The Project Gutenberg EBook of Moriz, by Friedrich Schulz

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Title: Moriz
       ein kleiner Roman

Author: Friedrich Schulz

Release Date: January 15, 2015 [EBook #47977]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Moriz

  ein kleiner Roman

  [Illustration]

  von
  Friedrich Schulz

  dritte verbesserte Ausgabe

  Weimar 1892
  in der Hoffmannischen
  Buchhandlung




  An
  den Herrn Hauptmann
  von Blankenburg
  in Leipzig


Ohne #Ihnen# persnlich bekannt zu seyn, #Hochwohlgebohrner Herr#, ohne ein
anderes Recht zu einer Annherung an #Sie# zu haben, als dasjenige, welches
Lernbegierde und Dankbarkeit dem Schler an seinen Lehrer gewhren knnen,
wage ich es, #Ihnen# dies kleine Werk zu widmen, das seine Existenz und
das Gute, was es vielleicht haben knnte, ganz allein #Ihrem# vortreflichen
#Versuch ber den Roman# verdankt, und das ganz vollkommen htte
werden mssen, wenn es in seines Urhebers Krften gestanden htte,
die Vorschriften, welche jener Codex der Romanendichtung mit so viel
Scharfsinn, Deutlichkeit und Eleganz entwickelt, in ihrem ganzen Umfange zu
befolgen.

Vielleicht bin ich bey einem zweyten Versuch in dieser Dichtungsart, die
eine der schwersten ist, und doch eine der leichtesten scheinen mu,
so glcklich, mich #Ihren# Regeln noch nher anzuschlieen; und meine
Bemhungen hierin werden desto ernstlicher seyn, je fester ich berzeugt
bin, da jedes #Ihrer# Gesetze, dessen Geist ich zu fassen und mir eigen
zu machen vermag, eine Stuffe sey, auf welcher meine Arbeit zur Klarheit,
Natur und Vollkommenheit emporsteigen werde.

Ich verharre mit unumschrnkter Achtung

  #Ew. Hochwohlgebornen#

  Weimar, den 3. April 1787.

    ergebenster
    Friedrich Schulz.




Moriz.

Erstes Buch.




Erstes Kapitel.

_Mysterien._


Er darf es noch nicht wissen, Martha, sagte mein Papa zu seiner
Haushlterin: Du weit, da der Junge, so klein er ist, schon einen
gewaltigen Nagel im Kopfe hat. Er gehorcht mir jetzt schon nicht mehr, wie
er sollte, was wrde daraus werden, wenn er erfhre, da ich nicht sein
Vater bin? La Du nur noch einige Jahre hingehen. Es wird sich schon
eine Gelegenheit finden, wo wir's ihm mit Manier beybringen knnen. Und
vielleicht stirbt der Alte bald, dann erfhrt er's auf einmal. Er hrt's
doch wohl nicht? setzte er leise hinzu: Geh hin, und sieh einmal zu, ob
er noch schlft!

Martha kam und sahe zu, ob ich noch schliefe. Ich hatte mich auf Papa's
Bette hingestreckt. Mein rechter Arm trug den Kopf und der linke lag
unbeweglich auf dem Deckbette. Meine Augen waren fest zu, der Mund halb
offen, und der Athem flog mit Gerusch durch Mund und Nase aus und ein.
Ich machte den Schlafenden so natrlich, da Martha sogleich zum Papa
zurckging und ihm versicherte: ich schliefe wie eine Ratze.

Nun, es ist gut, sagte Papa: wenn ich zurckkomme, wollen wir weiter
davon sprechen. Jetzt la mir mein Pferd satteln, ich will fort!

Martha ging und Papa zog sich an.

Mir war es sehr unangenehm, da diese Unterredung, die mir so merkwrdig
vorkam, aber hchst dunkel und geheimnivoll war, so pltzlich abgebrochen
wurde. Ich war so boshaft, zu wnschen, da Papa's Brauner auf der Stelle
lahm werden mchte, damit Papa gezwungen wrde, zu Hause zu bleiben, und
das Gesprch da wieder anzufangen, wo er es abgebrochen hatte. Aber mein
Wnschen half nichts! Martha kam zurck und meldete, der Braune wre
gesattelt. Papa nahm seine Reitgerte, umarmte Marthen und gab ihr einen
Abschiedsku, da die Stube wiederhallte. Adje, Martchen! rief er und
ging zur Thr hinaus.

Martha trat ans Fenster, machte es auf, sah meinem Papa eine Weile nach,
schlug darauf das Fenster zu, und kam langsam und auf den Zehen zu mir vor
das Bette. Ich schlief immer noch so fest als vorher.




Zweytes Kapitel.

_Martha: ein Monolog._


_Morizchen_, _Morizchen_, rief sie leise und tippte mit ihrem eikalten
Finger mir auf den linken Backen: schlfst du noch?

Ich schlief dicht und fest.

I, du lieber Goldjunge! (Sie bckte sich zu mir herunter und drckte
ihre Lippen sanft auf die meinigen) Ach, wie warm die Lippen des kleinen
Schlingels sind! -- Noch einmal (sie kte mich von neuem) Noch einmal! und
-- noch einmal!

Ich schlief dicht und fest.

Und, die kleinen rothen Bckchen, rief sie wie entzckt, die kleinen
rothen Bckchen, so voll, so fest!

Sie rckte leise einen Stuhl vors Bette, setzte sich darauf, und legte
ihren rechten Backen auf meinen linken. Mein Backen brannte wie Feuer, und
erhitzte nach und nach den ihrigen, der anfangs sehr kalt war. So blieb sie
eine Weile liegen, ohne einen Laut von sich zu geben.

Mir ward diese Lage in die Lnge beschwerlich, und ich war einigemal im
Begrif, zu erwachen; aber die Besorgni, da ich ein pltzliches Erwachen
nicht natrlich und unverdchtig wrde machen knnen, hielt mir die Augen
zu. Nach einigen Minuten richtete sie sich auf und krabbelte mir sanft und
leise um Hals und Kinn.

Alles so fein, so fleischigt, so glatt! sagte sie mit leiser zitternder
Stimme: Ich mchte den Jungen aufessen vor Liebe! -- Wenn ich meinen alten
Ernst dagegen ansehe, der hat eine Haut wie Elefantenleder. Aber hier?
Wie fein, wie glatt die Stirn ist? Wie prall und rund die Backen! Der alte
Ernst hat hundert Millionen Runzeln vor dem Kopfe, und seine Backen sind
so dick, so aufgedunsen und kirschbraun! Und das kleine Mulchen hier -- so
frisch, so roth, so klein! -- Warum kann ichs denn so lange ansehen?

Sie bckte sich von neuem zu mir herunter, und gab mir einen Ku. Diese
kleinen Spe gefielen mir, und ich schlief mit jeder Minute fester ein.

Der alte Ernst, fuhr sie fort: hat ein Maul wie ein Thorweg, und
riecht immer nach Taback, da mir mchte schlimm werden. La einmal sehen,
Morizchen (sie bckte sich so weit herunter, da ihre Lippen die meinigen
berhrten) nein, du riechst nicht nach Taback. -- Ach! (sie schnupperte,
als wenn man den Geruch einer Sache unterscheiden will) Ach, Schelm,
warte, ich will dich kriegen. Du bist mir ber den Malagga gewesen! (sie
schnupperte wieder) Ja, der pure klare Wein! Warte, Schelm, warte!

Ich fhlte, da mir ber und ber warm ward. Ich war wirklich ber ihrem
Malagga gewesen.

Darum war dir auch der Kopf so schwer, fuhr sie fort: darum warst du so
schlfrig, so mde! -- Ha, ha, Vogel, komme ich so darhinter? Aber warte,
ich will ihn schon besser verstecken!

Es ward mir immer wrmer und wrmer, und pltzlich stieg mir die Hitze ins
Gesicht. Ich schlug die Augen auf und drehete mich um. Martha trat hurtig
ein paar Schritte zurck und sagte ganz gleichgltig: Nun, Moriz, hast du
ausgeschlafen?

Ja, Mamsell! sagte ich und sprang aus dem Bette. Ich hatte nicht das Herz,
ihr ins Gesicht zu sehen, und in drey Sprngen war ich an der Thr, ri sie
auf und fort. Sie rief hinterdrein, aber ich frchtete eine Untersuchung
ber den Wein und kam nicht.




Drittes Kapitel.

_Ernst -- erste Schilderey._


Als ich im Freyen war, kam mir das geheimnivolle Gesprch zwischen Papa
und Marthen ins Gedchtni zurck. Aber ich nahm es auf die leichte Achsel
und berredete mich, da es nicht mir gegolten habe, ob ich gleich deutlich
genug gehrt hatte, da es auf keinen andern, als auf mich gehen konnte.
Wenn auch Papa nicht mein Vater ist, dachte ich, schadet nichts! Ich habe
Essen und Trinken; Papa ist mir gut, Martha auch; und erfahren soll ichs ja
mit der Zeit, wer mein Vater ist. Mag's seyn, wer's will! Heissa!

Und hiermit drehete ich mich dreymal auf dem Absatz herum und suchte meine
Spielkameraden.

Meinen Lesern ist es gleichgltig, ob ich Ball, oder sonst etwas gespielt
habe; aber nicht so gleichgltig ist es ihnen, wer Papa und seine
Wirthschafterin Martha wohl gewesen seyn mchten.

Mein Papa hie _Ernst_. Es war ein kurzer, dicker Mann. Sein Gesicht
glhete bestndig wie ein Kohlfeuer. Er trug gewhnlich eine Percke von
altfrnkischem Stutze, die von der Scheitel bis auf die Schultern herab
mit breitgedrckten Pferdehaarlocken berset war. Wenn er Gala machte,
so zierte er sie mit einem Haarbeutel, der wenigstens achtzehn Quadratzoll
lang und breit war; wenn er aber ausritt oder mit Marthen spazieren ging,
so wackelte ein kleines, fingerlanges Zpfchen auf dem breiten Rcken,
das sich immer einige Zoll hob, wenn er sich bckte. Ein paar kleine graue
Augen hatten sich unter dicken, buschigten Augenbraunen verkrochen, und
warfen aus ihrem Verstecke ziemlich muntre Blicke ber die vorstehenden
Backen herber. Wenn ihn Martha kte, weg waren die Augen! Denn sie hatte
die Gewohnheit, ihn dabey zrtlich unter das Kinn zu fassen, und da alles,
was bey minder genhrten Leuten Muskel ist, bey ihm aufgedunsenes, weiches
Milchfleisch war, so schob sich dies hinauf und vergrub seine Augen. Seine
Nase war klein, in der Mitte etwas eingedrckt, und ber und ber mit
kleinen hochrothen Hgelchen bestreut, deren Spitzen, wenn er des Morgens
aufstand, ins Blaue schattirten, sich aber, sobald er seine erste Flasche
Malagga getrunken hatte, in weisse und hellrothe Tippchen verwandelten.
Ein dnner, rthlicher Bart zog sich von den Ohren ber Mund und Kinn, und
einen Theil des kurzen Halses herber. Er barbierte sich selbst, nicht
aus Knauserey, sondern weil er in seiner Jugend die Ehre gehabt hatte, dem
Kammerprsidenten von Lemberg in aller Unterthnigkeit den Bart zu nehmen
und sich dieses Geschftes zu Hchstdesselben Zufriedenheit zu entledigen.
Darum bildete er sich auch viel darauf ein, und wenn er jemand unumschrnkt
liebgewinnen sollte, so mute er, auer dem Talente, da er eine gute Hand
schrieb, auch die Fhigkeit besitzen, sich selbst den Bart zu scheeren.

Sein Hals war, wie gesagt, ungemein kurz. Wenn er zu Hause war, so schlug
er eine schmale, weisse Binde um selbigen; wenn er aber in die Kirche ging,
oder nach der Stadt ritt, so zierte er ihn mit einer langen, blaugestrkten
Halsschrpe, welche Martha sehr zierlich in Falten zu legen wute. Unter
dem Kinne ward sie leicht zugeschlungen, und die beyden Enden, die mit
feinen Spitzen besetzt waren, flatterten auf der Brust.

Sein Leibrock war von blauem Plsch, unter welchem er bald hellrothe, bald
schwarze manchesterne Beinkleider und Weste trug. Er war nach einer uralten
Mode geschnitten, hatte eine sehr kurze, aber erschrecklich breite Taille,
ellenlange Aufschlge, und war ber und ber, hinten und vorne, von oben
herab bis unten aus, mit langen, blinden Knopflchern ausstaffirt. Die
Weste reichte ihm bis auf die Kniee, und deckte mit ihren Flgeln die
kurzen Beinkleider, auf welchen sich Falte an Falte drngte. Die Beingrtel
daran waren entsetzlich lang und steif. Er zog sie durch eine schmale
silberne Schnalle und steckte sie nicht unter, sondern lie die Enden
steif hintenweg stehen. Dazu trug er schwarzwollene Strmpfe, die er
wie Kamaschen aufschlug. Seine Schuhe waren von Rauchleder und vorne
aufgestlpt; die Riemen derselben waren beraus schmal und durch ein paar
Schnallen gezogen, die von eben der Form, und nur ein wenig grer waren,
als die Beingrtelschnallen.

Seine Fe waren hlzern und dnne und trugen mit Mhe einen Bauch, den
zwey lange Mnner kaum umspannt haben wrden.

Bis hieher das leibliche Konterfey meines Papa, nun das geistige.

Sein erstes und vorzglichstes geistiges Talent war: da er eine Hand
schrieb, wie in Kupfer gestochen. Dieser Fhigkeit hatte er alles, was er
war und besa, zu verdanken. Durch sie ward er Kammerdiener des Prsidenten
von Lemberg; durch sie in der Folge Kammerkoncipist, und nicht lange darauf
erster Kammersekretair, und als solcher kam er durch mancherley erlaubte
Wege, immer die Feder in der Hand, zu einem Vermgen, wovon er sich ein
Guth, fnf und zwanzig tausend Thaler an Werth, kaufen konnte, und noch
brig behielt. Aber er war auch nicht undankbar gegen die Feder, die ihn
zum Manne gemacht hatte. Auf seinem Petschaft, das wohl anderthalb Zoll
im Durchmesser hatte, lag eine Hand, die eine lange buschigte Feder hielt;
ber dieselbe ging die Sonne auf und warf ihre Strahlen auf sie herunter;
rund um das Petschaft standen die Worte aus der Bibel:[1] _Aus Machir
sind Regenten kommen und von Sebulon sind Regierer worden durch die
Schreibfeder._

  [1]: Buch der Knige, Kap. 5, v. 14.

Leute, die nicht so gut schrieben, aber studiert hatten, machten ihn zwar
dieses Wappens wegen, bey jeder Gelegenheit lcherlich, blieben aber doch
nur Koncipisten, die sich mit hchstens zwey hundert Thalern jhrlich durch
die Welt schleppen muten.

Der Neid bekam meinem Papa. Er ward von Tage zu Tage dicker und fetter
und seine Zufriedenheit nahm mit jeder Flasche Wein, die mit Migunst
eingesegnet war, wundersam zu.

Ueberhaupt war der Wein das Oel, welches seiner Verstandeslampe Nahrung
gab. Wenn er des Morgens aufstand, so klagte er gewhnlich, da ihm der
Kopf ausserordentlich leer sey, und das war fr Marthen der Wink, in den
Keller zu laufen und eine Flasche Malagga zu holen. Wenn er das erste Glas
in die Hand nahm, zitterte er zum Erstaunen; beym zweyten nur halb so; beym
dritten fast gar nicht, und das vierte zog er so fest und rasch zu Munde,
da auch nicht ein Trpfchen auf die Erde fiel. Alsdann setzte Martha die
Flasche weg und brachte Kaffee und Pfeife. Nun war er auf einmal wieder der
muntre, beredte, tiefdenkende und witzige Papa, der gestern Abend zu Bette
ging, und nun lie er sich von mir erzhlen, was ich gehrt, gesehen und
gelernt hatte. Wenn dies geschehen war, bestellte er das Mittagessen und
dann mute ich mein Schreibebuch hernehmen und schreiben. Vor allen meine
bitterste, mhseligste Stunde! Bey dem ersten falschen Strich, den ich
machte, schttelte er den Kopf; beym zweyten legte er seine Pfeife hin,
nahm die Feder und sagte: so mut du es machen! Beym dritten stie er mich
ganz sanft mit der Nase auf die Vorschrift und sagte gelassen: Morizchen,
sieh doch nur, wie es da gemacht ist! Beym vierten rief er: Sudeley und
kein Ende! und dabey vergrub er mich in Tabacksdampf. Beym fnften: Junge,
ich bitte dich, sieh auf die Vorschrift! und beym sechsten und letzten
sprang er hitzig auf, zeigte nach der Thr und sagte: Moriz, aus dir wird
nimmermehr 'was!

Das waren dann trstliche Worte fr mich! Ich ging und erholte mich bey
meinen Spielkameraden.

Wenn ich fort war, hatte Mamsell Martha Audienz. Er besprach sich mit
ihr ber die vorigen Zeiten; ber den Bestand des Weinkellers, der
Rucherkammer etc. etc. ersann und schuf neue leckerhafte Gerichte;
erzhlte, wie er bey dem Prsidenten von Lemberg in Gnaden gestanden und
noch stnde; von diesem kam das Gesprch auf mich; auf meinen Leichtsinn
und auf meine geringe Lust zum schreiben. Wenn mir dann die gute Martha
in diesem Punkte das Wort reden wollte; so sprang er hurtig auf, zog seine
goldene Uhr heraus, zeigte ihr sein Petschaft und sagte: Lies, lies, lies!
-- Dies war die letzte Instanz. Wenn sie ihn nicht bse machen wollte, so
durfte sie von der Minute an kein Wort zu meiner Vertheidigung mehr sagen.

Sodann entfernte sich Martha und bestellte die Kche. Er nahm unterdessen
die Zeitungen, und alle erdenkliche politische Bltter, die stoweise auf
seinem Tische lagen; las und berdachte; prophezeite und warnte, und ward
bedenklich und schrieb andre Gesetze und Hlfsmittel vor, die er diesem
oder jenem Staate als sehr heilsam dringendst anempfahl. Dabey hielt er
sich so lange auf, bis seine Flasche rein ausgeleert war, und dann ging er
zum Pastor und unterhielt sich mit ihm, bis ich ihn zu Tische rief.

Er a wenig, aber gut. Wir beteten jedesmal alle drey zugleich und laut,
selbst wenn wir Fremde hatten. Ein junger Accessist hatte sich einmal
unterfangen, ber den seltsamen Zusammenklang unsrer Stimmen zu lcheln --
er bat ihn nie wieder zu Tische und konnte ihn von dem Augenblick an nicht
mehr leiden.

Nach Tische legte er sich auf das Kanapee und schlief bis um zwey Uhr. Mit
dem Schlage mute ihn Martha wecken und mit Kaffee und Pfeife zur Stelle
seyn. Whrend er schmauchte und trank, ward sein Pferd gesattelt, und
sobald er fertig war, ritt er nach der Stadt. Hier wandte er eine Stunde
an, um die Arbeiten seines Substituten durchzusehen, und sobald dies
geschehen war, ritt er in den _goldenen Hecht_, wo sie den besten Wein
hatten. Da blieb er bis gegen Abend; man half ihm aufs Pferd, und es
schritt mit ihm langsam und wohlbedchtig zu Hause. Die Leute, die ihn
tagtglich vorbeyreiten sahen, nannten ihn nur immer Silen, und sein Pferd,
Silen's Eselein. Zu Hause stieg, oder sank, oder fiel er, je nachdem ihm
der Wein geschmeckt hatte, seiner Martha in die Arme, die ihn auszog und zu
Bette brachte.

So lebte er einen wie alle Tage, Sommer und Winter hindurch, nur mit dem
kleinen Unterschiede, da er in der strengern Jahrszeit in einer Kutsche
nach der Stadt fuhr.




Viertes Kapitel.

_Martha -- zweyte Schilderey._


Martha war eine Jungfer von wenigstens acht und vierzig Sommern. Ihren
Familiennamen habe ich nie erfahren, denn so lange ich sie kannte, hatte
ich sie nie anders, als Mamsell Martha nennen hren. Es war eine lange,
hagre Gestalt, von einem so dnnen, geschmeidigen Wuchse, da sie einer
Spinne um ein Haar hnlich war, wenn sie, ihrer Gewohnheit nach, drey Rcke
ber einander gezogen hatte. Wenn sie neben Papa herging, so gab es den
seltsamsten, lcherlichsten Kontrast: _Er_, roth, gemstet, vierschrtig
und satt -- _Sie_, bla wie der Tod, drr wie eine Schindel, dnne wie
ein Windspiel, schnurgrade, wie auf Drath gezogen. Papa hing in seinen
Kleidern, und sie war in die ihrigen mit Gewalt hineingepret.

So unhnlich sich ihr Aeueres war, so hnlich ihr Inneres. Sie sprach eben
so gern von vergangenen Zeiten, wie er, trank eben so gern Wein, war eben
die sorglose, unschuldige Haut, sie a, wenn sie hungerte, trank, wenn sie
drstete, schlief gern und plauderte gern.

Ihr Lieblingsthema war das Kapitel vom _Heirathen_. Dies hatte sie,
trotz ihrer Jungfrauschaft, so berdacht, geprft und von allen Seiten
beleuchtet, da sie vier und zwanzig Stunden in einem Zuge davon schwatzen,
und, soviel ich damals davon verstand, nicht uneben schwatzen konnte. Den
Eingang dazu machte gewhnlich eine genaue Schilderung aller der Freyer,
die sich um sie beworben hatten. Jeder derselben hatte seinen Hauptfehler.
Der eine war zu arm, der andre zu reich; der eine zu gro, der andre zu
klein; dieser zu dick, jener zu dnne; jener zu hflich, dieser zu grob
gewesen; ein andrer hatte ihr vor der Hochzeit Dinge zugemuthet, die sie
nicht nannte, ohne sich vorher dreymal zu ruspern; ein andrer hatte sich
nicht undeutlich vermerken lassen, er wrde ihr im Ehebette nicht sehr
beschwerlich fallen; und mit Einem war es schon bis zur Verlobung gekommen,
aber, o Jammer! ein altes Weib, das ihn gerne fr sich weggekapert htte,
that ihm 'was an, und er starb! Nie sprach sie von ihm, ohne die bittersten
Thrnen zu vergieen, wobey sie sich in einen Strom von Verwnschungen auf
die alte neidische Hexe ergo. Bey seinem Grabe hatte sie gelobt, nie zu
heirathen, und sie hat dies feyerliche Gelbde unverbrchlich gehalten,
denn er war der letzte, der sich um sie bewarb.

Uebrigens war es die gutherzigste Seele unter der Sonne. Was sie meinem
Papa und mir an den Augen absehen konnte, that sie mit unermdeter
Willigkeit. Wenn er unba war, wurden ihre Augen nicht trocken, und wenn
ich zu einer Nscherey Appetit zeigte, so ruhete sie nicht eher, bis sie
mir dieselbe verschafft hatte, und wenn es mir dann recht wohl schmeckte,
so hielt sie sich fr ihre Mhe hundertfach belohnt.

Sie war in allen erdenklichen Wirthschaftsknsten ausgelernt. Sie kochte
gut, buck vortrefliches Brod, machte kstlichen Kaffee und noch kstlichere
Schokolate. Wenn mein Papa ein neues leckeres Gericht ergrbelt hatte,
so stand es in kurzer Zeit schmackhaft und appetitlich vor ihm. Niemand
verstand besser, glhenden Wein zu machen, niemand herrlichere Torten. Kein
Koch in der ganzen Christenheit spickte einen Hasen fertiger, knstlicher
und geschmackvoller, und keiner wute ihm seine neun Felle, so sauber, so
behutsam abzuziehen -- kurz, sie war die Krone aller Kche und Kchinnen,
die auf Erden lebten und je leben werden.

Ihre hauptschlichsten Geschfte waren Kche und Wsche, und nchst diesen
lag ihr die groe Pflicht ob, meinem Papa das Bette zu machen. Wie die
Kssen unter ihren Hnden aufschwollen! Wie geschmackvoll sie das weisse,
glnzende, feine Bettuch in Falten, gleich breit, gleich abgemessen zu
legen wute! -- Bis ber die Ohren plumpte dann mein guter Papa in die
Flaumfedern, und er pflegte sein Bette immer das irdische Paradies zu
nennen.

Auf ihr eignes Bette wandte sie nicht so viel Flei. Woher das kam? Ich
habe es mir immer aus dem Umstande erklrt, da es manchmal acht Tage
dastand, ohne eine Spur, da jemand darin gelegen htte.

Bey allen diesen belobten Gaben hatte Mamsell Martha ein paar kleine
unbedeutende Fehler, die sich um so eher entschuldigen lassen, da sie
beyde Naturfehler waren: sie putzte sich manchmal zu lange, und konnte die
Buchstaben k. r. sch. und g. nicht aussprechen.

_Mohizchen,_ sagte sie immer des Abends zu mir: _wilt du nicht zu Bette
ehn?_




Fnftes Kapitel.

_Moriz -- dritte Schilderey._


Ich war um die Zeit ein Junge von dreyzehn Jahren. So lange ich denken
konnte, hatte ich mich unter den Augen meines Papa und Marthens befunden,
und wute nicht anders, als da ich Papa's Sohn sey, meine Mutter aber in
frher Kindheit verloren habe. Munter und lustig, wie man in diesen Jahren
immer ist, war ich im hchsten Grade, und vielleicht manchmal zu lustig;
denn alle Augenblicke lief Klage ber mich ein. Bald traf ich mit der
Schleuder so gut und geschickt in die Fenster unsers Nachbars, da ihm die
Scheiben auf die Nase sprangen; bald kletterte ich in seinen Garten und
machte mich ber seine Blumen, Aepfel, Birnen und Kirschen; bald hatte ich
Pastors Wilhelmchen links und rechts geohrfeigt, und bald unsern Kantor
einen Saufaus geheissen.

Alles das blieb freylich nicht verschwiegen, aber doch kam es selten bis
vor meinen Papa. Niemand konnte zu ihm, wenn er sich nicht vorher bey
Marthen gemeldet hatte, und diese war mir zu gut, als da sie solche
Hiobsbothen htte vor ihn lassen sollen. Sie machte den Schaden entweder
mit guten Worten, oder mit einem Glase Wein, oder mit Geld wieder gut, und
ich trug hchstens ein: _Fi hme dich, Mohizchen!_ davon.

Aber dies war der geradeste Weg, mich zum wildesten, unbndigsten Jungen
zu machen. Alle vier Wochen brauchte ich ein Paar neue Schuh, und wenn
neue Stiefeln an meine Fe kamen, so wadete ich in allen Pftzen umher,
um herauszubringen, ob sie Wasser hielten. Wenn ich Beinkleider bekam, (sie
waren gewhnlich von Plsch und schrieben sich aus Papa's Kleiderschrank
her) so war es mir tdlich zuwider, da sie so rauch waren, und ich
rutschte und kroch so lange im Grase herum, bis sie kahl wurden und sich
grn frbten. Ueberdies hatte ich einen unsglichen Abscheu gegen alles,
was wei war. Wenn ich des Morgens ein Paar weisse baumwollene Strmpfe
anziehen mute, so konnte ich die Zeit nicht erwarten, bis ich damit zum
Hause hinaus kam; dann ging es schnurstracks auf einen ziemlich breiten
Graben zu, an welchem ich mich im Springen bte. Ich sprang so lange
herber und hinber, bis ich hineinplumpte, und dann war es um die weissen
Strmpfe gethan.

Kein Gebsch war mir zu dicke, kein Baum zu hoch. Ich kroch und kletterte
so lange, bis man Morizen stckweise auf den Hecken und Aesten hangen sah.

Mit allen Jungen aus der Nachbarschaft balgte ich mich herum, sagte aber
kein Wort, wenn sie mich weidlich zerprgelt hatten, sondern trug mein
Kreutz geduldig; aber, wenn ich den Sieg davontrug, so mut' es alle Welt
wissen. Je grer der Junge war, desto lieber schlug ich mich mit ihm. Die
Kleinen konnten mich necken wie sie wollten, ich war zu stolz, um sie dafr
abzubluen.

Mein bestndiger Gefhrte war ein groer englischer Hund. Weil ich mit ihm
aufgewachsen war, so hatte ich seine Freundschaft in dem Grade, da sich
niemand unterstehen durfte, mich anzugreifen, wenn er nicht mit
zerrissenem Rocke nach Hause gehen wollte. Balgte ich mich mit einem meiner
Spielkameraden und lachte dazu, so blieb er ruhig, entfuhr mir aber ein
Laut, der weinerlich klang; so nahm er meinen Gegner beym Rockzipfel, oder
war er gro, bey der Wade, und zerrte ihn unter Brummen und Murren einige
Schritte rckwrts. Bis in mein zwlftes Jahr ritt ich auf ihm, aber nach
der Zeit wurde ich ihm zu schwer, und wenn ich ihm einen Ritt zumuthen
wollte, legte er sich nieder, und schlug mit allen Vieren um sich, aber
nicht grimmig, sondern mit freundlichen Manieren. Von dieser Zeit an ging
ich zu Fue.

Um mein Wissen stand es damals nicht sonderlich. Ich konnte ein bischen
lateinisch decliniren, ein bischen rechnen und ein paar Worte franzsisch.
Mit der Feder wute ich noch am besten umzuspringen, und das war, nach dem,
was ich oben gesagt habe, kein Wunder. Mit dem Katechismus stand es so so!
Das Vaterunser und die gewhnlichen Tischgebete, konnte ich, wenn ich nicht
gerade recht hungrig war, ohne Ansto; aber die fnf Hauptstcke und was
dazu gehrt, konnte ich nicht so gut. Mamsell Martha nahm sich zwar dann
und wann die Mhe, mich darin zu examiniren, aber was half es, da es blos
auf mich ankam, ob ich mich wollte examiniren lassen oder nicht.

Dicht an unser Guth stie ein andres, das einem Edelmanne gehrte, der als
Husaren-Oberster seinen Abschied genommen hatte. Er hatte drey Kinder, zwey
Tchter und einen Sohn, fr die er einen Hofmeister hielt. Weil er mich
meiner Munterkeit wegen lieb gewonnen hatte, so erlaubte er mir, die
Stunden zu besuchen, die der Hofmeister seinen Kindern gab, rumte mir auch
sonst noch vielerley Freyheiten ein, die mir ein andrer schon darum, weil
ich schlechtweg _Ernst_ hie, nicht eingerumt haben wrde.

Der junge Herr, sein Sohn, war ein Pinsel, aber die beyden Frulein waren
desto munterer. Er war der ewige Gegenstand unsres Spottes und unsrer
Neckereyen, lernte aber in einer Stunde mehr, als wir andre zusammen
genommen, in acht Tagen. Dafr war er der Liebling unsres Hofmeisters: eine
Ehre, um die wir nicht eine taube Nu gaben. Sein Vater glaubte, da meine
natrliche Wildheit, seine Trumerseele ein wenig aufheitern sollte, und
sah mir deshalb bey vielen Gelegenheiten durch die Finger; aber er blieb in
seinem Seelenschlafe, und ging immer und ewig langsam, wenn wir andre uns
ausser Athem liefen.

In den Stunden lernte ich, was ich wollte und konnte, und es war mir so
wenig Ernst, als den beyden wilden Mdchen. Ich konnte sie nicht ohne
Lachen ansehen, und sie mich nicht. Der Hofmeister durfte auch nicht viel
sagen, denn die eine war das Schookind der Mama, die andre des Papa, und
ich der Liebling beyder, und der Liebhaber von Malchen. So hing eins an dem
andern wie Kletten, und der knftige Stammhalter der Familie durfte nicht
mucksen.

So jung ich damals auch war, so viel Ehrgeitz hatte ich. Aber war es anders
mglich? Papa und Martha trugen mich auf den Hnden; Frulein Malchen
nannte mich bestndig: _lieber Moriz!_ Frulein Louischen: _Wildfang!_
Ihre Mama: _kleiner Flachskopf!_ Der Papa: _sappermentscher Springinsfeld_.
Dieses, und der Umstand, da die ganze junge Mannschaft in unsrer Gegend,
Respekt vor mir hatte, spornte meinen Ehrgeitz, und machte mich dreist und
ausgelassen.

Zudem hatte man mich fter, als es gut war, hren lassen: ich sey
ein hbscher Junge. Dies schmeichelte mir nicht wenig, hatte aber den
Nachtheil, da ich frher anfing, mich bemerkbar zu machen, als andre
Kinder. Sonderbar genug waren zuweilen die Mittel, wodurch ich diesen
Endzweck erreichte. Wenn Fremde bey meinem Papa oder auf dem Schlosse
waren, und sie bemerkten mich nicht auf dem ersten Blick, so packte ich den
ersten den besten vorbergehenden Jungen oder Hund an und suchte Hndel mit
ihm; oder ich sprang ber breite Graben und fiel hinein; oder kletterte auf
Bume, und warf die darunter weggingen, mit Aepfeln oder Birnen -- wenn man
mich nur bemerkte, das war mir genug.

Es war natrlich, da ich ber dem Ehrgeitz, bemerkt zu werden, selbst
bemerkte. Daher kam es, da der allgemeine, unverdringliche Trieb der Natur
sich sehr frh in mir regte. Aber konnte dies ausbleiben, da ich so oft
sehen mute, da Papa Marthen kte; da mich die beyden wilden Frulein
tglich hundertmal beym Kopfe nahmen und abherzten, und da mir ihre Mama,
statt der Hand, jedesmal den Mund reichte, wenn ich auf das Schlo kam?




Sechstes Kapitel.

_Die Geschichte geht zurck._


Ich war hoch erfreut, da ich einer genauern Untersuchung ber den Wein
glcklich entgangen war, denn ich kam nicht auf die erlaubteste Art
dazu. Martha hatte in ihrer Kammer ein Schrnkchen, worein sie ihren Wein
verschlo. Der Dunstkreis um dasselbe war unendlich s, und auch einen
grern und ltern wrde die Neubegierde geplagt haben, zu wissen, was
darin verborgen wre. Ich besah es hinten und vorne, fate es oben und
unten an, rckte und schob, aber es war und blieb zu. Meine Neugier, oder
genauer gesagt, mein Appetit auf den sen Wein, ward mit jedem Hindernisse
grer. Ich wute, da Martha ein Schlsselchen dazu hatte, und da sie es
nicht immer bey sich trug, sondern es zu verstecken pflegte, wenn sie es
gebraucht hatte. Ich rckte einen Stuhl herzu, suchte auf allen Gesimsen
und Schrnken, fand aber nichts. Trostlos, die Hnde in einander
geschlagen, den Hut auf einem Ohre, stellte ich mich mitten in die Stube
und sah mit herzlicher Sehnsucht nach dem Schrnkchen. Unter diesen
Bewegungen blickte ich von ungefhr seitwrts, und auf einmal fiel mir
einer von Marthens Unterrcken in die Augen. Ich springe hin, durchsuche
die erste Tasche, finde nichts; rasch zur andern, hineingefahren,
umgewandt, und siehe da! aus der einen Ecke fllt mir das Schlsselchen
entgegen. Ich sprang ellenhoch, nahm es, probirt' es, und es schlo den
Schrank glcklich. Ohne mich zu bedenken, griff ich nach der ersten der
besten Flasche -- gluck! gluck! ging es, in Ermangelung eines Glases.

Der Wein ward mit jedem Schlucke ser, und ich htte mich sicher zu Boden
genippt, wenn mir nicht noch zu rechter Zeit eingefallen wre, da Martha
ein paar erschreckliche Augen machen wrde, wenn sie eine von ihren
Flaschen leer fnde.

Jeder Dummkopf ist ein Genie, wenn er Wein getrunken hat, und jedes Genie
kann in eben dem Fall ein Dummkopf werden. Mir wenigstens ging es jetzt
so. Ich war sonst nicht der dmmste Junge, aber diesmal betrug ich mich
unbeschreiblich albern; denn ich fing von ganzem Herzen an zu weinen, als
ich die Flasche gegen den Tag hielt und fand, da sie fast zur Hlfte leer
war. Eine Thrne jagte die andre. Ich machte mir sonst sehr wenig aus einem
Verweise, und diesmal stand mir gewi kein auerordentlicher bevor, aber
der Umstand, da ich dies Verbrechen so heimlich und so diebisch begangen
hatte, schlug mich vllig darnieder.

In der Angst hatte ich einen Einfall, der mir in meiner damaligen
Bestrzung sehr glcklich schien, aber im Grunde nicht der glcklichste
war: ich fllte die halbleere Flasche aus den brigen wieder an, setzte sie
an Ort und Stelle, und war nun fest berzeugt, da Martha, um den Abgang zu
bemerken, ein wenig allwissend seyn mte; denn ich hatte lngst vergessen,
da ich die andern Flaschen, um die eine anzufllen, bis auf die Hlfte
ihrer Hlse ausgeleert hatte.

Wie ruhig ich den kleinen Schlssel wieder in Marthens Tasche steckte! Wie
unbesorgt ich die Kammer verlie, um frische Luft zu schpfen! Mit welcher
Zuversicht ich Marthen ins Gesicht sah, als sie aus der Stadt zurckkam!
Unmglich, unmglich kann sie etwas merken! rief ich laut und fiel
lngelang auf eine Rasenbank, die vor unserm Hause angebracht war. Martha
kam dazu, und wollte wissen, was mir fehlte? Ich bin mde! sagte ich. Sie
nahm mich bey dem Arm und fhrte mich zu Papa's Bette.

Ich schlief bald ein, und erwachte gerade, als jene dunkle Unterredung, die
mich betraf, zu Ende ging. Und nun wre der Leser wieder an dem Orte, von
wo ich ihn wegfhrte, um ihm drey Schildereyen zu zeigen.




Siebentes Kapitel.

_Die Geschichte rckt fort._


Mit drey Sprngen war ich auf dem Schlosse. Ich suchte Frulein Malchen,
und fand sie im Garten, wo sie Blumen pflckte und Krnze flocht. Ich stahl
mich ganz leise hinzu. Sie hatte sich ins Gras gesetzt, pflckte alles, so
weit sie mit der Hand erreichen konnte, um sich weg, und war so msig damit
beschftigt, da ich mich ihr bis auf ein paar Schritte unbemerkt nhern
konnte. Anfangs war ich Willens, ihr von hinten die Augen zuzuhalten, und
sie rathen zu lassen, wer es wre, aber ich hrte, da sie etwas fr sich
sprach, und das wollte ich gerne wissen. Ich horchte und vernahm folgendes:

Es ist bald um drey und er kmmt nicht! Wenn es drey geschlagen hat,
mu ich in die Schule, und dann knnen wir nicht noch vorher ein bischen
spielen. Wenn er nur wte, da ich allein hier bin, er kme gewi. Er
spielt doch lieber mit mir, als mit Louisen. Wenn er dummes Zeug macht,
und ich sage: lieber Moriz, la doch das bleiben! so lt ers; aber wenn es
Louise haben will, thut ers nicht!

Mir fing das Herz an zu schlagen, und ich wei nicht, wie es kam, ich
wnschte weit weg zu seyn, um nichts zu hren, und doch blieb ich.

Den groen Kranz soll er haben, fuhr sie fort: aber wenn er ihn gleich
zerreit, werde ich bse und flechte ihm in meinem Leben keinen wieder. Er
wird ihn aber wohl nicht zerreien. Wenn wir zum Magister mssen, so kann
er ihn so lange hinlegen, bis die Stunden aus sind, dann kann er ihn auf
den Kopf setzen, und mit zu Hause nehmen.

Ich fing merklich an zu zittern, und setzte den Fu zurck, um zu gehen,
blieb aber doch.

Aber ---- Herr Gott! fuhr sie fort und legte den Zeigefinger der rechten
Hand auf den Mund: Ich mu den Kranz lieber zerreien! Wenn ich ihm 'was
schenke, will er mir immer ein Mulchen dafr geben, und Mama sagt, davon
bekme ich einen langen, schwarzen Bart! Aber es ist doch so hbsch! Mama
kriegt ja auch keinen schwarzen Bart, wenn sie der Papa kt, und Papa hat
doch einen rechten scharfen, schwarzen Bart! Er reibt Louisen immer die
Backen damit, wenn sie wild ist. Aber Moriz hat doch keinen scharfen Bart.
Er hat mir auch schon oft ein Kchen gegeben, wenn Mama nicht da war, und
ich habe doch keinen gekriegt!

Es war mir, als wenn ich lachen sollte, konnte aber vor Angst und
Zittern nicht dazu kommen. Mein sehnlichster Wunsch war, unvermerkt
fortzuschleichen, und doch machte ich keine Anstalt dazu.

Eins -- zwey -- drey -- Viertel auf drey, und er kmmt nicht! fuhr sie
fort: Das ist doch recht schlecht! Was wr' es denn mehr, wenn er einmal
eine halbe Stunde frher vom Hause wegginge? Heute ist es gerade so hbsch!
Louise ist nicht da, Fritze auch nicht, wir knnten recht hbsch mit
einander spielen. Ach! (sie streute die Blumen umher) ich bin bse!

Meine Angst stieg auf den hchsten Grad. Alle mein Leichtsinn, meine
Dreistigkeit war fort. Ich stand da, wie ein armer Snder. Und was hatte
ich zu frchten? Jetzt wei ich wohl, we Geistes Kind diese Erscheinung
war, aber damals noch nicht. Wenn es Louise gewesen wre, so wre ich
hervorgesprungen und htte sie ausgelacht; aber bey Malchen fiel mir dies
nicht ein. Jeden Augenblick frchtete ich, da sie aufspringen, mich sehen
und erschrecken wrde; aber es geschah nicht, sondern sie nahm ihre Blumen
wieder zusammen und flocht an ihrem Kranze fleiig fort, indem sie zuweilen
nickte, wenn sie eine Blume nach Wunsch angelegt hatte. Ich zog mich mit
mglichster Behutsamkeit zurck, und als ich ungefhr hundert Schritte von
ihr war, fing ich auf einmal an zu springen und zu jauchzen, und lief auf
sie zu.




Achtes Kapitel.

_Schon Heuchlerin?_


Sie erschrack, sprang auf und kam mir entgegen. Ihre kleinen Wangen wurden
ber und ber roth.

Kmmst Du schon Moriz? Ist es denn schon um drey?

Noch nicht, aber es wird bald schlagen!

Hast Du nach der Uhr gesehen, oder hast Du es schlagen hren?

Nein!

Nun, woher weit Du es denn?

I, i, i, -- es mu wohl noch nicht geschlagen haben. -- Wir wollen noch ein
bischen spielen, eh es drey schlgt. Nicht wahr, Malchen?

Wir allein?

Warum nicht?

Wenn Louise, oder mein Bruder da wre -- Aber so -- was wollen wir denn
beyde allein anfangen?

Ein bischen abjagen!

Nein, ich habe heute keine rechte Lust zu laufen!

Klettern!

Vollends nicht! Weit Du 'was, wir wollen uns hier ins Gras setzen und
Blumen pflcken. Aber Du magst nicht gerne sitzen!

Sehn Sie? (ich setzte mich rasch nieder)

Au! (ich sprang eben so rasch wieder auf) O, weh!

Was denn, was denn?

Du hast Dich auf meinen Kranz gesetzt. Ich habe mir so viel Mhe damit
gegeben! Nun hast Du ihn zu Schanden gedrckt!

Liebes, liebes Malchen, ich hab' es nicht gerne gethan!

Ja, man mte Dich nicht kennen! (sie sah bse aus)

Wahrhaftig nicht, liebes Malchen! Soll ich schwren? (sie wandte sich
lchelnd um, ich nahm sie bey der Hand) Sind Sie noch bse?

Ja!

Aber Sie lachen doch!

Wer? Ich? (sie stellte sich ernsthaft) Das Lachen ist mir nicht so nahe!

Sie platzte auf einmal in ein helles Gelchter aus, und ich stimmte mit
ein, und wlzte mich im Grase umher. Sie setzte sich.

Louise wrde sich recht ber den Kranz gefreuet haben, sagte sie, wenn
Du ihn nicht verdorben httest. Nun darf ich ihn ihr nicht einmal anbieten.
Sieh hier -- hier fehlt eine Blume -- da hat er eine zerknickt -- die hier,
hngt nur noch -- Ach! ich will auch in meinem Leben nichts mehr machen,
wenn ich wei, da Du nicht weit bist!

Liebes, liebes Malchen, nicht mehr thun!

Ja, dann denkt er, damit ists ausgemacht!

Flechten Sie der Louise einen andern und geben--

Ich machte mit Augen und Hnden eine Bewegung, da sie ihn mir geben
sollte.

Ey, ja doch! Nein, nein!

Bitte, bitte recht schn!

Nichts!

Ich fhlte eine kleine Regung von Unwillen in mir aufsteigen, denn ich
hatte doch deutlich gehrt, da der Kranz fr mich geflochten war.

Wollen Sie nicht?

Nein!

Nun, so lassen Sie's bleiben!

Das will ich auch!

Ich pflcke mir selbst Blumen und flechte mir einen.

Du kannst es doch nicht so hbsch, wie ich!

Spa!

Aber solche hbsche Blumen wie diese, wirst Du doch nicht finden!

Hm! wo diese gestanden haben, stehen mehr!

Ich entfernte mich einige Schritte von ihr, setzte mich nieder und
pflckte, was mir unter die Hnde kam. Sie sah ein paarmal verstohlen
nach mir her und besserte immerfort an dem zerdrckten Kranze. Nach einer
kleinen Pause sagte sie zu mir:

Steht nicht da bey Dir ein Tausendschnchen?

So erbittert ich war, so rasch und willig drehete ich mich um, und sah nach
einem Tausendschnchen. Ich fand eins, pflckt' es und bracht' es ihr, ohne
eine Sylbe zu sagen.

Ich danke Dir, Moriz! Siehst Du, hier fehlt es!

So?

Ich ging stillschweigend fort und setzte mich wieder an meinen alten Platz.
Sie machte sich sehr viel mit dem Kranze zu schaffen; im Grunde besserte
sie aber nichts daran, konnte auch nichts daran bessern, denn er war nicht
im mindesten beschdigt. Nach einer kleinen Weile fing sie wieder an:

Ach, Morizchen, nur noch eins!

Ich stand brummend auf, und pflckt' es. Das Morizchen that mir unendlich
sanft, aber mein Verdru lie nicht zu, da ich es mir eingestund.

Da ist es, Malchen.

In dem Augenblicke schlug es drey. Sie sprang auf, fate mit ihrer Linken
meine Rechte, und mit ihrer Rechten setzte sie mir in vollem Laufe, den
Kranz auf den Kopf. So jagten wir vllig vershnt auf das Schlo zu.




Neuntes Kapitel.

_Das Liebespfand._


Wir rauschten in die Stube hinein, wo wir den Magister Fink, den jungen
Herrn, und Frulein Louisen schon antrafen.

Man gehe hbsch sachte auf ein andermal, sagte der Magister, man knnte
fallen. Ueberhaupt aber schickt es sich nicht, wenn man in ein Zimmer
gleichsam hereinbrauset, um so weniger, da ich diese Stunde unserer
allerheiligsten Religion gewidmet habe. Man nehme die Katechismos!

Wir setzten uns lachend zu den Andern und thaten, als wenn wir von der
Strafpredigt nichts hrten.

Monsieur Ernst, wo hat man seinen Katechismum?

Ich hab' ihn vergessen!

=Proh Deum=, ber die unerhrte =negligentiam=!

Ich kann ja mit in Malchens Buch sehen!

Man mache sich keine Hoffnung! -- Aber -- was erblicke ich! -- einen
Kranz? Man nehme hurtig den Kranz vom Kopfe, man wrde nur die Andern in
ihrem Fleie stren!

Bitte, Herr Magister!

Man bitte hin und bitte her -- man wird nichts damit ausrichten. Man nehme
hurtig den Kranz vom Kopfe!

Ich will recht stille seyn, liebster Herr Magister!

Nun ist man der liebste Herr Magister! Man mache sich keine Hoffnung, ihn
mit Schmeicheleyen auf seine Seite zu bringen.

Liebster, bester Herr Magister!

Nun, wird es bald? Ich sehe wohl, man mu nicht anstehen, ihm den Kranz
mit eignen Hnden herunter zu reien!

Ich sprang auf und lief zur Thr.

O, Herr Magister, riefen Malchen und Louise zugleich, lassen Sie ihm
doch den Kranz!

Man halte das Maul! sagte Fink zornig.

Malchen und Louise hielten sich mit beyden Hnden den Mund zu.

Bey dem Lrmen kann man auch gar nichts lernen! brummte der junge Herr,
machte sein Buch zu und schob es von sich. Als Fink sahe, da sein Liebling
bse wurde, stieg sein Zorn auf den uersten Grad. Er lief auf mich zu,
aber ich war in einem Sprunge zur Thr hinaus. Malchen that einen lauten
Schrey, als er seine Hand ausstreckte, um mich zu packen.

Verstockter Bsewicht! rief er hinter mir her und machte die Thre zu.

Mir war nicht am besten zu Muthe. Ganz fort zu gehen, und dem Magister
fr heute nicht wieder zu nahe zu kommen, dazu hatte ich nicht Herz genug.
Meinen Kranz abzulegen, und dadurch dem ganzen Streit ein Ende zu machen,
fiel mir nicht ein, denn er kam von einer Hand, fr die ich durch Feuer und
Wasser gelaufen wre.

So stand ich eine Weile auf dem Saale, unschlig, ob ich umkehren
sollte, oder nicht. Wenn die Geschichte mit Marthens Weinschrnkchen nicht
vorgefallen wre, so wrde ich den geradesten Weg nach Hause genommen
haben; aber eine Untersuchung ber die verstohlne Nscherey frchtete ich
eben so sehr, als den Zorn des Magisters.

Ich nherte mich der Thr einigemal und streckte die Hand aus, um sie
aufzumachen, aber der frchterliche Gedanke: Fink knne an derselben
stehen, und mir, so wie ich den Kopf herein steckte, den Kranz herunter
reien -- jagte mich immer wieder zurck. Endlich wagt' ich es, aber mit
Vorsicht. Ich nahm den Kranz herunter, hielt ihn in der linken Hand und
mit der rechten machte ich die Thr auf. Als ich den Magister am Ende des
Zimmers auf seinem Stuhle sitzen sah, kam ich dreist herein und zog mich
hinten herum gerade zu Malchen. Der Kranz sa wie vorher auf dem Kopfe.

Des Magisters Hitze schien sich abgekhlt zu haben. Er examinirte Louischen
im Katechismus, und that, als ob er mich nicht she. Aber einige gierige
Blicke, die er von Zeit zu Zeit auf meinen Kranz schieen lie, machten
mich mitrauisch. Bey der kleinsten Bewegung von seiner Seite, fuhr ich
zusammen, und dabey legte ich meine rechte Hand jedesmal auf den Kopf, um
den Kranz zu schtzen, wenn er etwa einen Hauptsturm auf denselben wagen
sollte. Blut und Leben htte ich seiner Vertheidigung aufgeopfert, und
Malchen htte nicht einmal nthig gehabt mir ins Ohr zu sagen: La ihn dir
nicht nehmen!

Es vergingen wohl zehn Minuten, ohne da von feindlicher Seite etwas
unternommen wurde. Ich hielt mich am Ende schon fr sicher, und gab
deswegen nicht mehr so fleiig auf den Magister Achtung. Pltzlich sprang
er auf, und fuhr mit seinem langen Arm nach meinem Kopfe; meine Hnde
fanden sich zur Vertheidigung ein; ich bog den Kopf weit zurck, aber doch
nicht weit genug, als da er den Kranz nicht htte erreichen knnen. Ich
schrie was ich konnte, aber er lie sich nicht irre machen. Endlich ri
ich mich los und er behielt ein Stck des Kranzes in Hnden. Mit rasendem
Grimme sprang ich zur Thr, machte sie weit auf, sah mich erst um, ob
auch jemand in der Nhe wre, der mich halten und dem Magister ausliefern
knnte; als ich aber niemand bemerkte, stellte ich mich, roth wie ein
Truthahn, in die Thr, und rief mit einer frchterlichen Anstrengung:
_Alter Schlingel!_ und nun ber Hals, ber Kopf die Treppe hinunter, und
zum Hause hinaus.




Zehntes Kapitel.

_Furcht und Unruhe gebren einen sehr kecken Entschlu._


Als ich im Freyen war, und sich meine Hitze gelegt hatte, stieg eine
peinvolle Besorgni in mir auf. Ich konnte leicht vermuthen, da der
Magister _den alten Schlingel_ nicht auf sich sitzen lassen, und da
er zum gndigen Herrn und von da zu meinem Papa gehen und mich verklagen
wrde. Bey dem erstern wrde es die Folge haben, da er mir von stundan
das Haus verbthe, unter dem Vorwande, da ich seine Kinder mit meiner
Gottlosigkeit ansteckte; und bey dem letztern die, da ich nach Befinden
wohl gar die Ruthe davon trge. Es wre mir nicht halb so bange gewesen,
wenn ich an Marthen eine gndige Schutzheilige gehabt htte, aber bey
ihr, besorgte ich, durch die Unternehmung auf das Weinschrnkchen, alles
verdorben zu haben, und dieser Gedanke machte mich muthlos. Ich warf mich,
in einer Verzweiflung, die so stark war, als sie in jenen Jahren seyn kann,
nicht weit vom Schlosse nieder, und wlzte mich voll einer Angst, die
am Ende in helle Thrnentropfen ausbrach, Kopf oben, Kopf unten im Grase
herum.

Mein erster Gedanke war, in alle Welt zu gehen. Vom Schlosse gejagt zu
werden und die Ruthe zu bekommen, waren ein paar Umstnde, die mich in
einem Zuge bis zum Vorgebirge der guten Hoffnung wrden gehetzt haben, und
die um so heftiger auf mich wirkten, da es ganz ausser Zweifel war, da sie
Malchen zu Ohren kommen wrden. Htt' ich in meinem Leben wieder die Augen
zu ihr aufschlagen knnen, wenn ich mich wie ein ABC-Schtz htte hinlegen
mssen, um mir den St** mit der Ruthe malen zu lassen?

Wenn die Angst erst den kleinen Finger hat, nimmt sie bald die ganze Hand.

Besorgnisse, die mich in meinem gewhnlichen Zustande nicht angefochten
haben wrden, waren mir jetzt unsglich qulend. Ich stellte mir unter
allen argen Gerichten, die ber mich ergehen wrden, gerade das allerrgste
vor, und wenn sich auch mein sonstiger Leichtsinn von Zeit zu Zeit einmal
rhrte, war er doch nicht fhig, die ngstlichen Grillen zu verjagen. Ruthe
und Malchen, waren zwey Begriffe, die sich durchaus nicht vertrugen, und
die allein schon fhig gewesen wren, meinen Entschlu, in alle Welt zu
gehen, mit jeder Minute fester zu machen; aber es kam noch ein dritter
hinzu, der mir vollends keinen andern Weg brig lie.

Mein Papa hatte jhrlich drey- oder viermal einen Besuch, auf welchen unser
ganzes Haus, wie auf eine frohe Erscheinung vom Himmel, wartete. Ein
Neffe des Prsidenten von Lemberg, der als Legationsrath in D** stand, kam
jhrlich einigemal zu seinem Onkel, und da er meinen Papa als einen alten
vertrauten Freund in der Nhe hatte, so machte er ihm bey der Gelegenheit
jedesmal seinen Besuch. Wenn er in die Stube trat, war ich der erste, der
in seine Arme lief. Er umschlo mich dann mit allem Feuer einer vterlichen
Zrtlichkeit, nannte mich seinen guten Moriz, oder auch (was mir unendlich
ser klang) seinen lieben Sohn. Er unterhielt sich mit meinem Papa nicht
halb soviel, als mit mir. Ich mute ihm erzhlen, was ich seit seinem
letzten Besuche gelernt, gethan und geschwrmt hatte, und ob ich artig
oder unartig, folgsam oder ungehorsam gewesen? Bey diesem letztern Artikel
wurden auch Papa und Martha vernommen, und sie verschwiegen ihm nichts.
Manche Dinge, die fr den Papa bis dahin ein Geheimni geblieben waren,
kamen dann an den Tag; denn Martha schien es sich zu einer strengen Regel
gemacht zu haben, meinem Papa alles, aber dem Legationsrath nichts zu
verbergen, was ich Bses oder Gutes die Zeit ber vorgenommen hatte. Woher
es kam, da sie diesem Manne keine einzige meiner groen und kleinen Snden
verschwieg, konnte ich mir aus keinem andern Umstand erklren, als da
sie, so lange er bey uns war, (und das dauerte zuweilen vier bis fnf Tage)
tglich eine oder zwey Stunden geheime Konferenz mit ihm hielt, und wenn er
abreisete, jedesmal einen neuen Anzug oder ein paar Louisd'or, auch fters
beydes zugleich bekam. Durch dieses Mittel hatte er sie, wie es mir schien,
so auf seine Seite gezogen, da sie ihre ganze sonstige Nachsicht gegen
mich verga und alles haarklein beichtete, was sie von mir wute.

Eine Hauptregel, die er mir bey seiner Ankunft und Abreise jedesmal
dringend ans Herz legte und anpries, war diese:

  _Hab' Ehrfurcht und Gehorsam gegen deinen Vater und Lehrer, und mache
  dir niemand, auch den Geringsten nicht, zum Feinde._

Verstoungen gegen diesen Grundsatz ahndete er sehr scharf, nicht mit
harten Ausdrcken, sondern mit Ton und Worten einer zrtlichen Rhrung, die
lieber weinen als schelten mchte.

Nun denke man sich, was ein Blick auf diesen Mann und diesen Grundsatz fr
eine Zersthrung in meinem Herzen anrichten mute. Papa hatte schon seit
acht Tagen gesagt, da der Legationsrath ehestens kommen wrde. Vielleicht
ist er schon da! sagte mein beklommenes Herz: Wenn du nach Hause kmmst,
luft er dir mit offnen Armen entgegen, drckt dich an seine Brust,
nennt dich seinen lieben Sohn, und mitten unter diesen Ergieungen der
Zrtlichkeit, tritt der Magister in die Stube, und erzhlt, wie gottlos du
ihn behandelt hast!

Nein, du kannst nicht nach Hause gehen! war der erste und nchste
Gedanke, der aus jenem entsprang, und sich meiner mit solcher Gewalt
bemchtigte, da ich aufsprang und ein paar hundert Schritt in gr'ter
Eile fortlief. Aber, so rstig ich auch vorwrts jagte, holten mich doch
zwey Gedanken ein, die mich anfangs fest, wie angenagelt hielten, und bald
nachher mich auf das Schlo und von da auf unser Gut zurckschoben. Der
eine war: willst du fortlaufen, ohne Malchen etwas davon zu sagen? und der
andre: du mut deinen guten Phylax mitnehmen, damit dir unterweges niemand
etwas zu Leide thun kann.

Ich ging einigemal verstohlen um das Schlo herum, und hoffte Malchen zu
sehen, aber vergebens. Ich ward zehnmal ungeduldig und wieder geduldig, eh'
es mir einfiel, da ich sie vor Endigung der Schule nicht wrde zu sehen
bekommen. Also entschlo ich mich, unterdessen meinen Phylax zu holen.
Nicht ohne Furcht, der Martha in die Augen zu fallen, stahl ich mich
auf unsern Hof, und fand meinen knftigen Reisegefhrten in seiner Htte
schlafend. Ich nahm ihn beym Ohr und er ri die Augen und seinen groen
Rachen ghnend auf. Als er sahe, da ich es war, machte er beydes wieder
zu, und steckte den Kopf unter, um wieder einzuschlafen. Nein, nein,
komm! sagte ich voller Ungeduld und zupfte ihn beym Ohre. Nun stand er auf
und ging mit.

Ich kam glcklich ohne bemerkt zu werden vom Hofe herunter. Es war mir
unbeschreiblich weh um das Herz, als ich noch einmal nach dem Hause meines
Papa zurcksah; aber diese aufsteigende Wehmuth nderte meinen Entschlu
nicht. Ich ging gerade nach dem Schlosse und versteckte mich in dem
Baumgarten, wo wir gewhnlich zu spielen pflegten, wenn wir der Zucht des
Magisters entgangen waren.




Eilftes Kapitel.

_Die Gewalt des Naturtriebes._


Der arme Moriz! sagte Malchen, als sie in den Garten trat: Es wird ihm
bel gehn! Aber ich bin an allem Schuld! Sie nahm die Schrze vor die
Augen.

Er wird sich schon durchbeien! sagte Louischen.

Ja, durchbeien! brummte der Junker: Er wird seinen Theil schon kriegen!
Der Herr Magister will es dem Papa sagen!

Ach, der dumme Magister auch! sagte Malchen.

Ey warte, das sag' ich ihm wieder! unterbrach sie ihr Bruder.

Sags, sags, sags! riefen die beyden Mdchen, und fuhren auf ihn zu, eine
nahm ihn bey der linken, die andre bey der rechten Hand, und so sprangen
sie mit ihm zum Garten hinaus, und warfen ihm die Thr hinter dem Rcken
zu.

Nun bekam ich Muth. Bis jetzt hatte ich mich nicht hervorgewagt, weil ich
besorgte, der Junker mchte sich davon stehlen und den Magister rufen. Aber
von den beyden Mdchen hatte ich nichts zu frchten.

Als sie mich sahen, kamen sie gesprungen und nahmen mich bey der Hand.

Du hast wieder 'was Schnes gemacht! sagte Louise.

Du armer Moriz, sagte Malchen schluchzend: wenn sie dir 'was thun
wollen, so schieb die Schuld auf mich!

Auf Sie? fiel ich hitzig ein. Warum?

Ich habe dir doch den Kranz aufgesetzt!

Der Magister wird's dem Papa sagen! fuhr Louise fort.

Glaub' es nicht, Moriz, unterbrach sie Malchen: sie will dir nur bange
machen. Er wird wohl nicht hingehen.

Bey diesen Worten blinkte sie mit den Augen auf Louisen. Diese verstand
den Wink und verschluckte die Betheurung, da er ganz gewi zum Papa gehen
wrde. Ich bemerkte dies und wurde um nichts ruhiger.

So fest ich mir vorgenommen hatte, Malchen nur mit zwey Worten zu
sagen: ich will fort! so wenig fhig war ich dazu. Der Vorsatz lag mir
centnerschwer auf dem Herzen! Alle Augenblicke wollt' ich ihn herabwlzen,
aber, wenn es dazu kam, fehlten mir Worte und Muth.

Ich schlenderte stumm und unentschlossen neben den beyden Mdchen her, und
je fester ich mir vornahm, mein Herz auszuschtten, desto schwerer ward
es mir. Zuletzt glaubte ich, meine Unschligkeit rhre von Louischens
Gegenwart her; aber auch daran lag es nicht, denn sie entfernte sich bald
nachher, um zu horchen, ob es Papa schon wte, und doch blieb ich so
unruhig und unentschlossen, als vorher, wurde es sogar mit jeder Sekunde
immer mehr und mehr. Ich bekmmerte mich wenig darum, ob Louischen eine
freudige oder frchterliche Nachricht zurckbringen wrde, und Malchen, wie
es schien, eben so wenig. Wir waren beyde gleichtief mit uns beschftigt.
_Sie_, mit ihrem mitleidigen Herzen und mit ihren Augen, die in Thrnen
schwammen, und ich zunchst mit dem Entschlusse, ihr meine Flucht zu
entdecken.

Wir kamen unvermerkt aus dem Garten und gingen Hand in Hand auf ein kleines
Gebsche zu, das an denselben stie. In der Mitte war ein Rasenplatz; hier
setzte sich Malchen nieder und ich mich zu ihr. Sie schlug ihren rechten
Arm fest um meinen Nacken, ich meinen linken eben so fest um den ihrigen.

Ich wei nicht, was fr eine wunderseltsame Empfindung sich meiner
bemchtigte. Ich dachte weder an Magister, noch Papa, noch Marthen. Alles,
was mir heute begegnet war, kam mir wie ein Traum vor, dessen Figuren mit
jedem Blick auf Malchens rothe Wangen, sich weiter und weiter entfernten.
Ich war meiner Zunge nicht mchtig, sie eben so wenig. Ich umschlo sie mit
jedem Athemzuge inniger, sie mich, und so sanken wir in das blumigte Gras
zurck. Ich sah nicht, und hrte nicht, und eine Thrne nach der andern
lief mir ber die Backen. Die Empfindungen, die mir dieselben
erpreten, waren nicht traurig, nicht bitter: sie waren so himmlisch, so
unaussprechlich s! Mein Mund begegnete dem ihrigen, Lippe heftete sich
auf Lippe fest und innig: es war ein ewiger Ku!

Malchens Herz pochte dem meinigen durch die Schnrbrust fhlbar entgegen,
und ihre Augen fielen langsam zu. Die meinigen blieben halb offen, und
lieen nur einen schwachen Schimmer herein. Vor meinen Ohren flsterte ein
leises Lispeln und Schwirren, wie wenn man im Begriff ist einzuschlummern.
Manchmal war mirs, als wenn sich ein kltlicher Schauer auf meiner Scheitel
entspnne; er flo hinab bis zum Herzen, von da scho er brennend zurck
zum Kopfe, und von da, wie ein Feuerstrom, durch die innersten meiner
Nerven und Fibern. Ich zitterte, Malchen noch strker. Dann und wann machte
sie eine kleine Bewegung, sich aufzuraffen; aber whrend des Entschlusses
erstarb die Hand, die mich sanft auf die Seite schieben sollte.

Ich wei nicht, wie lange wir in dieser Lage geblieben seyn wrden. Ich
ward ihrer nicht berdrig, und Malchen, wie es schien, eben so wenig.
O! sie wurde mit jedem Augenblick entzckender! Ewig und ewig htte ich so
liegen bleiben mgen, aber--




Zwlftes Kapitel.

_Die Reise geht fort._


Urpltzlich rief eine bekannte Stimme: Wollt ihr auseinander! -- Wir
erschracken heftig, sprangen aber nicht auf -- Junge, rief es von neuem:
willst du die Hand da weg thun! und in eben demselben Augenblicke brannte
eine krftige Maulschelle auf meinem Backen.

Und wenn ich sterben soll, so wei ich diese Stunde noch nicht, wo meine
Hand gelegen hat. Ich war ausser mir in jenen Augenblicken; ich wute
nicht, da ich Hnde hatte, ich wute nicht einmal, da ich lebte.

Wir sprangen beyde mit gleichen Fen auf, rieben uns die Augen, und vor
uns stand -- Malchens Mama. Ich wollte ausreien, aber sie erhaschte mich
beym Fittig und zog mir ber den andern Backen noch so eine Schelle.

Gottloser Junge, rief sie dabey, auf ein andermal steck die Hand _da_
wieder hin!

Ich stand mit offnen Munde da, und zitterte am ganzen Leibe. Malchen hatte
keinen Athem und drehete an ihrer Schrze.

Wo du dich wieder hier sehen lssest -- rief ihre Mama und wollte von
neuem auf mich los; aber mein Phylax stand neben mir und wies ihr seine
groen Zhne.

Sie zog sich zurck, ergriff Malchen beym Arm und puffte sie zum Garten
hinaus. Du sollst deinen Lohn auch bekommen! rief sie drohend zurck, und
verschwand.

Ich stand wie versteinert. Das war fr mich ein Tag der Angst und des
Schreckens! Was fr Verbrechen ich heute eins auf das andre hufte! Und da
sollte ich Muth genug gehabt haben, nach Hause zurckzugehen?

Komm Phylax, sagte ich zu meinem Gefhrten, und die Thrnen liefen mir ber
die Backen: hieher kommen wir nicht wieder! -- Du armes Malchen! Nun hab'
ich dirs doch nicht sagen knnen!

Ich drckte den Hut tief in die Augen und ging. Phylax watschelte hinter
mir her.




Moriz.

Zweytes Buch.




Erstes Kapitel.

_Nachwehen._


Sobald ich drey oder vierhundert Schritt vom Schlosse entfernt war und
glauben konnte, da mich von daher niemand mehr beobachtete, setzte ich
mich in Galopp. Drfer und Menschen vermied ich mit vieler Behutsamkeit,
weil ich in jedem Dorfe einen Spion vermuthete, der mir auflauren, und in
jedem Menschen einen Nachsetzer sah, der mich einholen und zu meinem
Papa zurckbringen wrde. Selbst wenn ein Hund kam, um meinen Phylax
anzuschnautzen, oder um ihm, wenn er von hflichern Manieren war, nach
Hundesart sein Kompliment zu machen, hatte ich Angst, denn ich hielt ihn
fr einen Sprer; und wenn er dann zu seinem Herrn zurcklief, so war dies
ein Bewegungsgrund fr mich, noch rger zu laufen als er, weil ich keinen
Augenblick zweifelte, da er nur darum zurckliefe, um seinem Herrn, auf
seine Art zu verstehen zu geben, er habe den Flchtling aufgesprt.

In dieser Angst und Eile verga ich, da es Nacht werden, und eine Zeit
kommen wrde, wo mir Kraft, Athem und Muth ausgehen mten. Nicht eher
dachte ich an diese frchterlichen Hindernisse meiner Flucht, als bis
sie hereinbrachen. Auf einmal stutzt' ich, und kaum konnte ich vor
Herzensbeklemmung und Mattigkeit den Fu vorwrts setzen. Es schien, als
wenn mich alle Schrecknisse, die mir bis jetzt nur immer noch im Rcken
gewesen waren, nun auf einmal eingeholt htten.

Leiden der Seele und des Krpers bemchtigten sich meiner, und ich wei
nicht, welche von beyden mich am grausamsten qulten. Ich setzte mich am
Eingange eines Gebsches nieder, und Phylax legte sich sthnend an meine
Seite, indem er seinen Kopf auf meinem Schenkel ruhen lie.

Was wird Malchen sagen, wenn sie hrt, da man nicht wei, wo ich bin!
Dieser traurige Gedanke ergriff mich jetzt: Und ach, ihre Mama war so
bse, als sie uns berraschte! Sie wird es ihrem Papa sagen, und der nimmt
die Hetzpeitsche und prgelt--

Ein kalter Schauer lief mir bey diesem Gedanken durch alle Glieder. Ich
wollte aufspringen und fiel wie ohnmchtig zurck.

O, meine Fe, meine Fe! winselte ich dann wieder: Ach, was soll ich
anfangen? Ich mu liegen bleiben! Ich kann nicht gehen, nicht stehen!
Ach, wenn Papa und Martha wten, wie elend und krank ich hier liege, sie
wrden--

Wieder ein unertrglicher Gedanke! Ich wollte von neuem aufspringen und
fiel von neuem zurck.

Wenn sie es wten, sie holten mich gewi zurck -- und ich ginge auch
gern--

In dem Augenblick hrte ich das Gerassel eines Wagens. Ich sprang auf und
wre darauf gestorben, da es Papa's Kutsche sey. Ob ich gleich keinen
Blick zurck gewagt hatte, glaubte ich doch Marthen, den Papa und den
Magister leibhaftig in derselben erblickt zu haben.

Jetzt fhlte ich keine Mattigkeit mehr. Ich brach ber Hals ber Kopf in
das Gebsche, fand einen Fusteig, lief ihn eine gute halbe Stunde endlang
und es dauerte keine kleine Zeit, ehe die Vernunft meiner Furcht bewies,
da eine Kutsche den schmalen Fusteig, der von beyden Seiten mit Gebsch
berwachsen war, unmglich befahren knne.

Ich ging noch eine Weile auf dem Wege fort, und er ward nach und nach immer
lichter und gerumiger. Auf einmal hrte ich Trompeten und Pauken. Es war
ein lustiger Klang, der meine Bekmmerni zum Theil vertrieb. Unschlig,
ob ich dem Schalle nachgehen, oder die Nacht im Gebsche zubringen sollte,
setzte ich mich nieder. Beyde Wege schienen mir gefhrlich. Suchte ich
den Ort auf, wo die Musik war, so konnte sich zum Unglck ein Bekannter
daselbst finden und mich anhalten; und blieb ich im Gebsche -- wer gab mir
Brot, wenn mich hungerte? Wasser, wenn mich drstete? Wer ein Obdach, wenn
es regnete? -- Mein Magen meldete sich ungestm und meine Zunge lechzte
nach einem Trunke.




Zweytes Kapitel.

_Eine Erscheinung._


Ich sa unter einem Eichbaum, und ein Wiesenplan, hundert Schritt lang und
breit, mit Bumen und Gebsch umkrnzt, breitete sich vor mir aus. Mein
Auge schwamm in Thrnen. Es war alles still; nur ein kleiner leiser
Abendwind, bewegte die uersten Spitzen der Bume und rauschte in
den Blttern der Gebsche. Der Mond lchelte rein und heiter herab und
spiegelte sein sanftes Antlitz in Millionen Regentropfen, die von einem
Spatregen an den Grashalmen zurckgeblieben waren und an den Spitzen
derselben flimmernd zitterten. Die ganze Wiese war ein sanftwallender,
bebender Silberstrom, auf welchem (so schien es meinem nassen, zitternden
Blicke) ungeheure Gestalten, bald Riesen, bald Felsen, bald mchtige Thiere
umherwandelten, so wie der Wind die umstehenden groen Eichen bewegte und
ihren Schatten hin und her trieb.

Mir ward unbeschreiblich bange, und mein ganzes Wesen schmolz in eine
beklemmende Wehmuth zusammen, die sich in groen Thrnen ber meine Backen
ergo. Endlich legte ich mich nieder und drckte die Augen fest zu. Mein
rechter Arm diente mir zum Kopfkssen und der linke ruhete auf meinem
Phylax, der sich dicht neben mir niedergelegt hatte.

Ich verlor mich bald. Alles, was mir heute begegnet war, schwamm
ununterscheidbar und wie in Dmmerung meiner Seele vorber. Nur dann und
wann fuhr ein frchterlicher Gedanke, schnell wie ein Blitzstrahl, durch
mein Inneres, und es war mir dann immer, als wenn ich einen lebhaften Stich
durch die linke Seite fhlte. Ich fuhr mit der Hand nach dem Orte, wo
ich zu leiden whnte, und darber wiegte mich von neuem eine Art von
betubendem Schlummer in ruhige Vergessenheit ein.

Wau! Wau! schallte es auf einmal, und ich fuhr bebend aus meinen
Trumereyen auf. Was mir zuerst in die Augen fiel, war die Gestalt eines
Frauenzimmers, die einige Schritte von mir stand, und ber das Bellen
meines Hundes erschrocken schien. Ich wute nicht, was ich zu dieser
Erscheinung sagen, ob ich laufen oder bleiben sollte -- denn sie hatte
Marthens Gre.

Als sie sah, da ich nicht minder erschrocken war, als sie, und da mein
Phylax nher kam, und mit dem Schwanze wedelte, (gegen Frauenzimmer, Kinder
und kleine Hunde war er sehr hflich) fate sie Herz und trat zu mir.

Ich hatte nicht den Muth, sie anzusehen, und doch htt' es nur eines halben
Blickes bedurft, um mich zu berzeugen, da es nicht Martha war, die mich
bey der Hand nahm.

Wer bist du, Kleiner, sagte sie, wie kmmst Du in der spten Nacht
hieher?

Wenn es Martha wre -- so schlo ich nun erst -- wrde sie wohl nicht
diese Frage an mich thun. Und nun drehete ich mich um und sah ihr ziemlich
herzhaft ins Gesicht. Ihre sanfte Mine schlo mein ganzes Herz fr sie auf,
und schon schwebte ein pnktliches Bekenntni auf meinen Lippen, als sie
fortfuhr und mich fragte, ob ich mich verirrt htte? Ja! sagte ich, und
nun war an kein Gestndni mehr zu denken, da sie mir selbst den Mittelweg
zwischen Wahrheit und Lgen erfnet hatte. Ich betrachtete sie aufmerksam
von der Seite -- und mit eins! glaubte ich Malchens Mama vor mir zu sehen,
denn ihr Haar war mit einem Rosenbande umwunden, gerade so, wie ihn jene
trug als sie uns im Gebsche berraschte.

Mir ward wieder bange, und meine Blicke wurden schchterner, als vorher.

Sie nahm mich von neuem bey der Hand, und zog mich halb wider meinen Willen
mit fort. Ich fate Muth und sah sie noch einigemal herzhaft von der Seite
an, bis ich mich endlich fest berzeugte, es sey nicht Malchens Mama,
sondern ein Frauenzimmer, die ich nicht kannte, so wenig, als sie mich.

Wir kamen der Musik, die ich vorhin gehrt hatte, immer nher, und ich ward
immer unschliger, ob ich mich losreien, und ins Gebsche zurckkriechen,
oder mit meiner Begleiterin nach Hause gehen sollte. Diese hatte an mir zu
ziehen und zuzureden, da ich mich nicht scheuen, sondern dreist mitgehen
sollte: Essen, Trinken, Nachtlager, einen Bothen, der mich nach Hause
brchte, alles sollt' ich haben. Die erstern Punkte gefielen mir
ausserordentlich, aber nicht im mindesten der letztere.

Nach einigen Minuten standen wir vor einem Hause, dessen erster Stock um
und um erleuchtet war. Es gab da Musik, Tanz und ein groes Getmmel von
Zuschauern. Schon hatten wir den Fu auf die Treppe gesetzt, als eine
starke Stimme, wie im Zorn und Unmuth, herunter rief: _Kar'line! Kar'line!
Wo hat dich denn_--




Drittes Kapitel.

_Wie Moriz empfangen wird._


Hier, hier bin ich schon! rief meine Begleiterin ngstlich, und sprang
hurtig die Treppe hinauf. Kaum nahm sie sich Zeit, mir in aller Hast zu
sagen: ich sollte nur nachkommen und mich so lange an die Thr des Saales
stellen, bis sie mich abholte.

Nachtgespenst! rief die rauhe Stimme droben: Bist du schon wieder auf
dem Hofe oder im Busche umhergespukt?

Liebster Papa, sagte Karoline, ich wollte nur ein wenig frische Luft
schpfen.

So viel konnte ich nur von ihrer sanften Stimme hren. Ich hatte das gute
Mdchen jetzt tausendmal mehr liebgewonnen, da sie so hart angefahren
wurde.

Landjgers Sohn, fuhr ihr Vater fort: hat schon vor einer Stunde mit
dir tanzen wollen, und du -- aber, ich will dir noch das Buschkriechen
abgewhnen, oder nicht dein Vater heien.

Diese Unfreundlichkeit flte mir wenig Vertrauen zu dem Vater, aber desto
mehr zu der Tochter, ein. Ich stieg zitternd die brigen Stufen hinan und
stellte mich in die Thr des Saales.

Jetzt erst fhlte ich, was ich vorher so deutlich nicht bemerkt hatte:
da mich gewaltig hungerte. Auf einem Seitentische standen Braten,
Butterschnitte, Wein und Gebackenes. Gegen Einen Blick, den ich auf meine
sanfte Begleiterin warf, die am uersten Ende des Saals tanzte, warf ich
Zehn auf die Lebensmittel, die mir so nahe standen; und ich war mehr als
einmal willens, den ersten den besten um ein paar Bissen anzusprechen. Aber
Furchtsamkeit oder Stolz, oder beydes zusammen, drckte von Zeit zu Zeit
meinen aufsteigenden Appetit nieder.

Mein Phylax war nicht so bettelstolz. Kaum witterte er Braten, so ging er
der Spur nach. Er hatte nicht einmal nthig, sich auf die Hinterfe zu
stellen, um eine ganze Schpsenkeule mit einem Ruck vom Tische zu holen.
Der Tisch krachte, die Glser klirrten und die Weinflaschen strzten eine
ber die andre und kollerten Schlag auf Schlag vom Tisch herunter, whrend
eine Fluth von Wein den ganzen Saal berstrmte.

Ich hatte einen tdtlichen Schreck, aber Phylax legte sich gelassen unter
dem nchsten Tische nieder und schmauste still und dummdreist von seiner
Keule.

Alles, was im Saale war, strzte herzu.

Hagel! Wer hat das gekonnt? rief die Stimme, die ich schon dreymal mit
Entsetzen gehrt hatte. Ein kleines Mdchen, das bey mir stand, zeigte mit
dem Finger auf meinen Phylax. Er nahm ein Licht, beleuchtete den Hund und
rief mit schallendem Gelchter: _Ey! prosit die Mahlzeit!_ -- Nerr--r--r
-- machte Phylax, indem er ihn ansah und ihm die Zhne wies. -- _Nu, nu!_
fuhr der Mann fort, _nur nicht so bse! Ich will dir deine Keule nicht
nehmen. -- Karline, Gottlob, Friedrich! Andern Braten, andern Wein her!_

Mir fiel ein schwerer Stein vom Herzen, aber bald drckte mich die Frage:
wem in aller Welt gehrt denn das Vieh? zehnmal schwerer.

Karoline war ber dem Lrm auch herzugekommen und stand bey mir. Ihr Vater
trat nher. Der Hund gehrt mir! rief ich etwas zu vorlaut und zitterte
am ganzen Leibe dabey. So? sagte der Vater und nahm mich dabey schrfer
aufs Korn: Ich kenne dich und deinen Hund nicht. Wer bist du? Wo kmmst du
her?

Karoline nahm fr mich das Wort, und erzhlte, wo und wie sie mich gefunden
htte. Ich will wissen, fuhr er sie an, wie er heit! und mit den
Worten nahm er mich beym Fittig und zog mich ans Licht -- Ich heie
_Ernst, Ernst_! rief ich ngstlich. -- Ist das dein Vorname, oder heit
dein Vater so? -- Mein Vater heit so! -- Bist du ein Sohn von dem dicken
_Ernst_? -- Ja! sagt' ich. -- Da, Pursche! rief er und schleuderte mich
unfreundlich zur Thr hinaus: Geh, wo du hergekommen bist!

Karoline that einen lauten Schrey, aber ihr Vater -- brllte, denn Phylax
hatte ihn bey der Wade. Dieser hatte trotz seinem Appetit den Braten
verlassen, um mir zu Hlfe zu kommen. Er schtzte mich vor einer
gewaltsamern Behandlung und lie den groben Mann nicht eher los, bis ich
die Treppe hinunter war.

Als dieser sahe, da mich Phylax so krftig in Schutz nahm, wagt' er
es nicht, mich zu verfolgen, sondern blieb oben an der Treppe stehen,
schimpfte auf meinen Papa und erzhlte, was ihm dieser Alles zu Leide
gethan htte.

Und der Bastart, so schlo er: Es wei ja doch kein Mensch, wo der alte
dicke Esel den Jungen her hat, er hat sich ja immer mit M** beholfen --
Das H**kind, kann hieher kommen, um mich in meiner Freude zu sthren; kann
seinen Hund ber meinen Braten schicken, da er alles um und um reit, und
mich selber am Ende bey der Wade packt -- Wart', Junge, nun will ich _dich_
hetzen!

Auf einmal kam er die Treppe herunter gestrmt, pfiff auf dem Finger und
schrie: _Spitz_, _Sultan_, _Diane_, fa, fa! Pltzlich strzten drey Hunde
herzu; aber Phylax warf einen hierhin, den andern dorthin, und deckte mir
den Rcken. So kam ich unversehrt vom Hofe.




Viertes Kapitel.

_Findet er nun ein Obdach?_


Ich wute nicht, ob ich weinen, oder mich erboen sollte. Bald trocknete
ich mir die Thrnen ab, bald bckte ich mich, mit festaufeinandergebissenen
Zhnen, und suchte Steine, um dem Barbaren die Fenster einzuwerfen. Aber
allmhlig legten sich Wehmuth und Ungestm, und der Gedanke: was ich nun
beginnen, wohin ich mich wenden, und wo ich Nachtlager und Brot hernehmen
sollte? drckte eins wie das andre, vllig nieder.

Als ich einige Schritte in tiefen Gedanken fortgegangen war, begegnete mir
ein Mann. Ich fate Muth und bat ihn, mich mit nach Hause zu nehmen, ich
wte nicht, wo ich ber Nacht bleiben sollte; aber er entschuldigte sich
damit, da er selbst nur ein Knecht sey, nichts Eignes besitze, und selbst
im Pferdestalle schlafen msse. Ich will ja auch gern im Pferdestall
schlafen, rief ich, und hngte mich ngstlich an seinen Arm, um seinen
raschen Schritt aufzuhalten: Nehm' Er mich nur mit! -- Junge! erwiederte
er halb unwillig: Ich kann Dich nicht mitnehmen! Wer wei denn, was an Dir
ist? Da (indem er auf ein dabeystehendes Haus zeigte) da ist die Schenke.
Geh!

Ich lie ihn langsam los und ging unter bittern Thrnen auf das Haus zu.
Ein Mann stand in der Thr und sah mich freundlich an; aber ich konnte vor
Schluchzen mein Anliegen nicht herausbringen.

Was weinst Du, Kind? sagte der Mann, indem er sich zu mir herunter bckte
und mir die Hand von den Augen nahm: Wo kmmst Du her? Wem gehrst Du an?

Ich konnte noch nicht reden. Er nahm mich bey der Hand und fhrte mich in
die Stube.

Nu, was bringt er da 'mal wieder geschleppt? fing eine Weibsperson
an, die in einer Ecke am Tische sa und bey einer dstern Lampe Strmpfe
ausbesserte: Und das groe L** von Hund? Willst du 'naus!

[Illustration]

Frau, sagte der gtige Mann, der Hund gehrt dem kleinen Jungen hier!

Ey was! Ich will von dem Jungen und seinem Hunde nichts wissen! Fort aus
dem Hause, alle beyde!

Sag' mir nur, wo das arme Kind ber Nacht bleiben soll? Denk' doch
christlich!

Christlich? Christlich? (Sie trat, beyde Arme in die Seite gestmmt, vor
ihn, sprang darauf fort und suchte nach Knittel und Peitsche.) Ist
das christlich, wenn ich mir selbst im Lichte steh, und solch Gesindel
beherberge, wie der lumpigte Bediente vorhin, und fttre sie, und noch
obendrein Hunde? Warte, groes L**, wenn ich nur erst die Peitsche habe,
ich will dich und deinen--

Sie fand einen Dornknittel und ging auf Phylaxen los. Als dieser sah, da
es ihr Ernst war, sprang er auf (er hatte sichs, so wie er herein kam,
bequem gemacht, und mitten in der Stube alle Viere von sich gestreckt) und
wies ihr mit schrecklichem Knurren die Zhne. Sie prallte erschrocken, und
vor Zorn ausser Athem, zurck.

Du E -- du E--sel, hab' ich dich darum aus dem Stall gezogen, gekleidet
und geschuhet, da du groe Hunde auf mich hetzest, und liederliche Bengel
herbringst, die ihren Eltern entlaufen sind.

Frau, sagte der Mann gelassen und setzte sie sanft auf einen Schemmel: du
bist ausser dir! Erhole dich! La uns nur erst hren, wie das Kind hieher
kmmt und wem es angehrt. Er ist nicht von schlechten Eltern. Sieh 'mal
die weie Haut--

Ich mag nichts sehen! rief sie und drehete das Gesicht rasch nach dem
Ofen.

Whrend dieses Wortwechsels stand ich stumm und zitternd da und fing
endlich an zu beichten. Da ich dem Papa entlaufen sey, sagte ich nicht,
da mich aber der Mann, dessen Tochter Karoline hiee (so beschrieb ich ihm
jenen unfreundlichen Mann) zur Thr hinausgeworfen, und mit Hunden vom Hofe
gehetzt habe, das gestand ich, um sie zum Mitleid zu bewegen.

Aber kaum hrte das Weib diesen letzten Umstand, so sprang sie wthender
als vorher auf, warf alles um und um, und wollte ihrem Manne zu Leibe.

Wie ich hrte, so hatte sie die Schenke von Karolinens Vater in Pacht, und
frchtete, er mchte sie verjagen, wenn er erfhre, da sie mich beherbergt
htte. Sie rechnete ihrem Manne alles vor, was Jener fr sie gethan htte,
und drang hiermit und mit wiederholten Drohungen, sich morgen des Tages von
ihm scheiden zu lassen, so lange und nachdrcklich in ihn, bis er mich bey
der Hand nahm und zum Hause hinaus fhrte.

Sey nur still, Kleiner! sagte er, als ich laut zu weinen anfing: Du
sollst doch ber Nacht hier schlafen. Halt dich nur so lange in der Nhe
auf, bis sie zu Bette ist, da will ich dich holen!

Ich ging um das Haus herum und setzte mich unter bittern Thrnen hinter
einem Zaune nieder. Nach einer halben Stunde ungefhr kam er zurck, nahm
mich bey der Hand und fhrte mich durch eine Hinterthr ber den Hof auf
seinen Heuboden. Hier verlie er mich, und brachte mir nicht lange nachher
ein Butterbrot und ein Kopfkssen, doch mit dem Bescheid, da ich mich
morgen in aller Frhe, wenn seine Frau noch schliefe, auf den Weg machen
mte.




Fnftes Kapitel.

_Schrecken und Graus._


Unter Seufzen und Sthnen fing ich an mein Butterbrot zu bearbeiten. Phylax
bekam nichts davon, weil er Braten gegessen hatte. Je lnger ich a, desto
weiter flohen von mir Besorgni und Furcht, und als ich es rein
aufgezehrt hatte (es war nicht klein) wickelte ich mich in mein Kssen, um
einzuschlafen.

Auf einmal hrte ich nicht weit von mir ein starkes, zischendes Athemholen.
Ich fuhr erschrocken zusammen, erholte mich aber bald wieder, weil ich
wute, da die Eulen zur Nachtzeit auf Heubden und in Scheunen auf Raub
ausgehen, und fters darber einzuschlafen pflegen. Eben wollte ich mich
fester in mein Kssen vergraben, und auf nichts mehr horchen und hren,
als ich eine Stimme vernahm, halb laut, halb leise, halb ngstlich. Ich
horchte, obgleich ich nicht horchen wollte.

_Halsabschneiden_ -- flsterte diese schreckliche Stimme -- _Halsumdrehen!_
-- _Pack ihn! Pack ihn!_ fgte sie etwas strker hinzu. _Messer her! Mein
Messer her!_ rief sie laut und vernehmlich.

Ich fuhr auf, durch und durch in Todesschwei gebadet. Angstvoll und bebend
sah ich mich nach der Thr um, und als ich vor mir ein lichteres Fleckchen
bemerkte, sprang ich auf und wollte dahin.

Indem ich forttappte, raschelte es vor mir im Heu, und Phylax stand neben
mir und schnupperte. Ich wute nicht, ob ich vorwrts gehen, oder umkehren
sollte. Endlich fate ich Muth und wollte zur Thr. Ich streckte meinen Fu
aus, trat behutsam zu und fhlte, da ich nicht auf Heu trte. Die Angst
lie mich nicht untersuchen, was es war, und als ich fester auftrat, um
den linken Fu nachzuholen -- _Jesus! was ist das?_ schrye eine menschliche
Stimme, und in dem Augenblick stolperte und fiel ich. Dabey stmmten sich
zwey Hnde gegen meine Brust und stieen mich gewaltsam von sich.

_Halsabschneiden_, _pack' ihn_ und _Messer her_! Diese drey frchterlichen
Ideen raubten mir Sinne und Bewutseyn. Aber in eben dem Augenblicke rief
die Stimme: _Gnade! Gnade!_ und ich kam wieder soweit zu mir selbst, da
ich bemerkte, wie sich Phylax mit dem vermeynten Mrder herumbalgte. Nun
stellte sich ein nothgedrungener Muth bey mir ein, ich drckte die Augen
fest zu und rief herzhaft: _Wer da?_ -- _Gnade, Barmherzigkeit!_ rief die
Stimme von neuem: _Der Hund zerreit mich!_ Ich lockte meinen Phylax,
und er kam aufs Wort zu mir. Nun beschlo ich, den Mrder frmlich zu
vernehmen, um zu sehen, ob gtlich mit ihm auszukommen sey, wo nicht, so
war Phylax immer noch da!

Es kam etwas auf allen Vieren nher gekrochen und bat nur immer, den groen
Hund nicht loszulassen. Nach und nach richtete es sich auf. Des Mrders
demthige Stimme machte mir Muth, und auch er erholte sich, als er hrte,
da ich Phylaxen von Zeit zu Zeit das Murren verboth.

Allmhlig fneten wir uns wechselsweise das Verstndni. Es war ein
herrenloser Bedienter, der kurz vor mir auf den Heuboden gekrochen war,
und sich niedergelegt hatte. Was er von _Halsabschneiden_ und _Messern_
gesprochen hatte, war nicht sein Ernst, sondern ein frchterlicher
Traum gewesen. Ich fate ein groes Vertrauen zu ihm (welches er wohl
hauptschlich meiner Freude zuzuschreiben hatte, da er kein Mrder war)
und erzhlte ihm meine Geschichte der Lnge nach. Anfangs rieth er mir, zu
meinem Papa umzukehren; als er aber meinen Widerwillen sah, schlug er
mir vor, mit ihm zu gehen, ich sollte Brot und Unterkommen finden. Ich
versprach es ihm, und darauf legten wir uns nieder und schliefen ein.




Sechstes Kapitel.

_Sie wandern._


Kaum war ich recht eingeschlafen, als ich die Stimme des gutherzigen Wirths
hrte. Er rttelte mich, und als ich die Hnde auseinander schlug, um mich
noch einmal von ganzem Herzen zu dehnen, steckte er mir in die rechte Hand
ein dickes Butterbrot, und in die linke einen Kupferdreyer. Nun komm, mein
Sohn, sagte er dabey: ehe meine Frau aufsteht. Sag mir aber erst, wo
du zu Hause bist, mein Junge soll dich hinbringen. -- Ich gehe den Weg,
unterbrach ihn der Bediente und ersparte mir dadurch ein Gestndni, das
mir auf der Zunge schwebte: er hat mir gesagt, wo seine Eltern wohnen. Ich
denke ein kleines Trinkgeld von ihnen zu erhalten.

Ich konnte es dem Wirth ansehen, da er gerne gewut htte, wer meine
Eltern wren; aber in dem Augenblick hrte er die Stimme seiner Frau, die
mit Toben und Schelten die Mgde weckte. Er sagte uns nur noch in Eil, wir
sollten durch den Garten gehn, und uns nicht sehen lassen, sonst htte er
in vierzehn Tagen keine ruhige Stunde.

Er stieg vom Boden hinunter, wir folgten ihm bald nachher und kamen
unbemerkt ins freye Feld.

Darauf theilte ich mein Butterbrot in drey ziemlich gleiche Theile.
Wir bissen alle drey mit gleichem Appetit hinein, und dies gab meinem
Reisegefhrten Anla, mich zu fragen: wovon ich denn so lange leben wollte,
bis ich irgendwo Unterkommen fnde? Ich sah ihn mit groen Augen an und
verrieth dadurch, da ich daran noch nicht gedacht hatte. Von der Luft
knnen wir nicht leben, fuhr er fort, und wenn du kein Geld hast, mut du
umkehren!

Das fiel mir wie ein Stein aufs Herz. Ich stand still und htte lieber
geweint. Aber ich erinnerte mich an meinen Kupferdreyer! Ich hatte ihn
in der flachen Hand liegen und je fter und lnger ich ihn ansah, desto
lebhafter fhlte ich meinen Muth heranwachsen. Mein Gefhrte beobachtete
mein Mienenspiel und fieng an herzlich zu lachen.

Ich merke schon, sagte er, du verlest dich auf deinen Kupferdreyer;
aber du mut wissen, da wir nur noch eine halbe Meile haben, so sind wir
im Schsischen, wo ihn die Leute nicht umsonst nehmen. (er fate mich bey
der rechten Schulter und schttelte mich) Was meynst du dazu, Kundmann?

Mir ward es trocken im Munde und beklommen ums Herz. Ich reichte ihm
den Dreyer hin, und wollte ihm zu verstehen geben, er sollte etwas dafr
einkaufen, damit wir im Schsischen zu zehren htten. Er nahm ihn, lief auf
ein Haus zu, das am Eingange eines Dorfes stand, und stellte sich, whrend
ich herzu kam, in die Thr, mit einem Glschen in der Hand. _Willst du?_
sagte er. Ich schauderte zusammen, als ich sah, da es Brantwein war. --
_Kannst du keinen trinken?_ -- Ich schttelte betrbt den Kopf, und mit
Einem Stoe warf er meinen Kupferdreyer mit allen den Hoffnungen, die ich
auf ihn gebauet hatte, die Kehle hinunter.

Da stand ich!

Er gab dem Wirthe das Glas zurck, nahm mich bey der Hand und zog mich mit
fort.

Die feurige Lobrede, die er hierauf dem Brantwein hielt, gefiel mir
nicht im mindesten, denn mein Dreyer schwebte mir noch viel zu lebhaft im
Gemthe. Doch gab ich mich endlich zufrieden, weil ich nun Anspruch auf
seinen Beutel zu haben glaubte, da ich ihm mein Letztes zum Besten gegeben
hatte.

Es ward hoher Mittag und ich fhlte groen Hunger. Es konnte nicht fehlen,
da ich jetzt lebhaft an Papa's Tafel zurck dachte, und da mit dieser
Vorstellung eine lange Reihe andrer in mir rege wurden. Aber so unangenehm
sie auch waren, brachten sie mir doch den Nutzen, da ich, so lange sie
lebhaft blieben, Hunger und Durst verga.

Hier mut du betteln! sagte mein Gefhrte am Eingang eines Dorfes zu mir,
und ri mich dadurch aus meinen Betrachtungen. Ich sah ihn mit groen Augen
an, aber er versicherte, es sey sein vlliger Ernst.

Dich wird so gut hungern als mich, fuhr er fort: und dir geben die Leute
eher einen Zehrpfennig als mir. Fa' nur Muth, mein Shnchen, und thu' mir
den Gefallen, es soll dein Schade nicht seyn. Du darfst nur sagen: Dein
Vater sey ein alter lahmer Soldat. Er liege vor dem Dorfe und habe nichts
zu essen!

Ein gutes Wort konnte mir den Rock vom Leibe ziehen.

Ich ging in das Dorf. Die kleinern Huser lie ich und sah mich nach den
grern um. Ich trat in eins der letztern und bat einen Mann, der mir
entgegen kam, um einen Zehrpfennig. Dabey erzhlte ich den Roman von meinem
Vater, dem lahmen Soldaten. Er sah mich an, schttelte den Kopf, ging in
die Stube und brachte eine Weibsperson mit heraus.

Freylich ist ers, sagte diese halblaut, es trift alles ein, wie ihn der
Mann beschrieb. Wir wollen ihn bey uns behalten.

Mir lief es kalt durch alle Glieder, denn ich hatte genug gehrt, um mich
zu berzeugen, da ein Nachsetzer in der Nhe sey. Ich dachte auch wohl ans
Davonlaufen, aber die Leute standen mir zu nahe und lieen nicht ab, mich
auszuforschen.

Unterdessen trat mein Phylax, der sich herabgelassen hatte, mit andern
Hunden vor dem Hause zu spielen, in die Thre.

Siehst du, sagte die Frau und stie den Mann an: da ist der Hund auch!
Er ist es ganz gewi. -- Willst du nicht ein bischen in die Stube kommen,
Kleiner? fuhr sie zu mir fort: Du sollst 'was zu Essen haben. Wenn
der Bothe zurckkmmt, sagte sie leise zu ihrem Manne, kann er ihn
mitnehmen!

Ich war in der tdtlichsten Unruhe und zitterte am ganzen Leibe. Als mich
die Frau bey der Hand nahm, um mich in die Stube zu fhren, ri ich mich
los, und machte linksum, aber der Mann fate mich beym Rockzipfel und
hielt mich. Ich that einen lauten Schrey und -- war auf einmal erlst, denn
Phylax hatte den Wirth bey der Wade.

Und nun aus allen Krften zum Dorfe hinaus! Phylax in kurzem Galopp
hinterdrein.

Mein Gefhrte stand vor dem Dorfe, und lief mir, als er mich so
dahersprengen sah, eilig entgegen. Kaum hatte ich Athem genug, ihm
gebrochen zu sagen, man htte mich aufhalten und zu Hause bringen wollen.
Er meynte, ich htte nicht nthig, so erschrecklich zu laufen, aber ich
meynte, ich htte es _hchst_ nthig. Wollt' er also wohl oder bel, so
mute er mir, trotz seinem Hunger, nachrennen, so lange es meiner Angst
beliebte.




Siebentes Kapitel.

_Moriz lset Fesseln._


Wir liefen auf lauter Abwegen. Mein Gefhrte ward es am ersten berdrig.
Er versicherte mich, indem er auer Athem neben mir her trabte, ich htte
nichts mehr zu frchten: wir wren im Schsischen, wo uns niemand etwas zu
befehlen htte, und wenn der Vater selbst kme, um seinen Sohn zu holen,
und dieser wollte nicht, so knnte und wrde ihn niemand zwingen. Als er
mir diese Versicherung noch einigemal wiederholt hatte, legte sich meine
Angst und ich ging langsamer.

Ich kann bis diese Stunde keinen befriedigenden Grund angeben, warum dieser
Mensch so viel Geduld mit mir hatte. Er konnte mich ja nur laufen lassen
und sich nicht weiter um mich bekmmern. Oder glaubte er, desto leichter
einen Dienst zu bekommen, wenn er mich mitnahm, die Aufmerksamkeit eines
Herrn auf mich zog, und mich nur mit dem Beding ihm berlie, wenn er
selbst in Dienste genommen wrde? Wenigstens sagte er immer unterweges:
wenn wir in eine groe Stadt kmen, und es fnde sich eine Herrschaft fr
mich, so sollte ich nicht in ihre Dienste gehen, wenn sie nicht auch ihn
haben wollte. Er steifte sich, wie es scheint, auf die Mode der Jokay's.

Sey es, wie es wolle, genug er ging in das erste Dorf, worauf wir stieen,
bettelte Brot und andere Lebensmittel und muthete mir auch in der Folge
nicht wieder zu, da ich betteln sollte. Wie es schien, so frchtete er
eben so sehr, mich zu verlieren, als mir vor der Rckkehr zu meinem Papa
bange war.

So waren wir vier Tage fortgewandert, als wir uns auf einem Berge befanden,
von welchem wir eine Stadt, die ungefhr eine halbe Meile von uns lag, in
ihrer ganzen Gre sehen konnten. Als ich meinen Begleiter fragte, wie
sie hiee, war es D**. Ich erschrack und bat ihn, nicht hineinzugehen, und
erzhlte ihm, da sich eben der Legationsrath daselbst befnde, der meinen
Papa immer besuchte, und da er mich zurckschicken wrde, wenn er mich zu
sehen bekme. Aber er benahm mir fast alle Furcht durch die Versicherung,
D** sey so gro, da sich die Leute, die auf Einer Strae, ja sogar, die in
Einem Hause wohnten, fters nicht kennten.

Darauf verlie er mich, um in einem Dorfe, das an der einen Seite des
Berges lag, zu betteln. Meinen Phylax, der sich whrend unsrer Reise an
ihn, als den Proviantmeister gewhnt hatte, nahm er mit und sagte: wenn er
seinen Umgang gehalten htte, wollte er mich abholen.

Ich setzte mich nicht weit von dem Dorfe nieder und erwartete seine
Zurckkunft. Er blieb lnger aus, als gewhnlich, und ich gerieth in
Unruhe. Schon war ich eine Strecke auf das Dorf zugelaufen, als er mir
entgegen kam und alle Taschen voll Lebensmittel hatte. Aber meinen Phylax
sah ich nicht.

Wo ist mein Hund? rief ich ihm von weitem zu. Er schttelte den Kopf. Wo
ist mein Hund? fragte ich noch einmal ngstlicher.

Er stellte sich zornig und trostlos. Ich drang in ihn und erfuhr: mein
armer Phylax sey von einem Jger erschossen worden, weil er keinen Knittel
am Halse getragen htte. Diese Hiobspost machte mich stumm und sprachlos.
Anfangs brach mein Schmerz in Thrnen, aber bald darauf in Wuth aus. Ich
steckte mir alle Taschen voll Steine, lief wie rasend in das Dorf, und es
war ein Glck, da mir kein grngekleideter Mann in den Wurf kam, ich htte
ihm sonst alle meine Kiesel an den Kopf geschleudert.

Ich durchlief das ganze Dorf und fragte jeden, der mir begegnete, ob er
nicht einen Jger gesehen htte? aber niemand konnte mir Nachricht geben.
Langsam und mit hellen Thrnentropfen auf den Backen, kehrte ich um. Auf
einmal hrte ich ein Winseln, das mir bekannt vorkam. Ich ging dem Schalle
nach, trat in einen Bauerhof und siehe da! meinen Phylax an der Kette. Ich
sah und hrte nicht vor Freude, und Phylax sprang, so weit es ihm die
Kette erlaubte, rund herum. Ich entschlo mich kurz, und wollte nichts
Geringeres, als die Kette entzwey reien. Schon dreymal hatte ich alle
meine Krfte vergebens angestrengt, als ich erst zu bemerken anfing, da es
geradehin unmglich sey. Aber noch sank mein Muth nicht. Ich nahm einen
von den Kieseln, die ich zu Mord und Todschlag zu mir gesteckt hatte, und
pochte unter Thrnen der Bosheit und Ungeduld an der Kette -- aber sie war
von Eisen!

Junge, was machst du? hrte ich auf einmal eine Stimme hinter mir: Ich habe
den Hund gekauft!

Wie David ehedem vor Goliath mag gestanden haben, so stand ich jetzt vor
dem Bauer, in jeder Hand einen Stein, ohne einen Laut hervorbringen zu
knnen. -- Hitzige Blitzkrte! rief der Bauer und schleuderte mich auf
einen Dngerhaufen, der hinter mir lag.

Mir sank aller Muth. Ich hatte nicht Tollkhnheit genug, mich einem groen,
breitschultrigen Manne zu widersetzen, der mich zu Brey gedrckt htte,
mithin war fr mich kein andrer Weg als Gte. Ich weinte und bat ihn, mir
meinen Hund wieder zu geben. Der Schlingel hat ihn mir gestohlen! Der Hund
gehrt mir! rief ich eines Rufens. -- Wenn du mir mein Geld wiedergiebst,
sagte der Bauer lchelnd, sonst nicht! -- Lieber Gott! wo soll ichs denn
hernehmen? erwiederte ich schluchzend, und bat von neuem, er mchte mir
ihn so wiedergeben. Er lie sich noch ein paarmal bitten, und machte
sodann meinen Phylax los. Wie der sprang! Wie ich sprang! Ohne dem Bauer zu
danken, sprengte ich vom Hofe hinunter und zum Dorfe hinaus, im bittersten
Zorn auf meinen Gefhrten. Dieser sa noch auf dem Flecke, wo ich ihn
gelassen hatte und erwartete mich ganz ruhig. Als ich nicht weit mehr von
ihm war, fing ich an zu schimpfen und ihn mit meinen Steinen zu ngstigen.
Sie fielen so hageldicht, da er seine ganze Gelenkigkeit zusammen nehmen
mute, um ihnen auszuweichen. Als ich mich verschossen hatte, lief er auf
mich zu, und umklammerte mich so fest, da ich mich nicht regen konnte.

Nrrischer Junge! rief er und lie mich pltzlich los, denn Phylax fuhr ihm
schnarchend nach dem Rockschooe: Du hast ja den Hund wieder und wir haben
obendrein noch auf drey Tage zu leben. Dabey zeigte er mir, was er fr das
Geld alles eingekauft hatte. Mein Hunger trug viel zu meiner gnzlichen
Besnftigung bey. Wir vershnten uns und gingen auf D** zu.




Achtes Kapitel.

_Moriz in Gefahr._


Wir gingen um die Stadt herum und traten eine halbe Stunde von derselben in
einen Gasthof. Fr etwas Groes schien uns der Wirth nicht zu halten, denn
er fragte uns mit solcher Zudringlichkeit aus, da er in wenig Minuten
soviel von mir wute, als mein Gefhrte. Hierauf erkundigte er sich nach
unsern Pssen und gab durch den Ton, womit er dies that, deutlich genug
zu verstehen, da er uns nicht aufnehmen wrde, wenn wir nicht Schwarz auf
Wei darthun knnten, da wir weder Diebe noch Landstreicher wren.

Mein Gefhrte suchte in allen Taschen, und als er nichts fand, fing er an,
auf seine Unachtsamkeit zu fluchen. Das Ende davon war, da er keinen Pa
hatte. So geht, wo ihr hergekommen seyd, sagte der Wirth zu ihm, ich
will mir eurentwegen keine Strafe zuziehen! -- Mein Gefhrte bat ihn nur
um eine einzige Nacht, erhielt aber nichts, als Nachricht, wo er einen
Logiszettel bekommen knnte, wenn er seine Umstnde, Vorhaben und
Handthierung anzeigte.

Unterdessen erwartete ich mit Furcht und Zittern meinen Bescheid. Du
kannst hier bleiben, sagte er zu mir, du bist weder Dieb noch Spitzbube,
wenigstens siehst du nicht so aus.

Mein Gefhrte ging, und wenn er mir nicht den boshaften Streich mit meinem
Phylax gespielt htte, so wre ich mit ihm gegangen. Wenigstens lie er es
an Bitten und Vorstellungen nicht fehlen, und trieb es so lange, bis ihm
der Wirth (der sich meiner annehmen zu wollen schien) ernstlich die Thre
wies.

Als er fort war, nahm mich der Wirth noch einmal in die Presse. Ich hatte
mich schon bey dem ersten Verhre verlauten lassen, da ich mit aus Furcht
vor dem Legationsrath, meinem Papa entlaufen sey; jetzt erkundigte er sich
noch einmal und genauer nach diesem Manne. Ich gab ihm so viel Umstnde
von ihm an, als ich konnte, und nicht lange darauf zog er sich an und ging
fort.

Weil ich von der Reise ermdet war, legte ich mich auf eine Bank nieder,
die am Ofen stand. Ich war noch im Einschlummern, als der Wirth mit einem
Menschen in die Stube trat, der eine Livree trug, die mir mehr als zu
bekannt war. Der Bediente trat nher und sagte leise: _Ist er das?_ --
Ja! -- _Nun_, fuhr er fort, _mein Herr wird gleich nachkommen, und ihn
abholen._

Meine Angst, als ich damals auf dem Heuboden meinen Gefhrten von
Halsabschneiden schwatzen hrte, kann nicht grer gewesen seyn, als
die ich jetzt empfand. Bey jedem kleinen Gerusche fuhr ich zusammen und
glaubte die Stimme des Legationsraths zu hren. Ich sah und fand keinen
Ausweg, der mich diesmal aus der Klemme fhren konnte. Entlaufen? war nicht
mglich. Nicht mitgehen, wenn er kme, um mich abzuholen? eben so wenig.
Ich war um ein Haar in dem Zustand eines zum Rade Verurtheilten, der im
Troge daliegt, und dem Stoe, der ihm die Brust zerschmettern soll, nicht
ausweichen kann, weil er an Hals und Fu gebunden ist. Ich drckte die
Augen fest zu, und konnte nichts thun, als den Ausgang erwarten.

Der Wirth und Bediente sprachen noch einige Worte heimlich und gingen zur
Stube hinaus. Ich sprang auf und bemerkte durch ein Fenster, das auf den
Hof ging, beyde auf demselben. Mein Entschlu war bald gefat. Ich sprang
zur Thr hinaus, durch das Haus auf die Strae, ging erst einige Schritte
langsam und lief darauf im Sprunge davon! Vor mir sah ich Weinberge und ein
Dickigt von kurzen Sandweiden, an welchen die Elbe hinstrmte. Hier glaubte
ich mich eine Zeitlang verkriechen zu knnen. Aber die Weinberge waren
mit Mauern eingeschlossen, und der Boden des Sandhegers, worauf die Weiden
standen, war schwammig und na. In einen dicken Tannenwald, der mir zur
Linken auf einer Anhhe lag, wagte ich mich nicht, weil ich gehrt hatte,
da es in Sachsen wilde Schweine gebe. Es blieb mir also nichts brig, als
ein schmaler Weg zwischen der Elbe und den Weinbergen. Ich verfolgte ihn,
kam an ein Dorf, lief hindurch, fand eine Fhre an der Elbe, die eben
im Begriff war, nach dem andern Ufer abzufahren, sprang hinein, fuhr mit
hinber, sprang wieder heraus, ohne mich um das Fhrgeld zu bekmmern; von
neuem ein Dorf, von neuem hindurch, und endlich sank ich hinter demselben
unter einzelnen Tannen ohnmchtig nieder.




Neuntes Kapitel.

_Hypochondrie._


Ich hatte kaum fnf Minuten unter den Bumen gesessen, als ich ein Gerusch
neben mir hrte. Ich blickte auf, und vor mir stand ein Mann, der mich
mit stieren Blicken unverwandt ansahe. Sein Kopf hing weit ber den Rumpf
heraus, und berhaupt beschrieb seine ganze Figur ein =S=. Ein kleines,
dreyspitziges Htchen deckte die halbe Scheitel und die ganze Stirn, und
ruhete auf einer Nase, die ber den Mund herberhing. Sein Kinn sa sehr
hoch und berhrte die usserste Spitze der Nase. Ein rundes Stutzperckchen
stand eine gute Hand breit vom Nacken ab und rundherum sah ein dnnes
greises Haar hervor. Ein gelbblasses eingefallenes Gesicht, auf welchem
eine tiefe Falte an der andern lag, bewies, da Alter und Krankheit seine
Gesundheit untergraben hatten. Er trug einen kahlen schwarzen Rock, der ihm
bis in die Kniekehlen reichte und von oben bis unten fest zugeknpft war.
Seine Kniescheiben schienen durch Gicht oder Abzehrung unbeweglich geworden
zu seyn, denn Schenkel und Fe beschrieben so ziemlich einen Triangel.

Wes Landes? hub er an.

Ich wute nicht, was ich antworten sollte.

Aus Juda, oder aus Samaria? fuhr er fort.

Ich sah ihn mit groen Augen an und sein starrer Blick machte mir allmhlig
Angst. Auf einmal schien es, als ob er aus einem tiefen Schlaf erwachte.
Seine Miene heiterte sich etwas auf; er nahm mich bey der Hand und fragte
mich mit einer sanften Stimme: Kind, du frchtest dich vor mir? Ich bin
ein armer elender Mann, ich thue dir nichts. Ach! ich kann dir nichts thun!
Sieh hier diese drre verwelkte Hand; sie kann kaum dies leichte Stckchen
heben. Befrchte nichts, Kind! Nein, du hast nichts zu befrchten!

Mit diesen Worten setzte er sich zu mir und nahm mich von neuem sanft bey
der Hand.

Ich bin sehr lange krank gewesen, liebes Kind, fuhr er fort, heute
bin ich zum erstenmal wieder ausgegangen. Ich habe an der Hypochondrie
laborirt. Ein schreckliches Malum, mein Kind, ein sehr schreckliches Malum!
Kennst du es?

Ich sah ihn befremdet an, und schttelte den Kopf.

Du kennst es nicht? (fuhr er wie in Hitze fort) Wenn du still und
trbsinnig, mit krummen Rcken und mit zur Erde geschlagenem Blick, ber
Stock und Stein, durch Smpfe, Moore und Bche, durch Sandpftzen und
Wlder hinschleichst; mit jedem altem Weibe, das dir begegnet, zusammen
lufst; wenn sie zur rechten ausweicht, rechts springst; wenn sie zur
linken ausweicht, links springst; und wieder rechts und wieder links und
dich abarbeitest, um ihr nicht vor den Kopf zu rennen; wenn mitten unter
diesem Bestreben, von ihr loszukommen, dem alten Weibe pltzlich ein
spitziger Schnabel ans Maul wchst, womit sie dir in die Brust pickt, die
Haut abschlt und endlich zwischen die obern Rippen hindurchfhrt und dir
am Herzen zu nagen anfngt; wenn dirs dann grn und gelb und feuerfarb und
himmelblau und rabenschwarz vor Augen wird; wenn sich alle diese Farben
zusammen mischen und in Kugeln, oder Schlangengewinden, oder Meereswogen
vor deinem Auge umherrollen; wenn es dicke Nacht in allen deinen Sinnen
wird; Gewitterwolken sich ber dein Haupt zusammen ziehen und Sturm tobt,
und tausend Donner brllen, und Blitz auf Blitz dir zischend durch das
Gehirn fhrt; wenn mitten in diesem schrecklichen Gewirr eine eherne,
glhende Pfanne aus dem Boden heraufsteigt, Teufelslarven, Schlangen, Lwen
und Riesen um sie her tanzen, Feuer anlegen und es anschren, da die Lohe
himmelan sprht; wenn dich dann eine der schrecklichsten Gestalten beym
linken Fu packt, und dich in die glhende Pfanne schleudert, da das
siedende Oel rauschend, zischend und raschelnd ber dich zusammen schlgt
und aufschumt; wenn du in dem Augenblicke, da du glaubst, da sich
Feuerstrme in deine innersten Fibern hineinfressen werden, urpltzlich
auf eine blhende Wiese entrckt wirst, wo Nachtigallen dein Ohr letzen;
wo Wohlgerche und khlende Balsamdfte eine herzerhebende Linderung durch
dein ganzes Wesen gieen; wo Mdchen in Engelsgestalt, in weissem
luftigen Gewande vor deinem trunknen Blick einher schweben; wenn du rasch
aufspringst, voll Sehnsucht, eine dieser Huldgttinnen zu umarmen; wenn sie
flieht, du sie einholst, sie fest umschlossen hltst, deinen Mund fest
auf den ihrigen drckst; wenn dein Herz an ihrem Busen pocht; wenn du mit
matten, in Liebe schwimmendem Auge aufblickst, um das Mdchen zu sehen, das
Himmel und Erde vor deinem Blicke schwinden machte -- und pltzlich eine
ungeheure von Gift geschwollene schuppigte Schlange, statt ihrer, fest in
die Arme schlieest, die ihren schrecklichen Rachen aufreit und Pesthauch
auf dich her blst -- wenn du solche Erscheinungen hast, dann bist du
hypochondrisch!

Er schwieg und holte Athem.

Es war eine schreckliche Schilderung, die das Feuer und der bald bebende,
bald rauschende, bald ngstliche und weinerliche Ton und das lebhafte
Gebhrdenspiel, womit er sie hersagte, mir im uersten Grade frchterlich
machte.

Jetzt bin ich von diesem Uebel befreyt, setzte er hinzu, und, wie ich
hoffe, auf immer. Ich mu mir nur fleiig Bewegung machen, und oft in
Gesellschaft gehen. Das ist das beste Mittel darwider!

Ich erholte mich nach und nach von meiner Aengstlichkeit und sprach
einige Worte mit ihm. Er lie auch am Ende sein Lieblingsthema,
seine Krankheitsgeschichte fahren, fragte nach meinen Eltern, wie ich
hiehergekommen etc. etc. und da ich Zurckhaltung bey ihm nicht nthig zu
haben glaubte, oder weil einem Offenherzigkeit in der Jugend so natrlich
ist, so entdeckte ich ihm alles, und schlo mit dem Wunsche: wenn ich nur
wte, wo ich diese Nacht bleiben sollte!

Du gehst mit mir! sagte er, und wollte aufstehen, fiel aber kraftlos
zurck. Ich sprang auf und half ihm auf die Fe. Wir setzten uns in
Bewegung, aber mir war immer, als ob ich etwas vergessen htte. Ich sah
mich um, und wie ward mir! mein Phylax war nicht da. Ohne meinem Begleiter
ein Wort zu sagen, ohne selbst eine lebhafte Idee zu haben von dem, was
ich thun oder lassen sollte, um meinen Hund zu finden, flog ich davon. Alle
funfzig Schritte stand ich still und rief Phylax! und wenn er dann nicht
erschien, so lief ich unter Geschrey der Ungeduld weiter. Endlich fiel mir
ein, da er im Gasthofe zurckgeblieben seyn msse. Nun stutzte ich und
ging bald vor- bald rckwrts, bis ich mich endlich, aber mit unsglicher
Mhe und Beklemmung entschlo, Phylaxen zu lassen, wo er wre, und mich
nicht der Gefahr einer Auslieferung auszusetzen. Ueberdies hatte ich das
festeste Vertrauen auf seine Sprkunst, und berzeugte mich endlich, weil
ich mute und es wnschte, da er mich ganz gewi wiederfinden wrde.

Der Alte erwartete mich und fragte nach der Ursach meines pltzlichen
Entlaufens. Der besorgliche Mann hatte geglaubt, seine Gesichtsbildung
sey mir auf einmal so frchterlich geworden, und ob ich ihm gleich meinen
Verlust sehr deutlich erklrte, fragte er mich in der Folge doch noch
einigemal: ob er denn etwas frchterliches im Gesichte habe?

Wir kamen an das Ufer der Elbe, und als wir ein paar hundert Schritt an
demselben hingegangen waren, ward mein Begleiter auf einmal unruhig.

Nicht wahr, Kind, hub er an, und sah starr in den Strom: man hat
Beyspiele, da reiende Strme pltzlich angeschwollen sind, und Land und
Leute verschlungen haben?

Ich hatte nichts davon gehrt.

Ja, Kind, fuhr er mit zunehmender Bangigkeit fort: es ist dir sehr
oft geschehen! Es kmmt von Wolkenbrchen, mein Sohn, von starken
Wolkenbrchen! (er sah starr gen Himmel) Sieh einmal die Wolke, Kind! Eine
dicke, schwarze Wolke, so schwer, so langsam zieht sie da herauf! Wenn
nur nicht -- (er beschleunigte seine Schritte) Kind, siehst du nicht die
schwarze, dicke Wolke da? -- Sie enthlt lauter Wasser, lauter Wasser!

Es war ein kleines, unbedeutendes Wlkchen, weder schwarz, noch schwer,
noch dicke.

Hrst du es nicht rauschen? fuhr er fort, und sah sich angstvoll nach der
Elbe um: Sie tritt ber -- sie bricht aus -- lauf, lauf, lauf!

Und mit den Worten fing er an zu laufen, als ob ihm der Strom schon auf den
Fersen wre. Rette dich! rette dich! rief er eines Rufens, und lief dabey,
nach seiner Art, vogelschnell feldein. Ich nahm mir mehr Zeit, denn die
Elbe blieb, wo sie war. Ob er sich gleich nicht umsah, versicherte er mir
doch immerfort, der Strom wre uns sehr nahe. Ich sprach aus allen
Krften dagegen, aber er lief immer schneller, und als ich sah, da mit
Vorstellungen nichts auszurichten war, lief ich zur Gesellschaft mit.

Ich wei nicht, wo der schwchliche Mann die Krfte dazu hernahm. Er lie
nicht eher nach, als bis wir an die P** Vorstadt kamen. Hier setzte er
sich ohnmchtig auf einen Eckstein nieder und sagte: wenn wir nicht so
ausserordentlich gelaufen wren, htte uns der reiende Strom verschlungen.
Ich konnte nicht umhin, ber den sonderbaren alten Mann zu lcheln.




Zehntes Kapitel.

_Trost des Evangeliums._


Er ging mit mir durch lauter entlegene Straen, die fast immer an der
Stadtmauer fortfhrten, und schien den Anblick der Menschen eben so sehr zu
fliehen, als ich: und das war mir recht, denn ich war in groer Besorgni,
der Legationsrath mchte mir begegnen. Wir kamen endlich an ein gewlbtes
finstres Thor, das auf eine Brcke fhrte. Ueber diese gingen wir und
geriethen in eine schmale, dunkle Gasse; am Ende derselben stand ein altes,
bauflliges Haus, in welches er mich fhrte. Es fuhr mir eine Art von
Schauder durch alle Glieder, doch beruhigte mich der Gedanke etwas, da
hieher wohl schwerlich Nachsetzer kommen wrden. Wir stiegen im Hofe eine
verfallene Treppe hinan und krochen durch eine niedrige Thr, in eine
enge ruchrige Stube, die an Mbeln nichts, als ein Pult, einen uralten
Lehnstuhl und zwey kleinere Rohrsthle, die durchgesessen und wackligt
waren, aufzuweisen hatte. Er setzte sich nieder und fing noch einmal von
dem Wolkenbruche und dem dadurch verursachten Austreten der Elbe an. Mich
lie er wenig zu Worte kommen, als ich ihm noch einmal versichern wollte,
sein Schrecken sey ungegrndet gewesen.

Es fing an, mich sehr zu hungern, und doch sah ich nicht, da er Anstalt
machte, mir etwas anzubieten. Endlich sagt' ich ihm dreist heraus, woran
ich litte. Sogleich griff er in seine Tasche und holte unter einer Menge
Brodkrmchen zwey Dreyer heraus. An dem Thore, wo wir hereingekommen
sind, sagte er, wohnt ein Bcker, geh und hole fr dies Geld!

Ich sprang fort, fand das Thor glcklich wieder und den Bcker an
demselben. Ich nahm Semmel fr mein Geld, und war schon wieder auf dem Wege
zu meinem alten Wirth, als mich jemand von hinten bey der Schulter
fate. Ich sah mich unter Schrecken und Zagen um, und erblickte -- meinen
Reisegefhrten. Er wunderte sich nicht weniger als ich, da wir uns in
diesem entlegenen Theile der Stadt wiederfanden. Ich erzhlte ihm, da mich
der Legationsrath verfolgen liee, da ich aber ein sicheres Versteck bey
einem alten wunderbaren Manne gefunden habe. Er war begierig, den Mann und
seine Wohnung zu sehen, und ich nahm ihn mit. Unterwegs erzhlte er mir,
da er bey dem Amtmann der F** Stadt gewesen, und sich einen Logiszettel
geholt habe, damit wolle er zu dem Wirthshause zurckgehen, aus welchem ich
entlaufen sey. Er kam nicht weiter, als an das Haus, wo mein Alter wohnte,
und nahm pltzlich Abschied. Es sey genug, sagte er, da er wisse, wo
ich mich befnde, er wrde eher wieder da seyn, als ichs vermuthete! --
Ich band ihm noch meinen Phylax aufs Gewissen und bat ihn, mir denselben
den folgenden Morgen zu bringen. Er versprach es, und ging mit einer
bedenklichen Mine fort, die mir mehr htte auffallen sollen.

Als ich zu meinem Alten in die Stube trat, reichte er mir die Bibel. Lies
mir dies Evangelium, sagte er, zu meiner Beruhigung und Trost! Ich sah
ihn befremdet an und bi in meine Semmel, um anzudeuten, da mich hungere.
Aber er verstand mich nicht, er nahm mir aus der einen Hand die Semmel und
legte sie neben mir hin, und in die andre steckte er mir die Bibel. Ich
las, indem ich von Zeit zu Zeit, wenn er weg sah, in die Semmel bi und
sie behutsam wieder hinlegte: _Lasset die Kindlein zu mir kommen_ etc. etc.
etc.

Alle Zge des alten Mannes wurden lebendig und heiter. Siehst du, Kind,
rief er schluchzend, in dem Evangelio steckt ein Trost, auf welchen sichs
besser schlft, als auf gewonnene Schlachten. Da ich dich mitgenommen
habe, da ich dir Essen und Nachtlager gebe, diese uneigenntzige
Bereitwilligkeit, dir zu dienen, verschafft mir den sssen Trost, der in
dem Evangelio allen denen versprochen wird, die Kinder lieb haben. Und nun
schlaf wohl! Ich mag nicht essen, nicht trinken. Ich will die himmlischen
Empfindungen, die mich jetzt beseelen, nicht unterbrechen. Schlaf wohl!

Bey diesen Worten ffnete er eine Seitenthr, die in eine finstre Kammer
fhrte, warf sich in vollem Zeuge aufs Bette und schnarchte bald darauf von
ganzem Herzen.

Nun war ich allein und meinen Betrachtungen berlassen. Diese peinigten
mich nicht sehr, denn meine Semmel beschftigte mich ziemlich lange; und
sobald diese gegessen war, fand sich die Schlfrigkeit ein, welche
die Verdauung ankndigt, und hielt alle traurige oder frchterliche
Vorstellungen so gut von mir ab, da ich nach einigen Minuten auf dem
Lehnstuhle meines Wirthes ruhig einschlief.




Eilftes Kapitel.

_Wie man nach der Bastille abgeholt wurde._


Pltzlich schreckte mich ein starkes Poltern auf, und in meiner
Schlaftrunkenheit kam es mir vor, als ob das ganze Haus ber mich zusammen
strzte. Die Finsterni vermehrte mein Schrecken. Eben war ich im Begriffe,
meinen alten Wirth zu rufen, als meine Angst in Todesfurcht berging: denn
es traten drey Mnner, in groe blaue Mntel verhllt, deren einer eine
Laterne trug, stillschweigend in die Stube und schritten auf mich zu;
der eine nahm mich bey den Schultern, der andre bey den Fen, und so
schleppten sie mich die Treppe hinunter, alles, ohne einen Laut von sich zu
geben. Ich wollte schreyen und konnte nicht. Erst unten auf dem Hofe bekam
ich Krfte, aus voller Kehle einen Schrey zu thun. Sogleich hrte ich des
Alten Stimme. Ich bat ihn, mir zu helfen, mich zu retten, man wollte mich
umbringen! Aber die drey furchtbaren Mnner lieen sich durch mein Geschrey
nicht irre machen. Sie trugen mich durch das Haus, und als Wirth und
Wirthin erschienen, um zu sehen, was es gbe, sagte ihnen der Mann mit
der Laterne einige Worte, worauf sie sich beruhigten und in ihre Stube
zurckgingen.

Man legte mich in eine Kutsche, die um und um zugemacht war. Die beyden
groen Mnner setzten sich, dicht in ihre Mntel gehllt, zu mir,
und sagten zu dem mit der Laterne, wenn der Alte kme, sollt' er ihn
zurckhalten. Und nun ging es fort!

Ich sa in stummer Betubung zwischen ihnen, und wenn ich unter Zittern und
Beben fragte: was ich begangen htte? und, wohin sie mich denn brchten?
riefen sie: _Halt's Maul!_ oder: _wie die Arbeit, so der Lohn!_

Alle Schrecken, die ich von dem Augenblick an, wo mir Malchens Mama die
Schelle gab, bis zu den frchterlichen Begebenheiten auf dem Heuboden und
im Wirthshause, empfunden hatte, waren nichts gegen diesen. Ich erbebte
durch alle Glieder und schnappte schluchsend nach Luft.

Endlich hielt der Wagen still und man trug mich heraus, wie man mich hinein
getragen hatte. Eine alte Frau fnete eine Seitenthr. Man legte mich auf
ein Bette und einer der Blaumntel sagte mit einer frchterlichen Bastimme
zu mir: _Morgen siehst du mich wieder!_ Darauf verschlossen sie die Thr
und lieen mich allein.

Bald wollte ich schreyen, da die halbe Stadt mich hrte, bald aufspringen
und mit Hnden und Fen an die Thre donnern; aber zu beydem fehlte mir
Kraft und Muth. Besorgni und Angst nahmen ihre alte Stelle wieder ein und
brachen sich in einen Thrnengu, der rund umher, wo mein Kopf lag, das
Bette benetzte. Doch erlagen sie bald nachher einem Schlafe, der zwar
von frchterlichen Trumen unterbrochen ward, aber doch bis gegen Morgen
dauerte.

Bald nach meinem Erwachen erschien der Blaumantel, setzte Thee und Semmel
hin, ging wieder, ohne ein Wort zu reden, und schlo die Thr hinter sich
zu. Ich hoffte jeden Augenblick, da man die Fensterladen ffnen sollte;
aber vergebens. Ich trank meinen Thee, und lie groe Thrnen in die
Schaale trpfeln. Endlich ging meine Furcht in starre Hartherzigkeit ber,
die alles, sey es auch das Aergste, was man ber mich verhngen wrde,
ausdauren wollte.

Nach ein paar Stunden erschien der Blaumantel wieder, und brachte noch
einen Mann mit. Dieser sollte mir das Maas zu Rock, Weste und Beinkleider
nehmen, meynte aber: bey der Finsterni knne er nicht sehen. Seht, wie
Ihrs macht, sagte der Blaumantel zu ihm, so ein Bsewicht mu weder
Tages- noch Talglicht sehen! Sie lachten ber dieses witzige Wortspiel von
ganzem Herzen, aber mir war es nicht mglich. Doch wei ich nicht, wie es
kam, meine Bangigkeit nahm dadurch um einen groen Theil ab.

Der Schneider versicherte noch einmal, da er im Finstern nicht sehen
knne, und nun lief der Blaumantel und holte Licht. Jetzt ri sich wiederum
ein groes Stck Furcht von meinem Herzen los, denn ich sah mich in einem
Zimmer, das mit Tapeten ausgeschlagen, und mit groen Spiegeln und mit
prchtig eingefaten Gemlden geziert war. Nun that das gar keine Wirkung,
was sie von der neuesten Mode im Zuchthause zu W** sprachen, und von dem
harten Willkommen, der daselbst den Zchtlingen gegeben wrde; denn ich
konnte an den Fingern abzhlen, da man einen Zchtling nicht in ein so
prchtiges Zimmer sperren und mit Thee und kstlicher Mundsemmel bewirthen
wrde.

Als der Schneider fertig war, ging er mit dem Kerkermeister fort und
versprach in wenig Tagen des Zchtlings Kleider zu liefern, die eine Seite
grau, die andere gelb, wie sie im Zuchthause zu W** Mode wren. Wenn
mir diese letzte Aeusserung htte Furcht machen knnen, so wre sie fnf
Minuten darauf vllig erstickt worden; denn der Blaumantel brachte mir ein
Mittagsessen von solcher Schmackhaftigkeit, da ich glaubte, es sey aus
Marthens Kche gestohlen. Es war eines meiner Lieblingsgerichte.

Den Abend geschah ein Gleiches. Ich schlief viel ruhiger, als die vorige
Nacht, und der Thee schmeckte mir den folgenden Morgen auch weit besser,
als Tages vorher. Eben so das Mittag- und Abend-Essen. Ich verga, da ich
ein Gefangener war und in der Finsterni leben mute, und bemengte mich
endlich auch nicht mehr mit berschrecklichen Vermuthungen ber das, was
mir bevorstand.

Am dritten Abend fnete sich die Thr--




Zwlftes Kapitel.

_Aufklrung._


Und es trat herein der Schneider, im Gefolge des Blaumantels, der ein Licht
trug. Jener warf sein Bndel auf den Tisch, nahm mich herzu, und zog mich
bis aufs Hemde aus. Ich zitterte in banger Erwartung. Er probirte mir
Rock, Weste und Beinkleider an, fand sie nach seinem Geschmacke, zierlich
geschnitten und fein gearbeitet, wnschte mir Glck dazu und ging ab.

Ihm folgte ein Bedienter, der mich wieder auszog, mir einen Pudermantel
berhing, frisirte und puderte, ein weies Hemde, seidene Strmpfe, neue
Schuhe (die ein wenig zu weit waren) mir anzog, einen Federhut aufsetzte,
und das neue Kleid wieder anziehen half.

Ich staunte und stutzte mich an, aber er lie mir nicht Zeit, meiner
Verwunderung nachzuhngen, sondern nahm mich bey der Hand, fhrte mich eine
Treppe hinan, hustete -- pltzlich flog eine Doppelthr auf, und ich stand
in einem groen, prchtig erleuchtetem Saale, in dessen Hintergrunde ich
ein Gewimmel von Herren und Damen sahe, die alle ihre Blicke auf mich
richteten.

Ich stand wie versteinert. Es war mir als she ich in einen Guckkasten.
Ich wute nicht, ob ich stehen bleiben, oder vorrcken, ob ich lachen oder
weinen sollte.

Tritt nher, gottloser Schelm! rief eine Stimme, und wer konnt' es anders
seyn als Papa? Ich trat nher, und er kam mir entgegen. -- Bester Papa,
rief ich schluchsend und nahm seine Hand -- Ich bin dein Papa _gewesen_!
unterbrach er mich und fhrte mich zu einem Herrn, der mit einer Dame auf
der Seite stand und mir den Rcken zukehrte. Er drehete sich um -- und es
war der Legationsrath. -- Mein Sohn! rief er -- Mein bester Sohn! komm
an meine Brust! -- Er schlo mich zrtlich in seine Arme. Ich weinte laut.
-- Moriz, rief eine weibliche Stimme von der andern Seite: Mein guter
Sohn! -- Die Dame umschlo mich, hob mich auf und drckte mich an ihre
Brust. Papa Ernst gab sich alle Mhe, zu lachen, aber er konnte vor Thrnen
nicht dazu kommen. Ich bin dein Papa gewesen, sagte er: hier (auf den
Legationsrath zeigend) das ist dein Papa, und hier (er winkte auf die Dame)
das ist deine Mama! -- Und ihr hast du es zu danken, sagte mein Vater,
da du drey Tage frher aus deinem Gefngni bist erls't worden! -- Ich
wollte ihr die Hand kssen, aber sie zog mich sanft zu sich und drckte
mich an ihr Herz. Moriz, sagte Papa Ernst, und hob die rechte Hand auf,
einem solchen Vater und einer solchen Mutter hast du entlaufen wollen!

Ich war ausser mir vor Angst und Freude. Die Umstehenden lchelten gerhrt.

Erhole dich, Kind, sagte meine Mutter, und fhrte mich zu einer Seitenthr:
wir wollen ein wenig abtreten, du sollst mir erzhlen, wie es dir auf
deiner Reise ergangen ist.

Sie fnete die Thr.

Da ist er, da ist er! rief ein Mdchen und hpfte mir entgegen. Ich sah
sie an, und siehe da, Frulein Louise! Du reisender Handwerkspursche!
rief sie und ri mich in die Mitte des Zimmers. Ihre Eltern kamen herzu und
umarmten mich. Der Oberste besonders drckte mich an seine Brust mit einer
Kraft, da mir der Rest von Athem htte ausbleiben mgen, den ich bey
allen den frohen und unerwarteten Erscheinungen noch brig behalten hatte.
Malchen stand von ferne am Fenster und malte auf den Scheiben. Nun,
Malchen, rief ihr Vater, willst du nicht nher? -- Sie kam ganz langsam
herbey, und als ich sie bey der Hand nahm, sah sie nach Osten und ich nach
Westen. Freut ihr euch nicht? sagte der alte Lehmniz. Ich weinte mit
Malchen in die Wette.

Ach, habt euch nicht so nrrisch, Kinder! sagte der Oberste: Pfui,
Springinsfeld, wer wollte weinen! Das schickt sich nicht fr einen Kerl,
wie du bist! Mit den Worten schob er uns in den groen Saal zurck. Mein
Vater kam mir entgegen und sagte: du hast nun alle alte Bekannte gesehen,
nun mu ich dir noch zwey vorstellen. Er fhrte mich in die Kche, und
Martha trat mir entgegen. Sie konnte vor Schluchsen kaum reden, umarmte
und kte mich und stotterte die Versicherung dabey, dies sey der erste und
letzte Ku, den sie nach Absterben ihres ewiggeliebten letzten Brutigams
einer Mannsperson gegeben habe.

Unterdessen fnete mein Vater eine Seitenthr und heraussprang -- Phylax.
Ich ri mich von Marthen los und ihm entgegen. Er that ganz sprde, ging
um mich herum, beschnupperte mich, und schien mich in meinem neuen Anzuge
nicht zu kennen. Als ich ihn aber anredete, tanzte und hpfte er, was er
konnte, und trieb seine Hflichkeit so weit, da er nach meinem Haarbeutel
sprang und ihn um ein Haar zwischen seine groen Zhne genommen htte.

Mein Vater verlie uns, vermuthlich, damit ich mich ein wenig erholen
sollte, und weil es sich fr Marthen am besten schickte, mir ber das, was
vorging, Auskunft zu geben. In weniger als fnf Minuten erfuhr ich nun:
da mein Vater und Mutter heute ffentlich Hochzeit machten, nachdem mein
Grovater, der sich bis daher ihrer Verbindung widersetzt, gestorben sey,
und meine Mutter als Meisterin ihres Willens zurckgelassen habe. Papa
Ernst sey nur mein Pflegepapa gewesen, und sie (wie sie mir deutlich zu
verstehen gab) meine Pflegemama. Der gndige Herr (Malchens Papa) sey mit
der ganzen Familie (Fink und den jungen Herrn ausgenommen, die den Tag
vor der Abreise pltzlich krank geworden) und mit Papa und ihr in zwey
Reisewagen abgeholt worden. Man sey mir schon am zweyten Tage meiner Flucht
auf der Spur gewesen, habe mich aber nicht finden knnen, bis endlich der
Gastwirth vor der Stadt meinem Vater die Nachricht gebracht htte, da ich
mich in seinem Hause befnde. Weil ich ihm und dem Bedienten aber unter den
Hnden entwischt sey, wre man meinetwegen von neuem in Sorge gewesen,
bis endlich mein Reisegefhrte selbst gekommen wre und meinen Aufenthalt
angezeigt habe. Zur Strafe fr meinen Leichtsinn, habe man mich so
erschreckt, und so lange eingesperrt, u.s.w. Mein alter Wirth sey ein
verrckter Kandidat der Theologie, der unter dem Namen Magister Stapps in
D** bekannt sey. Mein Vater habe ihn neu gekleidet und ihm Geld gegeben,
mit der Sicherung einer jhrlichen Pension von funfzig Thalern. Den
Bedienten, meinen Reisegefhrten, habe er in seine Dienste genommen, und
Phylax sey diesem aus dem Gasthofe hieher gefolgt.

Jetzt kam mein Vater und fhrte mich in den groen Saal zurck. Wie
glcklich ich mich fhlte! Aber es dauerte lange, ehe ich mich vllig
berzeugen konnte, da diese ganze Begebenheit kein Traum sey.




Moriz.

Drittes Buch.




Erstes Kapitel.

_Moriz wird Page._


Ich hatte nicht lange das Glck, unter den Augen meiner Eltern erzogen zu
werden. Mein Vater ging nach vier Jahren als Gesandter nach Frankreich und
nahm meine Mutter mit. Mich lieen sie zurck.

Acht Tage vor ihrer Abreise kndigten sie mir an, wozu sie mich bestimmt
htten. Du sollst ein paar Jahre Page bleiben, sagte mein Vater, und
sodann Soldat werden. Jenes ist deiner Gemthsart nicht ganz angemessen,
das wei ich, aber ich wnschte, deinen Hitzkopf eben dadurch zu bndigen.
Nur bitte ich dich, lieber Sohn (bey diesen Worten umarmte er mich
zrtlich) vertausche dein Feuer nicht mit Sklavensinn. Du wirst bald sehen,
was ich damit sagen will, und dein eignes Gefhl, hoffe ich, soll dich
davor bewahren. Mache mir die groe Freude, dich als Mann wieder zu finden,
wenn ich zurck komme!

Was htte ich nicht alles versprochen, an dem klopfenden Herzen eines
Vaters und unter den zrtlichen Liebkosungen einer Mutter! Sie reiseten
ab und ich sah der Kutsche mit herzlicher Wehmuth nach. Man gab mir
Pagen-Uniform, und ich zog sie an, aber mit dem festen Entschlu, _mein
Feuer nicht mit Sklavensinn zu vertauschen_. Ich hatte jetzt freylich noch
keine deutliche Vorstellung von dem Verstande dieses Wortes; aber mein
Vater hatte mir ja versichert, mein eigenes Gefhl wrde es mir sagen, und
diesen Zeitpunkt erwartete ich mit Verlangen.




Zweytes Kapitel.

_Sklavensinn._


Ich kam unter eine Gesellschaft von jungen Leuten, funfzehn an der Zahl.
Wenn der Instruktor nicht zugegen war, sprangen sie auf Tische und Bnke.
Jeder hatte, so lange die Lektion dauerte, seinen kleinen Plan zu irgend
einem Schelmstck ausgebrtet, und so bald sie den Nacken frey hatten,
ging es Kopf oben Kopf unten. Aus allen ihren Mienen und Gebhrden sprach
Verachtung unserer Aufseher, und doch zitterten sie, wenn einer von ihnen
erschien, und Die vorher die meiste Geringschtzigkeit geuert hatten,
waren dann die geschmeidigsten und hflichsten.

Dies Betragen gefiel mir nicht. Ich machte manchen kleinen Schwrmer mit,
fhlte aber nicht, da ich meine Vorgesetzten, aus Furcht entdeckt und
bestraft zu werden, verachtete. Dies hatte aber fr mich die Folge, da ich
fast immer der letzte war, der sich zurckzog, wenn wir einen unbesonnenen
Streich gemacht hatten, und da man sich in solchen Fllen jedesmal an mich
hielt und mich fr das Volk ben lie.

Auf meine Ehre! sagten dann immer die Knaben, wenn ich die Strafe htte
leiden mssen: Auf meine Ehre, ich erschsse den Kerl, wenn er es mir so
machte!

Fr diesen Vorschlag hatte ich gar keinen Sinn, und ich begriff nicht,
wie ich gegen einen Mann Tcke nhren knnte, der mich mit Fug und Recht
bestraft hatte.

Es war natrlich, da ich bey dieser Gesinnung der ganzen Gesellschaft
junger, heimlicher Teufel, furchtbar werden mute. Wenn mich einer
beleidigte, so brannte im Nu die Strafe auf seinem Backen, statt da
die brigen die Beleidigung in sich verschlossen und auf heimliche
Rache dachten. Denn wenn sie sich auf der Stelle rchten, so muten sie
befrchten, da der Geschlagene unsern Aufsehern seine Klagen vorbrchte;
und dann htten sie das groe Unglck gehabt, Vorwrfe oder Strafe leiden
mssen, oder wohl gar als unruhige Kpfe ffentlich entdeckt zu werden, da
sie es doch heimlich seyn wollten. Lieber unterdrckten sie ihren Verdru
und bezahlten dem Beleidiger bey einer andern Gelegenheit durch die dritte
Hand mit zehnfachem Wucher, und htten Wochen und Monate darber hingehen
sollen.

Von dem allen that ich gerade das Gegentheil, aber dies hatte fr mich
den Schaden, da ich bey unsern Vorgesetzten in den Ruf des unbndigsten,
starrsinnigsten und streitschtigsten aller Pagen kam.

Diese Leute waren wenig besser, als ihre Untergebenen. Sie schienen gar
nicht zu wissen, da es Charaktere giebt, oder geben msse, die offen und
geradezu handeln; mithin hielten sie das an mir fr strrische Bosheit, was
helle, unversteckte Gutherzigkeit war.

Hatte einer von meinen Mitpagen einen boshaften Streich gemacht, der die
schrfste Zchtigung verdiente, so hingen die brigen an einander wie
Kletten, wenn es zur Untersuchung kam. Fragte man mich aber, und ich wute
es, so gestand ich die Wahrheit, wurde aber auch der Martyrer derselben.
Denn der, der von mir angegeben wurde, war unschuldig, wie die Sonne;
aber _ich_ war der Thter, _ich_ hatte ihn aus Bosheit angegeben, um die
verdiente Strafe von mir auf ihn zu wlzen.

An meinen Lehrern lag es also nicht, wenn ich in kurzer Zeit nicht eben so
verdorben ward, als die brigen. Sie bothen mir, wie man sieht, hlfreiche
Hnde zu dieser Metamorphose.

Mein Vater hatte gesagt, ich wrde fhlen, was er unter dem Worte
_Sklavensinn_ verstanden htte. Jetzt glaubte ich ihm auf der Fhrte zu
seyn, und dies hielt mich ab, die Gesinnung meiner Mitpagen anzunehmen.

Die tiefen Verbeugungen, die sie zu machen pflegten, gefielen mir eben so
wenig. Der Tanzmeister hatte seine Noth mit mir. Er predigte und predigte,
und reckte und dehnte mich, aber meine Verbeugungen hielten das Mittel, und
er war in Verzweiflung, da er keinen Anstand hineinbringen konnte. Einmal
usserte er die Vermuthung, mein Rcken msse wohl von Eisen seyn. Sogleich
setzte ich einen Stuhl mitten in den Saal, legte mich rcklings ber
denselben hin, und nahm in dieser Stellung ein Stck Geld mit dem Munde von
der Erde auf. Als dies geschehen war, setzte ich den Stuhl stillschweigend
weg und sah den bestrzten Tanzmeister an. Er zuckte die Achseln und sagte
zu einem unsrer Aufseher: er hat unerhrte Geschmeidigkeit, aber will mir
nicht den Gefallen thun, und sie zum Guten anwenden. Dies zog mir von neuem
Vorwrfe und Drohungen zu; aber ich achtete sie nicht, weil ich meinem
Vater die Freude machen wollte, mich als Mann wieder zu finden. Ich glaubte
ihn nun vllig verstanden zu haben.




Drittes Kapitel.

_Moriz wird ber die Achsel angesehen._


Als ich ungefhr ein halbes Jahr Page war, wurde eine neue Hofdame
vorgestellt. Ich sah sie im Vorzimmer und sie wrdigte mich einiger Blicke,
die eine mir ganz fremde Wirkung auf mich thaten, und deren Wesen ich mir
nicht erklren konnte. Sie starrte einigemal auf mich her, da meine
Blicke unwillkhrlich zu Boden sanken. Ich fhlte eine Art von beklemmendem
Zittern, und zugleich stieg es mir warm vom Herzen bis zur Scheitel
herauf, und meine Haare krisselten auf derselben gerade so, als wenn man zu
Winterszeiten den bloen Kopf der Luft aussetzt.

Diese Empfindung war mir unertrglich. Ich wandte der Frau den Rcken zu
und fhlte Verachtung gegen sie, ohne mir einen Grund davon angeben zu
knnen.

So oft ich mich umsah, begegneten mir ihre Blicke und ich hatte jedesmal
dieselbe Empfindung. Zwey andre Damen bemerkten die Aufmerksamkeit, womit
sie mich ansah, und sagten ihr lachend etwas ins Ohr. _O_, erwiederte sie
ganz laut: _mir fllt nur seine blutrothe, burische Farbe auf und seine
ausgestopfte Figur! Wie lange ist er Page?_

Hu! wie mir das ans Herz scho! Es konnte niemand gelten, als mir, denn ich
war gerade der einzige Page im Vorzimmer. Aber hier konnte meine Wuth nicht
ausbrechen. Nie erinnere ich mich, in so einem frchterlichen und so vllig
unertrglichen Zustande gewesen zu seyn.

Verachtung war mir von jeher die tdtlichste Beleidigung gewesen, und
jetzt ward ich von einer Frau verachtet, die ich verachtete, die ich nie
beleidigt hatte. Dabey sah ich keinen Weg vor mir, mich an ihr zu rchen,
und mute den Trost entbehren, der den andern Pagen bey einer solchen
Gelegenheit nicht entgangen wre. Diese htten sich in Geduld gefat und
ihren Verdru mit sen Aussichten auf eine schleichende, stille Rache
niedergedrckt. Es fehlte wenig, so htte ich ihnen diese Gemthsart
beneidet.

Man wollte die Dame gern ehren, und gab ihr einen Pagen zum Dienst. Wie
froh war ich, da es mich nicht traf!




Viertes Kapitel.

_Das Zucken in den Muskeln des rechten Armes._


Aber man denke sich meinen Unmuth, als mir der Hausmarschall den folgenden
Tag ankndigte: ich sey zum Dienste der neuen Hofdame bestimmt, und msse
sogleich den Pagen Neuberg ablsen. Ich wre lieber durch Feuer gelaufen,
aber hier galt keine Widerrede. Seyn Sie hbsch gelehrig! sagte der
Marschall zu mir, als er sich entfernte.

Ich verstand nicht, was er damit sagen wollte und ging murrend auf meinen
Posten. Der Page Neuberg kam mir entgegen und schien etwas gegen mich auf
dem Herzen zu haben.

Sie dreymal glcklicher Mensch! hub er endlich mit sichtbarer Bosheit an:
Grfin Waller hat _Sie_ ausdrcklich verlangt!

Ich sah ihn ernsthaft an und sogleich sprang er auf einen andern Ton ber.

Ich habe den Korb, lieber Lemberg! fuhr er fort: Sie haben mich
ausgestochen. Sie sagte zum Marschall: schicken Sie mir doch den Pagen mit
den _runden_ -- ja, ich glaube, sie sagte mit den -- _runden_ Backen und
dabey beschrieb sie ihm Ihre Person sehr genau -- ha, hum! -- der Marschall
hatte Einwendungen und meynte ---- Aber ich konnte nicht recht hren, was
er sagte. O, erwiederte sie, das hab' ich bemerkt. Er ist noch sehr --
hier entfiel mir wieder das Wort, da sie brauchte -- aber eben darum will
ich mir ein eigenes Verdienst daraus machen -- ihn -- ab-- ja, ja! ihn
abzuhobeln! Seine Mutter ist meine Freundin.

Als er das Wort _abhobeln_ aussprach, that er einen Satz, der ihn drey
Schritte von mir entfernte. Es war der boshafteste, aber furchtsamste Gauch
unter allen Pagen. Nun verstand ich, was der Marschall hatte sagen wollen,
fhlte aber nicht, da sich Empfindungen der Dankbarkeit gegen meine
gromthige Lehrerin in meinem Herzen regten.

Ist der Page da? rief die Grfin zur Thr heraus, und ich trat mit einem
kurzen: _Was befehlen Sie?_ ins Zimmer.

Ach, der kleine Runde!

Das Wort rund war mir unbeschreiblich verhat geworden, von dem Augenblicke
an, wo es Neuberg mit einem bedeutenden Accent von meinen Backen brauchte.

Sind Sie nicht ein Lemberg?

Zu Befehl, gndige Grfin!

Lange keine Briefe aus Frankreich?

Vorgestern!

O, Ihre Mama ist meine Herzensfreundin! Wie gefllt es ihr, wie lebt sie
in Paris?

Davon hat mein Vater nichts geschrieben!

In dem Moment sprang sie auf mich zu, nahm mich bey der Hand, zog mich
rasch und ngstlich ans Fenster und rief: Lemberg, Sie sind ein Schlger,
das werde ich Ihrer Mama schreiben!

Ich sah sie mit groen Augen an.

Hier! (sie fuhr mit zwey Fingern sanft ber meinen linken Backen) hier ist
eine groe Narbe! Mit wem haben Sie sich geschlagen?

Narbe? Geschlagen?

Ja, ja! Nur nher, junger Herr!

Sie zog mich nher ans Fenster, blinzelte, strich mir noch einmal mit den
zwey Fingern ber den Backen, brach in ein erzwungenes Lachen aus und
sagte am Ende: sie htte einen Schatten auf meinem Backen fr eine Narbe
angesehen, und mich fr einen Schlger -- beydes sey nicht wahr.

Wenn man sich erinnern will, was ihre Anmerkung im Vorzimmer von meinen
_blutrothen, burischen Backen_ damals fr eine Wirkung auf mich that,
und wie sehr mein Verdru durch Neubergs Aeusserung von _runden_ Backen
vermehrt worden war; so wird man schlieen knnen, mit was fr einer Mine
ich diese neue Bemerkung ber meine Backen aufnahm. Ich hielt das alles
fr klaren, bittern Spott und mehr als einmal fhlte ich ein Zucken in den
Muskeln des rechten Armes, das meine Hand unwillkhrlich zu ballen pflegte,
wenn ich meinen Beleidiger ansah. Sobald meine Mitpagen dieses Zucken
bemerkten, hteten sie sich wohl, mir zu nahe zu kommen, denn es folgte
gewhnlich ein krftiger Faustschlag darauf.

Die Grfin wute dies nicht, und ein Glck fr sie, da in eben dem
Augenblicke, wo ich die Fassung verlor, der Hausmarschall ins Zimmer trat.




Fnftes Kapitel.

_Ich will ihr Kammermdgen rufen!_


Ich entfernte mich und kaum war die Thr hinter mir zu, so hrte ich ein
starkes Gelchter. Dies konnte vielleicht gar keinen Bezug auf mich haben,
aber ich glaubte mit Hnden zu greifen, da es mir glte. Es fuhr mir kalt
durch alle Adern, das Athmen ward mir unendlich schwer, und meine Brust war
wie mit starken Ketten zusammengeschnrt.

Nach einer halben Stunde entfernte sich der Marschall, und die Grfin
lie mich rufen. Ich trat herein und fand sie nachlig auf eine Ottomanne
hingegossen. Ihre damalige Figur und Stellung werde ich nie vergessen, und
ich glaube, da mir der Anblick des Todesengels in den letzten Sekunden
meines Lebens nicht widriger seyn wird.

Man denke sich eine Frau von vierzig bis fnf und vierzig Jahren, von Thee,
Punsch, Wein, Schocolate, von Liebe und Neid und langer Weile zusammen
gedrrt; mit einer kurzen Taille und einem schmalen Krper, der in einen
Reifrock eingerammelt schien; mit dnnen Armen und knchernen Hnden,
die sich wie ausgesprtzte Skelette ausnahmen; ber Gesicht und Arme eine
dnne, gelbliche Haut gezogen, unter welcher sich hier und da, matte,
schlaffe Adern hervor drngten; und dazu endlich ein Gesicht, so spitzig,
so eingefallen, da man den leibhaften Tod vor sich zu sehen glaubte. Das
einzige, was noch einige Funken Leben verrieth, war ihr Auge. Ein Feuer
brannte darin, das ihre ganze Lebenskraft aufzusaugen und in ein paar
kleine graue Sterne zusammen zu drngen schien.

Diese Figur lag auf der Ottomanne, als ich herein trat. Ich erschrack und
stand wie verstrzt, als sie einen von jenen Blicken, die mir damals im
Vorzimmer ein Grausen durch alle Glieder gejagt hatten, starr auf mich
heftete.

Befehlen die gndige Grfin etwas? stotterte ich und sah auf den Boden.

Mu man denn immer befehlen? Kommen Sie nher, Lemberg, erzhlen Sie mir
etwas von Ihrer Mutter.

Ich wei nichts!

Nun, so erzhlen Sie 'was anders. Setzen Sie sich hieher! Ihr jungen
Herren habt doch sonst immer den Kopf voller Schwnke. Wie viel Mdchen
haben Sie in Ihrer Schreibtafel? (sie nahm mich beym Rockschooe) Ich will
sie sehen!

Ich fhre keine Schreibtafel!

Ihre kurzen Antworten sind unausstehlich, Lemberg, ich will lngere!

Befehlen Sie sonst etwas, gndige--

Nichts, nichts befehle ich! Sie sollen mir 'was erzhlen. Ich habe
Langeweile!

So will ich ihr Kammermdchen rufen--

Mit diesen Worten drehete ich mich schnell um und sprang zum Zimmer hinaus.
Sie rief, aber ich hrte nicht, sondern sandte ihr das Kammermdchen. Es
ward mir unendlich wohl ums Herz, als ich sie im Rcken hatte, aber
was half die unbedeutende Frist? Wenn es ihr einfiel, mute ich doch
wiederkommen.




Sechstes Kapitel.

_Drey sonderbare Maulschellen._


Es war natrlich, da mir mein Verdru ber diese unertrgliche Lage
hundert Plane vorlegte, wie ich mich aus derselben ziehen sollte. Wre ich
dem ersten Ausbruche meines wilden Zorns gefolgt, so htte ich die Grfin
erschossen und mich mit; oder ich htte meinem rechten Arm den Willen
gelassen, der armen Frau den Kopf eingeschlagen und mich auf flchtigen
Fu gesetzt; oder ich htte ffentlich erklrt, da ich nicht lnger Page
bleiben wollte, wenn man mir nicht einen andern Posten gbe.

Aber alle diese Wege hatten ihre Unbequemlichkeiten, und ich sah keinen
andern vor mir, als mich eine Weile krank zu stellen, um dadurch zu
bewirken, da man der Grfin einen andern Pagen gbe. Aber das Betteliegen
war mir lstig. Lange Weile und besonders Schaam vor mir selbst, machten
mich nach drey Tagen wieder gesund. Die Grfin hatte zwar einen andern
Pagen bekommen, aber so bald es hie, ich sey wieder hergestellt, forderte
sie mich zurck. Ich ging im bittersten Unmuth zu ihr und fhlte, da mein
Abscheu die letzten drey Tage nicht abgenommen hatte.

Es war des Morgens gegen eilf Uhr, als sie mich rufen lie. Sie lag fast in
eben der Stellung auf der Ottomanne, als vor drey Tagen, und dies that eben
die widrige Wirkung auf mich wie damals. Ihr platter Busen zeigte sich in
seinem ganzen Lichte, und auf ihren Backenbeinen lag ein heller Karmin, der
gegen ihre natrliche Farbe einen hlichen Absatz machte.

Sie knnen nicht sehr krank gewesen seyn, hub sie an: oder Sie haben
einen guten Arzt gehabt.

Beydes!

Was wars denn eigentlich? Hatten Sie Kopfschmerz, Beklemmung,
Unverdaulichkeit?

Nichts von allem!

Oder Herzbeklemmung?

Nein!

Hatten Sie sich nicht in Acht genommen? Viel Wein oder Punsch getrunken?

Meines Wissens nicht!

Meine kurzen Antworten schienen sie aus aller Fassung zu bringen. Um sich
dafr zu rchen, schob sie mit einer ganz gleichgltigen Bewegung und wie
von ungefhr den Busenflor noch um zwey Finger breit zurck. Das machte mir
wirklich Todesangst.

Sie scheinen mir immer so mrrisch, Lemberg. Oder ist es Melancholie,
Unzufriedenheit mit Ihrer Lage?

Das letztre!

O, sagen Sie mir, entdecken Sie sich mir! Was ich thun kann -- Ich bin
es Ihrer Mutter schuldig, da ich mich Ihrer annehme. Stehen Sie nicht so
mitrauisch von der Seite, kommen Sie her, setzen Sie sich, entdecken Sie
sich mir, ich verspreche Ihnen meinen ganzen Einflu.--

Ich nahm ihr Anerbieten nicht an, und blieb verstockt stehen. Wenn ich
minder wider sie eingenommen gewesen wre, so htte ich wohl sehen
knnen, da ihr Betragen nicht Spott war; aber sie hatte es sich selbst
zuzuschreiben, da mir ihre geringschtzige Aeusserung im Vorzimmer so
gegenwrtig blieb. Genug, ihr ganzes Benehmen duchte mir boshafter Spott,
und in meinem Herzen kochte eine Wuth, die ich nicht lnger zurckhalten
konnte. Ich zitterte an allen Gliedern, und in meinem Gesichte brannte ein
Feuer, das mir die Adern zu sprengen drohte.

Sie erklrte dieses Phnomen zu ihrem Vortheil, und jetzt sehe ich wohl,
da sie sich schwerlich so viel an ihrem Busen zu schaffen gemacht haben
wrde, wenn sie mir htte ins Herz sehen knnen.

Pltzlich sprang sie mit einem Angstgeschrey auf und rief: eine Spinne,
eine Spinne, Lemberg, ums Himmelswillen, hier! hier! Ich beschwre Sie--

Ein schner Anblick!

Ich will ihr Kammermdchen rufen! sagte ich mit Verdru und Klte, und
wollte aus dem Zimmer, aber sie hielt mich.

Nicht doch, Lemberg! Es war wohl nur Einbildung! Bleiben Sie! Sehn Sie
nichts?

Ein halber Blick auf die schreckliche Aussicht setzte mich in
unbeschreibliche Verwirrung. Ich sah nicht hin, versicherte aber doch, es
krche keine Spinne an ihrem Halse.

Aber hier -- hier kribbelts doch!

Ich sehe nichts!

Das ist kein Wunder, Sie sehen auf die Dielen. Gefhlloser Mensch, wie
knnen Sie beym Schreck einer Dame so gleichgltig seyn? Kommen Sie her und
bitten mirs ab, oder ich kneipe Sie in Ihre kleinen, runden Backen.

Kaum hatte sie _Backen_ ausgesagt, so strzte meine ganze kochende, so
lange zurckgehaltene Wuth, in meinen rechten Arm, und der that seine
Pflicht. Ich gab ihr eine Maulschelle, da sie mit offenem Munde vor
mir stand, und stumm und starr wie ein Pagode nickte. Aber sie hatte
Geistesgegenwart -- sie gab mir zwey Schellen so rasch und hitzig zurck,
da ich die erste noch nicht fhlte, als mir die zweyte schon auf dem
Backen brannte.

Da standen wir und stutzten uns an, wie zwey Hhne, die einander gewachsen
sind.




Siebentes Kapitel.

_Weltklugheit und Menschenkenntni._


So standen wir gegen einander ber fnf Minuten. Alle ihre Glieder
zitterten vor Bosheit und ihr Mund lachte.

Wir sind quitt, sagte sie endlich: und ich bin noch mit Einer Schelle im
Vortheil. Aber dafr bin ich auch nur ein armes schwaches Weib und Sie --
ein Halbgott!

Auf einmal war nun mein Erstaunen so gro, als vorhin meine Wuth. Ich hatte
vermuthet, da sie Himmel und Hlle bewegen, die Beleidigung anzeigen und
nicht eher ruhen wrde, bis sie mir ewiges Gefngni ausgewirkt htte.
Ueberraschend und unerklrbar war mir also ihr Benehmen.

Wenn Sie zu dem ersten Schritte Mann genug waren fuhr sie fort: so
sind Sie's auch zum zweyten -- Kein Mensch darf erfahren, was unter uns
vorgefallen ist! Versprechen Sie mir das?

Ich stand von der Seite und hatte kurzen Athem. Sie nahm mit Ungeduld meine
Rechte und drckte sie mit beyden Hnden.

Versprechen Sie mir das?

Ich machte immer noch dieselbe Pantomime. Sie schttelte mich.

Ob Sie mir das versprechen, Lemberg?

Ich sah an die Decke. Meine Hitze war merklich verflogen.

Sie schlug beyde Hnde vor die Brust, als wenn sie auer Athem wre, und
sank wie ohnmchtig auf den nchsten Stuhl. Ich machte Miene, aus dem
Zimmer zu gehen -- pltzlich waren alle ihre Krfte wieder da, und sie
hielt mich mit einer Strke, die ich einer Frau von ihrer Schwchlichkeit
nicht zugetrauet htte.

Lemberg, rief sie mit schwacher Stimme, die ihr aber groe Anstrengung
kostete: Lemberg, seyn Sie nur halb so _gromthig_ als ich!

Dies Wort hielt mich und schlug mich beynahe zu Boden. Nur _halb_ so
gromthig, als dies -- _Weib_?

Was wollen Sie von mir, gndige Frau?

Diese Frage heiterte alle ihre Mienen und Blicke auf, und sie schien alles
Verdrusses, aller Unruhe zu vergessen.

Freylich mu mein Blick, nach den Bewegungen zu schlieen, die ich bey
den Worten, nur halb so gromthig empfand, von jenem ganz verschieden
gewesen seyn, mit welchem ich die rechte Hand wider sie aufhob. So weit ich
mich kenne, mute sie tiefe Beschmung und Demthigung in demselben bemerkt
haben.

Sie konnte auch von nun an mit mir machen, was sie wollte. Sie zog mich zu
sich auf die Ottomane und ich blieb gelassen sitzen; sie drckte mir die
Hand und ich lie es geschehen, ohne sie wegzuziehen. Als sie mich so weit
hatte, glaubte sie mich auch nach der Ursache meines wthenden Betragens
fragen zu knnen. Ich gestand, da sie mich zuerst im Vorzimmer beleidigt
habe; erzhlte, was ich von dem Pagen Neuberg hatte hren mssen und
beschrieb ihr Zug vor Zug alle die Grade, die mein innerer Verdru
durchstiegen war, um endlich zum Ausbruche zu strzen -- und das alles mit
einer feurigen Beredtsamkeit.

Sie schien wie aus einem Traume zu erwachen, und im Nu sprang sie auf,
fhrte mich zur Thr, stie mich ziemlich unsanft hinaus und sagte: Merken
Sie sichs, Lemberg, ich habe nur Eine Maulschelle -- _Sie_ -- _Zwey_! --
Knall flog die Thr hinter mir zu.

Ich verstand, was sie damit sagen wollte, und mein Blut ward von neuem
rhrig. Aber die Thr war hinter mir abgeschlossen.




Achtes Kapitel.

_Malchen und -- Grfin Waller._


Gewi ist es, da sie mich nun durch und durch kannte. Bey minderem
Scharfsinn htte sie mich hflichst zur Thre gefhrt, und mich vielleicht
mit Thrnen gebeten, niemand zu sagen, was unter uns vorgefallen sey; aber
sie stie mich zur Thr hinaus und erreichte eben diesen Zweck.

Man htte mich mit Pferden zerreien knnen, und das Geheimni wre nicht
ber meine Zunge gekommen.

Ich konnte in der Nacht, die auf diesen Tag folgte, nicht schlafen. Zwey
Bilder beschftigten meine Phantasie, die man sich nicht ungleichartiger
denken kann -- _Malchen_ und _Grfin Waller_!

Es war mir unerklrbar, wie mir in der jetzigen Stimmung meines Geistes
und Herzens Malchen so auf einmal vor Augen treten konnte. Ich hatte sie in
drey Jahren nicht gesehen; das Andenken an sie, machte mir, auer einigen
schnell vorbergehenden frohen Empfindungen, nicht die mindeste Unruhe,
und ihr Bild schien von Zeit zu Zeit vllig aus meinem Gedchtnisse
verschwunden zu seyn. Aber diese Nacht kam es zurck, mit hellen, krftigen
Farben ausgemalt, in einem Glanze, der mein geistiges Auge blendete.
Ich umarmte dies se Kind meiner Phantasie, drckte es, in Entzcken
verlohren, an mein klopfendes Herz, und wenn ich dann recht zusahe, so
hielt ich -- die Grfin Waller in meine Arme geschlossen.

Meine eigne, und meiner Leser Delikatesse, erlaubt es mir nicht, einer
Erscheinung deutlicher zu erwhnen, die mich diese Nacht berraschte.
Alles, was ich davon sagen kann, ist, da sie viel Aehnliches mit der Scene
im Gebsche hatte, wo uns Malchens Mama berraschte, und da sie, wie ich
jetzt wohl einsehe, der Schlssel zu den Phantasieen ist, die mich diese
Nacht beschftigten.

Einem Beobachter, der mit festem Tritt und unverrcktem Blicke der Natur
folgt, der den zarten Verkettungen, dem fast unsichtbaren Gewebe, den
allerfeinsten Fden, die nur eine allmchtige Hand zwischen Geist und
Fleisch ziehen konnte, nachzuspren Beruf und Geduld hat, dem wird
diese Erscheinung, und ihre Ursach kein Rthsel seyn, und der wird mich
verstanden haben.

Ich berlie mich dem Entzcken, Malchen in so verklrter Gestalt wieder zu
sehen, obgleich sie mir noch lieber gewesen wre, wenn die verhate Waller
nicht neben ihr gestanden htte. Ich wute nicht, da der Wunsch, das Bild
dieser Frau vor meinen Blicken zu entfernen, nicht erfllt werden konnte,
ohne da ich zugleich sie aus dem Gesichte verlre. So fest hatte die
Zauberin Natur diese Antipoden zusammengekettet!

Als ich erwachte, war mein erster Gedanke -- Malchen. Wenn ich ein Buch
aufschlug, war der Anfangsbuchstabe jedes Wortes ein _M_. Jedes Mdchen,
das mir begegnete, hatte Aehnlichkeit mit ihr. Einigemal glaubte ich
sie von ferne zu sehen, flog ihr entgegen, war getuscht. Wenn ich htte
nachdenken wollen, so wrde mir eingefallen seyn, da sie sich schwerlich
in einem Anzuge wrde sehen lassen, den sie vor vier Jahren trug, als ich
sie nach meiner Wanderung bey meinen Eltern wiedersah. Wirklich lief ich
jeder Mdchengestalt nach, die so gekleidet war, als Malchen damals, und
konnte mich dann wundern, da es nicht Malchen war, da sie doch dieselbe
Farbe trug.




Neuntes Kapitel.

_Liebe, und einige ihrer Wirkungen._


Mein Dienst bey der Grfin duchte mir nicht mehr so lstig, als vorher.
Ich mu gestehen, da ich sogar mit einer Art von Ungeduld den Augenblick
erwartete, wo sie mich wrde rufen lassen. Ich fhlte ein unwiderstehliches
Sehnen, und immer war es mir, als wenn ich durch sie Nachrichten von
Malchen erhalten wrde. Sonderbar! -- Sie rief mich endlich.

Verdru und Unwillen lagen sichtbar auf ihrer Stirne. Ich machte ihr eine
Verbeugung die ich schwerlich noch vor jemand so tief gemacht hatte.
Sie gab mir mit weggewandtem Gesicht und in einem herrischen Ton einige
Auftrge, und setzte kein Wort mehr hinzu, als sie sagen mute, um mir
ihren Willen zu erklren. Die Reihe war nun an ihr, bse zu seyn, bis jetzt
hatte ich dies Vorrecht gehabt.

Dieses Betragen hatte genau die Wirkung, die sie dadurch erreichen wollte.
Ich entledigte mich ihrer Auftrge mit groem Eifer, und war dabey so
dienstfertig, so gefllig, da ich ihr heute ein ganz andrer Mensch
scheinen mute. Sie sah mich einigemal mit forschendem Blick an und schien
meine Vernderung mit innerlicher Selbstzufriedenheit zu bemerken. Aus
einigen ihrer Mienen zu schlieen, mute sie es als eine unausbleibliche
Folge ihrer Maregeln ansehen.

Als ich zurckkam, um ihr zu melden, da ich ihre Auftrge genau besorgt
habe, sagte sie: Ihre Dienstfertigkeit verdient meinen Dank, und ich
wei, da ich Ihnen keinen grern geben kann, als wenn ich Ihnen hiermit
erklre, da ich den Marschall um einen andern Pagen gebeten habe.

Ich sah sie an und ging stillschweigend zur Thr hinaus. Wie lcherlich!
Ich htte es nun lieber gesehen, wenn ich ihr Page htte bleiben knnen.

Der jetzige Zustand meines Herzens schien keiner feindseligen Empfindung
Raum zu lassen. In gewissen Augenblicken schmte ich mich sogar recht
herzlich, die Grfin so burisch behandelt zu haben, und einigemal war ich
wirklich im Begrif zu ihr zu gehen, und sie um Verzeihung zu bitten. Je
fter ich mir Malchens Bild vor mein geistiges Auge zurckholte, desto
geflliger war das Licht, in welchem ich die Grfin erblickte. Immer noch
konnte ich an keine von beyden denken, ohne zugleich die andre vor mir zu
sehen. Es schien, als ob die himmlische Glorie, in welcher ich Malchen die
vorige Nacht erblickte, auch der Grfin einen Glanz mitgetheilt htte, der
mir Auge und Herz fr sie aufschlo.

Endlich verschwand auch jeder Schatten von der Beleidigung, die ich so
krftig erwiedert hatte; ich fing an, ihre Gromuth zu bewundern, und zu
bedauren, da mir keine Gelegenheit blieb, das Geschehene wieder gut zu
machen.




Zehntes Kapitel.

_Wahnsinn der Liebe._


Wenn ich sie nur sehen knnte, nur sehen, nur sehen! Dies war mein erster
und eifrigster Wunsch, wenn ich an Malchen dachte. Alles, was mir auf der
Welt das liebste war, htte ich um die Erfllung desselben gegeben!

Anfangs blieb es nur beym Wnschen und ich behielt die Hnde im Schooe;
denn ich hatte die Grille, sie mte nicht weit seyn, sie mte mir
nchstens einmal begegnen. Acht Tage hielt ich mich mit dieser Einbildung
hin; endlich ward ich thtig, beschlo an Papa Ernst zu schreiben und
Nachricht von ihr einzuholen. Ich that es und zwar -- im Postskript des
Briefes, den ich ausdrcklich _ihrentwegen_ schrieb. Ich hngte diese
Worte an: _Auch mchte ich wohl wissen, wie sich Herr und Frau von Lehmnitz
befinden._

Das nenne ich doch eine Erkundigung! Aber es war mir nicht mglich, das
Wort _Malchen_ unter vier Augen zu nennen, vielweniger ihren Namen mit
allen seinen Buchstaben schwarz auf wei zu schreiben. Wie glcklich mute
Papa im Rathen seyn, wenn er mir auf meine Frage eine befriedigende Antwort
htte ertheilen sollen! Und doch hoffte ich mit so groer Unruhe auf seinen
Brief, als ob er durchaus keinen andern Inhalt, als Nachricht von Malchen
haben knnte.

Was fr ein Unterschied! Meine ltern Mitpagen sagten ffentlich: ich bin
in dieses oder jenes Mdchen zum sterben verliebt; sie heit so und so;
wohnt da und da; heute hab' ich eine Zusammenkunft; aber ich, ich wagt' es
nicht, mich nur entfernt nach einem Mdchen zu erkundigen, das mir Ruhe und
Verstand geraubt hatte; ich frage nach _ihren Eltern_ und erwarte fest, da
die Antwort auf diese Frage sie betreffen soll und mu.

Dehalb erstaunte ich auch gar nicht, als Papa's Brief ankam und von
Anfang bis zu Ende von -- Malchen handelte. Ich erfuhr, da sie nach L**
in Pension gethan sey, und zwar erst vor einigen Tagen; dabey beschrieb
mir Papa alles, selbst die Strae, wo die Franzsin wohnte, die sie in Kost
genommen htte.

Ein Glck fr mich, da in diesen Tagen keine andre merkwrdige Begebenheit
in Papa's Gegend vorgefallen war; er wrde mir sonst eben so gut diese
beschrieben haben, und ich wre in Verzweiflung gewesen, wenn ich nichts
von Malchen in seiner Antwort gefunden htte.

Uebrigens war Papa immer noch der alte. Er schrieb mir alle Debatten, die
vorher zwischen Herrn und Frau von Lehmnitz vorgefallen waren, ehe sie sich
entschlossen htten, Malchen nach L** zu schicken; gab mir einen Auszug
des ganzen Briefwechsels zwischen ihnen und der Franzsin zu L**; wute,
wieviel jhrlich fr Malchen bezahlt wurde; was sie fr Wsche mitgenommen
hatte; in welcher Stunde und in welcher Kutsche sie abgefahren war; wie die
Franzsin hie und in welcher Strae sie wohnte. Der Geist der Kleinigkeit
und Geschftslosigkeit lebte und webte in diesem Briefe.

Aber wie angenehm war mir diese Umstndlichkeit! Ich las den Brief zehn,
zwanzigmal mit pochendem Herzen, aber nicht ohne ein Gefhl von Besorgni,
Papa mchte aus dem Postskript geschlossen haben, ich sey in Malchen
verliebt. Der scharfsinnige, feine Papa! Wie knnte er sonst einen ganzen
Brief mit lauter Nachrichten von Malchen fllen?

Ich verschlo den Brief sorgfltig in meinen Koffer, und kaufte mir
ausdrcklich ein Vorlegeschlo, damit mir ihn niemand nehmen und daraus
sehen knnte, da ein gewisses Malchen nach L** in Pension gethan sey.

Nun hatte ich also Nachricht von Malchen, aber gab mir das meine Ruhe
wieder? Sehen, sehen mu ich sie! rief es nun ungestmer in meinem
Herzen, und je grer die Unmglichkeit vor meinen Augen heranwuchs, desto
brennender ward mein Verlangen, sie zu bersteigen. Die Vernunft erlag
endlich der Schwrmerey.

L** war freylich volle dreyzehn Meilen entfernt; es fehlte mir freylich
an einem Vorwande, der mir auf einige Tage Urlaub verschaffen konnte; auch
wute ich weder Weg noch Steg, noch fhlte ich Muth genug, mich bey
der Franzsin aufzufhren; aber das waren kleine Berge, die meine
Einbildungskraft nur den kleinsten Sprung kosteten. Genug, ich wollte sie
sehen, das war fest beschlossen, und mit eins! waren alle Hindernisse aus
dem Wege.

Ich rannte zu einem Pferdeverleiher, borgte mir ein Pferd, setzte mich auf,
und nun ohne Urlaub zum Thor hinaus. Es war Abends gegen fnf Uhr, als mich
diese Raserey ergriff, und um Mitternacht hatte ich schon die Hlfte des
Weges zurckgelegt. In M** miethete ich mir einen Kerl, der des Weges
kundig war, und auch die Strae in L** wute, in welcher die Franzsin
wohnte. Dreymal strzte ich, dreymal fiel mein Gaul kraftlos unter mir zu
Boden. Ich hatte fnf Beulen vor der Stirn, und mein Gesicht war von
Hecken und Gestruchen zerfleischt. Mein Begleiter bat mich flehentlich,
Tagesanbruch zu erwarten, aber ich machte ihm Muth, bald mit Geld, bald mit
der Hetzpeitsche. Diese fand ich nicht so wirksam als jenes.

Morgens um sechs Uhr, hatte ich nur noch eine Stunde von L**. Jetzt kam
mein Verstand etwas zurck, denn ich hatte doch so viel Ueberlegung, da
Malchen noch nicht aufgestanden seyn wrde, wenn ich unter ihrem Fenster
hingaloppirte. Ich lie den Pferden Futter geben, und zhlte mit heier
Ungeduld jede Minute, bis es sieben schlug. Kaum ausgebrummt, auf und
davon! Mein Begleiter versicherte zwar, die Pferde htten noch nicht halb
abgefressen; aber was kmmerte mich das!

Wir kamen nach L**. Nur den nchsten Weg nach der H** Strae! sagte ich
zu meinem Gefhrten; aber ohne so lange zu warten, bis er mir denselben
zeigte. In wenig Minuten sah ich mich an dem entgegengesetzten Thore. Mein
Begleiter versicherte, wir mten umkehren, sonst ritten wir zu dem einen
Thore hinein und zu dem andern wieder heraus. Ich fuhr ihn fr diese
Nachricht an, aber er entschuldigte sich mit dem Kompliment: er habe
geglaubt, ich knne nicht wohl hren. Er habe immer gerufen, aber ich sey
meines Weges fortgeritten.

Ich mute also umkehren; aber nun achtete ich besser auf seine Anweisung.
Hier ist die H** Strae! rief er endlich, und mein Herz pochte hoch auf.
Ich gab meinem Pferde die Spornen, und lie es springen, um die Leute
ans Fenster zu locken. Als ich beynah am Ende der Strae war, sah ich ein
Frauenzimmer in einem Erker. Sie ists! Sie ists! sagte mir mein Herz.
Ich war freylich noch volle funfzig Schritte von ihr, aber sie war es
leibhaftig! Meine Blicke waren aus der Ferne starr auf sie geheftet, sobald
ich ihr aber auf zwanzig Schritte nher war, schlug ich die Augen nieder,
gab meinem Pferde die Spornen und sprengte davon.

Nun war also mein heiester Wunsch erfllt! Nun hatte ich Malchen gesehen!

Ich kann mich des Lchelns nicht erwehren, wenn ich an mein damaliges
Benehmen denke. Beynahe den Hals gebrochen, beynah ein Pferd todt gejagt,
um Malchen zu sehen, ich glaube sie von weitem im Erker zu erblicken, und
als ich nher komme, sehe ich nicht hin! Lcherlich, sehr lcherlich!

Und doch, wer war glcklicher als ich? Was mein krperliches Auge nicht
gesehen hatte, ersetzte mein geistiges. Nicht der kleinste Zug war mir an
Malchen entgangen. Ich hatte sogar bemerkt, da sie mir zulchelte, da sie
mir winkte, da sie ber die Sprnge meines Pferdes ngstlich schien -- was
hatte ich nicht alles -- o Wunder, Wunder! -- mit zur Erde gesenkten Augen
gesehen!

Wenn ich htte nachdenken knnen oder wollen, so wrde dieser optische
Betrug bald in sein Nichts zerflossen seyn. Denn das Bild von Malchen,
welches mir meine Phantasie vorfhrte, war immer noch gerade so gekleidet,
als damals, wo ich sie nach meiner Wanderung wiedersah.

Aber ich hatte Malchen gesehen, darauf wre ich gestorben, und das machte
mich zum glcklichsten Sterblichen.




Eilftes Kapitel.

_Zwey Verhre._


Als ich nach D** zurckkam, fand ich alles in Aufruhr. Man hatte geglaubt,
ich sey durchgegangen, hatte schon Koncepte zu Briefen an meine Eltern
ausgearbeitet und dem Pferdeverleiher sein Pferd bezahlt -- auf einmal
erschien ich. Mein erster Gang war in den Pagenhof, mein zweyter in Arrest.
Man sagte mir, Grfin Waller habe sich am angelegentlichsten nach mir
erkundigt.

Ich hatte das alles vorhergesehen und war darauf gefat. Man htte mir
keinen grern Gefallen thun knnen, als wenn man mich zu einem ewigen
Gefngni verurtheilt htte; denn an Malchen hatte ich eine sehr angenehme
Gesellschaft.

Die drey Tage, die ich im Arrest zubrachte, verflogen wie drey Stunden, und
ich wre lieber nicht herausgegangen. Ich ward verhrt, und wute nicht,
was ich sagen sollte. Man hielt dies fr einen neuen Beweis, da ich der
allerverstockteste, hartsinnigste Page sey, lie mich gehen und drohete.

Aber ich hatte noch ein zweytes Verhr auszustehen, das mir schwerer ward.
Grfin Waller lie mich zu sich kommen; aber sie wute schon mehr, als ich
ihr sagen konnte.

Man hatte, sobald man mich vermite, meinen Koffer erbrochen, um zu sehen,
ob man nicht einen Beleg zu meiner Entweichung finden knnte. Man fand aber
nichts als Wsche und den Brief von Papa Ernsten. Dieser ward zwar gelesen,
aber man blieb so klug, als vorher.

Die Grfin sprach mit dem Pagen Neuberg von mir, und dieser erzhlte, da
man meinen Koffer erbrochen, aber nichts gefunden habe, als Wsche und
einen gleichgltigen Brief. Er habe zwar bemerkt, da ich einige Tage her
fters vor meinem Koffer gewesen wre, auch einen Brief gelesen, und
ihn jedesmal sorgfltig verschlossen habe; aber das knne unmglich der
gedachte Brief gewesen seyn.

Die Grfin war aber doch neugierig, diesen Brief zu sehen; der Marschall
gab ihr denselben; sie las ihn und schpfte Verdacht. Aber das konnte
_sie_ nur, die einzige unter Millionen, die mit ganz andern Augen sah, als
gewhnliche kalte Zuschauer. Sie erkundigte sich nher, erfuhr, da ich, so
lange die Vermhlung meiner Eltern geheim geblieben wre, auf dem Guthe des
alten Ernst sey erzogen worden, und da ein Herr von Lehmnitz in der Gegend
wohne, von dessen Tochter eben die Rede im Briefe sey. Auf einmal schien
ihr ein helles Licht aufzugehen; sie grbelte glcklich weiter, gerieth
aber doch in so fern auf einen Abweg, da sie glaubte, Papa Ernst sey der
Vertraute meiner Liebe, sonst wrde er nicht soviel von Malchen geschrieben
haben. Sie setzte voraus, er sey ein alter, erfahrner Weltkenner, und
wisse, wie angenehm auch die unbedeutendsten Umstnde dem Liebhaber sind,
wenn sie die Dame seines Herzens betreffen.

Wie gefllts Ihnen in L**? war ihre erste Frage, als ich zu ihr ins
Zimmer trat.

Ich stutzte und erstaunte und sagte endlich befremdet: In L**?

Ja, ja, in L**! Sind Sie denn anderswo gewesen?

Ich war in der peinlichsten Verwirrung. Mein hervorstechendstes Gefhl war
eine Art von verschmter Besorgni.

Ich bin nicht in L** gewesen!

Armer Mensch! Ihre eignen Augen strafen Sie Lgen! Genug, Sie sind in L**
gewesen, das wei ich, und wenn Sie's auch niemand gestanden haben. -- Soll
ich rathen, bey wem?

Bey diesen Worten war mir, als wenn man mir einen Eimer siedendes Wasser
ber den Leib strzte.

Was macht _Malchen Lehmnitz_? Freute sie sich nicht ber ihren Ritter?
Hier (sie zeigte auf meine Stirn) die Ste und Risse mssen ihr unendlich
angenehm gewesen seyn -- nicht, Lemberg?

Ich glaubte in den Boden zu sinken.

Wie scheu, wie schchtern der Mensch ist! Warum reden Sie nicht? Sie
sehen ja, da ich alles wei. Oder soll ich Ihnen ein frmliches Gestndni
ersparen? Nun gut! Hren Sie also, was Sie selbst nicht zu wissen scheinen
wollen: Sie sind in die Lehmnitz verliebt, und sind nach L** geritten, um
sie zu sehen. Getroffen?

Ich machte eine Bewegung, als wenn ich den Kopf schtteln wollte und doch
nicht knnte.

Nun, ich sehe wohl, Lemberg, Sie sind noch nicht vllig mit mir
ausgeshnt, sonst wrden Sie mir doch eine Sylbe gnnen. Ich mu also
meinen hohen Begriff von Ihnen ein wenig herunterstimmen. Indessen ist es
mir nicht leid, da ich mich als Freundin Ihrer Mutter fr Sie verwandt
habe. Da Sie der Kassation entgangen sind, danken Sie mir. Hier ist Ihr
Brief. Ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen, als da ich es wei, da Sie
in L** gewesen sind, und sonst niemand!

Ohne eine Sylbe, selbst ohne einen Laut von mir zu geben, entfernte ich
mich aus dem Zimmer.




Zwlftes Kapitel.

_Ein Seelengemhlde._


Ich wute nicht eigentlich, wie ich mich bey dem Betragen der Grfin nehmen
sollte. Weil ich es aber schon gewohnt war, sie nicht mehr fr so boshaft
zu halten, als sonst, so fing ich nach und nach an, alles, was sie sagte
und that, so gut ich konnte, von der besten Seite anzusehen. Jene Nacht,
wo sie mir mit Malchen Hand in Hand erschien, und das Gefhl, mich fr ihre
Verachtung hinlnglich gercht zu haben, hatten ganz unmerklich in meinem
Herzen zu ihrem Vortheile gearbeitet. Da ich eine Maulschelle mehr
bekommen hatte, als sie, fiel mir nicht ein; und wenn ich ja einmal daran
dachte, so erweckten die Umstnde und die Art, womit sie mir das Kapital
verzinset zurckgab, ich wei selbst nicht, was fr eine sonderbare
Empfindung in mir, die mir mehr lcherlich als krnkend war. Aber mehr als
alles andre zog mich das Geheimni von Malchen an sie, theils, weil ich
frchtete, sie mchte es verrathen, theils, weil ich mich der seltsamen
Grille nicht erwehren konnte, _sie sey eine Freundin von Malchen, und habe
von ihr Nachricht erhalten, da sie mich in L** gesehen_.

Ich wei nicht, wo man in gewissen Stunden Wahrscheinlichkeiten hernimmt,
die einem unmgliche Dinge, als mglich, so klar und deutlich vorstellen
knnen, da man auf Hirngespinnste Schlsser bauet. Ein solcher
unbegreiflicher Spuk war wohl die vorhin erwhnte Grille, die ich nach
und nach so knstlich ausspann und erweiterte, da ich mich endlich fest
berzeugte: _Die Grfin knne es wohl bey Malchen so weit bringen, da_--

Ja, nun stand ich wieder! Was sollte sie mir denn bey Malchen auswirken?
Das wute ich nicht, hatte auch keine deutliche Idee davon. Nichts als
Wnsche, ewige Wnsche, und wenn ich mich dann fragte: was wnschest du dir
denn? so stutzte ich wohl eine Weile, aber die wohlthtige Einbildungskraft
nahm sich meiner an, und versetzte Berge.

Wenn ich mir einen Begriff von dem Zustand eines Menschen machen will, der
seinen ganzen Verstand verloren hat, so denke ich mir einen Liebhaber, wie
ich damals war. So ganz Kind, so ganz aller edlern Krfte beraubt, so ganz
unthtig in mich selbst verschlossen, ohne Plan, ohne Kraft und Muth,
mir einen vorzuzeichnen, so aller Gewalt ber mich selbst beraubt, so
lebendigtodt -- mag ich nie wieder seyn. Wenn ich die Liebe auf dem
Fu betrieben htte, wie meine grern Mitpagen, so wre ich vor diesen
Zufllen sehr sicher gewesen.

Uebrigens war es gar keine Frage, ob mich Malchen liebte? Wie war es
mglich, da mir einfallen konnte, _sie hat mich vergessen_? Freylich hatte
sie mich in vier Jahren nicht gesehen, aber was hinderte das? Sie war
in andre Verbindungen und Verhltnisse gekommen; sie hatte gewi andre
Mannspersonen kennen gelernt, die ihr in der Nhe waren, und die sie leicht
einem Menschen vorziehen konnte, mit dem sie zwar als Kind gespielt, von
dem sie aber seit langer Zeit keine Nachricht hatte -- So natrlich mir
diese Betrachtungen htten seyn sollen, beunruhigten sie mich doch keinen
Augenblick, oder, genauer gesagt, ich hatte nicht einmal die entfernteste
Ahndung davon. Und wie konnte ich auch, da sie mich in L** gesehen, und mir
zugewinkt und zugelchelt hatte?

Es fehlte mir ohnehin sehr an Kenntni des Weltlaufes (das mute die Grfin
auf den ersten Blick gesehn haben, sonst htte sich eine Frau von ihrer
Feinheit wohl schwerlich solch eine platte Liebeserklrung zu Schulden
kommen lassen) aber jetzt war auch das wenige, was ich mir abstrahirt
hatte, vllig aus meinem Gedchtnisse verschwunden. Ich schob phantasierte
Aussichten und Bilder den _wirklichen_ unter, lebte und webte in einer
Welt, die ich mir selbst erschaffen hatte, und verlor diejenige aus den
Augen, auf welcher ich mit meinen leiblichen Fen ging und stund.




Dreyzehntes Kapitel.

_Moriz wird Soldat._


Alles, was ich in diesem Zeitpunkte der Vergessenheit meiner selbst sagte
und that, war handgreiflicher Unsinn, womit ich mich und meine Leser
verschonen mu. Ich war mrrisch, in mich selbst verloren, that und sagte
alles verkehrt, war nachlig und verdrossen in meinen Geschften, und
wnschte ihrer ganz entledigt zu seyn, doch ohne zu wissen, was ich fr
einen andern Stand ergreifen sollte. Meine Vorgesetzten bemerkten dies, und
da sie mich schon lange aus einem falschen Gesichtspunkt ansahen, so war
es natrlich, da ich immer tiefer und tiefer in ihrer Gunst und Achtung
fallen mute. Es kam endlich so weit, da sie hhern Orts erklrten,
ich wre zum Pagen vllig untauglich. Man wrde mich auf der Stelle
fortgeschickt haben, wenn man mich nicht aus Achtung fr meinen Vater
geduldet htte. Indessen ward in der Stille daran gearbeitet, mir eine
andre Stelle anzuweisen.

Nach einigen Tagen lie mich die Grfin rufen, und ich flog zu ihr,
weil mir trumte, sie wrde mir eine angenehme Nachricht von Malchen
mitzutheilen haben.

Wie leben Sie, Lemberg? Immer noch so mimuthig? Wenn Sie sich nur
entdeckten, vielleicht gbe es Mittel dagegen!

Ich zuckte die Achseln und hatte viel auf dem Herzen.

Ist es Mivergngen ber Ihre Lage, oder verliebte Besorgni?

Das erstre, gndige Grfin!

Ist Ihnen das Pagenleben zuwider? Wnschen Sie sich einen andern Stand?
Entdecken Sie sich, ich wei Mittel, Sie zu beruhigen!

Diese letzten Worte brachten mein Blut in Bewegung. Ich glaubte, aus
denselben sicher schlieen zu drfen, da sie Nachrichten von Malchen
htte, die sie im Begriff stnde, mir mitzutheilen. So schief diese
Vorstellung war, so schief fiel auch meine Antwort aus.

Ihr Betragen ist unausstehlich, Lemberg! Sie scheinen selbst nicht zu
wissen, was Sie wollen, und es ist nthig, da Andre fr Sie denken und
handeln!

Bey diesen Worten fuhr sie ganz von ungefhr in die Tasche, und ich hrte
Papier rauschen. Was konnte dies anders seyn, als ein Brief von Malchen?
Ich erwartete unter Zittern und Ungeduld den Augenblick, wo sie die Hand
herausziehen wrde. Es geschah, aber da kam kein Brief von Malchen! Wie
bitter war ich getuscht! Meine ganze Fassung war dahin.

Wollen Sie Soldat werden?

Sehr gern!

Kavallerist, oder Infanterist?

Jetzt blieb ich stumm, und kann man rathen, weshalb? Auf einmal scho mir
der Gedanke durch die Seele, da ein Infanterieregiment in den Vorstdten
von L** stnde. Was auf diesen fr ein andrer folgte, wird man auf den
ersten Blick sehen. Stumm war ich und blieb ich. Die Grfin sah mich mit
sphenden Blicken an.

Infanterist? Nicht, Lemberg?

Wenn die gndige Grfin befehlen!

Sie lachte hell auf.

Also Infanterist! Ich dchte aber, Sie schickten sich besser zum
Kavalleristen. Was meynen Sie?

Nein -- ich -- wrde--

Sie haben sich aber schon als ein wahrer Ritter gezeigt! Wissen Sie wohl
noch, durch Ihre Reise nach L**!

Ich war wie verstrzt, und die scharfen Blicke der Grfin machten mir
Hllenpein.

Doch, wie Sie wollen! Unter welches Regiment mchten Sie wohl?

Gleichviel, unter welches! stotterte ich.

Ich mute bey dieser Antwort eine erschreckliche Ble geben, denn sie ward
mit groem Gelchter aufgenommen.

Unter das zu L** meynen Sie doch? Nicht, Lemberg?

Nein -- gn -- gndige Grfin--

Also nicht nach L**. Ich glaube selbst, da Ihnen der Ort zuwider seyn
mu, weil er Sie in Arrest gebracht hat.

Sie sagte dies mit einer studierten Ernsthaftigkeit, die mir durch Mark und
Bein ging.

Aber Sie wren doch der erstaunlichen Ritte berhoben, wenn Sie unter das
Regiment nach L** gingen?

Jedes Wort war mir ein zweyschneidiges Schwerdt. Ich siedete und kochte,
fhlte aber nicht das mindeste Zucken in den Muskeln des rechten Armes. Wie
theuer mute ich die Schelle bezahlen!

Ich habe schon gesagt, Lemberg, da Sie selbst nicht wissen, was Sie
wollen, ich mu mich schon Ihrer annehmen. Kommen Sie morgen wieder, und
holen Sie sich Bescheid!

Ich drehete mich stillschweigend um und ging. Sie rief mich zurck.

Noch eins mu ich Ihnen sagen! Sie gelten bey Hofe fr einen Anverwandten
von mir, merken Sie sich das! Es hat gute Grnde, die Ihnen in die Augen
fallen werden. Nun gehen Sie!

Das Betragen der Grfin blieb mir von Anfang bis zu Ende unbegreiflich,
und das war kein Wunder, da ich sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkt
ansah, den Umstand ungerechnet, da mein Kopf und Herz in einer Lage waren,
die mir durchaus nicht erlaubte, das zu erforschen, was um mich vorging.
Ich wute ja nicht einmal, wie mir eigentlich war.

Den folgenden Tag bekam ich das Patent zu einer Fhndrichsstelle unter dem
Regimente zu L** und ich war wie vom Himmel gefallen.

Sogleich rannte ich zu der Grfin, um ihr zu danken, denn es war gewi,
da sie das alles bewirkt hatte. Aber weshalb interessierte sie sich so fr
mich? _Um ihrer Freundin Malchen einen Gefallen damit zu erweisen._

Diese seltsame Grille verlie mich nicht. Wie wrde die Grfin gelacht
haben, wenn sie derselben auf die Spur gekommen wre.

Ich konnte es nicht anders machen, hub sie mit verbinem Lachen an: Sie
muten nach L**. Es fehlte gerade ein Fhndrich. Wenn es Ihnen aber da
nicht gefllt, so schreiben Sie es mir, ich will sorgen, da Sie mit der
Zeit an ein anderes Regiment vertauscht werden!

Es schien, als ob ich dazu verurtheilt gewesen wre, unter ihren Augen den
Stummen zu spielen. Ich hatte mir vorgesetzt, ihr _soviel_ zu sagen, aber
konnt' ich es? Drey Worte und ein Blick von ihr machten mich zum Kinde.

Beym Abschiede sagte sie zu mir: es bleibt dabey, Sie sind mein Vetter.
Oder mgen Sie nicht aus meiner Verwandtschaft seyn?

Welch ein Glck fr mich, _wenn_ ichs wre! sagte ich, und man bewundere
meinen erstaunlichen Muth.

Endlich einmal ein Wort, das sich hren lt! erwiederte sie: Schade, da
es so sehr spt kmmt! Augenblicklich machte sie die Thr hinter mir zu.

Den folgenden Tag ging ich zum Regiment ab. Habe ich wohl nthig, die
Bewegungen zu schildern, die mich ergriffen, als ich die Thrme von L**
erblickte?




Vierzehntes Kapitel.

_Schchternheit wahrer Liebe._


Man wird es mir auf mein Wort glauben, da ich die H** Strae sehr gut zu
finden wute. Drey bis viermal stahl ich mich tglich unter dem Erker weg,
in welchem ich Malchen damals gesehen haben wollte; aber es dauerte gegen
drey Wochen, eh ich das Glck hatte, sie abermals zu sehen. Und als ich
sie endlich sah -- man denke sich mein Staunen -- da war es in dem Fenster
eines Hauses, das ich bis jetzt keines Blickes gewrdigt hatte; es stand
an dem andern Ende und auf der andern Seite der Strae. Diese seltsame
Erscheinung erklrte ich mir am natrlichsten dadurch, da die Franzsin
eine andre Wohnung bezogen haben mte. Denn es war unumstlich gewi, da
ich Malchen damals an dem andern Ende und auf der entgegengesetzten Seite
der Strae, im Erker gesehen hatte.--

So viel ich auch auf dreyig Schritte unterscheiden konnte, war Malchen,
seitdem ich sie nicht gesehen hatte, ein volles, frisches, ausgewachsenes
Mdchen geworden. Das war sonderbar! Als ich sie damals im Erker erblickte,
war sie noch genau so gro, als sie immer gewesen war, da ich noch mit ihr
spielte. Aber in den vier Wochen war sie erstaunlich gewachsen.

Auch diesmal betrug ich mich sehr albern. So lange ich weit genug von ihr
entfernt war, sah ich starren Blicks nach ihr hin, als ich mich aber nahe
unter ihrem Fenster befand, sah ich vor mich auf die Erde und beschleunigte
meine Schritte. Ein Anderer htte ihr wenigstens ein Kompliment gemacht.

Ich wei nicht, wie lange ich dies Spiel getrieben haben wrde, wenn nicht
mein Muth durch einen Zufall gewachsen wre. Einmal kam ich die Strae
herunter und sah Malchen wieder im Fenster. Sie hatte ihr Gesicht nach der
andern Seite gewandt und sah mich nicht. Ich hatte also das se Vergngen,
ihren Haarputz von hinten zu sehen. Meine Blicke waren fest auf sie
geheftet, und lieen nicht eher ab, als bis ich dicht unter ihrem Fenster
war -- pltzlich drehete sie den Kopf, sah mich an, fuhr zurck und machte
das Fenster zu.

Ihr Blick fuhr wie ein elektrischer Schlag durch mein ganzes Wesen. Alles
tanzte vor meinen Augen, meine Fe waren mir zu leicht, und mit jedem
Schritte glaubt' ich in eine Grube zu treten.

Es dauerte eine gute halbe Stunde, eh ich zu mir selbst kam, und nun war
mein erster Gedanke, durch die H** Strae zurck zu gehen. Am Eingange
derselben ward ich auf einmal unschlssig und ich htte gewi einen andern
Weg genommen, wenn sich nicht gerade einer meiner Kameraden zu mir gefunden
htte.

Aha, Lemberg, sagte er, haben Sie das Terrain von L** so studirt?

Wie so?

Sie gehen doch durch die H** Strae um die Krone von L** zu sehen?

Mir fing unwillkrlich das Herz an zu pochen, und ich mu roth geworden
seyn.

Habe ichs getroffen? Armer Lemberg! Sie sind nicht der einzige, dem's
unterm Kra schlgt, wenn er das Haus da (er zeigte mit dem Stocke auf
das Haus, wo ich Malchen gesehen hatte) ansieht. Es war eine Zeit, wo ich
selbst solch ein Narr war. Kommen Sie! _Sehen_ knnen Sie den Engel, aber
das ist auch alles!

Ich fhlte eine hchst unangenehme innerliche Bewegung, jener hnlich, die
der groe Blumist in Holland hatte, als ihm ein Fremder versicherte,
er habe eben die Blume, die er nur auf dem ganzen Erdboden _allein_ zu
besitzen glaubte, schon bey einem deutschen Grtner gesehen.

Mein Begleiter zog mich halb wider meinen Willen fort, und ein Glck fr
mich, da Malchen nicht gerade aus dem Fenster sah, ich wre sonst unter
ihren Augen umgekehrt, und htte dem Offizier die lcherlichste Ble
gegeben. Wir kamen nher, ich wagte einen Blick, sie stand am Fenster,
begegnete mir mit ihren Augen, und, sollte man es denken! ich war burisch
genug, einige Schritte vorbeyzugehen, ehe es mir einfiel, den Hut zu
ziehen. Ich that es endlich, aber ohne hinter mich zu sehen, und sie war so
nachsichtsvoll, das Fenster aufzureien und mir zu danken. Mein Begleiter
versicherte mich, sie habe gerufen: wie kommen Sie hieher, Herr von
Lemberg? Ich hatte nichts gehrt, glaubte es ihm auch nicht.

Mein Kamerad erkundigte sich, woher unsere Bekanntschaft rhrte, und ich
erzhlte ihm, in einer Art von Verzckung, da ich sie schon lange kennte
und mit ihr erzogen wre.

Sie sind zu beneiden, Lemberg! sagte er: Aber warum besuchen Sie das
schne Mdchen nicht? Oder ist es schon geschehen?

Ich versetzte ganz gleichgltig, da ich ihr bey Gelegenheit meine
Aufwartung machen wrde.

Bey Gelegenheit? Auf der Stelle sollten Sie es thun! Sie hat, auf meine
Ehre, gerufen!

Mit diesen Worten verlie er mich.

Von diesem Tage an besuchte ich die H** Strae mit leichterm Herzen, und
hatte sogar den Muth, Malchen von der Seite anzusehen, wenn ich sie grte.
Aber hinauf zu gehen und mit ihr zu sprechen? Es htte eines Riesenarmes
bedurft, um mich in das Haus zu schieben.




Funfzehntes Kapitel.

_Eine Hiobspost._


Dies Unwesen trieb ich gegen vier Wochen, ohne mich nur einen Schritt nher
an sie zu wagen, und doch war ich unbeschreiblich glcklich.

Wissen Sie wohl, Lemberg -- sagte der vorhin erwhnte Officier auf der
Wachparade zu mir: aber, was sollten Sie's nicht wissen! Frulein von
Lehmniz ist Braut!

Ein Donnerschlag! Ich versicherte ihm mit zitternder Stimme: das wte ich
nicht.

Freylich mu ihr ein reicher Graf lieber seyn, als ein Fhndrich, fuhr
er fort: aber lassen Sie sich kein graues Haar darber wachsen. Sie sind
nicht der erste, dem es so geht!

Ich stie mit meinem Rohre groe Lcher in den Sand.

Kennen Sie den Brutigam?

Ich schttelte mit aufeinander gebissenen Zhnen den Kopf.

Graf Waller!

Wild und wthend fuhr ich auf.

Sehen Sie, da steht er, der dumme, ausgetrocknete, se Narr! Nur ein paar
Schritte nher, so knnen Sie ihn riechen!

Ich warf den Kopf herum, mit einer Bewegung, die meinem Gesellschafter sehr
lcherlich seyn mute.

So sehen Sie ihn doch nur wenigstens an. Sie mssen sich doch an seinen
Anblick gewhnen. Er bleibt mit seiner Braut in L**.

Ich war wie auf der Folter, fate aber doch endlich Muth und sah den Grafen
an. Er stand mit einem Offizier Hand in Hand.

Wie kann man sich aber mit solch einem elenden Menschen abgeben? sagte
ich, mit der ganzen Wuth, die sich mir aufs Herz geworfen hatte: Ein
Soldat, und solch ein Windbeutel! Dem Lieutenant Rahm kann ich nie wieder
gut werden, weil er ein vertrauter Freund von ihm ist!

Bravo, bravo! rief mein Gesellschafter lachend: Sie werden beredt! Immer
geben Sie von sich, was Sie auf dem Herzen haben, das wird Ihnen gute
Dienste thun. -- Wissen Sie, wie man hier die beyden Leute nennt? _Damon
und Pythias_. Solch eine Freundschaft ist unerhrt! Sie wohnen auf Einer
Stube, schlafen in Einem Bette, halten sich Ein Mdchen, kurz, einer ist
des andern Schatten. Das ist bekannt, und Sie haben sie gewi selbst mehr
als hundertmal gesehn!

Kann seyn, aber es ist mir nicht aufgefallen!

Und nun fllts Ihnen so stark auf, da Sie kochen? Ich sehe, wo es Ihnen
fehlt, lieber Lemberg, aber ich sage Ihnen, die Lehmniz straft sich selbst.
Vielleicht ist sie auch von ihren Eltern -- dazu -- gezwungen worden. --
Aber, mein Gott, das mssen Sie ja alles wissen?

Ich wei nichts!

Nun, so begreife ich Sie nicht. Sie mssen mir sagen, wie Sie mit ihr
stehen. Gleich auf der Stelle, ich lasse nicht nach.

Ich war also gezwungen zu beichten. Ich erzhlte ihm, da ich zwar mit ihr
erzogen wre; da ich sie aber in vier Jahren nicht gesehen habe: kurz,
gestand ihm alles, was man wei.

Nun denn, nahm er das Wort, denn haben Sie auch keine Ansprche auf
sie, und es ist Ihre eigne Schuld, wenn sie einem Andern die Hand giebt.
Sonderbarer Mensch! Wie knnen Sie vermuthen, da es einem Mdchen genug
seyn wird, wenn Sie sich tglich zwey- oder dreymal unter ihrem Fenster
wegstehlen, und sie hchstens gren? Wie kann sie glauben da Sie etwas
fr sie empfinden, wenn Sie nicht zu ihr kommen, da Ihnen der Zutritt
unverwehrt ist? Lieber, lieber Lemberg, sich selbst haben Sie es
zuzuschreiben, wenn Sie unglcklich sind. Nun ist es zu spt. In acht Tagen
ist Hochzeit! Muth gefat und vergessen -- weiter ist kein Weg brig!




Sechzehntes Kapitel.

_Ein Quiproquo._


Es wre vergeblich, den damaligen Zustand meines Herzens zu schildern.
Ich erinnere mich, acht Tage hindurch keinen einzigen hellen und dauernden
Gedanken gehabt zu haben. Eine Menge von Bildern schwebte meiner Phantasie
vorber, alle mit Blut und Mord gezeichnet; aber meine Raserey kam nicht
zum Ausbruch, so gewaltsam auch der Sto war, den sie die letzten Tage
vor Malchens Hochzeit erhielt. Grfin Waller kam aus D** und lie mich
freundlichst zur Hochzeit bitten. Herr und Frau von Lehmniz kamen und
verkndigten mir die Vermhlung ihrer Tochter unter Jubel und Freude.
Frulein Louise wollte mich zu ihrem Tnzer in Beschlag nehmen. Graf
von Waller erschien mit seinem Busenfreunde Rahm und freuete sich, meine
Bekanntschaft zu machen -- Unertrglich, unertrglich! Ich wute nicht, wo
ich war! Ich kannte mich selbst nicht!

Die ganze Stadt war voll von dieser Vermhlung. Ja, hie es, er ist
freylich Graf, soll auch sehr reich seyn -- aber -- den Nachsatz sagte
sich der Brger ins Ohr, und der Soldat lachte und sagte ffentlich: Armer
Graf, wie wirds in der Brautnacht aussehen?

Indessen ging die Hochzeit vor sich. Ich blieb im Bette und mute das
Fieber haben. Je dichter ich mich in meine Kssen verhllte, desto
lebhafter wurden mir die Bilder von Malchen und dem Grafen Waller. Ich nahm
mir fest vor, in vier Wochen nicht aus dem Bette aufzustehen, aber wie sehr
fiel mir schon ein halber Tag zur Last! Gegen Abend vermehrte sich meine
Unruhe. Ich wollte dies thun, wollte das thun, und that nichts. Endlich
beschlo ich, mich zu verkleiden, und mich unter die Zuschauer zu mischen,
um -- ja, wenn ich auch gewut htte, was ich da thun wollte. Ich nahm die
Uniform meines Kerls, zog sie an und hin. Alles war um und um erleuchtet,
alles zeigte Glanz und Freude. Das Souper war in einem Gartenhause,
ausserhalb der Stadt, welches der Graf seiner neuen Gemahlin gemiethet
hatte, und der Garten, der dazu gehrte, war aufs prchtigste erleuchtet.
Aber eben der Glanz und die Frhlichkeit sagten mir nicht zu. Ich ging
zurck, wie ich gekommen war, und beschlo, mich tief in mein Bette zu
vergraben. Ich zog mich aus -- pltzlich ward ich wieder anderes Sinnes.
So kmpfte ich zwischen Wollen und Nichtwollen bis gegen zwey Uhr in der
Nacht. Endlich widerstand ich nicht lnger. Ich warf einen groen Mantel,
wie sie damals allgemein getragen wurden, ber den Schlafrock, und ging
nach dem Gartenhause zurck.

Alles war still; die Gesellschaft schien auseinander gegangen zu seyn und
die Lampen im Garten waren meist erloschen. Die schauerliche Dunkelheit
hielt mich. Ich ging dreymal um das Haus, die Augen in dsterer
Verzweifelung auf ein Zimmer geheftet, wo ein drftiges Licht zu brennen
schien. Auf einmal erlosch auch dieses, und die Ideen, die mir dieser
Umstand erweckte, raubten mir Verstand und Bewutseyn.

Und indem ich zum viertenmal so dicht im Mantel verhllt, um das Haus
schlich, fnete sich die Thr. Es kam eine Mannsperson hinter mir her
gesprungen und hielt mich. Nun ists Zeit, Rahm, flsterte sie, mach'
alles, wie wirs verabredet haben!

Ich stutzte und erstarrte. Der Mann fhrte mich mit zitternder Hand zum
Hause, und ich folgte, ohne einen Laut von mir geben zu knnen. Wo -- wo,
will das hinaus? dachte ich und fhlte einen erschtternden Frost in allen
Gliedern.

Wir stiegen mit uerster Behutsamkeit die Hlfte einer Treppe hinan.
Hier nahm mir der Graf den Mantel ab und sagte: die erste Thre rechts, du
kannst nicht fehlen! Er schien eben so sehr aus aller Fassung zu seyn als
ich, und schob mich die Treppe hinauf. Ich verhielt mich ganz leidend; auch
nicht der kleinste Laut kam ber meine Lippen.

Aber wie ward mir, als ich die Treppe vollends hinantappte, da pltzlich
eine Thr aufging, ein sanfter, warmer Hauch mich anwehete, eine weiche
glhende Hand meine Rechte ergriff und mich nach sich zog! Ich wre
mitgegangen und wenn sich die Hlle mit allen ihren Schrecknissen vor mir
aufgethan htte!




Moriz.

Viertes Buch.




Erstes Kapitel.

_Extasen._


Sie drckte mich an ihren wallenden Busen und sprach mit dem ganzen Zauber
der weiblichen Lippe, wenn sie von Mitleid berfliet, zu mir: ist Ihnen
wieder wohl, lieber Graf?

Der se Ton ihrer Stimme durchdrang mein Innerstes, und ein heftiges
Zittern, das mich wie Fieberschauer erschtterte, war die Folge dieser
Anrede.

Und htte ich auch reden wollen, ich htte es nicht gekonnt. Alle meine
Empfindungen blieben nur halb empfunden, so Schlag auf Schlag durchkreutzte
eine die andre, unterdrckte sie, und war von einer andern unterdrckt. Es
war ein Zustand der Betubung, wo ich vor lauter Gefhlen nichts fhlte, wo
keines derselben dauernd genug war und Gewalt genug hatte, das eiserne Band
meiner Zunge zu lsen.

Sie antworten mir nicht? sagte sie im Tone der Aengstlichkeit -- Ich
will -- ach! -- ich mu rufen!

Das Wort _rufen_ erweckte mich wie aus einem tiefen Schlafe. Das Bewutseyn
meiner ganzen jetzigen Lage flog meiner Seele vorber und schnell folgte
die That dem Gedanken: ich umschlo sie mit dem ganzen gewaltigen Feuer der
Liebe.

Und indem ich sie an mein lautpochendes Herz drckte, fhlte ich, wie ihr
rechter Arm, der um meinen Nacken lag, drey- viermal zuckte, als wenn man
pltzlich erschrickt, und da dieser Arm in der nchsten Sekunde darauf,
sanft auf meiner Schulter liegen blieb.

Sie sagte noch ein paar Worte, die ich nicht verstand, lie mich rasch los
und that einen kurzen Schritt zurck. Nur ihre Linke hatte ich noch,
und diese drckte ich an mein Herz, als ob ich sie in meine Brust htte
hineindrcken wollen.

Ums Himmelswillen, sind Sies, oder--

Die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Das _oder_ war der Hauch eines
sanften Flsterns, welches die Stelle des Lautes einnimmt, in dem Momente,
wo die Seele fhlt, da die Zunge im Begrif ist entweder unschickliche oder
beleidigende Dinge zu sagen: sie verwandelt mit der Schnelligkeit eines
Blitzstrahls den Hauch, der einen lauten Ton geben sollte, in jenes
Flstern, das kaum hrbar ber die Lippen suselt.

In dem Augenblicke, wo ihre Seele den ersten Gedanken mit dem zweyten
verdrung, trat sie mir auch wieder nher, drckte sie auch meine Hand
wieder feuriger. Ich umschlo sie von neuem, sie mich -- und so in eins, so
innig verschlungen, brennende Wange an brennende Wange fest geheftet, beyde
nur einen Herzschlag fhlend, beyde fast eins -- sanken wir, in unnennbare
Wonne aufgelst, zurck. Ohne Bewutseyn, lebendigtodt, und doch voll
Kraft, fhllos, und doch bis aufs innerste Mark bewegt, brannte und
fror ich, starb und erwacht' ich wechselsweise, bis endlich meine ganze
Lebenskraft in einen Hauch zusammen scho, und sich in einen Seufzer
auflste, der kaum stark genug war, den sen Namen _Malchen_ ber meine
bebende Lippen zu drngen. Mein Kopf glitt langsam von ihrem Busen herab,
und ihre Rechte schob mich mit einem sanften Druck auf die Seite.




Zweytes Kapitel.

_Muth und Strke._


Pltzlich sprang die Thr auf und Rahm strzte mit Wallern herein. Malchen
drckte das halb geschlossene Auge ganz zu, und blieb ohne Bewegung auf dem
Bette liegen. Aber ich stand vor ihr, beyde Arme fest an den Leib gedrckt,
alle ihre Muskeln so straff angespannt, als ich Eichbume htte entwurzeln
wollen. Mein starrer Blick scho von Waller auf Rahm, von Rahm auf Waller,
und nur zuweilen von der Seite auf Malchen, die ich hlflos liegen lie,
mit dem wilden Gedanken, der Kampf zwischen uns dreyen werde sie zeitig
genug aufschrecken.

Rahm trat ein paar Schritte nher, hob das Licht auf, das er in der Hand
hielt, und sah mir ins Gesicht. Stumm und sprachlos vor Erstaunen und Wuth,
setzte er das Licht auf den Tisch und hielt sich mit beyden Hnden fest an
demselben. Der Tisch zitterte und krachte, bald strker, bald schwcher, so
wie ein innerer gewaltiger Sturm Rahmen ergriff und erschtterte.

Waller ging todtenbla und auf den Zehen um ihn herum. Bey jedem Schritte,
den er that, knickten die Gelenke des Fues, worauf er trat, hrbar. _O,
mein armes Weib!_ sagte er endlich, indem er den Kopf furchtsam nach dem
Bette hinstreckte und sich mit beyden Hnden fest an Rahmen hielt. Je nher
sein Kopf auf mich zu kam, desto weiter rckte ihm meine festgeballte Faust
entgegen. Eher soll sie ewig schlafen, als durch _dich_ erweckt werden!
dies war der einzige helle Gedanke, dessen ich mich whrend dieser
wechselseitigen Pantomime erinnere.

Mit dem einen Auge htete ich den Grafen, mit dem andern seinen Freund.
Bey der kleinsten Bewegung, die dieser machte, spannten sich meine Muskeln
unwillkhrlich straffer an, und auf meine Fe trat ich so fest, als wollte
ich mich in den Boden tief hineinpflanzen, um unerschtterlich zu stehen,
wenn man mich angriffe.

Ich wei nicht, wie lange wir in dieser stummen Stellung blieben. Malchen
regte sich endlich wieder, hllte sich aber in eben dem Augenblicke mit
einem: _Ach Gott, was wird das werden!_ ins Kopfkssen. Ich konnte nur
einen kleinen, flchtigen Seitenblick auf sie, von Rahmen abmigen, aber
durch alle meine Glieder scho eine betubende Hitze, die aus der Besorgni
entstand, sie mchte sich noch einmal regen und rufen; ich fhlte, da
mich der klagende Ton ihrer Stimme rhrte, und auf einige Momente muthlos
machte, darum wnschte ich, sie nicht mehr zu hren.

_O, helfen Sie doch!_ rief der Graf, und sein Zittern erschtterte
Rahmen, an den er sich immer noch fest hielt, und der Tisch, auf welchen
sich dieser mit beyden flachen Hnden gesttzt hatte, zitterte und krachte.
Rahm sah eine Zeitlang stumm vor sich hin, sodann schlug er die Augen auf
und sah sich im Zimmer um, als ob er etwas suchte. Meine Blicke folgten den
seinigen berall hin; wo sie ruhten, ruheten die meinigen; wandte er sie
aber auf Malchen, so stellte ich mich ihnen entgegen -- auch sehen sollte
er mein Malchen nicht, auch nicht sehen! -- Und angreifen? darauf stand Tod
und Verderben.

Endlich verweilte sein Blick in der einen Ecke des Zimmers ein paar
Augenblicke, und ich bemerkte, da dort ein Degen stand. Sollte ich ihm
zuvorkommen, und den Degen fr mich nehmen? -- Nein, durchaus nein! Denn
unterdessen htte sich der Graf dem Bette nhern knnen. Ich stand immer
noch, wie in den Boden gewurzelt. Rahm ri sich von Wallern los, sprang
nach dem Degen und fate ihn, und pltzlich sah ich um mich und ber mich,
wie wenn der Boden unter mir einstrzte, und ich nun noch, um nicht zu
versinken, mit verzweifelnder Aengstlichkeit nach etwas suchte, woran ich
mich halten knnte. Die Schnelligkeit, womit ich dies that, leidet keine
Vergleichung, und eben so wenig die gewaltsame Bewegung, die mich whrend
dieser unsglich kurzen Momente ergriff. Aber indem ich so nach Rettung
um mich blickte, bemerkte ich ein Pistol neben mir ber dem Bette. Sehen,
fassen und spannen war eins!

Sie ist geladen, um Gottes willen! rief der Graf, indem er von weitem
seine Hnde nach mir ausstreckte, und dann schnell auf Rahmen zusprang, um
ihm den Degen zu entwinden.

Er ist geschliffen, ich beschwre dich, Rahm! sagte er zu diesem, und ward
von ihm ungestm zurckgestoen. Aber er stellte sich von neuem
zwischen uns, den Rcken nach mir gekehrt, und beyde Hnde gegen Rahmen
ausgebreitet. Dieser sah mit blitzendem Auge und zuckender Lippe ber
Wallers rechte Schulter, und ber die linke scho die Spitze seines Degens
auf mich her; aber ich streckte ihm mein Pistol ber die rechte Schulter
des Grafen entgegen.

Da standen wir! Er stach nicht zu, und konnte nicht zustechen, ich scho
nicht, obgleich ich schieen konnte. Hatten sie doch mein Malchen noch
nicht berhrt! Nur _darauf_ stand Tod und Verderben.

Von beyden Seiten kein Wort, kein Laut -- nur das Gerusch des Athems, der
aus drey gefesselten Busen gewaltsam hervorbrach, nur das Zittern der Diele
auf welcher wir standen!

In dem Augenblicke regte sich Malchen von neuem, und es erfolgte der vorige
Ausruf. Ihre Stimme schien uns alle Drey gleichstark zu erschttern; mir
wollten die Sehnen des rechten Armes erschlaffen; ich fhlte, da ich
schwcher ward, und strkte, in unsglicher Anstrengung, um Muth zu
behalten, Muth mit Muth. Unausbleiblich war hier Ohnmacht oder Raserey! Es
ward letztre, und nun drang ich, in wilder Wuth, mit der Linken alles vor
mir her wegstoend, und die drohende Rechte aufgehoben, auf meine Gegner,
packte den Grafen im Nacken, und hob und strzte ihn ber Rahmen hin. Beyde
fielen. Rahm lie den Degen fallen, ich mein Pistol, ich ergriff mit
der Linken den Grafen, und mit der Rechten seinen Freund, und zerrte und
schleppte sie nach der Thr, stie mit dem Fue wider dieselbe, sie sprang
auf, und nun warf ich mich, mit Lwenstrke im Arme, und mit Tigerwuth im
Herzen, auf beyde, und drngte sie zur Thr hinaus. Der Graf kollerte ein
paar Stufen die Treppe hinab, und Rahm blieb wie ausser sich vor der Thre
liegen, die ich im Triumph zuschlug und verriegelte.

Nun ging ich, so kalt, als wre nichts geschehen, putzte das Licht, setzte
mich zu Malchen aufs Bette, und dabey war mir immer, als wenn ich lachen
sollte.

So wird allerhchste Glut zur Klte, und allerhchste Klte zur Glut!

Aber dieser Zustand dauerte nicht zwey Minuten. Meine Glieder waren wie vom
Rade zerschmettert, ich fhlte sie nicht, und konnte sie nicht regen, und
meine Augen sanken zu, whrend ein kalter Schauer durch meine Adern fuhr,
und meine Sinnen betubte und gleichsam vernichtete.




Drittes Kapitel.

_Gestndnisse ohne Worte._


Ich wei nicht, wie lange ich in diesem Zustande blieb. Als ich die Augen
aufschlug, erblickte ich Malchen mit dem Lichte in der Hand vor mir.

Gott! er lebt wieder! rief sie mit einer Stimme, deren unendlich rhrende
Modulation ich noch zu hren glaube. Sie sank halbohnmchtig in einen
Lehnstuhl, und ich sprang auf und flog zu ihr. Ich nahm ihre Hand, und
drckte meine Lippen fest auf die ihrigen. Sie kam wieder zu sich.

O, der erste Blick, der aus ihrem halbgefneten Auge langsam auf mich fiel
-- nie und nimmer werde ich ihn vergessen! Ein Meer von Wonne strmte aus
ihm in mein erwrmtes Herz, unwillkhrlich sank ich vor ihr auf die Kniee,
und noch jetzt schme ich mich dieser Stellung nicht. Das weibliche Auge,
welchem _die_ himmlische Gte entstrmen konnte, verdiente Anbetung vom
Manne. Sie legte ihre rechte Hand sanft auf meine Schulter und mit der
linken hob sie mich auf. O, ziehn Sie mich aus dieser Unruhe, Lemberg,
sagte sie, indem sie meine Hand ergriff und sie langsam an ihr Herz
drckte: oder ich sterbe unter Ihren Hnden!

Ich fhlte mich wie verjngt und verklrt. Der Nebel der alle meine
Geisteskrfte bis daher verhllt hatte, schwand auf einmal, und ich sah
mit gelutertem Auge auf das, was geschehen war, und geschehen wrde.
Ich zitterte nicht mehr, wenn ich Malchen ansah, sondern eine bescheidene
Vertraulichkeit trat an die Stelle der Furcht, die mich sonst bey ihrem
Andenken oder ihrem Anblicke befiel. Und sie selbst schien mich nicht zu
frchten, ihre Blicke verriethen nichts, als diejenige Unruhe, die aus
hochgespannter Neugier entsteht, und zwey oder drey derselben sagten mir
noch einmal das Verlangen, das sie mir vorhin schon mit Worten zu erkennen
gegeben hatte.

Nun stand ich nicht lnger an, sie zu befriedigen. Ich erzhlte ihr mit
einer feurigen Beredtsamkeit die Geschichte dieses Abends: wie ich voll
Verzweiflung ums Haus gelaufen, wie mich der Graf gerufen und geheimnivoll
in ihr Zimmer gefhrt habe; wie ich empfindungs- und gedankenlos in ihre
Arme gesunken sey.--

O, ich wute, da es der Graf nicht war! sagte sie und schien in eben dem
Augenblick ber dies Gestndni herzlich zu erschrecken. Sie wandte ihren
Blick von mir, legte die linke Hand vor die Augen und der helle Inkarnat
der Unschuld glhete auf ihren Wangen.

Sie wuten -- Sie wuten es? rief ich: O, wie konnten Sie das wissen?
Ich drang in sie, aber sie schwieg. Es entstand eine lange Pause, die aber
nicht ngstlich war, denn ich hielt Malchen fest umschlossen. Ihr rechter
Arm ruhete auf meiner linken Schulter, so da ihre Finger dicht ber meiner
Herzgrube lagen, und ihr linker Arm, drckte meinen rechten, den ich um sie
geschlungen hatte, fest an ihr Herz. Ihr Haupt lie sie, um ihre Lippen vor
den meinigen zu schtzen, lchelnd auf die linke Schulter zurcksinken.

Ach, in dieser Stellung htte ich sterben wollen! Ein sanftes Feuer
durchflo meine Adern, brannte auf meinen Wangen, glhete auf meinen
Lippen, und o! in meinem Herzen lebte die sanftere Freude, die auf den
ersten wilden Ergu des Entzckens zu folgen pflegt, und Bilder, unendlich
schner als Alles, was je eine feurige Einbildungskraft, die in Aether und
Sonnenstrahl lebt und webt, gesehn und erfunden hat, wallten im Gewande
der sanftern Morgenrthe meinem geistigen Auge vorber. Himmel und Erde
entschwanden meinem verklrten Blicke, und nichts als mich und Malchen,
sah ich in dem grnzenlosen All, das sich mir zu Liebe in sein herrlichstes
Feyergewand gekleidet hatte.

In Malchens Auge glnzte ein ganzer Himmel voll Wonne, in einen einzigen,
reinen Kristalltropfen aufgelst, der bebend und flimmernd ber die
glhende Wange herab rollte.




Viertes Kapitel.

_Erluterungen._


Unter diesen himmlischen Trumen wrden wir noch Stunden zugebracht haben,
wenn uns nicht ein Gerusch aufgeschreckt htte. Ich sprang auf und lehnte
mich gegen die Thr, mit einer Kraft, als wenn ich dem Stoe eines Riesen
zu widerstehen gehabt htte. Aber das Gerusch lie nach, und ich hrte,
da man in halblautem Wortwechsel die Treppe hinunter ging. Es waren die
beyden Freunde, die sich wieder aufgerafft hatten. Morgen frh, soll sich
alles aufklren, sagte der Graf: Ich beschwre dich, warte so lange,
sonst ziehen wir das ganze Haus herbey!

O, wir sind sicher bis morgen frh -- rief ich und hpfte zu Malchen:
Lustig, gutes Malchen, lustig!

Ich that drey hohe Sprnge und sie lachte dazu.

Wie wir uns so vergessen knnen! sagte sie errthend: Ich glaube, wenn
wir beyde morgen sterben sollten, wir dchten nicht daran! Aber, lieber
Lemberg, wenn Sie sich entfernten, es wre wohl besser!

Ich erinnere mich in meinem Leben nicht so erschrocken zu seyn, als bey
diesen Worten. Der helle Angstschwei stand mir vor der Stirn, und wenn
zehn Degenspitzen auf mich eingedrungen wren, um mich aus dem Zimmer zu
vertreiben, so htten sie meinen Muth nicht so niederschlagen knnen.

Vielleicht las sie in meinen Blicken, wie tdtlich sie mich erschreckt
hatte, denn sie drang nicht weiter in mich und sagte nicht nein, als ich
ihr versicherte: da ich sie ewig nicht aus meinen Augen lassen wrde. Mit
Tagesanbruch sollte ihr Vater die ganze Geschichte erfahren, und dann ber
uns alle Recht sprechen; dann sollte er entscheiden, ob seine Tochter die
Gattin eines Menschen bleiben knnte, der so wenig Gefhl fr Ehre und
Schande bese, und dann -- Aber ich hatte nicht Herz genug, ihr zu sagen,
was dann geschehen sollte. Aber sie errieth es ohne meine Worte, das zeigte
ihr heiteres Auge, welches sie langsam von meiner Hand auf die Erde gleiten
lie.

Wir gingen Arm in Arm in herzlicher Vertraulichkeit im Zimmer auf und ab,
und ihre Zunge schien sich auf einmal zu lsen:

O, wenn Sie wten, lieber Moriz -- ach! ich mu Sie so nennen, denn
dieser Name setzt mich in die glcklichsten Zeiten meines Lebens zurck --
wenn Sie wten, wie man mich berrascht hat! -- Vor drey Wochen erfuhr ich
zuerst, da ich an den Grafen verheyrathet werden sollte, und seit gestern
bin ichs schon--

_Gewesen! Gewesen!_ unterbrach ich sie hitzig: Sie sollen sehen, Sie sollen
sehen!

Die erste Nachricht, von dem Unglcke, das mir bevorstand, bekam ich
von meiner Mutter. Es war ein Brief von der Grfin Waller an meinen Vater
eingelaufen, worin sie anfangs die Verdienste und das Alter seiner Familie
gehrig anerkannte, und gleich darauf mit dem Verlangen ihres Neffen
hinterdrein kam. Er sollte mich in L** gesehen, und vom ersten Anblick an
nichts sehnlicher gewnscht haben, als sich mit mir zu verbinden. Er
sey Graf, reich, und einziger Erbe einer Tante, die einen Abgott aus ihm
machte.

Sie wissen, wie offen das gute Herz meines Vaters gegen Schmeicheleyen
ist, besonders wenn sie von dem Alter seiner Familie und seinen Kindern
hergenommen sind. Ohne sich lange zu bedenken, ohne mich zu fragen,
schreibt er mit der nchsten Post zurck, er wre nicht abgeneigt, nur
wnschte er seinen Schwiegersohn zu sehen. Dieser kommt in wenig Tagen an,
und vollendet den Eindruck, den der Brief der Grfin gemacht hatte.

Eh ichs mir versehe, kmmt mein Vater mit dem Grafen hieher und stellt
mir ihn gleich bey der ersten Anrede als meinen knftigen Gemahl vor. Ich
glaubte in den Boden zu sinken! Ach, mein Herz war schon zu voll, um noch
eine grere Last zu tragen! Ich hatte Sie fters unter unserm Fenster
hingehen sehen, Ihr Anblick nach so langer Zeit hatte alle die Freuden von
neuem in meinem Herzen aufgeweckt.----

O, Lemberg (sie senkte ihr Haupt zrtlich auf meine Schulter) und
Sie sahen nicht einmal zu mir herauf! Ach, und ich htte Sie so gern
gesprochen, htte mich so gern unsrer frohen kleinen Spiele erinnert!

Anfangs glaubte ich, Sie wten es nicht, da ich mich in L** befnde.
Unwiderstehlich ward am Ende mein Verlangen, Ihnen dies zu erkennen zu
geben. Als Sie wieder einmal vorbeygingen (es war noch ein Offizier bey
Ihnen) ri ich, wie ausser mir, das Fenster auf, und rief Ihnen nach: _Wie
kommen Sie hieher, Herr von Lemberg?_ Und kaum sahen Sie sich um, kaum
grten Sie mich aus der Entfernung, und umsonst hatte ich die Augen der
Vorbergehenden auf mich gezogen!

Malchen zerdrckte ihre Thrnen im Auge, aber mir liefen sie hell ber die
Backen. Ich suchte Worte, und fand keine, die mich htten entschuldigen
knnen.

Von der Zeit an fhlte ich eine Art von Erbitterung auf Sie, aber sie
machte mich unruhiger, als vorher meine Neugier. Sonst war ich stndlich am
Fenster, um Ihnen zu zeigen, wie nahe ich Ihnen sey, jetzt eben so oft, um
Ihnen zu zeigen, da ich -- bse auf Sie sey. Aber Beydes machten Sie mir
unmglich, denn Sie gnnten mir nicht einen einzigen vollen Blick, und
schielten von der Seite, als ob Sie sich vor mir frchteten.

In dieser Stimmung meines Herzens berraschte mich mein Vater. Alles
redete und drang in mich, und zeigte mir das Glck, das ich mit dem Grafen
machen wrde. Alles, von der Gouvernante an bis zur jngsten Pensionaire,
pries mich glcklich: die eine, da ich einen Grafen heyrathen, die andre,
da ich nun bald ein recht prchtiges Brautkleid anziehen wrde. Eine
Herzens Freundin von mir, die einen B** Grafen, ebenfalls ohne ihr Herz,
geheyrathet hatte, wirkte durch ihr Beyspiel auch auf mich -- So von allen
Seiten bestrmt und berrascht, so ganz vergessen von dem, den ich unter
allen meinen Jugendfreunden gerade zuletzt vergessen htte--

O, ich hatte Sie nicht vergessen! rief ich, und eine Thrne nach der andern
trpfelte auf ihre Hand, die ich fest an meine Brust drckte.--

_Ihm, diesem_ (sie zeigte lchelnd auf mich) zum Trotz, gab ich dem Grafen
das Jawort, und bin -- unglcklich!




Fnftes Kapitel.

_Fortsetzung._


_Glcklich, glcklich!_ rief ich, und mein argloses Herz, aus welchem
dieser Ausruf hervordrang, pochte vor Freude, ihr dies versichern zu
knnen. Denn sie gab mir ja deutlich zu verstehen, da sie mich liebte, und
da ihr ganzes Glck davon abhienge, des Grafen los zu werden, und dafr
_mich_ ---- und _mich_ konnte sie ja haben!

Ich mu lcheln, wenn ich mich dieser kleinen Zge der unerknstelten
Unschuld erinnere. Man mu uns unsre damalige Unerfahrenheit zu Gute
halten, denn, genau gerechnet, waren wir ja beyde noch Kinder. Aber gewi
ist es, da uns diese Treuherzigkeit in jenen Augenblicken unbeschreiblich
glcklich machte.

Wenn ich nur auf der Stelle einen Boten gehabt htte, (fuhr Malchen
fort) so htte ich Ihnen in Triumph verkndigen lassen, da ich nun einen
_Grafen_ heyrathen wrde. Wren Sie gerade durch unsre Strae gegangen, so
htte ich alles angewandt, es Ihnen zu verstehen zu geben: so eifrig
war ich darauf bedacht, Ihnen zu zeigen, wie wenig ich mir nun aus Ihnen
machte. Aber es gelang mir nicht. Doch gab ich noch nicht alle Hoffnung
auf, weil mir der Hochzeittag noch bevorstand, wo Sie mir gewi nicht
ausweichen konnten. Da Sie so oft, und durch so mancherley Bekannte und
Unbekannte zur Hochzeit gebeten wurden, haben Sie mir zu danken. Ich
wollte Sie durchaus sehen, um Ihnen zu zeigen, da ich nun mit einem Grafen
vermhlt wrde, da Sie--

Malchen sah von der Seite, und nickte drey oder viermal mit dem Kopfe, wie
Kinder nicken, die sich entzweyt haben, um einander zu sagen: ich kann doch
spielen ohne dich!

Aber es hie, Sie wren krank und wrden nicht kommen. Auf einmal
verschwand alle meine Heiterkeit, und eine tdtliche Unruhe trat an ihre
Stelle. Zuweilen war es mir ganz dunkel zu Muthe, als ob die ganze heutige
Feyerlichkeit nur angestellt wre um Sie zu krnken; und als Sie wirklich
nicht kamen, hatte ich ein sehr sonderbares Gefhl, das mich berredete,
nun wrde auch aus der ganzen Heyrath nichts werden. Aber welch ein
unbeschreiblicher Schreck, als der Priester ins Zimmer trat! Noch zwey
bis dreymal sah ich mich ngstlich nach Ihnen um, und als ich Sie nicht
bemerkte -- o, Moriz, ich htte laut aufschreyen und aus dem Zimmer laufen
mgen! Gesicht und Gehr verlieen mich, vor meinen Augen ward alles
schwarz, und, sobald ich das unglckliche _Ja_ ausgesprochen hatte, ward
ich ohnmchtig!

Man ermunterte mich zwar, aber ich kam den ganzen Tag nicht zu mir selbst.
Hundertmal war ich im Begriff meinen Brutigam _lieber Moriz_ zu nennen,
hundertmal erstarb das Wort auf meiner Zunge. Noch nie hatte ich so oft und
so lebhaft an Sie gedacht, als heute, wo es Verbrechen geworden war, an Sie
zu denken. Aber ich konnte -- ich konnte mein Herz nicht bndigen, das Sie
ungestm von mir forderte. Sie schwebten mir vor Augen, und meine Blicke
hingen an Ihrem Bilde. Meine Mutter machte mir Vorwrfe, da ich an dem
glcklichsten Tage meines Lebens so still und traurig wre, und meinen
Brutigam ngstigte. Aber -- der zeigte eben so wenig aufrichtige Freude,
als ich, und die Gesellschaft machte sich auf seine Kosten lustig.

O, wie oft suchte Sie mein nasses Auge unter den Zuschauern und Gsten!
Verschwunden war jede unfreundliche Empfindung gegen Sie. Nun wnschte ich
Sie zu sehen, um -- Ihnen mein Unglck zu klagen, nicht, um ber Sie zu
triumphiren. Und wenn ich mich dann so ganz in mich und meinen Kummer
verlor, so war mirs immer, als ob mir jemand ins Ohr raunte: _Du sollst ihn
sehen!_ Sehnsuchtsvoll irrte dann mein Auge von neuem umher, um Sie unter
der Menge zu entdecken, aber vergebens, immer vergebens!

Das Andenken an die kommende Nacht schlug mich vollends zu Boden. Mein
Vater eilte fast angelegentlicher, als es der Wohlstand erlaubte, die
Gesellschaft zum Aufbruche zu bewegen. Ich bat ihn, so oft es sich
unvermerkt thun lie, nicht so zu eilen, aber er lachte ber meine
Verlegenheit. Alles verlor sich nach und nach, und endlich sah ich mich nur
noch mit meiner Mutter und der Grfin in dem weiten Zimmer allein. O, das
Herz htte mir springen mgen, als sie mich bey der Hand nahmen und hieher
fhrten. Ich weinte und schluchzte laut, und alle ihre Trstungen, so wenig
als ihre Scherze, vermochten etwas ber mich. Ich bat nur um einen einzigen
Tag Aufschub, aber sie waren unerbittlich, und lieen mich endlich allein.

Mein voriger Zustand war nichts gegen den, in welchen ich nun gerieth.
Nun war alle Hoffnung verschwunden! _Mgliche_ Umstnde konnten mich nicht
retten, mein armes Herz hing sich also an _unmgliche_, um doch nicht ganz
der Verzweiflung zu erliegen. Ich schwrmte wie im hitzigen Fieber, und --
o, lieber, lieber Moriz, was gesteh ich Ihnen nicht alles -- Sie hatten
den gr'ten Antheil an diesen Schwrmereyen. Ich verga ber Ihnen den
Grafen!

Aber ich hatte diesen letzten kleinen Trost nicht lange. Er erschien
selbst und kam auf mich zu. Er war in der sichtbarsten Verlegenheit, und
die Hand, womit er mich angriff, zitterte gewaltsamer, als die meinige. Auf
seiner Stirn lag finstrer Mimuth (so kam es mir vor) und seine Lippen,
die er auf meine Hand drckte, waren eikalt. Er klagte ber Hitze und
wthendes Kopfweh, schwieg eine Zeitlang ganz, stammelte wieder ein paar
Worte, und that endlich die Lichter bis auf ein Nachtlmpchen aus. Mit
jedem erloschenen Lichtstrahl, erstarb ein Strahl meiner Hoffnung, und sie
erlosch am Ende fast ganz, und flackerte nur noch zuweilen matt und bebend
auf, wie das Lmpchen, das neben mir auf dem Tische stand. Und o! als er
auch dies auslschte, und um und um dicke Finsterni im Zimmer lag -- hin
war meine Hoffnung, hin Gefhl und Bewutseyn!

Ich erinnere mich nur noch ganz dunkel, da der Graf nun angelegentlicher
ber Kopfschmerz klagte, und da er endlich aus dem Zimmer ging, unter
dem Vorwande, ein Flakon zu holen. Da war ich allein, in dem finstern,
einsamen, todten Zimmer! Ich hrte nichts mehr, als das ngstliche
Pochen meines eignen Herzens. Jetzt wnschte ich lebhaft, da der Graf
zurckkommen mchte. Ich tappte nach der Thr, fand sie, und machte sie
leise auf, ich hrte jemand auf der Treppe, er kam nher, ich reichte ihm
meine Hand -- o, welch ein Unterschied! Aber ich hatte nicht Muth, mir
denselben zu gestehen.

Statt der vorigen kalten, erwrmte jetzt eine feurige Hand die meinige,
ein anderer Athemzug, ein festerer Tritt, ein Druck, der feuriger war, als
des Grafen feurigste Umarmung -- alles das hrte, fhlte ich -- aber meine
Brust war wie in Ketten geklemmt, ich hatte nicht Athem genug zu rufen,
nicht Muth genug, zu zweifeln, nicht Kraft genug, mich loszuwinden. Ein
dunkles, ahndendes Gefhl beschftigte und erfllte mein Herz, arbeitete
und pochte in demselben, meine Augen sahen nichts, aber meine Hand leistete
mir ihre Dienste -- es war der Graf nicht, der mich in seine Arme schlo,
er konnte es nicht seyn -- _Und wer wre es sonst?_ lispelte es leise in
meiner Seele, aber ich bekmpfte diesen Einwurf mit einem unberzeugbaren,
strrischen _er ist es nicht!_ -- Ach und er war es auch nicht! Moriz --
Moriz -- war es! das wut' ich, das wut' ich! Aber ich wei nicht, woher
ichs wute!

Mit diesen Worten warf sich Malchen in meine Arme und weg! ber Erde und
Himmel hinweg schwebten wir beyde!




Sechstes Kapitel.

_Grfin Waller erscheint, um -- zu verschwinden._


Unter diesen Ergieungen wechselseitiger Zrtlichkeit brach der Tag an,
und mit demselben ging ein neues Licht in meiner Seele auf. Denn bis
daher hatte ich nur wenig, und gleichsam wider Willen an Vergangenheit und
Zukunft gedacht. Jetzt machte ich mich auf groe Begebenheiten gefat, und
bestrebte mich, ihnen mit Unerschrockenheit zu begegnen. Aber Malchen war
ausser sich vor ngstlicher Erwartung, und mein Muth schien ihre Angst zu
vermehren, weil sie nicht Krfte genug hatte, sich demselben anzuschlieen.

Es pochte an der Thr und eine Stimme rief: Machen Sie auf, Herr von
Lemberg! Malchen fuhr zusammen, aber ich sprang, den Degen in der Hand,
nach der Thr, machte sie auf, und Grfin Waller trat herein.

Sie machte die Miene eines Kaufmanns, der seinen Freunden lachend
ankndigt, da ihm eine kleine Spekulation, mit einem nicht nennenswerthen
Verlust von funfzig tausend Thalern verunglckt sey. -- Guten Morgen, Frau
mit drey Mnnern, rief sie, indem sie auf Malchen zu hpfte und vor Lachen
ersticken wollte: Hierdurch werden Sie (sie gab ihr ein zusammengelegtes
Papier) hierdurch werden Sie zwey davon los: einen Grafen und ein
Premier-Lieutenant, und nun wird Ihnen von selbst zufallen (indem sie sich
nach der Thr zog, das Gesicht von mir abgewandt und die rechte Hand in der
Lage, womit man Schellen auffngt) _der Fhndrich_! -- Husch! war sie zur
Thr hinaus und mit schallendem Gelchter die Treppe hinunter. Nach einigen
Minuten rollte ihr Wagen unter unserm Fenster hinweg und wir verloren sie
bald aus den Augen.




Siebentes Kapitel.

_Es ist ja richtig!_


Die Schrift war an den Obersten von Lehmniz, Malchens Vater berschrieben.
Ich erboth mich, ihm dieselbe auf der Stelle auszuhndigen, denn ihr Inhalt
ging mich (wie ich aus den Worten der Grfin schlo) viel zu nahe an, als
da ich htte ruhig dabey bleiben knnen. Aber Malchen wollte lieber, da
ich seine Ankunft erwarten sollte, denn sie frchtete immer noch, von dem
Grafen berrascht zu werden. Der Oberste kam endlich mit seiner Gemahlin.

Nein, sagte er, als er in die Thre trat: so ganz richtig ist es diese
Nacht nicht zugegangen. Ich bin ein paarmal ber dem Gepolter aufgewacht.
Nu, wir wollen jetzt sehn!

Er erstarrte, als ich ihm so auf einmal in die Augen fiel! Was Henker und
Hagel! rief er, indem er mich wild beym Arme nahm und ans Fenster zog:
Fhndrich Springinsfeld in einer Nachtjacke bey meiner Tochter? Ich bitt'
euch um Gottes willen, sprecht, sprecht!

Frau von Lehmniz stand ohne Bewegung von der Seite, und sah uns mit starren
Augen an. Malchen konnte eben so wenig sprechen als ich. Stillschweigend
reichte ich dem Alten die Schrift der Grfin. Er ri sie ungestm auf
und einige Stcke Papier fielen ihm entgegen. Ich hob sie auf, setzte sie
zusammen, und sahe, da es ein zerriner Ehekontrakt war.

Verwnschte Pfote, rief der Alte: verwnschte Pfote! und alle seine
Glieder zitterten. Lies Jettchen, lies! Er gab seiner Gemahlin die
Schrift, und sie las:

  Es sind diese Nacht in der Brautkammer Dinge vorgefallen, die sich mit
  Menschenzungen nicht aussprechen lassen --

Ha, Fhndrich! rief Malchens Vater, und packte mich vor der Brust.
Malchen that einen lauten Schrey, und Frau von Lehmniz suchte mich von
ihm loszumachen. Ich htte mich nicht gewehrt, und wenn er mich erdrosselt
htte!

Mein Gott! sagte Frau von Lehmniz -- la ihn doch nur los, bis ich alles
gelesen habe!

Nein, rief er, nein! und dabey packte er mich noch grimmiger an, und
schttelte mich, da mir die Zhne klapperten. Frau von Lehmniz las weiter:

  Mein Neffe hat zuweilen Anflle von Unsinn und Verrckung, das hat
  er diese Nacht gezeigt. Ihre Tochter und der Fhndrich werden Ihnen
  erzhlen --

In dem Augenblicke nahm er Malchen bey der Hand und schttelte sie eben
so wie mich: erzhlt, erzhlt! rief er dabey wie ausser Athem. Htte er
Malchen noch einmal so geschttelt, so wr' ich dazwischen gesprungen,
aber er schien sich etwas zu migen, und ich fing an zu erzhlen. Whrend
meiner Erzhlung ward die Hand, womit er mich fest hielt, immer lockerer,
und endlich lie er mich ganz los und behielt nur noch Malchens Hand, die
er hitzig hin und herschleuderte. Zuweilen fragte er: ist das alles wahr,
meine Tochter? Malchen nickte dann jedesmal mit dem Kopfe, und blickte
dabey ihre Mutter ngstlich von der Seite an.

Whrend meiner Erzhlung trat Frulein Louise ins Zimmer. Was will _sie_
hier? fuhr er sie an, und Louise machte die Thr unter allen Merkmalen des
hchsten Erstaunens langsam wieder zu.

Als ich meine Erzhlung geendigt hatte, sprang er auf, ging nachdenkend
im Zimmer auf und ab -- pltzlich ergriff er das Pistol und fuhr zur Thr
hinaus. Ich strzte hinterdrein. Er rannte die Treppen hinunter und rief
eines Rufens: Wo ist er? Wo ist er? der--

Aber kein Graf zu hren und zu sehen! Frulein Louise sprang herzu, und
sagte: er ist fort! Warum, schrie der Alte und griff nach ihrem Arm,
warum hast du ihn fort gelassen? Das arme Mdchen zitterte und bebte und
fiel mir halbohnmchtig entgegen. Ihr Vater lie sie los, und blieb einige
Augenblicke unbeweglich auf einem Flecke stehen. Auf einmal nahm er mich
bey der Hand, schttelte sie und sagte: bey den _Haaren_, hast du sie aus
der Kammer geschleppt? -- Ja, sagte ich, und die Treppe hinunter geworfen!
Es schien, als ob er sich nach dieser Frage und Antwort ein wenig
beruhigte. Er sah Louisen, die sich mit dem Kopfe gegen einen Pfeiler
gelehnt hatte, an, und nahm sie bey der Hand. Komm nur mit herauf
Louischen, sagte er sanft zu ihr, da du selbst siehst, da du selbst
hrst -- Er ward von neuem hitzig, aber nicht in dem Grade als vorher.

Wir gingen hinauf und fanden Malchen und ihre Mutter in Thrnen. Lies
weiter! sagte der Oberste und warf sich in einen Lehnstuhl, da er laut
krachte.

  alles erzhlen!

Mein Gott, das hast du ja schon gelesen! sagte er zur Frau von Lehmniz und
sie las weiter:

  Ihre Tochter wird mit einem Fhndrich, der seine gesunde fnf Sinne
  hat, besser fahren, als mit einem Grafen, der nicht richtig im Kopfe
  ist; deswegen erfolgt hierbey der Ehekontrakt zerrissen zurck und die
  Ehescheidung soll binnen hier und vier Wochen auf Ihrem Guthe seyn.
  Uebrigens wrden Sie wohl thun, wenn Sie die ganze Sache schlafen
  lieen, und nicht durch einen unberlegten Schritt uns alle, besonders
  aber Ihre arme Tochter, zum Gelchter machten. Ich habe mich deshalb
  entfernt, und Sie thun wohl, wenn Sie meinem Beyspiele folgen und sich
  nicht den Fingerzeigen der Welt aussetzen. Von meinem Neffen sage ich
  mich hiermit ein fr allemal los, und Sie wrden sehr ungerecht seyn,
  wenn Sie mich wollten ben lassen, was er verbrochen hat. Wenn er
  Ihnen einmal in die Hnde fallen sollte, (woran ich aber zweifle, denn
  er ist vor einer Stunde fort geritten und niemand wei wohin) so werden
  Sie schon so mit ihm verfahren, (das traue ich Ihrem bekannten Gefhle
  fr Ehre zu) da er sich in Zukunft hten wird, sich eine Gemahlin fr
  einen Andern zu nehmen. Leben Sie wohl, und halten Sie die ganze Sache
  so geheim als mglich -- das verlangt Ihre eigne und Ihrer Tochter
  Ehre.

Den Kopf spalt' ich ihm! rief der Oberste: darauf kann er rechnen!
Und wre das Weib nicht ein Weib -- seht, Kinder! -- Aber was meynst du,
Jettchen -- fuhr er zu seiner Gemahlin fort -- der Blitzjunge hat die
beyden Kerls bey den Haaren zur Thr herausgeschleppt? Httest du ihm das
wohl angesehen?

Ja, das hat er gethan! rief Malchen und ihre Augen funkelten vor Freude.
Frau von Lehmniz und Louischen sahen mich verwundert an. In den Mienen und
Bewegungen der letztern zeigte sich eine aufs hchste gespannte Neugier;
aber zum Unglck waren wir alle zu sehr vertieft, als da wir auch die
kleinste ihrer Fragen htten beantworten knnen.

Aber, was soll nun werden? sagte Frau von Lehmniz.

O, ich wollte, da du mit deinen Fragen -- sagte der Alte: Der Kopf ist
mir ja so verrckt, da ich noch nicht 'mal wei, was geschehen ist,
viel weniger, was geschehen soll. -- Beym T** du kannst mir ja doch eine
Viertelstunde Bedenkzeit gnnen!

Wir wollen den Papa allein lassen! sagte Frulein Louise -- komm Malchen,
du sollst mir erz--

Durchaus nicht! Ihr sollt alle hier bleiben! rief der Oberste. Louischen
trat trostlos zurck.

Noch eins, Jettchen -- sagte er zu Frau von Lehmniz: examinire 'mal
die da (auf Malchen zeigend) ob nicht -- Henker! Du verstehst mich ja! Geh
doch! Du weit, als es noch kleine Krabben waren--

Frau von Lehmniz nahm Malchen bey der Hand und fhrte sie zum Zimmer
hinaus. Louischen wollte hinterdrein, aber die Thr ward ihr vor der Nase
zugedrckt. Sie ging ans Fenster und die hellen Thrnen schossen ihr ber
die Backen.

Mich nahm der Alte beyseite und sagte halblaut, halbleise: Springinsfeld,
hat der Teufel sein Spiel gehabt?

Mir scho mein ganzes Blut ins Gesicht und ich bebte rger als ein
Missethter.

Ja, Junge? Nicke nur, oder schttle, wenn du es nicht sagen kannst!
Ich konnte weder nicken noch schtteln. Nicken _wollt'_ ich nicht, und
schtteln _konnt'_ ich nicht, mithin stand mein Kopf wie eingerammelt.

Du sollst es ja nicht sagen! Nicke, oder schttle doch nur! Du schttelst
nicht? Mithin ist es richtig! Nicht? -- Du schttelst nicht? -- Es ist
richtig, es ist richtig! rief er auf einmal und lie mich los -- Jettchen,
komm 'rein, es ist richtig!

Frau von Lehmniz erschien mit Malchen. Er nahm die Hand der letztern und
legte sie in die meinige. Sieh, Jettchen, sagte er zu Frau von Lehmniz
und ein paar groe Thrnen stiegen ihm aus den Augenwinkeln: Sieh nur --
diese Kinder sollen sich heyrathen!

Heyrathen? schrie Frulein Louise und sprang mitten unter uns.

Es ist ja richtig! rief ihr Vater: Kinder, es ist ja richtig! Was kann
es anders werden? (er wandte sich zu seiner Gemahlin) Hast du's nicht auch
richtig befunden?

Malchen zerdrehete die Zipfel ihres Halstuches, ich sah an die Decke, und
Frulein Louise guckte andchtiglich durchs Fenster.




Achtes Kapitel.

_Aussichten zu Mord und Todschlag._


Nach einigen Minuten trat ein Offizier ins Zimmer, und foderte mich
im Namen des Premier-Lieutenants Rahm auf Schu oder Stich. Die drey
Frauenzimmer erschraken von ganzem Herzen, aber der alte Husar hatte eine
innerliche Freude. Ich sekundire ihm, rief er -- Aber sagen Sie dem
Herrn von Rahm zurck: brave Kerls schlgen sich auf den Hieb! Um Neun
Uhr kann er ins *** kommen, da soll er uns finden; und wenn ihm _der_ (er
zeigte auf mich) nicht genug giebt, so kriegt ers von mir -- denn sehen
Sie (auf Malchen zeigend) das Mdchen ist meine Tochter! Sagen Sie ihm das
wieder!

Bey den letztern Worten fingen die drey Weiber laut an zu schreien.

Hast du es vergessen, sagte er zur Frau von Lehmniz: -- Da ich mich mit
drey Oestreichern 'rumgehauen habe? -- Und du (zu Malchen) da _der_ diese
Nacht die beyden Kerls bey den Haaren zur Stube 'rausgeschleppt hat? --
Also! -- Und nun gebt mir keinen Laut von euch, da ichs hre?

Darauf schickte er seinen Jger fort, der meine Uniform und Degen holen
mute. Whrend der Zeit nahm er mich beym Arm, und ging mit mir im Zimmer
auf und ab. Zugleich horchte er, ob eine von den Damen wimmerte, und hrte
er einen Seufzer, so drckte er jedesmal meinen Arm fest an sich, um mich
aufmerksam darauf zu machen.

Als meine Uniform kam, half er sie mir anziehen. Seine Uhr legte er auf
den Tisch, und wenn eine Viertelstunde vorbey war, sagte er es jedesmal.
Endlich schlug es drey Viertel auf Neun, und es wurden zwey Pferde
vorgefhrt. Nun konnten die ernstlichsten Drohungen die Weiber nicht mehr
zurckhalten. Sie hingen sich wechselsweise an mich und an den Vater,
aber er sagte ihnen statt alles Trostes: Die Ehre ruft! Habt euch nicht so
nrrisch, Kinder! -- Fr Malchen behielt er seinen krftigsten Trostspruch
bis zuletzt auf, denn erst unten an der Treppe sagte er zu ihr: er soll dir
ein paar Finger mitbringen zum Brautgeschenk; freuest du dich nicht darauf,
Tchterchen? -- Aber Tchterchen wurde ohnmchtig! Ohne sich weiter um
sie zu bekmmern, nahm er mich bey der Hand und sagte: Nrrchen, es war ja
nicht mein Ernst!




Neuntes Kapitel.

_Nur zwey Finger! und die ganze Geschichte ist aus._


Springinsfeld, sagte er unterwegs zu mir: es wre doch so bel nicht,
wenn Du ihm ein paar Finger krzer machtest! Warum streckt er sie nach
verbotener Frucht aus. Sieh (er zeigte mir mit seinem Hirschfnger eine
Bewegung) wenn du, eh er sichs versieht, mit dem Degen von der Seite
herumfhrst, so sind die Finger, die am Griffe liegen blo, und du kannst
sie ihm mit einem Hieb abnehmen. Dann ist die ganze Geschichte aus, und ihr
seyd wieder gute Freunde!

Ich mute dem alten wunderlichen Manne versprechen, mein Mglichstes zu
thun, um ihm zwey Finger abzunehmen, und wir kamen in ** an. Rahm erschien
mit seinem Sekundanten kurz nach uns.

Rahms Anblick brachte mich aus aller Fassung. Alle Ideen der vorigen Nacht
wurden in meinem Kopfe von neuem rege, und ich griff eben so rasch nach
meinem Degen, als ich vor einigen Stunden nach dem Pistol griff. Ich zog
und legte mich in Positur.

Rahm lie mich nicht lange warten. Sein Degen pfiff auf mich ein, und
Schlag auf Schlag fiel hier und da!

Was ich dir gesagt habe, Fhndrich! sagte der alte Husar, der mir zur
Seite stand -- das Brautgeschenk!

Aber ich hatte es mit keinem Neulinge zu thun! Rahms Streiche fielen so
rasch, so hageldicht, so gewaltig, da solch ein frischer Arm dazu gehrte,
als der meinige war, wenn er nicht am Degengriff erstarren sollte.

Keiner von uns gab einen Laut, aber der Alte machte bey jedem Ausfall ein
Feldgeschrey mit seinem Was ich dir gesagt habe, Fhndrich!

Wir thaten drey Gnge, und von beyden Seiten kein Tropfen Blut. Brave
Jungen, brave Jungen! sagte der Alte whrend der Pause -- Aber was ich
dir gesagt habe!

Zum viertenmal strzten wir auf einander, und Rahm schien seine ganze Wuth
und Strke zusammenzunehmen. Hitziger als vorher drang er auf mich ein,
und mit jedem Hiebe stieg seine Erbitterung. Seine Streiche wurden immer
gewaltiger, aber seine Paraden immer sorgloser und unordentlicher, und
als er endlich einen wthenden Kopfhieb auf mich fhrte, that ich einen
Seitenschritt, und hieb ihm ber den Arm, da sein Degen sank und ein Strom
von Blut an demselben herunterscho.

Victoria! schrie der alte Husar, und sprang zwischen uns -- Alles gut,
alles vergessen! Nun vertragt euch!

Rahm reichte mir mit weggewandtem Gesichte seine linke Hand, und als mich
der Alte zum Vershnungsku schob, drehete er den Kopf, und lie mich sein
Ohr kssen.

Pfui -- sagte der Oberste, indem er sein Schnupftuch herauszog, und es
Rahmen fest um seine Wunde wickelte -- Blut macht gut! Ihr sollt und mt
euch vertragen! Darauf drehete er mir Rahms Mund entgegen. Rahm lchelte,
und umschlo mich mit seiner linken recht herzlich. Der alte Lehmniz that
einen Luftsprung. Wir halfen dem Lieutenant auf sein Pferd, und er war im
Begriff mit seinem Sekundanten, ohne uns, davon zu reiten, aber der Oberste
sprengte hinterdrein, und sagte: Rahm, Ihr httet eure Schuldigkeit nicht
halb gethan, wenn Ihr nicht mit mir rittet, und euch nicht noch mit meiner
Tochter vertrget. Denn seht nur, das arme Mdchen habt Ihr am meisten
beleidigt!

Mir wurde warm bey diesen Worten.

O, ersparen Sie mir diese Demthigung, erwiederte Rahm -- zu allem
andern steh ich zu Befehl!

Nun gut, bey einer andern Gelegenheit! Aber sagt mir nur, warum hat der
Windbeutel nicht zu meiner Tochter ins Bette gewollt? Sie ist doch, beym
T**! nicht hlich!

Schn wie ein Engel! sagte Rahm, und bey mir stieg eine Art von Verdru
auf, da er sich unterfing, dies zu sagen: Aber heute verlangen Sie keine
weitluftige Erzhlung von mir. Waller heyrathete nicht Ihre Tochter,
sondern Ihr Geld. Sein Vermgen war durch die Lfte, das htten Sie bey der
geringsten Nachforschung erfahren knnen. Seine Tante sprte Sie auf, bey
einer Geschichte, die Lembergen betraf, und sie konnte nicht besser whlen,
denn Sie sind der gutherzigste Mann von der Welt. Aber Waller hatte auf
seiner Reise nach _Paris_ mit seinem Vermgen -- _Alles_ verloren. Ich
sollte das ersetzen, und er wollte das Geld nehmen! Dies sey Ihnen fr
heute genug. Wenn ich geheilt bin, erlauben Sie mir wohl einen Besuch auf
Ihrem Guth?

O, Du kmmst mit zur Hochzeit! -- erwiederte der Oberste: Aber, das
sag' ich dir: Hand von der Braut! Nun reit' in Gottes Namen, und la dich
verbinden!

Er gab seinem Ungar die Spornen, und wir sprengten davon. Zu Hause
empfingen sie uns mit lautem Freudengeschrey. Malchen musterte mich von
oben bis unten, und eine sanfte Freude leuchtete aus ihren Augen, als sie
mich so ganz unversehrt wiedersah. Unterdessen lie ihr Vater anspannen,
die Kutsche fuhr vor, und die ganze Familie stieg ein. Ich begleitete sie
bis vor das ** Thor, wo mich der Oberste umkehren hie. Malchen streckte
mir ihr weies Hndchen aus der Kutsche her, und ihr Vater rief: In
vier Wochen, Springinsfeld! Sobald die alte Schlange in D** die Scheidung
schickt, schreibe ichs dir: dann sitz' auf und komm!




Moriz.

Fnftes Buch.




Erstes Kapitel.

_Liebe und Subordination._


Whrend der vier Wochen hatte Malchen fleiig an mich geschrieben, und ich
eben so fleiig an sie. Dieser ganze Zeitraum war fr mich eine unendliche
Kette von Freuden, die nur glckliche Liebe, welche mit allem, was die
Hoffnung Entzckendes hat, genhrt wird, so rein und lauter, so abwechselnd
und ewig neu ber ein zrtliches Herz ausschtten kann. Ich brannte vor
Ungeduld, Malchen zu sehen, ich zhlte anfangs jeden Tag, dann jede Stunde
und endlich jede Minute. Diese duchten mir jetzt einzeln lnger, als
anfangs der ganze Zeitraum von vier Wochen.

Endlich kam der Brief, der mir Nachricht gab, da die Ehescheidung
ausgewirkt und schon auf dem Gute des Obersten sey.

  Nun komm, Moriz, schrieb mir Malchen, flieg in meine Arme. Meine
  Augen sollen die ersten seyn, die Dich sehen, meine Arme die ersten,
  die Dich umschlieen, meine Lippen die ersten, die auf den deinigen
  haften. Dein Athem soll mich zuerst anwehen, Dein Herz zuerst an
  dem meinigen pochen. Darum steige nicht vor dem Schlosse ab, wenn Du
  kmmst, sondern an der Gartenthr; sie soll offen stehen, und ich
  bin an derselben. Hand in Hand fliegen wir dann auf das Zimmer meines
  Vaters, und dann zu meiner Mutter, und dann berall hin. Ich schlafe
  nicht, bis ich Dich sehe, und werde nicht schlafen knnen, wenn ich
  Dich gesehen habe. Uebermorgen zwischen vier und sechs Uhr mut Du bey
  mir seyn, und bist Du es nicht, so bist Du todt, oder Du liebst mich
  nicht mehr.

Diese Zeilen gossen Feuer in meine Adern. Zu Fue htte ich fortlaufen
mgen, wenn ich bedachte, da mein Pferd erst gesattelt werden mte. Ohne
Urlaub wre ich davon gesprengt, wenn mich nicht meine Kameraden gehalten
htten. Ich mu halb von Sinnen gewesen seyn.

Zwischen vier und sechs Uhr mu ich da seyn! sagte ich zu meinem General,
als ich ihn um Urlaub bat, und glaubte ihm dadurch den allerkrftigsten
Bewegungsgrund zur Erfllung meiner Bitte angegeben zu haben.

Es wird wohl etwas spter werden, mein lieber Lemberg! sagte der alte
Krieger lchelnd, denn er wute, wo es mir fehlte.

Nicht eine Minute spter, sagte ich, sie hlt mich sonst entweder fr
untreu oder fr todt!

Recht soldatische Bewegungsgrnde, haben Sie zu Ihrer Reise, mein lieber
Lemberg! erwiederte er: sie leuchten mir ein, und dehalb sollen Sie
morgen frh um neun Uhr den Urlaub haben!

Ich erstarrte. Morgen frh um neun Uhr! Da htte ich in sieben
Stunden sechszehn Meilen reiten mssen. Unmglich! Kaum hatte ich dies
ausgerechnet, so drehete ich mich um, mit dem festen Entschlu, ohne
Erlaubni davon zu jagen.

Sprudelkopf, rief er ernsthaft: ich wei, was du willst! -- Ein Soldat
mu _lieben_ und _gehorchen_ knnen. Hier ist dein Urlaub auf sechs Monat,
schon geschrieben, aber du bekmmst ihn nicht eher als morgen frh um sechs
Uhr. Nun steht es bey dir, zu bleiben oder zu reiten.

Ich ging stillschweigend nach der Thr.

Sag' zu meinem Johann, rief er mir nach: da er sogleich aufsitzt, und
auf jeder Station Pferde in meinem Namen bestellt. Ihrer kannst du dich
bedienen. Sorge nun, da deine Liebe soviel von ihren Rechten nachlt, als
die Subordination von den ihrigen. Reise glcklich!

Er ging. Ich sah ihm stumm und verstrzt nach, und das helle Wasser stand
mir in den Augen.




Zweytes Kapitel.

_Er kmmt und -- sieht!_


Welch eine Nacht hatte ich zuzubringen! Meine Liebe kmpfte unablig
mit meiner Pflicht, besiegte sie, und ward von ihr besiegt. Meine Freunde
thaten alles, um mich aufzuheitern, aber ich ward erst froh, als es sechs
Uhr war. Der Adjutant brachte mir den Urlaub, und ich sprang auf mein
Pferd, das schon seit zwey Stunden gesattelt vor meinem Quartiere gestanden
hatte.

Armer Rappe! riefen meine Kameraden, und ich sprengte davon. Der Boden
zitterte unter mir, und meine Haare und die Mhne meines Rosses sausten.
Mein Geist war bey Malchen, und mein Krper sechszehn Meilen von ihr. Mein
armes Pferd mut' es entgelten, wenn jener durch irgend einen Zufall auf
einige Minuten zu diesem zurckgerufen wurde.

Auf jeder Station schrieb man sich meinen und des Generals Namen sorgfltig
auf, und versprach, Nachricht zu geben, ob die Pferde, die ich geritten,
mit dem Leben davon kommen wrden. Auf der letzten mute ich mir das Pferd
geradezu kaufen, weil der Postmeister dasjenige, was mich zu ihm gebracht
hatte, vor seinem Hause umfallen sah.

Es war drey Viertel auf vier, als ich den Schlothurm von Lehmniz
erblickte. Beynah htte ich vergessen, was mir Malchen so dringend
aufgegeben hatte: durch den Garten mich dem Schlosse zu nhern.

Ein paar tausend Schritte von der Gartenmauer erhob sich ein kleiner Hgel,
von dem ich alles bersehen konnte. Ich glaubte auf einer Terrasse mitten
im Garten ein Frauenzimmer zu erblicken. Sie schien eilig die Terrasse
herabzusteigen, als sie mich dahersprengen sahe. Wer kann es anders seyn
als Malchen, rief ich laut: sie eilt von der Terrasse, und mir entgegen!

In wenig Minuten war ich an der Gartenthr; ich sprang vom Pferde, und band
es an den ersten den besten Baum. Ich trat in den Garten; kein Malchen war
da. Und sie wollte doch an der Gartenthr seyn! murmelte ich. -- Ich
ging die Allee hinan, die zur erwhnten Terrasse fhrte -- kein Malchen zu
sehen! -- Wenn sie auf der Terrasse war, konnte sie hundertmal herab
zur Gartenthr und zurckgelaufen seyn, ehe ich den Garten erreichte --
murmelte ich wieder, und ich fhlte auf einmal die Kopfschmerzen, die mir
die Luft und das Stoen des Pferdes verursacht hatten. Als ich Malchen noch
an der Gartenthr zu finden hoffte, fhlte ich sie nicht. Ich nherte mich
der Terrasse. An dem Fue derselben war ein chinesisches Gartenhuschen,
durch ein Seitenfenster sah ich hinein, und o! was sahe ich!

Malchen sa -- mit einer Mannsperson in blauer Uniform auf einem Kanapee.
Er hatte seinen linken Arm fest um sie geschlungen, sie ihren rechten um
ihn. Sein Kopf ruhte an ihrer Brust, sie sahe schmachtend zu ihm hinab, er
schmachtend zu ihr hinauf. Zuweilen schielten beyde, wie es mich dnkte,
lchelnd nach dem Fenster, das vor ihnen war. Die Mannsperson kam mir sehr
jung und sehr bekannt vor, aber ich hatte nicht Zeit, es zu untersuchen.

Die Bewegungen, die in dem unsglich kurzen Momente, wo ich dies sah,
gleichsam mrderisch mich ergriffen, mag keine Feder beschreiben, kein
Pinsel malen, keine Zunge aussprechen. -- Meinen Degen ziehen, in das Haus
strzen, der Mannsperson, die mir lachend entgegen sprang, und dadurch
meine Wuth vermehrte, den Degen in die Seite stoen, Malchen, die sich mir
schreiend um den Hals warf, weit von mir wegschleudern, aus dem Lusthause
in den Garten, durch die Allee zur Gartenthr hinausrennen, auf mein Pferd
springen, und in gestrecktem Laufe davon eilen -- alle diese gewaltsame
Handlungen waren das Werk von zwey Minuten, deren schreckliche Qualen
alles, was je ein menschliches Herz Grausames erduldet, was je die
Einbildungskraft eines Menschenqulers Schmerzliches erdacht und erfunden
hat, weit und weit bertrafen.

Vier Pferde todt geritten, sagte ich kalt und bitter: um sie -- in den
Armen eines Andern zu sehen!--

Diese Worte wiederholte ich einmal ber das andre, indem ich jedesmal den
Kopf langsam dazu schttelte. Endlich erlag meine Seele dem Schmerze, meine
Zunge ward stumm, mein Ohr taub, und mein starres Auge sahe nichts mehr als
den Kopf meines Pferdes, das mich, wohin es wollte, im Sprunge forttrug.




Drittes Kapitel.

_Ein Nachtstck._


Ich wei nicht, wie lange es dauerte, ehe meine Seele sich wieder so weit
ermannte, da sie einzelne Lichtstrahlen durch das Chaos von Empfindungen,
die mein Herz zu sprengen drohten, zu werfen Gewalt genug hatte. Gewi ist
es, da der Abend schon weit vorgerckt war, als mir die ersten Thrnen, in
die sich mein wilder Schmerz auflste, ber die Wangen herabrollten.

Ich wute nicht, wohin mein Pferd mich getragen hatte, und dachte nicht
eher daran, als bis mich ein gewaltiger Ri queer ber das Gesicht,
aufmerksam darauf machte. Ich befand mich in einem dicken Gebsche, durch
welches sich mein Pferd einen Weg bahnte, wahrscheinlich weil ich es von
Zeit zu Zeit, ohne es zu wissen, gespornt hatte. Ich sprang ab. Jetzt
fhlte ich erst, wie die krperlichen und geistigen Beschwerlichkeiten
des Tages mich angegriffen hatten. Ich konnte mich nicht auf den Fen
erhalten, und meine Kniee sanken unwillkhrlich unter mir zusammen. Mein
Pferd blieb in einiger Entfernung von mir stehen, und stillte seinen Hunger
mit den Blttern der umstehenden jungen Stauden.

Ich legte mich nieder. Auf meine Linke stemmte ich den Kopf, und mit der
Rechten ri ich groe Bschel Gras aus, und schleuderte sie weit von mir.
Kein Seufzer, kein Laut kam ber meine Lippen. Mein stummer Schmerz vergrub
sich tief in mein Inneres, und da keine lindernde Tropfen ber meine Wangen
mehr flossen, mute er in jenen ungestmen Bewegungen meiner rechten Hand
sich ankndigen.

Malchen in den Armen eines Andern! Dieses Bild schwebte mir immerfort vor
Augen, und peinigte mich am grausamsten. Zuweilen wurde es zwar von dem
Bilde des Gestochenen verdrungen, aber dieses war mir bey weitem nicht so
peinlich als jenes.

Unterdessen brach die Nacht ein. Mit ihr erhob sich ein Sturm, der in den
Aesten und Wipfeln der umstehenden groen Eichen brauste, und sie bis
auf die Wurzeln erschtterte. Um und neben mir rauschten und pfiffen
die Bltter des Gebsches, und groe Regentropfen fielen mir einzeln auf
Gesicht und Hnde. Mein Pferd scharrte mit den Fen, und wieherte vor
Hunger und Klte, whrend eine dicke Finsterni alles was mich umgab in
ihren schwarzen Schoo vergrub, und die ganze lebendige Schpfung meiner
Seele hnlich zu machen schien.

Diese Emprung der Natur sagte der Emprung meines Herzens zu. Ich wickelte
mich fest in meinen Oberrock, verbarg die Hnde im Busen, das Gesicht unter
meinem Schnupftuche, und dem Winde wandte ich gleichsam wie im Trotze den
Rcken zu. So ganz in mich selbst versunken und verschlossen, sah ich
den Bildern, die mir meine Einbildungskraft vorfhrte, mit Muth und
Standhaftigkeit ins Gesicht, und endlich schien meine Seele ihrer gewohnt
zu werden. Dies war Betubung, aber eine sehr wohlthtige Betubung, denn
sie lie Betrachtungen ber die Zukunft in meiner Seele Raum.

Die Treulose je wiederzusehen, war ein Gedanke, vor dem ich zurckbebte,
und doch schwebte sie immerfort vor mir. In meine Garnison zurckzukehren
und mich von meinen Bekannten mit groen Augen ansehen, auch wohl aufziehen
zu lassen, war ein zweyter, der mich um die Welt gejagt haben wrde; und
doch fhlte ich ein Verlangen, ihnen zu sagen, wie ich meinen Nebenbuhler
bestraft htte. Aber die Art, wie ich mich dabey benommen hatte, emprte
mein Gefhl fr Ehre, und machte mich schaamroth. Ich hatte ihn unversehens
berfallen, und konnte frchten, als Meuchelmrder verachtet und bestraft
zu werden.

So vereinigten sich endlich Unwillen auf die Ungetreue, gekrnkter Stolz,
Furcht vor Verachtung, Schaam vor mir selbst, und endlich Angst des
Mrders, um den Entschlu, nie wieder in meine Garnison zurckzukehren,
in mir zur Reife zu bringen. Ich wollte bey einer andern Macht unter einem
andern Namen Dienste nehmen, sollte es auch nur als Gemeiner seyn, um mich
dadurch auf immer den Nachforschungen meiner Freunde zu entziehen.

Kaum war dieser Entschlu gefat, so sprang ich auf, um ihn auszufhren. --
Aber, wo war ich? Auf welchem Wege war ich in dieses Gebsche gekommen? Wie
sollte ich mich herausfinden? Ich nahm mein Pferd her, setzte den Fu in
den Steigbgel, um davon zu reiten, und setzte ihn wieder auf die Erde, um
den Tag zu erwarten. Mitten unter diesen Bewegungen hrte ich einen Hund
bellen, der, nach dem Schalle zu urtheilen, nicht weit von mir seyn konnte.
Ich arbeitete mich nach der Seite, wo der Schall herzukommen schien, durch
das Gebsch und zog mein Pferd hinter mir her. Das Gebell des Hundes kam
mir immer nher, und endlich gelangte ich auf einen lichten Platz, an
dessen einem Ende ein drftiges Licht durch Gebsche schimmerte.

Wre es mir auch nur von weitem wahrscheinlich gewesen, ohne fremde Hlfe
aus dem Walde zu kommen, so htte ich mich dem Lichte gewi nicht genhert,
weil ich mir einbildete, man wrde alles, was mir begegnet war, auf meinem
Gesichte lesen knnen; und wirklich ging ich auch nicht eher auf das Licht
zu, als bis ich, nach verschiedenen Seiten hin, einen Weg aus dem Walde
gesucht, aber nicht gefunden hatte.




Viertes Kapitel.

_Der alte Hans._


Ich pochte mit zitternder Hand an den Fensterladen. Wer ist da? rief eine
mnnliche Stimme. Ein Reisender, der sich verirrt hat! antwortete ich.
Will gleich aufmachen! rief der Mann, und ich konnte es hren, wie er
aus dem Bette sprang. Um Gottes willen! lie sich eine weibliche Stimme
vernehmen: mache nicht auf, Mann, wer wei, wer es ist; es knnen wohl
mehr seyn als einer. Sie schlagen uns todt, noch ehe wir um Hlfe schreien
knnen!

Der Verdacht des Weibes machte, da mir alle Glieder zitterten. Sie hielt
mich fr einen Mrder, das griff mir ans Herz. Htte ich mich nicht fr
einen gehalten, wrde ich nicht gezittert haben. Es fehlte wenig, so htte
ich mich von neuem in das Dickigt zurckbegeben.

Der Mann schien sich zu bedenken. Endlich sagte er: ich will meine Bchse
nehmen, und in Gottes Namen aufmachen! Und ich nehme die andere! sagte
die weibliche. -- Und ich des Vaters Hirschfnger! eine dritte Stimme,
die ich einem Knaben zuschrieb.

Die Thre ging auf, und ein langer Mann, der in der rechten Hand ein Gewehr
und in der linken eine Leuchte hielt, trat heraus. Hinter ihm stand eine
halbangezogene Frauensperson, welcher die Haare wild um den Kopf hingen,
und neben ihr ein Knabe, der in der rechten Hand einen bloen Hirschfnger
hatte, und mit der linken sich fest an dem Vater hielt.

Der Mann wiederholte seine Frage, und ich trat nher und gab ihm die vorige
Antwort. Mein Pferd, dessen Zaum ich in meiner linken Hand hielt, streckte
seinen Kopf ber meine rechte Schulter, und gab den Laut von sich, den die
Pferde hren lassen, wenn man ihnen zu fressen bringt, oder wenn sie nach
einer Tagereise eine bekannte Herberge vor sich sehen.

Der Mann machte einen langen Hals, und leuchtete das Pferd an. -- Ey,
alter Hans, sagte er, und richtete, ohne sich um mich zu bekmmern, seine
Worte an mein Pferd: wie kmmst du hieher? -- Dieses sagte er mit einer
Freude, als wenn er einen alten Freund, den er lange fr todt gehalten,
unverhofft wiedergefunden htte. Ach, unser Hans, Mutter! rief der Knabe,
und sprang hervor. Wer htte das gedacht? sagte die Mutter, und trat
auch zu meinem Pferde hin. Ich mochte sagen und fragen, was ich wollte,
man hrte mich nicht. Ihre Furcht vor Rubern und Mrdern schien vllig
verschwunden zu seyn: wie konnten sie auch etwas Bses von einem
Menschen erwarten, der sich als den Besitzer ihres alten geliebten Hansen
ankndigte?

Der alte Hans war immer das dritte Wort, whrend ich von einer brennenden
Ungeduld gefoltert wurde. Endlich lie ich dem Knaben den Zgel, und er
fhrte das Pferd in das Haus. Die Mutter nahm dem Vater die Laterne aus der
Hand und leuchtete dem Buben. Ich folgte dem Vater in die Stube.

Ja, sagte er, wenn Sie meinen Hans nicht gehabt htten, wrden Sie
nimmermehr nach meinem Hause gekommen seyn. Ich habe ihn erst vor acht
Tagen an den Postmeister zu G* verkauft. -- Bleiben Sie nur diese Nacht bey
mir, morgen in aller Frhe bringe ich Sie aus dem Walde!

Ich lie es mir nothgedrungen gefallen, und nachdem ich ihm ber seinen
Hans mit drey Worten Auskunft gegeben hatte, erfuhr ich, da ich mich in
dem A* Gebiethe ohnweit W*, mithin sechs Meilen von Lehmniz und sieben
Meilen von L* befnde.

Der Alte ward sehr gesprchig, aber ich hrte wenig von allem was er sagte.
Wie konnte ich es auch bey dem Sturme von Empfindungen, der in meiner Brust
tobte? Ich stmmte mein Haupt auf beyde Hnde, sah starr vor mich hin, und
antwortete ihm endlich gar nicht mehr.

Der junge Herr ist verdrlich, sagte er zu Frau und Sohn, als sie
zurckkamen, und mir erzhlen wollten, da sie den alten Hans in den Stall
gefhrt und ihm zu fressen gegeben htten: Lat ihn in Ruhe! -- Doch setz'
ihm zu Essen her, fuhr er zur Frau fort, wenn er etwa hungrig ist, und
dann geh mit dem Jungen schlafen. Ich lege mich nicht mehr nieder, es ist
bald zwey Uhr.

Die Frau brachte Milch, Butter und Brod und entfernte sich mit dem Knaben.
Der Alte nherte sich mir und sagte: Junger Herr, hier ist zu essen, wenn
Sie essen wollen, und dort mein Bette, wenn Sie schlafen wollen! -- Ich
sah ihn gerhrt an und reichte ihm stillschweigend meine Hand. Aber ich
hatte weder Elust noch Schlaflust.

Sobald der Tag anbrach, setzte ich mich in Bewegung. Meinen Wirth fand ich
bey meinem Pferde. Er hatte ihm zu Fressen gegeben, und war im Begriff, es
zu striegeln. Ohne ihm ein Wort zu sagen, nahm ich Sattel und Zaum. Er
wand mir beydes aus den Hnden und sagte: ich sollte ihm die Freude lassen,
seinen alten Hans zum letztenmale zu satteln. Diese Freude lie ich ihm
gern. Voller Ungeduld ging ich auf den Hof, denn er fing von neuem an zu
bitten, da ich doch noch ein Stndchen lnger warten mchte. Man wei
schon, um _wessentwillen_ er bat.

Endlich nach langem Zaudern fhrte er ihn aus dem Stall, und ich sprang
in den Sattel, ohne zu bedenken, da ich nicht durch die niedrige Hausthr
wrde reiten knnen. Ich mute also wieder absteigen, und das Pferd durch
das Haus fhren. Vor der Thr sprang ich von neuem auf, und ritt davon.
He, rief mir der Alte nach, wissen Sie denn den Weg? -- Er schttelte
bedenklich den Kopf, und schien gar nicht mit sich einig werden zu knnen,
was er aus mir machen und wie er sich mein Betragen erklren sollte.

Welch eine Pein fr mich, da ich meinem Wegweiser zu gefallen langsam
reiten, lnger als eine Stunde langsam reiten mute. Die hellen Tropfen
standen mir vor der Stirn, und tausendmal fragte ich ihn: kann ich den
Weg nun allein finden? Endlich sagte er ja, und schon hatte ich die Fe
aufgehoben, um meinem Pferde die Spornen zu geben, als es mir erst einfiel,
dem guten Alten zu danken. Ich griff in meinen Beutel und reichte ihm, was
mir in die Hand fiel. _Er_ wollte nichts nehmen und ich brannte vor
Eifer, es ihm zu geben, weil ich -- fort mute. Als er mir endlich zu viel
Umstnde machte, warf ich eine ganze Hand voll Silbergeld hitzig ber
ihn her, und sprengte davon. Er rief mir nach: da heits wohl recht, es
schneyet Geld! -- Ich sah mich nicht nach ihm um ---- Adje Hans! rief
er noch strker. -- _Mir_ hatte er keine glckliche Reise gewnscht.




Fnftes Kapitel.

_Funken unter der Asche._


Nach einer Stunde sah ich mich glcklich im Freyen. Ich erkundigte mich bey
dem ersten Bauer, der mir begegnete, nach dem Wege, der nach W* fhrte. Ich
erfuhr, da ich die Landstrae nur verfolgen drfe, um gerade auf die Stadt
zu stoen. Aber es war meine Absicht, um sie herum und nicht hinein zu
reiten.

Mein Entschlu war nun gefat: ich wollte gerade nach B* und mich dort
zu K* Diensten anwerben lassen. Es war mir gleich, wozu man mich machen
wollte, zum Kavalleristen oder Infanteristen, zum Kaporal oder zum Gemeinen
-- wenn ich nur meinen Bekannten und Freunden verborgen blieb.

Gegen Abend befand ich mich nicht weit von D*. Ich war fast in einem Zuge
fortgeritten, und hatte mir kaum Zeit genommen, des Mittags mein Pferd
fttern zu lassen und selbst einige Bissen zu mir zu nehmen. Ich war
Willens, noch diese Nacht wenigstens bis zur B* Grnze zu reiten, aber ein
unwiderstehlicher Schlaf berfiel mich, whrend ich in einer Dorfschenke am
Tische sa und meinen Gedanken nachhing. Als ich am andern Morgen erwachte,
fand ich mich noch in eben der Stellung, in welcher ich den Abend vorher
eingeschlafen war. Es herrschte eine Stille in meiner Seele, die mich
berzeugte, ich sey ganz ruhig und habe von den gewaltsamen Empfindungen,
die mich bisher Tag und Nacht umhertrieben, nun nichts mehr zu frchten.

Ich setzte meine Reise fort, und in einer halben Stunde hatte ich D* vor
mir. Auf lauter Abwegen, ber Sand und Wiesen und Aecker, ritt' ich um
diese Stadt, und lie mich an eben der Stelle, und vielleicht noch auf eben
derselben Fhre ber die Elbe setzen, die mich als Knabe berfuhr, nachdem
ich dem Bedienten meines Vaters aus dem Wirthshause unter den Hnden
entlaufen war.

Binnen drey Stunden war ich an der B* Grnze. Jetzt fiel es mir erst ein,
da ich in meinem Anzuge wohl nicht in B* hineingelassen werden drfte.
Unter meinem grnen Oberrocke trug ich die ganze S* Uniform, an meinem
Degen das S* Porte-Epee und um meinen Hut S* Kordons. Alles mute ich
ablegen, weil ich mich durch keinen Pa verwahren konnte.

Ich ritt in den Wald, der vor mir lag, und stieg in einem dicken Gebsche
vom Pferde. Zuerst schnitt ich die Kordons von meinem Hute, sodann zog
ich meine Uniform aus und legte endlich meinen Degen ab. Mein Herz
war unbeschreiblich beklemmt, und wenn ich die vor mir liegenden
Kleidungsstcke ansah, stiegen mir unwillkrlich die Thrnen in die Augen.
Ich trug endlich das Ganze zu einer Fuchshhle, die in der Nhe war,
steckt' es hinein und vergrub es unter Reisern, Sand und Steinen. Mit
gefalteten Hnden, den nassen Blick auf die Stelle geheftet, wo ich meinen
vorigen Stand begraben hatte, stand ich da, und brach endlich schluchzend
in die Worte aus: so ist denn alle Hoffnung zur Rckkehr verschwunden?--

Ich erschrak vor mir selbst. Ich weinte, da ich nicht mehr zurckkehren
konnte, und schnitt mir selbst alle Hoffnung zur Rckkehr ab. Ich war Tag
und Nacht geritten, um ihrem Bilde zu entfliehen, und nie war es mir nher,
als jetzt. Ich verabscheuete sie, als ich sie sah, und liebte sie, als ich
dreyig Meilen von ihr war!

O Liebe, du bist der Phnix, der sich selbst verbrennt, um auf neuen
Fittigen emporzuschweben. Du bist der Vogel, von dem man sagt, da er seine
Jungen mit eignem Blute nhre. Du bist das Bild der Natur, die ewig sich
selbst entblttert und ewig neue Knospen treibt. Dein Schmerz ist Wollust,
deine Wollust ist Schmerz. Du siehest mit verschlonen Augen, und mit
offnen bist du blind. Du bist nur selten Du selbst; unter tausend Gestalten
qulst oder beglckest du das Herz, in welchem du wohnest; du bist Hoffnung
und Verzweiflung; du bist Honig und Wermuth, Ruhe und Unruhe, Leben und
Tod; du bist das alles auf einmal, und vereinigest das alles, sobald du
willst, in einem Blick, in einem Seufzer, oder in einer Thrne.




Sechstes Kapitel.

_Moriz wird Jger._


Alle die gewaltsamen Empfindungen, die von dem Augenblick an, wo ich
Malchen in eines Andern Armen gesehen hatte, in meiner Seele strmten,
bekamen jetzt neue Nahrung, und durchliefen, wie damals, alle die Grade
von Eifersucht, Wuth, Unwillen und Schmerz, bis sie endlich, wie damals
und durch eben dieselben Gegengrnde verdrngt, in den festen Entschlu
zusammen flossen: die Treulose nie wieder zu sehen, und dehalb nie in jene
Gegenden zurckzukehren.

Ich sprang auf mein Pferd und ritt weiter, aber doch langsamer als ich seit
zwey Tagen zu reiten gewohnt war.

Reiten wir Einen Weg? hrte ich eine Stimme hinter mir.

Ich sah mich um, und erblickte einen Herrn auf einem stolzen Englnder. Ihm
folgte ein Reitknecht zu Pferde, dem zwey Bchsen ber der Schulter hingen.

Vielleicht! erwiederte ich: Ich reite nach B*.

Der Herr ist schon d'rin! sagte er lchelnd. Ich mu ber und ber roth
geworden seyn.

Der Herr ist ein Jger?

Ja, sagte ich in aller Eil, um seinen Fragen auszuweichen.

Und sucht Dienste? fuhr er fort.

Ja! sagte ich noch einmal eben so eilig, und der Gedanke, mich fr einen
Jger auszugeben, gefiel mir. Mein grner Oberrock hatte ihn wohl zunchst
auf diese Frage gebracht.

Aber wie kmmt der Herr hieher?

Ich wei nicht genau, was ich ihm in der ersten Angst erzhlte, aber das
wei ich, da kein Zug aus meiner wahren Geschichte darin war. Ich machte
mich zu einem Land-Jgers Sohn aus dem P*. Ich wre ausgetreten, sagte ich,
um der Muskete zu entgehen, womit man mir gedrohet habe. Da meine Flucht
heimlich geschehen, htte ich mich weder mit Pssen noch mit Attestaten zu
meinem knftigen Fortkommen versehen knnen, also wrde mir doch wohl am
Ende nichts brig bleiben, als die Muskete.

Die Angst ist eine vortrefliche Lgnerin. Zu jeder andern Zeit htte ich
stundenlang auf einen solchen Roman sinnen knnen, und doch wohl nicht
soviel Wahrscheinlichkeit hineingebracht. Mir ward es ganz leicht ums Herz,
als ich ihn glcklich verwickelt und entwickelt hatte.

Der Herr nahm mich einigemal scharf aufs Korn. Mein Gesicht und
berhaupt mein ganzes Aeussere schien ihm zu gefallen. Er ritt eine Weile
stillschweigend neben mir und sagte endlich: Mein Sohn, es wre schade um
dich, wenn du wider Willen Soldat werden solltest. Willst du bey mir als
Jger bleiben?

Aber ich bin erst zwey Jahre bey der Jgerey gewesen! sagte ich mit
derjenigen bewundernswrdigen Geistesgegenwart, die ich nun schon seit fnf
Minuten an mir gewohnt war.

Daran liegt nichts, erwiederte er, mein alter Tobias wird dir alles sagen
und zeigen, was du noch nicht weit. Versprichst du treu und fleiig zu
seyn?

Ja, sagte ich und reichte ihm meine Hand. Er lchelte, und ich fhlte mein
Gesicht glhen, darber, da ich meine Rolle vergessen hatte. Ich, ein
angenommener Jger, reiche meinem Gebieter die Hand! Ich glhete noch
strker, als er zu mir sagte: _Nun, so reite hinter mir_, und glhete am
allerstrksten, als mich der Reitknecht, mit dem Titel: _Herr Kamerad_,
beehrte, und mir die Hand reichte.

Ein Glck fr mich, da mein Herr in diesen Augenblicken weiter keine
Fragen, meine Geschichte betreffend, an mich that, ich wrde sonst alles
schlecht gemacht haben, was ich vorhin gut gemacht hatte. In weniger als
einer Stunde kamen wir auf dem Schlosse des Grafen an. Da er ein Graf sey,
sagte mir mein -- Kamerad.




Siebentes Kapitel.

_Morizens Lage._


Ich war einsam, in mir selbst verschlossen und stumm. Der Graf fragte
mich tglich, ob ich von Natur so wre, und ich bejahete es. Die brige
mnnliche und weibliche Dienerschaft sah mich mit groen Augen an und
steckte den Kopf ber mich zusammen. Alle ihre Blicke waren unaufhrlich
beschftigt, um den Wunderjger zu ergrnden, der bey hchstens achtzehn
Jahren nicht spielte, nicht trank, fast gar nicht sprach, sich weder auf
dem Schlosse noch in dem nahgelegenen Dorfe ein Mdchen suchte; von dem
der alte Tobias (des gndigen Herrn rechte Hand) sagte: er sey ein braver
Pursch; den der Graf immer als Muster der Treue und des Fleies den
Uebrigen vorstellte; an dem die gndige Frau eine feine Haut und edle Miene
bemerkt haben wollte; von dem die Gouvernante gesagt hatte, er schiene
sogar =monde= zu besitzen; von dem endlich die Vertraute der gndigen
Frau, ihre Kammerjungfer, die noch keine Mannsperson hatte leiden knnen,
sich nicht undeutlich verlauten lie, da er ihr nicht bel gefiele, und
da sie, wenn sie sich je entschlieen knnte, zu heyrathen, allenfalls
seine Frau zu heien sich nicht schmen wrde.

Dieses gab mir eine Ueberlegenheit im Hause, die mir bey meinem Hange zur
Einsamkeit lstig ward. Alles drngte sich zu mir, um mich zu unterhalten,
und mich, wie man sagte, aufzuheitern; alles fragte mich bey seinen kleinen
Angelegenheiten um Rath; die Gouvernante selbst lie sich herab, mit
mir Franzsisch zu sprechen, als ich es bey einer gewissen Gelegenheit
verrathen hatte, da ich diese Sprache verstnde; und die Kammerjungfer
sogar, wirbelte sich, wenn sie ein neues Kleidungsstck angezogen hatte,
so lange vor meinen Augen herum, bis sie geradezu oder durch Umschweife von
mir herausgebracht hatte, da sie gut und mit Geschmack gewhlt habe. Alle
diese Erscheinungen stiegen dem alten Jger Tobias, der ein groer Denker
war, zu Kopfe, und er pflegte immer zu mir zu sagen: _Wilhelm, wenn du
nicht ein Jgerssohn bist, so mut du wenigstens ein Frstenkind seyn._

Ich lchelte zu solchen Aeuerungen und schwieg.




Achtes Kapitel.

_Der Graf und sein Haus._


Der Graf war ein Mann von ungefhr funfzig Jahren: ein wilder Jger, was er
aus einem wilden Soldaten geworden war; hitzig, aber immer bereit, was er
in der Hitze gethan hatte, wieder gut zu machen; ohne modische Bildung und
Lektre, aber reich an praktischen Regeln des Lebens, wie er sie fr die
individuelle Lage seiner physischen und moralischen Umstnde brauchte;
rechthaberisch bis zur Unziemlichkeit in Sachen, die er zu verstehen sich
einbildete, und fast auf eine kindische Art gelehrig, wenn man ihm etwas
vortrug, da er noch nicht wute, und was er brauchen zu knnen glaubte; im
eigentlichsten Verstande Herr in seinem Hause, und bis zur unleidlichsten
Hartnckigkeit eigensinnig in dem System der huslichen Angelegenheiten.
Seine Gemahlin hatte er geheyrathet, um den Familienstamm aufrecht zu
halten, und weiter bekmmerte er sich nicht um ihre Beschftigungen und
ihren Zeitvertreib.

Die Grfin war noch sehr jung, und, als ich in das Haus kam, erst zwey
Monate mit dem Grafen verheyrathet. Dieses ungleiche Alter, noch mehr
aber die Art des Grafen, muten nothwendig eine seltsame Gattung von Ehe
hervorbringen. Er schwrmte ganze Tage auf Feldern und in Wldern umher;
sie sa ganze Tage in ihrem Zimmer, und vertrieb sich die Zeit, so gut sie
konnte, mit weiblichen Arbeiten, mit Bchern, und mit zwey Frulein aus
der Verwandschaft des Grafen. Zuweilen, aber doch nur hchstens einmal die
Woche, hatte sie Besuche von Frauenzimmern, die sich aber immer entfernten,
so bald der Graf in seine Mauern einzog. Selten machte sie Gegenbesuche,
weil es der Graf nicht gerne sah, da sie abwesend war. Aber wie kann
solch eine junge Dame das einfrmige Leben aushalten? fragte ich einmal
den alten Tobias ---- Das macht, erwiederte er, weil sie der Herr aus
einer Pension zu L* geradezu weggeheyrathet und sie zur Grfin gemacht
hat, weil er ihr giebt, was sie wnscht, weil er kein anderes Frauenzimmer
ansieht, und weil er regelmig alle Abende mit ihr zu Bette geht.

Der alte Tobias war, wie man sieht, ein alter Schalk.

Die beyden erwhnten Frulein waren noch jung, und standen unter dem
Scepter einer Gouvernante, die in ihren besten Jahren war, und wiederum von
einem Piaristen geleitet und gefhrt wurde. Dieser unterrichtete die beyden
Frulein im Christenthum und die Gouvernante in der deutschen Sprache. Der
alte Tobias nahm vor dem Mnch den Hut nicht ab, und rusperte sich
immer, wenn er die Gouvernante sahe. Ich fragte ihn nach der Ursach dieses
Betragens, und er gab mir zu verstehen, da er einmal in der groen Laube
dazu gekommen wre, als der Pater der Gouvernante -- _keine_ Kollegia
ber die deutsche Sprache gelesen htte. Es wre gerade in der Brunstzeit
gewesen -- setzte er in aller Unschuld hinzu.

Er wte wohl noch mehr von diesen beyden Leuten, fuhr er fort, aber er
wartete nur auf eine Gelegenheit, wo er ihnen noch nher auf die Fhrte
kommen knnte. Sodann sollte der Herr alles erfahren.

Uebrigens zerfiel das ganze grfliche Haus in zwey Hauptparteyen. An der
Spitze der einen stand der Graf mit der ganzen mnnlichen, und an der
Spitze der andern, die Grfin mit der ganzen weiblichen Dienerschaft. Der
Mnch wute es mit beyden sehr geschickt zu halten.




Neuntes Kapitel.

_Rckflle._


Als ich ungefhr vierzehn Tage in dem Hause des Grafen gewesen war, kam
der Briefbote aus der nchsten Stadt mit einem Brief an die Grfin. Da er
meiner zuerst ansichtig ward, so berreicht' er ihn mir, da ich ihn der
Grfin aushndigen sollte.

Ich blickte von ungefhr auf die Adresse -- und o! wie ward mir! Ich
glaubte Malchens Hand in derselben zu erkennen. Wie ein Wirbelwind
pltzlich einen stillen See emprt, und seine Gewsser zu hohen schumenden
Wellen aufregt -- so drang diese Vorstellung in mein Herz, das ich
seit einigen Tagen, vielleicht aus bloer Eigenliebe, fr ganz beruhigt
gehalten. Der Funke, der tief im Innersten versteckt gelegen hatte, schlug
in helle Flammen auf.

Ich zitterte, und lie den Brief dreymal fallen, und hob ihn eben so oft
wieder auf. Ich las die Aufschrift, und las sie immer wieder, zergliederte
jeden Strich, jeden Buchstaben, jeden Federzug, und zermarterte meine Augen
so lange, bis der ganze Brief in eine schwrzlichgraue Masse zusammenflo,
die mich keinen Buchstaben mehr erkennen lie.

Der Briefbote, der vermuthlich nicht ohne Befremdung mein seltsames
Betragen angesehen haben mochte, brachte mich dadurch ein wenig zu mir
selbst, da er in mich drang, den Brief abzugeben, er habe nicht Zeit zu
warten.

Ich erinnerte mich, da ich die Grfin vor einigen Minuten im Garten
gesehen hatte. Wie ausser mir lief ich hinein, fand sie, berreichte ihr
den Brief und sagte: Hier ist ein Brief von Ma--

Ich erschrack tdtlich, whrend ich noch im Begriff war, die andere Hlfte
des Wortes Malchen auszusprechen.

Von _wem_? sagte die Grfin. Sie sah mich zum Glck nicht an, sondern las
die Aufschrift.

Von der nchsten Stadt! stammelte ich, und drehete mich eilig um. Als ich
einige Schritte von ihr war, rief sie mich zurck. Ich stand zitternd von
der Seite.

Wilhelm, sagte sie: ich mu Sie schon sonst irgendwo gesehn haben, eh'
Sie in unser Haus gekommen sind.

Mir lief es kalt ber den Rcken.

Ich wte nicht wo! stotterte ich, und wollte fort.

Etwa in L*? sagte sie.

Nein, nein, rief ich, nein, nein! und lief beynah im Sprunge davon,
indem ich die Bewegung mit der linken Hand machte, die man zu machen
pflegt, wenn man etwas verneint, das man bejahen sollte. Ich glaubte ihr
dadurch recht geschickt bewiesen zu haben, da ich nie in L* gewesen wre.

Alles vereinigte sich, um mich in die tdtlichste Unruhe zu setzen. Zwey
volle Stunden hatte ich zu kmpfen, eh' ich mich bereden konnte, meine
Phantasie habe mir mit der Adresse einen Streich gespielt, und die Grfin
msse irgend einen andern fr mich angesehn haben. Aber, da sie mich
gerade in L* gesehn haben wollte! Diesen Einwurf widerlegte ich damit, da
ich mich nicht erinnerte, _sie_ in L* gesehn zu haben. Man bewundere die
unumstliche Beweiskraft dieses Arguments. Da der Brief nicht von Malchen
gewesen, bewies ich mir damit, da ich ihr Wappen sogleich mte gekannt
haben. Ich hatte es lngst vergessen, da ich whrend der Hitze und
Anstrengung, womit ich die Buchstaben der Aufschrift untersuchte, gar nicht
daran gedacht, das Siegel zu untersuchen.

Am Abende dieses Tages sa ich mit dem alten Tobias auf dem Schlohofe
unter der Linde. Er sprach nicht viel, und ich noch weniger. Eh' ich mirs
versah, stand das Kammermdchen der Grfin vor uns, und suchte uns Rede
anzugewinnen. Der alte Tobias duldete sie, weil sie ein kluges Mdchen war,
weil sie ihm immer den grauen Bart krauete, und weil er sahe, da ich
mir ihr Geschwtz zuweilen hatte gefallen lassen. Sie brstete sich nicht
wenig, wenn sie bey mir sa, weil sie die einzige vom weiblichen Gesinde
war, die ich nicht zurckschreckte. Alle ihre Gesprche liefen am Ende auf
Liebe und Heyrathen hinaus, und zwar blos darum, weil sie sich, nach ihrem
Gestndni, weder zum Lieben noch zum Heyrathen versucht fhlte.

Diesen Abend unterhielt sie mich ber das Kapitel der Untreue und der
Unerklrbarkeit der Mnner, und fhrte ein Beyspiel davon an, welches das
Maa meiner Unruhe voll machte.

Die Grfin htte heute einen Brief bekommen, sagte sie: von einer
Freundin, mit welcher sie zu L* in Pension gewesen wre.--

Bey diesen Worten regten sich alle meine Haare auf der Scheitel.

Die Grfin htte ihr zwar den Brief von Anfang bis zu Ende lesen lassen,
fuhr sie fort, aber er wre so lang gewesen, da sie nicht alles htte
behalten knnen. Genug, ihre Freundin habe einen Herrn sehr lange und von
ganzem Herzen geliebt, und habe geglaubt, auch von ihm geliebt zu seyn;
aber ein paar Tage vorher, da die Hochzeit htte vor sich gehen sollen,
wr' er gekommen, habe sie unversehens berfallen, und ihre Schwester
mit dem Degen gestochen, doch ohne ihr Schaden zu thun, wre sodann davon
geritten und niemand wisse, wohin!

Ich bekam wieder Athem bey den Worten _ihre Schwester gestochen_ denn ich
wute sehr genau, da ich eine _Mannsperson_ gestochen hatte; aber ruhig
machte mich dieser Gedanke nicht, weil die brigen Umstnde gar zuviel
Aehnliches mit meiner Geschichte hatten. Die Freundin der Grfin war zu L*
in Pension gewesen -- das pate auf Malchen -- ihr Liebhaber hatte sie kurz
vor der Hochzeit berfallen -- das pate auf mich -- war davon geritten und
niemand wte wohin -- ich war auch davon geritten, und vermuthlich wute
niemand, wohin. Ich that noch hundert schchterne Fragen nach dem Namen
der Freundin, nach dem Orte, wo die Begebenheit vorgefallen, und wie der
Liebhaber geheien habe; aber sie wute keine zu beantworten, und gestand
endlich, vermuthlich weil sie sich verga, da sie den Brief nicht
selbst gelesen, sondern nur dazu gekommen wre, als die Grfin den Inhalt
desselben der Gouvernante erzhlt habe. Wenn mir aber daran gelegen wre,
so wollte sie die Grfin befragen und ich sollte alles erfahren.

Was fr Ursachen sich heute eine auf die andre huften, um mich in die
schrecklichste Unruhe zu versetzen! Bald war mir der erwhnte Brief so
gewi von Malchen, da ich aufsprang, und noch diesen Abend davon
wollte; bald dnkte es mich so unwahrscheinlich, da ich laut ber meine
Aengstlichkeit lachte. So ward ich die ganze Nacht hindurch zwischen Ja
und Nein hin und her geworfen, bis ich endlich, aber nicht eher, als da die
Sonne aufging, mit festem Muth auf dem Nein beharrete. So lange es Nacht
blieb, und ich nur mit den Augen der Phantasie sehen konnte, war es mir
nicht mglich gewesen, mich von dem ngstlichen Ja loszuwinden.




Zehntes Kapitel.

_Der Graf verreiset._


Es geschah, da der Graf in Familienangelegenheiten nach W* ging. Die
Grfin htte diese Reise, wie ich hrte, gerne mit ihm gethan, aber er
frchtete, da sie ihm in W* auf mancherley Art zur Last fallen mchte.
Besuche geben und nehmen, sich anziehen, sich zur Schau stellen, war
seine Sache nicht; und das wre unvermeidlich gewesen, wenn er seine junge
Gemahlin der Familie htte auffhren wollen. Er lie sie also zurck. Mich
htte er gerne mitgenommen, wenn es mglich gewesen wre, den eisgrauen
Schildknappen Tobias von seiner Seite zu entfernen.

Um mit Glanz in W* zu erscheinen, nahm er alle mnnliche Bediente mit,
und niemand blieb im Hause, als die Grfin, ihre Kammerjungfer, die
Gouvernante, die beyden Frulein und ich. Der Piarist blieb jetzt halbe
Tage hindurch auf dem Schlosse, um, wie er sagte, den Frauenzimmern die
Zeit zu vertreiben; und er war auch wirklich sehr wohl bey ihnen gelitten,
denn er konnte -- krhen wie ein Hahn, bellen wie ein Hund, und miauen wie
eine Katze.

Der alte Tobias sagte mir, als er mit dem Grafen abreiste, ich sollte ein
wachsames Auge auf den Pfaffen und auf die Franzsin haben, er trauete
beyden nur so weit als er sie she.

Sie selbst mochten es auch wohl wissen, da sie an dem alten Tobias einen
unbestechlichen Argus hatten. Beyde waren um so hflicher und geflliger
gegen ihn, je mehr sie sich vor ihm frchteten. Sobald er also den Rcken
gewandt hatte, glaubten sie freyes Feld zu haben. Sie gingen stundenlang
im Garten spazieren, und waren immerfort in sehr geheimnivollen und
ernsthaften Gesprchen begriffen.

Drey Tage nach der Abreise des Grafen befand ich mich im Garten und
verpflanzte unter der Aufsicht des Grtners einige junge Bume. Der Piarist
erschien mit der Gouvernante und den beyden Frulein, doch muten letztere
immer eine Strecke voraus gehen. Als sie nicht weit mehr von uns entfernt
waren, zog der Piarist in der Hitze des Gesprchs das Schnupftuch heraus,
und mit demselben etwas Glnzendes, das ich fr einen Schlssel hielt.
Ich sprang hin und hob es auf, aber es war kein Schlssel, sondern ein
Dietrich. Ich lief ihm nach und reichte ihm das verdchtige Werkzeug. Die
Gouvernante ward todtenbla und sah den Pater an. Er gehrt nicht mir!
sagte er, und gab mir den Dietrich mit der gleichgltigsten Miene von der
Welt zurck. Ich hab' ihn aber mit dem Schnupftuche herausziehn sehen!
sagte ich. -- Sie sind nicht gescheut, Wilhelm! sagte die Gouvernante mit
zuckenden Lippen, und zog den Piaristen fort. Ich dachte sehr lebhaft an
den alten Tobias, und steckte den Dietrich ein.




Eilftes Kapitel.

_Moriz ist unruhig._


Whrend der Abwesenheit des Grafen suchte ich mich so gut zu beschftigen
und zu zerstreuen als ich konnte. Ich war zuweilen ganze Tage hindurch auf
der Jagd; legte mich, wenn ich meine Pflicht als Jger gethan hatte, auf
die Oekonomie; fischte, und half unserm Grtner bey seinen Arbeiten; las
auch zuweilen franzsische Bcher, die mir die Gouvernante aus der kleinen
Bibliothek der Grfin verschaffte, nicht etwa verstohlnerweise, sondern mit
der vlligen Bewilligung der Grfin, die oft gesagt hatte, mein Flei, mein
Eifer, und meine stille Auffhrung verdienten, da man mich von dem brigen
Gesinde unterschiede; auch htte ich so etwas in meinem Aeussern, wodurch
es ihr unmglich gemacht wrde, mich, wie die brigen Bedienten, mit _Er_
oder _Ihr_ anzureden.

Ueberhaupt schien die Grfin nicht weniger als die Uebrigen neugierig zu
seyn, was es wohl eigentlich fr eine Bewandni mit mir haben mchte. So
oft sie mich sah, nahm sie mich scharf aufs Korn, und sagte entweder zu
mir, oder zu jedem andern, der gerade bey ihr war: Es ist gewi, da ich
den Jger Wilhelm schon sonst irgendwo gesehen habe. Sie verlie mich dann
jedesmal mit einer nachdenklichen Miene.

Man kann leicht glauben, da ich bey solchen Aeuerungen nicht ruhig
blieb. Mehr als einmal war ich fest entschlossen, die Dienste des Grafen
zu verlassen. Aber heimlich wollt' ich es nicht, und ffentlich konnte ichs
nicht, weil ich keinen Grund dazu anzugeben wute.

O, ich hatte noch eine Ursache, warum ichs nicht that. Man wird sie
errathen, und ber mich lachen. Eben die Ursache, die mich in der einen
Minute forttrieb, hielt mich in der andern. Ich zitterte, wenn mich
die Grfin so aufmerksam ansah, und glaubte doch, es mte nicht wenig
interessant seyn, von ihr erkannt zu werden. Ich suchte mich auf die
schicklichste Art zu entfernen, wenn sie in den Garten kam, und mir und dem
Grtner zusah; und brannte vor Begierde, im Garten zu seyn, wenn ich wute,
da sie darin war. Ich erschrak vor dem Gedanken, sie mchte mit Malchen
in Briefwechsel stehen, und htte dem feind werden knnen, der mich vllig
berzeugt htte, sie stnde _gewi nicht_ mit ihr in Briefwechsel. Ich
Thor, ich unbegreiflicher Thor! -- Aber, werfe den ersten Stein auf mich,
wer da will. Vor dem, der geliebt hat, und dem, der das menschliche Herz
kennt, bin ich sehr sicher!




Zwlftes Kapitel.

_Hlfe! Hlfe! Hlfe!_


Am Abend des zehnten Tages nach der Abreise des Grafen, lie mich meine
Phantasie, die durch ein neues Examen von Seiten der Grfin aufgeregt
worden war, nicht einschlafen. Es war ein unfreundliches Wetter draussen.
Sturm, Regen und Schlossen brausten und rasselten auf Dchern und an den
Fenstern. Der Wetterhahn auf dem Schlothurm schwirrte, und die Hunde
heulten in ihren Zwingern. Ich verhllte mich fest in meine Kssen, und
wartete ngstlich auf den Schlaf, aber meine Einbildungskraft, die sich mit
dem Brausen des Windes vereinigte, entfernte ihn immer weiter und weiter
von mir.

Voll Ungeduld richtete ich mich endlich im Bette auf. Im Nu kam es mir
vor, als ob ein Lichtstrahl pltzlich in meine Kammer fiele, und eben so
pltzlich wieder verschwnde. Meine Kammer war unten im Hause, gerade
der Treppe gegenber, die in den ersten Stock zur Wohnung der Herrschaft
fhrte. Hinter mir war die Thre, durch die man auf einigen Stufen in den
Garten hinab kommen konnte. Diese Thr mute offen seyn, denn ich glaubte
deutlich zu hren, wie sie vom Winde hin und her geworfen wurde, und doch
wute ich sehr genau, da ich sie, eh' ich mich niederlegte, fest zugemacht
hatte.

Ich stand auf, um sie zuzumachen. Whrend ich meinen Oberrock umwarf, fiel
abermals ein Lichtstrahl durch das Fenster, welches in meiner Kammerthr
angebracht war. Ich sah hindurch und sah nichts. Voll Befremden darber,
doch ohne mir etwas Besonderes dabey zu denken, suche ich nach dem Drcker,
finde ihn, drcke und drcke -- meine Thre war und blieb fest zu. Ich
erinnerte mich zwar nicht, sie abgeschlossen zu haben, nahm aber doch den
Schlssel um aufzuschlieen. -- Meine Thr war nicht zugeschlossen gewesen,
ging aber auch nicht auf.

Indem ich mich noch zermarterte, um sie zu ffnen, hrte ich auf einmal ein
durchdringendes _Jesus Maria!_ -- Weinend vor Ungeduld, lehnte ich mich mit
meiner ganzen vereinigten Kraft gegen die Thr, und krach! sprang sie aus
den Angeln und strzte mit groem Gerusch auf den Boden, der mit Steinen
gepflastert war. Ich strmte die Treppe hinan, und hrte die Stimme des
Kammermdchens, die Hlfe! Hlfe! Hlfe! schrie. Ich eilte in das Zimmer
der Grfin, welches weit offen stand, und sah Lichtstrahlen aus ihrem
Schlafzimmer in dieses grere fallen. Ein dumpfes Sthnen kam mir aus
jenem entgegen.

Ich sprang hinein, und erblickte eine Weibsperson, die sich ber das Bette
der Grfin geworfen hatte und mit beyden Hnden beschftigt war, sie
unter Kssen zu begraben; eine Mannsperson, die vor einem geffneten
Seitenschranke stand und mit beyden Hnden im Gelde whlte; auf dem
Seitentisch eine kleine brennende Diebslaterne.

Ich ergriff die Weibsperson, um sie wegzuschleudern, sie schrie, und in
dem Augenblick fhlte ich einen Stich durch die rechte Seite. Meine Arme
erschlafften, und ich sank ohne Bewutseyn zu Boden.




Moriz.

Sechstes Buch.




Erstes Kapitel.

_Neue Wunden._


Als ich zu mir selbst kam, sah ich mich noch im Schlafzimmer der Grfin auf
einem Kanape, das ihrem Bette gegenber stand. Mir zur Seiten erblickte ich
die beyden jungen Frulein, welche Todesangst auf dem Gesichte trugen.
Die eine hatte ein Wachslicht in der Hand, die andre ein Glas voll Wasser,
womit sie mir das Gesicht besprengte. -- Er lebt noch! rief die letztre,
als ich die Augen ffnete. Die Grfin richtete sich im Bette auf.

Guter Wilhelm! rief sie mit schwacher Stimme, und streckte die rechte Hand
nach mir aus. -- Ich wollte aufspringen, um sie zu ergreifen, und sank
kraftlos zurck.

Ihr schnes Auge, welches fest an mir haftete, schwamm in Thrnen. O,
kommen sie _noch_ nicht? rief sie, voll Angst und Ungeduld, als sie einen
Blick auf das Blut warf, womit das Kanape ber und ber bedeckt war. --
Geh, lauf, fuhr sie zum ltesten Frulein fort: sieh, ob sie kommen!

Das Frulein sah sie mit der allerhchsten Angst im Blicke an, und wagte es
nicht, den Fu aus dem Zimmer zu setzen. So geht beyde! fuhr die Grfin
fort. Sie schlossen sich fest an einander, und gingen langsam in das
Vorzimmer. Die eine zog Muth aus der Furchtsamkeit der andern. Sie nahmen
das Licht mit, und das Schlafzimmer wurde nur noch von dem matten
Schein der Nachtlampe, die nahe bey dem Bette der Grfin stand, drftig
erleuchtet.

Immer noch war ihr Auge mit dem Ausdrucke des innigsten Mitleids auf mich
gerichtet. Ihr Haupt hatte sie auf die linke Hand gestemmt, und die rechte,
in welcher sie ein Schnupftuch hielt, ruhte auf dem Deckbette. Ihr blondes
Haar flo in reizender Unordnung ber Schultern und Brust herab, und
berwebte gleichsam stellenweise den Umri des vollen Busens, der, durch
Schrecken, Todesfurcht und Nothwehr aus seinen Schranken gedrngt, langsam
stieg und sank.

Verloren in dem Anschauen der Schnheit, die sich hier meinem Blicke so
berraschend entschleyerte, fhlte ich keinen Schmerz, wute ich von keiner
Wunde, von keiner Entkrftung mehr. Meine ganze Seele lebte in meinem Auge,
und in dem ihrigen flimmerten die hellen Perlen, in welche sich das Mitleid
auflst, wenn die Zunge dem gerhrten Herzen nicht folgen kann. Immerfort
begegneten sich unsre Blicke, und immerfort sanken sie zu Boden, als wenn
wir wechselsweise vor einander erschrken.

O, wenn sie mir doch noch einmal die Hand reichte! Dieser Wunsch ward
nach einigen Augenblicken der herrschende in meiner Seele. Ich htete alle
ihre Bewegungen, und als sie einmal die rechte Hand aufhob, glaubte ich ihn
erfllt, sprang auf und that einen raschen Schritt nach dem Bette. Sie fuhr
erschrocken zusammen, zog den Arm unter die Decke, und hllte sich vllig
ein. Ich taumelte nach dem Kanape zurck, warf den Blick seitwrts, und --
dachte an meine Wunde, und fhlte meinen Schmerz und meine Entkrftung von
neuem.

Die beyden Frulein kamen zurck und brachten die Nachricht, da sie
eine Laterne von weitem gesehen htten: es wrde wohl der Grtner mit der
Jungfer und dem Chirurgus seyn. Dem Himmel sey gedankt! rief die Grfin
freudig: Nun, wird sich der arme Wilhelm nicht verbluten!

Mein ganzes Herz bewegte sich bey diesen Worten. Fr jedes htte ich willig
einen _neuen_ Stich erdulden wollen. Ich bestrebte mich, ihr zu sagen,
wie sehr mich ihre Theilnehmung rhrte, aber die Zunge versagte mir ihren
Dienst; ich sprach mit Blicken, und sie schien mich zu verstehen.

Bald nachher kamen der Grtner, der Chirurgus und das Kammermdchen. Man
fhrte mich in meine Kammer, untersuchte meine Wunde und verband sie. Der
Chirurgus fand sie nicht gefhrlich und nannte sie eine Kleinigkeit, was
nicht alle Wundrzte in hnlichen Fllen zu thun pflegen.




Zweytes Kapitel.

_Moriz in letzten Zgen._


Ich wollte den Grtner, dem es von der Grfin ausdrcklich aufgetragen war,
bey mir zu wachen, mehr als einmal fortschicken, aber er ging nicht.
Wie lstig war mir seine Sorgfalt und Theilnehmung! Ich fhlte ja keinen
Schmerz, ich wute ja von keiner Wunde, mir war so leicht und wohl, wie
mir nie gewesen war! -- O, ich hatte aus den Augen der Grfin eine Strkung
gesogen, welche die feinsten meiner Fibern innig durchdrang, und wie der
Balsam der Unsterblichkeit, mein ganzes Wesen zu einem neuen Leben strkte
und auffrischte.

Immer noch sa ich ihrem Bette gegenber auf dem Kanape; immer noch
lispelte ihre melodische Stimme: _Armer Wilhelm!_ vor meinem Ohre; immer
noch sah ich die runde Hand, auf die sich ihr Haupt, wie auf eine Sule von
Elfenbein gesenkt hatte; immer noch die sanften Wogen des blhenden Busens,
der, hie und da vom seidenen Haar berflossen, bey der schwachen Dmmerung
des Nachtlichts, den Schneehgeln Nordens sich verglich, um deren Hupter
feine, monderhellte Silberwlkchen leise weben und schimmern.

Und wenn mir auch Malchen getreu geblieben wre, so htte ich doch in
diesen Augenblicken nicht an sie gedacht.

Je tiefer ich mich in meine Kssen verhllte, desto lebhafter wurden jene
Bilder, desto fruchtbarer ward meine _Phantasie_ (denn mein _Verstand_
feyerte) an abentheuerlichen Entwrfen, wodurch ich mir das Glck
verschaffen wollte, der Grfin -- noch einmal so gegenber zu sitzen. Es
ist sonderbar, aber sehr natrlich, da die khnsten meiner Wnsche gerade
nur auf diesen Umstand sich einschrnkten, der ihnen die Entstehung gegeben
hatte.

Am andern Morgen erschien die Kammerjungfer der Grfin, und erkundigte sich
im Namen ihrer Gebieterin nach meinem Befinden. Ich stellte mich Wunder wie
stark, und sagte mit einer Stimme, die nichts weniger als einen krnklichen
Ton hatte: _mir ist wohl, mir fehlt nichts, ich werde sogleich aufstehen!_
Ich zitterte bey dem Gedanken, da sie an meinem Wohlbefinden zweifeln
mchte.

Aber die Grfin ist herzlich krank, sagte sie, und wird wohl unter drey
Tagen das Bette nicht verlassen drfen!

Drey Tage? Drey Tage? rief ich erschrocken, denn ich hatte Rechnung darauf
gemacht, sie _heute noch_ zu sehen; und dehalb _befand ich mich vorhin
so wohl_, dehalb _fehlte mir nichts_, und dehalb _wollte ich sogleich
aufstehen_! Jetzt glaubte ich mich weit bler zu befinden, als zwey volle
Minuten vorher, und ich sagte zu der Kammerjungfer, da es auch bey mir
leicht drey Tage dauern knnte, eh' ich meine Krfte wieder erlangte.

Und die Grfin glaubt, unterbrach sie mich mit nassen Augen: da Sie in
drey Tagen nicht mehr leben werden.

Was? rief ich, indem ich mich schnell im Bette aufrichtete -- Was? -- Nicht
mehr leben? Bin ich nicht frisch und gesund?

Ich wollte aus dem Bette springen, aber der Grtner hielt mich zurck.

Ach, fuhr sie fort, wenn die Kranken nicht wissen, wie krank sie sind,
so ist es ein Zeichen, da sie in den letzten Zgen liegen!

Sie weinte und schluchzte ganz erbrmlich, und ich -- ich htte verzweifeln
mgen ber ihre Albernheit!

In dem Augenblicke trat der Wundarzt herein. Er untersuchte meinen Puls,
prophezeiete, da ein Wundfieber unterwegs sey, und rieth mir, _mich aller
Gemthsbewegungen zu enthalten_. Darauf ging er mit der Kammerjungfer zur
Grfin. Ich flsterte ihm ins Ohr: er sollte der Grfin sagen, ich wre
gesund wie ein Fisch, und bat ihn zugleich noch heimlicher und leiser, mir
Nachricht zu bringen, was sie dazu gesagt htte.




Drittes Kapitel.

_Er sieht sie._


Mit dem dritten Tage fand ich mich vllig gesund. Der Arzt mochte sagen,
was er wollte, ich blieb nicht im Bette. Das Wetter ward gegen Mittag so
schn, da er mir erlauben mute, einen Spatziergang im Garten zu machen.
Es hie, die Grfin werde heute auch das erstemal wieder ihr Zimmer
verlassen, und in den Garten kommen. In eben dem Augenblicke, wo ich
diese Nachricht erhielt, griff mir der Arzt von ungefhr an den Puls,
und versicherte, mein Blut wre sehr in Wallung. Ich fhlte es wohl,
versicherte ihm aber das Gegentheil.

Ich ging mit ihm in den Garten, und in weniger als zehn Minuten sahen wir
die Grfin mit der Kammerjungfer die groe Allee herabkommen, uns entgegen.
Es schickt sich wohl nicht, sagte mein ngstlicher Fhrer: da wir in
eben der Allee spatzieren gehen, wo die gndige Herrschaft geht, wir wollen
umkehren.

Er wlzte mir durch diesen Vorschlag einen Stein vom Herzen. Mir war gerade
so zu Muthe, als damals, wo ich auf meinem groen Ritterzuge nach L**
Malchen mit verschlossenen Augen am Fenster zu sehen glaubte. Wir kehrten
um, gingen aber sehr langsam, woran jedoch mein Begleiter nicht schuld war.

In wenig Augenblicken hrte ich die Stimme der Grfin nahe hinter mir. Sie
sprach strker, als gewhnlich -- Vermuthlich, dachte ich bey mir selbst:
damit ichs hren soll! -- Aber ich hatte nicht den Muth, mich umzusehen.

Warum laufen Sie vor mir, mein lieber Doktor? rief sie meinem Begleiter
zu, und es that mir weh, da sie nicht _mir_ zurief.

Wir standen still, und sie trat nher.

Was macht Ihr Patient?

Er antwortete, ich schwieg unzufrieden.

Wird ihm die Bewegung nicht schaden?

Ich hoffe nicht! sagte er.

Auch nicht eines Blickes wrdigt sie mich! sagte ich bey mir selbst, und
meine Unzufriedenheit stieg--

Sehn Ihr' Gnaden wohl, wie bla der arme Wilhelm aussieht? sagte die
Kammerjungfer.

Ich glhete ber und ber bey dieser Bemerkung, und die Grfin, die mich
nur mit einem halben Blicke von der Seite ansah, glhete wo mglich noch
strker.

Ja, sagte sie, recht bla, recht sehr bla! Sie drehete sich um, und
that, als ob ihr ein Staubkrnchen ins Auge gefahren wre.

Hast du es ihm schon erzhlt? fuhr sie nach einer Pause zur Kammerjungfer
fort.

Ich? sagte diese: Nein! Ihr' Gnaden wollten es ihm ja selbst erzhlen.

Die Grfin ward von neuem roth, wandte das Gesicht weg, und sagte
stammelnd: es kann ein andermal geschehen! Ich habe jetzt -- er wird jetzt
-- er darf wohl nicht lange in der freyen Luft seyn, Herr Doktor?

So lange die gndige Grfin befehlen -- rief ich eilig, weil ich glaubte,
der Arzt wrde mir mit einem bedenklichen Achselzucken zuvorkommen. Ich war
nicht wenig mit mir zufrieden, da ich diese Worte glcklich herausgebracht
hatte.

Also kurz, nahm die Grfin das Wort: man hat die _Gouvernante_ und den
_Pater Benedikt_ auf der Grnze ertappt, und beyde nach P** geliefert.
Ich erwarte in einigen Tagen nhere Nachricht. Gewi ist es, da sie ihrer
Strafe nun nicht entgehen werden. -- Aber, fuhr sie mit weggewandtem
Gesichte fort: dadurch werden die Schmerzen des armen Wilhelms nicht
gelindert!

Ich habe keine Schmerzen! rief ich mit aufwallender Freude.

Weinen mchte ich ber solche Gromuth! sagte sie zur Kammerjungfer, und
legte die rechte Hand vor die Augen: Gute Besserung, mein lieber Wilhelm,
rief sie nach einer Pause, indem sie den linken Fu fortsetzte, und mit der
rechten Hand auf mich winkte.

Ich sprang wie ausser mir hin, und ergriff diese Hand, und legte sie an
mein Herz, und drckte sie, und kte sie, und -- o, ich wei nicht mehr,
was ich in diesen Augenblicken alles that!

Auf ihren Wangen brannte Bestrzung und holde Schaam. Sie ri sich mit Mhe
von mir los, und verschwand in eine Seitenallee. Ich sah ihr mit starren
Blicken nach, und als ich sie aus den Augen verloren hatte, sagte ich zu
meinem Begleiter, der mich seinerseits auch starr ansah: mir ist nicht
wohl! -- Das glaub' ich gern! erwiederte er, und fhrte mich aus dem
Garten.




Viertes Kapitel.

_Miverstndnisse._


Die Grfin lie sich fast stndlich nach meinem Befinden erkundigen, und
das Kammermdchen versicherte mir, da sie trostlos sey, wenn sie an die
Schmerzen dchte, die ich ihrentwegen erdulden mte; da sie ihren ganzen
Verstand beschftigte, um eine Belohnung zu ersinnen, die dem Dienst
entsprche, den ich ihr geleistet; da ich selbst verlangen mchte, was ich
nur wollte, so sollt' ich es haben, und wr' es ihr auch das liebste
und theuerste auf der Welt: dieses lie sie mir durch ihre Vertraute
versichern, und wenn ich sie denn selbst sah, und eben dies von ihr
selbst wiederholt zu hren vermuthete: so war eine kalte Frage nach meinem
Befinden, die sie noch dazu nur immer mit weggewandtem Gesichte an mich
that, das einzige, was sie meinem drstenden Herzen darzubieten pflegte.

Ich wte wohl, was ich mir von ihr zur Belohnung ausbitten wollte, sagte
das Kammermdchen bey einer Gelegenheit zu mir--

Ich verlange nichts! sagte ich.

Einen Ku, mein lieber Wilhelm, wenn ich an Ihrer Stelle wre! -- Sie sah
mich dabey mit einem bedeutenden Lcheln an, welches mir mein ganzes Blut
ins Gesicht trieb. -- Errathen? fuhr sie fort, indem sie zur Thr hinaus
ging: Sie bekommen ihn gewi, wenn Sie ihn verlangen!

Ich mu ein hchst albernes Gesicht gemacht haben, denn es kam in diesen
Augenblicken auf nichts Geringeres an, als die hchste Verlegenheit, die
hchste Freude und die seste Hoffnung unter einer gleichgltigen Miene zu
verbergen.

Was soll ich es lugnen! Meine Eigenliebe wollte, trotz dem kalten Betragen
der Grfin, irgend etwas in ihren Blicken gelesen haben, das nichts weniger
als Kaltsinn wre. Alle die kleinen Zge, Winke und Bewegungen; das ganze
Spiel ihrer Augen, ihrer Lippen und selbst ihrer Finger; den Ton ihrer
Stimme, bis auf den unmerklichsten Accent, den sie auf das kleinste ihrer
Worte legte -- musterte und erklrte mir diese Zauberin, die das ganze
menschliche Geschlecht mit sichtbaren oder unsichtbaren Fden umspinnt, und
es tanzen lt, wie der Puppenspieler seine Puppen.

Ich glaubte also im Grunde meines Herzens, da mir die Grfin durch jene
Aeuerung ihrer Vertrauten einen Wink htte geben wollen, in Zukunft nicht
mehr so bertrieben scheu und furchtsam zu seyn; aber ich hatte doch
nicht Muth genug, diese Ueberzeugung durch mein Betragen kundbar werden zu
lassen. Indessen war ich fest entschlossen, bey der ersten Gelegenheit, wo
die Grfin von Belohnung sprechen wrde, Herz zu fassen, und statt alles
brigen, einen Ku von ihr zu verlangen. Wie selig mich dieser Vorsatz
machte, den ich im Geiste schon ausgefhrt sah, kann man sich ohne Mhe
denken.

Gegen Abend bat mich die Kammerjungfer, ein wenig mit ihr auf ihr Zimmer zu
kommen. Ich that es gern und willig, ob ich gleich sonst alle Einladungen
dieser Art mit Hartnckigkeit von mir gewiesen hatte. Aber was fr eine
Aussicht ffnete sich mir, wenn ich es _diesmal_ ihr nicht abschlug! Das
Zimmer der Grfin stie an das ihrige -- wie leicht konnte sie ihr nicht
irgend einen Auftrag zu machen haben -- sie mute mich sehen, und gewi mit
mir sprechen -- ich htte dann Gelegenheit, das von ihr zu fodern, was sie
mir durch ihre Vertraute hatte -- anbieten lassen -- und vielleicht geschah
diese Einladung wiederum auf ihr ausdrckliches Verlangen.

Diese Gedanken jagten mich gleichsam zu dem Zimmer der Kammerjungfer. Es
mute der Bbin sehr leicht werden, diese ungewhnliche Bereitwilligkeit
auszudeuten.

Kaum fnf Minuten vorbey, so ging die Thr auf, und in derselben stand die
Grfin. Ich sprang auf.

Lat euch nicht stren, Kinder! sagte sie mit einer beraus _gndigen_
Miene: Ihr seyd berdies so still, da man euch kaum hrt! -- Wilhelmen
ist heute wieder wohl? fuhr sie zu mir fort.

Recht wohl! erwiederte ich, und in diesen Augenblicken fhlte ich mich auch
wirklich recht wohl.

O, es ist ihm ja nie weh gewesen! schnatterte die Kammerjungfer
dazwischen. Die Grfin schien flchtig zu errthen, aber ich brannte ber
und ber.

Er verlangt auch nicht einmal ein kleines Schmerzengeld! fuhr sie fort.

Ich war wie mit heissem Wasser begossen, und zitterte an Hnden und Fen.

Ich habe ihm eins in Vorschlag gebracht, fuhr sie fort und hustete auf
eine schelmische Art, indem sie mich scharf ins Auge fate und mich bey der
Hand nahm--

Soll ichs sagen, Wilhelm?

Vorher drstete ich nach einer Gelegenheit, der Grfin mein Anliegen
vorzutragen, und jetzt, als ich sie in Hnden hatte, war ich halbtodt!

Er will weiter nichts, als -- sie fhrte mich zur Grfin, und deutete mit
dem Zeigefinger der linken Hand auf ihre Lippen und auf die meinigen--

O, rief die Grfin wie aufgebracht: _meine_ Einwilligung habt ihr! Wenn
der Herr zurckkmmt, will ich es ihm vortragen. Wenn das alles ist, was
Wilhelm verlangt, das soll ihm gewhrt werden--

Ich fuhr nach ihrer Hand, denn ich bildete mir ein, sie htte die Pantomime
der Kammerjungfer gerade so verstanden, wie ich--

Ja, ja, rief sie noch hitziger als vorher, und zog die Hand zurck:
ja, ja! Ihr sollt -- Mann und Frau werden, auf mein Ehrenwort. -- Sie
schlpfte in ihr Zimmer, und ich wute nicht, ob ich im Himmel oder auf
Erden war. Die Kammerjungfer wollte sich halbtodt lachen.

Mann und Frau! rief ich, wie aus einem Traum erwachend: Wir beyde Mann
und Frau?

Nicht anders, mein lieber Wilhelm! sagte sie lachend, und wollte mich bey
der Hand nehmen. Ich schleuderte sie unsanft von mir.

Ich bin nicht in Sie verliebt, rief ich so laut, da mich die Grfin wohl
hren konnte: ich bin nicht in Sie verliebt! Ich mag Sie nicht heyrathen!
Ich mag keine Frau! Das ist ein Miverstand--

Unter diesen Worten lief ich lrmend aus dem Zimmer und die Treppe
hinunter. Aber kaum war ich unten, so fuhr mir der Irrthum der Grfin
von neuem wilder als vorher durch den Kopf; ich strmte die Treppe hinan,
rannte, schier ohne Bewutseyn, durch das Zimmer der Kammerjungfer, machte
das Zimmer der Grfin weit auf, und rief hinein: _Nein, gndige Grfin, ich
bin nicht in Lisetten verliebt!_ schlug die Thr zu, und strzte wie vorher
die Treppe hinunter.

Wie bitter war ich getuscht! Ich glaubte eines Kusses von ihren
Rosenlippen schon so gewi zu seyn, und statt desselben soll ich bekommen
-- eine Frau?




Fnftes Kapitel.

_Welch eine Heldenthat!_


Was wollte ich nicht alles thun, um der Grfin zu beweisen, da es mir nie
eingefallen wre, mich in ihr Kammermdchen zu verlieben, vielweniger
sie von ihr zur Frau zu begehren. Halbverrckt machte mich dieses
Miverstndni. Aber ich bekam auch dadurch Muth, alles zu wagen. Meine
Liebe und meine Ehre wirkten hier vereint, und diese ersteigen den Himmel,
wenn sie wollen.

Am Abende dieses Tages, dem schnsten in der Natur, sa ich, trbsinnig und
in Gedanken verloren, in dem kleinen Lustgehlze, das an den Garten stie,
unter Bumen, deren Zweige, vom leisen Abendwinde bewegt, sanft ber meinem
Haupte zitterten. Vor mir wallte ein groer Teich, den der aufgehende Mond
in flieendes Silber verwandelte, und neben mir rauschte ein kleiner Bach
in gekruselten Wellen dem Wasserbehlter zu. Bald sah ich mit starren
Blicken in den spiegelhellen Teich, und beschftigte mich mit den kleinen
Wlkchen, die dem Monde vorberschwebten; bald blickte ich in das Gewimmel
der kleinen Krystallwellen, die sich rauschend in tausend Brillanten
zerschlugen, ber einander hpften, von neuem sich sammleten, und von neuem
auseinander rauschten.

Ich sah das alles, sah es aber nur. Eine se Wehmuth bemchtigte sich
meines Herzens, und meine Phantasie hing an dem Bilde der Grfin, das sich
mir immer noch in eben dem Lichte zeigte, worin es den ersten gewaltigen
Eindruck auf mich gemacht hatte.

Was wrde ich ihr nicht alles sagen, wenn ich sie jetzt sehen sollte! rief
ich, und in dem Augenblick hrte ich ein kleines Gerusch hinter mir. Ich
sah mich um, und vor mir stand -- die Grfin. Fort war mein Muth, meine
schnen Phantasien mit ihm!

Sie setzte den Fu erschrocken zurck. Mit Zittern erwartete ich ihr erstes
Wort. Ihre Verwirrung schien der meinigen nichts nachzugeben.

Ist Lisette hier? sagte sie endlich mit zitternder Stimme.

Was sollte _die_ hier? versetzte ich hastig.

Ich dachte! fuhr sie gleichgltig fort.

Jetzt Muth gefat, sagte ich bey mir selbst, oder nimmer.

Die gndige Grfin glauben wohl immer noch, da ich in Lisetten verliebt
sey?

Sie lchelte bey diesen Worten, die ich mit Mhe hervorbrachte.

Nein, sagte sie, nach Ihrer heutigen lauten Erklrung glaub' ichs nicht
mehr. Sie dachten gewi, man wollte Sie zwingen. Sie waren auer sich!

Kein Wunder, sagte ich, solch ein Miverstand!

Lisette hat mir aus dem Traum geholfen! erwiederte sie. Sie wollte
lachen, aber es schien ihr sauer zu werden. Auch kam es mir vor, als ob sie
immer noch eben so sehr verlegen wre, als ich selbst.

Lisette hat _alles_ gesagt? rief ich, und trat nher, und ergriff sie,
als sie den Fu fortsetzen wollte, bey der Hand. Sie wandte ihr Gesicht
sorgsam auf die Seite, gleichsam als ob ich schon im Begriff wre, mir das
bewute Schmerzengeld von ihren Lippen auszahlen zu lassen. Dies sehen, sie
umfassen, und ihr den feurigsten Ku mit Heftigkeit auf die Wange drcken,
war das Werk eines Augenblicks, whrend dessen ich drey Himmel vor mir
aufgethan zu sehen glaubte.

Sie entri sich, der schnsten Verwirrung voll, meinen Armen, und rief mir,
indem sie sich eilig entfernte, die Worte zu: ein Glck fr Sie, da Sie
mir das Leben gerettet haben!

Welch eine Heldenthat! Triumphirend ging ich in meine Kammer, aber ich
schlief diese Nacht nicht weniger unruhig, als die vorhergehenden.




Sechstes Kapitel.

_Der Graf kmmt zurck._


Ich konnte es nicht gewi wissen, ob die Grfin bey allen diesen Auftritten
mit ihrer Vertrauten aus Einer Karte spielte oder nicht. Bey der vorletzten
Scene, als die Grfin mich so schmerzlich miverstand, schien Lisette uns
beyde zum Besten zu haben, aber die Begebenheit des vorigen Abends konnte
ich nicht fr bloen Zufall halten: denn die Grfin ging sonst, selbst bey
hellem Tage, nicht allein im Garten spatzieren, noch weniger des Abends.
Auch glaubt' ich aus gewissen kleinen geheimnivollen Aeuerungen der
Kammerjungfer schlieen zu knnen, da sie von meiner heldenmthigen
Unternehmung auf die Lippen der Grfin etwas msse gewut haben. Auf jedem
Fall benahmen sich beyde sehr meisterhaft: die Grfin als eine Frau von
Erziehung und Gefhl fr Ehre und weibliche Wrde; und ihre Vertraute,
als ein Mdchen voll Schlauigkeit und Erfahrung, verbunden mit einer
unumschrnkten Ergebenheit fr ihre Gebieterin.

Man glaube nicht, da ich diese Bemerkung auf der Stelle habe machen
knnen. Kopf und Herz standen mir ja damals in lichten Flammen.

Nach jedem Kampfe wuchs meine Liebe mchtiger heran. Ich suchte die Grfin,
und floh sie, wenn ich sie gefunden hatte; ich zitterte, wenn ich mit ihr
sprechen sollte, und zitterte, wenn ich schweigen sollte. O, die Erfllung
des ersten Wunsches war die Mutter von Millionen andern geworden! Seit
jenem Ku brannte ein Feuer in meinen Adern, das meine ganze Lebenskraft
aufzulsen und auszutrocknen drohete.

In diesem Zustande war ich, als der Graf zurckkam. Er trug mich fast
auf den Hnden, und bot mir Belohnungen an, deren Gre und Umfang mich
beschmten. Aber was konnte er mir anbieten, das nicht schon tausendfach
von der Belohnung berwogen ward, die ich mir selbst genommen hatte? Der
alte Tobias sagte: ich knnte wenigstens _den Titel eines Leibjgers_ dafr
verlangen.

Die Zurckkunft des Grafen machte, da ich die Grfin nicht mehr so oft
sehen und sprechen konnte, als vorher. Sie war durch ihren Gemahl gebunden,
und ich durch den alten Tobias. Wenn auch beyde oft ganze Tage auf der Jagd
waren, so blieben doch immer die brigen Bedienten im Hause. Meine Wunde
ward auch zusehends besser, und meine Jgerspflicht wartete auf mich.

Aber das war noch nicht alles. Lisette sagte mir, da eine Busenfreundin
der Grfin unterwegs sey, die den ganzen Sommer, und auch wohl -- _je
nachdem es wre_ -- setzte sie geheimnivoll hinzu -- den Herbst bey
ihr zubringen wrde. Da sie sich sehr lange und immer als die besten
Freundinnen in L* gekannt htten, so wrden sie wohl unzertrennlich seyn.
Es htte eine besondere Bewandni mit dieser Dame -- fuhr sie errthend
fort -- die sie mir aber nicht sagen knnte. -- Es wrde auch zu R** (der
nchsten Stadt) ein Zimmer fr sie gemiethet, weil es dort (sie that die
Hand vor die Augen) einen geschickten -- Geburtshelfer gebe.

Ich hrte wenig auf alles, was sie mir sagte, weil ich mehr mit dem
Hinderni meiner Liebe selbst, als mit den Umstnden beschftigt war, die
es veranlaten. Von allen Seiten war also meine Leidenschaft eingeengt,
und sie ward gewaltiger dadurch. Sie drohete Durchbruch, wie ein verhaltner
Strom.

Seit drey Tagen, so lange der Graf zurck war, hatte ich sie nicht
gesprochen. Was fr Plane machte ich nicht whrend dieser drey Tage! Ich
ging tglich hundertmal in den Garten, und machte mir, mit dem Grabscheit
oder Grtnermesser, unter ihrem Fenster etwas zu schaffen. Aber dadurch
erhielt ich nichts, als da ich sie zuweilen am Fenster sah. -- Ehedem,
als ich ihr noch nicht das Leben gerettet hatte, sagte ich oft, in
gewissen Anwandlungen von Unwillen, bey mir selbst: sprach sie zuweilen
aus dem Fenster zu mir, und jetzt kehrt sie mir den Rcken zu, wenn sie
mich erblickt!--

Ich glaube, da ich damals diesen Umstand ganz falsch deutete.

Am Morgen des vierten Tages, als der Herr auf der Jagd war, und der alte
Tobias den Vogelsteller machte, sah ich, da Lisette das Frhstck der
Grfin in den Garten trug. Ich flugs hinterdrein, band einen Strau von
Blumen, um einen Vorwand zu haben, und erwartete sodann die Grfin.

Sie erschien bald, und ich nherte mich der Laube, wo das Frhstck auf
sie wartete. Lisette hpfte mir entgegen, und sagte, sie wolle hinaus, dem
alten Tobias entgegen, welcher der Grfin eine Amsel zu bringen versprochen
htte.

Ich zeigte ihr den Strau, und fragte sie, ob sie ihn der Grfin
einhndigen wollte. Ich sollte es selbst thun! sagte sie und flog davon.
Ich wre auch in Verzweiflung gewesen, wenn sie sich dazu erboten htte.

Mit schwankenden Knieen trat ich in die Laube, die rund herum dicht
berwachsen war. Sie sa im Hintergrunde derselben. Ich trat hinzu und
berreichte ihr die Blumen, ohne einen Laut hervorbringen zu knnen.

Fr mich, mein lieber Wilhelm? sagte sie.

Fr Sie, gndigste Grfin! Ich habe sie selbst gezogen!

Sie mssen das ganze Beet geplndert haben, so viel sind es!

Auch nicht eine einzige, die schn war, ist stehen geblieben!

Es folgte eine Pause. Ich wei nicht, wer von uns beyden in der grten
Verlegenheit war. Um die ihrige zu verbergen, zog sie den Duft meiner
Blumen ohne Aufhren in sich. Ich bestrebte mich zu sprechen, und ber
diesem Bestreben ward ich stummer und stummer.

Sie pflegen immer viel, sehr viel zu geben, Wilhelm! hub sie endlich, in
Bezug meiner letzten Worte, wieder an.

O, immer zu wenig, rief ich, immer zu wenig!--

Auch Todesgefahr nennen Sie wenig?

Sie lchelte mit nassen Blicken auf mich her.

Auch Todesgefahr, rief ich, auch Todesgefahr, wenn ich ein Leben dadurch
retten kann, das mehr werth ist, als Millionen andre!

Guter, guter Wilhelm! rief sie, und ich -- strzte ihr zu Fen. Mein
Auge suchte das ihrige und fand es, meine Seele folgte meinen Blicken, und
ich sog aus den ihrigen ihre Seele. Dies war der Augenblick, wo Herz
und Herz einander entgegen flogen, wo innig und innig verschwistert und
verschlungen, beyde dem Krper sich entschwangen; wo Auge und Lippe, wo
Finger und Arm, wo jeder Nerve, jede Fiber und jeder Pulsschlag: _ich liebe
dich! ich liebe dich!_ zu sagen sich bestrebte, und nur die Zunge allein
schwieg. -- O Sprache, arme Sprache, woher nimmst du Worte fr diesen
Augenblick? der uns in ein Elysium hinber zauberte, in welchem tausend
neue Elysien mit ihren Freuden vor unserm verklrten Auge in himmlischer
Schnheit sich entwickelten!

Pltzlich hrte ich einen lauten Seufzer, und in eben dem Nu flatterte
ein Vogel zur Laube herein, der mit seinen Flgeln die Decke derselben
rauschend schlug. Ich sprang auf, und sah den alten Tobias vor mir. Die
Grfin sank ohnmchtig zurck.

[Illustration]




Siebentes Kapitel.

_Freundschaft und Pflicht._


Lieber Tobias, rief ich, und die Worte erstarben mir auf der Zunge.

Er drehete sich um, und sagte: Ich bin dein lieber Tobias nicht mehr, und
du bist mein lieber Wilhelm nicht mehr. -- Ich wollte ihn halten, aber er
ri sich von mir los.

Sieh nur, rief ich und zeigte auf die Grfin, hilf doch!

Hilf Du selbst! sagte er unwillig, und ging mit schnellen Schritten aus der
Laube.

Ich sprang, zwischen Schrecken und Angst und Liebe und Mitleid getheilt,
zur Grfin zurck, und schttete ein ganzes Glas Wasser, das beym
Schokolate stand, ihr ber das Gesicht! Sie schlug die Augen auf!

Gott, was soll aus mir werden! rief sie: Er sagt es dem Herrn!

In dem Augenblick trat Lisette in die Laube.

Hier! hier! sagt' ich, indem ich auf die Grfin zeigte, Hlfe! -- Es
fehlte mir an Athem und Worten und das gewaltsame Klopfen meines Herzens
drohete mir die Brust zu sprengen. Ich eilte dem alten Tobias nach. Er war
todtenbla, und die Augen standen ihm voll Wasser. Ich nahm ihn bey der
Hand--

O, wenn du doch ein Schurke wrst, Wilhelm, sagte er, und die Thrnen
rollten ihm in den grauen Bart: mit Freuden wollte ich meine Pflicht
thun!

Er stand still, faltete beyde Hnde fest in einander, und sah mit starren
Blicken zur Erde.

Ja, rief er nach einigen Augenblicken: Ja, er mu es wissen, ich kann es
nicht verschweigen!--

Tobias, rief ich und umschlo ihn, und drckte ihn an mein Herz, lieber
Tobias!--

Er machte sich sanft von mir los, und ein heftiges Schluchzen lie ihn
nicht zu Worten kommen.

Und wenn du ein Wilddieb wrst, sagte er endlich: so wollte ich dir
durch die Finger sehen.--

Er schluchzte von neuem heftiger.

Aber ein Ehrendieb, fuhr er fort, ein Ehrendieb meines Herrn, meines
Grafen -- Nein, ich kann dich nicht mehr ansehen. Geh mir aus den Augen!

Lieber Tobias, rief ich: wenn du auch mich nicht schonen willst, so
schone doch wenigstens die arme Grfin!

Er stutzte einen Augenblick. Ich benetzte seine rechte Hand mit meinen
Thrnen, whrend er mit der linken die seinigen abwischte.

Ach Gott, rief er, indem er den Kopf langsam und entkrftet auf die linke
Schulter sinken lie: ich _kann_ es ja nicht verschweigen, ich _darf_ es
ja nicht verschweigen!

Fodere was du willst, rief ich, von der Grfin und von mir: du sollst
es haben. Lege mir irgend etwas auf, das ich fr dich thun soll, ich ruhe
nicht, bis ich es gethan habe. Willst du dich glcklich machen, deine ganze
Familie glcklich machen, so rede, ich bringe dir die ganze Schatulle der
Grfin!

Wie, rief er, und der Zorn gab seinen Augen neues Leben: du willst mir
meine Pflicht abkaufen?

Er schob mich unsanft von sich.

Httest du mir doch lieber ein Messer ins Herz gestoen, Wilhelm, als das
gesagt! -- setzte er sanfter hinzu.--

Wir waren whrend der Zeit bis vor seine Kammer gekommen. Er trat hinein,
und ich wollte ihm folgen, aber er drckte die Thr vor mir zu und schlo
sie ab.




Achtes Kapitel.

_Moriz luft Sturm._


Ich durfte nicht laut vor seiner Kammer seyn, um das brige Gesinde nicht
herbey zu ziehen. Mit stillem verhaltnen Schmerz lief ich in den Garten
zurck. Ich traf die Grfin und Lisetten noch in der Laube. Lisette lag vor
der Grfin auf den Knieen, als ich hineintrat, und ich hrte nur noch
die Worte: O Gott, warum mute ich den alten Sprhund fehlgehen! Er geht
_oben_ herein, whrend ich _unten_ Wache halte! Sie sprang auf, als sie
mich sah, und die Grfin errthete mitten unter der Angst.

Er wird uns verrathen! rief ich: Es ist keine Rettung!

Die Grfin ward von neuem ohnmchtig. Ich ging mit groen Schritten in
der Laube auf und ab. Schrecken, Angst und Verzweiflung uns rettungslos zu
sehen, raubten mir Bewutseyn und Verstand.

Mitten unter dieser Verwirrung, trat ein Wachtelhund, des Grafen Liebling,
in den Eingang der Laube, witterte und rannte davon. Beweis genug, da der
Graf in der Nhe sey. Die Grfin sprang auf und wute nichts von Ohnmacht,
Lisettens Thrnenquell versiegte, und ich -- fhlte mich ganz leicht.
Hier ward Schrecken von Schrecken bermeistert, und die Betubung, die nun
folgte, dauerte lange genug, um uns dem Grafen entkommen zu lassen, ohne
da wir ihm aufgefallen wren. Er sprach zwey Worte mit der Grfin, und
lie sie gehen, und als er mich um meine Verrichtung in der Laube befragte,
sagte ich frisch und rund: Tobias htte eine Amsel fliegen lassen, die
htte ich wiederfangen wollen, aber sie wre fort.

Er ging, und lie mich stehen. Sogleich eilte ich zur Kammer des alten
Tobias zurck. Weil niemand in der Nhe war, so sah ich durch das
Schlsselloch. Er ging, beyde Hnde fest in einander geschlungen, jammernd
auf und ab, und fuhr sich zuweilen mit der verwandten Hand ber die Augen.
Ich pochte leise an die Thr.

Wer ist da? rief er mit schwacher Stimme.

Ich bins, lieber Tobias! rief ich klglich.

Er antwortete nicht, machte aber auch nicht auf. Ich pochte noch einmal und
strker, aber kein Gehr; ich nahm die Faust, die Thr blieb zu -- Und nun
geh' es drunter und drber! rief ich in rasender Wuth, und fing an, die
Thr mit den Fusten, mit den Knieen, mit den Schultern, und endlich gar
mit dem Kopfe zu bearbeiten, da sie donnerte und krachte.

In wenig Augenblicken stand das ganze Hausgesinde in einem halben Zirkel um
mich herum, und Knecht und Magd, und Jungfer und Diener bezeigten mir ihr
Staunen, und ihre Neugier, jedes nach seiner Art. -- Ich glaubte der Himmel
fiele ber mich zusammen.

Ich durchbrach das Getmmel, und suchte das Freye, aber der Haufen zog
hinter mir her. Ich bat die Verstndigsten darunter, kein Aufsehen zu
machen, sie sollten alles erfahren: der Haufen folgte. Ich drohete, den
ersten, der mir zu nahe kme, mit Gewalt zurckzufhren: der Zug blieb mir
auf den Fersen. Ich stie einige ziemlich unsanft zurck: diese blieben
hinten, die hintersten drangen vor, und die Gesellschaft folgte mir in
schnster Ordnung auf dem Fue. Als ich mich so von allen Seiten umzingelt
und umlagert sah, blieb mir nichts brig, als mich durchzuschlagen, und
dies gelang mir so gut, da ich meine Kammer erreichte, und Zeit genug
behielt, sie hinter mir abzuschlieen. In eben dem Augenblick riefen ein
paar Stimmen: _der Herr kmmt!_ Ich warf mich ohne Athem und aller Sinne
beraubt auf mein Bette, drckte die Augen fest zu, und bestrebte mich, auch
das letzte Fnkchen von Bewutseyn, das noch in meinem Kopfe glimmte, in
bitterer Verzweiflung zu ersticken.

Ich wei nicht, wie lange ich in diesem Zustande blieb. Die Stimme des
alten Tobias erweckte mich endlich. Ich fnete ihm meine Kammer. Er nahm
mich stillschweigend und mit abgewandtem Gesichte bey der Hand, fhrte mich
ber den Schlohof, durch ein altes verfallenes Nebengebude, schlo eine
eiserne Thr auf, schob mich hinein und legte das Schlo wieder davor.




Neuntes Kapitel.

_Moriz schttelt den alten Tobias._


Nun hatte ich Zeit und Gelegenheit genug, ber das, was geschehen war und
geschehen wrde, reiflich nachzudenken. Es war gewi, da Tobias dem Herrn
die ganze Begebenheit entdeckt hatte. Aber mein Schicksal lag mir nicht so
schwer auf dem Herzen, als das Schicksal der Grfin. Ich zitterte fr sie,
wenn ich an die hitzige Gemthsart des Grafen dachte; doch ward ich wieder
durch den Umstand getrstet, da er sich gegen mich nichts weniger als
jachzornig benommen hatte. Jeder andre wre thtlich mit mir verfahren,
aber er, lt mich blos einsperren, und noch dazu durch einen Andern. Was
auf diesen Verhaft folgen wrde, wute ich freylich noch nicht.

Ich befand mich in einem runden Thurme, der vor Alters eine Warte gewesen
zu seyn schien, jetzt aber als ein Gefngni fr ungehorsame Bauern
gebraucht wurde. Eine schmale Wendeltreppe fhrte hinab in ein finsteres
Gewlbe, und eine andre hinauf in eine Art von Stube, die durch drey oder
vier stark vergitterte Lcher ihr Licht erhielt. Ich sa eine Zeit lang auf
der untersten Stuffe der Treppe, die hinan fhrte, und war in tiefen
und traurigen Betrachtungen versunken. Die Finsterni, die rund um mich
herrschte, machte die Bilder, die meine Phantasie sich schuf, um so heller
und heller; auch wurden sie um so mannichfaltiger und zahlreicher, je
verwickelter und verwirrter mein Schicksal mich dnkte, und je weiter sich
die Hoffnung eines guten Ausgangs von meinem Herzen entfernte. Man kann
leicht denken, da auch Malchen in diesen Augenblicken mir erschienen seyn
msse: mein Bestreben, dies Bild, das mir doppelt peinlich war, vor meinen
Augen zu entfernen, ging jedesmal in eine frmliche Herzensangst ber.

Endlich stieg ich die Treppe hinan. Ich fand in dem obern Behltnisse
nichts, als eine steinerne Bank und einen steinernen Tisch. Dieser
handfeste Hausrath erweckte in mir eine Besorgni, die mich mit jeder
Minute heftiger peinigte. -- Wer wehrt es dem Grafen, rief ich trostlos
aus, mich Zeitlebens in diesem undurchbrechlichen Kerker eingesperrt zu
halten? Er ist Herr ber sein Gesinde, und kann den Verbrecher nach Willkr
strafen! -- Wenn ich auch rufe, wer hrt mich? Wer es hrt, kann mich nicht
retten! Die groen Schlsser an der eisernen Thr widerstehen der Axt, und
die dicken Quadern und starken Gitter dem Brecheisen!

Whrend ich so sprach und dachte, hatte ich doch die Strke meines Armes an
den Gittern versucht.

Es war schon finster in meinem Kerker, als ich ein Gerassel an der eisernen
Thr und die Stimme des alten Tobias hrte. Ich stieg hinab, und er reichte
mir durch die Klappe, die in der Thr angebracht war, Brot und Wasser
herein. Ich darf dir nichts besseres geben, sagte er gerhrt, er hat es so
befohlen!

Aber was soll aus mir werden, Tobias? rief ich, als ich meine karge
Aetzung neben mir nieder gesetzt hatte.

Gott wei es! sagte er, indem er den Kopf auf die Seite drehte.

Und die Grfin? Ich bitte dich -- was ist ihr geschehen?

Nichts! Er ist diesen Nachmittag lange mit ihr spatzieren gegangen, er war
sehr freundlich mit ihr, und sie lachte einigemal laut auf.

Lachte? rief ich mit Bitterkeit.

Ja, ich begreif' es auch nicht, wie sie lachen kann und wie er lachen kann.
Er hat mich wohl zehnmal gefragt: also nur auf den Knieen lag er vor ihr?
-- Ja, Gndiger Herr, sagte ich. -- Alter Narr, sagte er darauf, so
lange man auf den Knieen liegt, hat es nichts zu sagen. -- Indessen la ihn
sitzen bey Brot und Wasser! -- Aber wie lange, gndiger Herr? -- So lange
ich will! sagte er und kehrte mir den Rcken zu. O, lieber Wilhelm, diese
kurze Antwort that mir sehr weh.

Und mir thuts weh, rief ich in rasender Wuth, da ich -- da ich dich
nicht habe -- da ich dich nicht den Berg hinabstrzen kann -- du alter
verwnschter Zeitungstrger!

Ich fuhr bey diesen Worten mit dem Arm pltzlich durch die Klappe, packte
ihn bey der Schulter, und schttelte ihn gewaltig.

Wei man es dir nun Dank? fuhr ich fort, indem ich ihn bey jeder der
folgenden Fragen aus allen Krften zusammenrttelte: Hast du mich nicht
muthwillig in dies Loch gebracht? Habe ich dich nicht fast auf den Knieen
gebeten, du solltest mich nicht verrathen? Und doch (hier schttelte ich
ihn am allergewaltigsten) und doch gehst du hin und giebst mich an?

Mein Gott, rief er, ich wute ja nicht, da das Knieen nichts auf sich
habe!

Ich lie ihn endlich los, und er schlich sich kopfhngend davon. In dem
Augenblicke dauerte er mich wieder.




Zehntes Kapitel.

_Noch ein Besuch._


Als ich mich bckte, um meine Gefangenkost aufzuheben, fand ich weder
Wasser noch Brot. Ich hatte in der Hitze die Wasserflasche zertreten, und
das Brot hinter mir die Treppe, die in das unterirrdische Gefngni fhrte,
mit dem Fu hinabgestoen. Kaum war ich dieses Unglcks gewi, als ich
die Klappe in der Thr aufri, und ein paarmal Tobias! Tobias! mit solcher
Anstrengung herausbrllte, da das Echo ein zehnfaches Tobias, Tobias, von
den umliegenden Felsen eben so gewaltig zurckgab.

Jesus, ich sterbe! lie sich in eben dem Augenblick eine Stimme hren --
Ach, ach, ach!

Ich sah hinaus, und erblickte eine weibliche Gestalt, die vor Schrecken
zu Boden gesunken zu seyn schien. Mit der linken Hand hielt sie sich die
Brust, wie wenn man ausser Athem ist, und mit der rechten bedeckte sie
beyde Augen.

Wer ist da? rief ich. Ein paar Dutzend O und Ach waren die Antwort.

Ums Himmels willen, wer ist denn da? rief ich von neuem. Aber die O und
Ach nahmen kein Ende. Endlich hrte ich, nach einem dritten Zuruf, ein
klgliches: Ach lieber Wilhelm! und nun erkannte ich -- Lisetten.

Was bringt Sie mir? sagte ich wildes Herzens: Kommt Sie auch, um zu
lachen, wie Ihre Frau?

Nur stille, erwiederte sie, da uns niemand hrt! Ich habe mich unvermerkt
hinter dem alten Tobias hergeschlichen und so lange versteckt gehalten bis
er weg war. Als Sie so abscheulich schrien, bin ich--

Ich bitte Sie um alles in der Welt mach' Sie's kurz! -- Ists wahr, da die
Grfin gelacht hat?--

Freylich hat sie das, und warum sollte sie nicht? Sie hat fr den Grafen
einen so herrlichen Roman ersonnen, und er hat ihn so treuherzig fr wahr
gehalten, da wohl der Ernsthafteste htte lachen mssen. Sie sind zu einem
blden Schfer gemacht worden, der schon beym Gedanken an seine Geliebte
auf die Kniee fllt. Sie htten sich in die Grfin verliebt (so erzhlte
sie die Geschichte) ohne da sie etwas dafr gekonnt, und gerade damals,
als Tobias in der Laube dazu gekommen sey, htten Sie ihr knieend einen
Blumenstrau berreicht, und das Uebermaa Ihrer Liebe htte Ihnen das Herz
abstoen wollen. Sie wrde die ganze Geschichte dem Grafen selbst erzhlt
haben (setzte sie hinzu) wenn sie nicht auf eine Gelegenheit gewartet
htte, wo er sich mit eignen Augen von Ihrer demuthsvollen Liebe htte
berzeugen knnen. Ich that, whrend der ganzen Erzhlung, als ob ich vor
Lachen auer mir sey, und flochte gelegentlich noch eine Menge nrrischer
Anmerkungen ein, die ich ber Ihre verliebte Raserey gemacht haben wollte,
da Sie mich zur Vertrauten Ihrer Qualen gebraucht htten. Genug, wir
brachten den Grafen so weit, da er lachte, und damit hatten wir gewonnen.
Am Ende machte er aber doch die Anmerkung, es schicke sich, so lcherlich
auch die Geschichte sey, dennoch fr eine Grfin sehr schlecht, einen armen
Pinsel zum Narren zu machen; und wenn sie ihm eher einen Wink davon gegeben
htte, so wrde er's ihr untersagt haben. Sie wren ein ehrlicher Kerl, der
ihr noch dazu das Leben gerettet htte, und htten es nicht verdient, da
man sich lustig ber Sie machte.

Bey Gott! rief ich auf einmal, aus der Tiefe meines Herzens: das hab'
ich auch nicht verdient!

Seltsamer Mensch, sagte Lisette, haben Sie denn vergessen, da das alles
nur im Spae gesagt war? Im Herzen dachte die Grfin ganz anders.

Diese Worte brachten mich wieder zu mir selbst. Ihre Erzhlung und das
ewige Lachen ber mich, hatten meine Empfindlichkeit rege gemacht, und
allmhlig hatte sich der Gedanke in meinem Kopfe entsponnen: ob mich die
Grfin nicht wirklich zum Besten gehabt? Da sie so sprechen mute, um sich
und mich zu retten, hatte ich ganz vergessen.

Und was beschlo der Graf ber mich? fuhr ich fort.

Er verlre an Ihnen einen treuen Kerl, sagte er, denn er sehe sich
genthigt, Sie wegzuschicken. Leuten Ihres Standes sey es wohl erlaubt,
mit eigener Lebensgefahr Grfinnen das Leben zu retten, aber sich in sie zu
verlieben, mten sie sich nicht einfallen lassen. Dehalb wollte er Ihnen,
um Ihres eigenen Besten willen, mit einem kleinen Denkzettel den Abschied
geben.

Denkzettel, Denkzettel! rief ich: Mit was fr einem Denkzettel? Lie er
sich nicht d'rber aus, was fr ein Denkzettel das seyn sollte?

Diese Worte sagte ich mit einer Heftigkeit, die meinen Thurm wiederhallen
machte.

Ich wei nicht, wie er es meynte!

Machte er keine Bewegung mit den Augen, oder mit der Hand, woraus du
httest schlieen knnen, wie er das meynte? Ich bitte dich, sahest du gar
nichts?--

Nun, was wird es seyn? Er hob die rechte Hand in die Hhe und lie sie
wieder sinken.

Himmel und Hlle, schrie ich: so wie man die Hetzpeitsche oder den
Prgel schwingt! -- Es ist sein Tod, wenn er sich thtlich an mir vergreift
-- sein und mein Tod, das schwre ich ihm!

Dafr lassen Sie _uns_ sorgen! Es wird Ihnen nichts geschehen! Morgen
kmmt eine Freundin der Grfin an, fr die er sich ihres Schicksals wegen
besonders interessirt, und die er schon lange wieder zu sehen gewnscht
hat: da bitten wir ihn whrend der ersten Freude, da er Sie los lt, und
die Fremde mu mit uns bitten, so kann er nicht widerstehen!

Ich hrte ihre Reden wie im Traum an; denn ich hatte whrend derselben
schon einen Plan ersonnen, wie ich den Schimpf nach den Gesetzen der Ehre
abwaschen wollte, wenn er mich prgelte, oder prgeln liee. Ich wollte
hingehen, die Fuchshhle aufsuchen, worein ich Uniform und Degen vergraben
hatte, und mich ihm als Soldat und Kavalier, den bloen Degen in der Hand,
vor die Augen pflanzen! Da sollte er erstaunen, da sollte er sich wundern,
was aus seinem Jger geworden wre! Dieser Gedanke gefiel mir so, da ich
heimlich und ohne es selbst zu billigen, endlich sogar wnschte, es mchte
dem Grafen gefallen, mich mit einem _thtlichen_ Denkzettel fortzuschicken.

Aber wenn ich nun fort mu? sagte ich klglich.

Diese Worte waren die Quelle zu einem Thrnenstrom von Seiten Lisettens.
Jedes Wort, das sie sagte, flog mir mit einem Schluchzer entgegen, und da
sie am Ende keinen artikulirten Laut mehr hervor bringen konnte, so flo
ihre ganze Tonleiter in eine seltsame Geheulsprache zusammen, die eben so
schwer zu beschreiben als unangenehm anzuhren ist.

Mir war es sehr leid, da ich zu dieser sonderbaren aber gut gemeynten
Musik den Ton angegeben hatte. Um sie zu beruhigen, stellte ich mich auch
beruhigt, und ich trstete _sie_, da ich _von ihr_, nach jener traurigen
Aeuerung, Trost erwartet hatte. Die Grfin lag mir tiefer im Herzen, als
ich es mir je gestanden hatte, doch bey weitem nicht mehr so tief, als
drey Stunden vorher, wo ich noch nicht wute, da sie, whrend ich in
einem finstern Kerker, von aller Welt verlassen jammerte, so herzlich htte
lachen knnen. Man wird ber mich lachen nach diesem Gestndni, ich wei
es wohl, aber ich wei auch, da man in diesem Falle nicht mich, sondern
die Natur ausspottet.

Auch auf Lisetten fiel ein Theil meines Unmuths, weil ich mich, sobald
ich mich ihrer gewhnlichen guten Laune und Verschmitztheit erinnerte, des
Gedankens nicht erwehren konnte, da sie und ihre Frau mich wirklich
zum Besten gehabt htten. Ich wurde jeden Augenblick stiller und
zurckhaltender, und als mich Lisette um die Ursache davon fragte,
antwortete ich: mich plagten Hunger und Durst zugleich, weil ich meine
Gefangenkost die finstere Treppe hinab gestoen htte.

Sie flog davon, kam aber eben so hurtig zurck, und trippelte
unentschlossen und ohne die Ursach ihrer pltzlichen Zurckkunft angeben
zu knnen, vor meinen Augen herum. Endlich kam es heraus, da sie sich
frchte, den dunklen Gang durchs alte Schlo zurckzugehen. Ich wute
nicht, ob ich lachen, oder mich erzrnen sollte. Es hatte allen Anschein,
da ich diese Nacht hungrig und durstig wrde zubringen mssen. Auch sie
htte am Fue meines Thurms, von der frischen Nachtluft durchdrungen, ein
trauriges Lager gehabt. Ich stellte ihr dies vor, und vermochte sie, ein
paarmal von neuem anzusetzen, aber sie kam jedesmal ausser Athem zurck.
Sie weinte endlich ber ihre Furchtsamkeit, ward aber um nichts beherzter
dadurch. Je weniger ich Hoffnung behielt, meine Elust zu befriedigen,
desto strker ward diese; je fter Lisette versuchte ihre Furcht
zu berwinden, desto furchtsamer ward sie. Wir waren beyde in der
allerbedaurenswrdigsten Lage!

Da es aber keine Verlegenheit giebt, aus welcher sich nicht ein Weiberkopf
gut -- oder schlecht zu ziehen wte, so blieb auch Lisette in der
gegenwrtigen nicht stecken. Sie bannte den Geist der Furchtsamkeit mit
einem -- o Wunder! -- mit einem Zwirnfaden.

Ich mute meine Hand zur Klappe herausstecken. Nachdem sie mir solche
herzlich gedrckt hatte, band sie mir einen Faden an den Daum, behielt
den Knuel in der Hand, und so unternahm sie das groe Wagstck, durch
den finstern Gang des alten Schlosses zurckzugehen. -- Ich sollte nicht
vergessen zuweilen zu zupfen, sagte sie, als sie ihre Reise antrat: damit
sie sicher wre, da der Faden nicht zerrissen sey! -- Wahrhaftig, diese
Anstalten muten ihren Muth anfrischen! Mit einem bekannten herzhaften
Menschen, der in einem Thurm zwischen drey Ellen dicken Quadern
eingesperrt ist, durch einen Zwirnfaden auf zwey bis dreyhundert Schritte
zusammenzuhangen, und durch sein Zupfen jede Minute erfahren zu knnen, da
-- der Faden noch an seinem Daum befestigt ist: dies war ein Umstand, der
alle Furcht vor Gespenstern und Kobolden, eben so gewi von ihr entfernt
halten mute, als es ausser allem Streit ist, da Amulette und Lukaszettel
(die seit einiger Zeit unverdienter Weise einen beln Geruch angezogen
haben) mehr als Einen gefhrlich Kranken vom Tode errettet haben.

Sie kam in kurzer Zeit, mit einer zweyten Aegide in Gestalt einer
Blendlaterne gegen die Furcht bewaffnet zurck, und brachte mir allerley
Gebacknes, das ihr die Grfin selbst fr mich gegeben hatte. Die Grfin
lie mir sagen, ich sollte mich nur bis morgen ruhig verhalten, und meiner
Loslassung wegen ausser Sorgen seyn. Wirklich bemengte ich mich jetzt nicht
mehr so sehr mit bangen Erwartungen ber den Ausgang meines Verhafts. Der
Graf sah den Vorfall in der Laube von einer lcherlichen Seite an, und
schickte er mich mit einem Denkzettel fort, so wute ich, da nicht weit
von hier in einer Fuchshhle die Werkzeuge meiner Rache zu finden waren.

Aber die Beruhigung, die mir dieser Gedanke verschaffte, war von kurzer
Dauer. Lisette, die es sich, whrend ich a, sehr angelegen seyn lie, mich
zu unterhalten, erzhlte mir, als eine seltsame Mordgeschichte, da der
Graf diesen Nachmittag in einer -- Fuchshhle, auf die ihn seine Diane
aufmerksam gemacht, eine vollstndige S** Offiziers-Uniform mit Degen und
Kordons gefunden habe, die noch ganz neu wre und vor kurzem erst dort
vergraben seyn mte. Ihr Besitzer wre vermuthlich im Walde angefallen und
erschlagen worden. Um durch den Verkauf seiner Uniform nicht verrathen zu
werden, htten die Ruber sie wohl in jene Hhle vergraben.

Mir verging Hren und Sehen bey dieser Geschichte. Die gefundne Uniform
war die meinige, was noch dadurch ausser allem Streit gesetzt ward, da
Lisette, die sie selbst gesehen haben wollte, mir versicherte, sie habe
einen rothen Kragen und rothe Aufschlge gehabt. -- Weil sie den Erdgeruch
angezogen htte, setzte sie hinzu, so habe sie der alte Tobias unter der
Linde aufgehangen, damit sie austrocknen sollte. Unter dem Stichblatte
des Degens htten Buchstaben gestanden, die vermuthlich den Namen des
Erschlagenen andeuteten. Der alte Tobias habe sie aufmerksam betrachtet,
und zum Herrn gesagt: er habe diese Buchstaben schon sonst irgendwo
gesehen, wo sie ihm aufgefallen wren, aber da sein alter Kopf schwach sey,
so erinnere er sich nicht mehr, wo?

Dieser letzte Umstand brachte mich vollends aus aller Fassung. Unter
dem Stichblatte meines Degens waren die Anfangsbuchstaben meines Namens
eingegraben; auf dem Knopfe meines Rohrs, das ich nicht mit verscharrt
hatte, standen sie auch; dies hatte der alte Tobias gesehen, und daher war
ihm der Namenzug bekannt. Ich war so gut, als verrathen, wenn ihm mein Rohr
unter die Augen kam, oder wenn er sich auch nur daran erinnerte.

Um Lisetten meine Bestrzung nicht zu verrathen, gab ich Mdigkeit vor, und
bat sie, mich zu verlassen. Sie wnschte mir unter Seufzern und Thrnen,
die um so hufiger wurden, da sie sich an mein hartes Lager erinnerte, eine
herzliche gute Nacht, und entfernte sich.




Eilftes Kapitel.

_Moriz ein Mrder._


Aber, ich wrde keine gute Nacht gehabt haben, und wenn ein Lager von Flaum
und Ederdunen auf mich gewartet htte. Tausend ngstliche Gedanken fuhren
mir durch den Kopf, und hielten den Schlaf weit von mir entfernt. Was
sollte aus mir werden, wenn man mich als den Besitzer der gefundenen
Uniform, und zugleich als S** Offizier, der Ausreisser war, entdeckte, fest
hielt, und an mein Regiment zurcklieferte, oder mir wohl gar als einem
Spion, der die nahgelegene neue Festung htte aufnehmen und verrathen
wollen, den schimpflichsten Proce machte? Da auch der Graf nach dieser
Entdeckung das Knieen vor seiner Gemahlin ernsthafter, als vorher, da
er mich fr einen gewhnlichen Jger hielt, aufnehmen mte, und da die
Folgen davon fr mich und seine Gemahlin um so schrecklicher seyn wrden,
da er wohl wissen konnte, da mein Regiment in L**, also an eben dem Orte
stand, wo sie in Pension gewesen war, und er mithin leicht glauben drfte,
meine Verkleidung als Jger sey ausdrcklich unter uns abgekartet gewesen,
um ihn zu entehren: da alle diese Umstnde, so bald jene Entdeckung ins
Klare gesetzt war, wie Blitz und Schlag ber mich hereinbrechen mten,
fand ich so natrlich, so unumgnglich gewi, da ich in eine Raserey
darber verfiel, die durch das Bewutseyn meiner undurchbrechlichen
Verwahrung, bis zum hchsten Grade wilder Verzweiflung getrieben wurde.
Diese Nacht werde ich nie vergessen. Aber auf sie folgten noch zwey
schrecklichere Morgenstunden.

Ich hatte, als es lichte ward, ganz unwillkrlich eines der Papiere in die
Hand genommen, worein das Kuchenwerk, das mir Lisette gebracht, gewickelt
gewesen war. Lange hatte ich es in den Hnden zerdrckt und wieder
entfaltet, je nachdem mich der Schauer der Verzweiflung zusammenschttelte,
oder mich auf eine Zeitlang wieder verlie. Auf einmal fiel mir der Name
_Amalia von Lehmniz_ in die Augen. Ein gewaltsamer Schlag fuhr mir durch
alle Glieder. Ich hatte nicht erst Muth genug zu lesen, was in diesem
Briefe stand, so wenig es auch war. Nur diese fnf Zeilen waren es:

Morgen in der Frhe, meine Liebe, drcke ich Dich an mein Herz. Nicht eher
werde ich Dich verlassen, bis mein Schmerz geheilt ist, sey es durch Deine
Freundschaft, oder durch den Tod.

O, das war zuviel fr ein menschliches Herz! Ich schlug ohne Bewutseyn
zu Boden. Wie wesenlose Schatten schwebten Malchen, und ihre Schwester als
Mannsperson verkleidet, mit einem Stich durch die linke Seite, mir vorber.
Ich strebte nach diesen geliebten Schatten, ich rang, ich weinte nach
ihnen, aber ach! mich schlo ein dunkler Kerker ein, und sie schwanden und
zerflatterten in Luft.

Dieser Traum, den ich wachend trumte, war ein unordentliches Gemhlde der
Gedanken-Trmmer, die whrend dieser schrecklichen Augenblicke durch ihr
Gedrnge meinen Verstand zerrtteten, und meinen Krper zu Boden warfen.

Was fr ein Licht ging mir durch diese fnf Zeilen auf! Malchen war also
doch die Freundin, die jenen Brief, dessen Aufschrift mich damals so
erschreckte, an die Grfin geschrieben hatte! Mein Nebenbuhler, dessen
Anblick mir damals den Verstand raubte, und nach welchem ich stach, war
also ihre Schwester! Ein Scherz, den ich miverstand, hatte ihr einen
Schmerz verursacht, dessen Linderung sie nur vom Tode hoffte. Ich hatte,
whrend sie verlassen trauerte, einer neuen Liebe in meinem Herzen Raum
gegeben und die Arme, die durch meine Uebereilung unglcklich wurde,
gnzlich vergessen! Jetzt kmmt sie, vom Kummer verzehrt, als Mrtyrin
ihrer Liebe hieher, und findet mich in einem schimpflichen Gefngni,
das mir eine Untreue zuzog, die ich mit eben der Freundin, von deren
Theilnehmung sie Heilung ihres Schmerzes erwartete, an ihr begangen hatte!
Ich wute nun, da sie kam, da sie vielleicht schon da war -- ich wollte
zu ihr fliegen und um Leben oder Tod bey ihr bitten, und konnte nicht --
und konnte nicht, weil eiserne Thren und eiserne Stbe, und dicke Quadern
mir den Ausgang zu ihr versperrten! -- O, dies war zuviel, zuviel fr ein
menschliches Herz!

Wie lange dieser grausame Zustand dauerte, wei ich nicht. Ein gewaltsames
Rtteln brachte mich zu mir selbst. Ich fand meine Hnde mit starken
Stricken gebunden, und um mich sah ich vier Mnner beschftigt, die mich
aufzuheben und fortzuschaffen versuchten. Der alte Tobias war an ihrer
Spitze. Die ersten Worte, die ich vernahm, waren seine Worte: Er war sonst
ein Riese, sagte er, jetzt hat ihn das bse Gewissen so schwach wie ein
Kind gemacht! -- Aber wer sollte unter seinem Gesichte einen Ruber und
Mrder gesucht haben?

Wo bin ich? rief ich: Bist du es, Tobias? Kein Laut zur Antwort! Sie hoben
mich stillschweigend auf und trugen mich die Treppe hinunter, und ich lie
es geschehen, ohne eine deutliche Vorstellung, oder vielmehr, ohne Kraft zu
haben, mir eine Vorstellung von dem was vorging zu machen. Unter der Thr
richteten sie mich auf. Nur mit Mhe trugen mich meine Fe.

Sie fhrten mich auf das Schlo in einen groen Saal, wo man Gericht zu
halten pflegte. Ich sah auf demselben ein dickes Gewimmel von Leuten, deren
starre Blicke, sobald ich erschien, sich fest auf mich hefteten. Auf
der Tafel sah ich meine Uniform, meinen Degen, mein Rohr und eins meiner
Schnupftcher liegen. Ich fuhr bey diesem Anblick zusammen, und das Volk
brach in lautes Gemurmel aus. Man erwartete nur noch den Grafen.

Dieser erschien endlich und hatte zwey Frauenzimmer und eine Mannsperson
hinter sich, die in der Thr des Seitenkabinets stehen blieben. Die
Bedienten trennten das Gedrnge, damit mich, wie sie sagten, die Herrschaft
sehen knnte. In eben dem Augenblick, wo das Getmmel aus einander fuhr,
hrte ich ein Geschrey: Gott, es ist nicht sein Mrder! Er ist es selbst!
-- Und zu mir her flog ein Frauenzimmer, flog mein Malchen, und umarmte
mich, und drckte mich an ihr Herz, und weinte sprachlos an meiner Brust;
und ich Armer, ich konnte sie nicht umschlieen, ich konnte sie nicht an
mein Herz drcken, weil meine Hnde gebunden waren!

Der alte Tobias war der erste, der herzusprang, und unter Freudenthrnen
meine Bande lste! Und nun hatte ich Malchen, nun hatte Malchen mich
wieder! Wir sagten uns Worte, die wie Feuerfunken in unsre Herzen fuhren,
und unser ganzes Wesen zur wildesten Freude entflammten! O Moriz! O
Malchen! Ich habe dich wieder! Du bist wieder mein! -- Diese Worte waren
die Losung unsers Entzckens. Wir schlungen einen Knoten, den die Ewigkeit
selbst nicht wieder auflsen sollte!




Zwlftes Kapitel.

_Pltzliche Abreise._


Whrend der Ergieungen unserer Freude hatten sich die Zuschauer allmhlig
vom Saale verloren, und wir sahen, als wir ein wenig zu uns selbst kamen,
niemand mehr, als den alten Tobias, dem das Vergngen aus den Augen lachte.
Er sagte uns: der Graf, die Grfin und der junge Herr (Malchens Bruder)
wren in ein Seitenzimmer gegangen, um -- uns nicht zu stren. Wir sprangen
Hand in Hand zu ihnen, ich hing dem Grafen am Halse, Malchen der Grfin.
Kein Wort vom Vergangenen, Herr von Lemberg! sagte der Graf mit einer
Ernsthaftigkeit, die merkbar auf den Vorfall in der Laube Bezug hatte: Ich
bin Ihr Freund, nehmen Sie meine Hand d'rauf. -- Ich drckte sie an mein
Herz. Der Grfin konnte ich nicht ins Gesicht sehen, und sie mir eben
so wenig. Sie versuchte, mir ihre Freude ber die glckliche Entwicklung
meiner Geschichte zu bezeigen, und stotterte -- Komplimente. Ich versuchte,
ihr fr ihre Theilnehmung zu danken, und stotterte auch Komplimente.
Wir waren in dem gezwungensten Verhltnisse gegen einander, das um
so peinlicher war, da Malchen zwischen uns stand, und in unsern Augen
Entzcken und Freundschaft suchte, aber nicht fand. Malchens Bruder, der
bey allen diesen Ereignissen den kalten Zuschauer spielte, that endlich
den Vorschlag, da wir uns heute um niemand als um uns selbst bekmmern
sollten, weil wir doch wohl fr niemand, als fr uns selbst Auge und Ohr
htten. Sie verlieen uns hierauf und wir waren wieder allein.

Wieviel wollten wir uns nicht sagen, und wie wenig sagten wir uns! Ich
machte Malchen einen sehr unordentlichen Bericht, von dem was mir seit
unserer Trennung begegnet war; ich gestand ihr sogar, da ich mich
_beynahe_ in die Grfin verliebt htte. Sie gerieth in eine sichtbare
Bewegung bey diesem Gestndni, und that mir gleich darauf den Vorschlag,
da wir heute noch nach Lehmnitz zurck wollten, um -- unserm Vater, der
vor Unruhe und Gram verginge, endlich wieder eine frohe Stunde zu machen.
Ich schlug ein, und damit sie diesen Entschlu noch mehr in mir befestigte,
sagte sie, da sie mir ihre Geschichte nicht eher erzhlen wrde, als bis
wir im Wagen sen.

Sogleich suchten wir den Grafen, die Grfin, und den jungen Lehmnitz auf,
und thaten ihnen unsern Vorsatz kund. Sie fanden ihn zwar sehr bereilt,
setzten ihm aber keine starken Grnde entgegen. Malchens Bruder erklrte,
da er nicht mitreisen, sondern binnen einigen Tagen, wenn er des Grafen
Wildbahn erst recht genossen htte, mit Mue nachkommen wrde.

Kaum zwey Stunden nahmen wir uns zur Erholung Zeit. Es ward mir ganz leicht
ums Herz, als man uns Nachricht brachte, Pferde und Wagen wren bereit.
Malchen und die Grfin zerdrckten und zerkten sich beym Abschiede mit --
trockenen Augen, und ich stand mit dem Grafen Hand in Hand, und sprach mit
ihm sehr ernsthaft von -- dem guten Wege, den wir zu unserer Reise haben
wrden. Endlich kte ich der Grfin mit einer tiefen Verbeugung die Hand,
welches sie eben so hflich erwiederte. Lisette machte es ihrer Frau eben
so geschickt nach, aber der alte Tobias lie seinem Vergngen freyen Lauf,
und nannte mich im Ausbruche desselben _Herr von Wilhelm_ und dutzte mich
dabey.

Vier Rappen flogen mit uns bis zur nchsten Station. In wenig Minuten
war das Schlo hinter uns verschwunden. Ich umarmte Malchen, und Malchen
umarmte mich, mit einer Inbrunst, als ob wir uns heute zum zweytenmal
wiederfnden, und nun fing sie an zu erzhlen:




Dreyzehntes Kapitel.

_Malchen erzhlt._


Ein unschuldiger Scherz, Moriz, htte dich mir also beynahe auf ewig
entrissen! Meine Schwester war der junge Mensch in blauer Uniform, nach
welchem du stachest, den du erstochen httest, wenn dein Ungestm dich
einen gewissen Sto htte thun lassen. Du sprengtest davon, ohne auf unser
Geschrey zu hren. Von der Terrasse herab, sahen wir dich noch einige
Augenblicke und dann verschwandest du hinter Gebschen und Bergen.

Ich sank, als dich mein Auge verlor, ohnmchtig zurck, und meine
Schwester, die mehr von Unwillen, als von Schmerz durchdrungen war,
rannte ins Schlo, um Hlfe zu holen, und meinem Vater die Begebenheit zu
entdecken!

Dieser setzte sich mit drey von unsern Leuten zu Pferde und sprengte dir
nach. Gegen Abend kam er zurck, ohne eine Spur von dir gefunden zu haben.
Sein Zorn auf uns beyde zerschmolz, da er ihn auf uns herab gedonnert
hatte, in Zrtlichkeit und Schmerz; denn wir waren beyde so schwach, da
man uns zu Bette bringen mute.

O Moriz, die Nacht, die auf diesen Tag folgte! Wer knnte mir fr ihre
Qualen je Ersatz geben, als du, der du sie ber mich ergehen lieest! O
Moriz (ihr Haupt senkte sich sanft auf meine Schulter) wirst du mir diesen
Ersatz je verweigern knnen?

Ich drckte sie mit nassen Augen sprachlos an meine Brust.

Ein, zwey Monate vergingen, und wir hrten nichts von dir. Mein Vater war
selbst in deiner Garnison und erkundigte sich mit vieler Behutsamkeit nach
dir. Er lie seine Bestrzung nicht merken, als er fand, da man auch hier
keine Nachrichten von dir hatte. Immer bestand er darauf, da du zu viel
auf Ehre hieltest, als da du ber deinen Urlaub ausbleiben, und dich,
wie er sagte, austrommeln lassen wrdest. Auch ich baute auf diesen Grund.
Worauf htte auch mein armes Herz sonst noch bauen sollen? Nur so lange
kann dein Schmerz noch dauern, sagte ich mir immer, als sein Urlaub! Kmmt
er zurck, so kann er bald aus seinem Irrthum gerissen werden, und dann ist
er wieder dein!

Unterdessen -- unterdessen -- fand -- meine Mutter fr gut, mich auf
jedem Fall, von Hause zu entfernen, weil ich -- weil es -- und damit man
nicht--

Sie verbarg ihre glhenden Wangen an meiner Brust.

Niemand war mit meinem Herzen so vertraut, als die Grfin. Ich entdeckte
ihr meine Bekmmernisse, und ihr nchster Brief war eine frmliche
Einladung, zu ihr zu kommen und so lange bey ihr zu bleiben, als es mir
beliebte. Es war mir, als ob dieser Brief mir neues Leben gbe. Mein
Entschlu war bald gefat und meine Eltern billigten ihn. Ich flog, von
meinem Bruder begleitet, zu meiner Freundin; ich konnte die Zeit nicht
erwarten, wo ich sie wieder sehen wrde; ich schrieb ihr fast von jeder
Station einen Brief, den ich als den Herold meiner Ankunft jedesmal
voranschickte.--

O, rief ich, solch einen Brief hab' ich diesen Morgen gelesen! Er hat
mir zwey Stunden gemacht, die deine schreckliche Nacht, fr die du Ersatz
foderst, weit aufwiegen! Sie lchelte und fuhr fort:

Je nher ich dem Orte meiner Bestimmung kam, desto leichter ward es
mir ums Herz. Ich weidete mich an dem Gedanken, eine zrtlich geliebte
Freundin, nach langer Trennung wieder an mein Herz zu schlieen, und bey
ihr Trost und Linderung meines Schmerzes zu finden. Wir kamen endlich an,
und fuhren in das Schlo. Was mir zuerst in die Augen fiel, war eine weie
Uniform mit rothen Aufschlgen, die unter einer Linde hing. _Du_ trugst
eine solche Uniform, und ich konnte die Zeit nicht erwarten, sie nher zu
betrachten. Ich sprang aus dem Wagen, lief hinzu und war wie vom Donner
gerhrt, als ich in einem Schnupftuche, das darneben hing, deinen Namen
erblickte. Woher ist diese Uniform und dieses Schnupftuch? rief ich mit
aufwallender Freude, denn ich glaubte, da du nicht weit wrest. -- Ich
habe es im Walde vergraben gefunden! sagte der alte Jger -- und ich sank
in seine Arme. Er ist ermordet! schrie ich: Moriz ist ermordet! O, ich
Unglckliche! Wo, wo sind seine Mrder?

Der Graf und die Grfin eilten herzu, und fragten erschrocken nach der
Ursach meiner Klagen. Aber ich redete irre, und mute es meinem Bruder
berlassen, ihnen die Geschichte meiner Verzweiflung zu erzhlen. Sie
suchten alles hervor um mich zu trsten, aber meine Trostlosigkeit stieg
dadurch. Moriz ermordet! rief ich: Moriz ermordet! Und was fr eine
Idee htte ich Arme ausser dieser noch haben sollen!

Unterdessen kam der alte Jger gelaufen und rief, der Mrder ist entdeckt!
Zugleich zeigte er ein Rohr vor, das ich auf den ersten Blick fr das
deinige erkannte, und das er bey einem Jger gefunden haben wollte, der
sich im Schlothurm eingesperrt befnde. Ich will zu ihm, schrie ich,
ich will von ihm selbst hren, wo Moriz geblieben ist! Man brachte mich
aber durch Vorstellungen und durch das Versprechen, da der Mrder unter
meinen Augen frmlich vernommen werden sollte, von diesem Gedanken ab.

Es geschah. Ich brannte vor Ungeduld, den Unmenschen zu sehen, der meinen
Moriz umgebracht haben knnte! Ich kam und sah und erkannte in dem Mrder
meines Moriz, meinen Moriz selbst! Ich hatte ihn wieder, auf ewig hatte ich
ihn wieder!

Neue Umarmungen, neues Entzcken!

So schwanden Meilen und Stationen, so rollten wir durch Stdte und Drfer
ohne Rast und Schlaf. Lehmnitz war der Mittelpunkt unsres Glckes, und
diesen wollten wir ohne Verzug erreichen. Wir kamen endlich an, sprangen
aus dem Wagen, liefen ins Schlo, rissen die Thren auf und warfen sie zu,
und strmten das Zimmer unsres Vaters, wo wir unsre Mutter und Schwester
auch fanden. Schrecken und Erstaunen erregte in ihnen unser unerwartete
Anblick. Stumme Umarmungen und Freudenthrnen empfingen uns, und ein frohes
Willkommen stammelte uns jede Lippe.

Zum Pastor, zum Pastor! rief der alte Oberst, da Springinsfeld nicht
noch einmal davon rennt! Junge, Junge! setzte er mit nassen Augen hinzu,
indem er mich an sein Herz drckte: Du hast mir viel Leid gemacht, aber
auch viel Freude!




[ Hinweise zur Transkription


Zwei ganzseitige Illustrationen wurden im Rahmen der Transkription
vom Buchanfang zu den passenden Textstellen auf den Seiten 88 und 361
verschoben.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt, die Titelseite in
Kursivschrift.

Hervorhebungen sind im Original durch die Schriftart "Schwabacher"
gekennzeichnet, in der Transkription als _Kursivschrift_. Dazu gehren auch
die Kapitelberschriften. Im Originalbuch sind teilweise Eigennamen (zum
Beispiel "Martha", "Phylax") in Schwabacher gesetzt, ohne eine Hervorhebung
zu kennzeichnen; dies wurde in der Transkription nicht wiedergegeben.

Textstellen in Antiqua-Schrift wurden in der Transkription
=gekennzeichnet=.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "ausser"/"auer",
"Begrif"/"Begriff", "erschracken"/"erschraken", "Kanape"/"Kanapee",
"Lehmnitz"/"Lehmniz", "Miene"/"Mine", "Officier"/"Offizier",
"ffnen"/"fnen", "Ottomane"/"Ottomanne", "schluchsend"/"schluchzend",
"schreien"/"schreyen", "so bald"/"sobald", "spatzieren"/"spazieren",
"weisse"/"weie", "unwillkhrlich"/"unwillkrlich",
"Verwandschaft"/"Verwandtschaft",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 4:
  "nnd" gendert in "und"
  (Mein rechter Arm trug den Kopf und der linke lag unbeweglich)

  Seite 10:
  "wol" gendert in "wohl"
  (seine Wirthschafterin Martha wohl gewesen seyn)

  Seite 23:
  "verschaft" gendert in "verschafft"
  (so ruhete sie nicht eher, bis sie mir dieselbe verschafft hatte)

  Seite 36:
  "ch" gendert in "ich"
  (sagte ich. Sie nahm mich bey dem Arm und fhrte mich)

  Seite 40:
  "" eingefgt
  (ich bin bse!)

  Seite 43:
  "" und "" eingefgt
  (Louise wrde sich recht ber den Kranz gefreuet haben, sagte sie)

  Seite 43:
  "" eingefgt
  (sagte sie, wenn Du ihn nicht verdorben httest)

  Seite 81:
  "" verschoben
  (Landjgers Sohn, fuhr ihr Vater fort:)

  Seite 81:
  "" und "" eingefgt
  (hat schon vor einer Stunde [...] oder nicht dein Vater heien.)

  Seite 84:
  "" eingefgt
  (Wer bist du? Wo kmmst du her?)

  Seite 89:
  "viere" gendert in "Viere"
  (in der Stube alle Viere von sich gestreckt)

  Seite 97:
  "" und "" eingefgt
  (wir nicht leben, fuhr er fort, und wenn du kein Geld hast)

  Seite 99:
  "Gefhrt" gendert in "Gefhrte"
  (Hier mut du betteln! sagte mein Gefhrte am Eingang eines Dorfes)

  Seite 140:
  "eine" gendert in "ein"
  (und ihn um ein Haar zwischen seine groen Zhne)

  Seite 156:
  "ihre" gendert in "Ihre"
  (O, Ihre Mama ist meine Herzensfreundin!)

  Seite 168:
  "" eingefgt
  (Versprechen Sie mir das?)

  Seite 175:
  "sichbar" gendert in "sichtbar"
  (Verdru und Unwillen lagen sichtbar auf ihrer Stirne)

  Seite 179:
  "da" gendert in "das"
  (nach einem Mdchen zu erkundigen, das mir Ruhe und Verstand geraubt)

  Seite 187:
  "da" gendert in "das"
  (noch ein zweytes Verhr auszustehen, das mir schwerer ward)

  Seite 190:
  "eigne" gendert in "eignen"
  (Ihre eignen Augen strafen Sie Lgen!)

  Seite 198:
  "" eingefgt
  (Wollen Sie Soldat werden?)

  Seite 206:
  "" und "" eingefgt
  (Lemberg, sagte er, haben Sie das Terrain)

  Seite 211:
  "ihnen" gendert in "Ihnen"
  (das wird Ihnen gute Dienste thun)

  Seite 211:
  "Frenndschaft" gendert in "Freundschaft"
  (Solch eine Freundschaft ist unerhrt)

  Seite 216:
  "," gendert in "."
  (ward ich wieder anderes Sinnes. So kmpfte ich)

  Seite 222:
  "i r" gendert in "ihr"
  (fhlte ich, wie ihr rechter Arm)

  Seite 227:
  "sie" gendert in "Sie"
  (O, helfen Sie doch!)

  Seite 240:
  "ihr" gendert in "Ihr"
  (Ihr Anblick nach so langer Zeit)

  Seite 242:
  "sie" gendert in "Sie"
  (Aber Beydes machten Sie mir unmglich)

  Seite 245:
  "wrklich" gendert in "wirklich"
  (und als Sie wirklich nicht kamen)

  Seite 246:
  "da" gendert in "das"
  (mein Herz nicht bndigen, das Sie ungestm von mir forderte)

  Seite 257:
  "hchstens" gendert in "hchsten"
  (unter allen Merkmalen des hchsten Erstaunens)

  Seite 259:
  "da" gendert in "das"
  (Mein Gott, das hast du ja schon gelesen!)

  Seite 261:
  "!" gendert in "."
  (Aber, was soll nun werden? sagte Frau von Lehmniz.)

  Seite 262:
  "" eingefgt
  (Du weit, als es noch kleine Krabben waren--)

  Seite 268:
  "" eingefgt
  (das Brautgeschenk!)

  Seite 270:
  "" eingefgt
  (Rahm, Ihr httet eure Schuldigkeit nicht halb gethan)

  Seite 270:
  "ihr" gendert in "Ihr"
  (das arme Mdchen habt Ihr am meisten beleidigt!)

  Seite 280:
  "" eingefgt
  (Wer kann es anders seyn als Malchen, rief ich laut)

  Seite 320:
  "da" gendert in "das"
  (etwas Glnzendes, das ich fr einen Schlssel hielt)

  Seite 347:
  "Pantomine" gendert in "Pantomime"
  (sie htte die Pantomime der Kammerjungfer gerade so verstanden)

  Seite 358:
  "sie" gendert in "Sie"
  (Fr Sie, gndigste Grfin!)

  Seite 364:
  "" eingefgt
  (ich bringe dir die ganze Schatulle der Grfin!)

  Seite 371:
  "" eingefgt
  (Wer wehrt es dem Grafen)

  Seite 378:
  "ihrer" gendert in "Ihrer"
  (mich zur Vertrauten Ihrer Qualen gebraucht)

  Seite 381:
  "Fuchshle" gendert in "Fuchshhle"
  (Ich wollte hingehen, die Fuchshhle aufsuchen)

  Seite 388:
  "" eingefgt
  (so erinnere er sich nicht mehr, wo?)

  Seite 391:
  "dich" gendert in "Dich"
  (Nicht eher werde ich Dich verlassen)]







End of the Project Gutenberg EBook of Moriz, by Friedrich Schulz

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

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     www.gutenberg.org

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