Materialien gengend
getrocknet, so verpackt man sie und versendet sie an die Leimfabrikanten.
In der Leimsiederei wird das getrocknete Leimgut vor dem Versieden
nochmals in schwacher Kalkmilch macerirt und dann ausgewaschen.

  Nach =Fleck= erscheint es zweckmssiger, an die Stelle der Kalkmilch
  schwache Aetzlauge treten zu lassen (auf 750-1000 Kilogr. Leimgut sei
  eine Lauge aus 5 Kilogr. calcinirter Soda und 7,5 Kilogr. Aetzkalk
  ausreichend). An Orten, wo Rothgerberei und Leimsiederei in einer
  Fabrik betrieben werden, macerirt man im Kalkscher behandeltes Leimgut
  einige Stunden mit alter Lohbrhe; der Suregehalt derselben, von
  Milchsure, Buttersure und Propionsure herrhrend, trgt zur
  Entfernung des Kalkes aus dem Leimgut bei; es bildet sich ferner auf
  der Oberflche des Leimleders eine dnne Schicht von Leimtannat, das
  beim Versieden als Schaum an der Oberflche der Flssigkeit sich
  abscheidet und als Klrmittel wirkt. Nach der Angabe von =Dullo= wird
  bei der Darstellung von Clner Leim, der sich durch seine helle Farbe
  und grosse Klebkraft auszeichnet, das gekalkte Leimgut unmittelbar aus
  dem Kalkscher in ein Chlorkalkbad gebracht und dadurch gebleicht.

[Sidenote: Versieden des Leimgutes.]

II. =Das Versieden des Leimgutes= geschieht entweder auf gewhnliche
Weise in Siedekesseln oder durch fractionirtes Sieden oder endlich durch
Anwendung von Dampf. Die Art und Weise des Leimkochens influirt auf die
Qualitt des zu erzielenden Leimes, was darin begrndet ist, dass die
Ueberfhrung des Leimgutes in Leim oder vielmehr in Gallerte unter dem
Einflusse siedenden Wassers nur sehr langsam und nach und nach erfolgt;
die zuerst entstandenen Portionen Gallerte bleiben aber der Einwirkung
der Siedehitze ausgesetzt, bis alles Leimgut vollstndig gelst ist, in
dieser Zeit erleidet sie jedoch wesentliche Vernderungen, namentlich
verliert sie ihre Fhigkeit zu gelatiniren und bildet einen Leim von
schwcherem Klebevermgen und weit dunklerer Farbe, welche letztere
indessen hufig, allerdings mit Unrecht, als ein Kennzeichen eines
vorzglichen Leimes angesehen wird. Ein rationelles Verfahren der
Leimfabrikation wrde mithin eine sofortige Trennung des gelsten Leimes
von dem noch ungelsten Leimgute erheischen. Nach dem =lteren= Verfahren
bringt man das Leimgut mit der erforderlichen Wassermenge in den Kessel
und lsst so lange sieden, bis das Leimgut geschmolzen ist. Die Kessel
sind mit Hhnen zum Ablassen der Leimlsung versehen. Es ist
selbstverstndlich, dass das Leimgut den Boden nicht berhren darf, wo es
unfehlbar verbrennen wrde. Man bringt daher in den Kessel ein Drahtsieb
oder Weidengeflecht, das man zunchst mit einer Lage Stroh bedeckt und
auf dasselbe das Leimgut schichtet, bis der innere Kesselraum damit
erfllt ist. Nachdem das Leimgut so mit weichem Wasser bergossen worden
ist, dass die Flssigkeit nach beendigter Lsung des Leimgutes die zum
Gelatiniren erforderliche Consistenz besitzt, beginnt man mit der
Heizung. Das Leimgut vergrssert sein Volumen, wird durchscheinend und
schmilzt nach und nach. Sobald alles Leimgut in der Flssigkeit
zusammengegangen, bildet sich auf der Flssigkeit Schaum, der mittelst
einer Schaumkelle beseitigt wird. Zu der Lsung setzt man nun die Abgnge
von fertigem Leim frherer Operationen und feuert so lange fort, bis die
Lsung Probe hlt. Die Probe wird auf folgende Weise ausgefhrt: Man
setzt eine mit der heissen Leimlsung gefllte halbe Eierschale auf
kaltes Wasser, gesteht die Lsung nach einiger Zeit zu einer ziemlich
consistenten Gallerte, so ist das Versieden beendigt und die Flssigkeit
wird mittelst des Hahnes und eines Ablassrohres durch einen mit Stroh
belegten Spankorb filtrirt und hierauf in die Decantirgefsse --
=Leimkufen= -- gebracht, in denen sie durch Absitzenlassen geklrt und
hierauf in die Formen gelassen wird. Damit die Gallertlsung whrend der
Decantirung flssig bleibe, sind die Kufen -- gewhnlich hlzerne,
inwendig mit Bleiblech berkleidete Bottiche -- aussen mit schlechten
Wrmeleitern (Sgespnen, Hcksel) umgeben.

  In einigen Fabriken bedient man sich zum Decantiren eines tiefen, engen
  Kessels mit einer derart eingerichteten Feuerung, dass nur der obere
  Theil der Wnde, nicht aber der Boden und der untere Theil der Wnde
  geheizt wird. Leimkufe und Decantirkessel werden vorgewrmt, ehe man
  die Leimlsung zulaufen lsst. Behufs der Klrung rhrt man eine kleine
  Menge feingepulverten Alauns (0,75-1,5 pro Mille der Flssigkeitsmenge)
  in die Flssigkeit und lsst sie eine Nacht hindurch ruhig stehen.
  Durch den Alaun wird der in dem Leim enthaltene Kalk zum grossen Theile
  als Gyps unlslich ausgeschieden, ebenso werden auch organische
  Substanzen gefllt, welche den Leim verunreinigen wrden. Der
  Alaunzusatz hat den Nutzen, dass er die Gallerte whrend des
  Eintrocknens zu Leim vor Fulniss bewahrt, auf der anderen Seite aber
  den Nachtheil, dass er das Klebvermgen des Leimes verringert. Ohne
  Zweifel wird der Alaun durch andere minder schdliche Mittel ersetzt
  werden knnen, der Kalk lsst sich vielleicht entfernen durch
  Oxalsure, deren gegenwrtiger Preis eine technische Anwendung mglich
  macht, und die organischen Krper, die aus der Leimlsung zu entfernen
  sind, knnen durch Zusatz geringer Mengen von Adstringentien whrend
  des Kochens mit dem Schaum entfernt werden. Eine Abkochung von
  Eichenrinde oder besser noch von Hopfen haben bei Versuchen im Kleinen
  treffliche Dienste geleistet.

[Sidenote: Fractionirtes Sieden.]

Wenn man beim Leimsieden die zweckmssigere Methode des =fractionirten
Siedens= anwendet, wobei man das zu lange Verweilen des Leimes in hherer
Temperatur umgeht, so bringt man eine weit geringere Quantitt Wasser,
als zum Lsen der Totalmenge des gleichzeitig verwendeten Leimgutes
erforderlich ist, in den Kessel und beginnt zu heizen. Sobald die
Dampfbildung anfngt, wird der Kessel mit einem gut schliessenden Deckel
bedeckt, damit die Dmpfe auf die vom Wasser nicht bedeckten Theile des
Leimgutes einwirken und dieselben in Leim berfhren. Sobald das Wasser
nach 1-1/2-2stndigem Kochen hinreichend Leim aufgenommen hat, schpft
man die Lsung von dem Leimgute ab, giesst neuerdings Wasser zu und
wiederholt das Abschpfen und Zugiessen mehrmals, bis die letzte
Abkochung eine nicht mehr gelatinirende Leimlsung liefert, welche zum
Auflsen neuer Mengen Leimgut verwendet wird. Die verschiedenen
Abkochungen werden mit Ausnahme der letzten, entweder in dem nmlichen
Decantirgefss gemischt und geklrt, oder, was vorzuziehen ist, jede
Abkochung fr sich verarbeitet, wodurch man also verschiedene Leimsorten
erhlt; die Erfahrung hat nmlich gelehrt, dass der aus dem ersten
Aufguss erhaltene Leim ein viel grsseres Klebevermgen besitzt, als die
letzten Abkochungen. Zuweilen wendet man zum Schmelzen des Leimgutes
Kessel an, welche den Buchapparaten hnlich sind; die Kessel sind
nmlich mit einem durchlcherten Metallboden als Einsatzboden versehen,
in dessen Mitte ein Rohr bis reichlich zu 2/3 der Hhe des Kessels
emporsteigt. Das Leimgut liegt auf dem Einsatzboden. Sobald die Dmpfe
whrend des Kochens sich schneller bilden, als sie durch das Leimgut
entweichen knnen, drcken sie die Lsung in dem Rohre in die Hhe, so
dass dieselbe ununterbrochen ber das Leimgut strmt und die Schmelzung
wesentlich befrdert.

  Das rationellste Verfahren des Leimsiedens besteht sicher in der
  =Anwendung von Dampf=, wobei man Hochdruckdmpfe mitten in das Leimgut
  strmen lsst. Hierbei bewirkt man in der krzesten Zeit eine
  Schmelzung und erhlt nur hchst concentrirte Lsungen, die sich in dem
  unteren Theile des Bottichs, in dem man das Schmelzen des Gutes
  vornimmt, ansammeln und somit der nachtheiligen Einwirkung der Hitze
  entrckt sind. In neuerer Zeit kommt der =Dampfleim= im Handel
  hufiger vor als frher. Es ist wiederholt die Ansicht ausgesprochen
  worden, dass es vortheilhaft sei, den Leim erst bei beginnender
  Fulniss des Leimgutes zu bereiten, nachdem man das letztere mit Chlor
  oder mit schwefliger Sure desinficirt habe. Es soll dadurch ein
  hellerer Leim erhalten werden. Ob diese Ansicht begrndet ist, wollen
  wir dahingestellt sein lassen.

[Sidenote: Formen.]

III. =Das Formen der Gallerte.= Sobald die Lsung der Gallerte in den
Leimkufen hinreichend geklrt und etwas abgekhlt ist, schreitet man zum
Giessen derselben in Formen, in welchen sie zu Blcken aus Gallerte
erstarrt, welche zu Leimtafeln zerschnitten und getrocknet werden.

  Die Formen -- die =Leimtrge= -- in welche man die Leimlsung durch
  einen Metallseiher laufen lsst, sind von Fichten- oder Tannenholz,
  oben sind sie gewhnlich etwas breiter, damit der Gallertblock leicht
  herausgenommen werden kann. Am Boden der Form befindet sich eine Reihe
  von Einschnitten, deren Entfernung von einander der Breite einer
  Leimtafel entspricht. Die Formen werden vor dem Gebrauche rein
  ausgewaschen und entweder feucht gelassen oder getrocknet und dann
  eingelt oder mit Unschlitt bestrichen, damit die sich bildende
  Gallerte der Wand nicht adhrire. Neuerdings hat man die Holzformen
  durch Formen aus Zink- oder Eisenblech zu ersetzen gesucht. Nachdem die
  Formen vollkommen horizontal gestellt worden sind, fllt man sie bis an
  den Rand mit der noch lauwarmen Leimlsung an und berlsst sie dann
  sich selbst. Ist der Gallertblock gehrig gebildet, so macht man
  denselben von den Wnden der Form los, worauf man die Form auf einer
  benetzten Platte umstrzt und dann aufhebt. Der auf der Platte
  zurckbleibende Block wird zunchst durch horizontale Schnitte in
  Tafeln zertheilt, die der Dicke einer Leimtafel entsprechen; die Tafeln
  werden hierauf vertikal in einzelne Tafelbreiten zerschnitten. Das
  Zerschneiden in horizontale Tafeln geschieht entweder mit Hlfe eines
  Klaviersaitendrahtes, der nach Art eines Sgeblattes in einen Rahmen
  gespannt ist, oder mittelst mehrerer Drhte, die in gleichen
  Entfernungen horizontal aufgespannt sind, unter welchen ein auf Leisten
  oder Rollen verschiebbarer Schlitten hin und her bewegt werden kann.
  Wird der Schlitten mit dem darauf liegenden Gallertblock durch den
  Rahmen geschoben, so wird die Gallerte in Tafeln zerschnitten. In
  neuester Zeit (1869) bringt die Fabrik von =C. Stalling= in Pieschen
  bei Dresden den Leim in Form von =Gallerte= in den Handel. Allerdings
  ist erwiesen, dass die Kleb- und Bindekraft des Leimes durch den
  Process der Lufttrocknung bedeutend geschmlert wird.

[Sidenote: Trocknen des Leimes.]

IV. Das =Trocknen des Leimes= geschieht auf aus Bindfden gefertigten
Netzen, welche in Rahmen ausgespannt, auf luftigen Trockenbden der Sonne
und der Luft ausgesetzt werden. Das Trocknen ist eine der schwierigsten
Operationen in der Leimfabrikation, da die Temperatur der Luft, und der
hygrometrische Zustand derselben auf das Produkt, namentlich whrend der
ersten Tage, von wesentlichem Einflusse sind. Die Gallerte nmlich, die
durch das Trocknen in Leim verwandelt werden soll, ist nur fest, so lange
die Temperatur 20 nicht weit bersteigt; bei hherer Temperatur
zerfliesst sie und erweicht wenigstens in der Weise, dass der Leim durch
die Maschen des Netzes dringt und so krftig die Fden adhrirt, dass man
diese in siedendes Wasser bringen muss, um den Leim von den Netzen zu
entfernen. Ist die Luft zu trocken, so werden die Tafeln, in Folge
unregelmssigen Zusammenziehens krumm und rissig. Frostklte verursacht
ein Zerspringen der Tafeln und der Fabrikant muss fast immer zum
Umschmelzen des Leimes sich entschliessen. Bei feuchter Witterung
trocknet der Leim nicht, whrend der heissen Jahreszeit ist ausserdem,
namentlich bei Gewittern, ein totales Verderben des Leimes zu befrchten.
Es folgt daraus, dass eigentlich nur trockene Frhjahr- und Herbsttage
zum Trocknen des Leims sich eignen. Oft schon haben die Leimfabrikanten
es versucht, durch knstliche Wrme nachzuhelfen, aber meist ohne Erfolg,
weil der geringste Wrmeberschuss die Gallerte schmolz und man es
gewhnlich bersah, zu gleicher Zeit mit der Anwendung der Wrme den
erforderlichen Luftwechsel eintreten zu lassen.

  Die Trockenrume, deren man sich in neuerer Zeit in den grsseren
  Leimfabriken zum Trocknen des Leims bedient, sind grosse, mit
  Holztfelung versehene Sle, die den abziehenden Dmpfen durch eine dem
  Dampfgenerator zugeneigte Rhrenleitung, die durch die unteren Rume
  des Trockensaales und an den Wnden circulirt, den Durchgang gestatten
  in der Weise, dass das Condensationswasser nach dem Dampfkessel
  abfliessen kann. An dem Boden befinden sich Luftzge, die durch
  Schieber oder Klappen geffnet oder geschlossen werden knnen, in der
  Decke oder dem Gesimse der Trockenrume Oeffnungen, durch welche die
  mit Feuchtigkeit gesttigte Luft entweichen kann. Die Horden mit den
  Leimtafeln befinden sich auf dicht ber einander liegenden
  Lattengersten. Die unteren Horden trocknen am schnellsten aus, sodass
  nach Verlauf von 18 bis 24 Stunden die oberen an die Stelle der unteren
  gebracht werden knnen. Mit der steigenden Lufttemperatur wird die
  Heizung ermssigt und endlich bei einer usseren Temperatur von 15-20
  unterbrochen. Die geeignetste Lage der Trockenrume ist die Nordseite.
  Die darin so weit als mglich ausgetrockneten Leimtafeln werden zuletzt
  gewhnlich noch in einer stark geheizten Trockenstube auf den
  erforderlichen Grad der Hrte gebracht. Den trockenen Tafeln pflegt man
  schliesslich dadurch Glanz zu geben, dass man dieselben in heisses
  Wasser taucht, mit einer benetzten Brste abbrstet und dann von Neuem
  trocknet.

[Sidenote: Knochenleim.]

Der =Knochenleim=, welcher aus dem Knochenknorpel entsteht, der fast den
dritten Theil (32,17 Proc.) vom Gewicht der Knochen ausmacht, kann aus
den Knochen durch Behandlung derselben mit Salzsure und darauf folgendes
Schmelzen, oder durch Hochdruckdmpfe gewonnen werden. Die Darstellung
des Knochenleimes mittelst =Salzsure= ist das gewhnliche Verfahren. Am
vortheilhaftesten ist es, wenn man die Knochenleimfabrikation mit der von
Salmiak und Phosphor combinirt.

  Die Darstellung des Knochenleimes zerfllt in: I. _Die Entfettung der
  Knochen_ geschieht durch Auskochen derselben in einem eisernen oder
  kupfernen Kessel. Das Knochenfett begiebt sich auf die Oberflche und
  kann abgeschpft werden. Um an Brennstoff mglichst zu sparen, nimmt
  man die ausgekochten Knochen durch Rechen aus der heissen Flssigkeit
  und ersetzt sie durch frische Knochen, bis die Abkochung gallertartig
  wird. Letztere wird als Viehfutter oder als Dnger verwendet. Es ist
  auch vorgeschlagen worden, die Knochen mit Hlfe von
  Schwefelkohlenstoff zu entfetten. II. _Die Extraction der entfetteten
  Knochen mittelst Salzsure._ Nach der Entfettung und dem
  Abtropfenlassen bringt man die Knochen in Krbe und letztere in
  hlzerne Standgefsse, welche so hoch sind, dass die Krbe bis zur
  Hlfte der Hhe in dieselben einragen, hngt letztere an Stbe oder
  Querbalken und setzt die Knochen der Einwirkung einer auf 7 B. (= 1,05
  spec. Gewicht = 10,6 Proc. ClH) gebrachten Salzsure aus. Auf 10
  Kilogr. zu extrahirende Knochen rechnet man 40 Liter Salzsure von der
  angegebenen Strke. In der Sure lsst man die Knochen bis zu ihrer
  vlligen Erweichung, was man daran erkennt, dass die Knochen
  durchscheinend geworden sind und nach allen Richtungen hin gebogen
  werden knnen; hierauf werden sie herausgenommen und nach dem
  Abtropfenlassen in fliessendes Wasser gebracht, hierauf in ein Gefss
  mit Kalkwasser mehreremal eingetaucht und nochmals gewaschen. Nach
  dieser letzten Behandlung sind die Knochen zum Versieden gengend
  vorbereitet. -- Anstatt der Salzsure hat =Gerland= jngst eine
  wsserige Lsung von schwefliger Sure zur Extraction der Knochen in
  Vorschlag gebracht. III. _Die Ueberfhrung des Rckstandes in Leim._
  Die vollkommen oder nur theilweise getrocknete Knochensubstanz (der
  Knorpel) wird in eine hohe, nach oben etwas weitere Stande gefllt,
  welche einen oder mehrere Senkbden enthlt, mit einem gutschliessenden
  Deckel und am Boden mit einer Ablassffnung versehen ist. Die
  Knochensubstanz wird auf dem aus einem Lattengitter bestehenden
  Senkboden ausgebreitet. Durch eine passende Oeffnung im Deckel wird aus
  einem einfachen Destillirkessel (einer Branntweinblase) Wasserdampf in
  eine Stande geleitet. Kurze Zeit nach dem Einstrmen des Dampfes luft
  ein Strom flssiger Gallerte aus dem Ablassrohre, die gewhnlich so
  concentrirt ist, dass sie sogleich in den Ksten abgegossen werden
  kann, worin sie zu den Blcken erstarrt, aus denen die Leimtafeln
  geschnitten werden. Kommt nach einigen Stunden dnnere Gallerte, so
  ffnet man die Stande und bringt die aufgequollenen Leimklumpen mit der
  nicht gengend concentrirten Gallerte in einen kupfernen Kessel, um
  unter Kochen und Umrhren vollends aufzulsen. Nachdem die Flssigkeit
  die gehrige Consistenz erreicht, giesst man sie in die Formen und
  verfhrt brigens wie bei der gewhnlichen Methode der Darstellung von
  Leim. Das in dem Knorpel in kleiner Menge noch zurckgebliebene
  Calciumphosphat giebt dem Knochenleim ein milchiges Ansehen, das hufig
  noch durch Zusatz von Barytweiss, Zinkweiss, Bleiweiss, Kreide oder
  Thon vermehrt wird. Der Knochenleim bricht sich unter dem Namen
  =Patentleim= immer mehr Bahn.

[Sidenote: Flssiger Leim.]

  =Flssiger Leim.= Wenn man Leim mit einem gleichen Gewicht Wasser und
  einer kleinen Menge Salpetersure behandelt, so erhlt man eine Lsung,
  die noch alle Klebkraft des angewendeten Leimes besitzt, aber die
  Eigenschaft zu gelatiniren eingebsst hat. Auf diesem Verfahren beruht
  die Darstellung des =flssigen Leimes=, der sich bereits allgemein in
  Deutschland eingebrgert hat. Nach =Dumoulin='s Vorschrift lst man 1
  Kilogr. Klner Leim in 1 Liter Wasser und setzt zu der Lsung nach und
  nach 0,2 Kilogr. Salpetersure von 36 B. hinzu. Nachdem die strmische
  Entwickelung von salpetrigen Dmpfen vorber ist, lsst man die
  Flssigkeit erkalten. Einen noch vorzglicheren flssigen Leim, als der
  ist, welchen man bei Behandlung festen Leimes mit Salpetersure erhlt,
  gewinnt man, indem man wasserhelle sogenannte Gelatine oder guten
  Klner Leim im Wasserbade mit einer gleichen Quantitt starkem Essig,
  ein Viertheil Alkohol und ein klein wenig Alaun auflst. Unter dem
  Einflusse des Essigs behlt dieser Leim auch in kaltem Zustande seine
  Flssigkeit bei. Nach =Knaffl= stellt man vorzglichen flssigen Leim
  durch 10-12stndiges Erwrmen einer Lsung von 3 Th. Leim in 8 Th.
  Wasser mit 0,5 Th. Salzsure und 0,75 Th. Zinkvitriol bei 80-85 C.
  Temperatur dar. Er ist sehr bequem bei einer grossen Anzahl kleiner
  Arbeiten, die keinen sehr guten Klebstoff erheischen, denn er ist stets
  fr den Gebrauch bereit und hlt sich unbegrenzt lange. Die Fabrikanten
  falscher Perlen brauchen ihn in grosser Menge, ferner dient derselbe
  zum Festkitten von Perlmutter, Horn etc. in Holz und Metall.

[Sidenote: Leimprobe.]

  =Prfung der Gte des Leimes.= Der Leim lsst sich auf seine Gte zwar
  am zuverlssigsten durch einen versuchsweisen Gebrauch prfen, doch
  zeigt er schon von aussen gewisse Eigenschaften, nach denen
  approximativ sein Werth beurtheilt werden kann. Man verlangt von einem
  guten Leim, dass er gleichmssig hellbraun oder brunlichgelb sei,
  keine Flecken zeige, glnzend, wenn kein Zusatz von Mineralsubstanzen
  stattgefunden, klar, durchscheinend, sprde und hart sei, an der Luft
  trocken bleibe, beim Biegen kurz abbreche, einen glasartig glnzenden
  Bruch gebe, in kaltes Wasser gelegt, selbst nach 48stndiger Digestion,
  nur aufquelle, aber nicht zerfliesse. Ein splitteriger Bruch deutet auf
  unvollkommen geschmolzene sehnige Theile. Die Bindekraft und Zhigkeit
  des Leimes sucht man oft durch Zusatz von erdigen Pulvern zu erhhen.
  Dies ist z. B. bei dem russischen Leim der Fall, welcher seine
  undurchsichtige weisse Farbe einem Zusatz von Bleiweiss, Bleisulfat,
  Zinkweiss oder Kreide verdankt, welche in der Menge von 4-8 Proc. dem
  Leime zugesetzt werden. Neuerdings dient hufig das Barytweiss als
  Zusatz. Auch mit chromsaurem Bleioxyd versetzter gelber Leim kommt im
  Handel vor. Sehr hufig finden sich Leimsorten, die, von vllig
  gleichen usseren Eigenschaften, trotzdem bei ihrer Anwendung einen
  ganz verschiedenen Grad von Bindevermgen kundgeben. Es sind deshalb
  von verschiedenen Technikern =Leimprfungsmethoden= vorgeschlagen
  worden, die theils auf chemischen, theils auf physikalischen
  Eigenschaften beruhen.

  I. _Chemische Prfungsmethoden._ Methode von =Graeger=. Von der Ansicht
  ausgehend, dass die Gte eines Leimes, abgesehen von dessen Ursprunge,
  abhngig sei von seinem Gehalte an Leimsubstanz oder Glutin und der
  Abwesenheit fremder Krper, die seine Bindekraft schwchen, bestimmte
  =Graeger= die Menge des Glutins durch Fllen der Leimlsung mit Tannin.
  Aus dem Gewichte des Leimtannates (dessen Zusammensetzung er in 100 Th.
  zu 42,74 Th. Glutin und 57,26 Th. Tannin annahm) ward der Gehalt des
  Leimes an reinem Glutin berechnet. Nach demselben Princip wie =Graeger=
  verfhrt auch =Risler-Beunat=. Nach der von letzterem vorgeschlagenen
  Methode stellt man zwei Normalflssigkeiten dar, von denen die eine in
  einem Liter 10 Grm. reine Gerbsure, die andere in einem Liter 10 Grm.
  Hausenblase und 20 Grm. Alaun aufgelst enthlt. Da diese beiden
  Flssigkeiten sich nicht zu gleichen Volumen sttigen, so bestimmt der
  Verf. den Titer der einen im Verhltniss zur andern und verdnnt dann
  die Gerbsurelsung, welche zu concentrirt ist, mit der hiernach
  erforderlichen Quantitt Wasser. Um einen Leim zu untersuchen, lst man
  nach dem Verf. 10 Grm. desselben mit 20 Grm. Alaun in einem Liter
  Wasser auf, indem man die Mischung nthigenfalls zum Kochen erhitzt.
  Man nimmt dann 10 Cubikcentim. der Gerbsurelsung und giesst
  unmittelbar 10 Cubikcentim. der Leimlsung hinzu, da man sicher sein
  kann, dass dies nicht genug ist, weil kein im Handel vorkommender Leim
  die Reinheit der Hausenblase hat. Man schttelt die Mischung stark,
  fgt, wenn der Niederschlag sich nach einigen Minuten abgesetzt hat,
  wieder 1 Cubikcentim. Leimlsung hinzu und filtrirt durch ein kleines
  nassgemachtes Kattunfilter. Wenn ein Tropfen Leimlsung in der
  Flssigkeit noch eine Trbung hervorbringt, setzt man abermals 1
  Cubikcentim. derselben zu und filtrirt dann wieder durch dasselbe
  Filter, worauf man wieder mit einem Tropfen Leimlsung probirt, und so
  fort, bis die filtrirte Flssigkeit durch die Leimlsung nicht mehr
  getrbt wird.

  Dem Verfahren von =Graeger= und dem von =Risler-Beunat= ist der Vorwurf
  zu machen, dass eine Leimlsung mit Gerbsure nicht so vollstndig
  ausgefllt werden kann, dass das abgedampfte Filtrat nicht beim
  Erhitzen den eigenthmlichen Leimgeruch gezeigt htte. Aber die
  vollstndige Fllung des Leimes auch zugestanden, so hat man doch, da
  die Constitution des Leimes noch nicht bekannt ist und derselbe
  hchstwahrscheinlich ein gemengter Stoff ist, in der chemischen
  Leimprobe keine Brgschaft dafr, dass in der That die Menge der an
  Tannin gebundenen Substanz in geradem Verhltniss zur Bindekraft des
  Leimes stehe. Gallerte und Leim sind ganz verschiedene Krper,
  letzterer hat Bindekraft, welche der ersteren so ziemlich abgeht, und
  doch werden beide aus Lsungen durch die nmliche Tanninmenge gefllt.

[Illustration: Fig. 256.]

  II. _Mechanische Prfungsmethode._ =Verfahren von Schattenmann.= Legt
  man den zu prfenden Leim lngere Zeit in eine grssere Menge Wasser
  von ungefhr 15 C., so schwillt er betrchtlich an und schluckt eine
  reichliche Menge Wasser ein, welche das Fnf- bis Sechzehnfache seines
  eigenen Gewichtes betrgt. Je consistenter und elastischer der Leim im
  aufgequollenen Zustande ist, desto grsser ist seine Bindekraft. Je
  mehr Wasser er absorbirt, desto ausgiebiger ist der Leim. =Weidenbusch=
  hat das vorstehende Verfahren geprft und gefunden, dass es eigentlich
  nur auf den Knochenleim anwendbar ist, dessen Gallerte auch selbst im
  Zustande hchster Sttigung mit Wasser eine Festigkeit bewahrt, die
  kein Lederleim zeigt, sodass man schon durch dieses Verhalten im Stande
  ist, die Abstammung des Leimes -- ob aus Leimgut, ob aus Knochen -- zu
  erkennen. Uebrigens hlt die Aufsaugungsfhigkeit keineswegs mit der
  Flssigkeit Schritt und geringere Leimsorten nehmen oft mehr Wasser auf
  als die besseren Sorten. Ein neues Verfahren der Leimprfung hat
  =Lipowitz= vorgeschlagen. Er lst 5 Th. des Leims in so viel heissem
  Wasser auf, dass das Gewicht der Lsung 50 Th. betrgt und lsst diese
  Lsung bei 18 C. zwlf Stunden lang stehen, damit sie gelatinire.
  In einem offenen Glase (Fig. 256) von stets gleicher Weite setzt der
  Verf. auf den Rand desselben das aus Blech gefertigte Bnkchen _a_,
  durch dessen Mitte der Draht _b_ fhrt, an dessen unterm Ende ein
  napffrmig gelegenes Blech mit der convexen Seite nach aussen gelthet
  ist. Der Draht mit dem Blech wiegt 5 Grm. und bewegt sich willig in der
  Bank _a_. Ein aufzusetzender Trichter _c_ wiegt ebenfalls 5 Grm.; in
  den Trichter kann man bis zu 50 Grm. feine Schrotkrner schtten. Je
  nach der grsseren Fhigkeit des Leimes, consistentere Gallerte zu
  bilden, wird auch das Instrument um so mehr beschwert werden mssen, um
  in die Gallerte einzusinken; woraus sich die Bindekraft des Leimes
  beurtheilen lsst. =Heinze= hat bei (1864 verffentlichten) Versuchen
  gefunden, dass die =Lipowitz='sche Leimprobe praktisch sehr gut zu
  verwerthende Resultate gebe.

  Die =Leimprobe= von =Weidenbusch= ist im Princip eine Erweiterung der
  frher von =Karmarsch= vorgeschlagenen Methode, nach welcher man
  einfach zwei Stcke Holz zusammenleimte und dann das Gewicht bestimmte,
  welches zum Zerreissen des Holzes erforderlich war. Die Uebelstnde
  dieser Methode liegen klar zu Tage, da es wol nie gelingen wird, Hlzer
  von stets gleichbleibender Dichte, Oberflche, Trockenheit u. dergl. zu
  finden, und diese selbst fr mglich gehalten, so steht es fest, dass
  die Festigkeit eines guten Leimes grsser als die des Holzes ist,
  sodass dann leicht Holz von Holz reisst und der Zerreissungswerth fr
  Leim nicht ermittelt wird. Auch wenn Holz von Leim sich trennte, wre
  ein Vergleich nicht mglich, sondern nur wo Leim von Leim sich trennt.
  Eine Substanz, welche der Leim aufnimmt, in ihrer Oberflche Dichte u.
  s. w. aber nicht vernderlich ist, sieht =Weidenbusch= in dem Gyps
  (Marienglas), welcher fein gepulvert, gesiebt und bei 120-150 C.
  entwssert wird. Aus diesem Gypspulver werden Stbchen gegossen, die
  zuerst bei gelinder Wrme, dann ber Chlorcalcium getrocknet werden,
  bis sie an Gewicht nicht mehr abnehmen. Die Werthbestimmung des Leims
  beruht nun darauf, dass, wenn die Gypsstbchen mit Lsungen
  verschiedener Leimsorten getrnkt werden, verschiedene Belastungen
  nthig sind, um sie zu zersprengen, und wenn der Werth, welchen der
  Gyps allein fr sich in Anspruch nimmt, immer derselbe ist, so muss die
  Differenz stets den Leim treffen. =Weidenbusch= hat zu dem Ende einen
  Apparat zusammengesetzt, mit dessen Hlfe durch allmlige Belastung das
  Gewicht ermittelt wird, das zum Zerreissen eines solchen Leimstbchens
  erforderlich ist. Der Zerreissungswerth (mittelst Quecksilber bestimmt)
  fr ein bei 100 getrocknetes Leimstbchen betrgt als Mittelzahl 219
  Grm. Behufs der Prfung wird der bei 100 getrocknete Leim abgewogen,
  ber Nacht zum Aufquellen in Wasser gelegt und dann in heissem Wasser
  gelst, sodass die Lsung 1/10 an Leim enthlt. Die Lsung wird mit
  etwas neutraler Indiglsung gefrbt, um den Ueberzug auf dem Gyps
  besser erkennbar zu machen und damit 1-2 Minuten lang die Gypsstbchen
  in Berhrung gebracht, die dann getrocknet werden, bis ihr Gewicht
  constant bleibt. Hierauf werden sie in dem Apparate durch
  Einstrmenlassen von Quecksilber in denselben gesprengt.

[Sidenote: Fischleim.]

=Der Fischleim.= Die innere pulpose und vasculre Haut der Schwimmblase
der Fische aus der Ordnung der Knorpelganoiden, zu denen die =Hausen=
(_Acipenser huso_), der gemeine =Str= (_A. sturio_), der =Wardick= (_A.
Gldenstaedti_) und der =Sterlet= (_A. stellatus_) gehren, kommt im
getrockneten Zustande unter dem Namen =Hausenblase= in dem Handel vor.
Die aus den Stren, so wie verwandten Arten, die namentlich im caspischen
Meere und den in dasselbe mndenden Flssen, an den Ufern des schwarzen
Meeres und in sibirischen Flssen vorkommen, gewonnenen Schwimmblasen
werden aufgeschnitten, gewaschen, ausgespannt und der Sonne ausgesetzt,
bei einem gewissen Grade des Trocknens die ussere Muskelhaut, welche
beim Kochen mit Wasser keinen Leim bildet, abgezogen, die innere Haut auf
verschiedene Weise geformt (Krnze, Lyraform, Bltter), behufs der
Bleichung den Dmpfen von brennendem Schwefel ausgesetzt und darauf
vllig in der Sonne ausgetrocknet.

  Nach den verschiedenen Lndern, in denen die Hausenblase gewonnen wird,
  unterscheidet man =russische= (die beste Sorte ist die von Astrachan),
  =nordamerikanische= (von _Gadus merlucius_), =ostindische= (von
  _Polynemus plebejus_, theils in Blttern, theils in Beuteln als ganze
  Schwimmblase vorkommend), von der =Hudsonsbay= (von Strarten
  herrhrend; Zungenhausenblase), =brasilianische= (wird, wie es scheint,
  von _Silurus_- und _Pimelodus_-Arten gewonnen und kommt in Pfeifen,
  Klumpen und Scheiben vor), deutsche Hausenblase (wird in Hamburg aus
  der Schwimmblase des gemeinen Stres gewonnen). In den
  Donaufrstenthmern kocht man die Haut, die Blasen, die Gedrme und
  Magen von Knorpelfischen zu einer steifen Gallerte, schneidet sie in
  dnne Bltter, welche man trocknet und zusammenrollt, wie die
  Hausenblase, und als solche in den Handel bringt. Bei ihrer Anwendung
  hat man zu unterscheiden zwischen Fischleim und Hausenblase. Ersterer
  unterscheidet sich, wenn sorgfltig bereitet, in keiner Weise von dem
  aus Knochen oder Haut dargestellten Leim, die Hausenblase aber, die
  kein Leim ist, sondern erst durch Kochen in Leim bergeht, besteht aus
  Fden, die, wenn man sie in Wasser lst, wol anschwellen, aber nur zum
  Theil lsen; die aufgequollenen Fden haben ihre Structur beibehalten,
  was fr die Anwendung der Hausenblase zum Klren von Wein, Bier u.
  dergl. von Wichtigkeit ist, insofern die Fasertheile gewissermaassen
  ein zusammenhngendes Netz bilden, in welches sich die
  niedergeschlagenen und trbenden Theile festsetzen. Es hat sich
  gezeigt, dass zum Klren mit Hausenblase die Gegenwart der Gerbsure
  vortheilhaft ist, da dieselbe ein Zusammenziehen der
  Hausenblasefserchen bewirkt, wodurch jede in der zu klrenden
  Flssigkeit suspendirte Substanz eingehllt wird und nur der klaren
  Flssigkeit abzulaufen gestattet ist. Die Klrung mit Hausenblase ist
  demnach eine Art von Filtration, woraus folgt, dass die Hausenblase zu
  diesem Zweck weder durch Leim noch durch eine =heissbereitete=
  Hausenblaselsung ersetzt werden kann. Mit Ausnahme der Anwendung der
  Hausenblase zum Klren lsst sich dieselbe in allen brigen Fllen, so
  in der Appretur der Seidenzeuge durch Darstellung der Gele in der
  Kochkunst, bei der Bereitung des englischen Pflasters, von Kitt u.
  dergl. durch die besseren Knochenleim- oder Gelatinesorten ersetzen.
  Seit einigen Jahren bringt der Franzose =Rohart= unter dem Namen
  _Ichtyocolle franaise_ ein Surrogat fr Hausenblase in den Handel,
  welches Blutfibrin und Tannin erhalten wird.

[Sidenote: Leimsurrogate und neue Fabrikate aus Leim.]

  In der jngsten Zeit sind drei neue Leimsurrogate aufgetaucht, nmlich
  1) der =Kleberleim= (_colle gluten_), 2) der =Eiweissleim= (_colle
  vegtale ou albuminode_), 3) der =Casenleim= (_colle casine_).
  Ersterer ist ein Gemisch von Kleber und gegohrenem Mehl und zeichnet
  sich durch eine sehr saure Beschaffenheit, jedoch durch geringes
  Klebevermgen aus. Der Eiweissleim ist ein durch angehende Fulniss
  vernderter Kleber. Zu seiner Darstellung wscht man den auf
  gewhnliche Weise erhaltenen Kleber mehrere Male mit Wasser, und setzt
  ihn einer constanten Temperatur von 15-25 C. aus. Unter diesen
  Umstnden gerth der Kleber in Ghrung, welche sich dadurch zu erkennen
  giebt, dass er bis zu einem gewissen Grade flssig wird. Wenn dies
  soweit eingetreten ist, dass man leicht den Finger hindurch fhren und
  ihn damit zertheilen kann, ist die Umwandlung beendet. Man giesst den
  flssig gewordenen Kleber dann in Formen, welche den Leimformen hnlich
  sind, und bringt diese Formen in einen auf 25-30 erwrmten Raum; nach
  24-48 Stunden sind die oberen Schichten hart geworden; man nimmt dann
  die Tfelchen heraus, breitet sie, die hart gewordene Seite nach unten,
  auf Leinwand oder Drahtgewebe aus; bringt sie mit demselben wieder in
  den Trockenraum und lsst sie vollstndig austrocknen, was in 4-5 Tagen
  stattfindet. Der so dargestellte Eiweissleim kann nun beliebig
  aufbewahrt oder versendet werden. Die Auflsung in dem doppelten
  Gewicht Wasser ist die normale Flssigkeit; man verdnnt sie mehr oder
  weniger, je nach der Anwendung, welche man davon machen will. Man kann
  den Eiweissleim zu folgenden Zwecken benutzen: 1) zum Leimen des Holzes
  statt des gewhnlichen Leims. 2) Zum Kitten von Steingut, Porcellan,
  Glas, Perlmutter etc. 3) Zum Zusammenkleben von Leder, Papier, Pappe
  etc. 4) Als Schlichte in der Weberei. 5) Zum Klren von Flssigkeiten.
  6) Zur Appretur und zum Waschen von Faserstoffen, wie Seide etc. 7) Zum
  Fixiren der Farben oder als Mordant in der Frberei und Druckerei statt
  des Eiweisses.

  Der =Casenleim= wird durch Auflsen von Casen in gesttigter
  Boraxlsung dargestellt. Man erhlt so eine dickliche Flssigkeit, die
  sich durch grosses Klebvermgen auszeichnet, und in vielen Fllen,
  namentlich in der Kunstschreinerei und bei Portefeuillearbeiten die
  Stelle des Leimes vertreten kann. Unter dem Namen =elastischer= Leim
  ist eine eigenthmliche Leimsorte eingefhrt worden. Durch Glycerin
  kann der Leim bleibend weich, elastisch und haltbar gemacht werden. Die
  Mischung wird folgendermaassen dargestellt: man lsst Leim im Wasser
  zergehen, welches in einem Wasserbade erhitzt wird, und zwar erwrmt
  man so lange, bis er ganz dick wird, worauf man das Glycerin zusetzt,
  beilufig das gleiche Gewicht von dem angewandten Leim; man rhrt das
  Gemisch gut um und fhrt fort zu erhitzen, um das brig gebliebene
  Wasser zu verdampfen, dann giesst man diese Masse in Formen oder auf
  eine Marmortafel und lsst sie vollkommen erkalten. Diese Substanz
  lsst sich zur Anfertigung von Schwrzwalzen fr Buchdrucker, von
  Stempeln, elastischen Figuren zum Abformen von Gegenstnden fr die
  Galvanoplastik u. s. w. verwenden.


                        Die Phosphorfabrikation.

[Sidenote: Allgemeines.]

Der =Phosphor= wurde 1669 von =Brand= in Hamburg aus dem Harne und 1769
von dem schwedischen Chemiker =Gahn= aus den Knochen isolirt, jedoch erst
1771 von =Scheele= aus den Knochen in vortheilhaftester Weise
dargestellt, und ist seit der Einfhrung der phosphorhaltigen
Zndrequisiten ein technisch hchst bedeutsamer Krper, kommt in
verschiedenen Mineralien, doch nur in dem Apatit, Phosphorit und
Staffelit (z. B. in dem von Amberg und Redwitz in Bayern und dem von Diez
in Nassau[144]), so wie ferner in den Knochen in solcher Menge vor, dass
die Darstellung des Phosphors daraus mglich erscheint.

  [144] Nach einer Untersuchung von =Th. Petersen= (1866) enthlt der
        Staffelit von Diez 36,78 Proc. Phosphorsure, entsprechend 16,06
        Proc. Phosphor. Die Verfuhr desselben von Lahnstein und
        Pfaffendorf betrug im Jahre 1868 600,000 Ctr. ( 15-20 Sgr.).

[Sidenote: Die Darstellung des Phosphors.]

Wenn man indessen von den bis jetzt fruchtlos gebliebenen Versuchen
absieht, den Apatit, gewisse Varietten des Phosphorits, die in ihrer
reinsten Form bis zu 18,6 Proc. Phosphor enthalten, den Sombrerit[145]
und das phosphorsaure Eisenoxyd (letzteres nach den Vorschlgen von
=Minary= und =Soudry= durch Destillation mit ausgeglhtem Kokspulver) zur
Phosphorfabrikation zu verwenden, so bilden die =Knochen= gegenwrtig das
alleinige Material, aus denen der Fabrikant mit Vortheil den Phosphor
gewinnt.

  [145] Der =Sombrerit=, ein Mineral, das sich in Menge auf den Antillen,
        namentlich auf der Insel Sombrero findet, besteht wesentlich aus
        Calciumphosphat und Calciumcarbonat. Es wird gegenwrtig behufs
        der Fabrikation von knstlichem Dnger und von Phosphor nach
        Europa gebracht. Nach =F. Sandberger= ist der Sombrerit
        (Sombrero-Phosphat) Korallenkalk, welcher durch die
        durchsickernden lslichen Salze des ihm aufgelagerten Guano's
        vollstndig und mit Erhaltung der Petrefacten in Phosphorit
        umgesetzt worden. Dem Sombrerit hnlich ist der seit kurzem aus
        Nordamerika nach Europa kommende =Navassaguano= oder =Navassit=,
        welcher nach den Untersuchungen von =Ulex= 1/3 seines Gewichts an
        Phosphorsure enthlt.

  Die Knochen enthalten in dem Zustande, wie sie der Fabrikant verwendet

     im trocknen, aber ungebrannten Zustande  11-12   Proc. Phosphor
     als Knochenkohle                         16-18    "      "
     als weissgebrannte Knochen               20-25,5  "      "

  Die Zusammensetzung der Knochenasche ist nach zwei Analysen:

                                          1.       2.
                  Calciumcarbonat       10,07     9,42
                  Magnesiumphosphat      2,98     2,15
                  Calciumtriphosphat    83,07    84,39
                  Fluorcalcium           3,88     4,05

  Nach dem gegenwrtig blichen von =Nicolas= und =Pelletier=
  herrhrenden Verfahren werden die Knochen in weissgebranntem Zustande
  mit Schwefelsure zersetzt:

  a) Knochenasche Ca_{3}(PO_{4})_{2} }       { Saures Calciumphosphat
                                     } geben {   CaH_{4}(PO_{4})_{2}
     Schwefelsure  2H_{2}SO_{4}[146]}       { Calciumsulfat 2CaSO_{4}

  und das saure Calciumphosphat mit Kohle gemengt in geeigneten Gefssen
  erwrmt, wobei zunchst das saure Calciumphosphat unter Abgabe von
  Wasser in Calciummetaphosphat bergeht:

         b) Ca    } (PO_{4})_{2} - 2H_{2}O = Ca(PO_{3})_{2}
            H_{4} }
           Saures Calciumphosphat          Calciummetaphosphat;

  hierauf wird bei weiterem Erhitzen bis zur Weissglut das
  Calciummetaphosphat in der Weise reducirt, dass 2/3 des Phosphors des
  Calciumphosphates erhalten werden, 1/3 aber im Rckstande verbleibt:

  c) Calciummetaphosphat  3Ca(PO_{3})_{2} }
     und Kohle 10C                        } geben
                                          }
                                  { Calciumtriphosphat Ca_{3}(PO_{4})_{2}
                                  { Kohlenoxyd 10CO
                                  { Phosphor 4P.

  [146] Das technische Molekulargewicht der englischen Schwefelsure =
        106.

  Dort, wo die Phosphorfabrikation als selbstndiger Industriezweig
  auftritt, giebt man fast berall die leimgebende Substanz der Knochen
  (fast 1/3 des Knochengewichts betragend) verloren; wird dagegen die
  Gewinnung des Phosphors neben der Fabrikation von Knochenleim, Salmiak
  und Blutlaugensalz betrieben, so werden die (nicht gebrannten) Knochen
  nach ihrer Entfettung mittels Salzsure ausgezogen, die zurckbleibende
  organische Knochensubstanz wird zur Fabrikation von Knochenleim (vergl.
  Seite 618) verwendet, dagegen der in der Salzsure gelste
  phosphorsaure Kalk mit kohlensaurem Ammoniak gefllt und zur
  Phosphordarstellung verwendet. Die ber dem Niederschlage stehende
  Flssigkeit wird auf Salmiak verarbeitet.

  Das gewhnliche Verfahren der Phosphorfabrikation zerfllt in folgende
  vier Operationen:

  1) in das Brennen der Knochen und Zerkleinern der Knochenerde,

  2) in das Zersetzen der Knochenerde durch Schwefelsure und Eindampfen
     des sauren phosphorsauren Kalkes mit Kohle,

  3) in das Destilliren des Phosphors,

  4) in die Raffination und Aufbewahrung des Phosphors.

[Sidenote: Weissbrennen der Knochen.]

1) Die auf Phosphor zu verarbeitenden Knochen werden zum grossen Theile
von den in der Nhe der Fabrik liegenden Wasenmeistereien geliefert.
Zuweilen verwendet man auch erschpfte Knochenkohle der
Zuckerraffinerien. Der Zweck des Brennens der Knochen ist, =alle=
organischen Bestandtheile vollstndig zu zerstren. Die hierzu
angewendeten Oefen haben gewhnlich die Beschaffenheit der Kalkfen und
zwar der mit ununterbrochenem Gange. Auf die Sohle des Ofens kommt eine
Lage Holz, darauf die Knochen, man entzndet das Holz und unterhlt durch
Aufschtten von frischen Kohlen das Feuer. Die weissgebrannten Knochen
werden durch eine von der Ofensohle ausgehende Oeffnung gezogen, whrend
mit dem Auffllen frischer Knochen fortgefahren wird. Ueber der Gicht des
Ofens ist ein kegelfrmiger Aufsatz von starkem Eisenblech angebracht,
welcher die whrend des Brennens sich entwickelnden, hchst bel
riechenden Gase in einen gut ziehenden Schornstein leitet. Noch besser
ist es, die Gase mglichst vollstndig zu verbrennen, wodurch zugleich an
Brennmaterial gespart wird.

  100 Kilogr. frische Knochen liefern 50-55 Kilogr. weissgebrannte
  Knochen, die durch Walz- oder Pochwerke zertheilt und am
  vortheilhaftesten in ein grobes Pulver, dessen Korn Linsengrsse
  besitzt, verwandelt werden.

[Sidenote: Zersetzen der Knochenerde durch Schwefelsure.]

2) Die zerkleinerten weissgebrannten Knochen werden durch Behandeln mit
concentrirter Schwefelsure zersetzt. 100 Kilogr. Knochenerde (mit
ungefhr 80 Kilogr. Calciumtriphosphat) brauchen zu ihrer Zersetzung

          106,73 Kilogr. Schwefelsure von 1,52 spec. Gewichte,
           85,68   "           "        "  1,70   "      "
           73,63   "           "        "  1,80   "      "

Nach der Angabe von =Payen= nimmt man auf 100 Kilogr. Knochenerde 100 Th.
Schwefelsure von 50 Proc. oder 1,52 spec. Gewichte. Die Zersetzung des
Knochenmehles durch Schwefelsure geschieht in mit Blei ausgeftterten
Bottichen oder in ausgepichten (oder mit Theerasphalt inwendig
berzogenen) Stndern aus Tannenholz. Die von dem Niederschlage
abgezogene Lauge hat ein spec. Gewicht von 1,05-1,07, entsprechend 8-10
B. Der Rckstand wird mit Wasser ausgelaugt und die hierbei erhaltene
schwchere Lauge (= 5-6 B.) mit der ersten in die zum Abdampfen
bestimmten Bleipfannen gebracht. Die durch nochmaliges Auswaschen des
Rckstandes in den Bottichen erhaltene Flssigkeit wird statt des Wassers
mit Schwefelsure gemischt und zum Aufschliessen von frischer Knochenerde
verwendet. Das Abdampfen der sauren Flssigkeit bis auf 45 B. = 1,45
spec. Gew. geschieht in kleinen Pfannen, deren Boden auf eisernen Platten
ruht; sie werden von dem abziehenden Feuer der Destillirfen oder auch
von dem Knochenbrennofen geheizt. Die zur erforderlichen Consistenz
gebrachte Lauge wird mit Holzkohlenpulver von Linsengrsse gemischt (auf
100 Th. Lauge 20-25 Th. Kohle) und in gusseisernen Kesseln ber Feuer
getrocknet.

  Die zur Trockne gebrachte Masse besteht aus saurem Calciumphosphat,
  Kohle und Wasser (von letzterem 5-6 Proc.). Bei Beginn der Einfhrung
  der Phosphorfabrikation war man der Meinung, die Phosphorsure befnde
  sich darin in reinem Zustande und habe all' ihren Kalk an die
  Schwefelsure abgegeben. Spter fanden =Fourcroy= und =Vauquelin=, dass
  aus dem Calciumtriphosphat (Ca_{3}(PO_{4})_{2}), wie es in der
  Knochenasche sich findet, nur saures Calciumphosphat
  (CaH_{4}(PO_{4})_{2}) geworden sei; sie wurden deshalb zu dem
  Vorschlage veranlasst, eine grssere Menge Schwefelsure anzuwenden,
  um, wie sie meinten, dem Calciumphosphat eine grssere Menge Calcium zu
  entziehen. Diese Ansicht wurde von =Javal= widerlegt, welcher nachwies,
  dass die reine Phosphorsure mit Kohle gemengt wenig oder keinen
  Phosphor gebe, da sie sich schon bei einer Temperatur verflchtigt, die
  niedriger ist als die zu ihrer Zersetzung erforderliche, und somit der
  reducirenden Einwirkung der Kohle sich entzieht. Die Gegenwart des
  Wassers in dem Gemenge ist die Ursache, dass whrend der Destillation
  ausser Kohlenoxyd auch Kohlenwasserstoffe und Phosphorwasserstoff
  auftreten.

[Sidenote: Destillation des Phosphors.]

3) Das Erhitzen des Gemenges des sauren Calciumphosphates mit Kohle
behufs der Destillation des Phosphors geschieht in Retorten aus
feuerfestem Thone, die grosse Aehnlichkeit mit den zum Brennen der
Nordhuser Schwefelsure dienenden haben. Die zum Erhitzen dieser
Retorten dienenden Oefen sind Galeerenfen, hnlich den in den
Vitriolbrennereien und Salpeterfabriken. Ein solcher Ofen enthlt 24
Retorten, nmlich 12 auf jeder Seite. Der untere hintere Theil der
Retorten liegt auf der einen Seite des Feuerraumes auf; der vordere Theil
oder ihr Hals geht an der entgegengesetzten Seite durch eine Oeffnung
heraus, welche nur lose vermauert wird. Durch diese Oeffnung bringt man
berhaupt die Retorte in gehriger Lage in den Ofen und auch aus ihnen
heraus. Zwischen je zwei Retorten bleibt ein freier Raum von 12-15
Centim., damit die Flamme zwischen denselben hindurch gehen kann. Wie
oben bereits angefhrt, ist das Ergebniss der Einwirkung der Wrme
zunchst die Ueberfhrung des sauren Calciumphosphates
(CaH_{4}(PO_{4})_{2}) in Calciummetaphosphat (Ca(PO_{3})_{2}), welches
dann bei gesteigerter Hitze 2/3 seines Phosphors abgiebt, whrend 1/3 als
Calciumtriphosphat (Ca_{3}(PO_{4})_{2}) zurckbleibt.

  Die Vorlagen, deren man sich in Deutschland bedient, bestehen aus zwei
  Theilen, sie sind von Tpferthon angefertigt und mit Bleiglasur
  versehen; der eine Theil derselben ist ein oben offenes cylindrisches
  Gefss, der andere Theil ragt in den ersteren einige Zoll hinab und
  liegt durch einen deckelartigen Vorsprung auf ihm auf; oben endigt er
  sich in eine Oeffnung, welche einen kurzen Hals bildet. Zwischen diesem
  Halse und dem Rande, welcher in das untere Gefss taucht, ist eine
  Rhre eingesetzt, die mit diesem Theil ein Stck ausmacht; sie hat am
  hervorragenden Ende einen so grossen Durchmesser, dass sie den
  Retortenhals bequem aufnehmen kann; innerhalb des Gefsses springt
  diese Rhre etwa 10 Centimeter vor, so dass sie durch Wasser gesperrt
  werden kann, und in demselben eintaucht, wenn der andere Theil der
  Vorlage damit gefllt ist. Die Retorten werden mit 6 bis 9 Kilogr. der
  zu destillirenden Masse angefllt, die Nischen werden mit Ziegeln
  zugesetzt, mit Lehm bestrichen und whrend der Ofen langsam durch ein
  schwaches Feuer angewrmt wird, legt man die Vorlagen mit Wasser
  angefllt an. In jede Vorlage wird ein kleiner Blechlffel eingesetzt,
  an einem Draht befestigt, welcher dem Lffel als Stiel dient. Nach 6-8
  Stunden allmhlich verstrkter Feuerung hat sich das in der Masse noch
  befindliche Wasser zum Theil verflchtigt, zum Theil mit der Kohle zu
  Kohlenwasserstoffgas und Kohlenoxydgas umgesetzt, ausserdem entweicht
  schweflige Sure; nach dieser Zeit wechselt die Natur der Gase und es
  erscheinen brennbare Gase, die sich von selbst entznden; diese Gase
  bestehen aus Kohlenoxyd und Phosphorwasserstoffgas, vielleicht auch zum
  Theil aus mit Phosphordampf gesttigtem Kohlenoxydgas. Anfnglich
  brennen sie mit hellleuchtender weisser Flamme, spter mit
  blulichgrnem Schein. In diesem Stadium verkittet man die Fugen
  zwischen Vorlagen und Retorten mit Lehm, so dass nur eine kleine
  Oeffnung bleibt, welche zum Entweichen von Gasen dient und die man
  mittels eines Drahtes offen zu erhalten sucht. Damit die sich
  entwickelnden Gase, welche die Gesundheit der Arbeiter beeintrchtigen,
  mglichst schnell entfernt werden, sind die Vorlagen der ganzen
  Ofenlnge nach mit nach oben aufzuschlagenden dachartigen
  Bretterverschlgen versehen, aus deren Mitte ein Rauchfang aus Holz die
  Gase durch das Dach nach aussen fhrt. Die Destillation des Phosphors
  beginnt, sobald an der offen gehaltenen Fuge am Retortenhalse etwas
  rothe Masse (amorpher Phosphor) sich ansetzt, wodurch die Fuge verengt
  oder verstopft wird, in deren Folge in der Vorlage Blasen wahrzunehmen
  sind, die sich von selbst entznden. Sobald aus der Fuge die
  entzndlichen Gase austreten, setzt man in die Vorlage die oben
  erwhnten Blechlffel so ein, dass der in der Rhre der Vorlage sich
  verdichtende Phosphor in die Lffel tropft. Den Gang der Destillation
  beurtheilt man am besten an der Quantitt von Phosphor, die in einem
  gewissen Zeitraume in die Lffel tropft; man hebt letztere von Zeit zu
  Zeit so weit empor, dass man ihren Inhalt sieht und leert denselben
  unter dem Wasserspiegel aus, so dass man den noch ferner bergehenden
  Phosphor immer wieder besonders erhlt und folglich im Stande ist, die
  bergegangene Menge zu beurtheilen. Die Entwickelung brennbarer Gase
  hrt, nachdem sie einmal begonnen hat, whrend der Dauer der
  Operationen keinen Augenblick mehr auf; wenn man die besprochene Fuge
  offen erhlt, oder wenn man anstatt der Vorlagen Tpfe anwendet, die
  mit einem durchbohrten Knopfe zum Ausstrmenlassen der Gase versehen
  sind, so ist ununterbrochen ein blaues Flmmchen wahrzunehmen. Whrend
  der Dauer der Destillation erhlt man das Wasser in den Vorlagen
  einigermaassen kalt. Nachdem etwa 46 Stunden fortgeheizt und endlich
  fast die Weissglhhitze erreicht worden ist, nimmt die Menge des
  bergehenden Phosphors so ab, dass das weitere Feuern sich nicht mehr
  lohnt. Die Vorlagen werden nun abgenommen und der darin befindliche
  Phosphor, welcher in Folge von Beimengung von Siliciumphosphor,
  Phosphorcarburet, amorphem Phosphor und andern allotropischen
  Modificationen braun, roth, schwarz und weiss ist, in einen Bottich
  unter Wasser ausgeleert. Der Ofen wird nach dem vollstndigen Erkalten
  aufgebrochen, die Retorten werden ausgenommen und mit Hlfe eines
  eisernen Spatels gereinigt, worauf man dieselben und den Ofen von Neuem
  beschickt. 100 Kilogr. der in die Retorten gebrachten Mischung liefern
  etwa 14,5 Kilogr. feuchten, rohen Phosphor, welcher nach dem
  Umschmelzen und Abtrocknen ungefhr 12,6 Kilogr. wiegt. Die von
  =Whler= empfohlene Methode der Phosphordarstellung aus einem Gemenge
  von Knochenmehl, Kohle und Sand, kann, selbst gengend feuerfeste
  Retorten und eine vollstndige Zersetzung des Calciumphosphates durch
  die Kieselerde angenommen, kaum zur vortheilhaften Phosphordarstellung
  im Grossen Anwendung finden, denn wie viel Phosphor wird man wol mit
  demselben Brennstoffquantum erhalten, wenn man in die Retorte eine
  Masse bringt, welche nur ein Dritttheil der Phosphorsure enthlt, die
  in der bisher angewendeten Masse enthalten ist, und ausserdem einen
  weiteren Zusatz, die Kieselerde, welche in der gewhnlichen Mischung
  fehlt, whrend die neue Masse berdies zur Zersetzung eine weit hhere
  Temperatur, d. h. weit mehr Brennmaterial erfordert.

[Illustration: Fig. 257.]

[Illustration: Fig. 258.]

[Illustration: Fig. 259.]

[Sidenote: Raffination und Aufbewahrung.]

4) Der durch Destillation gewonnene rohe Phosphor ist ein Gemenge von
reinem Phosphor mit Verbindungen desselben mit Kohle und Silicium, rothem
und schwarzem Phosphor und verschiedenen anderen Unreinigkeiten. Um ihn
zu reinigen, bediente man sich ehedem des Durchpressens des geschmolzenen
Phosphors durch smischgares Leder. Man verfuhr dabei auf folgende Weise:
Man schlug den rohen Phosphor in ein Stck mit Wasser durchnetztes
lgares Leder ein, band dieses zu und legte den so erhaltenen Beutel _C_
(Fig. 257) auf einen kupfernen Durchschlag, der in einem Gefss sich
befand, welches bis 50 bis 60 erwrmtes Wasser enthielt. Sobald aller
Phosphor geschmolzen war, brachte man eine Holzplatte _DD_ auf den Beutel
und presste nun mittels der Pressstange _E_ und des Hebels _GG_ den
Phosphor durch das Leder hindurch. In neuerer Zeit reinigt man in den
franzsischen Fabriken auf andere Weise, nmlich a) durch Filtration ber
grob gepulverte Knochenkohle. Zu dem Ende breitet man die Kohle in dem
Gefsse _A_ auf dem durchlcherten Boden 6-10 Centimeter hoch aus und
fllt das Gefss zu 2/3 mit Wasser, dessen Temperatur durch das Wasserbad
_B_ (Fig. 258 und 259) auf 60 erhalten wird. Der in das Gefss _A_
gebrachte rohe Phosphor schmilzt, filtrirt durch die Knochenkohle und
fliesst durch den Hahn _C_ und das Rohr _E_ in das Gefss _F_, welches
mit Wasser gefllt und durch das Wasserbad _G_ erwrmt wird; bei _H_
befindet sich ein mit smischgarem Leder bedeckter durchlcherter Boden,
durch welchen der geschmolzene Phosphor mittels Wasserdruck gepresst
wird. Der gereinigte Phosphor fliesst durch den Hahn _J_ ab.

  Nach einem zweiten Reinigungsverfahren b) bedient man sich porser
  Platten aus Charmottemasse, welche in eiserne Cylinder gesenkt und mit
  einer Dampfmaschine in Verbindung gesetzt sind; in den Cylindern
  enthaltene gespannte Wasserdmpfe pressen den geschmolzenen Phosphor
  durch die porsen Platten. Um das Verstopfen der Poren der Platten zu
  verhten, mengt man den rohen Phosphor vorher mit Kohlenpulver. Der
  (noch phosphorhaltige) Kohlenrckstand wird entweder in besonderen
  Retorten destillirt oder dem Retorteninhalte vor der Phosphorgewinnung
  beigemischt. Man soll nach dieser Methode von 100 Kilogr. Phosphor 96
  Kilogr. gereinigten erhalten.

  In Deutschland fhrt man allgemein das Reinigen des Phosphors durch
  Destillation desselben aus gusseisernen Retorten aus. Von diesen
  Retorten ist jede fr sich in einem Ofen eingemauert und steht darin
  auf einem Dreifusse aus Schmiedeeisen. Am Halse der Retorte wird der
  Ofen mit losen Steinen vermauert. An derselben Stelle geschieht das
  Einsetzen der Retorte in den Ofen. Der Retortenhals taucht 15-20
  Millimeter tief in das Wasser ein, welches in einem Kbel vorgestellt
  wird und berluft, sobald eine Portion Phosphor den Inhalt der Schale
  vermehrt. Der zu destillirende rohe Phosphor wird in einem kupfernen
  Kessel unter Wasser geschmolzen und mit 12-15 Proc. seines Gewichtes
  angefeuchteten Sandes gemengt und dann in die Retorten gefllt, in
  Quantitten von 5 bis 6 Kilogramm oder so viel, dass, wenn er schmilzt,
  die Retorte nicht berluft. Das Vermischen des Phosphors mit feuchtem
  Sande geschieht, damit er sich whrend des Einfllens und Einsetzens
  der Retorten nicht entzndet. Wasserfreier roher Phosphor giebt bei der
  Destillation 90 Proc. rectificirten Phosphor im gnstigsten Falle. In
  einer Phosphorfabrik zu Paris reinigt man den Phosphor ohne
  Destillation _auf chemischem Wege_, indem man in dem Kupferkessel,
  dessen man sich zum Schmelzen des rohen Phosphors bedient, auf 100
  Kilogramm Rohphosphor eine Mischung von 3,5 Kilogramm englischer
  Schwefelsure und 3,5 Kilogramm Kaliumbichromat setzt. Es findet ein
  schwaches Aufschumen statt und der unter der grnen Flssigkeit
  stehende Phosphor ist fast farblos und durchscheinend geworden, so dass
  er nach dem Auswaschen mit Wasser sofort in Stangenform gebracht werden
  kann. 100 Kilogramm Rohphosphor geben nach diesem Verfahren 96
  Kilogramm gereinigten Phosphor.

[Sidenote: Formen des Phosphors.]

Es bleibt nun noch brig, dem Phosphor eine bequeme Form zu geben, welche
seit Alters her in langen, dnnen Stangen besteht. Man erreicht dies,
indem man ihn in Glasrhren formt. Man taucht das eine Ende der Rhre in
den unter Wasser geschmolzenen Phosphor und saugt mit dem Munde langsam
am andern Ende, bis die Rhre fast ganz mit Phosphor angefllt ist.
Hierauf schliesst man die untere Oeffnung der Rhre mit dem Finger, nimmt
sie heraus und taucht sie rasch in kaltes Wasser; der Phosphor erstarrt
schnell und wird aus der Glasrhre mit Hlfe eines Holz- oder Glasstabes
entfernt. Anstatt des Aufsaugens mit dem Munde lsst sich vortheilhaft
eine Kautschukblase anwenden, wie dieselbe in der Titriranalyse zum
Ansaugen der Pipetten hufige Anwendung findet. In den franzsischen
Phosphorfabriken findet dieses Verfahren heutzutage noch allgemeine
Anwendung mit der Modifikation, dass jede Glasrhre, von denen 1 oder 2
Dutzend zur Disposition des Formers stehen, oben mit einem eisernen
Saugrohre versehen ist, in dessen Mitte ein Hahn sich befindet; der
Arbeiter saugt durch das Saugrohr die Glasrhre voll, schliesst dann den
Hahn und senkt das Rohr in kaltes Wasser; nachdem alle Rhren gefllt
sind, werden sie durch Oeffnen des Hahnes und Einfhren eines
Eisendrahtes geleert und hierauf von Neuem durch Ansaugen gefllt. Ein
tchtiger Arbeiter kann tglich ber 2 Centner Phosphor in Stangenform
bringen.

[Illustration: Fig. 260.]

  Ein anderes Verfahren, den Phosphor zu formen, ist von =Seubert=
  angegeben worden. Der von ihm angewendete Apparat (Fig. 260) besteht
  aus einem eingemauerten kupfernen Kessel, aus dessen flachem Boden ein
  oben offener Kanal von Kupfer gelthet ist, der in den Wasserbehlter
  _C_ mndet. In dem Kessel befindet sich ein kupferner Trichter _A_ mit
  horizontaler Rhre _B_, welcher zur Aufnahme des Phosphors bestimmt ist
  und 8 bis 10 Kilogr. desselben fasst. Der horizontale Theil des
  Trichters endigt mit dem Hahn _B_ und neben diesem mit einer
  Erweiterung, an welche eine kupferne Platte, in der zwei Glasrhren _a
  a_ befestigt sind, angeschraubt wird. Der offene Kanal ist durch eine
  wasserdicht schliessende Scheidewand aus Holz _c c_ abgetheilt, die die
  Communication des Wassers in beiden Theilen des Kanals hindert und
  zugleich den Rhren _a b_ zur Sttze dient. Der Trichter _A_ wird nun
  mit Phosphor gefllt und dann der Kessel _D D_ so weit erwrmt, dass
  der Phosphor schmilzt. Da sich bis zur Scheidewand _c c_ erwrmtes
  Wasser befindet, so wird, wenn man den Hahn _B_ ffnet und wieder
  schliesst, anfangs etwas Phosphor durch die Rhren _a b_ ausfliessen,
  darin aber erstarren und somit die Rhre verschliessen. Oeffnet man nun
  den Hahn wieder, so kann man mit Hlfe des erstarrten Theils des
  Phosphors, welcher aus der Rhre hervorragt, die hinter demselben sich
  bildende Phosphorstange abwechselnd aus der einen und der anderen
  Rhre herausziehen, sie abschneiden und in _C_ vor der Einwirkung des
  Lichtes geschtzt, sammeln. Nach der Angabe von =Seubert= soll ein
  gebter Arbeiter in dem beschriebenen Apparate 30-40 Kilogr. Phosphor
  in einer Stunde in Stangenform bringen knnen, whrend =Fleck= gefunden
  hat, dass unter den vortheilhaftesten Bedingungen der Temperatur in
  sechs Stunden nicht mehr als 50 Kilogr. geformt werden konnten. Will
  man den Phosphor nicht in Form von Stangen, sondern in =Krnerform=
  bringen, so bringt man auf kaltes Wasser, das in einem Bottich sich
  befindet, eine 6-8 Centimeter hohe Schicht heisses Wasser, so dass
  beide Schichten sich nicht miteinander mengen und lsst mit zum Theil
  geffnetem Hahn _B_ des =Seubert='schen Apparates geschmolzenen
  Phosphor tropfenweise ausfliessen. Jeder Tropfen erstarrt, sowie er in
  das kalte Wasser kommt, zu einer harten Masse. Die weit bequemere
  Krnerform des Phosphors sollte der Stangenform vorgezogen werden.

  Die Aufbewahrung des geformten Phosphors geschieht in einer mit
  Eisenblech ausgeschlagenen Kiste, welche gegen 6 Centner Phosphor mit
  einer gegen 3 Centimeter hohen Schicht Wasser fasst. Das Verpacken
  geschieht, wenn es sich um grssere Quantitten handelt, in kleinen
  Weinfssern, welche man mit Phosphor und dann vollends mit Wasser
  fllt, dem etwas Alkohol zugesetzt worden ist, um das Gefrieren beim
  Transport im Winter zu verhindern. Die Fsser werden aussen mit
  heissgemachtem schwarzen Pech berzogen und in Hcksel oder Heu
  gewlzt; zuletzt emballirt man in grauer Packleinwand. Auf solche Weise
  werden 1-5 Centner Phosphor in einem Fasse verpackt. Gewissenhafte
  Fabrikanten werden es jedoch unter allen Umstnden vorziehen, das
  Einsetzen des Phosphors in Blechbchsen anzuwenden. Der Phosphor wird
  in Bchsen von Weissblech gefllt, mit Wasser bergossen und die
  Bchsen dann mit Sorgfalt verlthet, so dass ein Ausrinnen von Wasser
  durchaus nicht stattfinden kann, es mssen deshalb die verltheten
  Blechbchsen einer wiederholten Prfung auf ihre Dichtheit unterworfen
  werden, was am besten dadurch geschieht, dass man die verltheten
  Bchsen nach sorgfltigem Abtrocknen mit der geltheten Flche nach
  unten auf weisses Fliesspapier setzt, und beobachtet, ob nach einiger
  Zeit auf dem Papier ein feuchter Fleck wahrzunehmen ist, gleichzeitig
  lassen sich dadurch die noch offenen Stellen leicht auffinden. Die
  Blechbchsen werden sodann in feste mit Reifen beschlagene Kisten oder
  Fsser von Holz (Buchenholz) verpackt und so dem Transport bergeben.

[Sidenote: Andere Methoden der Phosphorfabrikation.]

  Von den neueren Methoden der Phosphorfabrikation ist zunchst die von
  =Donovan= anzufhren, welcher den Phosphor aus phosphorsaurem Blei
  darstellen will. Er empfiehlt folgende Vorschriften. Auf 10 Kilogr.
  verkleinerte Knochen nimmt man eine Mischung von 6 Kilogr.
  Salpetersure und 40 Liter Wasser, lsst einige Tage hindurch
  digeriren, fllt die von der Knochengallerte getrennte Flssigkeit mit
  einer Lsung von 8 Kilogr. Bleizucker, wscht und trocknet den
  Niederschlag, erhitzt ihn zum Rothglhen, mischt ihn dann in 1/6 seines
  Gewichtes an Kienruss oder Kohlenpulver und destillirt das Gemenge aus
  Thonretorten. Es ist nicht gesagt, ob =Donovan= seine Methode im
  Grossen versucht und ob sie ihm ein zufriedenstellendes Resultat
  gegeben hat. Ueber ein zweites, von =Cari-Montrand= herrhrendes
  Verfahren der Phosphorfabrikation, hat sich die Praxis noch nicht
  ausgesprochen. Es besteht darin, dass man ein Gemenge von
  weissgebrannten Knochen mit Kohle in der Rothglhhitze der Einwirkung
  von salzsaurem Gase aussetzt:

    Calciumtriphospat Ca_{3}(PO_{4})_{2} }       { Phosphor P_{2}
    Kohle 8C                             } geben { Chlorcalcium 3CaCl_{2}
    Salzsure 6ClH                       }       { Wasserstoffgas 3H_{2}
                                                 { Kohlenoxydgas 8CO

[Sidenote: Fleck's Verfahren.]

  Weit wichtiger als die vorstehenden Methoden sind die Vorschlge
  =Fleck='s zu einer verbesserten Methode der Phosphorgewinnung unter
  gleichzeitiger Gewinnung von Knochenleim. Das neue Verfahren beruht auf
  der Lslichkeit des phosphorsauren Kalkes in Salzsure und dessen
  Abscheidung als saurer phosphorsaurer Kalk durch Verdampfen der Lsung
  in geeigneten steinernen Gefssen. Der Theorie nach brauchen 156 Theile
  Calciumtriphosphat (Ca_{3}(PO_{4})_{2}) 73 Th. wasserfreie Salzsure,
  woraus 111 Th. Chlorcalcium, 100 Th. saures Calciumphosphat und 18 Th.
  Wasser sich bilden. Ferner entsteht durch Glhen von 100 Th. saurem
  Calciumphosphat und 20 Th. Kohle 21,3 Th. Phosphor, 52 Th.
  Calciumtriphosphat und 46,7 Th. Kohlenoxydgas. Wird nun das
  zurckbleibende Gemisch von Calciumtriphosphat und Kohle eingeschert
  und von Neuem mit Salzsure behandelt, so scheidet sich nach dem
  Eindampfen dieser Lsung von Neuem saures Calciumphosphat ab und so
  fort, dass, wollte man diesen Process mit der nmlichen Substanz
  fortsetzen, eine unendlich kleine Menge Calciumtriphosphat
  zurckbleiben wrde. Es geht aus den bis jetzt angestellten Versuchen
  hervor, dass es mglich sein wird, den Knochen allen Phosphor zu
  entziehen, sobald die Salzsure mglichst frei ist von Schwefelsure,
  die verdampfte Lsung mglichst concentrirt und die erhaltene aus
  saurem Calciumphosphat bestehende Krystallmasse mglichst rein ist. Es
  zerfllt die Gewinnung des Phosphors und des Leims in 1) die Reinigung,
  Zerkleinerung und Extraction der Knochen, 2) die Verdampfung und
  Krystallisation der Knochenlauge, das Auspressen des sauren
  Calciumphosphats und dessen Vermischen mit Kohle, 3) die Destillation
  und Reinigung des Phosphors und 4) die Leimerzeugung. Die gereinigten,
  zerkleinerten und vom Fett befreiten Knochen werden der Einwirkung
  einer mittelst Wasser auf 7 B. gebrachten Salzsure ausgesetzt. Darauf
  macerirt man die Knochen in Salzsure von 30 B., in welcher sie bis
  zur vlligen Erweichung verweilen; diese zweite Flssigkeit dient statt
  Wasser zum Vermischen der Salzsure zur Extraction frischer Knochen.
  Die erste Flssigkeit, eine Auflsung von saurem Calciumphosphat und
  Chlorcalcium, zeigt am Arometer 16 B.; sie wird in die Abdampfgefsse
  gebracht. In der Wahl dieser Gefsse liegt eine Schwierigkeit des
  =Fleck='schen Verfahrens, da die salzsauren Flssigkeiten nicht in
  Bleigefssen abgedampft werden knnen und die Benutzung von schwer zu
  beschaffenden Thongefssen erheischen. Die Lauge ist
  krystallisationsfhig, sobald sie 30 B. zeigt. Der beim Erkalten und
  Stehenlassen sich ausscheidende Krystallbrei wird ausgepresst und
  sodann mit 1/4 seines Gewichtes an Kohlenpulver unter Erwrmung bis auf
  100 in einer Thonpfanne gemischt und durch ein Kupfersieb gerieben,
  bis sich die Masse zwischen den Fingern zerreiben lsst. Sie wird nun
  in eigenthmlich geformten Retorten erhitzt. Das in den Retorten
  zurckbleibende mit Kohle gemengte Calciumphosphat wird eingeschert
  und der Einwirkung concentrirter Salzsure ausgesetzt, wodurch man
  sogleich sehr concentrirte Laugen erhlt, welche nur kurze Zeit auf den
  Pfannen zu stehen brauchen, um krystallisationsfhig zu sein. Der
  erhaltene rohe Phosphor wird wie gewhnlich gereinigt und geformt. Die
  durch die Salzsure von dem Calciumphosphat befreiten Knochen werden
  auf Leim verarbeitet.

[Sidenote: Verfahren von Gentele, Gerland, Minary und Soudry.]

  Nach einer von =Gentele= im Jahre 1857 verffentlichten Methode der
  Gewinnung von Phosphor unter gleichzeitiger Darstellung von Salmiak
  (und Knochenleim) sttigt man das in Salzsure aufgelste
  Calciumphosphat mit Ammoncarbonat, welches man als Nebenprodukt bei der
  Bereitung von Thierkohle erhalten hat, und verwendet es zur
  Phosphordarstellung. Die ber dem Niederschlage stehende Salmiaklsung
  wird auf Salmiak verarbeitet. =Gerland= schlgt (1864) vor, die
  Phosphate aus den Knochen mit einer wsserigen Lsung von schwefliger
  Sure zu extrahiren und diese Lsung zu erwrmen, wobei die schweflige
  Sure entweicht, die in einem Koksthurme aufgefangen und immer wieder
  von neuem verwendet wird; die Phosphate werden dabei unlslich
  niedergeschlagen. -- =Minary= und =Soudry= (1865) endlich wollen den
  Phosphor aus einer Mischung von Ferriphosphat und ausgeglhtem Koks
  destilliren.

[Sidenote: Eigenschaften des Phosphors.]

  Der gereinigte, unter Wasser aufbewahrte und vor der Einwirkung des
  Lichtes geschtzte Phosphor ist zuweilen vollkommen farblos und
  durchsichtig, gewhnlich aber etwas gelblich gefrbt und
  durchscheinend. Sein spec. Gew. = 1,83-1,84. Bei mittlerer Temperatur
  ist der Stangenphosphor weich wie Wachs. In der Klte ist er sprde. Er
  lsst sich nicht zu Pulver zerreiben, wol aber kann man ihn fein
  zertheilt erhalten, wenn man ihn unter Wasser schmilzt und dies dann
  bis zum Erstarren des Phosphors schttelt. Anstatt des Wassers wendet
  man zweckmssiger Alkohol oder Harn oder eine wsserige Lsung von
  Harnstoff an. Der Phosphor schmilzt bei 44-45 und bleibt zuweilen,
  nachdem er geschmolzen wurde, beim langsamen Erkalten, namentlich unter
  alkalischer Flssigkeit, lngere Zeit flssig, erstarrt aber dann beim
  Berhren mit festen Krpern pltzlich. Der Phosphor siedet bei 290 und
  verdampft schon merklich bei gewhnlicher Temperatur (das Rauchen des
  Phosphors an der Luft rhrt nicht, wie man frher glaubte, allein von
  der Bildung phosphoriger Sure, sondern auch und zwar hauptschlich von
  der Bildung von Antozonnebel und von salpetrigsaurem Ammoniak her). Der
  Phosphor lst sich in Form von Phosphordampf in sehr geringer Menge in
  Wasser, in Alkohol und Aether ist er sehr schwer lslich, leicht
  lslich in Schwefelkohlenstoff, Chlorschwefel und Phosphorchlorid; er
  lst sich auch, obwol in geringer Menge, in fetten und therischen
  Oelen. Bis auf 75 erhitzt, entzndet sich der Phosphor an der Luft,
  also auch bei der Reibung muss diese Temperatur erreicht werden, ehe
  eine Entzndung eintritt; der rothe oder amorphe Phosphor, der aus dem
  gewhnlichen Phosphor durch lngere Zeit fortgesetztes Erhitzen bis auf
  etwa 260 entsteht, entzndet sich durch Reibung nicht oder erst,
  nachdem er wieder in den gewhnlichen Phosphor bergefhrt worden ist,
  wozu eine Temperatur von ungefhr 300 gehrt. Der Phosphor des Handels
  ist nie ganz rein, sondern enthlt hufig kleine Mengen Schwefel,
  Arsen, von der zur Zersetzung der Knochenerde dienenden Schwefelsure
  herrhrend, und zuweilen auch etwas Calcium. Ausser zur Herstellung von
  Zndrequisiten findet der Phosphor in neuerer Zeit auch bei der
  Fabrikation von Brandgeschossen (_Fenian Fire_ oder _Liquid Fire_,
  wobei er in Schwefelkohlenstoff gelst zum Fllen der Bombe dient), so
  wie bei der Bereitung gewisser Theerfarben und endlich als Zusatz zu
  gewissen Kupferlegirungen (Kanonenmetall und Glockenmetall) Anwendung.

[Sidenote: Der amorphe oder rothe Phosphor.]

Im Jahre 1848 machte =v. Schrtter= in Wien die wichtige und interessante
Entdeckung, dass die schon von =E. Kopp= 1844 wahrgenommene Eigenschaft
des gewhnlichen Phosphors, unter der Einwirkung des Lichtes und unter
anderen Verhltnissen, eine rothe Farbe anzunehmen, auf der Umwandlung
des Phosphors in eine allotropische Modifikation beruhe, welche mit dem
Namen des =amorphen= oder =rothen Phosphors= bezeichnet wurde. Es hat
sich gezeigt, dass diese Umwandlung am leichtesten vor sich geht, wenn
man den gewhnlichen Phosphor bei Abschluss von Luft und Wasser lngere
Zeit auf etwa 250 erhitzt. Im Grossen stellt man ihn in dem von =A.
Albright= in Birmingham empfohlenen Apparate dar, welcher Fig. 261 im
Durchschnitt abgebildet ist.

[Illustration: Fig. 261.]

  _g_ ist ein Gefss von Glas oder Porcellan, welches ungefhr bis auf
  5/6 mit Phosphorstckchen angefllt und bis auf 230-250 erhitzt wird.
  Das Gefss _f_ steht in einem Sandbad _b_, welches durch ein Sandbad
  _b_ erwrmt wird. Das Gefss _g_ ist durch einen aufgeschraubten Deckel
  _m_ verschlossen. Von dem Deckel fhrt ein mit einem Hahn _k_
  versehenes gebogenes Rohr _i_ in ein Gefss _n_, welches Wasser oder
  Quecksilber (mit einer Schicht Wasser bedeckt) enthlt. Durch dieses
  Rohr entweicht im Anfang des Erhitzens die ber dem Phosphor in _g_
  befindliche Luft. Sobald dies geschehen, wird der Hahn _k_ geschlossen
  und das Erhitzen fortgesetzt, bis der Phosphor vollstndig in die
  amorphe Modifikation bergegangen ist. Die Zeit, welche zu dieser
  Umwandlung erforderlich ist, ist von den Umstnden abhngig und nur
  durch die Erfahrung festzustellen. Nach dem Erkalten des Apparats
  entfernt man den amorphen Phosphor aus dem Gefss _g_, reibt ihn unter
  Wasser zu einem feinen Brei und entfernt nun den gewhnlichen Phosphor,
  der stets in geringer Menge den amorphen verunreinigt, wie lange auch
  bei der Bereitung das Erhitzen fortgesetzt sein mochte. Man kann ihn
  zwar durch Behandeln mit Schwefelkohlenstoff davon befreien, allein
  dies Mittel ist wegen der Gefahr einer Entzndung nur schwierig
  anzuwenden. -- =Nickls= schlgt eine Trennungsmethode vor, die im
  Wesentlichen darin besteht, dass man das Gemenge von amorphem und
  gewhnlichem Phosphor mit einer Flssigkeit schttelt, deren spec.
  Gewicht geringer ist als das des amorphen Phosphors (2,1) und grsser
  als das des gewhnlichen Phosphors (1,84). Eine Chlorcalciumlsung von
  38-40 B. kann hierzu benutzt werden. Der gewhnliche Phosphor begiebt
  sich auf die Oberflche und kann leicht durch etwas Schwefelkohlenstoff
  aufgenommen werden, so dass die Operation in einem verschlossenen
  Gefsse ausgefhrt werden kann. Arbeitet man in grossem Maassstabe, so
  ist nach den von =Coignet= angestellten Versuchen folgendes Verfahren
  das sicherste, um amorphen Phosphor vom gewhnlichen Phosphor zu
  befreien. Man kocht den pulverisirten amorphen Phosphor mit
  Aetznatronlauge, welche den gewhnlichen Phosphor lst und ihn unter
  Entwickelung von Phosphorwasserstoffgas in lsliches
  unterphosphorigsaures Natron berfhrt. Das Sieden wird unter
  zeitweiliger Erneuerung der Natronlauge fortgesetzt, bis aller Geruch
  nach Phosphorwasserstoffgas aufgehrt hat. Das zurckbleibende Pulver
  wird durch Waschen gereinigt und getrocknet. =R. Bttger= schlgt eine
  Lsung von Kupfervitriol vor, welche nur mit dem gewhnlichen, nicht
  aber mit dem rothen Phosphor Phosphorkupfer bildet.

[Sidenote: Eigenschaften.]

Der rothe Phosphor bildet entweder ein glanzloses, scharlachrothes bis
dunkelcarmoisinrothes Pulver, oder er bildet eine rthlichbraune
cohrente Masse, welche sprde, oft metallisch glnzend ist, einen
muschligen Bruch besitzt und auf der Oberflche mitunter fast
eisenschwarz ist. Sein spec. Gew. = 2,1. Er lst sich nicht in
Schwefelkohlenstoff und andern Lsungsmitteln des gewhnlichen Phosphors,
bleibt an der Luft unverndert, und lsst sich bis zum Siedepunkte des
gewhnlichen Phosphors (290) erhitzt, wieder in letzteren berfhren.
Mit trockenem Kaliumchromat zusammengerieben, entzndet sich der rothe
Phosphor, ohne zu explodiren. Mit Salpeter verbrennt er nicht beim
blossen Zusammenreiben, sondern erst beim Erwrmen ohne Gerusch. Mit
Kaliumchlorat verpufft er leicht und heftig (vergl. Seite 168). Mit
Bleisuperoxyd verpufft er beim Zusammenreiben schwach, beim Erwrmen
unter heftiger Explosion.

  Das Verhalten des rothen Phosphors gegen verschiedene Oxyde liess mit
  Recht erwarten, dass er mit Vortheil statt des gewhnlichen Phosphors
  zur Zndmasse der Zndrequisiten werde angewendet werden knnen, wobei
  auch die Umstnde, dass er nicht giftig ist, dass er bei gewhnlicher
  Temperatur nicht verdampft und sich nicht oxydirt und dass er nicht so
  brennbar ist wie gewhnlicher Phosphor, daher weniger gefhrlich beim
  Transport ist, zu Gunsten des amorphen Phosphors sprachen. Die Praxis
  der Zndrequisitenfabrikation, obgleich sie sich lange gegen die
  Anwendung des amorphen Phosphors gestrubt, hat (siehe
  =Zndrequisiten=) seit einigen Jahren die rothe Modifikation in
  eigenthmlicher Form adoptirt, so dass, wenn nicht alle Anzeichen
  trgen, der amorphe Phosphor in dieser Beziehung noch eine bedeutsame
  Rolle spielen wird. Seit einem Jahrzehnd etwa findet der rothe Phosphor
  zur Erzeugung des Jodphosphors behufs der Darstellung von Jodamyl,
  Jodthyl und Jodmethyl Anwendung, mittelst deren Cyanin, Aethylviolett
  und hnliche Theerfarben dargestellt werden. Mit Kaliumchlorat gemischt
  bildet der amorphe Phosphor =Armstrong='s Mischung, die in England zum
  Fllen von Bombenraketen verwendet wird.

  Die gegenwrtige =Phosphorproduktion= ist approximativ folgende:

                England                      1500 Centner
                Frankreich und Italien       2000    "
                Zollverein und Oesterreich   2000    "
                                             -------------
                                  Im Ganzen  5500 Centner,

  zu deren Fabrikation 66,000 Centner Knochen gehren.


                           Die Zndrequisiten.

[Sidenote: Allgemeines und Geschichtliches.]

Zur Geschichte der Feuerzeuge folgende Notizen. Wie die Schriftsteller
der Alten erzhlen, hat schon Prometheus Feuer aus harten Steinen zu
gewinnen gewusst. Die Rmer haben Epheu- und Lorbeerholz an einander
gerieben und die glimmenden Holzspne zum Anznden drren Laubes benutzt.
Das schnelle Herumdrehen eines Holzstckes in einem zweiten
durchlcherten Holze, die Feuererzeugungsmethode der meisten nicht
civilisirten Stmme, die unter anderen von =Darwin= und dem Prinzen von
=Neuwied=[147] nher beschrieben worden ist, wird hufig gegenwrtig noch
von den Drechslern in Anwendung gebracht, um Holz oberflchlich zu
verkohlen und dadurch zu verzieren. Unter den Rmern zu Titus Zeiten war
es blich, die Spitze eines Schwefelstngelchens in vermodertes Holz zu
stecken und so durch Reibung an Steinplatten Feuer zu erzeugen. Das 14.
Jahrhundert kannte bereits den Gebrauch des Stahles, Feuersteins und
Zunders oder Schwammes. Bis zum Jahre 1820 kannte man wol kaum ein
anderes Feuerzeug als das genannte Trio, welchem das Schwefelholz als
unzertrennlicher Begleiter beigesellt war.

  [147] =Darwin='s Reisen (v. Dieffenbach) Bd. II p. 182; =v. Neuwied=,
        Reise nach Brasilien Bd. II p. 18.

  Im Jahre 1823 machte =Dbereiner= in Jena die Entdeckung, dass fein
  zertheiltes Platin (Platinschwamm) ein Gemisch von Wasserstoffgas und
  atmosphrischer Luft entznde, und grndete auf diese Erfahrung das
  elegante Feuerzeug, welches unter dem Namen der =Dbereiner='schen
  =Zndmaschine= oder =Wasserstofflampe= bald in beifllige Aufnahme kam
  und selbst heutzutage noch vielfach angewendet wird. Obschon ohne
  directen Einfluss auf die Entwickelung des Zndholzes selbst, lenkte
  =Dbereiner='s Entdeckung nichtsdestoweniger die Aufmerksamkeit auf die
  Vervollkommnung der Feuerzeuge im Allgemeinen und hat in dieser
  Hinsicht wenigstens mittelbar zur Verbesserung der Zndhlzer
  wesentlich beigetragen.

  Ein Feuerzeug, welches ebenfalls in derselben Zeit auftauchte und in
  der Geschichte der Industrie eine hohe Stelle zu beanspruchen hat,
  insofern es das erste war, welches auf die Entzndlichkeit des
  Phosphors sich grndete, obgleich es niemals in allgemeine Anwendung
  gekommen, ist folgendes: Man schmolz gleiche Gewichtstheile Schwefel
  und Phosphor in einer Glasrhre langsam und vorsichtig zusammen. Die
  Rhre wurde alsdann mit einem Korke verschlossen und in diesem Zustande
  aufbewahrt. Wollte man Feuer haben, so wurde der Kork entfernt und ein
  dnner Span in den Schwefelphosphor eingetaucht. Die kleine Menge,
  welche beim Herausziehen daran haftete, entzndete sich an der Luft und
  theilte die Flamme dem Holze mit. Diese Vorrichtung, die meines Wissens
  in Deutschland zuerst in Erfurt auftrat, ist jedoch fast ganz in
  Vergessenheit gerathen.

  Eine wichtige Epoche in der Geschichte der Zndrequisiten bildet das
  =chemische Feuerzeug= oder die Tauch- oder Tunkzndhlzchen, die
  bereits im Jahre 1812 in Wien fabricirt wurden (100 Stck Hlzchen
  kosteten damals 1 fl. W. W.); sie waren einfach Schwefelhlzchen,
  deren geschwefeltes Ende mit einer Mischung von Kaliumchlorat und
  Rohrzucker (und Zinnober als Farbe) berzogen war, die, beim Benetzen
  mit concentrirter Schwefelsure verpuffend, die Entzndung der
  darunterliegenden Schwefelschicht und diese wieder dem Holze
  mittheilte. Man bediente sich kleiner Glser, welche mit concentrirter
  Schwefelsure getrnkten Asbest enthielten. Der Erfinder dieser
  Feuerzeuge, welche bis zum Jahre 1844 in Europa die allein blichen
  waren, ist der Franzose =Chancel=, Assistent bei Professor =Thnard= in
  Paris (1805). Auf dem nmlichen Principe beruhten die um das Jahr 1830
  unter dem Namen _Prometheans_ in England verbreiteten Zndprparate.
  Ein Gemisch von Kaliumchlorat und Zucker war in ein dnnes Rllchen von
  Papier (hnlich einer Cigarette) gefllt, welches ausserdem ein kleines
  auf beiden Seiten zugeschmolzenes Glasrhrchen mit Schwefelsure
  enthielt. Indem man das Glasrhrchen zwischen zwei harten Krpern
  zerdrckte, kam die Schwefelsure mit der Zndmasse in Berhrung und
  bewirkte deren Entflammung. Das Zerdrcken geschah in der Regel in
  einer eigens zu diesem Zwecke mitverkauften Zange. Die Prometheans,
  welche wegen ihres hohen Preises niemals allgemeinen Eingang gefunden
  haben, bilden den Uebergang zu den Reibzndhlzchen, denn bei ihnen
  wird die Entzndung durch Friction wenigstens indirect vermittelt. Die
  ersten wirklichen Reibzndhlzchen kamen unter dem Namen
  =Congreve='sche Streichhlzer um's Jahr 1832 auf. Sie enthielten ber
  dem Schwefel einen Ueberzug von 1 Th. Kaliumchlorat und 2 Th. grauem
  Schwefelantimon mit einem geeigneten Bindemittel (Leim oder arabischem
  Gummi) aufgetragen. Sie entzndeten sich, indem man sie zwischen zwei
  Flchen von Sandpapier, welche mit den Fingern zusammengepresst wurden,
  hindurchzog. Die Entflammung erforderte einen ziemlich starken Druck
  und nicht selten rieb sich das Zndprparat von dem Hlzchen ab und
  detonirte zwischen den rauhen Flchen, ohne das Holz zu entznden. Es
  war also Raum genug fr weitere Verbesserungen.

  Es ist nicht mit Bestimmtheit zu ermitteln, wer zuerst die glckliche
  Idee hatte, fr das Schwefelantimon den Phosphor zu substituiren. Aus
  den Forschungen von =Nickls= folgt aber unzweifelhaft, dass in Paris
  schon 1805 der Phosphor zu Feuerzeugen Anwendung fand. 1809 suchte
  =Derepas= die grosse Entzndlichkeit des Phosphors durch Zertheilen
  desselben durch Magnesia zu verringern. =Derosne= dagegen soll (1816)
  der Erste gewesen sein, welcher Phosphorstreichhlzchen darstellte.
  Gegen das Jahr 1833 sind die Phosphorzndhlzchen in verschiedenen
  Lndern gleichzeitig aufgetaucht. =Preshel= in Wien fertigte im
  genannten Jahre Phosphorzndhlzer und andere mit derselben Zndmasse
  versehene Zndapparate, als Zndschwamm, Cigarrenznder und dergl.
  Ziemlich um dieselbe Zeit wurden auch in Darmstadt von =Fr.
  Moldenhauer= Phosphorzndholzer fabricirt[148]. In Sddeutschland ist
  man geneigt, den Schwaben =Kammerer= (gestorben in Ludwigsburg 1857)
  fr den Erfinder der phosphorhaltigen Zndrequisiten zu halten. In
  England schreibt man die Erfindung der _Lucifer matches_ dem Chemiker
  =John Walker= in Stockton zu, wenigstens ist =Faraday= dieser Ansicht.
  Besassen auch diese Zndmassen, die im Wesentlichen aus Kaliumchlorat
  und Phosphor bestanden, einen hohen Grad von Entzndlichkeit, so waren
  sie dagegen mit dem Uebelstand behaftet, bei der Entzndung hufig mit
  einer Art von Explosion zu verbrennen, wobei die brennende Masse
  herumgeschleudert wurde; auch war sowol ihre Darstellung, sowie ihr
  Transport keineswegs ohne Gefahr, weshalb in vielen deutschen Lndern
  ihre Fabrikation und ihr Gebrauch verboten wurde. Im Jahre 1835 wurde
  durch =Trevany= das Kaliumchlorat zum Theil durch eine Mischung von
  Mennige und Braunstein, im Jahre 1837 durch =Preshel= gnzlich durch
  das braune Bleisuperoxyd oder nach =Bttger='s Vorschrift durch ein
  Gemenge von Mennige und Salpeter (oder auch Bleisuperoxyd und
  Bleisalpeter) ersetzt. Von dieser Zeit an datirt der grosse Aufschwung
  der Zndwaarenindustrie, die besonders in Oesterreich und seit einigen
  Jahren auch in Schweden riesige Dimensionen angenommen hat[149].

  [148] Die Verdienste =Moldenhauer='s um die Entwickelung der deutschen
        Zndholzindustrie hat =C. Thiel= in Darmstadt (Jahresbericht der
        chem. Technologie 1866 p. 747) in einer eingehenden Abhandlung
        geschildert.

  [149] In Oesterreich werden (vergl. den sterreichischen Specialkatalog
        der internationalen Ausstellung des Jahres 1862 p. 18) jhrlich
        15,000 Klaftern Holz zu Holzdraht verarbeitet und daraus 150,000
        Centner Zndhlzer erzeugt. Im Jahre 1860 wurden fr 2,647,000
        fl. Zndhlzer ausgefhrt. Das Emporblhen der sterreichischen
        Zndholzindustrie verdankt man besonders drei Mnnern, nmlich
        =Stephan Romer=, =Johann Preshel= und A. M. Ritter =von Pollack=.
        Ersterer verbesserte die mechanische Herstellung der Holzdrhte,
        =Preshel= die Zndmasse, letzterer erffnete das Absatzgebiet fr
        sterreichische Zndwaaren.

  Im Laufe der Zeit erfuhren die Zndhlzchen noch weitere
  Verbesserungen, so umging man den Schwefel, indem man die Enden der
  Hlzer mit Wachs, mit Stearinsure oder Paraffin trnkte. Man berzog
  ferner die besseren (Salon-) Zndrequisiten mit einem Lack, um sie
  nicht nur vor Feuchtigkeit zu schtzen, sondern ihnen auch ein weit
  schneres Aussehen zu verleihen. So ist es denn dahin gekommen, dass
  die Zndholzfabrikation der Gegenwart ein Produkt liefert, das
  technisch das denkbar vollkommenste ist, das berhaupt erreicht werden
  kann.

  Bei aller Vorzglichkeit der Phosphorzndhlzer besitzen dieselben
  jedoch Uebelstnde, die aber, als in der giftigen Natur des Phosphors
  liegend, rein sanittspolizeilicher Art sind. Einmal wirkt der Phosphor
  giftig durch seine Flchtigkeit und hat in der ersten Zeit seiner
  Einfhrung in die Zndholzindustrie sichtbare Verheerungen unter den
  Arbeitern angerichtet, die aber in neuerer Zeit in Folge geeigneter
  Ventilation der Arbeitsrume nicht mehr wahrzunehmen sind. Trotz der
  bekannten Untersuchungen von =E. von Bibra= und =Geist= und der
  Beobachtungen =Sievekings= gebricht es zur Zeit noch an gengenden
  Erklrungen, denn die Krankheiten der Kinnlade, wie sie in den
  Zndholzfabriken vorkamen, fehlen vollstndig in den Fabriken, wo der
  Phosphor erzeugt wird und die Arbeiter zuweilen solche Massen von
  Phosphordampf einathmen, dass im Dunkeln ihr Athem leuchtend erscheint!

  In der zweiten Richtung ist der Phosphor giftig, indem er, schon in
  sehr kleiner Menge in den Organismus gebracht, tdtlich wirkt. Und in
  der That hat das letzte Jahrzehnd eine auffallende Zunahme der
  Phosphorvergiftungen mit sich gefhrt. In dieser Eigenschaft des
  Phosphors culminiren alle Grnde, die gegen die Anwendung des Phosphors
  zur Zndholzfabrikation vorgebracht werden knnen.

  Unter diesen Verhltnissen erschien die Entdeckung des rothen Phosphors
  als eine Form, in welcher mit Beibehaltung der Vorzge des gewhnlichen
  Phosphors etwa die Nachtheile, die mit seinem Gebrauche verbunden
  waren, ausgeschlossen sind, als eine Wohlthat fr die Menschheit,
  welcher sich die Regierungen und Industriellen mit Enthusiasmus
  zuwandten. Von den vielen Hoffnungen, die man auf die Anwendung des
  rothen Phosphors in der Zndholzfabrikation gesetzt hatte, sind
  allerdings bis jetzt nur wenige realisirt worden. Dennoch hat es nach
  den Ergebnissen der Pariser Industrieausstellung des Jahres 1867 den
  Anschein, als wenn dem rothen Phosphor eine grosse Mission in der
  Entwickelungsgeschichte der Zndrequisitenindustrie beschieden sei.

[Sidenote: Die Fabrikation der Reibzndhlzer.]

Die =Fabrikation der phosphorhaltigen Reibzndhlzchen= zerfllt in

    1) die Herstellung der Holzdrhte,
    2) die Bereitung der Zndmasse,
    3) das Betupfen, Trocknen und Verpacken derselben.

1) =Die Herstellung der Holzdrhte.= Als Holz dient Weisstannen-,
Fichten-, Aspen-, seltener Fhrenholz, zuweilen auch Buchen-, Linden-,
Birken-, Weiden-, Pappel- und Cedernholz. Die Zndhlzer sind entweder
vierkantig (mit mehr oder minder ausgebildeten Seitenflchen) oder rund,
im letzteren Falle sehr regelmssig und glatt. Die viereckigen stellt man
am einfachsten, aber auch am wenigsten schn durch =Zerspalten= von
wrfelfrmigen Holzkltzchen dar, welche die Lnge eines einzelnen
Hlzchens haben. Die Spaltmaschine wird entweder mittelst eines einzigen
Schneidemessers, welches sich an einem Hebel befindet und mit diesem auf-
und niederbewegt wird, wobei nach jedem Schnitte der Holzwrfel um die
Dicke eines Hlzchens fortgerckt, nach Vollendung einer Reihe paralleler
Spaltungen aber die ganze dadurch entstandene Masse von Blttern
zusammengefasst und durch eine neue Reihe von Schnitten rechtwinklig
gegen die ersten, in Stbchen zertheilt wird. Oder man bringt mehrere
Spaltmesser in fester Stellung an und bewegt das Holz gegen dieselben
heran.

  Das Spalten ist in Deutschland berall der von =Stephan Romer= in Wien
  gemachten Erfindung des =Hobelns= gewichen, wodurch mit Leichtigkeit
  zierlich geformte runde Stbchen entstehen. Das Instrument ist eine Art
  Hobel, dessen Eisen von dem gewhnlichen Hobel darin abweicht, dass es
  statt der Schrfe eine horizontale Umbiegung enthlt, welche horizontal
  mit drei, vier oder fnf neben einander befindlichen Lchern durchbohrt
  ist und zwar so, dass die vorderen Rnder der Lcher zugeschrft sind.
  Es hat sich in der Praxis gezeigt, dass die Hobel mit nur drei Lchern
  die geeignetsten sind. Wird der Hobel mit einer gewissen
  Kraftanstrengung auf dem der Breite des Hobeleisens entsprechenden
  schmalen Rande eines etwa 1 Meter langen Brettes von geradfaserigem
  astfreiem Tannenholz fortgeschoben, so dringt der Hobel in das Holz ein
  und es bilden sich so viele Stbchen, als der Hobel Lcher enthlt. Ist
  auf diese Weise eine Schicht Stbchen gewonnen, so wird die Oberflche
  des Brettes mit einem gewhnlichen Hobel glatt gehobelt, hierauf wendet
  man wieder den Zndholzhobel an u. s. f. Zum Zerschneiden der Hlzer
  nach der Lnge dient eine Maschine, aus einem schmalen, etwa 6 Centim.
  breiten Troge bestehend, der zum Hindurchlassen des Messers der Quere
  nach durchschnitten ist. In diesem Durchschnitt bewegt sich das an
  einem Hebel sitzende scharfe Messer auf und ab und wirkt nicht sowol
  schneidend als drckend. Ein gebter Arbeiter liefert in einem Tage
  400,000 bis 450,000 Hlzchen. Ein gleichzeitig mit =Romer='s
  Vorrichtung aufgetretener Hobel ist der von =Anthon= in Darmstadt, der
  in Sdwestdeutschland mit grosser Schnelligkeit Eingang fand. Das
  Aushobeln der Hlzchen ist hufig wieder ein abgesonderter
  Industriezweig geworden. Man fertigt in den Waldgegenden (so z. B. im
  bayerischen und bhmer Walde, im Odenwalde, im Thringer Walde, in
  Schweden und Norwegen) dieselben in grossen Quantitten und liefert sie
  an die Zndholzfabriken, welche sich nur auf ihre Vollendung,
  Ausrstung und Verpackung beschrnken.

  Anstatt mittelst Handarbeit hat man die Anfertigung runder Hlzer auch
  mittelst Maschinen ausgefhrt. So construirte =Pelletier= in Paris
  schon um das Jahr 1820 eine Hobelmaschine von folgender Einrichtung:
  Auf einem Tische wird ein 36 Centim. langer, 9 Centim. breiter Hobel
  mittelst Krummzapfen und Lenkstange vor- und rckwrts geschoben, wobei
  er ber das unter ihm befindliche, von selbst sich zur gehrigen Hhe
  hebende Holzstck hingeht. Der Hobel enthlt ein vertikal stehendes,
  unten mit 24 spitzigen, wie kleine Messer gespalteten Zhnen versehenes
  Eisen; hinter diesem aber ein breites gewhnliches Hobeleisen. Auf
  jeden Hobelstoss macht das erste Eisen 24 parallele Schnitte in die
  Holzflche und das nachkommende zweite stsst ein Blttchen von
  bestimmter Dicke ab, welches vermge jener Schnitte ohne Weiteres in
  schmale Streifen oder Blttchen zerfllt. Auf grssere quantitative
  Leistungen berechnet ist die Maschine von =Cochot= (1830). Hier werden
  auf der usseren Peripherie eines eisernen Rades von 1 Meter
  Durchmesser dreissig Holzkltze von der Lnge eines Zndhlzchens
  befestigt; bei der Umdrehung des Rades geht ein Klotz nach dem andern
  an einer mit Stahlklingen besetzten kleinen Walze vorber, welche --
  wie bei der vorhergehenden Maschine das gezahnte Hobeleisen -- die
  parallelen Schnitte macht; unmittelbar darauf schneidet eine
  unbewegliche gerade Messingklinge ein Blttchen von dem Holze ab,
  welches bereits in Stbchen zertheilt erscheint. Einige Aehnlichkeit
  damit, was die Wirkungsweise anlangt, hat die Maschine von =Jeunot=,
  die im Jahre 1840 in Frankreich patentirt wurde. Nach dem Principe des
  Handhobels construirte =Neukrantz= in Berlin im Jahre 1845 eine
  Maschine, bei welcher 16 bis 20 Hlzchen zugleich entstehen, indem
  mittelst eines Schlittens das Holz unter den festliegenden
  Rhrcheneisen durchgezogen wird. Eine interessante Anwendung dieses
  Mittels hat aber =Krutzsch= zu Wnschendorf im Knigreich Sachsen
  (1848) gemacht, indem er eine Stahlplatte benutzte, welche mit einer
  grossen Anzahl (gegen 400) mglichst dicht beisammenstehenden Lchern
  durchbohrt ist. Ein Holzstck wird durch eine starke Presse in der
  Richtung seiner Fasern gegen diese Platte gedrckt, deren Lcher an
  dieser Seite scharfrandig sind, dann schliesslich mittelst eines
  Zangenapparates hindurchgezogen und so in runde Stbchen zertheilt. Ein
  Holzstab von 3 Centim. Breite und Dicke giebt 400 Stbchen, welche aus
  1 Meter Lnge jeder 15 Zndhlzchen liefern. Die Erzeugung der 6000
  Stck dauert etwa zwei Minuten. -- Eine andere Maschine von =Andree u.
  Co.= in Magdeburg wirkt mehr hobelartig, in der Weise aber, dass drei
  hinter einander befestigte, also nach einander zur Wirkung kommende
  Eisen die runden Stbchen hervorbringen, indem das vordere nur
  vorarbeitet, das zweite die eine Hlfte, das dritte die andere Hlfte
  des Cylinders erzeugt. Eine Maschine vom Mechanikus =C. Leitherer= in
  Bamberg (1851), welche nach Art der Handarbeit mit rhrenfrmigem
  Hobeleisen wirkt und =Fallhobelmaschine= genannt worden ist, besteht
  aus einem horizontalen Kasten, in welchem die zugerichteten Blcke des
  Rohholzes stehend, d. h. mit vertikaler Richtung der Fasern, eingesetzt
  werden und worin sie nach jedem Hobelstoss um die Dicke eines
  Zndhlzchens durch einen Mechanismus vorgeschoben werden; vor diesem
  Kasten befindet sich ein vertikales Gestell, in welchem der Fallhobel
  sich auf und ab bewegt. Ein Schwungrad, welches mittelst Riemen an den
  Wellbaum eines Mhlrades angehngt wird, bewerkstelligt die
  gleichfrmige Wirkung der Maschine. Ein Fallhobel besteht aus vier
  Stosseisen, deren jedes 8 oder 10 Rhrchen enthlt. Jede Minute
  erfolgen bei mssigem Gange 45 Fallstsse und dadurch 810-830 Hlzchen
  mit 45 Fehlspnen (Zndspnen).

  Seit einigen Jahren macht die Hobelmaschine von =Wrana= viel von sich
  reden. Diese Maschine ahmt wie jene von =Neukrantz= das Hobeln mit der
  Hand nach, aber weit vollkommener, da der Hobel hier nicht fix, sondern
  durch die Hnde des Arbeiters gehalten, somit federnd angebracht ist.
  Seine Sttze findet er jedoch an einer Leiste, welche quer ber die
  Maschine luft und je nach der Hhe des Holzstckes, das unter
  derselben durchgeht, bald gehoben, bald gesenkt werden kann. Der
  Kunstgriff, eine Leiste als Sttzpunkt fr den mit der Hand gehaltenen
  Hobel anzubringen, macht es mglich, verzogenes, ungleiches Holz ebenso
  rein als mit der Hand zu hobeln. Der Stoss, welchen der Hobler sonst
  ausben muss, um Drhte von der Lnge des Holzes zu erzeugen, wird von
  der Maschine erzielt und der Arbeiter hat eben nur den Hobel krftig zu
  halten und ihm die gehrige Lage zu geben. Nach demselben Princip ist
  es auch mglich, Stbchen von sehr verschiedenem Querschnitt zu hobeln,
  z. B. Rahmenstbchen, Federhalter und dergl. Das Wesentliche der
  Erfindung =Wrana='s ist die Verwendung der Leiste als Sttzpunkt fr
  den Hobel, mag dieselbe wie immer geformt sein. Ohne dieses ist ein
  Hobeln des Holzes nach der Faser (ausser aus freier Hand) kaum mglich.
  Bei der in jngster Zeit von =Long= construirten
  Holzdrahtschneidemaschine wird das Schneiden in der Art bewirkt, dass
  man Holzblcke auf einen horizontal beweglichen Schlitten zwischen
  Walzenpaaren festhlt (wobei die Faserrichtung des Holzes mit der Axe
  der Walzen parallel luft) und den Schlitten zuerst an einer Anzahl
  kleiner Messer vorbeifhrt, welche in Abstnden gleich der Breite der
  zu erhaltenden Zndhlzchen angeordnet sind, also in den Block eine
  Anzahl entsprechender Schnitte vollfhren, worauf ein vertikal
  bewegliches Messer einen Span von der Breite des Holzes abschneidet,
  aber in Folge des vorherigen Einschneidens der kleinen Messer in
  einzelne Stbchen (Holzdrhte) zerfllt.

2) =Die Bereitung der Zndmasse= geschieht auf folgende Weise: Der Leim
oder das Senegalgummi, berhaupt das Bindemittel, wird mit einer kleinen
Menge Wasser bis zur Consistenz eines dnnen Syrups aufgelst, bis auf
50 erwrmt und dann der Phosphor nach und nach eingerhrt und mit dem
Rhren fortgefahren, bis aller Phosphor zu einer weissen salbenhnlichen
Emulsion vertheilt ist. Zu dieser Masse setzt man hierauf die brigen,
vorher fein zerriebenen Zustze unter sorgfltigem Umrhren. Zur
Erzeugung einer guten Zndmasse ist es unerlsslich, dass der Phosphor in
der rechten Menge vorhanden sei. Zu viel Phosphor ist ebenso nachtheilig
als eine zu geringe Quantitt. Abgesehen von dem Umstande, dass ein zu
grosser Phosphorgehalt die Zndmasse unnthig vertheuert, macht er sie
auch in einzelnen Fllen zum Entznden des Schwefel- oder
Stearinberzuges und folglich auch des Hlzchens untauglich, da die durch
die Verbrennung des Phosphors sich bildende Phosphorsure sich an den zu
entzndenden Theilchen absetzt und diese mit einem zarten glasartigen
Ueberzug bedeckt, welcher genau so wie eine Wasserglasschicht das
Ausbrechen der Flamme verhindert. Das beste Verhltniss scheint 1/10 bis
1/12 Phosphor zu sein, vorausgesetzt, dass man die Masse auf die
gewhnliche Art durch Schmelzen des Phosphors in Leimlsung u. dergl.
darstellt.

  Eine weit geringere Quantitt Phosphor ist jedoch zur Erzielung einer
  zweckentsprechenden Zndmasse ausreichend, wenn man den Phosphor in
  Schwefelkohlenstoff gelst der Mischung zusetzt, wobei der
  Schwefelkohlenstoff seiner grossen Flchtigkeit wegen bald verdunstet
  und den Phosphor im hchst fein zertheilten Zustande zurcklsst. Bei
  der Leichtlslichkeit des Phosphors in Schwefelkohlenstoff und dem
  billigen Preise des letzteren ist die von =Wagner= im Jahre 1855
  eingefhrte Anwendung des Schwefelkohlenstoffs selbst dann noch
  mglich, wenn man die Dmpfe des Schwefelkohlenstoffs verloren giebt.
  Mit der Benutzung der Lsung des Phosphors in Schwefelkohlenstoff ist
  ausserdem noch der Vortheil verbunden, dass man =kalt= arbeiten kann,
  indem man die Lsung einfach in die Mischung der brigen Materialien
  einzurhren braucht. Dass die Anwendung der Schwefelkohlenstofflsung
  wegen ihrer Feuergefhrlichkeit und des vielleicht nachtheiligen
  Einflusses der Schwefelkohlenstoffdmpfe auf die Gesundheit der
  Arbeiter die grsste Vorsicht erheischt, ist selbstverstndlich. =C.
  Puscher= hat (1860) auf die vortheilhafte Verwendbarkeit des
  Schwefelphosphors und zwar des Phosphorsulfuretes P_{2}S statt des
  reinen Phosphors bei den Zndmassen aufmerksam gemacht. Er hat
  Zndmassen mit 3,5 Proc. Phosphorsulfuret bereitet und damit tadellose
  Zndhlzer erhalten.

  Von den =Metalloxyden=, welche man der Zndmasse zusetzt, giebt man
  gegenwrtig einem Gemenge von braunem Bleisuperoxyd mit Salpeter, oder
  einem Gemenge von ersterem mit salpetersaurem Bleioxyd, durch Verreiben
  der Mennige mit Salpetersure in der Wrme und Liegenlassen der Masse
  durch mehrere Wochen erhalten, den Vorzug. Als =Bindemittel= wendet
  man, wie bereits oben gesagt, Leim, Gummi oder auch Dextrin an;
  ersterer sollte beseitigt werden, weil er meist nur verkohlt und die
  vollstndige Verbrennung der Masse verhindert. Vielleicht liesse sich
  eine geeignete verdnnte Collodiumlsung, vielleicht auch ein Gemenge
  von Sandarakpulver und einem hnlichen Harze mit Benzol als Bindemittel
  verwenden.

  Als Beispiele der Zusammensetzung der Zndmassen mgen folgende
  Vorschriften angefhrt werden (wobei nicht zu vergessen ist, dass die
  bewhrten Recepte zur Bereitung einer entsprechenden Zndmasse von der
  Fabrik =geheim= gehalten werden):

                                  I.
    Phosphor        1,5 Th.
    Senegalgummi    3,0  "
    Kienruss        0,3  "
                            } Das Gemisch beider eingetrocknet -- nun
    Mennige         5,0  "  }   faktisch ein Gemenge von Bleinitrat
    Salpetersure           }   mit Bleisuperoxyd, unter dem
      von 40 B.    2,0  "  }   Namen =oxydirte Mennige=.

                                  II.
    Phosphor        8,0 Th. } in der nthigen Menge
    Leim           21,0  "  }   Schwefelkohlenstoff
    Bleisuperoxyd  24,0  "  }   gelst.
    Kalisalpeter   24,0  "

                                 III.
    Phosphor                3,0 Th.
    Senegalgummi            3,0  "
    Bleisuperoxyd           2,0  "
    feiner Sand und Smalte  2,0  "

  Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass die Zndmasse noch vielfacher
  Verbesserungen fhig ist.

[Illustration: Fig. 262.]

[Illustration: Fig. 263.]

[Illustration: Fig. 264.]

3) =Das Betupfen und Trocknen der Hlzchen.= Um die Hlzchen an dem einen
Ende mit Schwefel und mit der Zndmasse berziehen zu knnen, mssen sie
in hinreichender Entfernung von einander befestigt sein. Hierzu dienen
kleine Brettchen von etwa 0,3 Meter Lnge und 10 Centimeter Breite, deren
obere Seite der Quere nach mit 50 rinnenfrmigen Vertiefungen versehen
ist, von solcher Breite und Tiefe, dass gerade ein Hlzchen hineingeht
(Fig. 262). Eine Arbeiterin legt in jede Furche des Brettes ein Hlzchen,
legt dann ein zweites Brettchen darauf, dessen untere Seite zum
Festhalten der Hlzchen zwei aufgeleimte Flanellstreifen enthlt, dessen
obere Seite aber wieder zur Aufnahme einer neuen Reihe Hlzchen gefurcht
ist. Um den so entstehenden Stapel zusammenzuhalten, haben die Brettchen
nahe an jedem Ende ein rundes Loch; durch die Lcher schiebt man Stangen,
die an dem obern Ende Schraubengewinde erhalten. Man schraubt die
Brettchen fest, sobald 20-25 derselben ber einander gelagert sind,
nachdem die vorderen Enden der Hlzchen durch Aufstossen auf eine gerade
Flche in eine Ebene gebracht sind (vergl. Fig. 263 und 264). Eine
Arbeiterin steckt, je nachdem sie mehr oder minder gebt ist, tglich in
10 Arbeitsstunden 15-25 Rahmen oder Pressen, wovon jeder Rahmen 2500
Hlzchen enthlt. Neuerdings hat man sich bemht, die Arbeit des
Hlzchensteckens mittelst Maschinen verrichten zu lassen. Mit der von =O.
Walch= in Paris (1861) construirten Maschine steckt ein Knabe in einer
Tagesarbeit von 10 Stunden 500,000 bis 600,000 Zndhlzchen.

  Der zum =Schwefeln= der Hlzer bestimmte Schwefel wird in einem flachen
  vierseitigen Kasten, in dessen Mitte, mglichst horizontal, ein vllig
  ebener Stein liegt, durch ein gelindes Feuer flssig erhalten. Man
  bringt so viel Schwefel in den Kasten, dass der flssige Schwefel
  fortwhrend etwa 1 Centim. hoch die Platte bedeckt, in welchen man die
  Enden smmtlicher in einen Rahmen eingespannter Hlzchen eintaucht, so
  dass sie auf den Stein aufstossen, und schleudert, nach dem
  Herausnehmen, den Ueberschuss des anhngenden Schwefels in den Kasten
  zurck.

  Bei feineren Hlzchen ersetzt man den Schwefel durch =Stearinsure=
  oder =Paraffin=, welche jedoch nicht, wie der Schwefel, die Oberflche
  bedecken, sondern das Holz ganz durchtrnken sollen. Zu dem Ende taucht
  man die scharf getrockneten Hlzchen in die geschmolzene und stark
  erhitzte Fettmasse und lsst ihnen dabei die nthige Zeit, sich zu
  erwrmen und das Fett durch Capillaritt aufzufangen.

  Das =Auftragen der Zndmasse= (Betupfen) geschieht auf dieselbe Weise
  wie die des Schwefels, nur befindet sich die Phosphormischung in dnner
  Schicht gleichmssig ausgebreitet auf einer vllig horizontal liegenden
  Steinplatte (gewhnlich Solenhofer Kalkstein, zuweilen wendet man auch
  mattgeschliffene Spiegelglastafeln hierzu an).

  Die zum =Trocknen= der Hlzer dienenden Trockenrume enthalten die zum
  Aufhngen der Rahmen nthigen Gerste und werden am besten durch ein
  System von Dampfrhren geheizt. Die Zndhlzer sollen sich dabei in
  solcher vertikaler Lage befinden, dass die in Gestalt eines Trpfchens
  am Ende befindliche Masse herabhngt. -- Die geruchlosen Zndhlzchen
  (Salon- oder Irishlzchen) werden nach dem Trocknen der Zndmasse mit
  gefrbten Harzlsungen berstrichen und nicht selten zuletzt mit
  Collodiumlsung berzogen.

[Sidenote: Antiphosphorfeuerzeuge.]

Die sogenannten =Antiphosphorfeuerzeuge= sind im Jahre 1848 von =Bttger=
in Frankfurt a. M. erfunden und dann von =Frth= in Schttenhofen,
=Lundstrm= in Jnkping (Schweden), =Coignet= in Paris (unter dem Namen
_Allumettes hyginiques et de suret au phosphore amorphe_), von =de
Villiers= und =Dalemagne= in Paris (unter der Benennung _Allumettes
androgynes_ oder Zwitterzndhlzchen), von =Forster= und =Wara= etc.
industriell ausgebeutet worden. Man kann sie eintheilen [Greek: a]) in
solche, die sich des amorphen Phosphors (der Streichflche einverleibt)
bedienen, und [Greek: b]) in solche, bei denen in der That Zndmasse wie
Streichflche phosphorfrei sind.

  Die Zndrequisiten der =ersteren= Kategorie bestehen 1) aus
  Zndhlzchen, deren Zndmasse keinen Phosphor enthlt, sondern nur in
  einer mit einem Bindemittel angemachten Mischung von Schwefelantimon
  und Kaliumchlorat besteht, und 2) aus amorphem Phosphor, welcher unter
  Zusatz eines rauhen, die Reibung vergrssernden Krpers mit Leim
  gemengt auf Pappe oder Holz oder, wie bei den Pariser
  Zwitterzndhlzchen, an das entgegengesetzte Ende des Zndhlzchens
  befestigt ist. Die Reibflche besteht aus einer Mischung von 9 Th.
  amorphem Phosphor, 7 Th. Schwefelkies, 3 Th. Glas und 1 Th. Leim. Die
  Zndhlzchen entznden sich durch Reibung an jener Reibflche sehr
  leicht, aber nicht an andern rauhen Flchen, weshalb sie der Gefahr
  zuflliger Entzndung nicht unterliegen. So sinnreich nun die
  Antiphosphorfeuerzeuge auch sind, so hat es denselben doch ungeachtet
  ihres billigen Preises nicht gelingen wollen, die gewhnlichen
  Streichhlzer gnzlich zu verdrngen. Der Grund davon liegt ziemlich
  nahe. Einmal ist das Hlzchen fr sich nicht im Stande, Feuer zu
  erzeugen, es gehrt dazu die prparirte Streichflche, die, wie sich
  gezeigt hat, nach kurzem Gebrauche durch die Phosphorsure, welche sich
  whrend des Reibens bildet, feucht und dadurch gnzlich unbrauchbar
  wird. Bei der Benutzung von 100 Hlzchen wird man im gnstigsten Falle
  zwei, meistens aber mehr als zwei Reibflchen verwenden mssen,
  abgesehen von dem Umstande, dass eine nicht geringe Anzahl von Hlzchen
  sich nicht entzndet. Die wirklich vortrefflichen
  =Skerhets-Tndstickor= der schwedischen Fabrik Jnkping, deren
  Fabrikate in Deutschland die sterreichischen Zndrequisiten bereits
  vollstndig verdrngt haben, dokumentiren jedoch enorme Fortschritte in
  der Fabrikation der Zndrequisiten mit amorphem Phosphor. =Jettel=
  (1870) verwendet zur Reibflche an den Schachteln der schwedischen
  Hlzer ein Gemenge aus gleichen Theilen amorphem Phosphor, Schwefelkies
  und Schwefelantimon. Zum Bestreichen von 1000 Schiebeschachteln ( 50
  Hlzchen Inhalt) auf beiden Seiten reichen circa 80 Grm. des trocknen
  Gemenges. Auch England producirt gegenwrtig grosse Mengen der _Safety
  Matches_.

  Eine grosse Wichtigkeit scheinen die giftfreien Zndhlzchen von =B.
  Forster= und =F. Wara= in Wien erlangen zu sollen. Bei ihnen ist der
  amorphe Phosphor unmittelbar mit der Zndmasse in dem Zndholzkpfchen
  vereinigt, so dass diese Hlzchen sich gleich den gewhnlichen
  Phosphorhlzern an jeder beliebigen Reibflche -- wiewol, da sie
  Kaliumchlorat enthalten, nicht ganz geruschlos -- entznden.

  Von den Reibzndhlzchen der =zweiten= Kategorie, die =keinen= Phosphor
  enthalten und auch keiner phosphorhaltigen Zndflche bedrfen, sind zu
  erwhnen die aus der Fabrik von =Kummer= und =Gnther= in Knigswalde
  bei Annaberg in Sachsen, deren Masse nach einer Analyse von
  =Wiederhold= aus

                      Kaliumchlorat           8 Th.
                      grauem Schwefelantimon  8  "
                      oxydirter Mennige       8  "
                      Senegalgummi            1  "

  besteht. Oxydirte Mennige ist ein variables Gemisch von Bleisuperoxyd,
  Bleinitrat und unzersetzter Mennige. Die von =Wiederhold= in Cassel im
  Jahre 1861 vorgeschlagene sehr beachtenswerthe und vielfach nachgeahmte
  Zndmasse ist zusammengesetzt aus

                      Kaliumchlorat         7,8 Th.
                      Bleihyposulfit        2,6  "
                      arabischem Gummi      1,0  "

  Unter allen bis jetzt bekannten phosphorfreien Zndmassen ist die
  =Wiederhold='sche Masse die vorzglichste. =Jettel= (in Gleiwitz) giebt
  folgende Mischungen zu phosphorfreien Massen an:

                                      a.   b.   c.   d.
                 Kaliumchlorat        4    7    3    8
                 Schwefel             1    1   --   --
                 Kaliumbichromat     0,4   2   --   0,5
                 Schwefelantimon     --   --   --    8
                 Goldschwefel        --   --  0,25  --
                 Bleinitrat          --    2   --    3

  Neuerdings hat =R. Peltzer= auf die Anwendbarkeit des
  Kupfer-Natrium-Hyposulfits zur Herstellung einer phosphorfreien
  Zndmasse aufmerksam gemacht. Endlich sind die Versuche =H. Fleck='s
  nicht unerwhnt zu lassen, das =Natrium= zur Herstellung von
  Zndrequisiten zu verwenden[150].

  [150] Vergl. Jahresbericht der chem. Technologie 1868 p. 820.

[Sidenote: Reibzndkerzchen.]

  Die =Reibzndkerzchen= (_allumettes bougies_) haben statt des
  Holzdrahtes einen dnnen Wachsstock, welcher in der Weise angefertigt
  wird, dass man mehrere, etwa vier Baumwollfden neben einander liegend
  durch eine geschmolzene Mischung von 2 Th. Stearinsure und 1 Th. Wachs
  oder Paraffin zieht und hierauf, sobald die Masse erstarrt, jedoch noch
  warm ist, durch ein Zieheisen fhrt, das die berschssige Masse
  abstreift. Mittelst einer Schneidemaschine werden alle Kerzchen in
  bestimmte Lngen geschnitten, mit der entzndlichen Masse versehen und
  in Schchtelchen gebracht.

  Die von =Zulzer= construirte Maschine zum Abschneiden der Kerzen und
  zugleich zum Einspannen hat folgende Einrichtung. Die Dochte werden auf
  eine Trommel aufgewickelt, von hier durch zwei gefurchte Speisewalzen
  fortgezogen und durch entsprechende Furchen in einem Brette
  fortgefhrt. Diese Walzen und Leitfurchen haben die Bestimmung, die
  Enden der Dochte in entsprechende Lcher einer beweglichen, vertikal
  aufgestellten Platte einzufhren, die mit einem Messerapparate in
  Verbindung steht, um die Kerzen, sobald sie bis zur gehrigen Lnge
  durch die Lcher gegangen sind, abzuschneiden. Da sich das Messer an
  der Seite des Eintrittes befindet, so bleiben nach erfolgtem Schnitt
  die Kerzen mit einem kleinen Theile ihrer Lnge in den Lchern sitzen.
  Eine mechanische Vorrichtung hebt nun die Platte so weit, dass eine
  zweite Lcherreihe vor die Leitfurchen kommt und sich mit Kerzen fllt.
  Ist auf diese Weise die ganze Platte gefllt, so ersetzt man sie durch
  eine andere, whrend die gefllten Platten sofort in die Zndmasse
  getaucht und in den Trockenraum gebracht werden. Die
  Reibzndkerzchenindustrie hat sich in Oesterreich und in Marseille
  concentrirt. Letztere Stadt hat gegenwrtig so zu sagen das Monopol
  dieses Industriezweiges fr einen grossen Theil von Centraleuropa.


                            Die Knochenkohle.

[Sidenote: Knochenkohle.]

Die =Knochenkohle= (Spodium, Beinschwarz) erhlt man durch Verkohlen von
Knochen. Die von =Derosne= (1812) empfohlene und von =Dumont= (1828)
bewerkstelligte Anwendung dieser Substanz in der Zuckerfabrikation macht
sie zu einem der allerwichtigsten Krper der chemischen Technologie. Wenn
man Knochen vor dem Zutritt der Luft geschtzt, glht, so zersetzt sich
die organische Substanz und geht zum Theil ber als Knochenl, zum Theil
auch als kohlensaures Ammoniak. Als Rckstand bleibt eine schwarze Masse,
die noch vollkommen die Knochenstructur beibehalten hat.

[Sidenote: Darstellung der Knochenkohle.]

Ehe man die Knochen verkohlt, mssen dieselben zur Entfernung des Fettes
mit Wasser ausgekocht und getrocknet oder mit Schwefelkohlenstoff
extrahirt werden. Das so erhaltene Fett (5-6 Proc. vom Gewichte der
Knochen) giebt ein werthvolles Nebenprodukt der Knochenkohlefabrikation
ab. Man verkohlt die Knochen entweder auf die Weise, dass man die
flchtigen Produkte dabei auffngt, oder dass man dieselben verbrennen
lsst. Im ersteren Falle bringt man die Knochen in eiserne Retorten oder
Cylinder, hnlich denen, in welchen die Steinkohlen behufs der
Leuchtgasfabrikation verkohlt werden, und fngt die bei der Verkohlung
entweichenden Produkte in Vorlagen und Khlapparaten auf. Die in
Deutschland angeblich gemachte Erfahrung hat aber gelehrt, dass man auf
diese Weise eine minder entfrbende Kohle erhlt, als wenn man die
Knochen in eisernen Tpfen verkohlt und die flchtigen Produkte
verbrennen lsst. Man benutzt daher jetzt allgemein in Deutschland die
ltere Methode (in England und Schottland wendet man dagegen nach =Lunge=
allgemein Retorten an), die so ausgefhrt wird, dass man eiserne Tpfe
mit zerschlagenen Knochen fllt, die Tpfe ber einander strzt, die
Fugen zwischen den Mndungen mit Lehm verstreicht und die Tpfe in den
Brennraum eines Ofens bringt, in welchem sie durch die Flammen eines
daneben liegenden Feuerraums erhitzt werden. Nach einiger Zeit entznden
sich die aus den Fugen der Tpfe austretenden Dmpfe von selbst und
bewirken das fernere Verkohlen der Knochen, dessen Beendigung man an dem
Aufhren der Dmpfeentwickelung erkennt. Auf diese Weise erhlt man 55
bis 60 Proc. Knochenkohle, in der die eigentliche Kohle mit fast der
zehnfachen Menge ihres Gewichtes an mineralischen Bestandtheilen gemengt
ist. Eine Analyse getrockneter Knochenkohle giebt in 100 Theilen: 10 Th.
Kohle, 84 Th. Calciumphosphat und 6 Th. Calciumcarbonat. Beim Liegen an
der Luft zieht die Knochenkohle 7-10 Proc. Feuchtigkeit an. Die
verkohlten Knochen werden durch besondere Maschinen gekrnt, wobei die
Erzeugung von feinem Pulver mglichst vermieden werden muss, da die feine
Knochenkohle weit weniger Werth hat, als die gekrnte.

[Sidenote: Eigenschaften der Knochenkohle.]

Die Knochenkohle hat in hohem Grade die bereits im Jahre 1811 von
=Figuier= erkannte Eigenschaft, organische und unorganische Stoffe,
namentlich Kalk und Kali aus Lsungen aufzunehmen. Diese merkwrdige
Wirkung scheint von einer Flchenanziehung herzurhren, obgleich aber
auch die Kohle chemische Verbindungen zu trennen vermag. Von der
Eigenschaft, unorganische Stoffe in ihren Poren aufzunehmen, macht man
die ausgedehnteste Anwendung zum Entkalken und Entsalzen des Zuckersaftes
in den Zuckerfabriken. Die entkalkende Eigenschaft der Knochenkohle soll
(nach =Anthon=) zum Theil eine Folge sein von der in den Poren desselben
verdichteten Kohlensure. Man vermindert die entkalkende Kraft der Kohle,
wenn man derselben die unorganischen Bestandtheile durch Salzsure
entzieht, und doch ist diese Behandlung erforderlich, wenn man die Kohle
zum Entfrben saurer Flssigkeiten anwenden will. Enorme Quantitten von
Knochenkohle consumiren die Stiefelwichsfabrikanten.

[Sidenote: Probe der Knochenkohle.]

Je grsser das =Entfrbungsvermgen= der Knochenkohle ist, desto hher
ist der Werth derselben, obgleich das Entfrbungsvermgen nicht
proportional dem Entkalkungs- und Entsalzungsvermgen zu sein scheint. Es
liegt deshalb in dem Interesse eines Fabrikanten, so wie in dem eines
Producenten, die entfrbende Kraft einer Kohle kennen zu lernen. Dies
geschieht, indem man die Kohle mit einer anderen von bekannter Qualitt
vergleicht. =Payen= schlgt dazu vor, gleiche Volumen mit gebranntem
Zucker gefrbten Wassers mit gleichen Gewichtsmengen Kohle zu behandeln
und die Flssigkeit abzufiltriren. Diejenige Kohle, welche die hellste
Flssigkeit giebt, ist demnach auch die beste Sorte. Bei der Bestimmung
der relativen entfrbenden Wirkung mehrerer Kohlensorten erhielt =Bussy=
bei gleichen Gewichtsmengen folgende Resultate:

        Gewhnliche Knochenkohle                              1
        Knochenkohle mit Salzsure behandelt                  1,6
        Ausgezogene Knochenkohle mit Kaliumcarbonat geglht  20
        Blut mit Kaliumcarbonat geglht                      20
        Blut mit Calciumcarbonat geglht                     20
        Leim mit Kaliumcarbonat geglht                      15,5

  Nach den Versuchen von =Brimmeyr= ber das =Entfrbungsvermgen= der
  Knochenkohlen ergaben sich folgende Resultate: 1) Die
  Absorptionsfhigkeit hngt nicht ab von der Structur der Knochenkohle,
  dem mechanischen Zusammenhang der Knochentheile, sondern von der Menge
  der darin enthaltenen reinen Kohle; 2) die Mengen der von Knochenkohle
  verschiedener Zusammensetzung absorbirten Substanzen sind auf reine
  Kohle bezogen wirklich gleich und wahrscheinlich unabhngig von der
  verschiedenen chemischen Natur des lslichen absorbirten Krpers; 3)
  die mit einer Substanz gesttigte Knochenkohle behlt ihre Absorption
  fr andere Substanzen verschiedener chemischer Natur bei; 4) die
  Knochenkohle wirkt um so rascher, je weniger ihre capillare Structur,
  sei es durch mechanische Zerkleinerung, sei es durch Auflsen der
  Kalksalze in Suren, verndert wird. Aehnliche Resultate erhielt
  krzlich =H. Schulz= (in Magdeburg). Die strkste entfrbende Wirkung
  zeigt Kohle mit dem hchsten Kohlenstoffgehalt und einem niedrigen
  Volumengewicht.

  Fr die Zuckerfabrikation kommt neben dem Entfrbungsvermgen besonders
  das =Entkalkungsvermgen= in Betracht, welches man direkt ermittelt,
  indem man die Quantitt Kalk bestimmt, welche ein gewisses Quantum
  Kohle aufzunehmen vermag.

[Sidenote: Wiederbelebung der Knochenkohle.]

  Bekanntlich wird die Knochenkohle hauptschlich zur Entsalzung und
  Entkalkung des Zuckersaftes angewendet. Wenn eine gewisse Menge dieses
  Saftes durch die Kohle filtrirt worden ist, so hat dieselbe ihre
  entsalzende Kraft verloren. Zum Theil kann das Entsalzungsvermgen
  durch verschiedene Mittel der Kohle wieder ertheilt werden. Diese
  Mittel, durch die man die Wiederbelebung der Kohle bezweckt, sind
  Glhen, Auswaschen, Ghrenlassen oder die Anwendung des Wasserdampfes.
  Fast allgemein fhrt man jetzt die Wiederbelebung der Kohle so aus,
  dass man dieselbe erst durch Wasser von allen lslichen Theilen befreit
  und darauf durch Glhen die organischen Substanzen zerstrt. Die
  gebrauchte Thierkohle lsst sich auf diese Weise 20-25 Mal wieder
  beleben. Diese Methode hat den Nachtheil, dass whrend des Glhens die
  organischen Substanzen nicht vollstndig zerstrt werden und als Kohle
  in den Poren der Thierkohle zurckbleiben, wodurch die entfrbende
  Kraft der Kohle verringert wird. Vortheilhafter ist es, die Kohle erst
  ghren zu lassen, dann vermittelst verdnnter Salzsure zu extrahiren,
  auszuwaschen und zuletzt zu glhen. Der Salzsureverbrauch zum
  Wiederbeleben (Entkalken, Entsalzen) der erschpften Knochenkohle ist
  in den Zuckerfabriken (vergl. Seite 235) ein sehr betrchtlicher.

[Sidenote: Surrogate der Knochenkohle.]

  Als Ersatzmittel fr die Knochenkohle hat man geglhten bituminsen
  Schiefer vorgeschlagen. Diese thonhaltige Kohle entzieht dem
  Zuckersafte allerdings die frbenden Substanzen, nicht aber die
  Kalkbestandtheile. Ein nicht unbedeutender Gehalt an
  Einfach-Schwefeleisen verhindert ausserdem die Anwendung in der
  Zuckerfabrikation. Beachtenswerther ist vielleicht die neuerdings
  vorgeschlagene =Seetang=- oder =Seealgenkohle=.


                               Die Milch.

[Sidenote: Milch.]

=Milch= ist die bekannte in den Brustdrsen der weiblichen Sugethiere
abgesonderte Flssigkeit, welche alle dem Thierkrper nothwendigen
organischen und unorganischen Substanzen in hinreichender Menge enthlt,
um an und fr sich bei lngerem Genuss nahrungsfhig zu sein, und alle
den Jungen erforderlichen Stoffe in einer zum Wachsthum gengenden Menge
zu liefern. Die Hauptbestandtheile der Milch sind Milchzucker, Casen
(Ksestoff), Butter, unorganische Salze wie Chlorkalium, Chlornatrium,
Calciumphosphat u. s. w. und Wasser. Die mittlere procentische
Zusammensetzung der Kuhmilch ist folgende:

         Butter                            3,288 }
         Milchzucker und lsliche Salze    5,129 } 12,524 Proc.
         Casen und unlsliche Salze       4,107 }
         Wasser                           87,476
                                         -------
                                         100,000

[Sidenote: Molken.]

[Sidenote: Milchzucker.]

Die Milch ist ein Gemenge ausserordentlich fein zertheilter, in Wasser
unlslicher Substanzen mit einer wsserigen Flssigkeit; das spec.
Gewicht der Milch schwankt zwischen 1,030 und 1,045. Unter dem Mikroskope
nimmt man wahr, dass die weisse Farbe von kleinen Kgelchen -- den
Milchkgelchen -- herrhrt. Diese Kgelchen sind meist kugelrund,
gelblich mit dunklem Rande bei durchfallendem und perlenartig glnzend
bei auffallendem Lichte. Frher nahm man an, dass diese Kgelchen aus
einer Hlle bestehen, in welcher sich Butter befindet, gegenwrtig weiss
man aber durch die Arbeiten von =v. Baumhauer= und =Fr. Knapp=, dass
diese Hlle nicht existirt. In der Ruhe sammeln sich diese Kgelchen auf
der Oberflche und bilden den =Rahm= (Sahne, Kern), unter welchem sich
eine bluliche durchscheinende Flssigkeit befindet, welche den
Milchzucker, die Salze und das Casen als Casen-Natron gelst enthlt.
Lsst man die Milch lngere Zeit stehen, so wird ein Theil des
Milchzuckers unter Mitwirkung des Casens als Ferment in
=Milchsure=[151] umgewandelt, welche letztere das Casen-Natron zersetzt
und das Casen frei macht, das sich als eine im Wasser unlsliche
Substanz ausscheidet. Man sagt dann, die Milch gerinnt. Durch lngeres
Stehenlassen wird aller Milchzucker in Milchsure umgewandelt. Eine
hnliche Coagulation der Milch wird bewirkt, wenn man frische Milch mit
=Laab= zusammenbringt. Zur Darstellung des Laabs wird der frische
Klbermagen ausgewaschen, in einem Rahmen ausgespannt an der Luft oder am
Feuer getrocknet. Frher weichte man ihn mit Essig ein, die Erfahrung
lehrte aber, dass dies unntz sei. Beim Gebrauche wird ein Streifen
abgeschnitten, in einer kleinen Quantitt warmen Wassers eingeweicht und
der Milch bei 30-35 zugemischt. Nach zwei Stunden ist diese geronnen. 1
Th. Laab ist hinreichend, um 1800 Th. Milch zum Coaguliren zu bringen.
Die Wirkung des Laabs ist nicht bekannt, sie besteht nicht, wie man
frher annahm, darin, dass ein Theil Milchzucker sogleich in Milchsure
verwandelt wird, da, wie die Erfahrung gelehrt hat, auch alkalisch
reagirende Milch durch Laab zum Gerinnen gebracht werden kann. Die von
dem ausgeschiedenen Casen abfiltrirte Flssigkeit fhrt den Namen
=Molken=. Bei sauer gewordener Milch enthalten die Molken wenig
Milchzucker, aber viel Milchsure (saure Molken); bei durch Laab
coagulirter Milch ist hingegen aller Milchzucker und keine Milchsure in
den Molken enthalten (ssse Molken). Die letztere Flssigkeit, welche
noch 3-4 pro Mille einer eigenthmlichen Protensubstanz (von =Millon=
und =Commaille= mit dem Namen =Lactoproten= belegt) enthlt, wird in der
Schweiz bis zu einem gewissen Grade abgedampft, um daraus den
=Milchzucker= krystallisirt zu erhalten. Die in harten,
halbdurchsichtigen Krystallkrusten anschiessende Substanz wird durch
Umkrystallisiren gereinigt. Der Milchzucker C_{12}H_{22}O_{11} + H_{2}O
schmeckt nur wenig sss, knirscht zwischen den Zhnen, lst sich in 6 Th.
kaltem und 2 Th. siedendem Wasser und kann nicht in die geistige, wohl
aber in die Milchsureghrung bergehen. Durch die Einwirkung verdnnter
Suren geht aber der Milchzucker in Lactose (Galaktose), eine dem
Traubenzucker hnliche Zuckerart ber und ist deshalb indirect
ghrungsfhig. Man verwendet ihn zuweilen als Reductionsmittel bei der
Herstellung von Silberspiegeln.

  [151] Die =Milchsure= (C_{3}H_{6}O_{3}) bildet sich ausser aus dem
        Milchzucker auch bei der Ghrung von Strke, Rohr- und
        Krmelzucker unter Mitwirkung von Casen und Ferment. Sie findet
        sich im Sauerkraut, in den sauren Gurken, und ist wohl ein nie
        fehlender Bestandtheil aller thierischen Flssigkeiten. Ausser
        der Milchsure als Nahrungsmittel wird die Milchsure in der
        Gerberei, Frberei und Strkefabrikation benutzt. In der Gerberei
        ist sie jedenfalls als Bestandtheil der Lohbrhe nicht unwirksam,
        bei der Frberei ist sie in dem Kleienbad enthalten, und bei der
        Fabrikation der Strke nach der lteren Methode dient sie als
        saures Strkewasser, um die Strke von den Protensubstanzen zu
        befreien. Die Milchsure scheint ferner bei der geistigen Ghrung
        eine Rolle zu spielen; sie ist stets in der ghrenden Flssigkeit
        enthalten und findet sich als nicht flchtige Sure neben
        Bernsteinsure in dem Destillationsrckstande, dem Splicht, der
        seiner sauren Eigenschaften wegen zum Reinigen von Metallen
        benutzt wird. Mit Braunstein und Schwefelsure erhitzt, giebt sie
        =Aldehyd=, welches zur Herstellung von Anilingrn und von
        Chloralhydrat Anwendung findet.

  100 Th. kuflichen Milchzuckers aus der Schweiz (a) und aus
  Giesmannsdorf in Schlesien (b) enthielten (1868):

                                           (a)       (b)
               Salze                       0,03      0,16
               Unlsliche Stoffe           0,03      0,05
               Fremde organische Krper    1,14      1,29
               Milchzucker                98,80     98,50
                                         ----------------
                                         100,00    100,00

[Sidenote: Sauerwerden der Milch zu verhten.]

Das Sauerwerden der Milch kann man dadurch lngere Zeit verhten, dass
man dieselbe wiederholt abkocht, wodurch die aufgenommene Luft
ausgetrieben wird, die ausserdem einen Theil des Casens in
Milchsureferment umgewandelt haben wrde. In gewissem Sinne wirkt auch
die whrend des Kochens auf der Milch sich bildende Haut conservirend,
indem sie den Zutritt der Luft beschrnkt. Ausserdem lsst sich das
Sauerwerden der Milch verhindern oder aufhalten durch Zusatz kleiner
Mengen kohlensaurer Alkalien oder Borax. Das Coaguliren der Milch, nicht
aber das Sauerwerden, kann durch Zusatz von Salpeter, Kochsalz und
berhaupt durch Salze mit alkalischer Base aufgehalten werden.

[Sidenote: Prfung der Milch.]

In Gegenden, in denen Milch in verhltnissmssig grosser Quantitt
consumirt wird, wie in grossen Stdten, wird die Milch mit Reis-, Kleien-
und Gummiwasser oder einem Gemenge von Wasser mit Hammelgehirn
verflscht. Eine sehr hufig vorkommende Verflschung besteht darin, dass
man die Milch mit Wasser verdnnt. Es sind verschiedene Methoden und
Instrumente in Anwendung gebracht worden, um die Milch auf ihren Gehalt
an Butter und Casen zu prfen, wobei man jedoch den Umstand nicht ausser
Acht lassen darf, dass (wie =Fr. Goppelrder='s vortreffliche
Untersuchung -- 1866 -- nachgewiesen hat) die relativen Verhltnisse der
Milchbestandtheile von einem Tage zum andern, ja an demselben Tage in der
Morgen- und Abendmilch wechseln. Nach =Jones= bringt man die Milch in
eine verticale, graduirte Glasrhre und vergleicht die Hhe des nach
einiger Zeit sich abscheidenden Rahmes. Je mehr Raumtheile derselbe
einnimmt, desto besser ist die Milch. Natrlicherweise erfhrt man nach
dieser Methode nur den Rahmgehalt der Milch, und zwar sehr annhernd, da
z. B. Verdnnung der Milch auf die Schnelligkeit der Abscheidung von
Einfluss ist. =Chevallier= und =Henry= wenden zur Bestimmung der Gte der
Milch ein Arometer an, an dessen Graduirung die Striche, bis zu welchen
dasselbe in reine Milch einsinkt, durch rothe Grade angegeben sind.
Andere Methoden grnden sich darauf, das Casen und die Butter durch
Gallpfeltinktur oder durch Zinkvitriollsung niederzuschlagen, dann zu
bestimmen, wie viel dem Volumen nach von einer Lsung von bekannter
Strke zur Fllung einer normalen Milch nthig war und darauf mit andern
Milchsorten zu vergleichen. Fr den polizeilichen Gebrauch ist das
=Galaktoskop= von =Donn= anzuempfehlen, das auf der Annahme beruht, dass
allein die Milchkgelchen den wahren Werth der Milch reprsentiren, und
die Milch undurchsichtig machen. Es ist ein Instrument, welches
gestattet, durch eine Milchschicht hindurchzusehen, deren Lnge mittelst
einer Mikrometerschraube vergrssert, verringert und gemessen werden
kann. Durch die Milchschicht beobachtet man ein Kerzenlicht, bis dessen
Spitze unsichtbar zu werden beginnt. Je durchsichtiger eine Milch ist,
desto weniger Milchkgelchen und desto mehr Wasser enthlt sie. =Brunner=
bestimmt den Buttergehalt, um den Werth der Milch zu ermitteln. Er mischt
20 Grm. der zu prfenden Milch mit 10 Grm. Holzkohlenpulver, trocknet das
Gewicht bei 70-80 vollstndig ein, zieht die Butter daraus mit Aether
aus und verdampft die therische Lsung. Die zurckbleibende Butter wird
gewogen. Unvermischte Milch giebt 3,1-3,56 Proc. Butter, Rahm giebt
10,6-11,02 Proc. Neuerdings hat =C. Reichelt= mit Erfolg versucht, die
hallymetrische Probe (vergl. Seite 509) zur Ermittelung des
Wassergehaltes der Milch anzuwenden.

[Sidenote: Anwendung der Milch.]

  Die Milch dient theils fr sich als Nahrungsmittel, theils zur
  Fabrikation von Butter und Kse. Man benutzt sie ferner zum Anstreichen
  der Wnde und zum Entfrben und Klren einiger Flssigkeiten. Eine in
  Frankreich hufig vorkommende Steuerdefraudation besteht darin, dass
  man unter dem Namen Portwein Xeres declarirt, der mit Alkannawurzel
  gefrbt ist, und der spter durch Milch wieder entfrbt wird. Das in
  neuerer Zeit (von einer amerikanischen Gesellschaft in Cham bei Zug in
  der Schweiz, ferner in Kempten im Allgu und zu Hildburghausen) durch
  Eindampfen der Milch im Vacuumapparat und Rohrzuckerzusatz erhaltene
  =Milchextract= scheint die beste Form zu sein (nach den Empfehlungen
  von =v. Liebig= und =Trommer=), unter welcher Milch aufbewahrt werden
  kann. Diese =condensirte= Milch besteht (im Mittel) aus:

                        Wasser             22,44
                        Fester Substanz    77,56
                                          ------
                                          100,00

  Die Hlfte der festen Substanz macht der zugesetzte Zucker aus; die
  andere besteht aus Butter (9-12 Proc.), Casen und Lactoproten (12-13
  Proc.), Milchzucker (10-17 Proc.) und Mineralsalzen (2,2 Proc.). Die
  concentrirte Milch vertheilt sich in 4,5-5 Th. Wasser zu einer
  Flssigkeit, welche alle Eigenschaften einer vollkommen reinen Milch
  hat, die mit etwas Zucker verssst ist.

[Sidenote: Butter.]

Die =Butter= wird aus der Milch auf folgende Weise dargestellt: Man lsst
an khlen Orten den Rahm aus der Milch sich ausscheiden, schpft
denselben mittelst eines Lffels ab und bringt ihn in die Rahmtpfe, in
welchen er so lange stehen bleibt, bis er unter wiederholtem Umrhren
dick und suerlich geworden ist. Darauf bringt man den Rahm in die
Butterfsser, in welchen durch anhaltendes Schlagen, durch das Buttern,
die Fettkgelchen, die in dem Rahm nicht mehr im flssigen, sondern im
festen Zustande enthalten sind, zu Klumpen sich vereinigen, whrend das
Casen mit einer kleinen Menge Butter gebunden in der Flssigkeit
suspendirt bleibt. Die Butter hat die fr die Verarbeitung der Milch
wichtige Eigenschaft, dass sie leichter ist als Wasser; sie msste sich
demnach aus einer Auflsung von verschiedenen Stoffen, welche das Wasser
schwerer machen (Milchzucker, Casen, Salze), um so schneller an der
Oberflche ausscheiden, wenn die Flssigkeit nicht durch den Casengehalt
eine grosse Klebrigkeit bessse, wodurch das Aufsteigen der
Buttertrpfchen verlangsamt wird. In dem Maasse nun, als durch
fortschreitende Suerung der Milch durch Casenabscheidung auch deren
Consistenz sich vermehrt, wird auch die Abscheidung der Butter erschwert.
Ist die Abscheidung des Butterfettes (des Rahms) noch nicht vollendet,
wenn die Milch zum Gerinnen gekommen ist, so ist das in der sauren Milch
noch befindliche Fett fr die Butterbereitung verloren. Darauf grnden
sich nun zwei verschiedene Methoden, wodurch die vollstndigste Gewinnung
der Butter ermglicht werden soll.

  Nach der einen Methode, von dem Schweden =Gussander= vorgeschlagen,
  soll das Aufsteigen der Butterkgelchen beschleunigt werden, so dass
  die Ausscheidung des Rahmes in krzester Zeit und jedenfalls vor
  beginnender Suerung der Milch beendigt ist. Nach der anderen Methode
  wird durch Zusatz von etwas Soda die entstehende Milchsure sofort
  neutralisirt, so dass der Ausscheidung von Casen vorgebeugt wird und
  die Buttertropfen ungehindert emporsteigen knnen. Dies ist das
  Verfahren von =Trommer=.

Die =Butterfsser= sind von verschiedener Construction. Das gewhnlichste
Butterfass ist ein aufrecht stehendes Fass mit einer durchlcherten und
an einem Stiele befestigten Scheibe; ausserdem hat man liegende Fsser,
in denen sich an einer Welle befestigte Flgel hin und her bewegen,
Ksten auf Walzen nach Art der Kinderwiegen u. s. w., in denen das
Buttern in lngerer oder krzerer Zeit vor sich geht. Wenn sich alle
Butterklumpen zu einer Menge vereinigt haben, so ist die Operation des
Buttern beendigt. Die Butter wird mit frischem, erneuertem Wasser
geknetet, bis dieses hell abluft. Die von der Butter abgeschiedene
Flssigkeit ist die =Buttermilch=, die aus 0,24 Proc. Butter, 3,82 Proc.
Casen, 90,80 Th. Wasser und 5,14 Th. Milchzucker und Salzen besteht; ein
grosser Theil des Milchzuckers darin ist schon in Milchsure
bergegangen. 18 Gewichtstheile Milch geben durchschnittlich 1
Gewichtstheil Butter. Die Butter selbst besteht in frischem Zustande aus

                                      I.     II.   III.    IV.
           Butterfett                94,4   93,0   87,5   78,5
           Casen, Milchzucker    }   0,3    0,3    1,0    0,3
             Extractbestandtheile }
           Wasser                     5,3    6,7   11,5   21,2

Der Gehalt an Casen und Wasser bewirkt, dass die Butter leicht verdirbt
und ranzig wird. Um diesem Uebelstande zu begegnen, pflegt man in den
meisten Lndern die Butter zu =salzen= (in Sd- und Westdeutschland wird
die Butter ungesalzen consumirt), indem man dieselbe im vllig
ausgewaschenen Zustande mit Salz zusammenknetet. Man rechnet auf 1
Kilogr. Butter 30-40 Grm. Kochsalz. In England benutzt man anstatt des
Kochsalzes ein Gemenge von 4 Th. Kochsalz, 1 Th. Salpeter und 1 Th.
Zucker. Ein anderes Mittel, dem Verderben der Butter vorzubeugen, ist das
=Auslassen= derselben, d. i. ein Schmelzen, bis die anfnglich trbe
Flssigkeit vollkommen klar geworden ist, wodurch Wasser und Casen, also
die Bedingungen zur Verderbniss entfernt werden. Das =Frben der Butter=
anbelangend, das gewhnlich im Winter geschieht, zu welcher Zeit die
Butter eine weisse Farbe hat, so geschieht dies durch Orlean, durch
Curcuma, oder durch den Saft der Mhren oder Ringelblume oder endlich
durch gewisse gelbe Theerfarbstoffe.

[Sidenote: Chemische Natur der Butter.]

  Die Butter besteht aus einem Gemenge verschiedener Glyceride, das bei
  der Verseifung in Glycerin und eine Anzahl von Suren aus der Reihe der
  Fettsuren zerfllt. Die nicht flchtigen Suren sind: die
  Palmitinsure C_{16}H_{32}O_{2} und die Butterlsure
  (C_{17}H_{30}O_{2}), die flchtigen die =Buttersure=[152]
  (C_{4}H_{8}O_{2}), die Capronsure (C_{6}H_{12}O_{2}), die Caprylsure
  (C_{8}H_{16}O_{2}) und die Caprinsure (C_{10}H_{20}O_{2}). Letztere
  vier Suren bilden in Form von Glyceriden das =Butterfett= oder
  =Butyrin= und sind die Ursache des eigenthmlichen Geruches der Butter.

  [152] Die =Buttersure= entsteht nicht nur bei der Verseifung der
        Butter, sie findet sich auch im sauren Schweisse, im Magensafte
        und bildet sich bei der Ghrung und Fulniss des Zuckers, der
        Strke, des Fibrin, des Casens u. s. w.

[Sidenote: Kse.]

Der =Kse= wird aus dem Casen dargestellt. Entweder benutzt man
abgerahmte Milch oder man wendet die Milch mit dem Rahm an. Im ersteren
Falle erhlt man =mageren= Kse, der nur aus Casen mit sehr wenig Butter
besteht, im zweiten Falle =fetten Kse= (Schweizer, hollndischen,
englischen Kse). Wenn bei der Darstellung der fetten Kse noch Rahm
hinzugesetzt wird, so erhlt man =Rahmkse=. Den =mageren Kse= stellt
man in Deutschland dar, indem man die saure Milch, von welcher der Rahm
behufs der Butterfabrikation abgeschieden worden ist, auf ein Tuch bringt
und abpresst. Die Molken laufen ab, whrend die =Ksematte= (Quark,
Schmierkse, weisser Kse) als Brei zurckbleibt, der, mit der Hand in
die gebruchlichen runden Formen (Handkse) gebracht wird, welche darauf
der Luft ausgesetzt werden. Zur Bereitung des =fetten Kses= wendet man
gewhnlich ssse Milch an, die durch Laab bei einer Temperatur von 30-40
zum Gerinnen gebracht wird. Nachdem die Milch durch die Abscheidung des
Casens in eine gallertartige Masse verwandelt ist, zerschneidet man die
Masse mit einem hlzernen Messer und presst den Kse. Durch dieses
Verfahren, das mehrmals wiederholt wird, werden die Molken ziemlich
vollstndig entfernt. Sobald der Kse anfngt fest zu werden, wird er mit
Kochsalz zusammengeknetet und dann in die bestimmte Form gepresst. Der
geformte Kse wird einige Zeit lang in erwrmte Molken getaucht, bis er
eine Rinde erhlt, und nach dem Abtrocknen von Neuem gepresst. Sodann
wird der Kse mit Kochsalz eingerieben, zum Trocknen auf ein
Brettergestell gelegt und unter sorgfltiger Behandlung, die je nach der
Art der Kse eine verschiedene ist, seiner Reife zugefhrt. Die blasige
Beschaffenheit einer Ksesorte (wie des Schweizerkses) rhrt davon her,
dass bei seiner Darstellung die Molken nicht vollstndig getrennt werden,
der in denselben enthaltene Milchzucker in Krmelzucker, und letzterer
whrend des Reifens des Kses in Weingeist und Kohlensure verwandelt
wird; die Kohlensure bewirkt bei ihrem Entweichen die Auflockerung der
Ksemasse. Bei dem hollndischen Kse, der blasenfrei ist, verhindert der
grssere Kochsalzzusatz die Umwandelung des Milchzuckers. Die Qualitt
der Kse ist ferner von der Temperatur und Beschaffenheit der Rume, in
denen die Kse whrend des Reifens lagern, abhngig. (Im Allgu rechnet
man auf 1 Ctr. Schweizerkse I. Qualitt 600 Liter Milch, II. Qualitt
720-750 Liter.) Die Theorie des Ksebildungsprocesses ist noch keineswegs
gengend erklrt. Auf alle Flle spielt die Hefe eine grosse Rolle bei
der Ksebildung. Wie =Hallier= gezeigt, ist der frische Kse ganz dicht
mit Kernhefe erfllt. Ohne dieselbe kann kein Kse entstehen und durch
Zusatz geeigneter Hefe hat man sogar die Dauer der Ksebereitung und
seine Qualitt bis zu einem gewissen Grade in der Gewalt. Die
chemisch-physikalische Vernderung, welche der Kse an der Luft erleidet,
lsst sich namentlich an den mageren Ksesorten beobachten. Im frischen
Zustande ist der Kse weiss wie Kreide, beim Liegen im feuchten Zustande
wird er gelb und durchscheinend (er wird =zeitig= oder =speckig=) und
nimmt den eigenthmlichen Ksegeruch an. Mit dem Alter verliert der Kse
allen Zusammenhang und zerfliesst zu einer schmierigen Masse. Diese
Vernderungen beginnen auf der Oberflche und pflanzen sich vollkommen
gleichfrmig ins Innere fort. Wenn man einen mageren Kse zerschneidet,
so bemerkt man einen gelben speckigen Ring, welcher einen scharf
begrenzten weissen Kern umgiebt. Der Ring wird von Tag zu Tag breiter,
bis zuletzt die ganze Masse gleichfrmig ist und der Kern verschwindet.
Das Speckigwerden des Kses rhrt her von einer Ammoniak- oder von einer
Sureentwickelung, beide machen den weissen Kse durchscheinend. Die
krftig riechenden Ksesorten sind ammoniakalisch, die geruchlosen
reagiren meist sauer. Chemisch gesprochen ist speckig magerer Kse eine
Verbindung von Casen mit Ammoniak oder Ammoniakbasen (z. B. Amylamin);
gewisse trockene Ksesorten (wie der sogenannte Kruterkse) sind Gemenge
von trocknem Casen mit gewrzhaften Krutern (Meliloten u. s. w.),
flchtigen Fettsuren (Valeriansure, Caprinsure, Capronsure u. s. w.)
und einigen indifferenten Stoffen (Leucin etc.).

  Folgende Zahlen geben die Zusammensetzung eines fetten Sssmilchkses
  (a) und eines mageren Sauermilchkses (b):

                                    (a)      (b)
                          Wasser    36       44
                          Casen    29       45
                          Fett      30,5      6
                          Asche      4,5      5
                                   --------------
                                   100,0    100,0

  Neuere Untersuchungen =Payen='s ber in Paris beliebte Ksesorten
  ergaben folgende Resultate: 1) Kse von Brie; 2) Camembert; 3)
  Roquefort; 4) doppelter Rahmkse; 5) alter Kse von Neufchatel; 6)
  frischer Kse von Neufchatel; 7) Chester; 8) Gruyre; 9) gewhnlicher
  hollndischer; 10) Parmesankse enthalten in 100 Theilen:

       ==================+========================================
                         |                   I.
                         |       |       |       |       |
                         |   1   |   2   |   3   |   4   |   5
       ==================+=======+=======+=======+=======+========
                         |       |       |       |       |
       Wasser            | 45,2  | 51,9  | 34,5  |  9,5  | 34,5
       Stickstoffhaltige |       |       |       |       |
         Substanzen      | 18,5  | 18,9  | 26,5  | 18,4  | 13,0
       (Stickstoff       |  2,93 |  3,00 |  4,21 |  2,92 |  3,31)
       Fette             | 25,7  | 21,0  | 30,1  | 59,9  | 41,9
       Salze             |  5,6  |  4,7  |  5,0  |  6,5  |  3,6
       Organische        |       |       |       |       |
         stickstofffreie |       |       |       |       |
         Substanzen      |       |       |       |       |
         und Verlust     |  5,0  |  4,5  |  3,9  |  5,7  |  7,0

       ==================+=======+=======+=======+=======+========
                         |                   II.
                         |       |       |       |       |
                         |   6   |   7   |   8   |   9   |  10
       ==================+=======+=======+=======+=======+========
                         |       |       |       |       |
       Wasser            | 36,6  | 35,9  | 40,0  | 36,1  | 27,6
       Stickstoffhaltige |       |       |       |       |
         Substanzen      |  8,0  | 26,0  | 31,5  | 29,4  | 44,1
       (Stickstoff       |  1,27 |  4,13 |  5,00 |  4,80 |  7,0)
       Fette             | 40,7  | 26,3  | 24,0  | 27,5  | 16,0
       Salze             |  0,5  |  4,2  |  3,0  |  0,9  |  5,7
       Organische        |       |       |       |       |
         stickstofffreie |       |       |       |       |
         Substanzen      |       |       |       |       |
         und Verlust     | 14,2  |  7,6  |  1,5  |  6,1  |  6,6

  Die unter I. aufgefhrten, in der Klte und unter Bildung von
  Kryptogamenvegetationen erzeugten Kse reagiren insgesammt in Folge von
  Ammoniakgehalt alkalisch; die unter II. begriffenen sogenannten
  gekochten, bei welchen die Erzeugung von Kryptogamen verhindert wird,
  haben dagegen ebenso wie frischer Kse eine saure Reaction. Ein Theil
  des Fettgehaltes unterliegt schon beim Beginn der Ksebildung der
  Spaltung in Glycerin und fette Suren.

  In Deutschland massenhaft consumirte Ksesorten sind Emmenthaler (a)
  und Backsteinkse (b). Nach Analysen von =O. Lindt= (1868) haben diese
  Kse folgende Zusammensetzung:

                                (a)               (b)
               Wasser      37,4     36,7     45,2     35,8
               Fett        30,6     30,5     28,2     37,4
               Casen      28,5     29,0     23,2     24,4
               Salze        3,5      3,8      3,4      2,4
                          --------------------------------
                          100,0    100,0    100,0    100,0

  Endlich seien einige neuerdings von =E. Hornig= (1869) ausgefhrte
  Kse-Analysen angefhrt:

             1.      2.      3.      4.      5.      6.      7.      8.
  Wasser   38,66   56,60   51,21   57,64   36,72   34,08   59,28   49,34
  Fett     20,14   17,05    9,16   20,31   33,69   28,04   10,44   20,63
  Casen   34,90   18,76   33,60   18,51   25,67   32,28   24,09   24,26
  Salze     6,17    6,78    6,01    3,51    3,71    5,58    6,17    5,45
  Verlust   0,13    0,81    0,02    0,04    0,21    0,02    0,02    0,32
          --------------------------------------------------------------
          100,00  100,00  100,00  100,00  100,00  100,00  100,00  100,00

1. Hollnder-Kse. 2. und 3. Ramadoux-Kse, angeblich aus Bayern.
4. Neufchatel-Kse. 5. Gorgonzola-Kse. 6. Bringen-Kse oder Liptauer-Kse
aus dem Zypser Comitat. 7. Schwarzenberger-Kse. 8. Limburger Kse.

  Frisch geronnener Ksestoff (Quark) wird, mit Kalk gemengt, zu Kitt und
  als Beiz- und Verdickungsmittel in der Kattundruckerei angewendet[153].
  Eine Lsung von Casen in Boraxlsung findet anstatt Tischlerleim und
  Mundleim Anwendung.

  [153] Mit dem Casen der Milch stimmt in seinen Eigenschaften ein
        Pflanzenbestandtheil berein, der sich in den Samenlappen der
        Leguminosen, namentlich der Erbsen, Linsen und Bohnen findet,
        sich in Wasser lst und aus der Lsung durch schwache Suren
        abgeschieden werden kann. Diese Substanz ist =Pflanzencasen=
        genannt worden. Nach =Itier='s Berichte stellen die Chinesen aus
        Erbsen einen wirklichen Kse dar, indem Erbsen zu einem Brei
        gekocht werden. Das Durchgeseihte wird mit Gypswasser zum
        Gerinnen gebracht und das Geronnene wie der aus Milch durch Laab
        gefllte Kse behandelt. Die Masse nimmt nach und nach den Geruch
        und den Geschmack des animalischen Kses an.


                              Das Fleisch.

[Sidenote: Allgemeines.]

Das, was man im gewhnlichen Leben mit dem Namen =Fleisch= bezeichnet,
ist die Muskelsubstanz der Schlachtthiere, umgeben mit mehr oder weniger
Fett, und enthaltend Knochen, so dass das kufliche Fleisch in 100 Th. im
Mittel zusammengesetzt ist, aus

                        Muskelsubstanz         16
                        Fett und Zellgeweben    3
                        Knochen                10
                        Fleischflssigkeit     71
                                              ---
                                              100

  Die Muskelsubstanz selbst ist ein Complex von verschiedenartigen
  Geweben und Flssigkeiten, deren Basis die thierische Faser oder das
  Fibrin -- eine organisirte Protensubstanz ist. Die einzelnen
  Muskelfasern, indem sie bndelweise durch Bindegewebe verbunden sind,
  bilden die Muskeln. Zwischen den Muskelscheiden und Bindegeweben lagert
  sich das Fett in besonderen Fettzellen ab. Das Ganze ist von einer
  Unzahl feiner Blut- und Lymphgefssen durchwebt, welche die Ernhrung,
  und von Nerven, welche die Lebensfunctionen der Muskeln vermitteln. Die
  Muskelsubstanz ist mit einer protenreichen Flssigkeit, der
  Fleischflssigkeit, getrnkt, welche eine Anzahl von Substanzen, theils
  direct vom Blute ausgeschwitzt, theils im Stoffwechsel der Muskeln
  entstanden, enthalten; diese Krper sind die Basen Kreatinin und
  Hypoxanthin, das Kreatin, der Inosit oder Muskelzucker, Milchsure,
  Inosinsure, extractive Krper und unorganische Substanzen, unter denen
  Chlorkalium und Magnesiumphosphat vorherrschen.

[Sidenote: Bestandtheile des Fleisches.]

Ueber die einzelnen Bestandtheile des Krpers der Schlachtthiere geben in
neuerer Zeit im grsseren Maassstabe angestellte Versuche, die fr die
Beurtheilung des Nahrungswerthes des Fleisches der Thiere im gemsteten
oder ungemsteten Zustande von grosser Wichtigkeit sind, Aufschluss. Aus
diesen Versuchen folgt, dass der Wassergehalt

                                beim Lamme   Schafe   Ochsen   Schweine
    in ungemstetem Fleische        62         58       --        56
     " halb gemstetem Fleische     --         50       54        --
     " ganz     "         "         49         40       46        39
     " fettem Fleische              --         33       --        --

betrgt. Mit fortschreitender Mstung nimmt daher der Wassergehalt des
Fleisches ab und die Trockensubstanz zu, indem ein Theil des Wassers
durch Fett ersetzt wird. Im Fleische von gutem Mastvieh erhlt der
Consument vom Fleischer bei gleichem Gewichte im Mittel etwa 40 Proc.
mehr trockne thierische Masse als in dem von ungemstetem Vieh, bei sehr
fetten Thieren sogar bis zu 60 Proc. mehr.

  Welcher Unterschied in dem Nahrungswerthe des Fleisches von fetten
  Ochsen im Vergleiche zu dem von mageren Ochsen besteht, das zeigen
  =Breunlin='s Versuche, nach welchen 100 Th. Fleisch enthielten:

                                vom fetten   vom magern Ochsen
                  Wasser           38,97           59,68
                  Asche             1,51            1,44
                  Fett             23,87            8,07
                  Muskelfleisch    36,65           30,81
                                  ----------------------
                                  100,00          100,00

  oder 1000 Grm. (= 2 Zollpfund) enthielten:

                                  Muskelfleisch  Fett   Asche  Wasser
      Fleisch vom fetten Ochsen        356        239     15    390
      Fleisch vom magern Ochsen        308         81     14    597
                                       ----------------------------
                          Unterschied  +48       +158     +1   -207

  Das Fleisch des fetten Ochsen enthlt auf 1000 Th. mithin 207 Th. mehr
  feste Nahrungsstoffe als das Fleisch des ungemsteten Thieres.

[Sidenote: Zubereitung des Fleisches.]

Das Fleisch wird theils gekocht, theils gebraten. Durch das Kochen
erleidet es eine wesentliche Vernderung in seiner Zusammensetzung; je
nach der Dauer des Kochens und der Wassermenge tritt eine mehr oder
weniger vollstndige Scheidung der lslichen Bestandtheile von den
unlslichen Bestandtheilen des Fleisches ein. Die Fleischbrhe enthlt
lsliche Phosphate mit alkalischen Basen, milch- und inosinsaure Salze,
phosphorsaure Magnesia und nur Spuren von phosphorsaurem Kalk; das
gekochte Fleisch enthlt vorzugsweise phosphorsauren Kalk und
phosphorsaure Magnesia. Wenn das als Nahrungsmittel genossene Fleisch in
dem Organismus wieder als Fleisch bergehen, wenn ihm die Fhigkeit
erhalten werden soll, sich in dem ursprnglichen Zustande wieder zu
erzeugen, so drfen dem frischen Fleische bei seiner Zubereitung keine
seiner Bestandtheile entzogen werden. Wenn in irgend einer Weise seine
Zusammensetzung gendert, einer seiner Bestandtheile, der zu seiner
Constitution gehrt, entzogen wird, so ndert sich in gleichem
Verhltnisse die Fhigkeit des Fleischstckes, die ursprngliche Form und
Beschaffenheit, von der seine Eigenschaften im lebendigen Krper
abhngen, in dem lebenden Krper wieder anzunehmen. Daraus geht hervor,
dass das gekochte Fleisch, wenn es ohne die Fleischbrhe genossen wird,
zur Ernhrung um so weniger sich eignet, je grsser die Wassermenge war,
in welcher es gekocht wurde und je lnger das Kochen dauerte.

  Da das Albumin des Fleisches in seinen Lsungen bereits vor der
  Siedetemperatur des Wassers gerinnt, so geht beim Auskochen des
  Fleisches oder bei der gewhnlichen Methode der Gewinnung der
  Fleischbrhe das Albumin fr die Fleischbrhe zum grssten Theile
  verloren, da der Schaum, der sich beim Kochen des Fleisches auf der
  Oberflche als weisses Coagulum abscheidet und abgeschpft wird,
  Fleischalbumin ist. Dieser Verlust an nhrender Substanz lsst sich
  vermeiden, wenn man nach =v. Liebig='s Vorschrift bei der Bereitung von
  Fleischbrhe fr Kranke, das fein zerhackte Fleisch mit destillirtem
  Wasser, dem einige Tropfen Salzsure und etwas Kochsalz zugesetzt
  wurde, mischt und digerirt und nach einstndiger Digestion die
  Flssigkeit von dem Rckstande mittelst eines Haarsiebes trennt und den
  Rckstand durch allmliges Aufgiessen von destillirtem Wasser noch
  vollstndiger auszieht. Man erhlt so ein kaltes Fleischextract von
  rother Farbe und angenehmem Fleischbrhgeschmacke, welches kalt
  genossen wird (beim Erhitzen trbt sich die Flssigkeit und setzt ein
  dickes Coagulum von Albumin und Blutroth ab). 100 Th. Ochsenfleisch
  geben ein Extract, welches 2,95 Th. Albumin und 3,05 Th. sonstige,
  nicht gerinnende Fleischbestandtheile enthlt. =Chevreul= erhielt von
  500 Grm. Rindfleisch, welche 77 Proc. Wasser enthielten, 27,25 Grm.
  Extract; nach Abzug von 3,25 Grm. Fett, die darin sich fanden, macht
  dies 4,8 Proc. aus. Die Menge der aus obigen 500 Grm. Fleisch
  gewonnenen Fleischbrhe betrug ungefhr 1,25 Liter. Das Liter wog 1013
  Grm. und bestand aus

             Wasser                                   991,30
             organ. Substanz { in Alkohol lslich       9,44
                             { in Alkohol unlslich     3,12
             Alkalisalzen                               8,67
             phosphorsauren Erden                       0,46
                                                     -------
                                                     1013,09

  Durchschnittlich enthlt die Fleischbrhe aus Ochsenfleisch, inclusive
  Leim und Fett, nur 3 Th. feste Fleischbestandtheile. Unter den
  gnstigsten Verhltnissen enthlt man aus 1000 Grm. Ochsenfleisch:

       in kaltem Wasser lslich      60 { geronnenes Albumin  29,5
                                        { in der Lsung       30,5
        "   "      "    unlslich   170 { Leimsubstanz         6,9
                                        { Faser              164,0
       Fett                          20
       Wasser                       750

[Sidenote: Kochen des Fleisches.]

  Die beste Art und Weise, =Fleisch zu kochen und Fleischbrhe zu
  bereiten=, ist folgende: Man bringt das zum Kochen bestimmte Fleisch
  erst dann in den Topf, wenn das darin befindliche Wasser in
  vollstndigem Sieden begriffen ist, unterhlt das Sieden einige Minuten
  lang und erniedrigt dann die Temperatur durch Zusatz von kaltem Wasser
  auf 70-74. Wird das Wasser einige Stunden bei dieser Temperatur
  erhalten, so hat man alle Bedingungen vereinigt, um dem Fleische die
  zum Genusse geeignete Beschaffenheit zu geben. Indem nmlich nach
  diesem Verfahren das Eiweiss coagulirt wird, bildet sich auf der
  Oberflche des Fleisches eine Hlle, welche das Eindringen des Wassers
  ins Innere verhindert und die lslichen Theile einschliesst. Die von
  diesem Fleische abgegossene Brhe wird demnach weniger der lslichen
  Bestandtheile enthalten. Um aber eine krftige =Fleischbrhe=
  darzustellen, mischt man feingehacktes mageres Fleisch mit kaltem
  Wasser, erhitzt es langsam bis zum Sieden und presst es nach
  minutenlangem Aufwallen aus. Nach dem Durchseihen braucht sie nur
  gewrzt und mit gebranntem Zucker oder Caramel etwas gefrbt zu werden.
  Das Frben ist eine kaum erlssliche Concession, die man dem gewohnten
  Vorurtheile machen muss. Die zurckbleibenden Fleischstcke sind
  gnzlich geschmacklos und zur Ernhrung untauglich. Die Fleischbrhe
  enthlt alle lslichen Stoffe der Fleischsubstanz: Kreatin, Kreatinin,
  Inosit, extractive Substanzen, inosin- und milchsaure Salze,
  Chlorkalium und phosphorsaure Erden. Wegen der freien Milch- und
  Inosinsure reagirt sie stets sauer. Dass die Haupteigenschaft der
  Fleischbrhe von der darin aufgelsten Leimsubstanz abhngig sei, wie
  man lange angenommen hat, ist durchaus ungegrndet, da der durch
  Knochen gebildete Leim nur einen sehr untergeordneten Bestandtheil
  darstellt. Die Untauglichkeit der Knochenbouillontafeln als
  Nahrungsmittel ist gegenwrtig allgemein anerkannt.[154] Bei lngerem
  Kochen und siedendem Abdampfen nimmt die Fleischbrhe eine dunklere
  Farbe und einen feinen Bratengeschmack an. Dampft man sie im Wasserbade
  ab, so erhlt man eine dunkelbraune weiche Masse, von welcher 1 Loth
  hinreicht, um 1 Pfund Wasser, dem man etwas Kochsalz zusetzt, in eine
  wohlschmeckende und starke Fleischbrhe zu verwandeln. Aus 32 Pfund
  knochen- und fettfreiem Ochsenfleische erhlt man 1 Pfund dieses
  Extractes. Auf Veranlassung =v. Liebig='s wird gegenwrtig dieses
  =Fleischextract= (_Extractum carnis_) von der _Liebig's Extract of meat
  Company_ in Fray-Bentos und von =Buschenthal u. Comp.= in Montevideo
  (in Uruguay) dargestellt.[155] Dieses Extract enthlt in 1 Kilogr. alle
  in heissem Wasser lslichen Bestandtheile von 34 Kilogr. reinem
  Muskelfleisch oder von 45 Kilogr. Fleisch von der Fleischbank. Auch
  australisches Fleischextract von =Robert Tooth= in Sidney (aus reinem
  Rindfleisch und nicht aus Rind- und Schaffleisch gemengt, wie das
  sdamerikanische Extract) kommt in grosser Menge nach Europa[156]. Die
  Hauptmerkmale der Reinheit des Fleischextractes liegen in der
  Lslichkeit in 80procentigem Alkohol, dem Wassergehalt und der
  Abwesenheit von Eiweiss und Fett. Mindestens 60 Proc. des Extractes
  mssen sich in Alkohol lsen, der Wassergehalt betrgt gegen 16 Proc.,
  der Stickstoffgehalt gegen 10 Proc., der Aschengehalt 18-22 Proc. (die
  Asche besteht wesentlich aus Calcium- und Magnesiumphosphat und
  Chloralkalimetallen; unter den letzteren muss das Chlorkalium
  vorherrschen).

  [154] Nicht zu verwechseln mit den Knochenbouillontafeln sind die seit
        einiger Zeit in Russland dargestellten =Bouillontafeln=, welche
        alle wesentlichen Bestandtheile des Fleischextractes enthlt.
        =E. Reichardt= (1869) fand darin:

             Wasser bei 110 entweichend        15,13 Proc.
             Asche                               4,75   "
             Fett                                0,22   "
             Stickstoff                         10,57   "
             In Alkohol von 80 Proc. Lsliches  38,09   "

        Vergl. Jahresbericht der chem. Technologie 1869 p. 488.

  [155] Die von dem Hamburger =Giebert= in Fray-Bentos in Uruguay
        gegrndete Fabrik ist seit 1867 in den Besitz einer engl.-belg.
        Actiengesellschaft bergegangen und producirt gegenwrtig
        jhrlich gegen 15,000 Centner Fleischextract. Die beim Schlachten
        sich anhufenden Nebenbestandtheile sollen in Dngerfabrikate
        bergefhrt werden. Eine zweite Fleischextractfabrik hat das
        Bankhaus =Benites y Hijo= in Buenos Ayres in dem Orte
        Gualeguaychu (Entre Rios) im Jahre 1869 errichten lassen.

  [156] Depositaire des australischen Fleischextractes fr Europa sind
        =W. J. Colemann= & Comp. in London.

  Beim =Braten des Fleisches= wendet man kein Wasser, sondern Fett an,
  mit welchem man das Fleisch in einer Pfanne erwrmt, oder man setzt
  dasselbe direct, wie es in England geschieht, auf einen Spiess
  gesteckt, dem Feuer aus. Es bildet sich rasch eine Kruste, welche das
  Herausfliessen der Fleischflssigkeit verhindert. Nachdem diese Kruste
  sich gebildet hat, kann man die Hitze mssigen, weil die Fleischfasern
  schon bei 100 gar werden. Beim Braten sollen aus den
  Fleischbestandtheilen mehrere Produkte der trocknen Destillation
  entstehen, worunter die Essigsure in sofern am wichtigsten ist, als
  durch sie die Fleischfaser lslicher wird. Fehlerhaft ist es, dem zu
  bratenden Fleischstcke etwas Wasser zuzusetzen, namentlich beim
  Beginne des Bratens. Durch Wasserzusatz ist zwar eine grssere Menge
  von Sauce zu erzielen, aber immer nur auf Kosten der Gte des Bratens.

[Sidenote: Aufbewahrung des Fleisches.]

Unter den vielen Mitteln, die man in Vorschlag gebracht und angewendet
hat, um =Fleisch= und =Fleischspeisen unverndert aufzubewahren=, stehen
ohne Widerrede diejenigen oben an, welche auf dem Principe des
vollkommenen Luftabschlusses beruhen. Es hat sich deshalb das
Einschliessen von Fleisch in luftdicht verschlossenen Blechbchsen nach
der Methode von =Appert= durch vielfache Erfahrungen als dem Zwecke
vollkommen entsprechend erwiesen, so dass dieses Verfahren und seine
Nachbildungen in neuester Zeit, wo als Folge des erleichterten See- und
Landverkehrs, der zunehmenden Auswanderung, so wie berhaupt der
Seereisen und Expeditionen zu wissenschaftlichen Zwecken, der Kriege der
Gegenwart und der damit verknpften Nothwendigkeit der Verproviantirung
von Armeen und Festungen, das Bedrfniss weit mchtiger als frher
hervortrat, die Nahrungsmittel nicht nur von einer Jahreszeit zur andern,
sondern fr eine Reihe von Jahren vorrathsweise aufzuspeichern und sie
dabei in einen Zustand zu versetzen, in welchem sie dem Verderben nicht
mehr unterliegen, eine ungeahnte Wichtigkeit erlangt hat.

  Die Methode =Appert='s besteht in Folgendem: Zubereitete Fleischspeisen
  (Geflgel, Ragouts etc.), die zu dem Ende mglichst stark eingekocht
  werden mssen, bringt man in cylindrische Blechbchsen von angemessener
  Grsse, welche damit fast ganz angefllt werden, lthet nun einen mit
  einer kleinen Oeffnung versehenen Deckel auf, fllt durch diese
  Oeffnung den noch leeren Raum vllig mit Brhe und umlthet endlich
  auch diese Oeffnung. Hierauf werden die Bchsen in einem Bade mit
  Salzwasser bis ber den Siedepunkt des Wassers je nach ihrer Grsse
  1/2-4 Stunden lang erhitzt. Wenn eine oder die andere Bchse nicht
  vollkommen schliesst, so sieht man Blschen aus der schadhaften Stelle
  perlen, welche man dann mit dem Lthkolben ausbessert. Durch das Kochen
  werden die Eiweisssubstanzen coagulirt und dadurch in eine weniger der
  Fulniss fhige Modifikation bergefhrt, ferner wird der Sauerstoff
  der eingeschlossenen Luft zum grossen Theile entfernt, der
  zurckgebliebene Rest theils in Kohlensure verwandelt, theils
  desozonisirt und dadurch unschdlich gemacht. Die solchergestalt der
  Einwirkung der Luft entzogenen Substanzen unterliegen, wenn die
  Operation mit Sorgfalt ausgefhrt wurde, dem Verderben nicht; doch
  unterwirft man die fertigen Bchsen einer Prfung, indem man sie einige
  Zeit lang an einem bis auf etwa 30 erwrmten Orte aufbewahrt. Ist bei
  dieser Probe Fulniss eingetreten, so giebt sie sich bald durch eine
  Gasentwickelung zu erkennen, in deren Folge die flachen Bden sich
  etwas nach aussen krmmen, whrend sie ausserdem durch den Luftdruck
  eine Krmmung nach innen annehmen. Bleibt dieses Kennzeichen von
  Verderbniss aus, so ist die erste gefhrliche Periode berstanden und
  in spterer Zeit ein Selbstentmischungsprocess nicht so leicht zu
  befrchten. Die Vorschlge von =Redwood=, Fleisch durch Ueberziehen mit
  einer Paraffinschicht zu conserviren, kommen auf das nmliche Princip
  wie =Appert='s Verfahren hinaus. Dasselbe gilt von =Shaler='s
  Verfahren, nach welchem Fleisch in trockenem Kohlensuregas bei 0
  conservirt werden soll.

[Sidenote: Conserviren durch Wasserentziehung.]

  Wie durch Abhaltung der Luft lsst sich auch das Fleisch =durch
  Wasserentziehung=, entweder durch Trocknen, oder durch Einsalzen
  conserviren.

  Das Aufbewahren des Fleisches durch Austrocknen, das Sicherste, es vor
  dem Verderben zu schtzen, hat seine grossen Schwierigkeiten. Die
  Eingebornen Nord- und Sdamerikas pflegen die Fleischvorrthe, welche
  sie auf ihren Zgen mit sich nehmen, sorgfltig vom Fett zu befreien,
  die reinen Fleischtheile in dnne Streifen zu zertheilen, die mit
  Maismehl bestreut werden, um die Sfte aus dem Fleische aufsaugen zu
  lassen und die so bestreuten Streifen auf horizontal liegenden Stben
  an der Sonne zu trocknen. Es bleibt eine biegsame, nicht mehr
  fulnissfhige Masse zurck, in Nordamerika =Pemmikan=, im Sden
  =Tassajo=, in Sdafrika =Biltongue= genannt, welche zusammengerollt und
  festgestampft wird und in diesem Zustande leicht zu transportiren ist.
  100 Th. Ochsenfleisch liefern beinahe 26 Th. Tassajo. In Europa hat
  sich die Entwsserung des Fleisches durch Trocknen niemals Bahn brechen
  wollen, da, in den meisten Lndern wenigstens, im Sommer die Luftwrme
  nicht gross genug ist, um mit Hlfe derselben das Fleisch so rasch zu
  trocknen, dass nicht ein Verderben des Fleisches zu befrchten wre; da
  das Fleisch ferner vor dem Trocknen in kleine Stcke oder dnne
  Streifen zerschnitten werden muss, so eignet es sich fr manche
  Kchenzwecke nicht mehr.

  Grsserer Beachtung erscheint dagegen der =Fleischzwieback=
  (_meat-biscuit_) werth, eine Erfindung von =Gail Bordon=, der 1850 eine
  Fabrik zu Galveston in Texas anlegte, woselbst die ausgedehnten
  Prairien durch das in unzhliger Menge in ihnen hausende Hornvieh den
  nthigen Vorrath an Fleisch fr geringe Kosten liefern. Der Erfinder
  behauptet, dass 1 Kilogr. solcher Zwiebcke eine gleiche Menge
  nhrender Substanzen enthalte wie 5 Kilogr. frisches Fleisch. Diese
  Zwiebcke eignen sich vorzglich fr Feldzge in wsten unwirthbaren
  Gegenden, sowie auf langen Seereisen, weil sie eine grosse Menge
  Nahrungsstoff in einem sehr kleinen Raume und auf ein kleines Gewicht
  reducirt, dabei in leicht verdaulichem Zustande enthalten. In Amerika
  werden sie bei den Streifzgen gegen die Indianer hufig angewendet.
  Vortrefflich ist der Vorschlag (1867) von =C. Thiel= (in Darmstadt),
  den Fleischzwieback durch Auslaugen von frischem, fettfreiem und fein
  gehacktem Fleisch mit kaltem Wasser und Benutzen dieser
  Fleischflssigkeit anstatt Wasser zum Anmachen eines Teiges aus Weizen-
  oder Roggenmehl darzustellen, welcher zu runden Kuchen geformt und bei
  niederer Temperatur des Backofens gebacken wird.

  Unter dem Namen =Fleischextract-Brot= oder =deutscher Fleischzwieback=
  bereitet =E. Jacobsen= in Berlin neuerdings ein haltbares Weizengebck
  mit =Liebig='schem Fleischextract zur schnellen Herstellung einer
  krftigen, nahrhaften Fleisch-Brotsuppe. 1 Pfd. dieses
  Fleischextract-Brotes entspricht 4 Pfd. Rindfleisch. Es wird in
  zehntheiligen Tafeln zu 1/4 Pfd. geliefert, deren jede also 1 Pfd.
  Fleisch entspricht und 5 grosse Teller, resp. 10 mittelgrosse Tassen
  Suppe giebt. Bei der Verwendung zerstsst oder zerklopft man die
  nthige Menge Fleischextract-Brot, bergiesst sie mit kochendem Wasser
  und giebt etwas Salz dazu. Brht man Suppenkruter (Petersilie,
  Sellerie etc.) mit dem kochenden Wasser, welches man zur Bereitung der
  Suppe aus Fleischextract-Brot verwendet, so erhlt letztere Geschmack
  und Aroma frischer Fleischbrhe. Der Fleischzwieback lsst sich auch
  roh, sowie in Wein eingebrockt geniessen und wird die leicht zu
  beherbergende Tafel dem Soldaten als eiserner Bestand sehr willkommen
  sein. Besonders drfte auch die Nachsendung dieses Fleischzwiebackes an
  die Feldlazarethe, sowie die Mitgabe desselben an die Nothhelfer auf
  dem Schlachtfelde zu empfehlen sein, da derselbe im kleinsten Raum den
  grssten Nhrwerth reprsentirt und die Bereitung einer Suppe aus
  Fleischextract allein immer noch andere Zuthaten verlangt, die im
  Augenblicke vielleicht schwierig herbeizuschaffen sind. Der
  Fleischzwieback hlt sich sehr gut, schimmelt nicht und wird trotz des
  Fettgehaltes nicht ranzig; er ist mit Gelatine berzogen, welche die
  Poren des porsen, leicht Sauerstoff aufsaugenden Gebcks verschliesst.
  In England und ebenso in Russland ist Fleischextract-Bisquit bei den
  Armeen eingefhrt, in Deutschland ist dies bis jetzt leider nicht der
  Fall[157].

  [157] In die nmliche Kategorie von Nahrungsmitteln, die Gemenge sind
        von animalischen und vegetabilischen Stoffen, gehrt die
        =Erbswurst= von =Grneberg= in Berlin (1870), deren Vorhandensein
        fr die deutsche Armee im Kriege mit Frankreich als eine wahre
        Wohlthat bezeichnet werden muss.

[Sidenote: Einsalzen des Fleisches.]

Eine andere, seit undenklichen Zeiten angewendete Methode der
Fleischconservirung durch Wasserentziehung ist das =Einsalzen mit
Kochsalz= (Pkeln), welches letztere, indem es einen Theil der
Fleischflssigkeit aufnimmt, das Fleisch entwssert. Zu gleicher Zeit
tritt ein Theil Kochsalz in die Fleischfaser ein. Beim Einsalzen wird das
ausgeschlachtete Fleisch mit Salz stark eingerieben, einige Tage liegen
gelassen und dann unter Gewichten oder einer Hebelpresse ausgepresst;
dieselbe Behandlung wird wiederholt, das Fleisch hierauf in Fsser
gepackt und mit der ausgepressten Salzlsung bergossen. Man setzt dem
Kochsalze in der Regel etwas Salpeter (ausserdem auch zuweilen Zucker)
zu, der theils gleiche Wirkung ussert, wie das Kochsalz, theils dem
Fleische eine lebhafte rothe Farbe ertheilt.

  Durch das Kochsalz wird dem Fleische aber keineswegs nur Wasser
  entzogen, =v. Liebig= fand bei seiner Untersuchung ber das Fleisch und
  seine Bestandtheile, dass in die Salzlake der dritte Theil bis die
  Hlfte der Flssigkeit bergehe, die einen Bestandtheil des frischen
  Fleisches ausmacht. Die Salzlake enthlt demnach die Hauptbestandtheile
  einer concentrirten Fleischbrhe, so dass beim Einsalzen die
  Zusammensetzung des frischen Fleisches verndert wird und zwar in einem
  noch hheren Grade, als dies durch das Kochen geschieht. Beim Kochen
  bleibt nmlich das nahrhafte Albumin im geronnenen Zustande in dem
  Fleischstcke, aber beim Einsalzen trennt sich das Albumin vom Fleisch;
  aus der bis zum Sieden erhitzten Salzlake scheidet sich das Albumin
  reichlich als Gerinnsel ab. Die Salzlake enthlt Milchsure,
  Phosphorsure, Magnesia, Kali, Kreatin und Kreatinin. Es ist hiernach
  klar, dass dem Fleische beim Einsalzen durch das Austreten der
  Fleischflssigkeit eine Anzahl von Stoffen entzogen wird, die zu seiner
  Constitution gehren, und dass damit das Fleisch im Verhltniss zu
  diesem Verluste von seiner Ernhrungsfhigkeit verliert. Wenn diese
  Bestandtheile nicht von anderer Seite ersetzt werden, so tritt
  nothwendig die Folge ein, dass das Fleisch zu einem mangelhaften und
  fr die Gesundheit nicht zutrglichen Nahrungstoffe wird. Es ist auch
  durch die Erfahrung bewiesen, dass durch gesalzenes Fleisch auf die
  Dauer hin der Gesundheitszustand eines Individuums nicht erhalten
  werden kann. Man vermuthet und gewiss nicht mit Unrecht, dass der
  Skorbut, eine Krankheit in Folge mangelhafter Beschaffenheit der Sfte,
  besonders eine Folge des Genusses von Salzfleisch sei. Um all' diesen
  Uebelstnden vorzubeugen, hat =v. Liebig= (1869) vorgeschlagen, das
  Fleisch nicht, wie es gewhnlich geschieht, mit trocknem Kochsalz,
  sondern mit einer Salzlake einzusalzen, die eine Lsung ist von
  Kochsalz, Natronsalpeter, Chlorkalium und Fleischextract. Das hierzu
  angewendete Kochsalz ist vorher durch eine Lsung von Natriumphosphat,
  von Kalk und Magnesia zu reinigen.

  Das =Cirio='sche Verfahren der Fleischconservation, welches auf der
  Pariser Industrie-Ausstellung des Jahres 1867 durch geschickte
  Benutzung der Reclame grosses Aufsehen machte, besteht in der
  Behandlung des Fleisches unter der Luftpumpe und Einpressen von
  Salzlsung. Durch den Verlust von Fleischflssigkeit, welcher mit
  =Cirio='s Conservationsmethode unabwendbar verknpft ist, wird der
  Nahrungswerth des so behandelten Fleisches betrchtlich verringert.

[Sidenote: Ruchern des Fleisches.]

Das =Ruchern des Fleisches= oder das Behandeln desselben mit Holzrauch,
um es vor Fulniss zu schtzen, lsst sich noch nicht mit Sicherheit in
jeder Beziehung auf naturwissenschaftliche Principien zurckfhren. Vor
allem spielt die Wrme des Rauches eine Hauptrolle, indem dadurch das
Fleisch so viel als mglich ausgetrocknet wird; ferner befindet sich im
Rauch das von =v. Reichenbach= entdeckte Kreosot (nach den Untersuchungen
von =Hlasiwetz=, =v. Gorup=, =Marasse= u. A. wesentlich ein Gemenge der
homologen Verbindungen C_{7}H_{8}O_{2}, C_{8}H_{10}O_{2} und
C_{9}H_{12}O_{2}), welches sich durch die Eigenschaft auszeichnet, die
albuminsen Bestandtheile des Fleisches zu coaguliren und unlslich zu
machen. Unlsliche Stoffe aber faulen entweder schwierig oder gar nicht
mehr. Dass ausserdem im Rauche enthaltener Essig (Holzessig) und noch
andere Bestandtheile des Rauches (die dem Kreosot homologe Oxyphensure,
neben der Carbolsure), bei dem Ruchern des Fleisches eine Rolle
spielen, ist sehr wahrscheinlich.

  Wenn auch die Nahrhaftigkeit des gerucherten Fleisches mit der des
  frischen nicht verglichen werden kann, so hat doch das Ruchern vor dem
  Einsalzen unbestritten den Vorzug, dass von den Bestandtheilen des
  Fleisches und der Fleischflssigkeit nichts verloren geht. Ob indessen
  das Ueberfhren gewisser lslicher Bestandtheile in den unlslichen
  Zustand durch das Ruchern nicht in Bezug auf Ernhrungsfhigkeit
  hnliche Verluste herbeifhrt, wie es beim Einsalzen durch directe
  Entziehung der Stoffe der Fall ist, ob berhaupt der Process des
  Rucherns nicht einigermaassen einem Gerbeprocess zu vergleichen ist,
  wodurch natrlich die Verdaulichkeit des Fleisches vermindert wird,
  dies sind Fragen, deren Beantwortung durch die Chemie und Physiologie
  noch zu erwarten steht.

  =Essig= ist ein recht brauchbares Mittel, Fleisch auf einige Zeit vor
  der Fulniss zu schtzen (Sauerbraten, in Essig eingelegtes Geflgel).
  Es ist wahrscheinlich, dass wir in der gegenwrtig so wohlfeil zu
  erlangenden concentrirten Essigsure ein gutes Mittel besitzen, von
  Knochen sorgfltig befreites Fleisch im Grossen zu conserviren,
  vorausgesetzt, dass der Zutritt der Luft dabei abgeschlossen werde. Um
  den Uebelstand des Auslaugens des Fleisches durch Einlegen in Essig zu
  vermeiden, ist der passende Vorschlag gemacht worden, die Essigsure
  nicht in Form von flssigem Essig, sondern dampffrmig auf das Fleisch
  wirken zu lassen.

  In neuerer Zeit hat der Franzose =Lamy= (wie schon in frherer Zeit
  =Braconnot=, =Robert=, =de Dombasle= u. A.) vorgeschlagen, Fleisch
  behufs seiner Conservirung mit =schwefliger Sure= zu behandeln.
  Fleischstcke von 2-3 Kilogr. setzt man 10 Minuten lang der Einwirkung
  von schwefligsaurem Gase aus, grssere Stcke von 10 Kilogr. lngere
  Zeit, etwa 20-25 Minuten. Die mit schwefliger Sure behandelten
  Substanzen werden einige Zeit der Luft ausgesetzt, damit die schweflige
  Sure abdunste, und dann mit einem Ueberzuge versehen, indem man mit
  Hlfe eines Pinsels eine mit Melasse versetzte Auflsung von Albumin in
  Eibischwurzelabkochung auftrgt. Neuerdings berzieht man das in
  trockner heisser Luft getrocknete Fleisch mit einer dnnen Schicht von
  Guttapercha oder Kautschuk. Zu diesem Behufe wird das zu conservirende
  Fleisch wiederholt in eine verdnnte Lsung einer der genannten
  Substanzen in Schwefelkohlenstoff oder Chloroform getaucht; ein
  2-3maliges Eintauchen ist in den meisten Fllen gengend. Dass =niedere
  Temperatur= zu den vorzglichsten Conservationsmitteln gehrt, die es
  nur giebt, ist allgemein bekannt. Fleisch in Eiskellern oder
  Eisschrnken aufbewahrt, fault nicht. Ein berraschendes Beispiel von
  der conservirenden Eigenschaft der Klte hat man in der Erhaltung der
  Mammuthe, welche man zu verschiedenen Zeiten (erst neuerdings im Jahre
  1864 wieder) noch mit smmtlichen Weichtheilen in Sibirien eingefroren
  gefunden. In England pflegt man Fische, namentlich Lachse, in Eis zu
  verpacken, um sie von den nrdlichen Gegenden Englands und Schottlands
  nach London zu transportiren. Wer in den Wintermonaten -- sagt =Fr.
  Ilisch= -- nur eine kurze Zeit in der nrdlichen Hlfte Russlands
  gelebt hat, erstaunt gewiss ber die Menge von Lebensmitteln, welche
  dort in gefrorenem Zustande Monate lang, ohne dass sie verderben oder
  auch nur ihren Geschmack ndern, aufbewahrt werden. Der grsste Theil
  von Fleisch und Fischen wird nach einem Transport von oft vielen
  hundert, ja sogar tausend Wersten in gefrorenem Zustande auf den Markt
  gebracht. Alles Geflgel und Wild, welches whrend des langen
  nordischen Winters als Leckerbissen auf den Tisch der Wohlhabenden
  kommt, wird in gefrorenem Zustande zugefhrt. Der Reisende, der bei
  strenger Winterklte entfernte Gegenden durcheilt und seine Kost oft
  fr Monate bei sich fhren muss, hat in seinem Schlitten einige
  Eisklumpen, die er durch Erwrmen in eine schmackhafte Kohlsuppe oder
  durch Aufthauen in heissem Wasser in Fleischkuchen umwandelt, und von
  denen er sich whrend seiner Reise ausschliesslich nhrt. In St.
  Petersburg giebt es grosse Niederlagen, in denen Haselhhner,
  Birkhhner etc. in Eis vergraben, ohne dass sie ihren Geschmack
  verndern, bis spt in den Sommer aufbewahrt werden. Diese einfache Art
  der Conservirung bertrifft durch ihre Resultate alle andern Methoden,
  und ihr Gelingen ist nur von einer gengenden Quantitt Eis abhngig,
  von der die Lebensmittel whrend der ganzen Zeit des Aufbewahren
  umgeben sein mssen. Das natrliche Kltemagazin mit seinem
  permanenten Gletschereis in der Dornburg bei Hadamar (in Nassau) wird
  auf Anregung des Technikers =J. Troost= gegenwrtig industriell
  ausgebeutet. Von wirthschaftlicher Bedeutung vielleicht fr Europa ist
  die Einfuhr von gefrorenem Fleische aus Sydney in Neu-Sd-Wales,
  welches mit Hlfe der =Carr='schen Ammoniak-Eismaschine zum Gefrieren
  gebracht und auf den grossen Transportschiffen im gefrorenen Zustande
  erhalten wird.




                             VI. Abschnitt.

                     Die Frberei und der Zeugdruck.

               Die Frberei und Druckerei im Allgemeinen.


[Sidenote: Frberei und Druckerei im Allgemeinen.]

Die =Frberei= hat zum Zweck, die Gespinnstfasern (meist als Gewebe, doch
auch als Garn oder zuweilen als ungesponnene Faser) mit den Farbstoffen
zu versehen und erstere dadurch in =gefrbte Zeuge= umzuwandeln. Sie
unterscheidet sich von dem Malen und Anstreichen dadurch, dass die
Farbstoffe nach bestimmten physikalischen und chemischen Grundstzen auf
die thierische und vegetabilische Faser befestigt werden, und nicht nur
auf der Oberflche durch Adhsion haften, obgleich bei dem Malen und
Anstreichen oft dieselben Substanzen wie beim Frben Anwendung finden.
Das Bedrucken der Zeuge mit Farbstoffen, die =Zeugdruckerei=, ist eine
rtliche Frberei und ein wichtiger Theil der Frberei im Allgemeinen.

[Sidenote: Farbstoffe.]

  Die zur =Frberei= angewendeten Substanzen, die =Farbstoffe=
  (Pigmente), sind theils mineralischen, theils animalischen und
  vegetabilischen, theils auch chemischen Ursprungs. Unter den
  zahlreichen =anorganischen Farbstoffen= sind nur wenige, die vermge
  ihrer Eigenschaften in der Frberei Anwendung finden knnen, und es ist
  fr sie eigenthmlich, dass sie erst auf der zu frbenden Pflanzen-
  oder Thierfaser hervorgebracht werden. Ein sehr gebruchlicher
  mineralischer Farbstoff ist z. B. das Bleichromat. Nicht aber lsst
  sich diese Substanz als solche direct in der Frberei anwenden, sondern
  man bildet sie erst aus ihren Bestandtheilen auf der Faser selbst,
  indem man dieselbe zuerst mit einer Lsung von Bleiacetat trnkt, und
  die so vorbereitete Faser sodann durch eine Lsung von Kaliumchromat
  zieht. Es bildet sich Bleichromat, das in den inneren Theilen der Faser
  niedergeschlagen, fest an derselben haftet. Andere Farbstoffe
  anorganischer Natur sind das Berliner- oder Pariserblau, das
  Eisenoxydhydrat (Rostfarbe), das Manganoxydhydrat (Bisterfarbe) und das
  Chromgrn. Von den dem =Thierreiche= entlehnten Farbstoffen wendete man
  frher den =Saft der Purpurschnecke= und den =Kermes= (_Coccus ilicis_)
  an, jetzt aber benutzt man von denselben nur noch die =Cochenille=
  (_Coccus cacti_) und eine Secretion der =Gummischildlaus= (_Coccus
  laccae_). Ein bei weitem grsserer Theil der Farbstoffe stammt aus dem
  Pflanzenreiche, und man versteht unter =vegetabilischen Pigmenten=
  diejenigen Krper, denen gewisse Pflanzen oder einzelne Theile
  derselben ihre eigenthmliche Frbung verdanken. Es scheint aus neueren
  Untersuchungen hervorzugehen, dass ein grosser Theil der sogenannten
  Farbstoffe in der Pflanze im farblosen Zustande enthalten ist, und sich
  erst unter dem Einflusse der atmosphrischen Luft frbt. Allgemeine
  Eigenschaften der vegetabilischen Farbstoffe lassen sich nicht angeben,
  da sie, ausser dem Gefrbtsein, einen gemeinsamen Charakter nicht
  besitzen. Fast smmtlich werden die Farbstoffe an feuchter Luft unter
  dem Einflusse des Sonnenlichts zersetzt (sie verschiessen). Chlor
  bleicht die Pigmente und zerstrt ihre Farbe, schweflige Sure bringt
  sie zum Verschwinden, zerstrt sie aber nicht. In Folge des glnzenden
  Aufschwungs, den die organische Chemie seit etwa zwei Jahrzehenden
  genommen, ist zu den drei genannten Arten eine neue Klasse von
  Farbstoffen gekommen, die wir =chemische Farbstoffe= nennen wollen,
  insofern sie durch die Kunst des Chemikers aus meist ungefrbten
  organischen Substanzen dargestellt werden. Letztere Farbstoffe scheinen
  die Mission zu haben, smmtliche in der Frberei bisher bliche
  vegetabilische und thierische Farbstoffe ersetzen zu sollen. Die
  chemischen Farbstoffe werden aus dem Theer dargestellt und zwar
  vorzugsweise aus fnf Bestandtheilen desselben, nmlich dem Benzol, dem
  Toluol, der Carbolsure, dem Anthracen und dem Naphtalin. Sie sind
  unter dem Namen der =Anilinfarben=, im Allgemeinen unter dem der
  =Theerfarben= (Fuchsin, Anilinblau und Violett, Martius- oder
  Manchestergelb, Anilinorange und Pikrinsure, Anilin- und
  Bismarckbraun, Corallin, Alizarin aus Anthracen, Magdalaroth,
  Anilinschwarz und Anilingrn) bekannt. Zu den chemischen Farben gehren
  auch die durch Zersetzung der Alkaloide (Cinchonin, Chinin u. dergl.)
  erhaltenen Farben, so das Chinolinblau, das Chiningrn (Thalleiochin)
  etc.; ferner auch das Zersetzungsprodukt der Harnsure, das Murexid.
  Die Entdeckung der chemischen Farbstoffe hat bereits eine Umwlzung in
  der Frberei und Farbenbereitung bewirkt, deren wirthschaftliche Folgen
  noch nicht bersehen werden knnen. Bei weiterer Untersuchung der im
  Laboratorium des Chemikers dargestellten Farbstoffe wird sich ohne
  Zweifel bei Manchem die Identitt mit in der Natur fertig gebildeten
  Farbstoffen des Pflanzen- und Thierreiches herausstellen.

[Sidenote: Lackfarben.]

  Die =Lacke= oder =Lackfarben= sind Verbindungen von Strkemehl,
  Thonerde, Zinnoxyd oder Bleioxyd (zuweilen auch Calciumcarbonat, Baryt
  und Antimonoxyd) mit dem Farbstoffe, z. B. des Krapps, der Cochenille,
  Wau, Rothholzes, der Theerfarben (namentlich des Corallins, Fuchsins,
  des Anilinvioletts) u. s. w., obgleich bestimmte Verhltnisse bis jetzt
  in den seltensten Fllen ermittelt worden sind. =Anstrichfarben=
  heissen in Wasser unlsliche Verbindungen, welche mit Leimwasser (als
  Leim- oder Wasserfarben) oder Oelfirniss (als Oelfarben) aufgetragen
  werden, z. B. Bleiweiss, Berlinerblau, Ultramarin, Chromgelb, Zinnober
  u. s. w. =Tuschfarben= sind erdige und deckende Farben, welche den
  Farbstoff in der Flssigkeit, die man zum Malen anwendet, nicht
  aufgelst, sondern nur suspendirt enthalten. =Pastellfarben= sind
  endlich Lack- und Metallfarben, mit Thon (Porcellanerde) und etwas
  Tragantschleim und hufig Seife oder Fettsubstanz gemengt und in Form
  von Stiften gebracht; sie werden trocken angewendet.

[Sidenote: Farben.]

  Die in der Frberei angewendeten Farben, welche den zu frbenden
  Gegenstand in seiner ganzen Masse frben, heissen allgemein
  =Zeugfarben=. Farben, die dagegen nur auf der Oberflche frben, nennt
  man =Malerfarben=. Letztere werden unterschieden als Saftfarben,
  Lackfarben und Anstrichfarben. Die =Saftfarben= sind in Wasser oder
  Firniss mehr oder weniger lsliche Farben, welche nicht decken, sondern
  durchscheinend (lasirend, daher Lasurfarben) sind. Hierher gehren
  Saftgrn, Gummigutt, Carminlsung, die meisten Theerfarben und
  lsliches Berlinerblau.


         A. Die aus dem Kohlentheer stammenden Farbstoffe[158].

[Sidenote: Der Kohlentheer.]

Der bei der trocknen Destillation der Steinkohlen behufs der Gas- und
Kokserzeugung in reichlicher Menge sich bildende =Theer=
(Steinkohlentheer, Kohlentheer, _coal-tar_) ist ein Gemisch von flssigen
und festen Kohlenwasserstoffen (Benzol, Toluol, Cumol, Cymol, Anthracen,
Naphtalin), mit Suren (Carbol- oder Phenylsure, Cresylsure,
Phlorylsure, Rosolsure), Basen (Anilin, Chinolin, Odorin oder Picolin,
Toluidin, Coridin etc.) und Asphalt bildenden Bestandtheilen (siehe unter
Gasbeleuchtung) in wechselnden Verhltnissen. Am Allgemeinen lsst sich
die Zusammensetzung des Theeres in 100 Theilen in folgender Weise
ausdrcken, wobei von der geringen Menge der Basen Umgang genommen
wurde:

                         Benzol             1,5
                         Naphta            35
                         Naphtalin         22
                         Anthracen          1
                         Carbolsure        9
                         Pech              31,5
                                          -----
                                          100,0

  [158] Es sei verwiesen auf folgende Werke: =G. Lunge=, Die Destillation
        des Steinkohlentheers, Braunschweig 1867; =Th. Oppler=, Theorie
        und prakt. Anwendung von Anilin, Berlin 1866; =M. Vogel=, Die
        Entwickelung der Anilinindustrie; 2. Auflage; Leipzig 1870; =M.
        Reimann=, Die Technologie des Anilins, Berlin 1866; =E. Kopp=,
        Examen des matires colorantes drives du goudron de houille,
        Saverne 1861; =M. P. Schtzenberger=, Die Farbstoffe. Bearbeitet
        von =H. Schrder=, I. und II. Band, Berlin 1868-1870; Rapports du
        Jury international, Paris 1868 (Tome VII p. 223-304); =Ad.
        Wurtz=, Dictionnaire de chimie pure et applique, Paris 1868-1871
        (Tome I et II).

  Durch Destillation des Theeres und fractionirtes Auffangen der Produkte
  erhlt man einestheils leichte Oele, aus denen man das Benzol und seine
  Homologen abscheidet, andertheils schweres Theerl, welches auf
  Carbolsure verarbeitet wird. Aus den pechartigen Theilen des Theeres
  scheidet man das Anthracen ab.

  Zur annhernden Schtzung der =Ausbeute= an den verschiedenen
  =Zwischenprodukten=, die bei der trocknen Destillation der Steinkohle
  sich bilden, mgen folgende Angaben dienen:

        100 Kilogr. Steinkohlen geben 3 Kilogr. Theer,
        100    "    Theer         "   0,75-1,0 Kilogr. Anthracen,
        100    "      "           "   3  Kilogr. Rohbenzol,
        100    "      "           "   1,5   "    reines Benzol,
        100    "      "           "   3     "    Nitrobenzol,
        100    "      "           "   2,25  "    Rohanilin,
        100    "      "           "   3,37  "    rohes Anilinroth,
        100    "      "           "   1,12  "    reines Fuchsin.

  Zur Darstellung von 1 Kilogr. reinem Fuchsin sind folglich 60 Centner
  Steinkohle erforderlich.

[Sidenote: Benzol.]

Das =Benzol= (Benzin) im chemischen Sinne ist ein flssiger
Kohlenwasserstoff von der Formel C_{6}H_{6}. Es wurde 1825 von =Faraday=
unter den Produkten der trocknen Destillation der fetten Oele entdeckt
und 1833 von =E. Mitscherlich= bei der Destillation der Benzosure mit
berschssigem Kalk aufgefunden. =Leigh= in Manchester fand es 1842 im
Steinkohlentheer, =Mansfield= dagegen war der erste, der 1847 das
reichliche Volumen des Benzols im Theer nachwies und Mittel und Wege zur
Isolirung des Benzols angab. -- Das =kufliche= Benzol ist ein Gemenge
von Benzol (bei 80,4 siedend) mit Toluol C_{7}H_{8} (Siedepunkt bei
108), Xylol C_{8}H_{10} (bei 130 siedend), Cumol C_{9}H_{10} (151
Siedepunkt) und Cymol C_{10}H_{12} (bei 175 bergehend). Die
vorherrschenden Bestandtheile sind Benzol und Toluol. Die Benzole werden
den Anilinlfarbenfabrikanten und den Producenten von Anilinfarben mit
genau bestimmtem Benzolgehalte geliefert; ein Benzol von 30-40 Proc. (d.
h. mit einem Gehalte an Benzol C_{6}H_{6} von 30-40 Proc., der Rest von
60-70 Proc. ist Toluol und Xylol) eignet sich gut zur Fabrikation von
Anilinroth, ein Benzol von 90 Proc. zur Darstellung von Anilinl fr Blau
oder Schwarz. Der Siedepunkt der zur Farbenfabrikation geeigneten Benzole
liegt zwischen 80 und 120, ihr spec. Gewicht variirt zwischen 0,85 und
0,89.

[Illustration: Fig. 265.]

[Illustration: Fig. 266.]

  Die Darstellung des Benzols geschieht aus den =leichten= Theerlen
  (demjenigen Antheil der flssigen Produkte bei der Destillation des
  Theeres, welcher unter 150 siedet). =Mansfield= wendete hierzu den
  durch Fig. 265 versinnlichten Apparat an. Das Theerl befindet sich in
  der ber der Feuerung _R_ stehenden Blase _A_. Das Gefss _C_ ist mit
  kaltem Wasser angefllt. Sobald das Oel siedet, verdichten sich die
  ersten Antheile der sich entwickelnden Dmpfe in _B_ und gelangen
  wieder nach _A_ zurck. Sobald jedoch das Wasser in _C_ auf eine
  gewisse Temperatur sich erwrmt hat, condensiren sich die flchtigsten
  Partieen des Theerles nicht mehr in _B_, sondern gelangen in den mit
  kalt erhaltenem Wasser beschickten Khlapparat _D_, und verdichten sich
  dort erst zu einer Flssigkeit, die aus der Khlschlange bei _n_ in
  den untergestellten Ballon _S_ abluft. Sobald das Wasser in _C_ bis
  zum Sieden erhitzt ist, sind alle Bestandtheile des Theerles, die bei
  100 dampffrmig bleiben, berdestillirt und in _S_ aufgefangen worden.
  Man erhlt mit diesem Apparate ein sehr reines Benzol. Mittelst des
  Hahnes _m_ kann man, nachdem das Benzol abdestillirt worden, die ber
  100 siedenden Kohlenwasserstoffe rectificiren. Der Hahn _i_ dient zum
  Entleeren der Blase. -- In den Benzolfabriken wendet man zur
  Benzolgewinnung gegenwrtig beistehend (Fig. 266) abgebildeten Apparat
  an. _A_ ist die Destillirblase, _B_ der Condensator, _C_ das
  Wasserreservoir. Bei Beginn der Destillation heizt man das Wasser in
  _C_ durch das Dampfrohr _D_, welches mit dem Dampfgenerator
  communicirt. Das Rohr _G_ trgt die Blase. _i_ dient zum Fllen, _b_
  zum Entleeren derselben. Durch _H_ wird das Condensationswasser
  abgeleitet. Zur vollstndigen Reinigung kann man das Benzol gefrieren
  lassen und die erhaltene feste Masse schnell auspressen.

[Illustration: Fig. 267.]

  Im Jahre 1860 schon hat =E. Kopp= (in Turin) die Vortheile der
  Anwendung eines Apparates zur Benzoldarstellung hervorgehoben, welcher
  den modernen Spiritusdestillirapparaten nachgebildet ist. Auf diesen
  Ideen fussend, hat 1863 =Th. Coupier= seinen Destillirapparat
  construirt, der berall, wo Benzol im Grossen dargestellt wird,
  eingefhrt ist. Er besteht, wie Fig. 267 zeigt, aus der Blase _A_, in
  welche man durch die Oeffnung _B_ die der fractionirten Destillation zu
  unterwerfenden Benzole bringt. Die Blase wird mit Dampf geheizt,
  welcher durch das Rohr _C_ zustrmt. Die aus der siedenden Flssigkeit
  sich entwickelnden Dmpfe gelangen in die als Dephlegmator wirkende
  Sule _N_, wo eine erstmalige Fractionirung stattfindet. Die
  flchtigsten Antheile der Dmpfe, welche in _N_ nicht condensirt
  werden, gelangen in den mit Chlorcalciumlsung angefllten Apparat _D_,
  welcher durch das Dampfrohr _m_ bis auf eine bestimmte, durch das
  Thermometer _t_ zu ermittelnde Temperatur gebracht wird. Der Dampf des
  Heizrohres entweicht durch _P_. Soll nun reines Benzol dargestellt
  werden, so wird die Chlorcalciumlsung bis auf 80 erwrmt. Die nach
  _G_ kommenden Dmpfe sind ein Gemenge von Benzol, Toluol etc. Da die
  Temperatur des Recipienten _G_ nicht hher als 80 ist, so verdichten
  sich darin die Dmpfe des Toluols und der brigen homologen Glieder wie
  Xylol etc., whrend die in _G_ nicht condensirbaren Dmpfe nach den
  Recipienten _H_, _I_ und _K_ gelangen, dort die letzten Spuren der
  minder flchtigen Kohlenwasserstoffe verlieren und endlich in dem mit
  kalten Wasser gespeisten Khlapparate _L_ condensirt und in dem Ballon
  _M_ aufgefangen werden. Die in _G_, _H_, _I_ und _K_ verdichtete
  Flssigkeit geht in die Sule _N_ zurck. Da der Recipient _G_ die
  schwersten Produkte enthlt, so mssen dieselben behufs der
  Dephlegmation in den unteren Theil der Sule gelangen, whrend die
  Condensationsprodukte aus _K_ in den obersten Theil der Sule geleitet
  werden. Will man kein Benzol, sondern Toluol darstellen, so erwrmt man
  die Temperatur des Chlorcalciumapparates bis auf 108 bis 109.

  Ein eigenthmliches Verfahren der Bereitung von Benzol nicht aus Theer,
  sondern aus =Steinkohlenleuchtgas= ist von =H. Caro=, =A.= und =K.
  Clemm= und =F. Engelhorn= (in Mannheim) in Vorschlag gebracht worden.
  Dasselbe beruht darauf, dass das Leuchtgas in mglichst innige
  Berhrung mit Theerlen, namentlich solchen, die einen hhern
  Siedepunkt als Benzol und Toluol haben, Petroleum, Schieferl, fetten
  Oelen oder hnlichen Krpern, gebracht wird. Die Theerle etc. lsen
  dabei das Benzol und dessen Homologen, die dann durch fractionirte
  Destillation aus ihnen abgeschieden werden knnen; nach der Abscheidung
  knnen die Oele wieder zur Aufnahme von Benzol verwendet werden. Bei
  dem immer wachsenden Bedarfe von Benzol erscheint das neue Verfahren,
  welches sehr grosse Mengen zu gewinnen gestattet, beachtenswerth. Dem
  Uebelstande, dass das Leuchtgas, welchem die Dmpfe von Benzol entzogen
  werden, namhaft an Leuchtkraft verlieren wird, liesse sich dadurch
  abhelfen, dass man das Gas nach Abscheidung des Benzol mit Dmpfen von
  Petroleumther sttigt.

[Sidenote: Nitrobenzol.]

Das Benzol wird durch die Einwirkung der Salpetersure in =Nitrobenzol=
(das wiederum ein Gemenge ist von Nitrobenzol C_{6} {(H_{5} / NO_{2}),
Nitrotoluol C_{7} {(H_{7} / NO_{2}) und Nitroxylol C_{8} {(H_{9} /
NO_{2}) bergefhrt. Das Nitrobenzol wurde 1834 von =E. Mitscherlich=
dargestellt und von =C. Collas= in Paris unter dem Phantasienamen
_Essence de Mirbane_ (Mirbanl) zuerst im Grossen dargestellt. Frher
wendete man hierzu den =Mansfield='schen Apparat an. Derselbe besteht in
einer grossen gewundenen Glasrhre, deren oberes Ende sich gabelfrmig in
zwei Rhren theilt, welche mit Eingiesstrichtern versehen sind. In den
einen dieser Trichter fliesst ein Strom concentrirter Salpetersure,
whrend der andere zur Aufnahme des Benzols bestimmt ist. An dem
Vereinigungspunkte der Trichterrhren, wo beide Krper zusammentreffen,
geht die chemische Verbindung vor sich und das neue Produkt khlt sich
beim Durchfliessen durch das schlangenfrmige Rohr so weit ab, dass es am
untern Ende aufgefangen werden kann. Es braucht nur noch mit Wasser und
zuletzt mit einer verdnnten Lsung von Natriumcarbonat gewaschen zu
werden, um zur weiteren Verarbeitung geeignet zu sein[159]. Ein weit
besseres Verfahren als das vorstehende ist die Darstellung des
Nitrobenzols mit einer Mischung von 2 Th. Salpetersure von 40 B. und 1
Th. Schwefelsure von 66 B. Man arbeitet in geschlossenen Gefssen,
welche den zur Anilinfabrikation benutzten sehr hnlich sind. Der obere
Theil des Gefsses steht durch ein Rohr mit einem Schornstein in
Verbindung, um die nitrsen Dmpfe abzuleiten, andererseits communicirt
er durch ein S frmig gebogenes Rohr mit einem Reservoir, in welchem das
Suregemenge sich befindet. Das zu nitrirende Benzol wird auf einmal in
den Apparat gebracht, whrend das Suregemisch allmlig hinzuluft. Die
Reaction wird mittelst einer Rhrvorrichtung befrdert. Ein mit dem
Kessel communicirender Khlapparat condensirt das whrend der Reaction
sich verflchtigende Benzol. Die Beendigung der Einwirkung erkennt man
daran, dass die Flssigkeiten entfrbt sind und in zwei Schichten ber
einander sich gelagert haben. Nachdem die Sure durch Zusatz von Wasser
bis auf 50 B. verdnnt worden ist, trennt man beide
Flssigkeitsschichten durch Decantation. Das Nitrobenzol wird durch
Waschen mit Wasser etc. gereinigt[160]. Gegenwrtig wendet man zuweilen
(nach =E. Kopp='s Vorschlag) bei der Darstellung des Nitrobenzols ein
Gemenge von Natriumnitrat und Schwefelsure an. 100 Kilogr. Benzol
liefern 135-140 Kilogr. Nitrobenzol.

  [159] In den Waschfssern findet sich die mit der Nitrobenzosure
        isomere =Paranitrobenzosure=.

  [160] Die abfallende salpetersurehaltige Schwefelsure dient zur
        Schwefelsurefabrikation, zum Aufschliessen der Phosphate in den
        Dngerfabriken, zur Darstellung von Eisenvitriol etc. etc.

  Den verschiedenen Benzolen entsprechen verschiedene Nitrobenzole,
  nmlich 1) =leichtes= Nitrobenzol, zwischen 205 und 210 siedend. Es
  bildet das in der Parfmerie und Seifenfabrikation massenhaft
  verwendete knstliche Bittermandell oder die _Essence de Mirbane_;
  spec. Gew. = 1,20 (= 24 B.); 2) =schweres= Nitrobenzol, zwischen 210
  und 220 destillirend. Sein eigenthmlicher Fettgeruch verhindert seine
  Anwendung in der Parfmerie; spec. Gew. = 1,19 (= 23 B.); aus diesem
  Nitrobenzol werden die Aniline fr Roth dargestellt; 3) =sehr schweres=
  Nitrobenzol, zwischen 222 und 235 destillirend; spec. Gew. = 1,167 (=
  21 B.). Sein Geruch ist unangenehm. Dieses Nitrobenzol wird
  vorzugsweise auf Anilin zum Zweck der Darstellung von Anilinblau
  verarbeitet.

[Illustration: Fig. 268.]

[Sidenote: Anilin.]

Das =Rohanilin=, welches zur Herstellung der Theer- oder Anilinfarben
dient, ist im wesentlichen ein Gemenge von Anilin C_{6}H_{7}N, Toluidin
C_{7}H_{9}N und dem (von =Rosenstiehl= entdeckten) Pseudotoluidin (isomer
mit Toluidin). Es fhrt in der Technik den Namen Anilinl. Reines
=Anilin=, so wie reines Toluidin geben fr sich nur unter gewissen
Bedingungen Farben. Das Anilin wurde zuerst 1826 von dem Chemiker
=Unverdorben= (in Dahme in der Provinz Sachsen) unter den Produkten der
Destillation des Indigs, und im Jahre 1833 von =Runge= (in Oranienburg)
als Bestandtheil des Steinkohlentheers wahrgenommen. Letzterer fand
zugleich, dass der neue Krper mit Chlorkalklsung zusammengebracht, eine
prchtig violette Frbung annehme, weshalb er =Kyanol= (oder Blaul)
genannt wurde. Staatsrath =v. Fritzsche= (in Petersburg) studirte (1841)
den von =Unverdorben= aus dem Indig erhaltenen Krper, bestimmte seine
Zusammensetzung und nannte ihn (nach _anil_, dem portugiesischen Namen
des Indigs) =Anilin=. =Zinin= endlich fand (1842), dass beim Behandeln
von Nitrobenzol mit Schwefelwasserstoff eine Base sich bildete, die er
=Benzidam= nannte. Sptere Untersuchungen von =O. L. Erdmann= und
=Hofmann= ergaben, dass der von =Unverdorben= erhaltene Krper,
Krystallin genannt, das Kyanol, das Benzidam und das Anilin identisch
seien. Der letztere Name wurde beibehalten. Um die Kenntniss des Anilins
und der Anilinverbindungen hat sich =A. W. Hofmann= hervorragende
Verdienste erworben.

  Der Theer enthlt 0,3-0,5 Proc. Anilin, jedoch die Ausscheidung des
  letztern ist mit so vielen Schwierigkeiten verknpft, dass man es
  allgemein vorzieht, das Anilin indirect durch die =Zinin='sche Reaction
  aus dem Nitrobenzol darzustellen, dadurch, dass man es mit reducirenden
  Agentien zusammenbringt. 1 Mol. Nitrobenzol C_{6}H_{5}NO_{2} = 123
  giebt 1 Mol. Anilin C_{6}H_{7}N = 93. In der Praxis nimmt man an, dass
  100 Th. Nitrobenzol 100 Th. Anilin geben.

  Obgleich das Schwefelwasserstoffgas eine vollstndige Reduction des
  Nitrobenzols zu Anilin bewirkt, so giebt man doch in der Praxis der von
  =Bchamp= eingefhrten Behandlung des Nitrobenzols mit Eisenfeile und
  Essigsure den Vorzug. Der dabei verwendete Apparat ist der von
  =Nicholson= construirte (Fig. 268). Er besteht im wesentlichen aus
  einem gusseisernen Cylinder _A_ von 10 Hektoliter Capacitt, in dessen
  Lngenaxe ein starkes Rohr bis fast auf den Boden des Cylinders
  hinabgeht. Der obere Theil dieses Rohres steht mit dem
  Bewegungsmechanismus _G_ in Verbindung, seine Oberflche ist mit
  sthlernen Flgeln versehen. Dieses Rohr dient zum Einleiten von Dampf
  und als Rhrwerk. Zuweilen wendet man anstatt des hohlen Rohres eine
  massive Welle an; in diesem Falle ist ein besonderes Dampfrohr _D_
  vorhanden. Die Oeffnung _K_ dient zum Eintragen der Materialien, durch
  _E_ entweichen die verflchtigten Produkte. _H_ dient zum Entleeren und
  Reinigen des Apparates. Das mit dem Gefsse _B_ verbundene S-frmig
  gebogene Rohr dient als Sicherheitsventil. Soll der Apparat in Gang
  gesetzt werden, so trgt man durch _K_ 10 Kilogr. Essigsure von 8 B.,
  die mit der 6fachen Gewichtsmenge Wasser verdnnt wurde, ein, hierauf
  30 Kilogr. gepulvertes Gusseisen oder Eisenfeile oder Drehspne und 125
  Kilogr. Nitrobenzol, und lsst das Rhrwerk spielen. Die Reaction tritt
  sofort unter Temperaturerhhung und Entwickelung von Dmpfen ein. Man
  trgt nach und nach neues Eisen ein, bis die Menge des zugesetzten
  Eisens 180 Kilogr. betrgt. Die whrend der Reduction des Nitrobenzols
  zu Anilin entweichenden Dmpfe verdichten sich in dem Khlapparate _F_
  und sammeln sich in dem Ballon _R_ an, und werden von Zeit zu Zeit in
  den Cylinder _A_ zurckgegeben. Nach einigen Stunden ist die Reduction
  beendigt. Die entstandene dicke Masse ist von rothbrauner Farbe und
  besteht wesentlich aus Eisenoxydhydrat, Anilin, essigsaurem Anilin,
  Eisenacetat und berschssigem Eisen. Lsst man die Essigsure aus dem
  Spiele, so geht der Process nach folgender Gleichung vor sich:

          C_{6}H_{5}NO_{2} + H_{2}O = C_{6}H_{7}N + Fe_{2}O_{3}
            Nitrobenzol.                Anilin.      Eisenoxyd.

  Sie wird entweder fr sich oder mit Kalk gemengt in gusseisernen
  Cylindern von der Form der Gasretorten entweder mit Dampf oder ber
  freiem Feuer der Destillation unterworfen. Das Produkt, aus Aceton,
  Acetanilin, Anilin, Nitrobenzol etc. bestehend, wird noch einmal
  destillirt und nur der zwischen 115 und 190 bergehende Theil
  aufgefangen. Der zwischen 210 und 220 bergehende Antheil ist
  besonders zur Darstellung von Anilinblau geeignet. Das so erhaltene
  Anilinl erscheint als eine brunliche Flssigkeit, etwas schwerer als
  Wasser und fr die Zwecke der Farbendarstellung gengend rein. Nach
  =Brimmeyr= kann man die Essigsure ganz entbehren und erzielt ein sehr
  gutes Resultat, wenn man z. B. Nitrobenzol und 60 Th. Eisenpulver unter
  Zusatz von angesuertem Wasser (2-2,5 Proc. Salzsure vom Gewicht des
  Nitrobenzols) in einer Retorte erst drei Tage zusammen in Berhrung
  lsst und dann das entstandene Anilinl abdestillirt. In der
  Anilinfabrik von =Gebr. Coblentz= in Paris reducirt man das Nitrobenzol
  durch Eisenfeile, welche zur Hlfte durch Verweilen in
  Kupfervitriollsung verkupfert wurde.

  Die Zusammensetzung des =Anilinles=, wesentlich ein Gemenge von Anilin
  mit Toluidin und Pseudotoluidin, richtet sich nach der Natur des zu
  seiner Darstellung angewendeten Benzols und Nitrobenzols. Das zwischen
  180 und 195 siedende Anilinl (spec. Gewicht = 1,014 bis 1,021 = 2-3
  B.) wird dargestellt aus Nitrobenzolen, welche zwischen 210 und 220
  sieden; das schwere Anilinl fr Anilinblau wird, wie oben bemerkt, mit
  sehr schwerem Nitrobenzol dargestellt. Anilin fr Anilinroth wird
  dargestellt mit Nitrobenzol bei 210-220 siedend, Anilinl fr
  Anilinviolett mit Nitrobenzol, welches bei 210-225 siedet. Um diese
  Siedepunktverhltnisse wrdigen zu knnen, erinnern wir an die
  Siedepunkte nachstehender Krper:

             Benzol           80      Nitrotoluol     225
             Toluol          108      Anilin          182
             Nitrobenzol     213      Toluidin        198

  Es folgt aus dem Vorstehenden, dass viele Benzole, Nitrobenzole und
  Aniline im Handel vorkommen, die man mit demselben Rechte auch Toluole,
  Nitrotoluole und Toluidine nennen knnte.

  Die =Produktion an Anilin= ist gegenwrtig (1871) eine erstaunlich
  grosse. Nach den Angaben von =J. Gessert= in Elberfeld werden jhrlich
  gegen 3,500,000 Pfd. Anilinl consumirt, davon kommen auf Deutschland
  2,000,000 Pfd., der Rest vertheilt sich auf die Schweiz, auf England
  und auf Frankreich.


                           I. _Anilinfarben._

[Sidenote: Anilinfarben.]

Aus dem Anilinl stellt man nun fabrikmssig die =Anilinfarben=
(Toluidinfarben) dar, von denen bis jetzt folgende erhalten wurden:

         1) Anilinroth,         5) Anilingelb und Anilinorange,
         2) Anilinviolett,      6) Anilinbraun,
         3) Anilinblau,         7) Anilinschwarz.
         4) Anilingrn,

[Sidenote: Anilinroth.]

1. Das =Anilinroth= oder =Fuchsin= (auch unter den Bezeichnungen Azalen,
Mauve, Solferino, Magenta, Rosen, Tyralin etc. vorkommend) ist die
Verbindung einer Base, die von =A. W. Hofmann= mit dem Namen =Rosanilin=
bezeichnet wurde, mit einer Sure, gewhnlich mit Essigsure und
Salzsure[161]. Die Base selbst ist ungefrbt, ihre Salze dagegen, welche
smmtlich leicht krystallisiren, gefrbt. Ihre Zusammensetzung wird durch
die Formel C_{20}H_{19}N_{3}, H_{2}O ausgedrckt. Sie ist auf die Weise
entstanden, dass 2 At. Toluidin sich mit 1 At. Anilin unter Austritt von
4 At. H, welche oxydirt werden, vereinigen (2C_{7}H_{9}N + C_{6}H_{7}N +
3O = 2H_{2}O + C_{20}H_{19}N_{3}, H_{2}O). Die Constitution des
Rosanilins wre demnach (C_{6}H_{4} / 2C_{7}H_{6} / H_{3})} N_{3} =
C_{20}H_{19}N_{3}. Nach den Untersuchungen =Rosenstiehls= (1869)
findet sich in allen Fuchsinsorten des Handels die mit Rosanilin isomere
Base, das =Pseudorosanilin=.

  [161] In Deutschland und in der Schweiz ist das Fuchsin das =salzsaure=
        Salz des Rosanilins C_{20}H_{19}N_{3}, ClH, in England gewhnlich
        das =essigsaure=, von der Formel C_{20}H_{19}N_{3},
        C_{2}H_{4}O_{2}.

Das Anilinroth kann aus dem Anilinl auf verschiedene Weise sich bilden,
so mit Zinnchlorid (nach =Verguin=), mit Kohlensuperchlorid (=Hofmann=
und =Natanson=), mit salpetersaurem Quecksilberoxyd
(=Gerber-Keller=)[162], mit Quecksilberchlorid (=Schnitzer=), mit
Salpetersure (=Lauth= und =Depoully=), mit Antimonsure (=Smith=), mit
Arsensure (=Medlock=, =Girard= und =de Laire=), mit Anilinl,
Nitrotoluol, Salzsure und metallischem Eisen (=Coupier=). Aus 100 Th.
Anilinl erhlt man 25 bis 33 Th. an krystallisirtem Fuchsin.

  [162] Das mit salpetersaurem Quecksilberoxyd bereitete Fuchsin wird in
        der Seidenfrberei und zum Frben von Liqueuren und
        Conditoreiwaaren unter dem Namen =Rubin= vielfach verwendet.

  Man hat meist dem =Arsensureverfahren= den Vorzug gegeben, trotzdem,
  dass die arsenhaltigen Rckstnde fr den Fabrikanten eine Quelle von
  Unannehmlichkeiten der rgsten Art werden. Nach dem Verfahren von
  =Girard= und =Delaire= erwrmt man 1 Ctr. Anilinl mit 2 Ctr.
  Arsensurehydrat von 60 B. (= 1,71 spec. Gewicht) 4-5 Stunden lang bei
  einer Temperatur, die 190-200 nicht bersteigen darf. Die sich hierbei
  bildende rothe Masse (die Fuchsinschmelze) wird in kleine Stcke
  zerschlagen, mit Wasser ausgekocht und sobald die Lsung vor sich
  gegangen ist, durch Filze oder Leinenbeutel in Krystallisirgefsse
  filtrirt. Nach 2-3 Tagen leitet man die ber den Krystallen stehende
  Mutterlauge in Gruben, welche mit Sandstein ausgelegt und innen
  getheert sind, und schlgt die darin befindliche Arsensure und
  arsenige Sure mit einer Mischung aus Schlmmkreide und Kalkhydrat
  nieder. Der Kalkniederschlag wird auf Arsenprparate verarbeitet[163].
  Die auskrystallisirte Masse wird durch Umkrystallisiren gereinigt. In
  den franzsischen Fabriken lst man die Fuchsinschmelze in Salzsure
  und Wasser auf und neutralisirt mit Soda. Hierbei scheidet sich fast
  alles Fuchsin in Form eines aus krystallinischen Blttchen bestehenden
  Kuchens aus, der durch Auskochen in Wasser gelst und dann zum
  Krystallisiren gebracht wird. Das so erhaltene Fuchsin ist stets
  arsenhaltig. Handelt es sich daher um das Frben von Spirituosen und
  Conditorwaaren, so ist ein Rosanilinsalz zu verwenden, welches mittelst
  Chlorkohlenstoff oder Quecksilberchlorid dargestellt wurde. Die =Salze
  des Rosanilins= zeigen meist im reflectirten Lichte den grnen
  metallischen Glanz gewisser Kferflgeldecken, whrend sie in
  durchfallendem Lichte roth erscheinen. Das salzsaure Salz heisst
  vorzugsweise =Fuchsin=, das essigsaure =Rosen=, das salpetersaure
  =Azalen=. Ihre Lsungen in Wasser oder Alkohol besitzen die bekannte
  prchtig carminrothe Farbe. Sie sind von usserst grosser Frbekraft; 1
  Kilogr. Fuchsin reicht hin zum Frben von 200 Kilogr. Wolle. Das
  =gerbsaure= Rosanilin ist in Wasser schwer lslich. Das Fuchsin ist
  die Grundlage fast aller brigen Anilinfarben, so giebt Fuchsin mit
  Anilinl Violett oder Blau, Fuchsin mit Jodthyl Blau oder Violett u.
  s. w. Die Wirkungsweise der Arsensure bei der Rosanilinbildung lsst
  sich auf folgende Weise vorstellen:

  (C_{6}H_{7}N / 2C_{7}H_{9}N) } = C_{20}H_{25}N_{3} + 3As_{2}O_{5}
                                        Anilinl.       Arsensure.
                           = C_{20}H_{19}N_{3} + 3As_{2}O_{3} + 3H_{2}O.
                                  Rosanilin.       Arsenige      Wasser.
                                                     Sure.

  [163] Nach =Bolley= kann man die bei der Fuchsinbereitung fallenden
        arsenhaltigen Flssigkeiten durch Destillation mit Salzsure
        wieder nutzbar machen. Verdnnt man das Chlorarsen enthaltende
        Destillat mit Wasser, so fllt arsenige Sure heraus. -- Ein
        Chemnitzer Anilinfabrikant sendet die arsenhaltigen Rckstnde
        auf die Arsenhtte nach Schwarzenberg, wo sie auf Arsen
        verarbeitet werden.

[Sidenote: Anilinviolett.]

2. Das =Anilinviolett= oder der =Anilinpurpur= (Anilen, Indisin,
Phenamen, Harmalin, Violin, Rosolan, Mauven) wurde am 26. August 1856
von =W. H. Perkins= in London entdeckt und aus dem Anilinl mittelst
Kaliumbichromat und Schwefelsure dargestellt. Spter wurde es auch auf
andere Weise erhalten, so durch Behandeln eines Anilinsalzes mit
Chlorkalklsung (=Bolley=, =Beale= und =Kirkham=), mit Mangansuperoxyd
(=Kay=) oder Bleisuperoxyd (=Price=) bei Gegenwart von Schwefelsure, mit
Kaliumpermanganat (=Williams=), mit Ferridcyankalium (=Smith=), mit Chlor
(=Smith=), mit Kupferchlorid (=Caro= und =Dale=) u. s. w. Von all' diesen
Vorschlgen hat nur der mit Kaliumbichromat industrielle Wichtigkeit
erlangt.

  Das nach diesem Verfahren erhaltene Violett hat zur Base das =Mauven=
  C_{27}H_{24}N. Von dem vorstehenden Anilinviolett ist verschieden das
  von =Girard= und =de Laire= erhaltene _Violet Imperial_, welches man
  durch Einwirkenlassen von Kaliumchromat auf ein Gemenge von Anilinl
  und salzsaurem Rosanilin bei 180 erhlt. Ein anderes Violett wird nach
  =Nicholson= durch Erhitzen von Fuchsin bis auf 200-215 erhalten. Auch
  beim Erhitzen eines Rosanilinsalzes mit berschssigem Anilin
  entstehen, ehe Anilinblau sich bildet, violette Farben, von denen (nach
  =Hofmann=)

                 die rothviolette Monophenyl-Rosanilin,
                  "  blauviolette Diphenyl-Rosanilin

  ist; letztere Verbindung geht bei weiterem Erhitzen in
  Triphenyl-Rosanilin = Anilinblau ber. Demnach ist

  Rosanilin roth                    C_{20}H_{21}N_{3}O
  Monophenyl-Rosanilin rothviolett  C_{20}H_{20}(C_{6}H_{5})N_{3}O
  Diphenyl-Rosanilin blauviolett    C_{20}H_{19}(C_{6}H_{5})_{2}N_{3}O
  Triphenyl-Rosanilin blau          C_{20}H_{18}(C_{6}H_{5})_{3}N_{3}O

Vorstehendes Violett fhrt gegenwrtig den Namen =altes Violett= oder
_Violet nonpareil_. Ausser diesem giebt es nun noch die sogenannten
=Neu=- oder =Jodviolette= (=Hofmann's Violette= oder =Dahliafarben=),
welche sich von den vorigen dadurch unterscheiden, dass in ihren Basen
nicht das Phenyl, sondern die Alkoholradikale Aethyl, Methyl und Amyl die
Substituirung vollfhren. Man erhlt sie, indem man Fuchsin in
geschlossenen Cylindern mit den =Jodren= (neuerdings jedoch meist den
Bromren) der Alkoholradikale und etwas Alkohol als Lsungsmittel auf
100-110 C. erhitzt, wobei je nach der Dauer der Einwirkung

                           Monthyl-Rosanilin
                           Dithyl-Rosanilin
                      oder Trithyl-Rosanilin

sich bildet. Die hchst thylirte Base ist blauviolett, die minder
thylirten zeigen rthliche Nancen. Die methylirten und thylirten
Violette haben vor den mit Phenyl substituirten eine grssere Brillanz
voraus. Das von =Poirrier= und =Chappat= eingefhrte _Violet de Paris_
ist das Produkt der Einwirkung von Zinnchlorid und hnlichen Agentien auf
Methyl- oder Aethyl-Anilin.

[Sidenote: Anilinblau.]

3. Das =Anilinblau= (Azulin, Azurin) wurde am 2. Januar 1861 von =de
Laire= und =Girard= erhalten, indem sie ein Gemenge von Fuchsin mit
Anilinl einige Stunden lang erhitzten und das Produkt mit Salzsure
aufnahmen. Das so erhaltene Blau ist unter dem Namen _Bleu de Paris_ oder
_Bleu de Lyon_ in den Handel gekommen. Es erscheint im trocknen Zustande
kupferglnzend, ohne die Beimischung von grn oder gelb, welche das
Fuchsin und das Anilinviolett charakterisirt. Um das Anilinblau zu
reinigen, lst man es in concentrirter Schwefelsure und digerirt die
Lsung 1-1/2 Stunden lang bei 150 C. Durch Zusatz von Wasser wird das
Blau aus der Lsung in modificirter und in Wasser lslicher Form
abgeschieden. Letzteres heisst _Bleu soluble_. Unter den Bildungsweisen
des Anilinblau auf anderen Wegen sei angefhrt die aus Rosanilin und
Aldehyd (=Lauth=), aus Rosanilin und rohem Holzgeist (=E. Kopp=), aus
Rosanilin und alkalischer Schellacklsung (nach =Gros-Renaud= und
=Schffer=), wodurch das sogenannte _Bleu de Mulhouse_ sich bildet,
ferner durch Oxydation von Methylanilin (=J. Wolff=), aus Rosanilin und
bromirtem Terpentinl (=Perkins=), aus Rosanilin und Isopropyljodid
(=Wanklyn=), aus Rosanilin und Aethylenjodid und -bromid (=M. Vogel=),
aus Rosanilin und Jod- und Bromaceton (=Smith= und =Sieberg=).

  Die Umwandelung des salzsauren Rosanilins (Fuchsins) durch Erhitzen mit
  Anilinl in Anilinblau geht nach folgender Gleichung vor sich:

  C_{20}H_{19}N_{3}, ClH + 3C_{6}H_{7}N =
    Rosanilinsalz.          Anilin.
                      C_{20}H_{16}(C_{6}H_{5})_{3}N_{3}, HCl + 3NH_{3}
                                   Anilinblau.                Ammoniak.

  Das mit Rosanilin und Anilinl dargestellte Anilinblau ist Rosanilin
  (C_{6}H_{4} / 2C_{7}H_{6} / H_{3})} N_{3}, in welchem die 3 At.
  basischen Wasserstoffs durch 3 At. Phenyl C_{6}H_{5} ersetzt wurden,
  mithin Triphenyl-Rosanilin, dessen salzsaure Verbindung die Formel hat
  C_{38}H_{32}N_{4}Cl. Erhitzt man ein Rosanilinsalz mit Toluidin, so
  erhlt man das analoge =Toluidinblau= (Tritolyl-Rosanilin)
  C_{41}H_{37}N_{3} = C_{20}H_{16}(C_{7}H_{7})_{3}N_{3}. Erhitzt man
  Anilinblau, so findet sich unter den Produkten der trocknen
  Destillation =Diphenylamin= C_{12}H_{11}N, weisse Krystalle bildend,
  welche mit Salpetersure bergossen sich prachtvoll blau frben. Das
  Diphenylamin und seine Homologen, namentlich das Phenyltolylamin
  C_{13}H_{13}N, welches bei der trocknen Destillation des sogenannten
  =Bleuin= C_{39}H_{33}N_{3} sich bildet, wendet man seit einiger Zeit
  zur Darstellung von neuen Blauvarietten an. =A. W. Hofmann= fand,
  dass, wenn man, wie oben bemerkt, Rosanilin mit Jodthyl oder Jodamyl
  lngere Zeit erhitzt, sich als hchst thylirtes oder amylirtes Produkt
  (Trithyl-Rosanilin oder Triamyl-Rosanilin) Anilinblau (Jodblau)
  bildet. Auch durch Einschieben von Naphtyl in Fuchsin lsst sich (nach
  =J. Wolff=) prchtiges Blau (=Naphtylblau=) erhalten. -- Eine Sorte
  Anilinblau, welche bei knstlichem wie bei Tageslichte rein blau
  erscheint, heisst _Bleu de lumire_ oder _Bleu de nuit_, eine andere
  ins Violette schimmernde Nance _Bleu de Parme_.

[Sidenote: Anilingrn.]

4. Das =Anilingrn= existirt in zwei verschiedenen Varietten, nmlich
als Aldehydgrn und als Jodgrn. Das =Aldehydgrn= (Emeraldin) wurde im
Jahre 1863 von =Cherpin= (Chemiker in der Fabrik von =Usbe= zu
Saint-Ouen) durch Behandeln einer mit Schwefelsure versetzten Lsung von
schwefelsaurem Rosanilin mit Aldehyd, wobei man vorsichtig erhitzt, bis
die Lsung eine dunkelgrne Farbe angenommen hat, erhalten. Das
Aldehydgrn ist schwefelhaltig. Nach =A. W. Hofmann= ist seine
Zusammensetzung der Formel C_{22}H_{27}N_{3}S_{2}O entsprechend. Dann
setzt man Natriumhyposulfit hinzu und kocht einige Minuten. Alles Grn
bleibt in Lsung und dient so zum Frben der Seide. Das Natriumhyposulfit
kann durch Schwefelammon oder durch Schwefelwasserstoff ersetzt werden.
Durch ein Gemenge von Kochsalz und Natriumcarbonat kann die grne Farbe
aus der Lsung gefllt werden. Sie wird in einer Mischung von 2 Th.
Schwefelsure und 50-70 Th. Alkohol gelst. Das Anilingrn ist von
prchtiger Nance, besonders bei Kerzenlicht, wodurch es sich von jedem
anderen Grn vortheilhaft unterscheidet. Die zweite Art Anilingrn ist
das 1863 von =A. W. Hofmann= entdeckte =Jodgrn= (_vert  l'iode_),
welches als Nebenprodukt bei der Fabrikation der durch Methylirung und
Aethylirung aus dem Rosanilin gebildeten violetten Farbstoffe (=Hofmann's
Violett=) entsteht.

  Man erhlt es auf folgende Weise: 1 Th. essigsaures Rosanilin, 2 Th.
  Jodmethyl und 2 Th. Methylalkohol erhitzt man unter hohem Drucke
  mehrere Stunden lang. Nach beendigtem Erhitzen hat man ein Gemenge
  violetter und grner Farbstoffe in Methylalkohol gelst. Nachdem die
  flchtigen Produkte durch Destillation entfernt sind, bringt man das
  Gemisch der Farbstoffe in eine grosse Menge siedenden Wassers. Das Grn
  lst sich vollstndig, die violetten Farbstoffe bleiben ungelst. Das
  Grn wird aus der Lsung durch eine kaltgesttigte Lsung von
  Pikrinsure in Wasser gefllt. Das Pikrat des Jodgrns wird auf einem
  Filter gesammelt, flchtig mit Wasser gewaschen und nach dem Abdampfen
  _en pte_ in den Handel gebracht. Im krystallisirten Zustande hat das
  (pikrinsurefreie) Jodgrn die Formel C_{25}H_{33}N_{3}OJ_{2}.

[Sidenote: Anilingelb.]

5. =Anilingelb= und =Anilinorange=. Bei der Darstellung von rothen Farben
aus Anilinl entsteht neben Fuchsin stets ein harzhnlicher Krper, aus
welchem =Nicholson= einen prchtigen gelben Farbstoff, das =Anilingelb=,
=Anilinorange=, =Aurin= oder =salzsaures Chrysanilin= isolirte, welcher
Wolle und Seide schn gelb frbt. Das Chrysanilin ist eine Base und hat
die Formel C_{20}H_{17}N_{3}. Das interessanteste Salz derselben ist das
Nitrat, welches unlslich ist in Wasser. Die Darstellung des
Chrysanilingelbes ist hchst einfach. Der Rckstand von der Bereitung des
Fuchsins wird mit Wasserdmpfen behandelt; sobald sich eine gewisse Menge
von Base gelst hat, fllt man das Chrysanilin mittelst Salpetersure.
=Schiff= erhielt Anilingelb durch Einwirkenlassen von Antimonsure- oder
Zinnsurehydrat auf Anilin, =M. Vogel= durch die Einwirkung von
salpetriger Sure auf eine alkoholische Lsung von Rosanilin. Letzteres
Anilingelb hat die Formel C_{20}H_{19}N_{2}O_{6} und ist in Alkohol,
nicht in Wasser lslich.

[Sidenote: Anilinschwarz und Anilinbraun.]

6. Das =Anilinschwarz= C_{6}H_{7}NO_{6} (ein dunkles Anilingrn,
entstanden durch die Einwirkung oxydirender Agentien auf Anilinl), von
J. von =Fritzsche= bereits im Jahre 1843 wahrgenommen, wurde frher aus
den Rckstnden von der Bereitung von Anilinviolett mit Kaliumbichromat
dargestellt, gegenwrtig aber erhalten durch Einwirkenlassen von
Kaliumchlorat und Kupferchlorid auf salzsaures Anilin (=Lightfoot=). Wie
=Cordillot= nachgewiesen, kann das chlorsaure Kali und das Kupferchlorid
durch Ferridcyanammonium, oder nach =Lauth= durch frischgeflltes
Schwefelkupfer ersetzt werden. Letzteres wirkt nach =Bolley=, indem es
sich zu Kupfervitriol oxydirt und zugleich Sauerstoff auf das Anilin
bertrgt. Das nach letzterem Verfahren erhaltene Schwarz, welches seiner
Unlslichkeit wegen auf dem zu frbenden Stoffe selbst erzeugt werden
muss, ist auch =schwarzer Indig= oder =Indigschwarz=, genannt worden. Ein
neueres Anilinschwarz ist das =Lukasschwarz= (Peterson's Schwarz), dessen
werthvollste Eigenschaft darin besteht, dass es bereits Farbe ist und zu
seiner Entwickelung nur noch schwach oxydirt zu werden braucht. Es ist
eine schwarze flssige Masse aus salzsaurem Anilin und essigsaurem Kupfer
bestehend, die mit Kleister vermischt aufgedruckt wird. Das Schwarz
oxydirt sich von selbst an der Luft; die Oxydation wird aber
beschleunigt, wenn man die Stoffe in einem feuchten Raume bei 40
aufhngt. Man verwendet das Anilinschwarz in der Frberei und
Zeugdruckerei.

  7. Das =Anilinbraun= (Havannabraun) stellt man nach =de Laire= durch
  Erhitzen eines Gemenges von Anilinviolett oder Anilinblau mit
  salzsaurem Anilin bis auf 240 C. dar, bis die Farbe der Mischung in
  Braun bergeht. Das so erhaltene Braun ist in Wasser, Alkohol und
  Suren lslich und kann unmittelbar zum Frben benutzt werden.
  Gewhnlich ist das, was der Frber unter dem Namen Anilinbraun erhlt,
  zu hoch erhitzte (verbrannte) Fuchsinschmelze. Ein anderes Anilinbraun
  (=Bismarckbraun=) gewinnt man durch Schmelzen von Fuchsin mit
  salzsaurem Anilin.


                        II. _Carbolsurefarben._

[Sidenote: Farbstoffe aus Carbolsure.]

Aus den bei 150-200 bergehenden Antheilen des schweren
Steinkohlentheerls besteht die =Carbolsure= (Phenylsure, Phenol). Sie
erscheint, so wie sie von =E. Seil= in Offenbach, von =C. Calvert u. Co.=
in Bradford und von =Ch. Lwe= & =Co.= in Manchester in den Handel
geliefert wird, als eine krystallinische Masse, die an der Luft schwach
gerthet wird, bei 34C. schmilzt und bei 186 siedet. Sie ist (nach
=Laurent='s Methode durch Behandeln des schweren Theerles mit Alkalien
dargestellt) ein Gemenge der drei homologen Krper oder Phenole:

                       Carbolsure C_{6}H_{6}O
                       Kresylsure C_{7}H_{8}O
                       Phlorylsure C_{8}H_{10}O.

Sie lst sich in 33 Th. Wasser. Die =Calvert='sche Carbolsure, wie sie
die Farbenfabriken verwenden, wird dargestellt, indem man ein Gemenge
der =Laurent='schen Sure mit Wasser abkhlt. Bei +4 C. scheidet sich
Carbolsurehydrat C_{6}H_{6}O + H_{2}O aus, welches durch Entziehung des
Wassers in reine Carbolsure bergeht, die bei 41 schmilzt. Sie findet
ausser als Conservationsmittel (von Bauholz und Eisenbahnschwellen) auch
als Antisepticum z. B. zum Einbalsamiren, in der Pergament- und
Darmsaitenfabrikation, in den Leimfabriken und als Desinfectionsmittel
fr Aborte, Schlachthuser, Stlle, Kfige und zum Ruchern von
Krankenzimmern und Schiffsrumen etc. etc. Anwendung. Aber wol 50 Proc.
der gegenwrtig fabricirten Carbolsure dienen zur Darstellung folgender
Farbstoffe:

              1) der Pikrinsure,         4) des Corallin,
              2) des Phenylbrauns,        5) des Azulin.
              3) des Grnat soluble.

[Sidenote: Pikrinsure.]

1) Die =Pikrinsure= (Trinitrophenylsure) C_{6}H_{3}(NO_{2})_{3}O, durch
die Einwirkung von Salpetersure auf Carbolsure oder besser noch durch
Behandeln von krystallisirtem phenylschwefelsaurem Natrium mit
Salpetersure erhalten, ist eine aus gelben Blttchen bestehende Masse,
die sich schwer in kaltem Wasser, leicht in heissem Wasser und in Alkohol
lst. Sie findet besonders zum Gelbfrben und in Verbindung mit
Anilingrn (Jodgrn), Indig oder Berlinerblau zum Grnfarben der Seide
und Wolle Anwendung[164].

  [164] Es ist in neuerer Zeit vorgekommen, dass anstatt der reinen
        (nicht explosionsfhigen) Pikrinsure das =Natronsalz= derselben
        (von Elberfeld aus) unter dem Namen =Pikrinsure= und
        =Anilingelb= in den Handel gebracht worden ist und durch seine
        explodirenden Eigenschaften zu grossen Unglcksfllen
        Veranlassung gegeben hat.

  In Frankreich stellt man jhrlich gegen 80-100,000 Kilogr. Pikrinsure
  dar, die indessen nicht nur zum Frben, sondern auch in namhafter Menge
  zur Bereitung des Pikratpulvers (vergl. Seite 168) Verwendung findet.
  Von der mit der Pikrinsure homologen =Trinitrokresylsure= kommt das
  Ammoniaksalz unter dem Namen =Victoriaorange= oder _Jaune anglais_ im
  Handel vor. Pikrinsure giebt beim Behandeln mit Cyankalium die
  Isopurpursure, Trinitrokresylsure die Kresylpurpursure (=v.
  Sommaruga=), deren Kalium- und Ammonsalze das Granatbraun bilden.

[Sidenote: Phnicienne.]

  2) Die =Phnicienne= oder das =Phenylbraun= ist ein 1865 von =Roth=
  dargestellter und in der Seiden- und Wollfrberei angewendeter
  Farbstoff, welcher durch die Einwirkung einer Mischung von
  Schwefelsure und Salpetersure auf Carbolsure sich bildet. Das
  Phenylbraun ist ein amorphes Pulver, das ein Gemenge aus zwei
  Farbstoffen, einem gelben (nach =P. Bolley= Dinitrophenol
  C_{6}H_{4}(NO_{2})_{2}O) und einem schwarzbraunen, den Humuskrpern
  sich anreihenden, sein soll.

[Sidenote: Granatbraun.]

3) Das =Grnat soluble= oder =Granatbraun=, welches in neuester Zeit von
=J. Casthelaz= in Paris als Ersatzmittel der Orseille in die Frberei
eingefhrt wurde, ist nichts anderes als das vor lngerer Zeit von
=Hlasiwetz= in Wien entdeckte =isopurpursaure Kalium=, welches bei der
Einwirkung von Cyankalium auf eine Lsung von Pikrinsure (nach der von
=Zulkowsky= angegebenen Gleichung) auf folgende Weise sich bildet:

              C_{6}H_{3}(NO_{2})_{3}O + 3KCN + 2H_{2}O =
                    Pikrinsure       Cyankalium

               C_{8}H_{4}KN_{5}O_{6} + NH_{3}  + K_{2}CO_{3}
                  isopurpursaur.      Ammoniak  kohlensaures
                     Kalium                       Kalium.

Da das Granatbraun bei schwacher Reibung schon mit grosser Heftigkeit
explodirt, so kommt es in Teigform (_en pte_) in den Handel. Zur
Verhtung des Austrocknens des Teiges ist derselbe mit etwas Glycerin
versetzt.

[Sidenote: Corallin.]

4) Das =Corallin= (oder =Paeonin=), ein scharlachrother Farbstoff,
entsteht nach =Kolbe= und =R. Schmidt= durch Erhitzen eines Gemenges von
Carbolsure, Oxalsure und Schwefelsure, bis die Farbe sich gengend
entwickelt hat; nach beendigter Reaction wscht man mit siedendem Wasser,
um die berschssige Sure zu entfernen; die zurckbleibende Substanz
wird getrocknet und gepulvert und bei einer Temperatur von 150 der
Einwirkung von Ammoniak ausgesetzt.

  In welcher Beziehung das Corallin zu der von =Runge= im Theer
  entdeckten =Rosolsure= steht, ist noch zu ermitteln. Nach den
  Untersuchungen von =H. Caro= wren beide Krper identisch. Die
  Rosolsure C_{20}H_{16}O_{3} entstehe (hnlich wie Rosanilin aus Anilin
  und Toluidin sich bilde) aus Carbolsure und Kresylsure nach folgender
  Gleichung:

        C_{6}H_{6}O + 2C_{7}H_{8}O = C_{20}H_{16}O_{3} + 3H_{2}
        Carbolsure.  Kresylsure.       Rosolsure.

[Sidenote: Azulin.]

  5) =Azulin= (Phenylblau). Erhitzt man Corallin mit Anilinl, so erhlt
  man nach =J. Persoz= und =Guinon-Marnas= einen blauen Farbstoff,
  welcher den Namen Azulin (Azurin) erhielt.

[Sidenote: Farbstoff direct aus Nitrobenzol.]

  Aus dem =Nitrobenzol= direct hat man ebenfalls Farbstoffe darzustellen
  versucht. Nach =Laurent= und =Casthelaz= erhlt man einen rothen
  Farbstoff, das =Erythrobenzin=, wenn man 12 Th. Nitrobenzol, 24 Th.
  Eisenfeile und 6 Th. Salzsure 24 Stunden lang bei gewhnlicher
  Temperatur stehen lsst. Es bildet sich eine feste harzhnliche Masse,
  welche man mit Wasser auszieht; die Lsung wird mit Kochsalz gefllt.
  Die so erhaltene Farbe ist zum Drucken und Frben anwendbar und soll
  das Fuchsin zu ersetzen (?) im Stande sein.


                         III. _Naphtalinfarben._

[Sidenote: Naphtalin.]

Das =Naphtalin= C_{10}H_{8} ward 1820 von =Garden= im Steinkohlentheer
entdeckt und spter von =Faraday=, =A. W. Hofmann=, =M. Ballo= u. A.
nher untersucht. Nach =Berthelot= kann man es synthetisch darstellen,
indem man in dem Benzol 2 At. Wasserstoff durch 2 At. Acetylen
(C_{2}H_{2}) ersetzt:

  C_{6}H_{6} - 2H + 2C_{2}H_{2} = C_{6}H_{4}(C_{2}H_{2})_{2} =
    Benzol             Acetylen                               C_{10}H_{8}
                                                               Naphtalin

Das Naphtalin erscheint in sehr dnnen rhombischen Blttchen von
eigenthmlichem, etwas an Storax erinnerndem Geruche und brennendem
Geschmacke, die nach dem Schmelzen und Erstarren blendendweisse
krystallinische Massen von 1,151 spec. Gew. bilden. Es schmilzt zwischen
79 und 80 und siedet bei 216 und 218C. Durch die Einwirkung von
Salpetersure geht es in die =Phtalsure= ber, die je nach Umstnden
durch Abspalten von Kohlensure entweder in Benzol oder in
Benzosure[165] bergefhrt werden kann:

           [Greek: a]) C_{8}H_{6}O_{4} - 2CO_{2} = C_{6}H_{6}
                         Phtalsure                   Benzol;

         [Greek: b]) C_{8}H_{6}O_{4} - CO_{2} = C_{7}H_{6}O_{2}
                         Phtalsure               Benzosure.

  [165] Die Benzosure, die gegenwrtig in erstaunlicher Menge zur
        Herstellung gewisser Theerfarben und anderer chemisch-technischen
        Prparate consumirt wird, stammt nicht mehr aus dem Benzoharze,
        sondern ist entweder ein Umsetzungsprodukt der Hippursure des
        Pferdeharnes oder ein Abkmmling des Naphtalins. Die
        Naphtalin-Benzosure lsst sich auf zweierlei Weise darstellen,
        entweder dadurch, 1) dass man das Naphtalin in Phtalsure
        berfhrt und dieselbe durch Erhitzen mit Kalk in Calciumbenzoat
        berfhrt, aus welchem man durch Salzsure die Benzosure
        abscheidet; oder 2) indem man die Phtalsure in Phtalimid
        C_{8}H_{5}NO_{2} berfhrt, letzteres durch Destillation mit Kalk
        in Benzonitril C_{7}H_{5}N umwandelt und das Benzonitril durch
        Kochen mit Natronlauge in Natriumbenzoat umsetzt, aus dessen
        Lsung die Benzosure durch Salzsure gefllt wird.
        Beachtenswerth ist ausserdem das von =Merz= (1868) aus
        Cyannaphtyl abgeleitete Benzosure-Surrogat, die =Naphtosure=
        von der Formel C_{11}H_{8}O_{2} (Vergl. Jahresbericht der chem.
        Technologie 1868 u. 1870).

  Zwischen den Abkmmlingen des Benzols und des Naphtalins findet grosse
  Analogie statt und zwar nicht nur in Bezug auf Zusammensetzung und
  Reactionen, sondern auch hinsichtlich der physikalischen und chemischen
  Eigenschaften. Die Analogie in der Zusammensetzung ergiebt sich aus
  folgender Zusammenstellung:

                Benzol (Phenylhydrr) C_{6}H_{6}
                Nitrobenzol C_{6}H_{5}(NO_{2})
                Anilin C_{6}H_{7}N
                Rosanilin C_{20}H_{19}N_{3}
                Naphtalin (Naphtylhydrr) C_{10}H_{8}
                Nitronaphtalin C_{10}H_{7}(NO_{2})
                Naphtylamin C_{10}H_{9}N
                Base des Naphtalinroth C_{30}H_{21}N_{3}.

  Die dem Anilin entsprechende Base, das =Naphtylamin= C_{10}H_{9}N wird
  genau so wie das Anilin aus dem Benzol dargestellt, indem man das
  Naphtalin mit einem Gemische von concentrirter Schwefelsure und
  Salpetersure in Nitronaphtalin berfhrt und dieses nach dem
  =Bchamp='schen Verfahren (vergl. Seite 659) zu Naphtylamin reducirt.
  Wie =M. Ballo= (1870) gezeigt hat, kann man das Naphtylamin aus der mit
  Eisen und Essigsure reducirten Masse sehr leicht mit Wasserdmpfen
  berdestilliren. Das Naphtylamin krystallisirt in weissen Nadeln,
  schmilzt bei 50 und siedet bei etwa 300. Es schmeckt scharf und
  bitter und ist fast unlslich in Wasser.

  Das Naphtylamin dient zur Darstellung folgender Farbstoffe:

          1) des Martiusgelb;      3) des Naphtalinvioletts und
          2) des Magdalaroth;      4) des Naphtalinblau.

[Sidenote: Martiusgelb.]

1) Das =Martiusgelb= (Manchestergelb, Naphtalingelb, _Jaune d'or_) ist
die Calcium- oder Natriumverbindung der =Binitronaphtalinsure=
(C_{10}H_{6}(NO_{2})_{2}O), die man erhlt, indem man zu einer Lsung von
salzsaurem Naphtylamin Natriumnitrit setzt, bis alles Naphtylamin in
Diazonaphtol bergegangen ist. Die Flssigkeit, welche salzsaures
Diazonaphtol enthlt, wird mit Salpetersure gemischt und bis zum Sieden
erhitzt. Die Binitronaphtylsure scheidet sich dabei in kleinen gelben
Nadeln aus. Die Umwandlung des Naphtylamins in Binitronaphtylsure
(Binitronaphtol) lsst sich durch folgende Gleichungen ausdrcken:

    [Greek: a]) C_{10}H_{9}N + HNO_{2} = 2H_{2}O + C_{10}H_{6}N_{2}
                Naphtylamin                         Diazonaphtol;

    [Greek: b]) C_{10}H_{6}N_{2} + 2HNO_{3} = 2N + H_{2}O +
                  Diazonaphtol                   C_{10}H_{6}(NO_{2})_{2}O
                                                   Binitronaphtylsure.

  Wie =M. Ballo= gezeigt, kann indessen letztere Sure direct durch die
  Einwirkung von Salpetersure auf Naphtylamin sich bilden. Das
  Martiusgelb frbt Wolle und Seide in allen Tnen vom hellen
  Citronengelb bis tief Goldgelb ohne Mordant. Mit 1 Kil. der trocknen
  Calcium- oder Natriumverbindung, kann man gegen 200 Kil. Wolle noch in
  schnem Gelb ausfrben. Eine Haupteigenschaft des Martiusgelb ist, dass
  es sich auch dmpfen lsst, whrend die Pikrinsure mit den
  Wasserdmpfen sich verflchtigt. In England findet es hufig Anwendung
  zum Nanciren von Magenta.

[Sidenote: Magdalaroth.]

2) Das =Magdalaroth= (Naphtalinroth) C_{30}H_{21}N_{3}, von =Schiendl= in
Wien 1867 entdeckt und von =Durand=, =Ch. Kestner=, =A. W. Hofmann= u. A.
nher untersucht, entsteht aus dem Naphtylamin, indem von 3 Mol.
desselben 3 Wasserstoffmolekle sich abspalten:

               3C_{10}H_{9}N - 3H_{2} = C_{30}H_{21}N_{3}
                Naphtylamin               Magdalaroth.

Im Grossen zerfllt die Darstellung des Magdalaroth in _zwei_ Phasen. In
der _ersten_ geht das Naphtylamin durch die Einwirkung von salpetriger
Sure in Azodinaphtyldiamin ber

    [Greek: a]) 2C_{10}H_{9}N + HNO_{2} = 2H_{2}O + C_{20}H_{15}N_{3}
                 Naphtylamin                       Azodinaphtyldiamin;

In der _zweiten_ Phase, in welcher man das Azodinaphtyldiamin mit
Naphtylamin behandelt, bildet sich Magdalaroth:

  [Greek: b]) C_{20}H_{15}N_{3} + C_{10}H_{9}N = C_{30}H_{21}N_{3}
             Azodinaphtyldiamin   Naphtylamin       Magdalaroth.
                                                                 + NH_{3}

  Das Magdalaroth indessen, wie es im Handel in Form eines
  schwarzbraunen, undeutlich krystallinischen Pulvers vorkommt, ist das
  Chlorid einer Base von obengenannter Zusammensetzung. An Frbekraft
  steht das Magdalaroth dem Fuchsin nicht nach, bertrifft es aber durch
  seine bemerkenswerthe Bestndigkeit. Mit Jodmethyl und Jodthyl liefert
  das Naphtalinroth violette und blaue Farbderivate.

[Sidenote: Naphtalinblau und Naphtalinviolett.]

  3) und 4) =Violette= und =blaue Naphtalinfarbstoffe= lassen sich auf
  verschiedene Weise erzeugen, so durch Phenyliren, Naphtyliren, Methyl-
  und Aethyliren von Magdalaroth, ferner durch Behandeln von Naphtylamin
  mit Quecksilbernitrat (=Wilder=), durch Substitution von Wasserstoff in
  dem Anilin und Toluidin durch Naphtyl C_{10}H_{7} (=J. Wolff=, der
  bereits 1867 auf diese Weise prchtiges =Naphtylblau= erhalten hat),
  aus Rosanilin und Monobromnaphtalin, so wie aus Rosanilin und
  Naphtylamin (=M. Ballo=). =Blumer-Zweifel= einerseits und =A.
  Kielmeyer= andererseits haben endlich in neuester Zeit
  Naphtylaminviolett auf Baumwolle und leinenem Stoff durch Behandeln von
  Naphtylamin auf dem Stoffe selbst mit Kupferchlorid, Kaliumchlorat,
  kurz mit allen jenen Agentien erzeugt, durch die man Anilinschwarz
  (vergl. Seite 663) hervorzurufen im Stande ist[166].

  [166] Es liegt auf der Hand, dass man durch Combinationen von
        geeigneten Anilin-, Naphtyl- und Cetylverbindungen die
        verschiedensten Arten von Blau und Violett darstellen kann, so
        wurden (durch die von =J. Wolff= in gleicher Richtung
        ausgefhrten Arbeiten angeregt) bei Laboratoriumversuchen bereits
        im Sommer 1867 blaue Farbstoffe erhalten 1) aus Fuchsin und
        Naphtylbromr; 2) aus Fuchsin und Cetylbromr; 3) aus
        Naphtylaminfuchsin mit Anilinl; 4) aus Cetylaminfuchsin mit
        Anilinl; 5) aus Naphtylaminfuchsin mit Cetylamin; 6) aus
        Cetylaminfuchsin mit Naphtylamin.


                         IV. _Anthracenfarben._

[Sidenote: Anthracenfarben.]

Das =Anthracen= (Paranaphtalin, Photen) C_{14}H_{10}, im Kohlentheer in
der Menge von 0,75-1,0 Proc. sich findend, wurde im Jahre 1831 von =J.
Dumas= entdeckt und im Jahre 1869 zuerst von =C. Graebe= und =C.
Liebermann= zur Fabrikation von Anthracenroth (knstlichem Alizarin)
angewendet. Das Anthracen kommt in den letzten Produkten der Destillation
des Steinkohlentheers vor und findet sich vorzugsweise in den zuletzt
bergehenden dickflssigen Produkten, die unter dem Namen _Green Grease_
frher in England als Schmiermittel vielfach Anwendung fanden. Das _Green
Grease_ besteht aus schweren Oelen, etwas Naphtalin und etwa 20 Proc.
Anthracen; durch Centrifugiren und starkes Pressen erhlt man
Rohanthracen (mit 60 Proc. Reingehalt), welches man durch Behandeln mit
Petroleumnaphta in der Wrme, Centrifugiren, Schmelzen und Sublimation in
reines Anthracen berfhrt.

Das Anthracen erscheint in kleinen, geruch- und geschmacklosen, weissen
Blttchen, die bei 215 schmelzen und bei hherer Temperatur unzersetzt
berdestilliren, sich wenig in Alkohol und Benzol, leichter in
Schwefelkohlenstoff lsen, mit Pikrinsure eine in rubinrothen Krystallen
auftretende Verbindung bilden, durch die Einwirkung oxydirender Mittel in
Anthrachinon (Oxanthracen, Oxyphoten) C_{14}H_{8}O_{2} bergehen, welches
letztere auf Umwegen in Alizarin C_{14}H_{8}O_{4} bergefhrt wird.

  Nach der ursprnglichen Methode der Darstellung des =Alizarins= wurde
  das durch oxydirende Agentien wie Salpetersure aus dem Anthracen
  erhaltene =Anthrachinon= C_{14}H_{8}O_{2} durch Bromiren in
  Bibrom-Anthrachinon C_{14]H_{6}Br_{2}O_{2} bergefhrt und letzteres
  durch Erhitzen mit Aetzkali als Aetznatron bei einer Temperatur von
  180-200 C. in Alizarin-Kalium umgewandelt, aus welchem man dann mit
  Salzsure das Alizarin ausfllte:

  [Greek: a]) C_{14}H_{6}Br_{2}O_{2} + 4KOH = C_{14}H_{6}K_{2}O_{4}
                Bibrom-Anthrachinon             Alizarin-Kalium.
                                                         + 2BrK + 2H_{2}O

  [Greek: b]) C_{14}H_{6}K_{2}O_{4} + 2ClH = C_{14}H_{8}O_{4} + 2ClK
                 Alizarin-Kalium                Alizarin.

  Gegenwrtig stellt man das Alizarin aus dem Anthrachinon dar, indem man
  dasselbe durch Behandeln mit Schwefelsure von 1,84 spec. Gew. bei
  einer Temperatur von 260 zunchst in Sulfosure berfhrt, diese
  Sure hierauf mit Calciumcarbonat neutralisirt, die Flssigkeit vom
  Gyps abfiltrirt und dann mit Kaliumcarbonat versetzt, bis aller Kalk
  ausgefllt ist. Die klare Flssigkeit wird zur Trockne abgedampft und
  die erhaltene Salzmasse durch Erhitzen mit Aetzkali in Alizarin-Kalium
  bergefhrt, aus welchem das Alizarin durch Suren gefllt wird. Nach
  einem =anderen= Verfahren umgeht man die Bildung des Anthrachinons und
  verwendet direct Anthracen, welches man durch Erhitzen mit
  concentrirter Schwefelsure in =Anthracensulfosure=
  C_{28}H_{18}SH_{4}O_{3} berfhrt. Diese Sulfosure wird mit Wasser
  verdnnt und mit gewissen Oxydationsmitteln (Braunstein, Bleisuperoxyd,
  Chromsure, Salpetersure) behandelt. Die saure Flssigkeit wird durch
  Versetzen mit Calciumcarbonat von der freien Schwefelsure und bei
  Anwendung von Braunstein, auch von dem Mangan befreit und die oxydirte
  Sulfosure in Form von Kaliumsalz mit Aetzkali erhitzt, wodurch sich,
  wie oben, Alizarin-Kalium bildet. -- Es unterliegt keinem Zweifel nicht
  nur, dass das Anthracen auch noch auf andere Weise in Alizarin
  bergefhrt werden kann, sondern auch, dass es gelingen wird, aus
  anderen Kohlenwasserstoffen des Kohlentheers (Benzol, Toluol,
  Naphtalin) Anthracen und Anthracenroth darzustellen.

  Die fabrikmssige Herstellung des knstlichen Alizarins, um welche sich
  ausser den Entdeckern =Graebe= und =Liebermann= noch =J. Gessert= in
  Elberfeld, =Brnner= und =Gutzkow= in Frankfurt a/M., =Brning= in
  Hchst, =Greiff= in Cln, =Perkin= in London u. a. m. Verdienste
  erworben haben, bildet eines der schnsten Bltter in der Geschichte
  der chemischen Technologie und wird voraussichtlich nach einer Reihe
  von Jahren dem Krappbau und der Garancinfabrikation eine tdtende
  Concurrenz bereiten. Vor der Hand ist aber das Anthracenroth gegen den
  Krappfarbstoff noch nicht concurrenzfhig.


                     V. _Farbstoffe aus Cinchonin._

[Sidenote: Farben aus Cinchonin.]

An die aus Theerbestandtheilen erhaltenen Farben schliessen sich
unmittelbar die aus gewissen Alkaloden, namentlich aus dem bei der
Chininfabrikation in grosser Menge abfallenden =Cinchonin= an. Das
Cinchonin wird mit berschssigem Natronhydrat destillirt, wobei etwa 65
Proc. rohes Chinolin (Chinolinl) bergeht, welches ein Gemenge ist der
drei homologen Basen

                Chinolin                   C_{9}H_{7}N
                Lepidin                    C_{10}H_{9}N
                Kryptidin oder Dispolin    C_{11}H_{11}N.

Das Lepidin macht den Hauptbestandtheil aus. Erhitzt man das Chinolinl
mit Jodamyl, so bildet sich eine Verbindung beider, das Amyllepidinjodr,
aus welchem durch Behandeln mit Natronlauge ein prchtigblauer Farbstoff,
das =Cyanin= oder =Lepidinblau= (Chinolinblau) C_{30}H_{39}N_{2}J
entsteht. Letzteres bildet Krystalle mit metallgrnem Glanz und
goldgelbem Reflex, die sich schwer im Wasser, leicht in Alkohol lsen.
Die Bildung des Cyanins lsst sich durch folgende Gleichungen
veranschaulichen:

         [Greek: a]) C_{10}H_{9}N + C_{5}H_{11}J = C_{15}H{20}NJ
                       Lepidin        Jodamyl    Amyllepidinjodr.

 [Greek: b]) 2C_{15}H_{20}NJ + NaOH = C_{30}H_{39}N_{2}J + NaJ + H_{2}O
             Amyllepidinjodr              Cyanin.


      B. Die im Pflanzen- und Thierkrper vorkommenden Farbstoffe.
                            Rothe Farbstoffe.

[Sidenote: Rothe Farbstoffe. Krapp.]

Der =Krapp= ist die Wurzel der =Frberrthe= (_Rubia tinctorum_ in Sd-,
Mittel- und Westeuropa, _R. peregrina_ im Orient, _R. mungista_ (Mungeet)
in Ostindien und in Japan), einer im sdlichen Europa und in Asien
wachsenden ausdauernden Pflanze. Die Wurzel ist 10-25 Centimeter lang,
wenig stig und etwas strker als ein Federkiel. Sie ist mit einer
braunen Decke berzogen, innerlich aber von gelbrother Farbe. Sie kommt
theils von der Rinde und den Wurzelfasern befreit, theils gemahlen in den
Handel. Im gemahlenen Zustande erscheint sie als ein grobes, rothgelbes,
stark und eigenthmlich riechendes Pulver, das sorgfltig gegen Luft- und
Lichteinwirkung geschtzt, aufbewahrt werden muss. Die beste Sorte des
Krapps ist die aus der Levante (Smyrna, Cypern), die unter dem Namen
=Lizari= oder =Alizari= ungemahlen in den Handel kommt. Der hollndische
Krapp ist =geschlt= oder =beraubt=, wenn man mittelst der Mhlbeutel die
Schale der Rinde und zuweilen selbst den inneren Theil entfernt hat.
=Ungeschlt= und =unberaubt= wird er genannt, wenn er gemahlen worden
ist, ohne die Schale der Rinde zu entfernen. Am hufigsten findet sich
Krapp aus dem Elsass (Strassburg, Hagenau, Geisselbrunn) und der Provence
(Avignon). Unter dem =Mullkrapp= versteht man die schlechteste Sorte
Krapp aus Staub und Abfall bestehend. Die Krappwurzel enthlt ausser den
Farbstoffen auch noch Zucker in namhafter Menge[167]. Whrend man ehedem
in dem Krapp nicht weniger als fnf Farbstoffe annahm, scheint aus
neueren Untersuchungen hervorzugehen, dass diese Wurzel im frischen
Zustande nur zwei Farbstoffe, die =Ruberythrinsure= (frher Xanthin
genannt) und das Purpurin enthlt. Erstere Sure zerfllt unter dem
Einflusse einer eigenthmlichen, in dem Krapp enthaltenen
stickstoffhaltigen Substanz (nach =Rochleder=) in den eigentlichen
Farbstoff des Krapps, in das =Alizarin= und in Zucker:

    C_{20}H_{22}O_{11} = C_{14}H_{8}O_{4} + C_{6}H_{12}O_{6} + H_{2}O
     Ruberythrinsure        Alizarin           Zucker.

  [167] =W. Stein= (1869) fand in frischer Krappwurzel bis zu 8 Proc.
        Rohrzucker.

Nach den Untersuchungen von =Graebe= und =Liebermann= ist das Alizarin
ein Derivat des Anthracens C_{14}H_{10} und hat die Formel
C_{14}H_{8}O_{4}. Den genannten Chemikern ist es neuerdings (1869)
gelungen, Anthracen knstlich in Alizarin (vergl. Seite 667)
berzufhren. Das Alizarin ist von gelber Farbe, wird aber durch Alkalien
und Erden roth gefrbt. Ausserdem findet sich in dem Krapp noch ein
rother Krper, das =Purpurin= oder Rubiacin (welches die Formel
C_{14}H_{8}O_{5} hat), das fr sich ohne Frbevermgen, aber in
Verbindung mit Alizarin den Frbeprocess untersttzt.

[Sidenote: Krapplack.]

[Sidenote: Krappblumen.]

[Sidenote: Azale.]

  =Krapplack= ist eine Verbindung von Alizarin und Purpurin mit basischen
  Thonerdesalzen; um ihn darzustellen, zieht man ausgewaschenen Krapp mit
  einer Alaunlsung aus und schlgt die Flssigkeit durch Natriumcarbonat
  oder durch Borax nieder, worauf der Niederschlag ausgewaschen und
  getrocknet wird. Die =Krappblumen= (_fleur de garance_) erhlt man
  durch Auswaschen und Ghrenlassen des gemahlenen Krapps; sie werden
  ebenso wie der Krapp angewendet, vor welchem sie den Vortheil besitzen,
  dass sie durch Erniedrigung der Temperatur des Frbebades nicht an
  Frbevermgen einbssen. Das Waschen des Krapps scheint demnach die
  Entfernung derjenigen Substanz (einer Pektinsubstanz?) zu bewirken,
  welche unter den letzteren Umstnden unlslich wird. Indem man die
  Krappblumen mit siedendem Holzgeist extrahirt, den Auszug filtrirt und
  ihm destillirtes Wasser zusetzt, erhlt man einen reichlichen gelben
  Niederschlag, der mit Wasser ausgewaschen und getrocknet wird. Er fhrt
  den Namen =Azale= (von _azala_, einer arabischen Bezeichnung des
  Krapps) und ist von Frankreich aus zum Frben vorgeschlagen worden.
  Wahrscheinlich ist dieser Krper nichts anderes als rohes Alizarin.
  Letzterer Krper, durch Extraction von Krapp oder Garancin erhalten,
  kommt seit einigen Jahren unter dem Namen =Pincoffin= in den Handel.

[Sidenote: Garancin.]

[Sidenote: Garanceux.]

  Das =Garancin= (sogenannte Krappkohle) ist ein Prparat aus Krapp,
  welches die bei der Frberei wirkenden Bestandtheile in einer
  concentrirteren und leichter ausziehbaren Gestalt enthlt. Um es
  darzustellen, bergiesst man fein gemahlenen, mit Wasser befeuchteten
  Krapp mit 1/2 Th. concentrirter Schwefelsure und 1 Th. Wasser, erhitzt
  das Gemisch ungefhr eine Stunde lang bis auf 100, befreit darauf die
  Masse durch Auswaschen von aller Sure, presst und trocknet sie. Durch
  die Schwefelsure werden die der Frberei hinderlichen Substanzen des
  Krapps zerstrt und durch das darauf folgende Auswaschen entfernt,
  whrend die Farbstoffe mit zum Theil verkohlten organischen Substanzen
  zurckbleiben. Im Durchschnitt kann man annehmen, dass 3-4 Th. Krapp
  durch 1 Th. Garancin ersetzt werden knnen. Da der Krapp beim Ausfrben
  seine Farbstoffe nicht vollkommen verliert, so trennt man die
  Rckstnde durch Filtriren von der Flssigkeit, und behandelt dieselben
  mit 1/3 ihres Gewichtes englischer Schwefelsure. Die Masse wird dann
  ebenso wie die Garancine ausgewaschen und getrocknet. Sie heisst
  =Garanceux= und steht selbstverstndlich der Garancine an Frbevermgen
  nach.

[Sidenote: Colorin.]

  Die im Handel unter dem Namen =Colorin= vorkommende Substanz ist das
  weingeistige und zur Trockne verdunstete Extract des Garancins und
  besteht wesentlich aus Alizarin, mit Purpurin, Fett und anderen in
  Weingeist lslichen Bestandtheilen des Krapps verunreinigt. Seit
  einigen Jahren stellt =E. Kopp= die technisch reinen Farbstoffe aus dem
  Krapp durch Ausziehen mit einer wssrigen Lsung von _schwefliger
  Sure_ dar. Diese Prparate, welche bereits grosse Verbreitung gefunden
  haben, werden unterschieden als =grnes Alizarin= (_Alizarine verte_),
  welches in der Menge von 3 Proc. aus dem Elsasser Krapp erhalten wird
  und neben dem Alizarin noch einen grnen harzigen Stoff enthlt, als
  =gelbes Alizarin= (_Alizarine jaune_), von welchem dieser grne Stoff
  getrennt wurde, als =Purpurin= und als =Krappblumen=. Das Frbevermgen
  des Purpurins betrgt das 10fache des Krapps, das grne und gelbe
  Alizarin das 32-36fache des Krapps. Im Grossen erhlt man aus gutem
  Krapp

                      Purpurin           1,15 Proc.
                      Grnes Alizarin    2,50   "
                      Gelbes Alizarin    0,32   "
                      Krappblumen       39,00   "

[Sidenote: Rothholz.]

Mit dem Namen =Roth=- oder =Brasilienholz= bezeichnet man mehrere in der
Rothfrberei angewendete Hlzer der Gattung _Caesalpinia_. Die beste
Sorte ist das Fernambukholz von _Caesalpinia brasiliensis s. crista_, das
auswendig gelbbraun, inwendig hellroth, schwer und ziemlich hart ist. Es
fhrt den Namen von der Stadt Fernambuco in Brasilien, in deren Nhe es
hufig wchst. Es kommt ganz und gemahlen in den Handel. Eine schlechtere
Sorte ist das =Sapanholz= (_C. Sapan_), welches in Japan wchst; noch
weniger Werth hat das =Lima=- oder =Nicaraguaholz= oder _Bois de Ste.
Marthe_ (_C. echinata_) und das =Brasiletholz= (_C. vesicaria_). In allen
diesen Hlzern findet sich der Farbstoff =Brasilin= (nach =Bolley= von
der Formel C_{44}H_{40}O_{14} + 3H_{2}O), ein in farblosen, kleinen
Nadeln krystallisirender Krper, dessen wsserige Lsung an der Luft,
besonders schnell beim Sieden und bei Gegenwart von Alkalien ins
Carmoisinrothe bergeht. In der Frberei wird vermittelst des Rothholzes
eine schne rothe, aber keineswegs dauerhafte Farbe erzeugt[168].
Ausserdem gebraucht man es zur Darstellung des Kugellackes, obgleich es
in dieser Hinsicht hufig durch die rothen und violetten Theerfarbstoffe
ersetzt wird.

  [168] Man benutzt das Rothholz zur Fabrikation der =rothen Tinte=. Man
        nimmt dazu 250 Grm. Rothholz, 30 Grm. Alaun, 30 Grm. _Cremor
        tartari_ mit 2 Liter Wasser, kocht die Flssigkeit bis auf 1
        Liter ein und setzt darauf zu der durchgegossenen Flssigkeit 30
        Grm. arabisches Gummi und 30 Grm. weissen Candiszucker. Eine noch
        schnere und haltbarere Tinte erhlt man, indem man 2 Decigramme
        (4 Gran) Carmin in 1 Loth Aetzammoniakflssigkeit lst, und dazu
        eine Lsung von 1 Grm. (18 Gran) arabischem Gummi in 3 Loth
        Wasser setzt. Gegenwrtig stellt man hufig die rothe Tinte aus
        mit arabischem Gummi und etwas Alaun versetzten Fuchsinlsungen
        oder durch Lsen von Aurin (einer Variett von Rosolsure) in
        Natriumcarbonat dar.

[Sidenote: Santelholz.]

Das =Santelholz= (Kaliaturholz) kommt als gelbes und rothes im Handel
vor. Das rothe stammt von _Pterocarpus Santalinus_, einem auf Ceylon und
in Ostindien wachsenden Baume. Man fhrt es in gespaltenen Scheiten von
gradfaserigem Gefge und dunkelrother, innen hellerer Farbe ein. Der in
dem Santelholz enthaltene Farbstoff ist harzartiger Natur und fhrt den
Namen =Santalin=. Nach einer 1869 von =H. Weidel= ausgefhrten
Untersuchung findet sich in Santelholz ein farbloser Krper, das =Santal=
C_{8}H_{6}O_{3}, welche durch Oxydation in Santalin berzugehen scheint.
Man benutzt das Santelholz zu gefrbten Lacken, zur Mbelpolitur, zur
Erzeugung von Braun in der Wollenfrberei, zum Rothfrben des Leders, zu
Zahnpulver u. s. w. Der gleiche Farbstoff findet sich in dem sogenannten
=Barwood=- oder =Camholz=, das von _Baphia nitida_, einem in Afrika
wachsenden Baume stammt. Dieses Holz soll 23 Proc. Santalin enthalten,
whrend das Santelholz nur 16 Proc. enthlt.

[Sidenote: Safflor.]

Der =Safflor= besteht aus den getrockneten Blumenblttern der
=Safflorpflanze=, Frbedistel (_Carthamus tinctorius_), eines
distelartigen Gewchses (aus der Familie der Synantheren), das in
Ostindien, Aegypten, in den sdlichen Lndern Europas, zum Theil auch in
Deutschland angebaut wird. Der Safflor enthlt einen rothen, in Wasser
unlslichen (Carthamin) und einen gelben, in Wasser lslichen Farbstoff.
Je reiner der Safflor von Samen, Spreu u. s. w., je dunkler feuerroth die
Farbe, desto besser ist er. Das =Carthamin= (C_{14}H_{16}O_{7}) oder
_Rouge vgtale_ wird auf folgende Weise dargestellt: Man zieht den
Safflor mit einer sehr verdnnten Lsung von Natriumcarbonat aus, taucht
in die Lsung Streifen von Baumwolle und neutralisirt das Alkali mittelst
Essigs oder verdnnter Schwefelsure. Die roth gefrbten Streifen werden
darauf ausgewaschen, mit einer Lsung von Natriumcarbonat ausgezogen und
diese mit einer Sure gefllt. Der so erhaltene Niederschlag wird
ausgewaschen und auf Tellern getrocknet (Teller- oder Tassenroth). Das
Carthamin erscheint in dnnen Rinden, die im auffallenden Lichte
goldgrn, im durchgehenden roth aussehen. Das durch wiederholtes Auflsen
und Niederschlagen gereinigte Carthamin fhrt den Namen =Safflorcarmin=.
Das Carthamin wird mit gepulvertem Talk gemengt, als =rothe Schminke=
angewandt. Der Safflor wird in der Seidenfrberei benutzt. Die erzeugte
rothe Farbe ist aber sehr vergnglich.

[Sidenote: Cochenille.]

Die =Cochenille= oder =Nopal-Schildlaus= besteht aus den getrockneten
Weibchen einer Art Schildlaus (_Coccus cacti_), die auf mehreren
Cacteenarten, namentlich auf dem Cochenille-Cactus (der Nopalpflanze),
wie auch auf _Cactus opuntia_ vorkommt, theils auch in besonderen
Pflanzungen in Mexico, Centralamerika, Algier, auf dem Kap der guten
Hoffnung etc. gezchtet wird. Die mnnlichen Thiere sind geflgelt, die
weiblichen ungeflgelt. Nach der Begattung werden die weiblichen Thiere
eingesammelt, was im Jahre zweimal geschieht, durch heisse Wasserdmpfe
oder durch die Hitze eines Backofens getdtet und getrocknet. Man
unterscheidet im Handel zwei Sorten, die =feine Cochenille= oder
=Mestica=, die vorzglich in Mestek, einer Provinz von Honduras an den
cultivirten Nopalpflanzen gesammelt wird, und die =Wald=- oder =wilde
Cochenille=, die man vom wildwachsenden Cactus sammelt; letztere Sorte
ist geringer und findet minder hufige Anwendung. Die Cochenille
erscheint in kleinen dunkelbraunrothen, zusammengeschrumpften Krnern, an
deren Unterseite der Bau der Thiere noch einigermaassen erkannt werden
kann. Zuweilen ist sie mit einem weisslichen Staube bedeckt, oft aber ist
sie auch glnzend und schwarz. Dieser weisse Ueberzug, welchen man der
Cochenille sehr oft durch Talk, Kreide oder Bleiweiss giebt, ist
mikroskopischen Untersuchungen zu Folge, das Excrement des Thieres und
erscheint unter dem Mikroskope als weisse, gekrmmte Cylinder von sehr
gleichmssigem Durchmesser. In der Cochenille findet sich eine
eigenthmliche Sure, die Carminsure, die durch verdnnte Schwefelsure
und andere Agentien in Carminroth (Carmin), welches neben der Carminsure
schon fertig gebildet in der Cochenille sich findet, und Dextrose sich
spaltet:

   C_{17}H_{18}O_{10} + 3H_{2}O = C_{11}H_{12}O_{7} + C_{6}H_{12}O_{6}
     Carminsure.                    Carminroth.          Dextrose.

Den Carmin (im technischen Sinne) stellt man dar, indem man Cochenille
mit siedendem Wasser auszieht, die klar abgegossene Lsung mit Alaun
versetzt und stehen lsst. Der sich absetzende Niederschlag wird
ausgewaschen und getrocknet. Oder indem man die gepulverte Cochenille mit
einer Lsung von Natriumcarbonat auszieht, die Flssigkeit mit Eiweiss
versetzt und sodann durch verdnnte Suren fllt. Der ausgewaschene
Niederschlag wird bei 30 getrocknet. Er bildet eine vorzgliche Sorte
Carmin; die schlechteren Sorten, unter die auch der Carminlack und die
besseren Kugellacke gehren, bereitet man durch Fllen eines
alaunhaltigen Cochenilleauszugs mit Natriumcarbonat, die um so geringer
sind, je mehr sie Thonerde enthalten.

[Sidenote: Lac-Dye.]

  Unter =Lac-Dye= oder Frbelack versteht man einen aus dem Stock- oder
  Krnerlack gezogenen rothen Farbstoff, mit welchem man fast eben so
  schn und dauerhaft als mit der Cochenille frben kann. Die in
  Ostindien vorkommende =Lackschildlaus= (_Coccus lacca_) sticht in die
  Zweige gewisser Feigenbume, die dadurch einen milchigen Saft von sich
  geben, der die Thiere umgiebt und erhrtet. Das Harz ist von dem in den
  Thieren enthaltenen rothen Farbstoff gefrbt. Man zieht den Lac-Dye aus
  dem Stocklack durch Natriumcarbonat aus und fllt darauf mit Alaun.
  Dieser Farbstoff ist von dem der Cochenille nicht sehr verschieden.
  Ebenso kommt mit demselben der von dem =Kermes= (_Coccus ilicis_), von
  _Coccus polonicus_ (Johannisblut) und von _Coccus fabae_ berein.
  Letztere enthalten viel Fett, das durch Auspressen zum Theil entfernt
  werden kann.

[Sidenote: Orseille und Persio.]

Unter =Orseille= (Archil), =Persio= und =Cudbear= versteht man teigartige
Massen, welche als rothe Farbstoffe in den Handel kommen. Man erhlt die
Orseille, indem man mehrere Flechten (_Rocella tinctora_, _R.
fuciformis_, _R. Montagnei_, _Usnea barbata_, _U. florida_, _Lecanora
parella_, _Unceolaria scruposa_, _Ramalina calicaris_, _Gyrophora
pustulata_ u. s. w.) in ein feines Pulver verwandelt und das Pulver mit
Harn angerhrt der Fulniss berlsst. Das durch die Fulniss des Harnes
entstandene kohlensaure Ammoniak wirkt auf die in diesen Flechten
enthaltenen Flechtensuren: Lecanorsure, Alpha- und Betaorsellsure,
Erythrinsure, Gyrophorsure, Evernsure, Usninsure etc. ein, und
verwandelt diese stickstofffreien Substanzen unter Aufnahme oder
Austreten von Wasser und meist unter Abscheidung von Kohlensure in
=Orcin= C_{7}H_{8}O_{2}, welches durch Aufnahme von Stickstoff und
Sauerstoff in das =Orcein= C_{7}H_{7}NO_{3} bergeht, welches letztere
als der wesentliche Farbstoff der =Orseille= zu betrachten ist. Letztere
erscheint als rthlicher Teig von eigenthmlich veilchenartigem Geruche
und alkalischem Geschmacke. Die Bereitung derselben geschah vor dem
Bekanntwerden der Anilinfarben hauptschlich in England und Frankreich
aus Flechten, die theils auf den canarischen Inseln, zum Theil auch auf
den Pyrenen gesammelt, theils aber auch aus Lima und Valparaiso
eingefhrt werden. -- Der =Persio=, Cudbear oder rothe Indig ist ziemlich
dasselbe Produkt wie die Orseille. Er wurde frher in Schottland aus den
dortigen Flechten dargestellt, spter aber in grosser Menge in
Deutschland (Stuttgart), Frankreich und England fabricirt. Er erscheint
als rthlich violettes Pulver. Vor etwa zehn Jahren kamen zwei
=Orseilleprparate= in den Handel, welche die Orseillefarbstoffe im
Zustande grosser Reinheit enthielten, nmlich der =Orseillecarmin= und
der =Orseillepurpur= (_poupre franaise_). Seit dem Emporblhen der
Theerfarbenindustrie haben die rothen und violetten Flechtenfarbstoffe
wenig Bedeutung mehr.

[Sidenote: Weniger wichtige rothe Farbstoffe.]

  Rothe Farbstoffe von untergeordneter Bedeutung sind die =Alkannawurzel=
  (_Anchusa tinctoria_), das =Drachenblut=, ein rothes Harz von _Dracaena
  draco_, das =Harmalaroth= aus den Samen der Steppenraute (_Peganum
  Harmala_), das =Chicaroth= oder =Carajuru= aus den Blttern der
  _Bignonia chica_, eines in Venezuela wachsenden Baumes und der
  =Purpurcarmin= oder das =Murexid=, durch Behandeln der Harnsure mit
  oxydirenden Mitteln wie mit Salpetersure, und dann mit Ammoniak,
  erhalten.


                            Blaue Farbstoffe.

[Sidenote: Blaue Farbstoffe. Indig.]

Unter den blauen Farbstoffen steht der =Indig= oben an, der zwar schon
den Rmern und Griechen bekannt war und von denselben zum Mahlen benutzt
wurde, aber erst seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in Europa zum Frben
Anwendung fand. Der Indig ist ein im Pflanzenreiche sehr verbreiteter
Stoff. In der bedeutendsten Menge findet er sich in den Blttern
verschiedener Arten der =Anilpflanze= (_Indigofera_) aus der Familie der
Papilionaceen. Ausserdem ist er enthalten im =Waid= (_Isatis tinctoria_),
im _Nerium tinctorium_, in der _Marsdenia tinctoria_, im _Polygonum
tinctorium_, im _Asclepias tingens_ u. s. w. Der Farbstoff des Indigs ist
als solcher nicht in der Pflanze enthalten, sondern bildet sich erst,
wenn der frisch ausgepresste Saft der atmosphrischen Luft ausgesetzt
wird. Aus vielen Untersuchungen geht hervor, dass in der frischen Pflanze
der farblose Farbstoff mit einer Base, mit Kalk oder einem Alkali
verbunden, enthalten ist. Nach =Schunck= findet sich in der Indigpflanze
das =Indican=, welches sich durch Ghrung, so wie durch die Einwirkung
starker Suren in Indigblau und in eine eigenthmliche Zuckerart, das
Indiglycin spaltet nach der Gleichung:

  C_{52}H_{62}N_{2}O_{34} + 4H_{2}O = C_{16}H_{10}N_{2}O_{2}
          Indican.                           Indigblau.
                                                      + 6C_{6}H_{10}O_{6}
                                                            Indiglycin.

  Der Indig des Handels wird in Ost- und Westindien, in Sd- und
  Mittelamerika, in Aegypten u. s. w. aus der Anilpflanze dargestellt. In
  Ostindien erhlt man auch Indigo aus _Nerium tinctorium_. Zur Gewinnung
  des Indigs aus den Anilpflanzen benutzt man hauptschlich folgende fnf
  Arten: _Indigofera tinctoria_, _I. anil_, _I. disperma_, _I.
  pseudotinctoria_ und _I. argentea_. Die Anilpflanze verlangt ein warmes
  Klima und einen Boden, dessen Lage vor Ueberschwemmungen geschtzt ist.
  Nach gehriger Entwickelung der Pflanzen werden dieselben mit einer
  Sichel dicht am Boden abgeschnitten und darauf in die =Indigfabrik=
  gebracht, in der man den Indig auf folgende Weise darstellt: Gewhnlich
  sind an dem Orte der Fabrikation zwei grosse Cisternen bereinander
  gemauert angebracht. Die Pflanzen werden zuerst in die obere, in die
  =Ghrungskpe= (_Trempoire_) gebracht und darin mit kaltem Wasser
  bergossen, so dass das Wasser einige Zoll hoch ber den Pflanzen
  steht. Hier gerathen die Pflanzen in Ghrung, die unter Entwickelung
  einer grossen Menge Gas und eines eigenthmlichen Geruches vor sich
  geht. Die Flssigkeit nimmt dabei erst eine grne und dann eine blaue
  Farbe an. Bei einer Temperatur von 30 ist die Ghrung nach 12-15
  Stunden beendigt. Darauf lsst man durch einen unten angebrachten Hahn
  die Flssigkeit in die zweite Cisterne, die =Schlagkpe= (_Batterie_)
  ablaufen, reinigt die erstere von den ausgezogenen Pflanzen, die man
  trocknet und als Brennmaterial benutzt, und legt sofort wieder frische
  Pflanzen ein, welche auf gleiche Weise behandelt werden. Diese
  Operation wird ohne Unterbrechung bis zur Beendigung der Ernte
  fortgesetzt. Die in der Schlagkpe befindliche Flssigkeit ist klar,
  von grnlich gelber Farbe, und enthlt den Farbstoff aufgelst. Um ihn
  daraus abzusondern, wird die Flssigkeit mit Stcken oder Schaufeln
  umgerhrt. Der Zweck dieses Schlagens ist, die Indiglsung in vielfache
  Berhrung mit der atmosphrischen Luft zu bringen, wodurch sich der
  Indig blau frbt, und ferner, das Abscheiden des gebildeten Indigs zu
  befrdern. Das Schlagen darf weder zu kurze, noch zu lange Zeit
  fortgesetzt werden. So wie der Arbeiter wahrnimmt, dass die blauen
  Farbetheilchen sich vereinigen und sich von der Flssigkeit trennen, so
  wird das Umrhren eingestellt, um dem Farbstoffe Zeit zu geben, sich am
  Boden der Cisterne abzusetzen. Das Niedersinken der Farbetheilchen aus
  der Flssigkeit befrdert man zuweilen durch Kalilauge oder Kalkwasser.
  Die Menge des ausgeschiedenen Indigs betrgt von 1000 Th. Flssigkeit
  0,5-0,75 Th. Wenn sich aller Indig abgesetzt hat, zapft man die darber
  stehende Flssigkeit ab und bringt den breiartigen Niederschlag in den
  sogenannten Sammelkasten, in welchem er von dem berschssigen Wasser
  getrennt wird. Darauf wird der Brei in Pressbeutel gebracht, um alles
  Wasser abtropfen zu lassen, und daraus in hlzerne Kasten geschttet
  und getrocknet.

[Sidenote: Eigenschaften des Indigs.]

Der im Handel vorkommende Indig ist von tiefblauer Farbe, mattem erdigen
Bruche und giebt beim Reiben mit einem harten Krper einen glnzend
purpurrothen Strich. Er enthlt ausser mineralischen Bestandtheilen eine
leimartige Substanz (Indigleim), einen braunen Krper (Indigbraun), einen
rothen Farbstoff (Indigroth) und den eigentlichen Farbstoff, das
=Indigblau= C_{16}H_{10}N_{2}O_{2}. Nur der Gehalt an letzterem bedingt
seinen Werth als Farbematerial. Er betrgt von 20 bis 75-80 Proc., im
Mittel etwa 40-50 Proc. Nach dem Verfahren von =Dumas= (1869) kann man
den Indig durch Digestion mit Anilin reinigen, wodurch das Indigroth und
das Indigbraun aufgelst und entfernt werden.

[Sidenote: Indigprobe.]

  Die Gte und Aechtheit des Indigs erkennt man an seiner tiefblauen
  Farbe, Leichtigkeit und seiner Reinheit im Bruche. Auf dem Wasser muss
  er schwimmen und sich in demselben vllig zertheilen lassen, ohne einen
  erdigen und sandigen Bodensatz zu geben. Beim Verbrennen darf er nur
  eine verhltnissmssig geringe Menge weisser Asche hinterlassen. Beim
  raschen Erhitzen muss er einen purpurfarbenen Dampf entwickeln und sich
  in rauchender Schwefelsure vollstndig zu einer dunkelblauen
  Flssigkeit auflsen. Denjenigen Indig, der beim Reiben mit einem
  harten Krper einen rthlichen kupferfarbenen Schein annimmt, nennt man
  =gefeuerten Indig= (_Indigo cuivr_). Um den Indig genau zu prfen,
  untersucht man zuerst seinen Wassergehalt, indem man eine gewogene
  Menge desselben bei 100 trocknet; er darf dabei nicht mehr als 3-7
  Proc. verlieren. Um die Menge der darin enthaltenen mineralischen
  Bestandtheile zu erfahren, verbrennt man ferner eine gewogene Portion
  und wgt den Rckstand, der bei guten Sorten 7 bis 9,5 Proc. betrgt.

[Sidenote: Chlorprobe.]

[Sidenote: Probe durch Reduction.]

[Sidenote: Bolley's Probe.]

[Sidenote: Lindenlaub's Probe.]

[Sidenote: Penny's Probe.]

  Ein genaues Resultat ber den Gehalt einer Indigsorte an Indigblau kann
  man aber nur durch die sogenannte =Indigprobe= erlangen. Am hufigsten
  bedient man sich der =Chlorprobe=. Man lst dazu nach =Schlumberger=
  eine gleiche Menge zweier vergleichungsweise auf ihren Werth zu
  untersuchender Indigsorten in der 10 bis 12fachen Menge Nordhuser
  Schwefelsure auf und setzt zu einer jeden Lsung eine gleiche Menge
  Wasser. Zu einer jeden der verdnnten Lsungen setzt man in einem
  Cylinderglase so lange eine gemessene _Chlorkalklsung_ zu, bis die
  blaue Farbe des Indigs verschwunden ist. Um einen Schluss aus dieser
  Probe auf den Gehalt an reinem Indigblau ziehen zu knnen, stellt man
  vorher einen Normalversuch mit einem, durch Sublimation aus dem Indig
  gewonnenen Indigblau an und berechnet aus den erhaltenen Resultaten den
  eigentlichen Werth der Indigsorten. Auch mit _Kaliumpermanganat_ (nach
  =Mohr= und =Elbers=) lsst sich der Werth des Indigs bestimmen. -- Die
  genauesten Resultate giebt folgendes von =Berzelius= empfohlenes
  Verfahren. Man nimmt 100 Gran des zu untersuchenden gepulverten Indigs,
  eine gleiche Gewichtsmenge reinen gebrannten Kalk und ein Volumen
  Wasser, das ungefhr 200 Loth wiegt. Darauf lscht man den Kalk mit
  einem Theile dieses Wasser, rhrt das Kalkhydrat und den Indig
  zusammen, und splt den Brei mit dem brigen Wasser in eine Flasche.
  Nachdem die Flasche einige Stunden lang gestanden hat, setzt man 200
  Gran Eisenvitriol hinzu und lsst den Niederschlag sich absetzen. Von
  der darber stehenden Flssigkeit zieht man ein Volumen ab, das dem
  vierten Theil des angewendeten Wassers entspricht, vermischt die
  abgegossene Flssigkeit mit etwas Salzsure und setzt sie dann der Luft
  aus, bis der reducirte Indig sich wieder in Indigblau verwandelt und
  als solches abgeschieden hat. Es wird auf einem Filter gesammelt,
  ausgewaschen, getrocknet und gewogen. Die erhaltene Quantitt ist der
  vierte Theil derjenigen Menge, die in 100 Gran des untersuchten Indigs
  enthalten war. Nach =Fritzsche='s vortrefflicher Indigprobe, welche
  ebenso wie die von =Berzelius= auf einer Reduction des Indigblau und
  Wiederoxydation des Indigweiss beruht, reducirt man den Indig mit
  Glycose (Krmelzucker) und Aetzalkali. Nach =Bolley= benutzt man zur
  Indigprobe eine titrirte Lsung von Kaliumchlorat, welche man zur
  Auflsung einer gewogenen Menge Indig in Schwefelsure die mit etwas
  _Salzsure_ versetzt worden ist, setzt. Die angewandte Menge der Lsung
  von Kaliumchlorat, von welcher bekannt ist, wie viel derselben 100 Th.
  Indigblau zu entfrben (d. h. in Isatin C_{16}H_{10}N_{2}O_{4}
  berzufhren) vermag, giebt die Menge des in dem Indig enthaltenen
  Indigblau an. Nach =Lindenlaub= erhlt man noch genauere Resultate,
  wenn man sich zur Zersetzung des Kaliumchlorates _der schwefligen
  Sure_ bedient, da hierbei nur das Chlor des Kaliumchlorates entfrbend
  wirkt, whrend bei Anwendung von Salzsure auch deren Chlor mitwirkt.
  Man lst 100 Gr. krystallisirtes Natriumcarbonat in 500 Gr. Wasser und
  sttigt die Lsung mit schwefliger Sure. Um die titrirte Lsung des
  Kaliumchlorates zu bereiten, lst man 4 Gr. davon in so viel Wasser,
  dass die Lsung 400 Kubikcentimeter betrgt. Andererseits lst man 1
  Gr. Indig in 10 Gr. rauchender Schwefelsure und verdnnt die Lsung
  mit so viel Wasser, dass sie 200 Kubikcentimeter betrgt. Von dieser
  Indiglsung misst man mittelst der Pipette 50 Kubikcentimeter ab,
  bringt sie in eine Porcellanschale, verdnnt mit 200 Kubikcentimeter
  Wasser, versetzt sie mit 50 Kubikcentimeter Lsung von Natriumsulfit
  und trpfelt endlich Kaliumchlorat aus der Brette bis zur Entfrbung
  hinzu. Das von =Penny= zur Werthbestimmung des Indigs beschriebene
  Verfahren beruht auf der Anwendung von _Kaliumchromat_ und _Salzsure_.
  10 Th. gepulverter Indig werden mit dem 12fachen Gewicht rauchender
  Schwefelsure 12 Stunden lang in einer Temperatur, die 25 nicht
  bersteigt, digerirt. Nach vlliger Auflsung giesst man die
  Flssigkeit in eine Pinte (= 0,568 Liter) Wasser, setzt 24 Gr.
  concentrirte Salzsure hinzu, erwrmt gelinde und titrirt nun mittelst
  einer Auflsung von Kaliumbichromat in Wasser, die man so lange
  hinzufgt, bis ein mit einem Glasstabe herausgenommener Tropfen auf
  Filtrirpapier einen hellbraunen oder ockergelben Fleck, ohne eine Spur
  von grn oder blau hervorbringt (8-1/2 Th. K_{2}Cr_{2}O_{7} sind
  erforderlich, um 10 Th reines Indigblau zu entfrben). -- Auch durch
  _Eisenchlorid_ lsst sich Indigblau in Isatin berfhren. Die
  Beobachtung von =Stockvis= in Amsterdam (1868), dass das Indigblau mit
  Leichtigkeit in Chloroform lslich ist, lsst sich vielleicht fr eine
  Indigprobe anwenden.

[Sidenote: Indigblau.]

[Sidenote: Blauer Carmin.]

  Das =Indigblau= kann aus dem Indig durch Sublimation, oder wie aus
  Vorstehendem hervorgeht, durch Behandeln des Indigs mit Kalk,
  Eisenvitriol und Wasser dargestellt werden. Das Indigblau hat die
  Formel C_{16}H_{10}N_{2}O_{2}. Wenn man Indigblau bei Gegenwart eines
  freien Alkalis mit Substanzen zusammenbringt, die leicht Sauerstoff
  aufnehmen, wie mit Eisenvitriol, schwefligsauren Salzen u. s. w., so
  bildet sich meist unter Wasserzersetzung =Indigweiss= oder =reducirter
  Indig= C_{16}H_{12}N_{2}O_{2}. Auf dieser Reduction des Indigs beruht
  zum Theil seine Anwendung in der Frberei. Durch die Einwirkung
  oxydirender Agentien wie Uebermangansure, Chlor, Chromsure, ein
  Gemenge von rothem Blutlaugensalz mit Kali oder Natron, Kupferoxyd etc.
  etc. geht das Indigblau in lsliches =Isatin= C_{16}H_{10}N_{2}O_{4}
  ber. -- Das Indigblau lst sich in concentrirter Schwefelsure und
  bildet mit derselben die =Indigschwefelsure=. Durch Fllen derselben
  mit Kaliumcarbonat erhlt man den =Indigcarmin= oder =blauen Carmin=
  (_Indigo soluble_) als tiefblauen Niederschlag, der sich in 140 Th.
  kaltem Wasser lst. Man benutzt den Indigcarmin in der Wasser-,
  seltener in der Oelmalerei; in Vermischung mit Strke und mit Hlfe
  eines Bindemittels in Tfelchen geformt, bildet er das =Wasch-= oder
  =Neublau=, das gleich dem Ultramarinblau zum Bluen der Wsche etc.
  angewendet wird.

[Sidenote: Campecheholz.]

Das unter dem Namen =Campecheholz= oder =Blauholz= angewendete Farbeholz
besteht aus dem von Rinde und Splint befreiten Kern des Stammes von dem
=Blauholzbaum= (_Haematoxylon campechianum_), der in Centralamerika
einheimisch ist und auf den Antillen angepflanzt wird. Das frbende
Princip des Blauholzes ist das =Haematoxylin= C_{16}H_{14}O_{6}, ein in
blassgelben, durchsichtigen, glnzenden Nadeln krystallisirender Krper,
der an sich kein Farbstoff, sondern eine Farbstoff erzeugende Substanz
ist, welche gefrbt erscheint, wenn man sie mit starken Alkalien,
namentlich Ammoniak und Sauerstoff in Berhrung bringt. Die Lsung des
Haematoxylins in Wasser ist farblos, geht aber durch die geringste Menge
Ammoniak ins Purpurrothe ber. Der gefrbte Krper, der aus dem
Haematoxylin entsteht, heisst =Haematen=. Man benutzt das Blauholz zum
Blau- und Schwarzfrben. Hufig stellt man jetzt =Blauholzextract= dar;
bei der Fabrikation desselben ist zu bercksichtigen, dass das
Haematoxylin sich unter dem Einflusse der atmosphrischen Luft oxydirt
und verndert; es muss deshalb Zutritt der Luft vermieden und das
Abdampfen in Vacuumpfannen bei mglichst niedriger Temperatur vorgenommen
werden.

[Sidenote: Lakmus.]

  Der =Lakmus= (Tournesol) findet nicht in der Frberei, wohl aber zum
  Bluen des Kalkes, zum Bestreichen der bekannten Reagenspapiere, zum
  Rothfrben des rothen Champagners u. s. w. hufig Anwendung. Man erhlt
  ihn auf dieselbe Weise und aus denselben Flechten wie die Orseille und
  den Persio, nur wendet man neben den ammoniakalischen Flssigkeiten
  auch Potasche an. Der Unterschied bei der Bereitung besteht nur darin,
  dass hier die Ghrung und Oxydation weiter vorgeschritten und der rothe
  Farbstoff (Orcin) in einen blauen, =Azolitmin=, umgewandelt worden ist:

    Orcin       C_{7}H_{8}O_{2} }       { Azolitmin C_{7}H_{7}NO_{4}
    Ammoniak             NH_{3} } geben {   und
    Sauerstoff             4O   }       { Wasser             2H_{2}O

  Die gegohrene Masse wird mit Gyps und Kreide gemengt, und in Wrfel
  geformt in den Handel gebracht.

  Einen andern auch Tournesol genannten Farbstoff enthalten die im
  sdlichen Frankreich fabricirten =Bezetten= oder =Tournesollppchen=,
  mit dem Safte des Krebskrautes (_Croton tinctorium_) gefrbte Lppchen,
  die durch Ammoniak purpurroth oder dunkelgrn gefrbt sind. Man
  verwendet diese Farbe in Holland zum Frben der Kse, von Backwerk,
  Eingemachtem und Liqueuren, als Schminke und zum Frben des blauen
  Zuckerpapiers.


                            Gelbe Farbstoffe.

[Sidenote: Gelbe Farbstoffe. Gelbholz.]

[Sidenote: Fisetholz.]

Das =Gelbholz= (gelbes Brasilienholz, Cubaholz, alter Fustik) ist das
Holz des Frbermaulbeerbaumes (_Morus tinctoria_, _Maclura aurantiaca_)
und wird als Kern des Stammes vorzglich von Cuba, Domingo und Haiti
eingefhrt. Es ist von gelber, stellenweise von gelbrother Farbe. Die
Ursache dieser Farbe ist ein krystallisirbarer, farbloser Krper, das
=Morin= C_{12}H_{8}O_{5}, das sich im Holze mit Kalk verbunden vorfindet,
und eine eigenthmliche Gerbsure, die =Moringerbsure= (auch =Maclurin=
genannt; ihre Formel ist C_{13}H_{10}O_{6}), die man in der Masse des
Gelbholzes neben =Morin= oft in grosser Menge abgelagert findet. Das
Morin wird an der Luft und unter dem Einflusse der Alkalien gelb gefrbt.
Das Maclurin spaltet sich unter dem Einflusse von Aetzkali in
Phloroglucin und Protocatechusure. Das Gelbholz wird zum Gelbfrben und
seines bedeutenden Gehaltes an Gerbsure wegen auch zum Schwarzfrben
benutzt. Das im Handel vorkommende Extract fhrt den Namen =Cubaextract=.
Das =Fisetholz=, =Fustikholz=, ungarisches Gelbholz, ist ein
grnlichgelbes, braun gestreiftes Holz, das von dem Gerber- oder
Perckenbaum (_Rhus Cotinus_), einem im sdlichen Europa wachsenden
strauchartigen Gewchse, stammt. Es enthlt einen eigenthmlichen
Farbstoff, das =Fustin=, und bedeutende Mengen von Gerbsure. Das Fustin
liefert bei der Spaltung, wie es scheint, Quercetin.

[Sidenote: Orlean.]

Der =Orlean= ist ein gelblichrother Farbstoff, der vorzugsweise zum
Frben der Seide Anwendung findet. Er kommt in Form eines steifen Teiges
in dem Handel vor und wird in Amerika, West- und Ostindien aus der Frucht
der _Bixa Orellana_ dargestellt. Nach =Chevreul= finden sich in dem
Orlean zwei Farbstoffe, von denen der eine von gelber Farbe in Alkohol
und Wasser lslich ist, whrend sich der andere von rother Farbe leicht
in Alkohol, nicht aber in Wasser lst. Letzterer hat nach =Piccard= (in
Basel) die Formel C_{5}H_{6}O_{4}.

[Sidenote: Gelbbeeren.]

Die =Gelbbeeren=, Avignonkrner, persische Beeren, Kreuzbeeren (_Grains
d'Avignon_), sind die Frchte von _Rhamnus infectorius_, _Rh.
amygdalinus_, _Rh. saxatilis_, und werden aus der Levante oder dem
sdlichen Frankreich und Ungarn eingefhrt. Die Grsse dieser Beeren ist
sehr verschieden, man unterscheidet im Handel grosse und volle von heller
Olivenfarbe, und kleinere, runzlige und dunkelbraune. Die ersteren sind
vor ihrer vollstndigen Reife eingesammelt worden, die anderen sind
lngere Zeit an den Aesten geblieben. Man trifft in den Gelbbeeren einen
schnen goldgelben Farbstoff, das =Chrysorhamnin=, und einen
olivengelben, das =Xanthorhamnin=. Ersteres ist nach =Bolley= identisch
mit dem Quercetin. Man benutzt die Gelbbeeren in der Kattundruckerei, zum
Frben von Papier, zur Fabrikation von Lackfarben etc.

[Sidenote: Curcuma.]

  Die =Curcuma= ist die getrocknete Wurzel von _Curcuma longa_ und _C.
  rotunda_, einer in Ostindien, Java u. s. w. hufig angebauten Pflanze
  aus der Ordnung der Scitamincen. Sie kommt entweder in eirunden Knollen
  oder in flachgedrckten Stcken von schmutziggelber Farbe vor. Der
  Farbstoff darin ist das =Curcumin= C_{8}H_{10}O_{2}; es ist von gelber
  Farbe, sehr wenig haltbar und wird durch Alkalien rothbraun gefrbt.

[Sidenote: Wau.]

  Der =Wau= oder das Gelbkraut besteht aus dem Kraut und den Stengeln der
  _Reseda luteola_, die in sdlichen Lndern wild wchst, hufig aber
  auch behufs der Frberei angebaut wird. Der franzsische Wau wird fr
  den besten gehalten. Der darin enthaltene Farbstoff ist das =Luteolin=.

[Sidenote: Quercitron.]

Unter =Quercitron= versteht man die von der Oberhaut befreite und
gemahlene Rinde der in Nordamerika einheimischen Frbereiche (_Quercus
tinctoria_). Er ist von heller Farbe und enthlt ausser einem gelben
Farbstoff, dem =Quercitrin= C_{33}H_{30}O_{17} Gerbsure. Das Quercitrin
spaltet sich beim Behandeln mit verdnnten Suren in Zucker und
=Quercetin= C_{27}H_{18}O_{12}, ein citronengelbes Pulver, das unter dem
Namen =Flavin= im Handel vorkommt. Nach dem Dafrhalten von =Hlasiwetz=
ist in dem Quercetin der Complex des Morin enthalten. Wegen der Schnheit
der Farbe wird das Quercitron neben der Pikrinsure hufiger als jeder
andere gelbe Farbstoff in allen Zweigen der Frberei angewendet. Von den
brigen, einigermaassen wichtigen Farbstoffen seien erwhnt die =Scharte=
(_Serratula tinctoria_), der =Frbeginster= (_Genista tinctoria_), das
=Wongshy= (chinesische Gelbschoten), die Samenkapseln der Frchte von
_Gardenia florida_, einer Pflanze aus der Familie der Rubiaceen, die
=Pure= oder das _Jaune Indien_, ein aus Ostindien eingefhrter Farbstoff
ungewissen Ursprungs, der aus dem Magnesiasalze der Euxanthinsure
besteht, und das =Morindagelb= aus der _Morinda citrifolia_. Seit dem
Entstehen der Theerfarbenindustrie hat man endlich die =Pikrinsure=
(vergl. S. 664) als gelbes und (mit Indiglsung oder mit Anilinblau
versetzt) als grnes Farbematerial fr Seide und Wolle vielfach
angewendet. Um die Pikrinsureflotte vllig zu erschpfen, muss derselben
etwas Schwefelsure zugefgt werden. Neuerdings wird anstatt der
Pikrinsure das =Martius=- oder =Manchestergelb= (vergl. S. 666) vielfach
angewendet.

[Sidenote: Braune, grne und schwarze Farben.]

  Die =braunen= Farben werden, wenn man von dem Anilinbraun absieht,
  durch Mischung von Roth, Gelb und Blau, oder von Gelb oder Roth mit
  Schwarz (=Mischbraun=) zusammengesetzt. Hufig frbt man auch braun mit
  oxydirenden Agentien und gerbstoffhaltigen Pigmenten wie Weiden-,
  Eichen-, Wallnussrinde, namentlich mit =Catechu=, dem Extract aus dem
  Holze der _Areca_ und _Acacia catechu_ u. s. w. Letzteres Braun heisst
  =Chemischbraun= oder =Havannabraun=. Das =Bisterbraun= wird durch
  Manganoxydhydrat erzeugt. =Schwarz= wird erzeugt durch gerb- oder
  gallussaures Eisenoxydul-Oxyd oder durch Kaliumchromat und
  Blauholzabkochung[169] oder endlich durch Anilinschwarz (vergl. Seite
  663). =Grn= wird hervorgebracht durch Mischen von =Gelb= und =Blau=
  oder durch =Chinesisch Grn= oder =Lo-kao= aus _Rhamnus chlorophorus_
  und _Rh. utilis_, durch das =Saft-= oder =Blasengrn= aus den Beeren
  des Kreuzdornes (_Rhamnus catharticus_) und endlich von grosser
  Schnheit durch das =Anilingrn= (Aldehydgrn und Jodgrn, vergl. Seite
  662).

  [169] Eine schwarze Farbenbrhe ist auch die gewhnliche
        =Schreibtinte=, die wesentlich aus gallussaurem Eisenoxydul und
        Oxyd besteht, welches letztere durch arabisches Gummi in der
        Flssigkeit suspendirt gehalten wird. Eine sehr gute schwarze
        Tinte lsst sich nach folgender Vorschrift darstellen: Man zieht
        1 Kilogr. zerstossene Gallpfel und 150 Gr. Blauholz mit 5 Liter
        heissem Wasser aus, lst 600 Gr. arabisches Gummi in 2-1/2 Litern
        Wasser und 500 Gr. Eisenvitriol fr sich in einigen Litern
        Wasser. Darauf giesst man den Gallpfel- und Blauholzauszug mit
        der Lsung des Gummi und des Eisenvitriols zusammen, setzt einige
        Tropfen Nelken- oder Gaultherial und so viel Wasser hinzu, dass
        die Gesammtmenge der Flssigkeit 11 Liter betrgt. Die Eisentinte
        hat ausser der unangenehmen Eigenschaft, Stahlfedern anzugreifen,
        noch den Fehler, dass die damit geschriebene Schrift, wenn auch
        oft nach sehr langer Zeit, gelb wird. Im Jahre 1848 hat =Runge=
        an eine Tinte erinnert, die von =Th. Leykauf= in Nrnberg
        erfunden und schon vor Jahren von =C. Erdmann= in Leipzig
        verbessert und eingefhrt worden ist. Die Tinte besteht aus 1000
        Th. Blauholzabkochung (1 Th. Holz auf 8 Th. Wasser) und einem Th.
        gelben Kaliumchromat, zu welcher man etwas Quecksilberchlorid
        setzt. Diese Tinte empfiehlt sich durch ungemeine Wohlfeilheit,
        Schnheit und Dauerhaftigkeit; das frbende Princip darin ist
        eine Verbindung von =Hmaten= und Chromoxyd. Zur Bereitung der
        sogenannten =Alizarintinte= (von =Leonhardi=) zieht man 42 Th.
        Gallpfel und 3 Th. Krapp mit Wasser aus, so dass 120 Th.
        Flssigkeit entstehen, zu welcher man setzt 1,2 Th. schwefelsaure
        Indiglsung, 5,2 Th. Eisenvitriol und 2 Th. holzessigsaure
        Eisenlsung. Die blaue Tinte von =Rouen=, die als Surrogat der
        schwarzen Tinte in Frankreich namentlich hufige Anwendung
        findet, besteht aus einer Abkochung von 750 Grm. Blauholz, 35
        Grm. Alaun und 31 Grm. arabischem Gummi mit 5-6 Litern Wasser.
        Die =Copirtinten= sind im Grunde nichts weiter als gewhnliche
        Tinten, die aber concentrirter sind und grssere Mengen von Gummi
        und auch Zucker enthalten. Waschechte =Zeichentinte= (fr Wsche)
        ist entweder wesentlich Silberlsung (vergl. S. 108) oder auf dem
        Gewebe selbst hervorgerufenes Anilinschwarz (vergl. Seite 663).


                             Die Bleicherei.

[Sidenote: Bleiche.]

Das Bleichen hat zum Zweck, die Gespinnstfasern und die aus ihnen
gefertigten Garne, Zwirne und Gewebe, die zwar an sich weiss sind, aber
bei ihrer Gewinnung und Verarbeitung sich frben und beschmutzen, in den
weissen Zustand zurckzufhren. Die Pflanzenfaser widersteht den meist
chemischen Agentien, whrend die fremden frbenden Stoffe, die meist nur
auf der Oberflche der Fasern sich befinden, durch genannte Agentien
aufgelst oder vllig zerstrt werden. Hierauf beruht das Wesen der
Bleicherei von Produkten, die wie Leinen- oder Baumwollgewebe aus
Cellulose bestehen. Bei Wolle und Seide ist das Verfahren des Bleichens
ein anderes, da diejenigen Agentien, die beim Bleichen von Leinen und
Baumwolle anwendbar sind, hier geradezu unmglich erscheinen, da sie
nicht nur die fremden Substanzen, sondern auch den Spinnstoff selbst
auflsen oder mindestens angreifen wrden.

  Die Bleicherei wendet theils =chemische=, theils =mechanische=
  Hlfsmittel an. Die chemischen Bleichmittel lassen sich, wenn man von
  den alkalischen Laugen absieht, deren Anwendung stets der des
  eigentlichen Bleichmittels vorangeht, theils auf ozonhaltige oder
  ozonbildende Mittel, oder auf die Application von schwefliger Sure
  zurckfhren. Diejenige Bleiche, die bei Leinen- und Baumwollwaaren
  Platz greift, mge dieselbe Natur- oder Rasenbleiche, oder knstliche
  Bleiche (Chlorbleiche) sein, ist stets =Ozonbleiche=, deren Zweck eine
  Oxydation der fremden frbenden Substanzen auf der Faser durch den
  activen Sauerstoff der Atmosphre oder des Ozonbades ist, dessen
  Wirkung dadurch untersttzt wird, dass man dem Bade eine alkalische
  Beschaffenheit giebt. Obgleich unter Umstnden jedes oxydirende Agens
  als Bleichmittel von Cellulose und hnlichen Stoffen Anwendung finden
  knnte, so hat doch die Praxis lngst schon denjenigen den Vorzug
  gegeben, welche bei ihrer Reduction, respective bei der Oxydation eine
  Sure bilden und daher die Gegenwart eines Alkalis verlangen --
  Agenden, die dieses Verhaltens wegen =alkalipathische
  Oxydationsagentien= genannt worden sind. Die von den Bleichern
  angewendeten Agentien sind ausser der ozonhaltigen atmosphrischen Luft
  1) das =Chlor=, 2) die =unterchlorige Sure=, 3) des =Ferridcyankalium=
  und 4) das =Wasserstoffsuperoxyd=, obgleich letzterer Krper mehr einer
  Zukunftsbleicherei angehrt. Von den =acidipathischen=
  Oxydationsagentien, deren Produkte basisch sind, so dass die Oxydation,
  resp. Bleichung nur in einer sauren Flssigkeit vorgenommen werden
  darf, verdienen drei die Beachtung der Bleicher, nmlich die vor
  einigen Jahren von =Tessi du Motay= empfohlene =Uebermangansure=, die
  =Eisenoxydlsung=, die =Chromsure=. Fr das Verstndniss der
  Bleicherei und der dabei stattfindenden Vorgnge ist es nothwendig, zu
  bemerken, dass es (nach einer Ansicht, der es allerdings an Gegnern
  nicht fehlt) zwei Modificationen des Ozons giebt, in welche sich der
  gewhnliche inactive Sauerstoff zu spalten vermag. Die eine Art, das
  =Ozon=, wird als positiv-activer Sauerstoff betrachtet, die andere Art,
  das =Antozon= ist der ersteren Modification entgegengesetzt und
  negativ-activer Sauerstoff. Kommen beide Modificationen zusammen, so
  vereinigen sie sich zu gewhnlichem (nicht bleichendem) Sauerstoff.
  Diese Thatsache ist fr den Bleicher von grosser Wichtigkeit, da er bei
  der Wahl von mehreren Oxydationsagentien, die er zu gleicher Zeit
  anzuwenden beabsichtigt, darauf Rcksicht nehmen muss, dass dieselben
  die =gleichnamige= Ozonmodification enthalten, entgegengesetzten Falls
  findet keine Oxydation oder Bleichung, sondern nur eine Entwickelung
  von gewhnlichem Sauerstoffgase statt. Ein Beispiel mge dies
  erlutern: die Chromsure enthlt Ozon, das Wasserstoffsuperoxyd
  Antozon; beide zusammengebracht geben daher unter heftiger
  Gasentwickelung von gewhnlichem Sauerstoff nur Chromoxyd und Wasser,
  und besitzen in ihrer Mischung durchaus kein Bleichvermgen:

    Chromsure 2CrO_{3} + 3O          }       { Chromoxyd Cr_{2}O_{3}
    Wasserstoffsuperoxyd 3H_{2}O + 3O } geben { Wasser 3H_{2}O
                                      }       { Sauerstoffgas 6O

  Das Bleichen durch =schweflige Sure= lsst sich auf zwei wesentlich
  von einander verschiedene Ursachen zurckfhren, nmlich in den meisten
  Fllen auf eine blosse Maskirung, in einigen wenigen Fllen aber auf
  eine wirkliche Zerstrung des Farbstoffes. Die Pigmente vieler blauer
  oder rother Blumen, Frchte u. s. w. gehen mit der schwefligen Sure
  farblose Verbindungen ein: die Farbe ist aber nicht zerstrt; verdnnte
  Suren, wie verdnnte Schwefelsure, sowie die Dmpfe von Salzsure,
  Salpetersure, Chlor, Jod und Brom, endlich auch Erwrmen zerstrt die
  gebleichten schwefligsauren Verbindungen fast augenblicklich und die
  ursprngliche Frbung kommt wieder zum Vorschein. Die Farbstoffe der
  gelben Blumen verhalten sich indifferent gegen schweflige Sure und
  werden durch dieselbe nicht gebleicht. Ebensowenig wird Grn
  (Chlorophyll) verndert. Manche gefrbte Krper, wie das Indigblau, der
  Carmin und der gelbe Farbstoff der Seide werden anfnglich durch
  schweflige Sure nicht gebleicht, spter aber findet eine Bleichung
  statt dadurch, dass unter dem Einflusse des Lichtes der mit ihr
  gemengte Sauerstoff eine Oxydation, d. h. eine Zerstrung der genannten
  Farben vermittelt. Die Bleichung mit schwefliger Sure, so wie sie in
  den Gewerben ausgefhrt wird, ist in den meisten Fllen keine chte,
  sondern nur eine Art Uebertnchung, die den frbenden Krper dem Auge
  entzieht. Beim blossen Liegen an der Luft, namentlich bei Bewegung der
  gebleichten Gegenstnde verflchtigt sich allmlig die schweflige
  Sure, daher die gebleichten Stoffe nach einiger Zeit von selbst ihre
  ursprngliche Farbe wieder annehmen, wie man z. B. an Stroh- und
  Korbflechtarbeiten, an Badeschwmmen u. s. w. hufig wahrzunehmen
  Gelegenheit hat.

[Sidenote: Bleichen der Baumwolle.]

  Durch das =Bleichen der Baumwolle= wird bezweckt, den gelben Farbstoff
  der rohen Baumwolle, die Weberschlichte (Leim, Dextrin, Strke), eine
  fette Substanz und die whrend der Verarbeitung hereingekommenen
  Schmutztheile zu entfernen. Das Bleichen geschieht zuerst durch
  Einweichen der Baumwolle in siedendes Wasser, wodurch alle darin
  lslichen Stoffe fortgeschafft werden. Darauf kocht man dieselbe mit
  Kalkmilch oder mit einer Lsung von Natriumcarbonat, wodurch die
  Weberschlichte aufgelst und das Fett in eine seifenartige Verbindung
  bergefhrt wird. Frher liess man zu ihrer Entfernung die baumwollenen
  Zeuge eine Art Ghrung berstehen. Nachdem die Schlichte und das Fett
  entfernt worden sind, behandelt man die Baumwolle mit Aetznatronlauge,
  wodurch eine harzhnliche Substanz, die sich den vorstehenden
  Operationen entzog, aufgelst wird. Endlich bringt man die Zeuge,
  sofern man die =Kunstbleiche= der =Natur=- oder =Rasenbleiche=
  vorzieht, in eine Auflsung von Chlorkalk (oder bei zarten Stoffen
  Chlormagnesia), die man durch einstrmenden Wasserdampf erhitzt, und
  splt sie darauf in Bottichen ab, in denen sich verdnnte Schwefelsure
  oder Salzsure befindet. Es bildet sich Calciumsulfat oder Chlorcalcium
  und freies Chlor, welches im Augenblick des Freiwerdens das Bleichen
  des Zeuges bewirkt. Die anhngende freie Sure wird durch ein
  alkalisches Bad entfernt. Es ist einleuchtend, dass die Weisse des
  Zeuges um so grsser ausfallen muss, je fter diese Operationen
  wiederholt werden. Das Behandeln der Gewebe und Garne mit siedender
  Lauge nennt man das =Buchen= und nimmt dasselbe in besonderen
  Apparaten, den =Buchapparaten= vor. -- Zum Trocknen der gebleichten
  Zeuge bedient man sich jetzt hufig der =Centrifugal-Trockenmaschine=,
  welche aus zwei in einem Kasten eingeschlossenen und an den
  entgegengesetzten Seiten einer horizontalen Axe befestigten Krben von
  Metallgeflecht besteht. Wird in diese Krbe das zu trocknende Zeug
  gelegt, und die Axe vermittelst einer durch Rderwerk mit derselben
  verbundenen Kurbel rasch umgedreht, so fliesst das Wasser durch die
  Wirkung der Centrifugalkraft aus dem Zeuge aus und letzteres kann auf
  diese Weise in einigen Minuten lufttrocken gemacht werden. Beim
  Bleichen der =leinenen Stoffe= wendet man entweder die Rasenbleiche
  oder die Kunstbleiche an. Empfohlen wird neuerdings -- ob mit Recht
  oder Unrecht, sei dahingestellt -- die neue Bleichmethode von =Tessi
  du Motay=[170], die auf die Anwendung von mangan- und bermangansaurem
  Alkali hinausluft. Das mangansaure Salz wird in Wasser gelst und
  durch Versetzen mit einer Lsung von Magnesiumsulfat, Chlormagnesium
  oder Chlorcalcium in Natriumpermanganat, Mangansuperoxyd, Alkalisalz
  und Magnesiahydrat bergefhrt. Folgende Gleichung, deren Richtigkeit
  brigens dahin gestellt bleiben mag, giebt von dieser Umsetzung
  Rechenschaft:

  3K_{2}MnO_{4} + 2MgSO_{4} = 2KMnO_{4} + MnO_{2} + 2K_{2}SO_{4} + 2MgO.

  [170] =Chevreul=, von der Jury der 51. Classe der Pariser Ausstellung
        (1867) auf dem Champ de Mars, wobei das =Tessi='sche Verfahren
        als Ausstellungsobject figurirte, um seine Ansicht ber den Werth
        des neuen Bleichverfahrens befragt, glaubt, dass die
        Uebermangansure, weil sie zu schnell bleicht, die Faser zu stark
        angreife. Eine gute, die Faser schonende Bleiche msse langsam
        vor sich gehen.

  Das Bleichverfahren selbst geht in nachstehender Weise vor sich: Die
  entschlichtete Spinnfaser -- als Garn oder als Gewebe -- kommt zunchst
  in ein Bad aus mangansaurem Alkali und Bittersalz oder Chlormagnesium
  und bleibt darin 15 Minuten. 2-6 Kilogr. Natriummanganat sollen zum
  Bleichen von 100 Kilogr. Baumwolle, Hanf oder Flachs ausreichen.
  Hierauf kommt die Faser entweder in eine alkalische Lauge oder in eine
  wsserige Lsung von schwefliger Sure. Im ersten Falle werden die
  Spinnfasern einige Stunden lang bei 100 mit der Lauge erhitzt, bis die
  auf der Faseroberflche abgelagerten Manganoxyde ganz oder zum Theil
  gelst sind. Im zweiten Falle kommen die Faserstoffe in ein
  schwefligsaures Bad, bis alles Manganoxyd gelst ist. Derselbe Vorgang
  wird wiederholt, bis die vegetabilische Faser vollstndig gebleicht
  ist. Handelt es sich um das Bleichen von Wolle oder von Seide, so
  ersetzt man die alkalischen Laugen durch ein Seifenbad und lst die
  Oxyde auf alle Flle in schwefliger Sure. Die in der Fabrik des Herrn
  =Verlay= in Comines (Norddepartement) im Grossen im Frhjahre 1867
  erzielten Ergebnisse bezeugen, dass man nach dem neuen Bleichverfahren
  Hanf- und Flachsgarn vollstndig in einem Tage, Flachs- und Hanfgewebe
  aber in drei Tagen bleichen knne, ohne dass die Faser strker
  angegriffen werde, als bei der gewhnlichen Bleichmethode. Fr 100
  Meter Leinwand betragen die Kosten nur 6 Francs. Das Natriummangat wird
  das Kilogramm fr 1 Franc geliefert.

[Sidenote: Bleichen der Seide.]

  Dem =Bleichen der Seide= geht das Entschlen voraus. Zu diesem Behufe
  behandelt man die Rohseide in der Klte mit einer Auflsung von 30 Th.
  Natriumcarbonat in 100 Th. Wasser und kocht dann die entschlte
  (degummirte) Seide mit Wasser aus. Durch diese beiden Operationen
  verliert die Rohseide ungefhr 25 Proc. von ihrem Gewichte. Bei
  seidenen Zeugen, die weiss bleiben sollen, wendet man darauf zum
  Bleichen schweflige Sure an, deren Darstellung und Wirkungsart frher
  beschrieben worden ist. Um das Weisse der Seide besser hervorzuheben,
  pflegt man derselben einen rthlichen Schimmer durch eine Lsung von
  Orlean in Seifenwasser, oder einen blulichen Schein durch Indig zu
  geben.

[Sidenote: Bleichen der Wolle.]

  Die =Wollenbleiche= beginnt mit dem =Entschweissen=, d. h. mit der
  Reinigung von der fettigen Kaliseife, die der Wolle im rohen Zustande
  als eine Ausscheidung der Haut anhngt. Diese Operation wird durch
  Behandeln der Wolle mit faulem Harn (kohlensaurem Ammon) oder mit einer
  Seifenlsung ausgefhrt. Die Wolle verliert dabei 20-30 Proc. an
  Gewicht. Fr die meisten Farben ist diese vorbereitende Reinigung
  hinreichend, nicht aber fr zarte Farben und Zeuge, auf welche Farben
  aufgedruckt werden sollen. Bei der letzteren ist ein Bleichen durch
  schweflige Sure (in Form von Natriumbisulfit unter dem Namen
  =Leucogen=) nthig.


                 Die Frberei der Gespinnste und Gewebe.

[Sidenote: Frberei.]

[Sidenote: Beizen.]

Auf hnliche Weise vielleicht, wie die Kohle (namentlich die Thierkohle)
und die Ackerkrume Farbstoffe und gewisse anorganische Krper aus
Lsungen unverndert in sich aufzunehmen und unlslich zu machen
vermgen, ist auch die thierische und vegetabilische Faser im Stande,
Farbstoffe (und gewisse Beizenbestandtheile) aus Lsungen aufzunehmen und
im absorbirten Zustande unlslich festzuhalten. Die Verbindung ist aber
hufig eine so lockere, dass sie durch wiederholte Behandlung mit
demselben Lsungsmittel besonders in der Wrme leicht zerstrt wird. So
kann man eine Faser, die mit schwefelsaurem Indig, mit in Oxalsure
gelstem Berlinerblau u. s. w. gefrbt ist, durch fortgesetztes Waschen
entfrben. Diese Faser wird daher erst dann eigentlich =gefrbt= werden,
wenn der aufgelste Farbstoff mit der Faser, in den meisten Fllen unter
Mitwirkung eines dritten Krpers, einer Beize, eine _unlsliche_
Verbindung eingegangen hat, die durch Behandeln mit dem Lsungsmittel
nicht mehr gehoben wird. Die so erzeugte Farbe heisst eine =chte=; sie
widersteht der Witterung, dem Lichte, dem Seifenwasser, schwachen
alkalischen Laugen und sehr verdnnten Suren. Eine Farbe, die unter
diesen Einflssen zerstrt wird, heisst =uncht=. Die Frberei beruht zum
Theil auf chemischen Grundstzen, die Aufnahme des Farbstoffes durch die
Faser ist aber, wie es scheint, nur eine physikalische, denn zwischen den
bezglichen Quantitten der Faser und des Farbstoffe findet eine
atomistische Beziehung nicht statt. Weder die Faser noch der Farbstoff
haben nach ihrer Fixation eine ihrer characteristischen Eigenschaften
eingebsst.

  Die zum Frben nothwendige unlsliche Verbindung der Faser mit dem
  Farbstoff lsst sich auf verschiedene Weise erzeugen. Sie lsst sich
  darstellen 1) durch Entfernung des Auflsungsmittels. Auf diese Art
  lsst sich Kupferoxyd, das sich in Ammoniak gelst befindet, durch
  blosses Verdunsten des Ammoniaks auf der Faser fixiren. Ebenso
  Zinkchromat in ammoniakalischer Lsung. Das Niederschlagen des
  Carthamins aus einer alkalischen Lsung mittelst einer Sure, und die
  Fllung gewisser Theerfarben aus ihrer Lsung in Alkohol gehrt
  ebenfalls hierher. Die unlsliche Verbindung kann 2) durch Oxydation
  hervorgebracht werden, indem durch Aufnahme von Sauerstoff der vorher
  lsliche Farbstoff unlslich wird. Hierher gehren ausser dem Ferro-
  und Mangansulfat, das durch Oxydation in unlsliches Oxydhydrat
  bergeht, die gerbsurehaltigen Vegetabilien, welche ausserdem einen
  Farbstoff enthalten, wie Quercitron, Sumach, Gelbholz, Fiset u. s. w.
  Wenn man Zeug mit einem wsserigen oder alkalischen Auszug dieser
  Substanzen trnkt und dasselbe der Luft aussetzt, so wird der Farbstoff
  braun und lst sich in Wasser nicht mehr auf. Eine gleiche Vernderung
  wird schneller hervorgebracht, indem man auf diese Weise getrnkte
  Zeuge mit oxydirenden Mitteln, wie mit Chromsure (Kaliumbichromat)
  behandelt. Ein Beispiel dieser Art ist das Schwarzfrben mittelst
  Blauholz und Kaliumchromat, wo das Hmatoxylin des Holzes zu Hmaten
  oxydirt und die Chromsure zu Chromoxyd reducirt wird. In dieselbe
  Kategorie gehrt gewissermaassen auch das Blaufrben mit Indig in der
  Kpe, von welchem spter die Rede sein wird; in diesem Falle geht aber
  die Frbung dadurch vor sich, dass allerdings Sauerstoff aufgenommen,
  aber zugleich Wasserstoff aus dem Indigweiss ausgeschieden wird, das
  sich mit dem Sauerstoff zu Wasser verbindet. Auch die Erzeugung von
  Anilinschwarz auf dem Gewebe mit Hlfe ozonabgebender oder
  ozonbildender Agentien (Kaliumchlorat, Ferridcyanammon, Kupferchromat,
  frisch geflltes Schwefelkupfer) ist hier einzuschalten. In vielen
  Fllen sucht man 3) die unlsliche Verbindung durch doppelte Zersetzung
  hervorzubringen, so erzeugt man =Blau= durch Ferrocyanwasserstoffsure
  und durch Eisenoxyd; =Grn= durch Kupferarsenit und Kupfersulfat,
  =Gelb= durch Kaliumchromat und ein lsliches Bleisalz. Diese Art der
  Fixirung der Pigmente findet nur bei Mineralfarben Anwendung. Die
  wichtigste und gebruchlichste Methode der Fixirung der Farben ist
  endlich 4) die durch =Beizen= oder =Mordants=. Unter einer Beize
  versteht man die Lsung eines Krpers, der an sich kein Farbstoff, zu
  der Faser wie zu dem Pigment aber Verwandtschaft hat und die Verbindung
  beider vermittelt. Die wichtigsten dieser Krper, die man zu Beizen
  anwendet, sind Alaun, Aluminiumsulfat und -acetat, Aluminiumhyposulfit,
  Natrium-Aluminat, Ferriacetat[171], Zinnbeize, Fette, Gerbsure
  (namentlich bei den Krapppigmenten, dem Cochenillefarbstoffe und den
  Anilinfarbstoffen fr Baumwolle und Leinen), Albumin, Kleber, Casen
  und fettes Oel. Durch diese Beizen werden die zu frbenden Zeuge
  gezogen, darauf wird die Beize befestigt, was je nach ihrer Natur durch
  Lften, durch Kuhkothen, durch Behandeln im Kleienbade oder durch
  Behandeln mit Seife geschieht, und dann erst wird das Zeug in die
  Farbelsung gebracht. Die meisten organischen Pigmente sind nur
  vermittelst der Beizen zum Frben anwendbar. -- =Bankroft= theilt die
  Farben ein in =substantive= und =adjective=; mit dem Namen der
  ersteren bezeichnete er diejenigen, die ohne Mitwirkung von Beize auf
  der Faser in den unlslichen Zustand bergehen; zu denselben gehren
  alle mineralischen Pigmente, und von den vegetabilischen: Indigo,
  Curcuma, Orlean, Safflor, ferner die meisten Theerfarben, obgleich man
  bei dem Fuchsin und hnlichen Theerfarben, wie oben bereits
  hervorgehoben, auch die Gerbsure als Befestigungsmittel in Anwendung
  bringt u. s. w. Unter den =adjectiven Farben= versteht er hingegen
  diejenigen, die eines Intermediums bedrfen, um auf der Faser unlslich
  zu werden. Diese Zwischen- oder Aneignungsmittel sind die =Beizen=.
  Letztere haben aber nicht nur die Bestimmung, die Verbindung der Faser
  mit dem Farbstoff zu bewerkstelligen, sie knnen auch in gewissen
  Fllen dazu dienen, eine solche Vernderung in den schon vorher mit
  Erd- oder Metallsalzen getrnkten Zeugen hervorzubringen, dass die
  damit versehenen Stellen beim Herausnehmen aus der Farbenbrhe (der
  Flotte) weiss erscheinen. Man nennt solche Beizen =entfrbende Beizen=.
  Zu ihnen gehren Phosphorsure, Weinsure, Oxalsure, arsenige Sure
  etc. Die bei der Zeugdruckerei zu erwhnenden =Reservagen=
  (Schutzpappen) gehren ebenfalls hierher. Oefters haben aber auch die
  Beizen den Zweck, schon vorhandenen Farben einen anderen Ton zu geben,
  die erhaltene Farbe lebhafter und reiner hervortreten zu lassen und
  dadurch das Zeug zu =schnen= oder zu =schauen= (aviviren); letzteres
  geschieht durch Ziehen des schon gefrbten Zeuges durch schwach saure
  oder alkalische Flssigkeiten, durch Seifenlsung, oder durch eine
  andere Farbenbrhe. Man nennt solche Beizen =Modifikationsbeizen=.

  [171] Neuerdings (1870) hat =M. Reimann= gezeigt, dass auch die amorphe
        Kieselsure als Fixirungsmittel vieler Farbstoffe Anwendung
        finden knne.

[Sidenote: Wollfrberei.]

[Sidenote: Blaufrberei.]

=Wollfrberei= (Schnfrberei). Die =Wolle= wird entweder ungesponnen als
Flockwolle, oder gesponnen als Garn, oder als Gewebe, als Tuch oder Zeug
gefrbt. Da bei der Verarbeitung der Wolle stets ein Theil beim Weben,
Walken und Scheeren abfllt, so ist es vortheilhaft, die Wolle im
gesponnenen Zustande zu frben. Wenn die zu erzeugende Farbe cht werden
soll, so werden die zu frbenden wollenen Stoffe vorgebeizt. Dies
geschieht durch Kochen (=Ansieden=) der Wolle in einer Lsung von Alaun
und Weinstein; oder Weinstein und Zinnsalz; oder Weinstein und
Eisenvitriol. Fr gewisse Farben wendet man Zinnchlorid oder Pinksalz
(vergl. S. 77) an. Der wichtigste Theil der Wollfrberei ist die
=Blaufrberei=. Am hufigsten erzielt man die blaue Farbe mit Indig, der
die schnsten und dauerhaftesten Farben erzeugt, oder fr Merinos und
hnliche Stoffe mit Berlinerblau, oder endlich ordinre Zeuge mit
Blauholz und schwefelsaurem Kupferoxyd. Ob ein Stoff mit Indig,
Berlinerblau oder Kupfersalzen gefrbt ist, lsst sich auf folgende Weise
erkennen: Mit Indig gefrbte Wolle verndert beim Kochen mit Kalilauge
oder beim Befeuchten mit concentrirter Schwefelsure ihre Farbe nicht.
Mit Berlinerblau gefrbte Wolle nimmt beim Kochen mit Kalilauge eine
rothe Farbe an und entfrbt sich beim Berhren mit Schwefelsure. Mit
Kupfersalz gefrbte Wolle endlich wird durch verdnnte Schwefelsure roth
und hinterlsst kupferhaltige Asche.

[Sidenote: Indigblau.]

Wolle wird durch Indig stets auf die Weise gefrbt, dass man sie in eine
Auflsung von Indigweiss in einer alkalischen Flssigkeit bringt, und
dann der Luft aussetzt. Folgendes Schema mag das Princip der Frberei
vermittelst der Indigkpe verdeutlichen:

      C_{16}H_{12}N_{2}O_{2} + O = C_{16}H_{10}N_{2}O_{2} + H_{2}O
            Indigweiss                   Indigblau.

[Sidenote: Indigkpen.]

[Sidenote: Waidkpe.]

[Sidenote: Potaschenkpe.]

  Das Gefss, in welchem die Auflsung des Indigs vorgenommen wird,
  heisst die =Kpe=. Dieser Name ist auch auf das Verfahren des Frbens
  bergegangen, so dass man unter =Indig=- oder =Blaukpe= die in der
  Frberei bliche Methode, den Indig aufzulsen, versteht. Man lst den
  Indig entweder, indem man denselben reducirt, oder, indem man ihn mit
  Schwefelsure behandelt. Man theilt die Kpen ein in =warme= und =kalte
  Kpen=. Zu den warmen rechnet man die =Waid=- und die =Potaschenkpe=,
  zu den kalten die =Vitriol=-, die =Urin=-, die =Operment=- und die
  =Zinnoxydulkpe=. Die =Waidkpe= (Pastelkpe) oder =warme Kpe= dient
  besonders zum Frben der Streichwolle und des Tuches; sie giebt die
  schnsten, glnzendsten und haltbarsten Farben unter allen Kpen, und
  besonders satte und lebhafte, wenn sie mit der besseren Sorte Waid
  angemacht ist. Frher, als der Indig nicht bekannt war, wurde sie mit
  Waid angesetzt und verdankte dann ausschliesslich diesem ihre frbende
  Eigenschaft; spter ersetzte man, um das Frbevermgen zu vermehren,
  den Waid zum Theil durch Indig. Gegenwrtig setzt man den Waid zu der
  Waidkpe nicht sowol wegen des darin enthaltenen Indigs, als vielmehr,
  um dadurch eine Ghrung hervorzurufen, durch welche der Indig zu
  Indigweiss reducirt und aufgelst wird. Um eine Kpe, die gewhnlich
  aus Eisen oder Kupfer ist, anzustellen, fllt man sie zuerst mit
  weichem Wasser und setzt dann je auf 500 Liter Wasser 1 Kilogr.
  feingemahlenen Indig, 13-1/2 Kilogr. Waid, 1/2 Kilogr. Krapp, 1/2
  Kilogr. Kleie und 1/2 Kilogr. Potasche, whrend die Temperatur auf
  80-90 gebracht und so etwa 2 Stunden erhalten wird. Hierauf setzt man
  1/2 Kilogr. gebrannten und zu Milch gelschten Kalk hinzu, hrt aber
  mit dem Feuern auf, so dass die Kpe langsam abkhlt. Nach einiger
  Zeit, die je nach den Umstnden von 12 Stunden bis selbst einigen Tagen
  variiren kann, stellt sich eine Ghrung ein, wobei der Indig allmlig
  reducirt und aufgelst wird. Es erscheinen auf der Oberflche blaue
  Blasen und blaue, mit kupferrothem Schiller spielende Streifen und ein
  eigenthmlich ammoniakalischer Geruch stellt sich ein. Der Kalk muss in
  der Flssigkeit ein wenig vorherrschen. Nach beendigter Reduktion des
  Indigs erscheint die Flssigkeit klar und von weingelber Farbe. Es ist
  nicht leicht die eigenthmliche Rolle des Krapps und der Kleie in der
  Waidkpe gengend zu erklren. Es ist wahrscheinlich, dass aus gewissen
  Bestandtheilen des Krapps und der Kleie, z. B. aus dem Zucker des
  Krapps, den Pektin- und Gummikrpern und der Strke, welche die Kleie
  enthlt, zunchst wesentlich Milchsure sich bildet und dass diese
  sodann in Buttersure bergeht, wobei Kohlensure und Wasserstoffgas
  frei werden, welches letztere im _status nascens_ das Indigblau zu
  Indigweiss reducirt. Der Waid erleidet dagegen eine andere Art von
  Ghrung, welche am besten als langsame Fulniss bezeichnet werden kann,
  dabei entsteht als wesentliches Produkt Ammoniak, wodurch das
  Indigweiss gelst wird. Beide Arten von Ghrung scheinen fr das
  Gelingen der Kpe wesentlich zu sein. Bei blossem Zusatze von Waid zu
  derselben wrde nmlich die Fulniss zu rasch vor sich gehen und eine
  gnzliche Zerstrung des Indigs herbeifhren. Durch die bei der Ghrung
  der Kleie und des Krapps sich bildende freie Sure wird die Fulniss
  des Waids in dem Grade unterdrckt, dass zwar die zur Lsung des
  Indigweisses nothwendige Menge Ammoniak sich entwickelt, aber kein
  Indig zerstrt wird. Der Kalk hat die Bestimmung, die durch die Ghrung
  gebildete Sure zu sttigen, welche sonst das Ammoniak neutralisiren
  und dadurch dem Indigweiss sein Lsungsmittel entziehen wrde; er wirkt
  in gleichem Sinne wie die Sure dem zu schnellen Verlauf der Ghrung
  entgegen und trgt deshalb das Seinige zur Verhinderung der Zersetzung
  des Indigs bei. Zur Darstellung der =Potaschen=- oder =Sodakpe=,
  =indischen= oder =Indigkpe= nimmt man auf 12 Th. Indig, 8 Th. Krapp, 8
  Th. Kleie und 24 Th. Potasche, erwrmt anfnglich auf 50, und setzt
  nach 36 Stunden noch 12 Th. und nach 48 Stunden abermals 12 Th.
  Potasche hinzu. Nach 3 Tagen ist die Ghrung so weit vorgeschritten,
  dass die Kpe zum Frben bereit ist. Diese Kpe frbt schneller und
  besser als die Waidkpe und ist auch weit leichter zu behandeln. Man
  benutzt sie zu Elbeuf und Louviers in Frankreich, so wie vielfach in
  Deutschland zum Frben des Tuchs. In der neueren Zeit kommt die mit
  Natriumcarbonat und Aetzkalk dargestellte =Sodakpe= immer mehr und
  mehr in Aufnahme.

[Sidenote: Vitriolkpe.]

  Bei der =Vitriolkpe= (kalte Kpe) wird Indig mit Wasser, Eisenvitriol,
  Kalk (oder Kali und Natron) zusammengebracht. Die Flssigkeit wird sehr
  bald entfrbt und wird besonders, um schnell zu frben, angewendet. Die
  Reduktion des Indigs geht hierbei auf folgende Weise vor sich: Der Kalk
  scheidet aus dem Eisenvitriol unter Bildung von Gyps Eisenoxydulhydrat
  ab, das in Oxyd berzugehen strebt. Es bewirkt in dessen Folge eine
  Wasserzersetzung; der Sauerstoff des Wassers verwandelt das Oxydul in
  Oxyd, whrend der Wasserstoff zu dem Indigblau tritt und reducirten
  Indig bildet:

  Indigblau C_{16}H_{10}N_{2}O_{2}}     {Indigweiss C_{16}H_{12}N_{2}O_{2}
  Eisenvitriol 2FeSO_{4}          }geben{Gyps 2CaSO_{4}
  Calciumhydroxyd 2CaH_{2}O_{2}   }     {Eisenoxyd Fe_{2}O_{3}, H_{2}O

[Sidenote: Harnkpe.]

[Sidenote: Opermentkpe.]

[Sidenote: Zinnkpe.]

  Die Vitriolkpe wird hufiger zum Frben von Baumwollen- und
  Leinenstoffen, als in der Wollfrberei benutzt. Seit einiger Zeit
  ersetzt man den Eisenvitriol zuweilen durch =Zinkstaub= und stellt
  dadurch =Zinkkpe= dar. Die =Harnkpe= wird durch Auflsen von Indig in
  faulem Harn dargestellt. Die Reduktion des Indigs geschieht durch die
  organischen Substanzen des faulen Harnes, die Lsung des reducirten
  Indigs durch das durch die Fulniss des Harnstoffs entstandene
  kohlensaure Ammon. Man benutzt die Urinkpe zum Frben von Wolle und
  Leinen, wiewohl sehr selten. Die =Operment=- oder =Arsenkpe= dient
  vielmehr in der Zeugdruckerei als zum Blaufrben der Wolle. Man stellt
  sie durch Auflsen von Operment (Schwefelarsen As_{2}S_{3}) und Indig
  in Kalilauge dar, und trgt die Lsung mit Gummi verdickt auf. Die
  Reduktion geht auf folgende Weise vor sich: Operment und Kali geben
  unter Wasserzersetzung Kaliumarseniat und Kaliumhyposulfit; der frei
  werdende Wasserstoff verbindet sich mit dem Indigblau zu Indigweiss.
  Bei der =Zinnkpe= bringt man den Indig mit einer Auflsung von
  Zinnoxydul in Aetzkali zusammen, oder kocht Aetznatron mit Indig und
  metallischem Zinn. In beiden Fllen bildet sich Indigweiss neben
  Alkalistannat. Diese Kpe wird ebenfalls hauptschlich in der
  Zeugdruckerei angewendet. In neuerer Zeit wendet man zuweilen die
  =Zuckerkpe= an, bei welcher Milch- oder Strkezucker bei Vorhandensein
  von Alkalien als Reduktionsmittel benutzt wird.

[Sidenote: Schsischblau.]

  Wie schon S. 675 angegeben worden ist, lst sich der Indig in
  concentrirter Schwefelsure und bildet mit derselben die
  =Indigschwefelsure=. Dieselbe dient zum Blaufrben der Wolle. Um die
  Lsung derselben (die Indigcomposition) darzustellen, lst man 1 Th.
  Indig in 4-5 Theilen rauchender Schwefelsure, schttet die Lsung in
  einen Kessel mit Flusswasser, und bringt in die Flssigkeit Flockwolle,
  die man darin 24 Stunden liegen lsst. Nach Verlauf dieser Zeit,
  whrend welcher sich die Indigschwefelsure auf die Wolle
  niedergeschlagen hat, lsst man die Wolle abtropfen, bringt sie dann in
  einen Kessel mit Wasser, das mit etwas kohlensaurem Ammon, Natron oder
  Kali versetzt worden ist und lsst sie mit demselben einige Zeit lang
  sieden. Die so erhaltene Lsung (_abgezogenes schsisches Blau_ oder
  _Blue_) wird zum Blaufrben angewendet. Soll Wolle mit dieser Lsung
  blau gefrbt werden, so wird sie mit Alaun ausgesotten und dann mit
  dieser Flssigkeit behandelt. Es bildet sich auf der Wolle
  indigschwefelsaure Thonerde.

[Sidenote: Wiederbelebung des Indigs.]

  Um aus den Abfllen, den Lumpen von Tuch u. s. w. die mit Indig gefrbt
  sind, den Indig wieder zu gewinnen, behandelt man die Zeuge mit
  verdnnter Schwefelsure, die bis auf 100 erwrmt ist. Es lst sich
  die Wolle auf, whrend der Indig unlslich zu Boden fllt.
  Militrmontur-Tcher knnen bis zu 2-3 Proc. Indig geben. Die saure
  Lsung der Wolle wird mit Kreide neutralisirt; der entstehende
  schwefelsaure Kalk eignet sich wegen der damit gemengten
  stickstoffhaltigen Substanz als Dngemittel.

[Sidenote: Blaufrben mit Berlinerblau.]

Mit =Berlinerblau= (Kaliblau) frbt man Wolle auf zweierlei Art. Die
erste Art besteht darin, die Wolle mit einer Eisenoxydlsung zu trnken,
und dann durch eine Lsung von Ferrocyankalium, die mit Schwefelsure
angesuert ist, zu ziehen. Das zweite Verfahren (_Bleu de France_) beruht
auf der Benutzung der zersetzenden Einwirkung der Luft auf die Ferro- und
Ferridcyanwasserstoffsure. Man taucht die Zeuge in eine Auflsung von
Ferro- oder Ferridcyankalium, Schwefelsure und Alaun in Wasser, und
setzt sie nachher der atmosphrischen Luft aus; die Ferro- oder
Ferridcyanwasserstoffsure zersetzt sich in entweichende Blausure und in
auf der Faser zurckbleibendes Eisencyanrcyanid. Das neuere Verfahren
von =Meitzendorf=, vermittelst des Berlinerblau's Farbentne
darzustellen, die den durch Schsischblau hervorgebrachten nicht
nachstehen, beruht auf der Anwendung des Ferridcyankalium. Nach dieser
Methode nimmt man eine Lsung von Ferridcyankalium, Zinnchlorid
(SnCl_{4}), Weinsure und Oxalsure, in welcher man die Wolle erhitzt.
Die Oxalsure bewirkt die Lsung des Berlinerblau's, welches letztere
beim Frben nur in aufgelster Form wirken kann, whrend das unlsliche
unbenutzt verloren geht. Die Weinsure erhht den Glanz und die
Lebhaftigkeit der Farbe.

[Sidenote: Blaufrben mit Campecheholz und Kupfersalz]

  Um mit =Campecheholz= und =Kupfersalzen blau= (Holzblau) =zu frben=,
  bereitet man ein Bad, in welchem man Campecheholz kochen lsst und
  bringt dann Alaun, Weinstein und schwefelsaures Kupferoxyd hinzu. In
  dieser Brhe lsst man die Wolle kochen. Nach dem Ausfrben werden die
  Zeuge durch Kochen in einem Bad von Campecheholz, Zinnchlorr, Alaun
  und Weinstein geschnt. Die mit Campecheholz gefrbten und darauf
  geschnten Tuche haben vor den mit Indig im Stck gefrbten den Vorzug,
  dass sie durch Reibung und durch den Gebrauch nie weiss werden. Statt
  des Campecheholzes nimmt man zu _halbchten_ Farben gegenwrtig auch
  hufig =Orseille= und =Persio=.

[Sidenote: Gelbfrberei.]

Die zum =Gelbfrben der Wolle= am hufigsten angewendete Substanz ist der
=Wau=, der die Eigenschaft hat, beim Zusammenbringen mit einem Alkali
weniger roth gefrbt zu werden, als die brigen gelben Farbstoffe. Die
Waugelbfarben bleiben an der Luft ziemlich lange unverndert, obgleich
ihre Haltbarkeit mit der der Indigfarben nicht zu vergleichen ist. Die
Wolle wird zuerst mit einer Lsung von Alaun und Weinstein, und dann in
einem frischen Bade von Wau gekocht. Mit etwas Fisetholz oder Krapp
modificirt, erhlt man =rothgelb=, mit etwas Indigschwefelsure
=citronengelb=. Des =Gelbholzes= bedient man sich weniger zur Darstellung
von reinem Gelb als von gemischten Farben. Die grosse Menge der in dem
Gelbholz enthaltenen eigenthmlichen Gerbsure bewirkt, dass mit dem
Gelbholz ohne Beizen gefrbt werden kann, obgleich die so behandelte
Flockwolle eine fr das Verspinnen sehr nachtheilige Hrte annimmt. Der
Vorschlag, aus den Abkochungen des Gelbholzes die Gerbsure durch
Hautabflle zu fllen, ist insofern ein irrationeller, als die in dem
Gelbholz enthaltene Gerbsure eine gelbfrbende ist, und das Gelbholz
durch Entfernung dieser Sure des grssten Theils seines Farbstoffs
beraubt werden wrde. Das =Fisetholz= wendet man vorzugsweise zum
Gelbfrben der Merinos an. Goldgelb wird auf Wolle mit Hlfe von
=Martiusgelb= oder von =Pikrinsure= erzeugt.

[Sidenote: Rothfrberei.]

Bei dem =Rothfrben der Wolle= wendet man am hufigsten den =Krapp= an.
Die Operation der Krappfrberei zerfllt in das Ansieden und das
Aussieden im Krappbade. Bei derselben muss mglichst reines Wasser
angewendet werden, da besonders Kalksalze der Farbe einen eigenthmlich
violetten Ton geben. Das Ansieden geschieht in einer Lsung von Alaun und
Weinstein, das Aussieden in dem Krappbad, in welchem der Krappgehalt
mindestens die Hlfte vom Gewicht der Wolle betrgt. Nach dem Ansieden
wird die Wolle sorgfltig ausgewaschen, um alle holzigen Theile, die an
der Wolle hngen, zu entfernen. Mit der Zeit wird man vielleicht mit
knstlichem Alizarin (Anthracenroth) frben. Das Rothfrben mit
=Cochenille= geht ebenso wie die Krappfrberei durch Ansieden und
Aussieden vor sich. Die Nancen mit einem Stich ins Gelbe fhren den
Namen Scharlach, die mit einem Stich ins Rothe Ponceau. Man siedet mit
einem Bad aus Cochenille, Weinstein und Zinnsalz an und frbt mit
Cochenille und Zinnsalz aus. Mit allen =Theerfarbstoffen= (rothen,
blauen, grnen, grauen, gelben, braunen, violetten) lsst sich die Wolle
mit Leichtigkeit frben, deren Affinitt zu den Anilinfarben so bedeutend
ist, dass die Lsung eines solchen Farbstoffes durch Digestion mit Wolle
fast vollstndig entfrbt werden kann.

[Sidenote: Grnfrben.]

[Sidenote: Bunte Farben.]

=Grn= stellt man durch die Verbindung von Blau und Gelb dar. Gewhnlich
frbt man erst die Wolle blau, lsst sie dann mit Weinstein und Alaun
kochen und frbt dann mit Gelbholz oder Wau aus. Das zu Spieltischen,
Billardberzgen u. s. w. angewendete grne Tuch wird auf folgende Weise
gefrbt: Man bereitet eine schwache Abkochung von Gelbholz, schttet in
das Bad etwas Schsischblau und lst darin Alaun und Weinstein. Darauf
taucht man die Stcke hinein und erhlt das Bad 2 Stunden lang im Sieden.
Nach dem Auswaschen bringt man das Tuch in frisches Gelbholzbad, zu
welchem man abermals eine kleine Menge Schsischblau gesetzt hat und
frbt es darin aus. Auch mittelst =Lo-kao= (vergl. Seite 677) und
Anilingrn, namentlich =Jodgrn=[172], frbt man Wolle (Wollgarn, glatte
Wollstoffe, Halbwolle etc.) grn. -- Auf hnliche Weise erzeugt man durch
Cochenille, Fisetholz, Krapp, Gelbholz etc. alle Arten gemischter Farben.

  [172] Vergl. die Mittheilung von =Th. Peters= (in Chemnitz) ber das
        Frben der Wolle mit Jodgrn (Jahresbericht der chem. Technologie
        1869 p. 621).

[Sidenote: Schwarze Farben.]

Die =schwarze Farbe der Wolle= entsteht gewhnlich, wenn man von der
Application des Anilinschwarz (aus chromsaurem Kupfer und oxalsaurem
Anilin) absieht, aus einer Verbindung des Eisenoxydes mit Gerbsure und
Gallussure. Man beizt die Wolle mit Eisenvitriol an und frbt dann
vermittelst einer Abkochung von Blauholz, Gallpfeln, Sumach u. s. w.
aus. Zu chtem Schwarz (=Sedanschwarz=) giebt man den Tchern in der
Waidkpe einen dunkelblauen Indiggrund, wscht sie dann sorgfltig aus,
bringt sie in ein Bad von Sumach und Blauholz, lsst sie darin 3 Stunden
lang sieden und setzt darauf schwefelsaures Eisenoxydul hinzu. Diese
Operation wird wiederholt, bis das Tuch eine intensiv schwarze Farbe
angenommen hat. Zu weniger chtem Schwarz giebt man dem Tuch einen Grund
mit Berlinerblau und frbt hierauf wie vorher aus. Bei unchtem Schwarz
(Bedarieuxschwarz, Toursschwarz, Genferschwarz) nimmt man Blauholz,
Sumach mit etwas Gelbholz, als Basis und wendet zum Schwarzfrben
Eisenvitriol und Kupfervitriol an. Das Schwarzfrben mit Kaliumchromat
(das =Chromschwarz=) -- eine Erfindung von =Th. Leykauf= in Nrnberg --
wird auf folgende Weise ausgefhrt: Man siedet mit einer Lsung von
Kaliumbichromat und Weinstein an und frbt mit einer Abkochung von
Blauholz aus. Anstatt des Eisenvitriols wendet man zweckmssiger mit
Holzessig bereitetes Ferroacetat an.

[Sidenote: Weisses Tuch.]

=Weisses Tuch= erhlt man, indem man das Tuch nach dem Schwefeln durch
Kreide zieht, und nach dem Trocknen ausklopft und ausbrstet.

[Sidenote: Seidenfrberei.]

=Seidenfrberei.= Die =Seide= wird gewhnlich roh, nachdem sie entschlt,
gebleicht oder geschwefelt worden ist, gefrbt. Die bei der
Seidenfrberei angewendeten Bder drfen nicht siedend, sondern mssen
kalt angewendet werden.

Um die Seide =schwarz= zu frben wendet man entweder an

    1) Blauholz und Eisenbeize (Rostbeize),

    2) Blauholz und Kaliumbichromat,

    3) Gallpfel und andere gerbstoffhaltige Krper und Eisensalze,

    4) nach dem Verfahren von =Persoz= jun. u. A. Kupferchromat und
       oxalsaures Anilin.

Das erstere und zweite Schwarz heisst schlechtweg =Holzschwarz=, das
dritte =Schwerschwarz=. Das Holzschwarz mit Eisenbeize wird hergestellt
durch Mordanciren der Seide mit Ferrinitrat (Rostbeize, _Rouille_) und
Ausfrben mit Blauholz; es ist billiger und findet besonders fr leichte
Stoffe, Bnder u. s. w. Anwendung; eine unangenehme Eigenschaft dieser
Farbe besteht darin, dass sie durch die Einwirkung selbst verdnnter
Suren gerthet wird. Theurer und umstndlicher ist das Schwerschwarz,
dafr hat es aber auch den grossen Vortheil, dass es durch Suren nicht
verndert wird, dass ferner die Seide in Schwerschwarz eine Gewichtsmenge
farbegebender Substanzen aufnimmt, die 60, 80, ja selbst 100 Proc. ihres
eigenen Gewichtes betrgt[173]. Der Seidenfrber muss auf Verlangen fr
100 Pfund rohe Seide 160, 180-200 Proc. schwerschwarzgefrbte abliefern.
In Deutschland wendet man als gerbsurehaltige Substanz Knoppernextract
oder sogenannten schwarzen Seidengrund, ein in Bhmen fabricirtes sehr
adstringirendes Extract, an. Oft ist die schwarze Seide im hchsten Grade
mit Farbe gesttigt, wodurch das Zeug eine scheinbar grosse Strke
erhlt, whrend die Farbe unhaltbar ist und das Zeug abfrbt. Eine solche
Farbe heisst =Dunst=farbe. Unter dem Mikroskop beobachtet man, dass die
Farbe den Seidenfden nur lose anhaftet. Das Schwerschwarzfrben wird
ausgefhrt, indem man die Seide zuerst =gallirt=, d. h. durch ein
gerbsurehaltiges Bad zieht und dann mit Eisensalzen ausfrbt
(=Mailnderschwarz=); das Schwarz, welches einen Grund hat von
Blutlaugensalz und salpetersaurem Eisen fhrt den Namen
=Blaukesselglanz=.

  [173] Die zu Schuhschnren bestimmte Seide giebt sogar 225 Proc.
        gefrbte Seide auf 100 rohe.

  Wohl keine Farbe in der Seidenfrberei hat von jeher zu so viel
  Spekulationen Veranlassung gegeben, als die Herstellung des
  Schwerschwarz, da der Zweck, den man in dem gegebenen Falle zu
  erreichen beabsichtigt, ein doppelter ist, man will nmlich
  =Schwarzfrben=, dann will man aber auch =erschweren=. Das erstere
  geschieht durch diejenigen Gerbematerialien, die wie Gallpfel u. s. w.
  eisenbluende Gerbsure enthalten, das zweite, das Erschweren, beruht
  auf der Eigenschaft der Gerbstoffe, sich leicht und vollstndig mit
  thierischen Stoffen, also auch mit der Seide verbinden zu knnen.
  Ebenso wie beim Gerben des Leders die Haut an Masse und Gewicht
  zunimmt, ebenso wirkt die Gerbsure auf die Seidenfaser ein, indem sie
  dieselbe anschwellen, voluminser und deshalb auch schwerer macht. Je
  reicher an Gerbsure das Bad ist, desto schwerer wird bis zu einer
  gewissen Grenze die Seide werden mssen. Ob man ein Eisenoxyd oder ein
  Eisenoxydulsalz zum Ausfrben anwendet, ist nicht gleichgltig;
  gallirte Seide durch ein Oxydbad gezogen, wird sogleich schwarz, durch
  ein Oxydulbad dagegen zuerst blos schwrzlichviolett, dann aber an der
  Luft nach und nach auch schwarz. Wenn nun gleich die Wirkung des
  Oxydulsalzes der Wirkung des Oxydsalzes im endlichen Resultate gleicht,
  so hat dennoch fr bestimmte Zwecke bald dieses, bald jenes seine
  besonderen Vortheile: bei geringeren Mengen von Gerbsure ist das
  Eisenoxyd zulssig und ntzlich, bei grossen Massen von Gerbsure
  dagegen nur das Oxydul anwendbar. Das neuerdings aufgekommene Verfahren
  des Schwarzfrbens der Seide mit =Anilinschwarz= vermittelst
  Kupferchromat und oxalsaurem Anilin soll vorzgliche Resultate geben.

Eine =blaue Frbung= wird der Seide mittelst =Indig=, =Berlinerblau=,
=Blauholz= und =Anilinblau= ertheilt. Man wendet seltener die Indigkpe,
als den gereinigten schwefelsauren Indig (den abgezogenen Indig) an. Um
mit Berlinerblau zu frben, taucht man das Zeug zuerst in ein Gemenge von
Wasser, Raymond'scher Flssigkeit[174] und Zinnchlorr, wscht es mit
Wasser aus und zieht es durch eine siedendheisse Seifenlsung. Nach dem
Auswaschen taucht man es in eine Lsung von Ferrocyankalium, die mit
etwas Salzsure angesuert worden ist. Man erhht die Schnheit der
Farbe, wenn man die gefrbte Seide durch ammoniakhaltiges Wasser zieht.
Mittelst =Anilinblau= (zu dem sich in neuerer Zeit des Naphtylblau
gesellt) ist die Frbung der Seide eine sehr einfache, indem man nur die
zu frbende Seide in eine Lsung der Farbstoffe (in Weingeist, Holzgeist
oder bei Anwendung von in Wasser lslichem Anilinblau auch in Wasser) zu
bringen und darin zu lassen hat, bis die gewnschte Nance zum Vorschein
gekommen ist. Die =rothe Frbung= wurde bis auf die neueste Zeit mittelst
Safflor (Carthamin), Cochenille und Orseille, namentlich mit
franzsischem Purpur hervorgebracht, gegenwrtig wendet man allgemein
hierzu das Fuchsin, das Corallin und das Magdalaroth (Naphtalinroth) an.
Die Operation des Frbens ist bei Anwendung von allen rothen Theerfarben
hchst einfach, indem man die Seide in der Lsung der Farbstoffe bis zur
Erzielung der gewnschten Nance verweilen lsst. Das Anilinroth ist, was
Lebhaftigkeit, Intensitt und Reinheit der Farbe betrifft, die schnste
aller rothen Farben, an Bestndigkeit wird es jedoch vom Magdalaroth
bertroffen. Die =Orseille= findet in der Seidenfrberei ebenfalls
hufige Anwendung, obgleich ihr in dem Anilinviolett ein mchtiger
Concurrent erwachsen ist. =Gelb= frbt man durch Wau, zu welchem man,
wenn eine ins Orange ziehende Farbe erhalten werden soll, etwas Orlean
setzt, oder in der modernen Frberei durch =Martinsgelb=. Zuweilen
erzeugt man auf Seide durch die Einwirkung von Salpetersure ein
=Hellgelb= durch die Bildung von =Pikrinsure=, das durch die Einwirkung
der Alkalien dunkler wird. Um Orangegelb zu erzeugen, zieht man die Seide
durch eine alkalische Orleanlsung. Zu =ordinrem Grn= wird mit Wau,
Quercitron, Gelbholz, oder mit Pikrinsure gelb und dann mit
Indigcomposition, Indigcarmin oder Anilinblau blau gefrbt; zu =solidem
Grn= frbt man erst mit _Bleu-Raymond_ blau und dann mit Gelbholz auf
verschiedene Weise grn. Seit einigen Jahren findet zum Grnfrben der
Seide fast nur noch das Anilingrn (Emeraldin) Anwendung. Zu =Lila=
wendet man Anilinviolett, Orseille oder Blauholz und Zinnchlorid
(Pens-Physikbad) an.

  [174] Die Raymond'sche Flssigkeit besteht aus einer Lsung von
        Eisenvitriol in Salpetersure und ist identisch mit Rostbeize
        oder Rouille. Das vermittelst dieser Flssigkeit hervorgebrachte
        Blau heisst =Raymond's-Blau=. Das =Napoleonblau=, viel brillanter
        als das Raymondblau, erhlt zuerst ein Eisenbad mit Zinnsalz,
        nachfolgt ein mit Schwefelsure angesuertes Bad von
        Ferrocyankalium.

[Sidenote: Baumwollfrberei.]

=Baumwollfrberei.= Man frbt die =Baumwolle= als Garn oder als Zeug, am
hufigsten wol als Garn. Sie ist weit schwerer cht zu frben als Wolle
und bedarf eine weit krftigere Beize. =Blau= erzeugt man auf Baumwolle
vermittelst der Vitriolkpe, Berlinerblau (Chemischblau), Campecheholz
und Eisenvitriol, und einer Lsung von Kupferoxyd in Ammoniak, welches
letztere beim Trocknen ein schnes Hellblau giebt. =Gelb= erzeugt man
durch Avignonkrner, Wau, Gelbholz, Quercitronrinde, Orlean, Eisenacetat
und Chromgelb, =Grn= durch Vitriolkpe und Quercitron, =Braun= durch
Eisensalz, Quercitron und Krapp oder durch Manganoxydhydrat. =Schwarz=
frbt man entweder mit Anilinschwarz cht, oder indem man zuerst in der
Vitriolkpe blau grundirt, hierauf mit holzessigsaurem Eisen anheizt und
dann in einem Bade von Gallpfeln und Blauholz ausfrbt. Die
=Theerfarben=, namentlich die vom Anilin abgeleiteten Farben, welche von
der Baumwollfaser nicht ohne weiteres aufgenommen werden, lassen sich mit
Hlfe einer Beize, am besten einer Lsung von Tannin in Alkohol auf
Baumwolle befestigen. Auch das =Animalisiren= der Baumwollfaser mit
Albumin oder Casen, wobei die vegetabilische Faser gewissermaassen mit
einer Schicht Thiersubstanz plattirt und dadurch den Anilinfarbstoffen
gegenber der Woll- und Seidenfaser hnlich gemacht wird, findet
Anwendung. Ebenso benutzt man zum Mordanciren der Baumwolle Oelbeize oder
auch Schmierseife.

  Bei der =Baumwollrothfrberei= ist der Krapp besonders wichtig; mit der
  Zeit gewinnt wol auch das knstliche Alizarin (aus dem Anthracen) fr
  die Rothfrberei der Baumwolle eine gewisse Bedeutung. Man
  unterscheidet =Ordinrroth= und =Trkischroth=; ersteres wird auf
  ungeltem Grunde, letzteres auf Garne oder Gewebe gefrbt, die vorher
  mit Oelbeizen behandelt worden sind.

[Sidenote: Trkischrothfrberei.]

  Das =Trkischroth= (Adrianopelroth, indisch Roth), das nach dem Waschen
  der Stoffe (Garn oder Gewebe) noch schner und lebhafter wird, erhlt
  man auf folgende Weise; man unterscheidet folgende vier Operationen: 1)
  Das =Beizen= des Garnes mit Oel geht in dem =Mistbade=, einer Mischung
  von eigenthmlich saurem Olivenl (Tournantl) mit Potasche, Schafkoth
  und Wasser, und in dem =Weiss=- oder =Hauptlbade=, einem Gemisch von
  Tournantl, Potasche und Wasser vor sich. Man lsst die Zeuge darauf an
  der Luft liegen, wodurch ein Theil des Tournantles, das von der
  Baumwolle aufgenommen worden ist, sich verndert und dieselbe =beizt=
  oder =mordancirt=. Das nicht verbundene Oel wird durch Potasche- oder
  Sodalsung entfernt. 2) Das =Galliren= (Schmacken, Sumachen) wird mit
  einer Abkochung von Gallpfeln oder Sumach verrichtet; die gallirte
  Baumwolle in einer mit Natriumcarbonat neutralisirten Lsung von Alaun
  durchgearbeitet, getrocknet und nochmals alaunt. 3) Das =Ausfrben=
  oder Krappen geschieht mit einer Abkochung von =Krapp= oder geeigneten
  =Krappprparaten=. 4) Das =Schnen= und =Rosiren=, wodurch das gefrbte
  Garn die scharlachrothe Nance erhlt, durch Erhitzen mit Seifenlsung,
  Zinnchlorr und Salpetersure. Hierdurch wird ein Theil der mit dem
  Farbstoff verbundenen Thonerde durch Zinnoxyd ersetzt. Obgleich die
  Trkischrothfrberei in Europa schon seit Jahrhunderten eingefhrt und
  vielfach verbessert worden ist, so ist doch in dieser langen Zeit keine
  gengende Erklrung dieses Processes gegeben worden, und die Theorie
  derselben noch ziemlich im Dunkeln. Es ist wahrscheinlich, dass durch
  die Einwirkung des Kothes (der auch bis zu einem gewissen Grade durch
  ein Gemenge von phosphorsauren Salzen mit Leim ersetzt werden kann) das
  Zeug eine Art von Animalisation erleidet, durch welche dasselbe die
  Eigenschaft erhlt, schnere und glnzendere Farben anzunehmen, als
  wenn es nur mit mineralischen Substanzen gebeizt worden wre. Neuere
  Untersuchungen haben ferner gezeigt, dass das dabei in grosser Menge
  angewendete Oel, in Berhrung mit der Luft sich zersetzt und mit der
  animalisirten Faser sich verbindet, vielleicht ebenso wie der Thran mit
  der thierischen Faser in der Smischgerberei. =Persoz=, =Jenny= u. A.
  sind der Ansicht, dass das Oel die Hauptrolle bei der
  Trkischrothfrberei spiele. Trotzdem scheint es, als wenn eine
  Verbindung von Aluminium-Oleat und Aluminium-Tannat, combinirt mit den
  entsprechenden Zinnverbindungen die Fixirung der Krappfarbstoffe auf
  der gewissermaassen gegerbten animalisirten Baumwollfaser begnstige.
  Das eigenthmliche Feuer des Trkischroth rhrt nach =Wartha= (1870)
  von einer eigenthmlichen Fettsureverbindung her, welche indessen der
  Faser nicht stark anhaftet und derselben durch Aether und Ligron
  entzogen werden kann.

[Sidenote: Frben der leinenen Zeuge.]

  Das =Frben der leinenen Zeuge= geschieht hnlich wie bei der
  Baumwolle, doch ist in Folge der eigenthmlichen Beschaffenheit der
  Leinfaser die Verwandtschaft derselben zu Farbstoffen weit geringer als
  die der Baumwollfaser.


                             Der Zeugdruck.

[Sidenote: Zeugdruckerei.]

Der =Zeugdruck= hat zum Zweck, auf Baumwoll-, Leinen-, Woll- und
Seidenstoffen farbige Muster und zwar durch Drucken hervorzubringen. Der
wichtigste Theil desselben ist die =Baumwoll=- oder =Kattundruckerei=.
Sie beruht auf denselben Principien wie die Frberei, obgleich sie
ungleich grssere Schwierigkeiten zu berwinden hat, theils weil eben nur
einzelne Stellen Farben annehmen und andere farblos bleiben oder wieder
entfrbt werden, theils auch weil hufig mehrere Farben nebeneinander
erzeugt werden sollen. Ausserdem handelt es sich um gefllige und
geschmackvolle Vertheilung der Farben. Die in dem Kattundruck
angewendeten Farben zerfallen in zwei Abtheilungen, nmlich in solche,
die vermittelst gravirter Platten direkt auf das Zeug aufgetragen werden
(=Applications=-, =Schilder=- oder =Tafeldruckfarben=), und solche, die
man durch Eintauchen des Zeuges in die Farbenbrhe (=Kessel=- oder
=Krappfarben=) hervorbringt. Zu den ersteren gehren die Eisenfarben, das
Berlinerblau, der Krapplack, der Indig, die Cochenille und die meisten
Theerfarben, zu den letzteren der Krapp, die Cochenille, das Blauholz,
der Wau, der Sumach u. s. w.

  Es giebt verschiedene Arten, die Zeuge zu bedrucken. Entweder man
  bringt

  1) die hinlnglich mit einem Verdickungsmittel und der Beize vermischte
  Farbe auf das Zeug, oder man trgt

  2) nur die verdickte Beize auf diejenigen Stellen des Zeuges auf, die
  Farbe erhalten sollen und zieht darauf das Zeug durch die Farbenbrhe;
  oder man frbt

  3) das ganze Zeug, mit Ausnahme derjenigen Stellen, die eine andere
  Farbe erhalten sollen; diese Stellen werden mit einer Substanz
  (=Reservage=, Deckpappe, auch die =Schutzpappen= oder Schutzreserven
  gehren hierher) bedeckt, die zu dem Farbstoff der Flotte keine
  Verwandtschaft hat;

  4) endlich kann man farbige Muster dadurch erhalten, dass man das Zeug
  gleichmssig frbt und dann auf denjenigen Stellen, die anders gefrbt
  worden sollen, die Farbe wieder wegnimmt; zu diesem Behufe wendet man
  chemisch wirkende Substanzen, =Aetzbeizen=, =Aetzmittel=, =Enlevage=,
  an.

[Sidenote: Beizen.]

Bei vielen Farben bedarf es der Einwirkung der Wasserdmpfe zur
Befestigung der Farben; man nennt solche Farben =Dampffarben=. Sind die
aufgedruckten Farben anorganische Farbstoffe (wie Ultramarin) oder Lacke
(wie Krapplack), welche man auf mechanischem Wege (mit Albumin, Casen,
Kleber) auf dem Gewebe befestigt, so heissen die Farben =Krperfarben=.
In der Zeugdruckerei wendet man leicht lsliche =Beizen= (_Mordants_) an,
deren Sure sich leicht von der Base trennt, so dass letztere mit der
Faser eine Verbindung eingehen kann. Meist wendet man als Beize
Aluminiumacetat (vergl. S. 296) und Ferriacetat an. Seltener findet der
Alaun oder eine Auflsung von Thonerde in Natron (Natrium-Aluminat)
Anwendung. Um Bleichromat zu erzeugen, wendet man als Beize Bleiacetat
an; ebenso wendet man bisweilen Zinnverbindungen (vergl. S. 77) als Beize
an. In neuerer Zeit hat man die Anwendung des Casens, in seiner
Verbindung mit Kalk als Beize vorgeschlagen. Zu diesem Behufe lst man
Casen in verdnntem Ammoniak auf und vermischt mit dieser Lsung
frischen Kalkbrei. Mit der entstehenden Flssigkeit (Casen-Kalk) trnkt
man das zu frbende Zeug. Durch Erwrmen wird die Verbindung unlslich
und der Stoff ist so vollstndig gebeizt, dass derselbe dem Waschen mit
alkalischen Flssigkeiten widersteht. Um die Steifigkeit und Hrte des
Zeuges zu verhindern, die bei der Anwendung des Casen-Kalkes als
Beizmittel entsteht, hat man vorgeschlagen, die Verbindung vor der
Anwendung mit Tournantl zu vermischen, und sie dann erst auf das Zeug
aufzutragen. Baumwollenes Zeug verhlt sich darauf wie Wolle und ist
befhigt, dieselben Farben aufzunehmen. Auch das Albumin, der Kleber und
die Gerbsure finden als Mordant in dem Zeugdruck Anwendung.

[Sidenote: Verdickungsmittel.]

  Man giebt den Beizen und Farben vor dem Auftragen eine dickliche
  Consistenz. Als =Verdickungsmittel= wendet man Senegalgummi, Tragant,
  Strke, Leiokom, Dextrin, Salep, Mehl, Kleber, Pfeifenthon mit
  Senegalgummi, Leim, Bleisulfat, Zucker, Melasse, Glycerin, zuweilen
  auch Chlorzink und Zinknitrat an. Von der Beschaffenheit des
  Verdickungsmittels ist die Gte der Farbe abhngig, am hufigsten
  wendet man jetzt die gerstete Strke oder das Leiokom (vgl. S. 433),
  seltener aber Eiweiss an. Bei der Wahl des Verdickungsmittels ist zu
  bercksichtigen, dass bei sehr sauren Beizen Strke nicht angewendet
  werden kann, weil sie durch die Sure ihre Consistenz verliert, dass
  bei gewissen Metalllsungen, wie z. B. basischem Bleiacetat,
  Zinnlsung, Rostbeize (Ferrinitrat) und Kupfernitrat, welche mit Gummi
  coaguliren, Gummi zum Verdicken nicht benutzt werden darf.

[Sidenote: Reservagen.]

Wie schon erwhnt, trgt man im Zeugdruck zuweilen gewisse Substanzen vor
dem Frben des Zeuges an denjenigen Stellen auf, die =weiss= bleiben
sollen. Man nennt solche Substanzen =Reservagen= (Deckmittel,
Deckpappen). Gewhnlich ist die Reservage ein Gemisch, das die Bestimmung
hat, das Indigblau zu verhindern, in aufgelster Form an gewissen Stellen
auf das Zeug einzuwirken, so dass dasselbe an den Stellen, wo die
Reservage liegt, weiss bleibt, oder mindestens vor der Berhrung mit dem
Zeug in das Indigblau, mithin in unlsliche Form bergehe. Die Reservagen
sind zusammengesetzt aus teiggebenden Substanzen, wie Pfeifenthon, Fett,
Oel, Bleisulfat, und aus Krpern, die leicht Sauerstoff abgeben, wie
Kupfersulfat und -acetat oder ein Gemenge von rothem Blutlaugensalz und
Natronlauge. Hufig setzt man zu den Reservagen zugleich eine Beize fr
gewisse andere Farben (Thon- oder Eisenbeize) um die Stellen, welche
durch die Reservage in der Kpe weiss bleiben, darauf in einer anderen
Farbenbrhe (von Krapp und Quercitron) auszufrben. Man nennt diese Art
von Druckerei =Lapis=, in Folge einer entfernten Aehnlichkeit, welche
einige dieser Muster mit dem Lasurstein (_Lapis lazuli_) haben. Die
sogenannte =weisse Reservage= fr Walzendruck besteht z. B. aus Grnspan
oder Kupfervitriol, essigsaurem Bleioxyd, welche Substanzen mit Gummi-
oder Dextrinlsung verdickt und dann auf die Zeuge aufgetragen werden.
Den Tag darauf zieht man sie durch die Indigkpe, bis sie den
erforderlichen Grad von Intensitt erlangt haben. Zuletzt zieht man sie
durch ein Bad von verdnnter Schwefelsure, bis die Reservage weiss ist.
Der Vorgang hierbei ist folgender: So wie der reducirte Indig mit dem
Kupferoxyd in Berhrung kommt, verwandelt er sich auf Kosten des
Sauerstoffs des Kupferoxydes in Indigblau, das sich unlslich in der
Reservage niederschlgt. Das Behandeln mit verdnnter Schwefelsure hat
zum Zweck, das in der Reservage befindliche Kupferoxydulhydrat
wegzunehmen und das unlsliche Indigblau auszuwaschen.

  Ausser den Kupferoxydsalzen wendet man zu weissen Reservagen auch
  _Quecksilberchlorid_ und _Zinkvitriol_ an; ersteres wirkt hnlich dem
  Kupferoxydsalz, letzterer dadurch, dass der Zinkvitriol mit dem
  Indigweiss eine unlsliche Verbindung eingeht, die sich an den
  reservirten Stellen niederschlgt.

[Sidenote: Aetzmittel.]

[Sidenote: Suren.]

[Sidenote: Oxydirende Mittel.]

Die =Aetzmittel= (Aetzpappen) haben die Bestimmung, auf bereits gefrbten
Zeugen auf chemischem Wege weisse Stellen hervorzubringen; dies geschieht
entweder durch Auflsen der Beizen (=Druck mit Aetzbeizen=) oder durch
Zerstren der Farben (=Enlevagendruck=). Um das erstere zu
bewerkstelligen, bedient man sich einer Sure, die sich mit der Base
verbindet (Phosphorsure, Arsensure, Milchsure, Oxalsure,
Kieselflusssure); um durch Enlevagendruck Farben zu zerstren, wendet
man ozonabgebende Mittel wie Chlorkalk, Chromsure, ein Gemenge von
rothem Blutlaugensalz mit Natronlauge, Kaliumpermanganat, einen Brei aus
Brom und Thon, Salpetersure, die smmtlich ozonisirten Sauerstoff
abgebend (oxydirend) wirken, oder Zinnchlorr und Eisenvitriol, welche
Sauerstoff aufnehmend (reducirend) wirken, an. Eine der am hufigsten
angewendeten sauren =Aetzbeizen= ist die Weinsure, die besonders zum
Auflsen der Thonerde und des Eisenoxydes der Beize angewendet wird.
Bisweilen wird sie mit Natriumbisulfat vermischt angewandt. Ein roth-
oder blaugefrbtes Zeug, das an den zu bleichenden Stellen mit einem
Gemenge von Weinsure, Pfeifenthon und Gummi bedeckt worden ist, verliert
sogleich an den bedruckten Stellen seine Farbe, wenn es in ein Bad von
Chlorkalk getaucht wird. Als Enlevage auf Berlinerblau ist in neuerer
Zeit Fluorkalium in Vorschlag gebracht worden. Das Wegbeizen des
Indigblau's durch oxydirende Mittel beruht darauf, dass das im Wasser
unlsliche =Indigblau= durch Sauerstoffaufnahme in =Isatin= bergeht,
welches lslich ist und leicht durch Waschen mit Wasser entfernt werden
kann:

          C_{16}H_{10}N_{2}O_{2} + 2O = C_{16}H_{10}N_{2}O_{4}
                Indigblau.                       Isatin.

Man wendet zur Zerstrung des Indigblau's =Chromsure= an, die unter
Sauerstoffabgabe zu Chromoxyd reducirt wird. In der neueren Zeit hat
=Mercer= vorgeschlagen, zum Bleichen des Indigs in der Zeugdruckerei ein
Gemenge von Kali und Ferridcyankalium anzuwenden. Zu diesem Zwecke trnkt
man das in der Indigkpe blaugefrbte Zeug mit einer Lsung von rothem
Blutlaugensalz, und druckt dann mit Leiokom verdicktes Aetzkali auf.
Durch das Kali wird das Ferridcyankalium in Ferrocyankalium verwandelt
und das Indigblau durch den dabei freiwerdenden Sauerstoff in Isatin
bergefhrt:

  Ferridcyankalium         4K_{3}FeCy_{6} }
  Kali                               4KOH } geben
  Indigblau        C_{16}H_{10}N_{2}O_{2} }
                                 { Ferrocyankalium 4K_{4}FeCy_{6}
                                 { Isatin C_{16}H_{10}N_{2}O_{4}, 2H_{2}O

[Sidenote: Reducirende Mittel.]

Von den reducirenden Aetzmitteln ist das wichtigste das =Zinnchlorr=,
das bei mit Eisenoxyd gefrbten Zeugen Anwendung findet. Bringt man
Zinnchlorr mit Eisenoxyd zusammen, so bildet sich leicht lsliches
Eisenchlorr, das durch Waschen entfernt wird, und unlsliche Zinnsure
(richtiger Zinnoxydul-Oxyd), die fr Roth und Gelb als Beize dient.

[Sidenote: Baumwolldruckerei.]

=Baumwolldruckerei.= Der Druck auf Baumwolle kann geschehen 1) durch
Frben aus dem Kessel, 2) durch Tafeldruck, oder 3) durch Aetzdruck.

Bei dem =Frben aus dem Kessel= (Kessel- oder Krappfarbendruck) trgt man
die mit einem Verdickungsmittel verdickte Beize, zu welcher man
gewhnlich ein wenig Farbebrhe (Blende) gesetzt hat, um sie aufgedruckt
zu erkennen, vermittelst Dessinformen (Model, Druckmodel) oder
vermittelst gravirter Platten oder Walzen auf. Zum Handdruck wendet man
einen Drucktisch an, der mit wollenem Zeug, dem Drucktuch, berzogen ist.
Auf diesen Tisch wird das Zeug ausgebreitet und auf letzteres mit
Druckformen die Beize aufgedruckt. Die Druckformen sind entweder von Holz
(Birnbaumholz, Buxbaumholz, Tannenholz) oder bestehen aus Metallstiften
und Figuren, die in dem Holz der Form befestigt sind. Erstere heissen
=Holzformen=, letztere =Stippelformen=; auf den sogenannten =gemischten
Formen= sind breitere Partien der Zeichnung in Holzschnitt, die feineren
aber durch Stifte hervorgebracht, die man zwischen jene eintreibt. Damit
die Beizen gleichfrmig aufgetragen werden, wendet man einen =Rahmen=
(das Chassis), auf welchen man ein Stck weisses Tuch nagelt, und einen
Bottich mit der sogenannten =falschen Farbe= an, der zur Hlfte mit einer
dicken Gummilsung oder mit Leinsamenschleim angefllt ist. Auf dieser
Flssigkeit schwimmt ein mit Wachstuch berspannter Rahmen, der vorher
mit Fett berzogen worden ist. Man trgt nun die Beize mittelst einer
Brste oder eines Pinsels auf den Rahmen auf. Auf dieses setzt der
Drucker die Form, so dass die erhabenen Stellen Beize aufnehmen, bringt
sie dann auf das auf dem Drucktische befindliche Zeug und schlgt mit der
Faust oder mit einem hlzernen Hammer auf die Rckseite der Form, damit
sich alle Theile der Form vollstndig abdrucken. Werden mehrere Beizen
auf einmal mittelst besonderen Brsten auf den Rahmen aufgetragen und
dann auf das Zeug gedruckt, so erreicht man die mannigfaltigsten Nancen
(den Irisdruck oder Fondudruck).

  Um das Verfahren beim Druck zu beschleunigen, hat man verschiedene
  Maschinen in Anwendung gebracht, so z. B. die von =Perrot= in Rouen im
  Jahre 1833 erfundene =Perrotine=; diese Maschine arbeitet mit 3-4
  hlzernen, platten Formen (=Perrotineformen=, Holzmodel, auf welche die
  Zeichnung in Tafeln, Stereotypplatten hnlich, aus leichtflssiger
  Legirung aus Zinn Wismuth, Kadmium etc. aufgenagelt wird) von der
  Breite des Zeuges, welche die Beizen oder Farben erhalten und sie durch
  solche auf das Zeug abdrucken. Anstatt der Druckplatten wendet man seit
  lngerer Zeit sehr hufig Platten oder Walzen an. Bei den =Walzen=-
  oder =Rouleauxdruckmaschinen= ist das Muster in einen kupfernen
  Cylinder eingravirt, der durch die Maschine umgedreht wird. Unter
  demselben befindet sich eine hlzerne mit Tuch berzogene Walze, die
  zum Theil in die Farbe taucht und den Cylinder mit Farbe speist. Dicht
  dabei ist ein Abstreichmesser (der Doctor oder Rakel), das von den
  erhabenen Stellen des Cylinders die berschssige Farbe entfernt, und
  sie nur in den Vertiefungen, welche das Dessin darstellen, lsst.

Nach beendigtem Aufdruck der Beizen ist es nothwendig, das Zeug einige
Zeit lang ruhen zu lassen, ehe man zum =Ausfrben= schreitet. Es ist dies
namentlich bei Thonerde- und Eisenbeizen nothwendig, damit eine innige
Verbindung der Beize mit dem Zeug stattfinden kann. Nach dem Trocknen und
Ruhen der Beizen muss das Zeug vor dem Ausfrben von dem
Verdickungsmittel, der zum Erkennen angewendeten Blende, hauptschlich
aber von dem unverbundenen Theile der Beize befreit werden. Bei Zeugen
aber, die in Krapp ausgefrbt werden sollen, ist die Reinigung der Zeuge
im =Khkothbade= (das Khkothen) nothwendig. Gewhnlich setzt man etwas
Kreide zu, um die Essigsure oder Beizen zu sttigen. Obgleich eine
gengende Theorie der Wirkung des Kuhkothes noch nicht aufgestellt ist,
so sind doch alle Kattundrucker darber einig, dass seine Anwendung
unerlsslich sei. Nach =Mercer= und =Blyth= lsst sich der Kuhkoth durch
gewisse Phosphate und Arseniate ersetzen; diese Chemiker schlagen vor,
ein Gemenge von Natriumphosphat und Calciumphosphat anzuwenden.
Neuerdings hat man auch Natriumsilicat als Kuhkothsalz anzuwenden
vorgeschlagen. Nach dem Behandeln im Kuhkothbad wird das gebeizte Zeug
gewaschen und alsdann ausgefrbt. Leicht lsliche Farbstoffe werden in
Auflsung angewendet, dies ist der Fall bei der Cochenille, dem
Quercitron, dem Wau, dem Safflor u. s. w.; andere, die sich nur schwer in
Wasser lsen, wie die Farbstoffe des Krapps, werden ungekleinert als
Krapp oder Garancine in das Frbebad gebracht. Wenn verschiedene Beizen
aufgedruckt worden sind, so versteht es sich von selbst, dass mit einem
einzigen Frbebad verschiedene Farben erhalten werden knnen. So kann man
mit Krapp roth in allen Abstufungen, schwarz, braun und violett frben,
wenn Thonerde und Eisenbeize, und ein Gemenge beider aufgedruckt wurde.
Da die Farbe nur an denjenigen Stellen haftet, an welchen sich Beize
befindet, so kann der Farbstoff von dem brigen Zeug leicht entfernt
werden. Letzteres geschieht durch Waschen, Behandeln mit Kleie und Seife,
und Auslegen auf den Rasen. Bei mit Krapp gefrbten Zeugen bleicht man
mit einer Lsung von Chlorkalk oder mit Javelle'scher Lauge (vergl. S.
244). Einzelne Farben, denen, so wie sie aus dem Frbebade kommen, der
Glanz und die Nance abgeht, werden geschnt (avivirt). Bei dem
Trkischroth geschieht dies durch lngere Zeit fortgesetztes Sieden mit
einer Lsung von Seife und Zinnchlorid.

[Sidenote: Tafelfarben.]

Das Verfahren, eingedickte Farben und Beizen gemeinschaftlich
aufzutragen, nennt man =Tafeldruck=, und die dazu angewendeten Farben
=Applications=- oder =Tafelfarben= (topische Farben). Man kennt zwei
Arten von Tafelfarben, die eine Art wird im gelsten Zustand aufgedruckt
und geht auf der Faser nach und nach in die unlsliche Form ber, die
_andere_ Art druckt man unlslich auf und verdickt sie mit plastischen
Substanzen, mit deren Hlfe sie der Faser adhriren. Zu der letzteren Art
gehren die Krperfarben (z. B. der Ultramarindruck). Durch Behandeln der
gefrbten Zeuge mit heissem Wasserdampf werden viele Tafelfarben auf
Baumwollgeweben fixirt und heller gemacht. Die so erzeugten Farben
heissen =Dampffarben=; ihre Herstellung spielt eine wichtige Rolle im
Zeugdruck. Zu diesem Zwecke lsst man die bedruckten Zeuge 2-3 Tage lang
trocknen und spannt sie sodann in einem Raume auf, der durch heisse
Wasserdmpfe bis auf 100 erhitzt ist. Die Dauer der Operation des
Fixirens durch Dampf ist von der Temperatur und der Natur des Dessins
abhngig; sie variirt zwischen 20-45 Minuten. Auf welche Weise der Dampf
die Befestigung der Farben bewirkt, ist nicht genau bekannt. Um =blau=
(Applicationsfarbe) zu erhalten, trgt man Opermentkpe (vergl. S. 682)
mit Natriumcarbonat und Gummipulver verdickt auf, und wscht das Zeug 24
Stunden nach dem Auftragen der Farbe aus. =Dampfblau= erhlt man durch
Aufdrucken einer mit Strke verdickten Lsung von Ferrocyankalium,
Weinsure mit kleinen Mengen von Schwefelsure, Trocknen, Lften und
Dmpfen. =Gelb= wird auf die bekannte Weise durch Trnken mit Bleiacetat
und Ziehen durch eine Lsung von Kaliumbichromat dargestellt. Zu =Grn=
nimmt man eine Mischung von Bleichromat und Berlinerblau.

[Sidenote: Aetzdruck.]

Bei dem =Aetzdruck= sucht man, wie oben erwhnt, durch Aetzmittel an
gewissen Stellen des Zeuges die Farbe wegzunehmen. Die Operation,
vermittelst welcher die ganze Oberflche des Stckes mit Beize bedeckt
wird, heisst das =Klotzen= (Aufklotzen, Grundiren). Dies geschieht, indem
man das Zeug mit einer Lsung der Beize imprgnirt und dann durch zwei
mit Tuch umwickelte Walzen durchlaufen lsst, wodurch theils das Zeug
gleichmssig mit der Beize getrnkt, theils von dem Ueberschuss derselben
befreit wird. Nachdem die Beize aufgetragen worden ist, wird das Zeug
getrocknet. Whrend die aufgedruckten =Aetzbeizen= den Zweck haben, das
mordancirte Zeug stellenweise von der Beize zu befreien, damit es an
diesen Stellen beim Ausfrben keine Farbe annehme, wirken die =Enlevagen=
zerstrend auf die Farbe selbst. Suren, wie Oxalsure, Citronensure,
Weinsure, Milchsure, Phosphorsure, Arsensure, Kieselflusssure, eben
so auch das Zinnchlorid, gehren demnach zu den Aetzbeizen, unterchlorige
Sure, Chromsure, Mercer's Liquor und berhaupt die ozonabgebenden
Mittel zu den Enlevagen. Fr Thonerde- und Eisenbasen bedient man sich
folgender Aetzbeizen: fr =Eisenbasen= einer Lsung von Oxalsure und
Weinsure in Wasser, zu welcher man Citronensaft und gebrannte Strke und
Dextrin als Verdickungsmittel und etwas Lsung von Indig in Schwefelsure
zum Blenden der Aetzbeize setzt; bei =Thonerdebasen= einer Lsung von
Kaliumbioxalat (Sauerkleesalz), Weinstein, Weinsure und Glaubersalz in
Wasser, zu welcher man Kleister als Verdickungsmittel fgt. Der Zweck des
Aetzens ist aber nicht allein, die Farben zu zerstren oder weisse
Stellen zu erzeugen, sondern auch, bunte andersgefrbte Stellen auf dem
gefrbten Zeug hervorzubringen. Letzteres geschieht, indem man zu dem
Aetzmittel Farbe setzt; diese Farben mssen, wenn als Aetzmittel
Enlevagen von Chlor angewendet werden, unorganische, wie Bleinitrat,
Berlinerblau u. s. w., sein. Um auf einem einfarbigen Grund gefrbte
Aetzungen hervorzubringen, bedient man sich z. B. bei trkischroth
gefrbten Zeugen folgenden Verfahrens: Um =weiss= zu erhalten, trgt man
eine Aetzbeize, bestehend aus Weinsure, Wasser, arabischem Gummi und
gersteter Strke auf, fr =blau= ein Gemenge von Weinsure,
Berlinerblau, Zinnsalz, Strke und Wasser, fr =gelb= Bleinitrat,
Weinsure, Strke und Wasser, fr =grn= ein Gemenge von Gelb und Blau,
fr =schwarz= eine mit Ferrinitrat versetzte concentrirte Abkochung von
Blauholz. Wenn man die mit diesen verschiedenen Beizen bedruckten Zeuge
durch eine Lsung von Chlorkalk oder Javelle'sche Lauge zieht, so wird an
den bedruckten Stellen die Farbe des Grundes zerstrt, und es nimmt die
Farbe der Beize die Stelle derselben ein. Zur Zerstrung der Grundfarbe
wendet man auch Chromsure an, die, indem sie zu Chromoxyd reducirt wird,
zur Hervorbringung von braunen Nancen Veranlassung giebt.

[Sidenote: Druck mit Anilinfarben.]

Die =Theerfarben= in Bezug auf Zeugdruckerei sind fast durchweg
Dampffarben. Das Aufdrucken und die Befestigung auf das Zeug geschieht
auf verschiedene Weise, entweder 1) druckt man das verdickte Mordant auf
und befestigt es durch Trocknen und Lften oder durch Dmpfen, und frbt
es dann in der Lsung des Theerfarbstoffes (Roth, Violett, Blau) aus; die
Farbe haftet dann an den mordancirten Stellen; oder 2) man verdickt das
Mordant, welches vorher mit dem Theerfarbstoff versetzt wurde, druckt die
Mischung auf, trocknet und dmpft sie. Die als =Mordants= im Anilindruck
angewendeten Substanzen sind bei dem Anilindruck ziemlich zahlreich,
zuerst ist hier zu erwhnen das Eiweiss aus Eiern, dann das Blutalbumin,
namentlich das unter Mitwirkung von Terpentinl durch Ozon gebleichte;
ferner die verschiedenen Kleberapparate, so der nach =W. Crum='s Angabe
in schwacher Natronlauge gelste Kleber, oder nach =Scheurer-Rott= eine
Lsung von Kleber in einer schwachen Sure, oder nach =Lis-Bodard= eine
Lsung in Calcium-Saccharat, oder endlich nach dem Verfahren von =Hanon=
durch beginnende Fulniss lslich gemachter Kleber. Anstatt des Klebers
kann man auch anwenden Casen entweder in Aetzlauge oder in Essigsure
gelst, oder Leim oder gerbsauren Leim nach dem von =Kuhlmann= und
=Lightfoot= vorgeschlagenen Methoden. Den genannten stickstoffhaltigen
Krpern reihen sich an das Tannin, die fetten Oele und gewisse
Oelprparate wie die Oelschwefelsure, Palmitinschwefelsure und
Glycerinschwefelsure, und gewisse Harze z. B. der Schellack aufgelst in
Alkalien, Borax etc.

  Der Anilinfarbendruck mit =Hlfe von Kleber= geht auf folgende Weise
  vor sich: Weizenkleber, in bekannter Weise durch Auskneten von
  Weizenmehl mit Wasser und Entfernen der Strke durch Auswaschen
  dargestellt, wird in einem geeigneten Gefsse so lange sich berlassen,
  bis er in Folge der Bildung einer Sure schleimig und hinlnglich
  flssig geworden ist. Im Sommer ist der Kleber gewhnlich nach 5-6
  Tagen gengend flssig, im Winter in 8-10 Tagen. Hierauf reinigt man
  die schleimige Masse dadurch, dass man den darin enthaltenen Kleber
  wieder unlslich macht; dies geschieht durch Sttigen der Sure mit
  einer Lsung von Natriumcarbonat. 5 Kilogr. Kleber erfordern in diesem
  Zustande gewhnlich 560 Grm. einer Sodalsung von 1,15 spec. Gewicht.
  Der hierdurch unlslich ausgeschiedene Kleber wird ausgewaschen und in
  Natronlauge von 1,080 spec. Gewicht (auf 5 Kilogr. wendet man 435 Grm.
  Lauge an) gelst und die Lsung mit 3,5 Liter Wasser verdnnt. Nachdem
  das Zeug mit dieser Mischung bedruckt und geklotzt und dann getrocknet
  worden ist, wird es gedmpft und dann gesplt. Die Lsung des
  Anilinfarbstoffs wird nun als Frbebad benutzt, durch welches das
  mordancirte Zeug passirt wird; oder man druckt dieselbe auch auf das
  mit der Kleberbeize imprgnirte und dann gedmpfte und gewaschene Zeug
  auf, wonach man den Stoff zur Befestigung der Farbe nochmals dmpft.
  Der Kleber lsst sich brigens ohne die angegebene Reinigung anwenden,
  wenn man ihn so lange aufbewahrt, dass er den hchsten Grad der
  Flssigkeit erreicht; in diesem Falle vermischt man ihn mit ungefhr
  dem dritten Theile seines Gewichts Natronlauge von 1,08 spec. Gewicht.
  Soll _Casen_ als Mordant Anwendung finden, so mischt man dasselbe mit
  Natron, und nachdem das Zeug mit dieser Mischung bedruckt oder
  imprgnirt worden ist, bedruckt man es mit dem Anilinfarbstoffe.

  Ganz verschieden von der vorstehenden Methode in der Herstellung von
  Aufdruckfarben aus Anilinprparaten ist 3) das Verfahren von =Gratrix=
  und =Javal=, welches auf zweierlei Weise ausgefhrt wird, entweder
  [Greek: a]) bilden sie eine Verbindung des Anilinfarbstoffs mit
  Gerbstoff (Tannin), verdicken mit Senegalgummi und drucken diese
  Mischung auf das mit Zinnmordant oder einer andern Beize imprgnirte
  Zeug auf; oder [Greek: b]) sie drucken eine verdickte
  Gallpfelabkochung auf das, wie oben angegeben, prparirte Zeug auf,
  wodurch sich eine Verbindung von Zinntannat u. s. w. bildet, und
  passiren den Stoff nach dem Trocknen durch eine saure Lsung des
  Anilinfarbstoffs. Um (nach [Greek: a]) die Verbindung von Gerbstoff mit
  dem Farbstoff zu erzeugen, setzt man zu einer Lsung des
  Anilinfarbstoffs so viel einer frisch bereiteten Gallpfelabkochung
  oder besser Tanninlsung, als zur vollstndigen Fllung des Farbstoffs
  erforderlich ist. Der Niederschlag wird auf einem Filter gesammelt,
  ausgewaschen und in Essigsure, Alkohol oder Holzgeist aufgelst. Die
  Lsung wird mit Gummi verdickt und dann aufgedruckt. Nach dem Drucken
  wird die Waare gedmpft und gewaschen mit oder ohne Anwendung von
  Seife, was von der verlangten Nance abhngig ist; die rothe Farbe
  erheischt namentlich ein Seifenbad. Nach dem zweiten (sub [Greek: b]
  erwhnten) Verfahren wird das Zeug mit Natriumstannat imprgnirt und
  dann eine mit Senegalgummi verdickte Lsung von Gerbstoff oder dergl.
  aufgedruckt. Das Zeug wird dann gedmpft und die Beize durch ein
  gewhnliches Fixirungsbad befestigt. Das Frben geschieht in einem
  gewhnlichen Krappfrbekessel, der mit Wasser angefllt ist, das mit
  Essigsure angesuert und bis auf etwa 50 erhitzt wurde. Man legt das
  Zeug ein, indem man nach und nach den nthigen Farbstoff, in Essigsure
  gelst, zugiebt. Sobald aller Farbstoff zugesetzt worden ist, erhitzt
  man nach und nach bis zum Kochen. -- =Anilinschwarz= wird (vergl.
  S. 663) erst auf dem Zeuge (mittelst Kaliumchlorats, Kupferchlorids,
  Ferridcyanammoniums oder frisch gefllten Schwefelkupfers)
  hervorgebracht; in hnlicher Weise auch neuerdings =Naphtylaminviolett=
  (vergl. S. 667).

[Sidenote: Appretur der bedruckten Zeuge.]

Nachdem die Zeuge bedruckt worden sind, beendigt man die Arbeit durch
=Appretur=, die darin besteht, dieselben mittelst einer Strkelsung zu
trnken, wodurch die Zeuge mehr Festigkeit erhalten, sie darauf zu
trocknen, zusammenzulegen und zu pressen. Bei der Appretur der
Mbelkattune setzt man der Strkelsung weisses Wachs zu. Um gedruckten
Mousselinen den beliebten sammethnlichen Angriff zu geben, setzt man der
Strke whrend des Kochens mit Wasser, eine kleine Menge Wallrath zu.

[Sidenote: Das Bedrucken von Leinwand.]

[Sidenote: Wolldruckerei.]

[Sidenote: Seidendruckerei.]

[Sidenote: Mandarins.]

[Sidenote: Bandanas.]

  Das =Bedrucken von Leinwand= beschrnkt sich auf die Darstellung
  indigblauer Farbentcher mit hellblauen oder weissen Figuren oder
  hnlicher einfacher Artikel. Bei dem =Wollzeugdruck= wendet man
  vorzugsweise den Tafeldruck und den Druck auf vorher mit einem
  Zinnchloridbade behandelte Zeuge an. Die Fixirung der Farben geschieht
  mittelst Dampf. Man unterscheidet ausserdem bei der Wolldruckerei 1)
  die =Golgasdruckerei= und 2) die =Berilldruckerei=. Bei der ersteren,
  die jetzt nur noch selten angewendet wird, beizt man den Golgas, ein
  leichtes flanellartiges Gewebe, mit Alaun und Weinstein und presst (auf
  der sogenannten =schottischen Presse=) denselben darauf zwischen
  hlzernen oder bleiernen Formen (Golgasformen), die nur so weit
  durchbrochen sind, als die Farbe hindurch und in das Zeug eindringen
  soll, daher zu jedem Stck Zeug zwei Formplatten erforderlich sind. Die
  Farbenbrhen werden durch die Oeffnungen der Form eingegossen. Der
  Theil, der nicht mit der Wollfaser in Verbindung tritt, luft hindurch
  und wird in einem untergestellten Gefsse angesammelt. Die Erzeugung
  des Musters kommt daher bei dem Golgasdruck darauf zurck, dass man die
  dem Muster entsprechenden Theile des Wollstoffs durch Pressung
  verhindert, die Farbe aufzunehmen. -- Bei der =Berill=druckerei druckt
  man die mit Strke verdickten Tafelfarben mittelst messingener Formen
  auf leichte Flanelle heiss auf und entfernt das Verdickungsmittel
  =nicht=. Man erhlt so farbige erhabene Muster. Das Verfahren bei der
  =Seidendruckerei= ist im Allgemeinen dasselbe wie bei dem
  Baumwolldruck. Entweder druckt man Tafelfarben auf, die man mit
  Wasserdmpfen befestigt, oder man druckt verschiedene Beizen auf und
  frbt dann in der Farbenbrhe aus. Eine eigenthmliche Art der
  Seidendruckerei grndet sich auf die Eigenschaft der Salpetersure,
  seidene und wollene Stoffe dauernd gelb zu frben, die meisten
  Farbstoffe zu zerstren, auf Harze und Fette aber erst nach lngerer
  Zeit einzuwirken. Man nennt diese Art der Druckerei =Mandarinage= und
  die auf diese Weise bedruckten Zeuge =Mandarins=. Um mit Salpetersure
  auf den mit Indig gefrbten Grund gelb zu tzen, druckt man auf das
  seidene Zeug eine Reservage aus Harz und Fett auf, taucht es sodann 2-3
  Minuten lang in ein bis auf 50 erwrmtes saures Bad aus 1 Th. Wasser
  und 2 Th. Salpetersure und bringt es darauf in fliessendes Wasser.
  Nach dieser Operation lsst man das Zeug in einer mit Potasche
  versetzten Seifenlsung sieden. Die nicht reservirten Stellen sind
  schn gelb. -- Bei dem =Bandanasdruck=, durch welchen man auf cht
  krapproth gefrbten Taschentchern weissgetzte Figuren erzeugt, werden
  die Stoffe hnlich wie bei dem Golgasdruck zwischen zwei bleierne, mit
  Ausschnitten versehene Platten gepresst. Eine mit etwas Schwefelsure
  versetzte Lsung von Chlorkalk dringt an jenen Stellen in das Zeug ein,
  welche den Ausschnitten entsprechen und nimmt daselbst das Roth hinweg.
  Auf gleiche Weise werden die getzten Stellen z. B. gelb gefrbt, indem
  man eine Lsung von Bleiacetat und sodann eine Lsung von Kaliumchromat
  hindurchtreibt.




                             VII. Abschnitt.

           Die Leuchtmaterialien und die Beleuchtungsapparate.

                   Allgemeines ber Beleuchtungswesen.


[Sidenote: Allgemeines ber Beleuchtung.]

Von der grossen Anzahl von Krpern, welche bei hherer Temperatur, sei es
in Folge von Verbrennung, sei es einfach durch Erglhen, dauernd Licht
entwickeln, sind es nur wenige, die geeignet sind, als
=Leuchtmaterialien= angewendet zu werden. Nur eine kleine Anzahl erfllt
die Bedingungen, unter denen eine Verwendung als Beleuchtungsmittel
mglich oder vortheilhaft ist; diese Bedingungen sind:

  1) dass der Krper beim Verbrennen Wrme in hinreichender Menge
  entwickle, um fortbrennen zu knnen; 2) dass, wenn der fragliche Krper
  ein starrer ist, er vor der Verbrennung Gas- oder Dampfgestalt annehme,
  da sonst die zu Beleuchtungszwecken unerlssliche Lichterscheinung, die
  wir Flamme nennen, nicht stattfindet; 3) dass der verbrennende Krper
  in der Flamme feste Krper oder Dmpfe von grosser Dichte (nach
  =Frankland=) ausscheide, da nur hierdurch das Leuchtvermgen der Flamme
  bedingt ist; 4) dass derselbe selbst oder das Rohmaterial, welches zu
  dessen Herstellung dient, in der Natur in grsserer Menge
  aufgespeichert und mit geringen Kosten zu beschaffen sei; 5) dass die
  Produkte der Verbrennung gasfrmig und ohne schdlichen Einfluss auf
  die Gesundheit und das Leben der Geschpfe seien. Es ist als allgemein
  bekannt vorauszusetzen, dass eine jede Anhufung von grsseren Mengen
  von Wrme einem Krper die Eigenschaft ertheilt, Licht auszustrahlen;
  bei den festen und flssigen Krpern, deren Molekle dichter aneinander
  gelagert sind, bemerkt man daher im hheren Grade das Vermgen, beim
  Erhitzen Licht auszustrahlen, als bei den gas- und dampffrmigen
  Krpern. Bei etwa 500 bis 600 zeigt ein fester Krper die Eigenschaft
  des Rothglhens, bei ungefhr 1000 die des Weissglhens, ein
  gasfrmiger Krper, bis auf die genannten Temperaturen erhitzt,
  leuchtet dagegen nur usserst schwach. Damit ein gasfrmiger Krper,
  und nur ein solcher kann, wie oben erwhnt, zu Beleuchtungszwecken
  Anwendung finden, leuchte, ist es nthig, dass bei seiner Verbrennung
  entweder Dmpfe hherer Kohlenwasserstoffverbindungen (z. B. Dmpfe von
  Benzol, Acetylen, Naphtalin etc.) vorhanden seien, welche glhen und
  die Lichtentwickelung bewirken, oder ein starrer Krper in die an sich
  nicht mit Leuchtkraft begabte Flamme hineingebracht werde und darin ins
  Glhen gelange, so z. B. eine Spirale von Platindraht in einer
  Wasserstoffgasflamme, ein Stck Aetzkalk in dem Knallgasgeblse, ein
  Cylinder aus Magnesia oder Zirkonerde in einer Wasserstoff- oder
  Leuchtgasflamme, die durch Sauerstoffgas angefacht wird, zu Magnesia
  verbrennender Magnesiumdraht (Magnesiumlicht) u. s. w. Wenn wir von den
  letztgenannten Arten der Beleuchtung (dem Platingas, dem Kalk-,
  Magnesia- und Zirkonlicht und endlich dem Magnesiumlicht), welchen
  vielleicht eine grosse Zukunft bevorsteht, und von der Beleuchtung auf
  elektrischem Wege vorlufig absehen, und nur diejenige Leuchtart, bei
  welcher die Lichtausstrahlung der Flamme eine Folge ist von in der
  Flamme vorhandenen dichten Kohlenwasserstoffdmpfen, ins Auge fassen,
  so folgt _a priori_, dass alle Krper, die als Leuchtmaterialien
  Anwendung finden sollen, Verbindungen des Kohlenstoffs mit dem
  Wasserstoff enthalten mssen. Und diese Kohlenwasserstoffe finden sich
  auch in der That in allen Substanzen, die entweder als
  Beleuchtungsstoffe selbst oder zu deren Fabrikation Benutzung finden,
  so in dem Talg, dem Palml und der daraus dargestellten Stearin- und
  Palmitinsure, dem Wachs, dem Wallrath, dem Paraffin, dem Rbl, dem
  Solarl, dem Photogen und dem Petroleum, dem Camphin, ferner in der
  Steinkohle, den bituminsen Schiefern wie der Bogheadkohle, dem Holz,
  den Fetten und den Harzen.

[Sidenote: Flamme.]

Jeder flssige und feste Krper, der sich bei einer Temperatur
verflchtigt oder unter Zersetzung vergast, welche geringer als die zur
Verbrennung erforderliche ist, kann begreiflicherweise nur als Gas
brennen. Die dabei wahrzunehmende Lichterscheinung nennt man die
=Flamme=. Dieselbe erlangt ihre bekannte Form durch den Druck der sie
umgebenden Luft, indem letztere als gasfrmiger und durch die Wrme
leichter gewordener Krper verdrngt und zum Aufsteigen veranlasst wird.
Das Leuchtmaterial wird, wenn es aus geschmolzener Paraffin- oder
Stearinsure oder aus Oel (Rbl oder Petroleum) besteht, in den feinen
Zwischenrumen des Dochtes wie von Capillarrhren in die Hhe gezogen und
in der Nhe der Flamme in gasige und dampffrmige Produkte zersetzt,
deren Natur im Wesentlichen mit der des gereinigten Leuchtgases
bereinstimmt.

  Die ersten und wichtigsten Aufklrungen ber die Natur der Flamme und
  das Leuchten derselben, namentlich ber die Ursache ihrer ungleichen
  Lichtstrke verdanken wir =H. Davy=. In neuerer Zeit haben wieder
  mehrere Chemiker ihre Aufmerksamkeit dem Studium der Flamme zugewendet,
  und die Arbeiten von =Hilgard=, =H. Landolt=, =Pitschke=, =Blochmann=,
  =Kersten= und besonders die von =H. Deville=, =Volger=, =Lunge=,
  =Frankland= u. A. haben unsere Kenntnisse hinsichtlich der Natur des
  Leuchtens der Flamme nicht unwesentlich erweitert. Die genaue
  Betrachtung einer Flamme lsst darin drei Theile unterscheiden, nmlich
  1) einen usseren, leuchtenden Mantel, den sogenannten Schleier, 2)
  einen mittleren, glhenden Kern und 3) einen innersten und untersten
  Theil, in welchem letzteren die Vorwrmung der zur Verbrennung
  gelangenden gasigen Krper erfolgt. Die gewhnliche Annahme ber die
  Natur des Leuchtens der Flamme ging bis auf die neueste Zeit dahin,
  dass aus den Kohlenwasserstoffen, welche die Flamme bilden, durch die
  hohe Temperatur und durch den von aussen eindringenden atmosphrischen
  Sauerstoff, welcher sich vorzugsweise mit dem Wasserstoff verbinde, der
  Kohlenstoff abgeschieden werde und durch sein Erglhen in der
  Wasserstoffflamme dieselbe leuchtend mache. Durch die oben erwhnten
  Arbeiten, namentlich die von =Hilgard=, welcher mit einer Kerzenflamme
  operirte und von =Landolt= und =H. Deville=, welche die Natur des
  Leuchtens der Gasflamme zum Gegenstand des Studiums machten, erfahren
  wir, wie schnell die atmosphrische Luft mit den Verbrennungsprodukten
  durch die Flamme diffundirt und wie im Innern derselben die brennbaren
  Gase abnehmen, die Verbrennungsprodukte aber zunehmen. Alle diese
  Untersuchungen sind jedoch noch nicht zur Erklrung vieler der
  gewhnlichsten Erscheinungen bei leuchtenden Flammen hinreichend. Man
  ist z. B. noch keineswegs im Klaren ber den Zusammenhang zwischen der
  chemischen Zusammensetzung eines Leuchtstoffes und seinem Leuchtwerthe,
  sodass die Gasanalysen, welche zum Zwecke der Werthbestimmung des
  Leuchtgases gegenwrtig hufig ausgefhrt werden, immer noch wenig
  Aufklrung in dieser Hinsicht geben. Das, was man ber die Natur der
  Flamme weiss, ist eine Folge der Untersuchung =O. Kersten='s, welche
  die zuerst von =O. L. Erdmann= (in Leipzig) ausgesprochene Ansicht
  besttigte, dass bei der Verbrennung des Leuchtgases der Sauerstoff
  zunchst und vorzugsweise an den freien, in der Flamme suspendirten und
  die Leuchtkraft bedingenden Kohlenstoff tritt und nicht zunchst an den
  Wasserstoff. =O. Kersten= neigt sich ber die Natur der leuchtenden
  Flamme folgender Ansicht zu: Die Verbrennung findet nicht im Innern,
  sondern nur in dem Schleier und in dem Theile des leuchtenden Mantels,
  der ihnen zunchst liegt, statt, denn es kann nicht angenommen werden,
  dass durch eine Schicht glhenden Wasserstoffs und Kohlenstoffs eine
  Spur Sauerstoff eindringen knne; die im Innern wahrgenommenen
  Verbrennungsprodukte sind nicht dort entstanden, sondern nur durch
  Diffusion dahin gelangt. Die Gesammthitze der Flamme rhrt mithin vom
  Schleier der Verbrennungszone her. Die Temperatur des Innern der Flamme
  und des Mantels nimmt natrlich nach oben stark zu, und daher ist der
  leuchtende Theil, in welchem der Kohlenstoff durch die Hitze
  ausgeschieden wird, unten eine dnne Hlle des dunklen Kegels, weiter
  oben aber, wo die Temperatur, bei welcher die Kohlenwasserstoffgase in
  ihre Bestandtheile sich spalten, sich bis in die Mitte erstreckt,
  erfllt er das gesammte Innere, weshalb man hier eine massive
  leuchtende Flamme hat. Indem dann der freie Kohlenstoff dem
  sauerstoffreichen Schleier sich nhert, verbrennt er zu Kohlensure,
  und hauptschlich whrend dieser Verbrennung leuchtet er, und zwar um
  so mehr, je lebhafter sie ist. In dem Schleier verbrennt mithin zuerst
  Kohlenoxyd und Wasserstoff zugleich; dass dieser Schleier am untern
  Theile noch keinen leuchtenden Mantel bildet, erklrt sich daraus, dass
  die Masse der inneren Gase noch zu kalt ist, als dass eine Abscheidung
  von Kohlenwasserstoffen mglich wre. Das Nichtleuchten einer Flamme,
  selbst der von reinem lbildenden Gase, in Folge zu geringer Ausdehnung
  der hohen Schleiertemperatur lsst sich wahrnehmen, wenn man eine
  Gasflamme mglichst klein macht; in diesem Falle findet Verbrennung im
  Ganzen statt, ehe eine Zersetzung vor sich gehen konnte, wie im unteren
  blauen Theile einer leuchtenden Flamme. Das Leuchten beruht demnach auf
  der Zusammensetzung des Gases vor der Verbrennung und keineswegs auf
  einer Spterverbrennung des Kohlenstoffs. Die Gestalt der Flamme und
  ihrer Theile und alle ihre Eigenthmlichkeiten erklren sich somit
  ungezwungen. Bei der =Gasflamme= hat man seither angenommen, dass es
  die in derselben momentan ausgeschiedenen glhenden Kohlenpartikeln
  seien, welche das Licht geben; es drften aber hier nach
  =Frankland='s Untersuchungen (1867) die dichten Dmpfe der hheren
  Kohlenwasserstoffverbindungen sein und nicht der feste Kohlenstoff. Wir
  haben im Gase Verbindungen von sehr hoher Dichtigkeit, die als Dmpfe
  ebenso wie z. B. der Arsendampf im Stande sind, die Flamme leuchtend zu
  machen; es gehren dahin die Dmpfe des Benzols, Naphtalins und sicher
  vieler anderer Bestandtheile, die wir auch im Gastheer finden; diese
  Dmpfe halten sich in der Flamme unzersetzt, bis sie den usseren
  Mantel derselben erreichen und dann in Berhrung mit dem Sauerstoffe
  der atmosphrischen Luft verbrennen. Man pflegt als Beweis fr die
  bisherige Ansicht, dass es der glhende feste Kohlenstoff sei, der in
  der Flamme leuchte, gewhnlich den Umstand anzufhren, dass sich der
  Kohlenstoff auf einem Stcke Porcellan, welches man in die Flamme
  bringt, auffangen lsst. Es ist aber nicht nachgewiesen, dass das
  reiner Kohlenstoff ist. Im Gegentheil, wenn man den Niederschlag
  untersucht, so findet man, dass er immer Wasserstoff enthlt, und der
  Chemiker weiss recht gut, dass, wenn er reinen Kohlenstoff haben will,
  er den Russ noch lange glhen muss, um den Wasserstoff zu entfernen.
  Ja, er wendet sogar Chlor zu diesem Zwecke an, indem er Chlorgas ber
  die Masse leitet, whrend sie in einer Rhre sich im weissglhenden
  Zustande befindet. Der Russ ist wahrscheinlich weiter nichts als ein
  Conglomerat der dichtesten lichtgebenden Kohlenwasserstoffverbindungen,
  deren Dmpfe sich an der kalten Flche des eingebrachten
  Porcellankrpers condensiren. Wie knnte auch eine Flamme so
  durchsichtig sein, als sie wirklich ist, wenn sie mit festen
  Kohlenstoffpartikeln angefllt wre? Oder wie knnte es fr die
  photometrische Lichtmessung gleichgltig sein, ob man eine Flamme auf
  die flache oder auf die schmale Seite einstellt, wenn es die festen
  Kohlenpartikeln wren, welche das Licht geben? Es mag sein, dass in
  geringem Grade auch eine Zersetzung der Kohlenwasserstoffe und eine
  Ausscheidung festen Kohlenstoffes stattfindet; in der Hauptsache aber
  sind es die sehr dichten brennenden Kohlenwasserstoffdmpfe selbst,
  welchen die Gasflamme ihre Leuchtkraft verdankt. Dass die Temperatur
  der Flamme auf die Leuchtkraft derselben zugleich einen gewissen
  Einfluss bt, versteht sich von selbst. Auch nach den Untersuchungen
  von =H. Deville= (1869) hngt der Grad der Leuchtkraft einer Flamme mit
  der Dichtigkeit der Dmpfe darin, innig zusammen. Die Dissociation
  scheint auf das Verhalten der Flamme nicht ohne Einfluss zu sein.

  Unter den gewhnlich stattfindenden Verhltnissen gehrt es zur
  Zusammensetzung eines Leuchtmaterials, welches bei ruhiger Luft
  leuchten, aber nicht russen soll, dass es auf 6 Gewichtstheile
  Kohlenstoff 1 Gewichtstheil Wasserstoff enthalte, wie es ungefhr bei
  dem lbildenden Gase, dem Paraffin, dem Wachse und der Stearinsure der
  Fall ist. Terpentinl schon, welches auf 1 Th. Wasserstoff 7,5 Th.
  Kohlenstoff enthlt, verbrennt mit russender Flamme, in weit hherem
  Grade ist dies bei dem Benzol der Fall, das aus 1 Th. Wasserstoff und
  12 Th. Kohlenstoff besteht, oder gar dem Naphtalin, in welchem des
  Verhltniss wie 1 : 15 ist. Soll der berschssige Kohlenstoff, der
  sich als Russ (nach =Frankland=, wie oben bemerkt, kein reiner
  Kohlenstoff, sondern ein Conglomerat dichter
  Kohlenwasserstoffverbindungen) ausscheidet, verbrennen, so kann dies
  nur durch vermehrte Luftzufuhr geschehen, wie es z. B. der Fall ist bei
  den Lampen durch Aufsetzen eines Glascylinders. Flammen, die keine
  Kohle ausscheiden, wie die des Grubengases und des Alkohols, brennen
  nur wenig leuchtend. Die Leuchtkraft eines leuchtenden Gases wird
  sofort vernichtet, wenn man demselben atmosphrische Luft zumischt, wie
  es z. B. in den Gasbrennern zu Heizungszwecken in den chemischen
  Laboratorien geschieht, oder wenn man es mit indifferenten Gasen oder
  Dmpfen mengt.

  Die Beleuchtung findet statt

  I. vermittelst bei gewhnlicher Temperatur =starrer= Substanzen, die in
  =Kerzenform= zur Anwendung kommen, hierher gehren der Talg, das
  Palml, die Stearin- und Palmitinsure, die Eladinsure, das Wachs,
  der Wallrath und das Paraffin;

  II. vermittelst =flssiger= Substanzen, welche vorzugsweise zur
  =Lampen=beleuchtung dienen, welche wieder zerfallen

    a) in =nichtflchtige= Oele, wie Rapsl, Olivenl und Thran;

    b) in =flchtige= Oele; letztere sind entweder

      [Greek: a]) therische Oele, wie das Camphin (gereinigtes
      Terpentinl), oder

      [Greek: b]) durch Verarbeitung von Theer (aus Torf, Braunkohle,
      Bltterschiefer, Bogheadkohle) erhaltene Mineralle, die Gemenge
      von flssigen Kohlenwasserstoffen sind und unter dem Namen Solarl,
      Photogen, Ligrone, Kerosin im Handel sich finden, oder endlich

      [Greek: g]) das von der Natur gelieferte Erdl oder Petroleum,
      welches im raffinirten Zustande unter dem Namen Petrosolarl als
      Leuchtstoff verwendet wird;

  III. vermittelst =gasfrmiger= Substanzen, welche entweder durch
  trockene Destillation von Steinkohle, bituminsem Schiefer, Torf, Holz,
  Petroleumrckstnden, Harzen und Fetten sich bilden, welche bei hoher
  Temperatur in einen festen, kohlenreichen Rckstand, in Theer und in
  Gase zerlegt werden, oder auch wie das Wassergas aus Kohle und
  Wasserdmpfen entstehen.

  Bei den gasfrmigen Leuchtstoffen wird der lichtentwickelnde Krper
  entweder

    a) von der Flamme selbst geliefert, wie bei dem gewhnlichen
    Leuchtgas, oder

    b) von aussen hinzugebracht, wie bei dem sogenannten Platingas durch
    Platindraht, bei dem Kalklicht durch Kalk, bei dem Magnesia- und
    Zirkonlicht durch einen Cylinder von Magnesia oder Zirkonerde, oder
    endlich durch flssige Kohlenwasserstoffe (Carburiren des Gases).


                     I. Beleuchtung mittelst Kerzen.

[Sidenote: Beleuchtung mittelst Kerzen.]

Sieht man von den Kienspnen ab, deren man sich in armen Gegenden zur
Beleuchtung bedient, so ist die =Kerze= die einzige Form, unter welcher
feste Leuchtstoffe Anwendung finden. Die Kerze besteht aus dem
cylindrisch geformten Leuchtmaterial (Palmitin- und Stearinsure,
Paraffin, Talg, Wachs), in dessen Lngenaxe der Baumwolldocht sich
befindet. Die Strke des Dochtes muss im richtigen Verhltnisse zum
Durchmesser der Kerze stehen. Wir beschreiben im Folgenden die
Fabrikation:

             1) der Stearinkerzen,       3) der Talgkerzen,
             2) der Paraffinkerzen,      4) der Wachskerzen.

[Sidenote: Fabrikation der Stearinkerzen.]

1) =Die Fabrikation der Stearinkerzen.= Das Rohmaterial der
Stearinkerzenfabrikation ist gegenwrtig Palml und Talg, zu welchen in
den Vereinigten Staaten (in Cincinnati) das Schweineschmalz sich gesellt.
Durch die Untersuchungen von =W. Heintz= (in Halle a. S.), welche sich an
die von =Chevreul= anschliessen, hat sich ergeben, dass die genannten
Fette aus Palmitinsure, Stearinsure und Oelsure und Glycerin bestehen.
Diejenige Sure, welche von =Chevreul= Margarinsure genannt worden ist,
erwies sich als ein Gemenge von Palmitinsure und Stearinsure. Sehr
hufig bestehen die sogenannten Stearinkerzen aus Gemischen von Stearin
(dem Gemenge von Palmitin- und Stearinsure) und weichem Paraffin. Man
nennt solche Kerzen =Apollo=- oder =Melanylkerzen=. Die Herstellung der
Stearinkerzen zerfllt in zwei Hauptabtheilungen, nmlich

                A. In die Darstellung der Fettsuren,
                B. In die Umwandlung derselben in Kerzen.

A. Die =Darstellung der Fettsuren= kann geschehen durch Verseifung mit
Kalk, mit Schwefelsure und darauf folgende Destillation, mit Wasser und
Hochdruck, und mittelst berhitzter Wasserdmpfe und nachfolgende
Destillation.

[Sidenote: Fettsuredarstellung durch Kalkverseifung.]

I. =Verseifung der Fette mit Kalk.= Als Fettsubstanz wendet man an Rinds-
oder Hammeltalg und Palml. Der Hammeltalg enthlt grssere Mengen fester
Fettsuren und lsst sich auch leichter verarbeiten, der Rindstalg
dagegen ist wohlfeiler zu erlangen. Der aus Russland in grosser Menge
kommende Talg ist gewhnlich ein Gemisch von Rindstalg mit Hammeltalg.
Seitdem das Palml in grosser Menge und zu billigen Preisen nach Europa
gelangt, ist in vielen Stearinkerzenfabriken das Palml die
Hauptfettsubstanz geworden.

  Das Stearin liefert 95,7 Th. Stearinsure  (bei 70 schmelzend)
   "  Palmitin   "    94,8  "  Palmitinsure ( "  62     "     )
   "  Olen      "    90,3  "  Oelsure      ( "  -12    "     )
                                                        C_{18}H_{36}O_{2}
                                                        C_{16}H_{32}O_{2}
                                                        C_{18}H_{34}O_{2}

  Das Stearin, Palmitin und Olen sind Glyceride, das Stearin ist
  Tristearin C_{57}H_{110}O_{6}, das Palmitin Tripalmitin
  C_{51}H_{98}O_{6} und das Olen Triolen C_{57}H_{104}O_{6}. Whrend
  der Verseifung mit Kalkmilch bilden sich die Calciumsalze der drei
  Fettsuren, der Stearinsure, Palmitinsure und Oelsure, und das
  Glycerin wird abgeschieden. Die Verseifung selbst geht auf folgende
  Weise vor sich. Zunchst wird der Talg oder das Palml in mit
  Bleiblech ausgeftterten Holzbottichen geschmolzen, indem der Bottich,
  der beilufig eine Capacitt von 20 Hektoliter hat und mit 500 Kilogr.
  Talg und 800 Liter Wasser beschickt worden ist, mittelst Wasserdmpfen
  durch ein Rohr, dessen Ende spiralfrmig am Boden des Bottichs liegt,
  erwrmt wird. Nachdem aller Talg geschmolzen ist, beginnt man nach und
  nach unter bestndigem Umrhren 600 Liter Kalkmilch zuzusetzen, welche
  70 Kilogr. gebrannten Kalk (= 14 Proc. vom Gewicht des Talges)
  enthalten. Nach 6-8stndigem Erhitzen ist die Bildung der Kalkseife
  vollstndig erfolgt. Von der harten krmeligen Kalkseife wird die
  gelbliche =Glycerinlsung= abgezapft und dann auf =Glycerin=
  verarbeitet. Der Theorie nach wrde man, von der Annahme ausgehend,
  dass auf je 3 Molekle fetter Suren, welche in dem neutralen Fette mit
  1 Molek. Glycerin verbunden vorkommen, auf 100 Th. Fett nur 8,7 Th.
  gebrannten Kalkes brauchen. Trotzdem wendet man allgemein 14 Proc. an,
  weil man gefunden hat, dass der Ueberschuss die Verseifung erleichtert,
  allerdings aber auch spter einen entsprechend grossen Aufwand an
  Schwefelsure verursacht.

  Die =Kalkseife= wird nun mittelst =Schwefelsure= zersetzt, die man
  entweder im concentrirten Zustande oder als Kammersure anwendet. Die
  Zerlegung der Kalkseife geschieht entweder in den nmlichen Bottichen,
  in welchen die Verseifung vor sich ging, oder in besonderen mit Blei
  ausgelegten Bottichen oder Steinkufen, welche ebenfalls am Boden mit
  einem Dampfrohr versehen sind. Das Quantum der zur Zersetzung der
  Kalkseife erforderlichen Schwefelsure betrgt auf 500 Kilogr. Talg und
  70 Kilogr. Kalk 137 Kilogr. Die Schwefelsure wird mit Wasser bis auf
  12 B. verdnnt (sie enthlt in diesem Zustande noch 30 Proc.
  H_{2}SO_{4}), mit der Kalkseife in dem Zersetzungsbottich
  zusammengebracht, durch eingeleiteten Dampf erwrmt und drei Stunden
  lang gerhrt. Nachdem die Fettsuren sich abgeschieden haben, hemmt man
  die Dampfzufuhr und lsst die Flssigkeit einige Zeit ruhen, wodurch
  sich die geschmolzenen fetten Suren auf der Oberflche ansammeln und
  ein grosser Theil des entstandenen Calciumsulfates am Boden des
  Bottichs sich abscheidet. Die geschmolzenen fetten Suren werden in
  eine mit Blei ausgeftterte Kufe abgelassen oder bergeschpft und
  behufs der Entfernung der letzten Antheile von Kalk und Gyps zuerst
  unter gleichzeitiger Mitwirkung von Wasserdmpfen mit verdnnter
  Schwefelsure von 1,089 spec. Gewicht (= 12 B.) und dann mit Wasser
  gewaschen. Was die Ausbeute an fetten Suren aus gereinigtem Kalk
  betrifft, so geben

              500 Kilogr. Talg  459,5 Kilogr. fette Suren
              500  "        "   463     "       "     "
              500  "        "   478     "       "     "
              500  "        "   487,5   "       "     "
             ----------------------------------------------
             2000 Kilogr. Talg 1888,0 Kilogr. fette Suren,

  entsprechend 94,8 Proc. Die Ausbeute ist abhngig von der Art, Reinheit
  und Behandlung des Talges.

  100 Th. der fetten Suren gaben:

  a) 43,3 Th. feste Fettsure}
  b) 45,8  "    "      "     } Im Mittel 45,9 Th. eines Gemenges von
  c) 46,2  "    "      "     }    Stearin- und Palmitinsure.
  d) 48,4  "    "      "     }

  Nachdem die fetten Suren so vollstndig als mglich durch wiederholtes
  Waschen mit Wasser von Kalk, Gyps und Schwefelsure befreit worden
  sind, erhlt man dieselben einige Zeit im geschmolzenen Zustande, um
  dem Wasser Gelegenheit zu geben, sich vollstndig abzuscheiden; hierauf
  lsst man die fetten Suren =erstarren= oder =krystallisiren= und
  =presst= dann den nicht fest gewordenen Theil, wesentlich aus Oelsure
  bestehend, in starken hydraulischen Pressen, erst in der Klte, dann
  unter Mitwirkung der Wrme aus. Das =Erstarrenlassen= geschieht in
  Kapseln oder Formen von Weissblech, die hnlich den Chocoladeformen am
  Rande weiter sind als am Boden und ungefhr 2 Kilogr. fette Suren zu
  fassen vermgen. In einigen Fabriken wendet man gegenwrtig auch Formen
  aus emaillirtem Schwarzblech an. Die fetten Suren werden nun in den
  Formen einer langsamen Krystallisation berlassen, wozu im Winter 12,
  im Sommer 24 Stunden erforderlich sind. Je langsamer die
  Krystallisation vor sich geht und je besser die Krystalle sich
  ausbilden konnten, desto leichter und vollstndiger lassen sich die
  flssigen Theile durch Auspressen abscheiden.

  Nach vollstndigem Erstarren der Masse in den Formen schreitet man zur
  =Trennung der festen und flssigen Fettsuren=. Dies geschieht durch
  =Pressen= und zwar zunchst durch =kaltes Pressen= und hierauf durch
  =warmes Pressen=. Behufs des =kalten Pressens= strzt man die Form auf
  das Presstuch, ein grobes sackfrmiges Gewebe aus Rosshaar oder auch
  ein gekperter Stoff von Kammgarn aus besonders starker und zher
  Wolle, schlgt die braungelben Fettbrote in dasselbe ein, schichtet die
  gefllten Pressscke zwischen Eisen- oder Zinkplatten auf den
  Presstisch einer gewhnlichen hydraulischen Presse und unterwirft
  dieselben einem Drucke von 200,000 Kilogr. Die abfliessende =Oelsure=
  wird von Sammeltrichtern, die unter dem Presstische sich befinden,
  aufgenommen und in ein Reservoir gefhrt. Sie findet Anwendung zur
  Seifenbereitung und zum Einfetten der Wolle, so wie in neuerer Zeit als
  =Oelsurether= mit Thon gemischt als vortreffliches =Lederl= (zum
  Geschmeidigmachen des Leders). Wenn die vertikale hydraulische Presse
  keine Oelsure mehr giebt, schreitet man zum =warmen Pressen=. Hierzu
  dienen allgemein liegende oder horizontale hydraulische Pressen, deren
  Construction seit der Grndung der Stearinkerzenindustrie mehrfach
  abgendert worden ist. Anfnglich bestanden sie aus dem Trog, in
  welchem das Pressen stattfindet, aus dem Presscylinder und aus
  gusseisernen Platten, welche man bei jeder Operation in siedendes
  Wasser tauchte und hierauf zwischen die Fettsurebrote brachte. Dieses
  Verfahren nahm viel Arbeit in Anspruch. Spter wurde das Erwrmen in
  der Art bewerkstelligt, dass man um den die Fettbrote enthaltenden Trog
  eine doppelte Wand anbrachte, in welche man Dampf leitete. Hufig
  befolgt man in den Fabriken beide vereinigte Methoden, aber anstatt die
  gusseisernen Platten bei jeder Operation behufs des Erwrmens
  herauszunehmen, bleiben sie immer in der Presse; sie sind hohl und
  werden durch Dampf geheizt.

  Die einzelnen Sorten der durch das Warmpressen erhaltenen festen fetten
  Suren werden nun der =Luterung= unterworfen. Dies geschieht, indem
  man dieselben mit Dampf mit sehr verdnnter Schwefelsure (von 3 B.)
  in mit Blei ausgeftterten Waschbottichen schmilzt und dieselbe
  Operation auf reinem Wasser 2-3mal wiederholt, bis alle Schwefelsure
  ausgewaschen ist, hierauf erhlt man sie lngere Zeit im geschmolzenen
  Zustande, bis sich alles Wasser abgeschieden hat und giesst sie endlich
  in Formen. Das Waschwasser muss frei von Kalk sein; steht nur
  kalkhaltiges zu Gebote, so entfernt man den Kalk durch Fllen mit
  Oxalsure oder Stearinsure. Zuweilen klrt man die Fettsuren, indem
  man whrend des letzten Schmelzens auf dem Wasser zu Schaum
  geschlagenes Eiweiss (auf 100 Kilogr. Fettsure zwei Eier) zusetzt,
  oder die Stearinsure nochmals auf mit Oxalsure angesuertem Wasser
  umschmelzt. Die so erhaltene Fettsure wird entweder in Blechformen
  gegossen, um in Gestalt von flachen Kuchen an die Kerzenfabrikation
  abgegeben zu werden oder sofort in der Fabrik selbst zu Kerzen
  verarbeitet.

  In den Stearinkerzenfabriken werden behufs der Ausscheidung der
  Fettsuren aus der Kalkseife jhrlich Tausende von Centnern
  Schwefelsure in werthlosen Gyps verwandelt. Es liegt daher der Gedanke
  nahe, zur Verseifung des Talges oder Palmles =Aetzbaryt= anzuwenden,
  womit zugleich der Vortheil verknpft ist, dass man die zur Zersetzung
  der Seife verwendete Schwefelsure fast zu dem Ankaufspreise in Gestalt
  von Barytweiss verwerthen und aus der von der schweren und sich leicht
  absetzenden Barytseife abgelassenen Flssigkeit das Glycerin weit
  vollstndiger abscheiden kann, als wenn man sich des Kalkes zum
  Verseifen bedient htte. Einer von =Cambacrs= im Jahre 1855
  vorgeschlagenen Verseifungsmethode mit =Thonerde= liegt gleichfalls die
  Absicht zu Grunde, bei der Zersetzung der unlslichen Seife durch
  Schwefelsure ein werthvolleres Nebenprodukt als der Gyps ist, zu
  erhalten. =Thonerde= verseift die Fette nicht, wol aber
  Natrium-Aluminat (das seit einigen Jahren als _Natrona refined
  Saponifier_ in Nordamerika vielfach zur Verseifung angewendet wird); es
  bildet sich Aluminiumseife, whrend das Natron frei wird und zum
  Auflsen neuer Antheile von Thonerde verwendet werden kann. Seitdem
  durch die Verarbeitung der beiden Mineralien Kryolith und Bauxit das
  Natrium-Aluminat als Zwischenprodukt auftritt, welches dann weiter auf
  Aluminiumsulfat und auf Soda verarbeitet wird, verdient der Vorschlag
  bei der Bereitung der Stearinsure Aluminiumseife, statt der
  Calciumseife, darzustellen, alle Beachtung, da die Flssigkeit, welche
  durch Zersetzen der Seife mit Schwefelsure erhalten wird, sofort auf
  reines Aluminiumsulfat oder auf Alaun verarbeitet werden kann.
  Ausserdem ist hier hervorzuheben, dass die Aluminiumseife bereits in
  der Klte durch Essigsure zersetzt werden kann, wodurch sich
  Aluminiumacetat (vergl. S. 296) gewinnen lassen wird.

  Die Kalkverseifung hat bedeutend an Boden verloren, seitdem die weit
  vortheilhaftere Verseifung mit Schwefelsure und mit berhitzten
  Wasserdmpfen eingefhrt worden ist.

[Sidenote: Verseifung mit vermindertem Kalkzusatze.]

II. =Verseifung mit vermindertem Kalkzusatze und Anwendung von
Hochdruck.= =de Milly= hat das Verfahren des Verseifens der Fette durch
Kalk wesentlich abgendert. Er hatte nmlich gefunden, dass die Menge des
zur Verseifung erforderlichen Kalkes, welche er in seiner Fabrik schon
lngst von 14 Proc. auf 8 oder 9 Proc. des Talggewichtes vermindert
hatte, sich noch auf die Hlfte, also auf 4, ja selbst auf 2 Proc.
verringern lasse, vorausgesetzt, dass man die Mischung von Kalk, Wasser
und Fett einer hheren Temperatur als bisher aussetzt. =de Milly= liess
in einem verschlossenen Kessel 2300 Kilogr. Talg und 20 Hektoliter
Kalkmilch, welche 50 Kilogr. Kalk (= 2 Proc.) oder 69 Kilogr. desselben
(= 3 Proc.) enthielt, bringen und auf das Gemisch Dampf von 182 C. (= 10
Atmosphren Druck) einwirken, so dass die Temperatur in dem Kessel 172
C. betrug. Es ergab sich, dass nach Verlauf von sieben Stunden die
Verseifung beendigt war. In dem Kessel fand sich eines Theiles eine
wsserige Lsung von Glycerin, andern Theiles eine Masse aus fetten
Suren bestehend, in welcher kleine Mengen von Calciumseife eingesprengt
waren. Der Kessel wurde entleert und von Neuem beschickt, so dass in 24
Stunden 6900 Kilogr. Talg verarbeitet werden konnten. Dieses Verfahren
ist ein sehr vorteilhaftes, da die Menge der zur Zersetzung der
Calciumseife erforderlichen Schwefelsure betrchtlich vermindert wird.

  Zur Erklrung dieser eigenthmlichen Art der Verseifung fhrt =Payen=
  an, indem er von den Untersuchungen von =Bois= und =Berthelot= ausgeht,
  er glaube, der Kalk gebe bei seiner Einwirkung auf das Tristearin,
  Tripalmitin und Triolen den Anstoss zu einer Molecularbewegung, welche
  durch das Wasser bei einer Temperatur von 172 beendigt werde.
  =Pelouze= hatte beobachtet, dass Calciumseife, durch Fllen einer
  wsserigen Lsung von Chlorcalcium mit einer wsserigen Lsung von
  kuflicher Seife erhalten, mit einem gleichen Gewicht Wasser und dann
  mit Olivenl in einen Digestor gegeben, bei einer Temperatur von
  155-165 das Oel unter Freiwerden von Glycerin verseifte. Aus diesen
  und hnlichen Versuchen glaubt er schliessen zu drfen, dass bei der
  =de Milly='schen Verseifung durch einige Procente Kalk der Process in
  mehrere Perioden zerfllt, in welchem sich zuerst eine basische oder
  neutrale Seife bildet, die sich endlich in eine saure Seife umwandelt.
  Zieht man aber in Betracht, dass =de Milly= bei der Verseifung mit 2
  Proc. Kalk eine Temperatur von 182 (entsprechend 10 Atmosphren Druck)
  anwendet, dass ferner =Wright= und =Fouch= mit dem Wasser allein bei
  der nmlichen Temperatur fast vollstndig eine Zersetzung der Fette
  bewirkten, und dass endlich =Clez= bei 200 eine vollkommene
  Verseifung der Fette durch Wasser allein eintreten sah, so scheint es
  am einfachsten, in dem vorliegenden Falle anzunehmen, dass nur das
  Wasser das zersetzende Element sei und dass die Gegenwart von 2 Proc.
  Kalk die Verseifung befrdere und vereinfache, indem sie die im
  entgegengesetzten Sinne wirkende Verwandtschaft, die nach =Berthelot='s
  Versuchen beim Zusammenbringen von freier Fettsure und Glycerin durch
  das Bestreben sich ussert, sich zu dem ursprnglich vorhanden
  gewesenen neutralen Fettkrper zu vereinigen, erfolgreich aufhebt.
  Dasselbe Resultat wird noch besser durch eine kleine Menge Alkali
  erzielt.

[Sidenote: Verseifung mit Schwefelsure.]

III. =Die Verseifung mit Schwefelsure und darauf folgende
Dampfdestillation.= Dass die Fette durch concentrirte Schwefelsure eine
hnliche Zersetzung erleiden wie durch die Alkalien, war schon =Achard=
im Jahre 1777 bekannt, wurde 1821 von =Caventon= und 1824 von =Chevreul=
wieder erwhnt, aber erst von =Frmy=, der den Einfluss der concentrirten
Schwefelsure einem genauen Studium unterwarf, im Jahre 1836
wissenschaftlich erklrt. Fr die Industrie erhielt die
Schwefelsureverseifung erst Bedeutung, als =Dubrunfault=
1841 die Destillation der Fettsuren in den Betrieb einfhrte. Als
Fettmaterial verwendet man gewhnlich bei der Schwefelsureverseifung nur
solche Fette, die wegen ihrer Beschaffenheit und der Verunreinigungen,
die sie enthalten, zur Kalkverseifung nicht verwendbar sind, so das
Palml, das Cocosnussl, das Knochenfett, die Fettabflle der
Schlchtereien, der Kchen, die Produkte der Zersetzung der Seifenwsser
der Wollspinnereien und Tuchfabriken durch Schwefelsure (obgleich dieses
Fett zur Bereitung des =Suintergases= vortheilhaft Anwendung findet),
Rckstande vom Reinigen des Theeres, Raffiniren des Oeles, Auslassen des
Talges u. s. w.

  Das ganze Verfahren, wie es heutzutage (u. a. in der grossen
  Stearinkerzenfabrik von =Leroy= und =Durand= zu Gentilly bei Paris, die
  mir whrend der Ausstellung 1867 zugnglich war) ausgefhrt wird,
  zerfllt in drei Phasen, nmlich

    [Greek: a]) in die Verseifung mit Schwefelsure,

    [Greek: b]) in die Zersetzung der Produkte der Schwefelsureverseifung,

    [Greek: g]) in die Destillation der Fettkrper.

[Greek: a]) =Die Verseifung mit Schwefelsure.= Da die meisten der
Fettmaterialien, die man bei der Schwefelsureverseifung verwendet, im
hohen Grade verunreinigt sind, so werden dieselben zunchst umgeschmolzen
und absetzen gelassen. Die so gereinigten Fette kommen nun in den zur
Verseifung dienenden Kessel aus starkem Schwarzblech und mit Blei
berkleidet, der mit einem Rhrapparat versehen ist und durch Einleiten
von Dampf zwischen doppelte Boden erwrmt werden kann. In diesen Kessel
bringt man die Schwefelsure von 66 B. Die Menge derselben richtet sich
nach der Natur der angewendeten Fettmaterialien; bei Anwendung von
Kchenfett, Fettabfllen der Schlchtereien und dergl. braucht man 12
Proc. vom Gewicht der Fette, bei Palml gengen oft 6 Proc.; die
durchschnittliche Menge der Schwefelsure betrgt 9 Proc. Nachdem das
Fett zugegeben worden ist, setzt man den Rhrapparat in Bewegung und
beginnt nun die Erhitzung durch Einleiten von Wasserdmpfen in den
doppelten Boden des Kessels. Die Temperatur, bis zu welcher man erhitzt,
ist verschieden; in der Fabrik von =Price u. Co.= in London steigert man
dieselbe bis auf 177 C., in der Fabrik zu Gentilly wird dagegen eine
Temperatur von 110-115 selten berschritten. Whrend des Erhitzens blht
sich die Masse auf, frbt sich braun und entwickelt reichlich schweflige
Sure, welche letztere sich durch die Einwirkung der concentrirten
Schwefelsure auf einen Theil des Glycerins, theils aber auch aus den
verunreinigenden Krpern sich bildet. Das neutrale Fett geht hierbei in
ein Gemenge der Sulfofettsure mit Sulfoglycerinsure ber. Nach
15-20stndigem Erwrmen und Rhren ist der Verseifungsprocess beendigt.
Nach einem neuen Verfahren von =de Milly= (1867) wird der Talg auf 120
erwrmt, mit 6 Proc. Schwefelsure erwrmt, die Dauer der Einwirkung aber
auf 2-3 Minuten beschrnkt. Dadurch ist es mglich, 80 Proc. der festen
Fettsuren in einem Zustande zu erhalten, in welchem sie sofort (d. h.
ohne vorherige Destillation) zu Kerzen verwendet werden knnen, whrend
nur 20 Proc. destillirt werden mssen[175].

  [175] =Balard= (1868) bezeichnet =de Milly='s Verfahren als den
        grssten Fortschritt in der Stearinsurefabrikation seit lnger
        als 14 Jahren.

[Greek: b]) =Die Zersetzung der Produkte der Schwefelsureverseifung.=
Nach vollendeter Verseifung schreitet man zur Zersetzung der
Sulfofettsure. Zu dem Ende lsst man die Masse 3-4 Stunden lang abkhlen
und dann in grosse mit Bleiblech ausgekleidete Holzbottiche laufen, die
zum dritten Theile mit Wasser angefllt sind. In den Bottichen liegen
Dampfrhren, welche das Gemisch bald auf eine Temperatur von 100
bringen. Hierbei wird die Verbindung der Schwefelsure mit der Fettsure
zerlegt und letztere theils mit einem grsseren Gehalt an Wasserstoff und
Sauerstoff als die fetten Suren, aus denen sie sich gebildet, theils
aber auch unverndert ausgeschieden und schwimmt oben auf. Nachdem sie
wiederholt mit siedendem Wasser gepeitscht worden sind, zapft man die
fetten Suren in ein Gefss ab, wo man bei einer Temperatur von 40-50 C.
Wasser und fremde Krper absetzen lsst. Die geklrten fetten Suren
werden in einer flachen Pfanne mit abgehendem Feuer erwrmt, bis alles
Wasser daraus entfernt ist, hierauf werden sie der Destillation
unterworfen.

[Greek: g]) =Die Destillation der fetten Suren= erfordert die
Beobachtung verschiedener Vorsichtsmaassregeln; wollte man ber freiem
Feuer destilliren, so wrden sich die fetten Suren zum grossen Theile
unter Hinterlassung eines reichlichen Kohlenrckstandes und unter
Theerbildung und Entwickelung grosser Mengen brennbarer Gase zersetzen.
Wenn man aber die Temperatur regelt, dadurch, dass man das Fett vor der
Einwirkung des freien Feuers bewahrt, namentlich die atmosphrische Luft
aus den Destillirapparaten vollstndigst entfernt, so geht die
Destillation regelmssig vor sich und die Fettsuren sublimiren
grsstentheils unverndert. Man erfllt diese Bedingungen durch Anwendung
berhitzter Wasserdmpfe von 250-350. Die Fettsuren kommen in eine
gerumige Retorte, die in einer Oeffnung einer Mauer sich befindet. Mit
der Retorte communicirt einestheils ein Rohr, welches den berhitzten
Wasserdampf zufhrt, anderntheils ein gewhnliches Khlrohr. Die in der
Vorlage sich ansammelnden Fettsuren sind brigens zu den verschiedenen
Zeiten der Destillation nicht die nmlichen. Fngt man sie fractionirt
vom Anfange der Destillation bis zu dem Ende auf, so ist ihr Schmelzpunkt

                                                Aus Kchen- und
                               Aus Palml         Knochenfett
                 1 Produkt        54,5               44
                 2    "           52                 41
                 3    "           48                 41
                 4    "           46                 42,5
                 5    "           44                 44
                 6    "           41                 45
                 7    "           39,5               41

Das zugleich mit den Fettsuren sich condensirende Wasser luft durch
einen Hahn aus der Vorlage ab; bei Beginn der Operation macht es die
Hlfte des Produkts, gegen das Ende nur mehr ein Drittheil desselben,
aus. Die Destillation nimmt bei Anwendung von Retorten von 1000 bis 1100
Kilogr. Capacitt ungefhr 12 Stunden in Anspruch. Ihr Ende erkennt man
daran, dass die condensirten Produkte sich frben. In der Retorte bleibt
ein schwarzer Theerrckstand, dessen Menge 2-5 Proc. vom Gewicht des
angewendeten Palmles, 5-7 Proc. wenn Kchenfett destillirt wurde,
ausmacht. Der Rckstand bleibt in der Retorte, bis er durch wiederholte
Destillationen sich in solcher Menge angehuft hat, dass er entfernt
werden muss. Die ersten Produkte der Destillation des mit Schwefelsure
verseiften Palmles sind so fest, dass durch Pressen keine flssige Sure
mehr ausgepresst werden kann; sie knnen sofort zur Kerzenfabrikation
Verwendung finden; die spteren Produkte verwandelt man durch Umschmelzen
in Fettsurebrote, presst dieselben unter der hydraulischen Presse aus
und schmilzt sie auf Wasser um. Die abgepressten flssigen Produkte
benutzt man zur Seifenfabrikation oder als Kchenlampenl. Die hierbei
erhaltene Oelsure ist wesentlich von der bei der Kalkverseifung
erhaltenen verschieden.

Man erhlt nach diesem Verfahren an Fettsuren

              aus dem Suinter                   47-55 Proc.
               "  den Olivenlabfllen          47-50   "
               "  dem Palml                    75-80   "
               "   "  Fette der Schlchtereien  60-66   "
               "  der Oelsure                  25-30   "

Anstatt der Schwefelsure hat man das =Chlorzink=, welches (vgl. Seite
84) in vielen Fllen sich der Schwefelsure hnlich verhlt, zur
Verseifung der Fette in Vorschlag gebracht. Es hat vor der Schwefelsure
fr manche Lnder, so fr die Staaten Sdamerikas, unzweifelhafte
Vorzge, die nicht nur, weil es immer wieder gewonnen werden kann, in dem
billigen Preise, sondern auch darin zu suchen sind, dass es sich, in
Kasten oder Fsser gegossen, mit Leichtigkeit und ohne Gefahr
transportiren lsst. Wenn man nach den Versuchen von =L. Krafft= und
=Tessi du Motay= ein neutrales Fett mit wasserfreiem Chlorzink erhitzt,
so tritt zwischen 150 und 200 eine vollstndige Vermischung der beiden
Stoffe ein. Nach einige Zeit fortgesetztem Erhitzen und Auswaschen der
Masse mit warmem Wasser oder besser mit Wasser, welches mit etwas
Salzsure angesuert wurde, erhlt man ein Fett, welches bei der
Destillation die ihm entsprechende Fettsure giebt, wobei nur sehr
geringe Mengen von Arcolen sich bilden. Das Waschwasser nimmt hierbei
fast alles Chlorzink wieder auf und kann durch Eindampfen desselben
wieder gewonnen werden. Die Fettsuren bilden sich hierbei in derselben
Menge als nach dem Verseifungsverfahren mit Schwefelsure; sie haben
dasselbe Ansehen, dieselben Eigenschaften und denselben Schmelzpunkt. Die
Menge des zur vollstndigen Verseifung erforderlichen Chlorzinks betrgt
8-12 Proc. vom Gewicht des Fettes.

[Sidenote: Verseifung mit Wasser und Hochdruck.]

IV. =Verseifung mit Wasser und Hochdruck.= Neben den Alkalien und Suren
ist vor etwa 16 Jahren ein neues Agens zur Spaltung der neutralen Fette
in Glycerin und in Fettsuren zur Anwendung gekommen. Dieses Agens ist
einfach durch Hochdruck berhitztes Wasser:

  C_{3}H_{5}      }O_{3} + 3H_{2}O = C_{3}H_{5}}O_{3} + 3{H            }O
  3(C_{16}H_{31}O)}                      H_{3} }         {C_{16}H_{31}O}
      Tripalmitin.         Wasser.      Glycerin.          Palmitinsure.

Der Gedanke, die Fette einer derartigen Behandlung zu unterwerfen, ist
nicht neu. Schon in den Arbeiten =Appert='s (1823) und =Manicler='s
(1826) finden sich Andeutungen ber die Zersetzung der Fette durch
berhitztes Wasser, obgleich der von genannten Technikern beabsichtigte
Zweck durchaus verschieden von der Aufgabe war, die sich heutzutage die
Industrie stellt. Bei den Versuchen =Appert='s und =Manicler='s handelte
es sich nur um die Trennung des Talges von den Membranen, die denselben
einschliessen. Eine Temperatur von 115-121 war zu dem Ende schon vllig
gengend. Bei einer Temperatur von 180 und einem Druck von 10-15
Atmosphren kann das Wasser auf die neutralen Fette eine weit tiefer
gehende Wirkung ussern und sie sofort in ihre beiden constituirenden
Bestandtheile spalten. Die Kenntniss dieser interessanten und wichtigen
Reaction verdankt man den Arbeiten der beiden Chemiker =Tilghman= in
England und =Berthelot= in Paris, welche im Jahre 1854 fast zu gleicher
Zeit die folgenreiche Entdeckung machten. Kurze Zeit nachher gelangte
auch =Melsens= in Brssel zu dem nmlichen Resultat. Von den drei
genannten Chemikern beschftigten sich jedoch nur zwei, nmlich
=Tilghman= und =Melsens=, mit der industriellen Seite der Frage. Die von
beiden Technikern angewendeten Methoden haben brigens vieles mit
einander gemein.

  =Tilghman= setzt zu dem zu zerlegenden neutralen Fette 1/3 oder 1/2
  Volumen Wasser und bringt das Gemisch in ein geeignetes Gefss, worin
  es der Einwirkung der Wrme, nmlich einer etwa dem Schmelzpunkt des
  Bleies gleichkommenden Temperatur -- 320 -- ausgesetzt werden kann,
  bis der beabsichtigte Zweck erreicht ist. Zur Erzielung des
  erforderlichen Druckes und zur Verhtung der Verflchtigung des Wassers
  ist selbstverstndlich ein geschlossenes Gefss anzuwenden. Das
  Verfahren lsst sich rasch und continuirlich ausfhren, indem man das
  Gemisch von Fett und Wasser durch ein Rohr circuliren lsst, welches
  auf die erwhnte Temperatur erhitzt ist. Das Verfahren von =Melsens=
  besteht einfach darin, dass man in einem =Papin='schen Digestor das zu
  zersetzende Fett bei 180-200 C. mit 10-20 Proc. Wasser in Berhrung
  bringt, welches mit 1-10 Proc. Schwefelsure versetzt worden ist. Sein
  Apparat ist ein langer liegender Kessel, in welchem die Mengung des
  Wassers mit dem Fett durch einen zweiten kleinen Kessel bewirkt wird,
  den man bald mit dem erstem in Verbindung bringt, dadurch mit Dampf
  fllt, diesen alsdann in die Luft entweichen lsst und den Rest
  verdichtet. Das dadurch im kleinen Kessel entstandene Vacuum saugt nun
  beim Oeffnen eines Hahnes Wasser und Fett aus dem untern grossen
  Kessel; stellt man alsdann wieder zwischen den oberen Theilen beider
  Kessel eine Verbindung her, so wird das Flssigkeitsgemisch mit
  Heftigkeit in den unteren Kessel getrieben und bewirkt die Mischung
  aller dort vorhandenen Flssigkeit. Von den brigen Apparaten, die zu
  gleichem Zwecke von verschiedenen Technikern construirt worden sind,
  sei erwhnt der sinnreiche Apparat von =Wright= und =Fouch=. Dieser
  Apparat besteht aus zwei starken kupfernen Kesseln, die hermetisch
  verschlossen sind und ber einander stehen. Zwei Rhren verbinden diese
  Kessel mit einander; die eine _a_ geht in den unteren Kessel fast bis
  auf dessen Boden herab und mndet mit dem andern Ende kurz ber dem
  Boden des oberen Kessels, die zweite Rhre _b_ geht vom Deckel des
  unteren Kessels aus und mndet unter dem Deckel des oberen Kessels. Der
  obere Kessel ist der Dampfgenerator, in dem zweiten geht die Zersetzung
  der Fette vor sich. Soll mit dem Apparat gearbeitet werden, so fllt
  man den Generator mit Wasser bis zu dem Punkte an, wo das erste Rohr
  _a_ mndet; der zweite Kessel wird mit dem geschmolzenen Fette so weit
  angefllt, dass das Fett das Rohr _b_ oben berhrt; es bleibt mithin
  ein freier Raum -- von dem Patenttrger Expansionsraum, _chambre
  d'expansion_ genannt -- zwischen dem Fett und dem Deckel des zweiten
  Kessels. Wird nun stark geheizt, so gelangt der Dampf aus dem Generator
  durch das Rohr _b_ in den Expansionsraum, condensirt sich hier, geht
  hierauf im verdichteten Zustande durch das specifisch leichtere Fett
  abwrts, um durch das Rohr _a_ von Neuem in den Generator zu gelangen.
  Auf diese Weise wird die neutrale Fettsubstanz bei hoher Temperatur und
  hohem Druck unablssig mit Wasser innig gemischt und in kurzer Zeit
  vollstndig in Fettsure und Glycerin gespalten.

[Sidenote: Fabrikation fetter Suren mittelst berhitzter Wasserdmpfe
und nachfolgender Destillation.]

V. An die im vorstehenden Abschnitte beschriebene Verseifung mittelst
berhitzten Wassers schliesst sich die =Verseifung mittelst berhitzter
Wasserdmpfe= an, welche gegenwrtig in England von der Compagnie =Price=
im grssten Maassstabe angewendet und ausgebeutet wird.

  Bereits =Gay-Lussac= und nach ihm =Dubrunfault= suchten das Factum,
  dass neutrale Fette bei ihrer Destillation in Fettsuren bergehen,
  industriell zu verwerthen. Aber trotz aller Mhe, trotz der
  gleichzeitigen Anwendung des Wasserdampfes entsprach der Erfolg
  durchaus nicht den Erwartungen; stets war es der Fall, dass ein Theil
  der Fettsubstanz unter Bildung von kohligen Produkten und von Acrolen
  sich zersetzte. =Wilson= und =Gwynne= waren mit ihren Bestrebungen
  glcklicher; mit Anwendung von Destillirapparaten, welche in ihrer
  Construction im Wesentlichen mit den auf Seite 702 beschriebenen
  bereinstimmen, gelang unter Mitwirkung berhitzter Wasserdmpfe die
  vollstndige Spaltung der neutralen Fette in Fettsure und in Glycerin.
  Durch strenges Einhalten einer bestimmten Temperatur war es nicht nur
  mglich, die Fette vllig zu verseifen, sondern auch die Produkte der
  Verseifung, die fetten Suren und das Glycerin, unzersetzt zu
  destilliren. Die Retorten, in denen die Destillation vorgenommen wird,
  haben eine Capacitt von 60 Hektolitern; sie werden durch directe
  Heizung auf eine Temperatur gebracht, welche genau zwischen 290-315
  liegt. Ein schmiedeeisernes Rohr fhrt bis auf 315 erhitzten Dampf in
  die geschmolzene Fettsubstanz. Die Dampfzufuhr wird je nach der Art des
  Fettes 24-36 Stunden unterhalten. Die Verseifung geht auf diese Weise
  vollstndig vor sich, die frei gewordene Fettsure und das Glycerin
  werden an der unteren Mndung des Khlapparates gewonnen. Erstere wird
  sofort auf Kerzen verarbeitet, whrend das =Glycerin= durch eine
  nochmalige Dampfdestillation gereinigt wird. Wie oben hervorgehoben,
  ist die geeignete Temperatur auf das sorgfltigste einzuhalten; ist sie
  niedriger als 310, so ist die Zersetzung eine usserst langsame,
  steigt sie dagegen hher, so wird ein Theil der Fettsubstanz zersetzt
  und es entsteht Acrolen in reichlicher Menge.

[Sidenote: Darstellung der Kerzen.]

B. =Darstellung der Kerzen.= Ein sehr wichtiger Theil einer Stearinkerze,
wie einer Kerze berhaupt, ist der =Docht=, in dessen engen
Zwischenrumen das durch die Wrme der Flamme geschmolzene Leuchtmaterial
in dem Grade aufgesaugt wird, als es die Flamme consumirt. Der Docht
muss mithin aus porsen Substanzen bestehen und ausserdem muss er auch --
wenigstens bei Kerzen, nicht immer bei Lampen -- verbrennlich sein.

  In Bezug auf die gute Beschaffenheit der Dochte ist es wesentlich, dass
  sie aus gleichfrmig dickem und rein gesponnenem Garn bestehen, damit
  der Docht selbst berall gleich dick sei und keine nicht eingesponnenen
  Fden (sogenannte Ruber oder Neider) von ihm abstehen. Das Garn,
  welches am hufigsten genommen wird, ist schwach gedrehtes Mulegarn und
  zwar gewhnlich No. 16-20 fr Talgkerzen, No. 30-40 fr Stearinkerzen.
  Je reiner und gleichfrmiger die Dochte in ihrer ganzen Lnge sind,
  desto gleichmssiger geht in Folge der gleichfrmigen Capillarwirkung,
  gengende Reinheit des Leuchtmaterials vorausgesetzt, das Emporsteigen
  der Fettsubstanz, mithin auch ein gleichfrmiges Verbrennen der Lnge
  nach vor sich. Frher und gegenwrtig auch noch hufig bei Talg- und
  Wachskerzen war der Docht =gedreht=, d. h. die einzelnen Baumwollfden
  lagen, eine steile Schraubenlinie beschreibend, nebeneinander.
  =Cambacrs= war es, der die Dochtfabrikation verbesserte in der
  Absicht, das zeitweilige Abschneiden oder lstige Putzen der Flamme zu
  vermeiden. Diese Verbesserung bestand in der Einfhrung der
  =geflochtenen= Dochte, wodurch der Kerze der Beistand der Lichtscheere
  entbehrlich wird. Unter dem Einflusse der Spannung, in welcher sich die
  einzelnen Baumwollfden des zopfartig, gewhnlich nur dreischnrig
  geflochtenen Dochtes befinden, erleidet das aus der Kerzenmasse
  hervorragende Ende desselben eine Krmmung, welche seine Spitze stets
  ausserhalb der Flamme hlt und ihr gestattet, in der frei umspielenden
  Luft schnell zu verglimmen.

  Ehe der Docht zur Kerzenfabrikation Anwendung finden kann, muss er erst
  =prparirt= werden. Denn der nicht prparirte Docht hinterlsst bei
  seiner unvollstndigen Verbrennung einen Kohlerckstand, welcher die
  Capillarwirkungen des Dochtes bedeutend schwcht. Man war daher sofort
  nach der Einfhrung der Stearinkerzenfabrikation bemht, den Docht mit
  Substanzen zu imprgniren, welche die Verbrennung des Dochtes
  befrdern. Solche Krper fand =de Milly= im Jahre 1830 in der Borsure
  und Phosphorsure, durch welche den Dochten dadurch, dass genannte
  Suren mit den Aschenbestandtheilen des Dochtes und vielleicht auch der
  Fettsubstanz zu einer Glasmasse zusammentraten und am Ende des Dochtes
  eine schwere Glasperle bildeten, wovon der Docht dergestalt bog, dass
  er ausserhalb der Flamme endete, Verbrennlichkeit ertheilt wurde. In
  den franzsischen Fabriken taucht man die zu prparirenden Dochte drei
  Stunden lang in eine Lsung von 1 Kilogr. Borsure und 50 Liter Wasser,
  ringt sie dann krftig aus oder befreit sie in der Centrifugalmaschine
  von der berschssigen Flssigkeit und trocknet sie sodann in einem
  doppelwandigen Blechkasten, in dessen Doppelwnde Dampf einstrmt. Um
  die Baumwolldochte besser netzbar zu machen, ist ein Zusatz von Alkohol
  zu der wsserigen Borsurelsung zweckmssig. =Payen= empfiehlt als
  Dochtbeize eine mit 3-5 pro Mille Schwefelsure versetzte Lsung von
  5-8 Grm. Borsure in 1 Liter Wasser. In einigen sterreichischen
  Stearinkerzenfabriken wendet man zum Imprgniren der Dochte das
  phosphorsaure Ammoniak an. =Bolley= endlich macht auf eine
  Salmiaklsung von 2-3 B. als auf eine einfache und wohlfeile
  Dochtbeize aufmerksam.

[Sidenote: Giessen der Kerzen.]

=Das Giessen der Kerzen.= Die Fettsurebrote, mgen sie das Produkt der
Kalkverseifung oder das der Behandlung mit Schwefelsure und nachheriger
Destillation oder endlich nur der Einwirkung berhitzten Wassers sein,
haben, so wie sie aus der Warmpresse hervorgehen, so ziemlich gleiche
Eigenschaften; sie erscheinen als weisse durchscheinende und ziemlich
cohrente Kuchen, sind jedoch noch nicht rein genug, um als
Kerzenmaterial Anwendung finden zu knnen; ihre Rnder, die der
Einwirkung der Presse sich entzogen, sind zuweilen noch lsurehaltig,
weich und gelblich gefrbt, und ihre Oberflche nicht selten durch
Eisenoxyd und durch Haare der Pressscke verunreinigt. Um die Brote zu
reinigen, entfernt man zunchst die Rnder und schabt die beschmutzte
Oberflche ab; die Abflle werden nochmals auf die Warmpresse gebracht.
Hierauf werden die weissen Kuchen in mit Bleiblech ausgeftterten
Bottichen mit Schwefelsure von 3 B. zusammengebracht und darin etwa
eine Stunde lang mit Dampf behandelt. Der Zweck dieser Behandlung ist
nicht, wie zuweilen angegeben wird, die letzten Spuren von Calciumstearat
zu zersetzen, welches gar nicht mehr vorhanden sein kann, sondern
vielmehr das Eisenoxyd aufzulsen und die Fasern, von den Pressscken
herrhrend, zu zerstren. Nach hinreichender Einwirkung entfernt man die
Schwefelsure und wscht die Fettsure mit siedendem Wasser aus, bis die
letzten Spuren von Schwefelsure entfernt sind. Hierauf setzt man zu der
geschmolzenen Fettsubstanz eine gewisse Menge Eiweiss, rhrt gut um und
erhitzt bis zum Sieden. Beim Coaguliren hllt das Eiweiss alle
Unreinigkeiten ein und setzt sich mit ihnen am Boden des Bottichs ab. Die
grosse Neigung der Stearinsure zu krystallisiren und zwar in grossen
Krystallblttern, wenn das Erkalten der geschmolzenen Sure langsam
geschieht, war im Anfange der Einfhrung der Stearinkerzenfabrikation ein
grosser Missstand. Man erhielt beim Giessen ungleichartig durchsichtige
Kerzen, welche leicht brachen. Ein Zusatz von arseniger Sure gab
allerdings sehr viel gleichmssiger aussehende minder kristallinische
Kerzen, allein dieser Zusatz, obgleich derselbe nur in geringer Menge
gemacht wurde, war mit den Forderungen der Hygiene ganz unvereinbar, und
musste sehr bald auf dem Continente dem Verbote der Behrden, in England
dem verdammenden Urtheile der ffentlichen Meinung verfallen. Die Mittel,
die man gegenwrtig anwendet, erfllen ihren Zweck eben so gut, man setzt
nmlich der geschmolzenen Stearinsure 2-6 Proc. weisses Wachs zu, oder
noch gewhnlicher, man lsst die geschmolzene Sure unter Umrhren bis
nahe zu ihrem Erstarrungspunkt erkalten, ehe man sie in die fast bis auf
den Schmelzpunkt der Sure erhitzte Form eingiesst. Durch das Abkhlen
und Umrhren wird eine Art flssigen Fettbreies erhalten, der nicht mehr
krystallisirt. Seitdem es in den Stearinkerzenfabriken gebruchlich ist,
die geschmolzene Stearinsure mit Paraffin (bis zu 20 Proc.) zu
versetzen, ist von einer Neigung der Fettmasse zu krystallisiren, keine
Rede mehr.

[Illustration: Fig. 269.]

[Illustration: Fig. 270.]

  Die =Kerzenformen= bestehen aus einer Legirung von Zinn und Blei, in
  der Regel 20 Th. Zinn auf 10 Th. Blei; sie sind enge, etwas konische
  Rhren, welche inwendig sehr glatt sein mssen, um den Kerzen eben
  diese Gltte mitzutheilen. In die Axe derselben wird der Docht
  eingezogen, der einerseits in einem kleinen Loche am untern Ende,
  andererseits an einem auf das obere weite Ende gesetzten Trichter
  befestigt ist. Durch diesen Trichter wird zugleich die geschmolzene
  Fettsubstanz gegossen. Die Formen, wie sie in den franzsischen
  Fabriken blich sind, zeigt Fig. 269. _a_ stellt eine aus zwei Theilen
  bestehende Form, den Cylinder und den Talgtrichter, dar. _b_ zeigt die
  Vorderansicht der zusammengesetzten Form, _c_ einen Lngendurchschnitt
  derselben und die Lage des Dochtes, _d_ den Drahthaken, mittelst dessen
  der Docht durchgezogen wird. Die jetzt angewendeten Formen haben
  gewhnlich eine Kapsel (Trichter) fr 30 Formen. Fig. 270 zeigt einen
  solchen Giessapparat. _A D_ ist ein grosser Blechkasten, in welchem
  sich die Formen befinden; dieser Kasten steht in einem zweiten _B B_,
  welcher durch Wasserdampf bis auf 100 erwrmt wird. Sobald die
  Kerzenformen bis auf 45 erwrmt sind, entfernt man den Kasten _A D_
  aus _B B_ und fllt die Formen mit der geschmolzenen Stearinsure. Nach
  der Fllung berlsst man die Formen sich selbst, bis die Kerzen
  erkaltet sind und herausgenommen werden knnen. In neuerer Zeit wendet
  man fast berall =Giessmaschinen= mit continuirlichem Betriebe an; sie
  haben fast smmtlich das gemein, dass die aufgesplten Dochtschnre
  durch die Formen gezogen und erst nach erfolgtem Gusse der Kerze und
  nachdem die Kerze aus der Form genommen wurde, abgeschnitten werden.
  Die gebruchlichsten Giessmaschinen sind die von =Cahouet= und
  =Morgane=.

  Die soweit fertigen Stearinkerzen werden nun, ehe man zum Beschneiden
  und Poliren derselben schreitet, in einigen Fabriken =gebleicht= und zu
  dem Ende der freien Luft, d. h. dem abwechselnden Einflusse der
  Sonnenstrahlen und des Thaues ausgesetzt. Dem Bleichplane werden sie
  mittelst eines endlosen Tuches zugefhrt. Man legt sie hierbei auf eine
  gereinigte Tafel, von welcher das endlose Tuch sie aufnimmt. Dieses
  Tuch ist mit abgerundeten Querstben besetzt, durch welche die Aufnahme
  der Kerzen vermittelt wird. Zum Aussetzen der Kerzen an die Luft dient
  ein tischartiges Gestell, welches statt der Tischplatten zwei Gewebe
  von Bleidraht enthlt. Jedes dieser Gewebe bildet eine horizontale
  Flche und beide sind reichlich eine halbe Kerzenhhe von einander
  entfernt. Die Maschen des oberen Gewebes sind so weit, dass durch jede
  Masche eine Kerze hindurchgesteckt werden kann. Die Maschen des unteren
  Gewebes dagegen sind kleiner. Die Kerzen werden nun Stck fr Stck,
  und mit ihrer Spitze nach oben, durch die Maschen des oberen Gewebes
  hindurchgesteckt und ruhen dann, vertical stehend, mit ihren Fussenden
  auf dem unteren Gewebe. In dieser Lage bleiben sie je nach der
  Jahreszeit krzere oder lngere Zeit der Luft ausgesetzt. Nach dem
  Bleichen werden die Kerzen =beschnitten= und =polirt=.

[Sidenote: Talgkerzen.]

2) =Talgkerzen.= Der gereinigte Talg ist das Material der Fabrikation der
=Talgkerzen= (Unschlittlichte), welche in jene fr die =gezogenen= Kerzen
und fr die =gegossenen= Kerzen zerfllt.

  Die =gezogenen= Kerzen werden durch wiederholtes Eintauchen der Dochte
  in geschmolzenen Talg erzeugt. Bei dem Betriebe im Kleinen verfhrt man
  auf folgende Weise: Der Talgtrog wird mit geschmolzenem Talg angefllt
  und die auf den Dochtspiessen angereihten Dochte werden in denselben
  eingetaucht. Die Dochtspiesse sind Holzstbchen von 0,75 Meter Lnge
  und an beiden Enden etwas zugespitzt, um die Schlingen der Dochte mit
  Leichtigkeit darauf schieben zu knnen. Je nach dem Gewicht, welches
  man den Kerzen geben will, versieht man die Spiesse mit 16 oder mit 18
  Dochten in mglichst gleichmssiger Entfernung, und taucht die Dochte
  nun senkrecht in den Talg und zwar mit einer schnell stossenden
  Bewegung, damit die Dochte ihre gerade Lage behalten. Bei diesem ersten
  Eintauchen, welches besonders das Trnken der Dochte zum Zwecke hat,
  muss der geschmolzene Talg noch ziemlich heiss sein, nicht nur deshalb,
  weil der heisse und daher flssigere Talg die Capillarffnungen des
  Baumwolldochtes besser erfllt, sondern auch, weil der Docht vor dem
  Erkalten noch Zeit gewinnt, sich durch die eigene Schwere in die gerade
  Linie zu richten. Nach dem ersten Ziehen werden die Spiesse auf den
  Rand des Talgtroges gelegt, dann einer um den andern, nachdem die etwa
  verrckten Dochte wieder gerichtet worden sind, in den Werkstuhl zum
  Abtropfen gehngt. Letzterer ist ein einfaches Holzgestelle mit den
  Querleisten, auf welche die Enden der Dochtspiesse aufgelegt werden.
  Haben alle Dochtspiesse den ersten Zug erhalten und ist der Talg im
  Troge soweit abgekhlt, dass der Talg am Rande bereits eine dnne Haut
  zeigt, so schreitet man zum zweiten Eintauchen und so fort, bis die
  Kerzen die gewnschte Strke erlangt haben. Da die untere Hlfte der
  Kerze leichter dicker wird als die obere, so hlt man, um diesen
  Missstand wieder auszugleichen, nur das untere Stck in den Talgtrog,
  damit der berflssige Talg wieder abschmelze. Der Talg im Talgtroge
  wird von Zeit zu Zeit, um ihn gleichmssig flssig zu erhalten, mit
  einem Stabe umgerhrt. Beim letzten Ziehen senkt man die Kerzen etwas
  tiefer ein, um dem obersten Theile der Kerze den sogenannten Kragen, d.
  h. eine konisch zulaufende Spitze zu geben. Das untere Ende der Kerze,
  des in eine unsymmetrische Spitze ausluft, wird entweder durch
  Abschneiden oder durch Abschmelzen auf einer erhitzten, mit
  Abflussrinne versehenen kupfernen Platte entfernt.

  Die =gegossenen= Kerzen werden wie die Stearinkerzen durch Giessen des
  geschmolzenen Talges in eignen Formen erzeugt, in deren Axe der Docht
  ausgespannt ist. Der Talg, der zum Giessen der Kerzen dient, ist
  gewhnlich von hherer Qualitt als der zum Ziehen angewendete; er ist
  hrter und sorgfltiger gereinigt. Hufig ist er ein Gemenge von
  gleichen Theilen Rinds- und Hammeltalg. Der letztere giebt den Kerzen
  Hrte. Die =Gussformen= (aus einer Blei-Zinnlegirung) sind den bei der
  Stearinkerzenfabrikation blichen hnlich und werden in der gengenden
  Anzahl in die Lcher des Formtisches eingesteckt. Hierauf wird der an
  seinem obern Ende in geschmolzenen Talg eingetauchte Docht mittelst der
  Dochtnadel eingezogen; zu dem Ende wird die Nadel durch die untere
  Oeffnung der Kerzenform gesteckt, mit dem Hkchen die Dochtschlinge
  gefasst, letztere durch die Oeffnung gezogen und das obere Ende des
  Dochtes mit einem Stckchen Draht oder einem Holzstifte, welcher quer
  ber den Rand der Form gelegt wird, festgehalten, wenn nicht, wie es
  jetzt gewhnlich der Fall ist, der Trichter oder die Kapsel der
  Giessform in der Mitte mit einem Haken oder einem Vorsprung zum
  Festhalten des Dochtes versehen ist; hierauf wird er unten an der
  Schlinge etwas angezogen, damit er in der Axe der Form die vllige
  Spannung annehme. Nach diesen Vorbereitungen schreitet man zum Giessen
  der Kerzen. Whrend des Erkaltens des Talges zieht sich die Fettmasse
  etwas zusammen, in dessen Folge die obere Flche der gefllten Form
  etwas einsinkt; diese Hhlung wird durch Nachgiessen ausgefllt. Sind
  die Formen mit Kapseln versehen, so erhlt die Kerze einen Giesskopf,
  welcher die Dichtigkeit des Gusses befrdert und das Nachfllen
  berflssig macht. Ehe der Talg in den Formen vllig erstarrt, zieht
  man die Dochte etwas an, um sie gerade zu richten und dadurch genau in
  die Mitte der Kerze zu bringen. Nachdem die erkalteten Kerzen aus den
  Formen genommen worden sind, werden mittelst eines Messers noch die
  Giesskpfe abgeschnitten. -- Mechanische Giessvorrichtungen werden in
  neuerer Zeit zum Giessen der Talgkerzen ebenfalls angewendet.

[Sidenote: Paraffinkerzen.]

3) =Paraffin=- und =Belmontinkerzen=. Unter =Belmontin= versteht man das
aus dem Stein- oder Erdle abgeschiedene Paraffin, whrend das durch
trockne Destillation des Torfes, der Braunkohle, des Bltterschiefers,
der Bogheadkohle u. s. w. gewonnene =Paraffin= diesen Namen [Greek: kat'
exochn] erhlt. Die =Paraffinkerzen= werden genau nach demselben
Verfahren und mit den nmlichen Apparaten fabricirt wie die
Stearinkerzen. Das in den Paraffinkerzenfabriken angewendete Material ist
ein Gemenge verschiedener Paraffine mit verschiedenem Schmelzpunkte;
Paraffin

               aus Bogheadkohle schmilzt bei 45,5 bis 52
                "  Braunkohle       "     "  56
                "  Torf             "     "  46,7,

dagegen Belmontin

                 aus Rangoontheer schmilzt erst bei 61
                  "  Ozokerit         "      "   "  65,5.

  In den deutschen Fabriken, in denen man mit wenigen Ausnahmen Paraffin
  aus Braunkohle und Torf mit einem Schmelzpunkt von 45-53 verarbeitet,
  setzt man zur Erhhung des Schmelzpunktes allgemein Stearinsure zu.
  Die Grsse dieses Zusatzes richtet sich nach dem Schmelzpunkt des zur
  Verfgung gestellten Paraffins, nach der Sorte der herzustellenden
  Kerzen und nach der Jahreszeit. Einige Fabriken verwenden fr die im
  Sommer zu brennenden Kerzen Paraffin von hherem Schmelzpunkt und geben
  einen grsseren Zusatz von Stearinsure, whrend sie fr die
  Winterkerzen die Paraffinsorten mit niedrigerem Schmelzpunkt verwenden
  und wenig Stearinsure nur zusetzen. Der Zusatz der Stearinsure
  betrgt 3-15 Proc., whrend andererseits die Masse zu den Stearinkerzen
  hufig mit 15-20 Proc. Paraffin versetzt ist, sodass thatschlich das
  Material zu den Paraffin- und Stearinkerzen heutzutage ein Gemisch von
  Paraffin und Stearin, jedoch in verschiedenen Verhltnissen ist. Ein
  geringer Zusatz von Stearinsure drfte in den meisten
  Paraffinkerzenfabriken geboten sein, um das Krummwerden der Kerzen im
  Leuchter bei lngerem Stehen, welches frher hufig Veranlassung zu
  Klagen gegeben hat, zu verhindern. Die Paraffinkerzen werden nur durch
  Giessen, nie durch Ziehen dargestellt. Hierbei begegnet man dem
  Uebelstande, dass die Kerzen schwierig aus den Formen gehen und nicht
  leicht gleichmssig durchsichtig und frei von Sprngen, welche von der
  Krystallisation des Paraffins herrhren, zu erhalten sind. Um diesen
  Uebelstand zu beseitigen, wird das geschmolzene Paraffin bei einer
  Temperatur von ungefhr 60 C. in die Formen gegossen, welche bis zu
  derselben Temperatur oder besser noch etwas strker (bis auf 70 C.)
  erwrmt sind. Die gefllten Formen lsst man einige Minuten lang stehen
  und taucht sie dann in kaltes Wasser. Die dadurch bewirkte pltzliche
  Abkhlung des Paraffins verhindert die Krystallisation desselben und
  man erhlt durchscheinende Kerzen, die leicht aus den Formen gehen. Fr
  die Paraffinkerzen werden ebenfalls geflochtene Baumwolldochte benutzt,
  welche vorher mit Borsure imprgnirt wurden. Zur Darstellung
  =schwarzer= Paraffinkerzen, wie sie zuweilen bei Trauerfesten und
  Begrbnissen verwendet werden, erwrmt man das Paraffin fast bis zum
  Kochen, thut einige Anacardiumschalen hinein und lsst diese einige
  Zeit lang darin liegen. Das Paraffin lst dabei das in den Schalen
  enthaltene Harz auf und bekommt dadurch eine dunkelbraune Farbe, die
  nach Abkhlung der Masse schwarz wie Steinkohle wird. Diese schwarzen
  Kerzen brennen ohne Dampf und Geruch, wenn sie einen dnnen Docht
  haben, den berhaupt alle Paraffinlichter haben mssen. Die sogenannten
  =Apollo=- oder =Melanylkerzen= (vergl. Seite 698) bestehen aus einem
  Gemenge von Stearin (einem Gemisch von Palmitin- und Stearinsure) mit
  weichem (bei 43 schmelzendem) Paraffin.

[Sidenote: Kerzen aus Fettsure.]

  Als ein beachtenswertes Kerzenmaterial, welches besonders dazu
  verwendet werden knnte, den Paraffinkerzen und Kerzen aus anderem
  Material einen hheren Schmelzpunkt zu ertheilen, ist die =Fettsure=
  (Sebacylsure C_{10}H_{18}O_{4}) zu nennen, welche man bei der
  trockenen Destillation der Oelsure oder besser noch beim Behandeln von
  Ricinusl mit hchst concentrirter Natronlauge erhlt. Im letzteren
  Falle ist es die darin enthaltene Ricinuslsure, welche die Fettsure
  liefert:

  Ricinuslsure C_{18}H_{34}O_{3} = 298 }
  Natronlauge 2NaOH                =  80 }   geben
                                     ---
                                     378
                       { Fettsaures Natrium C_{10}H_{16}Na_{2}O_{4} = 246
                       {   (= 184 Fettsure)
                       { Caprylalkohol C_{8}H_{18}O                 = 130
                       { Wasserstoff H_{2}                          =   2
                                                                      ---
                                                                      378

  Nach diesem Schema wrden 100 Th. Ricinuslsure ber 81 Th. Fettsure
  liefern. Ohne Zweifel ist die Fettsure auch in den Produkten der
  Destillation der durch Schwefelsure gebildeten Fettsubstanzen
  enthalten, wo sie aus der Oelsure sich gebildet hat. Der hohe
  Schmelzpunkt der Fettsure (bei 127) und ihre leichte Verbrennlichkeit
  machen sie besonders geeignet zum Versatz leicht schmelzbarer Kerzen,
  insbesondere der aus weichem Paraffin (bei 43 schmelzend), nicht nur
  um ihren Schmelzpunkt zu erhhen, sondern auch, um ihnen Hrte und ein
  glnzendes Ansehen zu geben. Da die Fettsure ferner die
  Krystallisation der Stearinsure verhindert, so kann sie zweckmssig
  den zu weichen und leicht krystallisirenden Produkten der Destillation
  der Fettsubstanzen beigemischt werden. Ein Zusatz von 1-5 Proc.
  Fettsure ertheilt diesen Produkten Wachshrte. Die gleichzeitige
  Bildung von Caprylalkohol, der zur Lack- und Firnissfabrikation benutzt
  werden kann, erhht noch die industrielle Bedeutung der Fettsure.

[Sidenote: Wachskerzen.]

4) =Wachskerzen.= Das =Wachs=, dessen sich die Bienen zum Bau der Zellen
und Vorrathskammern fr den Honig bedienen, wird von dem Krper der
Arbeitsbienen unter den schuppigen Ringen, welche den unteren Hintertheil
ihres Krpers bilden, in Gestalt kleiner Trpfchen abgesondert, welche
sehr bald zu kleinen Wachsschuppen erhrten. Der lange Zeit gehegten
Ansicht entgegen, hat es sich nach den Beobachtungen von =J. Hunter= und
=Fr. Huber= herausgestellt, dass der von den Bienen eingetragene
wachshaltige Bltenstaub ausschliesslich zur Nahrung der jungen Brut
dient und das Wachs ein Produkt des Thierkrpers und zwar ein
Umwandlungsprodukt des Zuckers ist. Um das Wachs zu gewinnen, nimmt man
nach dem Tdten oder Austreiben der Bienen aus dem Bienenstocke die Waben
heraus, entfernt daraus den Honig durch freiwilliges Ausfliessenlassen
und durch Auspressen. Durch Auspressen in heissem Wasser und langsames
ruhiges Erkaltenlassen erhlt man die gelben Wachsscheiben, welche in dem
Handel vorkommen, nachdem die untere unreine Schicht abgeschabt worden
ist.

  Das durch Ausschmelzen der Waben erhaltene Wachs besitzt durchgngig
  eine mehr oder minder gelbe Farbe. Das gelbe Wachs ist bei gewhnlicher
  Temperatur knetbar, wird bei niederer Temperatur sprde, hat einen
  krnigen Bruch, ein spec. Gewicht von 0,962 bis 0,967 und schmilzt
  zwischen 60 und 62. Der krnige Bruch des Wachses, eine Folge der in
  dem gelben Wachse vorhandenen Unreinigkeiten, sowie die gelbe Farbe
  sind fr die Fabrikation der Wachskerzen ein unangenehmer Umstand und
  schon des Ansehens wegen zu entfernen. Dies geschieht durch das
  =Bleichen=. Das Wachs wird zunchst gelutert und zu dem Ende in einen
  verzinnten Kupferkessel, in welchem zuerst eine Portion Wasser bis zum
  Sieden erhitzt worden ist, unter Zusatz von 0,25 Proc. Alaun oder
  Weinstein oder Schwefelsure unter krftigem Umrhren umgeschmolzen.
  Nach einigen Minuten Ruhe lsst man das Wachs nebst dem Wasser in einen
  Bottich fliessen. Hier lsst man die Unreinigkeiten sich absetzen;
  damit das Wachs nicht erstarre, setzt man einen Deckel auf den Bottich
  und umgiebt letzteren mit Wolldecken. So gereinigt, wird das Wachs auf
  der =Bndermaschine= in dnne Bnder verwandelt, damit in Folge der
  vergrsserten Oberflche beim Bleichprocess Luft und Licht besser
  einzuwirken vermgen. Die Bnder kommen auf den Bleichplan auf in
  Rahmen gespannte Leinwand, wo sie unter zeitweiligem Umrhren der Luft
  und der Einwirkung der Sonne ausgesetzt bleiben, bis keine Abnahme der
  Frbung mehr zu bemerken ist, worauf man, um auch den Kern zu bleichen,
  die Bnder umschmilzt, das Wachs nochmals bndert, die Bnder von Neuem
  bleicht und diese Operation wiederholt, bis die Bnder auch im Innern
  vollkommen gebleicht erscheinen. Das Bleichen nimmt je nach der
  Wachssorte und der Gunst der Witterungsverhltnisse eine Zeit von 20-35
  Tagen in Anspruch. Der Gewichtsverlust dabei macht 2-10 Proc. aus. Nach
  dem vollstndigen Bleichen wird das Wachs geschmolzen, durch ein
  seidenes Sieb gegeben und entweder in grssere Blcke oder zu runden
  Tfelchen geformt. Was die =knstliche Bleichung= des Wachses betrifft,
  so fehlt es nicht an zahlreichen Vorschlgen, die indessen smmtlich
  mehr oder weniger zu wnschen brig lassen. Die Anwendung des Chlores
  und des Chlorkalkes zum Wachsbleichen hat den Uebelstand, dass feste
  und sprde gechlorte Produkte sich bilden, die dem Wachse beigemengt
  bleiben und bei der Verbrennung der daraus gefertigten Kerzen zur
  Bildung von Salzsure Anlass geben. Durch Ozonisiren lsst sich der
  farbegebende Krper aus dem Wachse leicht entfernen, so unter Anderem
  dadurch, dass man Wachs mit etwas Terpentinl zusammenschmilzt und dann
  nach dem Bndern der Luft aussetzt; die Bleichung geht schnell und
  vollstndig vor sich; das Terpentinl wird durch lngere Zeit
  fortgesetztes Schmelzen des Wachses entfernt. Nach dem Vorschlage von
  =Solly= mischt man zu dem geschmolzenen Wachse eine kleine Menge
  Schwefelsure, die mit der doppelten Menge Wasser verdnnt ist, und
  einige Stcken Chilisalpeter, wo durch die sich entwickelnde
  Salpetersure die frbende Substanz des Wachses in kurzer Zeit zerstrt
  wird. Beachtenswerth ist der Vorschlag =Watson='s, Wachs mittelst
  bermangansauren Kalis und Schwefelsure, und der =A. Smith='s, mit
  Hlfe von chromsauren Kali und Schwefelsure zu bleichen. Die
  =chemischen Eigenschaften= des Wachses betreffend, so beobachtete
  zuerst =John=, dass es ein Gemenge zweier Stoffe sei, die sich durch
  ihre Lslichkeit in Alkohol von einander unterscheiden: der eine, in
  siedendem Alkohol lsliche, bildet die =Cerotinsure= C_{27}H_{54}O_{2}
  (frher =Cerin= genannt), der andere, in Alkohol wenig lsliche Stoff
  ist unter dem Namen =Myricin= bekannt und besteht nach =Brodie= aus
  =palmitinsaurem Myricil= C_{46}H_{92}O_{2} =
  C_{16}H_{31}(C_{30}H_{61})O_{2}. Ausser diesen beiden Krpern enthlt
  das Bienenwachs noch 4-5 Proc. eines bei 28 schmelzenden Krpers, das
  =Cerolen=, welchem das Wachs seine Fettigkeit verdankt. Die
  Verhltnisse der Cerotinsure und des Myricins variiren betrchtlich im
  Bienenwachse. Aus der Verschiedenheit der Mengenverhltnisse der beiden
  Wachsbestandtheile erklrt sich der bei den einzelnen Wachssorten
  beobachtete verschiedene Schmelzpunkt.

  Ausser dem gewhnlichen Bienenwachse sind noch erwhnenswerth

[Sidenote: Andere Wachsarten.]

  1) das =chinesische Wachs=, eine aus China in grosser Menge eingefhrte
  Wachsart, stammt von der Wachsschildlaus, _Coccus ceriferus_, welche es
  auf den Bumen, auf denen sie sich aufhlt, namentlich auf _Rhus
  succedanea_ niederlegt. Es ist usserlich dem Wallrath sehr hnlich,
  daher schneeweiss, krystallinisch, sprde und fasrig und schmilzt bei
  82. Bei der trocknen Destillation giebt es Cerotinsure und einen
  paraffinhnlichen Krper, das Ceroten. Nach =Brodie= besteht das
  chinesische Wachs aus cerotinsaurem Ceryl C_{54}H_{108}O_{2} =
  C_{27}H_{53}(C_{27}H_{55})O_{2}; 2) das =Andaquieswachs= ist das
  Produkt eines im Flussgebiete des Orinoko und Amazonenstromes wohnenden
  Insektes, welches bei 77 schmilzt, ein spec. Gewicht von 0,917 besitzt
  und wie es scheint, dem Bienenwachs gleich zusammengesetzt ist; 3) das
  =japanische= oder =amerikanische= Wachs, eine in runden
  concav-convexen, mit weissem Reife berzogenen Scheiben vorkommende
  Wachsmasse, die weich und brchig ist, bei 42 schmilzt, sich in
  siedendem Alkohol lst und aus Palmitin bestehen soll; 4) das
  =Carnaubawachs= ist eine aus Rio de Janeiro kommende Wachsart, welche
  der Ueberzug der Bltter einer Palmenart, _Kopernicia cerifera_, sein
  soll. Es schmilzt bei 83,5 und eignet sich seines hohen Schmelzpunktes
  wegen, um leichter schmelzbare Fette zur Kerzenfabrikation tauglich zu
  machen; 5) das =Palmenwachs=, aus der Rinde von _Ceroxylon andicola_,
  einer Palme auf den hchsten Punkten der Cordilleren, wird durch
  Abschaben und durch Auskochen mit Wasser gewonnen. Es schmilzt bei
  83-86 und ist vielleicht mit dem Carnaubawachs identisch; 6) das
  =Myrthenwachs= von _Myrica cerifera_ wird aus den Frchten derselben
  durch Auskochen mit Wasser in mehreren Staaten des sdlichen Theiles
  der Union gewonnen. Das in der Provinz Para am Amazonenstrome
  dargestellte kommt unter dem Namen =Ocubawachs= in den Handel. Es ist
  grn (olivengrn) und schmilzt bei 36-48. Man verwendet es in Amerika
  als Kerzenmaterial.

[Sidenote: Darstellung der Wachskerzen.]

Die =Wachskerzen= werden am hufigsten durch das =Angiessen= (Anschtten)
hergestellt. Zu diesem Behufe werden die Dochte an den am Umfang eines
frei schwebenden Reifens, dem =Kranze=, befestigten Haken aufgehngt und
unter stetigem Umdrehen des Dochtes um seine Axe mit den Fingern mit dem
flssig erhaltenen Wachse bergossen, bis sie so viel davon aufgenommen
haben, als zu ihrer Dicke erforderlich war, worauf man ihnen durch
Ausrollen auf einer Marmor- oder Holzplatte die cylindrische Gestalt
giebt.

  Man nimmt das Angiessen auf zweierlei Art vor. Nach der ersten und
  gewhnlichen Art trnkt man zuerst die Dochte mit Wachs, giesst sie
  dann zur Hlfte mit Wachs an, hngt sie hierauf umgekehrt auf und macht
  endlich auch die andere Hlfte durch Angiessen fertig, d. h. der
  Arbeiter begiesst sie mit flssigem Wachse, bis sie die gleiche und
  gehrige Dicke erlangt haben. Damit die Schlinge, d. h. der Theil des
  Dochtes, welcher spter aus der Kerze hervorsieht, von Wachs frei
  bleibe, streift man ber dieselbe ein cylindrisches Htchen von
  Weissblech. Hierauf nimmt man die Kerzen von dem Kranze ab, legt sie
  zwischen zwei leinenen Tchern auf eine Matratze bereinander, bedeckt
  sie mit einer Flanelldecke und rollt nun eine Kerze nach der andern auf
  der angefeuchteten Rollplatte mit dem Rollbrette vollends aus. Nach dem
  Ausrollen werden die Kerzen unten abgeschnitten und ihre Dochttheile
  konisch zugespitzt, und dann in ein Gefss mit Wasser gelegt, worin
  sie erkalten, ohne ihre Form zu verlieren. Die erkalteten Kerzen kommen
  in einen mit durchlchertem Boden versehenen Kasten, in welchem sie auf
  den Bleichplan getragen werden, damit sie hier an der Luft und unter
  fterem Benetzen nach einigen Tagen die gelbliche Farbe verlieren, die
  sie durch die Bearbeitung angenommen haben. -- Bei fabrikmssigem
  Betriebe wendet man zuweilen ein anderes Verfahren an; es werden
  nmlich die gleich anfangs mit der Schlinge nach oben gehngten Dochte
  in einer Operation fertig angegossen; man erspart dadurch bedeutend an
  Zeit, doch ist grssere Uebung und Geschicklichkeit der Arbeiter
  erforderlich. Das =Giessen= der Wachskerzen geschieht auf hnliche
  Weise wie das der Stearin- und Paraffinkerzen, nur macht das merkliche
  Schwinden nach dem Erkalten und das feste Adhriren an die Formen das
  Wachs zum Giessen nicht sehr geeignet. Der Docht zu den gegossenen
  Wachskerzen muss, damit sich um den Docht herum keine hohlen Stellen
  bilden, mit Wachs getrnkt in die Formen eingezogen werden. Das Wachs
  wird im Wasserbade geschmolzen in die Formen gegossen. Glasformen sind
  ihrer glatten Wnde wegen, die sich den Kerzen mittheilt, und auch,
  weil die Kerzen nach dem Erkalten leicht aus den Formen gezogen werden
  knnen, den Metallformen vorzuziehen. Zur Verringerung ihrer
  Zerbrechlichkeit berzieht man die glsernen Formen hier und da mit
  Guttapercha. Die dicken, oft 15-20 Kilogramm schweren =Kirchen=- oder
  =Altarkerzen= werden weder durch Angiessen, noch durch Giessen, sondern
  =aus der Hand= verfertigt. Zu dem Ende wird der aus Lein- und
  Baumwollgarn gemischte Docht mit Wachs, welches durch warmes Wasser
  erweicht worden ist, umgeben. Zu diesem Behufe bildet man entweder aus
  dem Wachse lngliche Streifen und legt diese stckweise um den
  horizontal ausgespannten Docht, oder giebt dem gekneteten Wachse auf
  dem Rolltische ungefhr die Gestalt einer Kerze, drckt dann in den
  Cylinder mit Hlfe der scharfen Kante eines Lineales eine Rinne bis in
  die Mitte ein, legt in die Rinne den Docht, fllt die Fuge mit Wachs
  aus und macht endlich die Kerze auf dem Rolltisch fertig. In jngster
  Zeit (1870) haben Gebr. =Riess= eine =Presse= zur Fabrikation der
  Wachskerzen construirt. Der zu verwendende Wachsklumpen kommt in den
  Presscylinder, der durch eingeleiteten Dampf vor Abkhlung geschtzt
  ist. Der Docht wird in die Wachsmasse dergestalt eingefhrt, dass er
  von der Masse beim Austreten aus dem Cylinder in ein Rohr erfasst und
  genau concentrisch umschlossen wird, um als fertig gebildeter
  Kerzenstrang auszutreten.

  Die =Wachsstcke= und die durch Zerschneiden derselben erhaltenen
  sogenannten =Christbaumlichter= werden fast immer, um dem Wachs die
  Geschmeidigkeit wieder zu geben, die es durch das Bleichen verloren
  hat, und ausserdem auch, um den Anforderungen der Consumenten
  hinsichtlich des Preises zu gengen, aus mit Talg und auch wol mit
  Fichtenharz und Terpentin versetztem Wachs verfertigt. Der Docht muss,
  da die Wachsstcke keine sehr grosse Dicke erhalten, sehr gleichfrmig
  sein. Zur Herstellung des Dochtes nimmt man so viel gefllte Spulen,
  als der Docht Fden erhalten soll, und windet die Fden auf eine
  Trommel, deren mit Kurbel versehene Axe auf einem schweren Gestelle
  ruht und die an dem einen Ende des Arbeitssaales aufgestellt ist. Ihr
  gegenber, an dem andern Ende des Locales ist eine zweite leere Trommel
  aufgestellt, und in der Mitte zwischen beiden auf einem Gestell eine
  mit Wachs gefllte flache Kupferpfanne, welche von unten durch
  Kohlenfeuer erwrmt werden kann. Auf dem Boden der Pfanne ist ein Haken
  angebracht, durch welchen der Docht luft. An dem Rande der Pfanne ist
  ein Zieheisen aus Eisen oder Kupfer mit kreisrunden, konischen
  Oeffnungen von verschiedener Weite, genau so wie die Oeffnungen eines
  Drahtzieheisens (vergl. Seite 25) angebracht. Der durch die Wachspfanne
  laufende Docht tritt an der konischen Einwirkung der Ziehlcher in die
  Ziehplatte. Sollen die Wachsstcke gezogen werden, so taucht man das
  Ende des auf die Trommel aufgewundenen Dochtes in das geschmolzene
  Wachs, zieht den Docht durch den Haken am Boden der Pfanne, dann durch
  das Ziehloch, welches etwas grsser ist als der Docht, und klebt
  hierauf das Ende des Dochtes auf die zweite Trommel auf. Hier wird es
  so lange festgehalten, bis die zweite Trommel eine Umdrehung gemacht
  hat, worauf man die Trommel, damit das Wachs am Dochte erstarren kann,
  mglichst langsam umdreht, bis aller Docht auf die zweite Trommel
  aufgewunden ist. Nachdem dies geschehen, steckt man das Zieheisen auf
  die entgegengesetzte Seite der Pfanne, lsst dann den begonnenen
  Wachsstock durch das zunchst kommende Loch des Zieheisens gehen u. s.
  f., bis es auf der ersten Trommel aufgewickelt ist. Auf diese Weise
  fhrt man fort, den Wachsstock durch die Wachspfanne und das nchst
  grssere Loch des Zieheisens von der ersten zur zweiten Trommel und
  umgekehrt gehen zu lassen, bis er die gewnschte Dicke erlangt hat. Die
  so erhaltene Wachsschnur wird in noch biegsamem Zustande zu
  Wachsstcken von bestimmtem Gewicht zusammengewunden.

[Sidenote: Wallrathkerzen.]

  =Wallrathkerzen.= Der =Wallrath= ist eine eigenthmliche feste
  Fettmasse, welche sich in mehreren Cetaceen, namentlich in dem
  Pottfisch, Pottwall oder Cachelot (_Physeter macrocephalus_), welcher
  vorzglich die sdlichen Weltmeere, zumal die Ksten von Brasilien und
  Neu-Sdwales bewohnt, findet. In dem lebenden Thiere ist sie durch die
  thierische Wrme in einem andern flssigen Fette, dem =Wallrathl=
  aufgelst. Die Lsung, der sogenannte flssige Wallrath fllt eigens
  dafr bestimmte Hhlungen und Gefsse aus, welche oberhalb der
  Hirnschale, unter der Haut vom Kopf bis zum Schwanz, und zertheilt im
  Fleisch und Speck liegen. Nach dem Tode des Thieres erstarrt der
  flssige Wallrath, indem der feste Wallrath gerinnt; man scheidet
  letzteren durch mehrfaches Pressen mit hydraulischen Pressen von dem
  Oele, und kocht die kalt und heiss gepressten Kuchen mit ziemlich
  starker Natronlauge, wodurch eine kleine Menge noch anhngenden
  Wallrathles entfernt wird, worauf die abgezogene wasserklare
  Flssigkeit beim Erkalten zu einer weissen Krystallmasse erstarrt. Von
  einem Pottfisch soll man bis 100 Ctr. Wallrathl und 30 bis 60 Ctr.
  Wallrath erhalten. Der Wallrath, so wie er im Handel sich findet,
  erscheint als eine weisse, perlmutterglnzende,
  blttrig-krystallinische, halbdurchsichtige, schlpfrig und fettig
  anzufhlende Masse von 0,943 spec. Gewicht, schmilzt bei 45, lsst
  sich bei 360 zum grssten Theil unverndert berdestilliren, lst sich
  in etwa 30 Th. siedenden Alkohols, wird an der Luft leicht gelb und
  lsst sich leicht pulvern. Nach =Smith= und =Stenhouse= besteht der
  Wallrath aus palmitinsaurem Cetyl C_{34}H_{64}O_{2} =
  C_{18}H_{31}(C_{16}H_{33})O_{2}. Nach =Heintz= (1851) dagegen ist der
  Wallrath eine Verbindung des Cetyls mit den Fettsuren Stearinsure,
  Palmitinsure, Myristinsure, Cocinsure und Cetinsure. Der Wallrath
  wird in England in grosser Menge zu Luxuskerzen verwendet, die in Folge
  ihrer blendendweissen Farbe und ihrer halbdurchscheinenden,
  alabasterhnlichen Beschaffenheit die schnsten, aber auch die
  theuersten aller Kerzen reprsentiren. Um die Neigung des Wallrathes,
  beim Erkalten zu krystallisiren, zu schwchen, setzt man beim Giessen
  der Kerzen 5-10 Proc. weisses Wachs oder auch einige Procent Paraffin
  oder Belmontin zu.

[Sidenote: Glycerin.]

Das =Glycerin= C_{3}H_{8}O_{3} (als dreiatomiger Alkohol (C_{3}H_{5} /
H_{3})} O_{3} oder C_{3}H_{5} {OH / OH / OH) ist in Form von Glyceriden
in Verbindung mit den festen und flssigen Fettsuren in den meisten
Fetten in der Menge von 8-9 Proc. enthalten und lsst sich daraus durch
Behandeln mit Basen (Kali, Natron, Kalk, Baryt, Bleioxyd), oder mit
Suren (Schwefelsure) und gewissen Chlormetallen (Chlorzink), endlich
durch berhitzten Wasserdampf oder durch erhitztes Wasser (ohne
Dampfbildung) abscheiden. Das Glycerin bildet sich ferner bei der
geistigen Ghrung der ghrungsfhigen Zuckerarten (Dextrose, Levulose,
Lactose) neben Alkohol, Kohlensure und Bernsteinsure als constantes
Produkt. Nach den Beobachtungen von =Pasteur= betrgt die Menge des sich
hierbei bildenden Glycerins etwa 3 Proc. vom Gewicht des Zuckers. Das
Glycerin wurde von =Scheele= im Jahre 1779 bei der Bereitung des
Bleipflasters entdeckt, von Seiten der Technik fand es erst Beachtung,
als es durch die Einfhrung der Stearinkerzenfabrikation und durch
Verarbeitung der Unterlaugen der Seifenfabrikation massenhaft auftrat.
Die Schlempe der Kartoffel- und Melassebrennereien, so wie die Vinasse
(der Rckstand von der Destillation des Weinspiritus aus dem Weine im
sdlichen Frankreich) enthalten namhafte Mengen von Glycerin.

  Was seine =Darstellung im Grossen= betrifft, so handelt es sich hufig
  nur um die Reinigung des bei der Gewinnung der Stearinsure aus Fetten
  (Talg, Palml) abgeschiedenen Glycerins. Wird zur Darstellung der
  Stearinsure die Verseifungsmethode mit Kalk benutzt, so bleibt es nach
  Abscheidung der unlslichen Kalkseife in Wasser gelst, durch
  Abscheidung des mitgelsten Kalkes durch Schwefelsure oder besser noch
  durch Oxalsure und durch Abdampfen der von dem Kalkniederschlag
  gesonderten Flssigkeit bis zur Syrupconsistenz kann man das Glycerin
  fr viele technische Zwecke gengend rein erhalten. In solchen
  Fabriken, in welchen man die Zersetzung der Fette durch berhitzten
  Wasserdampf bewerkstelligt, erhlt man die Fettsure sowol, als auch
  das Glycerin als Destillationsprodukt und letzteres daher (vergl.
  Seite 704) vllig rein; nur darf hierbei eine Temperatur von 310 nicht
  berschritten werden, weil ein Theil des Glycerins sich sonst unter
  Bildung von Acrolendmpfen zersetzen wrde. Der Umstand, dass die bei
  der Verseifung der Fette mit Schwefelsure sich bildende
  Glycerin-Schwefelsure in ihrer wssrigen Lsung beim Verdunsten leicht
  in Glycerin und Schwefelsure zerfllt, lsst sich gleichfalls zur
  Glycerindarstellung benutzen. Aus der Unterlauge der Seifensieder,
  gegenwrtig der wichtigste Glycerinrohstoff, erhlt man das Glycerin
  (nach dem =Reynold='schen in England patentirten Verfahren) auf
  folgende Weise: Die Unterlauge wird zunchst durch Abdampfen
  concentrirt; die dabei am Boden des Abdampfgefsses sich ausscheidenden
  Salze werden von Zeit zu Zeit herausgenommen. Ist die Flssigkeit
  gehrig concentrirt, was man an der Erhhung des Siedepunktes auf 116
  erkennt, so bringt man sie in eine Destillirblase und destillirt das
  Glycerin mittelst eingeleiteter berhitzter Wasserdmpfe ber. Das
  Destillat wird im Vacuumapparate zur Syrupconsistenz gebracht. Die
  Schlempe der Kartoffel-, Melasse- und Weinbrennereien enthlt viel
  Glycerin.

  Nach den Untersuchungen von =A. Metz= (1870) entspricht (bei 17,5 C.):

      ein spec. Gewicht von 1,261  100 Proc. wasserfreiem Glycerin
       "    "      "     "  1,240   94   "         "         "
       "    "      "     "  1,232   90   "         "         "
       "    "      "     "  1,206   80   "         "         "
       "    "      "     "  1,179   70   "         "         "
       "    "      "     "  1,153   60   "         "         "
       "    "      "     "  1,125   50   "         "         "
       "    "      "     "  1,117   45   "         "         "
       "    "      "     "  1,099   40   "         "         "
       "    "      "     "  1,073   30   "         "         "
       "    "      "     "  1,048   20   "         "         "
       "    "      "     "  1,024   10   "         "         "

  Die lartige Beschaffenheit, so wie der Umstand, dass das Glycerin bei
  gewhnlicher Temperatur flssig ist und bei der Klte nicht erstarrt,
  da es bei -40 noch vllig flssig bleibt[176], die Bestndigkeit des
  Prparates, der angenehme zuckerssse Geschmack bei vollstndiger
  Reinheit und die Unschdlichkeit, so auch das Lsungsvermgen fr viele
  Stoffe und die grossen Mengen, die man sich zu billigem Preis
  verschaffen kann, haben dem Glycerin bereits eine ausnehmende
  Wichtigkeit in gewerblicher Hinsicht verschafft.

  [176] Die 1867 von =Crookes= in London, von =Sarg= in Wien und von
        =Whler= beobachteten Flle des Festwerden und Krystallisiren des
        Glycerins bei niederer Temperatur und beim Transport, beweisen,
        dass auch =reines= Glycerin unter den erwhnten Verhltnissen
        erstarren knne.

  Unter den vielfachen Anwendungen, die das Glycerin bis jetzt gefunden
  hat, seien im Folgenden einige der wichtigeren und interessanteren
  angefhrt: Das Glycerin wird benutzt, um den Thon fr das Modelliren im
  gehrig feuchten Zustand zu erhalten. Es eignet sich ferner zur
  Aufbewahrung solcher Nahrungsmittel, welche im feuchten Zustande
  erhalten werden sollen, so z. B. des Senfes, der mit Glycerin versetzt
  nicht mehr austrocknet. Besonders ist die Anwendung des Glycerins fr
  den Schnupftabak zu empfehlen. Auch zum Conserviren von Frchten findet
  es Anwendung. In der Liqueur-, Punschessenz- und Limonadenfabrikation
  findet es zum Versssen in grosser Menge Verwendung, ferner als Zusatz
  zu Wein und Bier[177] -- man nennt diese Procedur =Scheelisiren= -- und
  zur Bereitung gewisser Malzextract-Gesundheitsbiere. Glycerin ist auch
  zum Schmieren von Maschinenbestandtheilen, besonders bei Uhren und
  Chronometern verwendbar, da es an der Luft keine Vernderung erleidet,
  bei niederer Temperatur nicht erstarrt und das Messing und hnliche
  Kupferlegirungen nicht angreift. Zur Fabrikation von Copirtinte ist es
  gleichfalls vorgeschlagen worden. Seiner Eigenschaft wegen, die Haut
  weich und schlpfrig zu erhalten, findet es als Cosmeticum z. B. als
  Glycerinessig, Glycerinseife u. dergl., zur Pflege des Haares,
  ausgedehnte Anwendung. Um der Druckerschwrze ihre Unlslichkeit in
  Wasser zu nehmen -- worin indessen der grsste Vorzug der bisherigen
  Druckfarbe zu suchen ist -- hat man vorgeschlagen, statt Leinl
  Glycerin anzuwenden. Das Glycerin lst mit Leichtigkeit die
  Theerfarbstoffe (Anilinblau, Cyanin, Anilinviolett), eben so auch das
  Alizarin auf. Um dem Papier grosse Weichheit und Biegsamkeit zu
  ertheilen, soll man dem Papierzeug Glycerin beimischen; der zur
  Erzeugung von 100 Kilogr. Papier erforderlichen Menge Papierzeug mischt
  man ungefhr 5 Kilogr. Glycerin von 1,18 spec. Gewicht zu. Nicht
  unwichtig ist die Glycerinschlichte (aus 5 Th. Dextrin, 12 Th.
  Glycerin, 1 Th. schwefelsaurer Thonerde und 30 Th. Wasser bestehend),
  bei deren Anwendung die Musselinweber fr ihre Arbeit nicht mehr wie
  bisher auf die feuchten, der Gesundheit nachtheiligen Keller- und
  Erdgeschosse angewiesen sind, sondern dieselbe in hellen, trocknen und
  gut gelfteten Rumen der oberen Stockwerke der Huser verrichten
  knnen. Man beobachtete, dass schwach lohgar gegerbte Treibriemen, wenn
  sie etwa 24 Stunden in Glycerin verweilt haben, nicht mehr dem Brechen
  unterworfen sind. Die Gasuhren versagen im Winter oft den Dienst, indem
  das Wasser in denselben gefriert. Eben so verdunstet dasselbe sehr
  rasch in der wrmeren Jahreszeit. Eine Lsung von Glycerin hat beide
  Uebelstnde nicht. =Santi= benutzt das Glycerin zum Fllen des
  schwimmenden Compasses auf Schraubendampfern, da es in Folge seiner
  Dichtigkeit und geringen Beweglichkeit die innere Schale des Compasses
  gegen die Erzitterungen, welche die Schraube dem Schiffe mittheilt,
  unempfindlich macht. =Friedheim= sucht die Uebelstnde, die das
  Quecksilber in den Manometern dadurch zeige, dass es mit der Zeit
  unrein werde und durch Hngenbleiben in der Rhre dem Druck nicht
  gehrig folge, dadurch zu beseitigen, dass er einige Tropfen Glycerin
  als Decke fr das Quecksilber verwendet. =C. Thiel= empfiehlt das
  Glycerin zum Reinhalten von Schiesswaffen. Zur Aufbewahrung
  anatomischer Prparate scheint das Glycerin besonders beachtenswerth,
  auch zum Dichten des Holzes von Fssern, in denen Petroleum, Rbl etc.
  aufbewahrt werden soll. Eine mit Glycerin versetzte Lsung von
  arabischem Gummi und von Eiweiss conservirt sich lange Zeit, ohne zu
  verderben. Erwhnenswerth ist die Anwendung des Glycerins zur Erzeugung
  von knstlichem Senfl (Schwefelcyanallyl). Durch die Einwirkung von
  Jodphosphor auf Glycerin bildet sich Jodallyl, welches in weingeistiger
  Lsung mit Schwefelcyankalium zusammengebracht und destillirt, Senfl
  liefert. Gegen Brandwunden und gegen katarrhalische Affectionen wird
  das Glycerin mit vielem Erfolge angewendet. Durch eine Mischung von
  Salpetersure und Schwefelsure wird das Glycerin in das zur
  Fabrikation von Dynamit und Dualin in grosser Menge verwendete
  =Sprengl= (Nitroglycerin, Glycerylnitrat, Trinitrin) (vergl. Seite
  172) bergefhrt. Mit fein gemahlener Bleigltte giebt concentrirtes
  Glycerin einen schnell erhrtenden Kitt fr Gefsse mit flchtigen
  Stoffen (Petroleum, Benzol, therische Oele).

  [177] Die Verwendung des Glycerins als Braumalzsurrogat ist eine ganz
        enorme geworden, eben so auch die als Zusatz zum Wein. Nach einer
        Schtzung sollen zu letzterem Zweck im Jahre 1869 allein in den
        weinproducirenden Lndern gegen 20,000 Centner Glycerin
        verbraucht worden sein.


                    II. Beleuchtung mittelst Lampen.

[Sidenote: Beleuchtung mittelst flssiger Substanzen.]

Die flssigen Substanzen, welche als Leuchtmaterialien Anwendung finden,
zerfallen a) in fette Oele, b) in flchtige Oele, welche letzteren
entweder therische Oele sind, wie das =Camphin=, oder Produkte der
Verarbeitung des Theeres wie =Photogen= und =Solarl=, oder endlich das
von der Natur gespendete =Petroleum= (Erdl, Steinl). Von den _fetten
Oelen_ wendet man vorzugsweise das =Raps=- oder =Kohlsaatl= (_huile de
colza_), das =Winterrbsenl=, das =Oliven=- und =Bauml=, den
=Fischthran= und zuweilen auch das eintrocknende =Mohnl= an.

[Sidenote: Reinigen des Oeles.]

Um die fetten Oele zu reinigen (=raffiniren=), giesst man 2 Proc.
englische Schwefelsure oder eine concentrirte Lsung von Chlorzink in
dieselben und rhrt gut um. Die Schwefelsure oder das Chlorzink greifen
das Oel nicht an, zerstren aber alle schleimigen und fremdartigen
Bestandtheile und scheiden sich mit denselben ab. Durch Waschen mit
Wasser wird die Sure oder das Chlorzink entfernt und das Oel gereinigt.
In neuerer Zeit werden (vergl. Seite 233) die Oele aus den Oelsamen
vielfach durch Extraction mit Schwefelkohlenstoff dargestellt. Die zur
Beleuchtung dienenden fetten Oele fasst man mit dem Namen =Brennl=
zusammen. Seit dem Emporblhen der =Paraffin=- und =Solarlindustrie= und
der Einfhrung des amerikanischen und galizischen =Petroleums= hat die
Bedeutung der fetten Oele als Leuchtmaterial sich wesentlich verringert.

[Sidenote: Lampen.]

=Die Lampen.= Die Lampe diente schon in den ltesten Zeiten und zwar weit
frher als die Kerze zu Beleuchtungszwecken. Man schreibt ihre Erfindung
den alten Aegyptern zu. Von Griechenland und Rom aus verbreitete sich ihr
Gebrauch im brigen Europa. Ist nun auch nicht zu verkennen, das, was die
knstlerische Vollendung der Form der Lampen betrifft, die Griechen und
Rmer die moderne Zeit bei weitem bertrafen, obgleich derartige Lampen,
technologisch betrachtet, die unvollkommenste Construction darboten, so
ist es doch als ausgemacht anzusehen, dass, wenn man von einigen, im 17.
und 18. Jahrhundert auf empirischem Wege gefundenen Verbesserungen in der
Lampeneinrichtung (so von der Einfhrung des Glascylinders durch den
Pariser Apotheker =Quinquet= und der Erfindung der runden und hohlen
Dochte durch =Argand= im Jahre 1786) Umgang nimmt, erst mit der
Ausbildung der Chemie, namentlich der Aufstellung einer begrndeten
Theorie der Verbrennung und der Beleuchtung, mit der Anwendung
physikalischer Principien auf Oelzufuhr in den Lampen und Bestimmung der
Lichtstrke der Lampenflamme, mit dem Aufkommen der Oelraffination und
somit der Beschaffung eines neuen Leuchtstoffes und endlich mit dem
Entstehen der Solarl- und Petroleumindustrie die Construction einer
normalen Lampe, freilich oft unter Nichtbercksichtigung der Form,
mglich war. Alle Lampen, die wir heutzutage in den Salons der hheren
Stnde, in den Lden und Werksttten der Brger und in den Drfern
wohlhabenderer Gegenden finden, gehren daher smmtlich der neuesten Zeit
an. In wenigen Industriezweigen ist der enorme Einfluss des
Fortschrittes der auf Naturwissenschaft und Mechanik basirten Gewerbe fr
die jetzt lebende Generation so augenfllig, als in der
Lampenfabrikation. Vor etwa dreissig Jahren noch war in Deutschland fast
allgemein die nach unsern heutigen Begriffen ans Ungeheuerliche
streifende Kranzlampe die hauptschlich eingefhrte. An ihre Stelle trat
gegen das Jahr 1840 die Sturzlampe und um das Jahr 1850 die Camphinlampe,
wenn nicht die aus Frankreich stammenden Regulatoren und Moderatoren den
Vorzug erhielten. In den fnfziger Jahren begann ein Kampf, einerseits
der Oellampen unter sich, andererseits des Gaslichtes gegen die
Rbllampen. Dieser Kampf ist heute noch nicht beendigt und wird um so
sicherer zum Nachtheile der mit Rbl gespeisten Lampe ausschlagen, als
in der Minerall- und Petroleumlampe neue und mchtige Gegner aufgetreten
sind, die allerorts, wohin das Leuchtgas bisher nicht dringen konnte, die
Brennlbeleuchtungsapparate zum Wohle der Allgemeinheit und im Interesse
des Comforts und der Cultur siegreich und wol fr alle Zeiten aus dem
Felde geschlagen haben.

  Betrachten wir die Lampe vom allgemeinsten Standpunkte aus, so treffen
  wir an ihr dieselben Theile, die wir an der Kerze wahrnehmen, nmlich
  das Leuchtmaterial und den Docht. Bei der Lampe wie bei der Kerze ist
  das Leuchtmaterial flssig und der Unterschied besteht nur darin, dass
  in der Kerze und zwar in dem oberen Theile (der Vertiefung mit dem
  Dochtende) die Fettsubstanz (Stearinsure, Talg oder Paraffin) im
  =geschmolzenen= Zustande gebrannt wird, whrend in den Lampen das
  Leuchtmaterial in bei gewhnlicher Temperatur flssigem Zustande sich
  befindet und desshalb ein Gefss, ein Reservoir erforderlich macht,
  welches den flssigen Leuchtstoff enthlt und ununterbrochen und
  mglichst gleichmssig die Flamme mit Material speist. In der
  verschiedenen Art des als Leuchtstoff verwendeten Krpers -- ob Rbl,
  ob Solarl, ob Petroleum -- in der verschiedenen Form des Dochtes und
  der Art der Luftzufuhr zu der Flamme -- ob ohne, ob mit Zugglas, in der
  Form des Oelbehlters, seiner Lage in Bezug auf den Docht und der Art
  seiner Anbringung und endlich und hauptschlich in der Art und Weise
  der Zufhrung des Leuchtstoffes zu der Stelle des Dochtes, wo die
  Verbrennung vor sich gehen soll -- ob nur durch Capillaritt des
  Baumwolldochtes, ob in Verbindung mit hydrostatischem oder sonst auf
  mechanischem Wege hervorgebrachten Drucke, alles dies, aber auch =nur=
  dies bedingt die grosse Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit, die wir
  in den Lampenconstructionen antreffen.

  =Rbl= und =Minerall=, sei letzteres aus dem Braunkohlen- oder
  Torftheer, oder aus dem Petroleum dargestellt, unterscheiden sich in
  Bezug auf ihre Eigenschaften als Leuchtmaterial dadurch von einander:
  1) dass das Rbl bei gewhnlicher und selbst bei bis ber 100
  gesteigerter Temperatur nicht verdunstet (es ist daher geruchlos), auch
  sich nicht entznden lsst. Erst wenn eine solche Erhitzung des Oeles
  stattgefunden hat, dass die Produkte der trockenen Destillation sich
  bilden, wozu beilufig 200 gehren, findet eine Entzndung und ein
  Verbrennen des Oeles statt. Das Mineral- oder Solarl, selbst das
  geruchlose der Fabriken besitzt dagegen einen Geruch und verliert
  beim Stehen an der Luft nach und nach an Gewicht; bei hherer
  Temperatur verdampft es und kann unverndert destillirt werden, bei
  noch hherer Temperatur vergast es und geht zum grossen Theil in
  Leuchtgas ber; 2) das Rbl besteht aus Kohlenstoff, Wasserstoff und
  Sauerstoff und ist nach der Formel C_{10}H_{18}O_{2} zusammengesetzt.
  Bei der trocknen Destillation, die das Rbl in dem Dochte unmittelbar
  unter der Flamme erleidet, zerfllt es in Elaylgas und Kohlensure:

  Rbl 2C_{10}H_{18}O_{2} = 340 geben
                                     {9 Molek. Elaylgas 9C_{2}H_{4} = 252
                                     {2   "    Kohlensure 2CO_{2}  =  88
                                                                      ---
                                                                      340

  25,8 Proc. vom Gewicht des Rbles tragen also nicht nur nichts zur
  Leuchtkraft der Flamme bei, sondern berauben auch noch die Hlfte des
  Volumens vom Volumen der Kohlensure an Elaylgas der Leuchtkraft. Das
  Rbl im raffinirten Zustande verbrennt in einer zweckmssig
  construirten Lampe nur in vergaster Form und vollstndig zu den
  geruchlosen Verbrennungsprodukten Kohlensure und Wasser; 3) das
  Solarl und das Petroleum sind Gemenge verschiedener
  Kohlenwasserstoffe, hchst wahrscheinlich der hheren Glieder der
  homologen Reihe, von welcher das Sumpfgas das erste ausmacht, und
  sauerstofffrei. Es beginnt bei 250 zu sieden und zerfllt bei hherer
  Temperatur in gasige Produkte (Sumpfgas und Elaylgas) und in sich
  ausscheidenden Kohlenstoff. Der Kohlenstoffgehalt des Solarles ist
  weit grsser als der des Rbles, daher verbrennt das erstere auch in
  freier Luft mit russender Flamme, die aber sofort in eine fast blendend
  weisse, stark leuchtende bergeht, wenn man durch Aufsetzen eines
  Zugglases und dadurch vermehrte Luftzufuhr fr die Verbrennung des
  Ueberschusses an Kohlenstoff sorgt. Whrend, wie bereits bemerkt, das
  Rbl nur in vergaster Gestalt zur Flamme gelangt, kommt das Solarl,
  und der ihm durchaus hnlich constituirte minder flchtige Theil des
  Petroleums, zum grssten Theil dampffrmig in die Flamme. Es ist daher
  die Mineralllampe so zu construiren, dass die Verbrennung so
  vollstndig als mglich geschehe und keine Spur des unangenehm
  riechenden Dampfes unverbrannt oder mindestens unvergast entweiche. Die
  Feuergefhrlichkeit des Solarles anlangend, so ist dieselbe bei
  sorgfltiger Behandlung der Lampen -- gute Beschaffenheit des Solarles
  vorausgesetzt, nicht viel grsser als die des Rbles; 4) das Rbl ist
  ein fettes und schmieriges Oel, das Solarl nicht; gewisse
  Lampenconstructionen wie z. B. die Uhrlampen und Moderateurlampen, in
  welchen das Oel durch den Druck eines Kolbens dem Verbrennungsort
  zugefhrt wird, eignen sich, weil nur das fette Oel, nicht aber das
  Minerall die Liederung des Kolbens schlpfrig und ldicht macht, nicht
  fr Minerallbeleuchtung.

  Unabhngig von der Art des Leuchtstoffes, sei derselbe Rbl, Solarl
  oder Petroleum, soll die Construction einer normalen Lampe der Art
  sein, 1) dass sie das Maximum von Licht und dasselbe zwar innerhalb
  einer bestimmten Zeit (3 bis 8 aufeinander folgende Stunden) mglichst
  gleichfrmig spende. Diese Bedingung, eine Folge der vollstndigen und
  in gleicher Intensitt fortdauernden Verbrennung des Leuchtmateriales
  kann nur erfllt werden [Greek: a]) bei Anwendung von gereinigtem
  Leuchtmaterial, [Greek: b]) bei Anwendung eines Dochtes von gleicher
  Strke, [Greek: g]) bei mglichst gleichmssiger Zufuhr des
  Leuchtstoffes zur Flamme, [Greek: d]) bei gengender Erhitzung an der
  Stelle, wo die Verbrennung stattfindet, damit die Vergasung vollstndig
  vor sich gehe, [Greek: e]) durch die Regulirung der Zufuhr von Luft.
  Eine zu geringe Luftmenge giebt oft eine russende Flamme, eine zu
  grosse Luftzufuhr erniedrigt die Temperatur und giebt gleichfalls
  dadurch zur Abscheidung von Russ und Bildung von belriechenden
  Produkten der Destillation Veranlassung, abgesehen davon, dass selbst
  vollstndige Verbrennung der Flamme vorausgesetzt, zu viel Luft die
  Leuchtkraft der Flamme beeintrchtigt, [Greek: z]) durch die
  Mglichkeit der Regulirung der Flammengrsse; 2) dass das entwickelte
  Licht auch mglichst zweckmssig benutzt werde. Die bekannten
  Lichtschirme und Reflectoren sind hier als wesentliche
  Untersttzungsmittel der Beleuchtungszwecke zu nennen. Das Reservoir
  fr den Leuchtstoff muss ferner der Art angebracht sein, dass
  einestheils sein Schatten nicht strend auf die zu beleuchtenden
  Gegenstnde wirkt, anderentheils der Schwerpunkt der Lampe in keiner
  ihren Gebrauch beeintrchtigenden Weise verrckt wird.

[Sidenote: Eintheilung der Lampen.]

=Eintheilung der Lampen.= Wenn man die Art und Weise, nach welcher das
Leuchtmaterial mittelst des Dochtes zu der Stelle gelangt, wo die
Verbrennung vor sich geht, als Eintheilungsgrund gelten lsst, so kann
man smmtliche Lampen unterscheiden als:

  1) =Sauglampen=, in welchen der Leuchtstoff allein durch die
  Capillarwirkung des Dochtes aus dem etwas tiefer liegenden Reservoir an
  das Dochtende gelangt; je nach der Lage des Oelreservoirs zum Dochte
  kann man die Sauglampen eintheilen [Greek: a]) in solche, bei welchen
  das Reservoir ungefhr in gleicher Hhe liegt mit der Flamme des
  brennenden Dochtes; [Greek: b]) in Lampen, bei welchen das Reservoir
  fr das Oel hher liegt als der Brenner (Lampe mit Sturzflasche). 2)
  =Drucklampen=, bei welchen neben der Capillaritt des Baumwolldochtes
  noch eine mechanische oder physikalische Vorrichtung thtig ist, um dem
  Dochte das Leuchtmaterial zuzufhren. Der Oelbehlter ist bei allen
  Drucklampen im Fusse der Lampe. Nach der Art der Vorrichtung, die das
  Oel zum Dochte treibt, zerfallen die Drucklampen [Greek: a]) in
  =arostatische=, bei welchen das Princip des Heronsbrunnens Anwendung
  findet. Es wird in das geschlossene Oelreservoir Luft eingepresst,
  welche in Folge ihres Bestrebens, sich mit der usseren Luft ins
  Gleichgewicht zu setzen, auf das Oel drckt und dasselbe in einem
  Steigrohr dem Brenner zufhrt; [Greek: b]) in =hydrostatische= Lampen,
  auf das Princip der communicirenden Rhren sich sttzend, nach welchem
  die Hhen im Gleichgewicht befindlicher Flssigkeiten von verschiedenem
  specifischem Gewicht in communicirenden Rhren im umgekehrten
  Verhltnisse zum specifischen Gewichte stehen. Die Flssigkeit, welche
  dem Oel in der Lampe das Gleichgewicht halten und bewirken soll, dass
  der Brenner ununterbrochen mit der erforderlichen Oelmenge versehen
  werde, muss specifisch schwerer sein als das Oel; [Greek: g]) in
  =statische= Lampen, bei welchen das Oel aus dem unteren Behlter durch
  das Gewicht eines festen Krpers (z. B. Bleigewicht) oder durch den
  =directen= (nicht durch mechanische Vorrichtung bewirkten) Druck eines
  in dem Oelreservoir abwrts gehenden Kolbens ausgetrieben und zum
  Aufsteigen nach dem Brenner gezwungen wird; [Greek: d) in =mechanische=
  Lampen, in welchen das Oel aus dem Oelreservoir einfach entweder a)
  durch eine Pumpe, welche durch ein uhrwerkhnliches Rderwerk in
  Thtigkeit gesetzt wird (=Carcel='s Uhr- oder Pumplampe) oder b) durch
  den Druck einer sich ausdehnenden Spiralfeder (Moderateur- oder
  Federlampe) zu dem Brenner gehoben wird. Die mechanischen Lampen haben
  meist noch das Charakteristische, dass dem Dochte das Oel in grsserer
  Menge, als er zu consumiren vermag, zugefhrt wird; der nicht zur
  Verbrennung kommende Theil tropft ab und wird in einem besondern
  Sammler aufgefangen. An die vorstehenden, auf Rbl eingerichteten
  Lampen schliessen sich an 3) die =Mineral=- oder =Solarl=- und
  =Petroleumlampen=, die stets Sauglampen von solcher Einrichtung sind,
  dass der Behlter fr den Leuchtstoff stets unmittelbar unter dem Docht
  und in der Axe des Brenners sich befindet. Das geringere specifische
  Gewicht und die dnnflssigere Beschaffenheit der hier in Betracht
  kommenden Leuchtmaterialien (Solarl, Petroleum) kommt der
  Capillarwirkung des Dochtes wesentlich zu Hlfe und macht alle
  Druckvorrichtungen, so lange es sich um Lampen fr Zimmerbeleuchtung
  handelt, berflssig. Hierher gehrt auch die =Ligron=- oder
  =Schwammlampe=, in welche der flssige Leuchtstoff (Ligron, die
  flchtigeren Theile, die bei der Rectification des Mineralles und des
  Petroleums fr sich aufgefangen werden) durch Schwamm, womit das
  Reservoir ausgefllt, absorbirt ist.

[Sidenote: Sauglampen.]

1) =Sauglampen.= Zu den Sauglampen rechnen wir alle diejenigen Lampen, in
welchen das Oel durch die Capillaritt des Dochtes (und nicht durch Druck
oder sonst durch mechanische Hlfsmittel) aus dem etwas tiefer gelegenen
Oelreservoir an das Dochtende gelangt. Je nach der Lage des Oelreservoirs
zum Docht knnen die Sauglampen eingetheilt werden [Greek: a]) in solche,
bei welchen das Oelreservoir ungefhr in gleicher Hhe liegt mit der
Flamme des brennenden Dochtes, wobei folgende zwei Falle zu unterscheiden
sind, nmlich a) der brennende Docht befindet sich im Oelreservoir selbst
wie bei der Kchenlampe und antiken Lampe, oder b) Oelreservoir und
Brenner sind von einander getrennt und zwar ist das Reservoir seitlich
vom Brenner, oder das Reservoir geht wie bei den Kranzlampen ringfrmig
um den Docht herum; [Greek: b]) in Lampen, bei welchen das Reservoir fr
das Oel hher liegt als der Brenner. Als Beispiel gelten die Lampen mit
Sturzflasche.

[Illustration: Fig. 271.]

[Illustration: Fig. 272.]

[Illustration: Fig. 273.]

[Illustration: Fig. 274.]

[Illustration: Fig. 275.]

  Von diesen verschiedenen Arten von Sauglampen seien einige im Folgenden
  speciell beschrieben. In der =antiken Lampe= (Fig. 271) liegt in einem
  langgestreckten offenen oder verschlossenen Oelgefsse ein
  Bscheldocht, welcher vorn am Schnabel entweder einfach durch eine
  runde Oeffnung oder von einer Blechdille gehalten wird. Diese Lampe ist
  bei aller Schnheit und Vollendung der Form eine hchst unvollkommene.
  Der hauptschlichste Nachtheil dieser antiken Lampe liegt darin, dass,
  weil mit dem Verbrauch das Niveau des Oeles sinkt, der Docht gezwungen
  werden soll, das Oel auf eine Hhe zu heben, die seine capillare Kraft
  weit bersteigt; aus Mangel an Oelzufuhr wird daher die Flamme immer
  dsterer werden und endlich auslschen. Dazu kommt noch, dass bei der
  Dicke des Bscheldochtes die Menge des bei der Verbrennung zersetzten
  Oeles zu der Menge der zustrmenden Luft in einem hchst ungnstigen
  Verhltnisse steht; die Verbrennung findet daher nur unvollstndig und
  unter Russbildung statt. Uebrigens ist auch der Schatten, den das
  Oelreservoir wirft, ein grosser Uebelstand dieser Art von Lampen. Bei
  einer andern Art von Kchenlampe, welche Fig. 272 in der Seitenansicht,
  Fig. 273 von oben gesehen, abgebildet ist, ist letztgenannter
  Uebelstand in geringerem Grade vorhanden, weil durch den Schnabel die
  Entfernung des Oelbehlters von dem Brenner vergrssert oder der Winkel
  _c a b_ weit spitzer wird. Die sogenannte =Wormser Lampe= (Fig. 274 und
  275), am Rhein lngere Zeit hindurch im Gebrauch, zeichnet sich durch
  die Form des Dochtes _t_ aus, der kein Bscheldocht, sondern ein
  =flacher= oder ein =Banddocht= ist; dadurch ist der Luftzutritt zu
  allen Theilen des sich zersetzenden Oeles so weit geregelt, dass eine
  vollstndige Verbrennung stattfinden kann. Der Docht wird durch die
  flache Dille _c_ festgehalten, welche in den Ring aus Blech _d_
  gelthet ist. Letzterer liegt mit seinem umgebogenen Rande auf dem der
  Glaskugel auf, welche als Oelbehlter dient. Der Docht kann durch die
  Zhne eines Triebes _e_ und _e'_, die den Docht gegen die Rckseite
  anklemmen, auf und abwrts gedreht und dadurch die Helligkeit der
  Flamme regulirt werden. Der Stiel _a_ wird in ein Stativ oder in ein
  Leuchterrohr gesetzt. Ueber die Flamme wird gewhnlich ein Zugglas
  gesetzt. Ungeachtet der ziemlichen Verbreitung der Wormser Lampe ist in
  der Construction derselben ein Fortschritt nicht zu erkennen. Die
  Nachtheile der gewhnlichen Kchenlampe, das Sinken des Oelniveaus und
  der Schatten des Oelbehlters sind auch bei ihr vorhanden.

  Von denjenigen Sauglampen, bei denen Oelreservoir und Brenner in
  ungefhrer =gleicher Hhe=, aber =getrennt= sind, seien in der Krze
  erwhnt die nicht mehr gebruchlichen Lampen, die sogenannte mit Schirm
  versehene =Studirlampe=, bei welcher das Oelreservoir nicht wie bei den
  im vorigen Abschnitt erwhnten Lampen =unter= dem Dochte, sondern
  seitlich von dem Brenner ist, und die =Kranzlampen=, d. h. Lampen mit
  einem ringfrmigen Oelbehlter, welcher zugleich meist zum Tragen des
  Lampenschirmes dient. Da es bei dieser Art Lampen, welche als Arbeits-
  oder Tischlampen Anwendung finden, auf Concentration des Lichtes auf
  einen verhltnissmssig kleinen Raum ankommt, so umgiebt man die Flamme
  in passender Entfernung mit einem =Schirme=, welcher entweder alles
  Licht auf einen kleinen Raum der Lampe zurckwirft, oder doch nur einen
  Theil hindurchlsst und den grssten Theil durch Reflection
  concentrirt. Soll alles Licht mglichst vollstndig reflectirt werden,
  so whlt man einen trichterfrmigen Blechschirm, der inwendig weiss
  lackirt ist, im zweiten Falle ist der Schirm aus diaphanem Material
  (Milch- oder Beinglas, unglasirtem Porcellan, matt geschliffenem Glase,
  geltem Papier, Taffet u. s. w.). Alle die Lampen, bei denen Brenner
  und Oelbehlter in gleicher Hhe liegen, geben zwar bei Benutzung des
  Argandbrenners ein schnes Licht, doch ist dasselbe meist nur von
  kurzer Dauer und die Intensitt des Lichtes eine fortwhrend
  abnehmende. Der Grund davon liegt in der Vernderlichkeit des Niveau
  des Oeles. Ist das Oelreservoir gefllt, so steht das Oel in geringer
  Entfernung unter der Brennerffnung und der Docht saugt mit
  Leichtigkeit die erforderliche Qualitt bis an sein oberes Ende. In dem
  Maasse nun, als durch die Consumtion des Oeles dieses Niveau sinkt,
  wird das in gleicher Zeit durch den Docht aufsteigende Oelquantum
  geringer, nicht nur weil das Oel in dem Dochte zu einer grsseren Hhe
  emporsteigen muss, sondern auch, weil Unreinigkeiten einen Theil der
  Capillarffnungen des Dochtes verstopfen und ihn dichter machen. Da nun
  jetzt weniger Oel in die Flamme gelangt als vorher, so nimmt das Licht
  an Intensitt ab und es verkohlt der obere Theil des Dochtes, wodurch
  die Capillarffnungen verschlossen werden; die Flamme muss mithin
  endlich verlschen. Um dieser nachtheiligen Vernderung der Flamme
  mglichst zu begegnen, ist es von Belang, das Oelreservoir dergestalt
  breit und niedrig zu machen, dass das Oel darin zu einer grossen
  Oberflche ausgebreitet ist, folglich selbst durch ziemlich starke
  Consumtion nicht betrchtlich sinkt.

[Sidenote: Sturzlampe.]

Um die Verminderung der Lichtintensitt whrend des Brennens der Lampe
mglichst zu verhindern, ist es, wie aus dem Vorstehenden folgt, einfach
gengend, das Oel in dem Brenner mglichst in gleicher Hhe zu erhalten;
dies lsst sich nun bei den Sauglampen dadurch erreichen, dass man den
Oelbehlter =hher= stellt als den Brenner. Selbstverstndlich ist aber
bei dieser Einrichtung eine besondere Vorrichtung erforderlich, welche
die Zufuhr des Oeles zu dem Brenner nach Maassgabe der dort stattgehabten
Consumtion regelt, weil ausserdem das Oel aus dem Reservoir in den
Brenner strmen und letzterer berlaufen wrde. Die in Anwendung
gekommene Vorrichtung der Art trifft man bei der =Sturz-= oder
=Flaschenlampe=.

[Illustration: Fig. 276.]

  Fig. 276 zeigt den senkrechten Durchschnitt der gewhnlichen Form einer
  Flaschenlampe. Das Oelreservoir ist eine bewegliche Blechflasche _a_
  und an ihrer Mndung durch ein Ventil verschliessbar, welches, wenn die
  Flasche aufrecht, d. h. mit der Mndung nach oben steht, die Oeffnung
  behufs der Fllung mit Oel freilsst. Wird das Ventil an dem daran
  befestigten Theil aufgehoben, so ist die Mndung der Flasche
  verschlossen, und die Flasche selbst kann umgekehrt und in den Mantel
  _b b_ eingesenkt werden. Hier wird nun durch den Stiel des Ventils,
  indem derselbe auf den Boden des Mantels aufstsst, die Mndung
  geffnet und das Oel fliesst aus der Flasche aus, bis es in _b_ und in
  dem Brenner _e_ so hoch gestiegen ist, dass es die Mndung der Flasche
  versperrt. Von nun an steht das Oel in den beiden Schenkeln der
  communicirenden Rhre bei _e_ und _e'_ im Gleichgewicht, da man die
  Oeffnung der Flasche _a_ mit der Brennermndung _e_ gleich hoch
  gerichtet hat. Auf diese Weise hat die Lampe in der That zwei
  Oelreservoirs, eines, welches den Docht unmittelbar speist, und das
  zweite, die Sturzflasche, welche den Zweck hat, das verbrauchte Oel im
  unteren Behlter von Zeit zu Zeit zu ersetzen, und das Oelniveau in _b_
  mglichst gleichmssig zu erhalten. Eine kleine Seitenffnung _c_ in
  dem Mantel gestattet der usseren Luft einzutreten, so dass die
  Oberflche des Oeles in _b_ dem gewhnlichen Luftdruck ausgesetzt ist.
  Die Flaschen- oder Sturzlampe hat den Nachtheil, wenn mehr Oel in den
  Brenner fliesst als consumirt wird, das Oel berfliesst, was ein
  Verlschen der Flamme und andere Unannehmlichkeiten zur Folge hat. Die
  bergrosse Oelzufuhr kann hervorgerufen sein durch nicht vollstndigen
  Verschluss der Sturzflasche oder durch zu starkes Neigen der Lampe. Ist
  die Sturzflasche nicht mehr ganz mit Oel angefllt, so kann durch
  Ausdehnung der darin enthaltenen Luft ein Ueberfliessen des Oeles
  stattfinden. Die Ausdehnung kann sein eine Folge von verndertem
  Luftdruck (Fallen des Barometers) oder steigender Temperatur. Der
  Einfluss der Wrme ist der gewhnlichere Fall. Wird z. B. eine
  Flaschenlampe mit halb angefllter Flasche aus einem Zimmer in ein
  anderes gebracht, dessen Temperatur um 20 hher ist, so dehnt sich die
  Luft um nahe 1/14 ihres ursprnglichen Volumens aus, drckt auf das Oel
  und drngt dieses aus der Flasche.

[Sidenote: Drucklampe.]

2) Die =Drucklampen= unterscheiden sich von den Sauglampen dadurch, dass
das Oelreservoir nicht wie bei letzteren im gleichen Niveau oder hher
als der Brenner, sondern =tiefer= angebracht ist. Bei allen
Constructionen der Drucklampen ist der Oelbehlter =im Fusse= der Lampe
und daher weit entfernt vom Brenner. Da die Capillarrhren des Dochtes
das Oel auf eine so bedeutende Hhe nicht zu heben vermgen, so ist bei
jeder Drucklampe eine besondere Vorrichtung zum Heben des Oeles
vorhanden, die dem Dochte das Oel in =grsserer Menge=, als er zu
consumiren im Stande ist, zufhrt; der nicht zur Verbrennung kommende
Theil tropft ab und wird in einem besonderen Sammler aufgefangen.

  Die Drucklampe, die als Salonlampe, sofern man sich noch des Oeles als
  Leuchtstoff bedient, fast alle anderen Lampenarten siegreich aus dem
  Felde geschlagen hat, ist, die Einfachheit des Mechanismus zum Zufhren
  des Oeles zum Brenner vorausgesetzt, hinsichtlich der Standfestigkeit,
  der usseren Form, die sie zu mannichfacher und geschmackvoller
  Verzierung geeignet macht, der Beseitigung des Schattens, der
  Einfachheit des Fllens mit Oel, der Gleichfrmigkeit der Oelzufuhr zum
  Brenner, der Unmglichkeit des Ueberlaufens u. s. w., unstreitig die
  vollkommenste aller Oellampen.

  Je nach der Art der Vorrichtung, welche das Oel zum Brenner hebt,
  unterscheidet man

  [Greek: a]) =Arostatische Lampen.= Bei diesen Lampen findet das
  Princip des Heronsbrunnens Anwendung. Es wird in das geschlossene
  Oelreservoir Luft eingepresst, welche in Folge ihres Bestrebens sich
  mit der usseren Luft ins Gleichgewicht zu setzen, auf des Oel drckt
  und dasselbe in einer Steigrhre dem Brenner zufhrt. Die
  arostatischen Lampen, so interessant sie auch vom physikalischen
  Standpunkte aus sein mgen, sind eigentlich nie dauernd in die Praxis
  bergegangen. Die zum Fllen der Lampe dienenden Nebenvorrichtungen
  waren gewhnlich zu complicirt und vertheuerten dadurch die an sich
  nicht wohlfeile Lampe.

  [Greek: b]) =Hydrostatische Lampen.= Whrend bei den arostatischen
  Lampen das Oel durch den Druck der verdichteten Luft zum Brenner
  gehoben wird, findet bei den hydrostatischen Lampen das Heben des Oeles
  durch den unmittelbaren Druck einer anderen Flssigkeit, ohne
  Mitwirkung von Luft statt. Sie grnden sich auf das physikalische
  Gesetz, dass, wenn zwei mit einander communicirende Gefsse
  Flssigkeiten von verschiedenem specifischen Gewichte enthalten und
  diese Flssigkeiten einander das Gleichgewicht halten, die Hhe der
  Flssigkeitssulen im umgekehrten Verhltnisse zum specifischen
  Gewichte steht. Die Flssigkeit, welche bei dieser Art von Lampen dem
  Oel das Gleichgewicht halten soll, muss specifisch schwerer sein als
  Oel, darf weder die Lampe noch das Oel angreifen und selbst einige
  Grade unter dem Gefrierpunkte des Wassers nicht erstarren. Als
  drckende Flssigkeit ist Quecksilber, Kochsalzlsung, Melasse, Honig,
  Chlorcalciumlsung, Chlormagnesiumlsung u. s. w. vorgeschlagen worden.

  [Greek: g]) =Statische Lampen.= Bei dieser Art von Lampen wird das
  Brennl aus dem im Fusse der Lampe befindlichen Reservoir durch das
  Gewicht eines festen Krpers oder durch den Druck eines im Oelbehlter
  nach und nach abwrts gehenden Kolbens in ein Steigrohr getrieben und
  auf diese Weise nach dem Brenner gefhrt. Im ersteren Falle bringt man
  das Brennl in einen dichten Sack von Leder, Kautschuk, Wachstaffet
  oder in eine Blase, und diese biegsame Hlle in den leeren Behlter.
  Indem man nun auf die Oelhlle ein Bleigewicht wirken lsst, wird das
  Oel nach dem Brenner gehoben. Eine grosse Schwierigkeit bei der
  Construction von statischen Lampen besteht in der genauen Regulirung
  der Oelzufuhr zum Brenner. -- Die zweite Einrichtung, bei welcher ein
  abwrts gehender Kolben auf das in einem cylindrischen Behlter
  befindliche Oel drckt und dasselbe nach und nach durch ein enges
  Steigrohr nach dem Brenner treibt, ist als der Vorlufer der
  mechanischen Lampen zu betrachten und verdient insofern Erwhnung.

[Sidenote: Mechanische Lampen.]

[Greek: d]) =Die mechanischen Lampen= besitzen eine mechanische
Vorrichtung, durch welche das Oel aus dem Reservoir im Fusse der Lampe zu
dem Brenner und zwar in einem Quantum gehoben wird, welches den Bedarf
des Dochtes whrend der Brennzeit bersteigt. Wenn mithin bei allen
bisher betrachteten Lampen der Inhalt des Brenners eine ruhige Oelsule
bildet, die von oben nach unten stetig abnimmt oder von Zeit zu Zeit sich
ergnzt, so bildet das Oel in den mechanischen Lampen einen continuirlich
aufsteigenden Strom, welcher dem Dochte den zur Unterhaltung der Flamme
nthigen Oelbedarf liefert, und den Ueberschuss des Oeles an der
Aussenseite des Brenners wieder in den Fuss der Lampe zurckfhrt.

[Illustration: Fig. 277.]

  Unter den mechanischen Lampen sind besonders zwei erwhnenswerth,
  nmlich

[Sidenote: Uhrlampe.]

  1) Die =Uhrlampe=, =Pumplampe= oder =Carcel-Lampe= wurde 1800 von dem
  Lampenfabrikanten =Carcel= in Paris erfunden und spter von anderen
  verbessert. Die Kraft, mit welcher das Oel aus dem im Fusse der Lampe
  befindlichen Reservoir durch eine selbstthtige Pumpe oder eine
  pumpenhnliche Vorrichtung ununterbrochen zu dem Brenner emporgehoben
  wird, wird von einer, in einem Federhause eingeschlossenen Uhrfeder
  ausgebt. Zum Behufe ihrer Uebertragung ist ein uhrwerkhnliches
  Rderwerk vorhanden. Der Hebeapparat ist gewhnlich eine wirkliche
  Pumpe mit combinirtem Saug- und Druckwerk, jedoch giebt es auch Lampen,
  bei welchen die archimedische Schraube zum Heben des Oeles in Anwendung
  gebracht worden ist. In dem Sockel der Uhr ist das Oelreservoir mit der
  Pumpe und unter diesem das Uhrwerk; des Steigrohr, in welchem das Oel
  zum Brenner steigt, geht im Schafte der Sule nach oben. Der
  Oelbehlter und das Uhrwerk sind von einander durch einen horizontalen
  Boden getrennt. Ein einfaches Pumpwerk, wie es in der Carcel-Lampe
  nicht selten Anwendung findet, ist durch Fig. 277 im Durchschnitt
  dargestellt. Der mittlere Theil der Abtheilung in der Lampe, in welcher
  das Pumpwerk liegt, bildet den Stiefel, in dem sich der horizontal
  liegende Kolben _m_ hin- und herbewegt; der obere Raum _n_ steht mit
  dem Steigrohr in Verbindung, der untere Raum, in dessen Mitte eine
  Scheidewand sich befindet, vermittelst zweier Ventile _a b c_ aus
  Taffet oder Goldschlgerhaut mit dem Oelreservoir. Bewegt sich der
  Kolben _m_ nach _d c_ hin, so tritt Oel aus dem Reservoir durch _b_ ein
  und das zwischen _c a_ und _m_ befindliche Oel ist gezwungen, durch _c_
  in den oberen Raum und von dort aus in das Steigrohr zu treten; bei
  Bewegung des Kolbens nach _d b_ tritt das Oel durch _a_ ein und durch
  _d_ in das Steigrohr. Der obere Theil der Abtheilung dient zugleich als
  Windkessel, indem die darin zusammengepresste Luft ein gleichfrmiges
  Aufsteigen des Oeles in dem Steigrohre bewirkt. Das unter dem
  Oelreservoir befindliche Rderwerk setzt den Kolben in Bewegung. Die
  Einrichtung der Pumpe ist der Art, dass sie, wie oben erwhnt, weit
  mehr Oel heraufpumpt, als zur Speisung der Flamme erforderlich ist.
  Dieses ununterbrochene Ueberfliessen bezweckt einestheils, dass es dem
  Dochte nie an Oel fehle, anderntheils, dass sowol der Brenner als auch
  das aus ihm hervorragende Dochtende abgekhlt werde, sodass Verkohlung
  des Dochtes, welche die Capillarwirkung des Dochtes schwchen wrde,
  ausgeschlossen ist. Das berfliessende Oel gelangt in den offenen
  Behlter zurck, um spter wieder aufgepumpt zu werden. Das Rderwerk
  im Fusse der Lampe ist so beschaffen, dass es 12-15 Stunden
  ununterbrochen fortgeht; in den ersten 7-8 Stunden, in der Regel die
  lngste Brennzeit an einem Abende, ist der Gang und mithin das
  Aufsteigen des Oeles im Steigrohr ziemlich gleichfrmig. -- Noch sei
  bemerkt, dass unten an einer Seite des Lampenfusses ein kleiner, nach
  aussen gehender Riegel angebracht ist, welcher, wenn er vorgeschoben
  wird, die zur Regulirung des Werks dienenden Windflgel auffngt und
  das Werk dadurch in Stillstand bringt.

[Sidenote: Federlampe.]

[Illustration: Fig. 278.]

[Illustration: Fig. 279.]

[Illustration: Fig. 280.]

  2) Die =Federlampe= (Moderateur-, Regulateur-Lampe, Kolbenlampe,
  Neocarcellampe). Seit der Erfindung der Federlampe durch =Franchot= im
  Jahre 1837, die sich durch grssere Einfachheit und Wohlfeilheit und
  dadurch auszeichnet, dass sie selten in Unordnung kommt, sind die
  Uhrlampen fast ganz in den Hintergrund gedrngt worden. Das Wesentliche
  der Federlampe ist, dass ein mit zweckmssiger Liederung versehener
  grosser Kolben sich auf die Oberflche des Oeles in dem Oelbehlter
  legt, dieselbe mit Hlfe einer ber ihm angebrachten gespannten Feder
  drckt und somit das Oel durch ein enges Steigrohr in den Brenner
  treibt. Fig. 278 zeigt eine Federlampe und zwar im oberen Theile in der
  Vorderansicht, im unteren Theile im Durchschnitt. In die aus Metall
  angefertigte Umhllung ist im Fuss der Lampe das cylindrische
  Oelreservoir eingelthet. Dieses Reservoir dient zugleich als Stiefel
  fr den Kolben _A_, aus einer flachen Scheibe mit einem nach unten
  gebogenen Lederrand bestehend, welcher letztere zugleich als Liederung
  und als Ventil dient. Von dem Kolben erhebt sich die messingene
  Kolbenstange _B_, welche auf dem grssten Theile ihrer Lnge
  eingeschnittene Zhne hat, in welche die Zhne eines am Griffe _D_
  umzudrehenden Getriebes eingreifen. Auf diese Weise wird der Kolben
  nach aufwrts bewegt. Nach abwrts geht der Kolben durch den Druck der
  Spiralfeder, welche zwischen dem Kolben und dem oberen Ende der
  cylindrischen Lampensule steht und sich oben gegen _E_ sttzt; sie ist
  so beschaffen, dass sie den Kolben bis auf den Boden des Oelbehlters
  hinabtreiben kann, ohne sich vllig ausgedehnt zu haben. Im
  nichtgefllten Zustande ruht der Kolben auf dem Boden. Giesst man nun
  durch den am oberen Ende der Lampensule befindlichen Trichter Oel ein,
  so sammelt sich dasselbe ber dem Kolben _A_ an. Wird derselbe nun
  durch Umdrehen von _D_ nach aufwrts bewegt, so strebt die Erhebung des
  Kolbens zwischen ihm und dem Boden des Oelbehlters einen
  luftverdnnten Raum zu erzeugen; der ussere Atmosphrendruck drckt
  daher das Oel neben dem als Ventil dienenden Lederrand des Kolbens nach
  abwrts, bis nach und nach alles Oel unter den Kolben getreten ist.
  Sobald _D_ nicht mehr festgehalten wird, fngt die Feder, welche durch
  die Erhebung des Kolbens zusammengepresst wurde, sofort an, mittelst
  des Kolbens auf das Oel zu drcken. Der Lederkranz am Rande des Kolbens
  wird durch den Druck, den das Oel ausbt, dicht an die Wandung des
  Oelbehlters getrieben, so dass kein Oel entweichen kann. Der einzige
  Abflusskanal, welcher dem Oel gestattet ist, ist durch das Rohr _C_,
  welches oben mit dem Brenner communicirt. Die Feder ist genau adjustirt
  und ihre Ausdehnung ist gleich dem Volumen des verbrennenden Oeles,
  daher immer ein gleiches Niveau erhalten bleibt. Hat nach mehrstndigem
  Brennen der Kolben den Boden des Oelcylinders erreicht, so hrt die
  Oelbewegung auf; man muss deshalb schon ehe dieser Zeitpunkt eintritt
  die Lampe aufziehen, d. h. durch Umdrehung des Griffes _D_ die
  Zahnstange _B_ und mit ihr den Kolben heben, wodurch die Feder
  zusammengepresst, also gespannt wird. Wre dem Oel das Aufsteigen in
  dem Steigrohre _C_ ohne alle Hindernisse gestattet, so wrde die Lampe
  nicht nur schnell erschpft und das Wiederaufziehen in sehr kurzen
  Zeitrumen nthig werden, ja es knnte sogar der Fall sein, dass das
  Oel aus dem Brenner, statt unmerklich berzufliessen, hastig
  hervorsprudelte. Um dies zu verhindern, ist an der Federlampe eine
  einfache Vorrichtung angebracht, durch welche die Geschwindigkeit des
  nach dem Brenner strmenden Oeles =moderirt= werden kann. Diese
  Vorrichtung, =Moderateur= genannt, besteht (Fig. 278 und 279) aus einer
  in der Mitte des Steigrohres _C_ hngenden, nach unten sich etwas
  verjngenden Nadel _G_, die oben rechtwinkelig gebogen und an das
  innere Dochtrohr angelthet ist. Der untere verschiebbare engere Theil
  des Rohres _C_ steht nur beim hchsten Stande des Kolbens so, dass _G_
  auch in _C_ steckt; beim Abwrtsgehen des Kolbens zieht _C_ sich
  zurck, so dass _G_ nicht mehr hineinreicht. Beim hchsten Kolbenstande
  bt die Feder auf den Kolben den grssten Druck aus, daher wird das
  Abwrtsgehen des Kolbens und das Aufwrtsstrmen des Oeles zum Brenner
  anfangs schneller erfolgen, als spter, wenn die Feder einen Theil
  ihrer Spannung verloren hat. Um nun diese Schwankungen in der Wirkung
  der Feder aufzuheben, wird im Anfang des Niederganges des Kolbens durch
  die Nadel _G_ das Steigrohr verengert. Um den Zeitpunkt zu erfahren, wo
  die Lampe aufzuziehen ist, hat man vor einigen Jahren angefangen, durch
  den abwrts gehenden Stempel ein Zeigerwerk in Bewegung zu setzen,
  welches gestattet, in jedem Augenblick zu sehen, wie tief der Kolben
  bereits herabgegangen ist. Ferner fertigt man gegenwrtig
  Moderateurlampen, bei welchen, sobald der Stempel nahe an seiner
  tiefsten Stelle angelangt ist, eine Glocke anschlgt, welche, an der
  Lampe angebracht, zur Decoration derselben dient. Das Anschlagen der
  Glocke ermahnt die Anwesenden, die Lampe aufzuziehen.

[Sidenote: Die Solarl- und Petroleumlampen.]

3) Die =Solarl-= und =Petroleumlampen=. Die Mineralle, die unter den
Namen =Solarl=, =Pyrogen=, =Photogen=, raffinirtes =Petroleum=,
=Petrosolarl=, =Kerasin=, =Pitt-Oel= u. s. w. seit etwa fnfzehn Jahren
das Rbl fast ganz in den Hintergrund gedrngt haben, werden nur in
Sauglampen verbrannt, bei denen entweder das Reservoir fr das
Leuchtmaterial unterhalb des Dochtes oder hnlich den Sturzlampen
seitlich davon sich befindet. Mechanische Lampen, namentlich die
Moderateurlampe, sind auf Solarl und Petroleum nicht zu brauchen, weil
beide Oele der Fettigkeit bar sind und deshalb nicht die Elasticitt und
Weichheit des Leders am Kolben, welches zugleich als Liederung und als
Ventil dient, zu erhalten vermgen. Bei der Sauglampe wirkt die
dnnflssige Beschaffenheit der Mineralle in Folge des dadurch
erleichterten Aufsteigens in den Capillarrhren des Dochtes vortheilhaft
ein; durch das Sinken des Niveau's im Behlter wird keine merkliche
Abnahme der Intensitt der Flamme verursacht. Bei dem grossen
Kohlenstoffgehalt der neuen Leuchtstoffe ist zum rauch- und russfreien
Verbrennen eine krftige Zufuhr von atmosphrischer Luft erforderlich;
diese wird vermittelt durch ein geeignetes Zugglas, ferner dadurch, dass
der Docht nur usserst wenig aus dem Brenner hervorragt, und endlich (bei
gewissen Arten von Solarllampen) durch Aufsetzen einer gewlbten
Messingkapsel, welche in der Mitte mit einer Oeffnung versehen ist, etwas
lnger und breiter als die Mndung des Dochtrohres (mit flachem Dochte);
unter der Wlbung findet eine Vermengung der Luft mit den brennenden
Dmpfen des Mineralles statt, worin das Mittel zur strkeren Luftzufuhr
und Verhinderung des Russens liegt. Zum Verstndniss der Construction der
Solar- und Petroleumlampen ist das Eine nicht zu vergessen, dass alle
diese Lampen in Folge des verhltnissmssig niedrigen Siedepunktes der
genannten Leuchtmaterialien =Dampflampen= sind, d. h. es verbrennen in
denselben die Dmpfe, die sich in der Nhe des Brenners aus der
Flssigkeit, ohne dass dieses eine Zersetzung erleidet, bilden, whrend
bei den Oellampen Zersetzungsprodukte in der Flamme zur Verbrennung
kommen, die erst bei weit hherer Temperatur sich bilden, als die Dmpfe
aus dem Solarl und Petroleum. Man hat daher, um selbst die Mglichkeit
der Explosion zu entfernen, bei allen diesen Lampen Vorkehrungen zu
treffen, dass die Flssigkeiten in dem Reservoir sich nicht erwrmen.
Namentlich sucht man den die Flamme speisenden Luftstrom zur Abkhlung
des Brenners heranzuziehen.

[Illustration: Fig. 281.]

  Von den vielen Constructionen von Petroleum- und Solarllampen sei eine
  der bewhrtesten und zwar die von =Ditmar= (in Wien) speciell
  beschrieben. Dieselbe besteht (Fig. 281) aus einem metallenen
  Oelbehlter _b_, der ringfrmig die Dochtrhre umgiebt und mit dieser
  nur durch eine horizontale Rhre in Verbindung steht, um das Oel dem
  Docht zuzufhren. _a_ ist eine mit einer durchbohrten Schraube
  verschlossene Oeffnung zum Einfllen des Oeles in den Behlter _b_. Die
  Lampen haben einen runden Docht und doppelten Luftzug, sie sind ferner
  mit eingezogenem Glascylinder _c_ versehen, dessen Trger _f_
  verschiebbar ist, um jenem eine passende Stellung zu geben, weil
  dadurch die Wirkung der Flamme theilweise bedingt ist. Die Einbiegung
  des Glases soll ungefhr 3 Linien ber dem Dochtende stehen, wie dies
  die Linien _d_ und _e_ andeuten, so dass der grssere Theil der
  leuchtenden Flamme, die im Ganzen ungefhr 6-8 Centim. hoch brennen
  soll, sich ber der Einbiegung des Glases befindet. Steht das Glas zu
  hoch, so brennt das Oel roth; steht es zu tief, so wird die Flamme
  klein und unansehnlich. Der Oelbehlter erwrmt sich whrend der ganzen
  Brennzeit nicht, weil er bei seiner ringfrmigen Gestalt eine grosse
  Oberflche hat, die in Folge der starken Luftstrmung, welche durch das
  Brennen selbst bedingt ist, fortwhrend mit kalter Luft in Berhrung
  steht. Eine bedeutendere Dampfbildung ist deshalb bei diesen Lampen
  nicht zu befrchten. Die =Ligron-= oder =Schwammlampe= wurde bereits
  Seite 717 erwhnt.


                      III. Die Beleuchtung mit Gas.

[Sidenote: Allgemeines und Geschichtliches.]

Die Beobachtung, dass aus fossiler Kohle ein brennbares Gas erhalten
werde, ist schon mehrere Jahrhundert alt, wusste man ja schon seit den
ltesten Zeiten, dass in dem grossen Haushalte der Natur in den Stein-
und Braunkohlenfltzen und auch aus Steinsalzlagern brennbare Gase in
grosser Menge sich bilden, welche als Gasquelle an die Oberflche der
Erde gelangen.

  Der Boden mancher Gegenden enthlt dieses Gas in solcher Quantitt,
  dass es ausreicht, ein Rohr in den Boden zu stossen, um sogleich das
  Ausstrmen eines Gasstromes zu bewirken, der zur Beleuchtung benutzt
  werden kann. In der Nhe von Fredonia im Staate New-York liefert die
  Natur eine vollstndige Beleuchtungsanstalt, wie wir sie in den Stdten
  nur mit grossem Aufwande knstlich schaffen. Beim Abbrechen einer
  Mhle, deren Mauerwerk theilweise in den kleinen Fluss Canadaway
  reichte, nahm man aus dem Wasser aufsteigende Blasen von
  Kohlenwasserstoffgas wahr. Als man nun Bohrvorsuche anstellte und in
  gewisser Tiefe eine Lage bituminsen Kalkes getroffen hatte, brach
  durch die Oeffnung das Gas hervor, das gesammelt wird und, in Rhren
  nach allen Theilen des Ortes geleitet, zur Beleuchtung dient. Man
  erhlt alle zwlf Stunden gegen 800 Kubikfuss Kohlenwasserstoffgas,
  welches nach den Untersuchungen von =Fouqu= ein Gemenge ist von
  Grubengas (CH_{4}) mit Aethylhydrr (C_{2}H_{6}). Im Marmaroscher
  Comitate, in der Szlatinaer Steinsalzgrube entwickelt sich, ungefhr 90
  Meter unter Tag, Leuchtgas aus Spalten einer Schicht thonigen Mergels,
  die zwischen Steinsalzbnken eingeschlossen ist. Diese Erscheinung war
  schon im Jahre 1770 bekannt. Wie in Fredonia das von der Natur
  gelieferte Gas zur Beleuchtung des Ortes dient, so benutzt man dasselbe
  in Szlatina, um die tiefsten Grubenrume zu beleuchten. Das Stassfurter
  Steinsalzlager liefert gleichfalls, obwohl in unerheblicher Menge,
  brennbare Gasarten. Der Missionr =Imbert= berichtet aus der Provinz
  Szu Tchhouan in China, wo man zahllose Bohrlcher nach Steinsalz von
  1500 bis zu 1600 Fuss Tiefe niedergestossen hat, dass viele dieser
  Bohrlcher Ausstrmungen von Leuchtgas zeigen, die zum Theil mit
  heftigem Getse verbunden sind. Bambusrhren leiten das Gas in jede
  beliebige Entfernung. Man benutzt es zur Beleuchtung von Strassen und
  grossen Hallen, sowie als Brennmaterial in den Salinen. Den
  grossartigsten, hierher gehrenden Erscheinungen ist das Feuerfeld
  bei Baku, auf der Halbinsel Apscheron an der Westkste des Caspissees
  beizuzhlen, wo an mehreren Punkten perennirende Ausstrmungen von
  Kohlenwasserstoffgas stattfinden. Das Gas steigt am hufigsten aus
  einem drren, steinigen Boden auf, wo ehemals ein Tempel stand. Der
  Tradition nach soll das Gas schon mehrere Tausend Jahre gebrannt haben.
  Aehnliche Feuer findet man in Kurdistan bei Arbela in Mesopotamien, zu
  Chitta-Gong in Bengalen und anderen Orten des asiatischen Continents.

  Was das knstlich dargestellte Gas aus Steinkohlen anbelangt, so
  beobachteten schon in den Jahren 1727-1739 die Englnder =Clayton= und
  =Hales= das Entweichen desselben beim Erhitzen von Steinkohlen; spter
  (1767) zeigte der Bischof =Landlaff=, dass sich die brennbare Luft
  durch Rhren berall hinleiten lasse; es benutzte sogar der Professor
  der Chemie =Pickel= in Wrzburg, schon 1786, aus Knochen erzeugtes Gas
  zur Beleuchtung seines Laboratoriums. Ungefhr um die nmliche Zeit
  stellte der Earl von =Dundonald= auf seinem Landsitze Culross-Abtei
  Versuche zur Anwendung des Steinkohlengases an. Ursprnglich handelte
  es sich um die Gewinnung von Steinkohlentheer als Nebenprodukt der
  Koksbereitung. Die Arbeiter hatten in die Khlvorlage, in welcher sich
  der Theer absetzt, eiserne Rhren eingekittet und pflegten das aus
  diesen Rhren entweichende Gas des Nachts anzuznden und die Flamme des
  Gases zur Beleuchtung zu benutzen. Der Lord selbst verbrannte das Gas
  in der Abtei als Gegenstand der Curiositt. Alle diese Versuche waren
  nur vereinzelt dastehende Vorlufer der englischen Erfindung der
  Leuchtgasfabrikation, welche man dem Englnder =William Murdoch=
  verdankt. Der Anfang der eigentlichen Gasbeleuchtung datirt sich vom
  Jahre 1792, wo =Murdoch= sein Haus und seine Werksttte zu Redruth in
  Cornwall mit _aus Steinkohlen_ erhaltenem Gase erleuchtete. Sein
  Verfahren wurde aber erst etwa zehn Jahre spter bekannt, weshalb denn
  die Franzosen ihrem Landsmann =Lebon=, der 1801 mit einem aus Holz
  gewonnenen Gase seine Wohnung nebst Garten erleuchtete, diese
  Erfindung zuschreiben. Die erste Gasbeleuchtung im Grossen wurde 1802
  von =Murdoch= in der Maschinenfabrik von =Watt & Bolton= in Sohofoundry
  bei Birmingham und 1804 in einer bedeutenden Spinnerei zu Manchester
  ausgefhrt. Von nun an fand die Gasbeleuchtung immer weitere und
  grossartigere Anwendung und ist in London unter allen Stdten am
  umfassendsten geworden. Lange Zeit wurde die neue Beleuchtungsart
  ausschliesslich auf Fabriken und hnliche Etablissements angewendet,
  ehe sie in dem eigentlichen brgerlichen Leben Eingang fand. Dies war
  der Fall im Jahre 1812, in welchem Londons Strassen mit Gas beleuchtet
  wurden. Im Jahre 1820 wurde in Paris die Gasbeleuchtung eingefhrt.
  Nach dem Vorgange der beiden Metropolen machte die Verbreitung der
  Gasbeleuchtung in Stdten rasche Fortschritte und in wenigen Jahren
  wird sie ihren Lauf um die civilisirte Welt vollendet haben, da die
  Verbesserungen in der Fabrikation, namentlich die von =v. Pettenkofer=
  eingefhrte Leuchtgasfabrikation aus Holz und Torf, ferner die mit
  Erfolg gekrnten Bestrebungen =H. Hirzel='s, die Petroleumrckstnde
  zur Leuchtgasbereitung zu verwenden, den Preis des Gases
  ausserordentlich ermssigt haben und die Einfhrung dieser
  Beleuchtungsart selbst in kleineren Stdten gestatten. Es ist sogar mit
  Sicherheit zu erwarten, dass in nicht ferner Zeit das Gas wie jetzt als
  Leuchtmaterial, so als Heizmaterial den Wohnungen zugefhrt werden
  wird. Von der Einfhrung des Wassergases ist in dieser Richtung noch
  sehr viel zu hoffen.

  Das Princip der Gasbeleuchtung ist, wie schon im Eingange gesagt worden
  ist, ganz dasselbe wie das der brigen Beleuchtungsmethoden, da es,
  wissenschaftlich gesprochen, keine andere Beleuchtung als
  Gasbeleuchtung giebt. Wenn man in Erwgung zieht, dass in dem
  brennenden Dochte das Leuchtgas aus dem Leuchtmaterial erzeugt und fast
  in demselben Augenblicke verbrannt wird, so ist es einleuchtend, dass
  die Beleuchtung mit Oel (Rbl, Solarl und Petroleum), Wachs, Paraffin
  oder Stearinsure sich von der Gasbeleuchtung nur durch den Ort der
  Gaserzeugung und durch die Zeit der Verbrennung unterscheidet. In
  dieser Beziehung knnte man die Gasbeleuchtung einen Rckschritt und
  folgende Bemerkung eines bekannten Chemikers eine sehr treffende
  nennen. Wre die Gasbeleuchtung die ursprngliche, oder htte man
  spter die Kerze oder die Lampe erfunden, in welcher die complicirten
  Operationen der Gasfabriken gewissermaassen zu einem Mikrokosmos
  selbstthtig und selbstregulirend verschmolzen sind, so wrde man diese
  Erfindung sicher zu den grssten unseres Jahrhunderts rechnen und als
  einen Triumph der Intelligenz preisen. Wollte man Leuchtgas aus Oel
  oder aus Wachs oder aus Stearinsure und Paraffin darstellen, so wre
  der citirte Ausspruch gerechtfertigt, so aber wendet man Materialien
  wie Steinkohle, Holz, Torf, Fabrikrckstnde u. s. w., berhaupt
  Substanzen zur Gaserzeugung an, die fr sich nie als Leuchtmaterialien
  benutzt werden knnen. Ausserdem ist wohl zu bercksichtigen, dass bei
  dem gegenwrtigen Stand der Dinge die Steinkohlengasanstalten, sowie
  die Holzgasfabriken auch Verkokungsanstalten sind, welche durch den
  Verkauf von Koks und Kohle und die Verarbeitung der Nebenprodukte
  (Theer, Ammoniakwasser, Schwefel der Laming'schen Masse) hufig einen
  erklecklichen Nebengewinn beziehen.

[Sidenote: Rohmaterialien der Gasbeleuchtung.]

Die =Rohmaterialien zur Gaserzeugung= sind Steinkohlen, Holz, Harz, Fett,
Oel, Petroleum und Wasser. Das aus diesen Materialien erzeugte Gas wird
je nach der Substanz, die zu seiner Darstellung diente, =Steinkohlengas=,
=Holzgas=, =Harzgas=, =Oelgas=, =Petroleumgas=, =Wassergas= genannt.

[Sidenote: Steinkohlengas.]

I. =Steinkohlengas=[178]. Die Steinkohlen bestehen aus Kohlenstoff,
Wasserstoff, Sauerstoff, kleinen Mengen von Stickstoff,
Aschebestandtheilen und grsseren oder geringeren Mengen Schwefelkies. In
technischer Beziehung unterscheidet man =Backkohlen=, die sich beim
Erhitzen erweichen und aufblhen, =Sandkohlen=, die beim Erhitzen nur
eine Volumenverminderung zeigen, und endlich =Sinterkohlen=, welche beim
Erhitzen zusammensintern und zusammenfallen. Die Backkohlen zeichnen sich
durch grossen Wasserstoffgehalt aus und sind deshalb die zur
Leuchtgasfabrikation geeignetsten Kohlen. Nach =H. Fleck= enthalten die
besten derartigen Kohlen auf 100 Th. Kohlenstoff 2 Th. gebundenen und 4
Th. disponiblen Wasserstoff. Unter denjenigen Backkohlen, die man
schlechtweg =Gaskohlen= nennt, zeichnet sich wieder die Cannelkohle aus,
die nur in einigen Gegenden des britischen Reiches, so z. B. in
Lancashire im Norden Englands und auch in Schottland in der Nhe von
Glasgow gefunden wird. Der Name rhrt von der hellen Flamme her, mit
welcher sie brennt. Aermere Volksklassen verrichten beim Scheine
derselben ihre huslichen Geschfte; nun heisst _Candle_ eine Kerze, also
Kerzenkohle. Der Cannelkohle stehen die Kohlen von Newcastle und die
=Bogheadkohle= und die bhmische Blattelkohle, von der weiter unten die
Rede sein wird, sehr nahe. In Frankreich und Belgien wendet man die Kohle
von Mons und Commentry, in Deutschland schsische, schlesische, englische
und rheinische oder westphlische Kohlen an. Die zur Gasfabrikation sich
eignenden Kohlen drfen nur wenig Schwefel enthalten und nach dem
Verbrennen nur sehr geringe Mengen Asche hinterlassen.

  [178] 1 Kubikmeter = 35,31 engl. Kubikfuss
                       40,22 bayer.    "
                       32,34 rhein.    "
                       31,65 Wiener    "
        1000 Kubikfuss englisch = 28,31 Kubikmeter
                     = 1138 bayer. Kubikfuss
                        915 rhein.     "
                        896 Wiener     "

  1 Zollcentner deutsche Steinkohlen giebt im Durchschnitt 14 Kubikmeter
  oder 500 englische Kubikfuss Gas und 35 Kilogr. oder 150
  Volumenprocente Koks. Die englischen Kohlen, namentlich die Kohlen von
  Newcastle geben durchschnittlich 550 Kubikfuss, die Bogheadkohle giebt
  824 Kubikfuss Gas.

  Die Zersetzung der Gaskohle lsst sich durch folgendes Schema
  veranschaulichen: 100 Th. Steinkohle bestehend aus

    Kohlenstoff             78,0 }       {
    Wasserstoff              4,0 }       {
    Stickstoff               1,5 }       { Koks             70-75
    Schwefel                 0,8 } geben { Leuchtgas      }
    chem. gebundenem Wasser  5,7 }       { Theer          } 30-25
    hygroskop. Wasser        5,0 }       { Ammoniakwasser }
    Asche                    5,0 }       {                 ------
                           -----         {                  100,0
                           100,0

[Sidenote: Produkte der Kohlendestillation.]

  Die Bestandtheile der =vier= Produkte der Kohlendestillation sind
  folgende:

                 { Kohlenstoff                   90-95
  I. =Koks.=     { Schwefeleisen (Fe_{7}S_{8}) }
                 { Erdige Bestandtheile        } 10- 5
                                                 -----
                                                  100

                 {                  {Kohlensaur. Ammon
                 {                  {        2(NH_{4})_{2}CO_{3} + CO_{2}
  II. =Ammoniak- {Hauptbestandtheile{Schwefelammon     (NH_{4})_{2}S
       wasser.=  {Accessorische     {Chlorammon        NH_{4}Cl
                 {  Bestandtheile   {Cyanammon         NH_{4}CN
                 {                  {Schwefelcyanammon NH_{4}CNS

                 {       {        {Benzol          C_{6}H_{6}
                 {       {        {Toluol          C_{7}H_{8}
                 {       {        {Xylol           C_{8}H_{10}
                 {       {flssige{Cumol           C_{9}H_{12}
                 {       {        {Cymol           C_{10}H_{14}
                 {       {        {Propyl          C_{3}H_{7}
                 {Kohlen-{        {Butyl           C_{4}H_{9} u. s. w.
                 {wasser {
                 {stoffe {        {Naphtalin       C_{10}H_{8}
                 {       {        {Acetylnaphtalin C_{12}H_{10}
                 {       {        {Fluoren         (?)
                 {       { feste  {Anthracen       C_{14}H_{10}[179]
                 {       {        {Methylanthracen C_{15}H_{12}
                 {       {        {Reten           C_{16}H_{12}
                 {       {        {Chrysen         C_{18}H_{12}
                 {       {        {Pyren           C_{16}H_{10}
  III. =Theer.=  {
                 {      {Carbolsure            C_{6}H_{6}O
                 {      {Kresylsure (Cresol)   C_{7}H_{8}O
                 {      {Phlorylsure (Phlorol) C_{8}H_{10}O
                 {Suren{Rosolsure             C_{20}H_{16}O_{3}
                 {      {Oxyphensure           C_{6}H_{6}O_{2}
                 {      {Kreosot, bestehend    {C_{7}H_{8}O_{2}  }
                 {      {aus den drei          {C_{8}H_{10}O_{2} }
                 {      {homologen Krpern     {C_{9}H_{12}O_{2} }
                 {                          Verbindungen der Oxyphensure
                 {                          und  damit homologer Suren
                 {                          mit Methyl.
                 {      {Pyridin  C_{8}H_{5}N  Iridolin  C_{10}H_{9}N
                 {      {Anilin   C_{6}H_{7}N  Cryptidin C_{11}H_{11}N
                 {Basen {Picolin  C_{6}H_{8}N  Acridin   C_{12}H_{9}N
                 {      {Lutidin  C_{7}H_{9}N  Coridin C_{10}H_{15}N
                 {      {Collidin C_{8}H_{11}N Rubidin C_{11}H_{17}N
                 {      {Leukolin  C_{9}H_{7}N Viridin C_{12}H_{19}N

                                                  {Anthracen
                   Asphalt bildende Bestandtheile {Brandharze
                                                  {Kohle

                 {               {      {Acetylen        C_{2}H_{2}
                 {               {Gase  {Elayl           C_{2}H_{4}
                 {               {      {Trityl          C_{3}H_{6}
                 {               {      {Ditetryl        C_{4}H_{8}
                 {               {
                 {[Greek: a])    {      {Benzol          C_{6}H_{6}
                 {Leuchtende     {      {Styrolen        C_{8}H_{8}
                 {Bestandtheile  {      {Naphtalin       C_{10}H_{8}
                 {oder Lichtgeber{Dmpfe{Acetylnaphtalin C_{12}H_{10}
                 {               {      {Fluoren           ?
                 {               {      {Propyl          C_{3}H_{7}
                 {               {      {Butyl           C_{4}H_{9}
  IV. =Leucht-   {
       gas.=     {[Greek: b])
                 {Verdnnende    {Wasserstoff        H_{2}
                 {Bestandtheile  {Methylwasserstoff  CH_{4}
                 {oder           {Kohlenoxyd         CO
                 {Lichttrger
                 {
                 {               {Kohlensure                      CO_{2}
                 {               {Ammoniak                         NH_{3}
                 {[Greek: g])    {Cyan                             CN
                 {Verunreinigende{Schwefelcyan                     CNS
                 {Bestandtheile  {Schwefelwasserstoff              SH_{2}
                 {               {Geschwefelte Kohlenwasserstoffe,
                 {               {ferner auch Schwefelkohlenstoff  S_{2}C
                 {               {Stickstoff                       N

  [179] Das Anthracen hat insofern eine ungeahnte Wichtigkeit erlangt,
        als es =Graebe= und =Liebermann= (1869) gelungen ist, aus dem
        Anthracen Alizarin darzustellen. (Vergl. Seite 667).

[Sidenote: Die Bereitung des Kohlengases.]

Die =Bereitung des Leuchtgases aus Kohlen= (ebenso wie die aus anderen
Materialien wie Holz, Harz, Oel u. dergl.) geschieht in drei auf einander
folgenden Operationen, diese sind a) die Darstellung des rohen
Leuchtgases durch Destillation der Steinkohlen in Retorten; b) die
Verdichtung des grssten Theiles der flssigen Destillationsprodukte in
besonderen Condensationsapparaten; c) die Reinigung der gasigen Produkte
von allen die Leuchtkraft und andere Eigenschaften des Gases
beeintrchtigenden Bestandtheilen.

[Sidenote: Retorten.]

a) Die =Darstellung des rohen Leuchtgases=. Die Darstellung des rohen
Leuchtgases geschieht durch trockene Destillation der Steinkohlen, hierzu
gehrt Glhhitze einerseits und andererseits mglichster Abschluss der
Luft. Die Erfllung dieser beiden Bedingungen, an welche der Vorgang bei
der trockenen Destillation ganz besonders geknpft ist, fhrte zur
Construction derjenigen Apparate, in welchen man die Destillation der
Kohle ausfhrt. Diese Destillationsapparate, deren sich die Gastechnik
zur Gasbereitung bedient, heissen =Retorten=. Die ersten
Leuchtgasretorten waren Cylinder von =Gusseisen=. Der Umstand aber, dass
sich die eisernen Retorten zu leicht abnutzten, auch kostspielig in der
Anschaffung waren, gab die Veranlassung der Einfhrung der =thnernen=
Retorten, die man (wie die Charmotte-Gasretorten) mit oder ohne
Porcellanglasur darstellt. Was die =Dimensionen= derselben betrifft, so
verwendet man meist solche, welche ungefhr 100 Kilogr. Kohlen zu fassen
vermgen und von diesem Quantum etwa zur Hlfte bis zu 0,6 des inneren
Raumes angefllt werden. Derartige Retorten haben in der Regel 54
Centimeter Durchmesser der grossen, 43 bis 45 Centimeter Durchmesser der
kleinen Axe und eine Lnge von 2,5-3 Meter. An dem Ende ist die Retorte
meist durch eine feste, senkrecht auf die Lnge stehende Wand, seltener
gewlbeartig geschlossen.

  In London bedient man sich neuerdings zur Destillation der Kohlen
  eigenthmlicher Retorten, die weder von Eisen sind, noch von Thon, auch
  nicht aus einem Stck, sondern aus einzelnen nach dem Modell der
  Retorten geformten Steinen oder Plattenstcken aus einem feuerfesten
  Material, den =Dinasteinen= (vergl. S. 375) aufgemauert sind. Diese
  Steine bestehen aus einem feuerfesten Sand (fast reinem Quarzsand)
  welchen man nach dem Zerkleinern und Anfeuchten mit 1 Proc. Kalk mengt,
  zu Platten presst, trocknet und brennt. Als Mrtel beim Aufbauen der
  Retorten aus Dinasteinen benutzt man einen eisenhaltigen, im
  Gasofenfeuer etwas erweichenden oder sinternden Thon. Genannte Retorten
  sind bedeutend wohlfeiler als die Retorten aus einem Stck und sollen
  nach der Erfahrung der Ingenieure der _Chartered-Gas-Company_ bis zu
  fnf Jahren stehen. Ausser den Retorten von Gusseisen, Dinasteinen und
  Thon hat man auch deren aus =genietetem Eisenblech=; sie sind von der
  Form flacher breiter Backfen, werden meist einzeln in eine Feuerung
  gelegt, auf der unteren Seite hufig aus einer gusseisernen Platte
  bestehend und mit Backsteinen armirt.

[Sidenote: Der Verschluss der Retorte.]

Der Deckel, welcher zum Verschluss des offenen Retortenendes dient, wird
nicht an die Retorte, sondern an ein Mundstck oder einen Kopf aus
Gusseisen befestigt, der mit der Retorte durch Flantschen und Schrauben
verbunden ist. Auch bei den thnernen Retorten ist das Mundstck von
Gusseisen. Die Wand der Thonretorte ist am Rande verstrkt und in diesem
Theile sind in die Thonmasse 6 oder 8 eiserne Bolzen eingesenkt, deren
aus dem Thon hervorragende Theile Schraubenspindeln vorstellen. Letztere
werden durch Oeffnungen in den Flantschen des eisernen Kopfes
hindurchgesteckt und auf der anderen Seite durch Schraubenmuttern
angezogen. Zum Dichten der Fugen zwischen Retorte und Kopf dient eine
Mischung aus Eisenfeile und Gyps, welche mit Salmiaklsung zu einem Brei
angerhrt wird. Auf dem oberen Theile des Mundstckes ist ein Stck
Gasrohr mit der dazu gehrigen Flantsche aufgegossen, auf welchen das
Rohr zur Leitung des Gases in die Vorlage aufgesetzt wird. Da das
Mundstck ausserhalb der Feuerung sich befindet, mithin eine weit
grssere Dauer hat als die im Feuer liegende Retorte, so wird es beim
Auswechseln der Retorte immer wieder gebraucht, daher die Retorten immer
nach dem nmlichen Modell gegossen werden mssen.

[Illustration: Fig. 282.]

[Illustration: Fig. 283.]

[Illustration: Fig. 284.]

[Illustration: Fig. 285.]

[Illustration: Fig. 286.]

[Illustration: Fig. 287.]

  Fig. 282 zeigt das Mundstck einer D frmigen Gasretorte in der
  Vorderansicht, Fig. 283 im Durchschnitt. _B_ ist die Oeffnung, durch
  welche die Retorte beschickt und entleert wird; sie wird mit dem Deckel
  _n_ mit Hlfe von Riegeln verschlossen, zu deren Aufnahme angegossene
  Oehren _s s_ vorhanden sind. _o o_ ist die Flantsche mit vier
  Schraubenmuttern, _D_ das angegossene Stck Rohr. Der =Deckel= aus
  Gusseisen hat die Form des Querschnittes der Retorte (Fig. 284 und
  285). Auf der inneren Seite befindet sich lngs dem Rande eine
  Verstrkung, welche in die Oeffnung _B_ des Mundstckes passt, auf der
  Aussenseite ist der Deckel mit einer kreuzfrmigen Verstrkung
  versehen. Die gasdichte Befestigung des Deckels, nachdem die Retorte
  mit Kohlen beschickt worden ist, geschieht auf zweierlei Art. Nach der
  ersten Methode, durch Fig. 286 in der Seitenansicht veranschaulicht,
  werden durch die am Mundstck seitlich angegossenen Rhren _m m_
  schmiedeeiserne Schienen eingeschoben und hinten durch Splinte oder
  Keile festgehalten. Die beiden Schienen haben vorn correspondirende
  Oehren, durch welche die Querschiene _p_ gesteckt wird, welche letztere
  in der Mitte eine Schraubenmutter hat, durch welche die mit der
  Handhabe _a_ versehene Schraubenspindel geht; durch Anziehen der
  Schraube presst man den Deckel _n n_ gegen das Mundstck an. Vor dem
  Auflegen des Deckels wird dessen Rand, sowie der Rand des Mundstcks
  mit einem Kitt berstrichen, der aus Lehm und Sand oder aus gebrauchtem
  Reinigungskalk oder dergleichen besteht. Die andere Art der Befestigung
  des Deckels auf der Retorte ist in Fig. 287 in der Seitenansicht
  dargestellt. Die durch die Oehren _m m_ des Mundstckes gesteckten
  eisernen Schienen bilden am vorderen Ende gekrmmte Haken, welche eine
  Querschiene _a_ aufzunehmen bestimmt sind. Letztere trgt in der Mitte
  und rechtwinkelig zu ihr eine zweite Eisenstange _H_, die an ihrem Ende
  mit einer Kugel belastet ist, am anderen aber Kniegestalt hat und mit
  dem krzeren abgerundeten und gebogenen Hebelarme nach dem Principe des
  Kniehebels, indem der lange Arm die Kugel nach abwrts zieht, den
  Deckel _n_ festdrckt.

[Sidenote: Retortenofen.]

=Retortenofen.= Die mit dem Mundstck oder dem Retortenkopf versehenen
(armirten) Retorten werden horizontal in den =Retortenofen= (Gasofen)
(Fig. 288) in der Art eingemauert, dass der Hals der Retorten frei
bleibt. Die Anzahl der Retorten in einem Ofen betrgt in grsseren
Gasfabriken 5-7, doch giebt es auch Oefen mit 12 und 13 Retorten.

[Sidenote: Chargiren der Retorten und Destillation der Kohlen.]

Das =Chargiren= (oder Laden) der =Retorten= geschieht meist mittelst
einer muldenfrmigen Schaufel aus Eisenblech, welche die Lnge der zu
beschickenden Retorte hat und die Gesammtmenge Kohlen fasst, welche die
Retorte zu einer Charge braucht. Man fhrt die mit Kohlen gefllte
Schaufel einfach in die Retorte ein, wendet sie um und zieht sie leer
wieder heraus. Die Steinkohlen oder Bogheadkohlen bleiben in ziemlich
gleichmssiger Schicht auf dem Boden der Retorte liegen und fllen
dieselbe hchstens bis zur Hlfte an. Nach dem Schliessen der beschickten
Retorte findet sogleich lebhafte Entwickelung von Gas statt, welche nach
und nach schwcher und nach Ablauf von 4-5 Stunden so schwach wird, dass
man mit der Destillation aufhrt. Zu diesem Behufe ffnet man den
Retortendeckel und zndet zuvrderst die entweichenden Gase an, um einer
Explosion derselben vorzubeugen. Der in der Retorte befindliche
Rckstand, die =Koks= (bei Anwendung von Bogheadkohle die Schieferasche),
welche gewhnlich zu einer Masse zusammengebacken sind, werden mit Hlfe
einer eisernen hakenfrmigen Vorrichtung herausgezogen, entweder im
glhenden Zustande sofort zur Heizung verwendet, oder, wie es fast immer
der Fall ist, in eisernen Karren aufgesammelt, auf den Hof oder einen
besonderen Platz gefahren und durch Wasser abgelscht. Sofort nach dem
Entleeren wird die Retorte von neuem beschickt. Es werden nie alle
Retorten eines Ofens zu gleicher Zeit beschickt. Zum Heizen der Retorten
dienen in der Regel Koks. Man nimmt an, dass zum Heizen der dritte Theil
der in der Gasfabrik erzielten Koks verbraucht wird.

[Illustration: Fig. 288.]

[Sidenote: Die Vorlage.]

Ein jeder Gasofen ist mit einer =Vorlage= (Hydraulik, Trommel) versehen,
durch welche die =Aufsteigrhren= mit den Retorten in Verbindung stehen.
Sie ist in der Regel auf den vorderen Theil des Ofens gelegt. Die
Gasabzugsrhren haben einen Durchmesser von 12-18 Centimeter und steigen
senkrecht nahe der Retortenmndung auf. Die Vorlage selbst ist ein weites
horizontal liegendes Rohr (vergl. Fig. 288 _B_; in letzterer ist die
Vorlage im Durchschnitt, rechtwinklig zur Lngenaxe abgebildet) von
Gusseisen oder von genietetem Eisenblech und von 30-60 Centimeter
Durchmesser. Gewhnlich luft eine einzige Vorlage ber eine ganze
Ofenreihe und selten giebt man jedem einzelnen Gasofen seine eigene
Vorlage. Die Vorlage ist entweder cylindrisch oder von [D liegend] frmigem
Querschnitte.

[Illustration: Fig. 289.]

[Illustration: Fig. 290.]

  Der Zweck der Vorlage ist, aus smmtlichen Retorten des Gasofens die
  flchtigen Produkte der trockenen Destillation aufzunehmen und zu
  gleicher Zeit eine hydraulische Absperrung der einzelnen Retorten in
  der Art herbeizufhren, dass die in der Vorlage nicht condensirten
  Produkte zwar weiter nach den Verdichtungen und Reinigungsapparaten
  gehen, aber nicht rckwrts in die Retorte treten knnen. Die Art der
  Verbindung der Gasabzugsrhren mit der Vorlage ist gewhnlich der Art,
  dass Sattelrhren zur Anwendung kommen, wie in Fig. 289, wo _A_ das
  Aufsteigrohr, _B_ das Sattelrohr, _C_ das in die Vorlage hinabreichende
  Rohr, _D_ die Vorlage selbst darstellt, _m_ ist die Sperrflssigkeit.
  Eine andere Verbindungsweise der Vorlage mit dem Aufsteigrohr ist in
  Fig. 290 abgebildet. Wie aus den beiden Zeichnungen ersichtlich ist,
  tauchen die Rohre _C_ in die Vorlage ein, in welcher sich eine
  Flssigkeit befindet, welche, wie in der Woulff'schen Flasche, die
  untere Mndung dieser Rhren absperrt. Bei Beginn der Thtigkeit eines
  Gasofens mit Wasser in die Vorlage gebracht, ist es nach kurzer Zeit
  durch Theer und Theerwasser ersetzt. Damit sich aber die Vorlage nicht
  zu hoch damit flle, ist eine Theerabflussrhre der Art an der Vorlage
  angebracht, dass letztere stets bis ber die Hhe der Mndung des
  Gasrohres mit Theer und Theerwasser angefllt bleibe. Die abgeleiteten
  Flssigkeiten gehen nach der Theercisterne.

[Sidenote: Die Verdichtung der flssigen Destillationsprodukte.]

b) =Die Verdichtung der Produkte der Destillation.= Die flchtigen
Destillationsprodukte, welche in der Vorlage oder der Hydraulik nicht
verdichtet wurden und deshalb aus dem Abzugsrohre der Vorlage strmen,
bestehen aus einem Gemisch von Gas-, Wasser- und Theerdmpfen; in den
Wasserdmpfen sind Ammoniaksalze (Cyanammon, kohlensaures Ammon,
Schwefelammon u. s. w.) gelst. Das Gemisch gelangt nun zunchst in die
=Condensatoren=, in welchen sich die Theer- und Wasserdmpfe in
tropfbarflssigem Zustande absetzen sollen. Die Ueberfhrung in den
flssigen Zustand lsst sich auf verschiedene Art herbeifhren, so durch
Erniedrigung der Temperatur, wobei man das Gemisch bei abgekhlten
festen Krpern herbeifhrt oder das Gemenge durch kalte Flssigkeiten
leitet; es lsst sich aber auch die Verdichtung bewirken durch lngeres
Verweilen des Gemisches in einem von aussen abgekhlten Rhrensysteme.

[Illustration: Fig. 291.]

  Anfnglich wendete man die Abkhlung mit Wasser an, wobei man auf
  hnliche Weise verfuhr, wie bei der Verdichtung der Branntwein- und
  Spiritusdmpfe in den Khlapparaten der Brennereien. Die
  Luftcondensation, die spter an die Stelle der Verdichtung mit Hlfe
  von Wasser trat, verfuhr und verfhrt auf die Weise, dass man die
  Destillationsprodukte einen langen Weg durch ein Rhrensystem aus
  Gusseisen zurcklegen lsst, wobei die Produkte ihre Wrme in Folge der
  guten Leitung des Gusseisens an die Luft abgeben; die dem Gase
  beigemengten Wasser- und Theerdmpfe werden dadurch in Flssigkeiten
  bergefhrt. Der gegenwrtig bliche Condensator besteht, wie er Fig.
  291 im Vertikaldurchschnitte abgebildet ist (auch Fig. 288 zeigt in _D_
  einen hnlichen Verdichtungsapparat), aus einer Reihe vertikaler
  Rhren, welche oben durch Bogenrhren untereinander verbunden sind und
  unten auf dem viereckigen Kasten _P_ stehen. Letzterer, von Gusseisen,
  ist der Lnge und der Quere nach durch Zwischenwnde in Fcher
  getheilt. Jedes Fach trgt ein Zuleitungsrohr _m_ und ein
  Ableitungsrohr _n_. Zwischenwnde _r_, _r_, _r_ gehen nicht ganz bis
  auf den Boden hinunter, die zum Absperren dienende Flssigkeit, welche
  die einzelnen Abtheilungen abschliesst, kann somit durch den ganzen
  Kasten frei sich bewegen. In diesem Kasten sammelt sich das Gaswasser
  und der Theer. Der Stand der Sperrflssigkeit wird durch Abflussrhren
  _d_ (oder durch ein heberfrmig gebogenes Rohr _H_ in Fig. 288)
  regulirt; die condensirte Flssigkeit wird in den ausgemauerten Kasten
  _Q_ geleitet und geht von da durch ein vom Boden des Kastens
  abfhrendes Rohr nach der Theercisterne. Die abwrts fhrenden
  Zuleitungsrhren tauchen ein wenig in die Sperrflssigkeit ein, wodurch
  das Gas gezwungen wird, durch letztere hindurchzugehen. Die Wirkung des
  so construirten Khlapparates wird betrchtlich erhht, wenn man aus
  einem oberhalb desselben angebrachten Wasserreservoir Wasser ber
  denselben strmen lsst, welches an den Rhren herabrinnend, zum Theil
  verdunstet und dadurch das Rhrensystem abkhlt. Die Anzahl, die Lnge
  und die Weite der Khlrhren ist von der Gasmenge abhngig, welche
  innerhalb einer bestimmten Zeit abzukhlen ist. Im Allgemeinen rechnet
  man 50-90 Quadratfuss Rhrenoberflche fr je 1000 Cubikfuss Gas pro
  Stunde.

[Sidenote: Scrubber.]

Der =Scrubber= (Kokscondensator), welcher zur bessern Condensation neben
den Rhrencondensers hufig Anwendung findet, bietet das Eigenthmliche,
dar, dass das Gas mit der Khlflssigkeit in unmittelbare Berhrung
gebracht wird. Der Scrubber grndet sich auf das Princip, das Gas in
einem nicht zu grossen Raume mit einer mglichst grossen Oberflche in
Berhrung zu bringen, und besteht aus eisernen, aus genieteten Blechen
zusammengesetzten Cylindern (auch, wie in englischen Gasanstalten hufig
aus Tonnen), welche mit Koksstckchen (oder Steinen oder groben
Holzspnen oder auch Reissigbndeln, auch zuweilen Drainrhren) angefllt
sind, welche durch herabtrufelndes Wasser feucht erhalten werden. Der
Scrubber, welchen man auch =Wascher= nennt, weil in der That das Gas in
ihm gewaschen wird, hat den Zweck, dem rohen Gas vor seinem Eintritt in
die Reinigungsapparate schon einen Theil des Schwefelwasserstoffes und
Schwefelammons zu entziehen, ferner aber auch die Absonderung der
mechanisch durch den Gasstrom mit fortgerissenen Theertheilchen zu
vervollstndigen.

[Illustration: Fig. 292.]

  Fig. 292 zeigt die Durchschnittszeichnung eines Scrubbers (auch in Fig.
  288 ist die Scrubbervorrichtung _o o_ eingeschaltet). Der Cylinder hat
  einen Durchmesser von 1-1/3-1-1/2 Meter und 3-4 Meter Hhe und ist,
  wie erwhnt, mit Koksstcken gefllt, ber welche sehr hufig ein
  hohles Drehkreuz _H_, wie man es in den englischen Brauereien zum
  Befeuchten der in Malz berzufhrenden Gerste anwendet, unablssig
  Wasser sprengt. Das zu waschende Gas tritt durch das Rohr _i_ in
  den Waschapparat ein, bewegt sich zwischen den nassen Koks hinauf,
  geht durch das Rohr _m_ abwrts und tritt dann in einen zweiten
  Scrubber. Am untersten Theile des Leitungsrohres ist fr den Abzug des
  Waschwassers und des Theeres Sorge getragen, welche in dem Reservoir
  _M_ sich ansammeln. Der Durchgang des Gases durch einen Scrubber
  erfordert einen sehr geringen, kaum bemerkbaren Druck, bringt aber
  die Gaspartikelchen mit so grosser feuchter Flche in Berhrung, dass
  durch die Anwendung des Kokscondensators der Aufwand an Kalk und
  anderen Reinigungsmaterialien in dem Reinigern betrchtlich vermindert
  wird.

[Sidenote: Exhaustor.]

Der =Exhaustor= (Aspirator) ist eine Vorrichtung, welche zwischen dem
Condenser und dem Reinigungsapparat eingeschaltet ist und den Zweck hat,
den Druck in den Retorten, welcher, wie man annimmt, der Hauptgrund zur
theilweisen Zersetzung des Gases und des Kohlenabsatzes an den
Retortenwnden ist, zu vermindern und somit dem Entweichen von Gas durch
Poren und Risse der Retorten entgegenzuwirken. Besonders seit der
Einfhrung der Thonretorten, deren Masse an sich schon nicht gasdicht ist
und in welcher ausserdem leicht sich Sprnge bilden, durch welche bei
einem Druck von mehreren Fuss Wasserhhe grosse Mengen von Gas entweichen
wrden, und seitdem man erkannt hat, wie wichtig es fr die Gasausbeute
und fr die Beschaffenheit des Gases sei, die flchtigen Produkte der
trocknen Destillation der zur Gasbereitung dienenden Materialien
mglichst schnell aus den Retorten zu entfernen, um sie aus dem Bereiche
der zersetzenden Einwirkung der glhenden Retortenwnde zu bringen,
wendet man die von =Grafton= im Jahre 1839 in die Gasindustrie
eingefhrten Exhaustoren an.

  Der von =Grafton= construirte Exhaustor, durch welchen das Gas aus den
  Retorten gesaugt und der Druck auf ein Minimum reducirt werden sollte,
  besteht aus einem Kasten, in welchem sich ein Schpfrad mit vier
  Schaufeln befindet, das reichlich zu drei Viertheilen im Wasser steht;
  die vier Schaufeln sind nach Form der Kreisevolente gebogen. Wird das
  Rad in der Richtung der Schaufeln gedreht, so sinkt das Gas, das
  zwischen je zwei Schaufeln oben aufgenommen wird, nach und nach bis zum
  Mittelpunkte des Rades hinab und entweicht von hier aus durch zwei
  Seitenffnungen. Der Unterschied des Wasserstandes giebt den Druck an,
  welcher von dem Apparate aufgehoben wird. Es gelang dem =Grafton='schen
  Exhaustor nicht, sich Eingang in die Gasfabriken zu verschaffen, doch
  verdient er als der erste Saugapparat immerhin Erwhnung. Zunchst
  entstanden nun die =Glocken-Exhaustoren=, die in der That nichts
  anderes waren als hydraulische Luftpumpen, wie man sie z. B. auch
  verwendet in der Papierfabrikation bei der Entwsserung des endlosen
  Papierblattes durch Luftdruck und in der Essigfabrikation zur
  Entfernung der entsauerstofften Luft und zur Verdichtung der Dmpfe in
  dem Sperrwasser. Bei den Glocken-Exhaustoren wurden zwei an einem
  Balancier befestigte eiserne Glocken, welche mit den Gasleitungsrhren
  in Verbindung standen, in einem mit Wasser angefllten Reservoir auf-
  und niederbewegt und so ein Saug- und Druckapparat mit hydraulischem
  Verschluss gebildet. Die Wasserschlussventile waren bei einer Art von
  Glockenexhaustor durch Klappventile vertreten. Der von =Anderson=
  construirte Kolben-Exhaustor stimmt in seiner Wirkungsweise mit einem
  Cylindergeblse berein und wird durch eine Dampfmaschine in Thtigkeit
  versetzt. Dasselbe gilt von dem Exhaustor von =G. Kuhn= (in Berg bei
  Stuttgart), welcher in seiner Einrichtung einer doppelt wirkenden Pumpe
  hnlich ist, beim Auf- und Niedergange des Kolbens aus der Vorlage das
  in den Retorten producirte Gas durch Klappffnungen ansaugt und es
  durch Oeffnungen nach den Reinigern drckt. Die Wirkung ist mithin mit
  der einer gewhnlichen Pumpe fr den Fall bereinstimmend, dass die
  Gaserzeugung in den Retorten gleich der Leistungsfhigkeit des
  Exhaustors ist. Kann aber in Folge zu grosser Gasentwickelung der
  Exhaustor die entstehenden Gase nicht bewltigen, so ffnen sich in
  Folge des Druckes in den Retorten die Saug- und Druckklappen so lange
  unabhngig von der Kolbenbewegung, bis der Druck sich verndert hat.

[Sidenote: Reinigung des Leuchtgases.]

c) =Die Reinigung des Leuchtgases.= Durch den Exhaustor wird das Gas nun
aus dem Condensator und Scrubber in den =Reinigungsapparat= oder
=Epurateur= gefhrt, um hier von gewissen Verunreinigungen wie
Schwefelwasserstoff und Kohlensure und verschiedenen Ammonverbindungen
wie kohlensaurem Ammon, Cyanammon, Schwefelammon (sowie auch den das
Ammoniak in dem nicht gereinigten Leuchtgas begleitenden organischen
Basen, dem Anilin, Iridolin und dergl.) befreit zu werden. Zwar ist in
dem Condensator und noch mehr in dem Scrubber ein grosser Theil dieser,
das Leuchtgas verunreinigenden Bestandtheile auf =mechanischem Wege= aus
dem Gase entfernt worden, ein Theil davon hat sich jedoch der Verdichtung
und der Wirkung des Wassers in dem Scrubber entzogen und muss nun auf
=chemischem= Wege in den Reinigern auf das Vollstndigste entfernt
werden.

  Als chemisches Reinigungsmittel des Leuchtgases verwendete man vom
  Anfange an =Aetzkalk=, dessen Anwendung theils in nasser Form als
  Kalkmilch, theils in trockner Gestalt als feuchtes Kalkhydrat erfolgt.
  Der =Reiniger mit Kalkmilch=, so wie er von =Clegg= in die Gasindustrie
  eingefhrt und lnger als 10 Jahre der allein angewandte
  Reinigungsapparat war, bestand aus cylindrischen Gefssen aus Gusseisen
  mit Kalkmilch angefllt, durch welche das zu reinigende Gas strmte.
  Die Kalktheilchen mussten durch eine Rhrvorrichtung in steter Bewegung
  erhalten werden. Ein heberfrmig gebogenes Rohr, welches mit einem Hahn
  oder mit einem Ventil versehen war, diente zum Ablassen der gesttigten
  Kalkmilch und zur neuen Fllung des Apparates. Die Kalkmilch nahm die
  Kohlensure und den Schwefelwasserstoff, und auch einen namhaften Theil
  des Ammoniaks auf. Die nasse Reinigung hat indessen in den meisten
  Gaswerken der =trocknen Reinigung= durch trockenes oder angefeuchtetes
  Kalkhydrat weichen mssen, weil letztere in Folge der vollkommeneren
  Reinigung, ohne dass der Druck bedeutend sich steigert, grosse
  Vortheile darbietet. Um den pulverfrmig gelschten Kalk zu lockern und
  den Durchgang des zu reinigenden Gases durch denselben zu erleichtern,
  vermengt man ihn mit Hcksel, Sgespnen, erschpfter Gerberlohe,
  erschpften Farbholzspnen, Moos u. s. w. Solche Mischungen sind so
  locker, dass man sie in Schichten von 15-20 Centimeter Dicke auf die
  Siebe bringen kann, ohne dass sie einen namhaften Widerstand leisten,
  und dass sie, in fnf Schichten, eine jede von 20 Centimeter Dicke
  innerhalb eines Reinigers ausgebreitet, nicht viel mehr als einen
  Wasserzoll Druck in Anspruch nehmen. Was die Menge Kalk betrifft,
  welche zum Reinigen eines bestimmten Quantums Gas erforderlich ist, so
  betrgt dieselbe auf 1000 Cubikfuss (engl.) Gas aus Newcastle-Kohlen
  durchschnittlich 2,6 Kilogramm (im ungelschten Zustande). Der
  =Gaskalk= dient als Dngemittel oder als Wegbaumaterial. Er enthlt
  neben unverndertem Kalkhydrat Calciumsulfhydrat in so bedeutender
  Menge, dass der Gaskalk in neuerer Zeit in der Gerberei zum Enthaaren
  der Felle angewendet wird, wobei das Calciumsulfhydrat durch geringe
  Mengen von Calciumcyanr in seiner Wirkung untersttzt wird.

  Die Anwendung des Kalkes als Reinigungsmittel des Gases erwies sich,
  wie die Erfahrung bald zeigte, als nicht gengend. Werden auch durch
  den Kalk Schwefelwasserstoff und Kohlensure entfernt, so bleibt doch
  das Ammoniak zurck, welches in den Verbrennungsprodukten des
  Leuchtgases in strender Weise sich bemerklich macht. Die beim
  Verbrennen von ammoniakhaltigem Leuchtgase sich bildende salpetrige
  Sure bt auf gewisse metallene Gegenstnde in kurzer Zeit einen
  merklichen nachtheiligen Einfluss aus. Man wurde deshalb zur
  vollstndigeren Reinigung des Leuchtgases gezwungen. Es lag ziemlich
  nahe, zur Absorption des Ammoniaks, so wie zur Zersetzung der
  Ammoniakverbindungen =Suren= oder =Metallsalze= anzuwenden. Bis gegen
  das Jahr 1840 hat man jedoch die Vorschlge, Suren zum Reinigen des
  Gases anzuwenden, wenig beachtet und zwar hauptschlich wol deshalb
  nicht, weil man auf die hierbei sich bildenden Ammoniaksalze ein zu
  geringes Gewicht legte. Obgleich schon im Jahre 1835 der =Eisenvitriol=
  zur Entfernung des Schwefelammons aus dem Leuchtgase vorgeschlagen und
  angewendet wurde, so wurden doch erst von =Mallet= 1840 die
  =Metallsalze= und besonders das in den Chlorkalkfabriken in grosser
  Menge sich bildende Manganchlorr, ferner das Eisenchlorr und der
  Eisenvitriol zum Reinigen des Gases in die Gastechnik eingefhrt. Weit
  wichtiger indessen als alle vorstehenden Reinigungsmethoden und
  wahrhaft epochemachend ist das von =R. Laming= im Jahre 1847 in die
  Gasbeleuchtungstechnik eingefhrte =Laming='sche =Mittel=. Die
  ursprngliche Vorschrift bestand in einer Mischung von Eisenchlorr mit
  Aetzkalk oder Kreide, welche, um die Masse lockerer zu machen, mit
  Sgespnen versetzt werden sollte. Das Eisenchlorr zerlegt sich mit
  dem Kalk oder der Kreide zu Eisenoxydul (reinem oder kohlensaurem) und
  Chlorcalcium; die zuerst schwarzgrne Farbe der Mischung geht durch
  Oxydation an der Luft in Roth ber und man hat dann ein Gemisch von
  Eisenoxyd und Chlorcalcium. Anstatt des Eisenchlorrs wendet man bei
  der Bereitung der Mischung jetzt allgemein Eisenvitriol an, welchen man
  mit gelschtem und gesiebtem Kalk und mit 1/5 bis 1/4 des ganzen
  Volumens der Masse an Sgespnen mengt. Hierauf wird die Masse flach
  ausgebreitet und mit Wasser benetzt. Man berlsst nun die Masse sich
  selbst 24 Stunden lang, nach welcher Zeit sie zum Gebrauche geeignet
  ist. Die Anwendung der Masse erfolgt in trocknen Reinigern. Nach einer
  Untersuchung von =A. Wagner= in Mnchen (1867), die im wesentlichen mit
  den 1862 von =Glis= erhaltenen Resultaten, ferner mit den Arbeiten von
  =E. Brescius=, =Deicke= und Anderen bereinstimmt, soll das Eisenoxyd
  der =Laming='schen Masse durch den Schwefelwasserstoff in
  Eisensesquisulfuret (Fe_{2}S_{3}) verwandelt werden und diese
  Verbindung dann an der Luft unter Ausscheidung seines =ganzen=
  Schwefelgehaltes in Eisenoxyd bergehen. Ist das =Laming='sche Mittel
  lngere Zeit im Gebrauche gewesen, so nimmt seine Wirkung ab, was darin
  seinen Grund hat, dass der Schwefel sich darin bis zur Menge von 40
  Proc. ansammelt, ferner die einzelnen Theilchen mit der Zeit mit einer
  schmierigen Hlle berkleidet werden, welche den Zutritt des Gases
  absperrt. Aus der erschpften =Laming='schen Mischung kann jedoch auch
  (nach =Max Schaffner='s Verfahren; vergl. Seite 202) der Schwefel in
  Substanz durch Ausschmelzen unter Wasser bei Hochdruck, oder durch
  Extraction mit Theerl gewonnen werden. Wie Seite 217 ausfhrlich
  geschildert, rstet man, nachdem das Ammoniaksalz und das Cyaneisen
  (letzteres in Form von Ferrocyancalcium) daraus durch Auslaugen
  entfernt wurden, das schwefelhaltige Gemenge, um schweflige Sure fr
  die Schwefelsurefabrikation und andererseits Eisenoxyd zu erzeugen,
  welches von Neuem zur Entschwefelung des Kohlengases dienen kann. Die
  Gewinnung von Berlinerblau und Blutlaugensalz aus der =Laming='schen
  Mischung wird in Paris von =Gauthier-Bouchard= im Grossen betrieben. In
  Marseille stellt =Menier= beim Reinigen des Gases jhrlich gegen
  12-15,000 Kilogr. Schwefelcyanammonium dar.

  Es ist in neuester Zeit (1869) der Vorschlag gemacht worden, dem
  Leuchtgas vor der Verwendung das (fr die Theerfarbendarstellung
  unentbehrliche) Benzol durch schwere Theerle zu entziehen und daraus
  durch fractionirte Destillation das Benzol wieder abzuscheiden. Nach
  der Abscheidung des Benzols aus dem Leuchtgas soll man letzteres mit
  Dmpfen von Petroleumther sttigen, um ihm die ursprngliche
  Leuchtkraft wieder zu geben.

[Sidenote: Gasometer.]

Der =Gasbehlter= oder =Gasometer= hat nicht nur den Zweck, als
Sammelapparat fr eine grssere Quantitt fertigen und gereinigten
Leuchtgases zu dienen, sondern auch, um durch den gleichfrmigen Druck
auf das in ihm enthaltene Gas, ein gleichfrmiges Ausstrmen aus den
Brennern und in Folge dessen eine ruhige und gleich grosse Flamme
hervorzubringen. Der Gasbehlter besteht aus drei Theilen, nmlich: 1)
dem Wasserbehlter oder Bassin, einem runden wasserdichten Becken mit
vertikalen Wnden, zur Aufnahme des als Sperrflssigkeit dienenden
Wassers bestimmt; 2) der Glocke oder der Kuppel, dem eigentlichen
Gasbehlter, welcher durch angebrachte Fhrungen in dem Bassin frei auf-
und abbewegt werden kann; 3) den beiden Gasleitungsrhren und zwar eine
fr die Zufuhr, die andere fr die Ableitung des Gases.

[Illustration: Fig. 293.]

[Illustration: Fig. 294.]

  Der =Wasserbehlter= wurde frher gewhnlich aus gusseisernen Platten
  hergestellt, deren Rnder mit durchlcherten Flantschen versehen waren,
  mittelst deren sie aneinander gefgt und durch Schrauben
  zusammengezogen wurden, nachdem Eisenkitt dazwischen gelegt worden war.
  Gegenwrtig sind die gemauerten (aus Back- oder Sandsteinen mit Cment
  verbunden) Bassins allgemein eingefhrt. Der Boden des Reservoirs
  besteht entweder aus einer Ziegelsteinlage mit Cment, unter welcher
  sich eine Lage Thon oder Lehm befindet, oder es wird ein Kegel von Erde
  darin stehen gelassen, welcher aber ebenfalls von einer Thonschicht
  oder mit einer mittelst Cment verbundenen Ziegelsteinlage berkleidet
  sein muss. Letztere Einrichtung hat den Zweck, die Masse des Wassers im
  Behlter zu vermindern. Die =Glocken= oder =Kuppeln= werden stets aus
  zusammengenieteten Tafeln von Eisenblech hergestellt, die Nietfugen
  sind durch Theer gedichtet und die Oberflche der Glocke allenthalben
  mit Theeranstrich versehen. Die Fhrung der Glocke suchte man frher
  dadurch zu bewirken, dass man die im Wasserbehlter frei sich bewegende
  Glocke im Mittelpunkte des Deckels an einer ber Rollen laufenden Kette
  aufhing, an deren anderem Ende ein Gegengewicht befindlich war, um das
  Gewicht des Gasometers so weit auszugleichen, dass er beim Einsinken in
  das Wasser nur den erforderlichen Druck auf das Gas ausbte, nicht mehr
  und nicht weniger. Gegenwrtig sieht man von der Balancirung ab und
  giebt einer durch Leitrollen bewirkten Fhrung den Vorzug. Die
  Seitenwnde der Glocken hat man dadurch zu erhhen gesucht, dass man
  diese nach Art der aus in einander schiebbaren Rhren gefertigten
  Teleskope in einander geschoben und so Gasometer construirt hat, die
  man mit dem Namen =Teleskop-Gasometer= bezeichnet hat. Durch diese
  Einrichtung hat man einen grossen Raum fr das Gas geschaffen, ohne
  dass bei der ersten Fllung desselben mit Gas ein entsprechend tiefes
  Wasserbassin nthig wre. Von den beiden Gasleitungsrhren fhrt die
  eine, die Zuleitungsrhre das Gas zu, die andere, das Abfhrungsrohr,
  das Gas nach dem Consumtionsorte ab. Die Rhren sind von Gusseisen und
  mnden entweder beide ber dem Niveau der Sperrflssigkeit (wie in Fig.
  288 und 293), oder wie bei dem von =Pauwels= construirten =Gasometer
  mit gegliederten Rhren=, wie ihn Fig. 294 zeigt, in dem Deckel der
  Glocke. Dadurch entgeht man der Gefahr, dass die im Wasserbehlter
  aufsteigenden, nur wenig ber das Niveau der Sperrflssigkeit sich
  erhebenden Rhren (_s_ und _s'_ in Fig. 288), durch zufllige Umstnde
  mit Wasser sich fllen knnten, wodurch dann der Gasabfluss gehemmt
  wre und alle Gasflammen pltzlich verlschen wrden. Wie die
  Zeichnung, zu deren Verstndniss eine nhere Beschreibung nicht nthig
  ist, zeigt, wird hier der Zu- und Abfluss des Gases durch gegliederte
  Rhren vermittelt, welche von der oberen Decke des Gasometers aus mit
  den brigen Rhrenleitungen communiciren. Fr den Abschluss der Rhren
  werden hydraulische Abschlusshhne angewendet.

  Eine Scala, mit welcher jeder Gasbehlter versehen ist, giebt den Stand
  der Glocke und mithin auch den Gasinhalt derselben an. Der kubische
  Inhalt des Gasometers ist sehr verschieden und variirt von 1000-2000
  Kubikfuss bis zu solchen von ber 45 Meter Durchmesser und 20 Meter
  Hhe, welche ber 1 Million Kubikfuss Gas fassen. Nach der von
  =Riedinger= aufgestellten Regel soll der kubische Inhalt der Glocke dem
  2 bis 2-1/2fachen Betrag des tglichen Mittels aus dem Jahresconsum
  entsprechen. Das Fllen des Gasometers geht auf folgende Weise vor
  sich. Ist das Austrittsrohr des Gasbehlters geschlossen und strmte
  durch das Zufuhrrohr Gas ein, so sammelt sich dasselbe zwischen dem
  Niveau des Wassers und der gewlbten Decke des Gasbehlters an und
  erleidet eine Pressung, welche auf die Oberflche des Wassers wirkt, in
  deren Folge das Wasser in der Glocke sinkt und ausserhalb derselben in
  dem Wasserbehlter steigt. Hat das Wasser in dem Raume zwischen der
  Wandung des Wasserbehlters und der Glocke die Hhe erreicht, bei
  welcher der Wasserdruck dem Gewichte der im Wasser stehenden Glocke
  gleich ist, so hebt sich, ferneres Zustrmen des Gases vorausgesetzt,
  die Glocke und wird mit Gas gefllt. Das Fllen wird fortgesetzt, bis
  die Glocke so hoch gestiegen ist, dass ihr unterer Rand nur noch etwa
  20 Centimeter von der Wasseroberflche entfernt ist. Wird, nach
  beendigtem Fllen der Glocke das Austrittsrohr geffnet, so sinkt die
  Glocke in dem Verhltniss, als das Gas ausstrmt, in den Wasserbehlter
  ein, bis sie den Boden des letzteren erreicht hat. Das Gewicht der
  Glocke bestimmt den Druck, unter welchem das Gas in den Rhrenleitungen
  den Brennern zugefhrt wird.

  Um die tglich producirte Gasmenge in der Fabrik zu messen, bedient man
  sich grosser Gaszhler, die man =Fabrikations-Gasuhren= nennt; sie
  haben dieselbe Construction im Wesentlichen wie die nassen Gasuhren der
  Consumenten, von welchen spter die Rede sein wird.

[Sidenote: Statik der Gasbereitung.]

Fr eine =Statik der Gasbereitung=, welche das Gas, sein Volumen und
seine Zusammensetzung verfolgt von dem Austritt der Retorte an durch die
Vorlage, den Condenser, den Scrubber und die chemisch wirkenden Reiniger,
bis es endlich aus dem Gasbehlter durch die Rhrenleitungen dem
Consumenten zugefhrt wird, sind nur wenige Materialien vorhanden. Die
werthvollsten Resultate haben die im Jahre 1860 von =Firle= in Breslau
angestellten Versuche geliefert, wobei jedoch nicht bersehen werden
darf, dass die Zahlenwerthe nur fr den speciellen Fall, keineswegs aber
allgemein gltig sind.

  Das Gas, um welches es sich bei den von =Firle= angestellten
  Untersuchungen handelte, war Steinkohlengas; es wurde analysirt nach
  dem Austritt aus dem Rhrencondenser (_a_), nach dem Austritt aus dem
  Kokscondenser (_b_), nach dem Austritt aus der Waschmaschine (_c_),
  nach dem Austritt aus dem mit dem =Laming='schen Mittel beschickten
  Reiniger (_d_), endlich nach dem Austritt aus dem Kalkreiniger (_e_);
  letzteres ist mithin vollstndig gereinigtes Gas.

                                   a.     b.     c.     d.     e.
      Wasserstoff                37,97  37,97  37,97  37,97  37,97
      Grubengas                  39,78  38,81  38,48  40,29  39,37
      Kohlenoxyd                  7,21   7,15   7,11   3,93   3,97
      Schwere Kohlenwasserstoffe  4,19   4,66   4,46   4,66   4,29
      Stickstoff                  4,81   4,99   6,89   7,86   9,99
      Sauerstoff                  0,31   0,47   0,15   0,48   0,61
      Kohlensure                 3,72   3,87   3,39   3,33   0,41
      Schwefelwasserstoff         1,06   1,47   0,56   0,36    --
      Ammoniak                    0,95   0,54    --     --     --

  Bezieht man diese Zahlen auf absolute Mengen und nimmt dabei als
  Volumeinheit den Kubikfuss an, so ergeben sich (von 1000 Kubikfuss
  rohem Gas ausgegangen) nachstehende Zahlen:

                                             Kubikfuss.
                                       a.   b.   c.   d.   e.
           Wasserstoff                380  380  380  380  380
           Grubengas                  390  388  384  403  394
           Kohlenoxyd                  72   71   71   39   30
           Schwere Kohlenwasserstoffe  42   46   45   46   43
           Stickstoff                  48   50   69   79  100
           Sauerstoff                   3    5    2    5    6
           Kohlensure                 40   39   34   33    4
           Schwefelwasserstoff         15   15    5    3   --
           Ammoniak                    10    5   --   --   --
                                     ------------------------
                                     1000  999  990  988  966

  Aus vorstehender Tabelle ergeben sich die Vernderungen, welche die
  Zusammensetzung des Gases whrend des Reinigungsprocesses erfhrt,
  sowie die Wirkung der verschiedenen zur Reinigung dienenden Apparate.
  Strmen z. B. 1000 Kubikfuss Gas von der oben sub a angegebenen
  Zusammensetzung in die Reinigungsapparate, so wird in jedem einzelnen
  Apparat von den absorbirbaren Gasen, hauptschlich von der Kohlensure,
  dem Schwefelwasserstoff und dem Ammoniak ein Bruchtheil davon
  aufgenommen und zwar folgende Mengen:

  Von 1000 Kubikfuss rohem Gas werden absorbirt (in Kubikfssen) an

                            Im           In der      Durch        Im
                      Kokscondensator Waschmaschine Laming's Kalkreiniger
                                                     Mittel
  Kohlensure               1               5          1          29
  Schwefelwasserstoff      --              10          2           3
  Ammoniak                  5               5         --          --
  Kohlenoxyd               --              --         32          --
  Sauerstoff               --               3         --          --

  Das ursprngliche Volumen des Gases wird folglich immer kleiner und
  zwar bleiben von den 1000 Kubikfuss rohem Gas nach dem Austritt aus

              dem Kokscondensator       noch 994 Kubikfuss
              der Waschmaschine          "   971     "
              dem =Laming='schen Mittel  "   936     "
              dem Kalkreiniger           "   914     "

  dabei vorausgesetzt, dass die brigen Bestandtheile des Gases keine
  Vernderung erleiden, was mit Ausnahme von kleinen Mengen von Grubengas
  und schweren Kohlenwasserstoffen in der That der Fall ist. Zu dem durch
  Absorption allmlig abnehmenden Gasvolumen kommt aber in jedem
  Reinigungsapparat ein gewisses Quantum von Sauerstoff und Stickstoff in
  Gestalt von atmosphrischer Luft.

  In 1000 Kubikfuss rohen Gases sind nach der sub a angefhrten Analyse
  zusammen 51 Kubikfuss Sauerstoff und Stickstoff enthalten. Diese Menge
  vermehrt sich in

                dem Kokscondensator       um  4 Kubikfuss
                der Waschmaschine          " 20     "
                dem =Laming='schen Mittel  " 33     "
                dem Kalkreiniger           " 55     "

  Hierdurch wird das Gesammtvolumen des Gases in jedem Apparate wieder
  vergrssert, und zwar betrgt, wenn man die Schwankungen in der Menge
  des Grubengases und der schweren Kohlenwasserstoffe in Betracht zieht,
  das effective Gesammtvolumen des Gases von 1000 Kubikfuss nach dem
  Austritt aus

               dem Kokscondensator      noch 999 Kubikfuss
               der Waschmaschine         "   990     "
               dem =Laming='schen Mittel "   988     "
               dem Kalkreiniger          "   966     "

  wobei vorausgesetzt wurde, dass Temperatur und Druck, whrend das Gas
  durch die Reinigungsapparate ging, unverndert blieben.

[Sidenote: Vertheilung des Leuchtgases.]

=Die Vertheilung des Leuchtgases.= Das in dem Gasometer angesammelte Gas
wird den Consumenten auf zweierlei Weise zugefhrt: entweder durch
Rhrenleitungen, oder in Schluchen oder gasdichten Blechkasten durch
Transport auf der Axe. Die Vertheilung des Leuchtgases durch
=Rhrenleitungen= ist der bei weitem hufigere Fall. Der Druck, durch
welchen die Bewegung des Gases in den =Leitungsrhren= bedingt wird, ist
der einer bestimmten Wasserhhe entsprechende Druck des Gasometers. Von
der Grsse dieses Druckes und von der Menge des Gases, welche in einem
bestimmten Zeitraume auf eine gewisse Entfernung durch die Rhre geleitet
werden soll, aber auch von dem specifischen Gewichte des Leuchtgases und
den Abweichungen der Rhre von der Horizontalen ist der Durchmesser
abhngig, welcher der Rhre gegeben werden muss, damit die Bewegung durch
die Reibung, welche das Gas in den Rhren erleidet, nicht verzgert und
daher in grsseren Entfernungen der Druck auf das fortbewegte Gas in dem
Grade vermindert werde, dass die Flammenhhe des Brenners abnehme.

  Die =Rhren zur Hauptleitung= (die Strassenleitung) sind aus Gusseisen
  und werden 0,6-1,6 Meter tief in die Erde gelegt; fr die kleineren
  =Zweigleitungen= (die Huserleitung) bedient man sich meist starker
  schmiedeeiserner Rhren. Die gusseisernen Leitungsrhren bestehen aus
  der =Rhre=, dem =Muff= oder dem =Kopf=. Letzteres ist eine Erweiterung
  der Rhre und soll das Ende der nchstfolgenden Rhre aufnehmen. An
  solchen Stellen, wo eine Abzweigung stattfinden soll, wird der
  Rhrenleitung eine sogenannte =Spundrhre= (eine mit kurzem Muffansatz
  versehene Rhre) eingefgt. Bei Strassenkreuzungen kommt eine Rhre mit
  zwei Spundrhren zur Anwendung. Die Rhren werden, nachdem sie auf ihre
  Gasdichte geprft worden sind, mit einem Theeranstrich versehen und
  =gasdicht= mit einander verbunden, indem der Raum zwischen dem
  eingeschobenen Rhrenstck und der inneren Wand des Muffes mit einem
  geeigneten Kitt ausgefllt wird. Ungeachtet sorgfltiger Verdichtungen
  des Rhrensystemes ist ein Verlust an Gas nicht zu vermeiden. In
  einzelnen Gasanstalten betrgt die Leckage 15-20 Proc. Selbst bei gut
  und sorgfltig angelegten Rhrensystemen macht der Gasverlust 5-7 Proc.
  der Jahresproduktion aus. Die Hauptrohrleitungen mssen mglichst weit
  sein, um in Folge geringerer Reibung des Gases das Ausscheiden des
  Naphtalins und der flssigen Kohlenwasserstoffe zu verhindern. Um die
  whrend der Fortbewegung des Gases in der Rhrenleitung condensirten
  Wasserdmpfe und flssigen Kohlenwasserstoffe, welche nach ihrer
  Verdichtung der Strmung des Gases Hindernisse bereiten, zu beseitigen,
  bringt man in der Rhrenleitung und zwar an den tiefst gelegenen
  Stellen derselben =Wassersammler= (Wassertpfe, Siphons) an. Die
  Ableitungsrhren in den Gebuden und im Innern derselben sind, wie oben
  bemerkt, aus Schmiedeeisen, oder weit hufiger aus Blei. Die Bleirhren
  haben den grossen Vortheil der hchst bequemen Handhabung, aber auch
  den Nachtheil der Leichtschmelzbarkeit. Zinn-, Messing- und
  Kupferrhren sind zu theuer und haben, was die beiden letzteren
  betrifft, ausserdem grosse Schattenseiten, die Leitungsrhren aus
  Messing nmlich platzen sehr leicht in der Naht, wenn sie gebogen
  werden, die Kupferrhren dagegen werden von dem Gas, besonders wenn es
  vom Ammoniak nicht sorgfltigst befreit wurde, wahrscheinlich in Folge
  von Bildung von salpetriger Sure stark angegriffen. Auch bilden sich
  in den kupfernen Rhren explosive Gemische, wie =Crova= gezeigt hat,
  wesentlich aus =Acetylen-Kupfer= bestehend, welche zu gefhrlichen
  Explosionen Veranlassung geben knnen.

[Sidenote: Hydraulisches Ventil.]

=Hydraulisches Ventil.= Dort, wo das Hauptrohr der Rhrenleitung aus dem
Gasbehlter tritt, ist, wie bereits oben erwhnt, ein Hahn angebracht,
welcher das Gas im Gasbehlter sperrt, wenn es nicht ausstrmen soll.
Statt dieses Hahnes bringt man besser ein sogenanntes =hydraulisches
Ventil= an, welches im Wesentlichen wie ein Gasometer eingerichtet ist.
Es besteht aus einem eisernen mit Wasser angefllten Gefsse _I K L M_
(Fig. 295). Das Rohr _A_ communicirt direct mit dem Gasometer und das
Rohr _B_ mit dem Hauptrohr der Rhrenfahrt; ber beiden Rhren befindet
sich die Trommel _C E F D_, welche durch Gewichte _x_ und _y_ balancirt
wird. Hngt man das Gewicht _y_ aus, so senkt sich die Trommel so weit,
dass die Scheidewand _H_ durch das Niveau des Wassers taucht. Ist dies
der Fall, so ist die Communication zwischen _A_ und _B_ unterbrochen.

[Illustration: Fig. 295.]

[Sidenote: Gasdruck-Regulator.]

  Der =Gasdruck-Regulator= hat den Zweck den Zufluss des Gases aus dem
  Gasbehlter zu den Leitungsrhren zu reguliren. Im Wesentlichen besteht
  der Regulator aus einer Gasometerglocke, die mit einem Kegelventil
  verbunden ist, das sich selbstthtig ffnet oder schliesst, je nachdem
  fr das Bedrfniss zu viel oder zu wenig Gas ausstrmt. Stelle man sich
  vor, in einem kleinen Gasometer sei die Mndung des Einstrmungsrohres
  durch eine Platte verschlossen, welche in der Mitte mit einer nach
  unten abgeschrgten Oeffnung versehen ist, in der ein mit der oberen
  Spitze beweglich im Mittelpunkt der Glocke befestigter Kegel spielt.
  Bei einer gewissen Stellung der Glocke tritt durch die ringfrmige
  Oeffnung am Kegel so viel Gas ein, als gerade nthig ist, um einen
  bestimmten Druck in den Leitungsrhren zu unterhalten. Man kann nun
  diese Stellung dadurch erreichen, dass der Glocke ein bestimmtes
  Gewicht gegeben wird, was durch Gegengewichte oder durch einen
  Schwimmkasten erreicht wird. Erleidet nun der Druck oder die
  Geschwindigkeit des einstrmenden Gases eine Vernderung, so tritt fr
  den Moment eine grssere Gasmenge unter die Glocke, als dem
  Normaldrucke entspricht. Dadurch hebt sich aber die Glocke, wodurch in
  Folge des gleichzeitig in die Hhe gehenden Kegelventils die
  ringfrmige Oeffnung am Kegel verengt wird; die Glocke muss demnach
  wieder herabgehen und zwar so weit, bis Gewicht der Glocke und Druck
  sich miteinander ins Gleichgewicht gesetzt haben. Nimmt der Druck im
  Gaszufhrungsrohr ab, so findet das Gegentheil statt, die Glocke senkt
  sich, die ringfrmige Oeffnung am Kegel vergrssert sich und es wird
  durch vermehrtes Nachstrmen von Gas der normale Druck wieder
  hergestellt.

[Sidenote: Prfung des Leuchtgases.]

=Die Prfung des Leuchtgases.= In dem Leuchtgase, so wie in den Flammen
der flssigen und festen Leuchtmaterialien, sind es die sich
ausscheidenden Kohlepartikelchen, welche im weissglhenden Zustande das
Leuchten der Flamme bedingen. Alle Einflsse, welche entweder die
Ausscheidung derartiger Kohletheilchen verhindern, oder dieselben durch
chemische Einwirkung vernichten, nehmen der Gasflamme sofort die
Leuchtkraft. Zu diesen Einflssen gehren 1) bermssige Zufuhr von Luft
oder Sauerstoff; lsst man eine Gasflamme im Sauerstoffgase brennen, so
findet man, dass deren Leuchtstoff vernichtet ist; das Nmliche findet
statt, wenn man das Gas wie bei dem =Erdmann='schen Gasprfer und der
=Bunsen='schen Gaslampe =vor= der Verbrennung mit atmosphrischer Luft
mischt. 2) Kohlensure in der Gasflamme; kommt glhende Kohle mit
Kohlensure zusammen, so bildet sich bekanntlich Kohlenoxydgas (CO_{2} +
C = 2CO), welches nicht mit leuchtender Flamme verbrennt. Da das
Elaylgas (C_{2}H_{4}) im glhenden Zustande in Methylwasserstoff
(Sumpfgas CH_{4}) und Kohlenstoff (C) zerlegt wird, letzterer aber eine
quivalente Menge Kohlensure zu Kohlenoxydgas reducirt, so ergiebt sich,
dass das Kohlensuregas die Hlfte seines Volumens an Elaylgas der
Leuchtkraft beraubt. Angenommen, ein Leuchtgas mit 6 Proc. Elaylgas
enthalte zugleich 6 Proc. Kohlensuregas, so wrde durch letzteres die
Leuchtkraft von 3 Proc. Elaylgas vernichtet werden, woraus folgt, wie
wichtig die mglichst vollstndige Abscheidung der Kohlensure in dem
Kalkreiniger ist.

  Ueber die Beziehungen der Lichtstrke einer Gasflamme zu der Menge der
  in der Flamme ausgeschiedenen Kohletheilchen liegen nur wenige
  Untersuchungen vor, doch wird man der Wahrheit ziemlich nahe kommen,
  nimmt man an, dass beide approximativ in directem Verhltnisse stehen,
  dass mithin ein Gas um so mehr leuchtet, je grsser die Menge des in
  der Flamme ausgeschiedenen Kohlenstoffes ist. Allerdings ist hierbei
  nicht zu bersehen, dass die Temperatur, bis zu welcher die
  Kohletheilchen in der Flamme erhitzt werden, auf die Leuchtkraft
  wesentlich mit influirt; je hher der Hitzgrad der Flamme ist, desto
  strker wird sie unter sonst gleichen Verhltnissen leuchten.
  Kohlenstoffreiche Gase und Dmpfe brennen bekanntlich mit rthlicher,
  russender und wenig heisser Flamme, weil der Hitzgrad derselben nicht
  gengt, die grosse Menge der ausgeschiedenen Kohlenstoffpartikelchen
  bis zum Weissglhen zu erhitzen. Lsst sich nun auch durch vermehrte
  Luftzufuhr (wie durch das Cylinderglas der Petroleum- und
  Solarllampen) die Temperatur der Flamme der Art steigern, dass keine
  Russabscheidung mehr stattfindet und der ausgeschiedene Kohlenstoff
  dadurch, dass er bis zum Hellweissglhen erhitzt wird, die Leuchtkraft
  erhht, so ist es doch mehr als wahrscheinlich, dass durch den
  verstrkten Luftzug ein Theil des Kohlenstoffs zu schnell verbrennt und
  dadurch unwirksam wird. Nehmen wir an, die Leuchtkraft einer Flamme sei
  proportional der Menge des ausgeschiedenen Kohlenstoffes und
  vergleichen wir die in dem gereinigten Leuchtgase vorkommenden
  Kohlenwasserstoffgase, besonders die nach der Formel (CH_{2})n
  zusammengesetzten, welche beim Glhen in Methylwasserstoff und in
  Kohlenstoff zerfallen, so haben wir

    1 Vol. Elayl C_{2}H_{4},     welches zerfllt in
    1  "   Trityl C_{3}H_{6},       "       "      "
    1  "   Ditetryl C_{4}H_{8},     "       "      "
                        1   Vol. Methylwasserstoff und 2 Vol. Kohlendampf
                        1,5  "          "          "   3  "       "
                        1    "          "          "   4  "       "

  und knnen annehmen, dass die Lichtstrken dieser drei Gase sich
  verhalten wie 2 : 3 : 4. Reprsentirt man die Lichtstrke des
  Elaylgases durch 100, so ergeben sich fr die Lichtstrken der im
  gereinigten Leuchtgase enthaltenen Gase und Dmpfe folgende Werthe,
  wobei die Dmpfe im idealen Zustande der Dichte bei 0 in Rechnung
  gebracht sind:

               Elayl       100      Butyl             350
               Trityl      150      Acetylen          450
               Ditetryl    200      Benzoldampf       450
               Propyl      250      Naphtalindampf    800

  Folgende Zusammenstellung giebt die Menge von Elaylgas an, welche durch
  Imprgnation eines brennbaren Gases (Wasserstoff oder
  Methylwasserstoff) mit den Dmpfen von Kohlenwasserstoffen bei 0 und
  bei 15 zur Erzielung gleicher Lichtintensitt ersetzt werden kann.
  Imprgnation mit

                                      bei 0  bei 15
         Propyldampf    ist quivalent 11,5    25,7   Vol. Elayl
         Benzoldampf     "       "      9,63   23,7    "     "
         Naphtalindampf  "       "      0,116   0,016  "     "

  Werden mithin z. B. 100 Liter Wasserstoffgas bei 0 oder bei 15 C. mit
  Benzoldmpfen gesttigt, so ist die so erzielte Leuchtkraft des
  Gemisches gleich der, welche durch Mischen von 100 Liter Wasserstoffgas
  mit 9,6 oder 23,5 Liter Elaylgas erzeugt worden ist.

  Zur Sttigung von 100 Kubikfuss (engl.) Wasserstoffgas (oder
  Methylwasserstoffgas) mit Kohlenwasserstoffdmpfen sind erforderlich

                                  bei 0     bei 15
               von Propyldampf     500        1128 Grammen
                " Butyldampf        17          58    "
                " Benzoldampf      214,5       522    "
                " Naphtalindampf     0,32        0,32 "

  Wollte man daher, wie es bei dem Carburiren oder Carbonisiren des Gases
  geschieht, Wasserstoffgas durch Sttigen desselben mit Benzoldmpfen in
  Leuchtgas berfhren, so wrde man auf je 1000 Kubikfuss der ersteren
  bei 0 2145 Grm. und bei 15 5220 Grm. Benzol nthig haben.

[Sidenote: Methoden der Gasprfung.]

Zur =Prfung des Leuchtgases= auf seine Qualitt und zur Ermittelung des
relativen Werthes desselben, wendet man in der Praxis gegenwrtig vier
Methoden und Apparate an, nmlich 1) die gasometrische Probe; 2) die
Beurtheilung des Gases aus dem specifischen Gewichte; 3) die
photometrische Probe; 4) den Gasprfer =Erdmann='s.

  1) Was die =gasometrische Probe= betrifft, so erfordert deren
  Ausfhrung eine genaue Kenntniss der neueren, von =R. Bunsen=
  herrhrenden Methode der Gasanalyse[180]. Fr unsere Zwecke gengt es
  zu wissen, dass ein Gemenge von fast wasserfreier mit gewhnlicher
  concentrirter =Schwefelsure= die schweren Kohlenwasserstoffe des
  Leuchtgases zu absorbiren vermag. Die Trennung der schweren
  Kohlenwasserstoffe erfolgt am vollstndigsten, wenn man in eine
  Eudiometerrhre ein Quantum Gas und in dieses eine mit einem
  Platindraht verbundene, mit Schwefelsure getrnkte Kokskugel bringt,
  welche in kurzer Zeit die genannten Kohlenwasserstoffe absorbirt. Um
  den Kohlenstoffgehalt dieser Verbindungen, deren Menge sich aus der
  Volumenverminderung des Gases ergiebt, zu erfahren, verbindet man das
  Absorptionsverfahren mit zwei Verbrennungsanalysen, indem man das zu
  analysirende Gas einmal fr sich, das andere Mal, nachdem man daraus
  die schweren Kohlenwasserstoffe entfernt hat, mit berschssigem
  Sauerstoffe (im Eudiometer mittelst des elektrischen Funkens) verbrennt
  und die bei der zweiten Verbrennung erhaltene Kohlensuremenge von der
  bei der ersten Verbrennung gebildeten abzieht. Hufig bediente man sich
  zur Absorption des =Chlors= und des =Broms=, welche mit den schweren
  Kohlenwasserstoffen lartige Flssigkeiten bilden. Nach einer von =O.
  L. Erdmann= herrhrenden und von =C. O. Grasse=[181] beschriebenen
  Methode der Analyse des Leuchtgases wird das von einem etwaigen Gehalte
  an Kohlensure befreite Gas, welches aus einem Gasometer ausstrmt,
  durch Einfhrung von Sauerstoff in die Flamme verbrannt; die hierbei
  sich bildenden Mengen von Kohlensure und Wasser werden aufgesammelt
  und gewogen. 2) Die Beurtheilung des Werthes eines Leuchtgases aus =dem
  specifischen Gewichte= geschieht in der Praxis sehr hufig und zwar mit
  Recht, da die Erfahrung im Allgemeinen die hhere Leuchtkraft der
  schwereren Gase besttigt, obgleich daraus keineswegs der Schluss
  gezogen werden darf, dass umgekehrt ein leichtes Gas nothwendig auch
  schlechtes sein msse. Das Leuchtgas nmlich besteht in einer Mischung
  verschiedener Gasarten und Dmpfe von sehr verschiedenem spec. Gewichte
  und zwar

              Elaylgas              von 0,976 spec. Gewicht
              Methylwasserstoffgas   "  0,555   "      "
              Wasserstoffgas         "  0,069   "      "
              Kohlenoxydgas          "  0,967   "      "
              Kohlensure            "  1,520   "      "

  [180] Anleitung zu einer technischen Leuchtgasanalyse giebt =Adolf
        Richter=, Dingler's polyt. Journal (1867), Bd. CLXXXVI p. 394.

  [181] Journal fr prakt. Chemie (1867) CII p. 257.

  Das spec. Gewicht der beigemengten Dmpfe ist, je nach der Natur des
  dampffrmigen Stoffes, ein sehr verschiedenes, und doch sind es diese
  Dmpfe, namentlich von Benzol, welche neben dem Elaylgase die
  Leuchtkraft des Leuchtgases bedingen. Die Methode der Bestimmung des
  spec. Gewichtes kann daher nur dann bei der Prfung von Leuchtgasen
  Anwendung finden, wenn man von der analogen Zusammensetzung der zu
  untersuchenden und zu vergleichenden Gasarten (eine Folge der analogen
  Zusammensetzung der zu ihrer Herstellung dienenden Kohlen) berzeugt
  ist. Ein Apparat, dessen man sich zur Bestimmung des spec. Gewichtes
  des Leuchtgases bedient, ist (nach der ursprnglichen Angabe von
  =Bunsen=) von =Schilling= construirt worden. Derselbe sttzt sich auf
  den Satz, dass die spec. Gewichte zweier Gase, die unter gleichem
  Drucke aus engen Oeffnungen in dnner Platte ausstrmen, sich verhalten
  wie die Quadrate ihrer Ausstrmungszeiten. 3) Die =photometrische
  Probe= von =Bunsen=, =Wight=, =Desaga= (und die Probe mit =Fr. Bothe='s
  Tangenten-Photometer), die zur Werthermittelung des Leuchtgases hufig
  angewendet wird, ist der hnlich, die man zur Prfung anderer
  Leuchtmaterialien verwendet. Die photometrischen Messungen leiden an
  grossen Unvollkommenheiten. Der Umstand namentlich, dass die
  Beschaffenheit des Brenners von grsstem Einflusse auf die
  Lichtentwickelung beim Brennen des Gases ist, macht die Beurtheilung
  des Werthes eines Gases nach photometrischen Bestimmungen sehr
  unsicher. 4) Der =Gasprfer=, ein von =Erdmann= im Jahre 1860 in die
  Gastechnik eingefhrter Apparat zur Werthermittelung des Leuchtgases,
  ist in seiner Handhabung sehr einfach und giebt hinreichend genaue
  Resultate. In den gewhnlichen Fllen der Prfung eines Leuchtgases
  (aus Kohlen), wo es sich um Vergleichung der Leuchtkraft verschiedener
  Kohlengase oder eines Gases aus verschiedenen Zeiten des Betriebes
  handelt, liefert der Gasprfer an sich schon den Ausdruck fr den Werth
  desselben; in anderen selteneren Fllen ist er ein vorzgliches Mittel
  der Controle fr die auf photometrischem Wege erlangten Daten. Der
  Gasprfer beruht auf der Idee, den Werth eines Leuchtgases, welcher
  wesentlich von der Quantitt der in demselben vorhandenen schweren
  Kohlenwasserstoffe abhngt, zu bestimmen aus der Menge atmosphrischer
  Luft, welche einer Flamme von bestimmter Grsse zugefhrt werden muss,
  um ihr alle Leuchtkraft (alles weisse Licht) zu nehmen.

[Sidenote: Das Gas am Consumtionsorte.]

=Das Gas am Consumtionsorte.= Seitdem man in der Gasfabrikation das
ehedem gebruchliche Verfahren, die Zahlung von Seiten des Gasconsumenten
nach den einzelnen Flammen zu erheben, durch das weit zweckmssigere
ersetzt hat, das Gas dem Volumen nach an den Consumenten abzugeben, hat
man allgemein die =Gasuhren= (Gasmesser, Compteurs) eingefhrt, mittelst
deren das an einen jeden Gasconsumenten abgegebene Gasquantum (nach
Kubikfussen oder Kubikmetern) gemessen werden kann.

[Illustration: Fig. 296.]

[Illustration: Fig. 297.]

  Die Gasuhren lassen sich in zwei Abtheilungen bringen, je nachdem man
  dabei =ohne= oder =mit= Wasser oder einer anderen Sperrflssigkeit
  operirt. Erstere, die =trockenen Gasuhren=, in den meisten der
  vorgeschlagenen Constructionen bereinstimmend mit ledernen Blaseblgen
  oder anderen cylindrischen oder radfrmigen Windgeblsen, obgleich die
  ursprnglichen, waren lange Zeit ausser Gebrauch gesetzt, weil die
  elastischen Wandungen und deren Scharniere leicht die nthige
  Beweglichkeit verloren, bis sie in neuerer Zeit (seit 1867) in
  verbesserter Construction wieder auftraten und in Frankreich
  gegenwrtig vielfach gebraucht werden. Was die =nassen Gasuhren=
  anlangt, so kann man wieder solche unterscheiden, wo der Messapparat a)
  wie bei der ersten im Jahre 1815 von =S. Clegg= construirten Gasuhr und
  dem im Jahre 1861 von =Hansen= beschriebenen Gasmessapparat aus
  abwechselnd vertikal auf- und absteigenden Glocken besteht, nach Art
  der grossen Gasbehlter und wo die Sperrflssigkeit nicht wie bei der
  zweiten Art (b) zugleich das Messvolumen mit bestimmt; b) in seinem
  Haupttheil aus einer mit Abtheilungen oder Kammern versehenen
  cylindrischen Blechtrommel besteht, welche sich in einem grsseren
  metallenen Gehuse um eine horizontale Axe dreht (System der rotirenden
  Trommel).

[Illustration: Fig. 298.]

[Illustration: Fig. 299.]

  Die nasse Gasuhr mit rotirender Trommel ist 1817 von =Clegg= erfunden
  worden; spter wurde dieselbe von =Crosley= wesentlich verbessert. Eine
  derartige Gasuhr von der gegenwrtig allgemein blichen Construction
  ist in den Figuren 296, 297, 298 und 299 abgebildet. Sie besteht aus
  einem cylindrischen Gehuse aus Weissblech oder aus Gusseisen, in
  welchem sich eine auf einer Welle befestigte, vierkammerige Trommel,
  die reichlich bis zur Hlfte im Wasser liegt, unter dem Drucke des
  Gases und der, durch denselben zu gleicher Zeit bedingten ungleichen
  Wasserstnde der Gas aufnehmenden und Gas abgebenden
  Trommelabtheilungen sich dreht, whrend die Axe der Trommel eine
  Zhlvorrichtung in Bewegung setzt, um die Zahl der Trommelumgnge,
  somit das durchgegangene Gas, nach Kubikfussen zu zhlen. Fig. 297
  zeigt den Apparat, die Deckplatte weggedacht, welche den vorderen
  Theil, der zur Aufnahme der Regulirvorrichtungen bestimmt ist,
  verschliesst, Fig. 298 zeigt den Apparat in der =einen= Seitenansicht,
  Fig. 298 in der anderen, Fig. 299 endlich giebt einen horizontalen,
  ber der Trommelaxe angenommenen Durchschnitt. _a_ ist das Gehuse,
  _a'_ die Trommel, _b_ die Trommelaxe, auf welcher die endlose Schraube
  _c_ befestigt ist, die in das Rad _d_ eingreift und die Anzahl der
  Trommelumdrehungen durch die Welle _e_ auf das Uhrwerk _f_ bertrgt.
  Durch _g_ tritt das Gas in den Kasten _h_, gelangt durch das Ventil _i_
  in den Raum _k_, durch das gebogene Rohr _l_ in den vorderen Raum _m_
  der Trommel und aus dieser in die einzelnen Trommelabtheilungen. Aus
  den letzteren gelangt das Gas in den Raum _n_, in welchem es sich
  ansammelt und geht durch das Rohr _o_ in die Privatrhrenleitung ber.
  _i_ ist das Schwimmerventil, _p_ der Schwimmer, _q_ das Wasserfllrohr,
  _r_ der Wasserkasten fr berflssiges Wasser und _s_ die Schraube zum
  Ablassen desselben. Wird nun der Hauptbahn einer Privatrhrenleitung
  geffnet, so strmt das Gas in die Gasuhr; ist der Brennerhahn
  geschlossen, so bleibt die Trommel ruhig liegen, sobald aber Gas
  consumirt wird, rotirt die Trommel und das Uhrwerk registrirt das durch
  die Uhr gegangene Gas. Das Uhrwerk hat eine decimale Uebersetzung, in
  der Art, dass das erste Zifferblatt je 1, das zweite je 10, das dritte
  je 100 u. s. w. Kubikfuss Gas registrirt, und mithin nur die durch die
  Zeiger bezeichneten Zahlen hintereinander auszusprechen sind, um das
  Gesammtquantum des durch die Gasuhr gestrmten Gases auszudrcken.
  Geben z. B. die Zeiger die Zahlen 5, 3, 5, 2 und 8 an, so sind 53,528
  Kubikfuss Gas durch den Apparat gegangen. Alle die in neuerer Zeit
  vorgeschlagenen Vorrichtungen, welche einen constanten Wasserstand in
  der Gasuhr herbeizufhren bestimmt sind, werden smmtlich mehr oder
  minder berflssig, sobald man zur Fllflssigkeit nicht Wasser,
  sondern eine andere nimmt, wie dies u. a. beim =Glycerin= der Fall ist,
  welches ausserdem noch das Einfrieren der Gasuhren verhindert. Beim
  Aufstellen derselben ist es berhaupt von Wichtigkeit, einen Ort zu
  whlen, an welchem keine Gefahr fr das Einfrieren des Fllwassers
  vorhanden ist. Was die Dimensionen der Gasuhren betrifft, so hat man
  grssere und kleinere, je nach der Anzahl der Flammen, fr welche sie
  bestimmt sind. Bei der kleinsten Sorte, welche fr drei Flammen
  bestimmt ist, betrgt der Durchmesser der Trommel 27 Centimeter, bei
  10flammigen 45 und bei 20flammigen 50 Centimeter.

[Sidenote: Brenner.]

Die =Brenner=, aus denen das Gas ausstrmt, um die Flamme zu bilden, sind
von Eisen (frher auch von Messing), Porcellan oder Speckstein. Letztere
fhren den Namen =Lavabrenner=. Die Brenner aus Porcellan und Speckstein
haben vor denen aus Eisen den Vorzug, dass sich die
Gasausstrmungsffnungen nie, wie sonst bei Metall, durch Oxydation
verstopfen. Die Form, Schnitt- und Bohrweite der Brenner muss der
Qualitt des Gases angepasst sein.

  Je nach der Form der Flamme unterscheidet man =Strahl=- und
  =Flachbrenner=. Bei dem Strahlbrenner strmt das Gas aus einer (oder
  drei) senkrecht gebohrten feinen Oeffnung aus und bildet einen
  Flammenstrahl von kreisrundem Querschnitt. Diese Flammenform ist fr
  die Leuchtkraft eines Gases die unvortheilhafteste, weil ein grosser
  Theil der ausgeschiedenen Kohlepartikelchen im Innern der Flamme aus
  Mangel an Sauerstoff nicht bis zum Glhen erhitzt wird. Bei dem
  Flachbrenner bildet sich die flache Flamme durch einen Schnitt
  (Schnittbrenner) oder durch zwei in den Brenner gebohrte Lcher, die
  unter einem Winkel gegen einander geneigt sind (Zweiloch- oder
  Manchesterbrenner).

  Die hauptschlichsten Arten der Gasbrenner sind folgende: 1) Der
  =Einlochbrenner= besteht aus einem kurzen, hohlen Cylinder, der oben
  durch eine mit einem feinen Loche versehene Deckplatte verschlossen
  ist. Das untere Ende ist entweder konisch abgedreht oder mit einem
  Schraubengewinde versehen. 2) Der =Dreilochbrenner= hat die nmliche
  Einrichtung wie der Einlochbrenner, nur ist die Deckplatte mit drei
  Oeffnungen versehen, welche entweder ein gleichschenkliges Dreieck
  bilden oder auch in einer Linie neben einander stehen. 3) Der
  =Schnitt=- oder =Schlitzbrenner= enthlt im knopffrmigen Ende einen
  mit der Sge gemachten Einschnitt. Die Flamme ist flach, mehr breit als
  hoch, und findet bei der Strassenbeleuchtung hufige Anwendung. Der
  Form der Flamme wegen nennt man diesen Brenner auch
  =Fledermausflgelbrenner=. Wenn zwei Schnittbrenner so gegeneinander
  geneigt sind, dass die beiden Flammen sich durchdringen und eine
  einzige Flamme bilden, so hat man den =Zwillingsbrenner=, der mehr
  Licht giebt, als die beiden einzelnen Brenner, aus denen er besteht,
  fr sich zu entwickeln vermgen. 4) Der =Manchesterbrenner=
  (Zweilochbrenner, Fischschwanzbrenner) hat statt des Schlitzes des
  Schnittbrenners zwei Oeffnungen, welche unter einem Winkel von 90
  gegeneinander geneigt sind, so dass die beiden aus ihnen antretenden
  Gasstrme sich gegenseitig abflachen und zu einer Flachflamme
  vereinigen, welche mit ihrer Flche nicht in der Ebene der beiden
  Oeffnungen, sondern rechtwinkelig zu jener liegt. Der
  =Hahnenspornbrenner=, jetzt nicht mehr blich, enthlt im knopffrmigen
  Ende 3 bis 5 Oeffnungen, die so weit von einander stehen, dass 3 oder 5
  getrennte Strahlen gebildet werden. 5) Bei dem =Argand='schen Brenner,
  vorzugsweise zur Zimmerbeleuchtung sich eignend, besteht die Flamme aus
  einer kreisrunden Reihe kleiner Strahlen, deren jeder aus einer
  besonderen Oeffnung hervortritt. Der Brenner ist ein hohler Kranz, der
  auf der oberen Seite mit feinen Oeffnungen versehen ist. 6) Der
  =Dumas-Brenner= gleicht dem Argand-Brenner, nur ist die Flamme durch
  einen Gasstrom gebildet, welcher aus einer kreisrunden Schnittffnung
  hervortritt.

[Sidenote: Gasleuchter.]

  Die Fortsetzung und zu gleicher Zeit die Endpunkte der
  Gasrohrleitungen, welche die Gasbrenner tragen, bilden die
  =Gasleuchter=, von denen man Wandleuchter, Deckenleuchter (Pendants,
  Hngeleuchter) und transportable Leuchter (Schlauchlampen), meistens
  durch einen Gummischlauch mit dem Gasrohre verbunden, unterscheidet.

[Sidenote: Nebenprodukte der Kohlengasbereitung.]

Die =Nebenprodukte der Kohlengasbereitung=, durch deren Verarbeitung und
Verkauf dem Betrieb der Fabrik wesentlich Vorschub geleistet wird, sind
1) die Koks, 2) das Ammoniakwasser, 3) der Theer, 4) der Gaskalk, 5) der
Schwefel der =Laming='schen Mischung. Dazu kommt noch an einigen Orten
die Gewinnung von Berlinerblau (aus dem Cyancalcium der =Laming='schen
Masse, vergl. Seite 735) und die Abscheidung des Benzols aus dem Gase
(vergl. Seite 657).

  Was zunchst 1) die =Koks= (Gaskoks) betrifft, so wird ber deren
  Verwendung in dem Abschnitte, welcher von den Brennstoffen handelt, das
  Nthige gesagt werden. Es sei hier nur bemerkt, dass die durch
  Vergasung der Steinkohlen erzielten Koks leichter und schwammiger sind
  als die in den Koksfen erhaltenen und deshalb zur Zimmerheizung ein
  sehr gesuchtes Material sind. 2) Das =Ammoniakwasser= oder das
  =Condensationswasser= ist im Wesentlichen eine wsserige Lsung von
  Ammoncarbonat (2 (NH_{4})_{2}CO_{3} + CO_{2}). Der Gehalt an
  Ammoniaksalz ist selbstverstndlich kein constanter, derselbe hngt ab
  von dem Feuchtigkeitsgrade der zur Gasbereitung verwendeten
  Steinkohlen, dem Stickstoffgehalte derselben und der bei der
  Destillation eingehaltenen Temperatur. Je grsser der Wassergehalt der
  Kohle, desto geringer der Gehalt des Ammoniakwassers an Ammoniaksalz,
  je grsser der Stickstoffgehalt der Kohle, desto grsser wird im
  Allgemeinen die Menge der Ammoniaksalze sein, die bei der Destillation
  der Kohle sich bildet. Die Temperatur bei der Destillation und deren
  Dauer ist ebenfalls von Einfluss auf die Menge der sich bildenden
  Ammoniaksalze, je hher die Temperatur ist und je lnger dieselbe
  einwirkt, desto mehr wird der in den Steinkohlen enthaltene Stickstoff
  als Ammoniak auftreten, whrend er ausserdem zum Theil als Anilin,
  Lepidin, Chinolin etc., theils als Cyan auftritt. In der Steinkohle in
  dem Zustande (mit etwa 5 Proc. hygroskopischem Wasser), wie sie in den
  Gasfabriken Anwendung findet, ist 0,75 Proc. Stickstoff enthalten. 100
  Kilogr. einer solchen Steinkohle knnen demnach im gnstigsten Falle
  nur 910 Grm. Ammoniak (NH_{3}) liefern. Im Durchschnitt hat man (vergl.
  Seite 256) gefunden, dass 1 Kubikmeter Condensationswasser mindestens
  50 Kilogr. trockenes Ammonsulfat ([NH_{4}]_{2}SO_{4}) giebt, sodass
  zur Herstellung von 100 Kilogr. dieses Salzes 20 Hektoliter Gaswasser
  hinreichen[182]. 3) Der =Steinkohlentheer=, vor etwa 15 Jahren noch
  eine Quelle von Inconvenienzen fr die Gasfabrik und deren Adjacenten,
  hat seit 1858 eine grosse industrielle Bedeutung erlangt, insofern er
  der Ausgangspunkt einer neuen und mchtigen Industrie, der
  Theerindustrie, geworden ist[183]. Der Theer ist, wie bereits Seite 654
  angefhrt wurde, ein Gemenge von flssigen Kohlenwasserstoffen (Benzol,
  Toluyl, Propyl) mit festen (Naphtalin und Anthracen), ferner mit Suren
  (Carbolsure, Kresylsure und Phlorylsure) und mit Basen (Anilin,
  Chinolin, Lepidin u. s. w.); ausserdem finden sich darin nichtflchtige
  Harze und Kohle als asphaltbildende Bestandtheile. Die Menge und ganz
  besonders auch die Beschaffenheit des Kohlentheers sind nicht nur
  abhngig von der Art der Kohle, sondern auch von der Art und Strke des
  Erhitzens. Die Menge des Theeres ist um so grsser, je gleichfrmiger
  man erhitzt und je niedriger die dabei angewendete Temperatur ist. Der
  Theer wirkt in Folge seines Gehaltes an Carbolsure im hohen Grade
  fulnisswidrig. Man verwendet den Theer zum Anstrich von Eisen und
  anderen Metallen, von Mauerwerk und auch von Holz. Zur Bereitung der
  Theerpappe (Dachpappe) werden nicht unbedeutende Mengen von Theer
  consumirt. Die Anwendung des Theeres zur Fabrikation der Briquetten
  (Ziegel aus Koks- oder Kohlenklein und Theer), zur Frbung von
  Steingutgeschirren, zum Conserviren der Bausteine etc. sei hier nur
  beilufig erwhnt. Vor wenigen Jahren noch suchte man den Theer, der
  sich so zu sagen wider Willen des Fabrikanten bei der Gasbereitung
  bildet, durch nochmaliges Erhitzen in Gas (Theergas) zu verwandeln,
  ohne jedoch dabei namhafte Vortheile zu erzielen. Handelt es sich um
  die Verarbeitung des Kohlentheers behufs der Isolirung der
  Bestandtheile, so verfhrt man auf folgende Weise: Zunchst befreit man
  den Theer so viel als mglich von dem Condensationswasser. Zu dem Ende
  erhitzt man den Theer lngere Zeit bei einer Temperatur von 80-100 in
  einer Blase von starkem Eisenblech, die mit Hut- und Khlvorrichtung
  versehen ist, um die mit den Wasserdmpfen bergehenden leichten
  Kohlenwasserstoffe zu verdichten. Nach 36stndigem Erhitzen ist der
  Theer entwssert und es wird zur Destillation desselben geschritten. Da
  die flchtigen Produkte nur geringe latente Wrme besitzen, so muss die
  Destillirblase so niedrig als mglich sein. Der Helm muss sorgfltig
  gegen jede Abkhlung geschtzt sein. Die Blase ist an ihrem unteren
  Theile mit einem Hahn versehen, durch welchen nach beendigter
  Destillation das geschmolzene Pech abgelassen wird. In gewissen Fllen
  ist es von Vortheil, auf die Erzeugung von Pech und Asphalt zu
  verzichten und die Destillation so weit als mglich zu treiben. Der
  Boden der Blase wird in diesem Falle bis zum Dunkelrothglhen erhitzt
  und es bleibt eine porse und glnzende Kohle zurck, die nach dem
  Erkalten von der Blase leicht entfernt werden kann. Eine Destillation
  von 750-800 Kilogr. Theer nimmt ungefhr 12-15 Stunden in Anspruch. Bei
  Beginn der Destillation muss vorsichtig erhitzt werden, damit der Theer
  nicht in lebhaftes Sieden gerth. In einigen Fabriken lsst man in
  dieser Periode einen bis auf 110-112 erhitzten Strom von Wasserdmpfen
  durch den Theer gehen, um die Dampfbildung der leichten Theerle zu
  befrdern. Letztere erscheinen nach ihrer Verdichtung als ein
  farbloses, leicht bewegliches Fluidum von 0,780 spec. Gewicht, welches
  nach und nach bis auf 0,830 sich steigert. Die mittlere Dichte dieses
  Produktes ist 0,830. Es bildet das leichte Theerl. Das schwere
  Steinkohlentheerl geht von 200 an ber.

  [182] Eine Tonne Kohlen von Newcastle liefert gegen 45 Liter
        Condensationswasser, von welchem 1 Liter 74-81 Grm. Ammonsulfat
        giebt.

  [183] Vergl. =G. Lunge=, Die Destillation des Steinkohlentheers,
        Braunschweig 1867.

  Das =leichte Theerl= wird nochmals destillirt und das Destillat zuerst
  mit concentrirter Schwefelsure, dann mit Natronlauge behandelt und
  endlich zum dritten Male rectificirt. Durch die Behandlung mit
  Schwefelsure sollen die vorhandenen basischen Krper (Ammoniak,
  Anilin) und das Naphtalin entfernt werden, whrend durch die
  Natronlauge die vorhandene Carbolsure gebunden wird. Die Menge der
  anzuwendenden Schwefelsure betrgt 5 Proc. vom Gewicht des Theerles,
  die Menge der Natronlauge von 1,382 spec. Gew. (= 40 B.) etwa 2 Proc.
  Die so erhaltene Flssigkeit ist und bleibt an der Luft farblos und
  bildet das =Benzol= oder =Benzin= des Handels, ein Gemenge
  verschiedener Krper, in welchem Benzol, Toluol und Xylol die
  Hauptbestandtheile ausmachen. Es wird (vergl. S. 657) in =Nitrobenzol=
  bergefhrt, welches den Ausgangspunkt zur Darstellung vieler
  =Theerfarben= bildet. Das =kufliche Benzin= (Naphta), von welchem in
  den meisten Fllen das eigentliche Benzol bereits getrennt ist, wird in
  der Technik vielfach anstatt des Terpentinles als Lsungsmittel von
  Harzen, Fetten, Oelen, Kautschuk, Guttapercha, zum Carburiren des
  Leuchtgases, als Schmiermittel u. dgl. angewendet. In England
  unterscheidet man =Carburirnaphta=, =Auflsungsnaphta= und
  =Brennnaphta=; letztere findet wie das Petroleum als Leuchtstoff in
  Lampen Anwendung. Aus dem rohen leichten Theerle, namentlich aus dem
  bei der Destillation des Theeres zuerst bergegangenen Antheil, setzt
  sich beim Abkhlen bis auf -10 =Naphtalin= ab, welches, wie Seite 665
  gesagt worden ist, zur Herstellung von rothen, violetten, blauen und
  gelben Farbstoffen (=Naphtalinfarben=), ausserdem auch seit einigen
  Jahren zur Fabrikation von Benzosure Verwendung findet. Das =schwere
  Theerl= wird auf hnliche Weise wie das leichte Theerl durch
  successive Behandlung mit concentrirter Schwefelsure und mit
  Natronlauge gereinigt, durch Rectification ber ein Gemenge von
  Eisenvitriol und Kalk von den widrig riechenden geschwefelten
  Verbindungen befreit und durch fractionirte Destillation, indem man die
  zwischen 150 und 200 bergehenden Antheile fr sich auffngt, daraus
  die Phenole oder das Steinkohlenkreosot (ein Gemenge von Carbol- oder
  Phenylsure, Kresylsure und Phlorylsure) darstellt, welches das
  Material ist zur Bereitung der =Carbolsure= (vergl. Seite 663) und der
  =Pikrinsure= (vergl. Seite 664), ferner blauer und rother Farben,
  ausserdem auch zum Conserviren von Holz, von anatomischen Prparaten,
  von gerbstoffhaltigen Extracten u. s. f. Anwendung findet. =Lunge=
  erhielt aus einer Tonne Theer (= 20-1/4 Ctr. Zollgewicht)

        50procentiges Benzol      2,88 Gallons = 13 Liter
        Beste Naphta              2,69    "    = 12   "
        Brennnaphta               3,51    "    = 15,8 "
        Kreosotl                83,25    "    =  3,74 Hektoliter
        Ammoniakwasser            3,0     "    = 13,5 Liter
        und 11-3/4 Ctr. Pech.

  Der =knstliche Asphalt= (deutscher Asphalt, Theerpech) wird in grosser
  Menge in der Firniss- und Lackfabrikation benutzt, ausserdem zur
  Herstellung des Asphaltpflasters. Seit 1869 isolirt man aus dem
  Kohlentheer das zur Alizarinbildung dienende =Anthracen= in grsster
  Menge (vergl. Seite 667). -- Den Asphalt sowol als auch die schweren
  Theerle wendet man gegenwrtig nicht selten zur Darstellung von
  Lampenruss an. 4) Der =Gaskalk= findet in Folge seines Gehaltes an
  Calciumsulfhydrat zum Kalken der Hute in der Gerberei, wegen seines
  Cyancalcium- und Schwefelcyancalciumgehaltes zur Bereitung von
  Berlinerblau und Schwefelcyanprparaten Anwendung. 5) Der in der
  =Laming='schen Mischung sich findende =Schwefel= dient (wie Seite 217
  errtert wurde) an vielen Orten zur Darstellung von Schwefelsure, die
  somit unter den Nebenprodukten der modernen Gasfabrikation gleichfalls
  zu nennen ist. Vortheilhafter mchte es sein, den freien Schwefel aus
  der Masse durch Aussaigern mit Wasserdmpfen von 130 zu gewinnen. Auch
  die Extraction der Masse mit Theerl, welches den freien Schwefel lst,
  ist mit Erfolg zur Abscheidung des Schwefels aus der =Laming='schen
  Mischung in Anwendung gebracht worden.

[Sidenote: Zusammensetzung des Kohlengases.]

Als Beispiele der Zusammensetzung des =gereinigten Kohlengases= seien
folgende Analysen angefhrt. 100 Raumtheile enthalten:

                         I.    II.     III.   IV.     V.    VI.  VII.
   Wasserstoff         44,00  41,37   39,80  51,29  50,08  46,0  27,7
   Methylwasserstoff   38,40  38,30   43,12  36,45  35,92  39,5  50,0
   Kohlenoxyd           5,73   5,56    4,66   4,45   5,02   7,5   6,8
   Elayl                4,13   5,00 }  4,75   4,91   5,33   3,8  13,0
   Ditetryl             3,14   4,34 }
   Stickstoff           4,23   5,43    4,65   1,41   1,89   0,5   0,4
   Sauerstoff            --     --      --    0,41   0,54   --    --
   Kohlensure          0,37    --     3,02   1,08   1,22   0,7   0,1
   Wasserdampf           --     --      --     --     --    2,0   2,0

  I und II Kohlengas von Heidelberg, III Kohlengas von Bonn, analysirt
  von =H. Landolt=, IV und V Kohlengas von Chemnitz, analysirt von
  =Wunder=, VI Londoner Kohlengas (1867), VII Londoner Cannelgas (1867).

[Sidenote: Holzgas.]

II. =Das Holzgas.= Wie Seite 724 angefhrt wurde, beschftigte sich der
franzsische Ingenieur =Lebon= schon im Jahre 1799 mit der Darstellung
von Leuchtgas aus Holz und construite seine Thermolampe. Dieser Licht und
Wrme spendende Apparat konnte aber nirgends sich behaupten und wurde
schnell berall wieder verlassen, wo er eingefhrt worden war,
hauptschlich wohl aus dem Grunde, weil das Leuchtvermgen des darin
verbrannten Gases ein schwaches war und mit dem Kohlengase, welches bald
nachher auftauchte, nicht entfernt concurriren konnte. Es ist kein
einziger Fall bekannt, dass das Holzgas =Lebon='s an irgend einem Orte
zur regelmssigen Beleuchtung benutzt worden wre. =Dumas= bezeichnet
dies vollkommen richtig, wenn er hervorhebt, dass die Thermolampe keinen
Erfolg haben knnte, sei es nun der schwierigen Behandlung oder des
schwachen Lichtes wegen, welches dieselbe erzeugte; die darin gebildeten
Gase seien nur Grubengas und Kohlenoxydgas, die bekanntlich beide ein nur
schwaches Leuchtvermgen besitzen. 1849 wurde =M. v. Pettenkofer= in
Mnchen veranlasst, die Versuche zur Fabrikation des Leuchtgases aus Holz
wieder aufzunehmen. Er fand dabei vollkommen besttigt, was =Dumas=
angiebt, dass nmlich bei der Temperatur der Verkohlung des Holzes nur
solche Gase entstehen, welche zu Beleuchtungszwecken keine Verwendung
finden knnen, weil ausser Kohlensure und Kohlenoxyd nur
Methylwasserstoffgas, aber keine schweren Kohlenwasserstoffe sich bilden.
Werden aber die bei der Verkohlung des Holzes sich bildenden Dmpfe noch
weiter erhitzt, so entsteht eine grssere Menge Gas und es gehen
Zersetzungen unter Bildung schwerer Kohlenwasserstoffe vor sich, so dass
das Holzgas reicher daran ist, als das Kohlengas.

  Wahrscheinlich wre es lngst schon gelungen, aus Holz ein leuchtendes
  Gas darzustellen, da die Dmpfe aus demselben schon bei sehr niedriger
  Temperatur, nmlich schon bei 150 sich bilden. Aus Steinkohlen
  entwickeln sich bei dieser Temperatur weder Gas noch Dmpfe. Um den
  Process bei der Bildung des Leuchtgases aus Holz genau zu verstehen,
  hat man zunchst zu unterscheiden zwischen jener Temperatur, bei
  welcher Holz in Kohle und in Dmpfe zerlegt wird -- =Temperatur der
  Verkohlung= -- und zwischen derjenigen Temperatur, bei welcher die
  entstandenen Dmpfe zu =permanentem Leuchtgas= zerlegt werden. Aus
  Steinkohlen (Harz und Oel) wird in den gewhnlichen Retorten der
  Gasfabriken deshalb sofort ein brauchbares Leuchtgas erhalten, weil die
  Dmpfe bei ihrer Bildung schon eine weit hhere Temperatur besitzen,
  als die aus Holz sich entwickelnden Dmpfe, demnach nur wenig noch
  hher erhitzt zu werden brauchen, um in Leuchtgas bergefhrt zu werden
  oder, mit anderen Worten, weil die Temperaturen der =Verkohlung= und
  =Leuchtgasbildung= sich viel nher liegen als bei dem Holz. Die fr die
  Gasbereitung aus Kohlen geeigneten Apparate sind deshalb auch bei
  weitem nicht ausreichend, um Holzgas darzustellen. Von den in dem
  Holztheer sich vorfindenden kohlen- und wasserstoffreichen Krpern
  haben einige fr sich einen weit hheren Siedepunkt (200-250), bei dem
  sie sich, ohne chemische Zersetzung zu erleiden, destilliren lassen,
  als diejenige Temperatur ist, bei welcher sie aus dem Holze entstehen.
  In ihnen hauptschlich ruht die Leuchtkraft und es mssen dieselben
  durch noch hhere Temperatur zu kohlenstoffreichen permanenten Gasen
  zersetzt werden. Bei der Holzgasbereitung hat man einen Raum fr die
  Zersetzung des Holzes, d. h. eine Retorte von der Form der gewhnlichen
  Gasretorten, und neben diesem Raum oder dieser Retorte einen zweiten
  Raum, den =Generator=, fr die Zersetzung der primitiv entstehenden
  Dmpfe zu Leuchtgas. Zu dem Ende umgab man anfangs die Retorte, in
  welcher das Holz verkohlt wurde, mit glhend erhaltenen Rhren, in
  denen die Dmpfe behufs ihrer Umwandlung in Leuchtgas hin- und hergehen
  mussten; gegenwrtig hat man aber allgemein diese complicirten Retorten
  verlassen und bedient sich einfacher, aber grosser Retorten. Dieselben
  sind im Verhltniss zu einer Ladung Holz (= 60 Kilogr.) sehr gerumig,
  mit Leichtigkeit wrden sie die dreifache Holzmenge fassen; sie bieten
  deshalb den Holzdmpfen eine hinlnglich grosse glhende Flche dar.

  Es ist kein grosser Unterschied in der Quantitt und Qualitt des
  Gases, wenn man verschiedene Holzarten zur Destillation verwendet; was
  den Unterschied in der Menge betrifft, so ergiebt sich derselbe aus
  Untersuchungen von =W. Reissig=, welcher Aspenholz (1), Lindenholz (2),
  Lrchenholz (3), Weidenholz (4), Tannenholz (5) und Fichtenholz (6) zur
  Holzgasbereitung benutzte:

    50 Kilogr. (1) gaben an gereinigtem Gas   592   Kubikfuss
    50    "    (2)   "    "      "       "  620-640     "
    50    "    (3)   "    "      "       "    550       "
    50    "    (4)   "    "      "       "    660       "
    50    "    (5)   "    "      "       "    648       "
    50    "    (6)   "    "      "       "    564       "
                                                   und  9,9 Kilogr. Kohle
                                                    "  9-11   "      "
                                                    "  12,5   "      "
                                                    "   9,0   "      "
                                                    "   9,5   "      "
                                                    "   9,2   "      "

  Das ungereinigte Gas enthlt grosse Mengen von Kohlensure, wie
  folgende von =v. Pettenkofer= ausgefhrte Analyse von Holzgas aus
  mglichst harzfreiem Fichtenholze zeigt:

                   Schwere Kohlenwasserstoffe    6,91
                   Methylwasserstoff            11,06
                   Wasserstoff                  15,07
                   Kohlensure                  25,72
                   Kohlenoxyd                   40,59

  In 1 Vol. der schweren Kohlenwasserstoffe waren 2,82 Vol.
  Kohlenstoffdampf. Die Kohlensure wird aus dem rohen Gase durch
  Kalkhydrat sorgfltig entfernt. Das gereinigte Holzgas ist nach
  =Reissig='s Untersuchungen folgendermaassen zusammengesetzt:

                                      (1)     (2)     (3)     (4)
       Schwere Kohlenwasserstoffe    7,24    7,86    9,00    7,34
       Wasserstoffgas               31,84   48,67   29,76   29,60
       Leichter Kohlenwasserstoff   35,30   21,17   20,96   24,02
       Kohlenoxydgas                25,62   22,30   40,28   39,04
                                   ------------------------------
                                   100,00  100,00  100,00  100,00

[Sidenote: Betrieb der Holzgasfabrikation.]

  Ueber den =Betrieb der Holzgasfabrikation= mgen folgende Bemerkungen
  gengen. Das zur Destillation zu verwendende Holz -- Fhren- und
  Tannenholz -- wird in eine Trockenkammer, die hinter dem Retortenofen
  liegt und vom Boden aus durch den aus dem Ofen in einen Kanal
  strmenden Rauch erwrmt wird, gebracht und darin 24 Stunden lang
  gelassen. Die Retorte wird mit 50-60 Kilogr. Holz beschickt und wie
  gewhnlich verschlossen. In 1-1/2 Stunden ist die Destillation
  beendigt, und man erhlt nach Entfernung der Kohlensure durch Kalk
  mindestens circa 16 Kubikmeter (nahezu 600 Kubikfuss) leuchtendes Gas.
  An vielen Orten, wo die Holzgasbereitung eingefhrt ist, zieht man es
  neuerdings vor, mit dem Holze zugleich eine gewisse Menge schottischer
  Bogheadkohle oder bhmischer Blattelkohle zu destilliren.

[Sidenote: Holzgasbrenner.]

  Ein wichtiger Punkt ist bei dem Holzgase die Grsse der Oeffnungen an
  den =Brennern=, da das spec. Gewicht des Holzgases durchschnittlich
  nicht unter 0,70 betrgt, whrend das des Steinkohlengases in der Regel
  nicht 0,5 erreicht. Diese Verhltnisse sind von Wichtigkeit fr die
  Form und den Umfang des Flammenkrpers. Je leichter das Gas, desto
  leichter die Ausstrmung und Ausdehnung in der Luft, je schwerer
  dasselbe, desto trger das Ausstrmen und Aufsteigen in der Luft. Ein
  leichteres Gas wird beim Ausstrmen die umgebende Luft weder
  durchschneiden und trennen, whrend ein schwereres Gas sich im
  Verhltniss mit der atmosphrischen Luft der Umgebung mehr reiben und
  mischen wird. Damit diese Mischung mit Luft nicht einen der Leuchtkraft
  nachtheiligen Grad erreiche, muss die Oeffnung an den Holzgasbrennern
  wesentlich =breiter= sein als bei Kohlengas. Holzgas, aus
  Kohlengasbrennern, die fr einen stndlichen Verbrauch von 70-100 Liter
  (3-4 Kubikfuss) berechnet sind, unter etwas starkem Drucke verbrannt,
  giebt in der Regel eine kaum leuchtende Flamme, whrend das nmliche
  Gas aus Brennern mit weiten Oeffnungen gebrannt, eine Leuchtkraft
  entwickelt, welche die des gewhnlichen Steinkohlengases bertrifft.
  Nach Versuchen, die im Jahre 1855 von =v. Liebig= und =Steinheil=
  angestellt wurden, ergab sich als Resultat fr 4-1/2 engl. Kubikfuss
  per Stunde

                Steinkohlengas = 10,84 Normalwachskerzen,
                Holzgas        = 12,92         "

  Demnach ist das Verhltniss der Leuchtkraft bei beiden Gasen
  durchschnittlich Holzgas : Kohlengas = 6 : 5. Die Vortheile der
  Holzgasbereitung liegen auf der Hand. Die Holzverkohlung ist zum
  Beleuchtungsgeschft herangezogen worden, und der weiteren Bedingung,
  der Billigkeit, gengt das Holzgas lediglich dadurch, dass es mit einem
  werthvollen und leicht verwerthbaren Produkt, der Holzkohle, entsteht.
  Das Holz liefert fr gleiches Gewicht weit mehr Gas und dieses in
  betrchtlich krzerer Zeit als die Steinkohle, whrend die Leuchtkraft
  zu Gunsten des Holzgases steht. Ein wichtiger Vorzug des Holzgases ist
  ferner die gnzliche Abwesenheit von Ammoniak und von
  Schwefelverbindungen, so dass bei seiner Verbrennung niemals schweflige
  Sure sich bilden kann. Bei Vergleichung der Herstellungskosten des
  Steinkohlengases mit denjenigen des Holzgases hat sich die Thatsache
  herausgestellt, dass berall, wo ein Centner ungeflsstes Nadelholz
  wohlfeiler zu haben ist als ein Centner zum Vergasen taugliche
  Steinkohle, die Beleuchtung mit Holzgas als die vortheilhaftere sich
  empfiehlt. Auch das Anlagecapital und dessen Verzinsung sprechen zu
  Gunsten der Holzgasbeleuchtung. Holzgasapparate nehmen ferner weniger
  Raum in Anspruch als Kohlengasapparate und namentlich sind viel weniger
  Retorten nothwendig, da die Destillation des Gases aus Holz
  ausserordentlich schnell vor sich geht. Eine Retorte liefert in 24
  Stunden an Holzgas 10,000 Kubikfuss, an Steinkohlengas 4000 Kubikfuss.
  Als ein Nachtheil der Holzgasbeleuchtung sind der grosse Verbrauch an
  Reinigungsmaterial, an Kalk, sowie die grossen Kosten fr Vorbereitung
  desselben anzufhren.

  Der Holztheer (2 Proc. vom Gewicht des getrockneten Holzes) und der
  Holzessig (100 Th. Holz geben 0,5-0,75 Th. trocknes Calciumacetat)
  werden so gut als es die Localitt gestattet, verwerthet, ersterer in
  einigen Gasfabriken, wo es an einer geeigneten Verwendung fehlt, auch
  unter den Retorten verfeuert.

[Sidenote: Torfgas.]

III. =Das Torfgas.= Wenn man Torf der trockenen Destillation unterwirft,
so erhlt man genau so wie bei der Steinkohle Gas, wsseriges Destillat,
Theer und Kohle (Torfkohle), so erhielt z. B. =Vohl= bei der Destillation
eines lufttrockenen Torfes (Moortorf eines Hochmoores im Canton Zrich)
aus 100 Theilen

                      Gas                    17,625
                      Theer                   5,375
                      Wsseriges Destillat   52,000
                      Kohle                  25,000
                                            -------
                                            100,000

Die Produkte der trocknen Destillation des Torfes sind:

  Flssige und feste  { Turfol von 0,820 spec. Gewicht
  Kohlenwasserstoffe  { Schweres Oel (Schmierl) von  0,885 spec. Gewicht
                      { Paraffin

                                              { Kohlensure
                     { Ammoniak               { Schwefelwasserstoff
                     { Aethylamin             { Cyanwasserstoffsure
               Basen { Picolin         Suren { Essigsure
                     { Lutidin                { Propionsure
                     { Anilin                 { Buttersure
                     { Caespitin              { Valeriansure
                                              { Carbolsure

                                { Schwere Kohlenwasserstoffe
            Gasfrmige Produkte { Leichter Kohlenwasserstoff
                                { Wasserstoffgas
                                { Kohlenoxyd

  Der Torfgaserzeugungsapparat ist der bei der Holzgasfabrikation
  gebruchliche. =W. Reissig=, welcher sich lngere Zeit mit Versuchen
  ber die Fabrikation von Torfgas beschftigte, wendete Specktorf aus
  der Umgegend von Mnchen an, der sehr wenig Asche und 14-15 Proc.
  Wasser enthielt. Im Durchschnitt gab 1 Ctr. (bayerisch) 426 Kubikfuss
  (bayerisch) Gas (50 Kilogr. Torf entsprechen 337 engl. Kubikfuss). Die
  Gasentwickelung geht im Anfange wie bei Holz rasch vor sich, doch nimmt
  sie gleichmssiger und stetiger ab als bei diesem. Aus =Reissig='s
  Versuchen und Analysen ergiebt sich, dass das Torfgas von vorzglicher
  Gte hergestellt werden kann. Gereinigtes Torfgas zeigte sich
  zusammengesetzt aus

             I. Schweren Kohlenwasserstoffen           9,52
                Leichtem Kohlenwasserstoffgas         42,65
                Wasserstoffgas                        27,50
                Kohlenoxydgas                         20,33
                Kohlensure und Schwefelwasserstoff  Spuren
                                                     ------
                                                     100,00

  Die Analyse eines anderen, mit vorzglichem Torfe bereiteten Gases gab

           II. Schwere Kohlenwasserstoffe { Elayl    = 9,52 }
                                          { Ditetryl = 3,64 } = 13,16
               Leichtes Kohlenwasserstoffgas                    33,00
               Wasserstoffgas                                   35,18
               Kohlenoxydgas                                    18,34
               Kohlensure und Schwefelwasserstoff               0,00
               Stickstoff                                        0,32
                                                               ------
                                                               100,00

[Sidenote: Wassergas.]

IV. =Das Wassergas.= Das Verfahren zur Erzeugung des =Wassergases=
besteht im Wesentlichen darin, dass man Wasserdmpfe durch eiserne oder
thnerne Retorten strmen lsst, die mit glhender Holzkohle oder mit
glhendem Koks gefllt sind. Das Wasser zersetzt sich in Berhrung mit
der glhenden Kohle und bildet ein Gasgemenge, welches aus
Wasserstoffgas, Kohlenoxydgas, Kohlensure und geringen Mengen von
Sumpfgas besteht. Das von der Kohlensure durch Kalk befreite Gas,
wesentlich aus Kohlenoxyd und Wasserstoff bestehend, ist, obgleich nicht
leuchtend, doch zu Beleuchtungszwecken verwendet worden, indem man 1) wie
nach dem Verfahren von =Gengembre= und =Gillard=, an die Brennermndungen
kleine Platincylinder bringt, welche in der Flamme bald weissglhend
werden und derselben Leuchtkraft ertheilen; 2) es mit kohlenstoffreichen
Dmpfen imprgnirt. Letzterer Fall ist der gewhnlichere. Die ihm zu
Grunde liegende Idee rhrt von =Jobard= in Brssel (1832) her.

  Die Angaben ber die Zusammensetzung des Wassergases sind sehr
  verschieden, so sagen =Jacquelain= und auch =Gillard=, dass das von
  ihnen erhaltene Gas ein Gemenge von Wasserstoff mit Kohlensure sei,
  welches, durch Kalk von der Kohlensure befreit, im Wesentlichen aus
  Wasserstoffgas bestehe, Andere geben, und zwar mit grsserem Rechte,
  an, dass ihr Gas Kohlenoxyd und Wasserstoff enthalte. Mit der letzteren
  Ansicht stimmen die Resultate von =Langlois= berein. Zur Bildung von 1
  Molek. Kohlenoxydgas ist das Vorhandensein von 1 Molek. Wasserdampf
  erforderlich, dessen Wasserstoff frei gemacht wird:

                        C + H_{2}O = CO + H_{2}.

  Begegnet nun in noch hherer Temperatur als bei der zu dem vorstehenden
  Vorgange erforderlichen Dunkelrothglhhitze dem Kohlenoxydgase abermals
  Wasserdampf, so entzieht -- wie dies =Verver= experimentell besttigt
  hat -- unter gnstigen Umstnden das Kohlenoxydgas dem Wasserdampf
  wiederum dessen Sauerstoff, um sich damit zu Kohlensuregas zu
  vereinigen, whrend ein neuer Antheil von Wasserstoffgas frei wird:

                      CO + H_{2}O = CO_{2} + H_{2}.

  Nur in dem Falle, dass die entstandene Kohlensure dem
  Gaserzeugungsapparate nicht schnell genug entzogen wird, sondern einige
  Zeit mit glhenden Kohlen in Contact gelassen wird, kann die
  Rckbildung von Kohlenoxyd unter Verwendung eines neuen
  Kohlenstoffquivalents erfolgen. Das Wassergas hat eine grosse Zukunft!

[Sidenote: Gillard's Gas.]

=Platingas von Gillard.= Im Jahre 1846 errichtete =Gillard= zu Passy bei
Paris eine Gasanstalt, in welcher Wasserstoffgas, durch Zersetzen des
Wassers erhalten, zu Beleuchtungszwecken dargestellt wurde. Das
anfnglich zu Grunde gelegte Princip bestand in der Zersetzung von
Wasserdmpfen in einer mit Eisendraht gefllten, glhenden Gasretorte,
aber mit einer Einrichtung, welche es ermglichte, den oxydirten und
dadurch unwirksam gewordenen Draht sofort und zur Stelle wieder wirksam
zu machen. Grosse Schwierigkeiten veranlassten jedoch =Gillard=, dieses
System gegen ein anderes zu vertauschen und zwar gegen die Zersetzung des
Wasserdampfes vermittelst Hindurchleiten durch eine Retorte mit glhenden
Kohlen. Man reinigt das so erhaltene kohlensurereiche Gas, indem man es
ber krystallisirtes Natriumcarbonat leitet, welches dadurch in
Bicarbonat bergeht. Das Gas strmt durch einen Argandbrenner mit sehr
vielen kleinen Lchern aus; die Flamme ist mit einem Netzwerk von mssig
feinem Platindraht umgeben, welches in kurzer Zeit in's Weissglhen kommt
und dadurch die Gasflamme leuchtend macht. In Paris nennt man dieses Gas
=Platingas= (_gaz-platine_).

  Es ist vllig rein, geruchlos und verbrennt begreiflicherweise ohne
  Russ. Aus diesem Grunde namentlich ist es in den Werksttten und
  Magazinen von =Christofle u. Co.= in Paris eingefhrt. Seine
  Leuchtkraft ist grsser als die des Kohlengases (das Verhltniss ist
  nach =Girardin= wie 130 : 127). Die Schnheit der Flamme lsst nichts
  zu wnschen brig, da die grosse Bestndigkeit und Unbeweglichkeit des
  Lichtes diese Art der Beleuchtung zu einer hchst angenehmen macht,
  indem es ja ein zur Weissglut gebrachter fester Krper ist, welcher das
  Licht ausstrahlt, aber keine unruhige flackernde Flamme, wie solche das
  gekohlte Leuchtgas liefert[184]. Nach der Angabe von =Verver= brauchte
  man in Narbonne zur Produktion von 1 Kubikmeter Gas 0,32 Kilogr.
  Holzkohle und zur Heizung 1,41 Kilogr. Steinkohle.

  [184] Ueber das Wassergas und seine hohe Bedeutung hat unlngst
        =C. Schinz= (Jahresbericht der chem. Technologie 1869 p. 731)
        eine beachtenswerthe Abhandlung verffentlicht.

[Sidenote: Carburirtes Wassergas.]

=Carburirtes Wassergas.= =Faraday= wies, bei Gelegenheit seiner
Untersuchung ber das Oel, welches beim Comprimiren des aus Oel
dargestellten Leuchtgases sich bildet, nach, dass wenn Grubengas, das an
sich wenig leuchtet, mit diesem Oel in Berhrung kommt, dasselbe mit
stark leuchtender Flamme brennt. =Lowe= griff diese Beobachtung auf und
machte bereits 1832 den Vorschlag, gewhnliches Kohlengas zur Vermehrung
seiner Leuchtkraft mit Dmpfen von Theerl oder von Petroleum zu
imprgniren; zu gleicher Zeit lehrte er mit Hlfe von Wasserdmpfen und
Koks ein Gemenge von Kohlenoxyd und Wasserstoffgas zu erzeugen, welches
durch die Dmpfe der genannten Kohlenwasserstoffe in Leuchtgas
bergefhrt wurde. Spter hat =Jobard= in Brssel diesen Gegenstand
wieder aufgenommen und das Resultat seiner Versuche dem franzsischen
Ingenieur =Selligue= mitgetheilt, welcher durch frhere Versuche (seit
1833) ber den nmlichen Gegenstand grndlich vorbereitet, die Sache mit
Eifer angriff und zuerst das gekohlte Wassergas zur Beleuchtung im
Grossen verwendete. Zum Kohlen des Wassergases wendete =Selligue=
Schieferl an, welches durch trockene Destillation aus bituminsem
Mergelschiefer auf dieselbe Weise gewonnen wird, nach der man heutzutage
noch zu Reutlingen und anderen Orten das Schieferl gewinnt. Zu dem
Gasapparate von =Selligue= gehrt eine Batterie von drei Retorten, welche
bestndig im Rothglhen erhalten werden. Zwei dieser Retorten sind mit
Kohle angefllt. Ein Wasserdampfstrom tritt in die erste Retorte ein und
bildet hier Kohlenoxyd und Wasserstoffgas; in der zweiten Retorte wird
die Zersetzung vervollstndigt und die vorher entstandene Kohlensure zu
Kohlenoxyd reducirt (ganz entgegengesetzt dem heutzutage bei der
Bereitung des Wassergases blichen Verfahren, nach welchem man das
Kohlenoxyd mglichst vollstndig zu Kohlensure zu oxydiren sucht). Das
glhende Gemenge von Kohlenoxyd und Wasserstoff tritt in die letzte
Retorte, wo es das in Zersetzung begriffene Schieferl trifft; diese
Retorte enthlt bis zu 2/3 ihrer Hhe eine eiserne Kette, um die
Heizflche zu vermehren. Ein continuirlicher Strom von Schieferl (auf
10,000 Liter Gas rechnet man 5 Kilogr. Oel) rinnt von oben in die Retorte
herab, wo es sofort zersetzt und mit dem Gemenge von Kohlenoxyd und
Wasserstoff in Wechselwirkung gebracht wird. Ein Gasofen mit sechs
Retorten (zusammen von 6 Kubikmeter Capacitt) giebt nach =Selligue= in
24 Stunden 24,000 bis 28,000 Hektoliter Leuchtgas, wobei consumirt werden
1231 Kilogr. Schieferl nebst 400 Kilogr. Holzkohle als Gasmaterial und
16 Hektoliter Steinkohle zum Heizen.

  Aus dem =Selligue='schen Verfahren sind die folgenden Methoden
  hervorgegangen: 1) Der =White='sche Process oder der
  =Hydrocarbonprocess=, nach welchem aus Wasserdmpfen und Kohle
  dargestelltes Wassergas mit einem Antheil unzersetzten Wasserdampfes
  gemischt, durch eine Retorte geht, in welcher man nach dem frheren
  Verfahren =Harz=, nach dem neueren =Cannel=- und =Bogheadkohle= der
  trocknen Destillation unterwirft; 2) das Verfahren von =Leprince=,
  welches das _Gaz mixte de Leprince_ liefert, ist im Wesentlichen nichts
  weiter als der verbesserte =White='sche Process. Die
  Zersetzungsprodukte von Wasserdmpfen und Koks gehen mit Wasserdmpfen
  gemischt bei der geeigneten Temperatur (in der nmlichen Retorte) ber
  =Steinkohle=; 3) das Verfahren von =Isoard=, nach welchem berhitzte
  Wasserdmpfe mit =Steinkohlentheer= zusammengebracht werden; 4) nach
  der Methode von =Baldamus= und =Grne= werden der Wasserdampf und der
  flssige Kohlenwasserstoff zu gleicher Zeit in dem nmlichen Raume
  zersetzt; 5) das Verfahren von =Kirkham= u. A., nach welchem Wassergas
  (auf gewhnliche Weise durch Zersetzen von Wasserdampf durch glhende
  Kohle in einem von ihm construirten Apparate dargestellt) einfach durch
  Imprgniren mit Dmpfen flssiger Kohlenwasserstoffe (Benzol, Photogen,
  Petroleum, Naphta) leuchtend wird; 6) als Anhang zum Wassergas sei das
  von =Longbottom= vorgeschlagene =carbonisirte Luftgas=, aus
  atmosphrischer Luft mit Dmpfen von Benzol oder Petroleumnaphta (nach
  =Wiederhold=) imprgnirt bestehend, erwhnt.

[Sidenote: White's Hydrocarbonprocess.]

1) Der =Hydrocarbonprocess von White=. Der Vorschlag von =Selligue=, das
Wassergas mit den Dmpfen leichtflssiger Kohlenwasserstoffe zu
imprgniren, um ihm die Eigenschaft zu ertheilen mit leuchtender Flamme
zu verbrennen, wurde von dem Englnder =White= dahin abgendert, dass er
das Wassergas mit unzersetztem Wasserdampf gemischt, durch eine Retorte
streichen liess, in welcher er Cannel- oder Bogheadkohle oder Harz bei
starker Glhhitze der trocknen Destillation unterwarf. Das =White='sche
Verfahren oder der sogenannte =Hydrocarbonprocess= fand im Anfange wenig
Anklang, spter aber, als von =Frankland= auf dem Gaswerke von =Clarke u.
Co.=, Ancoats, Manchester, angestellte Versuche ein gnstiges Resultat
geliefert, wurde das Verfahren bekannter, ohne dass jedoch dessen
Einfhrung in die Praxis gelungen wre.

  Die von =Frankland= ausgefhrten Analysen des so dargestellten Gases
  zeigen, dass in dem Gase gegen 15 Proc. Kohlenoxyd, aber keine
  Kohlensure sich findet, der Gehalt an Wasserstoffgas dagegen bis zu 45
  Proc. betrgt. Diese Zunahme des Wasserstoffgehaltes ohne quivalente
  Vermehrung des Kohlenoxydgehaltes kann nur aus der Einwirkung von
  Wasserdampf auf das Sumpfgas der mit Cannelkohle gefllten Retorte
  erklrt werden, vielleicht nach folgender Gleichung:

          Sumpfgas CH_{4}      } geben { Kohlenoxyd CO
          Wasserdmpfe H_{2}O) }       { Wasserstoffgas 3H_{2}

  Die Zusammensetzung der erhaltenen Gase -- mit und ohne Wassergas --
  war folgende:

Gas aus Bogheadkohle

                                           ohne      mit
                                             Wassergas
               Schwere Kohlenwasserstoffe  24,50    14,12
               Grubengas                   58,38    22,25
               Wasserstoff                 10,54    45,51
               Kohlenoxyd                   6,58    14,34
               Kohlensure                   --      3,78
               Sauerstoff und Stickstoff     --       --
                                          ---------------
                                          100,00   100,00

  Die Vortheile des =White='schen Hydrocarbonprocesses liegen nicht nur
  darin, dass bei dem erhaltenen Gase der Gehalt an Wasserstoff weit
  grsser, an Kohlenoxyd etwas und an Grubengas sehr betrchtlich
  geringer ist, als bei dem gewhnlichen Steinkohlengase, sondern sie
  sind auch und zwar wesentlich in der mechanischen Wirkung der
  Wasserzersetzungsprodukte zu suchen. Beim Durchstrmen durch die mit
  Cannelkohle beschickte Retorte fhren sie die entstandenen leuchtenden
  Kohlenwasserstoffe rasch aus dem Bereich der Rothglhhitze, worin diese
  sonst zum Theil unter reichlichem Kohlenabsatz zerlegt wrden und
  bieten den derartigen Produkten im Theer berhaupt reichlich
  Gelegenheit, zu diffundiren und sich so den leuchtenden Bestandtheilen
  bleibend beizugesellen. Die =Frankland='schen Versuche haben folgende
  Vortheile des Hydrocarbonverfahrens ergeben: a) Der Process lsst sich
  in jeder Gasanstalt ohne besondere Umstnde und Kosten einfhren; b)
  die Gasausbeute nimmt um 46 bis 290 Proc. zu; c) die Leuchtkraft wird
  um 14 bis 108 Proc. vermehrt; d) die Ausbeute an Theer wird vermindert,
  da ein guter Theil desselben vergast wird; e) die Hitze und
  Kohlensurebildung der Gasflammen wird vermindert, weil das Gas mehr
  Wasserstoff und weniger Kohlenstoff enthlt.

[Sidenote: Wassergas nach Leprince.]

  2) Das Verfahren der =Bereitung von Wassergas= nach =Leprince= ist
  nichts weiter als eine Abnderung des =White='schen Processes, die
  darin besteht, dass Retorten, mit drei horizontalen Scheidewnden,
  mithin in drei Abtheilungen gebracht, angewendet werden, in welchen die
  beiden Phasen des Processes, die theilweise Wasserzersetzung durch Koks
  oder Holzkohle und die Carburirung des Gases durch die flchtigen
  Zersetzungsprodukte der Steinkohle (Backkohle) vor sich gehen. Das _Gas
  Leprince_ hat schon seine Verwendung gefunden wie z. B. in der
  =Simonis='schen Tuchfabrik zu Verviers, auf den Zinkhtten zu
  Vieille-Montagne in Belgien, namentlich auch zur Beleuchtung der Stadt
  Mastricht und einiger Localitten in Lttich.

[Sidenote: Gas nach Isoard.]

  3) Das Verfahren von =Isoard= sei hier nur beilufig erwhnt; es
  besteht im Wesentlichen darin, dass die Zersetzung des berhitzten
  Wasserdampfes nicht durch Kohle, wie bei dem Verfahren von =Selligue=,
  =White= und =Leprince=, sondern durch =Kohlentheer= erfolgt.

[Sidenote: Gas nach Baldamus und Grne.]

  4) Nach der Methode von =Baldamus= und =Grne= geht die Zersetzung des
  Wasserdampfes und der Kohlenwasserstoffe zu gleicher Zeit und in dem
  nmlichen Raume vor sich, so dass der in dem Wasserdampf enthaltene
  Wasserstoff nicht im freien Zustande, sondern in Verbindung mit
  Kohlenstoff als leuchtender Kohlenwasserstoff sich entwickelt. Das
  Material (Braunkohle, Torf, Schieferkohle) wird bei der Gasbereitung
  vllig ausgenutzt, ohne Nebenprodukte zu erzeugen, indem diese
  Materialien direct vergast und die Gase mit den Theerprodukten
  gleichzeitig mit dem Wasserstoffgas des Wassers in =Hydrocarbongas=,
  wie die Patenttrger ihr Gas nennen, bergefhrt werden.

[Sidenote: Carburirtes Gas.]

  5) =Carburirtes Gas.= Das Verfahren von =Kirkham= u. A. besteht darin,
  dass Wassergas einfach durch Imprgniren mit Dmpfen flssiger
  Kohlenwasserstoffe (Benzol, Photogen, Petroleum, Naphta) in Leuchtgas
  bergefhrt wird. Letzteres geschieht entweder dort, wo das Gas
  dargestellt wird, oder zweckmssiger am Consumtionsorte unmittelbar
  dort, wo es in die Brennerleitung strmt. Von den vielen Apparaten, die
  man zum =Carburiren= (oder Carbonisiren) des Gases vorgeschlagen hat,
  ist keiner zu einer nennenswerthen Verbreitung gelangt, trotz den
  glnzenden Resultaten, die sich anfnglich herauszustellen pflegen.
  Schwierigkeit in Beschaffung vollkommen geeigneter Materialien,
  Ungleichmssigkeit der Wirkung derselben auf die Leuchtkraft und andere
  Hindernisse sind an vielen Orten der Einfhrung der Carburirung von an
  sich nicht leuchtenden Gasen bis jetzt hemmend entgegengetreten. Was
  die Menge der flssigen Kohlenwasserstoffe betrifft, die erforderlich
  sind, um nicht leuchtenden brennbaren Gasen Leuchtkraft zu ertheilen,
  so sei, um Tuschungen vorzubeugen, bei dieser Gelegenheit bemerkt,
  dass wenn z. B. Benzol (C_{6}H_{6}) der flssige Kohlenwasserstoff
  wre, der zum Carbonisiren dienen soll,

             1000 Kubikfuss Gas { bei  0 2342 Grm. } Benzol
                                { bei 15 5694  "   }

  erfordern, um durch Sttigen mit den Dmpfen des Benzols Leuchtkraft zu
  erlangen. Die Carburirung des Leuchtgases d. h. eine Verbesserung
  desselben durch Beimischung der Dmpfe von flchtigen
  kohlenstoffreichen Oelen (wie z. B. der bei der Theerlfabrikation
  gewonnenen =Carburirungsnaphta=) ist dagegen (nach =G. Lunge=) an
  unzhligen Orten Englands schon in Privathusern und Fabriken
  eingefhrt und breitet sich immer mehr aus.

[Sidenote: Luftgas.]

  6) =Luftgas.= Als Anhang zu den im Vorstehenden beschriebenen
  Verfahren, Wassergas durch Imprgniren mit Dmpfen flssiger
  Kohlenwasserstoffe in Leuchtgas berzufhren, ist hier das Verfahren
  von =Longbottom= zu erwhnen, =atmosphrische Luft=, nachdem sie
  zunchst von Kohlensure und Wasserdampf befreit worden ist, durch die
  Dmpfe flchtiger flssiger Kohlenwasserstoffe (wie Petroleumther,
  Benzin etc.) in Leuchtgas berzufhren. Es haben Versuche, Luft mit
  Benzindmpfen zu sttigen, herausgestellt, dass solche Luft allerdings
  als Beleuchtungsmittel benutzt werden kann, dass aber zum Brennen weite
  Brennermndungen und ein langsam strmendes Gas nthig sind. Aus den
  gewhnlichen Brennern mit engen Mndungen erscheint die Flamme klein
  und von sehr geringem Leuchtvermgen; durch einen schnelleren Gasstrom
  wird sie aber, in Folge der abkhlenden Wirkung der Luft, alsbald
  verlschen. Apparate zur Bereitung von Luftgas sind u. A. von =Marcus=,
  von =Mille= und von =Mller= und =Methe=[185] construirt worden.

  [185] Vergl. Jahresbericht der chem. Technologie 1866 p. 701; 1868
        p. 763 und 765.

[Sidenote: Das Oel-, Fett- oder Harzgas.]

V. =Das Oelgas.= Die =fetten Oele= gehren unter diejenigen Materialien,
aus denen reinstes und vorzglichstes Leuchtgas bereitet werden kann. In
Folge ihrer Zusammensetzung -- =Lefort= fand fr

                 Rapsl   die Formel   C_{10}H_{18}O_{2}
                 Olivenl  "    "    } C_{18}H_{32}O_{2}
                 Mohnl    "    "    }
                 Leinl    "    "      C_{15}H_{28}O_{2}
                 Hanfl    "    "      C_{11}H_{22}O_{2}

-- liefern sie bei der trocknen Destillation hauptschlich Elaylgas, oder
was so ziemlich dasselbe ist, ein Gemisch von Wasserstoffgas und Sumpfgas
mit den Dmpfen flssiger Kohlenwasserstoffe, deren Leuchtkraft der des
Elaylgases gleich ist; ferner bilden sich nur geringe Mengen von
Kohlensure und kein Schwefelwasserstoffgas, weshalb das Oelgas keiner
Reinigung bedarf, und endlich bleibt bei der Destillation so gut wie kein
Rckstand. Da es ausserdem eine grssere Leuchtkraft besitzt, als das
Kohlengas, so ist der Apparat zur Oelgasbereitung weit compendiser, weil
man fr gleichen Umfang der Beleuchtung kleinere Gasometer nthig hat und
ferner die so lstige, wie ununterbrochene Ueberwachung erfordernde
Kalkreinigung berflssig ist. Die Gasbereitung ist auch mit weniger
unangenehmem Geruche verknpft und kann daher an jedem Orte vorgenommen
werden. Sie eignet sich deshalb vorzugsweise fr kleinere Anlagen. Trotz
seinen unlugbaren Vorzgen hat dennoch der Kostspieligkeit wegen das
Oelgas fast berall dem Kohlengase das Feld gerumt.

  Das specifische Gewicht des Oelgases betrgt im Mittel 0,76 bis 0,90;
  es kann aber auch bis 1,1 steigen. Nach den vorhandenen Angaben giebt 1
  Zollpfund Samenl 22 bis 26 Kubikfuss Gas, entsprechend 90-96 Proc. vom
  Gewicht des Oeles.

[Sidenote: Suintergas.]

  Das =Suintergas=, welches man aus den seifehaltigen Waschwssern der
  Streich- und Kammgarnfabriken, so wie der Seidenentschlung gewinnt,
  schliesst sich eng an das Oelgas an. In den Spinnereien von Augsburg
  und Mhlhausen wird das aus den Waschbottichen abfliessende Wasser,
  welches den Schweiss der Wolle und die gebrauchte Seife enthlt[186] in
  cubicirte Cisternen geleitet, dort mit Kalkmilch gemischt und 12
  Stunden lang der Ruhe berlassen. Es bildet sich ein Bodensatz, der,
  nachdem die berstehende klare Flssigkeit entfernt worden, auf
  Seihetcher aus grober Leinwand gebracht wird. Unreinigkeiten, wie
  Haare, Sand u. dergl. werden zurckgehalten, whrend die
  durchgelaufene Masse in Kellerrume gelangt, in welchen sich nach 6-8
  Tagen eine teigartige Masse bildet, die mit dem Spaten in prismatische
  Stcke von der Grsse halber Ziegelsteine ausgestochen und auf Horden
  getrocknet wird. Die trocknen Stcke werden hnlich wie bei der
  Gasbereitung der Destillation unterworfen und liefern ein Gas, welches
  nicht gereinigt zu werden braucht und eine dreifach strkere
  Leuchtkraft besitzt, als das aus guter Gassteinkohle gewonnene. Das
  Waschwasser einer Kammgarnspinnerei von 20,000 Spindeln liefert, wenn
  es dem beschriebenen Processe unterworfen wird, circa 500 Kilogr.
  getrocknete Masse, =Suinter= genannt, tglich; 1 Kilogr. Suinter giebt
  210 Liter Gas. Jhrlich werden im Durchschnitt 150,000 Kilogr. Suinter
  gewonnen und im regelmssigen Betriebe knnen daraus 31,500,000 Liter
  Gas bereitet werden. Eine Flamme consumirt in der Stunde 35 Liter, mit
  der angefhrten Quantitt liessen sich, das Brennen einer Gasflamme auf
  1200 Stunden berechnet, 750 Gasflammen speisen. Eine Fabrik von 20,000
  Spindeln bedarf zu ihrer Erleuchtung nur 500 Flammen, es bleibt demnach
  der noch fr 250 Flammen dienende Suinter, im Ganzen 5000 Kilogr., zu
  anderweitiger Verwendung bereit. In Augsburg wird ein Centner oder 50
  Kilogr. der Masse mit 2-1/2-3 fl., in Mhlhausen mit 9-10 Fr. bezahlt.

  [186] In Rheims wird das erste Waschwasser, welches keine Seife,
        sondern nur den Wollschweiss (_suintate de potasse_) enthlt, auf
        Potasche und auf Gas verarbeitet (vergl. S. 142), obgleich
        neuerdings (von =Havrez=) vorgeschlagen wurde, den
        stickstoffreichen Wollschweiss nicht nur auf Potasche, sondern
        auch auf Blutlaugensalz zu verarbeiten.

[Sidenote: Schieferl- und Petroleumgas.]

VI. =Schieferl=- und =Petroleumgas=. Der Posidonienschiefer des Lias aus
der Nhe von Reutlingen in Wrttemberg liefert bei der trocknen
Destillation etwa 3 Proc. Theer, aus welchem durch Destillation das
=Schieferl= ausgeschieden wird. In Folge eines nicht unbedeutenden
Schwefelgehaltes ist das Schieferl als Beleuchtungsmaterial fr Lampen
nicht sehr geeignet, dagegen ist es ein vorzgliches Material zur
Gasbeleuchtung. Nach den Mittheilungen von =Haas= liefert in Reutlingen 1
Centner des Schiefergasles im Werth von 10 fl. ungefhr 1300 engl.
Kubikfuss Gas, so dass das Tausend Kubikfuss einschliesslich des
Brennmaterials (1/12 Klafter Holz) und des Taglohns in runder Summe auf
10 fl. zu stehen kommt, was in Anbetracht der hohen Leuchtkraft sehr
billig ist.

  =W. Reissig= fand bei der (1862 ausgefhrten) Analyse von Reutlinger
  Schieferlgas:

                   Schwere Kohlenwasserstoffe   25,30
                   Grubengas                    64,80
                   Kohlenoxydgas                 6,65
                   Wasserstoffgas                3,05
                   Kohlensure                   0,20
                   Sauerstoff und Stickstoff   Spuren
                                               ------
                                               100,00

  Nach Versuchen, die in Stuttgart zur Ermittelung der Leuchtkraft des
  Schieferlgases angestellt wurden, hat sich ergeben, dass die
  Leuchtkraft des Schieferlgases 2,5 bis 3,5 mal grsser sei als die des
  Kohlengases.

[Sidenote: Petroleumgas.]

Das =Petroleum= ist seit einigen Jahren ebenfalls zur Darstellung von
Leuchtgas angewendet worden. Die Bereitung des Petroleumgases geschieht
auf zweierlei Weise, entweder durch blosses Vergasen des Petroleums oder
durch Mischen des so erhaltenen Gases mit Wassergas (letzteres Verfahren
kommt zum Theil auf eine Carburirung des Wassergases zurck).

  Nach dem Verfahren von =Thompson= und =Hind= (1862) wird das aus dem
  Petroleum durch Destillation ber glhenden Eisenplatten oder
  Ziegelsteinen gewonnene Gas mit denjenigen gemischt, welche durch die
  Einwirkung von Wasserdmpfen auf glhende Kohlen erhalten wird. Das
  Gasgemisch wird mit Salzsure gewaschen und geht dann durch eine Reihe
  von Reinigungsgefssen, so dass es im Gasometer rein und geruchlos
  ankommt. Der Zersetzungsapparat fr das Petroleum ist eine eiserne, auf
  einem Rost liegende Retorte, an deren Deckel ein hohler, mit Koks oder
  Holzkohlen gefllter Cylinder befestigt ist. In dem Zwischenraume
  zwischen dem Cylinder und der Retortenwand liegt eine schlangenfrmig
  gewundene, den Cylinder umgebende Blechplatte. Durch den Retortendeckel
  gehen zwei Rhren, eine fr das rohe Oel, die andere fr das Wasser
  bestimmt; erstere ist mit dem Schlangengange verbunden, welcher selbst
  in dem oberen Theile des Cylinders mndet, letztere durchschneidet
  diesen Gang und mndet in den unteren Boden des Cylinders. Das
  Petroleum zersetzt sich, indem es durch die Schlange geht; das Wasser
  verdampft in der Rhre und setzt sich mit den glhenden Kohlen um. Eine
  dritte Rhre fhrt die smmtlichen Gase aus dem oberen Theile des
  Apparates ab und leitet sie nach dem Reiniger. Wird nun das Petroleum
  vergast (ohne Beimischung von Wassergas), so erhlt man aus 1 Ctr.
  pennsylvanischen Oeles 1590 Kubikfuss Gas. Nach =Bolley= war die
  Zusammensetzung des reinen Petroleumgases:

                                              I.     II.
                Schwere Kohlenwasserstoffe   31,6    33,4
                Leichter Kohlenwasserstoff   45,7    40,0
                Wasserstoff                  32,7    26,0
                                            -------------
                                            100,0   100,0

[Illustration: Fig. 300.]

  =H. Hirzel= stellt Leuchtgas aus den schwerflssigsten Theilen und den
  Rckstnden, welche beim Raffiniren des Petroleums gewonnen werden,
  oder aus Petroleum selbst dar. Der =Hirzel='sche Petroleumgas-Apparat,
  welcher bereits in Deutschland, Oesterreich, Russland und anderen
  Lndern eine grosse Verbreitung gefunden hat und sich besonders zur
  Einrichtung von Beleuchtungsanlagen in Fabriken, Kasernen, Spitlern,
  Bahnhfen etc. eignet, liefert ein Gas, welches keiner Reinigung bedarf
  und alle brigen Gasarten an Leuchtkraft bertrifft.

  Die Aufstellung, sowie der Betrieb des =Hirzel='schen Apparates ist mit
  Hlfe beistehender Skizze (Fig. 300) leicht verstndlich. _D_ ist ein
  schmiedeeiserner Behlter, welcher mit Petroleum oder den
  Petroleumrckstnden gefllt wird. In diesem Behlter befindet sich
  eine Saug- und Druckpumpe _E_, deren Kolben durch Aufziehen des
  Uhrwerks mit Petroleum gefllt werden kann. Sobald die Retorte zum
  Rothglhen erhitzt ist, wird der Kolben durch Gewichte beschwert und
  darauf das Uhrwerkpendel in Bewegung gesetzt. In Folge davon wickelt
  sich die Schnur von der Rolle des Uhrwerks ab und lsst den beschwerten
  Kolben langsam in den Pumpenstiefel sinken, wobei das Petroleum durch
  das Rohr _i_ in gleichfrmigem Strahle in die zum Rothglhen gebrachte
  Retorte _A_ eingedrckt wird. Das Petroleum wird dabei sofort vergast,
  und die Gase treten nun vom Kopfe _a_ der Retorte durch das Steigrohr
  _d_ empor und gelangen so durch die Vorlage _B_ und den mit Backsteinen
  angefllten Condensator _C_ in den Gasometer. In der Vorlage _B_ ist
  ein Oelverschluss, welcher das Zurcktreten des Gases aus dem Gasometer
  in die Retorte verhindert. Damit das Niveau dieses Oelverschlusses
  dasselbe bleibe, und damit die Vorlage, sowie der Condensator durch die
  Oeltheile, welche das Gas beim Erkalten absetzt, nicht berfllt
  werden, befindet sich am unteren Ende des Condensators das _U_-Rohr
  _c_, durch welches das berflssige Oel, welches wieder in das
  Reservoir zurckgegeben werden kann, abluft. In der Mitte des
  Aufsteigerohres _a_ ist ein nur 1,5 Centim. weites Rohr _b_ nach einem
  an der Wand aufgehngten Manometer hingeleitet, der den Druck in der
  Retorte, der whrend der Gasbereitung gewhnlich 8-12 Centim.
  Wassersule betrgt, anzeigt. Der obere Raum des Condensators, der
  durch einen mit Wasserverschluss versehenen Deckel _e_ verschlossen
  ist, wird mit einem porsen Material, mit Koksstcken oder Backsteinen
  angefllt. Der Betrieb des Apparates ist ein hchst einfacher,
  vollstndig gefahrlos und kann von jedem verstndigen Arbeiter geleitet
  werden. Bei regelmssigem Betriebe luft die Uhr ungefhr eine Stunde,
  und durch Aufzug der Pumpe wird so viel Petroleumrckstand aufgesaugt,
  dass man ca. 200 Kubikfuss Gas davon erhlt. Beim Verstopfen der
  Rhren, welches sich jedoch leicht zu erkennen giebt durch den
  Manometer sowie durch Heben des Deckels am Condensator, oder endlich
  durch Nachlassen des regelmssigen Ablaufens des Uhrwerks, tritt, wenn
  der Apparat alle 5 bis 6 Wochen gereinigt wird, nicht ein. Nach
  zwlfmaligem Gebrauch ist es jedoch zweckmssig, den Deckel der Retorte
  zu ffnen und mittelst eines scharfen Eisens die Kokskrusten zu
  entfernen, welche sich am Boden der Retorte angesetzt haben. Das
  mittelst dieses Apparates erzeugte Gas ist jedenfalls das reinste
  Leuchtgas, welches im grsseren Maassstabe dargestellt werden kann,
  denn es besteht ausschliesslich nur aus Kohlenwasserstoffgasen, welche
  sich selbst bei grsster Winterklte, sowie unter starkem Druck und in
  ausgedehnten Rhrennetzen nicht verdichten und sich, ohne eine
  Vernderung zu erleiden oder an Leuchtkraft einzubssen, aufbewahren
  lassen. Das Petroleumgas setzt in den Rhrenleitungen keine ligen oder
  theerigen Theile ab, ist vollkommen frei von schwefelhaltigen oder
  ammoniakalischen Verbindungen und von Kohlensure, weshalb es direct
  ohne weitere Reinigung in dem Gasometer angesammelt werden kann.

  Das Petroleumgas hat ein spec. Gewicht von 0,69, ist frei von Schwefel
  und Ammoniak, besteht hauptschlich aus Acetylen (C_{2}H_{2}) und wird
  aus Brennern gebrannt, welche stndlich nur 1/4, 1/2, 3/4, 1 bis
  hchstens 2 Kubikfuss Gas consumiren. Der Apparat liefert stndlich 200
  Kubikfuss Petroleumgas, welches quivalent ist 1000 Kubikfuss
  Steinkohlengas. (Auf Veranlassung von =L. Ramdohr= (1866) wird das in
  den Paraffin- und Minerallfabriken in grosser Menge abfallende
  Natrium-Carbolat (Kreosot-Natron) auf Leuchtgas (=Kreosotgas=)
  verarbeitet.)

[Sidenote: Harzgas.]

VII. =Harzgas.= Wenn man das unter dem Namen Terpentin bekannte Gemenge
von Terpentinl und Harz der Destillation unterwirft, so bleibt das
Colophonium zurck, welches wesentlich aus zwei verschiedenen Suren von
gleicher Zusammensetzung, nmlich der Sylvinsure und der Pininsure
besteht. Sie sind nach der Formel C_{20}H_{30}O_{2} zusammengesetzt. Das
Colophonium nun wurde, als es massenhaft, und ziemlich wohlfeil aus
Nordamerika nach Europa kam, vorbergehend in mehreren Stdten Englands
und des Continentes zur Gasbeleuchtung verwendet.

  Bei seiner Zersetzung in der Hitze liefert das Colophonium eine
  lhnliche Flssigkeit, das Harzl, welches in der Rothglhhitze
  vergast wird. Das Harzl ist ein complicirt zusammengesetzter Krper
  und enthlt Bestandtheile, die weit unter der Rothglhhitze sich
  verflchtigen; dieses ist fr die Fabrikation des Harzgases ein grosser
  Uebelstand, weil diese Bestandtheile sofort nach ihrer Entstehung und
  zwar weit eher sich verflchtigen werden, als sie die zur Vergasung
  geeignete Temperatur annehmen knnen. Wenn daher bei der Bereitung des
  Harzgases das Harzl in mglichst geringer Menge auftreten soll, so
  mssen die Zersetzungsprodukte des Harzes durch mehrere Retorten
  getrieben werden, wodurch der Apparat complicirt und die Feuerung
  kostspielig wird. Bei Anwendung einer einzigen Retorte erhlt man
  grosse Mengen von Harzl. Ein anderer Uebelstand bei der Bereitung des
  Harzgases liegt in dem Umstande, dass das Colophonium ein fester Krper
  ist, welcher, damit die Retorte sicher und regelmssig gespeist werden
  kann, vorher flssig gemacht werden muss. Bei einigen der in Vorschlag
  gebrachten Gasapparate geschieht dies durch vorheriges Auflsen des
  Harzes in Harzl (oder Terpentinl), bei anderen wird das Harz einfach
  geschmolzen und trpfelt im geschmolzenen Zustande in die Retorte, in
  welcher sich Koksstckchen befinden. Die entstandenen flchtigen
  Produkte werden zunchst in einen mit kaltem Wasser umgebenen Behlter
  geleitet, in welchem sich der grsste Theil des unzersetzt gebliebenen
  Harzles niederschlgt. Das Gas wird dann in den Condenser und von da,
  um die bis zu 8 Proc. darin enthaltene Kohlensure abzuscheiden, durch
  eine Lsung von Aetznatron geleitet. 100 Pfund Colophonium geben
  ungefhr 1300 Kubikfuss (engl.) Gas. Wendet man das
  =White-Frankland='sche Verfahren der Gaserzeugung auf das Harz an, so
  ist die Ausbeute eine weit grssere. Dessenungeachtet ist das Harzgas
  nirgend mehr in Gebrauch.

An die Beleuchtungsmittel schliessen sich an das =Kalklicht=, die
Beleuchtung =Tessi du Motay='s, das =Magnesiumlicht= und die
=elektrische Beleuchtung=.

[Sidenote: Kalklicht.]

  Wenn man das Knallgas, das aus zwei Volumen Wasserstoffgas und einem
  Volumen Sauerstoffgas besteht, im Augenblicke des Zusammenstrmens
  anzndet und das Fortbrennen durch Nachstrmen der getrennten Gase aus
  zwei verschiedenen Gasometern unterhlt, so hat man den unter dem Namen
  =Knallgas= oder =Hydro-Oxygen-Geblse= bekannten Apparat, dessen Flamme
  eine solche Hitze erzeugt, dass vermittelst derselben Platin mit
  Leichtigkeit geschmolzen werden kann. Die Flamme dieses Gasgemenges,
  welche auch mit Vortheil durch eine mit Sauerstoffgas angefachte
  Leuchtgasflamme ersetzt werden kann, ist nur wenig leuchtend, lsst man
  aber die Flamme gegen einen Cylinder aus Aetzkalk brennen, so
  verbreitet der Kalk dadurch, dass er darin die hchste Weissglut mit
  blauweissem Lichte annimmt, ein Licht, dessen Glanz das Auge kaum zu
  ertragen vermag. Die Idee, eine solche Flamme zur Beleuchtung von
  Stdten anzuwenden, erwies sich als unausfhrbar, ebenso verhinderte
  der hohe Preis der Darstellung des Sauerstoffs bis auf die neueste Zeit
  die Einfhrung dieses Lichtes als Signal auf Leuchtthrmen, dagegen
  benutzt man es hufig bei ffentlichen Darstellungen von Nebelbildern,
  von mikroskopischen Objekten, Chromatropen u. s. w. Im letzten
  amerikanischen Kriege spielte es in der Unionsarmee bei der Belagerung
  einiger Forts eine grosse Rolle. Man nennt dieses Licht =Siderallicht=,
  =Kalklicht= oder =Drummond's Licht=[187].

  [187] Nach dem _Journal of Gaslighting_ (1869) hat das englische
        Kriegsministerium beschlossen das Kalklicht statt des Gaslichts
        in den Casernen und den Stllen der Regimenter einzufhren, seit
        man durch Versuche zu der Gewissheit gelangt ist, dass das
        erstere ebensoviel Nutzen schafft wie das letztere, und zwar mit
        weniger Unkosten. Die Versuche mit dem Kalklicht wurden theils im
        Hafen _The Queen's Barrack_, theils in einem Winkel eines
        Casernenflgels, theils in den Slen der Casernen gemacht. Auf
        einem 6 Meter hohen Gestell befand sich der Lichtapparat und der
        Reflexionsspiegel. Als das Kalklicht angezndet und der Spiegel
        auf den Hof gerichtet wurde, war derselbe fast ebenso hell
        erleuchtet wie zur Zeit der Mittagssonne, und in einem Abstand
        von 100 Yards von der Lichtquelle vermochte man bei deren Schein
        die feinste Schrift zu lesen. In dem einen Ende des Winkels
        setzte man ein kleineres Licht auf, das, von einer Glaskugel
        umgeben, stark genug war in einem Abstand von 30 Yards eine auf
        der Erde liegende Knopfnadel finden zu lassen. Der in einem der
        Sle aufgestellte Apparat war noch kleiner, erleuchtete aber
        dennoch denselben weit klarer als es sonst mit Gas zu geschehen
        pflegt.

[Sidenote: Beleuchtung von Tessi du Motay.]

  Seit einigen Jahren macht die von dem Techniker =Tessi du Motay= (aus
  Metz) herrhrende Beleuchtung mit =Hydro-Oxygen-Gas= viel von sich
  reden. Trotz aller Reclame ist es dem neuen Licht noch nicht gelungen,
  sich irgendwo auf die Dauer Eingang zu verschaffen. Das Gasgemisch ist
  entweder Wassergas (ein Gemenge von Wasserstoffgas und Kohlenoxydgas),
  oder Wasserstoffgas oder auch Leuchtgas, welches im Momente der
  Verbrennung mit einem regulirten Strom Sauerstoffgas zusammen kommt.
  Der hierzu erforderliche Sauerstoff wird entweder durch Zersetzen von
  Schwefelsuredmpfen, oder durch Zersetzen von Natriummanganat oder
  endlich durch Zersetzen von Kupferoxychlorr gewonnen. Die Flamme des
  Hydro-Oxygen-Gases wird auf einen kleinen Cylinder von =Magnesia=
  (=Magnesialicht=) oder von =Zirkonerde= (=Zirkonlicht=) geleitet. In
  neuester Zeit (1869) hat =Tessi du Motay= seine Methode in der Weise
  abgendert, dass er den Sauerstoff zu einer Flssigkeit (einer Lsung
  von Naphtalin in Petroleum) fhrt, welche den intensiv leuchtenden
  Krper beim Brennen abscheidet. -- Fr den Mann vom Fache ist die
  Bemerkung fast berflssig, dass =Tessi='s Vorschlge unreife Dinge
  sind, die aber wohl das grosse Publikum blenden knnen!

[Sidenote: Magnesiumlicht.]

  Das intensive Licht, welches beim Verbrennen von Magnesium (vergl. S.
  120) erscheint, ist unter dem Namen =Magnesiumlicht= in der neuesten
  Zeit vielfach beim Photographiren in Anwendung gekommen. Die
  Magnesiumlampen -- wie sie auf der allgemeinen Industrieausstellung zu
  Paris 1867 auftraten -- sind entweder fr Magnesiumdraht oder fr
  Magnesiumstaub eingerichtet. In beiden Fllen sichert eine
  Spiritusflamme das unzeitige Unterbrechen des Verbrennungsprocesses.
  Bei der _ersten_ Art wird der bandartige (seltener runde) Draht von
  einem mittelst Windflgel regulirten Uhrwerke vorwrtsgezogen. Bei der
  _zweiten_ Art fllt beim Oeffnen eines Hahnes der Magnesiumstaub aus
  einem Reservoir vermge seiner Schwere in die Spiritusflamme. Der zu
  verbrennende Magnesiumstaub ist mit feinem Sande gemischt (1/3
  Magnesium und 2/3 Sand), um gengenden Luftzutritt zum Magnesium
  herbeizufhren und dadurch eine vollstndige Verbrennung zu
  ermglichen. (In dem Kriege Englands gegen Abyssinien scheint das
  Magnesiumlicht eine gewisse Rolle zur Beleuchtung gespielt zu haben,
  wenigstens sind bei Mr. =Mellor=, dem Director der
  Magnesium-Metal-Company in Manchester mehrere Centner Magnesium
  bestellt worden).

[Sidenote: Chathamlicht.]

  Mit dem Namen =Chathamlicht= bezeichnet man in England eine durch
  Einblasen von Harz oder eines Gemenges von Harz mit gepulvertem
  Magnesium verstrkte Lichtquelle, welche fr telegraphische Zwecke oder
  fr Nachtsignale mit Nutzen verwendet werden kann.

[Sidenote: Elektrisches oder Kohlenlicht.]

  Die =elektrische Beleuchtung= (Kohlenlicht) hat zwar noch keine
  allgemeine Anwendung gefunden, verdient aber in jeder Beziehung
  beachtet zu werden. Man weiss, dass sich starke Licht- und
  Wrmeentwickelung zeigt, wenn man die Entladung einer galvanischen
  Batterie oder durch die =Siemens='sche magnetelektrische Maschine
  erregten Strme durch aneinander gestellte Kohlenstcke gehen lsst. Es
  werden dabei die Spitzen erhitzt und leuchten mit blendend weissem
  Lichte. Ist der Strom im Gange, so kann man die Kohlenspitzen von
  einander entfernen, und indem die glhenden Kohlentheilchen von dem
  einen Stabe zu dem anderen berspringen, erhlt man die herrliche
  Erscheinung eines Lichtbogens. Anstatt der Kohlenspitzen (Kohlenlicht)
  kann man auch einen dnn herabfallenden Faden (Quecksilberlicht)
  anwenden. In der neueren Zeit machte =Jacobi= in Petersburg, in
  Verbindung mit =Argeraud= aus Paris, hchst interessante Versuche mit
  der elektrischen oder galvanischen Strassenbeleuchtung. Von dem
  Admiralittsthurme aus wurden die drei grssten Strassen Petersburgs,
  Newsky Prospect, Erbsenstrasse und Wosnesensky Prospect Abends 7-10 Uhr
  beleuchtet. Das Licht selbst war so hell, dass es die Augen kaum einige
  Secunden lang vertragen konnten; trotzdem, dass ganz reine Luft und
  sternenhelle Nacht war, sah man seitwrts stehend in der Luft von dem
  Lichte die Strahlen ausgehen, gerade so als wenn Sonnenlicht durch ein
  kleines Loch in eine finstere Kammer fllt. Das Licht der Gaslaternen
  erschien roth und russig. Die Batterie, welche den Strom lieferte, war
  eine Kohlenbatterie von 185 Elementen. -- Dasselbe Kohlenlicht findet
  gegenwrtig bereits in Frankreich und England ausgedehnte Anwendung zur
  Beleuchtung, so wurden unter Anderem im Jahre 1854 die Napoleon-Docks
  in Rouen monatelang jeden Abend 3-4 Stunden lang beleuchtet, bei
  welcher Beleuchtung 800 Arbeiter in mehr als 100 Meter Entfernung von
  dem Lichte arbeiteten. Die dabei benutzten Apparate bestanden in 100
  Bunsen'schen Elementen grossen Formates. Die Kosten fr einen Abend
  betrugen 38,08 Francs. Die Kosten des Lichtes beliefen sich hiernach
  auf 4-3/4 Centimes fr einen Arbeiter. Das Licht kam also sehr wohlfeil
  zu stehen, whrend andererseits die Arbeit ohne alle Gefahr und mit
  einer Regelmssigkeit stattfand, wie sie mit keiner anderen
  Beleuchtungsart zu erreichen ist. In neuerer Zeit benutzt man die
  elektrische Beleuchtung auf Leuchtthrmen so z. B. auf dem Leuchtthurme
  des Cap La Hve bei Havre, bei Illuminationen, im Theater (die Sonne im
  Prophet), fr optische Vorstellungen (Chromatropen, _Dissolving
  views_, Vorzeigen von mikroskopischen Objekten), zur Beleuchtung
  ffentlicher Grten in Paris, London, Wien und anderen grossen Stdten,
  zur Beleuchtung gewerblicher Etablissements z. B. der Schieferbrche zu
  Angers. Auch hat man nicht ohne Erfolg versucht, das elektrische Licht
  zum Photographiren zu benutzen (beispielsweise in dem
  Reliefdrucketablissement von Goupil u. Co. in Asnires bei Paris),
  ferner hat man die elektrische Beleuchtung unterseeisch fr den
  Fischfang und zur Korallen-, Badeschwamm- und Perlenfischerei zu
  verwerthen gesucht. Mit Hlfe eines von dem russischen Oberst von
  =Weyde= erfundenen Apparates lsst sich das Meer bis in seine usserste
  Tiefe hell erleuchten, was wichtig ist fr Kriegszwecke -- wie der
  deutsch-franzsische Krieg 1870 bewiesen hat, wo die franzsischen
  Schiffe, die in der Ost- und Nordsee zu operiren den Auftrag hatten,
  mit elektrischen Leuchtapparaten versehen waren -- und fr die Bergung
  gesunkener Schiffe und Gter. Bei der Belagerung von Paris ward das
  elektrische Licht von den Forts vielfach zu Recognoscirungszwecken
  verwendet. Im nrdlichen Spanien wurden die Eisenbahnarbeiten whrend
  des Sommers 1862 und 1863 wegen der grossen Hitze bei Nacht ausgefhrt,
  wobei die galvanische Beleuchtung mit grossem Erfolg zur Anwendung
  gebracht wurde.[188]

  [188] Die von =Siemens= (1867) construirte magnetelektrische Maschine
        mchte in der Beleuchtungsfrage noch eine hervorragende Rolle zu
        spielen berufen sein, da in ihr mechanische Arbeit in
        Elektricitt bergefhrt wird. Der Technik sind durch diese
        Maschine die Mittel geboten, elektrische Strme von unbegrenzter
        Strke auf wohlfeile und bequeme Art berall da zu erzeugen, wo
        Arbeitskraft disponibel ist. Man sagt, =Siemens= habe bereits den
        Auftrag erhalten, die entfernter vom Lande liegenden
        Leuchtsignalapparate, welche rings um die schottische Kste die
        gefhrlichsten Stellen bezeichnen, mit elektrischem Lichte zu
        speisen, das ihnen mit Hlfe eines submarinen Kabels vom Lande
        aus zugefhrt werden soll. Die am 2. Mrz 1867 in
        Burlington-House in London mit der =Siemens='schen Maschine (die
        zu ihrem Betriebe eine 8pferdige Dampfmaschine erfordert)
        erzielten Resultate gaben grossen Hoffnungen hinsichtlich der
        Anwendbarkeit der Maschine fr die Beleuchtung, ferner fr die
        Galvanotechnik, fr Wasserzersetzung, fr Ozonbereitung zum
        Betriebe grosser Bleichanstalten u. s. w. Raum.

  Vergleichende Zusammenstellung der Leuchtkraft der hauptschlichsten
                           Leuchtmaterialien.

      [Greek: a]   [Greek: b]   [Greek: g]    [Greek: d]    [Greek: e]
       Art des     Consumtion   Lichtstrke   Helligkeit   Leuchtkraft
    Leuchtstoffes  per Stunde  (1 Wachskerze  von 10 Grm.  (Wachskerzen
                    in Grm.        = 100)      Material       = 100)
    Wachs             9,02         102,0         111,02        100
    Stearinsure      9,94          95,5          96,03         84
    Wallrath          8,87         108,3         123,17        108
    Talg              8,87         90,25         101,70         90
    Paraffin
      (I. Qualitt)   8,83           --           94,69         83
    Paraffin
      (II.    "   )   8,49           --          139,87        123
    Rbl
      (Federlampe)   40,69        694            170,07        159
    Rbl
      (Kchenlampe)   7,33         45,67          62,30         55
    Rbl
      (Studirlampe
      ohne Zugglas)   9,86        114,1          115,80        102
    Photogen         20,02          --           149,03        131
    Solarl          26,82          --           225,64        199
    Petroleum        15,6           --           174,40        180
    Petroleum         8,9           --           186,1         195

  Nach den Versuchen von =Frankland= (1863) geben folgende Quantitten
  der Leuchtmaterialien gleiche Leuchtkraft:

       Paraffinl (d. i. Solarl aus Bogheadkohle)   4,53 Liter
       Amerikanisches Petroleum No. 1.               5,70   "
             "            "     No. 2.               5,88   "
       Paraffinkerzen                                8,42 Kilogr.
       Wallrathkerzen                               10,37   "
       Wachskerzen                                  11,95   "
       Stearinkerzen                                12,50   "
       Talgkerzen                                   16,30   "


                   Die Paraffin- und Solarlindustrie.

[Sidenote: Allgemeines.]

Das =Paraffin=, im Jahre 1830 von =Karl= Freiherrn =v. Reichenbach= (in
Blansko in Mhren und gestorben zu Leipzig am 19. Januar 1869) unter den
Produkten der trocknen Destillation des Holzes, zuerst namentlich im
Buchenholztheer aufgefunden, hat seinen Namen von _parum_, wenig, und
_affinis_, verwandt, um anzudeuten, dass es sich mit anderen Stoffen
nicht verbindet; es wird weder durch Alkalien, noch durch Suren, noch
durch Glhhitze zersetzt. Spter wurde gefunden, dass das Paraffin sich
auch bei der trocknen Destillation von Torf, Braunkohle, Bogheadkohle
etc. (nicht aber aus der eigentlichen Steinkohle) bildet. Es kommt aber
natrlich und zwar in sehr grossen Mengen vor, so 1) in dem Steinl oder
Petroleum, welches mitunter 6-40 Proc. Paraffin enthlt; 2) in den unter
dem Namen Ozokerit, Neft-gil oder Erdwachs vorkommenden Substanzen, die
gnzlich oder theilweise aus Paraffin bestehen; 3) in dem =Bitumen=
(Erdpech, Erdtheer), welches in schieferigen Gesteinsmassen (bituminser
Schiefer) sich findet.

[Sidenote: Fabrikation des Paraffins.]

Die Methode der Darstellung des Paraffins ist verschieden, je nachdem
dasselbe als Edukt oder Produkt auftritt. Als Edukt erscheint es bei der
Verarbeitung des Petroleums, des Ozokerits und des Neft-gils, als Produkt
dagegen bei der trocknen Destillation der Braunkohle, des Torfes, des
Abraumes der Steinkohlenfelder (sogenannte Schale, _coal shale_), der
Bogheadkohle etc.

[Sidenote: Aus Petroleum.]

I. =Die Abscheidung des Paraffins= (Belmontin), a) aus dem =Petroleum=.
Dass in dem Petroleum Paraffin enthalten sei, ist schon lngst bekannt;
so fand =A. Buchner= bereits im Jahre 1820 in dem Erdl von Tegernsee in
Oberbayern eine Fettsubstanz, welche =v. Kobell= spter als Paraffin
erkannte (weshalb =Buchner= in Mnchner Kreisen zuweilen als der
Entdecker des Paraffins angesehen wird), so ergaben Untersuchungen des
Erdles von Baku am caspischen Meere und des Erdles von Amiano unweit
Parma, dass dasselbe nicht unbetrchtliche Mengen von Paraffin enthlt.
Der Gedanke, das Steinl auf Paraffin zu verarbeiten, entstand jedoch
erst im Jahre 1856, als das Steinl und zwar paraffinreiche Sorten
desselben massenhaft auf den Markt kamen. Die amerikanischen Steinle
enthalten nur wenig Paraffin, grosse Mengen dagegen die aus Indien
stammenden, namentlich die Naphta von Burmah oder der Rangoontheer,
welcher nach =Gregory=, =de la Rue= und =H. Mller= bis zu 10 Proc. und
das Petroleum von Java, welches nach den Untersuchungen von =Bleekerode=
bis zu 40 Proc. Paraffin enthlt. Auch die Bergnaphta in Ostgalizien wird
mit Vortheil auf Paraffin verarbeitet. (Nach =Jicinsky= wurden 1866 gegen
45,000 Ctr. Paraffin aus der Bergnaphta in Galizien abgeschieden.)

  Nach dem Patent, welches =de la Rue= im Jahre 1854 auf die Verarbeitung
  des Erdles auf Paraffin und Hydrocarbre in England sich ertheilen
  liess, wird der Rangoontheer, welchen man aus in der Nhe des Flusses
  Irawadi in Burmah gegrabenen Brunnen gewinnt, auf folgende Weise
  verarbeitet. Das rohe Erdl wird zunchst destillirt, indem man durch
  dasselbe in einer Destillirblase, welche auch von aussen erhitzt werden
  kann, Wasserdampf von 100 leitet. Hierbei gehen ungefhr 25 Proc. vom
  Gewicht der Substanz ber, welche durch fractionirte Destillation in
  verschiedene Kohlenwasserstoffe, deren Dichte von 0,62 bis 0,86 und
  deren Siedepunkt von 26,7 bis 200 C. variirt, zerlegt werden. Der
  leichteste dieser Kohlenwasserstoffe findet unter dem Namen
  _Sherwood-Oil_ als Anstheticum Anwendung, die schwersten
  Kohlenwasserstoffe werden als Solarl verbrannt. Der Rckstand von der
  Destillation, gegen 75 Proc. vom Gewicht des ursprnglich angewendeten
  Theeres betragend, wird in einer eisernen Blase einer zweiten
  Destillation unterworfen, wobei man Wasserdampf von 150 bis 300 C.
  anwendet. Die Produkte verschiedener Flchtigkeit werden getrennt
  aufgefangen. Die zuletzt bergehenden Portionen enthalten hauptschlich
  Paraffin, welches man durch Abkhlung sich mglichst daraus ausscheiden
  lsst und dann absondert. Die schweren flchtigen Oele werden als
  Schmierl verwendet. Das gereinigte Paraffin fhrt, wie schon oben
  bemerkt, den Namen =Belmontin=.

[Sidenote: Darstellung des Paraffins aus Ozokerit und Neft-gil.]

b) Aus dem =Ozokerit= und =Neft-gil= wird auf der Insel =Swtoi-Ostrow=
im caspischen Meere, etwa eine Werst von der Halbinsel Apscheron am
Kaukasus entfernt, Paraffin fabricirt. Das Material, das Neft-gil, wird
aus Truchmenien per Schiff nach der Insel transportirt. Aus dem
=galizischen Erdwachse=, welches bei Drohobicz und Boryslaw in Galizien,
ferner am Nordabhange der Karpathen und des Siebenbrgischen Hgellandes
bis in die Donauniederungen der Moldau, hauptschlich in Sand, Lehm und
Mergel gefunden wird, stellt man grosse Mengen Paraffin dar, so in
Aussig, in Florisdorf, in Mhrisch-Ostrau, in Wien, in Neupest, in
Temesvar, in Stocknau und in Hermannstadt. Auch in Texas findet sich
Erdwachs in reichlicher Menge.

  =Fr. Rossmssler= verarbeitete in der oben erwhnten Fabrik den
  Neft-gil auf folgende Weise: In eisernen Destillirblasen mit bleiernen
  Schlangen und Khlfssern wurde das Rohmaterial in der Menge von 15
  Ctr. auf eine Fllung der fractionirten Destillation unterworfen. Es
  wurden 68 Proc. Destillat erhalten (8 Proc. Oel und 60 Proc.
  Paraffinmasse). Das Oel diente zur Darstellung von Photogen. Es war
  gelb, opalisirte und roch nur sehr wenig und zwar angenehm therisch
  und hatte ein specifisches Gewicht von 0,750 bis 0,810. Von jeder Blase
  wurden die ersten 4 oder 5 Eimer besonders aufbewahrt, um das leichte
  fast geruchlose und unter 100 C. siedende Oel zur Paraffinreinigung zu
  verwenden. Das bei der ersten Destillation des Rohmaterials erhaltene
  Paraffin war ein anderes Produkt als das aus dem Braunkohlentheer
  resultirende Paraffin, denn es war wachsgelb und erstarrte schon an den
  Wnden des Eimers, so lange er noch voll lief. Der grsste Theil des
  erstarrten rohen Paraffins wurde sogleich in der hydraulischen Presse
  ausgepresst. Das von den Centrifugen und Pressen ablaufende Oel wurde
  erst noch einmal der fractionirten Destillation unterworfen, um das in
  demselben enthaltene Paraffin zu trennen, und dann eben so behandelt,
  wie oben angegeben ist. Die Presskuchen wurden geschmolzen und mit 5
  Proc. Schwefelsure behandelt, bis die Sure ausgewirkt hatte, was bei
  170 bis 180 C. der Fall war. Die Sure wurde in den Kesseln mit Kalk
  abgestumpft und das Paraffin auf die Destillationsblase gefllt und so
  rasch wie mglich destillirt. Das auf diese Weise behandelte,
  destillirte Paraffin wurde in der Grsse der Pressscke der liegenden
  hydraulischen Pressen entsprechende Tafeln gegossen und abgepresst; die
  Presskuchen wurden mit 25 Proc. des vorher erwhnten leichten Oeles
  verschmolzen, wieder gegossen und zum zweiten Male gepresst. Die so
  erhaltenen, vollstndig weissen, durchsichtigen und harten Presskuchen
  wurden behufs der Entfernung des Geruchs mit Wasserdmpfen behandelt.
  Das nach dieser Methode aus Ozokerit dargestellte Paraffin war
  vollstndig farb- und geruchlos, hell durchscheinend, hatte in grossen
  Tafeln fast metallischen Klang und schmolz bei 63 C. Von der
  ausserordentlichen Ergiebigkeit des Rohmaterials giebt folgendes
  Zahlenverhltniss Zeugniss. Nachdem =Rossmssler=, ehe er die
  Paraffinreinigung anfing, etwa zwei Monate destillirt hatte, lieferten
  die Pressen so viel Presskuchen, dass er vom 12. bis 19. September 3690
  Pud (gleich 148-1/2 Ctr.) einmal gepresstes Paraffin zur Behandlung mit
  Sure erhielt. -- Aus dem =galizischen Erdwachse= erhlt man durch
  Destillation 24 Proc. Paraffin und 45 Proc. Leuchtle.

[Sidenote: Paraffin aus Bitumen.]

c) Aus dem unter dem Namen Asphalt, Erdpech oder Erdtheer vorkommenden
=Bitumen= stellt man ebenfalls in England Paraffin dar. Schiefrige
Gesteinmassen z. B. Schieferthon, Mergelschiefer mit Bitumen
durchdrungen, fhren den Namen =bituminse Schiefer=.

  Das auf der Insel Trinidad, ferner auf Cuba, in Californien, Nicaragua,
  in Peru und in Canada vorkommende Bitumen bildet eine ergiebige Quelle
  fr die Darstellung von Paraffin und flssigen Leuchtstoffen. Der
  Asphalt von Cuba und das von Trinidad liefert 1,75 Proc. Paraffin. Der
  in grosser Ausdehnung im Banat und in Ungarn vorkommende bituminse
  Schiefer wird in der Stadt Oravicza verarbeitet. Derselbe giebt (nach
  =Wnschmann=) durch Schwelen und Destillation des Theeres 5 bis 6 Proc.
  Paraffin, 49 Proc. Lampenl und 6 Proc. Schmierl.

[Sidenote: Darstellung des Paraffins durch trockne Destillation.]

II. =Die Darstellung des Paraffins durch trockne Destillation= des
Torfes, der Braunkohle, des Bltterschiefers, der Bogheadkohle, der _coal
shale_ u. s. w. zerfllt in zwei Hauptarbeiten, nmlich 1) in die
Bereitung des Theeres, 2) in die Verarbeitung des Theeres auf Photogen,
Solarl und Paraffin. Es ist hier hervorzuheben, dass der
Steinkohlentheer, der in so grosser Menge in den Kohlengasfabriken
abfllt, kein Paraffin, sondern nur Naphtalin und Anthracen enthlt.

[Sidenote: Bereitung des Theeres.]

1) Was die =Bereitung des Theeres= betrifft, so gehrt dieselbe zu den
wichtigsten und schwierigsten Arbeiten der Paraffin- und
Solarlindustrie. Bei vielen auf die Verarbeitung fossiler Brennstoffe
auf Leuchtmaterialien basirten Unternehmungen, welche Ausgangs der 50er
Jahre entstanden und eben so schnell als sie auftauchten, wieder
verschwanden, lag die Ursache des Scheiterns lediglich in der
unvortheilhaften Theererzeugung.

  Die Theerbereitung geht in =Theerschwelfen= oder in =Retorten= --
  entweder mit oder ohne Anwendung berhitzter Wasserdmpfe -- vor sich.
  Die Gewinnung des Theeres in den Schwelfen ist die lteste und roheste
  Methode. Das Princip des Schwelofens ist einfach. Man beabsichtigt
  durch eine untere brennende Schicht von fossilem Brennstoff, dass die
  darber befindlichen Schichten der trocknen Destillation unterworfen
  werden, wobei sie unter Bildung von Theer und gasfrmigen Produkten
  verkohlen. Der nach unten abfliessende und an den Wandungen der
  Thonlage, womit der zu schwelende Brennstoff bedeckt ist, sich
  verdichtende Theer sammelt sich in einer Rinne an und wird dort
  aufgefangen, whrend die gasigen Produkte verloren gehen. Obgleich nun
  die Schwelfen den Vortheil darbieten, dass der Betrieb continuirlich
  stattfinden kann, so haben doch die Erfahrungen des verwichenen
  Jahrzehends gezeigt, dass das Theerschwelen der bituminsen Brennstoffe
  mit grossen Schwierigkeiten verknpft und zum Zweck der Bereitung eines
  Theeres als Material zur weitern Verarbeitung auf Paraffin und Photogen
  unpraktisch ist, selbst wenn man den Schwelofen in Gestalt eines
  kleinen Schachtofens construirt und mit Ventilatoren zum Aufsaugen der
  flchtigen Produkte der trocknen Destillation versieht. Ein im Jahre
  1859 von =L. Unger= (technischer Dirigent einer Paraffinfabrik in
  Dllnitz bei Halle) construirter Theerschwelofen soll die Uebelstnde,
  die mit dem Schwelen der fossilen Brennstoffe nach gewhnlicher Art
  verknpft sind, beseitigen, dabei die Vortheile einer billig
  herzustellenden Anlage mit grsserer Produktionsfhigkeit und
  geringerem Aufwande an Arbeitskrften und Brennmaterial in sich
  vereinigen, so wie die Leitung des Betriebes so vereinfachen, dass es
  weniger von der Einsicht und Sorgfalt der Arbeiter abhngt, einen guten
  Erfolg mit Sicherheit zu erzielen.

  Die =Retorten=, namentlich die =horizontalen= Retorten werden ebenfalls
  hufig zur Theerbereitung benutzt. Die Erfahrung hat jedoch gelehrt,
  dass die Anlage von Retortenfen, in denen, wie bei der Fabrikation von
  Leuchtgas, welche ja auf ganz entgegengesetzten Principien beruht, eine
  grssere Anzahl von Retorten z. B. vier oder acht, ber einem Feuer
  liegen, selbst bei sorgfltig geleiteter Operation ungnstige Resultate
  liefert. Am zweckmssigsten erscheint es, fr jede Retorte eine
  besondere Feuerung anzulegen, besonders dann, wenn man sich einer
  grossen eisernen Retorte von 10 Fuss Lnge, 30 Zoll Breite und 15 Zoll
  Hhe bedient, welche im Durchschnitte ein flaches Oval bilden, da diese
  Form dem nachtheiligen Einflusse ungleichmssiger Spannung am besten
  widersteht. In neuerer Zeit ist zuerst in Bhmen und spter auch
  anderwrts ein ganz aus Charmotte- oder gut gebrannten Backsteinen
  construirter, einem flachgewlbten Backofen hnlicher Ofen mit ziemlich
  gnstigem Erfolge angewendet worden, derselbe kann jedoch einmal
  ausser Betrieb gekommen, ohne vorherigen Umbau nicht wieder in Gang
  gebracht werden, da eine Reparatur nur sehr schwierig zu bewirken ist,
  wenn er auch andererseits den Vortheil einer billigen Anlage bietet.
  Die Beobachtung =Vohl='s, dass ein Wassergehalt von 20-25 Proc. in dem
  auf Theer zu verarbeitenden Material die Theerausbeute merklich frdere
  und zwar, wie es scheint dadurch, dass die berhitzten Wasserdmpfe
  einer Ueberhitzung des Materiales, wodurch ein Theil des Theeres in
  gasige Produkte bergefhrt werden wrde, vorbeugen, und ferner die
  Wasserdmpfe die Destillationsprodukte mglichst schnell aus dem
  zersetzenden Bereiche der Retorte oder des Schwelapparates entfernen,
  mag die Veranlassung zur Construction des =Lavender='schen
  Theerbereitungsapparates gegeben haben, welcher im Principe mit dem von
  =Violette= construirten Holzverkohlungsapparate bereinstimmt. Der
  Apparat =Lavender='s ist ein horizontaler eiserner Cylinder, an seiner
  unteren Seite mit Oeffnungen versehen, durch welche berhitzter
  Wasserdampf eintritt; am oberen Ende des Cylinders befindet sich ein
  Abzugsrohr fr die Destillationsprodukte. Zweckmssiger scheint =L.
  Ramdohr='s Braunkohlentheergewinnung _mittelst Wasserdampf_ zu sein,
  wobei ein Theer (=Dampftheer=) erhalten wird, der 22-24 Proc. Paraffin
  und 36-38 Proc. Oel enthlt.

[Sidenote: Condensation der Theerdmpfe.]

Die =Khlung= oder =Condensation= der Destillationsprodukte ist von
grsster Wichtigkeit fr die Theerausbeute. =Vohl= hat neuerdings
gezeigt, dass selbst bei mangelhafter Construction der Retorten bei
vortheilhafter Khlung eine ziemlich gnstige Theerausbeute mglich ist.

  Die vollstndige Verdichtung der Theerdmpfe ist eine der schwierigsten
  Aufgaben der Paraffin- und Minerallfabrikation und die gewhnlich zur
  Condensation angewendeten Mittel wie starke Khlung, grosse
  Condensationsflchen, Luft- und Erdkhlung, Einspritzen von kaltem
  Wasser u. dgl. haben sich im Allgemeinen ungengend erwiesen und grosse
  Verluste an Dmpfen nicht zu verhindern vermocht. Hufig wollte man
  Theerdmpfe condensiren, wie man Alkohol- und Wasserdmpfe verdichtet.
  Betrachtet man aber einerseits die Destillation von Flssigkeiten,
  andererseits die trockne Destillation genauer, so findet man zwischen
  beiden einen wesentlichen Unterschied. Whrend des Siedens der
  Flssigkeiten, wie z. B. beim Abdestilliren des Alkohols aus der
  weingaren Maische (vergl. Seite 520) verdrngen die sich bildenden
  Dmpfe nach und nach die in der Blase und in dem Khlapparat enthaltene
  Luft und erfllen endlich den ganzen Raum. Sobald die Dmpfe mit den
  kalt gehaltenen Flchen der Khlapparate in Berhrung kommen, schlagen
  sie sich nieder und machen, indem der durch die Condensation
  entstandene leere Raum saugend wirkt, anderen eben solchen Dmpfen
  Platz, welche ebenfalls sogleich in den flssigen Zustand bergehen.
  Findet hinreichende Khlung statt, so wird der Verlust, wie die
  Spiritusfabriken lehren, auf das Minimum reducirt sein, denn auch das
  letzte Dampfblschen kann der Condensation nicht entgehen. Bei der
  trocknen Destillation ist der Verlauf dagegen ein ganz anderer. Mit den
  Dmpfen bilden sich zugleich Gase in reichlicher Menge. Gelangt nun das
  Gemisch von Gasen und Dmpfen in den Khlapparat, so schlagen sich die
  Dampftheilchen, welche unmittelbar mit den Wnden der Khlvorrichtung
  in Berhrung kommen, nieder und werden durch eine Schicht von Gasen
  ersetzt, welche die brige Dampfmasse einhllt, und als schlechter
  Wrmeleiter die fernere Einwirkung des Condensators verhindert. So kann
  in der Mitte der Khlrhren ein Dampfstrom, welchem permanente Gase
  beigemengt sind, trotz starker Abkhlung, unverndert weiter gehen, und
  daraus erklrt sich auch, wie bei ungengender Condensation aus dem
  Condensator Oel- und Paraffintheilchen in Gestalt eines dicken Nebels
  entweichen, die sich an einem davorgehaltenen Wergballen als gelbe
  schmierige Massen absetzen. Zu einer gengenden Verdichtung der
  Theerdmpfe gehrt mithin, dass alle Theilchen derselben mit den
  Condensationsflchen in Berhrung kommen, und diese brauchen weder
  gross zu sein, noch bedrfen sie einer starken Abkhlung, denn
  bekanntlich ist die latente Wrme der Theerdmpfe eine sehr geringe,
  und eine mssige Temperaturerniedrigung hinreichend, um sie in
  flssigen Zustand berzufhren. Das Gemisch von Dmpfen und Gasen kann
  mit einer Emulsion verglichen werden, und gleichwie man die
  Fetttheilchen durch rasches Durcheinanderschlagen von der Buttermilch
  trennt, kann die Ausscheidung der Dmpfe durch Anwendung von
  Exhaustoren in Form von Flgelventilatoren wesentlich befrdert werden.
  Man muss bei der Condensation der Theerdmpfe also hauptschlich
  bedacht sein, dass die Dampfmolekle ihre Lage bestndig ndern und mit
  den Wandungen des Khlers unmittelbar in Berhrung gerathen. Leitungen,
  bei denen die Dmpfe in gerader, ununterbrochener Richtung fortstrmen,
  sind somit zu vermeiden.

  Auf die Ausbeute an Theer und dessen Gehalt an Paraffin und Minerall
  ist die Temperatur beim Destilliren von grossem Einflusse, ferner, wie
  schnell den entstandenen Gasen und Dmpfen durch zweckmssige
  Khlvorrichtung der Abzug gestattet wurde. Wie gross der Einfluss der
  Form und der Art des Destillirgefsses auf die Ausbeute an Theer ist,
  zeigte =H. Vohl= durch vergleichende Destillationen von franzsischem
  und schottischem Torf in horizontalen, in verticalen Retorten und in
  Schwelfen. No. I sind die Ergebnisse der Horizontalretorte, No. II.
  die der Verticalretorte, No. III. die der Schwelfen. 100 Th. Torf
  ergaben an Theer

                                      I.      II.    III.
               franzsischer Torf    5,59    4,67    2,69
               schottischer Torf     9,08    6,39    4,16

  Der Theer, in den verschiedenen Apparaten erzeugt, hatte folgende
  specifische Gewichte:

                                      I.      II.    III.
               franzsischer Torf    0,920   0,970   1,006
               schottischer Torf     0,935   0,970   1,037

  Aus diesen Resultaten ist ersichtlich, dass die Horizontalretorte die
  grsste und der Schwelofen die geringste Ausbeute liefert. In der
  Horizontalretorte ist ferner die Destillationszeit die krzeste und die
  Gasmenge die geringste. Beim Schwelofen werden Theer und kohliger
  Rckstand durch eine zu grosse Sauerstoffzufuhr verbrannt.

[Sidenote: Eigenschaften des Theeres.]

Der =Theer=, so wie er durch trockne Destillation des Torfes, der
Braunkohle, des Bltterschiefers, der Bogheadkohle und hnlicher
Rohmaterialien gewonnen wird, ist von kaffeebrauner Farbe, besitzt (als
=Retortentheer=) meist eine alkalische, in wenigen Fllen eine saure
Reaction und zeichnet sich durch einen durchdringenden und
charakteristischen Theergeruch aus. Durch lngeres Verweilen an der Luft
geht die hellbraune Farbe des Theeres durch Sauerstoffaufnahme in eine
dunkelbraune, ja zuweilen fast schwarzbraune, ber. Bei 9 bis 6 erstarrt
er hufig durch seinen Paraffingehalt zu einer butterhnlichen Masse. Er
schwimmt auf dem Wasser und hat ein specifisches Gewicht von 0,85 bis
0,93. Der mittelst berhitzter Wasserdmpfe aus Braunkohlen erhaltene
=Dampftheer= ist (nach =Ramdohr= -- 1869 --) stets sauer und mit Alkalien
vollstndig verseifbar. Er erstarrt bereits bei 55-60 C. und kann selbst
im Sommer in Form von Tafeln oder Blcken, ohne zu erweichen, aufbewahrt
werden. Sein spec. Gew. betrgt 0,875.

  Die Ausbeute an Theer (Retortentheer) betreffend, so gaben 100 Th.
  Rohstoff:

                                        Theer.    Spec.      Rohes
                                                 Gewicht.   Paraffin.
    Bltterschiefer     (Siebengebirge)   20      0,880    0,75 Proc.
           "               (Hessen)       25      0,880    1,0    "
    Braunkohlen        (Provinz Sachsen)   7      0,910    0,50   "
           "                   "          10      0,920    0,75   "
           "                   "           6      0,915    0,50   "
           "                   "           5      0,910    0,25   "
           "                (Bhmen)      11      0,860     --    "
           "              (Westerwald)     5,5    0,910     --    "
           "                   "           3,5    0,910     --    "
           "               (Nassau)        4      0,910     --    "
           "                   "           3      0,910     --    "
           "              (Frankfurt)      9      0,890     --    "
    Lignit                (Schlesien)      3      0,890    0,25   "
    Liasschiefer            (Vende)      14      0,870    1,0    "
         "                (Westphalen)     5      0,920    0,05   "
    Posidonienschiefer   (Wrttemberg)     9,63   0,975    0,124  "
    Torf                   (Neumark)       5      0,910    0,33   "
     "                    (Hannover)       9      0,920    0,33   "
     "                    (Erzgebirge)     5,7    0,902    0,35   "
     "                         "           5,3    0,905    0,40   "
     "                     (Russland)      5,86     --      --    "
     "                         "           7,00     --      --    "
    Boghead-Kohle         (Schottland)    33      0,860  1,0-1,4  "
    Cannel-Kohle               "           --       --   1,0-1,3  "
    Peltonmain-Kohle           "           --       --     1,0    "
    Grove-Kohle                "           9      0,910  1,0-1,25 "

[Sidenote: Verarbeitung des Theeres.]

Die =Verarbeitung des Theeres= beginnt mit der =Entwsserung= desselben.
Zu dem Ende wird der Theer aus dem Theerbassin mittelst Pumpen in die
=Entwsserungsapparate= (Decantirstnder) gepumpt. Diese Apparate
bestehen aus grossen Ksten von Kesselblech und sind in einem Abstande
von 10 Centimeter mit gleichen Mnteln umgeben. In dem Zwischenraume
befindet sich Wasser, welches durch Dmpfe 10 Stunden lang auf einer
Temperatur von 60-80 gehalten wird. Nach dieser Zeit hat sich das
Ammoniakwasser, welches ungefhr 1/3 des ganzen Rohtheeres ausmachte,
sowie ein grosser Theil der Unreinigkeiten, die aus Kohlenstaub bestehen,
von dem Theer abgeschieden. Die geringe Menge Wasser, welche dann noch in
dem Theer geblieben ist, bt auf die nun folgende Destillation keinen
nachtheiligen Einfluss mehr aus. Der Entwsserungskasten ist mit zwei
Hhnen versehen, von welchen einer dicht am oberen Boden, der andere
einen Fuss hher angebracht ist. Mittelst des unteren Hahnes zapft man
das Ammoniakwasser ab, mittelst des oberen Hahnes erhlt man den
entwsserten Theer.

  Leichte Theere von geringem spezifischem Gewichte lassen sich schnell
  und in kurzer Zeit entwssern, schwere Theere, deren spezifisches
  Gewicht das des Ammoniakwassers fast erreicht, bereiten
  begreiflicherweise der Trennung grosse Schwierigkeiten. Nach der Angabe
  von =Vohl= hat man, wenn es sich um die Entwsserung sehr schwerer
  Theersorten handelt, den Unterschied der specifischen Gewichte des
  Theeres und des Wassers dadurch zu vergrssern, dass man in dem Wasser
  Kochsalz, Glaubersalz, Chlorcalcium u. dergl. lst; dadurch werde die
  Entwsserung des Theeres, resp. die Abscheidung des Wassers
  beschleunigt. Nach =Dullo= haben sich dagegen alle diese Mittel zur
  schnelleren und vollstndigeren Abscheidung des Wassers aus dem Theer
  entweder als zu kostspielig oder als berflssig nicht bewhrt. Auf die
  Entwsserung des Theeres ist grosse Sorgfalt zu verwenden, indem sonst
  die Destillation sehr bald durch Uebersteigen des Theeres unterbrochen
  wird; auch ist dieses Uebersteigen in der Regel die Veranlassung zu
  Feuersbrnsten in den Paraffin- und Minerallfabriken.

[Sidenote: Destillation des Theeres.]

Der entwsserte Theer wird der =Destillation= unterworfen. Dies geschieht
in Destillirblasen, welche gewhnlich 20 Centner fassen. Sie sind meist
von Gusseisen. Vor dem zu schnellen Durchbrennen schtzt man sich auf die
Weise, dass man durch einen, zwischen dem Feuerraum und dem Boden der
Blase aus feuerfesten Steinen gemauerten Bogen die Spitzflamme
verhindert, den Boden der Blase zu treffen. Ausserdem wendet man
vortheilhaft eine aus zwei Theilen bestehende Blase an, deren unterer,
den Boden bildender Theil an dem oberen angeschraubt und die
Verbindungsstelle mit feuerfestem Thon verstrichen wird. Brennt hier auch
der Boden durch, so braucht nur der untere Theil der Blase erneuert zu
werden.

  Die Destillirblasen sind mit sehr flachen Helmen und weiten Mndungen
  versehen. Die Dmpfe der verschiedenen Oele haben ein sehr hohes spec.
  Gewicht und knnen deshalb nur mit Mhe zu einer gewissen Hhe erhoben
  werden; auch ist die geringe Menge latenter Wrme, welche diese Dmpfe
  besitzen und weshalb sie sich so leicht condensiren und zurckfliessen,
  eine strende Eigenschaft, weshalb man die Hte der Destillationsblase
  mit einem schlechten Wrmeleiter, mit Sand oder Asche, bedecken muss.
  Ist der Theer gut entwssert, so geht die Destillation ruhig, ohne
  irgend eine Strung ihren Gang; enthlt derselbe jedoch mechanisch
  eingemengte Wasserpartikel, so findet ein starkes Aufschumen und
  Uebersteigen der Theermasse statt. Der Theer beginnt scheinbar schon
  unter 100 C. zu sieden, doch ist dies nichts weiter, als ein
  Entweichen des sehr flchtigen Schwefelammoniums und der Pyrrolbasen.
  Die im Anfang entweichenden Gase mssen durch geeignete Vorrichtungen
  aus dem Destillirhause entfernt werden. Bei 100 C. beginnt erst die
  eigentliche Destillation. Im Anfang erhlt man noch eine geringe Menge
  sehr starken Ammoniakwassers nebst leichten Oelen. Nach einer kurzen
  Zeit liefert die Destillation kein Wasser mehr und das Oel luft in
  einem ununterbrochenen starken Strahl in die Vorlage. Der Siedepunkt
  des Theeres ist nicht constant und variirt alle 5 bis 10 Minuten; erst
  nachdem eine grosse Menge Oel abdestillirt ist und die Temperatur 200
  C. berschritten hat, stellt sich der Siedepunkt in etwas fest und man
  erhlt nun eine neue Portion Wasser gleichzeitig mit dem Oel. Dieses
  Auftreten von Wasser ist nicht das Ergebniss der Zersetzung von Oelen,
  sondern ist das chemischgebundene Wasser des Kreosots und der
  Carbolsure, welches bei dieser Temperatur frei wird. Wenn die
  Wasserentwickelung aufgehrt hat, entsteht eine Pause in der
  Destillation und nur durch verstrktes Feuer kann man dieselbe wieder
  in Gang bringen. Die Oele, welche nun erhalten werden, erstarren beim
  Erkalten durch ihren Paraffingehalt und werden fr sich aufgefangen.
  Man kann nun die Destillation bis zur Trockne fortsetzen, wobei man auf
  den Asphalt Verzicht leisten und die Destillirblase nach der vierten
  bis fnften Operation von dem Rckstand gereinigt werden muss, oder
  aber man nimmt Proben mit einem kleinen, eisernen Lffel und berzeugt
  sich von der Hrte des Asphalts. Hat er die geeignete Hrte, so lsst
  man das Feuer ausziehen, die Blase einige Stunden erkalten, und
  entleert dieselbe durch einen am Boden des Kessels befindlichen Krahnen
  oder Stopfen. Wird die Destillation bis zur Trockne getrieben, so
  erhlt man zuletzt wieder Wasser, welches durch Zersetzung, resp.
  Oxydation entstanden ist. Eine Blase von 500 Liter Inhalt braucht 12
  bis 14 Stunden Destillationszeit bis zur Trockne, und 8 bis 10 Stunden,
  wenn man den Asphalt gewinnen will.

  Zwischen den Blasen und den Condensationsgefssen ist eine massive Wand
  gezogen, durch welche die Helme der Blasen hindurchgehen. Die
  Condensationsapparate sind Bleischlangen, die sich in grossen
  Holzfssern befinden, in welch' letztern kaltes Wasser fliesst. Wenn
  das Paraffin anfngt berzugehen, hemmt man den Zufluss des kalten
  Wassers und lsst das Khlwasser warm werden, damit das Paraffin die
  Schlange nicht verstopft. Man destillirt, wie bereits oben angegeben,
  bis in der Blase reine Kohle brig bleibt, und um die zuletzt in
  grosser Menge auftretenden, sich durch die Zersetzung der Oele bei der
  sehr hohen Temperatur bildenden permanenten Gase nicht in den
  Arbeitsraum treten zu lassen, ist eine sinnreiche Vorrichtung
  angebracht, durch welche die Flssigkeit nicht verhindert wird, aus der
  Mndung der Schlange in das untenstehende Gefss zu trpfen, wodurch
  jedoch die gasigen Produkte gezwungen werden, durch ein Rohr zum Dache
  hinaus zu entweichen.

[Sidenote: Behandlung der Destillationsprodukte.]

Das Gemenge der =Destillationsprodukte= kommt nun in grosse, geschlossene
Cylinder von Gusseisen, und wird mit einer Lsung von =Aetznatron= in der
Weise behandelt, dass die Lauge in innige Berhrung mit den Oelen kommt.
Es hat diese Behandlung den Zweck, die sauren Krper, z. B. die der
homologen Carbolsurereihe angehrigen Stoffe (die man in den Fabriken
kurzweg als =Kreosot= bezeichnet) und die sauren holzessigartigen Krper,
die den Oelen den unangenehmen Geruch und die dunkle Farbe geben, an
Natron zu binden.

  Ist der Zweck erreicht, so wird die Mischung in einen eisernen Kasten
  abgelassen, in dem sich das =Kreosot-Natron= (Natrium-Carbolat) und die
  brigen Verbindungen des Natrons absetzen. Dieselben werden abgelassen
  und das Oel so lange mit Wasser gewaschen, bis es nicht mehr alkalische
  Reaction zeigt. Dann kommt das Oel wieder in einen dem frheren
  gleichen Cylinder von Gusseisen und wird hier in derselben Weise mit
  =Schwefelsure= behandelt, wie frher mit Natron. Die Schwefelsure hat
  den Zweck, alle basischen Krper, die zum Theil auch den rohen Oelen
  den unangenehmen Geruch und Farbe verleihen, zu binden. Die Zeit der
  Einwirkung der Schwefelsure, von welcher Concentration man dieselbe
  anzuwenden hat, und wie viel, ferner, ob man die Oele whrend der
  Einwirkung erwrmen muss oder nicht, hngt wieder ganz von der Natur
  der Rohle ab. Mitunter sind 5 Proc. Schwefelsure vom spec. Gewicht
  1,70 und die Einwirkung einer Minute gengend, mitunter braucht man 25
  Proc. Schwefelsure und muss 3 Stunden einwirken lassen. Diese
  Behandlung ist sowol auf die Qualitt wie Quantitt der Ausbeute an
  reinen Oelen von grossem Einfluss. Bei lngerer Einwirkung der
  Schwefelsure bilden sich immer grosse Mengen von schwefliger Sure,
  womit ein Schwererwerden der Oele verbunden ist, denn indem sich
  einerseits schweflige Sure, andererseits Wasser bildet, geben zur
  Bildung des letztern gerade die leichtesten Produkte, in diesem Falle
  als die zersetzbarsten, den Wasserstoff her, und werden dadurch in
  kohlenstoffreichere, also schwerere Produkte umgewandelt. Ist die
  Einwirkung der Schwefelsure beendet, so wird das Gemisch aus dem
  Mischgefss wieder in eiserne Kasten abgelassen, und, wenn sich die
  sauren Verbindungen abgeschieden haben, letztere abgezogen, die Oele
  mit vielem Wasser und zuletzt mit einer sehr schwachen Natronlauge
  gewaschen, und dann dieselben auf die grossen Blasen zur Rectification
  gebracht. Die frher erhaltene Lsung von Kreosot-Natron wird mit der
  schwefelsauren Lsung neutralisirt, wodurch einerseits rohe
  =Carbolsure= (Kreosot) gewonnen wird, die entweder zum Desinficiren
  oder zum Imprgniren von Eisenbahnschwellen, oder zur Darstellung
  gewisser Theerfarben (vgl. Seite 663) Anwendung findet, andererseits
  aber Natriumsulfat, das an Sodafabriken abgegeben wird. Neuerdings wird
  (auf Anregung von =L. Ramdohr=) das Kreosot-Natron mit vielem Erfolge
  auf Leuchtgas (=Kreosotgas=) verarbeitet, wobei natronhaltige Koks
  zurckbleiben, aus denen durch Auslaugen fast alles Natron wieder
  erhalten werden kann.

[Sidenote: Rectification der Oele.]

Bei der =Rectification der Theerle= wird genau so verfahren, wie bei der
Destillation des Theers. Die bergehenden Oele werden nach ihrem
specifischen Gewicht in Photogen und Solarl getrennt oder bis zum
Gewicht von 0,833 gemischt als =Solarl= in den Handel gebracht. Wenn die
berdestillirten Oele anfangen, in der Klte zu erstarren, oder ein
specifisches Gewicht von 0,880 bis 0,900 haben, werden sie gesondert
aufgefangen, und diese bis zu Ende bergehende Masse zur =Krystallisation
des Paraffins= in einen Keller gestellt.

  Die hierzu verwendeten Gefsse sind entweder grosse viereckige, eiserne
  Kasten, die unten einen Abzugshahn haben, oder nach unten spitz
  zulaufende, 1,6-2 Meter hohe, oben 1 Meter breite Gefsse von
  Eisenblech oder Holz, die unten eine mit einem Holzstopfen zu
  verschliessende Oeffnung haben. Nach beendigter Krystallisation, also
  nach ungefhr 2-4 Wochen, wird das flssig gebliebene dicke Oel langsam
  abgezogen, whrend die glnzenden Krystallblttchen von Paraffin im
  Gefss zurckbleiben. Dieses dicke Oel wird nun aufgehoben und der
  Winterklte ausgesetzt, wobei noch grosse Mengen fester
  Kohlenwasserstoffe herauskrystallisiren, die zwar nicht Paraffin sind,
  aber doch in Stearinfabriken sehr gute Verwendung finden und daher an
  diese mit Vortheil abgesetzt werden. Das von dieser zweiten
  Krystallisation zurckbleibende Oel findet verschiedene Anwendung. Hat
  es ein mssig niedriges spec. Gewicht, so wird es einer Destillation
  unterworfen und giebt dabei Solarl, hat es jedoch ein hheres Gewicht,
  z. B. von 0,925-0,940, so giebt es bei der Destillation kein Solarl
  mehr, sondern dieses dicke Oel kommt als Maschinen- oder Wagenschmiere
  in den Handel. Je nach der Natur der angewandten Rohstoffe erhlt man
  mehr oder weniger dieser dicken Oele. Die unter dem Namen =belgische
  Wagenschmiere= in den Handel kommende Masse ist aus diesen Oelen
  dargestellt.

[Sidenote: Reinigen des Rohparaffins.]

Die erhaltenen Krystalle von =Rohparaffin= werden nun in England =zur
weiteren Reinigung= an besondere Fabriken abgegeben, whrend in
Deutschland sich jede Fabrik ihr Paraffin selbst reinigt, ja
meistentheils auch selbst Kerzen daraus fertigt. Der erstere Weg scheint
der rationellere zu sein, da es sich ja in allen Industriezweigen
herausgestellt hat, dass bei vorgeschrittener Fabrikation eine selbst
weitgetriebene Arbeitstheilung sowol zum Vortheil der Fabrikation, wie
der Consumtion gereicht.

  In den deutschen Fabriken wird das Rohprodukt, die sogenannte
  =Paraffinbutter=, insofern auf verschiedene Weise behandelt, als einige
  Fabrikanten dieselbe ohne Weiteres in einen khlen Raum zur
  Krystallisation bringen, andere aber dieselbe zunchst mit Aetzlauge
  und Schwefelsure behandeln und sie dann erst nochmals destilliren oder
  auch mit Umgehung dieser letzteren Manipulation zur Krystallisation der
  Ruhe berlassen. Die erstere Methode mchte zwar einfacher und minder
  kostspielig erscheinen, sie hat aber zunchst den Nachtheil, dass dem
  Paraffin ein grosser Theil seines Lsungsmittels, des schweren Oeles,
  gelassen wird, in Folge dessen das Auskrystallisiren des Paraffins in
  geringerem Maasse erfolgt; bei einer Verwendung des von dem Paraffin
  getrennten Oeles muss natrlich eine Reinigung desselben ebenfalls
  erfolgen, sodass also diese Manipulation keineswegs erspart, sondern
  nur verschoben wird, und da endlich die aus gereinigter Paraffinbutter
  erhaltenen Paraffinkrystalle weit reiner, weisser und fast geruchfrei
  sind, so muss die Unterlassung der Reinigung der Paraffinbutter als
  unrationell jedenfalls verworfen werden. Bei der Behandlung der
  Paraffinbutter mit Natronlauge nimmt diese letztere alle sauren
  Bestandtheile der ersteren (die Phenole und das Kreosot) und andere in
  sich auf. Die nach dem Absetzenlassen und Trennung der Lauge von der
  Paraffinbutter folgende Behandlung derselben mit Schwefelsure, wozu
  nach Umstnden 6-10 Proc. Sure erfordert werden, entfernt die
  alkalischen und harzigen Bestandtheile und bedingt dadurch eine
  Volumenverminderung um nahezu 5 Procent, sodass man nach Anwendung
  dieser chemischen Agentien eine weit concentrirtere Lsung von Paraffin
  vor sich hat, welche bei der Krystallisation auch jedenfalls mehr
  Paraffin ausscheiden lsst. Die so behandelte Paraffinbutter wird nun
  in khle Rume zur Krystallisation hingestellt und ihr dazu mindestens
  3 bis 4 Wochen Zeit gelassen, worauf die entstandenen Krystalle von dem
  schweren Oele durch einfache Filtration, Absaugung, Centrifugalmaschine
  oder eine andere Vorrichtung getrennt werden. Fr grosse Fabriken, wo
  es sich um schnelle Verarbeitung grosser Mengen handelt, ist die
  Centrifugalmaschine zum Ausschleudern des Oeles unentbehrlich, welcher
  Apparat die Trennung des Oeles von den Krystallen berhaupt nicht
  allein am schnellsten, sondern auch am vollkommensten bewerkstelligt.
  Die erhaltenen Krystalle werden zusammengeschmolzen und in zollstarke
  Kuchen ausgegossen, welche das Rohparaffin darstellen; die Oele aber
  werden durch Destillation ber freiem Feuer in Solarl und
  Paraffinbutter getrennt.

  Das Rohparaffin wird in allen Fllen zunchst durch mechanische
  Pressung von dem grssten Theile des noch anhaftenden Oeles befreit,
  wozu man sich hydraulischer Pressen bedient. Die Presskuchen werden
  dann bei 180 mit 10 Proc. Schwefelsure gemischt, nach 2 Stunden das
  Paraffin von der Sure abgelassen, gewaschen, in Kuchen gegossen und in
  einer hydraulischen Presse abermals gepresst; die Presskuchen werden
  nach dem Schmelzen mit einer Sodalsung gewaschen.

  Da der Zweck der Schwefelsurebehandlung des Paraffins der ist, die
  letzten Theile des schweren Oeles zu entfernen, welche dem Paraffin
  gewissermaassen als Mutterlauge noch anhngen, so lag wohl die Idee
  nahe, diesen Zweck durch eine Art Waschung und mittelst Agentien zu
  erreichen zu suchen, welche in keinem Falle zerstrend auf das Paraffin
  zu wirken vermchten. Als besonders dazu geeignet zeigten sich das
  Benzol und berhaupt alle leichten weissen Theerle, das Petroleum und
  der Schwefelkohlenstoff, und man verfhrt damit folgendermaassen: Das
  Rohparaffin wird zunchst einer starken, warmen Pressung unterworfen
  und die Presskuchen dann mit 5-6 Proc. von einer der obigen
  Flssigkeiten zusammengeschmolzen und abermals in Kuchen ausgegossen.
  Jetzt presst man abermals und wiederholt im Nothfalle die ganze
  Operation noch einmal. Das Paraffin ist jetzt vllig rein und weiss,
  der noch anhaftende Geruch des Lsungsmittels aber muss mittelst
  Einleiten gespannten Wasserdampfes verflchtigt werden. Das abgeblasene
  Paraffin wird durch Seidenpapier filtrirt und in Tafeln von 3-5
  Centimeter Dicke gegossen. Der Schwefelkohlenstoff, von =Alcan= (1858)
  zuerst zum Reinigen des Paraffins vorgeschlagen, wird auf folgende
  Weise angewendet: Man schmilzt das Paraffin bei mglichst niedriger
  Temperatur, mischt dann 10-15 Proc. Schwefelkohlenstoff hinzu, lsst
  erkalten und presst das erhaltene Gemisch stark aus; meist ist es
  nothwendig, den Process 2-3mal zu wiederholen. Die ausgepressten
  Flssigkeiten unterwirft man der Destillation, um den
  Schwefelkohlenstoff daraus abzusondern. Das mittelst
  Schwefelkohlenstoff gebleichte Paraffin wird geschmolzen, einige Zeit
  in geschmolzenem Zustande erhalten und dann mit Steinkohle behandelt,
  um es vollkommen rein zu erhalten.

[Sidenote: Hbner's neues Verfahren der Paraffingewinnung.]

  Ein =neues= Verfahren der Paraffingewinnung ist in neuerer Zeit von =B.
  Hbner= aufgekommen. Bisher wurde das Paraffin auf folgende Weise
  gewonnen. Der Theer wurde destillirt und das Destillat in einen
  flssigbleibenden und einen erstarrenden Theil zerlegt. Der letztere
  wurde entweder, ohne weitere Behandlung, roh in mglichst khlen Rumen
  zur Krystallisation bei Seite gesetzt; nachdem diese erfolgt, wurden
  die festen Kohlenwasserstoffe, denen er seine Consistenz verdankt,
  durch Centrifugen und Pressen von den beigemengten Paraffinlen
  getrennt, einer Behandlung mit Natron und Schwefelsure unterworfen,
  dann abermals destillirt, das erstarrende Destillat durch Pressungen
  mit den flchtigsten, farblosen, flssigen Kohlenwasserstoffen aus dem
  Braunkohlentheer gereinigt, resp. entfrbt, oder aber, der erstarrende
  Antheil des Destillats aus dem Theer wurde direct mit kaustischem
  Natron und Schwefelsure behandelt, einer erneuten Destillation
  unterworfen, das Destillat zur Krystallisation gestellt und die aus den
  krystallisirten Massen ebenfalls durch Centrifugen oder Pressen
  abgeschiedenen festen Kohlenwasserstoffe wurden durch Pressungen mit
  den oben gedachten flssigen Kohlenwasserstoffen gereinigt. In beiden
  Fllen ging der Paraffingewinnung eine zweifache Destillation desselben
  voraus. Verschiedene Erscheinungen deuten darauf hin, dass jede
  derselben insofern einen nachtheiligen Einfluss auf die festen
  Kohlenwasserstoffe ausbt, als ein sehr grosser Theil davon bei den
  hohen Destillationstemperaturen in weniger werthvolle, flssige
  Kohlenwasserstoffe, ein anderer in zwar wiederum feste zerfllt, die
  aber einen niedrigeren Schmelzpunkt haben als diejenigen, aus welchen
  sie entstanden, und deshalb gleichfalls von geringerem Werthe sind.

  Um diese Umbildungen und Zersetzungen wenigstens theilweise zu
  vermeiden, hat nun =Hbner= anstatt der aus dem Theer ausgeschiedenen
  Paraffinmassen diesen selbst einer geeigneten Behandlung mit
  Schwefelsure und nach Trennung von der letzteren einer Destillation
  ber einige Procente gelschten Aetzkalkes unterworfen, die dabei
  gewonnene Paraffinmasse zur Krystallisation bei Seite gesetzt, die von
  dem Oel getrennten Paraffinkrystalle aber durch Pressungen mit weissem
  Braunkohlentheer sofort gereinigt. Bei diesem Verfahren werden also
  =eine= Destillation und die damit verbundenen Zersetzungen vermieden;
  die Folgen davon sind:

    [Greek: a]) grssere Ausbeute an Paraffin,

    [Greek: b]) Gewinnung eines bedeutend hrteren Paraffins, als nach
                dem erstgedachten Verfahren.

Neben dem Paraffin und gleichzeitig mit diesem werden aus dem
Braunkohlentheer Mineralle gewonnen, die hauptschlich als Material zur
Beleuchtung dienen. Das wichtigste und werthvollste Ergebniss desselben
waren frher die letzteren. In neuerer Zeit sind dieselben durch die
beraus massenhafte Gewinnung und Verwendung der zu gleichem Zweck
benutzten natrlichen Mineralle, insbesondere des amerikanischen
Petroleums, derart entwerthet worden, dass die Industrie, die sich mit
ihrer Herstellung beschftigt, in empfindlichster Weise davon berhrt
wird und sich ernstlich nach Mitteln umsehen muss, um die ihr zugefgten
Nachtheile auszugleichen. In dieser Beziehung wird auch eine
Mehrgewinnung von den festen Kohlenwasserstoffen, dem Paraffin, die
bedeutend werthvoller sind, als die flssigen, die Mineralle, und dessen
Verwendung immer grssere Dimensionen annimmt, von Wichtigkeit sein und
somit auch die vorerwhnten Ergebnisse. Durch die besprochene
Destillation ber Kalk werden 40-50 Procent der Unreinigkeiten aus dem
Theer (insbesondere Brandharze und dem Kreosot verwandte Stoffe)
entfernt, die nach dem lteren Verfahren auf kostspieligere Weise durch
Aetznatron aus den Destillaten desselben genommen werden mussten.

[Sidenote: Ausbeute an Paraffin.]

Ueber die =Ausbeute an Paraffin=, Mineral- und Schmierl aus den
verschiedenen Sorten von Theer und den verschiedenen Rohmaterien mgen
folgende Angaben gengen:

  =Torf.= In der Fabrik in Bernuthsfelde bei Aurich erhlt man aus dem
  dortigen recht guten Torf 6-8 Proc. Theer und aus dem Theer 20 Proc.
  Solarl von 0,830 spec. Gewicht und 0,75 Proc. Paraffin. =H. Vohl=
  erhielt aus 100 Th. Theer aus Torf:

                        Minerall      Schmierl
                        von 0,820      von 0,860
             Torf von spec. Gewicht  spec. Gewicht  Paraffin
            Celle         34,60         36,00         8,01
            Coburg        20,62         26,57         3,12
            Damme         19,45         19,54         3,31
            Zrich        14,40          8,66         0,42
            Russland      20,39         20,39         3,36
            Westphalen    11,00         19,48         2,25

  =Braunkohle.= In den Fabriken der Weissenfelser Braunkohlenreviere
  liefert 1 Tonne (= 275-300 Pfund) einer hellen Braunkohle 35-50 Pfd.
  Theer. 100 Pfd. dieses Theeres geben 8-10 Pfd. hartes Paraffin fr
  Kerzenguss, 8-10 Pfd. weiches Paraffin, welches an
  Stearinkerzenfabriken zur Verdnnung der Stearinsure abgegeben wird,
  20 Pfd. Photogen und 23 Pfd. Solarl.

  In der Fabrik von =B. Hbner= in Rehmsdorf bei Zeitz werden jhrlich
  verarbeitet 360,000 Ctr. Braunkohle auf circa 40,000 Ctr. Theer. Daraus
  werden dargestellt 18,000 Ctr. Mineralle, 4000 Ctr. Paraffinle und
  6000 Ctr. Paraffin.

  Man erhielt aus 100 Th. =Theer= (Retortentheer) aus Braunkohle:

                        Minerall     Schmierl
                        von 0,820     von 0,860
      Braunkohle von  spec. Gewicht spec. Gewicht  Paraffin
    Aschersleben         33,50         40,00         3,3 }
    Frankenhausen        33,41         40,06         6,7 }
    Mnden               17,50         26,21         5,0 }
    Oldisleben           17,72         26,60         4,4 }  Untersucht
    Cassel               16,42         27,14         4,2 }     von
    der Rhn (Bayern)    10,62         19,37         1,2 }  =H. Vohl=.
    Tilleda              16,66         18,05         4,4 }
    Stockheim bei Dren  17,50         26,63         3,2 }
    Bensberg bei Cln    16,36         19,53         3,4 }
    Tscheitsch in Mhren  9,04         28,86         3,2 }
    Eger in Bhmen        9,14         54,00         5,2 }     von
    Herwitz in Bhmen    22,00         48,32         5,2 }  =C. Mller=.
    Schbritz in Bhmen  21,68         46,33         4,3 }

  Aus Dampftheer (aus Braunkohlen) erhielt =Ramdohr= (1869) im
  Durchschnitt:

      22-24 Proc. Paraffin, davon {15 Proc. bei 56-58 schmelzend,
                                  {7-9 "     "  38-47      "
      36-38   "   Mineralle.

  Bei vorsichtiger Behandlung soll der Dampftheer 28-30 Proc. Paraffin
  liefern knnen.

  Die Angaben ber die Ausbeute aus =Cannelkohle= und =Bogheadkohle=
  gehen weit auseinander. Aus 100 Th. =Theer= aus =Bltterschiefer=
  wurden erhalten:

                                       Minerall   Schmierl   Paraffin
   Englischer Bltterschiefer            24,28       40,00       0,12
   Bltterschiefer von Romerickberge     25,68       43,00       0,11
         "         aus Westphalen        27,50       13,67       1,11
         "         von Oedingen am Rhein 18,33       38,33       5,00

  100 Th. galizisches Erdwachs geben nach =Mller= in Aussig (1867) 24
  Proc. Paraffin und 40 Proc. Leuchtl.

[Sidenote: Eigenschaften des Paraffins.]

Das Paraffin im gereinigten Zustande hat folgende Eigenschaften: Es ist
eine weisse, wachshnliche, geruch- und geschmacklose, im geringen Grade
fettig anzufhlende Substanz von 0,877 specifischem Gewichte, hrter als
Talg, aber weicher als Wachs. Je nach seinem Ursprunge besitzt das
Paraffin sehr abweichende Eigenschaften. Paraffin aus Bogheadkohle war
einerseits nach dem Schmelzen sehr krystallinisch und schmolz bei 45,5,
andererseits krnig wie gebleichtes Wachs und von 52 Schmelzpunkte. Das
Paraffin aus Rangoontheer schmolz bei 61, das aus Torf bei 46,7. Der
Schmelzpunkt der aus schsischer Braunkohle gewonnenen Paraffinsorten
liegt bei Theer-Paraffin bei 56, bei Oel-Paraffin bei 43; der des
Paraffins aus galizischem Erdwachs bei 60, doch besitzt ein Theil davon
einen niedrigen Schmelzpunkt, der zuweilen bis auf 45 herabsinkt. Das
aus Ozokerit dargestellte natrliche Paraffin schmilzt erst bei 65,5. Die
Zusammensetzung der verschiedenen Paraffinsorten ist folgende:

              Aus schs.    Aus         Aus           Aus         Aus
              Braunkohle  Ozokerit  Bogheadkohle      Torf     Petroleum
  Kohlenstoff    85,02      85,26      85,00      84,95-85,23    85,15
  Wasserstoff    14,98      14,74      15,36      15,05-15,16    15,29

Aus diesen Untersuchungen lsst sich der Schluss ziehen, dass nicht der
gewhnlichen Annahme zufolge alle Paraffinsorten Gemenge
Kohlenwasserstoffe der Formel C_{n}H_{n} seien, sondern dass das Paraffin
(gleichviel ob aus Braunkohle, Torf, Ozokerit oder Petroleum gewonnen)
ein Gemisch ist von dem Sumpfgas homologen Kohlenwasserstoffen, von denen
mehrere nicht weniger als C_{27} enthalten. Das Paraffin ist unlslich im
Wasser, lst sich dagegen in Alkohol, Aether, Terpentinl, Olivenl,
Benzol, Chloroform, Schwefelkohlenstoff; 100 Th. siedenden Alkohols lsen
nur 3 Th. Paraffin. Es siedet ber 300 und destillirt unverndert ber.
Suren und Alkalien greifen das Paraffin bei gewhnlicher Temperatur
nicht an, Chlor gleichfalls nicht; wirkt aber Chlorgas lngere Zeit auf
durch Erwrmen flssiges gemachtes Paraffin ein, so bilden sich gechlorte
Produkte unter Entwickelung von Salzsure. Mit Wachs, Stearin- und
Palmitinsure, so wie mit Harz kann das Paraffin in allen Verhltnissen
zusammengeschmolzen werden.

  Die Hauptanwendung des Paraffins ist bekanntlich die zu
  =Paraffinkerzen=, von welchen Seite 708 bei der Kerzenfabrikation die
  Rede war. Ausserdem ist es vorgeschlagen worden als Schmiermittel, zum
  Conserviren von Holz, zum Dichten der Wein- und Bierfsser, zum
  Verhten des Schumens und Uebersteigens beim Verkochen des
  Zuckersaftes in den Vacuumpfannen, zum Conserviren von Fleisch, zum
  Einfetten des Leders, zum Wasserdichtmachen von Geweben (=Stenhouse=),
  zum Ersatz des Wachses bei der Bereitung des Wachspapieres und der
  Stearinsure zum Trnken von Gypsgegenstnden, zur Bereitung der Masse
  der feineren Zndrequisiten; so wie seiner chemischen Bestndigkeit
  wegen bei gewissen chemischen Operationen.

[Sidenote: Solarl.]

=Fabrikation des Solarles.= Bei der trockenen Destillation der
Bogheadkohle, des Bltterschiefers, der Braunkohle und des Torfes bildet
sich, wie in den vorhergehenden Abschnitten errtert worden ist, =Theer=,
dessen Menge je nach der Natur des angewendeten Rohmaterials variirt.
Ueber die Natur des Theeres schwebte bis in die jngste Zeit ein
eigenthmliches Dunkel, von dem man auch gegenwrtig bei weitem noch
nicht zu behaupten berechtigt ist, dass es vollstndig aufgehellt sei.
Bis zum Jahre 1830 nahm man die Theerfrage auf die leichte Achsel, indem
man den Theer einfach als eine Auflsung eines kohlenstoffreichen
Brandharzes in einem flchtigen Brenz- oder Brandle ansah, wobei die
grosse Verschiedenheit der Brandle zwar nicht bersehen, aber doch fast
unerrtert gelassen wurde. Die erste und ernstliche Untersuchung des
Theeres ist die von =Reichenbach=, welche zur Entdeckung des =Paraffins=
und des steten Begleiters desselben im Theer, des =Eupion=, einer sehr
dnnen und leichten Flssigkeit, die sich leicht entznden lsst und mit
leuchtender Flamme brennt, fhrte. Der Siedepunkt des Eupions variirte
von 47-169. Es ist einleuchtend, dass eine Flssigkeit von so
vernderlichem Siedepunkt nur ein Gemenge sein kann. =Reichenbach='s
Arbeit, so verdienstlich dieselbe auch war, stellte jedoch keineswegs
alle Punkte in der Constitution der einzelnen Theerarten klar hin, eben
so wenig ist es spteren Forschern gelungen, die chemische Seite der
Theerfrage in vollkommen befriedigender Weise zu beleuchten.

  Dagegen fand der Theer in der empirischen Technik eine warme
  Vertreterin, die unter den Bestandtheilen des Theeres eine reichhaltige
  Quelle von Leuchtmaterialien wahrnahm, geeignet als billige Surrogate
  der dem Thier- und Pflanzenreiche entnommenen Fette und Oele zu dienen.
  Einer rectificirenden Destillation unterworfen, liefert der Theer das
  =Theerl=, welches durch weitere Rectification in den festen
  Leuchtstoff, das Paraffin, und in die flssigen, lhnlichen Krper
  zerlegt werden kann, welche, nachdem die sauren und schweren
  Bestandtheile, die Carbol- oder Phenylsure abgeschieden worden, als
  Gemenge unter den Benennungen =Photogen=, =Minerall=, =Hydrocarbr=,
  =Lig-ro-ine=, =Solarl=, =Paraffinl= (worunter man in England das aus
  der Bogheadkohle gewonnene Brennl versteht) u. dgl. im Handel
  vorkommen. Diese Oele sind dem =Petroleum= oder =Erdl= nahe verwandt,
  welches gleich ihnen nur aus Kohlenstoff und Wasserstoff besteht. Im
  mglichst reinen Zustande sind sie fast farblos und besitzen nur einen
  geringen Geruch.

  Die =Mineralle=[189], wie sie gegenwrtig der Handel liefert, mssen
  in folgender Weise unterschieden werden. Das =Photogen=, so wie es in
  den Fabriken der Provinz Sachsen dargestellt wird, besteht aus einem
  Gemisch von Oelen, deren Siedepunkte zwischen 100 und 300 liegen; es
  ist eine klare und sehr dnne Flssigkeit von charakteristischem und
  therischem Geruche und einem specifischen Gewichte von 0,800-0,810; es
  ist aus verschiedenen Oelen von 0,760-0,865 spec. Gewicht
  zusammengesetzt. Die frher im Handel vorkommenden leichten Photogene
  von 0,780 spec. Gewichte erhalten grossentheils Essenzen von nur 0,720
  spec. Gewichte, welche noch unter 60 zu sieden beginnen und daher
  ihrer Feuergefhrlichkeit wegen lngst als Leuchtmaterialien beseitigt
  sind. Seitdem das Photogen, d. h. die leichteren Sorten desselben, als
  Leuchtstoff seinen Credit zum Theil verloren, kommt es unter dem Namen
  =Benzol= (Benzin, Benzolin, Naphta, Ligrone) von Neuem auf den Markt,
  um als Fleckwasser, zum Entfetten der Wolle, als Surrogat des
  Terpentinles, zum Carburiren des Leuchtgases u. s. w. Verwendung zu
  finden. Das =Solarl= oder =deutsche Petroleum=, welches die Photogene
  und die fetten Oele als Leuchtmaterialien derart verdrngt hat, dass es
  im Vereine mit dem Petroleum in der Beleuchtungsfrage bereits eine
  dominirende Stellung einnimmt, ist ein klares, farbloses oder schwach
  gelblich gefrbtes Oel von einer Consistenz, welche der des Rbles
  zuweilen nicht viel nachsteht. Sein spec. Gewicht ist 0,830 bis 0,835,
  sein Siedepunkt zwischen 255 und 350 C. Bei -10 darf es noch kein
  Paraffin ausscheiden; in einer Flasche geschttelt, darf es die Blasen
  nicht schneller aufsteigen lassen, als Rbl. Die Entzndungstemperatur
  des Solarles liegt gewhnlich erst ber 100. An das Solarl schliesst
  sich das von =Breitenlohner= dargestellte =Pyrogen= an, welches
  insofern grosse Beachtung verdient, als es aus den =rckstndigen
  Rohlen=, aus Carbolsure, Paraffin und anderen Stoffen bestehend und
  eine Dichte von 0,895-0,945 zeigend, die sich in den Theerfabriken zu
  grossen, fast unverwerthbaren Massen anhufen, auf einfache, weiter
  unten zu beschreibende Weise gewonnen wird. Das Pyrogen ist ein
  leicht weingelbes Oel von 0,825 bis 0,845 specifischem Gewichte.

  [189] Eine vortrefflich geschriebene Schilderung der Entwickelung der
        Industrie der Mineralle giebt =K. Mller= (von Halle) in =M.
        Wirth='s Gewerbekalender pro 1869, p. 18-34.

  Das =Maschinenschmierl= (_lubricating oil_), in neuerer Zeit auch
  unter dem Namen =Vulkanl=, in ganz enormen Mengen aus Nordamerika
  kommend, ist ein dickflssiges Oel von 0,840-0,977 spec. Gewicht und
  setzt in der Klte viel feine Paraffinkrystalle ab. Es bildet sich in
  den Paraffin- und Solarlfabriken und Petroleumraffinerien in grosser
  Menge. Das amerikanische Vulkanl ist nach der Beschreibung von =Ad.
  Ott= kein destillirtes Oel, sondern einfach eine specifisch schwere
  Sorte von durch Kohle entfrbtem Petroleum, wie es aus der Erde
  hervorquillt, aus welchem einfach die Naphta abgeblasen worden ist;
  zuweilen ist es mit einigen Procenten thierischer oder pflanzlicher
  Fette vermischt. Die im Steigen begriffene Erzeugung von Wagenfetten,
  Maschinenschmieren und hnlichen Antifrictionsmitteln absorbirt zwar
  einen nicht geringen Theil des genannten Oeles, und namentlich werden
  in England diese Schmierle, welche weder dem Verharzen, noch dem
  Erstarren in der Winterklte unterliegen, zum Schmieren der Spindeln in
  den Baumwollspinnereien und in anderen Etablissements mit Vortheil
  verwendet. Ihr Verkauf ist jedoch mehr durch die Nothwendigkeit und den
  Mangel anderer Verwendungsarten geboten, als dass den betreffenden
  Fabriken ein besonderer Vortheil daraus erwchse. Die Verarbeitung
  dieser Schmierle auf das dem Solarl hnliche Pyrogen ist deshalb
  unter Umstnden von Wichtigkeit. Auch zur Bereitung von Leuchtgas ist
  das Schmierl verwendet worden.

[Sidenote: Fabrikation des Mineralles.]

=Die Fabrikation des Mineralles= geht mit der des Paraffins Hand in
Hand. Die Produkte der Destillation des Theeres werden in geeigneten
=Mischapparaten= mit einer Lsung von Aetznatron in der Weise behandelt,
dass die Natronlsung in innigste Berhrung kommt. Diese Behandlung hat
den Zweck, die Carbolsure und die sauren, holzessighnlichen Krper,
welche den Oelen den unangenehmen Geruch und die dunkle Farbe ertheilen,
zu binden. Zuweilen erreicht man schon ohne Erwrmen mit 5-6 Proc. Natron
in 2 Minuten seinen Zweck, mitunter erst bei Erwrmung mit 20 Procent in
2 Stunden. Nach beendigter Einwirkung der Natronlauge lsst man die
Mischung in einen grossen eisernen Sammelkasten laufen, in welchem sich
das carbolsaure Natron am Boden abscheidet. Letzteres wird abgelassen und
das Oel bis zum Verschwinden der alkalischen Reaction mit Wasser
gewaschen. Darauf wird das Oel mit concentrirter Schwefelsure behandelt;
zuweilen gengen 5 Proc. Schwefelsure von 1,70 spec. Gewicht und die
Einwirkung von einer Minute, mitunter braucht man 25 Proc. Schwefelsure
und muss 3 Stunden einwirken lassen. Die Behandlung mit Schwefelsure ist
auf die Gte und sonstige Beschaffenheit der Oele von grossem Einfluss,
denn es kann sich ereignen, dass Oele, die von Hause aus schwefelfrei
waren, erst whrend der Reinigung mittelst Schwefelsure schwefelhaltig
wurden, denn die flchtigeren Bestandtheile der Mineralle sind im
Wesentlichen Gemische von Aldehyden und Ketonen, mithin Krpern, die sich
leicht mit schwefliger Sure vereinigen. Nach beendigter Einwirkung der
Schwefelsure bringt man das Gemisch aus dem Mischkasten in eiserne
Ksten, in denen man die sauren Verbindungen sich abscheiden lsst; die
oben aufschwimmenden Oele werden mit vielem Wasser, zuletzt mit schwacher
Natronlauge gewaschen und dann der Rectification unterworfen. Nach einer
Angabe von =H. Vohl= sollen die Paraffinle mitunter durch Behandeln mit
Fluorwasserstoffsure gebleicht werden, was den Nachtheil hat, dass Fluor
in das Oel eintritt und beim Verbrennen der Gesundheit schdliche
Fluorverbindungen gebildet werden.

  Die =Alkalien= und =Suren=, so wie die Stoffe, welche sich bei der
  Reinigung mit denselben verbunden haben, verwerthet man auf folgende
  Weise: Die unreine Lsung von Rohcarbolsure in Natron wird entweder
  mit der schwefelsauren Flssigkeit neutralisirt, wodurch die
  Carbolsure sich abscheidet, welche Anwendung finden kann zur
  Conservirung von Holz, von Segel- und Tauwerk, als Desinfectionsmittel,
  zur Darstellung von Theerfarben, oder endlich, indem man ihr den
  Sauerstoff auf geeignete Weise entzieht, zur Ueberfhrung in das dem
  Solarl hnliche =Pyrogen=. Behufs der Darstellung dieser letzteren
  werden die Rohle in Dampfgestalt bei strmischer Destillation durch
  ein hellglhendes Rohr getrieben; die condensirten Oele sind nach dem
  Behandeln mit Lauge und Schwefelsure in ein zum Brennen in Lampen
  vllig geeignetes Oel bergegangen. Nach =Perutz= wird die =alkalische=
  Flssigkeit, welche Natriumcarbolat enthlt, in einer gusseisernen
  Blase bis zur Trockne destillirt. Als Destillationsprodukte erhlt man
  ein Gemenge von Carbolsure mit flssigen und leichten
  Kohlenwasserstoffen; will man die Carbolsure rein darstellen, so
  sammelt man das zwischen 140 und 240 bergehende Produkt und reinigt
  dasselbe in bekannter Weise. Die in der Blase zurckbleibenden, die
  Alkalien enthaltenden Koks werden calcinirt, bis aller Kohlenstoff
  verbrannt ist; die zurckbleibende Asche, alles Natron als
  Natriumcarbonat enthaltend, wird mit Wasser ausgelaugt, die Lsung
  mittelst Aetzkalk kaustisch gemacht und dann bis zu der Concentration
  gebracht, die ihre Anwendung zum Reinigen der Mineralle erheischt. Die
  Nutzbarmachung der gebrauchten =Schwefelsure= geschieht dadurch, dass
  man dieselbe zur Fabrikation von Eisenvitriol verwendet. Bei der
  Rectification der Oele wird genau so verfahren, wie bei der
  Destillation des Theeres beschrieben worden ist.

  100 Th. Theer aus Torf lieferten an gereinigten Produkten:

                Solarl von 0,865 spec. Gewicht 26,4 Th.
                Photogen "  0,830   "      "    20,7  "
                Paraffinmasse                   23,3  "
                Rohe Carbolsure (Torfkreosot)  11,0  "
                                                --------
                                                81,4 Th.

  100 Th. Theer aus schsischer Braunkohle liefern durchschnittlich:

                          Paraffin   10-15 Th.
                          Photogen   16-27  "
                          Solarl    34-38  "
                          Kreosot     5-10  "
                          Koks         15   "

  Das Photogen hat einen Handelswerth von 10-12 Thlr. pro Zollcentner,
  das Solarl von 8-10 Thlr., whrend das Paraffin je nach seiner Hrte
  mit 20-30 Thlr. bezahlt wird. Paraffinkerzen werden zu 28-32 Thlr.
  abgegeben.

  In =Preussen= werden gegenwrtig -- 1870 -- aus 5-1/2 Millionen
  Centnern Braunkohle in 50 Schwelereien und 17 Fabriken dargestellt

                      100,000 Centner Paraffin und
                      285,000    "    Minerall.


                        Das Petroleum oder Erdl.

[Sidenote: Allgemeines und Vorkommen.]

Seit dem Jahre 1859 ist das =Petroleum= (Erdl, Steinl) fr
Beleuchtungszwecke ein Handelsartikel allerersten Ranges geworden, der
von Tag zu Tag eine grssere Bedeutung erlangt und dessen wirtschaftliche
Tragweite in ihrem ganzen Umfange noch nicht im geringsten geschtzt
werden kann. Kaum kennt die Culturgeschichte einen Gegenstand von
gleicher Wichtigkeit, der so schnell in allen Kreisen der menschlichen
Gesellschaft Eingang gefunden, als das Petroleum, welches seit wenig
Jahren der drittwichtigste Ausfuhrartikel der Vereinigten Staaten
geworden ist. Das Petroleum wurde schon im Alterthume vielfach benutzt.
Es bestanden Gewinnungen auf der Insel Zante, die einen Theil von
Griechenland damit versorgten, das Petroleum von Agrigent wurde unter dem
Namen des sicilianischen Oeles in den Lampen verbrannt. Das verdickte
Erdl (Erdpech oder Asphalt), dessen man sich an Stelle des Mrtels beim
Bauen in Babylonien bediente, kam aus Quellen in der Nhe des Euphrats.
Der Erdtheer wurde auch zur Mumienbereitung und zu verschiedenen anderen
Zwecken angewendet, so scheint es, dass die Alten zur Darstellung
gewisser schwach gebrannter, schwarz gefrbter Thongefsse sich eines
Zusatzes von Asphalt bedient haben. Syrien und Mesopotamien und andere
Lnder Mittelasiens enthalten berhaupt grosse Massen verdickten Erdles,
unter die Fundorte gehrt auch das todte Meer, welches ja frher der
Asphaltsee (_lacus asphaltites_) hiess. Selten erscheint es in solcher
Menge, dass Seen dadurch gebildet werden, wie solches auf Trinidad der
Fall ist, wo der Pitch-Lake aus Bergtheer besteht, welcher nach der
Verschiedenheit der Temperatur bald mehr, bald weniger zhe ist.

  Das Erdl quillt an vielen Orten zu Tage, so zu Amiano unweit Parma;
  das daselbst gewonnene Oel wurde noch im vorigen Jahrhundert fr die
  Beleuchtung einiger Stdte, namentlich in Genua verwendet; es kommt
  ferner als Quelle vor zu Tegernsee in Bayern[190], in der Schweiz bei
  Neufchatel, zu Sehnde bei Hannover, zu Kleinschppenstedt in
  Braunschweig, zu Bechelbronn im Elsass, bei Coalbrookdale in England,
  in den Pyrenen, in Galizien (hauptschlich im Samborer Kreis,
  nordstlich von Lemberg), in Ungarn, Siebenbrgen, Croatien, in der
  Walachei u. s. w. Ausserdem liefert nicht nur die Halbinsel Apscheron
  an der Westkste des caspischen Meeres eine grosse Menge Erdl oder
  Naphta, sondern auch auf der an der Ostkste des Caspissees liegenden
  Insel Tschelekn (39,5 n. B.) finden sich mehr als 3400 Erdlbrunnen,
  welche jhrlich 136,000 Pfund (54,400 Centner) Erdl verschiedener Art
  in den Handel liefern. Auch in Rangoon in Birma oder Burmah in
  Hinterindien, an den Ufern des Irawaddy kommt das Erdl (Rangunl) in
  solcher Menge vor, dass von dort jhrlich 400,000 Fsser, jedes von
  ungefhr 6 Centner Gewicht ausgefhrt werden. Am massenhaftesten aber
  findet sich das Erdl in Nordamerika und zwar in Schichten, welche dem
  Alleghanygebirge parallel liegen und sich vom Ontario-See bis in das
  Thal des kleinen Kanawha in Virginien verbreiten. Der Streifen befasst
  die westlichen Grafschaften des Staates von New-York und von
  Pennsylvanien, einen Theil von Ohio und die an den Ohio grenzenden
  Theile des gleichnamigen Staates. Die hauptschlichsten Oelquellen sind
  aber zu Mecca (Grafschaft Trumball, Ohio) und zu Titusville, Oil-City,
  Pithole-City, Rouseville, M'Clintockville (Grafschaft Venango,
  Pennsylvanien, dem Lande der Seneca-Indianer). Das Gebiet der
  Bohrlcher heisst _Oil-creck_. Die Bohrlcher sind 22-23 Meter tief und
  hunderte derselben vorhanden. Man unterscheidet Bohrlcher mit
  bestndigem Oelausfluss (_flowing well_), und Bohrlcher, aus welchen
  das Oel gepumpt werden muss (_pumping well_). In Canada wird das Erdl
  in zwei verschiedenen Gegenden gewonnen, nmlich zu Gaspe, beim Busen
  von St. Lorenz, und in der Grafschaft Lambton, am westlichen Theile der
  Halbinsel zwischen dem Huronen-, Erie- und Ontariosee, namentlich in
  dem District von Enneskillen. Auch in Californien kommt das Erdl in
  erstaunlicher Menge vor, ebenso in Sdamerika, namentlich in Peru, der
  argentinischen Republik und in Bolivia.

  [190] Die seit 1430 bekannte Erdlquelle bei Tegernsee liefert jhrlich
        nur etwa 42 Liter Oel.

[Sidenote: Bildung des Petroleums.]

  Was die =Bildung des Petroleums= anlangt, so existiren darber
  verschiedene Hypothesen. Nach der =einen= Ansicht steht das Vorkommen
  von Erdlquellen, Salzquellen und Entwickelung von brennbaren Gasen in
  der Natur in einem innigen Zusammenhange, welchen man durch die Annahme
  zu erklren versucht hat, dass in der Tiefe Lager von Steinsalz
  vorhanden sind, welches nach den bekannten Beobachtungen von =Dumas=,
  =H. Rose= und =Bunsen= oft Kohlenwasserstoff im comprimirten Zustande
  enthlt, dass dieses Steinsalz von unterirdischen Wssern gelst, dabei
  das Gas frei gemacht wird und nun theils solches zum Ausstrmen
  gelangt, theils in Folge starker Compression im condensirten Zustande
  als Naphta ausfliesst. Das aus dem sogenannten Knistersalz von
  Wieliczka beim Auflsen sich entwickelnde Gas besteht nach einer
  Analyse =Bunsen='s wesentlich aus Sumpfgas. Durch Vernderung des
  Sumpfgases CH_{4} knnten allerdings flssige, dem Sumpfgas homologe
  Kohlenwasserstoffe C_{6}H_{14} und C_{7}H_{16}, die einen
  Hauptbestandtheil der flchtigen Theile des Erdles ausmachen und die
  Paraffine (deren Zusammensetzung zwischen den Gliedern C_{20}H_{42} und
  C_{27}H_{56} liegt) sich gebildet haben. Dieselbe Association von
  Petroleum, Steinsalz und brennbaren Gasen findet man nicht nur in den
  bayerischen Alpen, in Toscana, Modena und Parma, in den Karpathen
  (sowol galizischer Seite in Wieliczka, als auch ungarischer Seite bei
  Szlatina), sondern auch an allen anderen Orten, wo Petroleum massenhaft
  auftritt, so auf der Halbinsel Apscheron am Caspissee, in Mesopotamien,
  in Kurdistan, in den beiden Indien, besonders in Burmah, und an
  unzhligen Punkten im Gebiete der grossen nordamerikanischen
  Salzformation, wo, wie oben erwhnt, die meisten Bohrbrunnen mit der
  Salzsoole Kohlenwasserstoffgase in reichlicher Menge und viele
  derselben auch Petroleum liefern. Nach einer =anderen= Ansicht ist das
  Erdl ein Produkt der langsamen Zersetzung von vegetabilischen und
  thierischen Substanzen und der Neubildung von andern chemischen
  Verbindungen ihrer Elemente, welche in dem Erdl und in den damit
  ausstrmenden Gasarten nachweisbar sind. Die nordamerikanischen
  Geologen halten dafr, dass es Anhufungen von Seepflanzen, vorzglich
  von Fucusarten und von ehemaligen thierischen Meeresbewohnern seien,
  welche das ursprngliche Material zu dem Minerall dargeboten haben,
  und dass das in jener Weise entstandene Erdl in den Gebirgsschichten
  enthalten sei, welche mit den Bohrlchern durchstossen werden. Eine
  sehr langsame Destillation frdere dann aus diesen mit Oel erfllten
  Schichten und ihren Spalten dasselbe in die Bohrlcher und weiter bis
  an die Oberflche. Das aus den Gesteinschichten kommende Oel wird in
  den Bohrlchern von aufsteigenden Wasserquellen getragen, und steigt,
  wenn der hydrostatische Druck mchtig genug ist, springbrunnenartig
  ber die Erdoberflche empor und bildet dann artesische Brunnen, welche
  Wasser und Erdl ergiessen. Da das Erdl Paraffin enthlt und ausserdem
  flssige Kohlenwasserstoffe, welche denjenigen hnlich sind, welche bei
  der trocknen Destillation von vegetabilischen Krpern sich bilden, so
  schloss man, dass es gleichfalls ein Produkt der trocknen Destillation
  sei. Nach den bisherigen Beobachtungen ber die Temperaturzunahme
  wrden Mineralkohlenlager, welche in einer Tiefe von ungefhr 8000 Fuss
  liegen, der Siedetemperatur des Wassers ausgesetzt sein. Nur bei einer
  solchen Temperatur knnte Erdl aus den Schichten, welche es bereits
  fertig gebildet enthalten, destilliren und sich in den hheren
  Schichten condensiren; zu der Bildung des Erdles durch trockne
  Destillation wrde natrlich eine weit hhere Temperatur gehren, die
  einer Tiefe der Schichten entsprechen wrde, die nicht wohl
  vorausgesetzt werden kann. Nach einer =dritten=, jngst (1866) von
  =Berthelot= ausgesprochenen Ansicht, bilden sich im Innern der Erde aus
  Kohlensure und Alkalimetallen Acetylre, welche durch Wasserdampf
  Acetylen C_{2}H_{2} gben. Letzteres ginge in Petroleum und
  theerhnliche Produkte ber.

[Sidenote: Reinigen des rohen Steinles.]

  Die meisten Steinle knnen nicht ohne weiteres in dem Zustande, in
  welchem sie sich finden, als Leuchtmaterial verwendet werden, fast
  smmtlich bedrfen dieselben einer =Reinigung=, die je nach der Natur
  und der Consistenz des Oeles auf verschiedene Weise ausgefhrt wird.
  Die auf der Halbinsel Apscheron in der Umgegend von Baku vorkommenden
  Oele sind meist farblos und werden direct zur Speisung der Lampen
  benutzt, bei ihnen gengt eine einfache Destillation zur vollkommenen
  Reinigung. Das Erdl von Rangoon (Birma) ist in Folge seines grossen
  Gehaltes an Paraffin (Belmontin) bei gewhnlicher Temperatur
  butterartig und wird deshalb auf Paraffin verarbeitet. Die Oele von den
  ostindischen Inseln haben in Folge beigemengter geschwefelter
  Verbindungen einen hchst unangenehmen Geruch. Solche Erdle knnen nur
  nach einer krftigen Reinigung -- mittelst Natronlauge und
  Schwefelsure -- als Leuchtmaterial Anwendung finden. Die Erdle des
  nrdlichen Theiles der nordamerikanischen Union und Canada's haben sehr
  verschiedene specifische Gewichte, so besitzt das Erdl aus der
  Grafschaft von Venango in Pennsylvanien eine Dichte von 0,8, von
  anderen Localitten aber 0,85 und selbst 0,9 spec. Gewichte. Von
  grosser Wichtigkeit sind die galizischen Erdle, die theils durch
  Reinigen der rohen Naphta -- in 22 Fabriken in der Gegend von Boryslav
  und Drohobicz (1870) --, theils auch bei der Verarbeitung des
  Erdwachses durch Destillation auf Paraffin als Nebenprodukte
  dargestellt werden. Der Werth des Steinles und die Art des
  Reinigungsprocesses hngt sehr von dem specifischen Gewichte ab; die
  leichteren Sorten liefern 90 Proc. eines in Photogen und Solarl sich
  spaltenden Oeles, die schwerern dagegen enthalten viel Theer und geben
  nur 40-50 Proc. Lampenl. Die Reinigungsmethoden des Erdles bestehen
  in der Behandlung entweder mit Alkalien (Aetznatron) und Suren
  (Schwefelsure), oder mit Alkalien allein neben der Anwendung von
  Wasserdmpfen von verschiedener Temperatur, und in der fractionirten
  Destillation.

[Sidenote: Constitution der Erdle.]

  Was die chemische Constitution der Erdle betrifft, so sind, nach den
  vorliegenden Untersuchungen, alle Sorten, gleichviel von welcher
  Consistenz, ob dnnflssig wie das Erdl von Pennsylvanien und von
  Baku, oder von Butterconsistenz wie der Rangoontheer, Gemenge von den
  homologen hheren Gliedern der Reihe, von welcher das Sumpfgas
  (Methylwasserstoff, CH_{4}) das erste ausmacht[191], namentlich aus
  Amylwasserstoff C_{5}H_{12} (bei 68 siedend) und Caproylwasserstoff
  C_{6}H_{14} (bei 92 siedend), welche beiden einen Hauptbestandtheil
  des flchtigeren Theiles des amerikanischen Erdles ausmachen und
  (gleich dem Sumpfgas) mit wenig leuchtender Flamme brennen. Die
  Bestandtheile des als Lampenl verwendeten Petroleums werden durch
  Kohlenwasserstoffe reprsentirt, welche zwischen C_{7}H_{16} und
  C_{12}H_{26} liegen. Die hheren Glieder der Sumpfgasreihe haben
  butterhnliche Consistenz, die von C_{20}H_{42} an bis zum Gliede
  C_{27}H_{56} als Paraffine zum Vorschein kommen, welche in den meisten
  Petroleumsorten sich finden. --

  [191] =Ronalds= hat (1865) gezeigt, dass die aus amerikanischem
        Rohpetroleum sich entwickelnden Gase wesentlich aus Aethylhydrr
        (C_{2}H_{6}) und Propylhydrr (C_{3}H_{8}) mithin aus dem 2. und
        3. Gliede der obigen homologen Reihe bestehen. Damit steht auch
        das Resultat einer Untersuchung von =Fouqu= (1869) im Einklang,
        nach welchem die aus dem Petroleum sich entwickelnden Gase zum
        Theil Gemenge von Propyl- und Butylhydrr, zum Theil auch
        Mischungen von Sumpfgas und Aethylhydrr sind.

[Sidenote: Technologisches ber Petroleum.]

  Das rohe Erdl darf aus Amerika wegen seiner ausserordentlichen
  Gefhrlichkeit nicht mehr versendet werden. In der Union besteht ein
  Gesetz, wonach jedes Fass Erdl einer Untersuchung zu unterwerfen ist,
  bevor es in den Handel kommt, und wonach kein Oel zugelassen werden
  darf, welches bei einer Temperatur unter 100 Fahrenheit (= 38 C.)
  brennbare Dmpfe (von Butylwasserstoff) entwickelt. Auch in England hat
  man bereits ein hnliches Gesetz (_Petroleum-Bill_) erlassen. Man ist
  daher genthigt, das rohe Erdl einer theilweisen und fractionirten
  Destillation zu unterwerfen, um die flchtigsten Bestandtheile, die
  sogenannte =Naphta=, von 0,715 spec. Gewichte, die bereits unter 60 zu
  sieden beginnt, davon zu trennen. =Wiederhold= fand bei einer
  fractionirten Destillation, dass die Naphta enthalte

      48,6 Proc. Oele von 0,70 spec. Gewicht,  bei 100 siedend (a)
      45,7   "    "    "  0,73   "      "       "  200    "    (b)
       5,7   "    "    "  0,80   "      "     ber 200    "    (c)

  Letzteres (c) stimmt in seinen Eigenschaften mit dem raffinirten
  Petroleum berein; (a) ist selbstverstndlich wegen seiner Flchtigkeit
  und Feuergefhrlichkeit als Lampen-Leuchtmaterial nicht zu verwenden;
  das Destillat (b), welches man =Erdlphotogen= nennen knnte, kann
  dagegen mit Vortheil in zweckmssig construirten Lampen -- namentlich
  in den sogenannten =Ligronlampen= -- gebrannt werden. Die Naphta (von
  =H. Vohl= auch =Canadol= genannt) kann Anwendung finden zum Carburiren
  des Leuchtgases (vergl. Seite 752), aber auch zur Gasbereitung (nach
  =Hirzel='s Verfahren), selbst als Ersatz des Terpentinles (Kautschuk,
  Asphalt und Terpentin lsen sich in der Naphta, schwerer lslich
  erscheinen Colophonium, Mastix, Dammar, fast nicht werden gelst
  Bernstein, Copal, Krnerlack und Schellack), anstatt des
  Schwefelkohlenstoffes zur Extraction fetter Oele, statt Benzol zur
  Entfernung der Fettflecken, zur Conservation anatomischer und hnlicher
  Prparate; unter dem Namen _Sherwood-Oil_ (=Keroselen-= oder
  =Petroleumther=, in England und Amerika auch =Rhigolen= genannt)
  findet der flchtigste Theil des Petroleums (von 0,65 spec. Gewicht und
  schon bei 40-50 C. siedend) als Anstheticum und usserlich als
  schmerzstillendes Mittel zum Einreiben Anwendung. Die consistenten
  Erdlsorten finden unter dem Namen =Vulkanl= (_Globe-Oil_,
  _Vulcan-Oil_, _Phoenix-Oil_), als Schmiermittel Verwendung. In
  Nordamerika wird hier und da, namentlich versuchsweise auf der
  Kriegsmarine, das Petroleum als Heizstoff verwendet.

  Das =raffinirte= Erdl (Leuchtl) ist eine opalisirende Flssigkeit von
  etwas gelblicher Farbe und von 0,81 spec. Gewichte. Der Siedepunkt des
  Oeles liegt bei 150 C. Es mischt sich nicht mit Wasser, Alkohol und
  Holzgeist, dagegen leicht mit Schwefelkohlenstoff, Aether und
  Terpentinl. Von Harzen und hnlichen Stoffen wird nur Asphalt, Elemi
  und venetianischer Terpentin in der Wrme in namhafter Menge gelst.
  Kautschuk wird erweicht, quillt auf und lst sich in der Wrme
  vollstndig. Es wird in grsster Menge als Lampenleuchtmaterial
  consumirt, verhlt sich dem Solarl aus Braunkohlen und Torf analog und
  ist zum Unterschied von letzterem mit dem Namen =Petrosolarl= zu
  bezeichnen. Das unter dem Namen =Kerosin= seit einiger Zeit als
  Leuchtstoff vielfach verwendete Produkt ist durch Destillation aus dem
  amerikanischen Erdle dargestellt worden. Es hat ein specifisches
  Gewicht von 0,78-0,825. Identisch mit dem Kerosin scheint das
  =Pitt-Oel= zu sein.

  Bei dem grossen Wirrwarr, welcher noch immer in den Namen der
  Destillationsprodukte des Petroleums herrscht, seien diejenigen (nach
  =Kleinschmidt= in St. Louis) angefhrt, welche gegenwrtig in
  Nordamerika und in England gebruchlich sind:

  Oele destillirend unter 37,7 C. = 0,60 spec. Gew. = 90-97 B.
                                                            = Rhigolen,
  "        "       bei 76,6 C. = 0,63-0,61 spec. Gew. = 80-90 B.
                                                              = Gasolin,
  "        "        "   137 C. = 0,67-0,63    "    "   = 70-80 B.
                                                              = Naphta,
  "        "        "   148 C. = 0,73-0,67    "    "   = 60-70 B.
                                                              = Benzin,
  "        "        "   183-219 C. = 0,78-0,82 spec. Gew. = 40-60 B.
                                                             = Kerosin.

  Oberhalb dieser Temperaturen gehen Paraffin und Leuchtgas ber.

  Der Verbrauch an Petroleum ist ein ganz erstaunlicher. Im =Zollverein=
  wurden eingefhrt:

                    1866                 918,954 Ctr.
                    1867               1,785,000  "
                    1868               2,232,928  "
                    1869               2,698,882  "
                    1870 I. Semester   1,260,630  "

  Im II. Semester wird die Zufuhr an Petroleum in Folge des
  ausgebrochenen deutsch-franzsischen Krieges voraussichtlich eine weit
  geringere sein.




                            VIII. Abschnitt.

                Die Heizmaterialien und die Heizapparate.

                         A. Die Heizmaterialien.


[Sidenote: Allgemeines ber Brennmaterialien.]

Unter Brennmaterialien (Brennstoffen) versteht man diejenigen brennbaren
Krper, welche fr gewerbliche und konomische Zwecke zur Hervorbringung
von Wrme oder von Kraft Anwendung finden. Es gehren zu den Brennstoffen
Holz, Torf, Braunkohle, Steinkohle, Anthracit, Bogheadkohle, Holzkohle,
Torfkohle, verkohlte Braunkohle, Koks, Petroleum und brennbare Gase
(Kohlenoxyd, Kohlenwasserstoffe). Mit Ausnahme der als Brennmaterial
Anwendung findenden Gase sind alle Brennstoffe, was ihren Ursprung
betrifft, mit einander nahe verwandt, indem sie theils aus Cellulose oder
Holzfaser bestehen, theils daraus entstanden sind. Die natrlichen oder
rohen, d. h. unverkohlten Brennstoffe (Holz, Torf, Braun- und Steinkohle,
so wie Anthracit) bestehen wesentlich aus Kohlenstoff, Wasserstoff und
Sauerstoff, die Steinkohle auch noch aus geringen Mengen von Stickstoff
und gewissen mineralischen Bestandtheilen (Schwefel, Phosphor,
Kieselerde, Thonerde, Eisenoxyd, alkalischen Erden und Alkalien), welche
mit Ausnahme des Schwefels und Phosphors beim Verbrennen der Brennstoffe
als Asche zurckbleiben. Von allen den im Vorstehenden aufgefhrten
Krpern sind nur zwei, nmlich der Kohlenstoff und Wasserstoff brennbar;
diese beiden Stoffe allein bedingen den Werth der Brennstoffe. Bei
vollstndiger Verbrennung liefern alle Brennmaterialien nur Wasser und
Kohlensure, unter Hinterlassung der unorganischen Bestandtheile. In der
Asche von vegetabilischen Brennstoffen herrscht im Allgemeinen das
Calciumcarbonat, in der von mineralischem der Thon vor.

Hinsichtlich der Wirkung, welche die Brennmaterialien whrend des
Verbrennens ussern, ist zu unterscheiden

    a) die Brennbarkeit,
    b) die Flammbarkeit, und
    c) der Wrmeeffect.

[Sidenote: Brennbarkeit.]

Unter =Brennbarkeit= der Brennmaterialien versteht man die grssere oder
geringere Leichtigkeit, mit der dieselben entzndet werden knnen und
sodann zu verbrennen fortfahren. Sie ist abhngig von der Beschaffenheit
und der Zusammensetzung des Brennstoffes. Ein porses, weniger dichtes
Brennmaterial ist leichter brennbar, als ein weniger porses. Was den
Zusammenhang der Brennbarkeit mit der Zusammensetzung betrifft, so hat
sich herausgestellt, dass ein Brennstoff um so leichter brennbar ist, je
mehr er Wasserstoff enthlt.

[Sidenote: Flammbarkeit.]

Mit dem Namen =Flammbarkeit= bezeichnet man die Eigenschaft gewisser
Brennstoffe, mit Flamme zu verbrennen. Da letztere nur durch brennende
Gase gebildet wird, so ist es einleuchtend, dass die wasserstoffreichsten
Brennstoffe auch die flammbarsten sein mssen. Brennmaterialien, welche
wie die Holzkohlen und Koks durch Verkohlung entstanden sind, knnen
daher keine andere Flamme beim Verbrennen bilden, als bei unvollstndiger
Verbrennung die Kohlenoxydflamme, welche hier nicht in Betracht kommt.

[Sidenote: Wrmeeffect.]

Die bei vollstndiger Verbrennung eines Brennstoffs entwickelte Wrme
lsst sich in zweierlei Hinsicht messen:

    1) auf die =Quantitt der Wrme=,
    2) auf den =Temperaturgrad= (Intensitt der Wrme).

Misst man die Wrme nur ihrer Quantitt nach, so erhlt man die
=Brennkraft= (specifischer oder absoluter Wrmeeffect); bestimmt man den
Grad der Wrme, so wird die =Heizkraft= (pyrometrischer Wrmeeffect)
ermittelt. Brennkraft und Heizkraft zusammengenommen, bestimmen den Werth
eines Brennmaterials. Wird die Brennkraft auf den Preis des Brennstoffes
bezogen, so erhlt man dessen =Brennwerth=, welcher selbstverstndlich
nur fr den Consumtionsort maassgebend ist.

[Sidenote: Ermittelung der Brennkraft.]

=Ermittelung der Brennkraft oder der Wrmemenge eines Brennstoffes.= Da
fr die Wrme kein bestimmtes Maass vorhanden ist, so muss man sich damit
begngen, die relativen Wrmemengen zu ermitteln, mit anderen Worten,
anzugeben, um wieviel die aus einem Brennstoff entwickelte Wrmemenge die
aus einem anderen bertrifft. Fhrt man die erzielten Resultate auf ein
bestimmtes Volumen der Brennstoffe zurck, so findet man den
=specifischen Wrmeeffect=, bezieht man sie dagegen auf ein bestimmtes
Gewicht, den =absoluten Wrmeeffect=. Die Verbrennungswrmen der
verschiedenen Krper sind folgende:

    Wasserstoff                             giebt 34,462 Wrmeeinheiten
    Kohlenstoff
               (zu Kohlensure verbrennend)   "     8080       "
        "      (zu Kohlenoxyd       "     )   "     2474       "
    Kohlenoxyd                                "     2403       "
    Sumpfgas                                  "   13,063       "
    Elaylgas                                  "   11,857       "
    Petroleum, rohes                          "   11,773       "
    Aether                                    "     9027       "
    Alkohol                                   "     7183       "
    Holzgeist                                 "     5307       "
    Terpentinl                               "   10,852       "
    Wachs                                     "   10,496       "
    Holz                                      "     3600       "
    Holzkohle                                 "     7640       "
    Torf                                      "     3000       "
    Presstorf                                 "     4300       "
    Steinkohle                                "     6000       "
    Fett                                      "     9000       "

Man bestimmt den =absoluten= Wrmeeffect nach den Methoden von
=Karmarsch=, =Berthier= oder durch die Elementaranalyse.

[Sidenote: Verdampfungsprobe nach Karmarsch.]

  Nach der =Methode= von =Karmarsch= (die spter auch von =Playfair= bei
  der Untersuchung englischer Kohlen, von =Brix= mit preussischen und von
  =Hartig= und =Stein= mit schsischen Steinkohlen benutzt worden ist)
  wird diejenige Wassermenge ermittelt, welche von einem Pfunde
  verschiedener Brennstoffe in Dampf bergefhrt wird. Nach =Regnault='s
  Formel sind 652 W.-E. (= Wrmeeinheiten) erforderlich, um 1 Kilogr.
  Wasser von 0 in Dampf von 150 zu verwandeln. Es knnen daher
  verdampfen:

                                 ( 8080)
           1 Kilogr. Kohlenstoff (-----) = 12,4 Kilogr. Wasser
                                 (  652)

                                 (34462)
           1   "          "      (-----) = 52,9   "       "
                                 ( 652 )

  Bei von mir und von Anderen ausgefhrten Versuchen gab

    Rothbuchenholz                                  3,78 Kilogr. Dampf
    Zwickauer Pechkohle          ( 6   Proc. Asche) 6,45    "      "
    Bhmische Kohle von Nrschau (19     "     "  ) 5,58    "      "
    Saarbrcker Schmiedekohlen   (21,5   "     "  ) 6,06    "      "
    Ruhrer Russkohle             (5,5    "     "  ) 6,90    "      "
    Cannelkohle                  (4,0    "     "  ) 7,74    "      "

[Sidenote: Reductionsprobe nach Berthier.]

  =Methode von Berthier.= Nach dem =Welter='schen Gesetze (welches
  indessen nicht durch die Erfahrung besttigt wird, da neuere
  Untersuchungen grosse Abweichungen von diesem Gesetze, namentlich in
  Bezug auf den Wasserstoff nachgewiesen haben) stehen die aus
  verschiedenen Brennmaterialien entwickelten Wrmemengen unter sich in
  demselben Verhltnisse, wie die zur Verbrennung erforderlichen
  Sauerstoffmengen. Die Richtigkeit dieses Gesetzes angenommen, ist es
  leicht, wenn die Zusammensetzung eines Brennmaterials bekannt ist,
  seinen absoluten Wrmeeffect zu berechnen. Man ermittelt nmlich, wie
  viel es Sauerstoff, mit Bercksichtigung seines eigenen Gehaltes davon,
  aufnehmen wrde, um seinen Kohlenstoff vllig in Kohlensure und seinen
  Wasserstoff in Wasser zu verwandeln. Hierauf vergleicht man diese Menge
  mit der, welche ein anderes Brennmaterial, dessen Heizkraft bekannt
  ist, z. B. Kohle, erfordert. Geht man von diesen Grundstzen aus, so
  ist es klar, dass die Brennkraft eines Brennmaterials, ohne seine
  Zusammensetzung zu kennen, leicht zu erfahren ist, wenn man das Gewicht
  des bei dem Verbrennen absorbirten Sauerstoffe bestimmen kann.
  Praktische Erfahrungen und Berechnungen haben gezeigt, dass das
  =Berthier='sche Verfahren vermge eines constanten Fehlers um etwa 1/9
  hinter der Wahrheit zurckbleibt. Die Ausfhrung der Methode ist
  folgende: Man verwandelt das Brennmaterial in das feinste Pulver und
  mengt 1 Grm. davon mit einer etwas grsseren Menge reiner Bleigltte,
  als es reduciren kann, also mit mindestens 20 und hchstens mit 40 Grm.
  derselben. Das Gemenge wird in einen irdenen Tiegel gebracht und mit
  20-40 Grm. Bleigltte bedeckt. Der Tiegel wird mit einem Deckel bedeckt
  und durch Kohlenfeuer allmlig erhitzt. Die Masse wird weich, kocht und
  blht sich zuweilen auf. Ist sie vllig geschmolzen, so giebt man etwa
  zehn Minuten ein krftiges Feuer, damit das Blei sich zu einer Masse
  vereinige. Hierauf wird der Tiegel aus dem Feuer genommen, nach dem
  Erkalten zerbrochen und der Bleiregulus gewogen. Er hngt gewhnlich
  weder an dem Tiegel, noch an der Schlacke und lst sich mit einem
  Hammerschlage leicht ab. Die Versuche mssen 2-3mal wiederholt werden
  und die Resultate drfen nicht ber 0,1-0,2 Grm. von einander
  abweichen. =G. Forchhammer= wendet anstatt des reinen Bleioxydes eine
  Mischung von 3 Th. Bleigltte und 1 Th. Chlorblei (mithin ein
  Bleioxychlorid) an, welche man vorher in einem irdenen Tiegel schmilzt
  und nach dem Erkalten pulvert. Reine Holzkohle giebt mit Bleigltte
  oder mit Bleioxychlorid erhitzt das 34fache ihres Gewichtes und
  Wasserstoff das 103,7fache seines Gewichts an metallischem Blei, also
  etwas mehr als das 3fache der Kohle. Mittelst dieser gegebenen Werthe
  kann man den absoluten Wrmeeffect fr ein Brennmaterial finden. Da man
  gegenwrtig annimmt, dass 1 Th. Kohle die Temperatur von 8080 Th.
  Wasser um 1 zu erhhen vermag, da ferner reine Kohle nach dem
  Verfahren von =Berthier= 34 Th. Blei giebt, so entspricht jeder durch
  ein Brennmaterial reducirte Gewichtstheil Blei (8080 / 34 =) 237,6
  Wrmeeinheiten. Das Verfahren von =Berthier= eignet sich in Folge der
  nachgewiesenen Unhaltbarkeit des =Welter='schen Gesetzes nur fr
  Brennstoffe, welche nur eine sehr geringe Menge Wasserstoff enthalten.
  Fr solche wasserstoffhaltige Brennmaterialien, welche sich schon bei
  einer unter der Rothglhhitze liegenden Temperatur zu zersetzen
  beginnen, ist es durchaus nicht anwendbar, da ein Theil der
  reducirenden Gase entweichen kann, ohne die entsprechende Menge von
  Blei abgeschieden zu haben.

  _Beispiel_: 1 Grm. Presstorf gab mir 17,76 Grm. Blei, dies entspricht
  4124,5 W.-E. (denn 237,6  17,76 = 4124,5) oder mit anderen Worten 1
  Kilogr. Presstorf liefert 6,3 Kilogr. Wasserdampf von 150
  (denn 4124,5 / 652 = 6,3).

[Sidenote: Elementaranalyse.]

  Die =Elementaranalyse=. Wenngleich durch neuere genaue Untersuchungen
  nachgewiesen worden ist, dass die beim Verbrennen gleich
  zusammengesetzter (oder isomerer) organischer Stoffe[192] entwickelte
  Wrme sich nicht genau verhalte wie die zum Verbrennen nthige
  Sauerstoffmenge, dass die gleiche Quantitt Sauerstoff unter
  verschiedenen Umstnden verschiedene Wrmemengen erzeugen kann, so darf
  doch dreist angenommen werden, dass bei hnlichen Brennstoffen aus der
  Zusammensetzung ein Resultat sich ziehen lassen wird, welches, wenn
  auch nicht absolut genau, doch fr die Praxis hinreichende
  Anhaltepunkte giebt. Wenn es sich daher um Prfung des relativen
  Werthes von gleichnamigen Brennmaterialien handelt, wendet man
  zweckmssig die Elementaranalyse an, nachdem zuvor durch einen
  besonderen Versuch die Aschenquantitt der Brennstoffe ermittelt wurde.

  _Beispiel_: 1 Grm. Presstorf gab mir bei der Elementaranalyse 0,4698
  Grm. Kohlenstoff und 0,0143 Grm. Wasserstoff, mithin 4288,7 W.-E. denn

                   Kohlenstoff 0,4698.   8080 = 3795,9
                   Wasserstoff 0,0143.  34462 =  492,8
                                                ------------
                                                4288,7 W.-E.

  In dem Presstorf waren ferner vorhanden:

        15,5  Proc. hygroskopisches Wasser } = 48,28 Proc. Wasser
        31,78   "   chem. gebundenes  "    }

  zu deren Verdampfung 255,3 W.-E. erforderlich sind, daher 4288,7 -
  255,3 = 4033,4 W.-E.

  Die Verdampfungskraft des Presstorfes ist also

                           4033,4
                           ------ = 6,19 Kilogr.
                            652

  [192] Die Zusammensetzung der Buttersure und des Essigthers ist
        gleich und wird durch die Formel C_{4}H_{8}O_{2} ausgedrckt, und
        dennoch giebt erstere beim Verbrennen 5647 W.-E., letztere
        dagegen 6292.

[Sidenote: Probe von Stromeyer.]

  Nach der (1861) von =A. Stromeyer= vorgeschlagenen Probe verbrennt man
  den Brennstoff mittelst Kupferoxyd, behandelt den Rckstand mit
  Salzsure und Eisenchlorid, wobei letzteres durch das entstandene
  metallische Kupfer theilweise in Eisenchlorr bergeht, dessen Menge
  man durch Titriren mit Chamaeleon bestimmt. Dieses Verfahren ist
  sicherlich genau, aber umstndlich.

[Sidenote: Specifischer Wrmeeffect.]

Unter dem =specifischen Wrmeeffect= versteht man diejenigen relativen
Wrmemengen, welche gleich grosse Volumen der verschiedenen
Brennmaterialien liefern. Man findet ihn aus dem absoluten Wrmeeffect,
indem man denselben mit dem specifischen Gewichte des betreffenden
Brennmaterials multiplicirt.

[Sidenote: Pyrometrischer Wrmeeffect.]

Der =pyrometrische Wrmeeffect= eines Brennmaterials wird durch die
Temperatur, welche bei der vollstndigen Verbrennung desselben herrscht,
ausgedrckt. Da keines der bekannten Pyrometer gengende Resultate giebt,
um die Intensitt der Wrme behufs der Ermittelung der Heizkraft in
Thermometergraden wiedergeben zu knnen, so muss man sich vorlufig mit
der annhernden Ermittelung des pyrometrischen Wrmeeffects durch
Rechnung begngen. Der pyrometrische Wrmeeffect eines Brennmaterials ist
gleich dem in Wrmeeinheiten angegebenen absoluten Wrmeeffecte
desselben, dividirt durch die Summe der relativen Gewichtsmengen aller
Verbrennungsprodukte seiner Bestandtheile, jede dieser Gewichtsmengen
multiplicirt mit der entsprechenden specifischen Wrme. Der pyrometrische
Wrmeeffect des Kohlenstoffes ist grsser, der des Wasserstoffs kleiner
als der jedes anderen brennbaren Krpers. Die flammbaren Brennstoffe im
Holz und in den Steinkohlen mssen mithin einen niedrigeren
pyrometrischen Wrmeeffect besitzen, als die nicht flammbaren,
verkohlten, und zwar einen um so niedrigeren, je mehr sie sich in ihrer
Zusammensetzung der reinen Kohle nhern, whrend bezglich des absoluten
Wrmeeffectes das Gegentheil stattfindet. Der Grund davon liegt darin,
dass der beim Verbrennen von Wasserstoff sich bildende Wasserdampf fast
viermal so viel Wrme aufnimmt, um bei einer gewissen Temperatur erhitzt
zu werden, als Kohlensure. Der Unterschied zwischen den pyrometrischen
Effecten der Brennmaterialien ist bei der Verbrennung in Sauerstoff weit
bedeutender als in der Luft.

  Um dem theoretisch gefundenen pyrometrischen Wrmeeffect in der Praxis
  mglichst nahe zu kommen, hat man besonders darauf Bedacht zu nehmen,
  allen Kohlenstoff zu Kohlensure zu verbrennen, da bei der Verbrennung
  von Kohlenstoff zu Kohlenoxyd in der atmosphrischen Luft nur eine
  Temperatur von 1427 (bei 2480 W.-E.), bei dessen Verbrennung zu
  Kohlensure aber eine Temperatur von 2458 (bei 8080 W.-E.) erzeugt
  wird, durch passende Vorbereitung des Brennstoffes (z. B. durch
  lngeres Aufbewahren von Holzkohlen und Koks, durch Pressen des Torfes
  zur Vermehrung seiner Dichte, durch Darstellung dichteren Koks in
  Oefen, Vorwrmen des Brennmaterials etc.) durch Vorwrmung der
  Verbrennungsluft, durch Effectuirung der Verbrennung unter einem
  hheren Drucke als dem einer Atmosphre.

  Die Verbrennungstemperatur ist nicht nur ein Produkt des Actes der
  Verbrennung, sondern wird auch wesentlich modificirt durch die bei der
  Verbrennung wirkenden Luftbestandtheile. In einem Brennmaterial sind
  zur vollstndigen Verbrennung erforderlich:

        fr 1 Kilogr. Kohlenstoff bei 15 C.  9,7 Kubikmeter Luft
         "  1   "     Wasserstoff  "  15 "  28,0     "       "

  Hieraus leiten sich folgende Luftmengen ab, die zur vollstndigen
  Verbrennung eines Brennmaterials gerade ausreichen:

    1 Kilogr. Holz (mit 20 Proc. hygrosk. H_{2}O) = 5,2 Kubikmeter Luft
    1    "    Holzkohle                           = 9,0     "       "
    1    "    Steinkohle                          = 9,0     "       "
    1    "    Koks                                = 9,0     "       "
    1    "    Braunkohle                          = 7,3     "       "
    1    "    Torf                                = 7,3     "       "

  In der Praxis sind die theoretisch erforderlichen Luftmengen mindestens
  doppelt zu nehmen, wenn die Verbrennung vollstndig erfolgen soll.

[Sidenote: Mechan. Aequivalent der Wrme.]

Das Gesetz von der =Erhaltung der Kraft= lehrt, dass Wrme in Werk (oder
Arbeit) und Werk umgekehrt in Wrme bergefhrt werden kann und es
entspricht dabei 1 Wrmeeinheit 424 Meterkilogrammen Arbeit. So oft durch
Wrme Arbeit geleistet wird, verschwindet die erstere und zwar immer fr
424 Arbeitseinheiten 1 Wrmeeinheit. Die Zahl 424 ist mithin das
=mechanische Aequivalent der Wrme= (oder das Arbeitsquivalent der
Wrmeeinheit). Unter einem Fusspfund versteht man jene Kraft (oder
Arbeit), welche nthig ist, um =ein= Pfund =einen= Fuss hoch zu heben.
Whlt man die Arbeit als Einheit, welche man benutzt, um 1 Kilogramm 1
Meter hoch zu heben, so nennt man die Einheit Kilogrammometer (oder
Meterkilogramm). 1 Kilogrammometer = 6,37 Fusspfund (rhein.). (Den
Ausgangspunkt der mathematischen Entwickelung der mechanischen
Wrmetheorie bildet der zuerst von =R. Clausius= ausgesprochene Satz,
dass in allen Fllen, wo durch Wrme Arbeit entsteht, eine der erzeugten
Arbeit proportionale Wrmemenge verschwindet oder verbraucht wird und
dass umgekehrt durch Verrichtung einer eben so grossen Arbeit dieselbe
Wrmemenge wieder erzeugt werden kann).


                   Die Brennmaterialien im Besonderen.

                                Das Holz.

[Sidenote: Holz.]

Das Holz besteht aus mehreren in ihrer Structur von einander
unterscheidbaren Theilen, welche auf dem Querschnitt sich in folgender
Weise darstellen: Die Axe (das =Mark=) besteht aus einem lockeren,
ziemlich regelmssig gestalteten Gewebe von Parenchymzellen, welche an
vielen Stellen als =Markstrahlen= sich strahlenfrmig bis zur Rinde
erstrecken. Rings um das Mark liegt das =Holz=, ein Aggregat seitlich
verwachsener Gefssbndel, welche aus den Holz- und den Gefsszellen
bestehen. Um das Holz findet sich der =Bast= gelagert, zwischen Holz und
Bast eine Lage usserst dnnwandiger, mit einer trben Flssigkeit
erfllter Zellen, von welcher die weitere Entwickelung des Stammes
ausgeht, indem die neu gebildeten Zellen theils nach Innen an die alten
Holzzellen, theils nach Aussen an Bast und Rinde sich ablagern. Ueber dem
Baste liegt nach Aussen eine Schicht Zellgewebe von eigenthmlicher
Structur der Zellen, welche mit dem Bast vereinigt die =Rinde= ausmacht,
die im jungen Zustande noch mit der =Oberhaut= bedeckt ist. Die
Markzellen zerreissen in der Regel beim spteren Wachsen der Pflanze,
sterben ab und hinterlassen eine hohle Rhre. Die Holzzellen verdicken
sich durch abgelagerte Cellulose; da dieses Wachsthum in die Dicke im
Frhling sehr rasch beginnt, im Sommer und Herbst aber sich verlangsamt
und zuletzt ganz erstirbt, so ist die Bildung von deutlich erkennbaren
=Jahresringen=, die sich durch ihre hrtere, dichtere, im Herbste
abgelagerte Schicht scharf vom folgenden Jahrgange unterscheiden, leicht
zu erklren. Die Holzzellen sind nie auf den Wnden so verdickt, dass
sich nicht im Innern wenigstens eine Hhlung wahrnehmen liesse, und ihre
Berhrung unter einander nie so vollstndig, dass man nicht zwischen
ihnen die sogenannten Intercellulargnge wahrnehmen knnte, welche in der
Regel nur mit Luft gefllt sind, bisweilen sind sie auch die Behlter
eigenthmlicher Sfte, z. B. von Harz, Gummi u. a.

  In den Holz- und Gefsszellen hat sich whrend des Lebens der Pflanze
  die meiste Cellulose abgeschieden; sie erscheinen daher mit den
  dicksten Wnden und bilden das eigentliche Holz. Je dicker die Wnde
  der Holzzellen einer Holzart sind und je mehr Zellen in einem
  bestimmten Raume sich angehuft haben, desto dichter und schwerer ist
  ein solches Holz; man nennt es =hartes= im Gegensatz zu solchem Holz,
  welches dnnwandigere Holzzellen in geringerer Anzahl in einem gleich
  grossen Raume enthlt; letzteres heisst ein =weiches Holz=. Die
  verschiedenen Baumarten, deren Holz in Mitteleuropa als Brennmaterial
  benutzt wird, sind:

            =Laubhlzer=:
  Eiche (_Quercus pedunculata_ und _robur_)  schlagbar im  50.- 60. Jahre
  Rothbuche (_Fagus sylvatica_)                  "      "  80.-120.   "
  Hain- oder Weissbuche (_Carpinus betulus_)     "      " 110.-120.   "
  Ulme oder Rster (_Ulmus campestris_ und
    _effusa_)                                    "      "  20.- 30.   "
  Esche (_Fraxinus excelsior_)                   "      "  20.- 30.   "
  Erle (_Alnus glutinosa_ und _incana_)          "      "  20.- 30.   "
  Birke (_Betula alba_ und _pubescens_)          "      "  20.- 25.   "

            =Nadelhlzer=:
  Weiss- oder Edeltanne (_Pinus abies_)          "      "  50.- 60.   "
  Fichte oder Rothtanne (_Pinus picea_)          "      "  70.- 80.   "
  Fhre oder Kiefer (_Pinus sylvestris_)         "      "  80.-100.   "
  Lrche (_Pinus larix_)                         "      "  50.- 60.   "

  Zu den =harten Hlzern= rechnet man: Eiche, Weiss- und Rothbuche, Ulme,
  Birke, Esche, zu den =halbharten=: Ahorn, Erle, Lrche, Fhre; zu den
  =weichen=: Fichte, Weisstanne, Linde, Aspe, Pappel, Weide.

[Sidenote: Bestandtheile des Holzes.]

Das Holz besteht im Wesentlichen aus der eigentlichen Holzfaser, kleinen
Mengen von Saft- und Aschebestandtheilen und einer vernderlichen Menge
hygroskopischen Wassers.

=Holzfaser= (Cellulose). Die reine Holzfaser, deren Menge etwa 96 Proc.
von dem vllig trocknen Holze betrgt, ist nach der Formel
C_{6}H_{10}O_{5} zusammengesetzt und besteht in 100 Theilen aus

                           Kohlenstoff  44,45
                           Wasserstoff   6,17
                           Sauerstoff   49,38

Der =Pflanzensaft= besteht zum grssten Theile aus Wasser und enthlt
organische und unorganische Substanzen theils aufgelst, theils
suspendirt. Die unorganischen Saftbestandtheile, welche nach dem
Verbrennen des Holzes als =Asche= zurckbleiben, sind ihrer Qualitt nach
bei allen Holzarten gleich (vergl. Seite 133). In der Praxis nimmt man
an, dass der Aschengehalt der Brennhlzer durchschnittlich 1 Proc.
betrage[193].

  [193] Im Durchschnitte aus allen Holzarten geben an Asche:

                         Prgelholz   1,23 Proc.
                         Scheitholz   1,34   "
                         Aeste        1,54   "
                         Wellen       2,27   "

Der =Wassergehalt= ist im Allgemeinen bei den weichen Hlzern grsser als
bei den harten. Man fand in 100 Gewichtstheilen des frisch gefllten
Holzes:

                          Hainbuche        18,6
                          Birke            30,8
                          Traubeneiche     34,7
                          Stieleiche       35,4
                          Weisstanne       37,1
                          Fhre            39,7
                          Rothbuche        39,7
                          Erle             41,6
                          Ulme             44,5
                          Fichte           45,2

  Gewhnliches =lufttrockenes= Holz lsst sich betrachten als bestehend
  aus:

                   40 Th. Kohle (incl. 1 Th. Asche),
                   40  "  chemisch gebundenem Wasser,
                   40  "  hygroskopischem Wasser.

  Nachdem durch starkes Erhitzen bis auf 130 alles hygroskopische Wasser
  ausgetrieben worden ist, bleibt =gedarrtes Holz= zurck von der
  Zusammensetzung:

                   50 Th. Kohle (incl. 1 Th. Asche),
                   50  "  chemisch gebundenes Wasser.

  Das lufttrockne =Buchenholz=, wie es gewhnlich als Brennholz benutzt
  wird, enthlt in 100 Theilen:

                        Kohlenstoff        39,10
                        Wasserstoff         4,90
                        Sauerstoff         36,00
                        Wasser und Asche   20,00
                                          ------
                                          100,00

[Sidenote: Heizwerth des Holzes.]

Die =Brennbarkeit= der weichen Hlzer ist grsser als die der harten;
unter den weichen lassen sich die Nadelhlzer (wegen ihres Harzgehaltes)
am leichtesten entznden und brennen am besten fort. Den Nadelhlzern
steht das Birkenholz sehr nahe. Was die =Flammbarkeit= betrifft, so geben
die harzreichen Nadelhlzer die lngste Flamme.

  Aus seinen Versuchen folgert =Winkler= hinsichtlich des Verhltnisses
  der Heizkraft der Holzarten, dass 1 Klafter Fichtenholz ersetzt werde
  durch

               1,07 Klafter Linde,    0,70  Klafter Buche,
               0,94    "    Fhre,    0,665    "    Birke,
               0,92    "    Pappel,   0,65     "    Ahorn,
               0,91    "    Weide,    0,635    "    Ulme,
               0,89    "    Tanne,    0,59     "    Eiche.

  =Scheerer= nimmt den absoluten Wrmeeffect der verschiedenen,
  gleichfrmig getrockneten Holzarten als gleich gross an, ferner, dass
  der specifische Wrmeeffect von Holzarten mit gleichem Wassergehalte
  sich wie das specifische Gewicht derselben verhlt. Der =pyrometrische
  Wrmeeffect= des halbgedarrten Holzes (mit 10 Proc. Wassergehalt) kann
  nach =Scheerer= = 1850, der des gedarrten = 1950 gesetzt werden. Nach
  =Pclet= entwickelte sich eine Temperatur von 1683 C. beim Verbrennen
  von reinem und trocknem Holz unter der Voraussetzung, dass aller
  Sauerstoff der Verbrennungsluft absorbirt werde, dagegen nur eine
  Temperatur von 960, wenn der Sauerstoff nur zur Hlfte consumirt wird,
  was gewhnlich in grossen Feuerrumen der Fall ist.

  Die Verdampfungskraft der Holzarten ist nach den Versuchen von =Brix=:

                       _Wassergehalt._  _Ungetrocknet._  _Getrocknet._
       Fhrenholz        16,1 Proc.          4,13            5,11
       Ellernholz        14,7   "            3,84            4,67
       Birke             12,3   "            3,72            4,39
       Eiche             18,7   "            3,54            4,60
       Rothbuche         22,2   "            3,39            4,63
       Weissbuche        12,5   "            3,62            4,28

  D. h. 1 Kilogr. Fhrenholz mit 16,1 Proc. Wasser verdampft 4,13 Kilogr.
  Wasser.

[Sidenote: Holzkohlen.]

=Die Holzkohlen.= Es ist ein allgemeines Kennzeichen der organischen
Verbindungen, dass dieselben unter dem Einfluss der Wrme sich zersetzen
und dabei Kohlenstoff als Kohle ausscheiden. Wird die Erhitzung des
=Holzes= in einem abgesperrten sauerstoffleeren Raum ausgefhrt und ist
zu gleicher Zeit die Vorkehrung getroffen, dass die gas- und
dampffrmigen Produkte entweichen knnen, wird berhaupt das Holz der
trocknen Destillation unterworfen, so bleibt ein Theil des Kohlenstoffs
als =Holzkohle= zurck. Werden die flchtigen Produkte aufgefangen, so
findet man gasfrmige, aus Kohlensure, Kohlenoxyd und Grubengas
bestehend, und condensirbare Krper, welche letztere nach der Verdichtung
ein gelblich oder braun gefrbtes Oel bilden, unter welchem eine
wsserige Flssigkeit sich befindet. Die wsserige Flssigkeit besteht
aus unreiner Essigsure (=Holzessig=; vergl. Seite 550) und einer
alkoholischen Flssigkeit, dem =Holzgeiste= (vergl. Seite 553); die lige
Flssigkeit, der =Holztheer=, besteht aus einer Anzahl flssiger und
fester Krper, unter denen das Paraffin, das Kreosot (oxyphensaures
Methyl), die Oxyphensure und die Carbolsuren (d. i. die eigentliche
Carbolsure, die Kresylsure und die Phlorylsure) und mehrere flssige
Kohlenwasserstoffe hervorzuheben sind. Alle diese Stoffe sind brennbar.

Folgendes Schema (vergl. Seite 551) zeigt die hauptschlichsten, bei der
trocknen Destillation des Holzes sich bildenden Produkte:

                                            {Acetylen      Kohlenoxyd
                                            {Elayl         Kohlensure
                      {[Greek: a]) Leuchtgas{Benzol        Methylwasser-
                                            {                stoff
                      {                     {Naphtalin (?) Wasserstoffgas
                      {
      {a) Holzmasse } {                     {Benzol        Oxyphensure
      {             } {                     {Naphtalin (?) Kresylsure
  Holz{b) Hygroskop.} {[Greek: b]) Theer    {Paraffin      Phlorylsure
      {     Wasser  } {                     {Reten         Brandharze
                      {                     {Carbolsure   Kreosot
                      {
                      {[Greek: g]) Holzessig{Essigsure    Aceton
                      {                     {Propionsure  Holzgeist
                      {[Greek: d]) Holzkohle

[Sidenote: Zweck der Verkohlung.]

Der gewhnliche Zweck der =Verkohlung= des Holzes besteht darin, die in
demselben enthaltenen Brennstoffe zu concentriren, sie durch bedeutende
Verminderung des Gewichts und des Volumens transportabler zu machen und
dadurch ihren Markt zu erweitern, die Holzpreise zu steigern, einige fr
gewisse technische Anwendungen nachtheilige Eigenschaften des Holzes zu
entfernen oder endlich auch Kohle zu anderer Benutzung als der
gewhnlichen zu erlangen, z. B. zur Pulverfabrikation. In allen diesen
Fllen wird die =Kohle= als Hauptprodukt der Verkohlung angesehen. Bei
der =Theerschwelerei= ist es vorzglich auf die Gewinnung von Theer
abgesehen und die dabei sich ergebende Kohle erscheint mehr nur als ein
Nebenerzeugnis. Bei der =Holzgasfabrikation= werden endlich durch die
Verkohlung nicht blos Holz und Theer, sondern auch die dabei sich
entwickelnden brennbaren und leuchtenden Gase gewonnen und in einer Weise
zur Entwickelung von Licht und Wrme benutzt, dass jedenfalls jene nicht
als Hauptsache erscheinen. Die Verkohlung des Holzes im Walde kann
entweder in regelmssigen auf verschiedene Weise aufgebauten Haufen, den
=Meilern= und den =Haufen=, in beiden Fllen unter beweglicher Decke,
oder unter unbeweglicher Decke in =Gruben= und =Meilerfen= vor sich
gehen.

[Sidenote: Meilerverkohlung.]

Unter einem =Meiler= versteht man einen aus grsseren Holzstcken
zusammengeschichteten Haufen, welcher mit einer Decke von Erde oder
Kohlenlsche (Kohlenstaub mit Erde gemengt) versehen ist. Die Holzscheite
werden entweder fast =senkrecht= gegen die Axe des Meilers geneigt, oder
man legt sie =horizontal=, in radialer Richtung von der Axe auslaufend.
Im ersten Falle heisst ein Meiler ein =stehender=, im anderen Falle ein
=liegender= Meiler. Die Axe des Meilers wird =Quandel= genannt.

[Sidenote: Richten des Meilers.]

  Behufs des Aufstellens des Holzes (=Richten des Meilers=) richtet man
  im Mittelpunkte der Meilersttte eine dicke Stange, den =Quandelpfahl=
  oder, wenn mehrere Stangen angewendet werden, die =Quandelstbe= auf.
  Die =stehenden Meiler= unterscheidet man als

                     a) wlsche Meiler (Fig. 301),
                     b) slavische Meiler (Fig. 302),
                     c) Schwartenmeiler (Fig. 303).

[Illustration: Fig. 301.]

[Illustration: Fig. 302.]

  Ein =wlscher= oder =italienischer Meiler= (Fig. 301) hat als Quandel
  einen aus drei oder vier Stangen bestehenden Quandelschacht, in welchem
  die Stangen durch Holzspreise _n_ auseinandergehalten werden, und
  besteht aus zwei oder drei Holzschichten (er ist =zwei-= oder
  =dreischichtig=); die conische Holzmasse wird durch horizontal gelegte
  Scheite abgerundet und der dadurch entstehende Aufsatz auf den
  eigentlichen Holzschichten heisst die =Haube= (_chemise_). Im unteren
  Theile des durch die Quandelstbe gebildeten Schachtes huft man
  harziges Holz an, durch welches spter der Meiler in Brand gesetzt
  wird.

  Der =slavische Meiler= (Fig. 302) unterscheidet sich von dem
  vorhergehenden durch den Quandel, der hier aus einem eingerammten Pfahl
  besteht, ferner durch die =Zndgasse= _b_, einen bis zum Quandel
  gehenden Kanal, durch welchen der Meiler entzndet wird.

[Illustration: Fig. 303.]

  Eine dritte Art stehender Meiler ist der in Norwegen gebruchliche
  =Schwartenmeiler= (Fig. 303), aus =Schwarten=, d. h. unregelmssig
  geformten, dnnen Brettern zusammengesetzt. Drei der grssten bilden
  den Quandelschacht _a a_, um welchen Raum man brennbare Stoffe anbringt
  und darauf einen kegelfrmig aufgeschichteten Haufen von grsseren
  Holzabfllen, mit leicht entzndlichen Stoffen untermengt, setzt.
  Dieser Haufen bildet den Kern des Meilers, an welchen die Schwarten
  gelehnt werden.

  Die =liegenden Meiler= bekommen im Aeusseren die Gestalt der stehenden
  Meiler; die Scheite aber werden horizontal und radial in ein oder zwei
  concentrische Lagen eingelegt; die ussere Flche wird parallel mit dem
  innern Holzkerne gemacht, welchen man zunchst um den Quandel herum in
  Gestalt eines Kegels aus aufrechtstehenden Scheiten errichtet. Der
  Quandel ist entweder Quandelschacht oder Quandelpfahl mit Zndgasse.
  Der gerichtete Meiler wird mit einer =Decke= von Erde versehen. Weil
  aber die lockere Erde zu leicht durchfallen und das Feuer ersticken
  wrde, so muss man den Meiler, ehe man ihn mit Erde bewirft, noch mit
  einer Decke von Rasen oder Reissig, Moor, Haidekraut, Schilf,
  Tannennadeln, Laub etc. versehen. Das Auflegen der Decke auf den Meiler
  geschieht nicht sofort vollstndig, sondern der Meiler muss am Fusse
  bis zu einer Hhe von 6-12 Zoll vor der Hand unbedeckt bleiben. Die
  hierzu erforderliche Vorrichtung heisst die =Rstung= oder
  =Unterrstung=. Man versteht darunter eine rings um den Umfang des
  Meilers laufende horizontale Umfassung mit drren Aesten, welche in
  hlzernen Gabeln (Rstgabeln) liegen. Die Rstung hat den Zweck, theils
  der Decke Halt zu geben, theils aber auch, den Dmpfen beim Anznden
  des Meilers durch die Zwischenrume an der Sohle Ausgang zu gestatten.
  Man macht die Bedeckung (das =Bewerfen=, =Schwarzmachen= oder
  =Schwrzen=) aus Erde oder besser mit einem Gemenge von Lehm, Erde und
  Kohlenstaub und giebt ihr eine berall gleiche Dicke von 3-5 Zoll. Die
  Haube des Meilers erhlt eine strkere und dicht geschlagene Erddecke,
  weil sie der Wirkung des Feuers am meisten ausgesetzt ist. Dort, wo
  Winde dem Meiler nachtheilig werden knnen, muss er an der Windseite
  mit =Windschauern=, aus Brettwnden oder Hecken bestehend, versehen
  werden. Wie schon angefhrt, unterscheidet man zwei verschiedene Arten
  des =Anzndens=: 1) das Anznden =von unten= geschieht durch die
  =Zndgasse= oder das Zndloch mittelst einer Stange, der Zndstange und
  Zndruthe, an deren einem Ende ein brennender Strohwisch, Birkenschale
  oder dergleichen befestigt und zu dem Quandel hineingebracht wird; 2)
  das Anznden =von oben= geht vor sich, indem man die im Quandelschacht
  enthaltenen Materialien anzndet, oder indem man in den Schacht zuerst
  glhende Kohlen und dann Kohlen und Brnde darauf schttet.

[Sidenote: Kohlenbrennen.]

  Bei dem eigentlichen Kohlenbrennen sind drei Phasen zu unterscheiden:
  1) das Schwitzen oder Abbhen, 2) das Treiben, 3) das Zubrennen des
  Meilers. Der angezndete Meiler braucht zum Umsichgreifen des Feuers in
  seinem Innern eine weit grssere Luftmenge als ein schon lngere Zeit
  angebrannter. Aus diesem Grunde ist der Fuss des Meilers im Anfange
  entweder ganz oder nur unvollstndig bedeckt; durch die Ausbreitung des
  Feuers im Meiler entwickeln sich Wasserdmpfe, gemengt mit Produkten
  der trocknen Destillation des Holzes, welche sich an den klteren
  Stellen des Meilers zum Theil verdichten und eine Durchnssung, ein
  =Schwitzen= derselben bewirken. Whrend des Schwitzens ist der Meiler
  dadurch gefhrdet, dass in seinem Innern durch Mischen von
  Kohlenwasserstoffen mit atmosphrischer Luft sich knallgashnliche
  Gemische bilden knnen, welche durch ihre Explosion ein stellenweises
  Abwerfen der Decke, selbst ein Bersten der Holzmasse bewirken knnen.
  Man nennt dies das =Werfen= des Meilers. Geringe und deshalb fr den
  Meiler gefahrlose Explosionen haben nur ein =Schtteln= der
  Meilerdecke zur Folge. Durch die schnelle Ausbreitung des Feuers,
  theils durch das wirkliche Verbrennen eines Theiles des Holzes, theils
  endlich durch das Schwinden der Holzmasse als Folge der durch das
  Austrocknen und Verkohlen bewirkten Volumenverminderung, entstehen im
  Meiler hohle Rume (das =Hohlbrennen=). Diese hohlen Rume mssen
  sorgfltig ausgefllt werden. Sobald die am Fusse des Meilers
  auftretenden Dmpfe eine hellere Farbe zeigen, beginnt die Periode des
  =Treibens=. Der Zutritt der Luft muss jetzt verringert werden; zu dem
  Zwecke wird die locker gewordene Decke berall wieder an das Holz
  angeschlagen. Man nennt die Arbeit das =Umfassen= oder =Umfangen= des
  Meilers. So bleibt derselbe 3-4 Tage ganz in Ruhe und sich selbst
  berlassen, indem bei fast gnzlichem Abschluss der Luft die Verkohlung
  in dem treibenden Meiler durch die hohe Temperatur des Kerns geschieht.
  Nach etwa 4 Tagen ist der grsste Theil des Holzes verkohlt,
  ausgenommen eine sich unterhalb der Haube rings um den Meiler ziehende
  mantelfrmige Schicht, deren Dicke gegen den Fuss hin zunimmt. Das
  Feuer muss nun so geleitet werden, dass es von der Haube aus abwrts
  und vom Kerne gegen den Meilerumfang zu gehe. Diese Operation heisst
  das =Zubrennen=, je langsamer sie vollendet wird, desto reichlicher ist
  die Kohlenausbeute. Wird der Rauch der Zuglcher hell und blau, so ist
  dies ein Zeichen der Gare; die Lcher mssen dann geschlossen werden.
  Nachdem das Garen des Meilers berall erfolgt ist, bleibt er etwa 24
  Stunden lang zugedeckt und gegen den Luftzutritt geschtzt zum
  =Abkhlen= stehen; darauf wird der Meiler =abgeputzt= und =gelscht=.
  Gestbe und Decke werden mit der Krcke abgekratzt und dann wird das
  reine trockene Gestbe wieder auf den Meiler geworfen, damit es
  zwischen die Kohlen rinne und das Feuer ersticke. Nachdem der gelschte
  Meiler 12-24 Stunden gestanden ist, schreitet der Khler zum
  =Kohlenziehen= oder =Kohlenlangen=.

[Illustration: Fig. 304.]

[Illustration: Fig. 305.]

[Sidenote: Haufenverkohlung.]

Die Verkohlung des Holzes in =Haufen= oder in =liegenden Werken= wird
besonders im sdlichen Deutschland, in Russland und Schweden angewendet,
sie unterscheidet sich dadurch von der Meilerverkohlung, dass bei
derselben das Holz allmlig theilweise verkohlt wird, whrend man die
verkohlten Stcke sogleich zieht. Das Holz kommt dabei in runden Stmmen
oder Kloben, sehr selten als Scheitholz zur Verkohlung. Die Meilersttte
bildet ein rechtwinkliges lngliches Viereck, dessen vordere und hintere
Seite krzer sind, als die beiden anderen. Von vorn nach hinten steigt
die Sttte etwas und die beiden langen Seiten werden durch eine Reihe
senkrecht stehender, starker hlzerner Pfhle dergestalt begrenzt, dass
beide Reihen parallel laufen. Fig. 304 und 305 zeigen einen gerichteten
Haufen und zwar 304 in der perspectivischen Ansicht und Fig. 305 im
verticalen Durchschnitte. _a a_ sind die Pfhle mit den Schindeln, _h_
ist die Lschdecke, _b_ ein am Fussende befindlicher, fr das Anznden
aufgesparter Raum (das =Feuerhaus=). In dem Maasse, als das Feuer
vorrckt, werden die vorn erzeugten Kohlen schon gezogen, wobei der
Khler nur darauf zu sehen hat, dass sich das Feuer nicht ungleich
fortziehe und dass das sogenannte =Segel=, der Rcken des Haufens, immer
gerade oder auf die beiden Pfahlreihen senkrecht bleibe.

[Sidenote: Verkohlung in Meilerfen.]

Die =Meilerfen= sind als feststehende und gemauerte Meiler zu
betrachten, in welchen genau so wie in den gewhnlichen Meilern durch die
Verbrennung eines Antheiles Holz im Innern durch geringen Luftzutritt die
Verkohlungshitze erzeugt wird. Sie haben vor den Meilern mit beweglicher
Decke das voraus, dass die condensirbaren Produkte der trocknen
Destillation -- Holzessig und Theer -- besser und vollstndiger
condensirt werden knnen, dagegen soll die dabei gewonnene Kohle, was
Menge und Gte betrifft, der Meilerkohle nachstehen. Man unterscheidet
Meilerfen, die hinsichtlich ihrer Form den eigentlichen Meilern und den
Haufen entsprechen oder sich bereits den Verkohlungsfen nhern.

[Illustration: Fig. 306.]

  Fig. 306 zeigt einen der einfachsten Meilerfen; die zu verkohlenden
  Scheite werden darin wie in dem Meiler stehend oder liegend
  aufgeschichtet. Das Holz wird entweder durch die Oeffnung _a_ oder
  durch die Thre _b_ eingefhrt; von der Thre bis in die Mitte der
  Sohle geht die Zndgasse. Mit Ausnahme eines geringen Theiles der
  Thrffnung und des Loches _a_ werden alle Oeffnungen vermauert und
  erst bei dem Kohlenziehen wieder geffnet. Nachdem das Holz gengend in
  Brand gerathen ist, werden _b_ und _a_ verschlossen. Die an dem oberen
  Ende des Meilerofens befindlichen kleinen Oeffnungen entsprechen den
  Rauchlchern des Meilers. Bei dem Fig. 307 abgebildeten Meilerofen
  dienen die beiden Thrffnungen _a_ und _b_ zum Eintragen des Holzes,
  _b_ ausserdem auch zum Kohlenziehen, _c c c_ sind die
  Registerffnungen, durch das eiserne Rohr _d_ werden die flchtigen
  Produkte in einen Verdichtungsapparat geleitet. Whrend der Verkohlung
  sind _a_ und _b_ verschlossen. Der Theer sammelt sich grsstentheils
  auf der Ofensohle und fliesst in ein Reservoir. Unter der gewlbten
  Thrffnung _b_ befindet sich eine kleine Oeffnung, welche als Mndung
  der Zndgasse dient. Der Fig. 308 abgebildete Meilerofen ist so
  eingerichtet, dass der Zutritt der Luft durch den Rost _r_ stattfindet.
  Das Eintragen des Holzes geschieht durch die Oeffnungen _a_ und _b_.
  _q_ ist das Abzugsrohr fr die flchtigen Produkte.

[Sidenote: Ofenverkohlung.]

=Ofenverkohlung= (Ofenkhlerei). Die Verkohlung des Holzes im
verschlossenen Raum ohne Zutritt der atmosphrischen Luft geschieht 1) in
Retorten, 2) in Rhren oder in Cylindern, zuweilen mit erhitzter Luft
oder mit Gichtgasen der Hohfen oder mit Wasserdmpfen oder mit Anwendung
von Geblseluft.

[Illustration: Fig. 307.]

[Illustration: Fig. 308.]

[Illustration: Fig. 309.]

Was die Verkohlung des Holzes in =Retortenfen= betrifft, so geht
dieselbe dadurch vor sich, dass man das in eisernen oder thnernen
Retorten eingeschlossene Holz von aussen erhitzt und fr den Abzug und
die vollstndigste Verwerthung der flchtigen Produkte Sorge trgt. In
einzelnen Fllen ist die Theergewinnung, in anderen die Gaserzeugung
Hauptzweck. In den =Rhrenfen= geschieht die Erhitzung und Verkohlung
der eingeschlossenen Holzmasse nicht von aussen, sondern von innen durch
glhend gemachte eiserne Rhren, welche durch den Ofen hin- und
hergezogen sind, ausserhalb mit einer Feuerung in Verbindung stehen und
in eine Esse ausmnden. Anstatt die heisse Luft und die Flamme durch
eiserne Rhren zu leiten, kann man auch die eisernen Rhren beseitigen
und das Holz ohne Weiteres durch die erhitzte Luft verkohlen, wenn man
dafr sorgt, dass die Flamme und die heisse Luft so vollstndig als
mglich ihres Sauerstoffs beraubt sind. Hierdurch erspart man nicht nur
die Rhren und betrchtlich an Brennmaterial, sondern bewirkt auch eine
schnellere und gleichmssigere Verkohlung. Nach diesem Princip ist der
von =Schwarz= construirte =schwedische Verkohlungsofen= eingerichtet.
Fig. 309 zeigt den senkrechten Lngendurchschnitt dieses Ofens. _b_ ist
der von dem Mauerwerk _a_ umgebene Verkohlungsraum; durch die Oeffnungen
_c c_ tritt die zur Verkohlung dienende Feuerluft in den Ofen. Die auf
der geneigten Sohle verdichteten Flssigkeiten treten durch eingemauerte
Rhren durch die Heberrhren _e e_ in die Theerfsser _f f_; die Dmpfe
der flchtigen Flssigkeiten (Holzessig, Holzgeist etc.) treten durch die
Rhren _g g_ in die Verdichtungsksten _h h_, welche letztere mit einer
hohen Esse _i_ (Fig. 310) in Verbindung stehen, welche dem Apparat den
erforderlichen Zug geben soll. Die Feuerherde haben keinen Rost. Die
berwlbten Oeffnungen _d d_ dienen zum Eintragen des Holzes.

[Illustration: Fig. 310.]

=Verkohlung mit gleichzeitiger Theerproduktion.= Ist der Hauptzweck der
Holzverkohlung die Gewinnung von Theer, so bedient man sich mit Vortheil
des in Russland blichen Verfahrens.

[Illustration: Fig. 311.]

  Nach der von =Hessel= (1861) gegebenen Beschreibung whlt man
  Stammkienholz (Brawica) und Wurzelholz (Luczina) und zwar von
  absterbenden Bumen, welches mit der Hacke in 3 bis 4zllige Stcke
  gespalten und zum Aufbauen des Meilers benutzt wird. Die Meilersttte
  (Fig. 311) ist trichterfrmig und in der Mitte mit einer Einsenkung
  versehen; die ganze Flche ist mit einem Thonanstrich berkleidet und
  mit Dachschindeln belegt, ber welche der Theer dem Centrum zufliesst,
  von wo aus er durch eine Rhre in ein im Boden befindliches Gewlbe in
  ein untergestelltes Gefss abluft. Das Kienholz wird in diesen Meilern
  stehend in 6-8 Lagen bereinander aufgestellt, mit Stroh, Heu oder Mist
  bedeckt und hierauf mit Sand oder Erde einige Zoll dick berschttet.
  Ist der Meiler beschickt, so zndet man an der Basis desselben an 40-50
  Oeffnungen Feuer an und verschttet diese Oeffnungen mit Sand, sobald
  sich das Feuer im ganzen Meiler nach obenhin fortgepflanzt hat. Nach
  etwa 6 Tagen, whrend welcher Zeit unaufhrlich das Fllen fortgesetzt
  wurde, sinkt die Spitze des Meilers etwas ein und es zeigt sich eine
  hohe und starke Flamme. Nach 10-12 Tagen beginnt man mit dem Abnehmen
  des Theeres, was jeden Morgen fortgesetzt wird. Das Schwelen dauert 3-4
  Wochen. Die Kohlenausbeute ist hchst gering; da die Theerschwelerei in
  Meilern nichts weiter ist als eine langsame Verbrennung von aussen nach
  innen, der eine trockne Destillation und Theerbildung in der nmlichen
  Richtung vorausgeht, so sind die meisten Kohlen lngst verbrannt, bis
  das Abschwelen den Kern des Meilers erreicht hat. -- In
  Niedersterreich wird (nach =Thenius=) der Holztheer auf hnliche Weise
  durch Meilerverkohlung und zwar zum grossen Theile aus solchem Holze
  der Schwarzfhre gewonnen, welches wenig oder gar keinen Terpentin mehr
  giebt. In Bhmen dagegen verwendet man zum Holztheer harzreiche Hlzer,
  namentlich Wurzelstcke, welche viele Harztheile enthalten. -- In
  Russland erhlt man aus 100 Th. Kienholz 17,6 Th. Theer und 23,3 Th.
  Kohle.

[Illustration: Fig. 312.]

  Seit dem Jahre 1853 wendet man in Russland die ursprnglich in Schweden
  blichen Thermokessel an, welche in jeder Hinsicht der Meilerverkohlung
  vorgezogen zu werden verdienen. Nach der Beschreibung von =Hessel=
  besteht ein solcher Kessel _A_, dessen einzelne Theile Fig. 312 zeigt,
  aus starkem Eisenblech und hat eine Capacitt von ungefhr 8
  Kubikmetern. Die Beschickung geschieht durch das Mannloch. Die Heizung
  geht aus der Feuerung _a_ mit Hlfe der Zge _b b_ ... um die
  Seitenwnde. Um das zu destillirende Holz schnell auf 100 zu bringen,
  leitet man durch das Rohr _e_ einen Dampfstrom in den Kessel. Der schon
  im Kessel sich ansammelnde Theer luft durch das Rohr _c_ nach der
  Sammeltonne _B_, whrend die Theerdmpfe durch _d_ in den Condenser
  _B'_ gelangen; was sich hier verdichtet, luft durch _h_ nach _B_, das
  dampffrmig Gebliebene wird in dem Khlapparate _C_ condensirt. Die
  brennbaren Gase werden in die Kesselfeuerung gefhrt. Ausser Theer
  erhlt man bei Beginn der Destillation noch Terpentinl und Holzessig.
  Die zurckbleibenden Kohlen, die man unter Anwendung von Wasserdmpfen
  lscht, entfernt man aus dem Kessel durch die Oeffnung _a_.

  Bei einer (1865) von =Thenius= ausgefhrten Untersuchung, wobei er
  festzustellen suchte, ob der als Nebenprodukt der Holzgasfabrikation
  auftretende Theer eben so gut wie der durch die Meilerverkohlung
  erhaltene zum Schiffbau, zur Darstellung von Schusterpech und zur
  Fabrikation von Schmierpech Verwendung finden knne, hat sich gezeigt,
  dass dieses nicht der Fall ist.

[Sidenote: Eigenschaften der Kohle.]

Je nach der Art des Holzes, welches zur Darstellung der Holzkohle diente,
unterscheidet man =harte Kohle= (Kohle von harten Hlzern) und =weiche
Kohle= (Kohle von weichen Hlzern), welche letztere entweder =Laubholz-=
oder =Nadelholzkohle= ist, je nach dem Grad der Verkohlung, die
vollstndig verkohlte =Schwarzkohle= und die durch unvollstndige
Verkohlung erhaltene =Rst-= oder =Rothkohle= (_charbon roux_).

  Nach der Grsse theilt man die Holzkohlen in:

    1) =Stck-=, Grob-, Lese- oder Ziehkohlen, die grssten und dichtesten
       Stcke;
    2) =Schmiedekohlen=, dichte Stcke, aber nur von Faustgrsse;
    3) =Quandelkohlen=, aus der Nhe des Quandels, kleine undichte Stcke;
    4) =Kohlenklein=, Kohlenlsche, Klre, kleine Stcke und Staub;
    5) =Brnde=, rohe oder rothe Kohlen, unvollstndig verkohlte Stcke.

  Die Angabe der Kohlenausbeute dem =Volumen= nach kann sich entweder
  beziehen auf das =wirkliche Volumen= der Holz- oder Kohlenmasse, d. h.
  auf das Volumen der Masse nach Abzug der Zwischenrume, oder auf das
  =scheinbare Volumen= (Gemssvolumen) ohne Abzug der Zwischenrume. Man
  kann vergleichen

    a) das scheinbare Volumen des Holzes mit dem scheinbaren Volumen der
       Kohle;
    b) das wirkliche Volumen des Holzes mit dem wirklichen Volumen der
       Kohle;
    c) das wirkliche Volumen des Holzes mit dem scheinbaren Volumen der
       Kohle;

  Man kann die erste Methode das Ausbringen nach dem scheinbaren Volumen
  (I), die zweite das Ausbringen nach dem wirklichen Volumen (II), die
  dritte das Ausbringen nach beiderlei Volumen (III) nennen.

  Nach der Methode (I) erhielt man folgende Resultate:

                  Eichenholz      71,8-74,3 Proc. Kohle
                  Rothbuchenholz  73,0        "     "
                  Birkenholz      68,5        "     "
                  Hainbuchenholz  57,2        "     "
                  Fhrenholz      63,6        "     "

  Dem wirklichen Volumen nach (II) betrug als Mittel verschiedener
  Versuche die Kohlenausbeute 47,6 Proc. Nach beiderlei Volumen (III)
  erhielt man in Eisleben folgende Resultate:

                                       Scheinbares    Beiderlei
                          Gewicht.      Volumen.       Volumen.
         Eichenholz      21,3 Proc.     71,8 Proc.    98,7 Proc.
         Rothbuchenholz  22,7   "       73,0   "     100,4   "
         Birkenholz      20,9   "       68,5   "      94,2   "
         Hainbuchenholz  20,6   "       57,2   "      78,6   "
         Fhrenholz      25,0   "       63,6   "      87,2   "

[Sidenote: Zusammensetzung der Kohle.]

  Wenn man von dem geringen Gehalt der Schwarzkohle an Wasserstoff und
  Sauerstoff absieht, so lsst sich die durchschnittliche Zusammensetzung
  einer lufttrockenen Schwarzkohle auf folgende Weise ausdrcken:

                    Kohlenstoff              85 Proc.
                    hygroskopisches Wasser   12   "
                    Asche                     3   "

[Sidenote: Brennbarkeit und Heizwerth.]

  Die =Brennbarkeit= der frisch dargestellten Schwarzkohle ist
  ausserordentlich gross, insofern dieselbe, einmal entzndet, bei dem
  nthigen Luftzuge fortbrennt; die Entzndungstemperatur derselben liegt
  dagegen, weil die Kohle fast keine flchtigen brennbaren Substanzen
  enthlt und ausserdem ein schlechter Wrmeleiter ist, sehr hoch.

  Der Wrmeeffect verschiedener Holzkohlen ergiebt sich aus folgender
  Tabelle, wobei der Wrmeeffect des Kohlenstoffs als Einheit gilt.

  [A] = 1 Gewichtstheil Kohle reducirt Blei
  [B] = 1 Gewichtstheil Kohle erwrmt Wasser von 0-100 C.

                              Absol. Specif. Pyrom.  [A]       [B]
  Schwarzkohle lufttrocken     0,97    --     2450   --
  Schwarzkohle vllig trocken  0,84    --     2350   --        Im
  Birkenkohle     "     "       --    0,20     --   33,71  Durchschnitt
  Eschenkohle     "     "       --    0,19     --    --        75,7
  Rothbuchenkohle "     "       --    0,18     --   33,57     Theile
  Rothtannenkohle "     "       --    0,17     --   33,51
  Ahornkohle      "     "       --    0,16     --    --
  Eichenkohle     "     "       --    0,15     --   33,74
  Erlenkohle      "     "       --    0,13     --   32,4
  Lindenkohle     "     "       --    0,10     --   32,79
  Fichtenkohle    "     "       --     --      --   33,53
  Weidenkohle     "     "       --     --      --   33,49

  Die =Verdampfungskraft= von Fhrenholzkohle betrgt mit 10,5 Proc.
  H_{2}O und 2,7 Proc. Asche 6,75 Kilogr., wasserfrei und 3,02 Proc.
  Asche 7,59 Kilogr.

[Sidenote: Die Roth- oder Rstkohle.]

Da die vollstndige Verkohlung des Holzes einen fast 40 Proc. betragenden
Verlust von Brennstoff nach sich zieht, so hat man sich seit einer Reihe
von Jahren bemht, die Verkohlung des Holzes nur bis zu dem Grade
fortzusetzen, bei welchem die Kohle noch eine schwrzlich braune Farbe
zeigt. Die Erfahrung hat gelehrt, dass, wenn das lufttrockene Holz etwa
60-70 Proc. von seinem Gewicht verloren hat, man diejenige Kohle erhlt,
welche man =Roth-= oder =Rstkohle= (_charbon roux_) nennt. Sie liegt in
der Mitte zwischen Holzkohle und gedarrtem Holz, ist weit
sauerstoffreicher, leicht zerreiblich, locker, aber weniger pors. Ihre
Brennbarkeit und Flammbarkeit sind bei weitem grsser als die der
Schwarzkohle. Als Brennmaterial in Schachtfen zu metallurgischen Zwecken
ist die Rothkohle ein wichtiges Brennmaterial.

Die Zusammensetzung der frisch und normal bereiteten Rothkohle ist
ungefhr folgende:

                 Kohlenstoff                 74   Proc.
                 chemisch gebundenes Wasser  24,5   "
                 Asche                        1,5   "

die von gelagerter Rothkohle:

                 Kohlenstoff                 66,5 Proc.
                 chemisch gebundenes Wasser  22     "
                 hygroskopisches Wasser      10     "
                 Asche                        1,5   "

[Sidenote: Rothholz.]

Der Verein fr chemische Industrie in Mainz producirt seit einigen Jahren
ein Zwischenprodukt zwischen Holz- und Rothkohle, welchem der Name
=Roth-= oder =Rstholz= (_bois roux_) gegeben wurde. Es wird aus
Buchenholz dargestellt und ist das Nebenprodukt bei Gewinnung von
Essigsure und Kreosot; wenn man von der braunen, zum Rothbraun neigenden
Farbe absieht, hat es noch ganz das Ansehen des Holzes, ist aber weit
entzndlicher als gewhnliches Buchenholz. Es enthlt im Mittel

                      Kohlenstoff       52,66 Proc.
                      Wasserstoff        5,78   "
                      Asche              0,43   "
                      Wasser             4,49   "
                      Sauerstoff        36,64   "

Nach Versuchen von =R. Fresenius= verhlt sich die Verdampfungskraft des
lufttrocknen Buchenholzes zu der des Rothholzes wie 54,32:100.


                                Der Torf.

[Sidenote: Torf.]

Der =Torf= ist das Produkt der freiwilligen Zersetzung von Vegetabilien,
namentlich Sumpfpflanzen, in vielen Fllen gemischt mit Mineralstoffen,
wie Sand, Lehm, Thon, Kalk, Eisenkies, Eisenocker u. s. w. Torflager
werden sich vorzglich an solchen Orten bilden, welche zwar noch eine
gengende Temperatur zur Entwickelung der Vegetation, aber vor Allem
stehendes Wasser besitzen, welches den Torf den grssten Theil des Jahres
von der Luft abschliesst; es stauen sich die Wasser an und bilden Smpfe,
in denen die Sumpf- oder Torfpflanzen, vorzglich folgende Arten wachsen:
_Eriophorum_, _Erica_, _Calluna_, _Ledum palustre_, _Hypnum_, vor Allem
aber _Sphagnum_, welche Pflanze zur Torfbildung sich vorzugsweise eignet,
weil sie nie ganz abstirbt, sondern oben bestndig fortwchst und sich
verzweigt, whrend die lteren Theile vertorfen.

  Die abweichende Beschaffenheit des Torfes ist theils von der
  Verschiedenheit der Pflanzen abhngig, aus denen er sich bildet, theils
  von der vollkommeneren oder unvollkommeneren Zersetzung der
  Vegetabilien, theils auch von der Natur und der Quantitt der mit der
  Torfsubstanz sich vermengenden erdigen Theile. Es ist einleuchtend,
  dass der verschiedene Druck, welchem der sich bildende Torf unterliegt,
  auf die Dichtigkeit seiner Masse von Einfluss ist. Nach der
  Verschiedenheit der Vegetabilien, aus welchen der Torf sich erzeugte,
  lassen sich unterscheiden: 1) =Moortorf=, zu welchem Sphagnumarten
  hauptschlich das Material darboten; 2) =Haidetorf=, der besonders aus
  den Wurzeln und Stmmen der eigentlichen Haidepflanzen sich erzeugte;
  3) =Wiesentorf=, aus Gras und Schilf gebildet; 4) =Wald-= oder
  =Holztorf=, der hauptschlich aus dem Holze von Waldbumen entstand; 5)
  =Meertorf=, der aus Tangen sich bildete. Hinsichtlich seiner Gewinnung
  theilt man den Torf ein 1) in =Stechtorf=, welcher unmittelbar aus den
  Torfmooren in ziegelhnlichen Stcken ausgestochen wird; die Ziegel der
  obersten jngeren und faserigen Schicht heissen =Rasentorf=, die der
  darunter liegenden schweren =Moortorf=; 2) =Baggertorf= und 3)
  =Streich-= und =Presstorf= werden aus breifrmiger Moormasse, deren
  weiche Beschaffenheit das Stechen nicht zulsst, gebildet oder gleich
  Mauerziegeln geformt. Ist die Masse zu dnnflssig, wie es in Holland,
  Westphalen, auch im nrdlichen Frankreich der Fall ist, so wird ein
  Theil des Wassers durch die sogenannten Baggernetze abgeseiht. Diese
  Operation nennt man das =Baggern= und den so erhaltenen Torf
  =Baggertorf=. Um dem Torf eine grssere Dichte zu ertheilen, wird er
  zuweilen durch besonders construirte Torfpressen gepresst und fhrt
  dann den Namen =Presstorf=.

  Der Wassergehalt von frischem Torf ist sehr betrchtlich; durch
  lngeres Lagern kann er 45 Procent von seinem ursprnglichen Gewichte
  verlieren. Nehmen wir an, dass die organische Masse des Torfes als
  bestehend betrachtet werden kann aus

                         Kohlenstoff   60 Proc.
                         Wasserstoff    2   "
                         Wasser        38   "

  so besteht die beste Sorte von lufttrocknem Torf aus

                fester Torfmasse (incl. Asche)  75 Proc.
                hygroskopischem Wasser          25   "

  oder aus

               Kohlenstoff                     45,0 Proc.
               Wasserstoff                      1,5   "
               chemisch gebundenem Wasser      28,5   "
               hygroskopischem Wasser          25,5   "

  Die Zusammensetzung der Torfasche ergiebt sich aus folgenden Analysen.
  Charakteristisch ist der Gehalt an Phosphorsure, welcher weit grsser
  ist als in der Holzasche.

  Nach =E. Wolff= enthielten zwei Torfaschen aus der Mark (a und b) und
  nach mir eine Torfasche aus Sdbayern (c):

                            (a)    (b)                            (c)
  Kalk                     15,25  20,00                          18,37
  Thonerde                 20,50  47,00                          45,45
  Eisenoxyd                 5,50   7,59                           7,46
  Kieselerde               41,00  13,50                          20,17
  Calciumphosphat mit Gyps  3,10   2,60
                                        Alkali, Phosphorsure, }
                                           Schwefelsure       }  8,55
                                             u. s. w.          }
                                                                ------
                                                                100,00

[Sidenote: Entwssern des Torfes.]

  Die Brauchbarkeit und der Werth einer Torfart ist von ihrem Gehalte an
  Wasser und mineralischen Bestandtheilen abhngig. Die theilweise
  Entwsserung geschieht:

  1) durch =Trocknen an der Luft= im Freien oder in Stadeln; der Torf
  enthlt lufttrocken immer noch 25 Proc. hygroskopisches Wasser;

  2) durch =Darren= bei einer Temperatur von 100 bis 120 C. Man wendet
  hierzu Darrfen oder Darrkammern an, welche entweder durch eine eigene
  Feuerung oder durch die verloren gegangene Hitze einer anderen Feuerung
  geheizt werden;

  3) durch =Pressen= (von =Pernitzsch= 1821 zuerst angeregt); die dadurch
  zu erzielenden Vortheile sind _a_) Verdichtung der Masse, mithin
  grsserer pyrometrischer Wrmeeffect, _b_) vermindertes Volumen, daher
  bequemerer Transport, namentlich zu Wasser, wo die Transportkosten mehr
  dem Volumen als dem Gewichte nach berechnet werden; _c_) Entwsserung.
  So einfach und sicher die Aufgabe des Torfpressens scheint, so beraus
  schwierig ist die praktische Ausfhrung. Das Pressen des Torfes ohne
  weiteres ist ohne grosse Abschwchung der Qualitt nicht ausfhrbar,
  weil das durch Pressen entfernte Wasser werthvolle schlammige
  Torfbestandtheile mit sich fortfhrt. Wollte man diesen Uebelstnden
  durch Anwendung siebartig durchlcherter Formen in der
  Centrifugalmaschine, durch Benutzung von Presstchern oder Pressscken
  etc. auszuweichen suchen, so wrde man sehr bald wahrnehmen, dass die
  Siebe sich bald verstopfen und die Tcher und Scke bersten. Ferner
  zeigt sich, dass der Grad der Condensation gewhnlich der aufgewendeten
  Kraft nicht entspricht, weil der Torf, namentlich der Fasertorf und die
  aschenarmen Rasentorfarten nach dem Pressen an einem warmen und
  feuchten Orte aufbewahrt, sich leicht unter Volumenzunahme aufblttert.
  Endlich scheiterten fast alle Unternehmungen, welche das Pressen der
  =frischen= Torfmasse zum Zweck hatten, an der complicirten und
  kostspieligen Construction der maschinellen Vorrichtungen. Dieser Weg
  ist daher fast berall verlassen (mit Ausnahme von Schleissheim bei
  Mnchen, wo man ihn jetzt noch, allerdings mit zweifelhaftem Erfolge,
  betritt). Der Gedanke, die Verdichtung des nassen Torfes durch
  chemisch-physikalische Agentien, wie Natronlauge, Salzsure, Alaun,
  gekochte Kartoffeln, Strkekleister etc., zu untersttzen, erwies sich
  in der Praxis gleichfalls als ein unfruchtbarer.

  Es war ein wichtiger Fortschritt in der Geschichte der Torfgewinnung,
  als man die Ueberzeugung gewann, dass die rohe Torfmasse vor der
  Verdichtung eine Vorbereitung erheische, dass ferner die Presse
  erfolgreich nur zur Condensation des =trocknen= Torfes dienen knne.
  Die nasse Aufbereitung hat den Zweck, den Torf durch eine Art
  Schlemmung, wodurch nicht nur die groben Fasern, Wurzeln und
  Holztheile, sondern auch zum Theil die beigemengten Mineralstoffe
  entfernt werden, in einen feinzertheilten Brei zu verwandeln. In dem
  Torfwerke zu Staltach bei Mnchen wendet man folgendes, von =Weber=
  herrhrendes Verfahren der Torfzerkleinerung an: Die im Torfmoore
  gestochenen Massen gelangen auf einer Eisenbahn zum Zerkleinerungswerk
  und werden mit Hlfe eines aus Brettchen bestehenden und auf zwei
  hlzernen Walzen laufenden endlosen Bandes gehoben und der Maschine
  bergeben. Letztere ist ein stehender, unten verjngter Cylinder,
  welcher in seinem Innern mit vier Reihen sichelfrmiger Messer besetzt
  ist. In der Axe des Cylinders befindet sich eine durch Dampfkraft
  bewegte eiserne Welle, welche ebenfalls sichelfrmige Messer trgt. Der
  bereitete Torf kommt als ziemlich steife Masse aus dem Schneidewerk auf
  ein Tuch ohne Ende und wird darauf dem Trockenlokal zugefhrt. Aehnlich
  ist =Schlickeysen='s Torfmaschine, bei welcher man es durch andere
  Stellung der Messer und sonstige Einrichtung dahin gebracht hat, dass
  der Wasserzusatz zum Torf berflssig ist, wodurch die Trocknung
  wesentlich erleichtert wird. Die von =Fr. Versmann= (in London)
  neuerdings construite vortreffliche Torfaufbereitungsmaschine besteht
  wesentlich aus einem Trichter aus Kesselblech, in welches von oben nach
  unten kleine Lcher siebhnlich eingeschlagen sind. In dem Trichter
  bewegt sich ein eiserner Conus, welcher um seine Peripherie herum ein
  schneckenartig gewundenes Messer trgt. Wird nun der aufzubereitende
  Torf in den Zwischenraum zwischen Conus und Trichterwandung geworfen,
  so wird der Torf durch den rotirenden Conus fein geschnitten und
  zugleich als Brei durch die Trichterffnung gedrckt, der nun in Form
  von wurmfrmigen Strhnen nach aussen tritt. Die grberen Fasern, die
  nicht durch die Lcher hindurch knnen, gelangen durch die untere
  Trichterffnung in einen Kasten und knnen entweder als Brennstoff
  benutzt oder auch wieder auf den Trichter aufgegeben werden.

  Im =Haspelmoor= (zwischen Augsburg und Mnchen) suchte man bis zum
  Jahre 1856 nach dem (lteren) Verfahren von =Exter= (in Mnchen) den
  Torf in einer Maschine zu zerkleinern, welche im wesentlichen aus 0,5
  Meter starken, mit Stacheln besetzten Walzen bestand; die Stacheln
  hatten eine Lnge von 6 Centimeter und waren in zwei Reihen dergestalt
  angeordnet, dass sie gegen eine eiserne Platte mit stumpfen Rippen
  wirkte, welche zwischen die einzelnen Reihen von Stacheln eingreifen.
  Ueber die Walzen ergiesst sich whrend der Arbeit auf die Torfmasse
  Wasser aus einer Brause; die Torfstcken werden von den Stacheln
  vorwrts getrieben, von den Rippen zurckgehalten, dadurch zermalmt und
  mit dem brigen Schlamm ber die schrge Bhne in Kippwagen nach den
  Formpltzen gefhrt, wo sie geformt werden. Die zwischen den Stacheln
  zurckbleibenden Wurzeln und Latschen werden durch passende
  Vorrichtungen entfernt. Bei dem von =Challeton= im Jahre 1824 zu
  Montanger bei Corbeil (Dep. der Seine und Oise) eingefhrten Verfahren
  der Torfaufbereitung findet ein vollstndiges Schlmmen des Torfes
  statt. Der in ziegelhnlichen Streifen gewonnene Torf wird durch ein
  Paternosterwerk in die Verkleinerungsmaschinen gehoben. Dieselben
  bestehen aus einem System von sich rasch bewegenden, 1,3 Meter langen
  und mit Messern besetzten Walzen, so wie aus zwei kaffeemhlartig
  gestellten und mit Stacheln versehenen Cylindern, von denen sich der
  innere mit grosser Geschwindigkeit bewegt. Zwischen den Walzen und
  Cylindern ist ein Sieb mit Brstenapparat angebracht, auf welches die
  von den Walzen zerkleinerte Torfmasse fllt, um hier unter Mitwirkung
  von einstrmendem Wasser durch den Brstenapparat in die mit Stacheln
  besetzten Cylinder geworfen zu werden, wo die vollkommene Zertheilung
  vor sich geht. Der Torfschlamm gelangt nun in Schlmmstnder, wo er
  seine schweren mineralischen Verunreinigungen absetzt und dann in hher
  gelegene Rinnen, die den Schlamm in die Sickerbassins fhren. Letztere
  sind 0,3 Meter tiefe Gruben, deren Boden mit Schilf oder Rohr belegt
  ist, durch welches das Wasser des Torfschlammes in den Untergrund
  absickert. Der Schlamm bleibt in den Sickergruben, bis er die geeignete
  Consistenz erlangt hat. Durch Aufdrcken eines gitterfrmigen Rahmens
  wird dann die Torfmasse in (500) Torfsoden zertheilt, welche durch
  Liegen an der Luft vllig ausgetrocknet werden. Aehnliche
  Torfbereitungsanstalten wie zu Montanger befinden sich zu Rheims und
  St. Jean am Bielersee in der Schweiz. In der Anstalt von =Challeton=
  sollen 100 Ctr. Torfmasse 14 bis 15 Ctr. fertigen Torf liefern und der
  Aschengehalt um 7/8 verringert werden.

  Den unzweifelhaften Vorzgen des Schlmmens stellen sich grosse
  Nachtheile gegenber, man braucht nmlich grosse Wassermengen, durch
  die Reinigung und Beseitigung der grberen Theile bildet sich viel
  Abfall, die Transportkosten sind sehr erheblich und endlich ist man
  whrend des Trocknens, welches nur langsam und vorsichtig geschehen
  kann, vom Wetter abhngig. Es liegt mithin auf der Hand, dass es weit
  rationeller sein wrde, den gewhnlichen unaufbereiteten Torf zu
  verdichten. Die hierher gehrigen Verfahren des =trocknen Pressens=,
  die eine neue Epoche in dem Torfaufbereitungsverfahren begrnden, sind
  die von =Gwynne= und von =Exter= (neues Verfahren). Nach dem Verfahren
  von =Gwynne=, durch welches zuerst im Grossen =Presstorf= oder
  _solidified peat_ erhalten wurde, wird der Torf vorlufig in der
  Centrifugalmaschine getrocknet, dann zu einer Breimasse zermalmt, die
  durch Wrme vollends entwssert und darauf durch Mhlen in Torfklein
  verwandelt wird, welches endlich zum Formen in die mit Dampf geheizten
  Pressen gelangt. Von weit grsserer wirtschaftlicher Wichtigkeit ist
  die neue =Exter='sche Methode der Presstorffabrikation, wie sie seit
  1856 auf dem Haspelmoor und seit 1859 auch in einer auf Actien
  begrndeten Presstorffabrik zu Kolbermoor bei Aibling (Sdbayern, an
  der von Mnchen nach Salzburg und Innsbruck fhrenden Bahn) ausgebt
  wird. Auch diesem Verfahren liegt die Idee zu Grunde, die frische, in
  kleine Schollen zertheilte Torfmasse erst zu trocknen und dann unter
  der Presse zu formen. Die Darstellung des Presstorfes in Kolbermoor (so
  wie auch auf dem Staatswerke von Haspelmoor) beginnt mit der Gewinnung
  und dem Lufttrocknen des rohen Torfes. Nach der Trockenlegung der zu
  bearbeitenden Moorparcelle wird die Oberflche von der Vegetation (in
  Sdbayern namentlich die Legfhre) befreit und die entblsste Torfmasse
  zu einer ebenen Flche ausgeglichen. Aus dem Torffeld wird nun mit
  Hlfe von durch Locomobilen in Bewegung gesetzten Pflgen, durch Eggen
  und zeitweiliges Wenden (wie beim Heumachen) der rohe Torf gewonnen.
  Das lufttrocken gemachte Torfklein wird mit einem Schneepfluge
  zusammengeschaufelt, durch einen Sammler auf Wagen gebracht und vom
  Moore in die Magazine gefhrt. Behufs der Verdichtung kommt der
  lufttrockne Torf in eine Zerkleinerungsmaschine, in welcher er
  feingerissen wird, und dann in den Trockenofen, und zuletzt mit einer
  Temperatur von 50-60C. in die Presse (eine einfach wirkende
  Excentrikpresse), in welcher die dunkelbraunen und glnzenden
  Torfziegel dargestellt werden. =Presstorf= aus dem Kolbermoor (a) und
  dem Haspelmoor (b) enthlt:

                                      (a)      (b)
                      Asche           4,21     8,34
                      Wasser         15,50    15,50
                      Kohlenstoff    46,98    49,82
                      Wasserstoff     4,96     4,35
                      Stickstoff      0,72 }
                      Sauerstoff     27,63 }  26,99
                                    ---------------
                                    100,00   100,00

[Sidenote: Heizwerth des Torfes.]

  Die Brennbarkeit des Torfes ist wegen des in der Regel grossen Aschen-
  und Wassergehaltes geringer als die des Holzes, dasselbe gilt von der
  Flammbarkeit.

  Nach =Karmarsch= sind ihrem absoluten Wrmeeffect nach

    100 Kilogr. gelber Torf =  94,6 Kilogr. lufttrocknem Fichtenholz,
    100    "    brauner  "  = 107,6    "         "           "
    100    "    Erdtorf     = 104,0    "         "           "
    100    "    Pechtorf    = 110,7    "         "           "

      100 Kubikmeter   gelber Torf =  33,2 Kubikmeter Fichtenholz,
      100     "        brauner  "  =  89,7     "          "
      100     "        Erdtorf     = 144,6     "          "
      100     "        Pechtorf    = 184,3     "          "

  Mit diesen Resultaten stimmen auch die von =Brix= erhaltenen berein.
  =Karsten= giebt an, dass bei Siedeprocessen

         2-1/2 Gewichtstheil Torf = 1 Gewichtstheil Steinkohle,
         4     Volumen        "   = 1 Volumen           "

  Die =Verdampfungskraft= des Torfes ist nach =A. Vogel= folgende:

                                    Wasser.    Verdampfungskraft.
         Lufttrockner Faserstoff   10  Proc.      5,5   Kilogr.
         Maschinentorf            12-15  "       5-5,5     "
         Presstorf                10-15  "     5,8-6,0     "

[Sidenote: Neue Verwendung des Torfes.]

  Der Torf hat seit etwa zwanzig Jahren eine neue Anwendung dadurch
  gefunden, dass man seine Produkte der trocknen Destillation auf
  Leuchtmaterialien (Paraffin, Torfkreosot, Solarl) verarbeitet. Die
  Gewinnung des Paraffins aus irlndischem Torf im Grossen wurde schon
  1849 von =Reece= versucht; fortgesetzte Versuche von =Kane= und
  =Sullivan= ergaben das Resultat, dass 1 Tonne (= 20 Ctr.) Torf ungefhr
  1,36 Kilogr. Paraffin, 9 Liter eines zur Beleuchtung geeigneten
  flchtigen Oeles und 4,54 Liter eines fixen Oeles liefere, welches als
  Maschinenschmiere Anwendung finden knne. Nach =Wagenmann= liefert ein
  Torf von der Hebrideninsel Lewis 6-8 Proc. Theer, und zwar 2 Proc.
  Photogen, 1,5 Proc. Solarl und 0,33 Proc. Paraffin.


                               Torfkohle.

[Sidenote: Torfkohle.]

In vielen Gegenden Deutschlands steht die Verwendung des Torfes als
Brennmaterial in keinem Verhltniss zu den vorhandenen Torflagern; grosse
Strecken Torfmoore liegen fast unbenutzt oder werden doch nicht in einem
solchen Umfange ausgebeutet, als die vorhandene Menge und die
Wiedererzeugung des Torfes gestatten. Der Grund davon liegt in der
Unbequemlichkeit, welche mit der Verwendung des Torfes verknpft ist:
sein Volumen ist im Vergleich zu seiner Heizkraft meist ein sehr grosses,
bei seiner Verbrennung erzeugen sich unangenehm riechende Produkte,
welche den Torf zur Zimmerheizung fast unbrauchbar machen. Man sucht
daher den Torf dadurch zu verbessern, dass man ihn in =Torfkohle=
verwandelt.

Die Zusammensetzung der Torfkohle ist wegen der schwankenden
Zusammensetzung der Torfsorten eine sehr verschiedene.

  Die Zusammensetzung der ussersten Glieder lsst sich auf folgende
  Weise ausdrcken:

                                    Torfkohle,          Torfkohle,
                                 erste Qualitt.  schlechteste Qualitt.
          Kohlenstoff                  86                   34
          hygroskopisches Wasser       10                   10
          Asche                         4                   56

  Ueber den absoluten und specifischen Wrmeeffect der Torfkohle lsst
  sich nach den wenigen Daten, die vorliegen, keine sichere Angabe
  machen. Gewhnliche Torfkohle kommt in ihrem specifischen Wrmeeffect
  dem der Holzkohle sehr nahe, im brigen steht sie in den meisten Fllen
  bezglich ihrer Brauchbarkeit hinter der Holzkohle zurck, weil sie
  wegen ihrer geringen Dichtigkeit und der grossen Menge staubfrmiger
  Asche kein intensives Feuer zu geben vermag. Der Benutzung in
  Schachtfen steht ihre leichte Zerdrckbarkeit entgegen, indem sie sich
  leicht, namentlich in den tieferen Theilen des Schachtes, zu einer
  dichten Masse zusammenballt, welche der Geblseluft den Durchgang
  erschwert und den Schmelzprocess in Unordnung bringt. Dagegen bedient
  man sich bei Herd-, Pfannen- und Kesselfeuerungen der Torfkohle mit
  vielem Erfolg. Die aus verdichtetem Torf dargestellte Torfkohle hat
  eine so grosse Festigkeit und Dichtigkeit, dass dieselbe fr den
  Metallurgen von sehr grosser Wichtigkeit werden kann, wenn ihre
  Herstellung ohne zu grosse Kosten ausfhrbar ist.


                            Die Braunkohlen.

[Sidenote: Braunkohle.]

Eben so wie der Torf ist die =Braunkohle= ein durch nasse Vermoderung
verndertes Holz, wobei jedoch der wesentliche Unterschied stattfindet,
dass der Zersetzungsprocess bei der Braunkohle viel weiter vorgeschritten
ist, als beim Torfe. Bercksichtigt man allein die Eigenschaften, so
lsst sich nicht wohl eine Grenze zwischen Braunkohle und Steinkohle
ziehen; nur die geologischen und palontologischen Verhltnisse des
Vorkommens vermgen Anhaltepunkte fr die Bestimmung einer fossilen
Kohlenart zu liefern. Es lsst sich in dieser Hinsicht allgemein sagen,
dass jede fossile Kohle, welche jnger ist als Kreide, und in Formationen
ber derselben vorkommt, Braunkohle zu nennen ist; jede Kohle, die in
Formationen sich findet, welche lter sind als Kreide, ist als Steinkohle
zu bezeichnen. Da der Stickstoffgehalt der Steinkohlen weit grsser ist
als der der Braunkohlen, so lsst sich darauf eine Reaction grnden,
durch welche man Steinkohle in sehr vielen (jedoch nicht in allen) Fllen
leicht von Braunkohle unterscheiden kann. Letztere, in ihrer
Zusammensetzung der Cellulose weit hnlicher als die Steinkohle, liefert
beim Erhitzen in einem Probirglase Dmpfe, die durch vorherrschenden
Holzessig sauer reagiren, whrend bei gleicher Behandlung von Steinkohle,
durch vorwaltendes Ammoniak und durch Ammoniakbasen (Anilin, Lepidin
etc.) ammoniakalisch reagirende Dmpfe gewonnen werden. Nach einer andern
Probe soll man die zu untersuchende Kohle im fein gepulverten Zustande
mit Kalilauge erhitzen; Steinkohle lsst die Flssigkeit farblos,
Braunkohle frbt sie meist durch Bildung von Kaliumhumat braun, doch sind
hiervon ausgenommen die Braunkohlen der nrdlichen alpinen
Tertirformation, sobald sie den Charakter der Fettkohle annehmen. Ein
anderer charakteristischer Unterschied zwischen Steinkohle und Braunkohle
ist (nach =E. Richter= und nach =Hinrichs=) der, dass erstere beim
Trocknen bei 115 allmlig bis zu einem gewissen Minimum an Gewicht
verliert, dann aber wchst das Gewicht wieder in Folge einer Oxydation.
Braunkohle zeigt diese Gewichtszunahme nicht.

  Nach dem verschiedenen Zersetzungsgrade unterscheidet man mehrere
  Varietten der Braunkohle: 1) die =fasrige Braunkohle= (fossiles oder
  bituminses Holz, Lignit) von dem Ansehen des Holzes, in dem nicht
  selten Stamm-, Ast- und Wurzelstcke deutlich erkennbar sind; 2) die
  =gemeine Braunkohle= bildet derbe sprde Massen von muscheligem Bruche.
  Bei glnzendem Bruche nennt man sie Gagat; 3) die =erdige Braunkohle=
  oder =Erdkohle= ist, wie schon ihr Name andeutet, eine mit erdigen
  Substanzen gemengte dunkelbraune Braunkohle. Zur Theerschwelung (fr
  Solarl und Paraffin) geeignete Braunkohle findet sich in Deutschland
  besonders in Preussen (bei Weissenfels und Zeitz, Oschersleben, Saarau
  in Schlesien) und im Knigreich Sachsen (in der Nhe von Borna), sie
  fhrt den Namen Schmierkohle.

  Sehr hufig findet sich in den Braunkohlen Schwefelkies (und zwar die
  rhombische Variett als Vitriolkies). Ist in derselben die Menge der
  kiesigen und erdigen Bestandtheile berwiegend, so entsteht daraus die
  =Alaunerde=, mit welchem Namen auch ein mit Bitumen und Schwefelkies
  gemengter Thon bezeichnet wird. Der Aschengehalt der Braunkohlen ist
  ein sehr verschiedener. Im Durchschnitt lsst sich der Aschengehalt der
  Braunkohlen zu 5-10 Proc. annehmen. Die Asche besteht wesentlich aus
  Thonerde, Kieselerde, Kalk, Magnesia, Eisen- und Manganoxyd. Das
  hygroskopische Wasser kann bei frisch gefrderten Kohlen bis zu 50
  Proc. steigen, betrgt aber im lufttrocknen Zustande durchschnittlich
  20 Proc., so dass, wenn man den allerdings sehr schwankenden
  Aschengehalt unbercksichtigt lsst, lufttrockne Braunkohle etwa
  zusammengesetzt ist aus

                Kohle                         48-56 Proc.
                Wasserstoff                    1-2    "
                chemisch gebundenem Wasser    31-32   "
                hygroskopischem Wasser         20     "

  Die Brennbarkeit der Braunkohle ist geringer als die des Holzes, ihre
  Flammbarkeit steht zwischen der des Holzes und der Steinkohle. Die
  Braunkohlen geben im Allgemeinen folgenden Wrmeeffect:

  [A] = Absol.
  [B] = Specif.
  [C] = Pyrom.
  [D] = 10 Proc.

                                    hygrosk.
                                    ---+----
                                       |
                   Braunkohle          | Wasser
                   -----+----          | +-----
                        |              | |                 [A]  [B]  [C]
  Lufttrockne faserige    mit 20 Proc.     und ohne Asche 0,48 0,55 1800
       "         "      "  "  20   "   " "  "   [D]   "   0,43  --   --
       "       erdige   "  "  20   "   " "  "  ohne   "   0,61 0,79 1975
       "         "      "  "  20   "   " "  "   [D]   "   0,55  --   --
       "     muschelige "  "  20   "   " "  "  ohne   "   0,69 0,88 2050
       "         "      "  "  20   "   " "  "   [D]   "   0,62  --   --
  Gedarrte   faserige   "  "  20   "   " "  "  ohne   "   0,61  --  2025
      "          "      "  "  20   "   " "  "   [D]   "   0,55  --   --
      "        erdige   "  "  20   "   " "  "  ohne   "   0,76  --  2125
      "          "      "  "  20   "   " "  "   [D]   "   0,69  --   --
      "      muschelige "  "  20   "   " "  "  ohne   "   0,85  --  2200
      "          "      "  "  20   "   " "  "   [D]   "   0,76  --   --

  Aus dieser Tabelle geht hervor, dass lufttrockne Braunkohlen gedarrtes
  Holz an absolutem und pyrometrischem Wrmeeffect und an specifischem
  Wrmeeffect das beste Holz um mehr als das Doppelte bertreffen.

  Die =Verdampfungskraft= der Braunkohlen ist folgende:

                           Wasser.      Asche.    Verdampfungskraft.
       Bhm. Braunkohle  28,7 Proc.   10,6 Proc.     5,84 Kilogr.
       Bituminses Holz  23,7   "      3,9   "       5,76    "
       Erdkohle          47,2   "      4,8   "       5,55    "
       Stckkohle        47,7   "      3,1   "       5,08    "

[Sidenote: Anwendung der Braunkohle.]

  Die Anwendbarkeit der Braunkohle als Brennmaterial ist beschrnkter als
  die der Steinkohle, da sie fr solche Zwecke, fr welche die backenden
  Steinkohlen besonders brauchbar sind, nicht benutzt werden kann. Die
  Braunkohlen sind namentlich zu Rostfeuerungen, z. B. in chemischen
  Fabriken und Salinen, so wie als Heizmaterial fr Stubenfen brauchbar.
  Die erdige Variett lsst sich indessen oft nur dann zur directen
  Feuerung benutzen, wenn sie zuvor eingesumpft und in Formen, gleich den
  Ziegeln, meist mit Hlfe von Maschinen, gestrichen und getrocknet
  worden. Die Praxis hat gezeigt, dass frisch gefrderte Braunkohlen den
  gelagerten vorzuziehen sind, indem letztere, selbst bei Abwesenheit von
  Schwefelkies, bei lngerem Lagern unter dem Einflusse der Luft und der
  Feuchtigkeit eine langsame Verbrennung erleiden, wodurch sie an
  Brennkraft einbssen. Eine wichtige Anwendung haben die Braunkohlen
  darin gefunden, dass man sie der trocknen Destillation unterwirft und
  auf Paraffin und Solarl verarbeitet.


                            Die Steinkohlen.

[Sidenote: Steinkohlen.]

Die =Steinkohle= (oder Schwarzkohle) ist nchst den Eisenerzen und dem
Steinsalze das wichtigste anorganische Naturprodukt, welches der Bergmann
aus der Tiefe zu Tage frdert. Die Eisenproduktion, die grosse Mengen
Brennstoff consumirenden Gewerbe, wrden nie die gegenwrtige Ausdehnung
erreicht haben, wenn nicht die Steinkohle den nthigen Brennstoff
geliefert htte. Die Steinkohlen dienen zur Heizung und zur Produktion
von Kraft. Wohlfeile Steinkohlen sind daher auch gleichbedeutend mit
wohlfeiler Arbeitskraft und bilden somit eine der wichtigsten Grundlagen
der modernen Industrie.

Die Steinkohlen sind mumisirte und verkohlte Ueberreste einer lngst
untergegangenen Flora, deren hundertfltig ber einander gepresste Stmme
gegenwrtig regelmssige, oft viele Quadratmeilen ausgedehnte
Gebirgsschichten bilden. Ueber den Process, welcher bei der
Steinkohlenbildung stattfand, existiren mehrere Ansichten. Die einfachste
Ansicht ist wohl die, dass ein sehr langsamer, durch die Erdwrme
untersttzter und durch den Druck der aufliegenden Gebirgsschichten
modificirter Zersetzungsprocess, welcher auf eine immer reinere
Darstellung des Kohlenstoffs hinarbeitete, die Hauptrolle gespielt hat.
Daher ist der Anthracit fast reiner Kohlenstoff, whrend die
verschiedenen Varietten der Steinkohle noch um so mehr bituminse und
flchtige Substanzen enthalten, je weniger weit ihre Zersetzung
fortgeschritten ist. Der Wasserstoff und Sauerstoff entweicht mit
Kohlenstoff verbunden als Kohlenwasserstoffgas (Grubengas,
Methylwasserstoff), als Erdl und als Kohlensure. Der Anthracit in
seiner vollendetsten Form ist als dasjenige Produkt zu betrachten, in
welchem der Zersetzungsprocess, durch welchen Braun- und Steinkohle sich
bilden, sein Ende erreicht hat.

                                   Kohlenstoff  Wasserstoff  Sauerstoff
    Cellulose                         52,65         5,25       42,10
    Torf von Vulcaire                 60,44         5,96       33,60
    Lignit                            66,96         5,27       27,76
    Erdige Braunkohle                 74,20         5,89       19,90
    Steinkohle (secundres Gebirge)   76,18         5,64       18,07
         "     (Kohlenformation)      90,50         5,05        4,40
    Anthracit                         92,85         3,96        3,19

Bei der durch die Ausbreitung der Dampfkraft und Abnahme des Holzes als
Heizungsmaterial stark gesteigerten Consumtion der Steinkohlen ist es von
Interesse, einen Ueberblick zu gewinnen ber die noch vorhandenen
Steinkohlenschtze der Erde. Die grssten Steinkohlenbecken Europas sind
1) in =England=[194] das im Sden von Wales, welches 4 geographische
Meilen breit und 20 Meilen lang ist, ferner das im Norden bei Leeds,
Manchester und Sheffield, an welches sich die Becken von Newcastle und
von Schottland anschliessen; 2) in =Belgien= das Kohlenrevier von Lttich
(Maas-Bassin), das von Charleroi und Namr (Sambre-Bassin) und das von
Mons; 3) in =Frankreich= das der Loire (St. Etienne und Rive de Gier),
von Valenciennes, von Creuzot und Blanzy, von Aubin (Aveyron), von Alais
(Gard); 4) in =Deutschland= das schlesische Becken, das Saarbecken, das
Kohlenrevier an der Ruhr, die Kohlenbassins bei Zwickau und im
Plauen'schen Grunde u. s. w.; 5 in =Oesterreich= die bhmischen Becken zu
Pilsen, Brandau und Schlan. Aber das grsste dieser europischen Becken
verschwindet ganz, wenn man sie mit denjenigen vergleicht, welche in
=Nordamerika= vorkommen. Das ausgedehnteste der nordamerikanischen Becken
ist dasjenige, welches in einiger Entfernung sdwestlich vom See Erie
seinen Anfang nimmt und sich ber die Staaten Pennsylvanien, Virginien,
Kentucky, Tennessee, bis an den Fluss Tennessee fortsetzt. Es trgt den
Namen Apalachisches Kohlenfeld, hat eine Breite von 37 und eine Lnge von
130 geographischen Meilen, whrend die Oberflche 2800 geographische
Quadratmeilen einnimmt. Um weniges kleiner sind die Becken von Illinois,
von Canada und Michigan.

  [194] Die Steinkohlenproduktion in Grossbritannien ist sehr im Steigen
        begriffen. Sie betrug

                   1860   80 Millionen Tons  20 Ctr.
                   1862   81     "       "     "
                   1864   92     "       "     "
                   1866  101     "       "     "
                   1868  104     "       "     "
                   1869  108     "       "     "

[Sidenote: Accessorische Bestandtheile der Steinkohle.]

  Unter den accessorischen Bestandtheilen der Steinkohlen ist
  erwhnenswerth der Schwefelkies, welcher entweder als eigentlicher
  tesseraler Schwefelkies oder als rhombischer Strahl- oder Vitriolkies
  eine zwar gewhnliche, aber unliebe Beimengung desselben bildet, indem
  er durch seinen Schwefelgehalt die Kohle zu gewissen Feuerungszwecken
  untauglich macht, theils durch seine Vitriolescirung die Kohle
  auflockert und zersprengt, sogar Selbstentzndungen der Fltze und
  Lager verursachen kann. Nchst dem Schwefelkies erscheinen nicht selten
  Bleiglanz, Kupferkies und Zinkblende. Alle diese Sulfurete sind wohl
  aus den entsprechenden Sulfaten entstanden, welche, in Wasser gelst,
  die Steinkohlenfltze durchdrangen und durch die Einwirkung der
  organischen Substanz reducirt wurden. Von erdigen Mineralien sind
  besonders Kalkspath, Braunspath, Gyps, Baryt, Schieferthon, der thonige
  Sphrosiderit und der Kohleneisenstein oder Blackband (ein inniges
  Gemenge von Eisenspath, Kohle und etwas Kieselthon), eines der
  wichtigsten Mineralien der carbonischen Formation, zu erwhnen.

[Sidenote: Eintheilung der Steinkohlen.]

In technischer Hinsicht theilt man die Steinkohlen nach ihrem Verhalten
im Feuer ein in: 1) =Backkohlen=, deren Pulver, in einem Tiegel erhitzt,
schmilzt und zu einer gleichfrmigen Masse zusammenbackt; 2)
=Sinterkohlen=, deren Pulver nur zu einer festen Masse sich vereinigt,
ohne eigentlich zu schmelzen; 3) =Sandkohlen=; wenn das Pulver keinen
Zusammenhang bekommt. In England unterscheidet man nach der Benutzung
=drei= Sorten Kohle, nmlich 1) die =Gaskohle= (_gaz coal_), 2) die
=Hauskohle= (_household coal_), 3) die =Dampfkohle= (_steam coal_).

  Wenn wir diese Eintheilung beibehalten, so zeigt die elementare
  Zusammensetzung, verglichen mit ihrem chemischen und physikalischen
  Verhalten, dass die =Backkohlen= entweder ein aus Kohlenstoff und
  Wasserstoff bestehendes Bitumen enthalten, oder, was wahrscheinlicher
  ist, dass eine solche Verbindung bei hherer Temperatur aus ihnen sich
  bilde; dass die in den Sinterkohlen vorhandene grssere Sauerstoffmenge
  die Quantitt dieses Bitumens verringert, aber seine Bildung nicht
  verhindert. Bei den Sandkohlen bildet sich dieses Bitumen in noch
  geringerer Menge. Neuere Untersuchungen jedoch besttigen diese Ansicht
  nicht, dass mit der Zunahme des Sauerstoffs die Eigenschaft des Backens
  abnehme und die sauerstoffrmsten Kohlen stets Sandkohlen seien. Es
  sind Steinkohlen gefunden worden, die fast gleiche Zusammensetzung,
  aber trotzdem ein sehr verschiedenes Verhalten in der Hitze
  zeigen[195].

  [195] =E. Richters= hat neuerdings ein Verfahren zur vergleichenden
        Bestimmung der Backfhigkeit verschiedener Steinkohlen
        beschrieben. Vergl. Dingler's polyt. Journ. Bd. 195 p. 72.

[Sidenote: Anthracit.]

Der =Anthracit= oder die =Kohlenblende= ist, wie schon erwhnt, als
dasjenige Produkt des Zersetzungsprocesses, durch welchen berhaupt
Steinkohlen gebildet werden, zu betrachten, in welchem jener Process sein
eigentliches Ziel und Ende erreicht hat. Der Anthracit findet sich im
Uebergangsgebirge vorzugsweise zwischen den Schichten des Thonschiefers
und der Grauwacke, sowie zwischen Glimmerschiefer und auf solchen Gngen,
welche jene Formation durchsetzen. Der Anthracit ist ein vllig
unkrystallinischer Krper, wodurch er sich vom Graphit unterscheidet. Er
ist tiefschwarz, sprde, von muschligem oder doch unebenem Bruche, brennt
mit wenig leuchtender, aber rauchloser Flamme, erweicht im Feuer nie,
decrepitirt aber hufig darin.

  =Jacquelain= erhielt bei der Analyse folgender Anthracite nachstehende
  Resultate:

                  Kohlenstoff. Wasserstoff. Sauerstoff. Stickstoff. Asche.
  aus Swansea        90,58        3,60         3,81         0,29     1,72
   "  Sabl          87,22        2,49         1,08         2,31     6,90
   "  Vizille        94,09        1,85           "          2,85     1,90
   "  d. Isre-Dep.  94,00        1,49           "          0,58     4,00

  Man hat die Brauchbarkeit des Anthracits als Brennmaterial lange Zeit
  verkannt. Er lsst sich indessen bei zweckmssiger Behandlung,
  besonders bei krftigem Geblse, vortheilhaft auf mannichfache Weise
  benutzen. In Swansea und Pennsylvanien wendet man den Anthracit als
  Reductionsmittel der Eisenerze in Hohfen (Anthracithochfen) an. Man
  benutzt ausserdem den Anthracit beim Kalkbrennen, Ziegelbrennen, in
  Salinen, selbst fr husliche Zwecke als Brennmaterial.

[Sidenote: Backkohle.]

Die =Backkohle= ist ausser ihrem Verhalten in der Hitze, wobei die
zerriebene Kohle zusammenbackt und ein dichtes, geflossenes Koksstck
bildet, durch dunkelschwarze Farbe und leichte Entzndlichkeit
charakterisirt. Bezeichnet man (mit =Fleck=) den Procentgehalt an
Kohlenstoff in der aschenfreien Kohlensubstanz mit C, den disponiblen
Wasserstoff mit W_{1}, den gebundenen Wasserstoff mit W; den Sauerstoff
und Stickstoff mit S, so ist (C + (W + W_{1}) + S = 100). W_{1} berechnet
sich aus der Annahme, dass 8 Proc. Sauerstoff 1 Proc. Wasserstoff binden,
mithin ist W_{1} = 5/8 und dieser Werth von dem Gesammtwasserstoffgehalt
abgezogen, liefert als Differenz den disponiblen Wasserstoff = W. Die
Eigenschaft eine Kohle zu backen und geflossene Koks zu liefern, ist
dadurch bedingt, dass auf 100 Th. Kohlenstoff nicht weniger als 4 Th.
disponibler Wasserstoff kommen. Sie eignen sich besonders zur
Leuchtgasfabrikation (=Gaskohle=), wenngleich =Fleck= als Gaskohle im
weitesten Sinne jede Kohle ansieht, welche auf 1000 Th. Kohlenstoff
mindestens 20 Th. gebundenen Wasserstoff enthlt. Da nun aber der Werth
einer solchen Gaskohle gleichzeitig von dem disponiblen Wasserstoff
abhngt, durch dessen Gegenwart die Leuchtkraft des Gases in Folge
gelster flchtiger Kohlenwasserstoffe erhht werden muss, so kann man
Kohlen mit 2 Th. gebundenem und 4 Th. disponiblem Wasserstoffe (auf 100
Th. Kohlenstoff) als =beste= Kohlensorte und mit dem Namen =Back-= und
=Gaskohle= bezeichnen.

  Wegen ihres grossen Wasserstoffgehaltes lassen sie sich leichter
  entznden als die brigen beiden Steinkohlensorten und geben aus diesem
  Grunde die lngste Flamme. Sehr stark backende Kohlen eignen sich fr
  sich allein fr Flammenfeuer nicht, weil sie in Folge ihres starken
  Aufblhens den Rost verstopfen und dadurch den Luftzug hindern, und
  weil sie wol eine schnelle, aber keine anhaltende Hitze geben. Dagegen
  ist Backkohle besonders gut anwendbar zum Schmieden des Eisens
  (=Schmiedekohle=, _charbon de forge_, _houille marchale_, _smith
  coal_); weil sie whrend des Brennens zu einer Masse zusammensintert,
  durch welche die Geblseluft zusammengehalten, der Wrmeeffect
  gesteigert und an Brennmaterial gespart wird.

Die =Sandkohle= ist die geringste Kohlensorte; sie ist sehr
sauerstoffreich, schwindet stark beim Verkoken und hinterlsst aus
kleinen Stcken bestehende, sandige Koks. Sie enthalten weniger als 40
Th. disponiblen Wasserstoff. Sie wird vorzugsweise in Fllen angewendet,
wo es sich weniger um die Art des Feuers, als um mglichste Billigkeit
handelt, wie beim Ziegel- und Kalkbrennen.

Die =Sinterkohle= hat eine mehr ins Eisengrau gehende Farbe; Oberflche
und Bruch sind oft sehr glnzend. Sie ist weit schwieriger entzndlich
als die Backkohle und enthlt sehr hufig viel Schwefelkies; sie eignet
sich ganz vorzglich zur Entwickelung von schneller und zugleich
anhaltender Hitze und passt deshalb fr den Flammen- und
Schachtofenbetrieb, fr Tiegelschmelzungen, unter Kesselfeuerungen u. s.
w. Bei der Verkokung verndern sie ihr Volumen nur wenig, sinken im
Koksofen schwach zusammen und geben bei wenig Gasausbeute auch lockere
gesinterte Koks. Sie enthalten in der verbrennlichen Substanz auf 100 Th.
Kohlenstoff weniger als 4 Th. disponiblen und weniger als 2 Th.
gebundenen Wasserstoff. An die Sinterkohlen schliessen sich gewisse
Anthracite an, obgleich die eigentlichen Anthracite als natrliche Koks
ausser aller Beziehung zu dem Verkokungs- und Vergasungsprocesse stehen.

  In dem Wasserstoffgehalt der organischen Masse der Steinkohlen und
  dessen Verhltniss hat man, wie aus Vorstehendem folgt, einen
  Gradmesser zur Beurtheilung ihrer physikalischen Eigenschaften nach
  ihrer chemischen Zusammensetzung. Es enthalten

         Backkohlen          auf 100 C ber  4 W_{1}, unter 2 W
         Back- und Gaskohlen  "  100 C   "   4 W_{1}, ber  2 W
         Gas- und Sandkohlen  "  100 C unter 4 W_{1},   "   2 W
         Sinterkohlen         "  100 C   "   4 W_{1}, unter 2 W

  Nimmt man den Gehalt an hygroskopischem Wasser in der Steinkohle zu 5
  Proc. und den durchschnittlichen Gehalt gleichfalls zu 5 Proc. an, so
  ergeben sich fr die mittlere Zusammensetzung folgende Zahlen:

          Kohlenstoff                                     69-78
          Wasserstoff                                      3- 4
          Chemisch gebundenes und hygroskopisches Wasser  13-23
          Asche                                            3

  Die Steinkohlenasche ist ein Gemenge von Mineralstoffen, welches nach
  den mechanischen und chemischen Einflssen, denen die kohlenbildenden
  Vegetabilien ausgesetzt waren, der Qualitt und Quantitt nach nicht
  nur in den fossilen Kohlen verschiedenen Alters, sondern auch in
  demselben Kohlenfltze wechseln kann; es hat die qualitative
  Zusammensetzung der Braunkohlenasche und besteht wesentlich aus
  Thonerdesilicat oder aus Gyps und Schwefeleisen, ausserdem auch noch
  aus Kalk und Magnesia an Kohlensure gebunden, Eisen- und Manganoxyd,
  sowie aus geringen Mengen von Chlor und Spuren von Jod. An Thonerde
  reiche und an Kieselerde arme Aschen sind unschmelzbar; solche, in
  welchen ein hoher Kieselerdegehalt bei mangelndem Eisenoxyd
  vorherrscht, fritten, ohne zu schmelzen, ein Gehalt an Eisenoxyd- und
  Kalisilicaten macht die Aschen leicht schmelzbar, bedingt vermehrte
  Schlackenbildung und fhrt durch Einhllung von Kohletheilchen Verluste
  an Brennstoff und dadurch Verminderung der Brennkraft herbei. Die
  wirkliche Aschenmenge (wohl zu unterscheiden von dem
  Verbrennungsrckstand in Rostfeuerungen) variirt zwischen 0,5 und 20
  bis gegen 30 Proc. Durch die =nasse Aufbereitung= der Steinkohlen vor
  der Verkokung wird ein Theil der Mineralbeimengungen entfernt.

[Sidenote: Wrmeeffect.]

  Der Wrmeeffect von Steinkohlen von mittlerer Zusammensetzung, ihr
  specifisches Gewicht und ihre Zusammensetzung sind in folgender Tabelle
  zusammengestellt:

  [A] = Kohlenstoff
  [B] = Waserstoff
  [C] = Chem. geb. Waser
  [D] = Hygrosk. Wasser
  [E] = Asche
  [F] = absoluter
  [G] = specifischer
  [H] = pyrometrischer
  [I] = 1 Theil reducirt Blei
  [J] = 1 Theil erwrmt Wasser von 0-100 C.
  [K] = Spec. Gewicht

              Zusammensetzung.  Wrmeeffect.
             [A] [B] [C][D][E] [F]  [G]   [H]   [I]     [J]       [K]
  Anthracit   85  3   2  5  5  0,96 1,44 2350 26-33 60,5-74,7 1,41
  Backkohle   78  4   8  5  5  0,93 1,17 2300 23-31 52,8-72   1,13-1,26
  Sinterkohle 75  4  11  5  5  0,89 1,16 2250 19-27 44-61,6   1,13-1,30
  Sandkohle   69  3  18  5  5  0,79 1,06 2100 21-31 50-71     2,05-2,34

  In der Praxis nimmt man an, dass das Heizvermgen einer guten
  Steinkohle dem der Holzkohle nahe komme und das des trockenen Holzes um
  das Doppelte bertreffe. Bei Schmelzprocessen verhlt sich die
  Heizkraft von Steinkohlen zu Holz dem Volumen nach wie 5 : 1, dem
  Gewichte nach wie 15 : 8. Nach den Versuchen von =Karsten= sind in
  Flammenfen in der Wirkung

              100 Volumen Steinkohle = 700 Volumen    Holz,
              100 Gewichtsth.    "   = 250 Gewichtsth. "

  bei Siedeprocessen

  100 Volumen Steinkohlen = 400 Volumen     Holz = 400 Volumen     Torf
  100 Gewichtsth.   "     = 160 Gewichtsth.  "   = 250 Gewichtsth.  "

[Sidenote: Verdampfungskraft der Steinkohlen.]

  Die Verdampfungskraft der Steinkohlen bildet fr eine technische
  Untersuchung den allerwichtigsten Gesichtspunkt. Sie erscheint als der
  Ausdruck von drei Factoren, nmlich 1) dem Gehalt an hygroskopischem
  Wasser, 2) dem Gehalt an unverbrennlichen Theilen, 3) der
  Zusammensetzung der organischen Substanz. Da, wie =Hartig='s Versuche
  ergeben haben, die Verdampfungskraft der verbrennlichen Substanz bei
  den meisten Steinkohlen gleich (= 8,04-8,30 Kilogr. Dampf) ist, so kann
  man den Verdampfungswerth einer Kohle einfach durch eine Wasser- und
  Aschenbestimmung erfahren. Nach =W. Stein= kann die praktische
  Nutzleistung der Steinkohlen zu 2/3 der aus der chemischen
  Zusammensetzung berechneten angenommen werden.

  Die nutzbare Verdampfungskraft der in Sddeutschland gebruchlichen
  Steinkohlensorten ist nach Versuchen im Laboratorium und nach
  Heizversuchen folgende:

                                                          Nutzbare
                                             Asche.  Verdampfungskraft
        Ruhrer Kohle           I. Qualitt    5,0          7,2
        Zwickauer Pechkohle    I.     "       6,06         6,45
            "         "       II.     "      15,41         5,61
        Bhmische Kohle        I.     "       6,6          5,8
            "       "         II.     "       6,9          4,9
            "       "        III.     "      10,3          4,2
        Saarkohle                            21,50         6,06
        Stockheimer Kohle      I.     "       6,3          2,72
             "        "       II.     "       8,4          3,86

[Sidenote: Bogheadkohle.]

Unter dem Namen =Bogheadkohle= oder Torbane-Hill-Kohle versteht man eine
in Bathgate bei Edinburgh und auf den Hebriden in grosser Menge sich
findende fossile Kohle, welche eben so wie die auf der Pankrazzeche
unweit Pilsen in Bhmen vorkommende =Blattelkohle= eine der
Sigillarienzone angehrende, der Cannelkohle verwandte Steinkohle ist, in
welcher grosse Mengen von bituminser Substanz angehuft sind. Sie
liefert nur geringe Koks und giebt bei der trocknen Destillation
Paraffin, Solarl und Photogen, whrend die eigentliche Steinkohle
Anthracen, Naphtalin und Benzol liefert. 100 Th. Bogheadkohle enthalten

                        Kohlenstoff   60,9   65,8
                        Stickstoff     0,7    0,7
                        Wasserstoff    9,1    9,1
                        Schwefel       0,3    0,1
                        Sauerstoff     4,3    5,4
                        Wasser         0,3    0,5
                        Asche         24,1   18,6

  Die Bogheadkohle findet sowol als Brennmaterial, sowie zur Gasbereitung
  (1 Ctr. giebt mehr als 800 Kubikfuss Gas) und Fabrikation von Paraffin
  und Solarl Anwendung. Der Bogheadkohle hnlich sind die ebenfalls in
  Schottland vorkommenden Kohlen, die =Wemysskohle=, die
  =Lanarkshirekohle= und die =Rigside-Kohle=.


                        Petroleum als Brennstoff.

[Sidenote: Petroleum als Heizmaterial.]

Das =Petroleum= (worunter hier nicht allein das natrliche Erdl zu
verstehen ist, sondern auch durch Destillation von fossilen Kohlen und
bituminsem Schiefer erhaltene flssige Kohlenwasserstoffe) ist unter
gewissen Bedingungen als Heizmaterial sehr beachtenswerth. Das spec. Gew.
dieses Oels schwankt zwischen 0,786 und 0,923 bei 0. Der
Ausdehnungscofficient fr 1C. liegt zwischen 0,00072 und 0,000868; die
Kenntniss desselben ist fr die Praxis von Wichtigkeit. Die in der
nordamerikanischen Dampfmarine mit Petroleum angestellten Versuche sind
gnstig ausgefallen; ein Dampfer mit Petroleum geheizt, kann die See
unter Dampf dreimal so lang, mit weniger Arbeit und grsserer Oekonomie
halten, als mit einem gleichen Gewicht Steinkohlen. Da das Petroleum bei
seiner Verbrennung keinen Rauch, sondern nur einen wssrigen Dunst
bildet, so fallen auch die Rauchkamine weg. Da das Petroleum bis zu 14
Proc. Wasserstoff enthlt, so erhlt man durch Condensation der
Verbrennungsgase ein grosses Quantum reinen Wassers, welches bei
Seedampfern sehr gut als Speisewasser verwendet werden kann. Die bei
dieser Condensation frei werdende Wrme kann zum Vorwrmen des
Speisewassers benutzt werden. Nach den Versuchen von =H. Deville= ist ein
Heizer berflssig, da die Zufuhr des Petroleums zur Feuerung mit grosser
Leichtigkeit zu reguliren ist.


  Nach =Fr. Storer= verdampft 1 Kilogr. rohes Petroleum 10,36 Kilogr.
  Wasser, whrend 1 Kilogr. Anthracit nur 5,1 Kilogr. Wasser verdampft.
  (Die theoretische Verdampfungskraft des reinsten Petroleums ist 18,06
  Kilogr., denn geht man von der procentischen Zusammensetzung des
  Petroleums aus, so ist

                  C 0,86 .  8080 =  6948
                  H 0,14 . 34462 =  4824           11772
                                   -----           -----
                                   11772 W.-E. und   652 = 18,08 Kilogr.

  Nach den ausgedehnten Versuchen =H. Deville='s (1866-1869) ist die
  Heizkraft verschiedener Petroleumarten in Wrmeeinheiten ausgedrckt
  beispielsweise folgende:

            Schweres Oel aus Westvirginien       10180 W.-E.
            Leichtes Oel aus Westvirginien       10223  "
            Leichtes Oel aus Pennsylvanien        9963  "
            Schweres Oel aus Ohio                10399  "
            Oel von Java (Rembang)               10831  "
            Oel von Java (Cheribon)               9593  "
            Oel von Java (Sarabaya)              10183  "
            Petroleum von Schwabweiler (Elsass)  10458  "
            Petroleum von Ostgalizien            10005  "
            Petroleum von Westgalizien           10235  "
            Rohes Schieferl von Autun            9950  "

  In neuerer Zeit haben =R. Foote=, =Wyse=, =Field= und =Aydon=, ferner
  =H. Deville=, =Dorsett= und =Blyth= etc. Dampfkesselfeuerungen fr
  Petroleum construirt, die jedenfalls die Beachtung der Pyrotechniker
  verdienen. Seit einiger Zeit wird das Petroleum anstatt Alkohol als
  Heizmaterial bei Kaffeemaschinen und hnlichen Kochapparaten der
  Haushaltung mit Vortheil benutzt.


                                  Koks.

[Sidenote: Koks.]

Unter =Koks= versteht man die durch Verkokung der Steinkohle dargestellte
Kohle, welche, je nachdem Back-, Sinterkohle oder Sandkohle zu ihrer
Darstellung gedient hatte, als =Backkoks=, =Sinter-= und =Sandkoks=
unterschieden werden. Mit dem Namen =Gaskoks= bezeichnet man die bei der
Bereitung des Leuchtgases aus Steinkohlen in den Retorten
zurckbleibenden Koks.

  Das =Verkoken=, sehr hufig, obgleich flschlich, =Abschwefeln=
  genannt, hat zum Zweck: 1) den Kohlenstoffgehalt zu vergrssern, um mit
  dem Koks eine hhere Temperatur als mit den Steinkohlen hervorbringen
  zu knnen; 2) die whrend des Brennens, namentlich zum huslichen
  Gebrauch, unangenehm riechenden Bestandtheile zu entfernen; 3) den
  Steinkohlen die Eigenschaft zu benehmen, in der Hitze teigig zu werden,
  wodurch, besonders bei der Anwendung in Schachtfen, die Geblseluft
  durchzudringen verhindert wird; 4) einen Theil des Schwefels des in den
  Steinkohlen hufig enthaltenen Schwefelkieses zu entfernen. Vor dem
  Verkoken der Steinkohlen ist hufig eine =nasse Aufbereitung= der
  Kohlen erforderlich. Die Kohlenfltze sind nmlich vielfach von Klften
  durchzogen, welche im Laufe der Zeit mit Mineralstoffen (namentlich
  Thonschiefer und Eisenkies) sich ausgefllt haben. Auch sind die
  Thonschichten, zwischen denen die Fltze eingebettet liegen, nicht
  scharf von der Kohle abgegrenzt, vielmehr findet eine Durchdringung
  beider in der Lettenkohle statt, welche usserlich kaum von der Kohle
  sich unterscheidet, jedoch nur 30-50 Proc. verbrennliche Substanz
  enthlt und deshalb kaum noch zu den Brennstoffen zu rechnen ist. Da
  das den Kohlen anhngende Gestein (Berg) nach dem Verbrennen die
  Aschenmenge vergrssert und die Asche verschlackbar macht, wodurch
  leicht Kohlenstcke eingehllt und bei Rostfeuerungen die Roststbe
  leicht verstopft werden knnen, da berdies beim Ausschmelzen von Erzen
  die Aschenbestandtheile nachtheilig einwirken knnen, so hat man in
  neuerer Zeit vielfach Apparate eingerichtet, um durch nasse
  Aufbereitung die specifisch leichteren Kohlen durch Schlmmen von dem
  Eisenkies, dem Thonschiefer etc. zu befreien, ehe man sie dem Verkoken
  unterwirft. Da das spec. Gewicht des anhngenden Gesteines ungefhr
  dreimal so gross ist als das der eigentlichen Kohle, so wird sich, wenn
  man grob zerkleinerte Kohle, wie sie bei der Frderung aus den Gruben
  neben der groben Kohle in grosser Menge als =Gruss=, =Grubenklein= oder
  =Frderkohle= gewonnen wird, in einen tiefen Wasserbehlter schttet,
  das schwerere und unreine zuerst am Boden absetzen und ausgeschieden
  werden knnen. Da aber in der Praxis seichtere Behlter leichter zu
  handhaben sind, so giebt man diesen den Vorzug und lsst darin die
  Kohle durch wiederholte Stsse zum Schweben und Absitzen gelangen. Die
  verschiedenen Schlmm- und Waschapparate haben dieselbe Einrichtung,
  wie sie zur nassen Aufbereitung von Erzen Anwendung finden. Es hat sich
  gezeigt, dass bei diesem Verfahren aus Kohlen mit 10-12 Proc.
  Aschebestandtheilen 4-5, ja selbst 7-8 Proc. ausgeschieden wurden,
  wobei aber freilich nicht ausser Acht zu lassen ist, dass bei der
  Aufbereitung 7-8 Proc. Kohle zu Staub zertrmmert werden und abgehen.
  =Bessemer= wendet zur Kohlenaufbereitung anstatt des Wassers eine
  Lsung von Chlorcalcium etc. an, die ein solches spec. Gewicht hat,
  dass die Kohlen darauf schwimmen, das anhngende Gestein aber darin zu
  Boden sinkt. Der beim Aufbereiten der Steinkohlen bleibende Rckstand
  wird, wenn er reich an Schwefelkies ist, gerstet und zur
  Schwefelsurefabrikation verwandt (vergl. Seite 226).

Das =Verkoken der Steinkohlen= geschieht wie die Holzverkohlung in
Meilern, in Haufen, in Oefen oder in Retorten. Im letzteren Falle, der
uns hier nicht beschftigt, beabsichtigt man, die sich entwickelnden
flchtigen Produkte (Leuchtgas, Ammoniakwasser, Theer) aufzufangen. Aber
auch beim Verkoken in Oefen sucht man (wie z. B. in dem =Knab='schen
Ofen) eine Nebengewinnung von (fr die Fabrikation der Theerfarben so
wichtig gewordenem) Theer und von Ammoniaksalzen.

[Illustration: Fig. 313.]

[Sidenote: Meilerverkokung.]

Die =Meilerverkokung= ist der Meilerverkohlung sehr hnlich. Man mauert
auf der Kohlenmeilersttte eine etwa 1-1,5 Meter hohe Esse auf, welche
dem spter errichteten Meiler als Quandelschacht dient. Diese Esse hat
einen Durchmesser von 0,3 Meter und ist mit mehreren Reihen Zuglchern
(Fig. 313) versehen, durch welche der Canal mit der Kohlenmasse in
Verbindung bleibt. Die grsseren Steinkohlenstcke (Wnde) legt man rings
um die Esse, die kleineren nach der Peripherie zu, wodurch der Meiler
sich abrundet. Die Zwischenrume der grsseren Stcke werden mit
Steinkohlenklein (_Cinder_) ausgefllt. An der Sohle des Meilers bildet
man von der Peripherie nach der Esse fhrende Zge oder Luftkanle. Auf
die Sohle des Essenschachtes wirft man trockne Holzspne und zndet sie
von oben an. Der Meiler bleibt so lange im Treiben, so lange noch Rauch
entweicht; danach wird die Essenmndung durch den eisernen Deckel
verschlossen und die Mndungen der Zugkanle werden mit Lsche bedeckt.
In England beschleunigt man die Abkhlung durch Anwendung von kaltem
Wasser; es soll dadurch ausserdem eine vollstndigere Entschwefelung der
Koks bewirkt werden. Die =Haufenverkokung= ist der Haufenverkohlung ganz
hnlich.

[Sidenote: Ofenverkokung.]

=Ofenverkokung.= In neuerer Zeit nimmt man das Verkoken der Steinkohlen
immer mehr und mehr in eigentlichen Oefen vor, weil hier die Leitung des
Feuers leichter und ein zu starkes Verbrennen der Kohle eher zu vermeiden
ist -- die Koksausbeute ist deshalb meist grsser. Man hat den Koksfen
sehr verschiedene Constructionen gegeben, theils entweichen die Gase und
Dmpfe aus ihnen ganz unbenutzt, theils sind die Oefen der Art
eingerichtet, dass die brennbaren Gase zum Erhitzen der zu verkokenden
Steinkohlen dienen (zuweilen verwendet man die Verkokungsgase zur
Dampfproduktion fr den Betrieb der Hohofengeblse oder der
Frdermaschinen). Die hierher gehrigen Oefen zerfallen in solche mit
Luftzutritt und in solche ohne Luftzutritt. Von den letzteren ist als
Beispiel der =Appolt='sche Koksofen anzufhren, welcher im Wesentlichen
als eine Art stehender Gasretorte zu betrachten ist, welche nur
Oeffnungen zum Abzug der entwickelten Gase besitzt. Bei einer anderen Art
Oefen will man aus den Gasen und Dmpfen vor ihrer Verbrennung den
Kohlentheer (der seit dem Entstehen der auf die Theerverarbeitung sich
sttzenden neuen Industriezweige eine solche Wichtigkeit erlangt hat,
dass an einzelnen Orten die Theerproduktion so lucrativ sein kann wie die
Erzielung von Koks) und Ammoniaksalze gewinnen; als Beispiel der
letzteren Art von Oefen sei der =Knab='sche Ofen beschrieben.

[Illustration: Fig. 314.]

  Von den =geschlossenen= Koksfen lterer Construction sei der zum
  Verkoken von Stckkohlen auf dem Eisenhttenwerk Gleiwitz in Schlesien
  angefhrt, welcher Fig. 314 im Verticaldurchschnitt abgebildet ist. Der
  cylindrische, oben mit einer durchlochten Wlbung versehene Koksraum
  _A_ ist an seinen Wnden mit Registerffnungen _o, o, o_ versehen,
  welche von aussen mittelst passender Stpsel verschlossen werden
  knnen. Auch in der Ofensohle befinden sich solche Oeffnungen, wodurch
  dieselbe zu einer Art Rost wird. Mit grsserem Vortheile wird indessen
  die Sohle massiv gebaut, wenn man dafr sorgt, dass die unterste Reihe
  der Registerffnungen unmittelbar ber der Ofensohle ausmndet. Das
  Einsetzen der zu verkokenden Steinkohlen geschieht theils durch die
  Gewlbeffnung _b_, theils durch die Thre _a_; zuerst kommen grssere
  Stckkohlen, wobei jedoch eine in der Thrffnung ausmndende Zndgasse
  zur Aufnahme von brennenden Kohlen frei gelassen wird. Nachdem der Ofen
  bis zum unteren Theil des Ableitungsrohres _r_ gefllt ist, wird die
  Thre bis auf die Mndung der Zndgasse vermauert, werden alle
  Registerffnungen mit Ausnahme der untersten Reihe geschlossen, wird
  auch die Oeffnung des Gewlbes mit dem eisernen Deckel _d_ bedeckt.
  Sobald sich die Steinkohlen durch die unterste Reihe der
  Registerffnungen in orangefarbener Glut zeigen, schliesst man diese
  und ffnet die darber befindliche Reihe, was nach etwa 10 Stunden der
  Fall ist, nach abermals 10 Stunden schliesst man die zweite Reihe der
  Registerffnungen, nach 16 Stunden die dritte und nach 3 Stunden die
  vierte. Der vollkommen verschlossene Ofen bleibt 12 Stunden zur
  Abkhlung stehen; alsdann ffnet man die Thre _t_, zieht die glhenden
  Koks mit Haken heraus und lscht sie sogleich mit Wasser ab. Der
  vorstehend beschriebene Gleiwitzer Ofen fasst 35-40 Ctr. Steinkohlen;
  nach einem Durchschnitte von mehreren Monaten erhlt man damit 53
  Gewichtsprocente und 74 Gemssvolumprocente Koks. Die Gase und Dmpfe
  entweichen durch das Rohr _r_ nach einem Verdichtungsapparat, welcher,
  fr je zwei Verkokungsfen gemeinschaftlich, die Theerdmpfe condensirt
  und aufnimmt, die Gase aber entweichen lsst. 1 Ctr. Kohlen giebt gegen
  10 Liter Theer.

[Illustration: Fig. 315.]

  Die =Verkokung von Staubkohlen= geschieht auf berwlbten Herden, nach
  Art der Backfen gebaut. Der Abfall der Kohlen an den Gruben
  (Grubenklein, Fettschrot, Schrot) lsst sich durch das Verkoken sehr
  vortheilhaft verwerthen, wenn der Abfall von Backkohlen herrhrt, weil
  die Theilchen beim Erhitzen zusammenbacken und einen eben so cohrenten
  Koks liefern als die Stckkohlen. In vielen Fllen mssen die
  Staubkohlen vor dem Verkoken (wie bereits oben bemerkt) durch die nasse
  Aufbereitung von dem anhngenden Gestein befreit werden, da viele
  Koksconsumenten jetzt ausschliesslich solche gereinigte Koks verlangen
  und sich ein Maximum von Asche z. B. 6 Proc. garantiren lassen.

[Illustration: Fig. 316.]

[Illustration: Fig. 317.]

[Illustration: Fig. 318.]

  Die Construction der Verkokungsfen der Staubkohlen ist ziemlich
  verschieden. Bei der Leipzig-Dresdener Eisenbahn bedient man sich der
  Fig. 315 im verticalen Durchschnitte gezeichneten Oefen. Der
  Verkokungsraum ist 3,3 Meter hoch und an der Sohle 3,3 Meter breit. Die
  1 Meter hohe und eben so breite Thrffnung kann durch die eiserne Thr
  _d_ verschlossen werden, in deren oberem Theile sich vier neben
  einander liegende Zuglcher befinden. Der Schornstein _b_ ist etwas
  hher als 1 Meter. An jeder Seite der Thrffnung ist im Mauerwerk ein
  eiserner Haken _e_ befestigt, welche eine Eisenstange halten, auf die
  der Arbeiter beim Ausziehen das Gezhe sttzt. In einem solchen Ofen
  werden 50 Dresdener Scheffel Staubkohlen[196] in 3mal 24 Stunden
  verkokt. Bei dieser Quantitt werden feste und dichte Koks erhalten;
  verringert man den Einsatz und sonach auch den Druck, so erhlt man
  leichtere Koks. Der auf dem Steinkohlenwerke zu Zaukerode bei Dresden
  benutzte Koks-Backofen hat folgende Construction (Fig. 316). Die Sohle
  des Verkokungsraumes ist kreisfrmig und spitzt sich nur gegen die
  Thrffnung ein wenig zu; die Breite der Sohle betrgt 3,6 Meter. Die
  verschiedene Hhe der verticalen Seitenwnde des Verkokungsraumes wird
  durch das cylindrische Gewlbe _c_ bestimmt, das an seinen hchsten
  Stellen ber 3,08 Meter ber der Herdsohle liegt. Die Dmpfe und Gase
  entweichen durch zwei gegen 1,3 Meter hohe Schornsteine ins Freie. Die
  gusseiserne Thre besteht aus zwei Flgeln, welche die Thrffnung aber
  nicht ganz verschliessen, sondern den obersten Theil derselben offen
  lassen, wodurch die Luft in das Innere des Ofens treten kann. _e_ ist
  einer der bereits (Fig. 314) erwhnten eisernen Haken.

  [196] 1 Dresdner Scheffel = 103-8/10 Liter.

  In den Koksbereitungsanstalten an der Saar und bei Sulzbach, so wie
  frher auch auf einigen lothringischen Eisenhtten bedient man sich
  beistehend (Fig. 317 im Verticaldurchschnitt und Fig. 318 im
  Grundrisse) abgebildeter Steinkohlen-Backfen, die sich von den lteren
  Koksbackfen, bei welchen der Luftzutritt durch Thrspalten und
  Schornsteine stattfindet, dadurch vortheilhaft unterscheiden, dass ein
  geregelter Luftzutritt durch Gewlbffnungen vorhanden ist. Die Sohle
  des Verkokungsofens ist eifrmig; ihr Lngendurchmesser betrgt 3
  Meter, ihr Breitendurchmesser 2 Meter, die grsste Hhe des Ofenraumes
  nur 1 Meter. Der 1,75 Meter hohe Schornstein dient auch zugleich zum
  Einschtten der Staubkohlen. Eigenthmlich ist bei diesem Ofen die
  Vertheilung des Luftzuges. In der Hhe von etwas ber 0,3 Meter ber
  der Herdsohle luft ein hufeisenfrmiger Zugkanal um den Ofenraum, der
  zu beiden Seiten der Thre _t_ in _o'_ und _o'_ ausmndet; die in diese
  Oeffnungen strmende Luft vertheilt sich durch neun Querkanle und
  strmt in den Ofenraum. Die Thre _t_ verschliesst die Oeffnung fast
  vollkommen. Ein Einsatz von 1-1,25 Kubikmeter (40 bis 50 Kubikfuss)
  Backkohlenklein wird in diesem Ofen 30 bis 24 Stunden verkokt.

[Illustration: Fig. 319.]

[Illustration: Fig. 320.]

  Unter denjenigen Koksfen neuerer Construction, bei welchen die beim
  Verkoken entweichenden Gase verbrannt werden, um die hierbei frei
  werdende Wrme zum Verkohlen selbst zu benutzen, steht der Koksofen
  von Gebr. =Appolt= mit in erster Linie. Der erste dieser Oefen ward
  1855 zu St. Avold (Lothringen) errichtet. Er unterscheidet sich von den
  bisher beschriebenen Koksfen durch drei Punkte: zunchst durch die
  Form eines stehenden Schachtes, ferner dadurch, dass dieser Schacht von
  aussen geheizt wird, endlich dadurch, dass, wie schon oben bemerkt, die
  Erhitzung des Ofenschachtes nur durch die bei der Verkokung sich
  entwickelnden und angezndeten Dmpfe und Gase geschieht. Fig. 319
  zeigt den Verticaldurchschnitt, Fig. 320 den Horizontaldurchschnitt
  nach der Linie 1 bis 2. Damit die Hitze besser in die Mitte der
  Schchte _a a_ dringe, sind dieselben von lnglich viereckigem
  Querschnitte (0,45 und 1,24 Meter bei 4 Meter Tiefe) und zur besseren
  Ausnutzung der Wrme sind je 12 Schchte in zwei Reihen zu einem
  Gesammtofen vereinigt. Die einzelnen Schchte, deren Wnde durch hohle
  Rume _b_ getrennt sind, sind unter sich und mit dem Mantel durch
  Bindesteine verbunden; die hohlen Rume communiciren mit einander. Jede
  Abtheilung hat zwei Oeffnungen, eine obere, durch welche die
  Steinkohlen eingeschttet werden, und eine untere, mit einer
  klappenartigen eisernen Fallthre verschlossen, durch welche man die
  Koks herausfallen lsst. In dem unteren Theile der Seitenwand der
  Abtheilungen sind zwischen den Steinen enge Spalten _e_ angebracht,
  durch welche die Gase und Dmpfe abziehen, welche in den hohlen Rumen,
  unter Mitwirkung von Luft, die durch _f f_ einstrmt, verbrannt werden.
  Die durch diese Verbrennung erzeugte Hitze bewirkt die Verkokung der im
  Innern der Abtheilungen befindlichen Steinkohle. Die verbrannten Gase
  strmen durch die Canle _g_ und _h_ ab. Durch die Schieber _R_ wird
  der Zug regulirt. Die Canle _g_ mnden in einen horizontalen Canal
  _i_, die Canle _h_ in einen solchen _j_. Die beiden Canle _i_ und _j_
  vereinigen sich in der Esse _k_. Die Abtheilungen des Ofens sind (Fig.
  319) an ihrem oberen Ende durch stufenweise vorspringende Steine
  verengt, sodass nur eine kleine Oeffnung brig bleibt, welche durch
  einen gusseisernen Deckel verschlossen wird. Dieser Deckel ist in der
  Mitte mit einem Rohr versehen, durch welches man einen Theil der gas-
  und dampffrmigen Destillationsprodukte ableiten kann. Eine ber jeder
  Reihe von Ofenabtheilungen angebrachte Eisenbahn nimmt den Wagen auf,
  welcher jedesmal die 25 Ctr. Steinkohlen, welche die Beschickung einer
  Abtheilung bilden, derselben zufhrt. In dem massiven Mauerwerk
  unterhalb des Ofens sind zwei Canle _u_ angebracht, in welche auf
  Eisenbahnen die Wagen geschoben werden, welche die Koks aufnehmen
  sollen. Bei dem Betriebe des Ofens bringt man Holzfeuer in die
  Abtheilungen und schttet Steinkohlen darauf. Das Innere des Ofens
  erhitzt sich dabei rasch durch Verbrennung der Gase, welche durch die
  Spalten _e_ aus den Abtheilungen entweichen. Hat der Ofen die gengende
  Hitze erlangt, um die Zersetzung der Steinkohle und die Verbrennung der
  flchtigen Produkte zu bewirken, so beschickt man diese Abtheilung mit
  25 Ctr. Steinkohle, worauf man die obere Oeffnung durch Aufsetzen des
  Deckels und Lutiren desselben dicht verschliesst. Zwei Stunden spter
  wird dieselbe Operation bei der zweiten Abtheilung ausgefhrt u. s. f.,
  bis man nach 24 Stunden alle zwlf Abtheilungen beschickt hat. Nach
  Ablauf dieser Zeit ist die Verkokung der Steinkohlen in der ersten
  Abtheilung beendigt und man schreitet zum Ausziehen der Koks. Nach der
  Entleerung derselben wird die Abtheilung von Neuem mit Kohlen
  beschickt u. s. w. Zwei Stunden spter wird die zweite Abtheilung in
  gleicher Weise entleert und frisch beschickt u. s. f.

  Die =Appolt='schen Oefen sind ziemlich theuer zu erbauen (er kommt auf
  15,000 Frcs. zu stehen, whrend ein gewhnlicher einfacher Koksofen mit
  1800-3000 Frcs. herzustellen ist), aber ein jeder liefert auch tglich
  gegen 240 Ctr. Koks und, da fast kein Abbrand stattfindet, 66 bis 67
  Proc. Koks aus Kohlen (von Duttweiler), die in liegenden Oefen
  hchstens 61 Proc. Koks gegeben htten. Ein Uebelstand des
  =Appolt='schen Ofens liegt darin, dass die Oefen in der Mitte mehr
  Hitze bekommen als die usseren und also mit der nmlichen Kohle einen
  viel dichteren Koks liefern, ein Umstand, welcher bei der Verwendung
  des Koks zu metallurgischen Processen strend auftritt.

  Von anderen Constructionen von Koksfen, bei denen die sich
  entwickelnden Gase und Dmpfe zum Verkoken selbst Anwendung finden,
  seien kurz folgende angefhrt: der Ofen von =Marsilly= hat ein
  geschlossenes Gewlbe, ist aber zum Abzug der Dmpfe und Gase mit einem
  Fuchs in der Rckwand versehen, durch welchen die flchtigen Produkte
  unter die Sohle des Ofens gehen und dieselben bei ihrer Verbrennung
  heizen. Aehnlich ist die Construction des Ofens von =Jones=, doch
  findet bei ihr der Unterschied statt, dass die Verbrennung der
  Koksofengase zum Theil wieder in den Verkokungsraum zurckgedrngt
  wird. Diese Einrichtung, nur bei sehr mageren Kohlen zulssig,
  schliesst eine theilweise Verbrennung der Koksmasse nicht aus,
  beschleunigt aber, sofern die Atmosphrengase erwrmt in den Ofen
  treten, den Verkokungsprocess wesentlich. Nach dem Principe der
  Doppelrstfen sind die Doppelkoksfen von =Frommont= und von
  =Gendebien= construirt. Die Oefen =Frommont='s, seit einer Reihe von
  Jahren ausser an der Maas in Belgien, auch in Saarbrcken und
  Westphalen in Anwendung, sind Etagenfen, in welchen die Gase aus dem
  unteren Verkokungsraum durch eine Anzahl Oeffnungen an der oberen Wand
  und durch eine gleiche Anzahl Canle zu dem oberen Herd aufsteigen und
  sodann auf der anderen Seite gemeinschaftlich mit den Gasen des oberen
  Ofens bis unter die Sohle des unteren Ofens streichen und ausserdem
  noch ihre Wrme an die Hinterwand und die Seitenwand abgeben, ehe sie
  in den Schlot gehen. Die Oefen von =Gendebien= unterscheiden sich von
  den =Frommont='schen nur dadurch, dass je ein oberer Ofen ber zwei
  unteren in der Mitte steht. Sie sind vorzglich an der Sambre in
  Anwendung. Whrend bei den beiden vorhergehenden die Oefen ber
  einander stehen, stehen bei dem von =Smet= construirten Koksofen die
  zusammenwirkenden Oefen neben einander, wodurch eine sorgfltigere
  Ausnutzung der brennbaren Gase erzielt werden kann.

  Von eigenthmlicher Construction ist der Koksofen von =Dubochet=, von
  dem Ingenieur =Powel= 1851 in der =Dubochet='schen Gasfabrik construirt
  und in Deutschland, namentlich vor dem Bekanntwerden der =Appolt='schen
  Oefen auf den Verkokungswerken des Saarbeckens vielfach in Anwendung.
  Der Ofen von =Dubochet-Powel= ist ein Rhrenofen mit geneigten Herden
  und besteht aus zwei flachen ber einander liegenden Theilen mit stetig
  geneigter Curve, die durch Thren von einander getrennt sind. Der obere
  Theil ist der eigentliche Destillationsofen, die hier entweichenden
  Gase werden unter den Ofen hingeleitet und durch zugeleitete Luft
  vollstndig verbrannt, wodurch die zur Verkokung erforderliche Hitze
  hervorgebracht wird. Nach beendigter Verkokung fallen die Koks in den
  unteren Theil des Ofens, den Khlofen, um von hier aus nach dem
  Erkalten entleert zu werden. Vor ihrem Austritt in den Schornstein
  fhrt man die Verbrennungsgase in eine seitlich angebrachte
  Dampfkesselanlage, welche den Dampf zur Aufbereitung der Kohlen
  liefert.

  Ein gewisses, wenn auch nicht vllig gerechtfertigtes Aufsehen hat in
  den letzten Jahren, wie oben erwhnt, der Koksofen von =Knab= gemacht.
  Anstatt, wie es bei dem =Appolt='schen Ofen der Fall ist, die
  Koksofengase direct zur Verkokung zu verwenden, scheidet =Knab= vorher
  die Theerbestandtheile und das Ammoniakwasser ab. Zu dem Ende
  entweichen die Gase und Dmpfe durch einen im Ofengewlbe befindlichen
  Abzugscanal und gelangen von da in zwei grosse mit Koks gefllte
  Blechtonnen, worin sie fast alles Theerwasser absetzen; hierauf ziehen
  sie in ein Rhrensystem, aus welchem von Zeit zu Zeit Rhren in
  Wasserbehlter fhren, in welchen der Rest von Theer- und
  Ammoniakwasser zur Abscheidung gelangt. Die Gase ziehen hierauf wieder
  nach dem Ofen zurck und treten in den Feuerraum, wo sie in einem
  ringfrmigen Brenner verbrannt werden, in dessen Mitte die
  erforderliche Luftmenge tritt. Das Aufsaugen der Gase aus dem Ofen und
  das Durchtreiben derselben durch die Condensers, sowie das Zurckleiten
  der vom Theer und Ammoniak befreiten Gase geschieht durch
  Glockenexhaustoren, wie man sie frher in der Gasfabrikation verwendet
  und heute noch zuweilen in der Papierfabrikation bei der Entwsserung
  des endlosen Papierblattes durch Luftdruck und in der Essigfabrikation
  zur Entfernung der entsauerstofften Luft und zur Verdichtung der Dmpfe
  in dem Sperrwasser benutzt. Nach der Angabe von =Gaultier de Claubry=
  werden in den Kokswerken der =Socit de carbonisation de la Loire= bei
  St. Etienne in 88 Oefen tglich 150 Tonnen Steinkohle in Koks
  bergefhrt. Die Ausbeute in 100 Theilen ist folgende:

            Grober Koks     70,00      Theer            4,00
            Kleiner Koks     1,50      Ammoniakwasser   9,00
            Abfallkoks       2,50      Gas             10,58
            Graphit          0,50      Verlust          1,92

  Ob die Qualitt der in den =Knab='schen Oefen erhaltenen Koks den
  Anforderungen des Eisenbahnen- und Hohofenbetriebes entspricht, muss
  dahingestellt bleiben, da allen Erfahrungen zufolge alle in
  geschlossenen Gefssen neben Leuchtgas und Theer gewonnenen Koks durch
  mrbe Beschaffenheit und geringe Gte sich auszeichnen.

  Die =Verkokung von Staubkohlen= geschieht auf berwlbten Herden, nach
  Art der Backfen gebaut. Der Abfall der Kohlen an den Gruben
  (Grubenklein, Fettschrot, Schrot) lsst sich durch das Verkoken sehr
  vortheilhaft verwerthen, wenn der Abfall von Backkohlen herrhrt, weil
  die Theilchen beim Erhitzen zusammenbacken und einen ebenso cohrenten
  Koks liefern als die Stckkohlen.

  Die aus den Koksfen oder Retorten gezogenen Koks werden entweder mit
  Wasser abgelscht oder durch Bedeckung mit Asche gedmpft. Ersteres
  Verfahren ist bis jetzt fast berall eingefhrt, es beansprucht den
  geringeren Raum, erfordert weniger Arbeit und giebt dem Koks ein
  besonderes silberglnzendes Ansehen. Die Nachtheile der Ablschung mit
  Wasser bestehen darin, dass man dem Koks einen Stoff zufhrt, dessen
  demnchstige Beseitigung (Verdampfung) beim Verbrennungsprocesse eine
  grssere Menge Wrme in Anspruch nimmt, und ferner darin, dass
  gewissenlose Producenten durch das ber Erfordern zugefhrte
  Lschwasser das Gewicht des Koks zum Nachtheil der Kufer vermehren.
  Die Wasseraufnahmefhigkeit der drei Hauptschichten der
  Koksbeschickungen ist eine sehr verschiedene. Die schaumigere, porse
  Kopfschicht nimmt bis zu 120 Proc. ihres Gewichtes an Wasser auf. Die
  Hauptmasse der Beschickung, die Mittelschicht, bindet nur bis zu 1-1/2
  Proc. und endlich die Fussschicht bis zu 13 Proc. ihres Gewichtes an
  Lschwasser. Im Durchschnitt kann man annehmen, dass Koks, denen eben
  nur das zum Ablschen erforderliche Wasser zugefhrt wird, dadurch um 6
  Proc. seines Gewichtes zunimmt. Gedmpfter Koks, kalt in Wasser
  geworfen, bindet nicht 1/3 so viel Wasser, wie der in glhendem
  Zustande mit Wasser abgelschte.

[Sidenote: Eigenschaften und Brennwerth der Koks.]

Die Koks bilden, wenn sie zweckmssig dargestellt worden sind, eine
gleichartige, dichte und feste Masse, die schwer zu zerbrechen und zu
zerdrcken ist und keine allzugrossen Blasenrume enthalten darf. Koks,
aus backenden Stckkohlen in Meilern dargestellt, zeigen
blumenkohlhnlich gewundene Contouren. Die Farbe ist schwarzgrau bis
eisengrau, der Glanz ein matter Metallglanz. Schwefel soll sich in gutem
Koks nur in sehr geringer Menge finden. Der Schwefel findet sich in der
Steinkohle bekanntlich als Schwefel- oder Eisenkies; whrend des
Verkokens destillirt aber nur ein Theil des Schwefels ab und es bleibt
eine niedrigere Schwefelungsstufe des Eisens zurck, welche noch fhig
ist, an erhitztes Eisen und Kupfer Schwefel abzugeben und demnach
Metallgegenstnde (Rohrstbe, Dampfkessel) zu zerstren, oder auf das
Schmelzprodukt (Roheisen) einzuwirken.

[Sidenote: Zusammensetzung und Brennwerth der Koks.]

Die mittlere Zusammensetzung guter gewhnlicher Koks ist folgende:

                  Kohlenstoff               85-92 Proc.
                  Asche                      3- 5   "
                  Hygroskopisches Wasser     5-10   "

Wegen ihrer Dichte und des Mangels an brennbaren Gasen ist die
Brennbarkeit der Koks so gering, dass sie zu ihrer Entzndung starke
Glhhitze und zum Fortbrennen einen gepressten Luftstrom verlangen.

  Nach einer grossen Anzahl auf preussischen Htten angestellter Versuche
  sind bei einem mit erhitzter Luft stattfindenden Hohofenbetriebe:

        100 Gewichtstheile Koks =  80 Gewichtstheilen Holzkohlen,
        100 Volumen          "  = 250        "            "

  Bei den Versuchen von =Brix= lieferte 1 Kilogr. Koks von
  oberschlesischer Steinkohle (bei einem Gehalte von 5,9 Proc. Wasser und
  2,5 Proc. Asche) 7,15 Kilogr. Dampf.


                         Knstliche Brennstoffe.

[Sidenote: Knstliche Brennstoffe.]

Unter =knstlichen Brennstoffen= versteht man ein ursprnglich
pulverfrmiges Brennmaterial, in der Regel Httenabfall, wie
Steinkohlenklein, Sgespne, welchem man durch Vermischen mit einem
Bindemittel, gewhnlich mit Theer oder Thonbrei, und Pressen eine
geeignete Form, in der Regel die von Ziegeln gegeben hat. In gewisser
Hinsicht gehren die gepressten Torfziegel und die in Formen gestampfte
und getrocknete ausgelaugte Lohe (Lohkuchen, Lohkse) hierher.

[Sidenote: Peras.]

Erwhnenswerth ist die =knstliche Stckkohle= oder die =Peras=, deren
Darstellung aus Klein, von backenden Kohlen seit einer Reihe von Jahren
von dem Ingenieur =Marsais=, Director der Steinkohlengruben zu St.
Etienne, eingefhrt worden ist. Das Wesentliche des Verfahrens besteht
darin, dass man das Kohlenklein zuerst wscht, um sowohl die schweren
Verunreinigungen, wie Kies und Steine, als auch die abschlmmbaren Theile
wie Thon und Erde abzuscheiden. Die durch diesen Scheideprocess gewonnene
reinere Kohle wird zum Abtropfen in Haufen gebracht, hierauf mit Hlfe
von cannelirten Walzen zu Pulver gemahlen, das Pulver getrocknet, noch
warm mit 7-8 Proc. eingedicktem Steinkohlentheer vermischt und die heisse
Masse in Formen gepresst, wodurch Ziegel mit abgerundeten Ecken, je etwa
20 Pfd. schwer, erhalten werden, welche nach dem Erkalten eine ziemliche
Hrte besitzen. Die Peras zerbrechen nicht so leicht wie die meiste
natrliche Stckkohle; sie lassen sich weit besser magaziniren, indem 1/5
an Raum gespart wird. Den Peras an die Seite zu stellen sind die
=Patentkohlen= von =Wylam= und von =Warlich=.

  Hierher gehrt auch die =geformte Holzkohle= (Pariser Kohle), welche
  seit ungefhr 15 Jahren von =Popelin-Ducarre= in Paris in den Handel
  gebracht wird; sie besteht aus Holzkohle, welcher man durch Beimischen
  von Holztheer und Verkohlung des letzteren Cohrenz ertheilt hat. Die
  Holzkohle wird mit 8-12 Proc. Wasser versetzt und zwischen glatten
  Walzen zu einem grblichen Pulver gemahlen. 100 Kilogr. Kohlenpulver
  werden mit 33-40 Liter Steinkohlentheer durchknetet; die durchknetete
  Masse wird darauf in einer eigens hierzu construirten Maschine in die
  Form von Cylindern gebracht. Die geformten Kohlencylinder werden 36-48
  Stunden lang an der Luft ausgetrocknet und darauf in Muffelfen
  verkohlt. Die geformten Kohlen haben vor den gewhnlichen Kohlen den
  Vorzug, dass sie wenig zerreiblich, daher leicht transportabel sind,
  mehr Hitze geben, langsamer und regelmssiger verbrennen; ein Stck,
  einmal angezndet, brennt an der Luft fort, was bekanntlich die Koks
  nicht thun.

[Sidenote: Kohlenziegel oder Briquettes.]

Stark backende Kohlen knnen auch ohne Zusatz von Pech aus Kohlentheer
durch starkes Pressen (unter hydraulischen Pressen oder durch Formrder)
zu einer cohrenten Masse vereinigt werden, wenn man sie in
verschlossenen Gefssen bis auf 260-400 C., d. h. bis zu dem Punkte
erhitzt, bei welchem sie zu erweichen beginnen, und sie nochmals einem
starken Druck aussetzt. Der bituminse Theil der Kohle wird hierbei
hinreichend flssig, um fr das Uebrige das Bindemittel zu geben. Auf
diese Weise werden die =Kohlenziegel=, =Brennsteine= oder =Briquettes=
dargestellt, und zwar in einer fr Kesselfeuerungen oder den huslichen
Gebrauch passenden Grsse, wodurch den Consumenten die Mhe des
Zerkleinerns erspart wird[197]. Es hat sich herausgestellt, dass die
Briquettenfabrikation vortheilhaft mit der Theerdestillation behufs der
Herstellung von Benzol, Carbolsure, Naphtalin, Anthracen und Asphalt
combinirt werden kann.

  [197] Vergl. =Th. Oppler=, Die Fabrikation der knstlichen Brennstoffe,
        insbesondere der gepressten Kohlenziegel oder Briquettes. Berlin
        1864; ferner Jahresbericht der chem. Technologie 1864 p. 760;
        1866 p. 333; 1868 p. 800.


                      Gasfrmige Brennmaterialien.

[Sidenote: Gasfrmige Brennmaterialien.]

Die Benutzung gewisser =brennbarer Gase= und =Gasgemenge als
Brennmaterial= bei httenmnnischen Processen ist schon seit einer Reihe
von Jahren vorgeschlagen worden, jedoch erst in neuester Zeit in der
Metallurgie, wie in der chemischen Technik berhaupt, zur Ausfhrung
gelangt. Die gegenwrtig als Brennmaterial angewendeten Gase sind
entweder =Gichtgase= oder =Generatorgase=. Mit dem ersteren Namen
bezeichnet man nicht nur die der Gicht eines Eisenhochofens entstrmenden
Gase, sondern berhaupt eine jede Flamme, welche aus einem
httenmnnischen Ofen (z. B. Koksofen) unbenutzt entweicht. Die
Zusammensetzung der Gichtgase richtet sich selbstverstndlich nach der
Art des angewendeten Brennstoffes, nach der Temperatur und dem Druck der
Verbrennungsluft und nach der Hhe ber der Form, in welcher die Gase
aufgefangen wurden. Sie sind stets Gemenge von Kohlenoxyd,
Kohlenwasserstoffen, Wasserstoff, Kohlensure und Stickstoff, bei
Anwendung von Steinkohlen oder Koks enthlt das Gasgemenge auch Ammoniak.
Die =Generatorgase= sind brennbare Gase, welche in einem besonderen Ofen,
dem =Generator=, aus festen Brennstoffen (mit oder ohne Mitwirkung eines
Geblses) erzeugt worden sind. Sie finden bei den verschiedensten
technischen Processen Anwendung, indem dadurch Gelegenheit gegeben ist,
Brennmaterialien geringster Qualitt nutzbar zu machen. Nach =Ebelmen=
haben diese Gase dem Gewichte nach folgende Zusammensetzung:

                                   Generatorgase aus
                           Holzkohlen.  Holz.  Torf.  Koks.
              Stickstoff       64,9     53,2   63,1   64,8
              Kohlensure       0,8     11,6   14,0    1,3
              Kohlenoxyd       34,1     34,5   22,4   33,8
              Wasserstoff       0,2      0,7    0,5    0,1

  In England wurde nach =Percy= mehrere Jahre lang auf Eisenhtten ein
  Gasgemisch angewendet, das man durch Einleiten von Hochdruckdmpfen in
  mit Koks angefllte rothglhende Retorten erhlt. Die =Siemens='schen
  Regeneratoren mit Gasfeuerung (_regenerative-gas-furnace_), welche
  Seite 22 und 310 bereits beschrieben wurden, gehren gleichfalls
  hierher. Sie haben in der Gasbereitung, bei Schweissfen, Puddelfen,
  besonders auch bei der Zinkgewinnung etc. schon ausgedehnte Anwendung
  gefunden.

[Sidenote: Heizgas.]

  In neuerer Zeit denkt man an vielen Orten, so z. B. in Berlin, an die
  Beschaffung von =wohlfeilem Gas fr Heizzwecke= (Heizgas). Seit einem
  Jahrzehnd etwa sind verschiedenartige Gasfeuerungen vielfach in
  Gebrauch gekommen, und dieselben wrden wegen ihrer Reinlichkeit und
  Bequemlichkeit sicher noch weit mehr Verwendung finden, wenn nicht
  einerseits das gewhnliche Leuchtgas zur ausgedehnteren Verwendung als
  Heizmaterial zu theuer wre, und andererseits die Gaserzeugungsapparate
  (wie die oben genannten =Siemens='schen) beim Betriebe im Kleinen nicht
  ungengende Resultate gben. Die Beschaffung von billigem Gas fr
  Heizzwecke erscheint demnach usserst wnschenswerth. In Berlin ist
  gegenwrtig die Grndung einer Anlage zur Beschaffung von Heizgas unter
  technischer Leitung von =C. Westphal= und =A. Ptsch= im Werke. Es wird
  beabsichtigt, das Gas in Frstenwalde, fnf Meilen von Berlin, aus
  Braunkohlen darzustellen und dann in einer Rhrenleitung nach der
  Hauptstadt zu schaffen. Es sollen dazu in Frstenwalde zwlf
  Retortenhuser von je 35 Meter Lnge und 21 Meter Tiefe mit 70 Oefen zu
  je 10 Retorten gebaut werden; die Retortenfen sollen mittelst
  =Siemens='scher Regenerativfeuerungen geheizt werden. Zur Befrderung
  des in Condensatoren von Theer, Wasser etc. gereinigten Gases nach
  Berlin ist eine Rhrenleitung von 1,3 Meter Weite bestimmt, in welche
  das Gas mittelst vier Geblsemaschinen gepresst wird. Die Geblse
  werden durch vier Dampfmaschinen, deren jede 360 Pferdestrken hat,
  aber bis zu 500 Pferdekrften leisten kann. Der Gasdruck in der Leitung
  soll 1,5 Centimeter Wasser betragen, da dieser verhltnismssig hohe
  Druck die Anwendung von Rhren mit geringerem Durchmesser gestattet und
  auch sonst vortheilhafter erscheint als ein schwcherer. Die Leitung
  soll aus 5 Meter starkem Eisenblech hergestellt und ber dem Boden
  hingefhrt werden, wobei sie in geeigneten Zwischenrumen von
  gemauerten Pfeilern getragen werden soll, so dass sie leicht untersucht
  und reparirt werden kann. Bei 5 Meter Wasserdruck wird die Leitung 407
  Kubikfuss Gas pro Sekunde abfhren. In Berlin soll das Gas in 12
  Gasometern von je etwa 750,000 Kubikfuss Fassungsraum angesammelt
  werden, um dann nach den verschiedenen Theilen der Stadt ganz hnlich
  wie Leuchtgas vertheilt zu werden. -- Nach den Versuchen von =Ziureck=
  lsst sich aus den Frstenwalder Braunkohlen ein fr Heizzwecke sehr
  gut geeignetes Gas darstellen. Bei einem specifischen Gewicht von
  0,5451 besteht dasselbe aus:

             Wasserstoff                        42,36 Proc.
             Kohlenoxyd                         40,00  "
             Sumpfgas                           11,37  "
             Stickstoff                          3,17  "
             Kohlensure                         2,01  "
             Condensirbare Kohlenwasserstoffe    1,09  "
                                               ------------
                                               100,00 Proc.

  Wenn diese Mischung beim Betrieb regelmssig erhalten werden kann, so
  drfte das Gas seinem Zwecke vollstndig entsprechen; 3000 Kubikfuss
  desselben sind nach den Versuchen in Bezug auf Heizkraft gleich einer
  Tonne Braunkohle oder gleich 1/3 Tonne Steinkohle[198]. Es soll zu
  ungefhr 5 Sgr. pro 1000 Kubikfuss verkauft werden, wonach also die
  Heizkraft einer Tonne Steinkohlen nicht hher als 1-1/2 Thlr. zu stehen
  kme. Die Werke sind vorlufig auf eine jhrliche Produktion von 9500
  Mill. Kubikfuss oder etwa 2-2/3 Mill. tglich berechnet, wodurch der
  Bedarf an Heizmaterial etwa fr die halbe Stadt gedeckt werden wrde.

  [198] 1 Tonne = 275-300 Pfund.


                          Die Heizanlagen[199].

[Sidenote: Allgemeines.]

Unter =Heizung= verstehen wir das Erwrmen eines hohlen Raumes nebst den
darin befindlichen Gegenstnden durch die bei der Verbrennung der
Brennmaterialien erzeugte Wrme. Der hohle Raum sei nun ein Zimmer, ein
Kessel, ein Glashaus der botanischen Grten u. s. w. Es ist die Aufgabe
der Technik (in diesem Falle =Pyrotechnik=), durch die Verbrennung eines
Brennmaterials behufs der Heizung nicht nur eine mglichst grosse
Wrmemenge, sondern auch einen mglichst hohen Wrmegrad zu entwickeln
und diese Wrme auch so vollstndig als mglich zu verwerthen. Um durch
die Verbrennung eines Brennstoffes den absoluten und specifischen
Wrmeeffect so weit als thunlich zu erreichen, muss die Verbrennung eine
vollstndige sein, es darf nicht nur kein brennbarer Theil der
Verbrennung entgehen, es mssen auch Vorkehrungen getroffen werden, dass
jeder verbrennliche Theil durch die Verbrennung die hchste
Oxydationsstufe erreiche. Wie wichtig fr die Praxis das letztere ist,
geht daraus hervor, dass

  1 Th. Kohlenstoff bei seiner Verbrennung zu Kohlenoxyd
                                                      2480 Wrmeeinheiten
  1  "       "       "    "         "       " Kohlensure
                                                      8080       "

liefert. Damit die Verbrennung eine vollstndige sei, muss dem brennenden
Krper die erforderliche Menge Sauerstoff in Gestalt von atmosphrischer
Luft zugefhrt und die ihres Sauerstoffes theilweise beraubte und mit den
Verbrennungsprodukten beladene Luft bestndig fortgefhrt werden. Ein
solcher Luftzug kann entweder durch natrliche Luftcirculation oder durch
knstliche Mittel, nmlich durch =Saugen= oder durch =Pressen=
hergestellt werden. Im ersteren Falle werden die gasfrmigen
Verbrennungsprodukte durch =Exhaustoren= hinweggesaugt, wodurch neue Luft
nachzustrmen veranlasst wird, im zweiten Falle wird durch ein =Geblse=
Luft eingepresst und dadurch das Verbrennungsprodukt entfernt. Fast alle
Heizungen im engeren Sinne finden bei natrlichem Luftzuge statt.

  Alle Heizungsanlagen bestehen aus drei Theilen, dem =Feuerherd=, dem
  =Heizraum= und dem =Schornstein=. Der =Herd= (Feuerherd) ist der Ort,
  in welchem durch Verbrennung eines Brennmaterials zu Zwecken der
  Heizung Hitze erzeugt wird. Der =Heizraum= ist der Ort, in welchem die
  erzeugte Wrme zunchst ihre Wirkung ussern und ihre Benutzung finden
  soll, und der =Schornstein= endlich ein in der Regel verticaler,
  seltener schrg oder in mehrfacher Richtung ansteigender Canal, in
  welchen mittelst eines kleinen engen Canals (=Fuchs=) die verbrannten
  Gase abgeleitet werden, whrend zugleich durch den Schornstein das
  Nachstrmen frischer Luft auf das Brennmaterial bewirkt wird.

  Der =Herd= oder =Feuerherd= kann sehr verschiedene Beschaffenheit
  haben. Die roheste und mangelhafteste Einrichtung, welche auch nur bei
  sehr brennbaren Materialien, wie Holz und Torf, mglich ist, besteht
  darin, das Brennmaterial flach auf dem Herde auszubreiten und einen
  Luftstrom durch eine Oeffnung in der Ofenthre hinzuleiten; sie ist
  deshalb mangelhaft, weil eine grosse Menge Luft, ohne mit dem
  Brennmaterial in Berhrung zu kommen oder zur Unterhaltung des Feuers
  beizutragen, durch den Ofen hindurchzieht und einen grossen Theil der
  Wrme mit sich fortfhrt. Die zum vollstndigen Verbrennen des
  Brennmaterials erforderliche Luft soll durch das Brennmaterial
  strmen. Zu diesem Zwecke ist die Unterlage fr das Brennmaterial
  durchbrochen und besteht aus mehreren parallel neben einander gelegten
  Stben von feuerfestem Thon oder Eisen, dem =Rost=. Der Raum unterhalb
  des Rostes heisst der =Aschenraum= oder =Aschenfall=; obgleich seine
  Bestimmung nicht nur die ist, die Asche aufzunehmen, sondern auch dem
  Roste und dem Feuerherde Luft zuzufhren. Zu dem Feuerungsraume fhrt
  seitwrts oder von oben eine Oeffnung, das =Schrloch=, durch welches
  Brennmaterial aufgeworfen wird; diese Feuerungsmethode trgt den
  Uebelstand, dass beim Oeffnen des Schrloches kalte Luft ber den Rost
  gelangt, wodurch eine Abkhlung der Luft in dem Schornstein, also
  Verminderung des Zuges und Rauchbildung, mit anderen Worten
  Brennstoffverlust stattfindet. Die in neuerer Zeit construirten
  =Treppenroste=, bei welchen die eisernen Stbe zwischen den
  Seitenwnden des Feuerungsraumes treppenfrmig in gewissen
  Zwischenrumen ber einander liegen, haben den genannten Uebelstand
  nicht. Bei einem schwefelhaltigen Brennstoff werden die Roststbe
  leicht zerstrt; man lsst deshalb meist ber dem eigentlichen Roste
  einen knstlichen Rost von zusammengesinterter Asche sich bilden,
  welcher auch die Verbrennung von Kohlenklein gestattet. Da nicht zu
  allen Perioden einer Heizung ein gleich starker Luftzug erfordert wird,
  so hat man Vorrichtungen zur Regulirung des Zuges; diese sind: 1) eine
  Schornsteinklappe, durch welche mit Hlfe einer Zugstange die obere
  Schornsteinmndung mehr oder weniger gesperrt werden kann; 2) ein
  Schieber oder Register im Fuchse oder in dem Schornsteine; 3) eine
  Thre vor dem Aschenfalle.

  [199] Unentbehrliche Werke ber Pyrotechnik sind: =C. Schinz=, Die
        Wrme-Messkunst, Stuttgart 1858; ferner =E. Pclet=, Trait de la
        chaleur; troisime dition, Paris 1861-62, 3 Volumes, und
        speciell fr Zimmerfen die Badische Gewerbezeitung, redigirt von
        =H. Meidinger=.


                [Greek: a]) _Die Heizung von Wohnungen._

[Sidenote: Heizung von Wohnungen.]

Die Heizung von Wohnungen und ffentlichen Gebuden, mit welcher
entsprechende Ventilation verbunden sein muss, kann auf verschiedene
Weise vor sich gehen; je nach dem Umstande, ob strahlende oder geleitete
Wrme die Heizung bewirkt, und nach der verschiedenen Construction der
Heizungsapparate, unterscheidet man 1) Kaminheizung, 2) Ofenheizung, 3)
Luftheizung, 4) Canalheizung, 5) Heisswasserheizung, 6) Dampfheizung, 7)
Gasheizung.

[Sidenote: Directe Heizung.]

Eine =directe= Heizung von Rumen durch Verbrennung von Holz und anderem
Brennstoff auf offenem Herde, in Kohlenpfannen und kleinen Oefen ohne
Schornstein ist wohl die erste und lteste Heizungsmethode gewesen.
Mitten in den Htten befindet sich ein Herd, dessen Rauch durch eine im
Dache befindliche Oeffnung abzieht. Ziemlich hufig trifft man in den
grsseren Stdten Frankreichs die ble Gewohnheit, das Zimmer durch eine
Kohlenpfanne zu heizen, wodurch die Luft nicht nur verschlechtert,
sondern sogar zum Athmen gnzlich untauglich wird. Es ist daher die
unmittelbare Erwrmung der Luft durch Brennmaterialien unter allen
Umstnden gefhrlich.

[Sidenote: Kaminheizung.]

Die =Kaminheizung= ist seit langer Zeit in Gebrauch; sie grndet sich auf
Erwrmung der Luft durch unmittelbare Ausstrahlung der Wrme des Feuers.
Sie ist unstreitig die unvollkommenste Heizungsart, da bei ihr ein
ausserordentlich grosser Luftwechsel stattfindet, indem in das Kamin
nicht allein die zur Unterhaltung des Feuers erforderliche Luft
einstrmt, sondern auch ber die Flamme viel erwrmte Luft in den
Schornstein geht, wodurch eine hermetische Abschliessung des Zimmers zur
Vermeidung der Abkhlung nicht mglich wird, denn sobald die grosse
Quantitt der in den Schornstein einstrmenden Luft nicht durch neue,
durch Fenster und Thren eindringende Luft ersetzt wird, entsteht ein
niederwrts gehender Zug in dem Schornsteine und das Kamin fngt an zu
rauchen. Die Kaminheizung eignet sich deshalb in ihrer ursprnglichen
Gestalt nur fr Lnder, welche mildes Klima oder Brennmaterial im
Ueberfluss haben. Die Annehmlichkeit dieser Heizungsart, das Feuer
beobachten und selbst unterhalten zu knnen, der fortwhrende Luftwechsel
und die Construction der Kamine, welche gestattet, die Fsse fortwhrend
warm zu halten, whrend der brige Krper khl bleibt, welche ferner
erlaubt, aus dem Heizapparate eine Zimmerdecoration zu machen, alle diese
Umstnde sind wohl der Grund, dass man in England und zum Theil auch in
Frankreich die Kaminheizung beibehalten hat. Die Heizung mittelst
strahlender Wrme durch Kamine hat in ihrer ltesten, einfachsten und
unvollkommensten Form folgende Einrichtung: Am unteren Theil der Mauer,
in welcher der Schornstein in die Hhe geht und unmittelbar unter dem
Schornstein befindet sich eine Nische, in der das Feuer brennend erhalten
wird. Spter hat man die Kamine dadurch verbessert, dass man sie weniger
tief in die Mauer legte, damit ihre Wirkung sich mehr auf die Zimmerluft,
als auf die Kaminwnde erstreckte, dass man den oberen Theil der Nische
dort, wo er in den Schornstein tritt, mglichst verengt und sowohl diese
Rauchffnung, als auch die vordere grosse Oeffnung nach dem Zimmer zu
mittelst Schieb- und Flgelthren verschliesst.

  Um neben der strahlenden Wrme auch einen Theil der geleiteten zu
  benutzen, ohne jedoch dem Kamine das Eigenthmliche zu benehmen, hat
  man den unmittelbaren Abzug der erwrmten Luft aus der Feuernische in
  den Schornstein verhindert und eine Circulation der erwrmten Luft,
  hnlich wie bei den Zimmerfen, hergestellt. Durch diese Combination
  von Ofen mit Kamin entstandenen Feuerungen heissen =Ofenkamine=. Unter
  ihnen zeichnen sich die von =Franklin=, =Desarnod= und =Curandeau= aus.

[Sidenote: Ofenheizung.]

Die =Ofenheizung= ist die bei weitem gebruchlichste. Man verlangt von
einem rationell construirten Ofen (Zimmer- oder Stubenofen), dass er
brennstoffschonend sei, daher die mglichst vollkommene Verbrennung des
Brennmaterials zulasse; dass so viel als mglich die aus dem
Brennmaterial entwickelte Hitze an die Ofenwnde und den Ofenkrper
abgegeben werde und so wenig als mglich in den Schornstein entweiche;
dass der Zimmerraum auf einer gleichmssigen Temperatur erhalten werde,
und dass gehrige Ventilation dieses Raumes vorhanden sei. Da der
Zimmerofen frei in dem zu heizenden Rume steht, so wird sowol die
strahlende, als auch die geleitete Wrme realisirt und es geht in der
That von dem Brennstoffe blos die Wrme verloren, welche mit den
Verbrennungsgasen abzieht. Der Wrmeverlust wird durch verlngerte
Rauchkanle verringert, wobei jedoch zu bedenken ist, dass der Rauch mit
einer Temperatur mindestens von 75 in den Schornstein entweichen muss,
damit der erforderliche Zug stattfinde. Es ist zweckmssig, den Ofen vom
Zimmer aus zu heizen; gegen die Heizung von aussen gewhrt sie den
Vortheil einer fortwhrenden Lufterneuerung und Brennstoffersparniss,
weil beim Heizen von innen diejenige erwrmte Luft, welche beim Heizen
von aussen durch die Ausdehnung durch Thren- und Fensterfugen entweicht,
nun zur Heizung des Ofens benutzt wird; wird durch den Zug des von innen
geheizten Ofens das Einstrmen von kalter usserer Luft durch die Fugen
befrdert, so wird auch dadurch das Entweichen von innen erwrmter
verhindert.

  Die Materialien, aus welchen unsere Zimmerfen construirt werden, sind
  Gusseisen, Eisenblech und gebrannter Thon (Kacheln und Ziegel). Das
  =Eisen= nimmt als Wrmeleiter die Hitze leicht auf; da die Dicke der
  Ofenwnde in der Regel gering ist, so geht die Hitze des verbrennenden
  Brennmaterials leicht und rasch in die Umgebung ber. Die eisernen
  Oefen haben dagegen den Nachtheil, im rothglhenden Zustande die Luft
  im geringen Abstande vom Ofen bermssig zu erhitzen, wozu noch kommt,
  dass die Luft in der Nhe eines eisernen Ofens eine chemische
  Vernderung erleidet und wie bereits =Deville= und =Troost= 1868
  nachgewiesen haben, in Folge der Durchdringlichkeit des Gusseisens fr
  Kohlenoxydgas 0,0007-0,0013 ihres Volumens an Kohlenoxyd aufnehmen
  kann.

  Der =gebrannte Thon= eignet sich demnach als Ofenmaterial besonders
  dann, wenn es sich um eine gleichmssige Heizung handelt; so rasch und
  reichlich diesem Material auch die Wrme dargeboten werden mag, stets
  wird es die Wrme bei weitem langsamer und nur nach und nach abgeben.
  =Gemischte Oefen=, bei welchen der Heizkasten aus Eisen und der Aufsatz
  aus Kacheln besteht, vereinigen in gewisser Hinsicht die Vortheile der
  eisernen und der Kachelfen, indem durch den eisernen Feuerraum die
  Heizung des Zimmers beschleunigt wird, der obere aber zum Aufspeichern
  der Wrme dient.

  Je nach dem Ofenmaterial unterscheidet man die Zimmerfen ab

    a) Leitungsfen,
    b) Massenfen,
    c) gemischte Oefen.

  Die eisernen Oefen nennt man =Leitungsfen=, insofern sie die im
  Feuerungsraume entwickelte Wrme so schnell als mglich durch sich
  hindurchleiten und an die Zimmerluft abgeben. Bei den thnernen
  =Massenfen= geschieht die Erwrmung nicht durch Canle oder den
  Feuerungsraum, sondern dadurch, dass diejenige Wrme, welche whrend
  der Verbrennung des Brennstoffes von dem Thone aufgenommen wurde, auch
  nach dem Verlschen des Feuers langsam und gleichmssig an die
  Zimmerluft abgegeben wird. In dem grsseren Theile von Deutschland
  bedient man sich, mit wenigen Ausnahmen, der Leitungsfen und der
  gemischten Oefen, in Russland und Schweden der Massenfen.

[Sidenote: Leitungsfen.]

Die =Leitungsfen= haben sehr verschiedene Construction. Die lteste ist
ohne Zweifel die noch jetzt hufig benutzte Form der =Kanonenfen=, ein
kanonenhnlicher hohler gusseiserner Cylinder, am oberen Theile mit einem
Blechrohre, am unteren mit einer Heizthre versehen. Sie haben in der
Regel ein sehr kurzes Rauchrohr, das sofort in den Schornstein mndet,
und sind daher keineswegs brennstoffschonend. Um der
Brennmaterialverschwendung zu steuern, wendet man entweder ein langes
Rauchrohr an, was aber nicht nur den Heizapparat vertheuert, sondern auch
von sehr kurzer Dauer ist, da innerhalb des Rohres sich eine Flssigkeit
bildet (bei Holzfeuerung Holzessig, bei Steinkohlenfeuerung
ammoniakalisches Wasser), welche sehr bald das Rohr zerstrt; oder man
giebt dem Ofen im Innern mehrere verticale Zge, in welchen die
Verbrennungsgase einigemal auf- und absteigen, ehe sie in den Schornstein
gelangen.

  Die sogenannten =Durchsichtsfen=, welche wegen der zwischen den
  Feuerzgen bleibenden Zwischenrume den Vortheil einer grossen, der
  Zimmerluft dargebotenen Flche mit geflliger Form und der
  Bequemlichkeit, die sogenannten Rhren zum Hineinstellen von Gefssen
  benutzen zu knnen, vereinigen, sind entweder ganz von Eisen oder
  bestehen aus einem eisernen Unterofen mit einem thnernen Aufsatze.

[Sidenote: Massenfen.]

[Illustration: Fig. 321.]

[Illustration: Fig. 322.]

[Illustration: Fig. 323.]

[Illustration: Fig. 324.]

Von den =Massenfen= sind die =russischen= und die =schwedischen Oefen=
zu erwhnen. Diese Oefen bestehen aus dicken Kacheln aus gebranntem Thon,
welche durch eine starke Fllung noch mehr Krper erhalten und so
ausgefttert werden, dass sie eine Strke von 7 Zoll und darber
erhalten. In dieser Hlle befinden sich verticale Kanle zur Leitung der
Verbrennungsgase, deren Anzahl von 4, 6 bis 12 steigt.

[Illustration: Fig. 325.]

[Illustration: Fig. 326.]

[Illustration: Fig. 327.]

  Ein =russischer= Ofen ist lnglich viereckig und hat sechs Rauchkanle.
  Fig. 321 zeigt den Grundriss, Fig. 322 eine Ansicht der langen, Fig.
  323 der schmalen Seite und Fig. 324 den Lngendurchschnitt dieses
  Ofens. _a_ ist der mit einem Gewlbe berdeckte Feuerraum, aus diesem
  steigt das Feuer in dem Kanale 1 in die Hhe, fllt in 2 wieder
  abwrts, steigt wieder in 3, fllt in 4, steigt in 5, fllt in 6, von
  wo aus es durch das Ofenrohr in den Schornstein gelangt. Jeder dieser
  Oefen hat ein 18-30 Centimeter weites Rauchrohr (einen =russischen
  Schornstein=) fr sich, welches mglichst vertical bis zum Dache hinaus
  aufgefhrt wird; diese engen Schornsteine haben sich ausserordentlich
  bewhrt und auch in Deutschland seit geraumer Zeit schon eingebrgert.
  Da ein russischer Ofen als Wrmemagazin dienen soll, so ist ein
  hermetischer Abschluss nothwendig, sobald das Feuer erloschen ist.
  Dieser Abschluss wird durch eine besondere Vorrichtung, die sogenannte
  =Gusche= (russisch =Wiuschke=) erreicht. In der Nhe der Verbindung des
  letzten Kanales mit dem Rauchrohre ist eine viereckige Platte aus
  Gusseisen (Fig. 325, 326 und 327) eingemauert; diese Platte hat in der
  Mitte eine Oeffnung von 21-24 Centimeter Durchmesser mit einem aufrecht
  stehenden Halse von 3 Centimeter und innerhalb vorstehendem Rande von 2
  Centimeter. Ein gusseiserner, mit einem Griff versehener Deckel _a_
  passt auf die Oeffnung, ein zweiter grsserer Deckel _b_ mit
  vorspringendem Rande passt ber den Hals und verschliesst das Ganze.
  Beim Heizen wird der Feuerraum mit kurz gesgten Holzstcken gefllt,
  das Holz bei zuerst offener Thr in Brand gesetzt und dann die Thre
  geschlossen, so dass die Luft durch ihre Oeffnungen einstrmt. Die
  Verbrennung muss so lebhaft als mglich vor sich gehen; auf diese Weise
  theilt sich die Wrme der Ofenmasse am schnellsten mit, es bildet sich
  kein Rauch und der anfnglich entstandene Rauch wird bei der spter
  entwickelten hohen Temperatur wieder verbrannt. Die ussere Seite
  dieser Oefen wird mit Porcellanplatten oder glasirten Kacheln belegt.
  Der =schwedische Ofen= ist von den russischen Oefen im Wesentlichen nur
  dadurch unterschieden, dass er gewhnlich von runder Form ist und
  beinahe bis an die Decke des Zimmers reicht. Der Feuerzug steigt in der
  Mitte des Ofens in die Hhe, von da aus in zwei Kanlen wieder abwrts,
  nochmals in zwei Zgen, welche sich ber dem mittleren Kanale
  vereinigen, aufwrts und von hier aus durch das in der Decke des Ofens
  befindliche Rohr in den Schornstein. Der Verschluss des Rohres wird mit
  Hlfe eines Schiebers bewirkt, der die Oeffnung in der oberen Decke
  versperrt. Man bewirkt dies mit Hlfe einer ber Rollen laufenden
  Schnur. Das Brennmaterial wird auf einmal in den Feuerraum gebracht und
  nach dem Verbrennen desselben das Register der Heizthre, so wie des
  Rauchrohres genau verschlossen.

[Illustration: Fig. 328.]

[Illustration: Fig. 329.]

[Illustration: Fig. 330.]

[Illustration: Fig. 331.]

[Illustration: Fig. 332.]

[Illustration: Fig. 333.]

[Sidenote: Gemischte Oefen.]

  Unter den =gemischten Oefen= hat der =Feilner='sche =Ofen=, welcher als
  eine Modification des russischen Ofens anzusehen ist, eine gewisse
  Berhmtheit erlangt. Beistehende Figuren (Fig. 328 bis 331) zeigen
  ausser vier verschiedenen Grundrissen des Ofens nach den Hhen
  genommen, wie er durch die entsprechenden Buchstaben in den
  Durchschnitten bezeichnet ist, die Lngen- und Querdurchschnitte des
  Ofens und zwar Fig. 328 die vordere Ansicht von der langen Seite des
  Ofens, Fig. 329 das Profil nach der im Grundriss angedeuteten Linie _A
  A_, Fig. 330 Querschnitt nach der Linie _B B_, Fig. 331 Querschnitt
  nach der Linie _C C_. Der Feuerherd dieses Ofens ist ein eiserner, von
  den umgebenden Thonwnden abstehender Kasten, welcher auf der oberen
  Deckplatte an einem Ende mit einer runden Oeffnung versehen ist, in
  welche ein 12-18 Centimeter hohes Rohr eingesetzt wird; durch diesen
  Cylinder muss sich die ganze Feuermasse durchpressen, um in die Zge zu
  gelangen. Eben so wie bei dem russischen Ofen findet hier eine
  vollstndige Verbrennung ohne Rauch- und Russbildung statt und ein
  grosser Theil der entwickelten Wrme theilt sich den Ofenwnden mit.
  Damit die Zge mglichst wirken, wird der Ofen durch eine verticale
  Scheidewand in zwei Theile getheilt; an dieser Scheidewand sind
  horizontale Scheidungen angebracht, so dass die heissen
  Verbrennungsgase sich durch die so gebildeten Gnge hindurch bewegen
  und immer von der einen Hlfte des Ofens in die andere bergehen
  mssen, bis sie oben angekommen sind. Die Verbrennungsgase durchlaufen
  in diesen Oefen einen Weg von 9-20 Meter, ehe sie in das Rauchrohr
  gelangen, dabei berhren sie die usseren Ofenwnde auf etwa 33
  Quadratfuss Flche, so dass ihnen hinlnglich Gelegenheit geboten ist,
  ihre Wrme abzugeben. Da der eiserne Feuerungsraum von allen Seiten
  frei steht, so findet sofort nach dem Einheizen auch Erwrmung des
  Zimmers statt. In dem unteren Theile des Ofens ist eine Art Luftheizung
  angebracht; durch daselbst vorhandene zwei Oeffnungen _a a_ (Fig. 328)
  tritt kalte Luft unten ein, welche bei ihrem Emporsteigen so stark
  erhitzt wird, dass sie heiss durch die Fig. 328 angedeutete
  durchbrochene Verzierung in das Zimmer strmt. Wird nach beendigter
  Verbrennung die Verbindung der Zge mit dem Schornstein durch die
  Klappe unterbrochen, so nimmt der obere, aus Kacheln bestehende Theil
  des Ofens eine solche Temperatur an, dass ein zweites Einheizen an
  einem Tage berflssig ist. _b b b_ ist der aufgemauerte Boden des
  Ofens, _c c_ Sttzen, welche die gusseiserne Bodenplatte _d d_ des
  eisernen Kastens aufnehmen sollen, _e_ sind die drei Seitenplatten,
  _f f_ die Deckplatte des Feuerkastens, _g_ ist das auf der Deckplatte
  befindliche Rohr, durch welches die Verbrennungsgase in die Zge
  treten. Die auf der Deckplatte vorhandenen Mauerziegel tragen die Decke
  _h h_; letztere besteht aus einer Blechtafel, in welcher eine runde
  Oeffnung ist, von solcher Weite, dass das Rohr _g_ das Blech nicht
  berhrt. Auf dieses Blech kommt eine mit den Ofenwnden verbundene
  Decke aus Dachziegeln und zwar so, dass die von dem Kranze des Rohres
  _g_ etwas absteht, wodurch mithin eine Vertiefung sich bildet, welche
  mit trocknem Sand oder mit Asche ausgefllt wird. Diese Vorrichtung
  soll das Mauerwerk von dem Eisen isoliren, damit durch die Ausdehnung
  des Eisens das Mauerwerk nicht auseinandergetrieben werde. Die
  Mauerziegel _i_ bilden die Scheidewand, auf welcher die Decke _k_ ruht.
  _l l_ ist die ebenfalls aus Mauerziegeln bestehende Wand, welche, wie
  oben erwhnt, den Ofen in zwei Theile theilt. Die Ziegel stehen auf den
  Decken _n n_ und sind nur so lang, dass jede der Oeffnungen _n n_
  sieben Zoll von der gegenberstehenden Steinwand absteht; durch die
  Oeffnungen _o o_ steigt der Rauch in die Hhe, _p p_ ist das an dem
  letzten Kanal angebrachte Rauchrohr. Bei dem Feilner'schen Ofen geht
  mithin das Feuer aus dem Feuerkasten _e_ durch das Rohr _g_, stsst an
  die Decke _k_, wendet sich hier um die Wand _i_, geht durch die
  Oeffnung _o_ in den Kanal _n_ und endlich in das zum Schornstein
  fhrende Rauchrohr.

  Beachtenswerth ist ferner der =auf Braunkohlen= eingerichtete
  =Henschel='sche =Ofen=, welchen Fig. 332 im verticalen, Fig. 333 im
  horizontalen Durchschnitt nach der Linie _A B_ zeigt. Dieser Ofen
  besteht aus zwei Cylindern, einem usseren von Gusseisen _a_ und einem
  inneren von starkem Eisenblech _b_. Der ussere Cylinder steht auf dem
  viereckigen Aschenkasten _c d_, der oben mit dem Roste _e_ versehen
  ist. Der innere Blechcylinder reicht nicht bis zum Roste und lsst sich
  durch den gut schliessenden Deckel _g_ verschliessen. Der ussere
  Cylinder wird durch den Deckel _h_ verschlossen. Beim Gebrauch wird der
  Blechcylinder mit Braunkohlenstckchen angefllt; es werden beide
  Cylinder durch ihren Deckel verschlossen und die Braunkohle im
  Feuerraume _i_ durch _k_ entzndet. Die Verbrennung kann
  begreiflicherweise nur auf dem Roste vor sich gehen, wobei der Luftzug
  zwischen den beiden Cylindern nach oben geht und durch das Rohr _l_
  abzieht. Die in den Blechcylindern befindliche Braunkohle sinkt in dem
  Verhltnis, als die Verbrennung fortschreitet, auf den Rost herab. Die
  auf dem Roste sich nach einiger Zeit ansammelnde Asche, welche die
  Verbrennung unterbrechen wrde, wird durch das unter dem Rost
  befindliche drehbare Kreuz _m_, welches mit einigen, zwischen den
  Roststben durchgehenden Stben versehen ist und von aussen durch _n_
  leicht bewegt werden kann, beseitigt. Durch das Rohr _o_ soll der im
  oberen Theile des Ofens etwa vorhandene Rauch abgeleitet werden. Ein
  solcher Ofen brennt in der Regel 48 Stunden. Grosse Verdienste hat sich
  =H. Meidinger= (in Carlsruhe) um die Construction von Fllfen
  erworben.

[Sidenote: Luftheizung.]

Die =Luftheizung= ist eine Art von Ofenheizung und unterscheidet sich von
der gewhnlichen Heizung mit Hlfe von Oefen dadurch, dass der Ofen in
den meisten Fllen nicht in dem zu erwrmenden Raume selbst, sondern in
einem besonderen, in der Heizkammer sich befindet, in welcher sich die
Luft erwrmt und sodann durch Kanle in die zu heizenden Rume gelangt.

  Der Zweck der Luftheizung (Centralheizung) ist, mittelst eines Ofens
  einen grossen Raum mglichst gleichmssig zu erwrmen, oder eine Anzahl
  Zimmer zu gleicher Zeit zu heizen, endlich auch in gewissen Fllen, wo
  in einem Raume der Ofen aus Grnden hinderlich wre, den Ofen zu
  beseitigen. Es giebt drei verschiedene Methoden der Luftheizung, die
  sich wesentlich durch die Art und Weise des Luftwechsels in dem zu
  heizenden Raume unterscheiden:

  a) Die ussere kalte Luft tritt in den Heizraum und strmt als erwrmte
     Luft durch einen Kanal in den zu heizenden Raum; ein der
     eintretenden Luft gleiches Volumen Zimmerluft strmt durch die
     Fenster- und Thrfugen aus.

  b) Die erwrmte Zimmerluft geht durch einen Kanal in die Heizkammer
     zurck, erwrmt sich hier und tritt wieder in das Zimmer. Wenn die
     Methode a den Vorzug hat, das Zimmer stets mit neuer Luft zu
     versorgen und dadurch das Zimmer ununterbrochen zu ventiliren, so
     wird durch die Methode b diejenige Wrmemenge erspart, welche bei
     der ersten Methode durch das Ausstrmen der erwrmten Luft entzogen
     wird.

  c) Eben so wie nach Methode a erwrmt sich die ussere kalte Luft in
     dem Heizraume und gelangt in das Zimmer; die Zimmerluft geht jedoch
     durch einen Kanal zu dem Feuer und dient zu seiner Unterhaltung.
     Diese Methode verbindet die Vortheile von a und b, indem neben
     fortwhrender Ventilation auch Ersparniss an Brennmaterial
     stattfindet.

  Vergleicht man letztere Methode mit der Heizung eines Zimmers durch
  einen Stubenofen, der von =innen= geheizt wird, so ist bei der zweiten
  Methode der Vorgang der Luftcirculation auf die Heizung eines Zimmers
  durch einen von =aussen= geheizten Ofen zurckzufhren.

  Man unterscheidet =zweierlei= Arten von Luftheizung, wenn man die
  Construction des Heizraumes und den Ort, an dem sich derselbe befindet,
  als Eintheilungsgrund gelten lsst, nmlich

                a) die Luftheizung mit einem Mantelofen,
                b) die Luftheizung mit einer Heizkammer.

  Die erstere Art nhert sich ausserordentlich der gewhnlichen
  Ofenheizung und ist von ihr nur dadurch unterschieden, dass der in oder
  neben dem zu heizenden Raume befindliche Ofen mit einem thnernen
  =Mantel= umgeben ist, welcher berall 6-8 Zoll vom Ofen absteht, oben
  offen und unten in der Nhe des Fussbodens mit Oeffnungen versehen ist.
  Wird nun der Ofen geheizt, so steigt die in dem Zwischenraum zwischen
  Ofen und Mantel befindliche Luft erwrmt in die Hhe, an ihrer Stelle
  tritt durch die Oeffnungen im unteren Theil des Mantels kalte Luft,
  welche, nachdem sie erwrmt worden ist, ebenfalls emporsteigt u. s. f.,
  und so passirt in sehr kurzer Zeit alle Luft des Zimmers den Raum
  zwischen Ofen und Mantel und ist dann gleichmssig erwrmt. Man kann
  auf diese Weise einen sehr grossen Raum ganz auf dieselbe Temperatur
  bringen, whrend bei Anwendung eines gewhnlichen Ofens in demselben
  Raume in der Nhe eine lstige Hitze und in nicht grosser Entfernung
  davon eine empfindliche Klte herrschen wrde. Bei der eigentlichen
  =Luftheizung mit einer Heizkammer= ist zuerst die =Heizkammer= zu
  unterscheiden, in welcher der Heizofen aufgestellt ist; sie ist
  gewlbt. Die Heizkammer soll den mglichst kleinen Umfang haben, damit
  die erwrmte Luft so heiss als mglich aus der Heizkammer fortgefhrt
  werde und nicht Zeit habe, Wrme an die Mauerwnde abzugeben. Die
  Kanle zur Ableitung der erwrmten Luft ffnen sich an der Decke der
  Heizkammer, der Zuleitungskanal fr kalte Luft mndet unmittelbar ber
  dem Boden der Ofenkammer. Die Entfernung des Ofens von den Seitenwnden
  betrgt nur 12-16 Centimeter, das Gewlbe der Kammer fhrt man jedoch
  1-1,3 Meter ber der Ofendecke hinweg. Der wesentlichste Theil der
  Luftheizungsfen ist der =Ofen=. Man hat gefunden, dass die Kastenform
  die geeignetste Form fr den Ofen ist. Der Kasten ist entweder von
  Gusseisen oder aus starkem Blech und genietet. Hinsichtlich der Grsse
  des Ofens ist zu bemerken, dass 1 Quadratfuss Oberflche ungefhr
  800-1000 Kubikfuss Luft zu heizen im Stande sei. Eine andere
  Einrichtung der Luftheizung ist folgende: Mehrere ber und neben
  einander liegende, mit einander in Verbindung stehende gusseiserne
  Rhren werden in dem Feuerraume des Ofens so angebracht, dass zu dem
  einen Ende kalte Luft ein- und zu dem anderen Ende erwrmte ausstrmt.
  In der Regel findet das Einstrmen durch die unterste Rhrenreihe und
  das Ausstrmen durch die oberste statt. Da die warme Luft, als
  leichter, immer in die Hhe zu steigen, die kalte schwerere hingegen,
  stets hinabzusinken sucht, so ist es erforderlich, dass die Heizkammer
  unterhalb aller zu heizenden Localitten, demnach in dem Falle, dass
  solche sich auch im Erdgeschosse des Hauses befinden, im Keller
  angebracht sei. Aus gleichem Grunde sollen die Kanle zum Abfhren der
  warmen Luft so viel als mglich senkrecht in die Hhe steigen. Die
  Ausstrmungsffnungen in den Zimmern legt man am besten nahe ber dem
  Fussboden an; sie erhalten zum Verschluss ein durchbrochenes Gitter zum
  Durchlassen der Wrme und ausserdem noch einen Schieber zum vlligen
  Absperren.

  Die Klage ber grssere Trockenheit der Luftheizung im Vergleiche mit
  Ofenheizung ist eine gegrndete, indem die Luft in den auf diese Weise
  geheizten Localen bald jenen Grad der Feuchtigkeit verliert, der zum
  Wohlbefinden der Menschen nothwendig ist. Die Mittel, welche man
  gewhnlich anwendet, um der zu grossen Trockenheit dieser Luft zu
  begegnen, sind folgende: Man stellt eine Schssel mit Wasser ins
  Zimmer, am besten in die Nhe des Luftheizungskanals oder selbst in
  demselben auf, damit die Luft dieses Wasser trinke. Andere bringen
  einen mit Wasser angefllten Badeschwamm in den Kanal. =v. Pettenkofer=
  hat das Unzureichende dieser Mittel nachgewiesen. Die Luftheizung
  eignet sich nicht fr gewhnliche Wohnzimmer, welche einen ganzen
  Winter unseres Klimas hindurch mit heisser Luft geheizt worden sollen.
  Dort wird sich zwar nicht gleich am Anfang des Winters, aber gewiss in
  der Mitte, wenn die Wnde bereits mehr Wasser verloren haben, als ihnen
  durch Absorption aus der freien Atmosphre tglich wieder ersetzt wird,
  die Klage ber Trockenheit der Luft erheben. Rume, welche selten
  geheizt werden, eignen sich dagegen sehr fr Luftheizung; ebenso Rume,
  wie Theater, Concertsle, in welchen sehr viele Menschen, brennende
  Lichter oder andere ergiebige Quellen fr Wasserdampf befinden.

[Sidenote: Calorifres.]

  Das System der =Luftheizung= mittelst sogenannter =Calorifres=, das in
  Grossbritannien, Nordamerika, Schweden und Russland ziemlich allgemein
  eingefhrt ist, bricht sich seit einer Reihe von Jahren auch in
  Deutschland Bahn; namentlich fr ffentliche Gebude mit weiten Rumen
  (z. B. die beiden grssten Kirchen der Stadt Leipzig), obgleich es auch
  fr Privatwohnungen durchaus zweckmssig erscheint. Unter den
  verschiedenen bisher aufgetretenen Verfahren der Luftheizung sind
  diejenigen von =Hartmann= in Augsburg, =Boyer & Co.= in Ludwigshafen a.
  Rh., =Bacon & Perkins= in Hamburg die bekanntesten. Neuerdings haben
  =Reinhardt & Sammet= in Mannheim sich durch das ihrige einen Namen
  erworben. Ihre Calorifres befinden sich im Souterrain und haben so
  grosse Heizflchen nebst so geregelter Circulation, dass das Feuer
  ausgenutzt und der Eintritt von Rauch in die Kanle unmglich gemacht
  wird. Die zu erwrmende Luft wird von der Aussenseite des Gebudes
  hergeleitet, wo sie am reinsten ist, und tritt, nachdem sie sich um den
  Calorifres erhitzt hat, mittelst Einstrmungskanle in die zu
  heizenden Rume. Wandschieber von geflliger Form regeln den Eintritt
  der Heizluft derart, dass bei wechselnder usserer Temperatur in den
  Rumen eine gleichmssige Wrme erhalten wird; Ausstrmungsffnungen
  fhren die durch Athmen u. s. w. verdorbene Luft schnell ab. Eine
  trpfelnde Wasserrinne, welche sinnreich mit dem Apparat verbunden ist,
  versieht den Luftstrom mit so viel Wasserdampf, als zum gesunden,
  behaglichen Athemholen nothwendig ist. Zu diesen innern Vortheilen, der
  Ofenfeuerung gegenber, gesellen sich noch einige ussere von
  erheblichem Werth, nmlich ein bedeutender Minderverbrauch an
  Brennmaterial und die Abhaltung von allem Staub und Schmutz. Endlich
  kann die ganze Heizung durch einen gewhnlichen Arbeiter beschickt und
  sicher geregelt werden. Bei dem System der Luftheizung, welches die
  Firma =Boyer & Co.= in Ludwigshafen bereits vielfach (namentlich in
  Bayern, z. B. in der Aula der Universitt Mnchen, dem Centralbahnhofe
  in Wrzburg etc.) ausgefhrt hat und das 75 Proc. Nutzeffect geben
  soll, werden die Heizrhren nicht aus Eisenblech, sondern in
  Holzkohleneisenguss von angemessener Wandstrke ausgefhrt und die
  Apparate sind so eingerichtet, dass kein Theil derselben weissglhend
  und nur der kleinste Theil rothglhend wird, so dass Reparaturen fast
  gar nicht vorkommen und die Luft niemals durch entweichende
  Verbrennungsprodukte verunreinigt wird. Um den Rhren bei kleinem
  Durchmesser eine mglichst grosse Heizflche zu geben, erhalten sie
  einen plattelliptischen Querschnitt, so dass pro Kilogramm stndlich
  verbrennender Kohlen 2,5 Quadratmeter Heizflche geboten werden knnen.
  Um die Wrme der Verbrennungsprodukte vollstndig zu verwerthen, lsst
  man dieselben ein inneres Rhrensystem durchlaufen und in das ussere
  erst treten, nachdem sie schon wesentlich abgekhlt sind. Die
  Strahlwrme des erhitzten Rhrensystems wird so ganz von dem ussern
  System aufgefangen und von diesem an die mit ihm in Berhrung kommende
  zu heizende Luft wieder abgegeben. Das ussere Rhrensystem ist von
  einer mit einer glatten Kalkschicht berzogenen Mauerhlle umgeben,
  welche sich nur so wenig erwrmt, dass ein Wrmeverlust nach Aussen
  durch Strahlung, welche nicht der zu erwrmenden Luft zu gut kommt,
  fast gar nicht stattfindet. Die Verbrennungsprodukte werden so weit
  abgekhlt, dass sie mit kaum 100 C. in den Schornstein entweichen. Der
  Rauch wird, wenn nicht ganz schlechtes Brennmaterial angewendet wird,
  fast vollstndig verbrannt und knnen meist unmittelbar die
  gewhnlichen Kamine verwendet werden. Um die der gewhnlichen
  Luftheizung so oft und mit Recht vorgeworfene unangenehme und
  schdliche Trockenheit zu vermeiden, wird die erwrmte Luft mit
  Wasserdampf gemischt und werden tglich pro 100 Kubikmeter Heizraum
  1,5-2 Liter Wasser verdampft.

[Sidenote: Kanalheizung.]

  Die =Kanalheizung= besteht darin, dass unter dem Fussboden des zu
  heizenden Locales Kanle hin- und herlaufen, an deren einem Ende sich
  der Feuerherd, an deren anderem Ende sich der Schornstein befindet, so
  dass die heissen Verbrennungsgase durch diese Kanle hindurchziehen.
  Die Kanle gehen unter dem Fussboden, welcher mit Steinplatten oder
  gebrannten Ziegeln bedeckt ist, im Zickzack hin und her, sind nach
  unten bogenfrmig oder in Gestalt einer Rinne und ausgemauert.
  Auswendig ist der Kanal mit trocknem Mauerschutt umgeben. Der Feuerherd
  befindet sich in einem nahe gelegenen Behltnisse im Keller oder in
  einer Ausgrabung unter der Erde. Der Schornstein geht in einer der
  Seitenwnde in die Hhe. Man wendet die Kanalheizung jetzt noch am
  hufigsten zur Erwrmung von Treibhusern an, sonst wegen der
  bedeutenden Feuersgefahr selten.

[Sidenote: Heisswasserheizung.]

Anstatt die Luft unmittelbar zu erwrmen, bedient man sich zuweilen eines
Zwischentrgers, nmlich des =Wassers=, welches sich seiner hohen
specifischen Wrme wegen ganz besonders dazu eignet. Die darauf basirte
Heizung nennt man die =Heisswasserheizung=[200]. Es kommt dabei darauf
an, ein mit heissem Wasser angeflltes Gefss in den zu heizenden Raum zu
bringen und Sorge zu tragen, dass die Wrme, die das Wasser verliert,
wieder ersetzt wird. Man unterscheidet die gewhnliche
=Warmwasserheizung= oder =Niederdruckheizung=, bei welcher das Wasser
niemals ber seinen Siedepunkt hinaus erhitzt wird, von der eigentlichen
=Heisswasserheizung= oder =Hochdruckheizung=, von welcher weiter unten
die Rede sein wird.

  [200] 1 Kilogr. Wasser von 100 lsst, wenn es sich bis auf 20
        abkhlt, 80 W.-E. entweichen, welche 32 Kilogr. oder 24,61
        Kubikmeter Luft um 10 erwrmen knnen.

  Die Niederdruckheizung wird ausgefhrt

  a) mit Hlfe der Circulation durch einen geschlossenen geheizten Kessel
  oder

  b) mit Hlfe der Circulation der Heberwirkung bei einem offenen
  geheizten Gefsse.

[Illustration: Fig. 334.]

  a) Bei der Niederdruckheizung nach der =ersten= Methode steht ein
  grosser Wasserkessel, welcher dicht zugeschraubt werden kann, mit
  Rhren in Verbindung, welche nach den zu heizenden Rumen fhren und
  dann wieder in den Kessel zurckkehren. Das Princip der Circulation des
  Wassers wird aus Fig. 334 deutlich werden. Die Erwrmung des Wassers
  geschieht in dem Kessel _A_, _e_ ist das Steigrohr, _d f_ die zum
  Kessel zurckgehende Heizrhre. Das Gefss _e_ dient zum Fllen des
  Apparates mit Wasser; es entweicht ferner durch dasselbe die Luft, die
  sich beim Erwrmen aus dem Wasser entwickelt, ferner die Wasserdmpfe,
  welche durch zu starkes Heizen des Kessels sich bilden knnten. Indem
  das Wasser in dem Steigrohr emporsteigt und dabei seine Wrme den
  darber befindlichen Flssigkeitstheilchen mittheilt, fliesst kaltes
  Wasser aus _f f_ in den Kessel herab, erwrmt sich daselbst und steigt
  in die Hhe. Dieses Spiel dauert so lange, als noch in den
  verschiedenen Theilen ein Temperaturunterschied vorhanden ist; es wird
  aber niemals aufhren, wenn das aufsteigende warme Wasser unterwegs
  abgekhlt und der Temperaturunterschied forterhalten wird. Ein kleiner
  Wasserverlust findet dabei statt, so dass man von Zeit zu Zeit durch
  die mit einem Stopfer verschlossene Oeffnung _e_ am oberen Theil der
  Rhre etwas Wasser nachfllen muss. Die Leitungsrhren werden am besten
  aus Gusseisen angefertigt. Man rechnet bei dieser Heizung 20-30
  Quadratfuss Heizflche auf je 100 Kubikfuss Zimmerraum. Zur Abgabe der
  Wrme an die Luft der zu heizenden Rume bedient sich die
  Warmwasserheizung sogenannter Oefen. Die gebruchlichste Form derselben
  ist die Sule; sie besteht aus einem senkrechten Cylinder von 2 bis 3
  Meter Hhe und 0,3-0,7 Meter Durchmesser, welcher parallel mit seiner
  Axe eine Anzahl der Luft zugngliche Rhren enthlt. Die
  Warmwasserheizung, die sich in vielen ffentlichen und Privathusern
  Leipzigs, Berlins und anderer Stdte Deutschlands eingebrgert hat, ist
  eine usserst comfortable Heizmethode. Gleichmssige, leicht
  regulirbare Wrme, Vermeidung allen Rauches, Staubes und Geruchs,
  vollkommene Gefahrlosigkeit, tglich einmaliges Feuern fern von den zu
  erwrmenden Rumen, geringer Kostenaufwand, leichte Anbringung der
  erforderlichen Ventilation -- das sind die grossen Vorzge der
  Warmwasserheizung vor allen Heizarten.

  b) Die =zweite= Methode der Heisswasserheizung mit Hlfe eines offenen
  Kessels, bei welcher das Princip des Hebers in Anwendung kommt, ist das
  sogenannte =Thermosiphon= von =Fowler=, welches im Vergleich zur ersten
  Methode den Nachtheil hat, dass durch den offenen Kessel ein nicht
  unbedeutender Wrmeverlust stattfindet, fr die Vermeidung der
  Ansammlung von Luft in dem oberen Theile des Hebers weit grssere
  Sorgfalt erforderlich, die Rhrenhhe endlich eine beschrnkte ist,
  insofern sie vom Luftdrucke abhngt.

  Eine andere Methode der Heisswasserheizung ist die von =Perkins=
  erfundene sogenannte =Hochdruckheizung=. Man benutzt dabei warmes
  Wasser, dessen Temperatur bis auf 150 bis 200 C., an der Feuerstelle
  sogar bis auf 500 steigt. Der bei dieser Methode angewendete Apparat
  besteht aus einer endlosen Rhre, welche berall geschlossen und mit
  Wasser gefllt ist. Der Kessel ist berflssig. Der sechste Theil der
  Rhre ist in irgend einer zweckmssigen Form aufgewickelt und in einen
  Ofen gebracht; die brigen 5/6 werden durch Circulation erwrmt. Die
  Rhren sind von Schmiedeeisen, haben 1 Zoll innere Weite und sind
  mittelst einer hydraulischen Presse fr einen Druck von 3000 Pfd. auf
  den Quadratzoll geprft. Noch mag bei der Heisswasserheizung angefhrt
  werden, dass man sich neuerdings auch des durch die =Erdwrme erwrmten
  Wassers= zum Heizen bedient hat; das warme Wasser artesischer Brunnen
  wird zum Heizen von Gewchshusern, Fabriken u. s. w. benutzt, eben so
  das Wasser heisser Thermen, so findet z. B. in der katholischen
  Stadtkirche zu Baden-Baden seit 1867 Thermalwasserheizung durch die
  dortigen, in der Nhe entspringenden Thermalquellen (von 67 C.
  Temperatur) statt.

[Sidenote: Dampfheizung.]

Bei der =Heizung mit Wasserdmpfen= -- auf der Anwendung der latenten
Wrme des Wasserdampfes beruhend -- werden die Heizflchen, die ihre
Wrme an die zu heizenden Rume abgeben sollen, durch Wasserdampf
erwrmt, der in einem Dampfkessel erzeugt wird. 1 Kilogr. Wasserdampf von
100 C. enthlt so viel Wrme, dass durch dieselbe 5,5 Kilogr. Wasser von
0 bis auf 100 erhitzt werden knne.

  Ein Dampfheizapparat besteht aus einem Dampfkessel, aus Heizrhren, und
  aus Rhren, welche das condensirte Wasser entweder zu dem Kessel
  zurck- oder gnzlich abfhren. Der Kessel fr den Dampfheizapparat hat
  ganz die Beschaffenheit eines gewhnlichen Dampfkessels. Die Heizrhren
  sind von Gusseisen; man bringt sie entweder horizontal ein wenig
  geneigt wegen des Abfliessens des condensirten Wassers oder vertical
  an. Sind mehrere Stockwerke eines Hauses zu heizen, so lsst man ein
  Steigrohr bis zu der obersten Etage in die Hhe gehen, von dem aus
  Leitungsrhren nach den verschiedenen Etagen abgehen. Die
  Leitungsrhren sind am Ende mit einem nach auswrts ffnenden Ventile
  versehen, damit die Luft durch die einstrmenden Dmpfe ausgetrieben
  werden kann; ausserdem wrde sie sich an den Enden der Rhren anhufen
  und dem Eintreten des Dampfes bis zu dieser Stelle ein Hinderniss
  entgegenstellen, so dass dieser Theil der Rhren ungeheizt bliebe.
  Sobald die Dampfentwickelung im Kessel aufgehrt hat, demnach durch die
  Condensation der Dmpfe ein luftleerer Raum entsteht, muss die Luft
  durch ein nach innen sich ffnendes Ventil einstrmen knnen. Die
  Dampfheizung ist besonders dort mit Vortheil anzuwenden, wo von einem
  Feuerherd aus die Heizung auf grosse Entfernungen und nach den
  verschiedensten Richtungen ausgefhrt werden soll, wie in
  Fabrikgebuden mit grossen Arbeitsslen etc. Vor der Luftheizung hat
  sie den Vorzug, dass die Leitungsrhren unter dem Fussboden hingeleitet
  werden und dabei Gegenstnde aller Art berhren knnen, ohne dass eine
  Entzndung zu besorgen wre. Vor der Heisswasserheizung hat sie voraus,
  dass der Dampf bis zu bedeutenden Hhen aufwrts geleitet werden kann,
  ohne dass der Druck im Kessel vermehrt wrde. In Fabriken, welche mit
  Hochdruckmaschinen arbeiten, ist die Dampfheizung namentlich
  vortheilhaft, da in diesem Falle die Heizung fast kostenlos
  bewerkstelligt werden kann.

[Sidenote: Combination von Dampf- und Wasserheizung.]

  In neuerer Zeit ist der Gedanke einer =Combination der Dampfheizung=
  mit der =Wasserheizung= aufgetaucht, wodurch es mglich wird, aus einem
  Herde weit auseinander gelegene Wassergefsse, die man direct nicht mit
  einander verbinden kann, mit Wrme zu versehen. Nur auf diese Weise
  wird es mglich sein, das fr die Pyrotechnik hochwichtige Problem, das
  Princip der Association -- wie auf Beleuchtung -- so auch auf
  Heizzwecke anzuwenden, und durch eine Centralheizung eine Anzahl
  bewohnter Gebude mit Wrme zu versehen, in befriedigender Weise zu
  lsen.

[Sidenote: Gasheizung.]

=Gasheizung.= Seit in neuerer Zeit die Beleuchtung mit Steinkohlengas und
Holzgas so grosse Ausdehnung gewonnen hat und der Preis des Leuchtgases
im fortwhrenden Sinken begriffen ist, lag der Gedanke nicht fern, sich
des Gases als Heizmittel zu bedienen. Es wurden auch frher schon hier
und da einige derartige Einrichtungen ins Leben gerufen, allgemeiner
geschah dies jedoch erst in vielen Fabriken Englands, welche das Gas als
Nebenprodukt gewannen und zwar mehr als sie zur Beleuchtung nthig
hatten. Nach und nach ging die Gasheizung in die Hauswirthschaft ber, wo
sie sich durch schnellen und sicheren Effect, so wie durch Bequemlichkeit
und Reinlichkeit auszeichnet.

  Die Anwendung der Gasflamme zur Erhitzung von Kochapparaten scheiterte
  lange Zeit an der Eigenschaft des Leuchtgases, in Berhrung mit kalten
  Krpern Russ abzuscheiden, wodurch die Gefsse beschmutzt wurden, auch
  war die Heizkraft nur gering. Ingenieur =Elsner= in Berlin beseitigt
  diesen Uebelstand dadurch, dass er das Gas, ehe es zur Verbrennung
  gelangt, mit Luft mischt. Durch die dem Gase vor dem Verbrennen
  zugesetzte Luft findet der Kohlenstoff den zu seiner Verbrennung
  nothwendigen Sauerstoff und das Gasgemenge verbrennt mit einer nicht
  leuchtenden, aber auch nicht mehr russenden Flamme[201]. Die Gasfen
  zur Zimmerheizung lassen sich in jeder beliebigen Grsse anfertigen,
  sind beweglich und daher berall anzubringen; sie entbehren des
  Schornsteins, durch welchen bei den brigen Oefen ein grosser Theil
  Wrme unbenutzt abzieht. Die Zimmer werden durch Gasfen sehr rasch
  geheizt, wodurch sich diese Heizungsart besonders fr ffentliche
  Locale eignet, bei denen eine schnelle, aber nur kurze Erwrmung
  erforderlich ist, so bei Kirchen, wie denn auch in Berlin in mehreren
  Kirchen und anderen ffentlichen Gebuden mit der Gasheizung
  befriedigende Versuche angestellt worden sind. Im Allgemeinen sind 5
  Kubikfuss Gas hinreichend, um die Temperatur von 1000 Kubikfuss Raum um
  12 C. zu erhhen; 1/5 der Gasmenge fr die Stunde reicht ferner hin,
  um die erzeugte Temperatur constant zu erhalten. Bei den in Deutschland
  gegenwrtig noch immer herrschenden hohen Gaspreisen ist an eine
  Concurrenz der Gasheizung mit anderen Heizungsarten vor der Hand nicht
  zu denken. Es ist aber gewiss, dass man in der Zukunft die
  Generatorgase und das Wassergas, unter besonders gnstigen localen
  Bedingungen vielleicht auch das Petroleum (vergl. Seite 801), wird zur
  Zimmerheizung anwenden knnen. Zu technischen Zwecken finden die
  Generatorgase (vergl. Seite 810) bereits ausgedehnte Anwendung.

  [201] =Karl Knapp= (Journ. f. pract. Chemie 1870 Bd. I p. 428) hat
        indessen nachgewiesen, dass die vollstndigere Verbrennung nicht
        die einzige Ursache des Nichtleuchtens der Gasflamme mit innerem
        Luftzutritt ist. Die wesentliche Ursache sei in der Verdnnung
        des Gases durch Luftbeimengung zu suchen.

[Sidenote: Heizung ohne die gewhnlichen Brennmaterialien.]

Dass sich eine unerschpfliche Wrmequelle in der sogenannten =latenten
Wrme= (der lteren Physiker) der Krper findet, welche durch =Reibung=
oder =Stoss= freigemacht werden kann, ist lngst bekannt[202]. Sobald es
nun thunlich ist, eine der producirten Wrme quivalente mechanische
Kraft wohlfeil genug zu beschaffen, liegt die Mglichkeit vor, Wrme
durch Umsetzung von Werk, in unbegrenzter Menge zu erzeugen.

  [202] Vergl. =Rumford='s Versuche aus dem Jahre 1798 in =J. Tyndall=,
        die Wrme betrachtet als eine Art der Bewegung. Braunschweig 1867
        p. 15 und 71.

  In der neueren Zeit noch hat ein Apparat von =Beaumont= und =Mayer=, um
  mittelst der Reibung Wrme zu erzeugen, Aufsehen erregt. Dieser Apparat
  hat den Zweck, ausserdem verlorene Krfte, wie z. B. unbenutzte
  Wassergeflle, Winde etc., dadurch zu verwerthen, dass durch Reibung
  einer konischen hlzernen Welle in einem Metallstcke mit
  entsprechender konischer Aushhlung im Innern eines zum Theil mit
  Wasser gefllten Dampfkessels Dampf erzeugt wird. Es ist nach dem
  Gesetze der Erhaltung der Kraft einleuchtend, dass der durch diesen
  Apparat gelieferte Dampf nie als Triebkraft benutzt werden kann, da man
  schon einer solchen bedarf, um den Apparat in Bewegung zu setzen und
  daher die von dem Apparate selbst erzeugte Kraft nothwendig geringer
  sein muss als die ursprngliche[203]. Ein anderer Apparat, der ohne
  Anwendung von Brennmaterial Wrme verbreitet, beruht auf der
  Wrmeentwickelung durch die =Compression der Luft= mit Hlfe einer
  Verdichtungspumpe. Derselbe ist von =Arzbecher= zu Heizungszwecken
  vorgeschlagen worden. Zur Bewegung der Luftpumpe knnte irgend eine
  mechanische Kraft, welche eine Nebennutzung gestattet, verwendet
  werden. Aber auch hier ist nicht zu vergessen, dass die producirte
  Wrme nur umgesetzte Kraft (= Arbeit) ist. (Da einer Wrmeeinheit ein
  mechanisches Aequivalent von 424 Kilogr. entspricht, so msste eine
  Pferdekraft 10 Stunden thtig sein, um eine Wirkung zu erzeugen, die 1
  Kilogr. Steinkohle entspricht.) Die Wrme, welche bei der =Ghrung von
  Stalldnger= sich entwickelt, findet bei der Erwrmung von
  Gewchshusern praktische Anwendung. An der hohlen Wand derselben wird
  ein etwa 2 Meter hoher Dngerhaufen, welcher mit abgefallenem Laube
  etc. vermengt ist, aufgeschichtet, indem man durch den unteren Theil
  desselben einige an beiden Enden offene Rhren von Blech, etwas
  geneigt, einlegt. Diese Rhren erwrmen sich und die Luft circulirt in
  denselben und tritt an dem einen Ende erwrmt aus.

  [203] General =Morin= that durch Versuche dar, dass eine
        Betriebsleistung von 21 Pferdekraft erforderlich sei, um mit dem
        obigen Apparate den Einer Pferdekraft entsprechenden Dampf
        hervorzubringen!


          [Greek: b]) _Die Kesselfeuerung mit Rauchverzehrung._

[Sidenote: Allgemeines.]

Kessel werden mit wenigen Ausnahmen stets in gemauerten Oefen erhitzt,
wobei Brennstoffersparniss eine bei der Construction des Ofens vor Allem
zu beachtende Aufgabe ist. Da bei der Kesselheizung eine intensive
Erhitzung bewirkt werden soll, so ist unbedingt ein =Rost= und ein
=Aschenfall= erforderlich, weil ausserdem eine vollstndige Verbrennung
nicht erzielt werden kann. Der =Rost= besteht aus parallel liegenden
Stben von Schmiede- oder Gusseisen, deren Strke von ihrer Lnge, und
ihre Entfernung von einander von der Grsse der Stcke des Brennmaterials
abhngt, indem diese Zwischenrume nur der Asche den Durchgang gestatten
drfen. Die Erfahrung hat gelehrt, dass die Summe der Zwischenrume,
welche die Roststbe trennen, nur ein Viertel von der ganzen Oberflche
des Rostes betragen soll. Die grossen Roste haben vor den kleinen den
Vorzug, dass der Zug durch den Durchgang der Luft durch das Brennmaterial
weniger vermindert wird, die Roste sich nicht so leicht verstopfen und
das Einfeuern nicht so oft vorgenommen zu werden braucht, wodurch an
Arbeit erspart wird; der ganze Rost muss dagegen immer mit Brennmaterial
bedeckt sein. Die kleineren Roste haben dagegen andere, fr specielle
Flle sehr wichtige Vortheile; es ist nmlich die Verbrennung lebhafter
und vollkommener und es entgehen der Verbrennung weit geringere Mengen
Luft als bei grsseren Rosten. Bei Rosten mit Holzfeuerung kann die
Oberflche des Rostes mindestens zweimal kleiner als bei der
Steinkohlenfeuerung sein, da bei der ersten Art der Feuerung die
Oeffnungen sich nicht verstopfen. Nach =Ed. Kchlin= ist zur Verbrennung
von 350 Kilogr. alten Eichenholzes in Zeit von 1 Stunde 1 Quadratmeter
Rostflche mit 1 Viertel fr die Zwischenrume das zweckmssigste
Verhltniss. Gewhnlich sind die Roste fr die Holzfeuerung 4 mal kleiner
als fr Steinkohlenfeuerung.

  Der =Feuerraum= zwischen der Herdsohle (dem Roste) und dem Kessel muss
  gerumig genug sein, um das Brennmaterial aufnehmen zu knnen und die
  gehrige und vllige Entwickelung der Flamme zu gestatten. Das
  Brennmaterial muss in der erforderlichen Menge aufgegeben werden; ist
  die Quantitt zu klein, so entgeht ein grosser Theil der einstrmenden
  Luft der Verbrennung; ferner veranlasst, wenn oft geschrt werden muss,
  das hufige Oeffnen des Schrloches kalte Luftstrmungen, welche die
  Temperatur unter dem Kessel erniedrigen und unter Rauchbildung einen
  starken Verlust herbeifhren. Ist dagegen die Menge des aufgegebenen
  Brennmaterials zu gross, so wird der Luft der Durchgang erschwert und
  die Verbrennung kann nur langsam und unvollkommen vor sich gehen. Ist
  der Feuerraum zu niedrig, so wird die Flamme gedmpft, es findet nur
  unvollkommene Verbrennung und reichliche Rauchbildung statt; ist dieser
  Raum dagegen zu hoch, so wirkt auf den Kessel vorzglich nur die
  strahlende Wrme und es geht demnach viel Wrme verloren. Die das
  Schrloch verschliessende =Heizthre= muss so breit sein, dass man den
  Rost bequem bersehen kann, und so hoch, dass das Einfeuern ungehindert
  vor sich gehen kann. Sie muss vollkommen genau schliessen, da die durch
  die Ritzen und Fugen eindringende Luft durch Erniedrigung der
  Temperatur und Rauchbildung fortwhrenden Wrmeverlust nach sich ziehen
  wrde.

[Sidenote: Rauchverzehrende Feuerungen.]

Indem wir die gewhnlichen Kesselfeuerungen, deren Betrachtung zum
grssten Theile der Dampfmaschinenlehre angehrt, bergehen, wenden wir
uns zu den =rauchverzehrenden Feuerungen=. Nicht nur um die Nachtheile
des Rauches zu vermeiden, welcher fr die Umgebung grosser
Feuerungsanlagen hchst unbequem werden kann, sondern auch und zwar
hauptschlich, um an Brennstoff zu sparen[204] und an Heizkraft zu
gewinnen (da der konomische Vortheil der rauchverzehrenden Vorrichtungen
zum Theil auch darin beruht, dass, weil die Heizflchen nicht berussen,
dieselben in einem fr die Wrmetransmission geeigneteren Zustande
lngere Zeit erhalten werden), hat man sich seit langer Zeit die Aufgabe
gestellt, rauchverzehrende Feuerungen zu construiren, ohne dass dieses
Problem bis jetzt als gengend gelst betrachtet werden knnte. Wirft man
auf ein in vollem Brennen begriffenes Steinkohlenfeuer frische
Steinkohlen, so entwickeln sich pltzlich solche Quantitten brennbarer
Gase und Dmpfe von hohem Kohlenstoffgehalt (Benzol, Toluol, Carbolsure,
Anthracen, Naphtalin, Paraffin etc.), dass der Sauerstoff der in dem
Feuerraum befindlichen Luft zu ihrer vollstndigen Verbrennung in den
meisten Fllen nicht gengt. Durch die verhltnissmssig khlen Wnde des
Dampfkessels und durch die whrend des Einfeuerns einstrmende kalte Luft
werden die Verbrennungsprodukte abgekhlt und es verbrennt nur der
Wasserstoff dieser Verbindungen zum Theil, whrend der Kohlenstoff als
Russ ausgeschieden und nicht verbrannt wird. Die verschiedenen die
Verzehrung des Rauches bezweckenden Vorrichtungen beruhen auf
verschiedenen Principien; so wird unter anderen z. B. a) durch einen
besondern Luftkanal, welcher unmittelbar hinter dem Rost mndet, der
Flamme ein Strom kalter und heisser Luft zugefhrt; b) man bringt zwei
nebeneinander befindliche Feuerungen, die abwechselnd mit frischen Kohlen
gespeist werden, in solche Verbindung, dass der Rauch der einen Feuerung
mit dem in voller Glut befindlichen Feuer der anderen Feuerung in innige
Berhrung tritt und dadurch verbrannt wird; c) es werden die frischen
Kohlen auf den vorderen Theil des Rostes geworfen, damit der Rauch ber
das auf dem Hintertheile des Rostes in voller Glut brennende Feuer
streiche; d) das Aufschtten von frischem Brennmaterial ist einer
Vorrichtung bertragen, welche nicht periodisch eine grssere
Kohlenmenge, sondern allmlig, aber in ununterbrochener Wirkung die Kohle
in zerkleinertem Zustande auf das in voller Glut befindliche Feuer wirft;
e) zur Herbeifhrung der hinreichenden Luftmenge, deren Sauerstoff die
vollstndige Verbrennung ermglichen sollte, d. h. zur Erreichung des
nthigen Zuges war man bisher gewhnt, sehr hohe Schornsteine
aufzufhren, denn je hher die Schornsteine, desto grsser die Differenz
in den specifischen Gewichten innerhalb und ausserhalb des Schornsteines,
desto rascher aber auch die durch den Zug erfolgende Ausgleichung dieser
Differenzen, aber auch desto kostspieliger. Je mehr der Zug auf diesem
Wege gesteigert wird, desto grssere Wrmemengen gehen auf diese Weise
verloren. Da die Temperaturdifferenz die Ursache der Luftstrmung ist, so
suchte =L. Gall= diese Bedingung durch eine constante hohe Temperatur des
Verbrennungsraumes zu erfllen.

  [204] Versuche in England ergaben, dass 1 Tonne (= 20 Ctr.) Steinkohlen
        bei gewhnlicher Verbrennung 25 Pfund Russ liefert, welcher eine
        Heizkraft von 4/5 der Kohle hat. Der Verlust an Heizkraft durch
        fortgefhrten Kohlenstoff betrgt danach 1/112 oder nicht ganz
        1 Proc.

  Von den bekannteren Einrichtungen, den Rauch zu verzehren oder die
  Bildung des Rauches zu verhten, oder endlich den entstandenen Rauch
  auf mechanische Weise (z. B. durch Waschen) zu entfernen, seien
  folgende Principien mit Beispielen angefhrt.

1. =Mechanische Entfernung des Rauches durch Waschen der Feuergase.= Man
hat in England, namentlich in den chemischen Fabriken zu Newcastle
Vorrichtungen getroffen, um den aus den Feuerungen kommenden Rauch, bevor
er in den Schornstein tritt, auszuwaschen. Smmtliche rauchentwickelnde
Herde einer Fabrik werden mittelst eines weiten und langen gemauerten
Kanales mit einer einzigen Esse in Verbindung gesetzt.

  Dieser Kanal hat eine Reihe von Knien in einer senkrechten Ebene, so
  dass der Gasstrom, welcher mit dem Russ gemischt ist, wiederholt auf-
  und abwrts, wie durch eine Reihe von Hebern ziehen muss, um zum
  Schornsteine zu gelangen. Jeder der abwrts gehenden Schenkel des
  Herdes ist an seinem oberen Theile verschlossen und zwar durch ein
  Becken mit Rndern von verschiedener Hhe, dessen metallener Boden mit
  kleinen Lchern wie die Brause einer Giesskanne versehen ist. Durch
  diese Lcher fllt Wasser mitten in den Rauchstrom; das so als Regen
  einfallende Wasser verhindert den Zug nicht, sondern befrdert ihn,
  weil es in derselben Richtung fllt, in welcher der Gasstrom sich
  bewegt. Alle von letzterem mitgefhrten festen Theilchen werden durch
  das wiederholte Waschen abgeschieden und bleiben auf dem Wasser der
  Sohle des Kanals als Russ liegen, wo sie nach einiger Zeit
  hinweggenommen werden. =Jean= in Paris hat das Princip des Waschens des
  Rauches in etwas anderer Weise als oben beschrieben angewendet: Der
  Rauch und die Gase strmen hier aus dem letzten Kesselkanale in einen
  unterirdischen Kanal, welcher bis zur Esse geht und dessen Sohle
  mehrere Centimeter hoch mit Wasser bedeckt ist. Dieser Kanal heisst der
  hydraulische Kanal. Der aus der Dampfmaschine entweichende Dampf wird
  bis zu diesem Kanale gefhrt, wo er zum grssten Theile durch einen
  Strahl kalten Wassers verdichtet wird, der als Regen der Richtung des
  Dampfes entgegenstrmt. Etwas weiterhin im Kanale befindet sich ein
  Rhrer in Form eines Schaufelrades, dessen Schaufeln die Oberflche des
  Wassers berhren, ohne darin einzutauchen; die Kanten desselben sind
  oben mit wedelhnlichen Pinseln versehen, welche in das Wasser treten,
  dasselbe aufnehmen, heben und wieder wegschleudern, so dass es in
  feinen Tropfen niederfllt. Das Wasser im hydraulischen Kanal wird
  folglich erwrmt und dient, nachdem es filtrirt worden ist, zur
  Speisung des Dampfkessels.

  Wie es scheint hat das frher in den englischen Bleihtten in Anwendung
  gebrachte Waschen des Bleirauches als Muster fr das Rauchwaschen
  gedient, welches, abgesehen von den nicht wohlfeilen Einrichtungen und
  der erforderlichen Betriebskraft, um so weniger zu empfehlen ist, als
  dadurch im gnstigsten Falle nur die im Rauche enthaltenen festen
  Krper wie Russ und Flugasche, nicht aber die riechenden Stoffe
  beseitigt werden. Weit vortheilhafter ist

2. =Die Anwendung verbesserter Roste=, die wir a) als immobile und b) als
mobile Roste unterscheiden knnen.

[Sidenote: Treppenrost.]

[Sidenote: Etagenrost.]

  Von den =immobilen= Rosten sind erwhnenswerth der =Treppenrost= und
  der =Etagenrost=. Ersterer, der zuerst von franzsischen Technikern,
  wie es heisst, nach Angabe eines polnischen Ingenieurs, auf
  sterreichischen Htten in Anwendung kam, besteht aus mehreren, aus
  Roststben gebildeten Stufen, welche fr das Schreisen, vom
  Aschenfalle aus, zugnglich sind. Durch die Hitze des Feuers auf den
  unteren Stufen wird das Material auf den oberen einigermaassen verkokt
  und erst, wenn es seine Gase zum Theil abgegeben hat, wird es auf die
  unteren Stufen herabgestossen, um auf den oberen durch neues ersetzt zu
  werden. Die Luft tritt bei diesem Roste nicht allein durch die
  Roststbe, sondern auch durch die Stufenabstze zum Theil seitlich, zum
  Theil ber das Feuer, was zur Entzndung der flchtigen Stoffe
  einigermaassen beitrgt. Backende Kohlen eignen sich fr den
  Treppenrost nicht, eben so wenig stark schlackebildende, dagegen ist
  die Anwendung von Kohlenklein, Torfabfllen, Sgespnen und dergleichen
  sehr am Platze. Anstatt der eisernen Roststbe verwenden =Longridge=
  und =Mash= (1866) Blcke oder Platten aus feuerfestem Thon, welche
  entweder mit durchgehenden cannelirten Lchern versehen oder deren
  Aussenflchen so beschaffen sind, dass beim Zusammenstellen mehrerer
  solcher Blcke Kanle entstehen, durch welche dem Brennstoff Luft
  zugefhrt wird. Wesentlich modificirt tritt der Treppenrost als =E.
  Langen='s =Etagenrost= im Jahre 1866 auf. Er unterscheidet sich von
  allen blichen Feuerungsvorrichtungen dadurch, dass bei ihm das frische
  Brennmaterial nicht wie bei dem liegenden Rost =auf= die brennende
  Kohlenschicht, sondern =unter= derselben auf den Rost eingefhrt wird.
  Zu dem Ende ist der unter einem Winkel von etwa 28 geneigt liegende
  Rost in mehrere Etagen getheilt, dergestalt, dass zwischen jeder Etage
  in der ganzen Breite des Rostes ein freier Raum von etwa 12 Centimeter
  Hhe bleibt, durch welchen die frische Kohle auf den Rost geschoben
  wird. Die Destillation der Gase geht daher ununterbrochen unter stetem
  Luftzutritt von unten vor sich und dieses Gemisch von Gas und Luft ist
  gezwungen, durch die darber liegende Kohlenschicht zu streichen, wo es
  die zu einer vollstndigen Verbrennung erforderliche Temperatur
  vorfindet. Somit sind alle Bedingungen zu einer mglichst rauchlosen
  Verbrennung in einfacher Weise und ohne Hlfe jeder mechanischen
  Vorrichtung erfllt. Da unmittelbar auf der Rostflche sich nur frische
  Kohle befindet, so wird der Rost khl erhalten und derselbe vor
  Abnutzung und Verschlackung geschtzt.

[Sidenote: Mobile Roste.]

  Den =mobilen= Rosten liegt wesentlich der Gedanke zu Grunde, das
  Nachfeuern durch mechanische Vorrichtungen besorgen zu lassen. Von
  allen in Gebrauch gekommenen derartigen Apparaten haben zwei die meiste
  Verbreitung gewonnen, nmlich der =Kettenrost= und der =rotirende
  Rost=.

[Sidenote: Kettenrost.]

[Illustration: Fig. 335.]

  Der =Kettenrost= von =Juckes= (in Frankreich der Rost von =Tailfer=
  oder =Taillefer= genannt) hat, trotz seiner complicirten und
  kostspieligen Construction vielfach Eingang in die Praxis gefunden. Er
  besteht (Fig. 335), wie die Zeichnung zeigt, aus zwei endlosen
  Gliederketten _G G_ mit flachen Gliedern, die ber von der Maschine
  bewegte achtarmige Leitwalzen laufen. Zwischen diesen Ketten sind die
  Roststbe der Lnge nach eingeschaltet, so dass gleichsam der ganze
  Rost ein breites endloses Band von Stben bildet. Der Abstand beider
  Walzen bestimmt die Lnge des Rostes, ihre bei _O_ eingeleitete
  Umdrehung giebt ihm eine ununterbrochene Bewegung von 27-30 Millimetern
  in der Minute. Das durch den Flltrichter _B_ aufgeschttete
  Brennmaterial wird dadurch continuirlich dem Feuer zugefhrt. Die Hhe
  der Brennstoffschicht wird durch die Scheidewand _D_ bestimmt, welche
  mit Hlfe eines bei _p_ befindlichen Hebels hher oder niedriger
  gestellt werden kann. Die Kette sammt den Leitwalzen ruht auf dem Wagen
  _I_, der auf der Rollbahn _H H_ ein- und ausgefahren werden kann. Die
  Schnelligkeit der Bewegung des Rostes ist derart regulirt, dass die
  Kohle, die auf der einen Seite frisch darauf fllt, verbrannt sein
  soll, wenn sie auf der andern Seite des Rostes ankommt, wo sie beim
  Fortschreiten des Rostes von selbst herabfllt. Dies ist aber nun,
  theils, je nach der Grsse und Qualitt der Kohle, nicht immer der Fall
  und es wird immer viel Kohle abgeworfen, theils ist die Verbrennung auf
  einer Seite des Rostes stets sehr verschieden von der auf der anderen,
  theils endlich zerstrt sich der complicirte und viel Kraft
  absorbirende Apparat ziemlich schnell, so dass er an vielen Orten, wo
  man sich seiner bediente, wieder verlassen wurde, obwohl er so wenig
  Rauch gab, als bei gut gehaltenem, von oben genhrtem Feuer mglich
  ist.

[Sidenote: Rotirender Rost.]

  Eine hnliche Tendenz wie der Kettenrost verfolgt =Collier='s
  =rotirender Rost=. Hier rotirt eine rostfrmig durchbrochene runde
  Platte an Rostesstatt unter dem Kessel. An einer Stelle wird langsam
  und sparsam durch einen radialen Spalt Kohle aufgestreut, so dass, bei
  jedem Umlaufe des Rostes, alle Theile desselben gleichmssig versehen
  werden. Obgleich dieser Apparat unstreitig grosse Vortheile in Bezug
  auf Brennstoffersparniss gewhrt, ist er doch durch den Umstand, dass
  die Bewegungstheile im Aschenfalle liegen und die starke Reibung am
  Umfang der Platte einen grossen Kraftaufwand erheischen, wenig in
  Anwendung gekommen.

[Sidenote: Verbesserte Zufuhr von Brennstoff.]

  Unter den Einrichtungen, welche 3. =eine verbesserte Zufhrung des
  Brennmaterials= bezwecken sollen, seien unter den zahllosen Vorschlgen
  einige der besseren und bewhrteren angefhrt.

  Die von =Collier= im Jahre 1823 ausgefhrte Einrichtung hat wesentlich
  folgende Beschaffenheit: Aus einem Rumpfe fallen die Kohlen fortwhrend
  auf zwei horizontale Quetschwalzen, deren Oberflchen mit Spitzen
  versehen sind. Von hier aus gelangt die zerkleinerte Kohle auf zwei
  neben einander und in derselben Horizontalebene liegende kreisfrmige
  Projectoren oder Schleuderer, welche sich in entgegengesetzter Richtung
  bewegen und zusammenwirken. Jeder Projector hat sechs trapezodische
  Schaufeln und macht in einer Minute 200 Umdrehungen. Der Herd hat einen
  festen Rost. Zur Bewegung des Mechanismus war 1/2 Pferdekraft
  nothwendig. Aehnlich ist die von =Stanley= erfundene und bei
  Dampfkesselfeuerungen vielfach zur Anwendung gekommene mechanische
  Vorrichtung zum Aufgeben der Kohle, welche ihrem Zweck ziemlich gut
  entspricht. Vor der Heizffnung (Fig. 336) befindet sich ein Trichter
  _a_, in welchem die beiden mit zugespitzten Zhnen versehenen Walzen
  die aufgeschtteten Kohlen zerbrechen und langsam zwischen sich
  hindurch arbeiten. Die zerkleinerten Kohlen fallen auf den mit grosser
  Geschwindigkeit umlaufenden Schleuderer oder Distributor _b_, welcher
  die auffallenden Kohlen fortschleudert, so dass sie sich gleichmssig
  auf dem Roste ausbreiten. Ist auch diese Vorrichtung nicht frei von
  Mngeln, zeigt sie namentlich den Uebelstand, dass es der Heizer nicht
  in seiner Gewalt hat, beliebig strker und schwcher zu feuern, so geht
  sie doch als Rauchverzehrer vielen anderen Einrichtungen vor; nur ist
  zu bedauern, dass die erforderliche Triebkraft sie auf die
  Dampfmaschinen beschrnkt.

[Sidenote: Pultfeuerungen.]

[Illustration: Fig. 336.]

  Hierher gehren auch die =Pultfeuerungen= (von =Wedgwood= zur Feuerung
  der Porcellanfen eingefhrt), deren Charakteristisches darin liegt,
  dass sich bei ihnen der Luftstrom des Zuges nicht von unten nach oben
  durch den Rost bewegt, sondern denselben von oben nach unten
  durchstreicht. Der Rost liegt hierbei meist stark von hinten nach vorn
  geneigt, die Feuerthre, die grosse Dimensionen hat, bleibt immer
  offen, whrend die Thr des Aschenfalles geschlossen bleiben muss. Die
  Flamme zieht also bei dieser Feuerung durch den Rost hindurch und wird
  von da aus weiter verwendet. Somit ist hier allen Bedingungen fr eine
  vollkommene Verbrennung gengt, denn obwohl das Nachheizmaterial oben
  auf den Rost geworfen wird, so ist doch dies Oben in Bezug auf die
  Richtung der Gasstrmung unten, denn das aufgeworfene Material wird
  frher als das brennende von der reinen nachstrmenden Luft berhrt,
  die Gase entbinden sich daraus durch die strahlende Wrme der
  Feuerschicht und kommen, mit Luft gemischt, ins Feuer, welches sie ganz
  durchziehen mssen und daher gut in Brand gesetzt werden. Diese
  Feuerung ist vllig rauchlos, doch ist sie nicht ganz makelbar. Vorerst
  geht bei ihr die Wirkung der strahlenden Wrme des Herdes fast gnzlich
  verloren, da dessen hellbrennende Flche nach unten gekehrt ist; sodann
  ist es kaum mglich, hinreichend feuerfeste Roste herzustellen, da
  dieselben fortwhrend von der weissglhenden Flamme bestrichen werden
  und der zerstrenden Wirkung des Feuers ausgesetzt sind. Endlich ist es
  strend, dass die Flugasche in derselben Richtung sich absondert wie
  die Flamme und daher massenhaft in die Feuerkanle gefhrt wird, die
  sie bald verstopfen. Immerhin ist die Pultfeuerung dort am Platze, wo
  eine reine rauchfreie Flamme wnschenswerth ist und hingegen die
  Rcksichten der Oekonomie zurcktreten. Die Pultheizung ist in der
  Regel nur fr Holz anwendbar, doch sind in neuerer Zeit auch Torf- und
  Kohlenpulte construirt worden.

[Sidenote: Vogl's Schttelrost.]

  In letzterer Hinsicht ist der =Schttelpultrost Vogl='s beachtenswerth;
  derselbe ist ein Stangenrost mit einer Neigung von etwa 33, wird durch
  einen Flltrichter gespeist und ist so eingerichtet, dass die einzelnen
  Stbe durch eine Schlagradwelle erschttert werden knnen.

[Sidenote: Boquillon's Rost.]

[Sidenote: Apparate von Cutler und George.]

  Bei =Boquillon='s Rost fr kleine Feuerungen, also fr Sparherde und
  Zimmerfen, wird das frisch aufgelegte Brennmaterial nicht auf, sondern
  unter das glhende gebracht. Der Rost bildet einen horizontal liegenden
  drehenden Cylinder, dessen Mantelflche die Roststbe vorstellen. Die
  Rostmantelflche kann geffnet werden; beim Schren wird auf die noch
  brennende Kohle frisches Brennmaterial gestrzt, die Cylinder werden
  geschlossen und so weit umgedreht, dass die kalten Kohlen unten zu
  liegen kommen. Die sich entwickelnden Gase mssen durch die brennende
  Kohlenschicht streichen und verbrennen. Findet somit auch vollstndige
  Rauchverzehrung statt, so ist doch das Schrgeschft so complicirt und
  mhselig, dass die =Boquillon='sche Einrichtung wohl schwerlich Eingang
  finden wird. In vielen Fllen hat man sich bemht, das Feuer in
  aufsteigender Richtung zu speisen, so bei der Vorrichtung =Cutler='s,
  welche 1854 von =Arnott= verbessert wurde. In beiden Fllen wird der
  Boden eines mit Kohlen gefllten Blechkastens entweder mit Hlfe von
  Ketten oder mittelst Zahnstangen gehoben, wobei das Schreisen als
  Hebel dient. Nachdem der Brennstoff consumirt ist, wird der Boden des
  Kohlenkastens wieder in seine ursprngliche Stellung zurckgefhrt und
  der Kasten mit neuem Brennmaterial gefllt, was in 24 Stunden zweimal
  zu geschehen hat. Bei der Vorrichtung von =George= wird das
  Brennmaterial durch eine Schraube von unten auf einen kreisfrmigen,
  fast trichterfrmigen Rost hinaufgeschraubt.

[Sidenote: Apparate mit ungleicher Rostbeschickung.]

4. Unter den Apparaten, bei denen die Rauchbildung =durch ungleiche
Rostbeschickung= verhtet werden soll, steht unzweifelhaft die 1855 von
=Dumry= construite Feuerung oben an. Sie ist von den Anlagen von
=Cutler= und =George= dadurch unterschieden, dass die Kohle nicht von
unten gehoben, sondern von beiden Seiten des Rostes aus unter die Glut
geschoben wird. Zu dem Ende hat der Rost eine starke Krmmung nach oben,
und erhebt sich in der Mitte gleichsam zu einem Sattel nach der ganzen
Lngenseite; durch ussere bewegende Kraft wird der Brennstoff nach dem
Roste zu gedrckt, so, dass er auf dem untersten Roststabe zunchst
anlangt und dann auf der convexen Flche des Rostes weiter geht. Ist der
Rost mit Feuer bedeckt, so schiebt sich das nachgedrckte
Feuerungsmaterial zwischen Rost und brennende Masse hinein und die
Nachfeuerung geschieht somit von unten her. Das nmliche Princip, welches
der =Dumry='schen Feuerung zu Grunde liegt, ist brigens schon 1785 von
=Watt= in dem =schrgen Roste= zur Anwendung gebracht worden.

  Auch =Tenbrinck= legt Rost und Platte geneigt, dass die Kohlen fast von
  selbst abrutschen. Die geneigten Roste bieten berhaupt den grossen
  Vortheil, dass der untere Theil des Rostes immer mit glhender, zu Koks
  gewordener Kohle angefllt ist, wodurch frische Luft in die Feuerbchse
  nachdringt. Diese Luft erlangt durch ihre Berhrung mit dem Feuer eine
  gengend hohe Temperatur, um die Verbrennung der flchtigen
  Kohlenwasserstoffe zu bewirken, welche sonst am oberen Theile des
  Rostes nicht verbrannt werden wrden. Bei der Feuerung von =Corbin= ist
  der Rost nicht geneigt, sondern in zwei Hlften getheilt, welche durch
  eine dazwischen eingeschaltete ununterbrochene Thonplatte verbunden
  sind.

  Den ersten mit Erfolg gekrnten Versuch, den Rauch durch Entzndung
  mittelst des Feuers selbst zu verbrennen, hat wohl =Fairbairn= 1837 mit
  seinem =Doppelrost= gemacht. Die Feuerung hat zwei Roste und zwei
  Thren. Die Roste sind durch eine, weit in den Heizraum reichende
  Scheidung von feuerfesten Backsteinen getrennt, hinter dieser
  Scheidewand vereinigen sich aber die Flammen beider. Die Roste werden
  abwechselnd beschickt, so dass der eine immer im vollen Brande ist,
  wenn der andere das Beschicken nthig hat. Im Innern kommt der Rauch
  von dem einen Roste mit der Flamme des andern Rostes zusammen und soll
  verbrennen. Dies kann aber nur unvollkommen geschehen und etwa zunchst
  nur an der Scheidewand, wo Rauch und Flamme sich berhren. Solche
  Doppelrste bieten daher nur eine unvollstndige Rauchverzehrung dar.
  Rationeller erscheint es, die beiden Rste anstatt neben-, hinter
  einander aufzustellen, wo dann der Rauch ber die Flamme des dahinter
  liegenden vollen Feuers streicht; der eine Rost wird mit nicht
  rauchendem Brennmaterial (Anthraciten oder Koks) gefeuert. =De
  Buzonnire= begngt sich nicht damit, den Rauch durch die Flamme des
  Nebenrostes streichen zu lassen, sondern er leitet abwechselnd
  vermittelst gewendeter Register den Rauch des frisch geschrten Rostes
  unter und durch den anderen Rost und dessen volle Glut.

  Die Feuerungen von =Fairbairn= und hnliche Constructionen, auf das
  Bestreben basirt, die nichtentzndeten Gase eines frischbeschickten
  Feuers durch die eines hellbrennenden entflammen zu wollen, beruhen zum
  Theil auf irrigen Vorstellungen, da vom hellbrennenden Feuer nur Gase
  entweichen, die der Verbrennung feindlich sind. Das frisch beschickte
  Feuer giebt allerdings verbrennliche Gase und Dmpfe reichlich ab, aber
  wo ist der zu ihrer Verbrennung erforderliche Sauerstoff? Diesem Mangel
  ist einigermaassen durch die =Guidde='sche Feuerung abgeholfen, die als
  eine Abnderung der =Fairbairn='schen zu betrachten ist, bei welcher
  eine Luftzufhrung ber dem Roste stattfindet, indem man Luft durch
  kleine Oeffnungen an dem Punkte eintreten lsst, wo die Flammen der
  beiden Roste sich vereinigen. Mit dieser Vorrichtung werden
  verhltnissmssig ganz gute Resultate gewonnen.

[Sidenote: Rauchverbrennung durch Nebenstrme.]

5. Bei der =Rauchverbrennung= im engeren Sinne =durch Luftnebenstrme=
und den darauf bezglichen Vorschlgen trifft man meist Vorschlge, die
nicht zum Ziele fhren knnen. Einige wenige beachtenswerthe seien im
Nachstehenden angefhrt.

  In erster Linie ist zu nennen die von =Parkes= 1820 construirte
  =gespaltene Feuerbrcke= (_split-bridge_), bei welcher die in den
  Aschenfall strmende Luft zum Theil durch den Rost, zum Theil unter dem
  Rost in den Spalt der Feuerbrcke geht und bei ihrem Austritt in einem
  rechten Winkel die Flamme schneidet. Aehnliches findet bei =Palazot='s
  Feuerung statt, welche nach dem Urtheile von =Burnat=, =Tresca= u. A.
  bei befriedigender Rauchverbrennung einfach, billig, berall leicht
  anzubringen und leicht zu bedienen ist. Eine Modification der
  gespaltenen Brcke findet sich an der Feuerung des Englnders
  =Chanter=, welche im Wesentlichen aus zwei aufeinanderfolgenden Rosten
  besteht, von denen der zweite etwas abwrts von dem ersten liegt. Das
  frische Brennmaterial wird auf den letzteren geworfen, und wenn es in
  glhende Koks verwandelt ist, wird es auf den zweiten Rost geschoben.
  Auf diesem bildet es eine dnne Lage, durch die eine hinreichende
  Luftmenge einstrmen kann, um die Rostkoks und dadurch die gasigen
  Produkte verbrennen zu knnen, welche von dem ersten Roste ber das
  glhende Brennmaterial auf den zweiten strmt. Um den Rauch auch in dem
  Falle vermindern zu knnen, dass die auf die angegebene Weise
  eingestrmte Luft nicht hinreicht, ist in dem Mauerwerk jenseits des
  Rostes ein Raum mit Lchern, die sich nach dem Herde zu ffnen,
  angebracht; von demselben geht eine gusseiserne Rhre durch den
  Aschenkasten, die sich in geringer Hhe ber dem Boden ffnet.

[Sidenote: Gall's Feuerung.]

  Whrend es lange Jahre hindurch in der Pyrotechnik als Axiom galt, dass
  die Weite und Hhe eines Fabrikschornsteins in einem bestimmten
  Verhltnisse zu dem in einer bestimmten Zeit verbrannten
  Brennstoffquantum stehen msse, hat =L. Gall= Schornsteine gebaut,
  welche den hchsten Punkt der Gebude nur um 0,6 Meter berragen und
  nicht mehr die Aufgabe haben, den Zug zu befrdern, sondern lediglich
  einen Abflusskanal fr die Verbrennungsprodukte bilden. Da die
  Temperaturdifferenz die Ursache der Luftstrmung in einem Ofen ist, so
  sucht =Gall= diese Bedingung durch eine constant sehr hohe Temperatur
  des Verbrennungsraumes zu erfllen. Um nun diese herbeizufhren,
  mussten alle jene Veranlassungen von Wrmeverlusten auf ein Minimum
  reducirt werden; dahin gehren folgende: a) Beim Aufgeben von
  Brennmaterial findet stets eine Erniedrigung der Temperatur des
  Feuerraumes statt, sowohl durch den klteren Brennstoff, als auch durch
  bermssiges Zustrmen kalter Luft. Die Abhlfe besteht darin, dass man
  die Rostflche theilt und durch die reihenweise Beschickung der
  einzelnen Abtheilungen die dabei unvermeidliche Temperaturerniedrigung
  auf ein Minimum zurckfhrt. In der That ist hierdurch, selbst beim
  Aufgeben von Brennstoff, der Rauchbildung wesentlich vorgebeugt. b) Die
  Einrichtung des Ofens muss den Heizer nthigen, nie zu grosse
  Quantitten Brennstoff auf einmal aufzugeben und mit diesen die
  Rostflche gleichmssig bedeckt zu erhalten. c) Die herkmmlichen und
  fr unvermeidlich gehaltenen Wrmeverluste durch die Mauerwnde und
  Heizthren werden auf diese Weise vermieden, dass man die zu
  vollstndiger Verbrennung erforderliche Luft zuvor alle jene Flchen
  passiren lsst, denen sonst solche Wrmeverluste entquellen. Man bringt
  auf diese Weise die bereits entweichende Wrme stets wieder in den
  Heizraum zurck. d) Die Theorie des lebhaften Zuges fhrt ferner den
  unangenehmen Umstand mit sich, dass die mit Wrme beladenen Gase viel
  zu rasch an der Siedeflche vorbereilen. Um dem vorzubeugen, lsst nun
  =Gall= die zur Verbrennung erforderliche Luft zwar in gleicher Menge
  wie bei dem lebhaftesten Zuge, aber langsamer zu dem Brennmaterial
  strmen, wodurch dann auch die erwrmte Luft lnger mit den
  Kesselwnden in Berhrung bleibt. Zu diesem Behufe musste sowohl die
  freie Rostoberflche, als auch die Querschnittflche des Schornsteins
  vergrssert werden. Um die zur innigen Mengung der in die unverbrannten
  Gase und den Rauch einstrmenden Luft, so wie zur vollstndigen
  Verbrennung dieses Gemenges vor der Berhrung mit der Kesselflche
  erforderliche Zeit zu gewinnen, musste erst gefunden werden, dass der
  Rost 3 Meter und noch mehr unter dem Kessel liegen darf. In diesem
  dadurch bedeutend verlngerten Feuerraume zwischen Rost und
  Kesselflche fand ein ausreichender Zug statt und es konnte nun von den
  hohen Schornsteinen abgesehen werden, wie in der That, wie schon
  angefhrt, die =Gall='schen Schornsteine nur Abflusskanle fr die
  Verbrennungsprodukte sein sollen.

[Sidenote: Resum.]

  Aus der vorstehenden Aufzhlung der rauchverhtenden und
  rauchverbrennenden Feuerungen geht hervor, dass, obgleich bei weitem
  nicht alle in Vorschlag gebrachten Constructionen genannt wurden,
  bereits viele derselben in Anwendung gebracht worden sind. Wirft man
  jedoch die Frage auf, ob ein in der That wirksames Mittel oder eine in
  jeder Beziehung befriedigende Construction ermittelt sei, um eine
  vollkommene Verbrennung des Brennstoffs in der Feuerung zu erzielen, so
  lautet die Antwort verneinend. Hat man sich auch auf den
  verschiedensten und mitunter verschlungenen Wegen bemht, Rauchbildung
  zu verhten theils dadurch, dass man den Rauch mit bereits in
  vollstndiger Glut befindlichem Brennstoff zusammenbringen wollte, um
  ihn zu verbrennen, theils die Anwendung erhitzter Luft zum Verzehren
  des Rauches und der Destillationsprodukte der Kohlen empfahl, theils
  durch gleichfrmiges und bestndiges Schren bei einer Feuerungsanlage
  der Rauchbildung vorbeugen wollen, theils endlich dadurch, dass man in
  einer regulirten Luftzufuhr die Hauptbedingung einer vollkommenen
  Verbrennung und der Verminderung von Rauch erachtete, so muss man doch
  gestehen, dass man bis auf den heutigen Tag noch keine Mittel und
  Anordnungen kennt, welche in solchem Grade befriedigen, dass sie
  allgemein empfohlen werden knnten. Trotzdem haben sich viele
  Einrichtungen (der Etagenrost, die Fairbairn'sche Feuerung mit
  Doppelrsten) gut bewhrt, indem sie wenigstens eine theilweise
  Rauchverhtung bewirken, besonders -- wenn man einen tchtigen und
  umsichtigen Heizer anstellt und demselben bei Brennstoffersparung eine
  entsprechende Prmie bewilligt.

                    *       *       *       *       *




                                Register.

      A.

  Abdampfpfannen 455.
  Abraumsalz 179.
  Acetometrie 549.
  Achatglas 335.
  Adouciren 18.
  Aegyptian 355.
  Aepfell 564.
  Arated-bread 542.
  Aetherische Oele 563.
  Aetzen 125.
  Aetzbeizen 689.
  Aetzkali 144.
  Aetznatron 207.
  Affination 57.
  Aichmetall 54.
  Alabaster 391.
  Alabasterglas 335.
  Alaun 286.
    "   concentrirter 293.
    "   kubischer 293.
    "   neutraler 293.
    "   unlslicher 293.
  Alaunerde 288.
  Alaunerze 287.
  Alaungerberei 608.
  Alaunschiefer 287.
  Alaunstein 287.
  Alcarrazas 361.
  Aldehyd 543.
  Aldehydgrn 662.
  Alfnide 55.
  Alizarin 669.
  Alizarin, knstl. 667.
  Alizarintinte 677.
  Alkalien 127. 186.
  Alkalimetrie 247.
  Alkohol 512.
  Alkoholghrung 469.
  Alkoholometrie 532.
  Alohanf 402.
  Alpakametall 55.
  Alpakawolle 578.
  Alum-cake 290.
  Aluminium 118.
  Aluminiumacetat 296.
  Aluminiumbronze 52. 119.
  Aluminiumhypochlorit 246. 296.
  Aluminiumhyposulfit 296.
  Aluminiumoxalat 296.
  Aluminiumseife 277.
  Aluminiumsulfit 296.
  Aluminiumsulfat 286. 293.
  Amalgam 93. 99.
  Amalgamation 99.
       "       europ. 99.
       "       amerik. 101.
  Amausen 331.
  Ammoniak 250.
     "     der Gaswsser 255.
     "     der Gichtgase 254.
     "     aus Glle 259.
     "     aus Koks 255.
     "     aus Rbensaft 261.
     "     aus Steinkohle 256.
     "     aus Suffioni 253.
     "     kohlensaur. 253.
     "     salpeters. 264.
     "     salzsaur. 264.
     "     schwefels. 263.
  Ammoniakalaun 292.
  Ammoniaksalze 250.
  Ammoniakwasser 255. 744.
  Amylum 425.
  Ananashanf 402.
  Ananasl 564.
  Andaquieswachs 710.
  Anemometer 224.
  Anhydrit 391.
  Anilin 658.
  Anilinblau 661.
  Anilinbraun 663.
  Anilindruck 686.
  Anilinfarben 654. 659.
  Anilinfrberei 692.
  Anilingelb 663.
  Anilingrn 662.
  Anilinl 658.
  Anilinproduktion 659.
  Anilinpurpur 661.
  Anilinroth 660.
  Anilinschwarz 663.
  Anilinviolett 661.
  Anlassen des Stahles 18. 29.
  Annaline 395. 409.
  Anthracen 667.
  Anthracenfarben 667.
  Anthracenroth 667.
  Anthrachinon 667.
  Anthracit 798.
  Antichlor 414.
  Antimon 85.
  Antimonchlorr 87.
  Antimonoxyd 85. 87.
  Antimonsure 86.
  Antimonzinnober 87.
  Antiphosphorfeuerzeuge 637.
  Apollokerzen 698.
  Appert's Methode 649.
  Applicationsfarben 691.
  Arometer 532.
  Argentan 55.
  Armstrong's Mischung 168.
  Arnaudon's Grn 69.
  Arrow-root 432.
  Arsenige Sure 88.
  Arsen 87.
  Arsenillo 45.
  Arsenkpe 682.
  Arsenmetalle 6.
  Arsensure 88.
  Arsensaures Natron 89.
  Asphalt 566. 746.
  Astralit 336.
  Aufbereitung 4.
  Augendre's Pulver 166.
  Auripigment 89.
  Auslaugen 194.
  Aventuringlas 336.
  Avignonkrner 676.
  Azale 669.
  Azalen 660.
  Azulin 661.
  Azurin 661.

      B.

  Bablah 596.
  Backkohle 798.
  Backofen 540.
  Backpulver 542.
  Backsteine 363.
  Bckerei 537.
  Bandanas 694.
  Barilla 187.
  Baryt 410.
    "   unterchlorigsaurer 246.
  Bathmetall 54.
  Baumlseife 270.
  Baumwollbleiche 678.
  Baumwolldruckerei 690.
  Baumwolle 402.
  Baumwollfrberei 686.
  Baumwollgarn 405.
  Baumwollspinnen 403.
  Baumwollweben 405.
  Baumwollzeuge 405.
  Bauxit 206. 291.
  Bauxitalaun 291.
  Bauxitsoda 206.
  Bauxittiegel 376.
  Beinglas 335.
  Beinschwarz 638.
  Beizen 680. 688.
  Beleuchtung 695.
  Belmontin 708.
  Benzosure 665.
  Benzol 655.
  Bergblau 59.
  Berylldruck 693.
  Berlinerblau 35. 683.
  Bessemerstahl 26.
  Bezetten 675.
  Bierbrauerei 488.
  Bierprobe 506.
  Biersteuer 511.
  Bimssteinseife 274.
  Birnenl 564.
  Biscuit 347.
  Bismarckbraun 663.
  Bisterbraun 676.
  Bittermandell, knstliches 564.
  Blackband 7.
  Blanc de fard 79.
  Blanquette 187.
  Blasengrn 677.
  Blasenstahl 28.
  Blasenzins 537.
  Blattelkohle 801.
  Blattgold 114.
  Blauholz 675.
  Blauofen 10.
  Blausalz 33.
  Blausaures Kali 33. 34. 143.
  Blech 23.
  Blei 61.
  Bleicherei 414. 677.
  Bleichkalk 237.
  Bleichlorid 73.
  Bleichromat 66.
  Bleichsalze 237.
  Bleierze 61.
  Bleiessig 70.
  Bleiglanz 61.
  Bleigltte 65.
  Bleiglas 65.
  Bleiglasur 363.
  Bleikammer 223.
  Bleikammerkrystalle 223.
  Bleilegirungen 65.
  Bleioxyd 67.
      "    chromsaur. 66.
      "    essigsaur. 66.
      "    kohlensaur. 66.
      "    schwefelsaur. 72.
  Bleischrot 64.
  Bleisuperoxyd 66.
  Bleiweiss 66.
  Bleizucker 66.
  Bleu de France 37.
    "  "  lumire 662.
    "  "  Lyon 661.
    "  "  Mulhouse 662.
    "  "  nuit 662.
    "  "  Parme 662.
  Bleu-Raymond 37.
  Bleu soluble 662.
  Bleu-Thenard 38.
  Bleuin 662.
  Blutlaugensalz 33. 34. 143.
  Bogheadkohle 768. 801.
  Bologneser Flschchen 312.
  Boracit 180. 278.
  Borax 281.
  Bordiamanten 286.
  Boronatrocalcit 280. 284.
  Borsure 278.
  Bouillontafeln 648.
  Bournonit 44.
  Boussingaultit 253.
  Brandstze 169.
  Branntweinbrennerei 512.
  Branntweinsteuer 535.
  Brasilienholz 670.
  Brauerei 488.
  Braunkohle 767. 795.
  Braunschweigergrn 57.
  Braunstein 115. 241. 306.
  Braunsteinprobe 116.
  Breant's Heber 229.
  Bremerblau 57.
  Bremergrn 57.
  Brennapparate 521.
  Brenner 743.
  Brennereirckstnde 533.
  Brennmaterialien 776.
  Brennfen 356.
  Briquettes 809.
  Britanniametall 76.
  Brogniartin 179.
  Brom 211.
  Bronze 52.
  Bronzefarben 54.
  Brot 537.
  Buntfeuer 169.
  Buntkupfererz 44.
  Buntpapier 424.
  Burgoslster 360.
  Burnettiren 557.
  Butter 643.
  Butterfsser 643.
  Buttermilch 643.
  Buttersure 644.

      C.

  Cadmium 84.
  Cment 383.
  Cmentkupfer 50.
  Calain 65.
  Calciumborat 284.
  Calciumcarbonat 377.
  Calciumchlorid 180.
  Calciumchromat 67.
  Calciummanganit 242.
  Calciumnitrat 147.
  Calciumseife 277.
  Calciumsulfat 391.
  Calciumsulfit 220.
  Calciumsulfhydrat 600.
  Callou's Pulver 165.
  Calorifres 818.
  Campecheholz 675.
  Camphin 697.
  Canadol 774.
  Candiszucker 463.
  Caprylalkohol 663. 709.
  Carbolsure 765.
  Carbonisiren des Holzes 557.
  Carburiren des Gases 751.
  Carburirnaphta 745.
  Carmin 671.
  Carminsure 671.
  Carnallit 126. 188.
  Carnaubawachs 710.
  Carrara 354.
  Carthamin 671.
  Casenkitt 574. 622.
  Caseogomme 646.
  Cassava 432.
  Casselmann's Grn 59.
  Catechu 596.
  Cellulose 397.
  Cement 383.
  Cementation (Goldscheidung) 111.
  Cementkupfer 50.
  Cementirpulver 28.
  Cementstahl 27.
  Cendres bleues 59.
  Centrifugalapparat 461.
  Chagrin 613.
  Chamaeleon 117.
  Champagner 483.
  Chaptalisiren 486.
  Charmottesteine 374.
  Charmottetiegel 375.
  Chathamlicht 757.
  Chemische Parfms 564.
  Chenotstahl 25.
  Chilisalpeter 152.
  Chinasilber 55.
  Chinesisch Gras 401.
  Chloralaunerde 246.
  Chloralkalien 237. 245.
  Chlorkalischwefel 168.
  Chlorkalium 128.
  Chlorkalk 237.
  Chlorkalkprobe 245.
  Chlormagnesia 246.
  Chlornatrium 176.
  Chlorometrie 244.
  Chlorsaures Kali 246.
  Chlorwasserstoffsure 234.
  Chlorzinn 77.
  Chlorzink 84.
  Christoflemetall 55.
  Chromalaun 69.
  Chromaventurin 336.
  Chromeisenstein 66.
  Chromchlorid 69.
  Chromgelb 68.
  Chromgrn 69.
  Chromorange 68.
  Chromoxyd 69.
  Chromroth 69.
  Chromsaurer Baryt 328.
       "      Blei 66.
       "      Kalium 67.
       "      Zink 84.
  Chromschwarz 684.
  Chromzinnober 69.
  Chronoskop 165.
  Chrysanilin 663.
  Cinchoninfarben 668.
  Clichirmetall 79.
  Coal-tar 654.
  Cochenille 671.
  Cocosnussl 266.
  Cocoslseife 273.
  Coeruleum 39.
  Cognac 518.
  Cognacl 483.
  Collodium 175.
  Colorin 670.
  Concrete 389.
  Condensatoren 714.
  Condy's Liquid 118.
  Conservation des Fleisches 649.
        "       "  Holzes 554.
        "       "  Weines 481.
  Conversionssalpeter 149.
  Copalfirniss 572.
  Copirtinte 677.
  Corallin 664.
  Corchorusfaser 402.
  Corduan 606.
  Cornish stone 343.
  Cotton 402.
  Crmes 564.
  Crownglas 329.
  Cudbear 672.
  Curcuma 676.
  Cyanin 668.
  Cyankalium 35.
  Cyanbarium 34.
  Cyanmetalle 13. 34.
  Cylindergeblse 11.

      D.

  Dachziegel 373.
  Dahlia 661.
  Damascenerstahl 30.
  Dammarfirniss 573.
  Dampfbrauerei 505.
  Dampffarben 691.
  Dampfheizung 820.
  Dampflampe 723.
  Darrmalz 494.
  Dgras 605. 613.
  Degummiren 590.
  Delftwaare 361.
  Denaturiren des Salzes 185.
  Denitrificateur 225.
  Desinfection 118.
  Destillirapparate 520.
  Dextrin 433.
  Dextrose 464.
  Dialyse 446. 450.
  Diastase 495.
  Diatit 575.
  Diffusion 450.
  Dinasteine 375.
  Dividivi 596.
  Docht 704.
  Doppelvitriol 57.
  Dornstein 183.
  Draht 23.
  Drahtseile 24.
  Drainrhren 375.
  Drehsodaofen 192.
  Druckerschwrze 571.
  Drucklampe 721.
  Drusenasche 483.
  Drusenl 483.
  Dualin 172.
  Duckstein 384.
  Duftextracte 563.
  Dngesalz 184.
  Dynamit 172.

      E.

  Eau de Cologne 563.
   "  "  mille fleurs 563.
   "  "  Javelle 245.
   "  "  Labarraque 245.
  Ebullioskop 478.
  Edelsteine, knstliche 331.
  Eichenrinde 595.
  Einpkeln 651.
  Einsalzen 651.
  Einsatzhrtung 28.
  Eintrnken 110.
  Eisen 7.
  Eisenblech 23.
      "      verzinnt 76.
  Eisendraht 25.
  Eisenerze 8.
  Eisengiesserei 17.
  Eisen, glasirtes 18.
  Eisenkitt 575.
  Eisenmennige 32.
  Eisenoxydul, schwefelsaures 32.
  Eisenproduktion 16.
  Eisenschwarz 87.
  Eisenvitriol 32.
  Eisglas 335.
  Eiweissleim 621.
  Elaylplatinchlorr 98.
  Elektrisches Licht 757.
  Elektrotypie 125.
  Email 334.
  Emailliren 18.
  Emeraldin 662.
  Enlevagen 689.
  Entfrben des Glases 306.
  Entfuselung 581.
  Entglasen 312.
  Entkalken des Saftes 451.
  Entschlen der Seide 590.
  Entsuern des Weins 486.
  Entsilbern des Bleies 103.
  Erbswurst 651.
  Erythrobenzin 665.
  Erze 3.
  Essence d'Orient 338.
     "    de Mirbane 657.
  Essig 543.
  Essigghrung 544.
  Essigpilze 5.
  Essigprobe 556.
  Etagenrost 824.
  Etruskische Vasen 361.
  Euxanthinsure 676.
  Exhaustor 733.
  Explosive Krper 169.
  Extractum carnis 649.

      F.

  Fabriksalz 184.
  Fadenglas 336.
  Fahlerze 98.
  Frben des Goldes 113.
  Frberei 653. 679.
  Frbeginster 676.
  Farbige Feuer 169.
  Farbstoffe 653.
  Fulniss 554.
  Fayence 358.
  Federalaun 286.
  Federlampe 721.
  Feineisen 19.
  Feinen 19.
  Feinmetall 19.
  Feldspath 339.
  Fenian Fire 239. 629.
  Fensterglas 316.
  Ferment 469.
  Ferridcyankalium 34.
  Ferrocyankalium 33.
  Fette 698.
  Fettleder 612.
  Fettsure 699.
  Feuerfeste Steine 374.
  Feuerung 776.
  Feuervergoldung 114.
  Feuerwerkerei 167.
  Feuerzeuge 631.
  Filigranglas 336.
  Filter 453.
  Firniss 570.
  Fischhaut 613.
  Fischleim 621.
  Fisetholz 675.
  Flachs 398.
    "    neuseelndischer 402.
  Flachsbaumwolle 405.
  Flachsrsten 398.
  Flachsspinnen 399.
  Flachsweben 399.
  Flamme 695.
  Flavin 676.
  Fleisch 646.
  Fleischbrhe 648.
  Fleischconservation 649.
  Fleischextract 649.
  Fleischextract-Brot 650.
  Fleischzwieback 651.
  Flintenschrot 64.
  Flintglas 329.
  Flinz 8.
  Flowing-colours 360.
  Florettseide 589.
  Fluss, schwarzer 151.
    "    weisser 151.
  Flsse 5.
  Fonte mallable 18.
  Forelleneisen 15.
  Frmerei 17.
  Franklinit 8.
  Frischeisen 19.
  Frischen 19.
  Frischprocess 20.
  Frischstahl 25.
  Frittenporcellan 353.
  Fuchsin 660.
  Fulmicoton 173.
  Fusell 531.
  Fustikholz 675.

      G.

  Gahnit 79.
  Ghrung 468. 502.
  Ghrungsgewerbe 468.
  Galaktoskop 642.
  Galambutter 265.
  Gallpfel 596.
  Gallerte 601.
  Gallisiren 486.
  Galmei 79.
  Galvanographie 126.
  Galvanoplastik 121.
  Galvanotechnik 121.
  Garanceux 670.
  Garancin 669.
  Garschlacke 20.
  Gasbeleuchtung 725.
  Gasbrenner 744.
  Gasheizung 821.
  Gasprfer 742.
  Gasprfung 741.
  Gaskalk 735.
  Gaskohle 36. 600.
  Gasometer 726. 736.
  Gasuhren 742.
  Gaswasser 744.
  Gattiren 5.
  Geblse 11.
  Gelbbeeren 676.
  Gelbfrben 683.
  Gelbholz 675.
  Gemischte Gewebe 591.
  Generatoren 22.
  Generatorgase 21. 811.
  Gentele's Grn 60.
  Gerberei 593.
  Gerberfett 605. 613.
  Gerbersumach 595.
  Gerbmaterialien 594.
  Gerbsure 595.
  Gerbstahl 28.
  Gerbstoff 595.
  Gerste 489.
  Gerstenhfer's Ofen 49. 226.
  Geschtzmetall 52.
  Gespinnstpflanzen 401.
  Gicht 7.
  Gichtgase 21. 811.
  Giesserei 17.
  Glanzgold 353.
  Glanzplatin 353.
  Glser, farbige 332.
  Glas 302.
    "  entglastes 312.
  Glasdruck 339.
  Glasfden 311.
  Glasfarben 332.
  Glasgalle 312.
  Glashfen 307.
  Glasincrustationen 336.
  Glasmalerei 333.
  Glasmosaik 333.
  Glasfen 307.
  Glasofen mit Regenerator 310.
  Glasperlen 338.
  Glasthrnen 312.
  Glastropfen 312.
  Glasur 348. 363.
  Glasurerz 61.
  Glaubersalz 236.
  Glaubersalzglas 305.
  Glisentistahl 28.
  Glockenmetall 52.
  Glonon 170.
  Glhwachs 114.
  Glhstahl 27.
  Glycerin 712.
     "     als Weinzusatz 488.
     "     als Malzsurrogat 489.
     "     zur Schaumwein-Bereitung 484.
  Glycerinkitt 574.
  Glycose 464.
  Glyphographie 125.
  Gobeleterie 323.
  Gold 109.
  Goldbronze 114.
  Golderze 109.
  Goldfrben 113.
  Goldgewinnung 109.
  Goldlegirungen 113.
  Goldlster 353. 360.
  Goldprobe 114.
  Goldproduktion 109.
  Goldpurpur 115.
  Goldsalz 115.
  Goldscheidung 111.
  Goldzunder 114.
  Golgasdruck 69.
  Gommeline 433.
  Gummi, elastisches 566.
    "    plastisches 568.
  Gradirung 183.
  Granatbraun 664.
  Graphittiegel 376.
  Grnat soluble 664.
  Grouvelle's Bleichflssigkeit 246.
  Grn, Arnaudon's 69.
    "   Braunschweiger 57.
    "   Bremer 57.
    "   Casselmann's 59.
    "   Gentele's 60.
    "   Guignet's 69.
    "   Mineral 59.
    "   Mittler's 69.
    "   Pannetier's 69.
    "   Schweinfurter 59.
  Grnspan 60.
  Guignet's Grn 69.
  Gunny 402.
  Gusseisen 16.
  Gussstahl 29.
  Guttapercha 569.
  Gyps 390.
  Gypsbrennen 391.
  Gypsgsse 395.
  Gypshrten 396.

      H.

  Haematin 675.
  Haematinon 335.
  Hrten des Gypses 395.
  Hallymetrie 508.
  Haloxylin 165.
  Hanf 401.
  Harmalin 661.
  Harnkpe 682.
  Harze 564.
  Harzgas 756.
  Harzkitt 574.
  Harzseife 272.
  Hausenblase 621.
  Haut 594.
  Hute 598.
  Hautleim 615.
  Havannabraun 676.
  Heatonstahl 27.
  Herdfrischung 19.
  Hefe 469. 471.
  Hefenschlempe 136.
  Heissgussporcellan 335.
  Heisswasserheizung 804.
  Heizung 776. 812.
  Hibiscushanf 402.
  Hirschhornsalz 260.
  Hirzel's Gasapparat 755.
  Hofmann's Violett 661.
  Hohofen 9.
  Hohofengase 13.
  Hohofenprocess 12.
  Hohlglas 323.
  Hohlziegel 373.
  Hollnder 412.
  Holz 780.
  Holzblau 683.
  Holzconservation 553.
  Holzessig 551.
  Holzgas 746.
  Holzgeist 553.
  Holzkohle 782. 789.
  Holzpapier 409.
  Holzschwamm 554.
  Holztheer 783.
  Hopfen 489.
  Hopfenconservation 490.
  Hopfenl 489.
  Hopfenprobe 490.
  Hopfensurrogate 490.
  Howard's Knallpulver 165.
  Httenfabrikate 4.
  Httenkunde 3.
  Httenprodukte 4.
  Hyalographie 339.
  Hydraulischer Mrtel 383.
  Hydrocarbonprocess 751.
  Hydrocarbr 705.
  Hydrometallurgie 51. 106.
  Hydro-Oxygen-Gas 756.
  Hydrostatische Probe 112.

      I.

  Indig 672.
  Indigcarmin 675.
  Indigkpe 680.
  Indigprobe 673.
  Indigschwarz 663.
  Indigschwefelsure 683.
  Isopurpursure 668.

      J.

  Jaune brillant 85.
  Jaune indien 676.
  Javelle'sche Lauge 245.
  Jod aus Kelp 209.
   "   "  Natronsalpeter 153. 210.
  Jodgrn 662.
  Jodviolett 661.
  Jodproduktion 211.
  Juchtenleder 605.
  Jute 402.

      K.

  Kadmium 84.
  Kse 644.
  Kainit 131. 180.
  Kalbkid 610.
  Kali 144.
  Kalialaun 292.
  Kali, chlorsaures 246.
   "    chromsaures 67.
   "    kieselsaures 325.
   "    kohlensaures 126. 131.
   "    salpetersaures 154.
   "    schwefelsaures 130.
   "    bermangansaures 117.
  Kaliblau 662.
  Kalisalze 128.
  Kaliseife 273.
  Kaliumcarbonat 127. 131.
  Kaliumchlorat 246.
  Kaliumchlorr 130.
  Kaliumchromat 67.
  Kaliumeisencyanid 34.
  Kaliumeisencyanr 33.
  Kaliumnitrat 154.
  Kaliumperchlorat 246.
  Kaliumpermanganat 116.
  Kaliumsilicat 325.
  Kaliumsulfat 130.
  Kalk 376.
   "   schwefelsaurer 390.
   "   schwefligsaurer 658.
  Kalkblau 61.
  Kalkbrennen 377.
  Kalkkitt 555.
  Kalklicht 757.
  Kalkmergel 376.
  Kalkofen 376.
  Kalkseife 292.
  Kalkstein 376.
  Kalkverseifung 679.
  Kalktiegel 376.
  Kalkziegel 364.
  Kaluczer Mineralien 180.
  Kaolin 340.
  Kaltgeschmolzenzeug 169.
  Kammwolle 585.
  Kandiszucker 463.
  Kanonenmetall 52.
  Karatirung 117.
  Kartoffel 515.
  Kartoffelbranntwein 515.
  Kartoffelstrke 427.
  Kartoffelzucker 464.
  Kastanienstrke 432.
  Kautschuk 566.
      "     hornisirtes 568.
      "     vulkanisirtes 567.
  Kautschukproduktion 560.
  Kelp 140. 188.
  Keramik 339.
  Kermes 672.
  Kerosin 774.
  Kerzen 698.
  Kerzenformen 705.
  Kerzenziehmaschinen 706.
  Kesselfarben 688.
  Kesselfeuerung 822.
  Kieselerde 304.
  Kieselerde-Ultramarin 300.
  Kieselseife 274.
  Kieselzinkerz 79.
  Kieserit 180.
  Kino 597.
  Kitt 573.
  Klebther 175.
  Kleber 431.
  Kleberleim 621.
  Kleister 575.
  Klinker 373.
  Knallanilin 169.
  Knallmannit 168.
  Knallpulver 152.
  Knallquecksilber 94.
  Knetmaschinen 539.
  Knistersalz 179.
  Knochen 623.
  Knochenkohle 453. 638.
  Knochenleim 618.
  Knotenfnger 416.
  Knopfmetall 54.
  Knoppern 596.
  Kobalt 37.
  Kobaltblau 38.
  Kobaltbronze 39.
  Kobaltfarben 38.
  Kobaltgelb 39.
  Kobaltgrn 38.
  Kobaltoxydul 39.
  Kobaltspeise 38. 41.
  Kobaltultramarin 38.
  Kobaltviolett 39.
  Kochsalz 176.
  Kochsalzlaugerei 101.
  Kohleeisenstein 7.
  Kohlefilter 453.
  Kohlen 783.
  Kohlenlicht 757.
  Kohlentheer 654.
  Kohlenziegel 809.
  Kohlungsstahl 27.
  Kokosnussfaser 402.
  Koks 744. 802.
  Kokscondensator 189.
  Krapp 668.
  Krappblumen 669.
  Krappfarben 669.
  Krapplack 669.
  Kreide 376.
  Kreosot 765.
  Kreosotgas 756.
  Kronglas 329.
  Krmelzucker 465.
  Kruppstahl 28.
  Kryolith 206. 290.
  Kryolithalaun 290.
  Kryolithglas 335. 354.
  Kryolithsoda 206.
  Krystallglas 327.
  Khlkothbad 691.
  Khlkrge 361.
  Khlen der Wrze 501.
  Khlgelger 510.
  Khlkrge 361.
  Kunstguss 17.
  Kunstwolle 582.
  Kupellation 107.
  Kupfer 43.
  Kupferamalgam 56.
  Kupferbarilla 44.
  Kupfererze 44.
  Kupferfarben 58.
  Kupferglanz 44.
  Kupferkies 44.
  Kupferlasur 44.
  Kupferlegirungen 52.
  Kupfer, essigsaures 60.
     "    schwefelsaures 56.
     "    zinnsaures 60.
  Kupferproduktion 52.
  Kupferschiefer 44.
  Kupferstein 46.
  Kupfervitriol 56.
  Kupolofen 17.
  Kyanisiren 557.

      L.

  Lac Dye 671.
  Lackfarben 654.
  Lackfirniss 572.
  Lackirtes Leder 607.
  Lactometer 642.
  Lactoproten 641.
  Lakmus 675.
  Laming's Mischung 735.
  Lampen 714.
  Lapis lazuli 296.
  Lasurstein 44.
  Lavabrenner 743.
  Leche 6.
  Leder 593.
  Lederleim 615.
  Lederl 605.
  Legirungen 6.
  Lehm 342.
  Lehmguss 17.
  Leim 624.
    "  elastischer 622.
    "  flssiger 619.
  Leimen des Papieres 415.
  Leimprobe 619.
  Leimsurrogate 621.
  Lein 398.
  Leingewebe 400.
  Leinlfirniss 570.
  Leinprobe 405.
  Leiokom 433.
  Leithenerblau 38.
  Lenzin 409.
  Lepidinblau 668.
  Letten 342.
  Leuchtgas 714.
  Leuchtmaterialien 695.
  Leucogen 679.
  Libidibi 596.
  Ligronlampe 717.
  Liqueurfabrikation 564.
  Liquid Fire 233.
  Lithographischer Stein 376.
  Lithofracteur 165.
  Lithophanien 353.
  Lithoponien 353.
  Loden 583.
  Lthsalz 84.
  Lthwasser 84.
  Lohgerberei 596.
  Lo-kao 676.
  Luftgas 753.
  Luftheizung 817.
  Luftmrtel 381.
  Lumpen 408.
  Lumpensurrogate 409.
  Lumpenwolle 582.
  Luppenfrischerei 8. 19.
  Lukasschwarz 663.
  Lster 360.
  Luteolin 676.

      M.
  Maceration 449.
  Maclurin 675.
  Magdalaroth 666.
  Magenta 660.
  Magnesialicht 757.
  Magnesiatiegel 376.
  Magnesium 120.
  Magnesiumhypochlorit 246.
  Magnesiumlicht 757.
  Magneteisenstein 120.
  Mainzer Fluss 274.
  Majolika 358.
  Maischen 514.
  Maischraumsteuer 537.
  Malachit 44.
  Maltin 495.
  Malz 489. 493.
  Malzdarren 494.
  Mandarinage 694.
  Manchestergelb 667. 676.
  Manganprparate 117.
  Mangansuperoxyd 115.
  Manilahanf 241. 402.
  Maniok 432.
  Mannheimer Gold 54.
  Marineleim 575.
  Marmorcment 395.
  Maroquin 606.
  Marron 663.
  Martinstahl 26.
  Martiusgelb 666. 676.
  Mascagnin 258.
  Maschinenpapier 419.
  Maschinenschmierl 770.
  Masseguss 18.
  Massicot 65.
  Matthieu-Plessy's Grn 69.
  Mauve 660.
  Mauven 660. 661.
  Mechan. Lampe 703.
  Meersalz 177.
  Meerwasser 177.
  Mehl 538.
  Meilerverkohlung 783. 786.
  Melasse 136. 439. 463.
  Mennige 66.
  Mennige, oxydirte 66.
  Mergel 342.
  Messing 53.
  Metallfrbung 125.
  Metallkitt 56. 84.
  Metallochromie 125.
  Metallurgie 3.
  Methylalkohol 553.
  Milch 640.
  Milchextract 643.
  Milchglas 335.
  Milchprobe 642.
  Milchsure 641.
  Milchzucker 642.
  Millefiori 336.
  Mineralblau 59.
  Mineralgrn 57.
  Minerall 715. 770.
  Mineralpotasche 131.
  Mineralspiritus 513.
  Mirbanessenz 564. 657.
  Mittlergrn 69.
  Mo 187.
  Moderateurlampe 721.
  Mohair 578.
  Mordants 680. 688.
  Morindagelb 676.
  Mrtel 381.
  Moir metallique 76.
  Molken 643.
  Mondglas 315.
  Most 473.
  Moussirender Wein 483.
  Mnzfuss 106. 112.
  Muffelfarben 352.
  Muntzmehl 54.
  Murexid 672.
  Musivgold 76.
  Mycoderma aceti 547.

      N.

  Naphtalinfuchsin 666.
  Naphtalin 666.
  Naphtalinfarben 665.
  Naphtalingelb 666.
  Naphtalinroth 667.
  Naphtalinviolett 667.
  Naphtosure 665.
  Naphtylamin 666.
  Naphtylblau 667.
  Natriumamalgamation 110.
  Natrium, borsaures 281.
     "     kieselsaures 325.
     "     kohlensaures 186.
     "     zweifach-kohlensaures 208.
     "     salpetersaures 152.
     "     schwefelsaures 190. 236.
     "     unterschwefligsaures 220.
  Natriumalaun 293.
  Natriumaluminat 294.
  Natriumarseniat 89.
  Natriumbicarbonat 208.
  Natriumbisulfat 222. 236.
  Natriumborat 281.
  Natriumcarbonat 186.
  Natriumdithionit 220.
  Natriumhypochlorit 245.
  Natriumhyposulfit 220.
  Natriumnitrat 152.
  Natriumpyrocarbonat 186.
  Natriumsalpeter 152.
  Natriumsilicat 325.
  Natriumstannat 77.
  Natriumsulfat 190. 236.
  Navassit 622.
  Neapelgelb 90.
  Neft-gil 760.
  Neusilber 55.
  Neuviolett 661.
  Newton's Metall 79.
  Nickel 40.
  Nickelmnzen 43. 55.
  Nickelproduktion 43.
  Nickelspeise 41.
  Nicotianin 560.
  Nicotin 560.
  Nitrobenzol 657.
  Nitroglycerin 170. 714.
  Nitroleum 170. 714.
  Nitromannit 168.
  Nitrostrke 176.
  Nrnberger Violett 243.

      O.
  Obertaig 502.
  Oefen 813.
  Oel, fettes 714.
  Oelblau 59.
  Oele, therische 562.
  Oelgas 753.
  Oelgerberei 612.
  Oelkitt 574.
  Oelraffiniren 714.
  Oenanthther 479.
  Oenanthin 479.
  Oenocyanin 474.
  Ofenheizung 813.
  Olivenl 266.
  Opalglas 335.
  Operment 89.
  Opermentkpe 682.
  Optisches Glas 329.
  Orcen 672.
  Orcin 672.
  Orede 54.
  Organsinseide 589.
  Orlean 676.
  Orseille 672.
  Orseillecarmin 672.
  Osemundstahl 25.
  Osmose 450.
  Oxanthracen 667.
  Oxydiren des Silbers 108.
  Oxyphoten 667.
  Ozokerit 760.

      P.

  Paeonin 664.
  Pakfong 55.
  Palladium 96.
  Palmenwachs 710.
  Palmitin 698.
  Palmitinsure 698.
  Palml 265.
  Pannetier's Grn 69.
  Papierfabrikation 408.
  Papierformen 417.
  Papiermach 423.
  Papiermaschinen 419.
  Pappe 422.
  Paraffin 759.
  Paraffinkerzen 708.
  Paraffinl 769.
  Parfmerie 563.
  Parfms, chemische 564.
  Parian 354.
  Pariancment 395.
  Pariserblau 35.
  Pariserroth 66.
  Pastellfarben 654.
  Pastriren des Weins 481.
  Patina 53.
  Pattinson's Bleiweiss 73.
  Pattinsoniren 103.
  Peras 809.
  Pergament, animalisches 613.
      "      vegetabilisches 424.
  Pergamentpapier 424.
  Perlasche 132.
  Perlen 338.
  Perlenessenz 338.
  Persio 672.
  Perusilber 55.
  Petinetglas 336.
  Petiotisiren 486.
  Petroleum 754. 772. 801.
  Petroleumgas 754.
  Petroleumlampe 723.
  Petrosolarl 774.
  Pfannenschmied'scher Process 111.
  Pfannenstein 184.
  Pfeifenthon 361.
  Pflanzenfaser 397.
  Phenamen 661.
  Phnicienne 664.
  Phenylblau 665.
  Phenylbraun 664.
  Phenylroth 665.
  Phenylsure 663.
  Phtalsure 665.
  Phnixl 774.
  Phosphor 622.
      "    rother 629.
  Photogen 769.
  Pfuhleimer 147.
  Physikbad 77.
  Pierres de Strass 331.
  Pikabahanf 402.
  Pikratpulver 169.
  Pikrinpulver 169.
  Pikrinsure 664.
  Pikromerit 130. 180.
  Pinchback 54.
  Pink-colour 359.
  Pincoffin 669.
  Pinksalz 77.
  Pistorius' Apparat 522.
  Pittl 774.
  Plachmal 111.
  Platin 95.
  Platinapparat 229.
  Platingas 750.
  Platinlegirungen 98.
  Platinmohr 97.
  Platinschwamm 97.
  Platinspiegel 322.
  Pkeln 651.
  Polarisationsapparat 446.
  Polyhalit 180.
  Pommaden 564.
  Porcellan 344.
  Porcellanerde 340.
  Porcellanmalerei 351.
  Porcellanofen 350.
  Portland-Cment 385.
  Potasche 127.
      "    aus Asche 132.
      "     "  Carnallit 127.
      "     "  Feldspath 131.
      "     "  Meerwasser 132.
      "     "  Schafwollschweiss 142.
      "     "  Schlempekohle 136.
      "     "  Tangen 140.
  Potaschenkpe 661.
  Prparirsalz 78.
  Presshefe 534.
  Presslinge 449.
  Pressspne 423.
  Presstorf 793.
  Pressziegel 368.
  Prinzmetall 54.
  Puddeleisen 20.
  Puddelstahl 26.
  Puddlingsprocess 20.
  Pultfeuerung 825.
  Pulver 159.
  Pulvergase 164.
  Pulverkohle 159.
  Pulverkrner 161.
  Pulverprobe 165.
  Pumplampe 721.
  Pure 676.
  Purpur des Cassius 115.
  Purpurin 668.
  Puzzuolane 384.
  Pyrit 226.
  Pyrogen 771.
  Pyronone 165.
  Pyrolusit 115.
  Pyropapier 176.
  Pyroxylin 173.

      Q.

  Quartation 111.
  Quecksilber 89.
       "      knallsaures 94.
  Quecksilberchlorid 93.
  Quecksilberproduktion 90.
  Quecksilbersulfuret 93.
  Quemason 285.
  Quercitron 676.

      R.

  Rahm 641.
  Ramee 402.
  Ramsay's Bleichflssigkeit 246.
  Rassol 177.
  Ratafia 564.
  Ruchern des Fleisches 651.
  Rauchverzehrende Feuerungen 822.
  Rauchtabak 561.
  Realgar 89.
  Raumur's Porcellan 312.
  Regeneration 11. 311.
  Regeneration des Braunsteins 241.
  Regeneration der Gemlde 573.
  Regeneration des Schwefels 204.
  Regenerativfeuerung 22. 310. 811.
  Regulateurlampe 721.
  Reisstrke 432.
  Reissteinglas 335.
  Rennarbeit 8. 19.
  Reservagen 688.
  Rheahanf 402.
  Ringofen 371.
  Rinmann's Grn 39.
  Rohanilin 658.
  Roheisen 14.
  Rohrzucker 435.
  Rohschlacke 20.
  Rohstahl 25.
  Romancment 389.
  Rosanilin 660.
  Rosen 660.
  Rose's Metall 79.
  Rosettenkupfer 45.
  Rosirsalz 77.
  Rosoglio 564.
  Rosolsure 665.
  Rstkohle 159. 790.
  Rstprocess 5.
  Rothgerberei 595.
  Rothholz 670. 791.
  Rothkohle 159. 790.
  Rothmetall 54.
  Rothzinkerz 79.
  Rbenbranntwein 517.
  Rbenessig 545.
  Rbenmelasse 136. 463.
  Rbensoda 188.
  Rbenzucker 442.
  Rbenzuckerproduktion 464.
  Rubin 660.
  Rubinglas 331.
  Rbl 715.
  Rum 518.
  Runkelrbe 442.
  Rusma 89. 600.

      S.

  Saccharimetrie 444.
  Schsischgrn 39.
  Smischgerberei 612.
  Saffian 606.
  Safflor 671.
  Saftfarben 654.
  Saftgrn 676.
  Sago 433.
  Salicor 187.
  Salin 138.
  Salmiak 261.
     "    als Hohofenprodukt 13. 254.

  Salpter 145.
  Salpeterbildung 145.
  Salpeterfrischen 27.
  Salpeterplantagen 145.
  Salpeterprfung 151.
  Salpetersure 153.
        "       rauchende 158.
  Salpeterschwefel 168.
  Salz, denaturirtes 184.
  Salz, gemeines 176.
  Salzproduktion 186.
  Salzsure 189. 234.
  Sandelholz 670.
  Sandguss 17.
  Santorin 384.
  Sassolin 278.
  Satz, grauer 168.
  Sauerteig 539.
  Sauglampe 718.
  Saxifragin 165.
  Scaliogla 395.
  Schafwollschweiss 142.
  Schalenguss 18.
  Scharte 676.
  Schaumwein 483.
  Scheele's Grn 59.
  Scheelisiren des Weins 489.
  Scheidewasser 154.
  Scheidung 111.
      "     in die Quart 111.
  Schiefergas 754.
  Schiessbaumwolle 173.
  Schiesspulver 159.
  Schlacken 6.
  Schleifen 321.
  Schlempe 533.
  Schlempekohle 136.
  Schlichten 604.
  Schlichtmond 604.
  Schmelztiegel 375.
  Schmiedeeisen 19.
  Schmierseife 273.
  Schnellessigfabrikation 545.
  Schnellfluss 152.
  Schnellloth 65.
  Schnellgerberei 603.
  Schnupftabak 562.
  Schoenit 130. 180.
  Schriftgiessermetall 87.
  Schrotfabrikation 64.
  Schwammlampe 717. 725.
  Schwarzkohle 797.
  Schwarz'scher Apparat 525.
  Schwefel 212.
     "     natrlicher 212.
     "     aus Kelp 217.
     "      "  Pyrit 216.
     "      "  Sodarckstnden 203.
  Schwefel aus Steinkohlengas 217.
  Schwefel, regenerirter 204.
     "      vegetabilischer 217.
  Schwefelantimon 85.
  Schwefelarsen 89.
  Schwefelbalsam 218.
  Schwefelblumen 216.
  Schwefelchlorr 233.
  Schwefelcyanammonium 735.
  Schwefelkadmium 85.
  Schwefelkies 216. 226.
  Schwefelkohlenstoff 232.
  Schwefelmineralien 213.
  Schwefelproduktion 218.
  Schwefelregeneration 204.
  Schwefelrstofen 224.
  Schwefelsure 221.
        "       englische 222.
        "       rauchende 221.
  Schwefelsureverseifung 701.
  Schweflige Sure 219.
  Schwefligsaurer Kalk 220.
  Schweinfurtergrn 59.
  Scotsh gold 226.
  Scrubber 732.
  Sebacylsure 709.
  Secretage 93.
  Sedanschwarz 684.
  Seealgen 140.
  Seesalz 178.
  Seetange 141.
  Seetangkohle 640.
  Seide 586.
  Seidenbleichen 679.
  Seidendruck 694.
  Seidenfrberei 685.
  Seidenraupe 586.
  Seidenweberei 590.
  Seidenzeuge 591.
  Seife 265.
    "   gefllte 269. 272.
    "   geschliffene 269.
  Seifen, unlsliche 310.
    "   weiche 373.
  Seifenprobe 276.
  Seifenwerk 74.
  Seifenzinn 74.
  _Sel Clement_ 109.
  Semilor 94.
  _Serpents de Pharaon_ 233.
  Sicherheitszndhlzer 637.
  Siderallicht 757.
  Siderographie 32. 38.
  Siderolith 358.
  Siegellack 565.
  Siemens' Regeneratorofen 22.
  Silber 98.
  Silbererze 98.
  Silberextraction 100.
  Silbergewinnung 100.
  Silberlegirungen 106.
  Silberoxyd, salpetersaures 108.
  Silberprobe 107.
  Silberproduktion 105.
  Silbersalpeter 108.
  Silberspiegel 322.
  Singer's Essiggenerator 547.
  Smalte 38.
  Smaragdgrn 68.
  Soda 186.
    "  aus Kochsalz 206.
    "   "  Kryolith 206.
    "   "  Natronsalpeter 206.
    "   "  Sulfat 187.
  Sodabildung 201.
  Sodakpe 682.
  Sodafen 191.
  Sodarckstnde 201.
  Sodasalz 200.
  Sodaultramarin 300.
  Solarl 759. 769.
  Solarllampe 723.
  Sombrerit 622.
  Speise 6.
  Spiegeleisen 14.
  Spiegelfabrikation 318.
  Spiegelfolie 75. 321.
  Spiessglanz 85.
  Spinelltiegel 376.
  Spinnen 400.
  Spiritus 512.
  Spiritussteuer 535.
  Sprengl 170. 714.
  Sprengpulver 165.
  Stabeisen 19.
  Strke 425.
  Strkegummi 432.
  Strkezucker 464.
  Stahl 25.
  Stahlindustrie 30.
  Stahlproduktion 31.
  Stahlstich 30.
  Stampfgeschirr 412.
  Stangenschwefel 215.
  Stanniol 75.
  Stassfurter Mineralien 180.
  Stassfurtit 180. 284.
  Statuenbronze 53.
  Stearinkerzen 699.
  Stearinsure 699.
  Steine, knstliche 364.
  Steinkohle 725. 797.
  Steinkohlengas 725.
  Steinkohlentheer 655. 726. 745.
  Steinl 772.
  Steinpappe 423.
  Steinsalz 176. 179.
  Steinzeug 355.
  Stereochromie 326.
  Sterrometall 54.
  Strass 331.
  Streichwolle 581.
  Streublau 38.
  Stucco 395.
  Stuferze 4.
  Sturzlampe 519.
  Suintergas 753.
  Sulfat 236.
  Sulfat-Ultramarin 298.
  Sulferino 660.
  Sumach 595.
  Sunnhanf 402.
  Sylvin 126. 180.

      T.

  Tabak 559.
  Tachhydrit 180.
  Tafelfarben 681.
  Talg 266.
  Talgkernseife 269.
  Talgkerzen 707.
  Tange 140.
  Tangkohle 142.
  Tannin 595.
  Tapioka 433.
  Tempern 18.
  Terracotta 364.
  Terralith 358.
  Terresin 566.
  Thallium 227.
  Thalliumglas 304.
  Theer 654. 745.
  Theerfarben 654.
  Theerl 655. 745.
  Theerpech 746.
  Thermokessel 746.
  Thierkohle 638.
  Thon 341.
  Thonerde, essigsaure 296.
      "     schwefelsaure 293.
      "     unterchlorigsaure 296.
      "     unterschwefligsaure 296.
  Thonerdenatron 294.
  Thonerdeseife 277.
  Thonerdeverseifung 700.
  Thonmergel 342.
  Thonpfeifen 361.
  Thonrhren 363. 375.
  Thonverarbeitung 339.
  Thran 266.
  Tiegel 375.
  Tinkal 281.
  Tinte, rothe 680.
     "   schwarze 677.
  Tiza 284.
  Toilettenseife 274.
  Toluidin 659.
  Toluidinfarben 654.
  Toluidinblau 662.
  Tombak 54.
  Tpferthon 342.
  Tpferwaaren 340. 362.
  Torf 767. 791.
  Torfgas 748.
  Torfkohle 795.
  Tournesol 675.
  Trass 384.
  Traubenzucker 464.
  Treber 510.
  Treiben 103.
  Treibherd 103.
  Treppenrost 824.
  Trester 482.
  Trinitrin 170.
  Trinitrokresylsure 664.
  Trinitrophenylsure 664.
  Trona 187.
  Tschuma 401.
  Tuch 583.
  Tunnerstahl 27.
  Turnbullsblau 36.
  Trkischroth 687.
  Tuschfarben 654.
  Twist 405.
  Tyralin 660.

      U.

  Uchatiusstahl 26.
  Ueberfangglas 332.
  Uebermangansaures Kali 117. 679.
  Uhrlampe 720.
  Ultramarin 296.
  Unterschweflige Sure 219.
  Unterschwefligsaures Natrium 220.
  Urao 187.

      V.

  Vacuumpfannen 457.
  Valonia 596.
  Varek 140. 188.
  Varrentrapp's Bleichsalz 246.
  Vaporimeter 478.
  Vergoldung 114. 122. 353.
  Verkohlung 783.
  Verkupfern 124.
  Verseifung mit Alkalien 268.
       "      "  Baryt 700.
       "      "  Kalk 698.
       "      "  Schwefelsure 701.
       "      "  Thonerde 700.
       "      "  Wasser 703.
       "      "  Wasserdampf 704.
  Versilbern 108. 123. 353.
  Versthlen 28. 114.
  Verwittern 4.
  Verzinken 124.
  Verzinnen 124.
  Victoriaorange 664.
  Viehsalz 184.
  Vinasse 136.
  Violet de Paris 661.
  Violet imprial 661.
  Violet nonpareil 661.
  Violin 661.
  Vitriol 32.
  Vitriolkpe 682.
  Vitrioll 221.
  Vulkanl 774.

      W.

  Wach 709.
  Wachsarten 710.
  Wachskerzen 709.
  Wachsstcke 711.
  Waidkpe 681.
  Walkerde 342.
  Wallrath 711.
  Wallrathkerzen 711.
  Walzenglas 316.
  Walzwerk 23.
  Warmwasserrste 398.
  Wasser 491.
  Wasserdichtmachen 296.
  Wassergas 749.
  Wasserglas 325.
  Wasserheizung 819.
  Wasserlaugerei 101.
  Wassermrtel 383.
  Wau 676.
  Weben 400. 583.
  Wedgwood 355.
  Weichloth 65.
  Wein 472.
    "  moussirender 483.
  Weinbereitung 472.
  Weinessig 545.
  Weingeist 512.
  Weinkrankheiten 480.
  Weinsure 483.
  Weinstein 483.
  Weinveredelung 485.
  Weissfeuer 89.
  Weissgerberei 608.
  Weisskupfer 55.
  Weisssud 76.
  Weizenstrke 429.
  Wemysskohle 807.
  Wilson's Bleichflssigkeit 246.
  Wismuth 78.
  Wismutherze 78.
  Wismuthlegirungen 79.
  Wolframstahl 36.
  Wolfstahl 26.
  Wollastonit 305.
  Wolle 577.
  Wollschweiss 142. 579.
  Wollzeuge 585.
  Wongshy 676.
  Wood's Metall 84.
  Wooz 31.
  Wrfelnickel 56.
  Wrze 495.

      X.

  Xylodin 426.

      Y.

  Yellow metal 53.
  Yeast-Powder 542.

      Z.

  Zeichentinte 108. 677.
  Zeiodelit 575.
  Zeugdruck 653. 687.
  Zeuge, baumwollene 405.
     "   leinene 400.
     "   seidene 591.
     "   wollene 585.
  Ziegelerz 44.
  Ziegelmaschinen 364.
  Ziegelfen 370.
  Ziegelsteine 373.
        "      schwimmende 374.
  Zink 79.
  Zinkblende 79.
  Zinkchlorid 89.
  Zinkchromat 84.
  Zinkgelb 84.
  Zinkgrn 39.
  Zinkguss 86.
  Zinkoxychlorr 84.
  Zink 83.
    "  chromsaures 84.
    "  unterchlorigsaures 246.
  Zinkhypochlorit 246.
  Zinkrauch 80.
  Zinksulfat 84.
  Zinkvitriol 84.
  Zinkweiss 83.
  Zinn 74.
  Zinnasche 75.
  Zinnchlorid 77.
  Zinnchlorr 77.
  Zinnfolie 75.
  Zinnkpe 682.
  Zinnober 89. 93.
  Zinnsalz 77.
  Zinnsaures Natron 77.
  Zinnsaures Kupfer 60.
  Zinnsud 78.
  Zirkonlicht 757.
  Zucker 434.
  Zucker-Baryt 436.
  Zuckerfabrikation 434.
  Zuckerkpe 682.
  Zuckerprobe 444.
  Zuckerproduktion 441.
  Zuckerrohr 437.
  Zuckerrbe 441.
  Zndhlzchen 633.
  Zndhtchen 94.
  Zndrequisiten 631.
  Zndnadelsatz 168.
  Zuschlag 5.
  Zwirn 400.
  Zwischenprodukte 6.

                    *       *       *       *       *

                    Druck von Otto Wigand in Leipzig.

                    *       *       *       *       *




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     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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