The Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 6: Arabesken,
Prosaschriften, Rom, by Nikolaj Gogol

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Title: Smmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom

Author: Nikolaj Gogol

Editor: Otto Buek

Translator: Charlotte Lolly Koenig
            Otto Buek

Release Date: November 3, 2017 [EBook #55881]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 6: ***




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                             Nikolaus Gogol
                               Arabesken




                             Nikolaus Gogol
                            Smmtliche Werke
                              In 8 Bnden


                             Herausgegeben
                                  von
                               Otto Buek


                                 Band 6


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1912


                             Nikolaus Gogol




                     Arabesken, Prosaschriften, Rom


                             Herausgegeben
                                  von
                               Otto Buek


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1912




                       Inhalt des sechsten Bandes


   Arabesken (Erster Teil)                                        1
   Vorwort                                                        3
   Skulptur, Malerei und Musik                                    5
   ber das Mittelalter                                          15
   Ein Kapitel aus einem historischen Roman                      37
   ber den Unterricht in der Weltgeschichte                     57
   Ein berblick ber das Werden Kleinrulands                   83
   Einige Worte ber Puschkin                                   103
   ber die Architektur unserer Zeit                            115
   Al-Mamun                                                     151
   Arabesken (Zweiter Teil)                                     163
   Das Leben                                                    165
   Schlzer, Mller und Herder                                  173
   Der Newsky-Prospekt                                          183
   ber die kleinrussischen Lieder                              243
   Gedanken ber Geographie                                     259
   Der letzte Tag von Pompeji                                   275
   Der Gefangene                                                289
   ber die Vlkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts         301
   Memoiren eines Wahnsinnigen                                  349
   Aufstze aus Puschkins Zeitgenossen                        387
   ber die Strmungen in der Zeitschriftenliteratur der Jahre  289
      1834-1835
   Petersburger Skizzen                                         427
   Italienische Sommernchte                                    453
   Rom                                                          459
   Anhang                                                       533




                               Arabesken
                                   I
                                  1835
                              Erster Teil


                  Deutsch von _Charlotte Lolly Koenig_

Diese Sammlung enthlt eine Reihe von Schriften, die zu sehr
verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Epochen meines Lebens
entstanden sind. Sie sind nicht auf Bestellung geschrieben. Sie waren
ein Ausdruck meiner Seelenstimmung, und ich whlte mir nur solche
Gegenstnde, die einen starken Eindruck auf mich machten. In diesen
Stcken werden die Leser sicherlich viel Jugendliches finden. Ich
gestehe, da ich einige von diesen Schriften vielleicht garnicht in
diese Sammlung aufgenommen htte, wenn ich sie ein Jahr frher
herausgegeben htte, als ich mich noch viel strenger gegen meine lteren
Arbeiten verhielt. Aber statt gar zu streng mit seiner _Vergangenheit_
ins Gericht zu gehen, ist es weit besser, unerbittlich gegen seine
_gegenwrtigen_ Leistungen zu sein. Das, was man frher einmal
geschrieben hat, zu vernichten, scheint mir ebenso ungerecht, wie die
vergangenen Tage seiner Jugend zu vergessen. Und auerdem: wenn ein Werk
zwei oder drei noch nicht ausgesprochene Wahrheiten enthlt, so hat der
Verfasser schon nicht mehr das Recht, sie dem Leser vorzuenthalten, und
um zweier oder dreier richtiger Gedanken willen, kann man wohl schon die
Unvollkommenheit des Ganzen verzeihen.

Sodann mu ich noch einiges ber diese Ausgabe selbst sagen: als ich die
gedruckten Bogen las, erschrak ich selbst an vielen Stellen ber die
Unkorrektheit des Stils, ber vieles berflssige und Unzureichende, das
eine Folge meiner Unvorsichtigkeit war. Aber der Mangel an Mue und
andre nicht immer freundliche Lebensumstnde erlaubten es mir nicht,
meine Manuskripte ruhig und aufmerksam durchzusehen, und so wage ich
denn zu hoffen, da mich der Leser gromtig entschuldigen wird.


                                   I
                      Skulptur, Malerei und Musik

Dank sei dem Schpfer der Welten fr seine Gte und sein Mitleid mit den
Menschen! Drei hehre Schwestern hat er entsandt, die Welt zu verschnen
und zu erquicken; ohne sie wre die Welt eine Wste, die klanglos ihre
Kreise zge. Lat uns unsere Wnsche enger, inniger zusammenschlieen
und unsern ersten Becher der Skulptur weihn. Sie, die schne Sinnenkunst
war es, die zuerst in diese Welt trat. Sie ist ein vllig ursprngliches
Gebilde, die Spur jenes Volkes, das sich ganz, mit seiner ganzen Seele,
seinem ganzen Leben in ihr verkrpert hat. Sie ist das klare Abbild
jener leuchtenden, griechischen Welt, die vor uns im tiefen Abgrund der
Jahrhunderte entschwunden, schon vom Nebel verhllt wird und nur noch
von dem Gedanken des Dichters erreicht werden kann: jene von Weinranken
und Olivenzweigen, harmonischen Trumen und prunkendem Heidentum
geschmckte Welt. Jene Welt, die sich beim Klang der Zimbeln im
gemessenen Tanz wiegte oder in bacchantischem Wirbel dahinraste, wo das
Gefhl des Schnen alles durchdrang: die Htte des Bettlers, die Zweige
der Platane, den Marmor der Sulenhallen, den von lebhaften,
eigenwilligen Menschen bevlkerten Platz, das Relief, das den festlichen
Becher zierte, und die sich lange schlingende Reihe anmutiger
mythologischer Gestalten verbildlichte: wo schamhaft die Gttin der
Schnheit dem Schaum der Wellen entsteigt, Tritonen dahinjagen und in
die Hnde klatschen und Poseidon silberklar aus der Tiefe seines
herrlichen Elements emportaucht. Jene Welt, in der die Religion nichts
war -- als Schnheit, als die menschliche Schnheit und die
gttergleiche Schnheit des Weibes -- jene ganze Welt ward festgehalten
von der holden Skulptur; nichts auer ihr konnte das leuchtende Dasein
dieser Welt so lebendig zum Ausdruck bringen. Wei wie Milch, Schnheit,
Zartheit und Wollust atmend, bannte die Skulptur eine Idee und einen
Gedanken -- die Schnheit, die stolze Schnheit des Menschen in den
durchsichtigen Marmor. Selbst in der Glut der Leidenschaft und im
strksten Affekt -- stets bleibt bei ihr der Mensch stolz und schn und
fordert unsere Bewunderung heraus durch seine freie athletische Pose.
Hier fliet alles in sinnlicher Schnheit zusammen; nie lassen wir beim
Anblick einer schmerzerfllten Gruppe die bittere Klage unseres Herzens
mit ihrer Klage zusammenklingen; ja, man knnte fast sagen, wir genieen
den Anblick ihrer Qualen, so sehr wird der Drang unserer Seele durch die
plastische, ruhige Schnheit berwltigt. Die Skulptur drckt nie ein
anhaltendes, tiefes Gefhl aus, sie gibt nur schnelle spontane
Empfindungen wieder: den wilden Zorn, einen rasenden Schmerzensschrei,
das furchtbare Grauen, einen pltzlichen Schreck, Trnen, Stolz,
Verachtung und endlich die in sich selbst versunkene Schnheit. Sie
wandelt alle Gefhle des Beschauers in Genu, den ruhigen Genu, der
stets mit der Wonne und der Selbstzufriedenheit der heidnischen Welt
verbunden ist. Ihr fehlen jene geheimen, schrankenlosen Gefhle, die
endlose Trume mit sich fhren. In ihr suchen wir umsonst nach dem
langen, von Umwlzungen und Erschtterungen erfllten Leben. Ihre
Schnheit hat etwas Momentanes, wie die einer schnen Frau, die einen
Blick in den Spiegel wirft, ihrem Bilde freundlich zulchelt und
frohlockend weiter eilt, triumphierend eine Schar stolzer Jnglinge nach
sich ziehend. Sie ist bezaubernd wie das Leben, wie die Welt, wie die
Sinnenschnheit, der sie als Altar dient. Sie wurde zugleich mit der
scharf umrissenen und klar gestalteten heidnischen Welt geboren, sie
stellte sie dar und ist mit ihr gestorben. Vergeblich versuchte man es,
mit ihrer Hilfe die hohen Gestalten des Christentums zu verkrpern, sie
stand ihnen so fern, wie der heidnische Glaube.

Nie konnten die erhabenen strmenden Gedanken des Christentums auf der
wollstigen Auenseite des Marmors Platz finden. Sie wurden ganz von
seiner Sinnlichkeit aufgesogen.

Nicht so ihre beiden andern Schwestern, die Malerei und die Musik, die
das Christentum aus ihrer Niedrigkeit erhob und ins Gigantische
steigerte. Durch seine mchtige Triebkraft blhten sie erst recht empor
und sprengten die Fesseln der sinnlichen Welt. Wehmtig gedenke ich
meiner herrlichen, wolkenhaften, marmornen Skulptur! Doch ... erklinge
heller, mein Becher, kling' heller in meiner bescheidenen Zelle -- und
es lebe die Malerei. Erhaben und herrlich wie der Herbst, der reich
geschmckt durch das weinlaubumrankte Fenster blickt, fromm und gewaltig
wie das Weltall -- ja du bist schn, du herrliche Musik der Augen. Nie
hat die Skulptur es gewagt, deine himmlischen Offenbarungen
darzustellen. Nie hat sie uns jene feinen geheimnisvollen irdischen Zge
sehen lassen, bei deren Anblick wir das Gefhl haben, als erflle der
Himmel unsere Seele, und bei denen wir das Unaussprechliche zu empfinden
meinen. Wie aus wolkigem Nebel treten die langen Reihen der Bilder
hervor, und aus altertmlichen, vergoldeten Rahmen blickst du lebendig,
wenngleich die unbarmherzige Zeit deine Leuchtkraft verdunkelte, und
wortlos und stumm steht mit gefalteten Hnden vor dir der Beschauer.
Doch es ist nicht Sinnenglck, was aus seinen Augen strahlt, nein, sein
Antlitz ist von einer berirdischen Lust verklrt. Du warst nie der
Ausdruck einer bestimmten Nation und ihres Lebens, nein, dazu standest
du zu hoch, du warst der Ausdruck alles dessen, was die christliche Welt
an erhabenen Geheimnissen in sich birgt. Blickt hin auf das nachdenklich
auf die Hand gesttzte Haupt; wie begeistert und tief bohrend ist ihr
Blick! Sie ergreift nicht nur einen kurzen Augenblick wie der Marmor,
sie zieht diesen Augenblick in die Lnge, sie setzt das Leben fort bis
ber die Grenzen des Sinnlichen, sie entreit einer andern unendlichen
Welt Erscheinungen, fr die es uns an Worten und Namen fehlt. All jenes
Unbestimmbare, was kein vom wuchtigen Meiel des Bildhauers
durchfurchter Marmorblock auszudrcken vermag, gewinnt Gestalt unter dem
begeisterten Pinsel des Malers. Gewi wei auch sie die allen
verstndlichen Leidenschaften auszudrcken, allein die Sinnlichkeit
pulsiert nicht mehr so gewaltig in ihnen, und ein geistiges Element
scheint alles zu durchdringen. Das Leiden findet in ihr einen
unmittelbareren lebendigeren Ausdruck und ruft nur Mitleid hervor -- sie
appelliert an unsere Sympathie und nicht an unsere Genufhigkeit. Sie
nimmt sich auch nicht den Menschen allein zum Vorwurf -- ihre Grenzen
sind weiter: sie umfat das ganze Weltall, alles Herrliche, was den
Menschen umgibt, ist ihrer Macht erreichbar. Die geheimnisvolle
Harmonie, das wunderbare Band zwischen Mensch und Natur -- in ihr allein
ist sie zu finden. Sie bindet das Sinnliche an das Geistige.

Aber schume noch feuriger, mein dritter Pokal! Noch heller funkle und
perle ber den goldenen Rand, du schumendes Blut! -- Du funkelst zum
Preis der Musik! Denn sie ist noch weit feueriger und strmischer als
ihre beiden Schwestern. Sie ist ganz Leidenschaft! sie entreit den
Menschen pltzlich und wie mit einem Schlage der Erde, betubt ihn durch
den Donner ihrer gewaltigen Tne und versenkt ihn ganz in ihre Welt. Wie
in die Saiten des Instrumentes, so greift sie herrisch an seine Nerven,
an sein gesamtes Sein und lt sein ganzes Wesen erbeben. Er geniet
schon nicht mehr, er fhlt keine Teilnahme, nein, er selbst wird ganz
Leiden; seine Seele betrachtet keine unfabare Erscheinung, sie _lebt_,
lebt ihr eigenes Leben, gewaltsam, leidenschaftlich zerstrend.
Unsichtbar hat sie auf ihren sen Klngen die ganze Welt durchdrungen,
strmt sie breit dahin und atmet und lebt in tausend verschiedenen
Gestalten. Qualvoll und rebellisch ist sie -- am mchtigsten und
herrlichsten wirkt sie jedoch in den unendlichen Kuppelgewlben eines
dunklen Domes, wo sie tausend kniende Glubige zu _einer_ harmonischen
Empfindung verschmilzt und mit sich fortreit, ihre tiefsten
Herzensregungen blolegt, ihre Sinne betrt und sich mit ihnen in
unabsehbare Hhen emporschwingt -- ein langes Schweigen und einen lang
nachzitternden Ton hinter sich lassend, der in den Tiefen des hohen,
spitzen Turmes verklingt. Wie knnte man euch miteinander vergleichen,
ihr herrlichen Kniginnen der Welt! Der sinnliche Zauber der Skulptur
erfllt uns mit hohem Genu, die Malerei -- mit stiller Begeisterung und
Trumereien -- die Musik mit Leidenschaft und innerer Unruhe. Wenn wir
ein plastisches Kunstwerk aus Marmor betrachten, gert unser Geist
unwillkrlich in Entzcken, vor einem Gebilde der Malerei versinkt er in
Betrachtung -- beim Klange der Musik -- macht er sich Luft in einem
Schmerzenslaut -- als sei die Seele von einem einzigen Wunsch ergriffen
-- sich vom Krper loszureien. Sie -- ist unser! Sie ist das Eigentum
der neuen Welt! Sie blieb uns, als die Skulptur, die Malerei und die
Baukunst uns verlassen hatten. Nie drsteten wir so nach Begeisterung,
die die Seele erhebt, wie in der heutigen Zeit, wo alle die zahllosen
kleinen Launen und Gensse, an deren Erfindung unser XIX. Jahrhundert
sich den Kopf zerbricht, uns berwltigen und erdrcken. Alles
verschwrt sich gegen uns; diese ganze verfhrerische Kette raffinierter
Erfindungen des Luxus sucht unsere Sinne immer mehr und mehr zu betuben
und einzuschlfern. Wir lechzen darnach, unsere arme Seele zu retten,
diesen furchtbaren Versuchern zu entfliehen und -- so strzen wir uns in
die Musik. O sei unser Schutzengel, unser Heiland, Musik, verla uns
nicht! rttle unsere kleinliche habgierige Seele immer hufiger auf!
greife mit deinen Tnen krftiger in unsere schlummernden Gefhle! Rege,
whle sie auf und verscheuche, wenn auch nur fr Augenblicke, diesen
frchterlichen kalten Egoismus, der mit aller Gewalt unsere Welt erobern
will. O la bei dem machtvollen Strich deines Bogens die verwirrte Seele
des Rubers, wenn auch nur fr kurze Momente, von Gewissensbissen
gemartert werden, la den Spekulanten seine Rechnungen vergessen und die
Frechheit und Schamlosigkeit vor den Schpfungen des Genies eine
ungewollte Trne vergieen. O verlasse uns nicht, du, die du unsere
Gottheit bist. Der groe Baumeister der Welt hat uns in seiner
unergrndlichen Weisheit in stummes Schweigen gebannt, aber dem wilden
unentwickelten Menschen pflanzte er den Gedanken der Baukunst ein. Mit
einfachen Mitteln, ohne Hilfe des Mechanismus richtet er Berge von
Granit auf, trmt sie steil zum Himmel empor und sinkt vor ihrer
formlosen Gre in die Knie. Der alten heiteren Sinnenwelt sandte er die
herrliche Skulptur, die uns die reine keusche Schnheit brachte, und die
ganze antike Welt ward zu einem Loblied auf die Schnheit. Das
sthetische Schnheitsgefhl einte sie zu einem harmonischen Ganzen und
hielt sie fern von rohen Gelsten! Den finsteren, unruhigen
Jahrhunderten, wo oft nur die Lge und die rohe Kraft triumphierten, und
wo der Dmon des Aberglaubens und der Unduldsamkeit alle Lebensfreude
verscheuchte, schenkte er die begeisternde Malerei, die die Welt die
berirdischen Erscheinungen und die himmlischen Gensse der Heiligen
sehen lie. Aber unserem jungen und zugleich altersschwachen Jahrhundert
sandte er die gewaltige Musik -- um uns im Sturme zu ihm zu fhren. Doch
wenn uns auch die Musik noch verlt, was soll dann aus unsrer Welt
werden!?

                                                                 1831.


                                   II
                          ber das Mittelalter

Niemals haben die Ereignisse der Weltgeschichte eine solche
Gewichtigkeit und Bedeutsamkeit angenommen, nie hat sie eine so groe
Zahl von individuellen Erscheinungen gezeitigt, wie im Mittelalter. Alle
Weltbegebenheiten strmen, je nher sie diesen Jahrhunderten liegen,
nach langer Unbeweglichkeit mit gesteigerter Geschwindigkeit wie in
einen Strudel, in einen wildbrodelnden Wirbel zusammen, um, nachdem sie
von diesem in Umschwung gebracht, sich untereinander vermischt haben,
neugeboren in frischen Wellen wieder emporzutauchen. In diesen
Jahrhunderten fand eine groe Umwandlung der ganzen Welt statt. Sie sind
der Knoten, in dem die alte und die neue Welt zusammentreffen. Man kann
dem Mittelalter in der Geschichte der Menschheit dieselbe Bedeutung
anweisen, wie sie das Herz im menschlichen Krperbau einnimmt, in das
alle Adern einmnden und von dem sie alle ausgehen. Wie ging diese
vollstndige Umwandlung vor sich? Welches sind die ursprnglichen
Elemente, die sich in ihr erhielten? Was kam Neues hinzu? In welcher
Weise vermengte sich Altes und Neues? Was entstand aus dieser
Vermengung? Wie bildete sich das majesttische, stolze Gebude der
Neuzeit? Dies sind so schwerwiegende Fragen, wie es wohl in der ganzen
Geschichte kaum wichtigere gibt. Alles, was wir besitzen, dessen wir uns
bedienen, was wir vor den frheren Jahrhunderten voraushaben, der ganze
Bau und die kunstvolle Zusammensetzung unserer Administration, die
Beziehungen der verschiedenen Stnde untereinander, ja diese Stnde
selbst, unsere Religion, unsere Rechte und Privilegien, unsere Sitten
und Gebruche, selbst unser ganzes Wissen, das sich in so schnellem
Fortschritt vorwrts bewegt -- dies alles hat entweder seinen Keim und
Ursprung in dem dunklen geheimnisvollen Mittelalter oder hat sich doch
aus ihm entwickelt und herausdifferenziert. In ihm ruhen die
ursprnglichen Elemente und das Fundament alles Neuen; ohne ein
eingehendes, aufmerksames Studium dieser Epoche bleibt die neue
Geschichte unzulnglich und unklar, der Forscher, der von ihr ausgeht,
gleicht dem Besucher einer Fabrik, der sich ber die schnelle
Herstellung der Produkte wundert, da sie beinahe vor seinen Augen
entstehen, und dabei vergit, in das finstre Erdgescho hinabzusehen, wo
die groen mchtigen Schwungrder verborgen sind, die den Ansto zum
Ganzen geben; solch eine Geschichte gleicht der Statue eines Knstlers,
der keine Anatomie studiert hat.

Warum aber hat man sich trotz der groen Bedeutung dieser merkwrdigen
Epoche immer so ungern mit ihrer Erforschung beschftigt? Warum beeilt
man sich, wenn man zum Mittelalter kommt, stets, es so schnell wie
mglich durchzunehmen und abzutun? Und warum haben sich nur wenige, sehr
wenige Menschen, ergriffen von der Gre des Gegenstandes, die Mhe
genommen, einige von den angefhrten Fragen zu beantworten? Mir scheint,
es liegt daran, weil man dem Mittelalter stets den letzten Platz
angewiesen hat. Man hielt diese Epoche eben fr gar zu barbarisch und
unkultiviert, und infolgedessen blieb sie in der Tat immer dunkel und
unerforscht und wurde nie richtig in ihrem Werte erkannt und in ihrer
genialen Gre dargestellt. Barbarisch kann man nur ihren Anfang nennen,
aber selbst diese finstre Zeit birgt schon mancherlei, was unsere
Neugierde zu reizen geeignet wre. Schon der Proze der Vereinigung
zweier Welten, der antiken und der neuen, der grelle Widerspruch in
ihren Formen und ihren Eigentmlichkeiten, diese altersschwachen,
absterbenden Elemente der Antike, die sich durch die neue Umgebung
hindurchziehen, wie Flsse, die ins Meer strmen, aber noch lange ihr
ses Wasser nicht mit den salzigen Wellen vermengen, sind
_interessanter_ -- diese rohen, mchtigen Krfte der neuen Zeit, die
hartnckig allen fremden Einflssen widerstehen, um sie endlich doch
unfreiwillig in sich aufzunehmen, die mhevolle Anstrengung, mit der
diese europischen Wilden die rmische Kultur fr sich zurechtschneiden,
diese Bruchstcke, oder besser gesagt Fetzen rmischer Formen und
Gesetze inmitten der neuen noch unbestimmten, denen es noch an Gestalt,
Grenze und Ordnung fehlt, dieses ganze Chaos, in denen die Elemente der
furchtbaren Majestt des heutigen Europas und seiner tausendfltigen
Kraft ungegliedert durcheinanderbrodeln: dies alles ist _fesselnder_ fr
uns und regt unsere Neugierde mehr an, als die starre Zeit des rmischen
Weltreiches unter der Herrschaft kraftloser Imperatoren.

Ein zweiter Grund, warum man sich so ungern mit der Geschichte des
Mittelalters beschftigt, ist -- die angebliche Trockenheit, die man mit
ihr zu verbinden geneigt ist. Man betrachtet sie wie eine Menge
verschiedener ungeordneter Ereignisse, wie einen Haufen
unzusammenhngender und sinnloser Begebenheiten, die kein gemeinsames
Band umschliet, das sie alle zu einem Ganzen vereinigt. In der Tat,
ihre schreckliche und ungewhnliche Kompliziertheit mu im ersten
Augenblick chaotisch erscheinen; aber wenn man nur aufmerksamer und
tiefer hineinblickt, so findet man bald Zusammenhang, Zweck und Richtung
darin. brigens leugne ich nicht, da man den Instinkt und das
Verstndnis haben mu, das nur wenigen Historikern verliehen ist, um
dies alles zu entdecken. Einigen freilich ward die beneidenswerte Gabe
zuteil, alles in bewunderungswrdiger Klarheit und Folgerichtigkeit zu
sehen und darzustellen. Von ihrem Zauberstab berhrt, beleben sich die
Ereignisse und bekommen ihr eigenes Geprge und Interesse; ohne sie
dagegen erscheinen sie einem jeden noch lange trocken und sinnlos.
Abgesehen etwa von einem stumpfsinnigen Dahinvegetieren der Vlker ist
alles, was immer geschehen mag, interessant, sofern es nur in
wahrheitsgemen Chroniken aufgezeichnet ist. berall gibt es einen
durchgehenden Faden, wie jedes Gewebe seine Struktur hat, obwohl diese
hufig vollstndig in dem Einschlag verschwindet; und wie ein jeder
Edelstein eine unsichtbare Lichtquelle enthlt, die erstrahlt, wenn er
der Sonne zugewendet wird so verliert sich dieser Faden nur da, wo die
berlieferung aufhrt. So zieht sich auch in den ersten Jahrhunderten
des Mittelalters durch die Masse der Ereignisse das unaufhrliche
Erstarken der ppstlichen Macht und die Entwicklung des Feudalismus wie
ein unsichtbarer Faden hindurch. Fast knnte es scheinen, als kmen die
Tatsachen ganz unabhngig voneinander zustande und drngten mit ihrem
Glanz den einsamen, noch unbedeutenden rmischen Erzbischof in den
Schatten; ein mchtiger Herrscher oder sein Vasall tut sich hervor,
scheint nur in eigenem Interesse zu handeln, und doch strmten alle
wesentlichen Vorteile daraus unbemerkt nach Rom. Alles, was geschah,
schien absichtlich und zum Vorteil des Papstes zu geschehen. Hildebrandt
hat den Vorhang ein wenig gelftet und uns die Macht gezeigt, die die
Ppste schon frhzeitig errungen hatten. Die Geschichte des Mittelalters
verdient am wenigsten den Vorwurf der Langenweile. Nirgends finden wir
so viel Buntheit, so viel Handlung und Leben, solch krasse Gegenstze,
so viel grelles Licht, wie in diesen Jahrhunderten: man knnte es mit
einem gewaltigen Gebude vergleichen, dessen Fundament aus festem, fr
die Ewigkeit gefgtem jungem Granit, und dessen dicke Mauern aus
allerhand neuem und altem Material zusammengesetzt sind, so da der eine
Ziegelstein gotische Runen, der andere eine rmische Vergoldung trgt;
arabisches Schnitzwerk, griechische Karniese, gotische Fenster -- alles
ist hier vereinigt zu einem Turm von auergewhnlicher Buntheit und
Mannigfaltigkeit. Aber man kann wohl sagen, diese Grellheit sei nur ein
ueres Kennzeichen der mittelalterlichen Vorgnge; ihre innere
Bedeutung besteht in ihren ungeheuren, gigantischen Dimensionen, in
ihrer geradezu unerhrten Khnheit, wie sie wohl nur der Jugend eigen
ist, und ihrer Originalitt, die sie zu einer einzigartigen Erscheinung
macht; in der Tat treffen wir weder in der alten noch in der neuen
Geschichte etwas an, was ihnen gleich oder auch nur hnlich wre.

Werfen wir einen Blick auf die Ereignisse, die einen so mchtigen
Einflu ausbten. Das wichtigste Thema der mittelalterlichen Geschichte
ist der Papst. Er ist der mchtige Beherrscher dieser frhen
Jahrhunderte, er bewegt alle ihre Krfte und lenkt, wie der Donnergott,
mit einem Wink seiner Hand ihre Schicksale. Mit einem Wort, die ganze
Geschichte des Mittelalters ist die Geschichte der Ppste. Ihre
unberwindliche Herrschsucht, ihre nie versagenden Mittel voller
Scharfsinn und Weisheit -- Folgen ihres hohen Alters -- ihr Despotismus
und der Despotismus der zahllosen Legionen einer mchtigen Geistlichkeit
-- dieser eifrigen Untertanen des geistlichen Oberhaupts, die alle Enden
der Welt, wo das Zeichen des Kreuzes eingedrungen war, mit sthlernen
Fesseln an sich banden -- das ist eine so ungeheure Erscheinung, die
einzig in ihrer Art ist und die sich niemals wiederholt hat. Ich will
nicht von den Mibruchen und der unertrglichen Schwere dieser Fesseln
des geistlichen Despoten sprechen. Wenn wir tiefer in diese groartige
Erscheinung eindringen, werden wir in ihr die wunderbare Weisheit der
Vorsehung erkennen, htte diese allbezwingende Macht nicht alles in ihre
Hnde gebracht, htte sie die Vlker nicht nach ihrem Willen gelenkt und
angetrieben, so wre Europa zerbrckelt, und das gemeinsame Band htte
gefehlt; wahrscheinlich wren einzelne Staaten zu Macht und Ansehen
gelangt und dann pltzlich wieder in Verfall geraten und zugrunde
gegangen, andere htten ihre Unkultur zum Schaden ihrer Nachbarn nicht
aufgegeben, die Bildung und die Entwickelung der Volksseele htte sich
ungleichmig vollzogen; an einem Ende htten Kultur und Sitte Fu
gefat, whrend am anderen barbarische Finsternis ihr Wesen getrieben
htte. Europa htte sich nicht in sich festigen, und nie in ein
Gleichgewicht kommen knnen, durch das es sich heute so wunderbar
erhlt. Es wre weit lnger in einem chaotischen Zustande verblieben und
htte sich nie durch die sthlerne Macht des Enthusiasmus zu einem
gewaltigen Bollwerk erhoben, das den Eroberern aus dem Osten durch seine
Festigkeit standzuhalten vermochte; ohne diese groartige Erscheinung
htte Europa vielleicht ihrem Ansturm nachgegeben, und statt des Kreuzes
wre der mohammedanische Halbmond auf seinen Zinnen aufgepflanzt worden.
Wenn wir die wunderbaren Wege der Vorsehung betrachten, so beugen wir
unwillkrlich unsere Knie. Es ist, als sei den Ppsten die Macht eigens
dazu gegeben worden, damit sich die jungen Staaten whrend dieser Zeit
krftigen und befestigen knnten; damit sie erst lernen sollten, sich
selbst unterzuordnen, um dann spter, als sie das notwendige Alter
erreicht hatten, auch andere zu beherrschen, und damit sie ihre Energie
entwickeln konnten, ohne die das Leben der Vlker farblos und kraftlos
ist. Kaum waren die Vlker imstande, sich selbst zu regieren, da begann
auch die Macht des Papstes pltzlich zu schwanken und zu zerfallen, als
htte sie ihre Mission erfllt und wre berflssig geworden, ungeachtet
aller Anstrengung und des heien Wunsches, die sinkende Macht
festzuhalten. In dieser Beziehung war die ppstliche Macht dem Gerst,
den Tragbalken eines Gebudes vergleichbar; anfnglich sind sie hher
und erscheinen wichtiger als der Bau selbst, aber sobald dieser eine
gewisse Hhe erreicht hat, werden sie als berflssig abgetragen.

Der Gedanke an das Mittelalter verbindet sich unwillkrlich mit dem an
die Kreuzzge -- diese auerordentliche Erscheinung, die sich wie etwas
Gigantisches von den anderen wunderbaren und ungewhnlichen
Begebenheiten abhebt. Wo und in welcher Zeit finden wir etwas, was ihnen
an Originalitt und Gre gleichkme? Das ist kein Krieg um ein
geraubtes Weib, kein Erzeugnis des Hasses zweier unvershnlicher
Nationen, nicht der blutige Kampf zwischen zwei habschtigen Herrschern,
zwei unersttlichen Eroberern um eine Krone oder einen Fetzen Landes, ja
nicht einmal ein Krieg fr die Freiheit und Unabhngigkeit eines Volkes
-- o nein -- keine Leidenschaft, kein egoistischer Wunsch, kein
persnlicher Vorteil ist die Triebfeder dieser Kmpfe; alles ist nur von
dem einzigen Gedanken erfllt: das Grab des gttlichen Heilandes zu
befreien. Von allen Enden Europas strmen die Vlker, Kreuze vor sich
hertragend, zusammen, Knige und Grafen in schlichten Bugewndern
stellen sich an die Spitze, bewaffnete Mnche treten in die Reihen der
Krieger, Erzbischfe und Einsiedler befehligen, das Kreuz in Hnden,
zahllose Truppenmengen -- und alle strmen sie fort zum Kampf fr ihren
Glauben. Die Macht einer Idee umfat alle Vlker. Liegt nicht etwas ganz
Groes in diesem Gedanken? Mit Unrecht nennt man die Kreuzzge ein
sinnloses Unternehmen. Wre es nicht merkwrdig, wenn der Jngling schon
gleich die Sprache des reifen Mannes sprche? Sie waren das Produkt der
damaligen Zeit, und des damaligen Zeitgeistes. Dies Unternehmen war die
Tat eines Jnglings -- aber eines Jnglings, der ein geborenes Genie
war. Was fr unzhlige, wunderbare, unvorhergesehene Folgen haben die
Kreuzzge gezeitigt! Die ganze Masse mute erzogen und gebildet werden,
sie mute die Welt kennen lernen, die ihr zum Teil verborgen blieb, weil
die Geistlichkeit davor stand, und die ganze Masse strzt sich in einen
andern Weltteil, dorthin, wo die erlschende arabische Kultur danach
strebt, ihr ihre Flamme zu bergeben: ganz Europa streift in Asien
herum. Sind wir nicht berechtigt, uns zu wundern! Gewhnlich ist es
irgendein Fremder, der aus einem kultivierten Lande kommt und die
Aufklrung und die ersten Kenntnisse in ein unbekanntes Land trgt, er
bringt den Wilden allmhlich eine gewisse Bildung bei -- doch dieser
Proze vollzieht sich langsam und ungleichmig. Hier dagegen sehen wir
das Gegenteil; hier kommt das Volk als ganze Masse, um sich die Bildung
zu holen, und obgleich es lange im fremden Lande verweilt, verschmilzt
es nicht mit seinen Lehrern, nimmt weder deren Luxus noch deren Laster
an, bewahrt seine Ursprnglichkeit und kehrt auch nach Aneignung vieler
asiatischer Gebruche nicht als Asiate sondern als Europer nach Europa
zurck. Ich will mich gar nicht einmal ber die anderen Folgen, wie z.
B. die Vernderungen in der feudalen Verwaltung und Regierung auslassen,
die ohne andauernde Entfernung vieler krftiger Mnner aus dem Lande
nicht mglich gewesen wren.

Aber werfen wir einen Blick auf die anderen Ereignisse, die die
mittelalterliche Geschichte ausfllen. Wenn sie auch im Vergleich mit
den Kreuzzgen nur Erscheinungen zweiten Ranges sind, so sind sie doch
nichtsdestoweniger von wunderbarem Reiz und verleihen dem Mittelalter
einen gewissen phantastischen Glanz -- sie sind ein Produkt einer
herrlichen Jugend, die noch von ganz groen und starken Hoffnungen
erfllt ist, einer unvernnftigen Jugend vielleicht, die aber auch in
ihrer Unvernunft etwas Bezauberndes hat. Wir wollen die Begebenheiten in
chronologischer Reihenfolge betrachten.

Beginnen wir mit jener glanzvollen Zeit, als die Araber -- diese Zierde
der morgenlndischen Vlker -- auf dem Schauplatz erschienen. Sie
verdanken ihre ganze glorreiche Existenz einem einzigen Menschen und der
von ihm gestifteten Religion, einer Religion, so reich wie die Nchte
und Abende des Orients, so ppig wie die Natur an den Ufern des
Indischen Ozeans, so erhaben und grblerisch, wie nur die gewaltigen
Wsten Asiens sie hervorbringen konnte. Mit unerhrter Schnelligkeit
errichten diese braunen Turbantrger ihre Kalifate an drei verschiedenen
Enden des Mittellndischen Meeres. Ihre Phantasie, ihr Geist und alle
ihre Fhigkeiten, mit denen die Natur die Araber so reichlich
beschenkte, entwickeln sich vor den Augen des erstaunten Okzidents und
prgen sich in verschwenderischer Flle in ihren Palsten, Moscheen,
Grten, und Fontnen aus, und zwar ebenso pltzlich wie in ihren
Mrchen, die nur so von Perlen und Edelsteinen orientalischer Poesie
strotzen. Noch ein Jahrhundert, und schon ist es verschwunden, dieses
auergewhnliche Volk, so da wir uns staunend fragen: hat es wirklich
gelebt und existiert oder war es nur eine Schpfung unserer Phantasie?

Wie wunderbar und voll von Widersprchen ist ferner das Erscheinen der
Normannen, dieses Volkes, das der zrnende Norden wtend aus seinen
Eisfeldern hervorschleuderte! Eine Handvoll khner Mnner, denen der
dstre Odin und die Schneeberge Skandinaviens auf den Fersen zu folgen
scheinen, breiten panischen Schrecken ber ganze gewaltige Staaten und
Reiche aus. Gefhrt von ihren Knigen, kommen ihre beweglichen
Knigreiche auf dem nrdlichen Eismeer dahergeschwommen und alles sinkt
nieder vor diesen wenigen, im Strom, im Wellengang, in der furchtbaren
Armut Skandinaviens und ihrer wilden Religion gesthlten Fremdlingen.

Auch die gewaltigen Eroberungszge und die weite Verbreitung der
mongolischen Vlker war beinah etwas bernatrliches. Die inneren
grenzenlosen Gefilde Asiens, bis dahin den Augen aller Vlker verborgen,
leuchteten pltzlich in schrecklicher Majestt auf, diese endlosen
Steppen, Seen und ungeheuren Wsten, wo sich alles in einer
unermelichen Breite und in unendlichen Ebenen verluft, wo der
gewaltige Flchenraum durch das vereinzelte Auftreten von Menschen nur
noch riesenhafter und elementarer wirkt. Diese Steppen, die von
baumhohem Gras oder flutenden Kornfeldern bedeckt sind, die keines
Menschen Hand je geset und geschnitten hat, diese Steppen, wo Rinder
und Roherden weiden, die von Urzeiten her noch niemand gezhlt hatte
und deren wahre Anzahl selbst ihren Besitzern unbekannt blieb, diese
Steppen erblickten eines Tags einen Tschingis-Chan, der angesichts
seiner kleinen, schlitzugigen, plattnasigen und breitschulterigen
Mongolen das Gelbde ablegte: die Welt zu erobern -- und das
menschenreiche Peking wird im Lauf eines Monats ein Raub der Flammen,
ein Millionenvolk wird von mongolischen Pfeilen niedergestreckt, und der
Knig der Tungusen geht mit Hunderttausenden seiner Untertanen auf einem
festgefrorenen See zugrunde, die Rinderherden werden bis an die Grenzen
Indiens getrieben, und ganze Scharen von Roherden irren an den Ufern
der Wolga herum. Mit einem Worte: es ist, als ob sich in diesen
Eroberungszgen die ganze ungeheure Gre Asiens spiegelte. Eine so
rapide berflutung hat weder die alte noch die neue Geschichte je
gesehen.

Ich will hier nicht von dem bedeutenden Handelszentrum Venedig reden,
diesem kleinen Fleckchen Erde, das von einer einzigen Stadt eingenommen
wurde; eine Stadt, eine einzige Stadt, die keinem Reich angehrte,
prete der ganzen Welt ihr Gold aus, und ihre kniglichen Kaufleute
bertrafen mit ihren Schiffen, die stolz alle Meere durchkreuzten, mit
ihren Palsten am Adriatischen Meere den Ruhm so manches Monarchen.
Diese Erscheinung halte ich nicht fr auergewhnlich und einzig
dastehend. Sie wiederholt sich hufig in der Geschichte, wenn auch mit
Abweichungen und in mancherlei anderer Form. Unvergleichlich viel
origineller ist das Leben in Europa whrend der Kreuzzge und nach
ihnen, in jener Zeit, wo die Grenzen der Staaten noch unklar und
unbestimmt waren; wo der Knigstitel noch ein Name ohne viel Bedeutung
war und wo es noch Millionen von Grundbesitzern gab, die in ihren
Lndern wie kleine Selbstherrscher regierten, wo ganz Europa von
uneinnehmbaren Schlssern mit Trmen und Zinnen und von trotzigen
Festungen berset war, wo sich die Kraft der Ritter durch den
bestndigen Kampf und die ewigen Fehden ins bermenschliche, Lwenhafte
steigerte, als sie sich vom Kopf bis zu den Fen in Eisen hllten,
dessen Last trugen, die vordem kein Mensch htte heben knnen, und wo
Stolz und Trotz sich zu einem rohen Unabhngigkeitsgefhl entwickelte.
Man sollte glauben, dieser rohe Mut htte die Seele abhrten und
erstarren lassen und sie ebenso gefhllos machen mssen, wie ihre
undurchdringlichen Panzer. Aber wunderbarerweise wurden diese wilden
Mnner gezhmt und gebndigt durch eine Erscheinung, die in schroffstem
Widerspruch zu ihren Sitten stand: durch die allgemeine und grenzenlose
Verehrung der Frauen. Die Frau wird im Mittelalter zur Gottheit; ihr
zuliebe werden Turniere veranstaltet und Lanzen zerbrochen, ihr rotes
oder blaues Band flattert am Helm oder Panzer und flt bernatrliche
Krfte ein; um ihretwillen bezwingt auch der wildeste Ritter seine
Leidenschaften und bndigt sie machtvoll wie seinen arabischen Hengst;
ihr zuliebe legt er sich wundersame Gelbde auf, die an Strenge und
Hrte gegen sich selbst nicht ihresgleichen haben, und dies alles nur um
der hohen Wrde teilhaftig zu werden, vor seiner Gottheit in die Knie
sinken zu drfen. Noch bewunderungswrdiger aber als diese begeisterte
Liebe ist ihre Wirkung auf die Sitten. Die Vornehmheit der europischen
Gesinnung ist die Folge dieser Liebe. Das Wanderleben, das jedem
einzelnen Tausende von Erfahrungen und Abenteuern eintrug und ganz
Europa in eine bewegte auf und ab wogende Hauptstadt verwandelte, hat
spter in den Europern den Durst nach Entdeckung neuer Welten rege
gemacht. Die immerwhrenden Fehden und Kriege, die stndige Unsicherheit
der Lebensverhltnisse, haben nicht etwa wie das gewhnlich in den
Geschichtsperioden zu geschehen pflegt, in denen der Luxus die Wunden
sittlicher Gebreste der Vlker zerfrit, wo die Unersttlichkeit des
persnlichen Vorteils, Gemeinheit, Schmeichelei und die Sucht nach
verfeinerten Lastern hervorruft, den allgemeinen Geisteszustand und die
Spannkraft der Europer geschwcht, nein, sie haben sie noch gesthlt
und entwickelt.

Die Laster der kultivierten Vlker wagten es nicht, den europischen
Ritterstand anzutasten. Fast scheint es, als htte die Vorsehung
ununterbrochen ber ihn gewacht und ihn mit der Sorgfalt eines treuen
Erziehers unablssig behtet und geschtzt. Zugleich mit dem Aufkommen
des neuen Luxus und Lebenskomforts, der durch Venedig und die Hansa in
Europa eingefhrt wurde und die Ritter immer mehr ihren Gelbden und
ihrem strengen Leben entfremdete, ihre Genusucht schrte und ihren
religisen Enthusiasmus schwchte, begannen sich merkwrdige Verbnde,
wie man sie nie vorher gekannt hatte, zu bilden, die als strenge
Richter, als unerbittliches Gewissen ber die Vlker Europas wachten.
Nie wei die Geschichte von Gesellschaften zu berichten, die
untereinander mit so unlsbaren Banden verknpft waren, wie diese
geistlichen Ritterorden. Jede Ttigkeit um des eigenen Vorteils oder der
eigenen Existenz willen, die doch sonst immer der Zweck aller Verbnde
ist, lag ihnen fern. Allem entsagen, was dem einzelnen wnschenswert
ist, und nur fr die ganze Menschheit leben; -- als strenge Hter der
Welt leben, allein zum Schutz des christlichen Glaubens -- sich ihm
allein widmen, ihm alles zum Opfer bringen und alles von sich werfen,
was im entferntesten dem eigenen Vorteile dient -- ist das nicht eine
wunderbare Erscheinung! Nur aus dem Mittelalter konnte solch eine Kraft
und solche Energie entspringen. Kaum aber fingen die Ritterorden an, von
ihren ursprnglichen Zielen abzuweichen und ihre Augen auf andere Zwecke
zu lenken, angelockt durch die Habsucht und die Beutegier, da lieen sie
ppigkeit und Luxus immer mehr Gefallen am persnlichen Leben finden,
und so wurden sie denen immer hnlicher, deren berwachung sie sich
selbst zur Aufgabe gemacht hatten, und es entstehen die furchtbaren
unerbittlichen Femgerichte, die unabwendbar waren, wie die gttlichen
Anordnungen, und nicht mehr die Zge des Gewissens gegenber der
leichtsinnigen Welt trugen, sondern eine furchtbare und grausige
Darstellung des Todes und des Gerichtes bildeten. Keine Macht, kein
Landbesitz, ja, selbst nicht die Krone auf dem Haupt konnte ihre
Urteilsprche abwenden oder mildern. Unbekannt und unsichtbar wie das
Schicksal, irgendwo im Waldesdickicht, in tiefen, feuchten
unterirdischen Gewlben wogen und prften diese Richter das ganze Leben
und das Vergehen dessen, der inmitten seiner unermelichen Lndereien,
im Kreise seiner nach Hunderten zhlenden ergebenen Vasallen sich's
nicht einmal trumen lie, da es auf der Welt eine hhere Macht geben
knnte als die seine. Wenn diese unterirdischen Richter einmal den
Urteilsspruch gefllt hatten, -- dann war alles verloren. Vergebens
versuchten es die Herrscher mit ihrer drohenden Macht, die Annherung an
ihre Person zu erschweren, umsonst schlo ihr Gold die Lippen und zwang
alle, ihr Lob zu singen -- der unerbittliche Dolch erreichte sie am Ende
der Welt, stahl sich durch die glnzende Schar ihrer Hflinge und traf
sie hinterrcks an der Seite ihrer Freunde. Mutet es uns nicht wie ein
fast mrchenhaftes Wunder an! Nur da sind die Handlungen eines Menschen
so unabwendlich, so bernatrlich, so ungewhnlich, wo er auerhalb der
Gesellschaft steht, jedes Schutzes einer gesetzlichen Macht entbehrt und
nicht wei, was das Wort Unmglichkeit bedeutet.

Auch die ganze Art der Ttigkeit, wie sie in der Mitte und am Ende des
Mittelalters herrschte -- dieses allgemeine Streben nach der
geheimnisvollen Wissenschaft, dieser Wunsch nach Erkenntnis und
Erforschung der rtselhaften Naturkrfte, diese Unersttlichkeit, mit
der sich alle der Zauberei und der Magie hingeben, in alledem grt und
brodelt jene europische Neugierde, ohne die die Wissenschaft sich nie
so entwickelt und die jetzige Vollkommenheit erreicht htte. Selbst der
naive Geisterglaube und die Beschuldigung des Umgangs mit Geistern haben
fr uns ein ganz besonderes Interesse. Die Beschftigung mit der
Alchimie, der Krone mittelalterlicher Gelehrsamkeit, der Schlssel alles
Wissens, entsprang dem kindlichen Wunsch, das vollkommene Metall zu
entdecken, das dem Menschen die Macht ber alles verleihen sollte. Man
stelle sich nur ein kleines deutsches Stdtchen im Mittelalter vor:
diese schmalen, unregelmigen Straen, diese hohen, bunten, gotischen
Bauten und dazwischen ein uraltes bauflliges Huschen, das allgemein
fr unbewohnt gilt und auf dessen von Rissen durchzogenen Mauern Moos
und Alter ihre Wohnsttte aufgeschlagen haben; diese zugenagelten
Fenster -- das ist die Behausung des Alchemisten. Nichts lt auf die
Gegenwart eines lebenden Wesens schlieen -- aber in dunkler Nacht
steigt ein blulicher Rauch aus dem Schornstein auf und verrt das
unermdliche Wachen des Greises, der ber seinem Problem grau ward, aber
die Hoffnung noch immer nicht sinken lassen will -- scheu schleicht der
fromme, mittelalterliche Handwerker an dieser Sttte vorbei, wo seiner
Meinung nach Geister ihr Heim aufgeschlagen haben, in Wahrheit aber
wirkt dort an Stelle der Geister der ewige Wunsch und der
unberwindliche Wissensdrang, der nur von sich selbst lebt, sich stets
von neuem an sich selbst entzndet und selbst durch Mierfolge noch
mchtiger angefacht wird -- dieses Urelement des ganzen europischen
Geistes -- das von der Inquisition, die bis in die tiefsten Grnde der
menschlichen Gedanken eindrang, vergeblich verfolgt wird; aber er reit
sich immer wieder los und er gibt sich trotz Furcht und Schrecken nur
noch mit grerem Genu seinem Studium hin.

Und die Inquisition! Welch dstere, furchtbare Erscheinung! Diese
grausige, blinde Inquisition, die ber unzhlige Gewlbe und
unterirdische Klster gebot, die an nichts anderes glaubte als an ihre
furchtbaren Folterwerkzeuge, in deren Erfindung der Mensch einen
geradezu hllischen Scharfsinn an den Tag legte. Diese Inquisition, die
unter der Mnchskutte ihre eisernen Krallen hervorstreckte und alle ohne
Unterschied ergriff, die einer seltsamen oder ungewhnlichen
Beschftigung nachgingen, sie liefert wieder einen Beweis fr die groe
Wahrheit, da, wenn auch die physische Natur des Menschen durch Qualen
dazu gezwungen wird, die Stimme der Seele zum Schweigen zu bringen, doch
in der groen Masse der ganzen Menschheit der Geist noch immer ber den
Krper triumphiert hat.

Sind das nicht alles ganz einzigartige Erscheinungen? Geben sie uns
nicht das Recht, das Mittelalter eine wunderbare Epoche zu nennen? Das
Wunderbare bricht sich hier bei jedem Schritte Bahn und gewinnt whrend
dieser jugendlichen zehn Jahrhunderte die Herrschaft ber alles! Ich
nenne sie jugendlich, weil in ihnen alles Junge lebendig ist: alles, was
Mut, Leidenschaft, Begeisterung atmet, was nicht an die Folgen denkt,
nie die kalte Berechnung zur Hilfe ruft und noch keine Vergangenheit
besitzt, auf die es zurckblicken knnte. Alles am Mittelalter -- ist
Poesie und Willkr! Man merkt sofort den Umschwung, wenn man das Gebiet
der neuen Geschichte betritt. Der Unterschied ist zu auffallend; und
unser Seelenzustand gleicht dann den Meereswellen, die sich anfnglich
in Bergen und Tlern aufbumen und senken, um gleich darauf wieder als
unendliche Flche still und ruhig dahinzuflieen. Im Mittelalter
erscheinen die einzelnen Handlungen und Taten der Menschen ganz
unberlegt, die wichtigsten Ereignisse widersprechen einander in jeder
Beziehung und bilden groe Kontraste. Fassen wir sie jedoch alle zu
einem Ganzen zusammen -- so erkennen wir die bewunderungswrdige
Weisheit, die darin waltet! Wenn man das Leben des einzelnen Menschen
mit dem Leben der Menschheit vergleichen knnte, so mte man das
Mittelalter die Schulzeit des Menschen nennen. Da flossen seine Tage
fast unbemerkt von der Welt dahin, seine Taten sind noch nicht so
kraftvoll und reif, wie dies fr die Welt erforderlich ist, und niemand
erfhrt etwas von ihnen. Dafr aber entspringen alle seine Handlungen
einer triebartigen Leidenschaft und enthllen mit einem Schlage alle
inneren Regungen der Menschen; ohne sie wre auch seine sptere
Wirksamkeit in der Gesellschaft unmglich.

Sehen wir ferner zu, welch ungeheure Ereignisse das Mittelalter
umrahmen: das groe Kaiserreich, das die ganze Welt beherrschte, eine
zwlf Jahrhundert alte Nation, geht an Erschpfung und Gebrechlichkeit
zugrunde, und mit ihr versinkt die halbe Welt, strzt das ganze Altertum
mit seiner halbheidnischen Denkungsart, seinen geschmacklosen
Schriftstellern, seinen Gladiatoren, Statuen, seinem berladenen Luxus
und seinen raffinierten Lastern zusammen. Dies ist der Anfang des
Mittelalters, und sein Abschlu wird durch ein ungeheures Ereignis
gekennzeichnet, eine allgemeine Explosion, die alles in die Luft
sprengte und alle jene furchtbaren Gewalten, die bis dahin die Welt so
despotisch umklammerten, vernichtete. Die Macht der Ppste wird
erschttert und fllt zusammen, und ebenso geht es mit der Unwissenheit
und Unkultur. Die Schtze und der Welthandel Venedigs werden
unterminiert, und wenn das allgemeine Chaos nach dieser groen Umwlzung
sich klrt und entwirrt, erscheint folgendes Bild vor den erstaunten
Augen der Nachwelt: Knige, die ihr Zepter mit krftiger Hand
festhalten; Schiffe, die mit mchtig geblhten Segeln das Mittelmeer
durchschneiden und die Wogen des unendlichen Ozeans befahren; statt des
ohnmchtigen Schwerts hlt der Europer die Feuerwaffe in den Hnden;
gedruckte Bogen fliegen von einem Ende der Welt zum andern: und das
alles ist ein Ergebnis des Mittelalters. Der ungeheure Druck der
Mchtigen und die unertrgliche Knechtung des Volks waren scheinbar nur
dazu da, um den allgemeinen Ausbruch hervorzurufen. Nur indem die
menschliche Vernunft all ihre Krfte zusammennahm, konnte sie die harte
Rinde, die sie umgab, durchbrechen. Vielleicht hat auch nur daher kein
Jahrhundert so viele riesengroe Erfindungen aufzuweisen, wie das
fnfzehnte, das das Mittelalter in so glnzender Weise beschliet: diese
gewaltige Zeit, die an einen mchtigen, majesttischen gotischen Dom
erinnert, finster und dunkel wie die sich durchkreuzenden Gewlbe, bunt
wie seine vielfarbigen Fenster und die Menge des ihn schmckenden
Zierates, und erhaben und voller Leidenschaft, wie die zum Himmel
strebenden Mauern und Trme, die in eine in den Wolken verschwindende
Spitze auslaufen.


                                  III
              Ein Kapitel aus einem historischen Roman[1]

[Funote 1: Dieser Abschnitt ist dem Roman Der Hetman entnommen,
dessen erster Teil vom Autor verbrannt wurde, weil er ihn nicht
befriedigte. Wir bringen an dieser Stelle die zwei einzigen Kapitel, die
berhaupt im Druck erschienen sind.]

Unterdessen berschritt unser Abgesandter die Grenze, die heute den
Pirjatinsker Kreis von dem Lublinschen Kreise trennt. Damals gab es in
Kleinruland noch keine allgemeine Landstraen, dafr aber kannte ein
jeder irgendeinen kleinen Weg, der nach seiner Meinung der allerkrzeste
war. Diese Wege waren meistens recht uneben, liefen zwischen Grben
dahin oder an einer Bschung entlang, berschritten eine Schlucht, und
nur die von den Pferdehufen hinterlassenen Spuren bezeichneten ihre
Richtung. Man brauchte nur eine Reise anzutreten, um sogleich mit jedem
Nachtlager vorliebnehmen zu mssen. Die grte Unbequemlichkeit fr den
Reisenden, der mit der Gegend unbekannt war, bestand aber darin, da er
sich im Umkreise von 25 bis 30 Schuweiten bei den Bewohnern nach dem
Wege erkundigen mute und da die Aussagen sich fast immer
widersprachen.

Unser Reiter ritt in Gedanken versunken dahin, hielt die Zgel nur
schlaff in Hnden und lie den Kopf hngen, bisweilen nur stolperte das
feurige Ro, sein treuer Kamerad, ber Erdhgel und Baumstmpfe und ri
ihn aus seinen Trumereien, die sich aber bald wieder wie eine
Perlenschnur um sein Haupt schlangen. Zum erstenmal hatte er solch einen
Auftrag auszufhren. Er war hinausgesandt in die weiten Steppen der
Ukraine! Gott allein nur wute, wohin ihn der Weg fhren wrde! Wer war
nur dieser Gletschik? ... Und was hatte Kasimir mit dem Anfhrer einer
Bande, der sich Oberst des Mirgorodschen Regiments nannte, zu tun? ...
Man hatte ihm keine gengenden Erklrungen gegeben, weder ber seinen
Charakter, noch seine Strke, noch darber, was fr Beziehungen er
hatte, noch auch zu wem ... Wozu also diese Vorsicht, die man im
Gesprch mit ihm beobachten sollte? Warum sollte er so weit reiten --
nur um ihm Nachricht von den Ereignissen zu bringen, die Warschau so
beunruhigten? Welchen Nutzen htte auch ein so weit entfernter
Verbndeter bringen knnen? Er schalt innerlich auf sich selbst, weil er
Brigitte nicht genauer nach allem ausgefragt hatte; ihr waren sicherlich
die Grnde fr diese merkwrdige Botschaft mehr oder weniger bekannt.

Die Sonne nahm langsam Abschied von der Erde. Malerische Wolken, deren
Rnder von feurigen Strahlen vergoldet wurden, zogen, fortwhrend ihre
Gestalt ndernd und sich wieder auflsend, am Himmel hin. Die Dmmerung
breitete mrrisch einen grauen Nebel ber alles und schlo die Lden vor
den Fenstern, aus denen noch soeben ein Licht auf Gottes Welt gefallen
war. Nach einem langen Ritt durch die Steppe gelangte unser Reisender in
einen Wald. Die vom Herbst unbarmherzig ihres grnen Laubes beraubten
Bume erinnerten an ein groes Sieb und schienen in der nchtlichen
Khle zu zittern. Gelbe Bltter lagen unordentlich am Boden wie
Speisereste und zerbrochene Scherben nach einem Gelage, und nur ihr
Rascheln unter den Hufen des Rosses lie die Gegenwart unseres Reiters
erkennen. Zwischen den kahlen Wipfeln der Bume lugte der dunkle Himmel
hervor. Ein scharfer Wind erhob sich im Felde und entsandte trbselige
Seufzer bis in das Waldesdickicht.

Unwillkrlich stutzte der Reiter und hemmte unschlssig sein Ro; was
sollte er beginnen, der Weg war vollkommen verschwunden, und vor ihm lag
nichts wie dichter Wald und das Ungewisse; da drang pltzlich ein lautes
Zop, zop an sein Ohr, ein schwer beladener Wagen kam knarrend
dahergefahren, und ein paar Stiere tauchten hinter den Bumen auf. Man
mu sich in die Lage unseres Reisenden hineinversetzen, um seine Freude
ber eine solche Begegnung zu verstehen. In diesem Augenblick erschien
auch der Mond am Himmel. Ein silbernes Licht, von furchtsamen Schatten
der Bume durchkreuzt, fiel wie ein Gitter auf die Erde, erleuchtete
weithin die Umgegend, und Laptschinsky sah einen krftigen ltlichen
Bauer vor sich. Der graue herabhngende Schnurrbart sa ihm stolz in dem
gebrunten, scharf geschnittenen, muskulsen Gesicht, und ein Zug
asiatischer Sorglosigkeit lag gutmtig darber. Durch die schwarzen
Brauen zog sich schon manch silbernes Fdchen hindurch; die kleinen
braunen Augen sprhten Feuer, und zuweilen leuchtete etwas wie
Schlauheit oder Treuherzigkeit daraus hervor. Er hatte eine schwarze
Kosakenmtze mit einem blauen Dach auf dem Kopfe. Ein kurzer Pelz ohne
Tuchberzug diente ihm als undurchdringlicher Schutz gegen die Klte und
wurde von einem hellen, farbigen Grtel festgehalten. Zum berflu hatte
er sich noch einen gewhnlichen Mantel aus dickem, schmutziggrauem Stoff
bergeworfen, wie ihn noch heute die kleinrussischen Bauern tragen. Im
Grtel staken eine Flinte und ein krummer tatarischer Sbel, -- denn in
jenen unruhigen Zeiten hielt jeder Kosak -- ob Krieger oder Bauer, es
fr unumgnglich notwendig, immer eine Waffe bei sich zu tragen.

Gott helf! sagte er, hielt seine Stiere an und entblte zum Zeichen
der Hochachtung, die die einfachen Bauern zu jener Zeit noch den
Kriegern zu erweisen pflegten, seinen Kopf, der nur noch ganz oben mit
einem Haarbschel geschmckt war. Hier mssen wir uns erinnern, da
Laptschinsky gezwungen gewesen war, sein schmuckes Kostm mit der
bescheidenen Kleidung eines Kosakenfhrers zu vertauschen, um allen
Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, die er sich seitens der
Einwohner zugezogen htte, weil diese alles haten, was den Namen Pole
trug oder auch nur zu ihnen gehrte.

Unser Reiter dankte mit einem leichten Nicken des Kopfes fr den Gru.

Weit du nicht, Landsmann, ob es von hier noch weit bis zur
Ramodanowschen Landstrae ist? fragte er mit freundlicher Miene.

Das kann ich nicht so ohne weiteres sagen, Euer Gnaden, warten Sie
mal! Und er begann zu rechnen, was man aus den mechanisch
zusammengedrckten Fingern entnehmen konnte. Bis zur Ramodanowstrae?
... Wie soll ich Euch sagen? ... sie ist nicht gerade sehr nahe. Ich mu
gestehen, da unsere Kosaken ein wenig Angst gekriegt haben: jemand hat
das Gercht verbreitet, da die ganze polnische Schlachta uns an der
Ssula einen Besuch abstatten wolle. In ihrem blinden Eifer haben sie
alle Brcken zerstrt, da werden Euer Gnaden vielleicht einen groen
Umweg machen mssen. brigens, der Himmel mag's wissen, ich wiederhole
nur, was die anderen sagen ... es kann ja auch sein, da Ihr einen
krzeren Weg findet ... aber Sie wissen, jetzt ist es Herbst ... da kann
es auch recht weit werden ... Aber wenn man recht bedenkt, so scheint es
doch wieder viel nher. Ja, es wre eine andere Sache, wenn es Wegweiser
gbe, wie Euer Gnaden sie gewi auf den Straen in Polen gefunden haben,
wenn Sie dort gewesen sind.

Man mu sich nicht ber die Widersprche, die den Monolog unsers
Landmanns auszeichneten, wundern. Abgesehen von der tatschlichen
Unkenntnis, liebten es die Kleinrussen stets, auch an den
allerbekanntesten Dingen zu zweifeln. Ein Kleinrusse wird euch auch noch
heutzutage nie eine kurze, klare Antwort geben, er wird sich erst
zehnmal verbessern und manchesmal seinen Partner mit Absicht so in
Verwirrung bringen, da jener zu seinem Staunen erfahren wird, da es
bis zu einem bestimmten Ort sehr weit und zugleich sehr nahe ist.

In welcher Richtung mu ich denn nun aber weiterreiten? fragte unser
Reisender und blickte prfend auf seinen Lehrmeister.

Unser Bauer sah sich den Mann von Kopf bis zu Fue an.

Euer Gnaden wollen jetzt gleich weiterreiten?

Und warum nicht?

Gott bewahre! jetzt wrde sogar unsereiner, d. h. ein Hiesiger, sich's
sehr berlegen, ehe er weiterreiten wrde. Weit du, Mosjpane, wir
brauchen ja nur noch eine kleine Weile zu fahren, -- nicht lnger als
ein tchtiger Bauer dazu braucht, eine halbe Fuhre Getreide zu
zermahlen, dann hren wir schon die Hunde auf meinem Hofe bellen. Es ist
immer besser, in einer warmen Htte zu schlafen -- morgen magst du dann
mit Gott weiterreiten.

Diesen Vorschlag konnte unser Reisender nicht von der Hand weisen, ja es
schien fast, als ob er ihn erwartet htte.

Und wohin fhrt Sie der Weg, Mosjpane? fragte der Bauer unterwegs
seinen zuknftigen Gast.

Ich reise weit, bis an das andere Ufer der Worskla zu dem Mirgoroder
Oberst, Gletschik. Hr' mal, Landsmann, kennst du ihn vielleicht?

Wie sollte ich diesen alten Hund nicht kennen! Und woher kommt ihr?

Aus dem groen Lager bei Lochwitza.

Wie kommt denn das, Euer Gnaden; wir haben doch gar nicht gehrt, da
bei Lochwitza ein Lager aufgeschlagen ist.

Hierbei durchbohrte er den Fremden mit seinen Augen, als wolle er ihn
auf Herz und Nieren prfen. Ja, natrlich, wie soll ein Bauer etwas von
Kriegssachen verstehen; es sind noch keine Gerchte bis in unsere Einde
gedrungen.

Unser Gesandter stutzte und berlegte sich's, da man auch im Gesprch
mit einem simplen Bauer die Vorsicht nicht auer acht lassen drfe,
dachte eine Weile nach und fuhr dann fort: Sieh mal Landsmann, mit
Bestimmtheit kann ich es dir freilich nicht sagen. Ich selbst bin nicht
im Lager gewesen, aber der Saporoger Hauptmann, Schljaiko, dem ich bei
Lochwitza begegnet bin, hat mir einen Brief an den Mirgoroder Oberst
mitgegeben, als er vernahm, da ich nach jener Gegend reite. Er jagte
dahin wie ein Verrckter, trotz aller Fragen konnte ich nichts
Zuverlssiges erfahren ... Ich war erst vor kurzem aus Warschau
zurckgekehrt ... Sieh mal, mglicherweise hatte er Grund, mir zu
mitrauen ... d. h. ... er ... nun ich glaube, du verstehst mich.

Was reden Euer Gnaden, kann denn ein Bauer verstehn, was die Herren
untereinander sprechen! Bei Gott, nein, wie soll unsereiner das
verstehen. Unsere Schdel sind ja ganz anders gebaut als die Kpfe der
Herrn ... wei der Teufel, was das ist! ... sie haben mehr hnlichkeit
mit einem Kohlkopf als mit einem Menschenkopf ...

Oh, du bist mir ein Schlauer! dachte Laptschinsky und nahm sich vor,
seine Worte so bedchtig wie mglich zu setzen.

Er ritt die ganze Zeit im Schritt und pate den leichten Gang seines
stolzen Rosses den langsamen Schritten der schwerflligen Stiere an,
denen der Bauer mit phlegmatischer Wrde, den Stock schwenkend und seine
Pfeife rauchend, voranschritt. Der Rauch hllte sein braunes Gesicht wie
in eine Wolke ein; zuweilen, wenn es von der aufflackernden Flamme
beleuchtet wurde, erinnerte es an einen Vampir, der hie und da aus dem
undurchdringlichen Sumpfnebel auftauchte und von dem ein wundersamer
Funkenstrom ausging. Dies veranlate Laptschinsky, ihm immer wieder in
die Augen zu sehen, um sich zu vergewissern, ob es wirklich noch
derselbe Mann sei, den er soeben getroffen hatte.

Aber unser Bauer verscheuchte selbst alle Zweifel und lie seinem Gast
keinen Augenblick Zeit zum Grbeln.

Haben Euer Gnaden schon von solch einem Wunder gehrt? fragte er, ohne
die Pfeife aus dem Munde zu nehmen; siehst du dort im Dunkeln weit vor
uns die Tanne?

Zu seinem groen Erstaunen sah der Reisende wirklich eine Tanne. Wie
hatte die ihren Weg hierher gefunden? denn hier zu Lande, d. h. in
Kleinruland, htte das Auge wohl selbst im Umkreise von hundert Werst
keine dieser Bewohnerinnen des Nordens entdecken knnen. Unwillkrlich
starrte er sie an: sie allein schien sich inmitten dieser kahlen Bume
etwas wie Leben erhalten zu haben. Aber konnte man das Leben nennen? Es
war eine Mumie, die man nur mit Verwunderung unter nackten Skeletten
entdeckt, und die allein der Verwesung Trotz geboten hatte. Man gewahrt
an ihr dieselben Zge und dieselbe herrliche menschliche Form, aber,
Gott, in welchem Zustande! Ein unbeschreibliches, unbegreifliches Gefhl
von Wehmut und Grauen erfat die Seele beim Anblick dieses elenden
Betruges, durch den die geschftige Kunst etwas dem Leben hnliches zu
ergreifen und festzuhalten versucht.

Das ist noch kein groes Wunder, da da eine Tanne steht. Wunderbar ist
nur dieses: Jetzt wo wir miteinander plaudern, sind es wohl fnfzig
Jahre her, da hier, wohl gar an diesem selben Platze, in prchtigen
Gemchern ein groer, vornehmer Herr hauste. Ob er nun ein Woiwode, ein
Hauptmann oder ein einfacher Gutsbesitzer gewesen ist, wei ich Euch
nicht zu sagen; ich wei nur, da er Pole war und nicht unserer Religion
angehrte. Er lebte, wie alle die unsaubern polnischen Herren leben;
sein Haus war von frh bis zum Abend von Wein und Gesang erfllt, ein
Zittern berlief jeden ehrlichen Christenmenschen, wenn er die Schreie
vernahm, die aus dem Walde drangen. Die Gutsknechte ritten alle Gehfte
ab und plnderten deren arme Bewohner. Aber mehr noch. Sie fingen bald
an, auch noch die heiligen Kirchen zu plndern und zu bestehlen, und
trieben es so schlimm, ... hol' sie der Teufel, ich mag gar nicht sagen,
was sie alles verbten. Man htte sie alle erschlagen sollen ... Euer
Gnaden ... Aber das ging nicht, denn es waren ihrer vielleicht
hundertfnfzig Knechte, und jeder war mit einer Hellebarde, einem
Luntengewehr und einer ganzen Kriegsrstung bewaffnet. Da erbot sich ein
Kirchensnger, -- wie er hie und aus welchem Kirchspiel er stammte, das
wei ich bei Gott nicht, Euer Gnaden, -- der also erbot sich, in den
Wald zu gehen. Wenn es jetzt nicht Nacht und der Boden nicht mit
Blttern bedeckt wre, knnte ich Ihnen vielleicht noch die Reste von
diesem Teufelsnest zeigen. Um diese Zeit, -- offenbar hatte Gott es
schon so bestimmt -- feierten sie gerade irgendeinen ihrer verfluchten
Feiertage. Der Kirchensnger war aufs Schlimmste gefat und sagte zu
sich: >Gott, steh mir bei!< und schob sich mutig durch das Tor, das von
dem sich drngenden Volk versperrt wurde. Zimbeln und Trommeln
erschallten und drhnten wie bei einer Hochzeit, und die betrunkenen
Herren und ihre Knappen tanzten einen wilden Krakowiak. Als sie nun den
Kirchensnger erblickten, Euer Gnaden, da riefen sie alle: >Was will der
Pope hier!< Der Herr aber sprach: >He, ihr Knappen, schenkt dem Popen
etwas Schnaps ein! mag er doch mit uns braven Christen einen Krakowiak
tanzen, und helft ihm ordentlich mit dem Stock auf die Beine!< Der
Snger fing nun, offenbar des Heiligen Geistes voll, an, den Ketzern
ihre Snden und ihr gottloses Leben vorzuhalten, ihnen die Qualen des
Jenseits zu schildern und ihnen klarzumachen, wie sie einmal in der
Hlle tanzen wrden, dann aber nicht mehr freiwillig, sondern
angetrieben von den glhenden Gabeln der Teufel! >Ah, du willst uns hier
auch noch was vorpredigen? He, Knappen! bringt den Popen auf den Chor
und legt ihm eine Binde um den Hals, damit er sich nicht erkltet!< Da
packten die Knechte den unglcklichen Snger und schleppten ihn mit
unmenschlichem Gelchter und Gejohle zu der Tanne, an der uns unser Weg
vorbeifhrt. Seht, Euer Gnaden, das war nun eben die Sache. Die Tanne
stand gerade vor dem Hause und wie mit Absicht unmittelbar vor dem
Fenster des herrschaftlichen Schlafzimmers. Als nun die Nacht alle
verscheucht und der eine auf seiner Latte, der andere darunter lag, kam
es unserem Herrn pltzlich so vor, als ob etwas Kaltes auf ihn
heruntertropfe. >Hol's der Teufel,< dachte der Herr, >was tropft denn da
herunter?< Er erhob sich von seinem Lager und sah pltzlich, wie die
stachlichten Tannenzweige die Mauer durchdrangen und sich -- als wren
sie lebendig, -- immer weiter und weiter ausstreckten, bis sie ihn
erreicht hatten. Unser Pan bekreuzigte sich vielleicht zum erstenmal in
seinem Leben, als er sah, da Menschenblut von den Zweigen herabtropfte.
Erst war es kalt wie Eis, dann aber verbrannte es ihn so heftig, da er
aufsprang und zum Fenster lief. Seine Beine drohten ihm den Dienst zu
versagen, als er hinausging. Die Tanne war ganz blau wie eine Leiche und
sie nickte ihm frchterlich mit ihrem schwarzen, sich hochaufbumenden
Barte zu. Anfnglich glaubte unser Herr, da ihm der Wein in den Kopf
gestiegen wre; in der folgenden Nacht aber war es ebenso und das ganze
Hausgesinde wute wie aus einem Munde zu erzhlen, wie der ganze Wald
widerhallte von Grabesliedern, die schreckliche Stimmen zu Ehren der
Toten sngen, so da einem ein Schauder ber den Rcken laufe und die
Haare zu Berge stnden. Was taten sie nicht alles? Sie begruben den Leib
des Sngers mit allen Ehren, dann wollten sie die Tanne umhaun, aber die
Axt konnte ihr nichts anhaben. Bei jedem Schlag, den das Beil tat, wurde
es schartig, der Baum aber sthnte wie ein ungetauftes Kind. Endlich
entschlossen sie sich, diesen verfluchten Ort zu verlassen. Tag fr Tag
versammelte sich das Gesinde, sattelte die Pferde, lud alles Hausgert
auf und brach frhmorgens auf, eh noch die Teufel sich den Sand aus den
Augen gerieben hatten, sie ritten und ritten bis zum spten Abend; man
knnte meinen, sie mten wei Gott wie weit gekommen sein -- doch nun
schlagen sie ihr Nachtlager auf, und blicken um sich; was sie sehen,
sind lauter bekannte Dinge: derselbe finstre Wald, dasselbe Haus, die
verfluchte Tanne; sie streckt ihre ste aus, wie ein Paar Arme, ergreift
den Pan, bergiet ihn mit Blut und der schwarze zerwhlte Bart nickt
ihm unheimlich zu, wie ehemals.

Hier warf der Erzhler seinem Zuhrer einen herausfordernden Blick zu,
seine funkelnden Augen blitzten in der dunklen Nacht noch heller, und er
stellte mit Wohlgefallen den Eindruck fest, den seine Erzhlung auf
jenen gemacht hatte. In der Tat, unser Reisender konnte ein gewisses
Gefhl des Schreckens nicht loswerden, das sich heimlich in seine Seele
schlich, und er sah sich unruhig um.

Indessen kamen sie an der Tanne vorber. Der silberne Mondschein fiel
gerade auf ihre traurigen ste, ihre langen Schatten, die sich fast wie
eine Fortsetzung der Zweige ausnahmen, brachen sich an denen der anderen
Bume und legten sich wie eine unendliche Leiter auf den Erdboden.
Nachdem der Reiter vorbergeritten war, wandte er seinen Kopf noch
einmal um. Sanft schaukelte der Wind die Wipfel der Tanne, da aber
schien es ihm, da ein bser Geist von schrecklicher majesttischer
Gestalt ihm langsam folgte, traurig mit dem schaurigen Bart nickte und
seine dunkelgrnen Arme ausstreckte, um ihn zu ergreifen.

Nun, und was geschah weiter? fragte er den Mann, der pltzlich stumm
geworden war, und er versuchte es, sich die Angst nicht merken zu
lassen, die ihn unwillkrlich erfat hatte.

Was? Nun dem Herrn erging es schlecht; er entlie sein ganzes Gesinde
und wurde ein Einsiedler; erst nachdem er zweiundfnfzig Seelenmessen
fr den verstorbenen Kirchensnger gelesen hatte, verschwand der Spuk.
Was dann weiter aus dem Einsiedler geworden ist, das wird Ihnen wohl
niemand sagen knnen. Drei Tage vor Johannisnacht aber tropft Tag und
Nacht ein feuchter Tau von diesem Baume herab. Ja, man behauptet sogar,
da eine verlorene Seele hier im Walde umherirrt. Meine Schwiegermutter
erzhlte mir noch vor vier Jahren, als sie noch bei Verstande war, da
sie dem Teufel einmal im Walde begegnet sei; und er htte eine rote
Jacke getragen, gerade so wie der verstorbene Pan es zu tun pflegte.
Zop, zop, zop! Hh! Na, da wren wir, Euer Gnaden.

Laptschinsky erblickte tatschlich eine kleine Pforte, die aus wenigen
quer bereinanderliegenden Brettern zusammengefgt war, wie man sie auch
jetzt noch bei allen kleinrussischen Bauern finden kann. Hundegebell
erfllte den Wald, und ein altes Weib, das sich schnell einen Pelz
bergeworfen hatte, trat heraus, um das Tor zu ffnen. Unser Reiter sah
einen kleinen Hof vor sich, den ein Zaun aus Schilfrohr einfate, im
Hintergrunde sah man ein paar Scheunen und Stlle, die gleichfalls mit
Dchern aus Schilfrohr gedeckt waren und eine gewhnliche kleinrussische
Htte.

Auf dem Hof lagen eine Menge Bienenkrbe herum, viele von ihnen hingen
auch an den Bumen, die ihre eigentmlich geformten Zweige von allen
Seiten in den Hof herabhngen lieen, als knnte diesen Riesen das
einfache, bukolische Leben ein anziehendes Schauspiel darbieten. Hinter
dem Hof zog sich noch ein Gebude hin, das man in der Dunkelheit nicht
recht erkennen konnte. All dieses lie darauf schlieen, da das Gut
einem recht wohlhabenden Kosaken gehrte; denn zu jener Zeit konnte man
nicht bei jedem soviel Pracht und berflu finden.

Whrend der Hausherr mit dem Abladen seiner Scke beschftigt war, hatte
Laptschinsky vollauf Zeit, das Innere seiner Behausung zu betrachten. Es
war fast alles genau so, wie man es heute noch bei den kleinrussischen
Bauern findet: der Tr gegenber befanden sich einige Fenster und vor
ihnen stand ein Tisch, auf dem er ein Roggenbrot und etwas Salz
bemerkte; dieses wird nie fortgenommen zum Zeichen, da hier jeder Gast
stets einer freundlichen Aufnahme gewrtig sein kann. Um die ganze Stube
zogen sich breitere und schmlere Bnke aus Lindenholz hin; neben der
Tr stand ein mchtiger Ofen, der unten eine groe ffnung hatte; diese
war von einem dichten Gitter umschlossen, hinter dem Hhner, Gnse,
Truthhne und Hauskaninchen hervorguckten. Jeder von diesen der Sprache
beraubten Hausgenossen machte sich auf seine Art bemerkbar, piepte,
gackerte, schnatterte und gab zu verstehen, da er durchaus keines von
den Geringsten unter Gottes Geschpfen sei. Auf dem Fuboden sa ein
vierjhriger Knabe und schlug mit dem mchtigen Stengel einer
Sonnenblume auf einen umgestlpten Topf; whrend ein anderer, der ein
Jahr lter sein mochte, einen Kater an der Kehle hielt und ein Lied dazu
sang, das sich ihm wohl, weil er es so oft von seiner Mutter gehrt, fr
sein ganzes Leben eingeprgt hatte. Vor einer groen eisenbeschlagenen
Kiste sa ein elfjhriges Mdchen, sie hielt einen Sugling auf dem
Scho, der aus vollem Halse schrie, obgleich sie zu seiner Unterhaltung
mit einem groen Hngeschlo klapperte und das Kind mit dem neuen
Ankmmling schreckte. An der Wand hingen: eine Sichel, ein Sbel, eine
Flinte, deren Hahn abgeschraubt war und in der Nhe auf einem Regal lag,
wohin man ihn wahrscheinlich gelegt hatte, weil er reparaturbedrftig
war, ferner ein Beil, eine trkische Pistole, noch eine Flinte, eine
Sense ohne Stiel und eine kurze Nagaika -- alles Waffen, die seit
undenklichen Zeiten miteinander im Streite liegen und die der
unbegreifliche Mensch zwingt, trotz ihres so unvertrglichen Charakters
miteinander in Frieden zu leben.

Bitte nehmt mirs nicht bel, da ich Euch etwas warten lie, Euer
Gnaden! sagte der eintretende Hausherr, der verfluchte Jahrmarkt hat
mir so sehr den Kopf verwirrt, da er mir noch immer brummt. Ein wahres
Glck, da meine Alte nicht zu Hause ist, sonst htte sie ihn mir
tchtig gewaschen. Nur meine Schwiegermutter und ich sind zu Hause.

Bei diesen Worten trat dieselbe Alte herein, die ihnen vorhin das Tor
geffnet hatte. Der Reisende betrachtete sie mit einem eigentmlich
wehmtigen Gefhl. Es war ihm so, als she er ein dem Grabe verfallenes
Wesen vor sich, in dem eine starke Natur noch einen Rest von Leben
festzuhalten suchte, um dem Menschen die ganze Nichtigkeit eines langen
Lebens, nach dem er so gierig strebt, vor Augen zu fhren. Auf ihren von
Runzeln durchfurchten Zgen lag die Gleichgltigkeit des Todes. Kein
Funken von Leben oder Interesse war in ihren Augen zu entdecken; nur hie
und da richteten sie einen ihrer trben Blicke auf ihn; doch der htte
sich sehr geirrt, der irgend etwas wie Neugierde in ihnen zu lesen
geglaubt htte. Sie blieben an keinem Gegenstande haften, und alles
erschien ihnen in Nebel gehllt, wie einem Menschen, der sich den Schlaf
noch nicht ganz aus den Augen gerieben hat.

Whrend Laptschinsky solchen Gedanken nachhing, kletterte die Alte auf
den Ofen; dies war ihr gewhnlicher Aufenthalt, ihre ganz Welt, die ihr
ebenso gerumig und belebt schien, wie die anderer Menschen; der
Hausherr wandte sich seinen Kindern zu. Sieh mal an, Fedot! sagte er
und hob den Jungen mit der Sonnenblume mit einem Griff bis an die Decke,
wo hast du diesen frchterlichen Stengel her? Damit kannst du ja einen
Menschen totschlagen! Was machst du da, Karpo? Du erwrgst ja den Kater!
Ich habe dir was Ses mitgebracht! Komm doch her, du Hundesohn, was
stehst du da und hltst Maulaffen feil? Seht, Euer Gnaden, so geht's,
hundertmal habe ich ihm schon gesagt, da ich sein Vater bin, aber er
will's immer nicht glauben, der Taugenichts! Und du Schreihals, wirst du
noch lange brllen? Reich' mir mal den Stock, ich will's ihm schon
zeigen. Reich' ihn nur mal her, Marjusja; ich werf' ihn gleich aus dem
Fenster, da knnen ihn die Wlfe fressen, oder die Polen ...

Gott hat dich reich mit Kindern gesegnet, Landsmann! sagte unser Gast
zum Hausherrn.

Ja, 's sind ihrer nicht wenige, Mosjpane, ich habe ihrer sieben. Zwei
sind in der Fremde, die sind schon verheiratet, aber der Teufel mag
wissen, was die fr eine Mitgift bekommen haben: je ein paar Fu Land,
wo nichts auer Steppengras und Beifu wchst. Nun Fedot, sagst du
nicht, danke? Der Herr gibt dir einen Pfefferkuchen, und du verbeugst
dich nicht einmal? Bitte kssen Sie ihn nicht, seine ganze Fratze ist ja
voller Asche. Als er hrte, da ich zum Jahrmarkt fahre, da gab es ein
Geschrei! Nimm mich mit, Vater! -- Ja, was soll ich denn mit dir? Wie
soll ich dich mitnehmen, man wird dich dort totdrcken! -- Nein, man
wird mich schon nicht totdrcken! Nimm mich mit, nimm mich mit! -- Ja,
aber es gibt doch so viele Zigeuner, die stehlen dich mir noch am Ende
weg, -- dann heit's auf Nimmerwiedersehn! -- Nein, nimm mich mit, so
ging's in einem fort weiter. Was sollte man da machen? Er fing so an zu
heulen, da Gott erbarm'. Endlich gelang es mir, ihn zu beruhigen, ich
versprach ihm, ein Lebkuchenpferd mit einem goldenen Kopf mitzubringen.
Nun, Marjusja, auf die Mutter wollen wir nicht warten, bring' uns das
Abendbrot. Gromutter schlft sicher schon. Also Euer Gnaden, fuhr er
fort und wandte sich pltzlich, sich am Tisch niederlassend, an den Gast
zu wem sagtest du, willst du reiten? Jetzt wo ich alt bin, da gleicht
mein Kopf einem Sieb, man mag noch so viel reingieen, er ist immer
leer; sprich so klug, wie du willst, ich vergesse doch alles.

Wie Landsmann? ich sagte dir doch -- zu Gletschik, antwortete der
Gast, etwas erstaunt ber diese merkwrdige Vergelichkeit.

Zum Mirgoroder Oberst? Da hast du gar nicht ntig, weit zu reiten; kein
anderer als er selbst in eigener Person sitzt vor dir, Mosjpane!

Wenn in diesem Augenblick eine Flintenkugel an Laptschinskys Ohr
vorbeigesaust wre, er htte nicht mehr erstaunt sein knnen. Ihm so
pltzlich und unerwartet, so unvorbereitet zu begegnen, wo seine
Gedanken ganz anderswo umherschweiften -- wo er -- doch nein -- es
konnte nicht sein, sicherlich hatte er falsch verstanden. Und seine
Augen richteten sich starr auf seinen Wirt, als wollte er sich
vergewissern, da sein Gehr ihn betrogen htte.

                                                                 1830.


                                   IV
               ber den Unterricht in der Weltgeschichte


                                   I

Die Weltgeschichte in ihrer wahren Bedeutung ist nicht die besondere
Geschichte der einzelnen Vlker und Reiche, ohne allen Zusammenhang,
ohne allgemeinen Plan und allgemeinen Zweck, sie ist keine Reihe von
Begebenheiten ohne alle Ordnung, in lebloser, trockener Form
vorgetragen, wie man sie sehr hufig darzustellen pflegt: ihr Gegenstand
ist etwas ganz Groes: sie soll _die ganze Menschheit_ umfassen und zwar
mit einem Blick und in einem vollstndigen Bilde, sie soll zeigen, wie
sie sich aus ihrer ursprnglichen armseligen Kindheit entwickelt hat,
sich allmhlich in verschiedenen Richtungen vervollkommnete und endlich
die Epoche der Jetztzeit erreichte. Diesen ganzen gewaltigen Proze, den
der freie Menschengeist durchgemacht hat, der von seiner Wiege an mit
ungeheurer Anstrengung und mit blutigen Mitteln gegen die Roheit, die
Natur und gegen furchtbare Hindernisse aller Art ankmpfen mute,
darzustellen -- das ist der Zweck der Weltgeschichte. Sie soll alle
Vlker der Erde, die durch Zeit, Zufall, Gebirge oder Meere getrennt
sind, sammeln, in ein geordnetes Ganzes vereinigen und ein groartiges,
vollkommenes Epos daraus formen; Ereignisse, die keinen Einflu auf die
Welt ausgebt haben, gehren nicht in sie hinein. Alle Weltereignisse
mssen so fest ineinandergefgt sein, so eng ineinander eingreifen, wie
die Glieder einer Kette; wenn nur ein Glied springt, zerreit die ganze
Kette. Dieses Band mu man natrlich nicht in buchstblichem Sinne
verstehen: das ist kein sichtbares, greifbares Band, durch das man oft
Geschehnisse oder Systeme, wie sie hufig ganz unabhngig von den
Tatsachen in den Kpfen zustande kommen, und die man nachtrglich mit
den Weltereignissen knstlich verbindet, gewaltsam zusammenfgt. Dieses
Band darf nur in einer allgemeinen Idee in dem ununterbrochenen
Entwicklungsgang der Menschheit bestehen, im Verhltnis, zu dem die
Reiche und die Ereignisse nur temporre Formen und Gleichnisse sind. Die
Welt mu in ihrer ungeheueren Majestt dargestellt werden, in der sie
sich uns darbietet, durchdrungen von den geheimnisvollen Wegen der
Vorsehung, die sich in ihr in so wunderbarer unbegreiflicher Weise
kundgeben. Das Interesse mu durchaus und zwar in so hohem Mae angeregt
werden, da die Zuhrer vom Wunsche geqult werden, immer mehr zu
erfahren, sie mssen unfhig sein, sich den Vortrag nicht bis zum Schlu
anzuhren oder das Buch zu schlieen; -- und wenn sie das doch tun, so
nur zu dem Zweck, um wieder von vorn anzufangen; es mu ihnen klar
werden, wie das eine Ereignis ein anderes gebiert und wie ohne das
Vorhergehende auch das Folgende nicht da wre. Nur so kann eine
Weltgeschichte geschaffen werden.


                                   II

Alles, was in der Geschichte vorkommt: die Vlker und die Ereignisse
mssen lebendig dargestellt werden, und sozusagen den Zuhrern oder
Lesern vor Augen stehen; jedes Volk, jedes Reich mu seine eigene Welt,
seine eigene Farbe bewahren, jedes Volk mu sich mit all seinen Taten,
seinem Einflu auf die Welt und so, wie es war, gleichsam in dem Kostm,
in dem es ehemals auf Erden wandelte, klar und deutlich von den brigen
Vlkern abheben. Allein um das zu erreichen, mu man nur ganz wenige
Zge zusammenfgen -- aber es mssen die eigenartigsten Zge sein, die
ein Volk vor allen anderen auszeichnen. Um die charakteristischen Zge
ausfindig zu machen, dazu gehrt ein klarer Verstand, der imstande ist,
alle unaufflligen Nuancen, die dem gewhnlichen Auge entgehen, zu
entdecken, und dazu eine groe Geduld, die notwendig ist, um eine Menge
hufig ganz uninteressanter Bcher zu durchstbern. Allein was einer
entdeckt hat, kann er andern leicht mitteilen, und so knnen die Zuhrer
es erfahren, ohne selbst die Archive zu durchforschen.


                                  III

Der Lehrer mu auch die Geographie zu Hilfe nehmen, aber nicht in jener
klglichen Gestalt, wie das hufig geschieht, d. h. indem man nur den
Ort, wo etwas vorgefallen ist, auf der Karte aufweist. Nein, die
Geographie soll uns so manches erklren, was uns ohne sie unbegreiflich
erscheinen wrde. Sie soll uns lehren, wie die Bodenbeschaffenheit und
Lage eines Landes ihren Einflu auf das Leben ganzer Nationen ausbte;
wie sie ihnen einen besonderen Charakter aufdrckte; wie hufig Gebirge,
die ewigen von der Natur selbst aufgerichteten Grenzen, den Ereignissen
eine gewisse Richtung gaben und das Weltbild vernderten, indem sie die
weitere Ausbreitung eines Volkes, das verwstend durch die Lnder zog,
aufhielten, oder ein kleines Volk wie in einer uneinnehmbaren Festung
einschlossen; wie diese starke Position, die Tatkraft eines Volkes zu
wunderbarer Entfaltung brachte, whrend sie ein anderes zur Starrheit
verdammte; die Geographie kann uns Aufschlu geben ber den Einflu der
Lage eines Landes auf dessen Sitten, Gebruche, seine Verwaltung und
seine Gesetze; hierbei kann der Schler erfahren, wie die Staaten
entstehen, und da es nicht allein die Menschen sind, die sie errichten,
sondern da die geographische Lage des Landes die Staatsform unmerklich
herbeifhrt und entwickelt; da daher die Staatsformen etwas Heiliges
sind und da ihre Abschaffung unfehlbar das Unglck eines Volkes zur
Folge haben mu.


                                   IV

Die groen, universalen Ereignisse mssen in ein klares Licht gestellt
und mit all ihren weltumwlzenden Folgen in den Vordergrund gerckt
werden, nicht so wie das viele Lehrer tun, die sich damit begngen zu
erklren, dies oder jenes sei ein bedeutendes Ereignis, und nur die
nchsten Folgen anfhren, wie wenn sie abgehackte ste aufschichteten,
statt die Vorgnge in ihrer ganzen Breite zu entwickeln, alle geheimen
Ursachen einer bedeutsamen Erscheinung ans Tageslicht zu ziehen um zu
zeigen, wie ihre Folgen gleich gewaltigen Zweigen in die folgenden
Jahrhunderte hineinragen, sich immer mehr versteln, um endlich ganz zu
verschwinden, oder aber kaum merklich bis in unsere Zeit fortwirken und
verklingen, wie ein mchtiger Ton in der Felsschlucht, der gleich nach
seiner Geburt wieder erstirbt aber noch lange in seinem Echo widerhallt.
Solche Ereignisse mssen in dieser Weise dargestellt werden, damit jeder
klar erkennt, da sie die mchtigen Leuchttrme der Weltgeschichte sind,
da diese auf ihnen ruht, wie die Erde auf dem ursprnglichen
Granitgestein oder wie das Tier auf seinem Knochengerst.


                                   V

Jetzt noch ein Wort ber die Art und Weise des Vortrags. Der Vortrag des
Professors mu hinreiend und feurig sein. Er mu die Aufmerksamkeit der
Zuhrer im hchsten Grade fesseln. Wenn auch nur einer von ihnen
imstande wre, seine Gedanken whrend der Vorlesung umherschweifen zu
lassen, fllt die ganze Schuld auf den Professor: er hat es dann eben
nicht verstanden, interessant zu sein und den Willen wie die Gedanken
seiner Zuhrer zu meistern. Es ist schwer, sich es vorzustellen, wenn
man es nicht an sich selbst erprobt hat, was fr einen schlechten
Einflu es hat, wenn der Vortrag eines Professors matt und trocken ist
und wenn ihm die Lebhaftigkeit fehlt, die es dem Hrer unmglich macht,
seine Gedanken, und sei es auch nur fr einen Augenblick, auf andre
Dinge zu richten. Dann wird ihm auch die grte Gelehrsamkeit nichts
helfen, man wird ihn nicht anhren, ja, selbst die grten Wahrheiten
werden, von ihm vorgetragen, ohne jeden Einflu auf die Hrerschaft
bleiben, denn ihr Alter ist das Alter der Begeisterung und der starken
seelischen Erschtterungen; dann kann es hufig geschehen, da die
unwahrsten Gedanken, die ihnen anderswo in glnzender und anmutiger Form
dargeboten werden, sie augenblicklich begeistern und ihrer Entwickelung
eine ganz falsche Richtung geben. Was aber geschieht erst, wenn der
Professor noch dazu an der alten Schulmethode mit ihren toten
scholastischen Regeln festhlt, ohne doch selbst die dazu ntige
geistige berzeugungskraft zu besitzen; wenn den jugendlichen, noch in
Entwickelung begriffenen Geistern dieser Mangel klar wird und sie sich
darber erheben, so fangen die Zuhrer an, ihren Lehrer zu verachten.
Dann reizen sie sogar die richtigen Bemerkungen, die er zuweilen macht,
zum Lachen, und in den jungen Seelen regt sich in Denken und Handeln der
Widerspruch gegen den Lehrer. In seinem Munde erhalten die
allerheiligsten Worte: wie Anhnglichkeit an die Religion,
Vaterlandsliebe und Kaisertreue fr sie etwas Banales. Leider knnen wir
gar nicht selten beobachten, was das fr furchtbare Folgen hat, und
daher sollte man nie auer acht lassen, da das Alter der Hrer das
Alter der starken Eindrcke ist; man mu einen hinreienden Schwung und
eine begeisternde Kraft besitzen, um diesen Enthusiasmus auf das Schne
und Gute zu richten; und daher mu der Vortrag des Professors selbst von
Enthusiasmus durchdrungen sein. Seine berzeugungen mssen so fest, so
natrlich sein und so sehr aus seinem tiefsten Wesen hervorquellen, da
die Zuhrer die Wahrheit schon erkennen lernen, noch ehe er sie ganz vor
ihren Augen enthllt hat. Der Vortrag des Professors mu sich zeitweise
ins Erhabene steigern, er mu hohe Gedanken enthalten und erwecken,
dabei aber mu er doch einfach und fr jeden verstndlich bleiben:
wahrhafte Gre erscheint stets in erhabener Schlichtheit; denn wo Gre
ist -- da ist auch Einfachheit! Der Professor darf sich nicht damit
begngen, nur von einzelnen verstanden zu werden, nein, alle sollen ihn
verstehen. Um sich leicht verstndlich zu machen, mu er nicht mit
Gleichnissen geizen. Wie oft wird das Klare durch ein Gleichnis noch
weit klarer.

Diese Gleichnisse mu er stets einem Gebiet entnehmen, das seinen
Zuhrern gut bekannt ist. Dann wird sowohl das Ideale wie das Abstrakte
verstndlich. Er mu nicht zuviel reden; dadurch ermdet er die
Aufmerksamkeit seiner Hrer, denn eine allzu groe Kompliziertheit der
Gegenstnde, ihr berma erschwert es dem Zuhrer, alles in seinem
Gedchtnis festzuhalten. Jede Vorlesung eines Professors mu unbedingt
ein Ganzes bilden und den Eindruck des Abgeschlossenen machen, sie mu
sich dem Geist des Zuhrers als eine wohlgeordnete Dichtung darstellen,
und sie mssen von vornherein erkennen, was dies Ganze enthalten soll
und was es tatschlich enthlt; dann werden auch sie bei der
Wiedererzhlung immer das Ziel und das Ganze im Auge behalten. Dies ist
besonders notwendig in der Geschichte, wo kein Ereignis ziel- und
planlos eintritt.


                                   VI

Auf Grund vieler Beobachtungen und einer langen Prfung meiner selbst
wie meiner Zuhrer halte ich folgenden Lehrplan fr den besten:

Vor allem halte ich es fr unbedingt notwendig, den Hrern eine
vollstndige Skizze von der Geschichte der Menschheit zu geben, und zwar
in wenigen, aber starken Worten und in ununterbrochener Reihenfolge,
damit sie das Ganze dessen, wovon die Vorlesungen handeln sollen, mit
einem Blick berschauen; sonst werden sie den ganzen Mechanismus der
Geschichte nicht so klar und nicht so schnell erfassen, wie es ja auch
unmglich ist, eine Stadt vollstndig kennen zu lernen, indem man nur
durch all ihre Straen hindurchgeht, dazu mu man einen erhhten
Standpunkt einnehmen, von dem aus die Stadt wie auf der Handflche vor
einem liegt. Ich will hier einen Entwurf dieser Skizze geben, um zu
zeigen, in welcher Art und in welchem Zusammenhang die Geschichte
dargestellt werden mu.

Vor allem mu ich darlegen, wie die Menschheit im Orient ihren Ursprung
nimmt. Ich mu zuerst den Orient mit seinen alten patriarchalischen
Staaten, mit seinen in ein tiefes Geheimnis gehllten und dem einfachen
Volke noch unverstndlichen Religionen schildern; die hebrische
Religion bildet hierin eine Ausnahme, denn in ihr hat sich die reine und
ursprngliche Kunde von dem wahrhaftigen Gott erhalten. Ich wrde
schildern, wie diese alten Reiche durch Intoleranz und chinesische
ngstlichkeit, gleich unbersteiglichen Mauern, voneinander getrennt
waren, wie nur das Volk der Phnizier, dieses erste Seevolk der Alten
Welt, diese starren Reiche durch seinen Handel und seine Industrie
unfreiwillig miteinander in Berhrung brachte, und wie der erste
Welteroberer Cyrus mit seinem frischen, starken Perservolk den ganzen
Osten seiner Macht unterwarf und so viele verschieden geartete Vlker
gewaltsam zusammenschweite; doch blieben die Sitten, die Religionen und
die Staatsformen in all diesen Reichen unverndert; die Knige
verwandelten sich nur in Satrapen, und der ganze Orient beugte sich
unter eine hchste Gewalt, den Knig der Knige, den Beherrscher
Persiens. Ich wrde darstellen, wie diese Vlker durch den
gemeinschaftlichen Verkehr allmhlich ihre Besonderheiten und ihre
Nationalitt verloren und zusammen mit dem Knig der Knige, der, fast
wie ein Gott verehrt, dem Volke unsichtbar blieb, dem asiatischen Luxus
verfielen. -- Hier mache ich halt und wende mich dem anderen Teil der
Alten Welt, d. h. Europa zu. Ich mu nun schildern, wie sich hier das
griechische Volk, diese hchste Blte der Antike entfaltete; sein
lebhafter Verstand, seine Wibegierde, sein republikanischer Geist,
seine so anders gearteten Staatsformen, seine poetische Religion, seine
klaren, lebendigen Ideen widersprachen in jeder Beziehung dem
gewichtigen, geheimnisvollen Wesen des Orients; ich wrde nun schildern,
wie die Kultur Griechenlands sich zu ungewhnlichem Glanz entwickelte,
wie endlich ein ehrgeiziger Grieche das ganze Land der monarchischen
Gewalt unterwarf, und wie dieser groe Mann den gigantischen Plan fate,
den Orient mit Europa zu vereinigen und die griechische Kultur berall
hinzutragen. Um nun die drei Weltteile fester miteinander zu verbinden,
wird die Stadt Alexandrien gegrndet, der Held stirbt und mit ihm strzt
auch das Weltreich in Trmmer. Aber seine Taten bleiben lebendig, und
ihre Frchte reifen; das berhmte alexandrinische Zeitalter bricht an,
die ganze Alte Welt drngt sich in den Hfen Alexandriens, die
griechischen Gelehrten weilen in allen Stdten, die Nationalitten
verschwinden aufs neue, und die Vlker schmelzen wieder zusammen.
Unterdessen aber reift in Italien fast unbemerkt die eherne Gewalt der
Rmer heran.

Ich wrde nun schildern, wie dieses wilde kriegerische Volk sich ein
Reich nach dem anderen unterwirft, sich an den zusammengeraubten Gtern
bereichert und den ganzen Orient verschlingt. Seine Legionen dringen
selbst bis in die Lnder Europas, deren Besitz den Menschen nichts mehr
zu bieten vermag. Schon Csar setzt seinen Fu auf Britanniens Boden,
und der rmische Adler weht ber den Felsen von Albion ... Whrend
dessen speien die unbekannten Steppen Mittelasiens ganze Massen fremder
Vlker aus, die andere Stmme verdrngen und vor sich herjagen und sie
nach Europa treiben, sie folgen ihnen auf den Fersen durch die Wlder
Germaniens, und durch unpassierbare Smpfe gegen die Rmer gedeckt,
machen sie erst im Norden halt, drohend wie ein furchtbares Ungetm, das
des ihm verfallenen Opfers harrt. Allmhlich haben alle Reiche ihre
Unabhngigkeit verloren. Die ganze Welt ist in rmische Provinzen
eingeteilt. Die Rmer eignen sich alles von den unterworfenen Vlkern an
-- erst ihre Laster, dann auch die Kultur -- wieder mischt sich alles
durcheinander. Alle Menschen werden Rmer -- und doch gibt es keinen
wahren Rmer mehr. Und whrend lasterhafte Imperatoren,
Prtorianerheere, freigelassene Sklaven und Veranstalter grausiger
Schauspiele die Welt tyrannisieren, findet in ihrem Schoe unbemerkt ein
gewaltiges Ereignis statt: inmitten der Alten Welt wird eine neue
geboren. Von niemand erkannt, vollzieht sich die Fleischwerdung des
gttlichen Heilandes -- und das ewige Wort ertnt, unverstanden von den
Groen der Welt, in den Gefngnissen und Wsten und erwartet
geheimnisvoll die neuen Vlker. Endlich senkt sich ein rtselhafter
lethargischer Schlaf auf die ganze antike Welt, jene schreckliche
Starrheit und jenes furchtbare Absterben des Lebens, whrend dessen die
Kultur weder vorschreitet noch sich zurckentwickelt, Kraft und
Charakter verschwinden, und sich alles in eine elende, armselige
Etikette und in jmmerliche, lasterhafte Charakterlosigkeit verwandelt.
Unterdessen erfolgt in Asien ein neuer Sto, der wie ein elektrischer
Funke die ganze Kette durchluft: ein Volk drngt und jagt das andere
vor sich her, dieses treibt das dritte vorwrts, und die am meisten
vorgeschobenen Nationen erscheinen schon an den Grenzen des rmischen
Reiches, whrend die armseligen Welteroberer ihre letzten Krfte
zusammenraffen, um sich zu retten; erst versuchen sie sich mit Gold
loszukaufen, dann dingen sie ein Heer von Verteidigern; sie treten den
Eindringlingen eine Provinz nach der anderen ab, bis auf die letzte und
endlich auch Rom, alle Gebildeten, die sich noch eine Spur von
Kenntnissen bewahrt haben, fliehen nach Osten, und der Rest, die
Ungebildeten und Schwachen, geht in der Masse des neuen Volkes unter.

Ich wrde schildern, wie in Europa ein neues Leben beginnt, wie
barbarische Reiche innerhalb der ihnen von der Natur gezogenen Grenzen
entstehen und das Christentum annehmen. Ich wrde die feudalen Rechte,
die Vasallenstaaten schildern, und darstellen, wie der mchtige Papst,
der ursprnglich nur rmischer Bischof war, zu einem gewaltigen
Herrscher wird und seiner groen geistlichen Macht allmhlich auch die
weltliche hinzufgt. Unterdessen wird im Osten der Rest der Rmer von
einem neuen starken Volk bedrngt und unterworfen, das ganz pltzlich
und in beinahe phantastischer Weise auf der steinigen arabischen
Halbinsel geboren, von dem halb wahnsinnigen Enthusiasmus Muhammeds und
seiner echt orientalischen Religion fast bis zur Raserei getrieben wird.
Ich wrde schildern, wie dieses Volk mit dem krummen asiatischen Sbel
in der Hand durch den Islam die berbleibsel frherer griechischer
Kultur verdrngt, und wie berraschend schnell diese herrliche Nation
aus einem Eroberer zu einem Kulturtrger wird, sich zu vollem Glanz
entfaltet, und wie dieses Volk mit seiner herrlichen Phantasie, seinen
tiefen Gedanken und seiner lebendigen Poesie pltzlich erlischt und von
den Nomaden, die vom Kaspischen Meere herkommen, verdunkelt wird, indem
es ihnen den Islam als Erbe hinterlt. Fast um dieselbe Zeit tauchten
in Europa die Normannen, diese Korsaren der nrdlichen Meere, auf: mit
unerhrter Khnheit kommen sie, trotz ihrer geringen Zahl, plndernd
dahergezogen, erobern ganze Reiche, vertauschen ihre barbarische
Religion gegen das Christentum und fhren Europa ihre Kraft und ihre
Sitten zu.

Indessen wird der Papst allmhlich der unumschrnkte Beherrscher
Europas, und selbst der von allen Vlkern geachtete deutsche Kaiser wagt
es nicht, sich wider ihn zu erheben; auf seinen Wink verlassen ganze
Vlker, Vasallen und Knige ihr Land und ihre Besitztmer, nhen das
rote Kreuz auf ihre Achseln und ziehen begeistert nach Palstina. Ich
wrde erzhlen, wie ganz Europa sich aufmacht und nach Asien zieht --
wie der Osten und der Westen und die beiden groen Mchte Islam und
Christentum aufeinandertreffen und wie dieses Ereignis das Rittertum
erzeugt, das in ganz Europa zur Herrschaft gelangt; es entstehen die
Ritterorden, die ihre Mitglieder zu einem ehelosen Leben in der
Einsamkeit verdammen, nur um dem einen Ziel zu dienen, und so beginnt
das tiefreligise christliche Zeitalter. Ich wrde darlegen, wie dann
die religise Begeisterung die Grenzen, die ihr die Hand des gttlichen
Heilands gezogen hatte, berschreitet und wie um dieselbe Zeit, ganz
ohne da Europa es bemerkt, eine groe, weltgeschichtliche Episode
anbricht. Um diese Zeit entsteht das nach seiner Gre unermeliche
Reich des Dschingis-Chan und verschlingt alle Lnder Asiens, die den
Europern unbekannt waren. In Europa besaen nur die Klster eigenes
Land und feste Wohnsitze; alles verwandelt sich in fahrendes Rittertum,
alles nomadisiert, alles irrt unruhig hin und her; jeder ist zugleich
Krieger und Befehlshaber, Vasall und Herrscher, jeder gehorcht und
gebietet zugleich -- es ist das Jahrhundert der grten Zersplitterung
und zugleich der grten Einheit. -- Jeder unterwirft sich nur dem
eigenen Willen, und doch sind alle in einem Ziel, in einem Gedanken
verbunden. Nachdem die armen Landleute viel Ungemach erlitten,
beschlieen sie, sich von ihren Unterdrckern unabhngig zu machen und
in Stdten zu vereinigen. Es bildet sich der Mittelstand, die Stdte
fangen an, reich zu werden, und im Norden Europas entsteht die Hansa,
als Schutzwall gegen die Raubritter, diese verbindet bald durch ihren
Handel allmhlich alle nordeuropischen Staaten. Im Sden aber erblht
als Frucht der Kreuzzge das durch seine Handelsgewalt so imponierende
Venedig, diese Knigin des Meeres, diese herrliche Republik, mit ihrer
auerordentlich komplizierten und merkwrdigen Verfassung. Alle
Reichtmer Europas und Asiens gehen unmerklich in ihre Hnde ber. So
wie der Papst Europa durch seine religise Macht beherrscht, ebenso
beherrscht es Venedig durch seinen unermelichen Reichtum. Der
geistliche Despot lie kein Mittel unversucht, den venezianischen Handel
zu zerstren, aber alles war vergeblich, bis endlich ein Brger Genuas
durch seine Entdeckung der Neuen Welt ihn vernichtete. Schlielich mte
ich schildern, wie sich der Aktionskreis der Geschichte pltzlich
erweitert und der Handel des Mittelmeers zurckgeht. Die Europer eilen
habgierig nach Amerika und fhren von dort Berge von Gold ein. Der
Atlantische und der Groe Ozean sind in ihrer Macht, um dieselbe Zeit
dringen die ppstlichen Missionare bis in das nordstliche Asien und
Afrika vor, und die Welt tut sich fast pltzlich in ihrer unendlichen
Gre auf. Jetzt aber beginnt man in Europa allmhlich, an der
Rechtmigkeit der ppstlichen Gewalt zu zweifeln, und wie ehemals ein
armer Genueser den Handel Venedigs vernichtete, so erschtterte jetzt
ein Augustinermnch, Luther, die Macht des Papstes. Ich wrde erzhlen,
wie dieser Gedanke in dem Kopf des bescheidenen Mnches entstand, und
wie er seine Thesen kraftvoll und trotzig verteidigte; wie dann der
Papst bei seinem Sturz noch furchtbarer und erfinderischer wurde, wie er
die schreckliche Inquisition und den, durch seine unsichtbare Macht
Schrecken verbreitenden Jesuitenorden schuf, wie letzterer sich ber die
ganze Welt verbreitete, berall eindrang und einschlich und geheime
Verbindungswege mit allen Enden der Welt herstellte.

Aber je hrter der Papst wurde, um so eifriger arbeiteten die
Druckerpressen. Ganz Europa teilte sich in zwei Parteien, und diese
feindlichen Lager griffen endlich zu den Waffen, ein langer, harter
Krieg innerhalb und auerhalb der Staaten entbrannte pltzlich in ganz
Europa. Jetzt wurde nicht mehr mit Pfeil und Bogen gekmpft, sondern mit
Kanonen und Kugeln, mit Donner und Blitz; dieser furchtbare Streit wurde
mit Hilfe der schrecklichen und unheilvollen Erfindung eines Mnchs und
Alchimisten ausgefochten. Die geistliche Macht sinkt immer mehr, und die
weltlichen Herrscher erstarken. Dann mte man darstellen, wie sich
Europa nach diesen Kriegen vernderte. Die einzelnen Staaten und Vlker
schlieen sich immer inniger zu unteilbaren Massen zusammen. Die frhere
Teilung der Gewalten, die im Mittelalter vorherrschte, hat aufgehrt.
Die ganze Macht konzentriert sich nunmehr in einer Person. Hierdurch
kommen die starken Charaktere mehr zur Geltung, der Wirkungskreis der
Herrscher, ihrer Minister und Feldherrn erweitert sich. Ganz von selbst
entsteht in Europa ein Vlkerbund, der mit Waffengewalt die
Unantastbarkeit eines jeden Reiches verteidigen will. Unterdessen
ergreifen unermdliche hollndische Kaufleute, die ihr Land mit Gewalt
dem Meere abgerungen, Besitz von den Inseln des Indischen Ozeans und
verdienen Millionen durch die Kultur der kostbaren, exotischen Gewchse,
sie reien, wie einstmals Venedig, den Handel der ganzen Welt an sich,
bis ein hervorragender Frst, die Unantastbarkeit der Staaten
miachtend, auch diesen Handel wieder vernichtet. Ich wrde das
glnzende Zeitalter schildern, das dieser Knig (Ludwig XIV.)
herbeifhrte; Frankreich strotzte frmlich von Erzeugnissen des Luxus,
die franzsischen Fabriken, die franzsischen Gelehrten taten sich
berall hervor, Paris wurde die Hauptstadt der Welt, wo sich ganz Europa
ein Rendezvous gab, und franzsische Sprache, franzsische Sitten und
franzsische Etikette verbreitete sich ber die europische Welt. Aber
indem dieser ehrgeizige Knig die Unantastbarkeit fremden Besitzes
miachtete und den hollndischen Handel zugrunde richtete, zerstrte er
auch seinen eigenen Staat und vernichtete seine eigene Gre. Schnell
macht sich das britische Inselvolk, das bis dahin sein Ziel langsam aber
sicher verfolgt hatte, diesen Umstand zunutze und steht pltzlich als
Beherrscher des ganzen Welthandels da, bald setzt es in Indien Millionen
um, besteuert Amerika, und wo es ein Meer gibt, da weht die britische
Flagge. Ihr tritt Napoleon, dieser Riese des XIX. Jahrhunderts, in den
Weg, und er bedient sich dabei einer anderen Waffe -- eines absoluten
militrischen Despotismus; mit seinen strmischen Bewegungen bringt er
ganz Europa auer Fassung und legt ihm sein eisernes Protektorat auf.
Umsonst wettert Pitt im englischen Parlament gegen ihn, umsonst bringt
er seine schrecklichen Bndnisse zustande. Niemand hat den Mut, Napoleon
zu widerstehen, bis er selbst sich ins Verderben strzt, indem er einen
Vorsto nach Ruland macht, wo ihn ein unbekanntes Land, die Hrte des
Klimas und ein durch eine rauhe Taktik gesthltes Heer zugrunde richten.
Ruland, das diesen Riesen an seiner uneinnehmbaren Feste zerschellen
lie, hlt nun im weiten Nordosten in drohender Majestt die Wacht; die
befreiten Staaten nehmen wieder ihr frheres Aussehen und ihre alten
Formen an und schlieen von neuem einen Bund zum Schutz ihres Besitzes.
Die Bildung und die Kultur, die sich durch nichts hemmen lt, beginnt,
sich allmhlich auch in den unteren Klassen zu verbreiten, die
Dampfmaschinen lassen die Industrie eine bewunderungswrdige
Vollkommenheit erreichen, leisten den Menschen, gleich unsichtbaren
Geistern, Hilfe und lassen seine Kraft immer schrecklicher, zugleich
aber auch wohlttiger werden: mit heiligem Schaudern erkennt er, wie das
Wort aus Nazareth endlich sich ber die ganze Welt ergiet.

Wenn die Weltgeschichte in eine so kurze aber vollstndige Skizze gefat
wird, und alle Ereignisse in dieser Weise untereinander verbunden
werden, dann wird nichts dem Gedchtnis der Zuhrer entschwinden, und in
ihren Kpfen wird sich unwillkrlich ein Ganzes bilden. Und schlielich
wird diese Skizze sich nach allen Seiten hin erweitern und eine
vollstndige Geschichte der Menschheit darstellen.


                                  VII

Nach der Darstellung der ganzen Menschheitsgeschichte wrde ich die
Geschichte der einzelnen Staaten und Vlker, die den groen Mechanismus
der Weltgeschichte bilden, behandeln. Natrlich mu auch hier bei der
Betrachtung jedes Einzelnen die Flle und Abgeschlossenheit gewahrt
werden. Ich mu die Geschichte jedes Staates mit einem Blick von ihrem
Anfang bis zu ihrem Ende umfassen, mu zeigen, wie ein Reich gegrndet
wurde, wann es seine hchste Macht und seinen hchsten Glanz erreichte,
wann und warum es unterging (wenn es berhaupt unterging) und wie es die
Gestalt annahm, die es noch heutzutage besitzt; wenn ein Volk vom
Angesicht der Erde verschwunden ist, dann mte man aufzeigen, wie ein
neues an seine Stelle trat und was dies letztere von dem frheren
bernommen hat.


                                  VIII

Damit das Vorgetragene sich dem Gedchtnis noch tiefer einprgt, ist
nach Beendigung des Kursus noch eine wiederholende bersicht notwendig.
Damit aber diese Wiederholungen ihren Zweck besser erfllen, mu man
sich bemhen, ihnen das Interesse und die Anziehungskraft der Neuheit zu
geben. Nach der Geschichte der Welt im allgemeinen und der eines jeden
Landes und Volkes im besonderen ist es ratsam, eine bersicht ber alle
Erdteile zu geben und hierbei auf ihre Verschiedenheiten und die
Besonderheiten der sie bewohnenden Vlker hinzuweisen, damit die Zuhrer
selbst ihre Schlsse daraus ziehen knnen.

Zuerst mte man mit Asien anfangen, dieser groen Wiege der jungen
Menschheit, des Kontinents der ungeheuren Umwlzungen, wo pltzlich
ganze Vlker von furchtbarer Gre auftauchen und ebenso pltzlich
wieder von anderen verschlungen werden; wo so viele Nationen eine nach
der anderen fr immer verschwinden, whrend die Regierungsformen und der
Geist der Vlker dieselben bleiben; noch heute ist der Asiat immer
gleich hochmtig und stolz, schnell begeistert und von Leidenschaft
ergriffen; und ebenso schnell verfllt er wieder der Trgheit und dem
tatenlosen Genuleben; zugleich ist dieser Erdteil der Schauplatz der
groen Widersprche und einer gewaltigen Unordnung; noch immer wandert
ein Volk von unbersehbarer Menschenzahl mit unzhligen Roherden
sorglos von Ort zu Ort, whrend am anderen Ende, irgendwo in der Wste,
ein rasender Fanatiker, ganz bla und abgemagert vom bestndigen Fasten,
ber einer neuen Religion brtet, die einmal ganz Asien erfassen, das
ganze Volk in eine leidenschaftliche Begeisterung versetzen, gleichsam
in einen undurchdringlichen Panzer hllen und es seinem Verderben
entgegenfhren soll; zugleich aber ist es mglich, da dicht daneben ein
anderes Volk lebt, das, von Luxus umgeben und angefressen von
asiatischer bersttigung, schon alle diese Phasen und Krisen lngst
hinter sich hat. Nur hier knnen diese merkwrdigen Gegenstze
existieren, die wir an den Bumen des Sdens beobachten, wo sich an
demselben Zweige eine Blte entfaltet, eine andre schon eine Frucht
ansetzt, eine dritte reift und zugleich eine vierte berreif zu Boden
fllt.

Dann mu man zu Europa bergehen, dessen Geschichte einen ganz
entgegengesetzten Charakter hat, wo das Leben der Vlker im Gegensatz zu
Asien viel lnger und viel groartiger ist und alles Ordnung und
Regelmigkeit atmet; hier bewegen sich die Vlker Schritt fr Schritt
und in gemessenem Takte wie regulre europische Truppen; fast alle
Staaten wachsen und entwickeln sich hier zu gleicher Zeit. Trotz aller
Verschiedenheiten der einzelnen Nationen beobachtet man hier eine
allgemeine Einheitlichkeit, sie sind alle so wunderbar miteinander
verflochten, da sie nur im Zusammenhang mit dem ganzen Europa
verstanden werden knnen, und so erscheint Europa selbst fast wie ein
einziger geeinigter Staat. In diesem kleinen Teil der Welt kam ein alter
Proze zum Austrag: der Mensch erhob sich ber die Natur, und die Natur
ward zur Kunst; ja ihre Armut und ihre Sprdigkeit brachte erst die
unendliche Welt ans Licht, die im Menschen verborgen lag, lie ihn
fhlen, wie hoch er ber allem Irdischen stand, und lie das Sein der
Welt als ein ewiges Leben des Geistes erscheinen. Nur in diesem Erdteil
entfaltete sich der hohe Genius des Christentums ganz, und schwebt der
unermeliche Gedanke, beschattet vom himmlischen Zeichen des Kreuzes
ber ihm, wie ber seiner Heimat.

Dann folgt Afrika, das im Gegensatz zu Europa den geistigen Tod
darstellt, wo die Natur stets despotisch ber den Menschen herrscht, wo
sie ihn in ihrer kniglichen Majestt immer wieder in seinen Urzustand,
das sinnliche Leben, zurckstie; wo kein einziges einheimisches,
eingeborenes Volk sich zu vollem Leben entwickelte, und einen hellen
Lichtstrahl in die Welt sandte, und wo selbst die Kolonisten aus andern
Lndern vergeblich den Kampf mit der glhenden, afrikanischen Natur
aufnahmen, denn je tiefer sie in das Innere Afrikas eindrangen, desto
mehr verfielen sie den sinnlichen Trieben.

Und endlich -- Amerika, -- diese Weltkolonie, dieses Babel aller
mglichen Nationen, wo sich drei verschiedene Erdteile trafen, sich
miteinander mischten, aber noch zu keinem Ganzen verschmolzen und daher
auch bis heute noch keine Einheit, nicht einmal die der Religion
erreicht haben. Trotzdem es in seinen Teilen so manches
Charakteristische an sich hat, hat es doch noch keinen allgemeinen
Charakter ausgebildet; noch immer besteht es trotz der groen Massen,
die es umfat, noch aus unorganisierten Urkrften und Urelementen und
gleicht, obwohl es aus lauter unabhngigen Staaten besteht, noch immer
einer Kolonie.

Ein flchtiger berblick ber die Geschichte eines jeden Erdteils in
seinen am strksten ausgeprgten Charakterzgen, die Darstellung der
tiefsten Ergebnisse der Jahrhunderte und der sich in ihnen abspielenden
Begebenheiten, nicht etwa nur ihrer oberflchlichen Resultate, sind
_darum_ eine Notwendigkeit, weil sie die Zuhrer zum Nachdenken
veranlassen und Gedanken bei ihnen auslsen. Ihr Geist arbeitet
schneller, wenn er sich Fragen von echter und poesievoller Gre
gegenbersieht. Solch ein berblick ist schon deshalb so notwendig, weil
er dieselben Objekte hufig in einem andern Lichte zeigt. Denn um einen
Gegenstand ganz zu verstehen, mu er von allen Seiten beleuchtet werden,
oder, wie Schlzer einmal sagt, man kennt die Geschichte nur dann gut,
wenn man sie von vorn bis hinten, von rechts nach links und in allen
Richtungen kennt.


                                   IX

Daher ist es gut, nach Beendigung des Kursus die ganze Weltgeschichte
noch einmal nach einzelnen Jahrhunderten gleichsam in Form eines Epilogs
zu berblicken. Dann wird die Weltgeschichte wie eine Stufenfolge der
Jahrhunderte vor uns stehen. Dabei mu man unbedingt darauf hinweisen,
wodurch der Anfang, die Mitte und das Ende eines jeden Jahrhunderts
gekennzeichnet sind, und ferner -- seinen Geist und seine
hervorstechenden Zge darstellen. Um jedes Jahrhundert genauer zu
charakterisieren und eine gewisse Monotonie der Jahreszahlen zu
vermeiden, wrde ich es nach dem Namen des Volkes oder des Mannes
bezeichnen, die sich in dem betreffenden Zeitraum weit ber die andern
emporschwangen und sich am intensivsten auf der Weltenbhne bettigten.
Eine solche Stufenleiter der Jahrhunderte ist das beste Mittel, dem
Gedchtnis der Zuhrer den Synchronismus der Ereignisse, der
Erscheinungen und der Personen einzuprgen.


                                   X

Mir scheint, da solch eine Art des Unterrichts natrlicher wre und der
Wahrheit mehr entsprechen wrde. Jedenfalls wird der, der die
Erhabenheit der Geschichte im Tiefsten erfat hat, einsehen, da sie
nicht das Erzeugnis einer pltzlichen Eingebung, sondern die Frucht
einer sorgfltigen berlegung und Erfahrung ist; da hierbei kein
Epitheton, und kein einziges Wort nur aus Stilrcksichten oder eitler
Schnrednerei verloren wurde, sondern da es das Resultat eines langen
Studiums der Weltchroniken ist; da selbst der Entwurf einer allgemeinen
und vollstndigen Skizze der allgemeinen Weltgeschichte, der selbst,
wenn er so kurz ist, wie das hier geschildert wurde, nicht anders
mglich ist, als indem man die allerfeinsten und verwickeltsten Fden
der Geschichte aufgesprt und entwirrt hat, und da nur die Liebe zur
Wissenschaft, die einem zum Genu ward, einen dazu bewegen konnte, seine
Gedanken darzustellen, da unser Zweck dabei die Herzensbildung der
jungen Zuhrer durch jene grndliche Erfahrung ist, wie sie uns durch
die Geschichte vermittelt wird, sofern wir sie nur in ihrer wahren Gre
erkennen.

Sie sollen erkennen, da wir nur einen Zweck im Auge haben, in unseren
Zuhrern feste und mnnliche Grundstze zu entwickeln, die fortan kein
leichtsinniger Fanatiker und keine vorbergehende Erregung zu
erschttern vermgen -- sie zu bescheidenen, demtigen, vornehmen
Charakteren und zu ntzlichen und notwendigen Mitarbeitern des groen
Knigs zu machen, auf da sie weder im Glck noch im Unglck ihre
Pflicht, ihren Glauben, ihre unantastbare Ehre und ihr Gelbde, treue
Diener des Vaterlandes und des Kaisers zu sein, verletzen.

                                                                 1832.


                                   V
             Ein berblick ber das Werden Kleinrulands[2]

[Funote 2: Diese Skizze bildet die Einleitung zu einer Geschichte
Kleinrulands; da aber der ganze erste Teil dieser Geschichte
vollstndig umgearbeitet wurde, so lassen wir diesen Teil als besonderen
Aufsatz hier folgen.]


                                   I

Welch furchtbar armselige Rolle spielt doch das XIII. Jahrhundert in der
Geschichte Rulands. Hundert kleine Staaten, die einer Rasse entstammen,
einen Glauben bekennen, eine Sprache sprechen, gemeinsame
Charaktereigentmlichkeiten haben und -- fast mchte es scheinen, gegen
ihren Willen, durch Blutsverwandtschaft untereinander verbunden sind --
alle diese kleinen Reiche waren so miteinander verfeindet, wie dies
selbst unter verschiedengearteten Vlkern nur selten vorkommt. Nicht Ha
(denn einer wirklich starken Leidenschaft waren sie nicht fhig), auch
nicht eine stetige Politik als Folge eines unbeugsamen Sinnes oder
reifer Lebenserkenntnis waren es, die sie trennten: es war ein Chaos von
Kmpfen um vorbergehender, momentaner Vorteile willen, und diese
Streitigkeiten waren um so verderblicher, weil sie den Volkscharakter,
der unter den starken normannischen Frsten angefangen hatte, eine
eigenartige Physiognomie anzunehmen, allmhlich zersetzten. Die
Religion, die die Vlker mehr denn alles andere miteinander verbindet
und erzieht, hatte nur wenig Einflu auf sie; denn sie war damals noch
nicht mit den Gesetzen und mit dem Leben verwachsen. Die Mnche, die
Lehrer, ja sogar die Metropoliten waren Einsiedler, die sich in ihre
Zellen zurckzogen und ihre Augen vor der Welt verschlossen; sie beteten
zwar fr alle Menschen, aber verstanden es nicht, mit Hilfe ihrer
gewaltigen Waffe: des Glaubens -- Macht ber das Volk zu erringen und
mit diesem Glauben die kleine Flamme des Glaubenseifers bis zum
Enthusiasmus zu schren, der doch allein imstande ist, junge Vlker zu
verbinden und sie fr groe Taten zu begeistern. Das war der groe
Unterschied gegenber dem Westen, wo der allmchtige Papst ganz Europa
mit seiner geistlichen Macht umspann, wie mit einem unsichtbaren
Spinngewebe, wo sein allmchtiges Wort Streitigkeiten schlichtete oder
entfachte, und wo die Bedrohung mit seinem furchtbaren Fluch die
Leidenschaften und die noch halbwilden Vlker bndigte. Hier waren die
Klster noch Zufluchtssttten fr die Menschen, die sich durch ihre
Sanftmut und Gte von dem allgemeinen Charakter des Jahrhunderts
abhoben. Nicht selten redeten die Geistlichen von ihren Hhlen und
Klstern aus den Teilfrsten ins Gewissen; aber ihre Ermahnungen blieben
erfolglos, die Frsten verstanden es nur, zu fasten und Kirchen zu
bauen, damit glaubten sie, den Anforderungen des Christentums Genge
geleistet zu haben: es als ein Gesetz zu achten und sich seinen Geboten
zu fgen, verstanden sie nicht. Die geringfgigsten Ursachen hatten
endlose Kriege zur Folge. Das waren keine Kriege zwischen dem Knig und
seinen Lehnsmnnern oder der Vasallen untereinander -- nein -- das waren
Zwistigkeiten zwischen Blutsverwandten, zwischen leiblichen Brdern,
Vtern und Kindern. Nicht Ha oder starke Leidenschaft fachten sie an --
nein -- der Bruder erschlug seinen Bruder um eines Stckes Land willen,
oder auch nur um Mut und Khnheit an den Tag zu legen. Welch
schreckliches Beispiel fr das Volk! Blutsverwandtschaft galt fr
nichts, denn die Bewohner zweier benachbarter Teile, die alle
untereinander verwandt waren, waren jeden Augenblick bereit, mit der Wut
von Wlfen bereinander herzufallen. Es war nicht ererbte Zwietracht,
die sie antrieb, denn der Freund von heute wurde zum Feinde von morgen
und umgekehrt. Das Volk hatte eine kaltbltige Bestialitt angenommen:
es mordete, ohne recht zu wissen warum. Kein starkes Gefhl, weder
Fanatismus, noch Aberglaube, ja nicht einmal ein Vorurteil konnten es
begeistern, und es schien, als seien alle starken und hohen menschlichen
Leidenschaften in ihm erloschen; wenn zu jener Zeit ein Genie erschienen
wre, das den Wunsch gehabt htte, mit diesem Volk etwas Groes zu
vollbringen, es htte keine Saite gefunden, bei der er es htte fassen
knnen, um diesen gefhllosen Krper aufzurtteln; es sei denn etwa die
eiserne physische Kraft. Damals schien die Geschichte gleichsam
erstarrt zu sein und sich in Geographie verwandelt zu haben: das
einfrmige Leben, das sich in den einzelnen Teilen regte, aber als
Ganzes starr und unbeweglich dalag, konnte als geographisches Zubehr
des Landes gelten.


                                   II

Da nun trat ein wunderbares Ereignis ein. In Asien, im Herzen dieses
Erdteils Asien, in diesen Steppen, die schon so viele Vlker ber Europa
ausgegossen hatten, erhob sich jetzt das furchtbarste und zahlreichste
von allen, dessen Eroberungszge eine Ausdehnung annahmen, wie nie
vorher. Die frchterlichen Mongolen, mit ihren zahllosen Roherden und
Zeltwagen, wie sie in Europa noch nie gesehen worden waren, berfluteten
Ruland, und mit echt asiatisch-barbarischer Freude bezeichneten sie
ihren Weg durch flammende Rauchsulen und Feuersbrnste. Diese Invasion
unterwarf Ruland einer zweihundertjhrigen Sklaverei und entzog es den
Blicken Europas. War dies nun eine Rettung, indem es Ruland seine
Selbstndigkeit wahrte, da doch die Teilfrsten seine Integritt
gegenber den litauischen Eroberern kaum aufrecht erhalten htten, oder
war es eine Strafe fr die fortwhrenden Streitigkeiten -- genug, dieses
furchtbare Ereignis zog gewaltige Folgen nach sich: es erlegte den
Frstentmern Nord- und Mittelrulands ein schweres Joch auf, schuf aber
zugleich im Sden ein neues slawisches Geschlecht, ein Geschlecht dessen
ganzes Leben in einem bestndigen Kampf bestand und dessen Geschichte
ich hier schildern will.


                                  III

Am meisten hatte Sdruland unter den Tataren zu leiden gehabt.
Niedergebrannte Stdte und Felder, verkohlte Wlder, das alte Kiew in
Trmmern, menschenleere Wsten -- das war der Anblick den dies
unglckliche Land darbot. Die erschrockenen Einwohner flohen nach Polen
oder nach Litauen; zahlreiche Edelleute und Frsten wanderten nach dem
Norden Rulands aus. Schon frher war die Zahl der Bevlkerung in dieser
Gegend sichtlich zurckgegangen. Kiew war lngst nicht mehr die
Hauptstadt, und die bedeutenderen Frstentmer hatten sich nach Norden
hinaufgezogen. Es schien, als htte das Volk seine eigene Nichtigkeit
erkannt, denn es verlie die Pltze, wo die bunte Natur ihre
Erfindungskraft zu entfalten beginnt; herrliche, unbersehbare Steppen
breiten sich hier aus und die verschiedenartigsten Grser von
gigantischer Hhe bedecken sie; hie und da steigen unvermittelt ganz mit
wilden Kirschbumen und Edelkirschen berste Hgel auf, oder es tut
sich ein blumengeschmckter Abgrund vor uns auf, viele rauschende Flsse
schlngeln sich durch das Land und bilden entzckende Landschaftsbilder,
gewaltig gleitet der Dnjepr wie ein leuchtendes Band mit seinen
unersttlichen Stromschnellen zwischen groartigen, steilabstrzenden
Ufern und durch unbersehbare Wiesen dahin -- und dies alles erwrmt der
milde Odem des Sdens. -- Das Volk verlie diese Gegenden und drngte
sich nach den Teilen Rulands, wo die Oberflche der Erde einfrmig
glatt und eben, fast immer sumpfig ist, und wo ein paar elende Kiefern
und Fichten aus dem Boden ragen; hier gibt es kein frischpulsierendes
Leben voller Bewegung, sondern nur ein dumpfes Vegetieren, das wie ein
schwerer Druck auf dem Geiste lastet. Es ist, als wre damit die
Wahrheit des Satzes bewiesen, da nur ein starkes, lebens- und
charaktervolles Volk Gegenden von groartiger Naturbeschaffenheit
aufsucht, oder da nur gewaltige und groartige Naturszenerien ein
khnes, leidenschaftliches, charaktervolles Volk hervorbringen knnen.


                                   IV

Als der erste Schreck vorber war, begannen allmhlich Auswanderer aus
Polen, Litauen und Ruland sich in diesem Lande, der eigentlichen Heimat
der Slawen, niederzulassen; hier war die Wiege der alten Poljanen und
Ssewerjanen, dieser rein slawischen Stmme, die sich in Groruland
schon mit finnischen Vlkerschaften zu vermischen begannen, aber sich
hier in ihrer Reinheit erhielten, mit all ihren heidnischen
Glaubenslehren, ihren kindlichen Vorurteilen, ihren Sagen und Gesngen
und ihrer slawischen Mythologie, die bei ihnen so naiv mit dem
Christentum verschmolz. Den in ihre alte Heimat zurckkehrenden
Einwohnern folgten auch Auswanderer aus anderen Lndern auf den Fersen,
mit denen sie sich durch lngeres Beisammenleben allmhlich vermischt
hatten. Diese Einwanderung vollzog sich furchtsam und zaghaft, weil das
schreckenverbreitende Wandervolk nicht weit entfernt war: sie waren nur
durch die Steppe voneinander getrennt, oder besser gesagt, miteinander
verbunden. Trotz der bunten Bevlkerung fehlte es hier an jenen
Zwistigkeiten, die im Innern Rulands nie aufhrten. Die von allen
Seiten drohende Gefahr lie den Menschen keine Zeit zum Streit. Das von
den furchtbaren Herdenbesitzern bel zugerichtete Kiew, die
altehrwrdige Mutter der russischen Stdte, blieb noch lange verarmt und
konnte sich kaum mit so mancher unbedeutenden Stadt des nrdlichen
Rulands messen. Alle Menschen hatten es verlassen, selbst die Mnche
und Chronisten, die es immer wie ein Heiligtum verehrt hatten, zogen
fort. Die Kunde von Kiew hrt pltzlich auf, und obwohl dort eine Linie
des russischen Frstengeschlechts zurckblieb, geriet es fr ein halbes
Jahrhundert vollstndig in Vergessenheit. Nur hin und wieder sprechen
noch die Chronisten wie im Traum von Kiew, sie erzhlen, da es in der
schrecklichsten Weise zerstrt wurde, und da die Beamten der Chane dort
residierten -- dann aber ist's als htte sich ein undurchdringlicher
Vorhang darber gebreitet.


                                   V

Whrend so Ruland durch die Tataren zur Unttigkeit und Erstarrung
verurteilt war, fhrte der groe Heide Gedimin ein neues Volk auf den
Schauplatz der Geschichte herauf -- ein armes Volk, arm an Kultur und
arm an Lebensmitteln --, es bewohnte die wilden Fichtenwlder im
heutigen Weiruland, hllte sich in Tierfelle statt in Kleider, betete
den Gott Perun an und beugte sein Knie in noch nie von der Axt berhrten
Hainen vor dem altehrwrdigen Feuer; dies Volk, das unter dem Namen der
Litauer bekannt war, hatte ehemals den russischen Frsten Tribut
gezahlt. Nun aber wurde es unter seinem Frsten Gedimin zu der
bedeutendsten Macht in dem gewaltigen Nordosten Europas! Damals glichen
die Stdte, die Frstentmer und die Vlker des westlichen Ruland noch
Stcken und Fetzen, die jenseits der Grenze des Tatarenjoches lagen. Sie
bildeten kein Ganzes, und daher konnte auch der litauische Eroberer fast
durch einen einzigen Angriff seines von ihm selbst geschaffenen
heidnischen Heeres den ganzen Flchenraum zwischen Polen und dem
tatarischen Ruland seiner Macht unterwerfen. Dann fhrte er sein Heer
nach Sden in das Gebiet der wolhynischen Frsten. Es ist nur natrlich,
da der Erfolg ihn berall begleitete. In Luzk stellte sich ihm der
Frst Leo entgegen und leistete ihm harten Widerstand, war aber doch
nicht imstande, ihn zurckzuschlagen und sein Land zu behaupten. Gedimin
setzte Gouverneure und Gemeindelteste ein und zog weiter nach Sden,
mitten ins Herz des sdlichen Rulands, nach Kiew. Dem Frsten Leo von
Luzk gelang es auf der Flucht, den Frsten von Kiew, Stanislaus, zu
berreden, dem furchtbaren Eroberer mit seiner wenig zahlreichen
Streitmacht entgegenzutreten. Seine Truppen wurden noch durch verbndete
Tataren verstrkt; aber alle ergriffen die Flucht vor dem mchtigen
Litauer. Nachdem Gedimin den Feinden am Flusse Irpenj eine furchtbare
Niederlage bereitet, zog er im Triumph in Kiew ein, das noch unter dem
frischen Eindruck eines Einfalls der Tataren stand, und setzte dort den
Frsten Mindow Oljschansky, der eben den griechischen Glauben angenommen
hatte, als Regenten ein. So entri der litauische Eroberer den Tataren
ein Stck Land, das fast vor ihren Augen gelegen war. Man sollte
glauben, dies htte einen Kampf zwischen den beiden Vlkern zur Folge
haben mssen, aber Gedimin war ein klarer und politischer Kopf, trotz
seiner scheinbaren Wildheit und trotz des barbarischen Zeitalters. Er
verstand es, sich die Freundschaft der Tataren zu erhalten, obwohl er
ber Lnder herrschte, die er ihnen entrissen hatte, ohne ihnen Tribut
zu zahlen. Dieser urwchsige Politiker, der weder schreiben noch lesen
konnte und einen heidnischen Gott anbetete, rhrte nicht an die Sitten
und die alten Regierungsformen der unterworfenen Vlker, alles blieb
beim alten, er besttigte alle Privilegien und befahl seinen
Gemeindevorstehern, die Landesgebruche streng zu achten, und hinterlie
bei seinem Zuge durchs Land nirgends Spuren der Verwstung. Die absolute
Bedeutungslosigkeit der herumliegenden Vlker und seiner Zeitgenossen
lassen seine Gestalt zu ungeheuren Dimensionen emporwachsen. Er starb im
Jahre 1340, seine Leiche wurde auf ein Pferd gesetzt, und er wurde nach
der heidnischen Sitte der Litauer mitsamt seinem Waffentrger, seinen
Jagdhunden und Falken verbrannt. Ihm folgten Oljgerd und Jagello auf dem
Thron, zwei ebenso starke Charaktere, die noch weiter zum Aufschwung
Litauens beitrugen, indem sie den angegliederten Lndern gegenber
dieselbe Politik verfolgten wie er.


                                   VI

So trennte sich das sdliche Ruland unter dem mchtigen Schutz der
litauischen Frsten ganz von dem Norden. Jede Verbindung zwischen ihnen
hrte auf; es bildeten sich zwei Reiche, die einen und denselben Namen
Ruland fhrten, das eine unter dem Joch der Tataren -- das andere unter
demselben Zepter wie Litauen. Aber alle nheren Beziehungen zwischen
ihnen hrten auf; andere Gesetze, andere Sitten, andere Ziele, andere
Verhltnisse und andere Taten schufen mit der Zeit ganz verschiedene
Charaktere. Zu ergrnden, in welcher Weise dies geschah, bildet den
Zweck unserer Geschichte. Aber vor allem mssen wir einen Blick auf die
geographische Lage dieses Landes werfen, damit mssen wir durchaus
beginnen, denn von der Beschaffenheit des Bodens hngt die Lebensweise,
ja sogar der Charakter eines Volkes ab. Gar vieles in der Geschichte
lt sich durch die Geographie erklren.

Dieses Land, das spter den Namen der Ukraine erhielt, erstreckt sich
im Norden bis zum fnfzigsten Grad nrdlicher Breite und ist eher flach
als gebirgig. Hier begegnen wir hufig kleinen Hgeln, aber keiner
zusammenhngenden Gebirgskette. In dem nrdlichen Teil gibt es
zahlreiche Wlder, die ehemals ganze Herden von Bren und Wildschweinen
beherbergten. Der sdliche Teil liegt ganz offen da und stellt ein
weites Steppenland von ppiger Fruchtbarkeit dar, das aber nur hie und
da mit Getreide bestellt ist. Dieser herrliche, jungfruliche Boden
bringt aus sich selbst eine verschwenderische Flle der
mannigfaltigsten, verschiedenartigsten Grser hervor. Hier trieben sich
ganze Scharen von Steppenantilopen, Hirschen und wilden Pferden herum.
Vom Norden nach Sden zieht sich der mchtige Dnjepr durch das Land,
umsponnen von einem ganzen Netze kleinerer Nebenflsse, die in ihn
mnden. Sein rechtes Ufer ist gebirgig und bietet anmutige und zugleich
wilde Landschaftsbilder dar; das linke besteht ganz aus Wiesen, die mit
kleinen Wldern bedeckt sind und meist unter Wasser stehen. Unweit der
Mndung des Dnjepr ins Meer bilden schroff aus dem Flubett aufsteigende
Felsen zwlf Stromschnellen, sie unterbrechen die Strmung und machen
die Schiffahrt sehr gefhrlich. In ihrer Nhe gab es viele sogenannte
Sugaken, wilde Ziegen mit weilich-glnzenden Hrnern und atlasweichem
Fell. Frher war der Wasserstand des Dnjepr hher, sein Flubett
breiter, und er berschwemmte die Wiesen an seinem Ufer auf grere
Strecken hin. Wenn das Wasser sinkt, ist das Bild berraschend schn:
alle Bodenerhhungen treten hervor und bilden unzhlige, grne Inseln
inmitten der unabsehbaren Gewsser des Ozeans. Nur ein einziger
schiffbarer Flu, die Desna, mndet in den Dnjepr, sie fliet durch die
nrdliche Ukraine, mit ihren bewaldeten Ufern, die fast immer
berschwemmt sind; aber auch dieser Flu ist nur stellenweise befahrbar.
Auerdem gibt's im Norden noch den Oster und einen Teil des Sseim, im
Sden die Ssula, den Psjoll mit einer Reihe schner Landschaftsbilder,
den Chorol und andere; aber keiner von all diesen Flssen ist schiffbar.
Verkehrswege gibt es nicht; die Produkte konnten nicht ausgetauscht
werden, und daher konnte sich hier auch kein handeltreibendes Volk
ansiedeln. Alle Flsse verzweigen sich in der Mitte; keiner von ihnen
bildete durch seinen Lauf eine natrliche Grenze zwischen den
benachbarten Vlkern. Im Norden lag Ruland, im Osten hausten die
Kiptschatskischen, im Sden die Krimschen Tataren, im Westen lag Polen
und berall offenes Land -- die Grenzen wurden durch Steppen und weite
Ebenen gebildet. Htte es auch nur von einer Seite eine natrliche
Grenze in Form eines Gebirges oder eines Meeres gegeben, so htte das
hier wohnhafte Volk sich sicherlich sein politisches Wesen bewahrt und
ein selbstndiges Reich gebildet. Aber das offene, unbeschtzte Land
wurde die bestndige Beute von berfllen und Verwstungen, -- es wurde
ein Platz, auf dem drei feindliche Nationen aufeinanderstieen, den
Boden mit Knochen dngten und mit Blut trnkten. _Ein_ berfall der
Tataren zerstrte die ganze Arbeit des Landmanns; die Wiesen und Felder
wurden von den Hufen der Rosse zerstampft oder niedergebrannt, die
leichtgebauten Htten bis auf den Grund niedergerissen und die Einwohner
vertrieben oder mitsamt ihrem Vieh in die Gefangenschaft gefhrt. Das
war ein Land des Schreckens; und daher konnte hier nur ein
kriegerisches, durch Zusammenschlu starkes Volk erstehen -- ein
tollkhnes Volk, dessen ganzes Leben von Kriegen erfllt, und das in
Krieg und Schlachten gesugt und aufgezogen war. Freiwillige und
unfreiwillige Auswanderer, heimatlose Wanderer, die nichts zu verlieren
hatten, Menschen, deren Leben keinen Heller wert war, deren zgelloser
Wille sich keiner Macht und keinem Gesetz fgen wollte, und denen
berall der Galgen drohte, zogen in dies Land und whlten diesen uerst
gefhrlichen Ort, in unmittelbarer Nhe der asiatischen Eroberer der
Tataren und Trken, zu ihrem Aufenthalt. Diese zusammengewrfelte
Menschenmenge wuchs immer mehr an, vermehrte sich und bildete
schlielich ein ganzes Volk, das seinen Charakter, ja, ich mchte sagen,
sein Kolorit der ganzen Ukraine mitteilte -- es vollzog sich ein Wunder
-- die friedlichen slawischen Stmme verwandelten sich unter seinem
Einflu in ein kriegerisches Volk, das unter dem Namen Kosaken bekannt
ist und eine der merkwrdigsten Erscheinungen in der Geschichte Europas
bildet; vielleicht war nur dies Volk imstande, die verheerende
berschwemmung durch die beiden mohammedanischen Stmme, die Europa zu
verschlingen drohte, zurckzudmmen.


                                  VII

Das erste Auftauchen der Kosaken fllt, wenn nicht ins Ende des XIII.,
so doch in den Anfang des XIV. Jahrhunderts, in das Jahrhundert, wo der
starke Glaubenseifer in Europa noch nicht erloschen war, und wo sich
pltzlich fast an allen Orten Brderschaften und Ritterorden bildeten,
ganz im Widerspruch zu der damaligen allgemeinen Zersplitterung; diese
Genossenschaften legten sich mit bewunderungswrdiger Selbstverleugnung
alle mglichen Opfer auf, entsagten den gewhnlichen Lebensgewohnheiten
der Ehe und wurden zu unbeugsamen Htern der geistigen Gter der Welt,
und zu ehernen Beschtzern des christlichen Glaubens. Je schwcher der
Zusammenhang der damaligen Staaten untereinander war, desto mchtiger
wuchs die furchtbare Macht dieser Verbindungen an. Die Verbreitung des
Islam und das Erstarken der jungen, mchtigen mohammedanischen Vlker,
die schon in Europa eingedrungen waren, trugen auch zu ihrem Wachstum
bei. Der Geist dieser Brderschaften drang berallhin -- er fate nicht
nur unter den Rittern Fu -- aber allerdings waren ihre Ziele und Zwecke
nicht immer dieselben. Um diese Zeit entstand in der Nhe der
Stromschnellen ein Stdtchen, oder eine Ansiedlung mit Namen
Tscherkassy, die von khnen Einwanderern gegrndet war; ihr Name
erinnert an Bewohner des Kaukasus, denen auch von vielen die Grndung
des Stdtchens zugeschrieben wird, denn dies war der Hauptsammelplatz
und Aufenthaltsort der Kosaken. Anfnglich zwangen die hufigen Einflle
der Tataren in den nrdlichen Teil der Ukraine die Bewohner, sich durch
die Flucht zu retten, sich den Kosaken anzuschlieen und ihre Zahl zu
vergrern. Das war ein bunter Haufen der allerverwegensten Vertreter
der angrenzenden Nationen. Wilde Bergbewohner, verarmte Russen,
polnische Leibeigene, die sich dem Despotismus ihrer Herren entzogen
hatten, ja sogar abtrnnige Mohammedaner oder Tataren haben vielleicht
den ersten Grund zu dieser merkwrdigen Gesellschaft am anderen Ufer des
Dnjepr gelegt, die sich spter, gleich den Ordensrittern, den
bestndigen Kampf mit den Unglubigen zum Ziel setzte. Dieser
Menschenhaufen besa keine Befestigungen und keine einzige Burg.
Erdhtten, Hhlen und allerhand Schlupfwinkel zwischen den Felswnden
des Dnjepr, die hufig unter dem Wasser, oder auf den Inseln, oder im
dichten Steppengras gelegen waren, dienten ihnen zum Versteck fr sich
selbst und die zusammengeraubten Schtze. Die Nester dieser Ruber waren
unsichtbar; sie kamen pltzlich herangeflogen, bemchtigten sich ihrer
Beute und verschwanden dann wieder. Sie bekmpften die Tataren mit deren
eigenen Waffen, das heit, sie wandten dabei die Kriegsfhrung der
Asiaten an und fhrten berflle auf sie aus. Da ihr Leben unter dem
bestndigen Druck der Angst stand, wollten auch sie ihrerseits ein
Schreckbild fr ihre Nachbarn sein. Die Tataren und Trken muten jeden
Augenblick eines berfalls seitens dieser unerbittlichen Bewohner der
Stromschnellen gewrtig sein. Die mohammedanischen Nachbarn wuten
nicht, welchen Namen sie diesem verhaten Volk geben sollten. Wenn einer
dem anderen seine tiefste Verachtung ausdrcken wollte, so nannte er ihn
einen Kosaken.


                                  VIII

Ein groer Teil dieser Gesellschaft bestand aus den ursprnglichen
autochthonen Bewohnern des sdlichen Ruland. Ein Beweis dafr ist ihre
Sprache, die, obwohl sie viele tatarische und polnische Worte in sich
aufgenommen, immer ihren reinen sdslawischen Charakter bewahrt hat, der
dem damaligen russischen sehr hnlich war, und ein fernerer Beweis ist
ihr Glaube, der immer der griechisch-katholische blieb. Jeder hatte
freien Zutritt zu dieser Gemeinschaft, nur mute er unbedingt den
griechischen Glauben annehmen. Diese Gesellschaft trug alle Merkmale,
die einer Ruberbande eigen sind, an sich; aber wenn wir nher zusehen,
so finden wir hier Keime eines politischen Organismus und eines
charaktervollen Volkes, das sich gleich zu Anfang seiner Existenz ein
wichtiges Ziel gesetzt hatte, -- den Kampf mit den Unglubigen und die
Reinerhaltung der eigenen Religion. Das waren jedoch keine strengen
katholischen Ritter, sie erlegten sich weder Gelbde noch Fasten auf;
sie kasteiten sich nicht durch Enthaltsamkeit und Abttung des
Fleisches; sie waren unbndig wie die Stromschnellen ihres Dnjepr und
vergaen die ganze Welt bei ihren wilden Gelagen und wsten Festen. Die
enge Verbrderung, die unter den Mitgliedern einer Ruberbande herrscht,
verband auch sie miteinander. Alles war Gemeingut -- der Wein, das Geld
und ihre Wohnsttten. Die ewige Angst, die ewige Gefahr flte ihnen
eine eigentmliche Lebensverachtung ein. Der Kosak kmmerte sich mehr um
sein volles Ma Wein, als um sein Schicksal. Aber bei ihren berfllen
bewiesen sie Gewandtheit, Schrfe des Geistes und eine groe
Geschicklichkeit, aus jedem Umstande Nutzen zu ziehen. Man mute diesen
Bewohner der Stromschnellen in seiner halb tatarischen und halb
polnischen Tracht, die so recht den Grenzbewohner verrieten, sehen, wenn
er mit asiatischer Gewandtheit auf seinem Ro dahinsprengte, im dichten
Steppengras verschwand, dann wieder mit der Schnelligkeit eines Tigers
aus seinem unsichtbaren Schlupfwinkel hervorstrzte oder ganz in
Schlingpflanzen und Schlamm gehllt als Schreckgespenst aus dem Sumpf
oder Flu vor dem fliehenden Tataren auftauchte. Nach solch einem
berfall bummelte und zechte derselbe Kosak mit seinen Kameraden herum,
vergeudete und verschleuderte die erbeuteten Schtze, war sinnlos
betrunken und lebte sorglos dahin, bis zu einem neuen Kriegszug, wenn
nicht die Tataren ihn berrumpelten, die Sorglosen im betrunkenen
Zustand auseinandertrieben und ihre Ansiedlung bis auf den Grund
zerstrten. Doch bald entstand, wie durch ein Wunder, die Ansiedlung
aufs neue, und ein verheerender, furchtbarer Ausfall gegen die Tataren
rchte die erlittene Schmach. Und wieder begann das alte sorglose und
zgellose Leben.


                                   IX

Es schien fast, als sollte die Existenz dieses Volkes ewig sein. Es
verminderte sich nie, die Ausscheidenden, die Erschlagenen und
Ertrunkenen wurden immer wieder ersetzt. Dieses frhliche Leben bte
seine Anziehungskraft auf jedermann aus. Das war ja noch jene poetische
Zeit, wo man mit dem Sbel in der Hand alles erreichen konnte, und wo
jeder einzelne nicht Zuschauer, sondern handelnde Person sein wollte.
Die Kolonie nahm allmhlich einen ganz eigenartigen, allgemeinen
Charakter an, aus ihr bildete sich eine eigene Nationalitt heraus, und
je nher das XV. Jahrhundert herankam, desto mehr vergrerte sie sich
durch neuen Zuzug. Allmhlich entstanden ganze Flecken und Drfer mit
Husern, die von Familien bewohnt wurden, und sich in der Nhe dieses
trotzigen Bollwerks ansiedelten, um unter der Bedingung gewisser
Verpflichtungen ihren Schutz zu genieen. So geschah es, da das Land um
Kiew herum verdete, und sich dagegen am jenseitigen Ufer des Dnjepr
immer mehr und mehr bevlkerte. Durch die Berhrung und den Verkehr mit
den Kosaken wurden auch die verheirateten Mnner, die Familienvter,
allmhlich immer kriegerischer gesinnt. Der Sbel und der Pflug
schlossen Freundschaft untereinander und fanden sich bei jedem Landmann
zusammen. Verwegene Hagestolze fingen an, nicht nur Gold, Geld und
Rosse, sondern auch Tatarenfrauen und -tchter zu rauben, die sie
nachher heirateten. Durch diese Vermischung erhielten die Gesichter, die
ehemals einen recht verschiedenartigen Vlkertypus aufwiesen, eine mehr
gleichartige asiatische Physiognomie. Und so entstand ein Volk, das
seinem Glauben und seinem Wohnort nach zu Europa gehrte, aber nach
seinen Sitten, nach seiner Tracht und Lebensweise vollkommen asiatisch
war, ein Volk, in dem zwei verschiedene Weltteile zusammentrafen, und
zwei vllig anders geartete Elemente sich untereinander mischten:
europische Vorsicht und asiatische Sorglosigkeit, Treuherzigkeit und
Verschlagenheit, krftige Aktivitt und grenzenlose Trgheit und
Verzrtelung, das Streben nach Fortschritt und Vervollkommnung -- und
zugleich der Wunsch sich den Anschein zu geben, als verachte man
jeglichen Fortschritt und jede Vervollkommnung.

                                                                 1832.


                                   VI
                       Einige Worte ber Puschkin

Bei dem Namen Puschkin steigt sofort der Gedanke an Rulands nationalen
Dichter auf. Und in der Tat -- es gibt keinen unter unseren Dichtern,
der hher stnde, keiner kann mit mehr Recht national genannt werden,
als er. Daher gebhrt dieser Titel vor allem _ihm_, wie keinem andern.
In ihm ist, wie in einem Wrterbuch, der ganze Reichtum, die ganze Kraft
und Geschmeidigkeit unserer Sprache niedergelegt. Er hat mehr, denn je
ein anderer, ihre Grenzen erweitert und uns ihre gewaltigen Dimensionen
offenbart. Puschkin ist eine ganz auerordentliche Erscheinung, ja
vielleicht die erste und einzige, die der russische Geist hervorgebracht
hat, das ist der russische Mensch in seiner hchsten und letzten
Ausprgung, wie er sich uns vielleicht erst in zwei Jahrhunderten
darstellen wird. In ihm spiegelt sich die russische Natur, die russische
Seele, die russische Sprache und der russische Charakter in einer solch
reinen sublimen Schnheit, wie eine Landschaft auf der konvexen
Oberflche eines optischen Glases.

Schon sein Leben war echt russisch. Die freie Ungebundenheit und Flle,
nach der es den Russen verlangt, wenn er sich fr einen Augenblick
selbst vergit, und die eine so starke Anziehungskraft auf die frische
russische Jugend besitzt, sind auch fr die ersten Jahre
charakteristisch, whrend der er die groe Welt betritt. -- Wie mit
Absicht fhrte ihn das Schicksal gerade dorthin, wo die Grenzen Rulands
durch Schroffheit und charaktervolle Majestt der Natur bezeichnet
werden, wo die grenzenlose russische Ebene vom Sdwind umfchelt und von
steil in die Wolken ragenden Bergen unterbrochen wird. Der gigantische,
mit ewigem Schnee bedeckte Kaukasus, der mitten aus der heien sdlichen
Ebene emporsteigt, machte einen tiefen Eindruck auf ihn, man kann sagen,
er erweckte die Krfte seiner Seele und sprengte die letzten Ketten, die
den freien Gedanken noch beschwerten. Das poesievolle, zgellose Leben
der verwegenen Bergbewohner, ihre stndigen Zusammenste und ihre
pltzlichen unwiderstehlichen berflle entzckten ihn. Und seit jener
Zeit erhielt sein Pinsel jenen wunderbaren Schwung und jene Khnheit,
die das ganze Ruland, das erst eben zu lesen begonnen hatte, so tief
ergriff. Wenn er den Kampf eines Tschetschenzen mit einem Kosaken
schildert, dann sind seine Worte wie Blitze; sie funkeln wie eine blanke
Sbelklinge und strmen schneller dahin, als die Wogen der Schlacht. Nur
er versteht es, den Kaukasus zu besingen; er ist mit seiner ganzen
Seele, mit allen seinen Sinnen in ihn verliebt; er ist ganz erfllt,
ganz durchdrungen von der Schnheit seiner Landschaft, vom sdlichen
Himmel, von den herrlichen, Grusischen Ebenen, von den berauschenden
Nchten und Grten der Krim. Das macht wohl, da er in all seinen Werken
da am wrmsten und feurigsten ist, wo seine Seele vom Hauch des Sdens
getroffen wird. Unwillkrlich setzt er hier seine ganze Kraft ein, und
daher bten auch seine Schpfungen, die, vom Kaukasus handelnd, vom
freien Leben der Tscherkessen und den Nchten der Krim erfllt sind,
jenen herrlichen magischen Zauber aus; selbst die, denen es an Geschmack
fehlte, und deren geistige Fhigkeiten nicht ausreichten, um ihn zu
verstehen, waren von ihnen entzckt. Das Khne ist am leichtesten
verstndlich, es weitet die Seele mchtig und gewaltig aus, vor allem
die der Jugend, die es immer nach Ungewhnlichem drstet. Kein einziger
Poet in ganz Ruland hatte ein so beneidenswertes Schicksal wie
Puschkin. Der Ruhm keines einzigen hat sich so schnell verbreitet, wie
der seine. Alle fhlten sich verpflichtet, bei jeder passenden oder
unpassenden Gelegenheit einige von den herrlichen, glnzenden
Stellen aus seinen Werken zu zitieren, oder doch wenigstens zu
verballhornisieren. Schon sein Name allein hatte etwas Elektrisierendes;
ein miger Tintenkleckser brauchte ihn nur in einer seiner Arbeiten zu
erwhnen, und sie wurde berall gelesen[3].

Schon bei seinem ersten Auftreten war er durch und durch national; denn
die wahre Nationalitt besteht ja nicht in der Beschreibung eines
russischen Sarafans, sondern in dem Geist eines Volkes. Ein Dichter kann
auch dann noch national bleiben, wenn er ganz fremde Welten darstellt,
nur mu er sie mit seinen Augen durch sein nationales Element hindurch,
mit den Augen seines Volkes anschauen, er mu so reden und fhlen, da
seine Landsleute meinen, sie seien es selbst, die so fhlten und
redeten. Wenn man von den Eigenschaften sprechen will, die die Vorzge
Puschkins im Vergleich mit anderen Schriftstellern bilden, so mu man
sagen, da sie in der auergewhnlichen Krze seiner Schilderungen und
in der seltenen Kunst liegen, einen Gegenstand mit ein paar Strichen zu
zeichnen. Seine Epitheta sind so khn und treffend, da sie oft eine
lange Umschreibung ersetzen, sein Pinsel strmt frmlich dahin. Ein
kleines Werk von ihm ist stets ebensoviel wert, wie eine ganze groe
Dichtung. Man kann kaum von einem anderen Dichter sagen, da bei ihm in
einem kleinen Stcke so viel Gre, Schlichtheit und Kraft enthalten
sei, wie bei Puschkin. Aber seine letzten Werke, die er in der Zeit
verfate, als der Kaukasus mit seiner schroffen Majestt, mit seinen
mchtigen in die Wolken ragenden Gipfeln seinen Blicken entschwunden
war, als er sich ins Herz Rulands zurckzog und sich tiefer in die
schlichte Ebene, in das Studium des Lebens und der Sitten seiner
Landsleute versenkte, als er ein echt nationaler Dichter sein wollte --
diese seine letzten Dichtungen berraschten nicht mehr durch die
Farbenpracht und die blendende Khnheit, die all seine Werke erfllte,
wenn er vom Elbrus, von den Bergvlkern des Kaukasus, von der Krim und
Grusien erzhlte.

[Funote 3: Unter Puschkins Namen wurden auch eine Reihe abgeschmackter
Verse verbreitet. Das ist das gewhnliche Los des Talents, dessen Name
bekannt und berhmt ist. -- Anfangs lacht man darber, aber spter fngt
man an, sich zu rgern, wenn man ber die erste Jugend hinaus ist und
sieht, da diese Torheiten kein Ende nehmen. Schlielich schrieb man
Puschkin sogar Werke wie Das Cholera-Mittel, Die erste Nacht und
hnliche zu.]

Ich glaube, diese Erscheinung ist nicht schwer zu erklren. Alle Leser,
die gebildeten und ungebildeten waren von seiner khnen Pinselfhrung
und dem Zauber seiner Bilder entzckt und verlangten strmisch, er solle
volkstmliche und historische Themata zum Gegenstand seiner Poesie
machen, sie vergaen, da man doch unmglich das ruhige und weniger von
Leidenschaften erfllte russische Leben mit denselben Farben malen
konnte, wie die Berge des Kaukasus und seine freien Bewohner. Die Masse
des Publikums, die sozusagen die Nation ausmacht, ist sehr seltsam in
ihren Anforderungen und Wnschen; sie schreit: Schildere uns, so wie
wir sind, vllig wahrheitsgetreu, stelle die Taten unserer Ahnen dar,
und zwar so, wie sie sich wirklich vollzogen haben. Aber, wenn es der
Dichter dann versucht, ihrem Ruf Folge zu leisten, und alles
wahrheitsgetreu, d. h. ganz so wie es sich abspielte, zu schildern, dann
heit es gleich: Das ist matt, das ist schwach, das ist schlecht, es
entspricht durchaus nicht der Wahrheit. Die Masse des Volkes gleicht in
dieser Hinsicht einer Dame, die bei einem Maler ein Portrt bestellt,
und den Wunsch uert, er solle es so hnlich wie mglich machen; aber
weh ihm, wenn er es nicht versteht, alle ihre Fehler zu verhllen! Die
russische Geschichte nimmt erst in ihrer letzten Epoche unter den Zaren
eine groe Lebhaftigkeit an; bis dahin war der Charakter des Volkes
meist recht farblos, die verschiedenen Abstufungen der Leidenschaften
waren ihm unbekannt. Den Poeten trifft keine Schuld; aber auch dem Volk
kann man sein Gefhl nicht belnehmen, das es verleitet, den Taten
seiner Vorfahren greren Wert beizulegen. Daher hat der Poet zwei
Mglichkeiten: entweder sein Pathos hher emporzuschrauben, dem
Schwchlichen grere Kraft einzuflen, mit Feuer von Dingen zu reden,
die in sich selbst keine starke innere Wrme haben, dann ist die Masse
seiner Verehrer, die Masse des Volks auf seiner Seite und zugleich mit
ihr das Geld; oder er mu der Wahrheit treu bleiben, gro sein, wo auch
das Thema gro ist, khn und schroff sein, wo wahrhafte Khnheit und
Schroffheit sich zeigt, ruhig und still bleiben, wo auch die Ereignisse
nicht sieden und brodeln. Dann aber kann er der Masse Lebewohl sagen.
Sie wird ihm nicht zujubeln, es sei denn, da der Gegenstand, den er
darstellt, schon an und fr sich so gro und gewaltig ist, da er einen
allgemeinen Enthusiasmus entfachen mu. Der Dichter vermied den ersten
Weg, eben weil er Dichter bleiben wollte, und weil ein jeder, der nur
einen Funken des heiligen Berufes in sich fhlt, ein so feines Empfinden
hat, das es ihm nicht erlaubt, sein Talent durch solche Mittel zu
offenbaren. Niemand wird leugnen, da ein wilder Bergbewohner mit seiner
kriegerischen Tracht, der so frei wie die Freiheit selbst, der sein
eigener Herr und Richter ist, einen viel strkeren Eindruck macht, als
irgendein Assessor; und obgleich der erstere seinen Feind gettet,
nachdem er ihm in einer Felsspalte auflauerte, oder ein ganzes Dorf
niedergebrannt hat, so erscheint er uns doch viel bedeutender und
interessanter und erweckt immer in weit hherem Grade Mitleid, als unser
Beisitzer in seinem fadenscheinigen, mit Tabakflecken beschmutzten
Frack, der, ohne es zu wollen, nur auf dem Wege von allerhand
Nachforschungen und Nachprfungen eine Reihe von allen mglichen
Leibeigenen und Freien ins Elend gebracht hat.

Aber der eine wie der andere sind beides Erscheinungen, die unserer Welt
angehren; sie haben beide ein Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit, obwohl
aus einem ganz natrlichen Grunde das, was wir seltener sehen, unsere
Phantasie weit strker erregt, und so ist der Umstand, da der Dichter
das Gewhnliche dem Ungewhnlichen vorzieht, nichts anderes als eine
falsche Rechnung des Dichters -- eine falsche Rechnung gegenber seinem
zahlreichen Publikum -- aber freilich nicht gegenber sich selbst.
Dadurch verliert er nicht, nein, er gewinnt vielleicht sogar noch an
Wert, allerdings wohl nur in den Augen einiger weniger Sachkundiger. Bei
dieser Gelegenheit fllt mir eine Geschichte aus meiner Kindheit ein.
Ich hatte immer eine gewisse Leidenschaft fr die Malerei. Ich
interessierte mich besonders fr eine Landschaft, die ich gemalt hatte,
und in deren Vordergrunde sich ein verdorrter Baum erhob. Ich lebte
damals auf dem Lande, die Kunstkenner und die Richter, die ber mich zu
urteilen hatten, waren meine Nachbarn. Einer von ihnen warf einen
prfenden Blick auf das Bild, schttelte den Kopf und sagte: -- Ein
guter Knstler whlt sich immer einen schnen, schlanken Baum mit
jungen, frischen Blttern und nicht einen vertrockneten. In meiner
Kindheit verdro es mich, solche Urteile zu hren, aber spter habe ich
daraus eine Lehre gezogen: man mu wissen, was der Masse gefllt und was
ihr nicht gefllt. Die Werke Puschkins, die aus der russischen Natur
herauswachsen, sind ebenso still und leidenschaftslos, wie die russische
Natur. Nur der kann sie ganz verstehen, dessen Seele wahrhaft russische
Elemente in sich trgt, der Ruland seine Heimat nennt, dessen Geist so
zart organisiert ist und dessen Gefhl so fein zu empfinden gelernt hat,
da er die scheinbar unbedeutenden russischen Lieder und den russischen
Geist nachempfinden kann; denn je alltglicher der Gegenstand ist, desto
hher mu der Dichter stehn, um aus ihm das Ungewhnliche an die
Oberflche zu ziehen, und zwar so, da dieses Ungewhnliche zugleich die
lauterste Wahrheit darstellt. In der Tat: sind Puschkins letzte Werke
auch in ihrem ganzen Werte erkannt worden? Hat auch nur einer den Boris
Godunow richtig verstanden und seine Bedeutung begriffen, dieses groe
und tiefe Werk, voll innerer, unnahbarer Poesie, das jeden groben,
bunten Schmuck verschmht, der der Masse ins Auge sticht. Jedenfalls ist
nie ein richtiges Urteil ber diese Werke gedruckt worden, und sie sind
bis heute so gut wie unbeachtet geblieben.

In seinen kleinen Schriften, dieser herrlichen Anthologie ist Puschkin
auerordentlich vielseitig, hier erscheint er noch umfassender und
bedeutender als in seinen Dichtungen. Einzelne von diesen kleinen Werken
haben etwas so Packendes und Blendendes, da sie ein jeder verstehen
kann, aber der weitaus grte Teil unter ihnen, und zwar die
allerschnsten erscheinen der groen Masse unbedeutend und gewhnlich.
Um sie zu verstehen, mu man einen ganz besonderen Sprsinn und einen
viel feineren Geschmack haben, als ihn ein Mensch besitzt, auf den nur
die allergrten und hervorstechendsten Zge wirken. Hierzu mu man der
groben, schweren Speisen lngst berdrssig, man mu in gewissem Mae
Sybarit sein, dem nur kleine Vgel von der Gre eines Fingerhuts oder
solche Gerichte Genu gewhren, deren Geschmack dem fade, seltsam und
unangenehm erscheinen mu, der an die Gerichte seines Kochs, eines
Leibeigenen vom Lande, gewhnt ist. Diese Sammlung seiner kleinen
Gedichte stellt eine Reihe blendender Bilder dar. Es ist jene klare
Welt, erfllt von jenen Zgen, die nur den Alten bekannt waren, jene
Welt, in der die Natur so lebendig zu uns spricht und sich so hell
wiederspiegelt, wie in der silbernen Flut eines Flusses, aus dem
pltzlich ein blendendweier Nacken, schneeweie Hnde und ein
Alabasterhals, umschattet von nachtschwarzen Locken -- oder kristallene
Trauben, Myrten und schattige Haine leuchtend emportauchen, als wren
sie fr das Leben geschaffen. Hier ist alles beisammen: Genu, Einfalt
und ein pltzlicher Hhenflug des Gedankens, der die begeisterte Seele
des Lesers pltzlich mit heiligem Schaudern umfngt.

Das sind keine Kaskaden einer Rhetorik, die nur durch Wortreichtum
gefllt und in denen ein jeder Satz nur deshalb so wuchtig wirkt, weil
er sich mit andern verbindet und durch das Getn der ganzen Masse
betubt, aber einzeln betrachtet, schwach und inhaltsleer erscheint.
Hier fehlt jede Beredsamkeit, hier gibt es nur Poesie. Es fehlt jeder
uere Glanz, alles ist einfach, anstndig, von nur innerer Klarheit
erfllt, die sich jedoch nicht sofort offenbart. Hier ist alles
lakonisch, wie die wahre Poesie es immer ist. Es sind immer nur wenige
Worte, aber sie sind so treffend, da sie alles sagen. In jedem Worte
liegt ein ganzer unendlicher Abgrund beschlossen, jedes Wort ist so
unerschpflich wie der Dichter selbst. So kommt es, da man diese
kleinen Werke immer wieder liest, whrend dieser hohe Vorzug einem Werke
fehlt, in dem der Grundgedanke allzu klar hervorleuchtet. Es war mir
immer merkwrdig, Urteile von Mnnern, die den Ruf von Kunstkennern und
Literaten hatten, ber diese Werke zu hren; hatte ich ehemals doch viel
auf sie gegeben, ehe ich ihre Ansichten ber diesen Gegenstand kennen
gelernt hatte. Man kann diese kleinen Werke einen Prfstein nennen, an
dem man den Geschmack und das sthetische Gefhl des Kritikers messen
kann. Aber seltsam! Man sollte meinen, diese Gedichte mten jedem
verstndlich sein! Sie sind so schlicht und zugleich erhaben, so glhend
und leuchtend, so sinnlich und zugleich doch wieder so kindlich rein.
Wie knnte man sie nicht verstehen? Aber ach, es ist eine
unerschtterliche Wahrheit: je mehr ein Poet ein wahrer Dichter ist, je
mehr er nur die Gefhle darstellt, die nur ein Dichter kennt und
empfindet, um so handgreiflich kleiner wird der Kreis der ihn umgebenden
Menge, ja er wird schlielich so eng, da man zuletzt die Zahl seiner
wahren Bewunderer an den Fingern abzhlen kann.

                                                                 1832.


                                  VII
                   ber die Architektur unserer Zeit

Ich werde immer traurig, wenn ich die neuen Bauten sehe, die
unaufhrlich vor unseren Augen entstehen, fr die Millionen
verschleudert werden und von denen nur die allerwenigsten den erstaunten
Blick durch Gre des Entwurfs, Eigenart und Khnheit der Phantasie,
oder auch nur durch die Pracht und die blendende Buntheit der Ornamente
fesseln. Und unwillkrlich drngt sich einem der Gedanke auf: sollte die
groe Epoche der Architektur wirklich endgltig dahin sein? sollten
wirklich Genialitt und Gre nie wieder bei uns einkehren? oder sind
das Vorzge, die nur jungen von Energie und Enthusiasmus erfllten
Vlkern eigen sind, die noch nichts wissen von der langweiligen und
leidenschaftslosen Bildung? Warum erheben sich aber dann jene Vlker,
auf die wir in unserer Selbstzufriedenheit so geringschtzig herabsehen
und denen wir kaum einen Platz in der Weltgeschichte einrumen wollen,
durch die Schpfungen ihres finsteren und durch keinen Funken von Wissen
erleuchteten Verstandes so hoch ber uns? Warum sind denn dann die
kolossalen Statuen der Inder so ungeheuer und grandios, warum sind die
Baudenkmler der Araber so herrlich und prchtig? Und wie konnten in
Europa whrend des Mittelalters so viele Bauten von so wunderbarer Gre
entstehen? Wie ungern unterwirft man sich der berzeugungskraft dieser
berlegung, aber alles spricht dafr, da sie wahr ist. Sie sind vorber
-- diese Jahrhunderte, als noch der Glaube, der heie inbrnstige Glaube
alle Gedanken, alle Geister und alles Tun und Trachten auf _ein_ Ziel
hinlenkte, als noch der Knstler bestndig danach strebte, seine
Schpfungen dem himmlischen Ideal immer mehr anzunhern; zu ihm allein
trieb es ihn und schon wenn er seiner ansichtig wurde, erhob er fromm
die zum Gebet gefalteten Hnde. Seine Gebude strebten zum Himmel empor,
die schmalen Fenster, die Sulen und Pfeiler und die hohen Gewlbe
streckten sich in die Hhe, durchbrochen und durchsichtig wie ein
Spitzengewebe, schwebte gleich einer Rauchsule der spitze Turm darber,
und der majesttische Dom erschien gegenber den Wohnhusern der
Menschen so gewaltig und erhaben, wie das Streben unserer Seele
gegenber den Trieben unseres Leibes.

Es gab einst eine wunderbare christlich-europisch-nationale Architektur
-- wir aber haben sie verlassen, aufgegeben und vergessen wie etwas
Fremdes und sie geringschtzig behandelt wie etwas Plumpes und
Barbarisches. Ist es da ein Wunder, da sich Europa schon nach drei
Jahrhunderten eifrig auf alles mgliche strzte, gierig alles Fremde
annahm, die herrliche antike rmische und byzantinische Bauart
bewunderte und sie in seiner Weise verunstaltete; Europa wute nicht,
da es mitten in seinem Herzen Wunderdinge gab, mit denen verglichen
alles, was es bisher gesehen hatte, gering erscheint, es wute nicht,
da es einen Mailnder und Klner Dom in sich beherbergte, und da noch
heute die Steine des unvollendeten Turms vom Straburger Mnster
verwittern.

Die gotische Architektur, jener gotische Stil, der sich am Ende des
Mittelalters herausbildete, ist eine Schpfung, wie sie der Geschmack
des Menschen und seine Phantasie noch niemals hervorgebracht hat. Mit
Unrecht will man sie von dem arabischen herleiten. Die Grundzge dieser
beiden Stile gehen weit auseinander; von der arabischen Architektur
entnahm die gotische nur die Kunst, der schweren Masse eines Baus eine
gewisse Leichtigkeit zu verleihen und sie mit wunderbaren Ornamenten zu
schmcken, aber selbst der reiche Schmuck nahm bei ihr ganz andere
Formen an. -- Sie ist erhaben und umfassend wie das Christentum! Hier
finden wir alles vereinigt: einen Wald von schlanken, hoch ber unsere
Hupter hinaufstrebenden Pfeilern, gewaltige, schmale Fenster in den
verschiedenartigsten Variationen und mannigfachen Rahmen und dazu diese
ungeheure, kolossale Masse, die durch eine bunte Menge kleiner Ornamente
belebt wird; diese leichten Spinngewebe des Schnitzwerks, das das Ganze
in sein Netz einhllt, es von der Basis bis zur Turmspitze umspinnt und
mit ihm gen Himmel zu fliegen scheint: Majestt und Schnheit, Pracht
und Schlichtheit, Schwere und Leichtigkeit -- das sind Vorzge, die nur
die Architektur der damaligen Zeit zu vereinigen verstanden hat. Wenn
man ins heilige Dunkel eines solchen Domes eintritt, wo das Licht
phantastisch durch bunt gemalte Scheiben bricht, und seine Augen dorthin
emporhebt, wo die mchtigen Pfeiler sich begegnen, kreuzen und
schlielich ganz zu verlieren scheinen, da man ihr Ende nicht absieht,
dann ist es nur natrlich, da man in seiner Seele unwillkrlich etwas
von dem Schauer der Gegenwart des Heiligen versprt, an das selbst der
khne Verstand nicht zu rhren wagt.

Doch -- sie ist verschwunden, diese herrliche Architektur! Als der
Enthusiasmus des Mittelalters erloschen war, als die Gedanken der
Menschen sich immer mehr zersplitterten und sich auf eine Menge anderer
Ziele richteten, als die Einheit und Ganzheit des einen Zieles
verschwand, da verschwand zugleich mit ihnen auch Gre und Erhabenheit.
Die Krfte zersplitterten sich und wurden immer schwcher. Man begann
pltzlich auf allen Gebieten eine Menge der wunderbarsten Dinge zu
produzieren, aber etwas wahrhaft Groes, etwas Gigantisches gab es nicht
mehr. Eine Anzahl von Bewohnern des byzantinischen Reiches waren aus
ihrer, von den Muselmnnern besetzten, lasterhaften Hauptstadt entflohen
und verdarben nun den Geschmack der Europer und ihre kolossale
Architektur. Die Byzantiner hatten damals schon lngst ihren klassischen
alten attischen Geschmack verloren, ja, sie hatten sich nicht einmal den
alten byzantinischen erhalten und brachten nur noch elende Reste ihres
degenerierten Stiles nach Europa mit. Sie versuchten es, die runden,
heidnischen, zauberischen, wollstigen Formen ihrer Kuppeln und Sulen
dem Christentum anzupassen, aber sie machten das ebenso ungeschickt, wie
sie das Christentum ihrem heidnischen, altersschwachen und jeder
Spannkraft entbehrenden Leben angepat hatten. Die Kuppel streckte sich
empor und nahm eine fast eckige Gestalt an. Die schlanken Linien der
Giebel erschienen merkwrdig gebrochen und fhrten zu nichtssagenden
Formen. Die in dieser Weise verunstaltete byzantische Architektur
gelangte nach Europa, wo sie ihrerseits noch weiter verndert wurde,
weil die Europer noch die ursprngliche gotische Idee und Vorstellung
in ihrer Seele trugen, die der schwchlichen Vielseitigkeit der Griechen
so sehr widersprach. Damals entstanden jene massiven Palste mit ihren
sinnlosen Sulen und Halbsulen; das alles war zaghaft und kleinlich,
das war keine Pracht, sondern nur eine migestalte Schlichtheit. Eine
Menge mythologischer Kpfe und sinnloser Verzierungen, die an der
schweren Masse klebten, verliehen ihr darum doch keine Leichtigkeit,
milderten keineswegs ihre schroffen Linien durch einen Zusatz von
Zartheit und drckten keinen Gedanken aus. Das Streben nach oben, das
den schwersten Massen Leichtigkeit und Erhabenheit verliehen hatte, war
verschwunden. Statt dessen wuchsen sie jetzt in die Breite.

Aber die Kirchen, die im XVII. und im Anfang des XVIII. Jahrhunderts
gebaut wurden, lassen die Idee ihrer Bestimmung noch weniger erkennen.
Bei ihrem Anblick hat man, wie es scheint, dasselbe Gefhl, wie wenn ein
roher Mensch sich die Allren eines feinen Weltmannes zu geben sucht. In
ihnen vereinigte sich die gerade Linie in geschmackloser Weise mit der
geschwungenen und krummen. Trotz der halbgotischen Form ihrer ganzen
Masse haben sie den gotischen Charakter ganz eingebt. Die Fenster sind
klein und stehen dicht gedrngt nebeneinander oder sie sind ohne jede
Harmonie auf eine groe Flche verteilt. Die Pilaster ziehen sich nicht
mehr durch die ganze Lnge des Baues hin, sondern sind entweder oben
unter der Kuppel oder aber in der Mitte der Mauer angeklebt, sie sind
kurz, plump und tragen hufig noch ein zweites Stockwerk ebensolcher
kleiner und hlicher Sulenreihen. Die Linie des Daches ist gleichfalls
gebrochen; dabei hlt man hufig noch an dem gotischen Turm fest, aber
es ist nicht mehr der leichte, durchbrochene, durchsichtige Turm, der
unter der Hand der mittelalterlichen Knstler eine so sthetische
Gestalt annahm. Jetzt ist er massiv, schwerfllig und strebt auch gar
nicht mehr zum Himmel empor. Alles, was an das lngliche, aufstrebende
gotische Detail erinnerte, wurde nunmehr als geschmacklos verworfen.

Obgleich der Geschmack im Laufe des XVIII. Jahrhunderts etwas besser
wurde, haben wir darum noch nichts gewonnen; denn diese Besserung
vollzog sich innerhalb der Fesseln fremder Formen. Die gotische Schwere
wurde mit Recht verpnt, in ihrer Mischung mit der griechischen Form war
sie hlich bis zur Unmglichkeit. Jetzt begann man mit noch grerem
Eifer die Antike zu studieren. Aber man tat es, wie es ngstliche
Schler tun, die die kleinsten Einzelheiten des Originals mit peinlicher
Sorgfalt kopieren und darber die Idee des Ganzen vergessen. Man nahm
einzelne Teile heraus und klebte sie an die ungeheure Masse und berlud
diese mit ihnen, die dadurch einen bis dahin geradezu unerhrten Mangel
an Einheitlichkeit und Harmonie aufzuweisen begann. Die Sulen und
Kuppeln, die uns ehedem am meisten entzckt hatten, wurden bei jedem
Gebude ganz ziel- und zwecklos und an jeder nur mglichen Stelle
angebracht. Sie bildeten nicht mehr den Grundgedanken des Bauwerks,
sondern nur noch seine Teile oder -- besser gesagt -- seinen Schmuck.
Wir vergrerten die Dimensionen des Gebudes immer mehr, whrend wir
die Kuppel im Verhltnis zum Ganzen immer kleiner werden lieen. Wir
betrachteten das Gebude, das wir zum Modell gewhlt hatten, nicht aus
einer gewissen Entfernung und durch das Vergrerungsglas, sondern wir
sahen es aus der Nhe, und die Kuppel wurde ganz klein und verschwand
vor dem Ganzen. Und da wir nun dieses einsame Thronen hoch ber dem
Gebude als leer empfanden, so fgten wir schnell noch ein paar weitere
hinzu, setzten dem Gebude noch einige Trme auf, die ber sie
hinausragten, und die Kuppeln bekamen eine gewisse hnlichkeit mit
Pilzen. Die Kuppel, dieses schnste und herrlichste Produkt des
Geschmacks, wenn sie anmutig und leicht geschwungen das ganze Gebude
beherrscht und strahlend mit ihrer wolkigen Oberflche auf der ganzen
weien Masse ruht, verschwand vollstndig. Ich liebe die Kuppel, jene
wundervolle, gewaltige, schwach gewlbte Kuppel, die der reiche
Geschmack der Griechen im alexandrinischen Zeitalter und nach ihm im
Jahrhundert der Genusucht und des Egoismus wieder erstehen lie. Dieses
Jahrhundert einer raffinierten Lebenszerstckelung, das Jahrhundert der
leichten, duftigen Wollust, der Trgheit und ppigkeit atmenden
Anthologie, wo ein jeder nur sich selbst angehrte, fr sich selbst und
nicht fr die Gesellschaft lebte, und wo ber den herrlichen, prchtigen
ffentlichen Bdern sich berall diese Kuppel erhob, khn geschwungen
wie das Himmelsgewlbe. Nichts kann die Masse der Huser so selig und so
wundervoll krnen, wie eine solche Kuppel; aber sie darf nur ber einem
Gebude ruhn, das sich unermelich in die Breite dehnt und einen
mglichst groen Flchenraum umspannt. Sie mu auf seinem ganzen groen
Grundri ruhn, sie mu heller als das Gebude selbst und womglich ganz
wei sein. Dieses blendende Wei verleiht ihrer leicht geschwungenen
Form einen unbegreiflichen Zauber und eine herrliche Flle, und sie
rundet sich dann noch wunderbarer und luftiger im Himmelsblau. Noch
heute haben die Stdte von Syrien und thiopien einen ganz
ungewhnlichen Reiz, weil sich in ihnen noch einzelne Kuppeln dieser Art
erhalten haben. Und auch gegenwrtig noch kann man im Orient eine ganze
Menge von groartigen Exemplaren finden.

Der Portikus mit seinen Sulen, dieses leuchtende Erzeugnis des
harmonischen, attischen Geschmacks, der keinerlei berbau ber sich
duldete, ist uns gleichfalls verloren gegangen. Man kam nicht auf den
Gedanken, ihn ins Kolossale zu steigern, ihn ber die ganze Breite und
Hhe des Gebudes auszudehnen. Man hat ihn nicht in die Breite
entwickelt und auch nicht vergrert, sondern man wandte ihn in seiner
gewhnlichen Form an. Ist es da ein Wunder, da Gebude, die eines
mchtigen Portikus bedurft htten, leer erschienen, da nur ber den
Portalen einige auf Sulen ruhende Giebel angebracht wurden. Die in
Kirchen und Palsten ber ihm aufgebauten Massen und Trme, die seinem
Charakter gar nicht entsprachen, erdrckten und vernichteten ihn
vollends. So ist auch ein Dichter, der kein groes Genie besitzt, stets
unzufrieden mit einem einfachen Sujet, und statt es neu zu entwickeln
und ins Groe zu steigern, verkoppelt er es mit einer ganzen Reihe
anderer. Seine Dichtung wird durch die Buntheit der verschiedenen
Gegenstnde nur belastet, aber es fehlt ihr an einem beherrschenden
Gedanken, und so bildet sie kein harmonisches Ganzes mehr.

Zu Beginn des XIX. Jahrhunderts begann sich pltzlich die Idee der
attischen Schlichtheit zu verbreiten, sie wurde -- wie das immer zu
geschehen pflegt -- zur Mode und legte ihren Stempel auf alles, selbst
auf die Kleider der Frauen, die sich in leichte nachlssige
Hetrengewnder verwandelten. Man htte meinen knnen, die Zeit htte
sich noch weiter in das Studium der Antike vertiefen und ihren Geist
noch umfassender ergrnden mssen, und doch trug alles, was nach ihrem
Vorbild erbaut wurde, den Stempel des Kleinlichen und Miniaturhaften.
Man lernte wohl die Kunst, die Teile miteinander zu verbinden und zu
harmonisieren, nicht aber _die_, dem Ganzen Gre zu verleihen und ihm
die Proportion zu geben, die das Staunen und die Bewunderung des
Beschauers erregen konnte. Diese neue Strmung gab sich fast
ausschlielich in der Errichtung kleiner Lauben, Gartenpavillons und
hnlichen Spielereien aus. Diese Dinge hatten wohl mancherlei Attisches
an sich, aber man mute sie durch das Mikroskop betrachten. Bei groen
ffentlichen Gebuden dagegen hielt man es nicht fr ntig, sich von
diesem Stil leiten zu lassen; und so wurde dieser schlielich primitiv
und einfach bis zur Plattheit. Eine beraus schdliche Richtung in der
Architektur fhrte zu der Idee der Proportion, aber nicht zu der, die
ein Gebude in Beziehung auf sich selbst, sondern nur zu der, die es in
Beziehung auf die es umgebenden Bauten haben mu. Das ist fast ebenso,
wie wenn ein Genie sich von allem Originellen und Ungewhnlichen
fernhalten wollte, weil die gewhnlichen Menschen sonst gar zu armselig
und unbedeutend erscheinen wrden. Diese Proportionalitt bestand auch
darin, da ein Gebude, so gro seine Dimensionen an sich auch sein
mochten, unbedingt klein erscheinen mute. Man isolierte es und suchte
einen so gewaltigen und breiten Platz fr es aus, da es einen noch weit
unbedeutenderen Eindruck machen mute. Es war fast so, als glte es vor
allem, den Gedanken einzuprgen, da das Groe gar nicht gro sei, und
als wollte man die Achtung und die Andacht vor dem Groen gewaltsam in
der Seele ersticken und den Menschen gegen alles gleichgltig machen.

Man begann nun, allen stdtischen Gebuden eine ganz platte einfache
Form zu geben. Die Huser suchte man einander so hnlich wie mglich zu
machen, aber sie glichen mehr Scheunen und Kasernen, als heiteren
Wohnsttten von Menschen. Ihre ganz glatte Form gewann durchaus nicht an
Lebhaftigkeit durch die kleinen, regelmigen Fenster, die gegenber dem
ganzen Gebude das Aussehen von zusammengekniffenen Augen annahmen. Und
auf diese Architektur waren wir noch vor kurzem so stolz, hielten sie
fr die hchste Blte des Geschmacks und erbauten ganze Stdte in ihrem
Stile. Wenn sich heutzutage jemand erkhnte, inmitten dieser glatten
einfrmigen Husermassen einen Bau zu errichten, der den Stempel eines
eigenartigen, scharf ausgeprgten Stiles trge, oder unmittelbar neben
ein Gebude im attischen Geschmack ein anderes gotisches zu setzen --
man wrde ihn sicherlich fr halb verrckt halten! Und darum haben ja
auch die neuen Stdte gar keine Physiognomie: sie sind alle so
regelmig, so einfrmig, so monoton; wenn man eine Strae kennen
gelernt hat, fhlt man sich schon gelangweilt und versprt durchaus
keinen Wunsch, in eine zweite hineinzublicken. Das ist eine lange Reihe
von Mauern und weiter nichts! Vergebens sucht das Auge nach einem Punkt,
wo sich eine Mauer von der ununterbrochenen Reihe loslst, in die Hhe
schiet und in khn geschwungener Wlbung nach den Wolken strebt oder in
einen gewaltigen Turm ausmndet. Eine alte deutsche Stadt mit ihren
engen Gassen, ihren bunten Husern und ihren hohen Glockentrmen bietet
ein Bild dar, das unserer Einbildungskraft weit mehr zu sagen hat;
selbst die Ansicht einer morgenlndischen Stadt mit ihren hohen
schlanken Minaretts, ihren bunten orientalischen, ganz im Grn der
Grten ertrinkenden Kuppeln hat weit mehr Charakter und strmt mehr
Poesie und Phantasie aus als unsere europischen Stdte mit ihrer
modernen Architektur.

Groe und kolossale Trme gehren unbedingt zu einer Stadt, ganz
abgesehen von der groen Bedeutung, die sie fr die christlichen Kirchen
haben -- sie bieten nicht nur einen schnen Anblick dar und dienen ihnen
nicht nur zum Schmuck, sie sind auch darum so notwendig, weil sie einer
Stadt ein scharfes charakteristisches Geprge geben und die Rolle eines
Leuchtturms spielen, der jedem den Weg weist und ihn davor bewahrt, sich
zu verirren. Noch notwendiger sind sie fr die Hauptstdte, da sie
gnstige Punkte darbieten, von denen aus man die Umgebung beobachten
kann. Bei uns begngt man sich gewhnlich schon mit einer Hhe, die
gerade ausreicht, das Stadtbild zu berblicken. Und doch wre es fr
eine groe Stadt von hervorragender Bedeutung, einen berblick ber eine
Flche von mindestens 150 Werst in allen Richtungen zu haben. Dazu
wrden wahrscheinlich schon ein oder zwei Stockwerke mehr gengen, und
das Bild wrde sich sofort ndern, denn bei der Erhhung des Standortes
nimmt die Peripherie des Horizontes in ungeheurer Progression zu. Die
Hauptstadt gewinnt damit einen groen Vorteil, wenn ihr der berblick
ber die Provinz gewhrleistet wird und wenn sie die Dinge schneller
vorauszusehen vermag; ein Gebude, das das gewhnliche Ma bersteigt,
nimmt sogleich ein majesttisches Ansehen an. Auch der Architekt hat nur
Vorteil davon, denn die Gre des Baues spornt seine Begeisterung zu
hherem Fluge und regt seine Einbildungskraft lebhafter an.

Diese Richtung in der Architektur schien dagegen ihre Gre wie mit
Absicht verbergen zu wollen, whrend sie doch gerade ihre Raumwirkung um
so strker htte betonen sollen. Nein, das Gesetz der Gre ist ein
anderes: ein Gebude mu sich fast unmittelbar ber dem Haupte des
Beschauers bis ins Grenzenlose erheben, auf da sich ein pltzliches
Staunen seiner bemchtige, und er mu kaum imstande sein, die ganze Hhe
mit den Augen auszumessen. Daher ist es immer besser, wenn ein Gebude
auf einem kleinen Platze steht. In diesen darf eine Strae mnden, so
da man den Bau von ferne in perspektivischer Verkrzung bersehen kann;
in der Nhe aber mu er eine berwltigende Gre haben. Es ist auch
gut, wenn eine Strae an ihm vorbeifhrt, wenn an seinem Eingangstor
Wagen donnernd vorberrollen, wenn sich Menschen um ihn drngen und
durch ihre Kleinheit seine Gre noch gewaltiger erscheinen lassen. Gebt
nur dem Menschen mehr Raum, und er wird hher und stolzer emporblicken
auf die vor ihm liegenden Gegenstnde. Alles wird ihm klein erscheinen.
Wir sind so seltsam konstruiert; unsere Nerven sind so merkwrdig
eingerichtet, da nur das Pltzliche, das uns beim ersten Blick
Betubende uns erschttert. Daher mu die Hhe eines Gebudes im
Verhltnis zum Platze, auf dem es steht, wachsen. Wenn es vom uersten
Ende des Platzes aus klein erscheint und der Beschauer nicht in Staunen
und Verwunderung versetzt wird, sondern dazu erst nher herankommen mu,
dann ist es nichts mit dem Gebude, und zugleich damit sind die Mhen
und die Kosten, die es verursacht hat, dahin.

Aber kehren wir zu der Schlichtheit des Stiles zurck, der unser XIX.
Jahrhundert beeinflut hat. Selbst die Griechen fhlten es, da die
ewigen geraden Linien und die vollkommene Schlichtheit bei einem Gebude
gar zu platt wirken mssen, besonders wenn eine grere Anzahl solcher
Bauten nebeneinander stehen. Sie fhlten, da die strenge Regelmigkeit
und Einfachheit unbedingt in der nchsten Umgebung irgendeinen Gegensatz
herausforderten, um originell zu wirken und aufzufallen. Und daher
berwlbten sie ihre Huser mit einem Laubdach. Und in der Tat, das
blendende Wei der geraden Wand oder des schlanken Giebels mit seinen
Sulen hebt sich beraus schn von dem grnen Dunkel des Laubes ab. Denn
es bildet einen Kontrast zu dem wolkigen Dickicht der Bume, die ihre
Zweige fast immer unregelmig, aber darum um so schner darber
ausbreiten. Auch wenn ihre Gebude von anderen Bauten umgeben waren und
mitten in der Stadt standen, empfanden sie dies berma an Schlichtheit
und versuchten es daher, ihnen mglichst viel Abwechslung zu geben.
Zunchst dachten sie an die Natur und an Bume; aber in der Stadt ist
der Baum ein teures Objekt, und so verfielen sie darauf, statt der
glatten dorischen Sulen immer hufiger korinthische mit Kapitlen aus
krausem Blattwerk zu verwenden; berhaupt kamen alle Vlker instinktiv
darauf, ihre Gebude mit Blttern oder Weinranken und -trauben oder
anderen Zieraten, die entfernt an Baumzweige erinnerten, zu schmcken.
Sie folgten dabei blind und unwillkrlich einer dunkeln Eingehung ihres
Geschmacks. In der gotischen Architektur spiegelt sich der Eindruck von
einem dunklen Urwaldgestrpp, wo seit unvordenklichen Zeiten nie der
Schlag einer Axt ertnte, am deutlichsten wieder. Diese sich in
unendlichen Linien verlierenden Ornamente, dieses Netz durchbrochenen
Schnitzwerks ist nichts anderes als die ferne Erinnerung an den
Baumstamm mit seinen sten, Zweigen und Blttern. Daher stelle man ruhig
neben einen gotischen Bau eine griechische Architektur in ihrer
schlichten Anmut. Sie wird zwischen ihnen dastehen wie in einer Umgebung
von herrlichen, majesttischen Bumen, und der griechische wie auch der
gotische Bau werden dadurch noch an Reiz gewinnen. Die hchsten Effekte
werden durch schroffe Gegenstze erzielt. Die Schnheit wirkt nie
glnzender und aufflliger als im Kontrast; ein Kontrast wirkt nur dort
hlich, wo er das Produkt eines rohen Geschmacks oder richtiger des
Mangels an jeglichem Geschmack ist; wo er dagegen unter der Herrschaft
eines feinen und edlen Geschmackes steht, da ist er die Vorbedingung fr
alles andere und da wirkt er in gleichem Mae auf alle Menschen. Die
einzelnen Teile stehen untereinander in einem harmonischen Verhltnis,
nach demselben Gesetz, nach dem die hellgelbe Farbe mit der
dunkelblauen, die weie mit der hellblauen, die hellrote mit der grnen
usw. harmonieren.

Alles hngt vom Geschmack und von der Kunst der Gruppierung ab, nur mu
man es vermeiden, bei ein und demselben Gebude verschiedene
Geschmacksrichtungen und Stile miteinander zu vermischen. Man lasse ein
jedes fr sich ein Ganzes und Ursprngliches bilden, dann darf der
Gegensatz zwischen diesen eigenartigen Individuen und ihr Verhltnis
zueinander schroff und kraftvoll sein. Je mehr Denkmler der
verschiedensten Baustile eine Stadt aufzuweisen hat, um so interessanter
ist sie, um so hufiger wird sie die Aufmerksamkeit des Beschauers auf
sich lenken und ihn dazu veranlassen, bei jedem Schritt stehenzubleiben
und zu genieen. Wre es denn etwa wnschenswert, da der Spaziergnger
in einem englischen Garten statt der langen Reihe berraschender Bilder
immer nur denselben Weg wiederfnde oder doch immer solche Alleen, die
durch ihre Ausblicke so sehr an schon frher Gesehenes erinnern, da sie
einem lngst bekannt vorkommen.

Wir bedrfen durchaus einer gewissen Toleranz; denn ohne sie ist in der
Kunst nichts zu erreichen. Alle Stilarten sind schn, wenn sie in _ihrer
Art_ schn sind. Jeder Stil, der glatte und massive der gypter, der
kolossale und bunte der Indier, der prchtige maurische Stil, der
finstere durchgeistigte gotische, der anmutige griechische Stil -- sie
alle sind schn, wenn sie der Bestimmung des Baues entsprechen. Sie alle
wirken majesttisch, wenn sie nur richtig verstanden werden.

Wenn man jedoch von mir verlangte, ich solle einem von diesen
verschiedenen Baustilen einen entschiedenen Vorzug geben, so wrde ich
immer den gotischen whlen. Er ist rein europisch, ein reines Erzeugnis
des europischen Geistes -- und darum steht er uns auch am besten an.
Seine wunderbare Erhabenheit und Schnheit bertrifft alle andern, aber
ich flehe euch an, habt Mitleid mit ihm und verunstaltet und korrumpiert
ihn nicht. Blickt hufiger hin auf den berhmten Klner Dom, -- da habt
ihr ihn in seiner ganzen Vollkommenheit und Majestt. Weder die Antike
noch die Moderne haben je ein herrlicheres Denkmal erschaffen. Ich ziehe
die gotische Architektur auch noch darum vor, weil sie den Knstlern
mehr Spielraum gewhrt. Die Phantasie strebt lebendiger und feuriger in
die Hhe als in die Breite; daher darf man den gotischen Stil auch nur
bei Kirchen und solchen Bauten anwenden, die sich hoch zum Himmel
emporrecken. Die Linien und die der Gesimse entbehrenden gotischen
Pilaster mssen eng gedrngt das ganze Gebude durchziehen. Keinesfalls
drfen sie zu weit voneinander abstehen, und niemals darf die Lnge des
Gebudes seine Breite nicht mindestens um zwei- oder sogar dreimal
berragen. Denn dann vernichtet es sich selbst. Richtet es auf, wie es
dies verlangt, hher, immer hher, lat seine Mauern emporstreben und
dicht, wie von Pfeilen, Pappeln oder Fhren, von unzhligen Eckpfeilern
umgeben sein. Nirgends darf es Horizontale und Ruhepunkte geben,
nirgends Gesimse, die dem Ganzen eine andere Richtung verleihen und die
Dimension des Gebudes verringern. Alle Linien mssen vom Fundament bis
zur Spitze ihre Richtung bewahren. Grere Fenster, von mannigfaltigster
Form und kolossalen Verhltnissen! Eine leichte therische Spitze, und
je mehr sich der Bau in die Hhe schwingt, um so durchsichtiger,
schwebender mu er werden. Vor allem aber vergesse man die Hauptsache
nicht: es darf kein Verhltnis zwischen der Hhe und der Breite
bestehen. Das Wort Breite mu vllig verschwinden. Hier gibt es nur
eine gesetzgebende Idee: die Hhe.

Ich bin berzeugt, da mancher einwenden wird, die Errichtung eines gar
zu hohen Baues sei nutzlos: was wir brauchen, ist mehr Raum, die Hhe
habe keinen Wert fr uns und sei ein unproduktiver Aufwand von Material.
Aber ich rate ja auch gar nicht dazu, diesen gotischen Stil bei
Theatern, Brsen oder Vereinshusern, wie berhaupt bei Bauten
anzuwenden, die die Bestimmung haben, Sammelpltze fr das Amsement,
fr Hndler und Arbeiter zu sein. Jeder wird mit mir einverstanden sein,
da es keinen erhabeneren, groartigeren und passenderen Stil fr ein
Wohnhaus des Christengottes gibt, als den gotischen. Wem aber wrden wir
dann entsagen? was aufgeben? Alles Erhabene, alles Gewaltige, bei dessen
Anblick alle Gedanken sich auf ein Ziel richten und den Betenden von
seiner niederen Htte abziehen. Hier ist es vielleicht am Platze, sich
der alten groen Wahrheit zu erinnern, da das Volk nicht imstande ist,
die Religion in derselben Reinheit und Krperlosigkeit zu erfassen, wie
ein Mensch von hherer Bildung, da auf den gemeinen Mann die sichtbaren
Gegenstnde den strksten Eindruck machen und da, je geringer diese
Wirkung auf ihn, desto schwcher auch seine Begeisterung und sein
einfltiger Glaube ist. Die Pracht versetzt den schlichten Mann in eine
Art von Betubung, und sie ist die einzige Feder, die den Wilden bewegt.
Das Ungewhnliche macht einen Eindruck auf jeden Menschen, aber nur
dann, wenn es von schroffer Khnheit ist und einem in die Augen sticht.
Hier ist keine Sparsamkeit und kein Geiz am Platze, vielmehr wrde die
Sparsamkeit an dieser Stelle in ihr Gegenteil umschlagen, und der
Vorteil, der sich aus ihr ergbe, kme dem eines einzelnen Menschen
gegenber dem der ganzen Menschheit gleich.

Walter Scott war der erste, der den Staub von dem gotischen Stil
entfernte und die Welt auf seine Vorzge hinwies. Von da ab begann er
sich rapide zu verbreiten. In England wurden alle neuen Kirchen im
gotischen Stile gebaut. Sie sind sehr hbsch, sehr gefllig fr das
Auge, aber ach! es fehlt die wahre Gre, die uns in den groen
Baudenkmlern der Vorzeit entgegentritt. Trotz der Spitzbgen ber den
Fenstern und trotz der Trme ist der wahrhaft gotische Charakter in
ihnen nicht berall gewahrt, und oft entfernen sie sich zu weit von
ihren Vorbildern. Einmal sind sie an und fr sich schon nicht kolossal
genug (ein groer Mangel bei einem gotischen Gebude!) und ferner fehlt
jener Wald vierkantiger, schlanker Pfeiler und Linien, die sich
eintrchtig durch den ganzen Bau hindurchziehen, oder er ist mit
Bewutsein beiseite gelassen worden, und die daher rhrende Gltte
verleiht ihnen unwillkrlich einen anderen Charakter.

Durch die machtvolle Sprache Walter Scotts begann der gotische Stil sich
schnell berall zu verbreiten und berall einzudringen. Noch ehe er Zeit
hatte, sich zu wahrer Gre zu erheben, wurde er kleinlich und
spielerisch. Landhuser, Schrnke, Paravents, Tische, Sthle -- alles
wurde gotisch. Und die mchtigen und herrlichen Ornamente wurden zu
allerhand Spielereien verwandt. Unser Jahrhundert ist so klein, unsere
Wnsche und Neigungen sind so zersplittert, unsere Kenntnisse sind so
enzyklopdisch, da wir unsere Gedanken gar nicht auf einen einzigen
Gegenstand zu konzentrieren vermgen. Und daher zerstckeln wir alles,
was wir hervorbringen, indem wir lauter Nichtigkeiten und Nippes
erzeugen. Wir besitzen die wunderbare Gabe, alles ins Kleinliche und
Gewhnliche herabzuziehen. Die gyptische Architektur, deren ganze
Wirkung auf ihren ungeheuren Dimensionen beruht, verwenden wir beim Bau
von kleinen Brcken und Torbgen, deren Spitze ein vorberfahrender
Droschkenkutscher mit der Hand erreichen kann. Den gotischen Stil
verwenden wir bei der Anfertigung von Ohrgehngen und Uhrgehusen und
den griechischen bei der Anlage von Gartenlauben. Dagegen bedienen wir
uns bei groen ffentlichen Gebuden einer Architektur, der man kaum
einen eigenen Stil zuschreiben kann. Sie ist so sinnlos, stellt eine
derartige unharmonische Verbindung von Teilen dar und verrt einen
solchen Mangel an Phantasie, da man sie unmglich als einen
eigenartigen charaktervollen Stil anerkennen kann.

Es gibt eine Goldader, von der man jedoch kaum wei, da sie existiert.
Es gibt eine ganz eigene, besondere Welt, aus der Europa noch so gut wie
gar nicht geschpft hat. Das ist die orientalische Architektur, dieses
Erzeugnis der reinen Phantasie, einer wunderbaren, glhenden
orientalischen Einbildungskraft, die sich in Hyperbeln und Allegorien
hllt und das Leben und seine prosaischen Nte flieht. Das Leben der
Asiaten konnte sich nie so vielseitig entwickeln, wie das der Europer,
ihre Bedrfnisse waren nie so mannigfaltig und zahlreich wie die
unsrigen, und daher ist es nur natrlich, da ihre einfachen Wohnhuser
der Buntheit, Klarheit und Anmut entbehren. Sie stehen isoliert da,
haben etwas Monotones und wirken ebenso langweilig durch den Mangel an
jeglicher Idee, wie der Asiate selbst, whrend er ruht. Aber berall, wo
die asiatische Prachtliebe, dieser herrliche, mchtige Prunk, der in
ihren Mrchen aufleuchtet, hingedrungen ist, berall, wo diese
perlengeschmckte Tochter der orientalischen Phantasie hingelangte, da
stehen auch heute noch wundersame, prchtige Palste. Ihr Bau whrte
ganze Jahrhunderte. Ein ganzes Volk, eine ganze Nation arbeitete an
ihrer Aufrichtung, und die Vorfahren glaubten an eine Vollendung durch
die kommenden Generationen, wie an eine unausbleibliche
Vorherbestimmung. berall, wo diese allmchtige massive Prachtliebe oder
der wilde Enthusiasmus ihrer ursprnglichen Religion Boden gewann, da
trmten sich, durch ihre Riesendimensionen furchterzeugende Denkmler
auf, vor denen der Gedanke staunend verstummt, wenn man bedenkt, wie
unbedeutend ihre Mittel und ihr Wissen und wie armselig ihre Maschinen
waren, die sie zum Heben und Befestigen dieser schrecklichen Massen
benutzten. Aber eine noch grere Bewunderung ergreift uns, wenn wir
sehen, wie der halbwilde und noch ganz unkultivierte Mensch sich bei der
Errichtung dieser gigantischen Bauten pltzlich entwickelt, von der Idee
der Gottheit durchdrungen und begeistert wird, so da er unwillkrlich
seinen Geist aufleuchten lt und der allmhlichen jahrhundertlangen
Bildungsarbeit vorauseilt.

Man werfe einen Blick auf diesen massiven, majesttischen Tempel von
Tritschingur (Trichinopoli) der Indier, der seiner Gre nach wohl eins
der bedeutendsten Gebude darstellt. Diese pyramidenfrmige Verjngung
der Masse nach oben, dieses allmhliche Kleinerwerden der Stockwerke,
diese Unzahl indischer Sulengnge, die die Mauern umkleiden, diese
bereinander getrmten Pilaster und Sulen, die den Eindruck machen, als
klmmen sie aneinander hinauf, nur um so schnell wie mglich den Gipfel
des ganzen Massivs zu erreichen -- das alles ist das Erzeugnis eines
ganz eigenartigen Geschmacks. Aber wenn der Tempel von Tritschingur
(Trichinopoli) allzu schwerfllig ist und einen allzu heidnischen
Charakter hat, so sehe man sich den wunderbaren Kutub-Minar an, dessen
sich Dehli mit Recht rhmt. Ich kenne in der ganzen Welt keinen zweiten
Turm, der bei einer fast attischen Schlichtheit so viel tiefe Schnheit
ausstrmte und in dem die Phantasie sich so rein und erhaben
verkrperte. Wenn wir uns diesen Stil auch nicht vollkommen aneignen
knnen, so knnten die Europer doch mit Nutzen dieses pyramidale,
kegelfrmige Streben nach oben, diese charakteristische Eigentmlichkeit
des indischen Stils bei ihren Bauten in Anwendung bringen.

Der orientalische Stil der Palste ist ganz entgegengesetzter Art. Hier
herrscht die asiatische Pracht vor. Das Gebude dehnt sich stark in die
Breite aus. Die gewaltige orientalische Kuppel ist entweder ganz rund
oder sie wlbt sich wie eine wollstige umgestlpte Vase; sie hat die
Form einer Kugel oder sie beherrscht, reich beladen mit Schmuck und mit
Schnitzwerk versehen, wie eine prunkvolle Mitra patriarchalisch das
ganze Gebude. Unten am Fue friedigt ein ganzes Gehege von kleinen
Kuppeln wie ein Reigen demtiger Sklaven die mchtigen Mauern ein. Auf
allen Seiten erheben sich schmale Minarets, die durch ihre leichte,
heitere Haltung einen wunderbaren Kontrast zu der gewichtigen
majesttischen Form des ganzen Gebudes bilden. So ruht der Mohammedaner
in seinem weiten gold- und edelsteingeschmckten Gewande inmitten
schlanker nackter Huris mit ihren blendend weien Leibern.

Nirgends hat die Baukunst so verschiedene Formen angenommen wie im
Orient. Man kann wohl sagen, da hier jedes Gebude ohne Rcksicht auf
schon vorhandene Stilformen seine eigene Architektur ausbildete, oder
richtiger, es entsprang aus ganz neuen Voraussetzungen, aus der Ahnung
eines eigenen Stilgefhls, das mit den frheren nur eine entfernte
hnlichkeit hatte und stets auf religisen und nationalen Prinzipien
beruhte. Ganz Indien ist mit herrlichen Bauten berst; jeder Bau hat
eine scharf ausgeprgte Eigenart, er trgt in so hohem Grade den Stempel
seines eigenen Wesens, da man ihn nie in einer gemeinsamen Kategorie
mit den anderen unterbringen kann. Diese Unzahl mannigfaltigster
Kuppelformen, die einander nie gleichen, diese Ornamente und Zieraten,
die immer neu und immer voneinander verschieden sind -- alles spricht
von einer wunderbaren Phantasie, die sich niemals durch irgendwelche
Regeln in Fessel schlagen lie. brigens lag der Grund dieser
Mannigfaltigkeit vielleicht in den zahllosen Sekten, die Indien
erfllten und eine ewige Opposition, eine bestndige Reizsamkeit der
Einbildungskraft zur Folge hatten. Aber von noch herrlicherer Pracht
erfllt, wie sie nur die orientalische Natur ausstrmt, sind die
Gebude, die durch den arabischen Stil beeinflut wurden. In Asien fand
whrend jener verheerenden Zusammenste alter und neuer Vlker,
besonders aber derer, die den Islam bekannten, eine auerordentlich
starke Vermischung der Stilarten statt, die besonders khne Abweichungen
zur Folge hatte. Aber niemals und nirgends hat sich die Khnheit mit
einer so wundersamen Pracht verbunden wie bei den Arabern; sie entnahmen
der Natur alles, was sie an edelster Schnheit in sich birgt. Ihre
Architektur hat nichts von dem Charakter undurchdringlicher Wlder; sie
besteht ganz aus Blumen; sie ist mit Blumen geschmckt, sie ertrinkt in
einem Meer von herrlichen ppigen Blten, wie sie das zarte anmutige Tal
Kaschmirs bersen. Ihre geschnitzten Sulen sind mit Tulpen umwunden,
ihr Schnitzwerk stellt Vergimeinnicht, vierbltterige Blten oder sich
entfaltende Rosen dar. Ihre Galerien gleichen Palmenhainen, deren Wipfel
sich zu Hallen wlben; alles verrt ihre auerordentliche Prachtliebe
und ihren blhenden Geschmack. Diese Architektur scheint wie geschaffen
fr ein Leben, das dem Genu geweiht ist, und fr heitere, helle
Wohnsttten der Menschen. Alles Finstere und Dstere ist hier restlos
ausgestoen. Jeder Baum ist so wunderbar und von einem zauberischen Reiz
wie eine orientalische Schne mit ihren schwarzen Augen, die wie Blitze
funkeln, mit ihrem bunten Gewande, und ihrem kostbaren Halsgeschmeide.

Die orientalische Architektur weist etwas auf, was die Europer noch
niemals angewendet haben; das sind ihre Sulen, die nicht glatt, sondern
vom Sockel bis zum Kapitl mit bunten Zieraten versehen sind. Mitunter
sind diese Sulen ganz durchbrochen und filigranartig: das Schnitzwerk
durchdringt sie vollstndig. Es ist dies die wundersamste Erfindung des
orientalischen Geschmacks. Ein solcher Bau mag noch so massiv sein, die
Sulen lassen ihn trotzdem beinah therisch erscheinen. Man knnte sich
fragen, warum sollen wir diesen Stil nicht auch auf unsern Boden
verpflanzen? Aber der Geist und der Geschmack des Menschen ist ein
seltsames Ding: ehe er die Wahrheit erreicht, macht er so viele Umwege,
begeht er so viel Torheiten, Verkehrtheiten und Sinnlosigkeiten, da er
sich nachher selbst ber seinen Unverstand wundert. Europa hat sich um
all diese Baudenkmler nicht einmal gekmmert. Nur der Stil der
Chinesen, den man wohl als den allerarmseligsten und kleinlichsten unter
den Stilgattungen der orientalischen Vlker bezeichnen kann, wurde gegen
Ende des XVIII. Jahrhunderts durch einen seltsamen Zufall zu uns
herbergetragen. Es war noch gut, da die Europer ihn nach ihrer
Gewohnheit sogleich beim Bau von kleinen Brcken, bei Pavillons, Vasen
und Kaminen nachahmten, und da es ihnen nicht in den Sinn kam, ihn bei
groen Bauten anzuwenden. In der Tat hatte dieser Stil manche Vorzge
bei kleinen Nippessachen, weil die Europer ihn sofort in ihrem Geiste
vervollkommneten und ihm eine Anmut verliehen, die er an und fr sich
gar nicht besitzt. Fehlt es doch auch dem Volk, das ihn hervorbrachte,
trotz seiner hohen Bildung, vllig an Energie.

Es gibt noch eine Stilart, die sich grundstzlich von allen bisher
erwhnten unterscheidet; es ist dies die Architektur der indischen und
gyptischen Katakomben, bei denen diese zwei Vlker in so wundersamer
Weise zusammentrafen und so Anla dazu gaben, eine ursprngliche
Verwandtschaft zwischen beiden anzunehmen. Ihr Hauptmerkmal ist ihre
Schwere; hier vereinigt sich alles zu einer plumpen Masse, zu einem
Klumpen. Das Gebude ruht gewichtig, wie auf Elefantenfen, auf kurzen
schweren Sulen, deren Dicke fast ebenso bedeutend ist, wie ihre Hhe.
Hier kommt die Breite und die Masse zur absoluten Herrschaft. Es ist,
als ob das ganze Gewicht der Erde in ihr zur Darstellung kme, der Erde
in deren Innerem sich ihre plumpe Majestt versteckt. Das, was bei
andern Stilarten ein Fehler ist, wird hier zu einem Vorzug. Diese
unterirdische Architektur hat auch etwas Erhabenes, obwohl sie ganz
andere Gedanken anregt. Hier wirkt das Gewicht nicht hlich, sondern
groartig, weil es die Grundidee des ganzen Gebudes darstellt. Wenn
sich ein Knstler die Aufgabe stellt, etwas Massives und Schweres zu
schaffen, und wenn es ihm gelingt, so ist sein Werk sicherlich gut. Aber
wenn er die Absicht hatte, etwas Schwerflliges hervorzubringen, und
etwas produziert, was gar nicht schwerfllig wirkt, oder umgekehrt, wenn
er etwas Leichtes hervorbringen will, und statt dessen etwas erzeugt,
was schwerfllig wirkt, so ist das auf jeden Fall vom bel. Nachdem man
die Erde von diesen unterirdischen Bauten entfernt hatte, und diese nun
im Lichte der Sonne dastanden, boten sie immer einen seltsamen und
zugleich furchterregenden Anblick dar. Es schien fast, als liee die
Erde pltzlich ihr tiefstes Innere sehn, und als lge die Finsternis
pltzlich von grellem Lichte beleuchtet da -- diese Finsternis, die nur
vom Lichte erhellt, nicht aber von ihm vertrieben wird, wie eine
gyptische Urne oder der Kopf eines Toten auf einer festlich
geschmckten Tafel. Mir scheint, man tat unrecht, diese Architektur
unter die Erde zu verbannen: wenn wir sie pltzlich inmitten heiterer,
leichtgebauter Huser erblicken, kann sie ihren Eindruck auf uns nicht
verfehlen, ja, sie wird sicherlich einen starken Effekt hervorbringen.
Ein einziges solches Gebude inmitten einer stark bevlkerten Stadt
wrde sicherlich wundervoll wirken, aber nur eins und nicht mehr. Bei
Bauten dieser Art bestehen die Teile aus schweren Massen, aber bei
alledem sind ihre Verhltnisse von einer inneren, wenn auch beinahe
schrecklichen Harmonie erfllt. Und etwas Vollendetes in diesem Stile zu
leisten, ist sicherlich nicht ganz leicht.

Die sich ber dem Erdboden erhebenden Bauten der gypter weisen einen
ganz anderen Charakter auf; sie sind gleichfalls massiv, zugleich aber
sind hchste Anmut und Schlichtheit zwei Zge, die man nie an ihnen
vermissen wird. Ihren Grundcharakter aber bilden ihre kolossalen
Dimensionen. Je glatter, je weniger gegliedert und mit auffallenden
Verzierungen versehen sie sind, um so besser. Aber man wende sie nur
nicht bei kleinen Brcken an, ohne ihre ungeheuren Dimensionen ist diese
Architektur weniger als gar nichts. Ich wiederhole noch einmal: jeder
Stil ist schn, wenn all seine Voraussetzungen erfllt und wenn er in
strengem Einklang mit seiner Bestimmung gewhlt und durchgefhrt ist.
Ohne diese wohlmeinende und unparteiische Toleranz kann es keine
wahrhaften Talente noch auch wirklich groartige Werke geben. Fort mit
dieser Scholastik, die jedem Gebude das gleiche Ma vorschreibt und
verlangt, da alles in demselben Geschmack gebaut werde! Eine Stadt mu
aus den verschiedensten Massen bestehen, wenn wir verlangen, da sie
unseren Augen eine Freude sein soll. Mgen sich in ihr die
verschiedensten Stilarten vereinigen. Mag sich doch in derselben Strae
ein finsteres gotisches Gebude, ein mit ppigem Zierat geschmckter
orientalischer Palast, ein kolossaler gyptischer Bau und ein von
anmutiger Harmonie erflltes griechisches Haus erheben! Da mgen die
leicht gewlbte milchfarbene Kuppel, die andchtige, ins Grenzenlose
ragende Turmspitze, die orientalische Mitra, das abgeplattete
italienische und das hohe, mit Figuren geschmckte flmische Dach, die
vierkantige Pyramide, die runde Sule und der eckige Obelisk uns
entgegentreten. Die Huser drfen so wenig wie mglich zu einer
kompakten einfrmigen Mauer verschmelzen, sondern sich bald hoch
emporrecken und bald wieder tiefer herabsinken. Trme von
verschiedenstem Stil sollen das Straenbild beleben. Sollte es wirklich
jemand geben, der den Mut, oder besser gesagt, die Schwche htte, zu
behaupten, eine flache Ebene in der Natur liee sich mit einer Gegend
voller sich bereinander trmender Schluchten, Felsblcke und Hgel
vergleichen?

Ein Architekt, der wirklich schpferische Kraft besitzt, mu eine
grndliche Kenntnis aller Baustile besitzen; am wenigsten sollte er den
Geschmack der Vlker verachten, auf die wir wegen ihrer knstlerischen
Rckstndigkeit gewhnlich herabzusehen pflegen. Er mu sie alle
umfassen, studieren und all ihre unendlichen Variationen in sich
aufnehmen. Was aber die Hauptsache ist, er mu in ihre Idee eindringen
und sich nicht nur ihre kleinen ueren Formen und Teile aneignen. Um
jedoch ihr Wesen zu ergreifen, dazu mu er ein Genie und ein Poet sein.

Aber wenden wir uns nun zu der Architektur der Stdte. Eine Stadt sollte
so gebaut werden, da jeder ihrer Teile, jede einzelne Husermasse ein
lebendiges Bild darbietet. Jede Husergruppe mu belebt werden, so da
sie -- wenn ich mich so ausdrcken darf -- immer neue charakteristische
Zge hervorzubringen scheint, damit sie sich unserem Gedchtnisse
einprge und unserer Einbildungskraft keine Ruhe lasse. Es gibt Bilder,
die man sein Leben lang nicht vergit, und es gibt solche, die man trotz
aller Anstrengungen nicht im Gedchtnis festhalten kann. Die Baukunst
ist grber, zugleich aber groartiger als alle anderen Knste, wie die
Malerei, die Skulptur und die Musik. Und daher liegt ihre Wirkung in dem
Effekt, den sie ausbt. Ein Stadtbild hat den Vorzug, da man es mit
einem Schlage verndern und nach eigenem Ermessen umgestalten kann.
Hufig braucht man nur ein einziges Gebude zu den schon bestehenden
hinzuzufgen, und es verndert gnzlich seine Form und erhlt einen
vllig andern Charakter, so wie die Zeichnung eines Schlers pltzlich
unter dem Pinsel oder dem Stift des Lehrers Leben gewinnt. Er verstrkt
an der einen Stelle die Linie, retuschiert etwas an einer andern, er
berhrt die dritte kaum, und alles wird anders. Auerdem fhren uns
hufig die Fehler selbst auf die Idee, wie wir sie vermeiden knnen. Das
Charakterlose bringt uns das Charaktervolle, das Kleinliche und Platte
seine Gegenstze, das Khne und Ungewhnliche zum Bewutsein. Eine
Vertiefung nach unten erweckt die Idee einer Erhhung nach oben und
umgekehrt. Das Genie ist ein Besitzer unendlicher Reichtmer, vor dem
die ganze Welt mit allen ihren Schtzen verblat.

Bei der Anlage einer Stadt mu man auch auf die Bodenbeschaffenheit
achten. Stdte werden entweder auf Anhhen, auf Hgeln oder in der Ebene
erbaut. Eine hochgelegene Stadt erfordert weniger Kunst, weil da die
Natur schon selbst bei ihrem Bau mithilft. Sie erhebt die Huser bald
auf ihre majesttischen Hgel und lt sie mitten unter ihren Nachbarn
wie Riesen erscheinen, bald wieder lt sie sie in die Tiefe
herabsinken, um die umstehenden Huser zur Geltung zu bringen. In
solchen Stdten ist es nicht notwendig, fr eine groe Abwechslung zu
sorgen. Hier kann man glatte und einfrmige Fronten verwerten, weil
schon das ungleichmige Terrain eine gewisse Abwechslung hineinbringt,
indem es ihnen verschiedene Standpunkte anweist. Man mu darauf achten,
da die Hhe der einzelnen hintereinander stehenden Huser so zur
Geltung komme, da der Beschauer am Fue eines Hgels den Eindruck
gewinnt, als erhebe sich vor ihm eine zwanzigstckige Masse. Dort bedarf
es keiner groen Kunst, wo die Natur noch gewaltiger ist als die Kunst,
und da dient die letztere nur dazu, die erstere zu schmcken. Da
dagegen, wo das Terrain eben und einfrmig ist, wo die Natur schlummert,
da mu die Kunst mit voller Kraft einsetzen. Sie mu Farbe und Kolorit
in die Landschaft hineinbringen, mu -- wenn ich mich so ausdrcken darf
-- den Boden aufwhlen, die Ebene verschwinden lassen und die tote,
flache Wste beleben. Hier wren Schlichtheit und Einfrmigkeit Snde.
Hier mu die Architektur so eigenartig wie nur mglich sein: sie mu
bald ein dsteres ueres annehmen, bald wieder einen frhlichen
Ausdruck, bald mu sie einen altertmlichen Eindruck machen, bald wieder
durch ihre Neuheit verblffen. Sie mu uns mit Schrecken erfllen, durch
ihre Schnheit blenden, bald dster blicken wie ein von Gewitterwolken
verfinsterter Tag, und bald wieder heiter wie ein strahlender Morgen
voller Sonnenglanz. Die Architektur ist in ihrer Art auch eine
Weltchronik, sie spricht noch zu uns, wenn die Sagen und Gesnge lngst
verstummt sind und wenn uns nichts mehr von einem untergegangenen Volke
berichtet. So mag sie denn, wenn auch nur teilweise, sich mitten in
unseren Stdten erheben, wie sie einst zu Lebzeiten eines zugrunde
gegangenen Volkes existierte, auf da bei ihrem Anblick uns immer der
Gedanke an sein vergangenes Dasein aufsteige, da wir uns in sein Leben
und in seine Sitten und Gewohnheiten, in seinen Bildungsgrad versetzen
und mit Dankbarkeit an dies Volk zurckdenken, dessen Auftreten selbst
eine Sprosse an der Leiter unseres eigenen Aufstiegs bedeutet[4].

[Funote 4: Mir kam frher hufig ein seltsamer Gedanke; ich war der
Ansicht, es mte doch schn sein, wenn eine jede Stadt eine Strae
aufzuweisen htte, die gewissermaen eine ganze Chronik der Architektur
darstellt: dazu mte sie mit einem schweren, finsteren Tor beginnen;
htte der Beschauer dieses passiert, so sollte er zu beiden Seiten des
Weges gewaltige, mchtige Gebude in einem ursprnglichen, noch rohen
Geschmack, wie er allen Urvlkern eigen ist, erblicken, auf diese
sollten die verschiedenen Entwicklungsformen des Stiles folgen: Seine
machtvolle Umgestaltung, zur gyptischen Architektur, sodann zur
Schnheit des griechischen Stils, ferner zur wollstigen Pracht der
alexandrinischen und byzantinischen Architektur mit ihren flachen
Kuppeln, dann zum rmischen Stil mit seinen vielreihigen Arkaden, und
dann wieder der Niedergang, das Zurckfallen in die rohen Zeiten und das
pltzliche Sichaufschwingen zu der ungewhnlichen Pracht der arabischen
Architektur; hierauf sollte der rohe gotische, dann der
gotisch-arabische und dann der reingotische Stil, diese Krone der Kunst,
wie wir sie in dem Klner Dom vorfinden, folgen; hierauf die furchtbare
Vermischung aller Stile unter dem Einflu der byzantinischen Kunst, dann
die Wiederkehr der alten griechischen Architektur in neuem Gewande, und
endlich mte die Strae in ein Tor ausmnden, das alle Elemente des
neuen Geschmacks in sich zusammenfat. Diese Strae wre dann in
gewissem Sinne eine lebendige Entwicklungsgeschichte des Geschmacks, und
wer zu faul wre, dicke Folianten durchzublttern, der brauchte nur
einmal durch diese Strae zu gehen, um ein vollkommenes Bild dieser
Entwicklung zu erhalten.]

Sollte es wirklich ganz unmglich sein, sei es auch nur um der
Originalitt willen, eine vllig neue und eigenartige Architektur zu
erschaffen, die allen Einflssen der lteren entzogen ist! Wenn der
wilde, noch wenig entwickelte Mensch, dem nur die Natur, die er selbst
noch so schlecht versteht, als Lehrmeisterin und Anregerin dient, ein
Werk voller Schnheit, voll unbewuten instinktiven Stilgefhls schafft,
woher knnen denn wir mit unseren so stark entwickelten Fhigkeiten und
die wir die Natur in all ihrem geheimen Wirken soviel besser verstehen,
-- woher knnen denn wir nichts schaffen, was von dem ganzen Reichtum
unseres Wissens durchdrungen ist. Die Idee der Baukunst ward ja aus der
Natur selbst geschpft, aber zu einer Zeit, als der Mensch ihren Einflu
noch lebhaft empfand. Jetzt aber hat er die Kunst noch ber die Natur
erhoben -- knnte er da seine Gedanken nicht aus der Kunst selbst oder
richtiger aus der harmonischen Verschmelzung von Natur und Kunst
schpfen! Man sehe nur, welche ungeheure Erfindungskraft er bei der
Herstellung all der kleinen Mittel eines verfeinerten Luxus an den Tag
legt. Man blicke hin auf all diese modernen Spielereien, die tglich
emportauchen und wieder verschwinden. Man betrachte sie meinetwegen
durch das Mikroskop, wenn sie anders unsere Aufmerksamkeit nicht fesseln
-- welch feiner Geschmack spricht aus ihnen, was fr herrlichen nie
dagewesenen Formen begegnen wir da! Hier finden wir einen Stil, wie er
frher noch nie existiert hat. Das Schnitzwerk und die Arbeit sind so
originell, so neu und dabei so schn, da wir uns hufig nicht satt
sehen knnen. Aber ach! wir fhlen nicht das geringste Mitleid, wenn wir
bemerken, wie der Geschmack des Menschen sich in der Produktion von
Nichtigem und Vergnglichem verbraucht, statt sich in Ewigem und
Unwandelbarem zu objektivieren. Knnten wir denn dieses in Stckwerk
sich zersplitternde Kunstvermgen nicht auf groe Gegenstnde richten,
mu denn alles, dem wir in der Natur begegnen, durchaus eine Sule, eine
Kuppel oder ein Bogen sein? Wieviel Formen gibt es, die noch ganz
unberhrt daliegen. In wie tausendfltiger Weise kann die gerade Linie
sich in die gebrochene wandeln und ihre Richtung ndern! Wie unendlich
mannigfaltig kann sich die Krumme wlben und ausweichen, wieviel neue
Ornamente und Verzierungen lassen sich einfhren, die noch nie ein
Architekt in seinen Kodex eintrug! -- In unserem Jahrhundert gibt es
solche Errungenschaften und soviele ganz neue, nur ihm eigene Elemente,
aus denen man das Material zu einer Unzahl neuer noch nie dagewesener
Bauten schpfen knnte! -- Nehmen wir z. B. jene herabhngenden
Verzierungen, wie sie erst vor kurzem gebruchlich wurden. Bisher wurde
diese hngende Architektur nur bei Theaterlogen, Balkonen und kleinen
Brcken angewandt. Aber wenn erst ganze Stockwerke schweben und durch
khne Bogen miteinander verbunden sein werden, wenn ganze Massen statt
auf schweren Sulen auf durchbrochenen Sttzen von Gueisen ruhen, wenn
zahllose Balkone ein Haus von unten bis oben mit verschlungenem
gueisernem Gitterwerk schmcken und tausenderlei herabhngende
gueiserne Verzierungen es mit einem leichten Netz umgeben werden, so
da es durch sie hindurchschimmert wie durch einen durchsichtigen
Schleier, wenn diese diaphanen Verzierungen sich um einen herrlichen
runden Turm schlingen und zusammen mit ihm zum Himmel emporfliegen
wrden, -- welch eine Leichtigkeit und therische Schnheit wrden dann
unsere Huser annehmen. Welch eine Menge von Anregungen finden wir
berall verstreut, die im Kopfe eines Architekten ganz unerhrte,
lebendige Ideen erzeugen knnen; aber freilich mte dieser Architekt
ein schpferisches Genie und ein Dichter sein.

                                                                 1831.

[Dieser Aufsatz ist vor langer Zeit geschrieben. In den letzten Jahren
ist der Geschmack in Europa und besonders in unserem geliebten Ruland
besser geworden. Es gibt schon viele Architekten, die unserem Lande Ehre
machen. Unter diesen mchte ich Brjulow nennen, dessen Bauten von
wahrhaftem Geschmack und echter Originalitt erfllt sind.]


                                  VIII
                                Al-Mamun
                    Eine historische Charakteristik

Nie ist ein Frst whrend einer solchen Bltezeit seines Reiches zur
Herrschaft gelangt, wie Al-Mamun. Das furchterregende Kalifat erhob sich
mchtig auf dem klassischen Boden der Alten Welt. Im Osten umfate es
den ganzen blhenden Sdwesten Asiens, Indien mit eingeschlossen; im
Westen zog es sich lngs den Ufern Afrikas bis nach Gibraltar hin. Seine
mchtige Flotte beherrschte das Mittelmeer. Bagdad, die Hauptstadt
dieser neuen, wunderbaren Welt, sandte seine Befehle bis in die
entlegensten Grenzen seiner Provinzen. Das neu bekehrte Asien strmte in
die ausgezeichneten Schulen von Bassor, Nippur und Kufa und reifte nun
zu hherer Kultur. Damaskus konnte alle Lstlinge in seine kostbaren
Stoffe hllen und ganz Europa mit Stahlklingen versorgen; schon dachte
der Araber, Mohammeds Paradies auf der Erde zu errichten: er schuf
Wasserleitungen, Palste und ganze Palmenwlder, wo Springbrunnen
anmutig spielten und die Wohlgerche des Orients zum Himmel stiegen. Und
doch hatte bei all dem Luxus noch keine der moralischen Krankheiten
einer politischen Gesellschaft Zeit gehabt, hier Wurzel zu fassen. Alle
Teile dieses gromchtigen Reiches, dieser mohammedanischen Welt, waren
eng untereinander verbunden und dieser Zusammenhang wurde durch den
Willen des merkwrdigen Harun immer mehr und mehr gefestigt, denn dieser
hatte die vielseitigen Fhigkeiten seines Volkes erkannt. Er war weder
nur Philosoph auf dem Thron, noch allein Politiker, noch blo Krieger
oder Literat im Kaisermantel. Er vereinigte alles in sich, erstreckte
seine Ttigkeit gleichmig auf alles und lie keinen Teil ber den
andern Oberhand gewinnen. Er impfte seiner Nation nur gerade so viel von
der fremdlndischen Kultur ein, wie ntig war, um ihre eigene
Entwicklung zu frdern. Damals hatten die Araber die Epoche des
Fanatismus und der Eroberungen schon hinter sich, waren aber noch immer
von Enthusiasmus erfllt, und die feuersprhenden Seiten des Koran
wurden noch mit derselben Begeisterung gelesen und seine Gebote noch
ebenso sklavisch befolgt. Harun verstand es, den Gang der Administration
und die Regierungsgeschfte zu beschleunigen und durch die Furcht vor
seiner Allgegenwart seinen Befehlen berall Geltung zu verschaffen. Die
Statthalter und Emire, die sonst immer darnach strebten, Selbstherrscher
und Despoten zu sein, frchteten sich, dem Blicke des verkleideten
Kalifen, dem nichts entging, zu begegnen -- und so ging die Regierung
ohne Gesetze fest und bestimmt ihren Weg. Unter solchen Umstnden trat
Al-Mamun die Herrschaft an. Byzanz nannte ihn den hochherzigen
Beschtzer der Wissenschaft, die Geschichte reihte seinen Namen unter
die Wohltter der Menschheit ein. Dieser Herrscher wollte sein
politisches Reich in ein Reich der Musen verwandeln. Er besa die
Lebhaftigkeit und alle Fhigkeiten, die fr ein ernstes Studium
notwendig waren. Sein Charakter war von einer edlen Vornehmheit, das
Streben nach Wahrheit seine Devise. Er war verliebt in die Wissenschaft,
und zwar ganz selbstlos, er liebte sie um ihrer selbst willen, ohne an
ihren Zweck und ihre Anwendung zu denken. Er gab sich ihr mit einer
einseitigen Leidenschaft hin. Damals hatten die Araber erst eben den
Aristoteles entdeckt. Ihrer allzu strmischen, ungeheuren orientalischen
Phantasie mute der allumfassende, scharf denkende, griechische
Philosoph fremd bleiben, aber die arabischen Gelehrten, die schon seit
langer Zeit an mhsame Arbeit und schon an die Exaktheit und das formale
Denken gewhnt waren, gaben sich mit einem wissenschaftlichen Feuereifer
dem Studium hin. Diese endlosen Schlsse, diese die Ordnung dessen, was
sie in ihren Seelen frher nur teilweise und wie durch ein Aufleuchten
empfunden hatten, seine Erhebung zur Evidenz, das alles mute die
damaligen Gelehrten bezaubern. Al-Mamun, der unter ihrem Einflu erzogen
wurde, war von einem wahren Hunger nach Kultur erfllt und gab sich alle
erdenkliche Mhe, diese bis dahin unbekannte griechische Welt in sein
Reich einzufhren. Bagdad breitete seine Arme freundschaftlich der
ganzen gelehrten Welt seiner Zeit entgegen. Die Gnade des Kalifen stand
jedem offen, der irgendeinem Beruf angehrte, er mochte die Religion
bekennen, die er wollte, und von noch so entgegengesetzten Prinzipien
erfllt sein. Es war nur natrlich, da vor allem _die_ Mnner ihr
Wissen nach Bagdad trugen, die in ihren Seelen noch das Bild des in
christliche Formen gekleideten Polytheismus trugen, die bereit waren,
mit ihrem Herzblut Ammonius Saccas, Plotin und die anderen Bekenner des
Neuplatonismus zu verteidigen und die in dem nur zu sehr mit dem Streit
um die verschiedenen christlichen Dogmen beschftigten Byzanz kein Feld
fr ihre gelehrten Turniere fanden. Bagdad verwandelte sich in eine
Republik der mannigfaltigsten Fakultten, Wissenschaften und Meinungen.
Der knigliche Araber versenkte sich aufmerksam in die betubende Musik
dieser gelehrten Disputationen und Spitzfindigkeiten. Die hheren
Staatsbeamten konnten sich dem Beispiel ihres Herrschers nicht
entziehen, und alle hheren Schichten des Reiches wurden von einer Art
literarischer Monomanie ergriffen. Die Wesire und Emire versuchten
ihrerseits, allerhand gelehrte Fremde an ihren Hof zu ziehen. Es ist
selbstverstndlich, da die Administration damit in den Hintergrund
gerckt wurde, da die Wrdentrger vieles, was zur Regierung gehrte,
dem Gutdnken ihrer Sekretre oder Gnstlinge berlieen, da diese
Gnstlinge hufig ganz ungebildet waren und ihre Stellung oft nur durch
Intrigen erklommen, und da dies alles nicht ohne Einflu auf das Volk
bleiben und mit der Zeit auf die Regierenden selbst zurckfallen mute.
Die groe Zahl theoretischer Philosophen und Dichter, die hohe
Regierungsposten einnahmen, lie im Lande keine starke Regierung
aufkommen. Ihre Sphre liegt ganz wo anders; sie erfreuen sich des
allerhchsten Schutzes und gehen ruhig ihren Weg. Nur die wenigen groen
Dichter machen hierin eine Ausnahme, wenn sie den Philosophen, den
Poeten und den Historiker in sich vereinigen, sie, die die Natur und den
Menschen ergrnden, in die Vergangenheit dringen und die Zukunft
voraussehen, und deren Worten das ganze Volk lauscht. Sie sind
Hohepriester. Kluge Herrscher ehren sie durch ihren Verkehr, behten ihr
kostbares Leben und frchten sich, dieses Leben durch Beteiligung an der
so vielseitigen Ttigkeit des Regierens zu unterdrcken. Sie werden nur
bei uerst wichtigen Ministerrten hinzugezogen, da sie bis in die
Tiefe des menschlichen Herzens dringen.

Der edle Al-Mamun hatte den aufrichtigen Wunsch, seine Untertanen
glcklich zu machen. Er wute, da die Wissenschaften, die die
Entwicklung der Menschen frdern, das beste Mittel, der treuste Fhrer
zum Ziel seien. Mit aller Gewalt zwang er seine Untertanen, die von ihm
eingefhrte Kultur anzunehmen. Aber die Aufklrung, die Al-Mamun zu
verbreiten bestrebt war, entsprach am wenigsten dem angebotenen
Charakter und der angeborenen Phantasie der Araber. Die wenig
kraftvollen Prinzipien des Polytheismus, die sich in ein bloes
Wortspiel verwandelt hatten, die frechen Verstmmelungen christlicher
Ideen, die ein so seltsames Licht auf die Wissenschaft jener Zeit
warfen, die sich nicht mit dieser verschmolzen, und man kann wohl sagen,
sie durch ihr bergewicht vernichteten, bildeten einen krassen Kontrast
zu der feurigen Natur der Araber, deren Phantasie die nchternen
Schlsse des kalten Verstandes nur allzusehr unterdrckte. Dieses Volk
ging nicht, nein, es flog frmlich seinem Entwicklungsziele entgegen.
Sein Genius offenbarte sich pltzlich und gleichzeitig im Kriege, im
Handel, in den Knsten, in der Manufaktur und in der ppigen Poesie des
Orients. Seine reichen Gaben, wie hnliche in der Geschichte der
Menschheit noch niemals dagewesen waren, entfalteten sich reich,
strahlend, eigenartig und in hchster Orginalitt. Es schien fast, als
sollte dieses Volk sich zu einer Nation von hchster Vollkommenheit
entwickeln. Aber Al-Mamun verstand es nicht! Er beachtete die groe
Wahrheit nicht, da die Bildung aus dem Volke selbst kommen mu, da
eine aufgepfropfte Kultur nur insoweit angeeignet werden darf, als sie
die eigene Entwicklung frdert, da aber die Entwicklung eines Volkes
nur aus den eigenen nationalen Elementen hervorgehen kann. Fr die
Araber aber wurde ihr Bettigungsfeld durch diese unfruchtbare
fremdlndische Kultur nur versperrt. Der Kosmopolitismus Al-Mamuns, der
allen Gelehrten aller Parteien den Eintritt in sein Reich gestattete,
ging fast gar zu weit. Die Privilegien, die den Christen im Reiche
zuteil wurden, muten notwendig den Ha der eigenen Untertanen erwecken
und hatten selbst die Verachtung ntzlicher Einrichtungen zur Folge, --
ja, das Volk verlor sogar allmhlich die Liebe zu seinem Herrscher. In
seinen Regierungsmaregeln war Al-Mamun mehr theoretischer als
praktischer Philosoph, der doch ein Herrscher vor allem sein mte. Er
kannte das Leben seines Volkes aus Beschreibungen und Erzhlungen
anderer und nicht aus eigener Anschauung wie der groe Harun, der es
persnlich studiert hatte. Bei den asiatischen Regierungsformen, die
keine bestimmten Gesetze kennen, liegt die ganze Verwaltung auf den
Schultern des Monarchen selbst, und daher mu seine Ttigkeit eine
auergewhnlich intensive, mu seine Aufmerksamkeit bestndig gespannt
sein; er darf niemand vertrauen, und sein Auge mu die Vielseitigkeit
eines Argus haben; es braucht nur einen Augenblick einzuschlafen, und
die mit seinen Vollmachten ausgestatteten Statthalter lehnen sich auf,
und das Reich ist von einer Million Despoten erfllt.

Al-Mamun aber lebte in seinem Bagdad wie in einem Musenreich, das er
sich selbst geschaffen hatte und das ganz von der politischen Welt
getrennt war. Die Christen, die allmhlich auch anfingen, sich in die
Verwaltung einzumengen, konnten den Volksgeist und die Landessitten
nicht kennen lernen. Auerdem war der fremde Glaube den Arabern, die
noch an ihrem Enthusiasmus und ihrer Unduldsamkeit festhielten,
unertrglich. Und whrend der Name Al-Mamuns auf den Lippen aller
damaliger Gelehrten schwebte und seine Gastfreundschaft buntbeflaggte
Schiffe an die syrische Kste lockte, wurde seine Macht im Innern des
Reiches immer schwcher und schwcher. Die Bewohner der Provinzen, die
ihren Kalifen nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten, schtzten
seinen Namen nur wenig. Die militrischen Krfte nahmen immer mehr ab.
Die Kultur, die ihren Ausgangspunkt gewhnlich von Bagdad, dem Zentrum
des Reiches, nahm, verringerte sich und erlosch immer mehr, je mehr sie
sich den fernen Grenzen nherte. In den Grenzlndern hatte sich der
Kulturzustand der Araber noch auf dem Niveau seiner ersten Periode
erhalten, hier standen noch von Fanatismus erfllte Truppen, die
jederzeit bereit waren, den Glauben Mohammeds mit Feuer und Schwert zu
verbreiten. Die mchtigen Emire, die bald die unzureichende Verbindung
mit Bagdad erkannten, trumten von der Unabhngigkeit, und Al-Mamun
mute noch whrend seiner Regierung den Abfall Persiens, Indiens und der
entlegenen Provinzen Afrikas erleben. Aber vielleicht wre diese falsche
Richtung der Verwaltung noch ein bel gewesen, das wieder gutzumachen
war, wenn Al-Mamun seine Wahrheitsliebe nicht zu weit getrieben htte.
Er wollte der religise Reformator seiner Nation werden. Er besa einen
rein theoretischen Verstand, war ber jeglichen Aberglauben und alle
Vorurteile erhaben, auch war er genauer ber einige christliche Dogmen
unterrichtet, als seine Vorgnger, und so konnte er seine Augen nicht
gegen die zahllosen Widersprche und den blhenden Unsinn, die in den
Verordnungen des fanatischen Schpfers des Korans berall zum Ausdrucke
kommen, verschlieen. Er entschlo sich, das heilige Buch Mohammeds zu
reinigen und zu reformieren, und das in einer Zeit, als noch alle
niederen Regierungsbeamten sowie der ganze Pbel davon berzeugt waren,
da das Buch vom Himmel stamme, und wo der Zweifel an dem
allergeringsten Gebote schon fr das grte Verbrechen galt. Der
halbgriechischen Denkungsweise Al-Mamuns war der vllig blinde
Enthusiasmus seiner Untertanen ganz fremd. Die Unterdrckung des
Fanatismus hielt er fr den ersten Schritt zur Kultur seines Volkes --
und doch bildete dieser Fanatismus das ganze Sein des arabischen Volkes;
diesen Fanatismus, dem er seine ganze Entwicklung und seine glnzende
Epoche verdankte, zu zerstren, hie den politischen Bestand des ganzen
Reiches untergraben. Al-Mamun erschien das Paradies Mohammeds, in das
der Araber sein ganzes sinnliches Leben, dieses nur fr den Genu und
fr die Wollust bestimmte Leben, hineintrug, als der Gipfel der Torheit.
Aber er lie dabei auer acht, da diese Gebote ein Produkt des
glhenden, arabischen Klimas, des feurigen Temperaments des Arabers
waren, da dies Paradies fr den Mohammedaner die groe Oase inmitten
der Wste seines Lebens war, da nur die Hoffnung auf dies Paradies es
dem so sinnenfrohen Araber ermglichte, alle Armut und Unterdrckung zu
ertragen und, beim Anblick des in Luxus frmlich versinkenden Sybariten
den Neid in seiner Seele zu bekmpfen. Der Gedanke, da auch er einmal
von Huris umringt, in einem Luxus schwelgen werde, der die Pracht aller
irdischen Machthaber weit bertrifft, war wohl nur einer Sinnlichkeit
und einer blhenden Phantasie fabar, wie sie die Natur den Arabern
verliehen hatte. Und vielleicht htte sich der Glaube dieses Volkes erst
im Verlauf der ferneren Entwicklung ohne allzu empfindliche Strungen
reinigen lassen; Al-Mamun aber hatte kein Verstndnis fr die asiatische
Natur seiner Untertanen.

Man kann sich den Grad der Emprung in den zahllosen Schichten des
Volkes vorstellen, als das Gercht von den Neuerungen des Kalifen sich
verbreitete. Wie mute sich das Volk zu ihnen stellen, das dem Kalifen
schon allein wegen der Frderung der christlichen Religion und seiner
Vorliebe fr die Fremden offen des Modalismus oder der Ketzerei
anklagte? Die rohe Masse der alten strengglubigen Bekenner des Koran
zwangen den Kalifen durch ihren harten Widerstand endlich, zu den Waffen
zu greifen. Und der edle, hochherzige Al-Mamun, der von wahrer
Menschenliebe durchdrungen war, wurde zum Verfolger seiner eigenen
Untertanen. Durch diese Verfolgungen weckte er von neuem den wilden
Fanatismus der Araber, aber schon nicht mehr jenen Fanatismus, der die
frheren Nomadenvlker Arabiens zu einer Masse verschmolzen hatte --
sondern einen oppositionellen Fanatismus, -- einen Fanatismus, der die
Massen auseinanderri, der Zank und Streit bis in die innersten Grnde
des Reiches trug, der die rohen Leidenschaften der Araber aufrhrte, der
den Dolch und das Gift des Hasses in die Hand der fanatischen Bekenner
des Islams drckte, und der eine Unzahl verblendeter Sekten erstehen
lie, unter ihnen die schrecklichste, die der Karmaten, die noch lange,
zur Zeit der Kreuzzge, unter dem Namen der syrischen Assassinen ihr
Wesen trieben. Mitten in den Unruhen, die an den verschiedenen Enden des
Reiches ausbrachen, inmitten der Emprung und des Parteienzwists starb
der edle Al-Mamun, der mit einer Hand zahllose Wohltaten und reiche
Mittel fr Schulen, Werksttten und fr die Kunst ausgestreut und mit
der anderen seine unbotmigen, fanatischen Untertanen gezchtigt hatte
-- er starb, ohne sein Volk verstanden zu haben und selbst unverstanden
von seinem Volk. In jedem Fall aber hat er uns ein lehrreiches Beispiel
gegeben. Er hat der Welt das Bild eines Herrschers geboten, der trotz
allen Willens zum Guten, trotz aller Sanftmut des Herzens und bei aller
Aufopferungsfhigkeit und seiner auergewhnlichen Liebe zu den
Wissenschaften, doch eine der wichtigsten, wenn auch unbewuten Ursachen
wurde, die den Fall seines Reiches beschleunigten.




                               Arabesken
                              Zweiter Teil


                                   I
                               Das Leben

Ein armer Wstensohn hatte einen Traum: Still liegt das groe
Mittellndische Meer und breitet sich aus in unendliche Fernen, und von
drei verschiedenen Seiten blicken nach ihm hin die glhenden Ksten
Afrikas mit ihren schlanken Palmen, die nackten syrischen Wsten und die
vom Meer zerklfteten, dichtbevlkerten Ksten Europas.

In einer Bucht an dem unbeweglichen Meer erhebt sich das alte gypten.
Eine Pyramide steht neben der andern; granitene Sphinxe blicken aus
grauen Augen; zahllose Stufen fhren zu ihnen hinauf. Genhrt von dem
groen Nil, geschmckt mit geheimnisvollen Zeichen und heiligen Tieren,
thront majesttisch das alte gypten unbeweglich und wie verzaubert,
gleich einer Mumie, die der Verwesung Trotz bietet.

Zahllose unabhngige Kolonien hat das heitere Griechenland um sich herum
gegrndet. Das Mittelmeer ist mit Inseln berst, die in grnen Wldern
ertrinken; Oliven, Weinreben und Feigenbume schaukeln sich mit ihren
honiggetrnkten Zweigen im Winde; Sulen, wei wie die Brste einer
Jungfrau, runden sich im ppigen Dunkel der Bume; der von wundersamem
Meiel erweckte Marmor atmet wollstig und freut sich schamhaft seiner
herrlichen Nacktheit; mit Weintrauben geschmckt, Pokale und
Thyrsosstbe in Hnden, hlt das Volk im geruschvollen Tanz inne;
schlanke, junge Priesterinnen mit wallenden Locken werfen flammende
Blicke aus nachtschwarzen Augen. Efeubekrnzte Schalmeien, Zimbeln und
andere musische Instrumente erklingen. Wie Fliegen schwirren Schiffe um
Rhodus und Korkyra und bieten ihre selig geschwellten Fahnen dem Winde
dar. Und alles atmet starr und unbeweglich in seiner steinernen
Majestt.

Stolz und unermelich dehnt sich das eiserne Rom, ein Wald von Lanzen
starrt gen Himmel, und in drohendem Glanze leuchten die sthlernen
Schwerter. Sein gieriges Auge scheint alles verschlingen zu wollen, und
weit ausgestreckt ist seine sehnige Rechte. Aber auch Rom liegt
unbeweglich da, wie alles rings umher und rhrt seine lwenstarken
Glieder nicht.

Die Luft des himmlischen Ozeans lastete dumpf und erstickend auf allem.
Kein Wellenschlag bewegte das groe Mittelmeer, und es war, als wre das
Jngste Gericht gekommen fr die drei Reiche -- vor dem Ende der Welt.
Da sprach gypten, und die schlanken Palmen, die Bewohner seiner Ebenen,
schwankten im Winde, und die Obelisken streckten ihre feinen Nadeln noch
hher empor: Hrt mich, ihr Vlker! Ich allein drang ein in das
Geheimnis des Lebens und in das Rtsel des Menschen. Alles ist
vergnglich. Gemein ist alle Kunst, armselig jeder Genu und noch
armseliger die Worte und Taten. Der Tod, der Tod herrscht ber die Welt
und ber den Menschen! Der Tod verschlingt alles, und alles lebt fr den
Tod. Fern, fern ist die Auferstehung! Gibt es denn berhaupt eine
Auferstehung? Fort mit den Wnschen, den Genssen. Armer Mensch!
Errichte immer hhere Pyramiden, um dein elendes Dasein wenigstens
_etwas_ zu verlngern.

Und es sprach das heitere Griechenland, das so klar ist wie der Himmel,
wie der Morgen und wie die Jugend, und es war, als vernhme man keine
Worte sondern Tne einer Schalmei: Das Leben ward fr das Leben
geschaffen. Erweitere und bereichere dein Leben, erweitere mit ihm deine
Gensse. Ihm bringe alles zum Opfer dar. Sieh, wie ist alles so
plastisch und schn in der Natur, wie ist alles in Eintracht verbunden.
In der Welt ist alles enthalten. Alles, auch alles, worber die Gtter
gebieten, enthlt sie; lern' es nur finden. Gttlicher, stolzer Gebieter
dieser Erde, bekrnze dein herrliches Haupt mit Eichenlaub und Lorbeer
und geniee dein Leben; fliege hin auf deinem Wagen bei den rauschenden
Spielen und lenke kunstvoll die feurigen Rosse. Fern sei deiner freien,
stolzen Seele die Habgier und der Neid! Meiel, Palette und Flte sind
geschaffen, die Welt zu beherrschen, sie aber soll sich der Schnheit
beugen. Mit Efeu und Weinlaub umwinde deine duftende Stirn und das
liebliche Haupt deiner schamhaften Freundin! Das Leben ward fr das
Leben und fr den Genu geschaffen -- lern' des Genusses wrdig sein.

Und das in Eisen gehllte Rom klirrte mit dem leuchtenden Walde seiner
Lanzen und sprach: Ich habe des Geheimnis des Menschenlebens ergrndet.
Die Ruhe ist des Menschen unwrdig, sie richtet ihn zugrunde in seinem
eigentlichen Wesen. Kunst und Genu sind zu gering fr seine Seele. Der
wahre Genu liegt in dem gigantischen Wunsche. Verchtlich ist das Leben
der Vlker und des Einzelnen ohne ruhmreiche Heldentaten. Drste nach
Ruhm, drste nach Ruhm, o Mensch! Beim betubenden Lrme der Waffen im
Rausch unbeschreiblicher Lust la auf die Schilde der lanzentragenden
Legionen dich heben! Hrst du, wie sich zu deinen Fen die ganze Welt,
wie sich Millionen versammelten und, die Speere schwenkend, in einen
einzigen Ruf ausbrechen? Hrst du's, wie dein Name furchtverbreitend auf
den Lippen der fernsten Vlker bebt, die am Ende der Welt wohnen? Alles,
was dein Blick umfassen kann, erflle alles mit dem Klang deines Namens!
Strebe unablssig weiter, es gibt keine Grenzen weder der Welt noch
deiner Wnsche. Furchtbar und streng schreite vorwrts und erweitere
deine Weltherrschaft, dann wirst du zuletzt auch den Himmel erobern.

Und Rom schwieg und heftete seinen Adlerblick auf den Osten. Auch
Griechenland wandte seine herrlichen, vom Genu feuchten Augen nach
Osten, und auch gypten wandte seine trben, farblosen Augen dem Orient
zu.

Ein steiniges Land; ein verachtetes Volk; ein paar einsame Htten stehen
an nackte Hgel gelehnt, und hie und da nur fllt der sprliche Schatten
eines drren Feigenbaumes auf sie. Hinter einem niedrigen bauflligen
Zaun steht eine Eselin. In der Holzkrippe liegt ein Knblein; die
jungfruliche Mutter steht ber es gebeugt und schaut es mit
trnenfeuchten Augen an; hoch ber der Krippe aber steht ein Stern, und
ein herrliches Leuchten erfllt die Welt.

Die Pyramiden des hieroglyphengeschmckten gyptens senkten sich immer
tiefer, und gypten versank in Trume; unruhig blickte das herrliche
Griechenland, Rom senkte die Augen und schaute auf seine eisernen
Lanzen; das groe Asien mit seinen zahllosen Hirtenvlkern lauschte
gespannt, und der Ararat, der Urvater der Erde, beugte seinen Nacken.

                                                                 1831.


                                   II
                      Schlzer, Mller und Herder

Schlzer, Mller und Herder sind die groen Baumeister der
Weltgeschichte. Der Gedanke an diese war ihr Lieblingsgedanke und
verlie sie keinen Augenblick whrend der ganzen Zeit ihres so
verschiedenartigen Lebenslaufes. Man kann sagen, da Schlzer der erste
war, der von der Idee eines einigen groen Ganzen, einer Einheit
durchdrungen war, zu der alle Zeiten und alle Vlker zusammengefat und
zusammengeschmolzen werden mssen. Er wollte die ganze Welt und alles
Lebendige mit einem Blick umspannen. Es schien, als wnschte er hundert
Argusaugen zu besitzen, um mit einem Blick alle Geschehnisse in den
entlegensten Teilen der Welt zu bersehen. Sein Stil ist ein Blitz, der
fast pltzlich bald hier, bald dort zndet und die Gegenstnde momentan,
aber mit blendender Klarheit, beleuchtet. Ich wei nicht, ob er selbst
das htte leisten knnen, was er den anderen so scharf vorgezeichnet
hat; jedenfalls aber war niemand so stark von seinem Objekt ergriffen
wie er. Er hatte die Gabe, alles in einem kleinen Brennpunkt zu
konzentrieren und oft mit zwei, drei scharfen Strichen, ja zuweilen
durch ein einziges Epitheton, ein bestimmtes Ereignis oder ein ganzes
Volk zu charakterisieren. Seine Epitheta sind wunderbar, temperamentvoll
und khn und erscheinen als die Frucht eines glcklichen Augenblicks,
einer momentanen Eingebung; sie sind von so scharfer verblffender
Wahrheit, da selbst eine tiefe und dauernd in ihrer Richtung beharrende
Forschung sie nicht entdeckt htte, es sei denn, da sie von Schlzer
selbst ausgefhrt worden wre. Er war nicht eigentlich Historiker, und
ich glaube sogar, da er gar nicht Historiker htte sein knnen. Seine
Gedanken sind zu sprunghaft, zu leidenschaftlich, um sich zu einer
harmonisch und gemchlich dahinflieenden Erzhlung zu formen. Er
analysierte die Welt und alle verschwundenen und noch lebenden Vlker,
aber er beschrieb sie nicht; er sezierte die ganze Welt mit dem Messer
des Anatomen, zerschnitt und zerlegte sie in massive Teile, er
gruppierte und klassifizierte die Vlker wie ein Botaniker die
verschiedenen Pflanzen nach bestimmten Merkmalen ordnet. Und daher
sollte man glauben, da durch diese Art der Behandlung seine
geschichtlichen Aufzeichnungen etwas Skelettartiges und Trockenes
erhalten htten; aber merkwrdigerweise leuchtet alles bei ihm in so
grellen Farben, der machtvolle Blitz seines Auges hat etwas so Sicheres,
da man beim Lesen seiner gedrngten Weltskizze erstaunt bemerkt, wie
unsere Phantasie sich entzndet, erweitert und alles nach demselben
Gesetze ergnzt, das Schlzer mit einen gewaltigem Wort gekennzeichnet
hat; zuweilen aber eilt unsere Einbildungskraft die khn vorgezeichneten
Wege noch weiter. Da er einer der ersten war, der von der Gre und dem
wahren Ziel der Weltgeschichte beunruhigt wurde, mute er unbedingt ein
oppositionelles Genie werden. Diese seine Stellung gab ihm die groe
Energie, das Feuer und sogar den rger ber die Kurzsichtigkeit seiner
Vorgnger, die sehr hufig in seinen Schriften zum Ausbruch kommen. Mit
einem Donnerwort vernichtet er sie und in diesem einen Wort verbindet
sich der Genu und ein sardonisches Lcheln ber den Besiegten mit einer
sieghaften Wahrheit. Man knnte ihn mit mehr Recht noch als Kant den
Alleszermalmer nennen. Fast immer lassen sich die Mnner der Opposition
zu sehr von ihrer Stellung hinreien, indem sie sich in ihrem
enthusiastischen bereifer nur an eine Regel halten -- allem
Vorangegangenen zu widersprechen. Doch dieser Vorwurf trifft Schlzer
nicht: sein germanischer Geist beharrt unerschtterlich auf seinem
Standpunkt. Er ist ein strenger, allwissender Richter; seine Urteile
sind scharf, kurz und gerecht. Vielleicht werden einige sich darber
wundern, da ich von Schlzer wie von einem groen Baumeister der
Weltgeschichte rede, whrend doch die Gedanken und Werke, die er diesem
Gegenstande gewidmet hat, in einem kleinen Leitfaden fr Studenten
bestehn; aber dieses kleine Bchlein gehrt zur Zahl der Werke, nach
deren Lektre man glaubt, ganze Bnde gelesen zu haben; ich mchte es
mit einem kleinen Fenster vergleichen, durch das man, wenn man sein Auge
nur nahe genug heranbringt, die ganze Welt erblicken kann. Er wirft ein
helles Licht auf die Gegenstnde, lehrt sie uns begreifen, und
schlielich gelangt man dazu, alles mit eigenen Augen zu sehen.

Mller ist ein Historiker ganz anderen Schlages. Still, ruhig und
bedchtig, ist er das volle Gegenteil von Schlzer. Mit einer
eigenartigen, bezaubernden Liebe gibt er sich seinem Gegenstande hin.
Sein Vortrag glnzt nicht durch eine scharf ausgeprgte Eigenart wie der
Stil Schlzers; er kennt weder die leidenschaftlichen Ausbrche, noch
den prgnanten Lakonismus, der den Vortrag Schlzers auszeichnet. Er
umfat nicht alles so momentan, so mit einem Blicke wie jener, umspannt
es nicht mit gewaltiger Hand, er erforscht alles, was die Welt erfllt,
ruhig, in bestimmter Reihenfolge, ohne jene berstrzung und Hast, mit
der ein Autor sich ausspricht, der sich frchtet, jemand knnte ihm
seine Gedanken entwenden und ihm zuvorkommen. Das Wort Untersuchung
pat so recht zu seinem Stil; seine Darstellungen sind wahrhafte
Untersuchungen. Als Staatsmann beschftigt er sich vorzglich mit der
Errterung der Staatsformen und mit den Gesetzen der gegenwrtigen und
der untergegangenen Reiche; aber er betont diese Seite nicht in dem
Mae, um darber andre Seiten ganz im Schatten zu lassen, ein Fehler,
dessen nur einseitige Historiker fhig sind und in den auch Heeren
mitunter verfallen ist; im Gegenteil, er wendet seine Aufmerksamkeit
auch allen Grenzgebieten zu. Alles, was in der Geschichte nicht ganz
klar ist, was noch wenig erforscht ist, das alles unterwirft er einer
Untersuchung. Man fhlt sogar, da er sich mit Vorliebe mit der
Urgeschichte und berhaupt mit den Epochen beschftigt, wo das Volk noch
nicht von der Kultur und ihren Lastern berhrt ist und noch seine
einfachen Sitten und seine Unabhngigkeit bewahrt. Diese Perioden
schildert er mit einer leuchtenden Ausfhrlichkeit, mit einer sanften
Wrme, wie wenn er sich selbst dabei verge und sich mitten unter
seinen braven Schweizern zu befinden whnte. Das wichtigste Resultat,
das er aus seiner Geschichtsdarstellung zieht, ist dieses, da ein Volk
nur dann glcklich ist, wenn es die alten Sitten des Landes treu befolgt
und seine einfache Lebensweise und Unabhngigkeit beibehlt. berall
schimmert seine reife Weisheit und seine kindliche Seelenklarheit durch.
Der Adel seiner Gedanken und die Freiheitsliebe durchdringen all seine
Werke. Nicht der Gedanke an die Einheit und an ein unzertrennliches
Ganzes ist das Ziel, nach dem seine Darstellung bewut hinstrebt; er
spricht eigentlich nie darber, aber sein ganzes Werk lt uns diese
Einheit fhlen, obgleich er ber der Betrachtung eines Volkes die Sache
der ganzen Welt zu vergessen scheint. Seine Geschichte ist keine
ununterbrochene, bewegliche Kette von Begebenheiten; hier gibt es keine
dramatischen Effekte; aus allem spricht die bedchtige Weisheit des
Autors. Er gibt seinen Gedanken keine scharfen prgnanten
Formulierungen: sie scheinen sich bescheiden und hufig wie in einem
unbeachteten Winkel zu verbergen, so da man sie nur entdeckt, wenn man
sie sucht; aber dafr sind sie so erhaben und zugleich so tief, da nach
einem Ausdruck Wagners im Faust der ganze Himmel zu dem glcklichen
Finder niedersteigt. Dieser bescheidene, prunklose Vortrag und der
Mangel an blendenden Lichtern weckt unwillkrlich unser Mitleid; sie
sind der Grund, warum Mller so wenig bekannt oder besser gesagt nicht
so bekannt ist, wie er es verdient. Nur solche Menschen, die tief
durchdrungen von der Idee der Geschichte und einer edleren Bildung fhig
sind, knnen ihn ganz verstehen; den brigen erscheint er unbedeutend
und oberflchlich.

Herder vertritt eine ganz andere Art der Geschichtsauffassung. Er
betrachtet alles mit geistigen Augen. Bei ihm verschlingt die Macht der
Idee vllig die greifbare Form. Stets sieht er einen Menschen als
Vertreter der ganzen Menschheit an. Er forscht tief und begeistert
gleich einem Brahmanen der Natur -- wie man ihn in Deutschland zu nennen
pflegt. Bei ihm werden die Ereignisse bedeutender durch ihre
Gruppierung, all seine Gedanken sind erhaben, tiefsinnig und
weltumspannend. Sie erscheinen bei ihm nur selten in Beziehung zu der
sichtbaren Natur und steigen gleichsam unmittelbar aus ihrem reinen
Feuer empor. Daher fehlt es ihnen auch an historischer Greifbarkeit und
Plastik. Wenn ein Ereignis riesengro ist und eine Idee einschliet --
dann entfaltet es sich bei ihm mit all seinen geheimsten Nebenwirkungen;
aber wenn es zu nah mit dem Leben und der Praxis in Berhrung kommt,
dann mangelt es ihm am bestimmten Kolorit. Wenn er sich herablt,
einzelne Persnlichkeiten oder die Lenker der Geschichte zu schildern,
dann erscheinen sie bei ihm lange nicht so deutlich wie die allgemeinen
Gruppen und sie nehmen eine zu allgemeine Physiognomie an; sie sind
entweder ganz gut oder ganz bse; alle die zahllosen Schattierungen der
Charaktere, alle Verquickung und Mannigfaltigkeit der Eigenschaften,
deren Erkenntnis nur einem Forscher zuteil wird, der die Menschen mit
Mitrauen betrachtet, alle diese Abstufungen verschwinden vllig bei
ihm. Er ist unendlich weise in der Erforschung des idealen Menschen und
der Menschheit, aber ein Kind in der Erkenntnis des wirklichen Menschen,
und dies ist nur natrlich --, da ein Weiser immer gro ist in seinen
Gedanken und unwissend in den Kleinigkeiten, die das Leben ausfllen.
Als Dichter steht er weit hher als Schlzer und Mller. Aber gerade
weil er Poet ist, so erschafft und erarbeitet er alles in seinem Innern
in seinem einsamen Arbeitszimmer; ganz ergriffen von einer hheren
Offenbarung, whlte er stets nur das Schne und Groe, weil das nun
einmal der Natur seiner erhabenen, reinen Seele entspricht. Aber das
Hohe und Schne reit sich manches Mal von dem niedren und verachteten
Leben los oder wird durch den Druck jener zahllosen und
verschiedenartigen Erscheinungen, die soviel Buntheit in das menschliche
Leben hineinbringen und deren Erkenntnis nur selten dem weltabgewandten
Weisen zufllt, hervorgerufen. Sein Stil zeichnet sich vor dem der
anderen durch Bilderreichtum und breite Pinselfhrung aus, er ist eben
Dichter und hebt sich daher deutlich von dem ewig ruhigen und
bedchtigen Mller, diesem Philosophen und Gesetzgeber, sowie von dem
fast immer schroffen und unzufriedenen kritischen Philosophen Schlzer
ab.

Mir scheint, wenn man Herders tiefe Schlsse, die bis in die fernsten
Anfnge der Menschheit reichen, mit dem schnellen, feurigen Blick
Schlzers und der erfinderischen, weltgewandten Weisheit Mllers
vereinigen knnte, dann htten wir erst einen Historiker, der da fhig
wre, eine Weltgeschichte zu schreiben. Und doch wrde ihm noch manches
dazu fehlen; es wrde ihm noch an jener dramatischen Kraft mangeln, die
wir weder bei Schlzer, noch bei Mller, noch auch bei Herder finden.
Ich verstehe unter dem Wort dramatische Kraft nicht die Kunst, die
darin besteht, einen guten Dialog zu fhren, sondern die Fhigkeit,
einem ganzen Werke jenen mitreienden Schwung und jenes dramatische
Interesse mitzuteilen, das manche von Schillers historischen Fragmenten,
besonders die Geschichte des Dreiigjhrigen Krieges, ausstrmen und das
fast jedes einfache Geschehnis auszeichnet. Doch zu allem Genannten
mchte ich noch gern das Anziehende der Erzhlergabe eines Walter Scott
und seinen starken Sinn fr alle feinen Nuancen hinzufgen. Nehmen wir
dann noch Shakespeares Talent fr die Entwicklung groer
Charaktereigenschaften in den engsten Grenzen hinzu, dann, will es mir
scheinen, htten wir einen Historiker, wie er fr eine Darstellung der
Weltgeschichte erforderlich ist. Bis dahin aber werden Mller, Schlzer
und Herder noch lange unsere groen Wegweiser bleiben. Sie haben viel,
sehr viel Licht in die Weltgeschichte gebracht. Und wenn wir heute schon
ein paar beachtenswerte geschichtliche Werke besitzen, so verdanken wir
diese ihnen allein.

                                                                 1832.


                                  III
                          Der Newsky-Prospekt

Es gibt in Petersburg nichts Schneres als den Newsky-Prospekt; fr
Petersburg wenigstens bedeutet er alles! Gibt es einen Vorzug, der
dieser Schnen unter den Straen, dieser Zierde unserer Hauptstadt,
fehlte! Ich bin berzeugt, da kein einziger von den blassen Beamten,
die ihre Einwohnerschaft bilden, den Newsky-Prospekt -- auch nicht fr
alle Herrlichkeiten der Welt -- eintauschen wrde. Sie alle
sind ganz begeistert fr den Newsky-Prospekt; nicht nur die
Fnfundzwanzigjhrigen, die prachtvolle Schnurrbrte und einen
wundervoll sitzenden Rock tragen, nein, auch jene, denen schon weie
Haare ums Kinn sprieen, und deren Kpfe glatt sind wie silberne
Schsseln. Und erst die Damen! Oh! die Damen schwrmen noch viel mehr
fr den Newsky-Prospekt. Wem kann er denn auch nicht gefallen! Sobald
man nur auf die Strae heraustritt, so erfat einen schon eine
Feiertagsstimmung. Selbst wenn man etwas sehr Wichtiges vorhat, so
vergit man sicherlich sein Geschft, sobald man den Newsky betritt.
Dies ist der einzige Ort, wo die Menschen erscheinen, nicht, weil sie
dort sein mssen, und wo sie weder die Notwendigkeit noch das
Geschftsinteresse hintreiben, die doch sonst ganz Petersburg gefangen
halten. Es kommt einem so vor, als sei der Mensch, der einem auf dem
Newsky begegnet, weniger egoistisch als der auf der Morskaja, der
Gorochowaja, Liteinji, Meschtschanskaja und den anderen Straen, wo der
Geiz, die Habsucht und Geschftigkeit auf allen Gesichtern ausgeprgt
ist, die man vorbeikommen oder in Wagen und Droschken einherjagen sieht.
Der Newsky ist der wichtigste Verkehrspunkt Petersburgs, wo alles sich
begegnet. Der Bewohner der Petersburger oder der Wiborger Seite, der
seinen Freund auf Peski oder am Moskauer Tor schon seit vielen Jahren
nicht mehr besucht hat, kann ganz sicher sein, ihn hier zu treffen. Kein
Adrebuch und keine Auskunftsstelle kann einem so zuverlssige
Nachrichten vermitteln, wie der Newsky-Prospekt. Der Newsky-Prospekt ist
allmchtig. Er bildet die einzige Zerstreuung fr das an Spaziergngen
so arme Petersburg. Wie ist sein Trottoir so rein gefegt und, o Gott!
wie viele Fe haben ihre Spuren auf ihm hinterlassen! Der plumpe,
schmutzige Stiefel des verabschiedeten Soldaten, unter dessen Wucht
scheinbar jeder Granitblock bersten mte, der kleine, an Leichtigkeit
einer Rauchwolke vergleichbare Schuh der jungen Dame, die ihr zierliches
Kpfchen nach den glnzenden Ladenfenstern hinwendet, wie die
Sonnenblume ihr Antlitz der Sonne zukehrt, und der rasselnde Sbel des
hoffnungsvollen Leutnants, der eine tiefe Furche in das Pflaster grbt
-- hier tritt alles zutage: die Gewalt der Kraft, wie die Macht der
Schwche. Welch schnelles phantastisches Spiel rollt sich im Lauf eines
einzigen Tages hier ab! Wie viele Vernderungen erlebt er im Lauf von
vierundzwanzig Stunden! Fangen wir mit dem frhen Morgen an, wenn ganz
Petersburg nach heiem, frischgebackenem Brot riecht, und von alten
Weibern in zerlumpten Kleidern und Mnteln angefllt ist, die ihre
Streifzge durch die Kirchen beginnen und die weichherzigen Fugnger
berfallen. Ein wenig spter ist der Newsky wieder ganz leer: noch
liegen die wohlgenhrten Ladenbesitzer und Kommis in ihren hollndischen
Hemden da und schlafen oder sie seifen ihre ehrwrdigen Backen ein und
trinken ihren Kaffee; vor den Tren der Zuckerbcker versammeln sich
Bettler, und der schlaftrunkene Ganymed, der gestern noch gleich einer
Fliege mit seiner Schokolade herumschwirrte, kriecht ohne Halsbinde und
mit einem Besen in der Hand hervor und wirft ihnen altgebackene Kuchen
und Brotreste zu. Auf der Strae trabt arbeitendes Volk einher, manches
Mal berschreitet ein Haufen russischer Bauern, die zur Arbeit eilen,
den Newsky; ihre Stiefel sind ganz mit Kalk beschmiert, und selbst der
Katharinenkanal, der wegen seiner Sauberkeit bekannt ist, wre nicht
imstande, sie rein zu waschen. Um diese Zeit wrde ich keiner Dame
raten, dort spazierenzugehen, da das russische Volk sich solcher
Ausdrcke zu bedienen pflegt, die sie wahrscheinlich nicht einmal im
Theater zu hren bekme. Manches Mal begegnet man auch einem schlfrigen
Beamten mit einem Portefeuille unter dem Arm, wenn ihn der Weg nach dem
Departement zufllig ber den Newsky fhrt. Man kann wohl sagen, da um
diese Zeit d. h. bis 12 Uhr der Newsky fr alle nur ein Mittel und nicht
das eigentliche Ziel ist; er fllt sich allmhlich mit Leuten, die sich
durchaus nicht um ihn kmmern und nur an ihre Beschftigung, ihre Sorgen
und ihren Verdru denken. Ein russischer Bauer lt sich ber ein
Zehnkopekenstck oder gar ber eine Kupfermnze im Werte von sieben
Kopeken aus, Mnner und alte Weiber gestikulieren mit den Hnden oder
halten Selbstgesprche, wobei sie mitunter recht bezeichnende Gesten
machen, aber niemand hrt auf sie oder lacht ber sie, abgesehen etwa
von ein Paar Jungen in buntgestreiften Kitteln mit leeren Flaschen oder
neuen Stiefeln in den Hnden, die wie ein Blitz auf dem Newsky hin und
her schwirren. Um diese Zeit wird niemand darauf achten, wie Sie
angezogen sind, selbst wenn Sie statt eines Hutes eine Mtze auf dem
Kopfe htten oder wenn Ihr Kragen aus ihrer Halsbinde hervorkrche.

Um 12 Uhr machen die Gouverneure und Erzieher aller Nationalitten mit
ihren Zglingen, die Batistkragen tragen, ihren obligaten Spaziergang.
Die englischen Johns und die franzsischen Hhne gehen Arm in Arm mit
den ihrer vterlichen Obhut anvertrauten Zglingen auf und ab und
erklren ihnen voller Anstand und Wrde, die Schilder seien deshalb ber
den Kauflden angebracht, damit man von ihnen ablesen knne, was in
einem jeden Laden zu haben sei. Zahlreiche Gouvernanten, blasse Misses
und rosige Mademoiselles gehen wichtig hinter leichtfigen, koketten
Fruleins einher und schrfen ihnen ein, die linke Schulter hher zu
ziehen und sich einer besseren Haltung zu befleiigen, kurz gesagt: um
diese Zeit trgt der Newsky-Prospekt einen pdagogischen Charakter.

Doch je mehr der Zeiger gegen 2 Uhr vorrckt, um so mehr verringert sich
die Zahl der Pdagogen, Gouvernanten und Kinder und schlielich werden
sie ganz von ihren zrtlichen Vtern verdrngt, die ihre
buntgekleideten, nervenschwachen Gefhrtinnen am Arme fhren. Allmhlich
gesellen sich auch noch die zu ihnen, die ihre so wichtigen huslichen
Angelegenheiten erledigt haben: sie muten mit ihrem Arzt ber das
Wetter sprechen, ihm einen kleinen Pickel zeigen, der sich auf der Nase
gebildet hatte, muten sich nach dem Befinden ihrer Kinder und Pferde
erkundigen, welch erstere brigens eine groe Begabung an den Tag
legten; dann muten sie einen Theaterzettel und einen wichtigen
Zeitungsartikel ber die neu angekommenen und abgereisten Personen lesen
und endlich muten sie noch ihren Kaffee trinken; ferner gesellen sich
auch noch die zu ihnen, denen ein beneidenswertes Schicksal den
segensreichen Beruf eines Beamten fr besondere Auftrge bescherte; auch
die schlieen sich ihnen an, die in den auslndischen mtern dienen und
sich durch die Vornehmheit ihrer Beschftigung und ihrer Manieren
auszeichnen. Mein Gott! was gibt es doch fr herrliche mter und Berufe,
wie erheben und erquicken sie unser Herz! Aber ach! ich selbst stehe
nicht im Staatsdienst und habe nicht das Vergngen, die feinen
Umgangsformen eines Vorgesetzten an mir zu erproben. Alles, was man auf
dem Newsky sieht, strotzt frmlich von Wrde und Wohlanstndigkeit; die
Herren in ihren langen Rcken mit den Hnden in den Taschen und die
Damen in ihren rosa, weien oder hellblauen Atlasjacken und ihren
koketten Htchen! hier kann man ganz ungewhnlichen Backenbrten
begegnen, die mit einer besonderen, geradezu staunenerregenden
Geschicklichkeit hinter die Halsbinde gesteckt sind[5], herrlichen
sammetweichen Backenbrten, die wie Atlas glnzen, und schwarz sind wie
der feinste Zobel oder ein Stck Kohle; aber ach! leider gehren diese
immer nur Auslndern an. Denen, die in den andern Departements dienen,
hat die Vorsehung die schwarzen Brte versagt, und sie mssen zu ihrem
groen Leidwesen rote tragen. Ferner trifft man hier so herrliche
Schnurrbrte, da keine Feder und kein Pinsel imstande wren, sie
abzuschildern; Schnurrbrte, deren Pflege weitaus die grere Hlfte des
Lebens gewidmet wird, die der Gegenstand einer dauernden Sorge bei Nacht
und bei Tage sind; Schnurrbrte, die mit den herrlichsten Parfms und
Dften getrnkt und mit den kostbarsten und seltensten Pomaden
bestrichen sind; die des Nachts in das feinste Velinpapier gewickelt
werden, die sich der rhrendsten Anhnglichkeit ihrer Besitzer erfreuen
und die den Neid aller Vorbergehenden erwecken. Hier wird jedermann
geblendet durch die tausend verschiedenen Arten von Hten, Kleidern und
durch all die bunten und leichten Tcher, denen ihre Besitzerinnen
hufig ganze zwei Tage lang die Treue bewahren. Es ist, als htte sich
ein ganzes Meer von Faltern von den zarten Blumenblten erhoben und
schwebe nun als leuchtende Wolke ber den schwarzen Kfern, die durch
das mnnliche Geschlecht reprsentiert werden. Hier begegnet man solchen
Taillen, wie man sie nicht einmal im Traum zu sehen bekommt: feinen,
schmalen Taillen, nicht dicker wie ein Flaschenhals, so da man bei
einer Begegnung mit ihren Besitzerinnen ehrerbietig zur Seite tritt, um
nur nicht in unvorsichtiger Weise mit seinen unhflichen Ellbogen gegen
sie anzustoen; es bermannt einen eine Schchternheit und eine wahre
Angst, da man am Ende gar durch einen unvorsichtigen Atemzug dieses
herrliche Gebilde der Natur und der Kunst zerstren knnte. Und was fr
Frauenrmel man auf dem Newsky antrifft! Nein, welch eine Pracht! Sie
haben eine gewisse hnlichkeit mit zwei Luftballons, da man meint, die
Dame mte sich pltzlich in den ther emporschwingen, wenn der Herr sie
nicht festhielte; denn es ist ebenso angenehm und leicht, eine Dame in
die Hhe zu heben, wie ein volles Champagnerglas an die Lippen zu
setzen. Nirgends begrt man sich so wrdevoll und so ungezwungen wie
auf dem Newsky-Prospekt. Hier kann man einem Lcheln begegnen, einem
Lcheln, das einzig in seiner Art und ber alle Kunst erhaben ist; man
mchte mitunter dahinschmelzen vor Vergngen ber solch ein Lcheln;
aber es gibt auch ein Lcheln, vor dem man ganz klein wird und
zusammenknickt wie ein Grashalm, so da man das Haupt senkt, und dann
gibt es wieder eines, bei dem man sich hher fhlt als der
Admiralittsturm, und das uns wieder hoch emporhebt. Hier hrt man mit
auergewhnlichem Anstand und einem hohen Gefhl der eigenen Wrde von
Konzerten und vom Wetter reden. Hier begegnet man einer Unzahl
unergrndlicher Charaktere und Erscheinungen. Gott im Himmel! was fr
sonderbaren Charakteren begegnet man nicht auf dem Newsky! Es gibt eine
Menge von Menschen, die uns bei einer Begegnung stets auf die Fe
sehen, und wenn wir vorbergegangen sind, sich umkehren und unsere
Fracksche betrachten. Ich kann bis jetzt nicht begreifen, was das zu
bedeuten hat. Anfnglich meinte ich, es seien Schuhmacher, aber keine
Spur davon! Gewhnlich dienen sie in irgendeinem Departement, und viele
von ihnen schreiben ausgezeichnete Berichte, die von einer Behrde an
die andere gesandt werden, oder es sind Leute, die sich mit
Spazierengehen oder in verschiedenen Konditoreien mit dem Lesen von
Journalen beschftigen, mit einem Wort, es sind meist sehr achtbare
Menschen. Um diese gesegnete Zeit zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags
knnte man den Newsky-Prospekt die auf und ab wogende Hauptstadt nennen.
Dann gleicht er einer Ausstellung der allerschnsten Erzeugnisse der
Menschheit. Der eine lt seinen feinen Rock mit dem schnsten
Biberkragen sehen, ein anderer eine wundervolle griechische Nase, ein
dritter einen herrlichen Backenbart, eine vierte ein Paar wunderbare
Augen und ein reizendes Htchen, ein fnfter einen Ring mit einem
Talisman, den er am wohlgepflegten Daumen trgt, eine sechste einen Fu
in einem entzckenden Stiefelchen, ein siebenter eine staunenerregende
Halsbinde, ein achter einen verblffenden Schnurrbart, ... aber die Uhr
schlgt drei -- die Menschen verlaufen sich, und die Ausstellung
verdet.

[Funote 5: Zur Zeit Nikolaus I. waren die Brte verboten.]

Um 3 Uhr findet ein neuer Dekorationswechsel statt! Auf dem Newsky wird
es pltzlich Frhling! er fllt sich ganz mit Beamten in grnen
Amtsfrcken. Hungrige Titulr-, Hof- und andre Rte suchen aus allen
Krften ihre Schritte zu beschleunigen. Junge Kollegienregistratoren,
Gouvernements- und Kollegiensekretre beeilen sich noch schnell, ihre
freie Zeit auszunutzen und sich auf dem Newsky zu zeigen, und kommen mit
einem Anstand einhergegangen, als htten sie bei Leibe keine
sechs Stunden im Bureau gesessen. Dagegen kommen die _alten_
Kollegiensekretre, Titulr- und Hofrte schnell und mit gesenktem Kopfe
vorbeigeschritten, sie haben keine Zeit, sich die Spaziergnger
anzuschauen und haben sich noch nicht vllig von ihren Sorgen
losgerissen; in ihren Kpfen summt und brummt es, da steckt ein ganzes
Archiv von angefangenen und noch nicht abgeschlossenen Arbeiten, und
statt der Kauflden sehen sie nichts wie Konvolute von Akten und das
runde Gesicht ihres Bureauchefs.

Von 4 Uhr an ist der Newsky leer, dann trifft man dort kaum noch einen
Beamten. Hchstens eine Nherin, die mit einem Karton in der Hand ber
die Strae luft oder das arme Opfer eines menschenfreundlichen
Tischvorstehers in einem Friesmantel, einen zugereisten Sonderling, dem
alle Stunden des Tages gleich viel bedeuten, eine lange, steife
Englnderin mit einem Pompadour und einem Buch in der Hand, einen
Bureaudiener, einen Russen mit einem drftigen Bart, in einem
baumwollenen Rock, dessen Taille beinahe oben am Halse sitzt, einen
Menschen, dem man sofort die ganze Haltlosigkeit seiner Existenz
ansieht, und bei dem sich alles bewegt, der Rcken, die Hnde, die Fe
und der Kopf, wenn er behutsam auf dem Trottoir einhergeht; oder man
begegnet etwa noch einem kleinen Handelsmann -- sonst trifft man um
diese Zeit niemand auf dem Newsky-Prospekt.

Sobald sich jedoch die Dmmerung auf die Huser und Straen hinabsenkt
und ein in eine Bastmatte gewickelter Nachtwchter langsam die Leiter
besteigt, um die Laternen anzuznden, sobald aus den niedrigen Fenstern
der Kauflden die Kupferstiche hervorgucken, die sich im Laufe des Tages
nicht sehen lassen durften, dann belebt der Newsky sich wieder, dann
kommt wieder Leben und Bewegung in ihn. Jetzt bricht jene geheimnisvolle
Zeit an, wo die Lampen allen Dingen einen so verlockenden, wunderbaren
Schimmer verleihen. Um diese Zeit begegnet man vielen jungen Leuten,
meistenteils Hagestolzen in warmen Rcken und Mnteln. Um diese Zeit
fhlt man, da dieses alles einen Zweck, ein Ziel oder besser gesagt
etwas hnliches wie ein Ziel bekommt, etwas ganz Besonderes und
Unbestimmtes; jetzt beschleunigen alle ihre Schritte und bleiben dann
wieder stehn, es kommt etwas Ungleichmiges, Unruhiges in ihre
Bewegungen. Lange Schatten huschen ber die Mauern und ber das Pflaster
hin und reichen mit ihren Kpfen fast bis zur Polizeibrcke. Junge
Kollegienregistratoren, Gouvernements- und Kollegiensekretre
promenieren lange hin und her, whrend die alten Kollegienregistratoren,
Titulr- und Hofrte grtenteils zu Hause sitzen, entweder weil sie
verheiratet sind oder weil ihre deutschen Kchinnen so gut kochen. Jetzt
trifft man wieder die alten, ehrwrdigen Herren, die mit so viel Wrde
und einem erstaunlichen Anstand um 2 Uhr auf dem Newsky spazierengingen.
Allein, jetzt sieht man sie ebenso laufen wie die jungen
Kollegienregistratoren, um einer von Ferne herannahenden Dame unter den
Hut zu gucken. Die vollen, mit dicker roter Schminke bedeckten Lippen
und Wangen gefallen nmlich vielen Spaziergngern, hauptschlich jedoch
den Handlungskommis, den Bureaudienern und den Kaufleuten, die lange
deutsche Rcke tragen und Arm in Arm scharenweise daherkommen.

Halt! rief um diese Zeit der Leutnant Piragow und hielt einen
befrackten und in einen Mantel gehllten jungen Mann, der neben ihm
daherging, am Arme fest, hast du gesehn?

Gewi habe ich sie gesehn: eine echt peruginische Bianka!

Ja, von welcher sprichst du eigentlich?

Von ihr, von der da mit den dunklen Haaren; was fr Augen, Gott! was
fr Augen! diese Figur, diese Zge, dies Oval des Gesichts -- ein wahres
Wunder!

Ach was, ich spreche von der Blonden, die hinter ihr nach jener Seite
ging. Nun, warum gehst du denn der Brnetten nicht nach, wenn sie dir so
gefllt?

Ich bitte dich, wo denkst du hin! rief tief errtend der junge Mann im
Frack. Als ob sie zu denen gehrt, die des Abends auf dem Newsky
herumspazieren; das ist gewi eine feine Dame -- fuhr er seufzend fort
-- ihr Mantel allein kostet sicherlich 80 Rubel.

Du Grnschnabel! rief Piragow und stie ihn mit Gewalt nach jener
Richtung, wo ihr leuchtender Mantel wehte. Geh, Einfaltspinsel, sonst
entwischt sie dir! ich gehe der Blonden nach! Und beide Freunde
trennten sich.

Wir kennen euch! dachte Piragow mit einem selbstzufriedenen und
selbstbewuten Lcheln; er war davon berzeugt, da es keine Schne gab,
die ihm widerstehen knnte.

Der junge Mann im Frack und im Mantel ging schchtern und ngstlichen
Schritts nach jener Seite, wo fern von ihm der bunte Mantel flatterte;
wenn das Licht der Laterne auf ihn fiel, so leuchteten seine Farben
grell auf, um dann wieder fern im Dunkel zu verschwinden. Das Herz des
jungen Mannes schlug heftig, und er beschleunigte unwillkrlich seine
Schritte. Er wagte gar nicht daran zu denken, da er die Aufmerksamkeit
der sich entfernenden Schnen auf sich ziehen knnte, und noch viel
weniger konnte er einen so schwarzen Gedanken zulassen, wie Piragow ihn
angedeutet hatte; aber er wollte gern das Haus sehen und sich die
Wohnung dieses herrlichen Geschpfs merken, das direkt vom Himmel auf
den Newsky herabgeflogen zu sein schien und wahrscheinlich wieder, Gott
wei wohin, entschwinden wrde; und er rannte so schnell vorwrts, da
er in einem fort allerhand solide Herren mit ergrauten Backenbrten vom
Trottoir herunterstie.

Dieser junge Mann gehrte einer Klasse von Menschen an, die bei uns eine
recht merkwrdige Erscheinung bilden und ebensowenig unter die Einwohner
Petersburgs gehren wie unsere Traumbilder in die reale Welt. Man
begegnet diesem auerordentlichen Typus nur ganz selten in einer Stadt,
wo fast alle Bewohner Beamte, Kaufleute oder deutsche Handwerker sind.
Das war ein Knstler! Nicht wahr, das ist doch eine merkwrdige
Erscheinung? Ein Petersburger Knstler! Ein Knstler im Lande des
Schnees! im Lande der Finnen, wo alles na, eben, glatt, bla, grau und
neblig ist! Diese Knstler haben durchaus keine hnlichkeit mit den
italienischen Knstlern, die stolz und leidenschaftlich sind wie das
italienische Land und der italienische Himmel, im Gegenteil, die
Petersburger Knstler sind meistens ein braves, schlichtes Vlkchen, sie
sind schchtern und sorglos, lieben im stillen ihre Kunst, trinken im
kleinen Stbchen ihren Tee mit zwei guten Kameraden, reden bescheiden
von ihrem Lieblingsthema und trumen nicht einmal von Luxus oder
berflu. Stets laden sie irgendein altes Bettelweib zu sich ein und
lassen es sechs Stunden bei sich sitzen, um ihr jmmerliches, stumpfes
Gesicht auf die Leinwand zu werfen. Sie malen die Perspektive ihres
Zimmers, in dem sich allerhand malerischer Plunder herumtreibt:
Gipshnde und -fe, die mit der Zeit durch den Staub eine kaffeebraune
Farbe angenommen haben, zerbrochene Staffeleien, eine hingeworfene
Palette, ein Freund, der Guitarre spielt, Wnde, die mit Farbenklecksen
beschmiert sind, oder ein offenes Fenster, durch das man in der Ferne
die blasse Newa und ein paar arme Fischer in roten Hemden sieht. Die
Arbeiten dieser Knstler haben fast immer ein graues, trbes Kolorit --
diesen unauslschlichen Stempel des Nordens. Trotz alledem sind sie
stets mit wahrhaftem Genu bei der Arbeit. Hufig lebt in ihnen ein
echtes Talent, und wenn nur die frische Luft Italiens sie umwehte, so
wrde es sich sicherlich ebenso frei, ungehemmt und herrlich entwickeln,
wie eine Pflanze, die man aus dem Zimmer in die frische, reine Luft
trgt. Diese Knstler sind sehr schchtern; ein Stern oder eine dicke
Epaulette bringen sie schon in solch eine Verwirrung, da sie sofort mit
dem Preis fr ihre Werke herabgehen. Manches Mal lieben sie es, sich zu
putzen und schn zu machen, aber ihre Eleganz wirkt immer herausfordernd
und macht den Eindruck eines Flickens auf einem alten Kleidungsstck.
Zuweilen sieht man sie in einem ausgezeichneten Frack und einem
schmutzigen Mantel oder in einer teuren Sammtweste und einem ganz
befleckten Rock daherkommen. Dann erinnern sie an eine ihrer
unvollendeten Landschaften, auf der man hufig eine auf dem Kopf
stehende Nymphe entdecken kann, da der Knstler die Landschaft einfach
auf eine schon bemalte Leinwand, ein altes Bild, das er einstmals mit
Begeisterung begonnen, hingemalt hat, weil er gerade keine andere
Leinwand zur Verfgung hatte. Solch ein Knstler sieht niemand gerade
ins Auge; wenn er einen ansieht, so ist sein Blick trbe und unbestimmt;
er durchbohrt Euch nicht mit dem Habichtauge des Forschers oder mit dem
Falkenblick eines Kavallerieleutnants. Dies kommt daher, weil er stets
Ihre Zge und zugleich die irgendeines Herkules aus Gips beobachtet, der
bei ihm im Zimmer steht, oder weil ihm das Bild vorschwebt, das er
demnchst malen will. Daher gibt er Euch auch oft falsche und
unzusammenhngende Antworten, und die Gedanken, die in seinem Hirn
durcheinanderschwirren, vergrern noch seine Schchternheit.

Zu dieser Art von Leuten gehrte auch der oben erwhnte junge Mann --
der Knstler Piskarjow; er war sehr schchtern und bescheiden, aber in
seiner Seele lebte doch ein Funke von Gefhl, der im gegebenen Moment
zur Flamme werden konnte. Mit einem geheimen Bangen eilte er dem
Gegenstande seiner Bewunderung nach, der einen so tiefen Eindruck auf
ihn gemacht hatte, und er schien sich selbst ber seine Dreistigkeit zu
wundern. Die Unbekannte, die seine Augen, seine Gefhle und seine
Gedanken so ganz gefangengenommen hatte, wendete pltzlich ihr Kpfchen
und sah ihn an! Gott! welch gttliche Zge! Die herrliche, blendend
weie Stirn war von wundervollen Haaren eingerahmt, die schwarz waren
wie Achat; sie kruselten sich in prachtvollen Locken, ein Teil fiel
unter dem Hut hervor und berhrte die von der abendlichen Klte leicht
getteten Wangen. Um ihre fest geschlossenen Lippen spielte ein Schwarm
von entzckenden Trumen. Alles, was uns von den Erinnerungen unserer
Kindheit brigbleibt -- alles, was beim Schein des Lmpchens vor dem
Heiligenbilde unsere Schwrmerei und stille Begeisterung weckt -- alles
dies schien sich auf diesen Lippen voll wundersamer Harmonie zu
vereinigen, ineinanderzuflieen und widerzuspiegeln. Sie sah Piskarjow
an, und sein Herz erzitterte bei diesem Blick, sie sah ihn voller
Strenge an, und ein Gefhl der Emprung ber diese freche Verfolgung
sprach aus ihren Zgen; aber auf diesem herrlichen Antlitz hatte selbst
der Zorn etwas Bezauberndes. Von Scham und Schchternheit bermannt,
blieb er stehen und schlug die Augen nieder; aber wie konnte er nur
diese Gottheit aus den Augen verlieren, ohne das Heiligtum kennen
gelernt zu haben, in dem sie sich niedergelassen hatte. Solche Gedanken
schossen unserem jungen Schwrmer durch den Kopf, als er sich entschlo,
ihr zu folgen. Damit dies jedoch nicht bemerkt wrde, folgte er ihr aus
weiter Ferne, blickte sich sorglos nach allen Seiten um und sah sich die
Schilder an den Husern an, lie aber dabei die Unbekannte keinen Moment
aus den Augen. Die Zahl der Spaziergnger wurde geringer, und auf der
Strae wurde es stiller, da sah sich die Schne um, und es schien ihm,
als krusele ein leichtes Lcheln ihre Lippen. Ein Zittern lief ihm
durch alle Glieder: er wollte seinen Augen nicht trauen. Nein, es war
wohl nur die Laterne, die ihm mit ihrem trgerischen Licht dies Lcheln
vorgegaukelt hatte. Allein, der Atem stockte in seiner Brust, alles in
ihm erzitterte, alle seine Sinne erglhten, und ein seltsamer Nebel
hllte alles vor ihm ein. Das Trottoir bewegte sich unter seinen Fen,
die Wagen und die vorberjagenden Pferde schienen stillzustehn, die
Brcke dehnte sich immer mehr in die Lnge und barst ber ihrem Bogen
auseinander, die Huser standen auf dem Kopfe, ein Wchterhuschen
strzte auf ihn zu, und die Hellebarde des Wchters, die goldenen
Buchstaben der Schilder mit der darauf gemalten Schere: alles leuchtete
und blitzte unmittelbar vor seinen Augenwimpern auf. Und dies alles
hatte der einzige Blick, die eine Wendung des schnen Kpfchens
hervorgerufen. Taub, blind und gedankenlos folgte er den zarten Spuren
der niedlichen Fchen und versuchte die Hast seiner Schritte, die nach
dem Takt seines Herzschlages dahinstrmten, zu migen. Manches Mal
packte ihn der Zweifel: war wirklich der Ausdruck ihres Gesichtes so
freundlich gewesen? -- und er blieb einen Augenblick stehn, aber das
Pochen seines Herzens, eine unberwindliche Gewalt, die Erregung all
seiner Sinne trieb ihn immer wieder vorwrts. Er merkte gar nicht, wie
sich auf einmal ein vierstckiges Haus vor ihm erhob, das mit seinen
vier erleuchteten Fensterreihen auf ihn herabsah, und wie er pltzlich
gegen das eiserne Gelnder vor der Einfahrt stie. Er sah, wie die
Unbekannte die Treppe hinaufflog; dann aber drehte sie sich um, legte
den Finger auf die Lippen und gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Seine
Knie zitterten ihm, seine Gefhle und Gedanken glhten, ein wunderbares
Glcksgefhl traf wie ein Blitz mit schneidender Schrfe sein Herz.
Nein, das war _doch_ kein Traum! Gott! so viel Glck in einem einzigen
Augenblick! welch herrliches Leben in diesen kurzen zwei Minuten.

Aber war es auch wirklich kein Traum? War sie, fr deren himmlischen
Blick er bereit war, sein ganzes Leben zu opfern, deren Wohnsttte nahe
zu sein, er schon fr ein unaussprechliches Glck hielt -- war sie denn
wirklich jetzt eben so freundlich und so aufmerksam gegen ihn gewesen?
Er flog die Treppen hinauf. Er war keines irdischen Gedankens fhig, und
keine irdische Leidenschaft loderte mehr in ihm. Nein, in diesem
Augenblick war er rein und makellos wie ein reiner, keuscher Jngling,
den nur ein unbestimmtes, geistiges Liebesbedrfnis erfllte. Und was in
einem lasterhaften Menschen khne und hliche Wnsche geweckt htte,
das luterte _seine_ Gefhle nur noch mehr. Das Vertrauen, das ihm das
herrliche schwache Geschpf entgegenbrachte, dies Vertrauen
verpflichtete ihn zu dem Gelbde, mit ritterlicher Strenge und
sklavischer Unterwerfung all ihre Befehle zu erfllen. Er wnschte nur,
da die Aufgaben, die sie ihm stellen wrde, so schwer als mglich, ja,
geradezu unausfhrbar wren, damit er mit voller Anspannung aller seiner
Krfte hinfliegen knnte, sie zu berwinden. Er zweifelte nicht daran,
da irgendein geheimnisvolles und wichtiges Ereignis die Unbekannte
bewogen htte, sich ihm anzuvertrauen, da sicherlich bedeutende
Dienstleistungen von ihm gefordert werden wrden, und er fhlte schon
die Kraft und die Entschlossenheit in sich, die ihn zu allem fhig
machte.

Die Treppe wand sich immer mehr hinauf, und mit ihr drehten sich seine
Trume und Gedanken im Kreise herum. Steigen Sie vorsichtiger hinauf,
erklang eine Stimme gleich einer Harfe und lie all seine Sinne von
neuem erbeben. Auf dem dunklen Treppenabsatz des vierten Stockwerkes
klopfte die Unbekannte an die Tr; sie ffnete sich, und sie traten
zusammen ein. Eine hbsche Frau kam ihnen mit einem Licht entgegen;
allein, sie sah Piskarjow so eigentmlich und frech an, da er
unwillkrlich die Augen senkte. Sie traten ins Zimmer. Er erblickte in
drei verschiedenen Ecken drei weibliche Figuren. Die eine legte Karten,
die zweite sa vor einem Klavier und spielte mit zwei Fingern etwas wie
eine elende Melodie einer altmodischen Polonse, die dritte sa vor dem
Spiegel und kmmte ihr langes Haar mit einem Kamm, und es fiel ihr nicht
ein, beim Eintritt des Fremden ihre Beschftigung zu unterbrechen.
berall herrschte eine peinliche Unordnung, wie man sie sonst nur im
Zimmer eines sorglosen Hagestolzen antrifft. Die noch ziemlich gut
erhaltenen Mbel waren mit Staub bedeckt, ein Spinngewebe berzog die
Stuckarbeit des Gesimses, durch die halbgeffnete Tr des benachbarten
Zimmers sah man einen mit einem Sporn versehenen Stiefel und den roten
Aufschlag eines Uniformrockes, und den Eintretenden drang ganz ungeniert
eine laute mnnliche Stimme und das Gelchter einer Frau entgegen.

Mein Gott, wo war er hineingeraten! Anfangs traute er kaum seinen Augen
und fing an, sich die Gegenstnde im Zimmer genauer anzusehen; aber die
nackten Wnde, die Fenster, die durch kleine Vorhnge verhngt waren,
deuteten durchaus nicht auf die Gegenwart einer sorgsamen Hausfrau; die
schlaffen gealterten Zge dieser elenden Geschpfe, von denen das eine
sich gerade vor seine Nase hingesetzt hatte und ihn ebenso ruhig
betrachtete, wie einen Fleck auf einem fremden Kleide, alles berzeugte
ihn davon, da er in eins jener hlichen Asyle geraten sei, wo das
gemeine Laster, das von einer falschen berkultur und der groen
bervlkerung der Hauptstadt erzeugt wird, sich eine Wohnsttte
gegrndet hatte -- eins jener Asyle, wo der Mensch alles Reine und
Heilige, das unser Leben verschnt, schndet und erstickt, wo das Weib,
dies schnste Wunderwerk dieser Welt, die Krone der Schpfung, sich in
ein merkwrdiges, zweideutiges Wesen verwandelt hat, wo es mit dem
Verlust seiner Seelenreinheit auch alle Weiblichkeit verliert, sich in
widerwrtiger Weise die Manieren und das freche Wesen der Mnner
aneignet, und wo es aufhrt, das herrliche, schwache Geschpf zu sein,
das sich seiner ganzen Natur nach so sehr von uns unterscheidet.
Piskarjow ma sie vom Kopf bis zu den Fen mit seinen Blicken, als
wolle er sich noch einmal davon berzeugen, ob sie auch wirklich
dasselbe Wesen sei, das ihn auf dem Newsky so bestrickt und so weit mit
sich fortgefhrt hatte. Aber auch jetzt war sie, wie sie da vor ihm
stand, noch immer so schn wie vorhin; ihr Haar war noch ebenso
herrlich, und ihre Augen erschienen ihm noch immer wahrhaft gttlich.
Sie war jung und frisch, kaum 17 Jahre alt -- man sah es ihr an, da das
furchtbare Laster sie erst vor kurzem ergriffen hatte! Es hatte sich
noch nicht an ihre Wangen herangewagt, sie waren noch frisch, zart und
rosig; mit einem Wort, sie war wunderbar schn.

Ganz in ihren Anblick versunken stand er da, und schon wollte er sich in
seiner schlichten Weise, wie frher seinen Trumereien hingeben. Aber
dieses lange Schweigen langweilte die Schne; sie lchelte
bedeutungsvoll und sah ihm gerade in die Augen. Allein dieses Lcheln
hatte etwas Gemeines und Freches, war so sonderbar und pate so schlecht
zu ihrem Gesichte, wie etwa der Ausdruck der Frmmigkeit zu der Fratze
eines bestechlichen Beamten oder ein Kontobuch zu einem Poeten.
Piskarjow erbebte. Sie ffnete ihre reizenden Lippen und fing an zu
reden, aber was sie sagte, war alles so dumm und abgeschmackt ... wie
wenn zugleich mit der Tugend auch der Verstand den Menschen verliee! Er
wollte nichts mehr hren ... und machte einen furchtbar komischen und
einfltigen Eindruck wie ein Kind! Statt ihr Entgegenkommen auszunutzen,
statt sich ber solch einen Zufall zu freuen -- ber den sich jeder
andere an seiner Stelle ohne Zweifel gefreut htte -- strmte er, so
schnell ihn seine Fe trugen, wie ein Reh auf die Strae.

Gesenkten Hauptes und die Hnde in den Scho gelegt, sa er in seinem
Zimmer wie ein armer Bettler, der am Meeresufer eine kostbare Perle
gefunden hat und sie wieder ins Wasser fallen lie. So eine Schnheit!
Solch gttliche Zge! Doch wo mute ich sie finden? an welchem Ort! ...
das war alles, was er sagen konnte.

Wahrlich, nie werden wir mchtiger vom Mitleid erfat, als beim Anblick
der Schnheit, die der verderbliche Odem des Lasters gestreift hat. Ja,
wenn sich noch das Hliche mit ihm verbnde, aber die Schnheit, die
zarte Schnheit! ... Nur mit der Tugend und mit der Reinheit vereint sie
sich in unseren Gedanken. Das schne Mdchen, das den armen Piskarjow so
bestrickt hatte, war wirklich eine wundersame und ungewhnliche
Erscheinung. Aber ihre Anwesenheit in diesem verchtlichen Kreise
erschien um so unerklrlicher. Ihre Zge waren so herrlich geformt, der
Ausdruck des schnen Gesichts war so edel, da man durchaus nicht
glauben konnte, das Laster habe schon seine Krallen in sie
hineingeschlagen. Fr einen leidenschaftlichen Gatten wre sie eine
Perle, fr die kein Preis zu hoch, seine ganze Welt, sein Paradies, sein
ganzer Reichtum gewesen; in einem bescheidenen Familienkreise htte sie
wie ein herrlicher, stiller Stern geleuchtet und mit einer Bewegung
ihres wunderschnen Mundes ihre sen Befehle erteilt. In einem von
Menschen erfllten Saale auf blankem Parkett, bei Kerzenglanz wre sie
eine Gottheit gewesen; eine Schar von Verehrern htte in wortloser
Anbetung zu ihren Fen gelegen. Aber ach, der furchtbare, teuflische
Wille des bsen Geistes, der darnach lechzt, die Harmonie dieses Lebens
zu zerstren, hatte sie mit Hohngelchter in diesen schrecklichen
Abgrund gestrzt.

Vllig hingenommen von herzzerreiendem Mitleid, sa Piskarjow vor der
zusammengeschmolzenen Kerze. Die Mitternacht war lngst vorber, die
Turmuhr schlug halb eins, aber er sa noch immer unbeweglich, schlaflos
und gedankenlos vor sich hindmmernd da. Schon wollte der Schlummer
seine Unbeweglichkeit bentzend, ihn leise berwltigen, das Zimmer fing
an, vor seinen Blicken zu versinken, und der Kerzenschimmer blinkte noch
leise durch die ihn gefangen haltenden Trume, als pltzlich ein
Klopfen, das an der Tre ertnte, ihn aufschreckte und wieder
ermunterte. Die Tr ffnete sich, und ein Diener in einer eleganten
Livree trat ein. Noch nie hatte eine so reiche Livree sein einsames
Zimmer aufgesucht. Und noch dazu zu dieser ungewhnlichen Stunde ... er
begriff nichts und starrte mit ungeduldiger Neugierde auf den
eintretenden Diener.

Die Dame, sagte der Diener, sich hflich verneigend, bei der Sie die
Gte hatten, vor ein paar Stunden vorzusprechen, bittet Sie, zu ihr zu
kommen, und hat den Wagen nach Ihnen geschickt.

Piskarjow stand in sprachloser Verwundrung da, ein Wagen und ein
Livreediener! ... Nein, hier lag sicher ein Miverstndnis vor ...

Hren Sie, mein Lieber, sagte er schchtern, Sie haben sich gewi in
der Tr geirrt. Wahrscheinlich hat Ihre Herrin Sie zu einem anderen
Herrn geschickt und nicht zu mir.

Nein, mein Herr, ich irre mich nicht. Sie haben doch die Dame zu Fu
nach Hause begleitet: bis in ihr im vierten Stock gelegenes Zimmer in
der Liteinaja?

Ja, das habe ich getan.

Nun, dann kommen Sie bitte schnell mit mir, meine Herrin will Sie
durchaus sehen und bittet Sie, zu ihr ins Haus zu kommen.

Piskarjow lief die Treppe hinab. Auf dem Hofe stand wirklich ein Wagen.
Er setzte sich hinein, die Tr schlug zu, die Pflastersteine erdrhnten
unter den Rdern und Hufen der Pferde, und die erleuchteten Fassaden der
Huser mit den grellen Schildern und Laternen flogen an den
Wagenfenstern vorber. Whrend der Fahrt zerbrach sich Piskarjow den
Kopf, er wute nicht, wie er sich dies Abenteuer erklren sollte. Ein
eigenes Haus, der Wagen, der Livreediener ... dies alles stimmte
durchaus nicht zu dem Zimmer im vierten Stock, zu den staubigen Fenstern
und dem verstimmten Klavier. Der Wagen hielt vor einer hell erleuchteten
Einfahrt, und zu seinem Erstaunen erblickte Piskarjow eine Reihe
Equipagen und hell erleuchtete Fenster, er vernahm die Unterhaltung der
Kutscher, Musik usw. ... Ein vornehmer Livreediener hob ihn aus dem
Wagen und fhrte ihn ehrfurchtsvoll in ein mit Marmorsulen verziertes
Vorhaus; der goldstrotzende Portier und die umherliegenden Mntel und
Pelze, alles war von dem grellen Lichte einer Lampe erleuchtet. Eine
luftige Treppe, mit einem blitzenden Gelnder, fhrte, umfchelt von
aromatischen Dften, nach oben. Ohne recht zu wissen wie, hatte er sie
erstiegen und nun trat er in den ersten Saal, aber schon beim ersten
Schritt fuhr er erschreckt durch die vielen Menschen zurck.

Die ungewhnliche Buntheit der anwesenden Gste brachte ihn vollends in
Verwirrung; es schien ihm, da irgendein Dmon die ganze Welt in eine
Menge winziger Stcke zerbrckelt und dann diese Stcke ohne Sinn und
Verstand durcheinandergewirbelt htte. Blendende Frauenschultern,
schwarze Frcke, Kronleuchter und Lampen, duftige, fliegende
Gazeschleier, therische Bnder und ein dicker Konterba, der ber dem
Gelnder des wundervollen Chors hervorlugte, dies alles glnzte und
glitzerte vor seinen Augen. Pltzlich sah er so viele ehrwrdige Greise
und ltere Mnner mit Sternen auf den Frcken, und Damen, die so leicht,
stolz und grazis ber das Parkett schwebten oder in langen Reihen
nebeneinander saen, er hrte so viele franzsische und englische
Wrter, und die jungen Leute in den schwarzen Frcken trugen einen so
edlen Anstand zur Schau, sprachen oder schwiegen mit so viel Wrde,
verstanden es so vorzglich, nur das Allernotwendigste zu sagen,
scherzten so herablassend, lchelten so hflich, hatten solch herrliche
Backenbrte und wuten so geschickt ihre schnen Hnde zu zeigen, indem
sie ihre Halsbinde zurecht rckten; die Damen waren so duftig, so ganz
hingenommen von einer absoluten Selbstzufriedenheit und Wonne, sie
senkten so entzckend die Augen, -- da ... Aber schon das vllig
verschchterte Wesen Piskarjows, der sich ngstlich an eine Sule
drckte, lie seine vollstndige Verwirrung erkennen. Whrenddessen
hatte die Gesellschaft einen Kreis um eine tanzende Gruppe gebildet. Die
Tnzerinnen schwangen sich in durchsichtige Schpfungen der Pariser
Modekunst, in Stoffe gehllt, die ganz aus Luft gewebt schienen, im
Kreise herum; sie berhrten das Parkett nur ganz oberflchlich mit ihren
funkelnden Fchen und erschienen dadurch noch therischer, als wenn sie
es berhaupt nicht berhrt htten. Eine von ihnen war noch schner,
kostbarer und glnzender gekleidet als die andern. Ihr ganzes Kostm
zeugte von einer wundersamen Harmonie und einem erlesenen Geschmack, und
dabei hatte es den Anschein, als kmmerte sie sich gar nicht darum und
als htte sich diese Harmonie von selbst ber sie ergossen. Sie schien
die sie umgebende Schar der Zuschauer wohl zu bemerken und bemerkte sie
auch wieder nicht, die schnen, langen Wimpern waren gleichgltig
gesenkt, und ihre blendendweie Gesichtsfarbe fiel noch mehr in die
Augen, wenn bei einer leichten Senkung des Kpfchens ein schwacher
Schatten auf ihre entzckende Stirn fiel.

Piskarjow strengte alle seine Krfte an, um sich einen Weg durch die
Masse der Zuschauer zu bahnen, um sie besser sehen zu knnen, aber zu
seinem grten Verdru verdeckte ein ungeheurer Kopf mit schwarzem
Lockenhaar in einem fort die Tnzerin; dabei sah er sich bald so von der
Menge eingezwngt, da er weder vorwrts noch rckwrts zu gehen wagte,
aus Furcht, mit irgendeinem Geheimrat zusammenzustoen. Endlich jedoch
war es ihm auf irgendeine Art gelungen, sich bis nach vorne vorzudrngen
und er warf einen Blick auf seine Kleider, um sie ein wenig in Ordnung
zu bringen. Aber allmchtiger Gott: Was war das? Er hatte seinen alten
Rock an, der voller Farbenflecken war; in der Eile des Aufbruchs hatte
er es nmlich ganz vergessen, sich in einen anstndigen Anzug zu werfen.
Er wurde rot bis ber die Ohren, lie den Kopf hngen und wollte in die
Erde versinken, aber es war wirklich keine Versenkung da, in der er
htte verschwinden knnen: hinter ihm stand eine ganze Mauer von
eleganten Kammerjunkern in hochfeinen Uniformrcken. Er wnschte sich so
weit fort als nur mglich von der Schnen mit der herrlichen Stirn und
den entzckenden Wimpern. Voller Angst hob er die Augen, um zu sehen, ob
sie ihn wohl gar anblickte. O Gott, sie stand ja vor ihm! Aber was war
das? Was war das? -- Sie ist es! schrie er fast mit Aufgebot all
seiner Krfte. Es war wirklich dieselbe Schne, die er auf dem
Newsky-Prospekt getroffen und die er dann nach Hause begleitet hatte.

Unterdessen aber hatte sie die Wimpern erhoben und sah alle mit ihrem
klaren Blick an. O Gott, wie schn ist sie! ... das war alles, was er
stockenden Atems sagen konnte. Sie suchte den ganzen Kreis mit ihren
Augen ab; alle lechzten frmlich darnach, ihre Aufmerksamkeit auf sich
zu ziehen, aber sie blickte nur mit einer gewissen Ermdung und
Gleichgltigkeit wieder weg, und ihre Augen begegneten denen Piskarjows.
Welch ein Himmel! Welch ein Paradies lag in diesem Blick! Allmchtiger
Gott! Woher wollte er die Kraft nehmen, ihn zu ertragen, sein Herz
vermochte ihn nicht auszuhalten, es mute zerreien und die Seele mit
sich entfhren! Sie gab ihm ein Zeichen, aber nicht mit der Hand, noch
durch eine Neigung des Kopfes, nein -- dieses Zeichen lag in dem Blick
ihrer verfhrerischen Augen, in einem so feinen, unmerklichen Ausdruck,
da niemand ihn bemerken konnte; -- er aber bemerkte -- _er_ verstand
ihn. Der Tanz dauerte lange, die mde Musik schien ersterben und
erlschen zu wollen, aber sie raffte sich wieder auf und tnte
kreischend und laut schmetternd durch den Saal; da endlich -- war der
Tanz zu Ende! Die schne Frau setzte sich nieder, ihr Busen hob und
senkte sich unter den zarten Wolken des Gazestoffes; ihre Hand (Gott,
was war das doch fr eine wundervolle Hand!) sank auf ihre Knie, und
fiel schwer auf das durchsichtige Kleid; dem Kleide schien unter dieser
Berhrung Musik zu entstrmen, und die zarte Fliederfarbe lie das
blendende Wei der schnen Hand noch deutlicher hervortreten. Nur einmal
diese Hnde berhren -- und dann nichts mehr! Keinen anderen Wunsch mehr
-- jeder andere wre zu khn gewesen ... Er stand hinter ihrem Stuhl und
wagte es nicht, etwas zu sagen oder Atem zu holen -- Sie haben sich
wohl gelangweilt? fragte sie, ich habe mich auch gelangweilt. Ich
merke es wohl, da Sie mich hassen, fgte sie hinzu und senkte ihre
langen Wimpern.

Sie hassen? ich? .. wollte der vllig fassungslose Piskarjow ausrufen
und er htte gewi noch eine ganze Menge unzusammenhngender Worte
hervorgebracht, aber in diesem Augenblick trat ein Kammerherr mit einem
sehr schnen, gelockten Toupet hinzu und machte ein paar witzige und
angenehme Bemerkungen. Er lchelte freundlich, lie hierbei eine Reihe
schner Zhne sehen und schien mit jedem Witz einen Nagel in Piskarjows
Herz zu treiben. Zum Glck wandte sich endlich einer von den Anwesenden
mit einer Frage an den Kammerherrn.

Wie unertrglich ist das! sagte sie und hob ihre himmlischen Augen zu
ihm empor. -- Ich will mich am andern Ende des Saales hinsetzen, kommen
Sie zu mir! Sie glitt durch die Menge und entschwand seinen Blicken.
Halb wahnsinnig machte er sich zwischen den Leuten hindurch Bahn und war
gleich darauf an ihrer Seite.

Ja, das war sie! Sie sa da wie eine Knigin, schner und herrlicher
als alle andern, und suchte ihn mit den Augen.

Sie sind hier? sagte sie leise. Ich will aufrichtig gegen Sie sein:
die Art unserer Begegnung ist Ihnen gewi sonderbar erschienen. Konnten
Sie wirklich glauben, da ich zu jener verchtlichen Menschenklasse
gehre, in deren Mitte Sie mich trafen? Mein Betragen scheint Ihnen
merkwrdig, aber ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Sind Sie auch
imstande, sagte sie und sah ihm forschend in die Augen -- es nie
jemand zu verraten?

O gewi, ich schwre Ihnen ...

Aber in diesem Augenblick trat ein ltlicher Herr an sie heran, fing an,
in einer Sprache, die Piskarjow unverstndlich blieb, mit ihr zu reden,
und reichte ihr den Arm. Sie warf Piskarjow einen flehenden Blick zu und
gab ihm ein Zeichen, er solle auf seinem Platz bleiben und ihre Rckkehr
abwarten, aber in seiner Ungeduld fhlte er sich auerstande,
irgendeinen Befehl, und wre es selbst der ihrige gewesen, zu empfangen.
Er wollte ihr folgen, doch im Gedrnge wurden sie voneinander getrennt.
Er konnte das fliederfarbige Kleid nicht mehr entdecken, in hchster
Unruhe eilte er aus einem Zimmer ins andere und stie alle, die ihm
entgegenkamen, unbarmherzig zur Seite. Allein in den Zimmern saen nur
vornehme und reiche Herren beim Whist und hllten sich in ein stumpfes
Schweigen. In einem Winkel stritten ein paar ltere Leute ber die
Vorzge des Militrdienstes gegenber denen des Zivildienstes, und in
einer anderen Ecke machten einige junge Leute in eleganten Frcken
flchtige Bemerkungen ber das mehrbndige Werk eines ernsten Poeten.
Piskarjow fhlte, wie ein ltlicher Herr von ehrwrdigem ueren ihn bei
einem Knopf seiner Rocks ergriff und ihm eine sehr richtige Antwort auf
eine Bemerkung von ihm erteilte, aber er stie ihn grob von sich, ohne
zu bemerken, da der Herr einen recht hohen Orden um den Hals trug.
Piskarjow lief in ein anderes Zimmer, sie war nicht da, dann in ein
drittes -- auch da war sie nicht zu finden. Wo ist sie nur? Fhrt mich
zu ihr! Oh! ich kann nicht ohne ihren Anblick leben! ich will wissen,
was sie mir zu sagen hatte! Aber all sein Suchen war umsonst. Mde und
ngstlich drckte er sich in eine Ecke, und blickte in die Menge vor
ihm, doch seine mden Augen stellten ihm alles in unbestimmten Formen
und Konturen dar. Endlich fing er an, die Wnde seines eigenen Zimmers
zu erkennen. Er blickte auf: vor ihm stand ein Leuchter, die Kerze war
fast ganz heruntergebrannt und war im Begriff, zu verlschen, das Licht
war dahingeschmolzen, und der Talg hatte sich ber den alten Tisch
ergossen.

Er hatte also nur geschlafen. Gott, welch ein schner Traum! warum mute
er nur wieder erwachen?! warum hatte er nicht noch eine Minute warten
knnen! Gewi wre sie zurckgekommen! Das aufdringliche Morgengrauen,
das ihn mit seinem trben Lichte peinigte, blickte durchs Fenster
hinein. Das Zimmer lag grau und trbe da: berall herrschte Unordnung
... Oh, diese abscheuliche Wirklichkeit, was war sie im Vergleich mit
dem Traume? Er kleidete sich schnell aus, legte sich ins Bett und hllte
sich in die Decke ein, ganz von dem einen Wunsche erfllt, das
entflohene Traumbild wieder zurckzurufen. Der Traum zgerte auch nicht,
sich einzustellen, aber er lie ihn nicht sehen, was er sehen wollte:
bald erschien der Leutnant Piragow mit einer Pfeife im Munde, bald der
Diener aus der Akademie, bald ein Wirklicher Staatsrat, dann wieder der
Kopf einer Finnlnderin, die er einst gemalt hatte, und hnlicher
Unsinn.

Bis zum Nachmittag lag er im Bett, weil er wieder einschlafen wollte --
aber die Schne wollte nicht erscheinen. Wenn sie doch nur fr einen
Augenblick ihre wundervollen Zge vor ihm enthllt, wenn er doch nur fr
einen Augenblick ihren leichten Schritt vernommen htte, wenn ihr
entblter Arm nur fr einen Moment, wie eine schneeweie Wolke an
seinen Blicken vorbergeschwebt wre!

Er hatte alles von sich geworfen und alles vergessen und sa nun mit
einer trost- und hoffnungslosen Miene da, ganz in sein Traumgesicht
versunken. Er dachte nicht mehr daran, etwas zu unternehmen;
teilnahmslos und leblos starrten seine Augen durchs Fenster auf den Hof,
wo ein schmutziger Wassertrger Wasser ausgo, das in der Luft gefror,
und wo ein Verkufer mit meckernder Stimme seine Ware feilbot: _alte
Kleider zu verkaufen_. Alles Wirkliche und Alltgliche berhrte sein
Ohr fremd und seltsam. So sa er bis zum Abend da, dann warf er sich
leidenschaftlich ins Bett. Lange kmpfte er mit der Schlaflosigkeit,
aber endlich besiegte er sie. Wieder fing er an zu trumen, aber diesmal
war es ein fader, hlicher Traum. Gott, erbarme Dich! Oh, la mich sie
sehen, wenn auch nur fr einen Augenblick, fr einen einzigen
Augenblick! Er wartete wieder auf den Abend, schlief wieder ein und
trumte von einem Beamten, der ein Beamter und zu gleicher Zeit ein
Fagott war. Oh! das ist unertrglich! rief er da. Endlich erschien sie
ihm, ihr Kpfchen, ihre Locken ... sie sah ihn an ... aber ach, nur ganz
kurze Zeit! Wieder senkte sich ein Nebel herab, ... und abermals versank
er in einen dummen Traum.

Allmhlich bildeten seine Trume den ganzen Inhalt seines Lebens, und
von dieser Zeit ab nahm sein Leben eine merkwrdige Richtung an: man
konnte sagen, er schlief -- wenn er wach war, und er war wach -- wenn er
trumte. Wenn ihn jemand gesehen htte, wie er ganz stumm vor seinem
leeren Tisch sa, oder wie er auf der Strae einherging, er htte ihn
fr einen Nachtwandler oder einen durch Alkohol vergifteten Narren
gehalten; sein Blick war vllig ausdruckslos, seine angeborene
Zerstreutheit entwickelte sich bis ins Malose und verjagte herrisch
alle Bewegung und Empfindung aus seinem Gesicht, nur beim Anbruch der
Nacht belebten sich seine starren Zge wieder.

Dieser Zustand zerrttete seinen Organismus, aber die grte Qual brach
erst fr ihn an, als der Schlaf endlich anfing, ihn ganz zu fliehen. Vom
Wunsche verzehrt, diesen seinen einzigen Schatz zu retten, wandte er
alle Mittel an, um ihn wiederzuerlangen. Er erfuhr, da es ein Mittel
gbe, das einem den Schlaf wiederbringt, dazu brauche man nur Opium zu
nehmen. Aber wo sollte er sich dies Opium verschaffen! Piskarjow
erinnerte sich eines Persers, der Ladenbesitzer war, mit persischen
Schals handelte und ihn bei jeder Begegnung gebeten hatte, ihm doch ein
schnes Frauenbildnis zu malen. In der berzeugung, da der Perser Opium
bese, entschlo er sich, zu ihm zu gehen.

Der Perser empfing ihn, mit verschrnkten Beinen auf dem Diwan sitzend:
Wozu brauchst du Opium? fragte er ihn.

Piskarjow erzhlte ihm von seiner Schlaflosigkeit.

Gut, ich will dir Opium geben -- aber male mir ein schnes
Frauenbildnis dafr. Es mu jedoch wirklich schn sein! Sie mu schwarze
Brauen und groe Sammetaugen haben, und ich selbst will neben ihr liegen
und meine Pfeife rauchen! Hrst du, aber schn mu sie sein,
wunderschn, hrst du?

Piskarjow versprach ihm alles. Der Perser ging auf einen Augenblick
hinaus und kehrte dann mit einem Flschchen, das mit einer schwarzen
Flssigkeit angefllt war, zurck; vorsichtig go er einen Teil davon in
ein anderes Flschchen und gab es Piskarjow mit der Weisung, nicht mehr
als sieben Tropfen in Wasser zu nehmen. Piskarjow griff nach dem
kostbaren Flschchen, das er fr keinen Goldklumpen wieder hergegeben
htte und lief Hals ber Kopf nach Hause.

Kaum war er zu Hause angekommen, so go er sich einige Tropfen in ein
Glas Wasser, trank es hastig aus und warf sich auf sein Lager.

Mein Gott! welche Wonne war dies! Da war sie! Da war sie wieder, aber
jetzt erschien sie ihm in einer ganz anderen Welt. Oh, wie reizend war
das! da sa sie am Fenster eines hellen Landhuschens; ihre Kleidung war
von einer Schlichtheit, wie nur ein Poet sie ersinnen konnte. Ihre
Haartracht ... Heiliger Gott, wie einfach war sie, und doch wie
kleidsam! Der kurze Zopf fiel ihr auf ihren schlanken Nacken herab,
alles an ihr war bescheiden, geheimnisvoll und deutete auf einen
wunderbar edlen, feinen Geschmack. Wie grazis war ihr Gang, wie
harmonisch der Takt ihrer Schritte und das Rauschen ihres schlichten
Kleides! wie schn ihr Arm mit dem aus Haaren geflochtenen Armband! Mit
Trnen in den Augen sagte sie zu ihm: Verachten Sie mich nicht, ich bin
nicht das, wofr Sie mich halten! Sehen Sie mich an! Blicken Sie mich
aufmerksam an und sagen Sie dann: sollte ich denn wirklich dessen fhig
sein -- woran Sie denken? -- O nein, nein, der solches zu denken wagte
... soll ...

Er wachte gerhrt, ja erschttert, mit Trnen in den Augen auf. Es wre
besser, du existiertest berhaupt nicht, sondern wrest die Schpfung
eines begeisterten Knstlers, ich wrde nicht von der Leinwand weichen,
oh, ich wrde dich ewig anschauen und dich unaufhrlich kssen. Du
wrest mein Leben, mein ganzes Sein die herrlichste Phantasie, und ich
wre glcklich. Ich htte keinen Wunsch auer nach dir! Wie meinen
Schutzengel wrde ich dich anrufen, im Schlafe und wenn ich wach wre,
und wenn ich etwas Gttliches und Heiliges darstellen mte, so wrde
ich auf dich warten, da du mir erscheinest. Doch nun, was fr ein
entsetzliches Leben! Sie lebt -- aber was ntzt es mir! Ist denn das
Leben eines Wahnsinnigen eine Freude fr seine Angehrigen und seine
Freunde, die ihn einstmals liebten?! Mein Gott, was ist unser Leben! Ein
ewiger Streit zwischen Illusion und Wirklichkeit! -- Solche und
hnliche Gedanken beschftigten ihn unaufhrlich. Andere Interessen
hatte er nicht, er dachte an nichts und a fast gar nichts; voller
Ungeduld und mit der Leidenschaft eines Liebhabers wartete er auf den
Abend und die ersehnte Erscheinung. Diese bestndige Richtung seiner
Gedanken auf ein Ziel gewann schlielich solch eine Gewalt ber sein
ganzes Sein und seine Einbildungskraft, da das ersehnte Bild fast
tglich vor seinem inneren Auge erschien, aber immer in einer Umgebung,
die der Wirklichkeit geradezu widersprach, denn seine Gedanken waren
rein wie die Gedanken eines Kindes. Der Gegenstand seiner Liebe wurde
durch seine Trume verwandelt und veredelt.

Der Gebrauch des Opiums erhitzte seine Gedanken immer mehr; wenn es
einmal einen bis zum hchsten Grade des Wahnsinns ungestmen, qualvoll
und verzehrend Verliebten gegeben hat, so war _es_ dieser Unglckliche.

Der schnste von allen seinen Trumen war dieser: Er fand sich in seinem
Atelier wieder, war froh gestimmt und sa selig mit der Palette in der
Hand da. Auch sie war zugegen und war seine Frau. Sie sa neben ihm,
sttzte sich mit ihrem zierlichen Ellenbogen auf die Lehne seines
Stuhles und sah zu, wie er arbeitete. In ihren dunklen, mden Augen lag
eine lastende Flle des Glcks, alles im Zimmer war durchtrnkt von
Seligkeit, berall herrschte Helligkeit, Ordnung und Sauberkeit.
Himmlischer Gott! sie lehnte ihr herrliches Kpfchen an seine Brust ...
Einen schneren Traum hatte Piskarjow noch nie gehabt und er fhlte sich
frischer und weniger zerstreut als vorher. Wundersame Gedanken regten
sich in seinem Hirn: Vielleicht, so dachte er, vielleicht ist sie
durch irgendeinen unverschuldeten, schrecklichen Zufall dem Laster
verfallen, vielleicht sehnt sich ihre Seele nach Bue, vielleicht
verlangt sie selbst danach, sich aus ihrer entsetzlichen Lage zu
befreien. Darf man denn gleichgltig zusehen, wie sie zugrunde geht? wo
es sich vielleicht nur darum handelt, ihr die Hand entgegenzustrecken
und sie vor dem Ertrinken zu retten! Und seine Gedanken eilten immer
weiter: Mich kennt niemand, sagte er zu sich selbst, wer kmmert sich
um mich, und um wen brauche ich mich zu kmmern?! Wenn sie aufrichtig
bereut und ihren Lebenswandel ndert, so -- will ich sie heiraten. Ja,
ich mu sie heiraten, ich werde verstndig handeln! Wieviel Menschen
gibt es, die ihre Wirtschafterinnen und manches Mal sogar ganz
verwerfliche Geschpfe heiraten; meine Tat wird uneigenntzig und
vielleicht sogar gro sein. Ich werde der Welt eine ihrer schnsten
Zierden wiedergeben!

Whrend er solch leichtsinnige Plne schmiedete, fhlte er die Rte in
seine Wangen steigen; er trat vor den Spiegel und erschrak ber seine
eingefallenen Zge und die Blsse seines Gesichts. Diesmal kleidete er
sich sorgfltig an, wusch sich, kmmte sein Haar, warf sich in seinen
neuen Frack und zog eine feine Weste an, legte den Mantel um und ging
auf die Strae. Gierig sog er die frische Luft ein und fhlte ein
Wohlbehagen in seinem Innern wie ein Genesender, der sich nach einer
langwierigen Krankheit zum erstenmal entschlossen hat, an die Luft zu
gehn. Als er sich der Strae nherte, die er seit der verhngnisvollen
Begegnung nicht mehr betreten hatte, fing sein Herz heftiger an, zu
pochen.

Lange suchte er nach dem Hause; es schien, das Gedchtnis versagte ihm
den Dienst. Zweimal ging er die Strae auf und ab und wute nicht, wo er
stehnbleiben sollte. Endlich glaubte er das Haus gefunden zu haben.
Schnell lief er die Treppe hinauf und klopfte an die Tr: die Tr
ffnete sich, -- und wer trat ihm entgegen? Sein Ideal! sein
geheimnisvolles Traumbild, das Original seiner Phantasien -- sie, die
sein Alles, sein Leben, sein ganzes furchtbares, qualvolles und doch so
ses Leben ausmachte -- sie stand vor ihm. Er erbebte; ganz berwltigt
von der Freude, konnte er sich vor Schwche kaum auf den Fen halten.
Sie stand vor ihm, noch ebenso schn wie ehemals; obgleich ihre Augen
etwas trbe waren und eine leichte Blsse auf ihren nicht mehr ganz so
frischen Zgen lag, war sie doch immer noch wunderschn.

Oh, rief sie aus, als sie Piskarjow erblickte, und rieb sich die
Augen. Es war schon 2 Uhr nachmittag. Warum sind Sie damals
weggelaufen?

Piskarjow lie sich ganz erschpft auf einem Stuhle nieder und blickte
sie an.

Ich bin erst eben aufgewacht; man hat mich um 7 Uhr nach Hause
gebracht. Ich war ganz betrunken! fgte sie mit einem Lcheln hinzu.

Oh! wrest du doch stumm, wrest du der Sprache beraubt, statt solche
Reden zu fhren! Wie in einem Panorama, so hatte sie ihm in diesem
Augenblick ihr ganzes Leben aufgerollt. Trotz alledem aber nahm er all
seine Kraft zusammen: er wollte den Versuch machen, ob seine Ermahnungen
keinen Eindruck auf sie ausben wrden. Nachdem er sich ermannt hatte,
fing er mit zitternder Stimme an, ihr in glhenden Farben die Schrecken
ihrer Lage zu schildern. Sie hrte ihn mit Aufmerksamkeit und mit dem
Gefhl des Staunens an, wie wir es wohl beim Anblick von etwas vllig
Unerwartetem und Merkwrdigem zu uern pflegen. Mit einem kaum
merklichen Lcheln blickte sie auf ihre Freundin, die in der Ecke sa,
in ihrer Arbeit -- sie reinigte gerade einen Kamm -- innehielt und dem
neuen Propheten gleichfalls aufmerksam zuhrte.

Es ist wahr, ich bin arm! schlo Piskarjow nach einer langen und
erbaulichen Ermahnung, aber wir werden arbeiten, wir werden uns beide,
einer wie der andere, um die Wette bemhen, unsere Lage zu verbessern.
Es gibt nichts Schneres, als alles seiner eigenen Kraft zu verdanken.
Ich werde Bilder malen, du wirst mit einer Arbeit beschftigt neben mir
sitzen und mich zum Schaffen begeistern; es soll uns an nichts fehlen.

Wie wre das mglich! unterbrach sie ihn in seiner Rede mit dem
Ausdruck tiefer Verachtung. Ich bin doch keine Wscherin oder Nherin,
da ich arbeiten sollte!

Mein Gott! in diesen Worten kam die ganze Hlichkeit dieses
verchtlichen Lebens zum Ausdruck, eines Lebens voller Eitelkeit und
Miggangs, dieser treuen Gefhrten des Lasters.

Hier fiel die Freundin, die bis jetzt still in der Ecke gesessen hatte,
frech ein: Heiraten sie mich! Wenn ich verheiratet bin, werde ich immer
so dasitzen. Hierbei verzog sie ihr erbrmliches Gesicht zu einer
dummen Grimasse, und dies amsierte die Schne aufs hchste und brachte
sie zum Lachen.

Oh! das war zuviel! das war unertrglich! Er strzte hinaus, wie von
Sinnen und als ob er den Verstand verloren htte. Seine Gedanken
verwirrten sich; ohne Sinn und Ziel, blind, taub und gefhllos, so trieb
er sich den ganzen Tag ber herum. Niemand wute, ob er irgendwo
geschlafen hatte oder nicht, erst am nchsten Tage kehrte er, von einem
trichten Instinkt getrieben, in seine Wohnung zurck, er war in einem
schrecklichen Zustande, sein Gesicht war bleich, die Haare waren
verwhlt, und in seinen Zgen machten sich Anzeichen von Wahnsinn
bemerkbar. Er schlo sich in seinem Zimmer ein, lie niemand zu sich
herein und nahm nichts zu sich. Es vergingen vier Tage, ohne da sich
sein verschlossenes Zimmer auch nur einmal geffnet htte, es verging
eine Woche, und das Zimmer blieb noch immer verschlossen. Man rttelte
an der Tr, man rief nach ihm, aber es erfolgte keine Antwort; endlich
brach man die Tr auf und fand einen leblosen Krper mit einer
durchschnittenen Kehle. Das blutige Rasiermesser lag am Boden. Aus den
krampfhaft verrenkten Armen und den furchtbar verzerrten Gesichtszgen
konnte man schlieen, da seine Hand gezittert und da der Selbstmrder
sich noch lange geqult hatte, bevor seine sndige Seele sich von ihrer
Hlle befreit hatte. So starb der arme, stille, bescheidene,
schchterne, kindlich-schlichte Piskarjow, ein Opfer der wahnsinnigen
Leidenschaft: er der den Funken eines Talentes in sich getragen, das
sich vielleicht zu einer hohen, hellen Flamme htte entwickeln knnen!
Niemand weinte um ihn, niemand warf einen Blick auf seinen leblosen
Krper als der Polizeikommissar und der Stadtarzt, diese gewohnten
Gestalten mit ihren gleichgltigen Mienen. Man trug seinen Sarg ganz
still ohne jede religise Zeremonie nach Ochta, ein einziger Wchter
begleitete ihn -- aber auch der weinte nur, weil er ein Glas Schnaps
ber den Durst getrunken hatte. Selbst der Leutnant Piragow, der ihm bei
Lebzeiten seine hohe Protektion erwiesen hatte, erschien nicht, um dem
Leichnam des Unglcklichen einen letzten Blick zu weihn. Er hatte
brigens ganz andere Dinge im Kopfe: er war mit einem auerordentlichen
Erlebnis beschftigt. Aber wenden wir uns lieber ihm zu: ich liebe die
Toten nicht, und es ist mir immer unangenehm, wenn ein Begrbniszug mit
dem alten Invaliden, der wie ein Kapuziner gekleidet ist und seinen
Tabak mit der linken Hand schnupft, weil er in der rechten eine Fackel
trgt, meinen Weg kreuzt. Ich spre immer etwas wie Verdru, wenn ich
einem kostbaren Katafalk und einem mit Sammet bezogenen Sarg begegne;
aber mein Verdru mischt sich mit Wehmut, wenn ich einen Lastfuhrmann
sehe, der einen kahlen, toten Sarg eines Armen mit sich fhrt, begleitet
von einer Bettlerin, die zufllig des Weges daherkam und dem Sarge
folgte, da sie gerade nichts anderes zu tun hatte.

Ich glaube, wir haben den Leutnant Piragow verlassen, als er sich gerade
von dem armen Maler Piskarjow trennte und der schnen Blondine
nacheilte. Diese Blondine war ein leichtsinniges und interessantes
Geschpf. Sie blieb vor jedem Kaufladen stehn und betrachtete die in den
Schaufenstern ausgelegten Grtel, Halstcher, Ohrringe, Handschuhe und
sonstigen Kleinigkeiten, drehte sich hin und her, blickte nach allen
Seiten und sah sich fortwhrend um. Mein Tubchen! sagte Piragow
selbstbewut, setzte seine Verfolgung fort und verbarg sein Gesicht, um
nicht von seinen Bekannten erkannt zu werden, in dem Kragen. Doch es ist
vielleicht Zeit, den Leser etwas nher mit Piragow bekannt zu machen.

Aber bevor wir erzhlen, wer Piragow eigentlich war, ist es am Platze,
etwas ber die Kreise zu sagen, zu denen Piragow gehrte. Es gibt in
Petersburg Offiziere, die gewissermaen eine Mittelklasse bilden. In
Gesellschaften, bei Diners von Staatsrten oder Wirklichen Staatsrten,
die sich diesen Titel durch vierzigjhrigen Dienst erworben haben, kann
man immer den einen oder den anderen Offizier dieser Kategorie treffen.
Ein paar hhere Tchter, so bleich und farblos wie Petersburg selbst,
von denen einzelne schon recht verblht aussehen, ein Teetisch, ein
Klavier, ein huslicher Tanz -- dies alles ist nicht denkbar ohne die
blitzenden Epauletten, die man beim Lampenschein zwischen den sittsamen
Blondinen und den schwarzen Fracks der Brder und Hausfreunde glnzen
sieht. Es ist sehr schwer, diese kaltbltigen Jungfrauen aufzumuntern
und sie zum Lachen zu bringen, dazu gehrt eine groe Kunst, oder besser
gesagt, dazu bedarf es gar keiner Kunst. Man mu nicht allzu klug und
auch nicht allzu komisch reden, und in allem mu jene Hohlheit und
Nichtigkeit liegen, die das weibliche Geschlecht so liebt. Doch in
dieser Hinsicht mu man den Herren Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie
verstehen es ausgezeichnet, sich bei diesen faden Jungfrauen Gehr zu
verschaffen und sie zum Lachen zu reizen. Rufe, die von Gelchter
erstickt werden, wie: Bitte, hren Sie auf! Schmen Sie sich doch,
einen so zum Lachen zu bringen! sind hufig die schnste Belohnung fr
diese Art Leute. In der besseren Gesellschaft begegnet man ihnen nur
selten, oder richtiger gesagt, nie. Hier werden sie ganz von den Leuten
verdrngt, die man in diesen Kreisen die Aristokratie nennt. brigens
aber hlt man sie fr gelehrte und wohlerzogene junge Leute. Sie lieben
es, sich ber Literatur zu unterhalten, loben Bulgarin, Puschkin und
Gretsch, und sprechen mit Verachtung und geistreichen Sticheleien ber
A. A. Orlow. Auch versumen sie keinen ffentlichen Vortrag, ob in ihm
nun von der Buchhaltung oder vom Forstwesen die Rede ist. Stets ist der
eine oder der andere von ihnen im Theater zu finden, ganz gleichgltig,
was fr ein Stck gerade aufgefhrt wird, es mte denn eine ganz dumme
Posse sein, die ihrem anspruchsvollen Geschmack nicht gengt; sonst aber
sind sie immer im Theater. Fr die Theaterdirektionen ist das das beste
Publikum. In den Stcken sind es hauptschlich schne Verse, die sie
schtzen; auch rufen sie stets die Schauspieler mit lautem Beifall vor
die Rampe; viele von ihnen unterrichten in staatlichen Lehranstalten
oder sie bereiten die Zglinge fr diese Anstalten vor, und schlielich
schaffen sie sich ein paar Pferde und ein Kabriolett an. Dann wird ihr
Wirkungskreis noch ausgedehnter; zum Schlu fhren sie eine
Kaufmannstochter, die Klavier spielt und etwa 100000 Rubel in bar und
einen Haufen brtiger Verwandter mitbringt, zum Altar. Dieser Ehre
werden sie jedoch nie frher teilhaftig, als bis sie wenigstens zum
Oberst avanciert sind; denn obgleich die russischen Barttrger[6] immer
noch etwas nach Kraut riechen, wollen sie doch ihre Tchter mindestens
als Generalsfrauen oder doch als Oberstinnen sehen. Dies sind die
wichtigsten Charakterzge dieser Art junger Leute. Jedoch der Leutnant
Piragow hatte noch eine Menge anderer Talente, die nur ihm persnlich
eigen waren. Er verstand es ausgezeichnet, Verse aus Dimitri-Donskoj
und Wehe dem Gescheiten zu deklamieren, und wute vortrefflich
Rauchringe aus der Pfeife aufsteigen zu lassen, manches Mal konnte er
ein ganzes Dutzend nebeneinander aufreihen! Er konnte vorzglich davon
erzhlen, da die Kanone etwas an und fr sich und da das Einhorn auch
etwas an und fr sich sei ... brigens ist es auerordentlich schwer,
alle Talente aufzuzhlen, mit denen das Schicksal den Leutnant Piragow
ausgestattet hatte. Er sprach gern ber eine Schauspielerin oder eine
Tnzerin, aber nicht mit der Schrfe, wie sich gewhnlich Leutnants ber
solche Gegenstnde auszulassen pflegen. Mit seinem Leutnantsrang, zu dem
er erst vor kurzem avanciert war, war er sehr zufrieden, obgleich er
hufig sagte, whrend er sich aufs Sofa streckte: ach ja, alles ist
eitel, was hat denn das zu bedeuten, da ich Leutnant bin; aber in
seinem Innern fhlte er sich doch sehr durch die neue Wrde gehoben, und
in der Unterhaltung bemhte er sich hufig darauf anzuspielen; ja als
ihm einmal auf der Strae ein Schreiber begegnete, der ihm unhflich zu
sein schien, hielt er ihn sofort an und gab ihm in kurzen aber scharfen
Worten zu verstehen, da vor ihm ein _Leutnant_ und nicht ein
xbeliebiger Offizier stehe -- und da in diesem Moment zwei allerliebste
Damen vorbergingen -- bemhte er sich, sich besonders hbsch
auszudrcken. Piragow trug berhaupt eine Leidenschaft fr alles Schne
zur Schau und daher protegierte er auch den Knstler Piskarjow:
vielleicht kam es brigens auch nur daher, weil er es so sehr wnschte,
sein mnnliches Gesicht auf der Leinwand zu sehen. Aber nun sei es genug
von den Tugenden Piragows. Der Mensch ist ein so erstaunliches Wesen,
da es unmglich ist, alle seine Vorzge mit einemmal aufzuzhlen, je
lnger man ihn anschaut, desto mehr neue Eigentmlichkeiten kommen zum
Vorschein, und man fnde nie ein Ende, wenn man sie alle herzhlen
wollte.

[Funote 6: d. h. Kaufleute.]

Piragow fuhr also fort, die Unbekannte zu verfolgen; von Zeit zu Zeit
unterhielt er sie mit Fragen, auf die sie kurz und scharf oder mit
unverstndlichen Lauten antwortete. Sie gingen durch das dunkle
Kasansche Tor und bogen in die Meschtschanskaja, diese von kleinen
Tabak- und Kramldenbesitzern, deutschen Handwerkern und finnischen
Nymphen bevlkerte Strae, ein. Die Blondine beschleunigte ihre Schritte
sichtlich und schlpfte in die Pforte eines ziemlich schmutzigen Hauses.
Piragow folgte ihr. Sie lief eine schmale, dunkle Treppe hinauf, ffnete
eine Tr und trat ein, whrend ihr Piragow mutig folgte. Pltzlich
befand er sich in einem groen Zimmer mit schwarzen Wnden und einem
verrucherten Plafond. Ein ganzer Haufen von eisernen Schrauben,
Schlosserwerkzeugen, Instrumenten, glnzenden Kaffeekannen und Leuchtern
lag auf dem Tisch, und der Boden war mit eisernen und kupfernen
Sgespnen bestreut. Piragow begriff sofort, da dies die Werksttte
eines Handwerkers war. Die Unbekannte verschwand weiter durch eine
Seitentr. Piragow besann sich einen Augenblick, dann aber folgte er der
russischen Maxime und entschlo sich, vorwrts zu eilen. Er trat in
ein andres Zimmer, das dem ersten durchaus nicht hnlich sah: es war
sehr sauber und ordentlich, und man erkannte sofort, da der Wirt ein
Deutscher war. Ein beraus merkwrdiges Bild setzte Piragow aufs hchste
in Erstaunen: vor ihm sa _Schiller_ -- nicht jener Schiller, der den
Wilhelm Tell und die Geschichte des Dreiigjhrigen Krieges geschrieben
hat, sondern der _bekannte_ Schiller, ein Schlossermeister aus der
Meschtschanskistrae. Neben Schiller stand _Hoffmann_, aber wiederum
nicht der Dichter Hoffmann, sondern ein tchtiger Schuhmachermeister
dieses Namens aus der Offizierstrae und ein groer Freund Schillers.
Schiller war betrunken, sa auf einem Stuhl, stampfte mit dem Fu und
sprach mit groem Eifer auf den andern ein. Dies alles hatte Piragow
noch nicht in Erstaunen gesetzt; was seine Verwunderung erregte, war die
hchst merkwrdige Stellung dieser beiden Gestalten. Schiller sa da,
hielt den Kopf in die Hhe und streckte seine ziemlich dicke Nase vor;
Hoffmann aber hatte diese Nase mit zwei Fingern gefat und fuhr mit der
Schneide eines Schustermessers ber ihre Oberflche hin und her. Beide
sprachen Deutsch, und daher konnte Leutnant Piragow, der auer guten
Morgen kein Wort Deutsch konnte, nichts von der ganzen Sache verstehen.
Im brigen aber hatten Schillers Reden folgenden Inhalt: Ich will sie
nicht, ich brauche keine Nase! sagte er und fuchtelte mit den Hnden in
der Luft herum. Allein fr diese Nase verbrauche ich 3 Pfund Tabak
monatlich. Und ich zahle in einem elenden russischen Laden -- weil die
deutschen Lden keinen russischen Tabak haben -- ich zahle in einem
elenden russischen Laden 40 Kopeken pro Pfund: das macht also 1 Rubel 20
Kopeken -- und zwlfmal 1 Rubel 20 Kopeken, das macht wiederum 14 Rubel
40 Kopeken. -- Hrst du's, mein Freund Hoffmann, allein fr die Nase 14
Rubel und 40 Kopeken. An Feiertagen schnupfe ich Rap -- denn an einem
Feiertage will ich doch keinen scheulichen russischen Tabak schnupfen.
Das Jahr ber schnupfe ich 2 Pfund Rap zu 2 Rubel das Pfund -- 4 Rubel
und 14 Rubel das macht im ganzen 18 Rubel 40 Kopeken allein fr Tabak.
Das ist mein Ruin! Freund Hoffmann, ich frage dich, habe ich nicht
recht? Hoffmann, der auch angetrunken war, gab seine Zustimmung. 20
Rubel 40 Kopeken. Ich bin ein Schwabe, ich habe einen Knig in
Deutschland! Ich will keine Nase mehr haben! schneide sie mir ab, da, da
ist meine Nase!

Und wenn nicht das unerwartete Eintreten des Leutnants Piragow
dazwischengekommen wre, dann htte Hoffmann sicherlich ohne viele
Umstnde Schillers Nase abgeschnitten, denn er hatte ja schon das Messer
in der Hand, wie wenn er eine Schuhsohle zuschneiden wollte.

Schiller war sehr verdrielich, da pltzlich ein unbekannter,
ungebetener Fremdling ihn im ungelegensten Moment strte. Obgleich er
sich ganz im Banne des Bier- und Weinrausches befand, fhlte er doch,
da sein Zustand und die Beschftigung, bei der er angetroffen wurde, in
Gegenwart eines fremden Zeugen etwas Unschickliches haben mochte.
Piragow verbeugte sich leicht und sagte mit der ihm eigenen
Zuvorkommenheit: Sie entschuldigen doch!

Machen Sie, da Sie fortkommen! sagte Schiller gedehnt.

Diese Antwort verblffte den Leutnant Piragow. Solch eine Behandlung war
ihm ganz neu. Das Lcheln, das eben auf seinen Zgen gespielt hatte,
verschwand pltzlich. Im Gefhl seiner gekrnkten Wrde sagte er: Ich
mu mich sehr wundern, mein Herr ... wahrscheinlich haben Sie nicht
bemerkt ... da ich Offizier bin ...

Was ... Offizier? Ich bin ein Schwabe! Ich (und hierbei schlug Schiller
mit der Faust auf den Tisch) werde bald selbst Offizier sein, anderthalb
Jahre Junker, zwei Jahre Leutnant, und gleich morgen bin ich Offizier!
So mach' ich's mit einem Offizier! Aber ich will nicht dienen, pfff
....

Hierbei hielt er sich die Hand vors Gesicht und blies drauf.

Der Leutnant Piragow sah ein, da ihm nichts andres brigblieb, als sich
zu entfernen; aber diese unziemliche Behandlung seines Standes war ihm
doch sehr unangenehm. Ein paarmal blieb er auf der Treppe stehn, wie
wenn er Mut fassen wollte und darber nachdchte, wie er Schiller seine
Frechheit ben lassen knnte. Endlich kam er zu dem Schlu, da
Schiller zu entschuldigen sei, da sein Hirn mit Bier und Wein angefllt
wre, auch fiel ihm die reizende Blondine wieder ein, und so entschlo
er sich, das alles zu vergessen. Am folgenden Tage betrat der Leutnant
Piragow frhmorgens die Werkstatt des Schmiedes. Im ersten Zimmer kam
ihm die hbsche Blondine entgegen und fragte ihn mit recht
unfreundlicher Stimme, die ihr sehr gut zu Gesicht stand: Was wnschen
Sie?

Ah, guten Tag, meine Schne! Sie erkennen mich wohl nicht? Sie kleiner
Schelm! was fr schne Augen Sie haben!

Hierbei wollte ihr der Leutnant Piragow in liebenswrdiger Weise einen
Finger unters Kinn legen und es emporheben, aber die Blondine stie
einen erschrockenen Laut aus und fragte ihn ebenso unfreundlich: Was
wnschen Sie?

Nur Sie zu sehen, sonst wnsche ich nichts! erwiderte der Leutnant
Piragow freundlich lchelnd und trat nher, aber als er merkte, da die
ngstliche Blondine nach der Tr strebte, setzte er hinzu: Ich mchte
ein Paar Sporen bestellen, meine Liebe, knnen Sie mir ein Paar Sporen
machen? Um Sie liebzuhaben, brauche ich allerdings keine Sporen, im
Gegenteil, eher noch Zgel! Was fr reizende Hndchen!

Der Leutnant Piragow war bei solcher Art Liebeserklrungen immer sehr
hflich.

Ich werde gleich meinen Mann rufen! rief ihm die Deutsche laut zu,
ging hinaus und einige Minuten darauf erblickte Piragow Schiller, der
noch ganz verschlafen und kaum von seinem gestrigen Rausch ernchtert
ins Zimmer trat. Als er den Offizier erkannte, stieg die gestrige Szene
wie ein Traum vor ihm auf. Eine klare Erinnerung hatte er in diesem
Zustande nicht, aber er fhlte, da er irgendeine Dummheit begangen
hatte, und empfing daher den Offizier mit recht verdrielicher Miene.

Weniger als 15 Rubel kann ich fr die Sporen nicht nehmen! sagte er,
um Piragow so schnell wie mglich loszuwerden, denn es war ihm, dem
ehrlichen Deutschen, sehr peinlich, dem Manne gegenberzustehn, der ihn
in solch einer peinlichen Situation gesehen hatte. Schiller liebte es,
nur mit zwei, drei guten Freunden und ohne Zeugen zu zechen, daher
schlo er sich fr diese Zeit ein und verbarg sich selbst vor seinen
Arbeitern.

Warum sind Sie denn so teuer? sagte Piragow freundlich.

Es ist doch deutsche Arbeit! erwiderte Schiller kaltbltig und strich
sich das Kinn. -- Ein Russe wird sie Ihnen fr 2 Rubel anfertigen.

Schn, um Ihnen zu beweisen, da ich Sie liebe und Ihre Bekanntschaft
zu machen wnsche, will ich Ihnen 15 Rubel bezahlen!

Schiller besann sich einen Augenblick: als ehrlicher Deutscher schmte
er sich ein wenig. Von dem Wunsche getrieben, Piragow seine Absicht
auszureden, sagte er, da er die Sporen frhestens in zwei Wochen
herstellen knne. Aber Piragow erklrte sich ohne jedweden Widerspruch
mit allem einverstanden.

Der Deutsche dachte ein wenig nach und grbelte hin und her, ob er wohl
seine Arbeit so ausgezeichnet ausfhren knnte, da sie wirklich 15
Rubel wert wrde.

In diesem Augenblick trat die Blondine in die Werkstatt und machte sich
etwas am Tisch, der mit Kaffeekannen besetzt war, zu schaffen. Piragow
benutzte Schillers Nachdenklichkeit, trat dicht an sie heran und drckte
ihren Arm, der bis zur Schulter entblt war.

Dies mifiel Schiller sehr: Meine Frau! schrie er ihn an.

Was wollen Sie denn? entgegnete die Blondine.

Geh in die Kche! Die Blondine entfernte sich.

Also in zwei Wochen? sagte Piragow.

Ja, in zwei Wochen, sagte Schiller nachdenklich, ich habe jetzt viel
Arbeit!

Auf Wiedersehn, ich komme wieder vor!

Auf Wiedersehn! sagte Schiller und schlo die Tr hinter ihm.

Der Leutnant war fest entschlossen, seine Werbung nicht aufzugeben,
obgleich die Blondine ihm sichtlich Widerstand entgegensetzte. Er konnte
es nicht fassen, da man ihm widerstehen knnte, um so weniger, als
seine Liebenswrdigkeit und sein illustrer Rang ihm alles Recht auf
Entgegenkommen gab. Man mu noch hinzufgen, da Frau Schiller bei all
ihrem Liebreiz sehr beschrnkt war. brigens bildet ja bei einer
hbschen Frau die Dummheit noch einen besonderen Reiz. Wenigstens habe
ich viele Mnner gekannt, die von der Dummheit ihrer Frauen begeistert
waren und in ihr ein Symptom kindlicher Unschuld sahen. Die Schnheit
bringt geradezu Wunder hervor. Alle geistigen Mngel wirken bei einer
schnen Frau, anstatt abzustoen, nur noch besonders anziehend; selbst
das Laster erhlt einen gewissen Anschein von Lieblichkeit. Aber wo die
Schnheit fehlt, da mu eine Frau mindestens zwanzigmal so klug sein wie
ein Mann, um Achtung oder gar Liebe einzuflen. Doch trotz ihrer
Beschrnktheit war Frau Schiller stets ihrer Pflicht treu geblieben,
daher wurde es Piragow sehr schwer, sein khnes Unternehmen erfolgreich
zu Ende zu fhren. Allein die berwindung von Hindernissen ist stets mit
Genu verbunden, und so wurde unsere Blondine ihm nur noch
interessanter. Er fing an, sich sehr oft nach den Sporen zu erkundigen,
so da Schiller dies zuletzt lstig wurde. Er gab sich alle Mhe, die
begonnene Arbeit schnell zu beendigen, und endlich waren die Sporen
fertig.

Ach, welch eine herrliche Arbeit! rief der Leutnant Piragow beim
Anblick der Sporen. Mein Gott, wie vortrefflich sind sie gemacht.
Selbst unser General nennt solche nicht sein eigen!

Ein Gefhl der Selbstzufriedenheit erfllte Schillers Seele. Seine Augen
nahmen einen vergngten Ausdruck an, und er war innerlich bereit, sich
vllig mit Piragow auszushnen. Dieser russische Offizier ist ein
kluger Mann! dachte er bei sich.

Nicht wahr, Sie knnen doch auch Einfassungen fr Dolche und andere
Waffen anfertigen?

Oh, gewi kann ich das, sagte Schiller lchelnd.

So machen Sie mir also eine Fassung fr meinen Dolch. Ich werde ihn
Ihnen bringen; ich habe einen sehr schnen trkischen Dolch, aber ich
mchte ihn anders fassen lassen!

Schiller traf dieser Vorschlag wie eine Bombe. Er runzelte die Stirn.
Da haben wir's! dachte er bei sich, und schalt sich innerlich, da er
selbst Anla zu einer neuen Bestellung gegeben hatte. Es jetzt noch
abzulehnen, schien ihm unehrenhaft, auch hatte ja der russische Offizier
seine Arbeit gelobt. -- Kopfschttelnd erklrte er seine
Bereitwilligkeit, aber der Ku, den Piragow der zierlichen Blondine beim
Fortgehen dreist auf die Lippen drckte, brachte ihn vollends aus der
Fassung.

Ich halte es nicht fr berflssig, den Leser etwas nher mit Schiller
bekannt zu machen. Schiller war ein echter Deutscher in vollstem Sinn
des Wortes. Schon als zwanzigjhriger Jngling, in jener glcklichen
Zeit, wo ein Russe noch sorglos in den Tag hinein lebt, hatte sich
Schiller bereits sein Leben zurechtgelegt und wich nie und in keinem
Fall von seinem Ziel ab. Er hatte bei sich beschlossen, immer um 7 Uhr
aufzustehn, um 2 Uhr zu Mittag zu essen, in allem gewissenhaft zu sein
und sich Sonntags zu betrinken. Er hatte sich vorgenommen, im Laufe von
zehn Jahren ein Kapital von 50000 Rubeln zurckzulegen, und schon dieser
Entschlu gengte, um die Erfllung seines Planes so sicher und
unumstlich zu machen wie das Schicksal; denn eher vergit es ein
Beamter, in das Vorzimmer seines Chefs hineinzublicken, als da ein
Deutscher sich entschliet, sein Wort zu brechen. Niemals gab er mehr
aus, als er sich vorgenommen hatte, und wenn die Kartoffelpreise ber
das gewhnliche Ma stiegen, legte er doch nie eine Kopeke zu, sondern
verminderte lieber das Quantum; wenn er auch manches Mal nicht ganz satt
wurde, so gewhnte er sich doch daran. Seine Ordnungsliebe ging so weit,
da er bei sich beschlossen hatte, seine Frau nicht hufiger als zweimal
am Tage zu kssen und, um ihr nur ja keinen berzhligen Ku auf die
Lippen zu drcken, tat er nie mehr als einen Kaffeelffel voll Pfeffer
in die Suppe; brigens wurde diese Regel am Sonntag nicht so streng
eingehalten, da Schiller an diesem Tage stets zwei Flaschen Bier und
eine Flasche Kmmel trank, auf den er freilich immer schimpfte. Er
pflegte jedoch nicht so zu trinken wie die Englnder, die sich gleich
nach dem Mittag einschlieen und sich ganz allein und still fr sich
berauschen. Er als Deutscher bedurfte beim Zechen stets der Anregung und
Begeisterung und trank daher immer in Gesellschaft, entweder mit dem
Schuster Hoffmann oder mit dem Tischler Kunz, der ebenfalls ein
Deutscher und dazu ein groer Sufer war. Dies war der Charakter unseres
ehrenwerten Schiller, der nunmehr in eine sehr schwierige Lage geraten
war. Obgleich er ein Phlegmatiker und ein Deutscher war, so erregte doch
das Betragen Piragows so etwas wie Eifersucht in ihm. Er zerbrach sich
den Kopf, es wollte ihm aber durchaus nichts einfallen, auf welche Art
und Weise er den russischen Offizier abschtteln knnte.

Unterdessen spielte Piragow, wenn er sich im Kreise seiner Kameraden
befand und gemtlich die Pfeife rauchte, -- die Vorsehung hat es nun
einmal so eingerichtet, da, wo Offiziere beisammen weilen, auch die
Pfeife nicht fehlen darf -- hufig auf das Techtelmechtel mit der
reizenden Blondine an; mit einem bedeutungsvollen und angenehmen Lcheln
rhmte er sich bereits einer groen Intimitt mit ihr; in Wirklichkeit
aber begann er bereits, die Hoffnung zu verlieren, da er sie jemals
wrde erobern knnen.

Eines Tages machte er einen Spaziergang auf der Meschtschanskaja und
blickte immer auf das Haus, an dem das Schild Schillers mit den
Kaffeekannen und Teemaschinen prangte; zu seiner groen Freude entdeckte
er pltzlich das Kpfchen der Blondine, die sich aus dem Fenster beugte
und die Vorbergehenden betrachtete. Er blieb stehn, warf ihr einen
Handku zu und rief: Guten Morgen! Die Blondine erwiderte seinen Gru
wie den eines alten Bekannten.

Ist Ihr Mann zu Hause?

Ja, sagte die Blonde.

Und wann ist er nicht zu Hause?

Sonntags ist er gewhnlich nicht zu Hause! sagte die dumme Gans.

Das ist nicht bel, dachte Piragow bei sich, das knnte man
ausnutzen. -- Und schon am nchsten Sonntag schneite er der Blondine
ins Haus hinein. Schiller war wirklich nicht anwesend. Die hbsche
Hausfrau war aufs hchste erschrocken; aber diesmal war Piragow
vorsichtig, betrug sich sehr ehrerbietig, verbeugte sich in
verbindlicher Form und lie dabei die ganze Schnheit seiner biegsamen,
straffen Gestalt zur Geltung kommen. Er scherzte sehr nett und hflich,
aber das deutsche Schfchen gab auf alles nur ganz einsilbige Antworten.
Endlich, nachdem er schon ber alles mgliche geredet hatte und nun
bemerkte, da sie nichts interessierte, schlug er ihr vor, etwas zu
tanzen. Die Deutsche ging darauf ein, denn die deutschen Frauen pflegen
bekanntlich sehr gern zu tanzen. Dieses gab Piragow Anla zu den
khnsten Hoffnungen: erstens machte ihr dieses Spa, zweitens konnte er
hierbei seine Gewandtheit und seine elegante Taille sehen lassen,
drittens kann man sich einer Dame beim Tanzen noch mehr nhern als
sonst, er konnte die hbsche Deutsche umarmen und damit den Grund zu
allem weiteren legen, kurz, er hoffte auf einen vollstndigen Triumph.
Er begann eine Gavotte vor sich hin zu summen, weil er wute, da die
Deutschen einer allmhlichen Steigerung bedrfen. Die niedliche Blondine
trat in die Mitte des Zimmers und hob ihren reizenden Fu empor. Diese
Stellung versetzte Piragow derart in Begeisterung, da er ihr einen Ku
auf den Fu drcken wollte. Die Deutsche fing an zu schreien, wodurch
sie ihren Reiz in den Augen Piragows noch mehr erhhte. Er berschttete
sie mit Kssen. Da ging pltzlich die Tr auf, und Schiller, Hoffmann
und der Tischler Kunz traten ein. Alle drei ehrenwerten Handwerker waren
betrunken wie die Schlosser.

Ich berlasse es dem Leser, sich den rger und den Zorn Schillers
vorzustellen.

Frechling! schrie er in hchster Wut, wie wagst du es, meine Frau zu
kssen! Du bist ein Lump und kein russischer Offizier! Hol dich der
Teufel, nicht wahr, Freund Hoffmann, ich bin ein Deutscher und kein
russisches Schwein! (Hoffmann bejahte dies.) Zum Donnerwetter, ich will
doch keine Hrner tragen! Pack' ihn am Kragen, Freund Hoffmann! ich will
nicht -- fuhr er fort und fuchtelte gewaltig mit den Hnden in der Luft
herum, wobei sein Gesicht so rot wurde wie seine Weste. -- Ich lebe
schon acht Jahre in Petersburg, ich habe eine Mutter in Schwaben und
einen Onkel in Nrnberg, ich bin ein Deutscher und kein Hornvieh! --
Rei ihm die Kleider vom Leibe, Freund Hoffmann! halt ihn an den Hnden
und Fen fest, Kamerad Kunz!

Und die Deutschen packten Piragow an Hnden und Fen.

Vergeblich versuchte er, sich freizumachen; diese drei Handwerker waren
die krftigsten unter allen Petersburger Deutschen und verfuhren so grob
und unhflich mit ihm, da ich, wie ich gestehen mu, keine Worte finde,
diese traurige Szene zu schildern.

Ich bin berzeugt, da Schiller den nchsten Tag wie im Fieber war und
zitterte wie das Espenlaub, da er jeden Augenblick auf das Erscheinen
der Polizei gefat war; er htte, wei Gott, wieviel dafr gegeben, wenn
das gestrige Ereignis nur ein Traum gewesen wre. Ader das Geschehene
lt sich nun einmal nicht mehr ungeschehen machen. In der Tat lie sich
nichts mit der Wut und der Emprung Piragows vergleichen. Schon der
Gedanke an die frchterliche Beleidigung brachte ihn dem Wahnsinn nahe.
Die Verbannung nach Sibirien oder Spierutenlaufen erschienen ihm als
die geringsten Strafen, die Schiller verdient hatte. Er flog nach Hause,
um sich umzuziehen und von dort direkt zum General zu fahren; ihm wollte
er die Unverschmtheit der deutschen Handwerker in den glhendsten
Farben schildern. Zu gleicher Zeit wollte er auch eine schriftliche
Klage beim Generalstab einreichen: falls aber die angesetzte Strafe
nicht gengend streng ausfallen sollte, wollte er die Sache vor alle
Instanzen bringen.

Allein dies alles fand einen ganz merkwrdigen Abschlu: unterwegs trat
er in eine Konditorei, a zwei Kuchen aus Bltterteig, warf einen Blick
in die Zeitschrift Die Nordische Biene und verlie das Lokal schon
weniger wtend und aufgebracht. Der recht angenehm frische Abend lud ihn
dazu ein, etwas auf dem Newsky auf und ab zu gehen; gegen neun Uhr hatte
er sich so weit beruhigt, da er fand, am Sonntag ginge es nicht gut,
den General zu belstigen, auch wrde er ihn wohl schwerlich zu Hause
treffen, daher begab sich Piragow zu einer Soiree bei dem Chef der
Kontrollbehrde, wo sich ein sehr netter Kreis von Beamten und
Offizieren seines Regiments zusammenfand. Er verbrachte den Abend sehr
angenehm und zeichnete sich bei der Mazurka so aus, da nicht nur die
Damen, sondern auch die Herren ganz begeistert waren.

Als ich vorgestern auf dem Newsky einherschlenderte und mich dieser
beiden Ereignisse erinnerte, dachte ich so bei mir: Wie herrlich
eingerichtet ist doch unsere Welt! Wie merkwrdig, wie unbegreiflich
spielt doch das Schicksal mit uns; erreichen wir je, was wir wnschen?
erlangen wir je, was die Bestimmung unserer Krfte und Fhigkeiten zu
sein scheint? es kommt immer anders, als man glaubt. Dem einen beschert
das Schicksal die herrlichsten Pferde, er aber fhrt gleichgltig
spazieren, ohne ihre Schnheit zu bemerken, whrend ein anderer, dessen
Herz vor Leidenschaft fr Pferde glht, zu Fu geht und sich damit
begngen mu, mit der Zunge zu schnalzen, wenn ein schner Rappe an ihm
vorberjagt. Ein dritter hat einen ausgezeichneten Koch, aber leider
einen so kleinen Mund, da er nicht mehr als zwei Stckchen
hineinstopfen kann, sein Freund dagegen hat ein Maul von der Gre des
Generalstabstors und mu sich, ach! mit einem simpeln deutschen
Kartoffelgericht begngen. Wie sonderbar spielt doch das Schicksal mit
uns!

Aber am seltsamsten ist doch das, was auf dem Newsky zu geschehen
pflegt. Oh! traut ihm nicht, diesem Newsky-Prospekt! Ich hlle mich
immer fester in meinen Mantel, wenn ich ber diese Strae gehe und gebe
mir die grte Mhe, mich um keins der Dinge zu kmmern, die mir dort
begegnen. Dort ist alles Trug, alles ist nur ein Traum, und nichts ist
das, als was es erscheint. Sie glauben vielleicht, dieser Herr, der dort
in einem feinen Rock daherkommt, sei sehr reich: keineswegs; der ganze
Kerl besteht aus nichts anderem, als aus diesem Rock. Sie bilden sich
ein, da diese beiden Dickwnste, die dort vor der im Bau begriffenen
Kirche stehen, ber ihren Stil reden -- kein Gedanke. Sie sprechen
darber, welch seltsame Pose zwei Krhen einnehmen, die auf ihrem Giebel
einander gegenbersitzen. Sie glauben wohl, da jener Enthusiast, der
mit den Hnden gestikuliert, davon spricht, wie seine Frau einem ihm
ganz unbekannten Offizier durch das Fenster eine Papierkugel an den Kopf
geworfen hat -- durchaus nicht, er redet ber Lafayette. Sie meinen
wirklich, da diese Damen ... ach, den Damen sollten Sie berhaupt nicht
trauen! Blicken Sie auch weniger in die Schaufenster hinein: die dort
ausliegenden Nichtigkeiten sind vielleicht sehr schn, aber sie
schmecken mchtig nach einigen Hundertrubelscheinen. Vor allem aber mge
Gott Sie davor bewahren, den Damen unter die Hte zu gucken! Wie
verlockend auch abends der Mantel einer Schnen im Winde flattert, auf
keinen Fall wrde ich ihr aus Neugierde nachgehen. Halten Sie sich fern,
um Gottes willen, halten Sie sich mglichst fern von der Laterne und
gehen Sie schnell, so schnell wie mglich, vorber! Sie knnen noch von
Glck sagen, wenn Ihnen nur ein hlicher Fettfleck auf Ihren eleganten
Rock tropft. Aber auch abgesehen von der Laterne, berall lauert der
Betrug auf Sie. Der Newsky-Prospekt ist immer voller Lug und Trug, am
meisten jedoch dann, wenn die Nacht wie ein dichtes Gewlk auf ihn
niedersinkt und die weien und hellgelben Mauern der Huser hervortreten
lt, wenn die ganze Stadt in Lichterglanz erstrahlt und gleichsam vom
Donner erdrhnt, wenn Myriaden von Equipagen ber die Brcken rollen,
die Vorreiter schreiend auf den Pferden vorbeigaloppieren, und wenn
Satan eigenhndig die Lampen anzndet, nur um alles in einem
bernatrlichen Licht erscheinen zu lassen.


                                   IV
                    ber die kleinrussischen Lieder

Erst in den letzten Jahren, in der Zeit, wo das Streben nach
Originalitt und nach einer eigenartigen nationalen Poesie erwacht ist,
haben die kleinrussischen Lieder, die der gebildeten Welt bis dahin ganz
unbekannt und nur im Volke lebendig waren, die Aufmerksamkeit auf sich
gelenkt. Bis dahin war nur ihre bezaubernde Musik dann und wann in die
hheren Kreise gedrungen, die Worte aber waren ganz unbeachtet geblieben
und hatten niemandes Neugierde geweckt. Ja, selbst die Melodien wurden
niemals in vollstndiger Fassung mitgeteilt. Irgendein talentloser
Komponist zerstckelte sie mitleidlos und fgte sie in seine eigenen
gefhllosen, plumpen Schpfungen ein.[7] Aber die allerschnsten Stimmen
und Lieder haben nur die Steppen der Ukraine vernommen: nur hier
erklingen sie unter dem Dache niedriger Lehmhtten, die von Maulbeer-
und Kirschbumen umstanden sind, im Glanze der Morgensonne mittags und
abends, whrend die zitronengelben Garben des Weizens unter der Sichel
der Schnitter hinsinken, und nur hin und wieder wird der Gesang
unterbrochen durch den Schrei der Steppenmwe, durch das Lied zahlloser
Scharen von Lerchen und den ngstlichen Schlag der Golddrossel.

[Funote 7: brigens drfen sich die Freunde der Musik und der Poesie
beruhigen. Vor kurzem hat Maximowitsch eine vortreffliche Sammlung
dieser Lieder herausgegeben, die von Aljabjew fr Gesang gesetzt sind.]

Ich will mich nicht ber die Bedeutung der Volkslieder auslassen. Sie
sind die lebendige, leuchtende, farbige Geschichte des Volks, die
Wahrheit, die das ganze Leben einer Nation blolegt. Wenn dies Leben
tatkrftig, wechselvoll, frei und eigenartig und von Poesie erfllt war,
und wenn dies Volk trotz seiner Vielseitigkeit keine hhere Zivilisation
erreicht hat, dann lebt sich all sein Feuer, all seine herrliche,
jugendliche Kraft in den Volksliedern aus. Sie sind ein Grabdenkmal
seiner Vergangenheit -- ja mehr als ein Grabdenkmal: ein mit einem
beredten Relief geschmckter und mit einer historischen Aufschrift
versehener Stein ist nichts im Vergleich mit dieser lebenden, redenden
und von der Vergangenheit kndenden Chronik. In dieser Beziehung
bedeuten die Volkslieder fr Kleinruland alles: seine Poesie, seine
Geschichte und das Grab seiner Vter. Wer nicht in die Tiefen dieser
Lieder gedrungen ist, der wird nichts von der Vergangenheit dieses
blhenden Stckes Ruland erfahren. Der Historiker darf in ihnen nicht
Hinweise auf Tage und Daten von Schlachten, genaue Ortsbeschreibungen
oder wahrheitsgetreue Berichte suchen; in dieser Beziehung werden ihn
nur die wenigsten Lieder weiterbringen. Wenn er aber das wahre Wesen,
die Elemente des Charakters, alle Schwankungen und Nuancen des Gefhls
und alles dessen, was ein bestimmtes Volk bewegt, seiner Leiden und
Freuden ergrnden, wenn er den Geist vergangener Zeitalter, den
allgemeinen Charakter des Ganzen und jedes einzelnen Teiles erforschen
will, dann wird er in jeder Beziehung befriedigt sein; die Geschichte
des Volks wird sich ihm in einer leuchtenden Gre offenbaren.

Die kleinrussischen Lieder knnen mit vollem Recht historisch genannt
werden, weil sie sich nicht einen Augenblick vom Leben entfernen und
stets den historischen Moment und den geschichtlichen Zustand treu
widerspiegeln. Sie alle sind von der schrankenlosen Freiheit des
Kosakenlebens durchdrungen und durchflutet. Aus allem redet die Kraft,
der Frohsinn, die Seelenstrke, mit der der Kosak den sorglosen Frieden
des Familienlebens aufgibt, um sich in die Poesie der Schlachten, in
Gefahren und zgellose Gelage mit den Kameraden zu strzen. Weder die
dunkelbrauige Freundin mit ihrer strahlenden Frische, ihren braunen
Augen, dem blendenden Glanz ihrer Zhne, die in hingebender Liebe dem
Ro in die Zgel fllt, noch die Trnenbche vergieende alte Mutter,
deren ganzes Dasein in dem einen Gefhl der Mutterliebe aufgeht, --
nichts hat die Macht, ihn zurckzuhalten. Eigensinnig und
unerschtterlich eilt er in die Steppe und ins Lager der Kameraden
hinaus. Die Gesellschaft seiner Kumpane, der lebenslustigen Raubritter,
ersetzt ihm alles -- Weib, Mutter, Schwestern und Brder. Die Bande
dieser Brderschaft gehen ihm ber alles und sind noch strker als die
Liebe. Das Schwarze Meer leuchtet, die herrliche unermeliche Steppe vom
Taman bis zur Donau -- dieser wilde Ozean von Blten wogt unter dem
Hauch des Windes. In der unendlichen Tiefe des Himmels verschwinden
Schwne und Kraniche. Der sterbende Kosak liegt mitten in der Khle
dieser jungfrulichen Natur hingestreckt da, er nimmt seine letzte Kraft
zusammen, um nicht zu sterben, ohne noch einmal seinen Kameraden einen
Blick nachgesandt zu haben.

   Denn wohl wute es das Kosakenhaupt,
   Da es nicht fern vom Kosakenheer sterben wrde.

Als er sie erblickt, ist er befriedigt, und stirbt. Ob nun das
Kosakenheer still und gehorsam in den Krieg zieht, ob Pulverdampf und
Kugelregen sich aus den Gewehren entldt, ob der Metkrug oder der
Weinbecher kreist, ob von der furchtbaren Hinrichtung des Hetmans
berichtet wird, da einem die Haare dabei zu Berge stehn, von der Rache
des Kosaken oder von einem erschlagenen Helden, der mit weit
ausgestreckten Armen und wirrem Schopf auf dem Rasen liegt, oder vom
Geschrei der in den Wolken schwebenden Adler, die um das Recht streiten,
dem Kosaken die Augen auszuhacken -- alles dies _lebt_ in den Liedern
und ist in ihnen mit khnen Farben geschildert.

Ein anderer Teil der Lieder stellt die andere Seite des Volkslebens dar:
hier finden wir zahllose Zge aus dem Familienleben des Kosaken, und
hier herrscht der absolute Gegensatz. Dort hren wir nur von Kosaken,
vom Kriege und vom wilden Lagerleben; hier dagegen ersteht vor uns die
Frauenwelt, diese wehmtige, zrtliche Liebe atmende Welt; die zwei
Geschlechter verkehren nur kurze Zeit miteinander und trennen sich dann
fr ganze Jahre. Diese Jahre schwinden fr die Frau in banger Erwartung
und Sehnsucht nach ihren Mnnern und ihren Liebsten dahin, die einst wie
ein Traum, ein Phantasiegebilde in ihrem herrlichen Kriegsschmuck an
ihnen vorberzogen. Daher ist auch ihre Liebe von einer unendlichen
Poesie durchwebt. Das frische, unschuldige, einem Tubchen vergleichbare
junge Weib hat pltzlich die hchste Seligkeit, das Paradies des Weibes,
das nur fr die Liebe geschaffen ist, kennen gelernt. Ihr erster
Lebensfrhling, den sie mit dem starken, freien Sohn des Krieges verlebt
hat, hat ihr ganzes Lebensglck in einen flchtigen Augenblick
zusammengedrngt; mit ihm verglichen hat das ganze Leben keinen Wert;
sie lebt nur in der Erinnerung an diesen Moment. Sehnschtig erwartet
sie vom Morgen bis zum Abend die Rckkehr ihres Gatten mit den schwarzen
Brauen.

   O ihr schwarzen Augenbrauen,
   Wie schwer macht ihr mir das Leben,
   Keine Nacht wollt ihr
   Alleine schlafen.

Sie lebt ausschlielich von Erinnerungen. Alles, was sie zusammen
gesehen, wo sie miteinander geweilt, was sie miteinander geredet, alles
ruft sie sich in die Erinnerung zurck, ohne auch das Geringste auer
acht zu lassen. Sie wendet sich an alles, was sie in der Natur entdeckt,
an alles, was Leben ausstrmt, selbst an die leblosen Gegenstnde, klagt
ihnen ihr Leid und spricht mit ihnen. Und wie einfach, wie poetisch
schlicht sind ihre seelenvollen Worte. Alles bringt sie in Beziehung zu
ihrem Gefhl und wird nicht mde zu reden, denn der Mensch hat immer
viele Worte, wenn der Schmerz eine geheime Se in sich birgt. Endlich
spricht sie in stiller, hoffnungsloser Verzweiflung:

   Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln,
   Wo ich mit dem Liebsten ging.
   Ach, jetzt kann ich nicht mehr lieben,
   Den ich einst so sehr geliebt.
   Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln
   Vor dem Schlosse in der Frh.
   Ach, ich kann mich nicht mehr lehnen
   An den Arm des Heigeliebten.
   Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln
   In dem Wald und Nsse suchen.
   Ach, vorber, lngst vorber
   Ist die heitre Mdchenzeit.

Um denen, die die kleinrussische Sprache nicht beherrschen, die Tiefe
des Empfindens, die sich in diesen Liedern offenbart, so verstndlich
wie mglich zu machen, will ich hier eines dieser Lieder in der
bertragung anfhren.

   Mein Liebster zrnt mir und grollt mir. Er sattelt seinen Rappen und
   zieht in die Ferne, weit, weit fort von mir.

   Wohin ziehst du, mein Geliebter, du mein graues Tubchen, wohin
   entfliehst du? Wem berlssest du mich schutzloses, junges Wesen?

   Ich lasse dich in Gottes Obhut, Geliebte! Warte auf mich, bis ich
   von der weiten Reise zurckkehre.

   Oh, wenn ich wte, wenn ich es doch sehen knnte, wohin mein
   Liebster trabt, so wollte ich ihm auf dem ganzen Wege Brcken aus
   grnem Schilf bauen und ihn immerfort bei mir erwarten.

   Allmchtiger Gott, ebne die Berge und Tler, auf da die Wege
   berall glatt seien, und da er bequem von seinem Ziele bis vors
   Haus reiten kann.

   Ah! die Wiesen singen, die Ufer klingen, das Gras auf den Wegen
   fngt an zu grnen; da ist er, mein Geliebter kommt geritten!

   Ah! die Wiesen singen, die Ufer klingen, der Wacholder erblht --
   gewi plaudert mein Geliebter, mein graues Tubchen irgendwo mit
   einer andern.

   Warum kamst du nicht geflogen, wie ich dich bat! Hattest du kein
   Ro, kanntest du den Weg nicht mehr, oder hat's dir deine Mutter
   verboten?

   Ich habe ein Pferd; auch kenne ich den Weg, und die Mutter hat mir
   schon gestern abend geboten, mein Ro zu satteln.

   Aber kaum sitz' ich auf dem Pferde, kaum reit' ich zum Tore hinaus,
   da luft schon die andere mir nach und sthnt und weint so
   bitterlich, da greift mir ihr Kummer ans Herz.

Man knnte tausende von hnlichen Liedern anfhren und vielleicht noch
weit schnere. Alle sind sie wohlklingend, duftig und auerordentlich
mannigfaltig. berall gibt es neue Farben, eine groe Schlichtheit und
eine unbeschreibliche Zartheit des Gefhls. Wo aber die Gedanken das
Religise streifen, sind sie ganz besonders poetisch. Sie bewundern
nicht die gewaltigen Werke des ewigen Schpfers; eine solche Bewunderung
gehrt schon einer hheren Entwicklungs- und Erkenntnisstufe an; ihr
Glaube ist so unschuldig, so rhrend und so rein wie die unbefleckte
Seele des Kindes. Sie wenden sich an Gott, wie Kinder an ihren Vater.
Sie fhren ihn hufig mit so unschuldiger Einfalt in ihr Alltagsleben
ein, da seine kunstlose Darstellung in ihnen gerade durch ihre
Einfachheit etwas Erhabenes an sich hat. Dadurch erhalten in den Liedern
der Kleinrussen auch die gewhnlichsten Gegenstnde etwas
unbeschreiblich Poetisches, wozu auch die berreste verschiedener aus
der altslawischen Mythologie herstammenden Sitten, die sie dem
Christentum angepat haben, sehr viel beitragen. Oftmals fleht ein
trauerndes Mdchen Gott an, er mge eine Wachskerze am Himmel entznden,
bis der Liebste ber die Donau gesetzt ist. Auf allem liegt der Stempel
reinster, ursprnglichster Kindheit und folglich hoher Poesie. Die Form
ihrer Lieder, der Mdchenlieder sowohl wie der Kosakenlieder, ist fast
immer dramatisch -- ein Zeichen fr die Entwicklung des Volksgeistes und
des ttigen, unruhigen Lebens, das dies Volk so lange gefhrt hat. Fast
niemals haben ihre Lieder eine beschreibende Form und sie gefallen sich
nicht in ausfhrlichen Darstellungen der Natur. Nur hie und da scheint
die Natur in der einen oder der andern Strophe hindurch, aber
nichtsdestoweniger sind ihre Zge so neu, so fein, so bezeichnend und
gut, da sie den ganzen Gegenstand vor die Seele zaubern. brigens nimmt
man zu ihnen nur darum seine Zuflucht, um die Gefhle der Seele
krftiger zum Ausdruck zu bringen. Und daher unterwerfen sich die
Naturerscheinungen gefgig den Gefhlsregungen. Derselbe Gegenstand
spiegelt sich immer gleichzeitig in der inneren und ueren Welt, oft
ist statt der ganzen ueren Umgebung nur ein einziger markanter Zug
oder ein Teil dieser Umgebung berhrt. Nirgends findet sich ein Satz wie
etwa der folgende: es war Abend; statt dessen ist immer die Rede von
gewissen Vorgngen, die abends zu geschehen pflegen, z. B.:

   Die Khe kamen vom Acker, die Schfchen von der Wiese;
   Das Mdchen stand beim Burschen und weinte sich die braunen Augen rot.

Daher haben sehr viele, ohne dies recht zu verstehen, solche und
hnliche Wendungen fr unsinnig erklrt. Ein Gefhl findet immer einen
starken, pltzlichen, schroffen Ausdruck und wird nie durch lange
Perioden abgeschwcht. In einigen Liedern gibt es keine fortlaufende
Idee, sie gleichen einer Reihe von Strophen, von denen jede einen
besonderen Gedanken in sich schliet. Oft erscheinen sie ganz
unbedeutend, weil sie spontan entstanden sind, und da der Blick des
Volkes sehr lebhaft ist, so werden gewhnlich die Gegenstnde, die
zuerst in die Augen fallen, gleich im Anfang des Liedes erwhnt; dafr
aber treten in diesem bunten Durcheinander Strophen hervor, die uns
durch die bezaubernde Ursprnglichkeit ihrer Poesie entzcken. Hier
vereinigen sich eine leuchtende, treue Malerei und eine wohlklingende
Wortmusik. Ein solches Lied wird nicht mit der Feder in der Hand, nicht
auf dem Papier, auf Grund strenger berlegung komponiert, nein, es
entsteht im Taumel der Selbstvergessenheit, wenn die Seele singt und
klingt und alle Glieder ihre gewhnliche gleichgltige Lage verlassen
und sich freier zu rhren beginnen, wenn die Arme sich in die Hhe
strecken und die strmischen Wellen der Lust den Menschen ber alles
hinwegtragen. Dies sprt man sogar in den traurigen und wehmtigen
Liedern, deren herzzerreiende Klnge schmerzvoll an unsere Seele
greifen. Nie konnten solche Tne unter gewhnlichen Verhltnissen und
bei einer nchternen Betrachtung des Gegenstandes der Seele eines
Menschen entquellen. Nur dann, wenn der Wein den prosaischen Gedanken
verwirrt und zerstrt, wenn die Gedanken seltsam und unbegreiflich in
ihrer Disharmonie doch innerlich zusammenklingen -- in solch mehr
feierlicher als heiterer Ekstase beginnt die Seele sich rtselvoll in
unertrglich schmerzlichen Klngen auszustrmen. Hier gibt es keinen
Gedanken, keine berlegung! Der ganze geheimnisvolle Organismus verlangt
nach Tnen und nur nach Tnen. Daher ist die Poesie dieser Lieder so
unbegreiflich, zauberhaft und grazis wie Musik. Die Gedankenpoesie ist
fr jedermann weit verstndlicher als die Poesie der Tne oder besser
gesagt die Poesie der Poesie. Nur ein auserwhlter, wahrhafter Dichter,
ein Mann, der seinem innersten Wesen nach Poet ist, kann sie verstehen,
und daher kommt es, da oft das allerschnste Lied unbemerkt
vorberrauscht, whrend ein minderwertiges durch seinen Inhalt gewinnt.

Der kleinrussische Versbau eignet sich sehr fr das Lied; in ihm finden
sich Versma, Tonfall und Rhythmus vereinigt. Ihr Rhythmus ist schnell
und rapid, daher ist die einzelne Zeile fast nie zu lang, aber selbst
wenn dieses mitunter vorkommt, so wird er in der Mitte durch eine Zsur
mit einem klangvollen Reim durchschnitten. Reine, langgedehnte Jamben
kommen selten vor; meistenteils sind es schnelle Trochen, Daktylen,
Amphibrachen, die schnell dahinfliegen, sich einer mit dem anderen frei
und launenhaft verbinden und so zu neuen Versmaen fhren, die sie in
mannigfaltigster Weise variieren. Die Rhythmen tnen und klingen
zusammen wie die silbernen Hufeisen der Tanzenden. Ein sicheres Gehr
und musikalisches Gefhl ist ihnen allen gemeinsam. Oft klingt eine
Zeile mit einer anderen harmonisch zusammen, trotzdem beide sich nicht
einmal miteinander reimen. Die Hufigkeit des Reims ist erstaunlich.
Hufig enthlt eine Zeile zwei Zsuren und reimt sich zweimal vor dem
Schlureim, der auerdem in der zweiten Zeile, die gleichfalls in der
Mitte doppelt gereimt ist, einen Gegenreim findet. Manches Mal begegnen
wir einem solchen Reim, den man eigentlich keinen Reim nennen kann, der
aber in seiner Tonfrbung so wohlklingend ist, da er uns mehr gefllt
als ein Reim, und der nie einem Dichter in den Sinn gekommen wre,
whrend er die Feder in der Hand hlt.

Den Charakter der Musik kann man nicht mit einem Wort bezeichnen: sie
ist auerordentlich mannigfaltig. In vielen Liedern ist sie leicht,
grazis, berhrt nur leicht die Erde, und es scheint, als spiele sie
neckisch mit den Tnen. Zuweilen nimmt die Melodie eine mnnliche
Physiognomie an und wird kraftvoll, stark und mchtig; schwer stampfen
die Fe die Erde, und es scheint, als knne man nur den schwerflligen
Hopak nach dieser Musik tanzen. Ein anderes Mal aber werden die Tne
ungewhnlich frei, breit, schwingen sich gigantisch empor, suchen
unendliche Rume zu umfassen, und bei ihren Klngen fhlt der Tnzer
sich selbst als Riese: seine Seele, sein ganzes Sein erweitert sich und
dehnt sich bis ins Unendliche. Er lst sich pltzlich von der Erde, dann
trifft er sie noch krftiger mit seinen glnzenden Hufeisen, um im
nchsten Augenblick wieder in die Luft zu fliegen. Was aber die traurige
Musik anbelangt, so kann man sie hier so hren, wie nirgends sonst. Ob
es nun der Schmerz um die geknickte Jugend ist, der es nicht vergnnt
war, sich auszuleben, oder die Klage ber die traurige Lage des
damaligen Kleinruland ... diese Tne leben, brennen und zerreien
unsere Seele. Die melancholische russische Musik drckt, wie M.
Maksimowitsch richtig bemerkt hat, ein Gefhl aus, das das Leben
vergessen will; sie strebt danach, sich vom Leben zu entfernen und die
alltglichen Nte und Sorgen zu bertuben; aber in den kleinrussischen
Liedern verschmilzt dies Gefhl mit dem Lebensgefhl: ihre Tne sind so
lebendig, man glaubt, da sie nicht nur zu klingen, sondern auch zu
sprechen scheinen -- sie reden in Worten, sie sprechen in ganzen Stzen,
und jedes Wort dieser feurigen Reden dringt in die Seele. Ihr
Aufschluchzen gleicht manchmal so sehr einem Herzensschrei, da das Herz
des Lauschers pltzlich zusammenzuckt, als htte ein scharfer Stahl es
berhrt. Hufig klingt eine so starke, trostlose und gleichgltige
Verzweiflung hindurch, da wir uns beim Hren selbst vergessen und das
Gefhl haben, als sei die Hoffnung fr immer aus der Welt entflohen. An
anderen Stellen hren wir ein kurzes Aufsthnen und so lebhafte, heftige
Seufzer, da wir uns zitternd fragen: sind das noch Tne? Das ist der
unertrgliche Jammer einer Mutter, der eine grausame Gewalt ihr Kind
entreit, um es mit bestialischem Lachen an einem Stein zu
zerschmettern. Nichts kann gewaltiger sein, als die Volksmusik, wenn das
Volk nur poetische Begabung hat und ein wechselvolles, tatenreiches
Leben fhrt, wenn der Druck der Gewalt und ewiger unberwindlicher
Hindernisse es ihm nicht gestatteten, fr einen Moment einzuschlummern,
ihm Klagen abntigen, und wenn diese Klagen niemals und nirgends anders
zum Ausdruck kommen konnten, als in seinen Liedern. In solch einer Lage
befand sich Kleinruland zu der Zeit, als sich die Union raubgierig auf
das schutzlose Land strzte. Aus ihnen, aus diesen Tnen kann man sich
ein ebenso deutliches Bild von diesen vergangenen Leiden machen, wie von
einem Sturm mit Hagelschauern und einem Wolkenbruch, wenn man die
diamantenen Trnen erblickt, die die erfrischten Bume von unten bis
oben bedecken, wenn die Sonne ihre abendlichen Strahlen aussendet, wenn
die Luft dnn und rein ist, wenn aus der Ferne das Brllen der Herden zu
uns herberzittert und wenn der bluliche Rauch, dieser Vorbote des
lndlichen Nachtmahls und der Feierstunde, in leuchtenden Ringen gen
Himmel steigt und der Abend, der stille, klare Abend die beruhigte Erde
umfngt.

                                                                 1833.


                                   V
                        Gedanken ber Geographie
                        fr die unteren Klassen

Gro und erstaunlich ist das Gebiet der Geographie. Lnder, wo der
sdliche Himmel glht und wo jedes Geschpf sich einer doppelten
Lebensenergie erfreut, und Gegenden, wo wir in den entstellten Zgen der
Natur Grauen und Entsetzen lesen, wo das ganze Land sich in einen
starren Leichnam verwandelt; Bergriesen, die in den Himmel ragen,
nachlssig hingeworfene Landschaften, die von der ganzen Kraft und
Fruchtbarkeit einer ppigen und reichen Vegetation berquellen, und
wiederum glhende Wsten und Steppen, ein losgerissenes Stck Erde
inmitten eines grenzenlosen Meers, die Menschen, die Kunst und die
Grenze alles Lebens! -- wo wollte man Gegenstnde finden, die strker zu
unserer Einbildung sprchen, gibt es eine herrlichere Wissenschaft fr
die Kinder, gibt es eine, die die Poesie ihrer jugendlichen Seele
lebhafter beflgeln knnte? Und ist es nicht traurig, wenn man ihnen
anstatt all dieser Dinge ein lebloses, trockenes Skelett vorfhrt und
kalt hinzufgt: Das ist die Erde, auf der wir wohnen; da ist die schne
Welt, die uns der unbegreifliche Baumeister geschenkt hat! -- Aber mehr
noch! Man verbirgt Ihn vor den Kindern und lt sie statt dessen einen
politischen Krper benagen, der die Welt ihrer Begriffe bersteigt und
sogar fr einen Verstand, der im Besitze hherer Ideen ist, viel
Ungereimtes enthlt. -- Unwillkrlich kommt einem da der Gedanke:
sollten wirklich der groe Humboldt und jene anderen khnen Forscher,
die so viel Licht in das Gebiet der Wissenschaften hineingetragen, und
die uns die wunderbaren Hieroglyphen, mit denen unsere Welt bedeckt ist,
entziffert haben, nur einigen wenigen Gelehrten zugnglich sein, sollte
die Altersstufe, die mehr denn jede andere das Bedrfnis nach Klarheit
und Bestimmtheit hat, auf nichts als unverstndliche Darstellungen
angewiesen sein?

                   *       *       *       *       *

Die Kindheit ist zunchst nichts wie ein groes Drsten, ein
instinktives Streben nach Erkenntnis. Sie verlangt nach allem und mchte
alles wissen. Am meisten interessiert sie sich fr ferne Lnder: Wie
ist es dort? was geht dort vor? was gibt es da fr Menschen? wie leben
sie? Diese Fragen drngen sich ihr in reicher Flle auf, sie alle
beziehen sich auf die physische Geographie, und daher mu die gewaltige,
reiche, furchtbare und zauberische Welt in ihrem physischen Zustande sie
in hherem Mae und in umfassenderer Weise beschftigen.

                   *       *       *       *       *

In vielen von unseren Lehranstalten trgt man die Geographie in zwei,
manches Mal sogar in drei Klassen vor, weil die Zglinge nicht imstande
sind, das ganze Gebiet in einem Jahre durchzunehmen. Und das ist gut,
denn die Geographie verdient es, da man sich nicht nur ein Jahr lang
mit ihr beschftigt; aber die Lehrer verfallen in einen sehr groen
Fehler; sie teilen den Erdball in zwei, oder je nach den Klassen, in
drei Teile, und dabei fllt der untersten Klasse Europa zu, das
gewhnlich nur nach seiner politischen Seite mit den ausfhrlichsten
Details durchgenommen wird, whrend die hheren Klassen durch die
Steppen und den afrikanischen Sand irren und sich mit den Wilden
unterhalten mssen. Abgesehen von der Unvernunft und von der
merkwrdigen Form solch einer Lehrmethode gehrt noch ein ungeheures
Gedchtnis dazu, um diese ganze ungeordnete Masse festzuhalten. Aber
selbst wenn man die Mglichkeit solch phnomenaler Begabungen in der
Natur zugibt, so wird doch sogar in dem Kopfe eines solchen Phnomens
nie ein schnes Ganzes zurckbleiben. -- Es werden hchstens sorgfltig
bearbeitete, aber vllig getrennte Stcke sein, die von keinem krftigen
Leben beseelt sind, das mit rhythmischem Pulsschlag durch alle Adern
rinnt. Es ist wie bei einem Volke, das fr eine monarchische Regierung
prdestiniert ist und sie im Sturme politischer Erschtterung verloren
hat.

Es ist viel besser, wenn der Zgling die Geographie auf zwei
verschiedenen Altersstufen durchnimmt. Auf der ersten Stufe sollte er
nur einen groen berblick ber die ganze Welt erhalten, aber einen
solchen, der seine ganze Aufmerksamkeit anregt und ihm die ganze Weite
und ungeheure Gre der geographischen Welt vor Augen fhrt. Zu diesem
Kursus mten auch die Naturgeschichte, die Physik, die Statistik und
alles, was mit der Welt zusammenhngt, ihren Teil beisteuern, damit die
Welt den Eindruck einer einzigen, leuchtenden, bunten Dichtung mache und
der Schler nach Mglichkeit mit all ihren Teilen bekannt und vertraut
werde. Gar keine Einzelheiten, nur die groen markanten Zge! aber so,
da er ahnt, wo Eisesklte und wo eine starke Vegetation vorherrscht, wo
die Manufaktur und wo die Bildung hher steht, wo die Unwissenheit
grer, wo die Erde tiefer ist, und wo die Berge sich mchtiger
emportrmen. -- In der zweiten Periode des Kindesalters mssen die
Grenzen dieser Welt auseinandergerckt werden. Jetzt soll er die
Gegenstnde, die er frher mit bloem Auge gesehen, durchs Mikroskop
betrachten. Dann wird er auch alle Ausnahmen und bergnge, und weniger
die starken, als die feinen Abweichungen kennen lernen.

                   *       *       *       *       *

Der Schler soll berhaupt kein Buch bei sich haben. Ein Buch, es mag
sein wie es will, wird seine Einbildungskraft stets einengen und
abtten. Er soll nur die Karte vor sich haben. Man soll ihm keine
geographische Erscheinung erklren, ohne sie auf der Stelle zu fixieren;
selbst wenn es sich nur um eine lebendige, schne Beschreibung handelt,
mu der Schler beim Zuhren seine Augen auf einen Punkt der Karte
richten, und dieser kleine Punkt mu sich vor ihm immer mehr und mehr
ausbreiten, und alle Karten, die er whrend der Rede des Lehrers vor
sich sieht, in sich aufnehmen. Dann kann man sicher sein, da die
Erscheinungen sich seinem Gedchtnis fr immer einprgen werden, und da
er, whrend seine Augen das nackte Weltgerippe betrachten, es sofort mit
leuchtenden Farben ausfllen wird.

                   *       *       *       *       *

Vor allem mu er die Gestalt der Erde in seinem Gedchtnis festhalten.
Das Kartenzeichnen, mit dem man die Schler so sehr qult, bringt wenig
Nutzen. Die vielen kleinen Details, die vielen einzelnen Staaten und
Reiche knnen sich in seinem Kopfe nur gegenseitig vernichten. Viel
besser ist es, man gibt den Kindern vor allem eine scharfe und lebendige
Idee von der Gestalt der Erde: ich mchte dazu raten, zu diesem Zwecke
das Wasser wei und die ganze Erde schwarz darzustellen, damit sie sich
unwillkrlich dem Gedanken ganz deutlich und durch ihre scharfen
Konturen aufdrngen und die Schler unaufhrlich mit ihrer
unregelmigen Figur verfolgen. Jetzt wird es ihnen schon viel leichter
fallen, die Gestalt der Erde nachzuzeichnen, nur sollte man ihnen nie
gestatten, sich in Einzelheiten zu ergehen, d. h. alle kleinen
Vorgebirge und Ausbuchtungen der Ufer zu vermerken. Es ist sogar besser,
wenn sie diese anfnglich nicht kennen, dafr aber die allgemeine
Gestalt der Erde festhalten.

                   *       *       *       *       *

Es ist weit besser, am Anfang die ganze Welt auf einmal zu behandeln,
alle Weltteile auf einmal zu berblicken, denn auf diese Weise treten
die Gegenstze um so strker hervor. Wenn man sie in ihrer Gesamtheit
kennen gelernt hat, kann man hierauf grndlicher auf jeden Erdteil
eingehen. Was nun die Reihenfolge anbelangt, in der die Weltteile
durchgegangen werden sollten, so wrde ich dazu raten, sich durch die
allmhlige Entwicklung des Menschen und damit durch die allmhlige
Entdeckung der Erdteile leiten zu lassen: Man beginne mit Asien, der
Wiege der Menschheit, mit ihrer Kindheit, gehe dann zu Afrika, zu ihrer
feurigen und zugleich wilden Jugend ber, wende sich sodann Europa,
ihrer schnellen Klrung und dem Reifen der Vernunft zu, schreite dann
mit dieser nach Amerika fort, wo der gereifte, mchtige Mensch wieder
mit dem ursprnglichen und sinnlichen Menschen zusammenstt, und
schliee die Darstellung endlich mit den im grenzenlosen Ozean
verstreuten Inseln.

Eine solche Einteilung scheint mir weit natrlicher. Vor allem mu der
Schler sich einen allgemeinen und charakteristischen Begriff von jedem
einzelnen Erdteil machen. Zuerst von Asien, wo alles gro und weit ist,
wo die Menschen uerlich so wrdevoll und kalt sind und doch pltzlich
von unbezwinglicher Leidenschaft ergriffen, aufwallen knnen; in ihrem
kindlichen Begriffsvermgen kommen sie sich klger vor als alle anderen;
hier gibt es nur berhebung und sklavische Unterwerfung; alles ist frei
und leicht gekleidet, leicht bewaffnet, und jedermann ist ein guter
Reiter; hier kann der Trke sein ganzes Leben lang mit untergeschlagenen
Beinen dasitzen und seinen Nargileh rauchen, hier rast der Beduine wie
ein Sturmwind durch die Wste, hier wird der Glaube zum Fanatismus, dies
ganze Land ist das Land der Glaubensbekenntnisse, die sich von hier aus
ber die ganze Welt verbreiten. Dann gehe man zu Afrika ber, wo die
Sonne so hei brennt und Ozeane von Sandwsten sich ber unermeliche
Flchen dehnen; dies ist das Land der Lwen, Tiger, der Palmen und der
Kokospalmen und der Menschen, die sich in ihrem ueren und ihren
sinnlichen Neigungen nur wenig von Affen unterscheiden, deren zahlreiche
Scharen das Land durchziehen usw.

                   *       *       *       *       *

Nachdem der Schler das Bild eines Erdteils aufgezeichnet hat,
verzeichne er alle Hhen und Tiefen auf ihm und stellte dar, wie die
Berge sich verzweigen und in langen, formlosen Ketten durch das Land
ziehen. Bei dieser Gelegenheit kann man sich der Reliefdarstellung
Europas von Ritter bedienen, obwohl sie sich wegen ihrer unklaren
Grenzen zwischen Licht und Schatten nicht ganz fr Kinder eignet. Daher
wre es am besten, man stellte zu diesem Zwecke ein richtiges Basrelief
aus festem Ton oder Metall her. Dann brauchte der Schler es sich nur
aufmerksam anzusehen, und die Hhen und Tiefen wrden sich seinem
Gedchtnis fr immer einprgen.

                   *       *       *       *       *

Da die Berge der Erde ihre Form gegeben haben, so mu ihre Kenntnis
sozusagen den Anfang des ganzen Geographieunterrichts bilden. Nachdem
wir ihre Verzweigungen auf der Oberflche der Erde aufgewiesen haben,
mssen wir auf ihr ueres, auf ihre Form, auf ihre Zusammensetzung, auf
ihre Entstehung und endlich auf ihren Charakter und ihre Eigenart
hinweisen, durch die sie sich von anderen Bergketten unterscheiden --
doch dies darf nicht in trockner Weise mit einer gelehrten
Ausfhrlichkeit geschehen, sondern so, da der Schler erkennt, da
diese oder jene Gebirgskette aus dunklem oder hartem Granit bestehe, da
das Innere einer anderen wei, kalkartig oder lehmig, locker, gelb,
dunkel, rot oder endlich aus Erden und Gesteinen von leuchtenden Farben
zusammengesetzt sei. Man kann sogar erzhlen, da die Gebirge hufig von
Metallagern und Erzadern durchzogen sind, kann ihre Lage darstellen und
zwar kann man dies interessant und unterhaltend tun. Was aber ihre
Oberflche anbetrifft, so versteht es sich von selbst, da man alle
hchsten Punkte angeben mu: alle bemerkenswerten Erscheinungen auf
ihnen sowie die Hhen, bis zu denen die Menschen emporgestiegen sind.

                   *       *       *       *       *

Es knnte nicht schaden, auch die unterirdische Geographie kurz zu
berhren. Mir scheint, es gibt keinen poetischeren Gegenstand als diese,
obwohl sie nur fr die hheren Altersstufen ganz verstndlich sein kann.
Hier haben alle Tatsachen und Erscheinungen etwas Gigantisches und
Kolossales an sich. Hier begegnen wir ganzen ungeheuren Massen. Hier
trgt alles den Stempel der gewaltigen Erdumwlzungen, hier wird die
Seele mchtiger als sonst von den groen Werken des Schpfers
erschttert. Hier liegen ganze Lager von unterirdischen Wldern
begraben. Hier ruht in tiefster Einsamkeit die Muschel eingebettet,
schon im Begriff, sich in Marmor zu verwandeln. Hier lodern ewige Feuer,
deren Ausbrche die Oberflche der Erde umgestalten. Ein groer Teil
dieser Erscheinungen kann selbst bei einer oberflchlichen Darstellung
den Eindruck auf die Einbildungskraft des jungen Zglings nicht
verfehlen.

                   *       *       *       *       *

Der Proze und die Ausbreitung der Vegetation auf der Erde mu auf der
Karte an der Hand einer Stufenfolge der Wrmegrade aufgezeigt werden: wo
eine sdliche Pflanze heimisch ist, wohin sie als Gast verschlagen ward,
unter welchem Grade sie zugrunde geht, wo die nrdliche Vegetation
beginnt, wo sich auch diese endlich verliert, wo alles Wachstum aufhrt,
wo die Natur in den Umarmungen des kalten Ozeans abstirbt und wo der
wunderbare Pol sich in undurchdringliche und fr den Menschen
unzugngliche Eismassen einhllt. Und in der gleichen Weise mte auch
die Ausbreitung der Tierwelt dargestellt werden. Doch der Boden verlangt
eine andere Einteilung der Erde nach Zonen, von denen jede einzelne eine
besondere Art umschliet.

                   *       *       *       *       *

Nur hie und da werden die Erzeugnisse der Kunst von den Geographen
behandelt. Es gibt keinen bergang von der Natur zu den Produkten des
Menschen. Die letzteren sind wie durch eine Axt von ihrem Urquell
abgespalten. Ich rede nicht einmal davon, da bei ihnen jener Ehebund
des Menschen mit der Natur, der die Manufaktur gebiert, gar nicht
erwhnt wird. Bevor also der Schler zur Betrachtung der Industrie und
den Erzeugnissen menschlicher Handarbeit fortschreitet, mu er hierzu
durch die Kenntnis der Bodenerzeugnisse vorbereitet werden, damit er
selbst daraus schlieen kann, welche Industrien sich in einem bestimmten
Reiche vorfinden mssen; falls Ausnahmen in dieser Hinsicht vorkommen
sollten, ist es unbedingt ntig, auf ihre Ursachen hinzuweisen:
vielleicht liegen sie in dem sorglosen Charakter der Bevlkerung, in
fremdartigen Nebenumstnden, in dem bergroen Reichtum der Nachbarn, in
dem Mangel an Kommunikationsmitteln oder hnlichen Verhltnissen. Wenn
er erst ber die Industrie orientiert ist, kann er auch zum Handel
bergehen, der ja ohnedies nicht sehr interessant und nicht leicht
verstndlich ist.

                   *       *       *       *       *

Bei der Aufzhlung der Vlker mu der Lehrer durchaus auf die
Physiognomie und die Eigentmlichkeiten hinweisen, die der Charakter
eines Volks, sozusagen unter dem Einflusse geographischer Verhltnisse
angenommen hat. Er mu alle Vlker der Erde in groe Familien einordnen,
erst die gemeinschaftlichen Zge einer jeden Gruppe schildern und dann
erst zu ihren unterscheidenden Merkmalen bergehen. Dann mu er ihre
physische Geschichte, d. h. die Geschichte ihrer Charakternderungen
folgen lassen, damit es dem Schler klar werde, warum z. B. die Teutonen
in Deutschland durch einen festen, phlegmatischen Charakter
ausgezeichnet sind, und warum derselbe Stamm nach berschreitung der
Alpen ein so munteres, leichtes Wesen annimmt.

                   *       *       *       *       *

Auch Karten, die die Ausbreitung der Bildung auf der Erdkugel
darstellen, sind fr Kinder von groem Nutzen. Dieser Nutzen wird zur
Notwendigkeit, sobald man zu Europa bergeht. Da es jedoch bei uns
solche Karten noch nicht gibt, mu der Lehrer sich der kleinen Mhe
unterziehen und selbst eine solche anfertigen. Die Punkte, wo die Kultur
einen hohen Grad erreicht hat, mu er durch leuchtende Farben
hervorheben und dort leichte Schatten aufsetzen, wo sie tiefer steht.
Diese Schatten werden immer dunkler, je tiefer wir herabsteigen, und
verwandeln sich in vllige Finsternis in dem Mae als die Natur
verwildert und der Mensch bis zum seelenlosen Eskimo hinabsinkt.

Die Gre der Erde und der einzelnen Staaten wird man sich nie durch
Feststellung ihres Quadratinhalts einprgen. Man braucht nur einen Blick
auf die Karte zu werfen, das ist das einzige Mittel, sie kennen zu
lernen. Es wre nicht unangebracht, jedes Reich besonders
auszuschneiden, so da es ein einzelnes Stck und durch Zusammenfgung
mit den andern einen Weltteil bilde. So knnte man die Gre und Form
eines jeden Reiches sichtbar machen.

                   *       *       *       *       *

Bei der Darstellung einer jeden Stadt mu man ihre Lage genau bestimmen:
ob sie auf dem Berge liegt oder sich ins Tal hinabzieht, mu ihr Leben,
ihre Bedeutung, ihre Einkunftsquellen schildern -- und berhaupt mit
einigen krftigen Strichen ihren Charakter zeichnen. Der Lehrer mu aus
dem reichhaltigen Material all das hervorziehen, was eine
Eigentmlichkeit dieser Stadt ist, und wodurch sie sich von den vielen
anderen unterscheidet. Der Schler soll wissen, was Rom, was Paris, was
Petersburg ist. Er darf die anderen europischen Stdte nicht etwa an
dem eigenen Mastabe, der sich beim Anblick von Petersburg in seinem
Kopf gebildet hat, messen. Bei der Darstellung jeder einzelnen Stadt mu
das, was allen Stdten gemeinsam ist, ausgeschlossen werden. In vielen
von unseren Geographiebchern wird auch heute noch bei der Erwhnung
einer Gouvernementsstadt erzhlt, da es dort ein Gymnasium, eine
Kathedrale, und bei Zitierung einer Kreisstadt bemerkt, da es in ihr
eine Kreisschule gibt usw. Wozu soll das dienen? Es gengt, wenn man dem
Schler gleich am Anfang sagt, da es bei uns in jeder Gouvernementstadt
ein Gymnasium und eine Kirche gibt. In der ganzen Welt aber gibt es nur
einen Kreml, einen Vatikan, ein Palais-Royal, eine Reiterstatue Peters
des Groen von Falkonet, ein Petscherski-Kloster in Kiew, einen King
Bench! ber diese wird das Kind gewi Genaueres erfahren wollen. Man
darf sich nicht mit nichtigen Dingen, wie mit dem Aufzhlen von Husern
und Kirchen, aufhalten, die den Schler nur langweilen knnen, dies
sollte nur in Ausnahmefllen gestattet sein, wenn etwas entweder durch
seine Gre oder durch ein negatives Merkmal aus der Kategorie des
Alltglichen hervorragt. Statt dessen kann man ber die Architektur
einer Stadt sprechen -- in welchem Stil sie erbaut ist, und ob die
Gebude durch Gre oder Schnheit auffallen. Bei der Darstellung einer
sehr alten Stadt mu man darauf aufmerksam machen, wie majesttisch
ihre, wenn auch seltsam anmutende altertmliche, in Jahrhunderten
bewhrte und in den Erschtterungen gro gewordene Architektur und wie
leicht und elegant dagegen der Stil einer anderen Stadt ist, die nur ein
Jahrhundert zu ihrer Entstehung brauchte. Beim Gedanken an irgendein
deutsches Stdtchen mu der Schler sich sofort enge Gassen und kleine,
schmale, hohe Huschen, an denen alles so einfach, so lieb und so
bukolisch ist, vorstellen, und daneben eckige Kirchen mit hoch in die
Luft ragenden Turmspitzen. Mit dem Gedanken an Rom, diesem dumpfen Echo
der ganzen antiken, in dem Wirbel der Jahrhunderte untergegangenen Welt,
mu sich unweigerlich der Gedanke an mchtige, sich khn vom Boden
erhebende Gebude verbinden, die, auf schlanke Hallen und gigantische
Sulen gesttzt, verfallen, gleich als snnen sie ber die verflossenen
Tage ihrer groen, herrlichen Jugend nach. Zu diesem Zweck wre es gut,
den Schlern recht hufig die Fassaden der berhmtesten Bauten zu
zeigen; dann wrde sich ihre ungewhnliche Gestalt dem Gedchtnis
einprgen, und dies wrde unwillkrlich und unmerklich zur Bildung ihres
jungen Geschmacks beitragen.

                   *       *       *       *       *

Hin und wieder mu auch die Geschichte durch die Erinnerung an
vergangene Ereignisse die geographische Welt beleuchten. Das Vergangene
mu aber schon sehr augenfllig und von rein geographischen Ursachen
bewirkt sein, um an sie zu erinnern. Wenn jedoch der Schler zur selben
Zeit Geschichte studiert, dann flieen Geographie und Geschichte
miteinander zusammen, um ein organisches Ganzes zu bilden.

                   *       *       *       *       *

Der Vortrag des Lehrers mu fesselnd und bilderreich sein, alle
eindrucksvollen Gegenden, alle groen Naturerscheinungen mssen mit
leuchtenden Farben geschildert werden. Was stark auf die Phantasie
wirkt, das geht dem Gedchtnis nicht leicht verloren. Der Vortrag mu
dem Stil eines Reisenden gleichen. Die strenge analytische Systematik,
besonders wenn sie sich auf Kleinigkeiten erstreckt, kann nicht lange im
Kopf eines Jnglings haften. Das Kind behlt nur dann ein System, wenn
es es nicht mit Augen sieht und wenn es ihm verborgen bleibt. Sein
System -- ist das Interesse, der Faden, an dem sich die Ereignisse oder
die Erzhlungen aufreihen. Alles, was wahrhaft notwendig ist, alles, was
mehr mit unserem Leben zusammenhngt, was wir spter noch besser bei uns
selbst anwenden knnen, -- dies alles ist interessant. brigens: was ist
in der Geographie uninteressant? Sie ist so tief wie das Meer, sie
erweitert unsere eigensten Handlungen und unsern Wirkungskreis, und
obgleich sie uns die Grenzen eines jeden Landes zeigt, verhllt sie ihre
eigenen so geschickt, da sie selbst fr Erwachsene ein philosophisch
anziehender Gegenstand bleibt. Kurz gesagt, man mu versuchen, den
Schler so viel als mglich mit der Welt bekannt zu machen, mit all
ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit, aber in einer Weise, da sein
Gedchtnis nicht berbrdet wird, sondern da ihm dies alles wie ein mit
helleuchtenden Farben gemaltes Bild erscheint. Hierfr bieten uns die
Beschreibungen der Reisenden einen reichen Schatz dar; es gibt deren
eine ganze Menge; wie mir scheint, hat man es jedoch noch nicht
verstanden, in dieser Hinsicht, gengenden Nutzen aus ihnen zu ziehen.

                   *       *       *       *       *

An der Trgheit und Unaufmerksamkeit des Schlers hat meist der Lehrer
schuld, sie sind nur Zeugnisse fr seine eigne Nachlssigkeit; er hat es
also nicht verstanden, die Aufmerksamkeit seiner jugendlichen Hrer zu
fesseln, oder er hat es nicht gewollt; er hat sie gezwungen, seine
bittern Pillen mit Widerwillen zu schlucken. Man darf nie einen
vollstndigen Mangel an Fhigkeiten bei einem Kinde voraussetzen. Ich
bin oft Zeuge gewesen, wie ein Kind, das allgemein fr ganz unbegabt und
von der Natur als stiefmtterlich behandelt gehalten wurde, mit
ungeteilter Aufmerksamkeit einer grauenerregenden Erzhlung lauschte,
und wie auf seinem fast seelenlosen, von keinem Gefhl der Teilnahme
belebten Gesichte unruhige Spannung und Angst miteinander abwechselten.
Sollte es wirklich nicht mglich sein, diese Aufmerksamkeit fr die
Wissenschaft nutzbar zu machen?

                                                                 1829.


                                   VI
                       Der letzte Tag von Pompeji
                          Ein Bild von Brylow

Dies Bild von Brylow ist eine der glnzendsten Erscheinungen des XIX.
Jahrhunderts. Es ist der Auferstehungstag der Malerei, die lange Zeit in
einer Art von lethargischem Schlafe verharrte. Ich will nicht von den
Ursachen eines solch ungewhnlichen Stillstandes reden, obgleich dieser
einen sehr interessanten Gegenstand fr die Forschung darbietet; ich
will nur erwhnen, da, wenn auch das Ende des XVIII. und der Anfang des
XIX. Jahrhunderts uns in der Malerei nichts Vollendetes und Gewaltiges
gebracht, sie doch in ihren einzelnen Teilen mancherlei Frderliches
geleistet haben. Die Malerei zerfiel in unzhlige Atome und Teilchen.
Jedes dieser Atome ward unendlich viel tiefer erkannt und fortentwickelt
wie in frheren Zeiten. Man entdeckte geheimnisvolle Erscheinungen, von
denen man frher nicht einmal etwas ahnte: All das an der Natur, was der
Mensch am hufigsten sieht, was ihn umgibt und ein Leben mit ihm lebt,
diese _sichtbare_ Natur mit all ihren kleinen Zgen, die von den groen
Knstlern vernachlssigt wurden, erreichte eine bewunderungswrdige
Wahrheit und Vollkommenheit der Darstellung. Alles wetteiferte
miteinander, um das lebendige Kolorit, das die Natur ausstrmt, zu
erfassen. Alles Geheimnisvolle in ihrem Schoe, diese stumme Sprache der
Landschaft ward entdeckt, oder richtiger, ward ihr geraubt, ward der
Natur entrissen, obwohl ihr freilich nur Stcke entrissen wurden und
obwohl alle Erzeugnisse dieses Jahrhunderts an Experimente oder, besser
gesagt, an Notizen, Materialsammlungen und flchtige Gedanken erinnern,
die ein Reisender in aller Eile in sein Tagebuch eintrgt, um sie nicht
zu vergessen und um spter ein Ganzes aus ihnen zu machen. Die Malerei
zerfiel in ihre primitivsten, beschrnktesten Zweige: die Stecherkunst,
die Lithographie, und eine Unzahl unbedeutender Erscheinungen wurde mit
groem Eifer bis in ihre einzelnen Teile bearbeitet. Dies verdanken wir
dem XIX. Jahrhundert. Das Kolorit, das im XIX. Jahrhundert verwendet
wird, bedeutet einen groen Fortschritt in der Erkenntnis der Natur. Man
sehe sich nur einmal diese immer wieder erscheinenden Fragmente,
Perspektiven und Landschaften an, die im XIX. Jahrhundert das
Zusammenflieen des Menschen mit der ihn umgebenden Natur zum Ausdruck
bringen: wie differenziert sich hier die von Licht umflutete
Huserflucht, indem sie aus der Finsternis hervortritt! wie durchsichtig
ist das vom Licht getroffene Wasser, wie flutet es im Schattendunkel der
Zweige! wie schwl und strahlend verliert sich der leuchtende Himmel in
der Ferne! wie nah rckt er dem Beschauer die einzelnen Gegenstnde:
welch khne, welch unerhrte Verwerfung der Schatten dort, wo man sie
frher nicht einmal ahnte, und zugleich bei aller Schrfe welch
wundervolle Zartheit, welch eine geheime Musik selbst in den
gewhnlichsten leblosen Gegenstnden! Aber worin es unsere Zeit am
weitesten gebracht hat, das ist die Beleuchtung. Die Beleuchtung
verleiht all unseren Schpfungen solch eine Kraft, ja, man kann sagen,
solch eine Einheitlichkeit, da sie, obwohl sie keine tiefere Bedeutung
in sich tragen, die auf etwas Geniales schlieen lt, doch unserm Auge
unendlich angenehm sind. Sie knnen uns durch ihren Gesamtausdruck zwar
nicht fesseln, trotzdem aber entdeckt man bei genauerer Beobachtung in
ihrem Schpfer hufig eine, wenn auch beschrnkte Kunsterfahrung.

Man betrachte einmal all diese unaufhrlich erscheinenden Gravren,
diese Produkte eines starken Talents, in denen die Natur so lebendig
pulsiert, da man meinen sollte, sie wren in Farbe getaucht. Die
Morgenrte leuchtet in ihnen so zart am Himmel, da wir beim lngeren
Hinsehen den purpurnen Widerschein des Abends zu erkennen glauben; die
von Sonnenlicht berfluteten Bume scheinen gleichsam wie mit einer
dnnen Staubschicht bedeckt; aus dem tiefsten Dunkel der Schatten blitzt
ein leuchtendes, blhendes Wei sinnberckend hervor. Wenn man sie
anblickt, so frchtet man sich, sie mit dem Atem zu streifen. Dieser
Effekt, der sich berall in der Natur findet, und durch den Kampf von
Licht und Schatten entsteht, dieser Effekt ist das Ziel und Streben all
unserer Knstler geworden. Man kann sagen, das XIX. Jahrhundert sei das
Jahrhundert der Effekte. Jedermann vom Ersten bis zum Letzten hascht
nach Effekt, vom Poeten bis zum Konditor, so da diese Effekte uns
wahrlich schon zu langweilen beginnen, und es ist mglich, da das XIX.
Jahrhundert infolge einer seltsamen Laune sich endlich wieder dem
Schlichten zuwenden wird. brigens kann man sagen, da die Effekte sich
am meisten fr die Malerei eignen, wie berhaupt fr alles, was wir mit
den Augen genieen: hier fllt, wenn sie an unrechter Stelle angebracht
und wenn sie falsch sind, ihre Falschheit und Zweckwidrigkeit sofort
einem jeden auf. Ganz anders ist es bei Erzeugnissen, die sich nur dem
inneren Auge erschlieen: hier wirken falsche Effekte schdlich, weil
sie die Lge verbreiten, denn die einfltige Menge strzt sich kritiklos
auf alles, was glnzt. In den Hnden eines echten, wahren Talentes
dagegen sind sie stets wahrhaftig und steigern den Menschen ins
Riesenhafte; wo sie jedoch in die Hand eines unechten Talentes geraten,
da werden sie dem wahren Kunstkenner ein Greuel, da wirken sie so
widerwrtig wie ein Zwerg in dem Gewande eines Riesen, oder ein gemeiner
Mensch, der sich mit einer unverdienten, nur dem Verdienst gebhrenden
Auszeichnung schmckt. Aber alles dieses gehrt nicht eigentlich zum
gegenwrtigen Thema. Man mu zugeben, da im allgemeinen das Streben
nach Effekt eher ntzt als schadet; es treibt uns eher vorwrts als
rckwrts und hat sogar in der allerletzten Zeit viel zur
Vervollkommnung beigetragen. Von dem Wunsch getrieben, einen Effekt
hervorzubringen, haben viele ihr Objekt genauer studiert und ihre
geistigen Fhigkeiten viel lebhafter angespannt. Und wenn der wahre
Effekt sich grtenteils nur in kleinen Vorwrfen offenbarte, so lag die
Schuld mehr an dem Mangel an groen Genies, als in der ungeheuren
Zersplitterung des Lebens und der Kenntnisse, der man sie gewhnlich
zuschreibt. Auerdem hat das Streben nach Effekt dazu beigetragen, da
die Details mit groer Grndlichkeit herausgearbeitet und da sie durch
ihr starkes Insaugefallen allen zugnglich gemacht werden. Ich erinnere
mich nicht, wer es ausgesprochen hat, im XIX. Jahrhundert sei die
Erscheinung eines universalen Genies, das das ganze Leben des XIX.
Jahrhunderts in sich aufnehmen knnte, ein Ding der Unmglichkeit. Das
ist durchaus unrichtig, das ist ein Gedanke, den nur die
Hoffnungslosigkeit eingeben kann und der von einem gewissen Kleinmut
zeugt. Im Gegenteil, nie wird der Flug der Seele eines Genius so
strahlend sein, wie in unserer Zeit; noch nie war das notwendige
Material so gut fr ihn vorbereitet wie im XIX. Jahrhundert. Und sein
Schritt wird sicherlich der eines Riesen und jedem, vom Kleinsten bis
zum Grten, sichtbar sein.

Das Bild von Brylow kann eine vollwertige, universale Schpfung genannt
werden. In ihr ist alles enthalten. Wenigstens hat es eine so gewaltige
Mannigfaltigkeit in sein Bereich gezogen, wie vor ihm nie ein anderes
Bild. Das Thema entspricht ganz dem Geschmack unseres Jahrhunderts, das
aus dem Gefhl seiner ungeheuren Zersplitterung heraus darnach strebt,
alle Erscheinungen zu ganzen Gruppen zusammenzuschlieen, und das daher
die groen Krisen, die von der ganzen Masse empfunden werden, bevorzugt.
Jeder kennt jene herrlichen Werke, zu denen die Vision des Balthasar,
die Zerstrung Ninives und noch einige andere gehren; hier sind die
gewaltigen Katastrophen in ihrer ganzen schrecklichen Gre dargestellt,
in einer vollkommenen Beleuchtung; in furchtbarer Macht lassen ungeheure
Blitze die schreckliche Finsternis aufleuchten und zucken ber den
Kpfen des betenden Volks. Der Gesamteindruck dieser Bilder ist
erschtternd und von seltener Einheitlichkeit; doch aber bilden sie nur
den Ausdruck fr eine Seite dieses Gedankens. Sie erinnern an eine ferne
Landschaft und liefern nur einen einzigen allgemeinen Eindruck. Wir
haben nur ein Gefhl fr die furchtbare Lage der ganzen Volksmasse,
erkennen aber keinen einzelnen Menschen, der den ganzen Schrecken der
sich vor seinen Augen vollziehenden Zerstrung zum Ausdruck bringt.
Diesen Gedanken, den wir nur in starker perspektivischer Verkrzung
gesehen, stellt uns Brylow pltzlich unmittelbar vor Augen, und dieser
Gedanke wchst ins Riesenhafte und scheint auch uns in seinen Bannkreis
zu ziehen. Die Darstellung, die Komposition seiner Idee ist mit
auerordentlicher Khnheit ausgefhrt: er hat den Blitzstrahl ergriffen
und lt ihn strmend auf sein Bild niederfallen. Der Blitz hat alles
mit seinem Licht bergossen und berflutet, wie um alles sichtbar zu
machen, so da kein Gegenstand dem Beschauer verborgen bleibt. Daher
liegt auch auf allem eine ungeheuere Lichtflle. Die Figuren sind mit
kraftvoller Hand hingeworfen, wie nur ein gewaltiger Genius es vermag.
Diese ganze Gruppe, die im Augenblick, wo der Blitz niederfllt, wie
erstarrt stehengeblieben ist, und in der sich tausend verschiedene
Gefhle spiegeln, dieser stolze Athlet, der einen Schreckensschrei
ausstt, in dem Kraft, Hochmut und Ohnmacht liegen, und der sich mit
seinem Mantel gegen den Wirbelwind von Steinen deckt, dieses Weib, das
zu Boden gestrzt ist und ihren herrlichen Arm von einer nie dagewesenen
Schnheit ausstreckt, dieses Kind, das den Beschauer mit seinem Blick zu
durchbohren scheint, dieser vom Blitzschlag betubte Greis, der von
seinen Kindern getragen wird, dessen schrecklicher Krper schon einen
Grabeshauch auszustrmen und dessen Hand mit den weit ausgespreizten
Fingern in der Luft erstarrt zu sein scheint, diese Mutter, die die
Flucht aufgibt und trotz der Bitten ihres Sohnes, dessen angsterflltes
Flehen der Beschauer zu vernehmen meint, unbeugsam bei ihrem Entschlu
verharrt, diese Menge, die entsetzt von den Mauern zurckweicht oder
voller Schrecken und doch wieder ihren Schreck pltzlich vergessend,
wild auf die Erscheinung hinstarrt, die das Ende der Welt ankndigt,
dieser Priester im weien Gewande, der in hoffnungsloser Wut seinen
Blick auf die ganze Welt richtet -- dies alles ist so gewaltig, so khn,
so harmonisch ineinandergefgt, wie es nur im Kopfe eines universalen
Genius mglich war.

Ich will hier nicht den Inhalt des Bildes analysieren, noch die
dargestellten Vorgnge erlutern und erklren. Hierfr hat jeder sein
eigenes Auge und sein eigenes Gefhlsma; auerdem ist dies alles so
augenfllig und steht in so naher Beziehung zu dem menschlichen Leben
und zu der Natur, die der Mensch vor sich sieht und begreift, weil beide
jedem, dem Kleinsten wie dem Grten, verstndlich sind: ich will nur
die Vorzge und die scharf hervorstehenden Eigentmlichkeiten des
Brylowschen Stils hervorheben, um so mehr, da sie wohl den meisten
entgangen sein werden. Brylow ist der erste Maler, bei dem die Plastik
bis zur hchsten Vollkommenheit gediehen ist. Seine Gestalten sind trotz
des furchtbaren Ereignisses und trotz der Lage, in der sie sich
befinden, doch nicht von jenem wilden Entsetzen erfat, von dem die
herben Schpfungen Michelangelos erfllt sind, bei deren Anblick wir
erbeben. Auch finden wir bei Brylow nicht jene Vorherrschaft der
himmlischen, unerreichbaren und zarten Gefhle, von denen Raffaels
Bilder berquellen. Seine Gestalten sind schn, trotz all der Schrecken
ihrer Situation. Sie berwinden das Entsetzen durch ihre Schnheit. Er
ist hier nicht so, wie bei Michelangelo, bei dem der Krper nur dazu
dient, um die Kraft der Seele, ihre Leiden, ihre Seufzer und ihre
furchtbaren Erschtterungen sehen zu lassen, bei dem die Plastik
unterging und die Kontur des Menschen riesenhafte Dimensionen annahm,
weil sie nur dem Gedanken zum Symbol dient, und bei dem nicht der
Mensch, sondern allein seine Leidenschaften vor uns erscheinen. Bei
Brylow erscheint der Mensch nur dazu, um seine ganze Schnheit und die
hohe Anmut seiner Natur zu offenbaren. Die Leidenschaften und die
wahrhaften, flammenden Gefhle treten uns in so wunderbaren Formen, in
so herrlichen Menschengestalten entgegen, da ein Rausch des Entzckens
uns erfat. Als ich das Bild zum dritten- und viertenmal ansah, schien
es mir, als sei die Skulptur -- jene Skulptur, die in der Antike solch
eine plastische Vollkommenheit erreicht hat, als sei die Skulptur
endlich in die Malerei bergegangen und htte sich berdies mit einer
geheimnisvollen Musik erfllt. Brylows Menschen haben stolze und schne
Bewegungen; seine Frauengestalten haben etwas Strahlendes, aber es sind
nicht die Frauen Raffaels mit ihren feinen, kaum erkennbaren Engelszgen
-- das sind leidenschaftliche, wilde, sdliche Italienerinnen, in der
ganzen reinen Schnheit des Mittags stark, kraftvoll, glhend in der
Flle ihrer Leidenschaften und in der Macht ihrer Schnheit und herrlich
in ihrer Weiblichkeit. Brylow hat keine Gestalt geschaffen, die nicht
Schnheit atmete; all seine Menschen sind schn. Die Gesamtbewegungen
seiner Gruppen sind von gewaltigem Rhythmus und sind in ihrer
Gesamtwirkung schon etwas Schnes. Bei ihrer Erschaffung hat Brylow
seine Phantasie ebenso stark gezgelt und kraftvoll gelenkt, wie der
Bewohner der Wste einen arabischen Hengst. Daher ist das ganze Bild so
voller Spannkraft und Pracht.

Im allgemeinen entdecken wir in dem Bilde einen gewissen Mangel an
Idealitt, d. h. einer abstrakten Idealitt; darin besteht sein
strkster Vorzug. Wenn diese Idealitt, dieses bergewicht der Idee
hinzugekommen wre, dann htte das Bild einen ganz anderen Ausdruck
erhalten und nicht den Eindruck hervorgerufen, den es jetzt macht. Das
Mitleid und jene furchtbare innere Ergriffenheit htten sich nicht so
der Seelen der Beschauer bemchtigt, und der wunderbare, von Liebe zur
Schnheit und Wahrheit erfllte Gedanke wre ganz verloren gegangen. Was
uns schreckt, sind nicht die Zerstrung, nicht der Tod, im Gegenteil, in
diesem Augenblick liegt etwas Poetisches, ein wie im Wirbelwind
dahinstrmender, geistiger Genu; wir trauern um unser ses
Sinnenglck, um unsere herrliche Erde. Brylow hat diesen Gedanken in
seiner ganzen Kraft erfat. Er hat den Menschen in seiner hchsten
Schnheit dargestellt, sein Weib ist der Inbegriff aller Herrlichkeit
der Welt. Seine Augen strahlen hell wie die Sterne, seine Kraft und
Wollust atmende Brust verspricht die Wonnen der Seligkeit. Und dieses
wundersame Weib, diese Krone der Schpfung, dieses Ideal unserer Erde
mu zugrunde gehen in dem allgemeinen Untergang wie das letzte
verchtlichste Geschpf, das es nicht wert ist, zu ihren Fen
dahinzukriechen. Ihre Trnen selbst, Ihre Angst und ihr Schluchzen --
alles ist schn.

Die uere ins Auge fallende Eigenart oder die Manier Brylows bildet
auch einen vllig originellen und einen besonderen Fortschritt. Auf
seinen Bildern liegt ein Meer von Licht. Das ist sein Charakter. Seine
Schatten sind krftig und scharf, gehen aber in der Gesamtmasse unter,
verschwinden im Licht. Wie in der Natur, so sind sie auch bei Brylow
kaum bemerkbar. Man knnte seinen Pinsel glnzend und durchsichtig
nennen. Die Rundung eines schnen Krpers hat etwas Durchscheinendes und
erinnert an Porzellan; das Licht, das ihn mit seinem Glanze berflutet,
scheint zu gleicher Zeit in ihn einzudringen. Und dieses Licht ist
wiederum so zart, da es zu phosphoreszieren scheint. Selbst der
Schatten erscheint bei ihm durchsichtig und strmt bei aller Kraft und
Strke eine reine, weiche Zartheit und Poesie aus. Seine Pinselfhrung
prgt sich einem fr alle Zeiten ein. Ich hatte zuerst nur ein Bild von
ihm gesehen -- das Portrt der Familie Witgenstein. Es prgte sich
sofort und mit einem Schlage meiner Phantasie ein und lebt dort fr
immer in seinem leuchtenden Glanze. Als ich auf dem Wege war, mir das
Bild Die Zerstrung von Pompeji anzusehen, war das erste ganz aus
meinem Gedchtnis geschwunden. Ich nherte mich mit einer greren Menge
von Menschen dem Saal, wo das Bild hing, und ich hatte, wie das in
solchen Fllen zu geschehen pflegt, fr einen Augenblick ganz vergessen,
da ich gekommen war, um mir ein Werk Brylows anzusehen; ich hatte sogar
vergessen, ob berhaupt ein Brylow auf der Welt existiert. Aber als mein
Blick auf das Bild fiel, als es vor mir aufstrahlte, da durchzuckte mich
wie ein Blitz der Gedanke an jenes Portrt, und ich glaubte das Wort
Brylow zu hren. Ich hatte ihn wiedererkannt. Sein Pinsel hat etwas
von jener Poesie, die man nur empfinden kann und die man stets
wiedererkennt: unsere Sinne erkennen und fhlen stets die spezifischen
Eigentmlichkeiten, obwohl wir sie mit Worten nie auszudrcken vermgen.
Sein Kolorit hat eine Leuchtkraft, wie man sie frher fast nie gekannt
hat; seine Farben glhen und treffen sprhend unsere Augen. Bei einem
Knstler, der nur eine kleine Stufe tiefer stnde als Brylow, wren sie
unertrglich, bei ihm aber sind sie von jener Harmonie belebt und von
jener inneren Musik durchdrungen, die die lebendigen Geschpfe der Natur
erfllt.

Aber die strkste Eigenart und das, was das Grte an Brylow ist, das
ist die ungeheure Vielseitigkeit und der ungeheure Umfang seines
Talents. Er lt nichts auer acht, bei ihm ist alles von der Grundidee
und den Hauptgestalten bis zum letzten Pflasterstein frisch und
lebendig. Er bemht sich, alle Gegenstnde zu umfassen und ihnen allen
den machtvollen Stempel seines Talents aufzudrcken. Gewhnlich pflegten
sich die Knstler frherer Zeiten nur eine einzelne Seite eines
Gegenstands vorzunehmen und auf diese ihr ganzes Talent zu
konzentrieren, das sich daher auch zu einer ungewhnlichen, man mchte
sagen, abstrakten Gre entwickelte. Raffael malte gewhnlich nur
Gesichter und stellte das Erwachen himmlischer Leidenschaften und
Neigungen auf ihnen dar; alles brige, selbst die Gewnder, lie er
seine Schler vollenden. Auch alle brigen groen Knstler
vernachlssigten, ergriffen von der Erhabenheit der Religion oder der
Erhabenheit der Leidenschaften, alles Beiwerk und alles Sekundre auf
ihren Gemlden. Bei ihnen hat der Himmel immer eine dunkelbraune Farbe;
ihre Wolken erinnern mehr an Heubndel oder an Granitmassen; die Bume
bilden entweder in ihrer Regelmigkeit etwas Kindlich-Einfrmiges oder
in ihrer willkrlichen Form etwas Unharmonisch-Hliches. Fr Brylow
dagegen sind alle Gegenstnde vom grten bis zum kleinsten wertvoll. Er
sucht die Natur mit seinen Riesenarmen zu umfassen und drckt sie mit
der Leidenschaft eines Liebhabers an sein Herz. Vielleicht ist ihm dabei
die detaillierte Durcharbeitung der Teile, mit der ihm das XIX.
Jahrhundert vorangegangen ist, von Nutzen gewesen. Vielleicht htte
Brylow, wenn er frher zur Welt gekommen wre, nicht dieses vielseitige
aufs Ganze und Kolossale gerichtete Streben besessen, und vielleicht
gehren daher seine Werke zu den ersten, die durch ihre Lebendigkeit und
als reine Spiegel der Natur einem jeden verstndlich sind. Seine Werke
gehren zu den ersten, die sowohl der Knstler, der einen
hochentwickelten Kunstgeschmack hat, wie der Laie, der nicht einmal
wei, was Kunst ist (wenn auch nicht in gleicher Weise), begreifen kann.
Es sind die ersten Werke, denen das beneidenswerte Los zuteil ward, sich
einen Weltruf zu erobern, und das hervorragendste unter ihnen ist bis
heute das Gemlde Der letzte Tag von Pompeji, das sich durch seine
ungewhnliche Gre und die Vereinigung aller hchsten Schnheiten nur
mit einer Oper vergleichen lt, wenn die Oper wirklich eine Vereinigung
der dreieinigen Welt der Knste, der Malerei, der Poesie und der Musik
darstellt.

                                                      1834. Im August.


                                  VII
                             Der Gefangene
                Ein Kapitel aus einem historischen Roman

Im Jahre 1543, zu Beginn des Frhjahrs, wurde nachts die Ruhe des
kleinen Stdtchens Lukoma durch eine Abteilung der ordentlichen
kniglichen Truppen gestrt. Der abnehmende Mond, der mit seiner
leuchtenden Sichel durch die Wolken brach, die sich immerfort um ihn
zusammenballten, erhellte fr einen Augenblick den Boden der Schlucht,
auf deren Grunde sich das kleine Stdtchen angesiedelt hatte. Zum
Erstaunen der wenig zahlreichen Stadtbewohner, die erwacht waren, zog
die Abteilung, deren bloes Erscheinen sonst der Vorbote von allerhand
Unruhen und Plnderungen war, mit einer schauerlichen Ruhe durch die
Gassen. Man merkte, da die ganze Kraft ihrer stark gespannten
Aufmerksamkeit sich auf den Gefangenen konzentrierte, der in ihrer Mitte
einherritt; er hatte wohl das seltsamste Kostm an, das einem Menschen
je gewaltsam aufgezwungen wurde. Sein Krper war von unten bis oben mit
Gewehren bedeckt, die an ihm festgebunden waren, wahrscheinlich, um ihm
eine gewisse Bewegungslosigkeit zu verleihen. Ein Kanonengestell war auf
seinem Rcken befestigt. Sein Ro konnte sich kaum fortbewegen, und der
unglckliche Gefangene wre lngst herabgefallen, wenn er nicht mit
einem dicken Seil an den Sattel gebunden gewesen wre. Htte ein
Mondstrahl auch nur fr einen Augenblick sein Gesicht gestreift, er
htte sich in den blutigen Schweitropfen gebrochen, die ihm ber die
Wangen rannen. Aber der Mond konnte das Gesicht des Gefangenen nicht
sehen, da es hinter einer eisernen Maske verborgen war. Die neugierigen
Bewohner versuchten hin und wieder mit offenem Munde nher an den
Gefangenen heranzutreten, wenn sie aber die drohend geballte Faust oder
den Sbel eines der Begleiter erblickten, schraken sie zurck, liefen
eilig in ihre elenden Htten und wickelten sich, in der Khle der
Nachtluft frstelnd, fester in die um die Schulter geworfenen
tatarischen Pelze.

Die Abteilung hatte die Stadt passiert und nherte sich einem einsamen
Kloster. Dieses Gebude, das aus zwei vllig verschiedenen Teilen
bestand, lag ganz am Ende der Stadt auf einem steilen Abhang. Der untere
Teil der Kirche war aus Stein und bestand sozusagen ganz aus Spalten und
Rissen; er war von Feuerrauch und Pulverdampf geschwrzt, stellenweise
war er ganz grn, mit Nesseln, Hopfen und wilden Glockenblumen bedeckt,
und bildete eine lebendige Chronik des Landes, das unter so viel
blutigen Ernten zu leiden gehabt hatte. Der obere Teil mit seinen fnf
geschwungenen, hlzernen Kuppeln, die eine entartete byzantinische
Architektur geschaffen und die von barbarischen Nachahmern noch mehr
verunstaltet waren, bestand ganz aus Holz. Die neuen Bretter, die
zwischen den alten rauchgeschwrzten hervorschimmerten, verliehen der
Kirche eine gewisse Buntheit und lieen erkennen, da fromme Pilger sie
vor nicht gar zu langer Zeit ausgebessert hatten. Ein blasser Strahl der
Mondsichel stahl sich durch die krausen Zweige der Apfelbume, die mit
ihrem dichten Laubwerk einen Teil des Gebudes verdeckten, und fiel auf
die niedrige Tr und das ber ihr angebrachte zackige Gesims, das mit
kleinen, eigensinnig wuchernden gelben Blumen bedeckt war; sie
leuchteten auf und glichen einer feurigen oder goldenen Aufschrift auf
dem natrlichen Gesims. Einer aus der Menge, ein Mann mit einem nicht
enden wollenden Schnurrbart, wie man noch nie einen hnlichen gesehen
hatte, -- er war noch lnger als seine Arme -- ein Mensch, den man nach
seinem Benehmen und seinem frechen, gebieterischen Blick wohl fr den
Fhrer der Abteilung halten konnte, schlug mit dem Flintenlauf an das
Tor. Die morschen Klostermauern drhnten und gaben einen Ton von sich,
der wie die Stimme eines Sterbenden klang und in der Luft verhallte.
Darnach trat wieder tiefe Stille ein. Ein wildes Fluchen in den
verschiedensten Mundarten donnerte unter dem gewaltigen Schnurrbart des
Abteilungschefs hervor: Macht auf! verfluchtes Popenvolk! Sonst wei
ich schon, wie ich euch wecken will! Ein Pistolenschu ertnte, die
Kugel drang durch das Tor und schlug ins Kirchenfenster ein, so da
innen die Scheiben klirrend zu Boden fielen. Dies verursachte eine groe
Verwirrung in den Zellen, die an die Kirche grenzten; man sah Lichter
aufblitzen; ein Schlsselbund erklirrte; das Tor ffnete sich knarrend,
und vier Mnche mit dem Prior an der Spitze traten bleich mit einem
Kreuz in der Hand heraus.

Hebt euch weg! unreine Geister, Bewohner der Hlle! sagte kaum hrbar
mit zitternder Stimme der Prior. Im Namen des Vaters, des Sohnes und
des Heiligen Geistes, hebe dich weg von hier, Satan!

_Allez!_ Das klfft noch! Verfluchter Kerl! brllte der Fhrer in
einer Sprache, der kein Mensch htte einen Namen geben knnen -- aus so
verschiedenartigen Elementen war sie zusammengebraut -- Was klffst du
Strolch und sagst, wir seien Teufel; wir Teufel? Wir sind von den
Kniglichen!

Was seid ihr fr Leute? Ich kenne euch nicht! Was seid ihr gekommen,
die Ruhe der rechtglubigen Kirche zu stren?

Ich werde dir die Augen mit Pulver auswaschen, alte Hndin! Gib mir die
Schlssel zu den Klosterkellern.

Wozu braucht ihr die Schlssel zu unseren Kellern?

Ich werde nicht erst viel mit dir reden, dummer Pope. Aber wenn du
willst, Baamasenjata, sprich mit meinem Gaul.

Bring' diesem Antichristen die Schlssel, Bruder Kasjan, seufzte der
Prior und wandte sich an den einen Mnch. Aber ich habe keinen Wein, so
wahr Gott heilig ist, ich habe keinen! nicht ein einziges Fa, auch kein
Fchen, ich habe nichts, was ihr brauchen knntet.

Was geht mich das an! Meine Jungens wollen trinken. Ich sage dir, wenn
du dummer Pope keinen Stall, kein Heu und keinen Weizen fr meine Pferde
hergibst, dann fhre ich sie in eure Kirche und versetze dir einen
Futritt ins Gesicht.

Der Prior sagte keine Wort, er blickte die Ankmmlinge mit seinen
bleiernen Augen an, die, wie es schien, schon lngst nicht mehr dieser
Welt gehrten, denn sie lieen keine Andeutung von einer Leidenschaft
erkennen, und sein Blick traf mit dem des Jesuiten zusammen, der seine
Augen haerfllt auf ihn gerichtet hatte. Der Prior wandte sich ab, und
sein Auge fiel auf den seltsamen Gefangenen mit dem Eisenvisier. Es
schien, da dieser Anblick den Greis, der gegen alles, was nicht die
Kirche anging, teilnahmslos war, berraschte.

Warum habt ihr diesen Menschen gefangen? Gott! strafe sie mit Deiner
dreifaltigen Macht! Gewi wieder ein Mrtyrer, der fr seinen Glauben an
Christus leidet.

Der Gefangene lie nur ein schwaches Sthnen vernehmen.

Die Schlssel wurden gebracht, und beim Schein eines schlfrig
brennenden Lmpchens nherte sich die ganze Bande dem Eingang einer
Hhle, die sich hinter der Kirche befand. Kaum waren sie alle in das
unterirdische, hliche Gewlbe hinabgestiegen, als Grabesfeuchtigkeit
sie umfing. Stumm schritt der Fhrer voran, und die flackernde Flamme
der Lampe mit ihrem nebligen Strahlenkranz warf ihm einen fahlen,
gespenstigen Lichtschimmer ins Gesicht, whrend der Schatten seines
endlosen Schnurrbarts sich emporbumte und alle mit zwei langen, dunklen
Streifen bedeckte. Nur die beiden Enden des Kopfes mit ihrer plumpen
Rundung waren hell und scharf beleuchtet und lieen den unsglich
gefhllosen Ausdruck erkennen, der darauf hindeutete, da jede weichere
Regung in dieser Seele lngst erstorben und erstarrt, da Tod und Leben
ihm innerlich gleichgltig waren, da sein grter Genu in Tabak und
Branntwein bestand und da er sich nur dort ganz selig fhlte, wo alles
lrmt und klirrt und trunken zu Boden sinkt. Er war ein Sprosse der
Grenzvlker, in dem zahlreiche Nationen sich gemischt hatten. Von Geburt
ein Serbe, der alles Menschliche in den wsten Raubzgen und
Trinkgelagen Ungarns in sich erttet hatte, seiner Kleidung und auch zum
Teil seiner Sprache nach ein Pole, seiner Geldgier nach ein Jude, seiner
Verschwendungssucht nach ein Kosak und in seinem ehernen Gleichmut ein
Teufel. Er schien die ganze Zeit ber ganz ruhig zu sein und nur dann
und wann murmelte er einen gewhnlichen Fluch zwischen den Zhnen
hindurch, besonders wenn er auf dem unebenen Boden stolperte, der sich
immer tiefer und tiefer hinabsenkte.

Mit groer Sorgfalt betrachtete er alle Lcher in den Erdwnden, die
jetzt ganz verschttet waren, und einst als Zellen und einzige
Zufluchtssttte im Lande gedient hatten, wo selten ein Jahr verging,
ohne da die Zerstrung durch Steppen und Felder raste, und wo niemand
massivere Gebude und Schlsser errichtete, weil jedermann wute, wie
geringe Dauer ihnen beschieden war. Endlich erreichten sie eine hlzerne
ganz mit Moos und Schimmel bedeckte Tr, die mit Balken und Steinen
verrammelt war.

Der Fhrer blieb vor ihr stehen und betrachtete sie argwhnisch von oben
bis unten. Nun! sagte er, wies mit den Augen nach der Tr hin, und es
war, als ginge ein Windsto von seiner struppigen Braue aus. Sofort
machten sich einige von seinen Leuten an die Arbeit; nur mit Mhe gelang
es ihnen, die Balken zu entfernen.

Die Tr ffnete sich! Gott! welch ein grauenerregender Anblick bot sich
den Augen der Anwesenden dar! Schweigend blickten sie einander an, ehe
sie wagten, dort einzutreten. Es liegt etwas von den Schrecken des
Grabes in solch einem unterirdischen Gang. Dort herrscht der Tod in
seiner starren Majestt, er reckt seine knchernen Gliedmaen unter all
den blhenden Stdten und Drfern, unter der heiteren, lebensfrohen
Welt. Aber wenn dieses Todesgrauen atmende Innere der Erde noch von
lebenden Wesen, von jenen Hllengeistern bevlkert wird, deren Anblick
uns schon allein erzittern lt, dann erscheint es noch furchtbarer. Der
Modergeruch war so stark, da anfnglich allen der Atem stockte. Eine
riesengroe Krte hockte da und glotzte die Eindringlinge, die sie in
ihrer Ruhe gestrt hatten, mit ihren grlichen hervorquellenden Augen
an. Die viereckige Hhle hatte nur einen einzigen Eingang; groe Stcke
von Spinngeweben hingen in langen Fetzen von dem Erdgewlbe herab, das
die Decke der Hhle bildete. Groe Haufen von Erde, die von der Decke
herabgestrzt waren, lagen am Boden. Auf einem dieser Haufen lagen
Menschenknochen, und blitzschnell huschten schnellfige Eidechsen
zwischen ihnen hindurch. Eine Eule oder eine Fledermaus htte in dieser
Umgebung noch schn gewirkt.

Warum ist das keine Stube! 's ist eine schne Stube! schrie der
Fhrer. _Allez_, hinein! Du, Hund, du wirst hier gut schlafen! Leg'
dich mal auf den Erdklumpen und nimm dir die Krte zum Kopfkissen, oder
besser, nimm sie dir fr die Nacht zur Frau!

Einer von den Kniglichen lachte ber diesen Scherz, aber sein Gelchter
fand in diesen feuchten Hallen ein so schreckliches, tonloses Echo, da
er selbst erschrak. Der Gefangene, der bis dahin stillgestanden war,
wurde in die Mitte der Hhle gestoen und hrte nur noch, wie hinter ihm
die Tr knarrte und die Balken krachten, die den Eingang versperrten.
Das Licht erlosch, und Finsternis umfing das Innere der Hhle.

Der Unglckliche erbebte. Es schien ihm, als htte man den Sargdeckel
ber ihm zugeschlagen, und das Krachen der Balken, die den Eingang
versperrten, schien ihm dem Klirren des Spatens zu gleichen, wenn die
Erde mit schrecklichem Laute auf die letzten berreste eines Menschen
fllt und die Menge gleichgltig wie das Grab und wie im Traume
flstert: Er ist nicht mehr -- aber einst lebte er. Nach dem ersten
Schrecken verfiel der Gefangene in eine sinnlose Spannung, in einen
seelenlosen Zustand, der gewhnlich einzutreten pflegt, wenn ein Schlag
einen so furchtbar trifft, da der Mensch nicht einmal den Mut hat, an
ihn zu denken, sondern seine Augen auf irgendeinen unbedeutenden
Gegenstand heftet und ihn aufmerksam betrachtet. In solchen Augenblicken
gehrt er einer anderen Welt an und hat keinen Teil mehr an dem, was die
Menschen bewegt: er sieht gedankenlos vor sich hin, er fhlt, ohne zu
empfinden, und ist von einem seltsamen Leben erfllt. Zuerst heftete er
seine Aufmerksamkeit auf die ihn umgebende Finsternis. Fr eine Spanne
Zeit war alles vergessen -- ihr Schrecken und der Gedanke daran, da er
lebendig begraben war. Mit all seinen Sinnen suchte er sich mit der
Finsternis vertraut zu machen, und vor ihm tat sich eine ganz neue
seltsame Welt auf: pltzlich sah er helle Streifen die Dunkelheit
durchziehen -- eine letzte Erinnerung an das Licht. Diese Streifen
nahmen alle mglichen Farben an und bildeten die seltsamsten Figuren. Es
gibt keine absolute Finsternis fr das Auge. Man mag es zudrcken,
soviel man will, es malt und zaubert uns Farben vor, die es frher
einmal gesehen hat. Diese bunten Arabesken nahmen entweder die Form
eines bunten Schals oder eines reich gederten Marmors oder endlich jene
seltsame Gestalt an, die uns so wunderbar fremdartig anmutet, wenn wir
ein Stck eines Flgels oder das Beinchen eines Insekts unter dem
Mikroskop betrachten. Zuweilen sah er einen schlanken Fensterrahmen, den
es doch in seiner Hhle nicht gab, vor seinem Blick auftauchen. Ein
phantastisches Azurblau leuchtete in dem schwarzen Rahmen auf,
verwandelte sich dann in ein Kaffeebraun, verschwand ganz und ging dann
in ein dunkles Schwarz ber, das mit Pnktchen von gelber, blauer oder
unbestimmter Farbe best war.

Bald aber verschwand diese ganze Welt, und des Gefangenen bemchtigte
sich eine andere Empfindung. Anfnglich konnte er sich von diesem
Gefhle keine Rechenschaft geben, dann aber gewann es immer mehr an
Bestimmtheit. Er hatte ein Gefhl der Klte auf seiner Hand, und seine
Finger glitten unwillkrlich ber etwas Schlpfriges hin. Pltzlich fuhr
ihm der Gedanke an die Krte durch den Kopf! ... Er schrie auf und
fhlte sich augenblicklich in die Wirklichkeit versetzt! Seine Gedanken
tauchten pltzlich tief unter in den Schrecken der Gegenwart. Hierzu kam
noch die gnzliche Erschpfung seiner Krfte und die furchtbare
Stickluft: dies alles hatte zur Folge, da er in eine tiefe Ohnmacht
versank.

Unterdessen machten sich's die kniglichen Truppen in den Klosterzellen
bequem, als ob sie zu Hause wren; sie schickten die Mnche fort, um die
Stlle zu reinigen, und fingen frhlich an zu zechen, voller Freude, da
sie sich endlich des Menschen, dessen sie bedurften, bemchtigt hatten.

                                                                 1830.


                                  VIII
          ber die Vlkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts

Die groe Vlkerwanderung, aus der die heutige Bevlkerung Europas
hervorgegangen ist, reicht mit ihrem Anfang bis in das ferne Altertum.
Sie beginnt vielleicht gleichzeitig mit der Grndung Roms, ja vielleicht
sogar schon frher. Whrend noch das Mittelmeer die neu entstandenen
Staaten umsplte, die ersten Schritte eines aufkeimenden Handels
beobachten konnte und der Geist der Vlker, die die Blte der antiken
Welt bilden, sich immer mehr und mehr entwickelte -- verbarg sich in den
Tiefen Asiens eine andre unbekannte Welt, die dazu bestimmt war, die
ganze antike Herrlichkeit, den Geist der Antike und seine alten Formen
zu vernichten und sie durch einen neuen Geist zu ersetzen. Mittelasien
bildet einen schroffen Gegensatz zum Sden und zu dem Sdwesten dieses
Kontinents, sowie zu den afrikanischen und europischen Ksten des
Mittelmeers, wo die blhende Vielgestaltigkeit der Natur, des Bodens,
der Erzeugnisse, der Wechsel von Festland und Wasser, und die unzhligen
Inselgruppen, die Vorgebirge und Meerbusen geradezu wie geschaffen sind,
um die Tatkraft und den Geist des Menschen zu einer rapiden Entwicklung
zu bringen. Die Natur Mittelasiens ist von ganz anderer Art: sie ist
einfrmig und unermelich. Seine Steppen gehen ins Uferlose, sie bilden
ungeheure Flchen und scheinen einem wsten Ozean zu gleichen, der
nirgends durch eine Insel unterbrochen wird. Die stillen, regungslosen
Seen inmitten dieser endlosen Ebenen konnten unmglich zur Tatkraft
anspornen. Es schien, als htte die Natur selbst dieses Land fr
Hirtenvlker bestimmt, damit wir uns nach diesen eine Vorstellung von
der primitiven Lebensweise der Urvlker bilden knnten. Die
Unermelichkeit dieser Ebenen konnte im Menschen nie den Gedanken an
einen dauernden Wohnsitz aufkommen lassen, ein Gedanke, der gewhnlich
nur beim Anblick von schroffen Felsen, Meeresufern, Inseln und berhaupt
in Gegenden entsteht, wo man festen Fu fassen kann. Wo dagegen die
Natur in regungslosem Schlummer liegt, da wird auch der Mensch sorglos
und kmmert sich nur um das Allernotwendigste. Die patriarchalischen
Bewohner der Steppen nhrten sich nur von Milch und Kse, die ihnen ihre
halbwilden Haustiere lieferten, und nur selten aen sie Fleisch. Daher
vermehrten sich auch ihre Herden in ganz ungewhnlichem Mae; ihre
Besitzer muten immer hufiger von einem Ort zum andern ziehen, mit
jedem Jahr wurde der Bedarf an Wiesen grer und grer -- und so kam
es, da das Land, das uns noch heutzutage durch seine unermeliche Gre
erschreckt, da das Land, das doppelt so gro war wie die ganze
zivilisierte Welt jener Zeit und mit dem smtliche Bauern der Welt
nichts anzufangen wten -- da dies Land zu eng fr seine Bewohner
wurde. Die mchtigeren Frsten muten die schwcheren verdrngen. Ein
Hirtenvolk, das kein immobiles Eigentum hat, dessen Besitz sich auf ein
durch die Zeit erworbenes und befestigtes Recht sttzt, gibt leicht dem
ersten Ansturm nach und zieht selbst mit seinen Herden weiter. So wurde
Asien ein Menschen ausspeiender Vulkan. Jedes Jahr warf es neue
Menschenscharen und Herden aus seinem Inneren aus, die ihrerseits die
schon frher Ausgespienen aus ihren Niederlassungen verjagten. Diese
berschritten die Berge und drangen in Europa ein. Man kann wohl sagen,
diese Vlker schritten nicht in einer bestimmten Richtung vorwrts,
sondern eins verdrngte das andere mechanisch von seinem Platz. Das
waren keine Eroberer, sondern eine Art Sklaven, die unter dem Druck
einer angedrohten Strafe handelten. So zog sich eine Kette von Vlkern
von Osten und Nordosten durch ganz Europa bis nach Sden hin. Im Sden
stie sie auf das erste Hindernis, sie bekam die gewaltige Macht der
Rmer zu spren und traf mit der antiken Welt zusammen. Unterdessen fuhr
Asien weiter fort, neue Scharen von Menschen auszuwerfen. Der Ansto,
der von jedem neuen Ausbruch dieses Vulkans ausging, pflanzte sich durch
die ganze Kette fort: die neuen Scharen drngten die vorderen Reihen
weiter, jene die vor ihnen marschierenden und so fort. Die Wucht dieser
Vlkerwanderung wurde bald auerordentlich stark, dafr aber wurde auch
der Gegendruck seitens der Rmer sehr krftig, so da sich an der Grenze
des rmischen Reiches eine ungeheuere Menge von Vlkern zu stauen
begann. Bei jedem neuen Ausbruch wurde diese Menge immer grer und
strker, und es wurde den Rmern immer schwerer, sich ihrer zu erwehren.
Endlich gaben die Rmer nach, und die Horden strmten mit gewaltigem
Ungestm nach dem Sden Europas. Htte Europa im Sden nicht das
Mittellndische Meer zur Grenze gehabt, oder htten diese Vlker
irgendein Verstndnis fr die Schiffahrt besessen, so htte die
Vlkerwanderung noch lange fortgedauert -- denn Asien hrte nicht auf,
neue Menschenscharen auszuwerfen -- die Vlker wren nach Afrika
bergesetzt, Europa wre noch viele Jahre lang nicht zur Ruhe gekommen,
das Chaos htte noch lange fortbestanden, viele Reiche wren erst viel
spter gegrndet und der Fortschritt der Zivilisation wre berhaupt um
viele Jahrhunderte zurckgeworfen worden. Aber als die Vlker den Sden
Europas erobert hatten, und als sie das Meer und die Unmglichkeit,
weiter vorwrtszuschreiten, vor sich sahen, da entschlossen sie sich,
mit aller Gewalt gegen die nachdrngenden Feinde vorzugehen. Als die
letzteren auf solch unerwarteten Widerstand stieen, beschlossen sie
auch, ihre Feinde zurckzudrngen, die nun ihrerseits wieder dasselbe
mit ihren Gegnern taten, und so geschah es, da der Ansto die
entgegengesetzte Richtung erhielt, und die Bewegung kam pltzlich zum
Stehen. Die Folgen dieser Erscheinung machten sich sogar in Asien
fhlbar, und einige Hirtenvlker wurden hierdurch gezwungen, zum
Ackerbau berzugehen.

Diese Vlkerwanderung htte sich viel schneller vollzogen, wenn auch
Europa aus solch flachen, offen daliegenden Ebenen bestanden htte, wie
sie Asien bedecken. Hier dagegen hatte die Natur auf einer
verhltnismig kleinen Flche eine ungeheuere Unregelmigkeit und
Mannigfaltigkeit hervorgebracht: berall ist das Festland vom Meere
durchfurcht, seine Ufer bestehen aus zahllosen Halbinseln und
Vorgebirgen, und auch im Innern gibt es nur sehr wenig ebene Flchen;
der Boden steigt und senkt sich in einem fort, erhebt sich und bildet
ungeheure Gebirge, oder er fllt jh herab und bildet tiefe Tler, die
wie durch einen Erdsturz zwischen diesen entstanden zu sein scheinen.
Dazu kam, da Europa zu jener Zeit noch mit undurchdringlichen Urwldern
bedeckt und von sumpfigen Mooren durchzogen war. Und daher vollzog sich
die Vlkerwanderung, je tiefer sie bis ins Innere Europas drang, immer
langsamer und langsamer: die Menschen muten sich durch Wlder
hindurchschlagen, Berge bersteigen und Smpfe umgehen. Ihre
Niederlassungen bildeten sozusagen Oasen, und die einzelnen Vlker
wurden durch Urwlder und unerforschte Gegenden voneinander getrennt, so
da sie hufig lange gegen jegliche berflle geschtzt waren. Und wenn
dann eine neue Springflut von gewaltigen Vlkermassen, befehligt von
einem unternehmenden Fhrer, herankam und Europa mit wundersamen Fanalen
illuminierte, indem sie die alten Urwlder in Brand setzte und der
Vernichtung preisgab, dann bot sich den erstaunten Blicken der
Ankmmlinge ein Volk dar, von dessen Existenz sie keine Ahnung gehabt
hatten, und das in seinen Sitten und Gebruchen sich zwar weit von ihnen
entfernt, dennoch aber eine gewisse hnlichkeit mit ihnen bewahrt hatte.
Man kann sagen, ganz Europa bestand damals aus lauter Fetzen und
Bruchstcken, die die Natur selbst voneinander getrennt hatte; daher war
die Unterwerfung dieses Erdteils und seine Vereinigung unter der Gewalt
eines Herrschers ein Ding der Unmglichkeit, und so entstanden die
zahlreichen europischen Nationen, die sich ohne allen Zweifel zu
_einer_ Nation verschmolzen und einen einheitlichen Charakter angenommen
htten, wenn Europa eine einzige offene Ebene gewesen wre. Das war eine
neue nie gesehene Welt, von der die antiken zivilisierten Vlker nichts
wuten, und die sich, wie man wohl sagen darf, auch selbst kaum kannte.

Den Kern dieser Vlker bildeten die zahlreichen Stmme germanischer
Nation, die sich ber den ganzen Westen ausbreiteten. Die Ufer der
Nordsee, des Rheins, der Donau und ganz Mitteleuropa bis zur Ostsee
waren von ihnen besetzt. Als die Rmer zum erstenmal mit ihnen
zusammenstieen, bewies der Kulturzustand dieser Vlker, da sie schon
lange in Europa ansssig waren, und da ihre bersiedelung nach Europa
schon im grauesten Altertum stattgefunden haben mute. Da sie jedoch
aus Asien stammten, dafr konnte man den Beweis in der seltsamen
hnlichkeit einiger deutscher Stammwrter mit der persischen Sprache
finden. Ob nun Asien in grauer Urzeit zugleich die Stmme ausgeworfen
hat, die spter im Sden inmitten der Berge das persische[8] Volk und in
den nordischen Wldern Europas das Volk der Germanen gebildet haben,
oder ob vielleicht spter der gewichtige Einflu der Parther, die aus
Mittelasien hervorbrachen, eine Reihe von Wrtern in die persische
Sprache eingefhrt hat, die man bis dahin nur in den unermelichen
asiatischen Steppen vernommen, und die sich bereits in Europa verbreitet
hatten[9] -- wie dem auch sei -- jedenfalls stammen die Germanen
ursprnglich aus Asien und hat sich ihre Einwanderung in Europa schon in
grauer Urzeit vollzogen.

Diese Vlker bildeten einen vollkommenen Gegensatz zu den Rmern und
gewissermaen eine Welt fr sich. Ihre physische und geistige Natur trug
den ausgesprochenen Stempel echter Ursprnglichkeit und Eigenart. Ihre
physische Organisation widersprach durchaus der der Vlker der Alten
Welt. Die schwarzen glnzenden Augen, das dunkle Haar, das
ausdrucksvolle Gesicht des Sdlnders, in dem sich die Begierde nach
ppigkeit und bermigen Genssen zu spiegeln schien -- dieser
gemeinsame Typus der bereits erstarrten antiken Welt -- traf hier auf
sein vollkommenes Gegenteil: die blauugigen, blonden, groen und
starken Germanen mit dem einseitig wilden, kriegerischen Ausdruck im
Gesicht reprsentierten einen vllig neuen Typus der menschlichen Natur,
der den Beginn der Neuen Welt kennzeichnete.

[Funote 8: Schlzer.]

[Funote 9: Mller.]

Ihre Religion, ihre Lebensweise, ihr Temperament, die Grundelemente
ihres Charakters unterschieden sich in jeder Beziehung von den
zivilisierten Vlkern jener Zeit. Die Religion der Germanen zeichnete
sich durch eine besondere Eigenart aus. Ihre Gottheit, der Gegenstand
ihrer Anbetung, war die Erde. Es war, als htte der dstere Anblick des
damaligen Europa ihnen die Idee zu dieser Religion eingegeben. Nur
selten von Sonnenlicht umflossen, immer nur im Schatten hundertjhriger
Eichen lebend, und Hhlen als erste Wohnsttten oder Verstecke fr ihre
Schtze grabend, sahen sie nichts wie die Erde, deren gewaltige Kraft
auf ihrer Oberflche Pflanzen wachsen lie, die ihnen als armselige
Nahrung dienten, und herrliche, hohe Bume, die ber ihren Kpfen
rauschten -- und so konnten sie die Erde fr die Erzeugerin aller Dinge
halten. Von ihr leiteten sie ihren Gott Tuisto-Teut ab, der einen Sohn
Mannus hatte und von diesem wiederum die verschiedenen Stmme der
germanischen Vlker, die sie fr die ltesten Bewohner der Welt hielten.
Es knnte scheinen, als ob dieser Begriff von der Religion sie ganz
wesentlich von Asien unterscheidet, aber wir mssen nicht vergessen,
welch gewaltigen Einflu die Natur und die Bodenverhltnisse stets
gehabt haben. Die Natur bt eine despotische Herrschaft ber den
Urmenschen aus. Je mehr der Mensch sich entwickelt, je mehr sein Geist
heranreift, um so mehr Macht bekommt er ber die Natur, und dann
schreibt er ihr die Gesetze vor, aber im wilden Urzustande mu _er_ sich
_ihren_ Gesetzen fgen, ist er ihr Sklave. In Mittelasien liegt der
Himmel immer offen vor dem Auge da; dort ist er unbersehbar und von
einer gewaltigen Ausdehnung; im Vergleich mit ihm erscheint die Erde
armselig und klein. Keine einzige hochgewachsene Pflanze, kein spitzer,
kantiger, hoher und schmaler Fels fesselt das Auge; das auf den
unabsehbaren Flchen sprieende Gras erscheint hier noch niedriger als
sonst. Aber hier strahlt die Sonne in ihrer ganzen Herrlichkeit und
berflutet alles mit ihrem Licht: leuchtende Sterne bersen dicht das
Himmelsgewlbe, und sie allein dienen den Menschen zum Halt und
Wegweiser. Daher war in Asien berall die Anbetung der Sonne und der
Himmelsgestirne vorherrschend. Je mehr dagegen die Vlker nach Europa
vordrangen, desto seltener sahen sie die Sonne. Das dichte,
majesttische Dunkel der europischen Wlder machte einen tieferen
Eindruck auf ihre ungebildete Phantasie. Die Nebel und die aus den
Smpfen aufsteigenden Ausdnstungen verbargen den Himmel vor ihnen, und
die Notwendigkeit, sich zeitweise mit dem Ackerbau zu beschftigen,
brachte es mit sich, da sie sich enger an die Erde anschlossen. Daher
war auch bei den germanischen Vlkern die Anbetung der Gestirne nur sehr
wenig verbreitet, und nur bei ganz wenigen Vlkern hat sich eine
Erinnerung daran erhalten. Tief im Waldesdickicht, das nie von einem
Sonnenstrahl durchdrungen wurde, brachten sie ihrer Gttin, der Mutter
Hertha, ihre Opfer dar. Es scheint so, als ob ihnen die Finsternis fr
heilig galt, darin war ihre Religion schon von Anbeginn allen anderen
Religionen unhnlich. Sie glaubten an die Unsterblichkeit. Aber ihr
Himmel war ein finsterer Himmel. In ihrer Walhalla sahen sie nur die
Fortsetzung ihres kriegerischen Lebens: dorthin versetzten sie ihre
germanischen Eichen, ihre flammenden Lagerfeuer und das Getse ihrer
Waffen; bleifarbene Wolken verhllten ihren Himmel, den sie mit den
dunklen Schatten ihrer groen im Kriege gefallenen Helden bevlkerten.
Die Anbetung Herthas verbreitete sich fast bei allen germanischen
Stmmen. Zu den Gegenstnden ihrer Verehrung gehrten auch die Schatten
ihrer verstorbenen Helden, die sie sich in bernatrlicher, ins
Riesenhafte gesteigerter Gre vorstellten. Auch ihre treuen Gefhrten,
die Kriegsrosse, genossen dieselbe Verehrung, unter denen die weien
nach Tacitus fr besonders heilig galten und in den heiligen Hainen
untergebracht wurden. Man spannte sie vor den heiligen Wagen, dem der
Knig und die Priester folgten, und aus dem Schnauben der Rosse deutete
man die Zukunft.

Die germanischen Vlker blieben lange Zeit ihrer ursprnglichen
Lebensweise treu. Sie lebten nur fr den Krieg, er bildete ihre ganze
Freude. Beim Kriegslrm erbebten sie wie junge, kampfmtige Tiger. Sie
dachten nur daran, ihre Krfte zu messen und sich an der Schlacht zu
vergngen. Habgier und Beutelust spielte nur eine geringe Rolle: als
Hauptsache galt ihnen nur, sich in der Schlacht hervorzutun, damit ihre
Heldentaten spter im Liede besungen wrden. Alle Vorteile und ihr
ganzes Lebensglck hing mit dem Namen dessen zusammen, der sich mit
Kriegsruhm bedeckt hatte. Er wurde zum Fhrer gewhlt; ihn bewunderten
und verehrten alle Vlker. Er war der Vermittler und Richter in allen
Streitfragen, und er verteilte im Kriege nach eigenem Ermessen die ganze
Beute; sogar fremde und weit entlegene Stmme sandten ihm Pferdegeschirr
zum Geschenk; die verwandten und untergebenen Stmme brachten ihm
freiwillig die Erzeugnisse ihrer Felder, Frchte, Rinder und Rosse als
Gabe dar. Mut und Tapferkeit galten als etwas Gttliches; alles strmte
um die Wette der Fahne des Fhrers zu, und jedermann kmpfte nicht um
der Beute willen, sondern um sich vor ihm auszuzeichnen und ein Wort der
Anerkennung von ihm zu hren. Sein Name lebte noch lange in den
Heldengesngen fort, nach seinem Tode wurden ihm zu Ehren groe
Festgelage veranstaltet, und noch lange rhmte sich sein Stamm seiner
Heldentaten; seinem Schatten wurden allmhlich gttliche Ehren zuteil,
und er wurde ein Gegenstand der Anbetung. Solch ein Schicksal war
beneidenswert, denn auch im unentwickelten Menschen glht ja schon die
Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Alle ohne Unterschied eiferten danach,
ruhmvolle Taten zu vollbringen; die Schlachten huften sich, und die
Germanen waren stets bereit, auf den ersten Ruf mit ihren wilden
Kriegshorden heranzubrausen.

Sie kmpften fast nackt, indem sie ihre athletische Kraft in aller
Schlichtheit an den Tag legten. Ein Mantel, der statt von einer
Schnalle, von einem Dorn zusammengehalten wurde, ein Raubtierfell ber
der Schulter -- das war ihre ganze Rstung. Sie stellten sich in dichten
Haufen in keilfrmiger Schlachtordnung auf und kmpften von nahem und
von ferne mit kurzen Lanzen, die Framen genannt wurden; mit der
Lwenkraft ihrer Muskeln schleuderten sie sie so weit, wie es ntig war,
um den Feind zu erreichen; nur ihre Schilde waren etwas schner und
prchtiger und waren mit grellen Farben bemalt; Scharen von Frauen und
Kindern folgten ihnen in die Schlacht, begleiteten sie mit ihrem
Geschrei und spornten sie immer wieder zu neuem Mut an: sie dachten
nicht an Flucht, der Gedanke an die Sklaverei, die ihre Frauen und
Kinder erwartete, verdoppelte nur die wilde Kraft ihres Ansturms, und
der Feind war gezwungen, nachzugeben. Die Frauen sogen ihren Mnnern
mitten im Getmmel der Schlacht die Wunden aus, verbanden sie, ja sie
trugen die Verwundeten auf ihren Schultern hinweg. Der Tod des Fhrers
wirkte nicht etwa lhmend auf sie, im Gegenteil, er kettete alle durch
das sthlerne Band der Rache zusammen und machte sie unberwindlich. Es
galt als grte Schande, seinen Schild wegzuwerfen; der Unglckliche,
dem dies passierte, wurde ein Opfer der allgemeinen Verachtung und nahm
sich selbst das Leben. Nur auf Grund der allgemeinen Achtung herrschte
der Fhrer, ohne da ihm sonst irgendwelche Machtmittel zu Gebote
standen, unumschrnkt ber die Stmme, und die Krieger befolgten mit
bewunderungswrdigem Gehorsam seine Befehle. Doch nicht nur im Kriege
hatte er den Oberbefehl, er behielt zuweilen seine Macht auch whrend
des Friedens bei und nannte sich dann Heerfhrer[10].

Die Germanen waren sehr freiheitsliebend und wollten keine Gewalt ber
sich anerkennen. Eine eigentliche Regierung gab es nicht. Sie
versammelten sich und veranstalteten Volksversammlungen, die jeden Monat
bei Neumond und Vollmond, bei auerordentlichen Anlssen jedoch zu jeder
beliebigen Zeit abgehalten wurden. Sie erschienen trge und langsam zu
diesen Versammlungen, wie um anzudeuten, da sie aus freien Stcken
kmen; es vergingen einige Tage, bis die ntige Zahl beisammen war und
die Beratung beginnen konnte. Sie saen in voller Rstung da; nur die
Priester hatten das Recht, Schweigen zu gebieten; die Familienltesten
prsidierten, die sogenannten Grauhaarigen (_grawion_), die spter
diesen Namen in den der Grafen vernderten, die Frsten und die, die
sich whrend der Schlachten ausgezeichnet hatten, fhrten das Wort; ihre
Rede war schlicht und von jenem krftigen, gedrngten Lakonismus
erfllt, durch den sich die treuherzige Beredsamkeit junger Vlker
auszeichnet.

Sie waren schlicht und offenherzig; ihre Verbrechen waren nur die Folgen
ihrer Unwissenheit und nicht ihrer Lasterhaftigkeit. Nur Ehrlosigkeit
und eine niedrige Gesinnung galten als Verbrechen; berlufer und
Verrter wurden gehngt und einem qualvollen Tode berantwortet; fr ein
gemeines und ehrloses Vergehen wurde der Schuldige in einen Sumpf
versenkt, und es wurde Schlamm und Reisig auf ihn geworfen, wie um etwas
zu verbergen, was nie ans Tageslicht kommen sollte. Die untreue Frau war
ganz in der Gewalt ihres Mannes: er durfte ihr das Haupthaar
abschneiden, ihr ihre Kleider wegnehmen und sie nackt und schmachbedeckt
mit Ruten durch Drfer und Siedelungen jagen; niemand wagte es, auch
wenn sie noch so schn war, ihr sein Mitleid zu bezeigen. Aber diese
Flle waren nur selten, denn die Germanen hatten einen wilden und rauhen
Charakter, und bei ihnen herrschten nur Bruche und Sitten, die
gewhnlich viel strker sind als Gesetze.

[Funote 10: Tacitus.]

In ihrem huslichen Leben waren sie ganz im Gegensatz zu ihrem unruhigen
kriegerischen Wesen sehr sorglos und trge. Sie waren stumpf und sehr
faul und lagen in ihren Htten herum, ohne sich vom Fleck zu rhren. Je
mutiger ein Mann zu sein glaubte, um so mehr hielt er es fr unter
seiner Wrde, sich mit irgendeiner Arbeit abzugeben; die cker wurden
von alten Leuten, von den Schwachen, Minderjhrigen und Knechten bebaut;
letztere genossen volle Freiheit und muten nur eine kleine
Naturalabgabe von ihren Feldern zahlen. Alle huslichen Arbeiten lagen
auf den Schultern der Frauen. Die Frau brachte ihrem Manne keine Mitgift
in die Ehe mit, im Gegenteil, _er_ mute ihr am Vorabend der Hochzeit
einen Ochsen im Joch, ein voll ausgerstetes Pferd und eine Lanze
darbringen, wie um damit auszudrcken, da sie von nun an an all seinen
Beschftigungen teilnehmen msse.

Die Kleidung der Germanen war ganz anders, als dies in der rmischen
Welt und bei allen sdlichen Vlkern blich war, die eine gewisse
Liebhaberei fr leichte, weite Gewnder hatten; sie trugen enge Kleider,
die sich fest an den Krper anschmiegten, und die Tierfelle, in die sie
sich mit Vorliebe hllten, verliehen ihnen ein wildes, tierisches
Aussehen. Die Kleidung der Frauen unterschied sich nur wenig von der der
Mnner; einzelne trugen hochrote Leinwandrcke, die nur bis zum Grtel
reichten, so da der Hals, der Busen und die Arme offen blieben. Die
Kinder waren sich ganz allein berlassen und wuchsen in der Gesellschaft
der Haustiere auf. Erst wenn sie volljhrig wurden, durften sie Waffen
tragen und an den Versammlungen teilnehmen. Die Gastfreundschaft, die
allen wilden Vlkern von primitiven Sitten eigen ist, war auch den
Germanen eigentmlich; der Gast wurde reichlich beschenkt, und wenn
jemand nicht in der Lage war, einen Gast zu bewirten, fhrte er ihn
selbst zu einem seiner Genossen.

Am hufigsten jedoch konnte man die alten Germanen bei ihren Festgelagen
antreffen, wo manches Mal mehrere Nchte hindurch gezecht wurde, dann
war der Wald prachtvoll erleuchtet von lohenden Eichen, und ein Getrnk
aus gegorenem Gerstensaft, wahrscheinlich der Urahne des heutigen Biers,
das in Deutschland so viel getrunken wird, lie ihren Gedanken, Reden
und Entschlssen freien Lauf. Bei diesen Gelagen kamen alle ihre
Unternehmungen zur Reife. Hier faten sie die Plne zu ihren khnen,
gewagten Angriffen, die whrend einer gemchlichen Volksversammlung wohl
nicht jedem und auch nicht immer in den Sinn gekommen wren. Sie waren
strmisch, waghalsig, und wenn sie einmal wach, erschttert und aus
ihrer kaltbltigen Indolenz aufgerttelt waren, kannte ihre Leidenschaft
keine Grenzen. Ihre Verwegenheit kam ganz besonders beim Wrfelspiel zum
Ausdruck, da konnte der wilde Germane so leidenschaftlich werden, da er
sein Haus, seine Waffen, sein Weib, seine Kinder und zuletzt sich selbst
verspielte und in die Sklaverei verkaufte -- ein Zustand, der ihn
schlimmer dnken mute als der Tod! Vielleicht war dieses wilde
Temperament die Quelle jener starken, khnen Leidenschaften, die den
Europer erfllen.

So geartet waren die germanischen Vlker -- diese wilden Elemente, aus
denen das neue Europa hervorgegangen ist. Sie zerfielen in unzhlige
Stmme und berzogen das nrdliche Europa ebenso dicht wie die dichten
europischen Wlder. Um einen klaren berblick ber sie zu gewinnen,
wollen wir mit den Gegenden beginnen, wo die Alte Welt diese ersten
Begrnder der Neuen Welt zuerst erblickte, d. h. mit der Donau, die den
Rmern als Grenze diente. Hier wohnten Stmme, die zwar noch frei aber
doch nicht mehr ganz wild waren, und die schon Beziehungen mit dem
antiken, zivilisierten Rom angeknpft hatten, als da sind: die
Hermunduren, die Narisker, die Markomannen und die Quaden. Ferner lag
eine groe Kette von germanischen Stmmen an den Ufern des Rheins von
seiner Quelle bis tief herab zu der Stelle, wo er ins Meer fllt. Das
waren die Vangionen, Triboker, Nemeter, Matiaken, Ubier; auf sie folgten
die Tenkterer, die besten Reiter, deren Reiterei auch bei den Rmern
berhmt war, und deren ganzer Besitz aus ihren Rossen bestand und immer
dem Tapfersten hinterlassen wurde; dann folgten die Usipier und hart an
der Mndung des Rheins, wo er ins Meer strmt -- die mchtigen Bataver.

Das mittlere Deutschland war ganz mit Wldern bedeckt und barg die
wildesten und mchtigsten Stmme in sich. Von Westen nach Osten
fortschreitend, treffen wir zuerst auf die Chatten, die Ahnen der
heutigen Hessen; sie bewohnten die aus zahllosen Hgeln bestehenden Ufer
des Main. Dieses Volk verbreitete Schrecken um sich durch sein Fuvolk,
durch dessen vortreffliche Aufstellung und Organisation, durch seine
umsichtige Angriffstaktik und den wilden Ausdruck seiner Gesichter. Die
Sitten und Gebruche der Chatten setzten einen durch ihre Eigenart
unwillkrlich in Erstaunen. Kein Jngling durfte sich das Haar
schneiden, ehe er nicht seine Hnde in Feindesblut gewaschen hatte,
whrend der Schlacht muten sie in den vorderen Reihen kmpfen, und dann
jagten sie den Feinden mit ihren struppigen, behaarten Gesichtern Angst
und Schrecken ein. Jeder Chatte trug einen eisernen Ring am Arm, was
sonst fr schmachvoll galt, weil der Ring an eine Kette erinnerte, doch
durfte er ihn nicht frher ablegen, als bis er mit eigener Hand einen
Feind gettet hatte. Sdlich von den Chatten wohnten die Cherusker, die
Bewohner des Harzes, weiter folgten die Fosen, die Sigambrer, die
Brukterer, die Angrivarier, die Chasuarier und endlich die Harier, die
sich durch eine ganz eigene Angriffsweise auszeichneten. Sie fhrten
ihre berflle in dunklen finsteren Nchten aus, frbten sich, um
Schrecken und Furcht einzuflen, ihren Leib, trugen schwarz
angestrichene Schilde und boten sich dem erstaunten Blicke der Feinde,
die diesen Anblick nicht zu ertragen vermochten, wie ein Leichenzug dar.
stlich von ihnen in etwas freieren, offener daliegenden Gegenden
wohnten die Sueven. Diese bestanden aus einer Menge verschiedener Stmme
und fhrten noch lange Zeit ein Hirtenleben, obwohl sich der Boden wegen
seiner vielen Smpfe nur wenig dazu eignete.

berhaupt kann man sagen, je mehr man sich dem Sden oder dem Sdwesten
nherte, um so mehr Ackerbau treibende Stmme traf man an; oder Ackerbau
und Viehzucht traten zusammen auf; je mehr man sich dagegen dem Osten,
Ungarn, Dacien und Polen nherte, um so mehr berwog das Hirtenleben,
und je tiefer man endlich in die Wlder des Harzes eindrang, um so
finsterer und krftiger wurden die germanischen Stmme. Aber die
allergefhrlichsten unter ihnen, die selbst die Rmer fast gar nicht
kannten, und die dennoch die eigentlichen Zerstrer ihrer Herrschaft
wurden -- das waren alle die Stmme, die die Ksten des Meeres und die
an der Ostsee gelegenen Lnder bevlkerten. Bis hierher waren die Rmer
nie vorgedrungen. Hier wohnten Seeruber, die unternehmungslustigsten
unter den Germanen, die schon die Lage des Landes und des Meeres dazu
zwang, sich in die khnsten Unternehmungen zu strzen.

So ein Leben fhrten die Friesen und Chauken am Ufer der Nordsee, dann
ein wenig weiter die gewaltigsten unter den Korsaren des Nordens, die
Sachsen, ferner in Holstein die Cimbern, an der Ostsee die Goten, die
Wariner, die Rugier und Burgunder und in Preuen die Longobarden, die
Vandalen und die Heruler. Auerdem gab es in Mitteldeutschland noch eine
ganze Reihe von Abkmmlingen dieser Stmme, die ganz verborgen in
Wldern und Smpfen lebten; whrend der hufigen Schlachten und Kmpfe
zwischen den einzelnen Stmmen wurden sie aus ihren Verstecken
hinausgedrngt und sahen sich nun gezwungen, Pltze aufzusuchen, bis zu
denen kein Mensch vordringen konnte. Auch die Berge der Alpen und der
Karpathen bargen eine Menge von Fetzen oder berresten verschiedener
Stmme in sich: gallische, germanische und wendische Vlker, die in dem
wilden Europa herumvagabundierten. Der Nordwesten des Erdteils konnte
infolge seiner ungeheuren Unfruchtbarkeit und Armut und seiner langen,
den und ungeheueren Strecken keine starken Vlker hervorbringen und
groziehen. In seinen weit verstreuten, obdachlosen, verwaisten
Bewohnern -- den Finnen, und den Abkmmlingen estnischer Stmme erstarb
alles Leben, ebenso wie in der Natur jener Gegenden.

Dies war jene besondere Welt in dem wilden Europa! _Das_ waren die
Vlker, deren gewaltige Kraft die Rmer vor allem an sich erfahren
sollten. Und wenn das Weltreich nicht schon viel frher zusammenbrach,
so liegt der Grund nur in der ungeheuren Zersplitterung der germanischen
Vlker, in der Bodenbeschaffenheit Europas, die sie hinderte, zu einem
Ganzen zu verschmelzen, in der Einfachheit ihrer Sitten, die sie
veranlaten, sich mit den rohen Erzeugnissen ihres Landes zu begngen,
in dem fr diese nur auf die Zerstrung ausgehenden Wilden so
bezeichnenden Mangel an Habgier, in ihrem sehaften Leben und in ihrer
Liebe zur Freiheit, die sie immer wieder zwang, sich in die Tiefe der
Wlder zurckzuziehen. Die Rmer waren sich der Gefahr voll bewut, die
ihnen von der frischen Kraft dieser europischen Vlker her drohte. Und
daher waren sie darauf bedacht, keine Grenze des Reiches, weder die
asiatische im Osten, noch die afrikanische im Sden, so zu schtzen und
zu befestigen, wie die europische im Norden. Hier, kann man wohl sagen,
konzentrierte sich ihre ganze militrische Schutzmacht. Und man mu
zugeben, da die Verteidigungsmaregeln, die whrend der damaligen Lage
des an Erschpfung zugrunde gehenden Reiches aufgeboten wurden, sehr
vernnftig waren. Das rmische Reich berlie seine gefhrdeten Grenzen
den frischen, kriegerischen Vlkern, die sie am besten verteidigen
konnten und sich anfnglich mit wenigem begngten. Aber es mu zur Ehre
der germanischen Vlker gesagt werden, da nur die uerste Not sie
zwang, dieses Geschenk Roms anzunehmen. Diese Abhngigkeit erschien
ihnen wie Sklaverei, und sie eilten wieder in die Tiefe ihrer Wlder
zurck -- um dort ein Versteck fr ihre Freiheit zu suchen. Die
Anschlge der Rmer zwangen sie, starke Bndnisse miteinander zu
schlieen, aber diese Bndnisse waren nie offensiver Natur, ihr Zweck
bestand immer nur darin, die Freiheit, die den Germanen teurer als alles
war, vor Gefahren zu schtzen. Eins von diesen Bndnissen, das unter dem
Namen des frnkischen Bundes bekannt wurde, wuchs und erstarkte dank der
gnstigen Lage des Landes und dem immer heftiger werdenden Ansturm
seitens aller andern Stmme. Die verschiedenen Vlker, die ihm
beitraten, hatten einen Teil von Westfalen und Hessen besetzt und sich
so eng miteinander verschmolzen, da sie schlielich nur eine Nation
unter dem Namen der Franken bildeten. Doch dieses Bndnis wre den
Rmern nie so gefhrlich geworden, und ganz Deutschland htte sich auch
weiter nicht geregt, wenn nicht eine fremde Kraft, d. h. Vlker, die aus
Asien kamen, einen Druck auf die Germanen ausgebt htte. Der stliche
Teil Europas war uerst gefhrlich wegen seiner weiten Ebenen. Das war
ein weitgeffnetes Tor nach Westeuropa, der groe Weg, auf dem die so
verschieden gearteten Vlker eines nach dem andern herangezogen kamen,
hier waren auch die Wlder bedeutend hufiger niedergebrannt, wie in
anderen Gegenden; auch die Smpfe waren hier am frhesten ausgetrocknet
und mit jedem Jahrhundert wurde dieser Weg freier und bequemer fr die
groen Vlkerzge. Die weiten offenen Flchen gaben den Vlkern und
Stmmen die Mglichkeit, sich zu groen Massen zu vereinigen, und
eigneten sich ungemein fr ein Nomadenleben, das seinerseits gnstige
Gelegenheiten zu Angriffen in groem Mastabe bietet. Ein ganzes Volk
konnte pltzlich seine fliegenden Wohnsitze verlassen und mit seiner
ganzen Masse einen furchtbaren, unwiderstehlichen berfall auf ein
andres ausfhren.

Eins von den germanischen Vlkern ward frher denn alle brigen dazu
bestimmt, eine allgemeine Vlkerbewegung hervorzurufen. Dieses Volk
waren die Goten[11], ein Volk, auf dem ein furchtbarer Fluch zu lasten
schien, der es zu ewigem Wanderleben verurteilte. Die Goten muten lange
herumirren, bald erschienen sie in Skandinavien, bald an den beiden
Ksten der Ostsee und endlich im weiten Osten Europas. Nach dem Zeugnis
des Geschichtsforschers Jornandes saen sie ursprnglich in
Skandinavien. Es ist sogar mglich, da dies eins der Urvlker Europas
war. Nachdem sie ihre schneebedeckte Heimat verlassen hatten, drangen
sie bis an die Ksten Preuens und riefen eine groe allgemeine
Umwlzung hervor. Sie verdrngten die Vandalen, die Longobarden, die
Heruler, die Burgunder und Sachsen aus jenen Landstrichen und zwangen
sie gegen ihren eigenen Willen, sich am eifrigsten an der Zerstrung des
westrmischen Reiches zu beteiligen. Die allgemeine Erschtterung machte
sich in ganz Europa bemerkbar: diese ganze Kette der mchtigen
baltischen Stmme nherte sich den Grenzen Roms, drngte viele Stmme
ins Gebirge und in die Smpfe zurck, konzentrierte ihre Krfte noch
mehr und machte so die Rmer mit neuen Vlkern bekannt. Von nun an
konnte man Herulern, Vandalen und Longobarden in ihren Armeen begegnen.

[Funote 11: ber die Goten siehe Prokop, Jornandes, Gibbon.]

Unterdessen hatten die Goten, nachdem sie vor sich her einen Weg gebahnt
hatten, die am Ufer der Donau lebenden Vlker, die Markomannen und die
Quaden, teils vertrieben, teils unterworfen; nun vereinigten sie sich in
groen Massen in den sdlichen Ebenen Daciens und zogen zusammen mit den
unterjochten Stmmen dem Schwarzen Meere entgegen. Je mehr sie nach
Sden vordrangen, desto besser wurde der Weg, und um so schneller
vollzog sich ihre Wanderung. Endlich erschienen sie mitten in
Griechenland und in Kleinasien und brannten die Ksten des Schwarzen
Meeres nieder. Chalcedon und Ephesus wurden eingeschert. Athen wurde in
furchtbarer Weise und schonungslos zerstrt. Kaiser Decius erkannte die
Gefahr, die den stlichen Grenzen seines gewaltigen Reiches drohte; er
fhrte selbst seine Truppen gen Osten und fiel in der Schlacht mit der
Waffe in der Hand, whrend sein Heer im Westen gegen die Vandalen,
Heruler und Sueven kmpfte, die von den Goten aus ihrer Heimat
vertrieben worden waren. Mit Beute beladen kehrten die Goten zurck,
besetzten das heutige Ruland, erhielten auf Grund eines Vertrages mit
den Rmern ganz Dacien und setzten sich hier fest. Sie rissen die
Herrschaft ber die Vlker, die an den Ufern der Donau wohnten, an sich
und beunruhigten das sorglose Kaiserreich durch ihre Gegenwart. Als die
Imperatoren, diese mchtigen Beherrscher der Welt, durch eigene
schmerzliche Erfahrung den wilden Mut der Goten kennen gelernt hatten,
beschlossen sie, sie in ihre Armee aufzunehmen und diesem
unberwindlichen Volk von Barbaren Sold zu bezahlen. Dadurch gewannen
sie sich krftige Verteidiger, zugleich aber zogen sie sich mchtige
Feinde heran, denn sie enthllten ihnen die Geheimnisse einer
wohlausgebildeten Taktik, die ihnen spter ein noch greres bergewicht
verleihen mute. brigens aber war die Strategie der Goten auch schon
ohnedies unberwindlich. Sie vereinigten in sich die Taktik der
leichtbeweglichen Wandervlker und die der ansssigen bodenstndigen
Stmme. Sie formierten sich in gewaltigen, dichtgedrngten Massen und
zeigten die gleiche Standhaftigkeit im Ansturm des ersten Angriffs, wie
whrend des Hhepunktes der Schlacht oder bei ihrem Ausgang, wo ihre
Kraft allmhlich erlischt. Eine Schlacht mochte sich noch so lange
hinziehen, es war unmglich, die Reihen der Goten ins Wanken zu bringen.
Sie begleiteten ihren Angriff, gleich anderen germanischen Stmmen, mit
Gesngen. In ihren Liedern verherrlichten sie die Namen ihrer alten
Helden: Fridigern, Vidicula Ethespamar und anderer. Die geistliche
Obergewalt lag in den Hnden eines einzelnen, dieser war zugleich Knig,
Heerfhrer und Oberpriester; trotz alledem aber hing er von dem Rate der
Tapferen ab.

Bei den Goten herrschte von Urzeiten an das knigliche Geschlecht der
Balten, und nur aus diesem Geschlecht durfte ihr Knig gewhlt werden.
Sie beteten Wotan an, der im grauen Altertum zusammen mit Odin, diesem
nordischen Uly[12], ihr Heerfhrer gewesen war. Von allen germanischen
Stmmen waren die Goten am meisten zur Assimilation der Kultur befhigt.
Bis zur Mitte des IV. Jahrhunderts wurde die Macht der Goten von den
Vlkern, die an der Donau sowie von denen, die im Westen und Osten des
heutigen Ruland saen, anerkannt. Der Name ihres Knigs Hermanrich
stand in hohen Ehren an den Ufern des Schwarzen Meeres sowohl als auch
in Livland. Allein die gotische Herrschaft wurde durch den groen
Vlkerzug der Hunnen, die aus Asien hereinbrachen, erschttert.

Die Hunnen oder Hjongnu waren nach de Guignes ein mchtiger Volksstamm,
der die groen Steppen der Tatarei und der Mandschurei bewohnte und
China in Unruhe versetzte; da sie jedoch der verschlagenen chinesischen
Politik nicht gewachsen waren, wurden sie allmhlich den chinesischen
Kaisern tributpflichtig. Allein ein groer Teil der Hunnen erhob sich
mit seinen Wagen und Roherden und zog nach Westen, besetzte die Lnder
jenseits des Kaspischen Meeres und entzog sich so den Blicken Chinas.
Ihre Ansiedelung an den Ufern des Kaspischen Meeres verlegen die
rmischen Historiker in die Zeit Domitians. Es ist hier vielleicht am
Platz, darauf hinzuweisen, da die gebildete griechisch-rmische Welt
jener Zeit bis zur Regierungszeit des Kaisers Valens gar nicht einmal
wute, da dieses Volk existiert, bis pltzlich die aus den Gebirgen
Asiens hervorbrechenden Hunnen und mit ihnen die Avaren, Unnuguren,
Usenguren (Uturguren, Cuturguren) und alle die anderen Vlker vor ihnen
auftauchten, deren Namen fr das feine und zugleich korrumpierte Gehr
der Griechen und Rmer einen so rohen Klang hatten. Der verheerende,
unabwendbare Andrang dieser Bewohner Asiens, ihre Gewohnheit, rohes
Fleisch zu essen, die Schdel der Feinde als Becher zu benutzen und die
ersten besten unter ihren Gefangenen den Schatten ihrer Ahnen auf
blutigen Scheiterhaufen zum Opfer zu bringen, ihre kalmckischen Zge,
die flachen, plumpen, braunen Gesichter, die einem schon durch ihren
wilden Ausdruck Angst einjagen konnten, ihre kleine Gestalt, die nur
aus Muskeln zu bestehen schien -- dies alles versetzte die
asiatisch-rmischen Provinzen in solchen Schrecken, da deren Bewohner
daran zweifelten, ob sie sie wirklich zur menschlichen Gattung rechnen
sollten. Sie waren der Ansicht, die Magier und Zauberer, die in den
ungeheuren Wsten am Kaspischen Meer hausten, wren in unreinen Verkehr
mit Teufeln getreten, und diesem Bunde seien die Hunnen entsprossen.

[Funote 12: Schlegel]

War es nur ein seltsamer Instinkt, der die Hunnen zurcktrieb, oder
erschreckten sie die allzu bunten mit Grten und Stdten bersten
Flchen des rmischen Asiens, die die Nomadenvlker fr Gefngnisse
halten und daher fliehen, oder fanden sie keine den, freien Steppen,
deren sie fr ihre zahllosen Herden unbedingt bedurften -- genug, sie
zogen, statt die Richtung nach Sden einzuschlagen, -- nach Nordwesten,
berhrten auf ihrem Wege den Kaukasus, scheuchten ein paar Volksstmme,
die an seinem Fue wohnten, auf und nahmen sie auf ihrer Wanderung mit
sich, und diese groe Masse von Nomaden ergo sich ber Europa. Auf dem
vorgeschobensten Posten Europas standen damals, wie wir gesehen haben,
die Goten. Ihre zahlreichen Stmme und die von ihnen unterjochten Vlker
waren die ersten Wachtposten Europas und standen in dichten Scharen vor
seinem mchtigen Tore, ein Tor, das leider viel zu gewaltig fr den
kleinen Erdteil -- Europa -- war. Und die Goten, dieselben Goten, die
bis dahin fr das unberwindliche Bollwerk Europas und fr eine
unbesiegbare Macht gegolten hatten, wichen vor den Hunnen zurck. Es
konnte auch gar nicht anders kommen. Die geheimnisvolle Kraft eines
solchen Ansturms seitens solcher asiatischer Vlkermassen war den Goten
vollkommen unbekannt. Wenn die Goten gewut htten, da ein solcher
Einfall asiatischer Stmme nur durch den ersten gewaltigen Anprall
gefhrlich ist, und da nur die Fhigkeit, ihnen einen dauernden
Widerstand entgegenzusetzen und die Schlacht in die Lnge zu ziehen, den
Sieg entscheiden kann -- wenn die Goten dies gewut htten, dann htten
sich die Hunnen wieder in den Kaukasus zurckgezogen, und Europa htte
nichts von der groen Erschtterung versprt, die sein ganzes uere
umwandeln sollte. Aber dies Geheimnis blieb den Goten unbekannt.
brigens mu man auch anerkennen, da es einer schier bermenschlichen
Tapferkeit und Geistesgegenwart bedurfte, um dem ersten Ansturm der
Hunnen zu widerstehen. Sie begleiteten ihren Angriff mit so
entsetzlichem Geschrei, ihre ungeheuren Massen kamen so dichtgedrngt
herangeflogen, ihre beinahe wilden Rosse kamen so wtend angerast, als
strzten sie einen steilen Abhang hinunter und als knnten die Reiter
selbst ihren Sturmschritt nicht hemmen; ihr schmales, zwischen den
dicken Backen fast verschwindendes Auge war so scharf und sicher, sie
gaben der Schlacht jeden Augenblick eine so rasche Wendung, sie konnten
sich so schnell in alle Winde zerstreuen und verschwinden, sich so
pltzlich wieder in einem Haufen vereinigen, sie schleuderten mit so
groer Treffsicherheit einen ganzen Wald von Lanzen gegen ihren Feind,
selbst wenn sie die Flucht ergriffen, wuten sie sich so vorzglich
durch ihre Geschosse zu decken und sie begleiteten dies alles mit einem
so wilden, betubenden Geschrei, da sich schwerlich ein Heerfhrer
finden konnte, dessen Auge nicht unsicher, dessen Kopf nicht schwindlig
geworden wre im Kampfe mit den Hunnen.

Nachdem sie die Goten vertrieben hatten, nahmen die Hunnen den
westlichen Teil der polnischen Provinzen des heutigen Ruland, den
Norden und die Donaulnder ein -- wieder nahm die Geographie Europas ein
andres Ansehen an. Dadurch, da die Hunnen einen so groen Flchenraum
besetzten, muten sie notwendigerweise eine starke Erschtterung und
eine mchtige Verschiebung in den Wohnsitzen der einzelnen Vlker
hervorrufen. Die zurckgedrngten Goten zogen, obwohl ihnen dies nicht
leicht wurde, nach Westen und Sden weiter; die Vandalen und Sueven, mit
denen sich die Rmer, oder besser gesagt, die rmischen Germanen an den
Grenzen schon vielfach gemessen hatten, zogen durch Frankreich ber die
Alpen und drangen in Spanien ein. Und hier in Spanien stieen pltzlich
Vlker aus den verschiedensten Himmelsgegenden zur allgemeinen
Verwunderung miteinander zusammen: die Sueven von den Ksten der Ostsee
und aus dem schneebedeckten Skandinavien und die Alanen, die die Hunnen
auf ihrem Zuge vom Fue des Kaukasus verscheucht und hierher getrieben
hatten.

Fnfzig Jahre lang irrten die Hunnen in den Steppen Rulands herum,
zogen mit ihren Zeltwagen von Ort zu Ort und trieben ihre Roherden von
einem Platz zum andern, ohne weitere Eroberungen zu machen; denn auch
diesmal wurde Westeuropa durch seine Urwlder und seine hgelige
Bodenbeschaffenheit gerettet, auch fehlte es den Hunnen an einem
unternehmenden Anfhrer. Sie begngten sich damit, ihre nchsten
Nachbarn zu berfallen, raubten meist ihre Frauen und Kinder und trieben
ihre Herden mit sich fort. Unter diesen Raubzgen hatten die Goten, da
sie ihnen am nchsten wohnten, am meisten zu leiden. Die Goten teilten
sich um diese Zeit in zwei groe Stmme: in die Westgoten, die sich ihre
Knige aus der lteren herrschenden Linie der Balten, und in die
Ostgoten, die ihre Knige aus dem neuen Herrschergeschlecht der Amaler
whlten. Immer mehr von den Hunnen zurckgedrngt, drangen sie bis zum
Sden der jetzigen Ukraine und der Moldau vor. Ein Teil der Westgoten,
die sich nirgends sicher fhlten, wandte sich, gefhrt von Fridigern,
Alatheus und Saphrax, mit der Bitte an den rmischen Kaiser, er mge es
ihnen erlauben, die Donau zu berschreiten, sich am sdlichen Ufer des
Flusses anzusiedeln und die rmischen Provinzen gegen berflle der
immer mchtiger werdenden Barbaren zu verteidigen. Der Kaiser
Valentinian, der das Reich gemeinschaftlich mit seinem Bruder Valens
regierte, nahm diese unerwartete Hilfe mit Freuden an -- und die
Westgoten berschritten die Donau. Unterdessen hatten die Ostgoten und
ein Teil der Westgoten, die im Sdosten wohnten, hufig unter
Hungersnten zu leiden, und da sie sahen, da die Not immer strker
wurde, baten sie den Kaiser Valens, der die stlichen Provinzen
verwaltete und in Konstantinopel residierte, sie mit allerhand Waren zu
versorgen und ihnen zu gestatten, mit den Bewohnern des Landes Handel zu
treiben.

Der Kaiser befahl den Regenten von Thracien, Lupicinus und Maximus, die
Bitten der Goten in allen Punkten zu erfllen; beide waren typische
Griechen aus der byzantinischen Zeit -- hinterlistig und immer bereit,
auch ohne dringende Veranlassung ein Verbrechen zu begehen, den Barbaren
gegenber aber hielten sie jede Missetat fr erlaubt. Sie lieen sich
mit den Goten nicht erst in Handelsgeschfte ein, sondern raubten sie
ganz einfach aus und trieben sie bis zum uersten, so da diese
gentigt waren, ihre eigenen Frauen und Kinder zu verkaufen; endlich
luden sie die heldenmtigsten Goten unter freundschaftlichen Vorwnden
zu sich ein und beschlossen, sie heimlich umzubringen. Dies rief die
Rachsucht dieses wilden Volkes, das sich jedoch noch ein ursprnglich
menschliches Gefhl bewahrt hatte, wach. Ungeheure Scharen von Goten
fielen in Thracien ein, drangen bis Konstantinopel vor, brannten alles
nieder und plnderten und scherten alle Stdte und ihre Umgegenden ein,
die sie auf ihrem Wege antrafen. Der Kaiser Valens befand sich in einer
sehr milichen Lage. Er war ein eifriger Arianer und verfolgte
unbarmherzig alle Gegner dieser Sekte. Infolgedessen hatte er viele
Feinde, und selbst sein Bruder Valentinian, der Kaiser von Rom war,
verweigerte ihm seine Hilfe. berdies war der Kaiser Valens auch sehr
grausam und mitrauisch; man hatte ihm geweissagt, ein Mann, dessen Name
mit den Buchstaben Theo... beginnt, wrde seinen Untergang herbeifhren
-- und so lie er denn smtliche Theoderiche, Theodate und Theodosiusse,
die irgendein bedeutenderes Amt bekleideten, erdolchen oder erwrgen. Es
versteht sich von selbst, da diese Taten in seinen Untertanen keinen
allzu groen Eifer und keine Neigung, ihren Monarchen zu verteidigen,
wachriefen, und auerdem waren diese Untertanen ein erbrmliches und
charakterloses Volk; die Soldaten waren jederzeit bereit, zu meutern und
beim ersten Anla die Flucht zu ergreifen; die Staatsgelder wanderten in
die Hnde von Eunuchen, Gnstlingen, Konkubinen und schlauen Priestern,
und so erhielt Valens schlielich die Strafe fr sein frheres Leben.
Verlassen von den fliehenden Soldaten, suchte er Schutz in einer
armseligen Htte und wurde zusammen mit dieser von den rachschtigen
Goten verbrannt. Nur der Unkenntnis der Goten, die sich nicht auf die
Belagerung einer Stadt verstanden, verdankte Konstantinopel seine
Rettung. Triumphierend und mit Beute beladen kehrten die Goten zu ihren
Wohnsitzen zurck, bei den Rmern eine schauerliche Erinnerung an ihren
Besuch hinterlassend.

Bald darauf erfolgte die endgltige Teilung des rmischen Reichs. Der
Kaiser Theodosius hoffte, es noch durch diese Skularisierung zu retten,
er glaubte, die Schwche des Reiches sei die Folge seiner unermelichen
Gre und der Unmglichkeit seiner Beherrschung durch einen einzelnen.
Die stliche Hlfte, die von nun an mit Recht die griechische genannt
wurde -- noch treffender htte man sie das Reich der Eunuchen,
Komdianten, Gnstlinge, Rennbahnen, der Verschwrer, der gemeinen
Mrder und der disputierenden Mnche nennen knnen -- erhielt Arcadius,
der ganz unter dem Einflu seines verschmitzten Vormunds Rufinus stand;
die westliche Hlfte, die mit Unrecht die rmische genannt wurde, weil
hier alle beliebigen mter der Verwaltung von Emporkmmlingen besetzt
waren, die von Goten, Vandalen oder anderen germanischen Vlkern
abstammten und nur mit einem dnnen uerlichen Firni rmischer Bildung
berzogen waren: diese westliche Hlfte, die mitten im eigenen Herzen
gewaltsam eindringende Feinde beherbergte, und die wie ein lebendiger
Leichnam die Lebenskraft in sich schwinden sah und fhlte, dies
westrmische Reich fiel dem minderjhrigen Honorius zu, der sich vllig
von Stilicho leiten lie; letzterer war von Geburt ein Vandale, der
unter Theodosius ein treuer und tapferer Vasall gewesen war, aber unter
dessen unbedeutendem Sohn ein gemeiner Schwchling wurde. Die Vormnder,
die die entgegengesetzten Enden Europas regierten, haten einander. Das
erste Geschenk, das Rufinus, der schlau war wie ein byzantinischer
Grieche, seinem Feinde Stilicho bersandte, war das mchtige Heer der
Westgoten, die er berredet hatte, Italien zu erobern, whrend er ihnen
versprach, seinerseits Rom jede Hilfe zu verweigern. Und die Westgoten
verlieen insgesamt ihre Wohnsitze in Dacien und an den Ufern der Donau
und drangen in Italien ein. Aber fr Stilicho hatte diese Invasion gar
keine Schrecken, im Gegenteil, er freute sich im geheimen ber sie und
knpfte eine Menge von Plnen an sie. Vor allem hoffte er, mit Hilfe
dieser zahlreichen Menge junger, krftiger Barbaren viele andere
Barbaren, die schon ins Innere des rmischen Reichs eingedrungen waren,
zu vernichten. Damals _gehrte_ Gallien zu Rom und es gehrte doch auch
wieder nicht dazu. Der starke Frankenbund stand mit den unter seiner
Hegemonie vereinigten Stmmen an der Grenze dieses Landes; im Osten und
Sden, d. h. im Herzen Frankreichs, hatten sich's die Alemannen und
Burgunder bequem gemacht. In Spanien hielten die Sueven, die Alanen und
Vandalen die besten Teile des Landes, d. h. den Sden, besetzt, und die
rmischen Prfekten und Befehlshaber spielten unter ihnen eine recht
traurige Rolle: sie bekleideten eine Wrde, ohne die geringste Macht zu
besitzen. Es schien fast, als lge ber der halben Welt statt des
rmischen Reichs nur sein langer, mchtiger Schatten. Dieses Reich glich
einer tausendjhrigen Eiche, die einen durch ihren ungeheuren Umfang in
Erstaunen setzt, aber deren Inneres schon lngst verfault und vermodert
ist. Stilicho wute geschickt Alarich von seiner Absicht, sich in
Italien niederzulassen, abzubringen, indem er ihm das reiche blhende
Spanien anbot. Er hatte sogar den Plan, diese Barbaren gegen seinen
Feind Rufinus aufzuhetzen; ja er trumte schon davon, sich, wenn der
Plan gelingen sollte, an Stelle des schwachen Honorius zum Kaiser
ausrufen zu lassen, aber die Sache war zu fein gesponnen, und statt
dessen sank sein eigener Kopf vom Rumpfe. Der schwache, unbedeutende
Honorius, der auch nicht einen von Stilichos Plnen erfat hatte, befahl
einem seiner Feldherrn, der ebenso unverstndig war wie er, den Goten,
die sich schon nach Spanien gewandt hatten, um sie zu schdigen, in den
Rcken zu fallen. Da aber kehrte Alarich mit einem Male um und stand nun
pltzlich vor den Toren Roms. Wie gewhnlich floh Honorius; der Senat,
der seine Ohnmacht einsah, flehte den mchtigen Goten an, er mge doch
abziehen, versprach ihm, Tribut zu bezahlen, und folgte ihm sofort einen
Teil aus; der Sieger entschlo sich, auf den anderen Teil zu warten, und
zog sich von Rom zurck. Kaum aber hrte Honorius, da die Gefahr
vorber sei, als er nach Rom zurckkehrte, doch er dachte nicht daran,
den versprochenen Tribut zu bezahlen. Da jedoch erschien Alarich in
heller Emprung vor den Mauern Roms, und drohte, die ewige Stadt in
einen Haufen Asche zu verwandeln.

Am 23. August 409 nahmen die Mauern der Weltresidenz den Anfhrer der
Goten in sich auf. Die herrlichen Huser und Palste wurden geplndert,
aber der frchterliche Alarich verbot die Brandstiftung und das
Blutvergieen. Hieraus kann man ermessen, wie gro seine Willenskraft
und die Macht war, die er ber seine wilden Heerscharen besa, konnte er
sie doch _davon_ abhalten, wovon selbst ein Befehlshaber gebildeter
Truppen seine Soldaten nicht immer abzuhalten imstande ist. Von Honorius
war in der Stadt keine Spur zu entdecken, er hatte lngst Zeit gefunden,
sich davonzumachen. Dafr aber machte der Eroberer kein Hehl aus seiner
tiefen Verachtung der Rmer; er ernannte ihren Prfekten Attalus zum
Kaiser und lie ihn auf den Knien vor der Tr seines Zeltes
vorbeirutschen. Nachdem er seinen Rachedurst gestillt hatte, verlie er
Rom und zog nach dem Sden Italiens. Hier schmiedete er groe Plne; er
erbaute eine Flotte und wollte schon seine siegreichen Fahnen nach der
afrikanischen Kste tragen, da gebot der Tod seinem Siegeszuge Halt. Um
ihm ein Grab zu bereiten, leiteten die Westgoten das Bett des
Busentostromes ab, gruben auf seinem Grunde ein tiefes Grab, in das sie
den Leichnam hinabsenkten, schtteten es zu und lenkten den Strom in
sein frheres Bett zurck, damit niemand das Grab des groen Goten
schnden oder ihm Schimpf antun knnte. Nach Alarichs Tode ward Athaulf
zum Knig gewhlt und dieser fhrte die Goten endlich nach Spanien, wo
sie sich sehr bald festsetzten und ein mchtiges gotisches Knigreich
grndeten, nachdem sie die unbedeutenden rmischen Befehlshaber von dort
vertrieben hatten.

Die Einwanderung der Westgoten machte sich an allen Enden Spaniens
lebhaft bemerkbar. Die Alanen und Sueven wurden stark bedrngt und sahen
sich gezwungen, die Herrschaft der Goten anzuerkennen. Selbst die
Vandalen, die bis dahin in Spanien die strkste Vormacht gebildet
hatten, wurden energisch zurckgedrngt und gegen die Kste des
Mittelmeers zurckgeworfen. Schon dachte der Knig Geiserich daran, nach
Afrika berzusetzen. Da trat ein Ereignis ein, das die Verwirklichung
seines Planes, wie absichtlich, noch beschleunigte. Um diese Zeit
herrschte in Rom fr den minderjhrigen Valentinian und seine Mutter der
berhmte Atius; er war sehr unternehmend, ehrgeizig, schlau und nicht
whlerisch in den Mitteln, wenn es galt, zu erringen, was er wnschte.
Atius hatte einen mchtigen Feind in Bonifacius, dem Statthalter in
Afrika, und daher war er entschlossen, ihn zugrunde zu richten. Zu
diesem Zweck lie er ihn im Auftrag des Kaisers nach Rom rufen.
Bonifacius aber hatte den Plan durchschaut, und daher war er
entschlossen, in Afrika zu bleiben und Geiserich um Hilfe anzugehen. 427
landete Geiserich mit seinen Vandalen und einem Teil der Alanen an der
afrikanischen Kste und bezeichnete seinen Weg durch Brandstiftungen und
Verwstungen. Zu spt sah Bonifacius ein, welchen Fehler er begangen
hatte, sich einen solchen Gast einzuladen. Er hatte sich bereits mit
seinem Kaiser ausgeshnt und wollte nun seinem unruhigen Verbndeten
Einhalt gebieten. Aber es war nicht so leicht, mit Geiserich fertig zu
werden, und Bonifacius ward geschlagen. Geiserich steckte Karthago in
Flammen, plnderte die Huser, metzelte die Einwohner nieder und ri
alle Reichtmer an sich, die er nur finden konnte.

Die schnellen Erfolge entfachten seinen wilden Ehrgeiz noch mehr. Bald
war die ganze Kste Nordafrikas der Herrschaft der Vandalen unterworfen.
Mit Feuer und Schwert bekehrte er die Bevlkerung zum arianischen
Glauben und grndete eins der mchtigsten Reiche dieser wilden und
finsteren Epoche. Nun aber wurde Geiserich bermtig. Seine
frchterliche Flotte zerstreute sich ber das Mittelmeer und machte
durch ihre Raubzge jegliche Schiffahrt unmglich. Jedes Jahr erschien
dieser numidische Lwe an smtlichen Ksten des Mittelmeers, von
Griechenland und Illyrien bis Gibraltar, und raubte, als sammele er die
Ernte von den eigenen Feldern ein, alles, was diese blhenden und
bevlkerten Gegenden erzeugten. Spanien, Sizilien, Sardinien, Dalmatien
hatten abwechselnd die frchterliche und zerstrende Hand dieses
gekrnten Piraten zu fhlen, der hier so schnell das erste Reich
christlicher Corsaren gegrndet hatte. Endlich aber erfate ihn inmitten
aller Gre und der Pracht der zusammengeraubten Reichtmer jener
Geisteszustand, jene schreckliche Melancholie, die den Geist verdorren
lt und qult und stets der Vorbote der Tyrannei, dieser furchtbaren
Seelenkrankheit der Herrscher, ist. Er begann mitrauisch zu werden
gegen alle, die ihn umgaben, und sein Argwohn erstreckte sich zuletzt
sogar auf seine Gemahlin, die Tochter eines Knigs der Westgoten: er
bildete sich ein, sie habe die Absicht, ihn zu vergiften. Ganz
hingenommen von diesem Gedanken, befahl er, ihr Nase und Ohren
abzuschneiden, und schickte sie so verunstaltet zu ihrem Vater. Weil er
aber die Rache der Goten frchtete, machte er dem Hunnenfhrer Attila
den Vorschlag, von Norden aus in Spanien und Italien einzubrechen.

Attila residierte in Dacien; hier hatte er, unweit der Donau, sein
Standlager aus rohen, hlzernen Htten aufgeschlagen, in deren Mitte
sich sein plumper Palast erhob. Attila war der Fhrer, der den Hunnen
bis dahin gefehlt hatte. Er hatte gezeigt, welch furchtbare Gewalt die
vorwrtsstrmende Kraft der Asiaten annehmen kann. Der ganze Nordosten
Europas erkannte seine Herrschaft an. Die lange Kette der Vlker, die
dem schier unberwindlichen Hunnenknige Tribut zahlten, begann mit dem
Kaukasus und endete am Rhein. Die Goten, die Gepiden, die Alanen, die
Heruler, die Akatirer, die Thringer und die Slawen, sie alle wurden von
den Grenzen seines schnell wachsenden Nomadenreichs umschlossen. Der
griechische Kaiser, der seine Verachtung kennen gelernt hatte, sandte
ihm demtig seinen Tribut und lag im Staube vor seiner Macht und Gre.
Attila war ein Mensch von kleiner Gestalt, fast ein Zwerg, mit einem
ungeheuren Kopf und kleinen Kalmckenaugen, und sein Blick war so
schnell, da keiner seiner Untertanen ihn ertragen konnte, ohne
unwillkrlich zu zittern. Mit diesem Blick allein beherrschte er alle
seine Stmme, die trotz ihrer zerstreuten Wohnsitze und trotz der
Verschiedenheit ihrer Lebensweise, ihrer Sitten und Gebruche durch sein
Wort zu einem einzigen Wesen zusammenschmolzen. Mitten unter seinen
Hflingen, die mit geraubtem Golde prunkten, ging dieser merkwrdige
Mensch in einem groben, weiten Gewand umher, lag auf einem gewhnlichen
Lager von Filz und trank fast nur Wasser aus einem Holzeimer; weder sein
Ro, noch sein Sattel waren je mit Edelsteinen geschmckt, und er nannte
sich selbst die Geiel Gottes, die gesandt ward, um die Welt zu
zchtigen. Seine Macht ber die Truppen war grenzenlos: sie glaubten,
da er ein verzaubertes Schwert bese, mit dem er die ganze Welt
erobern msse. Die unterworfenen Vlker beugten sich mit
bewunderungswrdigem Gehorsam unter seine Herrschaft. brigens war auch
jeder Gedanke an eine Emprung vllig ausgeschlossen, denn Attila htte
leicht vor seinem Zelt eine Pyramide von Schdeln errichten knnen, bei
deren Anblick wohl einem jeden die Lust zu solchen Unternehmungen
vergangen wre. Er lie sich nicht gern ohne Grund in einen Krieg ein,
besonders wenn der Friede fr ihn dieselben Vorteile hatte. Er war ein
furchtbarer Richter. Er konnte auch gromtig sein, aber nur gegen
Sklaven, die zu seinen Fen lagen. Aber Attilas Rache .... jedoch
niemand htte den Mut gehabt, seine Rache heraufzubeschwren.

Anscheinend hatte Geiserichs Vorschlag ihn in seinen eigenen Plnen
befestigt. Auf sein Gebot sammelten sich all seine zahllosen Stmme, und
er zog mit ihnen gen Westen. Das rmische Reich merkte bald, welch groe
Gefahr ihm drohte. Alle Nationen, die das Westeuropa jener Zeit
bevlkerten, wurden von einer gewaltigen Aufregung ergriffen. Und nun
geschah etwas Auerordentliches: Das ganze barbarische Westeuropa
vereinigte sich zu einem einzigen Bndnis, die Rmer schlossen sich den
Zerstrern ihres Reichs, den Westgoten, Alanen und Franken an. Nomaden-
und Hirtenvlker strzten sich auf sehafte und zum Teil schon
ackerbauende Vlker, das ungestme despotische Asien auf das gefestigte,
freie Europa. Hier mssen wir bemerken, da die germanischen Vlker um
so freiheitsliebender waren, je weiter gen Westen sie lebten. Die Alpen
waren von alters her eine Schutzwehr der europischen Freiheit und im
weiten Umkreise um sie herum haben sich die Stmme auch heute noch einen
gewissen Unabhngigkeitszug bewahrt. Die Marneebene in Frankreich sollte
der Schauplatz dieser in der Geschichte einzig dastehenden Schlacht
werden. Das freie Westeuropa, die Rmer, die Westgoten, die Aremoriker,
die Breonen, die Burgunder, die Sachsen, die Alanen und die Franken
unter Fhrung ihrer Knige und Feldherrn und unter der Oberleitung des
gewandten Atius und das nomadisierende Osteuropa: die Ostgoten, Alanen,
Gepiden, Markomannen, Veneter, Longobarden, Heruler, Akatirer, Avaren,
Thringer, Roktolanen sowie einige slawische Stmme unter der Fhrung
ihrer Frsten, Knige und Prinzen, geleitet von dem einen allmchtigen
Willen Attilas, sollten eine Entscheidung ber so manches herbeifhren,
was fr die Nachwelt von hchster Bedeutung ward. Das freie Europa hielt
stand. Die unberwindliche verderbenbringende Reiterei Attilas und die
verbndeten Vlker wurden zurckgeworfen, und der unbezwingliche Hunne,
der seine ganze ihm zu Gebote stehende Willenskraft eingesetzt hatte,
kehrte mit seinen Roherden und Vlkern in die Ebenen Ungarns und
Pannoniens zurck. Atius, der nicht den Wunsch hatte, da die
Westgoten, die sich in dieser blutigen Schlacht mehr denn alle brigen
ausgezeichnet hatten, ein zu groes bergewicht gewnnen, erleichterte
Attila den Rckzug. Die groe Vlkerliga zerfiel, nachdem sie ihre
Aufgabe erfllt hatte, und alles kehrte, da man annahm, die Gefahr sei
vorber, in seinen Anfangszustand zurck.

Aber der frchterliche Hunnenfhrer raufte sich zornig seinen edlen
Haarschopf und fiel nach einem Jahr, nachdem er die Reihen seiner
Truppen durch neue ergnzt hatte, in Italien ein, wo der sorglose Kaiser
Valentinian und sogar Atius selbst nichts von Gefahr ahnten. Die erste
Stadt, die Attilas schwere Hand zu spren bekam, war Aquileja. Er
scherte sie vollkommen ein und wurde so die Veranlassung, da ein
Huflein berlebender Einwohner am Adriatischen Meere die Stadt Venedig
grndeten. Von hier zog er wie eine feurige Geiel durch ganz Italien.
Die Stdte Concordia, Brescia, Vicenza, Padua, Verona, Mantua, Mailand,
Modena, Parma lieen nichts wie niedergebrannte Mauern sehen. Ich
schwre es, rief der wilde Hunne, da soll kein Gras mehr wachsen, wo
der Huf meines Rosses den Boden berhrt hat! Endlich sah auch Rom
Attila vor seinen Mauern. Der erschrockene Papst trat in vollem Ornat
und begleitet von einer ganzen Prozession dem unerbittlichen Hunnen
entgegen und, -- war es nun die Pracht des christlichen Ritus oder der
unter den wilden, ja selbst unter den heidnischen Vlkern vielfach
verbreitete Gedanke, da Rom etwas Heiliges in seinen Mauern berge --
genug, Attila begngte sich damit, einen groen Tribut zu erheben, zog
sich zurck und verlie Italien.

Schon sollte die vereinigte Liga der westlichen Vlker seine Macht und
Rache kennen lernen, aber sein pltzlicher Tod rettete sie. Attila fand
einen seltsamen Tod. Er, der so dster und zurckhaltend gewesen war,
der es nicht einmal geduldet hatte, da der Griff seines Sbels und sein
Filzsattel mit goldenem Zierat oder Edelsteinen geschmckt werde,
vernderte von einem Tage zum andern seine Lebensweise. Nachdem er die
Tochter des Kaisers von Baktrien, ein Mdchen von wunderbarer Schnheit,
geheiratet hatte, gab er sich, ganz berauscht von Wein und Gelagen, mit
einer so wilden Leidenschaft der Sinnenlust hin, da er seine ganze
sthlerne Lebenskraft wie in einem Zuge ausstrmen lie. Ein Blutstrom
rann ihm aus Ohren, Mund und Nase, und er erstickte.

In einer unbekannten Wste, in stockfinstrer Nacht grub man Attila das
Grab und begleitete diese Arbeit mit Gesngen, in denen seine
Heldentaten gepriesen wurden. Sein Leichnam wurde in einen dreiwndigen
Sarg gelegt -- die eine Wand war von Gold, die andre von Silber und die
letzte von Kupfer; seine Waffen und das Geschirr seiner Rosse wurde mit
ihm ins Grab gesenkt. Alle Knechte und Sklaven, die die Grube gegraben,
wurden am Grabe erstochen, damit kein Lebender je die Stelle fnde, wo
die Gebeine des groen Mannes ruhten[13].

Nach dem Tode Attilas stoben die Hunnen pltzlich auseinander und
zerstreuten sich wie alle asiatischen Vlker, die nur durch den
mchtigen Willen eines Fhrers zusammengehalten werden. Nunmehr
breiteten sich die europischen Vlker weiter und freier aus, sie wurden
selbstndiger, und im Osten traten slawische Stmme mehr in den
Vordergrund, die sich allmhlich vermehrten und in sechzig verschiedene
Stmme teilten; sie zogen bis nach Tirol, machten nach dem Abzug der
Ostgoten an den Grenzen des griechischen Kaiserreichs von sich reden,
drangen immer mehr in die weiten Ebenen ein und verwandelten sich
allmhlich in sehafte Vlker.

ber Italien lagen nach den Verwstungen Attilas noch lange Rauchwolken,
aber selbst in den halbzerstrten Ruinen nisteten noch immer allerhand
Tcken und Rnke, und in diesem vllig erschpften Reiche gab es immer
noch elende Ehrgeizlinge. Dem Senator Maximus war es gelungen, Atius,
die einzige Sttze des schwankenden Thrones, vor dem ohnmchtigen Kaiser
Valentinian zu verdchtigen, und der undankbare Valentinian erschlug ihn
mit eigener Hand. Nun aber, als er dieser Sttze verlustig gegangen war,
fiel er selbst von der Hand des Maximus, dieser setzte sich die
Kaiserkrone auf sein von kindischem Ehrgeiz erflltes Haupt und
heiratete die Witwe Eudoxia. Die Witwe aber drstete nach Rache, sie war
emprt ber den gemeinen Mord an ihrem Gemahl, Italiens Schicksal
beunruhigte sie wenig, und so forderte sie Geiserich im geheimen auf,
nach Rom zu kommen, um den Tod des Kaisers, seines Verbndeten und
Freundes, zu rchen.

[Funote 13: ber die Hunnen und Attila siehe Jornandes, De Guignes,
Fischer.]

Geiserich lie nicht gern lange auf sich warten; sofort verlie er mit
seinen Vandalen die afrikanische Kste, schiffte sich auf seinen
Piratenschiffen ein und landete in Italien. Und alles, was vom Schwert
Attilas verschont geblieben war, das vernichtete Geiserich in gewohnter
Weise. Er untersuchte nicht lange, wer recht und wer unrecht hatte, oder
wem er Hilfe leisten sollte. Alle traf dasselbe Schicksal. Geiserich
verstand sich besonders gut auf das Plndern; nach ihm fand niemand
etwas, woran er sich htte bereichern knnen. Rom, das bis dahin selbst
von den Heiden verschont geblieben war, wurde von diesem christlichen
Knig ganz erbarmungslos geplndert; alles, was berhaupt mitgenommen
werden konnte, wurde mitgenommen. Er fllte seine Schiffe mit einer
Unzahl von Gefangenen, mit denen er selbst nichts anzufangen wute; er
nahm eine Menge von Schauspielern und Knstlern mit, selbst die Frau des
Kaisers samt ihren Tchtern, denen er doch zu Hilfe geeilt war, zuletzt
holte er auch die goldene Kuppel vom Kapitol herunter und schleppte sie
zugleich mit anderen Schtzen nach Afrika.

Nach all diesen Ereignissen erinnerte Italien kaum noch an den Schatten
seines ehemaligen Ruhms. Einst in herrlicher Blte prangend, der
Glanzpunkt der europischen Natur, bot es jetzt den wilden Anblick eines
verwsteten, zerstrten Landes dar. Der Name des Kaisers war in den
verlassenen Stdten kaum noch zu hren. Der rmische Imperator hatte gar
keine Einknfte mehr. Er war nicht mehr imstande, seinem eigenen Heer,
das aus Herulern, Rugiern und Turcilingern bestand, seinen Sold zu
bezahlen. Und so setzte denn ihr Anfhrer Odoaker den Kaiser ab und
wurde selbst ein unbeschrnkter und vllig unabhngiger Herrscher;
allein, er wollte die kaiserliche Wrde gar nicht mehr annehmen, sondern
nannte sich ganz einfach Knig der Heruler. Ein anderer Teil des
rmischen Heeres befand sich in Gallien, es war durch die Alpen
gewissermaen von der Heimat abgeschnitten, und sein Anfhrer Syagrius,
der von den Ereignissen in Italien gar keine Kunde hatte, verteidigte
hier das gar nicht mehr existierende Reich gegen den vereinigten
Frankenbund, der um diese Zeit bereits bermchtig zu werden begann,
weil ein unternehmender Knig und Feldherr, Chlodwig, an seiner Spitze
stand. Syagrius, der von seinem Reich abgeschnitten war und gar keine
Verstrkungen erhielt, fiel es schwer, diesen frischen Krften
Widerstand zu leisten: er gab nach, und Gallien wurde von frnkischen
Stmmen berschwemmt. Bald darnach brachen die Ostgoten unter der
Fhrung von Theoderich von den nrdlichen Grenzen des ostrmischen
Reiches auf, nahmen Italien ein und brachten die dort lebenden Vlker
unter ihre Herrschaft. Kurze Zeit nachher setzten die Angelsachsen auf
ihren plumpen, khnen Schiffen ber das Meer, unterwarfen England -- und
damit fand die groe Vlkerwanderung, soweit sie sich in groen Massen
vollzog, endgltig ihren Abschlu, aber in engeren Grenzen und in
kleinerem Umfange nahm sie auch noch weiter ihren Fortgang. Die vielen
wilden Jger, die dieses allgemeine Herber- und Hinberwandern und
dieser bestndige Wechsel der Wohnsitze herangezogen hatten, waren von
einer starken Leidenschaft fr allerhand Abenteuer und Wandern
ergriffen, und obgleich ganz Europa jetzt scheinbar unbeweglich dalag,
rhrte es sich und wogte es dort hin und her wie auf einem ungeheuren
Marktplatz. Alle Nationen waren so durcheinandergemengt, da es
vergeblich gewesen wre, eine reine und unberhrte entdecken zu wollen,
und erst mit der Zeit drckten bestimmte stabile Regierungsformen oder
Beschftigungen den bedeutendsten unter ihnen eine besondere Eigenart
und bestimmte unterscheidende Merkmale auf. Damals gab es vier groe
Vlkergruppen oder -massen, die die anderen an Bedeutung berragten,
gleichsam vier Hauptpunkte, in denen sich die Macht Europas
konzentrierte. In Spanien -- die Westgoten, die mit einem Teil der von
ihnen unterjochten Vlker dort eingefallen waren, sich daselbst, d. h.
in Spanien mit den Alanen, Sueven, Vandalen und einigen anderen von
diesen abhngenden Stmmen vereinigt und in dem Gebirge von Asturien
eine Menge feindlicher Banditenbanden wider sich aufgeregt hatten.
Ferner in Gallien die Franken, die bereits aus den frheren Nachbarn der
Rmer, den Germanen von der Donau und vom Rhein, den Usipiern,
Sigambern, Cheruskern, Chatten, Brukteren, Angrivariern, Chasuariern und
anderen eine Nation gebildet, sich mit den einheimischen rmischen
Galliern vereinigt, mit den unterworfenen Aremorikern, Bretonen,
Alemannen, Burgundern und zum Teil auch mit den Bajuwaren und Friesen
verbunden, ohne sich doch mit ihnen zu verschmelzen, und die das Gebiet
ihrer Herrschaft bis ber die Alpen ber den Rhein hinaus ausgedehnt
hatten.

Das war eine der mchtigsten Vlkergruppen. Im nrdlichen Deutschland
saen die Sachsen, die durch ihre Wildheit und ihr Korsarentum Schrecken
erregten und sich nur wenig mit anderen Stmmen vermischt hatten, und in
Italien die Ostgoten, in deren Masse sich viele Abkmmlinge von Vlkern
befanden, die in Osteuropa herumwanderten -- Sueven, Alanen, Avaren,
Slawen, Gepiden -- und die unter der geschickten und festen Regierung
Theoderichs eine Zeitlang das bergewicht in Europa erlangten. Auerdem
bten diese groen Vlkermassen noch eine Schutzherrschaft ber eine
Menge weit abseits wohnender Stmme aus.

Die Grenzen zwischen ihnen verloren sich oft in unbekannte Rume; in dem
von den Grenzen eingeschlossenen Lande erhielten sich hufig viele
Vlker, die hier ganz unabhngig durch- und nebeneinander lebten. So in
Mitteldeutschland -- die Longobarden, dann ein Teil der Bajuwaren, die
sich in Italien ausgezeichnet, und alle Vlker, die einst in den ehemals
unermelichen Wldern des Harzes und des felsigen Vorgebirges der Alpen
gelebt hatten. Der Osten Europas war von den vllig zerstreuten
slawischen Stmmen besetzt, die unter dem ewigen Druck aller aus Asien
nach Europa strmenden Vlker noch nicht Zeit gefunden hatten, ttig in
die Weltgeschichte einzugreifen. Jenseits des so bezeichneten Kreises im
Norden und Osten wohnten verschiedene Vlker, die noch in dunkler
Tatenlosigkeit dahinlebten.

Dies war die Lage Europas am Ende des V. Jahrhunderts, dessen Ausgang so
laut und unruhig war, als durch den unbeschreiblichen Ratschlu der
Vorsehung das gewaltige Chaos, das die dunklen Elemente zu einer neuen
Welt in sich trug, sich auf Europa niedersenkte, als sich Vlker in
ungeheuren Massen verheerend auf andere Vlker strzten, zu jener Zeit,
als noch gewaltige, finstere Taten geschahen, als die Namen eines
Alarich, Geiserich und Attila gleich unruhigen Kometen durch die Welt
schwirrten, whrend die Alte Welt im Osten langsam vermoderte, als die
rmische Kultur sich zaghaft an die Ksten Syriens, Alexandriens und
Konstantinopels drngte und die ketzerischen Lehren eines Nestor und
Eutiches an ihren gebrechlichen altersschwachen Krften nagten.


                                   IX
                      Memoiren eines Wahnsinnigen


                                                       Den 3. Oktober.

Heute hat sich etwas Auerordentliches ereignet. Ich stand diesen Morgen
ziemlich spt auf, und als Mawra mir meine frisch geputzten Stiefel
hereinbrachte, fragte ich sie, wieviel die Uhr sei. Als ich hrte, da
es lngst zehn geschlagen htte, beeilte ich mich mit dem Ankleiden. Ich
mu gestehn, am liebsten wre ich gar nicht in die Kanzlei gegangen, da
ich im voraus wute, was fr eine saure Miene unser Abteilungschef
machen wrde. Schon seit geraumer Zeit pflegt er mich immer wieder zu
fragen: Sag' mal, Freundchen, was geht eigentlich in deinem
Oberstbchen vor, du lufst hin und her wie ein Irrsinniger und wirfst
alles so durcheinander, da sich selbst der Teufel nicht mehr auskennt,
du schreibst die Titel mit kleinem Anfangsbuchstaben und datierst und
numerierst die Akten nicht. So ein verdammter Kerl! Sicherlich plagt
ihn der Neid, weil ich im Arbeitszimmer des Direktors sitze und die
Federn fr Seine Exzellenz schneide. Mit einem Wort: ich wre gar nicht
in die Kanzlei gegangen, wenn ich nicht die Hoffnung gehabt htte, den
Kassierer zu sehn, und von diesem Juden wenigstens einen kleinen
Vorschu auf mein Gehalt herauszukriegen. Das ist auch so eine Kreatur.
Gerechter Gott, eher bricht das Jngste Gericht herein, als da er einem
das Gehalt fr einen Monat vorausbezahlt! Bitte ihn, soviel du willst,
geh meinetwegen zugrunde, sei in der grten Klemme -- der alte Satan
rckt nicht mit Geld heraus. Dafr mu er sich von seiner Kchin zu
Hause ohrfeigen lassen. Das ist ja weltbekannt. Ich sehe auch nicht ein,
was es fr Vorteile hat, im Departement zu dienen. Man hat da doch gar
keine Einnahmen! In den Gouvernementsverwaltungen, in den Zivil- und
Staatsbehrden dagegen, das ist eine ganz andere Sache! Da sitzt einer
ganz in die Ecke gedrckt da und kritzelt irgend etwas -- sein Frack ist
ganz fadenscheinig -- er hat eine Fratze, da man ausspucken mchte.
Aber seht mal hin, was er sich fr eine Villa leistet! Man darf es gar
nicht erst wagen, ihm eine schn vergoldete Porzellantasse anzubieten.
Das, sagt er, solch ein Geschenk, das ist was fr 'nen Doktor. Er
dagegen mu gleich ein paar Pferde, eine Equipage oder einen Biberkragen
fr 300 Rubel haben. uerlich ist er so bescheiden und spricht so zart:
Wollen Sie mir nicht fr einen Augenblick Ihr Messerchen leihen, um
meine Feder zu schneiden! und dabei rupft er einen derartig, da er
einem kaum das Hemd am Leibe briglt. Das mu man allerdings zugeben,
unser Dienst hat etwas Vornehmes, berall herrscht eine solche
Reinlichkeit, wie sie sich in keiner Gouvernementskanzlei finden drfte,
alle Tische sind aus Mahagoni, und die Vorgesetzten sagen Sie zu
einem. Ja, ich mu gestehn, ich htte lngst die Kanzlei verlassen, wenn
nicht dieser vornehme Ton bei uns herrschte.

Ich legte meinen alten Mantel an und nahm einen Regenschirm in die Hand,
denn es regnete heftig. Die Straen waren leer; nur ein paar alte
Weiber, die sich mit ihren ber den Kopf geschlagenen Rcken vor dem
Regen schtzten, einige russische Kaufleute unter riesigen Schirmen und
ein paar Droschken kamen mir entgegen. Von den besseren Leuten begegnete
ich nur einigen von unseren Beamten. Bei einer Straenkreuzung erblickte
ich einen von ihnen. Als ich ihn bemerkte, dachte ich mir sofort: He,
Freundchen, du gehst mir nicht in die Kanzlei, du eilst jener Schnen
nach, die vor dir herluft, und sphst nach ihren Fchen. Solche
Teufelskerle, diese Beamten! Bei Gott! Die geben selbst einem Offizier
nichts nach! Da braucht nur irgendein Mdel in einem netten Htchen
vorberzugehn, sofort hat er sie schon gekapert. Als mir dies durch den
Sinn ging, fiel mein Blick auf einen Wagen, der gerade vor einem Laden
hielt, an dem ich vorberkam. Ich erkannte ihn sofort: es war der Wagen
unseres Direktors. Ich berlegte: Er hat in diesem Laden nichts zu tun
-- gewi ist es seine Tochter! Ich drckte mich dicht an die Wand. Der
Bediente ffnete den Schlag, und sie hpfte heraus wie ein Vgelchen.
Sie wandte ihr Kpfchen nach rechts und nach links, wie reizend zuckte
sie mit den Brauen und wie blitzten ihre Augen! ..... Gott! mein Gott,
ich bin verloren, ganz verloren! ... Warum mute sie aber auch bei solch
einem Wetter ausfahren! Da soll noch jemand behaupten, da die Frauen
keine Leidenschaft fr allerhand Putz und Flitterwerk haben. Sie hatte
mich nicht erkannt, ich hatte ja absichtlich versucht, mich ganz hinter
meinem Kragen zu verkriechen, weil ich einen ganz alten, fleckigen
Mantel von altmodischem Schnitt umgelegt hatte. Jetzt trgt man Mntel
mit einem langen Kragen, und der meine hat mehrere kurze bereinander;
obendrein war das Tuch nicht einmal decatiert. Ihr Hndchen, das nicht
Zeit gehabt hatte, in die Ladentr zu schlpfen, blieb auf der Strae.
Ich kenne dieses Hndchen, es heit Maggie; ich hatte keine Minute auf
der Strae gestanden, da hrte ich pltzlich ein feines Stimmchen:
Guten Tag, Maggie! Was ist denn das, wer spricht denn da?! Ich schaute
mich nach allen Seiten um und sah zwei Damen unter einem Regenschirm
daherkommen: die eine war schon recht alt, die andere noch jung; sie
gingen an mir vorber, da erklang es aufs neue: Schm' dich, Maggie!
Hol's der Teufel! Ich sah, da Maggie einen Hund beschnffelte, der
hinter den Damen einherlief. Aha! sagte ich zu mir; wie wird mir,
sollte ich am Ende betrunken sein? Aber das passiert mir ja nur hchst
selten! Nein, Fidel, du irrst dich! Jetzt sah ich's deutlich: die,
die dies sagte, war Maggie selbst: Ich war, wau, wau, ich war, wau,
wau, wau, sehr krank! Sieh einer das Hndchen an! Ich mu gestehn,
ich war sehr erstaunt, als ich hrte, da es geradeso sprach wie ein
Mensch. Aber als ich spter alles ordentlich berlegte, hrte ich auf,
mich zu wundern. Wahrhaftig, so etwas ist auf Erden schon hufiger
vorgekommen! Man erzhlt sich, da in England einmal ein Fisch ans Land
geschwommen sei, der zwei Worte in einer so merkwrdigen Sprache
gesprochen htte, da sich die Gelehrten schon drei Jahre darber den
Kopf zerbrechen und doch nicht herauskriegen knnen, was das fr eine
Sprache war. Ich habe auch in der Zeitung von zwei Khen gelesen, die in
einen Laden gekommen seien und ein Pfund Tee verlangt htten. Aber ich
mu sagen, ich wunderte mich doch noch mehr, als ich Maggie sagen hrte:
Ich habe dir geschrieben, Fidel; gewi hat Polkan dir meinen Brief
nicht berbracht. Teufel auch, ich habe noch nie im Leben gehrt, da
ein Hund schreiben kann. Richtig schreiben kann doch nur ein Edelmann
... Natrlich, es kommt wohl auch einmal vor, da irgendein Kaufmann,
ein Bureaumensch oder sogar ein Leibeigner etwas hinkritzelt! Aber das
ist doch immer nur ein mechanisches Geschreibsel! Ohne Punkte, ohne
Komma und ohne alles Stilgefhl! ...

Das setzte mich in Erstaunen. Ich mu gestehn, seit einiger Zeit fange
ich an, Dinge zu sehen und zu hren, die bis jetzt noch kein Mensch
gesehen und gehrt hat. Ich will mal diesem Hndchen folgen, sagte ich
zu mir, und erfahren, wie und was es denkt. Ich spannte meinen Schirm
auf und ging hinter den Damen her. Wir bogen in die Erbsenstrae, dann
in die Meschtschanskaja, nachher in die Storljarnaja und endlich zur
Kokuschkin-Brcke ein und blieben vor einem groen Hause stehn. Dieses
Haus kenne ich! sagte ich zu mir, es gehrt Swerkow. So ein Kasten!
Was leben da nicht alles fr Leute! Wie viele Kchinnen und wie viel
Zugereiste gibt es da! Auch von uns Beamten gibt es da eine ganze Menge!
Die sitzen wie Hunde einer auf dem andern und hetzen noch einen dritten
auf ihn. Hier wohnt auch einer meiner Freunde, der sehr gut Piston
blst. Die Damen stiegen in den fnften Stock hinauf. Schn, sagte ich
zu mir jetzt will ich nicht mitgehen, ich will mir die Gegend merken
und nicht versumen, mir die erste Gelegenheit zunutze zu machen.


                                                       Den 4. Oktober.

Heute ist Mittwoch und daher habe ich meinen Chef in seinem
Arbeitszimmer aufgesucht. Ich kam absichtlich etwas frher, setzte mich
hin und spitzte noch einmal alle Federn an. Unser Direktor mu ein sehr
kluger Mensch sein. Sein ganzes Kabinett ist mit Bcherschrnken
angefllt. Ich las die Titel einiger Bcher. Lauter gelehrtes Zeug, so
gelehrt, da unsereiner sich gar nicht dranwagen kann -- alles
franzsische oder deutsche Bcher. Und wenn man ihm erst ins Gesicht
sieht -- uff -- welche Wrde leuchtet einem aus seinen Augen entgegen.
Ich habe noch nie gehrt, da er ein unntzes Wort gesagt htte. Wenn
man ihm ein Papier reicht, bemerkt er hchstens: Wie ist es heute
drauen? Feucht, Euere Exzellenz! Ja, das ist keine Gesellschaft fr
unsereinen. Er ist ein Staatsmann! Dennoch aber merke ich, da er mich
besonders gern hat. Ach, wenn doch auch seine Tochter ... so eine
verfluchte Geschichte! ... Doch still davon! Kein Wort mehr! Ich las
heute in der Biene. Die Franzosen sind doch ein dummes Volk! Was
wollen sie eigentlich? Bei Gott, ich mchte sie alle bers Knie legen
und auspeitschen. Ich las auch eine sehr nette Beschreibung eines
Balles, die ein Gutsbesitzer aus Kursk verfat hatte. Diese Kursker
Gutsbesitzer schreiben doch sehr gut. Da bemerkte ich, da die Uhr halb
eins schlug, und dennoch wollte unser Chef noch immer nicht aus seinem
Schlafzimmer herauskommen. Aber keine Feder ist imstande, das zu
beschreiben, was sich um halb zwei Uhr abspielte. Die Tr wurde
geffnet, ich glaubte schon, es sei der Direktor, und sprang, mit den
Papieren in der Hand, vom Stuhl auf: aber es war sie, sie selbst! Alle
Heiligen! wie herrlich war sie angezogen! Ihr Kleid war schneewei wie
das Gefieder eines Schwanes -- ein wundervolles Kleid. Und wie sie mich
anblickte -- glich sie der Sonne -- bei Gott -- der Sonne! Sie grte
und sagte: Ist Papa nicht hier gewesen? Herr Gott! was fr eine
Stimme! -- der reinste Kanarienvogel, wahrhaftig, der reinste
Kanarienvogel! Euere Exzellenz! wollte ich sagen, vernichten Sie mich
nicht, aber wenn Sie mich schon durchaus vernichten wollen, so tun Sie
es mit Ihrem hochgeborenen Hndchen! Aber hol's der Teufel, die Zunge
versagte mir ihren Dienst, und ich sagte nur: Durchaus nicht! Sie sah
erst mich an, dann die Bcher und lie dabei ihr Taschentuch fallen; ich
sprang eilig hinzu, glitt aber auf dem verfluchten Parkett aus und htte
mir fast die Nase zerschlagen, doch hielt sie mich noch im letzten
Moment aufrecht und hob das Tuch auf! Alle Heiligen! Welch ein Tuch! der
allerfeinste Batist -- Ambrosia -- das reine Ambrosia! Man glaubte ihm
frmlich die Vornehmheit seiner Besitzerin anzumerken. Sie bedankte sich
und lchelte flchtig, so da sich ihre zuckersen Lippen kaum merklich
kruselten, dann ging sie. Ich blieb noch eine Stunde lang sitzen, als
pltzlich der Diener hereintrat und sagte: Aksentjij Iwanowitsch, gehen
Sie nach Hause, der Herr ist schon fortgefahren. Ich kann dieses
Bedientenvolk nicht leiden; immer rekeln sie sich im Vorzimmer herum,
und unsereins zu gren, das fllt ihnen gar nicht ein. Aber das ist
noch nicht das rgste; einmal kam ein solcher Hund sogar auf den
Gedanken, mir eine Prise anzubieten, ohne vom Stuhl aufzustehen. Ja,
weit du denn nicht, du dummer Sklave, da ich ein Beamter und ein
Edelmann bin?! Indessen nahm ich meinen Hut, legte mir allein meinen
Mantel um, denn diesen hohen Herrn fllt es doch nicht ein, unsereinem
hineinzuhelfen, und ging meiner Wege. Zu Hause lag ich meistens auf dem
Bett. Dann schrieb ich ein paar schne Verse ab:

   Da mein Lieb ein Stndchen nicht zu sehn ist --
   's mu ein Jahr schon her sein, dacht' ich;
   Weil mein Leben mir so arg verhat ist,
   Kann ich da noch leben? -- sagt' ich.

Wahrscheinlich ist es ein Gedicht von Puschkin. Abends wickelte ich mich
fest in meinen Mantel und ging vor das Haustor Seiner Exzellenz, ich
wartete ziemlich lange, ob sie nicht vielleicht heraustreten und in den
Wagen steigen wrde, ich hoffte, sie noch einmal zu sehn; aber sie kam
nicht. --


                                                      Den 6. November.

Der Abteilungschef ist ganz aus dem Huschen! Als ich in die Kanzlei
kam, lie er mich sofort rufen und sprach: Sag' mir bitte, was tust du
eigentlich? Wie? ich tue gar nichts, antwortete ich. Hre mal, denk'
doch mal darber nach, du bist doch schon ber 40 Jahre alt -- es wre
bald Zeit, da du vernnftig wirst. Was bildest du dir eigentlich ein?
Du glaubst wohl, ich sei nicht hinter all deine Schliche gekommen? Du
lufst ja der Tochter unseres Direktors nach! Sieh dich doch nur mal an
und mach' dir mal klar, wer du eigentlich bist! Du bist doch eine Null
-- und weiter nichts. Du hast ja keinen Heller im Kasten. Wirf doch
einen Blick in den Spiegel -- wie kannst du nur an so etwas denken!
Hol' ihn der Teufel! weil sein Gesicht an eine Medizinflasche erinnert
und weil er nur noch ein paar Haare auf dem Kopf hat, die er knstlich
zu einem Schopf zusammendreht, den er mit allerhand duftenden Pomaden
salbt, und weil er die Nase hoch trgt, bildet er sich ein, da ihm
allein alles erlaubt sei. Ich verstehe, ich verstehe sehr gut, warum er
so wtend auf mich ist. Er beneidet mich, vielleicht wei er, da ich
bevorzugt werde, vielleicht hat er die Zeichen des Wohlwollens bemerkt,
die mir zuteil geworden sind. Ach was! Ich spucke auf ihn! Auch was
Groes! Ein -- Hofrat! trgt 'ne goldene Uhrkette und lt sich Stiefel
zu 30 Rubel das Paar machen. Ach! hol ihn doch der Teufel! Bin ich etwa
aus niederem Stande? Bin ich etwa ein Schneider oder der Sohn eines
Unteroffiziers! Ich bin ein Edelmann! Ich kann mich doch auch
heraufdienen. Ich bin erst 42 Jahre alt --, und da beginnt doch
eigentlich der Dienst erst richtig. Warte nur, Freundchen! wir werden
auch noch einmal Oberst sein, ja, vielleicht, so Gott will, auch noch
ein bissel mehr! Dann schaffe ich mir eine schne Wohnung an, vielleicht
noch eine bessere als deine. Du bildest dir wohl ein, da es auer dir
keine anstndigen Menschen gibt? Dann schaffe ich mir einen Frack nach
der neuesten Mode an und binde mir eine ebensolche Krawatte um wie du --
dann reichst du berhaupt nicht an mich heran. Ich habe blo kein Geld
-- das ist das Pech.


                                                      Den 8. November.

Heute war ich im Theater. Man gab Filatka, den russischen Narren. Ich
habe sehr gelacht. Dann folgte noch eine Posse mit allerhand komischen
Couplets, in denen es ber die Gerichtsbeamten herging, besonders wurde
ein Kollegienregistrator aufs Korn genommen; diese Couplets waren sehr
krftig, und ich habe mich gewundert, da die Zensur sie nicht
beanstandet hat. Von den Kaufleuten hie es geradezu, da sie das Volk
betrgen, da ihre Shne verschwenderisch leben und nach dem Adelsstand
streben. Dann gab's auch ein sehr amsantes Couplet ber die
Journalisten: der Autor bat das Publikum um Schutz vor ihnen, da sie
immer alles herunterreien. Die heutigen Schriftsteller schreiben sehr
interessante Stcke. Ich gehe sehr gern ins Theater. Sobald ich nur ein
paar Groschen in der Tasche habe, kann ich der Versuchung nicht
widerstehn und geh' hinein. Es gibt unter den Beamten solche Schweine,
die durchaus nicht ins Theater gehen wollen -- richtige Bauern -- es sei
denn, da man ihnen ein Freibillett schenkt. Da war auch eine Sngerin.
Sie sang wunderschn -- sie erinnerte mich an jene .... ach! so 'ne
Gemeinheit. Doch still, still ... kein Wort mehr davon.


                                                      Den 9. November.

Um 8 Uhr begab ich mich in die Kanzlei. Der Abteilungschef tat so, als
bemerke er mein Eintreten gar nicht. Ich meinerseits tat auch so, als
htten wir nichts miteinander vorgehabt. Ich sah einige Akten durch und
verglich sie miteinander. Um 4 Uhr ging ich wieder fort. Ich kam an der
Wohnung des Direktors vorbei, aber es war niemand zu sehn. Nach Tisch
lag ich meist wieder auf dem Bett.


                                                     Den 11. November.

Heute sa ich im Arbeitszimmer unseres Direktors, schnitt dreiundzwanzig
Federn fr ihn und fr Ihre, oh, oh, oh, und fr Ihre Exzellenz vier
Federn. Er hat es gern, wenn recht viele Federn auf seinem Tisch bereit
liegen. Oh, das mu ein Kopf sein! Er schweigt bestndig, aber in diesem
Kopf -- glaub' ich -- erwgt er alles. Ich mchte gern wissen, worber
er am meisten nachdenkt, und was er fr Plne schmiedet. Ich mchte das
Leben dieser Herrn gern so aus der Nhe beobachten, alle diese
Equivoquen und Hofintrigen; wie sie sich bewegen, und was sie in ihrem
Kreise tun und treiben: das wrde ich gern erfahren! -- Schon hufig
hatte ich Lust, mich mit Seiner Exzellenz in ein Gesprch einzulassen,
aber wei der Teufel, die Zunge versagt mir ihren Dienst. Schlielich
sagt man nur, da es drauen kalt oder warm ist, und mehr bringt man bei
dem besten Willen nicht heraus. Wie gern wrde ich einen Blick ins
Gastzimmer werfen, aber die Tr steht nur selten offen; von dem
Gastzimmer aus sieht man in ein zweites Zimmer! Gott, was fr eine noble
Einrichtung! Was fr Spiegel! Welch ein Porzellan! Ich wrde auch gerne
mal in den Teil des Hauses hineinblicken, wo Ihre Exz.... ja, da mchte
ich gern einmal rein: in ihrem Boudoir, was stehen da wohl fr
Flschchen und Bchsen, was fr herrlich duftende Blumen, die man kaum
anzuhauchen wagt, da liegt vielleicht auch ihr Kleid, das sie eben
abgelegt hat, und das mehr einem Lufthauch als einem Kleidungsstck
gleicht. Wie gern wrde ich auch einen Blick ins Schlafzimmer werfen.
Das mu ein Wunderland ... das mu ein Paradies sein, wie es, glaube
ich, selbst im Himmel kein hnliches gibt. Ich mchte das Bnkchen sehn,
auf das sie des Morgens beim Aufstehn ihr Fchen setzt, ich mchte
sehn, wie sie sich die schneeweien Strmpfe anzieht ... O Gott! o Gott!
Doch still! still! Kein Wort mehr! Heute fiel's mir pltzlich wie
Schuppen von den Augen: ich erinnerte mich des Gesprchs der beiden
Hunde, das ich auf dem Newsky-Prospekt belauscht hatte. Gut, dachte
ich bei mir, ich werde jetzt alles erfahren! Ich mte nur den
Briefwechsel dieser beiden elenden Hunde auffangen. Daraus werde ich
gewi so manches erfahren. Ich mu hier anmerken: einmal habe ich
Maggie sogar zu mir herangelockt und ihr gesagt: Hr' einmal, Maggie,
wir sind jetzt allein, wenn du willst, werde ich sogar die Tr
schlieen, so da uns niemand sehen kann -- erzhle mir alles, was du
von dem Frulein weit: was treibt sie und wie ist sie, ich schwre dir,
niemand soll etwas davon erfahren. Aber das listige Hndchen kniff nur
den Schwanz ein, duckte sich ganz zusammen und schlich leise zur Tr
hinaus, als htte es nichts gehrt. Ich vermute schon lange, da die
Hunde viel klger sind als die Menschen; ich bin sogar berzeugt, da
sie sprechen knnen, nur sind sie sehr eigensinnig. Ein Hund ist ein
groer Politiker: er bemerkt alles und beobachtet jeden Schritt, den der
Mensch macht. Nein, es mag biegen oder brechen, morgen gehe ich zu
Swerkow, frage Fidel aus und nehme, wenn es glckt, alle Briefe, die
Maggie ihr geschrieben, an mich.


                                                     Den 12. November.

Um 2 Uhr machte ich mich auf, denn ich wollte Fidel durchaus sehen und
aushorchen. Ich kann den Kohlgeruch, der aus allen Krmerlden in der
Meschtschanskaja aufsteigt, auf den Tod nicht leiden, dazu dringt noch
ein solcher Gestank aus allen Pforten, da ich mir die Nase zuhielt und
mich, so schnell ich nur konnte, aus dem Staub machte. Und dann
verpesteten einem die grlichen Handwerker noch derartig die Luft mit
dem Ru und dem Rauch, der aus ihren Werksttten aufsteigt, da es fr
einen anstndigen Menschen tatschlich unmglich ist, hier
spazierenzugehen. Als ich zum sechsten Stock emporgestiegen war und die
Glocke gezogen hatte, trat ein Mdchen heraus, das nicht bel aussah,
und dessen Gesicht mit kleinen Sommersprossen bedeckt war. Ich erkannte
sie. Es war dieselbe, die die alte Frau begleitet hatte. Sie errtete
ein wenig, und ich begriff sie sogleich. -- Die Kleine sehnte sich nach
einem Schatz. Was wnschen Sie? fragte sie. Ich mu mit Ihrem
Hndchen sprechen. Das Mdchen war offenbar sehr dumm! Ich merkte
sofort, da sie dumm war! In diesem Moment kam der Hund bellend
herangesprungen: ich wollte ihn fassen, aber das Scheusal htte mich mit
seinen Zhnen beinahe an der Nase gepackt. Pltzlich erblickte ich in
der Ecke sein Lager. Ach, das ist ja, was ich brauche! Ich trat nher,
whlte das Stroh im Holzkasten durcheinander und holte zu meiner groen
Freude ein kleines Papierbndel hervor. Als das garstige Tier das sah,
bi es mich erst in die Wade, dann aber merkte es, da ich die Papiere
eingesteckt hatte, und fing an zu winseln und zu schmeicheln, ich aber
sagte: Nein, mein Schatz, lebe wohl! und lief davon. Ich glaube, das
Mdchen hielt mich fr einen Wahnsinnigen, denn sie erschrak furchtbar.
Als ich nach Hause kam, wollte ich mich sofort an die Arbeit machen und
die Briefe entziffern -- denn bei Licht sehe ich nicht gut. Aber Mawra
war gerade dabei, den Fuboden zu waschen. Diese dummen Finnlnderinnen
sind besonders immer dann reinlich, wenn man es nicht brauchen kann. So
ging ich denn hinaus, um einen Spaziergang zu machen und das Geschehene
zu berdenken. Endlich werde ich alles erfahren! Alle ihre Plne und
Intrigen, alle geheimen Triebfedern und werde alles ergrnden. Diese
Briefe werden mir alles enthllen. Die Hunde sind ein kluges Volk, sie
kennen die politischen Verhltnisse, und daher werde ich dort alles
Wissenswerte ber unsern Chef finden, das Portrt und die Machinationen
dieses Mannes. Sicherlich wird auch einiges ber _sie_ darin enthalten
sein, das ... doch still, kein Wort mehr. Gegen Abend kam ich nach Hause
und lag die meiste Zeit ber auf dem Bett.


                                                     Den 13. November.

Nun wollen wir mal sehn! Der Brief ist ziemlich leserlich geschrieben.
Doch aber liegt etwas Hndisches in der Handschrift. Wir wollen mal
sehn:

   Liebe Fidel! Ich kann mich noch immer nicht recht an deinen
   plebejischen Namen gewhnen. Konnte man dir wirklich keinen besseren
   geben? Fidel, Rose -- wie vulgr das klingt! Aber lassen wir das
   jetzt beiseite, es freut mich sehr, da wir beschlossen haben,
   einander zu schreiben.

Der Brief ist recht orthographisch geschrieben. Die
Interpunktionszeichen sind immer auf ihrem richtigen Platze, und die
Buchstaben sind nirgends verwechselt. Ja, ich glaube, da selbst unser
Abteilungschef nicht so korrekt schreiben kann, obgleich er behauptet,
da er die Universitt besucht habe. Sehen wir weiter!

   Mir scheint, eine der grten Freuden des Lebens ist, seine
   Gedanken, Gefhle und Eindrcke mit einem Freunde zu teilen.

Hm ... diesen Gedanken hat sie aus einem deutschen Aufsatz, der in
russischer Sprache erschienen ist. Ich kann mich nicht auf den Titel
besinnen.

   Ich spreche aus Erfahrung, obgleich ich nicht weiter in der Welt
   herumgekommen bin, als bis vor unsere Haustr. Ist mein Leben nicht
   von Wohlstand umgeben? Mein Frulein, das der Papa Sophie nennt,
   liebt mich grenzenlos.

O Gott, o Gott! Doch still, still! Kein Wort mehr!

   Papa liebkost mich auch hufig. Ich trinke Tee und Kaffee mit
   Sahne. Ach, _ma chre_, ich mu Dir sagen, da ich gar keine Freude
   an groen abgenagten Knochen habe, wie sie unser Polkan in der Kche
   zu fressen kriegt. Nur Wildpretknochen schmecken gut, und auch die
   nur, wenn das Mark noch darin ist. Es schmeckt auch sehr gut, wenn
   man mehrere verschiedene Saucen durcheinandermischt, nur drfen
   keine Kapern und keine Gemse darin sein; aber ich kenne nichts
   Schlimmeres, als die Gewohnheit, Hunden Brotkgelchen vorzusetzen.
   Da fngt irgendein Herr, der bei Tisch sitzt, und der schon
   allerhand Schund in seinen Hnden gehalten hat, pltzlich an, mit
   diesen selben Hnden Brot zu kneten, ruft Dich herbei und steckt Dir
   so eine Brotkugel zwischen die Zhne. Refsieren darf man nicht --
   so frit man es denn, obwohl es einen ekelt, aber man frit es
   doch!

Wei der Teufel, was das ist! So ein Bldsinn! Als ob es kein besseres
Thema gbe, ber das man schreiben knnte. Wir wollen mal sehn, ob wir
auf der anderen Seite nichts Vernnftigeres finden.

   .... Ich bin gern bereit, Dich von allen Ereignissen zu
   unterrichten, die sich bei uns abspielen. Ich habe Dir schon einiges
   von der Hauptperson erzhlt, die Sophie Papa nennt. Das ist ein sehr
   merkwrdiger Mensch ...

Endlich! Ich wute es ja, sie haben einen politischen Blick fr alle
Dinge. La uns 'n mal sehn -- was der Papa tut:

   ... merkwrdiger Mensch. Er schweigt fast immer und spricht nur
   selten; aber vor einer Woche sprach er in einem fort vor sich hin:
   >Werde ich ihn bekommen oder werde ich ihn nicht bekommen?< Einmal
   wandte er sich sogar mit der Frage an mich: >Wie denkst du, Maggie,
   werde ich ihn bekommen, oder werde ich ihn nicht bekommen?< Ich
   konnte rein gar nichts verstehen, beschnffelte seine Stiefel und
   schlich mich fort. Dann aber -- es ist jetzt eine Woche -- erschien
   Papa pltzlich hocherfreut, _ma chre_. Den ganzen Morgen lang
   gingen bei ihm uniformierte Herren ein und aus, die ihm alle zu
   etwas gratulierten. Bei Tisch war er so vergngt, wie ich ihn nie
   zuvor gesehn, und er erzhlte in einem fort Anekdoten.

   Nach dem Essen hob er mich zu sich empor, deutete auf seinen Hals
   und sagte: >Sieh mal, Maggie, was ist das?< Ich sah ein kleines
   Bndchen auf seiner Brust, roch daran, fand aber gar nicht, da es
   gut duftete, schlielich leckte ich noch einmal daran: es schmeckte
   etwas salzig.

Hm, dieses Hndchen erlaubt sich, wie mir scheint, ein bichen viel. Es
soll sich in acht nehmen, da es keine Prgel kriegt! ... So, er ist
also ehrgeizig, das mu man sich merken!

   Leb' wohl, _ma chre_. Ich eile usw., usw. Morgen will ich meinen
   Brief beenden. --

   Guten Tag, jetzt bin ich wieder bei Dir. Heute war mein Frulein
   Sophie ...

Ah, nun wollen wir mal sehn, was mit Sophie los ist! Ach, so 'ne
Gemeinheit ... Doch still, still! ... fahren wir fort.

   ..... mein Frulein Sophie in groer Aufregung. Sie rstete sich zu
   einem Ball, und ich war sehr erfreut, da ich Dir in ihrer
   Abwesenheit schreiben konnte. Meine Sophie ist immer sehr froh, wenn
   sie einen Ball besuchen kann, obgleich sie sich beim Ankleiden fast
   immer rgert. Wozu sich die Menschen eigentlich anziehn und warum
   laufen sie nicht so herum wie wir zum Beispiel? Es ist doch viel
   bequemer und angenehmer. Ich kann auch nicht verstehen, was das fr
   ein Vergngen ist, einen Ball zu besuchen. Sophie kommt von den
   Bllen stets erst gegen 6 Uhr morgens nach Hause, und ich glaube
   immer aus ihrem bleichen, elenden Aussehen zu erkennen, da die
   rmste nicht genug zu essen bekommen hat. Ich mu gestehn, ich
   knnte nicht so leben. Wenn ich keine Sauce mit Rebhuhn und keine
   gebratenen Hhnerflgel bekme, so wte ich nicht, was mit mir
   geschhe. Auch Sauce mit Brei schmeckt sehr gut. Dagegen Karotten,
   Rben oder Artischocken, die schmecken nie gut.

Ein sehr ungleichmiger Stil. Man sieht doch gleich, da dies kein
Mensch geschrieben hat. Er fngt an, wie es sich gehrt, und schliet
wie ein Hund. Ich will mir doch noch einen weiteren Brief ansehen. Er
ist zwar ein bichen lang, und auch das Datum fehlt.

   Ach, meine Liebe, wie fhlbar macht sich doch das Herannahen des
   Frhlings! Mein Herz klopft, als erwarte es etwas! In meinen Ohren
   klingt es unaufhrlich, so da ich hufig minutenlang mit erhobenem
   Bein lauschend an der Tr stehe! Ich will Dir gestehn, da ich viele
   Verehrer habe. Hufig betrachte ich sie, whrend ich gemchlich am
   Fenster sitze. Ach, wenn Du wtest, was es fr Migeburten unter
   ihnen gibt! Der eine, ein plumper Kter, ist furchtbar dumm, die
   Borniertheit spricht ihm aus dem Gesicht, er stolziert wichtig auf
   der Strae einher und bildet sich ein, eine hchst bedeutende
   Persnlichkeit zu sein; er denkt wohl, da sich alle so ohne
   weiteres in ihn verlieben werden. Aber keine Spur davon. Ich habe
   ihn gar nicht beachtet und tat so, als htte ich ihn nie gesehn. Und
   was fr eine frchterliche Dogge da zuweilen vor meinem Fenster
   stehnbleibt! Wenn sie sich auf die Hinterbeine stellte, was das
   plumpe Tier sicherlich gar nicht kann, wrde sie Sophies Papa, der
   doch auch ziemlich gro und dick ist, um Kopfeslnge berragen.
   Dieser Affe ist sicherlich ein schrecklicher Frechling. Ich knurrte
   ihn an, aber er kmmerte sich absolut nicht drum und verzog keine
   Miene, streckte nur seine Zunge heraus, wackelte mit seinen
   mchtigen Ohren und schaute in mein Fenster hinein! -- solch ein
   Bauer! Aber glaubst Du wirklich, _ma chre_, da mein Herz
   unempfindlich ist fr all dies Werben?! Ach, nein ..... Wenn Du nur
   den einen Kavalier gesehen httest, der mitunter ber den Zaun
   unseres Nachbars klettert -- er heit Tresor -- oh, _ma chre_ --
   was der fr ein Schnuzchen hat!! ....

Pfui Teufel! .... Was fr ein Bldsinn! .... Wie kann man nur ganze
Seiten mit solchen Dummheiten anfllen. Einen Menschen! Ich will einen
Menschen sehn; mich verlangt nach geistiger Nahrung, die meine Seele
speist und labt: und statt dessen diese Dummheiten ..... Doch ich will
eine Seite berschlagen, vielleicht wird's besser!

   ... Sophie sa am Tisch und nhte etwas. Ich blickte zum Fenster
   hinaus, weil ich mir gern die Spaziergnger anschaue, als pltzlich
   der Diener hereintrat und Herrn Teplow meldete. >Ich lasse bitten!<
   rief Sophie und umarmte mich strmisch. >Ach, Maggie, Maggie! wenn
   Du wtest, wer das ist: ein brnetter Kammerjunker! und Augen hat
   er! schwarz und klar wie Achat!< und Sophie lief in ihr Zimmer.
   Einen Augenblick spter trat ein junger Kammerjunker mit einem
   schwarzen Backenbart herein; er nherte sich dem Spiegel, ordnete
   sein Haar und sah sich im Zimmer um. Ich knurrte und ging auf meinen
   Platz zurck. Sophie kam bald zurck und beantwortete seinen
   Kratzfu mit einem frhlichen Knicks; ich tat, als bemerke ich
   nichts und schaute ruhig aus dem Fenster, beugte aber meinen Kopf
   etwas zur Seite und versuchte zu hren, was sie sprachen. Ach, _ma
   chre_, was das fr Banalitten waren! Sie redeten davon, wie eine
   Dame beim Tanz anstatt des einen Pas einen anderen gemacht htte,
   ferner, da ein gewisser Robow mit seinem Jabot einem Storche
   auerordentlich hnlich gesehen htte und beinahe auf dem Parkett
   ausgeglitten und gefallen wre. Schlielich erzhlten sie noch, da
   eine gewisse Lidina sich einbilde, sie habe blaue Augen, whrend sie
   in Wirklichkeit grn seien usw. Ich dachte mir, wie kann man nur
   diesen Kammerjunker mit Tresor vergleichen! Himmel! welch ein
   Unterschied! Erstens hat der Kammerjunker ein vollkommen glattes
   Gesicht, das von einem Backenbart eingerahmt ist, was so aussieht,
   als ob er sich ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hat. Wie
   anders Tresor! Er hat ein ganz feines Schnuzchen und mitten auf der
   Stirn einen kleinen weien Fleck. Auch Tresors Taille ist
   unvergleichlich, viel schner als die des Kammerjunkers. Auch seine
   Augen, seine Manieren und seine Bewegungen sind ganz anders. Welch
   ein Unterschied! Ich verstehe nicht, meine Liebe, was sie an ihrem
   Teplow gefunden hat, und warum sie so entzckt von ihm ist?! ...

Mir scheint auch, hier mu etwas nicht richtig sein. Es ist unmglich,
da dieser Teplow sie so bezaubert hat. Ich will mal weiter sehn:

   Mir scheint, wenn ihr schon dieser Kammerjunker so gefllt, wird
   sie bald auch an jenem Beamten Gefallen finden, der in Papas Zimmer
   sitzt. Ach, _ma chre_, wenn Du wtest, was das fr ein Scheusal
   ist. Die reine Schildkrte, die man in einen Sack gesteckt hat ...

Was kann das wohl fr ein Beamter sein?

   Sein Familienname ist hchst seltsam. Er sitzt immer da und
   schneidet Federn. Die Haare auf seinem Kopf erinnern stark an einen
   Bschel Heu. Papa benutzt ihn mitunter statt des Dieners zu
   Botendiensten ...

Mir scheint, dieses garstige Hndchen spielt auf mich an! Habe ich denn
Haare wie ein Heubschel!

   Sophie kann sich nur mit Mhe des Lachens enthalten, wenn sie ihn
   ansieht.

Du lgst, verfluchter Hund! Welche boshafte Zunge! Als ob ich nicht
wte, da dies alles vom Neid eingegeben ist, als ob ich nicht wei,
wer hier dahintersteckt. Das ist doch eine Intrige des Abteilungschefs!
Dieser Mensch hat mir doch ewigen Ha geschworen -- nun schadet er mir
bei jedem Schritt, den ich tue. brigens will ich mir noch einen Brief
ansehn. Vielleicht klrt sich dann die Sache von selbst auf.

   _Ma chre_ Fidel, verzeih', da ich so lange nicht geschrieben
   habe. Ich war in einem Wonnerausch! Der Dichter hat wirklich recht,
   der gesagt hat, da die Liebe das zweite Leben ist. Auerdem gehen
   groe Vernderungen in unserem Hause vor. Der Kammerjunker besucht
   uns jetzt tglich. Sophie ist wahnsinnig in ihn verliebt. Papa ist
   sehr vergngt. Ich habe sogar von unserem Grigorij gehrt, -- der
   bei uns den Fuboden fegt und immer Selbstgesprche fhrt -- da die
   Hochzeit bald stattfinden wird, denn Papa will durchaus, da Sophie
   einen General oder einen Kammerjunker oder einen Militroberst
   heiratet ...

Hol's der Teufel! ich kann nicht mehr lesen ... Immer irgendein
Kammerjunker oder General. Alles Schne, was es auf der Welt gibt --
fllt immer den Kammerjunkern oder Generlen zu. Du findest irgendein
elendes Ding, das dich glcklich machen knnte, und willst schon mit der
Hand darnach greifen, da wird es dir von einem Kammerjunker oder einem
General entrissen. Hol's der Teufel! ... Ich wnschte, ich wrde selbst
General; nicht um ihre Hand zu gewinnen usw. -- nein, ich wnschte nur
deshalb, ich wre General, um zu sehn, wie sie vor mir scharwenzeln und
alle diese hfischen Verbeugungen und Equivoquen machen wrden, und um
ihnen dann sagen zu knnen, da ich auf sie beide speie. Hol's der
Teufel -- es ist aber doch rgerlich! Ich habe die Briefe dieses dummen
Hndchens in Stcke gerissen.


                                                      Den 3. Dezember.

Es kann nicht sein. Das sind Lgengespinste, die Hochzeit wird niemals
stattfinden! Was liegt denn daran, wenn er auch Kammerjunker ist! Das
ist doch nichts weiter als ein Titel und kein sichtbarer Gegenstand, den
man in die Hand nehmen knnte. Weil er Kammerjunker ist, bekommt er doch
kein drittes Auge auf der Stirn. Seine Nase ist doch auch nicht von
Gold, sondern aus demselben Stoff wie die meine und die anderer
Menschen! Er riecht doch und it nicht etwa mit ihr, und er niest und
hustet nicht mit ihr. Ich wollte schon immer ergrnden, woher diese
Unterschiede stammen. Warum bin ich z. B. Titularrat und _wozu_ bin ich
Titularrat? Vielleicht bin ich gar nicht Titularrat! Vielleicht bin ich
ein Graf oder ein General und scheine nur Titularrat zu sein. Vielleicht
wei ich noch selbst nicht, wer ich bin. Es gibt doch in der Geschichte
genug Beispiele dafr: irgendein ganz gewhnlicher Mensch, der nicht
einmal Edelmann, sondern ein simpler Brger oder Bauer ist -- entpuppt
sich pltzlich als hoher Wrdentrger, Baron oder ... na, wie sagt man
doch gleich? Wenn also schon ein Bauer so emporsteigen kann, was kann
dann nicht erst aus einem Edelmann werden? Wie wr's z. B., wenn ich
pltzlich in Generalsuniform erschiene: auf der rechten Schulter eine
Epaulette und auf der linken Schulter eine Epaulette, und ein blaues
Band ber der Achsel -- was wohl meine Schne da fr Augen machen wrde?
Und was wrde wohl erst unser Papa, unser Direktor dazu sagen? Oh -- er
ist ein groer Streber! Er ist ein Freimaurer, unbedingt ein Freimaurer;
wenn er sich auch verstellt, als sei er dieses und jenes, ich habe es
doch gleich bemerkt, da er Freimaurer ist. Wenn er einem die Hand
reicht, streckt er einem nur zwei Finger entgegen. Ja -- warum sollte
ich denn nicht jeden Augenblick zum Generalgouverneur, zum Intendanten
oder zu so etwas hnlichem ernannt werden! Ich mchte wirklich gern
wissen, warum gerade ich Titularrat bin? Warum gerade Titularrat?


                                                      Den 5. Dezember.

Heute habe ich den ganzen Tag ber Zeitungen gelesen. Was fr
merkwrdige Dinge doch in Spanien vorgehen! Es war mir nicht einmal
leicht, zu verstehen, was da vorgeht! Man schreibt, da der Thron
erledigt sei, und da sich die Stnde wegen der Wahl des Nachfolgers in
einer sehr schwierigen Lage befinden, und da deswegen sogar Unruhen
ausgebrochen seien! Das scheint mit doch sehr sonderbar! Wie ist es nur
mglich, da ein Thron erledigt wird! Man sagt: eine Donna solle den
Thron besteigen. Aber eine Donna kann doch keinen Thron besteigen. Das
geht doch nicht! Auf dem Throne mu doch ein Knig sitzen. Ja aber,
wendet man ein, es ist doch kein Knig da! Das kann aber doch nicht
sein, da kein Knig da ist! Ein Land kann nicht ohne Knig existieren.
Ein Knig ist sicherlich da, aber er hlt sich irgendwo verborgen. Es
ist sehr mglich, da er im Lande weilt, aber irgendwelche
Familienverhltnisse oder Befrchtungen seitens der benachbarten Mchte,
wie Frankreich und anderer, veranlassen ihn, sich zu verbergen -- oder
gibt es vielleicht noch andere Grnde?


                                                      Den 8. Dezember.

Ich war schon im Begriff, in die Kanzlei zu gehn, aber verschiedene
Grnde und Bedenken hielten mich zurck. Die spanischen Angelegenheiten
wollen mir nicht aus dem Kopf. Wie ist es nur mglich, da eine Donna
Knig wird. Das wird man gar nicht zulassen! England wird zuerst dagegen
Einspruch erheben! Auch die politische Lage Europas, der Kaiser von
sterreich und unser Kaiser ... Ich mu sagen, diese Ereignisse haben
mich dermaen erschttert und niedergeschmettert, da ich den ganzen Tag
zu nichts fhig war. Mawra machte mir gegenber die Bemerkung, da ich
beim Essen sehr zerstreut gewesen sei. Sie hat ganz recht: ich habe in
meiner Zerstreutheit sogar zwei Teller fallen lassen, da sie
zerbrachen. Nach Tisch ging ich spazieren, aber ich konnte nichts
Interessantes entdecken. Ich lag meistens auf dem Bett und dachte ber
die spanischen Angelegenheiten nach.


                                         Im Jahre 2000, den 43. April.

Der heutige Tag ist ein groer Jubeltag! Spanien hat wieder einen Knig!
Er ist gefunden! Dieser Knig bin ich! Erst heute habe ich es erfahren.
Ich mu gestehn, es erleuchtete mich wie ein Blitzstrahl. Ich begreife
nicht, wie ich denken, wie ich mir einbilden konnte, ich sei ein
Titularrat! Wie konnte sich dieser wahnsinnige, dieser aberwitzige
Gedanke in meinem Hirn festsetzen! Nur gut, da es damals niemand
eingefallen ist, mich ins Narrenhaus zu sperren. Jetzt ist mir alles
klar. Es liegt alles vor mir wie auf der flachen Hand. Frher dagegen --
ich versteh' es nicht -- frher lag alles wie im Nebel vor mir. Ich
denke, dies alles kommt daher, weil die Menschen glauben, da das Gehirn
des Menschen sich im Kopf befinde; dies ist gar nicht der Fall; in
Wirklichkeit trgt es der Wind vom Kaspischen Meer her. Zuerst erffnete
ich Mawra, wer ich bin. Als sie vernahm, da der spanische Knig vor ihr
steht, schlug sie die Hnde ber dem Kopfe zusammen und starb fast vor
Schreck. Die Dumme, sie hat noch nie einen spanischen Knig gesehn. Ich
versuchte, sie zu beruhigen und ihr mit gndigen Worten mein Wohlwollen
auszudrcken, indem ich ihr erklrte, ich sei gar nicht bse auf sie,
weil sie mir mitunter meine Stiefel so schlecht geputzt habe. Das sind
doch einfache Leute. Mit ihnen kann man doch nicht ber hhere Dinge
reden. Sie war darum so erschrocken, weil sie in dem Glauben lebt, da
alle spanischen Knige Philipp II. hnlich seien. Aber ich setzte ihr
auseinander, da Philipp und ich nichts Gemeinsames miteinander htten,
und da ich keine Kapuziner bei mir habe. Ich ging heute nicht ins
Departement. Hol' es der Teufel! Nein, meine Herren, jetzt kriegt ihr
mich nicht mehr dahinein; ich denke nicht mehr daran, eure garstigen
Papiere abzuschreiben!


                              Den 86. Oktember zwischen Tag und Nacht.

Heute erschien unser Exekutor, um mich aufzufordern, in die Kanzlei zu
kommen; es ist schon bald drei Wochen, da ich nicht in der Kanzlei war.

Aber die Menschen sind ungerecht. Sie rechnen mit Wochen. Das haben die
Juden eingefhrt, weil sich ihr Rabbiner um diese Zeit wscht! ... Ich
ging aber zum Spa ins Bureau. Der Abteilungschef dachte, ich wrde ihn
begren und wrde mich entschuldigen, aber ich sah ihn nur gleichgltig
an, nicht zu bse, aber auch nicht zu freundlich, und lie mich auf
meinem Platz nieder, als bemerke ich niemand. Ich sah mir die ganze
Kanzleisippe an und dachte bei mir: wie, wenn ihr wtet, wer mitten
unter euch sitzt ... Gerechter Gott, was htte sich da fr ein Tumult
erhoben! Ja, selbst der Abteilungschef wrde sich dann so tief vor mir
verbeugen, wie er es jetzt vor dem Direktor tut. Man legte ein paar
Akten vor mich hin; ich sollte einen Exzerpt daraus machen. Doch ich
rhrte keinen Finger. Ein paar Augenblicke spter entstand eine
allgemeine Unruhe. Man rief: der Direktor kommt. Mehrere Beamten
strmten um die Wette hinaus, um sich ihm bemerkbar zu machen. Ich aber
rhrte mich nicht vom Flecke. Als er durch unsere Abteilung
hindurchging, knpften alle ihre Frcke zu; aber ich tat nichts
dergleichen. Was ist denn ein Direktor? Sollte ich etwa vor dem
aufstehen? -- niemals! Was ist er auch fr ein Direktor! Ein Stpsel ist
er, aber kein Direktor. Ein ganz gewhnlicher Stpsel -- ein simpler
Stpsel, und weiter nichts -- so einer, mit dem man Flaschen zukorkt. Am
meisten Spa machte es mir, als man mir ein Papier zur Unterschrift
vorlegte. Sie glaubten sicherlich, ich wrde ganz unten in einem Eckchen
eine Unterschrift hinsetzen -- Tischvorsteher Soundso -- fiel mir ja gar
nicht ein! Statt dessen signierte ich in der Mitte des Blattes, wo
gewhnlich der Namenszug des Departementdirektors prangt, mit krftigen
Zgen: Ferdinand VIII. Man htte sehen mssen, was fr ein
ehrfrchtiges Schweigen entstand! Aber ich winkte nur mit der Hand und
sagte: Ich bedarf keiner Zeichen der Untertnigkeit und ging hinaus.
Von dort ging ich sofort in die Wohnung des Direktors. Er war nicht zu
Hause. Der Bediente wollte mich nicht einlassen, aber ich herrschte ihn
derartig an, da er die Hnde sinken lie. Von dort schritt ich geradaus
in ihr Ankleidezimmer. Sie sa vor dem Spiegel, sprang auf und tat einen
Schritt zurck. Ich sagte ihr aber nicht, da ich der Knig von Spanien
bin. Ich sagte ihr nur, da ihr ein so groes Glck bevorstehe, wie sie
es sich wohl nicht trumen lasse, und da wir trotz aller Intrigen
unserer Feinde vereinigt bleiben wrden. Mehr wollte ich auch nicht
sagen und daher ging ich hinaus. Oh! welch ein heimtckisches Geschpf
ist doch das Weib! Erst jetzt habe ich begriffen, was das Weib ist!
Bisher wute noch niemand, in wen sie verliebt ist: ich bin der erste,
der es entdeckt hat. Das Weib ist in den Teufel verliebt. Jawohl, ich
scherze nicht. Die Physiker reden lauter Dummheiten, wenn sie sagen, sie
sei dies und jenes. Sie liebt nur den Teufel. Schaun Sie nur hin: da
sitzt sie in einer Loge im ersten Rang und hlt sich die Lorgnette vor
die Augen. Sie glauben, sie betrachtet jenen dicken Herrn mit dem Stern.
Keineswegs! sie schaut nach dem Teufel, der hinter seinem Rcken steht.
So -- jetzt hat er sich in seinen Frack verkrochen und winkt ihr von
dort aus mit dem Finger. Sie wird ihn sicherlich heiraten -- ganz
sicher. Und all diese Beamten und hohen Herren, ihre Vter, die berall
herumscharwenzeln, sich an den Hof drngen und laut erklren, sie seien
Patrioten und dies und jenes: sie wollen eine Leibrente haben, diese
Herren Patrioten! Ihre Mutter, ihren Vater, ja selbst ihren Gott werden
sie verkaufen, diese Judasse und Streber! Das macht alles der Ehrgeiz,
und dieser Ehrgeiz kommt nmlich daher, weil sich unter der Zunge ein
kleines Blschen befindet; in ihm sitzt ein kleines Wrmchen, so gro
wie ein Stecknadelkopf, und das alles rhrt von einem Bader her, der in
der Erbsenstrae wohnt. Sein Name ist mir entfallen; aber es steht
vllig fest, da er gemeinsam mit einer Hebamme in der ganzen Welt den
Islam verbreiten will, und daher soll in Frankreich, wie man sagt, schon
ein groer Teil der Bevlkerung den mohammedanischen Glauben bekennen.


                                 Kein Datum, der Tag hatte kein Datum.

Ich ging inkognito auf dem Newsky spazieren, da kam der Kaiser
vorbeigefahren. Alles zog den Hut und ich auch; ich lie mir's jedoch
nicht merken, da ich der Knig von Spanien bin. Ich hielt es nicht fr
angemessen, mich hier, vor dem Publikum, zu erkennen zu geben; vor allem
mu ich mich bei Hofe vorstellen. Ich habe damit gezgert, weil ich bis
jetzt noch kein spanisches Nationalkostm habe. Ich mte mir wenigstens
einen spanischen Mantel verschaffen. Ich wollte mir schon beim Schneider
einen bestellen -- aber diese Kerls sind ja die reinen Esel, und dazu
kommt noch, da sie sich gar nicht fr ihre Arbeit interessieren, sie
wollen nur Geschfte machen, ihre Hauptttigkeit ist, die Straen zu
pflastern. Ich habe beschlossen, mir den Mantel aus meinem neuen
Uniformrock, den ich erst zweimal getragen habe, machen zu lassen. Aber
damit ihn mir diese Lumpen nicht ruinieren, habe ich mich dahin
entschieden, ihn mir selbst zu nhen, und zwar hinter verschlossenen
Tren, damit es niemand sieht. Ich habe ihn ganz aufgetrennt und mit
einer Schere zerschnitten -- weil der Schnitt ja ganz anders sein mu.


                                   Des Datums erinnere ich mich nicht,
                                      der Monat war auch ausgeblieben,
                                      wei der Teufel, was da los war.

Der Mantel ist vollstndig fertig. Mawra schrie auf, als ich ihn
umlegte. Dennoch kann ich mich noch nicht entschlieen, mich bei Hofe
vorzustellen. Bis jetzt ist die Deputation aus Spanien noch nicht
angekommen. Ohne Deputation aber geht es wohl nicht. Auch wrde mein
hoher Rang so nicht zur Geltung kommen. Ich erwarte die Deputation von
Stunde zu Stunde.


                                                           Den Ersten.

Ich bin ob der Saumseligkeit der Deputierten aufs hchste erstaunt! Was
fr Grnde mgen sie aufgehalten haben! Doch nicht am Ende Frankreich?
Ja, das ist die unfreundlichste unter allen Mchten. Ich ging auf die
Post und fragte, ob die spanischen Deputierten noch nicht eingetroffen
wren; aber der Postmeister ist furchtbar dumm -- er wei von nichts:
Nein, sagt er, hier sind keine spanischen Deputierten; wenn Sie aber
einen Brief absenden wollen, so werden wir ihn gern zu der festgesetzten
Taxe befrdern. Hol' ihn der Teufel! Was soll ich mit einem Brief! Ein
Brief! So ein Unsinn -- Briefe schreiben nur Apotheker ..... Und auch
das nur, nachdem sie ihre Zunge in Essig getunkt haben. Denn ohne dies
wre ihr ganzes Gesicht mit Flechten bedeckt.


                                         _Madrid_, den 30. Februarius.

Da bin ich nun in Spanien! es ging so schnell, da ich gar keine Zeit
hatte, zu mir zu kommen. Heute frh erschienen die spanischen
Deputierten bei mir, und wir stiegen alle zusammen in den Wagen. Ich
wunderte mich sehr ber die ungewhnliche Geschwindigkeit. Wir fuhren so
schnell, da wir schon in einer halben Stunde die spanische Grenze
erreicht hatten. brigens gibt es jetzt in ganz Europa Eisenschienen,
und die Dampfer fahren sehr schnell. Spanien ist doch ein sonderbares
Land. Als ich das erste Zimmer betrat, erblickte ich eine Menge
Menschen, die alle rasierte Kpfe hatten. Ich erriet sofort, da das
Granden oder Soldaten waren, denn die pflegen dort ihre Kpfe zu
rasieren. Das Benehmen des Reichskanzlers, der mich an der Hand fhrte,
erschien mir jedoch sehr merkwrdig: er stie mich in eine kleine Stube
und sagte: Bleib hier sitzen und wenn du noch einmal Lust verspren
solltest, dich Knig Ferdinand zu nennen, werde ich dir diese Spe
schon ausprgeln. Aber da ich wute, da er mich nur auf die Probe
stellen wollte, gab ich eine verneinende Antwort, worauf mich der
Kanzler zweimal auf den Rcken schlug, da ich vor Schmerz beinah laut
aufgeschrien htte, aber ich nahm mich zusammen, da ich mich erinnerte,
da dies der Ritterschlag war, den man bei der bernahme einer hohen
Wrde erhlt -- in Spanien haben sich nmlich die alten Rittersitten
noch erhalten. Als ich allein geblieben war, beschlo ich, an die
Staatsgeschfte zu gehen. Ich entdeckte, da China und Spanien ein und
dasselbe Land sind und nur aus Unwissenheit fr zwei verschiedene
Staaten gehalten werden. Ich rate daher jedem, Spanien auf ein Blatt
Papier zu schreiben, wenn er China lesen will. Allein, das Ereignis, das
morgen stattfinden soll, erfllt mich mit Sorge. Morgen um 7 Uhr wird
sich etwas Auerordentliches begeben: die Erde wird sich auf den Mond
setzen. Auch der berhmte englische Chemiker Wellington schreibt
hierber. Ich mu gestehn, beim Gedanken an die auerordentliche
Zartheit und Zerbrechlichkeit des Mondes fhlte ich eine groe Unruhe in
meinem Herzen. Der Mond wird doch gewhnlich in Hamburg gemacht, und man
mu sagen, er wird sehr schlecht gemacht. Ich wundre mich, da sich
England nicht darum kmmert. Er wird von einem lahmen Bttcher
hergestellt, und man merkt gleich, da der Kerl keine Ahnung vom Monde
hat. Er benutzt dabei ein geteertes Seil und etwas Bauml; daher auch
dieser schreckliche Gestank, der sich berall auf der Erde verbreitet,
da man sich die Nase zuhalten mchte. Daher ist der Mond auch eine so
zarte Kugel, da keine Menschen auf ihm leben knnen und da er nur noch
von Nasen bewohnt wird. Darum knnen wir ja auch unsere Nasen nicht
sehen, denn sie sind alle auf dem Monde. Als ich mir vorstellte, da die
Erde, diese schwere Masse, sich auf den Mond setzen und all unsere Nasen
zu Mehl zermahlen knnte, ergriff mich solch eine Unruhe, da ich
schnell Schuhe und Strmpfe anzog und in den Saal des Reichsrats lief,
um der Polizei Order zu geben, sie solle die Erde daran hindern, sich
auf den Mond zu setzen. Die rasierten Granden, die ich in groer Zahl im
Saale des Reichsrats versammelt fand, sind eine sehr intelligente
Gesellschaft; als ich sagte: Meine Herren! wir mssen den Mond retten,
die Erde will sich auf ihn setzen! da erhoben sich alle und strzten
alle fort, um meinen kniglichen Willen auszufhren, ja, viele
kletterten auf die Wand, um den Mond zu holen; aber in diesem Augenblick
trat der groe Kanzler herein. Als sie ihn erblickten liefen alle davon.
Ich, der Knig, blieb allein da. Aber zu meinem grten Erstaunen schlug
mich der Kanzler mit seinem Stock ber den Rcken und trieb mich in mein
Zimmer. So gro ist die Macht der spanischen Volkssitten.


                                           Im Januar desselben Jahres,
                                           der auf den Februar folgte.

Ich kann noch immer nicht verstehn, was Spanien fr ein merkwrdiges
Land ist. Die Volkssitten und die Hofetikette sind hier ganz
ungewhnlich. Ich verstehe sie nicht, nein wirklich -- ich verstehe
nichts mehr! Heute hat man mir den Kopf geschoren, obgleich ich aus
Leibeskrften schrie und rief, ich wolle kein Mnch werden. Aber was
dann mit mir geschah, als sie mir kaltes Wasser auf den Kopf tropfen
lieen, das wei ich nicht mehr. Solch eine Hllenpein habe ich noch nie
gefhlt. Ich wre fast rasend geworden, so da sie mich nur mit Mhe
bndigen konnten. Ich kann den Sinn dieser sonderbaren Sitte gar nicht
verstehen. Das ist eine ganz dumme und sinnlose Sitte. Die Unvernunft
der Knige, die diese Sitte noch immer nicht abgeschafft haben, ist mir
unbegreiflich. Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich in die Hnde der
Inquisition gefallen, und ich fange an zu glauben, da der, den ich fr
den Kanzler hielt, der Groinquisitor in eigener Person ist. Aber ich
kann's nicht begreifen, da der Knig der Inquisition verfallen konnte.
Es ist zwar mglich, da Frankreich, und besonders Polignac dahinter
steckt. Oh, dieser Hund, dieser Polignac! Er hat geschworen, mir bis zu
meinem Tode zu schaden. Und nun hetzt und hetzt er mich; aber ich wei
wohl, Freundchen, du wirst von England aufgereizt. Die Englnder sind
groe Politiker. Sie machen immer Kniffe und Winkelzge. Das ist doch
weltbekannt, wenn England eine Prise nimmt -- mu Frankreich niesen.


                                                               Den 25.

Heute kam der Groinquisitor wieder in mein Zimmer; aber als ich ihn aus
der Ferne herankommen hrte, verkroch ich mich unter einen Stuhl. Wie er
nun das Zimmer leer fand, fing er an zu schreien. Erst rief er:
Poprischtschin! Ich gab keinen Laut von mir; hierauf rief er:
Aksentij Iwanow! Herr Titularrat und Edelmann! Ich schwieg noch immer.
Ferdinand VIII., Knig von Spanien! Ich wollte meinen Kopf vorstecken,
dachte mir aber: Nein, mein Lieber, du betrgst mich nicht, ich kenne
dich jetzt, du wirst mir wieder kaltes Wasser auf den Kopf gieen.
Allein er erblickte mich und jagte mich mit dem Stock unter dem Stuhl
hervor. Dieser verfluchte Stock tut doch verdammt weh! brigens hat mich
eine Entdeckung, die ich heute gemacht habe, fr alles entschdigt: ich
habe nmlich bemerkt, da es bei jedem Hahn ein Spanien gibt: es
befindet sich unter den Federn, und zwar in der Nhe der Schwanzfedern.
Der Groinquisitor verlie mich brigens in sehr bler Laune und drohte
mir irgendeine Strafe an. Aber ich achte nicht auf seinen ohnmchtigen
Zorn, da ich wei, da er doch nur eine Maschine und zwar ein Instrument
in Hnden Englands ist.


                           D-34-en sten. Mon. des Jah. im Februar 349.

Nein, ich kann's nicht lnger ertragen! Mein Gott, was fangen sie mit
mir an! Sie gieen mir kaltes Wasser auf den Kopf! Sie achten meiner
nicht, sie sehen und hren nicht auf mich! Was habe ich ihnen getan?
Warum qulen sie mich so? Was wollen sie von mir Armem? Was knnte ich
ihnen geben? Ich habe ja selbst nichts! Ich habe keine Kraft mehr, ich
kann diese Qualen nicht ertragen, mit denen sie mich qulen, mein Kopf
brennt mir, und alles dreht sich vor meinen Augen! Oh! rettet mich!
Bringt mich fort von hier! gebt mir ein Dreigespann schnellfiger
Rosse, die dahinstrmen wie ein Wirbelwind! steig ein, mein Wagenlenker!
lute, lute, mein Glcklein, strmt vorwrts, ihr meine Rosse, und
tragt mich fort aus dieser Welt! Weiter, immer weiter, damit ich nichts
von alledem, nichts, gar nichts mehr sehe. Sieh! da ballt der Himmel
sich vor mir zusammen, ein Sternchen funkelt in der Ferne. Der Wald mit
seinen dunkeln Bumen zieht mondbestrahlt an mir vorber. Grauer Nebel
breitet sich zu meinen Fen, und eine Saite tnt in ihm. Rechts das
Meer und links Italien. Sieh, da tauchen Rulands Htten vor mir auf!
Ist das mein Vaterhaus, dort in der blauen Ferne? Sitzt nicht dort mein
Mtterchen am Fenster? O Mutter, Mutter, rette deinen armen Sohn! Lass
eine Trne auf seinen kranken Kopf fallen! blick' hin, wie sie ihn
qulen! drck' ihn ans Herz, den armen Verwaisten! es ist kein Platz fr
ihn auf dieser Welt! man hetzt, man verfolgt ihn. Mutter erbarme dich
deines kranken Kindes ... Aber wissen Sie eigentlich schon, da der Bei
von Algier eine Warze unter der Nase hat?




        Aufstze aus Puschkins Zeitgenossen (_Sowremennik_)


                                   I
           ber die Strmungen in der Zeitschriftenliteratur
                          der Jahre 1834-1835

Die Zeitschriftenliteratur, diese lebendige, frische, geschwtzige,
feinfhlige Literaturgattung, ist ebenso notwendig fr die Wissenschaft
und die Kunst, wie die Verkehrsmittel fr einen Staat, und wie die
Messen und die Brsen fr den Handel und die Kaufmannschaft. Sie leitet
und lenkt den Geschmack der Menge, setzt alles in Umlauf und bringt
alles in Verkehr, was sich in der Bcherwelt ans Licht wagt und was ohne
sie in der einen wie in der anderen Beziehung nur totes Kapital wre.
Sie stellt den schnellen, eigenwilligen Austausch aller Anschauungen,
das lebendige Wechselgesprch alles dessen dar, was unter der
Buchdruckerpresse hervorkommt; ihre Stimme ist die wahre Reprsentantin
der Ansichten einer ganzen Epoche und eines Jahrhunderts, solcher
Ansichten, die ohne sie ungehrt verhallen wrden. Sie ergreift und
zieht mit Absicht oder selbst, ohne es zu wollen, neun Zehntel alles
dessen in ihr Bereich, was Eigentum der Literatur wird. Wie viele Leute
gibt es nicht, die nur deshalb reden, kritisieren und Urteile fllen,
weil alle diese Urteile ihnen schon beinahe fertig zugetragen werden,
und die von sich aus nie eine Ansicht geuert, ber etwas geredet oder
etwas kritisiert htten! Und daher hat die Zeitschriftenliteratur
jedenfalls ein Recht auf unsere grte Aufmerksamkeit.

Vielleicht hat sich der Mangel einer journalistischen Bettigung und
einer lebendigen modernen Bewegung bei uns seit langem nicht so deutlich
bemerkbar gemacht, wie in den zwei letzten Jahren. Der grte Teil
unserer Zeitschriften zeichnete sich durch eine groe Farblosigkeit aus.
Viele von den alten Journalen waren eingegangen, andere vegetierten matt
und langsam weiter, neue erschienen nicht, auer etwa der
Lesebibliothek und dem neueren Moskauer Beobachter, obgleich sich
gerade um diese Zeit ein allgemeines Bedrfnis nach geistiger Nahrung
fhlbar machte, und die Zahl der Leser um ein bedeutendes zugenommen
hatte. So arm diese Epoche auch war, sie hat dasselbe Anrecht auf unsere
Aufmerksamkeit, wie vielleicht eine solche voller Leben und Bewegung,
denn sie gehrt in gleicher Weise unserer Literaturgeschichte an. Die
Leser hatten vllig recht, wenn sie sich ber die Drftigkeit und Armut
unserer Zeitschriften beklagten: Der Telegraph hatte schon lngst den
scharfen Ton nicht mehr, der durch seine feindliche Stellung gegenber
den Petersburger Journalen bedingt war. Das Teleskop war mit Aufstzen
angefllt, denen es an jeder Frische und lebendigen Aktualitt fehlte.
Um diese Zeit entschlo sich der Buchhndler Smirdin, der sich schon
lngst durch seine Regsamkeit und Gewissenhaftigkeit bekannt gemacht
hatte, all seine kurzsichtigen Kollegen durch seine Unternehmungslust
beschmte und durch seine Wirksamkeit eine gewisse Bewegung in den
Buchhandel gebracht hatte, zu der Herausgabe einer groen allumfassenden
Zeitschrift; dazu wollte er smtliche Literaten, die es in Ruland gab,
gewinnen und sie veranlassen, sich an seinem Unternehmen zu beteiligen.
Der Prospekt umfate nahezu alle Namen unserer russischen
Schriftsteller. Der Professor der arabischen Literatur, Herr Ssenkowski,
erklrte sich bereit, die Leitung der Zeitschrift zu bernehmen. Herr
Gretsch, der bereits seit langem als Herausgeber zweier Journale, der
Nordischen Biene und des Sohnes des Vaterlandes bekannt war, wurde
ihm als Redakteur zur Seite gestellt. Wir wissen nicht, ob sie sich
dieser Sache freiwillig annahmen, oder ob Herr Smirdin sie durch sein
Bitten dazu bewogen hatte; wie dem auch sei, jedenfalls war man im
allgemeinen darber einig, da der Buchhndler ein wenig unvorsichtig
vorgegangen sei. Da er eine so groe Anzahl von Literaten fr seine
Zeitschrift gewonnen hatte, htte er die Wahl eines Redakteurs ihrem
Gutachten berlassen mssen. berdies lieen alle Beteiligten eine sehr
wichtige Frage auer acht: sollte die Zeitschrift auf einen bestimmten
Ton abgestimmt sein, sollte sie eine bestimmte, im voraus festgelegte
Richtung vertreten oder sollte sie ein Sammelplatz aller mglichen
Anschauungen und Meinungen werden? Die Antwort, die die Zeitschrift auf
diese Frage gab, war sehr zweifelhaft; wie gewhnlich erklrte sie, die
Kritik werde sehr wohlwollend und unparteiisch sein und sich jeder
persnlichen Invektiven und unvornehmer Allren enthalten; ein
Versprechen, das jeder Journalist abzugeben pflegt. Aber schon mit dem
Erscheinen des ersten Heftes berzeugte sich das Publikum sofort, da
die Zeitschrift durch den Ton, die Meinung und die Gedanken eines
einzelnen beherrscht wurde, und da die Namen der Schriftsteller, deren
glnzende Reihen eine halbe Seite des Titelblatts einnahmen, nur
leihweise ausgeborgt worden waren, um eine grere Zahl von Abonnenten
anzulocken.

Der Buchhndler Smirdin tat seinerseits alles, was das Publikum _von
ihm_ zu erwarten berechtigt war. Die Ehrlichkeit, die ihn immer
ausgezeichnet hatte, bewies er auch wieder bei der Herausgabe der
Zeitschrift. Die Zeitschrift erschien mit ungewhnlicher Pnktlichkeit:
am Ersten jedes Monats erhielten die Abonnenten einen so dicken Band
zugesandt, wie ihn ehedem keine von unseren Druckereien in zwei Monaten
htte herstellen knnen. Statt der angekndigten achtzehn Bogen gab er
manchen Monat doppelt so viele. Sehen wir nun aber zu, ob auch die
Mnner, denen er die innere Organisation der Zeitschrift anvertraut
hatte, ihre Pflicht erfllten. Die Hauptperson, der _Spiritus rector_
der ganzen Zeitschrift war Herr Ssenkowski. Der Name des Herrn Gretsch
war nur _pro forma_ mit herangezogen; jedenfalls war nichts davon zu
merken, da er an der Sache beteiligt war. Herr Gretsch ist schon seit
langem der unvermeidliche Ehrenredakteur jeder neubegrndeten
Zeitschrift: wie man gewhnlich einen wrdigen, lteren Herrn
auffordert, bei allen Hochzeiten den Brautvater zu spielen. Aber was fr
ein Ziel hatte die Redaktion dieser Zeitschrift im Auge, welches Problem
beabsichtigte sie zu lsen? Hier werden wir unwillkrlich nachdenklich,
und ebenso wird es wohl auch dem Leser ergehen. Herr Ssenkowski hat im
Programm nichts davon gesagt, was er sich fr ein Ziel gesteckt habe und
welche Richtung er einzuhalten gedenke; nur das eine war fr alle klar
ersichtlich, da er sich sozusagen unbemerkt in die erste Nummer
einschlich, um sich am Ende des Bandes ganz als Herr im Hause zu
gebrden.

brigens darf man sich hierber nicht beklagen: vielleicht ist ein
gewisser scharfer Ton, und sogar eine gewisse Frechheit fr den
Journalisten unentbehrlich, was wir freilich keineswegs billigen,
obgleich es uns bekannt ist, da ein Journalist durch derartige
Eigenschaften im Urteil der Menge immer nur gewinnt. Worauf aber
richtete dieser neue Herr seine besondere Aufmerksamkeit? welch ein
Gedanke beherrschte bei ihm alle anderen? wofr hatte er eine besondere
Vorliebe? war etwas zu merken von jenen unverrckbaren Grundstzen, ohne
die ein Mensch charakterlos wird, die ihm eine gewisse Originalitt
verleihen und die seine Physiognomie bestimmen?

Wenn man alles, was er in dieser Zeitschrift verffentlicht hat,
durchliest, wenn man allen Worten, die er sagt, tiefer nachgeht, so kann
man sich unwillkrlich einer gewissen Verwunderung nicht erwehren: was
hat das zu bedeuten? was veranlat diesen Mann zum Schreiben? Wir sehen
einen Menschen vor uns, der sich sein Geld keineswegs ohne Gegenleistung
erwirbt, der im Schweie seines Angesichts arbeitet, der sich nicht nur
um seine eigenen Aufstze kmmert, sondern auch die fremden korrigiert
und verbessert -- mit einem Wort: einen Menschen, der unermdlich ttig
ist. Wozu dient nun diese ganze Ttigkeit? Sehen wir uns einmal den
Leiter der Zeitschrift, wie er sich uns in den verschiedenen Gattungen
seiner literarischen Werke darstellt, nher an, und sagen wir dann
einige Worte ber die Haupteigenschaften seiner Aufstze, denn das ist
durchaus und in jeder Beziehung eine Notwendigkeit.

Herr Ssenkowski tritt in seiner Zeitschrift auf als Kritiker, als
Erzhler, als Gelehrter, als Satiriker, als Verknder der neuesten
Ereignisse usw. usw., und zwar unter den Namen Brambeus, Morosow,
Tjutjundschu Oglu, A. Belkin und endlich in eigner Person. Als Gelehrter
hat Herr Ssenkowski einen recht umfangreichen Aufsatz ber die Sagen
verfat -- einen Aufsatz, der voller Hypothesen ist, und zwar nicht
seiner eigenen, sondern solcher, die er auf gut Glck bei der flchtigen
Lektre einiger Bcher aufgelesen hat; diese Hypothesen gehren nicht
der russischen Geschichte an. Diese Sagen, die der scharfsinnige
Schlzer, der bis jetzt in bezug auf die Strenge und die Tiefe seines
kritischen Blicks nicht seinesgleichen gesunden, fr Mrchen erklrt
hat, die keine Beachtung verdienen, diese Sagen macht Herr Ssenkowski
zum Ecksteine der russischen Geschichte, ohne auch nur _einen_ Beweis
dafr anzufhren, der der Kritik standhlt; es fllt ihm nicht ein,
ihren einzigartigen, wahren Wert festzustellen. Die Sagen sind poetische
Erzeugnisse eines Volkes, das eine groe Rolle in der Geschichte
gespielt hat. Dieser Aufsatz, der voll theoretischer Figuren ist, hat
vielen braven, aber ein wenig beschrnkten Leuten gefallen, und Herr
Bulgarin hat sogar eine Rezension ber ihn geschrieben, in der er Herrn
Ssenkowski noch ber Schlzer, Humboldt und alle Gelehrten stellt, die
jemals existiert haben. Ein anderer Gegenstand, auf den Herr Ssenkowski
sich sehr viel einbildet, und der sein eigentliches Steckenpferd ist,
ist der Orient. Hier hat er schon von jeher seine Stimme erhoben, und
sobald irgendein Artikel ber den Orient erschien, oder dieser irgendwo
erwhnt wurde, und sei es auch nur in einem Gedicht, wurde er zornig und
behauptete, der Autor knne kein Urteil ber den Orient haben, er drfe
nicht ber ihn urteilen, denn er kenne den Orient gar nicht. Man
verzeiht einem Menschen, der in seinen Gegenstand verliebt ist und der
erkennt, wie wenig die anderen ihn verstehen, gern ein Wort der
Emprung; aber dieser Mensch mu doch wenigstens eine anerkannte
Autoritt sein. Herr Ssenkowski htte tatschlich etwas ber den Orient
verffentlichen sollen. Einem Menschen, der noch nichts geleistet hat,
glaubt man nicht so leicht aufs Wort, besonders wenn seine Urteile so
leichtfertig und vom Geist der Unduldsamkeit erfllt sind; brigens
findet man in seinen kleinen Aufstzen ber den Orient dieselben Fehler,
die er bestndig bei anderen tadelt. In diesen Aufstzen sagt er
tatschlich nichts Neues ber den Orient -- da findet man auch nicht
einen krftigen Zug, keinen groen Gedanken, ja nicht einmal eine
geniale Vermutung! Es lt sich nicht leugnen, da Herr Ssenkowski ein
groes Wissen hat; im Gegenteil, man merkt sofort, da er viel gelesen
hat; aber man sprt nirgends etwas von jener bewegenden, alles
beherrschenden Kraft, die ihn auf ein bestimmtes Ziel hin dirigiert.
Dieses ganze Wissen ist in einer Art Grung begriffen, eins widerspricht
dem andern und vertrgt sich nicht mit dem andern. Untersuchen wir
einmal seine Ansicht ber die moderne schne Literatur. In seinen
Kritiken lt Herr Ssenkowski einen vollstndigen Mangel an einer festen
Anschauung erkennen, so da keiner seiner Leser mit Bestimmtheit zu
sagen vermchte, was dem Rezensenten am besten gefllt, wovon seine
Seele ergriffen ward, woran er Geschmack findet: er verrt in seinen
Rezensionen _weder einen positiven noch einen negativen Geschmack --
sondern gar keinen_. Das, was ihm heute gefllt, wird morgen zur
Zielscheibe seines Spotts. Er war der erste, der Herrn Kukolnik neben
Goethe gestellt hat, um dann zu erklren, er htte dies nur aus einer
gewissen Laune heraus getan. Folglich sind seine Rezensionen nicht die
Frucht seiner berzeugung oder seines Gefhls, sondern nur das Produkt
von Stimmungen und Verhltnissen. Walter Scott, dieses groe Genie,
dessen unsterbliche Werke ein so umfassendes und vollendetes Bild des
Lebens geben, Walter Scott wurde von ihm ein Charlatan genannt. Und das
mute Ruland lesen -- das wurde zu Leuten gesagt, die bereits eine
gewisse Bildung besaen und die Walter Scott gelesen hatten. Man darf
berzeugt sein, da Herr Ssenkowski das unabsichtlich und nur aus
bereilung gesagt hat, denn er hat sich noch nie viel darum gekmmert,
was er sagt, und er wei im folgenden Artikel schon nicht mehr, was er
im vorhergehenden geschrieben hat.

In seinen Analysen und Kritiken sprach Herr Ssenkowski auch niemals von
dem inneren Charakter des Werkes, das er gerade untersuchte; nie gab er
eine genaue und przise Bestimmung seines wahren Wertes: seine Kritik
bestand entweder in einem bedingungslosen Lob, in dem der Rezensent sich
von Herzen an seinen eigenen Phrasen berauschte, oder in einem Tadel,
aus dem eine seltsame Bitterkeit sprach. Sie drehte sich um lauter
Kleinigkeiten und beschrnkte sich darauf, zwei oder drei Stze zu
zitieren und sie dem Spott und Hohn preiszugeben. Nie wurde etwas davon
erwhnt, was sich der Schriftsteller in seinem Werke fr eine Aufgabe
gestellt, wie er sie ausgefhrt, und wenn er sie nicht ausgefhrt hatte,
wie er sie htte ausfhren sollen. Vor allem aber beschftigte sich Herr
Ssenkowski mit allerhand literarischem Unrat und einer groen Menge
aller mglichen seichten Bcher -- ber sie machte er sich lustig, ergo
er seinen Spott und lie bei dieser Gelegenheit jenem Witz freien Lauf,
der einigen Lesern so wohl gefllt. Schlielich erhob er sogar ein
groes Geschrei wegen der zwei Frwrter dieser und jener, die ihm
aus einem unbekannten Grunde mit dem Geiste der russischen Sprache
unvereinbar schienen. -- ber diese zwei Frwrter schrieb er ganze
Traktate, und alle Aufstze, die er ber irgendein Thema verfate,
schlossen immer damit, da die Frwrter dieser und jener durchaus
zu verwerfen wren. Dies erinnerte an den alten Proze Tredjakowskis
gegen den Buchstaben y (_is hiza_) und das i (den zehnten Buchstaben des
russischen Alphabets), eine Sache, die erst vor kurzem von einem
Professor von neuem aufgenommen wurde. Ein Buch, in dem Herr Ssenkowski
diesen beiden Wrtlein begegnete, wurde feierlich als schlecht
geschrieben abgelehnt.

Seine eigenen Werke, seine Erzhlungen und dergleichen erschienen unter
der Firma Brambeus. Diese Erzhlungen und Aufstze in Form von
Erzhlungen fielen allgemein auf durch ihre sklavische und bertriebene
Nachahmung moderner franzsischer Autoren, besonders weil Herr
Ssenkowski die ganze zeitgenssische franzsische Literatur schlecht zu
machen suchte. Es ist unbegreiflich, wie wenig Scharfsinn er in diesem
Fall entwickelte und fr wie einfltig er seine Leser hielt. Auerdem
ist es ganz unverstndlich, weshalb er einigen seiner Aufstze das
Prdikat phantastisch verlieh. Ein absoluter Mangel an Wahrheit, Natur
und Wahrscheinlichkeit gengt noch nicht, um das Prdikat phantastisch
zu rechtfertigen. Die phantastischen Werke des Barons Brambeus erinnern
an jene Bcher, die einige Zeit lang in groer Menge erschienen, wie
etwa das folgende: Wenn's dir nicht pat, so hr' nicht zu, doch str'
mich nicht im Lgen und hnliche. Hier finden wir dieselbe
Leichtfertigkeit, ja, der Autor macht nicht einmal den Versuch, seine
Gedanken zu rechtfertigen. Erfahrene Leser wollen oft eine ganze Reihe
von Entlehnungen entdeckt haben, die sich der Autor in der Eile und in
der Hast, mit der er weiterstrmte, gestattete; er kmmerte sich nur
wenig um ihren Zusammenhang, und so verlor das, was im Original noch
einen Sinn hatte, in der Kopie jegliche Bedeutung.

Dies waren die Ttigkeit und die Leistungen des Leiters der
Lesebibliothek. Wir hielten es fr ntig, etwas ausfhrlicher auf sie
einzugehen, da er in der Lesebibliothek Alleinherrscher war, und weil
seine Ansichten sich mit groer Geschwindigkeit zugleich mit den
viertausend Exemplaren des Journals ber das ganze Ruland verbreiteten.

Eine Zeitschrift, die mit den vom Buchhndler Smirdin zur Verfgung
gestellten Mitteln herausgegeben wurde, konnte unmglich ganz schlecht
sein. Sie hatte schon den groen Vorzug, da jede Nummer einen groen
Umfang hatte und als dicker Band erschien. Das war eine angenehme
Neuerung fr die Abonnenten, besonders fr die Bewohner unserer Stdte
und die Gutsbesitzer auf dem Lande. Die Bibliothek brachte mitunter
interessante Aufstze aus auslndischen Zeitschriften, und in dem
lyrischen Teile begegnete man den Namen der Leuchten unseres russischen
Parnasses. Am besten aber war stets die Rubrik Vermischtes, die eine
bunte Menge der neuesten Neuigkeiten enthielt. Dieser Teil hatte etwas
Lebendiges und echt Journalistisches. Die schne Prosaliteratur, sowohl
die Originale wie die bersetzungen, die Erzhlungen usw. lieen auf
wenig Geschmack und wenig Verstndnis bei der Auswahl schlieen. In der
Lesebibliothek pflegte auch etwas vorzukommen, was bis dahin in
Ruland unerhrt war. Der Leiter korrigierte und arbeitete fast alle
Aufstze um, die in ihr zum Abdruck kamen, und merkwrdigerweise gestand
er das ganz khn und offen ein: Bei uns in der >Lesebibliothek<
herrscht ein anderes Prinzip als bei anderen Zeitschriften, erklrte er
einmal, wir behalten keine Erzhlung in ihrer ursprnglichen Form bei,
alle werden umgearbeitet, zuweilen ziehen wir zwei, zuweilen auch drei
zu einer zusammen, und die Aufstze gewinnen auerordentlich durch
unsere Umarbeitungen. Solch eine seltsame Bevormundung war bisher in
Ruland nicht blich.

Viele Schriftsteller fingen an zu frchten, das Publikum knne Aufstze,
die hufig ganz ohne Unterschrift erschienen, oder mit fingierten Namen
gezeichnet waren, fr Arbeiten von ihnen halten, und zogen sich deshalb
von der Mitarbeit an dieser Zeitschrift zurck. Die Zahl der Teilnehmer
schmolz so zusammen, da die Herausgeber bereits im zweiten Jahre keine
lange Liste von Namen aufstellen konnten, sondern nur dunkel andeuteten,
da sie die besten Schriftsteller zu ihren Mitarbeitern zhlten, ohne
sie jedoch zu nennen. Und obgleich die Zeitschrift weder ihr Format noch
auch ihr Wesen nderte, wurden doch die Aufstze merklich schlechter:
ein gewisser Mangel an Sorgfalt machte sich fhlbar. Schon wurde die
Bibliothek in den Hauptstdten weniger gelesen, in der Provinz dagegen
fand sie noch denselben Absatz, und die in ihr vertretenen Anschauungen
verbreiteten sich ebenso rasch. Wenden wir uns jetzt zu den anderen
Zeitschriften.

Die Nordische Biene brachte alle offiziellen Nachrichten und erfllte
in dieser Beziehung ihre Aufgabe. Sie enthielt politische Mitteilungen
und die neuesten Nachrichten des Aus- und Inlands. Ihr Redakteur, Herr
Gretsch, erreichte bei ihrer Leitung eine hohe Stufe der Pnktlichkeit
und Gewissenhaftigkeit, sie erschien immer zur rechten Zeit; in
literarischer Hinsicht aber fehlte es ihr an jeder festen und bestimmten
Note und sie lie keine starke Hand erkennen, die den in ihr vertretenen
Anschauungen eine bestimmte Richtung gab. Das war eine Art Korb, in den
ein jeder hineinwarf, was ihm gerade in den Sinn kam. Die
Bcherrezensionen, die fast immer wohlwollend waren, wurden von den
Freunden und mitunter von den Schriftstellern selbst geschrieben. In der
Nordischen Biene erprobten mancherlei anonyme Autoren, die sich hinter
verschiedenen Buchstaben versteckten, die Schrfe ihrer Federn -- ohne
Zweifel noch recht junge Leute, denn in ihren Aufstzen machte sich ein
erhebliches Ma von Keckheit bemerkbar. Meist richteten sie ihre
Angriffe auf Leute, die sich gar nicht verteidigen konnten, und auf arme
hilflose Waisen. Auch las man da allerhand geistreiche Bosheiten, die
sich brigens alle ziemlich hnlich sahen und gegen allerhand unsaubere
Publikationen richteten. Das Wesen dieser Rezensionen bestand gewhnlich
darin, da man das Buch nach allen Richtungen lobte und dann zum Schlu
alle Verantwortung mit den Worten ablehnte: brigens wre es
wnschenswert, da der verehrte Herr Autor einige kleine stilistische
und sprachliche Fehler verbessere oder Ein gutes Buch verlangt auch
eine gute Ausstattung und dergleichen, woraufhin sich der Verfasser des
rezensierten Buches gewhnlich gekrnkt fhlte und sich ber die
Parteilichkeit des Kritikers beklagte. Die Bcher wurden hufig von
denselben Rezensenten besprochen, die Berichte ber die Erffnung einer
neuen Tabaksfabrik in der Hauptstadt, ber Pomoden usw. schrieben; diese
Berichte waren mitunter sehr geistreich, und die darin enthaltenen Witze
lieen auf wohlerzogene Leute schlieen, die ohne allen Zweifel gute
Grnde hatten, mit den Fabrikbesitzern zufrieden zu sein. brigens
konnte man von der Nordischen Biene auch nicht mehr verlangen; dies
war eine stets pnktlich erscheinende, alljhrliche Affiche, ihre
Aufgabe bestand darin, das Publikum einzuladen, das Urteil aber berlie
sie dem Leser selbst.

Die Zeitschrift, die den Titel der Sohn des Vaterlandes und das
Nrdliche Archiv trug, blhte die ganze Zeit ber im Verborgenen.
Niemand sprach von ihr, niemand berief sich auf sie, trotzdem aber
erschien sie regelmig einmal die Woche und war auf ihrer Rckseite ein
so ungeheures Programm abgedruckt, wie man es schwerlich noch
irgendwoanders finden wird. Der Sohn des Vaterlandes (so versprach das
Programm) wrde Aufstze ber Archologie, Medizin, Jurisprudenz,
Statistik, russische Geschichte, allgemeine Geschichte, russische
Literatur, auslndische Literatur und endlich noch ber Literatur
berhaupt, ber Geographie, Ethnographie usw., eine historische Galerie
usw. bringen. Manch ein Leser wird die Hnde zusammenschlagen, wenn er
ein solch frchterliches Programm liest, und meinen, dies wre die
gewaltigste Enzyklopdie gewesen, die es je in der Welt gegeben hat.
Aber keine Spur davon: statt dessen erschien ein mageres, dnnes
Bchlein im Umfang von drei Bogen, das meist mit einem Aufsatz ber
irgendeine Krankheit begann, der nicht einmal von Medizinern gelesen
wurde. Kritische Aufstze und gar solche von lebendigem aktuellem Inhalt
gehrten keineswegs zu den gewhnlichen Erscheinungen. Die politischen
Nachrichten dieser Zeitschrift bestanden in denselben trockenen Fakten
aus der Nordischen Biene und waren infolgedessen schon alle bekannt.
Dazwischen kamen auch recht merkwrdige Originalerzhlungen zum Abdruck;
sie waren ungeheuer kurz und vllig farblos. Und selbst wenn dann einmal
etwas Bemerkenswertes darunter vorkam, so blieb es doch gnzlich
unbeachtet. Die Namen der Redakteure, der Herren Bulgarin und Gretsch,
prangten nur auf dem Titelblatt, und es gab nichts, was darauf
hindeutete, da sie wirklich an der Herausgabe mit beteiligt waren.
Trotzdem aber existierte das Journal nun einmal, also mute es doch
Leser und Abonnenten haben. Diese Leser und Abonnenten bestanden aus
allerhand ehrenwerten, alten Herren, die in der Provinz lebten und die
ebensosehr das Bedrfnis hatten, etwas zu lesen, wie nach dem
Mittagessen ein Stndchen zu schlafen und sich zweimal wchentlich
rasieren zu lassen.

Whrend dieser ganzen Zeit erschien in Petersburg noch eine rein
literarische Zeitung, die sich gegen das Eindringen wissenschaftlicher
Interessen und anderer ernster Beitrge zu schtzen wute; sie war weder
politisch noch statistisch noch enzyklopdisch, sie trat fr die alten
berlieferungen ein, hatte aber bei alledem einen besonderen Charakter.
Diese Zeitung trug den Titel: Literarische Beilage zum Invaliden. In
ihr erschienen kleine Erzhlungen und Unterhaltungen lndlicher
Gutsbesitzer ber Literatur, diese waren hufig recht trivial,
enthielten jedoch mitunter auch allerhand Bosheiten, die der Wahrheit
sehr nahe kamen: der Leser bemerkte zu seiner Verwunderung, da die
Gutsbesitzer sich gegen Ende der Artikel in richtige Literaten
verwandelten, die sich das Schicksal der modernen Literatur sehr zu
Herzen nahmen und ihre Urteile mit tzendem Spotte wrzten. Diese
Zeitschrift bekmpfte alle erfolgreichen Literaten, obwohl ihre ganze
Taktik darin bestand, irgendeinen Passus zu zitieren, der auf eine
gewisse Voreiligkeit, wie sie den Journalisten eigen ist, schlieen
lt, und dann von sich aus eine recht boshafte Bemerkung hinzuzufgen,
die nicht lnger als eine Zeile und mit einem Ausrufungszeichen versehen
war. Herr Wojeikow war ein eifriger Jger; er sa wie ein Fischer mit
seiner Angel am Ufer, ohne je die Geduld zu verlieren, obwohl meist nur
kleine Fische auf seinen Kder anbissen, whrend sich die groen wieder
losrissen und ins Wasser zurckschwammen. Man fhlte deutlich, da der
Redakteur eine wahrhafte literarische Ader besa; sein Blick war stets
mit nie erlahmender Aufmerksamkeit auf das journalistische Getriebe
gerichtet. Ich wei nicht, ob seine Zeitung viele Leser hatte,
jedenfalls aber verdiente sie es, da man hin und wieder einen Blick in
sie warf.

In Moskau erschien nur eine Zeitschrift: Das Teleskop mit einer
kleinen Beilage von einigen Seiten, unter dem Namen Fama; diese
Zeitschrift, die zu Anfang sehr lebhaft einsetzte, flaute jedoch sehr
schnell ab und bildete ein buntes Gemisch von allerhand Artikeln ohne
jede literarische Bedeutung. Es war augenfllig, da die Herausgeber
sich nicht die geringste Mhe gaben und die einzelnen Nummern auf gut
Glck und ohne jede Sorgfalt erscheinen lieen.

Das Monopol, das die Lesebibliothek an sich gerissen hatte, mute alle
brigen Zeitschriften an ihrer empfindlichen Stelle treffen. Aber die
Nordische Biene wurde von demselben Herrn Gretsch herausgegeben,
dessen Name eine Zeitlang auf dem Titelblatt der Bibliothek stand,
deren Chefredakteur er angeblich war, obgleich dies Amt, wie wir schon
gesehen haben, nur ein Ehrentitel war; es war daher nur natrlich, da
die Nordische Biene alles, was in der Bibliothek erschien, loben und
ihren wahren _Spiritus rector_, der unter einer Reihe von Decknamen
schrieb, einen russischen Humboldt nennen konnte. Aber auch ohne dies
wre diese Zeitschrift wohl kaum als krftige Gegnerin in Betracht
gekommen, da sie von keinem einheitlichen Willen geleitet wurde; die
verschiedenen Literaten blickten dort nur hin und wieder, wenn sie es
gerade ntig hatten, hinein. Auch der Sohn des Vaterlandes mute
nachsprechen, was die Biene sagte. Und so konnten nur zwei
Zeitschriften gegen seine Anschauungen Front machen. Herr Wojeikow nahm
in der Literarischen Beilage einen Anlauf zur Opposition; aber diese
Opposition bestand lediglich in kleinen Bemerkungen ber allerhand
journalistische Schnitzer und in ein paar glcklichen Witzen, die sich
in wenigen kurzen Worten und in einem Spott uerten, der von einzelnen
Literaten sehr gut verstanden, von den Uneingeweihten aber kaum bemerkt
wurde. Niemals lie er eine ausfhrliche und grndliche Kritik
erscheinen, die die Richtung der neuen Zeitschrift in irgendeiner Weise
kennzeichnete. Das Teleskop arbeitete in Gemeinschaft mit der Fama,
und zwar gegen die Lesebibliothek, aber es tat dies ohne jede Energie,
Ausdauer und ohne die dazu notwendige Geduld und Kaltbltigkeit. Seine
kritischen Aufstze waren oft von rger ber einen glcklichen Neuling
erfllt; es spottete ber den Barontitel des Herrn Ssenkowski, machte
einige richtige Bemerkungen ber sein seltsames Kopieren der
franzsischen Schriftsteller, traf aber nicht den Kern der Sache. In der
Fama wiederholten sich dieselben Anspielungen auf Herrn Brambeus, und
zwar oft in der Analyse vllig belangloser Werke. Auerdem schadete sich
Das Teleskop auerordentlich durch das versptete Erscheinen der
Nummern und die mangelnde Sorgfalt, mit der es redigiert wurde; und so
kam es, da seine kritischen Artikel noch weniger verbreitet waren.

Es ist klar, da die Krfte und Mittel dieser Zeitschriften gegenber
der Lesebibliothek kaum in Betracht kamen, die unter ihnen wie ein
Elefant unter winzigen Vierflern erschien. Der Kampf war zu ungleich,
und, wie es scheint, zog man nicht in Erwgung, da die Lesebibliothek
gegen fnftausend Abonnenten hatte, da die von ihr vertretenen
Anschauungen selbst in solche Gesellschaftskreise drangen, wo man noch
nie etwas von der Existenz des Teleskops und der Literarischen
Beilage gehrt hatte, und da die Ideen und die in der Lesebibliothek
erscheinenden Aufstze von den Herausgebern derselben Lesebibliothek,
die sich hinter verschiedenen Namen versteckten, aufs hchste gelobt und
herausgestrichen wurden, und zwar mit einem Enthusiasmus, der seine
Wirkung auf einen groen Teil des Publikums nie verfehlte; denn was dem
Gebildeten lcherlich scheint, das nimmt der beschrnkte Leser in all
seiner Einfalt fr bare Mnze, und man konnte annehmen, da bei der
Abonnentenzahl der Bibliothek die Anzahl der letzteren weit grer war;
dazu kommt, da die meisten Abonnenten der Lesebibliothek Neulinge
waren, d. h. solche, die frher noch keine Journale gelesen hatten und
infolgedessen alles fr die lauterste Wahrheit hielten, und da endlich
die Lesebibliothek eine starke Sttze in den viertausend Exemplaren
der Nordischen Biene fand.

Die Entrstung ber dies unerhrte Monopol wurde schlielich sehr stark.
Endlich entschlossen sich einige Literaten in Moskau dazu, ihre eigene
Zeitschrift herauszugeben. Diese neue Zeitschrift war eine Notwendigkeit
nicht sowohl fr das Publikum, d. h. fr die grte Zahl der Leser, als
vielmehr fr die Literaten, die in verschiedenem Mae unter der
Bibliothek zu leiden hatten. Sie war eine Notwendigkeit erstens fr
die, die einer Freistatt bedurften, in der sie ihre Anschauungen uern
konnten, denn die Lesebibliothek nahm keine kritischen Aufstze auf,
wenn sie nicht dem Geschmack des Chefredakteurs entsprachen, und
zweitens fr die, die zu ihrem Erstaunen erfahren muten, wie der
Redakteur die Hand an ihre eigenen Werke legte; denn Herr Ssenkowski war
bereits so weit gelangt, da er alle der Bibliothek eingesandten Artikel
ohne Ansehen der Person ihrer Autoren einer Bearbeitung unterzog. Er
korrigierte Aufstze militrischen, historischen, literarischen,
nationalkonomischen Inhaltes usw., und das tat er alles ohne jede bse
Absicht, ohne sich weiter Rechenschaft abzugeben, oder sich dabei von
einem Gefhl der Notwendigkeit und des Anstandes leiten zu lassen, ja,
er dichtete sogar zu einer Komdie von Von-Wisin einen eigenen Schlu
hinzu, ohne zu bercksichtigen, da diese ja schon ohnedies einen Schlu
hatte.

Dies alles war fr die Schriftsteller sehr peinlich, die kein einziges
Organ hatten, in dem sie ihre Klagen vor der Welt und den Lesern
vorbringen konnten.

Aber schon allein das Gercht von der Grndung eines neuen Journals rief
die Emprung der Lesebibliothek wach und veranlate sie zu einem
vllig unerwarteten Schritt: sie versicherte ihren Abonnenten und Lesern
mit ungewhnlichem Eifer, da die neue Zeitschrift keineswegs gut
gesinnt sei und einen streitschtigen Charakter haben wrde. Ein
Artikel, der bei dieser Gelegenheit in der Nordischen Biene erschien,
war anscheinend von einem Menschen geschrieben, der voller Verzweiflung
seinen vollstndigen Zusammenbruch vor Augen sieht. In ihm wurde dem
Publikum mitgeteilt, das neue Journal wolle die Lesebibliothek
zugrunde richten, und dies nur deshalb, weil die Herausgeber erklrt
htten, sie wrden eine gleiche Anzahl von Bogen erscheinen lassen wie
die Lesebibliothek. Nicht wahr, ein sehr unvorsichtiges Vorgehen? In
solch einem Falle mu man seine selbstischen Gefhle kunstvoll zu
verbergen suchen und den richtigen Moment abwarten, um erst dann dem
Gegner einen wohlgezielten Schlag zu versetzen. Weil ich eine
Zeitschrift herausgebe, soll etwa darum ein anderer keine herausgeben
drfen? Und wie knnte ich zrnen, wenn mir jemand erklrt, er wolle
mich zum Vorbild nehmen? Sollte ich ihm nicht vielmehr dankbar sein?
Beweist er nicht gerade damit den hohen Grad von Achtung, den ich mir
bei dem Publikum erworben habe? Je mehr Wetteifer, desto mehr Gewinn fr
die Leser und die Literaten.

Aber sehen wir zu, in welchem Mae der Moskauer Beobachter die
Erwartungen des nach Neuem lsternen Publikums, die Hoffnungen der
gebildeten Leser, die Erwartungen der Literaten und die Befrchtungen
der Lesebibliothek rechtfertigte.

Die neue Zeitschrift hatte, trotz aller ihrer eifrigen Bemhungen, sich
berall bekannt zu machen, doch nicht die Mittel, ihr Erscheinen an
allen Ecken und Enden Rulands anzukndigen, da die einzigen Herolde und
Verbreiter neuer Nachrichten seine Gegner, die Nordische Biene und die
Lesebibliothek waren, die natrlich nie eine in wohlwollendem Ton
gehaltene Anzeige ber die neue Zeitschrift gebracht htten. Sie begann
auch erst spt zu erscheinen, nicht zu Beginn des neuen Jahres, also
nicht zu der Zeit, wo gewhnlich die Abonnements beginnen, und sie
versumte es, fr ein regelmiges Erscheinen der Bnde und ihre
pnktliche Zustellung zu sorgen. Aber der Hauptgrund fr den Mierfolg
lag doch im Charakter der Zeitschrift selbst. Schon aus den ersten
Bnden, die zur Ausgabe gelangten, konnte man erkennen, da die Grndung
der Zeitschrift nur die Folge einer leidenschaftlichen Wallung war. Auch
dem Moskauer Beobachter fehlte es an einer starken Triebfeder, die die
ganze Zeitschrift im Gange hielt. Der Redakteur lie sich nur auf dem
Titelblatt sehen. Sein Name war fast vllig unbekannt. Bis dahin hatte
er nur einige wertvolle statistische Aufstze geschrieben, die indessen
das rein literarisch gebildete Publikum gar nicht kannte. Seine
literarische Richtung war unbekannt. Das war ein groer Fehler der
Herausgeber des Moskauer Beobachters. Sie hatten vergessen, da der
Redakteur immer eine hervorragende Persnlichkeit sein mu. Das ganze
Ansehen einer Zeitschrift ruht auf ihm, auf der Originalitt seiner
Anschauungen, der Lebhaftigkeit seines Stils, auf seiner Sprache, die
allgemeinverstndlich und immer unterhaltend sein mu, sowie auf der
Frische einer unermdlichen Wirksamkeit. Aber Herr Androssow trat im
Moskauer Beobachter kaum merkbar hervor. Wenn die Herausgeber die
Absicht hatten, einen Redakteur an die Spitze des Blattes zu stellen,
der nur seinen Namen dazu hergab, wie das bei der allgemeinen Trgheit,
die bei uns in Ruland herrscht, blich geworden ist, dann htten sie
die redaktionelle Arbeit unter sich verteilen mssen. Aber sie
berlieen dem Redakteur die ganze Verantwortung, und der Moskauer
Beobachter glich bald einem jener gelehrten Vereine, deren Mitglieder
berhaupt gar nichts tun, ja nicht einmal zu den Sitzungen erscheinen,
whrend sich der Prsident jeden Tag einfindet, in seinem Lehnstuhl
Platz nimmt und das Protokoll dieser sprlich besuchten Sitzung abfassen
lt. Immerhin enthielt die Zeitschrift ein paar recht gute Aufstze und
Gedichte von Jasikow und Baratinski; diese Juwelen unserer russischen
Literatur gereichten ihr zur hchsten Zierde, dennoch aber sprt man in
der Zeitschrift nichts von dem Puls des modernen Lebens oder von einer
regen und bewegten Ttigkeit; auch fehlte es ihr an jener
Mannigfaltigkeit, an der es einem periodisch erscheinenden Blatte nicht
fehlen darf. Die wertvollen Aufstze, die in dieser Zeitschrift
erschienen, glichen wenigen grnen Oasen, die aus einem ganzen Meer
sandiger Steppen auftauchten. Auch schienen die Herausgeber nur geringe
Kenntnis davon zu haben, was dem Publikum gefllt und was nicht. Oftmals
verfielen auch gute Aufstze der Langenweile, nur weil sie sich durch
mehrere Nummern hinzogen und stets mit der Unterschrift versehen waren:
Fortsetzung folgt. Dies war die Zeitschrift, die die Aufgabe hatte,
den Kampf mit der Lesebibliothek aufzunehmen.

Der Beobachter begann mit einem oppositionellen Aufsatz von Schewyrew
ber die Handelsgeschfte, wie sie in unserer Literatur aufgekommen
waren. Der Autor zog gegen den Handelsgeist in unserer Gelehrtenwelt zu
Felde, d. h. gegen das allgemeine Bestreben, sich aus der literarischen
Arbeit eine Erwerbsquelle zu schaffen. Der Hauptfehler dieses Aufsatzes
lag darin, da der Autor seine Aufmerksamkeit nicht auf den Kernpunkt
richtete. Sodann donnerte er gegen alle, die fr Geld schreiben, ohne
jedoch die Anschauungen des Publikums ber den inneren Wert der Ware zu
widerlegen. Dieser Artikel war nur den Literaten verstndlich, bereitete
der Lesebibliothek ein rgernis, bot jedoch dem Publikum keinerlei
Belehrung, das nicht einmal begriff, um was es sich handelte. Auerdem
war dieser Ausfall sogar vllig unberechtigt, da er sich gegen ein
unverbrchliches Gesetz jeglicher Ttigkeit richtete. Die Literatur
mute sich in ein Handelsunternehmen verwandeln, weil die Zahl der Leser
und das Bedrfnis nach Lektre gewachsen war. Es ist nur natrlich, da
in solch einem Fall die unternehmungslustigen Menschen, ohne viel
Talent, stets im Vorteil sind, wie bei jedem Handelsgeschfte; wo ein
gewandter und geriebener Kaufmann einem einfltigen Kufer
gegenbersteht, trgt der erstere den Gewinn davon. Man mute darauf
hinweisen, worin der Betrug besteht, und nicht die Hhe der Gewinne
abschtzen. Es ist noch kein Unglck, da ein Literat sich ein
eintrgliches Haus oder ein paar Pferde anschafft; das Schlimme ist nur,
da dem armen Volk schlechte Ware geliefert wurde, und da es sich noch
etwas auf diese Ware zugute tut. Herr Schewyrew htte die Aufmerksamkeit
auf die armen Kufer und nicht auf die Hndler lenken mssen. Die
Hndler sind meist zugereiste Leute; heute sind sie hier und morgen sind
sie wei Gott wo. Bei dieser Gelegenheit bekam auch der Buchhndler
Smirdin einen sehr ungerechten Vorwurf zu hren: dieser hatte sich
nichts zuschulden kommen lassen und htte fr seinen Unternehmungsgeist
und sein redliches Wirken nichts als Dankbarkeit verdient. Kein Zweifel,
er hat manchen Leuten zuviel Freiheit gelassen, die sich lieber mit
Handelsgeschften als mit der Literatur htten beschftigen sollen. Das
Talent kriecht nicht und schmeichelt nicht, wohl aber die Habgier. Sich
hierber zu beklagen, wre ebenso komisch und seltsam, wie wenn man sich
ber die Regierung beklagen wollte, wenn man einmal einem kurzsichtigen
Beamten begegnet. Fr das Talent ist die Nachwelt da, dieser
unbestechliche Juwelier, der nur reinen Brillanten eine Fassung gibt.
Herr Schewyrew bewies in seinem Aufsatz zwar einen edlen Zorn gegen die
prosaische und unwrdige Richtung in unserer Literatur, aber auf die
Mehrzahl des Publikums machte dieser Artikel nicht den geringsten
Eindruck. Die Bibliothek antwortete nur kurz und ganz nach der Art
ihrer gewhnlichen Taktik; sie wandte sich an die Zuschauer, d. h. an
ihre Abonnenten, und sagte: Seht, was fr eine unvornehme Gesinnung
Herr Schewyrew an den Tag gelegt hat, welchen Mangel an Anstand und an
vornehmen Gefhlen, indem er uns beschuldigte, da wir nur fr Geld
arbeiten, whrend wir doch ... usw. Das ist die allgemeine Taktik
unserer Petersburger Zeitschriften und Tagesbltter, sowie ihnen irgend
jemand ihre Habgier und ihre Unttigkeit zum Vorwurf macht, beklagen sie
sich sofort bei dem Publikum ber die unanstndige Ausdrucksweise und
den unvornehmen Charakter ihrer Gegner und sie erklren, der betreffende
Aufsatz sei nur geschrieben worden, um das Publikum zu reizen und ihm
das Geld aus der Tasche zu locken. Und daher hielten sie es ihrerseits
fr ihre heilige Pflicht, das Publikum zu warnen.

Und so kam es denn, da der Ausfall des Moskauer Beobachters an der
Lesebibliothek abprallte wie eine Flintenkugel am dicken Fell eines
Nashorns, wobei der plumpe Vierfler nicht einmal nieste. Nachdem der
Moskauer Beobachter seine Kugel abgeschossen hatte, hllte er sich in
Schweigen -- ein Beweis dafr, da er noch gar keinen wohlberlegten
Aktionsplan entworfen hatte und absolut nicht wute, wie und womit er
anfangen solle. Man htte entweder gar nicht anfangen sollen, oder, wenn
man einmal begonnen hatte, nicht so bald wieder aufhren drfen. Nur
durch eine unablssige Ttigkeit htte der Beobachter durchdringen und
seinen Namen im Publikum bekannt machen knnen, wie das einstmals dem
Telegraph gelungen war, der in der gleichen Weise und unter beinahe
gleichen Verhltnissen gewirkt hatte. Der Beobachter lie bald darauf
noch einige Nummern erscheinen, ohne jedoch auch nur in einer etwas zur
Verteidigung und zur Begrndung seiner Anschauungen zu sagen. Endlich,
nachdem schon mehrere Nummern erschienen waren, druckte er einen
Aufsatz, der sich gegen Brambeus richtete und sich auf einen vor
lngerer Zeit in der Bibliothek abgedruckten Artikel bezog. Dieser
Aufsatz hatte den Namen Brambeus und die junge Literatur getragen, und
Brambeus hatte sich in ihr als Gesetzgeber und Schpfer einer neuen
Schule und als Fhrer einer neuen Epoche -- der russischen Literatur
bezeichnet.

Dies war allerdings sehr merkwrdig. Es ist ja schon vorgekommen, da
Literaten sich selbst gelobt haben, indem sie sich entweder den Namen
ihrer Freunde beilegten, oder auch in ihrem eigenen Namen; aber wenn sie
es taten, so geschah es immerhin mit einer gewissen Schamhaftigkeit,
worauf sie es spter selbst versuchten, die ganze Sache eigenhndig
wieder zu vertuschen, da sie fhlten, da sie sich etwas vergeben
hatten. Noch nie aber hat ein Autor sich selbst so frei, so ungeniert
gelobt, wie der Baron Brambeus. Dieser originelle Artikel war allzu
aufsehenerregend, als da er unbemerkt bleiben konnte. Das Teleskop
nahm ihn sich vor und spottete recht kurzweilig aber freilich nur ganz
flchtig ber ihn. Auch Herr Wojeikow wies mit seiner gewhnlichen
Schlauheit auf ihn hin, und schlielich hatte der Aufsatz auch einen
Artikel im Moskauer Beobachter zur Folge. Der Zweck dieses Artikels
war, den Beweis zu fhren, aus welchen Quellen das Talent und die
Berhmtheit des Barons Brambeus herstammen, welche Werke fremder Autoren
er benutzt, als ob sie sein eigenes Eigentum wren, kurz, aus was fr
Lappen sich Baron Brambeus seinen Schlafrock zusammengeflickt htte.
Einige anonyme Bcher, die bald danach erschienen, brachten den
Moskauer Beobachter in gnzliche Vergessenheit. Selbst die
Lesebibliothek hrte schlielich auf, ihn noch weiter zu erwhnen, ein
so ohnmchtiger Gegner war er geworden; sie fuhr nach wie vor fort, ber
Wichtiges und Unwichtiges zu scherzen, und schrieb ber alles, was ihr
gerade unter die Feder kam.

Dies waren die Taten unserer Zeitschriften. Nachdem wir diese
dargestellt, wollen wir zusehen, ob sie in diesen zwei Jahren etwas
geleistet haben, was in der Geschichte der Literatur niedergelegt zu
werden verdient oder ihr einen eigenartigen Zug aufzuprgen geeignet
wre, zu was fr Anschauungen, was fr Meinungsuerungen sie den Grund
gelegt, was sie festgestellt und welchem Gedanken sie Brgerrecht
verschafft haben. Ein langes Programm, das Aufstze ber Statistik,
Medizin, Literatur usw. verspricht, hat gar keine Bedeutung. Die
Ankndigung, da die Kritik wohlwollend, frei von persnlicher
Gehssigkeit und unparteiisch sein werde, bestimmt auch noch kein festes
Ziel. Und doch sollte ein solches Ziel die notwendige Voraussetzung
einer jeden Zeitschrift sein. Selbst die groe Zahl der in ihr
erscheinenden Aufstze hat noch keine Bedeutung, wenn die Zeitschrift
keine eigene Meinung hat, und wenn in ihr keine, und sei es nur eine
einzige Richtung, zum Ausdruck kommt, die auf ein bestimmtes Ziel
hinweist. Die Herausgabe des Telegraph hatte doch offenbar den Zweck,
alle mglichen veralteten eingewurzelten, fast mechanisch gewordenen
Gedanken unserer derzeitigen Verfechter des Alten und der Klassiker zu
strzen. Der Moskauer Beobachter, eine der besten Zeitschriften,
obwohl in ihm nicht viel von einer modernen Bewegung zu spren war,
htte die Aufgabe gehabt, das Publikum mit den hervorragendsten
Schpfungen Europas bekannt zu machen, den Kreis unserer Literatur zu
erweitern und uns neue Vorstellungen ber die Schriftsteller aller
Zeiten und Vlker zu vermitteln. Hier ist nicht der Platz, davon zu
reden, inwieweit diese beiden Zeitschriften ihren Zweck erfllt haben;
zum mindesten konnten die Leser in ihnen ein solches Streben bemerken.
Aber man sehe sich einmal die Zeitschriften, die in den zwei letzten
Jahren erschienen sind, aufmerksam an; man versuche es, den
Grundgedanken einer jeden festzustellen. Man wird vergeblich nach einem
solchen Grundgedanken suchen. Wenn man einen der Bnde aufschlgt, ist
man erstaunt ber die Armseligkeit und Belanglosigkeit der Gegenstnde,
die dort behandelt werden. Darnach knnte man meinen, in der
literarischen Welt habe auch nicht ein einziges wichtiges Ereignis
stattgefunden. Und dennoch ist

1. der berhmte Schotte gestorben, der groe Knder des Herzens, der
Natur und des Lebens, dieser reichste, mannigfaltigste Genius des XIX.
Jahrhunderts;

2. hat in der gesamten europischen Literatur eine neue
Geschmacksrichtung voller Unruhe, Erregung und Bewegung die Oberhand
gewonnen. Es erschien eine Reihe unreifer, zusammenhangsloser
jugendlicher Werke, die jedoch eine starke Begeisterung und eine
mchtige Glut ausstrmten: eine Folge der politischen Grungen des
Landes, in dem sie entstanden. Diese seltsame Literatur, unruhig wie ein
Komet und ebenso unorganisch wie er, hat Europa lebhaft erregt und sich
schnell bis an alle Enden der literarischen Welt verbreitet. Und
wenngleich diese Erscheinungen einen universellen europischen Charakter
tragen, so haben sie doch auch auf Ruland einen Einflu ausgebt; aber
fassen wir einmal die rein russischen literarischen Ereignisse ins Auge;

3. hat sich hier in hohem Mae die Lektre von Romanen und trockenen,
langweiligen Erzhlungen verbreitet; zugleich machte sich eine
allgemeine Gleichgltigkeit gegen die Poesie geltend;

4. erschienen neue Auflagen der Werke von Derschawin und Karamsin, die
laut nach einer literarischen Kennzeichnung und nach einer wahrhaften,
richtigen Bewertung verlangten, wie die aller brigen lteren
Schriftsteller; denn in der literarischen Welt gibt es keinen Tod, und
die Toten greifen ebenso in unser Leben ein und handeln und wirken mit
uns wie die Lebenden. Sie verlangten nach einer Rckerstattung dessen,
was ihnen wirklich gebhrt; sie forderten die Zurcknahme ungerechter
Anklagen und falscher Wertschtzungen, die ganze Jahre hindurch und auch
heute noch gedankenlos wiederholt werden.

Aber haben denn unsere Zeitschriften auch -- auf Grund strenger
berlegung -- ausgesprochen, wer Walter Scott war, worin seine Wirkung
bestanden hat, was die moderne franzsische Literatur bedeutet, unter
welchen Bedingungen sie entstanden ist, woher sie stammt, was die
Ursachen der falschen Geschmacksrichtung waren und worin ihr Wesen
bestand; warum die Poesie von Prosawerken abgelst wurde; auf welcher
Bildungsstufe das russische Publikum steht, wer dieses russische
Publikum ist, und was die Originalitt und Eigenart unserer
Schriftsteller ausmacht?

Vergebens wird der Leser in dieser Richtung nach neuen Gedanken oder
auch nur nach Spuren eines tiefen, gewissenhaften Studiums suchen.

Auf Walter Scott hat man bei uns nur ein wenig geschimpft. Die
franzsische Literatur wurde von den einen mit einem kindlichen
Enthusiasmus aufgenommen; sie erklrten, die modernen Schriftsteller
wren bis in die tiefsten Geheimnisse des menschlichen Herzens
eingedrungen, die selbst einem Cervantes und Shakespeare verborgen
geblieben wren; andere wieder schmhten sie, ohne selbst zu wissen
warum, whrend sie selbst Werke im Geschmack dieser Schule schrieben,
nur mit dem Unterschied, da diese noch mehr Unsinn und mehr Torheiten
enthielten. Die Frage: warum bei uns fade Romane und Erzhlungen einen
solchen Erfolg haben, hat keinen von ihnen beschftigt, statt dessen
brachten sie zu den schon existierenden noch ihre eigenen auf den Markt.
ber unser Publikum sagten sie nur, es sei ein hochachtbares Publikum
und es msse sich auf alle Zeitschriften und alle mglichen Bltter
abonnieren, denn diese knne ein jeder lesen: der Familienvater wie der
Kaufmann, der Militr wie der Literat; ber Derschawin, Karamsin und
Krylow hatten sie gar nichts zu sagen, oder sie wiederholten einfach
dasselbe, was ein Kreisschullehrer seinen Schlern erzhlt, und halfen
sich mit einem paar banalen Phrasen.

Worber schrieben also unsere Journalisten? Sie sprachen von den
beliebtesten und nchstliegendsten Dingen, sie redeten von sich selbst,
lobten in ihren Zeitschriften ihre eigenen Aufstze, waren
ausschlielich mit sich selbst beschftigt und schenkten allen anderen
Gegenstnden hchstens eine khle, leidenschaftslose Beachtung. Alles
Groe und Auerordentliche schien unsichtbar geworden zu sein. Ihre
gleichgltige Kritik richtete sich auf Gegenstnde, die kaum der Rede
wert waren.

Worin bestand nun der eigentliche Charakter dieser Kritik? Was in ihr am
deutlichsten zum Ausdruck kam, war folgendes:

1. Eine starke Miachtung der eigenen Meinung. Fast nie hatte man den
Eindruck, da der Kritiker seine Ttigkeit fr etwas Wichtiges hielt,
mit einem Gefhl der Ehrfurcht, und nachdem er sich die Sache zuvor
berlegt hatte, an sie heranging; da er, whrend er seine Feder fhrte,
an die kleine Zahl seiner Zeitgenossen gedacht htte, die eine hhere,
edlere Bildung besaen und vor denen er fr jedes seiner Worte
Rechenschaft ablegen mute. Die Kritik in unseren Zeitschriften war
meist eine Art Possenreierei. Was tat man, wenn man das Buch eines
Schriftstellers lobte, den man protegieren wollte? Man sagte nicht etwa
einfach: dieses Buch ist gut, oder es verdient in dieser und jener
Hinsicht Anerkennung, o nein: die Rezensenten erklrten, dieses Buch
ist wundervoll, ganz auergewhnlich, es ist unerhrt genial, es ist das
beste russische Buch; es kostet fnfzehn Rubel, der Autor steht hoch
ber Walter Scott, Humboldt, Goethe und Byron. Kaufen Sie dies Buch,
lassen Sie es sich einbinden und stellen Sie es in Ihre Bibliothek,
kaufen Sie auch die zweite Auflage und stellen Sie sie gleichfalls in
Ihre Bibliothek, es kann nie schaden, wenn man zwei Exemplare von einem
guten Werk besitzt. Der grte Teil der Bcher wurde ohne jede
berlegung und ganz kritiklos verherrlicht. Wenn man alle Bcher
zusammenzhlen wollte, die als erstklassig angepriesen wurden, so knnte
wohl jemand glauben, es gbe in der ganzen Welt keine reichere Literatur
als die russische; wenn ihn nicht -- freilich erst nach einiger Zeit --
die widersprechenden Urteile derselben Rezensenten ber dieselben Werke
nachdenklich und stutzig machen mten. Und dieselbe Malosigkeit trat
in den abflligen Urteilen ber Werke von Autoren hervor, die sich den
Ha oder die Abneigung des Kritikers zugezogen hatten. Und so ergo sich
sein Zorn ebenso rckhaltslos, indem er einem momentanen Gefhl nachgab.

2. Der literarische Unglaube und die literarische Unbildung. Diese
beiden Eigentmlichkeiten haben sich in der letzten Zeit in unserer
Literatur besonders verbreitet. Nie findet man den Namen von
Schriftstellern erwhnt, die ihre Laufbahn bereits vollendet haben, und
die, von der Sonne des Ruhmes umstrahlt, von ihrer Hhe auf uns
herabblicken. Kein Rezensent hat seine Augen ehrfrchtig zu ihnen
erhoben und ihnen Beachtung geschenkt. Fast nie begegnet man den Namen
eines Derschawin, Lomonossow, Von-Wisin, Bogdanowitsch, Batjuschkow usw.
auf den Seiten unserer Zeitschriften. Nie hrt man was ber ihren
Einflu, der auch heute noch fortdauert und sich heute noch bemerkbar
macht. Nie werden sie zur Vergleichung mit der heutigen Epoche
herangezogen. Es ist, als wre unserem Zeitalter die Wurzel
abgeschnitten, als gbe es keinen Ursprung, von dem wir herstammten, und
als gbe es fr uns keine Geschichte unserer Vergangenheit. Diese
literarische Unbildung verbreitet sich hauptschlich unter den jngeren
Rezensenten, so da unsere zeitgenssische, kritische Literatur wie
etwas Fremdes, Angeschwemmtes erscheint. Ein, zwei Jahre vergehen, und
die Reden, die anfnglich ziemlich laut und rege waren, verstummten und
verhallten wie ein Ton ohne Resonanz oder wie eine Phrase, die auf dem
gestrigen Ball fiel. Die Namen der Schriftsteller, die ihren Ruhm lngst
fest begrndet, und die Namen derer, die erst nach einem solchen
streben, sind zu einem bloen Spielzeug geworden. Der eine Rezensent
richtet die wieder auf, die sein Gegner fallen gelassen hat, und das
alles geschieht ohne jede Kritik ganz gedanken- und ideenlos. Hufig
verdankt ein Name seinen Ruhm dem Streit zweier Rezensenten. Von den
Schriftstellern unseres Vaterlandes wird nicht geredet, dafr beginnt
jeder Rezensent, selbst wenn er ber ein ganz unbedeutendes, belangloses
Buch schreibt, unbedingt mit Shakespeare, den er nie gelesen hat. Es ist
heutzutage eben Mode, von Shakespeare zu reden -- also her mit dem
Shakespeare! Er erklrt: Wir wollen das vorliegende Buch von folgendem
Gesichtspunkt aus betrachten. Sehen wir zu, inwieweit unser Autor mit
Shakespeare bereinstimmt, und dabei ist das Buch, das analysiert
werden soll, -- ein barer Unsinn, der ohne jegliche Absicht, mit
Shakespeare zu rivalisieren, geschrieben ist, und hchstens mit dem
Geist und der Ausdrucksweise des Rezensenten selbst hnlichkeit hat.

3. Der Mangel an einer rein sthetischen Genufhigkeit und an
Geschmack. In den Moskauer Journalen findet man noch hin und wieder
einen gewissen Geschmack oder eine Art Liebe zur Kunst, die Kritik der
Petersburger Zeitschriften, besonders die der sogenannten anstndigen
dagegen ist auerordentlich drftig. Die besprochenen Werke werden hoch
ber die Byrons, Goethes usf. erhoben. Aber nirgends gewinnt der Leser
den Eindruck, da dies der Ausflu eines Gefhls, ein Zeichen des
Verstndnisses ist, da es aus der Tiefe einer dankerfllten,
tiefergriffenen Seele hervorquillt. Ihr Stil ist trotz seiner ueren
oft verschnrkelten, glnzenden Prunkhaftigkeit von einer erttenden
Klte. Nur dann merkt man ihm eine gewisse Lebhaftigkeit und einen
leidenschaftlichen Schwung an, wenn sich der Rezensent an einer wunden
Stelle getroffen, wenn er sich in seiner persnlichen Wrde getroffen
fhlt. Die Gerechtigkeit verlangt, da wir hier die Kritiken von
Schewyrjow erwhnen, die eine lobenswerte Ausnahme bilden. Er teilt uns
seine Eindrcke in der Form mit, wie seine Seele sie aufnimmt. Aus
seinen Aufstzen spricht stets ein Mensch, der nachdenkt, ja, der sich
mitunter vom ersten Eindruck fortreien lt.

4. Die Kleinheit der Gedanken und ein kleinliches Prahlen. Wir haben
schon gesehen, da die Kritik sich nie mit bedeutenden Fragen
beschftigte. Die Aufmerksamkeit der Rezensenten war stets auf eine
ganze Reihe inhaltsloser Bcher gerichtet, nicht etwa deshalb, um sie zu
analysieren, sondern um die Liebenswrdigkeit des Kritikers zu beweisen
und die Leser zum Lachen zu bringen. In wie hohem Mae die Kritik mit
allerhand Torheiten und albernen Streitereien beschftigt war, konnten
die Leser bereits aus dem berhmten Proze gegen die beiden armen
Frwrter _dieser_ und _jener_ ersehen. So weit also ist es allmhlich
mit der russischen Kritik gekommen!

Wer aber waren denn die, die bei uns ber die Literatur redeten? Whrend
dieser Zeit lieen weder Schukowski, noch Krylow, noch Frst Wjasemski
ihre Meinung hren, auch die, die noch vor kurzer Zeit eine Zeitschrift
herausgegeben hatten, die in mancherlei Aufstzen ihre eigene Stimme
erhoben und einen eigenen Geschmack und wirkliche Kenntnisse an den Tag
gelegt hatten, waren verstummt: kann man sich da noch ber solche
Zustnde in unserer Literatur wundern?

Warum schwiegen denn die Schriftsteller, die in ihren Werken ein echtes
sthetisches Gefhl offenbart hatten? Hielten sie es fr unter ihrer
Wrde, in die Sphre der Tagesliteratur hinabzusteigen, wo gewhnlich
allerhand Kmpfer laut miteinander im Streite liegen? Wir haben kein
Recht, hierber zu entscheiden. Wir wollen hier nur bemerken, da eine
Kritik, die von echtem Geschmack und einem tiefen Verstand geleitet
wird, da die Kritik eines hochbegabten Talentes gleichwertig ist mit
jeder originalen Schpfung: aus ihr lernen wir den Schriftsteller, den
sie analysiert, und in noch hherem Mae den Kritiker selbst kennen. Die
Kritik eines Talentes berlebt das ephemere Dasein einer Zeitschrift.
Fr die Geschichte der Literatur ist sie geradezu unschtzbar. Unsere
Literaturgeschichte ist noch jung. Sie hat nur wenige Koryphen
hervorgebracht; aber fr die Kritik eines Denkers bietet sie ein reiches
Feld dar und Arbeit fr viele Jahre. Unsere Schriftsteller haben sich
eine vllig eigenartige Form geschaffen; trotz des gemeinsamen Zuges
unserer Literatur, der Neigung zur Nachahmung, enthalten sie doch rein
russische Elemente, ja selbst die Art, wie wir nachahmen, hat einen ganz
besonderen nordischen Charakter an sich und stellt auch in der
europischen Literatur eine beachtenswerte Erscheinung dar. Aber genug
davon. Wir wollen diese Ausfhrungen mit dem aufrichtigen Wunsch
schlieen, da sich bei uns im kommenden Jahr eine lebhaftere Ttigkeit
entwickeln, und bei einer greren Anzahl von Zeitschriften die
Abhngigkeit vom Monopol immer mehr verschwinden mge, auf da dadurch
bei allen ein lebhafterer Wetteifer entbrenne, ihre Bestimmung zu
erfllen. Zum mindesten macht sich schon heute darin ein trstliches
Streben bemerkbar, da einzelne Zeitschriften versprechen, im kommenden
Jahre der Herausgabe ihrer Bnde mehr Sorgfalt zuzuwenden als frher.
Die Verleger des Sohnes des Vaterlandes und des Teleskop haben von
Verbesserungen gesprochen. Man kann kaum daran zweifeln, da bei
grerer Mhewaltung mehr geleistet werden kann. Jedenfalls begleiten
wir unseren Wunsch mit herzlicher Aufrichtigkeit und der heien
Frbitte: Mge das Streben aller und eines jeden einzelnen
tausendfltige Frucht tragen; je uneigenntziger und gewissenhafter
seine Ttigkeit sein wird, um so mehr wohlverdiente Anerkennung und
Dankbarkeit mge ihm zuteil werden.


                                   II
                          Petersburger Skizzen
                                  1836


                                   I

Seltsam -- wohin nur die Residenz Rulands verschlagen ward --: Bis ans
Ende der Welt. Ein merkwrdiges Volk, diese Russen. Einst besaen sie in
Kiew eine Hauptstadt, da war es zu hei, da war es nicht kalt genug; und
so siedelte denn die russische Residenz nach Moskau ber -- doch nein,
auch hier war's noch nicht kalt genug. Herrgott! Also her mit
Petersburg! Aber wie wildfremd sind sich dafr auch Mutter und Sohn! Was
fr eine Landschaft! Was fr eine Natur! Die Luft ist mit Nebel erfllt,
die blasse, graugrne Erde ist mit verkohlten Baumstmpfen, Tannen,
Kiefern und kleinen Erdhgeln bedeckt ... Noch gut, da einen die
blitzschnell vorberfliegenden, schnurgeraden Chausseen und die
russische Troika mit Sang und Klang wie im Sturmwind an ihnen
vorbeitragen. Und welch ein Unterschied -- welch ein Unterschied
zwischen den beiden. Moskau ist noch bis heute ein langbrtiger
russischer Bauer -- Petersburg dagegen ist schon ein gewandter Europer.
Wie sich das alte Moskau weit ausgedehnt, wie es in die Breite gewachsen
ist! Und wie hat sich dagegen das stutzerhafte Petersburg
zusammengezogen und in die Lnge gestreckt! Von allen Seiten ist es von
Spiegeln umstellt, hier die Newa, dort der Finnische Meerbusen!
Wahrhaftig, es fehlt ihm nicht an Gelegenheit, sich selbst anzuschauen,
sich zu bespiegeln! Bemerkt es nur das kleinste Stubchen oder Flckchen
auf seinem Kleide, so wird's sofort entfernt. Moskau ist ein altes
Hausmtterchen, es bckt seine Pfannkuchen, sitzt daheim, sieht sich die
Dinge von ferne an und lt sich, ohne sich vom Sessel zu erheben,
erzhlen, wie es in der Welt hergeht. Petersburg dagegen ist ein flotter
Bursche, der nie zu Hause sitzt, der immer gut angezogen ist, sich fr
Europa schn macht und den Auslndern zunickt. In Petersburg ist alles
in steter Bewegung, vom Keller bis hinauf zur Dachkammer; um Mitternacht
fngt man an, franzsische Brtchen zu backen, die am nchsten Morgen
allesamt von der aus den verschiedensten Volksstmmen zusammengesetzten
Bevlkerung verzehrt werden; whrend der Nacht leuchtet bald eins seiner
Augen, bald das andre. Whrend der Nacht liegt ganz Moskau in tiefem
Schlaf, am Morgen aber schlgt es ein Kreuz, verneigt sich nach allen
vier Himmelsrichtungen und fhrt dann mit seinen Kalatschi[14] auf den
Markt. Moskau ist _weiblichen_[15], Petersburg mnnlichen Geschlechts.
In Moskau gibt es lauter Brute, in Petersburg lauter Freier. Petersburg
gibt mehr acht auf seine Kleidung, hat die grellen Farben nicht gern,
ebensowenig wie alle khnen Abweichungen von der Mode, Moskau dagegen
verlangt, da, wenn's schon eine Mode geben soll, diese auch nach allen
Regeln durchgefhrt werde; trgt man lange Taillen -- dann mssen sie
noch viel lnger werden; werden groe Frackaufschlge getragen, dann
sind sie hier so gro wie das Tor einer Scheune. Petersburg -- ist ein
Mensch von peinlicher Akkuratesse -- ein echter Deutscher, es erwgt
alles und rechnet alles nach, und ehe es eine Abendgesellschaft gibt,
tut es einen Blick in die Tasche; Moskau -- ist ein russischer Edelmann,
wenn er sich einmal amsiert, dann amsiert er sich so, da er hinfllt,
und kmmert sich nicht darum, ob er mehr ausgibt, als er in der Tasche
hat. Moskau liebt die goldene Mittelstrae nicht. Alle Moskauer
Zeitschriften bringen am Schlu jeder Nummer, sie mgen einen noch so
gelehrten Inhalt haben, immer ein Modebild; die Petersburger
Zeitschriften bringen nur selten Illustrationen als Beilage, aber wenn
sie einmal eine beifgen, dann kriegt ein Leser, der das nicht gewhnt
ist, einen Schreck. Die Moskauer Zeitschriften reden von Kant, Schelling
usf. usf., in den Petersburger Journalen wird nur vom Publikum und ber
die gute Gesinnung geschrieben ... In Moskau halten die Zeitschriften
Schritt mit dem Jahrhundert, verspten sich aber bei Zustellung ihrer
Nummern; in Petersburg halten die Journale nicht Schritt mit dem
Jahrhundert, dafr erscheinen sie mit groer Pnktlichkeit zur
festgesetzten Zeit. In Moskau bringen die Literaten ihr Geld durch, in
Petersburg verdienen sie welches. In Moskau fhrt alle Welt in dichte
Brenpelze eingehllt -- und meist zu einem Diner; in Petersburg luft
alles in Friesrcken herum, die Hnde tief in die Taschen vergraben, und
fliegt in hchster Eile zur Brse oder ins Bureau. Moskau amsiert sich
bis 4 Uhr morgens und verlt am nchsten Tage das Bett nicht vor 2 Uhr.
Petersburg amsiert sich auch bis 4 Uhr morgens, und doch eilt es am
andern Tage, als ob nichts passiert wre, schon um 9 Uhr in seinem
Friesrock in die Kanzlei. Nach Moskau kommt Ruland mit vollen Taschen
und kehrt erleichtert wieder zurck. Nach Petersburg kommen die Leute
mit leerem Beutel und fahren mit einem hbschen Kapital nach allen
Himmelsgegenden auseinander. Nach Moskau kommt Ruland in
Winterschlitten auf holperigen Winterwegen gefahren, um zu kaufen und zu
verkaufen: in Petersburg luft das russische Volk im Sommer zu Fu, um
bei einem Bau Beschftigung zu finden und um zu arbeiten. Moskau -- ist
die groe Vorratskammer, hier trmt sich Ballen ber Ballen, und den
kleinen Hndler beachtet es kaum. Petersburg ist ganz in kleine Stcke
zersplittert, hat sich in lauter Lden und Kaufhuser aufgelst und
macht Jagd auf die rmeren Kufer. Moskau sagt: Wenn der Kufer mich
braucht -- wird er mich schon finden! Petersburg fhrt Ihnen mit seinen
Aushngeschildern direkt unter die Nase, verkriecht sich mit seinem
Weinausschank bis unter den Fuboden Ihrer Wohnung und bringt seine
Droschkenhaltestellen geradewegs in Ihrem Haustor unter. Moskau sieht
ber seine eigenen Einwohner hinweg und sendet seine Waren nach ganz
Ruland; Petersburg verkauft seine Krawatten und seine Handschuhe an
seine eigenen Beamten. Moskau ist eine groe Markthalle; Petersburg --
ein heller Kaufladen. Moskau ist fr Ruland eine Notwendigkeit. Ruland
ist eine Notwendigkeit fr Petersburg. In Moskau begegnet man nur selten
einem Frack mit Uniformknpfen, in Petersburg hat jeder Frack solche
Knpfe. Petersburg macht sich gern ber die Unbeholfenheit und
Geschmacklosigkeit Moskaus lustig. Moskau spottet ber Petersburg, weil
hier nicht gut russisch gesprochen wird. In Petersburg spazieren um 2
Uhr auf dem Newsky-Prospekt Leute, von denen man meinen knnte, sie
seien aus den Modebeilagen der Journale, die in den Schaufenstern
ausliegen, entsprungen; sogar ganz alte Damen haben hier so dnne
Taillen, da man lachen mu; in Moskau trifft man stets inmitten der
Masse modern gekleideter Spaziergnger eine alte Frau mit einem
Kopftuch, die keine Spur von Taille hat. Ich knnte noch mancherlei
sagen, allein es ist --

[Funote 14: Eine Art Semmel.]

[Funote 15: Moskau = russisch Moskwa ist weiblichen, Petersburg spr.
Pitirburg -- mnnlichen Geschlechts.]

Ein Abstand von ganz ungeheurer Gre! ...


                                   II

Es ist schwer, die allgemeine Physiognomie von Petersburg zu schildern.
Es hat etwas, das an eine amerikanische Kolonie in Europa erinnert:
ebensowenig ursprngliche Nationalitt und ebensoviel fremdlndische
Mischlinge, die sich noch nicht zu einer festen Masse zusammengefgt
haben. Soviel verschiedene Nationen sich hier zusammen finden,
ebensoviel Gesellschaftsschichten gibt es hier. Diese Kreise sind streng
voneinander geschieden: Aristokraten, Beamte im Dienste, Handwerker,
Englnder, Deutsche, Kaufleute, sie alle bilden Kreise, die sich nur
ganz selten miteinander vereinigen, gewhnlich aber fr sich leben und
sich unterhalten, ohne da einer von dem andern etwas wei.

Jeder von diesen Kreisen besteht, wenn man genauer zusieht, wieder aus
einer Menge kleiner Kreise, die gleichfalls nicht miteinander
zusammenhngen. Nehmen wir z. B. die Beamten. Die jungen Gehilfen der
Tischvorsteher bilden ihren eigenen Kreis, und nie wird der
Abteilungschef zu ihnen herabsteigen. In Gegenwart eines Kanzleibeamten
hebt wiederum der Tischvorsteher seinen Kopf um ein paar Zoll hher. Die
deutschen Handwerker und die deutschen Beamten bilden auch ihren
besonderen Kreis. Die Lehrer bilden einen Kreis, die Schauspieler einen,
ja sogar die Literaten, die noch immer recht zweideutige und
zweifelhafte Persnlichkeiten darstellen, stehen abseits fr sich da.
Mit einem Wort, es ist fast so, wie wenn eine riesengroe Postkutsche
bei einem Gasthause vorgefahren wre, in der alle Gste whrend der
Fahrt in ihre Mntel gehllt dagesessen htten, und nur darum zusammen
in den allgemeinen Saal trten, weil eben kein anderer Raum vorhanden
ist. Der Versuch, ffentliche Vereine zu grnden, hat bis jetzt keinen
Erfolg gehabt. Der Petersburger besucht auch den Klub nur, um dort
Mittag zu essen, und nicht, um seine Zeit dort zu verbringen. Da
Petersburg noch nicht zu einem Gasthaus geworden ist, das liegt allein
an einer inneren Naturanlage des Russen, der, trotzdem er sich bestndig
an den Fremden abschleift, sich immer noch eine gewisse Originalitt
bewahrt hat. Um von jedem dieser einzelnen Kreise erzhlen zu knnen, um
ihr Leben, das in Genssen und Vergngen, Hoffnungen und Schmerzen
dahinfliet, zu studieren, mte man zu den Leuten gehren, die gar
nicht schreiben, weil diese Leute -- dies ist der Lohn fr ihre
Ttigkeit -- absolut keine Zeit haben. Also lassen wir die Blle und
Soireen beiseite. Ich will mich den Vergngungen zuwenden, die eine
lngere Erinnerung an sich zurcklassen und die von allen
Gesellschaftsklassen mitgemacht werden. Die Theater und Konzerte -- das
sind die Punkte, wo alle Klassen der Petersburger Gesellschaft
zusammenstoen, wo sie genug Mue haben, sich aneinander sattzusehen.
Das Ballett und die Oper -- sind der Knig und die Knigin der
Petersburger Theater. Sie waren noch prchtiger, rauschender,
hinreiender als in den frheren Jahren, und die entzckten Zuschauer
hatten vllig vergessen, da es auch noch eine gewaltige Tragdie gibt,
die den gleichgestimmten Herzen der stumm lauschenden Menge
unwillkrlich die erhabensten Gefhle einhaucht, da es eine Komdie
gibt, die das getreue Abbild der sich vor uns hin und her bewegenden
Gesellschaft ist: eine tief durchdachte Komdie, die durch die Tiefe
ihrer Ironie uns zum Lachen reizt; nicht zu jenem Lachen, das durch
einen oberflchlichen Eindruck, durch einen flchtigen Witz oder durch
einen Kalauer hervorgerufen wird, auch nicht zu jenem Lachen, das die
rohe Menge in unserer Gesellschaft bewegt, die nach Verrenkungen und
fratzenhaften Verzerrungen der Natur verlangt, sondern zu jenem
elektrisierenden, belebenden Lachen, das, durch den blendenden
Gedankenblitz erschttert, unwillkrlich, frei, ungewollt, unmittelbar
aus der Seele hervorstrmt, das aus dem ruhigen Genu geboren wird und
nur durch einen hohen Verstand hervorgerufen werden kann. Die Zuschauer
hatten recht, wenn sie von dem Ballett und der Oper entzckt waren ...
Auf der dramatischen Bhne gab es Melodramen und Possen und zugereiste
Gste, die sich auf der franzsischen Bhne zu Hause fhlten, aber auf
der russischen eine recht merkwrdige Rolle spielten. Es ist ja eine
lngst anerkannte Tatsache, da die russischen Schauspieler sich recht
seltsam ausnehmen, wenn sie Marquis, Vicomtes und Barone spielen, ebenso
wie die franzsischen Schauspieler wahrscheinlich recht komisch wren,
wenn sie versuchen wollten, russische Bauern darzustellen. Und wie
machen sich Blle, Abendgesellschaften und moderne Routs, die in den
russischen Stcken vorkommen, auf der Bhne? Und die Possen? Die Posse
hat sich schon lngst die russische Bhne erobert und bildet die
Unterhaltung der Mittelklassen, denn diese Leute wollen eben lachen. Wer
htte gedacht, da wir nicht nur bersetzungen, sondern auch
Originalpossen auf der russischen Bhne zu sehen bekommen wrden? Eine
russische Posse! Es ist wirklich sehr merkwrdig, und zwar deshalb, weil
dieses leichte, farblose Spiel nur bei den Franzosen entstehen konnte,
bei einer Nation, deren Charakter keine tiefen, unwandelbaren Zge
besitzt; aber wenn man den immer noch etwas schwerflligen und rauhen
russischen Charakter zwingt, sich als _petit matre_ zu bewegen, dann
kommt es mir immer so vor, wie wenn einer von unseren wohlbeleibten,
pfiffigen und langbrtigen Kaufleuten, der bis dahin nichts anderes als
schwere Stulpenstiefel getragen hat, statt dieser den einen Fu mit
einem schmalen Schuh und Strmpfen _ jour_ bekleiden wollte, whrend
der andere noch im Stiefel steckt, und dann in diesem Aufzuge im ersten
Paar der Franaise erscheinen wollte.

Es sind schon fnf Jahre, seit sich das Melodrama und die Posse alle
Theater der Welt erobert haben. Welch eine Nachfferei! Sogar die
Deutschen .... wer htte das gedacht, da selbst die Deutschen, dieses
gediegene, zu tiefen, sthetischen Genssen geneigte Volk, da die
Deutschen jetzt Possen schreiben und spielen und geschwollene, kalte
Melodramen zusammenkleistern und fr die Bhne bearbeiten. Ja, wenn
dieses Miasma noch auf den Wink eines mchtigen Genies hergetragen
worden wre! Als alle Welt der Leier Byrons nachahmte, war dies
keineswegs lcherlich; im Gegenteil, in diesem Streben lag etwas
Trstliches. Aber da Dumas, Dulange und andere -- universale
Gesetzgeber werden konnten! ... Ich mchte schwren, das XIX.
Jahrhundert wird sich dieser fnf Jahre schmen! O Molire! groer
Molire! du, der du deine Charaktere so grozgig ausstattetest, mit
einer solchen Vollkommenheit entwickeltest, der du ihre Schatten so
eingehend studiert hast, und du strenger, umsichtiger Lessing, und du
edel glhender Schiller, der du die Menschenwrde in so poetisch
verklrtem Lichte dargestellt hast! schaut hin, was jetzt nach euch auf
eurer Bhne geschieht, seht, was fr ein seltsames Ungeheuer sich unter
dem Namen des Melodramas unter uns eingeschlichen hat! Wo ist denn unser
Leben? wo bleiben wir mit all unseren heutigen Leidenschaften und
Seltsamkeiten? Wenn wir doch nur einen schwachen Widerschein davon in
unseren Melodramen erblicken knnten! Aber unser Melodrama lgt in der
schamlosesten Weise ....

Welch unbegreifliche Erscheinung: nur das groe, tiefe, ungewhnliche
Talent bemerkt und entdeckt das, was uns alltglich umgibt, was
unzertrennlich mit uns verwachsen ist, das Gewhnliche; das dagegen, was
nur selten geschieht, was eine Ausnahme bildet, was uns durch seine
Hlichkeit, durch seine Unfrmlichkeit inmitten der Ordnung in
Erstaunen setzt, ist gerade das, wonach die Mittelmigkeit mit beiden
Hnden greift. Und so fliet das Leben eines groen Talents wie ein
groer breiter Strom in voller Regelmigkeit, rein wie ein Spiegel,
dahin und reflektiert mit derselben Klarheit die dunklen und die hellen
Wolken: bei der Mittelmigkeit dagegen fliet es hin wie eine trbe und
schmutzige Welle und spiegelt weder die Helligkeit noch die Finsternis.

Das _Seltsame_ ist der Gegenstand des heutigen Dramas geworden. Es kommt
vor allem darauf an, eine Begebenheit darzustellen, die unbedingt neu,
unbedingt merkwrdig, noch nie dagewesen und ganz unerhrt sein mu: ein
Mord, eine Feuersbrunst, die allerwildesten Leidenschaften, an die man
in der modernen Gesellschaft gar nicht einmal denkt! Wie wenn die Shne
des glhenden Afrika europische Frcke angezogen htten; Henker und
Gift -- nichts als Effekt, dieser ewige unvermeidliche Effekt, und doch
weckt keine Gestalt unsere Teilnahme. Noch nie hat ein Zuschauer das
Theater gerhrt und trnenden Auges verlassen, im Gegenteil, er setzt
sich eilig und in einer seltsamen Erregung in den Wagen, und es dauert
lange, bis er seine Gedanken sammeln und sich klar ber sie werden kann.
Solch ein Schauspiel bietet man unserer verfeinerten, gebildeten
Gesellschaft! Unwillkrlich steigen die blutigen Wettkmpfe, zu denen
ganz Rom whrend der Epoche hchster Macht und stumpfer bersttigung
zusammenstrmte, vor einem auf. Aber, Gott sei Dank, wir sind noch keine
Rmer und stehen nicht vor dem Untergang unseres Daseins, sondern im
Morgenrot des Lebens! Wenn man alle Melodramen, die in unserer Zeit
gegeben worden sind, zusammennimmt, so knnte man glauben, in ein Museum
geraten zu sein, in dem absichtlich alle Migeburten und Auswchse der
Natur vereinigt sind, oder besser gesagt -- man glaubt einen Kalender
vor sich zu haben, in dem mit kalendermiger Kaltbltigkeit alle
merkwrdigen Ereignisse eingetragen sind, und wo unter jedem Datum zu
lesen steht: heute geschah an dem und dem Orte folgender
Spitzbubenstreich; heute wurde der Ruber und Brandstifter Soundso
gekpft; dann und dann hat der Handwerker X. seine Frau umgebracht ....
und dergleichen mehr. Ich kann mir das Staunen eines unserer Nachkommen
vorstellen, der das Leben unserer Gesellschaft aus unseren Melodramen
studieren wollte.

Da ist es denn nicht zu verwundern, da das Ballett und die Oper noch
eine erfreuliche Erscheinung sind und einem eine gewisse Erholung
bieten: hier findet man doch noch einen ruhigen Genu. Die Oper wird bei
uns mit einem gierigen Enthusiasmus aufgenommen. Bis heute noch ist die
Begeisterung nicht vorber, mit der sich ganz Petersburg auf die
lebendige, feurige Musik der Fenella und die wilde, von hllischen
Genssen erfllte Musik Robert des Teufels strzte. -- Semiramis,
die noch vor fnf Jahren vom Publikum sehr khl aufgenommen wurde,
versetzt heute, wo die Musik Rossinis fast einen Anachronismus bildet,
dasselbe Publikum in Verzckung. ber den Enthusiasmus, den die Oper
Das Leben fr den Zaren hervorgerufen hat, will ich gar nicht erst
reden: er ist begreiflich und ganz Ruland bekannt. ber diese Oper
mte man entweder sehr viel oder gar nichts sagen.

Ich rede jedoch nicht gern ber die Musik oder ber den Gesang. Mir
scheint, alle musikalischen Traktate und Rezensionen mssen die Musiker
von Fach langweilen; in der Musik ist das allermeiste unaussprechlich
und beruht auf einer unbewuten Wirkung. Die Leidenschaften der Musiker
-- sind keine irdischen Leidenschaften; die Musik ist nur hin und wieder
der Ausdruck unserer Leidenschaften oder besser gesagt: sie ahmt ihre
Stimme nach, um auf sie gesttzt, sich wie ein perlender, singender
Springquell gnzlich anderer Leidenschaften in eine andere Sphre
emporzuschwingen. Ich will nur noch bemerken, da sich die Melomanie
immer mehr verbreitet. Leute, denen man gar keine musikalische Denkart
zutrauen wrde, sitzen bestndig in dem Leben fr den Zaren, im
Robert, in der Norma, in Fenella und in Semiramis. Beinahe
zweimal in jeder Woche wird eine Oper aufgefhrt; jede von ihnen erlebt
unzhlige Auffhrungen, und trotzdem ist es hufig schwer, ein Billett
zu bekommen. Ist das nicht eine Folge unserer slawischen zum Gesang
neigenden Natur? Und ist es nicht eine Rckkehr zu unserer alten Zeit,
nach einer Reise durch das fremde Land der europischen Kultur, wo alles
um uns herum eine fremde Sprache sprach und wo sich lauter fremde
Menschen um uns drngten -- eine Rckfahrt in einem russischen
Dreigespann mit seinen klingenden Glocken -- ist es nicht so, als
erhben wir uns von unserem Sitz, und als riefen wir, unsere Mtzen
schwenkend, aus: In der Fremde ist es schn -- aber zu Hause ist's doch
noch besser.

Was fr eine herrliche Oper knnte man nach unseren nationalen Motiven
komponieren! Zeigt mir ein Volk, das mehr Lieder htte! Unsere Ukraine
hallt wider von Liedern. Auf der Wolga, von ihrer Quelle bis zum Meere,
ertnen -- die ganze Reihe der dahintreibenden Barken entlang -- die
Lieder der Schiffsknechte. Unter Gesang werden in ganz Ruland aus
Balken von Fichtenholz die Htten gezimmert. Mit Gesang fliegen die
Ziegel von Hand zu Hand und wachsen Stdte wie Pilze empor. Alte Frauen
singen, wenn der kleine Russe in Windeln gewickelt wird, wenn er sich
verheiratet und wenn er begraben wird. Alles, was reist, Adlige und
Brgerliche, fliegen beim Gesang des Kutschers dahin. Am Schwarzen Meer
singt der bartlose braune Kosak mit dem pechschwarzen Schnurrbart,
whrend er seine Flinte ladet, ein altes Lied; und dort am anderen Ende
Rulands erlegt der russische Hndler rittlings auf einer Eisscholle
sitzend, den Walfisch mit seiner Harpune und singt ein Lied dazu. Und da
sollte es uns an Stoff zu einer nationalen Oper fehlen! Die Oper Glinkas
ist nur ein schner Anfang. Er hat es mit viel Glck verstanden, in
seinem Werk zwei slawische Tonsprachen zu vereinigen; man hrt es
deutlich, wo der Russe und wo der Pole spricht; aus dem Gesang des einen
hrt man die freie, weite Melodie des russischen Liedes heraus, aus dem
des anderen den kecken, schnellen Rhythmus der polnischen Mazurka.

Das Petersburger Ballett ist hervorragend. Bei dieser Gelegenheit mu
ich ein paar Worte ber das Ballett berhaupt sagen. Die
Ballettauffhrungen in Paris, Petersburg und Berlin haben eine hohe
Vollendung erreicht; aber man mu gestehen, da der Fortschritt nur in
der wachsenden Pracht der Kostme und der Dekorationen besteht, das
eigentliche Wesen des Balletts, jedoch, die Erfindung hlt nicht Schritt
mit der Ausstattung, die Ballettschreiber bringen nur wenig Neues in den
Tnzen. Bisher fehlt es noch an dem eigentlich Charakteristischen. Sehen
wir einmal zu: an allen Enden der Welt gibt es berall Nationaltnze;
der Spanier tanzt ganz anders als der Schweizer, der Schotte wiederum
anders als der Deutsche (bei Teniers), der Russe anders als der Franzose
und der Asiate. Selbst in den verschiedenen Provinzen desselben Staates
wechseln die Tnze. Der Russe des Nordens tanzt nicht so wie der
Kleinrusse, wie der Sdslawe, der Pole oder Finne; der Tanz des einen
ist ausdrucksvoll, der des andern gefhllos, der eine ist wild und
rasend, der andere ruhig, der eine gewaltsam und schwerfllig, der
andere leicht und therisch. Woher stammt diese Mannigfaltigkeit der
Tnze? Sie stammt aus dem Charakter der Vlker, aus ihrer Lebensweise
und der Art ihrer Beschftigung. Ein Volk, das ein stolzes,
kriegerisches Leben fhrt, bringt diesen Stolz auch in seinem Tanz zum
Ausdruck; bei einem sorglosen, freien Volk spiegelt sich auch in den
Tnzen eine grenzenlose Freiheit und eine poetische Selbstvergessenheit;
ein Volk, das in einem heien Klima lebt, lt auch in seinen
Nationaltnzen Glut, Leidenschaft und Eifersucht spren. Der Schpfer
eines Balletts kann zur Charakterisierung seiner tanzenden Helden, wenn
er sich nur von einem feinen Geschmack leiten lt, aus diesem reichen
Stoffe whlen, soviel er will. Es versteht sich von selbst, da er, wenn
er erst einmal den Grundcharakter erfat hat, ihn noch weiter entwickeln
und sich weit ber sein Original emporschwingen kann, so wie ein
musikalisches Genie aus einem einfachen Liede, das es auf der Strae
hrt, ein ganzes Gedicht macht. Wenigstens wird der Tanz erst dann einen
tieferen Sinn erhalten, und so kann diese leichte, luftige und feurige
Sprache, die bis jetzt immer noch etwas beengt und beschrnkt erscheint,
sich zu hherer Form und Plastik entwickeln.

Die Petersburger sind groe Freunde des Theaters. Wenn Sie einmal an
einem frischen, kalten Morgen, whrend der rosig goldene Himmel von
durchsichtigen Rauchwolken, die aus den Schornsteinen aufsteigen,
durchzogen wird, auf dem Newsky-Prospekt spazieren sollten, dann treten
Sie um diese Zeit ins Foyer des Alexandra-Theaters: Sie werden erstaunt
sein ber die hartnckige Geduld, mit der die hier versammelte
Volksmenge in dichten Haufen den Billettverkufer belagert, der seine
Hand aus dem Kassenfenster herausstreckt. Wie viel Lakaien aller Art
drngen sich hier, der eine im grauen Mantel mit einer bunten seidenen
Krawatte, aber ohne Mtze, und ein anderer, bei dem der dreistckige
Kragen der Livree einem bunten Tintenwisch aus Tuch in Gestalt eines
Schmetterlings gleicht. Hier drngen sich auch jene Beamten, die sich
die Stiefel von ihren Kchinnen putzen lassen, und die niemand haben,
den sie nach einem Theaterbillett schicken knnen. Hier knnen Sie auch
sehen, wie ein echtrussischer Held pltzlich die Geduld verliert, auf
den Schultern der ganzen Menge bis zur Kasse vordringt und sein Billett
empfngt. Dann erst wird Ihnen klar werden, wie sich bei uns die Liebe
zum Theater bemerkbar macht. Und was wird auf unseren Bhnen gegeben? --
Melodramen und Vaudevilles! ... Ich hasse diese Melodramen und
Vaudevilles.

Die Lage der russischen Schauspieler ist sehr traurig. Vor ihnen zittert
und brodelt ein aufnahmefhiges Publikum, und sie mssen Leute
darstellen, die sie noch nie gesehen haben. Was sollen sie mit diesen
seltsamen Helden anfangen, die weder Franzosen noch Deutsche sind,
sondern halbverrckte Leute, die weder eine bestimmte Leidenschaft noch
eine charakteristische Physiognomie haben? Wie soll man da zeigen, was
man kann, wie sollen sich unter solchen Verhltnissen Talente
entwickeln? Gebt uns um Gottes willen wahrhaft russische Charaktere,
gebt uns uns selber, unsere Gauner und unsere Querkpfe! herauf mit
ihnen auf die Bhne und gebt sie dem Gelchter aller preis! Das Lachen
-- ist etwas wahrhaft Groes, es raubt uns weder das Leben, noch unser
Eigentum, und doch steht der Schuldige da wie ein Hase, dem man die
Beine zusammengebunden hat. Wir haben uns so sehr an die farblosen
franzsischen Stcke gewhnt, da wir uns beinahe frchten, unsere
eigenen zu sehen. Wenn man uns einen lebendigen Charakter vorfhrt, so
glauben wir gleich, das sei eine persnliche Anspielung, weil die
dargestellte Person weder einem _Paysan_, einem Theater-Tyrannen, einem
Reimschmied, einem Richter oder dergleichen verbrauchten Typen gleicht,
die von zahnlosen Autoren frmlich in ihre Stcke geschleppt werden, so
wie man etwa einen jener unvermeidlichen Figuranten auf die Bhne
schleppt, die vor dem Publikum mit dem gleichen stereotypen Lcheln ihre
im Laufe von vierzig Jahren bis zur Virtuositt einstudierten Pas
herunterholzen. Wenn man z. B. sagt, da es in einer Stadt einen nicht
ganz nchternen Hofrat gibt, so fhlen sich gleich alle Hofrte
beleidigt, und manch ein anderer Rat sagt wohl gar: Wie ist das nur
mglich, ich habe einen Verwandten, der ist Hofrat: ein vortrefflicher
Mensch! wie kann man denn sagen, da es einen betrunkenen Hofrat gibt!
Als ob ein einziger einen ganzen Stand um seine Ehre bringen knnte! Und
solch eine Empfindlichkeit ist bei uns tatschlich in allen
Gesellschaftsklassen verbreitet. Braucht es etwa noch der Beispiele? Man
denke nur an den Revisor.

Es ist wirklich peinlich. Es wre doch wirklich hchste Zeit,
einzusehen, da nur eine getreue Darstellung von Charakteren -- nicht in
ihren lngst bekannten immer aufs neue wiederholten allgemeinen Zgen --
sondern in einer Form von wahrhaft nationalem Geprge, die uns durch
ihre Lebendigkeit berrascht, so da wir ausrufen: Ja aber, mir
scheint, das ist doch ein Bekannter von mir! -- da nur solch eine
Darstellung einen wesentlichen Nutzen bringt. Wir haben aus dem Theater
ein Spielzeug in der Art jener Rasselchen gemacht, womit man Kinder
herbeilockt, wir haben vergessen, da das Theater ein Katheder ist, von
dem aus man einer ganzen groen Menge eine lebendige Lehre vortrgt, auf
ein Beispiel hinweist, wo uns beim festlichen Lichterglanz, beim Lrm
der Musik, unter einstimmigem Gelchter, ein weitbekanntes, verstecktes
Laster gezeigt wird, und wo, begleitet von der geheimen Stimme der
allgemeinen Teilnahme, ein allbekanntes, sich ngstlich verbergendes,
edles Gefhl ans Licht gezogen wird.

Aber genug vom Theater. Ich habe schon zuviel davon geredet. Der
Winterkarneval schliet mit einer lauten und lrmenden Woche ab; dann
fliegt die eine Hlfte der Petersburger auf Schaukeln durch die Luft
oder saust wie der Wirbelwind die Rodelbahn hinunter, whrend sich die
andere Hlfte in eine lange Kette von Wagen verwandelt, die sich kaum
vorwrtsbewegt, immer wieder aufgehalten von dem fr Ordnung sorgenden
Gendarmen; da gibt's den ganzen Tag ber und am Abend alle mglichen
Vorstellungen, und der ganze Admiralittsplatz ist mit Nuschalen
bedeckt ....

Still und finster ist die Zeit der groen Fasten. Es ist einem, als
vernehme man eine Stimme, die einem zuruft: Halt ein, Christenmensch:
sieh zu, wie du lebst. Die Straen sind leer. Man sieht keine Wagen.
Ein sinnender Zug liegt auf den Gesichtern der Vorbergehenden. Ich
liebe dich, du Zeit der Nachdenklichkeit und des Gebets! Freier und mit
mehr berlegung werden meine Gedanken dahinflieen, und diese ganze
seichte, eitle Gesellschaft wird sicherlich mde und verschlafen
daliegen und vergessen, zu mir zu kommen und mich mit ihrem trivialen
Gerede ber Whist, Literatur, Auszeichnungen und Theater zu plagen.

Die Fastenzeit in Petersburg ist das Fest der Musik. Um diese Zeit
kommen hier Musiker aus allen Teilen Europas zusammen. Das
Monstre-Konzert zum Besten der Invaliden hat immer etwas Gewaltiges;
vierhundert Musiker! das macht einen mchtigen Eindruck! Wenn der
harmonische Zusammenklang von vierhundert Tnen unter dem drhnenden
Gewlbe emporhallt, dann mu, wie mir scheint, auch die Seele jedes
Zuhrers, und wre sie noch so armselig, von einer ganz ungewhnlichen
Erschtterung durchzittert werden.

Whrend der Fastenzeit fllt dann und wann ein Sonnenstrahl in die
Petersburger Atmosphre. Der westliche Teil, der dem Meere zugewandt
ist, wird heller. Der Norden blickt von der Wiborger Seite weniger
finster herber. Immer hufiger halten die Wagen auf der Strae, und die
Insassen steigen aus, um auf dem Trottoir spazierenzugehen. Seit dem
Jahre 1836 ist der Newsky-Prospekt, dieser laute, ewig bewegte, emsige,
vorwrtsdrngende Newsky-Prospekt ganz heruntergekommen: der Treffpunkt
der vornehmen Welt ist an den Englischen Kai verlegt worden. Der
verstorbene Kaiser liebte den Englischen Kai. Er ist auch wirklich
wundervoll. Aber jetzt, wo der Korso dahin verlegt worden ist, habe ich
erst bemerkt, da der Kai etwas zu kurz ist. Die Spaziergnger sind
trotzdem noch im Vorteil, denn die Hlfte des Newsky-Prospekts war immer
von Handwerkern und Beamten besetzt, und man hatte hier die Aussicht,
dreimal soviel Pffe zu bekommen, wie an irgendeinem anderen Ort.

Warum eilt nur unsere Zeit, die durch nichts zu ersetzen ist, so schnell
dahin? Wer ruft sie zu sich? Was bilden doch die groen Fasten fr einen
ruhigen, stillen Zeitabschnitt! Was kann man in diesen sieben Wochen
nicht alles vollbringen? Jetzt will ich mich endlich ernstlich an meine
Arbeit machen. Jetzt werde ich endlich vollenden, was mich der Lrm und
die allgemeine Unruhe nicht vollenden lieen. Aber ach, die erste Woche
geht schon zu Ende! Ich habe noch nicht angefangen und schon kommt die
zweite hinter ihr hergejagt, schon ist die erste Hlfte der dritten
vorber, schon kommt die vierte heran, schon beginnt der groe Jahrmarkt
im Gostinnij Dwor[16], und eine ganze Galerie von jungen Weidenruten mit
wchsernen Frchten und Blumen blht unter den dunklen Hallen auf. Als
ich an dieser bunten Allee, in deren Dunkel eine Menge von roh
geschnitztem Kinderspielzeug aufgetrmt war, vorberging, wurde mir
recht peinlich zumute. Ich rgerte mich ber die rotwangigen
Kinderfrauen, die sich hier in ganzen Trupps herumtrieben, ber die
Kinder, die ganz glcklich vor diesem Haufen eines ihnen so viel
Vergngen bereitenden Plunders stehenblieben, und ber den schwarzen
untersetzten Griechen mit dem groen Schnurrbart, der sich moldauischer
Konditor titulierte und allerhand zweifelhafte und undefinierbare
Leckereien feilbot. Die auf den Tisch ausgebreiteten Stiefelbrsten,
bleiernen ffchen, Gabeln und Messer, Honigkuchen und kleinen Spiegel
widerten mich an. Die bunte Menge aber drngt sich und schiebt sich
immerfort weiter, berall begegnet man demselben Ausdruck in den Zgen;
mit derselben Neugierde wie im vorigen Jahr, wie vor zwei und drei und
mehr Jahren, blickt man auf all die Dinge; ich aber und jeder einzelne
Mensch von diesem Volk sind schon nicht mehr dieselben, es sind andere
Gefhle, die es heute bewegen, nicht die, die es im vergangenen Jahr
bewegten, die Gedanken sind finsterer geworden, von den Lippen strahlt
uns kein so heiteres Seelenlcheln entgegen wie ehedem, und jeden Tag
verliert es etwas von seiner frheren Lebhaftigkeit!

[Funote 16: Eine groe Markthalle in Petersburg.]

Auf der Newa gab es frh Eisgang. Ohne von den Winden beunruhigt zu
werden, taute das Eis noch beinahe vor dem eigentlichen Eisgang auf und
war so locker, da es sich, whrend es von der Strmung fortgetragen
wurde, von selbst auflste. Bei nahezu gleicher Zeit sandte auch der
Ladoga-See seine Eismassen hinunter. Die Hauptstadt war pltzlich wie
verwandelt. Die Spitze des Glockenturms der Peter-Pauls-Kirche, die
Festung, die Wilhelmsinsel, die Wiborger Seite und der englische Kai --
alles nahm ein malerisches Aussehen an. Rauchwolken ausstoend, kam der
erste Dampfer herangeflogen! Von Wassilij Ostrow und nach ihm hin fuhren
die ersten, mit Beamten, Soldaten, alten Kinderfrauen und englischen
Kanzleibeamten besetzten Khne ber die Newa. Ich kann mich nicht
erinnern, da wir in jngster Zeit so ein stilles, heiteres Wetter
gehabt haben. Es war am Abend vor Ostersonntag, als ich den Boulevard
der Admiralitt betrat und auf ihm bis zum Landungsplatz der Dampfer
schritt, von dem einem zwei Jaspis-Vasen entgegenleuchten; da lag mit
einem Male die Newa offen vor mir, auf der Wiborger Seite schimmerte das
helle Rot des Himmels durch einen blauen Nebel hindurch, die Huser der
Petersburger Seite waren in ein beinahe violettes Licht getaucht, das
ihr unschnes uere verhllte, die Kirchen, ber deren gewlbte Flchen
der Nebel seine monotone Decke breitete, schienen wie auf einen
Hintergrund von hellrosa Stoff gemalt oder aufgeklebt, und in dieser
violetten und hellblauen Finsternis blitzte allein die Turmspitze der
Peter-Pauls-Kirche auf und spiegelte sich im unendlichen Wasserspiegel
der Newa -- da schien mir's, als sei ich gar nicht in Petersburg,
sondern als wre ich in eine andere Stadt versetzt, in der ich schon
einmal gewesen war, wo ich alles kenne und wo es das gibt, was
Petersburg nicht hat ... Da war auch der bekannte Ruderknecht, den ich
schon mehr als ein halbes Jahr nicht gesehen hatte, er machte sich am
Ufer mit seinem Kahn zu schaffen, vertraute Reden klangen an mein Ohr;
und dann das Wasser und der Sommer, die es in Petersburg nicht gab.

Ich liebe den Frhling auerordentlich. Sogar hier in diesem rauhen
Norden ist er meine liebste Jahreszeit. Mir scheint, kein Mensch in der
ganzen Welt liebt ihn so wie ich. Mit ihm kehrt meine Jugend zu mir
zurck; im Frhling ist meine Vergangenheit mehr als eine bloe
Erinnerung -- sie liegt vor meinem Blick und treibt mir Trnen in die
Augen. Ich war durch die hellen, klaren Tage des Ostersonntags so
berauscht, da ich den groen Jahrmarkt auf dem Admiralittsplatz gar
nicht bemerkte. Nur ganz von ferne sah ich, wie eine Schaukel einen
jungen Burschen, Arm in Arm mit einer Dame in elegantem Hut, hoch in die
Luft trug, und an einer Ecke streifte mein Auge das groe Schild einer
Schaubude, auf dem ein ungeheurer roter Teufel mit einer Axt in der Hand
abgebildet war. Sonst habe ich nichts mehr gesehen.

Es ist fast, als ob das Leben der Residenz mit dem Ostersonntag seinen
Abschlu findet, und es scheint, als mache sich hierauf alles, was wir
auf der Strae sehen, auf die Reise. Die Vorstellungen und die Blle
nach Ostern sind nichts als die Reste von denen, die vor der Fastenzeit
stattfanden, oder besser gesagt -- sie sind die letzten Gste, die
spter aufbrechen als die anderen, am Kamin noch einige Worte wechseln,
und die Hand vor den Mund legen, um ihr Ghnen zu verbergen. Die Stadt
trocknet ganz aus, auch die Trottoirs sind trocken. Die Petersburger
Gentlemen spazieren im bloen Rock, jeder mit einem andern Spazierstock
herum; statt der schweren Kutschen sieht man halbgedeckte Droschken und
Kabrioletts ber das glatte Straenpflaster rollen. Jetzt werden auch
viel weniger Bcher gelesen. Schon sieht man in den Schaufenstern statt
der wollenen Strmpfe Sommermtzen und Reitpeitschen ausliegen. Mit
einem Wort, whrend des ganzen Monats April scheint ganz Petersburg im
Aufbruch begriffen. Es ist so angenehm, die sitzende, sehafte
Lebensweise aufzugeben und von einem weiten Weg unter einen andern
Himmel nach den grnen Hainen des Sdens, nach Lndern, in denen eine
neue Luft weht, zu trumen. Der hat es gut, dem am Ende einer
Petersburger Strae die in die Wolken ragenden Berge des Kaukasus, die
Seen der Schweiz, das mit Lorbeeren und Anemonen geschmckte Italien
oder das trotz seiner de noch herrliche Griechenland winkt .... Aber
halt ein, mein Gedanke: noch trmen sich zu meinen beiden Seiten die
Huser Petersburgs empor ....


                                  III
                       Italienische Sommernchte


                              Erste Nacht.

Sie waren so s und so qualvoll, diese schlaflosen Nchte. Er sa krank
in seinem Lehnstuhl. Ich war bei ihm. Der Schlaf wagte es nicht, meine
Lider zu berhren. Stumm und gehorsam schien er das Heiligtum unseres
nchtlichen Wachseins zu achten. Es war mir so s, neben ihm zu sitzen
und ihn anzuschaun. Schon seit zwei Nchten sagten wir uns _du_. Wie
viel nher war er mir seitdem gerckt. Er sa immer gleich sanft, still
und ergeben da. Gott! wie freudig, mit welcher Heiterkeit htte ich
seine Krankheit auf mich genommen! Und wenn mein Tod ihm seine
Gesundheit htte zurckgeben knnen, wie bereitwillig htte ich mich ihm
in die Arme geworfen!

                   *       *       *       *       *

Heute nacht war ich nicht bei ihm. Ich hatte mich endlich entschlossen,
wieder einmal zu Hause zu schlafen. Oh! wie hlich, wie trivial war
diese Nacht und mein verchtlicher Schlaf! Ich schlief schlecht,
obgleich ich alle Nchte in der vergangenen Woche schlaflos verbracht
hatte. Der Gedanke an ihn peinigte mich. Ich sah ihn vor mir, wie er
mich flehend und vorwurfsvoll anblickte. Ich sah ihn mit den Augen der
Seele. Wie ein Verbrecher eilte ich am nchsten Morgen in aller Frhe zu
ihm. Er erblickte mich von seinem Bett aus und lchelte mit jenem
Engelslcheln, das ihm jetzt eigen war. Er reichte mir die Hand und
drckte sie liebevoll. Verrter! sagte er. Du bist mir untreu
geworden. -- Mein Engel, rief ich aus, verzeihe mir. Ich habe
gefhlt, wie du gelitten. Ich habe mich die ganze Nacht geqult. Meine
Ruhe war keine Ruhe. Verzeihe mir. Er war so gtig. Mild drckte er
meine Hand. Wie war ich da fr die Qualen meiner so sinnlos verbrachten
Nacht belohnt! -- Mein Kopf ist mir so schwer, sagte er. Ich fchelte
ihm mit einem Lorbeerzweig Khlung zu. Oh, wie khl, wie schn das
ist! sagte er. Seine Worte waren ... ach, wie waren diese Worte ...!
Was htte ich damals nicht dafr gegeben -- auf welche irdischen Gter,
diese verchtlichen, gemeinen, hlichen Gter htte ich damals nicht
verzichtet ... nein ... oh, sprechen wir nicht davon! O du, in dessen
Hnde diese formlosen, schwachen Zeilen, dieser matte Ausdruck meiner
Gefhle, kommen -- wenn sie berhaupt in deine Hnde kommen -- du wirst
mich verstehn. Sonst wirst du sie nie zu sehen bekommen. Du wirst
verstehn, wie hlich dieser ganze Haufen von Schtzen und Ehren, dieser
tnenden Lockungen der Holzpuppen ist, die man Menschen nennt. Oh! mit
welcher Freude, mit welcher Wut wollte ich alles zerstampfen und
zertreten, was das mchtige Zepter des Kaisers des Nordens zu
verschenken hat, wenn ich nur wte, da ich damit ein Lcheln auf
seinem Antlitz erkaufen knnte, das mir eine kleine Erleichterung
ankndigt.

Warum hast du mir einen so schlimmen Mai gebracht? sagte er, als er
erwachte; er sa im Lehnstuhl, er hrte den Wind, der hinter den
Fensterscheiben brauste, die sen Wohlgerche wilder Jasminblten und
weier Akazien mit sich fhrte und sie mit den Rosenblttern durch die
Luft trug.

                   *       *       *       *       *

Um 10 Uhr ging ich zu ihm hinunter. Ich hatte ihn vor drei Stunden
verlassen, um selbst etwas auszuruhn und etwas zurechtzumachen, um ihm
eine kleine Abwechslung zu verschaffen, damit mein Erscheinen ihm spter
mehr Freude bereite. Ich kam um 10 Uhr zu ihm hinunter. Er sa schon
ber eine Stunde allein. Die Gste, die bei ihm gewesen waren, hatten
ihn lngst verlassen. Er sa allein. Die Qual der Einsamkeit war auf
seinem Gesicht zu lesen. Als er mich erblickte, winkte er leicht mit der
Hand. O du mein Retter, sagte er. Noch heute klingen mir diese Worte
im Ohre. O du mein Engel, du hast dich gelangweilt? Oh! wie habe ich
mich gelangweilt! antwortete er. Ich kte ihn auf die Schulter. Er
reichte mir seine Wange. Wir kten uns; er drckte noch immer meine
Hand.


                              Achte Nacht.

Er lag nicht gern im Bett und legte sich fast nie nieder. Er zog seinen
Lehnstuhl und die sitzende Stellung vor. Aber in dieser Nacht sagte ihm
der Arzt, er msse sich ausruhn. Mimutig stand er auf, sttzte sich auf
meine Schulter und ging zu seinem Bett. Mein liebes Herz! Sein mder
Blick, sein bunter warmer Rock, sein langsamer Schritt, ich sehe das
alles noch, es steht mir vor Augen. Er lehnte sich an meine Schulter und
flsterte mir ins Ohr, indem er einen Blick auf das Bett warf: Jetzt
bin ich verlassen. -- Wir wollen nur eine halbe Stunde im Bett
bleiben, sagte ich ihm, dann setzen wir uns wieder in deinen Stuhl!
Ich blickte auf dich, du liebe, zarte Blte! Die ganze Zeit, whrend du
im Bett oder im Lehnstuhl schliefst oder nur schlummertest, folgte ich
jeder deiner Bewegungen, bei jedem Blick aus deinen Augen wie durch eine
unerklrliche Gewalt an dich gebannt.

Wie seltsam neu war mir damals mein Leben, und doch war mir's, als sei
das alles nur eine Wiederholung von etwas Fernem, lngst Dagewesenem!
Aber mir scheint, es ist schwer, eine Vorstellung davon zu geben, mir
war's, als kehre ein flchtiger, neuer Abschnitt meiner Jugend zu mir
zurck, einer Zeit, wo die junge Seele nach Freundschaft und
Verbrderung mit ihren jungen Altersgenossen drstet, nach einer
wahrhaft jugendlichen Freundschaft voller lieber, beinahe kindlicher
Kleinigkeiten und gegenseitiger Beweise einer zrtlichen Anhnglichkeit;
wo es so s ist, einander Aug' in Auge zu schauen, wo man hufig sogar
zu dem berflssigsten Opfer bereit ist. Alle diese sen, jungen,
frischen Gefhle -- die, ach, nur die Bewohner einer unwiederbringlich
verlorenen Welt sind -- alle diese Gefhle kehrten zu mir zurck. Mein
Gott, warum nur? Ich blickte auf dich, meine liebe, junge Blte! Wehte
mich darum dieser liebliche Duft der Jugend so pltzlich an, um mich
dann mit einemmal in eine noch grere, tdliche Erstarrung der Gefhle
zu strzen, und um mich pltzlich um zehn Jahre lter zu machen, damit
ich noch verzweifelter, noch hoffnungsloser auf mein dahinschwindendes
Leben sehen sollte? So flammt ein ausgehendes Licht noch ein letztes Mal
in der Luft auf und erleuchtet noch einmal zitternd die dstren Mauern,
um dann fr immer zu erlschen.




                                  Rom
                              Ein Fragment


                         Deutsch von Otto Buek

Sieh dir den Blitz an, wenn er durch kohlschwarze Wolken bricht und
schier unertrglich aufleuchtet in einer wahren Flut von Licht: so sind
die Augen der Albanerin Anunziata. An ihr erinnert alles an jene alten
Zeiten, als der Marmor aufzuleben begann und der Meiel in der Hand des
Bildhauers blitzte. Ein schwerer Zopf dichter, pechschwarzer Haare
schlang sich in zwei Ringen hoch um das Haupt, um in vier langen Locken
auf den Hals herabzufallen. Wem sie den leuchtenden Schnee ihres
Antlitzes zuwenden mochte -- ihr Bild prgte sich jedem tief ins Herz
hinein. Wandte sie jemand ihr Profil zu -- so strmte ein wunderbarer
Adel von ihm aus, und der schne Schwung der Linien bertraf alles, was
je eines Malers Pinsel geschaffen hat. Oder drehte sie einem den Rcken
und lie sie ihm ihren Hinterkopf mit dem herrlichen, aufwrts gekmmten
Haar, den leuchtenden Hals und die berirdische, nie gesehene Schnheit
ihrer Schultern sehen -- so wirkte sie auch da wie ein Wunder. Aber am
herrlichsten war sie, wenn sie ihre Augen auf jemand richtete, ihn ansah
und kalte Schauer in sein Herz go. Hell wie Erz tnte ihre volle
Stimme. Kein geschmeidiger Panther htte es an Kraft, Stolz und
Schnelligkeit der Bewegungen mit ihr aufnehmen knnen. In jedem Teile
ihres herrlichen Krpers erschien sie wie die Krone der Schpfung, von
den Schultern bis hinab zu dem lebenatmenden Fu von antiker Bildung --
ja bis zur letzten Zehe dieses Fues. Wohin sie gehen mochte -- stets
lie sie ein Bild vor dem Auge erstehen: wenn sie abends mit der
getriebenen Bronzevase auf dem Haupte zum Brunnen eilte, so schien sich
die ganze Umwelt mit einer wunderbaren Harmonie zu erfllen: die
herrlichen Linien des Albanergebirges verloren sich sanfter in der
Ferne, blauer als sonst erschien die Tiefe des rmischen Himmels,
schlanker strebte die Zypresse zur Hhe, und der schnste unter den
Bumen des Sdens, die rmische Pinie, hob sich mit ihrer schirmartigen,
wie in der Luft schwebenden Spitze zarter und reiner vom Himmel ab. Und
alles, der Brunnen, wo auf den Marmorstufen die Albanermdchen, eine
grer und schlanker als die andre, in Haufen beieinander standen und
mit ihren krftigen, silbernen Stimmen durcheinanderschwatzten, whrend
in klingendem, diamantenem Strahl das Wasser emporsprang und
nacheinander die untergehaltenen kupfernen Krge fllte, -- der Brunnen,
die Mdchengruppen, -- alles schien allein um ihretwillen da zu sein, um
ihre sieghafte Schnheit noch heller erstrahlen, um erkennen zu lassen,
da sie ber alles herrscht und gebietet, wie eine Knigin ber ihr
Hofgesinde. Oder, wenn an einem Feiertage die dunkle Baumgalerie, die
von Albano nach Castel Gandolfo fhrt, voll festlich gekleideter
Menschen ist, wenn unter ihrer dunklen Wlbung die Minenti stutzerhaft
in Sammetkleidern mit leuchtenden Grteln und einer goldfarbenen Blume
an ihrem Kastorhut einherspazieren, wenn zahlreiche Esel mit
halbgeschlossenen Augen schlanke, krftige Albanerinnen und
Frascatanerinnen in malerischer Haltung mit weithin schimmerndem, weiem
Kopfputz im Schritt oder im Galopp vorbertragen, oder mhsam,
fortwhrend stolpernd und so gar nicht malerisch mit einem langen,
unbeweglichen, in einen erbsgrauen, undurchdringlichen Mantel gehllten
Englnder vorberziehen, der aus Furcht, seine Fe knnten die Erde
berhren, mit spitzwinklig emporgezogenen Beinen dasitzt, oder mit einem
Knstler in einer schlichten Bluse, einem an einem Riemen befestigten
Holzkasten und einem kecken Van-Dyk-Brtchen vorbeitraben, whrend
Schatten und Sonnenlicht abwechselnd ber die ganze Gruppe huschen --
selbst dann, d. h. selbst an solch einem Feiertage ist es einem weit
wohler zumute, wenn sie da ist, als wenn sie fehlt. Die Passage lt sie
strahlend und ganz in Licht gehllt aus ihrer finstern, dunklen Tiefe
heraustreten. Der Purpurstoff ihres albanischen Kleides flammt wie Gold,
das ein Sonnenstrahl berhrt hat. Eine wundersame Feiertagsstimmung
leuchtet einem jeden von ihrem Anlitz entgegen, und wer ihr begegnet,
bleibt wie angewurzelt stehen: der stutzerhafte Minenti mit der Blume am
Hut stt einen Schrei der berraschung aus, das Gesicht des Englnders
im erbsgrauen Mantel verwandelt sich in ein Fragezeichen, und der
Knstler mit dem Van-Dyk-Brtchen ...; doch dieser bleibt viel lnger
auf einem Flecke stehen, als alle andern, wie wenn er sich dchte: ja,
das wre ein herrliches Modell fr eine Diana, eine stolze Juno, eine
verfhrerische Grazie wie berhaupt fr jede Frau, die jemals auf einer
Leinwand dargestellt ward! Und er fgt wohl in Gedanken khn hinzu: ja,
das wre ein Paradies, wenn ein solches Wunder mein bescheidenes Atelier
fr immer schmcken knnte.

Wer aber ist _er_, dessen Blick sich so viel leidenschaftlicher und wie
gebannt an ihre Spuren heftet! Wer ist er, der jedes ihrer Worte, jede
ihrer Bewegungen und Gedankenregungen so aufmerksam auf ihrem Gesichte
verfolgt. Ein fnfundzwanzigjhriger Jngling, ein rmischer Frst, der
Nachkomme einer Familie, die einst die Ehre, den Stolz und die Schmach
des Mittelalters bildete und die nun in einem wunderbaren alten Schlo
auf ihr nahes Ende wartete. Dieses mit Fresken von Guercin und Caracci
gezierte Schlo beherbergte eine Bildergalerie voll nachgedunkelter
Gemlde, verblichener Stoffe, lazurblauer Tische und wurde von einem
_Maestro di casa_ verwaltet, der selbst grau wie ein Falke war.

Vor kurzem erst hatten ihn die rmischen Straen erblickt: diese
schwarzen Augen, die hinter dem ber die Schulter geworfenen Mantel
Blitze hervorschleuderten, diese Nase von antiker Kontur, das Elfenbein
seiner Stirn und die auf sie herabfallende wehende Locke seidenen
Haares. Nach fnfzehnjhriger Abwesenheit war er wieder in Rom
aufgetaucht; nun ein stolzer Jngling, er, der noch vor kurzem ein Kind
gewesen war.

Aber der Leser mu unbedingt erfahren, wie das alles geschah, und daher
wollen wir schnell die Geschichte dieses jungen, aber an starken
Eindrcken schon so reichen Lebens an uns vorberziehen lassen. Seine
frhste Jugend hatte der Frst in Rom verlebt; er erhielt eine
Erziehung, wie sie bei den hohen rmischen Wrdentrgern, deren Leben
sich seinem Ende entgegenneigt, blich ist. Ein Abb vertrat bei ihm die
Stelle des Lehrers, Aufsehers, Gouverneurs usw.; dieser war ein strenger
Klassiker, ein Verehrer der Briefe Pietro Bembos, der Werke des Giovanni
della Casa und einiger fnf oder sechs Gesnge Dantes, die er beim Lesen
stets mit lebhaften Ausrufen wie: _Dio che cosa divina!_ begleitete,
um nach ein paar Zeilen gleich wieder hinzuzufgen: _Diavolo che divina
cosa!_ Darin bestand das ganze knstlerische Werturteil und die ganze
Kritik der von ihm so bewunderten Werke -- im brigen aber sprach er nur
ber Broccoli und Artischocken, -- dies war sein Lieblingsthema, und er
wute ganz genau, zu welcher Jahreszeit das Kalbfleisch am besten sei
und in welchem Monat man damit beginnen knne, junges Ziegenfleisch zu
essen; ber all diese Gegenstnde unterhielt er sich am liebsten auf der
Strae, wo er gewhnlich einen andern Abb zu treffen pflegte; er trug
schwarze seidene Strmpfe, in die er zuvor ein Paar wollene
hineinstopfte, wodurch er seine dicken Waden geschickt zur Geltung zu
bringen wute, nahm regelmig einmal im Monat eine Portion _Olio di
ricino_ in einer Tasse Kaffee als Purgiermittel ein und wurde, wie alle
Abbs, mit jedem Tag und jeder Stunde wohlbeleibter. Es ist begreiflich,
da sich der junge Frst bei einer solchen Erziehung kein groes Wissen
aneignete. Er erfuhr nur, da die lateinische Sprache die Mutter der
italienischen sei, da es drei Arten von Monsignori gibt: solche in
schwarzen Strmpfen, solche in violetten Strmpfen und endlich solche,
die beinahe so viel bedeuten, wie ein Kardinal; er lernte einige Briefe
Pietro Bembos -- meist Glckwunschschreiben an die zu jener Zeit
lebenden Kardinle -- kennen, machte nhere Bekanntschaft mit der
Corsostrae, wo er hufig mit dem Abb spazierenging, sowie ferner mit
der Villa Borghese und mit zwei bis drei Lden, vor denen der Abb
haltzumachen pflegte, um sich Papier, Federn und Schnupftabak zu kaufen,
und endlich noch mit der Apotheke, wo jener sein _Olio di ricino_ bezog.
Das war der ganze Horizont, der das Wissen des Zglings umschlo. Von
den anderen Lndern und Staaten hatte der Abb nur in ganz unklaren und
unsicheren Andeutungen gesprochen: er hatte erwhnt, da es ein sehr
reiches Land, Frankreich, gbe, da die Englnder gute Kaufleute seien
und eine groe Vorliebe fr das Reisen htten, da die Deutschen -- sehr
viel trnken und da im Norden ein barbarisches Land Moscovien liege, in
dem eine furchtbare Klte herrsche, bei der ein menschliches Gehirn
leicht in die Brche gehen knne. Wahrscheinlich htte der Zgling bis
zu seinem fnfundzwanzigsten Jahre kaum noch etwas ber diese Tatsachen
hinaus erfahren, wenn es dem alten Frsten nicht pltzlich eingefallen
wre, die alte Erziehungsmethode fallen und dem Sohne eine europische
Bildung geben zu lassen, was wohl zum Teil dem Einflu einer
franzsischen Dame zuzuschreiben war, auf die der Frst seit einiger
Zeit berall -- im Theater wie auf Spaziergngen -- bestndig seine
Lorgnette richtete, wobei er alle Augenblicke sein Kinn in sein
ungeheures weies Jabot versenkte und sich eine schwarze Locke auf
seiner Percke zurechtstrich. So wurde denn der junge Frst nach Lucca
geschickt, um hier die Universitt zu beziehen. Dort entfaltete sich
whrend eines sechsjhrigen Aufenthaltes seine lebhafte italienische
Natur, die unter der langweiligen Aufsicht des Abbs nur geschlummert
hatte: Es zeigte sich, da der Jngling eine nach erlesenen Genssen
drstende Seele und eine starke Beobachtungsgabe besa. Die italienische
Universitt, wo die Wissenschaft unter der harten Hlle trockener,
scholastischer Formen dahinvegetierte, befriedigte die jngere
Generation nicht mehr, an deren Ohr schon die Kunde von dem lebendigen
Geiste gedrungen war, die hie und da ber die Alpen kam. Der Einflu
Frankreichs machte sich bereits in Oberitalien bemerkbar: er wurde
zugleich mit allerhand neuen Moden, Vignetten, Vaudevilles und
geknstelten Produkten der zgellosen, ungeheuerlichen und
leidenschaftlichen franzsischen Muse, die aber dennoch Spuren eines
starken Talentes erkennen lt, hierher getragen. Die starke politische
Bewegung, die sich seit der Julirevolution in den Zeitschriften
bemerkbar machte, fand auch hier ihr Echo. Man trumte von der
Wiederherstellung der entschwundenen ruhmvollen italienischen
Vergangenheit und blickte voller Emprung auf die verhate weie Uniform
der sterreichischen Soldaten. Aber die zu ruhigen Genssen reizende
italienische Natur machte sich nicht Luft in einem Aufstand, zu dem sich
der Franzose ohne lange Bedenken entschlossen htte: all diese Gefhle
strmten nur in dem einen unbestimmten Wunsch zusammen, das wahre Europa
jenseits der Alpen kennen zu lernen. Die ewige Bewegung, die es
durchflutete, und sein heller Glanz erschienen in lockender Ferne. Dort
war alles neu, stand alles im Gegensatz zu dem ehrwrdigen Alter
Italiens, dort hatte das XIX. Jahrhundert und das wahre europische
Leben begonnen. Ein heies Sehnen ri die Seele des jungen Frsten
dorthin; er trumte von hellem Licht und Abenteuern, und jedesmal
umwlkte ein drckendes Gefhl der Wehmut seinen Geist, wenn er der
Unmglichkeit inne wurde, seinen Wunsch erfllt zu sehen: er kannte den
unbeugsamen, despotischen Willen des alten Frsten, und er fhlte sich
auerstande, es mit ihm aufzunehmen -- da erhielt er pltzlich einen
Brief von dem Frsten, in dem dieser ihm befahl, nach Paris zu reisen,
seine Studien in der dortigen Universitt zu beendigen und nur in Lucca
die Ankunft eines Onkels abzuwarten, um sich mit diesem zusammen auf die
Reise zu begeben. Der junge Frst sprang vor Glck in die Hhe, kte
seine smtlichen Freunde ab, gab ihnen in einer Osterie, die in der
Umgegend der Stadt lag, ein Festmahl und war zwei Wochen spter bereits
unterwegs mit einem Herzen, das jedem Gegenstand mit frohem Pochen
entgegenschlug. Als man den Simplon passiert hatte, leuchtete ein
freudiger Gedanke in seinem Kopfe auf; er befand sich auf der andern
Seite der Alpen: er war in Europa. Die wilde Unform der Schweizer Alpen,
die sich ohne weite Perspektiven und ohne jene weich in der Ferne
verlaufenden Tiefen in die Hhe trmten, erschreckte zunchst seinen an
die hohe Ruhe und an die heitere wollstige Schnheit der italienischen
Natur gewhnten Blick. Aber er erheiterte sich mit einem Schlage beim
Anblick der europischen Stdte, der prachtvollen hellen Gasthfe und
des Komforts, der jeden Reisenden erwartete, so da er sich's bequem
machen konnte, wie wenn er zu Hause wre. Diese kokette Sauberkeit und
dieser Glanz -- das war ihm alles neu. In den deutschen Stdten fhlte
er sich ein wenig berrascht durch den etwas seltsamen Krperbau der
Deutschen und den Mangel an Grazie, Harmonie und Schnheit, fr die der
Italiener ein angeborenes Gefhl im Busen trgt; auch die deutsche
Sprache machte einen unangenehmen Eindruck auf sein musikalisches Ohr,
aber nun lag die franzsische Grenze vor ihm, und sein Herz erbebte. Die
leichten, hpfenden Laute einer modernen europischen Sprache trafen
zrtlich kosend sein Ohr, und mit Wonne suchte er ihr sanft gleitendes
Gerusch aufzufangen; schon in Italien waren ihm diese Laute als etwas
Hohes erschienen, befreit von allen krampfhaften Bewegungen, wie sie den
starken Sprachen aller Vlker der gemigten Zone eigen sind, die sich
noch nicht gewhnt haben, sich in mavollen Grenzen zu halten. Einen
noch greren Eindruck aber machten auf ihn die Frauen, diese seltsamen,
leicht dahinschwebenden Geschpfe. Er war berrascht ber diese
flchtigen Wesen mit den kaum hervortretenden zarten Formen, den kleinen
Fen, dem feinen therischen Gliederbau, dem Feuer der Augen, das
Hingabe und Sympathie ausstrmte, und ihrem leichten, kaum ber
Andeutungen hinausgehenden Geplauder. Voller Ungeduld erwartete er die
Ankunft in Paris, das er in seiner Einbildung mit Trmen und Palsten
ausschmckte; er machte sich ein eigenes Phantasiebild von dieser Stadt,
und mit pochendem Herzen gewahrte er endlich die ersten Anzeichen der
Nhe der Hauptstadt: Plakate an den Mauern, Buchstaben von ungeheurer
Gre, immer zahlreicher werdende Omnibusse und Diligencen, -- und nun
erschienen die ersten Huser der Vorstadt. Doch jetzt war er in Paris
und fhlte sich dunkel von der ungeheueren Auenseite der Stadt
umfangen; Staunen erfate ihn, als er die Bewegung und all den Glanz in
den Straen erblickte, dies wirre Durcheinander der Dcher, den Wald der
Schornsteine, die dichten stillosen Husermassen mit den eng
beieinanderstehenden bunten Lden, die hlichen nackten,
zusammenhangslosen Fassaden, diese zahllose bunte Menge goldener
Buchstaben, die alle Wnde bedeckten, bis auf die Dcher und sogar auf
die Schornsteine emporkletterten, die hellen unteren Stockwerke, die aus
lauter Spiegelglsern bestanden, und in die man bequem hineinsehen
konnte. Dies also war Paris, dieser ewig kochende Krater, dieser
Springbrunnen, der eine wahre Funkengarbe von Neuigkeiten, von
Aufklrung, Moden, erlesenem Geschmack und winzigen, aber mchtigen
Gesetzen ausspie, denen sich selbst die Tadler nicht zu entziehen
vermochten: diese groe Ausstellung aller Erzeugnisse der Kunst,
hchster Meisterschaft und aller Talente, die sich in den
unbedeutendsten Winkeln Europas verbergen, die drngende Sehnsucht und
der schnste Traum eines Zwanzigjhrigen, diese Wechselstube und dieser
Jahrmarkt Europas. Ganz betubt und unfhig, sich zu sammeln, streifte
er durch die Straen, die von allerlei Volk wimmelten und von
zahlreichen Rinnen, die die Rder vorberrollender Omnibusse
hinterlieen, durchfurcht waren, bald gefesselt durch den Anblick eines
Cafs und seiner wunderbaren, geradezu kniglichen Ausstattung, bald
wieder berrascht durch die berhmten gedeckten Passagen, wo ihn das
dumpfe Gerusch von einigen tausend Fugngern betubte, meist jungen
Leuten, die sich wie eine kompakte Masse vorwrts bewegten, und vllig
geblendet von dem flimmernden Glanz der Kauflden, die von oben her
durch ein auf das Glasdach der Galerie fallendes Licht erleuchtet
wurden. Zuweilen auch blieb er vor einem der vielen Plakate stehen, die
in Millionen Exemplaren und dicht nebeneinanderhngend, das Auge durch
ihre Buntheit beunruhigten: das waren laute Ankndigungen von etwa
vierundzwanzig Vorstellungen, die hier tglich stattfanden, und einer
schier unendlichen Anzahl aller mglichen Konzerte; und als nun endlich
dies ganze mrchenhafte Durcheinander gegen Abend bei der zauberischen
Gasbeleuchtung aufflammte -- als alle Huser pltzlich gleichsam
durchsichtig wurden und von unten herauf lebhaft zu leuchten begannen,
da geriet er vollends in Verwirrung: die Fenster und die Glser der
Magazine schienen ganz verschwunden, ja berhaupt nicht mehr vorhanden
zu sein, und das ganze Innere schien unbewacht unmittelbar an der Strae
zu liegen, einen flimmernden Glanz um sich zu verbreiten und sich tief
innen in den Glsern zu spiegeln. _Ma quest'  una cosa divina!_
wiederholte der lebhafte Italiener fortwhrend.

Sein Leben flo schnell dahin, wie das Leben vieler Pariser und das der
zahlreichen jungen Auslnder, die nach Paris kommen. Bereits um neun Uhr
befand er sich, kaum, da er aus dem Bett gesprungen war, in einem
prachtvollen Caf mit modernen Fresken unter Glas und einer von Gold
strotzenden Decke. Auf den Tischen lagen ganze Ste von Zeitungen und
Zeitschriften gewaltigen Formats, und ein Kellner von vornehmem uern
schritt mit einer wundervollen Kaffeekanne in der Hand an den Gsten
vorbei. Hier trank er mit der Genusucht eines Sybariten aus einer
ungeheuren Tasse den fetten Kaffee, lehnte sich wohlig in das weiche
elastische Sofa zurck und dachte an die niedrigen, dunklen
italienischen Cafs mit ihren unsauberen Bottegas und ihren schmutzigen,
ungewaschenen Glsern. Dann vertiefte er sich in die Lektre der
ungeheuren Zeitungen und gedachte der schwindschtigen kleinen
Zeitschriften Italiens, des Diario di Roma, des Il Pirato und
hnlicher, in denen nichts wie harmlose politische Nachrichten und
womglich Anekdoten ber die Thermopylen und den Perserknig Darius zu
lesen waren. Hier dagegen sprte man berall die glhende Leidenschaft,
die dem Schriftsteller die Feder gefhrt hatte. Hier berstrzten sich
die Fragen frmlich, jede Erwiderung rief eine neue hervor -- hier
schien sich ein jeder nach Krften durchzusetzen, sich recht breit zu
machen und grozutun: irgendeiner drohte mit einer baldigen politischen
Umwlzung und verkndigte einen Zusammenbruch des Staates, jede kaum
merkliche Bewegung in der Kammer und im Ministerium, jede ihrer Aktionen
wuchs sich zu einer gewaltigen, machtvollen Bewegung der hartnckigen
Parteien aus und hallte als lautes, wtendes Geschrei aus den Journalen
wider. Ja, der Italiener versprte etwas wie Furcht, wenn er dies las
und daran dachte, da vielleicht schon morgen die Revolution ausbrechen
knnte; wie von einem Dunst umnebelt verlie er das Lesezimmer, und erst
die Straen von Paris vermochten es, den ganzen Ballast in einem
Augenblick aus seinem Kopfe zu vertreiben. Dieser ber alle Gegenstnde
dahinhpfende Glanz, diese bunte Bewegung erschienen ihm nach der
schweren Lektre fast wie zarte Blumen, die sich an dem Rande eines
Abgrundes angesiedelt hatten. Mit einem Schlage befand er sich wieder
ganz auf der Strae und war bald gleich allen andern in jeder Hinsicht
ein miger Flaneur. Er sah sich die frhlichen, grazisen
Verkuferinnen an, die gleich kaum erblhten Knospen im ersten Lenz der
Jugend prangten, und die alle Pariser Kauflden anfllten, als wenn die
rauhe Gestalt des Mannes etwas Anstiges an sich htte und hinter den
groen Fensterscheiben wie ein schwarzer Fleck erschienen wre. Er sah,
wie die bis zur Koketterie schmalen, mit den feinsten Seifen gewaschenen
Hndchen ihm lockend entgegenglnzten, wie sie damit beschftigt waren,
das Konfektpapier zu falten, whrend die Augen hell und unverwandt auf
die Vorbergehenden gerichtet waren; er sah, wie sich an einer andern
Stelle ein blondes, lieblich geneigtes Kpfchen, die langen Wimpern tief
in die Seiten eines Moderomans versenkt, am Fenster abzeichnete, und wie
die Schne gar nicht bemerkte, da bereits ein ganzer Haufen junger
Leute vor ihr stand, ihren schneeweien Hals, ja, jedes Hrchen auf dem
Kopfe betrachtete, und selbst das leise Wogen des Busens belauschte, das
die Lektre begleitete. Er blieb auch vor einem Bcherladen stehen, wo
ihm seltsame Buchstaben gleich Hieroglyphen entgegenblickten, oder wo
sich dunkle Vignetten gleich schwarzen Spinnen von dem dicken glnzenden
Papier abhoben, Vignetten, die meist mit einem solchen Schwung und einer
solchen Leidenschaft hingeworfen waren, da es oft ganz unmglich war,
herauszubekommen, was sie eigentlich darstellten. Oder er sah sich eine
Maschine an, die fr sich allein einen ganzen Laden ausfllte und die
hinter der groen Spiegelscheibe in voller Ttigkeit war, indem sie eine
ungeheure Walze, die Schokolade zerrieb, hin und her wlzte. Er blickte
auch in die Lden hinein, vor denen die Pariser Krokodile, die Hnde in
den Taschen und mit offenem Munde, stundenlang herumstehen: da sah man
wohl einen gewaltigen roten Hummer aus dem grnen Gemse hervorgucken,
oder eine getrffelte Pute mit der lakonischen berschrift 300 Frank
thronen, oder gelbe und rote Fische mit goldigen Flossen und Schwnzen
in Glasvasen herumschwimmen. Oder er schlenderte auf den breiten
Boulevards herum, die das ganze enge winklige Paris majesttisch
durchquerten; da sah man, wie sich mitten in der Stadt gewaltige Bume
bis zur Hhe eines sechsstckigen Hauses emporreckten, und wie sich
Scharen von Fremden und ein Haufen urwchsiger Pariser Lwen und Tiger,
die in den Novellen und Erzhlungen nicht immer richtig dargestellt
sind, auf dem Asphalttrottoir drngten. Und wenn er genug herumflaniert
und des Schauens satt war, dann begab er sich in ein Restaurant, wo die
mit Spiegelscheiben ausgeschlagenen Wnde lngst im Glanze des Gaslichts
erstrahlten und unzhlige Gruppen von Damen und Herren widerspiegelten,
die hinter den kleinen im Saale verstreuten Tischen saen und sich
geruschvoll unterhielten. Nach dem Diner eilte er sogleich ins Theater,
wobei ihm nur die Wahl schwer wurde, fr welches er sich entscheiden
sollte: denn jedes hatte seine eigene Berhmtheit, jedes seinen
hervorragenden Autor, jedes seine besonderen Schauspiele. berall wurden
Novitten aufgefhrt. Dort gab es ein glnzendes Vaudeville,
lebensprhend, oberflchlich und jeden Tag neu, wie der Franzose selbst,
ein Stck, das vielleicht in drei migen Minuten entstanden war, und
beim Publikum, dank der unerschpflichen Laune des Schauspielers, von
Anfang bis zu Ende unaufhrliche Lachstrme entfesselte. Dort wieder gab
man ein Drama voller Glut und Leidenschaft. -- Und unwillkrlich
verglich er die trockene, drftige Schaubhne Italiens, wo der alte
Goldoni, den schon alle auswendig konnten, unaufhrlich wiederholt, oder
allerhand neue Komdien aufgefhrt wurden, deren Harmlosigkeit und
Naivitt selbst ein Kind htten langweilen mssen -- unwillkrlich
verglich er jene mageren Erzeugnisse mit dieser lebendigen, hastigen
dramatischen Flut, wo das Eisen geschmiedet wurde, solange es noch hei,
und wo jedermann besorgt war, seine Novitt knne vorzeitig kalt werden.
Wenn er sich dann grndlich ausgelacht, aufgeregt und satt gesehen
hatte, kehrte er mde und ganz berwltigt von all den Eindrcken nach
Hause zurck und sank ins Bett, den einzigen Gegenstand, den der
Franzose bekanntlich in seiner Stube nicht entbehren kann. Wenn er ein
Arbeitszimmer, ein Mittagessen und des Abends einen beleuchteten Raum
braucht, dann sucht er ein ffentliches Gebude auf. Aber der Frst
unterlie es trotzdem nicht, mit diesem abwechslungsreichen Miggang
auch die geistige Bettigung zu verbinden, nach der seine Seele voller
Ungeduld drstete. Er besuchte auch die Vorlesungen smtlicher berhmter
Professoren. Das lebendige, oftmals Begeisterung ausstrmende Wort, die
neuen Gesichtspunkte und die neuen Seiten, die der redegewandte
Professor den Dingen abzugewinnen wute, hatten fr den jungen Italiener
etwas berraschendes. Er fhlte pltzlich, wie eine Hlle von seinen
Augen sank, wie die Gegenstnde, die er frher kaum bemerkt hatte, nun
pltzlich in einem neuen, hellen Lichte erstrahlten, und wie der alte
Plunder von allerhand Kenntnissen, die er sich bisher angeeignet hatte
und die bei der bergroen Zahl der jungen Leute gewhnlich wieder
spurlos in Vergessenheit geraten, da es ihnen an Gelegenheit zur
Anwendung fehlt, pltzlich lebendig zu werden begann und nun, mit neuem
Auge angesehen, sich fr immer in seinem Gedchtnis befestigte. Er
unterlie es auch nicht, sich alle berhmten Prediger, Publizisten und
Redner, die Diskussionen in der Kammer und berhaupt alles anzuhren,
was den Ruhm von Paris bildet und in Europa laut von sich reden macht.
Und trotzdem es ihm hufig an den Mitteln fehlte, da er vom alten
Frsten nur einen geringen Wechsel erhielt, wie er wohl einem Studenten,
aber keinem Frsten angemessen ist, fand er dennoch Gelegenheit, sich
alles anzusehen, sich Zutritt bei allen Zelebritten zu verschaffen,
deren Ruhm die europischen Bltter bestndig ausposaunen, indem eins
das andre wiederholt, ja, er lernte sogar die Modeschriftsteller
persnlich kennen, deren seltsame Schpfungen, wie die vieler andrer,
einen so starken Eindruck auf seine junge leidenschaftliche Seele
gemacht hatten, und in denen alle Welt eine bisher noch nie
angeschlagene Saite und bislang noch von niemand erfate Regungen der
Leidenschaften zu vernehmen glaubte. Mit einem Wort, das Leben des
jungen Italieners nahm eine groe, vielgestaltige Wendung und ward von
dem mchtigen Glanze europischen Lebens umstrahlt. Welche Unzahl von
Eindrcken an einem einzigen Tage: sorgloser Miggang und ein unruhiges
Erwachen, eine leichte Beschftigung der Augen und eine angestrengte
Arbeit des Geistes, ein Vaudeville im Theater, eine Predigt in der
Kirche, der politische Wirbel in den Zeitschriften und in der Kammer,
das Hndeklatschen in den Auditorien, der erschtternde Donner des
Konservatoriumsorchesters, der therische Glanz der tanzenden Bhne, der
laute Lrm auf den Straen -- welch ein mchtig flutendes Leben fr
einen fnfundzwanzigjhrigen Jngling! Es gibt keinen herrlicheren Punkt
als Paris, und fr nichts in der Welt htte er ein solches Leben
hingegeben. Wie angenehm und lustig ist's doch, mitten im Herzen Europas
zu leben, wo man immer hher emporsteigt, whrend man vorwrtsschreitet,
wo man fhlt, da man ein Glied der groen universellen Gemeinschaft
ist. Ja mitunter kam ihm sogar der Gedanke, Italien gnzlich Valet zu
sagen und sich fr immer in Paris niederzulassen. Italien erschien ihm
jetzt wie ein finsterer, mit Schimmel bedeckter Winkel Europas, wo alles
Leben und jede Bewegung erstorben war.

So entflohen vier heie Jahre seines Lebens -- vier Jahre von ungeheurer
Bedeutung fr einen Jngling -- doch am Schlu dieses Abschnittes
erschien ihm gar manches schon nicht in demselben Lichte wie ehemals.
Von vielem fhlte er sich enttuscht. Dasselbe Paris, das unaufhrlich
neue Fremde anzog, diese nie erlschende Leidenschaft der Pariser machte
auf ihn lngst nicht mehr den Eindruck wie frher. Er sah, wie diese
groe Vielseitigkeit und Bewegtheit des Lebens verging, ohne Folgen
blieb und in der Seele keinen fruchtbaren Niederschlag hinterlie. In
dem Wirbel dieser ewigen siedenden Bewegung und Ttigkeit entdeckte er
nun eine furchtbare Unttigkeit und ein schreckliches Vorherrschen des
Wortes ber die Tat. Er sah, wie jeder Franzose scheinbar nur mit dem
erhitzten Kopfe arbeitete, wie diese Lektre der mchtigen
Zeitungsbltter den ganzen Tag in Anspruch nahm und keine Stunde fr das
praktische Leben briglie, wie jeder Franzose in diesem seltsamen
Strudel einer von Druckerschwrze beherrschten papierenen Politik
erzogen wurde und ohne jede Kenntnis des Standes, dem er angehrte, ohne
alle die ihm zukommenden Rechte und Lebensverhltnisse auch in der
Praxis kennen gelernt zu haben, sich schon der einen oder andern Partei
anschlo, sich all ihre Interessen feurig und leidenschaftlich zu Herzen
nahm, und seinen Gegnern heftig entgegentrat, ohne seine Interessen,
noch seine Gegner von Angesicht zu kennen -- und das Wort _Politik_ fing
schlielich an, unserem Italiener lebhaften Ekel zu erregen.

In den Bewegungen des Geistes, des Handels ... berall und in allem
glaubte er nur gewaltsame Anstrengungen und ein ewiges Streben nach
neuen Sensationen zu entdecken. Der eine suchte aus allen Krften dem
andern, wenn auch nur fr einen Moment, den Rang abzulaufen. Der
Kaufmann verwandte sein ganzes Kapital auf die Ausstattung seines
Ladens, um die Menge durch seinen Glanz und seine Pracht anzulocken. Der
Buchhandel nahm seine Zuflucht zu allerhand Bildern und Illustrationen,
mit denen die Bcher ausgestattet wurden, sowie zu einem luxurisen
Buchschmuck, um hierdurch die erkaltende Aufmerksamkeit wieder auf sich
zu lenken: In ihren Romanen und Novellen suchten die Schriftsteller den
Leser durch die Seltsamkeit unerhrter Leidenschaften und durch
Darstellung hlicher Ausgeburten der menschlichen Natur zu fesseln.
Alles schien sich einem frech und ohne Aufforderung von selbst
anzubieten und aufzudrngen, wie eine Dirne, die die Mnner nachts auf
der Strae einzufangen sucht; alles streckte in wildem Wetteifer seine
Hand mglichst weit aus, wie ein drngender Haufe zudringlicher Bettler.
Selbst in der Wissenschaft und in den so durchgeistigten Vorlesungen,
deren Wert er unbedingt anerkennen mute, glaubte er die Absicht
herauszufhlen, Vorzge ans Licht zu stellen, mit ihnen zu prahlen und
sich selbst in Szene zu setzen: berall gab es glnzende Episoden, aber
dem Ganzen fehlte doch der mchtige, feierliche, erhabene Flu. berall
das Bestreben, bisher unbeachtete Tatsachen aufzuspren und ihnen eine
ungeheure Bedeutung beizulegen, oft zum Nachteil der Einstimmigkeit und
Harmonie des Ganzen, nur um sich den Ruhm einer Entdeckung zu sichern;
und schlielich dieses fast durchgngige, dreiste Selbstbewutsein,
dieser vllige Mangel einer Erkenntnis unserer Unwissenheit -- und
unserem Italiener fiel ein Vers ein, in dem der italienische Dichter
Alfieri in einer boshaften Laune den Franzosen den Vorwurf macht:

   _Tutto fanno, nulla sanno,_
   _Tutto sanno, nulla fanno._
   _Gira volta son Francesi,_
   _Piu gli pesi, men ti danno._

Eine trbselige Stimmung bemchtigte sich des jungen Frsten. Vergebens
versuchte er es, sich zu zerstreuen und Menschen aufzusuchen, die er
achtete, aber seine italienische Natur wollte nicht mit der
franzsischen zusammenstimmen. Er schlo zwar schnell Freundschaften,
aber ein Tag gengte, um den Franzosen bis zur letzten Faser seines
Wesens kennen zu lernen; am nchsten Tage gab es schon nichts mehr an
ihm zu erforschen. Weiter als bis zu einer gewissen Tiefe konnte man
keine Frage in seine Seele versenken, und die scharfe Klinge des
Gedankens wollte nicht weiter eindringen, und doch hatte der Italiener
ein viel zu tiefes Gefhl, um eine ihm vllig befriedigende Antwort bei
einem leichtsinnig veranlagten Menschen finden zu knnen. So stie er
auf eine seltsame Leere, selbst in den Herzen derer, denen er seine
Achtung nicht versagen konnte. Und er erkannte zuletzt, da die ganze
Nation, bei all ihren glnzenden Eigenschaften, ihrem edlen Streben,
ihren ritterlichen Aufwallungen, dennoch bla und unvollkommen blieb:
ein leichtes Vaudeville, da sie selbst geschaffen hatte. ber ihr ruhte
keine erhabene Idee von hoher Wrde. berall gab es nur Andeutungen von
Gedanken, aber die _eigentlichen_ Gedanken fehlten: berall gab es nur
halbe und keine ganzen Leidenschaften, alles blieb unvollendet, flchtig
hingeworfen, mit rascher Hand skizziert; die ganze Nation war eine
glnzende Vignette, und nicht das Bild eines groen Meisters.

War es nur eine melancholische Stimmung, die ihn pltzlich berfallen
hatte und ihn nun alles in einem solchen Lichte sehen lie, oder lag der
Grund dazu in dem wahrhaften, frischen, inneren Gefhl der Italiener --
genug, dies Paris mit all seinem Lrm und Glanz wurde ihm bald eine
drckende Wste, und unwillkrlich flchtete er sich bis an die desten
und entlegensten Enden der Stadt. Nur die italienische Oper besuchte er
noch; nur da allein schien seine Seele auszuruhen, und die Klnge der
heimatlichen Sprache wuchsen jetzt fr ihn bis zu ihrer ganzen Macht und
Flle empor. Immer hufiger sah er jetzt sein ihm fast gnzlich aus dem
Gedchtnis entschwundenes Italien vor sich: dort irgendwo in weiter
Ferne und in einem eigentmlichen, verlockenden Lichte; sein mahnender
Ruf wurde mit jedem Tage deutlicher vernehmbar, und so entschlo er sich
denn am Ende, an seinen Vater zu schreiben, er mge ihm erlauben, nach
Rom zurckzukehren, da er kein Bedrfnis empfnde, lnger in Paris zu
bleiben. Zwei Monate lang blieb jede Antwort, ja sogar der gewohnte
Wechsel aus, den er schon lngst zu erwarten hatte. Anfnglich wartete
er geduldig, da er den launischen Charakter seines Vaters kannte,
endlich aber bemchtigte sich seiner eine gewisse Unruhe. Er ging jede
Woche mehrmals zu seinem Bankier und erhielt doch immer nur die gleiche
Antwort, da keinerlei Nachrichten aus Rom eingetroffen seien. Schon war
seine Seele der Verzweiflung nahe. Die Mittel zur Bestreitung seines
Lebensunterhalts waren schon seit langer Zeit erschpft, schon hatte er
mehrfach beim Bankier eine Anleihe machen mssen, doch auch dies Geld
war bereits ausgegeben, und schon lange Zeit a, frhstckte und lebte
er auf Kredit; man begann ihn bereits schief und unfreundlich anzusehen,
-- aber nicht einmal seine Freunde wollten das geringste von sich hren
lassen. Ein Gefhl tiefer Vereinsamung berfiel ihn. Voller Erwartung
und Unruhe irrte er durch diese ihm tdliche Langeweile einflende
Stadt. Jetzt im Sommer erschien sie ihm noch weit unertrglicher; die
groe Menge der Reisenden hatte sich in die Bder begeben, oder befand
sich in den groen europischen Gasthfen und unterwegs. Eine gewisse
de und Leere warf ihre Schatten auf alles. Die Gebude und Straen von
Paris waren unertrglich; die Grten verschmachteten elend inmitten der
Huser, auf die die Sonne hei herniederbrannte. Halbtot blieb er an der
Seine auf einer schweren, lastenden Brcke oder am schwlen Ufer stehen,
und versuchte es, sich selbst zu vergessen, oder sich durch irgendeinen
Anblick zu zerstreuen; eine unendliche Langeweile verzehrte ihn, und ein
unbekannter Wurm nagte an seinem Herzen. Endlich erbarmte sich das
Schicksal seiner -- und eines Tages berreichte ihm sein Bankier einen
Brief. Er stammte von seinem Onkel, der ihm mitteilte, da der alte
Frst nicht mehr am Leben sei, und da er nun kommen knne, um ber die
Erbschaft zu verfgen; dies erfordere seine persnliche Anwesenheit,
weil die Vermgensverhltnisse sich in groer Unordnung befnden. Der
Brief enthielt auch noch eine magere Banknote, die gerade dazu reichte,
die Reise und den vierten Teil seiner Schulden zu bezahlen. Der junge
Frst wollte keinen Augenblick lnger zgern, er wute den Bankier, wenn
auch nicht ohne Mhe, dazu zu bewegen, auf die Bezahlung der Schuld zu
warten, und besorgte sich einen Platz im Postwagen. Eine schwere Last
schien von seiner Seele genommen zu sein, als Paris in der Ferne vor ihm
versank und die frische Luft der Felder ihn anwehte. Zwei Tage darauf
war er schon in Marseille; er wollte jedoch nicht eine einzige Stunde
ruhen und bestieg noch am selben Abend das Dampfschiff. Er fhlte sich
durch das Mittelmeer heimatlich berhrt; umsplte es doch die Ksten
seines Vaterlandes, und schon beim Anblick seiner unendlichen Wogen
fhlte er sich erfrischt. Es ist schwer, die Empfindung zu schildern,
die ihn beschlich, als er die erste italienische Stadt -- das
prachtvolle Genua erblickte. Doppelt so schn erschienen ihm nun die
mchtig emporstrebenden bunten Glockentrme, die gestreiften Kirchen aus
weiem und schwarzem Marmor und das ganze Amphitheater mit den vielen
Trmen, das ihn beim Einlaufen des Dampfers pltzlich von allen Seiten
umgab. Nie zuvor hatte er Genua gesehen. Diese funkelnde Buntheit der
Huser, Kirchen und Palste inmitten dieser feinen therischen Luft, die
in einer fast unbegreiflichen Blue erstrahlte, -- war ganz
unvergleichlich. Er stieg ans Ufer und befand sich sogleich in diesen
dunklen, wunderbaren, engen, mit Fliesen ausgelegten Straen, ber denen
oben nur ein ganz schmaler Spalt blauen Himmels sichtbar war. Dieses
dichte Nebeneinander der hohen gewaltigen Huser, dieser Mangel jeden
Wagengerassels, diese kleinen dreieckigen Pltze und dazwischen die
gewundenen Linien der Straen, die wie kleine Korridore aussehen und
unzhlige Lden Genuesischer Gold- und Silberschmiede beherbergen, --
das alles hatte fr ihn etwas berraschendes. Die malerischen
Spitzenmntel der Frauen, die kaum merklich von dem warmen Siroccowind
hin und her bewegt wurden, ihr fester Tritt, der helle Klang der Stimmen
auf den Straen, die offenstehenden Tore der Kirchen, der Weihrauchduft,
den sie ausstrmten -- dies alles wehte ihn an wie ein Hauch aus fernen,
lngst vergangenen Zeiten. Es fiel ihm ein, da er schon seit vielen
Jahren nicht mehr in der Kirche gewesen war, in der Kirche, die in jenen
aufgeklrten Gegenden Europas, wo er geweilt hatte, ihre hohe, reine
Bedeutung eingebt hatte. Vorsichtig trat er ein und sank stumm neben
dem prachtvollen, marmornen Sulengang auf die Knie; er betete lange,
ohne selbst zu wissen, um was er bat -- er dankte Gott dafr, da
Italien ihn wieder in seinen Scho aufgenommen, da ihn wieder ein
Bedrfnis nach dem Gebet berkommen hatte, da seine Seele so feierlich
gestimmt war ..., und das war sicherlich das schnste Gebet. Mit einem
Wort, er lie Genua wie eine wundervolle Station hinter sich zurck:
hier hatte er den ersten Ku Italiens empfangen. Und mit demselben
heiteren Gefhl sah er Livorno, das de Pisa und das von ihm bisher so
wenig gekannte Florenz an sich vorberziehen. Majesttisch grten ihn
die schwere facettierte Kuppel des florentinischen Doms, die dunklen
Palste einer kniglichen Architektur und die strenge Gre der kleinen
Stadt. Dann ging's weiter ber den Apennin, auch hier begleitete ihn
dieselbe heitere Seelenstimmung, und als dann endlich nach einer
sechstgigen Reise in klarer Ferne auf blauem Himmelsgrunde eine sich
herrlich rundende Kuppel aufleuchtete -- oh! wie viel Gefhle drngten
sich da pltzlich in seiner Brust! Nie hatte er hnliche gekannt, und er
htte sie auch nicht aussprechen knnen. Aufmerksam betrachtete er jeden
Hgel und jede Erhebung. Und nun waren endlich auch der Ponte Molle und
das Stadttor da, jetzt nahm ihn der schnste aller Pltze auf, die
Piazza del Popolo; der Monte Pincio mit seinen Terrassen, Treppen,
Statuen und den sich oben ergehenden Menschen tauchte auf! Gott! wie
fing da sein Herz an zu pochen! Der Vetturino jagte ber die Corsostrae
dahin, auf der der Frst einst so unschuldig und treuherzig mit dem Abb
spazierengegangen war, als er noch nichts andres wute, als da die
lateinische Sprache die Mutter der italienischen sei. Und nun zogen auch
wieder alle Huser an ihm vorbei, an denen er jede Einzelheit auswendig
kannte: der Palazzo Ruspoli mit seinem ungeheueren Caf, die Piazza
Colonna, der Palazzo Sciarra, der Palazzo Doria, und endlich bogen die
Reisenden in die engen Gassen ein, auf die die Auslnder so schimpfen;
hier lrmte es nicht und wimmelte es nicht von Menschen, und nur selten
begegnete man dem Laden eines Barbiers mit ein paar gemalten Lilien ber
der Tr, oder dem eines Hutmachers, der einen breitkrempigen
Kardinalshut vor dem Eingang aufgehngt hatte, oder endlich einem Laden
mit geflochtenen Sthlen, die gleich hier am Ort und mitten auf der
Strae hergestellt wurden. Endlich machte der Wagen vor einem
groartigen Palais im Stil Bramantes halt. In dem kahlen, noch nicht
aufgerumten Flur lie sich niemand sehen. Auf der Treppe wurde der
Ankmmling von dem alten gebrechlichen _Maestro di casa_ begrt, weil
der Portier wie gewhnlich mit seinem Stab ins Caf gegangen war, wo er
die grte Zeit zu verbringen pflegte. Der Alte ffnete eilig die Lden,
und allmhlich wurde es hell in den gewaltigen, altertmlichen Slen.
Ein trauriges Gefhl bemchtigte sich des Frsten -- ein Gefhl, das ein
jeder versteht, der nach einer Abwesenheit von mehreren Jahren nach
Hause zurckkehrt, wo einem alles so viel lter und verdeter vorkommt,
und wo jeder Gegenstand, den wir seit unserer Kindheit kennen, eine so
trbselige Sprache redet. Und je heiterer die Erinnerungen sind, die
sich an ihn knpfen, um so drckender ist das Gefhl der Wehmut, das bei
seinem Anblick unser Herz ergreift. Der Frst durchschritt die lange
Flucht der Sle, betrat flchtig das Arbeitszimmer und das Schlafzimmer,
wo vor noch gar nicht langer Zeit der alte Besitzer des Schlosses auf
einem Bett einzuschlafen pflegte, ber dem sich ein Baldachin mit
Quasten und einem Wappen erhob, und aus dem er gewhnlich in Pantoffeln
und im Schlafrock ins Arbeitszimmer trat, um ein Glas Eselsmilch zu
trinken, da er gern dick werden wollte. Dann besichtigte er das
Ankleidezimmer, wo der Alte sich einst mit der peinlichsten Sorgfalt
einer alten Kokette geputzt hatte; pflegte er sich doch von hier aus in
seinem Wagen, begleitet von seinen Lakaien zum Corso nach der Villa
Borghese zu begeben, wo er seine Lorgnette unaufhrlich auf eine
Englnderin richtete, die gleichfalls hier ihre Spazierfahrt machte. Auf
den Tischen und in den Schubladen konnte man noch die Reste von
Schminke, Puder und aller mglichen Farben finden, mit deren Hilfe sich
der Greis zu verjngen suchte. Der _Maestro di casa_ erzhlte, er habe
noch zwei Wochen vor seinem Tode den festen Entschlu gefat, zu
heiraten, und htte sogar ausdrcklich zu diesem Zwecke eine
Konsultation mit auslndischen Doktoren abgehalten, um mit diesen zu
beraten, wie man wohl _con onore i doveri di marito_ erfllen knne,
aber eines schnen Tages sei er nach einem Besuche bei einigen
Kardinlen und einem Prior ganz mde nach Hause zurckgekehrt, habe sich
in seinen Lehnsessel gesetzt und sei den Tod der Gerechten gestorben,
obwohl sein Tod noch seliger gewesen wre, wenn es ihm nach den Worten
des _Maestro di casa_ ein paar Minuten frher eingefallen wre, nach
seinem Beichtvater _il padre_ Benvenuto zu schicken. Der junge Frst
hrte sich das alles zerstreut an, ohne mit seinen Gedanken bei der
Sache zu sein. Nachdem er sich von der Reise und den seltsamen
Eindrcken erholt hatte, machte er sich daran, seine Angelegenheiten zu
ordnen. Er war erschrocken ber die Verwirrung, die hier herrschte.
Alles, vom Kleinsten bis zum Grten, befand sich in einem geradezu
unmglichen Durcheinander. Vier nie enden wollende Prozesse wegen ein
paar verfallener Schlsser und Gter in Ferrara und Neapel, alle
Einnahmen schon auf drei Jahre im voraus vllig erschpft; Schulden und
tiefste Armut inmitten von hchstem Prunk und Luxus -- das war das Bild,
das sich den Augen des Frsten darbot. Der alte Frst war eine
unbegreifliche Mischung von Geiz und Verschwendung gewesen. Er hielt
sich ein groes Personal von Bedienten, die er nicht bezahlte, die
nichts auer ihrer Livree erhielten und sich mit den Trinkgeldern der
Auslnder begngen muten, die beim Frsten erschienen, um sich die
Galerie anzusehen. Der Frst hatte Jger, Offizianten, _Lakaien_, die
hinter seinem Wagen herfuhren, und _Lakaien_, die nirgends hinfuhren und
nur tagelang in einem nahegelegenen Caf oder in einer benachbarten
Osteria saen und schwatzten. Der junge Frst entlie sofort das ganze
Gesindel, all diese Lakaien und Jger, und behielt nur den alten
_Maestro di casa_; er hob fast den ganzen Marstall auf, verkaufte alle
Pferde, die nie gebraucht worden waren, berief die Rechtsanwlte zu
sich, um weitere Beschlsse ber die Prozesse zu fassen, und wute es so
einzurichten, da von den vier Prozessen nur noch zwei brigblieben; auf
die brigen Prozesse verzichtete er, da sie ja doch gnzlich
aussichtslos waren. Er nahm sich vor, sich von nun ab in allem
einzuschrnken und in seinem Leben die strengste konomie walten zu
lassen. Das wurde ihm nicht sehr schwer, da er sich schon frh gewhnt
hatte, sich einzuschrnken. Es wurde ihm auch nicht schwer, dem Verkehr
mit seinen Standesgenossen zu entsagen; -- brigens bestand diese ganze
Gesellschaft nur aus zwei oder drei aussterbenden Familien, deren
Erziehung ganz auf ein paar drftigen Brocken franzsischer
Bildungselemente beruhte, ferner aus einem reichen Bankier, um den sich
ein Kreis von Auslndern scharte, und in ein paar unnahbaren,
zugeknpften, unfreundlichen Kardinlen, die ihr Leben in grter
Zurckgezogenheit beim Tresettspiel (einer Art Schafskopf) mit ihrem
Kammerdiener oder Barbier verbrachten. Mit einem Wort, er sonderte sich
gnzlich von allen Menschen ab, widmete sich ganz dem Studium Roms und
erinnerte in dieser Beziehung sogar an die Auslnder, die zunchst durch
die unbedeutende schmucklose Auenseite der Stadt mit ihren dunklen
fleckigen Husern berrascht sind und sich, von Gasse zu Gasse irrend,
erstaunt fragen: wo ist denn das gewaltige, alte Rom? um es erst spter
wahrhaft kennen zu lernen, wenn das antike Rom allmhlich aus den engen
Gassen hervorzutreten beginnt: hier in Form einer dunklen Arke, dort in
Form marmorner, in die Mauer eingelassener Karniese, einer verwitterten
Porphyrsule, eines Giebels inmitten eines belriechenden Fischmarkts;
oder als ein vollstndiger Porticus vor einer neueren Kirche, oder
endlich ganz abseits und dort in der Ferne, wo die bewohnte Stadt ein
Ende nimmt; hier wchst es pltzlich aus tausendjhrigem Efeulaub und
Aloen mitten aus der offenen Ebene in seiner ganzen Gre hervor: als
ungeheures Kolosseum, als Triumphpforte, als Ruinen der unbersehbaren
Csarenpalste, der kaiserlichen Bder, der Tempel und Grberhallen, die
auf dem offenen Felde verstreut liegen; jetzt bemerkt der Fremde schon
nichts mehr von den neuen engen Straen und Gassen, ganz umfangen von
der antiken Welt; in seiner Erinnerung erstehen die gewaltigen Gestalten
der Csaren, und sein Ohr glaubt den Schrei und das Beifallsgeklatsch
des rmischen Volks zu vernehmen.

Aber es ging ihm doch auch wieder nicht so, wie dem Auslnder, der
allein fr seinen Titus Livius und Tacitus schwrmt, an allem
vorbersieht und fr nichts Sinn hat, auer fr die Antike, und der in
einer edeln und pedantischen Aufwallung gern die ganze neue Stadt
niederreien wrde -- nein, er fand alles gleich schn, die antike Welt,
die sich unter dem dunklen Architrav regte, das gewaltige Mittelalter,
das berall die Spuren gigantischer Knstler und einer wunderbaren
Freigebigkeit der Ppste hinterlassen hatte, und endlich die an dieses
sich anschlieende neue Zeit mit ihren zahlreich sich drngenden neuen
Vlkern. Ihm gefiel diese wunderbare Verschmelzung zu einem Ganzen,
dieser Charakter einer dicht bevlkerten Hauptstadt und dieser Charakter
einer einsamen Wste, die sich hier miteinander mischten, diese Palste
und Sulen, dieses Gras und das wilde Gebsch, das sich an den Mauern
dahinzog, der lrmende Markt inmitten dunkler, einsamer, unten
verdeckter Massen, das helle Geschrei des Fischhndlers in der
Sulenhalle, der Limonadenverkufer vor dem Pantheon mit seiner
fliegenden und mit grnem Laub geschmckten Bude; ihm gefiel selbst die
Unscheinbarkeit dieser dunklen, unordentlichen Straen, der Mangel aller
hellen, gelben Farbe an den Husern, dieses Idyll inmitten der Stadt,
die Ziegenherde, die auf dem Straenpflaster ausruhte, das Schreien der
Kinder und diese reine feierliche Stille, die unsichtbar auf allen
Dingen zu liegen schien, und die auch den Menschen umfing. Ihm gefielen
diese unaufhrlichen berraschungen, diese Pltzlichkeiten, die einem in
Rom so auffallen. Wie ein Jger, der am frhen Morgen auf die Jagd geht,
oder wie ein alter Ritter, der auf Abenteuer auszieht, so machte er sich
jeden Tag auf, um neue und immer neue Wunder aufzusuchen; er blieb
unwillkrlich stehen, wenn sich pltzlich inmitten einer rmlichen Gasse
ein Palast vor ihm auftrmte, der eine finstere und strenge Gre
atmete. Seine schweren unerschtterlichen Mauern waren aus dunklem
Travertin errichtet, seine Spitze krnte eine prachtvolle, wunderbar
ausgeschmckte, kolossale Karniese, die mchtige Tr war mit marmornen
Tragbalken ausgelegt, und die Fenster mit ihrem herrlichen
architektonischen Schmuck boten einen majesttischen Anblick dar. Oder
es blickte ihm pltzlich auf einem kleinen Platz ein malerischer Brunnen
entgegen, der sich selbst und seine vom Moos verunstalteten granitenen
Stufen mit feuchtem Na besprengte, oder eine finstere, schmutzige
Strae endete pltzlich mit einer glnzenden architektonischen
Dekoration eines Bernini, mit einem gen Himmel strebenden Obelisk, mit
einer Kirche oder einer Klostermauer mit ihren kohlschwarzen Karniesen,
die auf dem dunkelblauen Himmel im Glanze der Sonne aufflammten; je
weiter sich die Straen in die Tiefe verloren, um so hufiger wurden die
Palste und die architektonischen Schpfungen eines Bramante, Borromini,
Sangallo, della Porta, Vignola, Buonarotti, und es wurde ihm endlich
klar, wie man nur hier in Italien das Gefhl hat, da es eine
Architektur gibt, und etwas von ihrer strengen knstlerischen Gre
ahnt. Aber noch grer war der geistige Genu, wenn er in das Innere der
Kirchen und Palste trat, wo sich Arken, flache Pfeiler und runde Sulen
aus allen mglichen Marmorarten, unterbrochen von blauen
Basaltkarniesen, von Porphyr, Gold und antiken Steinen, miteinander zu
einer wundervollen Harmonie verbanden, sich einstimmig einem tief
durchdachten Plane fgend, und wo sich hoch ber dies alles die
unsterbliche Schpfung des Pinsels erhob. Sie waren von einer hohen
Schnheit, diese tief durchdachten Ausschmckungen der Sle, voll von
einer kniglichen Gre und architektonischen Pracht, die sich in diesem
fruchtbaren Zeitalter berall ehrfrchtig vor der Malerei zu beugen
wute, als der Knstler noch Architekt, Maler und sogar Bildhauer in
einer Person war. Diese mchtigen Schpfungen des Pinsels, wie sie heute
schon nicht mehr vorkommen, erhoben sich finster vor ihm auf den dunklen
Mauern, sie, die noch immer aller Nachahmung unerreichbaren,
unbegreiflichen Vorbilder. Und wenn er nun in das Innere eines solchen
Gebudes eintrat und sich immer tiefer in dem Anblick versenkte, dann
glaubte er zu fhlen, wie sich sein Geschmack, dessen Keim seine Seele
schon immer barg, beinahe merklich entwickelte. Wie kleinlich und
armselig erschien ihm gegenber dieser majesttischen, wunderbaren
Pracht aller Prunk des XIX. Jahrhunderts, der hchstens brauchbar war,
Lden auszuschmcken, und der nichts als Mbeltischler, Tapezierer,
Zimmerleute, Vergolder und einen ganzen Haufen von Handwerkern
hervorgebracht, die Welt -- der Raffaele, Tiziane und Michelangelos
beraubt und die Kunst bis zum Handwerk herabgedrckt hatte! Wie elend
erschien ihm jetzt all dieser Luxus, der einen nur beim ersten Blick
verblfft, und den man bald mit Gleichmut betrachtet, angesichts dieses
erhabenen Einfalls, seine Mauern mit unsterblichen Gebilden des Pinsels
auszuschmcken, dieser wunderbaren Idee der Besitzer jener Palste --
sich einen ewigen Gegenstand des Genusses zu verschaffen in Stunden, wo
man ausruht von der Arbeit und von den lrmenden Sorgen des Lebens, sich
in einen Winkel zurckzieht, weit abseits von allen Menschen, in ein
altertmliches Sofa zurckgelehnt, seinen Blick stumm auf die Wand
richtet und mit der Seele tief in die Geheimnisse des Pinsels eindringt,
ganz in die Betrachtung der in der Schnheit webenden geistigen Ideen
verloren! Denn unendlich erhebt die Kunst den Menschen, indem sie den
Regungen unserer Seele eine wunderbare Schnheit und einen hohen Adel
verleiht. Wie klein erschien ihm vor dieser unerschtterlichen,
fruchtbaren Pracht, die den Menschen mit Gegenstnden umgab, die seine
Seele mit Bewegung erfllten und veredelten, der heutige kleinliche
Schmuck, wie er alljhrlich von der unruhigen Mode ausgespien und wieder
zerstrt wird, diesem seltsamen, unbegreiflichen Produkt des XIX.
Jahrhunderts, vor dem sich die Weisen stumm beugen, dieser verheerenden
Vernichterin alles dessen, was ungeheuer, erhaben und heilig ist. Wenn
er sich derartigen berlegungen hingab, scho ihm unwillkrlich der
Gedanke durch den Kopf: Rhrt nicht vielleicht daher jene gleichgltige
Klte, die unser gegenwrtiges Zeitalter umfngt, jenes gemeine
Geschftsinteresse und diese vorzeitige Abstumpfung der Sinne, die noch
nicht einmal Zeit hatten, zu erwachen und sich zu entwickeln? Man
beraubte den Tempel seiner Heiligtmer, und der Tempel ist kein Tempel
mehr. Fledermuse und bse Geister haben ihre Wohnsttte in ihm
aufgeschlagen.

Je tiefer sein Blick in die Dinge eindrang, um so mehr berraschte ihn
die ungewhnliche Fruchtbarkeit jenes Zeitalters, und unwillkrlich
mute er ausrufen: Wie und wann vermochten sie nur all dies zu
erschaffen? Dieser wunderbare Charakter, der Rom auszeichnete, wuchs
fr ihn mit jedem Tag zu immer mchtigerer Gre empor. Eine Galerie
neben der andern, und immer noch wollten sie kein Ende nehmen. Dort jene
Kirche barg irgendein Wunderwerk des Pinsels, dort jene verwitternde
Mauer entzckte den Blick durch eine Freske, deren Farben bereits zu
erlschen drohten, und dort auf den hoch emporgetrmten Marmorblcken
und Sulen, die aus alten heidnischen Tempeln hierher gebracht worden
waren, leuchtete einem ein von einem unsterblichen Pinsel
ausgeschmckter Plafond entgegen. Das alles glich einer tief verborgenen
Goldader, die mit gewhnlicher Erde bedeckt und nur dem Bergmann allein
bekannt war. Wie voll war seine Seele jedesmal, wenn er nach Hause
zurckkehrte, und wie verschieden war dieses von ruhiger, feierlicher
Stille erfllte Gefhl von jenen unruhigen Eindrcken, mit denen Paris
seine Seele so sinnlos bestrmt hatte, wenn er mde und abgespannt nach
Hause zurckkehrte und nur selten fhig war, sich ber das Ergebnis
dieser Empfindungen Rechenschaft abzulegen.

Jetzt erschien ihm die unscheinbare und dunkle Auenseite Roms, ber die
die Auslnder so sehr klagen, noch mehr zu diesen innern Schtzen der
Stadt zu stimmen. Es wre ihm geradezu peinlich gewesen, nach alledem
auf eine moderne Strae mit ihren prunkvollen Lden, den stutzerhaft
gekleideten Menschen und den eleganten Equipagen hinauszutreten: dies
wre ihm fast wie eine unheilige Zerstreuung, ja wie eine
Tempelschndung vorgekommen. Diese bescheidene Stille, dieser
eigentmliche Charakter der rmischen Bevlkerung, dieser Schatten des
XVIII. Jahrhunderts, der noch in Form eines schwarzen Abbs in einem
Dreimaster mit schwarzen Strmpfen und Schuhen oder eines purpurnen
altertmlichen Kardinalswagens mit seinen vergoldeten Achsen, Rdern,
Karniesen und Wappen durch die Straen huschte, gefiel ihm weit besser,
denn dies alles stimmte so gut mit der Gravitt und Wrde Roms berein:
dieses lebendige, nie hastende Volk, das ruhig und malerisch durch die
Straen schritt, den Mantel ber den Arm geschlagen oder die Jacke ber
der Schulter, ohne jenen schwerflligen Ausdruck in den Gesichtern, der
ihm so seltsam bei den blauen Blusentrgern und berhaupt an der ganzen
Bevlkerung von Paris aufgefallen war.

Hier erschien selbst die Armut in einem heiteren Lichte, sorglos und
unbekannt mit Qualen und Trnen streckte sie unbefangen und schn ihre
Hand aus; hier wirkte alles schn und heiter: die malerischen Regimenter
von Mnchen, die in langen weien und schwarzen Kleidern ber die
Straen gingen, ein schmutziger rothaariger Kapuziner, der pltzlich in
seinem hellen kamelfarbenen Kleide in der Sonne aufleuchtete, endlich
dieses ganze Knstlervolk, das sich hier von allen Weltenden
zusammenfand, die engen Fetzen europischer Kleidung fortwarf und in
freien, malerischen Kostmen einherging, ihre wrdigen majesttischen
Brte, wie wir sie auf den Portrts Leonardo da Vincis und Tizians
finden, und die so wenig hnlichkeit mit dem hlichen, schmalen
Brtchen haben, das sich der Franzose zurecht schneidet und dann fnfmal
im Monat stutzen lassen mu. Hier bekam der Knstler ein Gefhl fr das
lange wallende Haar, das er sich in dichten Locken herunterfallen lie.
Hier erhielt selbst der Deutsche mit seinen krummen Beinen und seinem
ungegliederten Krperbau einen bedeutenden Ausdruck, lie sich seine
goldenen Locken ber die Schultern fallen und kleidete sich in eine
leicht gefaltete griechische Bluse oder einen Sammetrock, wie er unter
dem Namen Cinquecento bekannt ist und wie ihn nur die Knstler in Rom
tragen. Auf ihren Gesichtern lagen die Spuren einer strengen Ruhe und
einer friedlichen Arbeit. Selbst die Gesprche und Meinungsuerungen,
die man auf den Straen, in den Cafs, in den Osterien vernahm, hatten
keine hnlichkeit mit denen, die der Frst in den anderen Straen
Europas gehrt hatte, ja sie waren ihnen geradezu entgegengesetzt. Hier
hrte man nichts von gefallenen Fonds, von Kammerdebatten oder von der
spanischen Frage. Hier sprach man nur von einer neuerdings entdeckten
antiken Statue, von der Kraft des Pinsels der groen Meister, hier
stritt man sich und diskutierte ber das neu ausgestellte Werk eines
modernen Knstlers, ber Volksfeste, oder man hrte hier Reden, in denen
der Mensch sein Inneres preisgab, und die in Europa durch langweilige
Salongesprche und politische Unterhaltungen verdrngt sind, die selbst
jeden beseelten Ausdruck aus den Gesichtern vertrieben haben.

Oft verlie er die Stadt, um sich in der Umgegend umzusehen, und dann
setzten ihn neue Wunder in Erstaunen. Wie herrlich waren diese stummen
Wsten der rmischen Felder, die mit Ruinen antiker Tempel berst, sich
mit unbeschreiblicher Ruhe ringsherum erstreckten. Bald lie die dichte
Decke gelber Blten sie ganz wie in Gold getaucht erscheinen, bald
wieder lieen die roten Blten wilden Mohns sie aufglhen wie eine
neuentfachte Kohle. Nach vier verschiedenen Seiten bot sich ein
vierfacher wunderbarer Anblick dar. Auf der einen Seite flossen die
Felder unmittelbar in einer scharfen ebenen Linie mit dem Horizont
zusammen. Die Arken der Wasserleitungen schienen in der Luft zu schweben
und gleichsam auf den glnzenden silbernen Himmel aufgeklebt zu sein.
Auf der andern Seite sah man hinter den Feldern die Berge
hindurchschimmern. Sie trmten sich nicht wild und jh aus der Ebene
empor, wie in Tirol oder in der Schweiz, sondern in harmonischen
flieenden Linien, sich hebend und senkend und umstrahlt von der
herrlichen Klarheit der Luft, schienen sie zum Himmel emporfliegen zu
wollen. An ihrem Fue zog sich eine lange Arkade von Wasserwerken gleich
einem langgestreckten Fundament dahin, der Gipfel der Berge glich der
luftigen Fortsetzung eines wunderbaren Gebudes, und die Farbe des
Himmels war hier schon nicht mehr silbern, sondern hatte jenen
unbeschreiblichen Ton des jungen Flieders. In einer dritten Richtung
wurden diese Felder gleichsam durch Berge begrenzt, aber hier traten sie
nher an sie heran, trmten sich hher empor, traten mit ihren
Vorderreihen noch strker hervor und verschwanden in sanften Abstufungen
in der Ferne. Die dnne blaue Luft lie ihre Farben wunderbar abgetnt
erscheinen, und durch diese blaue therische Hlle hindurch sah man kaum
merklich die Huser und Villen von Frascati durchschimmern, hier leise
und sanft berhrt von den Strahlen der Sonne, dort untertauchend in dem
Helldunkel kaum erkennbarer Heine, die in der Ferne erglhten. Aber wenn
man sich pltzlich umdrehte, dann lag mit einemmal ein neues Bild vor
einem. Die Felder gingen unmittelbar in die Stadt Rom ber. Die Ecken
und die Linien der Huser zeichneten sich scharf und klar ab, in
scharfen Konturen rundeten sich die Kuppeln, die Statuen des
lateranischen Johann und die majesttische Kuppel der Peterskirche, die
immer hher und hher emporstrebte, je mehr man sich von ihr entfernte,
und die endlich den ganzen Horizont einsam beherrschte, wenn die ganze
Stadt bereits verschwunden war. Noch mehr aber liebte er es, diese
Felder whrend eines Sonnenunterganges von der Terrasse einer der Villen
von Frascati oder Albano zu betrachten. Dann erschienen sie wie ein
unbersehbares Meer, das hinter dem dunklen Gitter der Terrasse
erglnzte und aufstieg. Alle Unebenheiten und Linien verschwanden in dem
sie umspielenden Lichte. Anfangs erschienen sie noch grnlich, und hie
und da erkannte man noch die Arken und Grabmler, die auf ihnen
verstreut waren, dann aber spielten sie pltzlich in regenbogenfarbenem
Lichte, in hellen, durchscheinenden, gelben Tnen, und kaum noch konnte
man die Ruinen der antiken Baudenkmler erkennen. Endlich aber frbten
sie sich immer tiefer purpurrot, verschlangen selbst die unendliche
Kuppel und flossen in ein tiefes Himbeerrot zusammen, und nur noch der
in der Ferne glnzende goldene Streifen des Meeres trennte sie von dem
Horizont, der ebenso purpurrot dalag, wie sie. Niemals aber hatte er
gesehen, da die Felder gleich dem Himmel wie in Flammen getaucht waren.
Lange stand er, ganz erfllt von einer unbeschreiblichen Wonne, in
diesen Anblick versunken, da, und dann hatte er wieder alles vergessen,
selbst sein Entzcken. Und wenn dann auch die Sonne untergegangen war,
der Horizont schnell erlosch und sich noch schneller, ja beinahe
pltzlich die Felder verdunkelten, wenn dann der Abend sein finsteres
Antlitz zeigte, Leuchtkfer in feurigen Fontnen ber den Ruinen
emporschwirrten und jenes plumpe geflgelte Insekt, das aufrecht
herangeflogen kommt wie ein Mensch und unter dem Namen Teufel bekannt
ist, ihm pltzlich sinnlos ins Auge flog, dann erst merkte er, da die
Klte der sdlichen Nchte bereits herabgesunken war und ihn ganz
durchschttelte, und er beeilte sich, in die Straen der Stadt zu
kommen, um nicht an dem Fieber, wie es hier im Sden verbreitet ist, zu
erkranken.

So flo sein Leben in dem Genu der Natur, der Knste und der Antike
dahin. Bei dieser Lebensweise erfate ihn pltzlich strker als je der
Wunsch, sich tiefer in die Geschichte Italiens zu versenken, die er
bisher nur fragmentarisch und in einzelnen Episoden kennen gelernt
hatte. Ohne dies wre ihm die Gegenwart unvollstndig und unvollkommen
erschienen, und so machte er sich gierig daran, die Archive, die
Chroniken und Memoiren zu studieren. Er konnte sie jetzt nicht blo so
lesen wie irgendein Italiener, der ewig in der Stube hockt, sich mit
Leib und Seele in die beschriebenen Vorgnge versenkt und ber der
groen Zahl der Personen und der Ereignisse, die sich um ihn drngen,
die groe Masse, das Ganze bersieht; -- er konnte jetzt alles ruhig
berschauen, wie aus einem Fenster des Vatikan. Sein Aufenthalt
auerhalb Italiens inmitten des Lrms und der Bewegung ttiger Vlker
und Staaten diente ihm als strenge Prfung und Probe bei allen Schlssen
und Folgerungen, und verlieh seinem Auge eine reiche Vielseitigkeit und
einen allumfassenden Blick. Wenn er jetzt in den Geschichtsbchern las,
war er noch mehr und ohne alle Voreingenommenheit berrascht durch die
Gre und den Glanz der italienischen Vergangenheit. Er war ganz
erstaunt ber die schnelle und vielseitige Entwicklung des Menschen auf
einem so schmalen, engbegrenzten Fleckchen Erde, durch die mchtige und
kraftvolle Regsamkeit aller Krfte. Er sah, wie hier der Mensch in
voller Ttigkeit war, wie jede Stadt ihre eigene Sprache sprach und ihre
groe Geschichte besa, die ganze Bnde ausfllte, und wie hier mit
einem Schlage alle Arten und Gestalten des brgerlichen Lebens und der
Regierungsformen entsprangen: -- ewig bewegte Republiken voll starker
unbotmiger Charaktere, und mitten unter ihnen -- allmchtige Despoten,
eine ganze Stadt voll kniglicher Kaufleute, von geheimen Fden der
Regierung umsponnen unter der monarchischen Scheingewalt des einen
Dogen; die Fremden, die herbeigerufen worden waren und nun inmitten der
einheimischen Bewohner lebten, die starken Zusammenste und
Abwehrmaregeln im Schoe eines unbedeutenden Stdtchens, der fast
mrchenhafte Glanz der Herzge und Monarchen winziger Lnder, alle die
Mzene, Protektoren und Inquisitoren, diese ganze Reihe groer Mnner,
die um ein und dieselbe Zeit zusammentrafen, die Lyra, der Zirkel, das
Schwert und die Palette, diese Tempel, die mitten im Streit, im Kampf
und whrend mchtiger Unruhen errichtet wurden, diese Feindschaften, die
Blutrache, diese Zge des Gromuts und diese ganze Masse romantischer
Ereignisse im brgerlichen Leben, mitten im Wirbel des politischen,
gesellschaftlichen Daseins, und das wundersame Band, das sich um dies
alles schlang, eine so erstaunliche Entfaltung aller Seiten des
politischen und brgerlichen Lebens, ein solches Erwachen aller
menschlichen Elemente in einem so engen Bezirk, die an andern Orten
immer nur in Bruchstcken und auf groen Flchen zur Darstellung kamen!
-- Und das alles war pltzlich verschwunden, pltzlich dahin, alles war
erloschen wie erkaltete Lava und von Europa selbst aus seinem Gedchtnis
getilgt, wie ein alter unntzer Plunder.

Nirgends, nicht einmal in den Journalen lt uns das arme Italien seine
des Diadems beraubte Stirn sehen; mit seiner politischen Bedeutung hat
es jeden Einflu auf die Welt verloren.

Wie aber, dachte er, wird denn sein Ruhm nie wieder auferstehen? Gibt
es denn gar kein Mittel, ihm seinen entschwundenen Glanz wiederzugeben?
Und er gedachte der Zeit, als er noch als Student der Universitt, als
er in Lucca von der Zurckfhrung der ruhmreichen Vergangenheit getrumt
hatte; er erinnerte sich, wie dies der liebste Gedanke der italienischen
Jugend gewesen war und wie sie gutmtig und treuherzig beim vollen
Becher davon geschwrmt hatten. Und nun mute er erkennen, wie
kurzsichtig diese jungen Leute gewesen waren und wie kurzsichtig die
Politiker sind, die dem Volke Trgheit und Sorglosigkeit vorwerfen. Und
eine dunkle Ahnung des mchtigen Fingers, vor dem der Mensch verstummt
und sich demtig beugt, des mchtigen Fingers, der den Weltereignissen
ihr Ziel und ihren Gang vorschreibt, bemchtigte sich seiner und
erfllte sein Gemt mit Staunen und Ehrfurcht. Aus dem Schoe Italiens
hatte Er den armen von seinem eigenen Heimatlande verfolgten Genueser
emporsteigen lassen, der allein sein ganzes Vaterland zugrunde richten
sollte, indem er ein neues unbekanntes Land und neue weite Seewege
entdeckte. Der Horizont der Welt erweiterte sich; das Leben Europas
erhielt einen mchtigen Schwung und ward erfllt von lebhafter Bewegung.
Schiffe begannen die Welt zu umsegeln und machten die mchtigen Krfte
des Nordens frei. Das Mittelmeer verdete, und wie das versandende Bett
eines Flusses, versandete Italien, das in dem Wettstreit zurckgeblieben
war. Noch steht Venedig, noch spiegeln sich seine erloschenen Palste in
den Wellen des Adriatischen Meeres, und ein herzzerreiender Schmerz
erfllt die Seele des Fremden, wenn ihn der Gondelfhrer gebeugten
Hauptes an den kahlen Mauern und zerstrten Brstungen stummer marmorner
Balkone vorberrudert. Stumm liegt Ferrara da und schreckt uns mit dem
drohend finstern Anblick seines herzoglichen Schlosses. Traurig und de
stehen in ganz Italien die gebeugten Trme und die architektonischen
Wunder inmitten einer Generation, die gleichgltig zu ihnen emporsieht.
Laut schallt das Echo durch die einst so lebhaften Straen, und der
rmliche Vetturino hlt vor einer schmutzigen Osteria, die sich in einem
prunkvollen Schlo angesiedelt hat. Im hrenen Bukleid des Bettlers
wandelt das heutige Italien einher, und wie staubige Lumpen hngen an
ihm die Fetzen seines verblichenen Knigsmantels.

In einer Aufwallung tiefen Seelenschmerzes htte er mitunter sogar
Trnen vergieen knnen. Aber dann bemchtigte sich seiner von selbst
ein groer trostreicher Gedanke, und ein hheres Ahnungsvermgen gab ihm
die Gewiheit, da Italien noch nicht gestorben sei, da die Spuren
seiner ewigen unerschtterlichen Macht ber die ganze Welt sich noch
fhlbar machten, da sein gewaltiger Genius ewig ber dem Lande schwebt,
er, der von Anbeginn das Schicksal Europas in seinen Busen gelegt hatte,
der das Kreuz in die finsteren europischen Wlder trug, der mit dem
Schifferhaken der brgerlichen Ordnung den an ihren fernen Grenzen
hausenden halbwilden Menschen an sich zog, der die Glut des Verkehrs und
des Welthandels entfachte, die Listen der Politik und das verwickelte
Federwerk der brgerlichen Verhltnisse spielen lie, all seine
geistigen Krfte glanzvoll entfaltete, seine Stirn mit dem heiligen
Kranze der Poesie umwand, und als der _politische_ Einflu Italiens
bereits zu schwinden begann, die Welt mit herrlichen Wundern erfllte:
mit Kunstwerken, die den Menschen mit nie geahnten Genssen und
gttlichen Gefhlen beschenkten, wie sie bisher noch nie den Schchten
seiner Seele entstiegen waren. Und als nun auch das Jahrhundert der
Kunst zur Neige ging und die ganz von ihren Rechnungen und Geschften in
Anspruch genommenen Menschen fr sie erkalteten, da schwebt er ber der
Welt und wird er getragen von den klagenden Seufzern der Musik, und an
den Ufern der Seine, an der Newa, an der Themse, an der Moskwa, am
Mittelmeer und am Schwarzen Meer, an den Ksten Algeriens und auf
fernen, vor kurzem noch halbbarbarischen Inseln ertnt begeisterter
Beifall zum Preise der unser Ohr mit Wohllaut erfllenden Snger. Und
endlich beherrscht er selbst durch sein ehrwrdiges Alter und als Bild
des Verfalls und der Verwesung drohend die Welt: diese erhabenen
architektonischen Wunder blieben uns erhalten wie ein mahnender
Schatten, als ein ewiger Vorwurf, um Europa seinen kleinlichen
chinesischen Luxus und seine kindliche, spielerische, geistige
Zersplitterung entgegenzuhalten. Dieser ganze Haufen untergegangener
Welten und diese wunderbare Mischung mit der ewig blhenden Natur -- das
alles existiert nur zu dem Zweck, um die Welt aufzurtteln, um den
Bewohner des Nordens zuweilen wie im Traum diesen Sden sehen zu lassen,
es existiert nur, damit der Gedanke an ihn, ihn aus dem kalten Leben und
all der Geschftigkeit, die die Seele verhrtet und erstarren lt,
herausreie und ber sich emporhebe, indem sich pltzlich ein
leuchtender, den Menschen weit mit sich forttragender Ausblick vor ihm
auftut, ihm eine coliseische mondbeglnzte Nacht, das in Schnheit
sterbende Venedig, ein unsichtbares Leuchten des Himmels und das warme
Gekose der herrlichen Luft vorzaubert -- auf da er wenigstens _einmal_
in seinem Leben ein _schner Mensch_ sei.

In einem solchen feierlichen Augenblick shnte er sich mit dem
Niedergang und Verfall seines Vaterlandes aus, und nun glaubte er,
berall Keime des ewigen Lebens und einer besseren Zukunft zu erblicken,
die uns der ewige Schpfer der Welt unablssig bereitet. In solchen
Augenblicken dachte er auch hufig ber die Bedeutung des rmischen
Volkes fr die Gegenwart nach; und es schien ihm, als ob hier noch ein
ganz unverbrauchtes Material vorliege. In den Epochen des Glanzes hatte
es auch nicht ein _einziges_ Mal eine bedeutende Rolle gespielt; nur die
Ppste und die adligen Familien hatten ihre Namen ins Buch der
Geschichte eingezeichnet, das Volk aber war unbeachtet geblieben. Das
Spiel der Interessen in ihm und um es herum hatte nicht in seinen Kreis
eingegriffen und es nicht mit sich fortgerissen; noch war es unberhrt
von jeglicher Bildung geblieben, die wie ein Sturmwind die in ihm
schlummernden Krfte aufgerttelt htte. Etwas von kindlicher Gte und
Vornehmheit lag in seiner Natur. Dieser Stolz auf den rmischen Namen,
der Grund weshalb ein groer Teil der Brger, die sich fr Nachkommen
der alten Quiriten hielten, nie eine ehrliche Verbindung mit andern
Bevlkerungsklassen einging; dieser aus Gutmtigkeit und Leidenschaft
gemischte Charakter, ein Beweis fr seine Schnheit und Reinheit (der
Rmer vergit nie das Gute oder Bse, das ihm angetan wird; er ist
entweder gut oder bse, verschwenderisch oder geizig, seine Laster und
Tugenden ruhen noch in ihren ursprnglichen Schchten und haben sich
noch nicht zu einem unbestimmten Ganzen vermischt wie beim Menschen
unserer Zivilisation, der alle mglichen Leidenschaften, jedoch nur in
ganz geringen Dosen besitzt und bei dem sie alle unter der
Oberherrschaft des Egoismus stehen); diese Unmigkeit und diese
Neigung, aus dem Vollen zu genieen -- ein allgemein verbreiteter Zug
bei allen starken Vlkern -- das alles wurde fr ihn von groer
Bedeutung. Und dann diese strahlende ungeknstelte Heiterkeit, wie wir
sie heute kaum bei einem andern Volke finden, berall, wo der Frst
hingekommen war, hatte er den Eindruck gewonnen, als mache man mhsame
Anstrengungen, das Volk zu _zerstreuen_ und zu unterhalten; hier dagegen
unterhielt es sich selbst, hier wollte es selbst mit teilnehmen; whrend
des Karnevals war es kaum zu zgeln; alles, was es im Laufe eines Jahres
zurckgelegt hatte, war es bereit, in diesen einundeinhalb Wochen wieder
durchzubringen; fr ein Kostm konnte es sein ganzes Geld ausgeben; der
einfache Mann verkleidet sich als Bajazzo, als Weib, als Poet, als
Doktor oder Graf, schwatzt euch allerhand trichtes Zeug vor oder hlt
euch wohl gar eine Vorlesung, ob ihr nun zuhrt oder nicht -- und diese
Frhlichkeit ergreift alle miteinander wie ein Wirbel, vom
vierzigjhrigen Mann bis zum jngsten Burschen, der letzte Bettler, der
nichts hat, was er anziehen knnte, wendet seinen Kittel um, schwrzt
sich sein Gesicht mit Kohle, schliet sich dem bunten Haufen an und
luft mit. Und diese Heiterkeit entspringt ganz einfach seiner Natur,
sie ist kein Produkt des Rausches, denn dasselbe Volk pfeift einen
Betrunkenen aus, wenn es ihm auf der Strae begegnet. Und dann -- diese
Zge eines angeborenen knstlerischen Instinkts und Gefhls! hatte doch
einmal in Gegenwart des Frsten eine einfache Frau einen Knstler auf
einen Fehler in seinem Gemlde aufmerksam gemacht; er sah, wie dieses
Gefhl sich in der malerischen Kleidung und in dem Schmuck der Kirchen
ausprgte, sah wie das Volk in _Gensano_ die Straen mit Blumenteppichen
bedeckte, wie die vielfarbigen Blumenbltter sich zu bunten Flecken und
Schatten verwandelten und auf dem Pflaster zu allerhand Figuren
gruppierten -- zu dem Wappen eines Kardinals, zum Bilde des Papstes, zu
einem Namenszug, zu Vgeln, Tieren und verschieden gestalteten
Arabesken; er sah, wie die Ewarenhndler, die Pizzicaruoli am Abend vor
Ostersonntag ihre Lden ausschmckten: die Schinken, die Wrste, die
weien Schweinsblasen, die Zitronen und allerhand Bltter ordneten sich
zu einem bunten Mosaik zusammen, das einen _Plafond_ darstellte. Die
zylindrischen Parmesankse und andere Ksesorten bildeten ganze
Sulenreihen, indem sie sich bereinander trmten; Talgkerzen
gruppierten sich zu dem mosaikartigen Gewebe eines Vorhanges, der die
inneren Wnde schmckte; da sah man ganze Statuen und historische
Gruppen, die einen christlichen oder biblischen Stoff darstellten, aus
schneeweiem Talg gegossen, den der erstaunte Beschauer fr Alabaster
halten mute -- der ganze Boden verwandelte sich in einen heiteren
Tempel, in dem vergoldete Sterne erstrahlten, der von kunstvoll
aufgehngten _Ampeln_ erleuchtet wurde und in dessen Spiegelscheiben
sich zahllose Haufen von Ostereiern spiegelten. Zu alledem ist ein
gewisser Geschmack erforderlich, und der Pizzicaruolo machte das nicht,
weil es ihm etwas einbrachte, sondern nur um andere und sich selbst an
diesem Anblick zu erfreuen. Und endlich war dies ein Volk, das sich
seiner eigenen Wrde bewut war: hier bildete es das Volk: _il popolo_,
und nicht den gemeinen Pbel; es war sich bewut, die wahren Urelemente
des ersten Quiritenzeitalters in sich zu tragen; nicht einmal die
fremden Reisenden, diese Verfhrer, die die Korruption in die mig
dahinlebenden Vlker tragen, -- brachten es fertig, dies Volk zu
verderben, obwohl sich freilich infolge der berflutung mit fremden
Gsten die Gasthuser und die Landstraen mit einer Klasse von
verchtlichen Leuten bevlkern, nach denen sich der Reisende hufig ein
Urteil ber das ganze Volk bildet. Sogar die Torheit der
Regierungsmanahmen, dieser zusammenhanglose Haufen aller mglichen
Gesetze, die zu den verschiedensten Zeiten und unter ganz
verschiedenartigen Verhltnissen entstanden waren, und noch bis heute
nicht wieder aufgehoben sind, unter denen es sogar Edikte gibt, die aus
der alten rmischen Republik stammen, selbst sie haben es nicht
vermocht, in diesem Volke das hohe Rechtsbewutsein zu entwurzeln. Er
verfolgt den unehrlichen Glubiger mit seinem Tadel, begleitet den
Leichenzug der Verstorbenen mit Pfeifen und spannt sich gromtig vor
den Leichenwagen, der den Leib eines vom Volke geliebten Mannes mit sich
fhrt. Selbst das Betragen der Geistlichkeit, das hufig rgernis
erregen knnte und in andern Lndern Sittenlosigkeit und Korruption zur
Folge haben wrde, scheint keinen Eindruck auf das Volk zu machen: denn
es versteht die Religion von ihren heuchlerischen Dienern zu
unterscheiden und ist noch nicht angekrnkelt von dem kalten Geist des
Unglaubens. Und schlielich haben es selbst die Not und die Armut, diese
unvermeidlichen Begleiterscheinungen eines stagnierenden Staates, nie zu
finsteren beltaten verleitet: dieses Volk bleibt immer heiter, ertrgt
alles mit Ruhe, und nur in Romanen und Erzhlungen lesen wir von
Mordtaten und Messerstechereien auf den Straen. Aus diesen Zgen ersah
der Frst, da er es hier mit einem starken, noch unberhrten Volke zu
tun hatte, dem sich offenbar in der Zukunft noch ein groes Feld der
Bettigung erffnen mute. Die europische Bildung hatte es, wie es
schien, mit Absicht bergangen und keine ihrer Vollkommenheiten in
seinem Busen Wurzeln schlagen lassen. Selbst die geistliche Herrschaft,
dieses seltene Schattengebilde, das sich aus einer vergangenen Zeit
herbergerettet hatte, hatte sich gleichsam nur zu dem Zwecke erhalten,
um die Nation vor fremden Einflssen zu behten, damit keiner der
ehrgeizigen Nachbarn sich an ihm vergreife, und damit sein stolzes
Volkstum in stiller Einsamkeit warte, bis seine Stunde kommen werde. Und
dennoch hatte man hier in Rom nicht den Eindruck der Totenstarre; selbst
diese Ruinen und die prunkvolle Armut strmten nichts von jener
peinigenden, whlenden Stimmung aus, die uns bei der Betrachtung der
berreste einer bei lebendigem Leibe verwesenden Nation befllt. Hier
war man von dem entgegengesetzten Gefhl beherrscht: von einer heiteren,
feierlichen Ruhe. Und jedesmal, wenn der Frst an dies alles dachte,
versank er unwillkrlich in Sinnen, und es schien ihm, als lge eine
seltsame geheimnisvolle Bedeutung in dem Worte: das ewige Rom.

Die Folge davon war, da er sich mit immer grerem Eifer dem Studium
seines Volkes hingab. Er beobachtete es auf den Straen und in den
Cafs, von denen jedes sein eigenes Publikum hatte; in dem einen
verkehrten die Antiquare, in einem andern die Jger und die Schtzen, in
einem dritten die Bedienten der Kardinle, in einem vierten die
Knstler, in einem fnften die ganze rmische Jugend und die rmischen
Dandys. Er beobachtete es in den Osterien, in den echten rmischen
Osterien, in die sich nie ein Fremder verirrt, wo sich ein rmischer
_Nobile_ zuweilen neben einem _Minente_ niederlt, und wo an heien
Tagen alle Anwesenden ihre Rcke und Krawatten ablegen; oder er besuchte
eine jener kleineren rmlichen aber malerischen Vorstadtschenken mit
ihren luftigen Fenstern ohne Glasscheiben, wo die Rmer mit ihren
Familien oder in zahlreicher Gesellschaft einkehrten, um dort zu Mittag
zu essen, oder, wie sie sich ausdrckten, __per far allegria__. Er lie
sich neben ihnen am Tische nieder, speiste mit ihnen zu Mittag und
beteiligte sich an ihren Unterhaltungen, immer wieder erstaunt ber
ihren schlichten, gesunden Menschenverstand und ber die Lebhaftigkeit
und Originalitt, mit der diese ungebildeten Leute zu erzhlen
verstanden. Die beste Gelegenheit jedoch, sie kennen zu lernen, bot sich
ihm whrend der Zeremonien und Festlichkeiten, wenn die ganze
Bevlkerung Roms pltzlich an der Oberflche erscheint und eine schier
unendliche Menge holder Schnheiten vor einem auftauchen, von deren
Existenz man bisher keine Ahnung hatte, und wie man ihnen nur noch auf
den Basreliefs und in den Anthologien der Alten begegnet. Diese groen,
tiefen Augen, diese Alabasterschultern, diese pechschwarzen Haare, die
sich in tausendfltigen Formen ums Haupt schlingen oder auf die
Schultern herabfallen, malerisch durchbohrt von einem goldenen Pfeil,
diese Hnde, dieser stolze Gang -- dies alles erinnerte ihn an die
ernste, klassische Schnheit, und hatte nichts gemein mit dem
leichtsinnigen Reiz graziser Frauen. Hier glichen die Frauen mehr den
Bauten Italiens: sie glichen entweder Palsten oder rmlichen Htten,
sie waren entweder vollendete Schnheiten oder ganz hlich; die
Mittelmigkeit war hier berhaupt nicht vertreten, _hbsche_ Frauen gab
es hier nicht. Und er geno ihren Anblick, wie er die Verse einer
herrlichen Dichtung geno, deren Schnheit sich noch weit ber die der
andern erhebt, und die in der Seele einen khlen, erfrischenden Schauer
hervorrufen.

Allein, bald gesellte sich zu all diesen Genssen ein Gefhl, das all
den andern den Krieg erklrte -- ein Gefhl, das die mchtigsten
Leidenschaften aus ihrem geistigen Schlummer erweckte, Leidenschaften,
die sich in demokratischer Rebellion gegen die hohe Seeleneinheit
auflehnten: er erblickte Anunziata. Und so sind wir denn endlich bei dem
hehren Bildnis angelangt, das sein helles Licht ber den Anfang unserer
Erzhlung verbreitete.

Es war zur Zeit des Karnevals. Heute gehe ich nicht zum Corso, sagte
der Principe zu seinem _Maestro di casa_, whrend er aus dem Hause trat,
der Karneval fngt an, mich zu langweilen; ich finde die Gartenfeste
und die Aufzge, wie sie im Sommer stattfinden, viel schner.

Ja ist denn das ein Karneval? versetzte der Alte. Das ist ein
Karneval fr Kinder. Ich erinnere mich eines Karnevals! Da sah man auf
dem ganzen Corso auch nicht einen Wagen, und auf den Straen gab's die
ganze Nacht Musik; die Maler, die Architekten und Bildhauer stellten
ganze Gruppen und veranstalteten groe Auffhrungen, und das Volk -- der
Herr Frst verstehen doch -- das _ganze_ Volk, alle -- alle Vergolder,
Rahmenbauer, Mosaikleger, smtliche schnen Frauen, die ganze Signoria
und alle Nobili -- sie alle, alle ... machten mit ... _o quanta
allegria_! Das war ein richtiger Karneval. Aber heutzutage, was ist denn
das fr ein Karneval! Ach! ... sagte der Alte, zuckte die Achseln, und
dann sagte er noch einmal Ach, zuckte nochmals die Achseln und fgte
schlielich hinzu: _E una porcheria!_ -- Der _Maestro di casa_
untersttzte seinen Ausruf in einer lebhaften Aufwallung seines
Temperaments mit einer uerst krftigen Geste, beruhigte sich aber
sogleich wieder, als er bemerkte, da der Frst schon lngst nicht mehr
vor ihm stand, sondern sich schon lange auf der Strae befand. Da er
keine Lust hatte, sich am Karneval zu beteiligen, hatte er weder eine
Maske mitgenommen noch auch ein Drahtnetz vors Gesicht gelegt. Er hllte
sich tief in seinen Mantel und wollte sich ber den Corso nach dem
andern Stadtteil begeben. Aber das Menschengewhl war zu gro. Er
drngte sich zwischen zwei Menschen hindurch, wobei ihm eine Ladung Mehl
auf den Kopf geschttet wurde; ein bunter Harlekin schlug ihm whrend er
mit seiner Kolombine an ihm vorbeistrmte mit seiner Knarre auf die
Schulter, von allen Seiten flogen ihm _confetti_ und Blumenstrue ins
Gesicht, von beiden Seiten flsterte ihm jemand ins Ohr, von rechts ein
Graf und von links ein Arzt, der ihm eine lange Vorlesung ber den
Inhalt seines Blinddarmes hielt. Es war vllig unmglich zwischen all
den Menschen hindurchzukommen, denn die Volksmenge wuchs immer mehr an,
und die lange Kette der Wagen machte halt, da sie nicht mehr vorwrts
kommen konnte. Jetzt richtete sich die Aufmerksamkeit der Menge auf
einen mutigen Burschen, der auf Stelzen die Huserreihen entlang
schritt, obwohl ihm jeden Augenblick die Stelzen unter den Beinen
weggeschlagen werden konnten und er Gefahr lief, sich auf dem Pflaster
zu Tode zu fallen. Aber deswegen schien er sich keine Sorge zu machen.
Er trug einen ausgestopften Riesen auf seiner Schulter, den er mit einer
Hand festhielt, und in der andern Hand ein Stck Papier mit einem Sonett
und einem darangehefteten Schwanz, wie man sie bei Papierdrachen findet,
und schrie dazu aus voller Kehle: _Ecco il gran poeta morto! Ecco il
suo sonetto colla coda._ (Da ist der verstorbene groe Dichter! Das ist
sein Sonett mit dem Schwanz [_coda_][17].) Der verwegene Bursche hatte
eine so dichte Menschenmenge um sich geschart, da der Frst in dem
Gedrnge kaum noch zu atmen vermochte. Endlich setzte sich die ganze
Menge hinter dem toten Poeten in Bewegung, auch die lange Wagenreihe,
worber der Frst sehr erfreut war, obgleich ihm in dem Gedrnge der Hut
vom Kopfe geschlagen worden war, nach dem er jetzt eilig griff. Als er
noch damit beschftigt war, den Hut aufzuheben, schlug er die Augen auf
und blieb wie angewurzelt stehen: vor ihm stand ein Mdchen von einer
unbeschreiblichen Schnheit, sie hatte ein leuchtendes albanisches
Kostm an und kam in Gesellschaft von zwei andern gleichfalls schnen
Frauen daher, die aber neben ihr verblaten, wie die Nacht vor dem Tage.
Das war ein herrliches Wunderbildnis. Alles mute vor ihrem Glanze
dahinschwinden. Wenn man sie ansah, wurde es einem klar, warum die
italienischen Dichter schne Frauen mit der Sonne verglichen. Ja, das
war eine Sonne, das war die vollkommenste Schnheit! Aller Glanz, der
uns zersplittert und auf die einzelnen Schnen dieser Welt verteilt
entgegenstrahlt, war hier in einer einzigen vereinigt. Wenn man ihren
Busen und ihre Bste ansah, erkannte man sogleich die Mngel des Busens
und der Bste anderer schner Frauen. Im Vergleich mit ihrem dichten
glnzenden Haar mute jedes andere Haar dnn und farblos erscheinen.
Ihre Hnde muten jeden Menschen zum Knstler machen! denn wie ein
Knstler htte er sie ewig anschauen mgen und es nie gewagt, sie
anzuhauchen. Im Vergleich mit ihren Fen muten die Fe aller
Englnderinnen, aller Deutschen, aller Franzsinnen und der Frauen aller
andern Nationen wie Holzspne erscheinen, nur die antiken Bildhauer
haben die hehre Idee ihrer Schnheit in ihren Statuen festgehalten. Ihre
Schnheit war vollkommen und wie dazu geschaffen, jedermann in gleicher
Weise zu blenden. Hierzu bedurfte es nicht eines besonderen Geschmacks;
angesichts solcher Vollendung muten alle Geschmacksrichtungen
zusammentreffen; vor ihr muten alle andchtig auf die Knie sinken, der
Glubige wie der Unglubige wren vor ihr niedergefallen, wie vor einer
pltzlichen Erscheinung der Gottheit. Der Frst sah, wie die ganze Menge
und alle Anwesenden, soviel ihrer da waren, sie anstarrten, wie sich ein
unwillkrliches mit Entzcken gemischtes Staunen in den Zgen der Frauen
malte, wie sie immer wieder ausriefen: _O bella!_ wie alle ohne
Ausnahme sich in Knstler verwandelt zu haben schienen und ganz im
Anschauen des schnen Wesens verloren waren. Aber im Gesicht des
Mdchens war nichts zu lesen, auer einem lebhaften Interesse fr den
Karneval: sie sah nur die Menge und die Masken, merkte nichts von den
auf sie gerichteten Augen und hrte kaum auf die hinter ihr stehenden
Herren in Sammetjacken, anscheinend ihre Verwandten, die sie
wahrscheinlich hieher begleitet hatten. Der Frst suchte von den Leuten,
die neben ihm standen, zu erfahren, wer und woher wohl dies wunderschne
Mdchen sei, aber man antwortete ihm berall blo mit einem Achselzucken
und einer unbestimmten Geste und fgte vielleicht noch hinzu: Ich wei
nicht, wahrscheinlich ist's eine Fremde[18]. Unbeweglich und mit
angehaltenem Atem schien er sie mit seinen Blicken verschlingen zu
wollen. Endlich richtete auch das schne Mdchen ihre tiefen Augen auf
ihn, um sie jedoch sogleich verlegen von ihm abzuwenden. Ein Schrei
weckte ihn aus seinen Trumereien: vor ihm stand ein mchtiger Wagen.
Eine Anzahl Masken in roten Blusen rief ihn beim Namen, bestreute ihn
mit Mehl und begleitete ihre Spe mit dem langgezogenen Rufe hu ... hu
... hu! In einem Nu war er unter dem lauten Gelchter der Umstehenden
von Kopf bis zu den Fen mit Mehl berschttet. Ganz wei wie Schnee,
ja selbst mit weien Augenwimpern, eilte der Frst nach Hause, um sich
umzuziehen.

[Funote 17: In der italienischen Poetik gibt es eine besondere Form,
die unter dem Namen Sonett mit dem Schwanz (_con la coda_) bekannt ist
-- sie wird dann angewandt, wenn das Gedicht den ganzen Gedanken nicht
zu fassen vermag und daher ein Zusatz erforderlich wird, der oft grer
ist als das eigentliche Sonett.]

Als er zu Hause angekommen war und sich umgekleidet hatte, war soviel
Zeit verstrichen, da nur noch einundeinhalb Stunden bis zum Ave-Maria
brigblieben. Die Wagen kehrten bereits leer vom Corso zurck: die
Insassen hatten sich auf die Balkons zurckgezogen, um sich das Volk
anzusehen, das sich in Erwartung der Pferderennen noch immer durch die
Straen drngte. Als er in den Corso einbog, stie er auf einen Wagen,
der mit Mnnern und Frauen angefllt war. Die Mnner trugen Jacken, die
Frauen hatten Blumenkrnze auf dem Haupt und Zimbeln und Kastagnetten in
den Hnden. Die Insassen des Wagens schienen in heiterer Stimmung nach
Hause zurckzukehren, er war an der Seite mit Girlanden geschmckt, und
die Speichen und Reifen der Rder waren mit grnen Zweigen umwunden.
Aber das Herz des Frsten wurde kalt, als er sah, da im Wagen, inmitten
der Frauen, das schne Mdchen sa, das einen so tiefen Eindruck auf ihn
gemacht hatte. Ein strahlendes Lcheln erleuchtete ihr Antlitz, und
unter Schreien und Singen rollte der Wagen schnell an ihm vorbei. Sofort
machte der Frst sich auf und eilte ihm nach, aber ein langer Zug von
Musikanten kam ihm in den Weg: eine Geige von schreckenerregender Gre
kam auf einem sechsrdrigen Wagen dahergefahren. Ein Mann sa rittlings
auf dem Gestell, und ein anderer, der ihr zur Seite ging, strich mit
einem gewaltigen Fiedelbogen ber vier dicke Stricke, die die Saiten
darstellen sollten. Die Herstellung dieser Geige hatte wahrscheinlich
viel Mhe und groe Unkosten an Zeit und Geld verursacht. Voran schritt
ein Mann mit einer ungeheueren Trommel. Eine groe Menge Volks, junge
Burschen und Knaben folgten in hellen Scharen dem Musikantenaufzug, und
die ganze Prozession wurde beschlossen durch einen in Rom wegen seiner
Leibesflle bekannten Pizzicaruolo, der eine Klistierspritze von der
Gre eines Kirchturms in der Hand trug. Als der Zug die Strae
verlassen hatte, sah der Frst, da es schon zu spt war und daher
keinen Sinn mehr hatte, hinter dem Wagen herzulaufen; zudem wute er ja
auch nicht, welchen Weg er eingeschlagen hatte. Dennoch aber konnte er
den Gedanken nicht aufgeben, das schne Mdchen wieder aufzufinden.
Seine Einbildungskraft zauberte ihm immer wieder dieses strahlende
Lachen und den offenen Mund mit der langen Reihe wundervoller Zhne vor.
Das ist ein Blitzstrahl und kein Weib! sagte er immer wieder zu sich
selbst und fgte stolz hinzu: Sie ist eine Rmerin: ein solches Weib
konnte nur in Rom geboren werden. Ich mu sie unbedingt wiedersehn; ich
trage Verlangen nach ihrem Anblick, nicht um sie zu lieben -- nein, ich
mchte sie nur ansehen, ihre ganze Gestalt betrachten: ihre Augen, ihre
Hnde, ihre Finger, ihre glnzenden Haare. Ich will sie nicht kssen,
ich mchte sie nur ansehen. Wie nur? So mu es doch auch sein, das liegt
im Wesen der Natur; sie hat kein Recht, ihre Schnheit zu verbergen und
mit sich fortzutragen. Die vollendete Schnheit ward der Welt ja darum
geschenkt, damit jeder sie anschaue, und auf da er ihr Bild ewig in
seinem Herzen trage. Wenn sie nur _schn_, nur eine gewhnliche
Schnheit und kein Wesen von dieser hchsten Vollkommenheit wre, dann
htte sie wohl das Recht, einem _Einzelnen_ anzugehren, er knnte sie
in eine Wste forttragen und der Welt ihren Anblick vorenthalten. Aber
die vollkommene Schnheit mu jedem sichtbar sein. Lt denn ein
Architekt einen prachtvollen Tempel in einer engen Gasse errichten?
Nein, er stellt ihn auf einen offenen Platz hin, damit der Mensch ihn
von allen Seiten betrachten und sich an ihm erfreuen knne. >Ward etwa
deshalb das Licht angezndet,< sagt der gttliche Meister, >auf da man
es verberge und unter den Scheffel stelle. Nein das Licht ward
angezndet, auf da es auf dem Tische stehe, allen Helligkeit spende und
auf da sich alle im Lichte bewegen.< Nein, ich mu sie unbedingt
sehen! So sprach der Frst zu sich selbst, dachte dann lange nach und
ging alle Mittel durch, die ihn zu seinem Ziele fhren knnten; endlich
schien er eins gefunden zu haben: sofort und ohne einen Augenblick zu
zgern begab er sich in eine der entlegenen Gassen, deren es in Rom sehr
viele gibt, wo es nicht einmal einen Kardinalspalast mit einem gemalten
Wappen auf dem ovalen Holzschilde gibt, wo sich ber jedem Fenster und
jeder Tr der engen Huschen eine Nummer befindet, wo sich das Pflaster
bucklig emportrmt und wieder senkt, und wohin sich von Fremden
hchstens ein geriebener deutscher Knstler mit seinem Feldstecher und
seinem Farbenkasten verirrt, oder etwa noch ein Ziegenbock, der hinter
der vorbergehenden Herde zurckgeblieben ist und stehenbleibt, um sich
diese merkwrdige Strae anzuschauen, die er noch nie gesehen hat. Hier
hrt man die sonoren Stimmen der Rmerinnen; in allen Fenstern ertnt
Geplauder und lebhafte Wechselrede. Hier herrscht volle Aufrichtigkeit,
und der Passant kann hier alle huslichen Geheimnisse erfahren; selbst
Mutter und Tochter sprechen hier nicht anders miteinander, als indem
beide ihre Kpfe zum Fenster hinausstecken. Mnner sieht man hier
berhaupt nicht. Kaum erglnzt der erste Strahl der Morgensonne, und
schon ffnet sich das Fenster, und _siora_ Susanna blickt auf die Strae
hinaus. In einem anderen Fenster erscheint _siora_ Grazia, noch damit
beschftigt, sich den Rock anzuziehen, sodann ffnet _siora_ Nanna das
Fenster, auf sie folgt _siora_ Lucia, die sich das Haar kmmt, und
endlich streckt _siora_ Cecilia ihre Hand aus dem Fenster, um sich die
Wsche zu holen, die auf einer Schnur vor dem Hause hngt und nun ihre
Strafe dafr erhlt, da sie so widerspenstig war und sich so schwer
erreichen lie: denn Donna Cecilia drckt sie zornig zusammen und wirft
sie mit den Worten: _che bestia!_ auf den Boden. Hier lebt alles, hier
ist alles in Bewegung, hier fliegt pltzlich ein Schuh aus dem Fenster,
um einen unartigen Jungen oder einen Ziegenbock zu treffen, der mit
einem einjhrigen Kind an einem Korb steht, es beschnuppert und seinen
Kopf vorbeugt, um ihm zu zeigen, was zwei Hrner sind. Hier blieb nichts
unbekannt, hier wute man alles. Die Signoras waren ber alles
unterrichtet, was auf der Welt passierte, sie wuten, was _siora_
Giudita sich fr ein Tuch gekauft hatte, bei wem es heut Fisch zum
Mittagessen gab, wer Barbaruccias Geliebter und welcher Kapuziner der
beste Beichtvater war. Nur selten flocht auch der Gatte ein Wort ein,
der meist auf der Strae an die Mauer gelehnt dastand, eine kurze Pfeife
in den Zhnen hielt, und es fr seine Pflicht hielt, wenn er von einem
Kapuziner reden hrte, ein paar Worte wie: Das sind alles Gauner!
hinzuzufgen, worauf er wieder fortfuhr, seine Nase in Rauchwolken
einzuhllen. Hier kam nie ein Wagen vorbeigefahren, auer etwa ein
zweirdriger Rumpelkasten, der von einem Maultier gezogen wurde und Mehl
fr den Bcker mitfhrte, gewhnlich wurde er auch von einem schlfrigen
Esel begleitet, der kaum dazu zu bewegen war, seinen Korb mit den
Broccoli bis an seinen Bestimmungsort zu schleppen, trotz aller Hhs der
Straenjungen, die seine unempfindlichen Lenden mit Steinwrfen
regalierten. Hier gibt es keine Magazine auer ein paar kleinen Lden,
wo Brot, Bindfaden und Glasflaschen feilgeboten werden, und einem
dunklen, engen Caf, das sich in einer Straenecke befindet, da konnte
man stets den Anblick eines bestndig auf die Strae herauslaufenden
Bottegas genieen, der den Signoris in kleinen Blechkannen Kaffee oder
eine in Ziegenmilch gekochte Schokolade, die unter dem Namen Aurora
bekannt ist, servierte. Alle Huser gehrten hier zwei, drei, mitunter
aber auch vier Hausbesitzern, von denen der eine nur den
lebenslnglichen Niebrauch, ein zweiter nur eine Etage besa, deren
Mietzins er jedoch nur zwei Jahre lang erheben durfte, wonach der Stock
auf Grund eines Testaments auf zehn Jahre an den _padre_ Vincenzo fiel,
dessen rechtlicher Anspruch jedoch von einem Verwandten des
ursprnglichen Besitzers, der in Frascati wohnte, und der schon
rechtzeitig fr die Einleitung eines Prozesses gesorgt hatte,
angefochten wurde. Es gab auch solche Hausbesitzer, die nur ein einziges
Fenster in einem bestimmten Hause und zwei andere in einem andern Hause
besaen, und die Einknfte von dem Fenster, fr das der unordentliche
Mieter brigens den Mietzins meist schuldig blieb, mit einem Bruder
teilten, -- mit einem Wort, hier gab es in Hlle und Flle Material fr
unaufhrliche Prozesse und reichen Broterwerb fr die Advokaten und
Kuriale, die Rom berschwemmten. Alle Damen, von denen soeben gesprochen
wurde, sowohl die vornehmsten, die stets mit ihrem vollen Namen genannt
wurden, wie die geringeren Ranges, die nur mit Diminutiven beehrt
wurden: alle Tettas, Tuttas, Nannas usw. hatten meistens gar nichts zu
tun; das waren Gattinnen von Rechtsanwlten, kleinen Beamten, kleinen
Kaufleuten, Trgern, Facchinos, gewhnlich aber Frauen unbeschftigter
Brger, deren ganzes Talent darin bestand, sich geschickt mit ihren
nicht mehr ganz intakten Mnteln zu drapieren. Viele von den Signoras
standen den Malern Modell. Hier gab es Modelle aller Arten. Wenn sie
Geld hatten, verbrachten sie ihre Zeit mit ihren Mnnern oder in groer
Gesellschaft in den Osterien, hatten sie kein Geld -- so waren sie
deshalb auch nicht betrbt, sondern saen am Fenster und blickten auf
die Strae hinaus. Heute war die Strae stiller als sonst, weil ein Teil
der Bewohner mit der Volksmenge nach dem Corso gezogen waren. Der Frst
ging auf die alte verfallene Tr eines Huschens zu, die zahlreiche
Lcher aufwies, so da selbst der Hauswirt lange mit dem Schlssel nach
dem Schlsselloch suchen mute. Er war eben im Begriff, nach dem Ring zu
greifen, als er pltzlich die Worte vernahm: Signor Principe will Peppe
sehen? Er hob das Haupt und erblickte _siora_ Tutta, die ihren Kopf aus
dem dritten Stock hervorstreckte.

[Funote 18: Die Rmer nennen alle, die nicht in Rom leben, Fremde
(_forestieri_), auch wenn sie nur zehn Meilen auerhalb der Stadt
wohnen.]

So ein vorlautes Frauenzimmer! rief _siora_ Susanna aus dem
gegenberliegenden Fenster. Der Principe ist vielleicht gar nicht
deswegen gekommen, um Peppe zu sehen!

Natrlich, um Peppe zu sehen! Nicht wahr, Herr Frst? Doch nur um Peppe
zu sprechen? Nicht wahr? Herr Frst? Um Peppe zu sprechen?

Ach was, Peppe! Was fr einen Peppe, fuhr _siora_ Susanna, mit beiden
Hnden gestikulierend, fort. Der Frst hat gerade Zeit, jetzt an Peppe
zu denken! Jetzt ist doch Karneval. Der Frst will sicher mit seiner
Cousine Marchesa Montelli, und mit seinen Freunden eine Wagenfahrt
unternehmen und in die Stadt fahren, _per far allegria_. Peppe! Peppe!

Der Frst war hchst erstaunt, solche Details ber die Art, wie er seine
Zeit verbringen wollte, zu vernehmen, aber er hat keinen Anla, sich zu
wundern, denn _siora_ Susanna wute alles.

Nein, meine lieben _signore_, sagte der Frst, ich mu in der Tat
Peppe sprechen.

Diesmal jedoch war es _siora_ Grazia, die die Antwort erteilte; sie
hatte schon lngst ihren Kopf aus einem Fenster der zweiten Etage
herausgestreckt und sa lauschend da. Sie schnalzte zur Antwort ein
wenig mit der Zunge und machte eine bezeichnende Bewegung mit dem Finger
-- das gewhnliche Zeichen der Verneinung bei den Rmerinnen -- und
fgte dann hinzu: Er ist nicht zu Hause.

Aber vielleicht wissen Sie, wo er ist, wohin er gegangen ist?

Eh, wohin wird er gegangen sein! versetzte _siora_ Grazia, indem sie
ihren Kopf ein wenig auf die Seite neigte, vielleicht -- in die
Osteria, am Platz beim Brunnen; wahrscheinlich hat ihn jemand
aufgefordert; er ist halt irgendwohin gegangen: _chi lo sa_ (wer will es
wissen).

Wenn der Principe ihm irgend etwas zu bestellen hat, fiel hier Signora
Barbaruccia ein, die am gegenberliegenden Fenster sa und im Begriff
war, sich einen Ohrring ins Ohr zu hngen: Sie brauchen es mir nur zu
sagen, ich will es ihm ausrichten.

Nein, lieber nicht, dachte der Frst und dankte fr ein solches
Entgegenkommen. In diesem Augenblick lugte aus einer Nebengasse eine
mchtige schmutzige Nase hervor, die wie eine ungeheure Axt ber den
gleich darauf zum Vorschein kommenden Lippen und ber dem ganzen Gesicht
schwebte: das war Peppe in eigener Person.

Da ist Peppe! rief _siora_ Susanna. Da kommt Peppe, _sior_ Principe!
rief Signora Grazia lebhaft aus ihrem Fenster.

Er kommt, Peppe kommt! trompetete _siora_ Cecilia aus einer
Straenecke.

Principe, Principe! Das ist ja Peppe! Da ist Peppe! (_ecco_ Peppe,
_ecco_ Peppe!) schrien die Kinder auf der Strae.

Ich seh, ich sehe, sagte der Frst, ganz betubt von dem lauten
Geschrei.

Da bin ich, _eccellenza_. Da bin ich! sagte Peppe, indem er die Mtze
abnahm. Man merkte es ihm an, da er schon etwas vom Karneval abgekriegt
hatte. Er war auf einer Seite mit einer Ladung Mehl bedacht worden: der
ganze Rcken und eine Seite waren ganz wei, der Hut war eingekeilt und
das ganze Gesicht mit weien Tupfen bedeckt. Peppe war schon deswegen
merkwrdig, weil er sein ganzes Leben lang den Diminutivnamen Peppe
getragen hatte. Er hatte sich durchaus nicht bis zum Giuseppe
aufschwingen knnen, obwohl er bereits grau zu werden begann. Er stammte
sogar aus einer guten und wohlhabenden Kaufmannsfamilie, aber er hatte
sein letztes Huschen in einem Proze verloren. Schon sein Vater, ein
Mensch von derselben Gattung wie Peppe, trotzdem er _sior_ Giovanni
genannt wurde, hatte sein ganzes Vermgen aufgezehrt, und nun fristete
Peppe gleich vielen andern notdrftig sein Leben, so wie es gerade kam:
bald nahm er Dienste bei einem Auslnder, bald spielte er den Boten bei
einem Rechtsanwalt, bald brachte er einem Knstler das Atelier in
Ordnung, bald wieder diente er als Wchter in einem Weinberg oder in
einer Villa und je nach dem Amt, das er bekleidete, wechselte er auch
bestndig sein Kostm. Mitunter begegnete man Peppe in einem weiten Rock
und einem runden Hut auf der Strae, bald wieder in einem engen Kaftan,
der an zwei drei Stellen geplatzt war, und so enge rmel hatte, da
Peppes lange Arme wie zwei Besenstiele aus ihnen hervorguckten, zuweilen
aber erschien er in einem ganz undefinierbaren Kostm, wobei er die
einzelnen Kleidungsstcke noch nicht einmal richtig angezogen hatte:
mitunter konnte man fast glauben, er habe die Jacke an Stelle der Hosen
angezogen und sie hinten, so gut es eben ging, zugebunden. Er war stets
zu allen mglichen Diensten bereit und bernahm allerlei Auftrge,
hufig sogar, ohne da dabei etwas fr ihn abfiel. Er lief hin und
verkaufte fr die in seiner Strae wohnenden Damen allerhand alten
Plunder: in Pergament gebundene Bcher eines verarmten Abbs oder
Antiquars oder das Gemlde eines Knstlers; er ging morgens zu den Abbs
und nahm ihre Hosen und Schuhe, um sie zu putzen, mit sich nach Hause,
wobei er es dann meist verga, sie zur rechten Zeit wieder
zurckzubringen, blo aus dem bereifrigen Wunsch, sich irgendeinem
Dritten gefllig zu erweisen, und die Abbs hatten dann den ganzen Tag
ber Zimmerarrest, da sie ja nicht ohne Hosen und Stiefel ausgehen
konnten. Oft fiel ihm eine betrchtliche Geldsumme zu. Aber er verfgte
ber sie nach rmischer Art, d. h. schon am folgenden Tage war fast
nichts mehr davon brig, und dies nicht etwa deshalb, weil er das Geld
fr sich verbrauchte oder verschwendete, sondern weil er alles in der
Lotterie verspielte, fr die er eine groe Leidenschaft besa. Es gab
kaum eine Nummer, mit der er es nicht schon versucht hatte. Jede
unbedeutende, ganz alltgliche Begebenheit erhielt fr ihn eine groe
Bedeutung. Wenn es sich einmal ereignete, da er irgendeinen Plunder auf
der Strae fand, so sah er gleich in seinem Wahrsagebuch nach, unter
welcher Nummer er dort verzeichnet stand, um sich sofort das
entsprechende Lotteriebillett zu besorgen. Einmal trumte er, da der
Satan, -- den er ohnedies aus einem unbekannten Grunde jedesmal zu
Beginn des Frhlings im Traume sah -- da ihn der Satan bei der Nase
gepackt hielt und ber die Dcher smtlicher Huser schleifte, von der
St. Ignatiuskirche, ber den ganzen Corso durch die Tre Ladronigasse bis
nach der Via della Stamperia, bis er endlich auf der Treppe der Trinita
haltmachte und sagte: Das hast du dafr, da du zum heiligen Pankratius
gebetet hast, Peppe! Deine Nummer wird nicht gewinnen. Dieser Traum
machte in der ganzen Strae groes Aufsehen, und besonders _siora_
Cecilia und _siora_ Susanna regten sich sehr ber ihn auf; aber Peppe
deutete ihn in seiner Weise: er holte sofort sein Wahrsagebuch und fand
hier, da der Teufel 13, die Nase 24 und der heilige Pankratius 30
bedeutet, und kaufte sich noch am selbigen Morgen alle drei Nummern.
Dann addierte er alle drei Zahlen zusammen, was 67 ergab und besorgte
sich noch Nummer 67. Wie gewhnlich waren alle vier Nummern Nieten. Ein
anderes Mal geriet er in Streit mit einem Weinbauer, einem dicken Rmer
namens _sior_ Raphael Tomacelli. Was der Anla zu diesem Streite war,
das wei Gott allein; es gab jedoch zwischen ihnen einen sehr lauten,
von lebhaften Handbewegungen begleiteten Disput, und schlielich wurden
beide kreidebleich -- ein drohendes Zeichen, auf das hin gewhnlich alle
Frauen entsetzt ans Fenster eilen und der vorberkommende Spaziergnger
sich in Sicherheit zu bringen sucht -- mit einem Wort, ein Zeichen
dafr, da beide Parteien gleich zum Messer greifen werden. Und in der
Tat, der dicke Tomacelli hatte bereits seine Hand in den ledernen
Stiefelschaft gesteckt, der seine dicke Wade eng umspannte, um sein
Messer hervorzuholen, und rief: Warte nur, ich krieg dich schon, du
Kalbskopf! als sich Peppe pltzlich mit der Hand vor den Kopf schlug
und eilig das Schlachtfeld verlie. Es war ihm eingefallen, da er sich
noch nie ein Lotteriebillett auf das Stichwort Kalbskopf gekauft
hatte. Er sah im Wahrsagebuch nach, unter welcher Nummer der Kalbskopf
verzeichnet stand, und lief schleunigst nach der Lotteriekollekte, so
da alle Straenbewohner, die sich bereits auf ein blutiges Schauspiel
gefat gemacht hatten, durch diese unerwartete Wendung aufs hchste
berrascht wurden, ja selbst Raphael Tomacelli lie sein Messer wieder
in den Stiefelschaft gleiten, wute lange nicht, was er nun beginnen
sollte und sagte schlielich: _Che uomo curioso!_ (Seltsamer Mensch!)
brigens lie sich Peppe dadurch, da die Billette stets Nieten waren,
und da das Geld weggeworfen war, nicht im mindesten beirren. Er war
fest berzeugt, da er einmal reich werden wrde, und wenn er an einem
Laden vorberging, unterlie er es nie, zu fragen, was ein jeder
Gegenstand koste. Als er einmal erfuhr, da ein groes Haus verkauft
werden sollte, begab er sich zum Verkufer, um sich bei diesem genauer
danach zu erkundigen, und als seine Bekannten sich ber ihn lustig
machten, versetzte er treuherzig: Was lacht ihr, warum lacht ihr? Ich
will es doch nicht gleich kaufen, sondern spter einmal, wenn ich Geld
haben werde. Das ist doch gar nicht so seltsam ... Ein jeder sollte sich
ein Vermgen erwerben, um seinen Kindern, den Armen, oder fr einen
Kirchenbau und andre schne Dinge etwas zu hinterlassen ... _Chi lo
sa._ Der Frst kannte ihn schon lange, sein Vater hatte ihn sogar
einmal als Bedienten engagiert, aber sehr bald wieder davongejagt, weil
Peppe seine Livree bereits in einem Monat aufgetragen und die ganzen
Toiletten des alten Frsten durch einen unvorsichtigen Sto mit dem
Ellenbogen aus dem Fenster auf die Strae geworfen hatte. Hr mal,
Peppe! sagte der Frst. Was befehlen _eccellenza_? versetzte Peppe,
der barhaupt vor dem Frsten stand, der Herr Frst braucht nur zu
sagen, >Peppe!< und schon bin ich da! Daher brauchen der Herr Frst nur
zu sagen: >Hr mal, Peppe!< so erwidere ich schon: _ecco me eccelenza_!

Du mut mir folgenden Dienst leisten, Peppe! ... Bei diesen Worten sah
der Frst sich um, und bemerkte, da sich smtliche _siore_ Grazias,
smtliche Susannen, Barbarucci, Tettas und Tuttas, soviel ihrer da
waren, neugierig aus dem Fenster lehnten; die arme _siora_ Cecilia aber
war beinahe im Begriff, auf die Strae herunterzufallen. Hm, die Sache
steht schlimm! dachte der Frst, komm Peppe, folge mir!

Mit diesen Worten schritt er voran, whrend Peppe ihm gesenkten Hauptes
folgte und vor sich hinmurmelte: Eh! diese Weiber sind so neugierig,
weil's eben Weiber sind, weil sie eben neugierig sind.

Lange schritten sie, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschftigt, aus
einer Strae in die andere. Peppe dachte bei sich: Der Frst will mir
wahrscheinlich einen wichtigen Auftrag geben, weil er nicht in Gegenwart
der andern davon reden will; folglich habe ich ein schnes Geschenk oder
gar Geld von ihm zu erwarten. Wenn mir der Frst aber Geld gibt, was
soll ich damit anfangen? Soll ich es dem Cafbesitzer _sior_ Serviglio
geben, dem ich schon lange was schuldig bin? _Sior_ Serviglio wird in
der ersten Fastenwoche sicherlich sein Geld von mir zurckfordern, denn
er hat all sein Geld fr den Bau der ungeheuren Geige verbraucht, an der
er drei Monate lang eigenhndig gearbeitet hat, um whrend des Karnevals
mit ihr durch alle Straen zu ziehen, jetzt wird _sior_ Serviglio
wahrscheinlich noch lange statt Rostbraten nur Ziegenfleisch und in
Wasser gekochte Broccoli essen, bis er sich wieder mit seinem Caf genug
Geld verdient hat. Oder soll ich _sior_ Serviglio noch nicht bezahlen,
sondern ihn blo zum Mittagessen in eine Osteria auffordern? Denn _sior_
Serviglio ist ein -- _vero Romano_ und wird mir um der ihm erwiesenen
Ehre willen die Rckzahlungsfrist noch ein wenig verlngern; die
Lotterie beginnt bestimmt in der zweiten Woche der Fasten. Wie soll ich
nur bis dahin das Geld verwahren? Die kann ich es so verstecken, da
weder Giacomo noch Meister Petruccio, der Drechsler, etwas davon
erfhrt, die mich sicherlich bitten werden, ihnen etwas zu leihen?
Giacomo hat nmlich all seine Kleider bei den Juden im Gettho versetzt,
Meister Petruccio hat gleichfalls seine Kleider zum Juden ins Gettho
getragen, und hat einen Unterrock und das letzte Tuch seiner Frau in
Stcke gerissen, um sich als Weib zu verkleiden ... wie soll ich es nur
anstellen, da ich ihnen nichts leihen mu? Dies waren die Gedanken,
die Peppe durch den Kopf gingen.

Der Frst seinerseits aber dachte: Peppe kann herauskriegen, wo das
schne Mdchen wohnt, wer sie ist und kann sie mir auffinden. Erstens
kennt er alle Menschen und hat daher eher als alle andern Gelegenheit,
in der Menge einem Freund zu begegnen, er kann von diesem etwas
erfahren, kann in alle Cafs und Osterien hineinblicken und kann sogar
jemand ansprechen, da er durch seine Figur bei niemand Verdacht erregt.
Er schwatzt zwar mitunter zuviel und ist recht zerstreut, aber wenn man
ihn bei seiner Rmerehre fat und ihm sein Ehrenwort abnimmt, so wird er
das Geheimnis schon zu bewahren wissen.

So dachte der Frst, whrend er die Straen durchschritt; endlich blieb
er stehen, als er gewahrte, da er die Brcke lngst berschritten hatte
und sich schon lange auf _der_ Seite Roms befand, die jenseits des
Tibers liegt, da er bereits bergan ging und da die Kirche S. Pietro in
Montorio nicht mehr fern war. Um nicht auf dem Wege stehenzubleiben,
betrat er den Platz, von dem aus man ganz Rom berblicken kann und sagte
zu Peppe gewandt: Hr mal, Peppe: ich mu dich um einen Dienst bitten.

Was wnschen _eccellenza_? versetzte Peppe.

In diesem Augenblick aber sah der Frst Rom vor sich liegen; wie ein
herrliches, leuchtendes Panorama breitete sich die ewige Stadt vor ihm
aus. Auf der ganzen hellen Masse der Huser, Kirchen, Kuppeln und
Turmspitzen lag der leuchtende Glanz der herabsinkenden Sonne. Einzeln
und in ganzen Gruppen traten eines hinter dem andern die Huser, die
Dcher, die Statuen, die schwebenden Terrassen und die Galerien hervor;
dort funkelten die dnnen Spitzen der Trme und Kuppeln einer Masse und
spielten mit der kaprizisen Buntheit bemalter Laternen in tausend
Farben, dort trat ein ganzer Palast hervor, dort die schn geschmckte
Spitze der Antoninussule mit dem Kapitl und der Statue des Apostels
Paulus; mehr rechts strebten die Gebude des Kapitols mit ihren Rossen
und Statuen in den Himmel, noch mehr rechts ber der leuchtenden Masse
der Huser und Dcher erhob sich majesttisch und streng das finstere
Massiv des coliseischen Kolosses, dort wieder funkelte eine Flucht von
Mauern, Terrassen und Kuppeln, in blendendes Sonnenlicht getaucht. Und
ber der ganzen blitzenden Masse grten die Wipfel steinerner Eichen
fern aus den Villen der Ludovisi und Medici mit ihrem dunklen Laub
herber, ber ihnen ragte ein Wald von rmischen Pinien empor, die ihre
zarten Stmme mit den kuppelfrmigen Wipfeln in die Luft streckten. Und
dieses ganze Bild wurde seiner ganzen Lnge nach begrenzt von
dunkelblauen Bergen, die sich zart und durchsichtig wie die Luft am
Horizont erhoben und von einem phosphoreszierenden Lichte umwoben
wurden. Kein Wort und kein Pinsel htte die wunderbare Harmonie und den
eintrchtigen Zusammenhang aller Zge dieses Bildes schildern knnen!
Die Luft war so rein und durchsichtig, da die zarteste Linie der fernen
Gebude klar hervortrat und da alles so nahe erschien, wie wenn man es
mit der Hand greifen konnte. Das letzte kleinste architektonische
Ornament, der Arabeskenschmuck eines Gesimses -- alles zeichnete sich
mit einer unbeschreiblichen Deutlichkeit ab. In diesem Augenblick
ertnte ein Kanonenschu und ein ferner, in eins zusammenflieender
Schrei der Volksmenge -- das Zeichen, da die reiterlosen Rosse schon
vorbeigaloppiert waren und damit der Karnevalstag seinen Abschlu
gefunden hatte. Die Sonne sank immer tiefer herab und nherte sich dem
Erdrand; ihr Abglanz auf der Masse der Bauwerke wurde immer rosiger und
glhender, die Stadt erschien jetzt noch belebter und nher, die Pinien
noch dunkler, das Blau der Berge wurde noch tiefer, sie
phosphoreszierten noch strker, und der erlschende Himmelsther wurde
noch wundersamer und feierlicher! ... O Gott, welch ein Anblick! Und
ganz hingerissen von all der Herrlichkeit verga der Frst sich selbst,
die Schnheit Anunziatas, das rtselhafte Schicksal seines Volkes und
alles, was es auf dieser Welt gab.




                                 Anhang


                                   I
                               Arabesken

Die Arabesken sind in der ersten Januarhlfte des Jahres 1835
erschienen; die Unterschrift des Zensors trgt das Datum den 10.
November 1834.


                        Arabesken (Erster Teil)

I. _Skulptur, Malerei und Musik._ Der Entwurf zu diesem Aufsatz stammt
aus dem Jahre 1831, die endgltige Bearbeitung fr den Druck fllt in
das Jahr 1834.

II. _ber das Mittelalter._ Dieser Aufsatz, Gogols Antrittsvorlesung,
ist im August 1834 niedergeschrieben.

III. _Ein Kapitel aus einem historischen Roman._ Wurde zum erstenmal in
dem Almanach Nordische Blumen fr das Jahr 1831 (_Ssewernyje zwety na
1831 god_) abgedruckt. Die Unterschrift des Zensors trgt das Datum
den 18. Dezember 1830.

IV. _ber den Unterricht in der Weltgeschichte._ Dieser Aufsatz ist im
Dezember 1833 geschrieben. In der ersten Hlfte des Jahres 1834 wurde er
noch einmal berarbeitet und erschien dann in der neuen Fassung im
Februarheft der Zeitschrift des Kultusministeriums (_Journal
Ministerstwa Narodnawo prossweschtschenja_) Jahrgang 1834.

V. _Ein berblick ber das Werden Kleinrulands._ Der erste Entwurf zu
diesem Aufsatz stammt aus dem Jahre 1833; im Mrz 1834 wurde er fr den
Druck neu bearbeitet und erschien zum erstenmal im Aprilheft der
Zeitschrift des Kultusministeriums, Jahrgang 1834, unter dem Titel
Ein Abschnitt aus der Geschichte Kleinrulands, Band I, Buch I,
Kapitel I.

VI. _Einige Worte ber Puschkin._ Der erste Entwurf stammt aus dem Jahre
1832, die letzte Bearbeitung fr den Druck aus dem Jahre 1834.

VII. _ber die Architektur unserer Zeit._ Dieser Aufsatz ist in der
zweiten Hlfte des Jahres 1833 begonnen, 1834 wurde er vor der
Drucklegung noch einmal berarbeitet.

VIII. _Al-Mamun._ Dieses Essay stammt aus dem Jahre 1834.


                        Arabesken (Zweiter Teil)

I. _Das Leben._ Der Entwurf zu dieser Skizze stammt aus dem Jahre 1832,
die letzte Bearbeitung aus dem Jahre 1834.

II. _Schlzer, Mller und Herder._ Der erste Entwurf zu diesem Aufsatz
stammt aus dem Jahre 1832, die letzte Fassung aus dem Jahre 1834.

III. _Der Newsky-Prospekt._ Diese Novelle wurde 1833 oder im Anfang des
Jahres 1834 begonnen. Im Oktober 1834 wurde sie fr den Druck
fertiggestellt.

Bei der Umarbeitung erhielt folgende Stelle der ursprnglichen
Handschrift eine neue Fassung: Wenn Piragow seine Uniform angehabt
htte, so htte wahrscheinlich die Achtung vor seinem Rang und seiner
Wrde die wilden Teutonen sicherlich von ihrem Unternehmen abstehen
lassen; aber er war ja nur als Zivilist und als Privatperson erschienen
-- im Rock und ohne Epauletten. In rasender Wut rissen die Deutschen ihm
den Rock vom Leibe; Hoffmann setzte sich ihm mit dem ganzen Gewicht
seines Leibes auf die Beine, Kunz packte ihn am Kopfe und Schiller
ergriff ein Rutenbndel, das bei ihm den Dienst eines Besens versah. Ich
mu zu meinem groen Bedauern gestehen, da der Leutnant Piragow uerst
schmerzhafte Prgel bezog. (Vergl. Seite 238.)

IV. _ber die kleinrussischen Lieder._ Dieser Aufsatz ist im Mrz des
Jahres 1834 niedergeschrieben und im Aprilheft der Zeitschrift des
Kultusministeriums, Jahrgang 1834, erschienen.

V. _Gedanken ber Geographie._ Dieser Aufsatz erschien zum erstenmal in
der ersten Nummer der Literaturzeitung (_Literaturnaja Gaseta_) im
Januarheft des Jahrgangs 1831 unter dem Titel Einige Gedanken ber die
Art, wie man Kinder in der Geographie unterrichten soll. Die neue
Fassung, wie sie in den Arabesken vorliegt, stammt aus dem Jahre 1834.

VI. _Der letzte Tag von Pompeji._ Ist im August des Jahres 1834
geschrieben.

VII. _Der Gefangene._ Stammt aus dem Jahre 1830.

VIII. _ber die Vlkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts._ Ist
wahrscheinlich im September des Jahres 1834 geschrieben.

IX. _Memoiren eines Wahnsinnigen._ Stammt aus dem Jahre 1834.


                                   II
                 Aufstze aus Puschkins Zeitgenossen

I. _ber die Strmungen in der Zeitschriftenliteratur der Jahre
1834-1835._ Dieser Aufsatz wurde im Februar 1836 begonnen und erschien
in neuer Bearbeitung im April des Jahres 1835 im ersten Bande des
Zeitgenossen (_Sowremennik_) von Puschkin.

II. _Petersburger Skizzen 1836._ Dieser Aufsatz besteht aus zwei Teilen.
Der erste Teil stammt aus dem Jahre 1835, der zweite aus dem April und
Mai des Jahres 1836. Beide Teile wurden zum erstenmal im sechsten Bande
von Puschkins Zeitgenossen abgedruckt, der erst nach seinem Tode
erschien und die vom 2. Mai 1837 datierte Unterschrift des Zensors
trgt.

III. _Italienische Sommernchte._ Der Entwurf zu diesen Skizzen stammt
aus dem Jahre 1839.


                                  III
                                  Rom
                              Ein Fragment

S. T. Aksakow, dem Gogol diese Erzhlung 1839 selbst vorgelesen hat,
nennt sie die Italienische Novelle Anunziata. Die Erzhlung ist noch
vor dem September desselben Jahres in Rom niedergeschrieben. Gegen Ende
des Jahres 1841 wurde das Fragment vor der Drucklegung noch einmal
berarbeitet. Es erschien in der dritten Nummer des Moskwitjanin (der
Moskauer) vom Jahre 1842.

                   *       *       *       *       *

Diese Nachtrge und Anmerkungen sind der russischen Ausgabe von
_Tichonrawow_ und _Schenrock_ (Petersburg 1901) entnommen.

                                                    _Der Herausgeber._


                Druck von Mnicke und Jahn, Rudolstadt.




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
verndert.

Im Original ist in den Memoiren eines Wahnsinnigen im letzten
Eintrag (Seite 384) der Monatsname Februar um 180 Grad gedreht
(kopfstehend) geschrieben.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 3]:
   ... kann man wohl schon die Unvollkommenheit deines Ganzen ...
   ... kann man wohl schon die Unvollkommenheit des Ganzen ...

   [S. 10]:
   ... apelliert an unsere Sympathie und nicht an unsere
       Genufhigkeit. ...
   ... appelliert an unsere Sympathie und nicht an unsere
       Genufhigkeit. ...

   [S. 27]:
   ... pltzlich in schrecklicher Majestt auf, diese endenlosen ...
   ... pltzlich in schrecklicher Majestt auf, diese endlosen ...

   [S. 31]:
   ... der inmitten seiner unvermelichen Lndereien, im Kreise ...
   ... der inmitten seiner unermelichen Lndereien, im Kreise ...

   [S. 31]:
   ... singen -- der unerbitterliche Dolch erreichte sie am Ende ...
   ... singen -- der unerbittliche Dolch erreichte sie am Ende ...

   [S. 34]:
   ... ist, und niemand erfhrt etwas von von ihnen. ...
   ... ist, und niemand erfhrt etwas von ihnen. ...

   [S. 39]:
   ... der heute den Pirjatinsker Kreis von dem Lublinschen ...
   ... die heute den Pirjatinsker Kreis von dem Lublinschen ...

   [S. 40]:
   ... des Mirgorodschen Regiments nannte, zu tun! ... Man ...
   ... des Mirgorodschen Regiments nannte, zu tun? ... Man ...

   [S. 43]:
   ... heuzutage nie eine kurze, klare Antwort geben, er wird ...
   ... heutzutage nie eine kurze, klare Antwort geben, er wird ...

   [S. 44]:
   ... doch gar nicht gehrt, da bei Lochwitze ein Lager
       aufgeschlagen ...
   ... doch gar nicht gehrt, da bei Lochwitza ein Lager
       aufgeschlagen ...

   [S. 50]:
   ... nachdem er zweiundfnzig Seelenmessen fr den verstorbenen ...
   ... nachdem er zweiundfnfzig Seelenmessen fr den verstorbenen ...

   [S. 54]:
   ... erwrgst ja den Kater? Ich habe dir was Ses mitgebracht! ...
   ... erwrgst ja den Kater! Ich habe dir was Ses mitgebracht! ...

   [S. 74]:
   ... Nordosten in drohender Majestt die Wacht; die bebefreiten ...
   ... Nordosten in drohender Majestt die Wacht; die befreiten ...

   [S. 125]:
   ... kein harmonisches Ganze mehr. ...
   ... kein harmonisches Ganzes mehr. ...

   [S. 125]:
   ... so wurden dieser schlielich primitiv und einfach bis zur ...
   ... so wurde dieser schlielich primitiv und einfach bis zur ...

   [S. 127]:
   ... Wlbung nach den Wolken strebt oder in einen gegewaltigen ...
   ... Wlbung nach den Wolken strebt oder in einen gewaltigen ...

   [S. 140]:
   ... mit ihrem bunten Gewande, und ihrem kostbarem Halsgeschmeide. ...
   ... mit ihrem bunten Gewande, und ihrem kostbaren Halsgeschmeide. ...

   [S. 146]:
   ... uere annehmen, bald wieder einen frhlichen Ausdruck, ...
   ... ueres annehmen, bald wieder einen frhlichen Ausdruck, ...

   [S. 158]:
   ... die keine bestimmte Gesetze kennen, liegt die ...
   ... die keine bestimmten Gesetze kennen, liegt die ...

   [S. 161]:
   ... Fanatismus, -- einen Fantismus, der die Massen
       auseinanderri, ...
   ... Fanatismus, -- einen Fanatismus, der die Massen
       auseinanderri, ...

   [S. 168]:
   ... des Menschen. Alles ist vergnglich. Gemein ist alle ...
   ... Menschen. Alles ist vergnglich. Gemein ist alle ...

   [S. 179]:
   ... ein unzertrennliches Ganze ist das Ziel, nach dem seine ...
   ... ein unzertrennliches Ganzes ist das Ziel, nach dem seine ...

   [S. 192]:
   ... Lesen von Journlen beschftigen, mit einem Wort, ...
   ... Lesen von Journalen beschftigen, mit einem Wort, ...

   [S. 197]:
   ... Epaulette bringen sie schon in solch eine Vewirrung, da ...
   ... Epaulette bringen sie schon in solch eine Verwirrung, da ...

   [S. 199]:
   ... Licht dies Lcheln vorgegaukelt hatt. Allein, der ...
   ... Licht dies Lcheln vorgegaukelt hatte. Allein, der ...

   [S. 263]:
   ... nie ein schnes Ganze zurckbleiben. -- Es werden ...
   ... nie ein schnes Ganzes zurckbleiben. -- Es werden ...

   [S. 271]:
   ... in Kiew, einen King Bench? ber diese wird das ...
   ... in Kiew, einen King Bench! ber diese wird das ...

   [S. 273]:
   ... ein organisches Ganze zu bilden. ...
   ... ein organisches Ganzes zu bilden. ...

   [S. 283]:
   ... Schrecken und doch wieder seinen Schreck pltzlich
       vergessend, ...
   ... Schrecken und doch wieder ihren Schreck pltzlich vergessend, ...

   [S. 306]:
   ... der Zivilisation wren berhaupt um viele Jahrhunderte ...
   ... der Zivilisation wre berhaupt um viele Jahrhunderte ...

   [S. 331]:
   ... von selbst, da diese Taten in seine Untertanen keinen allzu ...
   ... von selbst, da diese Taten in seinen Untertanen keinen allzu ...

   [S. 399]:
   ... durchaus zu verwerfen wren. Dies erinnnerte an den ...
   ... durchaus zu verwerfen wren. Dies erinnerte an den ...

   [S. 410]:
   ... Beobochter die Erwartungen des nach Neuem ...
   ... Beobachter die Erwartungen des nach Neuem ...

   [S. 410]:
   ... Biene unb die Lesebibliothek waren, die natrlich nie ...
   ... Biene und die Lesebibliothek waren, die natrlich nie ...

   [S. 424]:
   ... allerhand Kmpfer laut miteinander im Streite liegen. ...
   ... allerhand Kmpfer laut miteinander im Streite liegen? ...

   [S. 424]:
   ... mit jeder orginalen Schpfung: aus ihr lernen wir den ...
   ... mit jeder originalen Schpfung: aus ihr lernen wir den ...

   [S. 444]:
   ... Verhltnissen Talente entwickeln. Gebt uns um Gottes ...
   ... Verhltnissen Talente entwickeln? Gebt uns um Gottes ...

   [S. 444]:
   ... Autoren frmlich in ihre Stcken geschleppt werden, so wie ...
   ... Autoren frmlich in ihre Stcke geschleppt werden, so wie ...

   [S. 462]:
   ... hob sich mir ihrer schirmartigen, wie in der Luft schwebenden ...
   ... hob sich mit ihrer schirmartigen, wie in der Luft schwebenden ...

   [S. 462]:
   ... klingendem, diamentenem Strahl das Wasser emporsprang ...
   ... klingendem, diamantenem Strahl das Wasser emporsprang ...

   [S. 492]:
   ... Adel verleiht. Wie klein erschien ihm vor dieser
       unschtterlichen, ...
   ... Adel verleiht. Wie klein erschien ihm vor dieser
       unerschtterlichen, ...

   [S. 497]:
   ... rndeten sich die Kuppeln, die Statuen des lateranischen ...
   ... rundeten sich die Kuppeln, die Statuen des lateranischen ...

   [S. 501]:
   ... ihm seinen entschwundenen Glanz wiederzugeben. Und ...
   ... ihm seinen entschwundenen Glanz wiederzugeben? Und ...

   [S. 501]:
   ... er gedacht der Zeit, als er noch als Student der Universitt, ...
   ... er gedachte der Zeit, als er noch als Student der
       Universitt, ...

   [S. 529]:
   ... er kann von diesen etwas erfahren, kann in alle Cafs ...
   ... er kann von diesem etwas erfahren, kann in alle Cafs ...






End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 6: Arabesken,
Prosaschriften, Rom, by Nikolaj Gogol

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 6: ***

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Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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