The Project Gutenberg EBook of Nein und Ja, by Otto Flake

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Title: Nein und Ja
       Roman

Author: Otto Flake

Release Date: December 28, 2014 [EBook #47797]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEIN UND JA ***




Produced by Jens Sadowski








                             NEIN UND JA


                                ROMAN
                                 VON
                              OTTO FLAKE

                                 1920
                         S. Fischer / Verlag
                                Berlin

                           Geschrieben 1919

                       Erste bis vierte Auflage
        Alle Rechte vorbehalten, besonders das der bersetzung
                  Copyright 1920 S. Fischer, Verlag

                             NEIN UND JA




I


Lauda kam am Nachmittag in Zrich an, Stadt die er nie betreten hatte,
und erster neutraler, die er im Krieg betrat, seltsames Gefhl.

Er ertappte sich dabei, wie er gleich einem Zeitungsberichterstatter in
fremdem Land, der seinen Artikel vorbereitet, kleinste Dinge notierte:
Strae gefllt mit jungen Mnnern, Strae gefllt mit Auslagen
entbehrter Dinge, Strae, in der Frhlingsbume legitim blhten, denn
Mensch darunter war im Einklang mit ihrer Freude, dachte nicht an Mord.

Folgend der grnen Avenue sah er die weie Lohe, und als er die Brcke
betrat, darunter der See zum stadtdurchziehenden Flu ward, war es, als
stehe er der Sonne so nah, wie man am uersten Rand eines Kraters dem
Erdfeuer nah steht; Silberebne lag zwischen Uferhgeln -- gleich, ob man
sie Wasser oder Licht nannte. Segel darauf waren regungslose
Schmetterlinge, die mit senkrechten Flgeln eine Wiese aussaugen.

Da erhob sich ein Wind, erster Atemzug des Abends, und alsbald war die
groe Bewegung. Mwen warfen sich vom Gelnde zum Spiegel, schreiend wie
junge Hexen in der Walpurgisnacht der Bhne; die Schmetterlingsflgel
blhten sich, begannen den dunklen Leib der Kajte zu schleppen; Boote
schaufelten vom Land, Wasserkfer, die mit geknickten Beinen auf
Flssigem gingen -- es ward der See zum Marktplatz inmitten der
hgelbedeckenden Quartiere, Mittelpunkt, zu dem es aus allen Ecken
scho, als sei die Bucht ein Archipel, ferne Drfer seine Inseln, von
denen Ruderndes zur Versammlung der Insulaner eilte.

Lauda nahm ein Boot, war unter ihnen auf der Strae, worin
Zeitungsjungen das Abendblatt ausriefen, der Photograph der Liebespaare
vor dem Kasten stand, Kokotten kreuzten, wartend da einer sie ins
Schlepptau nahm. Belcanto Verdis mischte sich mit Dudelsack, und aus
dem Kielraum einer Jacht quoll Foxtrott eines Grammophons,
Unterwasserinstrument phantastisch. In dieser Jacht sa eine junge Mi,
Lorelei in Mausgrau tailormade -- zu unachtsam am Segelseil, sie rammte
Lauda, ihm blieb nichts brig, als aus dem umschlagenden Boot in ihren
Kahn zu springen. Da er darin war, band er ruhig sein Fahrzeug an den
Sporn und sagte lachend:

All right, nun bringen Sie mich an Land.

Wo kommen Sie her? fragte sie, nasales Englisch verriet die
Amerikanerin.

Aus Brssel, antwortete er und besann sich zu spt, da das die
schlechteste Empfehlung war, denn seit drei Monaten war Krieg zwischen
ihrem Land und seinem. Es fiel schwer, ihr versteinertes Gesicht zu
gltten; er erreichte es, indem er gewissenlos versicherte, er sei aus
dem besetzten Brssel entwichen, um an dem deutschen Irrsinn nicht
lnger teilzuhaben, obwohl nur soviel wahr gewesen wre, da er gekommen
war, um Klarheit in der Frage der Schuld am Krieg zu erlangen.
Beruhigung stellte ganz sich ein, als er erzhlte, wie man ihn, den
Nationalittenlosen, zum Dienst gezwungen hatte; mit einem der Henker
Mi Cavells htte sie nichts zu tun haben wollen. Bestimmteste
Vorstellungen in dem kleinen Kpfchen, das das eigenwillige
amerikanische Kinn aufwies. Sie sprach gelufig deutsch, Studentin des
Polytechnikums.

Unterdessen quoll aus dem Kielraum Twostep und Tango weiter, dort
kauerte auch ein Seidenpinscher; Lauda lachte ber solchen Zeitvertreib,
mit Grammophon und Hund zu segeln. Sie sah erstaunt auf ihn herab, denn
Schlanke stand am Segelbaum, hbsch, ein wenig flach und den Unterleib
aus der Hfte wlbend wie die gotische Figur des Christentums am
Straburger Mnster.

Auf sie schauend achtete er nun seinerseits des Steuers nicht und ward
aus einem Boot warnend angerufen, russisch und deutsch. Noch damit
beschftigt, rasch zu kreuzen, vernahm er seinen Namen, warf sich herum
und sah Hannah Graumann, im Kreis schwarzhaariger Leute. Frage und
Antwort flog hin und her, dann bestellte sie ihn zum Abend ins Caf.
Danach steuerte er ans Land, stieg aus und sah, da Mi Lilians Jacht
Caramba hie -- so schneidig, war es ihre Jacht?

Auf irgendeine Art mute man in die Dinge springen; die eine, frhliche,
hatte sich von selbst gefunden; die andre, ernste, stand nun fest und
entlockte -- Widerstreben. Da er Hannah sofort aufsuchen werde, war
sein Plan gewesen; aber da er die Gesichter ihrer Begleiter gesehn
hatte, wute er, was er von ihr erfahren werde, die Auffassung
russischer Sozialisten. Er wollte sich unterrichten, Wei- und
Gelbbcher lesen, und sein Gefhl fr Helfferich und Ludendorff war
bse, hart; doch berschttet werden von der Worte Flut, drin Hochmut
war und Eifer -- nein. Ihm schien, es sei noch immer Zeit, das zu hren,
und wichtiger, Tage der Einsamkeit, eben erst begonnener, zu verlngern.
Es war so schn, in dem Land zu sein, das im Meer des Bluts wie eine
Insel lag, und in sein Innres vorzustoen. Vielleicht war es nur eigner
Hochmut, selbst zu finden; wer kannte sich?

Er ging in das Caf, das Hannah zugerufen hatte, schrieb, da er erst
zwei Wochen reisen wolle, gab den Brief dem Kellner. Am nchsten Morgen
fuhr er nach Luzern, Billett nach Interlaken in der Tasche, und sa nach
Mittag wieder im Zug, der durchs Wiesental von Lungern zum Brnig stieg.
Der Pa erklommen lag Quertal von Meiringen bis Brienz wie erstes
sdlndisches Frhlingsland vor ihm in Tiefe, und war ihm schner, als
htte er die groe Klimascheide des Gotthard in einem Loch durchkrochen.

Da es Sdland im Norden gab, mute einer wissen; er wute es und liebte
diese Bahn, die mit Zahnrad und Adhsion sich mhte, ehrlich im blauen
Licht die Steigung zu berwinden. Es gab auch auf dem Brnig Palmen fnf
oder sechs, und in dem Park des Grandhotels stand eine Tonfamilie,
Schneewittchen mit den Zwergen -- Kitsch, doch Erinnrung des Kinds. Er
stieg aus, einen Zug zu berspringen; da berhrte ihn eine Hand -- Frau
Hannahs.

Es war nicht schwer, sagte sie, Sie zu berechnen, Vorteil der
ausfallenden Nachtzge. Ich stand hinter Ihnen am Schalter, und Sie
kamen mir unerwartet entgegen, denn mein Plan war, Sie an den Brienzer
See zu leiten, Ort, wo ich ein Haus besitze.

Er blickte forschend in Augen ihm vertraut, denn man konnte mit allem
vertraut sein, was entgegentrat, und ihm fremd, denn drei Wochen heier
Begegnung waren nur Rausch gewesen, nicht Wunsch, sie zu verlngern.
Warum? Vielleicht, weil diese Frau mit dem strahlenden Funken in brauner
Pupille ihm zu verwandt war, die Sinnlichkeiten zu geschwisterlich
ineinanderflossen, parallel, nicht gegenberstehend. Das bot Mglichkeit
einer Freundschaft, oft mahnend, etwas fr ihre Verwirklichung zu tun,
Vorsatz nie verwirklicht. Es waren jetzt zwei Jahre her, da er im
Begriff gewesen war, mit ihr von Mnchen nach der Schweiz zu fahren, da
hatte man ihn angehalten und unter die Soldaten gesteckt; es wre, wenn
ihr Mann es so nennen wollte, eine Entfhrung geworden, aber er wute
nicht einmal, ob sie noch mit Graumann verheiratet war und ob das Kind,
von dem sie in ihrer einzigen Mitteilung nach Brssel geschrieben hatte,
da es sein eignes sei, Graumanns Namen trug.

Er fhrte sie an den Rand des Plateaus, wo unter Kastanien Strandkrbe
standen, fnfhundert Meter ber dem See, auf den sie wiesen.

Ich bin Ihnen gefolgt, sagte sie, nicht weil es mein ganzes Verlangen
war, Sie in den Kreis einzufhren, den Sie nun fliehn, sondern weil Sie
flohn und ber mich wie schlimme Katastrophe pltzlich gleicher Wunsch
hereinbrach. Erinnern Sie sich unsrer Gesprche in Mnchen, als ich
erzhlte, wie ich als Hannah von Cedernstrm in dem Augenblick, wo Ehe
Haus Versorgung nicht mehr in Frage stand, Ehe Haus Versorgung aufgab,
weiter zog?

Wre es Lust am Neuen gewesen, htte man wenigstens eine Erklrung
gehabt; aber es kam aus Schichten der Erkenntnis, die eine Frau zu
benennen scheut, weil sie zu fhlen glaubt, Erkenntnis sei Angelegenheit
des Manns. Sie als Mann hatten eine Erklrung zur Hand, sprachen von
Aufhebung, bekannten mutig, da jede Wahrheit, die Sie erlebt haben,
zwar nicht in Ihnen stirbt, aber ihre Dmonie ber Sie verliert und vom
Absoluten her zu einer relativen Wahrheit, kleiner Angelegenheit
menschlichen Hirns wird, deren Wichtigkeit Sie einschrnken.

Allen fhlte ich mich berlegen, weil ich das selbst empfand; Ihnen
gegenber mich schwcher, weil Sie sich in so mnnlicher Domne legitim
ergingen, ich nur tastend. Wir arbeiteten, diese Russen deklamierten
nicht, wie Sie vielleicht glauben, sie dachten scharf, die einen
verwarfen nur die Genossen der deutschen Partei, und ihnen war der Krieg
ein deutsches Verbrechen; die andren verwarfen die Sozialisten aller
Lnder; die franzsischen taten in ihren Augen dasselbe wie die
deutschen, und sie waren unter dem hheren Gesichtspunkt der groen
Zersetzung damit einverstanden. Ich nahm an den Zusammenknften in
Kienthal und Zimmerwald teil und war Zeugin, wie eine neue Taktik
entstand, die auf den Zusammenbruch wartet, um Sozialismus zu
verwirklichen.

Die Russen, die Sie im Boot sahn, reisen in acht Tagen durch Deutschland
nach Hause, um Kerenski zu strzen; wenn man sie fragt, wie sie es mit
ihrer berzeugung vereinen, da sie Ludendorffs Hilfe annehmen, lcheln
sie, und ich wei, was dieses Lcheln sagt. Wenn ich will, kann ich mit
ihnen fahren; sie erwarten es, ich habe ihre Sprache gelernt, sie
verheien mir Wirkung, die noch keine Frau gehabt hat, und wissen nicht,
da ich zurckscheue, nicht weil ich nicht glaubte, nicht die groe
Verlockung fhlte, nicht die Energie htte, in das Dunkel der Tat zu
springen -- sondern weil dieses Tdliche, Bohrende da in mir ist, da,
was Menschen tun, nur so lange Wert hat, wie man es will, nicht Gott
ist, der unabhngig von seinen Glubigen existiert. Ich trenne mich
nicht von ihnen, fahre mit, nur eines mu sich erst erfllen: da ich
noch einmal bis auf den Grund des Zweifels tauche, alles in mir
zersetze, durch solchen Zweifel gerecht werde, durch solche
Gerechtigkeit hrtre Energie erlange.

Mich auszudrcken ist schwer -- es ist ein Ha in mir gegen die
Wichtigkeit, die ich mir beilege, wenn ich mich mit jenen sozialen Ideen
beschftige. Begegne ich nach irgendeinem heftigen Diskussionsabend
wieder den Russen oder allgemein den Menschen, so finde ich sie gleich
berzeugt, gleich bereitwillig; aber in mir zog sich eine Spannung
zusammen, wie sich in den glcklichsten Tagen der Ehe mit Graumann eine
Spannung zusammenzog, irgendeine Summierung von Begierden, die durch
Gte des Partners nicht zu befriedigen waren; tat mir einer der Russen
oder vorher Graumann den Gefallen, mich zu reizen, dann entlud ich mich
und, zauberhaft, alles war verflogen, ich fhlte mich gut, und jeder
Zweifel an den groen Ideen war unverstndlich geworden. Antworten Sie
nicht, das Weib in mir habe den Druck, den Willen, die Energie, den
Herren gesucht. Im Fall der Russen war es nicht das Weib, sondern der
geistige Mensch.

Was ich wissen mchte, ist: kennen auch andre den Wunsch, zu zerstren,
was sie aufbaun, vollziehn auch sie die Gerechtigkeit, denn es ist eine
Gerechtigkeit, indem sie so ungerecht sind, hhnen sie, was sie
verehren, verehren sie nur um so inbrnstiger und bereuender, nachdem
sie gehhnt haben?

Erstaunliche Frau, die benennt, was ich wie mein letztes Geheimnis
empfand, das zu entblttern mir erst die Nerven wachsen sollen.
Vielleicht knnen Sie es, weil Sie strker darunter leiden, ich
widerstandsfhiger bin. Denn soviel ist mir klar, jenem Wunsch nach
Zersetzung nachgeben, bedeutet groe Widerstandslosigkeit. Frher
beruhigte ich mich mit dieser Erklrung und fhlte mich berlegen, weil
ich widerstehn konnte, das Dunkle in mir berdeckte; dann kam eine Zeit,
wo ich feststellte, da Abschlieung gegen das Dunkle rmer macht als
die sind, die es suchen, Hingabe an das Dunkel reicher macht, weil es
seelenhafter macht; das mag die Erklrung dafr sein, da jedes helle
Heidentum von einem Christentum bedroht wird, jede Mnnlichkeit den
femininen Tag erlebt, jeder Diesseitige den Gott. Das ist heute mein
Problem, wichtiger als das, was mir das Wichtigste war, die Kunst.

Und Lsung, ist sie mglich?

Nicht in dem Sinn, da man im mnnlichen, heidnischen, diesseitigen
Zustand endgltig beharren knnte. Weil wir immer endgltig sein wollen,
tritt die innre Mahnung ein, Ihr Widerstreben, Ihre Spannung. Mglich
ist nur, in dem Kampf zuletzt doch oben zu bleiben, vorausgesetzt, da
man berhaupt zu denen gehrt, die ohne dauernden Aufenthalt im Dunkel,
das zugleich das Warme, Schtzende und Erregende ist, zu leben vermgen.
Ja, ich glaube auf Ihre Frage antworten zu knnen.

Wenn Sie eine Wahrheit, eine Idee gefunden haben und an ihr festhalten
wollen, ist das, als wiesen Sie die Erde an, sich nicht mehr zu drehn,
da ihre Ruhelage nun feststehe; unmglicher Befehl. Sie, ich, wir alle,
sind Himmelskrper wie die Erde, rasend in Rotation -- es lt sich
vermuten, welche Spannungen in ihnen entstehen, sich entladen,
immerwhrend. Die Spannung, von der Sie sprachen, ist Botschaft solchen
Vorgangs, schwache Botschaft, gesandt aus den unbekannten Himmelsrumen
in Ihrem Innern, darin Formung und Entformung unermdlich sind. Denke
ich daran, so stellt sich das heroische Gefhl ein, ich meine das der
Tragdie, die auch Leben selbstzerstrerisch in den Rachen des Tods
wirft. Ihr Grundbewutsein von Ihnen selbst ist tragisch, es ist
Tapferkeit, Hohn, Demut, Auflehnung darin. Sie neigen leichter als andre
zu Spannungszustnden, deshalb suchen Sie den Druck, das Gebot, wie
allgemein, aber auf dem engren Gebiet des Sinnlichen, Ihr Geschlecht.

Wenn es so ist, sagte sie, wie halten dann andre, die Masse der
Menschen, die Tragik, den Einbruch dessen, was die Ruhe strt, von sich
fern, wie ist es mglich, da sie berhaupt in Ruhe leben?

Wissen Sie das nicht? Indem sie sich einen Mittelpunkt geben, um den
ihr Kosmos dreht, genau das, was Sie als Wahrheit oder Idee suchen. Und
um den Mittelpunkt ganz unerreichbar zu machen, um vor einer Auflehnung
wie der Ihrigen geschtzt zu sein, die immer mglich ist, wenn man wei,
da man einen solchen Gott selbst erfunden hat, geben sie ihm die
Eigenschaft des absoluten Gotts, dem zu dienen nicht ehrenrhrig ist,
der Demut, das ist _Willigkeit der Rotation_, verlangen darf.

Lehnen sie sich auf, so gibt ihnen dieser Gott im religisen Sinn den
Druck, den ihre Atmosphre braucht -- das ist das letzte Geheimnis des
menschlichen Gottesbegriffs, und er ist tief, denn er erklrt sich
unmittelbar aus Energiezustnden, Gravitationsvorgngen unsrer innren
Welt. Glaube ist der Druck, durch den die Milliarden Weltkrper, die
mein Ich bilden, zu einer Einheit gezwungen werden. Auch wer glaubt,
zersetzt sich wohl, aber er hat eine Gewiheit: da die Zentralachse, um
die er sich dreht, bleibt und strker ist als er. Das Bedrfnis der
Menschen nach Gehorsam und Unterordnung haben schon manche festgestellt,
keiner als tiefste Beschaffenheit erklrt, denn wir treiben wohl
Psychologie, aber nicht das, was uns noch zu entdecken bleibt, innre
Physik, mathematische Seelengeographie -- Seele ist ein Phnomen der
kosmischen Physik.

Ihre Entdeckung, Lauda?

Mag sein, ich wei es nicht, meine Entdeckung fr mich jedenfalls.

Da Sie die Unterordnung fr die tiefste Beschaffenheit des menschlichen
Organismus ansehn, bleibt noch immer unerklrt, wie Sie und
Ihresgleichen, die Sie so stolz Heiden nennen, ohne absoluten Glauben,
Gott, Religion, nur mit relativem Glauben leben knnen.

Ziehn Sie selbst den Schlu: da ich wie alle den tdlichsten
Zersetzungen ausgesetzt bin, zwlfmal im Jahr den Tag habe, der mit
Selbstmordgedanken entsetzlich gefllt ist. Rettung ist immer wieder,
da der Wille, selbst Achse und Mittelpunkt zu sein, nicht zu
unterliegen, suvern, mnnlich, ganz Energie zu bleiben, die Rolle des
Gotts, also des Kristallisationspunkts, spielt.

Also kommen auch Sie nicht ohne Gott aus, sei es auch nur ein
symbolischer?

So wahres Wort. Das Grundproblem, Hingabe oder berlegenheit,
Seelendunkel oder Klarheit, Feminitt oder Mnnlichkeit nimmt
Dimensionen an, in die alle Fragen strzen.

Haben Sie in den zwei Jahren gearbeitet, Lauda?

Theaterstcke geschrieben? Nein. Auch Kunst strzte in diesen Abgrund,
denn sie beruht mehr als jede andre Ttigkeit auf Hingabe, Unterordnung,
eifrigem Einheimsen der armen Ernte. Pathos, Leiden, Sentimentalitt,
Beredsamkeit, augenblickliche Lombardierung jeder kleinen Entdeckung auf
seelischem Gebiet, das ist Kunst. Sie kommen nicht weiter, sie nehmen
sich so ernst, sie glauben tief zu sein, und haften an der Oberflche
der Erde, denn sie variieren das Gegebne, die Einzelexistenz, die
lgnerische Individualitt, alles was nicht primr, nur Manifestation
ist. Das alles soll strzen; kommt keiner zuvor, durch mein Denken. O,
wie verlogen Knstler sind. Sie fhlen wohl die Zersetzung der Einheit
des Ichs, aber sie haben nicht den Mut, von ihr zu reden, vielleicht
haben sie nur die Kraft nicht. Wenn eine Wahrheit in ihnen einstrzt,
frchten sie, nicht mehr produzieren zu knnen, deshalb kleistern sie
und lassen am Ende die alten Gtter wieder aufleben. Sie wrden sich
schmen, zu gestehn, da ihnen die Weltanschauung unter den Hnden
zerfliet; statt ihre Zerrissenheit zu gestalten, retten sie sich in die
bequeme Heiligkeit des Lebens.

Seltsam. Ich will Sie mit jungen Knstlern bekannt machen, die dasselbe
zu fhlen scheinen, von ihrer Kunst bitter sprechen, Verchter jener
Malerexistenz, die unermdlich die Dinge variiert; ihr Ha gilt dem
Gegenstndlichen; sie malen nicht mehr Existierendes, befremdende
abstrakte Gebilde. Und ich kann Sie, wenn Sie nur wollen, mit vielen
zusammenbringen, die auf irgendeinem menschlichen Gebiet Opposition
treiben. Es ist, als habe der Krieg sie von berall her in der Schweiz
versammelt.

                   *       *       *       *       *

Schlaf im Silberfall des Brunnens und Rauschen der Bume war beglckend;
als sich das Jubeln der Vgel hineinmischte, erwachte Lauda.

Sonne war noch nicht sichtbar; hinter dem Brienzer Horn am jenseitigen
Ufer leckte Gold herauf. An der Wand hing Schwinds Brgermdchen, das in
kurzem Rock die Lden zur Sonne aufstt; er tat wie es, fhlte sich
nicht weniger kindlich. Doch dann kam Bewutsein der Wirklichkeit; sie
war nicht so reinlich, denn es war der Knabe da, sein Kind. Frau Hannah
erhob zwar keinen Anspruch auf ihn, er war ihr Gast, der in keines
Mannes Frieden einbrach, von Graumann war sie geschieden. Und doch war
es geschmacklos, sich in diese Situation zu begeben, weil sie zu nah
legte, das Familienleben fortzusetzen, sei es auch nur ein
unverbindliches.

Hannah war sachlich genug gewesen, ihn dem Jungen nicht als Vater
vorzustellen, ihm das Kind nicht als Sohn. Da sie also des Kinds froh
war, und da sie unabhngig war, und da er an irgendeinem Tag seines
Lebens zu ihnen verschlagen wurde, warum berempfindlich sein? Aber es
war auch der Gedanke an Claire da, die ihm selbst gesagt hatte, da er
sie mit andren Frauen vergessen werde, und die ihm doch diese Situation
nicht vergeben htte, das geflschte Idyll. Sie htte ihm nicht einmal
Begegnung mit Hannah allein, ohne das Kind und das Haus gestattet, denn
sie htte anerkennen mssen, da Hannah das strkre Temperament war und
die Fhigkeit hatte, ihn in geistige Sphren zu begleiten, die nicht
Claires waren.

Er fhlte Eifersucht der fernen Frau und wie sie hhnisch darauf
wartete, da auch diese Geistigkeit nur zu einer erotischen Begegnung
fhrte -- dann durfte sie sagen: Lge, ihr gefallt euch in Umwegen, das
ist schmutzig.

Er ging in den Garten, der eingelegt in Matten zum Fu der Berge stieg.
In sieben Fllen zerstubte ein Bach von der Region des Schnees bis zu
der des Segelboots. Im Garten fand er den Grtner, sah ihm zu, wie er
Bohnen pflanzte; mit einem tellerartigen Rund machte er Mulden, richtete
in der Mitte eine Stange auf, legte darum die Bohnen; sein Messer
schnitt den Regenwurm, Teil einer legitimen Handlung, Nahrung der
Menschen betreffend.

Lauda sprach mit dem Eingebornen, ward respektvoll angehrt, als sei er
der Herr des Hauses -- von diesem Haus brauchte nun noch Hannah zu
kommen, in Wrme des Schlafs und loses Gewand gehllt, an der Hand den
Knaben, dann stand der Grtner vielleicht auf, zog sich zurck,
Diskretion eines Tlpels vor der Herrschaft.

Lauda ging ins Haus, brach in der Kche ein, sich Brot zu holen, nahm in
der Bibliothek aufs Geratewohl zwei Bnde und stieg bergan, zum ersten
Wasserfall, dem dritten, vierten, bis er in Sicherheit sich fhlte, weil
endlich keine Bank mehr stand.

Er a das Brot, trank von dem Quell, ffnete ein Buch und lchelte, es
war Fouqus Undine, das Mrchen von den Wassergeistern, die berall
sind, wo Bach hpft, Wasser stubt -- traf ihn ein Stubchen, war es,
als neckte ihn die Nixe mit dem feuchten Saum. Gut, Mrchen zu lesen;
Mrchen blieb, wenn Strindberg schon ermdete. Zwar wurde im Verlauf das
Mrchen selbst zur Geschichte, die auf gelegtem Geleis lief; doch ging
es leidlich aus, zerrann in Schaum des Donaustrudels, nicht Scheidung,
nicht Vershnung -- Spiel wie eine Schleife geknpft, gelst; Schleife,
die Beschftigung fr eine Stunde war, unbelastet von den Problemen und
den dem Brger so wichtigen Seelenkmpfen.

Als er aufhrte, stand die Sonne schon hoch; er dachte an den Mnch von
Heisterbach, von dem Claire erzhlt hatte: ein Jahrhundert war
verflossen, als er zurckkehrte, alles fremd. Er htte unbedenklich,
ohne Zgern, seine Rolle bernehmen mgen, ausgenommen, da er sofort in
Staub zerfiel; Hannah wre nicht mehr gewesen, das Kind nicht mehr, der
Krieg nicht; nicht Claire -- das allein wrde ihn geschmerzt haben,
denkend, wie sie ihn gesucht htte. Er wre unbefangen unter Menschen
gegangen, nicht zweifelnd, da er alles wiederfand, Frauen, Unterhalt
und nicht unterliegendes Denken von den Zustnden Unabhngiger.

Am zweiten Wasserfall kam Absteigender in eine Schlucht. Da sah er vier
Meter ber dem Boden, vier Meter unter den oberen Bumen, eine Gestalt,
eingeschmiegt in eine Rinne, Plaid um die Hften. Wurde das Mrchen
Wirklichkeit, lockte die Nixe? Darauf erkannte er ein blasses Gesicht,
geschlossne Augen, die ohnmchtige Hannah. Sie hatte sich verstiegen,
konnte nicht vorwrts, nicht zurck. Um ihren Mund lag ein bebender,
entschlossen bittrer Zug, er mute denken, da sie schn war. Er rief
sie an, sie erwachte. Er lie sie das Plaid zuwerfen, legte es auf seine
Brust, den Anprall zu mildern und befahl mit erhobnen Armen: Springen
Sie. Sie gehorchte, sie strzten beide zu Boden, aber sie waren nicht
verletzt.

Wie lang standen Sie da'? fragte er.

Ich wei es nicht, eine Sekunde der Ewigkeit, die aus allem heraushob.
Es war nicht anders, als wenn der Abgrund unter mir vierhundert Meter
tief gewesen wre, ich rechnete ab. Nicht mehr ich dachte, in mir dachte
das Unbekannte, das sich nun enthllte. Ich verstand, was Todesstunde
ist, denn ich merkte nicht, da ich gesichert war, solange ich mich in
die Spalte schmiegte, ich fhlte nur, da ich strzen und den Kopf auf
der Kante zerschmettern wrde. Denken war zeitlos, ich erkannte mich:
keine Furcht vor dem Tod; Miachtung war seltsamer Stolz, ich hrte, da
die Berge tosend rauschen, und dieses Rauschen war der Fall der Zeit in
die Ewigkeit, gleichmiger Donner. Ich begann mit unaussprechlicher
Intensitt eine Gestalt zu schaffen -- Alkestis, die fr Admet zum Hades
ging; Admet erlangt die Erlaubnis, ihren Schatten zu sprechen, bewegt
sie, zurckzukehren. Sie will nicht mehr, alles ist fern, die Liebe, die
Kinder, das Licht. Wre ihr Dialog niedergeschrieben, es wre vielleicht
gewaltig.

Sie hatte das Pathos der Erschtterten, darnach war sie erschpft;
unmglich zum Haus zu gelangen. Er breitete das Plaid auf einer Wiese
aus, sie hatte Krbchen des Frhstcks mitgebracht. Danach schlief sie,
er las; nach einer Weile sah er sie nach einem Buch greifen, lie sie
gewhren. Stunde des Mittagspans war vorber, die hohe heie Stunde des
frhen Nachmittags kam. Da schlo sie das Buch und sagte:

Es ist eine Szene darin, die Sie lesen sollen. Sie durchwhlt mich,
fhrt zurck zu dem heute morgen Gefhlten.

Er sah nach dem Titel, es war ein Roman, der die Erobrung Mexikos durch
Cortez behandelte.

Erzhlen Sie aus Ihrer Erregung, sagte er. Sie:

Im Land der Azteken herrscht unerhrter Luxus und unerhrte
Grausamkeit. Sie reien den Gefangnen das Herz aus der Brust, bieten
sich selbst als Opfer dar. Sie essen das Fleisch der Geopferten in Mais
gebacken, nicht mehr Kannibalismus, religise Handlung. Ein Krieger hat
sein Leben verwirkt. Man schmckt ihn, lt ihm eine Woche lang jede
Freiheit, er wird nun strahlender Gott geheien, der unter Menschen
weilt, jede Frau, zu der er geht, mu ihm zu Willen sein; doch bei
diesem ist sein junges Weib, die zrtlich Schne. Am letzten Tag setzt
man ihm ein Gemse vor, darin sind die Geschlechtsteile seines Weibes
gekocht, er it, unbeschreiblich Schmerz, Stolz, Demut in ihm. Danach
geht er zum Tempel, um sich das Herz aus der Brust reien zu lassen;
Volk bewundert, liebt und bleibt doch mitleidlos. Ist diese
Mitleidlosigkeit nicht Sinn fr ein Gesetz ber uns, Symbol einer
Philosophie, in der das Heroische noch die Gre des Barbarischen hat,
die Gtter grausam sind? Welch tiefer, gerechter Sinn, den Todgeweihten
zum Gott zu erheben, solang er noch im Licht lebt, denn das Jenseits ist
unsicher. Ist das Schlachten der jungen Frau und der teuflische Einfall,
ihr Weiblichstes dem Gatten vorzusetzen, kannibalisch?

Ich fhle die Idee, die denkende Verkettung, die Dmonie darin, die
Inbrunst, die Menschen heit, Reiche zu grnden und Blumenfeste zu
feiern, und den Stoizismus, der von Tod und Schmerz als den elementaren
Wirklichkeiten wei. Ich mag nicht mehr denken, denn die nchste Frage
ist: waren die Deutschen nur Dummkpfe und Verbrecher, als sie den Krieg
zur Achse ihrer Zivilisation machten? Waren die Spanier, Herde von
Abenteurern, besser als die Azteken, die sie ausrotteten, um des
Glaubens und Gottes willen?

Verbrecher und Dummkpfe waren jene nicht, antwortete Lauda, selbst
ihr Einfall in Belgien war nicht schlimmer als der Krieg, den Englnder
gegen Buren fhrten. Expansion und Imperialismus eines Volks sind
biologisch oder philosophisch gesehn nichts als das Bestreben eines
Kosmos, der in sich einheitlich rotiert, die Nachbarzellen in sein
System einzubeziehn und zur Stoffwechselgemeinschaft zu zwingen. Es ist
der Grundvorgang alles Geschehns, und diese Vitalitt empfanden die
Deutschen wohl, sie hatten eine Philosophie, die auf die ltesten
Urzustnde zurckgriff. Und doch ist diese Philosophie ein verlorner
Posten, denn der Mensch ist, wie jeder Kosmos, dem Gesetz der Mutation
unterworfen. Schon die Bildung eines in sich rotierenden Kosmos ist
berwindung des Urzustands, in dem Zelle Zelle auffrit. Zelle und Zelle
gehn bereits eine Gemeinschaft ein. Der Begriff der Brderlichkeit, der
als Idee Gte heit, beginnt den Kosmos von sich aus umzuschichten. Das
ist der Sinn des christlichen Begriffs und seine berlegenheit, die auf
die Dauer den Sieg ber die grandiose Barbarei eines aztekischen Systems
davontrgt. Flache Kpfe sagen, der Krieg sei eine Verirrung, klare
leugnen nicht, da er der Vater aller Dinge war, aber sie fgen hinzu,
da er veraltete Methode geworden ist. Es gibt ja zwei Grundtatsachen
der Existenz, ich und die andren, deshalb sind Egoismus und
Brderlichkeit gleichberechtigt und der Brudergedanke zuletzt der
strkre. Die Deutschen werden den Krieg verlieren und ben, wie nie in
zivilisierter Zeit gebt wurde; sie werden nicht nur fr sich ben,
sondern fr alle andren, die erst im Begriff sind, das kriegerische
Prinzip aus sich auszuscheiden -- sie werden also fr die Gesamtheit der
Vlker ein Problem, das ein wahres Menschheitsproblem ist, durchkmpfen,
und die andren werden von diesem Bruderdienst nichts wissen, sondern nur
rufen: kreuzige sie. Das wird die Ungerechtigkeit sein, gegen die
Deutschland wehrlos ist, und es wird seine Entshnung sein. Fhlt man
das, so ist es schwer, noch zu der Schuldfrage in der Tagesform Stellung
zu nehmen. Aber es wird gut sein, von dieser hchsten Betrachtungsweise
gar nicht zu sprechen, weil es neben ihr, der elementaren Sphre, die
Fordrung der praktischen Welt gibt, in der man nicht anschaun, sondern
Stellung nehmen mu.

Hannah sagte, zrtlich fr einen Augenblick das Sie verlassend:

Du sprichst weise wie ein Gott, erhaben und unberhrt. Sagen Sie mir,
ob Sie nicht auch wie ich vorhin das Bedauern empfinden, da die groen
elementaren Perioden so in uns sterben mssen und nur noch in Bchern
mhsam rekonstruiert werden, unverweilende Erregung einer Stunde.

Als ich gestern das Tal herauffuhr, beobachtete ich, da mitten in
Mulden, durch die nun die Eisenbahn luft, Mornenreste, ungeheure
Ablagrungen von Gletschern liegen, die auch die Wnde des Tals bis zur
uersten Hhe ausgeschliffen haben. Ihre Zeit ist vorber. Als ich
heute auf der Hhe stand, bleichten zwischen Moosteppich und starrenden
Tannen Blcke wie ein entblter Kirchhof von Mammutschdeln. Die Zeit
der Mammutschdel ist vorber. Auch die Natur ist an das Nacheinander
gebunden, und was uns erlaubt wird, ist, als spte Nachkommen eine
Erinnrung an das Elementare zu haben. Wir sind mehr als alles an das
Nacheinander gebunden, und unsre Kunst ist in ihrer letzten Absicht ein
Versuch, die Mglichkeit, die nicht mehr besteht, zu rekonstruieren;
Kunst ist Ergnzung.

Aber wer sagt, da darum ein aufwhlender Eindruck wie der Ihrige nur
Unterhaltung einer Stunde sei? Er durchsetzt Sie ja, wird weiter wirken
und vielleicht schon heute abend einen Einflu auf die Gestaltung Ihres
Lebens haben, der ohne diese Lektre unmglich gewesen wre. Wenn es uns
gelnge -- vielleicht gelingt es einmal -- eine einzige unsrer Ideen in
ihrer Chemie darzustellen, dann wrde sich zeigen, da in einem Traum,
einer Handlung, einer Vorstellung dieselben Elemente gebunden sind, die
in irgendeinem heroischen Zeitalter ungebunden, elementar vorhanden
waren. Um ganz weise zu sein und Ihr spttisches Kompliment zu
verdienen: alles ist Variation, fortwhrende Verbindung und Scheidung,
nur das Format wird immer kleiner und reduzierter.

Die innre Kosmogonie ist noch nicht gefunden, wre sie es, wrde ich
sagen: Hannah, Sie sind ein Stern aus Milliarden Sternchen, ich neben
Ihnen wie Jupiter neben dem Abendstern; das ist die neue Religion, des
Himmelskrpers Mensch. Es gibt einen Grad von Identifikation mit den
Mitmenschen, der mir manchmal wie Irrsinn erscheint. Ich sehe eine Frau
und philosophiere von ihren Hften aus, fhle, hre das Rasen ihrer
Zellen, steige in ihren Sften, breite mich in ihren stchen aus,
aufgehoben jede Fremdheit, jeder Ekel. Lust, nach ihr zu greifen, sie
durch Akt des Eros in mich zu berfhren, dieses kannibalische Stadium,
das wir Liebe nennen, wird ersetzt durch das geistige und darum nicht
weniger absolute, mich in ihr zu wissen, Blutkrperchen in ihrem Blut.

Sie sah ihn unsicher an, ihr Mund ffnete sich, zweimaliger Ansatz zum
Reden, und Lauda bereute ein wenig, das Gesprch in jene Region gefhrt
zu haben, wo alles Geistige zur primren Sinnlichkeit zurckkehrt, aber
sie bezwang sich, fragte ablenkend:

Und was haben Sie gelesen?

Das Eingangskapitel von Eugenie Grandet. Es ist bewunderungswrdig. Das
ist Diktatur des Geists, die einzige, die erlaubt ist, Architektur einer
Intelligenz, die alle Erscheinungen der realen Welt in Bausteine
auflst, aus denen das Fundament aufgefhrt wird. Es ist die
anschauliche irdische Welt, die Welt der Anwendung, nicht der Ideen, in
denen ich mich bewege. Aber in meiner Welt nicht weniger klar, fugenlos,
berlegen zu sein, das ist das hchste Ziel, das noch locken kann. Nur
ein Franzose kann Balzac sein, kein Franzose kann der Balzac der
elementaren Welt sein, dem doch die lateinische Klarheit unentbehrlich
wre.

                   *       *       *       *       *

Lauda lag im halben Schlaf und suchte den ganzen zu finden, indem er auf
das Rauschen des Falls lauschte, der am Morgen wie der Silberbart
Khleborns gewesen war, da hrte er zweimal ein Steinchen durchs Fenster
fallen.

Auch Undine treibt ihr Wesen, dachte er und trat in die ffnung;
weies Gewand schimmerte.

Ich kann nicht schlafen, rief Hannah hinauf, die Nacht ist warm wie
im Juni, kommen Sie noch in den Garten?

Sie hllten sich in Mntel und stiegen zur gemhten Wiese. Der Br stand
zwischen den Berghrnern, Venus leuchtete wie ein Hospiz auf dem
hchsten Grat, die Milchstrae zog gleich Rauch eines Holzfeuers unter
der Wlbung, als zwinge die Wlbung ihn, sich auszubreiten.

Man mu es von unten sehn, sagte Hannah und legte wie am Mittag den
Mantel, ich konnte nicht schlafen. Es machte wohl froh, mit Ihnen zu
reden, alles Wirre ordnete sich durch Gesprch, Gesprch ist
Entspannung. Aber als ich allein war, kehrte alles verstrkt wieder. Es
ist ein Unterschied zwischen uns, der des Geschlechts. Mann, der
philosophiert, wohnt in seinem legitimen Reich, Frau fhlt nur ihre
Tragik. Was haben wir? Die Sehnsucht nach dem Druck, der ber uns komme;
was sind wir? Die nicht in sich selbst Schwingenden, die Kosmen ohne
eigne Achse, um mit Ihnen zu reden, diejenigen, die Geistiges, wie wir
es heute sprachen, erst ganz begreifen, wenn es in die Feststellung der
letzten Sinnlichkeit einmndet. Warum fgten Sie diesen seltsamen Schlu
hinzu, dieses Wort vom Von-den-Hften-Philosophieren? Ich bin so weich
geworden, es widerstrebt nicht, einem Mann zu gestehn, da ich ihn nicht
erreiche. Ich habe in diesen zwei Jahren alle kennengelernt, die in
diesem Land fr die Selbstndigkeit der Frau streiten. Das Hchste, auf
das sie hoffen, ist Wahlrecht und Bankkonto ohne Unterschrift des Manns.
Es ist eine Fordrung der praktischen Welt und der sanft gewordnen
Zivilisation, in der Bahnen fahren. Dahinter liegt die elementare, wie
ist ihr das Wahlrecht gleichgltig. Was bin ich? Ein Mensch, tglich dem
Einbruch der elementaren Sphre in die gesittete ausgesetzt. Ahnen Sie,
wie er zerrissen sein mu? Was ich Ihnen von dem Verlangen sagte, die
Wahrheit durch Zweifel und Ha zu erkaufen, ist nichts als die nie
gestillte Begierde, des Elementaren teilhaftig zu werden, damit Existenz
in Ordnung ertrglich und nicht als feige Lge empfunden werde. O Freund
Lauda in schweigender Nacht, die Dinge des mexikanischen Romans haben
mich tiefer aufgewhlt als das extremste Programm. Helfen Sie einem
Stolz, der vor Ihnen das Visier ffnet. Sei mir Bruder, da
Brderlichkeit Gerechtigkeit ist.

Brderlichkeit, antwortete er so leise, wie sie gesprochen hatte, und
ihr so nah wie sie ihm, ist ein andres Wort fr Inzest. Bruder nimmt
die Schwester, es vereinigen sich die Getrennten. Wenn wir anfangen,
geistig zu sein, berwinden wir die Sinnlichkeit, wenn wir es ganz sind,
kehren wir zu ihr zurck. Ich wehrte mich, es ist gleich, was geschieht.
O warme, brennende Schwester.

In seinem Arm sagte sie:

Ich gebe hin allen Fortschritt des Jahrhunderts, knnte ich jene
Prinzessin sein, deren Geliebter Gott wird, bevor er stirbt. Er whlt
sie unter allen, die ihm erlaubt sind, er knnte in den Nchten sie
tten, um sie der letzten Grausamkeit zu entziehn, er tut es nicht, man
mu sein Schicksal erfllen. Sie stirbt vor ihm, aber whrend man sie
verstmmelt, fhlt sie die Lust, da er von ihr essen wird, er Held, fr
den es keine Auferstehung nach dem Tod gibt.

Am nchsten Tag erfllte sich die Szene, die ihn am Morgen vorher
imaginr zur Flucht getrieben hatte. Er stand beim Grtner, da kam
Hannah aus dem Haus, an der Hand das Kind. Kein Grund mehr, zu
widerstreben, Tat ist gerecht, so einfach. Es war ihm fremd, beim
Anblick einer Frau, die sich in der Nacht in seine Arme geflchtet
hatte, am Morgen zu denken, nun sei alles gendert, Recht oder
Verpflichtung entstanden. Es war auch ihr fremd; Wrme, im Druck der
Hand versprt, war gewachsen, darum nur sachlicher geworden; zwangloser
Stolz in ihr, gute Haltung.

Das Kind, abwechselnd zwischen aufrechtem Gang und Kriechen, war
unbefangen zu ihm, er zu dem Kind. Seejungen nannte er es, Hannah sah
ihn verwundert an, er sagte:

Auf einem bayrischen See gezeugt, am Zrcher geboren, aufwachsend am
Brienzer.

Sie lchelte, fhrte ihn in die Ecke des Gartens, bog Gebsch zurck,
zeigte die Statuette eines Jnglings; in der wolligen Haarschur, die wie
die eines Stiers war, leise Andeutung tierischer Ohren.

Pan, von dem du an jenem Tag in Bayern sagtest, er sei nicht
bocksbrtiger Faun, sondern Jngling aus den olympischen Spielen.
D'Arigo machte ihn, ein deutsch-spanischer Knstler, der hnlichkeit mit
dir hat, ich lud ihn auf morgen, mit noch einigen.

La ihn in die andre Ecke Eros stellen, der die Spannung lst, froh
macht, straff, untragisch, wie du heute bist.

Ja, seltsam ist es; heute nacht konstruierte ich mir die nchsten Tage
mit dir, die letzten vor der Abreise: voll Dunkel, gewaltttig gegen
mich selbst sein, gewaltttige Liebe suchen, dann wie eine aufgewhlte
Schauspielerin, Gef des Tragischen, dorthin reisen, wo das Geschick
ins Malose wchst, Untergang eines im Brgerkrieg zerfleischten Volks
ist -- nichts von allem mehr heute morgen, klar, froh, so hell die Tage
vor mir, hinter dem Gewitter.

Nein, wir sind nicht gemacht, besttigte er, im Dunkel zu weilen,
sehaft zu werden in Selbstzersetzung, letzte Heiden, erste wieder.

Sie war ihm nah, wie nie vorher, es verband ihn mit ihr das Gefhl,
Vorstadium der Annherung, suchendes, zehnmal in Frage gestelltes, sei
berwunden, durch Gesprch und durch Handlung; Abstimmung sei erreicht,
die groe Parallelitt, jeder fr sich, einer neben dem andren.
Ritterlichkeit, die sich um den Freund kmmert, war nicht mehr
lgnerische Galanterie -- Herzlichkeit der Selbstndigen.

Bukolischer Tag ward Belohnung solcher Harmonie; Villa im Sinn des Horaz
lag am alpischen See unter Bergen, die am Abend rosig erglhten; Verse
des Horaz waren nicht mehr gewrtig, aber ihre Rebe und Ulme; khler
Wein zu Mittag, Schatten zum Vesper, Forellen am Abend. Es formte sich
das Ideal knftiger Lebensmglichkeit: ein Haus zu haben in Landschaft,
ber die die Schauspiele des Himmels ziehn, Sitz der Ruhe und des
bestellten Bodens; Gegengewicht gegen Geistigkeit, Obst zchten und
Gemse. Wandrer htte einen Ort, wo seine Habseligkeiten, Bcher,
Gesammeltes waren -- Ort, von dem er aufbrechen, zu dem er zurckkehren
konnte; Mrkte beliefern oder auch nur den eignen Tisch; Fischfang
treiben und lndlichen Wein keltern.

Lauda verriet Hannah nichts von ersten Gedanken, damit sie nicht Plne
machen wrden; aber als sie sah, da er sich vom Grtner Sinn jedes
Beets erklren und um den Bezirk des Guts fhren lie, sagte sie:

Es bleibt ungenutzt, wenn ich fort bin, der Bonne, dem Mdchen und dem
Grtner berlassen; ich wage nicht, ihnen zu sagen, wie lang und wie
weit ich fortgehe. Bleibe hier oder benutze es zu Aufenthalten. Mir wre
es ein Dienst und verringerte Sorge um das Kind, dir eine
Annehmlichkeit.

                   *       *       *       *       *

Er sa an ihrem Schreibtisch und dachte: Ist es poetische Reminiszenz
an Romane, ist es Atavismus aus Zeiten, in denen die Menschen nachts
zusammenkrochen, ist es einfach Wirkung brgerlicher Zustnde, die die
vierundzwanzig Stunden in beschftigten Tag und freie Nacht teilen --
Hannah zeigt wie alle den Wunsch, Liebesstunde in die Nacht zu verlegen.
Vielleicht ist es auch der Reiz, eine doppelte Existenz zu fhren,
tagsber die eine nichts von der andren wissen zu lassen, den Mann und
sich selbst durch den geheimen Gegensatz zu erregen. Wie dem auch sei,
mir ist Eros in Tag und Licht am nchsten.

Er sah ein Heftchen liegen, seine Leere lockte ihn, es zu beschreiben.
Unerwarteter Gedanke bot sich an, es mit Feststellungen zu fllen, die
sich von allen andren seiner Selbstbeobachtungen durch die berzeugung
unterschieden, da sie nicht nur halbwahr, sondern von diktatorischer
Bestimmtheit seien. Er schrieb der rcksichtslosen Diagramme Laudas
erstes:

Er liebt die Liebesstunde im hellen Tag, denn er will nicht im Dunkel
der Frau zerflieen. Sinn der Liebeshandlung ist wohl, da vom Ganzen
abgetrennte Partikelchen zum Ganzen, noch nicht Geteilten, zurckkehren;
darum warten die meisten die Nacht ab, Symbol der Rckkehr ins Primre.
Er aber wollte, _weil_ er diesen Sinn fhlte, die Selbstndigkeit nicht
aufgeben, darum liebte er den Nachmittag, der erlaubte, danach nicht in
Schlaf zu versinken, sondern im Licht zu bleiben. Den Verzicht des
Partikelchens auf seine Individualitt erreichte er auf andrem Weg,
indem er die Frau zwang, mit ihm dem dritten Gemeinsamen, der
Krperlichkeit, zu opfern, und ersparte ihr dadurch die verlogne
Sentimentalitt, da sie glaubte, er gehe in ihr auf, oder sie in ihm.

War aber die Frau von Natur aus sentimental, dann verstand sie solche
Parallelitt nicht, und stellte fest, da er den >Mensch in ihr
beschmutzte<, denn um das krperliche Opfer, die Bereitwilligkeit zur
sachlichen Lust, als reinliche Handlung zu empfinden, in der einer dem
andren nur einen Dienst erweist, dazu gehrte das Vermgen, die Wrde
der Persnlichkeit als Fiktion zu erkennen, unpersnlich, herrisch,
elementar zu sein. Aber auch feinfhlige Frauen litten durch ihn, weil
sie fanden, da er sie in sinnlichen Fordrungen, sinnlichen
Deutlichkeiten zu weit fhre, und sie wahrhaft nackt, seelisch nackt vor
ihm waren, der ihnen nicht den Mantel der Scham lie. Eine Frau mute
von uerster Leidenschaftlichkeit, also individueller Begierde sein,
also Hingabe nicht >nur um seinetwillen< vollziehn, und sie mute die
uerste Gewiheit seiner Freundschaft besitzen, um nicht pltzlich in
hchster Lust ihrer Einsamkeit bewut zu werden oder ihre Sicherheit zu
verlieren; sie htte vielleicht weniger Deutlichkeit, weniger
Sachlichkeit verlangt, denn wenn er von ihr ging, war ihr das Mysterium
fr alle Zeit entschleiert und es blieb eine Kenntnis ihrer Sinne, die
zugleich wie ein brennendes Gift weiterwirkte und die Begegnung mit
einem andren Mann matt erscheinen lie, in dessen grrer Rcksicht sie
die Klarheit Laudas vermite.

Das fhlend litt er an sich selbst, nicht in dem Sinn, da er sich fr
einen Zerstrer hielt, aber die Zerstrung feststellte. Gab sich ein
junges Mdchen in seine Hnde, wurde es unter ihnen reif -- das war
Zerstrung und doch nach seiner Auffassung Erfllung ihres Schicksals.
Lste sich eine Frau von ihm, fluchte sie ihm vielleicht und verleugnete
ihn -- es war zu ertragen.

Er sah durchaus, wie das Positive seines Naturells von einem andren
Gesichtspunkt her negativ wirkte: zu wenig Gte, zu wenig Bereitschaft,
in seelischen Bezirken zu weilen, zu kurze Behandlung des sogenannten
Menschlichen. Er konnte nur sagen: Mensch wird dem Mensch Schicksal.
Jene Mnnerauffassung, die in der Frau das Bere, Hhre, Reinre suchte,
war nicht in ihm, weil er sie Auslegung nannte, tiefer sah, wenn er dem
unberhrtesten jungen Geschpf begegnete: die Zrtliche in weien
Mdchenstrmpfen war doch Gef aller Erregungen und forderte heraus,
auf den Weg des Erlebens gestoen zu werden -- ihr unbewut, aber er
empfand es, dachte nicht wie andre Mnner: sie mu geschont werden,
sondern: sie will nicht zu sehr geschont sein.

War eine Frau ihm nicht restlos gut, nannte sie ihn sinnlich. Es war
wahr und sagte doch nichts aus: er konnte ganz neutral mit ihr
verkehren, mute sie nicht >haben<, aber solche Beziehung war eine
Mglichkeit und das Gegenteil eine andre, jene nicht moralisch besser,
denn Unsinnlichkeit ist kein ethisches, sondern ein geistiges Prinzip,
Vorgang in einem, der manchmal die Sinnlichkeit aufheben mu, um nicht
von ihr abhngig zu sein. Er glaubte also in dieser Frage ganz sachlich
zu sein, was auch hie, da er ganz seinem Naturell treu war. Von andren
her hatte sein Naturell Grenzen, von ihm, Lauda, her gab es sich
Grenzen, indem es das ausschied, was nicht zu ihm pate, zum Beispiel
berma des Seelischen.

                   *       *       *       *       *

Nach dem Abendessen wollte Hannah auf dem See rudern, vorausgesetzt, da
er eine halbe Stunde wartete, bis das Kind zu Bett gebracht war. Sie
forderte ihn auf, zugegen zu sein, aber es lockte ihn nicht. Er leugnete
nicht, da kleines Kind, rosig unter dem Schwamm strampelndes, hbsch
anzusehn war, aber er mied noch die Sphre des Kinds. Eine junge Frau
hatte ihn einmal gefragt: Sind Kinder nicht das Wertvollste, was wir
haben? Er verstand es von der Frau aus, aber nicht vom Mann. Die junge
Frau, vor der noch das eigne Leben lag, fand das Wertvollste schon
auerhalb ihrer selbst; vor fnf Jahren war sie noch selbst Kind gewesen
-- erwuchs sie, ging alsbald der Wert von ihr auf die Jngren ber. Sich
in dieses Nacheinander einzuordnen, solche Verlegung auf die Zukunft der
Rasse war ihm undenkbar. Der erwachsne Mensch war ebenso wertvoll.

Er rief Hannah zu, da er vorausgehe, stieg zum See hinunter. Ein Igel
lief ber den Weg, er hob ihn auf, sah ein auf Mrchenformat reduziertes
verrunzeltes Menschengesicht zwischen winzigen rmchen, rckwrts in
Urzeiten verzaubertes, nahm das Tier ins Boot und fuhr nun selbst
rckwrts in Urzeiten. Dster der See, wie im Pfahlbaualter, feucht, vom
Schatten der Berge belastet. Strker mit jedem Tag wurde ihm die
Fhigkeit, sich aus der Gegenwart zu lsen, fnfhundert Jahre rckwrts,
fnfhundert auch vorwrts zu denken. Mrchen des Mnchs von Heisterbach
wurde dank bung eines Hirnmuskels Wirklichkeit, und entspannte sich
durch die Kontrrfigur Chidhers, des ewig Jungen, der, wenn er wieder
des Wegs gefahren kommt, Hirt mit dem Stab findet, wo eine Stadt
gestanden war.

Aus dem Ablauf der Geschehnisse, aus der Kette der eignen Tage
heraustreten knnen, sich dem Ablauf entgegenstellen, die Zeit aufheben,
das gab das spezifische, ihm eigentmlichste Gefhl, in den Ereignissen
seines Lebens nur Gast zu sein, der ganz da ist, danach ganz fort sein
wird. Das hie auch, da eigentlich die andren das Leben ihm vorlebten,
er nur Zuschauer war: er sah die Gefahr. Erhob er seine Wanderschaft zum
Prinzip, dann schlo er sich nicht nur aus, das wre das Geringste
gewesen -- er wurde auch abhngig vom Prinzip, sein Trger.

Ausweg war, zu wechseln; aber Wechsel war selbst wieder nur ein Prinzip,
das von andren Mglichkeiten ausschlo. Andrer Ausweg: die Ergnzung im
Geist vollziehn: entweder Wandrer bleiben und die Sehaftigkeit der
andren nicht miachten, oder selbst sehaft werden und den Vorbehalt,
da das nur eine Handlung der praktischen Existenz ist und durch die
Idee des Wanderns relativ wird, frisch erhalten.

Immer schlo sich der Kreis, Ja und Nein gingen ineinander ber. Das war
die allgemeine Richtung seines Denkens, aber das Problem von Tat und
Betrachtung, Praktisch und Elementar, Ja und Nein darum noch nicht
gelst. Er begann zu ahnen, da er selbst in die Sphre der Tat gefhrt
werden mute, da er irgendwelchen groen Entscheidungen nicht entgehn
konnte, da er sich ganz in Bindung im Dienst eines menschlichen
Glaubens begeben, in irdischer Ttigkeit verwachsen, und danach
schmerzhaft sich losreien mute. Die Ehe mit Claire war eine solche
Arena, in der Ja und Nein miteinander stritten, aber es gab wichtigre
Angelegenheiten als die Ehe, sie lagen in der Sphre des Sozialen.
Hannah fuhr nach Ruland, und er fhlte: diese Sozialisten, die
heimkehrten, um Revolution aus dem ersten Stadium ins zweite, dritte zu
fhren, wuchsen in Mglichkeiten, die das Problem der Tat
geschichtliches Format annehmen lieen.

Er hrte Hannah vom Ufer rufen, nahm sie an Bord. Sie brachte ihren
Dachshund mit, sechsjhrigen, ltren, in dessen Augen, sprach Mensch mit
ihm, so erstaunlicher Funke von Intelligenz trat, und der seine
Eigenheiten so ausgebildet hatte, da Lauda ihn nur mit Mynheer
anredete. Der Hund strzte unter den Sitz, zog sich verwandelt zurck,
Lauda ward an den Igel erinnert, hob ihn zu Hannah empor und sagte:

Tat wam asi, die einzigen indischen Worte, die ich kenne, man braucht
nicht mehr.

Sie lachte, es war ihm Ernst:

Sieh ihn an, wie menschlich sein Gesicht ist, ein dumpfer verarbeiteter
Proletarier. Sahst du jemals in einem Koben Schweine? Erschreckend, wie
noch menschlicher sie sind. Wo ist der Unterschied? Die Tiere sind, der
Mensch wird; die Mutationsfhigkeit ist der Unterschied, nicht die
Seele; denn die Seele ist ein Phnomen der Mutation, eine Beunruhigung
zwischen zwei Zustnden. Weil Tiere sind, Kinder aber verlangen, da ich
sie in mein Leben einordne, also eine Mutation vornehme, liebe ich Tier
mehr als Kind. Daran wird mir klar, da eine Abneigung gegen Mutation in
mir oder uns besteht, also meine Eigenwilligkeit, meine Abneigung, Ideen
und Gebote strker als mich werden lassen, einem Beharrungsbestreben
entspringt -- Beharrungsbestreben, Trgheit im Gravitationssinn, ist die
Definition von Egoismus. Mag sein, da wer stolz auf seine
Geschlossenheit ist, nur egoistisch ist, und da, wer sich Vater- und
Familienpflichten nicht entzieht, tapfrer ist, gehorsam dem Gebot der
ewigen Umwandlung. Was mich zu Tieren zieht, ist die Gemeinsamkeit des
Triebs, nur sein zu wollen, nicht zu werden -- bei ihnen Gesetz, mir
Wunsch. Nicht untertan werden, suvern bleiben: wahrlich, ich beginne
auch da eine Gefahr zu sehn.

Seltsame Epope, die mein Denken heit, ich umkreise mich von allen
Seiten. Verzeih, du hast die Eigentmlichkeit, da ich mit dir fessellos
diskutiere; jeder, mit dem man zusammenkommt, veranlat so zu einer
besondren Haltung, die man sofort, automatisch, einnimmt, sooft man ihn
wiedersieht. Du wirst noch, an mich denkend, definieren, da Lauda
jemand sei, der mit Damen philosophiert, bevor er mit ihnen schlft. Es
gibt niemand, der nicht komisch wrde, denn komisch ist, was konsequent
ist.

Dafr hast du ja deine Theorie und Taktik der Aufhebung, sagte Hannah.

Lauda: Und laufe Gefahr, Don Quichotte zu werden, Wotan-Wandrer, der
die groe Arie vom ewigen Wechsel singt.

Hannah: So kritisch gegen dich selbst?

Lauda: Durchaus. Man mu sich selbst Wahrheiten sagen. Manchmal, wenn
ich dir erklre, wie ich etwas sehe, ist es, als sei ich der liebe Gott,
der sich ber seelische Probleme interviewen lt, Besserwisser und
Tyrann -- einziger Unterschied, da er einen langen Bart trgt, ich als
bartloser Jngling mit Faunshrchen in deinem Garten stehe.

Hannah: Wer sich selbst verspottet, ist der Gefahr des Hochmuts fern.

Lauda: Keineswegs, er spiegelt sich in dieser Verspottung. Die Wnde in
unserm Innern, Wnde der Individualitt, sind Spiegelglas, in dem wir
uns beobachten und -- gefllig finden. Da mir jedes Ja in Nein
umschlgt, Aufhebung, Schlieung des Kreises wird, das erklrt sich
daraus, da wir buchstblich in krperliche Wnde eingeschlossen sind,
in denen nur der Kreis mglich ist; ohne sie strahlten wir in das All
hinaus, uns auflsend, materielle Erklrung eines Seelengesetzes. Je
mehr ich in Seelisches eindringe, desto hufiger wird die Erkenntnis,
da es nicht Tiefres gibt als das Materielle, da es das letzte Wort
ist, hinter Seele und Metaphysik gelegen. Metaphysik ist die
Zurckfhrung der seelischen Phnomene auf das Wunderbarste, nie zu
Erklrende, die krperliche Existenz.

Hannah: Hast du noch nie daran gedacht, Komik, Humor, Satire als
Ausdrucksmittel zu gebrauchen? Du liebst nicht Seele, sondern
Unbelastung, nicht Dunkel, sondern Helle. Von Helle zu Heiterkeit ist
nur ein Schritt.

Lauda: Daran habe ich gedacht, ja. Es ist nur eins gegen die komischen
Gattungen zu sagen: da sie im Grund die Fragen, die den Mensch
beschftigen, ebenso ernst nehmen wie die ernsten Gattungen selbst. Sie
sind Ausgleich zwischen Ja und Nein, mittlere Linie, also zwar Vorbehalt
dem Ja gegenber, aber auch Verleugnung des Nein. Die komischen
Gattungen sind beschaulich -- ich frchte, da ich nie beschaulich
werde, den Florettsto ins Herz der Dinge vorziehe.

Hannah: Also setzt du dich immer mit einem Gegner auseinander, lebst
von ihm?

Lauda: Wie wir alle. Man knnte wie ein Freisinnsmann von einer Theorie
der Notwendigkeit des Gleichgewichts der Krfte sprechen -- drei
Genitive.

Hannah: Gleichwohl wirst du auf die Dauer nicht umhin knnen,
Ausgleich, mittlere Linie zu whlen, denn soviel glaube ich zu verstehn,
da Durchfhrung der Aufhebung in der Praxis zu einem reinen Nein fhren
mu, da Leben in einer fortlaufenden Reihe positiver Angebote besteht.
Wenn du alles, woran Menschen glauben oder auch nur ihre Energie setzen,
aufgehoben hast, bleibt nur noch brig, die Existenz selbst aufzuheben,
Nein zu ihr zu sagen.

Lauda: Gut Dialektik getrieben, Frau Hannah; du vergit, da danach
Aufhebung des Nein sich automatisch einstellen, zum modifizierten,
durchdachten Ja werden wird, und da ich nicht ein solcher Pedant sein
werde, von diesem zweiten Ja zum zweiten Nein und so fort in Ewigkeit
weiter zu gehn.

Hannah: Und wenn die Bereitwilligkeit, Ja zu sagen, eines Tags
versagt?

Lauda: Strzt alles zusammen wie in jedem, der nicht an absolute Werte
glaubt. Du selbst fandst ja an jenem aztekischen Paar schn, da es fr
die, die zum Tod verurteilt sind, kein Wiedersehn im Jenseits gibt, und
zogst daraus die wahre, einzig starke, heroische Stimmung der
Tapferkeit.

Hannah: Wohl wahr. Fr dich aber wnsche ich die Tat, mein Vorschlag
ist nun nicht mehr, das Haus in meiner Abwesenheit zu beziehn, sondern
-- komm mit mir nach Ruland, strze dich in den Strom, er trgt den,
der nicht schwer ist.

Lauda: Was versprichst du?

Hannah: Alles, was auf der Linie der Tat liegt, die Dmonie der ersten
Zustimmung, die zu Konsequenzen fhren knnte, vor der unsre
Menschlichkeit zurckschreckt, solange wir noch nicht Kausalitt,
Folgerichtigkeit, Unerbittlichkeit untertan werden. Oft in den Worten
der Russen weht es mich wie Entsetzen an, weit du, was Jakobiner
waren?

Lauda: Menschen, die von der Idee der Gerechtigkeit und Gleichheit
ausgingen, dank Macht der Logik und der Verhltnisse damit endeten, die
Brder aufs Schafott zu schicken. Darauf willst du doch wohl hinaus?

Hannah: Schreckt es dich?

Lauda: Nicht im persnlichen Sinn, warum soll man nicht sterben -- ich
kann es jederzeit. Wohl aber im geistigen. Ich will nicht Sklave der
Logik werden, die ich die Hure nenne, nicht mehr weder vorwrts noch
zurckknnen, es sei denn durch Blut. Lockt es dich?

Hannah: Es lockt. Es ist in der neuen Taktik, von der die Russen reden,
eine Gre, die sie selbst erst ahnen. Fr sie ist die Frage Evolution
oder Revolution nicht nach der lahmen Manier ihrer deutschen Genossen zu
lsen, sondern nur durch die Antwort: Revolution in einem bisher
unbekannten Grad von Entschlossenheit -- Diktatur. Um mit dir zu reden,
dieser Begriff ist Mittelpunkt, Achse, um den sich alles ordnet, die
Mittel, die Ideen, die Argumente. Man fhlt sich krperlich, in seiner
inneren Zusammensetzung, fester, gedrngter, rascher rotierend werden.
Es war niemals da, da ein Wagen voll Leute in ein Riesenreich fhrt, um
es zu erobern -- es ist so khn wie der Zug des Cortez, und sie wissen:
keiner kommt zurck, es geht um ihr Leben.

Lauda: Also kommst auch du nicht zurck, wenn ihr nicht Erfolg habt?

Hannah: Nein. Eben darum gehe ich mit ihnen. Nenne es das
Unterordnungsbedrfnis des Menschen, seinen Zwang, sich einen Gott zu
schaffen und ihm gehorsam zu sein -- wir wollen alle Erfllung, Gesetz,
Glauben, wir suchen alle die Achse.

Lauda: Und wenn ihr Ruland erobert habt?

Hannah: Wird zum erstenmal menschliche Gesellschaft radikal aus der
Idee gestaltet, Weg der Natur verlassen, der ein Umweg, langsame
Evolution mit allen Zwischenstufen und Kompromissen ist. Du, der von
Mutation und Selbstndigwerden eines Organs wie dem Hirn sprichst,
sollst du nicht an die Mglichkeit solchen Versuchs glauben?

Lauda: Ich beginne die Tragweite eurer Fahrt zu begreifen. Sagtest du
nicht, jedes Mittel sei ihnen recht, selbst Pakt mit Ludendorff, da sie
nur ihr Ziel wollen? Unsympathischer Jesuitismus, doch verstndlich. Es
wird der Versuch sein, die Idee ber die Geschichte zu setzen, den
Intellektuellen zum Schpfer zu machen. Fast knnte es mich verlocken,
mitzufahren -- la, ich tue es nicht; warum? Mein Instinkt warnt mich,
die Summe meiner Lebenskrfte. Schlsse ich mich an, knnte es sein, da
die Logik mich zwnge, Kriegsminister in Petersburg zu werden oder dem
Standgericht zu prsidieren. Die Dmonie der Logik wird teuflisch sein.
Hannah, wrst du bereit, Jakobinermegre zu werden?

Hannah: Niemand wei, was aus ihm wird, wenn die Hemmungen fallen. Im
Anfang war die Tat, denn Existenz ist Eintritt in die Handlung, Gott ist
die Tat, Nichthandlung ist Nichtexistenz.

                   *       *       *       *       *

Spter im Zimmer allein, dachte Lauda diesen Dingen weiter nach. Fr
Hannah gab es keine andre Mglichkeit als solche Tat, mochte sie nach
Ruland fhren oder in andre Sphre, denn sie war Frau und das hie,
wenn der Ausweg, Hausfrau oder Lehrerin der heranwachsenden Generation
zu sein, verschmht wurde, tragisch sein, nicht in sich selbst Ziel
finden. Das Jahrhundert verlangte die Emanzipation der Frau, aber das
war Beglckung nur fr diejenigen, die mit festen Fen in der
Irdischkeit standen. Fr die andern, die den Instinkt des Absoluten
hatten, also den Gegensatz zwischen Ego und Gesellschaft empfanden,
Erfllung des Ego fr wichtiger hielten als Dienst in der Gesellschaft,
gab es nicht den mnnlichen Ausweg, geistiger Kosmos zu sein, durch den
alle Strme, alle Existanzen der andren fluten.

Im Mann deckten sich Sinnlichkeit und geistige Energie, in der Frau
nicht. Mann konnte Pantheist sein, Zusammenfassung der Welt -- die Frau?
Nein. Seltsame Erkenntnis im Zeitalter der siegreichen Demokratie, in
dem angelschsischer Feminismus die Welt eroberte. Aber daraus eine
Apotheose des mnnlichen Primats machen, Geltung als Prophet der
Virilitt erlangen wie noch Nietzsche? Das war fr ihn verlegter Weg,
obwohl er die Mglichkeit sah, durch ihn Wirkung zu erreichen, denn das
Geheimnis der Wirkung war, den Zeitgenossen einen Kristallisationspunkt
zu bieten, um den sich das Chaos des Denkens lagern konnte.

Er war vielmehr unbedingt fr Emanzipation der Frau; menschlichen Wesen
nichts versagen, was ihnen das Gefhl gab, ausgeschlossen zu sein.
Unmglich, eine Lehre aufzustellen, die dem Schngeist erlaubte, von der
berlegenheit des Manns zu reden, mochte diese berlegenheit auch
existieren. Es war einfach Einsicht in die Konsequenzen, was ihn
abhielt. Was ausgesprochen wahr war, wurde gelehrt falsch, stieg in die
Arena des Praktischen herab und diente nur der Reaktion, den
Konservativen, den Vereinsrednern, die sich dumm in Mnnlichkeit
spreizten, weil sie ahnten, was Mnnlichkeit war, und es doch nicht
gereinigt sichtbar machten.

Er konnte es auch so ausdrcken, da er die Ansicht, die Frau habe die
schwchre Position, ursprnglich gar nicht mitgebracht hatte, vielmehr
von der Tatsache ausgegangen war, da Wesen der gleichen Gattung a
priori Recht auf Gleichheit besaen -- seine Art von Ritterlichkeit, die
auf dem Begriff Wrde beruhte, eine geistige Ritterlichkeit. Erst
empirisch war er gezwungen worden, diese Bereitwilligkeit aufzugeben und
zwischen den Geschlechtern einen Unterschied der Denkenergie
festzustellen, fr die es dann Grnde konstitutioneller Art zu finden
galt.

Wenn mnnliches Denken darin bestand, da das Hirn ein Hemmungsapparat
war, in dem sich die Weltkraft brach, also Sichtbarkeit erlangte,
prismatisch in ihre smtlichen Strahlen zerlegt wurde, sich gedanklich
rekonstruierte, dann war der weibliche Kosmos diffuser, nicht imstand,
die gesamte Sinnlichkeit der Existenz in sich aufzunehmen, ohne von ihr
vergewaltigt zu werden -- er war unfhig, das Material restlos zu
verarbeiten, in Geist zu berfhren; er war materieller.

Fragte sich nur, ob der so fruchtbare Gedanke der Mutation, die
Mglichkeit, aus Funktion selbstndiges Organ zu werden, nicht auch der
Frau die Freiheit von der Funktion in Aussicht stellte. Kaum ein
Zweifel, da durch bewute Zchtung und Vermeidung jenes Zustands von
neun Monaten, in dem die Frau ins Geschlecht zurckkehrt, das
Funktionelle reduziert werden konnte; aber das Ergebnis war -- eine
Karikatur des Manns; der Kopf eines alten Philosophen war machtvoll, der
einer greisen Frau vielleicht klug, mild, gtig -- alles Werte, die aufs
praktische Leben verwiesen. Es war nicht einfach so, da der Mensch in
einen mnnlichen und weiblichen Teil zerfiel und der durch die Frau
ergnzte Mann mit der durch den Mann ergnzten Frau identisch gewesen
wre.

Das alles vom Absoluten her; in der sozialen Sphre spielte der
Unterschied der Geschlechter eine so geringe Rolle, da hier die
Fordrung der Gleichberechtigung Postulat sein durfte. Da es nicht
weiblichen Plato und Kant gab, damit konnten sich die Frauen abfinden in
einem Zeitalter, das von absoluten Ideen zu praktischen, wie denen der
groen Revolution bergegangen war -- der Mensch war bei seinem
rationalen Stadium angelangt, die heimkehrenden Senegalneger wrden die
Keime einer Mutation mitbringen, die sogar Afrika aus der irrationalen
Epoche des Kriegs herausfhren mute. Die letzten Irrationalisten in
Europa waren die Deutschen, sie waren im Begriff, ihre Lehre zu
empfangen.

Was blieb Hannah, wenn das russische Abenteuer erledigt war und sie
dabei nicht das Leben verloren hatte? Der Sprung in ein neues Abenteuer
-- das eben war die weibliche Tragik. Er dachte an die Erzhlung, die in
Brssel Leutnant Berger vorgelesen hatte, darin die Figur Nellys, die
wie Schwester Hannahs war. Ihre Biographie ein fortlaufender Versuch,
den Durchbruch des Absoluten zu erzwingen -- am Ende heiratete sie den,
den sie schon am Anfang htte heiraten knnen, Rckkehr zum Gegebnen,
der Arena.

                   *       *       *       *       *

Am nchsten Tag begleitete er Hannah nach Interlaken; sie machte
Einkufe fr die zum Abend erwarteten Gste.

Der Ort gefiel ihm, weil sein Aufbau so klar war, da er sich
beschreiben lie. Gegebne Punkte waren Ende des einen Sees, Anfang des
andren. Zog man dazwischen eine Gerade, so erhielt man die Linie der
Hotel- und Geschftssiedlung. In der Mitte war sie nur auf einer Seite
bebaut, auf der andren der Promenadenweg mit dem Musiktempelchen,
dahinter Wiesen, die bis zu den Bergen gingen, Grasebne, Sitz der
melancholischen Frsche.

Wo die zweiseitige Bebauung wieder begann, stand ein Pavillon;
Korbsthle, Spiegelscheibe vor Patisserie, heitre Tischchen. Einkufe
besorgt, lud er Hannah dahin ein, war zauberhaft versetzt in
Kurortsommertage, wie es sie vor dem Krieg gegeben hatte: Kurgast der
unbeschwerte Mensch, der Landschaft und Zivilisation freundlicher
Gasthfe geno, als gebe es nicht Bergwerk, Armut, harte Fron, und
Reisen sei die legitimste Handlung in einer Welt, die glcklicher Garten
ist.

Er war froh an diesem Tag, leicht, so jung, Fhigkeit ganz, im
Augenblick zu leben; die Freundin entspannt wie er, Gefhrtin des
Augenblicks; Rckkehr nachher zum Schiff schon frohe Erwartung,
Versprechen fr den Krper, sich spielerisch zu bewegen.

Da kam mit schleppendem Gang ein junger Mann daher, gebeugt der Nacken,
als trage er die Last der Welt. Unlust in Lauda und zugleich unglubiges
Erkennen: so ging Thomas Schreiner.

Der erste der Gste, sagte Hannah, rief ihn an. Lauda sah zum
zweitenmal das Gesicht, das wie das eines war, der Strfling in den
Bergwerken gewesen ist und seinen Groll verwandelt hat in den gegen die
arme Bestialitt der Menschen, die nur durch Mitleid berwunden werden
kann; in den Augen drohende Auffordrung, es mit ihm zu bekennen, die
Verurteilung der Mchtigen.

Schreiner begrte ihn gleichgltig, als wollte er sagen: Du bist deren
einer, die sich dem Einflu meiner Ideen entziehn werden, darum
existierst du nicht fr mich; danach berreichte er Hannah einen Band:

Mein Buch ist erschienen.

Hannah war interessiert und hflich, Schreiner lchelte schwer:

Ein Buch, das mehr sein wird als Literatur, Abschlu zweier
entsetzlicher Jahre. Lesen Sie, lesen Sie; wenn Sie danach nicht zur Tat
bergehn, war alle Qual umsonst.

Explosion einer Dsterkeit in der Ehrgeiz und Fanatismus schwelten.
Lauda nahm den Band, las folgende Stelle: ein Arbeitersohn, dank einem
Mzen der hohen Schule zugefhrt, durch Einstellung der Zahlung
pltzlich wieder von ihr ausgeschlossen, schleicht durch den lichten
Tag, dumpfe Emprung der Erwachsnen in dem mihandelten Kind. Er sieht
in einer Kutsche ein Mdchen der Reichen vorberfahren, Locken, nackte
Beine, meergrner Musselin. Da bricht in ihm ein Gefhl durch, das der
Dichter mit dem Satz umschrieb: ihm, dem Proletarierkind, wurde klar,
da hier ein ungeheures Menschheitsverbrechen vorlag.

Lauda schlo den Band. Revolutionre Gesinnung mochte stark sein;
Fhigkeit, Gesinnung in anschauliche Form zu bertragen, war nach dieser
Probe mig. Htte der Knabe noch empfunden: dieses nackte
Mdchenfleisch ist nicht fr dich; wenn es das einer jungen Frau
geworden ist, wird es sich einem Herrensohn entschleiern -- nein, er
mute statt dessen die Notwendigkeit des Klassenkampfs empfinden. Lauda
sa einem Menschen gegenber, der, weil er nur Moralist sein wollte, in
Wirklichkeit Dualist war, das Unmoralische nur dadurch aus der Welt
schaffen konnte, da er es totschlug -- Zwangsmonismus. Er sa seinem
Antipoden gegenber, Feststellung, die er schon einmal vor zwei Jahren
beim ersten Anblick Schreiners gemacht hatte.

Aber nun war auffllig, da diese Feststellung nicht mehr gengte,
verflogen seine beschwingte Laune. Als Hannah das Zeichen zum Aufbruch
gab, schlug er ihr vor, mit Schreiner allein zu fahren, er werde das
Abendschiff nehmen; und er bat sich Schreiners Buch aus. Sie gingen, er
begann zu lesen.

Es waren bessre Stcke darin als jenes, in dem er geblttert hatte.
Schreiners Leistung bestand darin, da er fr all diejenigen, die lngst
stumpf ber die Todesangaben der Heeresberichte hinweglasen, weil ihnen
die Anschauung auch nur eines Tods fehlte, solches Einzelsterben
herausgriff und sie so zwang, sich vorzustellen, was da drauen an
Grauen und in der Heimat, etwa im Herz einer Mutter, an Leid geschah.
Man mute anerkennen, hier stemmte sich mit allen Mitteln des
anschaulichen Worts ein einzelner Mensch der Gleichgltigkeit, dem
Gewhrenlassen aus Hilflosigkeit, dem zynischen Optimismus entgegen,
gestaltete die Idee der Menschlichkeit, deckte Qual der Erleidenden
nicht mit pastoralem Trost zu, sondern ri sie auf, whlte in ihr, damit
der Aufschrei erzeugt wurde und der Ha gegen den Gehorsam.

Lauda zweifelte nicht mehr, da das Buch den groen Erfolg haben und
Kristallisierungspunkt aller unterirdischen und noch nicht zu
benennenden Auflehnung sein werde; unausgesprochne Lehre des Buchs war:
ein Anfang mu gemacht werden, ich will das schleichende Gift sein, das
eure Bereitschaft, Kredite und Menschen zu bewilligen, lhmt. Da jede
Szene der beiden symbolisch einander gegenbergestellten Kinder verriet,
wo solche Gesinnungskunst vermutlich endete, bei der direkten Tendenz,
die knstlerische Ohnmacht hie, war zunchst nebenschlich.

Einen Augenblick dachte Lauda: Es ist mir einer zuvorgekommen, stellt
ein paar Monate frher als ich die grundstzliche Frage; dann: diese
Feststellung wirst du heute abend und fortan noch fter machen, und
ahnte, da in dem seinem Willen nicht zugnglichen Dunkel der innren
Vorgnge sich ein Plaidoyer des natrlichen Egoismus vollzog,
einflsternd, er mge auf den schon gewiesnen Weg nicht folgen.

Wichtiger als dieses Rudiment einer Versuchung war, da ihm die Rckkehr
aus der absoluten Sphre, in der es keine Wertung gab, in die
praktische, in der er, nach eignem Entschlu, Stellung nehmen mute, als
das Ende der schnen, naiven, berlegnen Zeit erschien; solang sie
angedauert hatte, war der Krieg fr ihn Verirrung der andren gewesen,
die ihn nichts anging und erlaubte, abzuwarten, bis ein Geschehnis sich
erschpfte und nur eine Reihe neuer Zustnde schuf, in denen es danach
zu leben galt.

Es war nicht anders, als nehme er von seiner Jugend Abschied. Aber wie
denn, dann war ja jene Zeit der Anschauung und der behaupteten
Suvernitt nur eine Vorbereitungsphase und er, Lauda, wie der Held
eines Entwicklungsromans zu dem verurteilt, was er verwarf, dem System
des Nacheinander, da dessen Wesen war, da einer immer das letzte
Erlebnis und die daraus gezogne Weltanschauung fr die allein richtige
hielt und seine Vergangenheit gering schtzte?

Was war mit ihm? Vorstellung von Klarheit, Helle, Heiterkeit,
heidnischer Ablehnung der Feminitt stand nicht mehr im Mittelpunkt,
sondern entfernte sich wie ein Stern, der die Kulmination berschritten
hat, stand seitlich. Und doch, wenn er an Thomas Schreiner oder die
Russen auf dem See dachte, wute er, da seine Grundstellung den Dingen
gegenber bleiben wrde -- was also lag vor?

Ein Zustand kam in dieser Nachmittagsstunde ber ihn gleich der
Selbstversenkung eines Buddhisten; Zeit und Raumgefhl hoben sich auf
wie im Schlaf -- da _erkannte_ er das Gesetz, nach dem er lebte:
Rckkehr in die gestaltete Welt war der Preis, durch den er sich den
Aufenthalt in der anschauenden Sphre stets neu erkaufen mute; und sie
war die Rechtfertigung dieses Aufenthalts. Dauernder Aufenthalt, ein fr
allemal feststehendes Philosophiesystem htte den menschlichen
Angelegenheiten entfremdet: er mute sie von Zeit zu Zeit so restlos
miterleben, als gebe es nur diese Arena.

Das Seltsame war, da dieser Wechsel seinem Willen sich entzog; das
Gebot stieg aus dem innren Kosmos, war nichts als eine Meldung der
bereits vollzognen Verschiebung -- nie hatte er das Geheimnis der
Vitalitt strker empfunden, fast war ein Grauen, als niste da unten in
ihm ein zweites tierhaftes Lebewesen.

Und er ahnte, da das Bewutsein, auf die Dauer doch den Ideen, denen er
sich nun hingeben mute, berlegen zu sein, ihm nichts von den Kmpfen,
nichts von den Qualen ersparen wrde, die von denen, die er die
Femininen nannte, erlitten wurden. Suvernitt war ein Regulativ, kein
dauernder Zustand des rotierenden Himmelskrpers Mensch. Ein Gefhl
stellte sich ein hnlich dem, als er von der Militrmaschine im
Augenblick, als er die rettende Grenze hatte berschreiten wollen,
gepackt worden war, Gefhl des Zwangs und vergewaltigender Monate, die
unentrinnbar waren.

Suvernitt war nicht behaglicher Landsitz eines, der klger als die
war, die sich in den Stdten mhten; nicht Vorteil eines, der die andren
fr Narren erklren konnte, weil sie sich mit den Ideen herumschlugen;
triumphierender Egoismus war nicht erlaubt.




II


Whrend Lauda sich zum Abend umzog, vernahm er im Garten die Stimmen der
Gste; man redete englisch, franzsisch und deutsch in reiner,
schweizerischer und fremdlndischer Aussprache. Als er ans Fenster trat,
bemerkte er Graumann, den Mann, von dem Hannah geschieden war, so
beleibt und lebhaft wie ehemals in Mnchen. Er war froh, ihn zu sehn, er
hatte ihn gern, und es war ein bekanntes Gesicht.

Graumann unterhielt sich mit einem untersetzten Herrn, der Schweizer
Dialekt sprach und aussah, als sei er gewhnt, vor Volksversammlungen
auf der Rednertribne zu stehn, nicht eben whlerisch in Gesten und
Argumenten. Da ffnete sich das Gebsch, in dem d'Arigos Bste stand,
und es trat ein junges Paar heraus, gleich durch herrenhafte Schlankheit
-- Volk mute empfinden: sie sind schn.

Das Mdchen war Mi Lilian, die Lauda geentert hatte, der Mann gab ihm
ein seltsames Wort ein: Bruder, nicht im bertragnen Sinn, sondern im
physischen. Er sah seinen eignen Kopf, vielleicht war das Profil
geschnittner, kameenhaft griechisch, und der Krper durch Sport
durchgearbeiteter, aber am hnlichsten der Hauch einer Geistigkeit, die
untertan zu werden ablehnte -- fast hochmtig bei diesem und in dem
kleingeformten Kopf viel Eigensinn. Er vermutete, da es d'Arigo war,
und sich erinnernd, da Mi Lilians Jacht Caramba hie, reimte er
Beziehung von ihr zu dem Knstler, von dem Hannah gesagt hatte, da er
Deutschspanier sei.

Lauda ging hinunter, begrte den Mann, der an dem Tag, an dem er mit
Hannah auf dem bayrischen See gewesen war, den Browning vor ihn gelegt
und gesagt hatte: Damit knnte ich mich erschieen, oder Sie, oder erst
Sie, dann mich, keins von den drei, ich hatte nur daran gedacht.
Zeichen seiner Sachlichkeit auch, da er im Haus seiner Frau verkehrte.
Hannah trat hinzu, nahm Laudas Arm, ihn mit den Gsten bekannt zu
machen.

Es ist, Lilian als Freundin d'Arigos fr sich gerechnet, eine einzige
Frau dabei, sagte sie, dort das ltliche Mdchen, Madeleine Betz,
Elssserin von deutscher Mutter, eingebornem Vater; solches
Mischverhltnis bestimmte sie, war ihr vor dem Krieg Glck und Vorzug,
jetzt ist es ihre Qual. Sie war in Paris und Berlin zu Haus, fand ihre
Aufgabe darin, Fden zu knpfen, wurde als Pazifistin in Deutschland nur
von literarischen und einigen brgerlichen Kreisen aufgenommen, in
Frankreich hflicher und mondainer behandelt, Mnner der ffentlichkeit
schtzten sie dort.

Lauda lie Hannah ausreden, aber Madeleine Betz war ihm bekannt. Er
empfand sich selbst nicht als Elssser, obwohl er in Straburg
aufgewachsen war, vor der Auswandrung des Vaters nach Holland. Noch
einmal danach hatte es eine Zeit gegeben, wo er sich fr elsssische
Mglichkeiten interessierte, und was Madeleine Betz zu einem Programm
erhoben hatte, war fr ihn Versuchung gewesen: Vermittlung zweier Vlker
zu dienen. Er hatte damals, ein Semester opfernd, die Straburger
Gesellschaft studiert; aber was er vorfand, war eine Bourgeosie, die
Inzucht trieb, ein verblates Salonideal pflegte, geistig in den Ideen
aus der Zeit vor der Amputation lebend, sie durch gelegentliche Reisen
nach Frankreich bestrkend.

Er hatte geurteilt, dieses Kleinbrgerland ohne eigne Tradition, von je
dazu verurteilt, von einem Erobrer verwaltet zu werden, sei nicht
geeignet, Pfeiler der Brcke von Frankreich nach Deutschland zu sein --
Urteil, das vielleicht voreilig war, aber ihn bestimmte: er hatte darauf
verzichtet, Wirkung in der Provinz zu werden, und war nach Berlin
gegangen.

Auch ein Lothringer ist anwesend, sagte Hannah, wies auf einen
untersetzten Mann, der mit dem gleichgebauten Schweizer redete, hast du
Blick dafr, da sie nicht nur dasselbe Format haben, sondern auch
Gleichheit der Bewegungen und der lauten Sprache? Sie sind beide
Sozialisten, beide Volksredner von erprobter Wirkung, die weniger
geistig als elementar ist. Der Schweizer ist Doktor Nli vom Zricher
Blatt, augenblicklich ein wichtiger Mann, weil er sich bemht, die
Partei fr die Taktik der heimreisenden Russen zu gewinnen.

Der Lothringer ist Virgile Spie, Vertreter eines Industriebezirks im
Reichstag, wandte sich am vierten August sofort gegen den Beschlu der
deutschen Sozialisten, die Kredite zu bewilligen, kam ber die Grenze,
erklrte, der Frankfurter Vertrag sei hinfllig geworden,
Elsa-Lothringen werde zu Frankreich zurckkehren -- der erste Deserteur
aus Grundstzlichkeit, den du siehst. Um die Sozialisten gleich zu
erledigen, ist noch Thomas Schreiner da, der zu den Unabhngigen gehrt
und schwankt, ob er nicht Kommunist im Sinn Kropotkins sei, dessen
Bcher seine Bibel sind, sodann Doktor Shiller, ein Deutschamerikaner,
der nun in Zrich Fhlung mit Mitgliedern der deutschen Opposition
sucht, und Mitrofan, einer der heimreisenden Russen, der ohne Einladung
kam, mit dem Auftrag, darber zu wachen, da ich mich meinem Versprechen
nicht entziehe.

Es war weder schwer, den blonden Amerikaner herauszufinden, noch den
Russen mit dem Popenhaar. Blieben zwei Herrn, der eine magrer Methodist,
der andre kleine ein Poet romanisch melancholischer Prgung.

Der wie ein Methodist aussieht, sagte Hannah, ist Fnfkorn, ein
deutscher Journalist, der seiner Gesandtschaft unbequem ist, er lie
sich, um der drohenden Einziehung zu entgehn, von der militrischen
Nachrichtenstelle hierher schicken, warf alsbald die Maske ab, machte
Enthllungen ber diese Spionageeinrichtung, wurde Spezialist in den
verschiednen Wei- und Gelbbchern, wies, Antipode Davids in Berlin, die
Schuld Deutschlands am Krieg nach, vertritt bedingungslos die Ansicht,
da die Entente die Sache der Gerechtigkeit fhrt, wnscht Fortfhrung
des Kriegs, bis der deutsche Militarismus wie ein Reptil ausgerottet
ist, beginnt Mittelpunkt aller Bestrebungen zu werden, die ein Organ fr
nicht kaiserliche deutsche Demokraten schaffen wollen, und wird es
vermutlich mit Hilfe Shillers, das heit amerikanischen Propagandagelds
grnden. Der Poet, wie du sagst, ist neben d'Arigo der einzige, der der
Politik ganz fern steht, Haupt einer neuen Gruppe, von der ich dir
neulich sprach, den sogenannten Ungegenstndlichen. Er ist Portugiese,
nennt sich Lisbao, und wird nach seiner Gewohnheit aus dem Manuskript
vorlesen.

                   *       *       *       *       *

Die Gastfreunde Hannahs blieben acht Tage versammelt, selbst Nli
kehrte nicht in die Zricher Redaktion zurck, er lie sich seine Post
schicken. Da auch die andren Politiker die Verbindung mit der Welt
organisierten -- Graumann hatte seine Sekretrin mitgebracht und stellte
sie und ihre Maschine zur Verfgung -- konnte Virgile Spie sagen, man
habe sich zu einer dritten, privaten Zimmerwalder Konferenz vereinigt;
die Tage waren mit Debatten gefllt.

Spie war der einzige, der sich den Ideen von Zimmerwald und Kiental von
allem Anfang an entgegenstellte und ihre Notwendigkeit leugnete. Fr ihn
bedurfte die Haltung der franzsischen Sozialisten, bei denen er, die
deutschen verlassend, Anschlu gefunden hatte, keiner Rechtfertigung:
sie hatten die Kredite zur Landesverteidigung bewilligt, und
Landesverteidigung im klaren, eindeutigen Fall eines Angriffs war, seit
es Sozialismus gab, von allen Parteiprogrammen und Parteitagen anerkannt
worden; er berief sich auf Jaurs, mit dem er bei ungezhlten Pariser
Aufenthalten verkehrt und jene Formel ausgearbeitet hatte, da
Frankreich auf den Revanchegedanken verzichte, wenn Elsa Lothringen
deutscher Bundesstaat mit allen Rechten der Autonomie werde.

Die deutschen Sozialisten, waren fr Spie nicht in der gleichen
moralischen Lage wie die franzsischen; wohl wurde ihr Land von Ruland
bedroht; aber es hatte die letzte Mglichkeit einer Verstndigung
vereitelt, weil es von dem Gedanken eines Prventivkriegs hypnotisiert
war, und die Partei hatte die Kredite bewilligt, trotzdem sie bereits
von dem Einfall in Belgien, also einer Vlkerrechtsverletzung ersten
Rangs, wute, und sie hatte bedingungslos bewilligt, whrend die
Minderheit der franzsischen Genossen sich nur bis zu dem Augenblick
band, wo der Feind aus dem Land vertrieben war.

Spie sah keine Notwendigkeit, eine Konferenz einzuberufen, um die Frage
zu besprechen, wie die zerrine Internationale auf neuer Grundlage
wiederhergestellt werden konnte. Es gab fr ihn neben der groen
Schuldfrage eine sozialistische Schuldfrage; ihre Anerkennung durch die
deutsche Partei bedeutete die Beilegung des Bruderzwists -- sein
Programm fr die Zeit nach dem Krieg.

Er war den Argumenten unterlegen, die von den in der Schweiz lebenden
russischen Sozialisten aufgestellt worden waren. Lenin, Trotzki, Radek,
denen dann auch Axelrod zustimmte, erklrten, die Schuldfrage
interessiere klardenkende Sozialisten nicht, der Krieg sei zugleich
Produkt des Kapitalismus und Mittel ihn zu zersetzen. Die Zeit sei
gekommen, die Antwort auf die alte Grundfrage, Evolution oder Revolution
zu geben, sie heie Revolution, saubre Abgrenzung der sozialistischen
Gedankenwelt gegen die brgerliche, zu der es keine Brcken gebe --
radikale Gegnerschaft, Unvershnlichkeit.

Da das absolutistisch-kapitalistische Deutschland ber das
demokratisch-kapitalistische Frankreich siege oder umgekehrt, sei
gleichgltig, auch die Landesverteidigung gegen einen Angreifer liege
auerhalb des sozialistischen Denkens. Ob die Kosaken an der Oder
stnden oder die Ulanen bei Noyon, habe nur den Sinn, da jedes Mittel
recht sei, um die Verhltnisse auf die Spitze zu treiben, Verteidigungs-
oder Angriffskrieg sei fr Sozialisten schlechthin Krieg, das
Abzulehnende. Proklamation der abstrakten Idee, hinter der nicht mehr
Weltfremdheit stand, sondern im Gegenteil die schrfste, logischste
Berechnung, der entschlossne Wille, alle Wirren der brgerlichen Welt
auszuntzen, das Ziel auf dem direktesten Weg zu erreichen.

Die Beschlsse der Konferenzen hatten mit einer Verurteilung der
franzsischen und deutschen Genossen geendigt und mit der Ablehnung des
Prinzips der Landesverteidigung, diene sie zur Abwehr eines erfolgten
Angriffs (Frankreich) oder der Wahrung der Neutralitt (Schweiz). Dieser
Proklamierung der nur revolutionren Taktik trat, zwischen Zimmerwald
und Kiental, der schweizerische Parteitag von Aarau bei, erstaunlicher
Beschlu, wie Spie nun in Diskussionen mit Mitrofan ausfhrte.

Spie war schlagfertig, angreiferisches Temperament, und in seinem Kopf
stand mit erstaunlicher Klarheit jedes Datum, jeder Zeitungsartikel,
jede grundstzliche urung eines der fhrenden Sozialisten gebucht, war
gegenwrtig. Er trieb Mitrofan in die Enge, indem er nachwies, da auch
Lenin bei irgendeiner Gelegenheit das Selbstbestimmungsrecht anerkannt,
der Schweizer Grimm, Prsident der Konferenzen, nach Kriegsausbruch die
Verteidigung der Neutralitt empfohlen hatte, der Schweizer Parteitag in
Aarau sich ber die Folgen seiner Resolution nicht klar war, in allen
Hirnen Widerspruch herrschte, jeder zwischen der Frage Evolution oder
Revolution hin- und herschwankte, die franzsische Minderheit, von
Zimmerwald heimgekehrt, die Kredite weiter bewilligte.

Mitrofan gab sich nicht besiegt. Was er nicht leugnen konnte, leugnete
er nicht, zog sich auf den Standpunkt zurck, da eben eine radikale
Umformung des Denkens begonnen habe, schpfte aus diesem Gedanken Kraft,
stie vor, fanatisierte sich, entwickelte den ungeheuren Gewinn an
Energie, wenn jede Verbindung mit dem evolutionistischen Prinzip
aufgegeben wurde, lie die Schnheit und Geschlossenheit logischer
Kettenreihn aufblitzen: das Ziel ist alles; die Mittel nicht zu wollen,
brgerliche Sentimentalitt; die Macht in der Hand des Proletariats die
wahre Grundlage eines lckenlosen Aufbaus der neuen Gesellschaft.

Fr Lauda ergab sich folgendes Bild: straffe Rotation um eine als Achse
dienende Idee bei Spie, dasselbe bei Mitrofan; die andren zersetzt in
der Mitte. Fragte sich, welcher von beiden Ideenkosmen die Zukunft
hatte. Spie vertrat die alte Taktik, glaubte nicht, da der Krieg
ntige, sie zu ndern. Es war aber nicht schwer zu ahnen, da dieser
Krieg, ungeheuerste Erschttrung bestehender Welt, nicht ohne Wirkung
vorbergehn werde. Der Entschlu der deutschen Partei, sich mit dem
kaiserlichen System zu verbnden, bedeutete eine Verschiebung, die nicht
mehr rckgngig gemacht werden konnte, und Lauda zweifelte, sich an
Liebknechts Proze erinnernd, nicht daran, da die Mehrheitssozialisten
das von Spie geforderte Bekenntnis zur Schuldfrage ablehnen wrden.

Es vollzog sich in ihm, auf seine Weise, gereinigt, aber darum doch
verwandt, dasselbe, was sich in Menschen vollzieht, wenn Feststehendes
und Vertrautes angegriffen wird -- Mensch geht zum Neuen ber. Und er
empfand die Lockung, die in der Proklamierung der absoluten Idee
enthalten war. Ein Krieg mute kommen, um das zu erleben; Ideologie
wurde Mglichkeit, zum ersten Mal unternahm der Geist den Versuch, die
Umwege der Natur abzuschneiden, langsame Entwicklung, die sich nach dem
Gesetz des Gegensatzes vollzog, souverain zu berspringen. Er sprach mit
Mitrofan, erfuhr, da es die Partei der Bolschewiki schon seit Beginn
des Jahrhunderts gab, wnschte zu hren, wie sich die heimreisenden
Russen die Verwirklichung dachten.

Es ist kein Zweifel, sagte Mitrofan, da wir Kerenski strzen. Wir
benutzen dabei einfach die Tatsache, da er das des Kriegs mde Volk
zwingt, den Krieg weiterzufhren. Eine Revolution, die den Zar strzt,
bernimmt nicht den vom Zarismus begonnenen Krieg. Ist die Macht in
unsrer Hand, dann schlieen wir Frieden um jeden Preis, es kann uns
gleichgltig sein, ob Polen und die Ostgrenze an die Deutschen fllt,
denn wir warten ab, bis diese Gebiete und mit ihnen Europa von unsrem
Beispiel fortgerissen wird. Dieser Friede wird sehr einfach sein: dank
unsrer Propaganda werden die Soldaten die Grben verlassen und nach
Hause gehn.

Danach, dritte Etappe, ordnen wir die neue Gesellschaft nach dem
strengsten Zentralismus, womit ich natrlich den der Idee meine, die den
der Verwaltung nach sich zieht. Wir sind nicht wie der Bourgeois oder
mit ihm verbndete Nationalsozialisten an gegebne Verhltnisse gebunden,
wir schaffen sie neu. Es ist klar, da solche Erschaffung einer Welt
nicht etwa aus dem Nichts, sondern, was schwerer ist, aus der Anarchie
der kapitalistischen Privatwirtschaft, freien Konkurenz,
Stndeverschiedenheit, nicht mglich sein wird ohne eine bergangszeit
der Diktatur, deren Sinn darin besteht, der Idee der Einheitlichkeit und
der Ordnung zum Sieg zu verhelfen. Das Ziel heit Abschaffung der
Klassen, das Mittel ist, der bisher rechtlosen und zahlreichsten Klasse,
also der Majoritt, die Gewalt zu bertragen -- eine Paradoxie, die doch
nur das Mittelstck zwischen Vergangenheit und Zukunft darstellt. Wir
werden also die Brger entwaffnen, die Arbeiter und Bauern bewaffnen,
und das Provisorium so lange durchfhren, bis der Brger freiwillig oder
gezwungen die neuen Verhltnisse anerkennt.

Werden Sie die Nationalversammlung berufen? fragte Lauda.

Es steht auf unsrem Programm, aber ich will Ihnen offen gestehn, da
ich nicht zu denen gehre, die glauben, da die kapitalistischen Kreise
ohne Gewalt zu gewinnen sind.

Was wrden Sie in diesem Fall tun? sagte Lauda und war auf die Antwort
gefat, aber nicht auf die schneidende Unerbittlichkeit, mit der sie
gegeben wurde und die fr seine Vorstellungskraft wie ein Licht war, das
rckwrts auf die Diskussion derer fiel, die, noch in der Fremde, schon
in dem Augenblick lebten, in dem sie die Nachfolger des Zaren wurden --
mrchenhafter Wechsel im Schicksal hungernder Verbannter.

In diesem Fall, antwortete Mitrofan, werden die andren sich wie ich
entschlieen mssen, noch einmal die Mittel des alten Machtstaats zu
benutzen, um den Staat der durchgefhrten Gerechtigkeit zu grnden:
Belagrungszustand, Armee und Terror. Fr Schonung ist kein Raum,
verwirklichen wir die Idee nicht, ist sie fr hundert Jahre erledigt.
Jetzt oder nie. Fhlen Sie, welcher Abgrund uns von Leuten wie Spie
trennt? Unsre Hirne sind verschieden wie zwei Weltkrper, in ihnen lebt
das neue nicht, in uns erzeugt es Ketten von Assoziationen, es ist die
grte geistige Stimmung, die je in Menschen war.

Lauda verstand. Assoziationen bilden, mathematische Reihen entwickeln,
Logik triumphieren lassen, war fr das Lebewesen, dessen Hirn an die
Kausalitt geschmiedet war, der tiefste Genu, so tief wie die Lust, die
Achse Gott zu finden, um die sein Mikrokosmos schwingen konnte. Es kam
vermutlich, Folge des Kriegs, eine Zeit, in der der Kausalittsrausch
elementar durchbrach, die freigewordnen Krperchen des alten Kosmos --
als Beispiel eines solchen bot sich immer der preuischmilitaristische
an -- mit der Inbrunst von in das All geschleuderten Atomen den neuen
Kristallisationspunkt suchten: religiser Vorgang mit dem Triumph aller
derer, die nicht in sich kreisen, sondern nach dem Zwang, dem Druck, dem
Gebot ungeheurer Atmosphren lechzen.

Und schon fanden sie den Gott: die Logik, die zum Dmon wurde, strker
als sie, ihnen Gewalt antuend. Grundgesetz im Reich der Ideen: das Hirn
erzeugt sie, der Gezeugte wchst dem Zeuger unter den Hnden zum Herrn,
ist er Herr, wird er Dmon; wer Ideen nicht mehr besitzt, wird von ihnen
besessen. Die Zeit kam so der Besenen, in denen die dynamische Wut des
in die Existenz schieenden Weltwillens war. Man konnte
Weltuntergangsstimmung haben. Und in der Tat, die Mutation war
Weltuntergang.

Es war nicht richtig, den Begriff Mutation auf die kleinen Strungen,
fnfhundertmal am Tag, anzuwenden, die jedesmal eintraten, wenn der
geringste Eingriff der Auenwelt in unsre Welt erfolgte -- diese
Schwankungen wurden rasch berwunden. Mutation war eine Strung der
Lagrungsverhltnisse.

Wenn diese Russen die Macht erlangten, dann brach ein religiser
Wahnsinn aus, den die Psychologen nur darum nicht erkennen wrden, weil
das Wort Gott nicht fiel, dem aber alle zustrmten, die nicht so
selbstndig waren, da sie auf den Krampf der Demut und Unterordnung
verzichten konnten, alle, in denen die unterirdischen Spannungen zerrten
-- und wer war ohne solche Spannung, von der Hannah gesprochen hatte?
Jakobiner, Terroristen, Inquisitionshenker, sie waren die Religisen im
primren Zustand, Zurckgekehrte zur Zeitlosigkeit vor aller
Zivilisation.

Mitrofan und Lauda saen sich an Hannahs trkischem Rauchtischchen
gegenber; es zog jeder, Auskunft erteilt, Gesprch beendet, seine
innren Kreise. Madeleine Betz kam vom Klavier, wo sie Mitrofans Rede
angehrt hatte, zu ihnen; melancholisch ihr Versuch, den Pazifismus zu
retten, fr sie gengendes Heilmittel der kranken Menschheit.

Pazifismus, sagte Mitrofan, ist eine rein brgerliche Angelegenheit;
seine Ohnmacht besteht darin, da dieselbe Gesellschaft, die aus der
kapitalistisch-imperialistischen Idee der unbeschrnkten
Machtvergrrung geboren ist, in Verabredungen einwilligen soll, die
eine Hemmung dieses Triebs bedeuten. Jeder starrt in Waffen, aber man
will vereinbaren, da sie nicht benutzt werden; man will die auf Raub
und Gewalt gegrndete Existenz von Staaten verschiednen Rangs in einem
gegebnen Augenblick zum status quo erklren: wer viel hat, behlt es,
wer wenig hat und klein ist, begngt sich damit. Eine Horde hungriger
Hunde kommt berein, friedlich nebeneinander zu leben -- glauben Sie,
da Mitrauen und Raubtiergelste pltzlich unterdrckt werden knnen?
Was machen Sie mit den Offizieren, den Diplomaten, dem ganzen Geist, mit
dem die Gesellschaft durchsetzt ist? Fhlen Sie denn nicht, da diese
ndrung so radikaler, grundstzlicher Natur wre, da sie gar nicht
durch materielle Verabredungen, sondern nur durch Auflsung der
seelischen, moralischen Verfassung erzeugt werden kann?

Es ist seltsam, da die Menschen immer flicken, immer berleiten wollen.
Wenn sie noch eingestnden, da sie so aus Angst vor der
Unbequemlichkeit und der Schdigung persnlicher Interessen
argumentieren -- nein, sie stellen die Kulissen groer Ideen auf, sagen,
Gleichheit und Gerechtigkeit verlangten, da niemand Zwang erleide, die
ndrung freiwillig vollzogen werde. Da aber niemand freiwillig auf Macht
und Geld verzichtet, so bedeutet das demokratische Prinzip der
Friedlichkeit in Wahrheit nichts, als da nichts Ganzes geschieht, alles
beim alten bleibt. Reformen innerhalb der kapitalistischen Welt sind
mglich, sogar Deutschland kann republikanisch werden, aber sie werden
kapitalistisch bleiben. Ersetzung des kapitalistischen Fundaments durch
das sozialistische ist nur durch das Eisen des Pflugs mglich.

Sagen Sie ruhig, durch Blut und Eisen, antwortete Madeleine Betz,
warum scheuen Sie, die Formel Bismarcks zu gebrauchen? Das Mittel, das
Sie whlen, ist nichts andres als der variierte preuische Militarismus,
das Ziel, das Sie wollen, nichts andres als eine Abart des
zentralistischen Zwangsstaats, schlimmer als der Bismarcks.

Ich kann Ihnen zynisch zugeben, da Sie recht haben, aber ich kann mit
einem Herzenston der Not sagen, da es keine andre Mglichkeit gibt, die
Wirklichkeit nach einer Idee zu formen.

Lauda dachte: Wie, wenn bei diesen Dingen der Sozialismus, die
Republik, die Demokratie, der Kapitalismus, also praktische Fragen, gar
nicht Kern, sondern Projektion, Symbol, Veranschaulichung sind? Wenn es
sich um ganz etwas andres handelt, um den Kampf dynamischer und
unmaterieller Energien? Mit dem materiellen Begriff Atom kommt
Wissenschaft nicht mehr aus, sieht sich widerwillig genug gezwungen, in
ihnen, die doch das sichtbare System der Elemente ergeben, raum- und
zeitlose Phnomene rein dynamischer Natur zu sehn.

Es ist erlaubt, in Ideen eine Analogie zu den sichtbaren Krpern zu
ahnen, sie Manifestation von Krfteverhltnissen, ihren Kampf
Manifestation von Krftekmpfen zu nennen -- wir (als Krper) ein
Vorwand unbekannter Vorgnge, unsre Ideen Vorwand von Machtkmpfen
zwischen Entfelung und Bindung. Mitrofan sagt: der radikale Sozialismus
und glaubt, er wolle damit das Glck der Gesellschaft, aber in Wahrheit
mu er einem Gebot seines innren Kosmos gehorchen, der offenbar der
geschlonen Rotation widerstrebt, auf der Suche nach einer neuen ist.
Madeleine Betz sagt: ungewaltttige Entwicklung und drckt damit aus,
da sie den elementaren Explosionen ausweicht. Ich von mir stelle fest,
da ich nach einigen Minuten gar nicht auf den materiellen Inhalt ihrer
Worte acht gebe, sondern die Schwingungsvorgnge in ihnen empfinde,
Gravitationsgesetze in ihnen fhle -- meine alte Definition, da
Phantasie Fhigkeit ist, die Lagrungsgesetze eines fremden Organismus zu
empfinden.

Welch eine phantastische und mehr, grauenhafte Sache ist also
menschliche Geschichte und Geistigkeit: einer sucht den andren zu
berzeugen, da man zur definitiven Lagrung durch Entfelung des
rasenden Drehns gelange, der andre ihn, da man nur vorsichtige
Modifikation vornehmen drfe -- Illusion beides, denn die Welt ist, als
Schauplatz der rasenden Partikelchen, nie definitiv, Rasen ist
Selbstzweck. Es steht frei, die beiden und mit ihnen alle andren, mich
eingeschlossen, nach Belieben als arme Narren oder tragische Helden zu
betrachten.

Er hrte Madeleine Betz zu Mitrofan sagen:

Wenn Sie so zu mir sprechen, funkelnd vor Energie, verbissen vor
Entschlossenheit, empfinde ich etwas, was Sie nicht verstehn werden, die
Abneigung der Frau vor der Vitalitt des Manns, dieser triumphierenden,
zu sinnlichen Herausforderung. Ich sah Offiziere auf Urlaub im
Familienkreis, sie waren gtig gegen die Ihrigen, hflich gegen Fremde,
aber wenn die Rede auf gewisse Augenblicke ihrer Ttigkeit im Feld kam,
auf Exekutionen fremden Lebens, grauenhafte Verletzungen, dann trat in
ihre Augen das Unheimliche: die Freimaurerei der Mnner, die das Morden
betreiben, von der sie zu den Frauen sagen: es ist nichts fr euch.
Dieser Ausdruck ist auch in Ihren Augen, Mitrofan, wenn Sie von der
revolutionren Tat sprechen, und das beweist, da Sie, Sozialist, fr
den es keinen Unterschied der Geschlechter gibt, mnnlicher Freimaurer
sind, die Sphre der mnnlichen Grausamkeit vor mir abschlieen und das
heit vor allen, die menschlich sind.

Was Sie Diktatur zugunsten einer Idee nennen, ist der diktatorische
Wille schlechthin, Sie richten nicht auf das neue Reich, sondern
variieren nur das alte, in dem es Herrn und Sklaven gibt. Was Sie
Paradoxie nannten und worin Sie eine eminente berlegenheit sehn, ist
nur die Volte, die Sie schlagen, um Ihr Spiel nicht aufzudecken, vor
andren und vor sich. Menschen glauben so berlegen zu sein, da sie den
Punkt bestimmen knnen, wo eine Idee verabschiedet wird, in Ihrem Fall
die Idee der zum letztenmal angewandten Gewalt -- die Idee wird Ihnen
ber den Kopf wachsen, Sie immer weiter treiben, und am Ende werden Sie
so blutbefleckt dastehn wie ein preuischer General, der in einem Dorf
zweihundert Menschen niederschieen lie. In Ihnen werden die Iwane
Ihrer Geschichte wiedergeboren werden.

                   *       *       *       *       *

Zum Berg steigend sah Lauda Frulein Betz auf einer Bank, beobachtete,
wie sie ein Buch ffnete, wieder sinken lie.

Ich kann nicht mehr lesen, sagte sie, alles ist Lge oder alles
gemacht. Wer garantiert, da in diesem zarten Dichter, den ich in der
Hand halte, nicht wie in Mitrofan die Bestie erwacht, deren Triebe um so
grausamer werden, desto geistiger die Form ist, in der sie auferstehn?

Lauda gestand sich, da sie zu den Frauen gehrte, die er unter
gewhnlichen Umstnden nicht aufgesucht htte. Physischer Charme der
Frau fehlte ihr, es blieb nur brig, den geistigen zu suchen. Da nur
Zufall dazu bewog, empfand er als Ungerechtigkeit, die sie gewohnt sein
und dank ihrer Intelligenz festgestellt haben mute. Er erriet
Bitterkeit in ihrem Urteil ber Leute, von denen sie sprachen;
Bitterkeit wurde nicht selten zu kleiner Gehssigkeit, die ihr
Genugtuung verschaffte -- es war nebenschlich, er war sich unklar,
welcher Grad von Energie dazu gehrte, so einsam zu sein, auf
Herzensbeziehung zu verzichten, sie bei andren Frauen zu beobachten,
Altjngferlichkeit entgegenzusehn. Hinter solcher Energie stand wohl
viel Gte, Glaube an Vermenschlichung, der nun durch den Krieg auf
hrteste Probe gestellt wurde. Er erinnerte sich, Artikel von ihr
gelesen zu haben, Melancholie und Zhigkeit seltsam vermischt, geheime
Ermahnungen an sich selbst, nicht verbittert zu werden.

Es war nicht leicht, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie mochte mit
differenzierten und mitrauischen Nerven empfinden, da Mann, der nicht
ganz vom Reiz des Geschlechts absehn konnte, falsch vor ihr war, sein
Interesse das einer Stunde.

Die Welt ist vom Mann gemacht, sagte sie, kein Vorwurf feministischer
Art, Vorwurf erst, wenn er die Wahrheit leugnet. Mnnlicher Geist ist
dem Gtzen Tat untertan, er will durch Handlung und Umwandlung der
Zustnde reformieren. Nutzloses Beginnen, Umweg blo, die ndrung ist
nur durch Umwandlung des Herzens mglich. Hngt das Glck der Menschheit
vom Triumph des Sozialismus ab? Ich komme Ihrem Einwand zuvor und frage
mich selbst, hngt es vom Pazifismus ab? Nicht vom uren der
Verabredung, nur von der innren Vorbereitung und Bereitwilligkeit, deren
Symbol danach die Tat ist, nicht mehr. Sind Mnner, mnnliche Mnner, zu
solcher Geistigkeit fhig? Ist Geist Wirkung des weiblichen
Teils im Menschen? Wer sieht klar? Wir wissen nichts von den
Mischungsverhltnissen in uns. Ist es berhaupt erlaubt, von einem
weiblichen und mnnlichen Prinzip zu sprechen?

Gewi nicht, es wre ein Dualismus, der zwei absolute Regulative
annimmt, eins ist schon zweifelhaft.

Weitergefhrtes Gesprch enthllte das, was man die Stimmung nennen
konnte, die diese Frau von sich selbst hatte. Sie stand in der
internationalen Frauenbewegung, referierte, sa vor, schrieb, gehrte
zur fhrenden Schar. Fr ihre angelschsischen Kolleginnen lag das
Problem einfach, war praktischer Art: die Frau wurde von der
Gleichberechtigung knstlich ferngehalten, es galt sie zu erzwingen,
Zweifel ber eine geistige Verschiedenheit der Geschlechter fochten
nicht an. Die Kontinentale, Mitteleuroperin, fhlte anders. Die
Verschiedenheit war da, es war nicht nur Zufall oder Bswilligkeit, da
der Mann die Geschichte gemacht hatte. Sie gab es zu, aber was besagte
es? Nichts. Sie war berzeugt, da der Mann, der der eigentliche
Schpfer war, dieses Schpferische von den Mttern erhielt, den Trgern
des namenlosen und wesentlichen Funkens; nicht die Energie war geistig,
sondern die Erregbarkeit, die Fhigkeit, beunruhigt zu werden,
weiterzudenken, Sehnsucht zu haben, Phantasie und Vorstellungskraft im
weitesten Sinn.

Die Frau war der stille Triumphator der Welt, nicht anerkannt, anonymer
Mchtiger, Salz des Bluts. Es aussprechen, unendlich schwer, weil
Aussprechen die Einheit zerstrte, mit dem Gegensatz arbeitete, denn
Aussprechen hie auch: angreifen, einen Gegner erfinden. Nah lag,
solches Wissen um das Wesen der Frau wie ein schnes, tiefes Geheimnis
zu hten, aber das Leben zwang, aus der Anschauung in die Arena der
Fordrung zu treten. Widerstreben in Madeleine, manchmal Mdigkeit
angesichts der Worte und Proklamationen, und Einsamkeit in der, die
kompliziert fhlte, vereinfacht handeln sollte.

Die Liebesbereitschaft, dachte Lauda, spricht so in ihr, sie mchte
selbst Mutter sein, den Funken weiter geben. Es bleibt ihr versagt, weil
-- ihrem Arm und Busen ein paar Rundungen fehlen.

Aber wenn man sich ganz in einen Mensch versenkte, stie man immer auf
den einen Grundkonflikt: Verhltnis von Tat und Beharren, Handeln und
Sein; dieses Verhltnis war kein andres, als das primre von Erzeugen
und Erzeugtwordensein; das Erzeugte verlangte, etwas fr sich zu werden,
dem Prinzip, durch das es Leben erlangt hatte, Widerstand zu leisten,
aus dem Kreislauf auszuscheiden.

Was wir Gte nannten, war die Anerkennung des Rechts auf eigne Existenz,
von einem Lebewesen ausgesprochen, das doch keinen Einflu auf die
Tatsache seiner Existenz hatte. Wer Gte sagte, ging von der vollzognen
Existenz aus; wer Energie sagte, von der noch nicht vollzognen.

Wer wie Mitrofan Energie, Rcksichtslosigkeit, Diktatur, Machtwille
sagte, ging von der Tatsache des Urwillens aus, der Existenz erst
schafft; darum war in ihm die Grausamkeit und Miachtung der
Einzelexistenz, dieses bereits selbstndig Gewordnen.

Was war eine Lehre, die ber die Einzelexistenz hinwegging, andres als
ein Einbruch des Elementaren in das Geordnete: Ruhe einer Generation,
Wunsch einer Generation, ihr kurzes Leben nicht selbst zu zerstren,
wurde fr nichts erachtet und die Natur, allerdings nur eine der Natur
untergeschobne Absicht, knftiges Glck genannt, ber den Augenblick
gesetzt. Der letzte, uerste Glaube dieser russischen Diktatoren mute
sein, sie seien Trger der Natur, Bevollmchtigte mit der Verfgung ber
Leben und Tod -- Csarenstimmung, alle Mittel erlaubt um des hhren
Zwecks willen.

Verborgenster Gedanke, von Lauda lngst gesucht, begann sich zu
enthllen: das Leben, dort betrachtet, wo es in die Erscheinung scho,
verurteilte sich zu einem unlsbaren Konflikt: um sich zu manifestieren,
brachte es Existenzen hervor, die ihm also nur Vorwand,
Kristallisationspunkt, waren; die Existenzen wurden selbstndig, waren
da, traten in Gegensatz zu ihrem Erzeuger, dem nur an unaufhrlichen
Weitermanifestationen gelegen war.

Banal ausgedrckt trat die Unvereinbarkeit von Tod und Leben ein,
philosophisch ausgedrckt der Gegensatz von Monismus und Dualismus --
dieser von jenem erzeugt. Wo ein unvershnlicher Gegensatz war, war
Leid, das Leben war Leid, Leid philosophisch erwiesen; die Paradoxie der
Existenz ward sichtbar, was man auch so ausdrcken konnte, da der
Wille sich selbst aus der Hand gab; die Tat war etwas andres als der
Drang zu ihr.

Abends, allein, kam er auf die Auffassung zurck, die Frulein Betz von
der Frau und der Mutter hatte. Geistigkeit als femininer Zustand, das
erinnerte ihn an Gedanken, die gelegentlich in ihm aufgetaucht waren.
Aber Geist war auch nichts als verwandelte Energie, also das mnnlichste
aller Phnomene. Dies wies darauf hin, da die Unterschiede der
Geschlechter nicht primrer Natur sein konnten. Zwei Gegenstze lsten
sich auf, wenn man sie als Differenzierung eines dritten ansah, das
besser das Erste, vor der Spaltung Gelegne genannt wurde.

Ging man davon aus, da die Welt nur ein Ding im Flu war, dann
verschwand der letzte Rest jener Theologie, die zwei Extreme als feste
Pole ansah -- es gab nur Bewegung nach den Polen hin, nicht die Pole
selbst, wie es nicht Seele, sondern nur Seelenhaftes gab.

Die Pole waren hchstens sekundrer, geschichtlicher Natur. Mnnlich und
weiblich konnten nur Aggregatzustnde sein, wie Wasser, Dampf, Eis
Variationen waren, unterschiedlich nur an Dichtigkeit. Erhob sich die
heikle Frage, ob Weiblichkeit der flssigere oder komprimiertere Zustand
war. Ohne Zweifel der undichtere, das pate zu Laudas eigner Definition,
da Geist das Symptom einer Beunruhigung, das heit einer Mutation
zwischen zwei vorlufig definitiven Lagrungen war.

Soweit schien diese Frage gelst. Wenn er nun daran dachte, wie er
Mitrofan ideell, als energetisches Phnomen sah, wie ihm die mnnliche
Energie in diesem Phnomen gerade Zerstrung des komprimierten
Aggregatzustands war, dann schien sich Ja in Nein zu verwandeln, und die
Tatsache, da Frauen, noch eben Trgerinnen des Geistigen und
Undefinitiven, konservativer, beharrender waren, verwickelte das Problem
noch mehr.

Der Widerspruch war nur scheinbar, bot nur Schwierigkeit, wenn man
dualistisch Weiblich und Mnnlich als getrennte Elemente behandelte. Man
mute den Begriff der Tat untersuchen, die Madeleine Betz dem Mann
zuschrieb. Tat entsprang dem rasenden Trichter der Energie, ihr Ziel
war, einen Zustand zu schaffen, das heit ein Definitivum, die Ruhe; die
Tat, das Geschaffne, suchte zu beharren, aber die nicht abstellbare
Energie, dieser Taumel und Trieb zur ewigen Variation ihrer selbst,
zersetzte das Produkt der ersten Tat, drngte zu neuen Lagrungen mit
neuer Achse der Rotation. Die berwindung der Trgheit verlangte eine
uerste Anstrengung der Energie, diese Anstrengung war genau so gro
wie die Urenergie; nannte man die Fhigkeit zum Maximum dieser Energie
mnnlich, so war verstndlich, da ein Mann mit derselben Kraft die
erste Tat zersetzte, mit der er sie geschaffen hatte. Der undichtere
Aggregatzustand des weiblichen Organismus erklrte dann sowohl dessen
undefinitivre Lagrung, aus der das Unruhephnomen Geist geboren wurde,
als seine grre Trgheit, wenn es galt, sich in Bewegung zu setzen.

Zunchst war der Mann beharrender, weil er komprimierter war
(Energieleistung), dann wurde er Zerstrer (ebenfalls Energieleistung);
zunchst war die Frau fluktuierender (geringre Energie), dann wurde sie
konservativer (schwerere Trgheitsberwindung).

Der erste Schritt zur innren Mathematik, zur dynamischen Geographie war
getan, die Stadt des Hirns, schon lngst Kosmos des Hirns geworden,
begann ihre Pforten zu ffnen, hinter denen die Metaphysik lag, so nah.

                   *       *       *       *       *

D'Arigo hielt sich ein wenig fern; er lag den ganzen Tag mit Lilian auf
dem See. Lilian war es, die zuerst entdeckte, was Lauda so stark
empfunden hatte, da d'Arigo ihm wie Bruder sei. Sie nahm an,
Verwandtschaft des uren lasse auch Verwandtschaft der Ansichten
vermuten, bemhte sich, sie zusammenzubringen, liebte es, beide
nebeneinander sich gegenbersitzen zu sehn, zog Lauda in den Umkreis des
auf den Freund gerichteten Lchelns ein, eines erstaunten, knabenhaften
Lchelns, in dem immer Erwartung irgendeiner unerwarteten Handlung war
-- sie wute wohl allein nicht viel mit ihrer Zeit anzufangen, brauchte
Gesellschaft andrer dazu, den Ablauf von Spaziergang Rudern Teestunde
Flirt; rtselhaft fr Lauda die Ntigung zum Hochschulbesuch --
Geheimnis der amerikanischen Seele. Reizend ihr Tailormade ber den
gotischen Hften, leises Pariser Parfum darin, und siehe, die schmalen
Puritanerlippen kannten den Rotstift.

D'Arigo war in Madrid aufgewachsen. Die Stadt: katholische
Vergangenheit, die Schule: englisches Internat, das Haus:
kosmopolitische Modernitt -- Gang durch sie drei wie Gang durch drei
verschiedne von Dingen geworfne Schatten. Der Vater Spanier aus Ehe mit
einer Norwegerin, die Mutter Deutsche. Die Elemente einer Seele schienen
offen zu liegen, Verfhrung zu Konstruktion: Gestalt und Blondheit von
der nordischen Gromutter oder der deutschen; Knstlertum im Sinn der
Velasquez Greco Loyola vom Vater, die formale Energie darin durch
englische Willenserziehung gestrkt bis zum Starrsinn: der Bildhauer
erklrte sich und Gentleman mit Training.

Jugend zwischen zwanzig und dreiig ward in Paris und England verbracht,
wo, in Salon und Landgut, gleiche Resultanten aus groer Vergangenheit
und nervenbestimmender Schulung lebten, die Europer, die Spten. Er
trieb Sport, jeden denkbaren, empfand dabei Geistiges, Konzentration und
Willen zur Bndigung. Ging von der Jacht zu Picasso ins Atelier, der
gerade von seinen wunderbar gekonnten und aus berlegenheit
leidenschaftslosen Figuren den Vorsto in die neue Welt des abstrakten
Dahinter unternahm -- keine Figur mehr, keine Landschaft, nichts vom
Mensch, nur wunderbar gekonnte Statik aus Gerade, Tangente,
Kreisabschnitt; Realitt durch drei Spiegel gesehn, durch zehn
gebrochen, mathematische Vegetation, aus berlegenheit leidenschaftslos
bis zur Zrtlichkeit.

Hier erhob sich erstmalig in d'Arigo die Stimme des Anteils deutschen
Bluts; solche Vortreibung der Kunst in Sphren, die jenseits des
Seelischen lagen -- wenn man Seele die Sphre nannte, woraus das
Geschpf Nahrung fr seine Individualitt, Trost, Erschttrung, Rhrung,
Sehnsucht bezog -- solche Neuerung war fr germanisches Gefhl
berzchtung, Artistentum, uerster Gegensatz zu Rembrandts
Menschlichkeit.

Der Lateiner in ihm widersprach, vermochte willig mitzugehn, empfand
stolz die grre Geistigkeit, die spte Reife dieser Kunst, die nicht
religise Kommunion mit dem All, sondern Florettsto in das Herz des
Erschaffnen war. Er schlo sich in seinem eignen Atelier ein, formte die
Statue eines Gladiators, in dem nichts mehr vom anatomischen Muskelspiel
des Modells war, nur vier in die Luft gestone Stmpfe, Muskellianen, in
der Mitte ineinandergedreht um die Mutterfalte des Nabels;
Mannequinkopf, Holzspeck des Nackens.

Ausstellung ergab die Paradoxie, da dieselbe Gesellschaft, deren
Verfeinerung Voraussetzung solcher nicht mehr realen Kunst war, hilflos
nur den Mastab der Salonkunst hatte, und ein Deutscher, in dessen Blut
keine Tradition zu Greco fhrte, die Statue kaufte, den Knstler einlud,
Auftrge gab. Als d'Arigo in Deutschland war, kam der Krieg. Ihm blieb
der Sturm des Enthusiasmus fremd, aber es wuchs wie in einem versetzten
Strauch ein Trieb nach; er empfand es als zweite Jugend, Bereichrung. Er
begann Musik zu lieben; er, Anbeter des Sichtbaren, Knstler durchs
Auge, stie in den deutschen Kontinent vor, ward verwirrt, ging in die
Schweiz, Klrung zu suchen -- die deutsche Lockung blieb strker. Er
kehrte zur Gestaltung des weiblichen Krpers zurck und suchte wie alle,
die Gegenstzliches in sich tragen, Ausgleich, indem er die Form, mit
romanischster Mnnerhand herausgearbeitete, durch deutsche Musikalitt
beseelte.

D'Arigo betrachtend, whrend er von sich erzhlte, empfand Lauda die
Stockung, mit der es geschah, wohl als herrischste Straffheit, Willen
zur Form, und empfing doch noch unbestimmten Eindruck einer der
Produktion gefhrlichen Verbissenheit, Ausgleich erzwingen zu wollen,
etwa als berliee d'Arigo sich nicht fessellos genug dem deutschen
Gefhl, fhre zu frh die Bndigung ein.

Und die Zurckhaltung, mit der jener von der zrtlichen Keuschheit
sprach, die er nun seinen Frauen zu geben versuchte, schien Lauda selbst
Keuschheit zu sein, neue, unvereinbar mit diesem antiken Kameenkopf und
den Liebeserfahrungen der Pariser Gesellschaft. Wie, wenn die deutsche
Bereichrung nur eine Rckbildung war, zersetzend frhere Klarheit? Er
wute es nicht, hatte nur den Eindruck der Mglichkeit. Was hatte
d'Arigo zu Lilian gefhrt, die neue Lockung oder die alte? Und sie
selbst, auch zwischen die Rassen Gestellte, was war sie, Sweegirl, durch
Paris Gegangne?

                   *       *       *       *       *

Manchmal begegnete man Lisbao, und das war, als sei man nicht in einem
Privathaus, sondern im Hotel; er nickte unmerklich, ging weiter. Er
schien flchtige Bekanntschaften unter den Gsten zu haben, aber nie
redete er sie an, sie nur ihn. Kleine, zierliche Gestalt, blasser
Teerosenteint unter schwarzen Haaren, die Stimme so leise, da sie
unvernehmlich war, zwanzigjhriges Kind, gestern noch Kind in einem
Stift mit mnchischen Brdern.

Er sieht aus, sagte Lauda, als besinge er den Mond und die
verheiratete Geliebte unzugnglich.

Sprich mit ihm, antwortete Hannah mit einem feinen Lcheln, er liebt
zwei Dinge nicht, Politik und Philosophie.

Lauda tat, wie ihm geheien war, bat Lisbao, ihm eins seiner Bcher zu
leihn. Lisbao hatte kein Buch herausgegeben, kein Verleger war zu finden
gewesen. Er verffentlichte seine Gedichte in italienischen
Zeitschriften, war Gast bei Futuristen, obwohl er die Achseln ber sie
zuckte, sie waren Naturalisten, denn sie stellten Fordrungen auf, mit
dem Schmutzigen verbunden, dem Krieg, den sie als befreiende Barbarei
priesen, kmpften gegen den Brger und genossen seinen Zorn, wenn sie
ihm vorschlugen, den Schatz der Sentimentalitt, die Museen mit Inhalt
von Raffael bis Tizian an noch Sentimentalre, die Amerikaner, zu
verkaufen. Gegen den Brger fhrte man nicht Krieg, der Brger bestand
nicht -- Vakuum, ber das man hinwegsah; die Welt der Realitt war
Vakuum.

Es beschftigte sich diese Welt mit: Geschichte, Pdagogik, Philosophie,
dreimaligen Sisyphuserfindungen, das Nichts der Hirne auszufllen.
Geschichte: man durchwhlte die Vergangenheit, das Gesetz der Kausalitt
zu finden. Kausalitt bewies ihnen, da ihre Existenz Zweck hatte --
Geburt des Freisinns, der den Enkeln vermitteln will, was Vter
erschaffen hatten, Zeugungskette von Wilhelm Tell bis Gottfried Keller.
Wilhelm Tell war ihm Guillaume tel et tel, was ging er ihn an. Von
allem, was gewesen war, gedacht, geschrieben, bernahm er einen Satz des
Descartes: Ich will nicht einmal wissen, ob es Menschen vor mir gegeben
hat, der Rest war ihm Papyrus, unverstndliche Hieroglyphe, wohlttig
tot -- Tod war die einzige Gerechtigkeit, die es gab, das Gesetz, mit
dem man sich identifizieren konnte, der groe Wrger: recht so, drcke
mit zwei Knochenfingern die Kehle des Menschen zu, wie der Mensch die
eines Vogels, crasez l'infme.

Pdagogik: denn Mensch in seiner Feigheit und Armseligkeit verwandelte
sein Hirn in ein System von Schubladen, Apotheker des Daseins, der das
sinnlos Seiende in sinnvoll Seinsollendes umzuschaffen glaubte, wenn er
kann, soll und mu aufklebte. Verwesender Pedant, der durch Erfindung
der Ideale Unsterblichkeit zu erlangen meinte, Schulmeister, der sich
durch Gase des Gefhls aufblies und doch nur ein Ballon war, mit nichts
gefllt. Kunst die unreine Sehaftigkeit in den eignen Exkrementen,
statt da er sie ber Bord warf, leicht und vegetativ zu sein; Seele,
die Selbstzufriedenheit der verseuchten Hure vor dem Spiegel, wenn sie
sich schminkt und dreht. Vernahm er die Worte Ideal und Wissenschaft,
vernahm er das Bumbum des groen Kalbfells der Jahrmrkte.

Es gab keine andre Kunst als die, die Beschftigung mit sich selbst war,
saubre, reinliche Angelegenheit, die andre nicht bekehren wollte. Es sa
im Irrenhaus der Welt jeder in seiner Zelle -- Korridor davor, auf dem
man sich begegnen konnte, wenn er zugleich erlaubte, sich zurckzuziehn,
und in der Zelle sa jeder, spann aus seinem Nabel. Kunst tat niemand
weh, und wer sich damit abzugeben wute, erfuhr Angenehmes und gute
Gelegenheit, das Land der Unterhaltung zu bevlkern. Kunst war
Privatangelegenheit, genau wie wenn einer Knpfe sammelte oder Kaktus
mit der Birne pfropfte -- falls es ihm Spa machte? Aber Kunst der
Ausstellungen und Museen, Lehrsthle und Kritiker -- o Freunde. Er
lschte aus, was von Praxiteles bis vor Picasso gestaltet war, mit
Picasso begann das Neue, darin nicht mehr Belehrung, Moralitt,
Gottsuchen, Gegenstndlichkeit war. Philosophie war Bildungstrieb,
Vermehrung der Qualligkeit des Hirns, das tnende Pathos,
Sentimentalitt, Rhrung des armen Teufels ber sich selbst.

Und Sie wollen heute Abend, fragte Lauda, Manifest und Verse
vorlesen, die diesen Auffassungen entsprechen? Warum tun Sie das? Wenn
der Brger eine schleimige Krte ist, bsartig, sehaft in seinen Bros,
vom eignen Gift vergiftet, wendet man sich nicht an ihn. Warum tun Sie
es also? Denn selbst die hier Anwesenden, die sich fr die
fortgeschrittensten Europer halten werden, da sie ja ebenfalls der
Bourgeosie Todfeindschaft geschworen haben, sind fr Sie nichts andres
als Narren ihrer Ernsthaftigkeit, Moralisten und Pdagogen.

Um sie herauszufordern, antwortete Lisbao.

Das Epatez le bourgeois ist nun ein Jahrhundert alt, die deutschen
Romantiker bten es zuerst, die franzsische Boheme formulierte es.

Ein Stachel in ihrem Fleisch zu sein, ihre Sicherheit zu beunruhigen,
aus sonst einem Grund, ich wei es nicht, ich bin nicht
Psychoanalytiker.

Einem brgerlichen Betrachter standen zur Erklrung eines Phnomens wie
dieses Ungegenstndlichen verschiedne Schlagworte bereit: Weltschmerz
der zwanzig Jahre; Artistentum; geistige Ratlosigkeit gegenber dem
Ansturm des ersten Denkens; Irrsinn.

Weltschmerz war pathetischer Genu des Leids, das nicht ganz der
berzeugung entsprach -- in Lisbao war offenbar Ha gegen Pathos und
eine Stimmung vom letzten her, als sei Seele ein Geschwr, krebshafte
Wuchrung in entarteten Organismen. Ob damit ein Gott getroffen werden
sollte oder er selbst, blieb unklar.

Die andren Erklrungen waren nicht wesentlicher; Vorwurf des
Artistentums traf nicht, denn hier galt nur noch die kleine Sphre, in
der sich ein Individuum einspann, aus seinem Nabel zu spinnen. Warum
aber verwarf er nicht auch diese letzte Beschftigung? Um dem in der
Zelle Eingesperrten nicht das letzte Vergngen zu rauben, oder weil er
eben persnlich -- Knstler war? Es wre ihm nichts brig geblieben, als
sich zu erschieen. Irrsinn, wenn auch nur in der mildren Form der
Dmonie? Es gab Kunst, die Stammeln der unter dem Griff Aufsthnenden
war, oder Anklage der Gepeitschten, Flamme, die aus denen schlug, die
verbrannten; aber das portugiesische Kind war von einer Ruhe, die eine
sinnliche Empfindung gab: Krper wie der eines Pelztiers in Wrme
gebettet, ruhig atmend in dieser Wrme. Radikalismus, der sich mit Ruhe
verband, war hohe Geistigkeit, ja man konnte Geistigkeit schlechthin so
definieren.

Lauda folgte Lisbao auf sein Zimmer, die italienischen Zeitschriften zu
sehn. Er fand auch franzsische, spanische und erfuhr, da
ungegenstndliche Kunst sich als eine bernationale Bewegung zu
dokumentieren begann, der erweiterten westlichen, lateinischen
Hemisphre. Ein Vorsto war bis Neuyork gedrungen, wo das erste Heft
einer Zeitschrift erschienen war, das zweite darauf in Barcelona. Das
war wie das Aufflackern anarchistischer Attentate -- Gleichnis nur,
durch irgendeine dem Wort Barcelona entspringende Assoziation bei Lauda
sich meldend, aber im selben Augenblick durchfuhr ihn der Gedanke, diese
Bewegung, die den Strich unter das Brgerliche setzte, berge einen
kalten Fanatismus, der dem der bolschewikischen Russen verwandt sei an
Ursprung und Energie, gleich ihm vielleicht die Welt berziehn knne.
Aus der Mutation des europischen Kosmos, Weltkrieg genannt, brachen
zwei Entladungen, elektrische Strme, die ber den Ball griffen, die
soziale und die geistige Revolution.

War nicht in dem Ha gegen den Selbsternst des Brgerlichen und seine
gepachteten Domnen Kunst, Wissenschaft, Politik Mglichkeit eines
Lachens, das im Zeitalter der Weltorganisation unbekannte Formen
annehmen konnte? Lisbao lachte nicht, aber der nchste aus seinem Kreis
schrfte vielleicht schon des Florett, das auf andre Art den Sto ins
Herz der Dinge fhrte.

                   *       *       *       *       *

Am Abend las Lisbao. Es war, als trete in einem Hotel der Herr, den man
schon gelegentlich sah, auf und enthlle den Zweck seiner Anwesenheit,
Engagement. Er las Italienisch, Franzsisch und Deutsch; seine eignen
Arbeiten waren franzsisch geschrieben. Sein Manifest wandelte die
Gedanken ab, die er Lauda vorgetragen hatte.

Ich suche, las er, eine Bezeichnung fr unsre Auffassung, ein zugleich
tglicheres und fanfarenhafteres Wort fr das, was wir zu feierlich
ungegenstndlich nennen, ich habe es noch nicht. Nennen wir es vorlufig
X, so lauten meine Stze, die dem Ekel gewidmet sind, folgendermaen:

Alles, was geeignet ist, das Ideal der Familie zu zerstren, ist X.

Protest mit allen Fusten der Energie gegen ttliches Handeln ist X.

Abschaffung der Logik, Tanz der Ohnmchtigen ist X.

Ausschneiden des Gedchtnisses mit dem Messer der innren Chirurgie: X.

Verabschiedung der Propheten, der Zukunft und der geistigen Schubladen:
X,

Freiheit, Taumel, der Widerspruch ist X; nur unkonsequent sein. An
nichts glauben, auch nicht an X, ist X. Jeder schreie hinaus: es ist
eine groe Arbeit zu tun, ganz Negation: Wegfegen, Subern, Ausmisten.

Moralisten sind Bauernfnger, Shne Eisenbarts. Seht ihr den Jahrmarkt
der menschlichen Gesellschaft, Pferch fr Herdenvieh, von einem Kranz
von Tribnen eingezunt: darauf stehn sie im Kreis. Kopfbedeckung
Magisterhut, rote phrygische Mtze, Schlapphut der Philosophen,
demokratischer Zylinder, Berliner Sozenkappe, Pfaffenkrnchen,
Frauenrechtlerins Strohhut mit der Nadel, und reden aus den zehn Ecken
des ersten Mai auf das Vieh, ihm die Pillen des Glcks aufzuschwatzen,
pinkpink bummbumm. Wer von Glck redet, ist ein Schwein, seien wir doch
Schweine ohne Glck, nur Schweine, ber die ich weine, es gibt im Koben
kein Unten und Oben, kein Jenseits und Droben.

Er hatte unbewegt vorgetragen, den Blick aufs Manuskript gesenkt, als
gehe ihn der Gegner, den er angriff, nichts an. Schreiner sprang auf,
drngte mit geballten Fusten auf Lisbao; Lilian lchelte unglubig, das
Unerwartete war eingetreten; d'Arigo gebot dem Portugiesen in seiner
Heimatssprache zu schweigen; Madeleine Betz sa mibilligend angewidert,
der Schweizer schlug aufs Knie und begann zu jodeln, als Lisbao
weiterreden wollte.

Ein derchen gro wie ein Regenwurm trat aus der Schlfe Lisbaos, er
stie den Stuhl zurck, schrie fast:

Ich wei, werte Herren, da ich ein Majesttsverbrechen an dem Ernst
Ihrer Wrde begangen habe, bin bewut, vor mir die Creme der
europischen Gesinnung zu haben. Nicht wahr, der Krieg, ber den Sie zu
Gericht sitzen, Sie segnen ihn im geheimen, denn er erst hat Sie zu
Halbgttern gemacht, Schiedsrichtern ber Tlpel und Barbaren. Eure
Selbstherrlichkeit reizte mich; wenn ihr so hoch steht, lat mich unten
im Staub euch in die Zehen beien, kratzt euch und redet weiter vom
Glck.

Er setzte sich erschpft, Augen waren Kohlenstckchen in Teerosenbltter
gewickelt. Lauda trat zu ihm, roch den Atem eines jungen Kinds, sagte:

Lesen Sie andres, nicht Manifest, Verse, gab ihm den Band in die Hand,
der vor ihm lag. Lisbao schlug auf, las die Hymne Rimbauds auf die
Vokale, nahm ein andres Heft und sagte:

Hren Sie etwas Deutsches, Gedichte meines Freunds Hans Arp; wenn Sie
nicht bswillig sind, werden Sie empfinden, wie rein, von
Seelenproblemen unbeschwert, phantastisches Spiel hier die Welt geworden
ist, ausgeschaltet Kausalitt, bersprungen Zwischenglieder,
gleichzeitig alles, Silberkugeln auf Fontnen.

                   *       *       *       *       *

Obwohl der mond mir wie ein spiegel gegenberhngt schmerzt mich der
engel im auge / auf den tischen laufen die smereien auf und pochst du
an die pflanzen so springen ihre blumen hervor / die lwen verenden vor
ihren schilderhusern mit giekannen voll diamanten zwischen den krallen
/ die fhrer tragen schrzen aus holz die vgel tragen schuhe aus holz
die vgel sind voll widerhall / unaufhrlich rollen ihnen die eier aus
ihren kleinen herzen / ihr scheitel trgt den himmelsmast ihre sohlen
stehen auf schreitenden flammen / reit die schneekette so rufen sie den
herrgott an / senkt sich das himmelsrad so treten ihre hufe auf schwarze
krner

die nachtvgel tragen brennende laternen im geblk ihrer augen / sie
lenken zarte gespenster und fahren auf zartadrigen wagen / der schwarze
wagen ist vor den berg gespannt die schwarze glocke ist vor den Berg
gespannt die toten tragen sgen und stmme zur mole herbei / aus den
krpfen der vgel strzen die ernten auf die tennen aus eisen / die
engel landen in krben aus luft / die fische ergreifen den wanderstab
und rollen in sternen dem ausgang zu

verschlungene knaben blasen das wunderhorn / engel in goldenen schuhen
leeren scke voll roter steine in jedes glied / schon bilden sich maste
und sternbilder / die schwestern zeigen spuren von luftschlssern
geldkatzen findlingen dampfkuhbissen gesattelten hasen frisch
gepolsterten lwen / auf flammenden speichen rollen vgel ber den
himmel sterne niesen aus ihren wachsnasen blumengarben / betrunken sind
mann und maus und schwimmen an weichen Fingern / brennende lwen sausen
ber zitternde birken / wer einen schwanz hat bindet sich eine laterne
daran / die ganze nacht wird auf dem kopf gestanden rittlings auf
drachen getanzt / stangenklettern und leiblicher Ringkampf erfllen die
nacht mit wauwau

Die seraphim und cherubim steigen die weien bauleitern auf und ab und
wissen nicht warum / auf wattekugeln schreiten die starken tiere sie
sieben glhende kohlen auf die betten werfen speere nach den befiederten
hckern und hufen steine ber die wegweiser / die kinder ziehen ihre
totenstiefel an und warten auf die zeit die in kleine schwarze schlitten
und kisten zerfllt und warten auf den kosmetischen Lwen mit dem
schwanz aus dnnem draht voll feiner kntchen / in den schattensesseln
sitzen die gekalkten toten sie klatschen in die hnde und bellen /
riesenvgel rhren in den holzschluchten keiner findet mehr die spur von
seinen kinderschuhen / die pistille fallen aus den sternen die sterne
verzucken in ihren volieren die sterne spalten sich und speien atrappen
/ die muskeln in den Sternen reien entzwei die knochenlosen prinzen
flieen wie Teig um die rder der mitternacht / in dem metallenen zelt
aber sitzt die riesin eisenkopf mit den falschen waden die litfasule
und der uhu / die riesin stlpt sich ihren feuerzylinder ihren
rauchzylinder aufs haupt verbeugt sich und spricht frhlich frhlich
frhlich / also wird der erdball durchsichtig und wie in einem
fischglase schweben die magistri horti deliciarum darin / die welttore
schlagen auf und zu die wachspuppezeit zerfliet unaufhrlich das
bernichts das wohllautei beschiet.

                   *       *       *       *       *

Er las vor, wie man nach Laudas Gefhl vorlesen sollte, monoton, ohne
Akzente von Erfassung oder Verarbeitung, nur das Material liefernd,
nicht das Werteverhltnis, das dem Zuhrer berlassen blieb -- nichts
war so fern von der Konfektionsttigkeit des Schauspielers, der fix und
fertig den Complet liefert, wie man in der Schneiderbranche sagte. Diese
Einfrmigkeit entsprach auch der Grundstimmung den Erscheinungen der
Welt gegenber: sie waren Erscheinungen, nicht mehr, rollend aus dem
rmel das Magiers mit dem Zauberhut, strzend in den Wasserfall der
Zeit, drngend einander auf den Fersen, Foetuszug, keiner dem andern die
Zeitspanne gnnend.

Nssli war der einzige, der den Unterschied nicht merkte, wie beim
Manifest zu jodeln versucht war; in den andren haftete wohl das eine
oder das andre Bild aus phantastischer Verschlingung von Milchstrae und
Baum, aber sie waren befremdet und fragten, welchen Wert solche Kunst
habe fr Denken und innre Not.

Es sind Mrchen, sagte d'Arigo, aber schwaches Fundament fr
Revolutionierung der Kunst, und selbst die Phantasterei verliert sich
fortschreitend in bloen Worteinfllen ohne Beziehung.

Ganz recht, antwortete Lisbao, Beziehungslosigkeit ist eine unsrer
Fordrungen. Die Bilder, die mein Freund malt, denn er ist Maler, beziehn
sich nicht mehr auf das, was abzumalen berflssig ist, weil es ja schon
existiert. Hngen Sie seine Bilder an die Wand, suchen Sie umsonst Kuh
und Nymphe darauf. Halten Sie sich fr bedeutender, ernster, weil Sie
von dreiig bis siebzig unermdlich Spargel und Mdchen malen? Ist das
eine mnnlichere Beschftigung? Spargel und Mdchen haben einen ganz
andren Zweck, als in Ihrem l aufzuerstehn -- gegessen und beschlafen zu
werden. Welch eine Existanz fhren Sie denn inmitten arbeitender
Brgerlichkeit? Wre der Brger nicht ein so feiger Dummkopf, dann wrde
er ehrlich sagen, was er von Ihrer Lebensweise hlt: da Knstler
Tagediebe sind, vorredend, die lspargel seien so wichtig wie die echten
und deshalb sei es ntig, Akademien zu unterhalten. Die Gesichte meines
Freunds wollen wenigstens nichts sein als Spiel, ihm so ernst wie Ihnen
der Pan im Garten, aber eben auf ihre Philosophie betrachtet Spiel,
anmaungslos, ohne das bedeutsame Mundzusammenkneifen.

Wo lebt er, wie? fragte Lauda.

In Zrich, so reinlich, da es im Zeitalter von Bro Bank Brse
unwahrscheinlich ist, er hat keinem Kritiker einen Besuch gemacht,
diniert nicht mit Sammlern, Einladung mit Schmeichelei abzahlend, liest
Laotse und Jakob Bhme, hat Hnde und Fe wie eine Frau, sein
Organismus ist so unbrutal, da er Ausschlag bekommt, wenn er Fleisch
it. Zu d'Arigo gewandt: Was ahnen Sie, was wissen Sie? Nichts, nicht
einmal wie eingesponnen Sie in die kapitalistische Lge der Kunst
sind. Wenn ein Konsumverein Ihnen den Auftrag gibt, auf sein
Verwaltungsgebude die Symbole von Arbeit Handel Friede zu stellen,
meieln Sie Mann mit dem Hammer, Magd mit dem Rocken und als drittes
wieder Mann oder Weib mit irgendeinem Spieeremblem -- er tte es nicht,
das ist der Unterschied. Und wenn der Kommerzienrat sich anmeldet,
lassen wir nicht das Atelier aufwaschen, darum liefern wir ihm auch
nicht Nymphen unter die Zimmerlinde zu stellen.

D'Arigo ma ihn kalt, sagte: Daran erlaube ich mir zu zweifeln. Mag
sein, da Ihr ein paar Jahre weder vom Konsumverein noch vom
Kommerzienrat Bestellung erhaltet. Kommt sie aber, dann werdet Ihr
verlogen, wie Ihr im Innersten seid, denn Ihr beeilt Euch zu liefern,
was man verlangt. Darin sind wir ehrlicher, denen der Brger die
Akademie bezahlt.

Er lie ihn stehn und ging zu den Mnnern, die von dem sprachen, was sie
interessierte. Lisbao blieb allein, sein Vortrag hatte keinen veranlat,
ihn einzuladen. Da sah Lauda, der bei Hannah stand, da Frulein Betz zu
Lisbao ging, ihm Gesellschaft zu leisten. Hbsch von ihr, er trat selbst
hinzu, neugierig zu hren, was sie sagte:

Wenn ich Sie recht verstanden habe, leugnen Sie, da ein Knstler sich
mit irgendwelchen Dingen abgeben soll, die den Mensch beschftigen,
Problemen, Konflikten?

Durchaus, ich lehne ab Theater Museen Konzerte.

Und lesen nicht, was vor Ihnen Geister gedacht und gestaltet haben?

Nein, es ist sich jeder selbst genug, die Geister vor mir interessieren
mich nicht.

Selbst angenommen, Sie wren so reich, da Sie sich selbst gengen
knnen, glauben Sie nicht, da Sie durch solches Prinzip zu einem
Hochmut kmen, der Drre wrde? Sie hren nicht Musik, lesen nicht
Bcher -- wie bequem Sie sich die Verwerfung der andren machen. Oder:
wenn Sie die Beschftigung mit Fragen, die uns alle angehn, ablehnen,
warum lassen Sie nicht den andren das Recht, sich mit ihnen zu
beschftigen? Sie sind ja genau dem verfallen, was Sie bekmpfen, dem
Schulmeistern, dem Moralisieren, denn Sie wollen die Menschen dazu
zwingen, die Welt mit Ihren Augen zu sehn. Proklamation des Egoismus
erschiene mir nur in einem Fall zulnglich: wenn man schwiege und kein
Manifest verfate. Manifeste sind Symptome des Pdagogischen. Sie wenden
sich damit an Gleichgesinnte? Also wollen Sie eine neue Schule grnden,
also sind Sie wie alle. Und drittens: wenn Sie den Menschen Theater
Bcher Museen nehmen, was geben Sie ihnen dann? In welche Verdummung
strzte die Welt, wenn man jedem einredete, er brauche nichts mehr zu
lernen. Sie schtten ihnen ja alle Quellen zu, Kunst ist nicht nur eine
absolute Angelegenheit, sondern auch eine soziale in dem Sinn, da sie
die Menschen vor der Langeweile schtzt. Ich sehe lauter Widersprche in
Ihnen.

Der grte ist, sagte Lauda, da die Theorie des Ungegenstndlichen
nur relativ standhlt. Denn nicht nur Kuh Spargel Nymphe sind
gegenstndlich, auch die mathematischen und statischen Gesetze, deren
direkte Darstellung Sie versuchen, sind es; sie sind Realitt im
philosophischen Sinn. Kunst, berhaupt alles, was aus dem innren Kosmos
kommt, ist Nachahmung bestehender Zustnde. Man kann wohl variieren,
aber nicht neu erfinden. Man kann Menschen mit Fischschwnzen,
Pferdeleibern und Flgeln erfinden, aber nichts Neues schaffen, das
Groteske ist eine Variation des Seienden, nicht mehr.

In den Gedichten Ihres Freunds ist eine auerordentliche Phantasie:
>unaufhrlich rollen den Vgeln die Eier aus den kleinen Herzen, ihr
Scheitel trgt den Himmelsmast, ihre Sohlen stehn auf schreitenden
Flammen, senkt sich das Himmelsrad, so treten ihre Hufe auf schwarze
Krner.< Das sind freie Assoziationen ber der Realitt, aber die
Elemente sind aus der Realitt genommen; es sind Kombinationen, bei
denen die Kausalitt zrtlich ironisiert wird -- bei andren wird sie
vielleicht herausfordernd ironisiert. Ich vermute, da Sie trotz Ihres
Hasses auf berlieferte Kunst den ganzen unausgesprochnen Hochmut des
Knstlers haben, schpferischer als der Brger zu sein, Absolutes zu
fhlen -- ich habe ihn nicht mehr, die Kunst legt sich in den Weg, wenn
wir das Absolute suchen, ich bin entschlonerer Emprer als Sie. Sie
lassen Rimbaud gelten, rechnen ihn wohl mit Picasso zu ihren Vtern --
Rimbaud ging, nachdem er Paris mit dem Ruhm seiner zwanzig Jahre gefllt
hatte, zu den Barbaren, fortan ein Anonymer; das war Tat, so fern den
Manifesten. Ich wrde Sie ganz verstehn, wenn Sie auch die Kunst auf die
Liste setzten, ber der steht Mes Haines.

                   *       *       *       *       *

Europa ist dekadent, sagte Shiller, wenn es Erscheinungen wie diesen
kleinen Portugiesen hervorbringen kann.

Lauda hatte ihn beim Croquet beobachtet. Es gab in Hannahs Haus nichts
dergleichen, keinen Spielplatz, keine Stcke, keine Kugeln; Shiller
hatte den Platz eingerichtet, Material in Interlaken telephonisch
bestellt, danach zog er Frulein Betz, Doktor Nli und Fnfkorn zu
Partnern, nicht unlebhaft, aber zh. Dem kindlichen Spiel oblag er mit
einer Ausdauer, die wie Hypnose war, Hypnose des Willens, der ein Ziel
sieht, es erreichen wird. So einfach wie die Spielregeln war Bild der
Welt in ihm. Die Wahrheit hie Demokratie, der Friedensstrer und
Bedroher der Vlker Preuen; die amerikanische Demokratie,
ausgebildetste von allen, nahm den Kampf auf, wrde ihn bis zum Sieg
durchfhren. Da er Sozialist war, wurde fr die Zeit dieser Aufgabe
nebenschlich, zuerst galt es, die Demokratie in allen Lndern
einzufhren.

Er war Sohn eines Achtundvierzigers, sprach Deutsch, war nach Europa
gekommen, um die Opposition der deutschen Demokraten gegen das
kaiserliche System zu organisieren. Sein Lieblingsdichter war der,
dessen Namen er fhrte, ohne mit ihm verwandt zu sein, Schiller; bei
Schiller war die Begeistrung fr redliche Ideale, das Temperament des
Redners, der groe Massen fhrt, die Dreieinigkeit des Guten Schnen
Wahren. Lauda erinnerte sich der Amerikaner, die er in Brssel gesehn
hatte; dieser gab ihm dieselbe Empfindung der groen Menschenmaschine
jenseits des Ozeans, die gleichfrmige Hirne in Millionen Exemplaren
hervorbrachte -- Banalitt und prachtvolle Jugendlichkeit, zhe Frische,
die die Welt nach ihrer Absicht formen wird.

Aber er konnte nicht mit Shiller sprechen. Klang das, was er sagte, nach
dem Sinn des Amerikaners, war er sein Mann, bereinstimmung der
Ansichten auf der ganzen Linie; pate es nicht in die Idee Shillers,
hatte er einen Gang zu bestehn, in dem jener hei und unbefangen mit den
grten Gemeinpltzen argumentierte, wahre Boxerschlge austeilte. Sie
sprachen vom preuischen System. Lauda, fern jeder Billigung, suchte
klarzumachen, da es eben ein System war, als solches geschlossen, klar,
bewundrungswrdig durchdacht. Solche geistige Betrachtung eines
Augenblicks war Shiller unverstndlich, er wollte widerlegen, was nicht
widerlegt zu werden brauchte, sprach Leitartikel.

Hinter ihm stand Geldkraft, er kam mit Vollmachten. Sein Plan war, eine
deutsche Zeitung zu grnden, die Gefangnen in den Lagern mit diesem
Blatt von ihrer Blindheit zu befrein. Herausgeber sollte Fnfkorn sein.
Es kamen die ersten Korrekturen, Lauda las den Erffnungsartikel
Fnfkorns. Er war logisch und es war erlaubt, da jemand, der aus
berzeugung glaubte, da Deutschland die Schuld am Krieg allein trug und
die Entente, selbst zugegeben, da auch sie vom Imperialismus herkam,
die Sache des Rechts vertrat -- es war logisch, da dieser Deutsche
soweit ging, mit der Entente in einer und derselben geistigen Front zu
kmpfen; aber es widerstrebte zu hren, da er sich das Geld zu diesem
Kampf von ihr geben lie, von ihr Unterhalt bezog.

Diese Auffassung vertrat auch, mit aller Deutlichkeit, Graumann. Spie
lie sich den Bundesgenossen gefallen, Mitrofan und Nli zuckten die
Achsel ber das brgerliche Unternehmen. Fnfkorn hatte sich nicht auf
das Studium der verschiednen Weibcher beschrnkt, er hatte auch
gelesen, was in den Pariser Blttern ber den deutschen Geist gesagt
wurde, daraus nach dem Gesetz des Gegensatzes die franzsische
Auffassung von Zivilisation kennengelernt.

Das Ergebnis war ein Versuch, das Gedankengebude der deutschen
Geistigkeit zu konstruieren, wie es seit der Reformation ber Hegel bis
zu Marx und Lassalle errichtet worden war. Die Reformation war der
Abfall vom Prinzip der selbstgewhlten Bindung des Menschen durch eine
berreale Idee, sie war, im Keim, die Proklamierung der Souvernitt des
Denkens. An Stelle Gottes war der Begriff des Staats getreten, der
profanen Bindung, die Freiheit war also illusorisch, die irdische
Autoritt schlug den Freigelanen in neue, hrtre Bande -- Geburt der
deutschen Subalternitt. Hegel erklrte sie als Geist der
Weltgeschichte, Marx und Lassalle waren nicht minder protestantisch,
bereiteten das Bndnis von 1914, zwischen dem Sozialismus, autoritrem
Mikrokosmus im preuischen Makrokosmus, und dem Militarismus vor.

Ernsthafte These, aber sie schwenkte ab zu dem, woran Fnfkorn gelegen
war, der Empfehlung des franzsischen Systems als der einzig mglichen
Methode, Gesellschaft aufzubaun. Fr den denkenden Geist war das
deutsche System ein Versuch der Lsung, das franzsische ein andrer, wie
Hellas, die mittelalterliche Kirche Lsungsversuche gewesen waren. Die
Grundidee eines Systems bedingte seine Gre und seine Beschrnktheit.
Man durfte innerhalb des praktischen Daseins von einem System sagen, es
fhre zu Konsequenzen, die unertrglich waren; man durfte nicht im
absoluten Sinn, wie Fnfkorn tat, von ihm sagen, es beruhe seit nun vier
Jahrhunderten auf Betrug, Lge, List. Die Geschichte eines Volks war nie
Betrug, sie war Schicksal.

Die Unfhigkeit, diese zwei Betrachtungsweisen der praktischen Wertung
und der ideellen Anschauung auseinanderzuhalten, die Kleinlichkeit der
Beweisfhrung, die nicht verschmhte, aus Boulevardblttern das Argument
zu bernehmen, Goethe habe im Faust das Recht des sinnlichen Genusses
gepriesen (Beweis fr die Minderwertigkeit der deutschen Seele), die
Empfehlung franzsischer Geister dritten Rangs, die als Ersatz fr Kant
und Hegel genannt wurden, verstrkte Laudas Abneigung, in Fnfkorn den
geeigneten Fhrer anzuerkennen.

Graumann zog Lauda in die Whiskyecke und bot ihm eine Importe an,
Zeichen, da er sich etwas vom Herzen reden wollte.

Sehn Sie, sagte er, es ist bedauerlich, da wir nicht die Kraft
haben, unsrer Regierung den Krieg ohne fremde Subsidien zu erklren. Die
Schwierigkeit liegt weniger auf finanziellem Gebiet -- ich liee mit mir
reden -- als auf geistigem, oder soll ich sagen moralischem. Ich lebe
nun sein Jahren unter den Intellektuellen, komme aber selbst aus ganz
andren Schichten, war Kaufmann, machte Geld -- Geld gemacht, suchte ich
es vernnftig anzuwenden, fr mich und andre. Man war bereit, mir dabei
zu helfen, gab mir die Rolle des Mzen. Ich lie es mir gefallen und
suchte inzwischen den, der, mit schriftlichem oder gesprochnem Wort
begabt, das ausfhren konnte, was ich meine. In allen diesen Jahren
wurde ich mit einigen Dutzend Knstlern und Literaten bekannt, es waren
nicht alle Schwtzer, aber keiner so berlegen, da man empfand: diesem
ist Gabe des Geists ein anvertrautes Gut, fr andre zu handeln -- es war
ihnen allen ein persnliches Gut, Ehrgeiz zu befriedigen.

Da ist dieser Fnfkorn. Er legte seine Militrbehrde ordentlich hinein,
guter Anfang, werbende Handlung -- warum zum Teufel lt er sich nun von
den Fremden, die ihre eignen Zwecke verfolgen, die Mittel geben? Warum
wandte er sich nicht an mich, den Deutschen? Sie werden sagen, ich htte
vielleicht nicht genug durchblicken lassen, da ich bereit sei. Aber
eben das, dieser Mangel an Instinkt oder an Mut verrt seine
Beschrnkung. Nun geht er hin und verpfuscht eine schne Sache. Die
Geistigen kommen mir wie Gule vor, die darauf brennen, Galopp zu
laufen, aber sie haben Scheuklappen an den Augen. Ich lerne allmhlich
skeptisch denken vom Zustand der Geistigkeit. Da ist der kleine Lisbao:
schner Ha gegen brgerliche Bequemlichkeit, aber knnen Sie daraus
irgendeinen Hebel machen, die Verhltnisse aus den Angeln zu heben? Es
ist alles bei ihm Nein, mte er dieses Nein in Energie verwandeln, die
man dem Ja zufhren kann, wrde er jmmerlich versagen.

Ein tchtiger Mensch ist Madeleine Betz, aber Frau, ungeeignet zur
Fhrung von Mnnern. Spie hat sich der Wirkung auf Deutsche begeben,
bleibt hbsch innerhalb der franzsischen Partei, denkt an die Nachfolge
von Jaurs. Mitrofan wlzt in seinem Kopf die europischsten Gedanken,
aber er schenkt sich die Mhe, die Zukunft aus den gegebnen
Verhltnissen zu entwickeln. Bleibt Schreiner. Ich bin indiskret, wenn
ich verrate, da er sich seit Jahren von mir nhrt, er kommt von Zeit zu
Zeit, sagt: der Kapitalismus ist hndisch, enteignet ihn -- und
enteignet mich um zehntausend Mark oder Franken, je nach dem Land, in
dem wir weilen. Der eine, der sagte: ich mu monatlich dreihundert
Franken haben, Minimum des Lebens, alle andre Kraft und alles andre Geld
sollen der Idee zugute kommen, auf den warte ich vergeblich.

Resultat: ich langweile mich und gerate in Gefahr, meine
Bereitwilligkeit zu verlieren. Der dicke Graumann mit dem Spruch leben
und leben lassen ist auf dem Weg, eine tragische Figur zu werden. Htten
Sie nicht Lust, dieselbe Sache in die Hand zu nehmen, die Fnfkorn nun
verdirbt? Sie gefallen mir. Man mu, wenn man gegen die andren denkt,
erst aus ihnen heraus denken knnen; man mu sie nicht niederknppeln,
sondern zum Leben zwingen. berlegen Sie es; wenn Sie mir etwas
vorschlagen, sage ich nicht nein.

Wie knnte ich Fnfkorns Rolle bernehmen? antwortete Lauda, es wre
nicht weniger unanstndig. Ich war gestern noch in einem deutschen Bro,
bin nur beurlaubt. Griffe ich sie an, wrden sie sagen, ich sei gekauft.
Erst mu ich mich lsen, dann in das Neue hineinwachsen.

All right, so ist es richtig, sagte Graumann, besuchen Sie mich in
Zrich, Frau Hannah ist kein Hindernis, auerdem reist sie ab.

Dies Gesprch fand am letzten Abend statt. Am nchsten Tag fuhren alle
nach Zrich, Hannah und Mitrofan setzten die Reise zur Grenze fort, um
durch Deutschland nach Ruland zu fahren. Wie sie sich einen Pa
verschafft hatte, war ihr Geheimnis.




III


Lauda wohnte in Mi Lilians Pension. Auf seinem Tisch lag die Karte
Zrichs, Erleichtrung der Besuche, die er machte. Sooft er eine neue
Strae nachsah, zog er die Linie von der Pension zu ihr; die Karte
bedeckte sich mit einem Netz. Dieses Netz, sagte er, ist wie einer der
Schlssel, die man auf Geheimschriften legt; es bildet eine Figur, unter
der sich die fremde Siedlung einmal in der Erinnrung darstellen wird; es
ist so persnlich und einmalig wie die Linien meiner Hand. Immer und
berall legen wir solches Netz auf die Erscheinungen; auch das Bild, das
ich von einem Mensch gewinne, ist nicht anders, ich stecke Momente ab,
durch die er sich enthllt, und dieses konstruktive Gebilde nenne ich
dann seinen Charakter. Verkehre ich nicht viel mit ihm oder treten nicht
Situationen ein, in denen er bestimmte Stellung nehmen mu, so bleibt es
noch unvollkommner, als selbst das der Stadt, ohne da doch ich, wir
alle, den Hochmut aufgeben, zu glauben, man kenne einen Mensch. Wir
wissen wenig vom andren, wir knnen ehrlicherweise nur feststellen, wie
er uns in einem bestimmten Fall erschienen ist, Klarheit ber ihn ist
Schwindel.

Wie Besttigung war der erste Besuch, den er machte, bei Frulein Betz.
Sie empfing im Schlafzimmer; der Schreibtisch und die Bcher standen
darin, obwohl sie eine kleine Wohnung hatte; man konnte entweder sagen,
sie habe in das Schlafzimmer allen Besitz von Wert und Liebe gebracht,
die Teppiche, die Felle, die auf Reisen erworbnen Gegenstnde, oder sie
habe in einen Raum, der diese Dinge enthielt, auch noch das Bett
gestellt, es kam auf dasselbe hinaus, Mittelpunkt und Sinn war das Bett.
Es war ein khler Abend, und im Kamin brannte ein Feuer.

Er hatte sie fr ein etwas altjngferliches Mdchen gehalten, nun wurde
sie durch die Dankbarkeit, mit der sie vom Bett sprach, das Ruhe, Wrme
und denkende Lage spendet, und die Unbefangenheit, mit der sie es tat,
mtterlich. Es gab ihr Realitt, hier war sie nicht mehr die ein wenig
melancholische Einsame, durch die Welt irrende Geistige; in diesem Bett
hatte ihre Mutter sie geboren und war gestorben -- etwas von solcher
Frauenatmosphre war nun um sie selbst, und darin wiederum ein Hauch
vergangner franzsischer Jahrhunderte, denn es war ein abstehendes
Himmelbett, wie es Montaigne gepriesen hatte, mit einer richtigen
Bettgasse, der Ruelle, wie sie sagte; fast konnte man sich die
Geschichten Brantomes hier erzhlt denken. Die Altruistin, die die Welt
nicht mehr begriff, weil sie sich zerfleischte, hatte ihre kleine Welt,
in der sie Gengen fand; die Pazifistin, die ruhelos als Wanderapostel
umherreiste, verstand sich auf sich selbst zurckzuziehn, und wenn es
Resignation war, in dieser Zeit an einem Schreibtisch fr die Idee
weiterzuarbeiten, enthielt die Resignation doch die Mglichkeit des
letzten zhen Willens: bis zu einem Tischchen in die Enge getrieben,
nahm er daran Platz. Sie trug ein loses Hauskleid, man sah ihre Gestalt,
zarte, so viel mdchenhaftre als das Gesicht mit den nie durch Erleben
entspannten Zgen.

Sie stand am Kamin, vor ihr, im Sessel, sa Lilian und schaute mit
blauen Augen, das hartnckige amerikanische Kinn gehoben, verzckt zu
ihr hinauf, denn Frulein Betz sprach von Amerika. Lilian stie kleine
Schreie der Freude aus, zum erstenmal sah Lauda sie bewegt. Madeleine
erzhlte, wie sie an dem Eiswasser des Hotels magenkrank geworden war:
Begeistrung Lilians fr ihr Land.

Lauda hrte aufmerksam auf die Worte des Mdchens, den augenblicklichen
Sinn und den tiefren, aussagenden, der vielleicht in ihnen verborgen war
-- doch was sie sagte, war plaudernde Nichtigkeit, Freude am
Belanglosen; Unterhaltung ber rckwrts gelegne Dinge verhalf ihr zu
der Illusion, gesehn und erlebt zu haben -- dumme kleine Puppe, hbsche
schlanke Puppe mit den gotisch vorgewlbten Hften.

Sie schlug die Beine bereinander, und wenn sie wechselte, war es wie
die Bewegung zweier Arme, die sich ffnen, um an sich zu ziehn --
unmglich, da sie sich der erregenden Gebrde nicht bewut war. In ihm
ein Hin und Her. Ihre Harmlosigkeit und Dankbarkeit, reden zu drfen,
rhrte ihn, die junge hilflose Sinnlichkeit, die an den Exhibitionismus
kleiner Mdchen vor Fremden zurckdenken lie, verstrkte dieses Gefhl,
aber danach war alles Auslegung, sowohl: sie ist ein Mensch, der
geschont sein will, ein Recht auf Leben hat, als auch: sie ist ein
Mensch, der nicht geschont sein will, mir wider meinen Willen, dank
einer Deutlichkeit, die ihre Angelegenheit ist, diese vergewaltigende
Vorstellung der zweiten Arme und des geheimren Munds mit schwellenden
Lippen gibt. Suche ich mir ein Bild von ihr zu machen, bleibt alles
ungeformt, wenn ich an ihre Seele denke; Bestimmteres, Zge stellen
sich erst ein, wenn ich von der sinnlichen Seite sie betrachte, da erst
bieten sich Vorstellungen ihres mglichen Temperaments, Warten auf
Angriff, Provokation, die dann vielleicht in Emprung umschlgt -- das
heit, da man ihr zu einem moralischen Faktum verhelfen soll, das ihr
erlaubt, endlich eine klare Haltung einzunehmen.

Ihr dazu zu verhelfen, sind andre ntig: Auffordrung an andre, den
Dienst zu erweisen. Erweisen sie ihn, werden sie vermutlich abgelehnt --
was ist das? Not, verstndlich und zugestanden; aber auch Unmoralitt im
Sinn von Undankbarkeit und Unaufrichtigkeit. Vielleicht tat er ihr
unrecht, er wute es nicht, aber er war nun geneigt, sie in die Sphre
Masochs zu stellen.

Widersprechende Empfindungen auch Madeleine gegenber. Es rhrte ihn
sowohl, sie in ihrer frauenhaften Huslichkeit gesehn zu haben, als sie
mit Lilian menschlich, fast mtterlich plaudern zu hren, doppelte
Einsicht in Gte; aber als sie das Gesprch mit dem Mdchen abbrach,
erhielt er einen Blick von ihr, der Achselzucken ber die Trivialitt
der Amerikanerin war, mokanten einer schmallippigen Schulleiterin, die
sich durch Abhren einen Einblick in die Reife eines Zglings verschafft
hat. Es deprimierte ihn; von Natur aus war strkre Neigung in ihm, das
Gute im Menschen zu sehn als das Egoistische, gut im Sinn von Duldung,
Gerechtsein, Existierenlassen ohne Urteilen und Verwerfen. Stand sie mit
dem Rcken gegen ihn, sah er die zarte Gestalt; sah er das Gesicht, las
er darauf die in die Jahre wachsende Verbittrung. Er kannte die
Versuchung, aus einem Mensch einen Charakterzug herauszunehmen und als
wesentlich hinzustellen, so gut aus seinem Handwerk und dem der
Schriftstellergefhrten; es war so bequem. In Wirklichkeit mute man
neben den einen Zug viele andre setzen und darauf verzichten, die
Einheitlichkeit zu geben -- Mensch war vielleicht nur ein Nebeneinander
von Zgen, Wesen in der Zeitlichkeit.

                   *       *       *       *       *

D'Arigo wurde erwartet, kam nicht, Lauda ging mit Lilian allein nach
Haus. Der Weg fhrte ber den Zrichberg, entlang dem Wald, der einst
bis zum See hinabgestiegen war, jetzt nur noch auf der Hhe die
geregelten Irrlichter der Stadt umkrnzte.

Ein Ton drang herauf, Lauda blieb betroffen stehn. Es war ein
wiederkehrender Klagelaut, wie wenn Wind durch eine Aeolsharfe zieht, er
hatte ihn einst vor Paris aus der bewohnten Ebne gehrt und Stimme der
Ebne, des geheim lebenden Geschpfs genannt -- nun schwebte er ber der
Stadt am See.

Auch die Dinge aus Stein sind belebt, sagte er, Stdte sind
Himmelskrper, wesenhaft. Paris ist eine Frau, bereit, jedem, der zu ihr
kommt, Sdamerikaner Schweden Tonkinesen, Erlebnis zu werden -- ein
wenig kokottenhaft mag es sein und doch so frhlich, jung. Paris ist die
einzige Stadt, die Gegenwart hat, die andren haben Zukunft oder
Vergangenheit.

Neuyork oder Berlin htten keine Gegenwart?

Materielle wohl der Arbeitssttte; sie sind Stadium einer Jagd nach
Geld und Macht; geistige Gegenwart, Wissen um den Sinn des Augenblicks
haben sie nicht. Da man in der Zeitlichkeit lebt, einmal nur, fhlt man
auch anderswo, aber dann ist es immer ein losgelstes Gefhl, fr sich
gedanklich existierend -- in Paris ist es wie ein Duft in das unbedingte
Ja gemischt, ein Hauch von Geist und Geistigkeit im Treiben der
Materialitt. Verstehn Sie, Mi Lilian, was ich sage?

Ein wenig, nicht sehr, freimtig gesagt nein, in Amerika philosophiert
man nicht, antwortete sie. Er sagte spttisch:

Nein, das tut man dort nicht. Die einzige Form von Vergeistigung des
Sinnlichen, die ich bei Amerikanern kenne, ist der Flirt, und er
allerdings hlt von dem nahliegenden Urteil ab, sie seien eine junge
Rasse. Sie sind darin lter als die Deutschen, die von der
Raffiniertheit des Flirts nichts wissen. Lieben Sie ihn?

Sehr.

Warum wohl? forschte er.

Weil er hbsch und kurzweilig ist.

Weil er eine Einrichtung ist, die allen Vorteil der Frau gibt. _Sie_
fordert heraus, _sie_ bestimmt die Grenze, die erstaunlich weit gesteckt
ist, und _sie_ macht den erregten Mann reif zu dem, wonach sie verlangt,
der Heirat, einer Heirat, die ihr erlaubt, auch jetzt noch die
Prinzessin zu sein, verwhnte in Luxus.

Ich wei, die deutschen Mnner lieben es nicht, die Frau zu verwhnen.

Wenn es das allein wre, warum nicht? Aber es ist eine Lge in dieser
Verherrlichung der Frau. Theoretisch ist Flirt wundervoll, weil er khn
die Sinnlichkeit in den Verkehr schon der jungen Leute einstellt und ihr
nicht gestattet, mehr als ein Spiel zu sein. In amerikanischer Praxis
aber wird er ein Mittel, den Mann zum Knaben zu machen, seine Kenntnisse
der Frau zu verflschen, die vollkommenste Gynokratie einzufhren. Was
wei er von euch? Nichts, er ist euer Schemel. Er wird gelockt, aber
danach soll er anbeten. Es ist nicht eine einfache Moralitt, die ihn
zum Heiraten zwingt, sondern eine komplizierte, die die weiblichen
Versprechungen nicht scheut; es ist die Verheiung der Amazone, die im
Oberleib mnnlich ist, aber in den Hften Weib. Wenn ihr nach Europa
kommt, erfllt ihr die Mnner mit bsen und harten Gelsten, mit einem
schlimmen Wunsch, euch zur Eindeutigkeit zu zwingen.

Sie sprechen wie d'Arigo.

Wie stehn Sie mit ihm? fragte er und war neugierig, wie sie solche
Frage aufnahm.

Ich lernte ihn in Paris kennen, er war sofort rcksichtslos wie Sie,
verlangte, ich solle ihm stehn. Er besuchte mich bei meiner Familie in
Trouville, reiste ber Nacht ab. Er bot mit halbem Wort die Ehe an,
zgerte vor dem ganzen. Dann traf ich ihn in Zrich wieder.

Und hoffst, da er das ganze doch finden wird, dachte er, gute
Lilian, wo der Flirt versagt, bleibt dem Mdchen aus der neuen Welt
nichts brig, als wie das der alten auf die Initiative des Manns zu
warten.

Aber warum ging sie nicht nach Amerika zurck, einen der jungen Leute zu
heiraten, die in Hemdsrmeln und Schwei des Angesichts arbeiteten,
damit die Frau keinen Finger zu rhren ntig hatte?

Die Antwort enthllte private Bedingungen ihrer Existenz. Solang sie
studierte, empfing sie Unterhalt; kehrte sie ohne Examen zurck, wre
ihr nichts brig geblieben, als Sekretrin zu werden.

Aber das ist ja das Sprungbrett zur typischen Prinzessinnenkarriere
Amerikas, sagte Lauda.

Gleichwohl, es war unsicher, und sie zog vor, als Dame zurckzukehren.
O, sie hatte ihre Wnsche, Passivitt verband sich mit Anspruch, belohnt
zu werden, da man hbsch war und Mnner gern mit einem durch die
Straen gingen. Aber wie andeutungsweise, ungeformt das alles in ihr
ruhte; wie gering jene Beunruhigung durch das Bewutsein,
Widersprechendes in sich zu tragen, aus der das Temperament entspringt
-- Temperament war die moralische Manifestation dieses Bewutseins, der
tapfere Entschlu, sich durch Erlebnis zu ordnen. Htte er ihr von der
Sweetgirllsternheit gesprochen, die er in ihr vermutete, von der
sinnlichen Vorstellung, zu der sie ihn vorhin im Zimmer herausgefordert
hatte, wre sie nicht weiter mit ihm gegangen; htte er ihr gesagt, da
man die Verpflichtung habe, solche Elemente im Blut selbst einzugestehn,
durch Tat so oder so blhn zu lassen oder auszuscheiden, wrde sie ihn
nicht verstanden haben. Hirn im Stadium des Ungefhr, Egoismen verankert
im Anspruch auf Recht zu existieren, und vermehrt durch Bewutsein der
Jugend und dessen, was man in Deutschland Holdheit eines jungen Mdchens
nannte. Sweet girl, warum soll ich sentimentalistisch dieser Holdheit
untertan werden und bersehn, da du von der Kokotte das Lippenrot
adoptierst, um ihre Sphre unverbindlich zu streifen? Du gibst mir
Barbarengedanken ein, Mnnergedanken, dich zum Bekenntnis zu zwingen,
durch Gewalttat das erste wirkliche Faktum in dein Leben zu setzen,
unpersnlicher Rcher zu sein, denn es ist nicht erlaubt, unverbindlich
zu bleiben.

Er wagte es die Hand um sie zu legen, die negative Brust, die positiven
Hften, und Mephistowunsch, sie zur Tatsache dieser Hften hinzuleiten,
ward stark. Sie standen an einem Gartenpfrtchen, dahinter eine dunkle
Tr, die in ein Zimmer fhrte. Da ward Licht angedreht, und sie sahn in
den Raum hinein, es stand ein Bett ohne Leinenzeug darin, im brigen war
es unmbliert, nur Stickereien an der Wand. Drei junge Leute, brderlich
durch Knabengre, hpften auf und ab, als hingen sie an Fden von der
Decke und wrden angezogen, die grotesk troddelhaften Bewegungen eines
Grizzlitanzes auszufhren -- es schwankten die Kpfe hin und her wie
schwere Birnen an zu schwachem Stiel.

Ich bin dreihundert Jahre zu spt geboren, sagte der mittlere, wre
Hofnarr in ernster Zeit gewesen. Meine Mutter trug mich nicht aus, die
zwei letzten Monate sollte ich in der Organisation des Zeitalters
unterrichtet werden, da kam sie nieder, bin der Organisation nicht
gewachsen.

Lieber Mitembryo, sagte der zweite und hob eine Stickerei von der
Wand, erinnerst du dich, wie wir in der Nacht des Schoes vom
gegenstzlichen Licht trumten, blauen Tagen mit rauschendem Birnbaum
und roten Tomaten? Das Licht langweilt mich nun, ich trume mich in den
Scho zurck und sticke seine Landschaft, die grnblaugelben Strnge,
Korallen des Bluts, Flechten der Schleimhute, Hlften der Niere.

Kunst ist Traum der innren Geographie, Nach-traum der Vorgeburt, sagte
der dritte, in dem Lauda Lisbao erkannte, Uterus stellt sich selber
dar, Land der vegetativen Existenz, da noch nicht Individualitt ist,
und noch nicht Lge. Ich sehe zehntausend Embryos in ihrer Zelle,
Hndchen ohne Finger spielen mit dem Nabelstrang, dem wahren Band der
Totalitt.

Sie lachten, drehten Auftritt abgestellt das Licht aus, verlieen das
Haus, man hrte die Stimmen sich bergabwrts entfernen.

Lauda lenkte Lilian zu dem Pfrtchen, als sei das der Weg, fhrte sie
ins Zimmer. Ihr Fu sie sich an die Wand.

Mein Gott, wo sind wir? schrie sie auf.

In der Mitternacht, der erste Schlag hebt aus. Bis der zwlfte
verklingt, ist mir Freiheit vor mir selbst, Erlaubnis dem Dmon gegeben,
der, wenn er Salambo sieht, die Begierde fhlt, das goldne Kettchen zu
sprengen. Sie sind feig, Lilian, denn sie gehn zum Spiel, ohne den
Einsatz bereitzuhalten.

Der zwlfte Schlag verklang, aber eine andre Uhr hob aus, und Lilian
lchelte im ungewissen Licht der Tr wie ein Kind, das schlau Dialektik
treibt -- war sie ihm willig?

Habe ich denn auch mit Ihnen gespielt, sagte sie, und es konnte
heien, da sie nicht widerstand. Aber die Frage dmpfte seine
Rcksichtslosigkeit; nein, ihn hatte sie nicht herausgefordert; er sagte
sanft: Wir sind auf falschem Weg, und fhrte sie zurck. Zu spt, die
Tr ward aufgerissen, und vom Revolver Lisbaos gedeckt, schaltete der
knabenhafte Erste das Licht ein. Sein ngstliches Gesicht hellte sich
auf, als er Lilian sah, schnell gefat beugte er ein Knie und sagte:

Schne Blancheflor, ich bin entzckt, da Ihr zum Stelldichein mit
diesem Ritter mein Haus gewhlt habt. Wisset, da Ihr bei Puck seid, dem
aus dem Sommernachtstraum; es tut mir leid, da ein Eigentumsdnkel, den
Ihr dem Jahrhundert zuschreiben wollt, mich einen Augenblick an Diebe
und Mrder denken lie. Verzeiht, wir ziehn uns zurck und bedauern nur,
das Lager nicht mit Euch zukommenden Rosen geschmckt zu haben.

Er machte Miene, die Freunde hinauszudrngen. Lauda sagte: Mi Lilian
wurde von einem Unwohlsein befallen, ich hatte vorhin Herrn Lisbao
gesehn und nahm an, es sei sein Haus.

Allrigt, so wollen wir die Schwche mit Kognak lindern, antwortete
Puck und fhrte in die vordre Stube, niedre eines Bauernhauses,
Tafelwerk; es stand ein Tisch, kondensierte Milch, Papiere drauf, drei
Sthle, eine Kiste; Adresse daran wie auf den Briefen: Puck, Dr. phil.

Doktor Puck, der Zeit entsprechend, sagte er, das erstaunt Sie? Im
brigen fhle ich mich voll und ganz, wie die Deutschen in ihren Reden
sagen, als aus dem Mrchenstamme Pucks entsprossen. Sehn Sie mich an,
neunundneunzig Pfund schwer, das ist fast engelhaft und gibt Gedanken
ein an Fliegenknnen; bartlos wie ein Chinese und die Hasenscharte in
der Lippe Stigma der kleinen Dmonie. Es wundert Sie, da ich kaum
zwanzigjhrig schon den Doktor habe? Little Puck war ein Wunderkind,
schlpfte im siebten Monat aus und erweckte alle Hoffnungen, spielend
das Reich der Realitt zu meistern, drei Tanten suchen nun Erbinnen fr
ihn aus -- die Brder fallen im Krieg, die Erbinnen steigen. Hehe, Puck
wird nicht heiraten, will das Lachen organisieren, Hofnarr der ernsten
Zeit. Erlauben Sie, da er seine Gehilfen vorstellt: Lisbao, der dstre
Poet, Hans mit den opalisierenden Augen, in dem ein pflanzenhafter
Elementargeist wohnt; Fleisch ist ihm ein Greuel, hat noch nie einen
Pfennig verdient, nie einen Feind gehabt, sein Gutsein ist negativ, weil
ihm die positive Energie fehlt, und positiv, weil Gutsein immer sieghaft
ist -- Sie haben vor sich das Triumvirat der Drei im feurigen Ofen
dieser Zeit: sie verbrennen nicht, denn es ist keine Materie in ihnen,
die dem Staub der Zeit verwandt wre, sie schieen nicht, tten nicht,
spekulieren nicht in Aktien, sie sind Vorboten der metaphysischen Welt,
darum lacht der eine ber die Realitt, der andre fllt sie grimmig an,
der dritte bestaunt sie hilflos und verwundert.

Lieber Puck, sagte Lauda, das sind groe Worte, sagen Sie nun, was
Sie tun.

O, hngen Sie der Tat an? Hren Sie?

Er setzte eine Hornbrille auf, nahm am Tisch Platz und las aus einem
Buch, langsam, laut, als ffne sich die Wand und die Arena senke sich
bis zum See. Das Schalksgesicht war demtig ernst, geglttet
quecksilberne Beweglichkeit. Er las:

   Die Welt erobern wollen durch Handeln
   ich habe erlebt da das milingt.
   Die Welt ist ein geistiges Ding
   das man nicht behandeln darf.
   Wer handelt verdirbt sie
   wer festhlt verliert sie.
   Denn die Geschpfe gehen voran oder folgen
   sie seufzen oder schnauben
   sie sind stark oder schwach
   sie siegen oder unterliegen.
      Also auch der Berufene:
   Er meidet das Heftige
   Er meidet das ppige
   Er meidet das Groartige.

Die Welt ist ein geistiges Ding, das man nicht behandeln darf -- als
ich das las, beging ich zum einzigen Mal in meinem Leben eine
Nachahmung, ich wollte wie Laotse tun, der nach Westen ritt, zum Reich
hinaus. Dem Wchter an der Grenze gab er sein Buch; aber mich htten sie
festgenommen und unter die Soldaten gesteckt, das ist der Unterschied.
So blieb nichts brig, als das zweite zu tun, was er empfiehlt, aus der
Stadt aufs Land zu gehn, da fand ich dieses Haus. Es ist noch der
Schweigeruch des Bauern darin, heiliger Geruch, weiser Geruch. Es
einzurichten ist unntig; wer ein Haus schmckt, wird sein Sklave, in
ihm leben ist genug; zweimal am Tag wird es mir lieb: wenn ich es
verlasse, um den Berg hinab zu den Menschen zu gehn, und wenn ich den
Berg ersteige, mde der Stadt. Hans tut nichts im handelnden Sinn, er
sitzt in einem andren Haus und zeichnet mit schwarzer Tusche die innren
Gebilde auf gelbliches Reispapier; an der Wand kauern Mdchen und
sticken mit seidnen Fden die innren Gebilde; sanfter Pascha schlft er
nicht mit den Mdchen. Lisbao tut nichts, er spinnt um seinen Nabel
Wortfden, den Strang der Totalitt. Nichtstuer sind wir im Sinn derer,
die im Reich des Geschehens leben; die einzige Lge ist, da wir von
Vtern, Onkeln das Geld nehmen, so mig zu gehn. Ihr Entgelt, da sie
uns verachten drfen; aber frher, als Blancheflor geheiratet hat, wird
die Zeit kommen, da das Geschehn drauen zusammenbricht und die Menschen
der Tat berdrssig werden -- unsre Zeit, wir die Verknder des Geists,
der Anschauung ist.

Es drngt sich auf, sagte Lauda zu Lilian auf dem Heimweg, da alle
Elemente des Geistigen jederzeit vorhanden sind. Seit mich die
Unvereinbarkeit von Tun und Anschauung beschftigt, begegne ich auf
Schritt und Tritt Menschen, deren ganzes Sinnen auf dieses Problem
gerichtet scheint. Wre ich nicht selbst nun darauf eingestellt, wrde
ich die drei vielleicht nur Narren heien, heute bin ich versucht, sie
zwar nicht die Nornen der Zeit, aber ihre Kobolde zu nennen. Sahn Sie je
eine so seltsame bereinstimmung der Figuren, des krperlichen Formats?
Das Geschlecht derer, die nicht das Format der Tat haben, kommt aus den
Hhlen, wird Wirkung werden; das Geschlecht auch derer, die leiden und
die Vergewaltigung durch einen Gott suchen, bereitet sich aufzustehn,
der Krieg hlt sie noch nieder, der Krieg wird sie entfesseln. Er
dachte an Schreiner.

Wer ist Blancheflor? fragte Lilian.

Hat es Ihnen Eindruck gemacht? Die Schne aus den Epen, die Junge,
Zarte, die in ihren Gliedern den Gral trgt.

Er fand den Namen selber gut, und als htte es nur seiner bedurft, ward
er empfnglicher fr das Se, das die gotischen Hften des Mdchens
bargen. In den Hften aller Frauen ruhte es; so gleichgltig, da es der
einen oder andren, vielen, an Intelligenz gebrach; die Zrtlichkeit
ihrer Bewegungen, lautloser, weicher, war wesentlicher; Zrtlichkeit war
die vermenschlichte Form des Ansichlockenden, Saugenden, des Urdmons,
dem auch in gemilderter Gestalt jeder gehorsam war. Nun sah er, in
zweiter Morgenstunde, Lilian ganz als Bergerin des Zarten, bis zur
Unkenntlichkeit den Begriff von ihr verndert, und war froh, ihr nicht
Gewalt angetan zu haben.

Es gewollt zu haben, war wie Auslsung einer Hemmung, berwindung eines
Hindernisses zwischen ihm und ihr -- Geburt freundschaftlicher
Bereitschaft. Und als fhle sie dasselbe, zog sie den Schleier von sie
qulenden Gedanken. Sie verstand, was die Mnner, in Paris zuerst, von
ihr verlangten, Einsatz der ihr anvertrauten Weiblichkeit; Furcht in
ihr, Vergleich mit der Bequemheit heimatlicher Ehe, Scheu auch vor
d'Arigos Halsstarrigkeit, dessen Bedingung sie nun bekannte: sie sollte
zu ihm kommen, bedingungslos und mit gesprochnem Wort Feigheit
eingestehn.

Es mag rechthaberische Fordrung eines Hartnckigen sein, antwortete
Lauda, gleichwohl hat er in tiefrem Sinn recht, er verlangt die Tat.
Verwerfung der Tat, wie sie der Kleine aussprach, hat Wert nur nach der
Tat, in der denkenden Sphre, als Aufhebung, Setzen des Gegenteils. Was
ist Puck? Ein Literat, jemand, der an der einen Seite zieht, ermangelnd
der Polaritt.

Und wo fhrt Tat hin die Frau? klang Lilians Frage an sein Ohr, im
Zwiegesprch, das jeder nach seiner Bedingung fhrte, was ist Tat? Der
erste Schritt auf einem Weg, der zum Glck zu leiten verspricht, von ihm
entfernt.

Tat ist die Sphre des Leids, nahm er das empfangne Wort auf, das
Reich der Kausalitt, des Dmons Logik, des hetzenden Gotts, der
Erlsung verheit, sie schon verriet, als er sich zur Existenz
entschlo. Tat ist Dmonie des Bsen, darum ist alle Religion Feind der
Tat und wei nicht, da sie den Gott lstert, den sie sucht, denn er war
aktiv. Der Kreis schliet sich, ich bin bei Pucks Deklamation wieder
angelangt; Ja ist so wahr wie Nein, gleich unverbindlich, gleich falsch.
Gute Nacht, Lilian, wir sind zu Haus. Morgen gehe ich zu d'Arigo,
vielleicht, da er mir erlaubt, von Ihnen zu sprechen, denn in mir ist
erstmalig Wunsch, einem andren Mann Bruder zu sein -- ungewi ob er das
Angebot annehmen wird.

                   *       *       *       *       *

D'Arigos Atelier stand in einem Hof; auf Hinterfrontbalkonen wurden die
Betten der Brger und darauf gezeugte Kinderbrut gelftet.

Hlich wie der Anblick des Nutzbaus war der innre Raum; auf
Holzpostamenten standen die Figuren, von ihnen abgekratzter Staub
puderte den Zementboden, Ofenrohr ging durch die Decke, kein Diwan zur
Verfhrung von Damen. So arbeiten verdiente Arbeit genannt zu werden,
Lauda empfand: stoischer Bruder, verzichtend auf Stimmung. Betrachtend
die Figuren, fand er weiterhin: es stellt ein Knstler sich selber dar,
die Proportionen seiner Glieder sind die der von ihm Geschaffnen, der
Schlanke formte keinen Untersetzten.

Es standen drei Akte derselben Frau, die in verzckter Innigkeit die
Arme senkrecht streckte, die Finger wagrecht spreizte, Gebrde der
Demut, nackt zu sein, und des keuschen Muts. Auffassung betreffend
standen zwei sich nah, es war die eine die Bearbeitung der andren mit
Glaspapier und Spachtel: Werkzeuge schmallippiger Energie hatten die
Rundung der festen Schenkel und des weichen Bauchs auf ein uerstes
reduziert, so da aus Rundung und Nervigkeit ein granitnes Fleisch
entstand, berstreckt, gedreht in Geistigkeit, exzessive Gotik, Inbrunst
sublime, oben nochmals aufgenommen durch das geschwellte Lcheln und die
runde Engelsstirn.

Die dritte Figur war Rckbildung zur primitiven Gotik, die das
Willenserlebnis Loyolas noch nicht kannte, nordisch, deutsch,
seelenhafter, darum materieller. Da sagte d'Arigo:

Sie irren sich, es ist die mittlere Figur die frhere, die nordische
die jngste. Und Lauda erinnerte sich, was er von d'Arigos Entwicklung,
dem Rcktritt aus der geistigen Sphre, gehrt hatte.

Was haben Sie erreicht? fragte er, den Verlust Ihrer berlegenheit,
die Bindung durch einen Einzelfall, denn diese Frau ist Individuum, Ihr
Werk Portrt, das unbedingt Problematische, in die Niedrung der
Existenz, die Nachahmung, Ziehende; es ist gemilderter Realismus, die
gewaltttige, schne, suverne Energie ersetzt durch Tasten,
Unterordnen, Demut, Sehnsucht, Anbetung, Dinge, die dualistisch sind,
weil sie zwingen, einerseits dem sinnlichen Reiz gerecht zu werden,
andrerseits ihn seelenhaft erscheinen zu lassen -- vorher wurden beide
in hhrer Einheit gebunden.

Ich bedaure, antwortete d'Arigo, Sie Einblick haben gewinnen zu
lassen; es strt mich. Sie verstehn mich nicht, es sind in Ihnen nicht
die Voraussetzungen des Religisen, wie ich es erlebte. Sie sind
irreligis. Sie sind im besten Fall katholischer Lateiner, Augenmensch.

Lauda: Und Sie, in dem der Fanatismus des Ignatius brennt, wenden sich
dem Protestantischen zu, empfinden es als tiefer, was sich vielleicht
behaupten lt; aber das ist eine andre Frage, wichtiger bleibt, da Sie
Ihrem Naturell Gewalt antun, Ihr Blut zersetzen -- warum, um eine
Individualitt zu formen? Fhlen Sie nicht, wie arm, belanglos
Individualitten sind, wie sehr alle Eigenschaften, also das, was man
die persnlichen Zge nennt, dem Religisen widersprechen? Denn
Religiositt ist Sehnsucht, von der Individualitt erlst zu werden, die
Sphre des Gestalteten zu verlassen.

D'Arigo: Ich habe mich gefragt, warum mir alle Einzelexistenzen so
teuer werden, da ich mein frhres Leben, das sich unbekmmert ber den
Mensch hinwegsetzte, nun Snde nennen mu; und als Antwort fand ich, da
jede Einzelexistenz eine Seele hat, unsterblich als Seele ist. Ich
glaube heute inbrnstig an die Unsterblichkeit der Individualitt, des
Ich, des Einmaligen, des anvertrauten Guts.

Lauda: Wenn das Ich einmalig ist, was wird dann nach dem Tod aus ihm,
wo war es vor der Existenz? Unsterblichkeit und Einmaligkeit
widersprechen sich.

D'Arigo: Das ist Dialektik, triumphieren Sie nicht zu rasch. Es ist
nicht anders mglich, als da mein Ich fortwhrend durch die Zeiten
andren Existenzen berwiesen wird, und ich glaube an die moralische
Ordnung dieses berweisens. Die Vielheit der Menschen htte keinen Sinn,
die Tatsache, da es unter ihnen grobe, gemeine, stumpfe Individuen ohne
Zahl, daneben reinere, reinste, schwankende, entschlossen gtige,
halbsinnliche, ganz entsinnlichte gibt, htte keinen Sinn, wenn diese
Existenzen nicht Rangklassen, Bettigungssphren wren, die in
aufsteigender Linie geordnet sind. Der Sinn heit: Luterung.

Lauda: Also eine moralisch begrndete Seelenwandrung.

D'Arigo: Ja, und es ist mir unbegreiflich, da sie unter den Dogmen des
Christentums fehlt.

Lauda: Sie fehlt nicht ganz, Fegfeuer, Hlle, Paradies bringen
denselben Gedanken zum Ausdruck; nur die indische Fassung fehlt, weil
das Hauptgewicht ganz auf das Jenseits gelegt wurde. Sie drfen
ruhig sagen, da Sie glubiger Christ im Schulsinn sind,
Anschaulichkeitsmensch durch und durch, jeder philosophischen
Differenzierung bar, Anthropomorphist durch und durch -- wenn ich
Wortspiele machen wollte, wrde ich sagen Anthropomorphinist, es gbe
einen Sinn.

D'Arigo: Worin bestnde philosophisches Denken, wenn nicht in demtiger
Beschftigung mit den hchsten Fragen?

Lauda: Ich knnte antworten: in dem Ausscheiden der Demut, denn Fragen
stellen heit undemtig sein; ich sage besser: in dem Versuch, das, was
Sie Gott, Seele, moralischen Sinn des Ganzen nennen, als
Anschauungsformen Ihres Ich, genauer Ihrer Grundanschauungsform, der
Kausalitt, zu erklren. Gott, Seele, moralischer Sinn sind Varianten
der Kausalitt, es sind Projektionen der Logik, der Teleologie. Sie
sprechen von der Unsterblichkeit des Ich, der persnlichen Seele; fr
mich sind diese Worte unertrglich an Banalitt, sentimentalische
Eifrigkeiten.

Sie legen zu groen Wert auf den Begriff Eigenschaft, Seele ist
philosophisch betrachtet eigenschaftslos, in allen lebenden Wesen
gleich, unindividuell. Eigenschaften sind Phnomene der gestalteten
Welt, der Sphre des Geschehens oder der Manifestation, Akzidenzien
sekundrer Art, Resultate des Aufbaus von Organismen. Es ist vielleicht
nicht richtig, zu sagen, da mit dem Zerfall des Organismus die
Eigenschaften erlschen, sie knnen latent in den kleinsten Zellen
weiterbestehn, so da Vererbung nicht an den elterlichen Organismus
gebunden wre; aber nicht darauf kommt es an, sondern darauf, ob, was
Sie persnliche Eigenschaften eines Ich nennen, eine grobe oder feine,
gute oder egoistische Art des Handelns, eine bestimmte Tendenz des
Denkens, die Ihnen eigentmlich ist, wie Farbe und Geruch der Pflanze --
es kommt darauf an, ob man von diesen Eigenschaften annehmen kann, da
sie ursprnglich sind oder im Verlauf der Differenzierung entstanden,
anders ausgedrckt, ob sie in der absoluten Sphre existieren. In ihr
lst sich mir alles in Vitalitt, Dynamisch-Primres auf, und
Unsterblichkeit wird selbstverstndlich, Individualitt aber ohne Sinn,
denn Sinn htte ja nur ihre Bewahrung mit Haut und Haar, den Lastern und
der erreichten Erkenntniskraft. Der Naturwissenschaftler, der von
Erhaltung der Energie sprach, war der Wahrheit nher als Sie Christ, der
seine Zeitlichkeit retten will.

Ihrem Glauben an Seelenwandrung kann ich nur ein Zugestndnis machen: es
wre denkbar, da auch nach Auflsung eines Organismus, zum Beispiel
Mensch, die Zellenkerne, als eigentliche Trger der reizbaren Energie,
von seiner Individualitt imprgniert blieben -- gleichsam kleine
ausgesetzte Minen mit eingestelltem Znder, mit einem Vorzeichen
geschlsselt, Zellen, _die ihr Erlebnis hatten_; sie wrden
milliardenfach von den Spteren auf dem Nahrungsweg verschlungen und
wren an dieselbe Bedingung wie etwa krankheitserregende Bazillen
gebunden, den gnstigen Boden, Prdisposition zu finden: Zellenkerne des
Plato sind unwirksam im Organismus des Cortez, wirksam in dem des
Paracelsus. Voraussetzung wre, da diese Zellenkerne nicht durch
Verdauung zerstrt wrden, das wird in der Tat behauptet. Sie also
wrden eine Art seelischer Wandrung ermglichen, Erinnrung des Plato
keimte in Paracelsus auf, wird weitergegeben an Kant, und Existenz wre
eine ewige Wiederholung von typischen Kernen, die in einer fernen
Vorzeit ihre Eigenschaft adoptiert htten, wie Tiere und Pflanzen,
heute im wesentlichen unverndert, frher einmal erste Eigenschaften
annahmen. Aber diese Theorie ist wie eine Einlage in der Symphonie der
monistischen Phnomenologie, und keine Strkung Ihrer ethischen
Seelenwandrung, die hilflos an ihrem Dualismus zugrunde ginge, wenn Sie
klar dchten.

D'Arigo nahm einen gelben Band, den Lauda nun schon kannte, und las:

   Der Sinn den man ersinnen kann
   ist nicht der ewige Sinn.
   Der Name den man nennen kann
   ist nicht der ewige Name.

Lauda: Wie dunkel mu die Weisheit Laotses sein, wenn so verschiedne
Naturelle wie Puck und Sie sich auf ihn berufen. Aber was Puck ansteht,
steht Ihnen nicht an. Lassen Sie mich alles rcksichtslos sagen:
betrachte ich Sie, Ihre Herrengestalt, lasse ich die Schwingungen auf
mich wirken, die von Ihrer hagren, verschlonen Energie ausgehn, dann
bedaure ich, da Sie, geboren sich in allen Strungen der innren
Rotation zu behaupten, das neue Erlebnis der Demut nicht organisch
verarbeiten, nicht gleichsam dosieren, sondern alles Feste, Nervige
durchsetzen und zersetzen lassen. Jeder neue Gedanke, der in uns
aufkeimt, ist Strung und wird Wuchrung, wenn wir ihm nicht aus unsrer
Gesundheit heraus Schutzstoffe entgegensetzen; verdnnen wir ihn nicht,
vergiftet er uns. Es gibt eine geistige Schwngrung, der auch der Mann
erliegt, es ist die Vergewaltigung durch die Seele; sie erfolgt immer
dann, wenn in die Sphre des Ich, des Einzelnen, die Vorstellung der
andren oder der Totalitt einbricht.

Sie sagen, ich sei nicht religis. Ich verzichte nur darauf, das zu
vereinigen, was sich nicht vereinigen lt, die Sphre des Ich und die
der andren, oder die Sphre des Geschehens und die des Absoluten, ich
bewege mich in beiden, nacheinander, der Brckenlosigkeit bewut, und
bin so, Sucher des Zugleich und der Einheit, doch im praktischen
Gebrauch reiner Dualist. Sie aber grenzen den Fremdkrper, der in Sie
getreten ist, nicht ab -- vielleicht ist er eine Frau, diejenige, die
Sie portrtieren.

D'Arigo begann die Figuren mit nassen Tchern zu bedecken; symbolische
Handlung, Bedeutung Laudas, da Freundschaft nicht sein werde.

Sie gingen zusammen zur Stadt, vor einem Garten gab d'Arigo die Hand,
sagte: Leben Sie wohl, hier ist Sellos Atelier, ich werde erwartet.

Absicht war deutlich, Lauda sagte ruhig: Wenn es mglich ist, nehmen
Sie mich mit, es ist erwnschte Gelegenheit, ihn kennen zu lernen.

Sellos Statuen der triumphierenden Nacktheit schmckten Brunnen und
Hallen, auch war er Liebling der Kunstzeitschriften.

Sello war bei der Arbeit; straff, mit geschlonen Schenkeln, die Arme
rckwrts gestreckt, damit die Kuppel des Bauchs, die Fanfare der Brust
sieghafter sei, stand in Lebensgre das Weib. Sie stand und schritt
doch entgegen den Blicken, furchtlos vor Mnnern, Spitzen der Brste
gegen sie gerichtet; im archaisierten Blick letzte Erinnrung an junge
Astarten.

Sello sagte: Es ist mir etwas begegnet, wovon ich nicht wei, ob es
mich entzckt oder stutzig macht: dieses Geschpf (er wies auf die
Statue), Produkt der innren Energie, berhhung der Wirklichkeit, lebt,
sie war heute morgen hier und stand neben der Figur, ihre Kopie. Sie
wird mich zwingen, meinen Stil zu ndern, ich wre nur noch
Modellnachahmer. Es ist eine junge Tessinerin, im ersten Jahr der
Hetre, die wiedererstandne Renaissancekurtisane, von einer ltren
Schwester begleitet, die sie einfhrte. Die Grenzen sind geschlossen,
sonst wre sie die Sensation Roms; statt mit jungen Frsten lebt sie mit
den Zrcher Kriegsjuden. Sie ist sich ihrer Karriere bewut, erlaubt
kniglich, da man sie La Putana nennt, als sei es der Name einer groen
Schauspielerin.

                   *       *       *       *       *

Sello, umgnglicher Mensch, lud Lauda ein zur Zunft; einmal in der Woche
trafen sich die einheimischen Knstler in der Trinkstube einer
historischen Hotellerie, darin seit den Tagen der Humanisten jeder
Europareisende von Rang abgestiegen war. Sie waren trinkfreudiger als
Literaten, Malerei war sinnlichres Handwerk, Malerei hielt die
Berhrung, mehr, die Verbindung mit Scholle Gebirge Landschaft aufrecht;
Malerei verwies auch auf die bodenstndige erste Derbheit der
Erscheinungen -- so war um jeden etwas von der Philosophie des ebenfalls
mit der Realitt verwachsnen Gottfried Keller, mannhafter Freisinn
burischer Frbung, sozialen Instinkts.

Dazu kam nach Wahl ein Akzidenz fremdlndischer Reizung,
Italiensehnsucht wie bei Sello, vergngte Erinnrung an Mnchner Treiben,
Pariser Aufenthalt. Man war bei aller Freiheit eingeordnet in sehafte
Wirklichkeit, fand Auftrge und konnte sich darauf verlassen, da das
Organ der ffentlichen Meinung, die groe Zeitung der geistigen
Hauptstadt, gewissenhaft von Zeit zu Zeit den Namen druckte, kurz man
durfte ruhig wie der Steuerzahler am Nebentisch seinen Veltliner
trinken, man war nicht mehr als er, man war gut demokratisch soviel wie
er.

Fr Stimmung solcher Existenz und des Gewordnen, das sich auf Erden
einrichtet, war Lauda nicht unempfnglich, und Herzlichkeit der Aufnahme
verpflichtete menschlich; aber da knstlerisch hier das Geruhige galt,
sie alle in berkommner Atmosphre lebten, nicht eine neue bildeten, war
klar. Hier war noch Farbenfreude, Lust an der Unerschpflichkeit der
sichtbaren Dinge; sie malten Spargel Engadinsee Kuh, und Duft stand
hher im Wert als Auflsung in Geometrie, Renoir hher als die
Mathematik Picassos. Irgendwie bestand Zusammenhang, grundstzlicher,
beleuchtender, zwischen der Behaglichkeit des Stammtischs und der
berlegung Sellos, ob sein Stil nun gefhrdet sei, weil in der Realitt
ein Modell aufgetaucht war, das ihn zum Kopisten machte. Da solcher
Zufall mglich wurde, bewies, wie gering Umformung war, die er mit der
Natur vornahm.

Und was war von der Antwort zu halten, die d'Arigo gab, als Sello sich
anbot, ihm La Putana zu schicken, damit er ihren Akt studiere -- die
Antwort war, er drfe sein Werk nicht gefhrden. Lauda bekam Sehnsucht,
die Jungen, andren zu sehn, in denen Revolte war gegen die dumme
Existenz einer Malerei, die nun seit vierhundert Jahren sich in der
Sphre der Realitt eingerichtet hatte, den Zugang zur absoluten nicht
anders fand als durch die Dialektik, Abbildung der Erscheinung ziele auf
das Absolute hin, gemaltes und gemeieltes Geschpf lobe Gott.

Nein, das war in mittelalterlicher Kunst gewesen, als Geschpf noch
nicht dualistisch Selbstzweck war, sondern nur Schmuck und Lobpreisung
in den dem Schpfer gebauten Rumen. Nie sah er unmittelbarer die
Sinnlosigkeit einer Beschftigung, die inmitten einer brgerlich
fronenden Welt Weiber in ein Atelier fhrte, um sie auszuziehn und zu
malen -- kein Unterschied auch, wenn andre die Staffelei in die
Landschaft stellten, Schnheit von Weidenbaum und Wiese einzufangen. Das
alles war tragisch irreligis in dem Ma, wie es religis zu sein
behauptete, letzte Verbeugung der Zivilisation vor dem verlornen
Elementaren.

Er verlie die Zunft und ging dorthin, wo man die Jungen traf, ins
Kaffeehaus. Die in der Trinkstube miachteten das Caf, nannten es die
Brse der Heimatlosen. Die Literaten blieben nichts schuldig, hieen sie
ihrerseits Brger -- es lag dieser Feindschaft objektiv eine
Tatschlichkeit zugrund; gemeinsame Norm, an der sie sich beide maen,
war das Verhltnis zur Realitt, als welche philosophisch Sphre der
Existenz, des Sichtbaren, Getrennten, praktisch Brgerlichkeit,
Bejahung, Wille zum Positiven hie. Kein Zweifel, wo die grre
Geistigkeit war: bei den Literaten; sie warfen doch wenigstens wie der
religis, grundstzlich denkende Mensch die Frage nach dem Wert der
Bejahung auf, erklrten die Sphre der Tat mitsamt ihrer optimistischen
Philosophie des Du sollst Dich regen und brgerlich voranbringen, als
problematisch -- Antwort auf diese Frage war also nur bei ihnen zu
erlangen, und wenn sie hundertmal Nichtstuer, in der Luft Schwebende
waren, sie waren diejenigen, die den Mut hatten, das Prinzip des Geists
dem der Tat radikal entgegenzustellen, und es war klar, da, wenn nach
dem Krieg die Revision aller Grundlagen begann, das Prinzip der reinen
Intellektualitt gleichberechtigt neben das des Positivismus treten
wrde.

Die braven Maler waren Leute des Kompromi, die Literaten Radikale der
Idee. Bei ihnen allein war eine Parallele zum System der Geometrie zu
finden, die, von gewissen letzten Abstraktionen ausgehend, eine Welt der
Statik und Konsequenz errichtete. Das Werk Picassos war eine solche
Parallele: die ersten Konzeptionen waren ganz, wie der Brger und die
Kritiker sagten, knstlich, ohne Beziehung zu seelischen Nten und
Bedrfnissen, aber das knstliche Gebilde begann zu sprossen und zu
blhn, alle Vitalitt und Sfte lieen sich ihm zufhren, so da es ein
Kosmos wurde wie ein andrer; das verstanden in deutschen Lndern die
Leute nicht, klagten befremdet, da in dieser Kunst nichts von Trost fr
ihren Seelenhunger sei, nicht Anhalt fr ihre Ehe- und Gottprobleme.

So falsch. Sie wollten in der Kunst noch einmal die gegenstndliche Welt
sehn, in der Meinung bestrkt werden, da diese Sphre fr sie das
Wichtigste sei, ohne zu erkennen, da sie nur Projektion einer
absolutren Sphre war, nur Vorwand, um deren Gesetze, Proportionen,
Sto, Gegensto, Mischungsverhltnisse sichtbar zu machen: sie wuten
nicht, da das reale Geschpf nur ein Kristallisationszentrum fr
dynamische Krfte war -- Ausgangspunkt jenes Grauens, das Lauda
bisweilen angesichts der Rhrigkeit und des Optimismus des menschlichen
Treibens berfiel; denn das nur als Vorwand dienende Geschpf, diese
_Hemmung_, an der die absolute Kraft sich brach, differenzierte,
Eigenschaften gewann, sichtbar wurde, neu sammelte, hielt sich fr
selbstndige Individualitt, baute sein innres Leben aus, sprach in
groteskem Miverstndnis von einem Gott, der ihm gutgesinnt sei.

Der Abend war warm, Gang die Kais entlang zum Caf schn, aber er sprte
das Grauen in allen Haarspitzen, hrte das bse Lachen aus der Lge der
Schpfung und verstand, da in dieser neuen Kunst, die nicht mehr die
ure Erscheinung der Gegenstnde, sondern ihre innren Rotationsfiguren
darzustellen begann, so seltsam neben den ernst Arbeitenden die
Hhnenden, berdrssigen, Verwerfenden auftraten -- aus gemeinsamer
Wurzel entsprang der Geist der Demut und der Dissonanz, der bejahten
Kunst und der Ironie.

Er fand Lisbao und Puck, Mi Lilian und Hans in einen Kreis unbekannter
Menschen, aber es ward ihm nicht erlaubt Platz zu nehmen, Puck ging ihm
entgegen, sagte:

Wir brechen auf, zwei Autos warten, kommen Sie mit, zum ersten
Versammlungsabend aller Ungegenstndlichen und zur Besichtigung ihres
Ausstellungshauses, das kein andres als mein eignes ist.

Das Haus war in dem einen Tag umgestaltet worden, nicht
wiederzuerkennen. In jedem Zimmer lag ein Teppich, an jeder Wand hingen
Bilder -- nur dadurch mglich, wie Puck sagte, da jeder Knstler seinen
Teppich mitgebracht und seine Werke selbst aufgehngt hatte. Da die
Ausstellungshallen verweigert worden waren, hatten die Maler Selbsthilfe
beschlossen. Hans fhrte Lauda vor seine Arbeiten in Tusche, Holz und
Wolle.

Auf morgen, sagte er, sind die Kritiker geladen. Sie werden vor
meinen Stickerein feststellen, da ich ein begabter Kunstgewerbler sei,
denn sie werden zwar begreifen, da man in Wollfden nicht Zwerge und
Huschen sticke, sondern abstrakte Flchen und Wertverhltnisse, aber
sie werden nicht fhlen, warum ich das fr hher als Malerei achte, fr
reiner. Denken Sie sich diese Komposition hier, die gleichnishalber wie
ein Querschnitt durch die innren Organe, ihre Aufeinander- und
Nebeneinanderlagrung ist, in l: es wre zu direkt, die Farbe zu brutal,
es wre der wirkliche Querschnitt durch die geffnete Bauchhhle.
Dadurch, da ich die Farbe an ein Material binde, vergeistige ich sie,
rcke sie hinaus; in uns, in mir wenigstens, ist eine Abneigung gegen
die Heftigkeit der Farbe, ihre triumphierende, vergewaltigende
Sinnlichkeit.

Mir ist es verstndlich, antwortete Lauda, vorhin, als ich zu Ihnen
ging, dachte ich, da die Energie, um sichtbar zu werden, Materie
braucht, Materie ihr Kristallisationspunkt ist; Sie fgen eine neue
Phase hinzu: da, zum zweitenmal vollzogen, die Materialisation die
Energie vergeistigt; die von der Materie auf den Knstler ausstrahlende
Energie bedarf abermals der Kristallisation, Kunst ist durch zwei
Instanzen von der primren Energie entfernt, Phantasie ist also Brechung
und Hemmung, ein Widerstand -- wessen? Offenbar des Individuums, des von
der Totalitt Getrennten, gegen die Totalitt. Das erlaubt mir, die oft
erhobne Forderung der Suvernitt zu begrnden und zugleich
festzustellen, an welchem Punkt sie kunstfeindlich wird: wenn der
Widerstand andauert, nicht nur dazu dient, die Materie prismatisch zu
zersetzen; Suvernitt ist also der durchgefhrte Widerstand des
Individuums gegen die Totalitt, Kunst nur der kurzfristige.

Wir sollen nicht dauernd widerstehn, sagte Hans mit einer
Herzenshflichkeit, die aus dem Gefhl geistiger Begegnung kam, und
Lauda empfand: mit ihm wird Freundschaft mglich sein, Ablehnung
d'Arigos ward hier Milde.

Sie traten vor eine Tuschzeichnung Hans'. Lauda sagte:

Durch Ihre von Lisbao vorgelesnen Gedichte bin ich dem Verstndnis
nher. Es ist eine phantastische Ballade, Mrchenelemente darin, die
Totenbarke Dantes oder die Versammlung der Bremer Stadtmusikanten; es
steht frei, Marhaftes und Tierhaftes anklingen zu fhlen.

Ja, es ist der Niederschlag der Stimmung eines bestimmten Tags. Man
kommt nach Hause; Erinnrung an Wald, Spuk, Barke im Licht, Gespanntes in
sich und andren, Qulen, Gutzueinandersein zieht noch einmal aus dem
innren Schacht, gleichzeitig, nebelhafter Schwaden abgeschiedner
Gespenster: hier sind sie, in Schwarz gebannt, unmateriell,
unaufdringlich; nicht Unterschrift und Legende darunter, sondern dem
Beschauer berlassen, sie nach seinen eignen Erlebnissen auszulegen;
denn auch diese, seine Erlebnisse, reduzieren sich auf Spannung, Hrte,
Weichheit, Atomverbindungen des Temperaments.

Wissen Sie auch, antwortete Lauda, da das, was Sie eben sagten, dazu
ntigt, mit dem Begriff abstrakte Kunst vorsichtig zu sein? Sie geben
den Niederschlag Ihrer _Stimmung_, Ihres Temperaments, in ihrem Fall
eines unheftigen, pflanzenhaften, weichen Temperaments, Sie sind also
nicht radikal abstrakt im philosophischen Sinn, denn dann wren Sie ganz
unsinnlich, sondern nur mild sinnlich, annhernd abstrakt im
anschaulichen Sinn eben der Kunst. Sie geben nicht reine Geometrie,
sondern nur gereinigtes Gefhl wie im Lied des Musikers. Es ist aber
theoretisch denkbar, da ein Knstler auf die Stimmung verzichtet und
nur Geometrie darstellt, er wrde die Farbe, die Sie ja auch haben, ganz
meiden, nur Linien gelten lassen, und sie wren nur noch die Verbindung
von Punkten, durch Gerade oder Kurve.

Es ist nicht nur theoretisch denkbar, es hngt praktisch hier, sagte
Hans lchelnd und fhrte ihn vor die Zeichnungen eines Hispanofranzosen.
Es waren Querschnitte durch imaginre Maschinen, die Kurve eines Beckens
endete in einem Lutwerk, Bleigef mit Spirale, und um sich
verstndlich zu machen, hatte er gleichgltig oder herausfordernd lngs
der Kurve geschrieben: vagin brillant, schlpfrige Scheide.

Warum zeichnet er noch berhaupt, warum verzichtet er nicht? Er hat die
Grenze der Kunst berschritten, mu Zyniker oder ganz Mder sein.

Sie erraten ihn gut, er spricht mit grenzenloser Gleichgltigkeit von
Kunst, schleppt heute sein einst hart angreifendes Temperament mde
durch die Welt, ein reisender Mylord, der zu trge ist, zu gehn, er
nimmt eine Kutsche am Bahnhof, wenn das Hotel gegenber liegt.

Lauda: Warum zeichnet er also noch?

Hans: Letzte Zuneigung, auch wenn er hhnt, letzte Illusion einer
Beschftigung, ich wei es nicht, nur ertrglich, weil wir frhere
Sachen von ihm kennen, die ihn als Berufnen der Farbe auswiesen.

Lauda: Alle Knstler des Abstrakten werden diesen Weg sich ffnen sehn,
der aus der Kunst fhrt. Sie werden more geometrico auf das Religise
stoen und den Pessimismus des Religisen. Wer bis zum Religisen
vorstt, wird unbrauchbar fr die Sphre der Realitt, wo alles
einzeln, von seinem Bruder getrennt ist; ich wei heute, da das es war,
was mich der Existenz als Knstler entfremdete. Fr mich steht abstrakte
Kunst mit der gegenstndlichen in der Sphre des Anschaulichen; beide
_zielen_ auf das Primre in den Erscheinungen, sie erreichen es nicht.
Kunst, in welcher Gestalt sie auch auftritt, ist nicht vollendete
Geistigkeit, nur angewandte; sie ist immer Veranschaulichung. Ist
wirklich der Unterschied zwischen einem Maler, der unter Beibehaltung
der menschlichen Gestalt einen in Farben rotierenden Organismus
zusammensetzt, und dem, der ohne diese Beibehaltung Farbenwerte
ausbreitet, so gro, da er grundstzlich wre? Nein. Der Unterschied
besteht nur darin, da jener verfhrt wird, die Gestalt als Selbstzweck
zu wollen und zu vergessen, da sie blo Kristallisationspunkt, Hemmung,
Widerstand ist, und da dieser dem Absoluten nher kommt, der Vorsto in
die Sphre des Primren deutlicher, also die religise Ahnung
unmittelbarer wird. Der vollkommen religise Zustand aber wre passiv,
buddhistisch -- Kunst unterscheidet sich von Religion durch ihren Gehalt
an Aktivitt, Kunst ist Wille, Religion ist Sein, Kunst ist
optimistisch, wie alle Tat optimistisch ist, Religion ist pessimistisch,
Rckkehr zur unpersnlichen Totalitt.

Hans: Da Religion pessimistisch sei, ist meinem Gefhl unerwartete
Behauptung. Meine Stimmung der Welt gegenber ist religis, aber sie ist
gerade darum duldsam, nachsichtig, von einem aus Komik und Liebe
gemischten Mitfhlen, voll des Wunschs, da jeder der kleinen oder
groen Narren seinen Willen habe.

Lauda: Wie sehr besttigen Sie mit diesen Worten meine eignen. Mitleid,
Komik, Duldsamkeit sind Ausstrahlungen des Pessimistischen, gemildert
durch das Jasagen, das sich mit der Tatsache, da wir nun einmal
existieren, abfindet. Ihre Stimmung ist also eine Mischung -- ich flle
die Mischungsteile und erhalte als den primren Teil: das Nein.

Hans: Ich will Ihnen einen andren unsrer Maler zeigen, den
religisesten, in dem die Sehnsucht nach Gott so wenig pessimistisch
ist, da sie sich ganz mit Ethik, Gutsein identifiziert; er ist nah
daran, an den persnlichen Teufel als das Prinzip des Bsen zu glauben,
und qult sich in von uns allen nur geahnten Kmpfen, ihn durch Zucht
des Willens zu berwinden -- er ist in die Netze der Christian Society
geraten und spricht wie ein Buddhist davon, da es keine Krankheit gebe,
wenn man den Willen zum Guten nur so steigre, da er sie besiegt. Als
sein Bruder neulich, abgestrzt und zerschmettert, auf den Tod lag,
beschwor er den Ohnmchtigen, seine Lebensgeister zusammenzuraffen, und
raufte in biblischer Verzweiflung die strhnigen Indianerhaare, weil
seine eigne Kraft nicht gro genug war, den Sterbenden der Lockung des
Tods zu entreien.

Lauda: Erscheint Ihnen das als Widerspruch? Das Verstndnis stellt sich
ein, wenn Sie von seinem Glauben an den Dmon Teufel ausgehn. Der Wille
zum Ja symbolisiert in ihm das pessimistische Grundgefhl, kmpft gegen
es an, und der Glaube an das Gute ist nichts als ein diktatorischer
Versuch, das Ja strker als das Nein sein zu lassen. Auerdem sind Gte,
Mitleid, Duldsamkeit ein Ausweg, um sich trotz des Wissens um die
Sinnlosigkeit des Geschehns in der Sphre des Geschehns einzurichten,
sie sind die suvernste Leistung des ausgesetzten Geschpfs -- fast
gelingt es ihm, sich von seiner tragischen Hilflosigkeit frei zu machen;
sie sind rhrende Illusion, die ber die Grausamkeit des
Existierenmssens hinwegtuscht.

Sie traten vor die Bilder dieses Malers, da winkte Hans Obrecht selbst
herbei -- gleich wesentlich der Eindruck des Menschen und des Werks. Er
war burisch, in einem andren Sinn als die Genossen jener Zunft, mit der
Materie verbunden durch Heiligung; Fron in ihrem Dienst war auferlegte
Last Gottes, Sphre des Schweren und Sndigen durch Denken und Demut zu
berwinden; er sah auf den ersten Augenblick alt aus, das Gesicht in
Rinnen zum Mund komponiert, der nicht die Schwingung der Frohen noch der
Sinnlichen hatte; Bswilliger konnte sagen, es sei ein Karpfenmund, und
es htte nichts besagt.

In den Bildern viele franziskanische Farben, Gold, Wei und Braun. Als
Lngsachse eine weibliche Figur auf der Grenze zwischen
Gegenstndlichkeit und Zersetzung; ein Verzauberter konnte so trumen,
da ein lebendes Geschpf vor ihm in seine Elemente zurckzuwachsen
begann, und die Elemente waren bausteinhafte Quadrate. Haube der Madonna
wurde zum Rundbogen, aufgeteilt in Schrgsteine einer Rustica; dieses
Prinzip bertrug sich auf die ganze Ebne des Bilds und zerlegte sie in
eine Summe von Vierecken, deren jedes wieder eine grathafte Mittelachse
herauszutreiben begann: die Kristallisationsachse, die Widerstandslinie,
an der sich Licht brach und Farbe wurde, Eigenschaft annahm --
gleichzeitige Wiedergeburt der Energie in vielen Feldern und
Vergeistigung von Licht und Farbe, wenn Vergeistigung Einschaltung eines
Widerstands bedeutete. Groer Eindruck von Heiligung der Farbe, des zu
Sinnlichen, brnstige Glut der Farbe in demtige Glut verwandelt. Lauda
sagte:

Ich fhle, Herr Obrecht, nachdem ich abtrnnig war, langsam, unmerklich
Lust zu eigner Arbeit, Lockung des eignen Knnens wieder nahn, Ihre
Bilder sind wie neue Ermutigung, da es mglich ist, mit dem Mittel der
Anschaulichkeit eine Stufe der fast vollendeten Anschauung zu erreichen
-- jenes Fast und Beinahe, das den Ehrlichen genug sein wird.

Es bot ihm Obrecht eine Madonna zum Geschenk; zwischen zwei der
Aufteilungsfelder gebrochen stand Neumondsichel in einem
grndurchhauchten Blau, in das ein Matt stieg wie Nebel aus einer
Sommernacht; Krper der Frau wie durch zwei Spiegel gesehn, so fern.

Sie gingen weiter; ein andrer hatte ein Gebilde gemalt, wie wenn man aus
dem photographierten Mewerk des Sternenhimmels ein Stck Milchstrae
vergrert htte und dieses Stck Himmel wre der durchs Mikroskop
gesehne Querschnitt durch die Rotation eines Pflanzenleibs gewesen --
Mondkraterlandschaft als Bltenreigen gedeutet, Scheibenbild von
vergrerten Blutkrperchen, den schwingenden Zellchen, den kreisenden
Tierchen: wo war der Unterschied zwischen Blume, Tier, Mond,
Sternenmeer? So nahliegend, den Querschnitt durch einen Baumstamm, einen
Stein ergnzend heranzuziehn, so selbstverstndlich.

Und es hatte ein andrer, die Wand zweiteilend, neben Photographien von
Schmetterlings-, Kfer-, Seesternornamenten die eignen Variationen
dieser Rhythmen gehngt: er lehrte Lauda die Ornamente der Natur lesen.
Folgendermaen erklrte er den Schmuck eines Schmetterlingsflgels:

Links unten sind in zehn wagrechten Parallelen gewellte Linien: der
Sto, der Satz im musikalischen Sinn. Er endet in einem senkrechten
Strich, der Zsur. Von rechts oben kommend, eine verworfne Scholle,
dasselbe System: der Gegensatz. Zwischen beide eingeschlossen eine
Variation der in jenen Wellen enthaltnen Themen, nmlich der Kurve, des
Kreises, der Geraden, als Schema von kleinen Kugeln, die durch Stangen
verbunden sind: das ist die Fuge. Links oben eine tiefschwarz nchtliche
Partie, konturlos wie ffnung einer Hhle: die Antithese des
Gestalteten, der Kontrapunkt des Ja. Und nun das Tiefste: da wo die Fuge
an den zweiten Satz stt, ein vereinzelter roter Fleck, der deutlich
gesetzte Akzent, die Dissonanz und doch Zentrum der Mathematik des
Ganzen. Was ist das alles? Eine Kunstform der Natur? Richtiges und
nichtssagendes Wort. Es ist die Manifestation der innren Energiegesetze,
Abbild der rasenden Seismographie, des in die Existenzschieens, der
Hemmungen, Abreagierungen (Kurve, die Grundfigur der Natur). Wer die
Geburt der Krfte, die Rhythmik des Bluts, das Geheimnis des Wachsens
studieren will -- hier ist sein Objekt. Mir gab die Beobachtung dieser
Rhythmen den Mut, meine eignen nach meinem Naturell zu zeichnen, die
Isobaren meiner Erregung, die Wetterkarte meines Tags.

Doch waren diese Seelenkarten mavolle Variation der studierten Natur,
und dieses Temperament fand Genge in der kunstgewerblichen Anwendung;
es hingen Beutel, standen Glser, Tpfe. Anders ter Brink, der
Hollnder; er hatte ohne Studium der Natur die gleichen Grundgesetze von
Satz und Fuge gefunden, und die Pdagogik kam aus ihm selbst: als
fanatische Pedanterie sich uernd. Lauda sah einen ausgehhlten Mensch,
der in zwei Jahren Bergeinsamkeit sein Gehirn zuschanden gegrbelt
hatte, um als Beckmesser der neuen Kunst die Tafeln und Weisen zu hten,
aufrechterhalten von der fixen Idee, in seiner Mappe die
Kompositionslehre der Zukunft zu tragen und berufen zu sein, den
Zeichenunterricht der Schulen umzugestalten. Dieser war der erste, der
auf der Ausschau nach einem Mittel, das ihm die pdagogische Macht in
die Hand spielen konnte, auf die Diktatur des Proletariats rechnete:
dann wrde er als roter Kultusminister die Sle mit den Gipsmodellen
zertrmmern und die abstrakte Kunst als Staatskunst einfhren. Stellt
euch mit mir gut, scherzte er -- es war wenig Scherz darin, er sandte
lauernde Blicke und notierte jakobinisch Gegnerschaft. Er war frher
recht und schlecht Maler gewesen, Landschaft abwandernd, und damals
hatte er eine Frau genommen und in einem nicht zu schlimmen
Reisezigeunertum gelebt. Als der neue Geist ber ihn gekommen war,
qulte er die kleine Frau, vorwerfend, sie erkenne seine Messiassendung
nicht genug. Sie kam weinend zu Freunden, ohnmchtig, weil er es fr
nichts erachtete, da sie sich mit dem Verlust der Einnahmen abfand und
mit ihm hungerte. Hunger war ihm die Wollust des Mrtyrers, Stigma
seiner Gre.

Um die Frau willenlos zu machen, ihr die zitternden Nerven der
Empfnglichkeit zu geben, die anzubeten bereit ist, setzte er vor ihren
Augen den Revolver an die Schlfe, sprang dann die Treppe hinauf, um im
abgeschlonen Stockwerk ber ihrem Kopf stundenlang auf- und abzugehn,
bisweilen stehnbleibend und den Hahn der Waffe knackend -- sie wand sich
unten in Angst; danach kam er blde lchelnd wieder zum Vorschein und
lie sich streicheln. Der Hunger trieb ihn wie ein Tier im Winter vom
Dorf hinunter, die Frau ging zum Konsulat, er nach Zrich, in
Nachtkaffees Klavier zu spielen; Biographie Leid von Knstlers
Erdenwallen, falscher Strindberg ganz. In Lauda entstand beim Anblick
des berwachten Abwehr, wie in einem Europer, der in chinesischen
Spelunken einen aufgegebnen Weien sieht; harte Empfindung, doch ganz
elementar: man hat kein Recht zum Leid, wenn man unzulnglich ist, sich
darin spreizt. Leid ist Vorrecht derer, die die unpersnliche Demut
haben, Reinigung erleben werden.

                   *       *       *       *       *

Im letzten Zimmer hingen die Gipsreliefs eines Rumnen. Sie waren
bestimmt, als Flche in die Flche einer Wand eingemauert zu werden,
berwindung des trichten plastischen Schmucks, der sich aus der
Mutterebene gelst hat und stolz selbstndig geworden ist, berwindung
des Angeklebten, Daraufgestellten, Aufgehngten: es kehrte einer zur
Einheitlichkeit der alten Kunstvlker zurck, die noch nicht dualistisch
Bau und Schmuck zerrissen. Unntig zu sagen, da auch diese Reliefs
nicht schon existierende Krper noch einmal verwandten (Definition von
Schmuck, dem schlimmen Wort), sondern aus der Idee der Flche der Flche
entsprechende Motive gestalteten, ausstrahlende Linien, das Spiel von
Kante und Schatten darunter. Es gab der, der die Schmetterlingsflgel
photographiert hatte, die grundstzliche Erklrung, er sagte:

Der Mensch versteht den Sinn des Ornaments nicht mehr. Niemals in der
Natur werden Sie finden, da irgendein Geschpf, Tier, Pflanze oder
Stein, die Gestalt eines andren bestehenden Geschpfs als Schmuckmotiv
verwendet, der Schmetterling ein Blmchen oder gar den Zwerg -- das tut
nur der Mensch auf seinen Lampenschirmen. Das fr sich abgeschlone
Geschpf kommt als Motiv nicht in Betracht, denn es ist andrer Art;
jedes Geschpf findet seinen Schmuck aus sich selbst, das heit aus
seiner krperlichen Form; ist sie ein Kegel etwa, wie man sie am
Seestrand findet, laufen von der Spitze zum Kreis der Basis Rillen,
seien sie punktiert, seien sie zwei parallele Linien. Europische Kunst
von heute ist unorganisch, das ist ihre Lge. Der Maler, der die Kuh
malt, der Plastiker, der die Nymphe meielt, ist so Pfuscher, wie es ein
Schmetterling wre, der auf seine Flgel Putten setzte.

Puck sagte: Ich kann Ihnen die Besttigung vor Augen fhren, sie liegt
in meinem Hof.

Man ging hinaus, er richtete das Licht einer Taschenlampe auf
Holzstmme, die auf die Sge warteten, und wies eine Stelle, wo die
Rinde gelst war. Man sah die Gnge, die der Borkenkfer zwischen Stamm
und Rinde gebohrt hatte, sie waren eingegraben in Stamm und Rinde.
Rillchen lag neben Rillchen, zitternd gewellte Parallelen, durch
Querstckchen miteinander verbunden -- das war das einzelne Feld. Feld
stand mit Feld durch Hauptgnge in Beziehung, Hauptgnge strahlten in
den Mittelpunkt. Entscheidend aber wurde, da als Ganzes genommen dieses
Rillensystem nichts andres war als der Lngsschnitt durch die Ebne des
Kfers selbst, so geschlossen und rund wie das Wappen eines Heraldikers
-- das Tier hatte sich selbst reproduziert, der Idee nach, als Gerst
sowohl wie als innre Anatomie.

Gut, sagte Puck, wir ziehn unsre Berechtigung aus der Natur selbst,
und wenn wir so praktisch demonstrieren, knnen wir das Publikum
berzeugen. Drfen wir das Geheimnis verraten? Wir wrden zu neuen
Naturalisten werden. Meine Herren, ich stelle in uns auch noch einen
andren Trieb fest, einen diesem Jasagen, diesem realistischen Ernst
entgegengesetzten. Wir wollen eine Diskussion erffnen, ich will nicht
verschweigen, da in einigen unter uns eine Opposition gegen die
Religisen besteht, wenn wir religis Obrecht, Hans und die den
Kunstformen der Natur Anhngenden nennen.

Wieder im Haus, stehend vor den Sitzenden, entwickelte er:

Lat uns die Krfte berschaun, die uns zu Gebot stehn. Vorfahren sind
deutsche Romantiker und Pariser Bohemiens, die einen erfanden die
romantische Ironie, Aufhebung des Ernsts, die andren das
Den-Bourgeois-rgern. Beides bleibt zu benutzen, ist nicht genug. Gegner
ist die Realitt, der Brger; wir knnen ihn nur schlagen, wenn wir ihn
mit seiner eignen wundervoll zum Existenzkampf ausgebildeten Waffe
bekmpfen, der Organisation, auf die er so stolz ist. Auch denkt er
bereits in Kontinenten, erdballkosmisch, international. Organisieren wir
den Welthumor, schrfren, hhnenderen als den alten. An zehn Stellen mu
die Bewegung auftauchen -- Anstze sind ja da -- und in einem Gewand
auftreten, da er sie fr ernst nimmt. Wir suchen ihn in seinem Lager
auf, benutzen seine Publikationswege, Zeitung Reklame Prospekt und
Strae, sie alle ad absurdum fhrend, ohne da er es merkt. Fortwhrend
durch selbstverfate Notizen in den Blttern stehn, den Nobelpreis fr
uns verlangen, wenn er fllig wird, die eigne Todesanzeige in die
Zeitung setzen und sie behaglich im Morgenblatt lesen, um acht Uhr frh
Extrabltter der Neuen Zrcher Zeitung herausgeben, da Japan und
Mexiko auf die deutsche Seite getreten seien, und um neun die
Kursberung ausnutzen, das heilige Vertrauen der Brger in die Presse
stren, gefhrlich sein, das Tamtam der Heilsarmee an etwas wenden, was
der Nachhilfe gar nicht bedarf, weil es schon in allen Kpfen sitzt; ein
nicht existierendes Genie durch tgliche Bulletins berhmt machen; die
Sensationslust der Menge wie ein Geschftsmann gewordner
Psychoanalytiker berechnen und, ist der Fisch an der Angel, ihm die
Schuppen der berzeugungen vom lebendigen Leib ziehn.

Obrecht erhob sich, sagte schwer:

Ich bin kein Redner, man soll das Wort sparen fr heilige Dinge, das
Wort kommt vom Geist. Sprudelt es hervor wie bei Doktor Puck, lachend zu
tanzen, kommt es vom Bsen. Wir sind Knstler, das sind Suchende, Hter
und Heger des Anvertrauten. Wir malen anders als Rembrandt und
Delacroix, sind sie darum weniger als wir? Ich nenne sie Brder.

Lisbao erregt zu ihm: Sie malen besser als Sie philosophieren, warum
philosophieren Sie? Sie machen Kunst zu einer sozialen Angelegenheit, es
fehlt nicht viel, so definieren Sie sie als Hilfe, die wir den andren
bringen. Kunst ist die asozialste Angelegenheit, die egoistischste, die
es gibt, Traum des Ego in der Hhle der Individualitt von sich selbst.
Kunst treiben und den andren verekeln, sie treiben und vor sich selbst
verekeln, anders ist sie nicht ertrglich.

Der letzte, den Lauda nicht kannte, stand auf und sagte khl:

Warum also, Freund Lisbao, sie berhaupt noch treiben? Aus Paradoxie,
Abneigung gegen Konsequenz? Ich schlage in diesem Fall doch vor, logisch
zu sein und nicht mehr zu dichten und zu malen. Sie sehn in mir den, der
mit dem Ehrgeiz begann, schrieb, wirkte, las und stritt, an einem
schnen Tag das groe Manuskript verbrannte, seither anonymer Gentleman,
der ruhig durch die Leute geht und seine Freude an ihrer Dummheit hat,
klar, bestimmt, gepflegter Egoist. Laotse ist mir nicht ntig, ich forme
mein Brevier mir selbst.

Er hie Siriwan. Bei seinen ersten Stzen glaubte Lauda sich selbst zu
hren, und dieser ward ihm wie ein hingehaltner Spiegel, sich zu sehn.
Der Gentleman als Variation der sich selbst gengenden Weisheit, der
geringste Einschlag von Religiositt oder Aktivitt mit hflicher
Bestimmtheit abgelehnt, seltsam, wo die Durchbrche des Geists mndeten;
auf jeden wartete eine schon lngst gestaltete, banale Form. Causeur mit
Frack und Orchidee, war das sein, Laudas, Ergebnis? Ihm war, als habe er
den uersten Punkt erreicht, Fu halte zgernd an, fr Umschlag sei die
Zeit gekommen.

Der Rest des Abends war lrmende Diskussion, es sprach ein jeder von
sich selbst. Ideen der andren lsten die eignen, und von allgemein
gltigen Gesetzen redend, setzte man als Norm ausschlielich sich. Hans,
der ihn nach Haus begleitete, sagte:

Immer wenn ich wie eben Zeuge theoretischer Gesprche bin, denke ich an
Wiesen, auf denen Tiere weiden, jedes ruhig, schweigsam, eine
Tatschlichkeit, und ketzerische Gedanken steigen auf, welch ein
besondres Tier der Mensch sei: als wre er verdammt, _zwischen_ den
Typen zu weilen, nicht fest, nicht flssig, ohne endgltigen
Aggregatzustand; als ob ein Dmon Rache an ihm genommen, Strafe auf ihn
gelegt htte. Warum sind wir nicht wie die Tiere -- weil wir denken?
Also ist Denken Zersetzung, Krankheit, Verlust der Sicherheit? Es gibt
viele, die sicher scheinen, aber dieses Nichtschwanken ist Erstarrung,
und es ist nicht absoluter Natur, sondern brgerlicher: Macht der
Verhltnisse. Ich verstehe Obrecht, den ich liebe, aber ich verstehe
auch Lisbao, den Emprer, und selbst Siriwan, der das Bequemste gewhlt
hat, Zuschauer mit dem scharfen Auge zu sein. Ekstase ist Dmonie,
mssen wir dmonisch sein? Ich wre so gern kindlich; kindliche Dmonie
finde ich wunderbar; vor den dunklen Sturm, der aus uns weht, eine
Sourdine der Milde setzen oder eine kleine Maschine aus dnnem Stoff,
farbigem Papier, die nun zu fcheln und zu glhn beginnt. Stolz der
andren, heftig zu sein, ist so fern.

Lauda dachte an Siriwan, fragte Hans, was er von ihm wisse; Hans sagte:

Man wei nichts von ihm. Fragen nach seiner Nationalitt beantwortet er
mit einem gut pointierten Scherz. So kommt es, da diejenigen, die sich
fr solche Realitten interessieren, allerlei Vermutungen haben, weshalb
er nicht dient. Er geht durch alle Kreise; so kommt es, da der eine,
dem er im Hotel in Gesellschaft begegnete, ihn einen schlanken
Diplomaten nennt, Freund brgerlicher Damen oder aristokratischer; der
andre, der ihn nachts um zwei Uhr in einer verrufnen Schenke sitzen sah,
von ihm als jemand spricht, der den Straenmdchen Geld abnimmt --
Cafgeschwtz, Legendenrankung um die Maske, die Siriwan trgt. Er hat
ihrer ein halbes Dutzend, es sind seine Gesichter.

Das alles, sagte Lauda, klingt merkwrdig literarisch; man sucht in
der Erinnrung, in welchem Stck man dem Gentleman begegnet ist, der
durch alle Kreise geht und Masken trgt -- es war die kitschige
Symbolisierung der tiefen Wahrheit, da wir Gesichter tragen, um ein
Gesicht zu haben, und der noch tiefren, da wir in verschiednen
Gestalten leben mssen, um einigermaen dem Wirrwarr unsrer Wnsche und
Auffassungen gerecht zu werden. Was aber spielt sich dahinter ab, im
Zentrum dieses Menschen? Ist sein Denken schmerzlich oder nur obenhin?
Ist seine Abneigung gegen Kunst, Reden, Tat geistige Haltung, Mittel
naiv zu bleiben und sich Illusion zu wahren? Beruht sie auf einer
Energieleistung, denn den Widerstand durchfhren, ist eine Leistung, und
ihr Sinn kann heien: es darf sich nicht hingeben, wer sich behaupten
will. Wer aber mitdenken, mitleben, mitfhlen will, mu sich ffnen,
unlslicher Widerspruch. Wie lst man ihn annhernd? Durch Nacheinander,
durch Rckkehr aus dem femininen Stadium in das mnnliche, durch Kampf
um die Selbstbehauptung, nicht durch ihre Proklamation. Deshalb ist der
Gentleman im geistigen Bereich so verdchtig, er wird Systematiker und
kalter Verneiner. Es ergibt sich: Aufhebung ist eine Methode, nicht ein
Dogma, und das entspricht ihrem Wesen -- sie mu sich selbst aufheben.
Man darf nicht die produktive Ttigkeit des Knstlers verwerfen, wenn
man nicht selbst produktiv ist. Ich werde mit diesem verkehren, er ist
mein Spiegel.

                   *       *       *       *       *

In dieser Nacht blieb Lauda auf und nahm aus dem Koffer die seit zwei
Jahren nicht mehr berhrten Manuskripte. Legitimes Gefhl, zwei Jahre
geschwiegen zu haben, reinlich wie Enthaltung vom Weib und strkend wie
sie.

Er las das Stck durch, dessen letzten Akt er damals abgebrochen hatte,
und es strmte zu: Reichtum der Vorstellungen. Er nahm Platz, schrieb,
und der Akt ward gehoben in die Sphre des Jenseits. Nachdem ihm
Geistigkeit zwei Jahre lang Zersetzung der in den Erscheinungen
wirkenden Energien gewesen war, wurde sie Zusammenballung der Kraft.
Ersparte Energie lste aus die verschwendende, vermehrt um den Willen
zur Formung: gestaltete Energie. Gesprch mit Hans vor den Bildern hatte
finden lassen, da Kunst Energie ist, der Sphre des manifestierten
Willens angehrt (Irrtum Schopenhauers). Phnomen der Anschaulichkeit,
war sie von Anschauung getrennt durch die Aktivitt.

Das war ihm keine neue Erkenntnis, wohl aber neue Fordrung. Also lag ihm
nichts mehr daran, Anschauung erreicht zu haben? Es lag ihm nicht daran,
in ihr zu verweilen -- auch sie verlangte, aufgehoben zu werden, der
Strom flo als Kurve in sich zurck. Entweder man sagte radikal zu
allem, was sich in der Sphre der Tat bewegte und vollzog, Nein und
lschte sich aus Ekel oder Erkenntnis aus, oder man kehrte in diese
Sphre zurck, die die Arena des Einsatzes war. Nannte man Anschauung
den religisen Zustand, dann war Rckkehr zum Ja Abschwchung des
Religisen -- Schicksal, das noch jede Religion erlitten hatte, als sie
sich in der als Reich der Snde und des Leids verworfnen Welt doch
einzurichten begann.

Im Garten schwoll, von einem Augenblick zum andren, die Ekstase der den
Morgen verkndenden Vgel auf. Er trat ans Fenster. Schwer starrten die
Kronen, er empfand wieder die Dsterkeit des prangend Sinnlichen,
Astarte in der Anadyomene des jungen Lichts, die nur Nordlndern mit dem
weien Blut das Mdchen der knospenden Brste war. Und als er den Gang
zum See antrat, war Morgenrot ber den Bergen nicht nur rosiges Erglhn
-- auch brennende Flamme. Gleichwohl -- Glhn oder Glut, ob sie Mensch
kosten oder fraen, sie waren Fanfare des Ja, und Wind, ob er der Holden
oder der Grausamen vorausging, war Kind des Morgens; wen er anwehte,
ward stark, so froh, erfllt mit dem Hunger nach Tat.

An der Seemauer stand ein Mdchen, wandte sich um, als die Schritte des
Einsamen hallend herabkamen, erwartete ihn, sagte:

Helfen Sie mir ein Boot lsen, fahren Sie mich hinaus.

Er erkannte sie, nachdem er sie in Stein gesehn, und tat, was La Putana
hie. Auf dem See lste sie das Gewand, sprang in die Flut, schwamm, er
tat ein Gleiches. Danach stand sie am Mast, furchtlos vor Mnnern, im
ersten Strahl die Haut trocknend; das Wasser zerrann wie l auf
wlbenden Flchen. Er sah in den Raum, das Leere, gestellt: die Form,
das Bestimmte, den Akzent der Energie, das von Grenzen Umschlone --
Gef des Dmons Tat. Er sah im funkelnden Blick, der entzndeten Kohle,
und in geschrzten Lippen: den Dmon Tat.




IV


Bericht des Morgenblatts, ein deutscher Flieger sei ber die Grenze
geflchtet, besagte nichts; aber als Lauda am Abend die Villa Graumanns
betrat, sah er unter den Politikern den Arzt, der ihm whrend seiner
Militrzeit das Attest geschrieben hatte, durchblicken lassend, es werde
nicht mehr lange Wert haben. Dieser Arzt war der Deserteur, er hie
Wendling.

Der Konflikt war ausgebrochen, als er darauf bestand, einen Epileptiker
zu entlassen, der Hauptmann neue Bestimmungen entgegenhielt. Dann sind
die Bestimmungen verbrecherisch, sagte der Arzt; die militrischen
Erfordernisse gehn vor, der Offizier. Es fiel das Wort Pflicht, Wendling
stellte das Primat der menschlichen auf, machte eine Bemerkung ber
Gewissenlosigkeit des Arztes, der denselben Patient, den er in seiner
Sprechstunde fr schwerkrank erklrte, im Revier als Simulant behandeln
mute, ward angezeigt. Hunderte dachten wie er, dieser eine sprach aus,
ausgesprochnes Wort entfesselte die Lawine der Folgrungen. Er wurde
entlassen, um danach als Gemeiner eingezogen zu werden -- Hlle des
Diensts, jeder Vorgesetzte erkundigte sich nach dem Mann mit den
Sbelnarben, vernahm, verhrtete sich.

In Bewegung versetztes Denken verwarf Schritt fr Schritt Auswchse des
Militrsystems, Militrsystem als solches, deutsches Brgertum, das in
den Mittelpunkt seiner Geistigkeit die Kriegsbereitschaft stellte,
deutschen Staat. Als ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet wurde,
weil er Aufstze verffentlicht hatte, ohne sie vorzulegen, vollzog er
den Schritt vom Persnlichen zum Grundstzlichen, floh.

Fhrer des Flugzeugs war Rudolfi, ganz junger Mensch. Dieser hatte sich
begeistert aus der Schule zum Heer gemeldet, die Erfahrung gemacht, da
er nicht befrdert wurde, weil er zu zaghaft war, um sich ins Licht zu
stellen: er galt bei den Offizieren fr unfhig, Mitmenschen als Herr
entgegenzutreten, bestand die Probe der Brutalitt nicht. Verwirrung in
dem Religiserzognen, nicht Ruhe gebender Gegensatz zwischen Erinnrung
an Abende der Mutter, die Schubert sang, und Brdern, die als
Schlachtfeldandenken Todesarten photographierten: erschtternd
Gesichter, ber die wie bei bitterlich weinenden Kindern ein Rinnsal
lief, aber es war schwarz verbrannt, die ausgelaufnen Augen. Ein
Gesprch mit Wendling, und das Grundstzliche trieb auch diesen Knaben
zum Tun.

Nun stand er, der mdchenhafte Zwanzigjhrige, im Kreis der Abtrnnigen,
und suchte verstrt nach einem, der ihm noch einmal zuredete, da er
recht getan hatte; die Kameraden daheim kmpften, waren treu geblieben,
er wurde steckbrieflich verfolgt.

Man beriet, wie Beschftigung fr ihn zu finden sei; Fnfkorn schlug ihm
vor, als Volontr in seine neu gegrndete Zeitung einzutreten, das
nunmehr durch das Geld Shillers ermglichte Organ der deutschen
Opposition. Der Knabe konnte nicht, als er das Programm entwickeln
hrte. Da bot Graumann an, fr seinen Unterhalt zu sorgen, er brauchte
einen Chauffeur. Madeleine Betz widersprach, der Junge sollte, was er
getan hatte, ganz tun, die Idee, die ihn geleitet hatte, nicht
verleugnen; mochte das Blatt mit amerikanischem Geld gegrndet sein --
was fr Fnfkorn htte unerlaubt sein mssen, war es nicht fr den
Unverantwortlichen.

Ausfall auf Fnfkorn erregte Shiller, Graumann trat auf die Seite der
Elssserin, pltzliche Scheidung der Geister. Fnfkorn hoffte einen
Trumpf auszuspielen, fragte Wendling, ob er fr sein Blatt arbeiten
werde. Der Arzt lehnte ab, Fnfkorn und Shiller verlieen das Zimmer.

Da wir symbolisch zurckgeblieben sind, sagte Frulein Betz, lat uns
berlegen, wie wir die Einheit der Anstndigen sichtbar machen. Gegen
unsre Regierung aufzutreten, ist Pflicht, der Wille ist da, es fehlt:
das Geld.

Das Geld fehlt nicht, sagte Lauda und sah Graumann an, es fehlen die
Leiter, es sei denn, da Herr Wendling, der am ehrlichsten von uns
Mnnern den Untertanengehorsam gekndigt hat, bereit ist, die Redaktion
zu bernehmen. Seine Flucht, sensationeller Akt der Anschaulichkeit, ist
gegebner Augenblick.

Man begann zu verhandeln. Wendling stellte die Bedingung, da Graumann
sich als Geldgeber nannte und ein zweiter als Mitherausgeber. Lauda
schlug Frulein Betz vor, sie ihn, Wendling sie und Lauda. Graumann
hatte damit zu rechnen, da sein deutscher Besitz beschlagnahmt werde,
erbat sich Bedenkzeit; dieselbe Lauda.

Seine Stellung war zweideutig; der zweimal verlngerte Urlaub lief ab,
aber zwischen diesem Termin und seiner Ankunft lagen nun drei Monate,
Erklrung mglicher Wandlung. Er suchte am nchsten Tag Graumann auf,
entschlossen anzunehmen, wenn dieser die Bedingung Wendlings erfllte.
Die Entscheidung wurde ihm in der Form mitgeteilt, da Graumann einen
anwesenden Deutschen als ersten Mitarbeiter vorstellte, Doktor Schmitts.
Er war Dozent fr Geologie an der Konstantinopler Universitt gewesen
und von der Regierung nach Armenien geschickt worden, um Minerale fr
die Kriegswirtschaft zu erschlieen. Dort war er Zeuge der Systematik
geworden, mit der eine ganze Nation, Mensch fr Mensch, ausgerottet
werden sollte.

Lauda erfuhr zum erstenmal von den amerikanischen Greueln, der
entsetzlichsten aller Wellen von dampfendem Blut, die jemals ber diese
Entsetzliches gewohnte Gegend gerollt waren. Frher hatte man
Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht, im Zeitalter der Organisation
wurde der Plan gefat, ein Millionenvolk bis in sein letztes Glied
verschwinden zu lassen. Und die erste Million ward gettet. Man mordete
an Ort und Stelle, man schickte Zge von Frauen und Kindern in die
sdliche Wste, man rief die Kurden. Im Tal von Musch sah Schmitts einen
Platz, wo die Kurden zweitausend Frauen geschndet, danach verstmmelt,
danach mit Petrol bergossen und verbrannt hatten -- in den berresten
whlten sie dann, weil das Gercht ging, die Christinnen htten Geld und
Perlen verschluckt, um sie zu retten. Schmitts' levantinisches Weib
hatte seiner Nation, die das geschehn lie, geflucht, und der erregte
Mann zitterte wieder, als er von diesem Augenblick sprach; er wollte
nicht mehr Deutscher sein.

Fluchszene, biblischer Erinnrung, weckte Mibehagen, mnnlicher
Entscheid sollte nicht von Trnen einer Frau abhngig sein, und
Moralitt, die aus zusammenbrechenden Nerven kam, enthielt von
Sentimentalitt ein Gran, das auch in der breitren Anhngerschaft des
Pazifismus zu finden war -- gleichwohl, man durfte ber das
christianisierte Naturell allzuberedter Mnner hinwegsehn, es galt: die
Sache. Die Sache hie: Kampf ansagen dem deutschen Block aus Stahl und
Willen, mit Worten des Hasses in seine Fuge dringen -- ob sie sich
sprengen lie.

Wir haben Thomas Schreiner vergessen, sagte Lauda, er gehrt in unser
Komitee. Es erwies sich, da Schreiner keinen Wert darauf legte, mehr
als Mitarbeiter zu sein.

Was Sie tun, sagte er, ist brgerlich, ich bin russisch geschult,
Sozialrevolutionr, Anhnger der direkten Propaganda an der Front und in
den Fabriken.

Wie vermgen Sie zu wirken, fragte Lauda erstaunt, wenn Sie fern in
der Schweiz leben.

Schreiner lchelte geheimnisvoll, deutete an, da es von der Schweiz aus
mglich war, die Soldaten zu erreichen.

Durch Flugbltter, die Sie von der feindlichen Seite her in die Grben
bringen?

Vielleicht, und durch Schulung der Gefangenen in den Lagern, dort lt
sich die Avantgarde der Revolution ausbilden.

Dies ist Fnfkorns Plan, sagte Lauda, Sie arbeiten mit den
Amerikanern.

Ja, insofern ich sie benutze; nein, insofern mir ihr Sieg so
verhat wre wie der preuische. Ich stehe auerhalb Ihres
Reinlichkeitskonflikts, mein Ziel ist: die allgemeine Revolution.

Mit einem Wort das russische Programm. Wo ist der Unterschied zwischen
Sozialrevolutionren und Bolschewisten?

Er wird sichtbar werden oder verschwinden, ich wei es nicht.

                   *       *       *       *       *

Graumann rumte der Redaktion das Dachstockwerk seiner Villa ein; nach
kurzem zog Lauda in sein Haus, Wendling siedelte nach Bern ber; es war
ntig, dort einen Vertreter zu haben.

Ich bin, dachte Lauda, den Dingen der Realitt fremd geworden, es wird
notwendig, alle Energie des Denkens auf sie zu richten; hier ist Rhodus
der Tat, hier springe. Er stellte angesichts jedes einzelnen der vielen
Menschen, mit denen er zu unterhandeln begann, dieselbe leise Befremdung
fest, der ihn Schmitts und Fnfkorn ausgesetzt hatten: der Eifer, mit
dem sie Politik trieben, erschien ihm eng, ihr Fanatismus banal.
Demokratie, Wort, das sie wie eine goldne Mnze liebkosten, trug ihm
Altersspuren der Abgegriffenheit; Teilung, die sie zwischen dem
deutschen Block und dem der Entente vollzogen, jener Hrde der schwarzen
Schafe, dieser der weien, begegnete in ihm einem warnenden Instinkt.

Was Lisbao derb mit dem Wort bezeichnete, Schweine sind sie auf beiden
Seiten, und Mitrofan mit dem andren: sie sind beide Verbrecher, formte
sich in ihm als Einsicht, da die Staatsform, die sich ein Volk gab,
nicht Schuld war, sondern Schuld wurde. Es konnte sich hchstens um
Entwicklungsstufen handeln und nur die Feststellung erlaubt sein, da
das eine System besser geeignet sei, bestimmte Grundfordrungen des
staatlichen Lebens, etwa gleiches Recht und gleiche Verantwortlichkeit
des Einzelnen zu verwirklichen, als das andre.

Er ward sich klar, da diese Betrachtung die der reinen Anschauung war,
die nur feststellt, nicht wertet. Er ward sich danach auch klar, da,
wer nicht wertet, sich von der Sphre der Tat ausschliet --
unmoralischer Vorgang im Sinn eines unhygienischen, denn es verlangt die
Energie, die die Erscheinungen schafft, Bettigung, Einsatz, Rotation,
Umwandlung -- alles Ersatzworte fr den einen Grundbegriff: Gehorsam
gegen das Gesetz, das Stillstand untersagt.

Der Begriff der Mutation war es, der ihm die moralische Wertung des
Phnomens des deutschen Militarismus und die Anerkennung von Regulativen
des Gesellschaftlichen erlaubte. Unterhaltungen mit Wendling brachten
eine groe berraschung: es deckten sich die Ideen. Der Arzt hatte
unternommen, den Begriff Krieg wissenschaftlich zu zergliedern, nicht a
priori setzend, da Krieg eine Degeneration der natrlichen Anlage,
sondern durch Zivilisationen hindurch ihr adquater Ausdruck sei; aber
was ursprnglich natrlich war, wurde mit fortschreitender
Vermenschlichung und wachsender Suvernitt Atavismus.

Genau das war im Begriff Mutation enthalten: neue Ideen bedingten eine
neue Achse des gesellschaftlichen Zusammenlebens; neben den Begriff
Einer und Ego, trat der des Bruders -- unethisch, rein rationell
ausgedrckt, der der Organisation. Der Natur gehorsames Tier bedurfte
keiner Regulative; der Natur sich entwhnender Mensch bedurfte ihrer;
Ethik war nur der Imperativ, der von einem Prsens in ein Futurum
fhrte.

Die Form, die sich der deutsche Organismus gegeben hatte, war wohl
Schicksal, unentrinnbar kausal verkettet; aber die deutsche Schuld
begann da, wo Widerstand geleistet wurde gegen eine deutliche Mutation
der ganzen Menschheit, die daran arbeitete, Macht durch Reglung zu
ersetzen. In einem Augenblick, wo sich aus dem Denken des Erdballs der
Gedanke des hheren Regulativs bereits hervorrang, hatte Preuen noch
einmal alle Energie darauf verwandt, ein Instrument der Macht zu
schaffen, jede urung geistigen Lebens, Philosophie und Wissenschaft
zum Trabantendienst zu zwingen -- Schuld hie hier: eine alte Methode
als grte Tatsache Europas aufzurichten.

Selbst der Vergleich mit England war nicht richtig. England war wohl
durch dieselbe Methode gro geworden, aber in der Bltezeit dieser
Methode, und von England war zu sagen, da es Bereitwilligkeit zeigte,
den neuen Fordrungen sich anzupassen, es war der Mutation gehorsam.
Schuld Deutschlands war, da es sein Schicksal ohnmchtigen und durch
ihr Machtgefhl verdorbnen Menschen berlie, die Parolen ausgaben, wo
sie Rechenschaft htten ablegen mssen, ihren Dienern Befehle erteilten,
wo sie Mnner htten zu Rat ziehn mssen -- Deutschlands Schuld war der
unbeschrnkte Freibrief, den es seinen Regierenden gab.

Wenn Demokratie einen Sinn hatte, dann den, da der christliche Gedanke,
wir seien alle Menschen hilflosen Hirns und darum gleichberechtigt und
gegenseitig zur Hilfe verpflichtet, in ihr eine grundstzlich politische
Form gefunden hatte. Mglichkeit der Mitbestimmung und der Kontrolle;
wurde Schicksal gemacht, so trugen es alle. Man konnte zugeben, da in
den westlichen Demokratien dieses Kontrollrecht noch nicht rein
ausgebildet war, durch Demogogie befleckt wurde: worauf es ankam, war,
da dort gleichwohl dieses Recht aufgerichtet stand, sein Sieg nicht
bezweifelt werden konnte, die Idee gefunden war.

berall in den Demokratien wurden die Ideentrger als Hter,
Bahnbrecher, geistige Elite angesehn, Pazifist war nicht verchtlich,
heibltiger Wchter ber garantierten Rechten galt als Mann von Adel
und Herz -- in Deutschland wetteiferten die Intellektuellen, eine
irrationale Philosophie zu treiben, die dem Herrn sein Herrenrecht
bewies, oder standen lustlos zur Seite -- Mangel an Noblesse, die wacht,
eintritt, kmpft.

Daraus ergab sich ihm die Aufgabe, der vielfache Gegner: die Feigheit
der deutschen Geistigen, die triumphierende Selbstunterordnung der
deutschen Menschen unter die Herren, die Anbetung eines nicht mehr
lebensfhigen Prinzips. Und es ergab sich die Mglichkeit, diesen
Dreifrontenkrieg, obwohl er nur mit dem Wort, dem Abgegriffnen,
Verhurten, operierte, reinlich, straff zu fhren, ohne die
Geschwtzigkeit derer, denen die Weltrtsel gelst waren, weil sie den
Freisinn hatten.

Die Aufgabe gestellt, brach er die Brcke zur Sphre des Absoluten
entschlossen ab, stand in der der Tat, der wertenden, streitbaren;
Energie des Totalen durfte nur Florett sein, den Sto zu fhren. Kein
Zweifel, nur Glaube, keine Zersetzung, nur Konzentration. Er fhlte die
Grausamkeit der Tat in sich strmen, Sphre des Geschehens war die des
Hasses, der tglich wachsenden Feinde, des Hohns, der unterdrckten
Liebe, der sich suchenden Mnner. Traf er Elena, die sich La Putana
nennen lie, sah er im Schwung ihres Munds denselben Trieb, sich vom
Blut der andren zu nhren, denselben Triumph, zu sein und Schicksal fr
Menschen zu werden; und sich mit ihr verstehn, war wie Kommunion des
Irdischen; Sinnlichkeit des einem Zweck dienstbar gewordnen Geists und
die des Fleisches, das Macht suchte, waren eins.

Sie verschwand auf Tage, Wochen, das Goldnetz aus ihren Opfern zu
spinnen, aber wenn sie zurckkehrte, suchte sie ihn auf, bei dem sie
unausgesprochne Besttigung der Idee ihrer Erdentage fand. Was er
schrieb, verstand sie nicht, aber die Gemeinsamkeit aller Dinge, die aus
dem Willen kommen, gab ihr: das Brudergefhl.

                   *       *       *       *       *

Frulein Betz hatte ihn mit Elena gesehn; sie riet, vorsichtig zu sein.

Warum? fragte er, weil der Agent des Konsulats, den ich nun wie einen
plumpen Schatten hinter mir beobachtete, mir zu einem Aktenvermerk
verhilft, in dem neben >Landesverrter< steht >Verkehrt mit einer
Dirne<? Wie hilflos man gegen solche abstrakten Charakteristiken ist
(und fgte in Gedanken hinzu: sie fallen ins Gebiet der Bewertungen,
Beweis wie brutal dumm diese sein knnen, wie infiziert vom Unrecht des
Urteilens).

Nicht darum allein handelt es sich, antwortete Frulein Betz, Sie
sind der Bewegung, die Sie vertreten, Rcksicht schuldig, und Sie drfen
den schweizerischen Detektiven, die mit den deutschen Agenten in
Verbindung stehn, nicht Gelegenheit geben, ihrerseits einen Aktenvermerk
zu machen. Sie sind doppelt rechtlos, man wird Sie hetzen; sobald Ihre
Regierung Vorstellungen ber Ihre Ttigkeit erhebt, werden Sie der
politischen Polizei lstig. Sie mssen auf Leumund bedacht sein, drfen
nur als politischer Idealist, demokratischer Vorkmpfer gelten. Es ist
wahrscheinlich, da unter der Klientele des Mdchens auch Parteignger
oder Spione der Entente sind: eine Denunziation des deutschen
berwachungsdiensts, und Sie geraten in den Verdacht, Mittelsmann zu
sein.

Das sind Winke, sagte er, an die ich nicht gedacht hatte; aber sie
gehren zu denen, die man nur zu erhalten braucht, um ihre Realitt
einzusehn -- alles Gemeine, Egoistische, Lieblose, das man von der
Realitt erfhrt, leuchtet ein; es ist, als wachse man sofort als
vollgltiges Mitglied in sie hinein und trage das Wissen um sie als
eingebornen Besitz in sich.

Danach besprachen sie die Aufgabe, die Madeleine Betz bei dem Blatt
zufiel. Sie war Frau, ihr Wirkungskreis war die Frau. Es kam weniger
darauf an, fr ihre staatsbrgerlichen Rechte und Politisierung
einzutreten, als ihre natrlichen Instinkte, die gegen Krieg und Gewalt
standen, zu wecken, es galt, ihr die Augen zu ffnen, wie erbrmlich es
war, da sie dem Mann nachsprach, was er zur Rechtfertigung des harten
Geschehens vorbrachte, und in Lazaretten seine Wunden heilte, damit er
wieder an die Front ging.

Ich lese, sagte Frulein Betz, die Schriften jenes einzigen Indiers,
der uns bekannt ist, Tagore. Es ergreift mich, wie ein Asiate, der der
Verwalter des Geists Buddhas ist, Europa vom Osten her sieht. Was wir
wohl sagen, aber nicht Erschttrung werden lassen, da der Europer der
Materialitt verfallen ist und wie ein mibrauchter Sohn des Bsen die
Eingeweide der Mutter in Eisen und Chemie verwandelt -- er fhlt es
unmittelbar, schmerzhaft; er sieht es legendenhaft wie einen Aufmarsch
von Urprinzipien; Europa mu ihm der Fluch heien. Was kann, fr ihn,
grauenhafter sein, als da unsre Frauen Granaten drehn, Hochfen
speisen, Bahnen baun? Der Orient, der die Frau in ihrer Passivitt
niederhlt, mu ihm doch als Hter der Weisheit und der mtterlichen
Krfte erscheinen, die weibliche Passivitt als der groe ewige
retardierende Faktor, Gegenstck des von seiner Aktivitt verzehrten
mnnlichen.

Am Abend dieses Tags durchbltterte Lauda, whrend Elena auf seinem
Divan lag, Zeitschriften. Blickte er auf, sah er die hohe Kurve ihrer
Hfte, und an Madeleines Worte sich erinnernd, dachte er: Verkleide sie
dort auf dem Diwan in die orientalische Tnzerin, nicht mit Stoffen
behngt, mit Rubinen, Smaragden, Steinen, spitz wie ihre Brste, und sie
ist ein Tempelmdchen, mhlos zur noch symbolischeren Astarte erhhbar
-- auch das ist indisch, fern dem mtterlichen oder auch nur
lotussanften Mdchenhaften.

Nicht Indisch und Europisch sind Gegenstze, sondern Zart und Hart,
Mild und Grausam; nur die Dichtigkeitsunterschiede sind Prinzipien.
Gretchen und Astarte, Lotusmdchen und Messalina sind erst dann auf den
gemeinsamen Nenner Frau, Attila und Christus auf den des Manns zu
bringen, wenn man statt in den Frauen Passivitt, in den Mnnern
Aktivitt zu sehn, in ihnen allen den Kampf zwischen Passivitt und
Aktivitt erkannt hat; erst das Vorwiegen, der Sieg, der vielleicht auf
einem winzigen Mehr beruht, bestimmt den Gesamtcharakter. Die Aktivitt
Messalinas ist zunchst primrer als die Christi, unendlich strker als
sie; das ganze Temperament des in die Existenz schieenden Willens ist
darin, die Urenergie vor aller Geschlechtsdifferenzierung ist darin.

Was macht den Unaktivren gleichwohl zum berlegneren, was befhigt ihn
zur Handlung, wenn man die Ersinnung einer Religion Handeln nennt? Etwas
Sekundres: das Vermgen, Vitalitt in Geistigkeit zu verwandeln, die
Einschaltung eines Widerstands, an dem die Sinnlichkeit sich bricht und
als Gedanke ausstrahlt. Primre Sinnlichkeit braucht sich auf, bleibt
Phnomen, findet keine Projektion; verwandelte wird Wirkung ber das
Individuum hinaus.

Aber nun erhob sich die Komplikation, die Madeleine schon einmal
ausgesprochen hatte: die Widerstandsfhigkeit, diese Voraussetzung des
Denkens, wurde von den Mttern vermittelt, war Gabe der Frau an die von
ihr Gebornen, das Mnnlichste wuchs aus dem Weiblichsten. Trgheit --
Passivitt -- Widerstandskraft, in dieser Atomkette lag das Geheimnis.
Praktisch gesprochen: wie in der Sphre der Existenz alle Erklrung
dualistisch operierte, waren Gretchen und Lotusmdchen das eigentliche
Weib, und Madeleine durfte sagen, da die Frau, die htete und hegte,
wenn sie sich nicht astartehaft selbst verbrannte, der ewige groe und
retardierende Faktor war, der die Instinkte der Liebe und Gte
ausbildete. Liebe, diese Liebe, was war sie, wenn man sie nicht als ein
moralisches Faktum ohne przise Definition hinnahm, sondern auf das
letzte Prinzip der Energie zurckfhren wollte, andres als ein
Hemmungsphnomen, das der rein vitalen Wut des Sinnlichen und noch nicht
Gestalteten die Idee des Gestalteten, das Recht des Einzelnen und
Vereinzelten auf Selbstndigkeit entgegensetzte?

Hier ward fabar: die Geburt eines Gedankens aus dem Sinnlichen, einer
Idee aus dem Gefhl der Totalitt, eines Verstndlichen aus dem Vitalen,
eines Herzlichen aus dem Energetischen, eines Moralischen aus dem
Egoistischen: es _mute_ erlaubt sein, Phantasie und Verstand
gleichzustellen, weil die Gleichstellung auf ein Drittes, bergeordnetes
zielte.

Er schaute, whrend er dachte, Elena in die Augen, unbewegt; sie
beobachteten sich wie Tiere, deren Blick durch die Dinge geht, weil die
Dinge nicht Widerstand fr sie werden. Was war Denken, von der Physis
und in ihr gesehn? Ein Dunst aufsteigend aus der innren Landschaft, wie
Regen aus der der Tler und Berge aufsteigt, ein Niederschlag des Bluts,
des Fleischs, des ganzen Organismus, der sie rotierend ausschied, wie
kreisende Erde die Atmosphre; ein Duft gleich dem der Pflanze war
Denken, so sehr, da von der unsterblichen Seele nicht mehr zu sagen war
als von der der Pflanze.

Sie trumen, sagte Elena und lenkte ihn ab. In der Zeitschrift
bltternd sah er ein Bild der Duse; sie stand in einer Szene der Toten
Stadt am Turm, ihre Schlankheit in schwarzen Kleidern parallel zu der
des hheren, aber der Kopf war zurckgelegt und sie schaute hinaus. In
diesem Blick alle Zartheit, die gebrochen worden war und doch sich
behauptet hatte, alle Tragik, die erlebt hat und doch demtig stolz ist,
ewige Bereitschaft, weiter zu dulden und stolz zu sein, die
vollkommenste Frau, Barbaren zur Huldigung zwingend, Siegerin ber den,
dessen eitler Kopf neben ihr abgebildet war und der sie in die Bcher
gebracht hatte. An ihr ward klar der tiefe schne Inhalt, mit dem sich
das Wort Passivitt der Frau erfllen konnte; diese Frau am Turm war
Hterin des Retardierenden, der Liebe, Gestaltung des Gedankens des
Indiers, groe Europerin.

                   *       *       *       *       *

Am vierten Jahrestag des Kriegsbeginns ging Lauda durch die
Bahnhofsstrae, um fnf Uhr sollten die Straenverkufer die erste
Nummer der Wochenzeitung ausbieten. Er sah ein Gedrnge, hrte Schreie;
ein Polizist warf einen knabenhaften Mensch in eine Kutsche, drckte
neben ihm sitzend seine Hnde nieder, den Vergewaltigten schttelte ein
Lachkrampf, es war Puck. Lauda dem Wagen nachgehend ward von Lisbao
angehalten. Lisbao sagte:

Wir saen, Mi Lilian, er und ich, beim Tee im Hotel; er war wie sonst,
beobachtete die Menschen, kleidete die Reizung in die ihm eigentmlichen
prezisgewundnen Worte, so da man empfand, die Menschen ziehn an ihm
wie Marionetten vorber, jeder am Draht seiner Eitelkeit, Lsternheit
und gespreizten Wichtigkeit. Langsam begann er anzglicher zu reden;
wenn Frauen vorbergingen, zeichnete er die Kurve ihrer Sinnlichkeit auf
dem Tischchen nach, ekelte sich, hob die Hand gegen Lilian und sagte:
>Blancheflor, ich habe einen Augenblick des Muts, den ich zu Haus nicht
finde, entlassen Sie mich aus Ihrem Dienst. Wenn wir uns ansehn, finden
wir uns beide bleich, uns ist Frau Minne Flagellantin. Ich sehe eine
Wand, den Totentanz darauf und ich und Sie darin Figuren. Mir graut --<
und bei diesem Wort machte er einen Satz gegen die Fensterscheibe, als
wolle er durch sie springen. Sie war hochgezogen, er strzte drauen auf
die Kniee, Auflauf, Abtransport ins Irrenhaus.

Sie gingen ins Polizeigebude, es war unmglich, zu Puck zu gelangen. Er
hatte, als er Uniform und Gitterfenster sah, sich widersetzt, den Agent
in die Hand gebissen, sich selbst zu einer Beobachtungszeit beim
Psychiater verurteilend. Lauda ging mit Lisbao in die Stadt zurck. Als
er an einem Stand seine Zeitung kaufte, hielt ihn Lisbao fest und zeigte
auf ein Heft:

Wir hngen nebeneinander, Herr Lauda, sagte er spttisch, wir sind am
gleichen Tag herausgekommen, Ihr ernstes Blatt und unser unernstes.
Vielleicht ist Puck ber der Redaktion verrckt geworden, es wre die
schnste Reklame, vielleicht ist er nur berarbeitet, wir haben alles
selbst in einer Winkeldruckerei gesetzt.

Sie gingen in ein Caf, die Bltter zu lesen. Das Pucks enthielt
Manifeste Siriwans und Pucks, Verse Lisbaos und Hans'. Wenn nun Puck es
bei sich trgt, dachte Lauda, wird es sein, als finde man bei einem des
Mords Verdchtigen Besitztum des Getteten.

Was erwarten Sie von diesem Blatt? fragte er.

Nichts. Sie wollten einmal wissen, warum ich noch Verse mache, wenn ich
das Wort Kunst hrend nur eine Grimasse ziehn kann. Sie haben recht,
Kunst ist nicht einmal das, was ich antwortete, Zeitvertreib. Als wir
das Blatt vorbereiteten und zwischen Schreibmaschine und Setzkasten
ttig waren, erfate mich der Rausch der Geschftigkeit, nun ekelt mich
davor. Was erwarten Sie von Ihrem Blatt?

Die Durchfhrung einer Idee, zu der ich mich entschlossen habe. Sie
sichtbar machen, alle Energie an sie wenden, alle Konsequenzen tragen,
ist auch Zeitvertreib, Ausfllung des groen Nichts, in das wir strzen,
wenn wir vom Absoluten her das Leben betrachten. Der Unterschied
zwischen uns ist, da ich mir zum Aufbau meiner Geometrie, dieser
Illusion mit saubren, klaren Gesetzen, eine Idee whle, die mich von
mir, einem Anla zur Selbstvergiftung, fernhlt und Mitmenschen erlaubt,
ihre Energie ihrerseits mit meiner zu vereinigen. Verziehn Sie nicht das
Gesicht, Mitmensch ist Tatsache neben mir und Energiebettigung ist so
sehr Gesetz, da sie unterbinden heit, an Stauung sterben. Der tiefste
Gedanke, auf den praktisches Denken stoen kann, ist hygienischer Art:
gehorsam sein der Kraft, die uns erzeugte. Sie ist blind, sie ist aber
auch Mutter -- sehn Sie, wie das rein Phnomenologische ins
Gefhlsmige bergeht? Was ist _diese_ Liebe? Gehorsam, Aufgeben des
Widerstands gegen die Tatsache der Existenz. Sie hassen Moralitt?
Warum? Vorausgesetzt, da man sich nicht auslscht, hat man die
vernnftige Pflicht, sich mit der Existenz abzufinden, und sich abfinden
hat zur Folge, da man nicht grmlich Ja sagt, sondern energisch, klar;
nicht leidet, sondern seine Aufgabe erledigt. Es bleibt Ihnen erlaubt,
Kunst eine fixe Idee zu nennen, aber eine fixe Idee, an die man seine
Energie setzt, wird Inhalt.

Geben Sie acht, sagte Lisbao, da Sie nicht Wanderprediger des
Optimismus und des Maximums an Glck werden.

Angst vor Banalitt? Haben Sie noch nicht erlebt, da Gedanken, die
Ihnen seit Wochen unerhrt erschienen, mit einem Durchbruch in lngst
gesagte Banalitt endeten, wie man, sich verirrend, nach Visionen
mittelalterlicher Verzauberter, auf der wohlbekannten Ebne vor der Stadt
herauskommt? Wissen Sie, wo wir alle enden, wenn wir Himmel und Hlle
durchschritten haben? Bei dem Gedanken, da es gut ist, die
Heranwachsenden zu erziehn und den Erwachsnen durch Kunst, Wissenschaft,
andres ein wenig Glck zu geben, auch dabei, das Haus des Menschen, die
Gesellschaft, vernnftig zu baun.

Das ist die praktische Form von Souvernitt, alle andren, die
sprengenden und grundstzlich revoltierenden, werden auf die Dauer
Leidensformen. Was ist Puck? Ein Psychopath, einer, dessen Nerven
schwcher sind als die Sule der Existenz, die auf ihnen lastet. Jeder
ist Psychopath, der schwcher als die Ideen ist, die in ihm nisten.

Heute morgen, antwortete Lisbao, dachte ich allerdings wie Sie.
Siriwan und ich wohnen im selben Hotel. Um sechs verlangte ihn ein Paar
zu sprechen, eine erschpfte Frau, ein mitgenommner Mann, zwei
sterreichische Revolutionre, die ersten, die dem russischen Vorbild
nacheiferten und zum Streik gegen den Krieg aufforderten. Der Mann der
Frau wurde verhaftet, sie flchtete mit dem Genossen ber Hochgebirge
und Schnee, zu Fu von Innsbruck bis Zrich. Siriwan sollte sie
unauffllig mit Nli in Verbindung setzen, sie bringen Botschaft von
den Russen. Sah man sie, Fanatismus war grer als Erschpfung, dachte
man: sie sind arme Tiere, von einer Idee gehetzt, die ihnen alles gibt,
was Menschen zu innrer Nahrung zu brauchen scheinen, Gefhl der
Wichtigkeit, des Mehr als-andre-Seins, des Geheimnisses, des Schmerzes,
der ein ser Druck ist, des Hasses, der den Druck verstrkt, der
Beredsamkeit, in der die Spannung entstrmt, und der Tat, die sie, wie
eine vergiftete Katze die Droge, in sich tragen.

Ganz recht, antwortete Lauda, so gesehn ist das Bild real und
objektiv.

Also mein Ekel berechtigt.

Doch nicht. Denken Sie scharf. Der Ekel ist etwas, was Sie
hineintragen. Sie finden ihn nicht im Bild, dem betrachteten Material.
Er ist subjektiv, durchaus Auslegung. Sie mssen sich, wie ein neuer
Kant, fragen: welches sind seine Grundlagen, realen Bedingungen? Und
hier ergibt sich, da wir mit der gleichen Legitimitt zwei Auffassungen
haben knnen, eine so begrndbar wie die andre, Nein und Ja, deren jede
aber die Pflicht enthlt, die Konsequenz zu ziehn. Sehn Sie in allem
Treiben nur das Sinnlose, das Leid, das Abrollen einer Vitalitt, die um
ihrer selbst, nicht um unsrerwillen da ist, dann vollziehn Sie, als
Imperativ gesagt, den Akt der Souvernitt und der Ablehnung, den
Selbstmord. Erklren Sie sich einverstanden mit dem unverlangten
Geschenk der Existenz, dann erklren Sie die Autonomie des von der
Urenergie ausgesetzten Geschpfs und verhelfen Sie ihm zu einer saubren
Ordnung, dem wohnlichen Haus, proklamieren Sie das Glck an Stelle des
Leids; und Glck heit Beherrschung der Krfte, berlegenheit den
Geschehnissen der Existenz gegenber. Glck ist Waffenstillstand, den
innren Vorbehalt des Wissens berhrt es nicht. Das ist die Souvernitt
des Ja, wie der Selbstmord die des Nein ist. Was Sie, Puck, Siriwan tun,
ist Halbheit, ihr schleppt die Existenz weiter und hebt euch nicht aus
dem Leid.

Sie raten mir also kurz und klar, mir eine Kugel durch den Kopf zu
schieen?

Nur konsequent zu sein. Lschen Sie sich aus, so halte ich Ihnen eine
unbefangne Nachrede; Feststellung darin, da Sie nicht gesund genug
waren, wird Ihnen gleichgltig sein. Denn von Gesundheit darf man reden,
weil jedes Geschpf die vorwrtsdrngende Sinnlichkeit mitbekommt, und
wenn Sie wollen, ist diese Mitgift das einzige Pr, das das Ja vor dem
Nein hat.

Wie banal.

Durchaus, wenn auch Gesundsein nicht besagt, da man nichts von dem
Ekel verspre, den die Feststellung der berall existierenden
Sinnlichkeit auslst. Mich verlt das Wissen um sie keinen Augenblick,
ich sehe sie im Glanz der Augen, der Kurve der Wangen, hre sie im
Mezzosopran der Sngerin, notiere sie halb zynisch, halb gelassen, und
wenn ich wie ein Tier ber der Frau bin, denke ich, wir ordnen das alles
in unser Dasein ein, wissen darum, verhhnen damit den Gott, dem wir fr
das Leben danken sollen -- es sei. Was Ihnen und Ihresgleichen fehlt,
ist das Mitleid, das annhernd Aufhebung des Leids ist. Auch ich bin
nicht gtig, aus mir wird nie das Bekenntnis der groen Liebe brechen,
mit dem man am bequemsten zu einer reprsentativen Stellung gelangt;
aber ich mische in mein Denken genau die Dosis Mitleid, die real und
objektiv ist: Mitleid grndet sich auf die Tatsache, da Einzelgeschpfe
neben mir sind und, noch metaphysischer, da das Individuum, an sich nur
Vorwand der Energie, sein eignes Dasein auszubauen unternimmt, sich der
Totalitt entzieht; mein Mitleid ist Gerechtigkeit.

Die Saaltchter begannen die Tische zu decken, nach franzsischer Manier
wandelte sich die Galerie des Cafs zum Speisesaal. Hans und Siriwan
tauchten auf, erklrten, fnfzig Franken zusammengelegt zu haben, um
sich den Abend der Illusion zu schenken, Kommunion mit der Grundtatsache
essender Krperlichkeit und ihrer nach dem Geistigeren ausgreifenden
Derivate, als da waren Flirt, Musik, Gesprch, Blick auf Kristall und in
Taft entblte Schlankheit von Armen.

Hans, sparsam lebend, feierte solchen Abend selten, Siriwan, als kenne
er keine andre Art, zu Tisch zu gehn; Hans empfing von jedem, der um ihn
sa und kam, die Schwingung, Siriwan sah nichts, sagte alles zu wissen.

Was denken sie, fragte Hans, die geldmachenden Mnner mit den
blaurasierten Wangen und die Weiber, die sie vom Goldschmied hierher
fhren? Vielleicht, da es so in der Ordnung sei; aber vollzieht sich
nicht in jedem von ihnen, hinter seinem Bewutsein, fortwhrend eine Art
religiser und philosophischer Auseinandersetzung? Kreisen sie nicht
ununterbrochen um den Grundgedanken von Ja- und Neinsagen? Es schlechtes
Gewissen zu nennen, wre zu viel, aber sie alle operieren mit dem
Gegensatz, dem Reiz, da drauen andre hungern, schlecht verdienen,
nutzlosen und verachteten Ideen des Altruismus nachhngen.

Als ich das letztemal hier war, wurden pltzlich die eisernen Lden
herabgelassen, weil Streikende demonstrierten, Steine gegen die Scheiben
warfen. Eine Sekunde erblaten sie, dann wandten sie sich um so breiter
dem Genu zu, und in dieser Nacht umarmten sie ihre Weiber gesteigert in
Befriedigung, die zugleich Bewutsein war, das richtige Weltbild zu
haben, mit der Sinnlichkeit identisch zu sein -- ja ein
Gehorsamkeitsgefhl ist in ihnen, das >Lebt! -- So wollen wir leben.<
Und dafr gestehe ich ihnen zu: das Brudergefhl. Seht, wie sie stopfen
und schtten, wie die Brillanten sprhn.

Suche ich zu berlegen, was die in diesem Raum Versammelten an diesem
einen Tag an List, Niedrigkeit, Raub, Lge begangen haben, die Frauen an
Verkauf ihrer selbst, Betrug, Habgier, die Musiker und Angestellten an
Eifersucht, Neid, dann ist es, als sei die Existenz, durch die ich gehn
mu, die brennende Stadt der Apokalypse, die ber mir zusammenschlgt.
Ich erklre so den Traum von der brennenden Stadt, der oft in meinen
Nchten wiederkehrt. Ich glaube, da wir uns in jeder einzelnen Sekunde
mit dem Leben auseinandersetzen, eingehllt in einen Dunst, der aus uns
steigt, oder in erregteren Momenten ein Gleichnis fr es suchend.

Sie haben recht, antwortete Lauda, von Freundschaftlichem zu ihm
bewegt, es kann nicht anders sein, als da der Kosmos, der keine
Sekunde ohne Rotation und ohne Wrme ist, jederzeit auch eine
Bewutseinssphre um sich legt, aus der alles steigt, was wir Traum,
Denken, Fhlen nennen. Der Schmarotzer dort mit den kauenden Backen
fhlt sich selbst, seine Stellung im All, die Nhe der andren, den
Gegensatz zu ihnen, der nur ein andres Wort fr Einheit mit ihnen ist.
Wir atmen Denken, und man knnte sich vorstellen, da wir alle jederzeit
gegen einen Mittelpunkt der vollkommnen Bewutwerdung vorrcken, wie die
Himmelskrper nach einem Zentrum der Rotation.

Ist es erreicht --

Werden die einen sehn die vollkommne Harmonie, Summe der Verkettungen,
Sphrenklang, die andren die grauenhafte Entsieglung des sinnlosen
Geheimnisses, Rasen, Wten, Ablauf, Sturz in die Zeit, Asche der sich
selbst verbrennenden Energie. Ob Anfang, Mitte, Ende der Zeit, es ist
jeden Augenblick gleich erlaubt, Ja und Nein zu sagen, Widerstand zu
leisten und ihn aufzugeben, Welt zu regulieren und von der Illusion der
Regulative zurckzutreten. Hre ich in mich hinein, vernehme ich das
Geschrei des jngsten Tags so gut wie den geordneten Gesang der Chre,
die Zeiten und Rume zusammenfassen.

Ich habe ber Ihre Theorie des Widerstands nachgedacht, sagte Siriwan.
Widerstand ist das Prinzip, aus dem Sie die Geburt der Existenzen
erklren, weiterhin im Mensch die Entstehung von Idee und Gefhl; und es
ist gewi berraschend, wenn Sie Liebe ein Phnomen des Widerstands
nennen. Die Gesamtheit der Widerstnde ergibt den Zustand der
Souvernitt, der Leid nicht leugnet, aber bndigt. Also ist derjenige,
der leidet, widerstandslos. Wie aber kann er leiden, wenn nicht deshalb,
weil er Widerstand leistet? Und der Souverne, der sich mit der Tatsache
der Existenzen abfindet, gibt er Widerstand nicht auf?

Beweis, da jeder Entschlu, genauer die Verwirklichung einer Idee, uns
auf die andre Seite setzt -- wir finden uns staunend auf dem jenseitigen
Ufer. Tat ist ein Prisma, das die Strahlen der Ideen im rechten Winkel
zum Einfall bricht. Tat ist Aufhebung der Idee, obwohl von ihr erzeugt.
Im brigen unterscheiden Sie nicht scharf genug zwischen Leiden und
Erleiden. Wenn man eine Idee Dmon in sich werden lt, der von
Konsequenz zu Konsequenz treibt, erleidet man, und dieses Wort ist nur
eine vom Beobachter ausgesprochne Wertung; macht man den Versuch,
Widerstand zu leisten, so leidet man, und das ist bereits ein
subjektives Gefhl oder ein objektiver Zustand. Man leidet, weil man
nicht radikal Widerstand leistet; radikaler Widerstand heit
Souvernitt; sie besteht darin, den Widerstand mhelos sowohl ein- als
ausschalten zu knnen. Deutsche Bcher sind schwchlich, weil sie, wie
ein franzsischer Dramatiker auf die groe Szene, auf den Augenblick
zueilen, wo der Held endlich seine endgltige Weltanschauung erreicht
haben wird, meist die der Harmonie, unter Leugnung und Vergessen der
vorher erlebten Verneinungen. Es sind Bcher ohne Aufhebung.

Das Kaffeehaus wird zum Anschauungsunterricht, sagte Siriwan und wies
auf die Nische, der perfekte Harmonist sitzt neben uns, Nachtwchter
der Ethik an einem Tagblatt, Umwechsler des geistigen Pfunds in
Leserkurant, Abteilungschef fr Literatur im Warenhaus zur ffentlichen
Meinung, kurz ein Feuilletonredakteur, von allen Soldstellen des
Kapitalismus die anrchigste, weil ihm freie Meinung gelassen wird,
vorausgesetzt da Abonnent sich nicht beklagt. Schrieb er nicht heute im
Abendblatt vom Glck bei Gelegenheit irgendeines Franzosen, der die
Freuden der Familie empfiehlt, weil sie die vollkommenste Kombination
von Sorge fr sich und Sorge fr andre ist? Da haben Sie einen Deuter
Ihres Glcksbegriffs.

Einen brgerlichen, antwortete Lauda. Ich verstehe unter Glck die
Energie, nicht im Zustand des Erleidens zu beharren, strker zu sein als
Vorgnge in uns. Das ist eine dynamische Angelegenheit, was hat sie mit
dem Glauben an die moralische Weltordnung zu tun? Nichts, es sei denn,
da sie versteht, wie Menschen dazu kommen, einen Gott zu erfinden.

Verstehn ist Abschwchung des Urteilens. Sie billigen mein Urteil ber
den Redakteur nicht?

Ich mte erst die Not kennen, die Sie dazu fhrt, einen Mensch radikal
zu verwerfen, radikal bswilligen Dummkopf zu nennen. Ich kenne von
Ihnen nur Urteile, die absolut verwerfen -- ich mte fhlen, durch
welche innre Katastrophe oder Neulagrung Sie in den Gegensatz zur Welt
geraten sind; ich mte Atmosphre um Sie spren. Sie werden antworten,
da Ihnen alles Tun, Wollen, Sichregen der Menschen eine Verirrung ist,
da sie sich spreizen und blhn. Aber dann wre die Konsequenz
unerllich: da Sie unter diesem Zustand des Menschen leiden, sich
nicht ausschlieen. Das Recht auf Urteil wird durch Miterleiden erkauft,
durch Aktivitt. Urteil und nur Urteil ist rein passiv. Urteil, das
nicht aus der Wrme des eignen rotierenden Organismus kommt, ist kalt,
Urteil, das diese Wrme in sich trgt, ist entweder Ha oder Liebe oder,
wenn es das Hoffnungslose feststellt, Trauer. Ich kann nur sinnliche
Urteile gelten lassen, alle andren gehn der wichtigsten Frage: Und du
selbst? aus dem Weg.

                   *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen gelang es Lauda, Puck zu sprechen; er wurde gebeten,
sich danach bei der Assistentin des Psychiaters, selbst rztin, zu
melden. Puck, lustiger Gnom, sa auf einem Stein und suchte einem frei
umhergehenden Melancholiker zu erklren, da inzwischen drauen der
Weltkrieg ausgebrochen war.

Was ich auch an Zahlen ersinne, sagte er, um auf die Depression
dieses Alten die letzte Last zu legen, es bleibt Wirklichkeit; der
zwanzig Millionen Streiter mde, suchte ich ihn zu berzeugen, da die
smtlichen Kriegsschulden abgetragen werden knnen, wenn die Steuer auf
Liebesfreuden eingefhrt wird: fnf Pfennig, Rappen, Heller pro
Umarmung, der Kavalier zahlt willig, Damen bleiben steuerfrei. Ich war
gerade dabei, auszurechnen, wieviel eine Stadt wie Zrich in einem Tag
einbrchte, was meinen Sie? Auch die Vermutung ber die eintrglichsten
Stunden ist ergtzlich.

Der Sprung durch die Fensterscheibe? Mein Lieber, ich sah ja, da sie
hochgezogen war. Allerdings, die Stimmung war ernst, ich kann nicht mehr
Lilian zu Willen sein. Ich will Ihnen ein Mrchen erzhlen. Es war
einmal ein armer Junge, der gern mit seinem Wissen prahlte, aber von
freiwilliger, geheimer Zrtlichkeit der Frauen wenig wute. Niemand
starrte unglubiger als er, als Blancheflor an einem Sommerabend die
Gewnder lste und ihn an sich zog. Es werden wohl auf den weien Altar,
der aus dem dmmernden Zimmer leuchtete, Trnen getropft sein. Er
glaubte, nun sei die Hemmung, die vor die Entrckung gelegt ist und die
er so gefrchtet hatte, ausgelst, warum htte sie sonst sich ihm
angeboten? Da erwies es sich, da er die grte und unerwartete noch zu
besiegen hatte. Keine Liebkosung, kein Gesprch ber das, was ihn Liebe
suchen lie, kein Lachen und keine Gte konnte ihr die Erregung des Eros
geben; statt geborgen zu sein, stie er auf eine Aufgabe, die ihn
abscheulich dnkte -- durch Brutalitt, Bisse, Schmerzzufgen ihr zur
Lustvorstellung des mnnlichen Tiers zu verhelfen. Sie lag, die Hrte
erwartend, den Rcken zugekehrt, was er zuerst fr eine Geste der
Laszivitt hielt, und _gebot_ ihm ungeduldig, weh zu tun.

Er ward ganz schlaff, das Gefhl, um das Schnste betrogen zu sein,
formte sich in harten Worten; die trank sie gierig, lchelte verzckt
und -- war willig. Seither wurde er gehorsamer Schler, lernte
gewnschte Energie, staunte ber die Phantasie der doch Unberhrten, die
sich schuf, was sie brauchte, verlie sie jedesmal um einen Grad
elender. Ich kann nicht mehr, dem Frau das Heimlichste, Zrtlichste ist,
Wrme ihres Krpers Gte des Bergens. Arme Kleine, warum verfiel sie auf
mich, da ihr Lustmrder und Fleischergeselle das se Grauen geben? Was
tun? Es blieb nichts, als durch das Fenster zu springen. Immerhin ist zu
sagen: in diesem Augenblick war ich so durchaus Schauspieler, da Grenze
zwischen Lge und Wahrheit verschmolz; in fnf Minuten steigre ich mich
in jeden Wahnsinn, begehe jede Tat, finde fr jede Verwandlung die sie
erschaffenden Worte. Was ist Phantastik? Die Fhigkeit, die
Assoziationsbrcken von irgendeiner Vorstellung zu der entferntesten und
nicht verwandten herzustellen, also nachzuweisen, da doch
Verwandtschaft ist. Ich bin der blaue Funke des Hirns, der die Bahnen
berspringt.

Haben Sie dem Arzt das alles erzhlt?

Die rztin hielt mich ab, sie ist scharfsichtiger als er, ich mache ihr
nicht das Vergngen, mich zu durchschaun.

Und doch entgehn Sie nur so der Drohung, Sie acht Tage lang zu
beobachten.

Was machen sie mir aus, sie sind mir willkommen. Wolke voll erregenden
Leids hat sich auf mich gesenkt, ich will durchaus in ihr weilen, bis
sie sich wieder hebt. Darber schwebt, auf der Sichel, Maria, zaghaft
leise begehrt, weil sie Knigin und Mutter ist, gelstert, weil sie Frau
ist. Lassen Sie mich, es formen sich Verse, Gedicht einfach im Schmerz
des Geschundnen.

Lauda suchte den Arzt auf, wurde ins Zimmer der Assistentin gefhrt. Es
standen alte krftige Mbel mit Grn bezogen, lag Teppich, Raum war
Mischung aus Sachlichkeit und Frauenhand. Die Frau trat ein, Blick auf
sie ward Huldigung vor Persnlichkeit -- schne Frau, ganze Frau. Flut
von Adjektiven drang auf ihn ein: gro, fest, ppig, gesund, dunkel an
Kraft, hell an Wirkung; zugreifend, braunugig, warm; bisweilen derb, im
ganzen kniglich. Wie sie komponiert war, wie sie vor ihm stand; aus
straffen Sulen der Beine kam die mchtige Kurve des Beckens, bog in die
Wlbung des Rckens ein, flo ber die Schultern in die der Bste. Farbe
des Gesichts war wie bei dunklen Keltinnen, die er in Vogesentlern
gesehn hatte, von Welle des Bluts erzeugt, das zurckweichend weie Hfe
lie -- Sto des Bluts durch die ganze Frau.

Puck, den er um Barbaras willen nun fter besuchte, sagte:

Es ist eine groteske Situation. Wenn sie eine Brille und
schlechtsitzende Rcke trge, wrde es mir ein Vergngen machen, ihr
einen Indianertanz von Irrsinnigkeiten vorzufhren. Ich kann es nicht,
ihre Augen, in denen ein schlaues und lustiges Bewutsein von Energie
ist, wrden es nicht dulden. Die rztin anzuerkennen weigert sich
Mnnliches in mir. Es bliebe nichts brig, als mich in sie zu verlieben,
nach dem Rezept, da Liebe eine Schutzhandlung und Abgang mit Ehren ist,
aber es wre aussichtslos und -- sie macht mir Angst. Es ist eine
Vitalitt in ihr, eine Flle des Bluts, der ich nicht gewachsen wre.

Sie versetzt mich in denselben Furchtzustand wie Lilian, einen andren
und doch den gleichen, da Frauen Raubspinnen seien, die meine Krfte
aussaugen wollen. Freund Lauda, unsre Sehnsucht, bei einem Weib geborgen
zu sein, ist ein bler Trick der Natur. Ich merke es, wenn ich meine
Stunden Maria auf der Sichel schenke. Wie raffiniert ist diese Fiktion:
Wolke und Sichel schweben dicht ber unsrem Kopf, damit wir die
Himmlische gerade noch mit unsren sinnlichen Wnschen erreichen knnen.
Manchmal berfllt mich eine tolle Lust, ihr, das Auge am Saum ihres
Rocks, die deutlichsten Zynismen zu sagen; dann, um die Abendstunde,
kommt die namenlose Melancholie, so schwer, da sie sich wie ein Block
von Leid in das Gelatinemeer des Geschehens senken mchte, in ihm die
eine feste, groe Tatsache.

Was die rztin betrifft, so habe ich mit offnen Karten gespielt und ihr
zu verstehn gegeben, da ich von selbst in Ordnung komme, wenn man mich
hier ein paar Tage in Ruhe sitzen lt -- es ist so gut zu schreiben,
wenn ringsum die schweren Flle heulen und einem auf dem Gang der Mann
begegnet, der von einem andren erzhlt, da er in seiner Manie alle
Tren ffnen msse -- er macht es einem vor, und er ist dieser Mann
selbst.

Nach acht Tagen wurde Puck nach Hause geschickt, er brachte ein
Manuskript mit und sagte spttisch:

Positive Arbeit, die einzige, die ich geleistet habe. Nun kann ich sie
drucken lassen, so beweist man seine Prinzipien. Es ist keine Spur von
Humor in den Versen, dieweil ich mich der Welt als Humorist angekndigt
habe. Aber ich gebe mich nicht besiegt. Was tut man mit Versen, wenn sie
gedichtet und gedruckt sind? Falsch bescheiden warten, bis einer sie
aufgreift? Das ist unanstndig, dann schon lieber selbst nachhelfen,
tun, als ob man etwas geleistet htte, und ein Vergngen daran haben,
da man vom Produkt von acht Tagen ein Jahr lebt -- ich werde das
Heilsarmeetempo, das wir an irgendeinen fiktiven Einfall wenden wollten,
an mich selbst wenden, auch das ist Ironie.

Grre Ironie war, da der Redakteur, den seine Freunde verachteten, ihn
entdeckte. Aufsatz des Kritikers war Posaunensto, es folgte
Einladung der literarischen Gesellschaft zu lesen, Vorstand des
Gottfried-Keller-Bunds drckte ihm die Hand, Auffordrung erfolgte aus
Berlin, ein Stern war aufgegangen.

Lauda, der Vorlesung beiwohnend, fand ihn liebenswert, Kind mit der
ernsthaften Brille bemhte sich zu zeigen, da Erfolg es nicht
verschlingen werde.

Warum, fragte er ihn, verbergen Sie Ihren Kern, der Strke des Leids
ist, Demut des Schmerzes?

Ich komme nur auf Brcken der Lustigkeit zu ihm, lassen Sie sie mir.
Soll ich mich als Dichter des groen Pathos etablieren, Firma
eingetragen in das Register der Literaturgeschichte? Wer andrer als Sie
sprach von Aufhebung?

Das konstruieren Sie nachtrglich. Ich wollte sagen, da Sie selbst
nicht wuten, was in Ihnen Kern ist, Sie sollen ihn nicht leugnen.

Noch verlt mich das Schauspielergefhl nicht, von dem ich Ihnen
erzhlte, aber seltsam ist, da es mir selbst nur Verkleidung zu sein
scheint, der Kunstgriff eines Gotts, der mich in eine Bahn drngt, gegen
die ich mich strube. Niemand kann begreifen, wie befremdend es ist,
sich auf dem andren Ufer wiederzufinden. Es sprang einer durch eine
hochgezogne Fensterscheibe, Akt reinen Bluffs, und ward durch ihn zum
Brger.

                   *       *       *       *       *

Lauda hatte versucht, den jungen Rudolfi zu seinem Gehilfen zu machen.
Gehilfe hie Kamerad, es lag ihm nichts daran, einen Angestellten zu
haben. Zwanzigjhrige Jugend und deutsche Weichheit, die an Schubert
dachte, wenn Brder von Krepierten sprachen -- doppelte Mglichkeit.
Wenn er erreichte, dem Knaben Straffheit, dem Musikalischen einen
Tropfen lateinischer Bestimmtheit zu geben, ihn zu lehren, da, wer
wirken will, klar von einer gegebnen Stellung aus entwickeln mu, den
Gegner ohne Relativitt und Gefhlsbrcken als Gegner sehend, dann
gelang Synthese, auf die es ankam, aus Geistigkeit und politischem
Willen.

Der geistige Mensch, wie er ihn empfand, Herrscher in der absoluten
Sphre, in der es keine Wertung mehr gibt, konnte nur dadurch brauchbar
fr die reale Sphre gemacht werden, da er seine fluktuierende Energie,
die dazu diente, die Berechtigung aller Standpunkte kausal zu erklren,
entschlossen auf ein ordnendes Prinzip verdichtete, die Hochspannung in
den Transformator eines ethischen Postulats leitete.

Jeder Deutsche trug eine irrationale Philosophie in sich, war nicht
praktisch wie Englnder, noch ironisch-doktrinr wie Franzose. Soweit
berhaupt vitale Kraft in ihm war, leitete er, wie alle dem Religisen
Zugnglichen, der Idee des Staats Metaphysik zu. Gesellschaft ohne Achse
der Rotation, ohne bergeordnetes Regulativ, war Sphre des Chaos -- der
Organismus eines Volks mute unter Druck gehalten werden, damit er sich
ballte und einheitlich kreiste: solchen Druck ermglichte die Idee des
preuischen Systems, das seine Herkunft aus dem Protestantismus nicht
leugnete. Und Protestantismus, so fest er in der Irdischkeit stand, den
Mensch recht eigentlich auf seine Souvernitt verwies, kam doch, da er
Religion war, im letzten aus dem Pessimismus: es gab eine Verwandtschaft
der preuischen Herrenkaste mit dem katholischen Priester, fr den die
Existenz das Reich der Snde war, das Befehl und Gebot brauchte. Die
Junker waren Menschenkenner: entfesselt das Individuum und es weigert
Arbeit; unterstellt es der Idee des Gehorsams und es wird nutzbare
Energie, sich und dem Ganzen Inhalt schaffend.

Vom Absoluten her war dieses System nicht materialistisch, es wurde es
erst, weil es alle Krfte dem Irdischen zufhrte und die Verwalter zu
Ausnutzern machte, whrend katholischer Priester Diener blieb und von
ihm gepredigte Ordnung nicht in Marschleistung von Bataillonen umgesetzt
wurde. Es geschah nicht ohne Grund, da selbst die edler denkenden
Geister in Deutschland am preuischen System festhielten, sie waren
nicht alle, Fnfkorn und den Mittelmigen unter den Demokraten zufolge,
verlogen und bswillig; ihr unverzeihlicher Fehler war, da sie zur Idee
zurckgriffen, wo sie die Tragik ihrer berspannung sehn muten.
Schicksal von Ideen war romanhaft wie das von lebenden Menschen, man
konnte vom Verfall eines Ideensystems wie von dem einer Familie reden
und seinen Roman schreiben.

Klarblickender sah den Punkt, wo ein geistiges Prinzip religiser
Frbung durch zeitliche Entfernung von der religisen Quelle ins
Gegenteil umschlug, Hebel in der Hand der an die Spitze gesetzten
Familien wurde -- Dmonie auch das einer Idee, die Herrschaft gewonnen
hat, statt reguliert zu werden. Axiom: Regulative bedrfen der
Regulierung; Lehrsatz: sich zum Tun entschlieen, heit die radikale
Energie regulieren, nicht zerstren, sondern beaufsichtigen, nicht
hinnehmen, sondern selbst verwalten. In Rotation gesetzt, kreiste der
deutsche Kosmos nun um die Idee der zentralisierten Monarchie, bis er
zerschellte. Aufgabe war, unter den Denkenden solche zusammenzurufen,
die durch Einflu und Menge der Anhnger stark genug waren, eine
Gegenbewegung oder Hemmung zu erzeugen; gelang das nicht, dann einige zu
retten fr den Augenblick der Katastrophe und die Zukunft.

Das war die Rechtfertigung seiner Opposition, daraus entsprang auch sein
Wunsch, mit dem Jungen ein Experiment zu versuchen. Letzter Beweggrund
war, wie bei allem, was Mensch tat, der eigne Gewinn, fr sich wollte er
die Fordrung, Mutation in das deutsche System zu bringen, sichtbar
machen. Und da es klar war, da Sprung in die Sphre der Tat nichts
bedeutete, als sich vom Egoismus der Anschauung den andren zuzuwenden,
begann ihn das ihm selbst Unerwartetste und Fernste zu beschftigen, die
Mglichkeit, dereinst Erzieher zu werden. Bejahte man die Tat und
stellte Regulative der Ordnung auf, erhielt der Ablauf des menschlichen
Geschehns einen selbst gesetzten Sinn, dann war die vornehmste dieser
Illusionen die Pdagogik, Vermittlung der Energie an die Nachwachsenden.

Wie mit einer Frau, die zum steilen Flug der Entrckung entfesselt wird,
suchte er mit Rudolfi dem neuen Land der Ideen zuzueilen. Tempo der
Flucht im Flugzeug war noch in dem Knaben; als er den Rhythmus seines
eignen Bluts wiedergefunden hatte, kam die Hemmung. Eine geistige
Bastion mit strmender Hand nehmen, war nicht deutsch, an Stelle des
strahlenden Siegs trat das schrittweise Ringen. Ungeduld Laudas, er
bezwang sie, sich erinnernd, wie er selbst in diesem Alter gewesen war,
von Erdbeben geschttelt, wenn er sah, wie verschiedenartig Menschen
dieselbe Sache betrachteten; aber es war der Loyolawille dagewesen, in
Quadern zu bauen.

Rudolfi war schwerfllig, Namen der Mitarbeiter machten ihm Mhe;
Vorstellung mit ihnen zu verbinden, grre; Ideen so klar wie Bildhaftes
zu sehn, die grte. Lauda schlug den Umweg ber die Anschaulichkeit
ein, fhrte Rudolfi in Gesellschaft, so abendliche wie die der Strae.
Dem Knaben fiel die besondre Art der Schweizer auf, sie schien ihm von
burischer Gleichartigkeit zu sein, niemand trat aus der Masse hervor.
Lauda half die Linien nachziehn: bestimmtes Bekenntnis zu einer
Anschauungsform wie der des deutschen Beamten und Offiziers wurde
hierzulande vermieden; man fhlte nicht unmittelbar, da alle Krfte
eines Lands von einem Willen zusammengehalten wurden, sich um ihn
lagerten, in jedem Augenblick des Privatlebens von ihm Bestimmung
erhielten; das Bewutsein groer Aufgaben, der Ausblick auf den
Welthorizont des deutschen Lebens fehlte. Deutscher war straffer in
Umrissen, grozgiger in Ideen, an ein anschauliches, reprsentatives
Zurschautragen der das Volk durchsetzenden Energie gewohnt, in der
Schweiz blieb alles anonym. Lauda sagte:

Es ist zunchst der Unterschied der Gre zweier Lnder. Das kleine war
von je darauf bedacht, Existenz zu wahren; Ehrgeiz, wie ein Sonnensystem
zu wachsen, benachbarte Zellen in seine Rotation zu ziehn, fehlt
vollstndig. Es wurden nicht ausgebildet Krfte der Konzentration noch
das gefhrliche und, wenn es sich mit Klugheit verbindet, schne
Schauspiel der Vitalitt. Daher das Gefhl, das man unter Schweizern
immer hat, da sie mitrauisch und schwerstirnig, burisch wie Sie
sagen, importierte Ideen der Fremden abweisen, froh sind, wenn sie unter
sich bleiben knnen. Das Positive dieses Zustands ist schwerer zu
erfassen, darum nicht weniger wertvoll: kein Hochmut der Kaste, keiner
von Offizier Polizist Beamten, es ist menschlich, unter ihnen zu leben,
Anonymitt wird wohlttig.

Auf mich wirkt unser System strker, seine Idee ist verstndlicher,
weil jeder Gebildete sie zur Schau trgt. Auch Sie verwerfen ja nicht,
wie ich eigentlich gedacht htte, den Willen eines Volks zur Expansion.
Warum also billigen Sie den Deutschen nicht zu, was Franzosen und
Englndern erlaubt ist?

Ich wre gern national, antwortete Lauda, weil ich alles liebe, was
Kristallisationspunkt fr Energie wird, abgegrenzte Wirkungsfelder
schafft, Differenzierung in die Welt bringt. Ich kann nicht national
sein, weil es mir verwehrt wird, man duldet nur hochfahrend ergebne
Diener. Auch ist Expansion und Wachsen in Gre nicht dasselbe; jenes
nur die brutale, materialistische, herrische Spielart. Bildung eines
groen Kosmos darf nicht auf Kosten andrer Rotationssysteme erfolgen,
die schon ihre endgltige Lagrung gefunden haben. Einbeziehung Belgiens
in das deutsche System ist nicht Verschmelzung, sondern Einbruch,
Diebstahl, Gewalt. Die Kosmen der zivilisierten Nationen, kleine und
groe, mssen nebeneinander rotieren, es ist ihnen nur eine hhere Form
des Ausgleichs erlaubt, die der Vertrge, des Handels, des geistigen
Tauschs. Keine Dialektik kann das Verbrechen ungeschehn machen, da man
die beschworne Neutralitt Belgiens brach. Jedes Gefhl, das mir
befhle, trotzdem zu meinem Volk zu stehn, da es nun einmal um seine
Existenz kmpft, ist Dialektik. Anerkennend die Vitalitt des deutschen
Systems und das Recht auf sie, verwerfe ich bedingungslos ihre Methode.

Aber in dem Knaben war dieses Gleichwohl und Trotzdem strker. Heimweh
ward strker, wuchs zur Sehnsucht, die deutsche Atmosphre, bekannte, zu
atmen, Befehle zu empfangen, die vorstellbar waren, weil Blut der Vter
sie schon empfangen hatte. Es kam der Tag, wo Rudolfi Reue gestand;
siegreicher als die Moralitt auf sich selbst vertrauender Gegnerschaft
wurde die Gewissensqual, Kameraden im Stich gelassen zu haben.

Lauda ging aufs Konsulat, erreichte, da in Berlin Straflosigkeit
zugesagt wurde, erffnete Rudolfi, da er heimkehren knne. Weinender
umarmte ihn, fuhr an die Grenze, um shnend im vordersten Graben zu
sterben.

Lauda hatte nicht mit dem Widerspruch der politischen Freunde gerechnet,
seine Stellung wurde so erschttert, da nur der Fahndungsbrief, den das
Generalkommando gegen ihn erlie, ihrem Argwohn ein Ziel setzte.

Heftigste Vorwrfe hatte Justus erhoben, Mitglied des
Redaktionskomitees, Veteran des demokratischen Gedankens. Die meisten
waren erst im Krieg zu Bekennern geworden, er seit 1885, Jahr, in dem er
das Deutschland Bismarcks verlassen hatte. Er war in Paris mit den
Politikern des Republikanismus verwachsen und Zeuge gewesen, wie schwer,
langsam, zuerst nur uerlich, der Gedanke von 1870 sich durchgesetzt
hatte: Erschttrungen und Rckschlge kamen, bis er zu den letzten
Wurzeln der nationalen Existenz vordrang, Macht auf die Erziehung der
Jugend, Heer, Kirche gewann.

Die berwindung der Tradition, in Fleisch und Blut nistender, die
Ausscheidung noch immer kreisender Sfte, die innerste Umschichtung, die
Entstehung einer neuen Vitalitt, die letzte groe Krise des
Dreyfusprozesses, das Schritt fr Schritt, die Energie, ein Ideal der
Zukunft sichtbar und sieghaft zu machen, das war Justus die Gre der
Mnner von 1890, und er hatte bewundernd die Geschichte der brgerlichen
Fhrer geschrieben, die ein grres Werk als die Sozialisten
vollbrachten die theoretische Fordrung gnzlich andrer Grundlagen schien
ihm banal, der zhe Kampf mit realen Interessen, die Mutation der
Realitt war Leistung. Und Lauda verdankte ihm Einsicht, was es heien
wollte, in den lebenden Kosmos eines Volks einzugreifen und Mutation zu
erzeugen. Es war die Zeit, da in Deutschland die Parole der
Neuorientierung ausgegeben wurde, demokratische Vertreter Anteil
verlangten, fhlend die Katastrophe.

Machen Sie sich keine Illusion ber die Ohnmacht dieser Ansprche,
sagte Justus, das ist, als htten vor 1870 die franzsischen Demokraten
die Republik im Bund mit Napoleon dem Dritten einrichten wollen.
Frankreich hatte ein Jahrhundert republikanischer Tradition, es hatte
Temperamente und Charaktere ohne Zahl hervorgebracht, und doch bedurfte
es einer von uns nicht gekannten und nicht begriffnen Gre der
Anstrengung, um die Idee zu sichern. Der Deutsche versagt vor der
Schwierigkeit dieser Fordrung, er ahnt die Problemstellung nicht einmal,
ist ohne Sinn fr die Noblesse derer, die, was sie tun, ganz tun, die
Lsung einer Aufgabe nicht den Beamteten berlassen, sie wie eine
Leidenschaft bis zum Ende erleben und nicht auf halbem Weg zur bequemen
Hausfrau zurckkehren. Dieser Mangel an radikalem Anstand ist von allen
Lastern das deutschste und fr mich das verchtlichste -- was hilft die
innre Freiheit, die gefunden zu haben, Deutsche sich rhmen, sie ist nur
Feigheit und Flucht vor Realitt.

Bei Ausbruch des Kriegs erlangte er Erlaubnis, zu bleiben, wurde im
zweiten Jahr vom schtzenden Minister gebeten, ihn der Aufgabe zu
entbinden, ging nach der Schweiz, mittellos, Opfer des Sequester. Er
ernhrte sich von Unterricht, Zeitung, Arbeit der zu schneidern
beginnenden Tchter und Sparsamkeit der Frau, kleinbrgerlicher
Franzsin -- Demokratie ward Mrtyrertum, fanatisch getragnes; Zge des
Alternden wurden scharf; bitter und trstend die Stimmung eines
verspteten Achtundvierzig.

Lauda war bei ihm zu Gast, sah, in wie engem Bezirk ein Mensch leben
kann, Grenzen des Kfigs waren die der Welt. Es durchwanderte der Alte
diesen Bezirk unermdlich, hatte Wege angelegt, alles eingeteilt: wer
nicht bswillig war, brauchte sie nur zu begehn und schaute die in
Demokratie geordnete Welt. Sie war die Wahrheit, es gab keine andre;
noch grer als Erregung ber Nichtbereitschaft der Geister war Staunen
-- darber grbelnd, fand er neuen Beweis, fgte ihn ein, nun war die
logische Kette geschlossen. So war einer Freidenker -- er selbst war
Freidenker, Priester hie Pfaffe, Knig Tyrann. Justus gestand, einst
Romane und Verse geschrieben zu haben, Thema des Romans: Kampf gegen
Vorurteile, Verse: Epigramme, darin einer die Welt am gesunden Verstand
ma. Die Welt hatte sie nicht gelesen, ihr Schade.

Lauda, dem er der rationalistische Mensch schlechthin war, reines
Extrem, klar zu berschaun, folgte der Einladung, wiederzukommen,
begegnete pltzlicher Herzlichkeit und dem Gestndnis eines entbehrten
Ideals: Verkehr aufrechter Mnner, zweimal in der Woche, Schachspiel zur
bung der Hirnkrfte und Kegeln zu der des Krpers; Gemtlichkeit bei
Bier und einfachen Sitten. Er entwand sich hflich, Justus kam ihn mit
seiner Familie besuchen, Prinzip der Gegenseitigkeit. Mensch, den er als
Mensch gelten lassen wollte, ward lstig, zwang dazu, Beschrnktheit
lieblos zu benennen, Abstand mit allen Mitteln zu setzen, und aus einem
Freund ward Feind, der ihn geheimen Anhnger des preuischen Systems
nannte, weil er von dessen Philosophie sprach.

Es kam der Augenblick, wo Justus vor den Versammelten aufsprang, sagte:
Er ist nicht das, was uns nottut, Politiker, er ist der Geistigen
einer, die alles verstehn, mit jedem Gedanken huren; sie werfen ihre
Leidenschaft auf ein Objekt fr drei Monate wie ein Schauspieler seine
unehrliche Glut fr drei Stunden in eine Rolle. Denkt er ans Volk? Er
denkt an sich, er will nicht Zustnde ndern, sondern Ideen klren, und
mit gerecktem Zeigefinger dastand, als fordre er das Volk auf, zu
steinigen.

Lauda war versucht, fr einen Augenblick hinauszugehn, nicht
wiederzukehren -- es htte jener recht gehabt. Blick in das verzerrte
Gesicht des Manns gab ihm das skrupellose Argument unbefriedigter
Ehrgeiz, und er war gehorsam dem Gesetz der Realitt, Angegriffner wehre
dich. Danach ekelte ihn vor erlangter Kenntnis, was ein Tribun sei,
Beredsamer in Geste der Treuherzigkeit.

Ruhiger geworden, sprach er mit Hans von dem leisen Grauen, dem
Widerwillen im Hintergrund, die er empfand, wenn wieder die
Bekanntschaft eines Menschen durchlaufen war. Zuerst, war er noch neu,
sah man das Tchtige in ihm, seine Energie, das, um was er kmpfte, die
durchdachten Ideen; dann, schattenhaft, verschob sich das Bild, es
traten hervor die Banalitt, die fixe Idee, die Grenzen, die Enge;
zuletzt wies er die Zhne des Egoismus, verteidigte den Kfig, in dem er
sa und den er nannte Leuchtturm der Wahrheit.

Was schwerer wiegt, sagte er, und was zu lhmen droht, ist der
Widerstreit in mir, wie ich solchen Menschen, jeden, werten soll.
Wertung ist nicht nur Anmaung, sie ist auch durchaus willkrlich, denn
wir tragen keine andre Norm in uns als selbstfestgesetzte, eine von
vielen. Wonach aber setzen wir fest? Nach Interesse, nach einem
politischen oder gesellschaftlichen Standpunkt, von dem ich wenigstens
wei, wie relativ er ist. Was habe ich ausgesagt, wenn ich Justus einen
Dummkopf nenne -- gestern hatte ich Respekt vor ihm, morgen werde ich
mit ihm zusammenarbeiten. Klarheit ist nur, wenn ich jemand liebe oder
hasse, Urteil ausscheide oder einschalte. Alle scharfen Urteile sind
diesseitig; in der Welt, in der jede Existenz von der andren getrennt
ist, kann es nur Urteile des Hasses, des Gegensatzes, der Trennung
geben. Aber in sie spielen fortwhrend die Urteile des Absoluten hinein,
die skeptisch gegen Benennung sind, weil sie religis sind, die
Getrennten vereinen und, nun nicht mehr pessimistisch, Nachsicht, Milde,
Duldung gebieten. Nicht darum zuletzt ist die Sphre der Realitt die
der Qual, des Hin- und Hergezerrtseins -- man knnte, man sollte ein
neues Lehrfach der Erziehung finden: Unterweisung in Grundtatsachen der
Existenz; Zwiespalt, Unvershnlichkeit der Prinzipien wrden gelehrt,
Ableitung daraus einer groen Klarheit, einer Kenntnis der Maschinerie
in uns, einmndend in die Nachsicht mit ihrer Ohnmacht und das Suchen
nach berwindung der Ohnmacht -- erkannte Gesetze werden Schalter mit
spielenden Gelenken. Der Mensch hat noch nicht denken gelernt, weilt
noch im Stadium des geistigen Manchestertums, wo die Welt der
Empfindungen ein Haufe durcheinander kriechender Schlangen ist.

Sie saen am Kai, Wellen des Sees schlugen nach den Bnken. Barbara ging
mit einem Mdchen vorber, grte. Lauda stand auf, Barbara sagte:

Wir wollen segeln, meine Schwester und ich, wir haben Platz, schlieen
Sie sich an?

Darf ich meinen Freund mitnehmen? fragte er, wandte sich nach Hans um
und sah ihn verzckt das Mdchen anstarren.

Barbara richtete die Segel selbst, die Kleine lie sich schelten, weil
sie Handreichung verschmhte, lchelte nur aus so dunklen Augen, da die
Pupille nicht sichtbar war. Andres Temperament, innigeres, derb
schaltende Herzlichkeit Barbaras gedmpft durch Se.

Wenn ich htte tun knnen, was Gefhl mich hie, sagte Hans nachher,
wrde ich wie mit einer kleinen Insulanerin ein zrtlich-lehrhaftes
Gesprch ber mein Entzcken auf den ersten Blick und seine Gesetze, die
Gesetze in ihr selbst, begonnen haben. Denn es gibt Gesetze unsres
Naturells und wir mssen ihnen nur gehorsam sein, um ohne Vorbehalt und
Lge zu lieben. Fast immer entschlieen wir uns unter Vorbehalt und Lge
zur Werbung: Zufall fhrt mit einer Frau zusammen, die uns fast ganz,
aber doch nicht ganz gefllt, Gelegenheit ist gnstig, man ist des
Suchens mde, und das brige tut die Frau, sie fhlt, da wir zur
Anpassung bereit sind und holt sich, was sie haben will.

Ich, der kleine feste Krper ohne differenzierte Nerven anbetet und auf
die Entdeckung der heimlichen Flle um der sichtbaren willen verzichtet,
bin immer von Schlanken, Nervsen erobert worden, selbst zu underb und
hilflos, um zu widerstehn. Das war die Untreue gegen das erste Gesetz,
das mich krftigere Krper, als meiner ist, lieben heit. Das zweite
hebt die Gegenstzlichkeit wieder auf und verlangt, da ganz zarte,
heimliche Wrme in ihnen ist, ohne Dmonie oder kaporalhaftes
Temperament. Wie ein kleines warmes Tier schaute sie aus Mantel und Muff
heraus; die Eigenwrme des Geschpfs ist das Herrlichste.




V


Wie Puck es gesagt hatte, in den Augen Barbaras war ein schlaues und
lustiges Bewutsein von Energie. Sie konnte nicht unttig sein, und sie
ertrug es nicht, wenn ihre Patienten unttig der Mattheit in sich selbst
zuschauten. Indem sie bei denen, die Kranke des Willens waren, das
Gefhl, dem Leben nicht gewachsen zu sein, nicht duldete, hatte sie
groe Erfolge, heilte durch persnliche Kraft, selbst Heilfaktor; es
geschah aber bisweilen, da einer unbesiegbar sich vor ihr verschlo,
ihrer zu deutlichen Gesundheit die Verachtung des Differenzierten
entgegensetzte.

Lauda beobachtete, da es ihr dann nicht darauf ankam, die bei jenen
erprobte Macht bei diesem bewut zu versuchen, indem sie sie in
weibliche Reizung verwandelte, Wnsche erregte, Wunsch erlaubte. Auf die
stumme Frage des Zeugen gab sie gleichsam die Antwort: was macht es, da
einer mich nachts in seine Trume zieht?

War das kniglich, oder mtterliche Klugheit, die um den erotischen
Untergrund aller Wirkung wute, oder ein hetrischer Anflug? Was war
prachtvoll an ihr? Da sie alles Komplizierte und Getrennte mit
optimistischer Energie hinwegschob -- aber um diese Geste war ein
Schleier zu wenig. Ihre beste Zeit, dachte er, wird sein, wenn sie in
reifem Alter steht, noch immer eine schne groe Frau, die erlauben
wird, gewisse Dinge sehr deutlich zu benennen, nicht prde, erfahren,
unverwstlich an Spannkraft, von jener Klugheit des Nahen, die
Beschrnktheit des Fernen ist, und Derbheit durch Wrde gebunden.
Gegenwrtig ist sie eine Frau, die noch nicht selbst erlebt hat, erregte
Wnsche noch nicht erfllt.

Konnte sie sie erfllen? Ihm nicht, dem sie zu der erstaunten
Feststellung verhalf, da sie, Gef des drngenden Bluts, ihn nicht in
Versuchung fhrte. Sah er sie an, wnschte er seiner nchsten Geliebten
ihre Gestalt, die Erfllung der Sehnsucht war, im Krper der Frau das
Symbol des Kosmos zu umfangen, der mhlos rotiert, denn alles ist fest,
reich an Energie, voll Spannung, nicht nur eben lebensfhig, Nerven
gebettet in Flle -- und blieb doch kalt bei so viel Wrme, weil sie den
dunklen sen Schmerz nicht gab, Hauch der Bitterkeit nicht kam; zu
positive Frau.

Und da er Zeuge des fast knabenhaften Idylls wurde, in das sich Hans mit
der heimlich getroffnen Schwester spann, verzckt vom Glck des kleinen
straffen Puppenleibs, dem innigen Dunkel lchelnd hingegebner Augen
sprechend, ward das Bedauern, nicht selbst die volle Summe notwendiger
Bedingungen erfllt zu sehn, zur Trauer, da es ihm versagt sein werde,
sie je erfllt zu sehn. Ein neuer Typus ersehnter Frau ergriff von ihm
Besitz, der kniglicher, ppiger als der frhere war -- gesunder Krper,
der machtvoll in sich ruhte, sieghaft, stark.

Vorstellung war es, die parallel auf der ganzen Linie vorrckte. Tag
brachte Geschftigkeit in Flle, Wirken durch Wort, Einsatz von Mut, der
die Folgen des Bekennens nicht mehr scheute, Umgang mit Menschen.
Nachtstunden waren der eignen Arbeit zugewandt -- Energie wuchs aus
Energie, er sah sich ganz versetzt in die Arena der Tat, und die Zeit,
da er bei allem die Frage nach dem Wert des positiven Treibens
aufgeworfen hatte, lag fern zurck, entglitt; er fhlte wohl, da er ein
Seil verlor, an dem sich entlang zu tasten gut gewesen war, aber er
konnte es nicht halten, neue Jugend war strker als vergangnes Alter. Es
zog ihn zu den Menschen, ber deren Ohnmacht, Egoismus, Sentimentalitt,
sich eingeschlossen, er keine Illusionen hatte. Gleichwohl, ein Rest
blieb, der durch Scheidewasser nicht aufzulsen war, ein radiumhafter,
unerschpfliche Potenzen schleudernder Kern, mystisch und zh, und war
wohl die vitale Energie an sich, das sieghafte Ja, das triumphierte,
sobald man nicht die letzte Konsequenz des Nein zog, die
Selbstaustilgung.

Und dieser Kern war mit einer bestimmten Eigenschaft positiv geladen,
die zu benennen es ihn nun drngte: mit einer seltsam sen
Zrtlichkeit. Bei Barbara stellte er negativ fest, da diese Eigenschaft
irgendwie existieren msse. Eines Abends ging er durch die
Bahnhofstrae, sah vor einem Krschnergeschft eine Frau stehn, auch sie
kniglich, ganz in Biber gehllt. Er fhlte den elektrischen Schlag,
trat neben sie, es war Elena. Abermals Bedauern in ihm und in
unmittelbarer Reaktion Erkenntnis jener Eigenschaft, nach der er sich
sehnte: die Vitalitt durfte nicht zu direkt ausstrmen, mute einen
Widerstand passieren, der die Scham der Frau gebar, die in sich
lauschende Innigkeit.

Nicht zu positiv sein, nicht als Frau herausfordernd zur Schau tragen,
da in ihrem Scho die Quellen springen, es in Geheimnis hllen, das nur
ein andres Wort fr Demut ist -- Demut enthielt noch immer den
Bestandteil Mut; aber Elena hatte nur den Mut, nicht die Wrme des
Bergens. Schauend in die Auslage, wo kostbarer Pelz ausgebreitet lag,
hatte er die Vision einer Frau, von der dieses Rauchwerk fallen knnte:
sie stand gleichwohl in Wrme, Wrme war Ausstrahlung des in sich
geschlossnen Kosmos, dessen Wesen ist: Hten, Hegen.

Jene Eigenschaft des vitalen Kerns war also, um in seiner Sprache zu
reden, nicht primre Eigenschaft, erst sekundre, erworbne, Produkt
eines Widerstands gegen das Elementare, und es fiel ihm ein, da er
schon einmal Gte und Liebe als Widerstandsphnomen empfunden hatte.
Widerstand wessen? Des vom Primren erzeugten Geschpfs, das nun
selbstndig geworden ist, dem Elementaren nicht mehr willenlos untertan
sein wird. Hier war die Geburt der Menschlichkeit.

Elena war ihm nie Geliebte gewesen: Brudergefhl, das er, Geistiger,
ihr, der Hetre, gab, war wie eine Kameradschaft, heterogen und parallel
-- nun geschah es, da er auf dem Umweg ber das luxushafte Restaurant
mit ihr nach Hause fuhr; aber zum erstenmal Gast in ihrem ppigen
Gemach, der stolz selbstbewuten Verwertung ihr verliehner Reize, wute
er, da er es nicht mehr betreten werde, sehnschtig nach leisrer
Weiblichkeit. Und Claire, fragte es in ihm, ist sie nicht von dieser
Art? Auf der innren Szene stand die Ferne, Halbvergessne, alles Licht
auf ihr vereint, und siedend stieg das Gewissen auf. Aber welchen Wert
htte es gehabt, zu leugnen, da Gewissen nur Macht ber ihn hatte, wenn
die Zeit gekommen war, da er selbst, aus sich, auf den Mensch neben ihm
stie?

Im Anfang hatte er nicht geschrieben, weil Sinn der Trennung war, jeden
sich selbst zu berlassen, abzuwarten, unter welchen Umstnden er sich
dem andren wieder zuwenden werde; danach nicht, weil schriftlicher
Verkehr ihm gesperrt war. Er wute nur, da Claire Brssel verlassen
hatte, als er nicht zurckkehrte, und in Berlin lebte. Er schrieb ihr,
Graumann erbot sich, den Brief auf geheimem Weg, der der direkteste des
Botschaftskuriers war, zu besorgen.

                   *       *       *       *       *

Suchend den Mensch, begann er, im ersten Schimmer die Frage zu sehen,
die wie ein verhlltes Bild dort stand, wo der Weg der letzten
Erkenntnis sich verlor, scheu gemieden, immer umkreist -- die Frage nach
der Freiheit des Willens.

Wer ttig war, wer an Einwirkung glaubte, wer irgendwie Erzieher sein
wollte, mute die Mutationsfhigkeit des menschlichen Kosmos bejahn. Es
stand ihr gegenber die reine Anschauung, die keine Wertung, nur
Abrollen der Dinge kennt.

Glaube an die Mutationsfhigkeit war Widerstand des Optimistischen gegen
den religisen Pessimismus, der Tat verwarf, wie er den Eintritt des
Willens in Existenz verwarf, weil Teilung der Totalitt Untreue
der Totalitt gegen sich selbst war. Das von der Totalitt
hinausgeschleuderte Geschpf trug ihre Energie in sich, verwandte sie
dazu, in der Existenz sehaft zu werden -- aber die Energie drngte zur
Totalitt zurck, erreichte sie durch den Tod. Konnte nun das Geschpf
einen Teil der Energie dazu benutzen, um sich ihrem eignen Ablauf
entgegenzustellen, wie man vom hochgespannten Strom einen Teil fr den
Hausgebrauch ableitet? Ohne Zweifel, die Tatsache des Widerstands stand
fest, Zeitlichkeit, das heit Tat, verhielt sich zum Elementaren wie
Hausstrom zur Hochspannung. Das war die eine Wurzel des freien Willens.

Der Mensch richtete sich in der Existenz ein, als sei er nicht
sterblich, schuf die eigne Domne und erfand Regulative, die nichts
waren als Hemmung des Triebs, sich und nur sich zu manifestieren, den
man Egoismus nannte. Die geteilten Existenzen, von Natur aus Todfeinde,
einander zur Nahrung brauchend, erkannten das Recht des Bruders an --
freier Wille war Spaltung des Willens, Aufruhr des Gezeugten gegen den
Vater, ein Widerstandsphnomen.

Barbaras Umgang mit den Patienten beobachtend, fragte er: Woher nehmen
Sie diesen positiven Glauben an die Mutationsfhigkeit des Organismus,
aus der Wissenschaft oder Ihrem Naturell?

Sie verstand die Problemstellung nicht, er erluterte: Soweit die
Medizin Wissenschaft ist, arbeitet sie mit materialistischen, das heit
passivistischen Auffassungen. Der Organismus ist das Gegebne, ein
Gegenstand mechanischer, chemischer, physikalischer Einwirkung, nicht
aber seelischer, ber die nichts ausgesagt wird, weil der Begriff Seele
nicht objektiv erfabar ist. Der Wille entzieht sich dem Mikroskop, also
geht man ihm aus dem Weg. Haben Sie schon einen Wissenschaftler gesehn,
der den Mut htte, etwas ber die Freiheit des Willens zu sagen, es sei
denn, da er zu den Psychoanalytikern gehrte? Deren groe Leistung ist
dieser Mut, Angriff auf die Materie von der vitalen, lebenden Seite her
und Glaube an Mutationsfhigkeit -- sie dringen von dem, was nur
Manifestation des Willens ist, dem Krper, zu dem vor, was primr ist,
dem Willen. Die groe Frage lautet: ist Wille, sobald er einmal eine
krperliche Form gefunden hat, an ihre Struktur gebunden, oder kann er
Einflu auf sie gewinnen, das heit sie und das heit doch wieder sich
selbst ndern? Sehn Sie die Tiefe des Problems?

Was ist ein schwchlicher Mensch, einer Ihrer Psychopathen? Zunchst
Manifestation eines bestimmten Zustands der vitalen Kraft, der zwar auf
erblichem, historischem Wege bedingt worden ist, uns aber durch und
durch bestimmt. Knnen diese Bedingungen gendert werden? Wie kann ein
solcher schwchlicher Wille dazu gebracht werden, von sich selbst frei
zu werden? Das ist nur denkbar, wenn man ein rein philosophisches Glied
einfgt: da in allen Existenzen, mindestens derselben Gattung, der
gleiche Grad von Energie gebunden sei und da diese Bindung sich
irgendwie wieder lockern lasse. Wodurch? Gewi nicht durch den freien
moralischen Willen, den die Dualisten annehmen, sondern eben durch
Lockrung, mit andren Worten durch zhe, langsame Einwirkung, Erziehung,
Absolvierung unendlicher Stadien und Zwischenglieder.

Grundstzlich sind ein plumper Realist und ein differenzierter
Ideenmensch durch nichts getrennt als durch verdickte Ebnen, die
aufgelockert werden knnen; Genie und Durchschnittsmensch durch noch
nicht berschrittne Zwischenglieder. Es erffnet sich eine wunderbare
und ungeheure Demokratie der Existenzen, und sie ist, nebenbei, die
metaphysische Begrndung der politischen Demokratie.

Aber kehren wir zu dem Schwchlichen, am Willen Krankenden zurck.
Wissen Sie in Ihrer Gesundheit, wie dumpf, matt, stndlich aussetzend
das Hirn eines blutarmen Menschen funktioniert? Was werden Sie als
rztin tun? Die Blutarmut durch Ernhrung und andre Einflsse beheben
wollen. Gut, aber da Sie Frau sind, vital und praktisch, tun Sie noch
mehr, als die Wissenschaft Sie lehrt, Sie suchen auf die Energie selbst
zu wirken, das heit, Sie ben aus, was ich theoretisch errechnete, die
Gleichheit des Energiequantums in allen Menschen; Sie glauben instinktiv
an die Mutationsfhigkeit, Sie arbeiten mit einem unwissenschaftlichen
Prinzip, dem Willen, der in das Gebiet der Metaphysik gehrt, und --
berichtigen die Wissenschaft.

Danach machte er die alte Erfahrung, da Einstellung auf einen Gedanken
gengte, um ihn auch bei allen andren, in jeder Stunde des Tags, zu
finden. Es war Schreiner, mit dem er die nchste Diskussion hatte.
Schreiner schrieb alles Elend, Verbrechen, geistige Dumpfheit den
Verhltnissen zu -- ndert die Verhltnisse und es wird kein Verbrechen
mehr geben, der Mensch ist von Natur aus gut; belehrt ihn, er wird gtig
sein; versetzt eine Schar Proletarierkinder in lichte, warme Sphren,
und ich mache mich anheischig, so tchtige, talentierte, geniale
Menschen aus ihnen zu machen, wie das wohlhabende, studierende,
herrschende Brgertum sie stellt; Erziehung ist alles.

Erziehung ist viel, sagte Lauda, sie ist sogar alles, vorausgesetzt,
da man sie weit genug nimmt. Wir betreten ein Gebiet, wo uerste
Differenzierung der Behauptungen ntig wird. Zunchst ist zu sagen, da
der Mensch nicht gut ist, sondern gut werden kann, in dem Sinn, da das
Regulativ des Guten sich in ihn wie eine Achse senken lt, um die sein
Kosmos rotieren soll. Gut sein ist eine Korrektur des natrlichen
Egoismus, wird nie mehr sein, es ist eine Idee ber der Wirklichkeit,
nicht Wirklichkeit selbst. Ferner ist zu sagen, da keine Erziehung das
Verbrechen ganz aus der Welt schaffen wird, denn das Verbrechen ist nur
vom Standpunkt der Gesellschaft und des Brudergedankens aus verwerflich;
neben dem Bruder wird es immer das Ego geben, und hier ist Verbrechen
eine Manifestation der primren Energie des Ego, es ist eine ganz tiefe
und so reale Erscheinung, da man es metaphysisch nennen kann, es ist
unmittelbare Aktivitt, Widerstand des Ego gegen Gesellschaft und
Bruderidee, es ist das Leben selbst; wrde die Gesellschaft je ganz
licht organisiert und Armut ausgeschaltet, das Verbrechen wrde als
Reaktion gegen die Sanftmut und Banalitt dieser Ordnung auftreten, denn
Verbrechen ist Aufhebung der Idee der Ordnung, wie diese ihrerseits
Aufhebung der Idee der egoistischen Einzelerscheinung.

Worte, sagte Schreiner.

Nein, Metaphysik.

Erbrmliche Worte, weil ich nach der Konsequenz fragen mu, die Sie aus
dieser Anerkennung des Verbrechens ziehn. Sie reden wie ein sthet, der
die sogenannte Schnheit und Wildheit des sich zerfleischenden Lebens
nicht missen will; es soll alles bleiben wie es ist, denn das soziale
Elend erzeugt eine Differenzierung und eine Zerlegung des Daseins in
Milieus, die ihm wohlgefllig sind, weil er Romanstoffe daraus gewinnen
kann.

Mgen Sie das dem stheten sagen, nicht mir, antwortete Lauda.
Richtig ist, da es auf die Konsequenz ankommt, die man zieht. Die
meine heit, da die Einsicht in den ewigen, elementaren Charakter des
Verbrechens der Idee der Gte ihre Gre und ihre idealistische, das
heit relative Eigenschaft gibt. Gte ist Setzung, nicht Wahrheit,
souverne Leistung, nicht Gehorsam. Ohne das Hintergrundsgefhl ihrer
Knstlichkeit ist sie sentimental -- der moralische Optimismus der
deutschen Pdagogen ist sentimental, weil er bekehren und zum Guten
zurckfhren will, whrend es gar keinen Punkt gibt, wo das Gute
tatschlich existiert. Rousseau suchte diesen Punkt und fand ihn in der
paradiesischen Vergangenheit; auch Sie sind rousseauisch und darum
bolschewistisch, denn bolschewistisch sein heit, durch Zwang zum
Normalguten zurckfhren wollen.

Leugnen Sie, fragte Schreiner, da durch Verpflanzung in gnstiges
Erdreich verkmmerte Arbeiterkinder zu Menschen werden knnen?

Niemand leugnet es, obwohl ich jede Przision dessen vermisse, was Sie
in diesem Satz unter Menschen verstehn. Leute, die freier von Neid, Ha,
Bitterkeit, reicher an Wrde, Selbstbewutsein, Unbefangenheit sind?
Ohne weiteres zugegeben. Aber Ihre Meinung scheint zu sein, da solche
entlasteten Kinder auch besser, gtiger hilfsbereiter sein mssen. Es
wre ein Irrtum. In dem ungeduckten Mensch wird Energie frei, die er
nicht mehr zur kmmerlichen Behauptung seiner Existenz braucht -- er
wird sie sofort seinem primren Egoismus zufhren, mehr Macht, Geld,
Genu erreichen wollen; das in gnstige Verhltnisse gestellte
Proletarierkind wird Unternehmer, Beamter, Offizier, so banal wie
irgendein Brger werden, wenn Sie nicht den Druck der Not, unter dem es
stand, durch einen andren _ersetzen_, denn das tiefste Geheimnis des
Menschen ist, da sein Kosmos nur dann Dichtigkeit besitzt und rotiert,
wenn er unter einem atmosphrischen Druck gehalten wird. Statt da das
Proletarierkind durch die bloe Befreiung gut werde, wird es entfesselt
werden, es sei denn, da Sie ihm das Regulativ einer Idee setzen: das
ist der Sinn der Erziehung, und dieses Regulativ ist jener Druck -- das
heit, gengt nicht, den Menschen zu befreien, es ist erforderlich, ihn
danach zu leiten. Energie braucht Form; befreite Energie zerstrt die
Form. Druck durch Not, eine ausnutzende Kaste, irgendwelche andre
materielle Faktoren: das ist niedertrchtig; Druck durch eine Idee, ein
Erziehungsideal: das ist notwendig.

Deshalb halte ich nicht viel von dem Angebot des Sozialismus, Ersatz fr
Religion zu sein. Er meint, es genge, die materiellen Bedingungen des
Arbeiters zu ndern, um bereits den bessren Mensch zu erhalten; er ist
ganz optimistisch, es fehlt ihm jener Einschlag von Pessimismus, der
wei, da der Mensch Bindung, Gebot, bergeordnete Ziele braucht -- die
Herrenkasten, die Konservativen wissen es, auch die Kirche, die darum so
gern das Bndnis mit den Regierenden eingeht. Sozialismus ohne eine
pessimistisch abgeleitete, optimistisch orientierte Erziehungsarbeit,
mit andren Worten Sozialismus ohne das Verhltnis zu Ja und Nein, wird
sich als kraftlos erweisen, wenn je der Augenblick kommt, wo er die
Macht erhlt.

Aber hier begann erst das Problem, das ihn interessierte: war
Naturellndrung durch Einwirkung mglich? Das Proletarierkind, um bei
diesem Beispiel zu bleiben, brachte, Befreiung vollzogen, doch sein
Naturell mit, das in einem bestimmten Verhltnis zwischen freier und
gebundner Energie bestand -- es hatte Eigenschaften, die Zellen waren
von den Eltern, der Vorgeburt her, imprgniert. Konnte ein
Unzuverlssiger zuverlssig, Jhzorniger beherrscht, Eitler sachlich,
Zgernder und Unschlagfertiger rasch und bestimmt werden? Hier, in der
mitbekommnen Form des Ich, lag die zweite Wurzel des freien Willens und
war nur die angewandte Form der ersten, daher man auch fragen konnte:
ist Lockrung der Form des Ego, ndrung des Verhltnisses von freier und
gebundner Energie, Verstrkung des Quantums an freier, also Verwendung
der Reserven, mglich?

Antwort lautete: unaufhrliche Schlge lsen das festeste Gefge, sei
es, da der Wille zur Lsung von dem an seinem Naturell leidenden
Individuum selbst oder von Erziehern ausging. Lauda erinnerte sich
seines Vaters. Dieser war ein weicher, impulsiver, schwankender,
ruheloser, unbefriedigter Mensch gewesen, der eines Tags freiwillig
schied, als der Ausweg verstellt war, eine zu spt berlegte Handlung
Konsequenzen zeigte, wie ein Glubiger den Schuldschein prsentiert. Er
war im Kampf des Willens gegen das Naturell unterlegen, aber er hatte
dessen Gefge so gelockert, da der Keim des Sohns von diesem Willen
neue Richtung, den mystisch elektroiden Sto erhalten hatte. Was er
selbst nicht erreichte, erreichte er generativ: der Nachkomme, gezeugt
in einem Augenblick von Energieanstrengung, die fr den Vater ein
Maximum und doch nicht gengend war, vollzog die Mutation durch einen
verhltnismig leichten und in frhe Jahre fallenden Kampf -- Erinnrung
Laudas an Selbstbehauptungskrisen um das zwanzigste Jahr.

Man konnte die Mutation auch in sich selbst dadurch erreichen, da man
zwischen zwei extreme Zustnde unendlich viele Zwischenglieder einlegte,
fort und fort die unmerklichen Schritte vollzog; doch das war nur denen
gegeben, die in sich selbst den Gegner sahn, sich nicht hinnahmen,
sondern Widerstand leisteten. Fr die Masse galt, da der freie Wille
die Generation zu Hilfe nehmen mute, und das wurde Lauda die Begrndung
des sich ihm anbietenden Erziehungsgedankens. Das Individuum gengte
nicht; wer das Ja aussprach, wurde dazu gezwungen, in Generationen zu
denken; Gestaltung einer Idee, Formung eines Charakters griff in die
Zukunft ber den Einzelnen hinaus. Errichtung des vollkommnen Staats
durch Festsetzung eines Termins und durch die lebende Generation selbst
wurde sinnlos: Ablehnung des Terrors von der energetischen
Auffassung des freien Willens her, der darin bestand, da neue
Kristallisationsachsen des Kosmos Mensch gefunden wurden.

Aber fr seine Person stand er nun tief im Land der gestalteten Welt.
Gemeinschaft griff nach ihm, drngte den einst am fernsten liegenden
Gedanken der Erziehung im Sinn der Umschichtung auf, wie andre in dieser
Zeit sich in den Gedanken der Macht gedrngt sahn -- wurde Erziehung die
fr ihn eigentmliche Form der Tat?

                   *       *       *       *       *

Schreiners Tisch und der Laudas im Caf standen nebeneinander, bei Lauda
saen Hans und Siriwan. Seitdem in Ruland Lenin und Trotzki Kerenski
gestrzt hatten, war Schreiner in ungeheurer Erregung; ihre Ablehnung
des Kriegs bedingte, da sie den Widerstand gegen die Deutschen
einstellen muten -- die Frage war, ob sie Frieden mit ihnen schlossen
oder einfach die Operationen abbrachen. Ihm war nur der zweite Fall
denkbar: sie wrden zurckweichen, die Deutschen einmarschieren und sich
in dem ungeheuren Land verlieren lassen.

Das Abendblatt wurde ausgerufen, Schreiner strzte hinaus, als er wieder
eintrat, stierte er in die Zeitung:

Ungeheures geschieht, sie verhandeln.

So gro war sein Glaube, da er sich bezwang und sagte:

Sie wissen, was sie tun, wir bersehen ihre Plne nicht. Der
Friedensschlu des Partners wird in den Vlkern der Entente das gleiche
Verlangen, der Widerstand der Regierungen die Revolution erzeugen,
zwischen zwei Revolutionen wird Deutschland nicht kaiserlich bleiben; es
ist im Marsch: die Weltrevolution. An Neujahr ist Europa sozialistisch.

Was ist dann? fragte Lauda hinber, es beginnt die Epoche der
uersten Irdischkeit, der groen Materialitt, der souvernen Macht des
Staats. Ich leugne nicht, da es der grandioseste Versuch sein wird,
Wirklichkeit nach der Idee zu formen, ganz schpferisch zu sein -- ich
stelle nur die Frage, was wird geschehn, wenn Ihre Erwartung nicht
eintrifft, da alle groen Staaten gleichzeitig diesen Willen haben? Im
System der kapitalistischen Staaten kann System der sozialistischen
nicht bestehn -- es kndigt sich an, was der an die reine Idee Denkende
vergit, die Frage der berfhrung von Idee in Form. Werden die
russischen Arbeiterheere die Revolution nach Europa tragen? Schon da
sie sich bilden, ist Negation der Idee, Rckfall in das von ihnen
verworfne Prinzip der Gewalt. Sozialismus darf keine Heere bilden, auch
nicht zu Kreuzzgen.

Danach begab es sich, da Puck eintrat und erzhlte, da vor der groen
brgerlichen Zeitung Streikende demonstrierten: Steinwrfe fielen auf
die herabgelassnen Lden, Patrouillen wurden bedrngt. Schreiner sprang
auf, sagte:

Jetzt fnf Minuten zu ihnen reden knnen, die russischen Nachrichten
vor ihnen verlesen, sie anfeuern zum Glauben, da heute die Umwandlung
der Welt beginnt.

Er zog seinen Mantel an, ging zur Tr, kam zurck und bat Hans, ihm
seinen berzieher zu leihn, unscheinbaren, sein eigner war mit Pelz
gefttert, ungeeignet unter Demonstrierenden getragen zu werden. Und er
vertauschte die Mntel.

Das war Wirklichkeit gewordner Vorfall aus einem Pamphlet Der
Revolutionr im Pelz, dessen grober Ironie man Anerkennung versagt
htte, weil sie zu direkt gewesen wre. Puck lachte schallend, Siriwan
sagte befriedigt: Der Revolutionr hat sich entschleiert und schien
nicht erstaunt zu sein; Hans erklrte:

Die Menschen sind erstaunlich, und es ist mir immer wieder im Innersten
fremd, was sie treiben. Warum soll einer, der die Lage des Volks
verbessern will, nicht einen Pelz tragen; heit denn Sozialist sein, den
Sansculotten spielen? Statt zu denken: jeder, der im rauhen Wetter zu
tun hat, soll einen Pelz besitzen, trgt er den seinigen mit schlechtem
Gewissen.

Aber er trgt ihn, und darauf kommt es an, antwortete Siriwan, und
schlechtes Gewissen besagt nichts andres, als da er zwischen den
Gesinnungen steht, mutlos, unaufrichtig, verlogen, der Intellektuelle,
der Schaumschlger des groen Worts, begierig auf die Fhrerrolle, die
nie dem Knner, immer dem Hetzer oder Schmeichler bertragen wird. Tat,
Tat schreit er sich und den Geistigen zu und wei nichts andres darunter
zu verstehn als Demagogie. Was ist er? Einer, der die Bequemlichkeiten
des Brgers kennen gelernt hat und zu schtzen wei, sein Instinkt sagt
ihm ganz richtig, da Aufstieg immer eine Vermehrung von Komfort ist.

Nehmen wir zu seinen Gunsten an, sagte Lauda, da er nicht nur
subjektiv unklar zwischen den Lagern steht, sondern objektiv in einem
Konflikt ist, gern das Recht auf den Pelz aussprechen mchte,
vorlufiges Miverstndnis frchtet.

Aber die Verteidigung war matt: auch wenn man statt von Schreiner vom
radikalisierten Intellektuellen sprach -- die Lge des Intellektuellen
blieb, der nicht so identisch mit seiner Idee wurde, da er als
Proletarier unter Proletariern lebte.

Als Lauda an dem kleinen Hotel der Gasse vorberging, in der seit
Jahrhunderten fahrendes Volk, Varietleute, Jodler, Soubretten ber den
Bierhallen des Erdgeschosses hausten, fiel ihm ein, da Lisbao darin
wohnte und bettlgrig war. Er stieg hinauf. Das Zimmer hatte keinen
Ofen, es standen Bett, Tisch und Becken; hinter dem Vorhang des
Wandschranks hing ein einziger Anzug, den zweiten trug Lisbao im Bett,
die Wrme fehlender Decken zu ersetzen. Franziskanische Armut des Poeten
-- wre er Poet im alten Sinn gewesen, Dachkammer mit Versen des
klagenden Kinds verbrmend, er htte auf die Dauer Besitz von der
Vorstellungskraft des Brgers ergriffen.

Da er kein Wesen von dieser Dachkammer machte, gewann ihm Respekt
Laudas, dem er die Hand lchelnd entgegenstreckte. Melancholie der
leisen Stimme war natrliche Haltung eines, der Rimbauds Flucht aus
Paris liebte, ganz anders war, nur Kaffeehaus und die Druckerei kannte,
in der er seine Hefte selbst setzte, zwischen Winkelhaken und
Holzschnittpresse jeden Handgriff bte. Nie hatte Lauda ein Wort der
Intrige von ihm gehrt, in einem Milieu von Knstlern und Literaten,
dessen Spannungen sich tglich durch Intrige lsten.

Vielleicht vermied er deshalb, Einblick in seine arme Privatexistenz zu
geben, weil sich um ihn, den Entfernten und Angreiferischen, fr
Entfernte und Nacheifernde ein Nimbus wob -- es hielten ihn manche fr
einen Alten und Weisen. Auch konnte man sicher sein, da, wenn er an den
Tisch im Caf trat, seine Brieftasche mit Zeitungsausschnitten gefllt
war, in denen das Wort Lisbao blau angestrichen -- jeder Charakterzug
eines Menschen, dem innren Anstand entsprungen, diente zugleich seinen
egoistischen Interessen; es stand ganz in der Willkr des Urteilenden,
welche Seite er sehn wollte.

Der Typus dessen, der den Blick fr die egoistische Seite hatte, sa
neben dem Bett Lisbaos, Brause, Literat aus der deutschen Hauptstadt,
Typus in allem, berlinerischer Sprache, Schufertigkeit des Urteils,
Zurstreckebringen. In zehn Minuten war der Kranz der Zeitgenossen durch
die unterrichtete Zunge entblttert, es stand die Misere deutscher
Geistigkeit in erschreckender Nacktheit. Da er selbst in einem
Propagandaamt sa, war Handlung des Zwangs mit dem jesuitischen
Vorbehalt des Klgren. Seinen Einflu zu beweisen, erbot er sich, Lisbao
und Freunde in Berlin berhmt zu machen, genaustes Programm. Halb ward
Lisbao verlockt, halb frchtete er nationalistische Ausnutzung,
schdigend in franzsischen Kreisen. Lauda trstete ihn, Brause wrde
hinter der Tr vergessen, was er im Zimmer versprochen hatte.

Heimkehrend fragte er sich, in welche Schicht er selbst gehrte, den
Literat nicht liebend, der sich wichtig nahm, nicht den der Bildung und
Erziehung hingegebnen deutschen Idealisten, der unfhig war, die Idee
des pdagogischen Positivismus zwar zu setzen, aber zugleich durch
uersten Vorsto des Denkens aufzuheben, und nicht das brgerliche
Lager, das sehaft in Existenz war und Geistiges zum Schmuck
degradierte.

Keine Frage war das, die ihm Qual bereitete; unbedingt abgelehnt nur der
Literat, Entfeler des Worts und Pathetiker der heroischen Geste;
mglich das Verhltnis zu Idealist und Brger -- der eine Mitarbeiter,
der andre Feld des vor Lauda tretenden Missionsgedankens. Der zu
sentimentale Idealismus konnte ersetzt werden durch den, der Synthese
aus Ja und Nein war, und das Brgertum, die Irdischen, war der Boden,
aus dem die Jugend wuchs, die Zahl derer herkam, denen man die Idee
bringen mute -- eine Verwandtschaft bestand zwischen diesem Boden und
dem Mtterlichen, das um einen Grad heiliger als alles andre Leben war.

Es erzeugte das Wort Erziehung, mit dem er nun zu operieren begann,
Mibehagen in ihm. Erziehung war ein zu positiv geladnes, pathetisch
moralisches Wort, eifervoll, sentimentalisch. Erziehung bezeichnete
nicht das, was er wollte, eine Auffassung, die Komponente aus zwei
Gegenstzen, bedingtes Ja war, das seine Bedingtheit nicht fortwhrend
zur Schau trug, alle Energie des bedingunslosen Ja enthielt, aber durch
das Hintergrundsgefhl des Nein straffer, gereinigter wurde. Erziehn
wollen war Anmaung; Erziehen schlechthin, Da-sein, Wirken,
Daseiendwirken, mit andren und fr sie denken, wre die Umschreibung des
fehlenden Worts gewesen.

So verhielt es sich auch mit dem Begriff Religis. Er konnte ihn nicht
umgehn, denn das Verhltnis von Ja und Nein, Aufhebung von Irdischkeit
und Zeitlichkeit durch Totalitt war religis -- es war die Quintessenz,
wenn man die gemnzten Konkreta Gott und Seele einschmolz und den
Stimmungsgehalt ausdampfen lie, so da nur die reale Abstraktion,
przise, brigblieb. Und abermals verhielt es sich so mit dem Begriff
Gte; sie war wie Religis moralisch gerichtet, als Eigenschaft, Besitz,
Gebot bestimmt, und sollte von diesen stimmungsmigen Beimischungen
frei sein.

Diese Fordrung, empfand Lauda, ist nicht Willkr. Die Selbstbespieglung
des Menschen in der gewhlten Idee der Gte war das, was er
Sentimentalitt nannte -- sie war die Lust, einen Gott gefunden zu
haben, in dessen Hnde man sich geben konnte: edelste Form der
Sentimentalitt, aber doch Rhrung ber sich selbst; das Bewutsein
fehlte, da dieser Gott Geschpf des Menschen, Symbol, nicht
Wirklichkeit war. Es bestand ein Unterschied, ob man sich unter den
_Druck_ begab aus dualistischem Unterordnungsbedrfnis, oder aus einem
Entschlu, den man letzthin hygienisch nennen konnte, weil man fr
seinen Kosmos einen Zustand suchte, in dem er am leichtesten rotieren
konnte -- Demut des Moralischen wandelte sich in Anpassung an
energetische Gesetze um, Mensch trat aus der ethischen Sphre in die
mathematische und war nur so im Stand, Gte, so weite Macht er ihr
einrumte, doch jederzeit zurckzuziehn.

Er brauchte nur zu bedenken, wie verschieden an den verschiednen Tagen
in ihm, Lauda, der Grad an Gte, das freie Quantum an Gte war. Es gab
Tage, an denen sie schlechthin alle seine Anschauungen und Handlungen
bestimmte, andre, in denen sie wie ein dekulminierender Stern ein wenig,
ziemlich weit, ganz weit abseits stand; und das Entscheidende nun war,
da er fr diese Unterschiede keinen objektiven Grund fand, stets sich
mit sich selbst im Einklang fhlte. Bereitwilligkeit -- Zurckhaltung --
Ablehnung; Verzicht auf Egoismus -- Einschlag oder Triumph von Egoismus
waren Aggregatzustnde, so berechtigt und notwendig wie atmosphrischer
Niederschlag, der bald Schnee, bald Wasser, bald leichter Morgendunst,
verschwunden am Mittag, war. Die Freiheit, naiv atmosphrisch zu sein,
darauf kam es ihm an -- grundstzliche Gte wre Vergewaltigung,
Zwangszustand gewesen.

Letztes Ziel, strkster Trieb in ihm war in der Tat: naiv zu sein; nicht
in dem Sinn, da er Denken, Widerstand leisten, sich selbst Zersetzen je
als Hemmung empfunden htte, sondern in dem des rcksichtslosen
Durchbruchs zum Wechsel der atmosphrischen Aggregatzustnde.

So kam es, da nach einem Tag, an dem er sich ganz etwa einer Frau
gewidmet hatte, am nchsten dieselbe Frau lstig fiel, weil sie aus dem
beglckenden Gestern den Anspruch auf das fortsetzende Heute ableitete.
Nichts aber war so schwer, als ihr klarzumachen, da seine vernderte
Haltung heute nicht Verleugnung des Gestern bedeutete, nur
Selbstregulierung und die gleiche Naivitt wie gestern war: der Konflikt
mit ihr wurde unvermeidlich, und es gab nur einen Ausweg -- nicht Trost
fr sie -- das Nacheinander der Zustnde als Gesetz zu formulieren, das
unvereinbar mit dem Wunsch nach Dauer war.

                   *       *       *       *       *

Eine der Bhnen der Stadt setzte sein letztes Stck an; eingeladen den
Proben beizuwohnen, sprach er mit dem Regisseur, selbstbewutem Mann,
und enthielt sich darauf jeder Teilnahme, vorschtzend die ungnstig
gelegnen Stunden.

Einiges vom Gang der Einstudierung erfuhr er in der Folge von Graumanns
neuer Sekretrin, Else Jakobi, deren Schwester Rutt Schauspielerin war
und in einer Rolle des Stcks auftrat. Lob Graumanns ihrer Intelligenz,
die er der jdischen Rasse zuschrieb, veranlate Lauda, sie zur Aushilfe
heranzuziehn, er hatte fr den jungen Rudolfi, der nach Deutschland
zurckgekehrt war, noch keinen Ersatz. Sie arbeitete so gut, da er
Graumann vorschlug, sie ganz in die Redaktion zu versetzen. Graumann
weigerte sich, da erbot sich Frulein Jakobi, beide Aufgaben zu
bernehmen -- Andeutung, da sie Grund habe, Arbeit zu hufen.

Der Grund war mhlos zu erkennen: Melancholie; ihre Augen starrten
manchmal in Grbeln, und die Freizeit der Abende war ihr tot. Kleine
Orientalin, warm und ppig, von Wesen ganz unaufdringlich. Sie kam aus
einer groen Landstadt des Ostens, wohin die Shne, Studium beendet,
zurckkehrten, um mit der Praxis die Familie zu grnden, suchend unter
den Tchtern nach Geldinteresse und dem Rasseideal, der vollbrstigen
Frau, die Vorstellungen befriedigt und gute Mutter ist. Unlust der
Schwestern, so zu warten und gewhlt zu werden, Provinz nie zu
berschreiten, war in Rutt mit Temperament verbunden, in Else mit Ethik.

Als jene Schauspielerin wurde, entlieen die Eltern auch diese, der
Schwester zur Seite zu stehn. In Berlin liebte Rutt sich durch die Reihe
der Schauspielschler, in dem Augenblick alles wissend, wo sie sich
entschlo, ganz wissend zu sein, und zahlte den Preis, um den Erlebnis
erkauft wurde; aber Erlebnis war das Mittel, das der Stimme Flle, den
Gesten Bestimmtheit, dem Blut Macht ber die Leute gab. Spannkraft
wlbte Brcken ber die Stationen; die letzte war das Tor, hinter dem
die wenigen sich sammelten, die den uersten Ehrgeiz kannten -- vor
ihnen die Ebnen der Stdte, in denen Gold, Hermelin und der groe Name
warteten. Sie brannte auf die Fahrt in sie mit den Nerven eines Renners,
gewi anzukommen, und sparte sich nicht fr den Grafen auf, gewi ihn
gleichwohl zu finden.

Else, Hterin nach dem Willen der Eltern, verstndigte sich mit der
Schwester. Hten, das war ein Begriff aus der Sphre des
Patriarchalischen, die Welt war anders geworden. Else sah dem Schauspiel
zu, das die Schwester gab, nicht abgestoen, der Verschiedenheit bewut.
Mochte sich auch fr Rutt aus Geschehn und Geschehn eine Einheit formen,
ihr eignes Wesen war: Einheit bleiben. Sie wurde von den blonden
Schauspielern begehrt, die Naturell voraussetzten. Verkehrend im Kreis
der Verwandten, fand sie, grostdtisch modifiziert die gleiche Welt, in
der die Mnner heirateten, klug Sinnlichkeit und Interesse vereinend;
sie fhlten, da dieses schwellende Mdchen mtterlich war, Antrge
folgten sich wie die feststehenden Namen der Tage. Else floh; es zog sie
nicht an, was diese bewegte, Praxis des Anwalts, des Kaufmanns Gewinn.
Sie suchte ein andres Lager auf, in dem die Standarte der sich
befreienden Frau wehte.

Wenn sie die berzeugten Worte vernahm, fhlte sie wohl dahinter die
mchtige Idee, aber wenn sie die Idee aussprechen wollte, wurden ihr
dieselben Worte platt im Mund. Was lag vor? Ein Mangel dieser Worte, die
so ntzlich klangen; doch sie verstand ihn nicht zu benennen. Andre
mochten dasselbe empfinden, sie steigerten die Ntzlichkeit in
Fanatismus, Fanatismus donnerte gegen den Mann -- war sie selbst dem
Mann feind? Er gab das Kind, er gab Erlebnis, er war zum mindesten eine
der Mglichkeiten der Frau, den eignen Mittelpunkt, das innre Kreisen zu
finden -- war das nichts?

Berge legten sich vor, ehe sie den Umkreis des Menschlichen berblicken
wrde, Gang eines Jahrzehnts. Ihn anzutreten, begann sie mutlos zu
machen, denn manchmal war es, als sende das noch ferne vierte Jahrzehnt
nach dem kaum beschrittnen dritten das aus, was es an Ergebnis barg --
Enttuschung.

Zurckkehrend in den Kreis Rutts begegnete sie einem, der ihr den Punkt,
an dem sie stand, geheimes Zgern, Atemschpfen vor dem Antritt der
Reise, mit bestimmtesten Worten benannte; seine Geistigkeit Wirbel aus:
Wissen um die menschliche Natur, Spott ber die Angst vor Erlebnis,
klarstem Befehl, Erlebnis zu suchen. Er galt als Wortfhrer unter jungen
Literaten, die Beschleunigung des Tempos in Stil und Aussprechen
verlangten, war ber Nacht aus dem Nichts in das Getmmel gesprungen,
schon war ihm eine Fahne zugefallen.

Er zog von Stadt zu Stadt, in jeder fand er eine Freundin unter den
Tchtern der Brger; als die erste Dekade erreicht war, begann er die
Rundreise von neuem und zwang jene, sich damit abzufinden, da ein jeder
die Folgen einer Begegnung, Sehnsucht nach Dauer, Qual des Alleinseins,
Konflikt mit Brgerlichkeit fr sich zu tragen habe; Sehnsucht, Qual,
Konflikt waren in Energie zu verwandeln, die Denken und Gefhl in
Bewegung setzte; Begegnung war Festtag, und Festtage sind Episoden. Die
Konsequenz verlangte, da es auch der Frau erlaubt war, sein System der
Vielheit und des Nacheinander zu proklamieren; da es konsequent war,
erkannte er es an.

Er kam nach Berlin und stand vor Else Jakobi -- an ihr, den Sinn zu
begreifen. Er strahlte wie ein junger Gott in Energie; strend die
olympische Gebrde. Sie durchschaute ihn, empfand die Lockung, gab nach;
er mochte recht haben, da, wer den Sprung nicht wagt, den Schritt nicht
findet. Woche der Entrckung, Meister lehrte die Novize, vollkommner
Kurs, dann reiste er ab, nahm sie in die Zahl derer auf, die er
Korrespondentin zu sein wrdigte; seine Briefe waren wie neue Berhrung
mit dem elektrischen Kontakt.

Sie sprach, als Lauda ihr Vertrauen gewonnen hatte, ohne Verhllung.
Ihre Schildrung des Freunds war ironisch, aber auch von einem
Fatalismus, der hellsichtig war. Was half es, den Selbstsichren
moralisch zu werten? Erlebnissen durfte man nicht fluchen, selbst wenn
ihr Gewinn nur Melancholie war -- vielleicht hie Melancholie der letzte
Sinn? In guten Stunden erkannte sie an, da er ihr viel erspart hatte,
den Umweg des Herzens und die Qual, verlorne Unabhngigkeit mhsam
wiederzugewinnen.

Htte sie nur gewut, was mit diesem Gewinn anfangen. Wohltat war, da
die Lndergrenze, schwer berschreitbar, zwischen ihm und ihr lag; da
las sie in der Zeitung, da er zu einem Vortrag kommen werde. Sie erbat
Urlaub, um so lang in die Berge zu gehn, zog ihn dann selbst zurck;
bleiben und ihm wieder auf acht Tage untergeordnet sein, war weniger
feig als flchten. Lauda gab ihr recht; sie gehrte zu denen, die sich
selber heilen, indem sie austragen, was in sie gesenkt wurde, langsam
Wandelnde, doch sicher.

Als der Freund kam, erhob er nicht viel Anspruch auf ihre freie Zeit,
eine Zuhrerin lud ihn aufs Seegut ein. Dort traf er Rutt, entfhrte sie
nach St. Moritz. Else kam nicht aufs Bro, am zweiten Tag suchte Lauda
sie auf, fand sie in einem der Mietszimmer, in denen Frauen zu sehn
bewegte; freudlose Wnde, nicht der Mhe wert, weibliche Hand daran zu
wenden.

Es ist gut so, sagte sie, er verhalf zur Krise. Das Entsetzliche war,
da ich immer fhlte, etwas msse noch kommen, um die Erniedrigung voll
zu machen; es selbst herbeizufhren, fehlte weniger der Mut, denn ich
sehnte mich danach, als die Vorstellungskraft; ich grbelte und fand es
nicht.

Er fragte, ob er es verantworten drfe, sie allein zu lassen; sie
antwortete:

Am Tag gewi, die Nchte sind schlimm, aber dann sind Sie ohnmchtig.
Gut, da es Nacht gibt, in der man die Dinge, sich selbst absolut sieht,
das Absolute ist die Sphre des Tods.

Er hielt sie an diesem Abend durch Beschftigung hin, dann fhrte er sie
hinunter ins Fremdenzimmer Graumanns, da zu schlafen. Sie nahm an, aber
als sie erfuhr, da er die Nacht durcharbeiten wolle, bat sie, bei ihm
lesen zu drfen. Er begann zu schreiben, legte die Bltter auf den
Stuhl, sie griff danach, nach einer Weile bemerkte er, da sie selbst
schrieb. Als er aufstand, sah er, da sie seine Arbeit abgeschrieben
hatte.

Warum tun Sie das? fragte er, Abschrift htte nur Sinn, wenn sie mit
der Maschine in vielen Exemplaren angefertigt wrde.

Ich wei, ich wollte nicht Ihnen helfen, sondern mir. Geistiges vom
Keim bis zur Ausbreitung zu verfolgen tut wohl, es gibt nichts andres,
was standhlt. Ich fing zuerst das Buch einer Politikerin an, dann kam
der Wunsch, die strkre mnnliche Energie zu spren, strker weil sie
weiter und duldsamer ist. Liegt in der Tiefe nicht das Gefhl, da alles
auch anders sein knnte, als es ausgesprochen wird? In den Bchern der
Vorkmpferinnen begegne ich ihm nie.

Sie bereitete den Kaffee der zweiten Morgenstunde, danach sprachen sie
von dem, was der Frau bleibt, die jenseits der Ehe getreten ist.

Als die Frau noch aufs Haus angewiesen war, sagte Lauda, gestern
noch, war sie derjenige, der kraft des Gehorsams gegen die
Tatschlichkeiten von Geschlecht und Wirkungskreis, identisch mit ihnen
zu bleiben vermochte, allein dauernde und reine Menschlichkeit
erreichte, weil er duldend war. Herr bleiben, also identisch sein, diese
Idee des Manns, ist nur eine Fiktion, ein knstliches Ideal. Jeder Mann
ist nur eine Zeitlang, periodisch, identisch mit Sinnlichkeit oder
Geistigkeit; zuletzt ekelt ihn immer vor sinnlicher Unverbindlichkeit,
die Gte ausschliet, und vor Gte, die totale Befriedigung des
Sinnlichen verbietet. Der Mann, nicht die Frau, war damals der ewig
Zerrissne; er ist das Geschpf, das die Bekehrungen, die
Sinnesnderungen, das Nacheinander erfunden hat; er ist der Zerstrer
der Bindungen.

Und heute ist die Frau wie er, zerrissner als er, weil selbst das
Nacheinander nicht ihren Instinkt bertubt, da sie sich Gewalt antut.
Wenn wir nicht krampfhaft sind, glauben wir nicht an die Illusion, die
in den politischen und andren Freiheitsidealen liegen knnte. Keine von
uns gibt zu, wie schwer es uns fllt, einsam zu sein, nur auf uns und
Abstraktionen angewiesen; jede hat die Sehnsucht nach Bindung durch den
Mitmensch, der Geliebter oder das Kind heit. Als ich mich damit qulte,
etwas zu tun, was mich zugleich ganz meinem Freund auslieferte und dann
von ihm befreite, kam ich auf den Gedanken, ein Kind von ihm zu haben --
sein Triumph, denn bereits proklamiert er die zwanzig Kinder, die von
ihm zeugen sollen, und danach meiner, wenn ich ihn, Dienst erwiesen,
gynokratisch verabschiedet htte.

Warum haben Sie es nicht getan?

Weil er mir die Gelegenheit nicht mehr gab, sondern an Rutt Gefallen
fand, antwortete sie mit einem Lcheln, das pltzlich in ein Lachen
berging, helles, befreites.

Ein wenig Kaffee, sagte sie, ein helles Zimmer, und das Blut pulst
mit einer Leichtigkeit, als knne es nie anders sein. Morgen frh werde
ich es ebenso unbegreiflich finden, da ich leicht war; nicht eine Spur
des gegenwrtigen Zustands wird geblieben sein, selbst wenn ich ihn mit
der grten Willensanstrengung suche. Was fr ein barometerhaftes
Gebilde ist ein Naturell -- ich denke das oft, wenn ich eine Geschichte
lese oder im Theater sitze: immer sind die Menschen der Literatur
unvernderlich, als liefen sie, einmal in Bewegung gesetzt, auf
Schienen. Ist das Wesen der Kunst oder Ohnmacht der Dichter?

Lauda: Fast immer Ohnmacht, ganz selten Stilisierung zum Zweck der
Vereinfachung. Die Einheit von Zeit und Ort hat man lngst aus dem Drama
verabschiedet, die Einheit des Charakters ist noch unangetastet und
macht die Dichtungen so unzulnglich. Von hier aus knnte man die ganze
Welt der Kunst aus den Angeln heben -- um am Ende die Einheit des
Charakters doch wieder einzufhren, allerdings eine neue, hrtre,
gereinigte.

Else: Warum wird es mir morgen frh nicht gelingen, die Stimmung von
jetzt zu verwerten? Glauben Sie, da man es berhaupt knnte?

Lauda: Durchaus. Das ganze Geheimnis, das eines der wesentlichen ist,
besteht darin, da man einen neuen Gedanken, eine neue Willensrichtung
hundertmal wiederholen mu, bis sie gelufig, vertraut, aktivistisch
werden. Sich seiner augenblicklichen Stimmung, die nur ein andres Wort
fr Dichtigkeitszustand des innren Kosmos ist, entgegenstellen -- das
ist Widerstand der freien Energie gegen die gebundne. Nicht das Ich
stellt sich entgegen, sondern im Ich ein kleines Quantum freier Kraft
dem groen der unfreien. Verstehn Sie die Tragweite? Es ist eine
Erklrung des Phnomens Ich. Ein Freund, d'Arigo, spielte diesen
Vorgang, da das Ich sich auflehnt, als Beweis der Seele aus und sah in
ihr ein selbstndiges X, das souvern die Krperlichkeit reguliert. Das
ist natrlich dilattantischster Dualismus. Freier Wille heit: das
Quantum ungebundner Energie vergrern und danach als Widerstand
trainieren. Wenn irgendwo der Punkt ist, wo indische Willensreglung und
das banale europische Wie werde ich energisch sich decken knnen, dann
hier.

Else: Sie sind gtig zu mir, warum?

Lauda: Weil Sie keinen Anspruch auf mich erheben, ich nicht an Sie.
Darum besagt es auch noch nichts ber meine wirkliche Fhigkeit zur
Gte, und ich wei nicht, ob ich sie frei machen knnte, wenn ich die
Stelle Ihres Freunds einnhme. Gte trotz Verpflichtung ist etwas
durchaus andres als Gte aus Stimmung.

Und da es die Stunde der Vertraulichkeiten im nchtlich stillen Zimmer
war, fgte er hinzu:

Ihr Bericht seines Wesens wirkte auf mich wie mein Verkehr mit Siriwan
-- irgendwo schneidet auch Ihr Freund sich mit mir, und als Ihre
Schildrung, nur durch Aneinanderreihung der Tatsachen, ungewollt
ironisch wurde, empfand ich, hei und unbehaglich es wre leicht, auch
deine Gastspiele unter den Tchtern der Brger in dieses Licht zu
rcken. Unterschied mag da sein, als Verzicht auf die olympische
Gebrde, von der Sie sprachen. Wenn ich etwas bin, so Antipode des
Schauspielers, worunter ich den verstehe, der aus dem magischen Wechsel
seiner Wallungen rasch irgendeine Form zusammenrafft in der
zwitterhaften Absicht, zugleich Einheitlichkeit zu haben und auf die
Tiefe seiner Verwandlungen schlieen zu lassen; Eitelkeit ist Stolz auf
Tiefe.

Geben Sie mir einen Rat, nennen Sie eine Idee, eine Ttigkeit, in die
ich mich retten kann, wie man in ein fremdes Land geht, sich eine neue
Existenz zu schaffen und -- Abstand zwischen sich und die alte zu
legen.

Er betrachtete sie, sah ihre jdischen Zge, sagte:

Zuerst wollte ich Ihnen Frauenbewegung oder Pazifismus nennen, alle
diese Bestrebungen haben den groen Illusions- und Beschftigungswert --
es kommt mir ein andrer Gedanke: arbeiten Sie im Zionismus. Er wird
Wirklichkeit werden, wenn die Trkei zerschlagen ist und England sein
Versprechen einlst.

Was wissen Sie von ihm?

Nichts als da er jede andre Idee, die auf Staatengrndung ausgeht,
durch seinen Gehalt an berrealen Gefhlswerten bertrifft, also
religise Bindung ermglicht.

So knnte ein Konservativer sprechen.

Wer sagt Ihnen, da Konservativismus als Idee nicht weiser als jeder
Radikalismus ist? Niemand kennt sich, auch ich nicht mich. Manchmal habe
ich das Gefhl, von mir und nebenbei von allen, die die Bindungen
lockern, da wir wider unsren Willen in das scharfe, knstliche Licht
des Rationalen schreiten, von einem Dmon gestoen, der nur Verfhrer zu
Erkenntnis ist. Wir knnen uns nicht anders verhalten und wir sollen es
auch nicht, denn es liegt wohl ein Gesetz der nach irgendeinem
Mittelpunkt vorrckenden Kosmen vor, und man kann nur ahnen, da die
Erkenntnis eine neue Naivitt ermglicht -- immer wenn ich handeln mu,
glaube ich sie schon zu haben. Temperament kann immer ungebrochen sein,
gleichgltig, wieviel Hemmungen es durchschritten hat. Immerhin zeigt
sich, da das, worauf der Mensch seine ganze Energie konzentriert, der
freie Wille, auch seine problematische Seite besitzt: Zchtung von
freier Energie sprengt die Bindungen -- ohne Bindung kann man nicht
leben, und wenn ich mich als Kosmos, Bruder des Himmelskrpers Mensch
empfinde, von Druck, Achse und Rotation spreche, denke ich nur ein
andres Wort: Bindung, diese Legierung von Ja und Nein; denn gebunden
wird das Nein, die Sehnsucht nach der Totalitt und der tdlichen
Rckkehr. Mit andren Worten, Bindung ist Demut, Gehorsam gegen den Zwang
zur Existenz, Bindung ist Scheu vor dem zu Radikalen, von dem man sagen
kann, da es sich nur der Maske der uersten Energie bedient und in
Wirklichkeit Gehilfe des zerstrenden Tods ist. In diesem Sinn ist
Bindung konservativ, in demselben Sinn konservatives Denken religis.

Sie lsen sich vom Radikalismus, bevor er sichtbar geworden ist.

Darf man der Zeit nicht vordenken?

Man soll mitdenken, sagte sie.

Ja, aber das einfgen, was berall eingefgt werden mu und die
eigentliche menschliche, geistige Leistung ist, den Widerstand. Ist eine
Betrachtung, die den Widerstand in den Mittelpunkt stellt, nicht
konservativ?

Sie kann nicht umhin, auch dem verwirklichten Konservativen Widerstand
entgegenzusetzen.

Nichts kann wahrer sein, Sie legen das System der Denkstrme blo, die
Ebbe und Flut, lebende Vorgnge der Mensch genannten kleinen Welt sind.
Das Nein, das die Positivismen des Lebens in Frage stellt, ist nur ein
Phnomen des Ja, das sich durch Widerstand verstrken will, und das Ja
des Radikalismus ein Phnomen des Nein, das die Lockung des grten
Glcks vorschiebt, um das Jasagen tdlich zu treffen.

                   *       *       *       *       *

Sie hatten sich am nchsten Morgen kaum an die Schreibtische gesetzt,
als Rutt gemeldet wurde.

Ich komme, sagte sie, weil ich mit dem Regisseur in der Auffassung
meiner Rolle uneins bin, Sie sollen entscheiden.

Sie berichtete; es erwies sich, da das Tempo einer Figur nicht gendert
werden konnte, ohne alle andren zu beeinflussen. Der Regisseur arbeitete
mit Hebeln und mit Schrauben, holte die Stze schwer hervor, lie sie
langsam zerflieen, starre Lava, und go das Dmmer wechselnder
Lichtmagie darber. Lauda nahm das Buch, las den Partner, bat Rutt, ihre
Rolle zu sprechen. Vollkommne Harmonie, rasch rollten die Szenen, leise
gedmpft -- Beschleunigung und Abstand waren die Absteckungen, zwischen
denen zwei Stunden Geschehn sichtbar wurden, aufschwellend wie
Kammermusik, danach nicht mehr. Schauspieler durfte nicht lebensgro,
wuchtige Materie sein; fern Pathos, Agieren; Gestalten _sind_,
berflssig, da sie sich erklren; Probleme knpfen sich, lsen sich
wie eine Schleife, Lauda legte keinen Wert darauf, den Zuschauer durch
sie aufwhlen zu lassen -- Zuschauer sollte zuschaun. Zuschauer sollte
bleiben, was er war, dem Schicksal Andersgearteter, Verstrickter
beiwohnen.

Es gab andre Stcke, elementarere, wie es neben Kammermusik die
heroische gab -- dieses Stck war, wie es war, also galt es, seinen Stil
einzuhalten. Rutt, die nervenzerrende Rollen liebte, hatte verstanden,
da sie hier Hrte unter zarter Hlle und sem Dunkel verbergen mute
-- am Regisseur, gleichermaen zurckzustellen, was er gelernt hatte,
den groen Apparat, und sich unterzuordnen.

Lauda begleitete Rutt auf die Probe, griff ein, lie von vorn beginnen,
warf das Tempo von Grund aus um, reduzierte Kulissen auf ein Minimum.
Konflikt mit dem Regisseur trat, dem Direktor anheimgegeben, in das
Stadium, wo Ausgleich unmglich wurde. Lauda verlangte die Regie fr den
Rest der Proben und den Abend selbst, drohte ffentlich zu widerrufen,
drang durch, indem er dem Regisseur den nominellen Oberbefehl berlie,
und sah sich auf zwei Wochen als unumschrnkten Herrn ber sechs
Menschen und die Trabanten. Es war Vergewaltigung -- wie immer beim
Sprung in die Tat empfand er, da, wenn er handelte, er ganz handeln
konnte, Geistigkeit wie ein Fcher war, den man schlo und zum
Dirigentenstab machte: kurzes Klopfen, Heben, -- und die klirrende
Symphonie begann.

Rutt sagte:

Elses Freund und Sie sind absolute Gegenstze; er fat die Energie in
anfeuernde Formel, Sie ben sie aus, undenkbar, da Sie an irgendeinen
Gedanken Worte wenden.

Er lachte, antwortete:

Fragen Sie andre, sie werden Ihnen sagen, da ich der sei, der den
Entschlu durch Reflexion hemme. Weil sie weder Denken noch Tun des
andren naiv nehmen, sondern die Dilettantenkunst des Schlsseziehens
ben, zwingen die Leute, fast selber Schauspieler zu sein, Denken und
Tun wie eine Maske zu tragen. Ihnen gegenber, Frulein Rutt, werde ich
allerdings nie philosophieren, nur handeln; Sie fordern heraus, zum Tun,
zum Spiel der Klingen oder zum straffsten Gegenbertreten. Warum, fragen
Sie? Weil Sie ganz im Vordergrund Ihres Wesens leben, zu bestimmt, zu
unmittelbar Energie in Handlung umsetzen.

Was tun Sie denn andres, fragte sie erstaunt; wenn man Sie auf den
Proben sieht, zugreifend, jh in eine Trgheit oder auch Verdrossenheit
fahrend, leben Sie doch auch im Vordergrund Ihres Wesens.

Und mache doch nur Vorste aus seinen Hintergrnden -- nichts ist so
sehr Instinkt in mir, als die Brcke nicht abzubrechen. Als ich noch die
Form meines Naturells suchte, zog ich mich oft zu frh auf die Brcke
zurck, war feig, lie im Stich -- man darf die Brcke nur in der
uersten Not benutzen, wenn man aus dem Absoluten dem Tun neue Krfte
zufhren mu.

Wie dem auch sei, antwortete sie, Sie sind fr mich so, wie ich Sie
kennen gelernt habe, und manchmal denke ich, da Sie der seien, dem ich
einen Vorschlag machen mchte, einen nie ausgesprochnen, weil der
Partner fehlte.

Aber sie lenkte ab, als er ihn hren wollte.

Wie seltsam ist Ihr Name, sagte er, was ist Rutt, eine Abkrzung?

Eine Umwandlung aus Ruth. Mit dem Namen Ruth sind zu bestimmte
Vorstellungen verbunden, als da ich ihn htte tragen knnen.

Lauda machte Barbara mit Else bekannt, nur andeutend, da es galt, einer
schon wankenden Melancholie den letzten Sto zu geben. Er frchtete, der
Optimismus Barbaras mge Else zu derb erscheinen -- unntze Furcht, er
wurde Zeuge des Gemeinschaftsgefhls von Frauen, das ein Wissen um Nte
des Erlebens war. Barbara stellte Derbheit zurck, bis sie wagen konnte,
die Mnnlichkeit jenes Freunds als die eines Tenors zu erklren. Und sie
drang mhlos zum Kern des Mdchens vor, fhrte sie in die Sphre des
Kinds und der zu betreuenden Mtter.

Auch mit Hans machte er Else bekannt, ohne Absicht, sah unerwartet den
Freund von der kleinen Schwester Barbaras zu der noch weiblicheren
Orientalin bergehn, aber hilflos werden vor ihren geistigen Interessen,
dieser Bereitschaft fr praktische Dinge. Ahnend, da sie Kummer
erlitten habe, erkundigte er sich bei Lauda, fate die Begegnung mit dem
Berliner Freund so natrlich auf, da ihm der Gedanke andrer, man msse
sich darber hinwegsetzen, gar nicht kam; aber beim Versuch, mit ihr
davon zu sprechen, hatte er nichts zu bieten, als die Empfehlung des
Wechsels, Selbstqulerei des Zwischenstadiums fr unnaives berma an
Seele erklrend -- sie fand ihn tppisch. Der Ansatz zur Werbung
scheiterte klglich, er war vom Stamme derer, die sich die Frau selbst
nimmt. Siriwan wirkte auf Else zynisch, auf Rutt als mnnlicher
Kavalier; sah er sie an, trat in seine Augen der Blick, mit dem Mnner
Kokotten auf die Verheiung uerster Dinge schtzen.

Es waren die Schwestern in allem Gegensatz, gleichwohl so jdisch die
eine wie die andre -- wie war Einheit bei so viel Verschiedenheit
mglich? Es gab zwei jdische Typen, wie es sie unter allen Menschen
gab, den in der zeitlichen Sphre heimischen und den religisen. Waren
Menschen dieser Rasse materiell, so waren sie es ganz; fr ihre Leistung
im Reich des Absoluten erbrigte sich der Beweis. Temperament im
weltlichen Sinn hatte nur der Bewohner der sichtbaren Sphre, der andre
hatte Stokraft, Vorstellungskraft, Ideenkraft. Wenn es rationalistisch
gerichtet war, bewegte sich jdisches Temperament leichter, sichrer,
anmaender als jedes andre auf der Oberflche der Dinge, stets noch
vermehrt um den Hunger nach dem Anteil, die egoistische Energie -- sie
schwammen in der Materialitt wie Raubfische im Wasser; Lehrzeit und
Verpuppungsstadium waren abgekrzt, sie sprangen wissend in die Arena,
mit dem glnzenden Blick, die Frauen so eifrig wie die Mnner, aber die
Frauen dieser Art unbeschwert von der Melancholie der Mnner, ganz
Energie -- geborne Trgerinnen des Radikalen, unfhig, jene Bindung zu
finden, durch die die vitale Energie so tief versenkt wird, da sie
Geheimnis wird.

Versenkung der Energie und Befreiung der Energie, das bedingte den
Unterschied von Vordergrundsmenschen und Religisen -- religis nach
Laudas Definition der, der Ja und Nein vereint. Und dieses Verhltnis
von Versenkung und Befreiung erlaubte auch, die tiefre Gleichheit beider
Typen zu behaupten, wie die aller menschlichen Wesen. Praktisch
gesprochen, wies die Melancholie Elses darauf, da ihr die geistige
Sphre zugnglich war, wie allgemein die Melancholie der jdischen
Menschen Ausstrahlung der strkren Geistigkeit war -- den
rationalistischen Frauen fehlte sie, trat hchstens als Surrogat
Fanatismus auf; wo auch das Surrogat fehlte, drohte Selbstverbrennung
der Energie, die sich in den kleinen Explosionen der tglichen
Verausgabung vollzog, siehe Rutts Mitreden, Dabeisein, sofortige
Umsetzung jeden Impulses.

Ein paar Tage darauf erzhlte ihm Else von Vorstellungen, die Rutt an
die Person Laudas knpfte, wnschend, da Else den Weg zu ihm ebne, und
den Wunsch verleugnend. Sie trumte von einem Bndnis zweier Energien
und Intelligenzen, deren eine die ihrige war, die andre die des zu
findenden Manns. Da sie Schauspielerin war, glaubte sie den Partner in
dem Dramatiker gefunden zu haben; Ziel: die Erobrung der Zukunft,
Mittel: kopulierter Ehrgeiz, Zusammenhalten, gemeinsames Arbeiten,
Schaffung von Verbindungen und Benutzung einer jeden unter
Schultergefhl; so steigen, wie es zwei klaren Willen mglich war, sehr
hoch, ganz weit.

Lauda sagte:

Ihr Freund, Frulein Else, wre der gewesen, den sie htte whlen
mssen; Tenor und Diva sind nicht nur uerlich, sondern auch innerlich
von der gleichen Welt. Nichts knnte mir ferner liegen, als meinem
Ehrgeiz durch Organisation nachzuhelfen. Wie ich naiv leben, nach innrem
Gesetz bald denken, bald handeln, bald mich binden, bald mich befreien
will, soll auch Wirkung auf andre naiv sich vollziehn; hat man Wirkung,
ist es ein natrlicher Vorgang, bleibt sie aus, desgleichen. Niemand
wei, ob das, was er sagt, Wert hat, mag er es als noch so neu
empfinden; man kann es nur feststellen. Reisender im eignen Ruhm sein
ist so anrchig wie den Leuten einen Fabrikartikel aufreden.

                   *       *       *       *       *

Wenn ich auch nicht Kaiser dieser Stadt bin, kann ich doch ihr Harun
sein, sagte er, auf der Brcke Siriwan begegnend, an einem der Abende,
an denen er durch Strae, Fabrikviertel, Restaurants der Reichen und
Vorstadtkinos ging. Siriwan lchelte mit dem Blick des Augurn, wenn er
Lauda so begegnete:

Man mu methodisch, grndlich und immer allein streifen, sagte er, es
ist das wahre Kennzeichen des selbstndigen Menschen, die andren werden
schon feig, wenn sie fnfhundert Meter vom Zentrum sind.

Noch einem dritten begegnete Lauda oft, Schreiner -- diesem in den armen
Vierteln und immer einem ber die menschlichen Hhlen, die
Schnapsschenken, die lieblosen Vergngungsorte Sthnenden. Ein vierter
wre denkbar gewesen, der, der aufsucht, sieht, leidet und nicht
spricht, sich vorbereitend auf den Tag, wo Sprechen nicht mehr Wort,
sondern Lehre ist -- er htte vielleicht gesagt, da Partei,
Organisation, Selbsthilfe nicht das Wesentliche seien, wie Christus
nichts von diesen Dingen gesagt hatte. Was htte er also sagen knnen?
Da wesentlicher sei, das Reich in sich zu suchen, die Brde der
Existenz in sich zu erleben? Was htte es dem Armen, Ausgestonen,
Schwachen, Mutlosen geholfen? Die Brde des Existierenmssens nicht
vergessen: das war Mahnung an die, die irgendwie fest und geordnet
lebten; der, der unter der Brde sthnte, verlangte andres, Lindrung,
und Lindrung bot ihm die Partei, die Hoffnung auf Vergeltung und
Umsturz.

Wie anders war die Situation als zur Zeit Christi; es lie sich der
Mensch nicht mehr auf die innre Zukunft verweisen; Resultat von zwei
Jahrtausenden hie: Mitrauen gegen die Lehre der Demut, denn Demut
hatte zu dem System gefhrt, das von dem Besitzenden nur die Steuer des
Almosens erhob, Kirche hatte ihren Frieden mit den Mchtigen gemacht.

Sinn dieser Streifzge war Lauda, das zu erkennen, Tragik des
Christentums zu fhlen, das gezwungen worden war, die Idee der Nichttat,
des Religisen, durch Tat zu verwirklichen. Mission fr das Reich des
Mehr-als-Irdischen treiben, hie zu den Mitteln des Irdischsten, der
Organisation greifen. Darum hatte, als das Christentum gescheitert war,
der Sozialismus die Verwirklichung der Idee auf ganz materiellen Wegen
unternommen: Organisation der Krfte und Wille zur politischen Macht.

Kein Christus war mehr mglich, die Menschen htten ihn gefragt: und was
rtst du zu _tun_? Man htte ein Programm von ihm verlangt, und
Programme sind irdischer als alles andre, so fern dem Pessimismus der
Religionsstifter, der Miachtung des Leibs und des Staats. So war das
Zeitalter, in dem wir alle leben; unmystisch, unlegendisch, unreligis
auf immer. Staat war der Gott, Gesellschaft die Form, mit der sich jeder
Gedanke, jede Energie verbinden mute, wollten sie berhaupt Form
annehmen und mehr sein als Rezept fr Individualismus. Noch gestern,
dachte er, lebte der letzte groe Christ, Tolstoi, begann das Beispiel
bei sich und dem kleinen Kreis, der um ihn war -- die Ausdehnungskraft
dieses Kreises, wie schwach blieb sie, auf das Gut beschrnkt; Dorf,
Provinz, Land, Staat konnte sie nicht erreichen -- es war vergrerter
Individualismus, Nachfolge Christi als Angelegenheit des Privatmanns.

Keiner heute, keiner in Zukunft wird mehr lehren, mehr erreichen knnen
als dieses Beginne bei dir selbst, Beispiel sein, Da-sein, nach seinen
Krften wirken, und das war der tiefste Sinn des Pdagogischen; aber
welche Tragik darin -- unsre Tragik, des Menschen Tragik, dem Ideen,
sobald sie aus der Sphre des Elementaren in die der Materialitt
traten, zu Materie erstarrten, ntzliches Handwerkzeug wurden.

Er hatte an diesem Tag das Buch einer Gruppe junger Dichter gelesen,
Aufstndiger gegen solche Irdischkeit. Ha darin gegen die sichtbaren
Formen, in denen Weib nur Frau der gesitteten Welt, Mann nur Nutzttiger
war. Dichtung ward als das Ewige und folgerichtig als Sprengung der
brgerlichen Regulative proklamiert; nicht weniger als drei hatten
Frauen gestaltet, die sich, die einen aus Demut, die andren aus
Sehnsucht nach dem Totalen, die dritten aus Fanatismus der Weibidee
vielen, allen malos hingaben, keusch zuchtlos, schreiend brennend --
was war es? Literatur, Ding fr sich, denn alles blieb Literatur, was
das Elementare absolut in die Welt des Existierenden werfen wollte;
Existenz hie Kontrolle des Elementaren; Existenz war Form, Form
Rationierung des Elementaren.

Die Kritiker und die vom Brgertum verehrten Dichter selbst hatten schon
lngst die Philosophie auf den Zwang gemacht, Elementar hie ihnen
Mildrung des Materiellen und Ewig Menschlichkeit -- sie hatten das
Pathos des Elementaren, nicht es selbst, sonst wren sie Zerstrer
gewesen, denn das Elementare war, insofern es auf das schon Bestehende
traf, Prinzip des Umsturzes, und es war, absolut betrachtet, doch
zugleich die Ursache dieses Bestehenden; Entschlu des Urwillens zur
Existenz war Selbstverurteilung zur Form.

Und er, Lauda, strzte von neuem in den Abgrund, der sich zwischen ihm
und Knstlertum aufgetan hatte, als es ihm feststand, da Dichter und
Knstler nur Leute waren, die das Elementare in mavoller Dosis dem
Materiellen zusetzten. Aber die Wirkung war heute anders; Ja war zu
stark, denn starkes Nein htte in drei Tagen zur selbstvollzognen
Auslschung gefhrt; Ja war zu stark, und es ergab sich Abfindung mit
dem Gedanken, da

Kunst Dosierung ist,

Handeln Kompromi,

Leben Hut vor dem Elementaren,

Alle menschlichen Angelegenheiten banale Tapferkeit, mavolle Abfindung
sind,

Menschen sich nicht zerstren wollen, Lobpreisung der Kunst als einer
Verschnrung und Beschftigung Wert hat,

Der Radikale, der vor dem Meer von Leid stehn bleibt, ohne sich zu
tten, es mit der groen Geste an deklamierend, ein Lgner ist,

Ein wenig Glck besser ist als die Ohnmchtigen nicht zur Ruhe kommen
lassen,

Alles Starke, Elementare, Kompromilose sich auf die einsamen Stunden
des Einzelnen beschrnkt und der der Anstndigste ist, der doch nicht
zum Egoist wird, sondern dem Bruder das Recht gibt, ein wenig hilft, ihm
den Glauben an die Allmacht von Ideen, Tat, Kunst und Gedichtetem nicht
zerstrt.

Er war nicht Schreiner, nicht Siriwan, nicht der vierte imaginre, nie
mehr wiederkehrende Christ aus Nazareth, er ging in diesen Nchten
einfach auf die Begegnung mit Menschen aus,

Zu fhlen bei ihrem Sein und Tun die Verschlingung der beiden Strme Ja
und Nein,

Dem Ja, in dessen Lichthlfte er nun getreten war, nicht so untertan zu
werden, da er streitbarer Optimist wurde,

Von Leid, Elend, Schmutz sich ein Wissen zu wahren, denn der Mensch war
ein Wesen, das, was es war, ganz war, nicht aus Strke sondern aus
Ohnmacht: das Hirn verga, suchte zu beharren.

Siriwan htte Lauda nicht verstanden; Lauda sprach mit den Mdchen, die
jener bei ihm gesehn hatte, nicht, weil er auf die Jagd nach der
Nachtbeute ging, sondern weil sie die waren, die ber den Weg liefen. Er
erfuhr Biographien, so gleich an geschminkter Lge und so verschieden an
Zustand, Motiv und Herzenston, da er, wre er noch Autor gewesen, auf
Material versessen, die weite Anlage des Werks Balzacs htte planen
knnen.

Das war so fern, die Zeit war derart beschaffen, da es des Romanhaften
zu viel wurde; die Zeit lockerte in solchem Ma das Feste, das gewesen
war, da sie Krepierende wie die See Fische auswarf; ein Angebot an
Material, Schicksal, Variation fand statt, da berdru in ihm entstand,
Verzicht auf Material, das nicht mehr vom Dichter gesucht werden
brauchte, sondern dem Zeitungsschreiber auf den Tisch flatterte.

Oft war zu helfen, er half oft, durch Graumanns Geld; gleichwohl, es
wuchs ein Gedanke, der nur deshalb nicht Zynismus war, weil er bitter
war: da wichtiger als die schon Leidenden die noch nicht Leidenden
seien, deren Jugend, sei es die physische, sei es die innre, sich noch
durch Einwirkung, Lehre, Beispiel in Energie verwandeln lie. Den schon
Leidenden helfen, da sie, in irgendeinen Winkel kriechend, schlecht und
recht den Rest ihrer Jahre ablebten; aber diejenigen _aufsuchen_, die
noch dem Existenzableben Existenzgestalten entgegensetzen konnten, der
Passivitt die Aktivitt, die Wille zur Mutation war.

Welches Regulativ blieb, es den Menschen zu lehren, nachdem das grte
gelehrt war, das sentimentalisch Gte, sachlich Anerkennung der
Gleichberechtigung des Mitgeschpfs hie? Man konnte die Gte ihres
dualistisch-theologischen Charakters entkleiden (denn sie war nicht
jenseits des freien Willens als Imperativ in uns gelegt) und ihr statt
der moralischen Frbung die tragisch-reale geben (die von Natur aus
Feindlichen und vom Totalen her Getrennten verbinden sich gegen das
dmonisch gleichgltige Abrollen, Brder durch Widerstand); aber das war
nur eine Reinigung des Begriffs Gte, der dadurch allerdings aus einem
Sittengesetz zu einem Regulativ, einer der groen starken
Knstlichkeiten wurde, mit aller Einsicht in ihr illusionistisches,
idealistisches, nie zu verwirklichendes, nur den Egoismus
modifizierendes Wesen.

Lauschte er in sich, schien es ihm, es gbe noch andre, neue, nie
ausgesprochne Formen des Widerstands, Keime einer knftigen
Erziehungslehre. Sie lagen nicht auf der Linie der Radikalisierung,
sondern der innren Energie, die in neue Kontinente des Hirns vorstt,
sie findend, indem sie sie erschafft, und nicht auf der Linie der Tat,
die versklavt, sondern der geistigen Freiheit.

                   *       *       *       *       *

Als er nach Hause kam, fand er eine Mitteilung der Behrde vor, die ihm
die weitre Herausgabe seines Blatts verbot; die deutsche Regierung hatte
Vorstellungen wegen Verletzung der Neutralitt erhoben. Auch Fnfkorn
war das gleiche Schicksal widerfahren, aber die Entente hatte ihn
geschtzt. Da niemand hinter ihm stand, wute Lauda, da der Berner
Entscheid unwiderruflich war.




VI


Achtzehnhundert Meter ber dem Meer lag der Ort, sechshundert ber dem
Ort das Hotel; steilste Leiter verband sie, die Zahnradbahn.

Mehr als zweitausend Meter ber den Ebnen stehend, in denen sie tteten,
weil sie nicht einig wurden, ob ein Streifen Land dem Reich im Westen
oder dem im Osten gehren sollte, empfand er die Verlockung des
Hochmuts, der die Menschen unter sich sieht. Jenseits des Tals ffnete
sich die ewige Weihnacht des Gletschers, und in der Schulinie einer
Kette von Seen erblickte er das Dorf, in dem Nietzsche dem schwachen
Krper die starken Gedanken abgerungen hatte.

Einsamkeit, ihm selbst einst lustvolle Vorstellung, gefllt mit hundert
Reizen, wie ein andrer sich Liebe der Kinder, heiligen Abend, Walten der
Lebensgefhrtin ausmalt; Einsamkeit, einzige Mglichkeit, um Gebot des
Egoismus und gutes Gefhl fr Menschen zu vereinigen, weil gerecht gegen
Menschen nur ist, wer nicht die Personen sieht, einzige Mglichkeit
auch, naiv zu leben, fern der Ungeduld ber die Konsequenzen, durch die
eine Begegnung gettet wird, Einsamkeit war nicht mehr Realitt, nicht
die ohne Zgern gegebene Antwort auf die bisweilen gestellte Frage, wie
er die Zukunft des nchsten Jahrzehnts wnsche, sondern hatte sich in
ein Ideal verwandelt, das verwirklicht matt geworden wre.

Wer Verweilen in der Arena der Menschen verwarf, so entschlossen dem
Absoluten sich zuwandte, da er jenseits der Manifestationen des
Absoluten stand, solches Heimweh nach der Totalitt hatte, da seine
Antwort auf die Frage Ja-Nein dadurch bestimmt wurde -- er mute das
Leben von sich werfen, es sei denn, da er glubig war und die Brde als
Gehei seines Gotts trug.

Fehlte dieser Glaube und whlte er doch die Einsamkeit, dann log er,
denn er suchte nur einen Annherungszustand des Nein und lie sich noch
vom Ja bestimmen. Aus der Einsamkeit die groen Worte in die Ebne
hinabsenden: hinberschauend nach jenem Sils-Maria, ahnte er, wieviel
nutzlos verbrauchte Energie dazu gehrte, das Pathos der Distanz
durchzufhren -- so viel, da sie gengt htte, in der Gemeinschaft der
Menschen sich zu behaupten, teilnehmend an ihren Angelegenheiten, der
Kausalitt dieser Angelegenheiten nicht zu verfallen und souvern zu
bleiben. Einsamkeit war der Mantel der Gre, in den sich der hllte,
dessen Widerstandskrfte versagten.

Sich nicht ausschlieen, auch wenn das Verlangen nach Einsamkeit immer
wieder durchbrach; es durch Aufhebung rechtfertigen und erkaufen, wenn
es sich als strker erwies; lieber Leid erfahren und Leid zufgen, als
dem tglichen Verschwenden, sinnlichem wie geistigem Umgang Kraft
entziehn, um sie dem Werk zuzufhren; verschwenden und doch sowohl genug
Krfte fr das Werk als genug Energie fr den Wechsel aufbringen;
zuzeiten Asket sein, trotzdem man zu andern ganz in Hellas war, dem
geliebten, heitren.

Der Pchter des Hotels war ein gebildeter Mann; in den Monaten zwischen
den Fremdenwochen gab er sich der Familie hin, erzog die Kinder in
aufrechter Frmmigkeit, versammelte sie abends zum Musizieren:
bungsstck war die Verdiarie, er am Klavier begleitend, der Knabe die
rhrend schwache Stimme der Geige fhrend, das Mdchen singend die
Klage. Familie grnden, Kinder haben, fr andre den Unterhalt verdienen,
auch das war Brde und mutig. Alles war wahr, was der, der Einsamkeit
whlte, gegen die Fron der Familie sagte, und der Brger darum doch
tapfer.

Nun wre die Zeit gewesen, Claire zu sehn; nichts war gekommen als ein
kurzer Brief: Du bist so weit, Unwiderrufliches ist geschehn, ich mag
nicht schreiben, wenn man mich einlt, besuche ich dich.

Es war November, die Wintergste noch fern, Lauda whnte sich allein, da
sah er am zweiten Tag, da noch ein Gast da war, der allein a, nach
Tisch fortging, ber die Kuppen wanderte, nachts wachte -- hinter den
Gardinen des Nebels schimmerte sein Fenster.

Lauda begegnete ihm auf Spaziergngen und im Haus, erfuhr, da er Stein
hie, sah, da er Jude war und das Stigma des geistigen Menschen trug;
aber im Freien bog jener ab, sobald er ihn bemerkte, und im Haus senkte
er den Kopf tiefer, um nicht gren zu mssen. Scheu in jeder Gebrde
eines mihandelten Tiers, das in den Winkel strebt, wo es still sein
Leiden bersteht oder sterben wird, niemand wei, was es dabei Dstres
empfindet.

Eines Tags, als Lauda im Ort Else abgeholt hatte, sah er dort, wo das
letzte Haus schon allein stand, eine Gruppe Menschen; seltsam schwarz
und deutlich die Konturen im fhnenden Regentag. Sie alle hantierten
wild erregt, bckten sich, warfen Dinge, die wie Kohlkpfe aussahn, zur
Seite, aber es wurde geschossen, und nun blitzten Messer. Einer nur
stand regungslos, im flatternden Mantel, Stein. Hinzutretend erblickte
Lauda das Grauenhafte.

Im Innern dampfte ein Brhkessel, in den noch zuckende Schweine geworfen
wurden; vor dem Kessel eine Blutlache, in der der Metzger, Stiefel bis
zum Knie, stand und den Tieren den Hals durchschnitt. Hinter dem Haus
wartete eine Herde Grovieh wie eine Kompagnie, die sich in Deckung
hlt, daraus fhrte man Stck fr Stck an den Waldrand und erscho es
militrisch. Daneben lie einer die Keule auf das Genick von Ziegen
sausen, ein andrer hackte die Kpfe ab. Eine riesige monstrse Grube war
Abgrund von Blut, Wiederkuermgen, Kpfen, Eingeweide, das mit fast
ausgetragener Leibesfrucht verwachsen war -- stinkend, verwesend vom
gestrigen Schlachten; Chlorkalk schwamm darauf, bertubte den Geruch
nicht und nicht die schwarze Farbe.

Die Stlle waren verseucht, alles Lebende wurde ein Tal entlang
geschlachtet, Weiber weinten, die Mienen der Mnner waren finster, der
Beamte des Veterinramts zuckte die Achseln und berwachte. Das war die
Erklrung, die Else erhielt, aber Stein sagte schneidend:

Rauchen Sie eine Zigarre, wenn Sie den Gestank nicht ertragen, aber
bleiben Sie, halten Sie dem Anschauungsunterricht stand. Der Mensch tut
das, was ihm Gesetz und Lust ist, er mordet. Wo ist der Unterschied, ob
er Stck fr Stck zur Bank fhrt, oder Keule und Gewehr zu Hilfe nimmt?
Entsetzt es Sie? Ich sah das gleiche dort, wo der Krieg ist, warf in die
gleiche Grube Eingeweide, Kpfe, Arme von Menschen, manchmal stand ein
Pfaffe dabei, manchmal keiner. Sehn Sie die Hnde der Metzger an, sie
eitern von der Blutarbeit; dieser Eiter ist das Geschwr, das alle im
Innern tragen; bisweilen bricht es durch, wird sichtbar, es ist ihre
Seele; Seele ist Stank und Eiter.

Danach verlie er sie, stieg zum Hotel auf. Sie holten ihn ein. Ihre
Schritte vernehmend, wandte er sich um, und Lauda sah seine Augen: da
erkannte er, wie aus dem Tiefsten der Hohn jener Worte gekommen war, so
tief, da er Gift in den Wurzeln des Lebens sein mute. Hier ging einer
mit dem Gedanken um, die Konsequenz zu ziehn, und der Umgang war wohl
stndliche, einzige Beschftigung. Es war nicht schwer zu erraten, da
diesen der Krieg zerstrt hatte.

Wenn Sie Zerstrung, antwortete Stein, die Durchschmelzung der
lebenschtzenden Hemmungen nennen, die vor die Erkenntnis gelegt sind.
Was heit Zerstrung -- ich habe die Realitt wiederhergestellt, die so
tief liegt, so sehr mit Sentimentalitt, Optimismus, Zhigkeit berdeckt
ist, da man sie mit dem bequemen, unverbindlichen Wort Metaphysik
bezeichnet und tut, als ob die davorliegenden Hemmungen schon die
Realitt seien.

Es gibt Philosophien, die ihr System auf dem Leid aufbauen; sie sind die
relativ besten, die wir erdacht haben, und doch Schwindel, weil sie
immer ein Hintertrchen aufmachen, durch das sie das Ja hereinlassen,
die Liebe etwa, wenn sie gerhrt die Vielheit der Menschen betrachten,
oder den Anarchismus, wenn sie beim Ego haltmachen. Herr, es ist mir
unmglich, Ihnen zu sagen, bis zu welchem Grad des Entsetzens Einsicht
mglich ist; es gibt eine verzweifelte Klarheit hinter dem mitteilenden
Wort, die nur noch _einen_ Befehl enthlt: vernichte dich, um berhaupt,
ein einziges Mal, Moralisches getan zu haben.

In Wien ttete sich vor Jahren jung Weininger, als er die Siegel ber
dem innren Schacht soweit gelst hatte, da er das Verbrechen daraus
aufsteigen fhlte, krperlich als ein grauenhaftes, in ihm lebendes und
mit ihm fressendes Tier -- er glaubte vielleicht noch, da nur in ihm
die Bestie rttle, wie es in einigen Lebewesen Parasiten gibt, in andern
jedoch nicht. Ich aber erkannte, da sie in allen sitzt, ich sah sie in
allen, und whrend sie ihm nur ein Abstraktum, das Verbrechen, war, sah
ich sie konkret, und sie heit Mrder, blutsaufender Dmon. Sein Ausweg
war einfach, er hatte nur sich zu tten, aber nach mir greift der
Wahnsinn, weil ich vergebens das Mittel suche, das die Existenz selbst,
die sadistische Lebensgier selbst ein fr allemal austilgen knnte.

Stein war Wiener. Als man sich erbot, ihn als Literat im sichren
Pressequartier unterzubringen, hatte er sich geweigert -- man schickte
ihn ins Feld. Nach seinem eignen Bericht war die Entwicklung seiner
Gedanken folgende gewesen. Im Anfang spaltete er sich in Ha und Liebe;
Ha denen, die Jnglinge und Wehrmnner dem hochmtigen Phantom
opferten; Liebe den Geopferten, die verbraucht wurden, wie man Wasser
verschttet, nach der Laune, der Dummheit, der Ohnmacht, dem Ehrgeiz von
Fhrern, deren niedertrchtige Verwesung er kennenlernte, als der Zufall
ihn zum Burschen eines Stabsoffiziers machte.

Ihrer zwanzig saen in einem Schlo, zwanzigmal Pose Moltkes, Napoleons,
weil sie unverzeihlich ber Leben verfgten, deren keines ihnen mehr
galt als das Streichholz, mit dem sie ihre Zigarette anzndeten. Ha
stieg auf unsglich ber Verhltnisse, die zwanzig von Ehrgeiz
Verseuchten Macht ber den Mitmenschen gaben.

Danach sah er sich in die anonyme Herde der Frontsoldaten
zurckversetzt, glaubend, er verlasse das Reich des gesttigten Tiers,
um in dem der Armen zu weilen. Sie waren selbst Tier, feiges, das gegen
den Stachel lckte, dem Stachel gehorchte, die tiefsten Krfte der
eignen Vitalitt entfesselte, um sich zu behaupten, mitzutun; mordend,
henkend, stehlend, triumphierend, wenn es Erfolg hatte, lstern nach
Gewalt, egoistisch bis in die letzte Faser, nachgeredete Phrasen
auswerfend, wie das Meer Kadaver, und sich doch nicht reinigend; es
nisteten die sentimentalen Gefhle wie Schleim in den innren Wnden.

Welche Menschenkenner waren die gewesen, die den einen die Macht, den
andern den Gehorsam angewiesen hatten: es konnte Mensch nicht ohne
Druck, Gebot, Anweisung leben, das gebndigte Raubtier. Aber Philosophie
der Autoritt so fern, Ha gegen die einen blieb, Mitleid mit den andern
schlug in Verachtung um und ward Qual, Ende, Weigrung, noch frder
Mensch zu sein. Geistliche segneten die Mrder, Tro von Schwestern
pflegte die Verwundeten, damit sie wieder tten konnten; in jedem Weib,
das im Dunstkreis dieser Hlle weilte, schwelte ein Gemisch von
Gefhlen, Idealen, Sinnlichkeit, so schauerlich verschlungen in
unentwirrbarer Vielfltigkeit wie in den Mnnern.

Und er selbst nicht besser; was in ihm vom Geist Christi, des groen
Juden, war, rang verzweifelt an, ward im Strudel fortgeschwemmt, tauchte
auf, nicht mehr erreichbar, fern; helfen, bessern -- wer konnte helfen
und bessern, wenn sein Wesen sich in einen rasenden Trichter
verwandelte, in dem der Brocken Gte im Schaum von Schmutz, Gier,
Lsternheit wirbelte?

In den Nchten brannten Feuerwerke aus Raketen, Gaswolken, Bomben auf,
als begnnen die Mondkrater phantastisch zu speien; in Stacheldrhten
brllten die Zerfetzten; da schickte man, am vierten Tag, den Strom
durch sie. Ein Zug der Kompagnie kam zu spt zum Angriff, man lie sie
antreten, whlte den zehnten Mann, erscho ihn, es waren aus dem Kampf
Zurckkehrende darunter. Hunde, knirschte er und raste, bis er sich
erbrach. Tte dich, schrie es in ihm, solange du es noch nicht aus
Wahnsinn tust, solang es noch Einsicht, einzige moralische Handlung der
Bestie ist -- und ttete einen andern: beim Angriff der Italiener war er
Zeuge, wie sein Leutnant, achtzehnjhriger, drei Mann, die nicht
standhielten, mit dem Revolver niederscho. Da knirschte er abermals:
Hund, du Henker im Auftrag der Kaste, und stie dem Knaben das
Seitengewehr in den drohenden Mund, so fest, da er ihn an den Boden
spiete.

Er floh ber die Schneejoche, ohne Bewutsein des Wegs, war nun im
Hotel, seine letzten Gedanken zu ordnen und, was aus den Nerven kam,
abermals aus dem Hirn zu rechtfertigen. Starre war gelst, es blieb der
Entschlu aus sthnender Seele.

So schlimm wie die Dmonie des Kriegs wrde das Vergessen sein, die
Rckkehr der berlebenden zum Alten, die prangende Decke des Frhlings
ber dem Moder, die groen Worte der Geistlichen, Dichter und
Zeitungsschreiber, rubriziert als: Triumph des Lebens.

Da sie am Ende aller Wenn und Aber immer wieder diesen Triumph des
Lebens ausspielen, diese schlaue Weisheit des Geschpfs, das wohl fhlt,
da es eine Kolonie fressender Zellen ist, dieses Sichabfinden mit der
Tatsache, eine wimmelnde Welt von Raubmonaden zu sein, berzogen mit
glatter Haut und lockender Rundung, diese Dynamik aus hundert Milliarden
von Appetiten -- das ist es, was mich das Grauen nicht vergessen lt.

Nicht vergessen wollen, Widerstand leisten dem schamlosen Egoismus des
Jasagens, das ist nun die mir eigentmliche Denkkonstellation geworden.
Hren Sie einen Satz, den ich bei Hermann Bang las: >Ich sage dir, she
ein einziger Mensch einem andern ganz bis auf den Grund der Seele, er
wrde sterben. Und wre es denkbar, da man sich selber auf den Grund
seiner Seele she, man wrde es als eine geringe, aber notwendige Strafe
betrachten, ohne einen Laut sein Haupt auf den Block zu legen.<

Und dieser eine wollen Sie sein? fragte Lauda leise, ist das noch
ganz Entschlossenheit des souvernen Menschen, der einmal, er wenigstens
und fr alle symbolisch, ehrlich sein mchte? Ist es nicht schon eine
Lockung, Sehnsucht nach dem Martyrium, Hingabe an einen Dmon, ein
gotthaftes Gebilde, dem Sie Aufenthalt in sich geben? Ist es nicht schon
herostratischer Ehrgeiz, Spiel mit dem Gedanken, eine noch nie gefundne
Methode entdeckt zu haben, um von den Menschen genannt zu werden? Ihr
Leid hat sich schon verschoben, die Lockung des demonstrativen Tods ist
vielleicht nichts als der erste Schritt der Heilung, weil sie nichts als
eine unmerkliche Einschmugglung des nicht sterbenwollenden Egoismus
ist.

Grund mehr, noch rechtzeitig den Riegel vorzuschieben, die Lockung zu
morden, indem man sie befolgt.

Das ist Dialektik der Todesgedanken, nicht mehr Ehrlichkeit. Unsre
uerste Tragik ist, da das Nein immer als Dialektik endet. Sie muten
sich tten, als Sie jenen Offizier gettet hatten, im Impuls. Was nicht
Impuls bleibt, wird Dialektik. Sich tten, um nicht wahnsinnig zu
werden, -- das ist noch nicht die uerste Leidensstation; diese heit:
erkennen, da man sich nicht tten kann, weil man sofort wieder zum
Aufbau verwendet wird, wahnsinnig werden, weil Wahnsinn nicht erlst,
das >Du mut leben!< wie Donner hallt.

Es gibt nur eine Rettung: sich damit abfinden. Metaphysisch gesprochen:
Was Sie leiden, ist die zu spte Frage des Urwillens, ob er recht getan
hat, sich zu manifestieren; da er es tat, hat er seine Freiheit
verloren, ist selbst in den Kreis der Tragik gestellt; wir sind verdammt
ohne Rettung.

Aber real gesprochen: Haben Sie den Appetit der Tierkolonie in Ihnen,
seien Sie die Dynamik ihres Zusammenschlusses, erbrechen Sie sich nicht
in Gedanken an den Bodensatz in der Seele des Weibs neben Ihnen, nehmen
Sie es und machen Sie ihm das Kind, lassen Sie sich von dem unsaubren
Egoismus beflgeln statt zersetzen. Seien Sie schneidend hart, nie
vergessend, und gleichwohl frhlich, ein wenig nur, nur soviel als ntig
ist, um das Leid zu ertragen.

Jede Philosophie endet mit dem Gehorsam, sei es der gegen einen auer
uns existierenden Gott, sei es der gegen die Identitt mit der Kraft,
die uns zur Existenz verurteilt hat. Sich mit der Tragik abfinden, heit
sie niederhalten, sie trgt ihr Heilmittel in sich selbst; man mu
lachen knnen. Lge des Daseins wird Illusion, das Tragende; Bewutsein,
wie schmutzig wir sind und wie ohnmchtig, kann gro sein, grer als
das Phantom von Pathos und Herrentum, das jener dort in Sils-Maria
ersann, weil er selbst weich, gtig und physisch zu schwach war -- wie
idealistisch, das heit, wie vorsichtig stand er mit Frauen. Seine Lehre
der Hrte war nur Symbol, er predigte das Maximum und meinte nur ein
Minimum -- gerade soviel Hrte, als ntig ist, um sowohl vor dem Hochmut
des Eifers als vor der Sentimentalitt des Allheilmittels Gte zu
bewahren.

Verstehn Sie mich? Ich spreche von der Tatsache, da, wenn wir auf der
Suche nach Rettung vor dem Tierischen die Gte finden, das Tierische und
Egoistische vergessen oder als Feind betrachtet wird, whrend es darauf
ankommt, aus Zynismus, Lebenshunger und Gerechtigkeit gegen die andern
eine Synthese zu bilden, die uns ein neues kompliziertes, aber darum
nicht weniger tragfhiges und unmittelbares Temperament gibt. Mensch,
sei die Summe deiner Widersprche, diszipliniere dich so, da du mit
vierzig Jahren der Massenerkrankung aller Reifenden, dem hemmungslosen
Einbruch der Gte widerstehst. Wie viele in diesem Alter, glauben Sie,
vermgen Widerstand zu leisten? Konnte es doch die ganze antike Kultur
nicht, als sie alterte, sie zersetzte sich christlich. Widerstand
leisten heit nicht, die Dmonie eines neuen Gedankens leugnen; es heit
sie fhlen, aber nur in kontrollierter Dosis ins Blut aufnehmen.

Und auf einem Gang ber die Kuppen, als sie von der Mglichkeit der
Erziehung sprachen, fuhr er fort:

Wenn ich mich frage, ob es noch berhaupt neue Gesichtspunkte der
Erziehung gebe, die ber die Trivialitt der moralischen Forderungen
hinweghelfen, finde ich diesen Gedanken: Erziehung noch mehr als auf
Moralitt, das Selbstverstndliche, auf berlegenheit anzulegen.
berlegenheit nenne ich den Entschlu, Einsichten ber die Grundlagen
unsrer Natur nicht wieder untersinken zu lassen, sondern festzuhalten.
Ringsum vollzieht sich alle Entwicklung so, da die Menschen den
vorletzten Gedanken durch den letzten totschlagen, der Weltliche
pltzlich asketisch wird, der Individualist Gte predigt. Dieses
Nacheinander scheint das Gesetz der innern Vorgnge zu sein, aber es
kann ersetzt werden durch das Zugleich. Nie vergessen, da wir der Gott
sind, der die Ideen und Gebote schafft, nicht dualistisch aus Ohnmacht
werden.

Ja, sagte Stein, das Entmutigendste und Sinnloseste ist, da
gewonnene Erkenntnis mit dem einzelnen zugrund geht, immer wieder der
sentimentale, eifervolle, pathetische Proze von vorn beginnt -- sie,
die von Entwicklung der Menschheit reden, mten darber verzweifeln.

Nein, sie mten die Erkenntnis sichern, antwortete Lauda, und es
wre nicht unmglich. Hier interessiert mich erst Erziehung, hier zeigt
sich die hchste Aufgabe des Widerstands. Eine Propdeutik der Energie
ist denkbar, fuend auf einem noch nicht geschriebnen Katechismus, darin
von den Gesetzen des Denkens die Rede wre, von seiner Halbheit und
Mhseligkeit, von seinen Rckfllen, vom primren Nacheinander und
spteren Zugleich, von dem Versagen des Widerstands und seiner Gre,
von der innern Physik, der seelischen Mathematik und der berwindung des
Tods durch die Generation. Aller Aktivismus wre darin, die ganze Lehre
vom Willen zur Selbstbehauptung, der den zur Macht ersetzen soll und
seine gereinigte, geistige Form ist.

Voraussetzung wre der Glaube an den freien Willen, ich habe ihn nicht
mehr -- htten Sie erlebt, was ich erlebt habe.

Ich knnte sagen, ich habe es, beschrnke mich darauf, zu sagen: ich
behaupte die Mutationsfhigkeit der Seele -- sie ist eine Frage der
Trainierung von Hirnmuskeln durch den Willen, der identisch ist mit
Selbstbehauptung, leichtfiger Energie. Das Hirn ist ein Kosmos, in dem
neue Erdteile angelegt werden knnen: ein so mystischer Vorgang wie das
Phnomen des Denkens berhaupt. Wie ist es mglich, da wir immer wieder
an derselben Stelle Empfindungen haben, ohne da die frheren den
spteren den Platz fortnehmen? Nur dadurch, da Seele oder Hirn eine
Masse ist, durch die in beliebiger Wiederholung Strme gehn: es empfngt
sie, reagiert raum- und zeitlos, leitet sie ab, ist aufs neue bereit,
magische Landschaft der blauen Phosphorblitze, wunderbare Gelatine,
berstend von Erinnrungen und doch keine lokalisierend, willig jeder
Zucht und Steigrung, freudig wie ein edles Tier, das sich als Knstler
und adlig fhlt, wenn es Aufgaben bewltigen lernt.

                   *       *       *       *       *

Warum war Else zu ihm gekommen? Sie sagte:

Weil meine Gedanken dorthin folgen, wo ich jemand unbrutal und
verstehend wei.

Da sie solchem Menschenwunsch wie etwas Selbstverstndlichem
nachgegeben hatte, gefiel ihm; das war die ethische Regsamkeit von
Jdinnen, die entschloner als andre sich von geistigen Werten bewegen
lieen. Stolz der Christin, sich suchen zu lassen und nicht zu
offenbaren, bis der Mann um sie warb, erschwerte das Bekenntnis, da
menschliche Angelegenheiten, Nte, seelische Interessen berpersnlich,
allen gemeinsam sind; das Geschlecht wurde weniger wichtig genommen;
erhob es danach seine Ansprche, war eine geistige Fundamentierung
gelegt.

Auch zwischen ihm und ihr kam dieser Augenblick. Beisammensein des Tags
ward an den Abenden fortgesetzt; schon hatte sich seit jener Nacht, in
der sie sein Manuskript abgeschrieben hatte, eine Gewohnheit gebildet;
sie las, whrend er schrieb, und strte nicht. Stand sie dann auf, in
ihr Zimmer zu gehn, fhlten beide, da die unsichtbare Spinne Fden um
sie gewoben hatte, die zu zerreien grren Entschlu kostete als,
dableibend, sie bestehn zu lassen.

Aus Bemerkungen des Unwillkrlichen schlo er, da sie diesen Augenblick
bedacht hatte; sie stand allein, war ihm gut, hatte das Bedrfnis der
Frau nach einem Gefhrten bekannt. Aber er seinerseits glaubte die Tiefe
dieser Sehnsucht, der die Melancholie des ersten Erlebnisses
vorangegangen war, zu ermessen und ahnte, da sie eine Bindung von ihm
verlangen werde, die ihn, fr das Mdchen, die Qualen sptrer Lsung
scheuen lie.

Er fhlte, Tag fr Tag im Freien zubringend, wandernd, dem
Champagnerrausch der Hhenluft ausgesetzt, so groe schne Beschwingung
aller Energien, so straffen, frohen Hunger nach Begegnung, Mensch und
Tat, da er sich Auslsung nicht anders als unbeschwert durch
Seelenhaftigkeit und die den Frauen teure Aussprache, Besttigung,
Feststellung denken konnte -- er erkannte sich: wenn er ganz wahr war,
zog er Frauen vor, die durch ure und innre Bedingungen so selbstndig
waren, da sie begegneten, ohne Huser zu bauen. Und Else wute es, aus
dem Eindruck seines Naturells abstrahierend, er merkte es an der
Wiederkehr ihres: Es ist gleich, was geschieht, dieses schmerzlichen und
wagenden Fatalismus.

Whrend sie so, sich nachdenklich in die Augen sehend, einander
zutrieben, geschah es, da er zwei Tage das Zimmer htete: sie wanderte
allein, begegnete Stein und trat Lauda verndert entgegen.

Als ich ihn das erstemal, mit Ihnen, sagte sie, von dem Gebot reden
hrte, sich zu vernichten, um einmal wenigstens Moralisches getan zu
haben, ergriff es mich wohl, aber meine Gedanken antworteten ihm schon
aus denen Laudas heraus. Mit ihm allein, war es, als trete ein andrer
Geist in mich, ihm und mir und unsrer Rasse Gemeinsames, ferner dem
Ihrigen, mitleidvoller, wissender um das jdische Leid. Sie, Lauda,
setzen ihm entgegen, was Sie sind; mir scheint es mglich, ihm den
Revolver zu entwinden, indem ich mich mit ihm identifiziere.

Das Resultat, sagte Lauda, wird gemeinsame Ethik sein, der Ethik
wiedergegeben, wird er in Flammen stehender Revolutionr werden, und er
wird Ihre Mtterlichkeit nicht erfllen, denn sie ist Wunsch nach Ruhe.

Sie verstand, wie er es meinte, nicht abratend, man mu sein Schicksal
erfllen, sehend dem Konflikt entgegengehn, vor jeder neuen Bindung
wissen, da sie, auf andre Art, das gleiche bringen werde wie die
frhren. Immerhin berichtete sie am nchsten Tag:

Vielleicht erspart er sich und mir die Abbiegung in die revolutionre
Heerstrae, whlt eine kleinre, frohere Aufgabe: wir sprachen vom
Zionismus. Er fhlt, da die Zeit naht, wo der jdische Geist wieder
Anspruch erhebt, eine der Krfte der Welt zu sein, neue Gestaltung oder
Untergang sucht.

Man darf annehmen, antwortete Lauda, da er sowenig untergehn wird
wie in der Vergangenheit. Die Rationalen werden die Anpeitscher der
Revolution werden, um durch Zerstrung der Nationen Gleichberechtigung
fr die ihrige zu erlangen, die Religisen den jdischen Kosmos zu
bilden suchen. Wird ein Palstina, mit Londoner und Pariser Bankiergeld
saniert, Musterfarmen und Huser mit Zentralheizung grndend, auf enges
Gebiet beschrnkt, sentimental lngst verstorbne Rabbiner studierend,
mehr als rationalistische Angelegenheit sein?

Sie wute es nicht und er nicht, es ging ihn nichts an.

Er ward berflssiger Zeuge der zwei, erinnerte sich, einen Brief vom
Personal Hannahs erhalten zu haben, der nahlegte, am Brienzer See nach
dem Rechten zu sehn, blieb zuvor in Zrich drei Tage, seinen berschu
Elena zutragend, in deren Zimmer er nun doch wieder sa, fatalistisch
berzeugt, da ihm Begegnung mit der zartren und innigeren Frau nie
gewhrt werde, weil er sie nicht suchte -- Feststellung, die tragische
Koketterie zu vermeiden hatte -- und hielt mit seinen Koffern acht Tage
vor Weihnachten Einzug im Landhaus jenseits des Brnig.

                   *       *       *       *       *

Er fand den Knaben gewachsen, und Funken der Intelligenz in seinem Auge
entzndeten alsbald eine Assoziationskette, die ber fnfzehn kommende
Jahre hinweg zu einem jungen Menschen fhrte, den er erzogen hatte.
Wunsch, Erkanntes und Errungenes weiterzugeben, nahm erste Gestalt an.

Ein Schlo sprang ein, sagte er, ich habe mich in die
Generationsreihe gestellt: Die Schale weitergeben, nicht auf die
Barrikade rufen; Erziehung ist die wirkliche Tat, Aufpeitschen nur
ber-die-Tat-reden.

Am Weihnachtstag, in Interlaken, wo er Geschenke gekauft hatte, legte
sich, als er das Abendschiff betrat, eine Hand auf seinen Arm. Hannah,
durchfuhr es ihn, so hatte sie ihn auf dem Brnig berhrt. Aber als er
sich umwandte, sah er Assenstand, jenen Patriziersohn aus Danzig, der in
Brssel am schmucklosen Tisch dem vor Chrisanthemen auf Pergament
schreibenden Dichter gegenbergesessen hatte, selbst Dichter, einer
andern, herrenhaften Prgung, und Hasser der demokratisierten Welt.

Lauda begrte ihn froh, da sah er die Zurckhaltung im Gesicht des
einst Befreundeten -- Assenstand sagte:

Ich freute mich, Sie aufzusuchen, da erfuhr ich, da Sie die Sache
Ihres Volks aufgegeben haben, um nicht zu sagen beschimpfen. Es ist mir
darum unmglich, Ihre Gastfreundschaft anzunehmen, ich beschrnke mich
darauf, mich meines Auftrags zu entledigen. Lassen Sie uns in ein Caf
gehn.

Aber das Schiff war das letzte des Tags, und Lauda nicht auf bernachten
vorbereitet.

Sie nehmen nicht _meine_ Gastfreundschaft an, sagte er, sondern einer
abwesenden Dame, die Eigentmerin des Guts ist, Frau Graumann.

Und trotzdem die Ihrige, antwortete Assenstand, folgte aber aufs
Schiff, denn ich komme, um Ihnen zu sagen, da Sie ihr Erbe sind, ich
verlie Petersburg am Tag vor ihrer Erschieung.

Er erzhlte. Er war als Dolmetscher nach Brest-Litowsk gerufen worden,
im Verlauf der Verhandlungen fuhr er nach Petersburg. Man fhrte ihn in
den Salon der Freundin eines der neuen Machthaber, Frau Hannahs. Sie
stellten gemeinsame Bekanntschaft mit Lauda fest, er verkehrte bei ihr.
Da er einmal Lauda von ihr berichten werde, bewirkte, da sie von sich
sprach.

Wer in dieser Sphre von Macht, Neid, Mitrauen, Beaufsichtigung lebte,
dem war nicht mehr erlaubt, sich zurckzuziehn. Sie dort waren auf
Erfolg und Verderben miteinander verbunden, wie eine Goldjgerschar, die
in den unbekannten Kontinent vordringt -- kein Brudergefhl, Mitrauen
schlich um, Fieber derer die die Dnste des Bluts atmen. Aus dem Blut
stiegen die Geister des Tdlichen auf und waren dmonisch Verwandlungen
des verleugneten Gotts; unerbittlich, grausam, lauernd, wie sie ihn
verlangten, wies er ihnen die Verschreibung des eignen Lebens vor, sie
einzulsen.

Wie die Augen der Menschen hier sind. sagte sie, keiner ertrgt ihren
Blick, nicht der, dem er gilt, und nicht der, der ihn hat -- er wei von
ihm; das unertrglich berspannte Leben hat sich selbst darin und
findet keine Erlsung, weil es kein Zurck mehr gibt.

Das Geschlecht schtzte nicht, aber es gab Frauen neben ihr, die mit
herausfordernder Sicherheit ihren Weg gingen, mnnerantreibende, die
fanatisch ber der Revolution wachten, und mnnererregende, die geil
gediehn.

Eines Tags fand er Hannahs Wohnung geplndert, von Soldaten besetzt;
Gang zu ihrem Beschtzer, dem selbst gefhrdeten, war vergeblich -- sie
hatte einer vom Tribunal gesuchten Oberstentochter zur Flucht verholfen.
Es gelang Assenstand, die Zelle zu betreten; sie wute, da es ihre
letzte Nacht war. Warum hatte sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt?

Einer, antwortete sie, ist, der es versteht, ohne Erklrung, wir
hatten ein Gesprch auf dem Brnig.

Assenstand fhlte, da Tage der Befreundung fr nichts galten, sie
ffnete sich nicht; in ihren Augen war ein Feuer, das er das Wunderbare
nannte; sanfter Glanz der Ruhe, harter der Verachtung darin,
abgeschlones Leben, zitterndes. Konnte eine Frau so sterben, edles
Tier, das lautlos den Winkel sucht, edel wie der Mensch der Antike, der
das Haupt verhllend, sich in den Ablauf seines Lebens versenkte?

Welche Kraft, die durch keine Anerkennung, weder eigne noch andrer
belohnt wurde, denn ob einer Groes oder Feiges in dieser Nacht dachte,
es war im nchsten Frhlicht wesenlos. Und dann, da sie beim Abschied
aufstand, die Hnde um seinen Kopf legte und ihn kte -- erschtternd,
weil es eine Situation war, in der die Geste des uersten Gefhls rein
von Theater blieb: er hatte keine andre je erlebt. Sie lste das Angebot
an Hannah aus, in seiner Kleidung zu fliehn, und das war pathetische
Geste, denn sie war irgendwie Erinnrung an Gelesnes. Hannah schrieb in
sein Notizbuch Worte fr Lauda und Bestimmungen, dann ging er.

Lauda nahm das Heft in Empfang, schlo es ein, sagte:

Um Frau Hannahs willen werden Sie vergessen, da Sie nicht mein Gast
sein wollten, als denkender Mensch sich sagen, da berzeugung so
handeln lassen kann, wie ich gegen mein Land handelte.

Sie blieben auf, sprachen von Europa. Es erwies sich, da Assenstand den
Glauben nicht teilte, da der Friede mit Ruland Erleichtrung sein
werde.

Es ist zu spt, sagte Lauda, Kraft, die an der Lge dessen krankt,
der behauptet, da er sich nur verteidige und doch darauf brennt, seinen
Willen aufzuzwingen, wird mde. Jener englische Minister, der von den
Deutschen sagte, sie seien ein wildes Tier, das in seinem Kfig nur zu
weiten Tatzenschlgen ausholt, wird Recht behalten.

Wenn es sich so verhlt, wie ist es mglich, da Sie so kalt zuschauen,
wie das Tier sich verblutet? Von welcher Art sind Sie?

Von Ihrer eignen, die sauber sich entscheidet, Feind alles
Verschwommnen, unsachlich Sentimentalen. Da Sie das Aristokratische
whlten, ich das scheinbare Gegenteil, ist vom Wesentlichen her kein
Unterschied. Sind Sie noch wie in Brssel der berzeugung, da der
deutsche Junker die Manifestation einer Idee sei?

Da Radikalisierung, Zerstrung jeder Bindung durch berpersnliche
Hemmungen das grte Unglck ist, das die innre Ordnung treffen kann,
steht seit den Petersburger Tagen so fest in mir, da ich nicht nur
religise Regulative, sondern sogar kirchliche wnsche.

Ganz recht, man knnte mit den strksten Grnden belegen, da
Sozialismus seinen Sinn noch nicht gefunden hat, solang er weltliche
Macht werden will, da er vielmehr ein Akzidenz, geistiges Prinzip ist,
das sich mit jeder zivilisierten Staatsform verbinden lt -- er wre
also nur Kontrolle, treibende Kraft, moralischer Faktor; aber ich mu
meine Frage wiederholen: glauben Sie, da die preuischen Konservativen
ein Gran der Besonnenheit und Geistigkeit besitzen, die ihnen erlaubten,
die sozialen Ideen zu binden und den Deutschen das zu geben, was sie
nicht haben, Charakter?

Charakter nenne ich Ausgleich zwischen der Widerstandskraft gegen den
Ansturm von Ideen und der Bereitwilligkeit, diese Ideen als ernstestes
Gebot zu empfinden. Das ist unsagbar fern der Gier, sich die Macht ohne
Gegendienst zu sichern -- bei den Junkern finden Sie nichts als diese
Gier. Haben Sie je gehrt, da Junker von der Notwendigkeit der
Erziehung gesprochen haben, einer Erziehung, die radikale Fordrungen,
statt sie als Verbrechen zu erklren, bereitwillig, sachlich, ohne
Hintergedanken verarbeitet, weil sie das Recht auf Nachdenken und
Bessrungsvorschlge grundstzlich, aus Moralitt, als menschlichste
Angelegenheit anerkennt?

Ziel der Erziehung ist, Charakter geben, den Mensch mit geschickten und
klugen Hnden zur Selbstbehauptung fhren, ihn das Schritt fr Schritt
lehren, das keinen Augenblick Stehnbleiben sein darf. Wie sind denn die
Deutschen? berhitzte Brutale als Konservative, feig als Demokraten,
Leugner ihrer eignen Grundstze als Sozialisten, weichlich in einer
gepanzerten Hlle, schwankend, verschwommen, unfhig alles Przisen,
Unbeirrbaren, Durchdachten -- sie sind das Volk ohne Charakter.

Nun gut, antwortete Assenstand, es ist zwecklos zu leugnen, da mich
der Verkehr mit den deutschen Bevollmchtigten in Brest erschreckt hat:
Man hatte das entsetzliche Gefhl, da das Schicksal den mit Hochmut
fllt, den es schlagen will. Ich verglich die Idee des leitenden
Menschen, der der Masse Bindungen gibt, mit ihren Vertretern: es stieg
siedend hei in mir auf. Aber ich glaube so fest an diese Idee der
Fhrer im Staat, da ich keinen andren Weg sehe, als den, den ich bisher
whlte. Sie sprechen von Erziehung. Ich bin ein Mensch, dem Einwirkung
auf andre ganz fern liegt, man mu sich selbst finden. Die deutsche
Sache von heute ist meine Sache, wir sind zu weit gegangen, als da es
ein Zurck gbe.

So wird ihr Zusammenbruch Sie unvorbereitet treffen; was werden Sie
dann tun? Revanche lehren? Es ist gut, sich vorzubereiten, denn dann
wird es nur eine Aufgabe geben: in die Charakterbildung einzugreifen.

Und welche Methode werden Sie befolgen?

Ich wei es nicht. Es gehrt mir dieses Haus. Heute nacht dachte ich
darber nach, wie gut es wre, eine Schar deutscher Knaben aus ihrer
heimatlichen Atmosphre zu versetzen und durch eine Zahl von Menschen
erziehn zu lassen, die die Katastrophe der deutschen Menschlichkeit so
stark in sich erlebt haben, da sie auf alle deutsche Tradition
verzichten und sich die Grundstze einer neuen Pdagogik selbst zimmern.
Deren Taktik wre, die innre Mathematik, man knnte auch sagen Mechanik
von Ideen und Gefhlen durchforschen, ihnen allen sich ffnen und nur
ein Ziel im Auge behalten: die Demut nicht Schwche werden zu lassen,
sondern mit letzter berlegenheit zu verbinden -- es wre diese
berlegenheit der Ausgleich aus Hingabe und Souvernitt, ihre
schwebende gegenseitige Aufhebung. Es sind auch andre Formen der
Einwirkung auf Menschen denkbar -- welche ich whle, wei ich nicht;
gewi ist nur, da die hchste Illusion, die man Menschen bieten kann,
diejenige Einwirkung ist, die vom Individuum zur Generationenfolge
vorschreitet. Die Generation ist die dem Menschen mgliche
Unsterblichkeit, sie allein erlaubt, Ideen zu erfinden.

Ihr Ziel ist also, sagte Assenstand, Charakterbildung auf Grundlage
des Widerstands, aber mit Ausschaltung des Religisen im glubigen Sinn.
Wenn Sie eine neue Bindung durch Religion fnden, wre Ihre Idee
vollkommen.

Sie irren, sie wrde Halbheit werden; es wird nie mehr neue sichtbare
Formen des Religisen geben, nur noch die gereinigte Idee des
Verhltnisses zu Ja und Nein, die Gott nicht mehr kennt. Wie ist der
Mensch? Er ist so beschaffen, da er auch Gott stets und berall zu
einem Mittel zur Befestigung seiner Machtgier erniedrigt; darum mssen
wir soweit kommen, da wir Gott weder bejahn, noch bekmpfen, sondern
ganz frei von ihm sind.

In ferner Zukunft ist eine Zivilisation denkbar, die ber Absolutes und
Zeitliches, Bejahung und Verneinung, Idee und Tat, Geistigkeit und
Materialitt klare, weise, unpathetische und unsentimentale,
durchdachte, bindende Vorstellungen hat. Diese Vorstellungen sind nicht
mehr gefhrdet durch Rckflle in das Chaotische, weil das Chaotische
nicht geleugnet, sondern als groe primre Macht benannt wird. Es ist
die Verwirklichung dessen, was ich suche: eine gewisse Summe von
Erkenntnissen nicht mehr untergehn zu lassen, sondern kraft der Energie
und des Widerstands gegen Zeitlichkeit zu vererben.

Dem Charakter Form geben, ihm zugleich Widerstand und Einla des
Radikalen lehren, so da er das Maximum beider Strme einschalten kann,
wird die hchste Idee sein. Die Mutationsfhigkeit zchten, Leid durch
Zersetzung vermeiden, Glck vermittels Steigrung der Kontrollfhigkeit
vergrern. Wissen ist uns noch Gegensatz zum Schpferischen, und wir
stehn ihm noch kritisch gegenber, weil es das Ideal des Aufklrers, des
Nuroptimisten ist: in der Zukunft liegt eine neue Mglichkeit, klare
Energie in unmittelbares Temperament umzusetzen, eine neue
Menschlichkeit, die nicht mehr wie die unsrige Feminitt ist.

Es gibt kein Ja ohne Glaube an die Generation, die Kette der
Geschlechter, und nirgends wird so deutlich, da Glaube fr uns nur noch
gesetzter Wille ist. Insofern dieser Wille bewut ist, genau soweit sind
wir bewut, aber nicht mehr; wir sind im Grund ebenso naiv wie die
Frheren. Lehren, die nicht der Naivitt neue Kraft zufhren, sind
ohnmchtig.

                   *       *       *       *       *

Am Neujahrsmorgen sa Lauda im Zimmer, in dem Helle des Schnees und
Wrme der Kacheln war, und las die Zeitungen. Die deutschen brachten die
Versichrung der ungebrochnen Kraft und des kommenden Siegs, die
schweizerischen Betrachtung des mitarbeitenden Pfarrers, da der Krieg
Prfung des zrnenden, gleichwohl gerechten Gottes sei; schleimige
Hirne. Fr ihn selbst stand der Plan des Jahrs fest, und als der Grtner
kam, seinem neuen Herrn aufzuwarten, lie er ihn wissen, da er bei ihm,
sobald die Arbeit im Freien begnne, Lehrstunde nehmen werde. Er wollte
sein kleines Reich verwalten knnen.

Zeit der Zrcher Wirkung war fern, als sei sie nicht gewesen, nichts
blieb als Erinnrung an Energie; es wrde eine Zeit neuer Wirkung kommen
-- dazwischen Hingabe an das Beruhigte. Wechsel der Existenz, ewige
Wanderschaft, durchgefhrte Naivitt: sie wurden Sinn und erlaubt, wenn
man sie nicht erhitzt beschleunigte und in jeder Station sich willig
zeigte.

Er hrte das Dampfboot pfeifen, sah es im Geist am Gebirgsstock
entlanggleiten, der wie ein Wall gegen Norden und den Krieg war,
Geborgenheit zaubernde Kulisse. Er hrte das Kind lrmen, bedauerte, da
es zu jung war, um schon von Menschlichem mit ihm zu sprechen, erinnerte
sich an ein zwlfjhriges Mdchen, das er bei den Streifzgen in Zrich
mit einer verderbten Mutter, demnchst oder bereits kuppelnder, gesehn
hatte, und sann ber die Mglichkeit nach, solcher Kinder einige
auszuwhlen; sie muten den wesentlichen Keim haben und ihn verrterisch
in Gesicht oder Gliedern tragen; Durchschnitt und die Reizlosen
interessierten ihn nicht. Gegen das Mittelma gerecht zu sein gengte;
ihm Wrme und das Freiwillige entgegenbringen, das war Angelegenheit
derer, die in Gte tiefer einzuschreiten vermochten als er. Liebe zu
dem, was ist, war mglich, aber ihm nur, wenn die Urenergie in den
Geschpfen nicht verkmmert noch gehemmt war.

Das Telephon schlug an; hebend die Muschel vernahm er eine se, von
Erregung rauhe und ganz in die Ferne gerckte Stimme -- Claires.

Ich bin mit dem Schiff gekommen, rufe dich vom Gasthaus an, denn ich
wei nicht, bei wem du wohnst und ob ich dir willkommen bin.

Er ging zum Ufer, sah sie entgegenkommen. Was von denen gesagt wird, die
in den Sekunden der Todesgefahr ihr ganzes Leben schauen, empfand er bei
ihrem Anblick: sich selbst, die Summe von Komponenten, die wie ein
Gerst verschrgt waren und sich in der Schwebe hielten, Aufbau aus
Gegenstzlichkeiten, sowohl allgemein als im besondren Fall des
Verhltnisses zu Claire. Ich liebte sie -- ich entfremdete sie mir; sie
ist nicht mehr in mir -- ich bin ihr noch gut; die junge schuldlose
Bereitschaft ist nicht mehr herzustellen -- ein neuer Mensch kommt; sie
ist durch von mir nur geahntes Geschehn belastet -- hinter jedem
Erlebnis steht neue Naivitt.

Da hob sich die Welle, die ihn ihr entgegenfhrte, barst und gebar den
Sturm, der ihn erschtterte, Taifun des Ekels vor sich selbst und dem
Wesen des Menschen, der leiden macht, sich nicht einem Geschpf neben
ihm verbrdert, der Dmonie gehorsam um die eigne Achse rotiert. So
pltzlich, wie der Aufruhr ihn durchfegt hatte, legte er sich, und als
Lauda den letzten Schritt machte, die Hand Claires ergriff, war er
ruhig, bis in die letzte Zelle durchdrungen von dem Entschlu, zu sein,
wie er war, Leid abzukrzen, erworbne Erkenntnis ber sich selbst nicht
zu verlieren, fr sie beide zu denken -- Ehe war nicht mehr mglich.

Und whrend er sprach und sie sprechen hrte, lauschte er in seine
Tiefe, wo die Klarheit mit uerster Anstrengung dagegen ankmpfte, von
den Erregungen des Augenblicks und kommender Tage berdeckt zu werden;
Botschaften wie ein Schiff in Seenot sendend, sagte sie: Mache den
Schritt, den Claire von dir getan hat, nicht ungeschehn, sie hat ihn
allein gefunden, das ist ihre Kraft. Ziehst du sie zu dir und erlebst
erst dann den Rckschlag, mu sie den Schritt zum zweitenmal machen und
ist kraftlos. Wenn du nicht so gtig sein kannst, da du dein Leben ihr
unterordnest, sei so besonnen, da du ihr Selbstndigwerden nicht
erschwerst -- memento.

Sich zurckwendend zu dem, was Claire sagte, empfing er die zitternden
Untertne und wute: sie spricht Nebenschliches, weil sie danach bebt,
zu hren, warum du sie sich berliet. Da handelte er bewut und
benannte das, was wohlttig geeignet war, zwischen ihnen zu sein,
fragte:

Wei Leutnant Berger, da du hier bist?

Ja.

Lie er dich gehn?

Er gab mir Freiheit.

Erwartet dich zurck?

Wenn ich zurckkehre.

Hat er das Recht, dir Freiheit zu geben?

O Lauda, mu das zuerst zur Sprache kommen, ist dir das Wichtigste,
mich zur Rechenschaft zu ziehn?

Nicht im persnlichen Sinn. Bot er dir die Ehe an?

Sie senkte schweigend den Kopf. Er atmete auf, das Rohste war vorber,
wie niedertrchtig war Taktik. Zu ihr gehrte, Claire beim Glauben zu
lassen, ihre Beziehung zu Berger stehe zwischen ihnen.

Er gedachte der Gewissensnot, die Berger von Moltke zu Lagarde gefhrt
hatte, und wute, bevor Claire erzhlte, da nicht er Verfhrer gewesen
war, sie war zu ihm gekommen. Sie begriff nicht, da Lauda von dieser
Zeit und ihrer Qual nichts zu erfahren verlangte, Gesprch darber sanft
ablenkte. Als sie ruhig geworden war, fhrte er sie darauf zurck, und
Freunde besprachen seelische Dinge; Aussprache war Schmerz, doch nicht
Leidenschaft; sie hatten die Form gefunden, unheftig ihre Gefhle
auszubreiten.

Eine Woche verging, da begann er zu ahnen, da Claire sich diese Form
aneignete wie ein von Krankheit Aufstehender, der Schritt fr Schritt
wieder gehn lernt: er hat sein Ziel, nhert sich ihm zh. Sie pate sich
an, verzichtete nicht darauf, von ihm das Bekenntnis seiner selbst zu
erlangen. Sie kreiste ihn unmerklich ein, sie war in diesem Jahr
bewuter geworden. Auch herber. Herb war, wer sich zu fragen begann, ob
sein Einsatz an Bereitschaft belohnt wurde. Er sah, da sie zu dem Kind
freundlich war und es doch lstig empfand -- versteckte Feindschaft. Zu
Anfang hatte er ihr vorgeschlagen, Aufsicht ber den Haushalt zu
bernehmen, und betroffen, im Verkehr mit Kchin und Mdchen, eine neue
reale Seite an ihr kennengelernt, deren Folge Gespanntheit im Haus war.

Migriff ward rasch dadurch beseitigt, da sie wieder nur Gast war, aber
es blieb die Erkenntnis, die, festgestellt, so selbstverstndlich war:
da die Frau nur in ihrer Liebe unkleinlich, ganz bereit, ganz
liebenswert war. Und die Idee Claire durch die Claire der Wirklichkeit,
die frohe Mglichkeit durch den Alltag modifizieren zu mssen, weckte
nochmals das schmerzhafte Bewutsein, da es an ihm gelegen hatte, der
Frau den zrtlichen Duft des Mdchens zu bewahren. Es tat weh
festzustellen, da sie lter, bestimmter und auf ihre Interessen
bedachter geworden war, eingeordnet in die Reihe der Vielen --
Schicksal, Gesetz und Notwendigkeit. Es betraf nicht Claire allein, sein
Wissen um Frauen vermehrte sich um eine Einsicht, ihm fremd gebliebne:
der Weg jeder Frau senkte sich den Niedrungen des Alltags zu.

Es heftiger aussprechen, mehr als leises Bedauern empfinden, war nicht
erlaubt, nur Tlpel nannten, was im Geschlecht der Frau lag,
Minderwertigkeit. Auch Eifersucht gehrte dazu, von der jede Frau
berzeugt war, da sie Geschlechtsmerkmal sei, doch berwunden von ihr.
Claire verlangte von Hannah zu hren; was war natrlicher, als da sie
die nicht verwand, die ihr Kind Lauda hinterlassen hatte.

An der Stelle, wo er Hannah aus dem Felsspalt befreit hatte, sagte
Claire:

In Brssel sagtest du eines Tags zu mir: >Heute nacht, als ich ans Bett
trat und dich schlafen sah, dachte ich, es wre schn, so immer durch
alle Jahre den einen Mensch zu sehn, vielleicht von ihm getrennt, durch
Schicksal, Abwesenheit, freiwillige Trennung, stets doch mit ihm sich
treffend, um ihn wissend, solang bis Alter Unruhe lscht und letztes
Gleichma kommt.< O Lauda, das grub sich in mich ein und es ist kaum ein
Jahr her. Was bleibt heute von Worten, die ich damals nicht als Worte
empfand? Die Schlafende wird dich nie mehr zu gutem Entschlu rhren und
Alter wird uns nicht gemeinsam sein. Letztes Gleichma wird nicht mir
zugut kommen, die dann die sprlichen Briefe, die du schriebst, mit
mattem Herzen liest, denn auch sie erwiesen sich nur als Worte.

Claire, bat er.

Sie lehnte sich an den Fels, der den hilflos ausgestreckten Armen nur
breite Wand war, sagte:

Damals, als mich deine Selbstndigkeit verzweifeln machte, dachte ich
oft: O, wenn er krank wrde, damit er mich braucht; wie wrde ich gut
sein, ihn gewinnen.

Und danach, wenn ich wieder gesund wre?

Wren wir uns nah gewesen, und es wrde ber lange Zeit hinweggeholfen
haben; nichts andres htte ich verlangt als einst, rckblickend, so mein
Leben mit dir Kette von Hhepunkten zu nennen -- ich htte nur sie
gesehn, die langen, den, einsamen Wegstcke dazwischen vergessen.
Hattest du nicht selbst solchen Wechsel aus Begegnung und Trennung die
Lsung genannt? Wie bereit wre ich gewesen.

Und konntest doch die erste Trennung nicht berstehn, lehntest dich
auf, und Auflehnung gab dich einem andren hin.

Weil du mich nicht vor dem Zweifel bewahrtest; Zweifel, ob dir
berhaupt daran lag, da ich auf dich wartete, verwundete den Stolz,
Stolz wurde Trotz, Trotz Entschlu, nicht das demtige Mdchen zu sein.
Vor dem Zweifel bewahren, das wre allerdings Voraussetzung jener
Verabredung; du warst es, der sie nicht erfllte. Und es kam hinzu der
Gedanke, tckischer, schlechter, einflsternder Freund, da du mich
absichtlich auf Berger verwiesen habest, und Bergers Gte kam hinzu, den
man lieben lernte, wenn man mit ihm umging.

Es war mir nicht ernst, als ich sagte, du habest schon die erste
Trennung nicht berstanden. Dich auf die Probe zu stellen lag fern; wer
das tut, mu auch dem andren den Weg zur Rckkehr freihalten. Ich tat es
nicht, verga dich. Ich zog aus auf die innre Jagd, das Jgerglck
allein zu sein, war strker.

Ich lasse dich noch nicht, sagte sie, weil ich dich kenne. Alle
Gefhle erschpfen sich dir, wenn die natrliche Zeit vorber ist. Wenn
der Jger zu den Menschen zurckkehrt, geht er dorthin, wo die Heimat
seines Herzens ist. Sag mir das letzte, ob du so nie mehr an mich
gedacht hast.

Nun ist uerste Offenheit ntig. Ich dachte so an dich, aber nicht
ausschlielich an dich, in dem Sinn, da nicht auch andre Frauen an
deine Stelle treten knnten. Es ist Menschen wie mir, die die letzte
Gleichbeschaffenheit und darum Gleichberechtigung der Geschpfe finden,
unmglich, durch eine Frau alle andren Variationen zu binden, nur in
dieser Frau die Erfllung dessen zu sehn, was zur Frau fhrt.

Das Warme, Schne, Zrtliche; das Erregende, Dunkle, die sinnliche oder
seelische Kommunion, die eine Frau gibt -- es liegt theoretisch in
allen, praktisch in unendlich vielen. Die einzelne Frau wird Symbol,
Statthalterin. Dieselben Krfte, die in ihr sind, bei den andren zu
bersehn oder sich zu verbieten, wird unmglich in dem Ma, wie die
Einsicht in jene Brderlichkeit der Existenzen wchst; bricht sie zum
umfassenden Weltgefhl durch, schwindet auch das Individuelle der
einzelnen Geliebten; hchste Gerechtigkeit wird Ungerechtigkeit gegen
die eine. In diesem Sinn lockt mich nicht mehr das Persnliche, nur noch
das Geschlecht.

Und da jede Zunahme an Geistigkeit, wenn sie echt war, auch eine Zunahme
an Sinnlichkeit ist, so wird unvermeidlich, da ein solcher Mensch in
einem den andren unverstndlichen Grad die Lust kennt, neben der einen
Frau den Schwestern zu begegnen. Es will verstanden sein; die Lust ist
das sinnliche Symptom einer geistigen Feststellung, und diese ist so
tief fundamentiert, da ihr Trger sich als Lgner vorkommen mte, wenn
er der einen Frau sagte, sie sei ihm alles.

Strker mit jedem Tag wird mir der Widerwillen, im absoluten Denken das
Totalittsgefhl, dieses Umfassen alles Lebenden, zu entfesseln, und es
im Praktischen zu unterdrcken. Im Totalen schwingen ist Naivitt, die
Ehe hemmt sie -- sie sind unvereinbar. Hier ist der Punkt, wo ich mich
zuerst hart zu sein zwang, dann hart sein konnte: nicht das tun, was
alle tun, den Kompromi schlieen, schon geschlossnen rckgngig machen.
Viele unternehmen Vorste in die Erkenntnis, fast keiner geht zu Ende;
der seltenste Mut ist, nicht zurckzukehren.

Sublimierter Egoismus, sagte sie matt.

Dein Recht, so zu sagen, und doch nur Feststellung des Geopferten. Es
ist nicht gut, Bekenntnis in diesen letzten Dingen zu erzwingen, weil
der Bekennende seinen Egoismus mit dem Hermelinmantel des hheren Rechts
auf Egoismus drapieren mte. La mich es anders sagen. Als ich dich am
Steg in Empfang nahm, dachte ich nicht an mich, sondern an dich. Leid
kann ich dir nicht ersparen, aber es krzen. Es ist Konstruktion, an die
schne Kammlinie der Hhepunkte zu glauben, sie gengen nicht, jedes
Geschpf will Dauer, es will Sicherheit und im Tal wohnen. Solcher
Konstruktionen werden im Tag fnfhundert gemacht, Verabredungen tausend
getroffen, weil schon gewonnene Erkenntnis berdeckt wird. Sie nicht
berdecken, ist neue Moralitt, des Mathematischen.

In das ich dir nicht folgen kann.

Er fuhr fort:

Weshalb nicht? Es ist nicht so schwer. Du verstehst, wie die Kirche
dazu kommen konnte, dem Priester die Vermischung mit der Frau zu
verbieten, oder wie religise Menschen sich die absolute Enthaltsamkeit
auferlegten: weil die Frau in die reinliche, ewig mit sich selbst
identische Rotation dieser Menschkosmen eingegriffen htte. Nimm jemand
an, der zwar nicht mehr religis im Sinn des Kirchlichen, gleichwohl von
ihrem Blut ist. Da er das Geistige soweit vortreibt, da es sich mit dem
Sinnlichen wiedervereinigt, kann er nicht mehr asketisch sein, aber er
wird die Bindung durch die Frau vermeiden, die in diesem Zusammenhang
Bindung mit der Sphre des Geschehns, des Irdischen, Nurmanifestierten,
Sozialen ist.

Wiederum, man soll dieses nicht breittreten, noch zum Programm
erniedrigen. Es fr einen Augenblick tuend darf ich sagen: wessen
Anschauungsform die des Totalen ist, so da er neben dem einzelnen
Geschpf die Summe aller andren sieht, kommt, soweit er sinnlich ist,
dem Inzest nah; das, was vom Geist her umfassende Liebe ist, wahrhaft
katholisch und demokratisch, wird von den Sinnen her Schamlosigkeit --
sublimierte, drftest du wiederum sagen.

Du weit nicht, wie oft ich am Eingang der Askese stand. Sie ist nicht
der Aufhebung fhig, zwingt finster zu werden, nicht heiter zu bleiben,
wird Dmonie. Behaupte dich gegen Dmonie, das ist Lauda, dein Freund.

Also ist auch Ehe Dmonie?

Ganz recht, die kleine.

Sie schwieg, er wandte sich langsam zurck, stieg abwrts. Sie folgte
ihm, nahm seinen Arm und -- war heiter. Er empfand wie sie und sah die
Gefahr. Heiterkeit war nicht Abschlu, nur Befreiung durch Aussprache,
berblick vom Punkt aus, an dem sie jetzt standen. Und bevor sie das
Haus erreicht hatten, merkte er in ihr das Sinnen dessen, der die ihm
gebliebenen Krfte sammelt.

Das war der Augenblick, von dem geschrieben stand, da am Ende aller
Begegnungen, der vertrauten, gequlten, haerfllten sogar, die Umarmung
stand, Aufhebung des Whlens im Wort und des Bewuten. Vielleicht dachte
sie daran, da er es einmal ausgesprochen hatte. Er begann am Abend mit
Absicht von Berger zu sprechen.

Ich konnte, sagte sie, ihn nur mit deinen Augen sehn. Die benennenden
Worte fehlten mir, ich fhlte nur: sein Zustand des geistigen Menschen
war anders als deiner. Denken hie ihm, Bcher von der Bibliothek nach
Hause tragen, mit grbelnder Falte sich in sie versenken. Dann kam, was
er Verarbeitung nannte, und es war oft Vergleichen mit dem, was wieder
andre geschrieben hatten. Ernst um ihn gab mir seltsame Wnsche ein, die
wohl der Frau eigentmlich sind: ihn zu stren, seine Ideenreihungen zu
verwirren. Ich wute nicht, ob es boshaft war oder Wiederherstellung der
von ihm vergenen Welt.

Dann besiegte er mich jedesmal, weil er mir von dem erzhlte, was ihn
beschftigte. Er glaubte inmitten alles Verhrteten und Hochmtigen, das
grauenhaft im Krieg geschah, so unerschtterlich an das Gute, da man
fhlte: auch das ist Wille, Mnnlichkeit, Widerstand. Und diese Gte war
in ihm selbst. Er sprach nie gegen dich, aber er lie mich fhlen, da
er dein Schweigen verwarf. Ich konnte mich ffnen, und selbst die
Anfechtungen der Enthaltsamkeit wurden menschliche Angelegenheit -- nun
war es wie bei dir.

Es kam ein Abend wie dieser, warm durch Ofen und Licht, von Regalen
umstellter; ich ging nicht, wollte die Tat tun, damit sie vorwegnehmend
den Zustand schuf, dem sie folgt, wenn sie natrlich ist; an diesem Tag
war die Nachricht gekommen, da du durch deine gewollte Tat nie mehr
zurckkehren werdest. Wie war ich in so erzwungner Sinnlichkeit matt. Er
sah nur die Entfelung, es war dann durch Tage Scheu in ihm vor dem
Krper des Weibs, als habe sich ihm ein unreines Geheimnis enthllt; er
nahm mich an der Hand, begann mich einer ruhigen Innigkeit zuzufhren,
in der Umarmung nur Vertrautheit ist.

Wie wenig stark wir sind; gewhren wir Zeit, formt uns jeder Mann. Als
ich die Wandlung fhlte, floh ich, zwischen die Mnner Gestellte, jeden
in mir tragend, hilf mir.

Helfen kann nur, wer sich selbst anbietet oder ganz ausschaltet. Mich
ausschaltend wge ich Berger und Lauda ab und wei: bei jenem ist die
Sicherheit, die Treue und das Angebot, Gefhrtin der geistigen Arbeit zu
sein. Bei mir ist nichts als Begegnung auf Zeit. Du bist mir nah, die
milde Stunde bringt Sehnsucht nach deiner Liebe. Ihr nachgeben ist
schn, aber morgen frh wre jeder Schritt, der dich befreite,
rckgngig gemacht, Gewinn eines Jahrs zerstrt. Ist sich begegnet sein
nicht genug, vermag der Mensch nicht so stark zu sein, da es genug sein
knnte?

Sie kniete neben ihm, sah ihn mit tiefen Augen an:

Als ich kam, tobte Schlechtes in mir: da du mich nhmest, ob du mich
behalten wollest oder nicht --, nur genommen werden, um ein Gut, das du
verschmhst, zu beschmutzen, und ihm, der es heilig zu halten versprach,
beschmutzt zurckzubringen, als ob ich Rache an ihm nehmen mte, bevor
ich bei ihm bleiben kann. Mir war, als seien es deine Gedanken, in mir.
Leugnest du, da du so denken knntest? Ich gebe mich in deine Hand.

Er zog sie an sich, lag mit ihr in schweigender Umarmung, letzter,
reinigender; den Sinnen verwehrte Kraft strmte dem Sinnen zu ber
Menschen bewegende Dinge. Als die Weinende in Schlaf sank, stand er auf
und schrieb.

Gleiten der Feder ber das weie Papier ward Laut der Ewigkeit, es
rollte die Zeit in den Abgrund, aus dem die letzte Lockung kam: nimm was
sich dir bietet, Tor ist, wer verschmht.

Stark ist, wer sich beherrscht, antwortete er.

Abhngig wird, wer Beherrschung ber sich setzt.

Nichts wird Dmon werden, verwies er, morgen wird Claire in
wunderbarer Scheu leise zrtlich sein, nicht mehr erreichbare Geliebte.

Aber einige Tage darauf sah er, da sie viel zu liegen begann.
Aufblhende junge Frau, war sie nicht krank. Da sagte sie ruhig:

Ich wute es noch nicht ganz, als ich kam, und ahnte es doch. Aber nun
ist fast Gewiheit seines Kinds.

Er telegraphierte Berger zu kommen. Das Telegramm wurde an der Grenze
zurckgewiesen, er sandte es danach in ihrem Namen. Zwei Wochen spter
erwartete er Berger am Schiff. Der Begrende suchte in seinem Gesicht
zu lesen, Lauda dachte im Flug eines Augenblicks: es ist undenkbar, da
ich je mein Schicksal so von einem andern entgegennhme; dann: was
besagt es? Nichts, es fehlte diesem nur das letzte Glied der Kette, an
die er sich binden will -- in der Sekunde, da er die Gewiheit erhlt,
wird die Kette Kreis, Eisenband um den vollen runden Kosmos, der nun die
doppelte Schwingung gefunden hat, eigne um sich selbst und um die Frau
-- er ist ein ganzer Mensch und jener einer, die nur einmal lieben.

Liebe war: sich Ordnung geben, darum wurde sie die Eheweisheit des
Brgers, der wie der hchste Geist Ordnung suchte; aber sie war nicht
das einzige Mittel, Ordnung zu finden -- das war alles, was sich
vernnftigerweise in dieser Frage sagen lie. Jeder suchte das Mittel,
das ihm erlaubte, geschlossen in sich zu rotieren.

Wenn die Menschen ber Wert oder Unwert der Ehe diskutierten, bejahten
oder verneinten sie immer bedingungslos; aber Nein und Ja waren nur
relative Wahrheiten; nur Aussagen ber das einzelne Naturell waren
erlaubt, in allen irgendwie gearteten Problemen der praktischen Sphre.

Durch Bergers Anwesenheit verschob sich die Konstellation der handelnden
Personen, Claire stand nun von Lauda entfernt, Lauda einsamer und
fester; er war der, der Gste bewirtete.

Claire sah ihn bisweilen verwirrt an, schmerzhaftes Starren und
brennende Erinnrung; ihm begannen sie schon Ehepaar zu sein, das
gemeinsam auftritt, Phalanx verbndeter Interessen -- unmerklicher
berdru des Fremden vor solchem Bndnis. Da sagte Claire zu ihm:

Ich fhle, was in dir vorgeht. Bist du nun der, der nicht durchfhren
kann, was er selbst begrndete? Wrdest du billigen, da ich
bergangslos von einem zum andern wechsle? Ich finde es vor mir selbst
nicht abstoend, da ich wechsle, nur unsagbar seltsam; es ist, als she
ich eine Unzahl von Stationen vor mir, endlos wie gespiegelte Tren,
durch die man einen Pfeil schieen knnte -- sind sie alle durchwandert,
wird die Wandlung vollzogen sein. Ich wei nicht, ob es niederziehend
oder trstend, ob es Gte der Natur oder vernichtende Aussage ber die
hohe Idee der Liebe ist.

Es ist trstend und Gte, antwortete er, schiebe die Zwischenglieder
ein, verweile bei allen, und jede fr undenkbar gehaltne Mutation ist
mglich.

Verstehst du, da mir der Wunsch, reinlich Entfernung zwischen uns zu
legen und in den Tagen bis zur Abreise dich zu meiden, als armer Stolz
erscheint, ber den wir hinausgeschritten sind?

Lebte Hannah, wre es mir ebenso natrlich erschienen, zwei Frauen, die
beide mir Freundin sind, miteinander bekannt zu machen. Natrlichkeiten
neuer Art kann nur schaffen, wer die alten der Eifersucht und des
mitrauischen Stolzes nicht mehr anerkennt. Ha, verwundete Wrde, die
Skala der Leidenschaft, das ist gut genug fr franzsische Stcke, die
der Tragdin, rollenfressendem Tigerweibchen, auf den Leib geschrieben
sind. Das Tragische wird eines Tags so bombastisch und dumm sein wie
jenes Drama Hebbels, in dem Vater, Tochter und Liebhaber Ehre wie Leben
verlieren, weil das Mdchen ein Kind bekam. berlegenheit, die das
Schicksal gestaltet, wird auch ein neues Glck gestalten: Mensch strker
als die Leidenschaft.

Berger bedauerte, seine Arbeit nicht mitgebracht zu haben, Darstellung
der Wandlung des Offiziers zum religisen Reformer. Lauda bot ihm
Schreibtisch, Papier, eignes Zimmer; es erwies sich, da Berger das
Manuskript fehlte, Ablauf der Gedanken war abgebrochen, Abbruchstelle
nicht gegenwrtig.

Wie verschieden Denken sein konnte, es arbeitete dieser auf der Geraden,
er, Lauda, aus dem Kreis vorstoend; was man auch an Erkenntnissen fand,
es war ihm nur Variation der Grundanschauung, so da er in welcher
Situation immer nichts ntig hatte als Heft und Stift -- ausgesetzt in
der Sdsee htte er nicht anders gedacht als im Land der Philologen; er
vermochte auf Stimmung und die Bedingungen der Vorbereitung zu
verzichten, schrieb nur sich selbst.

Sie sind zu deutsch, sagte er Berger, das war auch die Beschrnkung
Lagardes. Ein Deutscher kommt immer von den Bchern der Vorgnger her
oder von der Billigung des deutschen Kosmos; auch Sie lassen Heer,
Kaiser, Stndegliederung darin, wollen sie nur ethisch vertiefen. Was
ist der ethisch vertiefte Offizier? Etwas Undenkbares. Ethiker kann
nicht Offizier sein, lst die Seelen von der Verpflichtung des Staats.

Sie sind auch zu protestantisch. Der protestantische Reformer ist ein
Unding, nicht nur, weil Protestantismus die Ausliefrung des Religisen
an den Staat ist, so da protestantische Geistliche nichts andres
genannt zu werden verdienen, als vom Staat eingesetzte Beamte, dessen
gute Beziehungen zum lieben Gott zu pflegen, sondern auch, weil
Protestantismus wie sein Halbbruder Sozialismus, im Gegensatz zum
Katholizismus, ganz unpessimistisch ist, dem bedingungslosen Ja des
Irdischen, des Tuns, der Pflicht zu leben, nichts von dem Vorbehalt
entgegenstellt, der das Wesen des Religisen ist.

Der Pflichtbegriff Kants ist unhaltbar geworden, der deutsche Moralismus
strahlt keine irrationale Vitalitt aus, alle Erziehungsreformen, die
auf Pflicht und Moralitt sich aufbauen, sind matt. Wer der Erziehung
neue Wege weisen will, mu vom Widerstand gegen diese deutschen Begriffe
ausgehn, sie ihrer Absolutheit entkleiden; der Zentralbegriff alles
knftigen Denkens wird Relativierung heien und im Ethischen Ausgleich
zwischen Ja und Nein sein.

Es ist nicht schwer, die Katastrophe des deutschen Denkens
vorauszusagen. Sollten sie siegen, was nicht sein darf und nicht sein
wird, wrden sie blasphemisch die Lehre des Tuns zur Unertrglichkeit
steigern; verlieren sie den Krieg, werden sie in ihrer Feigheit, die
nicht die Verpflichtung kennt, sich der Entwicklung zu ffnen,
Wiederaufrichtung des Alten fordern. Wer diese Nation erziehn will, darf
nicht mit ihr gehn, er mu gegen sie stehn.

                   *       *       *       *       *

Als die Formalitten erfllt waren, rsteten sich Claire und Berger zur
Reise.

Lauda begleitete sie nach Zrich. Es kam der Augenblick, wo er Abschied
von ihr nahm, belastet durch Rckerinnern, scheuend vor der Frage, ob es
erlaubt war, das Natrliche durch Eigenmchtigkeit umzuformen, dann zog
der Zug an, und Unwiderrufliches war geschehn.

Ihre Augen brannten noch in ihm, er ging schwer denselben Weg, den er am
Tag seiner Ankunft gegangen war, zum See. Kein Silber flammte,
nchterner Tag. Es galt, Dinge zwischen sich und sie zu bringen, er
suchte die Bekannten auf. Er fand Hans in Erregung, es war aufs
Bestimmteste die Nachricht gekommen, da Picasso in Paris zum
Gegenstndlichen zurckgekehrt war und herausfordernd akademisch, betont
konventionell malte, scharfen Kontur setzend; bereits hatte ein
Schweizer Aufnahmen gemacht, kein Zweifel war mehr erlaubt.

Wird er Widerstand leisten oder die Weichen in sich herumwerfen? dachte
Lauda; sthlt es ihn, allein auf dem ungewissen Weg weiterzugehn, oder
ist das Bedrfnis nach Kampfgenossen strker? Er fhlte, wie in den
Kosmos des Freunds der Stab der Verwirrung gestoen war, Rotation
gestrt und der Gedanke an gnzliche Umschichtung, parallel zu der
Picassos, erregt umkreist wurde. Er erinnerte sich der starken
Zeichnungen nach Krperakten, die er aus frheren Perioden des Freunds
gesehn hatte, und sagte:

Nach dem Gesetz des Gegensatzes werden Sie zum Krperlichen
zurckkehren, wie Lisbao eines Tags feststellen wird, da es unhaltbar
ist, mit dreiig Jahren noch den Weltekel des Dreiundzwanzigjhrigen zu
verknden. Extreme schlagen um, weil Nein in Ja umschlgt, das Ja
automatisch das Nein auslst. Gleichmig, stark, unerschtterlich ist
nur, wer ber seinen Extremen steht, indem er sie zu Vorgngen in sich
macht, wie Sommer und Winter wechseln. Ich versandte heute das neue
Stck, das ich geschrieben habe, Rckkehr zur Illusion von Wirken und
Arbeiten.

Es ist im Groen dasselbe, was sich im Kleinen jede Nacht begibt: ein
Tag endete mit solchem berdru, das Treiben mitzumachen, da man sich
wie zum Nichtmehrerwachen ins Bett legt -- am nchsten Morgen erwacht
man frisch und hat ihn, den Appetit der Kolonie von Raubmonaden, deren
Summe man ist. Jeder Mdigkeitszustand ist so natrlich wie dieser
Hunger, und die Einheit der Persnlichkeit besteht nicht, wie deutsche
Moralisten glauben, darin, da man den Widerwillen unterdrckt und den
Hunger in Ethos flscht, sondern in der Fortdauer des Kosmos, der die
Phnomene seiner Aggregatzustnde erduldet, wie Landschaft die des
Himmels.

Puck kam, um Hans vorzuschlagen, er mge seine jngste Arbeit
illustrieren, die Groteske vom Fleischseelenmenschen.

Ich will es an Ort und Stelle erklren, sagte er und fhrte die
Freunde in eine Seitenstrae des Geschftsviertels, wo in der
Hinterfront von Warenhusern und Bankpalsten ein altes Fachwerkhaus
sich erhalten hatte. Er zog sie an die Gitterfenster, sie sahn eine
Halle mit Schlagschatten, dstren Ecken; Mnner mit nackten Armen
standen ber Tische gebeugt, Bewegung wie von hobelnden Tischlern, aber
das Gehobelte spritzte Blut.

Sie schneiden und huten, sagte Puck, schinden und sbeln, seht Ihr
an den Wnden die senkrechten Parallelen? Es sind Leichname, die Rippen
glnzen, das Nierenfett leuchtet gelb wie Honigballen von
Eingeweidebienen. Es ist eine Roschlchterei; aber spht schrfer hin:
darunter wird eine Stunde der Inquisition sichtbar, Henkersknechte
beugen sich ber Liegende, whlen darin. Warum arbeiten sie in so
dsterm Licht? Ich wei den Grund: in dieser Halle wurde in der Tat
einst gefoltert, es ist der Geist des Baus, der ihnen die Atmosphre
schafft.

Hier bringe ich Stunden zu, whrend ihr im Caf sitzt; gegen Zahlung
einer Runde lassen sie mich zuschaun. Sie glauben, ich sei ein Sadist,
der sich aufs Kinderschlachten vorbereitet; ich lchle und sie sehn
nicht die Verzerrung des Munds. Hier lt sich alles empfinden, was vom
Mensch zu sagen ist, er atmet nicht Luft, sondern Dunst des Bluts; er
ist Methodiker, er zerreit nicht, er schneidet. Ist es denkbar, da es
Leute gibt, die ihren Achtstundentag damit fllen, Mitgeschpfe zum
Kochen fertigzumachen? Ein ganzer ehrenwerter Stand tut ein Lebenlang
nichts andres, und die Meister sind Gemeinderte.

Von hier gehe ich in die Metzig am Quai, wo das Fleisch fr die gehobnen
Brger bereitet wird, es liegen gebrhte Kpfe, Kutteln, Lungen. Dort
sind auch Fleischerinnen, blhende Mdchen, schwellend vor Sinnlichkeit,
die sie aus braunen Augen gratis verschleien -- man mchte sie ber den
blutigen Ladentisch legen, das bekannte Spiel mit ihnen zu treiben. Die
Dame kommt, ein Stck zu kaufen, und aus dem Schlachthaus geht sie zu
ihren Kindern und ist gut zu ihnen.

Nachts trume ich von einem Planet, auf dem der Mensch die Rolle des
Tiers bernommen hat, man hngt junge Mdchen geffnet ins Schaufenster
und weiche Brste sind gesucht; Hirn wird gewogen und enthaarte Kpfe
stehn in Reihe. Das Epos schwillt, ich habe den groen Stoff gefunden,
der das Erhabne enthlt, den Triumph des Lebens und die tragende Lge.
Zwischen der Kannibalenszene des Anfangs, wo man mit Kntteln zermalmt,
und dem Salon, wo man Lende des Bruders Tier verzehrt, ber die Dinge
des Geists diskutiert, ist alles enthalten.

Das Thema ist so ungeheuer, da mir manchmal der Schwei vor Angst
ausbricht, da ich nicht in jedes Kapitel die schneidende Lustigkeit,
die unsagbare Mischung von Grauen und tanzender Befeurung bringen
knnte.

Ich schenke dir einen Beitrag, sagte Hans, den ich in einem Buch
gelesen habe. In Sdamerika schneiden Wilde ihren Feinden den Kopf ab
und zermalmen ihn durch vorsichtige Schlge so geschickt, da die Haut
unverletzt bleibt. Sie schrumpft danach in der Sonne zu der Gre eines
Apfels ein; indem sie eine Schnur durch den Rand ziehn, machen sie einen
Beutel daraus, darin sie Geld und Kleinigkeiten bewahren. Man geht dort
mit diesen Gesichtsbeuteln zu Markt, siehst du sie an den Schrzen
hngen?

Famos, antwortete Puck, es leuchtet mir nur eins nicht ein, da
Kannibalen Geld verwahren, sie mten schon Zivilisierte sein.

Wie alle Kannibalen, dachte Lauda, Kannibalismus ist religis,
Ausflu des Totalittsgefhls. Statt den Bruder zu lieben, frit man
ihn, es ist durchaus dieselbe Kommunion, dieselbe Aufhebung der
Vereinsamung durch Einzelexistenz.

Sie wandten sich zur Stadt, da kam ihnen Lilian mit einer Dame entgegen
und bersah sie, Gru ablehnend. Puck sagte:

Die Begleiterin liefert die Erklrung. Es ist eine verheiratete
Amerikanerin, die mit ihrem europischen Mann in Geschwisterehe lebt,
das Fleisch ward verworfen. Sie verbietet Lilian Umgang mit uns. Aber
glauben Sie, da sie dieselbe ist, die Obrecht in Christian Society
unterweist, die von Problematik durchseuchte Puritanerin den inbrnstig
Religisen?

Welch ein Hexensabbat ist das Treiben der Existierenden. Jeder einzelne,
der unter der Sonne atmet, ist eine Brutsttte, in der Ideen,
Stimmungen, Triebe, Gefhle und Gebote unaufhrlich, ohne eine Sekunde
auszusetzen, die perverseste Unzucht miteinander begehn; es mischt sich
das Heterogenste, der Flle von Mibildungen ist kein Ende, und das
alles schwimmt in einem Schleim, der dem innersten Scho des Egoismus
entfliet und sich klebrig Ethik nennt.

Gott sei dem gndig, der wirklich ethisch ist, er mte sich mit Dynamit
in die Luft sprengen, um der Qual zu entgehn -- Beweis, wie dumm und
dumpf das Hirn eines Ethikers organisiert sein mu. Mir wchst -- ich
stehe dem Phnomen hilflos gegenber -- mit jedem Tag die Kraft des
Lachens, was mit andren Worten heit, da ich in das Schamlose
hineinwachse. Das befreiende Lachen, von dem sie reden, ist das
Sprungbrett, das der Egoismus uns unter die Fe schiebt. Unser aller
Lebensbaum wurzelt in einem Schlangennest -- manchmal fhle ich sie
krperlich sich regen und finde mich damit ab, wie einer sich damit
abfindet, da er Trichinen in sich hat. Halloh, da kommt Siriwan, jagend
in der Stunde, wenn die Lden sich leeren und die Kokotten vom Berg
steigen. Er whlt eine andre Methode, sich abzufinden, und treibt die
Weiber dem ewigen Dmon zu.

Lauda a mit Siriwan zu Nacht, erzhlte von Pucks Definition.

Ich bin heute vierzig, sagte Siriwan, und fhle schwer die Luft ber
mich streichen, die mit den Erkenntnissen des fnften Jahrzehnts beladen
ist. Wissen Sie etwas von den Begierden, die in ihm in Mnnern und
Weibern brennen? Sie zu erforschen wird Inhalt sein, ich kenne keinen
andren mehr. Es findet nicht Ihren Beifall? Es ist gleich.

Zu Hause liegen die Bcher, aus denen sich rekonstruieren lt, welch
ungeheuerliches Bordell die Vergangenheit gewesen ist. Sieht man nher
zu, gibt man sich die Mhe, die Menschen aufzusuchen, so zeigt sich, da
auch die Geschichtsschreibung der Gegenwart sich lohnt. Ich wittre aus
den Jahren, wenn der Krieg zu Ende sein wird, noch Strkres,
Vergangenheit wird bertrumpft werden. Mein selbstgewolltes Ziel steht
fest, ich will der Historiograph dieser Zeit sein. Reisen nach Brssel,
Genf, Berlin, Paris und in das ungeheuerliche Ruland, dessen Rasereien
durch ein Jahrtausend ich jetzt lese. Bis dahin ist Zrich Vorbereitung,
anerkennenswert, nicht bel.

Erinnern Sie sich der Alten, die keinen Schritt ohne ihr zwlfjhriges
Mdchen machte, dasselbe, das Sie rhrte? Sie vermuteten zuerst, sie
hte das Kind, dann kamen Sie der Wahrheit nher, da der Weg zur
Tochter ber sie geht, aber die ganze Wahrheit ist, da der Mann, der
mit dem Mdchen allein zu sein glaubt, sich zwei Frauen gegenber sieht
und eine Perversion der Gleichzeitigkeit erlebt, die in der Alten nach
dem Taumel eine wahrhaft strmische, ekstatisch rchelnde Zrtlichkeit
zu der Kleinen entzndet. Die Wege, die der Mensch zur berindividuellen
Kommunion findet, sind phantastisch, und je sinnlicher sie sind, desto
tiefer sind sie.

Es kommt auf das Gehirn an, antwortete Lauda, das sie feststellt. Es
wre mir unmglich, an ihre Erforschung Jahre zu wenden, wie Sie planen,
weil nichts mich berraschen kann, whrend die Art, wie Sie sich ihr
widmen, nicht Feststellung ist, sondern Ihrerseits Abhngigkeit von der
Dmonie dieser Dinge verrt. Es ist nicht die ganze Wahrheit, was Sie
sehn, es ist nur die halbe. Der Baum ist nicht beschrieben, wenn Sie
seine Wurzeln ausgegraben haben.

Man soll nicht sagen, Laub, Krone, Blten seien Manifestationen der
Gte, denn sie wachsen in der Tat aus der Wurzel, im Schlamm. Gleichwohl
gibt es neben der primren Sinnlichkeit die transformierte, Wille, Idee,
und das weite, schne Reich der Geistigkeit; es gibt Denken und Wissen
durch Unmittelbarkeit, es gibt die Einheit des Ichs, die um so
energischer, freier, reflexionsloser wird, desto ungehemmter die
Verbindung zwischen Wurzel und Krone ist.

Die Begierden eines Jahrzehnts? Man mu neben ihre Dmonie die Kraft zur
Undmonie setzen. Wer die Dmonie nicht kennt, ist nur ein Rationalist,
sehaft im Tun; wer nicht strker bleibt, nur ein Fanatiker, unter dem
Griff Stammelnder. Militarist und Literat, wo Sie in dieser Zivilisation
hinschauen, ist jeder das eine oder andre, vergewaltigend mnnlich oder
vergewaltigt ethisch, Mensch durch Ausgleich keiner.

                   *       *       *       *       *

Er kehrte ins Hotel zurck und lag in folgendem Traum.

Er lebte mit Claire, matt alles; der Tag setzte sich aus hundert
Handlungen zusammen, und er wute: sie sind ihr alle Symbol der Liebe,
Werben der Zrtlichkeit, Bereitschaft. Er wute es und konnte es nicht
erleben, er wollte und der Wille gengte nicht, der Schlu aus der
Handlung auf das Motiv gengte nicht; er ging neben einem andren und
schwang nicht in ihm. Er fand sie mit den Augen schn, aber der Wunsch
blieb aus, sie zu berhren, er mied sie.

Er erhielt eine Sendung, ffnete sie, es lag eine Oblate darin. Claire
sah ihn mit tiefen Augen an, brach die Oblate, reichte die Hlfte. Er
a, ein Sturm ging durch ihn; er wute wieder alles von ihr. Zehnmal
etwas fr ihn tun von den kleinen Dingen des Tags, war zehnmal frohe
Liebe, weil es Gewiheit war, da sie in alle Jahre bei ihm sein werde.
Zeit vor sich haben, gab das Vertraun; an ihrem Ende stand eine schne
alte Frau und ein weihaariger Mann. Das war ihr tiefster Wunsch, alt
mit ihm werden.

Er legte den Arm um sie, und lchelnd nahm sie das stumme Versprechen.
Es gab nur eine mordende Snde, das Kind in der Frau nicht verstehn, das
nicht die Kraft hat, allein zu sein. Sie nannte ihn gut, weil er es
wute.

                                _Ende_

               Von Otto Flake erschien bei S. Fischer:

                      Das Mdchen aus dem Osten
                           Zwei Erzhlungen

                         Schritt fr Schritt
                          Roman. 9. Auflage

                             Freitagskind
                          Roman. 7. Auflage

                              Horns Ring
                          Roman. 30. Auflage

                             Das Logbuch
                          Roman. 24. Auflage

                   Abenteurerin -- Im Dritten Jahr
                             Zwei Stcke

                         Die Stadt des Hirns
                          Roman. 6. Auflage

                       Das Ende der Revolution
                         Aufstze. 3. Auflage

                          Das kleine Logbuch
                   Kleine Prosa. (In Vorbereitung)

                      Im Rolandverlag, Mnchen:

                            Die Fnf Hefte

                         Die Stadt des Hirns
                                Roman

Der Wert des auergewhnlichen Buches besteht in der Aufstellung eines
neuen Typus Mensch. Vom Bohemien und Neurastheniker, wohin gestern noch
die Flucht vor dem Brger fhrte, hat diese Menschenrasse sich endgltig
losgesagt. Das Werk eines Lebens erfordert, aus dem Erlebnis heraus
Erkenntnis zu erarbeiten. Hierzu sind Strke und Nchternheit des
Geistes gleich ntig wie die Fhigkeit sich selbst berwindender
Hingabe. Bezeichnend ist das Verhltnis der Geschlechter: Parallelitt
selbstndiger Menschen bei gegenseitiger Freiheit der Trennung sowohl
wie der leidenschaftlichen Vereinigung.

                                                    Berliner Tageblatt

Sinnlos, den Inhalt im einzelnen zu erzhlen. Er ist sprunghaft wie die
Stadt des Hirns selbst; er ist vom Wunsche nach Beseelung und Belebung
diktiert; er ist eine klirrende Weckeruhr, die noch beim Wecken heier
Ungeduld voll geschttelt wird, von einem Fiebernden, der aber ein
Fester ist und ein Beherrschter. Den Stoff an sich reien, unterjochen;
das Wort beherrschen; der Form gebieten; aber den Menschen nie leugnen,
nicht besptteln, er sei, wie er sei, sondern ihn erkennen, ihn
begreifen; Demut lernen -- das ist der Wille, der solcher Stadt
entspringt. Dieses ist kein Buch der Gefhle, sondern des Gefhls, dem
die Energie gebot. Es packt ein Jahrzehnt am Nacken und blickt ihm
scharf in die Augen, bis die Milde sieht, da auch sie Tat ist.

                                                Berliner Brsen Kurier

                         Schritt fr Schritt
                                Roman

Otto Flakes Schritt fr Schritt ist der bislang einzige von sensibler
Erfahrung getragene, stilistisch vllig durchgeistigte und in der
Charakterzeichnung dichterisch sichere erotische Roman unserer Zeit, in
seiner Art ein Meisterstck.

                                 Literarischer Ratgeber des Drerbunds

Bestnden an unseren Hochschulen Seminare fr Sexualpsychologie, so bte
fr sie dieser Roman einen bungsstoff besonderer Art. Indem er es
versteht, sexuelle Vorgnge allerstrksten und intimsten Grades
sthetisch vollendet, fast schpferisch im Ausdruck, wiederzugeben,
wirkt er mit an der groen Aufgabe, das Sexualgebiet aus einem
Tummelplatz der Hoheit in eine Sttte geistiger Schulung zu verwandeln.

                                                           Neues Leben

                             Freitagskind
                                Roman

Ein elsssischer Roman, ein Spiegel, dessen Figuren man in Deutschland
erst verstehen wird, wenn es zu spt ist; man hrt auf die
Tagespolitiker, man sollte auf die Dichter hren.

                                          Nieuwe Rotterdamsche Courant

                              Horns Ring
                                Roman

Wenn bei Lesage der Teufel seinem Erretter die Dcher Madrids abhob, so
dringen wir hier bis zu den Wohnungen des Geistes vor, zu dessen
vielfltig verschlungener Struktur uns sein magischer Ring den Weg
bahnt. So entsteht keine leere Hymne auf den Aufstieg Berlins, dessen
Ruhm gesungen wird, sondern eine Dichtung, die sich das Wesen der
Grostadt in der tragischen Schwere ihrer Problematik zum Gegenstand
nimmt. Da daraus ein farbensattes Bild von unserer Hauptstadt
hervorgewachsen ist, soll nicht gering veranschlagt werden, wie denn ein
knftiger Fortsetzer Gustav Freytags aus diesem Roman die besten
Kulturzeugnisse fr deutsche Leistung und deutsches Leben vor Ausbruch
des Weltkriegs wird entnehmen mssen.

                                            Deutsche Rundschau, Berlin

                             Das Logbuch
                                Roman

Der Hauptgedanke aber, der durch Flakes Bcher immer wieder
hindurchleuchtet, macht sie uns gerade in der Verbindung mit diesem
geistigen und kulturellen Aristokratismus erst wertvoll: da alles
geschehen und geleistet werden soll in einer tiefen selbstverstndlichen
Achtung vor dem _Volke_ in seiner groen anonymen Gesamtheit, da alle
Verfeinerungen zivilisierten Lebens wertlos sind, die das Recht des
schlichten namenlosen Einzelnen auf Menschentum und Aufstieg hemmen und
das Menschheitsgewissen, das ja immer irgendwie lebt, mrderisch
ersticken.

                                                Brsen-Zeitung, Berlin

                 Spamersche Buchdruckerei in Leipzig




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 38]:
   ... Dmonie der ersten Zustimnung, die zu Konsequenzen ...
   ... Dmonie der ersten Zustimmung, die zu Konsequenzen ...

   [S. 38]:
   ... was Jakobiner waren.? ...
   ... was Jakobiner waren? ...

   [S. 38]:
   ... Lauda: Menschen, die von der Idee der Gerechtigkeit ...
   ... Lauda: Menschen, die von der Idee der Gerechtigkeit ...

   [S. 38]:
   ... Hanna: Es lockt. Es ist in der neuen Taktik, von der ...
   ... Hannah: Es lockt. Es ist in der neuen Taktik, von der ...

   [S. 39]:
   ... Hannah: Nein. Eben darum gehe ich mit ihnen, ...
   ... Hannah: Nein. Eben darum gehe ich mit ihnen. ...

   [S. 52]:
   ... worden; er berief sich auf Jaures, mit dem er bei ...
   ... worden; er berief sich auf Jaurs, mit dem er bei ...

   [S. 57]:
   ... Gott zu finden, um die sein Mikroskosmos schwingen ...
   ... Gott zu finden, um die sein Mikrokosmos schwingen ...

   [S. 59]:
   ... nichts andres als der varriierte preuische Militarismus, ...
   ... nichts andres als der variierte preuische Militarismus, ...

   [S. 66]:
   ... dachte, wie er Mitrofan ideell, als energetisches Phnomenen ...
   ... dachte, wie er Mitrofan ideell, als energetisches Phnomen ...

   [S. 108]:
   ... da das Organ der fentlichen Meinung, die groe Zeitung ...
   ... da das Organ der ffentlichen Meinung, die groe Zeitung ...

   [S. 115]:
   ... pessimistisch, Rckkehr zur unpersnlichen Totalitt. ...
   ... pessimistisch, Rckkehr zur unpersnlichen Totalitt. ...

   [S. 134]:
   ... ella Energie darauf verwandt, ein Instrument der Macht ...
   ... alle Energie darauf verwandt, ein Instrument der Macht ...

   [S. 165]:
   ... Was das kniglich, oder mtterliche Klugheit, die um ...
   ... War das kniglich, oder mtterliche Klugheit, die um ...

   [S. 177]:
   ... Lden, Patrouillen wurden bedrngt. Schreiber sprang ...
   ... Lden, Patrouillen wurden bedrngt. Schreiner sprang ...

   [S. 186]:
   ... kam nicht aufs Buro, am zweiten Tag suchte Lauda sie ...
   ... kam nicht aufs Bro, am zweiten Tag suchte Lauda sie ...

   [S. 195]:
   ... auf Rutt ais mnnlicher Kavalier; sah er sie an, trat in ...
   ... auf Rutt als mnnlicher Kavalier; sah er sie an, trat in ...

   [S. 207]:
   ... Zerstrung -- ich habe die Realitt wiederhergetellt, ...
   ... Zerstrung -- ich habe die Realitt wiederhergestellt, ...

   [S. 210]:
   ... zu legen. ...
   ... zu legen.< ...

   [S. 220]:
   ... kann, wie ich gegen mein Land handelte. ...
   ... kann, wie ich gegen mein Land handelte. ...






End of the Project Gutenberg EBook of Nein und Ja, by Otto Flake

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEIN UND JA ***

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electronic work or group of works on different terms than are set
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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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