Project Gutenberg's Kreuz und Quer, Dritter Band, by Friedrich Gerstcker

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Title: Kreuz und Quer, Dritter Band
       Neue gesammelte Erzhlungen

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: July 21, 2017 [EBook #55163]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Kreuz und Quer.

  Neue gesammelte Erzhlungen
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Dritter Band.

  Leipzig,
  Arnoldische Buchhandlung.
  1869.




Inhaltsverzeichni.


                                                        Seite

  1. Jay-hawkers                                            1

  2. Knig Zambiri                                        198

  3. Der Mexikaner                                        284

  4. Ein =prize-fight= oder Boxerkampf in Cincinnati      358




Jay-hawkers.




Erstes Kapitel.

In Perryville.


Das kleine Stdtchen Perryville in Arkansas, das, whrend der Krieg in den
stlichen Staaten der Union wthete, nun ber zwei Jahre fast wie todt und
verlassen gelegen hatte, schien heute, am ersten October des Jahres 1862,
seinen friedlichen Charakter abgelegt und sich in einen militrischen
Tummelplatz verwandelt zu haben.

Da von allen Seiten Reiter, die lange Bchse auf der Schulter, die
schweren Messer an der Seite, heransprengten, wrde weniger aufgefallen
sein, denn ohne diese Waffen ging berhaupt kein Backwoodsman nur von Farm
zu Farm, aber dazwischen sah man auch eine Anzahl von Mnnern in grauen
uniformartigen Rcken und doch auch wieder nicht uniform, denn Mancher von
ihnen trug einen alten Filzhut, Mancher einen Strohhut auf dem Kopfe, aber
alle auch einen Gurt um den Leib und neben dem Messer einen, manchmal sogar
zwei Revolver.

Perryville ist keine regelmige Stadt, wenn auch schon seit langen Jahren
regelmig ausgelegt. Arkansas selber hatte aber die in den schnen Staat
gesetzte Hoffnung, da er sich rasch und entschieden bevlkern wrde, nicht
bewhrt. Viele seiner Bewohner, unsttes Volk alle zusammen, waren nach
Californien gezogen, als der erste Ruf des Goldes von dort herbertnte,
Andere nach Texas, weil sich vielleicht ein Fremder in ein oder zwei Miles
Entfernung von ihnen angesiedelt hatte und die zu nahe Nachbarschaft
ihnen unbequem wurde, und wenn sich dann auch mancher neue Einwanderer
von den stlichen Staaten her in das Land zog, hielt sich die Bevlkerung
trotzdem so ziemlich auf dem alten Stand.

Nur an den kleinen Flu hinauf, den Fourche-la-Fave, wie er genannt wird,
hatten sich die Farmen, aber auch nur mit weiten Unterbrechungen gezogen;
das innere Land lag noch in jungfrulicher Wildni, von keiner Axt,
hchstens einmal von dem Beil des Jgers berhrt, der sich dort junge
Stmme zu Lagerstangen abhieb, und das Stdtchen, was so nach und nach am
Fourche-la-Fave entstanden, war eigentlich gar nicht nthig. Die Farmer
und Jger brauchten es nicht, htten wenigstens recht gut ohne dasselbe
bestehen knnen, und benutzten es nur zu gelegentlichen Zusammenknften.

Bis hierher war auch der eigentliche Krieg noch nicht gedrungen und drang
berhaupt nicht hin. Truppenkrper der verschiedenen Armeen schickten wohl
spter dann und wann einmal einen Streifzug durch den Wald, aber der
mute die Strae halten und verweilte auch nicht gern lange in den dichten
Wldern, wo er sich nie sicher davor fhlte, von einem anderen, vielleicht
strkeren Corps berfallen zu werden.

Little Rock, die Hauptstadt des Staates, hatte sich allerdings zu Gunsten
der Secession erklrt, denn Arkansas war ein echter Sclavenstaat, wenn
es auch im Verhltni nur wenig Negersclaven aufweisen konnte. Die
eigentlichen Farmer und Jger hatten sich aber bis jetzt, wie nach
stillschweigendem Uebereinkommen, noch nicht am Kriege betheiligt. Sie
waren weder angegriffen, noch belstigt worden und mit der geringen
Bevlkerung ihres Staates, warfen sie ja doch kein Gewicht in die
Wagschaale des Krieges. Ueberdies verkndeten die seltenen Nachrichten,
die wirklich zu ihnen drangen, nur immer neue Siege der Secessionisten, die
sogar das Capitol in Washington bedrohen sollten; sie wurden also dort
gar nicht gebraucht, whrend sie hier unumgnglich nthig blieben, um
ihre Familien zu erhalten. Was htten die einzelnen Frauen und Kinder hier
mitten im Walde anfangen wollen, wenn die Mnner und jungen Leute
weit hinweg in andere Staaten gezogen wren, um sich mit den Yankees
herumzuschlagen.

Auerdem standen fast alle _alten_ Leute in dem ganzen District, im
_Herzen_ auf Seite der Union. Am ganzen Fourche-la-Fave war auch nicht ein
einziger Sclavenhalter, kein einziger Neger zu finden. Am Petite-Jeanne
drben gab es allerdings ein paar, aber ihretwegen wre es wahrlich nicht
der Mhe werth gewesen, einen blutigen Krieg anzufangen und die groe und
mchtige Union in zwei Hlften zu reien.

Einzelnen jungen Leuten zuckte es allerdings in den Gliedern, Theil an
dem Kampf zu nehmen und einen Tanz mit den verdammten Abolitionisten zu
haben, wie die Yankees damals genannt wurden und welchen Namen sie auch in
der That noch zum groen Theil jetzt fhren; die groe Mehrzahl war inde
entschieden _gegen_ eine Betheiligung am Krieg, denn die Sdstaaten, zu
denen sie allerdings ihrer Lage nach gehrten, hatten die Flagge der Union
beschimpft, die Constitution gebrochen und den Brgerkrieg entzndet. _Sie_
wollten keine Hand in solchen Dingen haben.

Nur die Frauen neigten sich sonderbarer Weise der Secession zu, und aus
welchem Grunde?

Im Herzen trugen sie alle den Wunsch, es einmal dahin zu bringen, da sie
sich ein Hausmdchen -- natrlich eine Sclavin -- anschaffen konnten, denn
Dienstboten, wie wir solche bei uns gewohnt sind, gab es ja nicht in der
Union, und was man =a help= nannte, eine Hlfe, und worunter sich eine
Nachbarstochter verstand, die einmal auf kurze Zeit oder weil bei ihnen
selber das Brot knapp wurde, herberkam und eine Weile aushalf -- konnte
natrlich nicht gengen, da diese jungen =ladies= wie die rohen
Eier behandelt sein wollten und bei dem ersten rauhen Wort das Haus
augenblicklich und indignirt verlieen. Eine junge Negersclavin blieb also
ihr heimlicher, aber dafr desto innigerer Wunsch, und da sie sich --
unter solchen Umstnden -- nicht fr Abschaffung der Sclaverei begeistern
konnten, versteht sich wohl von selbst.

Vor kaum acht Tagen nun war die Nachricht hier in den stillen Wald
gedrungen, da die Sdlichen wieder einen neuen und groen Sieg ber
den Norden davongetragen htten und dieser jetzt die verzweifeltsten
Anstrengungen mache, um den immer mchtiger werdenden Feind zu verhindern,
sich selbst in Besitz des Capitols zu setzen. Eine Aushebung von
Hunderttausenden sollte unter den Yankees ausgeschrieben sein, und es war
deshalb nthig geworden, auch die Krfte des Sdens zusammenzurufen, um die
Abolitionisten nicht wieder zu Athem kommen zu lassen, sondern womglich
gleich mit einem Schlage zu vernichten. Derartige Phrasen durchliefen ja
fortwhrend die weit abgelegnen Territorien sowohl, als auch die einzelnen
Rebellenstaaten selber, und fanden in den letzteren vielleicht Wiederklang
-- in Arkansas aber nicht. Als deshalb auf den heutigen Tag Emissaire vom
anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung in Perryville ausgeschrieben
hatten, um den Stand der Verhltnisse zu besprechen, fanden sich wohl die
jungen und auch die lteren Leute dazu ein, weil sie etwas Bestimmtes ber
den Stand des Krieges zu erfahren hofften, aber begeistert fr die Sache
selber waren sie nicht, ja die alten Backwoodsmen sogar fest entschlossen,
einer mglichen Anwerbung entschieden entgegenzutreten.

Den jungen Burschen aber kam ein solcher Frolic, wie sie es nannten,
gerade recht. Der Krieg dauerte nun schon Jahre, und eine todte,
erdrckende Schwle hatte indessen auf dem ganzen Land gelegen. Wer sollte
auch Lust gehabt haben sich zu vergngen, whrend nur immer eine Nachricht
nach der anderen kam, wie bald da bald dort Tausende im gegenseitigen
Bruderkampf erschlagen waren und ihr Herzblut die zerstrten Felder
rthete.

Die Meisten sammelten sich auch bei dem alten Bockenheim, denn obgleich
in den letzten fnf Jahren noch zwei andere kleinere =groceries= oder
Kauflden geffnet worden, hatte man sich doch an den Deutschen, einen der
ltesten Ansiedler der Fourche la Fave, gewhnt, und auerdem sollte
auch die eigentliche Versammlung in der unmittelbaren Nhe seines Hauses
stattfinden, zu der sogar ein Major der Secessionisten herber gekommen.

Man lebte einmal wieder in dem bisher so todten Stdtchen und der Whisky
flo. Allerdings war es nicht mehr mglich, diesen von Norden herunter zu
beziehen, woher sonst der beste Mohongahela kam, denn der Strom war sowohl
von den Nord- als Sdstaaten blokirt worden und selbst auf jedes kleine
Boot wurde geschossen, das den Versuch machen wollte, sich hindurch
zu schleichen. Aber in Arkansas wuten sie sich, was wenigstens diesen
Gegenstand betraf, zu helfen, denn berall entstanden kleine Brennereien,
wobei noch die Heintzesche den besten Stoff lieferte. Von diesem war ein
frisches Fa angezapft worden, und die jungen Leute vom Fourche-la-Fave
hatten sich schon darum gesammelt, als die County-Strae herunter, von
zwei Sesesch-Officieren (Secessionisten) begleitet, der Major auf einem
prchtigen Rappen angesprengt kam, und vor Bockenheim's Thr sein muthiges
Ro einzgelte.

Hallo Major! rief ihm Einer der jungen Burschen zu, indem er ihm zugleich
den vollen Becher entgegenhielt -- =how do you swop horses= (wie wollt
Ihr Euer Pferd vertauschen) gegen den Grauen dort, der an den Hickory
angebunden steht?

Mein junger Freund, sagte der Major, nicht im Geringsten durch die Frage
beleidigt, denn sie war etwas zu Allgewhnliches -- wir brauchen jetzt
alle unsere guten Pferde selber, denn die verdammten Abolitionisten laufen
so rasch, da man sie mit alten Kracken gar nicht einholen kann.

Oho Major, lachte Jim Jenkins, ein Farmerssohn, dessen Vaters kleine
Ansiedelung unmittelbar am Arkansas lag -- so sehr schnell knnen sie doch
nicht laufen, wenigstens nicht so weit, denn Washington liegt doch dicht
bei Virginien, und bis dahin haben sie Euch noch nicht gelassen.

Weil wir dort Nichts zu holen hatten, Jim, rief Hendricks, ein junger
Mann vom Petite Jeanne, der aber auch schon die Uniform der Secessionisten
trug und -- wie er Anderen erzhlte -- nicht blos ein paar der blutigsten
Schlachten mitgemacht, sondern auch ein paar Dutzend Abolitionisten mit
eigener Hand erschlagen hatte. Was sollten wir in Washington? Das leere
Weie Haus besetzen? Das Lumpenvolk hat es ja schon vollstndig ausgerumt,
und selbst die Bevlkerung der Stadt ihre beste Habe in Sicherheit
gebracht. Wohin wir kommen wollen, dahin kommen wir auch -- und wenn wir
jetzt Alle richtig zusammenhalten, rcken wir ihnen im nchsten Monat
nach New-York hinein, und da giebts nachher Beute, denn Lee hat uns fest
versprochen, da wir dort plndern sollen.

Bah, wir sind keine Ruber, sagte Jim finster, da man suchen sollte,
uns damit anzulocken. Wer hier her kommt zu uns, um uns zu belstigen,
gegen den stehen wir zusammen -- was kmmern uns die Kauflden in
New-York?

Mu eine verwnscht gemeine Seele sein, rief da ein anderer, John Wells,
der Sohn eines der besten Jger am Fourche, der sich aber an politischen
Dingen nie betheiligte und still und zurckgezogen auf seiner Farm lebte
-- der in einem solchen Krieg von Plndern spricht -- verdient da man ihm
die Uniform vom Leib risse.

Dazu gehrt ein _Mann_! rief Hendricks, zornig auffahrend.

Gott verdamm Dich, hier steht er! schrie John, in dem Augenblick auch
sein eigenes Jagdhemd abwerfend, um die Arme frei zu bekommen, indem er
Hendricks gegenber sprang -- stell' Dich bereit, mein Junge, und wahr'
Deine Nase--

Ich bin nicht hergekommen um mich hier zu prgeln, rief Hendricks
abwehrend--

Feigling! hhnte ihn John, und schien nicht bel Lust zu haben, trotz
alledem auf ihn einzuspringen; der Major aber, der sich indessen mit
einigen der alten Backwoodsmen unterhalten hatte, trat rasch dazwischen und
sagte abwehrend:

Boys, um Gottes Willen, fangt untereinander keinen Streit an. Wir haben
da drauen alle Hnde voll zu thun, um mit den verwnschten Abolitionisten
fertig zu werden, und wenn Ihr denen die Fuste zeigen wollt, ist's ja
recht, aber nicht hier Freund gegen Freund. Das wre den Yankees gerade
recht, wenn sie uns hier im Sden selber gegeneinander hetzen knnten.--

Dann mu uns so ein hergelaufener Lump aber auch nicht mit Plndern
anlocken wollen! trotzte John, der noch immer gar nicht bel Lust zu haben
schien, den Kampf aufzunehmen.

Ich habe nur gesagt, da von Plndern gesprochen ist, rief Hendricks,
ich denke nicht daran, selber so 'was zu thun.

Frieden! haltet Frieden! riefen jetzt auch Einige der lteren Leute. Es
fliet Blut genug im Lande, Jungens, lat uns das Elend nicht auch an den
Fourche-la-Fave verpflanzen und erst einmal hren, was der Major zu sagen
hat. Sprecht Major, Ihr habt uns ja hierhergerufen, was soll's eigentlich.

Ja, Gentlemen, begann der Major, indem er seine Militrmtze abnahm und
sich mit der Hand durch die Haare fuhr, die Sache ist hllisch einfach und
nicht viel darber zu sagen. Ihr habt bis jetzt hier gelebt, als ob Euch
der Krieg, der da drauen gefhrt wird, gar nichts anginge, aber das mu
eben ein Ende nehmen. In Missouri sammeln die verdammten Yankees mehr und
mehr Truppen an, weil es ihnen unbequem ist, da wir den Mississippi
hier haben und besetzt halten. Die also knnen jeden Augenblick bei Euch
einbrechen und dann sitzt Ihr da, Nichts ist organisirt, kein Commando,
keine Ordnung und Alles zerstreut im Busch, wo man Euch nachher einzeln
aufsuchen und gefangen in die Yankeestaaten hinaufschleppen kann.

Aber, Major, sagte der alte Klingelhffer, ein Deutscher, der seit
30Jahren in diesen Wldern lebte, red't keinen Unsinn. Wenn die
Unionstruppen wirklich einmal hier durchmarschirten, und Streifcorps sind
schon ein paar Mal in der Nhe gewesen, so haben sie genug fr sich selber
mitzuschleppen, als da sie sich auch noch Gefangene aufladen sollten. Da
sie uns Rinder schlachten werden, um was zu leben zu haben, ja, das ist
mglich, aber weiter geschieht auch Nichts, und wenn wir unsere jungen
Leute in den Krieg schicken, knnen sie nachher erst recht machen, was sie
wollen.

Daraus wird Nichts, sagte der alte Jenkins, ebenfalls ein treuer
Unionsmann, der finster daneben auf einer Wagendeichsel gesessen und an
einem Spahn herumgeschnitzt hatte. Unsere jungen Leute drfen nicht fort
von hier; nachher ist der Wald leer und unsere Kinder knnen hungern
und verderben. Lat es die ausfechten, die das Blutvergieen verschuldet
haben.

Ist auch meine Meinung, nickte der alte Hogau, der oben vom
Fourche-la-Fave heruntergekommen war, wir oder die Unseren haben Nichts
drauen zu thun, wir gehren hier in die Range, und wenn uns dann Jemand
belstigen will, ei zum Wetter, dann haben wir auch noch unsere Bchsen und
hier zwischen den Bumen drinn, soll ihnen der Platz bald zu warm werden.

Aber Gentlemen! rief der Major, es spricht ja kein Mensch davon, da
die jungen Leute hier den Staat verlassen sollen. General Lee selber ist
dagegen und stimmt ganz mit Ihrer Ansicht berein, da es eben gefhrlich
wre, die Wlder hier von ihren Vertheidigern zu entblen. Nur organisiren
sollen Sie sich und eine sogenannte Landwehr bilden, um im Fall eines
Angriffs im Stand zu sein, sich augenblicklich unter ihren Fhrern zu
sammeln, und ich glaube, das ist doch nur in Ihrem eigenen Interesse und zu
Ihrem eigenen Besten gehandelt.

Ich sehe den Grund nicht ein, rief Klingelhffer; zum Henker auch, wir
haben die Mittel und Wege, unsere jungen Leute auf den Fleck zu bekommen,
wenn sie nothwendig gebraucht werden sollten, und in Reih' und Glied knnen
wir hier im Walde doch nicht kmpfen. Uebrigens -- setzte er langsamer
hinzu -- wei ich auch gar noch nicht einmal gegen wen wir fechten und wer
von den beiden Partheien unser schlimmster Feind ist.

Aber Mister -- entschuldigen Sie, ich kann Ihren Namen nicht behalten,
rief der Major, Sie reden gerade, als ob Sie noch nicht einmal wissen, ob
Sie auf Seite der Sdstaaten oder der Abolitionisten treten sollten.

Wei ich auch nicht, brummte der alte Mann strrisch, indem er seinen
Hosengrtel in die Hhe zog, denn einverstanden bin ich mit der ganzen
Geschichte nicht, weil sie eben Lgen braucht, um sich fortzuhelfen.

Lgen, Mister?

Jawohl, Lgen, brummte der Alte, denn, wenn die Berichte alle wahr
wren, die wir hier hergeschickt kriegen, so knnten die Yankees schon gar
keine Soldaten oder berhaupt noch Menschen haben, so viele sind in jeder
Schlacht gefallen und so geschwind sind die Anderen gelaufen. Dabei wird
aber der ganze Krieg eben nur in den Sdstaaten gefhrt; nicht einmal ber
dem Ohio drben haben sich die Sdlichen halten knnen, und uns wollen sie
jetzt auch noch mit hineinziehen.

Aber das verlangt ja Niemand.

Gut, dann berlat das Andere auch uns selber, wir wollen die Sache schon
hier in Ordnung halten. Hat sich berhaupt Niemand sonst darum zu kmmern.
Wr' auch etwa meine Meinung, nickte Jenkins. -- Wir alten Colonisten
hier haben jetzt herangewachsene Jungen, die selber schon Mnner geworden
sind und knnen es denen ruhig berlassen.

Und dann wohnen wir hier auch in keiner Stadt, fiel Hogan ein, wo in der
Zeit der Noth ein Nachbar dem anderen beispringen kann, und wenn Einen
was bedroht, der Andere ebenfalls davon wissen mu, weil er dicht daneben
sitzt. Wenn hier in unsere einzelnen Farmen eine Bande einbricht, so knnen
sie thun und lassen, was sie wollen, nicht einmal das Knallen der Gewehre
hrt man beim Nachbar. Wenn die Sdstaaten deshalb etwas fr uns thun
wollen und berhaupt die Yankees, wo sie sich blicken lassen, vor sich
hertreiben, weshalb rumen sie denn da nicht unseren Nachbarstaat Missouri
von den Abolitionisten? nachher htten wir hier gewi Frieden.

Das kann aber nur geschehen, wenn wir selber mit dazu helfen, rief jetzt
Hendricks -- was sagt Ihr Boys -- wr' das nicht gerade das Rechte fr uns
hier, aus dem Wald gen Norden aufzubrechen und die Wlder vor uns, wenn wir
mehr hinaufzgen, rein zu fegen von dem Gesindel, das sich darin versteckt
hlt.

Das Gesindel, lachte der junge Wells, gehrt aber so viel ich wei, nur
zu Eurer Parthei, denn die Unionstruppen klagen genug ber die sdlichen
Bushhawker, die einzeln oder in kleinen Banden im Wald liegen und ihren
Feind nur feige aus dem Hinterhalt niederschieen.

Und wit Ihr einen Guerilla-Krieg, der anders zu fhren wre? fragte
Hendricks, mit einem finsteren Blick auf den Sprecher. Htten sich die
wackern Burschen dort nicht in den Wald geworfen und setzten sie nicht
jeden Tag noch ihr Leben ein, so wren die verdammten Blaurcke lange schon
zu Euch hier herunter marschirt. Freilich ist es bequemer und sicherer,
hier auf der Farm zu sitzen und dann und wann einmal nach einem armen
Hirsch zu feuern. Der kann nicht wieder schieen.

Lump Du -- verbrannter! fuhr der junge Wells empor -- aber Klingelhffer
sprang jetzt selber dazwischen und rief:

Frieden hier! wir wollen keinen Streit, wir wollen aber auch keine
sdlndischen Werber unter uns, die uns die Jungen vom Hause fortlocken.
Lat uns abstimmen darber. Wir haben hier fast den ganzen Fourche-la-Fave
versammelt. Lat die Leute selber entscheiden, ob sie Soldaten spielen
wollen oder nicht. Ich meinestheils bin dagegen; wir sind auerdem schlimm
genug daran, denn mit Little Rock haben wir fast gar keinen Verkehr mehr;
zu kaufen ist Nichts im Land und was wir nothwendig zur Unterhaltung
unserer Familien brauchen, mssen wir uns selber ziehen. Was sagt Ihr,
Jenkins?

Beim Alten soll's bleiben, erwiderte der alte Mann mrrisch. Wir
brauchen keine Zwischentrger, die uns hier sagen wollen, was wir zu thun
oder zu lassen haben. Ich stimme dagegen.

Ich auch -- ich ebenfalls, tnte es von den meisten Seiten, und nur
einige der jngeren Leute versuchten eine kleine Opposition, wurden aber so
vollkommen berstimmt, da sie gar nicht in Betracht kommen konnten. Major
Rollok hatte mit finster zusammengezogenen Brauen daneben gestanden und das
Resultat beobachtet, aber er war auch klug genug einzusehen, da hier und
in _dieser_ Versammlung, in der berhaupt ein dem Sden nichts weniger als
freundlicher Geist zu herrschen schien, kaum etwas wrde auszurichten sein.
Er mute deshalb seine Zeit abpassen, und -- war auch gerade der richtige
Mann dazu.

Gentlemen, sagte er, als er flchtig den Blick umhergeworfen und sich die
von den jungen Leuten, die auf seiner Seite standen, rasch gemerkt hatte,
die Frage hier kommt mir nicht mehr zweifelhaft vor. Wie ich sehe, sind
Sie fest entschlossen, ihre eigene Heimath zu vertheidigen, und das Land
in Betracht gezogen, in dem Sie nun einmal leben, kann ich Sie kaum
deshalb tadeln. Lassen wir das also. -- Mr. Bockenheim, Ihr Whisky ist
ausgezeichnet, ich bitte um eine andere Flasche, denn wir haben vom vielen
Reden Durst bekommen.

Meiner ist gelscht, erwiederte Klingelhffer, indem er seine Bchse ber
die Schulter warf und hinber zu seinem Poney ging -- ich denke Boys, wir
sind hier fertig und um eine =Spree=[1] zu halten, ist die Zeit zu ernst.
_Ich_ gehe heim.

  [1]: =Spree= (=sprie= gespr.) ein lustiges Trinkgelag -- ein vergngter
  Abend.

Ich auch -- wir Alle, rief es von verschiedenen Seiten und wenn auch
manche der jungen Leute noch gern den Nachmittag dort geblieben wren,
folgten doch die Meisten den lteren. Nur zehn oder zwlf etwa, von denen
die Meisten in Perryville selber wohnten, blieben noch zurck, um, wie sie
sagten, von dem Major Nheres ber den Krieg zu hren, und da diese jetzt
eine verhltnimig kleine Gruppe bildeten, war die kleine Stadt bald
wieder so still und de als vorher.




Zweites Kapitel.

Der Korb.


Fr den Augenblick war die Gefahr, die dem stillen Frieden dieser Gegend
drohte, abgewehrt; denn wenn auch der Major noch sein Bestes versuchte, die
Zurckgebliebenen wenigstens, von denen noch dazu die Meisten auf seiner
Seite standen, zu einem directen Vorgehen in diesem Sinne zu bewegen, so
hatte sich doch die Meinung des Fourche-la-Fave kurz vorher zu entschieden
ausgesprochen, um auf einen Erfolg hoffen zu knnen. Der Samen war aber
einmal ausgestreut und von diesem Tag an begann eine Art von Unruhe in der
ganzen Range, die man bis jetzt und so lange der Krieg whrte, noch nicht
gekannt hatte.

Allerdings verlie Major Rollock mit den brigen Sesesch-Soldaten die
Ansiedlung, um drben am Petite Jeanne sein Glck und wie sich spter
zeigte mit besserem Erfolg zu probiren; Hendricks aber, der eine Menge
Bekannte am Fourche-la-Fave hatte, blieb zurck und schien dabei auch nicht
besonders durch den Wortstreit eingeschchtert zu sein, den er mit einigen
der jungen Leute gehabt. Er war ihm ungelegen gekommen, ja -- noch dazu mit
_einem_ der jungen Backwoodsmen, aber er wute auch recht gut, da
deren Blut rasch aufbrauste, jedoch auch eben so rasch wieder durch ein
freundliches Wort beruhigt werden konnte.

Acht Tage waren nach der, im vorigen Kapitel beschriebenen Versammlung
etwa verflossen. Der alte Jenkins stand vor seinem Haus und hieb mit seinem
kleinen Beil einen Axtstiel zurecht, sein Sohn James oder Jim, wie er
kurzweg genannt wurde, war nicht weit davon beschftigt, eine neue
Corncrib oder einen Verschlag, in dem der Mais eingelegt werden sollte,
aufzurichten, und Betsy, seine Schwester, ein blhendes junges Mdchen
von etwa achtzehn Jahren, mit frischer Gesichtsfarbe -- etwas nicht sehr
gewhnliches am Fourche, und gar so lieben, kastanienbraunen Augen, qulte
sich eben in einer benachbarten Umzunung mit einer etwas strrischen Kuh
ab, die sich nicht wollte melken lassen, aber doch zuletzt der ruhigen
Entschlossenheit des Mdchens nachgeben mute. Bill, ihr jngster Bruder,
kam eben mit einem Eimer Wasser vom Flu herauf.

=Hallo the house!= rief da eine Stimme von auerhalb der Fenz die
Mnner an und ein Reiter hielt dort, den Niemand der mit ihrer Arbeit
Beschftigten hatte herankommen sehen.

Die Hunde schlugen jetzt an und rannten heulend und bellend gegen die Fenz,
an der sie hinaufsprangen, die Gnse schnatterten, die Hhner durch die
zwischen ihnen hinfahrenden Hunde erschreckt, gakerten und es war fr den
Augenblick ein Skandal, in dem man nicht einmal sein eigenes Wort hren
konnte.

Ruhe, Ihr Bestien, schrie der alte Jenkins, indem er ein Stck Holz
aufgriff und zwischen die Kter hin schleuderte; wollt Ihr Frieden geben!
Hallo Hendricks, _Ihr_ seid's? Ich glaube, Ihr wret schon lange wieder
bei der Armee, rcktet mit ihr gegen New-York vor. Kommt herein, Mann, und
bleibt nicht da drauen auf Euerem Pferd halten.

Dank Euch, Mr. Jenkins, sagte der junge Mann, indem er von der Einladung
ohne Weiteres Gebrauch machte. Die Hunde hatten ja auch gesehen, da ihr
Herr mit dem Fremden sprach, sie also Nichts mehr drein zu reden hatten,
und als dieser jetzt sein Thier drauen angebunden hatte und die kleine
Pforte ffnete, zogen sie sich, wohl immer noch knurrend, aber doch keine
offene Feindseligkeit mehr zeigend, unter das Haus zurck.

Jim Jenkins hatte Hendricks eigentlich erstaunt und mit nicht besonders
freundlichen Blicken betrachtet. Nach dem, was neulich zwischen ihnen
vorgefallen, mochte er seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging er
_ihn_ an. Sein Vater hatte ihn aufgefordert, in's Haus zu kommen, er nicht,
und ohne sich deshalb weiter um ihn zu kmmern, fuhr er auch ruhig in
seiner Arbeit fort. Hendricks schien aber anders zu denken, denn nachdem er
dem alten Jenkins die Hand geschttelt, ging er ohne Weiteres auf Jim
zu, so da sich der junge Mann verlegen aufrichtete, und sagte mit
freundlicher, ja fast herzlicher Stimme:

Komm Jim. Die Politik hat schon manche Freunde entzweit, sie soll es aber
hier nicht im Walde thun. Wir waren Beide damals aufgeregt und heftig.
Jetzt haben wir kaltes Blut und ich wenigstens habe die Sache vergessen.
Er streckte ihm dabei die Hand entgegen und wenn Jim auch wohl selber
schwerlich ein erstes freundliches Wort zu ihm gesagt htte, war er
doch auch wieder viel zu offener, ehrlicher Natur, eine gebotene Hand
zurckzuweisen. Er schlug ein und nickte.

Gut Bob, so soll's sein. Du hast Recht, die Zeit ist danach angethan, da
wir hier Alle zusammenhalten, und ich werd' es wahrhaftig nicht sein, der
den ersten Streit in die Range wrfe. Sei willkommen.

So recht Jungens, nickte der Alte, der schweigend der kleinen
Vershnungsscene zugeschaut. Wir knnen hier in der That keine Uneinigkeit
gebrauchen, denn wer wei wie bald wir Einer den Andern nthig haben,
wenn das Unglck auch ber uns hereinbrechen sollte. Und nun kommt herein
Hendricks; das Frhstck wird gleich fertig sein, die Betsy bettelt sich
nur noch da drben die Milch von der Kuh, die ebenfalls halsstarrig zu sein
scheint. Kommt Mann und drin knnt Ihr uns sagen, was Euch zu diesem Winkel
von Arkansas hergefhrt, denn Besuch bekomme ich verwnscht selten, wenn
nicht einmal ab oder zu ein einzelnes Canoe bei mir anlegt.

Hendricks dankte freundlich, schien aber doch noch keine rechte Lust zu
haben der Einladung ohne Weiteres zu folgen, denn Betsy trat eben mit ihrem
kleinen Melkkbel aus der Umzunung und kam auf sie zu.

Wie geht's Mi Betsy, sagte Hendricks, ihr ein Paar Schritt
entgegengehend und ihr die Hand reichend -- Sie sehen wohl und munter aus,
und die Arkansas-Niederung scheint Ihnen vortrefflich zu bekommen.

Danke Sir, sagte das junge Mdchen, leicht errthend, ich habe ja auch,
Gott sei Dank, noch kein Fieber hier gehabt; Pa und Ma aber desto mehr.

Bah, das richtet sich Alles ein, brummte der Alte, wenn man sich nur
erst einmal ein Bischen an die warme feuchte Luft gewhnt hat. Das Land
hier ist aber desto besser. Seht einmal die Maiskolben an, Hendricks, ob
Ihr je in Euerem Leben grere getroffen habt. So lange ich und mein Junge
leben bleiben, hlt auch der Boden aus; in dem ist kein Vergang.

Das Gesprch kam jetzt auf die Fruchtbarkeit der verschiedenen Distrikte,
in dem die Farmer unerschpflich sind, und Betsy war indessen in das Haus
gegangen, um den Frhstckstisch zu bestellen, denn die Mutter hatte wieder
einen Anfall des ewigen kalten Fiebers und sa, sich schttelnd, am Camin
in der Ecke, die offenen zitternden Hnde gegen die Flamme ausgebreitet.

Bei dem Frhstck, das brigens frugal genug aus etwas gebratenem Speck,
warmem Weisbrod und einem Becher Kaffee oder Milch bestand, erzhlte nun
auch der Gast seinen Wirthen, da er gesonnen sei, den Petite Jeanne zu
verlassen, denn man wohne dorten gewissermaen aus der Welt. Er wollte
deshalb herber an den Fourche ziehen, wo er sich schon, ein Stck weiter
oben einen Platz ausgesucht habe, um eine Dampfsgemhle aufzustellen. Er
hatte, wie er bemerkte, eine Masse Vieh im Walde herumlaufen, das jetzt
einen nie dagewesenen hohen Preis in Little Rock brachte. Dorthin wollte er
es nun, ehe er wieder zur Armee ging, treiben und verkaufen und dafr eine
auf Speculation nach der Stadt gebrachte Sgemhle erstehen, die in der
jetzigen Zeit natrlich kein Mensch haben wollte noch auch gebrauchen
konnte, und die er unter solchen Umstnden -- wie er sich auch schon
erkundigt -- zu einem Spottpreis bekam.

Der alte Jenkins nickte dazu beistimmend vor sich hin, denn was der junge
Mann da vorrechnete, hatte Hand und Fu, whrend sie Nichts nothwendiger in
der =range= brauchten, wie gerade eine schon lang ersehnte Sgemhle, die
auch wahrscheinlich vortreffliche Geschfte machen wrde. Das nur war ihm
dabei etwas Neues, da Hendricks so viel Vieh haben sollte, denn der alte
Hendricks, der eine kleine Farm am Petite Jeanne angelegt hatte und fast
gar Nichts selber arbeitete, denn er sa den ganzen geschlagenen Tag im
Hause und las in der Bibel, war blutarm -- so wenigstens erzhlte man sich
am Fourche-la-fave. Uebrigens bestand nicht viel Verbindung zwischen den
beiden kleinen Flssen. Nicht einmal ein Weg fhrte vom unteren Theil der
Fourche-la-fave hinber, und irrige Nachrichten konnten deshalb wohl recht
gut verbreitet sein.

Der alte Jenkins dachte auch gar nicht daran, ber die Verhltnisse eines
Nachbars nachzugrbeln. Das war dessen Sache, und wenn sich der Sohn Geld
erworben oder Vieh gezogen hatte, desto besser. Jenkins war wahrlich nicht
neidischer Natur, um es ihm zu mignnen. Seine eigene Arbeit durfte er
aber dabei nicht versumen, und wie sie nun das Frhstck beendet, ging er
wieder hinaus, um seinen Axtstiel fertig zu schnitzen und dann dem eigenen
Sohn mit der =corncrib= zu helfen.

Jim Jenkins und sein Bruder Bill standen ebenfalls auf, aber es war in
den Backwoods auch Gebrauch, da ihnen der Gast nicht zu folgen brauchte,
sondern noch eine Zeitlang zurck und bei den Frauen blieb, um sich mit
diesen ein wenig zu unterhalten. Besuch kam ja so selten, und hatte dann
jedesmal einen so weiten Weg zurckzulegen, da man ihn doch nicht gut auf
eine halbe Stunde beschrnken konnte.

Die Mutter war aber krnker geworden und hatte sich auf das Bett in
die entfernteste Ecke des Hauses gelegt, wo sie sich im Fieberfrost die
Steppdecke ber den Kopf zog. Betsy stand am Kamin und wusch das Geschirr
auf. Hendricks, den Ellnbogen gegen den Simms gesttzt, stand daneben. Die
Unterhaltung war aber in's Stocken gerathen und selbst ein paar Fragen,
die das junge Mdchen an ihn richtete, wurden so kurz und zerstreut
beantwortet, da sie endlich von ihrer Arbeit auf und ihn ansah.

Hendricks mochte in diesem Augenblick fhlen, da er sich ungeschickt
benommen, denn das Blut scho ihm in die Schlfe -- aber es war auch
wirklich nur ein Augenblick, denn schon im nchsten sagte er, wenn auch mit
nur halblauter und fast unterdrckter Stimme:

Mi Betsy, entschuldigen Sie mich -- meine Gedanken waren mit mir
durchgegangen, und ich glaube ich habe mich etwas albern benommen.

Sie haben gewi nicht verstanden, was ich Sie frug, lchelte das Mdchen.

Nein -- in der That nicht, aber erlauben auch Sie mir eine Frage--

Gern, wenn ich sie beantworten kann.

Nun gut, sagte Hendricks, und wie sich vorher sein Antlitz rasch und wie
mit einem Schlag rthete, eben so schnell erbleichte es auch jetzt, so
da ihn Betsy, die sich sein wunderliches Betragen nicht erklren konnte,
erstaunt und fast erschreckt ansah. Hendricks lie ihr aber nicht lange
Zeit, und nach einem halb scheuen Blick auf das Bett hinber, wo er aber
keinen Horcher zu frchten brauchte, fuhr er leidenschaftlich, aber nicht
laut fort: Sie haben vorhin gehrt, Betsy, da ich mir in allernchster
Zeit eine Heimath zu grnden gedenke -- der Krieg kann kaum sechs Monat
mehr dauern, dann kehre ich zurck und baue mir meine Cabin -- wollen Sie
mein Weib sein? Wollen Sie Ihr knftiges Loos in meine Hnde legen? Ich
gebe Ihnen die feste Versicherung, da ich--

Halten Sie ein, Mr. Hendricks, unterbrach ihn aber Betsy, und es war
jetzt an ihr, zu erbleichen. Das Mdchen war in den wenigen Secunden so
wei geworden wie Schnee. Ihr Antrag hat mich allerdings berrascht --
ich war nach unserer flchtigen Bekanntschaft nicht darauf vorbereitet
-- konnte es nicht sein, aber ich -- mu Ihnen auch erklren, da jedes
weitere Wort unnthig sein wrde, denn -- ich bin schon Braut.

Betsy? rief Hendricks, und krampfhaft fate er das Simms, an dem er bis
jetzt gestanden, das ist nicht mglich. -- Vor kaum vierzehn Tagen war
ich hier und ich wei, da Sie da noch frei waren. Sie wollen nur Zeit
gewinnen, aber ich drnge Sie ja nicht -- nur die Mglichkeit will ich von
Ihren Lippen--

Und selbst die Mglichkeit kann ich Ihnen nicht geben, sagte Betsy leise,
aber auch fest und entschlossen. Ob ich glaube mit Ihnen glcklich leben
zu knnen oder nicht, kommt hier nicht mehr in Betracht. Ich habe dem
jungen Wells mein Wort gegeben, und sobald John sein neues Haus fertig
hat, wird die Hochzeit sein. Die Zeiten sind so unruhig, da ich meine
Zustimmung zu einer so raschen Verbindung gab.

Hendricks hatte seine Unterlippe fest mit den oberen Zhnen gefat, und
sein Blick bohrte sich dabei so scharf in Betsy's Augen, da diese ihn
nicht ertragen konnte. Aber in diesem Blick lag keine Liebe, kein Schmerz,
sondern nur Ha, und whrend sich ein hhnisches Lcheln ber seine Zge
legte, sagte er ruhig:

Wenn die Sachen so stehen, Mi, dann mchte ich einer so glnzenden
Verbindung allerdings nicht im Wege sein -- der Sohn eines
Halb-Indianers--

Mister Hendricks, blitzte ihn aber jetzt das wieder voll auf ihn
gerichtete Auge des Mdchens an -- Sie wrden nicht den Muth haben,
das meinem Brutigam in's Gesicht zu sagen. Entfernen Sie sich jetzt
augenblicklich oder ich rufe meinen Vater.

Ich werde Sie nicht lnger belstigen, Mi, sagte Hendricks kalt;
vielleicht habe ich einmal spter die Freude, dem jungen glcklichen Paar
meine Glckwnsche zu bringen. Mr. Wells zieht ja wohl nicht mit aus, um
sein Vaterland zu vertheidigen -- was ich ihm auch unter solchen Umstnden
nicht verdenken kann.

Betsy's Blut kochte -- ihre Lippen ffneten sich halb, ihre kleine Faust
ballte sich. Hendricks aber dachte nicht daran, sie noch mehr zu reizen,
die Nhe der Mnner vor dem Haus war ihm auch vielleicht unbequem, und sich
nur mit spttischer Ehrfurcht vor ihr tief verneigend, drehte er sich ab,
ging zu seinem Pferd, band es los, schwang sich in den Sattel, und den bei
ihrer Arbeit beschftigten Mnnern einen kurzen Gru zurufend, sprengte
er gleich darauf den schmalen Pfad entlang, der nach dem Fourche-la-fave
hinberfhrte.

Na? sagte Jim, der ihm erstaunt nachgesehen hatte, der hat's ja auf
einmal verdammt eilig. Was ist denn dem in die Krone gefahren, da er
davonschiet, als ob die Regulatoren hinter ihm her wren.

Der Alte hatte sich ebenfalls aufgerichtet, und wie von einem pltzlichen
Gedanken ergriffen, fuhr sein Blick nach der eigenen Hausthr hinber, ob
er dort vielleicht eine Erklrung fnde. Die Thr blieb aber leer; Betsy
lie sich nicht blicken und Jenkins, sich den einen Balken zurecht rckend,
den er eben behauen wollte, sagte kopfschttelnd:

La ihn laufen. Es ist mir recht, da Ihr Euch nicht in den Haaren liegt,
denn Nachbarn sollen in Frieden beieinander wohnen. Sonst liegt mir aber
an dem Umgang auch nicht gerade besonders viel; denn der alte Hendricks ist
ein alter Heuchler, so viel ist sicher, und von dem jungen wei ich eben
Nichts. Komm Jim, fa einmal hier mit an, da wir den Block da ein wenig
mehr bei Seite schieben; komm Du auch her, Bill. Ich wei nicht, mir ist es
in's Kreuz hinein gefahren und die alten Knochen wollen nicht mehr so recht
mit! Betsy mag auch eine Hand reichen; das Stck Holz ist mordmig schwer
und wir wollen uns gerade keinen Schaden damit thun. He Betsy -- oh Betsy
-- komm einmal einen Augenblick her, Schatz, und nimm die Stange hier. --
Wenn sie die nur immer unterstemmt, da er nicht wieder zurckfllt, knnen
wir es schon machen.

Betsy kam aus dem Haus, dem Ruf Folge leistend, aber das Mdchen sah so
merkwrdig bla aus, da Jim erschreckt rief:

Hallo Betsy, was fehlt Dir? Du bist krank, Schatz -- siehst ja ksewei im
Gesicht aus. Geh nur wieder hinein, Dich knnen wir hier nicht gebrauchen.

Sagt mir nur, wo ich anfassen soll, erwiederte das Mdchen ruhig, mir
fehlt Nichts, wenn ich auch vielleicht ein Bischen bla aussehe.

Dir fehlt Nichts? rief aber auch jetzt der Alte, der sie aufmerksam
betrachtete, und dann unwillkrlich nach dem Weg hinbersah, auf dem
Hendricks vor wenig Minuten davon geritten. -- Hat Dir der -- =gentleman=
etwa was gesagt?

Welcher =gentleman=, Pa?

Nun, der Mister Hendricks.

Das ist kein Gentleman, sagte das junge Mdchen finster und fuhr nach
einer kurzen Zgerung fort: Ja -- er hat mir seine Hand angeboten.

Hm, brummte der Alte, merkwrdig geschwind mu es gegangen sein, das ist
wahr, aber als eine Beleidigung kann man das doch nicht eigentlich nehmen.

Ich hab's aber so genommen Vater, doch -- lat den -- Burschen. Sagt
mir wo ich mit anfassen kann, denn ich mu wieder zur Mutter hinein. Das
Schtteln ist vorber und sie bekommt jetzt ihr Fieber.

Die beiden Mnner wuten recht gut, da aus der Betsy -- wenn sie nicht
reden wollte, Nichts herauszubringen sei. Der Alte betrachtete sie
allerdings wohl noch eine Minute lang scharf und forschend, aber sie
erwiederte den Blick nicht, und da war es denn das Beste, da man sie
eben ruhig zufrieden lie. Er zeigte ihr deshalb jetzt, wie sie die Stange
einsetzen und halten solle, und Betsy, nicht zum ersten Mal bei der Arbeit
verwandt, brauchte auch keine lange Erklrung. In kurzer Zeit war der Stamm
auf seinem Platz, und sie schritt dann wieder, ohne weiter ein Wort zu
sagen, nach dem Haus zurck.

Jim wollte die Sache freilich nicht aus dem Kopf und als er gegen Mittag
noch einmal wieder zu ihr in's Haus kam, frug er sie:

Hre, Betsy, was hat Dir der Bursche denn eigentlich gesagt? es wre mir
lieb, wenn ich's erfahren knnte.

La ihn nur, Jim, meinte aber die Schwester, er wird uns hier nicht
wieder in's Haus kommen, setzte dann ihr Bonnet auf, nahm ihren kleinen
Korb und ging hinaus in's Maisfeld, um dort Bohnen fr das Mittagsessen zu
pflcken.




Drittes Kapitel.

Der erste Schlag.


Am Fourche-la-fave nderte sich in der nchsten Zeit wenig und die Bewohner
desselben wuten eigentlich gar nicht, wie glcklich und unbelstigt sie
bis jetzt von den Schrecken des Krieges verschont lebten, whrend im Osten
die Brandfackel in friedliche Htten geschleudert wurde und in Virginien
besonders der Boden das darauf vergossene Blut kaum mehr einsaugen konnte.
Insofern befanden sie sich aber auch am Fourche in einer peinlichen Lage,
als sie die _Ungewiheit_ qulte: denn was nur an abenteuerlichen, oft
unmglichen Dingen von der einen oder anderen Partei erfunden werden
mochte, fand doch sicher seinen Weg hier her in den Wald, und hielt die
Bewohner, besonders die Frauen, in einem steten Grad peinlicher Aufregung.

Uebrigens rckte ihnen der Kampfplatz auch nher, denn der Norden fing an
einzusehen, da er den Sden nie wrde bezwingen knnen, wenn er nicht den
Mississippi, die Hauptstrae des Westens und Sdens, vollstndig in die
Hand bekam. Aber der Sden wute das ebenfalls, und wenn auch New-Orleans
genommen und in den Hnden der Yankees war, den oberen Mississippi,
Vicksburg und Memphis hielten die Sdlnder fest besetzt, und waren
von hier aus im Stande ihre Heere im Osten leicht mit dem im Westen
aufgekauften Vieh zu verproviantiren. Fuhr ihnen dann auch einmal
ein Kanonenboot des Northerners an der Nase vorber und bedrohte die
Communication, so konnte es sich doch nie lange dort halten, und die
Nord-Armee fing deshalb auch schon an ihre Macht besonders gegen Vicksburg
zu entwickeln, um den Feind dadurch von allen Seiten einzuschlieen.

Indessen waren die Secessionisten aber auch in diesem Theil von Arkansas
gerade besonders thtig gewesen, um die Backwoodsmen zu einer compacten
Masse zu organisiren und mit ihnen, wie sie recht gut wuten, eine
Hauptmacht in's Feld zu stellen. Das aber scheiterte anfangs, wie wir
gesehen haben, aber nicht allein daran, da hier im sdlichen Wald die
meisten alten Farmer und Jger wirklich gute Unionisten waren und von einem
Krieg gegen ihre alte Verfassung gar nichts wissen wollten, sondern auch
an ihrem Widerwillen, den Wald und ihre Heimath zu verlassen. Da ein Mann
westlich ziehen konnte, weiter in die Wildni hinein, ja, das schien ihnen
falich und kam auch oft genug vor, da er aber zurck in die Ost-Staaten
gefhrt werden sollte, wre keinem auch nur im Traum eingefallen.

Der Sden mute demzufolge anders manveriren, und ein paar junge Officiere
wurden abgesandt, die in den verschiedenen Counties den alten Plan wieder
aufnehmen und eine Art Landwehr organisiren sollten -- nur vor der Hand zum
Schutz des Staates selber, und das gelang ihnen denn auch endlich, obgleich
sich die alten Backwoodsmen noch immer aus Leibeskrften dagegen strubten.
Sie sahen weiter, als das junge Volk, und trauten den Versicherungen nicht
besonders, die jetzt fortwhrend ausgestreut wurden: da nmlich der Norden
in den letzten Zgen lge und jetzt nur auf eine Gelegenheit warte, um
den Sden anzuerkennen und einen halbweg ehrenvollen Frieden mit ihm
abzuschlieen.

Der Sden hatte allerdings in vielen Schlachten, von tchtigen Feldherrn
angefhrt, gesiegt, aber man schien doch die Spannkraft des Nordens
unterschtzt zu haben, und im Frhjahr63 gewann die Lage der Staaten schon
ein anderes Aussehen. Memphis fiel, die nrdlichen Truppen waren gegen
das Gibraltar des Sdens, gegen Vicksburg vorgerckt und hatten eine
regelmige Belagerung begonnen, und Lee wurde im Norden so von neuen
anwachsenden Heeren bedrngt, da er der bedrohten Stadt am Mississippi
nicht einmal zu Hlfe und zum Entsatz kommen konnte.

Die jungen Leute vom Fourche-la-Fave, obgleich sich Viele von ihnen noch
immer zurckhielten, kamen nun schon ziemlich regelmig, wenigstens einen
Tag in der Woche, in Perryville zusammen, um ordentlich einexercirt zu
werden; denn wenn man dort im Walde auch keine Feldschlacht liefern
konnte, muten sie doch nothwendigerweise die verschiedenen Signale und
Commandorufe kennen lernen, um eben auf alle Flle gerstet zu sein. Diese
Uebungen wurden auch den ganzen Sommer hindurch fortgesetzt, als pltzlich
ein dumpfes, freilich noch unbegrndetes Gercht durch den Wald lief:
Vicksburg sei gefallen, wie sich Memphis selber schon lange in den Hnden
der Unionstruppen befand.

Allerdings widersprachen die sdlichen Agenten dem auf das Entschiedenste
und brachten selbst Zeitungen aus Vicksburg -- freilich von etwas frherem
Datum, in welchen aber die Belagerten noch eine vollkommen bermthige, ja
fast hhnende Sprache gegen den Norden fhrten. Aber die Zeitungen selber
-- das Papier nmlich, auf dem sie gedruckt waren, stimmte nicht recht
zu der darin enthaltenen Behauptung, da die Yankees noch nicht einmal
im Stand gewesen wren, selbst ihre Communication mit dem Inland zu
unterbrechen, denn man war schon in Vicksburg gezwungen gewesen, die
Lettern nicht mehr auf Papier, sondern auf Tapeten zu drucken, da es an
dem ersteren in der eng eingeschlossenen Stadt vollkommen fehlen mute. Die
Zeitungen hatten deshalb auch, blos auf einer Seite gedruckt und auf dem
Rcken mit irgend einem Tapetenmuster, ein hchst wunderliches Ansehen und
stimmten nicht zu dem Uebermuth, der sich noch immer in ihnen aussprach.

Die Musterungen im Wald wurden aber desto eifriger betrieben, und pltzlich
kam sogar der Befehl, da in Randolf, einer kleinen Stadt in Tennessee
aber an der andern Seite des Mississippi und also auerhalb Arkansas,
eine Hauptmusterung abgehalten werden solle, um der Zahl der waffenfhigen
Mnner sicher zu sein.

Das war allerdings gegen die erste Abrede, nach der eine Verwendung der
Landwehr nach Auen, gar nicht beabsichtigt worden. Die Verwendung
selber wurde auch jetzt noch geleugnet; es sollte, den Versicherungen der
Officiere nach, nur eben eine Musterung und nichts weiter sein, aber man
wnsche sehr, da sich alle jungen Leute dabei betheiligen mchten, um
einen bestimmten Ueberblick zu gewinnen.

Das gab groe Aufregung am Fourche-la-Fave, und wenn auch bei Vielen die
Lust, sich an dem Krieg da drauen zu betheiligen, nicht besonders gro
sein mochte, weil es eben gegen den eigenen Stamm ging, und die meisten
der hiesigen Ansiedler gerade von den nrdlichen Staaten, von Indiana und
Illinois, hierher gezogen waren, so arbeitete doch auch wieder der Ehrgeiz,
nicht zurckzustehen, zu Gunsten der Sdstaaten, und brachte dadurch viel
Leid in einzelne Familien, ohne den Gang der Ereignisse wenden, ja nur
aufhalten zu knnen.

In Klingelhffer's Familie herrschte ebenfalls tiefe Trauer. Der alte Mann,
eine lange eherne Gestalt mit groem rothen Bart und hellblauen Augen, ging
mit untergeschlagenen Armen und fest zusammengezogenen Brauen in seiner
Stube auf und ab. In der Ecke sa die Mutter, ein Bild tiefer Betrbni,
die Hnde im Schoo gefaltet, die guten Augen voller Thrnen, die ihr
unbewut an den Wangen niedertroffen, neben ihr die Tchter, ebenfalls
bedrckt, whrend am Fenster, den Blick auf den breiten Strom gerichtet,
der einzige Sohn, ein hochaufgeschossener, krftiger Bursch stand und wohl
bleich und erregt, aber auch festentschlossen aussah.

Ich kann nicht anders, Vater, sagte er endlich, nach einer langen Pause,
in der Niemand gewagt hatte, die Stille zu unterbrechen -- ich bin
mit ihnen zusammen aufgewachsen, ich kann mich jetzt nicht von ihnen
ausschlieen oder ich drfte mich ja nicht einmal mehr in den Ansiedlungen
blicken lassen, ohne von den Frauen selbst verhhnt zu werden.

Der Alte zerbi einen Fluch. Und was das Weibervolk ber Dich sagt, liegt
Dir mehr am Herzen, als der eigene Vater, die eigene Mutter.

Sie werden mich Memme schelten und das willst Du doch auch nicht.

Nein, bei Gott nicht! rief der alte Mann, und wenn Du mir heute sagtest,
ich halt's nicht mehr lnger daheim aus -- ich will hinauf in den Norden
ziehn und gegen Sklaverei und fr die Verfassung kmpfen, ich gbe Dir,
wenn auch mit blutendem Herzen, meinen Segen: aber da Du mit den Sesesch
die Hand an das Palladium unserer Freiheiten legen willst, da das mein
eigener, mein einziger Sohn thun will -- das thut weh.

Und _knnt'_ ich in den Reihen des Nordens fechten, sagte der junge Mann
wehmthig, wo alle meine Freunde und Schul- und Spielkameraden in den
Reihen der Feinde stnden? Es wre zu furchtbar.

Darum bleib. Die Musterung ist nur eine faule Lge, um Euch erst einmal
von hier fortzulocken. Sie lassen Euch nie wieder in den Wald zurck.

Ich kann nicht Vater. -- Sie gehen Alle.

Sie gehen nicht Alle, rief der Alte heftig. Jim Jenkins denkt nicht
daran, fr den Sden zu fechten, ebensowenig Jim Cook und die beiden Wells,
und da Hogan geht, glaub' ich ebensowenig, und denen wirst Du doch gewi
nicht vorwerfen, da sie feige sind.

Nein Vater, aber sie mgen das mit ihrem eigenen Gewissen abmachen. Die
drei Houstons gehn jedoch, Curtil, Rawlins, Rankins, die MacKinneys,
Smeiers, Hodges und wie sie Alle heien und vom Petite Jeanne drben gehen
sie Alle, ebenso vom Mamelle und der anderen Seite drben und die jungen
Leute vom VanBuren herunter, von Washington, Fulton, ja selbst vom Fort
Smith haben sich schon bei Little Rock gesammelt und warten nur darauf, da
sich unsere Compagnie ihnen anschlieen soll.

So geh'! sagte der alte Mann, mit einem tief aus der Brust geholten
Seufzer, whrend seine Lippen zitterten und seine ganze Gestalt bebte. Geh
-- an dem Segen des Vaters ist Dir doch nichts gelegen.

Vater! rief der junge Mann mit hervorquellenden Thrnen und tiefem
Schmerz -- ich kann ja nicht anders; frage die Mutter, ob sie mich in den
anderen Reihen sehen mchte.

Der alte Mann hatte seine, aber schon lang ausgegangene Pfeife in der Hand,
und fate sie so krampfhaft, da das Rohr von einander brach -- aber er
sagte kein Wort; sttzte sich nur mit dem rechten Arm auf den Kaminsimms,
und lehnte seine Stirn darauf, da der rebellische Sohn die Thrnen nicht
sehen sollte, die ihm selber in den Bart liefen und jetzt langsam und
schwer in die Asche niedertropften.

Geh nur, sagte er endlich, ohne seine Stellung aber zu verndern, geh
-- Dein Pferd und Deine Waffen hast Du -- was Du an Geld etwa brauchen
solltest, kannst Du in Little Rock bekommen. Ich werde Dir einen Brief
dahin mitgeben.

Aber doch nicht so, Vater. Willst Du nicht Abschied von mir nehmen?

Willst Du jetzt schon fort? rief der alte Mann, erschreckt emporfahrend.

Um drei Uhr haben wir unsern Sammelplatz an der Mamelle; es ist jetzt
schon acht Uhr und ich mu scharf zureiten, wenn ich ihn noch erreichen
will.

Klingelhffer erwiderte nichts weiter. Er wischte sich die verrtherischen
Tropfen aus den Augen, ging dann an seinen Tisch, suchte sich sein wenig
gebrauchtes Schreibzeug zusammen, schrieb und faltete denn das Blatt.

Die Mutter war in ihrer Stellung geblieben; sie wute ja, wie Alles kommen
wrde, denn mit ihr hatte der Sohn schon am Abend vorher gesprochen und ihr
seinen festen Entschlu verkndet. Was er mitzunehmen hatte, war auch
schon Alles eingepackt und in Ordnung -- und jetzt kam der Abschied -- der
furchtbare Abschied bei solcher Trennung.

Die Frauen erleichterten sich auch dabei das Herz durch Thrnen.
Klingelhffer selber hatte seinen ersten Schmerz bezwungen und reichte dem
Sohne nur die Hand.

So zieh' mit Gott, sagte er dabei, aber die Worte rangen sich ihm nur
mhsam aus der Kehle, -- zieh mit Gott! Du hast es nicht anders haben
wollen. Dieser freien und herrlichen Constitution wegen habe ich mein
Vaterland verlassen und bin mit Deiner Mutter hier herber in den Wald
gezogen. Du, mein einziger Sohn, willst die Hand dagegen erheben und sie
mit strzen helfen.

Vater, bat der Sohn, ich kann ja nicht anders. Oh, wie gern blieb ich
bei Dir--

Ja wohl, nickte der alte Mann, dessen Geist dadurch in eine andere Bahn
gelenkt wurde -- bei mir -- Niemand bleibt jetzt bei mir. Wenn sie Dich
todtschieen, dann kann ich von vorn anfangen meinen Acker zu bauen -- so
lang' es die alten Knochen eben noch knnen und nachher--

Ich kehre zurck Vater -- bald -- Du sollst nicht mehr arbeiten drfen,
Du hast in Deinem Leben genug, ber genug gethan. Leb' wohl. Gott schtze
Dich.

Leb wohl, sagte der alte Mann und drckte zum ersten Mal die Hand des
Sohnes, die er noch in der seinen hielt. Da hielt sich Gustav aber auch
nicht lnger. Sich an des Vaters Brust werfend, fate er ihn mit beiden
Armen und eine halbe Minute wohl hielten sich die beiden Mnner fest und
schweigend umschlungen. Da schob der Vater den Sohn zuerst von sich ab und
sagte leise:

Du mut fort -- Deine Zeit ist um -- mach's kurz.

Noch einmal umschlang der junge Mann Mutter und Schwestern, dann sprang er
hinaus -- reden konnte er nicht mehr, denn Thrnen erstickten seine Stimme.
Drauen an der Fenz lehnte seine Bchse, die griff er auf, schwang sich in
den Sattel, und war im nchsten Augenblick um den Hgel verschwunden, der
den Pfad nach dem nahen Fourche la Fave zu deckte. Das Haus selber lag auf
der Spitze, welche der in den Arkansas einmndende Fourche bildete, und
ber diesen mute er sein Pferd bringen, um dann durch den Wald hin die
nach der Mamelle fhrende Strae zu erreichen.

Das war berhaupt eine schwere Zeit fr die Bewohner dieses bis jetzt
so stillen und eigentlich von dem Verkehr mit der Welt abgeschlossenen
Districts. Manche Htte hatte damit den einzigen Sohn verloren und wenn
sich auch einzelne dadurch zu trsten suchten, da es eben nichts
weiter als eine Musterung sei und die jungen Leute bald in ihre Heimath
zurckkehren wrden, im Herzen glaubten sie es doch kaum selber und ihre
Befrchtungen sollten sich auch nur als zu begrndet erweisen.

Woche um Woche verging, aber die Compagnie kehrte nicht wieder und die
Nachricht kam ebensowenig, wohin man sie gefhrt, in welche Armee, ob nach
dem Norden oder Sden.

Der alte Klingelhffer hatte aber mit seiner Behauptung Recht gehabt, da
sich nicht Alle diesem Zuge anschlossen. Jenkins, Cook und die beiden Wells
waren in der That zurck geblieben und zwar nicht etwa aus Feigheit, aber
im Herzen der Union ergeben, wollten und konnten sie nicht gegen diese
kmpfen.

Uebrigens lie man sie nicht lange in Frieden, denn kaum waren drei Wochen
nach der vorbeschriebenen Zeit verflossen, als ein Placat von dem in Little
Rock befehlenden General der Sdstaaten in Perryville sowohl, wie in den
verschiedenen Ansiedlungen verbreitet wurde, in dem von einer Landwehr fr
Arkansas nicht mehr die Rede war, sondern alle waffenfhige Mannschaft, bei
Drohung sofortigen Arrests, nach Little Rock selber einbeordert wurde,
um sich dort zu stellen und einem besonders equipirten Arkansas-Regiment
einrangirt zu werden.

Frher wre das nun allerdings nicht angegangen, denn mit Gewalt konnte man
den ganzen Fourche la Fave, wenn er einig geblieben wre, nicht beitreiben.
Zge der Nrdlichen waren schon von Missouri her im Anzug und in Little
Rock selber wurde jeder Mann nothwendig zur mglichen Vertheidigung der
offenen Stadt gebraucht. Jetzt aber ging das leichter. Man kannte recht
gut die Einzelnen, die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen, und
kleine Patrouillen langten oben an, um sie auf ihren Farmen aufzuheben.

Der junge Cook, dessen Vater kurz vorher gestorben war, entging eines
Morgens nur mit Mhe einer ihm bestimmten Ueberraschung und flchtete in
den Wald, wohin ihm natrlich die Soldaten nicht folgen konnten. Die beiden
Wells muten ebenfalls ihren Platz verlassen, Jim Jenkins durfte sich gar
nicht mehr auf der, dicht am Arkansas liegenden Farm blicken lassen, weil
sogar mehrmals in der Nacht Boote gekommen waren, das Haus dann in der
Stille besetzt und nach ihm gesucht hatten.

Eigentlich war es wunderlich genug, da man sich solche Mhe um ein
Paar einzelne junge Leute gab, und um sie einzufangen, viel mehr andere
Mannschaft verwendete. Woher hatte berhaupt der General in Little Rock so
genaue Kunde von dem, was hier mitten im Wald passirte, wenn nicht irgend
ein geheimer, aber mit den hiesigen Verhltnissen sehr vertrauter Feind die
Sumigen denuncirt und ihre Verhaftung hartnckig betrieben htte? Aber wer
konnte das sein? -- Betsy Jenkins rieth augenblicklich auf Hendricks, doch
Niemand hatte ihn seit langer Zeit in der =range= gesehen. Eben so wenig
war er bei irgend einer Patrouille betheiligt gewesen, die man sogar, als
der Verdacht erst einmal geweckt war, nach ihm gefragt hatte. Sie kannten
den Namen gar nicht und meinten nur, wenn er schon damals hier in Uniform
gewesen sei, befinde er sich jetzt jedenfalls drben ber dem Mississippi
bei dem Heere, das eben abgeschickt wurde, um Vicksburg zu entsetzen und
die Abolitionisten zurck ber ihre Grenzen zu jagen.

Damit zogen sich wieder einige Wochen hin und das Gercht wiederholte sich,
da Vicksburg gefallen sei. Aber es war so oft schon aufgetaucht, da man
es nicht weiter beachtete, noch dazu da die unmittelbare Nhe einen immer
bedrohlicheren Charakter annahm. Allerdings hie es einmal, da von Memphis
herber ein Unionsheer rcke, um Little Rock zu besetzen und dadurch die
Gewalt im Staat zu bekommen, und vom Missouri herunter sollten ebenfalls
die Unionstruppen vordringen. Gegen diese hatten sich aber im Sden
von Missouri wie im Norden von Arkansas Guerillas gebildet -- ebenfalls
Backwoodsmen, aber dem Sden ergeben, die den Feind auf jede Weise zu
belstigen suchten und von den nrdlichen in verchtlicher Art Bushwhackers
genannt wurden -- eine Bezeichnung die unserem Buschklepper wohl am
nchsten kme.

Die Bushwhacker waren Anfangs auch wohl die reinen Guerillatrupps, wie
sie sich in andern wilden Lndern ebenfalls bilden und nothgedrungen da
entstehen mssen, wo man sich dem Eindringen eines Feindes widersetzen
will, und doch nicht Mannschaft genug auftreiben kann, um ihm im offenen
Feld die Stirn zu bieten. Da sich aber auch Gesindel zwischen diesen
ordnungslosen Schaaren fand, ist nicht zu verwundern, und besonders
wurden mehrmals scheuliche Grausamkeiten nicht allein an gefangenen oder
verwundeten Soldaten, sondern auch sogar an einzelnen Familien im Wald
verbt, welchen Ueberschreitungen die eigentlichen Bushwhacker aber
vollkommen fern standen und mit Entrstung solche Anschuldigungen
zurckwiesen.

Nichts destoweniger waren sie aber vollstndig begrndet, und es zeigte
sich bald, da es in der That einzelne ordnungslose oder geordnete Banden
im Walde gab, die, wie uns Cooper in seinem Spion die Cowboys
oder Kuhjungen des ersten amerikanischen Freiheitskrieges beschreibt,
rcksichtslos bei Freund und Feind einfielen und dann wie richtige Ruber
stahlen und plnderten, was sie eben bekommen konnten.

Dieses Gesindel, das aber ebensogut den eigentlichen Bushwhackern wie den
Unionstruppen aus dem Wege ging, und nur da vorbrach und seine Schrecken
verbreitete, wo es sich vor Entdeckung ziemlich sicher wute, bekam denn
auch bald einen neuen Namen. Man nannte jene, keiner bestimmten Partei
angehrigen Plnderer Jayhawker[2], das Geschft selber, das sie betrieben,
Jay-hawking, und der Name war bald im ganzen Wald, besonders von Missouri
gefrchtet. Durch sie bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten
Namen, denn man wute sie oft nicht von einander zu unterscheiden und die
regulairen Truppen des Nordens lieen diese -- wenn sie einmal einen in
ihre Gewalt bekamen, oft entgelten, was die anderen verbt hatten.

  [2]: Das Wort ist jedenfalls von =jay-bird= -- ein kleiner harmloser
  Waldvogel und =hawk= Falke abgeleitet, bezeichnet also einen Mann, der
  heimtckisch ber einen Wehrlosen herfllt.

Die jungen Leute am Fourche-la-Fave nun, Jenkins, Cook und die beiden
Wells, denen der Platz dort zu warm wurde, da man es wirklich ganz
ernstlich auf sie abgesehen zu haben schien, beschlossen den Staat zu
verlassen und bei der Nord-Armee Dienst zu nehmen. Mglich, da sie dann
mit dieser nach Little Rock vordringen, und dazu beitragen konnten, den
Ihrigen am Fourche Luft und dem nichtswrdigen Spionirsystem ein Ende zu
machen. Nach Norden konnten sie freilich nicht fort, denn dort wren sie
jedenfalls den Bushwhackern in die Hnde gelaufen und dann auch sicher fr
die Sesesch gepret worden. Nach Sden zu durften sie ebensowenig,
denn dort schwrmte es ebenfalls von Rebellen, und Little Rock, die
Hauptstadt, war ja auch noch in deren Hnden.

Da blieb ihnen denn keine andere Wahl, als gerade gen Osten gegen den
Mississippi hin durch den Sumpf zu brechen. Die Jahreszeit war ja auch
gnstig dazu, und im wilden Walde grogezogen, frchteten sie nicht, ihren
Weg zu verlieren. Ihre Familien drngten sie selber dazu, denn soviel
hatte sich jetzt herausgestellt, da es zur Unmglichkeit geworden, lnger
neutral zu bleiben. Auf eine oder die andere Seite mute man sich schlagen
und ohne Weiteres beschlossen sie deshalb, ihren langen beschwerlichen Weg
anzutreten.

Bei Klingelhffer hatten sie ihren Sammelplatz verabredet, dort
bernachteten sie noch einmal und dem alten Mann war es ein wehes,
entsetzliches Gefhl wenn er sich dachte, da gerade diese jungen Burschen,
die er als Kinder auf dem Arm herumgetragen, jetzt in das, seinem eigenen
Sohn feindlich entgegenstehende Heer treten und mglicherweise eine Kugel
gerade aus ihrem Rohr seine Brust treffen knne. Aber wie auch sein Herz
dabei denken mochte, sein Verstand, seine ganze Sympathie war trotzdem auf
Seite des Nordens.

Er behielt sie ber Nacht bei sich, fllte am nchsten Morgen ihre
Proviantbeutel mit Lebensmitteln und ruderte sie dann selber in seinem Boot
ber den Arkansas. -- Wie es das Schicksal bestimmt hatte, mute es sich
ja doch erfllen -- es war ein Brgerkrieg, der Bruder gegen Bruder, Vater
gegen Sohn anhetzte, -- welche Rcksicht konnte da der Freund auf den
Freund nehmen. Die Wrfel rollten -- wie sie fielen? -- Nur Gott wute es.




Viertes Kapitel.

Jay-hawking.


Wie still das am Fourche-la-Fave geworden war, als das smmtliche junge
Volk den kleinen Flu verlassen hatte, wie merkwrdig still. Nur die
alten Leute saen noch auf ihren vereinzelten Farmen -- nur die Frauen und
Kinder, und die getrauten sich jetzt nur in seltenen Fllen hinaus in den
Wald und vielleicht nur einmal nach der allernchsten Ansiedlung hinber,
denn der alte Browns, der oben in Missouri gewesen war, um zu sehen, wie
es seinen dort wohnenden Kindern ging, hatte die eben nicht erfreuliche
Nachricht mit an den Fourche gebracht, da die Raubbanden dort und schon
gar nicht mehr so weit vom Arkansas entfernt, mehr und mehr berhand
nhmen, je mehr die nrdlichen Truppen nach Sden herunterrckten, und
dadurch auch das Gesindel vor sich her trieben.

Uebrigens waren auch hier schon fremde Gesellen gesehen worden, die
sich allerdings nicht aufgehalten hatten, aber berall, und nur unter
verschiedenen Vorwnden, die genauesten Erkundigungen ber den hiesigen
Stand der Bevlkerung einzogen. Bald gaben sie vor, sich hier niederlassen
zu wollen, weil man hier so wenig von dem Brgerkrieg spre, bald forschten
sie nach einem verloren gegangenen Verwandten, und wenn es nun auch im
Character der Backwoodsmen selber lag, auf irgend einem Ritt die genauesten
Fragen ber Alles zu stellen, so waren die Leute doch durch den unsichern
Zustand ihres ganzen Landes so beunruhigt, da selbst vielleicht vollkommen
unschuldige Nachfragen ihren Verdacht erwecken konnten.

Aber waren die Nachfragen auch wirklich so unschuldig gewesen? Eines
Morgens kam der alte Smeiers auf seinem todtmden abgehetzten Thier nach
Perryville hineingeritten und brachte die Meldung, da sich oben an seiner
Farm verdchtiges Gesindel zeige. Drei von seinen besten Pferden fehlten
zu gleicher Zeit und nur zwei von seinen sieben Milchkhen seien vorgestern
Abend nach Hause gekommen. Es wre mglich, da ihnen ein Trupp dieser
verdammten Jay-hawker einen Besuch zugedacht und deshalb besser gleich den
ganzen Fourche-la-Fave aufzubieten, um den Wald abzusuchen und Feuer hinter
die Schufte zu machen.

Er fand aber wenig Aussicht auf Hlfe in dem kleinen Stdtchen, wohin eben
die Nachricht gelangt war, da jetzt Vicksburg, das Gibraltar des Sdens,
wirklich von den Yankees nach vielen furchtbaren Strmen zwar und mit dem
Verlust vieler Menschenleben, aber trotzdem genommen sei und man wute noch
gar nicht welchen Erfolg dieser, jedenfalls entscheidende Sieg des Nordens,
auf die Kriegfhrung des Sdens haben wrde.

Auerdem fehlte es vollkommen an waffenfhiger Mannschaft um einen
wirksamen Zug auszufhren. Wo htten sie Leute hernehmen wollen, da man ja
das ganze junge Volk hinweg und ber den Mississippi hinber gelockt hatte.
Zeigten sich aber wirklich Jay-hawkers in der Nachbarschaft, wie konnte
man dann das eigene Haus verlassen, um einem ungekannten Feind entgegen zu
ziehen, der vielleicht in derselben Zeit den Fourche gekreuzt hatte und,
solche Gelegenheit benutzend, die ganz unbeschtzten Farmen berfiel?

Smeiers fand bald, da er hier nicht auf Hlfe rechnen konnte, warf sich
wieder auf sein kaum ausgeruhtes Pferd und suchte jetzt seine brigen
Bekannten auf, die ihm aber auch nur wenig Trost geben konnten.

Cooks Haus fand er ganz verdet, die junge Frau war mit dem kleinen Kind
fortgezogen und kein Mensch auf dem ganzen Platz zurckgeblieben, der ihm
htte Nachricht geben knnen. Wells, einer seiner ltesten Freunde, hatte
sich mit der Axt in den Fu geschlagen und konnte nicht von der Stelle. Die
Shne waren fort. Wilson fand er wohl zu Haus aber ohne Munition. Er war
gerade von Little Rock zurckgekehrt, wo die Regierung smmtliche Munition
mit Beschlag belegt hatte, so da er nicht einmal Zndhtchen fr seine
Bchse bekommen konnte -- und weiter hinab sah es genau so aus. Die wenigen
alten Backwoodsmen, die noch auf den Farmen lebten, konnten gar nicht
daran denken ihren Platz zu verlassen, und Klingelhffer, auf den er fest
gerechnet hatte, lag krank in seinem Bette und konnte nicht einmal gehen,
viel weniger reiten.

Der ganze Fourche-la-Fave befand sich in der That in einem vollkommen
schutzlosen Zustand, und die Nachricht schon, da sich die allgemein
gefrchteten Gesellen in der Nachbarschaft gezeigt, brachte die Frauen
besonders in die furchtbarste Aufregung.

Das waren die Vorlufer der Yankees -- so hie es fast berall unter ihnen
-- mit Rauben und Brennen fingen die an, und wie sollte es nun erst werden,
wenn das wirkliche Heer nachrckte und ihren stillen Wald mit seinen
marodirenden Schwrmen berschwemmte.

Die Mnner schttelten freilich dazu mit dem Kopf, denn da ein paar
Pferde gestohlen wurden -- nun ja, es wre nicht das erste Mal in der
Range gewesen, und in frherer Zeit hatten sie sich ja auch einmal zu einem
Regulatorenbund zusammenthun mssen, um eine Bande bermthig gewordener
Schufte zu zchtigen und unschdlich zu machen. Aber seit sie selber jung
gewesen, war das nicht wieder vorgekommen, und dann -- was in Gottes Namen
gab es denn in ihren rmlichen Htten zu stehlen, da es die Habgier von
Dieben htte reizen knnen? Das Vieh, nun ja, aber das mute auch bald
seine Grenze haben, denn nach Little Rock durften sie sich nicht wagen es
zu treiben, und um die Rinder etwa zu verzehren? lcherlich! mit eben so
leichter Mhe konnten sie Hirsche und Truthhner genug im Walde schieen.

So ganz recht war es ihnen aber doch nicht, und wenn sie es sich auch nicht
wollten gegen die Frauen merken lassen, untereinander sprachen sie darber
und wnschten sich ziemlich offen, da ihre Jungen nur erst wieder zurck
aus dem verbrannten Krieg wren -- nachher wollten sie mit derartigem
Gesindel schon rasch genug aufrumen, da ihm der Wald und besonders der
Dogwood[3] darin, bald zu warm werden sollte.

  [3]: Dogwood ist eine Art wilder Corneliuskirsche mit sehr brcklicher
  Rinde; an diese kleinen Bume wurden gewhnlich Strolche angebunden,
  die man bei einem Pferdediebstahl erwischt hatte. Whrend man sie dann
  peitschte und sie sich um den Baum herumwanden, scheuerten sie die
  Rinde ab und man nannte sogar die Strafe danach Dogwood schlen.

Aber die Jungen kehrten nicht so bald aus dem Krieg zurck, denn der
Sden hatte, wie sich jetzt herausstellte, mit seinen immerwhrenden
Siegesnachrichten, die er im Westen ausgestreut, nur gelogen, und den
Beweis sollten sie bald thatschlich bekommen. Nicht allein, da sie die
_Gewiheit_ erhielten, Vicksburg sei wirklich nach einem furchtbar blutigen
Kampfe genommen, nein, eines Morgens kamen sogar Flchtlinge von Little
Rock herauf, die nach dem Ozark-Gebirge wollten und die Kunde brachten, die
Hauptstadt des Staates sei von den Unionstruppen besetzt und General Steene
befehlige jetzt dort, whrend sich die Sesesch nach den Heien Quellen
mit Texas im Rcken hinbergezogen htten und nicht etwa dort Stand
hielten, sondern ihre Flucht ohne Sumen bis ber den Redriver selber
fortsetzten.

Aber ein Weheschrei ging zugleich durch die ganze Ansiedelung, denn das
Schlimmste, was sie bis jetzt gefrchtet, war eingetroffen. Droben an dem
Petite-Jeanne war Einer der jungen, damals mit fortgegangenen Leute als
Krppel heimgekehrt, und wie ein Lauffeuer zog sich die Unglcksbotschaft
durch die Htten, da jener ganze, so hinterlistig fortgelockte Trupp nach
Vicksburg hinabgeschleppt sei. Dort hatten sie es mglich gemacht, die
belagerte Stadt in der Nacht zu gewinnen, aber sie kamen gerade im letzten
Augenblick, wo die Stadt selber schon an ihrer Rettung verzweifelte. Sturm
folgte auf Sturm. Drei Tage und drei Nchte lang kam kein Schlaf in die
Augen der Vertheidiger, und da man die junge, ausgeruhte Mannschaft
am Unerbittlichsten dabei verwandte, hatte sie auch natrlich die
furchtbarsten Verluste aufzuweisen.

Vom Fourche-la-Fave allein waren sieben todt geblieben. Unter ihnen Gustav
-- Klingelhffers einziger Sohn, und die Todesbotschaft traf den alten Mann
ins Herz. Selbst die Nachricht hrte er von da an mit Gleichgltigkeit, da
mit dem Fall Vicksburgs die Rebellion der Sesesch den Todessto erhalten
habe, denn die Unionisten befanden sich jetzt im Besitz der groen
Wasserstrae des Mississippi und hatten damit die Einschlieung des ganzen
sdlichen Gebiets vollendet. Allen jenen rebellischen Staaten war jetzt die
Verbindung mit dem Ausland vollstndig abgeschnitten und nicht einmal den
so nothwendigen Proviant, wie z.B. Schlachtvieh, das sie sonst unbehindert
aus Arkansas bezogen, konnten sie mehr bekommen. Ihre Unterwerfung war
von nun an keine _Frage_ mehr, sondern nur eine Sache der Zeit geworden,
whrend der Norden auch mit raschem Entschlu seine Truppen in den Westen
sandte, Arkansas selber oder doch die wenigen Hauptpltze besetzte, und ein
Heer Neger nach Texas hineinwarf, um auch dort die Rebellion zu vernichten
und den Rebellen damit die letzte Sttze, den letzten Zufluchtsort zu
nehmen.

Zu spt! -- Der furchtbare Schlag war gefallen -- gefallen auf viele viele
Hupter -- der Sieg mit zu theuerem Blut erkauft worden und stumm, ja fast
gleichgltig sah man den kommenden Ereignissen entgegen.

Aber die Bewohner der Fourche sollten trotzdem selbst aus ihrem Schmerz
aufgerttelt werden, denn ihre schlimmste Zeit war noch nicht berstanden,
und eine Gefahr drohte ihnen, an die sie bis jetzt kaum gedacht.

Vor wenigen Tagen war die Countystrae entlang ein Bataillon Unions-Truppen
gegen Little Rock marschirt, um sich dort mit General Steene zu vereinigen.
Ein paar Pferde aus der Range schienen dabei abhanden gekommen zu sein und
einige Khe. Die Soldaten betrachteten sich ja in Feindes Land und da die
Beraubten gerade zufllig lauter gute Unionisten waren, konnten sie nicht
wissen.

Da durchlief pltzlich die Schreckenskunde die Range, da die so lang
gefrchteten Jay-hawkers bei Wells oben am Fourche-la-Fave eingebrochen
seien und den alten kranken Wells, auf seinem Bett selbst, todtgeschossen
htten.

Wells war einer der ltesten Ansiedler, ein schlichter einfacher Mann, der
selten nur mit einem der Nachbarn verkehrte, aber deshalb doch aushalf, wo
er nur irgend konnte. Dabei gab es keinen besseren Jger und Schtzen in
der ganzen Range als ihn, und seine etwas gebrunte Hautfarbe, sein langes
straffes schwarzes Haar lie ihn sogar, in der Meinung der Hinterwldler,
vom indianischen Blut abstammen. Er hatte dabei ein bewegtes Leben
gefhrt und vor langen Jahren sogar einmal, als Texas noch von wilden
Indianerhorden schwrmte, einen Jagdzug dorthin _allein_ unternommen und
sich mehre Jahre dort, selbst einmal von Indianern gefangen genommen,
aufgehalten. Zu seinem Unglck muten die Verbrecher erfahren haben, da er
krank darnieder liege, sie wrden sich sonst wohl kaum an ihn gewagt haben,
denn da er seinen Schu nie fehlte, war bekannt.

Niemand war bei ihm im Haus gewesen als seine Frau und diese erzhlte
jetzt, da der Ueberfall durch sechs fremde Mnner geschehen sei, die _sie_
wenigstens frher nie am Fourche-la-Fave gesehen. Nur der Eine von ihnen,
und wie es schien, der Anfhrer der Schaar, habe ein geschwrztes Gesicht
gehabt und sei ihr bekannt vorgekommen, sie wre aber nicht im Stande,
irgend einen bestimmten Namen zu bezeichnen.

Da die Ruber mitgenommen hatten, was sie _irgend_ gebrauchen konnten,
versteht sich von selbst, besonders Well's zwei Bchsen und alle Munition,
aber auch sonst noch an Fellen und Pelzwerk, was gerade da war, und
auerdem eine Menge anderer Dinge, die fr sie selber keinen Werth haben
konnten. Die Vermuthung lag deshalb nahe, da sie das Geraubte nach
irgend einem Versteck gebracht, oder auch vielleicht durch irgend einen
Zwischenhndler nach Little Rock zum Verkauf geschickt hatten.

Die alten Backwoodsmen rsteten sich jetzt so gut sie konnten, aber was
waren sie im Stand zu thun, wo sie sich einzeln nur auf ihrem von jeder
Hlfe entfernten Platz im Wald befanden. Mglich war auch, da es nur ein
vereinzelter Raubzug gewesen, denn volle acht Tage lang hrte man Nichts
mehr von Rubern, bis sie auf's Neue, und dies mal mit wahrhaft teuflischer
Bosheit auftraten.

Oben am Fourche wohnte ebenfalls ein alter Ansiedler Hogan, der, wie es
dort hie, vor kurzer Zeit auf einem Jagdzug in den Ozarkgebirgen, eine
jener Silberminen entdeckt haben sollte, von denen man sich erzhlte, da
schon vor vierzig und funfzig Jahren Venetianer aus dem Osten gekommen
wren, um sie heimlich zu bearbeiten. Ob etwas an der Sache war oder nicht,
konnte natrlich Niemand sagen, aber wie derartige Gerchte rasch
berhand nehmen, so wollte man schon hie und da wissen, da Hogan zu Fu
zurckgekehrt sei, weil sein Thier kaum im Stande gewesen sei, die schweren
Silberstcke fortzuschaffen, die er dort zwischen den Steinen gefunden --
und das gerade mute die Ruber angezogen haben.

Hogan selber begegneten sie drauen im Wald oder lauerten ihm auch
vielleicht auf und schossen ihn gleich nieder, dann hatten sie leichte Mhe
mit seinem Haus, in dem sie nur die alte Frau, ein paar junge Mdchen und
zwei kleine Knaben fanden. Der Platz wurde umstellt, und nun sollte die
Frau bekennen, wo sie das Silber versteckt halte, das ihr Mann aus den
Bergen mitgebracht habe. Die Frau beschwor zwar die Mnner nicht zu
glauben, was sich das Volk am Fourche-la-fave erzhle. Ihr Mann sei
allerdings oben am Whiteriver in den Ozarkgebirgen gewesen, aber nur um
sich einen Platz zur Ansiedlung auszusuchen. Silber habe er gar nicht
gefunden und nur ein paar bunte Steine mitgebracht, mit denen die Kinder
eine Weile gespielt und sie dann weggeworfen htten. Die Steine wrden auch
wohl die erste Ursache zu dem Gerchte gegeben haben, an dem aber nicht
eine Sylbe Wahres sei.

Der Fhrer der Schaar, der wieder ein geschwrztes Gesicht trug, hielt
sich, wie die Kinder spter aussagten, die Zeit ber an der Thr des Hauses
und gab von dort aus seine Befehle. Er betrug sich gerade so, als ob
er frchte, erkannt zu werden. Der Bericht der Frau aber wurde von den
Jay-hawkern mit wilden Flchen beantwortet. Ihr Leugnen helfe ihr Nichts --
man wisse genau, da sie das Silber im Haus versteckt halte und wenn sie
es nicht gutwillig herausgebe, wolle man sie schon zu einem Gestndni
zwingen.

Die Frau weinte und flehte, die Kinder schrieen. Der Eine der rohen Buben
nahm den ersten Knaben und schleuderte ihn mit solcher Gewalt in die Ecke,
da er dort winselnd am Boden liegen blieb, dann sprang ein Anderer zum
Kamin und stie die Kohlen mit dem Fu auseinander und nun setzten sie die
alte Frau, die in Todesangst um Erbarmen bat, auf einen Stuhl, banden sie
dort fest, umschnrten ihr die nackten Fe mit einem Seil und hielten sie
gewaltsam ber die glhenden Kohlen.

Die Frau kreischte laut auf, die Tchter warfen sich den Rubern zu Fen
-- umsonst. Die Frau sollte gestehen, wo Silber, das sie in ihrem Leben
nicht gesehen, versteckt sei, und als sie endlich ohnmchtig wurde, lie
man sie los und vom Stuhle herunter fallen, und durchwhlte nun die Htte
von oben bis unten, ri die Dielen auf, grub den Heerd auf und verwandelte
die ruhige stille Heimath guter friedlicher Menschen in wenigen Minuten
in eine Wste. Silber fanden sie natrlich nicht, nur den rmlichen,
schon halb zerstrten Hausrath eines Backwoodsman, und aus Wuth, mit allen
Rohheiten gegen die Tchter selber, streuten sie zuletzt die glhenden
Kohlen und Feuerbrnde im Haus umher, schichteten das Stroh aus den Betten
darauf und verlieen erst den Platz, als sie sich berzeugt hatten, da er
in hellen Flammen stand.

Die Frau starb, unter den furchtbarsten Schmerzen noch in der nmlichen
Nacht -- die Mdchen flchteten mit den kleineren Kindern in den Wald,
weil sie die Rckkehr der Ruber frchteten und wagten sich erst, halb
verhungert, nach einigen Tagen wieder vor, um eines Nachbars Wohnung und
dort Schutz zu suchen.

Jetzt folgten die Ueberflle rasch einer dem anderen, und Rankins,
ein alter Ansiedler in der Nachbarschaft, lie sich endlich durch die
dringenden Bitten der Seinen bewegen, in den Wald und den Buben aus dem Weg
zu gehen, denn sie hatten schon nach ihm gefragt, und da sie kein Erbarmen
kannten, wute man. Er ging auch und hielt sich 14Tage lang versteckt,
bekam aber drauen das Fieber und mute, da er nicht jagen konnte, eines
Abends wieder zurck, um sich Lebensmittel zu holen.

Von den Jay-hawkern hatte man die letzten Tage Nichts gehrt, denn wieder
waren Unions-Truppen durch gekommen, von denen eine Abtheilung sogar
nach ihnen suchte, weil man vermuthete, da sie mit den Bushwhackern in
Verbindung stnden. Aber vergebens; die Verbrecher muten ber alle gegen
sie beabsichtigten Bewegungen gut unterrichtet sein, denn sie lieen sich
nicht eher wieder blicken, als bis sich die Truppe entfernt hatte.

Rankins war in der Zeit gerade zurckgekommen, und die Frauen drngten ihn,
sein Versteck wieder aufzusuchen, aber er weigerte sich. Nur eine Nacht
msse er, wie er meinte, wieder einmal in seinem Bett schlafen, er hielte
es da drauen im kalten Wald, durch den jetzt schon die Winterstrme
tobten, nicht mehr aus. Lieber von den Jay-hawkern todt geschossen werden,
als da drauen elend in den nassen Bschen und Zoll bei Zoll verkommen.
Morgen wolle er sie wieder verlassen, aber auch in der Nhe bleiben, und
so viel Kraft werde er ja doch wohl noch haben, wenigstens den Rdelsfhrer
der Schurken von seinem Pferd zu schieen.

Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen graute, stand die Frau auf, um
Caffee zu kochen und dem Mann seine mitzunehmenden Lebensmittel zurecht zu
legen.

Rankins Haus stand etwa eine englische Meile vom Fourche-la-Fave ab, an der
Countystrae nach Little Rock, da drhnte pltzlich in dem stillen Morgen
der Hufschlag rasch herangaloppirender Pferde durch den Wald.

Das sind gewi Soldaten, rief Frau Rankins, der aber doch das Herz in der
Brust zu hmmern anfing. Rankins selber, eben wach geworden, sprang, wie
er war aus dem Bett und griff seine neben ihm lehnende Bchse auf. Aber die
Reiter brachen schon hervor -- wie ein wildes Wetter sprengten sie gegen
die niedere Umzunung an und setzten mit ihren Thieren in voller Flucht
darber hin. Das Pferd des Einen strzte und warf seinen Reiter gegen das
Haus. Der eine der Mnner trug wieder das geschwrzte Gesicht.

Teufel! schrie der alte Rankins und seine Bchse fuhr empor, aber zu
gleicher Zeit zerschmetterte eine Kugel seinen Arm, eine andere traf ihn in
den Hals und zurcktaumelnd fing ihn seine Frau auf und bog sich jammernd
ber ihn.

Im Nu waren die Ruber jetzt aus den Stteln und das Rauben und Plndern
begann, wie in alter Weise, nur da sie hier noch wilde Flche ausstieen
und den Sterbenden einen verdammten Abolitionisten nannten, dem sie schon
lange aufgelauert htten. Sie schwuren auch, da sie nicht eher Frieden
geben wrden, bis sie die ganze Range von allen Vaterlandsverrthern
gesubert und reine Bahn fr die Sdstaaten gemacht htten und schlossen
dann ihre Blutarbeit wie gewhnlich, indem sie einen Feuerbrand unter das
Dach warfen, und dann direct in den Wald hineinritten.

Rankins Knaben, einem Burschen von etwa 10Jahren, der bei Annherung der
Ruber entwischt war, und der dicht dabei im Busch auf der Lauer gelegen,
gelang es zwar das Feuer wieder zu lschen, aber das angerichtete Elend
konnte er nicht mehr ungeschehen machen. Der alte Rankins war todt und die
Frauen erfllten mit ihrem Wehgeschrei die Luft.

Noch an dem nmlichen Abend berfielen die Jay-hawker eine andere
Ansiedlung, erschlugen den alten Hewes, dem sie gehrte, und waren im
Begriff eine seiner Tchter mit in den Wald zu schleppen, als glcklicher
Weise ein kleiner Trupp Cavallerie angesprengt kam und sie, zum groen
Theil selbst die gemachte Beute im Stich lassend, in den Wald flchten
muten. Allerdings setzten ihnen die Soldaten nach und es gelang ihnen
auch, Einen von ihnen vom Pferd zu schieen. Die Andern entkamen aber, und
die Patrouille war nicht stark genug, um sich zu weit mit ihren berdies
schon ermdeten Thieren in die Berge hinein zu wagen.

Den erschossenen Ruber kannte brigens Niemand; er mute mit seinen
Genossen von irgend einem andern Staat oder County herbergekommen sein.
Uebrigens fanden sie eine Menge Werthsachen, zwei Uhren, sechs oder acht
Goldstcke und eine goldene Kette bei ihm, Dinge, die natrlich gleich als
gute Beute erklrt wurden, denn die Burschen konnten Alles gebrauchen. Dann
lie man den Krper an der Strae, wohin man ihn geschleppt, liegen, damit
die Nachbarn ihn betrachten und, wenn sie wollten, auch begraben konnten.
Das war aber kaum nthig, denn Wlfe gab es dort genug im Walde, die den
Cadaver schon beseitigen wrden.

Es schien fast, als ob die Ruber durch diese Ueberraschung eingeschchtert
wren; man hrte wenigstens lange Nichts von ihnen, bis sie pltzlich
in der Nhe des Arkansas und an der Mndung des Fourche-la-fave wieder
auftauchten.

Klingelhffers alten Platz, wo er frher gewohnt, plnderten sie total aus,
fanden aber glcklicher Weise den Eigenthmer nicht. Klingelhffer selber
erhielt gleich danach Botschaft von Perryville, und die Warnung, auf seiner
Hut zu sein und lieber mit seiner Familie in die Stadt zu kommen, denn
man vermuthete natrlich, da ihm jetzt der nchste Besuch zugedacht
sein wrde. Der alte Mann war aber nicht dazu zu bringen, seinen Platz zu
verlassen. Nach dem Tod des einzigen Sohnes lag ihm selber Nichts am
Leben, und nur seine noch von Deutschland herbergebrachten Gewehre, eine
Doppelflinte, eine Bchsflinte und eine Pirschbchse brachte er in Ordnung
und lud sie frisch, verbarrikadirte dann seine Fenz und schwur, da er
wenigstens fnf von ihnen unschdlich machen wollte, wenn sie es wagen
sollten, die Hand an seine Umzunung zu legen.

Sie kamen aber nicht dorthin -- der Platz lag ihnen unbequem, gerade auf
der Spitze zwischen dem Fourche und Arkansas. Sie konnten keine sichere
Nachricht erhalten, ob nicht dort vielleicht gerade die jetzt fortwhrend
vorbeipassirenden Dampfer der Yankees, die hufig bei Klingelhffer
anlegten, um Hhner, Eier, oder andere Provisionen zu kaufen, Bewaffnete
an Land gesetzt htten, und durch den einen Ueberfall schchtern, oder
wenigstens vorsichtig gemacht, schienen sie keine rechte Lust zu haben,
sich in diese Art von Falle, wo es nur nach einer Richtung hin einen
Rckweg gab, zu begeben.

Jenkins, ebenfalls gewarnt, hatte aber sein Haus und seine Familie nicht
verlassen wollen und nur ein paar Bchsen bereit, um ebenfalls bei einem
Einbruch die Zhne zu zeigen. Auerdem hielten zwei handfeste Hunde den
Platz in der Nacht vor einem Ueberfall gesichert und kamen die Ruber in zu
groer Menge, dann hatte er immer noch Zeit, sich, von den Hunden gedeckt,
nach seinem groen, bereit liegenden Canoe zurckzuziehen. Betsy verstand
brigens ebenfalls eine Waffe zu fhren, und ihrer zwei waren sie der Bande
auch schon eher gewachsen.

Jenkins selber, den Kopf in die Hand gesttzt, sa eines Morgens an seinem
Frhstckstisch. Er dachte an den eigenen Sohn, von dem er so lange keine
Nachricht gehabt, und an das Schicksal des armen Klingelhffer, und das
Herz war ihm bervoll.

Betsy war drauen an der Landung gewesen, und hatte eben noch den Strom
hinabgesehen, wo sich wieder eins der kleinen Dampfboote gegen die Fluth
abmhte und dabei nur langsamen Fortgang machte.

Das Boot kommt, Vater, sagte sie, als sie die Schwelle des Hauses betrat;
es hat jetzt wohl eine Stunde da unten festgesessen, ist aber wieder flott
geworden. Vielleicht bringt es Briefe von Jim mit.

Der alte Mann seufzte und reichte ihr eine Zeitung hin.

Da lies, sagte er -- das ganze Blatt enthlt fast weiter nichts als
Todtenlisten und Angaben von den 2000 -- oder gar 3000 Vermiten -- armen
Teufel, die nach der Schlacht elend im Walde umgekommen und von den Wlfen
gefressen wurden. Armer Jim! wer wei, wo ihn sein Schicksal erreicht hat,
und ob wir uns je wiedersehen werden.

=Hallo the house!= rief da pltzlich eine Stimme und als die Hunde wie
immer, wthend anschlugen und Betsy in die Thr trat, um zu sehen wer da
das Haus anrief, bemerkte sie einen einzelnen Reiter drauen an der Fenz,
einen Fremden, den sie nicht kannte und der jetzt den Hut gegen sie lftete
und anfrug, ob Mr. Jenkins zu Hause wre.

Der Mann war in der gewhnlichen Tracht der Backwoodsmen gekleidet, trug
aber keine Waffe und sah aus wie ein Ansiedler aus irgend einer anderen
Range, der vielleicht seinen Weg verfehlt hatte, oder auch von dem
eigentlichen Pfad abgeritten war, um ein Frhstck zu erbitten. Es kam das
ja gar nicht so selten vor, denn das nchste Haus an der Strae von dort ab
war noch wenigstens sieben Miles entfernt.

Steigen Sie ab Sir, sagte das junge Mdchen, der Gastfreundschaft des
Landes folgend, indem sie die Hunde zurcktrieb, Vater ist im Haus, wenn
Sie ihn sprechen wollten.

Danke, sagte der Fremde, indem er etwas schwerfllig aus dem Sattel stieg
und der Einladung Folge leistete. -- Dann bin ich den weiten Weg doch
nicht umsonst gekommen. Kann ich ihn vielleicht einmal sehen?

Wollt Ihr nicht in das Haus treten? sagte das Mdchen.

Gleich, erwiederte der Mann, der wie es schien, den rechten Fu nicht gut
gebrauchen konnte; indem er sich berall im Hofe umsah. Mu mir nur erst
einmal einen Platz aussuchen, wo ich mich ein wenig ausruhen kann. Er
humpelte dabei auf einen, etwa funfzehn Schritt vom Haus entfernten Klotz
zu, auf den er sich setzte und dabei seinen rechten Fu in die Hhe nahm,
als ob er Schmerzen darin habe.

Fehlt Euch etwas? frug Betsy theilnehmend.

Hm, nichts Besonderes, bin nur damals, als wir auf der Flucht waren, mit
dem Pferd gestrzt und habe mir ein Bischen weh gethan.

Auf der Flucht?

Ja, sagte der Mann -- die verdammten Sesesch kamen hinter uns her, und
ich und der Sohn hier vom Hause--

Bringt Ihr Nachricht von meinem Bruder? rief Betsy rasch -- oh Pa, hier
ist ein Mann, der Jim kennt -- oh habt Ihr Nachricht von ihm.

Weiter Nichts als einen Brief, sagte der Fremde, indem er ein
zusammengefaltetes Papier aus der Tasche nahm -- aber nein Mi, rief
er, als Betsy hastig danach greifen wollte -- habe ihm fest versprechen
mssen, es nur in die Hnde des alten Herrn selber abzugeben.

Ein Brief? ein Brief von Jim? rief jetzt auch der alte Mann, der vor
Aufregung zitternd in die Thr trat, die zwei Stufen daran hinabstieg und
auf den Fremden zueilte. Oh gebt ihn her -- wie lange habe ich von dem
Jungen Nichts gehrt.

Der Fremde reichte ihm jetzt ohne Weiteres das Papier, das er mit bebenden
Hnden ffnete. Da knallte von der Fenz herber, und kaum zwanzig Schritt
von ihnen entfernt, ein Schu und Betsy wandte sich rasch und erschreckt
dorthin. In demselben Moment aber brach auch ihr Vater, das Papier noch in
der Hand haltend, wo er stand zusammen, und mit einem Angstschrei warf
sich die Tochter ber ihn. Aber nicht lange sollte sie sich ihrem
Schmerz hingeben drfen. Wilder Lrm strte sie auf und als sie den Blick
zurckwarf, sah sie fnf, sechs Mnner ber die Fenz springen. Die Hunde
fuhren allerdings wie rasend auf sie ein, aber ebenso viele Revolverschsse
knallten ihnen entgegen und trieben sie heulend zurck, whrend Einer der
Burschen -- der Jay-hawker mit dem geschwrzten Gesicht direct auf Betsy
zusprang.

Hendricks! schrie sie, wie sie nur den Blick auf ihn warf -- entsetzt und
zurckbebend. Feiger, nichtswrdiger Mrder!

Mi Betsy, sagte der Mann aber, und die geschwrzten Zge legten sich
in drohende Falten, Sie sind meine Gefangene. Struben Sie sich nicht; es
wrde Sie nur nutzlos einer rohen Behandlung aussetzen. Der ganze Platz ist
umstellt, und unten am Strom liegt mein Canoe.

Betsy sah ihn starr an. Es war, als ob sie noch immer nicht einmal das
ganze Frchterliche der eben ausgesprochenen Drohung begriff. Aber der
Bube sprach im Ernst; das Blut, das langsam aus dem Schlaf ihres armen
gemordeten Vaters quoll, war ein entsetzlicher Zeuge des beabsichtigten
Bubenstcks, und krampfhaft fate sie mit beiden Hnden ihre eigene Stirn
und warf den Blick scheu und verstrt umher. -- Aber auch nur fr einen
Augenblick, denn wie ein zndender Strahl durchzuckte sie der Gedanke:
lieber den Tod als Schande.

Das Grundstck ihres Vaters, wenigstens der Hofraum, innerhalb dessen die
doppelte Blockhtte stand, lag unmittelbar am Ufer des Arkansas, der jetzt
wohl im Steigen war, seine volle Hhe aber noch nicht erreicht hatte.
Unmittelbar unterhalb der Farm stieg das Ufer allerdings mehr allmhlich
und mit kleinen Weiden- und Baumwollenholzschlingen bewachsen, empor,
dicht unter dem Haus aber fiel es steil ab in die wirbelnde Fluth und der
alte Jenkins hatte diesen Platz nicht allein deshalb fr den Bau seines
Hauses gewhlt, weil hier in dieser Gegend der hchste Uferpunkt war,
sondern auch weil er hier nur an drei Seiten eine hohe Fenz zu errichten
brauchte. In der konnte er dann einmal hineingetriebenes Vieh auch bequem
halten, denn an der offenen Seite nach dem Strom zu war kein Stck im
Stande auszubrechen.

Der Verbrecher hielt natrlich eine Flucht des Mdchens fr unmglich, denn
fnf, sechs wilde Gestalten schwrmten schon ber den Hof und wenn sich
auch die meisten mit dem Haus selber beschftigten, sah Betsy doch zwei
der Buben schon auf sich zu kommen und da sie -- erst einmal in _deren_
Hnden, kein Erbarmen zu erwarten hatte, wute sie. Noch einmal hob sie
scheu und wild den Blick zu Hendricks auf, aber der Blick gengte auch.
Schon streckte der Bube selbst den Arm nach ihr aus, um sie zu umfassen,
aber selbst unter seinen Hnden strzte sie fort. -- An eine Waffe
dachte sie wohl dabei, und htte sie eine erreichen knnen, so wre es um
Hendricks geschehen gewesen. Aber wie konnte sie -- ein einzelnes schwaches
Wesen, der _Bande_ Widerstand leisten.

Ehe der rasch ausgreifende Arm des Buben sie erreichte, war sie ihm schon
entschlpft und mit Stzen, so flchtig wie ein gejagter Hirsch, flog sie
gegen das schroffe, abschssige Ufer des Arkansas zu.

Hendricks folgte ihr im Nu und es gab keinen rascheren Lufer in der Range,
aber gleich beim Ansprung stolperte er ber die Leiche des alten Mannes,
die Entfernung bis zum Uferrand betrug berdie kaum mehr als zwanzig
Schritt. Als er sich rasch wieder aufgerafft und schon die Hand
ausstreckte, um Betsy's wehendes Kleid zu erfassen, hatte sie den Rand
erreicht und warf sich mit einem Angstschrei in die gelbe gurgelnde Fluth
hinab.

Hendricks schrak zurck, denn fast wre er ihr selber in der Wucht des
Laufes, nachgestrzt. Aber konnte sie ihm selbst jetzt entgehen? sein Canoe
lag gleich unterhalb -- zwei seiner Leute warteten darin.

Teufel, zischte er aber zwischen die Zhne durch, als er erst jetzt
-- bis dahin vllig mit seinem Bubenstck beschftigt -- das gerade
aufkommende kleine Dampfboot entdeckte, das indessen fast unter der Landung
angelangt und so geruschlos aufgerckt war, da die steile Uferbank
den Schall dmpfte. Von diesem aber war schon ein Boot abgestoen,
das jedenfalls Passagiere etwas weiter unten absetzen wollte und das
hinabspringende Mdchen mute von ihnen gesehen, ihr Schrei jedenfalls
gehrt sein, denn im Nu wandte sich der Bug des kleinen Bootes stromauf.

In wilder Wuth, sich so getuscht zu sehen, ri der Ruber die Bchse an
die Backe -- er wollte Rache -- aber die Waffe war ja, nach dem Schu,
der den alten Jenkins so feige niedergeworfen, noch nicht wieder geladen
worden.

Ein zweiter Blick berzeugte ihn aber auch, da die Leute im Boot
bewaffnet, da es Soldaten waren, und schon pfiff eine Kugel dicht an
seinem Ohr vorber, die, aus dem Boot abgefeuert, wohl nur durch das
Schwanken desselben ihr Ziel verfehlt hatte.

Wo kommen die Canaillen jetzt auf einmal her, rief einer seiner
Kameraden, der zu ihm gesprungen war, aber auch bei dem Schu zurckfuhr.
Ich werde ihnen einmal ein Stck Blei hinber schicken.

Fort! fort! rief aber Hendricks, der todtenbleich geworden war, das ist
der Sohn dessen da -- und scheu zeigte er nach der Leiche -- fort.

Aber so viel Zeit haben wir doch wahrhaftig, rief sein Gefhrte, da
wir das Nest erst noch plndern und in Brand stecken knnen. Die brauchen
wenigstens noch eine Viertelstunde, ehe sie zu uns hier heraufkommen
knnen.

Fort, wiederholte aber Hendricks und warf scheu den Blick umher, als
ob er schon jetzt das Nahen der Rcher frchte -- der Platz wird hier zu
warm. Sumen wir nur noch Minuten hier, so sind wir verloren. Und ohne
nur einen weiteren Einwurf abzuwarten, ja ohne sich selbst Zeit zu nehmen,
seine Bchse wieder zu laden, sprang er ber den freien Hofplatz an der
Leiche vorbei, hinaus aus der Fenz, warf sich auf sein Thier und floh damit
in den Wald hinein.

Die Uebrigen htten den einmal gewonnenen Platz allerdings nicht gern
sogleich wieder verlassen. Die Furcht des Kameraden schien aber auch sie
anzustecken.

Jenkins Frau, die wieder krank auf ihrem Bett gelegen, war aufgesprungen
und erfllte jetzt, als sie die Leiche des Gatten am Boden liegen sah, die
Luft mit ihrem Wehegeschrei, die verwundeten Hunde heulten, und der scharf
ausgestoene Dampf des kleinen Bootes, dicht unter der Farm, machte das
Ganze ebenfalls unruhig genug. Es war den Schurken selber nicht mehr recht
geheuer da oben, und was sie nur im Moment fassen konnten, die Bchsen im
Haus und die Kugeltaschen, griffen sie auf und folgten dann, nicht
viel langsamer als Hendricks ihnen vorangegangen war, dem Fhrer in das
Dickicht.




Fnftes Kapitel.

Die Rckkehr.


Zu spt -- zu spt nur um wenige Minuten kam die Hlfe, weil das Boot
auf der Sandbank festgesessen! Hatte denn Gott selber gewollt, da so
Furchtbares geschehen sollte, wo es so leicht gewesen war, es abzuwenden,
oder herrscht nur ein blinder Zufall auf dieser Welt, der eben geschehen
lie, was geschah, ohne sich weiter darum zu kmmern?

Jim Jenkins kniete neben der Leiche seines gemordeten Vaters. Nur die
Schwester hatte er mhsam mit dem Boot gerettet, und mit wenigen Worten, ja
nur mit den zwei Silben -- Hendricks -- das Furchtbare erfahren.

John Wells, der mit ihm zurckgekehrt, war den Verbrechern mit Cook und
noch einigen andern zur Begleitung nachgeeilt, um sich nur wenigstens der
Richtung zu vergewissern, in der sie geflohen wren. Da ein Canoe unten
an der Landung lag, hatten sie gar nicht beachtet, und die beiden dabei
gestrten Ruber sich wohl gehtet, aus den Bschen herauszukommen, in
welche sie sich bei der Ankunft des Dampfers zurckgezogen. Jetzt erst, als
dieser vorber war, drckten diese sich wieder in ihr schwankes Fahrzeug,
und Jenkins eigenes Canoe ebenfalls abschneidend, nahmen sie es mit stromab
zu dem schon frher mit den Genossen besprochenen Versteck. Dadurch machten
sie eine Verfolgung auf dem Strom vor der Hand unmglich, und da sie im
Wald niemand finden sollte, dafr wollten sie schon Sorge tragen.

Nach einer Stunde etwa kehrte der junge Wells zurck. Da sie ohne Pferde
waren, htte es ihnen ja gar nichts geholfen, eine Verfolgung aufzunehmen,
noch dazu, da sich die Jay-hawker in der bedeutenden Mehrzahl befanden
und doch auer Zweifel alle gut bewaffnet waren. Jim war indessen um seine
ohnmchtig gewordene Mutter bemht, die er anfangs ebenfalls fr todt
hielt, aber unter seinen Liebkosungen erholte sich die alte Frau wieder,
und Betsy, die in der Nhe und unter dem Schutz des Bruders und Brutigams
rasch jede Furcht verlor, war, nachdem sie sich umgekleidet, an seiner
Seite.

Und jetzt mute sie erzhlen, was hier in den letzten Monden vorgefallen --
eine ununterbrochene Schreckensgeschichte von Mord und Blut, und John Wells
stand dabei, die Zhne fest aufeinander gebissen, das Antlitz vollkommen
blutleer, die Augen stier und fast geisterhaft auf den Mund der Sprechenden
geheftet.

Und woher sie selber kamen? Mit wenigen Worten war das berichtet. Sie
hatten sich dem Heer zutheilen lassen, das bestimmt war, Little Rock
zu nehmen. Nur so konnten sie hoffen, dem nichtswrdigen Treiben der
Sesesch-Partei in Arkansas rasch ein Ende machen zu helfen. Die Eroberung
war aber leicht gewesen und als sie -- in Little Rock angekommen -- die
Kunde von zahlreichen hier verbten Verbrechen hrten, hatten sie Urlaub
genommen, um die Ihrigen selber zu besuchen und zu hren, wie es hier
stehe. _Das_ Furchtbare freilich konnten sie nicht erwarten.

Aber es waren keine Naturen, die sich lange einem nutzlosen Schmerz
hingegeben htten. Vor allen Dingen muten sie Pferde haben, um an irgend
eine Verfolgung denken zu knnen und auf der eigenen Farm fanden sie auch
kein einziges Stck Vieh mehr. Die Jayhawker mit ihrer, wie es schien,
weitverzweigten Verbindung, hatten schon Alles, was sie erreichen konnten,
fortgetrieben und nicht einmal vermuthen lie es sich, nach welcher
Richtung sie die verschiedenen gestohlenen Thiere geschafft hatten.
Klingelhffer allein, als ziemlich nchster Nachbar konnte da vielleicht
aushelfen und John Wells bernahm es, ihm die Trauerkunde von dem Tod
seines alten Freundes Jenkins zu bringen, um seine Hlfe in der Verfolgung
der Ruber zu erbitten.

Jim indessen, von den Freunden dabei untersttzt, schaufelte ein Grab fr
den Vater in seinem kleinen Garten aus, dann legten sie den alten wackeren
Mann hinein, breiteten Bretter und Sttzen ber ihn, da die eingeworfene
Erde nicht auf die Leiche pressen konnte und wlbten den Hgel ber der
einfachen Gruft.

Kein Wort wurde dabei gesprochen, kaum noch eine Thrne von den Mnnern
vergossen, denen jetzt nur das nagende Gefhl der Rache das Herz
zusammenzog, und der Gedanke verscheuchte unerbittlich alle anderen.
Allerdings waren sie sich noch nicht klar, wie sie den gemeinsamen Feind
erreichen konnten, aber was that das? Ihr ganzes Leben hatte jetzt
kein anderes Ziel und wie der Bluthund auf der Fhrte waren sie fest
entschlossen, nicht nachzulassen bis an's Ende.

Abends kehrte John Wells zurck. Klingelhffer stellte ihnen alle seine
Pferde zur Verfgung und wrde sie selber begleitet haben, aber ein
heftiger Rheumatismus hatte ihn wieder auf sein Lager geworfen, um das
herum aber nichts destoweniger seine geladenen Gewehre standen. Er schwur,
da er so lange schieen werde, als er noch einen Finger krumm biegen
knne, und dann mchten sie ihm selber den Hals abschneiden und verdammt
sein.

Die einzige Hlfe, die sie noch erwarten konnten, lag in Perryville selber,
an das sich die Ruber natrlich nicht getrauten, wenn sie auch in der Nhe
herum Alles an Pferden gestohlen hatten, was sie nur bekommen konnten. Die
jungen Backwoodsmen aber durften keinen von ihrer kleinen Schaar dorthin
senden, um sich nicht zu schwchen und Jenkins jngster Bruder, ein Knabe
von zehn Jahren, der bei dem Ueberfall gerade im Walde gewesen, wurde
deshalb abgeschickt. Allerdings war es eine starke Tagereise fr den
kleinen Burschen, aber er ging ja oft schon allein Tage lang auf die Jagd
und kannte auch genau den Weg.

Die jungen Leute brachen jetzt zur Verfolgung der Mrder auf, whrend sie
Betsy indessen mit der Mutter zu Klingelhffers nicht sehr fernem Hause
schickten. An der Fhre wohnten ja Leute, die sie ber die Fourche setzen
konnten. In dieser Richtung hin hatten sie auch nichts zu frchten, und
selbst die von Perryville erbetene Hlfe war dorthin bestellt, wo sie sich
mit ihnen vereinigen wollten.

Aber all' ihr Suchen war vergebens. Bis zum Mamelle hinber, alle die
Bergrcken sdlich am Fourche la Fave liefen sie ab, und scharfe Augen
waren es, die den Fhrten folgten; nirgends lie sich jedoch eine frische
Spur der Ruber in den Bergen erkennen. Weiter oben, mehr nach Westen
zu, fanden sie allerdings ein paar alte Lagerpltze, die es unzweifelhaft
lieen, da sich die Jay-hawker dort eine ganze Zeitlang, vielleicht sogar
eine Woche aufgehalten, aber diese Stellen hatten sie auch ebenso sicher
wieder, und zwar nicht erst seit Kurzem verlassen, denn die ausgebrannten
Kohlen waren vom Regen berwaschen worden. Die ganze Richtung, der sie
bis dahin gefolgt, ging von dem oberen Fourche nach dem unteren, und
die einzigen bisher verschonten Wohnpltze waren die, durch ihre Lage
begnstigte Klingelhffersche, und die benachbarte Farm gewesen. Man
durfte also fast annehmen, da sie ihre Wirksamkeit am Fourche als beendet
betrachten muten, und wohin konnten sie sich nun von hier gewendet haben?
Auerdem lief der erhaltene Urlaub der jungen Leute auch bald wieder ab und
was dann? Durften sie daran denken, die Ihrigen in einer solchen bedrohten
und auf's Aeuerste gefhrdeten Gegend schutzlos zurckzulassen?

Sie waren zu Klingelhffer hinbergeritten, um mit diesem das Weitere zu
berathen. Der alte Mann fhlte sich heute etwas wohler und sa mit ihnen
und fnf von Perryville heruntergekommenen Farmern vorn auf der schmalen
Veranda seines Hauses, von der man den Arkansas berschauen konnte, und
den hier ziemlich breiten Strom dicht zu Fen hatte. Aber er wute selber
keinen Rath, denn das Land bot jetzt zu viele Schlupfwinkel, wo sich ein
ganzes Heer htte verbergen knnen, vielmehr denn ein kleiner Trupp von
Leuten, denen nur daran gelegen war, eine kurze Zeit verborgen zu bleiben.

In ruhigen Jahren, ja, da hatte den Fourche la Fave der offenste,
herrlichste Wald umgeben, mit groen stattlichen Bumen wohl, aber lichtem
Unterholz, denn die Jger hielten schon darauf, da im Winter das trockene
Gras und Gestrpp ordentlich und regelmig abgebrannt wurde. Dadurch
bekam nicht allein das Vieh, sondern auch das Wild gleich im Frhjahr
junge saftige Aesung und der Jger konnte, wenn er durch den Wald pirschte,
diesen nach allen Richtungen hin berschauen. Jetzt dagegen war Alles total
verwildert, und die Niederung nicht allein von Dornen und Sassafras-Bschen
dicht durchwachsen, nein selbst an den Hngen war ein so ppiger junger
Kiefer- und Hickoryschlag emporgewachsen, da man sich nicht selten selbst
mit dem Messer Bahn hauen mute, um nur durchzukommen. Wer sich dort
verstecken wollte, konnte es gewi, und war auch vor Entdeckung sicher,
wenn ihn der Zufall nicht einmal verrieth.

Vertheilten sich aber smmtliche noch waffenfhige Mnner ber die Berge,
so blieben sie nicht allein der Gefahr ausgesetzt, von dem geschlossenen
Trupp einzeln aufgerieben zu werden, sondern wer brgte ihnen dann dafr,
da sich die jetzt schon keck und bermthig gewordene Bande indessen nicht
auf die brigen Huser, ja in diesem Fall selber nach Perryville hineinwarf
und den letzten Zufluchtsort zerstrte.

Noch whrend sie sprachen, hatte Klingelhffers Blick an dem gegenber
liegenden Ufer gehangen, an dem sich den Sommer hindurch eine breite helle
Sandbank bis ber die Hlfte des Stromes ausdehnte. Jetzt aber reichte der
Strom bis ziemlich an die jungen Baumwollenholz-Schlinge hinan, die den
Wald der Niederung rnderten, und nur ein schmaler hellerer Streifen
war noch brig geblieben, auf dem man jetzt, aber genau und scharf
abgezeichnet, die dunkle Gestalt eines Mannes erkennen konnte, der sich den
Flu hinaufwandte. Klingelhffer deutete mit seinem Arm hinber und sagte:

Dort drben geht Jemand.

Wo? -- rief Jim -- ah dort! oh das wird ein Jger sein.

Nein, er geht zu rasch. Da hinauf zu kann er aber auch kein anderes Haus
erreichen, denn die =slews= sind jetzt voll Wasser.

Vielleicht sieht er nach seinem Vieh. Es wird der alte Boyles sein, der
nach seinen Pferden sieht -- ein Sesesch wie er im Buche steht.

Jetzt ist er in den Wald hinein, sagte Wells.

Die Mnner hielten noch einen Augenblick die Augen auf die Stelle geheftet,
denn in dieser Zeit erweckte auch das Kleinste und Unbedeutendste Verdacht.

Da kommen mehrere aus dem Wald, rief da pltzlich Jim Jenkins, in der
Erregung des Augenblicks von seinem Stuhl emporfahrend. Ob sie uns hier,
von dort aus sehen knnen?

Mehrere Minuten beobachteten die Mnner schweigend das, was sich da drben
augenscheinlich am Waldrand regte, endlich sagte Klingelhffer, dessen
Augen noch scharf wie die eines Luchses waren:

Dort ist noch immer nur ein Mann zu sehen, aber er schleppt ein Canoe aus
den Bschen heraus. Wenn es Mehrere wren, wrden sie ihm helfen.

Klingelhffer hat Recht, sagte Wecks. Jetzt kommt er damit in's Freie;
er will in den Strom hinaus.

Es ist besser, wir ziehen uns in's Haus zurck, meinte Jenkins. Es
braucht Niemand zu wissen, da wir hier so zahlreich versammelt sind.

Vielleicht kommt er herber.

Wir werden's bald sehen. Er ist schon damit am Wasserrand. Ob das Boyles
selber sein kann?

Die Mnner hatten sich langsam von der offenen Veranda in das Haus gezogen.
Nur Klingelhffer blieb drauen sitzen und es war bald keinem Zweifel mehr
unterworfen, da das Canoe von drben herber halte und den Landungsplatz
an der diesseitigen Farm zu erreichen suchte, denn der Rudernde hielt den
Bug immer seitwrts stromauf, damit er von der starken Strmung nicht
zu weit hinab gefhrt wrde. Wer es sei, lie sich allerdings noch nicht
erkennen, da der Mann gebckt im Canoe sa und einen alten Strohhut noch
auerdem ber die Augen gezogen hatte, aber das mute sich bald auch
entscheiden, denn jetzt erreichte er schon fast die ber der Farm liegende
felsige Spitze und indem er sein etwas schwankes Fahrzeug treiben lie,
lenkte er es gleich darauf in den Sand-Einschnitt von Klingelhffer's Ufer,
in welchem schon dessen Skiff befestigt lag.

Boyles! wahrhaftig, rief Jim Jenkins, der jetzt auf die Veranda
hinausgetreten war, denn vor dem einzelnen Nachbar brauchten sie sich nicht
mehr zu verstecken -- Hallo, Boyles, woher kommt Ihr und wo wollt Ihr
hin?

Boyles sah auf und erkannte den noch immer in der Uniform steckenden jungen
Mann nicht gleich. Die Uniform selber gefiel ihm ebenfalls nicht, denn er
war mit Leib und Seele Sesesch -- ja, einen Moment schien es fast, als
ob er nicht bel Lust habe, wieder mit seinem Canoe zurckzukehren.
Klingelhffer selber machte aber seinen Zweifeln ein Ende:

Kommt herauf Mann, Ihr seid hier unter Freunden und habt Nichts zu
frchten. Kennt Ihr Jim Jenkins nicht mehr?

Jim, bei Gott! sagte Boyles -- das ist recht -- den wollte ich gerade
sprechen -- das trifft sich glcklich; er sprang jetzt die steile Sandbank
mehr hinauf, als er sie stieg und stand auch wenige Minuten spter inmitten
der jungen Leute, die ihn wohl freundlich aber trotzdem nicht herzlich
grten. Boyles war ihnen nie ein angenehmer Nachbar gewesen und da er
sich so ganz zur Partei der Sclavenhalter schlug, auch selber der Einzige
fast in der ganzen Nachbarschaft war, der Neger hielt, konnte sie ihm nicht
geneigter machen.

Von den Negern waren brigens nur noch zwei auf der ganzen Plantage
geblieben, die Uebrigen aber, sobald die Unionisten dort einrckten, nach
Little Rock gelaufen. Was sollten sie jetzt noch arbeiten, wo sie freie
Leute geworden waren. Boyles selber mochte auch frher wohl zwischen den
einfachen Backwoodsmen ein wenig den Pflanzer gespielt, und sich etwas
vornehmer als die Nachbarn geducht haben. Er war in der That reicher
und sein Haus wohnlicher und bequemer eingerichtet gewesen als die der
Uebrigen, bis die Emancipation der Neger auch ihn ruinirte, oder doch
wenigstens seine groen Plantagen, deren er zwei besa, werthlos machte.

Die eine in Missouri liegende, hatte er aber glcklicher Weise vor kurzer
Zeit noch zu einem ziemlich guten Preis verkaufen knnen, denn gerade jetzt
glaubten manche Farmer im Norden einen guten Handel zu machen, wenn sie
sich ohne Sclavenarbeit im Sden niederlieen. Allerdings war das erste
immer ein Experiment, aber es fand trotzdem Nachahmer, und die sdlichen
Pflanzer, die nach dem Fall von Vicksburg die Unterwerfung des Sdens mit
Recht fr unausbleiblich hielten, verkauften unter solchen Umstnden nur zu
gern.

Klingelhffer wunderte sich allerdings, da gerade Boyles ihm einen Besuch
abstattete; denn wenn sie auch miteinander in Frieden lebten, hatten sie
sich -- schon ihrer verschiedenen politischen Ansichten wegen -- bisher
viel eher gemieden als gesucht. Er sollte aber darber bald eine Erklrung
erhalten, denn kaum betrat Boyles das Haus, als er auch schon ausrief:

Gott sei ewig gedankt, da ich hier brave und wackere Mnner finde, die
einen Freund gegen Ruber und Mrder schtzen knnen.

Hallo, rief John Wells, von seinem Stuhl aufspringend, denn er selber
hate den alten Boyles, mit dessen Sohn er auch frher einmal Streit
gehabt, und nahm deshalb wenig Notiz von ihm. Seine Worte aber machten ihn
aufmerksam, denn sie deuteten auf das Einzige, was in diesem Augenblick
seine ganze Seele fllte -- die Spur der Jay-hawker -- wit Ihr was von
den Schuften? -- Haben sie Euch ebenfalls einen Besuch abgestattet?

Ach was, rief Jenkins; wir haben ja ihre Spuren in den Wald hinein
verfolgt. Nach dem Mamelle werden sie hinber sein -- nicht ber den
Arkansas.

Nein, rief Boyles rasch, -- drben sind sie -- vorgestern haben sie den
Strom etwa drei Miles unterhalb in zwei groen Canoes gekreuzt -- Warner,
der gerade von Little Rock kam, hat sie gesehen.

Da ist dann unser Canoe dabei, sagte Jim, das die Schurken neulich bei
dem Mord gestohlen haben. Aber wo sind sie jetzt?

Weit knnen sie nicht sein, erwiderte Boyles, denn gestern waren sie bei
Auburn drben -- der alte Auburn behielt kaum noch Zeit, in den Sumpf zu
flchten, wo er sechzehn Stunden in Schlamm und Wasser stecken blieb, ehe
er sich wieder hinausgetraute. Dort aber hat ihnen der eine Neger erzhlt,
da ich meine eine Farm verkauft und viel Geld im Hause htte, und Auburn's
kleiner Junge war eben bei mir, um sich ein Stck Fleisch zu borgen, weil
die Ruber Alles, was sie an Lebensmitteln fanden, fortgefhrt, und der
sagte mir, ich solle mich vorsehen, denn sie htten gelacht und gemeint,
ich wrde wohl so gut sein und mit ihnen theilen.

Und habt Ihr das Geld wirklich im Haus?

Gott bewahre, das liegt sicher genug in Little Rock, aber das wissen ja
die Schufte nicht und werden es jetzt bei mir wie bei dem armen alten Hogan
machen. Frau und Kinder hab' ich auch deshalb mit den beiden Negern gleich
nach Auburn's hinbergeschickt, denn zweimal kommen sie nie auf einen
Platz, und ich selber hatte die Absicht, hier bei Euch Schutz zu suchen,
Klingelhffer, bis die Gefahr vorber ist. Mgen sie mir da drben Alles
verwsten und das Haus in Brand stecken. Ich kann es nicht hindern -- aber
ich will doch nicht von ihnen todtgeschossen werden oder meine Familie
ihren Mihandlungen aussetzen.

Und Ihr glaubt wirklich, da sie die Absicht haben, Euer Haus zu
berfallen? frug der junge Cook.

Ich bin fest davon berzeugt. Dort in der Nachbarschaft liegt weiter keine
einzelne Farm und lange werden sie sich hier nicht mehr halten knnen,
denn wie ich gehrt habe, will General Steene die beiden Counties besetzen
lassen, um diesem Ruberwesen ein Ende zu machen.

Ja wohl, jetzt kommen sie, brummte Klingelhffer, wo die Canaillen schon
alles nur erdenkliche Unheil angerichtet, und Botschaft nach Botschaft
haben wir seit Wochen hinein in die Stadt gesandt. Gott bewahre, nicht
einmal Munition durften wir hinausbringen, um uns selber zu schtzen.

Und wit Ihr ganz bestimmt, da die Jay-hawkers, die auf dieser Seite ihr
Wesen trieben, jetzt ber den Flu gegangen sind? frug Wells.

Es giebt keine zweite solche Bande in der Nachbarschaft, versicherte
Boyles, und da diese mit ihren Pferden ber den Strom gesetzt ist, hat
Warner mit eigenen Augen gesehen.

Dann knnen sie aber auch eben so gut mit ihren Booten zu _mir_
herberkommen, meinte Klingelhffer, denn was sie bis jetzt von mir
abgehalten hat, war weiter nichts als die Furcht, hier auf der Landspitze
einmal von irgend einem Trupp Bewaffneter abgeschnitten zu werden.

Aber sie haben keine Canoes mehr, rief Boyles. Warner war nicht von
ihnen gesehen worden und hielt sich in seinem Versteck, bis sie die beiden
Fahrzeuge, gleich ber der zweiten Sandbank unten, wo die kleine Slew
einmndet, in die Bsche hineingezogen und versteckt hatten, und als er
sich ganz sicher wute, schlich er sich dort hinein und wollte die Canoes
in den Strom schieben und forttreiben lassen, aber er war dazu allein nicht
im Stande und hat deshalb ganz in der Stille und gerade zwischen ihnen ein
tchtiges Feuer angezndet, bei dem er blieb, bis er sie vllig zerstrt
wute. In _den_ Canoes setzen sie gewi nicht wieder ber den Arkansas.

Dann ist auch Hoffnung, da wir sie drben erwischen, rief Cook rasch.
Wie wr's, wenn wir das Haus besetzten? nachher laufen sie uns gerade in
die Hnde.

Hm, sagte Wells, ich habe auch schon darber nachgedacht, aber -- wie
viel waren in den Canoes, die Warner gesehen hat?

Er behauptet, es mten etwa zehn oder elf gewesen sein. Natrlich
wagte er sich nicht zu weit hinan, denn wenn sie ihn entdeckten, wre er
jedenfalls verloren gewesen.

Und sie denken Geld bei Euch zu finden? frug Jenkins.

Sie wissen, da ich meine Farm in Missouri verkauft und das Geld dafr
erhalten habe. Soviel hat ihnen der schurkische Neger erzhlt. -- Sie
werden jetzt vermuthen, da ich es versteckt halte.

Die Canaille verdient gehangen zu werden.

Verdient hat er's, sagte Boyles, denn wie ich hre soll er sich den
Schuften angeschlossen haben, was also jetzt etwa elf oder zwlf Mann
fr die Bande machen wrde, wenn sie sich nicht auerdem verstrkt hat.
Verdchtiges Gesindel trieb sich wenigstens die letzte Zeit gerade genug am
Arkansas herum.

Lat uns die Nacht hinberfahren, rief da Wells, -- verdammt, wenn
wir uns ordentlich eintheilen, laufen sie uns gerade in die Bchsenlufe
hinein.

Ihr glaubt, da sie bei Euch nach vergrabenem Gelde suchen werden? fragte
Jenkins.

Dasselbe war wenigstens bei Hogan der Fall, bei dem sie Silber vermutheten
und der arme Teufel hatte wohl kaum einen Viertel Dollar Silber im Hause.

Sie kommen sicher, rief Wells, mit der Hand auf den Rand der Veranda
schlagend, wenn wir uns in dem Hause eintheilen, haben wir sie.

Jenkins schttelte mit dem Kopf und sagte:

So weit _ich_ das Haus kenne, glaub' ich es nicht. Es ist kein Logcabin,
wo man nach allen Seiten Schiescharten ffnen kann, sondern von behauenen
Balken aufgesetzt und mit Brettern beschlagen und die Fenster liegen alle
nach dem Flu hin, whrend sich die Thr hinten befindet. Dicht darum her
stehen aber die kleinen Negerhuser, jetzt wahrscheinlich alle leer und ich
kann mich nicht so genau auf den ganzen Platz besinnen, ob man durch diese
hin mu und durch sie verdeckt wird, wenn man zum Hause kommt oder ob sie
mehr Seit' ab liegen.

Mr. Jenkins, bemerkte Boyles, Sie haben Recht. Die Negerhtten liegen
der Art, da man von ihnen verdeckt bis dicht an das Haus hinan kann.
Ich wei, wie mich das die paar Stunden, die ich heute noch drben war,
beunruhigt hat, weil ich jeden Augenblick frchtete, sie mchten sich an
denen hin heranschleichen.

Und wenn wir nun die Negerhtten besetzten? fragte Cook.

Ja, das wre ganz gut, wenn man genau wte, ob sie den Weg oder vom
Wald herein kmen. In der Nacht ist es aber ebenfalls schlimm. Wir haben
freilich jetzt Vollmond, aber gerade um das Haus herum stehen die Hickory-
und Pfirsichbume, und der wilde Wein, den ich an die letzteren angepflanzt
habe, hat sie dicht und undurchsichtig gemacht.

Ich will Euch etwas sagen, meinte Jenkins, der den Platz da drben
genau kannte, weil er selber frher dort viel jagte -- Ihr kennt doch die
knstliche Salzlecke gleich im Rohr drin, Boyles, die ich selber einmal
angelegt?

Gewi -- sie liegt ja keine zweihundert Schritt von meiner Fenz, und es
fhrt sogar ein kleiner Pfad hin, den sich die Khe gemacht.

Dieselbe, sagte der junge Mann, gleich daran, wenn man von Eurem Hause
hinber geht, ist doch die kleine runde Waldble, die genau so aussieht,
als ob Menschen selber dort Bume und Bsche sorgfltig ausgerodet htten,
denn nicht einmal ein Strauch wchst darauf, nur hohes Gras und ein paar
Grn-Dornen.

Ganz recht, aber was damit?

Habt Ihr Niemanden mehr im Haus drben?

Keine Seele -- der Platz ist jetzt vollkommen verlassen, denn _ich_ konnte
ihn allein nicht schtzen, und wenn sie mir ihn abbrennen, so mu ich's
eben ertragen.

Habt Ihr Courage, Boyles?

Gegen einen offenen Feind, ja, sagte der Mann, aber nicht gegen diese
Halunken. Denkt nur daran, wie heimtckisch sie Euren eigenen Vater
erschossen haben.

Ihr wrdet nicht wieder hinbergehen und in dem Hause bleiben?

Nicht fr hunderttausend Dollar, erwiederte Jener bestimmt, denn ich
wei, da sie mir nie etwas ntzen knnten. O dieser unselige Krieg. Was
fr Elend hat der schon ber das Land gebracht.

Wenn Ihr nur anfangt es einzusehen, sagte Jenkins dster -- aber was
geschehen, lt sich eben nicht mehr ndern -- es mu ertragen werden
und nur das bleibt brig, diese Schurken, die weder Freund noch Feind
angehren, wo wir sie fassen knnen zu zchtigen, und darin knnen wir uns
getrost die Hand bieten. Wo ist mein Bruder Bill, Klingelhffer? war er
nicht vorhin hier?

Er wird drben in der Corncrib mit den Mdchen sein, antwortete der
Deutsche -- ich hrte, da sie vorhin davon sprachen. Was soll er?

Wir mssen Jemanden im Hause drben haben, sagte der junge Mann finster
und entschlossen -- Lat mich nur machen -- ich glaube, ich habe den
richtigen Plan -- jedenfalls ist es ein Versuch; Bill aber, so klein er
sein mag, ist ein ganz gescheuter und durchtriebener Bursche, der seine
Sache schon geschickt machen wird.

Ihr wollt doch, um Gottes Willen, den Knaben nicht drben allein lassen,
wenn die Jayhawker das Haus berfallen? rief Boyles erschreckt.

Allerdings will ich das, aber sorgt Euch nicht deshalb. Bill und ich
werden das schon in Ordnung bringen. Ueberlat das mir. Ich habe _mein_
Leben eingesetzt, des Vaters niedertrchtigen Mord zu rchen, der Knabe
setzt das seine mit Freuden dafr ein, de seid versichert -- lat mich nur
mit ihm sprechen. -- Noch eins, Boyles -- habt Ihr Kienholz drben an Eurem
Haus?

Nein -- was wollt Ihr damit? Kienholz wchst ja nicht drben im Bottom.

Hier liegt genug, sagte Klingelhffer -- was wollt Ihr damit?

Ich erklre Euch Alles nachher, vorher aber mu ich mit Bill sprechen,
und ohne den Mnnern weiter zu antworten, ging Jenkins hinaus, um den
Bruder aufzusuchen und die nthige Abrede mit ihm zu nehmen.




Sechstes Kapitel.

Der Hinterhalt.


Bill Jenkins war noch fast ein Kind, aber Kinder in jenen wilden Wldern
aufgezogen, wo sie schon tglich nicht selten sechs oder acht Miles allein
durch den Wald reiten mssen, um nur zum Schulhaus zu gelangen, sind nicht
mehr das, was sie, in unseren Verhltnissen aufgewachsen, sein wrden.
Der kleine Bill, der kaum eine Bchse tragen konnte, war schon ein ganz
vortrefflicher Schtze, und wenn er auch eine Holzgabel mit in den Wald
nehmen mute, um die Waffe beim Schieen aufzulegen, so hatte er doch in
seinem neunten Jahr schon ganz allein einen groen Panther im Wald erlegt
und sogar einmal einen Bren so verwundet, da ihn sein Vater nachher
mit den Hunden einholen und erlegen konnte. Es mag sein, da er sich der
Gefahr, die er dabei lief, nicht recht bewut gewesen, aber er wrde sie
auch trotzdem nicht geachtet haben, und auch jetzt ging er mit Freuden und
vollem Eifer auf des Bruders Plan ein, ja jubelte laut auf, als er erfuhr,
da er selber etwas mit dazu beitragen solle und knne, den verruchten
Mrdern ihre That heimzuzahlen. Es bedurfte auch keiner langen Erklrung,
denn er begriff im Augenblick, was man von ihm verlange und brannte jetzt
selber vor Begier, den an seinem Vater verbten Mord gercht zu sehen.

So lange es Tag war, durften sich aber die Mnner -- denn die von
Perryville herbergekommenen erboten sich augenblicklich Theil an dem
Unternehmen zu haben, da sie selber ja ebenso durch die immer mehr
wachsende Bande bedroht blieben -- nicht ber den Strom einschiffen, da
man nicht wissen konnte, ob die Jayhawker nicht etwa das Ufer berwachen
lieen. Mit einbrechender Dunkelheit waren sie aber fertig gerstet, und
da der Mond etwa um sieben Uhr aufging, behielten sie auch reichlich genug
Zeit, um ihren Versteck zu erreichen. Klingelhffer, der sie nicht selber
begleiten konnte, da ihn sein Kreuz immer noch plagte, und der auch sein
Haus, bei solcher Nachbarschaft, nicht ganz ohne Schutz lassen wollte,
drang ihnen aber noch, ehe sie gingen, Lebensmittel auf, die sie allerdings
anfangs nicht mitnehmen wollten; er hatte aber ganz Recht, wenn er sagte,
sie wten gar nicht, wann die Schurken kmen, und ob sie nicht vielleicht
vierundzwanzig Stunden in ihrem Versteck liegen mten, und wenn sie dann
genthigt wurden, nach Ewaaren auszuschicken, konnten sie Alles verderben.

Das Skiff mute zwei Mal gehen, um Alle hinberzubringen, und das zweite
Mal fuhr die jngste Tochter vom Haus mit, um es zurckzunehmen, damit
es die Jayhawker nicht vielleicht zufllig fnden. Sie betraten auch die
Lichtung gar nicht, auf welcher die Huser standen, sondern schritten, von
Jenkins gefhrt, quer und so geruschlos als mglich durch den Wald, bis
sie den besprochenen Platz, am Rand eines dichten Schilfbruchs erreichten,
und nun hier im Stockfinsteren allerdings nichts thun konnten, als den
Aufgang des Mondes abzuwarten.

Der kam aber bald, und Jenkins, der indessen schon den Uebrigen seinen
ganzen Plan mitgetheilt hatte, ging jetzt mit ihnen scharf an die Arbeit,
um die wenigen, aber doch nthigen Vorbereitungen zu treffen.

Eine Schaufel hatten sie mitgebracht, mit dieser wurde ein wenig Erde an
einer von ihm bestimmten Stelle ausgeworfen, da es beim ersten Anblick so
aussah, als ob hier vor kurzer Zeit der Boden umgegraben und nicht wieder
ordentlich zusammengescharrt wre. Dann wurden einige, dort im Ueberflu
herumliegende Aeste darber geworfen, da sie den Platz scheinbar
verdeckten, und jetzt suchten sich die Mnner auf der gegenber liegenden
Seite ihre Stellen, von denen aus sie den Plan, ohne selber gesehen zu
werden, berschieen konnten.

Die Ortslage selber war wie fr einen solchen Hinterhalt gemacht, denn
gerade dort vorber zog sich eine, selbst jetzt noch trockene, oder
wenigstens nur mit etwas Regenwasser seicht gefllte Slew, die erst dann
gefllt wurde, wenn der Arkansas seinen hchsten Stand erreichte und seine
Wasser durch diese Einlufe in den Sumpf hineinsandte. Jetzt konnte man sie
leicht durchwaten, dahinter aber hatte der mit eingewaschene Sand eine wohl
sechs bis acht Fu hohe und ziemlich steile, wenigstens vllig kahle
Wand angesplt, von der gedeckt sich wohl funfzig Menschen htten sicher
verbergen knnen. Wer wenigstens von der Richtung des Hauses herber
kam, konnte sie unmglich bemerken. Nur im Rcken konnten sie angegriffen
werden, und um sich auch dagegen vollstndig zu decken, wurde Einer der
jungen Leute aus Perryville in den Wald hineinpostirt, damit sie selber
jedenfalls sicher vor einem Ueberfall blieben.

Uebrigens lagen sie immer zwei und zwei beisammen, so da Einer wenigstens,
wenn sie die ganze Nacht dort wachen muten, schlafen konnte, um dann
seinen Nachbar abzulsen.

Bill indessen, der kleine Bursch, hatte die Mnner bis zu ihrem
beabsichtigten Versteck begleitet, damit er selber das Terrain selber genau
kennen lernte, und erst als sie die Arbeit beendet hatten und er nun genau
wute, wie Alles stand, schulterte er seinen Sack mit Kienholz, das er
brauchte, wenn sie in der Nacht ankamen, nahm einige Lebensmittel und
schritt _neben_ dem Pfad -- um keine Spuren zurckzulassen, dem gar nicht
fernen Hause zu. Er frchtete sich auch nicht im Mindesten; was wissen
amerikanische Kinder berhaupt von Furcht, denn Gespenstergeschichten, mit
denen Kinder bei uns von ihren Ammen oder Wartefrauen gro gezogen werden,
kannte er gar nicht, und bse Menschen? ei auf die wartete er gerade, und
je eher sie kamen, desto besser. Er lief auch in der That keine andere
Gefahr, als da die Ruber vielleicht, gleich bei dem ersten Anprall in das
Haus hineingeschossen htten. Aber das geschah schwerlich, denn wer schiet
gern seine Bchse, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, ab, und den
kleinen Burschen, der noch jnger aussah, als er wirklich war, wrden sie
schwerlich geschdigt haben.

Als Bill den Platz erreichte, zndete er vor allen Dingen ein tchtiges
Feuer im Kamin an. Es war ziemlich frisch die Nacht, und er mute auch
Licht haben. Nachdem das geschehen und er ein Stck Kienholz auf das
Feuer geworfen, schttete er die brigen Kienreste hinter dem Haus auf den
Holzplatz und lie nur noch etwas neben dem Kamin liegen. Hiernach legte
er sein mitgebrachtes Essen in den Fliegenschrank, in dem er aber noch ein
Stck Maisbrod und etwas kalten Speck fand. Hierauf untersuchte er die in
der Ecke stehende groe Kaffeekanne, und richtig, sie war noch fast halb
gefllt -- der kleine Bursch lachte still vor sich hin, denn er konnte nun
bald einen Becher heien Kaffee's bekommen, und damit lie sich dann schon
eine Nachtwache halten.

Aber sollte er berhaupt wachen? nein. Blieb er am Feuer sitzen, so konnte
doch am Ende Einer von den schlechten Menschen, und wenn auch nur aus
nutzloser Bosheit, auf ihn schieen. Legte er sich aber in eine Ecke und
drangen sie dann in das Haus ein und fanden nur den Knaben vor, so hatte
er kaum etwas fr sich zu frchten, und das Weitere? Des Knaben Augen
blitzten, als er sich sein Begegnen mit den Jay-hawkern ausmalte, aber er
bi die Zhne auf einander, denn die Thrnen traten ihm in die Augen, wenn
er an den Vater dachte, und er wollte jetzt nicht weinen. -- Er mute eine
Beschftigung haben, den Kaffeetopf setzte er deshalb auf's Feuer und holte
sich dann sein Abendbrod herzu, das er verzehrte und sich einen Becher
Kaffee dazu ausschenkte.

In der Ecke stand ein groes, bequemes, mit einem Mosquitonetz berzogenes
Bett, aber in das wagte er nicht sich hineinzulegen. Es sah so vornehm und
sauber aus und er war nicht daran gewhnt. Er nahm sich deshalb nur eine
der wollenen Decken herunter, schob sich ein paar am Kamin liegende Scke
fr ein Kopfkissen zurecht, wickelte sich dann in die Decke und legte sich
ruhig und unbesorgt in die eine Ecke, wo ihm der Feuerschein nicht auf die
Augen fallen konnte, und sich seine ganze Gestalt in der That in Schatten
befand, nieder.

Er wollte aber gewi nicht schlafen, sondern wachbleiben und aushorchen,
wenn er die Leute knne kommen hren; aber der Knabe hatte sich da wohl zu
viel zugetraut. Eine Weile ja, blieb er munter und beobachtete an der Wand
die wunderlichen Schatten, die der unstete Schein des Feuers durch einen
Stuhl und sein darber gelegtes Rckchen warf. Wie aber das Feuer mehr und
mehr niederbrannte und das Licht matter und ungewisser wurde, schienen auch
ihm die Augenlider schwerer und schwerer zu werden. Ein paar Mal raffte er
sich wohl noch gewaltsam auf; er wollte nicht schlafen, ja das half aber
Nichts -- der Sandmann kam doch und streute seine Mohnkrner ber ihn. Er
trumte schon, als er noch glaubte, da er vollkommen wach wre, und nur
wenige Minuten spter, so schlief er sanft und s -- und schlief fort bis
zum anderen Morgen und bis die Sonne ihm durch ein kleines ber der Thr
angebrachtes Fenster gerade in die Augen schien.

Erschreckt fuhr er von seinem Lager empor. -- Wo war er denn eigentlich? Er
konnte sich im ersten Moment gar nicht gleich darauf besinnen. Wie ihm aber
der Gedanke kam, weshalb er hier bernachtete, scho es ihm auch wie ein
eisiges Gefhl durch's Herz -- das Gefhl der Gefahr, in der er sich
noch immer hier befand, whrend die Abends stets viel strkere Aufregung
geschwunden war, und sich das kleine Kinderherz doch jetzt mit Sorge und
wohl auch mit etwas Furcht erfllte.

Wer von uns Allen hat nicht schon ein hnliches Gefhl erlebt, wenn ihm der
Morgen mit seiner nchternen Wirklichkeit irgend eine Sorge oder Angst und
sei sie noch so gering gewesen, vor die Seele brachte, und ein ganz eigenes
erkltendes Gefhl durch die Nerven zuckte. War es ein Wunder, da es auch
das Kind beschlich, das sich hier allein auf der Farm, ja in der Absicht
da befand, einer Bande von Rubern die Stirn zu zeigen, die ihm den eigenen
Vater gemordet hatten und Blut und Verzweiflung in manche stille Htte
getragen? Aber diese Schwche dauerte trotzdem nicht lange. -- Wenn
sie nur kmen, zischte er, seiner eigenen Angst trotzend, zwischen den
zusammengebissenen Zhnen durch, und verrichtete dann ruhig seine gewohnte
Arbeit. Zuerst wusch er sich, dann setzte er sich seinen Kaffee wieder auf
das indessen zusammengeschrte Feuer und war damit so eifrig beschftigt,
da er gar nicht weiter auf das achtete, was um ihn her vorging. Er hielt
gerade das Schreisen in der Hand, um die noch von gestern Abend her
brig gebliebenen Kohlen ein wenig zusammenzuschren, als er pltzlich
so zusammenschrak, da ihm das Eisen aus der Hand und klirrend auf die
Heerdsteine fiel, denn eine rauhe Stimme in der Thr selbst sagte:

Hallo mein junger Bursch! so allein hier im Haus? Ist denn das ganze Nest
ausgeflogen, und hltst Du Haus allein?

Bill war todtenbla geworden -- er zitterte an allen Gliedern, aber es
war keine Furcht mehr, die des Knaben Herz im entscheidenden Augenblick
beschlich, wenn sich auch zuerst wohl ein scheuer Schreck mit dem Gefhl
mischte. Es war das Bewutsein, da die Entscheidung gekommen; die Fremden
aber nahmen es selbstverstndlich fr die natrliche Furcht des Kindes
und achteten nicht weiter darauf, ja suchten den Knaben eher zu beruhigen,
damit er ihnen Rede und Antwort stnde.

Na frchte Dich nicht, fuhr der Mann fort, der ihn zuerst angeredet hatte
und in dem Bill jetzt augenblicklich den Schurken Hendricks erkannte. Wir
wollen Dir ja Nichts thun, sondern uns nur nach Mr. Boyles erkundigen. Hat
er sich versteckt? -- Ist es Dein Vater, mein Junge?

Nein, sagte Bill, der nicht gleich wute, wie er auf die Frage antworten
sollte -- aber es war gut gewesen, da er sie verneint hatte, denn ein
Anderer antwortete fr ihn.

Ist denn der nicht ein Junge von Jenkins ber dem Flu drben? rief der,
und als Bill zu ihm aufsah, erkannte er Auburn's Neger, der manchmal drben
bei ihnen gewesen war, um nach Vieh zu sehen, das Auburn auch auf jener
Seite laufen hatte.

Gewi bin ich's, sagte Bill, der in dem Augenblick blutroth wurde.

Und was machst Du hier drben, mein Bursch? frug Hendricks, der ihn jetzt
ebenfalls erkannte.

Bill war durch seinen Bruder auf diese mgliche Frage vorbereitet worden,
und antwortete wohl scheu, aber doch bestimmt: Den Vater haben bse
Menschen todtgeschossen, Schwester und Mutter sind fortgegangen nach
Perryville und da hat mich Mr. Boyles seit etwa acht Tagen zu sich
genommen, bis die Jayhawker aus der =range= vertrieben sind.

So? lachte Hendricks -- also in Perryville ist Deine Schwester?

Ja, aber mit dem ersten Soldatenzug, der wieder die Strae herabkommt,
geht sie nach Little Rock.

Aha! sehr vorsichtig, nickte der Bursche -- nun vielleicht knnen _wir_
ihr in diesen Tagen sicheres Geleit geben, damit sie von den Jay-hawkern
nichts zu frchten hat. Bei wem ist sie im Haus?

Bei Thomsons, sagte Bill, auf gut Glck einen der dortigen Namen nennend.

Ach, lat die Dummheiten, unterbrach ihn aber einer der Uebrigen, und es
waren indessen etwa fnf Mann ins Haus getreten. Da haben wir doch jetzt
Wichtigeres zu thun, als solche Faxen. Wo steckt Boyles?

Er ist auch gestern Abend ber den Flu gefahren und nach Perryville
gegangen.

So? und was will er da, mein Herz?

Er will Hlfe haben, da ihn bse Menschen nicht auch umbringen und
ausplndern knnen.

Ei, sieh mal an, lachte Hendricks, ja, den Weg htten wir ihm ersparen
knnen. Wir sind selber hierher gekommen, um bei ihm zu bleiben, denn die
Jay-hawker treiben sich wirklich in der Nachbarschaft herum. Aber bist Du
hier ganz allein auf der Farm oder wer ist sonst noch bei Dir?

Ich bin ganz allein hier, sagte der Knabe, denn die Frauen sind auch
den Flu hinab in die Ansiedlung gegangen, weil sie sich frchten hier zu
bleiben.

Hm -- frchten, wovor, wenn _wir_ da sind, lachte Hendricks -- Aber
Boyles hat auch wohl Ursache, die bsen Menschen zu scheuen, denn, wie ich
gehrt, soll er viel baares Geld mit von Missouri herunter gebracht haben.
Ist das wahr?

Ich wei es nicht, sagte der Knabe scheu.

Wie lange bist Du bei ihm?

Etwa acht Tage.

Aber seit der Zeit ist er doch erst zurckgekommen und hat denn doch
sicher zu Haus davon gesprochen. -- Wie?

Ja -- das wohl, flsterte Bill.

Nun siehst Du wohl, mein kleiner Bursch, meinte Hendricks, indem er
einen Blick mit den Gefhrten wechselte, er hat es doch sicher und gut
aufgehoben, damit es die Ruber nicht gleich finden knnen.

Bill nickte nur, denn er wagte gar nicht, den Mrder seines Vaters
anzusehen.

Nun das dacht' ich mir, lchelte Hendricks, gewi hier unter der Diele.

Bill schttelte mit dem Kopf.

Oder oben unter dem Dach?

Bill schttelte wieder.

Was? auch nicht? ja dann werden es die Jay-hawker gewi finden, denn die
sind in so etwas schlau.

Nein, die finden es nicht, sagte aber Bill bestimmt, denn er hat es
drauen im Wald vergraben und sie wissen den Platz nicht.

In der That? -- aber Du weit ihn, wie?

Bill schwieg und sah vor sich nieder.

Nun mein Junge, kannst Du nicht antworten? rief der andere Bursche rauh,
denn das Verhr dauerte ihm zu lang.

La doch nur, rief aber Hendricks, indem er dem Gefhrten hinter des
Knaben Rcken zuwinkte -- wir haben ja Zeit, denn wir bleiben ja doch
hier, bis Mr. Boyles mit seinen Leuten von Perryville zurckkommt. Nicht
wahr _Du_ weit, wo er das Geld vergraben hat?

Bill nickte jetzt leise mit dem Kopfe, antwortete aber noch immer nicht
weiter.

So? sagte Hendricks -- nun das ist gut, dann wollen wir auch schon
dafr sorgen, da ihm die Jay-hawker nicht zu nahe kommen. Wo ist denn der
Platz?

Ich darf's nicht sagen, erwiederte aber Bill jetzt. Mr. Boyles hat es
mir streng verboten.

Ja, keinen _fremden_ Leuten, lachte Hendricks, aber _uns_ schon, wir
wollen ihm ja gegen die Andern helfen -- also wo ist der Platz, weit von
hier, oder im Garten drben?

Ich darf's nicht sagen, oder Mr. Boyles schlgt mich, erwiderte der
Knabe, und warf einen scheuen Blick nach dem Frager hinauf.

Ach was! wir vertrdeln hier die Zeit in hchst alberner Weise, rief aber
jetzt der Andere, der ebenfalls ein Fhrer zu sein schien und einen groen
schwarzen Bart trug. Er fate dabei den Knaben fest am Arm. Komm her mein
Bursch und sei vernnftig -- Mr. Boyles giebt Dir vielleicht eine Tracht
Schlge, wenn er zurckkommt, das ist mglich, aber mit uns bist Du noch
viel schlimmer d'ran, denn wenn Du uns jetzt die Stelle nicht zeigst, wo
das Geld eingesscharrt ist, so binde _ich_ Dich da drauen an den nchsten
Pfirsichbaum und prgele Dich so lange, bis Dir das Fleisch in Fetzen vom
Rcken herunter hngt -- hast Du mich verstanden?

Hendricks schttelte unwillig den Kopf, denn dadurch machten sie jedenfalls
mehr als nthigen Lrm auf der Farm. Bill aber klagte:

Aber ich _darf's_ ja nicht sagen, Mr. Boyles hat es mir so streng
verboten.

Sip! rief der mit dem Bart da dem Neger zu. Spring einmal hinaus und
schneid' mir ein paar tchtige Stcke ab, aber derbe, verstehst Du? Der
kleine Bursch scheint hier hartnckiger Art zu sein und da wollen wir doch
einmal sehen, ob wir ihm den Trotzkopf brechen knnen!

Sip blieb nicht lange aus und Bill suchte sich indessen von der Hand des
Mannes loszumachen, was aber freilich einem Strkeren schwer geworden wre.
Der Mann lachte auch nur zu dem Versuch und suchte dabei in seiner Tasche
nach einem Stck Seil, um die Hnde des Knaben zusammenzuschnren, so da
dieser endlich wie in Todesangst ausrief:

Ach schlagt mich nur nicht, schlagt mich nur nicht; ich will Euch ja auch
gern zu dem Platz fhren, aber Ihr drft Mr. Boyles nicht sagen, da ich es
gethan habe, oder er jagte mich sonst gleich wieder aus dem Hause.

Aha, lachte der Jayhawker -- nun denn heraus mit der Sprache, wo ist es?
weit von hier? im Garten vielleicht?

Nein -- ein Stck im Wald drin, antwortete der Knabe, whrend der wilde
Bursch den ihm von dem Neger gebrachten Stock in die Luft probirte.

Wo hinaus?

Gleich dort drben. Es fhrt ein schmaler Pfad nicht weit davon vorbei.

Kannst Du ihn auffinden?

Ich -- wei es nicht -- ich glaube ja.

Wie lange haben wir zu gehen?

Oh, gar nicht lange -- noch an dieser Seite vom Schilfbruch ist's.

Nun also denn vorwrts, rief der Brtige, der jetzt den Oberbefehl ber
die Bande zu haben schien -- und glaub' nicht etwa, mein Junge, da Du uns
im Wald davon huschen kannst. Wie Du nur Miene machst fortzulaufen, drehe
ich dir den Hals um, darauf kannst Du Dich verlassen.

Ich kann ja nicht fortlaufen, klagte Bill, ich habe ja ein lahmes Bein.

Desto besser fr dich, nickte der Schwarze denn das hlt Dir den Hals
gerade -- aber nun vorwrts. -- Nein, mein Junge, nicht losmachen, ich
behalte Dich an der Hand, denn sicher ist sicher. Komm nur mit; es hilft
Dir jetzt nichts weiter. Und die Stcke bring ebenfalls Sip, wenn ihn
unterwegs vielleicht sein Gedchtni verlassen sollte.

Bill leistete keinen Widerstand weiter, denn Alles, was er wollte, hatte
er ja erreicht: Sie glaubten ihm und waren im Begriff, ihm zu folgen,
aber trotzdem beschlich den Knaben jetzt eine und zwar nicht unbegrndete
Furcht.

Da ihn die Freunde nicht mit ihren Kugeln treffen wrden, wenn sie auf die
Ruber schossen, wute er gut genug und scheute sich wahrlich nicht davor,
aber der baumstarke Mann mit dem groen schwarzen Bart, hielt seinen Arm
wie in einem Schraubstock und merkte er Verrath -- von dem er jetzt aber
noch keine Ahnung haben konnte, so war es sicherlich um ihn geschehen. Aber
trotzdem schritt der Knabe, der jedoch wirklich so that, als ob er nicht
rasch von der Stelle knne, neben dem Jayhawker her. Weigern htte ihm auch
jetzt nichts mehr geholfen, das wute er gut genug und nur die Kugeln der
Freunde konnten ihn wieder frei machen und in Sicherheit bringen.

Der Pfad war ziemlich schmal und das kleine Gestrpp an beiden Seiten
desselben, wie auch berall in diesen Wldern, in den letzten Jahren wild
und ppig emporgeschossen, aber verfehlen konnte Bill seinen Weg schon
deshalb nicht, weil ihn die hin- und herwechselnden Khe offen und betreten
gehalten. Trotzdem wurde seinen Begleitern die Zeit lang und der Schwarze
brummte.

Hre mein Bursch, wenn Du glaubst, da Du uns hier zum Narren haben
kannst, so bist Du im Irrthum. Soweit vom Haus hat der alte Boyles sein
Geld wahrhaftig nicht begraben. Sind wir bald da?

Seht Ihr den lichten Fleck da vorn? fragte der Knabe.

Gleich da vor uns die Oeffnung?

Ja -- dort ist's -- aber Mr. Boyles wird so bse werden.

Sorg Dich nicht um den, mein Bursche, lachte der Schwarze, denn wenn Du
unter unserem Schutz stehst, wird er wohl die Hnde von Dir lassen. Liegt
denn das Geld so dicht am Pfad?

Nur ein klein Stckchen rechts davon, -- er hat abgebrochenes Holz darber
gezogen, damit es Niemand finden kann.

Gescheut gemacht, alter Gesell, lachte der mit dem Bart -- Boyles ist
von jeher ein grundpfiffiger Kerl gewesen -- und nun mein kleiner Bursch,
da sind wir an der Stelle. Wo ist jetzt der Platz?

Gleich da drben, seht Ihr unter dem Baumwollenholzstumpf, den der Blitz
abgeschlagen hat.

Der Jay-hawker blieb stehen und zwang dadurch auch die Anderen, zu halten.
Wie das Wild, ehe es eine grere Waldble erreicht, stehen bleibt und
umhersichert, ob ihm auch von keiner Seite Gefahr droht, so blieb der den
Gesetzen verfallene Mrder ebenfalls halten und berflog rasch mit seinem
Blick die angrenzenden Bsche. -- Aber selbst sein scharfes Auge konnte
nichts Verdchtiges bemerkt haben, doch Bills kleines Herz klopfte ihm wie
ein Hammer in der Brust. Der Moment war gekommen, und obgleich er selber
den Versteck der Freunde kannte, war er nicht im Stande, auch nur das
Geringste von ihnen zu bemerken. Hatte ihnen die Zeit zu lange gewhrt und
die Schaar den Platz verlassen? -- was dann?

Der Fhrer schien sich aber berzeugt zu haben, da ihnen hier keine Gefahr
drohe. Nur um ganz sicher zu sein, wandte er sich zu dem Neger und sagte zu
diesem:

Du, Sip -- steig einmal da drben die Bank hinauf -- wenn Du Dir auch die
bloen Beine ein wenig na machst, und spr' einmal den Platz ab. Sowie
Du etwas Verdchtiges merkst, kommst Du zurck -- und nun vorwrts, Ihr
Burschen. Habt Ihr die Hacken mitgenommen? Das ist Recht. Das sieht mir
selber so aus, als ob dort die Erde frisch umgewhlt wre. Vorwrts, in
einer Viertelstunde mssen wir mit der Sache zu Ende sein.




Siebentes Kapitel.

Der Hinterhalt.


Die jungen Backwoodsmen vom Fourche la Fave hatten indessen den Abend
hinter ihrer Sandbank ziemlich ruhig verbracht, denn sie glaubten selber
nicht, da die Jay-hawker zu dieser Zeit einen Ueberfall unternehmen
wrden. Es war das wenigstens bis jetzt noch nicht ein einziges Mal
geschehen. Am liebsten kamen sie in frher Morgenstunde, ja meistens mit
anbrechendem Tag, bis zu welcher Zeit auch smmtliche Indianerstmme ihre
Angriffe aufschieben, weil sie den Feind dann selten oder nie gerstet
finden.

Allerdings hielten die Freunde abwechselnd ihre Wacht und beobachteten
dabei ein vorsichtiges aber auch nothwendiges Stillschweigen. Schon der
Klang einer Menschenstimme hier im Wald, wrde einem herumschleichenden
Feind den ganzen Plan verrathen haben, aber an wen es gerade war, sich zum
Schlafen nieder zu legen, der that das in voller Ruhe und in einem Gefhl
von Sicherheit, das jedoch rasch schwand, als der Whip-poor-Will Morgens
seinen ersten Laut hren lie, und damit den nahenden Tag verkndete.

Jetzt wurden Alle geweckt und lautlos, ihre Bchsen im Arm, horchten sie
der Richtung zu, in welcher das Haus lag, ob sie nicht den wilden
Schrei von dort herber hren konnten, mit dem sich die Jay-hawker schon
verschiedene Male bei ihren Opfern eingefhrt -- aber es blieb Alles still.
Der Tag dmmerte, die Sonne ging auf und stieg hher und hher, ja stand
schon ber den Baumwipfeln, und noch immer regte sich Nichts nach jener
Richtung zu im Wald, und nur ein paar Spechte hmmerten ununterbrochen an
einem alten Stamm herum und stieen manchmal dazu ihr heiseres Gekreisch
aus.

Hatten die Jay-hawker ihren Angriff auf Boyles' Haus aufgegeben und waren
am Ende doch mit einem vielleicht irgendwo sonst aufgefundenen Canoe
nach der anderen Seite zurckgekehrt? Sie htten jetzt selbst Perryville
vollkommen schutzlos gefunden und dort nach Belieben wirthschaften knnen.

Halt! das klang wie eine menschliche Stimme -- wenn sie jetzt kamen.
Den jungen Leuten schlug das Herz, als ob sie sich htten an einen Bren
anpirschen wollen. Sie Alle waren aber auch Jger genug, um zu wissen, da
sie sich vollstndig decken muten, wenn sie den schlauen Feind berlisten
wollten. Das Blitzen der Sonne auf einem Bchsenlauf, die runden dunkeln
Umrisse eines Kopfes nur auf dem hellen Sand konnten sie schon verrathen,
und nicht allein, da ihre ganze Arbeit dann umsonst gewesen wre, nein,
sie gefhrdeten in dem Fall auch auf das Ernstlichste das Leben des Knaben,
denn welche Gewissensbisse htten sich jene Burschen gemacht im ersten
Moment und in Wuth und Rache selbst das Leben eines Kindes zu nehmen.

Jim Jenkins hatte dafr auch schon vorher seine Ordre gegeben. Alle muten
sich vollkommen hinter dem Sandrcken verborgen halten, und er selber
hufte, eben mit den Augen ber dem Rand, fr seinen Kopf eine Parthie
Reiser und Ranken so auf, da sie ihm einen Blick hinauslieen, aber ihn
auch sonst vollstndig verdeckten. Erst wenn die Freunde sahen, da er sich
selber schufertig machte, sollten sie das Nmliche thun, die Bchsen dann
hinausschieben und rasch, aber sicher zielen und abdrcken -- um Gottes
Willen keinen Schu nutzlos vergeuden.

Jetzt konnte Jim die dunklen Gestalten der Jay-hawker schon deutlich im
Wald erkennen. Sie kamen nher und nher und das Blut stockte ihm fast, als
er sah, da der Erste den Arm seines Bruders fest in der Faust hielt,
und der Kleine dadurch nicht einmal frei war, sich, der Verabredung nach,
gleich bei dem ersten Schu in das Dickicht zu werfen -- aber jetzt blieb
keine Zeit mehr zum Besinnen -- wo war Hendricks? Jim's Blick suchte ihn,
aber er fand ihn nicht unter den Vorderen. War er am Ende gar nicht unter
der Schaar? -- Jim schrak unwillkrlich zusammen. Die Jay-hawker hielten
noch im Waldrand, so da er bis jetzt nur auf den Einen htte mit
Sicherheit zielen knnen. Hatten sie etwa Verdacht geschpft -- aber durch
was? Jim durfte allerdings nicht einmal den Kopf zur Seite drehen, um sich
nicht durch die, selbst unbedeutende Bewegung selber zu verrathen, und nur
den Mund ffnete er weit, so schwer kam ihm der Athem aus der Brust.

Wie still das gerade jetzt im Walde war -- deutlich konnte man das Klopfen
des Spechtes, den Schrei eines kleinen Falken hren, der mit zitterndem
Flgelschlag fast wie eine Lerche hoch in der Luft stand, und ber die
Richtung, die er nehmen sollte, unschlssig zu sein schien. Kein Blatt
regte sich dabei, so still und fast schwl war die Luft. -- Jetzt aber
schienen sich die Jay-hawker endlich berzeugt zu haben, da ihnen hier
keine Gefahr drohe. Der Platz in dem sie das vergrabene Geld vermutheten,
lag berhaupt zu nahe und die Ungeduld trieb sie die Stelle zu untersuchen.

Als ihr Fhrer aus dem, von Dornen eingeengten Pfad trat, breiteten sich
seine Begleiter ebenfalls auf der Lichtung aus -- Jim zhlte, wenn er in
dem Augenblick berhaupt zhlen konnte, etwa elf oder zwlf Mann, aber sein
Auge suchte Hendricks unter ihnen und fand ihn, aber noch immer von den
Uebrigen gedeckt. Sollte er warten bis er vollstndig vortrat -- aber
der geringste Zufall konnte ihn den Rubern verrathen -- ein gnstigerer
Zeitpunkt kam fr ihn kaum wieder, denn der Trupp erreichte jetzt den
Platz und der Mann mit dem schwarzen Bart, der bis dahin Bill an der Hand
gehalten, lie ihn los, um selber einen der schweren Aeste aufzuheben.

Jim winkte zurck mit der Hand, und die Bchse, deren Hahn er schon
gespannt hatte, mit beiden Hnden fassend, hob er sich etwas auf den Knieen
aus seiner gebckten Stellung empor.

Es waren acht Mnner die dort im Hinterhalt lagen -- der neunte hielt noch
am Holzrand Wacht, sollte aber ebenfalls nach dem ersten Schu herbeieilen.
-- Dort drben stand ein Trupp von wenigstens zwlf so verzweifelten
Burschen als sie vielleicht das weite Land aufzuzeigen hatte -- htten sie
alle ihre Gewehre abgeschossen, so hatten die Feinde, mit ihren geladenen
Bchsen und Revolvern, jedenfalls die Uebermacht. Aber wer von ihnen Allen
htte deshalb auch nur fr einen Moment den Angriff verzgern mgen. Sie
durften es auch gar nicht; der Neger schritt gerade auf sie zu -- dort
waren diese, von der Welt fr vogelfrei erklrten Jay-hawker, von Mord
triefend und eben wieder im Begriff, einen neuen Raub zu begehen. Ein
gnstigerer Zeitpunkt kam nicht wieder, und ohne jetzt auch nur noch
mit einer Wimper zu zucken, hoben sie sich gemeinschaftlich empor -- die
Bchsenlufe suchten ihr Ziel -- und der Wald wurde lebendig.

Der Neger hatte, wenn auch nicht die grte, doch die erste Ueberraschung.
Ohne eine Gefahr zu ahnen, watete er durch das seichte Wasser, dem
Sandrcken zu, hinter dem die Mnner lagen. Da sah er vor sich, wie mit
_einem_ Schlag, die dunklen Gestalten der Rcher auftauchen, und ehe er
selbst nur einen Warnungsschrei ausstoen konnte, traf ihn die erste Kugel
in die Brust.

Aber fast in demselben Moment auch fielen die anderen Schsse -- wenigstens
unmittelbar nacheinander, und jetzt waren die Schtzen selber auch nicht
mehr zu halten. Die Ueberraschung, der erste Schreck der Ruber mute
benutzt werden, und wie sie nur ihre Kugel abgesandt, sprangen sie auch
auf die Sandbank und dann wie ein Wetter gegen die Ruber an, die in wilder
Furcht gar nicht wuten, wohin sie sich wenden sollten. -- Fnf brachen
wild dem nchsten Dickicht zu, aber schon nach wenigen Schritten taumelten
Einige und htten den Kolbenschlag nicht mehr gebraucht, der sie -- eine
Leiche, zu Boden schmetterte. Da und dort brach es noch durch die Bsche
hinein und die Verfolger griffen die erbeuteten Bchsen auf, feuerten
hinterher, und strzten dann wieder nach, die Kolben schwingend.

Bill war der Einzige gewesen, der die Bewegung hinter der Sandbank
bemerkte, und nach ihm der Neger -- fr ihn selber aber zu spt. Wie der
kleine Bursch aber die Bchsenlufe in die Hhe gehen sah, warf er sich
auch platt auf den Boden nieder und die Uebrigen mochten glauben, da er
gestolpert wre -- achteten wenigstens in der Erwartung des vergrabenen
Geldes nicht auf ihn, bis sie die zwischen sie einschlagenden und sicher
genug gezielten Kugeln inmitten ihrer verbrecherischen Laufbahn ereilten.

Nur Einer war todt auf dem Platz geblieben; der schwarzbrtige Gesell,
der Bill an der Hand gefhrt, denn er hatte die Kugel in den linken Schlaf
bekommen und wohl kaum seinen Tod gefhlt. Fnf Leichen lagen in zehn bis
zwanzig Schritt von der Stelle, und andere Verwundete hrten sie noch nach
verschiedenen Richtungen hin durch die Bsche brechen.

Jim selber hatte keinen freien Schu auf Hendricks bekommen knnen, denn
Einer der anderen Jay-hawker stand vor ihm. Es blieb ihm Nichts brig als
auf diesen zu schieen, in der Hoffnung, da die Kugel durchschlagen und
Beide treffen mge -- aber unter den Todten fand er ihn nicht, und sein Ruf
sammelte die Freunde, da sie sich nicht tollkhn einer unnthigen Gefahr
aussetzten.

Zuerst muten sie ihre Bchsen wieder laden, dann wollten sie den Wald
absuchen und wer von Allen auch nur einen Streifschu erhalten hatte und
nicht mehr so rasch von der Stelle konnte, mute dann sicher in ihre Hnde
fallen.

Kein Wort wurde dabei gesprochen -- wachsam nur flogen die Blicke umher,
denn jeder Augenblick konnte noch von einem der Flchtigen eine Kugel
herbersenden, whrend die Hnde fast mechanisch die abgeschossenen Bchsen
wieder luden. Bill selber aber hatte sich schon eine der Bchsen vom
Boden aufgesucht -- seines _Vaters_ Waffe, die Einer der Ruber damals
mitgenommen. _Den_ wenigstens hatte die Vergeltung erreicht, und der kleine
Bursch sah so kaltbltig nach dem Zndhtchen, ob auch Alles in Richtigkeit
sei, als ob er schon in Gefahren grau geworden wre -- aber die Kugeltasche
fehlte noch. Der Todte trug sie noch an seinem Leibe. Bill legte die Bchse
auf die Leiche, hob den Krper mit aller Kraft an der rechten Seite in die
Hhe, und hing sich dann die Tasche selber um.

Und jetzt begann die Verfolgung der Verbrecher, die auch insofern ein
gnstiges Resultat lieferte, als die Verfolger noch bald darauf einen
Todten und zwei schwer Verwundete antrafen, mit denen aber wenig Umstnde
gemacht wurden.

John Wells rief zwar, man solle sie aufhngen, denn Erschieen sei zu
gut fr sie. Wenn aber auch die Mnner mit der vorgeschlagenen Todesart
einverstanden gewesen wren, htte ihnen das doch zu viel Zeit weggenommen.
Ein paar erbarmungslose Hiebe mit derselben Kaltbltigkeit gefhrt, als ob
sie einen angeschossenen Wolf abgefertigt htten, beendeten die Leiden
der Verbrecher, und weiter strmte dann die Schaar, denn noch immer fehlte
Hendricks unter den Opfern, und Jenkins wie Wells suchten ja doch nur den
Einen vor allen Andern.

Weiter -- das Terrain war insofern der Verfolgung gnstig, als der
Arkansas hier einen groen Bogen machte, und whrend sechs von den Leuten
abgeschickt wurden quer durch, nach dem Rand des oberen Ufers zu zu suchen,
vertheilten sich die Uebrigen, Bill seine Bchse schulternd mitten zwischen
ihnen, durch den Wald.

Da wo noch Einer der Ruber durch die Grndornen gebrochen war, fanden sie
Blutspuren und folgten nun, wie gierige Schweihunde, der aufgefundenen
warmen Fhrte. Aber der Verwundete mute Lebenskraft genug haben, um
rascher vorwrts zu rcken, als sie ihm folgen konnten, da sie gezwungen
waren, die oft kaum sichtbare Fhrte zu halten. Sie erreichten sogar
endlich das Ufer des Arkansas, wo sie deutlich sahen, da der Verwundete,
dessen Blut die Uferbank frbte, den Strom betreten haben mute. Hatte er
noch Kraft behalten, um hinber an's andere Ufer zu schwimmen? Die Flche
war breit und es gehrten krftige Arme dazu -- oder war er nur eine kurze
Strecke stromab getrieben, um die Verfolger von seiner Fhrte zu bringen
und sich dort bis einbrechende Nacht versteckt zu halten.

Beide Flle waren mglich und zwei der jungen Leute erboten sich
augenblicklich, nach zu schwimmen und drben die Ufer abzusuchen, whrend
die Andern an dieser Seite den ganzen Flurand abspren sollten.
Das Letztere zeigte sich aber nicht so leicht, denn eine Masse von
unterwaschenen Bumen waren mit ihren Wipfeln in den Strom gestrzt; an
anderen Stellen hing das Rohr ber die steile unterwaschene Bank, so da
man sich nur mit Gefahr an den uersten Rand wagen und dann noch nicht
einmal selbst die kleine Stelle vollkommen genau berschauen konnte.

Die Verfolger gaben sich gewi Mhe ihr Opfer aufzuspren, aber vergebens.
Hatte der Verwundete im Arkansas seinen Tod gefunden? Es war mglich, ja
sogar wahrscheinlich, falls er wirklich, zur Verzweiflung getrieben, gewagt
haben sollte ihn zu kreuzen. An _diesem_ Ufer schien er sich aber nicht
gehalten zu haben und man mute nun abwarten, welche Nachricht die beiden
Schwimmer brachten.

Gegen Abend sammelten sich die Backwoodsmen wieder auf dem Platze ihres
Hinterhalts und Cook machte den Vorschlag, die Leichen zu begraben, was
aber von dem Rest der Schaar fast zornig zurckgewiesen wurde.

Begraben? hatten diese Buben ein ehrliches Begrbni verdient? wahrlich
nicht. Es gab Wlfe und Aasgeier genug im Walde, um sie im Lauf der
nchsten Tage zu beseitigen und das Einzige, wozu sich die Rcher
verstanden, war, es den Thieren des Waldes bequem zu machen, indem man den
Leichen die Kleider auszog, diese dann auf einen Haufen Reisig warf und das
Ganze anzndete. Dann, nachdem sie alle Waffen und Kugeltaschen gesammelt
hatten, kehrten sie nach Boyles' Farm zurck, wo die beiden jungen Leute,
die ber den Flu geschwommen, zu ihnen trafen.

Diese aber schienen sich in grter Aufregung zu befinden und wie sie nur
ans Ufer sprangen, schrieen sie den Gefhrten schon zu:

Er ist drben, er ist entkommen, Hendricks lebt noch!

Und Ihr habt ihn gesehen? rief Jenkins fast auer sich.

So dicht wie Euch! erwiderte der Eine, aber was sollten wir machen? Er
hielt uns einen Revolver vor, _wir_ hatten nichts als unsere Messer, und
ich begreife eigentlich jetzt noch nicht, weshalb er uns nicht Beide ber
den Haufen scho.

Weil er sich frchtete, da sein Revolver versagte, knirschte John Wells
zwischen den Zhnen durch. Teufel noch einmal, weshalb seid Ihr nicht auf
ihn gesprungen.

Weil ich kein Stck Blei im Leibe haben wollte, knurrte der Andere. Die
Revolverpatronen kann man ein paar Stunden in's Wasser legen und sie
gehen doch los, und der Bursche war so zur Verzweiflung getrieben, da er
wahrhaftig wenig Umstnde mit uns gemacht haben wrde.

Und wo traft Ihr ihn?

Keine hundert Schritt vom Ufer, sagte der Erste wieder. Er schien von
der Schwimmpartie erschpft und wir hatten ebenfalls keinen Athem mehr. Wir
fanden den Platz, wo er an's Land gestiegen war, gleich an der Slew, die
etwa eine halbe Meile ber Klingelhffer's Platz in den Arkansas mndet. So
weit hatte ihn der Strom mit hinab genommen.

Und wei Klingelhffer darum?

Gewi, der Alte ri augenblicklich, trotz seiner Kreuzschmerzen, seine
Bchse von der Wand und eilte hinber.

Und Ihr seid ihm nicht gefolgt?

Weil wir Euch hier erst Nachricht geben wollten. Wenn wir jetzt Alle zur
Verfolgung ausgehen, _kann_ er gar nicht entkommen.

Gut denn -- hinber! rief Jenkins rasch. Es ist vielleicht auch gut
so, denn der Schuft hat jetzt wenigstens noch eine Weile Todesangst
auszustehen, bis wir ihm wieder auf den Fhrten sitzen. Hat Einer von Euch
ein Seil?

Hier im Hause sind genug, sagte Bill. Dort in der Ecke liegen drei oder
vier Stricke.

Gut, nehmt ein paar mit und nun vorwrts. Unser Werk ist nur halb gethan,
wenn uns Hendricks entkommt.

Die Mnner hielten sich in der That nicht auf, und wie nur die erste Hlfte
bergesetzt war, flogen sie auch mehr als sie gingen, am Ufer hinauf,
um die Stelle zu erreichen, wo der Verbrecher zuerst gesehen worden --
umsonst. Nach etwa einer Stunde trafen sie Klingelhffer, der die Fhrte
verloren hatte, und sie nun an dem hheren Land, das mit einzeln stehendem
Rohr und kleinem Baumwuchs bestanden war, wieder aufzufinden suchte. Der
Boden dort war aber trocken, da das Regenwasser rasch in die Niederung
ablaufen konnte, die beiden Hunde, die er mitgenommen, verstanden nicht
auf einen Menschen zu jagen und setzten hinter einem vor ihnen aufstehendem
Hirsch her, und als die Nacht einbrach, in der jede Verfolgung nutzlos
wurde, muten sie es aufgeben und nach Klingelhffer's Haus zurckkehren.




Achtes Capitel.

Die Suche.


In den nchsten Tagen war Alles, was sich noch von waffenfhigen Mnnern am
Fourche-la-Fave, wie an der anderen Seite des Stromes befand, auf den
Fen und im Sattel, denn wie ein Lauffeuer hatte sich das Gercht ber
die Zersprengung und fast vollstndige Vernichtung der Jay-hawker-Bande
verbreitet, und Alles wollte jetzt Theil nehmen, um die Letzten dieser
gefrchteten Schaar mit einfangen und bestrafen zu knnen.

Der Haupttrupp nahm auch dabei Hendrick's Fhrte auf -- umsonst. Die Mnner
auf der anderen Seite des Arkansas trafen noch auf einen Verwundeten, der
in einen Schilfbruch gekrochen war und sich kaum noch regen konnte. Das
aber schtzte ihn nicht; er wurde hervorgezogen und an dem nchsten Dogwood
aufgehngt, whrend die Rcher am Fourche-la-Fave auch keine Fuspur mehr
von dem Flchtigen fanden.

Wo er sich versteckt hatte, lie sich kaum denken, denn weiter geflohen
konnte er unmglich sein, oder sie htten ihn finden mssen; aber nach drei
Tagen vergeblicher Suche gaben sie die Sache endlich auf -- die Meisten
wenigstens, die in ihre Heimath zurckkehrten, whrend aber John Wells wie
Jenkins einen heiligen Schwur leisteten, nicht zu ruhen noch zu rasten,
bis sie den Mrder ihrer beiden Vter erreicht und deren Tod an ihm gercht
htten.

Vor der Hand muten sie allerdings nach Little Rock zurck, aber General
Steene, als er die Einzelheiten jener Verbrecherschaar gehrt, gab ihnen
gern Urlaub, mit der Bedingung freilich, die Mrder, falls es ihnen irgend
mglich sein sollte, lebendig nach Little Rock einzuliefern. Er wolle
selber sein Urtheil fllen, und da Hendricks bei ihm auf keine Gnade zu
hoffen htte, darauf knnten sie sich fest verlassen.

John Wells versprach das augenblicklich, als ihm aber Jim nachher Vorwrfe
darber machte, lachte der junge Bursche kalt und hhnisch auf und murmelte
zwischen den zusammengebissenen Zhnen:

Wenn er das aushlt, was ich mit ihm anfange, sobald er mir in die Hnde
luft, und nachher wirklich noch lebendig ist, dann werde ich ihn so an den
alten Herrn abliefern. Wahrscheinlich ist's freilich nicht.

Aber Du hast es versprochen.

Zum Teufel auch, rief Wells, ich htt' ihm versprochen, ein Stck Mond
herunter zu holen, wenn er's verlangte, nur um loszukommen. Jetzt komm Jim.
Wenn der Schuft noch lebt, so ist ihm hier der Boden unter den Fen zu
warm geworden; dann aber hat er sich auch nirgends anders hingewandt, als
nach dem gesegneten Texas -- und dorthin liegt jetzt unser Ziel.

Und die Unseren daheim?

Mein Bruder wird so lange fr sie sorgen -- er hat's fest versprochen.
Deine Schwester zieht zu meiner Mutter und Bill ebenfalls; der Junge ist
ein Prachtkerl, und lebt Hendricks noch, dann finden wir auch seine Fhrte
-- oh nur die Seligkeit, ihm die Schnur um den Hals zu knpfen -- weiter
verlange ich ja nichts auf der Gotteswelt.

Und wann brechen wir auf?

In drei Tagen. Ich mu noch erst einmal nach Hause, um Alles dort in
Ordnung zu bringen. Hast Du Geld, Jim?

Keinen Dollar im Vermgen.

Ich auch nicht, aber das schadet nichts -- wohin wir gehen, brauchen wir
nichts, als was wir uns leicht mit der Jagd verdienen knnen. Hast Du noch
einen anderen Anzug, denn in der Uniform drfen wir nicht reisen -- Texas
ist noch im Aufstand.

Ja, mein neues Zeug, das mir Betsy erst in dieser Woche fertig gemacht
hat.

Gut -- ich will ebenfalls sehen, da ich einen anstndigen Rock auftreibe,
denn die letzte Suche hat dem meinigen bs mitgespielt. Wollene Decken
haben wir den Jayhawkern gengend abgenommen. Was ist denn das fr eine
Bchse, die Du da trgst?

Meines Vaters Waffe, die Bill dem einen Todten abgenommen. Ich habe dem
Knaben die meinige dafr gegeben.

Alles in Ordnung denn. Am dritten Tag von heute hol' ich Dich ab, und
sein Pferd wendend ritt er in scharfem Trab den Strom hinauf.

       *       *       *       *       *

John Wells hielt sein Wort. Zu thun gab es jetzt auch Nichts mehr fr
sie am Fourche-la-Fave, denn den Jay-hawkern war das Handwerk gelegt, und
wieder Land urbar zu machen oder zu pflanzen, dazu hatte keiner der Leute
Lust. Wuten sie denn, fr wen sie es thaten, und waren ihnen nicht jetzt
drei Jahre hinter einander die Ernten von durchstreifenden Soldatentrupps
der einen oder anderen Partei geplndert oder zerstrt worden? Erst mute
wieder Frieden sein, ehe sie in diesen dem Wechsel des Krieges ausgesetzten
Districten an die ruhige Beschftigung des Ackerbaues gehen konnten. Das
Wenige, was sie selber zum Leben brauchten, konnte jeder schon ziehen oder
durch die Jagd beibringen; jetzt hatte John Wells kein anderes Ziel als
den zehnfachen Mrder zu erreichen und dann -- ja, was er dann mit ihm thun
wrde, wute er selber noch nicht, und nur in Wuth und Ingrimm knirschte er
die Zhne zusammen, wenn er an den Buben dachte.

Texas! und war er auch wirklich nach Texas geflohen? Konnte er sich nicht
westlich zu den Indianern gewandt haben? Wie mancher Verbrecher schon
hatte die weiten Prairien aufgesucht, um sich dem Arm der ihn verfolgenden
Gesetze zu entziehen.

John hielt sein Pferd an und schien unschlssig, aber wie wir bei allen
Menschenklassen, die den grten Theil ihres Lebens drauen in der freien
Natur verbringen, bald mehr bald weniger immer einen gewissen Grad von
Aberglauben finden, so sagte er sich jetzt selber: Dein erster Gedanke fiel
auf Texas -- Gott selber mu es Dir eingegeben haben, denn er kann nicht
wollen, da ein solcher Bube frei und ungestraft auf seiner Erde wandelt
-- also nach Texas! und als er zur verabredeten Zeit mit Jim zusammentraf,
konnte er den Moment nicht erwarten, wo er seinem Thier erst die Sporen
geben durfte.

Aber Texas ist ein groes -- ein ungeheuer groes Land, und wenn sie es
erreichten, nach welcher Richtung sollten sie dann suchen? Doch die Frage
fand vielleicht schon ihre Erledigung auf dem Weg, denn wenn sich der
Flchtige berhaupt dorthin gewandt, so konnte er fast nur durch Arkansas
die Straen ber Washington und Fulton eingeschlagen haben. Der folgten sie
jetzt ebenfalls, um vielleicht in irgend einer Htte wieder auf die
Spur des Verbrechers zu kommen. Er war jedenfalls durch eine der Kugeln
getroffen worden, das bewies das Blut, das sie in seinen Fhrten gefunden,
und mglich war's, da sie gerade dadurch leichter auf seine Spur kommen
oder ihn wohl gar erschpft in irgend einer Cabin fanden.

Die Hoffnung sollte sich indessen nicht bewhren, denn Kunde bekamen sie
allerdings genug von verdchtigen Individuen, die sich dort in der letzten
Zeit auf der Strae herumgetrieben, und meist alle den Weg nach Texas
eingeschlagen hatten, aber ob der Gesuchte zwischen ihnen gewesen, wer
konnte es sagen. Verwundet waren ebenfalls Einige gewesen, das aber konnte
in jetziger Zeit, wo der blutige Krieg Tausende von Opfern kostete, kaum
auffallen. Es schien vielmehr sonderbar, wenn noch ein junger Mann mit
unverletzten Gliedern in der Welt herumlief.

So setzten sie ihren Weg fort, bis sie endlich den Red-River erreichten,
diesen kreuzten und dann in die ungeheueren Wlder des weiten Landes
eintauchten.

Dort hrte jede Spur auf, denn dort gab es nur einzelne, jetzt ebenfalls
wstliegende Plantagen und das Land war so wildreich, da sich ein
einzelner Wanderer, wenn er besonders Menschen ausweichen wollte, recht gut
verbergen und von jedem Pfad abseits erhalten konnte -- und Hendricks wute
gut genug in der Wildni Bescheid, um gerade einen solchen Cours, seiner
greren Sicherheit wegen, zu verfolgen.

Die Kreuz und die Quer zogen so unsere beiden jungen Backwoodsmen durch die
am wenigsten besiedelten Theile des groen Staates, und wenn sie auch
mit Manchem zusammentrafen, der recht gut in den Staaten einer solchen
Raubbande angehrt haben knnte, den allein Gesuchten fanden sie nicht, und
konnten ihn auch von Keinem erfragen.

Lange Monate hatten sie dabei dies Leben fortgefhrt, und sogar schon in
der einen kleinen Ansiedelung, die sie erreichten, die Nachricht erhalten,
da der Feldherr der Secessionisten: General Lee, capitulirt habe und der
Krieg somit beendet sei, wenn sich auch in Texas selber eine Truppenmacht
der Rebellen hielt.

Sollte sich Hendricks am Ende diesen angeschlossen haben? Es schien nicht
wahrscheinlich, denn ein Meuchelmrder sucht nicht den offenen Kampf, so
lange er aus sicherem Hinterhalt sein Opfer treffen kann. Aber wo in aller
Welt stak er dann, und vergeudeten sie nicht hier ihre Zeit in vllig
nutzlosem Umhersuchen, whrend der Verbrecher vielleicht vollkommen sicher
und unbehelligt in irgend einem anderen Theil des weiten Landes, und dann
jedenfalls unter einem angenommenen Namen sa?

Jim und John lagen an einem, im Wald entzndeten Feuer ausgestreckt. An der
Gluth briet ein von dem Ersteren erlegter Truthahn, und die beiden jungen
Leute hatten das Fr und Wider ihrer langen mhseligen Wanderung hin und
her erwogen. Sie fingen an einzusehen, da sie auf diese Weise ihr Ziel
wohl kaum erreichen wrden.

Das geht nicht lnger John, sagte Jim nach einer langen Pause, in der
er still sinnend in die Flamme gestarrt hatte. Wer wei ob der Schuft
berhaupt noch lebt, und wir ziehen hier wie die Narren mitten im Wald
herum, als ob wir weiter in der Gottes Welt Nichts zu thun htten, als auf
die Jagd zu gehen -- und daheim liegen doch unsere Farmen brach.

Und hast Du etwa Lust _unsere_ Jagd aufzugeben?

Wenn ich die _Mglichkeit_ eines Erfolges she, bei Gott nicht, aber wir
wissen nicht einmal, ob sich Hendricks nach Texas gewandt hat, und wo ihn
_dann_ suchen? Er kann eben so gut in Minnesota wie in Florida sitzen.

Vielleicht hast Du Recht, nickte John, nach einer kleinen Weile -- wir
_knnten_ unsere Chancen verdoppeln, und das ist es, woran auch ich schon
gedacht habe.

Und in welcher Art?

Indem wir uns trennen und jeder einen anderen District absucht.

Und was dann, wenn ihn _Einer_ findet? Haben wir nicht Beide Antheil an
der Rache?

Das ist eben der Teufel, und wenn das nicht wre, meinte John, so htte
ich Dir den Vorschlag schon vor vier Wochen gemacht -- sobald wir uns aber
nach zwei Richtungen wenden, liegt doch viel eher die Mglichkeit vor, ihn
anzutreffen und sind wir ihm nur erst einmal auf der Spur -- wissen wir
bestimmt, da er in Texas ist, dann wre es auch nachher ein Leichtes, ihn
gemeinschaftlich wieder zu treffen.

Und dann mten wir ihn das erste Mal laufen lassen, sagte Jim mit dem
Kopf schttelnd -- Du wrst der Letzte, der das thte, John. Denk nur an
das Versprechen, das Du dem General in Little Rock gegeben.

Bah, soviel fr _den_; der hatte kein Anrecht an unserer Rache, aber
Du hast es, und ich mchte es Dir nicht verkmmern. Uebrigens braucht
Hendricks, _wenn_ ihn Einer von uns aufsprt, gar nicht zu erfahren, da
wir in der Nhe sind. Wir wollen nur herauszubekommen suchen, _wo_ er sich
aufhlt, und uns dann an einem verabredeten Sammelplatz treffen.

Das ist weitlufig, sagte Jim, mit dem Kopf schttelnd, und bekommt
er nachher Wind, so sind wir auf dem alten Fleck. Nein, Du weit, da
uns neulich einmal der Neger, den wir trafen, einen Mann beschrieb, der
mglicher Weise Hendricks gewesen sein _kann_. Der soll sich aber in
der Nhe einer deutschen Colonie aufhalten. Wie wr's, wenn wir zusammen
dorthin aufbrchen und dann erst -- sobald wir unseren Verdacht nur in
etwas besttigt finden, getrennt suchen.

Es ist ein verwnscht weiter Weg.

Aber will uns das Glck wohl, so finden wir ihn vielleicht eben so leicht
in dieser Richtung, wie in irgend einer andern.

Aber die Beschreibung pate nur in etwas auf die _Person_, sonst wren
wir ja gleich auf der Spur nachgegangen, rief John. Jener Bursche war der
Sohn eines Pflanzers aus Florida, dem die Unionisten die Plantage zerstrt
hatten.

Bah, Geschichten sind leicht erzhlt und Hendricks ist erfinderisch.
Was sollen wir hier? _Hier_ steckt er nicht, oder wir htten ihn lngst
gefunden, also weshalb ihn nicht in einer anderen Richtung suchen.

Gut! einverstanden, nickte John endlich, aber -- in der deutschen
Colonie werden wir Geld brauchen und das--

Nicht einen Cent, rief Jim -- denk an Klingelhffer -- wrde der Geld
fr ein Nachtquartier nehmen? Sie sind alle gastfrei, und auer dem bringen
wir auch leicht ein Dutzend Hirschhute zusammen, wenn wir ja einmal ein
paar Dollar brauchen sollten. Vorwrts, der Wald bleibt uns immer und giebt
uns Nahrung und Quartier.

Es wurde Nichts weiter ber die Sache gesprochen. Die Mnner beendeten ihre
Mahlzeit, holten dann ihre ausgehobbelten (=to hobble a horse=, ein Pferd
an den Vorderbeinen fesseln) Pferde herbei, schnrten ihre Decken zusammen
und schlugen mitten durch den Wald die etwaige Richtung ein, die sie ihrem
nchsten Ziel entgegenfhren mute.




Neuntes Kapitel.

In der Colonie.


Man mu den Charakter dieser zhen amerikanischen Backwoodsmen kennen, um
zu begreifen, wie zwei junge Leute, nur mit ihren Bchsen und Pferden, und
eine wollene Decke am Sattel festgeschnallt, Monate lang und allein das
eine Ziel verfolgend, in einem wilden Land herumziehen konnten. Es war
ihnen aber eben Nichts weiter als eine Jagd, auf der sie frher ja auch
halbe Jahre verbrachten; an Ausdauer fehlte es ihnen wahrlich nicht dazu
-- an Bequemlichkeiten waren sie nie gewhnt gewesen -- solche ausgenommen,
die ihnen die Wildni bot, und sie betrachteten die ganze Tour mehr als
einen Streifzug, um zugleich auch ein ihnen bisher fremdes Land kennen
zu lernen, in dem sie sich vielleicht spter selber einmal eine Heimath
grnden konnten. Arkansas war ihnen verleidet worden, und es giebt ja
berhaupt kaum ein rastloseres Volk in der Welt, als eben diese westlichen
Jger, die selbst ihre Farmen verkaufen, sobald ihnen nur halbwegs ein
Gebot gethan wird, und dann mit der grten Zufriedenheit weiter westlich
in eine neue Wildni ziehen.

So verfolgten auch unsere beiden Freunde ihren Weg, ohne aber auch nur
fr einen Augenblick ihr eigentliches und blutiges Ziel aus den Augen zu
verlieren. Ueberall in den zerstreuten Ansiedlungen oder Stdten, die sie
erreichten, horchten sie umher -- berall vergebens, denn der _gesuchte_
Verbrecher war nirgends zu finden. Wohl aber hrten sie, als sie sich
jener deutschen Ansiedelung Blumenthal nherten, Gerchte von einer
Ruberbande, die sich, wenn auch nicht in unmittelbarer Nhe derselben,
doch in der Nachbarschaft in einem wilden Schilfbruch festgesetzt haben und
die Gegend unsicher machen sollte. Mancher Reisende durch jene Strecken war
verschollen, und der Verdacht lag ziemlich nahe, da sie eben jenen Buben
zum Opfer gefallen.

Die beiden jungen Leute kamen hier in eine freundliche und reiche Gegend --
in eine Strecke, die durch den unseligen Krieg wenig oder gar nicht berhrt
war, und deutschen Flei und Arbeitssinn dehalb so viel deutlicher zeigen
konnte.

Hatten sie berhaupt schon je einmal in ihrem Leben einen solchen Platz
gesehen, wo Farm neben Farm lag, eine Fenz in die andere griff, und die
Acker von Wurzeln und Unkraut gereinigt, ebenen Prairien glichen, whrend
wohnliche Huser und groe aus Stein erbaute Scheunen Reichthum sowohl als
Behaglichkeit verriethen?

_Das_ waren Farmen, wie sie eigentlich sein sollten, und wie sie hnliche
auch wohl von Leuten, die aus dem fernen Osten kamen, beschreiben hrten.
Wo aber htten sie selber sie schon in ihrem Leben betreten? -- Am
Fourche-la-Fave? -- Wilder Wald lag zwischen den einzelnen Wohnungen
und selbst diese boten wenig -- keine von allen auch nur mehr als den
nothdrftigsten Schutz gegen das Wetter und die Klte, whrend sich hier
sogar schon ein ihnen vollstndig fremder Luxus Bahn gebrochen und die
Stuben mit Teppichen, die Fenster mit Gardinen geschmckt hatte.

Allerdings waren sie auf ihrem letzten Zug in Tennessee und Mississippi
durch reiche Districte gezogen, wo in Friedenszeiten die herrlichsten mit
Allem ausgestatteten Plantagen gelegen, aber wie sahen diese Pltze
aus, als ihr Fu sie betrat? Die Huser waren verbrannt, oder lagen mit
eingeschlagenen Fenstern und Thren verdet da. Die Fenzstangen schienen
zu Feuerholz gedient zu haben, die Felder selber, seit Jahren nicht
mehr bestellt, waren von Bschen und Unkraut berwachsen, und Elend und
Zerstrung starrte ihnen berall entgegen.

So hatten sie sich die ganze Zeit von einem Schlachtfeld zum andern
herumgetrieben, und als sie nach Hause in ihre Waldesheimath zurckkehrten,
wohnte dort der Mord, und das Blut der ihnen theuersten Menschen frbte den
Boden roth.

Auch seit der Zeit durchstrichen sie wilde und wste Gegenden, die noch
dazu meist alle durch den Krieg heimgesucht worden waren, bis ihr Fu
hier pltzlich ein kleines friedliches Paradies betrat, das so still und
versteckt in den Bergen lag, um selbst den feindlichen Fouragirzgen zu
entgehen.

Eigentlich war der Platz hier fr eine Colonie so ungeschickt als mglich
gewhlt, denn Blumenthal hatte fast gar keine Communication mit der brigen
Welt. Auf dem von einem Amerikaner entworfenen Plan der jungen Stadt
befanden sich allerdings Eisenbahnen genug, die es zu einem Centralpunkt
des ganzen Staates machen sollten, aber das war nur auf dem Papier gewesen.
In Wirklichkeit existirte noch kaum eine Fahrstrae nach dem nchsten
kleinen Flu, auf dem man einzelne Producte, aber nur in gnstiger
Jahreszeit stromab schaffen konnte. Sonst liefen nur ein paar
Maulthierpfade einer nach Sden, einer nach Osten aus.

Trotzdem aber war die junge Colonie gewachsen, denn wo der Deutsche erst
einmal seinen Pflug in den Boden getrieben hat, lt er auch nicht locker
und arbeitet nicht allein stetig weiter, sondern zieht auch Freunde und
Familienglieder allmhlich nach. Der Platz hatte sich auch in der That
so gehoben, da man eben daran gehen wollte, eine gute Fahrstrae in das
niedere und mehr besiedelte Land zu bauen und dadurch die Bahn zu einem
Schienenstrang zu ffnen, als der Krieg im Norden ausbrach und natrlich
jede industrielle Arbeit entweder sistirte, oder wenn noch nicht begonnen,
hinausschob auf bessere Zeiten.

Das aber was die Bewohner von Blumenthal frher als ein schweres Unglck
betrachteten, war eben zu ihrem Glck gewesen, denn das hielt sie, in ihrer
Abgeschiedenheit, von den Lasten des Krieges vollstndig verschont und
nur ein einziges Mal verirrte sich ein kleiner Trupp von zersprengten
Sesesch-Soldaten hierher und zeigte Lust den Ort zu brandschatzen. Das aber
war den Ansiedlern auer dem Spa, und da doch Jeder von ihnen, fast ohne
Ausnahme, seine Jagdflinte oder Bchse mit herber nach Amerika gebracht
hatte, so erschienen sie pltzlich in so wuchtiger Zahl zusammen und unter
Waffen, da die Sesesch auerordentlich freundlich wurden, nur um die
nthigen Lebensmittel ersuchten -- mit dem Erbieten sogar, fr dieselben
zu bezahlen, und dann als sie freigebig erhalten hatten, was sie wirklich
brauchten, die Ansiedlung wieder rasch verlieen.

Seit der Zeit hatten sie in Frieden gelebt, bis sich nrdlich oder vielmehr
nordwestlich von ihnen, an den Quellen des Colorado Gesindel festzusetzen
schien, das anfing die Gegend unsicher zu machen. Allerdings hielt man die
Uebelthter fr einen Trupp versprengter Sesesch-Soldaten, die noch dort
fr kurze Zeit in den Bergen ihr Wesen trieben -- vielleicht auch gar fr
eine Bande mexicanischer Diebe, die sich mglicher Weise ber die Grenze
hereingezogen. Merkwrdig nur, da sie jedes Mal so genau wuten, wer Geld
hatte, und nie Leute behelligten, die dort drauen waren, um ihr Vieh zu
suchen oder nur zu jagen. Man war auch nach dieser Richtung hin noch nie
verdchtigem Gesindel begegnet, und nur ein Mann einmal, ein Amerikaner,
der sich zwischen ihnen niedergelassen, war von drei Strolchen angefallen
worden, von denen er aber fest behauptete, da es Mexicaner gewesen wren.
Er hatte, wie er erzhlte, einen erschossen und einen andern verwundet, und
obgleich sie mehrfach auf ihn gefeuert, seine Flucht bewerkstelligt.

Hierauf wurden ein paar Streifzge nach dieser Richtung hin unternommen,
aber ohne den geringsten Erfolg. Man fand keine Spur der Ruber, nicht
einmal den Todten, den sie jedenfalls fortgeschleppt und beerdigt hatten
und eine Zeitlang ruhte die Sache, bis wieder ein sehr reicher deutscher
Farmer, der da oben Vieh gekauft hatte und es bezahlen wollte, ebenfalls
nicht zurckkehrte und durch seinen wahrscheinlichen Tod die kleine
Ansiedlung in erneute Unruhe versetzte.

Der Fall war um so trauriger, als sich die Tochter desselben Mannes in den
nchsten Tagen hatte mit einem jungen Amerikaner verheirathen wollen, und
dieser, der Nmliche, der schon frher angefallen worden, war jetzt mit
fnf oder sechs seiner Landsleute, und etwa zwanzig jungen deutschen
Farmern ausgegangen, um die Gegend grndlich abzusuchen und diesem
nichtswrdigen Ruberwesen ein Ende zu machen.

Gerade in dieser Zeit trafen unsere beiden Freunde in der Ansiedlung
ein und wurden dort, wie das unter den Umstnden wohl natrlich ist, mit
einigem Mitrauen betrachtet.

Ein Wunder war es nicht, denn Jim wie John, die sich jetzt unausgesetzt
schon lange Monate im Wald oder doch auf den verschiedenen Straen
herumgetrieben, sahen eben wild genug aus, um ihnen selbst das Schlimmste
zuzutrauen, und die Aengstlichsten in dem kleinen Stdtchen, das zum
groen Theil fr den Augenblick von waffenfhigen Mnnern gerumt war,
befrchteten schon den inde verabredeten Ueberfall einer greren Bande,
von der dies mglicher Weise die Vorlufer sein konnten.

Beide Freunde brigens, mit keiner Ahnung, da man sie hier in einem
solchen Verdacht haben konnte, erkundigten sich, sobald sie den Ort
erreichten und sich pltzlich unter lauter Fremden befanden, ob kein
Amerikaner im Ort wre und wurden nach einem der nchsten Huser zu einem
alten Mann -- und zwar einem der ersten Ansiedler hier, gewiesen.

Und hielt sich hier ein Mr. Rollridge auf? so sollte sich des Pflanzers
Sohn genannt haben, von dem ihnen der Neger erzhlte.

Die Leute, an welche die Frage gerichtet wurde, sahen sich unter einander
an, gaben aber keine directe Antwort darauf, sondern erwiederten nur, da
die Fremden bei Mr. Warner, wie der alte Mann hie, wohl Alles, was sie zu
wissen wnschten, erfahren knnten. -- Und woher sie selber kmen? -- Aus
dem Wald, -- wohin sie wollten? -- sie wten es noch nicht, -- sie wren
Leute, die sich nach einem Platz zur Niederlassung umshen.

Das sagte ein Jeder, dem daran lag keine genaue Auskunft ber sich zu
geben, aber Warner war, ebenso wie Friedensrichter im Ort, auch ein alter
gescheuter Bursch, der ihnen schon auf den Zahn fhlen wrde und dem
konnten sie das Weitere dehalb ruhig berlassen.

Jenkins wie Wells jedoch, wie sie sich nur kurze Zeit mit ihrem lteren
Landsmann unterhielten, fanden bald, da sie es mit einem einfach
schlichten Mann zu thun hatten, dem sie aus dem Zweck ihrer Reise kein
Geheimni zu machen brauchten. Warner schttelte aber den Kopf, als sie
ihren Verdacht gegen Rollridge uerten. Er hatte selber dessen Vater
gekannt, und die Befrchtung lag hier in Blumenthal auerdem nahe genug,
da sogar Rollridge, als er den Platz habe verlassen wollen, ermordet oder
sonst zu Schaden gekommen sei. Er hatte wenigstens sein nchstes Ziel --
eine bestimmte Farm am Colorado, nie erreicht und man wisse dabei, da er
ziemlich viel Geld mit sich fhrte.

Wieder also waren sie vergebens eine so endlos weite Strecke gewandert,
wieder ihre Hoffnungen getuscht worden und Jenkins selber fing an, der
Verfolgung mde zu werden. Hier erfuhren sie auerdem, da der Krieg
vollstndig beendet sei, und wie sollten sie jetzt, mit all den entlassenen
Soldaten, die sich ber die Staaten zerstreuten, noch irgend eine bestimmte
Spur verfolgen knnen.

Warner selber sprach dabei die feste Ueberzeugung aus, da die Ruber, die
hier in der Nachbarschaft ihr Wesen trieben, jedenfalls dem mexicanischen
Stamm angehrten. Mr. Rawlins, wie der Amerikaner hie, dessen
Schwiegervater gerade als letztes Opfer gefallen, war brigens ein ganz
tchtiger Mann und, wie er erklrt hatte, fest entschlossen, diesmal alle
seine Krfte aufzubieten, um die Mrder auszuspren und zu bestrafen,
und sie durften also hoffen, da der berdies starke Zug nicht so ganz
unverrichteter Sache zurckkehren wrde. Jedenfalls hatten sie die Unbill
lange genug geduldet, und es mte ihr einmal ein Ende gemacht werden.

Und was nun? -- Jim machte seinem Freund den Vorschlag nach Haus
zurckzukehren. Hatten sie dabei Glck, so konnten sie Hendricks ebensogut
in der, wie in jeder anderen Richtung antreffen, hatten sie aber keins, nun
dann half es ihnen auch Nichts, wenn sie den weiten Staat noch lnger, bald
nach der, bald nach jener Himmelsgegend durchkreuzten. Wenn Hendricks ihnen
aber auch jetzt noch entging, spter erfuhren sie doch vielleicht einmal
seinen Aufenthalt und dann war ihr Rachewerk wohl aufgeschoben, aber
wahrlich nicht aufgehoben gewesen.

John Wells schien anfangs keine rechte Lust dazu zu haben, aber er mute
dem Freund doch auch Recht geben, da sie in dieser Art wenig Aussicht auf
Erfolg htten. Er war ebenfalls mde geworden und die beiden jungen Leute
beschlossen deshalb, nicht einmal die Rckkehr der Ausgezogenen abzuwarten,
sondern gleich wieder nach Arkansas aufzubrechen.

Das litt aber der alte Warner nicht, der, wie sich im Gesprch
herausstellte, Wells Vater gekannt, und selber einmal hier in Texas eine
Weile mit ihm gejagt hatte. Er wollte die beiden Freunde wenigstens nicht
wieder fortlassen, bis sie sich erst ordentlich ausgeruht, und dazu fanden
sie im ganzen weiten Staat keinen besseren Platz als gerade Blumenthal.

John Wells fand an einem solchen, wie er meinte, zwecklosen Aufenthalt,
kein sonderliches Behagen, Jenkins selber aber redete ihm zuletzt zu,
ein paar Tage auf die hiesige Umgegend zu verwenden, die ihm wenigstens
auerordentlich gefiel. Das Land war reich, das Klima schien gesund, Wild
gab es ebenfalls ziemlich viel in der Nachbarschaft, und an dieser Gegend
hafteten doch nicht fr sie so trbe Erinnerungen, als an ihrer bisherigen
Heimath, in der sie Alles an die erlittenen Verluste mahnte.

Warner untersttzte ihn lebhaft darin und erbot sich auf das
Bereitwilligste, sie in den nchsten Tagen selber in der ganzen
Nachbarschaft herumzufhren. Es gab noch ein reizendes Thal in kaum zwei
Miles Entfernung von der kleinen Stadt, in dem bis jetzt kein Baum gefllt,
kein Acker Land aufgenommen war, und er sprach seine feste Ueberzeugung
aus, da sie in smmtlichen Staaten kein freundlicheres Fleckchen Erde
finden knnten. -- Und eine Uebersiedelung hierher? -- Lieber Gott, die
hatte fr einen Backwoodsman auch nicht die geringste Schwierigkeit, denn
ihr ganzer Hausstand konnte leicht auf einem kleinen Karren, ja oft sogar
auf ein paar Pferden fortgefhrt werden. Jedenfalls wollten sie den Platz
erst einmal sehen und ein Entschlu stand ihnen ja dann immer noch frei.

Die nchsten Tage verwandten sie auch in der That dazu, so viel als mglich
von der Umgegend zu sehen und kennen zu lernen. Die Nachbarschaft
der Deutschen gefiel dem jungen Jenkins ebenfalls, denn er hatte am
Fourche-la-Fave schon viele von diesen kennen lernen und lieb gewonnen. Ihm
selber behagte der ganze Distrikt ungemein und wenn auch John Wells noch
keine besondere Neigung dafr zeigte, konnten sie sich das ja noch immer
unterwegs berlegen, und nachher mit den Ihrigen besprechen. Zu bereilen
war eben Nichts an der Sache.

Am vierten Tag standen endlich ihre bis dahin vollkommen ausgeruhten und
ordentlich aufgeftterten Pferde bereit, und die alte Mrs. Warner packte
ihnen gerade noch ein tchtiges Stck Wildpret und Fleisch ein, weil sie
unmittelbar in der Nhe der Ansiedlung doch wohl nicht viel zu jagen finden
wrden, als drauen auf der Strae pltzlich ein wunderlicher Lrm gehrt
wurde, der rasch ihre Aufmerksamkeit erregte und sie vor die Thr lockte.

Die ausgezogenen Mnner waren zurckgekehrt. Warner's Sohn ritt gleich
darauf am Hause vor und erzhlte ihnen, da sie von den Rubern selber
allerdings keine Spur, wohl aber den Leichnam des alten Deutschen gefunden
htten, der, mit einer einzigen Kugel gerade durch den Kopf, nicht weit von
dem Pferd ab unter einem Maulbeerbaum gelegen hatte und nur mit Laub und
Reisig zugedeckt gewesen war. Nur durch die Aasgeier wurden sie auch auf
den Platz aufmerksam, an dem sie sonst jedenfalls vorber geritten wren.

Und war Rawlins mit ihnen zurckgekehrt?

Ja -- aber nach Hause geritten, um sich umzuziehen und dann seine Braut und
Schwiegermutter zu trsten.

Du lieber Gott, seufzte Mrs. Warner, die mit gefalteten Hnden vor ihrer
Hausthr gestanden und den traurigen Bericht gehrt hatte -- da kommt das
arme Mdchen -- wie bla und elend sie aussieht -- das ist freilich ein
schwerer Tag fr sie. -- Habt Ihr denn die Leiche mitgebracht?

Es war nicht mehr mglich, sagte der junge Warner -- wir muten sie
gleich an Ort und Stelle begraben. Arme Catharina -- sie wird wohl schon
alles erfahren haben. Trstet Ihr sie, Mutter, ich mag ihr jetzt lieber
nicht begegnen, fuhr er fort, und schritt in das Haus hinein.

Das junge Mdchen kam nher -- sie sah bleich und angegriffen aus und
schien auch die beiden fremden jungen Leute gar nicht zu beachten, oder nur
zu sehen. Still und lautlos schritt sie auf Mrs. Warner zu und als diese
ihr mitleidig die Hand entgegenstreckte, lehnte sie ihr mdes Haupt an die
Schulter der alten Frau und ohne da eine Klage ber ihre Lippen gekommen
wre, liefen ihr die groen Thrnen an den Wangen nieder.

Catharine Fischer war eines der schnsten Mdchen im ganzen Ort und manche
der jungen deutschen Farmersshne hatten sich schon um sie beworben, aber
alle ohne Erfolg, bis sich der junge fremde Amerikaner, wie im Sturm und in
ganz kurzer Zeit ihr Herz gewann und von den Eltern -- die freilich lieber
einen deutschen Schwiegersohn gesehen htten -- angenommen wurde. Jetzt
hatte sie dieser Schlag mitten in ihr junges Leben getroffen, und zwar ein
Schlag wie aus heiterem Himmel, ungeahnt, unvorbereitet.

Jim Jenkins stand, die Zhne fest aufeinander gebissen, neben ihr. Hatte er
denn nicht den nmlichen Schmerz zu tragen, denselben Verlust erlitten,
wie das arme Kind da, und war denn Jammer und Snde in solcher Art ber
das schne Land hereingebrochen, da solches Elend nur allein alle guten
Menschen traf und die Verbrecher immer ungestraft entkommen sollten? --
War das himmlische Gerechtigkeit, wie es ihnen die herumziehenden Prediger
vorreden wollten? Blut berall, wohin ihr Fu trat -- heimtckisch und
feige aus dem Hinterhalt vergossenes Blut, und die Mrder frei da drauen
in der schnen sonnigen Welt.

Er trat zu seinem Pferd, um sich die Zgel zurecht zu legen -- er wollte
fort -- Schmerz und Ingrimm genug trug er im eigenen Herzen, ohne das
fremde Leid auch noch mit anzusehen, als er sich pltzlich angerufen hrte.

Hollo Jim -- Wetter noch einmal Mann, wo kommst Du her -- und John auch --
welcher Wind hat Euch nach Texas geblasen?

Jim sah berrascht auf und erkannte einen alten Kriegsgefhrten aus
einem Indiana-Regiment, mit dem sie drben ber dem Mississippi gemeinsam
gekmpft und zusammen nach Little Rock gezogen waren.

Oh Peters -- wie kommst Du nach Texas? Ich glaubte, Ihr stndet noch in
Little Rock?

Nein -- wir sind ausbezahlt und abgelst worden, antwortete der junge
Mann, indem er auf die Freunde zutrat und ihnen die Hnde schttelte.

Und wo kommst Du jetzt auf einmal her?

Waren nur zusammen, um die verdammten Mrder aufzusuchen, die sich hier
schon seit einiger Zeit herumtreiben, lautete die Antwort, sind aber
unverrichteter Sache wieder zurckgekehrt. Wei der Henker wo die Schurken
stecken mgen. Aber wo wollt Ihr hin?

Zurck nach Arkansas.

Jetzt gleich?

Wir wollen eben fort.

Fllt Euch gar nicht ein, rief aber der Indiana-Mann -- doch wahrhaftig
nicht eher, als bis Ihr mich auch einmal in meinem Hause besucht habt. Ich
bin hier verheirathet -- habe eins von den deutschen Mdchen und solch
ein freundliches kleines Huschen und Weibchen, wie es sich ein Mann nur
wnschen kann. Vorwrts Jungen! da Ihr aufgesattelt habt ist schon ganz
recht -- aber bei mir sattelt Ihr erst wieder ab.

Das geht nicht, Peters.

Ob es geht! oder meine Alte wrde nicht schlecht bse werden, wenn ein
paar alte Freunde ihres Mannes so mir nichts Dir nichts an dem Haus vorber
ritten. Ihr mt wenigstens einmal sehen wie ich wohne, und wenn es Euch
dann nicht bei mir gefllt, knnt Ihr nachher noch immer thun, was Ihr
wollt.

John Wells schien nicht recht damit einverstanden zu sein, Jenkins aber,
indem er in den Sattel sprang, rief aus:

Was thut's, John -- auf ein paar Stunden kommt's nicht an -- ob wir etwas
spter oder frher am Fourche la Fave eintreffen. Ich denke, wir gehen
mit.

Die Strae herab kam der Schall galoppirender Pferdehufe. Ein Reiter
sprengte heran und es schien fast, als ob er auf dasselbe Haus zu wolle,
vor dem die jungen Leute standen. Schon dicht daran aber warf er sein Pferd
herum, grte flchtig und verfolgte dann seinen Weg die Strae hinab,
rascher noch fast, als er hergekommen.

John hatte sich gerade mit seinem eigenen Thier beschftigt und nicht auf
den Fremden geachtet; Jim aber griff seinem eigenen Pferd pltzlich so
rasch und gewaltsam in den Zgel, da es hoch aufbumte, und sich beinahe
mit ihm berschlagen htte. Peters sprang zu, ri es noch herunter und rief
dann:

Was zum Wetter hat denn die Bestie -- scheut sie?

Manchmal -- ja, sagte Jim, kaum auf die Frage achtend, und den Blick noch
stier die Strae hinabgewandt -- wer war das?

Wer? -- der eben vorbeisprengte? -- Dein Pferd erschrak wohl und Du auch
-- so ein alter Reiter -- Du siehst kreidewei im Gesicht aus.

Wer war der Reiter, Peters?

Das war Rawlins, sagte Peters, mit einem zur Seite geworfenen mitleidigen
Blick nach dem jungen Mdchen, der Brutigam der armen Catharine da,
setzte er leiser hinzu.

Und ist er schon lange hier in der Ansiedlung?

Etwa drei Monate -- vielleicht nicht ganz so lange. Weshalb?

Und wit Ihr, woher er stammt? frug Jenkins mit vor Aufregung fast
heiserer Stimme.

Ich glaube aus dem alten Staat (Virginien), das wenigstens hat er hier
erzhlt. Kennst Du ihn?

John war indessen ebenfalls aufgestiegen und ritt an Jim's Seite.

Weit Du, wer das war, John? rief jetzt Jenkins, des Freundes Arm
ergreifend und fast krampfhaft zwischen seinen Fingern pressend.

Der Reiter, der eben vorber sprengte? Ich habe ihn nicht gesehen.

_Hendricks!_ zischte ihm Jenkins in's Ohr -- bei meinem Leben und meiner
Seligkeit -- er selber--

Und Du hast Dich nicht geirrt? rief John, fast unwillkrlich nach seiner
Bchse greifend.

Er trgt keinen Bart mehr! sagte Jenkins -- er kam mir auch fast jnger
vor, als ich ihn am Arkansas gesehen und geht besser gekleidet -- aber das
Gesicht wollte ich unter Tausenden heraus kennen. Er ist es und meinen Hals
setz ich zum Pfande.

Hendricks? fragte Peters -- Das war Rawlins, der Schwiegersohn des
Ermordeten.

Und vielleicht der Mrder selber, rief Jenkins, komm Peters, zu Pferd
und fhr uns, so rasch uns die Thiere tragen knnen, jenem Herren nach,
dessen nhere Bekanntschaft wir dringend wnschen.

Aber ich begreife Dich nicht.

Ich erzhle Dir Alles mit wenigen Worten unterwegs. Fort! wir versumen
hier die kostbarste Zeit, fort!




Zehntes Kapitel.

Die Verfolgung.


Die jungen Leute trabten nebeneinander die Strae hinab. Jenkins aber gab
dabei dem frheren Kampfgenossen in flchtigen Umrissen ein Bild der am
Fourche-la-Fave vorgefallenen Gruelthaten, die ihn selber wie seinen
Begleiter so nahe getroffen hatten, da sie sich Beide aufgemacht, um Wald
und Wildni nach dem Uebelthter abzusuchen.

Und Ihr glaubt, da Rawlins jener Mrder sei? rief Peters entsetzt.

_Ich_ glaube es, sagte Jenkins bestimmt. _Ist_ er es aber, dann kann er
uns jetzt nicht mehr entgehen, und ist er es nicht, nun dann darf er
sich auch nicht darber beleidigt fhlen, da ihn Jemand, im raschen
Vorbeireiten, fr einen Anderen gehalten.

Und wenn das jener Hendricks wirklich ist, rief da Peters, fast wie
erschreckt sein Pferd einzgelnd -- wre es denn da nicht mglich, da er
selber mit jener Bande in Verbindung stnde, die hier bis jetzt ihr Unwesen
in der Gegend getrieben?

Vorwrts, Kamerad, vorwrts! drngte aber John -- wir drfen keinen
Augenblick verlieren, denn wenn der Bursche _uns_ erkannt hat, lt er
sicher kein Gras unter seinen Hufen wachsen. Gewi ist es mglich, und
sollte mich nicht wundern, wenn er der Fhrer und Leiter der ganzen Bande
wre. Aber wohin reiten wir? Hier haben wir _drei_ Straen vor uns und der
Boden ist ringsumher von Hufen zerstampft. So rasch _kann_ er doch nicht
geflohen sein.

Dort links ist die Wohnung seiner Braut, der er jedenfalls zuritt, sagte
Peters. Er selber hat sein Haus am andern Ende der Stadt, aber hierher zu
schlug er die Richtung ein.

Ich sehe nirgends ein Pferd angebunden. Wir htten gleich sein eigenes
Haus besetzen sollen.

Er wird es hineingefhrt haben -- er ist ja dort ebenfalls zu Haus.

Dann gnade Gott dem Elenden, sagte Jim, seinem Pferd nun fester die
Sporen gebend, und jetzt wurde zwischen den Mnnern kein Wort weiter
gewechselt, bis sie die kleine freundliche Wohnung -- jetzt freilich ein
Haus der Trauer -- erreichten, aber der Gesuchte war nicht dort.

Peters sprang augenblicklich vom Pferd, um sich nach ihm zu erkundigen,
der zwlfjhrige Bruder Catharinens versicherte ihn aber, Mr. Rawlins nicht
gesehen zu haben, seit er vor einigen Tagen mit den anderen Mnnern in den
Wald gegangen sei. Keinenfalls wre er eben hier gewesen, denn er selber
habe schon seit einer Stunde fast hier an der Thr gestanden und Mais auf
der kleinen Mhle gemahlen.

Habe ich es Dir nicht gesagt? rief John fast auer sich, als Peters
wieder heraus und auf sein Pferd sprang -- er ist fort! La uns den Weg
hier verfolgen -- dort fhren Pferdespuren hinaus.

Hier kam er nicht vorbei! sagte Peters, sein eigenes Thier herumwerfend,
denn dem Burschen da drinnen wre ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht
entgangen.

Das glaube ich auch nicht, erwiederte Jim, wenn er fliehen will, wird er
gewi seine Beute nicht im Stich lassen und ist zu seiner eigenen Wohnung
geritten. Htten wir die nur gleich aufgesucht. Vorwrts Peters--

Und wenn Du Dich nun geirrt hast!

Vorwrts! Das Alles knnen wir spter besprechen. Wo ist seine Wohnung?
Reite voran, so rasch Dich Dein Thier trgt -- jede Verantwortung auf
mich! -- Und wie ein Wetter jagten die drei jungen Leute die ziemlich
lange Strae hinab, bogen dann, fast am Ende der Stadt rechts in eine
Nebengasse hinein und erreichten dort wieder die dichter stehenden Huser.
Hier war ein Gasthof, und ein Trupp dort angebundener Pferde, durch welche
sie nicht so rasch hindurch konnten, hielt sie etwas auf. Es war auch
mglich, da sich Rawlins selbst hier befand, sie muten jedenfalls nach
ihm fragen. Hier aber hatte ihn, seit sie die Stadt erreicht, Niemand
gesehen. Bei Warners wrden sie ihn finden, rief ihnen einer zu, er hatte
gesagt, da er zu dessen Haus wollte.

Dort war er _nicht_; das wuten sie gut genug, und es blieb ihnen jetzt in
der That nichts brig, als seine Wohnung aufzusuchen.

Wenn es wirklich jener Hendricks war, so _konnte_ er ja doch noch keine
Ahnung haben, da er erkannt sei und _so_ rasch verfolgt wrde.

Wieder klapperten ihre Hufe die harte Strae entlang, aber hier durften sie
nicht so rasch jagen, denn berall spielten Kinder in der Strae, Karren
mit Holz oder andere die in die Mhle wollten, begegneten ihnen und die
beiden Verfolger vergingen fast vor Ungeduld.

Haben wir denn noch weit? wir mssen ja durch den ganzen Ort geritten
sein, rief John.

Das sind wir auch, denn sein Haus liegt gerade am uersten Ende, aber
dort drben ist die Wohnung, die kleine wei angestrichene Cabine mit dem
einzelnen Baum davor.

Aber auch hier steht kein Pferd.

Peters antwortete nicht mehr. Sie waren kaum noch funfzig Schritt von der
Wohnung entfernt, und wenige Secunden spter warfen sich die Mnner aus den
Stteln.

Dort unten die Strae entlang sehe ich einen Reiter, rief Jim, dessen
Blick rasch nach allen Seiten umherflog.

Bei Gott, dort galoppirt Jemand, rief auch John, indem er im Nu wieder im
Sattel sa -- spring in das Haus und sieh nach. Ist er nicht dort, so kann
er uns da drauen nicht mehr entgehen.

Peters war schon an der Thr, die nur angelehnt schien. Er stie sie auf
und warf einen Blick in das Innere. Jim stand an seiner Seite.

In der Stube sah es wild und wunderlich aus, als ob Diebe darin
umhergewhlt und was sie nicht gebraucht, ber den Boden gestreut hatten.
Eine kleine Kiste war mitten in die Stube gezogen und die Hlfte ihres
Inhalts lag daneben am Boden. Jim sprang darauf zu -- whrend sein Blick
durch den Raum flog, hatte er ein kleines blau und roth gestreiftes Tuch
entdeckt, das mitten in dem Wust lag. Er kannte es, es war frher Eigenthum
seiner Schwester gewesen -- aber er gab sich keinen Betrachtungen darber
hin.

Das gengt als Zeichen, rief er, das Tuch vom Boden reiend und damit
gegen die Thr springend -- kennst Du das, John? -- Fort!

John warf nur einen einzigen Blick darauf und in demselben Augenblick sein
Pferd herumreiend, bohrte er ihm die Hacken in die Seite und flog mit ihm
in gestrecktem Carrire die Strae entlang. -- Jim war fast ebenso rasch
drauen bei seinem Thier.

Aber so bleibt nur noch einen Moment, rief Peters -- ich hole meine
Bchse und begleite Euch.

Jim hrte ihn schon gar nicht mehr. Nach! das war der einzige Gedanke, den
er hatte -- nach! und sein Thier strengte alle Krfte an, den vorangeeilten
Gefhrten wieder einzuholen.

Erst in dem wilden Ritt wurde er auch ruhiger. John, der noch immer voraus
auf seinem Rappen dahinflog, hatte vielleicht den flchtigen Verbrecher im
Auge -- er folgte dem Rappen, und es blieb ihm Zeit, sich nach der Richtung
umzusehen, die sie einhielten. Ihr Cours lag etwa, wie der Weg jetzt lief,
sdwestlich, also den Ansiedlungen wieder zu und zog sich, wenn auch hier
oben sehr allmhlich, von der Hochebene hinab, auf der das kleine Stdtchen
gelegen war und wo es, wie sich jetzt deutlich erkennen lie, hhere
Berggruppen einschlossen.

Und waren sie dem Buben denn wirklich endlich einmal auf der Fhrte? --
Er mute es sein -- ein Irrthum lie sich nicht mehr denken. Er hatte die
beiden Backwoodsmen, wie er sie da zum Weiterritt schon gerstet fand,
erkannt und wute, was ihm drohte, wenn er in ihre Hnde fiel. -- Wren
sie nur gleich zu seinem Haus geritten, so lief er ihnen dort selber in das
Garn -- nein, blind und toll muten sie die falsche Fhrte annehmen, die
er ihnen gegeben, und jetzt hatten sie ihm sogar Zeit gelassen, seinen Raub
zusammenzuraffen und in die Wildni hineinzureiten. -- Aber ein Trost blieb
ihnen -- ein grimmer Trost, denn nicht pltzlich und unerwartet war der
Verbrecher in ihre Hnde gefallen und bestraft, nein, er mute jetzt erst
die Qualen des Verfolgten leiden. Er wute die Rcher auf seinen Fersen,
wute, welches Schicksal ihm bevorstand, wenn nur sein Pferd strauchelte
oder das Geringste ihn aufhielt, und kannte die Mnner, die nur das eine
Ziel haben konnten, seinen Tod, oder sie wren ihm nicht mit solcher
Hartnckigkeit selbst bis in diesen entlegenen Theil der Union gefolgt.

Erbarmen? -- er hatte es nie gezeigt, also auch nicht zu hoffen und nur
sein flchtiges Thier konnte sein Schicksal noch hinausschieben -- wahrlich
nicht mehr ndern, denn nun, auf der frischen Fhrte, ja den Buben fast in
Sicht, dachten seine Feinde nicht daran, die einmal begonnene Verfolgung je
wieder aufzugeben.

Noch an den Grenzen der Stadt begegneten diese einigen Deutschen, die
theils aus dem Walde, theils von anderen Ansiedlungen vielleicht herber
kamen und erschreckt zur Seite bogen, als sie auf die wie rasend an ihnen
vorbei sprengenden Mnner trafen. Waren das die Ruber, die man in
den letzten Tagen gejagt? -- Aber voran ritt ja der Amerikaner, dessen
Schwiegervater man gerade ermordet, whrend man die andern beiden gar nicht
kannte. Floh er vor diesen, oder verfolgten sie alle ein und dasselbe Ziel?
-- Ehe sie sich aber nur denken oder vermuthen konnten, was hier vorgehe,
waren die drei Reiter, die sich in lngeren Zwischenrumen von einander
hielten, auch vorbeigebraust, und diese drehten nicht einmal den Kopf nach
ihnen um.

John und Jim hatten allerdings vollkommen ausgeruhte und auch zhe und
krftige Thiere, aber es zeigte sich trotzdem bald, da sie keinen Fu
breit an dem Fuchs gewinnen konnten, den Hendricks ritt und der, von seinem
Reiter nur noch zu rasenderem Lauf gespornt, wie ein Pfeil mit ihm ber den
Boden flog.

John behielt ihn allerdings noch, so lange sich die Strae fortzog, im
Auge, oder kam wenigstens dann und wann wieder in Sicht von ihm, und
einmal, als Hendricks zuerst einen ziemlich abschssigen Hang erreichte, an
dem er nicht so rasch hinabreiten konnte, schien es seinem Verfolger auch,
als ob er an ihn gewnne. Aber unten lag wieder ebener Boden und der Fuchs
benutzte den nach besten Krften -- ja der Weg zog sich hier mehr links in
den Wald hinein und in dessen Schatten verschwand bald darauf der Reiter;
deshalb entging er aber freilich seinem Verfolger noch nicht, denn hier war
der Boden nicht, wie in der Nhe der Stadt, von den Hufen anderer
Pferde zerstampft. Die Spuren prgten sich deutlich oder doch wenigstens
erkennbar, dem Boden ein, und einen besseren Nachsucher auf einer Fhrte
als John Wells, gab es nicht in dem weiten Wald.

John ritt dabei ein besseres Pferd als Jim Jenkins, der auch bald merkte,
da er mehr und mehr zurck blieb, aber trotzdem folgte er den voran
eingedrckten Fhrten und wute, da er bei der geringsten Zgerung seines
Feindes rasch das Versumte wieder nachholen konnte.

So hatte diese wilde Jagd wohl sechs volle Stunden gedauert und einen
Waldweg gab es schon lange nicht mehr -- nur noch einen Pfad, der sich
durch die Wildni zog, aber dafr auch in dem abgefallenen Laub nur soviel
deutlicher die Spuren zeigte. Die Thiere konnten vor Erschpfung kaum
noch weiter, aber immer wieder trieb sie der scharfe Sporn zu
neuen Anstrengungen, und Jim besonders, der jetzt eine gute Strecke
zurckgeblieben, fhlte, wie sein Thier anfing, zu ermatten.

Da erreichte er eine Stelle, an welcher sich der Pfad theilte. John selbst
hatte keinen Moment dort gezgert, denn sein scharfes Auge erkannte die
rechts abfhrende Spur sogleich und folgte ihr ebenso rasch. Jenkins
dagegen zgelte sein Thier ein und als er sich der rechten Spur
vergewissert hatte und es weiter treiben wollte, konnte es nicht mehr von
der Stelle. So lange es in Gang geblieben, wre es wohl fortgerannt, bis
seine Krfte vollstndig erschpft waren und dann wahrscheinlich mit
einem Schlag zusammengebrochen; jetzt aber, wo die angestrengte Kraft und
Erregung der Muskeln, wenn auch nur fr wenige Minuten, bei dem todtmden
Thiere nachlie, war es nicht mglich, sie wieder von Neuem zu beleben. Es
strauchelte und knickte in die Knie, wollte sich noch einmal emporraffen
und strzte dann auf die Seite nieder, wo es liegen blieb und alle viere
von sich streckte.

Jenkins fluchte still und erbittert vor sich hin, aber an der Sache war
weiter nichts zu ndern, und das Pferd jedenfalls zu fernerem Gebrauch,
wenigstens in der nchsten Zeit unntz. Nur das Einzige blieb ihm zu thun,
den Spuren so rasch als irgend mglich zu folgen.

Allerdings hatte er eine Strecke zurck, seitwrts vom Weg eine kleine Farm
gesehen. Sollte er sich dorthin wenden und um ein frisches Pferd bitten?
wer htte es ihm aber _geborgt_, kaufen konnte er sich keines, und wie viel
Zeit verlor er ohnedies damit. Dagegen lag die Mglichkeit vor, da er noch
spter eine Htte im Wald oder vielleicht selber Pferde traf -- das erste
beste und wenn er es htte stehlen sollen, er fhlte sich nicht in der
Stimmung, besonders whlerisch zu sein, und mit dem Gedanken war sein
Entschlu gefat.

Ohne Zgern sattelte er sein marodes Thier ab trug den Sattel in den
Busch und verdeckte ihn dort mit Laub und Reisig -- die Stelle war, an dem
getheilten Pfad, leicht wieder zu erkennen. Dann nahm er den Zaum, hing
sich denselben um und folgte nun, die Bchse auf der Schulter, zu Fu den,
deutlich genug in den Boden eingedrckten Spuren. Kaum eine Stunde mochte
er aber so gewandert sein als der mehr und mehr verschwimmende Pfad an
einer breiten Waldwiese vollstndig aufhrte, oder sich vielmehr hier nach
allen Seiten auszweigte. Es war ein gewhnlicher Kuh- oder Wildpfad, wie
sie sich so hufig im Wald finden und das Ziel desselben schien dieser
Weidengrund -- ein etwas tief liegender feuchter Wiesenplan zu sein.

Ueber denselben hin waren die Hufe der galoppirenden Pferde auch noch
deutlich -- ja sogar deutlicher als bisher zu erkennen. Weiter aber schien
sich der Verfolgte mehr links und einem kleinen Hhenzug zugewandt zu
haben; er hatte wenigstens pltzlich und in einer scharfen Biegung seinen
Cours gendert. John konnte ihm aber dabei nicht in Sicht gewesen sein,
denn er wrde sonst jedenfalls diese Biegung abgeschnitten haben. Das
war nicht geschehen, sondern seine Spuren blieben, wie bisher oder doch
berall, wo es der Weg erlaubte, links neben denen des Flchtigen
sichtbar. Er war ihm also bis dahin nicht nher gekommen, sondern aller
Wahrscheinlichkeit nach sogar noch eher weiter zurckgeblieben.

Jenkins hielt sich aber nicht lange bei Vermuthungen auf. Weiter ging die
Jagd. Der Schwei lief ihm in Strmen an der Stirn nieder, aber er zgerte
auch nicht einen Moment in seinem Schritt.

Das Terrain wurde hier felsig und hatte die Reiter jedenfalls aufgehalten,
denn wild zerstreut lagen groe und kleine Granitblcke ber dem ganzen
Abhang. Wie er aber wieder zu Thal lief, sah er einen, wenn auch nicht sehr
breiten, doch ziemlich tiefen Bergstrom mit vollkommen klarem Wasser zu
seiner Linken, den die beiden Reiter angenommen hatten. -- Und sollte er
selber da hindurch. Das Wasser war, wie er die Hand hinein hielt, eisig
kalt; kam ihm wenigstens so vor, und er in Schwei gebadet -- er konnte den
Tod von einer solchen Schwimmpartie haben. Doch nur ein Gedanke beseelte
ihn: der der Rache, den Feind wollte er erreichen und was ihn selber
betraf, verga er ganz. Nur Bchse und Kugeltasche nahm er in die linke
Hand, um sie trocken zu halten, und warf sich ohne Zgern in den Strom.

Einen anderen Menschen htte vielleicht unter solchen Umstnden der Schlag
gerhrt; dem zhen Backwoodsman schadete das kalte Bad nicht allein Nichts,
sondern es erfrischte ihn sogar nach dem heien Lauf. Drben angekommen war
auch sein erster Blick nach den Spuren der Pferde -- aber was war das? --
nur die Hufe _eines_ Pferdes und zwar Johns, dessen Spuren er genau kannte,
sah er hier dem Boden eingedrckt -- und herber und hinber gingen sie,
als ob er selber nicht gewut habe, welche Richtung er einschlagen sollte
-- oh wie viel kostbare Zeit mute er damit verloren haben -- weshalb hatte
er sich nur nicht gleich stromab gewandt. Der Flchtige _konnte_ ja gar
nicht gegen die Strmung angeschwommen sein.

Er selber suchte augenblicklich nach dieser Richtung zu, mute aber eine
lange Strecke am Ufer hinabwandern ehe er die Stelle fand, wo der gehetzte
Ruber wieder an Land gegangen war, und erst als er hier den Spuren eine
Weile gefolgt war, sah er, da John die Fhrte ebenfalls wieder aufgenommen
hatte.

Jetzt kam ein weites rauhes Terrain von Stein und Kies, wo man die Spuren
kaum erkennen konnte, und hier pltzlich theilten sie sich, ohne da Jim
im Stande gewesen wre, die Ursache zu errathen, denn so deutlich war die
Fhrte immer geblieben, da sie John nicht verlieren konnte. Und welches
war jetzt Johns Pferd gewesen, denn auf den Steinen lie sich kaum hier und
da ein schwaches Zeichen erkennen. Er begriff das Ganze nicht und whlte
endlich die links abfhrende Fhrte, die ihn aber eine Weile in gerader
Richtung abfhrte, dann rechts einbog, wieder links hinber hielt und dann
noch einmal einen andern Cours nahm.

Jetzt kam er auch auf weichen Boden und den Bchsenkolben stie er
verzweifelnd vor sich in die Erde -- denn er hatte _John's_ Fhrte
angenommen und der Verbrecher war jedenfalls entkommen.

Was nun thun? -- Da John den Wald hier nur auf gut Glck, bald herber,
bald hinber abgesucht, war ihm klar genug, aber er begriff nicht, da John
hier die Fhrte verloren haben konnte. Es gab ja keinen besseren Waldmann
am ganzen Fourche-la-Fave. Sollte _er_ jetzt zurck und an dem Bergstrom
die andere Spur aufnehmen? Dadurch erhielt der Flchtige einen Stunden
weiten Vorsprung und dann -- konnte er berhaupt noch fort? Die Sonne
neigte sich schon dem Horizont und jetzt, da er endlich still stand, fhlte
er erst, wie furchtbar mde er selber geworden war.

Die Knie fingen ihm an zu zittern, ein Frsteln lief ber seinen ganzen
Krper und er mute sich unter einen Baum legen, um nur etwas auszuruhen.
Menschliche Krfte hielten es eben nicht lnger aus.

So lag er etwa eine halbe Stunde, aber der Frost trieb ihn wieder in die
Hhe, denn die nassen Kleider an seinem Krper klteten ihn zu sehr. Er
konnte auch wieder marschiren, denn die kurze Rast hatte wenigstens gengt,
ihn in etwas aufzufrischen. Eine Zeitlang folgte er auch noch Johns Spuren,
um doch vielleicht mit diesem wieder zusammen zu treffen, aber er mute das
bald als ein vergebliches Mhen aufgeben, denn nur zu deutlich sah er, da
dieser keine feste Richtung gehalten habe und trotzdem noch immer in wilder
Eile fortgejagt sei. Brach aber die Nacht an, so verlor er die Fhrten, die
sich berhaupt nur sehr schwach auf dem Felsenboden zeigten, doch aus den
Augen -- ja er war jetzt schon unsicher geworden, ob er noch die richtige
hielt. Hier herum hatten sich jedenfalls eine Anzahl Pferde auf der Weide
herumgetrieben und als er der einen Spur noch eine Weile folgte, traf er
mitten im Wald einen alten lahmen Schimmel, der sich ruhig an einem dnnen
Baumstamm die Seite rieb.

Es war vorbei -- nicht einmal die Hoffnung konnte er mehr hegen, da John
wenigstens allein sein Ziel erreicht habe, und durch das viele Hin- und
Herziehen irre gemacht, wute er kaum selber mehr, wo er sich befand, viel
weniger denn, wo er einen Andern suchen sollte. An der untergehenden Sonne
konnte er aber doch die Himmelsrichtung erkennen, und beschlo nun seine
Bahn nach jenem letzten Hause zu nehmen, dessen Fenz er im Vorbeijagen
gesehen -- mglich, da ihn John dort ebenfalls aufsuchen wrde, und that
er das nicht, so wollte er zurck nach Blumenthal kehren und ihn dort
erwarten.




Elftes Kapitel.

Die Ueberraschung.


Jim war todtmde geworden und htte sich gern gleich da, wo er stand, zum
Schlafen niedergeworfen, aber der Durst peinigte ihn auerdem; er mute
jedenfalls Wasser suchen, und hielt deshalb, da er sich von dem Flu zu
weit entfernt hatte, ber den nchsten Hgelhang hinber, an dessen anderer
Seite er einen Bach anzutreffen hoffte. Dort konnte er auch ein Feuer
anznden, um sich zu trocknen, und etwas Brot und Fleisch trug er ja in
seiner Kugeltasche bei sich.

Das Terrain war hier auerordentlich steinig. Es sah fast so aus, als
ob sich irgend ein Riese den Spa gemacht habe, Tausende von kleinen
Felsblcken ber das weite Land auszustreuen, so dicht lagen sie
beieinander, und zu Pferde wre hier berhaupt schwer durchzukommen
gewesen. Langsam schritt er dazwischen hin, traf endlich auf ein paar
feuchte Stellen, an denen sich etwas Wasser gesammelt hatte, und kniete bei
einer derselben nieder, um sich wenigstens erst einmal satt zu trinken. Es
war auch die hchste Zeit gewesen, denn die rothen Abendwolken verriethen
schon den Untergang der Sonne und das rasch eintretende Dmmerlicht legte
sich ber den Wald.

Er trank lange und um Athem zu holen, hob er endlich den Kopf, zuckte aber
bis in jeden Nerv seines Krpers zusammen, denn kaum hundert Schritt von
ihm entfernt -- oh, nicht so viel, es konnten kaum mehr als achtzig sein,
da die Dmmerung die Entfernung vergrert, sprang ein Mann, eine Bchse in
der Hand haltend, rasch ber den hier ziemlich offenen Plan von einem Stein
zum andern. Seine Richtung aber lag dem nicht weit davon wieder hher und
dichter werdenden Holze zu, und Jim erkannte auf den ersten Blick seinen
Feind. Es war Hendricks.

Fast krampfhaft griff er, in seiner gebckten Stellung verharrend, nach
der neben ihm liegenden Bchse; aber wie htte er jetzt, in schon halber
Dunkelheit, sein Ziel treffen wollen; und die Glieder flogen ihm dabei, wie
in Fieberfrost.

Hendricks konnte ihn da, wo er mit seinem dunklen Kopf kaum ber die fast
gleichfarbigen Felsstcke heraussah, nicht erkennen, schien auch kaum die
Nhe eines Menschen hier zu frchten, sondern nur allein darauf bedacht
zu sein, keine Fhrten mehr zu hinterlassen, was ihm auch auf den Steinen
vollkommen gelingen mute.

Wie in aller Welt hatte er John berlistet? -- war sein Pferd ebenfalls
gestrzt oder vielleicht absichtlich an einer Stelle aufgegeben, wo er
seine eigenen Fhrten gut verbergen konnte? Aber wild und verworren
zuckten solche Fragen durch des jungen Backwoodsmans Hirn, und mit heftigen
Schlgen klopfte ihm das Herz in der Brust, denn an ihm vorber floh der
Bube und wenn er jetzt im Wald verschwand -- Langsam und vorsichtig, mit
so wenig als mglich Bewegung, hob er seine Bchse und suchte sie auf einen
der Felsblcke zu bringen; aber der vor ihm liegende war zu niedrig -- er
konnte nicht darauf zielen; -- er kroch etwas weiter nach rechts hinber.
Dort sah er einen passenden Platz, aber Hendricks, mit keiner Ahnung in
welcher Gefahr er sich befand, sprang leichtfig von einem Stein zum
andern und ehe Jenkins nur die Bchse an die Backen und den Feind auf's
Korn bekommen konnte, war er in dem Gestrpp, wenn auch nicht verschwunden,
doch so in den immer strker werdenden Schatten gekommen, da ein richtiges
Ziel zur Unmglichkeit wurde. Einen gewissen Schu mute Jim aber haben
oder der Verbrecher war nicht allein gewarnt und dann auf immer fr ihn
verloren, sondern er war auch viel strker bewaffnet, als er selber. Jim
hatte nur die eine Kugel im Rohr, Hendricks dagegen, auer seiner Bchse
noch wenigstens einen sechslufigen Revolver im Grtel, und nur sein bses
Gewissen oder seine natrliche Feigheit muten ihn, bei seiner Uebermacht
der Waffen, selbst beiden Verfolgern gegenber, zur Flucht getrieben haben.

Jim sah sich jetzt, da wo er gerade lag, durch einen ziemlich hohen
Felsblock gedeckt. Er wartete noch einen Moment und da Hendricks nicht auf
der anderen Seite desselben wieder zum Vorschein kam, glitt er wie eine
Schlange ber den Boden und zu jenem Felsen hin, an dem er sich, die Bchse
aber zum augenblicklichen Gebrauch im Anschlag, langsam emporrichtete, um
darber hin sehen zu knnen. Er schrak aber ordentlich zusammen, denn dort
-- kaum zwanzig Schritt mehr von ihm entfernt und an der nmlichen Quelle,
an der er, etwas weiter unten getrunken, lag Hendricks -- ebenso verdurstet
wie er selber und ihm den Rcken zukehrend. Im Nu hob sich auch Jenkins
Bchse und sein Auge suchte das Korn -- aber es war nicht mehr mglich. Er
selber stand hier vollstndig gedeckt unter einem dichten Dogwood-Busch,
und dort der Trinkende lag ebenso im tiefen Schatten, da er wohl noch die
Gestalt erkennen, aber nicht mehr darauf zielen konnte. Und selbst, wenn er
es gekonnt htte, sollte er den Buben mit einer Kugel tdten -- ihn seiner
selbst unbewut von der Erde nehmen, der ihm so entsetzliches Weh angethan?

Jetzt hob sich die Gestalt vom Boden auf, und wieder suchte Jenkins' Auge
das Korn seiner Bchse zu fangen; da sah er, wie Hendricks, der sich
hier vollkommen sicher glauben mute, seine Bchse nahm und an einen Baum
lehnte, den Blick noch einmal vorsichtig umherwarf und dann alle Anstalten
machte, als ob er dort, wo er sich gerade befinde, etwas ausruhen wolle.
Die Nacht war eingebrochen, die Sterne traten heraus, und nur bei ihrem
Schein konnte Jim erkennen, wie der wahrscheinlich ebenfalls zum Tod
Ermdete sich Laub unter dem nchsten Baum zusammenschob, um sich ein nur
einigermaen trockenes Lager herzurichten. Natrlich wollte er nicht im
Dunkeln marschiren, wo er einer ihm drohenden Gefahr nicht htte ausweichen
knnen.

Jim Jenkins blieb unbeweglich hinter seinem Stein liegen, denn da er
selber dort keine Gefahr lief, entdeckt zu werden, wute er gut genug.
Er sah, wie sein Opfer noch einmal in langen Zgen trank und sich dann
endlich, die Bchse und den Revolver neben sich, auf das Laub, das er
rascheln hrte, niederwarf. Er war selber todtmde gewesen, aber er
dachte nicht mehr an Schlaf und berlegte sich nur jetzt, wann der Mond
herauskommen msse, um ihm zu seinem weiteren Handeln zu leuchten.

Gestern war der Mond ziemlich spt aufgegangen -- wohl erst um neun Uhr --
heute kam er noch spter und ehe er nicht ziemlich hoch stand, konnte er
Nichts beginnen -- aber was that das. Und wenn er htte zwlf Stunden da
liegen sollen, er wrde nicht gemurrt haben, glaubte er sich doch jetzt
seiner Rache sicher. So regungslos wie der kalte Stein selber, an den er
sich lehnte und ebenso erbarmungslos hielt er, als er selbst nicht mehr
die Umrisse des Feindes in dem Dunkel erkennen konnte, die Augen noch
immer fest auf den Platz gerichtet und horchte, mit Anspannung aller seiner
Krfte, dem geringsten Gerusch, was von dort zu ihm herberdrang.

Hendricks mute unruhig schlafen; er warf sich auf seinem Laubbett herber
und hinber. War etwa der auf ihm haftende Blick seines Feindes daran
Schuld? Jim dachte selber daran und wandte ihn ab, aber kein Rascheln eines
Blattes entging seinem scharfen Ohr.

So stand er, oder lag halb an dem Felsen, viele Stunden lang -- dort drben
war Alles ruhig geworden -- endlich, endlich ging der Mond auf, stand aber
noch viel zu tief hinter den Bumen, um hell genug zu leuchten. Jenkins
erwartete seine Zeit mit fast bermenschlicher Geduld und rhrte sich nicht
eher, als bis Mitternacht schon lange vorber sein mute, und jetzt rstete
er sich zum Handeln.

Geruschlos streifte er Alles ab, was ihn an seiner freien Bewegung hindern
konnte, selbst die Kugeltasche, Jagdhemd und Leggings -- die Nacht war
ziemlich kalt, aber ihn fror nicht, der Kopf brannte ihm sogar wie in
Fieberhitze. Jetzt war er soweit fertig und nur nach seiner Bchse sah
er noch, und setzte ein frisches Zndhtchen auf, da sie ihm nicht im
entscheidenden Moment versagte. Dann aber, wie ein Panther auf seine Beute,
und ebenso mordgierig, ebenso geruschlos verlie er den Stein, hinter dem
er sich bisher verborgen und glitt auf sein Opfer zu.

Schlief Hendricks? -- Er wute es nicht. Lag er wach und hrte den
Anschleichenden, so war es um ihn geschehen, aber was kmmerte ihn die
Gefahr, in der er sich befand. Rache wollte er, Rache an dem Mrder seines
Vaters und mit keinem Gedanken weiter, aber auch mit jeder nur mglichen
Vorsicht, schlich er nher und nher an sein Opfer hinan, immer wieder
horchend, ob er das Laub nicht knne rascheln hren. -- Aber Alles blieb
ruhig wie das Grab -- ja, jetzt tnte schon deutlich das langsam schwere
Athmen des Schlafenden zu ihm herber.

Aber war das nicht etwa Tuschung? stellte sich der Bube nicht vielleicht
nur schlafend und lag, mit gespanntem Revolver des Nahenden harrend?
Vorwrts! Jetzt konnte er die ausgestreckte Gestalt deutlich im Licht des
Mondes, der gerade einen Strahl durch die Baumwipfel warf, erkennen. Neben
ihm blitzte etwas -- es war der Revolver, auf dem seine Hand ruhte -- die
Bchse lag ebenfalls zum Griff bereit.

Jim zgerte einen Augenblick -- aber auch nur einen -- jetzt war er neben
dem Schlafenden -- geruschlos legte er die eigene Bchse neben sich auf
das Gras nieder, von dem Hendricks selber das Laub weggescharrt -- _ein_
Griff nach dem Revolver mit der linken Hand, und wie der Mrder wild
und entsetzt durch die Berhrung emporfuhr, traf ihn ein mit aller Wucht
gefhrter Faustschlag Jims so krftig gegen den rechten Schlaf, da er
bewutlos und wie todt auf das Laub zurcksank. -- Es wre besser fr ihn
gewesen, er wre todt geblieben.

Jim, den Revolver neben sich legend, warf sich auf ihn, ri aus seiner
Tasche ein Stck derbes Seil, wie es meist alle Jger bei sich fhren,
und schnrte ihm damit die Hnde auf den Rcken -- jetzt erst hatte er ihn
sicher und nur der eine Wunsch drngte sich ber seine Lippen: Oh, wre
John jetzt hier! -- Aber dem Gedanken gab er sich nicht weiter hin, denn
wer wute wo der Freund jetzt war. Die Schnur reichte noch gerade aus, um
den Gefangenen an einen jungen Stamm anzubinden. Nicht weit davon stand ein
niederer Dogwood, dorthin schleppte er ihn und hatte sich seiner vollkommen
versichert, als der bis dahin vollstndig Bewutlose seine Besinnung wieder
gewann.

Aber er kmmerte sich in dem Augenblick gar nicht um ihn -- und zu dem
Felsblock sprang er, um von dort seinen Zgel herber zu holen und als er
jubelnd wieder zurck zu dem Gefangenen eilte, hatte sich Hendricks halb
auf seinem Ellbogen aufgerichtet und starrte ihn mit stieren entsetzten
Blicken an.

Jenkins -- war Alles was sich seiner Brust entrang -- oh mein Gott!

Ja ruf Deinen Gott an, Schuft, lachte aber der junge Backwoodsman,
ingrimmig zwischen den zusammengebissenen Zhnen durch. Der, zu dem Du
betest, ist der Teufel, der Dich so lange beschtzt hat -- aber Deine Zeit
ist um. Du siehst die Sonne nicht wieder.

Jenkins, sagte Hendricks mit leiser, heiserer Stimme, Ihr wollt mich
doch nicht hier in der Nacht mit kaltem Blut morden.

Gerade recht mahnst Du mich an das kalte Blut, mit dem Du meinen armen
alten Vater und den alten Wells, Rankins Hogan und viele Andere ermordet
hast. Scheusal wie es kein zweites die Welt trgt -- aber Deine Zeit ist
um; Erbarmen hast Du von mir nicht zu hoffen.

Jenkins, sthnte Hendricks -- ich bin reich -- ich habe bei Blumenthal
viel Geld vergraben -- es soll Alles Euer sein, wenn Ihr mich nur dorthin
fhrt, und ich bleibe ja doch in Eurer Gewalt.

Dein Blutgeld, nicht wahr, um das Du auch wohl den armen Deutschen
ermordet? -- knirschte Jim -- Deine Zeit ist um und Bitten oder
Versprechungen helfen Dir nicht mehr.

Noch whrend er sprach hatte er den starken Zgel von dem Gebi gelst und
eine Schlinge daraus geformt. Jetzt sah er zu dem Dogwood auf -- einer der
Aeste zog sich gerade etwa hoch genug ber dem Gefangenen hin und so,
da er ihn bequem erreichen konnte. Hendricks suchte mit der Kraft der
Verzweiflung die Bande, die ihn hielten, zu zerreien und Jim hielt dabei
vorsichtig den Revolver in der Hand -- doch das Seil hielt; er schob die
Waffe wieder in den Grtel zurck, und ging dann kaltbltig daran, den
Riemen ber den Ast zu werfen und zu befestigen.

Jenkins, flehte Hendricks, seid ein Mensch! Um Gottes Barmherzigkeit
willen mordet mich nicht hier im dunklen Wald -- o, lat mich nur leben,
bis der Tag anbricht, nur noch eine Stunde, um meine Snden zu bekennen.
Ich habe viel verbrochen. -- Ihr _mt_ mich hren.

Ich _wei_ genug von Dir mein Bursche, sagte der junge Backwoodsman
trocken, um Dir zehnfachen Tod zu sichern -- komm! Du weit, da Du
verloren bist und selbst der Teufel, Dein Cumpan, knnte Dich nicht mehr
retten. Gieb Deinen Hals gutwillig her, denn ich werde noch genug Mhe
haben, Dich da hinauf zu ziehen.

Er warf ihm dabei die Schlinge um den Hals -- und Hlfe! Mrder! Mrder!
schrie mit gellender Stimme der Unglckliche durch den Wald, indem er sich
am Boden wand und krmmte -- Hlfe! Hlfe!

Jim lachte -- aber pltzlich horchte er hoch auf und hielt mit seiner
Arbeit inne. Hlfe! rief der Gefesselte wieder, und der Schrei wurde
beantwortet -- in weiter Ferne zwar, aber der junge Backwoodsman
konnte genau einen Ruf unterscheiden. -- Sollte der Bube wirklich noch
Helfershelfer haben, -- aber nicht zehn von ihnen htten sein Geschick mehr
wenden knnen.

Da hrte er wieder einen Ruf und Jim lie den Riemen fahren, legte die
Hnde trichterfrmig an den Mund und beantwortete selber den Ton. -- Das
war John's Jagdruf. -- Wieder gab er das Zeichen -- nher und nher kam der
Gerufene -- jetzt konnte er ihn schon durch die Bsche brechen hren.

Ach John! bist Du das?

Wo steckst Du Jim -- wer schrie da?

Hierher -- ich _hab'_ ihn!

Ein gellendes Jubelgeheul, wie es sonst nur ein Indianer ausstoen kann,
schmetterte durch den Wald, und rcksichtslos um Dorn oder Schlingpflanze
brach im nchsten Augenblick John durch die Bsche und jauchzte laut auf,
als er den Gebundenen am Boden erkannte.

Doch die jetzt folgende Scene ist zu furchtbar, um sie zu beschreiben.
Hendricks war in erbarmungslose Hnde gefallen und seine verbrecherische
Laufbahn zu Ende. Mit der Kraft der Verzweiflung kmpfte er wohl noch eine
Weile gegen seine Richter an -- vergebens, und bald schien der Mond auf
die lang gestreckte, regungslose Gestalt, die an dem Ast des Dogwood-Baumes
hing und langsam in der leichten Morgenbrise hin und her schwankte. Und die
beiden jungen Leute lagerten so lange bei dem Baume, bis sie sich von dem
wirklichen Tod ihres Opfers vollstndig berzeugt hatten -- dann nahmen
sie die Leiche ab, um, wie John Wells meinte, den Wlfen ihr Recht nicht zu
entziehen.

John untersuchte auch Hendricks Taschen -- er trug drei Uhren, um den Leib
einen selbstgenhten Grtel mit den verschiedenartigsten Schmucksachen und
Goldstcken gefllt, und in der Kugeltasche ebenfalls ein Pckchen Geld,
das noch nicht einmal geffnet schien, wie eine Anzahl loser mexicanischer
Dollar.

Seine Waffen nahmen sie ebenfalls und verlieen dann nach Sonnenaufgang
den schauerlichen Richtplatz, um ihren Weg vor der Hand nach Blumenthal
zurckzusuchen -- mglich da sie, in den bei ihm gefundenen Gegenstnden,
Beweise seines mrderischen Wirkens hatten.

Aber es bedurfte deren nicht mehr. Als sie nach zwei Tagen, die sie
gebraucht, um ihre Pferde wieder aufzusuchen, den kleinen Ort erreichten,
hatte man schon, auf Peters Veranlassung, Hendrick's verlassene Wohnung
untersucht und die zweifellosesten Beweise gefunden, da er an allen
krzlich dort verbten Morden wenigstens betheiligt gewesen, wenn er sie
nicht am Ende gar allein ausgefhrt hatte.

Das noch eingenhte Geld hatte brigens dem alten Fischer gehrt, und
Catharina selber das Pckchen fr ihn zurecht gemacht -- ebenso war eine
der Uhren die seinige gewesen, wie sich auch sein Trauring unter den Sachen
fand.

Was nicht reclamirt wurde, nahmen Jim und John auf ihrem Rckweg nach dem
Fourche-la-Fave mit -- es war ihr wohlerworbenes Eigenthum, so lange sie
nicht die frheren Besitzer auffanden, -- aber Jim litt es nicht lange
in der alten Heimath, die zur viel der schmerzlichen Erinnerungen fr ihn
trug. Auch John zog von dem alten Platz weg, aber nur in ein anderes County
ber den Arkansas hinber und Jim, nachdem er noch Johns Heirath mit seiner
Schwester beigewohnt, setzte sich auf ein, seinen Bruder Bill auf ein
anderes Pferd, und ritt zurck nach Texas, nach der kleinen, abgeschiedenen
Colonie Blumenthal, in welcher er gesonnen war, sich huslich
niederzulassen.

Am Fourche-la-Fave herrschte von da an Frieden -- aber der Frieden des
Grabes. Die Jay-hawkers waren allerdings theils ausgerottet, theils
vertrieben und die Anwohner des kleinen Stromes brauchten keine
Meuchelmrder mehr zu frchten: aber wie viele, wie entsetzlich viele sonst
so friedliche Htten, die glckliche brave Menschen und Familien bargen,
lagen verwstet, zerstrt, eingeschert. Rings umher der Wald war wild
aufgewachsen und dornige Schlingpflanzen berwucherten die frheren
Spielpltze des jungen Volkes.

Krieg und Mord hatten dem armen Land ihr Brandmal aufgedrckt; die wenigen
Hinterbliebenen, ihre Ernhrer und ihren ganzen Reichthum, ihre paar
Khe und Pferde verloren und Armuth und Elend war eingekehrt, wo sonst
glcklicher Frieden und verhltnimiger Reichthum herrschte -- der
wenigstens dem Besitzer Alles das gewhrte, was er zum Leben brauchte und
verlangte, so wenig das auch sein mochte.

Drei Jahre spter ritt John Wells wieder einmal nach Texas hinber, um
Jim Jenkins bei seinem zweiten Sohn zu Gevatter zu bitten, und ihn zu
berreden, nach dem Fourche-la-Fave zurckzuziehen, weil sich die Schwester
so nach den beiden Brdern sehne.

Bill, der ein tchtiger Bursch geworden war, konnte abkommen und zog,
wenigstens auf Besuch, mit zurck; Jim aber nicht. Er hatte im vorigen
Jahre Catharine Fischer, die frhere Braut des Jay-hawkers geheirathet und
-- konnte jetzt gerade die blhende Ansiedlung und sein junges Weib nicht
verlassen.




Knig Zambiri.

Afrikanische Skizze.




Erstes Kapitel.

Der Schooner.


An der ostafrikanischen Kste, aber noch nrdlich vom Aequator, kreuzte
einer jener amerikanischen Schooner die, aus den Yankeestaaten kommend,
Kstenhandel in allen Theilen der Erde treiben und, wenn sie irgend einen
Nutzen dabei zu finden glauben, eben so keck den Strmen vom Kap Horn, wie
den Typhoons des chinesischen Meeres trotzen.

Die Sarah Miles, wie das kleine Fahrzeug hie, war denn auch, mit Zwiebeln,
Wanduhren und Blechwaaren beladen, von Connecticut nach Surinam gegangen,
hatte dort Zucker, Kaffee wie andere tropische Produkte fr Chili
eingetauscht, von da aus Mehl, Wein und Kartoffeln nach der Sdsee gefhrt
und von den Inseln Kokosnul, Perlen und Perlenmuttermuscheln nach
Australien gebracht. In Sydney verkaufte Kapitn Oacutt diese Ladung sehr
vortheilhaft an ein deutsches Handlungshaus und tauschte dafr theils
Waaren fr den afrikanischen Markt ein, theils nahm er bessere Sachen fr
die Kapstadt mit, um von dort echten Kapwein, oder was er sonst erhalten
konnte, zurck in sein Vaterland zu fhren.

Natrlich konnte er aber unterwegs der Versuchung nicht widerstehen, zuerst
einmal ein paar der kleinen Knigreiche an der Ostkste anzulaufen. Dort
war jedenfalls noch ein Geschft mit den uncivilisirten Wilden zu machen,
es mute wenigstens versucht werden, und mglich ja, da sich Elfenbein,
Gold, Gummi und wie die werthvollen Produkte dieses Himmelsstrichs alle
heien, um einen Pappenstiel erstehen lieen.

Hier befand sich aber Kapitain Oacutt -- in dem, was die geographischen
Verhltnisse dieser Lnder betraf -- vllig aus seinem Fahrwasser, denn er
hatte wohl eine ausgezeichnete Karte von Connecticut an Bord, auch ein
paar andere, alt gekaufte von dem Hoogly, San Franzisco, Rio de Janeiro und
anderen Kstenstrichen. Wie es aber mit den Hafenpltzen jenes Erdstrichs
aussah, dem er gerade entgegen hielt und ob er sich hier einem schon
theilweise civilisirten oder noch vollkommen wilden Volke gegenber
befinde, davon wute er kein Wort und, aufrichtig gesagt, kmmerte sich
auch nicht darum.

Wenn er nur Menschen dort fand, mit denen er Handel treiben konnte, und die
etwas des Handels Werthes besaen, alles Uebrige fand sich von selbst, und
Gefahren? Bah! seine Amerikaner, die er an Bord hatte, frchteten sich vor
dem Teufel nicht, viel weniger vor einer Horde nackter, schwarzer Wilden.

Die Sarah Miles fhrte auch in der That eine fr ein so kleines Fahrzeug
sehr starke Besatzung, und zwar schon der groen Schoonersegel wegen, mit
denen nicht so leicht hantiren ist, wie mit Raasegeln. Auerdem war dem
Kapitain in Sydney angerathen worden, sich an der afrikanischen Kste
vorzusehen, da jenen Vlkerstmmen nie zu trauen sei, und er hatte dort
noch vier, einem Wallfischfnger entsprungene Matrosen, junge, krftige
Bursche, dazu geworben. Mit Waffen war er berdies reichlich versehen,
sogar mit einer vortrefflichen Drehbasse, die vorn auf seinem Bug stand,
und sich deshalb bewut, nichts versumt zu haben, um einer mglichen
Gefahr auch krftig zu begegnen.

Uebrigens hatten sich diese Vorsichtsmaregeln bis jetzt als sehr nutzlos
erwiesen, denn er sichtete, von Australien bis hieher, nicht ein einziges
Mal Land und bekam dehalb auch keine Prouen, Dschunken, Kanoes, oder was
sonst noch auf Raub ausgeht, zu sehen. Ein paar Mal bemerkte er allerdings
Segelschiffe: friedliche Kauffahrer, die vielleicht zwischen Indien und
dem Kap fuhren. Diesen gefiel aber wieder der Schooner mit seinen keck
gestellten Masten nicht, und sie machten gewhnlich, da sie ihm aus dem
Weg kamen, whrend Kapitain Oacutt nicht das geringste Interesse hatte, sie
aufzusuchen. An denen war nichts zu verdienen; das wute er aus Erfahrung
gut genug, und er steuerte sich ihretwegen auch nicht einen halben Strich
aus seinem Kurs.

Mit einer allerdings sehr schwachen, aber doch gnstigen Brise glitten
sie so durch das tiefblaue Wasser des Ozeans und der Kapitain schaute
sehnsuchtsvoll nach Land aus. Seiner Berechnung nach htten sie nmlich
unter der Lnge, die ihm sein Chronometer angab, schon ein paar Meilen in
Land auf der afrikanischen Kste sitzen mssen -- Gott nur wute, welche
Zeit der hielt, -- und noch war nicht einmal ein Ufer zu erkennen. Die
ganze Nacht mute dehalb auch doppelte Wache an Bord bleiben, um, wenn
sie nichts sehen konnten, nach der Brandung auszuhorchen, aber sie konnten
ungestrt ihren Weg fortsetzen, und erst am andern Morgen mit Tagesanbruch
kndete der frohe Ruf der Leute: Land!

Sie muten auch in der Nacht ziemlich nahe hinangekommen sein, denn
deutlich lie sich schon ein erhhtes und waldiges Ufer erkennen, das
verschiedene Einschnitte zeigte; welchem Theil der Kste es aber angehre,
war schwer zu bestimmen, denn Kapitain Oacutt hatte, wie gesagt, keine
Spezialkarte von Afrika an Bord und verlie sich, im Auffinden von
gnstigen Landungspltzen, wie gewhnlich auf sein gutes Glck.

Die Brise frischte jetzt etwas auf, und um zehn Uhr etwa waren sie so nahe
gekommen, da sie schon mit bloen Augen Menschen auf dem weien Uferstrand
erkennen konnten. Rauch stieg an vielen Orten auf, und die Gegend schien
jedenfalls bevlkert.

Der Kapitain stand vorn auf der Back seines Schooners, das Fernrohr in der
Hand, um wo mglich einen Landungsplatz zu finden, aber er bemerkte, da
die Eingebornen den Strand entlang, mehr in einer nrdlichen Richtung
liefen und errieth leicht die Ursache. An jenem Punkt, auf welchen sie
zuhielten, lag wahrscheinlich kein gnstiger Ankergrund, aber wohl
weiter oben. Ohne sich auch lange zu besinnen, gab er Ordre, den Kurs des
Fahrzeugs dahin zu ndern, und rief einen Mann vorn in die Rsteisen, um
das Loth zu werfen, damit sie sich nicht in zu seichtes Wasser wagten, --
hatte das Meer doch hier schon eine mehr gelbliche Frbung angenommen.

Der Schooner gehorchte rasch dem Steuer, und auch die Eingebornen schienen
mit der neuen Richtung einverstanden, denn sie hatten grne Zweige
abgebrochen und schwenkten sie in der Luft, ein Zeichen, da sie die
Fremden freundlich empfangen und friedlich mit ihnen verkehren wollten. Man
darf jedoch diesen wohlwollenden Manifestationen nicht immer unbedingten
Glauben schenken, denn es giebt auch verrtherische Stmme, die dadurch
Beute heranzulocken suchen, hnlich wie irische Stranddiebe Nachts durch
falsche Signale Fahrzeuge verfhren, an die gefhrliche Kste anzulaufen.

Kapitain Oacutt traute auch diesen signalisirenden Betheurungen nicht
weiter als nthig; d.h. er nahm sie nur fr einen Beweis von Hflichkeit,
und erwiederte dieselbe damit, da er seine Flagge aufzog. Zugleich
beschlo er aber, dem Land nicht nher als nthig zu kommen, ehe er nicht
die Aufrichtigkeit der Eingebornen erprobt habe, auch nicht etwa gleich
fest vor Anker zu gehen, sondern, wenn nahe genug, ein Boot abzuschicken
und dann langsam dort auf und ab zu kreuzen. Dadurch behielt er nicht
allein sein kleines Fahrzeug vollstndig in der Gewalt, sondern konnte
auch seinem Boot, wenn es etwa nthig werden sollte, rasche Hlfe bringen.
Auerdem befand er sich hier noch immer in einigen zwanzig Faden Wasser,
also in einer Tiefe, bei der er nicht die geringste Gefahr lief.

Fr das Boot, das sein Steuermann fhren sollte, wurden jetzt Freiwillige
aufgerufen, und diese selber vorsichtigerweise bewaffnet, um sich im Fall
der Noth vertheidigen zu knnen. So liefen sie, vollstndig bereit, es
jeden Augenblick nieder zu lassen, direkt gegen die Kste, und bis fast in
fnf Faden Tiefe hinan und erwarteten eben den Befehl zum vom Bord gehen,
als der Mann am Steuer ein Kanoe bemerkte, das eben vom Ufer aus in Sicht
kam und augenscheinlich zu ihnen heraus wollte. -- Das mute jedenfalls
abgewartet werden, denn man sah da gleich, mit wem man es zu thun hatte;
auch lag in dem Besuch nichts Auerordentliches. Freuen sich doch diese
wilden, nur auf ihre eigenen Erzeugnisse angewiesenen Stmme jedesmal, wenn
sie auf eine solche Art mit irgend einem fremden Fahrzeug in Verbindung
treten knnen, da ihnen dieses doch immer viel Neues und oft auch
Ntzliches bringt. Was sie selber dafr an Werth geben muten, rechneten
sie nicht, denn es waren stets Sachen, die sie leicht wieder ersetzen
konnten, und doch wie schmhlich wurden sie dabei betrogen. Was fr
glnzende Geschfte hatte Oacutt auch schon in der Sdsee gemacht, wo er
fr Tabak und Branntwein, fr Kattun, Tant, werthlose Knpfe, ja oft
fr abgebrochene Ngel Kokosnul und nicht selten kostbare Perlen
eingetauscht. Dieser Stamm war keinenfalls klger als die dortigen, und
ein Sortiment derartiger Dinge auch dehalb schon hervorgesucht und bereit
gelegt.

Das herankommende Canoe sah indessen nicht so aus, als ob es einen Handel
erffnen sollte. Es fhrte nur vier Mann an Bord. Einer sa am Steuer, zwei
ruderten und der vierte stand, mit einem grnen Busch in der Hand, vorn im
Bug. Sie waren smmtlich nackt, nur mit einem blauen Schurz um die Lenden
bekleidet und gaben die schwarzen Wollkpfe trotzig der Sonne preis,
schienen aber keine Waffen zu tragen und eher eine Art von Gesandtschaft,
die heraus beordert wurde, um vielleicht einmal zu erfahren, welche Waaren
die Fremden brchten und was sie dafr verlangten. Jedenfalls blieb es
gerathen, sie freundlich zu empfangen, und der Kapitn befahl dehalb,
die Fallreepstreppe hinab zu lassen, damit sie bequemer an Bord steigen
konnten.

Die Leute im Kanoe muten auch diese Erleichterung schon kennen, denn
der Steuernde hielt rasch darauf zu, aber man konnte nicht sagen, da
sie neugierig seien, denn nur Einer von ihnen, der mit dem grnen Busch,
ergriff dieselbe und lief daran empor. Die Uebrigen blieben im Kanoe,
ergriffen nur die Taue und hielten sich fest, um nicht von dem, jetzt
allerdings nur wenig Fortgang machenden Fahrzeug zurckgelassen zu werden
und ihren Mann zu verlieren.

Der Botschafter blieb indessen noch immer, mit seinem Busch in der Hand,
oben an Deck stehen, und schien vorher eine Einladung abzuwarten, um nher
zu treten, zeigte aber keine Furcht und schaute sich ruhig und gleichmthig
an Bord um. Kapitn Oacutt war brigens in Verlegenheit, wie er sich
dem schwarzen Burschen verstndlich machen sollte, denn an Bord kannte
natrlich Niemand die Sprache dieses Volkes. Um aber seinen guten Willen
zu zeigen, nahm er ein groes Stck Kautabak in die eine, ein Glas mit
Branntwein in die andere Hand und ging damit auf den Botschafter zu. Den
Tabak mute dieser auch kennen, denn sein schwarzbraunes Gesicht verklrte
sich ordentlich, als er ihn sah, und er griff rasch danach. Nicht so nach
dem Branntwein. Vorsichtig roch er vorher an das Glas, schob es dann zurck
und sagte in gebrochenem, aber doch verstndlichem Englisch: Danke -- ich
nicht Feuer trinken -- bs -- sehr bs!

Alle Wetter! rief Kapitn Oacutt erfreut aus, Du sprichst amerikanisch,
mein Bursche? Das ist famos. Und was bringst Du uns?

Bringen? sagte der Eingeborne erstaunt, ich soll was bringen? Dafr
schickt mich der Knig her, da Du was bringen sollst. Geschenke, wie es
bei uns blich ist; dann erlaubt er Dir auch, da Du landen und zu ihm
kommen darfst.

Unendlich gndig, lachte Oacutt, und vorher drfen wir nicht?

Nein, sagte der Schwarzbraune ganz ernsthaft, indem er ein Stck von
seinem Tabak abbi.

Der Amerikaner schttelte mit dem Kopf. Der Abgesandte selber sah
allerdings nicht so aus, als ob es in seinem Lande viel Werthvolles zu
verhandeln gbe, oder die Eingebornen irgend welche Bedrfnisse htten. Er
ging, bis auf den blauen Schurz, vllig unbekleidet, und trug auch nicht
die Spur von Schmuck oder sonstigem Zierrath, viel weniger denn von Gold an
sich. Lohnte es berhaupt der Mhe, sich mit diesem Volk einzulassen? Aber
der Versuch mute jedenfalls gemacht werden, denn der Weg, den sie dazu
hierher gekommen, war zu weit und lang gewesen. Er brauchte auch Frchte
und frisches Fleisch, um seinen Leuten eine Vernderung der Kost zu
gewhren, und dann erfuhren sie dort vielleicht etwas ber die benachbarten
Kstenstriche, und wo es am Vortheilhaftesten sein wrde, anzulaufen, um
die werthvollsten Produkte dieses Welttheils einzutauschen und berhaupt zu
finden.

Der Eingeborne, eine schlanke, krftige Gestalt, der eben so hier
hergekommen schien, wie er heute Morgen von seinem Lager aufgesprungen
sein mochte, und nur sein schwarzes Wollenhaar in unzhlige kleine Zpfe
geflochten und an den Spitzen mit einem weien Baumwollfaden umwickelt
hatte, erwartete indessen in aller Ruhe die Antwort des Kapitns. Whrend
er selber fast regungslos blieb, rollte er das Weie seiner Augen nach
allen Seiten des Decks. Er war sich jedenfalls seiner Wrde als Abgesandter
bewut und durfte sich nichts vergeben.

Kapitn Oacutt hatte aber sein Boot ja schon bereit liegen, und es galt nur
jetzt noch, die verlangten Geschenke fr den Knig, die er allerdings nicht
fr nthig gehalten, beizufgen. Das konnte rasch geschehen sein, und der
Bote bekam dehalb die Antwort, sie wrden nicht versumen, den Knig zu
begren und hofften dann einen freundschaftlichen Verkehr mit dem Lande
herzustellen. Der Schwarze nickte auch blo mit dem Kopf, drehte sich dann
um, stieg die Treppe wieder hinab, und wenige Sekunden spter blieb das
Kanoe zurck und hielt dem Lande zu.




Zweites Kapitel.

Knig Zambiri.


Kapitn Oacutt ging jetzt augenblicklich daran, das auszusuchen, was er dem
Oberhaupt der Wilden als Einfhrungsgeschenk berschicken wollte. Er zeigte
sich aber nicht besonders whlerisch darin, denn er wute aus Erfahrung,
da man einen derartigen Huptling nicht gleich von Anfang an verwhnen
durfte, sonst wurde er gierig auf mehr, und ein eintrglicher Handel war
unmglich.

Am Liebsten wre er freilich selber mit an Land gefahren, aber er durfte
als Kapitn das Schiff nicht verlassen, und sein Steuermann war wohl
auf See tchtig, und dabei keck und unerschrocken und nicht so leicht
eingeschchtert, aber doch kaum gewandt genug, wo irgend eine Form
erfordert wurde. Da erbot sich Doktor Spruce, ein junger Irlnder, den
er als Passagier von Sydney nach der Kapstadt mitgenommen, das Boot zu
begleiten, war es doch auch eine Unterbrechung der monotonen Seefahrt,
und kurze Zeit danach, nachdem das Kanoe wieder zwischen den Bschen
verschwand, folgte ihm die Jlle.

Uebrigens ging die Mannschaft ganz ordentlich bewaffnet; der Steuermann wie
der Doktor trugen ihre Revolver, und die Matrosen hatten Jeder einen
kurzen Schiffscutla im Boot liegen und ein doppellufiges Pistol im Grtel
stecken, konnten sich also schon die Feinde im Nothfalle vom Leib halten.

Der Schooner drehte, wie ihn das Boot verlassen, etwas vom Ufer ab, denn
sie waren dem Lande schon fast zu nahe gekommen. Er konnte ja dort auf und
ab kreuzen, bis die Leute zurckkehrten und ihm Bericht abstatteten. Lohnte
es dann der Mhe und hielt man sich fr sicher genug, so war es noch immer
Zeit, vor Anker zu gehen und einen Tauschhandel zu erffnen. Unter der Zeit
segelte das Boot mit leichter Brise dem nicht mehr so fernen Land entgegen,
und es ist fr den Seefahrer stets ein eigenthmliches Gefhl, in solcher
Weise eine fremde, von wilden oder doch wenigstens uncivilisirten Stmmen
bewohnte Kste zu betreten. Gibt man sich doch immer dadurch mehr oder
weniger in die Gewalt oft sehr zweifelhafter Horden. Aber es hat auch
wieder einen ganz eigenthmlichen Reiz, den Reiz der unbekannten Gefahr
_mit_ der Sehnsucht, die der Matrose stets nach festem Lande trgt, wenn er
sich gar zu lange Zeit auf Salzwasser herumgetrieben. Er will wieder einmal
den blauen Himmel durch Gestruch und Baumzweige, nicht mehr durch das
Gewirr seiner Taue betrachten. Er will Vgel und Frauenstimmen hren, sich
an einer frischen Quelle satt trinken und die reife saftige Frucht selbst
vom Ast pflcken; da ihn dabei der Speer oder Pfeil eines Wilden bedrohen
knne, kmmert ihn wenig -- wenigstens nie genug, um den Versuch nicht zu
wagen.

So betrachteten auch jetzt die anfahrenden Seeleute das immer deutlicher
heraustretende Land mit steigendem Interesse, und nichts entging ihren
sphenden Blicken. Schon konnten sie einige niedere Htten erkennen und
hielten diese Anfangs fr die Hafenstadt, aber je nher sie kamen, desto
mehr schob sich das Land auseinander, und nach rechts hinein ffnete
sich pltzlich eine gerumige Bucht, an deren Rand, unter Palmen und
hochstmmigen Laubbumen, eine dichte Gruppe von Husern stand.

Allerdings boten diese auch ein reizendes Landschaftsbild; denn das
frische, saftige Grn der Baumwipfel mischte sich freundlich mit dem
Graubraun der wunderlich geformten Dcher und dazwischen wirbelte der blaue
Rauch langsam in die Hhe. Aber das Auge der Seeleute verlie im Moment das
lndliche Bild und haftete auf einem anderen Gegenstand, der fest am Ufer
und halb noch vom Gestruch verdeckt in diesem Moment erst sichtbar wurde
-- einem Wrack.

Die Ueberreste eines verloren gegangenen Fahrzeugs sind fr den Seemann
immer von Interesse, denn unwillkrlich erinnern und mahnen sie ihn daran,
da sein eigenes Seeboot ein hnliches Schicksal treffen kann. Hier aber
drang sich ihnen unwillkrlich die Frage auf: Wie nur das Wrack dort
hingekommen, wo es lag? Denn gestrandet konnte es an jener Stelle ganz
unmglich sein. Wrde ja doch kein Seemann der Welt mit seinem Fahrzeug in
diese landumschlossene und ziemlich seichte Bucht eingedrungen sein, ohne
vorher genau zu untersuchen, wie weit er sich vorwagen knne. Ebensowenig
konnte es ein Sturm, die auerdem nie in der unmittelbaren Nhe der Linie
wthen, herein verschlagen haben, denn dafr trat die eine Landspitze
viel zu weit vor. Hatten die Eingebornen das Fahrzeug etwa berfallen,
geplndert und hiehergeschleppt? Dann stand ihnen selber auch kein
freundlicher Empfang bevor und fast unwillkrlich warf der Steuermann den
Blick zurck, die Mglichkeit eines Rckzugs zu berschauen.

Dafr zeigten sich freilich im Augenblick schlechte Aussichten, denn
erstlich waren sie mit der Brise eingelaufen, dann fhrte sie die steigende
Fluth rasch in die Bucht hinein und auerdem bemerkte er auch jetzt, da
sich vier oder fnf Kanoes mit Eingebornen hinter ihnen vom Lande abgelst
hatten und ihnen folgten. Und sollten sie jetzt pltzlich Furcht zeigen?
Nein! der Steuermann besa berdie kecken Muth genug, sich nicht durch
eine, nur erst drohende Gefahr einschchtern zu lassen, und beschlo zu
thun, was er eben nicht mehr vermeiden konnte -- gerade voraus zu halten,
in die Bucht hinein.

Sie passirten jetzt das Wrack! Was es gewesen, lie sich nicht leicht
erkennen, denn die Masten fehlten und nur an einigen Stellen hing noch das
strkere Takelwerk unordentlich ber Bord. Dem Steuermann schien es eine
Brigg gewesen zu sein; er gab sich aber umsonst Mhe, den Namen heraus zu
bekommen, denn obgleich es mit dem Stern der Bucht zu lag, schienen
die Eingebornen das dort gewhnlich angebrachte Namensbret entweder
herausgeschlagen oder unleserlich gemacht zu haben, muten also wissen, da
man daran das Schiff erkannt htte, und fhlten sich also auch nicht ganz
rein bei der Sache.

Steuermann, brummte der Doktor, als sie vorberglitten, dort liegt
ein Memento Mori, eine Art von Todtenkopf und die alten Planken wrden
vielleicht viel zu erzhlen wissen. Ein Glck, da wir nicht gleich mit dem
Schooner vor Anker gegangen sind.

Bah, sagte der Steuermann, der sich nicht wollte merken lassen, da
er eben erst ganz hnliche Gedanken gehabt; vom Schooner sollen sie die
Fuste schon lassen.

Hm, ja -- vielleicht -- aber von uns?

Und was wre bei uns zu holen? Nichts als heies Blei! lautete die
ziemlich mrrische Antwort. Zum Teufel auch, Kamerad, wenn Ihr Euch
frchtet, httet Ihr an Bord bleiben sollen.

Frchten? lachte der Doktor; ich habe wohl schon davon gehrt, wei aber
nicht, was es bedeutet, und der Erfolg wird es lehren. Ich wre auch der
Letzte, der zurckginge, also vorwrts, Mate, wir sitzen einmal drin und
mssen die Geschichte jetzt auch zu Ende fhren.

Und dort ist die Landung! rief der Steuermann, als er jetzt am Ufer
eine Anzahl dunkler Gestalten bemerkte, die ihnen grne Bsche
entgegenschwenkten und damit zu winken schienen.

Hier bildete das Ufer wieder einen kleinen Einschnitt, aber es war
augenscheinlich, da sie den eigentlichen Landungsplatz des Ortes erreicht
hatten, denn acht oder zehn Kanoes lagen dort ebenfalls angebunden, und
Trupps von Mdchen, Frauen und Kindern schienen auch schon an jener Stelle
die Ankunft der Fremden zu erwarten. Der Steuermann hatte ebenfalls
ihren Dolmetsch am Ufer erkannt, jenen Burschen, der bei ihnen zum Besuch
gewesen, und mit Recht vermuthend, da dort der Punkt sei, wo man ihn
erwarte, lenkte er den Bug seiner Jlle direkt auf ihn zu. Im nchsten
Moment scheuerte ihr Kiel den Sand, und Einer der Leute, unbekmmert um den
Schwarm, der drauen stand, sprang an Land, um das Springtau zu befestigen.

Der Doktor hatte sich inde die Eingebornen betrachtet und sich eben nicht
besonders ber ihr Aussehen gefreut. Sie gingen fast smmtlich bis auf
den Schurz nackt. Nur die jungen Mdchen trugen noch ein oft phantastisch
herausgeputztes Tuch um die Schultern und Schmuck -- Glasperlen und
Goldtand -- in den Ohren und den knstlich und mhsam zusammengeflochtenen
Haaren, und Einige von ihnen konnten sogar fr hbsch gelten, wren die
Lippen nicht so aufgeworfen gewesen. Die Mnner sahen aber entschieden
hlich aus: mager und grobknochig, mit einem scheuen, mrrischen,
gedrckten Wesen. Viele von ihnen trugen auch Waffen: lange, spitze und
dnne Wurfspeere oder Keulen, und Einige von ihnen groe geflochtene
Schilde, und auf den Schultern und Armen eine hliche Art von Tttowirung,
welche die betroffenen Stellen wie aufgeschwollen erscheinen lt.
Feindliche Absichten schienen sie aber nicht zu hegen, denn selbst die
Bewaffneten verhielten sich vollkommen ruhig und sogar theilnahmlos und
standen nur in ungeordneten Gruppen umher, mglich um die Landung der
Fremden zu berwachen.

Der Steuermann htte nun am Liebsten seine ganze Mannschaft mit an Land
genommen, denn es war ihm nachdem er erst einmal das Wrack gesehen, kein
angenehmes Gefhl, sein kleines Hufchen noch zu trennen. Aber er durfte
das Boot auch nicht ohne Wache zurcklassen. Wer wute denn, was das
Gesindel indessen damit vorgenommen htte. Drei Mann gengten inde dazu
vollkommen und er mit dem Doktor wollten dann ihren Besuch bei dem
Knige machen, whrend der Jngste von den Matrosen das braunlackirte
Blechkstchen tragen konnte, in welches Kapitn Oacutt die Geschenke fr
Seine Majestt gethan.

Der Schwarze, der zugleich als ihr Fhrer ausersehen schien, hatte inde
ruhig neben ihnen gestanden und sie betrachtet, jetzt aber, als der
Steuermann ihn anrief, voran zu gehen und ihnen den Weg zu zeigen, sagte er
erstaunt: Ja, Freund, wo hast Du denn die Geschenke fr den Knig?

Nun, in dem Kasten da! erwiederte der Seemann.

Und das ist Alles? rief kopfschttelnd der Schwarze. Unser Knig ist
gro und mchtig; er wird ber das Wenige hinwegsehen.

Er soll zu Gras gehen! brummte der Steuermann leise vor sich hin, setzte
aber laut hinzu: Und weit Du denn, was da drinnen ist, Wollkopf?

Nein, antwortete dieser etwas verblfft; wie kann ich's wissen -- ich
habe ja nicht hineingesehen.

Also vorwrts marsch, da wir weiter kommen und das Mittagessen nicht
versumen, nickte ihm der Steuermann zu und ihr Fhrer schien jetzt
ebenfalls damit einverstanden. Wer wute in der That, was fr kostbare
Dinge der kleine Kasten enthielt -- der Weie hatte recht. Erst mute man
es sehen, ehe man urtheilen konnte. Er schritt langsam, von den Fremden
gefolgt, gerade auf den Schwarm von Mdchen und Frauen zu, die aber scheu
zur Seite wichen und Raum gaben, wodurch sie eine Art von lebendiger Gasse
bildete, und die Amerikaner sahen jetzt ein niederes aber breites Gebude
vor sich, auf welches sie direkt zuhielten.

War das wirklich das Palais, so wohnte Seine Majestt allerdings sehr
bescheiden, konnte aber dehalb natrlich doch von jeder orientalischen
Pracht umgeben sein. Wie oft bargen in solchen wilden Lndern schlichte
Rindendcher die bedeutendsten Schtze, und wer es da verstand, machte
leicht bessere Geschfte, als in den grten Stdten und Hafenpltzen.
Vergebens suchten aber sowohl der Doktor wie Steuermann einen Ueberblick
ber die Stadt selber zu gewinnen, denn die Wohnungen lagen nicht in
geraden Straen, sondern unordentlich durcheinander und meist so in
Gebschen und Fruchtbumen versteckt, da man nur hie und da einzelne
Huser und Dachspitzen zwischen Bananenhainen und Palmenwipfeln
durch erkennen konnte. Es blieb ihnen berdie keine lange Zeit, sich
umzuschauen, denn eben betrat ihr Fhrer die Schwelle des niederen Gebudes
und winkte ihnen dabei zu folgen. Eine vorherige Anmeldung wurde also nicht
fr nthig befunden.

Sie fanden jedoch bald, da die Htte mit ihrem rmlichen Aeuern dem
Innern vollkommen entsprach. Sie war von Pfhlen und Reisig gebaut, luftig
allerdings genug und dem heien Klima zusagend und nur mit einem guten
dichten Dach bedeckt, schien aber sonst sehr drftig ausgestattet und
enthielt nur einige Stcke europischer Ausstaffirung, auf welche die
Seeleute Anfangs jedoch nicht achteten, weil eine merkwrdige Gruppe im
Mittelpunkt der Htte ihre Aufmerksamkeit vllig in Anspruch nahm.

Auf einem dort ausgebreiteten Lwenfell -- sonst aber auf der blanken
Erde -- lag nmlich ein groer, schwarzer, unfrmlicher, aber lebendiger
Klumpen, dem selbst der Doktor nicht gleich eine bestimmte Form und Gestalt
geben konnte, whrend oben darauf ein kleiner, schlanker, kaffeebrauner
Bursche, die Arme in die Seite gestemmt, gymnastische Uebungen auszufhren
schien, denn er stieg und tanzte darauf herum, obgleich es eine
Geschicklichkeit zu erfordern schien, das Gleichgewicht dabei zu erhalten.

Links in der Ecke balgte sich eine Anzahl von Kindern unter der Aufsicht
von zwei jungen Mdchen, ohne indessen von dieser Produktion weitere Notiz
zu nehmen, und der Doktor besonders gab sich die grte Mhe, nur erst
einmal herauszubekommen, was er da eigentlich vor sich habe und was es
bedeute. Aber es dauerte nicht lange, so begann er, trotz dem in der
Htte herrschenden Dmmerlicht, doch einige Umrisse an dem Klumpen zu
unterscheiden, der sich bald als ein wirklich menschliches Wesen, wenn
auch in wunderlicher Verunstaltung, herausstellte. Da war in der That ein
dicker, wolliger Kopf, da war etwas, das wie Beine und Fe aussah, wenn
auch nur im krzesten aber dicksten Mastab -- alles Uebrige mute aber
Krper oder Rcken sein, denn das merkwrdige Geschpf lag, wie er jetzt
bemerkte, auf dem Bauch, und der kleine gelenke Bursche tanzte eine Art von
Menuet auf seinem Rckgrat.

Erstaunt sahen sich der Steuermann und Doktor, whrend der Matrose mit
offenem Mund daneben stand, nach ihrem Fhrer um, dieser winkte ihnen aber
mit der ernsthaftesten Miene von der Welt zu, ruhig zu bleiben, und deutete
dabei ehrfurchtsvoll auf den schwarzen, nackten Fleischklumpen. -- War das
etwa der Knig?

Der Dicke schien sich indessen unter der Operation sehr behaglich zu
fhlen; er sthnte ein paar Mal vor Vergngen und fing dann an, erst die
Arme und dann die kurzen Beine auszustrecken, wlzte sich auch bald ein
wenig nach der, bald nach jener Seite, so da der kleine Bursche ungemein
aufpassen mute, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und herabgeworfen
zu werden.

Endlich schien aber der Kolo befriedigt; er grunzte fast vor Wonne, und
nachdem er dem Kleinen etwas zugerufen, wornach ihn dieser noch ein paar
Mal krftig in's Genick trat und dann absprang, richtete er sich pltzlich
in die Hhe, so da er, den Fremden unmittelbar gegenber, auf das Fell zu
sitzen kam. In diesem Augenblick mute er auch zum ersten Mal den Besuch
bemerken, denn er sah sie einen Moment so verdutzt an, da besonders der
Doktor ein herauswollendes Lachen kaum verbeien konnte. -- Ob er sich
vielleicht genirte, bei seinem Tretbad von den weien Mnnern beobachtet
worden zu sein? Das war wohl kaum der Fall, inde gewann er seine Fassung
sehr bald wieder. Er winkte dem Knaben und rief ihm ein paar Worte zu,
wonach ihm dieser eine Art von Oberhemd aus rothem Kattun berwarf, was
seine Toilette beendete. Dann redete er den Dolmetsch an.

Dieser machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, nahm ohne Weiteres dem
Matrosen das Blechkstchen ab und setzte es neben sein Oberhaupt nieder.
Dem Steuermann entging auch der ungndige Blick nicht, den dieser darauf
warf, sich dann aber doch herablie, es zu ffnen und hineinzuschauen. Der
Doktor behielt indessen Mue, ihn etwas nher zu betrachten, und mute sich
gestehen, in seinem ganzen Leben noch kein hnliches menschliches Wesen
gesehen zu haben.

Der kleine dicke Bursche, wie er da vor ihm sa, konnte kaum mehr als vier
Fu hoch sein und war dabei in der That lauter Bauch. Ja es sah ordentlich
aus, als ob der Kopf, ohne auch nur einen Zollbreit Hals zu gestatten, fest
und tief in den unfrmlichen Krper hineingeschraubt worden wre. Beine
und Arme zeigten sich dazu von ganz unmiger Dicke und an Gewicht mute er
wenigstens drei Centner wiegen -- wenn nicht noch mehr. Frisirt schien
er an dem Morgen nicht zu sein, die Haare standen ihm in struppigen, fest
ineinander gerollten Wollbscheln nach allen Seiten hinaus und aus
dem dicken, fettglnzenden Gesicht stierten ein paar kleine, wie
zusammengekniffene Augen eben nicht besonders freundlich bald die Fremden,
bald seinen Dolmetsch, bald den eben geffneten Blechkasten an. Sein Inhalt
beschftigte ihn aber doch vor der Hand am Meisten, und er schien das
Gebrachte auch nicht etwa als ein Geschenk, sondern vollkommen als Tribut
zu betrachten, fr den er sich natrlich nicht zu bedanken brauchte.

Der dicke Bursche mute brigens schon fters mit weien Fremden verkehrt
haben, denn der Steuermann, der sich jetzt etwas nher in dem Gemach
umsah, bemerkte eine Menge von Dingen, die ihm nur Europer oder Amerikaner
gebracht haben konnten. Dort drben war an der Reisigwand ein Spiegel in
Goldrahmen aufgestellt, der genau so aussah, als ob er frher einmal in der
Kajte eines Fahrzeugs gehangen; in der einen Ecke lagen Sophapolster, mit
dem Ueberzug aber schon lange heruntergefault; dann standen in der Ecke
mehrere Musketen mit Bajonneten und daneben einige Schiffscutlasse, whrend
ein sauber gearbeitetes Mahagonischrnkchen mit Perlmutterschlo ebensogut
frher in eine Kajte gehrt haben konnte, denn Messingbgel waren jetzt
noch daran zu erkennen.

Der Dicke indessen, der das geffnete Kstchen eine Weile halb neugierig,
halb mitrauisch betrachtet hatte, griff jetzt hinein und zuerst nach
einer oben aufliegenden langen Tafel Kautabak, an der er roch und sie
dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte. Die Kinder, die gesehen
hatten, da es dort irgend etwas Neues gab, kamen jetzt herbeigelaufen. Sie
waren smmtlich in dem Alter von etwa fnf bis neun Jahren und gingen, wie
das bei solchen Stmmen gewhnlich der Fall ist, bis an den Hals barfu߫.
Auch ihre Wrterinnen, die ihnen schon folgen muten, kamen nher; sie
waren ebenfalls neugierig geworden.

Unter dem Tabak fand Seine Majestt jetzt eine groe, dicke, aber unechte
Uhrkette, auf welche sich der Kapitn, als er sie in den Kasten legte,
nicht wenig zu Gute gethan. Der Knig griff auch rasch danach, hatte sie
aber kaum in die Hand genommen, als er sie schon mitrauisch betrachtete,
dann -- wie den Tabak vorher -- an die Nase hob und scharf und lange daran
roch. Die Untersuchung mochte aber nicht zu ihren Gunsten ausgefallen sein,
denn er schttelte mit dem Kopf und warf sie dann -- ohne sie weiter eines
Blickes zu wrdigen -- verchtlich unter die Kinder, die jubelnd darber
herfielen.

Das abgemacht, griff er zwischen die andern Dinge hinein, schien aber
nicht viel Trstliches herauszufischen: ein paar bunte, aber baumwollene
Taschentcher -- ein paar Schnre Glaskorallen -- einen kleinen Spiegel im
Futteral -- eine Scheere, und mde des nutzlosen Suchens drehte er endlich
in etwas summarischer Weise den Kasten um, schttete den ganzen Inhalt
auf die Decke und whlte in den Dingen, die Kapitn Oacutt als Kostbarkeit
eingepackt, geringschtzig mit dem rechten Fu herum. Es zeigte sich auch
in der That nichts darunter, was er htte gebrauchen knnen oder mgen;
nur eine kurze Tabakspfeife nahm er noch fr sich und schob dann den ganzen
Plunder mit seinem dicken Bein den Kindern zu.

Von der Gelegenheit suchte auch eine der Bonnen Nutzen zu ziehen und
griff nach einer Schnur hellblauer Glasperlen, aber ihr Herr und Gebieter
war -- unglcklicherweise fr sie -- nicht in der Laune, irgend eine
Vertraulichkeit zu gestatten. Er schlug mit der rechten Hand aus und traf
das arme Mdchen so derb gegen den Nacken, da sie wie betubt zur Seite
taumelte und dann leise wimmernd aus dem Wege kroch. Der kleine Tyrann nahm
aber keine Notiz von ihr -- er war rgerlich geworden. Sollten das etwa
Geschenke fr einen Knig sein, wie sie ein fremdes Schiff ihm als Tribut
bringen mute? Wollten die Weien ihn verhhnen? Und zornig wandte er sich
an den Dolmetscher, der achselzuckend und gebckt, als ob er die Stellung
schon einmal von einer deutschen Hofschranze abgesehen, ihm gegenberstand
und die Vorwrfe geduldig und demthig mit anhrte. Kaum aber hatte der
Knig geendet, als er sich auch, jetzt selber zornig und seinen Monarchen
reprsentirend, an die Fremden wandte und all' die Vorwrfe mit fast
schreiender Stimme wiederholte, die er eben mit angehrt. Der Sinn der
Rede war etwa folgender: Aus welchem Lande kommt ihr, da ihr glaubt, ihr
drftet dem Frsten eines Volkes Kinderspielzeug zum Geschenk bringen? Geht
fort und kehrt nicht eher zurck, bis ihr mit einer wrdigen Gabe nahen
knnt.

Alle Wetter! rief der Steuermann berrascht aus, wie mir scheint, mt
ihr selber hier sehr reich sein, wenn ihr das, was in unserem Lande als
Kostbarkeit gilt, so verchtlich bei Seite werft. Wir geben, was wir haben,
und es ist mglich, da wir Sachen an Bord finden, die Deinem Knig noch
besser gefallen, aber dann mssen wir auch vorher wissen, was ihr uns zum
Handel bieten knnt und ob es der Mhe lohnt, mit euch zu verkehren.

Der Dolmetsch bersetzte, was ihm der kecke Fremde gesagt, und die Antwort
des Knigs lautete, da sie Sklaven zum Tausch htten -- Sklaven genug, um
sein ganzes Schiff zu beladen. Brooks, der Steuermann, schttelte aber mit
dem Kopf und erwiederte: sie wren keine Sklavenhndler, die nur an die
Ksten fremder Lnder kmen, um Menschen zu stehlen. Sie wollten Waaren
-- Produkte des Landes haben -- Elfenbein, Strauenfedern, Gummi, Goldsand
oder was da wre, und die Geschenke fr den Knig sollten dann dem
entsprechend ausfallen.

Dieser erhielt das Gesagte wieder bersetzt und bedachte sich einen
Augenblick -- er berlegte wahrscheinlich, ob er durch eine Antwort darauf
seiner Wrde nichts vergebe. Endlich nickte er leise vor sich hin und rief
ein paar rauhe Worte, wonach dann der Dolmetsch den Fremden nur winkte, ihm
zu folgen.

Der Doktor, der nicht gern eine Hflichkeitsform versumen wollte, zupfte
den Steuermann und flsterte ihm zu, ob sie sich nicht vorher bei Seiner
Majestt verabschieden mten. Der Dicke schien aber gar keine weitere
Notiz von ihnen zu nehmen, sondern drehte ihnen hchst ungenirt den breiten
Rcken zu, wonach die Fremden es dann auch nicht weiter fr nthig hielten,
irgend eine sonst vielleicht verlangte Ceremonie zu beachten.




Drittes Kapitel.

Die Schatzkammer.


Ihr Fhrer schritt mit ihnen direkt wieder zum Strand zurck und der
Richtung zu, in welcher ihr Boot lag. Der Steuermann aber, immer noch die
Gedanken an das Wrack im Kopf, wollte die Gelegenheit nicht versumen,
vielleicht etwas Nheres darber zu erfahren, und als sie wieder den
freien Raum betraten, von dem aus man die dunklen Umrisse des gestrandeten
Fahrzeugs eben erkennen konnte, sagte er, anscheinend leichthin: Was ich
gleich sagen wollte, Freund! Was war das eigentlich fr ein Fahrzeug, das
da drben in den Bschen so fest vor Anker liegt?

Welches? sagte der Schwarze, als ob es zehn verschiedene gegeben htte.

Welches? Das da drben -- das groe Fahrzeug der Weien, das an Eurer
Kste liegt.

O das, meinte der Dolmetsch gleichgltig; altes Schiff, liegt schon viel
lang drben -- wei es nicht.

Der Steuermann htte nun darauf schwren wollen, da das verunglckte
Fahrzeug noch gar nicht etwa so lange da drben liegen _konnte_, denn die
Malerei daran sah viel zu frisch dafr aus, und von Verwitterung war keine
Spur zu erkennen. Aber er merkte auch wohl, da der Bursche nichts gestehen
wollte oder durfte, und mochte selber nicht gleich Neugierde verrathen,
um keinen Verdacht zu erwecken. Traten sie erst mit dem Volk hier in einen
nheren Verkehr, so fand sich auch wohl einmal eine Gelegenheit, um das
Wrack zu besuchen, wenigstens dicht hinan zu laufen, und dann getraute
sich der Seemann auch schon nhere Daten darber selber herauszufinden. Bis
dahin war es weit gerathener, vorsichtig zu Werk zu gehen.

Ihr Fhrer schritt indessen nicht direkt auf ihr Boot zu, das sie schon von
Weitem erkennen konnten, sondern bog etwas mehr rechts ab, und zwar einem
wunderlich gestalteten, hohen und spitzen Hause zu, das sich nur dadurch
von den brigen Wohnungen unterschied, da es fest verschlossen schien und
keine offene Thre zeigte.

Der Doktor war einige Schritte dicht an der Umzunung desselben hingegangen
und nherte sich jetzt einem eigenthmlichen, fest berdeckten Vorbau, als
er pltzlich erschreckt zur Seite fuhr, denn fast unmittelbar neben ihm
stie ein Lwe sein heiseres Gebrll aus.

Die Eingebornen lachten und auch der Steuermann amsirte sich ber den
Satz, den der Doktor machte; brigens war er selbst zusammengefahren,
denn hier, mitten im Dorf, hatte er keine solche Bestie erwartet, die da
jedenfalls hinter dem Palissadenwerk gefangen gehalten wurde. Sie waren
jetzt auch gerade ber ihrem Boot angekommen, das etwa hundert Schritt von
ihnen entfernt unten am Strand lag, als ihr Fhrer vor diesem Lwenzwinger
stehen blieb und dort hineindeutend sagte: Ihr glaubt nicht, Fremde,
da unser Knig Waaren hat, um mit euch zu handeln. Seht, was da drinnen
aufgeschichtet liegt. Ihr wret nicht im Stande, auch nur die Hlfte davon
zu kaufen.

Hoho, mein Bursche! sagte der Doktor, der sich eigentlich schmte, vorhin
eine pltzliche Schwche gezeigt zu haben, aber das Gebrll war auch zu
unerwartet und aus zu unmittelbarer Nhe gekommen: und was httet Ihr da?

Jedenfalls Sachen, die werthvoller sind als Eure Geschenke, grinste der
Schwarze. Seht nur hindurch.

Die Fremden trauten nicht recht; hinter dem Gitter schritt der Lwe umher,
und der Doktor bemerkte jetzt auch dicht daneben eine wohl starke,
aber doch nur hlzerne Thr, die allein von zwei breiten Holzriegeln
verschlossen gehalten wurde und in den Zwinger fhrte. Aber was konnte
ihnen geschehen? und wenn er auch nicht recht begriff, welche Kostbarkeiten
der Lwenkfig enthalten knne, trat er doch mit dem Steuermann dicht an
die Palissaden und sah hindurch.

Alle Teufel! rief da der Seemann pltzlich; Doktor, was meint Ihr -- da
drin lge Fracht fr uns.

Elfenbein! sagte dieser, aber wirklich berrascht von der Masse, die
er da drinnen aufgeschichtet sah. =Bless my soul=, die scheinen ja
smmtlichen Elephanten die Zhne ausgerissen zu haben. Junge, Junge, wo
habt Ihr all' das Elfenbein her?

Nun? sagte der Schwarze, augenscheinlich von dem Erstaunen der Fremden
befriedigt; hat der Knig zu viel gesagt?

Da drinnen lag in der That ein unschtzbarer Reichthum von werthvollen und
zum Theil auerordentlich groen Elephantenzhnen aufgeschichtet, und der
Lwe schien dabei als trefflicher Wchter zu dienen. Entsetzt rief aber
der Doktor aus, als er den Blick jetzt in dem inneren Raum umher schweifen
lie: Heiliger Gott, was ist das? fttert Ihr denn hier die Bestie mit
Menschenfleisch? Sehen Sie um des Himmels willen die Schdel und Knochen,
Brooks, die da drin umhergestreut liegen.

Das ist nichts, sagte der Eingeborne gleichgltig, nur Sklaven oder
Kriegsgefangene, wenn sie krank oder schwer verwundet sind. Ja Zambiri ist
ein groer Knig und gerade jetzt jagen unsere Truppen einen feindlichen
Stamm. Wenn Ihr ein paar Tage hier bleibt, knnt Ihr sie mit Beute beladen
zurckkehren sehen.

Und das Elfenbein gehrt Alles dem Knig?

Alles, und noch weit mehr, viele groe Bffelhrner voll Perlen,
Schildpatt, Gold. Zambiri ist sehr reich, es ist ein groer Knig.

Und verkauft er die Zhne?

Gewi, nickte der Dolmetsch, aber es kommt darauf an, was Du ihm bieten
kannst. Viel mut Du ihm bringen, und vor allen Dingen Geschenke fr ihn,
sonst macht Ihr ihn nur bse, und dann ist er furchtbar, wie ein Lwe
selber.

Die kleine schwarze Bestie, brummte der Doktor leise vor sich hin,
bemerkte aber auch in demselben Augenblick den nmlichen kleinen schwarzen
Burschen, der vorher auf dem Rcken des Knigs herumgestiegen war, und
der nun in einiger Entfernung hinter dem Dolmetsch stand und ihm
geheimnivolle, aber scheue Zeichen machte. Sollte das eine Warnung sein,
und drohte ihnen Verrath? Fast unwillkrlich griff er mit der Hand nach
dem unter dem Rock versteckten Revolver, der Kleine aber, als ob er die
Bewegung verstanden htte, schttelte mit dem Kopf und deutete auf seinen
Mund. Wollte er ihm etwas sagen? Jedenfalls mute er in seine Nhe zu
kommen suchen, aber der Dolmetsch war ihm dabei im Weg.

Schafft mir den schwarzen Kerl einen Moment bei Seite, Steuermann,
flsterte er diesem rasch zu, geht mit ihm zum Boote, ich folge.

Der Steuermann sah ihn erstaunt an und begriff nicht, was er wolle, der
Doktor mute aber jedenfalls seinen Grund dafr haben, und sich an den
Dolmetsch wendend, sagte er: Unter den Umstnden wird es am Besten sein,
gleich an Bord zurckzufahren und das Werthvollste herauszusuchen, was
wir haben, damit wir Deinen Knig zufrieden stellen. Wir sind als Freunde
hierhergekommen, und ich hoffe, wir sollen als Freunde mit einander
verkehren. Aber da unten sehe ich Frchte, knnten wir wohl einige davon
mit an Bord nehmen? Wir haben eine lange Fahrt gehabt, und nichts Grnes
unterwegs gefunden, und dabei schritt er, von dem Matrosen dicht gefolgt,
zum Boot hinunter.

Gewi, nickte der Dolmetsch, der sich an seiner Seite hielt. Der Doktor
blieb dabei ein paar Schritte zurck, als der Junge dicht an ihn hinanglitt
und zugleich im reinsten Englisch flsterte: Rettet uns -- gefangen -- vom
Schiff... In demselben Moment aber auch und gerade als sich der Dolmetsch
nach ihm umdrehte, sprang er nach vorn, auf diesen zu und sagte irgend
etwas in seiner Sprache.

Der Schwarzbraune blickte ihn zornig an, und sah bald auf ihn, bald auf den
Doktor, da dieser aber mit der gleichgltigsten Miene von der Welt ein
paar hier auf dem Sand liegende Muscheln aufhob und aufmerksam betrachtete,
schien sein pltzlich gefates Mitrauen zu schwinden.

Ich mu zum Knig, sagte er zum Steuermann, wartet fr einen Augenblick,
ich werde Euch Frchte schicken; gebt den Leuten Taback dafr -- aber
keinen Branntwein -- er ist streng verboten und nur der Knig darf ihn
trinken, und damit, die Weien sich selber berlassend, rief er dem
Knaben einige Worte zu und eilte, diesen am Arm fassend, mit ihm zu seines
Oberhauptes Wohnung zurck.

Wie gerne htte der Doktor noch Weiteres von dem jungen Burschen gehrt,
aber er sah auch ein, da das nicht mglich sei, ohne augenblicklich
Verdacht zu erregen und jede Aussicht auf Erfolg abzuschneiden. Dem
Steuermann theilte er aber jetzt mit, was ihm der Junge zugeflstert, und
dieser rief, seine rechte Faust in die linke flache Hand schlagend: Ob ich
es mir denn nicht gedacht habe? Mit dem Wrack da ist faul Spiel gewesen,
und uns wollen sie jetzt blo kirre machen, um uns nachher ebenso zu
bedienen.

Und die Elephantenzhne sind auch nicht alle aus dem Land gekommen, Sir,
sagte der junge Matrose, der daneben stand. Zwei davon, das hab'
ich deutlich durch das Gitter gesehen, waren mit Schiemanns-Garn
zusammengebunden, und Schiemanns-Garn haben sie nur an Bord von Schiffen.

Gar nicht unmglich, nickte der Seemann, das Fahrzeug kann schon recht
gut an der Kste gekreuzt und Elephantenzhne eingehandelt haben, und
das hat dieser schwarze Heide jetzt Alles in seinem Waarenlager
aufgeschichtet.

Aber was nun?

Dort kommen die Frchte, sagte der Steuermann, die wollen wir erst
einnehmen, und dann so rasch als mglich an Bord zurck, um dem Kapitn
Bericht abzustatten. Hol's der Teufel, wir mssen doch wenigstens einen
Versuch machen, vielleicht sogar unsere Landsleute zu retten, und geht
das nicht, ei dann laufen wir nach dem Kap hinunter und schicken ein
Kriegsschiff her, denn ungestraft sollen sie sich beim Himmel nicht an
einem Fahrzeug der Weien vergriffen haben.

Das Gesprch war hier abgebrochen, denn allerdings kamen jetzt Eingeborne
mit Frchten heran, erst einzeln und dann immer mehr. Der Steuermann hielt
sich aber nicht lange auf, hatte auch nicht genug Waaren bei sich, um mit
ihnen einen groen Tauschhandel zu erffnen. Nur den Ersten nahm er, was
sie brachten, ab, und gab ihnen Tabak dafr, dann sprangen die Mnner
wieder in ihr Boot und ruderten, so scharf sie konnten, in See hinaus, um
den ihnen schon wieder entgegenkommenden Schooner zu erreichen.

Kapitn Oacutt war brigens, als sie an Bord zurckkehrten, mit dem
Resultat ihrer Fahrt nicht besonders zufrieden. Er hrte wohl den Bericht
mit der gespanntesten Aufmerksamkeit an, schttelte aber dabei bedenklich
mit dem Kopf und meinte endlich: Das mit dem Elfenbeinvorrath klnge
allerdings sehr gut und verlockend, aber trotzdem scheine es ihm fast, als
ob er, wenn er unter diesen Verhltnissen auf einen Handel einginge, am
Ende gar noch Schiff und Mannschaft verlieren und die Zeche mit seinem
eigenen Leben bezahlen knne. Des Steuermanns Gegenvorstellungen, die von
dem Doktor krftig untersttzt wurden, hatten aber zu viel Gewicht. Er
durfte die Kste rechtlicherweise gar nicht wieder verlassen, ohne nicht
wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, Nheres ber das verunglckte
Fahrzeug zu hren, und da sie jetzt durch den Knaben die Gewiheit hatten,
da wenigstens Einer an Land sei, der darber zu erzhlen wisse, so blieb
ihnen nichts brig, als dem weiter nachzuforschen.

Der Kapitn mute ihnen darin beistimmen, und sehr verlockend wirkte dabei
auch die Schilderung des Haufens von Elephantenzhnen, die aber auf so
entschiedene Weise von einem der wildesten Ureinwohner, dem Lwen, bewacht
wurden. Jedenfalls hatte der Doktor recht, wenn er meinte, sie riskirten
wenig durch eine zweite Fahrt an Land, auf welcher sie ja nur die Geschenke
und Proben fr den Handel mitzunehmen brauchten. Es kme vor allen Dingen
darauf an, jenen dicken Fleischklumpen, den Tyrannen des Distrikts, etwas
freundlich fr sie zu stimmen und selber gierig auf eine Handelsverbindung
zu machen, nachher wre es ein Leichtes, mehr ber die Verhltnisse dort zu
erfahren. Gnstigeren Zeitpunkt durften sie auerdem nicht hoffen, dafr
zu finden, als gerade jetzt, da sich, wie sie ja am Ufer gehrt, der grte
Theil der bewaffneten Macht auf einem Streifzug und Sklavenfang im Inneren
befand. Die Gefahr eines Ueberfalls begann erst, wenn die zurckkehrte, und
je eher sie dehalb hier an's Werk gingen, desto besser.

Einem Kapitn ist immer die Sicherheit seines eigenen Fahrzeugs das
Hchste, und mu es sein, denn nicht allein das Eigenthum seiner Rheder,
sondern auch das Leben seiner Mannschaft steht dabei auf dem Spiel, aber
Aussicht auf Gewinn und die Pflicht, dem Schicksal eines verunglckten
Fahrzeugs nachzuforschen, wirkte hier gleich stark, und er strubte sich
nicht lnger, sein Boot zum zweiten Mal hinber zu senden. Nur die Wahl der
Geschenke hatte noch einige Schwierigkeit, da er gern so wenig als mglich
opfern wollte, whrend der Doktor wie auch der Steuermann darauf bestanden,
da man sich diemal, nach dem ersten verunglckten Versuch, ganz besonders
splendid benehmen msse. Sie setzten auch zuletzt ihren Willen durch, und
ein chinesischer Koffer wurde mit wirklich werthvollen Dingen,
seidenen Kleidern und Schrpen, wollenen bunten Stoffen, vergoldeten
Uniformtroddeln, reich verzierten Messern, hbsch aussehenden Glaskorallen
und anderen derartigen Dingen fast gefllt. Auerdem sollte auch noch eine
Probe der Waaren beigegeben werden, welche Oacutt gegen Elfenbein oder
andere werthvolle Produkte einzutauschen gedachte, auch Brod und guten
Branntwein muten sie mitnehmen, den Letzteren nur fr den Knig selber;
und also vorbereitet, durften sie schon eher hoffen, das Herz jenes
schwarzen Fleischklumpens fr sich zu gewinnen.

Heute war es natrlich mit all' diesen Berathungen und dem Auswhlen zu
spt geworden, um noch einen zweiten Landungsversuch zu machen; von der
Nacht mochten sie sich auch drben nicht berraschen lassen, und der
Kapitn hielt dehalb mit seinem Schooner weiter von der Kste ab.
Allerdings mochten die Eingebornen, wenn sie die Bewegung sahen, glauben,
die Weien htten auf den Handel mit ihnen verzichtet, und wren wieder
abgefahren, aber das schadete nichts; um so begieriger wurden sie nachher
darauf, und das konnte das Geschft fr morgen nur erleichtern.

Indessen hatte sich aber auch unter der Mannschaft die Nachricht
verbreitet, da die Niggers am Ufer weie Mnner in der Gefangenschaft
hielten, und die Wuth darber war grenzenlos. Noch an demselben Abend kam
eine Deputation zum Kapitn, die ihn bat, er mchte mit dem Schooner an
Land fahren und das Nest in Grund und Boden zusammenschieen. Alle meldeten
sich als Freiwillige zum Entern und schienen besonders, der Beschreibung
ihres Kameraden nach, Rache an dem dicken Ungethm zu verlangen, das
Sklavenhandel treibe und seine eigenen Unterthanen dem Lwen vorwerfe.
Oacutt aber, so sehr er sich ber die gute Stimmung der Leute freute,
stellte ihnen vor, da sie erstlich noch nicht einmal genau wten, ob
wirkliche Weie dort gefangen gehalten wrden, dann aber auch durch einen
Angriff auf die Eingebornen diese vielleicht verjagen, aber nie im Leben
wirklich Gefangene befreien knnten. Er versprach ihnen inde, morgen frh
sechs von ihnen, gut bewaffnet, mit an Land zu schicken, um zu sehen, was
sich machen liee, und da er sich dann auf sie verlasse, sie wrden im
Nothfall ihre Schuldigkeit thun, verstand sich von selbst.




Viertes Kapitel.

Der zweite Besuch.


Am nchsten Morgen mit erstem Tagesgrauen war die Sarah Miles schon wieder
fast auf der nmlichen Stelle angelangt, wo sie gestern Abend gelegen, und
hielt jetzt direkt dem Lande zu, um ihr Boot abzusetzen. Das brauchte auch
nur in See gelassen zu werden; die ganze Ladung lag schon bereit, die dafr
bestimmte Mannschaft stand gerstet an Deck und schien selber die Zeit kaum
erwarten zu knnen, wo sie da drben ihre Thtigkeit beginnen mchte. Rasch
wurde auch dem Befehl: =a shore!= Folge geleistet; mit lautem Hurrah
hiten sie das kleine Segel, und fort ging es, der Mndung der Bai
entgegen. Kapitn Oacutt mochte aber heute seine Leute mit dem einmal gegen
die Eingebornen gefaten Verdacht nicht wieder, so wie gestern, aus
Sicht lassen. Da sie in der Bucht tief Wasser hatten, wute er schon vom
Steuermann, und langsam folgte er dehalb seinem Boot, um dort entweder zu
kreuzen, oder wenn es sicher befunden wurde, auch vor Anker zu gehen.

Brooks steuerte indessen sein Boot der Landung entgegen und wunderte sich
nur, da sie heute gar keine Kanoes zu sehen bekamen. Am Ufer schien dafr
eine ungewhnliche Bewegung zu herrschen; er unterschied mit dem Fernrohr
eine Menge Frauen und Kinder. Ob sie die Fremden schon bemerkt hatten?
Fahrzeuge zeigten sich aber nicht auf dem Wasser, und der Seemann hielt
dehalb die Gelegenheit fr passend, um jetzt so dicht als mglich an das
Wrack hinan zu laufen und es ein wenig nher zu untersuchen. Das ging auch
leichter, als er selbst geglaubt, denn whrend sie sich am linken Ufer
hielten, wurden sie durch die vorhngenden Bsche desselben verdeckt, ja
das Wrack selber stand ein Stck in die Bai hinaus. Der Steuermann lie
auch sein Boot dort anlaufen und kletterte rasch an Deck; aber da war
freilich nichts weiter zu sehen, als da es eine nicht sehr groe Brigg
gewesen, die jedoch rein ausgeplndert worden, wie sich das in dieser
Nachbarschaft auch von selbst verstand. Sogar das Skylight hatten sie
abgehoben und weggefhrt, und die Kajte war natrlich blank und leer. Aber
auch keine Spur eines Namens fand sich, denn ebenso wie das Namensbrett
am Stern herausgebrochen worden, so fehlten auch die beiden Bretter an der
Gallion, auf welchen frher wahrscheinlich ebenfalls der Name gestanden,
und da am Bugspriet kein Bild, sondern nur eine sogenannte Krulle auslag,
lie sich auch nach der nichts bestimmen. Aber die ganze Eintheilung und
Bauart des Fahrzeugs war jedenfalls amerikanisch, auch die Art der Malerei,
und der Steuermann wurde durch diese Entdeckung gerade nicht freundlicher
gegen die Schwarzen gestimmt.

Uebrigens durfte er sich hier nicht zu lange aufhalten, es half ihm auch
nichts, denn an den Hlzern lie sich nichts weiter erkennen, und sie
htten das schwarze Gesindel am Ufer nur vor der Zeit mitrauisch gemacht.
Rasch dehalb wieder in das Boot hinabsteigend, stie er ab, und whrend
er den Leuten unterwegs erzhlte, was er oben gefunden, und fr welchen
Landsmann er das Fahrzeug halte, glitten sie am Ufer hinauf, dem
Landungsplatz entgegen.

Da indessen dort etwas vorgegangen sein mute, lie sich nicht verkennen,
und je nher sie kamen, desto deutlicher hrten sie das Weh- und
Klagegeheul von Frauenstimmen. Vielleicht war es ein Begrbni, bei welchem
die Frauen ja gewhnlich ihre Trauer laut und oft herzzerreiend kund
geben, und sie kamen dann gerade zur rechten Zeit, um der Ceremonie
beizuwohnen. Dem Doktor, der das Boot wieder begleitete, fiel es dabei auf,
da er so viele Bewaffnete bemerkte, schwarze Kerle, die mit ihren langen
Lanzen berall am Ufer herumstanden und den Platz besonders einzuschlieen
schienen, in dem die Elephantenzhne lagen. Hatten sie etwa Besorgni,
da die Weien einen Angriff darauf machen knnten, oder bedeutete es
Schlimmeres?

Der Steuermann schien etwas Aehnliches zu befrchten, denn er gab Befehl,
das Segel einzunehmen und zu den Rudern zu greifen. Sie blieben dadurch
weit besser Herr ihrer Bewegungen und konnten, wenn es sein mute, gleich
zurck, oder wenigstens in freies Wasser halten. Mit ihren Feuerwaffen
wehrten sie dann schon leicht jeden etwaigen Angriff ab. Sonderbarerweise
bekmmerten sich aber die Leute am Ufer fast gar nicht um sie, nur ein
Platz wurde freigehalten, wo sie landen konnten, und zwar durch Bewaffnete,
und die Seeleute sahen jetzt, da sich Alles um das Gitter oder die
Verpallisadirung drngte, um dort hineinzuschauen.

In diesem Augenblick erschien der Dolmetsch an der Landung, und es kam
dem Steuermann fast so vor, als ob er ber den so frhen Besuch der Weien
etwas verlegen sei -- sie waren keinenfalls schon erwartet worden --
und was bedeutete das Klagen und Jammern der Weiber? Der Doktor mute
jedenfalls wissen, was da vorgegangen wre, und frug den Burschen direkt
dehalb. Dieser aber sagte ausweichend: O nichts -- schlechte Menschen
giebt es immer -- Diebe -- bei den Schwarzen, wie bei den Weien -- aber
Zambiri ist ein groer und strenger Knig.

Alle Teufel! rief der Steuermann erschreckt aus, sie haben doch nicht
etwa wieder dem Lwen einen Menschen hineingeworfen?

Blo einen Dieb, versicherte der Dolmetsch, hatte dem Knig Taback
stehlen wollen, verdammter Sklave. -- Aber da kommt Zambiri -- er hat Euch
gesehen -- bringt nur an Land, was Ihr mitgebracht habt, damit er nicht
ungeduldig wird.

Zambiri schien in der That dem entsetzlichen Schauspiel als eine Art
von Morgenvergngen beigewohnt zu haben. In seinen rothbaumwollenen
Knigsmantel gekleidet, noch schmutziger und wilder als gestern aussehend,
und den Knaben wieder an seiner Seite, der ihm einen groen schweren Speer
tragen mute, kam er eine Leiter heruntergestiegen, die, wie der Doktor
jetzt erst bemerkte, oben zu einer Art von Balkon fhrte. Auf dem hohen
Land aber blieb er stehen, er ging nicht bis an das Boot hinunter und
verlangte, da die Weien zu ihm hinauf kommen sollten.

Der Steuermann hatte keine rechte Lust dazu, er traute dem schwarzen
Fleischklumpen nicht ber den Weg.

Wozu habt Ihr alle die Leute mit den Lanzen da stehen? frug er mrrisch
den Dolmetsch, wir sind friedliche Hndler und wollen keinen Krieg mit
Euch. Wir sind auch nur Wenige und Ihr Hunderte.

Wenn Du Dich frchtest, wehalb bist Du zu uns gekommen? sagte der
Schwarze finster, wir sind auch Freunde der Weien und wollen Euch keinen
Schaden thun.

Und wo kommt das Schiff her, dessen Rumpf da drauen liegt? sagte der
Doktor.

Was geht Dich das Schiff an? brummte der Dolmetsch; Zambiri wartet. Wenn
ich Euch rathen soll, macht ihn nicht rgerlich.

Hol's der Henker, Mate, sagte der Doktor, wir sind einmal dazu
hergekommen, und mssen die Sache nun auch ausbaden. Furcht sollen uns die
schwarzen -- Gentlemen doch wenigstens nicht vorwerfen. Lat den Koffer
hinaufschaffen und Seiner Wohlbeleibtheit die Sachen vorlegen; ich denke,
dann wird er schon freundlich werden. Hier unten knnen wir doch nicht
liegen bleiben.

Meinetwegen, sagte der Seemann, aber, setzte er leise hinzu, seid
auf der Hut, und bei dem geringsten Zeichen von Verrath nur so rasch als
mglich zum Boot hinunter. Dort wollen wir uns schon freie Bahn halten.

Und wo habt Ihr die Sachen?

Lat ein paar von Euren Leuten anfassen und sie hinauftragen.

Und knnen das nicht Eure Leute thun? frug der Dolmetsch.

Ich will Dir was sagen, mein Bursche, rief aber nun der Steuermann, jetzt
ebenfalls rgerlich werdend, die bleiben als Wache im Boot, und wenn Ihr
Eure jungen Leute nur dazu braucht, um wilde Bestien damit zu fttern, so
lat sie meinethalben oben. Das ist das Kurze und Lange von der Sache.

Der Dolmetsch stand einen Moment unschlssig, aber Zambiri brllte ihm
etwas in seiner Sprache zu, und er gab jetzt rasch ein paar Burschen
den Befehl die mitgebrachten Sachen aus dem Boot zu nehmen und zum Knig
hinaufzubringen. Das geschah auch ungesumt, denn mit dem regierenden Herrn
schien heute nicht zu spaen; er hatte seinen bsen Tag, und es war besser,
ihm rasch zu Willen zu sein. Mit den Geschenken durften aber auch die
Weien darauf rechnen, eine freundliche Aufnahme zu finden, und Steuermann
wie Doktor schritten jetzt langsam neben dem ziemlich schweren Koffer her,
um den Inhalt desselben dem Oberhaupt des Stammes vorzulegen.

Merkwrdig sah der Mensch aus, als er dort aufrecht vor ihnen stand, und
der Doktor gestand sich, etwas Scheulicheres und Unfrmlicheres nie im
Leben gesehen zu haben. Er war selber nicht bermig gro, aber wenn er
den Arm ausstreckte, konnte der Wilde recht gut darunter durchgehen, ohne
anzustoen, und Beine sah man dabei fast gar nicht an dem Fleischklumpen,
whrend der eine ausgestreckte Arm, der die Lanze hielt und sich daran
sttzte, reichlich so dick und fleischig schien, wie ein starkes Bein.

Der Ausdruck seines dicken, geschwollenen Gesichts verrieth auch keinen
freundlichen Gedanken und seine Augen flogen mrrisch und trotzig zugleich
ber die Weien und schweiften dann von ihnen nach dem Schooner hinber,
der jetzt deutlich unten an der Mndung der Bucht erkennbar war. Da der
Steuermann aber keine Zeit verlor und den Koffer rasch ffnete, heiterte
sich seine Miene doch etwas auf, denn er mute wohl sehen, da ihm die
Fremden heute wrdigere Geschenke gebracht, als gestern.

Er lie eine Decke auf die Erde breiten und die Gegenstnde darauf legen,
und fegte dabei eigenhndig den Platz mit seiner Lanze frei, da ihm sein
eigenes Volk nicht zu nahe rckte. Er traute ihnen wahrscheinlich nicht,
und doch mochte sie wohl nur die Neugierde heranpressen, denn die Strafe
folgte hier, wie sie eben gesehen, dem Vergehen auf dem Fue. Zu gleicher
Zeit unterhielt sich Zambiri fortwhrend mit dem Dolmetsch in seiner
eigenen Sprache, oft selbst mit unterdrckter Stimme, und dieser ging dann
langsam zu dem Boot hinab, wobei er angelegentlich mit Einigen der Leute
sprach.

Dem Doktor gefiel das nicht, und er behielt den Burschen, so viel das
irgend anging, im Auge, konnte aber weiter nichts Aufflliges oder
Verdchtiges erkennen; ja die Zahl der Bewaffneten in ihrer Nhe schien
sich sogar zu verringern, und er bemerkte, wie kleine Trupps von ihnen
langsam am Ufer hinabschritten und sich dann in den Bschen verloren. Nur
ein Theil der Mdchen und Frauen waren noch bei ihnen geblieben, whrend
das Wehgeheul der Anderen jetzt aus dem Dickicht von Fruchtbumen
heraustnte, das den Platz umschlo, und wo wahrscheinlich ihre Wohnungen
lagen.

Im Ganzen mochten vielleicht vierzig Krieger zurckgeblieben sein, die
hinter und um den Knig in einzelnen Gruppen standen, und jedenfalls seine
Beiwache bildeten.

Der Dolmetsch kam jetzt zurck, und da der Knig auch wohl die
mitgebrachten Gaben zur Genge gemustert hatte und befriedigt schien -- er
grunzte wenigstens ein paar Mal still vergngt vor sich hin -- befahl
er zweien von seinen Leuten, den Koffer in sein Haus zu tragen, und es
begannen nun die Verhandlungen ber ein etwaiges Geschft, wobei der
Steuermann erklrte, da sie einzelne Stcke der Dinge, welche sie gesonnen
wren, gegen Elfenbein oder andere Produkte auszutauschen, mitgebracht
htten und dem Huptling vorlegen knnten.

Aber wo sind sie? frug dieser rasch.

Unten im Boot.

Und wehalb bringt Ihr sie nicht herauf?

Der Steuermann hatte wohl mit Recht vermuthet, da der Schwarze Alles, was
ihm dort auf die Uferbank gebracht wurde, als Geschenk betrachten und mit
Beschlag belegen knne. Er bat dehalb den Dolmetsch, Seine Majestt zu
veranlassen, mit ihm hinunter zum Boot zu gehen, aber der Dicke wollte
nicht. Zwei Boten waren schon abgeschickt gewesen, und kamen jetzt mit dem
Lwenfell herbei, das sie dort fr ihn ausbreiteten, und worauf er sich
niederlie, und nun verlangte er, da ihm die Sachen heraufgebracht und
vorgelegt wrden, dann wolle er bestimmen, was er dafr geben knne.

Dem Steuermann schien das unbequem, denn alles weiter Mitgebrachte lag
lose, oder nur in Stcken Segeltuch eingeschlagen in ihrem Boot, und
schickte er Schwarze hinunter, um es herauf zu holen, so war er vor ihren
diebischen Hnden nicht sicher. Wo sie irgend etwas bei Seite schaffen
konnten, thaten sie es gewi und an wen sollte er sich nachher halten, wie
die Thter herausfinden? Das Beste war immer -- denn da der Dicke jetzt
nicht von dieser Stelle zu bringen war, sah er ein -- zwei von seinen
eigenen Leuten damit zu betrauen. Es blieben immer noch vier im Boot und
sie selber dann in zwei gleiche Trupps getheilt. Die Eingebornen zeigten
sich dabei so friedlich, da an eine Gefahr wohl kaum zu denken war, ja es
schien fast, als ob der Knig die brigen Soldaten nur weggeschickt habe,
um ihnen auch jede Befrchtung eines Verraths zu nehmen. Auerdem brauchten
sie nur wenige Schritte zum Boot hinab und die gerade ausgehende Ebbe
erleichterte ihnen die rasche Verbindung mit dem Schooner ebenfalls.

Der Doktor bernahm es, die Leute herauf zu bringen, und der Dicke schien
inde geduldig die Ankunft derselben zu erwarten. Brooks bemerkte nur, da
die rechts von ihm stehenden Soldaten etwas bei Seite treten muten, um
ihm die Aussicht nach dem unteren Theil der Bucht zu gestatten, wo der
Schooner, der bis dahin auf und abgekreuzt war, fest auf einem Punkt zu
liegen schien. Er mute vor Anker gegangen sein, da die stark ausgehende
Ebbe und der beinahe eingeschlafene, hier wenigstens von dem hheren Land
gebrochene Wind ihm das Segeln wohl unmglich machte. Der Dolmetsch sprach
indessen angelegentlich zu ihm, whrend Zambiri nach dem Boote sah. Wo
hatte jener Bursche auch nur sein Englisch gelernt? Doch sicher auf irgend
einem Schiff, dem er nachher davongelaufen, um hier wieder die Sitten und
ungezwungene Tracht seines Landes anzunehmen. Dem Steuermann gefiel sein
Gesicht auch nicht im Mindesten, und Bosheit wie Trotz lag zugleich darin,
whrend sich der ganze Ausdruck desselben, sobald er mit dem Dicken sprach,
in knechtische Unterwrfigkeit verwandelte. Aber es half nichts, sie
brauchten ihn eben, und muten dehalb mit ihm verkehren, denn der kleine
Bursche, jedenfalls ein Sklave des Knigs, der den Doktor ebenfalls
englisch angeredet hatte, schien sich heute gar nicht an sie heran zu
getrauen und blieb nur immer scheu und furchtsam hinter seinem Herrn
sitzen, kannte doch der arme kleine Bursche den grausamen Charakter des
Mannes gut genug.

Jetzt kehrte der Doktor mit den beiden Matrosen, die einen Theil der Waaren
trugen, zurck und der Steuermann breitete sie, whrend der Dolmetsch die
Unterhandlung leitete, vor dem Knig aus und pries ihm den Werth der Dinge.
Bei ihm war, mit der Voraussicht auf einen guten Handel, der Yankee wieder
zum Durchbruch gekommen, und er verga in dem Geschft alles Andere.

Allerdings zeigte es sich dabei als Hauptschwierigkeit, dem Knig
begreiflich zu machen, er habe nur Proben vor sich; er wollte die ganzen
Waaren vor sich aufgeschichtet sehen, um danach seinen Preis zu bestimmen,
und der Dolmetsch hatte nicht geringe Mhe, ihm zu erklren, da die Sachen
an Land geschafft werden wrden, ehe er sie zu bezahlen, oder den Werth
dafr herauszugeben habe. Er veranlate auch, da ein Elephantenzahn aus
des Knigs Wohnung herbeigeschafft wurde, um als Mastab zu dienen und
Brooks berechnete sich schon, nach dem was ihm der Dicke zugestand, da
sie ungefhr 500 Prozent Nutzen an ihren Waaren haben wrden. Der Knig
bewilligte, wie er nur erst einmal den Handel begriff, einen Zahn nach
dem anderen, und besonders fr Taback stellte sich der Nutzen ganz enorm
heraus.

Aber es zgerte sich auch furchtbar in die Lnge, denn wenn Brooks glaubte,
sie wren fertig, so lie Zambiri die ganze Sache noch einmal von vorn
anfangen, und wollte dann immer wieder etwas abhandeln. Dabei hatte er
sich jetzt so gesetzt, da er das Fahrzeug drauen immer im Auge behielt,
whrend der Steuermann, den er bald da, bald dort hin rief, die Waaren zu
zeigen, der See den Rcken zu drehte.

Neben diesem standen noch die beiden Matrosen als Wchter der
umhergestreuten Sachen. Der Doktor aber, dem der Handel langweilig wurde,
da er persnlich gar kein Interesse daran hatte, schlenderte langsam nach
der Umzunung hinauf, von woher zu Zeiten das dumpfe Brllen des Lwen
herbertnte. Was war da heute Morgen vorgegangen? Er bekam vielleicht nie
im Leben wieder so passende Gelegenheit, um sich den Platz etwas nher zu
betrachten, denn von den Leuten achtete Niemand auf ihn, oder legte ihm das
Geringste in den Weg. Ein Schauder erfate ihn aber, als er den Platz, um
den herum schon eine Menge von Aasgeiern ihren Sitz genommen, erreichte,
und durch die Spalten in den Palissaden die verstmmelten Ueberreste jenes
Unglcklichen entdeckte, den die Grausamkeit des wilden Ungethms eines
erbrmlichen kleinen Diebstahls wegen zum Tod, zu einem solchen Tod
verurtheilt hatte.

Dort drben, dicht neben den Schtzen des Wtherichs, lag der zerstckelte
Leichnam, von dessen Anblick sich selbst das Auge des Arztes in Ekel
und Mitleiden abwandte, und der jetzt gesttigte Lwe ging mit langen,
majesttischen Schritten in der Umzunung auf und ab, peitschte sich die
Flanken mit dem Schweif und leckte sich die Lefzen mit der rauhen Zunge.
Die Aasgeier aber warteten nur auf den Moment, wo sich der rastlose
Knig der Thiere zur Ruhe ausstrecken wrde, um dann ebenfalls auf die
willkommene Beute niederzufallen und ihre Schnbel einzuhauen.

Und wie scheinbar schwach war eigentlich der ganze Umbau, der das Raubthier
einschlo. Wenn es die riesigen Krfte, die es besa, genau gekannt htte,
mute es ja im Stande sein, diesen luftigen Kerker zu durchbrechen. Auch
sogar die Thr bestand nur aus roh gezimmerten Balken, die man durch
Schnre oder Streifen ungegerbter Bffelhaut allerdings fest verbunden
hatte. Den ganzen Verschlu bildeten jedoch zwei von auen vorgeschobene
hlzerne Riegel, whrend eine Abtheilung im Inneren dazu bestimmt schien,
den Lwen in einem Theil des Platzes abzuschlieen, um dann ungefhrdet
zu den Elephantenzhnen zu gelangen. Zwei hlzerne Riegel nur, und nicht
einmal ein Pflock war davor geschlagen, um sie gegen einen doch mglichen
Zufall zu schtzen. Der Doktor versuchte den einen, er ging leicht und
bequem; wie aber seine Hand nur die Thr berhrte, stutzte der Lwe da
drin, wandte sich halb und duckte sich wie zum Sprunge nieder. Er kannte
jedenfalls den Ausgang, wenn er ihn auch nicht benutzen durfte.

Dem Doktor wurde es unheimlich der lauernden Gestalt des grimmen Thieres
gegenber; hatte er doch auch schon oft davon gehrt, wie furchtbar eine
solche Bestie den Menschen wird, wenn sie mit Menschenfleisch genhrt,
ja nur ein einziges Mal erst Menschenfleisch gekostet habe. Ordentlich
erschreckt zog er die Hand zurck und wich von den Pallisaden ab, um ihn
selbst nicht zu einem Sprung zu reizen. Wie leicht konnte das vielleicht
schon mrbe Holz der Wucht eines solchen Anpralls nachgeben!

Welche Ewigkeit das aber auch da unten mit dem Handel dauerte; es war gar
kein Ende abzusehen, und ein Wunder nur, da der Kapitn nicht ungeduldig
wurde. Zwei Stunden saen sie dort jetzt wenigstens bei einander, und wenn
sie schon zu den Proben solche Zeit brauchten, wie sollte es erst nachher
werden, wenn die Waaren an Land kamen!

Er wandte sich langsam ab um wieder zurck zu der Gruppe zu gehen, als er
den Steuermann pltzlich emporfahren und nach dem Schooner hinber deuten
sah. Fast in demselben Augenblick fiel von dort ein Schu, und als er
sich erschreckt der Richtung zu drehte, bemerkte er, wie die ganze Bai von
dunklen Kanoes schwrmte, die alle auf den Schooner zuzuhalten schienen.




Fnftes Kapitel.

Der Lwe.


Doktor Spruce hatte in der Ueberraschung des ersten Augenblicks wirklich
gar nicht auf seine unmittelbare Umgebung geachtet, denn im Moment war ihm
klar, da dort ein Ueberfall vorbereitet werde -- also Verrath! Aber eben
diese Umgebung drang sich ihm selber auf, denn er sollte nicht lange in
Zweifel gehalten werden, wie weit die schurkischen Eingebornen am Ufer mit
dem feindlichen Angriff da drauen in Verbindung standen.

Wer den Angriff begonnen, konnte er nicht erkennen, aber er sah nur, da
der Knig selber mit seiner Lanze nach einem der Weien schlug, whrend
sich der Dolmetsch mit einem Cutla, den er jedenfalls dem verdachtlos
neben ihm stehenden Matrosen entrissen haben mute, auf den Steuermann warf
und einen Schlag nach ihm fhrte. Aber er war an den Unrechten gekommen,
denn Brooks' Hand hatte fast unwillkrlich schon im ersten Moment den Griff
seines Revolvers gesucht, und nicht rascher holte der Schwarze mit der
scharfen Waffe zum Schlag aus, als es zweimal schnell hintereinander aus
dem Rohr blitzte, und der Eingeborne, wo er stand, in die Kniee brach und
zu Boden strzte. Ehe sich der Seemann aber nur gegen einen neuen Feind
wenden konnte, fielen ihm von hinten vier oder sechs riesige Schwarze in
die Arme, Andere warfen sich auf die Matrosen; ein Theil unten strmte
gegen das Boot an, und er selber fand sich von etwa einem Dutzend Wilder
angegriffen, die mit ihren gehobenen Wurfspeeren auf ihn einsprangen.
Allerdings hatte er die eigene Waffe schon in der Faust, und drei
Schsse feuerte er mitten hinein in den Trupp. Einer fiel auch, aber ihre
Wurfspeere flogen aus, und er fhlte einen stechenden Schmerz in Arm und
Bein.

Fast blind vor Wuth scho er seine letzten Kugeln gegen die Feinde ab und
wandte sich dann zur Flucht. Aber wohin -- voraus -- nach rechts und links
war ihm der Weg abgeschnitten, und nur auf die Umzunung, die den Lwen
barg, trieben sie ihn zu. Und wie brllte die Bestie, als sie die in
ihrer unmittelbaren Nhe abgefeuerten Schsse und das wthende Geheul der
Eingebornen hrte!

Der Doktor wute kaum, was er that, denn er sah den Tod von allen Seiten
auf sich eindringen. Erbarmen hatte er von den Menschen nicht zu hoffen,
und wie von einer unbewuten Gewalt getrieben, floh er der Thr des Kfigs
zu, als ob er Schutz suchen wollte bei der Bestie.

Mit einem Jubelruf folgten ihm die Wilden, denn dort konnte er ihnen
nicht mehr entgehen; wieder hoben sich die Speere zum Wurf, da ri er, von
Verzweiflung getrieben die Riegel der Thr zurck -- Rache wollte er haben
-- nicht allein von der mrderischen Bande hingeschlachtet werden, und wenn
er dann untergehen sollte, wenigstens Verderben ber seine Mrder bringen.

Kaum hatte er aber die Riegel der Thr erfat, als ein wilder, gellender
Angstschrei aus der Menge brach -- jetzt flog die Pforte auf, und mit einem
Sprung stand der Lwe -- freudiges Gebrll ausstoend, da es wie dumpfer
Donner durch das Thal rollte, auf der Schwelle. Furchtbar schn war auch
der Anblick des so pltzlich seiner Freiheit sicheren Thieres, hoch schwang
es den buschigen Schweif und hob sich die trotzig geschttelte Mhne, und
flammend kreiste das Auge rings umher, wie nach dem ersten Opfer suchend,
whrend sich der Doktor scheu und selber erschreckt von der so pltzlichen
Erscheinung des Raubthiers an die Pallisaden drckte.

Ordentlich zauberhaft wirkte aber die Erscheinung des freien Lwen auf die
Bande der Schwarzen. Was kmmerten sie jetzt die Fremden, was ihr eigener
so gefrchteter Knig. Wenn sie der Lwe fra, war es mit ihnen jedenfalls
vorbei, und im Nu stob der ganze Schwarm auseinander. Die dem Wasser
Nchsten warfen sich in blinder Angst in die Fluth, Krokodile und Haifische
verachtend -- die Anderen schossen pfeilschnell ber den Boden hin, den
nchsten Bschen und Husern zu -- die Bootsmannschaft bekam Luft, und
war wahrlich nicht faul, die Gelegenheit zu benutzen. Wen sie erreichen
konnten, hieben sie mit ihren Cutlassen zusammen, und die im Boot unten
sahen auch in der That den Lwen erst, als er jetzt in langen Stzen, und
sich weder um die flchtigen Eingebornen, noch die Weien kmmernd, dem
nchsten Dickicht zufloh.

Der Einzige jedoch von Allen, der nicht von der Stelle konnte, und nur
starr vor Schrecken und Entsetzen zu dem entfesselten Lwen hinaufstarrte,
war Zambiri, der Knig jener Helden, whrend sein Knabe in flchtigen
Sprngen bei den Weien Schutz gesucht. Der Steuermann lie ihm aber keine
lange Zeit zum Ueberlegen. Denn kaum sah er, da sie selber den Angriff
des Raubthiers nicht mehr zu frchten brauchten, als er eine der von den
Eingebornen weggeworfenen Kriegskeulen aufgriff, und mit den Worten: Und
das fr Dich, Du verrtherischer Schurke! den Dicken dermaen ber den
Schdel traf, da er wie ein Sack zusammenknickte.

Hurrah! rief aber jetzt der von oben niederspringende Doktor, mein Lwe
hat uns Bahn gemacht, aber den Dicken in's Boot. An dem haben wir eine
Geiel, und beim Himmel, die Schufte sollen bezahlen, wenn sie ihn wieder
haben wollen!

Das war ein glcklicher Gedanke, Doktor, rief der Steuermann, angefat,
Jungens, da wir den Fleischklumpen bewltigen knnen -- schlagt ein Tau um
und schleift ihn auf dem Sand hinunter -- so recht -- nur rasch -- und dann
von Elephantenzhnen in's Boot, was wir laden knnen, denn die Bahn da oben
ist frei.

Aber der Schooner! rief der Doktor.

Hahaha, lachte der Steuermann, seht Ihr nicht, wie unser alter Kapitn
zwischen die Schufte hinein gepfeffert hat? Die Drehbasse war ihnen zu
viel. Er mu seinen Anker haben sitzen lassen, denn wie ein Wetter war er
los und mit dem Segel auch, mitten zwischen der Bande drin. Drei Kanoes
sind gesunken.

Noch whrend er sprach, hatte er sowohl als der Doktor frische Patronen in
ihre Revolver geschoben, indessen die Matrosen mit lautem Hurrah den noch
bewutlosen Krper des Fleischkolosses mit ein paar Enden Tau umschlangen
und zum Boot hinabschleiften. Dort kostete es freilich einige Mhe, ihn
hinein zu bringen, aber die krftigen Burschen hoben mit einem gutgewillten
Ho! ahoi! und hinein flog der Klumpen in die Jlle und unter die Doften, wo
er liegen blieb.

Von den Eingebornen war augenblicklich allerdings nichts mehr zu sehen,
aber man wute doch nicht, wie rasch sie, wenn sie die Gefahr beseitigt
glaubten, zurckkehren knnten, und es galt dehalb rasch zu handeln.

Whrend der Doktor jetzt den kleinen, zu ihm geflchteten schwarzen
Burschen examinirte, lief ein Theil der Matrosen in die Umzunung oben,
die kein Lwe mehr bewachte, hinein, um die strksten dort liegenden
Elephantenzhne zum Ufer zu schleppen. Sie sahen dabei, wie der Schooner
jetzt mit einsetzender Fluth und ziemlich gnstiger Brise keck mitten in
die Bucht und auf sie zu hielt, und wuten nun, da sie fr ihre Sicherheit
nichts mehr zu frchten brauchten.

Der Kleine erzhlte indessen rasch und gedrngt, da die Eingebornen hier,
wie sie es bei diesem versucht, jenes Fahrzeug, an dessen Bord er selber
gewesen, geentert, die Mannschaft erschlagen und auer ihm nur zwei Leute,
einen Passagier und den ersten Steuermann, gefangen in's Land geschleppt
htten. Die Brigg sei schon lnger an der Kste gefahren und sollte viel
Elfenbein an Bord gehabt haben; das Meiste, was dort in der Umzunung
lag, stammte daher, denn aus dem Land kam wenig Elfenbein, da Zambiri nur
hauptschlich Sklavenhandel mit portugiesischen Karawanen trieb.

Und wo waren die Weien jetzt?

Der kleine Bursche wute es nicht zu sagen, denn er hatte von dem
Augenblick seiner Gefangenschaft an die unmittelbare Nhe des Huptlings
nicht verlassen drfen. Es hie allerdings, wie er meinte, da weie
Hndler, jedenfalls Portugiesen, die Weien mitgenommen, aber er konnte es
nicht verbrgen. Gesehen hatte er sie nie mehr seit der Zeit.

Den Steuermann drngte es wieder fort, um an Bord des Schooners zu kommen;
sie durften auch nicht mehr einnehmen, denn das Gewicht Zambiri's allein
drckte schon die Jlle. Was noch hinein ging, wurde allerdings geladen,
dann aber sprangen die Leute nach, und ruderten, so rasch es die Schwere
des kleinen Bootes erlaubte, gegen die Strmung an, auf den Schooner zu.

Sie waren auch nicht ohne Verlust weggekommen, der Doktor hatte zwei Wunden
von Wurfspeeren, der Steuermann einen Stich in den Schenkel und der eine
Matrose einen Hieb mit einer Keule und einen bsen Stich in der Seite.
Schlimmer hatten die Feuerwaffen freilich unter den Eingebornen aufgerumt,
denn fnf von diesen lagen todt oder schwer verwundet auf dem Platz, und
Manche der Entflohenen mochten wohl ebenfalls noch getroffen sein.

Doch jetzt war keine Zeit, nach Denen zu sehen; hatten sie sich doch auch
die Folgen ihrer Verrtherei nur selber zuzuschreiben.

Und Zambiri, der mchtige Knig des Landes? Er mochte wohl noch in seinem
ganzen Leben in keinen schlimmeren Hnden gewesen sein, denn unten im Boot,
in einer nichts weniger als bequemen Lage, schienen sich die Matrosen ein
Vergngen daraus gemacht zu haben, die erbeuteten Elephantenzhne quer
ber ihn wegzulegen, so da ihm die Last beschwerlich genug fallen mute.
Anfangs fhlte er das freilich nicht, der Schlag hatte ihn betubt; als ihm
aber die Besinnung wiederkehrte, fing er an zu sthnen und zu grunzen
und schrie einzelne Befehle mit zorniger Stimme vor. Er schien noch keine
Ahnung zu haben, wo und in wessen Hnden er sich eigentlich befand.

Das Boot nherte sich indessen dem Schooner mehr und mehr, und mit einem
Hurrah wurde die Mannschaft begrt, als sie nur in Rufsweite gekommen
waren. Allerdings schien die Gefahr noch immer nicht ganz beseitigt, denn
eine Menge von Kanoes schwamm noch in der Bucht und folgte langsam nach,
und diese muten sie allerdings wieder passiren, wenn sie den Rckweg
antreten wollten; aber die Eingebornen hatten Respekt vor den Feuerwaffen
der Fremden bekommen und getrauten sich nicht wieder nahe hinan. Jetzt
wenigstens wurden sie nicht gestrt.

Vor allen Dingen wurde nun der schwer verwundete Matrose in einem rasch
hergerichteten Stuhl an Deck gehoben, dann folgte das erbeutete Elfenbein
und zuletzt der Fleischklumpen Zambiri's, mit dem die Seeleute aber
verwnscht wenig Umstnde machten. Einer der Leute festigte oben an das
Gaffel einen Block, ein Tau wurde hindurchgezogen und dem unglcklichen
Frsten dann unter den Schultern durchgeschlagen, dann zog die Mannschaft
mit einem: =Oh, jolly men ho!= krftig an, und wenige Sekunden spter war
Zambiri, schreiend und vor Wuth mit den kurzen Beinen austretend, an Deck
gehoben, wo ihn lautes Gelchter der Schoonermannschaft begrte.

Steuermann und Kapitn tauschten jetzt ihre Berichte gegen einander aus;
Beide aber waren einig darber, da es das Beste wre, nicht ber Nacht
vor der Stadt liegen zu bleiben, da die Wilden mglicherweise einen neuen
Angriff wagen konnten. Aber in kurzer Zeit begnstigte sie auch wieder die
ausgehende Ebbe, und bis dahin konnten sie wenigstens einen Versuch machen,
einen Theil der feindlichen Schtze als rechtmige Beute zu bergen, noch
dazu da sie fr den Augenblick auch nichts von der Tapferkeit der einzelnen
Truppen zu frchten brauchten. Es war wenigstens kein einziger von ihnen
auch nur zu sehen, und da der Platz fast unmittelbar am Ufer lag, eine
Landung leicht und fast sicher auszufhren.

Zu einer solchen Arbeit sind die Matrosen immer leicht zu bekommen.
Gefahr? was kmmerte sie die, wenn es galt, irgend einen tollen Streich
auszufhren, und wie ihnen nun die Kameraden von der Umzunung
erzhlten, in welcher der Lwe die Wache gehalten und wo die prachtvollen
Elephantenzhne aufgeschichtet lgen, waren sie kaum mehr zurckzuhalten.

Indessen verfolgte der Schooner ruhig seine Bahn stromauf, und vorn am Bug
stand der Steuermann, das Fernrohr am Auge, um das Land nach jeder Richtung
hin abzusuchen. Aber nirgends war auch nur ein lebendes Wesen zu erkennen;
der an dem Morgen noch so rege Platz schien wie ausgestorben, und nur die
aus den Bschen aufragenden Giebel und Dcher verriethen, da jene Strecke
bewohnt sei -- sonst wirbelte von keiner einzigen Feuerstelle selbst nur
Rauch empor. Der Lwe hatte Wunder gewirkt.

Allerdings war es unter der Zeit schon ziemlich spt geworden, aber noch
stand die Sonne am Himmel, und ein Versuch zur Landung konnte jedenfalls
gemacht werden. Der Kapitn beorderte auch das zweite Boot auf's Wasser,
was rasch geschehen war, und whrend der Schooner hier in vollkommen
ruhiger, unbewegter See vor einem Nothanker lag, stieen sie ab und
ruderten dem Land entgegen. Es wurde auch keine Vorsicht dabei versumt,
einem etwaigen Hinterhalt zu begegnen; die Leute gingen bis an die Zhne
bewaffnet, und der Kapitn war dabei im Stande, mit seiner Drehbasse das
ganze Ufer zu bestreichen.

Mit einem lauten Hurrah strmten die Burschen, sobald die kleinen Fahrzeuge
nur das Land berhrten, die Bank hinauf und von dem Steuermann gefhrt
der Umzunung zu, wo sie sich dann freilich nicht zu den hier aufgehuften
Schtzen nthigen lieen. Genau genommen war es vielleicht Raub, aber die
verrtherischen Schwarzen muten auch gezchtigt werden, und wren sie
Sieger geblieben, so wrde wohl kaum ein Mann der Besatzung mit dem Leben
davongekommen sein. Die moralische Seite der Frage beschftigte die Leute
aber auch in der That nur sehr wenig. Allerdings schauderten sie, als sie
den Platz zuerst betraten und die inde herbeigestrichenen Aasgeier von
ihrem eklen Mahl verjagten; der verstmmelte Krper jenes unglcklichen
Sklaven sah auch entsetzlich aus -- aber sie durften sich nicht dabei
aufhalten. Schon sank die Sonne hinter den Wipfeln der Bume, und die
Dmmerung ist gar kurz in diesen Lndern. So faten sie denn auf, was sie
erreichen konnten, und hatten erst zum zweiten Mal den Weg gemacht, als
ihnen der Kapitn schon wieder das Zeichen zur Abfahrt gab. Es dunkelte,
und er wollte seine Leute nicht der Gefahr eines Ueberfalls aussetzen.




Sechstes Kapitel.

Der Gefangene.


Unter der Zeit hatte aber auch der gefangene Huptling sein volles
Bewutsein wieder erlangt und schumte ordentlich vor Wuth, als er sich,
gebunden und zu Boden geworfen, in der Gewalt seiner weien Feinde sah.
Aber die Seile hielten und schnitten ihm nur tief in die Fettwulsten seiner
Glieder ein, und zu seinen Fen sa, mit Schadenfreude in den dunklen
Zgen, der Knabe und beobachtete vergngt die machtlosen Anstrengungen des
einst so gefrchteten Mannes.

Kapitn Oacutt lag aber weit weniger daran, die schwarze unfrmliche
Menschenbild zu qulen, als durch ihn seinen Zweck zu erreichen, nmlich
die gefangenen Weien zu befreien, falls sich diese noch in der Gewalt der
Eingebornen befinden sollten. Es dauerte freilich lange, bis er Zambiri so
weit brachte, ihm Rede zu stehen, und auf's Neue gerieth dieser auer sich,
als er den Knaben, den er gewohnt war als Sklaven zu mihandeln, frei und
trotzig neben sich stehen und ihn verhhnen sah. Aber er fhlte doch auch,
wie machtlos er jetzt sei, und gab sich endlich ruhig in sein Schicksal.
Allerdings wollte er Anfangs auf die an ihn gerichteten Fragen -- wobei
jetzt der Knabe als Dolmetsch gebraucht wurde, nicht antworten; als ihm
dieser aber sagte, da er nur dadurch seine Freiheit wieder erlangen knne
und die Weien ihn sonst mit in ihr Land als Sklaven schleppten, wurde er
geschmeidiger.

Zuerst leugnete er freilich, von dem Wrack, wie den darauf befindlich
gewesenen Weien das Geringste zu wissen; endlich aber gestand er ein, da
sie Krieg mit ihnen gefhrt, weil die Weien seine Unterthanen als Sklaven
htten fortfhren wollen. Auch das gab er zu, da sie zwei von ihnen
gefangen an Land gehabt htten, aber sie wren vor Kurzem mit einer
portugiesischen Karawane fortgegangen, und er wte nichts weiter von
ihnen.

Der Kapitn sagte ihm jetzt, da er nur dadurch seine Freiheit wieder
erlangen knne, wenn er die beiden Weien herbeischaffe, denn er wrde
seinen Lgen nie glauben. Zambiri blieb aber bei seiner Behauptung und
forderte die Weien auf, den Knaben hinber zu schicken und dort selber
nachzufragen. Alle Eingebornen wrden seine Aussage besttigen.

Das war brigens leichter gesagt, als ausgefhrt, denn beide Boote befanden
sich gerade an Land und die Leute dort emsig genug beschftigt. Ueberdie
durfte er sie nicht lnger drben lassen, denn schon setzte mit der
Abenddmmerung ein leichter dnner Nebel ein, der den freien Blick auf
einige Entfernung hemmte. Unter dem Schutz desselben htten die Wilden
recht gut pltzlich vorbrechen knnen, und er war sogar der Gefahr
ausgesetzt, da sich der Nebel dichte und er den Weg nicht mehr aus der
Bucht hinaus fand. -- Fr heute hatten sie jedenfalls ihre Arbeit
hier gethan; er gab das Zeichen zur Abfahrt, und als die Boote an Bord
zurckkehrten, kam der leichte Anker in die Hhe und der Schooner trieb
langsam mit der Ebbe stromab und wieder in See hinaus.

Zambiri heulte laut auf, als er die Bewegung sah und jetzt bemerkte, da
sie weiter und weiter ab von seinem Reiche trieben, aber Niemand achtete
auf ihn. An der Mndung der Bai fischte die Sarah Miles ihren vorher
an einer Buoye gelassenen Anker wieder auf und hielt dann auf's Neue in
offenes Wasser hinaus, wo sie keinen Angriff zu frchten brauchte.

Erst am nchsten Morgen kehrte sie zurck, aber nicht wieder in die Bucht,
in die sich der Kapitn nicht mehr hineinwagen mochte, sondern gegen das
untere Ufer hielt er an, wo sie jetzt Eingeborne entdecken konnten. Wie
aber nur das Boot ausgesetzt wurde, flohen sie in den Wald hinein und
es hatte nicht geringe Schwierigkeiten, sie zu berzeugen, da man keine
Feindseligkeit beabsichtige, sondern nur zu unterhandeln wnsche. Der
Knabe, obgleich er sich Anfangs dagegen strubte, weil er frchtete, da
man ihn zurckhalten wrde, mute endlich allein an Land, und es gelang ihm
auch, Einzelne der tapferen Krieger zum Stehen zu bringen.

Die Auskunft, die er von diesen erhielt, lautete aber wirklich ganz hnlich
so wie die, welche ihnen schon Zambiri gegeben. Die beiden gefangenen
Weien hatten, weil sie immer krank waren und keine Arbeit verrichten
konnten, mit den portugiesischen Hndlern vor etwa drei Monaten das Land
verlassen, und Niemand wute zu sagen, wo sie jetzt wren -- jedenfalls
aber weit von hier.

Damit kehrten die Botschafter an Bord zurck, denn was htte ihnen ein
lngerer Aufenthalt am Lande gentzt? Aus Zambiri selber war ebenfalls
nichts weiter heraus zu bekommen. Jetzt, mit der Todesangst, da er
fortgeschleppt werden sollte, war er auch mrbe und zahm geworden und unter
Thrnen schwur er, da er die Wahrheit gesprochen -- wrde er den Fremden
doch gern hundert Gefangene fr seine eigene Freiheit gegeben haben. Er bot
ihnen auch wirklich so viele von seinen eigenen Leuten als Sklaven an,
wenn sie ihn wieder an's Ufer setzen wollten, und erklrte dabei, auf
jeden Handel einzugehen, den sie vorschlagen wrden. Oacutt traute aber dem
Burschen nicht und wollte auch keine Sklaven haben. Mitnehmen konnten sie
ihn aber nicht, was sollten sie mit dem Kolo an Bord thun, und der Knabe
wurde dehalb noch einmal an Land geschickt, um wenigstens ein Lsegeld fr
den Knig zu erhalten.

Zuerst sollten die Eingebornen die noch in der Umzunung lagernden
Elephantenzhne, welche die Matrosen gestern nicht alle fortgeschafft, zum
Ufer herunterbringen, und ebenso den Koffer mit Geschenken, den er gestern
erhalten -- auerdem aber smmtliche Sachen, die sie von jenem Fahrzeug der
Weien geraubt und die sich in Zambiri's Wohnung befanden.

Unter der Zeit hatte sich auch wieder eine Zahl von Eingebornen am
Ufer versammelt, denn sie sahen wohl, da die Weien keine feindseligen
Absichten mehr zeigten, und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen
Knig loszubitten. Uebrigens schienen sie smmtlich bewaffnet, als ob sie
doch noch einen Angriff der Fremden frchteten, und da Oacutt auch das
letzte Mitrauen zu zerstreuen wnschte, so wurde der Doktor, den Knaben
als Dolmetsch bei sich, mit einer weien Flagge hinbergesandt. Der
Steuermann nmlich konnte nicht gehen, da ihn seine Wunde zu sehr
schmerzte.

Die Bedingung, die Spruce zu stellen hatte, lautete, da die Eingebornen
das Lsegeld am Ufer niederlegen und sich dann entfernen sollten. Die
Weien wrden es dort in Empfang nehmen und ihren Knig dann ungesumt an
Land setzen.

Das Boot nherte sich, dieser Masse von Eingebornen gegenber, nur
hchst vorsichtig dem Ufer, und der Doktor hielt es fr gerathen, selbst
vornhinein zu treten und die Fahne zu schwenken, damit sie shen, da sie
in friedlicher Absicht kmen.

Die Eingebornen standen indessen still und regungslos etwa hundert Schritt
vom Ufer ab und unmittelbar vor dem nchsten Dickicht, wahrscheinlich um
dort, wenn es etwa nthig werden sollte, gleich hinein zu tauchen, und nur
erst als das Boot, das aber vorsichtigerweise nicht auflief, sondern flott
blieb, den Strand berhrte und der Doktor, die Fahne in der Hand und nur
den Knaben als Dolmetscher an seiner Seite, an's Ufer sprang, kamen drei
der Schwarzen, aber ohne Waffen, zum Wasserrand herab, um zu hren, was die
Weien von ihnen wollten.

Der kleine Bursche richtete dabei die Botschaft aus, indem es ihm der
Doktor auf Englisch vorsagte und er die einzelnen Theile bersetzte, und
sie hrten ihn ruhig und aufmerksam an. Als er aber geendet, erwiederten
sie, da sie sich darber erst mit dem Stamm berathen mten -- sie sollten
nur ein wenig warten, sie kmen gleich wieder zurck.

Damit gingen sie und der Doktor machte sich schon auf eine lange Wartezeit
gefat, denn da die Eingebornen einen schwierigen Stand mit dem dicken
Knig selber bekamen, wenn sie all' sein Eigenthum -- und sei es auch zu
seiner eigenen Rettung -- hergaben, lie sich denken. Sie schienen aber
weniger Zeit zu brauchen, als er selber geglaubt, denn obgleich die
Unterhandlung da oben ziemlich strmisch herging und viel und laut
gesprochen wurde, dauerte sie doch kaum eine volle Viertelstunde. Dann
kamen die schwarzen Botschafter wieder zurck und ihre Antwort lautete in
der Uebersetzung etwa folgendermaen:

Unser Knig war Zambiri. Er war blutdrstig und grausam. Er hat viele
unserer jungen Leute hingeschlachtet und an die Weien verkauft; wir waren
Alle seine Sklaven. Ihr habt ihn weggenommen und auf euer Schiff gebracht
-- das ist gut. Behaltet ihn. Wir haben einen andern Knig gewhlt und
Alles, was dem frheren gehrte, ist jetzt sein Eigenthum. Wir wollen auch
keinen Krieg mit den Fremden oder mit einem andern Stamm -- wir wollen
Frieden -- Llefugo hat gesprochen.

Der Doktor lachte gerade hinaus, als ihm der Knabe die Antwort bersetzte.
Das war ein liebender Volksstamm, der sich herzlich freute, den Landesvater
los zu werden, und nicht einen Elephantenzahn geben wollte, um ihn wieder
zu bekommen. -- Und was nun? Wrdevoll aber standen die Abgesandten vor
ihm. Sie hatten ihren Auftrag ausgerichtet und kein ferneres Interesse an
der Sache. Eine weitere Verhandlung zeigte sich auch als vllig zwecklos,
denn die Eingebornen lieen sich auf nichts mehr ein. Die Weien mochten
Zambiri mit fortnehmen, wenn es ihnen Freude machte; sie hatten einen
andern Knig und wollten keinen Krieg.

Dabei winkte der Sprecher mit der Hand, und als thatschlicher Beweis
des eben Gesagten kamen eine Anzahl Frauen und Kinder, Anfangs zwar noch
schchtern, aber dann doch zutraulicher werdend, an die Landung herunter
und brachten Krbe mit Frchten, Mangas, Cocosnsse, Eier, junge Hhner und
Ferkel, die sie zum Tausch anboten. Eine solche Aushlfe war nun allerdings
erwnscht, und der Doktor hatte auch schon zu dem Zweck eine Partie
Schmuck, Kattun und Tabak im Boot, was er ungesumt gegen frische
Provisionen eintauschte. Von ihrem Knig wollten sie aber nichts weiter
hren -- Zambiri war ihr Knig nicht mehr, wie sie sagten, und nur ein
bser, schwarzer Mann, den die Weien verkaufen sollten, wenn sie Lust
htten -- sie wollten ihn aber nicht.

Damit fuhr der Doktor an Bord zurck und berraschte seinen Kapitn mit
der allerdings unerwarteten Nachricht. Vollkommen wie rasend geberdete sich
dagegen Zambiri selber, als ihm der Kleine mit boshafter Schadenfreude das
wieder erzhlte, was sein treues Volk ber ihn gesagt, und als er hrte,
da sie an Land einen neuen Knig gewhlt, fing er so an zu wthen, da die
Matrosen endlich ein Stck Segeltuch ber ihn herwarfen und ihn festhalten
muten, er htte sonst, trotz seiner Bande, ein Unglck angerichtet.

Kapitn Oacutt kratzte sich den Kopf und lief auf seinem Quarterdeck mit
raschen Schritten auf und ab. -- Da die hier frher gefangen gehaltenen
Weien den Platz wieder verlassen hatten, schien vollkommen sicher zu sein,
denn halb und halb besttigte das ja auch die Aussage des Knaben; was aber
sollten sie jetzt mit dem Fleischklumpen an Bord machen, den sein eigenes
Volk nicht einmal wieder haben wollte? Ihn mitnehmen? -- Er wre ihnen eine
nutzlose Last gewesen -- und ber Bord werfen? -- Verdient htte er es,
denn sein Steuermann sa mit einer hlichen Wunde an Deck, und der eine
Matrose war so bs getroffen, da der Doktor schon bei dem ersten Verband
bedenklich mit dem Kopf schttelte. -- Aber es ging doch nicht. Gefangen
durfte er ihn nehmen, aber ber den Gefangenen stand ihm kein Recht auf
Leben und Tod zu.

Ei, zum Henker! rief da der Kapitn pltzlich aus, indem er stehen blieb
und sich gegen den Doktor wandte, was geht uns denn hier die ganze Bande
an, ob sie ihren Knig wieder haben wollen oder nicht; wir knnen ihn
keinenfalls gebrauchen und seinethalben auch keine Stunde lnger an der
Kste bleiben. Zimmermann, nehmt Euch einmal zwei Leute in die kleine Jlle
und setzt mir den Fettfleck an Land -- mir wird bel, wenn ich das Ungethm
sich da noch lnger wlzen sehe.

Und der Junge, Kapitn, soll der auch wieder mit fort?

Wenn er will, meinetwegen.

Der Knabe hatte der fr ihn verhngnivollen Frage mit augenscheinlichem
Erschrecken gelauscht, jetzt aber warf er sich vor dem Kapitn nieder
und bat in so angstgepreten Tnen, nicht wieder jenem grausamen Manne
berliefert zu werden, da der Seemann endlich sagte: Gut, da bleib', ich
hab' nichts dagegen, aber nun auch rasch, da wir den dicken Burschen von
Bord kriegen. Bindet ihn los, Zimmermann, und sag' ihm, mein Junge, da
er an's Ufer soll; nachher mag er sehen, wie er selber mit seinen Leuten
fertig wird.

Der Befehl wurde rasch ausgefhrt; whrend die Leute den abgesetzten Knig
losbanden, sagte ihm der Knabe, da er frei sei und an Land gehen knne;
dann schnrten sie ihm ein Tau um den Leib, lieen ihn wieder in's Boot
hinunter und wenige Minuten spter ruderten sie den Kolo zum Ufer hinber.

Jetzt aber band sie auch nichts mehr an die Kste, und dem Kapitn lag
selber daran, so rasch als mglich wieder fortzukommen. Noch whrend die
Jlle unterwegs war, wurde das andere grere Boot an Bord genommen und der
Anker gehoben, und inde der Kapitn die dazu nthigen Befehle gab, stand
der Doktor an der einen Want, das Teleskop am Auge, und sah nach der
Landung hinber, um zu beobachten, wie Knig Zambiri von seinen treuen
Unterthanen empfangen werden wrde.

Die Eingebornen am Ufer hatten sich inde zum groen Theil zerstreut, denn
sie hielten nach ihrer gegebenen Erklrung die Sache wahrscheinlich fr
abgemacht. Ein Theil von ihnen war aber doch noch zurckgeblieben, um den
Schooner und dessen Abfahrt zu berwachen, und diese wurden jetzt pltzlich
aufmerksam, als sie das Boot noch einmal zur Kste zurckkehren sahen. Was
es enthielt, vermochten sie freilich nicht gleich zu unterscheiden, da
man den Schwarzen auf der ihnen entgegengesetzten Seite des Schooners
niedergelassen; aber vorsichtig nherten sich die zuerst Gesandten wieder
dem Strande. Da verrieth ihnen das rothe, jetzt freilich arg zerrissene
Oberhemd ihres frheren Knigs Zambiri vor der Zeit dessen Anwesenheit, und
einen lauten Schrei ausstoend liefen sie zu den Ihrigen zurck, um ihnen
wahrscheinlich die Entdeckung mitzutheilen.

Jetzt kam Leben in den Schwarm. Der Doktor bemerkte, wie nach allen Seiten
Leute abgeschickt wurden, die pfeilschnell ber den Boden schossen, inde
die Schaar der Bewaffneten mit ihren Lanzen und Schilden nher zum Strand
hinunterrckte. Dem Zimmermann wurde auch, wie er spter erzhlte, nicht
ganz wohl im Boot, und es lag ihm gar nichts daran, den jetzt jedenfalls
gereizten Eingebornen zu bermig nahe zu kommen. Darin begnstigte ihn
aber die indessen stark eingetretene Ebbe; gleich unterhalb bemerkte er
einen etwas weiter auslaufenden Sandstreifen, auf den er augenblicklich
zuhielt, und hier bekam Zambiri die Ordre, wie nur der Kiel den Sand
berhrte, auszusteigen und seinen Weg allein fortzusetzen -- was schadete
es auch, wenn er mit seinen bloen Beinen nasse Fe bekam.

Zambiri schien keine rechte Lust zu haben, denn das ganze Benehmen seiner
Unterthanen am Ufer mochte ihm ebenfalls nicht gefallen -- aber es blieb
ihm keine Wahl, denn weit mehr frchtete er an Bord zurckgeschafft zu
werden. Er stieg aus, im Nu scho das dadurch fast um die Hlfte seines
Gewichts erleichterte Boot wieder zurck in tiefes Wasser, und Zambiri, den
zerfetzten rothen Mantel um die Schultern, stand an der Spitze der Sandbank
und starrte nach dem Ufer hinber.

Das Boot hielt sich nicht auf; rasche krftige Ruderschlge brachten es zum
Schooner zurck, und whrend es dort eingehakt und an der Seite aufgezogen
wurde, kam auch der Anker herauf und der Bug der Sarah Miles schwang
langsam mit der Strmung herum der offenen See entgegen.

Noch stand Zambiri am Strand, und eben so fest behaupteten die Krieger oben
ihren Platz. Jetzt aber mochte er doch wohl fhlen, da er dort drauen
nicht lnger bleiben knne, ohne seiner Wrde etwas zu vergeben. Einen
Blick warf er nach dem Fahrzeug der Weien zurck, dessen Segel sich voll
ausblhten und an dessen Bug sich schon das Wasser zu kruseln begann --
dann drehte er sich um und schritt entschlossen die Uferbank hinauf.

Jetzt regte sich auch da oben die dunkle Masse -- der Doktor konnte noch
erkennen, obgleich sich die Entfernung mit jedem Augenblick vergrerte,
da von allen Seiten mehr Bewaffnete herbeiliefen. Da drhnte pltzlich,
bis zu ihnen selbst hinaus, ein einziger gellender Aufschrei aus Aller
Kehlen, und wie ein Schatten ber einen von der Sonne beschienenen Plan
wlzte sich der dunkle Schwarm dem Knig entgegen.

Dieser warf die Arme empor, dann verschwand Alles in einem wilden Gewirre
von schwarzen Gestalten, und als sich diese endlich wieder zum Ufer
hinaufgezogen, blieb nur ein einziger dunkler Punkt auf dem hellen
Untergrund des Strands zurck.

Der Doktor schob sein Glas noch etwas mehr zusammen, um den Punkt in den
Fokus zu bekommen.

Nun, Doktor, wie ist's? lachte der Kapitn; knnen Sie noch was
erkennen? -- Wie haben sie unsern Dicken aufgenommen?

Dort liegt sein unbeholfener Leichnam am Strand, sagte der Doktor, indem
er das Glas zusammenschob, denn die Entfernung wurde jetzt zu gro, und
wenn die Fluth wieder steigt, wird sie ihn in die See schwemmen.

Ein fetter Bissen fr die Krokodile! lachte der Seemann. Alle Wetter!
das erste, das ihm begegnet, bekommt ein richtiges Maul voll -- ein Glck
nur, da er uns zu seinen Erben eingesetzt. Aber was haben sie mit ihm
gemacht?

Ihm wahrscheinlich ihre Lanzen in den Leib gerannt, nickte der Doktor.
Sonderbar doch; vorher hatte er nicht mehr Macht und Gewalt ber sie
als jetzt, und doch duldeten sie Alles und lieen sich verkaufen und
abschlachten, wie es dem grausamen Tyrannen gefiel. Jetzt, da der Nimbus
gefallen ist, der ihn umgab, rennen sie ihm ihre Speere in den Leib und
lassen den Kadaver drauen auf dem Sande liegen.

Menschennatur, sagte der Yankee gleichgltig. Na, wir sind ihn
wenigstens los und haben keine Verantwortung. Die Brise frischt auf, Doktor
-- ich denke, jetzt halten wir gerade auf das Kap zu.

Der Schooner neigte sich vor dem frisch einsetzenden Wind auf die Seite und
flog schumend durch die leichtbewegte Fluth. Vom Land aus hatten ihm die
Eingebornen nachgesehen, aber er wurde kleiner und kleiner und verschwand
endlich wie ein lichter Punkt am Horizont.




Der Mexikaner.

Peruanische Erzhlung.




Erstes Kapitel.

Die verlassene Frau.


In Lima lebte im Jahr 1850 in einem kleinen Huschen in der Vorstadt eine
arme deutsche Schusterfrau, der es auerordentlich knapp zu gehen schien,
denn sie war von ihrem Mann verlassen worden und hatte sich nun hier
drauen bei einer armen peruanischen Familie einquartieren mssen. Sie
ging auch, besonders in deutsche Huser, pltten und nhen und suchte sich
wirklich auf ehrliche Art ihr Brot zu verdienen, wobei sie denn von den
wenigen deutschen Familien nach Krften untersttzt wurde.

Der Mann war -- so viel wute man -- im Jahr 48, als die erste Nachricht
der in Kalifornien entdeckten Schtze nach Peru drang, pltzlich
verschwunden, und sollte in Callao -- dem Hafen von Lima, kurz vor der
Abfahrt eines nach San Francisco bestimmten Schiffes gesehen worden sein.
Der Verdacht lag also sehr nahe, da er sich auf diesem entfernt habe, um,
wie tausend Andere, sein Glck in den Minen zu versuchen. Da er die
Frau dabei in den drftigsten Umstnden und fast ohne einen Dollar
Geld zurcklie, war natrlich schlecht, aber es wre doch wohl noch zu
entschuldigen gewesen, wenn er sich nur spter um sie gekmmert, wenn er
nur einmal etwas Geld geschickt oder wenigstens einen Brief geschrieben
htte.

Aber Nichts dem Aehnliches erfolgte, und die arme Frau mute zuletzt die
Hoffnung aufgeben, ihren Mann je wieder zu sehen und von ihm Hlfe zu
erhalten. Allerdings erkundigte sie sich -- als nun fast zwei Jahre
vergangen waren, und viele Peruaner aus den kalifornischen Goldminen
zurckkehrten, bei Jedem wohl nach dem Verlorenen und ob sie ihn nicht in
Kalifornien getroffen htten -- aber, lieber Gott, Kalifornien war gro und
die dorthin gegangenen Goldwscher staken oben in den Gebirgsschluchten,
wohin weder Weg noch Steg fhrte; wer sollte sie dort finden. Man konnte
Monate lang in ihrer unmittelbaren Nhe sein und bekam sie trotzdem nicht
zu sehen. Es wute ihr auch Niemand auch nur den geringsten Trost oder
Anhaltepunkt zu geben -- sie mute sich selber trsten, vielleicht kehrte
er, wie die Meisten sagten, einmal ganz pltzlich mit einem groen Sack
voll Gold zurck, und dann hatte alle ihre Noth ein Ende.

Aber er kam nicht -- Woche nach Woche verging, wie Monat nach Monat
vergangen war, und die verlassene Frau beschlo endlich, in ihre Heimath
nach Deutschland zurckzukehren, wo ihr noch wohlhabende Verwandte lebten;
die einzige Schwierigkeit schien nur die, ein Schiff zu bekommen, das sie
fr eine mige Passage hinber brachte. Aber auch das fand sich endlich.
Ein in Callao ankernder hamburger Kapitn hatte von dem Schicksal der
Deutschen gehrt, und als er sie zufllig einmal bei Bekannten traf und
sie ihm ihre Noth klagte, erbot er sich freundlich, sie gegen einen sehr
migen Preis hinber zu schaffen.

Viel trug dazu auch ihr Aeueres bei -- Frau Bockenheim mute in ihrer
Jugend wirklich einmal schn gewesen sein, und sie war selbst jetzt noch,
in den dreiiger Jahren, eine hbsche, stattliche Frau zu nennen.
Frher galt sie auch unter den brigen Handwerkerfamilien fr stolz und
hochfhrig; sie trug gern seidene Kleider und putzte sich manchmal so
heraus, da man in ihr nie eines Schusters Frau vermuthet haben wrde. --
Das hatte sich freilich jetzt durch ihren Nothstand grndlich gelegt; von
dem Moment an, wo sie sich abhngig von fremden Leuten fhlte, wurde sie
eine ganz Andere. Sie ging hchst einfach, nur in die billigsten Stoffe
gekleidet, und schrnkte sich wirklich nach Mglichkeit ein, um nur keine
Schulden zu machen. Trotzdem verkehrte sie aber wenig oder gar nicht mit
ihres Gleichen -- mit anderen Handwerkerfrauen -- von denen sie auch in der
That keinen Verdienst erwarten konnte.

Jetzt hatte das berhaupt aufgehrt und sie begann das Letzte zu thun, was
ihr brig blieb, um ihre Passage zu bezahlen, nmlich die Ueberreste ihres
kleinen Hausstandes zu verkaufen. Da aber das zu langsam ging, denn das
Schiff wollte segeln, so setzte sie endlich eine Auktion an, auf welcher
auch das Handwerksgerth ihres Mannes losgeschlagen wurde. Was sollte sie
auch damit machen? Der Verlorene kehrte doch nicht wieder.

In Lima hatte sich indessen das Schicksal der Schusterfrau und ihre
Absicht, Peru zu verlassen, ausgesprochen, und schon aus Mitleiden mit
ihrem Schicksal besuchten Viele die Auktion, so da die oft werthlosen
Gegenstnde noch zu einigermaen gutem Preis verkauft wurden.

Die Auktion war vorber; die letzten Sachen waren abgeholt; nur noch ein
Koffer und ein Reisesack standen in dem den Raum, und die Frau hatte eben
einen kleinen Knaben aus dem Haus nach einem Peon oder Diener geschickt,
um sie forttransportiren zu lassen, als drauen ein Schritt auf der
Treppe laut wurde. Sie glaubte, es wre der erwartete Packtrger, und noch
seufzend einen Blick in den Rumen umherwerfend, in denen sie so manche
einsame und traurige Stunde verlebt, sagte sie:

Da, Freund -- nehmt die Sachen und tragt sie mir--

Bertha, flsterte da eine Stimme, die ihr das Blut zum Herzen
zurckdrngte, und als sie sich erschreckt danach umwandte, stand ein mit
einem Poncho behangener fremder Mann auf ihrer Schwelle. Sie kannte ihn
nicht -- er trug einen groen dunklen Bart und den Hut fest in die Augen
gezogen, rhrte sich auch nicht, und nur als sie ihn erstaunt anstarrte,
wiederholte er, mit der nmlichen Stimme das eine Wort, das ihren
Herzschlag stocken machte: Bertha!

Um der Wunden Christi Willen! sthnte die Frau, wer ist denn das der --
der meinen Namen--

Und kennst Du mich nicht mehr?

Ja -- wach' ich denn oder trum' ich -- Casper?

Hab' ich mich denn so verndert? lachte er und streckte ihr die Arme
entgegen, aber mit einem lauten, gellenden Freudenschrei strzte sie auf
ihn zu und umschlang ihn krampfhaft mit ihren Armen.

Casper! Du bist's -- Du -- und oh mein Gott, wie lange hast Du mich warten
lassen -- oh wie ewig lange. Wo, wo bist Du nur gewesen?

Und wenn ich ein klein wenig spter gekommen wre, lchelte der Mann,
ohne die Frage fr jetzt zu beantworten, so htte ich Dich am Ende gar
nicht mehr getroffen. Du wolltest verreisen--

Nach Deutschland zurckkehren! rief die Frau, was sollte ich lnger
allein hier in dem fremden Land? Ich hielt es nicht mehr aus und mute Dich
ja todt glauben, da Du mir nicht ein einziges Mal geschrieben. -- Ach, das
war nicht Recht, Casper.

Ja, schreiben, nickte dieser, liebes Kind! Wo ich mich die ganze Zeit
herumgetrieben habe, gab es weder Feder noch Dinte noch Papier, viel
weniger Posten, und ich htte einen Brief selber nach San Francisco tragen
mssen.

So warst Du die ganze Zeit in Kalifornien?

Gewi war ich--

Und hast Du Glck gehabt?

Der Mann schwieg und sah sie mit einem Blick an, der ihr ordentlich bis
in's innerste Herz hinein stach -- mit einem Blick, wie sie ihn noch nie
von ihm gesehen. Ueberhaupt kam er ihr so merkwrdig verndert vor. Machte
das vielleicht der groe schwarze Bart, den sie allerdings nicht an ihm
gewohnt war? -- und er sah dabei so bleich aus -- so dster. -- Er hatte
jedenfalls Unglck gehabt und kehrte als armer Mann zurck.

Oh mein Gott, sthnte die Frau, als ihr der Gedanke kam, und jetzt
hab' ich all' das Unsere, selbst Dein Handwerkszeug, um einen Spottpreis
verkauft -- Nichts ist mir geblieben, als meine Kleider und Wsche und die
paar hundert Thaler, die ich fr die Ueberfahrt zahlen wollte.

Da zuckte es wie ein Lcheln ber des Mannes Gesicht, und er sagte:

Gott sei Dank, da wir den alten Plunder los sind, wir htten ihn doch
nicht mehr gebrauchen knnen.

Nicht mehr gebrauchen knnen, Casper? wiederholte die Frau erstaunt, ich
wei nicht, Du -- Du bist so sonderbar -- ich begreife Dich nicht.

Weil ich mit einem ganzen Sack voll Gold zurck komme, Schatz, lachte der
Mann laut auf.

Mit einem Sack voll Gold?

Was ich Dir sage -- unsere Noth hat nun aufgehrt -- ich habe Glck, viel
Glck in den Minen gehabt -- unserer Zwei trafen eine enorm reiche Stelle
-- aber das Alles erzhle ich Dir spter. -- Was will der Bursche da?

Whrend er noch sprach, war ein Peon auf der Schwelle der weit offen
stehenden Thr erschienen und sah in's Zimmer herein.

Die Sennorita hat einen Mann verlangt, um ihr Gepck fort zu tragen.

Ach ja -- =bueno=-- rief der Zurckgekehrte du, guter Freund, schultert
einmal die Sachen und tragt sie in das amerikanische Htel -- oder wir
gehen besser gleich mit, denn hier haben wir doch wohl Nichts weiter zu
thun, Schatz, wie?

Es ist Alles fort, selbst der letzte Stuhl--

Also gnzlicher Ausverkauf, lachte der Mann, desto besser, dann werden
wir auch durch Nichts mehr gehindert -- =vamos nos, companero, vamos nos=
-- und damit gab er seiner Frau den Arm und schritt mit ihr die Treppe
hinab, die Vorstadt entlang und dann ber die Brcke, immer die Hauptstrae
nieder und hinter dem Peon mit ihren Sachen her, bis sie das Htel
erreichten, wo er augenblicklich zwei Zimmer und ein gutes Diner fr sie
bestellte.

Die Frau ging wie in einem Traum an seiner Seite; sie fhlte kaum, wie ihre
Fe den Boden berhrten. War denn das Alles wirklich wahr, und der Mann,
den sie schon lange todt geglaubt und in Verzweiflung aufgegeben, nicht
allein zurckgekehrt, sondern auch reich, mit Schtzen beladen? Wie ein
Mrchen klang's ihr in den Ohren und sie bemerkte dabei gar nicht, da die
Leute, denen sie unterwegs begegneten, fast immer stehen blieben und dem
etwas wunderlichen Paar nachschaueten.

Und es war in der That ein wunderliches Paar fr einen heien, sonnigen Tag
in Lima. Der Mann trug einen alten breitrndrigen und chokoladenfarbigen
Filzhut, einen dicken, blau und roth gestreiften Poncho, und dazu
mexikanische, an den Seiten herunter offengeschlitzte Sammethosen mit
kleinen silbernen Knpfen daran. Die Frau an seiner Seite ging dabei in
echt deutscher Handwerkertracht mit einem langen, braunen, etwas abgenutzt
aussehenden Kattunkleid, ohne Steifrcke darunter, einem rothwollenen Tuch
um, und einem Hut, von dem man eigentlich nicht sagen konnte, da er hier
aus der Mode gekommen, denn er war in Lima wohl noch niemals Mode gewesen.
Auch die Blumen darauf sahen zerknickt und schmutzig aus, und so viel die
Frau auch wohl frher auf ihre Toilette gegeben hatte, und so nett sie
sich gehalten: jetzt, mit den Sorgen der letzten Zeit im Herzen, schien
sie Alles vernachlssigt zu haben, und dachte auch in diesem Augenblick
wahrlich an Nichts weniger, als an ihre abgetragenen Kleider.

In dem ziemlich groartigen Htel betrachteten sich die Kellner das
sonderbare Paar ebenfalls ziemlich erstaunt und schienen nicht bel Lust
zu haben, sie etwas ber die Achseln zu behandeln; als aber der Mann, nicht
etwa hflich, sondern mit barschem Ton Zwei Zimmer vorn heraus und vor
Allem eine Flasche Champagner und dann so rasch als mglich ein gutes
Diner bestellte, wurden sie aufmerksamer. Der Mann mute Geld haben oder
er wre hflich gewesen, und er wurde jetzt, trotz seinem unscheinbaren
Aeueren, pnktlich bedient.

Oben aber, in dem elegant mblirten freundlichen Gemach, dem Champagner,
der der Frau ebenfalls trefflich mundete, gar wacker zusprechend, sa der
von Kalifornien zurckgekehrte glckliche Miner und erzhlte, nur erst
einmal in flchtigen Umrissen, seine Abenteuer: Wie er Anfangs, und wohl
anderthalb Jahr hindurch, mit eisernem Flei und unermdlicher Ausdauer
gearbeitet und ein Loch nach dem andern gegraben habe, immer und immer aber
wieder getuscht, immer wieder auf neue Hoffnung angewiesen worden. Ja,
er verdiente sich, was er eben zum Leben brauchte, aber auch nicht mehr
-- Gold gab es ja berall. Da machte er endlich die Bekanntschaft eines
Mexikaners, der groes Vertrauen zu den nrdlichen Minen hatte. Mit dem
war er an den Yubaflu gegangen, und dort in einer der Ravinen, die noch
wahrscheinlich kein weier Mann entdeckt, trafen sie pltzlich auf ein
Goldlager, wie sie es bis dahin nicht fr mglich gehalten. Stcke fanden
sie dort, so gro wie die Wallne, und einzelne grer, die wie in einem
geschmolzenen und dann erkalteten Zustand vor Jahrtausenden vielleicht in
der kleinen, engen Schlucht herabgewaschen waren.

Dort arbeiteten sie, von Niemandem gestrt, ja von Niemandem bemerkt,
heimlich und versteckt sechs volle Monate, bis sie die ganze Goldader,
so weit das wenigstens anging, ausgebeutet hatten. Dann kauften sie sich
Maulthiere unten in Yubacity, einem kleinen Goldwscherdorf, holten die
inde vergrabenen Schtze ab, luden sie auf und zogen damit nach Sacramento
hinunter, von wo sie dann mit dem Dampfschiff nach San Francisco gingen.
Von hier aus kehrte der Mexikaner in sein eigenes Vaterland zurck, und
er selber ging an Bord des ersten nach Panama abfahrenden Dampfers, um von
dort wieder mit dem sdlichen =vapor= so rasch als irgend mglich Peru
zu erreichen. Deshalb war es ja auch gar nicht mglich gewesen, vorher zu
schreiben, denn die erste Gelegenheit, die sich dazu bot, um rasch einen
Brief zu senden, benutzte er, und er htte einen solchen nur selber
mitnehmen, nie aber vorher hierher befrdern knnen.

Der armen Frau kam es die ganze Zeit, whrend der Mann sprach, genau so
vor, als ob sie irgend eine wunderbare Geschichte in einem Buche lse, aber
keine Mglichkeit vorhanden wre, da das Alles sie mit betreffen knne und
das Gold, das viele Gold, das ihr Mann mitgebracht, ja doch nun auch ebenso
gut ihr gehre und sie damit reiche und vornehme Leute geworden wren.

Aber wo hast Du das viele Gold, Casper? frug sie ihn endlich, doch nicht
bei Dir?

Bei mir? lachte der Mann, indem er eine Handvoll groer goldener
Doublonen aus der Tasche nahm und ihr vorhielt, so ein paar Stck kann man
schon bei sich fhren, aber ich mchte das Ganze wahrhaftig nicht auf der
Schulter tragen.

So viel ist es?

Nun natrlich -- Gold wiegt schwer, mein Kind -- und ich konnte mich damit
doch nicht in der ganzen Stadt herumschleppen, bis ich Dich da drauen,
im uersten Winkel von Lima, aufgesucht? Es steht in zwei kleinen Koffern
sicher in einem Handlungshaus, das ich von frher kannte. Jetzt will ich
Dir aber wenigstens die Proben des Mitgebrachten zeigen.

Damit stand er auf, schlo erst vorsichtig die Thr zu und schnallte sich
dann einen ledernen langen Sack von den Hften ab, dessen Inhalt er vor den
erstaunten Augen der Frau ausschttete.

Du lieber Gott! einen solchen Reichthum hatte sie bis dahin gar nicht fr
mglich gehalten -- und was fr groe schwere Stcken dabei waren, und wie
wunderlich geformt! -- Und das sollte erst der kleinste Theil des Ganzen --
nur eine Probe sein? Ihr Mann packte aber die Stcke wieder zusammen, denn
drauen klopfte es, und der Kellner frug sehr artig durch die Thr, ob die
=lady= und der =gentleman= jetzt zu speisen wnschten.

Das Essen wurde gebracht, aber nach Tisch ging der frhere Schuhmacher
augenblicklich daran, den Koffer seiner Frau zu revidiren, um zu sehen, was
sie an Kleidern und Wsche habe, und was sie Neues brauchen wrde. Da sah
es freilich bs aus -- sie brauchte fast Alles neu, denn das Wenige, was
sie noch hatte, war so abgenutzt, da ihr der Mann augenblicklich erklrte,
damit knne sie nicht mehr auf der Strae erscheinen. Der heutige Abend
sollte denn auch dazu benutzt werden, alle die nthigen Einkufe zu machen,
und nachher konnten sie dann in aller Ruhe berlegen, ob sie vor der Hand
noch hier in Lima bleiben oder ohne Weiteres nach Deutschland zurckkehren
sollten. Gegen den letzteren Plan sprach sich aber Madame Bockenheim auf
das Entschiedenste aus. War ihr Mann wirklich so reich, dann hielt sie es
auch fr nthig, den Leuten hier in Lima, die sie selber so oft ber die
Achsel angesehen, zu zeigen, was sie knnten, und da sie jetzt im Stande
wren, sich den Besten an die Seite zu stellen. Was lag auch daran, ob
sie sich hier einmal ein halbes Jahr einmietheten?

Das war nun freilich ein Festtag fr die Frau, wie sie ihn nie in ihrem
ganzen Leben fr mglich gehalten, als sie an dem Abend mit ihrem Gatten
durch all' die groen, herrlichen Lden gehen und dabei aussuchen durfte,
was ihr Herz begehrte. Da war auch Nichts zu kostbar. Wo sie nur halbwegs
Bedenken hatten, sowie ihr Mann nur merkte, da es ihr gefiel, lie er es
augenblicklich bei Seite legen, zahlte dann die Rechnung in Doublonen und
beorderte es in ihr Htel.

Frher hatte er die Packen selber getragen; jetzt dachte er gar nicht mehr
daran und schien sich mit dem ausgewaschenen Gold auch gleich die Sitten
und Gewohnheiten eines vornehmen Mannes angeeignet zu haben.




Zweites Kapitel.

Der Mexikaner.


Am nchsten Tag sprach man fast von Nichts weiter, als dem aus Kalifornien
steinreich zurckgekehrten deutschen Schuster, und das Gercht vergrerte
dabei natrlich die Schtze, die er wirklich mitgebracht, um das Zehnfache.
Allerdings gab es noch Einzelne, die nicht so recht an einen solchen Erfolg
in den Minen glauben wollten; aber selbst diese muten zuletzt eingestehen,
da der Mann dort jedenfalls _Glck_ gehabt, denn er verausgabte gerade
in den ersten zwei oder drei Wochen eine sehr bedeutende Summe Geld, und
bezahlte Alles gleich baar in blankem Gold. -- Er machte nicht fr einen
Centabo Schulden. Ebenso besttigten die Kaufleute, da er sich immer die
besten und kostbarsten Stoffe ausgesucht, und als er sich bald darauf
noch das schnste Pferd in Lima um achtzehn Unzen kaufte und mit dem
silberbedeckten Zaumwerk und Sattel in der Stadt herum galoppirte, fing man
doch an, ihn weniger mitrauisch zu betrachten, und Leute, die sonst gar
nicht daran gedacht htten, sich um ihn zu bekmmern, bewarben sich jetzt
um seine Freundschaft und machten ihm Besuche.

Casper Bockenheim, wie der Deutsche hie, besa brigens genug gesunden
Menschenverstand, um _derartige_ Burschen zu durchschauen, und hatte in
seinen frheren Jahren zu hufig mit der vornehmen Welt durch seine Arbeit
verkehrt, um nicht zu wissen, wie er sich gegen sie zu benehmen hatte.
Er lie die Schmarotzer eben ablaufen, und gab sich dabei Mhe, in die
wirklich vornehmen Cirkel der Stadt zu kommen, mit denen er sich selber, so
weit es bedeutende Geldmittel ermglichen konnten, auf eine Stufe gestellt.
Aber das gelang ihm ebenso wenig; denn wenn er sich auch die ueren
Manieren eines =caballero=, so weit es seine Bildung zulie, aneignete,
und seine Frau jetzt ebenso schne Brillanten trug, wenn sie sich Abends
auf der Plaza zeigte, als irgend eine Sennorita der Stadt, so hatte er
doch sein ursprnglich rauhes Wesen nicht so abschleifen knnen, um seinen
frheren Stand weniger als seine ganze frhere Lebensweise vollstndig
vergessen zu lassen, und die =haute vole= von Lima, welcher Nation sie
auch angehrte, wich ihm, so weit das anstndiger Weise geschehen konnte,
aus.

Bockenheim wurde dadurch nicht liebenswrdiger; er fhlte, da hier in Lima
noch ein Vorurtheil, wie er es nannte, gegen ihn herrsche, und beschlo
endlich, Peru vielleicht schon mit dem nchsten Dampfer zu verlassen, um
nach Deutschland zurckzukehren; und das war ja auch jetzt der einzige und
sehnlichste Wunsch seiner Frau, denn dort konnte sie nachher Staat mit sich
machen -- hier war es in der That nicht mglich.

Madame Bockenheim oder Sennora Bockenheim hatte sich auch wirklich in den
letzten Monaten sehr verndert, und so einfach und zurckgezogen sie sonst
gelebt, so ganz aus sich heraus_gesprungen_ schien sie jetzt. Ihr Mann, der
Schuhmacher, suchte seinen Reichthum nur in uerem Pomp zu zeigen. Er trug
schwere goldene Uhrketten, groe Brillant-Tuchnadel, eine Menge Ringe und
sein, wie schon erwhnt silberbedecktes Sattelzeug, bummelte aber sonst
noch ebenso nachlssig ber die Strae, wie frher, fiel auch wohl einmal
in ein gewhnliches deutsches Bierhaus hinein und spielte dort seine
Partie Skat, wie er es sonst gewohnt gewesen. Seine Frau dagegen, der der
Hochmuthsteufel in den Kopf gestiegen, schwebte fast nur immer in hheren
Regionen. Sie war gerade keine ungebildete Frau, und deshalb auch frher
berall gern gesehen gewesen, aber sie wute sich nur in der Sphre zu
bewegen, der sie angehrte, und fiel aus der Rolle, sobald sie darber
hinausstieg. Da sich wirklich vornehme Personen fast immer durch ein
ungenirtes, leutseliges und selbstverstndlich artiges Benehmen kundgeben,
hatte sie bersehen; sie suchte das Vornehme in alberner Aufgeblasenheit
und machte sich dadurch nur lcherlich.

Bockenheim hatte sich in der Stadt ein sehr hbsches Haus gemiethet, das
sogar einen kleinen freundlichen Garten umschlo. Die Einrichtung desselben
war prachtvoll und schien auf einen jahrelangen Aufenthalt in Peru
hinzudeuten. Jetzt dachte er schon wieder daran, sie zu veruern, und
lie, erst einmal mit dem Entschlu im Reinen, seine Absicht in die Zeitung
setzen.

Natrlich besuchte nun eine Menge von Leuten das Haus, die sich entweder
in der Absicht, die Sachen zu kaufen, diese betrachteten oder auch nur
neugierig waren zu sehen, wie sich der deutsche, so pltzlich reich
gewordene Schuster eingerichtet habe. Von Morgens an aber gingen und
kamen die Leute, Abkmmlinge _aller_ Nationen, und besonders strmten die
=seoritas= herbei, die dann von der Sennora Bockenheim in allem Pomp
eines seidenen, spitzenbedeckten Kleides empfangen wurden und sich nachher
halbtodt ber die komische Deutsche lachen wollten.

Bockenheim selber lie sich wenig dabei sehen. Ihm war die ganze Sache
fatal, und er bereuete schon bitter, das Alles nicht frher und besser
berlegt zu haben, ehe er sich eine solche Last aufbrdete. Aber seine
Frau hatte ja so fest darauf bestanden; sie wollte den Bewohnern von Lima
zeigen, was sie _konnten_, und wenn sie auch ein paar tausend Dollars
Schaden dabei hatten, was lag daran? Schon damit zeigten sie, wie reich sie
waren.

Lstig blieben diese ewigen Besuche gleichgltiger Menschen aber doch,
und Bockenheim war wirklich kaum im Stand gewesen, sich eine freie
Mittagsstunde auszuwirken, da er sein Essen ungestrt verzehren konnte.
Ein Zettel an seiner Thr sagte, da die Lokalitten von zwei bis vier
_nicht_ geffnet wrden; darnach mochten sich die Leute richten; er war
nicht gesonnen, ihnen seine ganze Bequemlichkeit zu opfern.

Es war eben vier Uhr vorbei, und Casper Bockenheim sa am offenen Fenster,
die Fe gegen ein niederes eisernes Gitter gestemmt, seinen Kaffee neben
sich und rauchte seine Cigarre, als der eine Peon herein kam und meldete,
es sei ein fremder Herr drauen, der den Sennor zu sprechen wnsche.

Mich? -- Hol' ihn der Teufel, brummte der Deutsche, er soll zu meiner
Frau gehen, die wird ihn herumfhren. Ich habe mit der Geschichte Nichts zu
thun und will ungestrt meinen Kaffee trinken.

Aber er will Sie selber sprechen, Sennor.

Mich selber? Wer ist es denn?

Ich kenne ihn nicht, sagte der Peon, er spricht sehr gut kastilianisch,
aber mit einem so sonderbaren Accent. Aus Peru kann er nicht sein.

Hm, brummte Bockenheim leise vor sich hin, und wie sieht er aus?

Ja, ich wei nicht; er trgt einen groen Bart und hat einen sehr schnen
Poncho umhngen, als ob er von der Reise kme.

Na, so la ihn in des Bsen Namen herein. Frag' ihn aber erst, ob er die
Mbel sehen will, und wenn er Ja sagt, schick' ihn zu meiner Frau; die wird
am besten mit den Leuten fertig.

Der Peon ging, kehrte aber gleich darauf mit dem Fremden zurck, der ihm
auf dem Fu folgte. Bockenheim war verdrielich; er hate Nichts mehr, als
sich spanisch zu unterhalten, denn wenn auch schon lngere Jahre im
Land, konnte er mit der Sprache doch noch nicht gut fertig werden, und
mihandelte sie auch auf das Grausamste. Er war langsam aufgestanden, um
den Fremden zu begren und zu hren, was er wolle -- aber er kam nicht
weit. Wie nur sein Blick auf die Zge des vor ihm Stehenden fiel, war es
ihm, als ob ihm Jemand einen Stich durch's Herz gbe. Er fhlte, da er
leichenbla wurde, seine Kniee zitterten, und er mute sich an dem nchsten
Stuhl festhalten, um nicht zusammen zu sinken.

Dem Fremden konnte auch die Erregung, die den Deutschen erfat hatte, nicht
entgehen. Ein spttisches, fast verchtliches Lcheln zuckte aber nur um
seine Lippen und er sagte trocken:

=Buenos dias, Don Gaspr= -- ich sehe, Ihr kennt mich noch, obgleich ich
ein paar Monate an der Wunde das Lager hten mute.

Casper Bockenheim stierte ihn noch immer an, als ob er einen Geist gesehen
htte; er brauchte Minuten lang, um sich zu sammeln, behielt aber doch so
viel Besinnung, da er dem Peon zuwinkte, das Zimmer zu verlassen. Er mute
mit dem Mann allein sein. Dieser schien das auch ganz in der Ordnung zu
finden und lie indessen seinen Blick in dem hchst eleganten und reich
ausgestatteten Raum umher fliegen, wobei er nur langsam und wie, als ob
er eine Vermuthung besttigt erhalten, mit dem Kopf nickte. Aber er sprach
kein Wort weiter; es war, als ob er jetzt erst eine Anrede des Deutschen
abwarten wollte, zu der er ihm vllig und ungestrt Zeit lie.

Das war insofern gefehlt, als er diesem dadurch auch vllig Raum gab, sich
von seiner ersten Ueberraschung zu erholen, und Bockenheim schien Gebrauch
von der Gelegenheit zu machen.

Sein finsterer Blick ma den Mexikaner, der ihm brigens ganz unbefangen
gegenber stand, und jetzt sogar, als wenn er hier zu Hause wre, zu einer
dort stehenden Cigarrenkiste trat und sich eine Havana herausnahm.

Ah Don Gaspard, lachte er dabei, Ihr raucht jetzt feine =puros=! Wit
Ihr wohl noch, wie wir auf dem Wege nach Macalome alle Taschen umdrehten,
um ein wenig Taback fr eine Cigaretta darin zu finden?

Mit wem habe ich das Vergngen? sagte da der Deutsche trocken, indem er
den unwillkommenen Gast mit finster zusammengezogenen Brauen betrachtete.
Sie mssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein, Sennor.

=Caramba=, lachte der Mann und drehte sich rasch nach ihm um. Ihr kennt
mich wohl nicht mehr? Wahrhaftig, wenn _mein_ Gedchtni zum Teufel wre,
sollt' es mich nicht Wunder nehmen; denn der Hieb, den Ihr mir damals
ber den Kopf gegeben, htte einem anderen Menschen wahrscheinlich den
Hirnkasten von einander gesprengt. Aber wie Ihr seht, habe ich mich
vollstndig wieder erholt und befinde mich, den Umstnden nach, wohl,
whrend Ihr Euch, setzte er mit einem Blick umher hinzu, _besser_ zu
befinden scheint.

Drft' ich fragen, was Ihr von mir wollt, Sennor? sagte der Deutsche
trocken. Ich habe nicht viel Zeit und noch weniger Lust, mich lange mit
Euch abzugeben.

=En verdad, Seor?= lachte der Mexikaner. Nun gut, dann werde ich Euch
mit einem Wort sagen, was ich will: _Geld!_ -- Das Geld will ich, das Ihr
mir damals, als Ihr mich bei Macalome meuchlings berfielt und fr todt im
Walde liegen lieet, abgenommen. Habt Ihr mich verstanden?

Ich verstehe _so_ viel, sagte der Deutsche, da Ihr jedenfalls
wahnsinnig sein mt; denn ich habe Euch in meinem ganzen Leben noch nicht
gesehen, und die Beschuldigung ist deshalb eine niedertrchtige Lge!

So? sagte der Mexikaner. Und weshalb erschrakt Ihr da so, als ich ins
Zimmer trat?

Wer sagt Euch, da ich erschrocken bin?

=Carajo!= rief der Mexikaner, ungeduldig werdend, wir wollen den Tag
nicht mit nutzlosen Redensarten vergeuden. Ich _lebe_ noch, wie Ihr seht,
und bin Eurer Spur wie ein Schweihund gefolgt -- jetzt aber bleibt Euch
kein Ausweg mehr. Ich kam zu Euch, weil ich die peruanischen Gerichte nicht
unntzer Weise bemhen wollte. -- Mir liegt nichts daran, Euch gehangen zu
sehen, und Strafe hatte _ich_ verdient, weil ich dumm genug gewesen war,
auch nur einem einzigen Menschen auf der Welt zu trauen, wo die Verfhrung
auf der Hand lag, mit _einem_ Schlag reich zu werden. Aber Ihr habt die
Geschichte ungeschickt angefangen. Wolltet Ihr einmal einen Mord verben,
so mutet Ihr auch sicher gehen und Eurem Opfer noch wenigstens den Hals
abschneiden -- _das_ habt Ihr versumt und kommt jetzt in die unangenehme
Nothwendigkeit, das Geraubte wieder herausgeben zu mssen. Also macht keine
Umstnde, oder ich zeige Euch hier bei den Gerichten als Straenruber an,
und was Euch dann erwartet, brauche ich Euch doch wohl nicht zu sagen!

Ihren werthen Namen, wenn ich bitten darf, sagte der Deutsche
auerordentlich hflich.

Der Mexikaner bi die Zhne zusammen, und der Blick, den er auf den
frheren Gefhrten schleuderte, war so voll Gift und Ha, da Bockenheim
unwillkrlich nach der Lehne des neben ihm stehenden Stuhles griff, um nur
irgend eine Schutzwaffe bei der Hand zu haben, denn er erwartete wirklich
nichts weniger, als da sich der zum Aeuersten gereizte Sdlnder jetzt
auf ihn strzen wrde. Der Fremde schien aber, wenn auch vielleicht der
Gedanke fr einen Moment in ihm aufgestiegen war, etwas Derartiges nicht
zu beabsichtigen. Wohl war er unter dem Poncho mit der Hand nach der Seite,
mglich nach seinem Messer, gefahren; aber es blieb bei der Bewegung. Der
Mann bewahrte sein kaltes Blut; denn er wute gut genug, wie viel Leute
im Haus waren, und da er nie hoffen durfte, seinen Zweck mit Gewalt zu
erreichen. Er htte sich nur selber der grten Gefahr ausgesetzt.

Also Ihr leugnet bestimmt, da Ihr mich kennt? sagte er endlich, nach
einer ziemlich langen Pause. Ihr leugnet, da Ihr mich, als wir zusammen
von Richgulch nach Macalome ritten, da, wo wir lagerten, berfallen--

Geht zum Teufel mit Euren albernen Mrchen! rief aber jetzt Bockenheim
unwillig, indem er die auf dem Tisch stehende Klingel ergriff und heftig
schellte, und das sag' ich Euch, lat Ihr Euch noch einmal in meinem Hause
blicken, so ruf' ich die Polizei zu Hlfe!

In der Thr erschienen ein paar Peons, der Befehle ihres Herrn gewrtig.
Der Mexikaner aber sah recht gut ein, da er vor der Hand hier Nichts
weiter ausrichten knne und jedenfalls den Krzeren ziehen msse. Er wute
aber jetzt auch, was er von dem Deutschen _im Guten_ zu erwarten hatte. Nun
blieb ihm nichts anderes brig, als die Polizei zu Hlfe zu rufen.

=Bueno, Seor=, sagte er ruhig, ich werde Ihnen nicht lnger zur Last
fallen. -- _Auf Wiedersehen!_ Und mit den Worten drehte er sich um und
schritt zur Thr hinaus, wobei Bockenheim den Peons befahl, hinter ihm zu
bleiben und aufzupassen, da er auch wirklich das Haus verlie. Es wre,
wie er sagte, ein ganz gemeiner Vagabond, der Geld hatte von ihm erpressen
wollen, und welchem deshalb auch Alles zuzutrauen. Sie sollten nur das Haus
gut zuschlieen.

Kaum hatten sie brigens den Raum verlassen, als Bockenheims Frau in
furchtbarer Aufregung aus der nchsten Stube trat, wo sie jedenfalls das
Ganze angehrt haben mute.

Um Gottes Willen, Caspar! rief sie, was war das? Was ist vorgefallen?
Was hattest Du mit dem Mann?

Was ich mit dem Mann hatte? sagte Bockenheim, der mit untergeschlagenen
Armen und zusammengezogenen Brauen finster brtend mitten in der Stube
stand. Nichts -- gar Nichts! Ein Betrger war es, der Geld von mir
erpressen wollte -- aber wenn er mir wieder kommt -- beim ewigen
Gott----

Die Frau hatte ngstlich zu ihm aufgeschaut.

Und kanntest Du den Mann gar nicht? -- Hast Du ihn nie frher gesehen oder
mit ihm gesprochen?

Nie -- der Henker soll all' das mexikanische Gesindel kennen, das sich in
Kalifornien in den Minen herumtreibt!

Und was verlangte er von Dir?

Ach, Unsinn, erwiderte mrrisch, aber doch ausweichend der Mann, er --
er wollte nur Geld geborgt haben.

Er sprach von einem Todtschlag, flsterte die Frau.

Bah -- Geschwtz -- la mich mit dem Bldsinn zufrieden! rief Bockenheim.
Der Kerl ist verrckt, und, wahrscheinlich ohne Centabo aus den Minen
zurckgekehrt, hat er vielleicht hier gehrt, da ich Glck dort oben
gehabt, und will mir nun ein paar hundert Dollars abschwindeln. Aber
verdamm mich! er ist an den Unrechten gekommen. Wo hat er Beweise? --
Nichts -- gar nichts -- es ist Nichts, als niedertrchtige gemeine Lge
-- weiter Nichts, und damit verschrnkte er die Arme wieder und ging mit
raschen, unruhigen Schritten in dem so behaglich eingerichteten Zimmer auf
und ab.

Die Frau hatte, whrend ihr Mann sprach, keinen Blick von ihm verwandt, und
eine unsagbare Angst ergriff ihr Herz. Aber es war nicht die Furcht, da
ihr Mann ein Verbrechen verbt haben, sondern die, da es entdeckt werden
knne, und mit leiser Stimme sagte sie endlich:

La uns fort von hier, Caspar -- ich habe Dich schon lange darum gebeten;
wrst Du mir nur gefolgt.

Ja, und eben _weil_ ich Dir gefolgt _bin_, knnen wir es jetzt nicht,
knurrte Bockenheim rgerlich, denn den ganzen Plunder, den ich mir
Deinetwegen angeschafft, kann ich nicht auf den Buckel nehmen.

So la die Sachen hier! -- Was liegt daran? Gieb Jemand den Auftrag,
sie unter der Hand oder auf Auktion zu verkaufen. -- Uebermorgen geht der
Dampfer nach Panama -- bermorgen knnen wir weit drauen in See schwimmen
und wieder nach Deutschland fahren, und dorthin kommt der freche Bursche
gewi nicht.

Hm, sagte Bockenheim, der, whrend die Frau sprach, leise vor sich hin
mit dem Kopf genickt hatte, das ginge vielleicht -- aber wenn er mich hier
verklagt?

Bah, _Du_ kennst doch die peruanischen Richter, lachte die Frau, und
dann wre es doch wahrhaftig schlimm, wenn jeder Lump da ohne Beweise,
ohne Zeugen herkommen und einen ehrlichen Mann eines Verbrechens anklagen
knnte, das er tausend Meilen von hier entfernt begangen haben soll. Es ist
kein Sinn und Verstand darin.

Bockenheim war wieder eine Weile in dem Zimmer auf und ab gelaufen und
schien noch nicht mit sich im Reinen.

Und wenn Du _meinem_ Rath folgst, sagte die Frau, die _ihre_ Sinne
wenigstens vollkommen beisammen hatte, so gehst Du jetzt vor allen Dingen
augenblicklich selber auf die Polizei und machst die Anzeige, da ein
mexikanischer Strolch, der wahrscheinlich davon gehrt htte, da Du Lima
mit dem nchsten Dampfer verlassen wolltest -- verstehst Du mich? -- zu
Dir gekommen wre und gesucht htte, ein paar hundert Dollars von Dir zu
erpressen.

Hm -- und dann?

Nun, dann bittest Du den Direktor oder wie der Beamte heit, ein wachsames
Auge auf den Burschen zu haben; denn Du frchtetest, da er Dir nach dem
Leben trachte, weil Du ihn so grob abgewiesen.

Er wird mir sagen, da ihn das nichts anginge.

Kommt es Dir auf hundert Dollars an?

Nein.

Gut, dann gieb ihm die und bitte ihn, sie unter ein paar Polizeidiener zu
vertheilen, da sie sich hier in der Nhe des Hauses aufhalten.

Bah, dann steckt er sie einfach in die Tasche, brummte Bockenheim, ich
mte meine Peruaner nicht kennen.

Und soll er denn das nicht? rief die Frau. Du bist wie ein kleines Kind.
Nachher weit Du aber doch sicher, da er Deine Partei nimmt. -- Hab' ich
nicht Recht?

Bockenheim lachte -- zum ersten Mal wieder an dem Morgen.

Wahrhaftig, Schatz, ich glaube, ich werd's so machen, rief er, indem er
seinen Panamahut von dem nchsten Stuhl nahm, und kannst Du bis morgen
Abend mit Packen fertig werden?

Bis _heut_ Abend, wenn es sein mu. Der Tischlermeister Mller kann
nachher Alles bernehmen, was hier zurckbleibt. Hast Du noch Schulden in
Lima?

Keinen Pfennig.

Desto besser -- das Geld schickt er uns spter an eine Adresse, die wir
ihm aufgeben. Geh nur rasch, da Du keine Zeit versumst.

Und wenn der -- Schuft jetzt zurck kme?

Wenn _ich_ mich nicht frchte, brauchst Du doch keine Angst zu haben. Ich
gebe Dir mein Wort, da ich den Burschen, falls er noch einmal Lust haben
sollte einzudringen, in sicherer Entfernung halten werde. La ihn nur
kommen; unsere Leute hier im Haus werden wahrhaftig kurzen Proze mit ihm
machen.

Der Mann blieb einen Augenblick zgernd an der Thr stehen, als ob er noch
etwas sagen wollte; aber pltzlich drehte er sich scharf auf dem Hacken
herum und schritt wenige Minuten spter die Strae hinab, ber die Plaza
und dem Polizeigebude zu.




Drittes Kapitel.

Die Flucht.


Der Mexikaner Felipe Corona, wie er mit Namen hie, verlie indessen mit
bitteren Rachegedanken das Haus des Deutschen. Aber whrend er die Strae
hinab schritt, war er sich doch auch bewut, auf wie unsicherer Basis
die Klage ruhte, die er hier, selber ein Fremder, gegen einen in Lima
ansssigen Mann vorbringen wollte. Und sollte er ihn deshalb im Besitz
aller der Schtze lassen, die, wie er fest behauptete, ihm -- allein nur
ihm gehrten? Nein! bei dem Blute des Gekreuzigten, nein. Wahrlich nicht,
so lange seine Faust noch ein Messer fhren konnte, und wenn ihm die
Peruaner sein Recht nicht verschafften -- er bi die Zhne fest zusammen
und schritt, finster vor sich hin brtend, die Strae hinab, wo er das Haus
eines Advokaten wute. Der sollte ihm helfen -- oder doch wenigstens einen
Rath geben, wie er sich zu verhalten habe, welche Schritte er hier in dem
fremden Lande thun msse, um den Schuldigen zu berfhren und zu strafen.

Er fand den Herrn auch zu Hause, und zwar ziemlich behaglich in einer
Hngematte liegend und eine Cigarre rauchend; was sollte er sich bei der
Hitze anstrengen, wo er es so bequem haben konnte? Die Geschfte mochten
eben warten bis die Abendkhle eintrat -- oder vielleicht auch bis morgen
frh. Die Gerechtigkeit ist blind und kann sich deshalb nicht Hals ber
Kopf in einen Strudel von Arbeiten strzen; sie mu eben langsam und
vorsichtig zu Werke gehen.

Nach dem eintretenden Mexikaner drehte er auch kaum den Kopf, als dieser
das khle, luftige Gemach betrat. Der Mann trug einen Poncho, war also
jedenfalls ein Peon oder Diener, denn ein Caballero ging nicht mehr mit
diesem eigentlich alt-peruanischen Kleidungsstck ber die Strae; es war
vllig aus der Mode gekommen. Er brachte ihm wahrscheinlich eine Botschaft,
und die konnte er ebenso gut liegend anhren -- ja eigentlich noch viel
besser.

Und was wollt Ihr, =amigo=?

Eure Hlfe oder Euren Rath, Sennor, gegen einen Schurken, sagte der
Mexikaner ruhig.

So? Hm -- und wie heit der Schurke?

Er ist ein Fremder, Don Gaspard, der aus Kalifornien mit vielem Geld
hierher gekommen.

So? Der Deutsche? Und was habt Ihr gegen ihn?

Das Gold, das er mitgebracht, ist _mein_, sagte der Mexikaner ruhig,
ich hielt ein Spielzelt am Richgulch in Kalifornien und verkaufte zugleich
Waaren. Ich verdiente _viel_ Gold. Da aber die Americanos dort kein Spiel
mehr haben wollten, trieben sie uns fort, und ich lud mein Gold und meine
Waaren auf Maulthiere und zog nach dem Macalome hinber, wo ich noch
einen Bruder hatte. Mit diesem wollte ich nach Mexiko zurckkehren -- ich
brauchte nicht mehr. Unterwegs traf ich den =Aleman=. Es sind sonst gute,
rechtliche Leute, und wir Mexikaner verkehrten dort nur mit ihnen und den
Franzosen. Ich freute mich, da ich Begleitung bekam; denn ich hielt mich
mit meinen schwer beladenen Thieren nicht fr ganz sicher im Wald. Manchen
von uns hatten die Amerikaner gemordet, und uns selber wurde es dann zur
Last gelegt. Ich hatte mir aber den schlimmsten Feind zu meiner Begleitung
ausgesucht. Als wir, kaum noch eine halbe Legua vom Macalome entfernt, eine
kurze Zeit im Wald rasteten, nahm er die Gelegenheit wahr und schlug mich
mit seinem schweren Messer ber den Kopf -- hier an der Seite, Sennor, seht
Ihr noch die kaum verharrschte Narbe. Ich brach besinnungslos zusammen, und
er hielt mich jedenfalls fr todt; ich war es auch fast. Landsleute fanden
mich spter und trugen mich in die Minerstadt, und als ich nach Wochen
wieder zu mir kam und meinen Bruder an meinem Bett sitzend fand, war meine
erste Frage nach meinen Thieren, meinen Schtzen -- umsonst -- man hatte
Nichts bei mir gefunden -- gar Nichts -- der Ruber mute Alles mit
fortgenommen haben, Thiere, Waaren und Gold, und ich war wieder arm, wie
ein Bettler.

Hm -- eine verwnschte Situation, brummte der Advokat, sich eine neue
Cigaretta anzndend, und Ihr wit gewi, da dieser Don Gaspard derselbe
ist, der Euch damals begleitete?

Hrt nur weiter, fuhr der Mexikaner fort. Vierzehn Tage brauchte ich
wohl noch, bis ich mich vollstndig erholt hatte und meine Wunde vernarbt
war -- dann folgte ich seinen Spuren. Mein Bruder hatte mir einige Unzen
Gold geborgt, damit wanderte ich aus, und es dauerte nicht lange, so war
ich auf der Fhrte des Mrders. In Stockton hatte er meine Maulthiere und
Waaren verkauft und war zu Schiff nach San Francisco gefahren, und bald
erfuhr ich, da er nach Panama gegangen. Ich nahm Zwischendeckspassage und
folgte ihm. In Panama lie ich mir die Passagierlisten geben und sah seinen
Namen nach Peru eingeschrieben. -- Ich mute mein Geld sparen und bekam
freie Passage als Kajtenaufwrter hierher. -- Ich brauchte in Lima
nicht lange nach ihm zu suchen. Das Gercht, da er so viel Gold in den
kalifornischen Minen gefunden, hatte ihn rasch bekannt gemacht. Ich habe
ihn heute gesehen.

In der That? rief der Advokat, der sich doch jetzt fr die Sache zu
interessiren anfing, indem er sich in seiner Hngematte halb emporrichtete,
und was sagte er?

Er leugnet Alles.

Nun natrlich, versteht sich von selbst -- aber wo haben Sie Ihre Zeugen?

Zeugen habe ich gar nicht -- wir waren allein.

Den Teufel auch! gar keine Zeugen? Aber es hat Sie doch dort Jemand
zusammen wegreiten sehen, oder Sie sind Anderen begegnet?--

Allerdings -- Menschen genug; aber wer das war und wo die jetzt sind, wer
knnte es sagen?

Bitte, lieber Freund, sagte der Advokat, sich jetzt in seiner Hngematte
aufsetzend, wollen Sie mir vielleicht vorher erklren, ob Sie ber
bedeutende Mittel verfgen, um einen lngeren Proze durchzufhren? Hundert
Dollars mssen vor allen Dingen einmal bei mir deponirt werden, nur um die
ersten Ausgaben zu decken.

Ich besitze nicht einmal mehr hundert Dollars in meinem ganzen Vermgen,
sagte der Mexikaner finster, jener Schuft hat mir ja _Alles_ geraubt; aber
wenn mir mein Recht zugesprochen wird--

Entschuldigen Sie einen Augenblick, da ich Sie unterbreche. Habe ich den
Fall folgender Art klar verstanden, da Sie von Kalifornien, _ohne_ Geld
in der Tasche, hierher gekommen sind, um einen hier ansssigen Fremden
anzuklagen, da er an Ihnen in den kalifornischen Wldern einen Raubmord
verbt und Ihnen Alles abgenommen hat, ohne dafr weitere Zeugen und
Beweise beibringen zu knnen, als Ihr Wort?

Das ist genau so der Fall, sagte der Mexikaner; der Advokat fiel aber
in seine Hngematte zurck, als ob er geschossen wre, pfiff nur leise vor
sich hin und sah nach der Decke hinauf.

Und wollen Sie mir dazu verhelfen? fragte der Mexikaner.

Mein sehr verehrter Herr, sagte der Rechtsanwalt, ohne aber seine
Stellung im Mindesten zu verndern, vorher erlauben Sie mir denn wohl die
Frage an _Sie_ zu richten: Halten Sie mich fr verrckt?

Aber wenn ich, was ich sage, auf die Hostie beschwren kann? rief der
arme Teufel. Trag' ich denn nicht die Narbe jener Wunde, die mir sein
schweres Messer geschlagen, auf dem Kopf?

Reden Sie keinen Unsinn, bemerkte der Peruaner, als vernnftiger Mann
mssen Sie doch einsehen, da Sie mit der Narbe weiter Nichts beweisen
knnen, als frher einmal einen Hieb ber den Kopf bekommen zu haben. _Wo_
aber das geschehen ist und durch _wen_, mgen Sie selber wohl sehr genau
wissen, werden aber keinen Richter davon berzeugen knnen.

Aber ist denn gar keine Gerechtigkeit in Peru? rief der Mexikaner
bestrzt aus. Soll denn der Ruber das Gold behalten drfen?

Gerechtigkeit genug, erwiderte der Advokat. _Sie_ behaupten, das Geld
gehre Ihnen, _er_ behauptet, es wre das seine. Befnde sich die Summe
in den Hnden des Gerichts, so bekmen Sie, aller Wahrscheinlichkeit nach,
Beide keinen kupfernen Centabo davon. So hat es aber der Deutsche, und da
der _gutwillig_ etwas davon herausgeben sollte, bezweifle ich -- versuchen
Sie's aber immerhin noch einmal, denn ohne die geringste Beweisfhrung
knnen die Gerichte gar nicht gegen ihn einschreiten.

Und wenn er sich weigert?

Der Advokat zuckte mit den Achseln.

Und Sie wollen sich meiner nicht annehmen?

Lieber Freund, ich _habe_ mich Eurer angenommen, rief der Advokat, und
wenn Ihr nicht ein armer Teufel wret, so bte ich mir jetzt eine halbe
Unze fr die Berathung aus -- aber ich will Nichts, als da Ihr mich nun
ungeschoren lat, denn ich mag mit der Sache nichts weiter zu thun haben.

Dann mu ich mir selber helfen, knirschte der Mexikaner zwischen den
zusammengebissenen Zhnen durch.

Das ist jedenfalls das Gescheuteste, nickte der Advokat lchelnd vor sich
hin, aber auch zu gleicher Zeit ein etwas gefhrliches Experiment. Seid
Ihr kitzlich am Hals, =amigo=?

Der Mexikaner antwortete nicht; er hatte ein paar Momente schweigend vor
sich nieder gestarrt; jetzt drehte er sich pltzlich um und schritt der
Thr wieder zu. =Buenos dias, Seor=, sagte er dabei. Vielen Dank fr
den guten Rath -- ich werde meinem Hals ganz besondere Vorsicht widmen. --
=Dios lo paga=, und damit verschwand er aus der Thr.

Ja wohl, brummte der Advokat vor sich hin, =Dios lo paga= -- wenn der
liebe Gott alle die Wechsel acceptiren sollte, die auf ihn gezogen
werden, wre er nicht allein allmchtig, sondern auch allbeschftigt. --
Lumpengesindel! Da der Prsident nur so viel Vergngen daran findet, die
Fremden ins Land zu ziehen -- wenn ich wie er wre, hielt ich unsere Race
rein -- dann bliebe doch auch noch etwas zu verdienen, und sich wieder
lang ausstreckend, gab er sich bald ganz seiner Siesta hin.

       *       *       *       *       *

Der Mexikaner verlie das Haus, aber nicht etwa, um nach des Advokaten Rath
einen gtlichen Vergleich mit seinem Feind zu schlieen, sondern sein Glck
noch einmal auf der Polizei zu suchen, traf es aber dort nicht glcklich,
denn Bockenheim war schon vor ihm da gewesen, und der eine Beamte fuhr den
armen Teufel so wild an, als ob er ihn auf der Strae gefunden htte. Er
sollte sich auch selber legitimiren, ehe er einen Anderen, einen bis dahin
unbescholtenen Mann eines Verbrechens zeihen wollte, und da er das nicht
vermochte, wurde er bedeutet, binnen acht Tagen einen Nachweis zu bringen,
womit er sich hier ernhre, oder die Stadt zu verlassen.

Damit durfte er gehen. Eine ganze Hlle aber von Wuth und Ingrimm im
Herzen, und dsteren Gedanken folgend, whlte seine Hand, whrend er ber
die Strae schritt, wild und trotzig in dem schwarzen struppigen Vollbart,
da ihm die Begegnenden scheu auswichen und ihm nachsahen, so lange sie ihm
mit den Augen folgen konnten.

Er befand sich auch in der That in einer verzweifelten Lage; denn was er
hier in Peru fr Schutz von den Gerichten zu erwarten hatte, davon war ihm
eben der vollgltige Beweis geliefert worden. Und was sollte er jetzt thun?
Den Ruber in seiner eigenen Hhle aufsuchen und niederstechen? Damit
htte er allerdings seiner _Rache_ gengt, aber fr sich auch gar Nichts
erreicht; denn es war nicht denkbar, da er das Gold in seiner Wohnung
liegen hatte. Aber selbst wenn das der Fall gewesen wre, wie blieb ihm
nachher Zeit darnach zu suchen? Und _wurde_ er ergriffen, so konnte die
Warnung des Advokaten zur Wahrheit werden.

Und in Gte? -- Er traute dem Deutschen nicht -- wenn er ihm aber nun
anbot, die _Hlfte_ des Raubes ungestrt und als rechtmiges Eigenthum
zu behalten, mute er da nicht mit beiden Hnden zugreifen? -- Er wollte
wenigstens den Versuch machen, und gestand er ihm selbst das nicht zu --
dann Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und mit dem Entschlu schritt er auf das
nicht mehr ferne Haus des Deutschen zu. -- Hier erwartete ihn aber eine
Ueberraschung.

Kaum nherte er sich der kleinen, grn lackirten Thr, die hinein fhrte,
als von der gegenber liegenden Seite der Strae ein Polizeidiener, der
dort vor einem Bilderladen gestanden hatte, auf ihn zu kam und ziemlich
barsch sagte:

=Compaero=, wollt Ihr einen guten Rath annehmen?

=Como no, compaero?= erwiderte der Mexikaner eben nicht in besonderer
Laune, aber ich wei nicht, da ich Euch schon darum gebeten htte.

Thut auch nicht nthig, lautete die Antwort. Ihr seid doch der
Mexikaner, wie?

Ob ich _der_ Mexikaner bin, wei ich nicht -- _ein_ Mexikaner bin ich
gewi. Weshalb?

Oh, nur wegen einer Kleinigkeit -- wegen dem Hause da. Ich bin hierher
gestellt, um Euch abzuweisen, wenn Ihr das _erste_ Mal kommt, und Euch
auf die Polizei zu schaffen, wenn Ihr den Versuch zum zweiten Mal machen
solltet.

Aber ich habe mit dem Sennor da drinnen zu reden.

Ja, das glaub' ich Euch wohl, lachte der Polizeidiener, aber _er_
nicht mit _Euch_, und nun tragt Euren Schatten in ein anderes Stadtviertel
hinber, hier habt Ihr Nichts mehr zu suchen.

Und wenn ich ihm selbst nur einen Vorschlag zur Gte zu machen htte -- es
wre vielleicht in zehn Minuten erledigt.

Er hat mir besonderen Auftrag gegeben, Euch unter gar keinem Vorwand
zu ihm zu lassen. Was Ihr von ihm wollt, das sollt Ihr vor den Gerichten
anbringen -- und so gehrt sich's auch, also helfen Euch keine weiteren
Redensarten, und nun =vamos nos=, denn ich mchte hier nicht lnger bei
Euch in der Sonne stehen bleiben.

Also er verweigert jeden weiteren Verkehr mit mir?

Na ja, nun fangt Ihr noch einmal von vorne an! Ich dchte doch wahrhaftig,
ich htte deutlich genug gesprochen. Lat Ihr Euch noch einmal hier am
Hause sehen, so werdet Ihr beigesteckt. Habt Ihr _das_ verstanden?

Ja wohl, =amigo= -- es war nicht mizuverstehen; also =adios= und einen
vergngten Abend auf der Promenade, und damit rckte der Mexikaner seinen
Hut und schritt rasch und trotzig die Strae hinab.--

Von dem Augenblick an lie er sich nicht wieder in der Gegend der Stadt
blicken, ja, er mute Lima ganz verlassen haben, da ihn keiner der
Polizeileute selber nachher mehr zu Gesicht bekam. Bockenheim war brigens
gar nicht bse darber, denn er behielt jetzt vllig freien Raum, um seine
Vorbereitungen zu schleuniger Abreise zu treffen. Er bergab, wie ihm seine
Frau gerathen hatte, seine ganze, ziemlich werthvolle Einrichtung einem
bekannten Deutschen, der das dafr gelste Geld dem ***schen Konsul
berliefern sollte, und fuhr dann, ohne von irgend wem weiter Abschied zu
nehmen, mit seiner Frau und seinem Gold nach Callao hinunter, von wo der
englische Dampfer noch an demselben Tage nach Guayaquil, und von da weiter
nach Panama abging.

Das war ein wonniges Gefhl, als die Rder des mchtigen Fahrzeuges erst zu
arbeiten begannen, der scharfe Bug die Wasser theilte und das Boot das Land
immer weiter und weiter zurcklie, bis sie endlich drauen, weit drauen
in See auf der blauen Tiefe schwammen.

Gott sei Dank! murmelte er leise vor sich hin, als er vorn am Bug stand
und mit leuchtenden Blicken die Schnelle beobachtete, mit welcher sich der
Dampfer vom Hafen entfernte. Gott sei Dank, und nun kann Don Felipe,
wenn er wieder nach Lima zurckkommt, sich ein Vergngen machen, mich dort
aufzusuchen. Da der Schuft auch--, er murmelte das Uebrige nur leise
durch die Zhne; denn selbst die neben ihm stehende Frau sollte nicht
erfahren, nach welcher Richtung seine Gedanken abschweiften.

Die Fahrt nach Guayaquil war eigentlich eine Vergngungstour, und die
fnf Tage vergingen den Reisenden wie im Flug. Besonders geno aber Madame
Bockenheim dieselben; denn von Niemanden gekannt, war sie hier vollkommen
im Stande, die vornehme Frau zu spielen, und that das wirklich nach besten
Krften. Auf der spiegelglatten See und dem gerumigen Fahrzeug wurde
natrlich Niemand krank. Damen kleiden sich trotzdem gewhnlich an Bord
auerordentlich einfach, denn smmtliche Passagiere bilden ja doch, fr die
Dauer der Reise, gewissermaen _eine_ Familie, und man ist da nicht gern
genirt. Es befanden sich denn auch etwa acht oder neun Sennoritas in der
Kajte -- einige davon aus den ersten Familien Lima's und Valparaiso's, auf
einer Vergngungstour nach Europa; aber wirkliche Toilette machten sie auf
der ganzen Reise nicht, und gingen nur gewhnlich in einem ganz einfachen
Hauskleid, in dem sie sich frei und bequem bewegen konnten.

Madame Bockenheim _strahlte_ zwischen ihnen; schon zum Frhstck rauschte
sie in Seide und Spitzen unter ihnen herum, und zum Diner erschien sie
sogar mit ihrem Brillantschmuck und lchelte vergngt vor sich hin, wenn
die anderen Damen leise mitsammen zischelten -- war es ja doch nur der
blasse Neid, der sie bewegte.

Am fnften Tag erreichten sie Guayaquil, die sdliche Hafenstadt Ecuadors;
aber die Passagiere bekamen keine Zeit, das Land zu betreten, da sich
der Dampfer nur wenige Stunden hier aufhielt, die fr Ecuador bestimmten
Passagiere absetzte, Andere fr Panama an Bord nahm und dann augenblicklich
wieder den Strom hinabkeuchte. Der Steward erhielt kaum Gelegenheit, eine
Partie der wundervollen Frchte an Bord zu nehmen, die in Canoes an der
ganzen Landung aufgeschichtet lagen und die Luft mit ihrem Arom erfllten.

Eine Menge neues Volk war dadurch an Bord gekommen, besonders aber viel
Kajten-Passagiere, da eine neue Revolution in Ecuador auszubrechen drohte,
und manche Ecuadorianische Familien es doch vorzogen, dieselbe in einem
anderen Theile Amerika's abzuwarten. Es fehlte dadurch fast an Bedienung
an Bord, und besonders muten alle Aufwrter aus der vorderen Kajte oder
vielmehr dem Zwischendeck herbeigezogen werden, um bei Tisch zu bedienen.
Die Zwischendecks-Passagiere mochten sehen, wie sie allein fertig wurden;
denn viel Umstnde machte man mit denen nicht.

Am besten bedient waren aber, merkwrdiger Weise, die beiden Deutschen
an Bord, Bockenheim und seine Frau; denn einer der Aufwrter, den sie bis
Guayaquil noch gar nicht an Bord gesehen, nahm sich ihrer an und schien nur
auf ihren Wink zu lauschen, um ihnen augenblicklich zu Diensten zu stehen.
War es, da ihm das vornehme Aussehen der Dame imponirte, oder hatte er
sich vielleicht kluger Weise eine ihm reich scheinende Familie ausgesucht,
um dann nachher von dieser ein desto ansehnlicheres Trinkgeld zu erhalten:
genug, wenn er sich selbst am entferntesten Ende des Salons befand und
Bockenheim drehte nur den Kopf, so scho er schon herbei, um seine Befehle
zu erwarten und dann mit fabelhafter Schnelle auszufhren.

Leider war der Bursche -- Peruaner oder Ecuadorianer lie sich nicht gut
unterscheiden, da man alle mglichen Schattirungen der Haut bei beiden
Vlkern trifft -- vollkommen stumm, eine Unterhaltung mit ihm also nicht
mglich, auch trug er um das linke Auge eine schwarze Binde. Ueberhaupt
konnte man ihn nicht hbsch nennen, denn eine auffallend dicke Oberlippe
gab seinem Gesicht einen merkwrdigen, fast unangenehmen Ausdruck. Aber er
blieb die Geflligkeit und Aufmerksamkeit selber und gewann sich dadurch
die Zuneigung der Frau auf das Vollstndigste.

Sein Lohn blieb auch nicht aus. Als sie endlich Panama erreichten, wo die
Passagiere in den Htels den Abgang der Karavane erwarten muten, gab sie
ihm selber fr gute Bedienung ein Zwanzig-Frankenstck, und hatte dafr
die Genugthuung, da er ihr demthig und dankbar die Hand kte. Sprechen
konnte der arme Teufel ja nicht. Nur seinen Namen hatte er ihnen schon
frher einmal aufschreiben mssen. Er hie Pablo.

In Panama wurden die Reisenden einige Tage aufgehalten; denn die Eisenbahn,
die den Isthmus kreuzt, war damals erst im Bau begriffen, und sie muten
deshalb den weit beschwerlicheren und kostspieligeren Weg per Maulthier
zu Land bis dahin zurcklegen, wo sie den Chagresflu erreichten, und dann
ihre Reise, diesen kleinen Strom hinab in Canoes, und von der Strmung
getragen, bequemer fortsetzen konnten.

Aber selbst nicht ohne Gefahr war dieser erstere Weg; denn amerikanisches
Gesindel hatte in der letzten Zeit angefangen, den von Kalifornien
zurckkehrenden und meistentheils goldbeschwerten Reisenden aufzulauern und
sie zu berfallen und zu berauben. Ja sogar verschiedene Mordthaten waren
verbt worden, so da sich Niemand mehr allein ber den Isthmus getraute,
sondern die Reisenden, wenn der Dampfer in Panama landete, jedesmal
geschlossene und gut bewaffnete Zge bildeten, von denen die Strauchdiebe
dann wohl die Hnde lassen muten.

So geschah es auch hier. Der Dampfer von San Francisco htte eigentlich
auch gerade in dieser Zeit eintreffen sollen, war aber ausgeblieben, und da
die vom Sden kommenden Passagiere ebenfalls schon einen ganz ansehnlichen
Zug stellen konnten, beschlossen sie, nicht auf das Unbestimmte in dem
berdies entsetzlich theuren Panama zu warten, sondern ungesumt ihre
kleine Karavane zu ordnen und aufzubrechen.

Das geschah am dritten Tage nach ihrer Ankunft, und so arg muten es die
Isthmus-Ruber doch in der letzten Zeit getrieben haben, da sich die
Neu-Granadiensische Regierung sogar veranlat sah, den Reisenden als Schutz
eine kleine Abtheilung Kavallerie mitzugeben, um ihre Truppe zu
verstrken und sicher zu stellen. Es waren, besonders von Amerika, zu viel
Reklamationen eingelaufen, und man wollte doch wenigstens zeigen, da man
den guten Willen hatte, Fremden Sicherheit im eigenen Lande zu gewhren.
Viel war es immer nicht, denn bei dem Ueberfall einer greren Horde htten
sich die Neu-Granadiensischen Soldaten auch wahrscheinlich nicht lange
aufgehalten. Was sollten sie ihr kostbares Leben einer Anzahl Fremder wegen
aufs Spiel stellen?

Der Trupp war aber doch so zahlreich geworden, da sie allein durch den
Lrm, den sie machten, Achtung einflen konnten, und mit gutem Muth
begannen sie die Tour, die freilich schon an und fr sich durch den
weichen, morastigen Boden und die ewigen Regen in Mittel-Amerika genug
des Unangenehmen bot -- ohne noch Rubern und Mrdern auf der Strae zu
begegnen.

Madame Bockenheim stand aber noch, ehe sie aufbrachen, eine Ueberraschung
bevor; denn als an dem Morgen im Hof des Panama-Htels die Maulthiere
vorgefhrt wurden, um beladen zu werden, meldete sich pltzlich der
gefllige Kellner vom Dampfboot, der stumme Pablo, bei ihnen und zeigte so
viel Freude und machte ihr durch Zeichen so klar, da er ebenfalls ber
den Isthmus, und sie unterwegs bedienen wolle, da sie den Burschen
augenblicklich engagirte. Ein treuer Diener war auf einer solchen Reise
allerdings von unschtzbarem Werth, und Bockenheim, der mit Maulthieren
nicht besonders umzugehen wute, zeigte sich mit der neuen Acquisition
vollkommen einverstanden.

Pablo verstand seine Sache aus dem Grunde. Er sah augenblicklich die
Packsttel der Maulthiere nach und warf den einen, der nicht ordentlich
aufgelegt schien, ohne Weiteres wieder hinab, um die darunter liegenden
Decken frisch zu ordnen, damit die Thiere nicht wund gedrckt wrden. Dann
sprang er hinauf, um das Gepck zu holen, und wenn Bockenheim das auch
lieber selber besorgt htte -- denn die kleinen Colli enthielten viel Gold
und waren schwer -- so hatten sie ja doch in so starker Begleitung Nichts
zu frchten, und der arme _stumme_ Mensch konnte auch Nichts ausplaudern,
und schien berhaupt sehr stiller, friedlicher Natur.

Durch Pablo's Hlfe gelang es ihm auch weit rascher, mit all' seinen
Vorbereitungen zu Stande zu kommen, als das sonst wahrscheinlich der Fall
gewesen wre, und kaum eine Stunde spter setzte sich der Zug in Bewegung,
um so bald als mglich die Ufer des Atlantischen Ozeans zu erreichen.




Viertes Kapitel.

Auf dem Chagresflu.


Es war in der That eine mhsame Tour. Wer noch nie diese tropische, dicht
bewaldete und von ewigem Regen feucht gehaltene Wildni durchwandert hat,
kann sich wirklich keinen Begriff von den Schwierigkeiten machen, die sich
da dem Reisenden entgegenstellen und ihm berall Hindernisse in den Weg
werfen.

Die Vegetation ist unglaublich, und whrend Palmen und Laubhlzer ein
anscheinend festes Dach ber den Wanderer wlben, da kein Sonnenstrahl
wenigstens auf den Boden fallen, keine frische Brise seine heie Stirn
khlen kann, lt es den niederfluthenden Regen in Strmen durch, denn
jedes Palmenblatt bildet eine besondere Wasserrinne. Der Boden wird dadurch
natrlich fortwhrend na und weich gehalten, sumpfige Strecken durchziehen
nach allen Richtungen hin den Pfad, so da die Maulthiere bald hier, bald
da bis ber die Knie im Morast versinken und manchmal durch die Treiber
selber wieder herausgehoben und auf die Fe gebracht werden mssen. Und
dabei dies oft undurchdringliche Unterholz mit dornigen Schlingpflanzen,
breiten, nassen Blttern, Palmschlingen und niederen Bschen, durch das
man sich an vielen Stellen die Bahn mit dem Messer oder der =macheta= hauen
mu, und in welchem die Thiere trotzdem berall hngen bleiben.

Kein Wunder, da man auf solchem Boden nur kleine, sehr kleine Tagereisen
machen kann. Den Abend verbringen die total durchnten Reisenden dann
unter einem von Palmblttern rasch hergestellten und sogenannten Rancho,
unter dem sie wenigstens trocken liegen. Auerdem ist auch das Klima so
warm, da ihnen die Nsse selber Nichts schadet, denn Erkltungen kommen
dort nicht vor.

Hier aber, im ersten Nachtlager, zeigte sich erst, welchen vortrefflichen
Begleiter die Familie Bockenheim auf ihrem Wege gewonnen hatte; denn Pablo
schien im Urwald und bei einem niederstrmenden Regen unbezahlbar. Ohne
dazu beauftragt zu sein, lud er die Maulthiere ab, brachte das Gepck
zusammen auf einen engen Raum, legte die Decken darber und ber diese die
Packsttel, und ging dann mit einem kleinen Beil, das er jedenfalls nur zu
diesem Zweck bei sich fhrte, augenblicklich daran, eine Palme zu fllen,
die Bltter derselben dann zu spalten und nach einer passenden Stelle zu
schaffen, wo er das Lager fr seine neue Herrschaft aufzuschlagen gedachte.
Rasch hatte er jetzt Pfhle gehauen und in den Boden gerammt, Querhlzer
darber gelegt und deckte die temporre Htte dann mit den Palmzweigen so
fest und dicht, da auch kein Tropfen Regen hindurchdringen konnte.

Auch weiche breite Bltter suchte er aus, um ein bequemes Lager zu
bereiten, und schichtete sie dick unter dem Palmendach auf, so da
Bockenheim und seine Frau, wie sie nur erst ihr Gepck an sich genommen
und ihre Decken ausgebreitet hatten, so bequem und weich wie in einem Bette
lagen.

Dabei sorgte der stumme Diener fr Alles, bereitete ihnen das Abendbrod,
zog sich dann auf sein eigenes Lager am uersten Rand des Bltterdachs
zurck, und hatte am nchsten Morgen _ihre_ Maulthiere zuerst von allen
beigetrieben und gesattelt.

In gleicher Art verbrachten sie das zweite Nachtquartier; dieser Tagemarsch
war aber fast noch beschwerlicher gewesen, als der erste, denn ein wahrer
Wolkenbruch entlud sich ber die Hhen und wandelte die weiche Moorerde zu
einem flssigen Morast, so da einzelne Maulthiere abgeladen werden
muten, um sie nur wieder aus den Sumpflchern zu befreien, in denen
sie eingesunken waren. Natrlich hielt das die ganze Karavane auf. Die
einzelnen Reisenden durften sie doch nicht im Stich lassen, und wenn auch
nicht mehr weit vom Chagresflu entfernt, konnten sie ihn doch nicht an
diesem Abend erreichen, und muten zum zweiten Mal im Walde lagern.

Endlich am dritten Morgen kamen sie in Sicht des Stromes, und Pablo winkte
hier seinem neuen Herrn, da er nur bei dem Zuge bleiben solle, inde er
selber voraus eilte und ein Canoe fr sie schaffte. Es gab allerdings eine
Menge von Indianern in jener Gegend, die es eintrglich gefunden hatten,
sich mit dem Transport von Fremden zu befassen; aber es war doch immer
besser, sich gleich von vornherein ein Canoe zu sichern, um nicht einmal
der Mglichkeit ausgesetzt zu sein, in dieser Wildni von den Uebrigen
zurckgelassen zu werden. Jetzt nmlich, mit dem Strom vor sich, der sie in
kurzer Zeit an die Kste bringen konnte, htte Keiner mehr auf den Anderen
gewartet. Es dauerte auch nicht lange, so kehrte Pablo zurck und winkte
der Sennora, ihm nur zu folgen. Er mute jedenfalls ein passendes Boot
gefunden haben, sumte auch nicht lange, sondern nahm die Thiere und fhrte
sie eine kurze Strecke stromauf, wo sie schon durch die dort offenen Bsche
eine Lichtung mit einer Htte erkennen konnten.

Dicht darunter lag ein nicht sehr groes, aber bequemes Canoe, das er fr
sie gemiethet zu haben schien. Der Preis dafr war allerdings, wie er in
den Sand schrieb, eine Unze, also sechszehn Dollars, aber auch wieder
nicht zu viel, wenn man bedachte, wie gerade dieser Volksstamm durch den
zahlreichen Verkehr verwhnt worden war, hohe Preise zu fordern. Bockenheim
zahlte es auch mit dem grten Vergngen; denn hatten sie doch jetzt die
beschwerliche und sogar gefhrliche Landreise hinter sich, und durften also
hoffen, bald, recht bald das Ziel ihrer Reise zu erreichen. Einmal erst an
Bord des Dampfers, und sie waren so gut wie zu Hause.

Und wie glcklich war bis jetzt Alles gegangen. Von Rubern hatten sie auch
nicht die Spur unterwegs gesehen, noch weniger irgend eine Unbequemlichkeit
von ihnen erlitten. Die Neu-Granadiensische Eskorte nahm hier, mit einer
reichlichen Belohnung fr die einzelnen Leute, Abschied von ihnen, um eine
gerade stromauf gekommene Gesellschaft zurck zu eskortiren. Sie hrten
auch hier, da zwei Dampfer, der eine fr New-York, der andere fr San
Thomas bestimmt, vor Colon lagen. Der amerikanische wartete also auf die
=San Francisco Mail=, der westindische dagegen segelte gleich ab, und je
eher sie deshalb hinab kamen, desto besser.

Wenn die Reisenden nun aber auch kein ruberisches Gesindel unterwegs und
auf dem festen Land getroffen hatten, so war damit die Mglichkeit noch
gar nicht ausgeschlossen, da sich einzelne solcher Strolche auf dem
Chagresflu selber herumtrieben, und es blieb deshalb gerathen, die Canoes
der verschiedenen Parteien dort ebenso zusammen zu halten, wie auf dem
Lande ihre Maulthiere. Bockenheim wre allerdings, da er am ersten mit
Pablo's Hlfe reisefertig geworden, auch am liebsten voraus gefahren, denn
der Boden brannte ihm hier unter den Fen; Pablo selber aber rieth ihm
durch Zeichen, zu warten, bis die Uebrigen sich ihnen anschlieen konnten,
und Mittag war es etwa, als sich die kleine Canoeflotte endlich in Bewegung
setzte und mit der ziemlich starken Strmung rasch den Flu hinabglitt.

Der Indianer, dem das von Pablo gemiethete Canoe gehrte, sa am Steuer
oder ruderte vielmehr im Stern seines kleinen Fahrzeuges; vor ihm, seine
Schtze zu seinen Fen, sa Bockenheim, dann kam Pablo, der ebenfalls ein
Ruder fhrte, um sie rascher vorwrts zu bringen, und vorn im Bug hatte
er der Sennora noch kurz vorher, ehe sie aufbrachen, von breiten
Bananenblttern und bergebogenen Bambusstben ein kleines Zeltdach gebaut,
das sie gegen die Strahlen der Sonne oder etwa eintretende Regenschauer
vollkommen schtzen konnte. Allerdings hatten sich noch einige
Reisegefhrten als Mitpassagiere gemeldet, weil sie dadurch billiger
wegzukommen hofften; Pablo zupfte aber dann jedesmal seinen neuen Herrn
verstohlen, um ihm abzurathen, und Bockenheim selber hatte seine besonderen
Grnde, keine fremden Menschen in sein Fahrzeug zu nehmen. So blieben sie
denn allein und fhrten auch, von den beiden krftigen Rudern vorwrts
getrieben, bald den ganzen Zug an.

Wie hei aber die Sonne brannte -- Bockenheim briet ordentlich in ihren
Strahlen, und der aufmerksame Diener winkte endlich dem Indianer zu und
schrie ihn in unartikulirten Lauten so lange an, bis dieser etwas seitab in
den Schatten der ber den Strom hineinhngenden Bume hielt. Dadurch kamen
sie allerdings aus der eigentlichen Strmung, und andere Canoes gewannen
ihnen den Rang ab; aber was schadete das? Sie erreichten doch noch immer
zur rechten Zeit die Mndung und konnten indessen wenigstens bequem im
Schatten fahren.

Das Canoe aber, das Anfangs das erste gewesen, blieb jetzt mehr und mehr
zurck. Pablo schien doch mit Maulthieren besser und geschickter umgehen
zu knnen, als mit einem Ruder. Der Indianer zankte wenigstens ein paar Mal
auf ihn ein, wenn er durch irgend ein Versehen den Bug des Fahrzeuges aus
seiner Richtung und in irgend ein paar Zweigen oder aushngendem Holz fest
brachte, was immer einen geringen Zeitverlust erforderte, um es wieder los
zu bekommen. Er nahm aber solche Scheltworte ruhig und demthig hin, und
that nachher sein Bestes, um es wieder gut zu machen.

Die Sonne neigte sich zu ihrem Untergang, aber die Entfernung sollte, nach
des Indianers Angabe, gar nicht mehr so weit sein, um nicht wenigstens das
kleine Stdtchen Aspinwall noch zu erreichen. Der Himmel blieb dazu klar,
Mondschein hatten sie ebenfalls, und bei fast windstiller Luft war nicht
das Geringste zu befrchten. Sie brauchten ja eben nur mit der Strmung
hinabzutreiben.

Es war eine wundervolle Fahrt, und Bockenheims Frau besonders, die
nie etwas Aehnliches gesehen, ganz entzckt von der prachtvollen,
unbeschreiblich schnen Scenerie. Allerdings sahen sie nicht viel von dem
sich an beiden Seiten hinziehenden Wald, denn die ziemlich steilen und
schroffen Ufer verhinderten sie daran; aber berall ber diese hinaus
hingen die herrlichsten Festons blumengeschmckter Ranken, neigten die
Palmen ihre gefiederten Wipfel oder schttelten breitblttrige Bananen ihre
zitternden Wedel. Wo aber einmal ein kleiner Bach in den Chagres einmndete
oder selbst nur ein Sumpfwasser das, aus dem niederen Land kommend, hier
seinen Ausflu suchte, da berbot die dort wuchernde Vegetation Alles, was
die Deutschen bis dahin fr mglich gehalten, und diese konnten manchmal
einen Ausruf des Staunens und der Bewunderung nicht unterdrcken.

Wie ein kleiner, aus einem Feenmrchen herausgeschnittener Zauberhain lagen
zuweilen solche Stellen, mit dem beengten Wasserspiegel in der Mitte und
von Palmen und Laubholzgruppen, von Ranken und Lianen wie in einen Rahmen
eingefat, und ein paar Mal hemmte Pablo selber den Lauf des Canoes, damit
sie nicht zu rasch an solch' zauberschnem Bild vorbergefhrt wurden.

Allein auch das Materielle verlangte zuletzt sein Recht. Die Natur schien
allerdings all' ihre Reichthmer hier auf diese eine Strecke verschwendet
zu haben, aber die Reisenden waren trotzdem hungrig und durstig geworden,
und wenn sie auch Lebensmittel und Wein im Canoe mitfhrten, fehlte es
ihnen doch an Frchten. Besonders Madame Bockenheim verlangte darnach,
Pablo aber winkte ihr zu, sich nur noch einen Augenblick zu gedulden, denn
sie wrden, wie er mit der Hand zeigte, bald an eine Htte am Ufer kommen,
wo sie deren reichlich fnden.

Sie hatten sich schon so an ihren stummen Diener gewhnt, da sie dessen
Zeichen so gut verstanden, als ob er mit Worten zu ihnen gesprochen htte.
Uebrigens wollte die Frau auch die Besttigung, ob es an der nchsten Htte
Frchte gbe, von dem Indianer hren; dieser lachte nur und nickte mit dem
Kopf. Es mochte ihm komisch vorkommen, da es da _keine_ geben sollte, denn
die Leute lebten ja fast einzig und allein davon.

Malerisch genug sahen die einzelnen Wohnungen der Eingeborenen aus, die sie
hier und da am Ufer getroffen hatten, von Bambus errichtet, mit Palmfasern
oder Blttern gedeckt, und nackte und halbnackte braune Gestalten bemerkten
sie auch hie und da unten am Ufer, theils um Wasser zu holen, theils um zu
fischen, theils um sich zu baden. Solchen Pltzen darf man aber, einen so
romantischen Anstrich sie auch haben mgen, nicht zu nahe kommen; denn der
Schmutz in diesen Wohnungen ist wirklich entsetzlich, und Bockenheim selber
hatte schon genug von den kalifornischen Indianern in dieser Hinsicht
gesehen, um kein groes Verlangen nach dem Besuch einer dieser Baraken zu
fhlen. Auerdem durften sie sich auch nicht zu lange aufhalten, denn so
eben verschwand das letzte Canoe ihrer kleinen Flotte hinter der nchsten
Biegung des Stromes.

Der Indianer sagte ihnen brigens, da die kleine Htte, die sie jetzt vor
sich sahen, die letzte am Ufer des Stromes wre, wo sie Frchte bekommen
knnten, da der Chagres von hier ab durch lauter sumpfiges Land strme.
Pablo hatte mit seinem Ruder vorn den Bug auch schon herumgeworfen, da
sie jetzt gerade darauf zu hielten, und wenige Minuten spter scheuerte
derselbe den weichen Schlamm.

Pablo sollte nun, da er vorn im Canoe sa, hinauf gehen und Frchte holen;
er lachte aber verlegen und deutete auf seinen Mund. Wie konnte der arme
Teufel dort sagen, was er haben wollte? Bockenheim selber aber hatte keine
Lust, das Canoe zu verlassen, und der Indianer wurde deshalb beordert,
hinauf zu laufen und mitzubringen, was er rasch finden knne, auch wo
mglich einen Trunk Milch fr die Frau oder wenigstens ein paar Kokosnsse.
Bockenheim gab ihm dazu einen spanischen Dollar.

In dem schwankenden Canoe konnte er aber nicht gut ber die vor ihm
Sitzenden wegsteigen, noch dazu da die Laube, unter welcher die Frau ihren
Platz hatte, sein Aussteigen hinderte. Pablo stie deshalb das Canoe wieder
zurck und suchte es seitwrts an das Land zu bringen, was ihm auch endlich
gelang. Dann sprang er hinaus in das Schlammwasser, ob es ihm auch fast bis
an die Hfte ging, und hielt es fest, damit der Indianer rasch und leicht
hinaus und nachher die Frchte auch bequem einladen konnte.

Das Ufer war hier bis an den Strom hinab bewaldet, und nur ein schmaler,
ausgehauener Pfad fhrte an der Uferbank hinauf, in dem der Indianer gleich
darauf verschwand, um seinen Auftrag auszufhren.

Pablo indessen, der noch immer im Wasser stand und den Rand des Canoes
festhielt, drehte es jetzt so, da es mit dem Stern oder Hintertheil mehr
an's Ufer kam, damit der Steuernde, wenn er zurckkehrte, augenblicklich
seinen Platz wieder einnehmen konnte. Bockenheim, der behaglich
ausgestreckt in dem kleinen Fahrzeug lag, sah ihm zu und nickte beifllig
mit dem Kopf. Die Sonne war schon hinter den Baumwipfeln verschwunden und
die Luft dadurch khl und labend geworden. Und wie still und ruhig die Welt
hier schien, kein Lftchen regte sich, kein Laut wurde gehrt, auch keines
der brigen Canoes befand sich mehr in Sicht -- sie muten ihnen ein
tchtiges Stck vorausgekommen sein -- aber was schadete das? Vor morgen
frh fuhr der westindische Dampfer schwerlich von Colon ab, oder wenn
doch, dann lag ja doch noch der nordamerikanische dort, der jedenfalls die
Postscke von San Francisco erwarten mute. Den erreichten sie gewi, und
konnten dann ihre Reise mit diesem fortsetzen. Gelegenheit nach Deutschland
gab es von da ab genug, und _er_ war unter jeder Bedingung in Sicherheit.

Still vor sich hin lachte er dabei, wenn er an seinen alten Freund aus
den Minen, den Mexikaner, dachte, wie der ihn jetzt in Lima suchen und wie
wthend er sein wrde, wenn er endlich erfhre, da er da drauen auf dem
Meere schwimme. Nach Deutschland mochte er ihm dann folgen; wo sollte er
ihn da finden? Und _wenn_ er ihn wirklich fand, welches deutsche Gericht
htte sich auf eine so wahnsinnige Anklage hin seiner angenommen?

Ganz in seine Gedanken vertieft, hatte er gar nicht mehr auf den stummen
Diener geachtet, der indessen an Bord gestiegen war, das Canoe etwas
heranzog, dann das Ruder in die Hand nahm und nun langsam den Platz
einnahm, den der steuernde Indianer vorher inne gehabt. Jetzt setzte er
ruhig das Ruder gegen die Uferbank und schob das Canoe leise in den Strom
hinaus und vom Lande ab.

Halt, Pablo, sagte Bockenheim, ohne aber seine Stellung noch zu
verndern, nimm Dich in Acht; wir werden flott, und ich glaube, Du weit
nicht besonders mit einem Canoe umzugehen.

Pablo's Augen blitzten von unheimlicher Gluth.

Doch, Don Gaspard, lachte er pltzlich mit heiserer Stimme, indem er
das Canoe mit einem einzigen krftigen Ruderschlag bis weit hinaus in die
Strmung schieen lie -- vortrefflich!

Alle Teufel! schrie Bockenheim, in dem ersten Moment mehr davon
berrascht, da der Stumme sprach, als noch mit einem anderen Gedanken
beschftigt, indem er halb herum fuhr und sich auf seinen rechten Ellbogen
sttzte, um den also entpuppten Diener anzusehen, der aber inde mit
reiender Schnelle das schlanke Fahrzeug von der Landung abfhrte. Einen
raschen Blick hatte dieser dabei ber das untere Ufer geworfen, und ein
triumphirendes Lcheln zuckte um seine Lippen, als er nirgend mehr ein
Canoe am Ufer bemerken konnte. Es bedurfte keiner weiteren Vorsicht, denn
seine Bahn war frei.

Aber Pablo! rief Madame Bockenheim erschreckt, der Indianer mit den
Frchten ist ja noch auf dem Lande!

Kennt Ihr mich nicht, Don Gaspard? rief da Pablo. Hat mich die
Augenbinde, der abrasirte Bart und das kurz geschnittene Haar so verndert,
da Ihr Euren alten Freund Felipe nicht unter der Maske des Kajtenwrters
gesprt habt?

Felipe! schrie der Deutsche, whrend Todtenblsse seine Zge deckte,
Teufel! und fast krampfhaft suchte er sich emporzurichten, um den
rechten Arm frei zu bekommen und nach seinem Revolver zu greifen; aber
der Mexikaner war schneller, als er. Das Ruder in der linken Hand lassend,
griff er mit der rechten neben sich und fate das dort versteckte Beil.

Ruber und Mrder! zischte er zwischen den zusammengebissenen Zhnen
durch, da nimm Deinen Lohn! Und wie das Beil blitzschnell in die Hhe
zuckte, fuhr es zurck und grub sich tief in die Stirn des Unglcklichen,
der lautlos, nur mit einem dumpfen Rcheln, vornber und zu seinen Fen
zusammenbrach.

Einen einzigen gellenden, markdurchschneidenden Schrei stie die Frau aus,
die das Entsetzliche kaum begriff. Aber sie sah den Schlag, der nach ihrem
Mann gefhrt wurde, hrte den dumpfen Laut, als die Waffe seine Stirn traf,
und sank ohnmchtig auf ihren Sitz zurck.

Weiter verlangte der Mexikaner Nichts, und sich um die Leiche zu seinen
Fen nicht mehr kmmernd, legte er das Beil wieder neben sich und ruderte
dann, langsamer als vorher, den Flu hinab, um die vorangegangenen Canoes
nicht einzuholen. Nur dicht am linken Ufer hielt er sich, damit er von der
eben verlassenen Landung nicht mehr gesehen werden konnte, und fhlte sich
dabei vollkommen sicher, da ihm von dort ab, ehe nicht ein Canoe
vorber kam, Niemand im Stande war zu folgen. Am Ufer hin, in Sumpf und
Schlingpflanzen, wre es unmglich gewesen, den Weg zurckzulegen.

Kaum hatte er aber die nchste Biegung hinter sich und sah die Bahn auch
vor sich frei, als er sich nach einem Platz umschaute, an welchem er, von
dem Gebsch versteckt, landen konnte; denn mit der Frau durfte er natrlich
nicht nach Colon fahren. Eine solche Stelle zeigte sich auch bald. Dicht
unterhalb einer Schlammbank hatte sich eine natrliche kleine Bucht
gebildet, die auch jetzt weit genug von der zuletzt verlassenen Htte
ablag, um dort ein Hlferufen nicht mehr zu hren. Wohl durchzuckte ihn der
Gedanke, auch die Frau des Verbrechers unschdlich zu machen; denn war sie
todt, so konnte sie nicht mehr als Klgerin gegen ihn auftreten -- aber
er strubte sich auch gegen den Mord eines Weibes -- den Verbrecher
hatte seine Strafe ereilt -- sie selber trug keine Schuld, und rasch und
geschickt lenkte er jetzt den Bug des Canoes mitten in die berhngenden
Zweige hinein, und hatte es wenige Minuten spter so sicher hinter dem
Gebsch verborgen, da selbst ein vorbeifahrendes Canoe seinen Versteck
nicht htte finden knnen.

Die Frau lag noch in ihrer Ohnmacht, und er benutzte die freie Zeit, um den
schweren Leichnam des Deutschen ans Land zu heben und zu untersuchen. Den
Revolver und die Brieftasche nahm er an sich, das Gold, welches er bei ihm
fand, legte er zurck ins Canoe. Das beendet, zog er dem Ermordeten die
oberen Kleider aus, band ihm ein Seil, das er bei sich fhrte, um den
Krper, befestigte das Ende desselben im Canoe und lie dann den Leichnam
wieder ins Wasser gleiten, damit die Frau, wenn sie sich erholte, nicht
seiner ansichtig wrde.

Das geschah indessen rascher, als er selber geglaubt, und wie furchtbar ihr
Erwachen war, lt sich denken. Aber die Angst lhmte ihre Zunge, denn
sie sah sich mit dem Furchtbaren allein, und wute nicht, was nun auch
ihr Schicksal sein wrde. Felipe bemerkte aber kaum, da sie zur Besinnung
zurckgekehrt sei, als er ruhig sagte:

Sennorita, Sie haben fr sich Nichts zu frchten, wenn Sie sich still
verhalten und nicht wahnsinnig genug sind, Hlfe herbeirufen zu wollen, wo
keine zu bekommen ist.

Aber mein Mann -- mein Mann! sthnte die Arme.

Er war ein Schurke! rief der Mexikaner finster, und alles Gold, das er
mit nach Peru gebracht, nur der Raub, den er _mir_ abgenommen, als er mich
meuchlings im Kalifornischen Walde berfiel. Er hat seine Strafe erhalten
-- die Alligatoren des Chagres verzehren jetzt schon ihre Beute.

O mein Gott! O mein Gott! winselte die arme Frau, und was wird jetzt aus
mir?

Wenn Sie mir das Versprechen geben, sagte der Mexikaner, da Sie sich
_heute_, an der Stelle auf welcher ich Sie hier aussetzen mu, vollkommen
ruhig verhalten wollen, so werde ich Ihnen Geld genug geben, um Ihre
Rckfahrt zu decken. Es ist mehr, als Ihr Mann damals fr mich gethan.
Morgen frh kehren dann die Canoes zurck, die jene Passagiere nach
Colon gebracht haben -- die mgen Sie anrufen und um Hlfe bitten. Auch
Lebensmittel sollen Sie da behalten, um davon zu zehren; ich habe keine
Vergeltung an Ihnen zu ben, nur an dem Verbrecher.

Und hier, in dem furchtbaren Sumpf soll ich allein zurckbleiben? sthnte
die Frau entsetzt.

Es geschieht Ihnen Nichts, lachte der Mexikaner bitter; halten Sie sich
nur ein wenig vom Ufer ab, da Sie nicht in der Nacht mit einem Alligator
zusammentreffen, dann haben Sie nichts zu frchten; aber, setzte er
drohend hinzu, wagen Sie es, auch nur _einen_ Hlferuf auszustoen, dann
sind Sie verloren. Gleich unterhalb dieser Stelle werde ich selber bis
Mitternacht versteckt bleiben, um dann nach Colon herunter zu fahren. Hre
ich einen einzigen Laut, dann haben Sie kein Erbarmen mehr zu hoffen; denn
ich darf mich selber keiner Gefahr aussetzen.

Noch whrend er sprach, hatte er die Frau ans Land gefhrt und ihre Sachen,
die er recht gut kannte, aus dem Canoe geschafft, ebenso fast Alles,
was sich an Lebensmitteln im Fahrzeug befand. Die Frau war auf den Boden
gesunken und barg ihr Antlitz in den Hnden. Leise schob indessen der
Mexikaner das Canoe wieder vom Land ab und schleifte den daran hngenden
Krper hinter sich her, bis in tiefes Wasser. Die Frau regte sich nicht.
Wenige Minuten spter befand er sich drauen in der Strmung, durchschnitt
das Seil, das den Leichnam hielt, und glitt jetzt, so rasch ihn das Ruder
frdern konnte, den Strom hinab.

Dort galt es allerdings, vor allen Dingen die Blutspuren im Canoe
fortzuschaffen, damit diese nicht einen Verdacht gegen ihn wecken konnten.
Das that er, whrend er, von der Strmung getragen, weiter trieb mit den
dem Deutschen abgenommenen Kleidungsstcken, die er nachher ins Wasser
warf. In kaum einer halben Stunde, und noch vor oder mit eben einbrechender
Dunkelheit, war er fertig und hatte sein Canoe wieder so sauber und blank
gewaschen, da man auch nicht das mindeste Auergewhnliche mehr daran
erkennen konnte. Er dachte aber gar nicht daran, sich in der Nhe der am
Ufer zurckgelassenen Frau versteckt zu halten; die Drohung sollte nur dazu
dienen, sie einzuschchtern, damit sie nicht vor der Zeit doch noch Hlfe
herbeischrie und unbequeme Verfolger auf seine Fhrte setzte. Jetzt hatte
er deshalb Nichts weiter zu thun, als den Canoes der brigen Passagiere
auszuweichen, und in Nacht und Dunkelheit war schon keine Gefahr mehr, mit
ihnen zusammenzutreffen.

Wer von diesen bekmmerte sich aber auch um andere Passagiere, noch dazu
um die Deutschen, mit denen sie wenig oder gar nicht an Bord verkehrt? Ein
Theil von ihnen beabsichtigte, direkt nach New-York, ein anderer nach San
Thomas zu fahren; es fragte Keiner von Allen darnach, wohin _sie_ sich
gewandt.

Der Mexikaner erreichte Colon etwa um elf Uhr Abends, gedachte aber nicht,
an der Stadt anzulegen, und fragte nur einen Fischer, den er noch an
der Mndung des Stromes mit seinen Netzen beschftigt fand, ob er wisse,
welcher der beiden dort sdlich von ihnen liegenden Dampfer zuerst abfahren
werde.

=Caramba, Seor=, seht Ihr denn das nicht? lachte der Mann. Der eine
raucht ja schon aus Leibeskrften. Wenn Ihr da noch an Bord wollt, mt Ihr
machen.

Felipe verlangte nicht, mehr zu hren; er legte sich scharf ins Ruder, und
war bald langseit des Dampfers, wo sich die Matrosen, die sein Gepck an
Bord zu nehmen hatten, nicht wenig ber das _Gewicht_ der beiden kleinen
Koffer wunderten. Aber Niemand fragte ihn, woher er kme, oder achtete
darauf, da er vorn ins Zwischendeck ging und dort seine Passage nahm. Nur
bei dem Clerk des Dampfers mute er sich melden und diesem die Fahrt nach
San Thomas, wo das englische Boot zuerst anlegte, zahlen.

Andere Passagiere trafen noch ein, aber Alle fr die Kajte, Keiner von
Allen kam nach vorn, und als um zwlf Uhr die Rder anfingen zu arbeiten,
der schwere Anker aus der Tiefe kam, sa Felipe in Sicherheit vorn auf der
Back des Fahrzeuges und schaute mit finster zusammengezogenen Brauen nach
der Mndung des Chagresflusses, der sein Opfer barg, hinber.

Am nchsten Morgen schien ganz Colon in Aufregung; denn ein Indianisches
Canoe war mit der Frau des Ermordeten eingetroffen, und die Polizei
augenblicklich auf den Fen -- aber zu spt. Der nordamerikanische Dampfer
sollte San Thomas anlaufen, um den Verbrecher dort aufzuspren, aber der
Kapitn weigerte sich; es war ein Postschiff, das seine Zeit einhalten
mute und sich nicht tagelang aus dem Wege fahren konnte. Die Frau wollte
er nach New-York mitnehmen, weiter konnte er nichts fr sie thun.

Es htte ihnen auch Nichts gentzt; denn vor San Thomas kreuzen, sobald der
englische Dampfer anlegt, augenblicklich eine Menge kleiner Segelfahrzeuge
nach den verschiedenen Inseln, ja selbst nach Venezuela ab; und wer htte
nachher sagen knnen, welches von allen der Flchtige benutzt hatte, um vor
der Hand nur erst einmal die Verfolger von seiner Spur abzubringen? Er
war fort und in Sicherheit mit seinem Raub, und die Frau des Schuhmachers
kehrte spter mit dem kleinen Kapital, das sie in ihrem eigenen Koffer
geborgen, nach Deutschland zurck. Allerdings gewann sie noch eine Summe
aus dem Erls ihrer Brillanten, die ihr der Mexikaner gelassen, oder an die
er wohl nicht einmal gedacht, und nahe an tausend Thaler lieferte auch
noch die spter in Lima verkaufte Einrichtung; aber wie anders hatte sie
geglaubt, das Vaterland wieder zu betreten!

Sie gab auch, dort angekommen, die Hoffnung noch nicht auf, den Mrder zu
erreichen. Augenblicklich machte sie die Anzeige, und der ***sche Gesandte
in Mexiko, wie die verschiedenen Consuln, bekamen bestimmten Auftrag, nach
demselben zu forschen, da man nur erst einmal seinen Aufenthalt erfuhr.
Es blieb vergeblich. Ob Felipe Corona gar nicht wieder nach Mexiko
zurckgekehrt war? Seine Spur wurde nie wieder aufgefunden.




Ein =prize-fight= oder Boxerkampf in Cincinnati.


Als ich nach Cincinnati kam, beschftigte die dortige Presse in dem
Augenblick fast einzig und allein ein in den nchsten Tagen abzuhaltendes
Preisboxen, das zwischen zwei berhmten Boxern Jones und McCoole
stattfinden sollte. Wahlen, indianische Ueberflle im Westen, Alles war in
dem einen, zu erwartenden Genu vergessen, und dabei wurde diese von den
Gesetzen doch so streng verbotene Sache mit einer so naiven Oeffentlichkeit
betrieben, da es besonders den Fremden in Erstaunen setzen mute. Ueberall
klebten die Zettel, die mit der Abbildung beider Kmpfer zur Theilnahme
aufforderten, und Jones besonders, von dem man wute oder wissen wollte,
da er die =science of the art= auf das Grndlichste verstehe, gab schon
vorher eine Art von Vorstellung in der Mozart-Halle, die dann auch bei
dichtgedrngtem Hause stattfand.

Der Tag kam, und anstatt Eintrittskarten wurden weie und lila Bnder
verkauft (der Preis fr ein lila Band fr den inneren Ring == 7Dollars),
die zugleich fr freie Passage auf dem Extrazug galten. Aber Niemand wute,
wo der Kampf stattfinden sollte, als die wenigen Eingeweihten, und die
Polizei mute jetzt doch einschreiten und Jones verhaften, der aber
augenblicklich wieder auf Brgschaft entlassen wurde, als er sich
verbindlich machte, den Frieden des Counties, in welchem Cincinnati lag
(=Hamilton county=) nicht zu stren. Ueber die Grenzen desselben hinaus
hatte die Polizei keine Macht. Allerdings wute man, da der Preiskampf
nichtsdestoweniger an der Grenze stattfinden wrde, aber Niemand natrlich,
nach welcher Himmelsrichtung, und man lie der Sache eben ihren Lauf, ja
kehrte sich sogar nicht daran, als Zeit und Bahnhof genau angegeben und von
jedem Theilnehmer gekannt waren.

Die Abfahrt sollte Morgens halb zwei Uhr stattfinden und fnfzehn jener
riesigen amerikanischen Eisenbahnwagen standen bereit, die Zuschauer an den
Ort ihrer Bestimmung zu schaffen. Es wurde aber fast drei Uhr, ehe der Zug
abging, und die Wgen fanden sich dann auch gestopft voll Menschen. Nicht
allein die Sitze waren berfllt, nein in jedem Wagen standen auch
berdie noch 25-30 unglckliche Individuen, von denen Viele wohl die ganze
vorherige Nacht durchgeschwrmt hatten und vor Mdigkeit nicht mehr die
Augen aufhalten konnten.

Der Zug konnte nicht rasch vorrcken, denn der Verkehr auf der Bahn ist ein
sehr starker, und nur zu oft muten wir halten, um regelmige Zge, die
sich eben so regelmig versptet hatten, durchzulassen. Endlich nach sechs
Uhr erreichten wir den Platz -- ein kleines, parkartiges Gehlz, das zu der
Farm eines Baptistenpredigers gehrte und zu dem Zweck von ihm gemiethet
war. Einige der Passagiere wunderten sich darber, da der Geistliche
sein Grundstck zu einem, noch dazu durch das Gesetz verbotenen Boxerkampf
hergeben sollte, Andere aber vertheidigten ihn wieder und behaupteten, er
wrde keineswegs gewut haben, wozu man es gebrauchen wolle. In Amerika ist
aber, noch dazu bei der Aussicht, Geld zu verdienen, Alles mglich, und so
gut wie jetzt die Methodisten in Omaha ihre kleine Kirche auf zehn Jahre
an einen deutschen Wirth verpachtet haben, um fr diese Zeit eine Bierhalle
daraus zu machen, eben so gut konnte der Baptist auch das kleine Gehlz
einmal auf ein paar Stunden fr einen Schauplatz roher Brutalitt
vermiethen und sicherlich nicht mehr in der kurzen Zeit damit verdienen.

Doch dem sei, wie ihm wolle. Wir waren da, und kaum hielt nun der Zug, als
das wilde blutdrstige Volk schon wie ein Schwarm von den Wgen hinabsprang
und sich ber die unter ihm zusammenbrechende Fenz warf, um einen guten
Platz zu bekommen und den Kmpfenden so nahe als irgend mglich zu sein.
Ja, damit waren Viele noch nicht einmal zufrieden, und wie sie nur das
kleine Gehlz erreichten, suchten schon Hunderte an den nchsten Bumen
emporzuklettern, um von denen aus keinen Moment des interessanten Kampfes
zu versumen. Vielen gelang das auch, und einzelne kleine, leicht
zu ersteigende Bume waren im Nu mit Menschen gefllt, die oft in
lebensgefhrlicher Weise bis in die uersten Zweige hinauskletterten
und dort hngen blieben. Andere, als sie dort keinen Platz mehr fanden,
versuchten sich an dickeren Bumen, und Manche entwickelten dabei eine
erstaunliche Fertigkeit. Wehe aber dem armen Teufel, dessen Krfte
unterwegs nachlieen -- Aller Augen, da es noch weiter nichts zu sehen
gab, hingen an ihnen, und wie sie nur hielten, ertnten schon spttisch
ermuthigende Zurufe, die sich aber zu einem indianischen Geheul steigerten,
sobald der Unglckliche, mit hochhinaufgerutschten Hosen, seinen nicht mehr
zu verheimlichenden Rckweg begann.

Indessen wurden Anstalten gemacht, um den sogenannten Ring aufzuschlagen,
was aber durch die augenblicklich herbeidrngenden Menschen zur
Unmglichkeit wurde. Auerdem war der Boden hart und trocken und die Pfhle
lieen sich nur sehr schwer eintreiben. Es dauerte auch in der That
eine volle Stunde, bis man die wie wahnsinnigen Menschen nur so weit
zurcktreiben konnte, um die Arbeit in Angriff zu nehmen, und weder
Vernunftgrnde noch Gewalt schienen bei ihnen etwas auszurichten. Sehen
wollten sie -- Alles sehen, wofr sie ihr Geld bezahlt, und nur erst, als
sie doch wohl einsahen, da in solcher Weise der Kampf nie stattfinden
knne, gaben sie endlich nach.

Die Pfosten wurden etwa 12Fu von einander eingetrieben, so da sie ein
etwa 18Fu im Quadrat haltendes Viereck umschlossen, und dann mit festen
Tauen so gut als mglich zusammengeschnrt. Die Taue muten auch dazu
dienen, die Kmpfer, wenn sie dagegen geworfen wrden, aufrecht zu halten.

Dicht -- so dicht als mglich um das Viereck lagerten aber die Zuschauer,
und da sich etwa 3000 von diesen auf dem Plan befanden, so wre es spter
fr die hinten Stehenden nicht mglich gewesen, auch nur einen Blick in den
Ring zu werfen. Dafr mute Abhlfe geschafft werden, und es begann jetzt
von Neuem die sehr undankbare Arbeit, die Menschenmasse, die sich sicher
im Besitz eines guten Platzes fhlte, wieder eine ganze Strecke
zurckzutreiben und nicht allein einen greren Kreis, sondern auch einen
freien Platz um den Ring zu bekommen.

Auch die geschah endlich, nachdem ein Zeitungsredakteur, von Chicago,
glaub' ich, der besonders zu dem Zweck hierher gekommen, eine Rede an das
Volk gehalten und ihm damit gedroht hatte, da der Kampf (=the fight=)
unter keinen Umstnden stattfinden knne, wenn sie nicht den Anordnungen
der Kommission Folge leisteten. Widerstrebend gaben sie endlich Raum, aber
nur Zoll fr Zoll, bis sie endlich etwa zehn Schritt freie Bahn zwischen
sich und dem Kampfplatz hatten. Dann wurden die ersten fnf bis sechs
Reihen beordert, die Ersten sich zu lagern, die Anderen zu knieen, und
wenn dann die Hintersten aufrecht standen, konnte jeder an dem Genu Theil
nehmen.

Bis dahin war es etwa zehn Uhr geworden und das Publikum hatte, einzelne
kleine Zwischenflle abgerechnet, gar kein Vergngen, denn die Kampfrichter
konnten sich noch nicht ber einige Formalitten einigen. Fr Zwischenflle
sorgten aber die auf den Bumen sitzenden Zuschauer, denn mehr und
mehr kletterten hinauf, und hie und da knackte ein Ast, was die dadurch
Bedrohten zwang, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Ein paarmal brach auch
ein zu sehr beladener Ast und die darauf Sitzenden strzten dann, zum
Jubel der ganzen Versammlung, auf den Boden nieder -- glcklicherweise ohne
ernstlichen Unfall.

Auch einige Streitigkeiten kamen vor, denn die Herren in den Bumen kauten
sehr natrlich, nach amerikanischer Sitte, Tabak und muten ausspucken, und
das konnte eben so selbstverstndlich nur nach unten geschehen. Von unten
wurde dann hinaufgedroht und von oben heruntergelacht, und die Sache blieb
beim Alten.

Endlich -- es war fast elf Uhr geworden -- gerieth die Menge in Bewegung.
Sie kommen! so lief der Ruf durch die Versammlung, und nach kurzer Zeit
erschien einer der Kmpfer auf dem Schauplatz. Schon ehe er denselben
erreichte, warf er, nach alter Boxersitte, seinen runden Hut voran und
hinein, und ein Jubelschrei begrte ihn. Es war der Englnder Jones,
eine breitschultrige, derbknochige, aber gemein aussehende Gestalt, doch
anstndig gekleidet und nur mit einem breiten, ausdruckslosen und jetzt
augenscheinlich bleichen Gesicht und kleinen Augen. Er schien grne
Handschuhe zu tragen.

Ohne Aufenthalt kroch er unter den Tauen durch in den =ring= und nahm,
da er die Wahl der Ecken hatte, seinen Platz in der einen, oberen, wo schon
ein Stuhl fr ihn bereit gestellt war. -- Auch seine beiden Sekundanten,
allem Anschein nach der untersten Schicht der Gesellschaft angehrend,
kamen jetzt herzu, und nachdem sie sich die bezeichnenden seidenen Binden
um die Hften gelegt, als Zeichen, welcher Partei sie zugehrten, hielt der
Eine von ihnen einen ausgespannten Regenschirm ber Jones, um ihn gegen die
Strahlen der schon ziemlich hei brennenden Sonne zu schtzen. -- Es war
ein rhrendes Bild.

Jetzt aber brach ein wilder Jubelsturm los, denn ein guter Theil der
Anwesenden schien dem irischen Volksstamm anzugehren, und der Hut
McCoole's, des Iren, flog wirbelnd in den Ring, whrend die riesige Gestalt
desselben keck und wie siegesgewi demselben folgte und seine Freunde
lchelnd begrte.

Ich selber zweifelte in dem Augenblick keinen Moment mehr, wer von Beiden
Sieger des heutigen Tages bleiben wrde -- Jones oder McCoole.

Der Ire nahm die andere Ecke ein. Es war eine hohe, mchtige Gestalt, ber
sechs Fu, mit breiter Brust, aber einem rohen, wsten Ausdruck in den
Zgen. Er ging in einen dicken Rock fest eingeknpft und hatte noch
auerdem, und trotz der Hitze, einen wollenen Shawl um den Hals geschlagen.

Auch seine beiden Sekundanten gesellten sich, unter den nmlichen
Vorbereitungen, zu ihm und Beide verharrten dann wohl volle zehn Minuten,
vielleicht lnger, in ihrer Stellung, nur dann und wann Einer nach dem
Andern einen verstohlenen Blick hinber werfend, um die Chancen des Kampfes
vielleicht zu berechnen.

Endlich warf Jones seinen Rock ab und lste sich das Halstuch, welchem
Beispiel gleich darauf sein Gegner folgte. Die Sekundanten waren dabei
beschftigt, ihnen die Schuhe aus- und ein Paar Halbstiefeln anzuziehen,
an denen sich, wie bei Steigeisen, scharfe Spitzen befanden, um ihr
Ausrutschen auf dem Rasen zu verhindern.

Wieder eine kurze Pause. McCoole hatte ein paar Worte mit seinen
Sekundanten gewechselt und die Kampfrichter wurden auf die grnlichen Hnde
Jones' aufmerksam gemacht, die man Anfangs fr mit Handschuhen bedeckt
angesehen hatte. Es scheint, da McCoole den Verdacht geuert, sie knnten
mit einer giftigen Substanz versehen sein. Jones wurde dehalb von dem
vorhandenen Arzte, nachdem dieser sie berochen -- was genau so aussah, als
ob er dem Preisboxer die Hand kte -- aufgefordert, daran zu lecken. Er
that das auch lchelnd und mit so augenscheinlich gutem Willen, da jeder
Verdacht schwinden mute. Es war nur eine bei Preisboxern nicht seltene
Gerbestoffmasse, mit welcher er die Hnde angestrichen hatte, um die Haut
fester zu machen und sie bei einem schweren Schlag nicht so leicht zu
gefhrden.

Jetzt wurden den beiden Kmpfern die Beinkleider ausgezogen, unter denen
sie kurze Hosen und lange Strmpfe trugen. Und nun erst erhob sich Jones
und dann McCoole, warfen ihre Oberhemden ab und zeigten die breite nackte
Brust, wie den muskulsen Bau der Schultern.

Jones' Oberkrper war wei und glatt, auch mehr fleischig, McCoole dagegen
mit dichten schwarzen Haaren bedeckt, und so standen sie sich einen
Augenblick gegenber. Dann pltzlich schritt McCoole auf den Gegner zu und
reichte ihm die Hand, die dieser nahm und hielt, whrend die Sekundanten
jetzt auch ihrerseits die Hnde ber denen der Gegner kreuzten, so da die
Sechs zusammen fr wenige Sekunden in einem Ring standen. Der aber lste
sich sehr bald wieder, und jetzt rckte der eigentliche Moment heran, dem
heute ja Alles entgegenstrebte: der wirkliche Kampf.

Beide Gegner waren noch einen Moment zu ihrem alten Stand zurckgetreten,
jetzt schritt McCoole langsam wie ein Br aus seiner Hhle vor und rascher
folgte Jones seinem Beispiel. Der Letztere hielt aber ein kleines Packet
Banknoten, sogenannte Greenbacks, in der Hand und forderte jetzt McCoole
keck heraus, hundert Dollars gegen die seinigen zu setzen, da er ihn
zuerst zu Boden schlagen wrde.

McCoole erwiederte kopfschttelnd, da er kein Geld mehr habe, einer der
Zuschauer aber nahm die Wette auf und das Geld wurde deponirt.

Mir gefiel Jones' ganzes Auftreten nicht. Selbst die anscheinende
Zuversicht, mit welcher er die Wette anbot, kam mir so vor, als ob
Jemand aus lauter Verlegenheit lacht. Aber es blieb keine Zeit, weitere
Beobachtungen zu machen, denn die Sache wurde Ernst. Die Sekundanten hatten
Beiden noch einmal Brust und Arme abgerieben, etwa genau so, wie man ein
Pferd abreibt, um seinen Muskeln mehr Geschmeidigkeit zu geben, und jetzt
wurden sie, wie bissige Kter, gegeneinander losgelassen.

McCoole schien sich dabei mehr auf die Vertheidigung zu halten; er hatte
wahrscheinlich zu viel von Jones' Kunstfertigkeit und Gewandtheit gehrt
und wollte sich nicht leichtsinnig einer Gefahr aussetzen, whrend Jones
dagegen augenscheinlich bemht war, den ersten Schlag anzubringen. Den
fhrte er auch, aber McCoole parirte ihn. Beide gaben dabei ihren
Armen freies Spiel, jetzt zu einem Scheinangriff ausfallend, jetzt
zurckweichend, bis Jones eine Ble McCoole's zu bentzen suchte. Aber
er hatte sich darin geirrt; der Schlag glitt ab und wurde rasch erwiedert,
Jones parirte auch diesen und holte wieder aus, als McCoole's rechte
Eisenfaust ihn gegen das linke Auge traf und wie einen Sack zu Boden warf.

Ein wahres Jubelgeheul machte die Luft erbeben. Im Nu aber sprangen die
Sekundanten hinzu und hoben nicht allein Jones auf, um ihn zu seinem Stuhl
zu tragen, nein, thaten auch das Nmliche mit dem vllig ungeschdigten
McCoole, der es sich ruhig gefallen lie. Beider Gesicht wurde dann rasch
mit kaltem Wasser abgewaschen, Jones schon mit Blut unterlaufenes Auge
besonders aufmerksam, und whrend das der Eine that, schob der Andere
seinem Kmpfer etwas in den Mund, das wie ein Schwamm aussah und vielleicht
etwas Strkendes oder Erfrischendes enthielt. Es wurde ihnen auch nicht
viel Zeit dabei gelassen, denn die Pausen zwischen den einzelnen Gngen
oder =rounds= drfen den hierbei gltigen Gesetzen nach nur genau
30Sekunden dauern, wozu ein Mann mit einer Sekundenuhr in der Hand
fortwhrend neben dem Kampfrichter steht. Wer von den Kmpfern nach
30Sekunden nicht wieder in der Arena steht, wird als besiegt erklrt --
und wie rasch vergehen 30Sekunden!

Jones stand zur bestimmten Zeit wieder auf den Fen und McCoole gegenber,
aber es sah so aus, als ob er scheu geworden wre, und er zeigte sich
jedenfalls lange nicht so geneigt mehr, als beim ersten Gang, mit dem
gefhrlichen Gegner anzubinden. Desto weniger Zeit aber verlor McCoole und
nach kaum einer halben Minute, in welcher Jones ein paarmal auswich, konnte
er sich zuletzt nur dadurch vor einem gefhrlichen Schlag des Iren retten,
da er sich wieder rasch zu Boden warf.

Neues Geheul und strmischer Jubelruf von allen Iren und Denen, die auf
McCoole gewettet hatten, erfllte die Luft, und wieder wurden beide Kmpfer
zu ihren verschiedenen Sitzen zurckgetragen und genau so behandelt als
vorher -- wieder standen sie sich 30Sekunden spter kampffertig gegenber.
Aber es war jetzt kaum noch ein Zweifel, wer von ihnen Sieger bleiben
msse. McCoole ging scharf und keck vor, Jones hatte alle Zuversicht
verloren und nur noch eine Hoffnung -- nmlich die, durch ein paar
kunstgerechte Schlge die Augen des Gegners zu treffen, wonach er diesen
dann leicht so lange aufhalten konnte, bis das Anschwellen der weichen
Theile um die Augen ihn zeitweilig erblinden machte. Aber darin hatte er
den Nachtheil, da er wenigstens fnf Zoll kleiner als sein Gegner war und
dehalb zu hoch mit seinen Armen hinauflangen mute. Als er so in die Hhe
reichte, erhielt er einen furchtbaren Schlag in die Seite, der ihm zwei
Rippen knickte, und nun war es vorber. Noch viele Gnge hatten sie,
und einmal ermannte sich Jones, hielt Stand und versetzt McCoole einen
entsetzlichen Schlag gegen die rechte Seite des Kopfes, der auch aus seinem
Auge Blut brachte, aber McCoole schlug ihn gleich dafr wieder zu Boden und
weigerte sich sogar, von dem Kampf erregt, getragen zu werden. Er schritt
selber leicht zu seinem Stuhl zurck.

Noch erhielt Jones, der Muth und Kraft verloren hatte, einen Schlag gegen
den Krper, der genau so klang, als ob man mit einem Hebebaum auf einen
Wollsack schmetterte, aber es bedurfte dessen kaum noch, denn bei ein paar
Gngen mute er sich zu Boden werfen, ohne nur berhrt zu sein, um einem
furchtbaren, nach ihm gerichteten Schlag auszuweichen. Hatte er doch die
Kraft verloren, ihn zu pariren. Es war dann ein scheulicher Anblick, wenn
der berdie nicht hbsche Bursche, mit den blutunterlaufenen Augen und
bleichen Zgen, aber lchelnd zu seinem Sieger aufblickte, als ob er sagen
wollte: Siehst Du wohl, diemal bin ich Dir doch noch ausgewichen. Aber
McCoole blickte nur verchtlich auf ihn nieder und schritt zu seinem Stand
zurck, denn kein Schlag darf gefhrt werden, wenn der Gegner am Boden
liegt.

Noch zwei Gnge und der entscheidende Schlag fiel. Jones war
augenscheinlich zur Verzweiflung getrieben. Er fhlte, da er nicht lange
mehr aushalten knne, und machte einen verzweifelten Angriff auf den Iren.
Das aber bekam ihm schlecht. McCoole war auf seiner Hut und ein Schlag
gegen den Hals oder untern Theil des Gesichts -- es lie sich das in der
Schnelligkeit nicht so genau bestimmen -- schmetterte Jones mit solcher
Gewalt zu Boden, da ihm der Kopf auf die Seite sank.

Er wurde augenblicklich wieder auf seinen Stand getragen, aber er war nicht
im Stande, sich in der kurzen Frist von 30Sekunden zu ermannen, hatte auch
vielleicht, den Hieben gegenber, keine besondere Lust dazu. Dreiig --
fnfunddreiig Sekunden verflossen, und jetzt schmetterte das Siegesgebrll
der Irlnder durch die Luft, und Alles sprang jauchzend in den Ring, um den
Sieger zu begren -- oder auch vielleicht um zusehen, wie er seinen Gegner
zugerichtet habe.

Viele stimmten freilich nicht mit in das Siegesgeschrei ein, und zwar aus
dem sehr triftigen Grunde, weil sie bedeutende Summen -- man sprach sogar
von _sehr_ bedeutenden, die gewettet worden -- verloren hatten. So soll
ein Mann allein ber 50,000 Dollars auf ihn verloren haben. Nur die
Gleichgltigen eilten, so rasch sie konnten, nach den schon ihrer harrenden
Wagen des Extrazugs zurck, um Sitzpltze zu bekommen und die Stehpltze
diemal Denen zu berlassen, die hoch oben in den Bumen saen und nicht
so rasch heruntergleiten konnten, und nach kaum einer halben Stunde setzte
sich der Zug langsam wieder in Bewegung.

Vorher war aber schon der wieder zum Bewutsein gekommene Jones in einen
Wagen gesetzt worden und abgefahren, und als wir nach etwa zehn Minuten
wieder hielten, berholten wir diesen. McCoole selber war mit im Zug, aber
er stieg aus und ging zu Jones' Wagen, in welchem dieser mit verbundenem
Kopf sa, und reichte ihm dort hinein die Hand.

Zugleich ging im Zug das Gercht um, da Jones selber eine ziemlich groe
Summe bei dem Kampf gewettet und verloren habe, und da man unterwegs fr
ihn sammeln wrde. Es dauerte auch nicht lange, so kam McCoole selber, das
breite, gemeine Gesicht wohl etwas geschunden, aber sonst allem Anschein
nach vllig unverletzt, durch unsern Waggon. Vor ihm ging einer seiner
Sekundanten, ein Papier in der Hand, um zu Unterschriften aufzufordern,
hinter ihm McCoole mit seinem schwarzen breitrandigen Hut in der Hand, um
kleinere Gaben gleich einzukassiren. Aber der Erfolg scheint kein besonders
glnzender gewesen zu sein, -- wer auf Jones gewettet und verloren hatte,
fand seinen Geldbeutel schon genug in Anspruch genommen. Wer gegen ihn
gewonnen, gab wohl etwas, und eine kleine Summe kam dadurch zusammen. Es
ist auch in der That eine starke Zumuthung, einem besiegten Preisboxer noch
Almosen zu geben; die giebt man doch lieber einem braven, hlfsbedrftigen
Arbeiter.

So endete dieser wirklich berhmte Zweikampf, der auch in der That einiges
politische Interesse hatte, da er, in damaliger Zeit gerade, zwischen einem
Irlnder und Englnder stattfand und dadurch schon die Sympathieen der
Amerikaner fr den Iren erweckte. Welchen Antheil man aber daran nahm, geht
schon daraus hervor, da der Kampf etwa 16Minuten nach elf Uhr zu Ende kam
und um zwlf Uhr -- ja noch einige Minuten frher -- schon die Zeitungen
ausgegeben und von Jungen durch die Straen geschrieen wurden, in welchen
ein zwar flchtiger, aber doch wahrer Bericht ber den Kampf gedruckt
stand. Hatte man doch zu dem Zweck einen Telegraphenapparat mit dem
Draht dort in Verbindung gebracht, um auch nicht einen Augenblick Zeit
zu verlieren, die werthvolle Nachricht zu verbreiten und einem Jeden
zugnglich zu machen.

Mir selber war das ganze Schauspiel, als berhaupt etwas Neues und in den
Zweck meiner Reise einschlagend, interessant genug, aber es ist jedenfalls
ein Beweis groer Brutalitt, etwas Derartiges mit solchem Pomp und
Spektakel und solchen Vorbereitungen zur Schau zu tragen. Uebrigens zeigten
die Deutschen in Cincinnati deutlich genug, da sie keine Freude an einer
solchen Bestialitt finden, denn nur sehr Wenige waren drauen, und ich bin
auch ziemlich fest berzeugt, da keiner von ihnen einen Cent auf solche
Menschenschinderei gewettet hat.


Leipzig, Druck von Giesecke & Devrient.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
hervorgehoben.

Fehlende und falsch gesetzte Anfhrungszeichen wurden korrigiert, sowie
gegebenenfalls "," gendert in ",".

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Camin" -- "Kamin",
"Canoe" -- "Kanoe", "erwiderte" -- "erwiederte", "Fourche-la-Fave" --
"Fourche la Fave" -- "Fourche-la-fave", "Jayhawker" -- "Jay-hawker",
"Palissaden" -- "Pallisaden", "Partei" -- "Parthei", "Petite Jeanne" --
"Petite-Jeanne", "Seora" -- "Sennora", "Seor" -- "Sennor", "wonach" --
"wornach",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 6:
  "Missisippi" gendert in "Mississippi"
  (vom anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung)

  Seite 13:
  "," eingefgt
  (rief der Major, Sie reden gerade)

  Seite 22:
  "." eingefgt
  (seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging)

  Seite 26:
  "enfernteste" gendert in "entfernteste"
  (auf das Bett in die entfernteste Ecke des Hauses gelegt)

  Seite 34:
  "Furche-la-fave" gendert in "Fourche-la-fave"
  (Am Fourche-la-fave nderte sich in der nchsten Zeit)

  Seite 40:
  "zn" gendert in "zu"
  (von den Frauen selbst verhhnt zu werden)

  Seite 40:
  "," eingefgt
  (rief der alte Mann,)

  Seite 47:
  "bisjetzt" gendert in "bis jetzt"
  (die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen)

  Seite 50:
  "Bushwacker" gendert in "Bushwhacker"
  (bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten Namen)

  Seite 57:
  "peischte" gendert in "peitschte"
  (Whrend man sie dann peitschte)

  Seite 60:
  "," eingefgt
  (gegen Little Rock marschirt, um sich dort)

  Seite 113:
  "." gendert in "?"
  (oder wer ist sonst noch bei Dir?)

  Seite 122:
  "knnne" gendert in "knnen"
  (und dort nach Belieben wirthschaften knnen)

  Seite 126:
  "erkrten" gendert in "erklrten"
  (von der Welt fr vogelfrei erklrten Jay-hawker)

  Seite 132:
  "Boyle's" gendert in "Boyles'"
  (kehrten sie nach Boyles' Farm zurck)

  Seite 133:
  "," eingefgt
  (Weil ich kein Stck Blei im Leibe haben wollte,)

  Seite 133:
  "," hinter "man" entfernt
  (Revolverpatronen kann man ein paar Stunden)

  Seite 138:
  "." gendert in "?"
  (Was ist denn das fr eine Bchse, die Du da trgst?)

  Seite 168:
  "ententgangen" gendert in "entgangen"
  (ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht entgangen)

  Seite 186:
  "," eingefgt
  (Er sah, wie sein Opfer noch einmal)

  Seite 192:
  "." eingefgt
  (und hielt mit seiner Arbeit inne.)

  Seite 196:
  "," eingefgt
  (die wenigen Hinterbliebenen, ihre Ernhrer und)

  Seite 223:
  "." eingefgt
  (und sie dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte.)

  Seite 265:
  "einen" gendert in "einem"
  (dann zog die Mannschaft mit einem)

  Seite 273:
  "," eingefgt
  (und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen Knig)

  Seite 280:
  "Sie" gendert in "sie"
  (lauten Schrei ausstoend liefen sie zu den)

  Seite 305:
  "," hinter "gerathen" entfernt
  (Sie mssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein)

  Seite 314:
  "." eingefgt
  (Geh nur rasch, da Du keine Zeit versumst.)

  Seite 329:
  "mi" gendert in "mit"
  (und die Luft mit ihrem Arom erfllten)

  Seite 344:
  "Bittern" gendert in "Blttern"
  (mit Palmfasern oder Blttern gedeckt)

  Seite 353:
  "," eingefgt
  (Es geschieht Ihnen Nichts, lachte der Mexikaner)]






End of the Project Gutenberg EBook of Kreuz und Quer, Dritter Band, by 
Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, DRITTER BAND ***

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