Project Gutenberg's Herrn de Charreards deutsche Kinder, by Josephine Siebe

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Title: Herrn de Charreards deutsche Kinder
       Die Geschichte einer Familie

Author: Josephine Siebe

Release Date: October 22, 2014 [EBook #47175]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERRN DE CHARREARDS DEUTSCHE ***




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    Herrn de Charreards
    deutsche Kinder

    Die Geschichte einer Familie

    von

    Josephine Siebe

    [Illustration]

    Carl Flemming und C. T. Wiskott A.-G.
    Berlin




Schwester und Bruder zu eigen




Flemmings Bcher fr jung und alt

Herausgegeben von Brries, Freiherrn von Mnchhausen

Groe Reihe Band 7

    Die Abbildungen zeichnete Fritz Schiementz, den Umschlag Wilhelm
    Repsold. Alle Rechte, besonders das der bersetzung, vorbehalten.
    Copyright 1922 by Carl Flemming und C. T. Wiskott A.-G., Berlin W
    50




[Illustration]

1. Kapitel.


Itze kommense!

Bubenstimmen gellten laut durch das in der Mittagsglut trge ruhende
Dorf. Mdelstimmen tnten nach, waren heller, hher, sie drangen in
die Huser ein und jach erhob sich da und dort lautes Rufen. Fragen
und Gegenfragen sprangen von Haus zu Haus, Holzpantoffeln klapperten,
Tren, Fenster wurden aufgetan, neugierige Gesichter schauten, und
selbst der alte Pfarrer sah mde aus dem Fenster seiner Wohnstube.

Und wieder gellten die Bubenstimmen laut. Nune biegense um de Ecke!

Der alte Lemnitzer Karl schrak zusammen in seinem Ofenwinkel, in dem
er seine Tage verdrmelte. Verdattert richtete er sich auf. Sind's
Schweden?

Niche doch, Vater, die kommen nune nie mehr. Hab nur niche Bange, die
Psener Herrschaft kommt itze gefahren.

Die Schweden, die Schweden! lallte der Alte verzagt. Da passe du nur
druff, die finden wieder her.

Es tut dir niemand mehr was! Frau Katarine Merfen, des Alten
verwitwete Tochter, strich mitleidig dem Vater ber das verstrte
Gesicht. Se ham uns genug getan. Gotte doch ganz genug. Und einen
Augenblick schwankte die groe, blonde Frau, und ihre Augen hatten den
Schreckensblick von damals, als die Schweden auf friedlichem Durchzug
in das Dorf gekommen waren. Itze ist lange Friede, sagte sie gut zu
dem Alten, und wiederholte feierlich: Friede.

Das Wasser vor drei Jahren war 'n Anzeichen, sie kommen wieder,
brummelte der Alte sthnend. Er war vllig versponnen in das trbe
Erleben der Vergangenheit, ihm schimmerte keine Gegenwartshoffnung
mehr, kein Tagerleben machte ihn mehr froh.

Die Tochter trat an das Fenster. Drauen auf der Landstrae rollte
schwankend, schwerfllig ein Reisewagen daher. Gro war er und
ungefge. Der neue Besitzer des dem Dorfe Bucha nahen Gutes Psen,
Monsieur Anthoine de Charreard, sa darinnen, schlank, vornehm; neben
ihm seine junge Frau Sophia Christine.

Es war ein recht zaghaftes Weiberseelchen, was da in einer Ecke des
Wagens fast versank. Sophia Christine war nie sonderlich lebhaft
gewesen, bedrckt, verschchtert war sie bisher durch ihre Tage
gegangen, aber seitdem ihr Vater, der herzogliche Geheime Rat Ries
in Jena ihr stolz den frheren Hofmeister der Herzge von Weimar,
Kammerjunker Anthoine de Charreard, als knftigen Gemahl vorgestellt
hatte, war sie ganz verstummt. Aus bergroer Liebe zu dem Manne, und
aus Verwunderung darber, da ihr stillverschwiegenes Sehnen Erfllung
gefunden hatte.

Dem schnen Kammerjunker war die zierliche Frau, die da neben ihm im
Wagen sa, bisher herzlich gleichgltig gewesen. Er ersehnte Freiheit
von dem drckenden Zwang des Hoflebens, ersehnte, Herr auf eigener
Scholle zu sein. Darum, nicht um der Frau willen, die er freien
sollte, hatte er dem Plan seiner frstlichen Freundin, die er heimlich
Feindin nannte, der Gemahlin des Herzogs Bernhard von Jena zugestimmt.
Die Herzogin Marie stammte aus Frankreich wie er, und als er einst
die junge Herzogin von Tremouville kennen gelernt, war sie ihm lieb
geworden. Das war vergangen, es gelstete ihn nicht danach, der Narr
der bermtigen, hoffrtigen Dame zu sein, und als sie ihm in einer
bsen Laune eine Brgerliche, die liebliche Jungfer Ries zur Gemahlin
vorgeschlagen, hatte er ja gesagt. Niemand ahnte ja, wie der schnste
Mann von Jena des Treibens mde war, das am Hofe herrschte.

Seit dem Tage, da Gaston de Charreard mit seinem Sohn und seiner Frau
in das von Kriegsstrmen durchtoste Deutschland geflchtet war, weil
der hugenottische Edelmann des allmchtigen Richelieus Rache frchten
mute, hatte der junge Anthoine wenig Ruhe in seinem Leben gehabt.
Armut, oft Not, Lagerleben, Hofleben: hierhin und dorthin getrieben war
er im Wirrsal der Zeit, bis er endlich durch Vermittlung seines Paten,
des Herzogs von Tremouville und Thours, am Hofe zu Weimar Unterkunft
als Hofmeister der beiden jngsten Prinzen gefunden hatte.

Und nun lag die Unruhe hinter ihm und er sollte eingehen in den
Frieden, er sollte seine feste Heimat finden. Ein Haus und eine Frau.

Da sinse! Aus dem Hause des Hannes Schurks drngten sich vier Kinder.
Alle strohblond, rotbckig; aus aufgerissenen Blauaugen starrten sie
den Wagen an, zwei die Finger im Mund, zwei in der Nase. Allen vier
Strohkpfchen aber milang die Verneigung, zu der Frau Anne-Marie
Schurks, die Mutter, sie durch Pffe und halblaute Scheltworte
aufforderte, so grndlich, da die vier untereinander purzelten, als
wre der Sturmwind in sie hineingefahren. Sophia Christine sah es, und
ein ganz holdes Lcheln lief ber ihr Gesicht, und dies Lcheln sahen
die Kindsmutter und Frau Katarine Merfen zu gleicher Zeit, und die
Merfin redete in das Zimmer hinein: Die wird gut, Vater.

Die Kindsmutter sagte das auch, als sie ihre Vier, die Kleinen sacht,
die greren mit Pffen und Verweisen, wieder auf die Beine stellte. Es
redeten viele im Dorf das gleiche Wort mit erleichtertem Herzen. Denn
den Buchaer Bauersleuten war es nicht gleichgltig, wer auf Psen sa.
Das Gut war Kirchlehen, und jede zweite Woche mute der Pfarrer von
Bucha in der kleinen Hauskapelle des Gutes Gottesdienst halten. Dagegen
hatte kein Buchaer etwas einzuwenden, auch das Hingehen htten sie gern
getan, nur mute es in Kirchsachen heien, gleich zu gleich, und weil
der letzte Besitzer, der Herr von Nesselrode, nie die kleine Dorfkirche
aufgesucht hatte, war man andauernd gekrnkt gewesen. Bis dann beim
letzten Schwedeneinfall, Anno 1647, die Not so gro wurde, da in dem
bermenschlichen Jammer Gekrnktsein und Groll unterging. Den Herrn
von Nesselrode hatten sie erschlagen, von sechs Bauernhusern und
einem Dorf, das zu Psen gehrte, war ein einziger Hof briggeblieben,
und der kleine Buchaer Teich vor dem Pfarrhaus war rot gewesen vom
vergossenen Blut. Und dabei hatte kein Einwohner den Durchziehenden
sich feindlich gezeigt.

An diese vergangene Not, an all die Hoffnungen, die sich an sein Dasein
knpften, dachte der Herr de Charreard nicht. Der blinzelte trge,
schlafumfangen in die helle Mittagssonne hinaus. Seine Frau dagegen sah
jedes Haus, jeden Baum und Zaun, jedes Kind auf der Gasse: alles was
lief, rannte, flatterte und gackerte. Wie ein Kind freute sie sich an
allem Gegenstndlichen, verglich alles mit dem dunklen Heimatgchen
und dem feierlichen steifen Zuhause ohne Mutterwrme. Als sie ein paar
Blumen am Wegrand blhen sah, erfate sie eine unbndige Lust, diese zu
pflcken. Sie beugte sich weit hinaus, dachte, sie mchte dem Kutscher
ein Haltegebot zurufen, und dann erschrak sie doch, als pltzlich der
Wagen mit einem Ruck anhielt.

Herr de Charreard erwachte jh aus seinem Halbschlaf. War das Ziel
erreicht?

Doch nirgends war ein Haus zu erblicken, und er entsann sich, da bei
einem Ritt, dem einzigen, den er, bei trbem Winterwetter dazu, in die
neue Heimat unternommen, der Weg sich tief gesenkt hatte.

Der Kutscher war abgestiegen, er trat an den Wagenschlag und fragte mit
einem gutmtigen Klang in der Stimme: Wollen Gnaden enmal aussteigen?

Aussteigen! =Mon Dieu=, ist Er toll geworden?

Ich heee nich Mongieh, ich heee Jakob. Und mit dem Aussteigen ist's
wegen dem Umfallen. Manchmal fllt er, weil's runner gieht! Un manchmal
nicht, wie das so ist!

Der Wagen? Monsieur Anthoine de Charreard krauste die Stirn, und der
Kutscher sah ihn bedenklich an. Aber da steckte schon die liebliche
Frau den Kopf auf ihrer Sitzseite hinaus und rief mit heller Freude:
Ach ja, gehen!

Anthoine de Charreard stieg aus, er sah nun auch, da der Weg steil
war; er hatte Altersfurchen, und bergab laufende Wasser hatten tiefe
Rinnsale gegraben. Rechts stieg der Berg an, links ging es steil hinab,
Wacholderbsche standen da und dnnstmmige Pappeln. Tiefer sah man
in die Kronen alter Linden, zur Seite ein Stck zerfallene Mauer mit
Brandspuren, ein grner Schleier darber, allerlei liebes, feines
Unkraut breitete sich schon ber eine zerstrte Wohnsttte.

Wir mssen gehen, =ma chre=, der Weg ist nicht =agrable=.
Herr Anthoine de Charreard half seiner jungen Frau aus dem Wagen, dann
reichte er ihr die Fingerspitzen. Sophia Christine legte schchtern
ihre Finger an seine und so standen sie beide, als wollten sie zum Tanz
antreten.

Sie merkten es bald, der lehmige Weg voller Schrammen und Risse war
kein Tanzboden, drei Schritte, und Herr de Charreard rief unwillig:
=Impossible.= Er sah seine junge Frau kummervoll an und sah
zu seinem grenzenlosen Erstaunen ein heiteres Glnzen in den schnen
Augen. Blumen, ach Blumen, rief Sophia Christine kindlich froh. Sie
lste ihre Hand rasch aus der des Mannes, raffte ganz flink ihr Kleid
zusammen und pflckte ein paar Adonisrschen, eine blaue Glockenblume
und wilde Kamillen, die sie zierlich zum Straue fgte.

Und als htte ihr das bunte Kraut Schwungkraft gegeben, mit so leichter
Anmut schritt sie heiter den Berg abwrts, ihr Fu fand sicher den Weg,
aber auf halber Hhe blieb sie stehen. Sie sah in die grne blhende
Lindenherrlichkeit hinein. Sie atmete den Duft, der schwer und s
die Luft erfllte, und sah die blhenden Linden umdrngt, umsummt von
Hunderten von Bienen. Die feinen Stiele der Bltter erzitterten, so
heftig war der Ansturm des fleiigen, kleinen Volkes.

Sophia Christine stieg auf einen Wegstein. Was sie da hrte und sah,
war ihr eine fremde Musik, noch nie gesehenes Leben. Wie die kleinen
Tiere hin- und herflogen, manche ganz beschwert von gelbem Bltenstaub,
wie sie emsig sich in die Blumen einbohrten, das war Arbeit und Mhe.
Sophia Christine wute nicht viel vom Tun der Bienen, aber sie sah den
rastlosen Flei, und unwillkrlich knpfte sie ein Band von diesem
ttigen Leben zu ihrem Leben hin. Und eine junge, frohe Arbeitsfreude
ergriff sie. Sie tat einen Hupfer, landete ein wenig schwankend auf dem
Weg und wandte ihr Gesicht jetzt ohne alle Scheu dem vornehmen Gemahl
zu und rief: So mchte ich werden!

Wie, Madame? Sie trumen wohl! Herr Anthoine de Charreard sah zum
erstenmal recht die holdselige Anmut seiner jungen Frau, darber ging
ihm seine feierliche Steifheit etwas verloren: er trat neben Sophia
Christine, die hurtig wieder den Stein erstieg und ihrem Mann das
summende, blhende Sommerwunder der Lindenkronen wies.

Sie standen beide, sahen, wie die Bienen auf und ab flogen, die Blten
sich bogen; dem Herrn de Charreard kam dabei der Gedanke, da er frher
immer an eine vornehme Frau gedacht hatte, die mit ihm zu Hofe gehen
sollte. Kein Hausbienchen. Aber nun sah er den Wind in den Locken
seiner jungen Frau spielen, er sah ihr frohes Kinderlcheln, und ganz
sanft umfate er sie, hob sie von dem Stein herunter und sagte: Wir
wollen heimgehen, Madame!

Und wieder legte Sophia Christine ihre Hand nur lose in die des Mannes
und dann gingen sie sacht nebeneinander den Weg abwrts unter den tief
schattenden Linden dahin. Bis sich der Weg ein wenig bog und die junge
Frau einen hellen Freudenruf ausstie.

Im Tal lag ein stattliches Anwesen. Freilich das Dach des Wohnhauses
und die Stlle waren schadhaft; aber vor dem Haus blhte auch eine
mchtige Linde, wilder Wein und Efeu rankten sich an den Mauern hoch,
in einem kleinen Terrassengrtchen glhten Rosen; Sonne und Himmelsblau
gaben dem Bild Farbe und Freude. Hinter dem Hause stieg ein mit
Nubumen bepflanzter Berg empor, gegenber krnte Nadel- und Laubwald
die Hhen, und durch das Tlchen rann ein kleiner Bach so heiterschnell
wie Kinder laufen.

Sophia Christine dachte an das dstere Haus in Jena, in dem sie an
der Seite eines harten Vaters eine freudlose Jugend verlebt hatte.
Und hier war Glanz auf Wiesen und Wegen, Glanz auf den Hhen, Glanz
ber dem Haus. Ein sommerfrohes Summen und Singen erfllte die Luft,
und Herr Anthoine de Charreard sah in den Augen seines Weibes den
Widerschein alles Sommerglanzes und da strmte auch ihm aus dem stillen
Tal Heimatfrieden entgegen. Jetzt hielt er die Hand seiner Frau nicht
mehr, als schritte er mit ihr zum hfischen Tanz, er hielt sie fest
umschlossen, und so gingen sie beide schweigend dem Hause zu.

Am Wegende gackerte eine Henne. Goldbraun, behbig, zehn Kchlein
umpiepsten sie. Und Sophia Christine verga, da es fr eine Madame de
Charreard, Gattin des Kammerjunkers Monsieur Anthoine de Charreard,
nicht schicklich war, auf dem Boden zu hocken wie ein Spielkind.
Sie kniete nieder, breitete ihr Kleid weit aus und lie mit einem
kinderfrohen Locken Glucke und Kchlein in diesen Hafen laufen. Und
sie gehren uns, rief die junge Frau mit einem innigen Sington in der
Stimme.

Ja, sie gehren uns, Sophia Christine. Auch der Mann verga den
hfischen Umgangston, sein Herz redete, da kam der Name weich und
zrtlich heraus. Doch nun komm, sie erwarten uns am Hause.

Vor dessen Tr drngte sich ein Huflein Menschen zusammen. Drei Mgde,
die eine ltlich, ein Hofverwalter, und neben dem Knecht standen noch
zwei Mnner und drei Frauen. Die waren von der jenseitigen Hhe von
dem Dorfe Zimmritz gekommen, es waren die letzten Anwohner des einst
zu dem Gute gehrigen Dorfes, das die Schweden vllig zerstrt hatten.
Sie standen hager, gebeugt da, aber wie die junge, liebliche Frau
so daherkam, ein Lcheln auf den Lippen, fanden auch sie ein karges
Lcheln, war es doch, als wehe ihnen der Sommerwind eine lichte Wolke
entgegen.

Und Sophia Christine, die bis daher das schweigsamste Jngferlein
auf der Welt gewesen war, fand warme, gute Worte, als sie in die
von Gramlinien durchzogenen Gesichter blickte und die harte Hand
des Hofverwalters ihre Rechte umschlieen fhlte. In ihrem Herzen
sprang ein Quell auf, und eine Anmut kam in Wort und Blick, die
das verschchterte Kind daheim nie besessen hatte. Auch Anthoine de
Charreard fhlte Wrme, Freude in sich, auch er, dessen Hochmut einst
manchen gekrnkt, redete ohne Herablassung, mit heiter sicherer Wrde
zu den Leuten.

Steife, stelzbeinige, seltsam verschnrkelte Glckwnsche muten die
Beiden aushalten, feierliche Verzierungen waren den Stzen beigefgt,
aber es schwang immer ein guter Unterton mit und die Begrung gab
beiden Parteien, den neuen Besitzern, den Dienstleuten und Anwohnern,
das Gefhl, es wird mit uns zusammenstimmen.

Zuletzt durchzitterte eine ganz leise Ungeduld Sophia Christines Herz.
Die galt dem Haus. Das lockte sie, die Khle, die ihr aus dem weiten
Flur entgegenstrmte, die geschlossenen Tren, die dicken Mauern, alles
hatte einen besonderen Reiz fr sie, und sie zog den Mann mit heiterer
Schelmerei hinein, als die alte Magd Rse ernsthaft fragte: Darf ich
Gnaden das Haus zeigen?

Ach ja, ach ja! Das Haus ansehen, das eigene Haus, die neue Heimat.

Die Zimmer und Flure waren niedrig, aber gerumig. Nach dem Hof hinaus
lagen zwei Zimmer und ein kleiner Festsaal. In dem standen fremd, gar
nicht dem Raume sich einfgend, ein paar weilackierte, mit rotem
Damast berzogene Sthle neben einem alten Eichenschrank. Die Sthle
hatte die Herzogin Marie gesandt. Den Schrank hatte der Geheime Rat
Ries aus dem Nachla der alten Frau von Nesselrode erstanden. Die
Bilder der letzten Nesselrodes hingen noch an den Wnden, ein paar
Zinkkannen standen auf dem Schrank. Ein wunderliches Gemisch von Prunk
und rmlichkeit bildete auch die Einrichtung der anderen Stuben. Drei,
vier neue Stcke, das andere aus dem Nachla erstandenes, zum Teil
hundert und mehr Jahre altes Hausgert. Es hatte keine liebevolle
Hand Herrn Anthoine de Charreard und seinem jungen Weibe das Heim
bereitet. Sie flatterten wirklich wie ein paar verflogene Vgel in ein
fremdes Nest, fhlten aber doch rasch die Wrme des Nestes. Und Sophia
Christine ging mit der hellen Freude einer ganz jungen Frau durch alle
Rume des Hauses. Oben im obern weiten Flur blieben sie vor einem
grnen Schrank stehen, er zeigte die Zahl 1618.

Damals hat's angefangen, das Unglck, sagte die alte Magd leise, den
hat unsere alte Gndige mitbekommen, als sie geheiratet hat.

Sophia Christine strich linde ber das Holz, nickte versonnen und
fragte: Wo liegt die Frau begraben?

In der Kapelle. Beide.

Ach ja, es war eine Kapelle im Hause. Wir wollen hineingehen, sagte
Sophia Christine fromm. Sie fate nach der Hand des Mannes und ging
still neben der alten Beschlieerin die Treppe hinab. Vom unteren Flur
bog ein schmaler Gang ab. Der fhrte nach der Kapelle. Die Magd ffnete
das schmale Trlein, das nach einer kleinen Empore fhrte. In der
Wand war ein Loch, und das Holzgetfel schien locker. Die Magd schob
es zurck, eine kleine Kammer, fensterlos und muffig, wurde sichtbar.
Darin haben wir alle gelegen, als die Schweden hier waren, redete die
Alte dumpf in die Dunkelheit hinein. Herregott, Herregott, war das
eine Angst! Wenn sie uns gefunden htten, wr's uns gegangen wie dem
Lemnitzer, dem sie Jauche in den Hals gegossen haben, bis er schier
verplatzt ist. Unsere alte, gndige Frau hat den Husten gehabt, da hat
sie zum Heine gesagt: >Mach mich tot, mach mich tot, ich verrate euch
sunsten.< Wir han ihr'n Bett bergelegt und han gedacht, sie verstickt
uns, aber sie ist am Leben geblieben. Der Herr unser Gott hab' sie
selig, sie war gut zu Mensch und Vieh.

Die Rede sank Sophia Christine tief ins Herz. Frommes Bitten quoll in
ihr empor: Gott, gib mir auch eine solche Nachrede: Gut zu Mensch und
Vieh.

Und dann gingen die Eheleute von der Empore hinab in die kleine Kapelle
und die Magd lie sie allein: Itze mssen die alleine sein mit dem
Herrgott, sagte sie drauen.

Allein mit Gott, sie waren es beide.

Die Kapelle war klein, schmucklos. Ein drftig ausgestatteter Altar,
ein paar welke Krnze an der der Tr gegenberliegenden Wand, ein paar
Bnke zur Seite und an der Decke ein Gottesauge.

Eine Schwalbe flatterte ngstlich hin und her, sie war durch ein
kleines, offenstehendes Lukchen an einem der bunten, spitzbogigen
Fenster hereingeflattert, huschte ngstlich ber Altar und Kanzel
hinweg und fand den Ausweg nicht. Da ffnete Sophia Christine die Tr,
um die Gefangene hinauszulassen, und ein breiter Strom Sonne flo in
die Kapelle. In seinem Glanz knieten Anthoine de Charreard und sein
junges Weib vor dem Altar nieder, waren still, und ihre Herzen waren
voll Dank.

Hand in Hand traten sie beide aus dem Hause, traten auf den Hof, und da
sah Sophia Christine rechts einen losen Zaun, der einen Garten vom Hofe
schied, dahinter blhte es rosig, und des Mannes Hand festhaltend, lief
sie auf den Zaun zu und rief jauchzend: Da blhen Rosen, Rosen. Ach
wir haben Rosen. Viele Rosen.




2. Kapitel.


Herr Anthoine de Charreard hatte sich das Leben eines deutschen
Gutsherrn sehr viel leichter, viel heiterer und abwechslungsreicher
gedacht. Er sprte es bald, Arbeit wrde seine Tage ausfllen, rastlose
Arbeit, die ihn frhe rief und ihn bis zum Abend begleitete.

Das Kirchlehen Psen, einst ein stattlicher Besitz, auf dem die
ritterlichen Herren von Scheiding gesessen hatten, war halb verfallen.
Die Stlle schadhaft, einer ganz niedergebrannt, zum Dach regnete es
herein oder schien die Sonne ins Haus, je nach des Wetters Laune.
Vieh stand nur wenig in den Stllen; es waren nur ein paar magere,
kmmerliche Tiere, es fehlte an Futter- und Brotgetreide, es fehlte
eigentlich an allem. Und wie im Haus und auf dem Hofe, so sah es auch
auf den Feldern aus. Vor drei Jahren war in der Gegend eine groe
Wasserflut niedergegangen, die hatte Schutt und Steine auf die Felder
gesplt, hatte vernichtet, was in den letzten Jahren nach dem groen
Kriege mhsam aufgebaut worden war.

Ein Landsitz fr heitere Feste, frohe Gesellschaft war das Gut wahrlich
nicht. Es war wie ein Hohn, wenn die junge Hausfrau in dem kleinen
Saal, in dem die seidenberzogenen Sthle standen, auf und ab ging,
nachsinnend, womit sie in aller Welt nur in den nchsten Wochen den
Tisch bestellen sollte.

Dazu war Herr de Charreard kein Landwirt. Er konnte fechten, reiten,
jagen, verstand sich auf die Kriegskunst und konnte zierliche
Wortgewinde flechten, wenn es galt, ein Hoffest zu verschnen, doch von
Ackerbau und Viehzucht verstand er kein Tipfelchen. Auch fehlte es an
Geld, um die Schden auszubessern. Der Geheime Rat Ries hatte seiner
Tochter den Leinenschrank gefllt, er hatte ihr drftigen Hausrat
mitgegeben und fnfundzwanzig Taler fr Not- und Sorgentage, damit
meinte er genug getan zu haben.

An einem warmen Sommerabend nun ging ein schweres Gewitter ber dem
stillen Tal nieder. Sophia Christine verschlief Donner und Blitz, so
mde war sie von ungewohnter Arbeit, aber als sachte von der Decke
herab ein Rinnslchen in ihr Bett lief und der Regen dachte, nach dem
Hausboden mu es doch noch eine Stube zum Hineinlaufen geben, da weinte
die junge Frau bitterlich.

Und Herr Anthoine seufzte und schrieb am nchsten Tag einen beweglichen
Bittbrief an seinen Schwiegervater, und Sophia Christine fgte an den
hochzuverehrenden, hochgeliebten Herrn Vater die alleruntertnigste
Bitte um Hilfe hinzu.

Die Antwort kam bald, sie brachte bittere Enttuschung.

Der Geheime Rat Ries gedachte sich nochmals zu vermhlen mit einer
Frau Sibylle von Hellfeld. Diese hatte Sophia Christine schon in
deren Kindheit alles gebrannte Herzeleid zugefgt. Er bedauerte sehr,
nicht helfen zu knnen, schrieb aber, er htte submissest dero Gnaden
der Frau Herzogin das Schreiben alleruntertnigst berreicht und
allergndigst Hilfe versprochen bekommen.

Noch am gleichen Tage berbrachte ein reitender Bote dem Herrn de
Charreard zweihundert Taler, der Brief dazu war aber so demtigend fr
den stolzen Herrn, da dieser das Geld seiner Frau in den Scho warf
und davonrannte. Marie de Tremouville rchte sich dafr, da Anthoine
de Charreard zu stolz gewesen war, ihren Pudel und Hausnarren zu
spielen. Sie sandte ihm das Geld wie ein Almosen.

Sophia Christine hrte zitternd den Zorn ihres Mannes toben. Das war
nicht mehr der feine, hfliche Herr, und sie sprte zum ersten Mal: sie
war nicht seines Stammes.

Und dann verging Stunde um Stunde und Herr Anthoine kehrte nicht
heim. ber dem stillen Tal glhte schon die Abendsonne, als Frau
Sophia Christine ihren Mann suchen ging. Der Weg fhrte sie durch
den Leutragrund, und dabei gelangte sie an das einzige noch stehende
Bauernhaus; auf halbem Wege zum Walde lag es. An dem kleinen Haus
verlie die junge Frau der Mut, so allein weiterzugehen in den
sinkenden Abend hinaus. Scheu klopfte sie bei den Bauersleuten an, die
sie erst einmal flchtig gesehen hatte.

In der niederen, holzgetfelten Stube sa der Rabenvater, er las in
einer Bibel, und neben ihm sa stille die Rabenmutter und spann.

Die alten Leute wurden nach ihrem Namen so genannt, denn Rabeneltern
waren sie, wei der allmchtige Himmel, nicht gewesen. Nur schwer
geprfte, hart geschlagene, arme Eltern. Drei schne, blhende Kinder
hatten die Soldaten aus bermut mit fortgeschleppt. Wohin? Niemand
wute es. Nur den Jngsten, der damals ein Bblein von fnf Jahren
gewesen war, den hatte die Mutter im Hhnerstall bergen knnen.

Herr erhre mein Gebet und vernimm mein Flehen um deiner Wahrheit
willen, tnte die Stimme des Bauern drinnen in der dmmrigen Stube.

Und drauen am Fenster stand holdselig wie der Frhling Sophia
Christine in ihrer Herzensnot, und ihr zages Klopfen wurde noch einmal
von dem drhnenden Wort bertnt: Erlse mich um deiner Gerechtigkeit
willen!

O du lieber Heiland, rief innen pltzlich die Rabenmutter, da steht
ja die gndigste Frau vom Schlosse und weint.

Ja, Sophia Christine weinte, und es erschien ihr auf einmal ganz
selbstverstndlich, da sie all ihre Not der alten, schlichten Frau in
den Scho schttete, so wie ein Kind sein zerbrochenes Spielzeug: Nun
hilf mir du.

Sophia Christine war nach dem frhen Tode ihrer Mutter ein einsames
Kind gewesen und durch die Strenge des Vaters ein verschchtertes Kind
geworden. Ihr Seelchen war immer verschlossen geblieben, nie hatte eine
Frau sie mtterlich im Arm gehalten, wie es jetzt die alte Buerin tat.
Und der Madame de Charreard kam das gar nicht seltsamlich vor, da sie
der alten Buerin ihre groe, groe Angst um den Gemahl verriet.

Die Rabeneltern hatten ihn reiten sehen, und der groe, blonde Bursche,
der als Bblein im Hhnerstall gesteckt hatte, erbot sich, gleich nach
dem Walde zu gehen. Vielleicht fand er die Pferdespur.

Ich gehe mit, rief Sophia Christine in ihrer groen Herzensangst.

Das is niche gut. Der Christian setzt seine Beine schneller, das
schafft besser. Der Rat der Frau war verstndig, und die Jngere fgte
sich der klugen Rede. Sie lie sich in die Stube fhren, und wie sie
den alten Bauer am Tisch stehen sah, seine Hnde fest ber der Bibel
gefaltet, und er sie mit seinen eigentmlich hellen Falkenaugen ansah,
bat sie unwillkrlich: Ach, lest doch weiter. Sie schluckte an ihren
Trnen.

Der Rabenvater nickte. Seine Stimme drhnte, er las den Psalm bis zum
elften Vers und Sophia Christine sa still neben der alten Frau und
ihre Trnen waren versiegt, als der Bauer schlo: Herr, erquicke mich
um Deines Namens willen; fhre meine Seele aus der Not, um Deiner
Gerechtigkeit willen. Amen!

Amen. Sophia Christines Stimme klang mit denen der alten Leute
zusammen, da fiel ein Schatten dunkel in die Stube, drauen stand
Anthoine de Charreard. Der junge Christian hielt sein Pferd.

Ein Lcheln lief ber das Gesicht des Mannes, als er den Freudenblick
seines Weibes sah. Er grte ganz heiter, als wre nichts gewesen,
und er, der sich bisher etwas khl von diesen Leuten zurckgehalten
hatte, trat auch in die niedrige Stube. Freilich, seine Stimme klang
herablassend, er nahm den angebotenen Platz auf der langen Bank ein,
trank auch die Milch, die die Rabenmutter ihm reichte, es war zu
spren, es war ein Fremder in der Stube. Immerhin fragte er hflich
nach Leben und Sitten, der Rabenvater gab Antwort.

Knapp die Fragen, karg die Gegenrede. Dann lief das Gesprch aus der
Gegenwart in die Vergangenheit zurck. Da stand die Rabenmutter auf und
ging still hinaus. Sie kann's niche ertragen, murmelte der Alte.

Was denn?

Das von den Kindern. Kaum ein Dutzend Worte brauchte der Alte und
schauernd durchlebten Anthoine de Charreard und sein junges Weib die
Nacht mit, in der rote Glut ber dem Tal gelegen und die Soldaten die
schnen, jungen Tchter und blonden Buben mitgenommen hatten. Wohin,
Gott wute es! In Elend und Verderben hinein. Sechzehn Jahre waren es
her, seit der schreckliche Wrangel das Thringer Land durchzogen hatte
nach Franken hinein. Der Schlu war's, aber unser Gott im Himmel wei
es, ein hllischer Schlu.

Schweigen herrschte in der Stube. Bis sich die Tre auftat und die
Buerin hereintrat. Anthoine de Charreard, der es besser gelernt hatte,
als sein tieferbleichtes Weib, ein Gesprch in ein anderes Rinnsal
zu lenken, begann von Feld- und Hauswirtschaft zu reden. Ein wenig
obenhin nur. Was konnte ihm der alte Bauer auch sagen. Doch er stutzte
bald. Er merkte es, er war an einen gekommen, der mehr wute als was
ein Pferd und ein Pflug ist. Der Rabenvater wute Bescheid. Nicht auf
den paar Stcken Land allein, die ihm gehrten, sondern auch auf der
Psener Gemarkung. Der alten Frau von Nesselrode hatte er oft mit Rat
beigestanden. Aber er drngte seinen Rat nicht auf und Herr Anthoine de
Charreard mute manche Frage tun. Der Rabenvater lie sich die Worte
aus dem Munde ziehen. Zh, bedachtsam, mit Pausen setzte er eins neben
das andere und nach einer Stunde wute Herr Anthoine de Charreard,
da er noch weniger von der Landwirtschaft verstand, als er geahnt
hatte. Es war beschmend. Aber als er in die falkenhellen Augen des
Rabenvaters blickte, da las er darin nicht Spott ber sein Nichtwissen,
sondern den ehrlichen Willen, zu helfen.

[Illustration]

Wir mssen gehen, Sophia Christine, es ist spt geworden. Der
Gutsherr stand auf, er streckte dem Alten die Hand hin und sagte ganz
einfach: Jetzt wei ich, wo ich mir Rat holen kann, wenn ich den
brauche.

Wenn der gndige Herr mich braucht, ich bin alleweil bereit, gab der
Rabenvater zurck.

Auf gute Nachbarschaft! Sophia Christine wunderte sich selbst ber
ihr Wort, aber da ihr Mann lchelte, kam wieder das frohe Luten in
ihr junges Herz, das sie zuerst vernommen, als sie beide unter der
blhenden Linde gestanden hatten am Tage des Einzuges. --

Die Sonne war gesunken, aber noch lag das Tal in warmem, rotem Glanz.
Die Grillen zirpten, der Abendwind harfte lind in den Bumen und ferne
glnzte das Haus herber, das die Leute Schlo nannten, und das doch
nur ein gutes, festes Familienhaus war.

Herr de Charreard und seine Frau gingen Hand in Hand ihrer Heimat zu.
Unterwegs erzhlte der Mann, wo er gewesen war. An einer Wassermhle
im Grund war er vorbeigeritten, einen einsamen Waldweg entlang, bis zu
einem Dorf. Drrenkleina hatten es seine Bewohner genannt, von da
hatte er den Blick frei gehabt nach dem Saaletal hinab.

Ich sah auch nach Jena hin, meine liebe Hausfrau du, schlo er die
Erzhlung.

Mit Sehnsucht? fragte Sophia Christine scheu.

Nein, die empfand ich nicht. Anthoine de Charreard atmete tief auf.
Es ist ein schnes Stck Land, das uns gehrt, Sophia Christine,
sagte er ernst. Aber es ist Land, das harte Arbeit braucht. In
Arkadien leben wir nicht, mein Weib. Lust und Freude wird uns karg
bemessen sein. Arme Sophia Christine, es ist ein rechtes Bettelbrot,
das du erheiratet hast.

Gott segne uns das liebe Brot! Sophia Christine rief es froh. Ich
heiratete die Armut nicht. Wir haben eine Heimat und -- es ist Friede.
Ihre Stimme sank, sie hrte wieder den alten Bauern erzhlen. Und halb
zu sich selbst sprach sie: Wir mssen sehr gut sein zu den Leuten, die
zu uns gehren, sie haben sehr viel gelitten.

Herr Anthoine de Charreard hrte an dem Wort vorbei. Das Gutsein war
Frauensache. Seine Gedanken umspannten die Arbeit. Er baute, sete,
pflanzte, legte Grten an, richtete alles stattlich in Gedanken auf. Es
war ihm dabei zumute wie als ganz jungen Burschen im ersten Gefecht,
eine Lust zur Tat schrie in ihm. Damals hatte er zerstrt, gedankenlos,
und er hatte das Zerstren als Wonne empfunden, jetzt dachte er an ein
Aufbauen, und er sprte, die Freude wrde strker sein. Er nahm ein
kleines Jagdhorn, das er beim eiligen Fortreiten unwillkrlich ber
seine Schulter gehngt hatte, und blies hinein. Das Pferd hob den Kopf
und wieherte. Da schwang sich Herr Anthoine in den Sattel, hob seine
Frau zu sich empor und blies wieder in das Horn. Wie Jubel klang es, so
ritten sie beide zum Hof hinein und es war ihnen beiden wie eine rechte
Heimkehr.




3. Kapitel.


Sophia Christine brauchte das Gutsein gegen die Leute, gegen die
Bewohner der nachbarlichen Drfer Bucha und Schorba nicht zu lernen,
sie, die Scheue, fand auf einmal die Sprache, die die Leute verstanden.
Sie redete mit ihnen von vergangener Qual und gegenwrtiger Not, von
den kargen Freuden ihres buerlichen Lebens, und ihr Wort war Hoffnung,
ihr Blick Zuversicht, ihr Lcheln Trost, ihr Kommen Freude. Und so
ausgefllt mit Arbeit auch ihre Tage waren, immer gelang es ihr noch
ein Einschiebsel an Zeit zu machen, um eine Klage zu hren, einen Rat
zu geben. Die Ratlose, die kleine, scheue Frau wurde bald Beraterin.
Wie sie es fertig brachte, war selbst ihrem Mann ein Rtsel.

Sophia Christine lie ihr Herz raten, und wo das versagte, den einzigen
Freund, den sie in Jena besa, den Magister Albertinus. Der war einst
ihr Lehrer gewesen fr eine kurze Spanne Zeit, er war der einzige,
der ihrem liebearmen Leben ein wenig Glanz und Freude gegeben hatte.
An ihn schrieb die kleine Frau eines Tages, als in Psen eine Kuh
erkrankt war, denn ihrer Meinung nach wute Magister Albertinus alles,
was einer nur wissen kann. Und der Magister sandte ihr eine Flasche
Lebenselixier, das half der Kuh auf die Beine, ob sie nicht von selbst
aufgestanden wre, wute niemand.

Wenige Tage spter kam der Magister anspaziert, er trug in einem
Felleisen eine ganze Apotheke zusammen. Seltsame Mittel, auch ein
Bchlein Rezepte brachte er der Madame de Charreard und dazu die
Neuigkeit, da man im Schlo Monsieur Anthoine arg vermisse. Die
Neuigkeit warf Sophia Christine zum Fenster hinaus, die mochte sie gar
nicht hren, aber die Flschchen und Bchsen stellte sie in den alten
Schrank der Nesselrodes und das kleine Buch nahm sie mit warmem Danke
an.

Der Hausherr lachte ein wenig ber diese Alchymisterei, wie er es
nannte, aber seine Frau lie sich nicht beirren. Sie gab da ein
Trnklein, dort eine Latwerge, und weil die Bauern ein eisenfester
Schlag waren, schadeten die Mixturen nichts und der gute Glaube half
zum Gesundwerden.

Monsieur de Charreard hatte ber den Heilkram des Magisters gelacht,
das Wort, man vermisse ihn im Schlo, warf er nicht wie seine Frau zum
Fenster hinaus. Er dachte daran, dachte mehr und mehr darber nach, und
eines Tages ritt der Herr von Psen, von einem Reitknecht begleitet,
nach Jena. Die junge Frau stand unter der Linde und ihre Augen waren
dunkel von Trnen.

Und wie sie so stand und in die Ferne sah und ihre Sehnsucht auf grauem
Rlein dem Gatten nachritt, kam der Hofverwalter, er wollte dies und
das wissen, wie die Arbeit eingerichtet werden sollte, und Frau de
Charreard wute es nicht.

Da dachte sie an den Rabenvater, und wie sie ging und stand lief sie
den Wiesenabhang hinab und kam bald hei und verwirrt auf dem stillen
Hofe an.

Vieler Worte brauchte es nicht. Der alte Bauer mit den eigentmlich
hellen Augen verstand sie gleich, er hatte Zeit, er hatte den Willen zu
helfen, und er half.

Fnf Tage lang war das Haus ohne Herrn, und niemand merkte es. Nach
fnf Tagen kam Herr de Charreard zurck, ein wenig bla und mde und
herzhaft verdrossen. Des Herzogs Bernhard Bruder war da gewesen, und
es hatte ein scharfes Trinken gegeben. Und als der Hausherr heimritt,
wieder unter den nun lngst verblhten Linden dahin, kam ihm sein
Einzug in den Sinn, und er fhlte, er hatte seine junge Hausfrau zu
bald alleingelassen. Auch an die Arbeit dachte er, und da nun wohl
eine ziemliche Verwirrung entstanden sein wrde.

Er hielt sein Pferd an. Sein Diener war noch ein gutes Stck zurck und
mit leiser Trauer ber sich selbst sah der Mann in das friedliche Tal
hinab. Da kam ihm des Wegs der alte Rabenvater entgegen. Der grte
ehrerbietig und doch mit viel Wrde in seiner Haltung.

Wo kommt Er her? Des Gutsherrn Stimme klang mimutig. Der Alte hatte
etwas in Blick und Gebrde, das ihn reizte. Wie der Werktag selbst,
der vollgerttelte ehrliche Arbeitstag sah er aus, und da er nicht
gleich antwortete und doch ber Psener Grund ging, herrschte Monsieur
Anthoine ihn schrfer an: Wo kommt Er her, rede Er doch?

[Illustration]

Vom Mhen drben am Hhnchen, antwortete der Alte gelassen und zeigte
mit der Hand nach dem Waldberg hinber. Wirklich, da stand das Kornfeld
nicht mehr in goldner Flut, in Garben stand es aufgeschichtet.

Dem Gutsherrn stieg es hei ins Gesicht. Wer hat's Ihm geheien?
schrie er den Bauer an.

Die gndige Frau! Der Rabenvater sah mit seinen hellen Augen klar dem
Herrn ins Gesicht. Gnaden haben nicht gewut, was zu tun war fr die
Knechte, und da haben Gnaden mich geholt, wie mich die gndige Frau von
Nesselrode oft geholt haben.

Anthoine de Charreard sah verlegen an dem alten Bauern vorbei. Er
wute es pltzlich, es war jetzt keine Zeit fr einen Landmann,
davonzureiten; schon wollte er dem Pferde die Sporen geben und ohne
Wort und Gru an dem Alten vorbeitraben, doch es war, als hielten
dessen helle Augen ihn fest, er sagte: Also Dank fr die Hilfe --
ich frage morgen mal bei Ihm nach. Er nickte dem Bauern zu und ritt
heimwrts. Sein Reitknecht hatte ihn inzwischen erreicht und als er
vor das Haus ritt, meinte er, die Tre msse sich auftun und Sophia
Christine ihm mit Jubel entgegeneilen. Doch nichts geschah, im Haus
blieb es still, auf dem Hof gackerten nur ein paar Hhner. Er stieg ab
und ffnete die Haustre, khl wehte es ihm entgegen und seine Stimme
drhnte im weiten Flur.

Da ffnete sich denn freilich flugs die Seitentre, zwei Mgde kamen
angelaufen, sie knixten, sahen verlegen drein, eine hielt die Schrze
vor das Gesicht, denn sie alle hatten eine ungeheure Ehrfurcht vor dem
feinen und schnen Gutsherrn.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe Herr Anthoine aus dem Gestammel
heraushrte, seine Frau wre in der kleinen Hauskapelle. Ach so, es war
ja morgen Sonntag und der, an dem der Prediger aus Bucha die Andacht
hier hielt. Das kam ihm in den Sinn, als er mit gedmpftem Schritt zu
der Kapelle ging. Als er die Tr zu der Empore auftat, sah er seine
Frau auf den Altarstufen sitzen. In ein paar Zinnkannen blhten die
letzten lichtroten Malven auf dem kleinen Altar, sie standen im Glanz
der hereinfallenden Sonne, und auch das Gesicht Frau Sophia Christines
war vom hellen Licht umflossen. Herr Anthoine de Charreard staunte
seine junge, zarte Frau an. Es lag ein fremder, schner Ausdruck auf
ihren Zgen, das Kindhafte, Scheue war verschwunden, als lgen Jahre
zwischen ihrem letzten Zusammensein, nicht fnf Tage, so war es.

Sophia Christine hob den Kopf. Sie hatte die Schritte vernommen und
wute, wer da kam. Ein Lcheln grte den Mann. Kein Mimut, kein
rger ber sein langes Fortbleiben, und als er, beschmt fast von der
sanften Gte, die Treppe hinabstieg und sich eilte, die Frau zu gren,
strahlten ihm ihre Augen entgegen, und sie sagte schlicht und fromm:
Gott will uns ein groes Glck geben, lieber Mann, er will uns ein --
Kind schenken.

Das einfache Wort zwang den Mann auf die Knie neben seine Frau. Sie
sprachen froh zusammen von kommenden Tagen, von ihrer Lust und ihrer
Freude, und Herr Anthoine sagte: Gibt Gott uns einen Sohn, so wird er
hoffentlich heimkehren knnen nach Frankreich.

Sophia Christine schttelte sacht den Kopf, sie antwortete sanft, ohne
Widerspruch in der Stimme: Ich wnsche meinen Kindern keine schnere
Heimat als dieses stille Tal.

Du kennst sie nicht, die schnen Ufer der Loire, du kennst nicht meine
schne Heimat. Du wrdest sie diesem -- er stockte -- sein Blick ging
zur offenen Tre hinaus und er sagte das Wort >armselig< nicht. Er sah
drben den Berg ansteigen, oben von dunklem Wald gekrnt, er hrte
den Bach klingen und sah den Himmel blau ber dem Tale stehen, und er
dachte an die Flucht und an die Heimatlosigkeit seiner Jugend, und er
umschlo nur fest die Hand Sophia Christines. Schweigend saen sie
beisammen im Glanz der Sonne, sie hrten ihre Herzen reden. --

       *       *       *       *       *

Es rann noch mancher Tropfen Regen in das einsame Tal hinab und
schwellte den Bach, noch viele Arbeitsstunden kamen und noch mancher
Sorgentag. Es wurde Herbst, der Winter kam, endlose Wochen, in denen
Psen eingeschneit lag. Endlich brausten die Frhlingsstrme um das
Haus, und Herr de Charreard ging ber den Speicher mit dem alten
Rabenvater und der sagte: Knapp wird's zulangen.

Der goldene Feldsegen war nicht allzu reich gewesen, es galt zu sparen
an allem, was zu des Lebens Notdurft gehrte. Noch hatte der neue
Besitzer nicht mehr Vieh anschaffen knnen, und es gehrte der ganze
hoffnungsfrohe Mut Sophia Christines dazu, um jeden Morgen heiter zu
gren. Ihr Mann verzagte leichter. Ein paarmal ritt er im Mimut nach
Jena, doch war seine Abwesenheit immer nur kurz, und wenn er wiederkam
und von den Linden aus das Haus im Grunde liegen sah, war es doch
immer Heimatfreude, die ihn bewegte. Und dann kam er einmal von einem
Hoffeste heim, zu dem der Herzog ihn so dringlich geladen hatte, da
er nicht fern bleiben konnte, und als er in sein Horn blies um seine
Ankunft zu melden, kam Sophia Christine nicht wie sonst, ihn zu gren.

Es war schon Frhling. Grne Seidenfahnen wehten ber Baum und
Strucher. Die Schwalben tanzten in der silberklaren Luft, die Erde
strmte erfrischten Atem aus und Herr Anthoine de Charreard verga ganz
die grnen Loireufer, so stark war das Gefhl: Hier bist du zu Hause.

Aber seine Frau kam nicht. Und in den Augen der Dienstleute las er
sorgenvolles Teilnehmen.

Da fragte er nicht, er suchte und fand Sophia Christine im Prunkgemach
des Hauses. Vor ihr auf dem Tisch standen zwei silberne Becher, lag
bescheidener Schmuck und ein paar Gevattergulden. Alles in allem kein
Reichtum, ein drftiges Silberschtzlein, und die Stirne der jungen
Frau war sorgenvoll gekraust. Doch brach die helle Freude hervor,
als sie den Heimgekehrten erblickte. Ist meine liebe Hausfrau eine
Schatzsucherin geworden? fragte der Gutsherr heiter, was soll die
Aufhufung unseres Silberschatzes?

Es waren keine Kinderaugen mehr, Sorgenaugen waren es, die den Mann
anschauten. Wir mssen das verkaufen, flsterte Sophia Christine. Sie
legte flink noch einen goldenen Ring dazu, den sie von ihrer Mutter
hatte. Wir reichen nicht mit dem Brotgetreide bis zur Ernte und --
Es war eigentlich viel, was im Hause fehlte. Zu viel fr das armselige
Schtzlein. Doch diesmal wute der Herr de Charreard besseren Rat. Er
hatte des Herzogs Erlaubnis erhalten, auf das Gut zweihundert Taler
aufzunehmen. Freilich das Geld mute verzinst werden, immerhin, der
Rabenvater hatte gesagt, es wrde ein gutes Jahr werden, alle Zeichen
dafr wren vorhanden. Da kamen die Eheleute wohl aus der Not heraus.
Der Geheime Rat Ries hatte versprochen, sich nach einem umzutun, der
wohl das Geld geben wrde. Er hatte gemeint, der Amtsschosse der
Leuchtenburg, die bei dem Stdtchen Kahla lag, Herr Heinrich Rudolph,
wrde es leihen knnen und es auch gerne tun.

Das war freilich Trost. Und frohgemut packte Frau Sophia Christine ihr
Silberschtzlein wieder zusammen, und als ihr Mann wehmtig sagte:
Arme Frau, da rief sie: Reich, nenn mich doch reich.




4. Kapitel.


Es wurde ein rechtes Frhlingsbblein, das seinen Einzug in einer
Mainacht auf Psen hielt.

Mein Sohn, sagte Herr de Charreard stolz. Ein Charreard!

Mein Kind, sagte die junge Mutter, denn ihr war es gleich, ob Bube
oder Mdel da neben ihr lag als schnstes Gottgeschenk.

Drei Tage hatte Sophia Christine eine ungestrte Freude an dem kleinen
schreienden, zappelnden Menschenwesen, dann schritt die Sorge in das
Haus. Diesmal trug sie die Gestalt eines herzoglichen Reitknechtes
und stand in einem feierlichen, uerst huldvollen Schreiben. Herzog
Bernhard meldete sich mit seiner Gemahlin und einigen wenigen Herren
und Damen des Hofes zur Taufe auf Psen an. Seine Gemahlin habe
den Wunsch, den kleinen Franzosen selbst aus der Taufe zu heben.
Sonntag Rogate wrden die hochfrstlichen Taufgste eintreffen. >Sie
verhofften,< hie es in dem Schreiben, >ihrem Treugeliebten Ehemaligen
Hofmeister, dem Herrn Kammerjunker, Herrn Anthoine de Charreard und
seiner viellieben Ehefrau Sophia Christine, geborene Riesin, eine
sonderliche Freude zu bereiten.<

Ach du lieber Himmel, frstliche Taufgste und alle Vorratskammern leer!

Die zweihundert Taler sollten erst Johanni gezahlt werden. Bis dahin
hatten einige Bauern in dem Flecken Magdala sich zur Hergabe von
Brotgetreide bereit erklrt. Aber mit Brot allein waren frstliche
Gste nicht zufrieden.

Wir fischen, sagte Herr Anthoine, der bedrckt am Bett seines
Weibes sa. Die Forellen sind jetzt gut. Und schlachten unsere
jungen Hhnchen. ber Sophie Christines blasse Wangen liefen Trnen.
Ihre jungen Kckelchen, ihren Stolz, mute sie hergeben. Oh, welche
Hoffnungen hatte die junge Frau an die kleine Schar geknpft, sie hatte
sie schon alle als dicke gewichtige, aufgeplusterte goldgelbe Hennen
gesehen, die jeden Tag das Nest voll Eier legten. Gute Hausfreundinnen
sollten es werden. Aber Forellen und junge Hhner, Salat aus dem Garten
und Brot gengten nicht fr einen Taufschmaus, da mute Kuchen gebacken
werden, dazu gehrten Eier, Butter, alles, was so knapp wie nur mglich
auf Psen war.

Woher in aller Welt dies nehmen?

Sophia Christine dachte wieder an den kleinen Schatz und Herr de
Charreard dachte auch daran, und er sagte aus seinen sorgenden Gedanken
heraus: Es geht nicht anders. Er wollte noch etwas von Standespflicht
hinzufgen, da tat sich die Tr auf und die ganze weibliche
Dienerschaft lugte herein und alle sagten sie wie aus einem Munde:
Itze sind sie da!

Wer denn? Sophie Christine dachte erschrocken, der Herzog Bernhard
mitsamt Gemahlin und Hofstaat wre eingetroffen; der Besuch, ihre
leeren Vorratskammern, das noch unverkaufte Silberschtzlein, alles
strudelte ihr im Kopf durcheinander und sie sagte hilflos: Aber sie
wollten doch erst am Sonntag Rogate kommen.

Nee, so lange warten die niche! Die alte Rse drngte sich vor, sie
sah ordentlich ein bichen gekrnkt drein. Nee, heute sind's die
Buchschen, de Schorbschen kommen erst morgen, es mu alles rechte
gehen.

Und die Buerinnen von Bucha, alle, die Kinder hatten oder zu denen
einmal ein Kind Mutter gesagt hatte, kamen herein. Voran die alte
Rabenmutter, die das grte Mutterleid zu tragen hatte, und jede
Buerin trug einen wei verdeckten Henkelkorb. Aus dem einen krhte,
aus dem andern gackerte es, denn jede brachte eine Gabe dar.
Die alte Rabenmutter sprach den Glckwunsch, sprach ihn in einem
singenden leiernden Ton, denn so erheischte es Anstand und Sitte. Und
verschnrkelt und feierlich waren Satz und Rede.

Herr Anthoine de Charreard war zuerst in den Hintergrund des Zimmers
vor den andrngenden Frauen geflchtet, doch die alte Rse, die sonst
eine demtige Ehrfurcht vor dem schnen feinen Mann bezeigte, gab ihm
diesmal einen sanften Rippensto. Sie tat es freilich in tiefster
Demut, aber das Stlein sagte dem Herrn doch, da augenblicklich sein
Platz neben dem Bett seiner Frau war, und er merkte, die anderen Frauen
waren der gleichen Meinung.

Die Rabenmutter begann ihr Sprchlein noch einmal vorzutragen. Die
Frauen standen alle mit gefalteten Hnden und dann beugten sie alle die
Knie zur Verneigung vor dem Bett der jungen Frau.

Es war wie im Dornrschenmrlein, in dem die guten Feen alle kommen,
nur fehlte hier die bse Fee; es waren lauter gute Wnsche und Gaben,
die die Buchschen dem kleinen Anthoine darbrachten. Nahrhafte Gaben.
Einen Hahn, zwei Hennen, ein paar junge Kchlein, Eier, Butter, eine
Speckseite, es fehlte nicht an Wurst und Kse, auch nicht an einem
Scklein Mehl. Und unter den Frauen war eine, die brachte zwei Eier.
Sophia Christine aber wute, die Frau hatte nur ein Huhn und von den
wenigen Eiern, die ihr das schwrzliche Huhn legte, hatte sie die
beiden abgespart. Sauber lagen sie in frisches Grn gebettet da, und
ein wenig ngstlich sah die Alte auf die liebliche Hausfrau, fand sie
die Gabe nicht zu schlecht?

Da tat Sophia Christine etwas, das gegen Sitte und Herkommen verstie.
Sie hielt keine feierliche Danksagung, sie fate zuerst die Hand der
Rabenmutter und dann Hand um Hand, der Alten aber mit den beiden Eiern
strich sie noch einmal linde ber die welke Hand. Dabei liefen ihr die
Trnen ber das Gesichtchen, und es war schon gut, da ihr Anthoine
es etwas besser verstand, eine feierliche Dankrede zu halten. Er
redete hflich und herzlich zugleich, stand wrdevoll und vornehm vor
den Frauen. Denen tat es wohl, Hndedrcke und Trnen waren gut, die
schwungvollen, feierlichen Worte aber gehrten dazu; da Rse wute, da
ein Wrzebier auch dazu gehrte, hatte sie vorgesorgt. So verlief denn
der Besuch recht in den vorgeschriebenen Formen und die Buchschen
verlieen zufrieden mit leeren Handkrben das Haus und versicherten,
morgen wrden die Schorbschen kommen.

Dann wird unsere Speisekammer voll werden, dachte der Hausherr. Ein
heimliches Lachen kam ihn an. Er hatte sich noch nie so um eine leere
Vorratskammer gesorgt, und als er gefreit hatte, da hatte er gemeint,
in ein recht wohlhbiges Leben hineinzugeraten. Er hatte das auch
manchmal gesagt, hatte etwas bermtig der Herzogin Marie gegenber
betont, er wre des Hoflebens und des Dienstes bei ihr satt und wolle
nun ein freies Herrenleben fhren. Da wute er pltzlich, warum die
Herzogin ihren Gatten angetrieben hatte, ihn mit der Jungfer Riesin zu
verheiraten. In Not und Sorge sollte er hinein, weil er nicht ihr Narr
hatte sein wollen. Oh ja, die Landsmnnin hatte sich gercht. War es
ihr gelungen? Anthoine de Charreard sah auf sein junges Weib nieder,
und er sagte: Sie gedachten es bse mit uns zu machen, Gott aber hat
es gut gemacht.

Sophia Christine nickte ihm zu. Und dann schlo sie mde die Augen und
trumte, ihr Bbchen im Arm, von kommenden Zeiten.

Herr Anthoine aber verlie das Haus, er stieg den abwrts fhrenden
Weg hinab und gelangte an des Baches Quelle, er wollte ein wenig nach
den Forellen sehen, denn eine gute Forellenfischerei war des Gutes
Stolz. Und wie er an dem schmalen Wasser stand, das hell ber groe
Steine rann, verga er die Fische. Er dachte an das stolze Schlo an
der Loire, an der Charreards einstigen Besitz. Kein Charreard hatte
wohl noch um den Taufschmaus fr den Erben sorgen mssen. Bei Gott,
dachte der Herr Anthoine wieder, ich bin in ein recht klgliches Leben
hineingeraten. Mge meinem Sohn es besser ergehen, unser Knig wird es
wohl besser mit seinen treuen Untertanen im Sinn haben, als der bse
Kardinal Richelieu, dann soll mein Sohn wieder den Namen Charreard zu
Ehren bringen.

Der Gutsherr verga die Fische, aufrecht, hochmtig ging er dem Hause
zu, und als er mit der Feierlichkeit frherer Tage an das Bett seiner
Frau trat, die ihr Bbchen im Arme hielt, fand er ihr Gesicht ganz
berstrmt von Trnen.

ber diesen Trnen verga Herr Anthoine das Schlo an der Loire und
allen Glanz der Charreards. Betroffen fragte er nach dem Kummer der
kleinen Frau Sophia Christine. Ach, schluchzte sie, ich bin ja so
froh, so froh, nun brauchen unsere Kchlein nicht geschlachtet zu
werden.

Das war wirklich nicht ntig. Am nchsten Tage kamen die Schorbaer
Buerinnen mit nicht minder reichen Gaben, und so konnte man denn auf
Psen dem Sonntag Rogate mit Ruhe entgegensehen. Denn die alte Rse
fhrte den Hausherrn selbst in den allerletzten Keller. Tief im Winkel
verborgen lag da, aus guten Zeiten stammend, noch ein Fchen Wein,
an ihm war aller Kriegslrm vorbeigezogen. Gut, da es zuletzt die
Schweden nicht auch noch durch ihre hllischen Gurgeln gejagt haben,
sagte die Alte. Denn ob Wein aus protestantischem Hause oder aus einem
katholischen Keller, denen ist das so gleich gewesen, wie es ihnen war,
woher sie raubten, wen sie mordeten.

Herr Anthoine de Charreard bezeigte wenig Lust, sich von den
vergangenen Kummertagen erzhlen zu lassen, er stieg vergngt
ans Tageslicht empor, um seiner Frau von dem Fund zu berichten,
und er fand wieder ein betrbtes, verzagtes Weiberseelchen. Ein
wenig Aprilwetter war schon die kleine Frau in diesen Tagen. Frau
Sophia Christine hatte, so gut sie es konnte, Gste und Egeschirr
nacheinander an den Fingern abgezhlt, und es fehlten mehr Teller als
im Dornrschenschlo, ach, es fehlte so viel. Ihr Mann sah ein, da
dies schon eine Not war. Er wute aber Rat. Am nchsten Morgen fuhr
er selbst nach Jena, um bei seinem Schwiegervater und den brigen
Verwandten seiner Frau das notwendige Hausgert zu erborgen. Er
bekam alles, ja sogar die schweren, einst mit eigener Lebensgefahr
erretteten, silbernen Prunkleuchter gab eine Muhme her, denn die Kunde,
da das frstliche Paar selbst zur Taufe kommen wollte, erregte ganz
Jena. Smtliche Frauenzimmer redeten nur von der Taufe. Und Sophia
Christine wurde so viel und mit solcher Ehrerbietung von allen Vettern,
Muhmen und Basen genannt, da diese berflle von Hochachtung die
kleine Frau gewi sehr bedrckt htte.

Doch glcklicherweise ahnte sie nichts davon. Sie hielt mit Rse und
der Rabenmutter eine sehr eindringliche Eberatung ab. Das Ergebnis
war, nachdem Sophia Christine ein noch von ihrer Mutter stammendes
Rezeptbchlein zugezogen hatte, da man trotz aller Spenden ein
speckfettes Ferkel schlachten msse. In dieses sollte eine Gans
gesteckt werden, in diese ein Huhn, in das Huhn eine Taube, in die
Taube, was gerade daherflog, auch ein Spatz, wenn es sein mute. Und
dann ein Zungenmlein, Torten und Pasteten. Frau Sophia Christine tat
bei jedem Gericht, das ihr einfiel, einen bitterschweren Seufzer, aber
glcklicherweise sagte die alte Rse immer: Es langt zu. Da bruche wir
niche bange zu sein.

Und es reichte und wurde ein prchtiges Mahl. Ein Tauftag voll
Erdenpracht und Himmelsglanz. Nur ein paar weie Flatterwolken wehten
ber den blauen Himmel. In der kleinen Psener Hauskapelle dufteten
groe Strue, ein buntfarbiges Kranzgewinde schlang sich um die
Sessel, die fr den Herzog Bernhard und seine Gemahlin hingestellt
worden waren. Die Herzogin staunte ber das festliche Geprnge, das
nach Reichtum ausschaute. Die scheue heimliche Armut, das bange Sorgen
der Eheleute, die Quellen der Hilfe ahnte sie nicht. Sie sah nur,
was da war, und weil sie den stolzen Landsmann in einer krglichen
Armseligkeit geglaubt hatte, war sie doppelt berrascht.

Dazu Sophia Christine! Die war nicht mehr scheu und ungewandt wie
einst, sie fhlte sich auf sicherem Heimatboden stehen, dies Gefhl
und ihr junges Mutterglck verliehen ihr eine anmutige Wrde. Sie
war freilich einfach gekleidet, aber sie sah doch festlich und schn
aus, und die Herzogin Marie in ihrer dunklen Schnheit, die das
neueste Pariser Gewand trug und so gekleidet war wie die Damen am Hofe
des jungen Knigs Ludwig XIV., vermochte nicht die junge Madame de
Charreard zu verdunkeln.

Dazu der Sonnenglanz drauen, die Schnheit des stillen Tales. -- Der
Herzog Bernhard sagte sein Wiederkommen zu, aber die Herzogin kniff ein
wenig die dunklen Augen zusammen. Scharf zogen sich die Falten am Mund
herab. Da wuten ihre Damen, sobald wurde der Besuch nicht wiederholt.
Sie drngte auch zum Aufbruch und bersah dabei das leise Aufleuchten
in den braunen Augen der jungen Frau. Vielleicht wre sie sonst
geblieben. Da htte sie dann freilich an manches, was im Hause fehlte,
ihren Spott hngen knnen.

Als der Abend sank, eine Mondnacht mit lindem Glanz heraufdmmerte,
rollten die Wagen mit den Gsten davon; nur ein paar Verwandte
Sophia Christines blieben noch. Die aber waren so geblendet von dem
frstlichen Glanz, da die alte Base Anna Sabine -- jene, die die
Silberleuchter hergegeben hatte -- ihrer Nichte diese fr knftige
Zeiten als Erbe versprach.

Ein paar Tage spter herrschte wieder die alte Stille in Psen,
aber auch wieder der Mangel. Nach reichen Tagen gab es sehr knappe
Mahlzeiten und Herr Anthoine de Charreard freute sich mehr als ber
den frstlichen Besuch ber den des Herrn Heinrich Rudolph, der von
Leuchtenburg her an einem Nachmittag in den Hof einritt und das
versprochene Darlehen brachte. Ja, er war nicht ohne Stolz, als Herr
Rudolph lobte, wie gute Ordnung unter dem neuen Herrn herrsche. Ich
bin an den Schlgen am Eselsberg vorbeigeritten, sagte der, dort
wchst ein gutes Korn, das gibt kein Notjahr.

[Illustration]

Da dieser Herr sich zum Bleiben entschlo, freute Frau Sophia
Christine herzlich. Sie hrte still den Reden der beiden Mnner zu,
sprte wohl, da ihr Gemahl die Lehren des andern mit Aufmerksamkeit
annahm. So lauschte sie, bis der Herr Rudolph von seinen eigenen
huslichen Verhltnissen sprach. Von der Frau, die ihm gestorben
war, von dem jungen Heinrich Wilhelm von Draksdorf, den er mit seinem
eigenen Kinde erzog.

Die beiden mssen uns besuchen, rief Frau Sophia Christine warm. Und
wehmtig klang es hinterher: Ein Kind ohne Mutter, wie traurig ist
das.

Doch dann beruhigte sie sich, als sie hrte, da eine Verwandte des
Hausherrn, Jungfer Elisabeth Scheitlin, die Bblein mtterlich behte.
Aber sacht wuchs doch in ihrem Herzen ein Blmlein auf, in dessen Kelch
die Namen der Mutterwaisen standen. Sie schenkte schnell den noch nie
gesehenen Kindern Liebe vom berflu ihres reichen Herzens.




5. Kapitel.


Nach der Taufe des kleinen Anthoine verstummte nun freilich der
Festjubel auf dem Gute fr lngere Zeit. Der Verkehr mit Jena wurde
nicht allzu lebhaft fortgesetzt. Die Herzogin verga den Landsmann ein
wenig, sie schob ihn beiseite wie ein berflssiges Stck Hausrat;
freilich immer mit dem Gedanken, er wre doch noch einmal zu brauchen.

Auf Psen lebten sie still ihre Tage weiter. Zu dem kleinen Anthoine
gesellten sich zwei Schwestern, und gerade kam noch ein Bblein an,
als in Jena eine kleine Prinzessin in der Wiege lag. Der Gutsherr fuhr
zur Taufe hin, die mit soviel Glanz und Prunk gefeiert wurde, als wre
nicht noch groe Armut im Lande. Das Kind erhielt in der Taufe den
Namen Elisabeth Marie und ihre Mutter sagte gndig zu Monsieur Anthoine
de Charreard, eine seiner Tchter solle nach etlichen Jahren Gespielin
der Prinzessin werden und mit ihr zusammen aufwachsen.

Herr de Charreard war zu sehr Hofmann, um sich fr diese Gnade nicht
alleruntertnigst zu bedanken und von seiner groen, dankbarsten Freude
zu sprechen. Dabei wute er doch, Frau Sophia Christine wrde dies ein
groes Herzeleid sein. Ein wie viel greres Herzeleid die Frau gerade
in den Stunden durchlitt, ahnte er nicht. Bisher war wohl die Sorge
manchmal auf leisen Fen durch das Haus gehuscht, aber immer hatte sie
vor der jungen Frau lebensmutigem Lcheln die Flucht ergriffen, nun
aber kam das Leid und klopfte an. Hart, schwer, unbarmherzig.

Der kleine Gaston starb.

Ganz rasch verlschte das kleine Lebenslicht und Frau Sophia Christine
wollte vor Kummer schier vergehen. Doch da kam die alte Rabenmutter zu
ihr. Eine welke, mde Frau war sie, und als sie das tote Bbchen sah,
gingen ihre Augen hinweg zu den drei greren Kindern, und sie sagte
schlicht: Euer Gnaden sind noch reich, sehr reich.

Und Sophia Christine fhrte still den Reichtum ihres Hauses, ihre drei
schnen Kinder ihrem Manne entgegen, als er heimkam, und auch er sagte:
Ja, wir sind noch reich, sehr reich.

Die drei Kinder trauerten wohl dem kleinen Bruder ein paar Tage nach,
aber allzu tief war der Kummer noch nicht, er vermochte nicht ihr
heiteres Kinderleben zu trben. Es war ein lustiges Dreigespann, das
in Psen aufwuchs. Anthoine, Anton, wie ihn seine Mutter gern nannte,
war besinnlich und stiller, am lebhaftesten war die ltere Schwester.
Dorothea Louise, die Louison. Auch ein wenig stiller wieder Johanna
Sybille, die Jeannette genannt wurde. Aber alle drei zusammen erfllten
sie Haus und Garten mit lautem lustigem Lrm, und wenn Sophia Christine
dies frohe Kinderlachen auftnen hrte, dann begann immer der warme
Strom der Freude in ihrem Herzen zu rauschen.

Ihr Mann, ihre Kinder, ihr Haus im stillen Tal waren ihre Welt; die
Weite drauen lockte sie nicht, die war nicht so gro wie ihr Glck.
Der einzige Schatten, der dies helle Glck manchmal trbte, war das
Bemhen ihres Mannes, besonders den Sohn zu einem echten Franzosen zu
erziehen. Mit ihm sprach er nur franzsisch, und der kleine Anthoine
bekam sehr viel von dem einstigen Glanz der Charreards zu hren. Doch
die Loire war weit und das Bchlein, die Leutra genannt, war nahe, also
spielte der Bube mit den Schwestern am Bach und der kam ihm mindestens
so gewaltig vor wie die Loire.

Und wie herrlich war es, am Bach entlang zu laufen, manchmal sogar
innen von Stein zu Stein zu springen, bis endlich der Rabenhof
erreicht war. Dort gab es ein eiliges Klettern am losen Gartenzaun
des Rabenvaters entlang, und auf einmal tauchten vor dem Fenster des
Bauernhauses drei lachende Kindergesichter auf und ber das dstere
Gesicht des Rabenvaters glitt ein heller Schein. Seine Stimme hatte
noch einen leisen Frohklang, wenn er rief: Mutter se sind doe!

Dann kam die Rabenmutter, und die drei Charreards saen vergngt als
Ehrengste auf der Wandbank. Ein Glas Milch, ein Stckchen Ksebrot,
ein paar Nsse dnkte ihnen ein Festessen zu sein. Daheim gab es auer
den Mahlzeiten nichts, und die drei waren doch etwas wie Sptzlein, es
schmeckte ihnen immer.

Und dann gab es eine Unterhaltung. Seltsam genug. Zu den drei Schelmen
redeten die alten Leute von ihrem abgrundtiefen Leid, von der
vergangenen Not, und Jeannettchen konnte kaum richtig reden, als sie
das erstemal von den entfhrten Kindern hrte und das Trostwort sprach:
Sie komme vielleicht wieder.

Nach ber zwanzig Jahren!

Der Rabenvater schttelte den Kopf. Die Rabenmutter wischte sich ber
die Augen. Ja, in den ersten Jahren hatten sie noch an ein Wiederkommen
geglaubt, aber jetzt nicht mehr. Doch war es wunderlich. Jedesmal
wenn Jeannettchen ihr kindliches Trostwort sagte, sank ein leiser
Hoffnungsstrahl in die Herzen der beiden Alten. Und um dieser leisen
zitternden Hoffnung willen erzhlten sie immer wieder die Geschichte.

Frau Sophia Christine sorgte sich nicht um ihre Kinder, wenn die vom
Wldchen an der Quelle bis zum Rabenhof liefen, nur den Weg in den
Wald, der dahinter lag, verbot sie ihnen. Aber gerade der Wald lockte
die drei mit Mrchenzauber. Er begann hinter dem Mhlholz; es lag da
still und einsam eine Wassermhle im Grunde, und bei dem Mller und
seiner jungen Frau mochten die drei auch gern sein. Es gab da im Hause
ein paar semmelblonde Hemdenmtzchen, denen die Merfnerin in Bucha
Gromutter war. Und wie bei den Rabeneltern wurden die drei Geschwister
auch in der Mhle immer gastlich aufgenommen, aber leider war die
Mhle Grenze. Und der Mller, ein durch bittere Jugenderlebnisse hart
gewordener Mann, sagte immer streng: Weiter wird niche gegangen, sonst
-- und seine Handbewegung verhie nichts Gutes.

Als die drei Charreards nun einmal daheim von des Mllers Drohung
erzhlten, brauste Herr Anthoine auf. Es wre unerhrt, meinte er,
Herrenkindern so zu drohen, doch Frau Sophia Christine sagte heiter:
Ich hab ihn gebeten, auf unsere Kinder zu achten. Er tut's eben nach
seiner Weise. So wei ich wenigstens, sie gehen nicht in den Wald.

Anthoine war neun Jahre alt, seine Schwestern sieben und acht Jahre,
als dieses Gesprch stattfand. Der Wald, ach, der Wald, warum man nur
da nicht hinein sollte?

Am Nachmittag zogen die drei wieder an die Quelle hinab. Aus einer
unbeschreiblichen Angst heraus rief Frau Sophia Christine: Geht nicht
zu weit.

Es war ein Junitag voll unerhrter Schne. Vogelsang, blhende Blumen
und Sonnenglanz. Da lockte der Bach, es lockte darin von Stein zu
Stein zu hpfen, es lockten Vergimeinnicht, die pflckbereit am Rande
blauten, und es lockte auch den Rabeneltern ins Fenster zu sehen.

Doch wenn man jemand besuchen will, mu der zu Hause sein, und die
alten Leute waren an dem schnen Tag schon morgens zu ihren Verwandten
nach Schorba gepilgert. Der Rabensohn aber schaffte hinter dem Hause
auf einer bergansteigenden Wiese. Er hrte nicht das Klopfen an den
Fensterscheiben, sah nicht drei Augenpaare sehnschtig in die leere
Stube blicken.

Nun blieben noch die Mllersleute. Obgleich dem Buben das Wort
des Vaters von den Herrenkindern im Ohre sang, fand er doch, ein
Besuchlein in der Mhle, in der man so schn auf Bden und Speichern
herumklettern konnte, wre ganz vergnglich. Er zog also mit den
Schwestern die Strae weiter, die sich abwrts senkte. Dort im
Schatten des bergansteigenden Nuholzes lag am rauschenden Bach die
Mhle. Gegenber erhob sich steil und kahl der Eselsberg, und vor den
Ankommenden stieg schner dichter Tannenwald empor. Ein paar mchtige
Tannen standen am Rande, wie groe ernste Wchter.

Doch das Mhlrad klapperte nicht. Schweigen lag ber dem stillen
Grunde; da auch die Vgel mittagmde ihr Zwitschern eingestellt hatten,
mischte sich mit dem Rauschen des Baches nur das Summen der Bienen und
Zirpen der Insekten. Die Mllersleute waren auf einer Wiese hinter dem
Hause, verdeckt von Gebsch, und so meinten die Kinder, sie wren auch
weggegangen.

Das war nun freilich eine Enttuschung!

Anthoine krauste die Stirn nachdenklich. Wenn man auf Abenteuer ausgeht
und erlebt gar nichts, so ist das halt bitter. Jeannettchen wollte
weinen, aber Louison rief keck: Dann gehen wir in den Wald!

Es ist verboten! Allen dreien klang das Wort im Herzen. Jeannettchen
kreischte erschrocken: Nein, da sind bse Tiere.

Ach wo! In Anthoine erwachte mnnlicher Mut. Was schadete denn das,
so ein bichen an den Waldrand zu gehen. Seine Freunde -- er nannte
die lteren Buben stolz Freunde -- Adrian Rudolf und Heinrich Wilhelm
von Draksdorf ritten doch immer durch den Wald, wenn sie von der
Leuchtenburg zu Besuch kamen. Also gefhrlich konnte es nicht sein. Sie
rhmten sogar immer die groe Schnheit des Weges. Komm! Anton fate
Jeannettchens Hand, und weil der groe Bruder den Weg ungefhrlich
fand, ging die Kleine mit. Louison aber sprang von Blume zu Blume,
wollte Schmetterlinge fangen, sie fand das Waldgehen gar nicht
unheimlich.

Neben den Tannen lief eine Schlucht in den Wald hinein, ein schmaler
Weg war da, den verfolgten die Kinder, sie freuten sich an den
vielen bunten, noch nie gesehenen Blumen, die hier blhten. Auch ein
Schmetterling von besonderer Schne flog vor ihnen her, einmal sa er
da, einmal dort. Sie rannten ihm nach und waren auf einmal tief im
Walde drinnen. Wir mssen heimgehen, rief Anthoine, kommt schnell.

Ein seltsamer Laut lie die Kinder aufhorchen. Es trapste dumpf etwas
daher. Pferdegetrappel war es, das hrten sie wohl.

Sie blieben tief erschrocken stehen. Wer kam da an?

Die sonst so kecke Louison flsterte zitternd: Schweden. Das Wort war
fr sie der Inbegriff alles Grauens.

Nicht doch, die kommen nicht mehr. Anthoine nahm all seinen Mut
zusammen. Er flsterte den Schwestern zu: Wir kriechen ins Gebsch,
flink, duckt euch.

Sie duckten sich alle drei im Unterholz zusammen, das raschelte und
knackte, und einer hrte es wohl. Ein Kriegsmann war es, der daherritt.
Buntfarbig war sein Kleid, blau und gelb, eine rote Schrpe darber,
von dem riesengroen Hut wallte eine blaue Feder herab, und eine
prunkvolle Schaumnze hing dem Mann um den Hals. Das Gesicht war
wettergebrunt, die Waffen, wie alles, was er trug, sahen schon zum
Frchten aus, und den drei Kindern schlug bange das Herz. Sie meinten
freilich, sie htten sich gut versteckt, doch da hielt pltzlich
der Reiter vor dem Schlupfwinkel und schrie sie mit rauher Stimme
an: Hollahe, was sind das da fr seltsame Vgel. Vorkommen! --
Er sagte nichts weiter, doch Klang und Miene drohten, und die drei
wagten in ihrer Angst gar nicht an ein Ausreien zu denken. Louison
und Jeannettchen brachen in ein lautes Jammergeschrei aus, Anthoine
bewahrte noch ein Restlein Mut, er packte die Schwestern an den Hnden,
als knnte er sie so schtzen.

[Illustration]

Der Reiter legte pltzlich die Hand vor die Augen, als die drei so vor
ihm standen. Er sah ein Bild vor sich: ein blonder Bube, zwei blonde
Mdels, alle drei zitternd vor Angst, und er hrte das Johlen und
Schreien einer rohen Menge, als ein Soldat die lteste ergriff und
rief: Die ist mein.

Woher seid ihr denn?

Merkwrdig, des Reiters Brummba klang pltzlich um vieles milder.
Anthoine gab Antwort, seine Stimme flatterte wie ein armer, gefangener
Vogel. Weil die Rabeneltern nicht da waren, sind wir in den Wald
gegangen.

Die Rabeneltern! -- Der Mann zog die Augen finster zusammen. Gehrt
ihr zu denen?

Anthoine schttelte den Kopf. Nach Psen, stammelte er.

Die Rabenmutter sagt, sie hat uns lieb. Louison schrie das Wort
heraus in ihrer herzbeklemmenden Angst.

Der Reiter nickte ihr ganz freundlich zu. Da mu ich euch wohl zu
ihnen bringen, sagte er. Komm, sitz auf!

Ein geller, dreistimmiger Angstschrei ertnte, aber da sa Louison
schon auf dem Pferd. Noch ein Griff und Jeannettchen klammerte sich an
die Schwester an.

Nicht wegnehmen, schrie Anthoine und hing sich halbtot vor Angst an
das Sattelzeug des Reiters.

Schrei nicht, Bube, sagte der. Ich tu euch nichts. Wart, ich steig
ab, da kannst du aufsitzen, ich fhre das Pferd!

Wieder war in Stimme und Wort ein gutes Klingen, und Anthoine
verstummte. Auch die Schwestern schwiegen, als der Bruder so ganz
behaglich neben sie gesetzt wurde. Da hockten sie alle drei auf dem
Pferd. Der fremde Mann ging neben ihnen, er fragte dies und das, es
klang den Kindern wie ein Mrchen, sie hrten Namen, die sie noch nie
gehrt hatten. Wit ihr, ob Kunoldts Liese noch in Jgerndorf lebt?
fragte der Fremde.

Die Kinder machten runde Augen. Der Bube flsterte scheu: Da steht
doch nichts mehr!

Was steht nicht mehr?

Das Dorf. Der Herr Papa sagt, es wre ganz verbrannt -- von den
Schweden.

Wieder fuhr sich der Fremde mit der Hand ber die Augen. Louison sah
ihn erstaunt an und pltzlich rief sie: Du siehst aus wie Rabens
Christian.

Lebt der noch? Ein Frohlocken war es. Die Kinder nickten eifrig, und
dann erzhlten sie alles, was sie von den Rabeneltern, von Haus und
Hof wuten, und immer mehr fragte der Fremde, mehr und mehr wollte er
wissen. Bis Louison pltzlich die Hnde nachdenklich zusammenschlug und
rief: Ich wei was.

Nun, was wei die kleine Jungfer?

Ich wei, da du Rabenmutters Nikolaus bist. Jeannettchen sagt immer,
der kommt wieder.

Da war just der Wald zu Ende. Die Mhle lag im Grunde und der Fremde
lie stumm das Pferd trotten, und sagte auf einmal: Wie sieht denn die
Rabenmutter aus?

Das wuten die Kinder nicht zu sagen. Sie blickten sich verlegen an,
bis Louison ein Wort der Mutter einfiel, sie rief mit ihrem hellen
Stimmchen: Wie das liebe Herzeleid.

Der Mann legte da seinen Kopf an den Hals des Pferdes, und ein seltsam
schluchzender Ton kam aus seiner Kehle. Den Kindern wurde Angst, nur
Louison tatschte sanft des Reiters Arm. Sie war aber auch froh, da
in der Ferne das Haus der Rabeneltern auftauchte, und zeigte mit dem
Fingerlein dahin: Dort steht die Rabenmutter.

Sie war es, und der Fremde verga die drei auf dem Pferd, er strzte
vor, und dann lag der Mann vor der alten Frau auf den Knien und rief:
Mutter, Mutter!

Der Nikolaus war wieder heimgekommen!

Vater und Bruder liefen herzu. Die Kinder zappelten auf dem Pferde
herum, Jeannettchen, die meinte, wenn jemand anders weint, mu man
mitweinen, schluchzte zum Erbarmen, und auch Louisons Trnlein flossen.
Anthoine aber sa stolz auf dem Ro. Er hielt die Schwestern fest, und
obgleich das Pferd ganz geduldig stillhielt, hatte er doch das Gefhl,
ein ganz besonderer Held zu sein.

Die Kinder mssen heim, sagte die Rabenmutter auf einmal.

Der Wachtmeister Nikolaus Rabe hob die drei vom Pferd. Er streichelte
sie ganz sacht und sagte, in seinem Mantelsack htte er auch schne
Dinge fr brave Kinder. Jetzt sollten sie nach Hause gehen, morgen
wrde er nach Psen kommen und ihnen wunderbare Sachen erzhlen.

Das war freilich den Kindern nur halb recht. Sie wren herzensgern
geblieben, doch der Rabenvater sah ernsthaft drein. Gut, da es der
Nikolaus war, der euch gefunden hat, es htte euch schlimm ergehen
knnen.

Da bekamen die drei Schelme doch nachtrglich eine schreckliche Angst.
Und den halben Weg rannten sie vor Angst, den andern halben Weg vor
Eifer, um in Psen ihr Abenteuer zu berichten.

Was sie dort erzhlten, war nun freilich so seltsam, da Frau Sophie
Christine zuerst fast das Schelten ber das In-den-Wald-Laufen verga.
Nachher holte sie es jedoch nach, denn die gute Mutter verstand
auch das Strengsein zur rechten Zeit. Nur schlimm war die Strafe an
dem Tage nicht, denn Frau Sophia Christines Mitfreude am Glck der
alten Bauersleute war zu gro. Ein Kind kehrt wieder heim aus dem
Weltgetriebe, sang es im Herzen der kleinen Frau. Ach, sie ahnte noch
nichts von dem Bangen um der eigenen Kinder Verlorensein in der weiten
Welt.




6. Kapitel.


Das Heimkommen des Nikolaus Rabe brachte das stille Tal in Aufregung.
Vom Gutshaus aus lief noch am gleichen Tage eine Magd nach Bucha, eine
nach Schorba, und die alte Rose beneidete fast den Knecht Klaus, der
die Kunde in die weitere Umgegend tragen sollte.

Am nchsten Tag in aller Morgenfrhe erschienen vor dem Bauernhaus
schon Besucher, aber den Nikolaus bekamen sie noch nicht zu sehen, der
war schon nach Psen gegangen, um dem Gutsherrn selbst seine Erlebnisse
zu erzhlen, und die alte Mutter hatte ihn begleitet. Ein wunderlich
verworrenes Leben hatte der Bauernjunge in der Welt drauen gefhrt,
ehe er wieder heimgefunden hatte. Noch ehe er aber zu erzhlen begann,
fragte Sophia Christine zaghaft: Und die Mdchen?

Da neigte die alte Buerin still den Kopf auf die gefalteten Hnde
und sagte fromm: Ich harrete des Herrn und er neigte sich zu mir und
hrete mein Schreien. Der Nikolaus aber erzhlte. Ein Hauptmann, der
doch ein linschen Erbarmen noch mit den verschleppten Kindern hatte,
schtzte die Mdchen vor der Roheit seiner Soldaten. Sie muten neben
seinem Pferd gehen. Ich aber wut wohl, lang kann er sie nit hten; und
wie wir bei Rotenstein drunten an die Saale kamen, sehe ich, wie mich
die Anne Margarete ansieht. Ganz ruhig, als wollte sie sagen: >Niklas,
sei tapfer.< Sie war unsere lteste. Sie hielt die kleine Kathrine an
der Hand und hat lang gemerkt, da ein paar Kerle sie dem Hauptmann
haben fortreien wollen. Wste Kerle!

Auf einmal hr' ich Geschrei, sehe, wie alle zur Saale rennen. Da
sind die Mdchen, ehe die Kerle sie greifen konnten, in ihrer Angst
hineingesprungen. Ich habe sie nit mehr gesehen, denn das Wasser ging
hoch in dieser Nacht, sie sind wohl gleich untergegangen.

Gott sei gelobt, flsterte die alte Buerin, da sie niche
untergegangen sin in der Welt drauen. Das Saalewasser ist reine.

Und dann erzhlte der Heimgekehrte weiter von seinem unsteten
Wanderleben. Nach Schweden hatten sie ihn mitgenommen. Er wre nicht
ungern dort im Lande geblieben, aber sein Hauptmann hatte sich von den
Generalstaaten anwerben lassen; er hatte zur See gegen die Englnder
gekmpft, dann wieder im schwedischen Heere, er war dann mit gegen den
Knig Ludwig von Frankreich ins Feld gezogen. Nach dem Aachener Frieden
hatte ihn aber eine heftige Sehnsucht befallen, doch die Heimat seiner
Jugend wiederzusehen. Er wute freilich nicht recht, wo eigentlich
das kleine Haus lag, dem er entstammte. Hatte er in der Welt drauen
die Namen Bucha, Psen, Schorba genannt, dann hatten ihn die Menschen
ausgelacht. Bis einer ihn mal frug, wie denn der Flu hiee, in dem
seine Schwestern ertrunken wren. Nikolaus hatte lange nachdenken
mssen, schlielich war ihm doch der Name eingefallen, und da war
er das Saaletal von Franken herwrts gezogen. Bis zu dem Stdtchen
Kahla war ihm alles ganz fremd erschienen, dort hatte er auf einmal
die Leuchtenburg auf ihrem runden Kegel gesehen und nun den Heimweg
gefunden.

Aber vielleicht wrst du doch falsch geritten, wenn du uns nicht
gesehen httest, erklang da zutraulich Louisons Stimmchen. Sie
schmiegte ihre kleine Hand in die Kriegsmannsfaust, tat es zu einer
langen Freundschaft.

Anthoine und seine Schwestern waren bald des Nikolaus unzertrennliche
Kameraden. Ihnen mute er immer wieder von seinen bunten Weltfahrten
erzhlen, und immer, wenn er es tat, flehte Louison: Geh nicht wieder
weg. Gelt, nun bleibst du hier?

Ach, die kleine Louison ahnte gar nicht, welch treues Herz sie
gewonnen hatte. Ans Weggehen dachte der Nikolaus auch gar nicht. Ans
Daheimbleiben und Heiraten viel mehr. Doch ehe er, der ein hbsches
Geldchen mitgebracht hatte, zu einem Weib und einem Hof gelangte,
wendete sich das Schicksal der kleinen Louison, es ri sie heraus aus
dem heiteren Leben im stillen Tal, trennte sie von der Heimat.

Schne Sommerwochen vergingen.

Im Tlchen hatten sie noch immer vom Nikolaus und seinen Fahrten
zu reden, als eines Morgens in der Frhe, als noch ein zarter
Dunstschleier ber Wiesen und Wald hing, ein Bote von Jena in das Tal
einritt. Er meldete den Besuch der Herzogin Marie an, die mit der
kleinen Prinzessin Elisabeth Marie kommen wollte.

Beim ersten Blick auf das liebenswrdig gndige Handschreiben wute es
Sophia Christine: das bringt mir Unheil. Ihr Herz tat einen so schweren
Schlag wie noch nie, seit dem Tode des kleinen Gaston. Sie prete die
Hnde zusammen, als ihr Mann ein wenig aufgeregt von der Bewirtung
sprach.

Diesmal war die Speisekammer nicht leer auf Psen, Frau Sophia
Christine war wirklich ein Bienchen geworden, das eintrug fr
Wintersnot, so viel es nur gab. Nur ein paar Helferinnen fehlten,
dazu muten die Kinder flink nach Bucha laufen und einen weiblichen
Kchenrat aufbieten. Das Verhltnis mit den dortigen Bauern war durch
der Frau von Charreard immergleiche Freundlichkeit ein sehr gutes,
Dorf und Gut nahmen Anteil eins an des andern Ergehen. Es kamen auch
flink ein paar Helferinnen, und da es seit zwei Jahren eine junge
Pfarrersfrau gab, kam die auch zur Hilfe mit.

Herr Anthoine sah zufrieden, wie im Hause alles rstig und lebendig
an der Arbeit war, er sah das ohnehin blitzsaubere Saalzimmer noch
blitzsauberer werden, und er sah mit Bewunderung seine zierliche
Hausfrau als huslichen Generalfeldmarschall alles anordnen. Wirklich,
er war ein reicher und glcklicher Mann! Reichtum und Glck, beides
waren fr ihn Weib und Kinder, und es trieb ihn, dies Sophia Christine
zu sagen, aber gerade als er es tun wollte, kamen ein paar Mgde
angelaufen mit einer dringlichen Kchenfrage, da lie er das gute Wort
ungesprochen. Es sollte ihn noch bitter reuen.

[Illustration]

Die Herzogin kam, die kleine Prinzessin Elisabeth Marie mit ihr, ein
paar Hofdamen, zwei Kammerherren begleiteten sie. Und die Herzogin war
von besonderer Freundlichkeit, sie lie sich die Kinder vorstellen,
und die kleine Louison, die braunes, lockiges Haar und die groen
strahlenden Augen der Mutter hatte, schien ihr ganz besonders zu
gefallen. Sie tat die freundliche Frage: Mchtest du an den Hof
kommen, schne Kleider tragen und mit meinem kleinen Frulein spielen?

Ach, hfisches Wesen hatte Frau Sophia Christine ihren Kindern nicht
beigebracht. Louison hob das Nslein keck, sah die kleine blasse,
seltsam vertrumt ausschauende Prinzessin an und antwortete zum
grenzenlosen Entsetzen ihres Vaters und zur ganz heimlich lachenden
Freude der Mutter: Nein, das mchte ich nicht. Ich will den Adrian
heiraten und auf der Leuchtenburg wohnen. Vielleicht auch den Niklas
Rabe, wenn er keine Frau findet. Oder alle beide.

Ei, =ma petite= sieht sich frh nach einer Mariage um. Und gleich
zwei Freier. Wer ist denn Adrian und wer Niklas?

Kindergeschwtz, sagte Herr de Charreard rgerlich.

Doch die Herzogin, die ihres einstigen Freundes Verlegensein wohl
bemerkte, hielt Louison fest und fragte nach den beiden Freiern.
Und Louison gab Antwort, unbekmmert um des Vaters gefurchte Stirn,
unbekmmert um das verhaltene Kichern der Hofdamen. Von Adrian Rudolf
sagte sie nur den Namen, ihren neuesten Freund Nikolaus Rabe aber
beschrieb sie sehr lebendig, beschrieb ihn mit zrtlicher Bewunderung.

=Fi donc=, einen Landsknecht!

Kindergeschwtz! rief der Vater nochmals unwirsch, aber da sagte
pltzlich in das allgemein verhaltene Lachen hinein die Prinzessin
ganz ernsthaft: Ach, der Niklas mu schn sein, den mchte ich auch
heiraten.

Nun lachten alle. Selbst die Herzogin lachte mit. Sie strich leicht
ber ihres Kindes Wange und sagte khl: Du heiratest einen groen
Prinzen.

Doch die kleine Elisabeth Marie, der es ganz besonders gut auf Psen
gefiel, rief: Ach nein, ich mchte dann lieber den Anthoine, der
gefllt mir. Und sie streckte dem dunkellockigen Buben das Hndchen
hin, da war auch fr ein Leben eine Freundschaft geschlossen.

Die Herzogin brach das Gesprch ab. An dem stillen Jeannettchen sah
sie vorbei. Und dann war sie liebenswrdig und herablassend, und Frau
Sophia Christine wute doch, sie will unser Glck stren. Zeitig am
Nachmittag brachen die Gste wieder auf, und schon im Wagen sitzend,
sagte die Herzogin: Louison kann mein kleines Frulein begleiten.
Monsieur de Charreard wird uns doch auch den Weg weisen.

Sophia Christine erblate tief. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als
sie das Kind selbst in den Wagen hob. Sie wird mir genommen, schrie
es in ihr, und sie strich mit der Hand segnend ber das liebliche
Gesicht. Gott schtze dich!

Louison hrte nicht der Mutter Herz weinen. Die Fahrt in dem schnen
Wagen neben dem blassen Prinzechen kam ihr sehr vergnglich vor. Sie
breitete ordentlich wie eine kleine Dame ihr Kleid aus, als wre das
Leinenkleid von Brokat, und ihr strahlendes Gesichtchen war das letzte,
was die Mutter fr lange Zeit von ihrem Kinde sah.

Monsieur de Charreard gab seiner frstlichen Landsmnnin das Geleite.
Er hoffte, sie wrde ihn unterwegs entlassen, aber daran dachte die
Herzogin nicht. Sie sah ihn lchelnd neben ihrem Wagen reiten, und bei
dem Dorf Ammerbach, das Jena schon nahe war, fragte sie ihn, ob er
nicht so weiter ihr Begleiter sein wolle. Als Herr Anthoine sie etwas
verwundert anschaute und nicht gleich die rechte Antwort fand, erzhlte
sie ihm, sie wrde nach Paris reisen, um ihre Verwandten zu sehen. Zu
ihrem Begleiter habe der Herzog ihn auserwhlt, er kme auf diese Weise
einmal in sein Vaterland, und Knig Ludwig, dessen Hflichkeit gegen
Damen bekannt sei, wrde nichts tun, was ihren Begleiter krnken knne,
wenn er auch ein Flchtling wre.

Nach Frankreich zurckkehren, Paris sehen, den Traum seines Lebens!

Als der Wagen in Jena einfuhr, hatte Monsieur de Charreard, der
Gutsherr von Psen, sein stilles Glck im Tal vergessen; er sagte
ja zu allem, was die Herzogin ihm vorschlug, er sagte auch ja zu dem
Verbleiben seiner kleinen Tochter am Hofe. Es war wie ein Rausch ber
ihn gekommen, er duldete es, da die Herzogin selbst noch ein Brieflein
an die zurckgebliebene Frau sandte, eins, in dem sie hhnisch von dem
groen Glck schrieb, das dem Hause Charreard an diesem Tage erblht
sei. Morgen reise ich heim und Sophia Christine wird einsehen, da ich
nicht nein sagen kann, dachte der Mann.

Louison weinte sich in den Schlaf. Ihre Sehnsucht nach der Mutter
und den Geschwistern war gro, aber niemand kmmerte sich um dieses
junge Leid. Die diensttuende Kammerfrau erzhlte ihr von den schnen
Kleidern, die sie bekommen wrde. Aber was kmmerte sich das Landkind
um Putz und Tand? Es verlangte wild nach den Lieben daheim und sagte
zuletzt trotzig und doch zuversichtlich: Der Niklas holt mich schon
heim, der tut es gewi.

Monsieur de Charreard selbst dachte an diesem Abend nicht viel an
die Seinen. Aus Weimar war Herzog Wilhelm gekommen, ein junger
Landsmann, Raoul de St. Laurent, war mit ihm eingetroffen, da wurde
von vergangenen Zeiten und von der bevorstehenden Reise gesprochen.
Raoul de St. Laurent schilderte Paris in glhenden Farben, er redete
sich hei, und Herr Anthoine bersah dabei die freche Zudringlichkeit
des jungen Herrn, der an einem deutschen Frstenhof ber die Deutschen
spottete, der nur ein Land in der Welt gelten lie, Frankreich.

In Psen wartete Sophia Christine bang Stunde um Stunde auf Mann und
Kind. Sie sa einsam unter der Linde und sah die Nacht kommen. Der
Himmel war hell, der Sterne gewaltiges Heer glnzte daran. Aber die
Sterne waren weit und das Leid war nahe. Sophia Christine faltete die
Hnde, sie wollte beten, aber es war nur ein flehendes Stammeln, was
ber ihre Lippen kam. Gott, lieber Herre Gott hilf! Und dabei wute
sie nicht einmal, in welcher Not ihr Gott helfen sollte. Sie ahnte nur
die Gefahr, kannte nicht ihr Gesicht.

Und wie sie so sa, ganz eingehllt in den Frieden der warmen hellen
Nacht, hrte sie von fern Hufschlag, sah ein Licht aufglitzern.
Anthoine! Sie lief dem Kommenden entgegen, meinte, es msse der Gatte
sein, aber dann erschrak sie, als eine fremde Stimme herrisch fragte:
ob hier das Kirchlehen Psen, der Besitz des Monsieur de Charreard
liege?

[Illustration]

Es war gut, da die alte Rse in gleicher Herzensangst vor kommendem
Unheil im Hauswinkel gehockt hatte. Trotz der vielen Arbeit des Tages
lief die Alte doch wie ein Wiesel und pltzlich stand sie, eine Laterne
in der Hand, neben ihrer Herrin und sagte barsch, um ihre Angst zu
verbergen: Was will Er?

Der Mann reckte sich auf seinem Pferd und gab hochmtig Bescheid. Er
legte den Brief der Herzogin in Sophia Christinens zitternde Hand, und
diese wute, es war Leid, was ihr der Mann brachte. Sie hielt sich aber
aufrecht, stand fein und vornehm vor dem aufgeblasenen Diener, und als
er sagte, eine Antwort brauche er nicht, nickte sie und sagte gelassen:
Rse, gib ihm einen Trunk, dann mag er heimreiten.

Der Bursche knickte zusammen, wurde hflich und untertnig. Er dachte
rgerlich bei sich, des Herrn de Charreards Hausfrau tte so vornehm
wie die Frau Herzogin selbst, aber als er in das nun vom Laternenschein
erhellte bleiche Gesicht sah, rutschte in seiner Meinung die Frau
Herzogin sogar ein Stckchen abwrts. Die hatte ihr bses Lcheln um
die schmalen Lippen gehabt, als sie ihm selbst den Brief bergeben.
Die Frau de Charreard sah aus wie eine Heilige, fein und fromm, und
darum verneigte sich der Bote, nachdem er getrunken und Rses Zehrbrot
in seine Satteltasche gesteckt hatte, fast noch tiefer als vor der
Herzogin selbst.

Hinter ihm blieb es still. Sophia Christine hielt den Brief in der
Hand, er brannte sie wie Feuer und doch wagte sie kaum, das Siegel
zu lsen. Endlich tat sie es doch. Rses kleine Laterne warf einen
zitternden Schein darauf. Einmal las die junge Frau den Brief, noch
einmal, dann brach sie mit einem Wehlaut zusammen. Sie lag unter der
Linde wie ein Bumchen, das der Blitz zersplittert hat, lag da und
weinte, und die alte Rse stand stumm dabei. Sie, die schon so viel
Kummer gesehen hatte, konnte nicht sprechen, sie wute, hier weint ein
ganz groes Herzeleid.

Am nchsten Tag ritt der Gutsherr von Psen heim. Der Rausch der
frstlichen Gunst trbte nicht mehr seinen klaren Blick. Frankreich,
das Land seiner Jugend, lockte, aber als er an dem Buchaer Hohlweg
anlangte und in das Tal hinabschaute, wute er, das Fortgehen war ein
Losreien von seinem Glck. Er ritt unter den Linden dahin, sie waren
verblht, die Bienen summten nicht mehr durch das Blttergewirr, aber
jene, die damals gesagt hatte, so wolle sie werden, hatte ihr Wort
gehalten.

Und wieder, wie nach seinem ersten Ritt nach Jena, war Stille und
Schweigen um das Haus. Es war wieder ein Sonnabend, wieder war morgen
Gottesdienst in der Hauskapelle, wieder stand die Tre offen und
wieder fand Anthoine de Charreard den Altar mit Malven geschmckt
und sein Weib in der Kapelle. Aber diesmal strahlte ihm kein seliges
Glck aus ihren Augen entgegen. Gramfalten gruben sich um den sonst so
lachlustigen Mund und ein ganz tiefes Weh lag in den Augen.

Sophia Christine streckte die Arme aus und rief: Mein Kind! Meine
Louison!

Es bleibt bei dem Vater, soll Frankreich sehen, seine eigentliche
Heimat. Sophia Christine -- es ist nur auf ein Jahr.

In einem Jahr kann man sich sehr fremd werden, flsterte die Frau.

Wir nicht! Herr de Charreard rief es aus tiefstem Herzen heraus, denn
er fhlte in diesem Augenblick so wie noch nie: Wo diese Frau war,
war seine Heimat. Und sacht neigte er sich ber sie und sprach gut zu
ihr. Er tat das, so viel er konnte, in den wenigen Tagen, die ihm noch
blieben, sein Haus zu bestellen. --

Den Bewohnern von Gutshof und Drfern war es schier unbegreiflich, da
der Herr eine so weite Reise tun wollte. Und unmerklich erst, aber
bald ihm fhlbar, schob sich etwas Fremdes zwischen ihn und die Leute.
Auch die Kinder waren pltzlich scheu geworden. Sie sehnten sich nach
der Schwester, vermiten der Mutter Lachen, und Jeannettchen sagte
ganz ernsthaft zu ihrem welterfahrenen Freund: Niklas, du mut unsere
Louison zurckrauben. Gelt, das tust du?

Das Dunderwetter ja, ich tt's schon, aber wenn doch der hochmgende
Herr Vater selbst mit auf die Reise gehen. Jeannettchen, den kann ich
nit raube. =Parbleu=, das geht nit!

Es ging wohl wirklich nicht. Freilich, Abschied nehmen htte Louison
doch knnen, sie warteten alle darauf. Aber die Frau Herzogin
schrieb in einem Brief, das Frulein de Charreard wrde den Abschied
unterlassen. Herr Anthoine brauste auf, das durfte nicht sein, er
wollte auf der Stelle nach Jena reisen und Louison holen.

Und sie wieder hinbringen! Frau Sophia Christine schttelte leise den
Kopf. Ich wei, du hast dein Wort gegeben, das mut du halten, darum
mag es bleiben wie es ist.

Und weil der Mann fhlte, sie hatte recht, und ihr doch gern etwas
zu Liebe getan htte, fragte er: Hast du noch einen Wunsch, Sophia
Christine?

Die Frau sah ein paar Augenblicke still zum Fenster hinaus. Unten
rannten Anthoine und die Buben Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von
Dracksdorf ein wenig wild ber den Hof, Jeannettchen lief schreiend
davon, sie mute einmal wieder die verfolgte Grfin spielen. Anthoine
brllte wie ein heiserer Werwolf, und die Mutter dachte: werde ich den
Jungen auch zgeln knnen? Und ganz jh kam ihr der Gedanke an den
einzigen Freund, der ihr in Jena lebte, und sie bat: Schicke mir den
Magister Albertinus als Hofmeister her. Bitte ihn, er tut es schon, er
ist gern hier drauen. An ihm werde ich eine Sttze haben -- wenn ich
allein bin.

Sonst htte der Herr de Charreard sicher sehr viel an dem Magister
auszusetzen gehabt als Hofmeister fr seinen Sohn. Denn des Magisters
Steckenpferd war die Reinigung der lieben deutschen Muttersprache von
dem berflssigen Fremdwrtergewimmel. Er ging darin ein wenig ber die
Grenzen und ri ganz anmutige wohlklingende Sprachblten mit Stumpf
und Stiel aus. Doch war der alte Herr ein treuer zuverlssiger Mensch;
und Zeit, lange zu wgen und zu whlen war nicht mehr. Auch war es dem
Gutsherrn selber eine Beruhigung, den anhnglichen, alten Freund im
Hause zu wissen, er sagte darum ein Ja und hing keine Ermahnung daran,
sondern versprach alles zu tun, um den Magister zum Hinauskommen zu
bewegen.

Dann war noch der Abschied zu berstehen.

Vor dem frchtete sich der frstliche Reisebegleiter mehr als vor
allen Gefahren der Reise selbst. Und dann stand Frau Sophia Christine
aufrecht, ohne auch nur eine Trne zu vergieen am Wagen. Hie die
Kinder den Vater umarmen, lie alles Gesinde freundlich heran und sagte
selbst nur einfach: Gott schtze dich und unser Kind.

Herr de Charreard war ber diesen Abschied etwas gekrnkt. So keine
Trne zu weinen, das ging doch zu weit. Ach, er hrte nicht die vielen,
vielen Trnen im Herzen der Frau rinnen, Trnen, die wie eine Flut den
Ausgang suchten und ihn fanden, als der Reisewagen hinter den Linden
verschwunden war. Da brach die Frau zusammen. Sie schwankte, wre
gesunken, aber da standen auf einmal die alte Rse und die Rabenmutter
neben ihr und fhrten sie in ihr Zimmer. Und der Freund Niklas reichte
Anthoine und Jeannettchen die Hnde und sagte: Kommt, ich erzhl' euch
von Frankreich, wohin der Vater fhrt, oder von Flandern. Da haben wir
uns blutige Kpfe geholt. =Parbleu=, war eine elende Kampanje.

Nicht so was Grausliches, bat Jeannettchen.

Nix Grausliches, bewahr mich der T... Nikolaus redete den Satz nicht
zu Ende, aber dann sa er mit den Kindern am Bachrand und erzhlte
ihnen von dem schnen Lande Schweden, von einem friedsamen Tal, in dem
er gewohnt.

Ich denke, die Schweden sind so bse? Jeannettchen schmiegte sich
zutraulich an den rauhen Freund. Der strich ihr sanft ber die Locken.
Im Krieg werden die Menschen wohl alle bse. Na und was damals
Schweden hie, das waren meist keine echten mehr. Die echten, kleines
Frulein, die taugen schon etwas, vor denen brauchst du dich nicht zu
frchten.




7. Kapitel.


Kurz ist ein Jahr, lang ist ein Jahr.

Die Arbeitsjahre mit ihrem Mann zusammen waren Sophia Christine
verrauscht wie ein schnes Lied, das erste Jahr des Einsamseins hatte
endlose Tage, schlummerlose Nchte, es kroch dahin wie eine Schnecke
im Staub. Stunde um Stunde, Tag um Tag flogen die Gedanken zu Mann, zu
Kind. Wie ging es beiden? Wer htete der kleinen Louison junge Seele?
Wer war um sie, wer schtzte ihre Lieben?

Das Laub wechselte seine Farbe, Blatt um Blatt fiel erst sacht zu
Boden, bis es ein Sturmwind von den sten ri. ber das Tal wehte der
Schnee; wei Dcher und Mauern, wei im Rauhreif Bume und Strucher,
der Bach von einem Eisband gebunden. Noch tiefere Stille als sonst
im Tal. Weihnachtstraum; erste Frhlingsstrme; Sonnenschein. Der
Schnee schwand, in Bume und Strucher quoll der junge Saft bis in
das uerste Spitzchen, sie schimmerten rtlich, gelbgrn, hingen
sich grne Spinnewebe ber, wieder Schnee auf den Bumen, aber jede
Flocke eine hauchzarte Blte, in die die Bienen summend vor Lust sich
hineinschmiegten. Die Vgel kehrten heim, bauten Nester, die Felder
begannen zu wogen und in Sophia Christinens Herzen zitterte heier die
Sehnsucht; nun bald, nun balde kam das Wiedersehen.

Doch die Linden blhten und verblhten, Kornblumen, Rittersporn und
Mohn sumten die Rnder der Felder, auf den Wiesen duftete das Heu, es
wurde eingefahren und die kornschweren hren erzitterten eines Tages,
nun sang auch ihnen morgen die Sense das Sterbelied.

Goldene Hgel wurden geschichtet, die Scheunen fllten sich, der
Rabenvater stand auf dem Hof und sagte: Ein gesegnetes Jahr! Und
als er Anthoine mig auf dem Brunnenrand sitzen sah, sagte er: Ins
Faulenzerland gehrt er niche mehr. Der Junker knnte schon helfen,
itze braucht die gndige Frau Mutter jede Hilfe.

Da scho Anthoine das Blut ins Gesicht. Er sprang auf und rannte davon,
lief auf das Feld und seine Bubenhnde griffen Bndel um Bndel. Heia,
das ging, ihn sollte niemand einen aus dem Faulenzerland schelten.

Eines Tages blies der Sturm ber Stoppelfelder, peitschte schwarze
Wolken ins Tal, und auf dem Gut Psen flsterten die Leute scheu: Der
Herr ist nicht heimgekommen.

Sophia Christine ging bla und still einher, sie trug einen Brief auf
dem Herzen, in dem stand, Anthoine de Charreard wrde erst im Frhling
heimkehren, die Herzogin Marie knne sich von dem schnen Paris nicht
trennen. Ganz unten stand das Wort: Wenn es doch erst Frhling wre!

Der Winter mit seinen langen, langen dunklen Nchten lag noch
dazwischen.

Es war nicht allein fr die Kinder gut, es war auch eine Wohltat fr
die Hausfrau selbst, da der Magister Albertinus im Hause lebte.
Anthoine und Jeannettchen liebten den gtigen, weisen Mann, liebten
selbst seine Schwche, in jedem unschuldigen Wort einen fremden
Eindringling zu wittern. Ein Fremdwort war ihm eine Art Gespenst, gegen
das er zornig losging. Zuerst verleidete er den Kindern jegliche Lust
an der franzsischen Sprache. Aus einem Anthoine wurde Anton, der eine
Johanna zur Schwester hatte. Die Kinder nahmen des Alten Grille heiter
hin, sie verstanden nicht, da er zu weit in seinem Ha gegen alles
Fremde ging, und Frau Sophia Christine war froh, die Kinder in guter
Hut zu wissen. Sie hatte genug zu tun, um Sorgen und Sehnsucht mit der
groen Arbeitslast zu vereinen, und wenn in seltenen Feierstunden
der Magister ankndigte: Nun wird ein Kriegszug gemacht, und die
unschuldigsten Wrter seltsam genug verdeutscht wurden, da lchelte
sie nur dazu, hrte kaum hin und freute sich allein an ihrer Kinder
Frohsinn.

Abends, wenn sie mde in dem hohen Stuhl sa, in dem ihr Mann sonst
gesessen hatte, schlug der Magister einen anderen Ton an. Dann zerrte
und zog er nicht fremde Unkrutlein aus der deutschen Muttersprache,
dann las er die feinen, frommen Worte Johann Arnds vor, oder er schlug
die Trutznachtigall des milden Friedrich Spee auf. Manchmal las er
auch, um ein Lcheln auf das Gesicht der jungen Frau zu locken, etwas
aus den sinnreichen Heldenbriefen des Herrn von Hoffmannswaldau, der
einst mit dem Vater der Herzogin Marie Deutschland durchreist hatte.
Von diesem frstlichen Herrn hatte Anthoine de Charreard die Bcher als
besonderes Ehrengeschenk erhalten, er ahnte damals nicht, als er sie in
Psen auspackte, da ihre gespreizte Sprache das verlorene Lachen auf
das Gesicht seiner lieblichen Frau locken sollte. --

Der Winter verging und das uralte, ewig anmutige Spiel, das der
einziehende Frhling auffhrt, begann von neuem. Wieder gab es blhende
Bume, Vogelsang und Bienensummen, Sonnenschein und warme weiche Luft.
Wieder eine unendliche Schne.

Herr de Charreard kam nicht.

In diesem Frhling erlitten alle in dem stillen Tal einen groen
Verlust. Der Rabenvater starb. Er verlschte eines Tages still ohne
Klage, und seine alte verrunzelte kleine Frau sa mit einem seltsam
stillen, frohen Lcheln an seinem Sterbebett. Ich folg' dir balde.

Sie hielt Wort. Vier Wochen lang ging sie noch mit einem schnen
fremden Glanz in den Augen herum, dann starb auch sie.

Die Rabenbrder, die in groer Eintracht lebten, tauschten Haus und
Hof. Christian zog nach Zimmritz auf den Hof, den der Bruder gekauft,
dort wohnte seine Braut, und der heimgekehrte Kriegsmann nahm den
Rabenhof in Besitz. Da hatten Anthoine und Jeannette ihren guten Freund
wieder nahe, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht mitsammen
ein Wiedersehen feierten.

Nikolaus Rabe war ganz der gleichen Ansicht wie sein Vater, ein Bube in
Anthoines Alter mute zugreifen, und da es die Mutter im Hause schwer
bekam, denn die alte Rse begann zu krnkeln, half auch Jeannettchen
mit.

Die Linden blhten wieder.

Sophia Christine hatte es aufgegeben, immer wieder den Weg entlang zu
schauen, auf dem ihr Mann kommen mute. Er blieb noch immer aus, und
seit vielen vielen Wochen waren auch seine Briefe ausgeblieben.

Es sah darum niemand den Buchaschen Hohlweg entlang, als Herr Anthoine
de Charreard ihn eines Tages in einem herzoglichen Wagen daher fuhr.
Mde, verdrossen, angewidert von so vielem, was er gesehen, war der
Mann heimgekehrt. Er hatte sein Kind Louison mitnehmen wollen, doch die
Herzogin Marie hatte eigensinnig darauf bestanden, es mte in Jena
bleiben.

In Bucha liefen die wenigen Leute, die nicht auf Arbeit waren, herbei,
um den Herrn zu begren. Es waren aber scheue verlegene Gre, der
blasse Mann da im Wagen war ihnen allen fremd geworden. Am liebsten
htte Herr Anthoine gefragt: wie geht es meiner Frau, wie meinen
Kindern? Doch das Fragen kam ihm nicht ber die Lippen, er tat, als
wte er alles und war doch ein halbes Jahr ohne Nachricht gewesen.

Da wo die Psener Gemarkung anfing, schafften an diesem Tag zwei mit
heiem Eifer. Der Niklas Rabe, der es inzwischen gelernt hatte, ein so
rechter Bauer zu werden, wie er ein Kriegsmann gewesen war, hatte von
einem Regen zum Abend gesprochen. Das Heu msse herein. Dann hilf du
mir, Johanna, sagte der Junker.

Anthoine, der nun wirklich nur noch Anton genannt wurde, fand,
Heueinfahren wre eine rechte Arbeit fr ein Frulein de Charreard.
Also werkten die beiden Geschwister auf der hchstgelegenen Wiese und
wollten gerade mit einem kleinen Handwagen zu Tale fahren, als sie die
herzogliche Kutsche kommen sahen.

In den zwei Jahren war nur einmal die alte Base Sabine, die um der
Silberleuchter willen nun eine besondere Zuneigung zu der Nichte
empfand, auf dem Wege dahergefahren, sonst niemand. Den Kindern schlug
das Herz, war es --

Der Herr Vater, der Herr Vater! Die jungen Stimmen gellten so heftig
auf, da weniger schlafschtige Gule entschieden scheu geworden wren.
Die abgestanden mden Tiere aus dem herzoglichen Stall entschieden sich
fr das Stehenbleiben. Mit einem Ruck hielt der Wagen, und am offenen
Fenster tauchten zwei heie sonnenbraune Gesichter auf. Bub und Mdel,
Bauernkinder -- oder?

Herr Anthoine de Charreard sah ziemlich verdutzt seine Kinder an.
Jeannettchen, die feine kleine Blonde, schulterte jetzt einen Rechen
ber die Schulter, in Anthoines Haar hing Heu, wie vornehm erzogene
Herrschaftskinder sahen alle beide nicht aus.

=Mon Dieu=, was tut ihr?

Wir fahren Heu ein, Herr Vater, schrie Anthoine, als wre sein Vater
in den beiden Jahren stocktaub geworden. Gleich aber berkam eine
heftige Verlegenheit den Buben vor dem feinen, blassen Herrn, war es
wirklich sein Vater?

Er ist's gar nicht, Anton! Jeannettchen zerrte den Buben am
Jackenzipfel. Und schon rannte sie davon. Auch der Bruder dachte an ein
Davonlaufen, aber da streckte sich eine weie, ringgeschmckte Hand aus
dem Wagen, und es war doch des Vaters Stimme, die sagte: Anthoine,
ich bin es wirklich -- wie geht es der Mama?

Die Frau Mutter wscht, platzte Anthoine heraus.

W--scht, Madame de Charreard stand am Waschzuber!

Der Bube sah treuherzig und altklug zu seinem Vater auf. Rse ist doch
krank, die Frau Mutter hat's schon schwer.

Jeannette, wo ist Jeannette?

Ja, wo war die Kleine? Die war, von einer unbestimmten Angst getrieben,
abwrts gelaufen, sie rannte ber den Hof in die seitwrts liegende
Waschkche und schrie in Qualm und Brodem hinein: Es kommt einer und
Anton sagt, es wre der Herr Vater.

Frau Sophia Christine go die Seifenlauge in das Splwasser, kmmerte
sich nicht um das angerichtete Unheil, sondern ging todbla mit
wankenden Schritten dem Hause zu.

Unter den blhenden Linden wird sie stehen, dachte der Mann. Aber seine
Frau stand still und aufrecht an der Haustre, es sah gar nicht aus,
als freue sie sich so besonders der Heimkehr ihres Mannes. Da sie nur
keinen Schritt weiter tun konnte, da die Bume, die Landstrae, alles
vor ihren Augen wogte und schwankte, ahnte Herr de Charreard nicht. Er
hatte eine andere Freude erwartet. --

Es wurde kein rechter Freudentag.

Der Gutsherr war reisemde und mimutig. Wohin er sah, sah er
Arbeit. Er sah alle Hnde sich regen, sah seine Kinder schaffen wie
Bauernkinder, wute, seine Frau hatte am Waschfa gestanden, und er kam
wirklich aus dem Faulenzerland. Zwei Jahre hatte er nichts getan, wie
einmal ein paar Briefe fr seine Herzogin geschrieben, sonst Besuche
gemacht, Besuche empfangen, er war zu Bllen und Komdien gefahren,
seine Unterhaltung war leichtes Geplnkel, lockeres Scherzen gewesen,
und als er am Tisch seines Hauses sa, faltete die Hausfrau fromm die
Hnde und sagte: Sprich das Gebet, Anton!

Sie dankten alle in ernster Andacht fr das tgliche Brot, er hatte
zwei Jahre lang sinnlose Verschwendung, unerhrten Luxus gesehen. Und
dann das Fragen, dies bange Fragen der Mutter nach ihrem Kind. Wie ist
Louison?

Beinahe eine kleine Dame. =Adorable=, ich mu es sagen!

Betet sie auch noch immer abends? Hat sie uns nicht vergessen?

Herr de Charreard hing sich an die zweite Frage. Nein, vergessen hatte
Louison Mutter und Geschwister nicht, in vier Wochen wrde sie kommen.

Fr immer?

Nicht doch, =ma chre=. Sie ist die Gespielin der Prinzessin und
bleibt natrlich am Hofe.

Sophia Christine seufzte tief, aber sie schwieg.

Anthoine aber murmelte halblaut, nur Jeannettchen sollte es hren:
Gut, da kein Prinz da ist.

Was sagst du da, mein Sohn? Flstern ist unschicklich.

Herr de Charreard runzelte leicht die Stirn. Unglaublich, wie die
Kinder verbauert waren.

Da hob Anthoine das hbsche Knabengesicht zu ihm auf und rief hell,
wie Fanfarenklang tnte es: Ich bin froh, da kein Prinz in Jena ist,
sonst mte ich zu Hofe.

So, und wre das meinem Sohn nicht =agrable=? Ich
=persuardire=, es wrde ihm gefallen.

Nein, rief Anthoine, ich mchte nur hier bleiben, hier in Psen oder
--

Nun, was oder!

Ein Offizier werden. Doch dann weint die Frau Mutter und --

Der Bubenkopf sank tief herab, ganz tief. Sophia Christine lchelte
sanft. Ist recht, du bleibst in der Heimat. Sie sagte das Wort ohne
Schrfe, sie dachte dabei nur an den Sohn.

Seine Heimat ist Frankreich!

Herrn de Charreards Stimme klang gereizt, aber die Falte schrfte
sich, als er sah, da sein Bube ein wenig trotzig den Kopf schttelte.
=Parbleu=, was soll das?

In Anthoines Gesicht scho eine tiefe Glut. Er hatte doch wirklich den
Vater nicht krnken wollen, aber als der noch einmal sagte: Deine
Heimat ist Frankreich, schwieg er mit zusammengekniffenen Lippen.

Dankt und geht hinaus! Sophia Christine sah erschrocken, wie tief die
Kluft zwischen dem Heimgekehrten und ihrem Leben war.

Die Kinder standen auf, falteten die Hnde, beteten still und dann
kamen sie beide, kten ihr die Hnde und sagten: Vielen Dank, Frau
Mutter!

Ihr mt eurem Herrn Vater danken.

Die ehrlichen offenen Kinderaugen blickten malos verwundert drein. Der
Magister hatte sie gelehrt, da der Mutter rastlose Arbeit ihnen das
tgliche Brot verschaffe, und sie nchst Gott ihr zu danken htten. In
seinem harmlosen Sinn war es dem Magister nie eingefallen, da seine
Erziehung die Kinder dem fernen Vater entfremde, nun erschrak auch er
und er sagte streng: Sobald der Herr Vater da ist, ist ihm -- und der
Frau Mutter zu danken.

Anthoine de Charreard fhlte da auf einmal die weichen Kinderlippen auf
seiner Hand, er sah in die offenen unschuldigen Gesichter, und ganz jh
legte er seinen Arm um beide: =Mes enfants!=

Htte er gesagt: meine Kinder, es wre wohl ein warmes Hinberflieen
von Herz zu Herzen geworden; das fremde Wort klang fremd an die Ohren
der beiden. Ihr Anschmiegen an den Vater schien Pflicht; Wrme
und Freude fehlten, und Sophia Christine empfand wieder mit heiem
Schrecken die Fremdheit des Heimgekehrten.

Sie suchte mit sanften Worten, heiteren Fragen leichte Brcken von
Kluft zu Kluft zu schlagen. Sie entfaltete alle Anmut ihres Wesens und
Herr de Charreard empfand dies dankbar, aber seine Verstimmung wich
nicht. Und als er sah, wieviel auf der Frau gelastet hatte, als er den
schlichten Bericht von ihrem Tun hrte, wuchs sein Unbehagen. Weil er
der Frau nicht grollen konnte und doch jemand haben mute, auf den er
seine Bitterkeit laden konnte, wurde er heftig gegen den guten, alten
Magister, als der harmlos am Abendtisch die Kinder Anton und Johanna
nannte.

Meine Kinder haben keine deutschen Namen, rief er rgerlich, und
als der Magister eine etwas umstndliche Erklrung gegen den Gebrauch
fremder Wrter und Namen beginnen wollte, unterbrach ihn Herr de
Charreard kurz. Sehr hochmtig redete er zu dem alten Mann: Darin
wrden sie sich nie verstehen, brigens knne der Herr Magister ja nun
wieder nach Jena ziehen; seine Arbeit, fr die er ihm danke, sei zu
Ende. Er wrde nun selbst wieder die Erziehung leiten.

Der alte, gute Freund entlassen!

Das war das Ende des so sehnschtig erwarteten Heimkehrtages.




8. Kapitel.


Die alte Rabenmutter hatte einmal der jungen Frau treuherzig den Rat
gegeben, ber keinen Streit die Nacht dahingehen zu lassen. Und Sophia
Christine handelte nach dem Wort. Die Luft war schwl, die Wolken
hingen blauschwarz ber dem Tale, und in schier endloser Ferne klaffte
wieder und wieder ein heller Spalt, in allen Farben glnzte da eine
traumhafte Weite auf, mal zog auch ein dumpfes Rollen wie ein Mahnen
ber das Tal. Die Linden dufteten betubend, und unter die groe Linde
fhrte Sophia Christine ihren Gemahl; wenn auch nicht das, was sie
trennte, ganz berbrckt wurde, es war doch von Seele zu Seele wie ein
Erhellen, ein Erkennen der Kluft, die zwischen ihnen lag.

Anthoine de Charreard erzhlte mehr von den Mhsalen seiner Reise und
den Bitterkeiten seiner Stellung, und die Frau erkannte, da ihres
Mannes Heftigkeit, sein verdrossenes Wesen wie eine Krankheit war, die
sie linde hinwegpflegen mute.

Von dem Magister Albertinus sprachen sie beide nicht, sie dachten
beide, morgen. Der gute, alte Mann aber stand in seiner Stube, packte
seine Bcher in eine Kiste, und whrend ihm dicke Trnen ber das
Gesicht liefen, dachte er, morgen bist du wieder heimatlos, Johannes
Emanuel Albertinus.

Ein Gerusch an der Tr lie ihn aufschauen. Anthoine stand da und
sah ihn flehend an. Ihr geht nicht weg, Herr Magister? fragte seine
Stimme.

Morgen, morgen -- es hilft nichts. Dem alten Mann liefen ein paar
Trnen ber die welken Wangen. Mu mir eben wieder eine Heimat
suchen, murmelte er bedrckt. Ach, wo wrde er eine finden, die so
war wie das stille Tal!

Da warf der Bube Anthoine de Charreard den Kopf zurck und er flehte
eindringlicher: Aber Ihr wartet bis morgen frh, Herr Magister!

Freilich, freilich, das tu ich schon. Aber du, mein Sohn Anton --

Der gute Magister sah etwas verdutzt auf. Die Tre knarrte, sein
Zgling war aus dem Zimmer geschlpft.

Ein paar Minuten spter redete unten Frau Sophia Christine in die
Schilderung ihres Gatten von der unerhrten Pracht am Hofe des Knigs
Ludwig hinein: Dort luft jemand. Wenn's nicht so tricht wre, meinte
ich schier, es wre unser Anthoine.

Nun ich hoffe, er schlft. Ein leiser Stolz schwang als Unterton
in den Worten des Vaters mit, als er noch ein paar Stze ber den
trotzigen Buben sprach. Unzufrieden war er mit ihm, aber gefallen tat
ihm der kleine Kerl doch besser, als alle Buben, die er je gesehen.

Es rannte jemand durch das stille Tal. Ein junges Herz schlug laut,
denn der Abend war so dunkel und geheimnisvoll. Der Bach rauschte
lauter, die Weiden an seinem Rand glichen seltsam verhutzelten,
fremdartigen Gestalten, und nirgends dmmerte ein Licht auf. Nur
immer wieder erleuchtete der ferne Blitzschein sekundenlang den Weg.
Pltzlich erhob sich ein heftiger Wind, der Donner grollte nher, das
Wetter zog wohl herauf. Im jh erhellten Schein huschte etwas ber den
Weg, gro, unheimlich, ein Baumschatten nur war es, sich neigende ste,
aber es schreckte den Laufenden. Eine Stimme gellte und im Rabenhof
drehte sich der Bauer Niklas, der ehemalige Kriegsmann, um und
brummelte: Da schrie jemand.

War wohl 'ne Katze, gab seine Frau zurck.

[Illustration]

Da bellte drauen der Hund laut, jach, voll Wut, gleich darauf wurde
sein Bellen zu einem gnnerhaften Gewinsel. Kruzitrken noch mal, da
ist jemand drauen. Der Bauer stand auf, nahm die immer neben seinem
Bett liegende kurze Reiterpistole und tastete sich die Treppe hinab.
Himmel, Hagel und Hllenfeuer, wer ist da? schrie er. Das Fluchen
konnte der Niklas noch gut, nur meinte er es nicht so arg bse damit.

Aus dem Dunkel heraus kam eine angstdurchbebte Stimme. Ich bin's,
Niklas, der Anton!

Na, nun sollen doch gleich zehn Stckrohre drein knattern, rief der
Bauer verdutzt. Bub, du -- ach so -- wollte sagen, Junker, Ihr, wo
steckt Ihr denn?

Hier! Anthoine de Charreard trat vor, und da es gerade am Himmel
wieder hellte, sah ihn der Bauer. Jetzt war die Angst weggeweht aus der
Stimme, als der Bube redete. Junker, brauchst du noch nicht zu sagen,
wenn wir allein sind. Ich wollte dich besuchen.

Bei des Tilly Gerippe, das ist eine merkwrdige Zeit dazu!

Mann, mut nicht so lsterlich fluchen, rief von oben herab die junge
Frauenstimme. Fhr den Junker in die Stube, er wird etwas auf dem
Herzen haben.

Das hatte Anthoine nun wirklich. Und kaum hatte innen der Bauer
den Zunder angeschlagen und ein winziges llmpchen angebrannt, da
strudelte schon alles aus dem Buben heraus, was ihm auf dem Herzen lag.
Der gute Magister wollte morgen das Haus verlassen und wute nicht
wohin. Und da war Anthoine der Gedanke gekommen, der Magister knne
auf dem Rabenhof wohnen. Du gibst ihm oben die Eckstube, riet er
treuherzig, und wenn du mal Kinder hast, erzieht er die.

Niklas nickte beifllig. Um das Kindererziehen brauchte er sich ja noch
nicht zu kmmern, denn auf dem Rabenhof gab es zurzeit noch keine. Doch
den guten, alten Magister hatte er gern, den nahm er schon mit Freuden
in sein Haus. In seinem wechselvollen Leben war so viel an dem Manne
vorbergezogen, ber das er gern ein ernstes Wort redete, und dazu war
ihm der alte Magister gerade recht. Du bist schon ein Schlauer, lobte
er den Buben. Das mu man sagen, du fngst die Dinge am rechten Ende
an.

Und jetzt mu ich zurck! Ein kleiner Herzseufzer prete die Stimme
zusammen und der Niklas wollte just sagen: ich bringe dich heim,
als ein greller Blitz die Stube erhellte und gleich darauf der Donner
knatterte. So, jetzt htten wir ja alleweil das Wetter auf dem Halse,
nune bleibste mir da.

Aber --

Kruzitrken, will Er parieren! Der Niklas schrie wie in seiner
Feldwaibelzeit, aber seine Augen lachten und Anthoine sprang an ihm
hoch. Das Wetter drauen ngstigte ihn nicht, und da er auf dem
Rabenhof schlafen sollte, kam ihm vergnglich vor. Niemand wrde in
seine Kammer kommen, und morgen lief er in aller Frhe heim. Nur da er
dem guten Magister nicht gleich sagen konnte, er knne auf dem Rabenhof
wohnen, tat ihm leid, doch der Niklas beruhigte ihn darber. So eener
wie der Herr Magister ist, der bringt seine Nacht nicht in Grmen zu.
Der sitzt jetzt und liest ein gutes, frommes Buch. Um den sorge du nit.
Und nun komm, du schlfst hier auf der Bank.

Ein Schlaflied brauchte der Bauer seinem jungen Gast nicht zu singen,
es wre freilich etwas mitnig herausgekommen. Doch Anthoines Schlaf
sollte nur kurz sein. Das Wetter zog ber das Tal. Die Stube flammte
im Widerschein der Blitze, der Donner drhnte und der Niklas sagte:
Schlimmer war's Anno dazumal in Flandern nit, und da lagen uns noch
die Malefizkerle, die Franzosen vor der Nase. Und dann ging der Bauer
in das Unwetter hinaus, denn er bedachte der Gutsfrau Angst und das
Wetter schreckte ihn nicht.

Nikolaus Rabe kam zur rechten Zeit auf dem Gute an. Dort hatte Sophia
Christine just gesehen, ihr Bube war verschwunden, und das huschende
Gespenstlein war ihr eingefallen, das sie erblickt hatte. Ihr Anthoine
drauen um diese Zeit, in dem Unwetter!

Herr de Charreard runzelte die Stirn, er wollte zornig sein und war
doch sorgenvoll. Warum hat der Bube einen Hofmeister, wenn der nicht
auf ihn acht gibt.

Dem hast du heute den Abschied gegeben, murmelte die Frau mit
blassen Lippen. Und just in dem Augenblick erschtterte ein gewaltiger
Donnerschlag das Haus, es hatte einen Baum auf dem Hhnerberg getroffen.

Und ihr Sohn verschwunden, wohin war er gelaufen?

Da ging die Haustr und vor der blassen Frau stand der getreue Freund.
Ich wollt nur melden, der Junker ist bei mir!

Bei Ihm, wie kommt er dahin? Herr de Charreard erkannte den Bauern
nicht gleich. Der trug nicht mehr seine heiterbunte, zottelige
Landsknechtstracht. Im braunen Wams sah er fremd aus, und dem Gutsherrn
kam seine Art zudringlich vor. Er wollte noch einmal heftig fragen, als
er an den eigentmlich hellen Augen den Rabensohn erkannte. Da wute
er, wer vor ihm stand. Er hat mich halt was fragen wollen, was so
einem Junkerlein eben einfllt.

Was wollte er?

Niklas rieb sich an seiner Nase. Hm, ja, er meinte, der Magister
Albertinus knnte nun mal 'n bichen bei uns wohnen. Ja, ja, mir schon
recht, so einen Gast im Haus zu haben.

Herr de Charreard drehte sich um und ging aus dem Zimmer. Er wollte
seinem Sohn zrnen und dachte doch im Herzen, er ist treu wie seine
Mutter. Aber der alte Magister sollte nicht aus dem Hause, so nicht.
Ich kann ja gehen, dachte er bitter, ich scheine berflssig im Hause
zu sein. Er war die Treppe hinaufgegangen und ging sie wieder hinab,
und er kam gerade unten an, als der Bauer sich von der Hausfrau
verabschiedete. Treuherzig streckte Nikolaus Rabe ihm die Hand hin.
Ist schon gut, da Euer Gnaden wieder heimgekommen sind. Die gndige
Frau haben auch schmerzlich aufs Heimkommen gewartet. Meine Frau Mutter
selig hat noch an ihrem letzten Tag gesagt: Wenn nur unser lieber Herr
bald heimkme.

Das war ein gutes Wort, denn nun sah Herr de Charreard ein frohes
Leuchten in den Augen seines Weibes. Er gab dem Bauern die Hand,
herzlicher, wrmer, als er dies sonst tat, und Nikolaus Rabe
stapfte in das Unwetter hinaus und dachte bei sich: morgen wird der
Herr schon sehen, da er rechtschaffen arbeiten mu und da das
In-der-Welt-Herumreisen nichts ist fr einen Gutsherrn von Psen.

Dies sah Herr de Charreard nun freilich am nchsten Morgen recht
grndlich. Das Unwetter hatte viel Schaden getan. Dachziegel lagen
auf dem Hof, vom Hhnerberg war Steingerll in den oberen Garten
gerutscht, auf den Feldern bogen sich die hren zerknickt zu Boden.
Als der kleine Anthoine in aller Morgenfrhe nach dem Gute lief, da
rauschte und brauste der Bach hochgeschwollen daher, er war weit ber
seine Ufer getreten, und der Weg zum Gut war von Schlamm und Gerll
berschwemmt. Der Bube war so verwachsen mit seiner Heimat, so Kind
dieses stillen Tales, da er alle Vernichtung wie ein persnliches
Leid empfand. Er verga seine gestrige Sorge, verga die Furcht vor
der Strafe des Vaters, verga alles, er holte sich Werkzeug aus dem
Schuppen und begann wie er ging und stand vor allem die Schden rings
um das Haus zu bessern, den Weg zu gltten. Bei dieser Arbeit fand ihn
sein Vater. Er sah, wie eifrig der Sohn werkte, und wieder stieg der
Stolz in ihm hoch ber des Buben kraftvolle Art. Just da kam aber der
Magister Albertinus aus dem Hause, der blieb dabei, in das Rabenhaus
hinberzuziehen, und der Anblick des alten Lehrers brachte Anthoine den
gestrigen Tag in das Gedchtnis. Er merkte es gar nicht, da sein Vater
beobachtend unter der Linde stand, er hing sich an den Arm des Alten
und bat: Darf ich Euch die Bcher tragen, gelt, ich darf? Und nicht
wahr, Ihr bleibt immer, immer bei Niklas?

Als der Magister Albertinus ein paar Minuten spter sich nach dem
Hausherrn umsah, denn er wollte nicht im Groll von ihm gehen, war Herr
de Charreard verschwunden, ein Knecht sagte, er wre auf das Feld
hinaus gegangen.

Ein weiter Weg war es nicht, den der gute Magister Albertinus zu gehen
hatte, denn auch ihm erschien der Ausweg, im Rabenhof zu wohnen, ein
guter. Und doch wurde dies kurze Weglein dem Alten bitterschwer, und
Anthoine und Jeannettchen hingen an seinen Armen, als ginge der gtige
Lehrer in die weite Welt hinaus.

Frau Sophia Christine sah wehmtig dem Trpplein nach. Sie hatte nicht,
wie ihr Mann es ihr vorgeschlagen, zum Bleiben zugeredet. Die Trennung
so von Haus zu Haus war besser, das fhlte sie, aber sie dachte doch,
wie schwer es sein wrde, eine feste dauerhafte Brcke zwischen ihrem
Manne und der Heimat, mit allem was drin lebte, zu bauen. Ihre Liebe
mute sehr stark sein im berwinden, stark im Ertragen, duldsam und
linde, sollte ihr Leben wieder werden, wie es vordem gewesen war.

Auch Herr Anthoine de Charreard sah das Trpplein ziehen, und
mancherlei Gefhle strudelten dabei in ihm durcheinander. Er fhlte
sich schuldig dem alten Freund seiner Frau gegenber und war doch froh,
da er ging. Der Kinder Mitgehen, ihr Hngen an dem Lehrer krnkte ihn
und doch freute ihn ihre Treue. Darber verga er beinahe, auf die
Felder zu schauen, er sah, wie die drei, gefolgt von einem Knecht,
der des Magisters Sachen fuhr, an dem Bauernhaus anlangten, sah, wie
Nikolaus Rabe ehrfurchtsvoll seinen neuen Hausgenossen grte, und er
schmte sich, und freute sich zugleich. Aber als er dann am Tisch sa,
sah er einen Trotzzug im Gesicht seines Buben, auch da Jeannettchen
geweint hatte, und Frau Sophia Christine war fast der groen Sorge
froh, die in dieser Nacht ber sie gekommen war. Sie redete von dem
Wetterschaden und fhrte sacht den Mann auf den Sorgenweg, damit er
nicht auf den eines ungerechten Zornes geriet.




9. Kapitel.


Ein paar Tage gingen hin.

Sonderbar kam es Herrn de Charreard vor, da er pltzlich so
eingespannt war in die mhsame Arbeit des Alltags nach den Jahren
des migen Dahinlebens. Es war, als htte jedes Ding auf dem Hofe,
Menschen und Tiere, nur auf das Heimkommen des Herrn gewartet, um
sagen zu knnen: es geht nicht weiter mit unserer Kraft. Zu den
herabgefallenen Dachziegeln gesellte sich ein zerbrochener Wagen, die
alte Rse dachte an das Sterben, besann sich dann freilich noch fr
lange Jahre, und der Hofverwalter bekam einen Hexenschu. Eine Kuh
erkrankte, eine Ziege starb, eine Henne zog mit zwlf Kchlein auf die
Wanderschaft, und sie wurden erst nach ein paar Stunden von den Kindern
in einem Roggenfeld entdeckt. Und das Schlimmste war, Sophia Christine
entsanken pltzlich die Zgel aus den Hnden, sie erkrankte. All das
lange still getragene Leid, alle Sorgen und alle rastlose Arbeit der
letzten Jahre strmten noch einmal in der Erinnerung auf die Frau ein,
sie wurde krank.

Da war es schon gut, da der alte Magister Albertinus noch im
Rabenhause wohnte und schnell zu Hilfe kommen konnte, auch da im Dorf
ein paar handfeste umsichtige Frauen bereit waren, den Haushaltswagen
weiterzurollen. Es merkte uerlich niemand etwas, aber doch fehlte
allen die Hausfrau. Als wre des alten, wetterfesten Hauses Seele
erkrankt, so war es. Am verlorensten kamen sich die Kinder vor in
diesen Trbsalstagen. Der Vater redete ein paarmal zu ihnen, aber er
redete franzsisch und die beiden hatten so viel verlernt, sie wuten
darum keine Antwort. Herr de Charreard rgerte sich ber das trotzige
Schweigen, wie er es nannte. Da blieb ihm einmal Anthoine auf eine
rasche Frage die Antwort schuldig und der vermeintliche Trotz des Buben
erregte den Vater heftig. Er schlug zu und des Buben Wange brannte rot.

Jeannettchen, die neben dem Bruder stand, sagte unwillkrlich
erschrocken: Er hat's doch nicht verstanden.

Was hat er nicht verstanden?

Was der Herr Vater gesagt hat.

Warum versteht er das nicht, er ist doch kein Dummkopf?

Die Kinder sahen sich an, wurden rot und senkten beschmt die Kpfe.
In seiner Erregung sprach Herr de Charreard wieder franzsisch und
die beiden verstanden ihn wieder nicht. Sie sahen so tiefbetrbt und
zerknirscht drein, da des Vaters rascher Zorn verflog und seine Stimme
einen heitern Klang bekam. Unwillkrlich sprach er sie deutsch an:
Warum versteht ihr mich nicht?

Der Herr Vater spricht immer franzsisch und -- und --

Ihr versteht das nicht. Herr de Charreard erschrak. So fremd waren
ihm seine Kinder geworden, da sie seine Sprache verlernt hatten. Hat
die Frau Mama nicht franzsisch mit euch gesprochen?

Die Frau Mutter hat doch nie Zeit gehabt und -- sie hat so viel
geweint.

Herr de Charreard drehte sich pltzlich um, lie die beiden stehen, wo
sie standen, er ging in das Zimmer seiner Frau hinauf, er fhlte es
erst recht, wie sehr diese gelitten hatte.

Sophia Christine lag in ihrem Bett. Sie war zu mde um aufzustehen,
Trnen rannen ber ihr Gesicht, und als der Mann zu ihr trat, schrak
sie zusammen und er merkte, wie sie scheu die Trnen verbergen wollte.

An was denkst du?

An -- Louison! All das still getragene Mutterleid, die Sehnsucht
nach dem Kind, das man ihr genommen hatte, tnte wider in diesem
Weheschrei.

Ich hole sie, versprach Herr Anthoine, und wie er sich ber seine
Frau neigte, strahlte ihm die alte unverminderte Liebe entgegen. An der
hatte die Zeit nichts gendert, Sophia Christines Liebe trug Ewigkeit
in sich.

Am Mittag ritt der Gutsherr nach Jena, er wollte sein Kind holen. Doch
seinem Willen stand der der Herzogin entgegen, und Herzog Bernhard
gab seiner Gemahlin nach. Die kleine Prinzessin weinte, und Louison
de Charreard mute am Hof bleiben. Nur ein Besuch wurde versprochen,
sobald die Hausfrau auf Psen gesund sei. Und dieses Wort half Frau
Sophia Christine besser als alle Trnklein des guten Magisters. Sie
mute gesund werden, denn sie wollte es, weil sie ihr Kind wiedersehen
wollte. Irgendwo verborgen im Herzen lebte die Hoffnung, Louison wrde
sehr um das Daheimbleiben flehen und dadurch der Herzogin Herz rhren.

Und Louison de Charreard kam heim. --

Die Herzogin selbst begleitete sie, und Psen erstrahlte in einem
so festlichen Glanze wie zur Taufe des kleinen Anthoine. Auch hatte
Louison Wetterglck. Es standen nicht dunkle Wolken am Horizont wie
am Heimkehrtag des Vaters, die Sonne gab dem Tale Glanz und Farbe,
heiterschn lag es da. Und das Strahlen der freundlichen Himmelsmutter
fand Widerschein in den Augen der Charreards. Louison kommt. Anthoine
und Jeannettchen sangen es in den Morgen hinaus, sie sangen es vor
dem Rabenhaus und der Magister rief es geduldig mit. Jeannettchen
behauptete sogar, die Hhner gackerten es. Louison kommt!

Und dann kam sie!

Zwei Wagen, vier Reiter lenkten in den Hohlweg ein. Im Gutshaus hrten
sie das Rollen, und Sophia Christine prete ihre Kinder beide an ihr
Herz, als wolle dies dem Kinde, das heimkam, entgegenfliegen und sie
msse es festhalten. Und ein festes Herz brauchte die Frau an diesem
lichten Tag, der einen ganz dunklen Schatten ber ihr Leben warf.

Louison kam. Eine kleine Dame stieg da aus dem Wagen, ein hfisches
Pppchen grte mit einer steifen, feierlichen Verneigung Eltern und
Geschwister. Der starre Brokat des Gewandes rauschte, die braunen
Locken fielen zu beiden Seiten des Gesichtchens herab und an einer
goldenen Nadel wippte keck eine rote Feder bis ber den breiten Kragen
aus Brsseler Spitzen hinweg.

Louison de Charreard trug ihr Staatsgewand, so hatte es die Herzogin
angeordnet, und Louison betrug sich ganz, wie es ihre frstliche
Gnnerin von ihr erwartete. Sie plapperte ein paar franzsische Phrasen
dahin, sprach ihre Freude aus, alle wiederzusehen, kte den Eltern
unter weiteren tiefen Verbeugungen die Hand und dann -- versagte ein
paar Augenblicke die gute Erziehung, denn der Bruder Anthoine brummte
unwirsch: Das ist ein Pfau, das ist nicht unsere Louison.

Dann entstieg noch eine kleine Paradepuppe dem Wagen, das war die
Prinzessin Elisabeth Marie, die ersah Anthoine und lief rasch auf den
Buben zu, zog ein Schelmengesicht und tippte den groen Jungen an: Du
bist Anthoine, dich will ich einmal heiraten.

Die Herzogin lchelte milde und redete gtig, aber Frau Sophia
Christine meinte doch, ihre Stimme wre voller Hohn, ihr Lachen bse. --

Bis zur Leuchtenburg war das Gercht von der Fahrt der Herzogin nach
dem Gute Psen nicht gedrungen, darum ritten an diesem Nachmittag die
Buben Heinrich Wilhelm von Dracksdorf und Adrian Rudolf ganz frhlich
dem Gute zu. Sie ritten durch den Wald, in dem vor etlichen Jahren der
heimkehrende Feldwaibel Nikolaus Rabe die drei Charreards gefunden
hatte. Und wieder wie damals kamen die beiden zuerst am Rabenhofe
vorbei, aber der Bauer, die Buerin und Magister Albertinus waren nach
dem Gute zuschauen gegangen und standen nun noch immer in der Mitte des
Hohlweges und tauschten Rede und Gegenrede. Der Frau hatte die Auffahrt
gefallen, der Mann sagte bitter: Das ist nicht Louison.

Unten im Tale ertnte Hrnerruf und oben im kleinen Festsaal spitzte
Anthoine die Ohren: seine Freunde kamen! Auch Sophia Christine hatte
den Klang vernommen und ihr Blick lief zu ihrem Kinde hin, neben dem
ein schner, stattlicher Mann stand, der Oberst Raoul St. Laurent. Mit
dem Hofherrn unterhielt sich Louison wie eine weltgewandte Dame, ihre
Schwester Jeannette stand linkisch und scheu neben ihr. Und nun kam der
Jugendfreund ihres Kindes, der Bube, dessen Mutterlosigkeit Frau Sophia
Christine einst tief gefhlt hatte im ersten groen Mutterglck.

Ihre Augen winkten, und Anthoine, der das Augenwinken der Mutter besser
verstand als des Vaters franzsische Reden, ging hinaus, damit die
Freunde nicht aus Scheu vor dem frstlichen Besuch auf und davon ritten.

Oben hatte die Herzogin huldvoll gesagt, Jeannette solle doch ihrem
kleinen Frulein und der Schwester den Garten zeigen, und Jeannette war
froh, Elisabeth Marie folgte ihr gern, Louison lchelte geziert, sie
fhlte sich nicht bewundert genug. In ihrem eitel gemachten, trichten,
kleinen Herzen hatte sie immer und immer wieder an den berwltigenden
Eindruck gedacht, den sie daheim hervorrufen wrde. Nun hatte sie kein
Wort des Staunens ber den wundervollen Anzug vernommen, nur das bse
Brummen des Bruders, sie wre ein Pfau. Mimutig ging sie hinter der
Prinzessin her; die nahm ganz frhlich Jeannettes Hand, worber Louison
sehr das Nslein rmpfte. So wenig unterwrfig zu sein, war nicht
Hofton.

Die drei ungleichen Gefhrtinnen traten just aus dem Hause, als die
Buben hinein wollten. Adrian Rudolph blieb der Mund offen stehen, als
er in dem prchtig geschmckten Frauenzimmer seine kleine Freundin von
einst erkannte. Louison! rief er betroffen.

Ach Monsieur Rudolph und Monsieur de Dracksdorf, rief Louison. Sie
legte das Kpfchen zur Seite und blinzelte die beiden herablassend an,
und als sie die beiden verdutzt anstaunten, plapperte sie ein paar
franzsische Stze herab, so wie sie es oftmals in Paris vernommen
hatte.

Sie ist ein Pfau, eine Stoppelgans! schrie der Junker Anthoine erbost
ber das gespreizte Wesen der Schwester.

Er wei eben nichts von Politesse, er ist ein -- ein -- ungehobelter
Bauernlmmel! Das Wort fuhr Louison heraus, ihre Augen blitzten
zornig, sie machte aber nicht den geringsten Eindruck, die Buben
lachten laut. Na, ganz hast du das Deutschreden ja noch nicht
verlernt, brummte Anthoine. Adrian aber streckte der kleinen Freundin
treuherzig die Hand hin, ehrlich, ein wenig tolpatschig.

So ist's mir lieber, meinetwegen schilt mich auch Bauernlmmel,
Louison.

Monsieur sind sehr =aimable=, doch ein Kavalier kt einer Dame
die Hand. Louison hob den Kopf. Das feine Nschen ragte ganz steil in
die Luft, die Feder wippte und nickte, und die vier Landkinder staunten
die verwandelte Schwester und Freundin wieder an, bis auf einmal jemand
hellauf lachte. Es war die Prinzessin Elisabeth Marie. Die lachte so
herzlich, sie schttelte sich vor Lachen, und ihr Lachen steckte an.
Die Buben fielen ein, selbst Jeannettchen, die am meisten berwltigt
von der Schwester gespreiztem Wesen war.

Louison wurde blutrot. Ausgelacht zu werden, das hatte sie nicht
erwartet. Bewundert, gefeiert, ja; aber ausgelacht, es war zu toll. Und
erzrnt raffte sie ihr Kleid auf und lief in den Garten hinein, in dem
Frau Sophia Christine eine bescheidene Blumenzucht unterhielt. Rosen,
Nelken, Braut im Haar, Ringelblumen und allerlei bunte Sommerblumen
blhten. Wtend zerrte Louison an den Blumenkpfen, ri eine Hand
voll ab, warf sie auf den Weg und trat darauf. Und gerade wollte sie
die unntze kleine Hand nach neuen Opfern ausstrecken, als ihr jemand
heftig auf die Hand schlug. Anthoine war es. Mit blitzenden Augen stand
er vor ihr und schalt: Die Blumen hat die Frau Mutter gepflanzt.

Ah -- die Kleine wollte ein Wort rufen, das spottete und hhnte,
aber auf einmal kam ihr das Erinnern an die Tage vor Festen, an die
Sonnabende vor den Kirchsonntagen, sie sah sich mit einem Krbchen
hinter der Mutter her trippeln und die fllte es, jede Blte sorgsam
prfend, ob sie auch geeignet sei zum Schmuck der kleinen Kapelle.

Trnen drngten sich in des Kindes Augen, ganz bittere sehnschtige
Trnen. Da sagte eine rauhe Stimme: Kruzitrken, das ist ja nun wohl
das Frulein Louison?

Breitbeinig, in seiner alten Kriegstracht stand da Nikolaus Rabe, der
schaute seine kleine Freundin genau so gutmtig an wie damals, als er
das Kindertrpplein im Walde gefunden hatte.

Louison lie die Hnde sinken. Erst staunte sie etwas ber die bunte
Gestalt auf dem Wege, doch dann verga sie ihr weites Brokatkleid,
ihre knstliche Haartracht, mit einem Jubelruf ergriff sie des
Kinderfreundes Hand. Niklas, Niklas, rief sie, wo kommst du denn
her?

Nu eben aus meinem Hause. Potz Kalbsfell, was ist das Fruleinchen
fein!

Doch einer, der sie bewunderte, einer, der die kleine Louison noch
lieb hatte! War es der eine nur? Ach nein, auf einmal sah Louison de
Charreard lauter vergngte frhliche Gesichter um sich, und sie verga
das Monsieursagen und alle Geschraubtheit und war wieder wie einst die
alte Louison, die Lust zu jedem trichten Streich hatte.

In der Mitte des Gartens war ein kleines, mit Tropfstein eingefates
Wasserbecken. Um das herum auf die Steinbrstung setzten sich die
Charreards, ihre Gste und Nikolaus Rabe. Und weil der kleinen
Prinzessin dieser Sitz nicht gefiel, nahm Nikolaus sie auf den Scho
und Elisabeth Marie klatschte vergngt in die Hnde. War das lustig in
Psen!

[Illustration]

=Fi donc!= sagte ein paar Minuten spter die Herzogin, die
von weitem das Bild erblickte. =Mon Dieu=, das ist ja gar ein
schwedischer Kriegsgesell, der da mein kleines Frulein auf dem Arm
hat. Und sie rief laut und herrisch die Namen der Kinder, und ganz jh
wurde aus der lustigen Louison wieder die gespreizte, kleine Dame, die
zum Abschied allen nur die Fingerspitzen reichte.

Die Herzogin drngte zu einem schnellen Aufbruch. Ihr Blick zrnte und
Louison zitterte. Sie sah sich um, sah die Freunde stehen, Niklas und
dann die Mutter, und da verlie das Kind alle anerzogene Geziertheit,
laut aufweinend umschlang Louison die Mutter und flehte: Ich will bei
Ihnen bleiben, Frau Mama!

Louison! Der Herzogin Stimme schrillte.

Sophia Christine sah flehend zu ihrem Mann hinber und sah, wie der
sich auf die Lippen bi. Herr Anthoine de Charreard hatte mancherlei
Schulden von der Herzogin bezahlt bekommen, und er hatte ihr dafr
schriftlich gelobt, nie das Kind Louison zurckzufordern und berhaupt
keinem Schritt Louisons, den die Herzogin billige, zu widersprechen. Er
hatte sich jeglicher Vaterrechte begeben, und darum wich er dem Blick
seiner Frau aus.

Ich will hierbleiben. Louison weinte heftig und wild und die Herzogin
beugte sich zu ihr herab, zischte ihr etwas in die Ohren, da erblate
die kleine Louison, und ein angstvolles Flehen blieb in den Augen.

Es konnte ihr niemand helfen. Herr de Charreard, der Louisons
Aufenthalt am Hofe immer als ein besonderes Glck angesehen hatte,
sprte es erst in dieser Stunde: er hatte sein Kind ganz verloren.

Doch wurde Louison eine unerwartete Hilfe. Die kleine Prinzessin
Elisabeth Marie weinte bitterlich und flehte ihre Mutter an, Louison
dazulassen, flehte so lange, bis die Herzogin versprach, Louison drfe,
wenn sie jetzt brav sei, ihre Eltern zweimal jhrlich besuchen, sie
solle auch keine Strafe heute erhalten.

Louison schwieg ganz still. Der Herzogin Strafen waren hart, aber
sie wute, die kleine Prinzessin wrde ihr beistehen. Still lie sie
sich nach vielen Verbeugungen in den Wagen heben, dann traten die
Geschwister und Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von Dracksdorf noch
einmal heran, und Anthoine de Charreard benahm sich zur Verwunderung
seines Vaters wie ein rechter, kleiner Hofherr, er kte der Prinzessin
die Hand und dabei sagte er kurz, aber aus ehrlichem Herzen heraus:
Vielen Dank.

Herr de Charreard gab seinen Gsten wieder das Geleite. Louison sa
steif und sehr bla im Wagen und Sophia Christines Augen waren voll
Trnen. Sie fhlte es tiefer als je, man nahm ihr ihres Kindes Herz.

Oben am Hohlweg ber dem Rabenhof stand Nikolaus so, als stnde er auf
Wache im Felde. Seine Augen waren finster, als die Wagen daherrollten,
sein Gru mrrisch, und nur eine bekam einen guten Blick, die kleine
Louison. Nun schleppten sie das Kind wieder weg, und der Bauer grollte
im Herzen: Wie mich damals die Schweden fortgeschleppt haben, just
so ist es. Dann kriegt man andere Gedanken, wird anders in der Welt
drauen, lernt anders reden, und wenn man heimkommt, merkt man erst,
was man verloren hat. Und nach dieser langen Rede mit seinem Herzen
stapfte er den Berg hinab und suchte den alten Magister Albertinus auf,
um mit dem von des Lebens wunderlichen Wirrsalen zu reden.




10. Kapitel.


Beim Abschied von Psen hatte die Herzogin Marie ein Wort gesagt, das
Frau Sophia Christine nicht mehr aus dem sorgenden Sinn kam. Das Wort:
Wenn der Junker Anthoine grer ist, hole ich ihn mir, freilich, er
mu noch etwas franzsische Politesse annehmen, mein lieber Monsieur de
Charreard mu ihn fr mich erziehen.

Sophia Christine ahnte, ihrer Kinder bestes Glck ruhte in der Heimat,
das Drauen wrde sie friedlos und zwiespltig machen, wie es die
kleine Louison schon war und noch mehr werden wrde. Und seitdem
kmpfte sie um das In-der-Heimat-Bleiben ihrer Kinder. Sie kmpfte mit
Liebe und Zrtlichkeit, mit sanfter Strenge, sie kmpfte so treu und
fest, wie dies nur eine Mutter tun kann.

Herr de Charreard merkte nichts von diesem stillen zhen Kampf seiner
Frau um das innere Wesen ihrer Kinder. Er hatte reichliche Arbeit;
Sorgen gesellten sich dazu. Den Besuch der Herzogin hatte er in bser
Erinnerung. Ein paarmal ertappte er sich darauf, da er der frischen
Anmut Jeannettchens den Vorzug gab vor Louisons steifer Geziertheit.
Er sagte sich dann freilich jedesmal, da er der armen Louison Unrecht
tue, und wenn er, was selten genug geschah, sie in Jena besuchte, war
er gtig gegen die Kleine. Sonst freute er sich selbst jedesmal, wenn
er von einem Hofritt heimkehrte und im Grunde das groe feste Haus
liegen sah.

Ein Jahr ging hin, Louison kam nicht heim, noch eins und noch eins, da
ritt Herr Anthoine de Charreard eines Tages mit gefurchter Stirn von
Jena zurck. Im Mantelsack brachte er als Basenerbe fr seine Frau die
zwei Silberleuchter mit, aber er htte die und auch gern sein ganzes
bescheidenes Schtzlein dazu gegeben, wenn er seiner Frau nicht
die Botschaft der Herzogin htte sagen mssen, da diese den Junker
Anthoine zum Pagen verlangte.

An diesem Tage ging gerade Frau Sophia Christine ihrem Gatten bis an
die Linden entgegen, denn sie blhten wie am Tage des Einzugs. Die Frau
ahnte etwas von dem Kummer, den ihr Mann heimbringen wrde, und wie
sie auf einer Grasbank unter den Linden sa, gesellte sich der Bauer
Nikolaus Rabe zu ihr. Seit der alte Magister in seinem Hause wohnte,
war die Freundschaft zwischen Rabenhof und Herrenhaus gewachsen, denn
auch Herr de Charreard hatte lngst seinen Groll gegen den Magister
begraben. Der alte Mann, gutmtig und duldsam, trug dem Gutsherrn seine
rasche Hrte lngst nicht mehr nach. Und der Bauer, der so viel in
der Welt herumgetrieben worden war, geriet oft in ein sinnierliches
Nachdenken ber der Menschen wunderlich Tun und Wesen. Sophia Christine
unterhielt sich gern mit ihm. Und als er jetzt kam, nicht mit Worten
fragte, sondern seine hellen Augen forschen lie, gab ihm die Gutsfrau
Antwort und legte ihre Sorge vor ihn hin wie ein dunkles Tuch.

Ob dahin oder dorthin, einmal wird der Junker schon hinaus mssen,
sagte der Bauer. Dunderschlag ja, ein feiner Junker ist er, und
den Wind mu er sich doch mal um die Nase wehen lassen. Schtze
aber, unsern Junker drehen sie nit um und um wie das kleine Frulein
Louison. Allemal, wenn Nikolaus diesen Namen nannte, kam ein weiches
Tnen in seine rauhe Stimme. Louison blieb seines Herzens Liebling.

Ja, es ist wohl gut, wenn er hinauskommt, aber --

An welchen Hof er kommt, ist gleich, schtze ich. Der Bauer sah die
Frau treuherzig an. Viel Gutes ist wohl da und dort nicht zu lernen,
aber der Junker hat's in sich, das Feste, das Treue, der fllt nit um.

Und es zieht ihn hinaus, murmelte seine Mutter.

Es zog den jungen Anthoine freilich hinaus. Wie sehr, ahnte seine
Mutter nicht einmal, die schaute nach dem letzten Wort versonnen ber
sich in die breitgedehnten blhenden Kronen, und ber dem Summen
und Schwirren darin berhrte sie das rasche leise Schreiten junger
Fe, bis wie ein Quell ein Lachen hinter ihr aufsprang. Anthoine und
Jeannettchen standen da und sie riefen froh des gelungenen berfalls:
Wir haben die Frau Mutter berrascht.

Ich erwarte den Vater, um diese Zeit kommt er ja meist heim.

Der Herr Magister sagt, es wre die schnste Zeit zum Heimkommen, wenn
noch die Sonne schiene und schon der Abend seine Schwingen auszubreiten
beginne. Jeannettchens Stimme war weich wie der Abendwind.

Der Herr Magister ist, denk ich mir, ein Dichter, brummelte Nikolaus.
Er sagt manchmal was, das ich halt nit verstehe, ganz wunderlich
klingt's.

Mit dem Heimkommen hat er recht. Ich komme auch einmal um diese Zeit
heim, wenn ich erst drauen in der Fremde gewesen bin. Gelle, Frau
Mutter, und Ihr wartet dann auch hier auf mich?

Mchtest du so gern in die Welt hinaus?

Ja, Frau Mutter. Hinaus, mich ordentlich drauen tummeln und
heimkehren!

Aber Anthoine, fort aus unserem schnen Tal! rief Jeannettchen emprt.

Ein Mann mu die Welt sehen, gelle, Niklas? Anthoine krauste die
Stirn.

Freilich doch, gut ist's. Ich hab' freilich gar zu viel gesehen,
knnte manches missen. Aber wenn der Junker Anton Kriegsdienste nimmt,
dann geh ich noch mal mit. Ja, das tu ich, da hlt mich nichts nit von
ab.

Anthoine sah einen Leidzug ber das Gesicht der Mutter wehen und er
rief rasch: Doch mit dem Hinausziehen hat's noch gute Weile.

Ich schtze, lang whrt's nit mehr. Der Bauer horchte scharf in die
Ferne. Und jetzt kommt der gndige Herr geritten.

Nur das an manchem Wachtfeuer, in stillen einsamen Nchten vor dem
Feinde geschrfte Ohr des Bauern hrte das ferne Reiten, den kurzen,
scharfen Hufschlag. Die anderen lauschten, hrten erst nichts, bis
auch sie den Klang vernahmen und dann den Gutsherrn oben in den
Hohlweg einbiegen sahen. Sophia Christine stand auf, um dem Manne
entgegenzugehen, Jeannettchen folgte rasch, Anthoine fhlte sich von
dem Bauern festgehalten. Wenn's mal in den Kampf geht, Junker, verget
mich nit. So eine alte Kriegsgurgel wie unsereins mu wieder mal Pulver
riechen. Schockschwerebrett, schn ist das Tal hier, aber einmal will
ich doch sehen, wie es jetzt in der Welt ausschaut.

Sophia Christine sah ihrem Manne an, als der vor ihr hielt, was ihn
bedrckte, und sie nahm mit all der Lindigkeit, die sie hatte, die Last
von der Seele, fragte einfach: Sie wollen wohl unsern Anthoine in
Jena?

Ja, sie wollten ihn. Die Frau Herzogin begehrte den Sohn zum Spiel. Mit
heiterem Lachen hatte sie es gesagt: Ich will einen Franzosen aus ihm
machen. Das sagte der Herr de Charreard seiner Frau nicht, er wollte
sie nicht bekmmern, nur da die Herzogin mit Louison selbst in drei
Tagen zum Besuch kommen wollte, erzhlte er.

Und dann Anthoine mitnehmen.

Ja, sie wird ihn gleich haben wollen.

In des Junkers frohes Bubengesicht stieg das Blut, als er von dem
Beschlusse hrte. Hinaus wollte er schon, aber nicht ein Hofherr
werden. Er rannte der Antwort aus dem Wege, sa dann im Abendschein vor
der Tre des Rabenhauses und legte, wie es am Nachmittag seine Mutter
getan hatte, seine Sorge vor die treuen Freunde seiner Jugend hin. Der
Magister war traurig, noch eins von den Kindern des Hauses sollte am
Hofe verderben. Er prfte mit Blicken das reine Gesicht seines Schlers
und murrte: Wirst auch ein Franzose dort werden.

Ich schtze, das wird er nit. Und eine Weile ist's gut, wenn er sich
schicken lernt; gleich ins Heer, da ist der Junker zu jung dazu,
murmelte der Bauer.

[Illustration]

Niklas, ich bin sechzehn Jahre gewesen, rief Anthoine emprt. Wie
alt warst denn du, als du ins Heer kamst?

Das kann der Junker nit vergleichen. Seht, an dem Grame von damals
wrg' ich noch heute. Arg schlimm war's, meiner Seel'!

Und willst doch mit mir ziehen, mich begleiten?

Ja, ja, Junker, das ist halt so. Hab' damals im Walde mein Herz an
die Charreards gehngt und schtze, es ist besser, Ihr habt einen zur
Seite, der all das Grausen kennt.

Niklas, du bist ein Querkopf, rief der Magister emprt. Redest dem
Junker immer zu, er soll hinausziehen, und dabei sitzt dir selbst noch
das Grausen in den Knochen. Nun mache mir einen Vers darauf.

Dunderschlag ja, mu ich alte Kriegsgurgel einem hochgelehrten Herrn
Magister noch sagen, da jeder seine Erfahrungen allein machen mu.
Wenn ich dem Junker abreden mchte und die gndigen Eltern tten es
auch und er bliebe hier im Tal, ich schtze, er verquerzelte sein
Leben, wr' unzufrieden und wt' nit, warum. Das liegt im Blute, die
Sehnsucht auszuziehen; das Heimkommen lt dann erst recht die Heimat
lieben.

Anthoine hatte gar nicht auf das Zwiegesprch gehrt. Seine Gedanken
flogen, lieen das enge Tal hinter sich und sahen die weite, schne
Welt. Ungeduld brannte in ihm; freilich, der Hofdienst schien ihm
bitter, aber er dachte keck: davon komme ich schon los. --

Er sprang auf und rief: Mu heimgehen, und dann lief er das Tlchen
entlang, hatte heute aber keinen Sinn fr seine heimlich-liebliche
Schnheit.

Und drei Tage spter rollten einmal wieder frstliche Wagen durch das
Dorf Bucha. Lockten da alle Leute aus den Husern und der jetzt uralte
Lemnitzer Karl brmmelte wieder etwas von den Schweden, die kmen, in
seinen Ofenwinkel. Im ganzen aber sahen die Bauern scheel die Auffahrt
der Wagen mit an. Sie liebten die Fremde nicht, ihre sanfte Gutsfrau
war ihnen tausendmal lieber, und da die Kunde schon ihren Weg nach
Bucha gefunden hatte, die Herzogin wolle den Junker mitnehmen, war die
Bitterkeit gro. Von den Frauen, die Sophia Christine zu der Geburt
des Erben ihre Glckwnsche dargebracht hatten, waren die meisten noch
am Leben. Denen war es zumute, als wrde in ihre Rechte eingegriffen.
Ihr Gren war darum unwirsch und ihre Mienen finster, und die Frau
Herzogin Marie verglich die Leute mit ihren Landsleuten und lachte ber
des Obersten St. Laurent spottende Worte. Auch ein feines, sehr junges
Frulein lachte, sie sah an der Merfin vorbei, bei der sie so manchmal
eingekehrt war, sie erkannte die Anne-Marie Schurksin nicht, von deren
Obst sie oft gegessen hatte. Louison de Charreard hatte viel, sehr viel
von der Heimat vergessen. Einen aber erkannte sie, der wieder in seiner
alten Kriegsmannstracht am Hohlweg stand, um die kleine Louison zu
gren.

Der Oberst St. Laurent, der neben dem Wagen ritt, lachte. Ein berrest
aus der Schwedenzeit, spottete er. Der Mann scheint ausgestopft zu
sein.

Da wehte just der Wind ber die Linden hin und der schne Sommerduft
hllte das Frulein Louison de Charreard ganz ein und da war es ihr,
als ginge sie wieder mit Bruder und Schwester durch den Wald und einer
nahm sie alle drei auf sein Pferd, einer, der grimmig aussah und doch
so gute Augen hatte. Es ist der Niklas, sagte sie pltzlich, neigte
sich vor und grte den Bauern mit so holdseliger Anmut, da der vor
Staunen wie ein Pfahl stand. So schn war Louison geworden, er meinte
schier, ein schneres Frauenwesen knne es auf der ganzen Welt nicht
geben.

Einen Bauern zu gren! Der Oberst de St. Laurent krauste die Stirn.
Solche trichten, brgerlichen Sentimentalitten mute sich seine
Frau abgewhnen, das war lcherlich, und um Himmelswillen nichts
Lcherliches tun. Wenigstens nichts, was die Hofgesellschaft lcherlich
fand. --

Ja, schn war Louison de Charreard geworden. Sie fanden es in der
Heimat alle. Jeannettchen sah wie ein Kind gegen die doch nur ein Jahr
ltere Schwester aus. Sie tat noch weniger als sonst ihren Mund auf,
und als der Herzogin prfender Blick ber sie hinging, dachte die Dame:
Diese nicht, sie pat zu wenig an den Hof.

Frau Sophia Christine sah den abwgenden Blick, der ihr sanftes Kind so
rasch geringschtzig freigab, und sie wute, jetzt hatte die Herzogin
ihr das letzte Kind nehmen wollen. Jetzt hatte sie damit ihr Glck
bezahlen sollen. Und sie freute sich der ganz bescheidenen Anmut
dieser Tochter. Aber da erklang schon das Wort, das ihr auch diese
Freude trbte. Die Herzogin sprach von dem jungen Dracksdorf, der als
Hofjunker in Blde nach Weimar kommen wrde, und sie sprach von ihrem
Patenkind, einer jungen Hugenottin, die sie dem Junker zu vermhlen
gedachte.

Jeannettchen ffnete die Augen weit. Ihr treuer Freund Heinrich
Wilhelm sollte auch ein Hofherr werden. Trnen trbten ihr den klaren
Blick, und sie glitt leise aus dem Saal, nur die Mutter merkte es,
als die Herzogin dahin sah, wo Jeannettchen gestanden hatte, war
der Platz leer, und auf das spttische Fragen, wo denn das Frulein
sei, gab Frau Sophia Christine die gelassene Antwort, es zieme sich
fr die Haustochter, in der Kche nach dem rechten zu sehen, wenn so
hochfrstliche Gste dem Hause die Ehre hchstihres Besuches schenkten.

Herr de Charreard sah seine Frau erstaunt an. Sie war doch einstmals
nur die schchterne Jungfer Riesin gewesen, war alle diese Jahre kaum
aus dem stillen Tal herausgekommen und sprach, als htte sie just
gestern ein Fest am Hofe des Knigs Ludwig mit gefeiert. Da die
tiefgekrnkte Mutterliebe der Frau die Kraft gab, sich so aufrecht
zu halten, ahnte er nicht, es war aber ein ehrliches Bewundern in
seinem Herzen. Und wenn die Herzogin Marie, die wieder die neueste
Pariser Modetorheit, eine Fontange, trug, die sich ungeheuer auf ihrem
Haupte aufbaute, nach der Schnsten im Land gefragt htte, der Herr de
Charreard htte unbedingt seiner sanften Frau den Preis zuerkannt.

Aber wieder brach die Herzogin frher auf, als sie es sich vorgenommen
hatte. Sie sah in Louisons Blick ein trauriges Nachsinnen aufdmmern
und hrte ihre Tochter das stille Tal voll Entzcken preisen. Das
vertrug sie nicht.

Sie verlangte des jungen Anthoine Mitkommen. Aber da fand sie wieder
einen freilich sanften, aber doch festen Widerstand bei der Hausfrau.
Die meinte, der Sohn msse wohl ausgerstet werden, dazu sei die Zeit
zu kurz gewesen.

Ei, rief die Herzogin, da mu ich den Junker doch selbst fragen,
ob seine Lust nicht grer ist als seiner gndigen Frau Mama
Bedenklichkeit.

Auf diese Frage erhielt nun freilich die stolze Frau eine Antwort, die
ihr ein verchtliches Lcheln entlockte. Der junge Anthoine fgte zu
den Erwgungen seiner Mutter noch die hinzu, er habe in den Drfern
Bucha und Schorba noch nicht Abschied genommen, wie es sich gebhre.

Bauersleute, pah! Ich frchte, ein rechter Hofmann wird Euer Sohn
nicht, Monsieur de Charreard! Die Herzogin sah an der Hausfrau vorbei,
ihre Stimme spottete, ihre Augen blitzten bse. In Sophia Christines
Herzen aber erwuchs in dieser Stunde ganz fest die Zuversicht, der Sohn
werde der Heimat treu bleiben.

Aber war im Grunde die schne Louison nicht auch treu! In ihre Augen
war ein Sehnsuchtsblick gekommen, und Sophia Christine zog zum Abschied
die Tochter fest an sich: Hier ist dir immer Heimat, mein Kind. Immer,
was auch geschehe!

Dann rollten die Wagen wieder den Hohlweg hinauf. Zum letztenmal,
dachte die Herzogin, der Sohn soll die Heimat vergessen, wie Louison
sie vergessen wird. Und sie neigte sich vor, rief den Oberst de St.
Laurent an ihren Wagen und redete mit ihm von seiner knftigen Heirat
mit Louison de Charreard.

Zwei Tage spter verlie Anthoine das Elternhaus und in dem groen
Hause wurde es einsam. Der Vater gab dem Sohn das Geleit, und Mutter
und Tochter sahen den beiden nach, lange, lange, bis der Hufschlag
verklang. Sophia Christine stieg dann in die Kapelle hinab, ihre
Tochter ging in den Garten. Sie ging durch ihn hindurch, sah die Blumen
sommerlich blhen und ihr junges Herz war ganz erfllt von Mitleid
mit den Geschwistern. Ihr war die Heimat der Inbegriff alles Schnen,
kein Gedanke ging von ihr weg, nur bis zu der Leuchtenburg wagte sich
manchmal ihr Sinnen und ein Stckchen weiter zu Heinrich Wilhelms
Erbgut, aber schon dies dnkte ihr fern zu sein.

Whrend sie still-versonnen den Garten durchwanderte, hinaus ging bis
zu dem kleinen Wald, der die Quelle umgab und in dem alljhrlich die
ersten Schneeglckchen erblhten, gab Herr de Charreard seinem Sohne
gute Lehren, wie er sich bei Hofe zu verhalten habe. Man war schon ber
Bucha hinausgeritten, als der junge Anthoine das erste Gegenwort wagte:
Ich hoffe, es dauert nicht lang mit dem Hofdienst, Herr Vater, gegen
die Trken mchte ich ziehen drfen, so es dem Herrn Vater recht ist.

Anthoine de Charreard sah seinen Sohn etwas verdutzt an. Was war da in
aller Stille aufgewachsen, war das noch ein Knabe? Er sah des Buben
Augen blitzen, sah seine Hand stark das Pferd meistern, ganz fremd kam
ihm der Junge vor. Doch rasch gefat redete er davon, da Kriegsdienste
nehmen so bel nicht sei fr einen jungen Mann aus gutem Hause. Nur,
es mte die rechte Stelle gewhlt werden, und wenn es nach einiger
Zeit noch des Sohnes Meinung sei, so wrde es wohl gelingen, ihn im
franzsischen Heere unterzubringen. Freilich, die Hoffnungen, die die
Hugenotten an die Regierung des vierzehnten Ludwig geknpft, htten
sich noch nicht erfllt, immerhin wre man im Heere duldsam und --

Wenn es dem Herrn Vater recht ist, zieh ich mit gegen die Trken, so
sie wieder anfangen. Das erscheint mir wichtiger, sprach der Sohn in
ein sinnendes Nachdenken des Vaters hinein. Der schwieg, krauste die
Stirn, das Neinsagen erschien ihm Unrecht, das Jasagen brachte er
nicht fertig, endlich gab er zurck: Es ist am besten, einen solchen
Schritt weislich und klug zu berlegen.

Aber dagegen, da ich Kriegsdienste nehme, ist der Herr Vater nicht.

Bewahre, nur -- Der Herr de Charreard kam nicht dazu, den Satz zu
enden, denn einer ritt beiden, Vater und Sohn, entgegen, an den sich
gleich des Sohnes Widerwillen hing. Es war der Oberst de St. Laurent.
Der lchelte freundlich, aber seine Freundlichkeit schien dem jungen
Anthoine wie die Schlehbeeren am heimischen Gartenzaun zu sein. Sie
lockten und schienen s und waren doch herber als Essig.

Kurz vor Jena kreuzte noch einer den Weg der Charreards. Der Oberst
de St. Laurent sah ihn milaunig an, der Herr de Charreard grte ihn
khl, aber der junge Anthoine meinte, zu dem kurbrandenburgischen
Feldhauptmann Balthasar von Hnefeld knnte er wohl Zutrauen haben.
Den schien der unfreundliche Gru, den die andern ihm boten, nicht
zu kmmern, laut begrte er sie, schlug dem jungen Anthoine auf die
Schulter und rief: Das wre ein Junker, wie ich ihn brauchen knnte.
Was gilt's, lat Ihr Euch anwerben, Junker? Es geht sicher bald mal
gegen die Trken, eine gute Klinge gilt da was und meines besonderen
Schutzes drftet Ihr gewi sein.

Ein Charreard, und der Name zischte messerscharf zwischen des
Obersten de St. Laurent Lippen hervor, sucht wohl seine Fortune besser
in des Knigs von Frankreich Heer. Ich erachte, er erwirbt dort grere
Honneurs als einfacher Reiter wie als Fahnenjunker im --

Halloh, Herr, ist ihm seine lose Zunge lieb, dann stecke er sie ein,
sonst bei meiner Seel mchte sie ihm bald gespalten zum frechen Maule
heraushngen.

Um Himmelswillen! Herr Anthoine de Charreard drngte sein Pferd
zwischen die beiden, unbekmmert um die zuckenden Klingen. Er sprach
liebenswrdig zu dem einen, freundlich zu dem andern, sagte, sein Sohn
solle in den Hofdienst --

Und wenn es ihm da nicht gefllt, zu wem schlgt er sich da? Herr de
St. Laurent spottete, er erwartete keine andere Antwort als die auf
Frankreichs Seite, aber Herr Anthoine de Charreard hatte zu lange
Hofdienst getan, als da er es nicht verstanden htte, einer Wage
Znglein in der Schwebe zu halten. Dann mag mein Sohn selbst nach Herz
und Neigung entscheiden, ich gebe ihm die Wahl frei, antwortete er
und hegte in seinem Herzen die gleiche Zuversicht, wie der Oberst. Wie
konnte ein Charreard anders whlen!

Ein Mann, ein Wort, Ihr habt Euerm Sohn freie Wahl gegeben, Monsieur
de Charreard. Bin neugierig, auf welche Seite sich der Junker einst
schlgt. Der stahlgrauen Augen Blick umfing den jungen Anthoine klar
und zwingend, und dann ritt der Herr Balthasar von Hnefeld weiter. Er
war in Petersberg bei seinen Verwandten zu Gaste.

Der Oberst de St. Laurent hielt ihm eine ble Nachrede und je schlimmer
die klang, je fest umrissener trat das Bild des Geschmhten vor die
Seele des jungen Anthoine. --




11. Kapitel.


Der Junker Anthoine kam sich in den nchsten Wochen wie verzaubert
vor. Es war aber ein bser Zauber, der ihn umfangen hielt. An dem
kleinen Hof des Herzogs von Jena war all das trichte Tun, all die
Gespreiztheit und das Wichtignehmen der einfachsten Dinge Mode, wie
es die Herzogin Marie in Frankreich gelernt hatte. Dahinein kam der
Junker, der bisher noch nie sein stilles Tal verlassen hatte. Doch
sein Dortsein war nur kurz. Es gengte nur, um ihm einen herzhaften
Widerwillen gegen dies oberflchliche Leben beizubringen, ihn von
seiner Schwester Louison innerlich zu trennen, ihm dagegen noch mehr
die Liebe der kleinen Prinzessin Elisabeth Marie zu gewinnen.

Man hatte just das Prinzechen mit einem Vetter verlobt, doch der
gefiel der Kleinen viel weniger als Anthoine de Charreard, und sie war
eigentlich das einzige Licht, das in des Junkers dunkle Tage hinein
schien. Wie oft stand er an seinem Kammerfenster, schaute sehnschtig
zu den Bergen hinber und suchte in Gedanken das stille Heimattal. Er
wre arg gern wieder heimgeritten. Doch er schmte sich, so schnell
von diesem ersten Flug in die Welt heimzukehren. Und dabei sprte er
es in jeder Stunde: er war mehr zum Spott am Hofe, als Ntzliches zu
schaffen. Er war zu klug, um nicht das verhaltene Lachen zu sehen, wenn
er wieder einmal eine Ungeschicklichkeit begangen hatte. Er, der daheim
so sicher den Boden unter sich gefhlt hatte, merkte, hier schwankte
alles. Bei jeder Verneigung, die er zu machen hatte, brach ihm der
Angstschwei aus, sollte er gar eine hfliche Redeblte einer Dame zu
Fen legen, dann polterte er los, wie ein Kriegsknecht, der schon
dreiig Jahre im Schlachtgetmmel gewesen war. Mal redete er hoch, mal
tief, sprachen alle, klang seine Stimme leise, sollte er flstern,
rutschte sie ihm aus. Sollte er links stehen, stand er rechts, und
wenn sein Platz ihm rechts angewiesen war, kam er auf irgendeine ihm
unerfindliche Weise links zu stehen.

Der Tage Krnkungen und Verlegenheiten waren endlos.

Dazu der Herzogin Lust an bitterem Spott. Ihre Damen folgten gern ihrem
Beispiel, und Louison de Charreard, die sich des linkischen Bruders
schmte, tat mit. Sie tat es und weinte dann wohl heie Trnen ber
ihr trichtes Tun. Doch am beiendsten war der Hohn des Herrn de St.
Laurent. Der gedachte mit Hohn und scharfen Sticheleien den Junker
dahin zu treiben, wohin er ihn haben wollte, und trieb ihn doch auf die
andere Seite.

Doch ehe der Junker Anthoine noch wute, was er tun sollte, ob er
den Eltern daheim seine Not klagen oder verschweigen sollte, starb
der Herzog Bernhard an einem hitzigen Fieber. Kaum drei Wochen war
der junge Anthoine am Hofe. Alles versank nun in tiefe Trauer. Die
Frauen hllten sich in weit schleppende schwarze Gewnder, und die
junge Louison sah unendlich lieblich aus mit ihrem zarten Gesicht so
umschleiert von dem tiefen Schwarz. Sie war auch herzlich betrbt,
sie hatte den guten Herzog, trotz mancher seiner Schwchen wie
einen Vater geliebt. Sie wre in diesen Tagen gern dem Bruder nher
gekommen, doch der ging verstrt und stumm einher. Er merkte es rasch,
fr ihn war kein Platz mehr am Hofe, denn die Herzogin war nicht
in solcher Vermgenslage, um sich noch mige Hofjunker zu halten.
Der Kammer-Sekretarius Dressel zhlte dem Junker an den Fingern das
Leibgeding der Herzogin her und bewies ihm klar, da auer einem
Hofmeister und zwei Pagen keine Herren von Adel mehr Platz htten am
Hof. Schaut Euch beizeiten um, Herr Junker, es wird hier ein rmliches
Leben werden.

Da ritt der Junker denn eines Morgens -- es war im Juni, am zwanzigsten
sollte des toten Herzogs Beisetzung stattfinden -- kurzerhand nach
der Dornburg, wo er den Herrn von Hnefeld bei der Grfin Emilie von
Allstdt zu Gaste wute, und gab dem den Handschlag, einzutreten in
das kurfrstlich brandenburgische Heer. Der Herr von Hnefeld warb
fr seinen Kurfrsten und nahm den Junker mit Freuden an. Er fand an
diesem Tage dort seine Kameraden Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm
von Dracksdorf. Heinrich Wilhelm begehrte auch, sich drauen einmal
den Kriegslrm anzuhren. Der Herr von Hnefeld rieb sich vergngt die
Hnde und sagte zu der schnen Frau von Allstdt: Das werden zwei,
die das Dreinschlagen bald verstehen werden. Erst ziehen wir noch den
Hollndern zu Hilfe, denn sonst steckt wei Gott der Knig Ludwig
die Staaten ein wie einen Laib Brot. Heia, das wr' ihm ein schner
Schmaus.

Anthoine de Charreard stutzte einen Augenblick. Auch der Oberst de
St. Laurent ging nach langem faulen Nichtstuerleben zum Heer zurck.
Dann wrde der auf der Gegenseite stehen. Feind also -- ihm war es
recht! Und des Junkers Handschlag war so, da Hnefeld rief: Zum
Teufel, Junker, Ihr habt eine gute Zufasse. Wer Euch in der Schlacht
gegenbersteht, der tut gut, ein Trostgebetlein fr schwere Stunden
zu sagen. Also abgemacht, in drei Tagen reiten wir, bis dahin
haben sie daheim bei Euch hoffentlich die Trnen getrocknet. Grt
Euern hochverehrten Herrn Vater, der gndigen Frau Mutter meinen
alleruntertnigsten Handku. Euerm knftigen Herrn Schwager aber sagt,
da ich froh wre, ihm bei Euch den Rang abgelaufen zu haben!

Meinem Schwager? stammelte der junge Anthoine betroffen.

Ja freilich, in ganz Jena gibt es kein Weibsbild mehr, das es nicht
wei: die schne Hofjungfer Louison de Charreard wird die Gattin des
Obersten de St. Laurent. Wutet Ihr das nicht? Habt Ihr es nicht
gemerkt?

Eine Glutwelle stieg dem Jngling ins Gesicht. Nein, das hatte er nicht
gewut, er warf einen raschen Blick auf Adrian Rudolph, der fragte:
Wutest du es?

Auch Adrians Gesicht flammte. Er war aber der lteste von den drei
Kameraden und er war herb und in sich verschlossen. Also schwieg er,
sah in die Luft, als gefielen ihm die segelnden, blaugrauen Wolken
besser als alles Erdengeschehen. Nur als es zum Heimreiten kam, fragte
er: So es meinem Herrn Vater recht ist, nehmt Ihr mich auch mit, Herr
Hauptmann?

Einen Jungherrn wie Euch, den lasse ich mir nicht entgehen! Potz
heiliges Dunderwetter! Reitet und kommt bald wieder. Nur keinen langen
Abschied, bei dem die Weiber schlielich flennen.

Einen langen Abschied nahm Anthoine de Charreard nun wirklich nicht,
er nahm berhaupt keinen. Schrieb einen Brief an seinen hochverehrten,
gndigen Herrn Vater, meldete das Geschehene und sa dann drei Tage
lang in seiner Kammer, denn das erste, was er erfuhr, als er von der
Dornburg zurckkam, war, da Louison wirklich nach zwei Jahren den
Obersten de St. Laurent heiraten wrde. Das zerri dem guten Jungen
beinahe das Herz. Nun war der Feind ihm Schwager, und er hatte das
dumpfe Gefhl, sein Vater wrde ber seinen Schritt heftig erzrnt
sein, wrde ihn voreilig nennen und gar versuchen, ihn zurckzuhalten.
Also ritt er nicht gen Psen, er lernte das Schweigen; schwieg sich
gegen jedermann aus und hielt auch seinen Mund, als die Frau Herzogin
in seiner Gegenwart heftig auf Heinrich Wilhelm von Dracksdorf schalt
und dringend von ihm verlangte, er solle selbst mit dem Obersten de St.
Laurent ziehen.

Ich mu erst meine nchste Zukunft berlegen. Anthoine de Charreard
brachte zum ersten Male, seit er am Hofe weilte, es fertig, zu
antworten und sich zu verbeugen, zu lcheln und zu schweigen, wie es
die Hofsitte verlangte. Und niemand kam auf den Gedanken, er htte
schon selbstndig ber sein Schicksal entschieden.

Nach zwei Tagen kam Antwort von Psen. Ein Brief wie Wintersturm. Der
Herr de Charreard schrieb seinem Sohn, da er bitter unwillig ber
das rasche, eigenmchtige Handeln sei; doch Wort sei Wort, er msse
das Versprechen halten. Er habe aber gleichzeitig dem Hauptmann von
Hnefeld geschrieben, da er das Kmpfen gegen die Trken erlaube,
falls diese einen Krieg beginnen sollten; nicht das gegen seines
teueren Knig Ludwigs Heer. Nur zuletzt drngte sich ein freundliches
Gren in den Brief hinein, und da beugte sich Anthoine de Charreard
ber das Blatt und kte des Vaters Schriftzge, fhlte sich ihm ganz
zugehrig und fhlte sich ihm doch fremd.

Ein Diener hatte ihm den Brief gebracht, er hatte etwas dazu gesagt,
aber fr Anthoine de Charreard war das Wort stumm gewesen, er sa
und sann, bis es auf einmal drauen heftig rusperte und hustete.
Wer drauen steht, komme rein. Das war ein barscher Ton, den hatte
der junge Anthoine erst gelernt, und er mute den Ruf wiederholen.
Dringlicher, heftig fast; dann erst tat sich die Tre auf, mit hchster
Verwunderung im Gesicht trat ein -- Nikolaus Rabe.

Niklas du! Anthoine schnellte von seinem Sitze empor und pltzlich
hing er dem Heimatfreund am Halse und seine Stimme war ganz weich
geworden. Niklas, was bringst du Botschaft von --

Von der Jungfer Schwester Gre und ich schtze, von der gndigen Frau
Mutter ist dies hier, brummelte Niklas, den nach dem barschen Herein
die Freude des Junkers in eine sonderbar rhrsame Stimmung gebracht
hatte. Er hob ein stattliches, in Leinen gewickeltes Paket auf. Das da
soll ich abgeben.

Ja, es waren freilich rechte Muttergre. Ein linnenes Hemd, eine
gute Speckseite, ein paar Wrste, ein Brot, ein Beutelchen mit zwei
Golddukaten drinnen, Taufgeld, die Mutter hatte es dem Buben manchmal
gezeigt, und ein paar spte Rosen und ein Zweiglein Rosmarin aus dem
Garten, daran ein Zettel, auf dem mit unsicherer Hand geschrieben stand:

    Befiehl du deine Wege
    Und was dein Herze krnkt,
    Der allertreuesten Pflege
    Des, der den Himmel lenkt.
    Der Wolken, Luft und Winden
    Gibt Wege, Lauf und Bahn,
    Der wird auch Wege finden,
    Da dein Fu gehen kann.

Darunter: Meinem herzlieben Sohn Anton zum Geleite. Der HERRE GOTT
segne und behte dich und gebe uns ein frhlich Wiedersehen.

    In treulichster Sorge und Frbitte Deine Mutter
      Sophia Christine de Charreard geb. Riesin.

Da beugte der Junker Anthoine, der hinaus in den Kampf und Streit der
Welt ziehen wollte, sein Gesicht ber das Blatt und heulte laut hinaus.

Nikolaus Rabe, der sein fitzelbuntes Kriegskleid trug, trat von einem
Bein auf das andere, das bitterliche Weinen beschwerte ihm sein Herz,
ein paarmal brummelte er: So mt Ihr's nit halten, so nit, Jesses, so
doch nit.

Da aber der Schmerz des jungen Anthoine grndlich war, ebbte das Weinen
nicht so bald ab und es steckte den Nikolaus an. Die beiden, die von
Kriegstaten trumten, heulten herzhaft mitsammen, und wer wei, wie
lange das noch gedauert htte, wenn einer nicht die Tre aufgerissen
htte, der Eile in den Gliedern hatte. Junker, eilt Euch. Der Herr
von Hnefeld war noch nicht drinnen, da rief er das Wort schon. Der
St. Laurent hat's herausgesprt, da ich Euch bekommen habe, nun lt
er Hscher warten auf dem Wege zur Dornburg, denkt, wir ziehen gen
Berlin. Man will Euch aufgreifen, Euch und den Dracksdorf. Mich wollen
sie als fremden Werber gefangen setzen! Kommt rasch. Wir reiten im
Saaletal entlang, holen den Dracksdorf und den Rudolph, so ihm sein
Herr Vater Permission gibt, und nehmen unsern Weg ber Franken. Eilt
Euch, tut, als wr's ein Lustritt. Ich reite voran, gerade zusammen
soll man uns nit sehen.

Wir kommen eiligst nach, Herr Hauptmann, schrie Nikolaus, als wre
der Hauptmann stocktaub.

Kruzitrken, was ist das fr einer, schrie der Herr Balthasar von
Hnefeld. Ein briggebliebener Schwede gar!

So nit. Bin ein Psener Kind wie unser Junker, aber
Schockschwerebrett, ich will mit, und wenn's gegen die Trken ging,
dann wr's ein Hauptspa. Und dann erzhlte der Nikolaus mit zehn
Worten, woher er sei, warum er mitwolle, und der Herr von Hnefeld
nickte. So einen konnte er brauchen. Abgemacht, wir reiten. Aber
zuerst den Franzmnnern auf den Hals.

Sapperlot, ist mir auch recht.

Alsdann Gott befohlen. Unterhalb der Lobeda-Burg treffen wir uns.

Eine Stunde spter ritt der Junker Anthoine de Charreard aus der Stadt
und traf am Tor den Obersten de St. Laurent. Der sah des Junkers
Begleiter erstaunt an. Was ist das fr ein bunter Gauch! spottete er.
Habt Ihr einen Pfingstvogel gefangen, Junker?

Von Psen ist er gekommen. Hat mir Kunde von dort gebracht und --

Will ihn selbst holen, vollendete Nikolaus Rabe, der wohl das Zgern
des jungen Anthoines merkte. Glhrot brannten dessen Wangen.

So, auf seltsamen Wegen, andersrum scheint mir der Weg zu gehen,
spottete der Herr de St. Laurent. Er drngte sein Pferd dicht an die
beiden heran.

Durchs Leutratal reiten wir, der Weg ist khler. Nikolaus lie sich
nicht so leicht einschchtern. Gnaden sollten auch mal den Weg nehmen,
viel lnger ist er nit! Und der Wald schattet gut!

Ist das Euer Vormund, Junker Charreard, spottete der Oberst.

Unser Niklas ist's.

Fr einen Bauern trgt er ein sonderbares Kleid. Doch -- Dem Oberst
kam ein Besinnen. Richtig, den Kauz sah ich schon, als ich unsere
gndigste Frau Herzogin geleitete. Nun denn, wenn's so ist, empfehlt
mich den gndigsten Eltern -- Herr Schwager!

Anthoine de Charreard gab seinem Pferd die Sporen; er tat, als htte
das letzte Wort der Wind davongetragen. Der Herr de St. Laurent sah den
beiden nach. Der Begleiter stimmte, der Weg stimmte, und doch -- htte
er nicht besser den Junker Anthoine aufgehalten und sich damit von den
Charreards Dank erworben?

Anthoine de Charreard ritt schweigend in raschem Trabe vorwrts, ein
bitteres Gefhl brannte in ihm. Der eitle Narr sollte seiner Schwester
Mann werden. Einmal drehte er sich um, sah rckwrts Jenas Trme im
hellen Lichte stehen und sah dabei auch den Nikolaus neben sich reiten.
Mit finsterem Gesicht, wie einer, der Kampfzeit nicht erwarten kann.
Niklas, gelle, ein bitterer Abschied ist's. Was sagt dein Weib,
Niklas?

Sie heult, knurrte Nikolaus. Aber nune sie den Kleinen hat, nimmt
sie's leichter. Sie denkt eben: ist 'ne Krankheit und wird vorbeigehen.
Ist auch so. Junker, eins aufbrennen mchte ich dem Milchgesicht da,
damit er unsere Louison nit freit. Unsere Louison und der, hol's der
Teufel, gut geht es nit aus.

Und dann ritten die beiden weiter bis zur Leuchtenburg, deren Tor sich
ihnen gastlich auftat. Am nchsten Morgen ritten die fnf Mnner vor
Tau und Tag die Saale entlang und Nikolaus dachte dabei an den Zug,
den er einst als Trobube der Schweden mitgemacht hatte. Lang war es
her, vor sieben Jahren war er heimgekommen und nun verlie er Weib und
Kind, weil das wilde Reiterblut in ihm nicht zur Ruhe kommen konnte. Er
erhob seine Stimme und begann in rauhen Tnen ein Kriegslied zu singen,
ungefge gellte das durch das stille Saaletal und weckte noch manchen
mden Schlfer auf. Den Leuten kam dabei ein bses Erinnern und ein
paar zaghafte Weiberlein krochen gar unter die Betten: Hilf Himmel,
die Schweden sind wieder da! Der Herr Kurfrst von Brandenburg ist
ihrer doch nich Herre geworden.

Doch der rauhe Gesang starb mhlich in der Ferne, leiser und leiser
tnte es im Saaletal:

    Steh dir bei der himmlische Segen
    Jedweden einem
    Der Leib sei dir beinern
    Das Herz sei dir steinern.
    Das Haupt sei gesthlet
    Der Himmel geschildet
    Die Hlle versperret,
    All's bel sei von dir verirret.

Herr Balthasar von Hnefeld lachte. Ich wei eine andere Melodie,
alter Kriegskamerad, als dein verzwicktes Zaubersprchel. Auf,
mitgesungen:

    Es geht ein Butzemann im Reich herum --
    Didum, didum! Bidi, bidi, bum

da fiel der Nikolaus lachend ein und beide sangen:

    Der Kaiser schlgt die Trum
    Mit Hnden und mit Fen,
    Mit Sbeln und mit Spieen,
    Didum, didum, didum.

Die drei Junker erhoben ihre Stimmen dazu und so singend zogen sie
durch das Land.

ber ein kleines noch, und die drei Jugendfreunde steckten im
Soldatenrock.




12. Kapitel.


In Psen war es recht still.

Das junge Jeannettchen ging einher mit leidbeschwertem Gemt. Der
Bruder, an dem seine Seele hing, war fortgezogen und mit ihm der
Freund. Die Schwester, die nach des Herzogs Begrbnis acht Tage in
Psen weilte, war so fremd, ach so fremd der Heimat geworden. Und die
Eltern waren bedrckt. Sehr still zogen die Tage einher, wie Schiffe,
die bei windlosem Wetter trge dahingleiten.

Jeannettchen tat ihre Arbeit im Hause und hatte keine Freude daran. Sie
ging auch zu dem Magister Albertinus, den seine Hausfrau einen rechten
Trostengel nannte. Ein wunderlicher Engel, man mute schon seines
Wesens milde Gte erkennen, um den dnnbeinigen hageren Mann just einen
Engel zu nennen. Jeannette de Charreard sa in den Stunden, die sie
bei ihm zubrachte, vertrumt da und selbst der gute Magister, der so
freundlich in jeglichem Urteil war, konnte ihr keinen besonderen Flei
nachrhmen.

Einmal -- die Sommerfden spannen sich schon silbern von Ast zu Ast,
ruhten auf den Wiesen und wehten Jeannette ins Gesicht, wenn sie zum
Rabenhofe ging -- fragte der Magister:

Und wo hat die Jungfer die Gedanken gelassen?

Da legte Jeannettchen den Kopf auf den mit Tintenflecken nicht sehr
suberlich gezierten Tisch und schluchzte laut. Ihr Herzeleid brauchte
Trnen.

Steht es so! Der Magister nahm einen Bogen, tunkte den Gnsekiel in
die schwarze Flssigkeit und begann Linie um Linie zu ziehen. Dann
tippte er das weinende Mdchen sacht an und forderte sie auf, seiner
Linien krauses Gewirr zu schauen. Da seht, Jungfer Johanne, hier sind
wir, nun wandern wir am Leutrabach entlang, kommen an den Saaleflu,
so, da drehen wir uns um, ziehen gen Franken, erst westwrts, dann
nordwrts, und da, meine kleine Jungfer, ist eine Stadt in Geldern, am
Waaleflu gelegen, Nymwegen wird sie genannt; dorten sitzen itzt viele
hochweise Herren und beraten ber den Frieden. Bald ist's aus mit dem
Krieg, dann kommen die Junker und dieser Querkopf, dieser ganz trichte
Feuerbrand, so sich Nikolaus Rabe benennet, heim. Sie werden sicher dem
Herrn Kurfrsten von Brandenburg nicht weiter dienen. Und alles Leid
hat dann ein Ende!

Wenn -- wenn sie nun aber doch nicht Frieden schlieen?

Wenn -- wenn, liebwerteste Jungfer Bedenklichkeit, -- wenn der Fisch
Beine htte, knnte er laufen, man mu nicht zu oft >wenn< im Leben
fragen.

Jeannettchen wurde froh bei dieser Strafrede. Ihr Blick lief noch
einmal den krausen Linien nach, ihre Gedanken berflogen die Weite
zwischen Land und Land und sie dankte getrstet dem alten Magister. Ja,
sobald Friede war, wrden sie heimkommen. Der Brandenburger wrde sie
gar nicht mehr brauchen.

Doch ein hochgelehrter Herr Magister und eine junge Jungfrau zusammen
knnen in Kriegsdingen irren. Die Ausgezogenen kamen nicht heim. Erst
schlo der Knig Ludwig mit den Staaten, dann mit Spanien und als der
Frhling nahte, mit sterreich Frieden, aber die drei Freunde und der
alte Kriegsmann hatten es nun einmal vor, noch gegen die Trken zu
ziehen, und sie tummelten sich weiter in der Fremde herum.

Der Tag ihres Auszuges jhrte sich zum zweiten Male und in Psen
dachte man an die Hochzeit der schnen Louison mit dem Herrn de St.
Laurent. Der Oberst war aus Frankreich zurckgekehrt, um seine junge
Frau zu holen. In Straburg, das deutsche Schwche und Verrat an
Frankreich ausgeliefert hatten, war sein Quartier bisher gewesen;
nun sollte es Paris werden. Er umnebelte Louisons klares Denken so
mit seinen wunderreichen Erzhlungen von seines Heimatlandes Gre,
da das junge Ding meinte, es ginge durch diese Heirat schier in das
Paradies. Die Hochzeit sollte in Stille und Einfachheit gefeiert
werden. Die Herzogin lebte seit dem Tode ihres Gemahls in bedrckten
Verhltnissen, wollte aber doch nicht darauf verzichten, die Hochzeit
selbst auszurichten. Sie gestattete den Eltern nur gndig, all das zu
liefern, was in der herzoglichen Kche fehlte, und Sophia Christine
sah eines Tages wehmtig die Vorratskammern durch, schrieb auf, was da
war, und dachte trbe an des jungen Anthoines Taufe. Jetzt brauchte
sie nicht mehr nach der Buerinnen Hilfe auszuschauen, knapp ging es
zwar zu, doch reichte es immer, aber es schien ihr doch, als wre ihr
Glck damals grer gewesen. Ihre sorgenden Gedanken hingen sich an ein
frstliches Handschreiben, das vor kurzem der Bote gebracht hatte. Ihr
Mann hatte es erbrochen, gelesen und war dann schweigend den Hausberg
hinaufgegangen. Nun wute sie, es war Schweres, was er erfahren hatte,
und sie wartete lange auf sein Zurckkommen und seinen Bericht.

Jeannettchen hatte nichts von dieser aufziehenden Wolkenwand bemerkt.
Die schritt am Leutrabach hin und ihre Gedanken umspannen Geschwister
und Freunde, whrend sie sich von einem lauen Sommerwind umwehen
lie. In der Mhle war das elfte Kind geboren worden und Jeannettchen
trug eine Gabe fr die Frau im Korb. Die gab sie ab, sprach mit dem
Mller, dessen Gesicht bei jedem Bblein oder Mdelchen, das in der
buntbemalten Wiege lag, um ein Scheinchen heller wurde, dann rstete
sie sich zum Gehen. Bis zum Waldrand schritt sie noch, tiefer hinein
wagte sie sich nie, obgleich man nie mehr ein Schauermrlein hrte, das
im stillen Tal den Frieden gestrt htte.

Und wie Jeannettchen so unter einer der groen Tannen sa, vernahm sie
auf einmal Pferdegetrappel. Wie damals, als Nikolaus Rabe heimkehrte.
Sie blieb aber ruhig sitzen, dachte, es wird ein Bote von der
Leuchtenburg sein, drben lag ja die Mhle, die klapperte, der Bach
lrmte, es herrschte nicht jene verwunschene Stille im Tal wie damals.
Das Trappeln kam nher, und dann sprang Jeannettchen doch erschrocken
auf, als sie von der Seite einen Reiter daherkommen sah, dem man das
Kriegswesen ansah. Aber der Schreck war nur kurz. Die Augen des Mannes
blickten froh, das rote Gesicht erstrahlte und Jeannettchen rief
jubelnd des Jugendfreundes Namen: Heinrich Wilhelm, Ihr!

Eia ja, da bin ich, antwortete der behaglich. Mademoiselle Jeannette
hat mich beim Teufel rekonnssiert.

Jeannettchen hrte an dem fremden Ton vorbei, ein Schatten flog ber
ihr Gesicht: Allein? fragte sie mit verhaltener Sorge.

Der Junker von Dracksdorf sprang von seinem Pferde, schlang die Zgel
um die Tanne und warf sich ins Gras; da setzte sich Jeannettchen wieder
auf den bemoosten Stein und bat: Erzhlt.

Was gibt's da viel zu reportieren. Unser Oberst wollt' uns nicht
loslassen, bei Trier liegt unser Fhnlein. Der Hauptmann meint,
es ginge in Blde gegen den Knig Ludwig und seine verdammten
Reunionskammern los oder gegen den Trken, und der Anthoine sagt: So
oder so, ihm wr's gleich. Ich bin persuadiert, er wird mal ein groer
Kriegsmann, Euer Monsieur Bruder, so ein Draufgnger ist er. Der
Adrian tut's ihm sachter nach, der Niklas ist aber wild darauf, gegen
Franzosen oder Trken sein Pulver zu verschieen. Ich wr' wohl auch
noch nicht heimgekommen und htte meinen Abschied genommen, wenn der
Herr Vormund nicht geschrieben htte, es wre nun Zeit, meine Gter zu
bernehmen und eine Hausfrau heimzufhren.

Hier tat der Junker von Dracksdorf einen erschrecklichen Seufzer und
Jeannettchen wurde blutrot und wurde gleich wieder bla, denn der Mann
da neben ihr fing an zu erzhlen, er wre in Jena gewesen und htte da
Louison gesehen. Zum Henker, knurrte er, die htte mir besser als
Madame de Dracksdorf gefallen als --

[Illustration]

Wir wollen heimgehen! Jeannettchen stand rasch auf, sie merkte es gar
nicht, da ihr ein paar helle Trnen ber die rosigen Wangen liefen,
so tief war ihr Herzeleid in diesem Augenblick. Aber der Junker von
Dracksdorf, der schon mal in der Einfalt seines Gemtes einen Baum
umrennen konnte, sah doch die Trnen, und er machte sich auch das
rechte Verslein dazu. O lieber Himmel, da war ihm im stillen Tal die
Blume Wunderhold erblht, die er so himmelgern in Jena gepflckt htte.
Ja, sagte er und wurde in seiner Verlegenheit feierlich, es ist wohl
Zeit, den gndigen Eltern der Mademoiselle meine Komplimente zu Fen
zu legen, ich bin persuadiert, sie werden meinen Rapport mit Ungeduld
attendieren.

In all ihrem Herzeleid mute Jeannettchen lachen. Sie knixte tief und
sagte mit der anmutigen Schelmerei, die ihr Muttererbe war: Und ich
bin persuadiert, den Herrn Magister trifft der Schlagflu, so er des
Herrn Junkers verwelschtes Gerede vernimmt.

Potz Blitz, war das das stille, schchterne Jeannettchen?

Der Junker ri Mund und Augen auf, war so verdutzt, da er die
lachende Jungfer erst davonlaufen lie und ihr dann nach ein paar
Minuten eilfertig und ziemlich beschmt nachrannte. Ihm war nmlich
der Gedanke gekommen, da die Trnlein vorhin der Schwester Heirat
und nicht ihm gegolten hatten, und er schmte sich seiner Einbildung
gewaltig. Mademoiselle Jeannette, stammelte er, als er die Enteilende
eingeholt hatte, wenn man sich um die Nase den Weltwind hat eine Weile
soufflieren --

Redet deutsch, Junker von Dracksdorf, unterbrach ihn Jeannettchen,
der Weltwind wird Euch hoffentlich nicht Eure guten deutschen Worte
alle davongetragen haben. Und da kommt der Magister!

Wirklich kam Magister Albertinus den beiden entgegen. Erst staunte er,
dann erschrak er und dann schalt er, denn der Junker verga zu schnell
Jeannettchens Mahnung, er rief: Ich kann nur Gutes rapportieren von
dem Sukze und der Honneur des --

Gutes was? Der Magister sah den Junker an wie einen, der vom
Mond gefallen ist, und Jeannettchen lachte dazu. Lachte die beiden
verdutzten Mnner aus, bis der aus der Welt Heimgekommene merkte, im
stillen Leutratal redete man unverwelschtes Deutsch, und dem Magister
ein Lichtlein aufging, da drauen die Torheit, die deutsche Sprache
mit fremden Flicken zu behngen, noch fortwucherte. Na, Junker von
Dracksdorf, wenn Ihr schon so redet, was werden erst die andern fr
verwelschte Muler haben, brummte er. Na, aber, ich gewhn's ihnen
ab.

Zum Teufel ja, und tausend Schu will ich wetten, ich gewhn's mir
auch wieder ab, antwortete Junker Heinrich Wilhelm. Da war der
Friedensschlu fertig ohne so lange Verhandlungen wie in der Stadt
Nymwegen. Die Raben-Buerin bekam Gre, ein flandrisches Tuch und ein
paar Dukaten von ihrem wanderlustigen Mann. Darber weinte sie still
und ging ins Haus, denn der Mann wre ihr lieber gewesen als Tand und
Gold.

Jeannettchen drngte zum Heimgehen. Der Magister schlo sich an. Als
die drei am Hause anlangten, sahen sie Herrn de Charreard und seine
Frau unter der Linde sitzen, und es war wohl zu merken, sie redeten von
einer gemeinsamen Sorge.

Herr Vater, Frau Mutter, Nachricht vom Bruder! rief Jeannettchen. Sie
lief mit so leichtfiger Anmut vor dem etwas schwerflligen Junker
einher, da der ber dem Bewundern beinahe den Willkommengru verga.
Und dann machten ihn des Jeannettchens strahlende Augen ganz verwirrt,
und er kauderwelschte verlegen, er schtze es fr einen heureusen
Augenblick, selbst den agreablen Rapport von des Freundes Sant geben
zu knnen, der --

Da verga der gute Magister alle hfliche Form, brummte unwirsch,
dieses wr nun seiner Meinung nach ein saudummes Gewsch; es hrte aber
niemand auf sein Schelten. Endlich lief er zornig davon.

Der arme Junker geriet durch Jeannettchens Lachen wieder in eine sehr
unangenehme Beklemmung, und er suchte sich herauszuhelfen durch Gre,
die er aus Jena brachte. Da trbten sich aber die eben noch so hellen
Gesichter der Charreards. Jeannettchen kamen aus unbewuter Eifersucht
heraus Trnen. Frau Sophia Christine aber rief schmerzlich: Ach, die
Frau Herzogin will uns gar kein Kind lassen, nun soll auch noch unser
Jeannettchen als Hofjungfer nach Weimar kommen.

Ich -- Frau Mutter, ich -- Hofjungfer!

Wre das ganze stattliche Wohnhaus just in dem Augenblick
zusammengepurzelt, das Jeannettchen htte nicht entsetzter dreinschauen
knnen. Und dann brach der Schmerz des guten Kindes so jh hervor,
wie der kleine Bach unten es tat, wenn Tauwind ber die Berge raste.
Jeannettchen sank vor ihrer Mutter nieder und in deren Herzen klang das
Leid ihres Kindes schmerzlich wieder. Und sie konnte doch nicht helfen.

Der Junker von Dracksdorf schaute auf das weinende Mdchen und alle
Gedanken an Louison vergingen ihm, nur an Jeannettchen dachte er,
und wie er wohl helfen knnte. Weil er nun wohl etwas schwerfllig
war, es ihm aber keineswegs an hellem Verstande mangelte, berlegte
er bedachtsam allerlei Wege zur Hilfe und Rettung des bedrngten
Kindes. Flucht war abenteuerlich, aber bei einer Heirat, wenn sie just
beschlossen war, wrde man in Weimar von der Forderung abstehen. Er
rusperte sich laut, trat von einem Bein auf das andere und platzte
etwas pltzlich heraus: Ich habe die Intention, da fr das Frulein
der agreabelste Ausweg aus dieser fatalen Situation eine gute Mariage
wre, und da ich das Frulein von Kindheit an adoriert habe, bin ich
persuadiert, es -- es -- es -- Der Redeflu des guten Junkers stockte,
aber Jeannette de Charreard hatte genug gehrt, und sie hatte auch alle
Fremdwrter fein richtig verstanden, nahm auch keinerlei Ansto daran,
sondern ihr Schluchzen wandelte sich sachte in ein heiteres, leises
Lachen, sie stammelte fest an die Mutter gelehnt: Wenn -- wenn Er mich
liebt, dann -- dann --

Von seiner groen Amour wollte der Junker gerade sprechen, da fuhr ihm
das Wrtlein Liebe unversehens dazwischen und er sagte ganz einfach:
Ich liebe die Jungfer Jeannette, bei Gott, ber alles in der Welt.
Hab's just erst gemerkt, wie sehr sie mir ans Herz gewachsen ist. Man
mu wohl in die Welt ziehen, um das Einfachste zu verstehen.

In dem Herzen der Mutter sang und schwang wieder die groe
Feiertagsglocke. Die an ihrem Einzugstage zuerst getnt und allemal
wieder ihre Stimme erhoben hatte, wenn ihr ein neugeborenes Kind
im Arme lag. Ihre trnenfeuchten Augen suchten die des Mannes, und
Herr Anthoine de Charreard beugte sich ber seine Frau und sagte
leise: Wenn unser Jeannettchen wird wie du, dann kann der Junker von
Dracksdorf diese Stunde segnen.

Herr de Charreard schrieb an diesem Tage mit solcher Freude im Herzen
an die Herzogin Marie, wie er es seit Jahren nicht getan hatte. Er
durfte ihr eine wohlbegrndete Absage geben, denn da die knftige Frau
von Dracksdorf nun noch eifrig im Hause lernen mute, das verstand auch
die Herzogin.

Jeannettchen war glckselig. Bei der Hochzeit ihrer Schwester Louison
berstrahlte sie sogar die schnere Schwester im Glanz ihres jungen
Glckes. Ein leiser Wiederschein davon ruhte auf dem Gesicht ihrer
Mutter. Das Glck der Jngeren lie sie auch an das Glck der lteren
glauben, obgleich ein Widerwillen gegen deren Mann immer in ihr
lebte. brigens sah niemand weniger strahlend aus als der Oberst de
St. Laurent. Er hatte ein Bndel getuschter Hoffnungen mitgebracht.
Man war ihm als Hugenotten mit Mitrauen begegnet, und er hatte wohl
gesehen, da die Hilfe, auf die die Hugenotten in Frankreich gerechnet
hatten, ihnen nie von Knig Ludwig kommen wrde.

Bald nach der Hochzeit verlie Louison die Heimat. Sie war nicht mehr
in Psen gewesen, das stille Tal lag wie ein Traumland hinter ihr, sie
dachte nur an Paris, wohin ihre Reise ging. Der Oberst de St. Laurent
hoffte dort durch einflureiche Verwandte und Freunde eine glnzende
Stellung zu erhalten. Ungern sah ihn die Herzogin scheiden, aber
die Verhltnisse waren fr sie sehr drckend geworden. Sie verlebte
ihre Zeit viel auf ihrem Gute Porstendorf. Sie war mde geworden und
krnkelte viel, hatte etwas die Lust verloren, mit dem Schicksal
anderer Fangeball zu spielen. Freilich, ihre Umgebung hatte viel unter
ihren bitterbsen Launen zu leiden.

[Illustration]

Auch in Psen sollte es noch stiller werden. Zwei Jahre nach Louisons
Hochzeit wollte Heinrich Wilhelm von Dracksdorf sein Jeannettchen
heimfhren. Der junge Gutsherr hatte jegliche Lust zum Ausziehen in die
Weite verloren, er hatte auch seine schnen Fremdwrter alle wieder
vergessen, und der alte Magister Albertinus brauchte nicht mehr zu
mahnen, die fremden Unkrutlein nicht zu schlimm wuchern zu lassen.

Anthoine de Charreard hatte sein Kommen zu der Schwester Hochzeit
zugesagt. Wenige Wochen vorher war es, im September sollte die Hochzeit
stattfinden, da ritt einer allein durch das Tal, der nun meinte, es
wre auch eine Heimkehr fr immer. Es war der Nikolaus Rabe, der kam
heim, weil ihm das Warten auf den Trkenkrieg drauen zu lang geworden
war. Er hatte sich noch tchtig in der Welt herumgetummelt und zuletzt
seinem Junker nach Paris das Geleite gegeben, nachdem er seinen
Abschied genommen hatte. Dort hatte der Junker Schwester und Schwager
getroffen, und der Nikolaus Rabe konnte nur berichten, es gehe ihm gut.

Als der alte Kriegsmann vor seinem Bauernhof ein strammes Bbchen
spielen sah und ein wenig ernst und bedrckt seine junge Frau still auf
dem Felde werken fand, da stieg's ihm hei zu Kopfe, und er hielt sich
selbst, noch abseits vom Hause, eine tchtige Standrede. Die lautete:
Niklas, alter horndummer Mistesel du, konntest alleweil auch was
Gescheiteres tun, als in der Welt herumzuziehen. Lt Weib, Kind, Haus,
Hof im Stich und bist weder richtig an die Franzosen, noch ein bichen
an die Trken herangekommen. Hol dich der Teufel, ein Stck Holz ist
klger als du. Und nach dieser feierlichen Ansprache an sein eigenes
Ich betrat Nikolaus Rabe das Haus, das Bbchen war davongelaufen,
und der Magister Albertinus war der erste, der dem Heimkehrenden
entgegentrat.

Kruzitrken, schrie Nikolaus, das nenne ich Fortune haben, von so
einem gelehrten Monsieur an der Tre salviert zu werden!

Schafskopf, schrie der alte Magister, macht Er die gleiche Dummheit
wie der Junker von Dracksdorf! Hat Er, wei der Himmel, nichts anderes
drauen gelernt als sein Maul mit welschen Brocken zu fllen? Jemine,
so kommt er nun heim! Ein Querkopf zog aus, ein Strohkopf kehrt zurck!

Dunderwetter, das hat wohlgetan! Der Nikolaus lachte ber das ganze
Gesicht. Mehr, Herr Magister, mehr! Solche Sprchlein tun wohl.
Parbleu -- wollte sagen Coup de Tonnr, ih niche doch, zum Teufel noch
mal, ich hab's verdient. Und nune potz Blitz, wo sind Weib und Kind?

Die kamen beide angerannt, erst erschrocken vor dem fremden, fluchenden
Mann, dann hing ihm das junge Weib am Hals und rief: Endlich, Niklas,
endlich. Als du fortzogst, konnte der da noch niche recht reden und
itze pappert er's Blaue vom Himmel runter.

Ja, und unser Jeannettchen war ein Kind, und in drei Wochen wird sie
Frau von Dracksdorf, redete der Magister besinnlich in den lauten
Jubel der Frau hinein.

Na, Gott sei Dank, denn die Louison ist Madame de St. Laurent und
tut, als htte sie in Paris ihren ersten Schrei getan. Dunderwetter,
kaum angesehen hat sie mich. Und unsern Junker Anthoine haben sie
eingesponnen wie eine arme Fliege.

Und der junge Herr Adrian? fragte der Magister.

Der ist nach Wien gezogen auf die hohe Schule, hat seinen Abschied
genommen, weil's doch nichts mehr zu kmpfen gab. Akkurat nach Wien,
ich persuadier --

Da Ihm gleich sein Dach auf den Dmelkopf fllt!

Dunderwetter ja! Der Herr Magister kann's fluchen fast besser als
der Herr von Hnefeld, und der hat arg gewettert, als wir so Woche um
Woche gelegen haben und nix zu sehen kriegten vom Feind. Und hernach
der vermaledeite Friede und jetzund der, den der arme Herr Kurfrst
von Brandenburg hat unterschreiben mssen. Sie sollen ihm alle seine
wohlverdiente Siegesbeute genommen haben, und ich habe die Opinion, da
--

Was hat Er noch? Glauben tut Er, und was glaubt Er?

Da, da -- es der Herr Adrian mit den Wissenschaften hlt,
stotterte Nikolaus, der durch des Magisters heftigen Anruf ganz aus
der Fassung gekommen war. Er verga es, den Faden des Weltgeschehens
weiterzuspinnen, war wieder im engen Tal der Heimat und htte nun
gern etwas von Haus und Hof gehrt. Doch der Magister war damit nicht
zufrieden, dessen Gedanken gingen dem Schicksal der drei Freunde nach.
Er brummelte: So, so, mit den Wissenschaften hlt's der Junker Adrian.
Alleweile, da hat er den besten Teil von allen dreien erwhlt. Heirat
und Kriegsdienst sind nicht viel wert, die Wissenschaften sind am
besten.

Aber da redete die Frau flink hinein, die bis dahin geschwiegen hatte.
Das meine ich nun eben niche. Der Junker von Dracksdorf, der unser
Jeannettchen bekommt, der kann lachen. Der Herr Magister sind zwar ein
hochgelehrter Herr, aber vom heiligen Ehestand versteht er doch kein
linschen.

Potz Blitz, Frau, das war recht gesprochen, und eine gute Mariage --

Ja potz Blitz, den heiligen Ehestand in Ehren, aber in deutschen Ehren
fr uns, Er verwelschter Dummkopf, schrie der Magister. Und nun
kommt, wir gehen und melden, da der Junker Anton zur Hochzeit kommt,
so ist es doch richtig?

Ich meine halt, nein, murmelte Nikolaus. Er kommt nit, hat in der
groen Stadt Paris unser stilles Tal vergessen! --




13. Kapitel.


Ein wenig spter konnte Nikolaus Rabe, der Heimgekehrte, seinen Bericht
erstatten. Der gute Magister hatte dabei viel Grund zu knurren und zu
schelten, denn im Eifer purzelten recht viele fremde Wrter dem Manne
aus dem Mund. Er redete ein wunderliches Mischmasch durcheinander.
Die Charreards hrten nicht darauf, Herr Anthoine strahlte, aber ber
Sophia Christines klares Gesicht flogen Schatten. Nikolaus sagte nicht,
da der Junker die Heimat vergessen htte, aber ihr Ohr hrte das
Verborgene und in ihrem Herzen rann die Trnenquelle.

Zwei von den Charreards in Paris, das ist recht, rief Herr Anthoine.
Pa auf, herzliebe Frau, unser Anthoine bringt dort den Namen
Charreard wieder zu Ehren. Da sah der Mann in seiner Freude doch das
wehe Lcheln um den Mund der Frau zucken und er sagte: Da dir unser
Sohn Dracksdorf doch wirklich lieb ist wie ein Sohn, mut du eben
denken, Teuerste, zwei Kinder dort, zwei Kinder hier, eine gerechte
Verteilung.

Ach, es war nicht so, wie es der Herr de Charreard sagte. Die Frau
trug alle vier Kinder im Herzen, auch den Schwiegersohn, dessen
Verlassenheit sie einst in ihrem jungen Glck so tief gerhrt hatte.
Der Oberst de St. Laurent dagegen war ihr fremd, und um dieser
Fremdheit willen dachte sie mit immer wacher Sorge an Louison. Zwei
Kinder hier, zwei Kinder fern. Frau Sophia Christine dachte in diesen
Tagen manchmal an die Glucke mit den zehn Kchlein, die sie alle an
ihrem Einzugstag schtzend umfangen hatte. Da doch eine Menschenmutter
ihre Kinder nicht immer so bei sich haben kann.

Aber freilich, Jeannettchens junges Glck stand wie eine Sonne ber
dem Hause. Einmal zog eine Wolke darber, die Herzogin Marie von Jena
starb. Sie hatte Frau Sophia Christine viel Herzeleid angetan, und doch
weinte die Frau um sie, sie gedachte der verlassenen Kinder.

Es war im August. Ein paar Wochen spter fuhr die kleine Prinzessin
Elisabeth Marie von Jena nach Psen, sie wollte, ehe sie an den Hof des
Herzogs Johann Georg zu Eisenach reiste, um dort zu bleiben, Abschied
nehmen. Was der Hochmut ihrer Mutter Frau Sophia Christine zu Leide
getan, das glich die Tochter unbewut in zrtlicher Liebe aus. Sie war
so selten in Psen gewesen und hatte doch das Gefhl, heimzukommen,
als sie vor sich das einsame Tal in goldrotbrauner Herbstpracht liegen
sah. Und zum groen Entsetzen ihrer Begleiter verlangte sie den Hohlweg
hinab zu gehen, und sie ging mit federndem Schritt -- wie einst Frau
Sophia Christine.

Und dann verlangte sie alles im Haus, auf dem Hofe zu sehen, sie ging
in die Kapelle, kroch die Hhnerstiege hinan, wute, wo alles stand und
lag; wie ein Mrchen von Sonne und Glck war ihr alles, von dem ihr
Freund Anthoine ihr einst erzhlt hatte, in das Herz gesunken. Zuletzt
forderte sie, whrend ihre Begleiter mit den Charreards im Festsaal
saen, von Jeannette, sie solle sie nach dem Rabenhof begleiten.
Jeannettchen erschrak ber dieses Begehren. Eine Prinzessin, die zu
Fu nach einem Bauernhof ging, das war doch schier unmglich. Und wie
sie mit der kleinen Prinzessin noch stand und redete und abmahnte,
kam auf einmal der Nikolaus von seinem Hause her. Just als htte
ihn das Wnschen der kleinen Prinzessin herbeigezogen, so war es.
Nikolaus blieb stehen, wagte sich nicht recht nher und war dann hchst
verdutzt, als ihn Elisabeth Marie anrief: Komm Er her! Ich habe einen
Auftrag fr Ihn!

Sie zog einen Brief aus ihrer Tasche, hielt den Nikolaus vor die Nase
und fragte: Zieht Er in den Trkenkrieg?

Ist ja keiner, antwortete der Bauer erstaunt, und ber dem Erstaunen
verga er die Hflichkeit.

Er kommt aber. Seine Liebden, mein gndiger Herr Oheim, haben es
gesagt! Ja, vielleicht kommen die Trken gar hierher, wissen kann man
es nicht. Wenn Er aber in den Krieg zieht, soll Er den Brief mitnehmen
und ihn dem Junker Anthoine geben, damit der schnell heimkommt. Ganz
schnell mu er aber kommen.

Nikolaus starrte das Prinzechen mit immer runderen Augen an. Elisabeth
Marie tat, als wre das In-den-Krieg-Ziehen wie ein Spaziergang von
Jena ins Leutratal und als mten sich alle Menschen treffen wie etwa
Sonntags vor der Stadtkirche von Jena. Ich zieh aber nit in den Krieg,
die Frau will's nit.

Sie mu wollen, Er hat es dem Junker de Charreard doch versprochen?
Elisabeth sah ganz bse drein, und als der Bauer in seiner Verlegenheit
die Arme steif herunterhngen lie und den Brief nicht nahm, brach sie
in Trnen aus und rief: Helf Er mir doch. Ich mu dem Junker Anthoine
schreiben, er mu mir helfen, sonst -- sonst mu ich Liebden, den Herrn
Vetter Wilhelm Ernst, heiraten, und ich will ihn doch nicht.

Das war freilich eine schlimme Sache.

Jeannettchen sah bekmmert drein. Sie riet. Wir schicken dem Bruder
den Brief.

Wohin, wo ist er?

Ja, wo war Anthoine? Noch in Paris? Niemand wute es, aber Nikolaus
meinte: Ich schtze, er wird noch dort sein.

Da nahm Jeannettchen den Brief vorlufig an sich und versprach ihn
bei guter Gelegenheit an den Bruder zu senden. Freilich war dies der
kleinen Prinzessin nur halb recht, die hatte gemeint, Nikolaus Rabe
wrde schnurstracks in die weite Welt reiten und den Brief ihrem
guten Kameraden Anthoine geben. Wo er den zu finden hatte, wre dann
des Nikolaus Sache gewesen, da das Prinzechen nur ein paarmal nach
Porstendorf, dem Gute ihrer Mutter, und einmal nach Weimar gereist war,
meinte es, das Reisen in der weiten Welt herum sei nicht so schwer.

Der Bauer sah wohl den Kummer, und der bedrckte ihn schwer, auch lag
ihm der nahe Trkenkrieg auf dem Herzen. Er ging mit gesenktem Kopf
heim und war dann wortkarg, lie den Magister und seine Frau reden und
sagte nur pltzlich aus tiefem Nachsinnen heraus: Parbleu, gegen die
Trken ziehen, das -- wr' schon was.

Niklas, schrie die Frau erschrocken, du denkst doch wieder an en
Krieg.

Armes Weib, knurrte der Mann, und dann schwieg er sich an diesem
Abend aus. --

Die kleine Prinzessin Elisabeth Marie weinte heie Trnen beim Abschied
von Psen, und Frau Sophia Christine hielt das Kind der Frau, die ihr
so viel Herzeleid zugefgt hatte, in ihren Armen, als wre es ihr
eigenes Kind. Ein tiefes Erbarmen war in ihr mit dem Waislein, und
sie antwortete innig: Gott gebe es, als die Prinzessin von einem
Wiedersehen sprach. --

Eine Weile nach dem Besuch war es still im Tal, doch dann tnte
Hochzeitsjubel auf. Und alle nahmen daran teil, die Dorfleute,
die Rabes; der Magister Albertinus versuchte sogar ein sinniges
Hochzeitslied zu dichten, aber mit dem Reimen wollte es ihm nicht recht
gelingen. Doch ein Hochzeitsgedicht gehrte zur Hochzeit, und da alle
von dem guten Magister eines erwarteten, sa er sthnend und schwitzend
am grnen Kachelofen der Wohnstube mit den Leuten vom Rabenhofe und
dichtete. Es wollte nicht gehen. Dreimal sagte er: O holde Jungfer
Braut -- dann war seine Kunst zu Ende. Was reimt sich in aller Welt
nur auf Braut? rief er.

Sauerkraut, brummte Nikolaus, der immer stiller wurde in dieser Zeit.

Traut, redete seine Frau sanft dazwischen.

Ich hab's, schrie der Magister:

    O holde Jungfer Braut,
    Bald wirst du angetraut
    Dem Manne deiner Wahl -- Wahl -- Wahl

Qual! schrie Nikolaus.

Quatsch, knurrte der Magister und dichtete dann doch:

    Das ist dir keine Qual.
    Du schnen Lilien gleiche --

Jetzt gibt's wieder eine Sau! rief der Nikolaus.

Was gibt's?

Na, halt 'ne Sau, so nannten wir's, wenn einem was fehlschlug.

Er ist 'n Schafskopf, sagte der Magister unwirsch. Meine Verse sind
keine Sue. Er mu sich besser halten in seiner Rede. Pat auf, jetzt
kommt's:

    Einem Engel aus dem Himmelreiche
    Gleichst du mit deinen Purpurwangen,
    Die wie die schnen roten Rosen prangen,
    Und deiner Augen Himmelsblau --

Dunderwetter, das hab' ich noch nit gewut, da unser Jungfer
Jeannettchen blaue Augen hat; braun sind sie, braun.

Meinetwegen braun, obgleich das bei der edlen Dichtkunst gleich ist,
wie die Augen in Wirklichkeit aussehen. Also:

    Und deinen Augen, wie Nsse sind sie so braun,
    Schenket heute ein edler Junker sein allertiefstes Herzenvertraun.

Ich mein halt doch, das wr' wieder eine Sau gewesen, brummelte der
Bauer vor sich hin, aber der Magister war jetzt in das Dichten gut
hineingekommen, er reimte, als ob er ber einen steilrlligen Berg
lief. Hoppla hopp, da war ein Reim! Da gab es eine Zeile, die kurz war
wie der krzeste Tag im Jahr, und eine, die zwei Meilen mehr hatte.
Den Magister kmmerte es nicht, und die Hochzeitsgste nahmen keinen
Ansto daran. Sie waren alle mit dem Hochzeitsgedicht zufrieden.
Jeannettchen hrte vor lauter Rhrung nichts, der Herr von Dracksdorf
dachte nur: Besser htt' ich's nicht gekonnt, und Frau Sophia
Christine und ihr Mann dachten, trotz des feinen Schneeschleiers,
der schon ber dem Tale ruhte, doch an den Tag ihres Einzugs, an
sommerliche Schne und blhende Linden. Und als der gute Magister
vortrug:

    Es weilen die teuersten Geschwister ferne
    Und verlebten doch mit uns den Freudentag sehr gerne,

da rollten Trnen ber das Gesicht der Mutter. Die Hnde der Gatten
fanden sich, und ihre Gedanken flogen auf sanften Schwingen zu den
beiden hin.

Nach Paris.

Fr Sophia Christine war es eine unheimliche fremde Stadt, Herr de
Charreard dachte an Glanz und Sonne, dachte an den Hof des prchtigsten
Knigs. Dort war sein Sohn, ein Charreard war wieder in Paris. Er
erhoffte Groes von dem Dortsein, erhoffte neuen Glanz fr das
Geschlecht der Charreards.

Aber Anthoine war, whrend seine Schwester Jeannette seinem Freunde
angetraut wurde, gar nicht mehr in Paris. Wenige Tage vorher hatte
er verbittert, angewidert von dem Hflingstreiben, von der blassen,
schnen Louison Abschied genommen. Er wollte nach Wien zu Adrian
Rudolph, er wollte wirklich dort warten, bis die Trken den Krieg
begannen.

Man raunte viel davon. Louison selbst hatte es dem Bruder gesagt, hatte
von dem gesprochen, was der Oberst de St. Laurent in einer Stunde der
Trunkenheit ihr verraten. Knig Ludwig suchte die Trken zum Kriege
gegen das Reich zu hetzen. Er spielte ein bitterbses Spiel. Dies eine
Wort hatte Anthoine herausgerissen aus dem Taumel, in dem er gelebt.
Freunde seines Hauses hatten sich seiner angenommen. Fest hatte sich
an Fest gereiht, der junge Mann hatte darber das stille Heimattal, die
Eltern, alles vergessen -- bis Louison ihn geweckt hatte. Du mut fort!
Ihr Erinnern war harte Mahnung gewesen.

Zu was war er denn ausgezogen aus seiner Heimat?

Die Welt wollte er sehen, gegen Frankreich, fr den Kurfrsten von
Brandenburg kmpfen, und dann hatte er kaum etwas von Krieg erlebt,
hatte vergessen, da er Mannestaten hatte tun wollen, er hatte sich von
seinem Obersten getrennt, seinen Abschied verlangt und das Anerbieten
seines Schwagers, nach Frankreich zu kommen, angenommen.

Und nun schickte Louison selbst ihn weg. Anthoine grbelte, whrend er
nach Freiburg reiste, darber nach, warum Louison so seltsam verndert
gewesen war, seit Wochen schon.

Von dem tiefen Leid, in dem seine schne Schwester lebte, wute er
nichts. Er ahnte nicht, da sein Schwager ein feiler Unterhndler und
Spion war, einer, der gegen das Reich hetzte.

Louison de St. Laurent hatte ihrem Bruder eine Herberge in Freiburg
angeraten, dort sollte er eine Botschaft von ihr erwarten. In dem
dstern Hause, das im Mnsterschatten lag, ruhte sich Anthoine drei
Tage von der Reise aus. Am dritten Tag klopfte es an seine Tre und auf
seinen Anruf hin tat die sich auf und ein junger Bursche in dunkler
unaufflliger Kleidung trat ein.

Was will Er?

Der Bursche schwieg und sah ihn an.

Was will Er? schrie der Junker ungeduldig.

Da sagte eine seltsam vertraute Stimme: Ich bringe Botschaft von --

Louison!

Bruder und Schwester standen sich gegenber. Aber nicht mehr die schne
Louison in hoher Fontange mit Mouches auf Wangen und Kinn, ein blasser,
schlanker Knabe mit Augen, aus denen tiefer Schmerz redete, stand vor
Anthoine.

Ich bin geflohen! --

Mein Himmel, warum? Und allein?

Da sagte Louison de St. Laurent dem Bruder, da ihr Gatte ein Spion
sei. Er reist nach Wien, berichtete sie, dort will er Verrter
werben, Wien in des Sultans Hnde spielen. Der Trken Unterhndler, oh
ber diese Schmach! Der alte Julien hat mir zur Flucht geholfen, er ist
nach Kln zu seiner Tochter gezogen.

Und jetzt?

Ich zieh mit dir -- meinetwegen auch nach Wien. Wohin sollte ich
sonst? Heim kann ich nicht, ich mu mich verbergen, wenn man mich
findet, steckt man mich in ein Kloster.

In ein Kloster?

Der Oberst de St. Laurent ist Katholik geworden, weil er sonst seinen
hohen Posten nicht bekommen htte. Ich sollte zum bertritt gezwungen
werden. Und dich wollten sie auch bekehren, darum die Freundschaft,
darum wurdest du verwhnt, darum trieb ich dich fort!

Oh Louison!

Es ist so, Anthoine. Wir htten in der Heimat bleiben sollen, daheim
in unserm Friedenstal.

Ich bringe dich heim!

Ich kann nicht, Bruder. Man wird mich dort zuerst suchen und man
wird keine Schonung kennen. Komm in die Welt hinaus, ich bin dein
Reitknecht, nimm mich mit. Du bist mein einziger Schutz.

Ich verlasse dich nicht.

Und am nchsten Morgen ritten die Kinder aus dem Leutratal in die
weite, unbekannte Welt hinaus. --

Nach Weihnachten kam die Kunde von beider Verschwinden nach Psen.
Der Oberst de St. Laurent sandte Boten, wollte seine Frau zurckholen
lassen.

Jeannette von Dracksdorf war just zum ersten Besuch mit ihrem Manne
da, als die beiden Herren in Psen einritten. Sie traten herrisch und
anmaend auf, hatten eine Begleitung vom Hof in Weimar und verlangten
Louisons Herausgabe. Dann, als sie merkten, die bestrzten Eltern
wuten nichts von der Tochter Verbleib, wurden sie vertraulicher und
erzhlten. Der Junker Anthoine habe es pltzlich mit dem Heimweh
bekommen und sei nach Deutschland gereist. Ein paar Tage spter sei
Madame de St. Laurent spurlos verschwunden. Niemand wisse, wohin,
mit ihr zugleich sei der alte Julien, ein frherer Diener des Herrn
de Charreard, verschwunden. Man habe geforscht und gefragt und nur
herausbekommen, da sich beide wohl nach Deutschland gewendet htten.

Zwei Kinder verloren im Weltgetriebe.

Sophia Christine brach fast zusammen vor Leid.

Herr de Charreard wollte im ersten Ansturm des Unmutes selbst nach
Paris reisen, selbst nachforschen, aber da warnte ihn einer der fremden
Herren. Man wre jetzt auf die Hugenotten nicht gut zu sprechen dort.
Und da erfuhr Herr Anthoine von dem bertritt seines Schwiegersohnes.

Er stutzte. Er war kein Frmmler und Eiferer, wre auch ein guter
Katholik gewesen, aber ein Wechsel der Religion ohne inneren Zwang und
um uerer Vorteile willen, das war ihm tief verchtlich. Und Louison,
war sie nicht sein Kind, mute sie nicht denken wie er!

War sie darum geflohen? Was hatte sie dazu getrieben, welch groes Leid
war ber sie gekommen?

Trbe Tage kamen, Tage, an denen die Sorge im Haus auf dem Ehrenstuhl
sa, die Sorge um die Kinder des Hauses, die sich in der Welt verloren
hatten.

Louison de St. Laurent drohte Haft, wenn sie heimkam.

Und die Mutter zitterte vor dem Heimkommen und die Mutter ersehnte das
Heimkommen.

Zwei Kinder verloren im Weltgetriebe!

Sophia Christine wurde eine mde, stille Frau in diesen Wochen und ihr
Mann verga das stolze Schlo an den Loireufern; er ersehnte nun auch
nur noch das einsame Leutratal zur Heimat fr seine Kinder.

Es ging den Eheleuten wie den Linden, unter denen sie am Einzugstage
gestanden hatten: sie wurzelten fester zusammen, und wie die
Lindenkronen ineinander verschlungen waren, so waren es ihre Gefhle
und Gedanken. Es konnte einer nicht mehr ohne den andern sein. --

Der Winter schleppte sich trge dahin, und als endlich am Quellrand die
ersten Schneeglckchen ihre weigrnen Spitzen heraussteckten, lief ein
angstvolles Raunen durch das Land. Lauter wurde es, banger.

Der Trke kommt, der Trke zieht nach Wien, helf uns Gott!

Nikolaus Rabe schlief schlecht in diesen Nchten. Er trumte wilde,
wirre Dinge, meinte die Trompeten wieder blasen zu hren:

    Alarmen, alarmen, die Waffen erwarmen,
    Weh Reich und Armen, ohn alles Erbarmen!

Seine Frau sah trbe drein. Sie brachte oft den Buben zu ihm. Dann
wurde des Mannes Blick scheu, er frchtete sich vor seiner eigenen
Weichheit. Aber dann wieder begann er pltzlich dies und das zu
erzhlen, und einmal kam der kleine Blondkopf angelaufen, stellte sich
wichtig vor seine Mutter hin und sagte keck ein Sprchlein: Die Funken
werden Flammen und brechen endlich aus, Sie lohen hoch zusammen und
reien Haus zu Haus!

Gotte, Junge, woher haste das?

Der Vater hat's mir beigebingt! rief das Bblein stolz, es reckte
sich und ging auf den Hof und seine Mutter hrte ihn mit getragener
Stimme reden:

    Bet, Kinder, bet!
    Morge kommt der Schwed,
    Morge kommt der Oxestern,
    Der wird Euch das Bete lern.

Die Buerin weinte bitterlich. Und in ihrer Herzensnot lief sie
zur Gutsfrau nach Psen und schttete vor dieser Leidtrgerin ihr
Sorgenscklein aus.

Es hat ihn wieder gepackt, das Kriegswesen, er kann's niche lassen,
Gnaden knnen drauf passe, der zieht noch gegen die Trken!

Und Sophia Christine, die so viel Trost gegeben hatte, wute diesmal
nichts zu sagen. Sie ahnte es lange, der Nikolaus blieb nicht im Tal.

Und noch eine Woche voll Qual und Kampf. Ein verzweifeltes Ringen der
Frau mit der immer strker wachsenden Sehnsucht des Mannes; es war
vergeblich. Als der Seidelbast blhte und die alte Windfahne auf dem
Dach des Gutshauses sich mhte, von den Staren das wohltnige Pfeifen
zu lernen, da nahm Nikolaus Rabe eines Morgens Abschied von Weib und
Kind, nahm Abschied von dem Friedenstal, und er gab dabei dem guten
Magister Albertinus recht, der ihn einen horndummen Esel nannte, aber
er konnte nicht anders. Das Weltgeschehen lockte ihn hinaus.

Sei nicht bse, bat der Nikolaus sein Weib, itze zieh ich zum
letzten Male aus.

Und kommst niche wieder!

Wie es unserm Herrgott gefllt. Frau, heule nit, das ist mal so. Als
Kind noch haben sie mich hineingetrieben in das wilde Wesen, das sitzt
mir nun alleweil im Blute und ich komm nit los davon.

Die Amseln flteten, die Hecken prangten in grner Seide, das Bchlein
gluckste und rann, der Frhlingswind spielte sacht und zrtlich mit
allem, mit der alten Wetterfahne und den jungen Zweigen, mit lockeren
Dachschindeln und dem blonden Haar der Buerin. Wie schn war das
kleine Tal. Dem Nikolaus brach fast das Herz, als er einsam dahinritt
und das Haus, sein Heim, sein Glck, allmhlich verschwanden, und doch
-- er konnte nicht anders. Die Trken im Land, heia, hussasa, das
lockte und zog.

Die Trken raubten und sengten.

Herrgott, schtz' uns!

Je tiefer ins Land hinein der Nikolaus ritt, je lauter tnte das
Angstrufen.

    Helf uns Gott!
    Der Trk' im Land,
    Not und Brand!

Da verga der Nikolaus Rabe allmhlich, da er noch daheim im stillen
Tal einen Hof, Weib und Kind hatte; als ein rechter Kriegsmann ritt er
hinein in Kampf und Not.




14. Kapitel.


Die Trken lagen vor Wien.

Eine Welt zitterte. Von Sd nach Nord, von West nach Ost tnte das
Klagen: Der Trke vor Wien! Gott schtze uns!

Der Kaiser war geflohen, die Hauptstadt stand verlassen. Wurde Wien
genommen, dann war der Weg dem Feinde offen, dann --

Das war ein Sommer voll Sorge und Angst, selbst in dem stillen
Thringer Tlchen zitterten und zagten die Leute und sagten wohl:
Wenn der Trke erst kommt, dann -- Niemand wagte recht, das Grausen
auszudenken.

Auch die Pest erhob sich da und dort, raffte Menschen hin, reckte sich
unheimlich empor und in den Kirchen flehten die Menschen um Schutz vor
Pestilenz und Trkennot.

In der groen allgemeinen Angst wurde Sophia Christine still. Sie
vergrub ihr eigenes Leid in des Herzens tiefstem Grund, wurde wieder
eine Trsterin der Armen und half, richtete auf, strkte Mut und
Glauben. --

Vor Wien zogen sich die Heere zusammen. Nikolaus Rabe ritt wieder
mit dem brandenburgischen Herrn Obristen von Hnefeld; der hatte ihn
zu eigenem Dienst angenommen. Den Oberst hatte er richtig gefunden,
aber Anthoine de Charreard war nicht bei der Truppe. Er hatte seinen
Abschied genommen fr immer, grollte der v. Hnefeld.

Ein heies Ringen hub an.

Vom Juli bis in den September hinein kamen immer neue Scharen gezogen,
die Wien umschlossen. Die Stadt war nur schwach verteidigt und innen
zagten und bangten die Bewohner. Wenn der Trke die Stadt eroberte,
dann wehe den Bewohnern, unsglich wrde ihre Not sein.

An einem heien Augusttag schritten am Stephansdom vorbei zwei, die
mithalfen beim Verteidigungskampf, Anthoine de Charreard und sein
Freund Adrian Rudolph. Sie kamen von der Wache drauen auf den Wllen,
waren eben abgelst worden, und Anthoine de Charreard sagte zu dem
Jugendgespielen: Ich geh mit dir heim!

Umgekehrt, antwortete der, heute geh ich mit zu dir. Meine Hausfrau
liegt krank, ich will heute nacht in deinem Quartier schlafen.

Ein Schatten flog ber Anthoines Gesicht, ein verlegenes Zgern hemmte
seinen Schritt.

Adrian sah es und lchelte spttisch dazu. Ich will nicht dein
Geheimnis auskundschaften. Wenn du kein Vertrauen zu mir hast, gut. Leb
wohl!

Adrian wollte jh um eine Gassenecke biegen, doch Anthoine hielt ihn
fest. Komm mit, sagte er trotzig. Es ist vielleicht besser! Mut
nicht so hitzig sein.

Schweigend schritt dann einer neben dem andern her. Adrian Rudolph
widerwillig. Er rgerte sich ber seine Aufdringlichkeit, wie er es
nannte, auch ber seinen raschen Zorn. Mochte doch der Junker Anthoine
seine Geheimnisse vor dem Jugendfreund haben, was scherten die ihn.
Mimutig stapfte er neben dem Freunde einher, der ganz in tiefes Sinnen
verloren ging. Eine tiefe Falte lag auf der Stirn, und die Augen, die
frher so froh geblickt, hatten einen kummervollen Ausdruck.

Adrian fhlte, eine Last lag schwer auf des Freundes Seele. War es die
Not der Stadt, die ihn so verstrte? Milder redete er zu dem Freund,
verga den Groll ber dessen Heimlichkeiten, er redete von der Gefahr,
in der die Stadt sich befand. Es wird furchtbar, wenn sie fllt.

[Illustration]

Anthoine wurde totenbla, er blieb stumm, ging stumm durch eine schmale
Gasse, die nach dem Schottentor zufhrte, und murmelte endlich: Hier!
Ein unansehnliches Haus nahm die Freunde auf, die Treppen waren
ausgetreten und schmutzig, hinter einer Tre weinte jemand laut,
und Adrian Rudolph staunte ber das armselige Quartier des Freundes.
Vielleicht hatte der ihn darum nicht mitnehmen wollen. Und warum lebte
er so, war er mittellos? So arm waren doch die Charreards nicht mehr.

Bis unter das Dach hinauf stieg Anthoine de Charreard. Oben rief er:
Ich bin's, wollte noch etwas hinzufgen, da wurde rasch die Tre
aufgerissen und ganz im hellen Licht stand ein schlanker, bleicher
Knabe.

Adrian erschrak. Louison! rief er und wiederholte ganz bestrzt:
Louison!

Louison de St. Laurent, die Jugendgefhrtin, stand vor ihm. Glut und
Blsse liefen ber das schmale Gesichtchen. Sie wollte des Freundes
Namen nennen, aber nur ein zitterndes Lallen kam ber ihre Lippen.
Sie streckte wie hilfeflehend die Arme aus, ein kurzes, heiseres
Aufschluchzen entrang sich ihr, dann taumelte sie, sank auf einen
Stuhl, der Kopf schlug hart auf die Tischplatte auf, und pltzlich
rutschte sie von der Bank herab, sie war ohnmchtig geworden.

Die Freunde nahmen sie, hoben sie auf das schmale Bett und Anthoine
go ihr etwas Wein ein, rieb ihr die Schlfen und rief ngstlich ihren
Namen. Da schlug Louison endlich die Augen auf, unnatrlich gro
glnzten sie in dem mageren, bleichen Gesichtchen. Die strahlend schne
Hofjungfer der Herzogin Marie war das nicht mehr.

Und nun bekam Adrian Rudolph die ganze trauervolle Geschichte zu hren.
Von den Unglcksjahren, die Louison in Paris an der Seite des eitlen,
kaltherzigen Mannes verlebt hatte, von ihrer Flucht, und wie sie beide
sich wochenlang in Regensburg hatten verborgen halten mssen, wie sie
dann doch hatten heimwrts ziehen wollen, aber in einer Herberge, nahe
der Heimat, durch Zufall erfahren hatten, da Louison verfolgt wrde
und in Verhaft genommen werden sollte.

Da waren sie beide, wie sie es zuerst gewollt, nach Wien gezogen.
Vierzehn Tage spter hatten sie in einer belagerten Stadt fast ohne
Mittel gesessen. Es war ein kmmerliches Leben, das sie fhrten, voll
Angst vor Entdeckung, weil Louison zwei Tage nach ihrer Ankunft den
Obersten de St. Laurent auf der Gasse erblickt hatte. Sie war unerkannt
geblieben, aber seitdem hatte sie sich nicht wieder hinausgetraut, und
sie verbrachte die vielen Stunden, in denen Anthoine fern sein mute,
einsam in der heien Kammer.

Der Oberst de St. Laurent ist nicht mehr hier, sagte Adrian.
Ich habe es zufllig gestern erfahren, er wre in das polnische
Hauptquartier gezogen, kurz nach des Kaisers Flucht.

Er ist ein Verrter, sagte Louison hart.

Das sagte der, der es mir erzhlte, auch, man hat ihm offenbar hier
mitraut.

Wie ein schwerer Stein war der Name des Mannes zwischen die drei
gefallen. Sie saen stumm da, starrten auf den Boden nieder, hrten das
Drhnen der Geschtze, die gegen die belagerte Stadt gerichtet waren,
und auf einmal sagte Louison leise: Wren wir doch alle in Psen!

Ach ja, daheim im stillen Friedenstal.

Oder auf der Leuchtenburg, murmelte Adrian Rudolph. Er dachte an den
weiten, fernen Blick ber das liebliche Gelnde, und eine unbndige
Sehnsucht dort zu sein, erfate ihn. Unwillkrlich packte er die Hnde
der Geschwister und so saen die drei Heimatgenossen still in der
fremden, belagerten Stadt zusammen, bis Anthoine ihrer Sehnsucht wieder
Ausdruck gab: Wenn wir jetzt durch den Wald reiten knnten!

Ja, am Rabenhof vorbei, wo mag der Niklas sein? Und Jeannettchen, wie
geht es ihr?

Sie ist Heinrich von Dracksdorfs Frau?

Adrian Rudolph nickte. Das war die letzte Nachricht, die ich bekam. Er
hat das beste Teil erwhlt.

Sie schwiegen wieder. Hinter dem niedrigen Dachfenster flammte jetzt
roter Schein auf. In einer der Vorstdte brannte ein Haus. Die
Geschtze drhnten. Trommelwirbel tnte auf der Gasse, Trompetensignale
wurden gegeben. Louison de St. Laurent sah sich auf einmal wieder auf
Niklas' Knien sitzen, hrte ihn von seinen Kriegsfahrten erzhlen, und
sie sagte leise den oft gehrten Reim:

    Alarmen, alarmen, die Waffen erwarmen.
    Weh Reich und Armen ohn alles Erbarmen.

Wir mssen zusammen bleiben, wir drei Thringer! rief Adrian.

Ja, zusammen, das ist mehr Schutz fr Louison, wenn -- Anthoine
de Charreard sprach das Wort nicht aus, das furchtbare Wort: Wenn
Wien fllt; aber die beiden andern hrten es aus dem Drhnen drauen
heraus, in das sich jh ein lautes Klagegeschrei mischte. Ein Schauer
durchrann sie. Wenn die Stadt fiel -- wenn --!

Zwei Kinder im Weltgetriebe verloren! --

Frau Sophia Christine sa just um diese Zeit unter der Linde und ihre
Gedanken suchten die Kinder, und sie wute doch nicht, in welcher Not
sie steckten. Wute nicht, da wie einst der Vater ihnen in harten
Anfangsjahren geholfen hatte, jetzt der Sohn Adrian Rudolph den beiden
verirrten Kindern aus dem Leutratale die Hand reichte. Adrian wohnte
in einer stillen Gasse bei einer Witwe in einem kleinen Hause, und
er bernahm es, seiner Wirtin Louisons Verkleidung zu erklren. Die
Frau war verschwiegen, die nahm auch wirklich die blasse Louison bei
sich auf. Sie tat es mtterlich und gut, und da hatte die arme, schne
Louison zum ersten Male seit langer Zeit eine rechte Heimat. Waren die
Freunde drauen, dann hockten die Frauen zusammen, warfen ihre bange
Sorge, ihr Zittern und Zagen einander zu, und jede fand so ein wenig
Trost an der andern.

Hei und schwer gingen die Tage dahin.

Der August wurde von dem September abgelst. Dichter und dichter
umschlo der furchtbare Feind die bedrngte Stadt. In den Kirchen lagen
zu allen Tag- und Nachtzeiten die verzagten Beter auf den Knien: Gott
hilf, Gott hilf! tnte ihr Rufen.

[Illustration]

Ein Tag im September ging dahin, noch einer, wieder einer, die Angst
wuchs und wuchs, und die Not dazu.

Wieder ein Tag vorbei, noch einer.

Am 10. September flog die Burgbastei in die Luft.

In der Nacht stiegen vom Stephansturm Raketen zum Nachthimmel empor.
Ein letzter Ruf an die Truppen drauen: Helft uns! Der Graf von
Starhemberg verlor den Mut nicht.

An diesem Abend aen Frau Reindl und Louison den letzten Bissen Brot.
Leer die Schrnke, die Bcker hatten kein Brot mehr. Hunger lief durch
die Stadt. Die beiden Frauen kauerten zusammen in einem Stubenwinkel,
hrten das immer lautere Schieen und bangten um die Freunde, die
drauen im Kampfe standen.

Der elfte September verging; die Not wuchs.

Am zwlften September schwoll das Geschtzfeuer mehr und mehr an, um
Wien tobte eine ungeheure Schlacht.

Anthoine und Adrian waren nicht heimgekommen, wo waren sie? Lebten sie
noch?

Und am Abend Lrm und Geschrei auf den Gassen, aber kein Jammerrufen,
Siegesfreude. Wien befreit! Gott sei gelobt!

Wieder verging eine Nacht, wieder dmmerte ein Tag drauen aus dem
Dunkel herauf.

Adrian kam. Er brachte den Frauen ein kleines, kmmerliches Brot,
sagte, Anthoine knne seinen Posten nicht verlassen.

Dann ging er und hatte scheue Augen. Es war aber so, er wute nicht, wo
der Freund war. Er hatte ihn aus den Augen verloren.

Und wieder Nacht und Tag. Noch einmal und noch einmal.

In Louisons Herzen schrie die Sorge um den Bruder, um den Freund, sie
waren beide nicht wiedergekommen.

Sie ahnte nicht, da Adrian den Kameraden suchte. In den berfllten
Spitlern, unter den Haufen Toter und Verwundeter. --

Zwischen der Stadt und dem Heer der Befreier kam es allgemach zum
Verkehr. Soldaten drngten in die Gassen hinein, mit Freude, mit
tausendfachem Danke begrt. Unter denen, die einritten, war auch der
Oberst von Hnefeld, zur Begleitung hatte er sich seinen Reitknecht
Nikolaus Rabe erkoren.

Der war wieder ganz Kriegsmann, nur im tiefsten Herzen, noch in
einsamen Nachtstunden, glimmte die Sehnsucht nach dem Friedenstal. Doch
beim Einreiten hatte er keine Heimatgedanken, bis er einen sah, dessen
Gesicht ihm bekannt vorkam. Dunderwetter, das war doch --

Junker, Junker! schrie Nikolaus, und es fehlte nicht viel, so wre
er in seiner Herzensfreude vom Pferde gefallen. Der sich da mhsam
kriechend hinschleppte, war Anthoine de Charreard.

Der horchte auf. Herrgott, die Stimme kannte er. Verwirrt sah er sich
um. Drei Tage hatte er unter toten Trken gelegen, wo war er nun? Seine
Sinne waren verwirrt.

Und dann taumelte er, schwankte, und Nikolaus hielt ihn auf einmal im
Arm und sah, da der Waffenrock mit Blut vollgesogen war.

Niklas, du! chzte Anthoine, dem eine Erinnerung kam. Er klammerte
sich an den alten Freund. Du -- Louison! Seine Stimme kreischte:
Louison!

Heiliges Kreuzwetter, wo ist unser Frulein Louison?

Anthoine glitt zu Boden. Der Oberst von Hnefeld, der erst etwas
unwillig Nikolaus' Gebahren mit angesehen, nun aber den Junker erkannt
hatte, kam herbei. Charreard, Ihr seid es!

Niklas, du mut mit -- mit -- mir reiten!

Anthoine de Charreard vergingen die Sinne. Da hob ihn Nikolaus wie
ein Kind empor und die beiden brachten den Ohnmchtigen in eine nahe
gelegene Schnke.

Die war nun freilich bis auf den letzten Platz besetzt. Doch der Wirt
sah wohl, diese Gste konnte er nicht abweisen, und er ffnete ihnen
eine kleine, schmale Stube, der einzige Raum, der fr ihn und sein
Gesinde noch frei war.

Etwas Feldscheren hatte Nikolaus schon gelernt in seinen Zgen kreuz
und quer. Er fand, die Wunde wre schlimm; immerhin knnte ein flotter
Junker, wie seiner wre, damit noch durchkommen.

Nach Stunden schlug Anthoine endlich die Augen auf; er sah sich um,
verwirrt, Entsetzen lag im Blick und Miene, die beiden in der Kammer
erkannte er nicht gleich, erst als Nikolaus gut und beruhigend zu
sprechen anfing, hellten sich des Junkers Zge auf. Niklas? fragte er
zgernd, und dann froher: Niklas?

Gelle ja, da staunt der Junker, da der alte Niklas hier mitten im
Trkenkriege drinsitzt?

Louison! Anthoine de Charreard versuchte sich aufzurichten. Louison,
oh Gott, und die Trken siegen -- Louison -- ich -- Seine Stimme
kreischte wieder.

Dann waren Bewutsein und Kraft weg, im Fieber lag der Junker und im
Fieber wirrten sich Worte und Bilder zusammen. Heimat und Freunde, von
allem redete er; aber immer wieder rief er klagend der Schwester Namen.

Schtze, die ist hier, sagte Nikolaus, er hat Angst, sie wr den
Trken in die Hnde gefallen. Ei, du heiliges Dunderwetter, das wr
eine Bescherung! Ich mu aber gehen und sie suchen.

Dem Obersten von Hnefeld war es recht. Der streckte sich auf den Boden
zum Schlafe aus, den Mantelsack unter dem Kopf, sagte, er wrde schon
mit dem Kranken fertig werden, und dann ging Nikolaus suchen. Er hatte
es gesehen, Anthoine de Charreard gehrte zum Besatzungsheer, also
suchte er Leute von ihnen auf, fragte, forschte, der vierte endlich
gab ihm Bescheid, der deutete mit der Hand hinter sich und knurrte den
protestantischen Brandenburger unwirsch an: Dort steht einer, der wei
was von dem Leutnant de Charreard.

Dunderwetter, schrie Niklas, das ist ja -- und da drehte der andere
sich um und beide schrien sich an, als wren sie stocktaub. Nikolaus
hatte Adrian Rudolph gefunden.

Heia, das gab ein Fragen und Redestehen hin und her. Adrian sagte:
Mitkommen! und er zog den alten Kinderfreund mit sich durch Gassen
und Glein, und wenn der seinen Mund auftat und Louison sagte, dann
gab ihm der junge Landsmann einen Sto und schwieg zu allen Fragen.
Er fhrte Nikolaus in seine Wohnung, dort weinten die beiden Frauen
zusammen um den verlorenen Bruder, und auf einmal stand wie aus der
Erde gewachsen der Nikolaus mitten im Zimmer und schrie verwundert:
Louison! Wollte sagen Madame de St. Laurent!

Wieder einer aus der Heimat! Einer, der treu war wie Gold, einer, an
den die blasse, junge Frau sich dankbar anschmiegte, als er vom Bruder
erzhlte, und der berichten konnte, wie er die Eltern verlassen hatte
und das stille Tal.

Und noch etwas wute Nikolaus, etwas, was Erlsung war und das dennoch
Louison tief erschtterte. Der Oberst de St. Laurent war tot.

Gefallen im ehrlichen Kampf, vielleicht doch kein Verrter! dachte
die junge Frau. Und sagte es leise, froh, da sie dem Toten ein gutes
Wort nachreden durfte. Aber des Nikolaus Augen waren zu ehrlich, die
konnten nicht lgen, und sie las darinnen, es war anders gewesen. Sie
schwieg aber und forschte nicht, nur dem Herrn Adrian erzhlte es
Nikolaus nachher, man htte den Oberst als Verrter erschossen, Schande
lag auf seinem Namen.

Und du, Niklas, warum bist du wieder ausgezogen? fragte Louison nach
einer Weile.

Weil ich ein Hornvieh war, mit Verlaub. Potz Dunderwetter, hab Weib,
Kind, Haus und Hof daheim und vagiere in der Welt herum. Schtze
aber, es war doch richtig, da ich die Trken verjagen half. Nun
ziehen wir aber heim. Sie wollen die Brandenburger nit, weil sie nit
gut katholisch sein. Mir hat neulich unser Herr Oberst so lange ein
Sprchlein gesagt, bis ich es mir gemerkt habe, und das ist, wei der
Himmel, ein gut Wort und zeigt so recht der Menschen allerdmmste
Dummheit.

Wie heit denn das Wort? fragte Adrian.

Ja, wie hie es -- im Trkenkampf war dem Nikolaus das mhsam Erlernte
flink wieder aus dem Gedchtnis hinausgefahren.

Es war schon gut, da der Herr Adrian Rudolph ein gelehrter Herr war,
der konnte dem Gestammle des alten Soldaten Wort und Rundung geben. Sie
brachten schlielich alle beide das Sprchlein zusammen, und die junge
Louison und die alte Frau, die eine Katholikin war, nickten andchtig
zu dem Verslein:

    Lutherisch, Ppstlich und Kalvinisch, diese Glauben alle drei,
    Sind vorhanden, doch ist Zweifel, wo das Christentum denn sei.

Ich wei doch, wo's Christentum ist, die gndige Frau Mutter in Psen
trgt's in ihrem Herzen, Gnaden der Herr Vater auch und meine liebe
Hausfrau dazu. Und jetzt reite ich heim. Helf mir unser Herrgott, da
ich die Heimat noch einmal sehe!




15. Kapitel.


So ganz schnell ging es mit dem Heimreiten nun freilich nicht. Es
rann noch mancher Tag dahin, und der Frhling nahte sich schon. Die
Brandenburger zogen freilich bald ab, aber der Oberst gab Nikolaus die
Freiheit zu bleiben, und der blieb, bis Anthoine de Charreard soweit
hergestellt war, da man keine Gefahr mehr zu frchten brauchte.

Dann ritt eines Tages Nikolaus Rabe heimwrts, in seinen Schutz
gestellt war Louison de St. Laurent. Sie sollte bald heimkehren,
wollten Bruder und Freund; und ihre Sehnsucht flog in das stille Tal.

Beim Abschiednehmen war es, da fiel dem Nikolaus noch rechtzeitig der
kleinen Prinzessin Elisabeth Marie Brieflein ein. Das hatte eine lange
Reise gemacht, Nikolaus hatte es mit in den Trkenkrieg genommen und es
in all dem wilden Wesen, ber Wiederfinden und Heimkehrfreude, beinahe
vergessen. Jetzo kam es nun doch an den, an den es gerichtet war. Ein
Hilferuf war es an den Jugendfreund, sie zu schtzen vor der Ehe mit
dem verhaten Vetter, dem Herzog Wilhelm Ernst zu Weimar.

Anthoine war tief betroffen, dies flehende Kinderbriefchen, ungelenk
geschrieben, enthllte ihm die treue Liebe des armen verwaisten
Frstenkindes. Was war aus dem Prinzechen geworden, trug es schon die
Brautkrone?

Ich schtze ja, brummelte Nikolaus, denn als ich fortzog, haben sie
gemeint, die Eheberedung solle zum Herbst stattfinden, und am ersten
November die Kopulation!

Armes Prinzechen!

Der Junker Anthoine las den Brief wieder und wieder. Heimatluft strmte
er aus, das bittende Brieflein gab ihm erst die rechte Erkenntnis, da
er sein bestes Glck nur in der Heimat finden wrde. Es zog ihn in das
Tal der Kindheit. Doch hatte er sich zu lngerem Dienst verpflichtet
und mute bleiben. Herr Adrian Rudolph blieb auch, er wollte sich noch
den Doktorhut erwerben, ehe er heimkehrte. So ritten denn Nikolaus
und Louison allein der Heimat zu. Louison als Bursche, erst in einem
Ort nahe der Heimat wollte sie sich wieder in eine sittsame Frau
verwandeln. In der Verkleidung war sie sicherer.

ber dem stillen Leutratal hing noch einmal der Winter, er wollte
noch seine Herrschaft zeigen. Wei wieder Felder und Wiesen, wei der
Wald, trge rauschte das kleine Bchlein dahin, als an einem Tag um
die Mittagsstunde zwei von unten her in das Leutratal einritten. Die
junge Frau im Witwengewand, der Mann in kriegerischer Tracht. An einer
Wegbiegung hielt Nikolaus sein Pferd an und brummte vergngt vor sich
hin: Hier war's!

Ja, hier hast du uns gefunden. O guter, treuer Niklas du, nun hast du
mich gar heimgeholt aus der wilden Welt!

Die schlanke Frau drngte ihr Pferd an das des treuen Beschtzers, und
so ritten sie zusammen schweigend bergabwrts, sahen zuerst die Mhle
im Grunde liegen und dann den Rabenhof. Ein blaues Wlkchen stieg aus
dessen Schornstein zum schneeverhangenen Himmel empor.

Die Frau kocht Mittag. Schtze, sie wird sich wundern ber den Gast,
der da ankommt. Aber vorerst bringe ich Euch heim, wir reiten leise
vorbei, sagte der Nikolaus.

In Louison quoll da eine groe Angst empor vor dem Wiedersehen, dem
Wiederfinden der Eltern. Wir halten ein paar Schritte vorher und dann
lt du mich gehen, Niklas. Deine Frau darf auch nicht lnger warten,
und ich kann niemand, niemand vorher sehen.

Nikolaus nickte. Er sprte Louisons Bangen nach, bangte er doch selbst,
freilich, der blaue Rauch war verheiungsvoll, aber trotzdem --.

Er half Louison vom Pferd. Die schritt rasch am Hause vorbei. Drinnen
erhob sich lautes Rufen, denn ein Bursch, der der Frau half, hatte die
ungewohnte Erscheinung erblickt. Er schrie das ganze Haus zusammen,
selbst der Magister kam ein wenig mhsam an einem Stock dahergehumpelt,
und als sie alle den bestrzten Burschen fragten, wissen wollten, was
er gesehen hatte, stand pltzlich der Nikolaus vor der Tr.

Da war das Verwundern gro, der Bursche aber flsterte der Magd zu:
Ein Gespenst ist vor dem Bauern hergegangen.

Nun war dieser junge Hannes aber noch in einem Alter, in dem die Stimme
mal hell und tief klingt und ihrem Besitzer wie ein wild gewordener
Gaul ausbricht, dies geschah hier, und klatsch hatte der Bursche eine
Maulschelle, so ein rechtes krftiges Mitbringsel aus dem Trkenkriege
war's. Dummer Bube, unsere Frau Louison ist niemalen ein Gespenst.

Die -- oh du lieber Gott! Die Frau schlug die Hnde zusammen und der
Magister sah drein, als htte der Nikolaus einen Sack voll Fremdwrter
ausgepackt.

Der Herr Oberst de St. Laurent ist im Trkenkriege gefallen, hab's mit
meinen eigenen Augen gesehen, knurrte Nikolaus, und da verlangt es
seiner Frau Witwe, heimzukehren. Na, was ist nun? Patsch, war aller
Klatsch von dem Kriegsmann totgetreten. Der aber nahm jetzt sein Weib
in die Arme, sagte: Freust dich nit? Und ist's ein Mdel oder ein
Bube, was inzwischen angekommen ist?

Es war ein Mdel, und freuen tat sich die Frau so recht, als sie
begriff, der Mann wollte dableiben, da sie laut weinte. Und danach
besann sie sich und rief: Es gbe leider, ach leider nur Kle.

Ist gut. Meinst du, die vermaledeiten Trken haben uns viel Zeit zum
Klekochen gelassen? Frau, Frau, nun bleib ich daheim, nun zieh ich
nimmer aus. Schockschwerenot, mein Wort darauf!

Whrend in dem kleinen Bauernhaus die Freude laut und krftig ihre
Stimme erhob, ging Louison de St. Laurent langsam dem Herrenhause zu.
Sie sah es auftauchen im feinen Schneedunst, sah auch ein kleines
Rauchwlkchen dem Schornstein entquellen, sah alle Fenster entlang,
hrte Hundegebell, und langsamer, immer langsamer wurde ihr Schritt.

[Illustration]

Lauter schlugen die beiden Hofhunde an. Da tat sich die Tre auf und
ein ganz verhutzeltes, altes Weiblein steckte den Kopf heraus und sah
da langsam eine den steilen Berg hinanschreiten -- eine fremde Frau! --

Die alte Rse hatte schwache Augen bekommen, aber eine Charreard
erkannte sie doch noch, und auf einmal kam ihr die Jugendschnelle in
die alten Fe zurck. Sie rannte den Berg hinab und keuchte: Louison,
oh du mein grundgtiger Heiland, es ist unsere Louison!

Und der Freudenton, den die alte Rse anschlug, der klang durch das
ganze Haus. Da hielt Frau Sophia Christine ihr heimgekehrtes Kind
umschlungen und Herr Anthoine de Charreard, der lngst kein feiner,
mder Hofherr mehr war, sondern ein stattlicher, luftgebrunter
Landmann, nahm die zierliche Frau und die zarte Tochter gleich beide
in seine Arme. Er sah auch das Witwenkleid der Tochter mit der Mutter
zugleich und beider Augen fragten: Der Oberst de St. Laurent ist tot?
Weil Louison nicht die Schwere seiner Schuld wute, klang ihre Stimme
mild, sie dachte vershnt an den Toten.

Und Anthoine, wo blieb der Sohn?

Louison erzhlte, und in Frau Sophia Christines Herzen begann sacht die
Freudenglocke zu schwingen.

Ein Kind heimgekehrt aus dem Weltgetriebe. Eins hatte die Heimat
wiedergefunden, und des Sohnes Seele suchte sie.

Es war etwas wie im Evangelium des verlorenen Sohnes. Louisons Heimkehr
war ein Fest, und als Jeannette nach drei Tagen kam, erregte ihr Besuch
nur die stille immer gleiche Freude. Doch Jeannette von Dracksdorf
sprte keine Eifersucht, ihre Freude jauchzte laut durch das Haus,
und zum erstenmal in seiner Ehe wurde Heinrich Wilhelm ein wenig in
den Winkel gestellt. Freilich um dann vorgeholt und ganz glnzend
herausgestrichen zu werden vor der Schwester. --

Es dachte niemand daran, Louison de St. Laurent ob ihrer Flucht aus
des Gatten Haus in Verhaft zu nehmen, und die Leute im Tal brdeten
der schnen Tochter der Charreards keine Schuld auf. ber das Tal
hinaus aber ging Louisons Wnschen nicht. Nur als sie in Begleitung der
Eltern dem alten Amtsschossen Rudolph auf der Leuchtenburg einen Besuch
abstattete, um selbst Gre und Botschaft Adrians zu berbringen,
dachte sie mit einem leisen Schwingen ihrer jungen Seele: es mte sich
gut hausen auf der Burg.

Ein Jahr glitt dahin in stillem Frieden. Als es zum zweitenmal Frhling
wurde, fuhr eines Tages eine in das Tor von Psen ein, die nicht in
das strenge Urteil der Hofgesellschaft ber Louison de St. Laurent
einstimmte. Es war die kleine Prinzessin Elisabeth Marie. Da sa die,
um derentwillen Louison einst das Elternhaus hatte verlassen mssen,
und schttete vor der lteren Freundin ihres Herzens groes Leid aus.
Die arme, kleine Prinzessin war so unglcklich wie es Louison einst
gewesen.

Wer konnte helfen? Anthoine? Der war noch immer fern, und einer
Schwester zu helfen ist leichter als einer Prinzessin.

Elisabeth reiste ab, getrstet und doch leidbeschwert. Anthoine
blieb noch immer fern. Doch als die Linden blhten, ritten wieder
zwei Heimkehrer durch das Leutratal, sie kamen von der Leuchtenburg,
der ersten Rast in der Heimat. Der eine hatte sich noch in Wien den
Doktorhut errungen, der andere war des Krieges mde und er trug schwer
an dem Grausen, das er gesehen hatte.

Als sie beide am Rabenhaus anlangten, stand Nikolaus vor der Tre;
breitbeinig, wohlhbig, er hatte den Kriegsmann nun ganz in die
Tiefe versenkt, war nur noch Familienvater und Bauer. Er erhob seine
Stimme laut, als er die beiden sah. Wie Siegesruf klang es durch das
stille Tal, und der Magister Albertinus, der im Hausgrtchen seinen
Mittagsschlummer hielt, schrak zusammen. Aber bald verstand er das
Freudenrufen und er kam so schnell er konnte herbei. Sein gutes, altes
Gesicht strahlte. Anthoine war heimgekehrt, der, an dem sein Herz wie
an einend Sohne hing.

Der Herr Magister! Anthoine sprang vom Pferd und begrte den alten
Lehrer ehrfurchtsvoll, und der sagte still: Nun kann mich der Herr zu
sich nehmen, nun ich dich -- Euch --

Aber Magister, lieber, guter Herr Magister!

Dich gesehen habe. Und dann drehte sich der Alte zu seinem treuen
Hauswirt um und sagte strafend: Hr' nur, Nikolaus, der Anton kommt
heim und bringt kein verwelschtes Maul mit, wie du es alleweil getan
hast.

Parbleu -- jemine, na ja Dunderwetter, ich gewhn's mir ja noch ab.

Und wie geht's in Psen? Den beiden Freunden waren in diesem
Augenblick alle Fremdwrter gleich, sie strebten dem Herrenhause zu,
sie muten aber langsam reiten, denn der Magister ging mit. Nikolaus
folgte auch, und so langten sie auf dem Gut an. Ganz eingehllt in
Lindenduft war es, war sommerschn, war Heimat.

Beide Kinder wieder unversehrt zurck aus dem Weltgetriebe. --

Voller tnte die Freudenglocke in Sophia Christines Herzen.

Freilich, sie sah das Leid in des Sohnes Augen stehen, das war nicht
mehr ihr Anthoine, wie er einst ausgezogen war. Lebenswund kam er heim,
er war zu lange im Wirrsal der Welt gewesen.

Ein paar Wochen spter fhrte Adrian Louison de St. Laurent als Ehefrau
heim. Eine stille Hochzeit nur wurde in dem alten Gutshause gefeiert.
Es herbstete schon, als die drei Geschwister, nun endlich einmal wieder
vereint, mit Heinrich Wilhelm und Adrian unter den Linden dahin gingen.
Die Eltern, der Amtsschosse Rudolph und der Magister folgten langsamer.
Es fielen Bltter wie Gold auf die Hupter der Jugendfreunde nieder.

Die redeten von vergangenen Tagen und Heinrich Wilhelm erzhlte dabei
von dem unglcklichen, liebeleeren Leben der kleinen Prinzessin, da
sagte Anthoine schlicht: Ich sah sie vorige Woche, nun hat sie
wenigstens einen Freund in der Nhe.

Fr immer nahe? fragte der Schwager, der noch an Anthoines
Daheimbleiben zweifelte.

Fr immer, antwortete der junge Anthoine. Ich habe viel von der Welt
gesehen und keine Heimat gefunden, die dieser gleichen knnte!

Und hinter ihnen sagte eben Herr Anthoine de Charreard zu seiner Frau
Sophia Christine: Heute kannst du es machen wie damals bei unserem
Einzug, als du die Kchlein schirmtest.

Wenn sie doch alle blieben, antwortete die Frau, die ihren ltesten
Enkelsohn an der Hand fhrte. Sie gehen und kommen, aber ich wei es,
die Heimat ruht ihnen im Herzen, unsere Kinder finden immer zurck, du
lieber Mann.

Und Herr Anthoine de Charreard dachte nicht mehr an das Schlo an der
Loire; in dem festgefgten Haus im stillen Tal lebte sein Glck.




    Weitere Hinweise zur Transkription


    Der Schmutztitel wurde entfernt.

    Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
    korrigiert.

    S. 7: _Linderkronen_ zu _Lindenkronen_
      ... blhende Sommerwunder der _Lindenkronen_ wies.

    S. 42: _Pferdegetrapppel_ zu _Pferdegetrappel_
       _Pferdegetrappel_ war es, das hrten sie wohl.

    S. 48: _gleiche_ zu _gleichen_
      ... lief noch am _gleichen_ Tage eine Magd ...

    S. 51: _Fruleiin_ zu _Frulein_
      ... und mit meinem kleinen _Frulein_ spielen?

    S. 58: _Hofmeiister_ zu _Hofmeister_
      ... den Magister Albertinus als _Hofmeister_ her.

    S. 65: _Anthonie_ zu _Anthoine_
      _Anthoine_, ich bin es wirklich -- ...

    S. 67: _Htter_ zu _Htte_
      _Htte_ er gesagt: ...

    S. 70: _Kriegsmannn_ zu _Kriegsmann_
      ... der Bauer Niklas, der ehemalige _Kriegsmann_,

    S. 81: _wieder_ zu _wider_
      ... tnte _wider_ in diesem Weheschrei.

    S. 95: _Anna-Marie_ zu _Anne-Marie_ (wie auf S. 3)
      sie erkannte die _Anne-Marie_ Schurksin nicht,

    S. 106: _er_ zu _der_
      _der_ Eile in den Gliedern hatte.

    S. 150: _fsterte_ zu _flsterte_
      der Bursche aber _flsterte_ der Magd zu:





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Josephine Siebe

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