The Project Gutenberg EBook of Der 9. November, by Bernhard Kellermann

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Title: Der 9. November

Author: Bernhard Kellermann

Release Date: July 28, 2013 [EBook #43333]
[Last updated: March 2, 2016]

Language: German


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Produced by Jens Sadowski








                               Der 9. November


                                    Roman
                                     von
                              Bernhard Kellermann







                                   1922
                         S. Fischer / Verlag / Berlin




                            42. bis 51. Auflage
          Alle Rechte vorbehalten, besonders das der bersetzung
              Copyright 1920 by S. Fischer, Verlag, Berlin






Erster Teil




Erstes Buch


1

Einige Ordonnanzen, die die Treppe emporeilten, blieben pltzlich wie
angewurzelt stehen, ein junger ordenglitzernder Hauptmann mit rosigen
Wangen, eben im Begriff sich zu schneuzen, verbarg in uerster Hast das
Taschentuch, und nur einem Drillichkittel gelang es noch im letzten
Augenblick, in die Portierloge zu entkommen: oben auf der Treppe
leuchtete der hellrote Mantelaufschlag eines Generals.

Mit breitem Steingesicht, den Blick verborgen in den grauen Augenhhlen,
die massige Gestalt von schweren Gedanken eingehllt, stieg der General
v. Hecht-Babenberg langsam und ohne jede Eile die breite Granittreppe
zum Foyer hinab. Die Augen der angewurzelten Ordonnanzen folgten
ruckweise jedem seiner Schritte, der junge ordenglitzernde Hauptmann mit
den rosigen Wangen erstarrte in seiner Verbeugung.

Der General nahm nicht die geringste Notiz von ihnen. Ganz Klte, ganz
Wrde, ganz Sammlung schritt er zwischen ihnen hindurch. Seine
Lackstiefel blitzten, und ein feiner Parfmgeruch blieb hinter ihm
zurck.

In diesem Augenblick strzte der Portier aus seiner Loge und berreichte
dem General einen Brief.

Soeben abgegeben, Euer Exzellenz!

Zgernd trat der General unter die Bogenlampe, die aus der Decke des
Foyers herabhing. Der Umschlag des Briefes, dnn, ein ungewhnliches,
giftiges Hellgrn, mifiel, die Schrift. Er drehte den Brief mitrauisch
zwischen den Fingerspitzen. Ganz offenbar empfand er es als eine
Verletzung der Achtung, die man seinem Range schuldete, ihm einen Brief
von derart geschmackloser, ja unangenehmer Frbung zu senden. Die Stirn
zuckte. Ohne Absender, eilt, persnlich --

Dann aber fuhr er entschlossen in den Pelz, unter den hellroten
Aufschlag, und holte den goldenen Kneifer hervor. Eine feine Ziegelrte
berzog langsam das breite Steingesicht, den Hals, der aus dem
gestickten Kragen hervorquoll, das knorpelige, groe Ohr -- er faltete
den Brief zusammen und schob ihn unwillig in die Manteltasche.

Wer hat den Brief --?

Ein Herr, ein lterer Mann -- soeben --, stammelte der Portier und
schwankte bestrzt auf den dnnen Beinen.

Der Portier, ein alter Mann, Veteran von 1870, allerlei Mnzen und
Medaillen auf der Brust, kannte seine Leute. Schon an der Art, wie
Exzellenz den Brief zwischen den Fingerspitzen drehte, hatte er erkannt,
da Exzellenz ungehalten waren. Aber dieser ltere Herr hatte solange
auf ihn eingeredet -- sein einziger Sohn -- eine Audienz, hm -- sogar
eine Zigarre -- und schlielich war es ja nur ein Brief, richtig
adressiert, wie tglich Dutzende in seiner Loge abgegeben wurden.

Ein lterer, etwas kleiner Herr, Euer Exzellenz. Vor zehn Minuten. Er
ist schon fter hier gewesen und fragte nach Euer Exzellenz.

fter hier gewesen?

Ja, schon einigemal -- und -- ah, ah: da ist er ja -- an der Tre!
rief der Portier pltzlich erleichtert aus.

Ein kleines Gesicht von glnzender, stahlblauer Blsse, wie blauer
Schnee, hatte sich in diesem Augenblick der Scheibe der Tre genhert,
vorsichtig, sphend. Eine Larve eigentlich, kein Gesicht, eine
faustgroe Larve mit Gramfurchen und blinkenden Augen.

Der General drehte den Kopf -- aber sofort prallte das kleine blaue
Gesicht wieder von der Scheibe zurck. Ein steifer Hut, ein Havelock
verschwanden in der tiefblauen Dmmerung.

Da -- nun luft er. Der Portier murmelte rgerlich vor sich hin und
warf das Gewicht seines hageren Krpers gegen die schwere Tre. Und mir
macht er Scherereien. So sind sie!

Ganz Klte, ganz Wrde und Sammlung schritt der General die Granitstufen
hinab, ohne einen Blick auf die Strae zu werfen. Ungeduldig surrte der
Motor der grauen Limousine.

Der Wagenschlag klappte, der Portier machte seinen gewohnten tiefen
Bckling, und die Limousine flog dahin.

                   *       *       *       *       *

Der General vergrub das Kinn in den Pelz.

Dieser Schurke! dachte er und das Steingesicht zitterte. Aber es
sieht ihm hnlich!

Die Augen in den tiefen Hhlen sprangen auf -- hier im dunkeln Wagen, wo
aufdringliche Blicke ihn nicht belauerten, konnte er getrost die Augen
ffnen -- es waren helle, groe Augen, geschliffene Linsen.

An der Ecke des groen roten Amtsgebudes stand der kleine ltere Herr
im Havelock und zog den steifen Hut, als der Wagen des Generals
vorberjagte. Sein Gesicht, blau wie Schnee, leuchtete, und auch seine
Glatze leuchtete blau.

Tiefblau und glnzend wie Stahl sank die Dmmerung des nassen Wintertags
ber Berlin. Die Scheiben des Autos glnzten, irgend etwas glitzerte
hoheitsvoll im Innern --. Da verschlang eine stickige Rauchwolke den
Wagen. Augenblicklich aber betrat der Mann im Havelock den Fahrdamm und
folgte dem Auto des Generals mit kleinen eiligen Schritten, als ob er es
einholen wolle.

Die Limousine flog durch die dmmerigen Straen und bersplte die
Fugnger mit einer Welle von Schneewasser und Schmutz. In dem
Luftwirbel zwischen den hinterm Pneus tanzten schmutzige welke Bltter,
die aus dem Tiergarten herbergeweht worden waren, und ein
Zeitungsblatt, das ein Passant, in der Eile sein Leben in Sicherheit zu
bringen, verlor, rollte rasend hinterher. Bei den Kurven pflgten die
Hinterreifen breite Schlittenspuren in den klebrigen Schmutz. Die Hupe
drhnte, die Marspfeife trillerte. Achtung!

Die flchtenden Fugnger erblickten nichts als einen Pelz, eine Mtze
und, wenn sie Glck hatten, das leuchtende Rot des Mantelaufschlags. Ein
General! Einer von jenen Auserwhlten, die die Schlachten schlagen, von
denen die Heeresberichte melden. Die Verwnschungen erstarben auf den
Lippen. Eine Ehre, sozusagen eine Ehre, beinahe vom Auto eines Generals
berfahren worden zu sein!

Ecke Wilhelmstrae kroch ein Krppel in Feldgrau durch den
Straenschmutz, und die Limousine htte ihn beinahe in Stcke gerissen.
Dieser Krppel schleppte sich an zwei niedrigen Krcken dahin. Sein
Rckgrat war bis zur Erde gekrmmt und das zwischen den Krcken hngende
Gesicht streifte nahezu den Schmutz der Strae. Er bewegte sich nur
langsam vorwrts, indem er Krckstock vor Krckstock setzte, er ging auf
den Knien und schleifte die verstmmelten Fustumpen hinter sich her.
Wie ein Hund, dem man die Sehnen der Hinterbeine durchschnitten, schob
er sich dahin. Whrend er aber vorwrts kroch, wurde sein ganzer Krper
von einem ununterbrochen entsetzenerregenden Zittern geschttelt.

Sieh dich vor! schrie der Chauffeur und bog in der letzten Sekunde
aus.

Der Kopf des Krppels schnellte zwischen die Schultern zurck, und die
mit schweren Ngeln beschlagenen Pneus der Limousine bersplten ihn mit
einer Woge von Schmutz. Er blieb auf schwankenden Krckstcken mitten in
der Wilhelmstrae zurck, und als es ihm gelungen war, das von ewigen
Zuckungen geschttelte Gesicht zu heben, bog die graue Limousine bereits
in die Linden ein.

Eine Flut von hpfenden Regenschirmen, blendende Pftzen, zwei
stahlblaue Omnibusschimmel, ein Schutzmann und wieder eine Flut von
hpfenden Regenschirmen. Eine Stockung. Der Wagen zitterte von den
wtenden Schlgen des gedrosselten Motors.

Die Augen des Generals glitten ber die hpfenden Regenschirme dahin,
ber die eilenden Schattenwesen mit blauen Gesichtern und blauen Hnden
-- gelangweilt, gleichgltig, ohne Anteilnahme. Obwohl nur getrennt von
diesen Wesen durch eine Glasscheibe, waren sie fr den General
weltenweit entfernt, weltenweit -- diese Menschen mit Regenschirmen,
Gummischuhen, Mnteln, Brten, Brillen . . . Sie erschienen
gewissermaen unwirklich! Sie waren Chaos, Masse -- grend von
sonderbaren, eigenwilligen Gedanken und unntzen, gefhrlichen Trieben.
Sinnlos ihr Tun, unverstndlich. Ohne Ideale, hohe Ziele, Hunger,
Sinnendurst, Geld -- ohne Zweck und Sinn. Unverstndlich. Nichts als
rohe Masse, die die Berufenen willkrlich formten, das groe Reservoir,
aus dem die Erkorenen schpften nach ihrem Gutdnken.

Die Welt des Generals war bevlkert von Wesen, die in Uniformen
gekleidet waren und mit einer Salve ins Grab gelegt wurden. Diese Wesen
bewegten sich nach bestimmten unverrckbaren Gesetzen. Sie kamen in
breiten langen Kolonnen einher wie die Brandung des Meeres, oder sie
standen still in Reih und Glied, zu Tausenden gestaffelt, wie aus Stein.
Ein Gebirge. Sie waren ohne eigenes Leben, ohne eigene Gedanken, ohne
Namen, ohne Gesichter, ohne Seele, von wenigen Auserwhlten in Bewegung
gesetzt und mit Leben und Geist erfllt. Sie waren mit einem Wort
Soldaten, Werkzeug in der Hand der Starken dieser Erde, die das Rad der
Weltgeschichte bewegten. Zuweilen fluteten unbersehbare Heerscharen,
alle im gleichen Schritt, durch seinen Kopf. Armeekorps, die wie ein
Bataillon in fehlerloser Geschlossenheit schwenkten, nach rechts, nach
links, um zu erstarren, wenn die Gedanken des Generals es wollten.
Zuweilen sah der General die ganze Erde davon erfllt. Ungeheure
Menschenwellen wlzten sich quer durch Europa und ergossen sich in der
Breite des Urals in die endlosen Steppen Sibiriens. Eine Blutwelle in
den Gehirnwindungen des Generals lie sie auferstehen und versinken
. . .

Weiter! Die Gnge krachten, und wieder flog die Limousine dahin.
Hagelkrner prasselten gegen die Scheiben.

                   *       *       *       *       *

Dieser Schurke! dachte der General und rckte sich in der Ecke des
wiegenden Wagens zurecht.

Durch einen Zufall -- brigens einen merkwrdigen, fast lcherlichen
Zufall -- hatte er heute erfahren, da eine Vermutung, die er schon seit
langer Zeit hegte, begrndet war. Jener -- nun eben jener Schurke, wie
er ihn in Gedanken nannte -- der in der Umgebung der hchsten
Persnlichkeiten weilte, das Ohr der allerhchsten Persnlichkeiten
besa, jener Schurke hatte ihn auf das tote Geleise geschoben. Hchst
einfach! Und so erklrte sich alles, ja.

Vor einem halben Jahr etwa hatte man dem Generalleutnant v.
Hecht-Babenberg, achtundfnfzig Jahre alt, pltzlich, ohne jede
Begrndung, ohne jede Warnung, sein Frontkommando genommen und ihn zur
Bureauarbeit nach Berlin abkommandiert -- whrend drauen, wie er zu
sagen pflegte, die Kanonen Europa in Fetzen schossen und eine neue Welt
aus dem Blutmeer emporstieg.

Unerklrlich, unfabar.

Jngere als er machten nun -- auch das ist ein Ausdruck des Generals --
Weltgeschichte. Unbekannte, aus unbekannten Geschlechtern stiegen in die
Hhe. Es war die Zeit, um nicht zu sagen, Konjunktur, in die Hhe zu
steigen. Und wie viele unfhige Narren kannte er (der General liebte
starke Ausdrcke), Narren, die nicht imstande waren, ein Regiment durch
das Brandenburger Tor zu dirigieren, und die heute, gesttzt auf
ausgesuchte Stbe, Armeekorps fhrten. Er konnte, wenn man es wnschte,
ihre Namen nennen! Erst vor kurzem hatte einer seiner Bekannten, seiner
frheren Bekannten, besser gesagt, dreihundert Kanonen verloren -- um
daraufhin Gouverneur eines besetzten Landes zu werden. Es kam nur darauf
an, gute Freunde zu haben. Das war das ganze Geheimnis, nichts sonst. Er
hatte gegen die Russen eine Division gefhrt vor -- wie lange war es
doch her? -- vor drei Jahren und sich das persnliche Lob seines
Allerhchsten Kriegsherrn erworben. Im Westen dagegen hatten seine
Ansichten mit denen der Obersten Fhrung nicht immer bereingestimmt.
Bei einem pltzlichen Angriff der Franzosen hatte er die Ansicht
vertreten, zu halten, koste es, was es wolle, whrend man hinten, wo
man alles besser wute, der Meinung war, auszubiegen. Er hatte
allerdings etwas liegenlassen -- aber schlielich, was kam es auf diese
relativ geringfgigen Verluste und ein paar Minenwerfer an?

Es war nichts -- man bedenke: im Vergleich zu dreihundert Geschtzen!
Nichts --

Er wrde heute, denn er konnte nicht gegen seine berzeugung handeln, er
wrde heute genau so verfahren, auf Ehre und Gewissen! In seinem
Abschnitt befand sich eine Hhe, die Hhe von Quatre vents, und es war
nur natrlich, da er diese fr den ganzen Abschnitt, ja fr einen
groen Frontsektor wichtige Hhe nicht ohne weiteres preisgab. Dreimal
gab er Befehl, Quatre vents zu halten, koste es, was es wolle. Erst als
die Hhe vom Gegner flankiert war, gab er den Befehl zum Rckzug. Die
Loslsung glckte dann allerdings nicht ganz, zugestanden.

Ein alltglicher Vorfall -- ohne jede Bedeutung.

Niemand wrde --

Es war augenscheinlich: irgend jemand mute die Hand im Spiel haben --
irgend jemand, der ihm bel wollte.

Er -- der das Ohr der hchsten Persnlichkeiten hatte --, jener
Schurke, mit einem Wort.

Das Steingesicht geriet in Erschtterung: vor mehr als dreiig Jahren --

Aber pltzlich hielt das Auto. Es stand vor einem hellerleuchteten
Blumengeschft. Der General erwachte. Ein Verkufer schleppte soeben ein
Blumenarrangement, einen schweren Korb mit Maiglckchen, an den Wagen.

Hierher! rief der General und pochte an die Scheibe. Nsse und Klte
kamen mit herein. Augenblicklich begannen die Blumen Duft und Frische
auszuatmen.

Lessingallee!

Die Limousine flog dem Westen Berlins zu. Die Federn knirschten. Bald
hielt der Chauffeur warnend die Rechte, bald die Linke hinaus -- die
Pfeife trillerte -- Schnelligkeit ist die Losung des Generals --

-- vor mehr als dreiig Jahren, hatte er, der General, ihm, eben jenem
einflureichen Wrdentrger, einen Streich gespielt, und damit hatte die
Animositt, um nicht Feindschaft zu sagen, ihren Anfang genommen.

Es war auf einem Ball bei Baron Kre. Eine junge Dame spielte eine Rolle
dabei, und damals war er, der General, der beste Tnzer in Berlin.
Damals wartete, gegen Morgen, ein Wagen vor der Treppe des Kreschen
Palais. Eine Dame springt die Treppe herunter. Sie hat den Pelz eilig um
die Schultern geworfen. Um Gottes willen, ruft sie, er hat mich
beobachtet, schnell. Schon rollt der Wagen davon. Der Pelz ist von den
Schultern der schnen Dame gefallen, und er, der General, sagt: Sie
werden frieren, meine Gndigste! Und er hllt sie wie ein Kind in den
Mantel. Sie trgt eine ganz dnne Robe, und es kommt ihm vor, als ob sie
vllig nackt im Pelz stke. Deutlich erinnert er sich dessen. Und er
erinnert sich, da dieselbe Dame seinen Rivalen rachschtig genannt
habe, hten Sie sich, er ist rachschtig! Welcher Instinkt, diese
Frauen! Und sie war fast noch ein Kind.

Vor dreiig Jahren --

Htte er damals ahnen knnen, da sein Nebenbuhler sich einst bis zur
hchsten Stellung emporschwingen sollte! Vielleicht wre er immerhin
etwas vorsichtiger gewesen, wer wei es? Nicht ohne Grund hatte er
seinen Shnen immer eingeschrft: Freunde zu werben. Freunde, schon in
der Kadettenanstalt. Denn Freunde waren im spteren Leben -- alles.
Nicht die Begabung -- welche Albernheit -- die Beziehungen waren alles.

Pltzlich sieht der General die junge Dame vor sich im Wagen, als sei es
gestern gewesen. Jahrelang waren ihre Zge in ihm erloschen. Sie ist
gepudert und trgt ein Schnheitspflsterchen am Kinn. Ihre Augen sind
warm und leuchten eigentmlich aus der Tiefe.

Diese junge Dame mit dem Schnheitspflsterchen, die er seinerzeit aus
dem Ballsaal entfhrte, wurde seine Frau.

Lange, lange Zeit --

Der General ffnet den Mund und ringt nach Luft.

                   *       *       *       *       *

Aus dem hellerleuchteten Entree der roten Backsteinvilla, ganz mit Efeu
bewachsen, strzt ein Diener in zebragestreiftem Kittel und ffnet den
Wagenschlag.

Herr General!

Herr General?

Der General erhebt sich. Mit steifen Gliedern, den Rcken etwas gebeugt,
steigt er aus dem Wagen.

Frau v. Dnhoff empfngt?

Gndige Frau empfangen, obwohl gndige Frau die Grippe hat.

Wird es lange dauern, Petersen? fragt der Chauffeur den Zebrakittel.
Was ist denn los bei euch?

Geburtstag. Die Gndige hat Geburtstag. Und der Zebrakittel eilt, den
Korb mit den Maiglckchen auf den Armen, rasch in das hellerleuchtete
Entree, um Exzellenz beim Ausziehen des Mantels behilflich zu sein.


2

Frau v. Dnhoff -- die Dame der roten, mit Efeu bewachsenen
Backsteinvilla in der Lessingallee, dicht am Tiergarten, war eine
Blondine, nicht mehr in der ersten Jugend, von ihren intimen Bekannten
die schne Dora genannt.

Sie war mittelgro, die schne Dora, etwas ppig, kleine, zierliche
Fe, kleine, zierliche Hndchen mit spitzen Fingern, groe strahlende
Augen von herrlich leuchtendem, seltenem Blau -- der berhmte
Schriftsteller, der in ihrem Hause verkehrte, hatte die Farbe mit dem
Blau des Gebirgsenzians verglichen -- ein Paar reizender Grbchen, runde
rote Lippen -- ah, und Zhne -- schneewei! Sie lachte immer und bei
jeder Gelegenheit, das Lachen setzte ganz unvermittelt ein, sie lachte
in Skalen und Trillern, ein Geklingel war ihr Lachen. Es ri mit fort.
Und immer, schon im Bett am Morgen, hielt sie eine dicke Zigarette
zwischen den spitzen Fingern und qualmte. Sie rauchte auch auf der
Strae, whrend sie Butzi, einen belgischen Griffon, an die frische Luft
brachte. Das war die schne Dora.

Etwas umschwebte sie. Ein Glanz, ein Abglanz. Der Abglanz einer
Freundschaft, die sie vor ihrer Heirat mit einer Kniglichen Hoheit
verbunden hatte. Dieser Abglanz war immer gegenwrtig. Hatte die
Knigliche Hoheit wirklich diese schlanken ringgeschmckten Finger an
die Lippen gedrckt? Diese Grbchen bewundert, sich an diesem Lachen
erfrischt, diesen weichen, verschwenderisch reichen blonden Haarschopf
liebkost? Ruhten die Augen der Kniglichen Hoheit auf diesen Schultern?
Immer, immer war Dora von diesem Abglanz umschwebt. Die Sonne war
untergegangen -- aber der Glanz lag noch in der Luft.

Nunmehr war die Knigliche Hoheit lngst verheiratet, hatte drei Kinder.

Dora aber hatte -- danach -- einen Freund der Kniglichen Hoheit
geheiratet, den Hauptmann v. Dnhoff, einer der ersten Herrenreiter
Deutschlands, professioneller Schrzenjger und Spieler, der in
krzester Zeit zwei Vermgen durchbrachte, auch Doras Vermgen. Eines
Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis--vis de rien!

Mit einem Wort: dieser Hauptmann Dnhoff entpuppte sich als ein Lump
ersten Ranges, er betrog Dora schon am Hochzeitstage, so unglaublich es
klingt, und sie gab ihm nach kurzer Zeit den Laufpa. Schon vor dem
Kriege trennte sie sich von ihm. Gegenwrtig lebte sie in Scheidung --
oder war sie schon geschieden? Niemand wute es, der Krieg hatte das
Interesse an den armseligen privaten Schicksalen in den Hintergrund
gedrngt.

Der Herrenreiter und Spieler war Artillerist und lebte gegenwrtig bei
seiner Batterie im Westen -- irgendwo. Er ergraute bei seinen Kanonen,
in den Waldschluchten des Argonner Waldes oder in den Kalkhgeln der
Lausechampagne, sein Gesicht wurde gelb, pergamenten. Die Welt hatte ihn
vergessen, seine Damen -- nur die Gegenwart hat Macht. Ein einziges Mal
war er whrend des Krieges in Berlin aufgetaucht, ohne Dora zu besuchen,
es gab sofort wieder Skandal, eine Dame, ein Offizier -- immer die
gleiche Geschichte. Und er ergraute weiter bei seinen Kanonen. Seine
Schlfen waren schon ganz wei. Zuweilen schrieb Dora an ihn, zuweilen
kam auch ein Brief aus dem Felde, und Petersen, der Diener, zeigte ihn
Frida, der Zofe, und flsterte: Von ihm!

Also, das war Dora und ihre Lebensgeschichte, in flchtigen Linien
natrlich nur, und heute hatte sie die Grippe.

Doras Haus war eine alte Villa, verbaut und immer wieder umgebaut, mit
Slen und Zimmern, Nischen, Erkern, Korridoren, groen und kleinen
Treppen und Treppchen. Niemand, der nicht hier lange verkehrte, fand
sich zurecht. Dora hatte das ganze Haus in ein Teppichmagazin
verwandelt. Es gab keinen Quadratmeter, der nicht mit einem Teppich
belegt war. Es gab im Dnhoffschen Hause sogar etwas, was es nur selten
in Berlin gab, nmlich einen Raum, der ein vollkommenes Zelt war. Eine
Art arabisches Zelt, ganz aus Teppichen ausgebaut. Infolge der vielen
Teppiche roch es im Dnhoffschen Hause eigentmlich nach Staub. Dazu
hatte Dora das ganze Haus mit antiken Mbeln vollgestopft, Mbeln aller
Stilarten, mit Sulen aus Kirchen und grellbemalten oder vergoldeten
Heiligenfiguren. Alle Tische, Kommoden und Gesimse waren mit kleinen
Kostbarkeiten aller Art, mit Leuchtern, Schnitzereien, Waffen,
Miniaturen, Dosen derartig berst, da es unmglich war, auch nur ein
Paar Handschuhe abzulegen, ohne irgendeine Kostbarkeit in Gefahr zu
bringen. Es war unmglich, alle diese Dosen, Schnitzereien, Waffen und
Heiligen abzustauben. Und so sammelte sich immer mehr Staub an. An das
arabische Zelt stie das Speisezimmer, ein riesiger Raum mit einer
Empore, zu der eine steile Rokokotreppe, gelb und rot bemalt,
emporfhrte. Dieser Raum war zurzeit schwer heizbar und bestndig
strmte ein kalter Luftzug in das arabische Zelt hinein. Doras Haus
hatte aber noch eine Eigentmlichkeit: das waren die Lampen. Es gab kein
Haus in ganz Berlin, das so viele Beleuchtungskrper aufwies. Blaue,
grne, gelbe, rote Ampeln, alle von ganz besonders erlesener Frbung,
Kronleuchter mit Dutzenden von Flammen, schwere Messingkronen mit halb
heruntergebrannten dicken Wachskerzen. Das arabische Zelt selbst wurde
durch eine polnische Synagogenampel beleuchtet. Es war ein
opalisierendes, bluliches Licht, der Farbe von Zigarettenrauch hnlich.
In der Ecke des arabischen Zeltes aber stand noch eine riesige
purpurrote Lampe, die auf eine vergoldete Barocksule aus irgendeiner
Kirche montiert war. Neben dieser roten Lampe sa gewhnlich Dora, sie
strahlte dann wie glhender Alabaster, whrend die andern wie Leichen
aussahen. Sie verstand ihre Sache.

Zwischen diesen Teppichen und Lampen, sonderbaren Heiligen und
tausenderlei Krimskrams bewegte sich Dora, mit ihrem blonden Haarschopf,
ihren Grbchen und dem Glanz, der sie umschwebte. Niemand hatte Dora
jemals in schlechter Laune gesehen. Ihr Benehmen war immer gleich.
Jedermann fhlte sich wohl bei ihr.

Nicht zu vergessen auch Doras Badezimmer, eine Sehenswrdigkeit -- ein
richtiges Treibhaus.

                   *       *       *       *       *

Sobald der General die rote Backsteinvilla betrat, kam das Steingesicht
in Erschtterung.

Der General gehrte zu den Intimen des Hauses. Zweimal in der Woche,
Dienstag und Freitag, pflegte er bei Dora zu Abend zu speisen. Ohne
andere Gste.

Der Stein verwitterte im Lichte der Garderobenampel, er verwandelte sich
in Haut, in die Haut eines Menschen, der ewig von Zimmerluft umgeben
ist, und der -- vielleicht, nur eine Vermutung -- an beginnender
Sklerose der Arterien leidet. Die starre Leblosigkeit des Gesichts lste
sich. Es zeigte sich sogar, seht an, eine Spur von Farbe auf den breiten
Wangen, ein rtliches Violett, von feinem Geder herrhrend. Die ernsten
Gedanken, die den General einhllten, zerflatterten, der etwas massige,
schwerbewegliche Krper schien elastisch und verjngt.

Es scheint ja nicht so schlimm zu sein, mit der Grippe, dachte er, als
Doras Lachen in die Garderobe drang.

Die geschliffenen Linsen der Feldherrnaugen ruhten sogar einen
Augenblick leutselig auf dem Diener. Etwas Auergewhnliches, denn der
General pflegte seine Mitmenschen nie anzusehen. -- Dann widmeten sie
sich mit rein menschlichem Interesse dem Studium einiger Gummischuhe,
die in der Garderobe standen.

Sind auch -- Damen hier, Petersen --?

Frau Major Sterne-Dnhoff mit Tchtern.

Nichts hate der General mehr als Ansammlungen von Menschen, mochten sie
gro oder klein sein; nichts frchtete er mehr als berraschungen -- es
war ja mglich, da man ihm, ohne jede Vorbereitung, ixbeliebige
Menschen prsentierte, wie es ihm schon passiert war. So neulich bei
einem Militrattach, wo unerwartet der Redakteur einer sehr
linksstehenden liberalen Tageszeitung auftauchte, ganz zu schweigen von
jenem Herrenabend bei Exzellenz v. Krmer, wo ein sehr orientalisch
aussehender Chirurg anwesend war, eine Berhmtheit, getauft -- aber
trotzdem. Er wnschte zu wissen, wer anwesend sein wrde -- bei Dora
allerdings, wo er zweimal in der Woche zu Abend speiste -- machte er
eine Ausnahme. Er kannte Doras Kreis, nahezu wenigstens, und nur
zuweilen traf er hier irgendeinen Maler oder Schriftsteller, auf deren
Bekanntschaft er allerdings wenig Wert legte, um offen zu sein. Das war
indessen nicht zu ndern: Dora selbst war eine Art Knstlernatur.

Der General strich den grauen Scheitel mit der Brste zurecht, glttete
den dnnen grauen Schnurrbart, prfte die Hnde . . .

Der General war das Bild der Akkuratesse selbst. Alles leuchtete und
glnzte an ihm, die Stiefel, die roten Streifen der Hosen, die
Ordensauszeichnungen, die langen polierten Fingerngel -- nur die Haut
des Gesichts war, wie gesagt, stumpf, von der Zimmerluft beschlagen. So,
genau so hatte er ausgesehen, als er sich in Polen mit den Russen schlug
-- in Frankreich, wo er in einem Chateau wohnte, war es ja schlielich
kein Kunststck. Er hatte sofort ein Bad einbauen lassen, das war das
erste gewesen, die Wanne wurde mit dem Auto aus Frankfurt geholt.

Ohne jede bertreibung, der General war noch heute eine stattliche
Erscheinung.

Auch einige Offiziersmtzen, drei im ganzen, hingen da. Er erkannte die
Seidenmtze seines Sohnes Otto, die eine ganz besondere Form hatte.
Offenbar machte er seinen Abschiedsbesuch; er mute morgen wieder ins
Feld. Falten erschienen auf der breiten Stirn des Generals, verschwanden
aber sofort wieder. Er liebte es nicht, Otto oder Ruth, seine Tochter,
in Gesellschaft zu treffen. Er kam sich beobachtet vor, sie strten, mit
einem Wort.

Die Herrschaften sind im Zelt, Herr General.

Schn -- aber der General hielt den Schritt an und zog die Brauen in
die Hhe -- eine Brste, Petersen. Der General hatte tatschlich ein
Hrchen auf seinem rmel entdeckt.

Es ist von Butzi, Herr General -- das ganze Haus ist voll von seinen
Haaren --

Wie soll es denn von Butzi sein? Dann mte es ja seit Dienstag --
nein, das ist unmglich, Petersen.

Vielleicht war es im Mantel? berall sind diese Haare --!

Petersen ffnete die Tre zu einem Vorzimmer. Hier brannte eine einsame,
hohe Wachskerze, zu Fen eines verlassenen steingrauen Heiligen mit
zinnoberrotem Rock, der in Verzckung ein Buch schwang. Hierauf schlug
Petersen den Teppich zurck.

Der Rcken des Generals, etwas zusammengesunken whrend der Unterhaltung
mit Petersen -- ob das Haar von Butzi stammte oder nicht -- straffte
sich.

-- sollten sich aber wirklich schonen. Zum Beispiel, das Rauchen --

-- es ist ja gar nicht die Grippe.

-- tglich sterben Hunderte --

Dora lachte: Sie wollen mir Mut machen, Otto!

Und Petersen schlug den zweiten, gelbseidenen Vorhang zurck.

Augenblicklich strzte der belgische Griffon klffend heraus. (Er war
mit Exzellenz verfeindet!)

Die Offiziere schnellten von ihren Sesseln empor.

                   *       *       *       *       *

Dora trug die kleinen mattgelben Perlen in den Ohren, nicht die Boutons,
die von frher stammten! Der General sah es auf den ersten Blick.

Mit aufgehellter Miene, soweit sie sich aufhellen konnte, trat er ein.
Selbst seine Augen verloren ihre Strenge, aber sie blieben trotzdem --
kalt.

Dora glhte im Schein der groen Purpurlampe, ihre Arme und Hnde
leuchteten wie Korallen, und in ihrem durchsichtigen feinen Ohr
schimmerten in der Tat kleine gelbe Perlen. Aus dem Halbdmmer des
Zeltes hoben sich die drei schwarzgekleideten Damen Sterne-Dnhoff,
schmal, steif, todernst. (Major Sterne-Dnhoff war vor einem halben Jahr
gefallen.) Aus einem Spiegel funkelten bleiche Gesichter, fahl im
Scheine der blauen Ampel. Diese Gesichter verwirrten den General, so da
er seine Gratulation etwas steifer und frmlicher vorbrachte, als er es
wnschte.

Erst jetzt bemerkte er, da Hauptmann Wunderlich, einer der drei
anwesenden Offiziere, ein Freund des Dnhoffschen Hauses, noch immer
stand. Er hielt sich an den Lehnen des Sessels aufrecht, denn er war
lahm geschossen und ging an Krcken.

Erst jetzt bemerkte er die zarte, therische Dame mit dem langen
Gesicht, die Kinn und Nschen in den Muff drckte, neben Dora sa sie
auf dem Diwan -- ah, welche berraschung, welch freudige und ungeahnte
berraschung!

Es ist in der Tat kein Scherz, gndige Frau, mit dieser Grippe --

Ich hrte es von einem Krankenhausarzt -- einhundertvierzig Tote
gestern -- und wie gesagt, gar keine Grippe, sondern die Lungenpest --

Man sagt es ja nur, man schwtzt --

Derselbe Arzt versicherte es mir. Die Lungen sind vllig mit weien
Blschen bedeckt und vereitert.

Es sind einfache Streptokokken.

Ja, nun, Sie sagen einfache --

Und Pest? Auch Pest ist nur ein Wort.

Vorlaut, immer ist dieser Junge vorlaut, dachte der General.

Otto, der Sohn des Generals, sprach mit lauter, heller Stimme, die stets
etwas keck klang, selbst wenn er die harmlosesten Dinge sagte. Er sah
seinem Vater auffallend hnlich. Gro, das gebrunte Gesicht breit und
brutal, die Augen hell und verwegen, aber voller Unruhe. An der Stirne,
dicht neben den blonden, glnzenden Schlfenhaaren, hatte er eine Narbe,
die von einem Kopfschu herrhrte, den er im Mai 1915 bei Ypern erhielt.
Damals lag er ein halbes Jahr im Lazarett -- aber so gering war die Eile
der internationalen Generalitt, da er sein Regiment im Herbst noch an
genau derselben Stelle vorfand, wo man ihn im Frhjahr weggetragen
hatte. Er sa mit einer gewissen Ungeniertheit (die dem General mifiel)
im Sessel, frei und selbstgefllig, die Brust voller Auszeichnungen --
im Gegensatz zum jungen Heinz Sterne-Dnhoff, der, ganz wie seine
Schwestern in Schwarz, bescheiden und steif dasa. Dieser Heinz war noch
ein Knabe, schlank und zart, noch nicht neunzehn Jahre. Er trug Feldgrau
und -- seit heute -- das Abzeichen des Flugzeugfhrers. Er war indessen
noch nicht im Felde gewesen und lebte in der bestndigen Angst, der
Krieg knnte zu Ende gehen, bevor die Reihe an ihn kme. Er hatte den
roten Mund eines Knaben, noch umschwebt vom Lcheln der Kindheit.
Unausgesetzt waren seine blauen, strahlenden Knabenaugen voller
Ehrfurcht auf den General gerichtet, auf seine Ordensschnalle, den
gestickten Kragen und das weie groe Emaillekreuz, das er am Kragen
trug. Was fr ein Orden mochte es wohl sein? Seit dem Eintritt des
Generals ffnete er den Mund nicht mehr, die Nhe eines so hohen
Vorgesetzten bedrckte ihn. Er sa, bereit, jeden Augenblick
aufzuspringen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dem General
einen Dienst zu erweisen.

Mit groen grauen, etwas dsteren Katzenaugen sa neben Dora Hauptmann
Wunderlich. Bla und mager, sah er aus wie ein achtzehnjhriger
Gymnasiast, der ber Nacht ergraut war. Er lchelte nie, und wenn er --
selten, ganz selten -- einmal lchelte, so war es das Gespenst von einem
Lcheln, das niemand ertrug. Seine gleichmige Miene forderte indessen
auf, sich nicht im geringsten durch ihn stren zu lassen. Der Blick
seiner Augen glitt in die Ferne. Auch whrend er sprach, schien er zu
Leuten irgendwo in der Ferne zu reden und nicht zu den Anwesenden. An
seiner linken, mit einem goldenen Armband geschmckten Hand fehlten
einige Finger.

Hinter seinem Sessel lehnten die Krcken, womit er sich, nur mit einem
Fu den Boden berhrend, wie eine Glocke dahinschwang. Hauptmann
Wunderlich war schon in den ersten Wochen des Krieges durch einen
schweren Brustschu auer Gefecht gesetzt worden. Ein Jahr spter wurden
ihm in Ruland beide Beine zerschmettert. Hierauf ging er zur
Fliegerwaffe ber. Er war heute einer der bekanntesten Menschenjger in
der Luft. Er wurde in die Maschine gehoben.

Frau v. Sterne-Dnhoff mit ihren Tchtern, aus dem Halbdmmer sich
abhebend -- mit flachen Hten, enganliegenden Kostmen, langen
Gesichtern, steif, still, langweilig. Nur selten warfen sie ein Wort in
die Unterhaltung. Sie trugen schwarze, sehr enge Glachandschuhe.

Und jene andere Dame, die therische, die Kinn und Nase in den Muff
drckte und neben Dora auf dem breiten Diwan sa, die spitzen Knie
hochgezogen? Jene Dame, ber deren Besuch der General so erfreut und
berrascht war?

Es war eine Grfin Heller, soeben aus der Schweiz zurckgekommen. Grfin
Heller war Spiritistin, Theosophin -- alles Dinge, die den General nicht
im geringsten interessierten. Sie war darber hinaus die Schwester jenes
-- eben jenes Schurken, wie ihn der General in Gedanken nannte. Jener
einflureichen Persnlichkeit, deren Name in der Gesellschaft nur
flsternd ausgesprochen wurde. Seine Majestt hat ihm hchst eigenhndig
-- wissen Sie . . . Der General hatte nicht ahnen knnen, sie hier zu
treffen. Solche Zuflle gibt es! Aber vielleicht hatte Dora ihre Hand
dabei im Spiel? Dora, die mit ihrem knstlerischen Naturell auf
rtselhafte Weise die Gedanken ihrer Mitmenschen erriet und alles so
wunderbar zu arrangieren verstand? Wie?

Ich hatte in der Tat nicht vermutet, Grfin, Sie heute zu sehen!
wandte sich der General mit allen Zeichen der freudigen berraschung,
die bei jeder Anrede neu auflebte, an sie. Sie waren lange weg. Wie
gefllt es Ihnen wieder in Deutschland?

Grfin Heller lchelte und schob Butzi ein Stckchen Torte zwischen die
scharfen, schneeweien Zhnchen. Ich finde es ent--setz--lich!

Ah, ah!

Ein Friedhof!

Der General lchelte nachsichtig. Bei einer Dame des hohen Adels, des
hchsten Adels, der Schwester einer solch hochgestellten Persnlichkeit,
mute man wohl einige Wunderlichkeiten in Kauf nehmen -- noch dazu bei
einer Dame, die mit dem Geist Friedrichs des Groen in okkulter
Verbindung stand.

In diesem Augenblick berbrachte Petersen ein Telegramm. Dora errtete,
als sie es ffnete. Es enthielt nur wenige Worte, wie man sehen konnte.

Der General ahnte: es kommt aus dem Felde!

Die Unterhaltung geriet ins Stocken.


3

In der Tat, das Telegramm -- das Dora lssig zusammenfaltete und in eine
kleine japanische Lackschale legte -- kam aus dem Felde. Hauptmann
Dnhoff hatte es heute morgen abgeschickt, und eben jetzt dachte er, ob
das Telegramm wohl schon angekommen sei. Beinahe nmlich htte er Doras
Geburtstag vergessen. Erst in der Nacht, als er durch einen
dumpfkrachenden Einschlag geweckt wurde, war es ihm eingefallen und er
hatte sich sofort eine Notiz gemacht. Sein Gedchtnis war im Laufe der
Kriegsjahre vllig geschwunden.

Er sa mit seinem Adjutanten Kammerer in seinem Unterstand, zwei Meter
unter der Erde, mitten in den Finsternissen des Argonner Waldes. Eine
kleine Petroleumlampe, ein eiserner Ofen, der immer glhte, ein
Telephon, zwei Pritschen und allerlei Germpel, das war die Ausstattung.
Die Wnde schwitzten von Nsse. Kammerer war eifrig damit beschftigt,
seine kurze Stummelpfeife zu reinigen. Er bediente sich einer
Krhenfeder, die er -- da drauen -- gefunden hatte. Dnhoff, der
Batteriechef, tat gar nichts, er ghnte zuweilen, ghnte. Er war nicht
schlfrig, sondern nur mde, immerzu mde.

In der Ferne brummte ein schweres Geschtz. Ganz deutlich war sein
tiefes mchtiges Raubtierknurren aus dem Lrm, dem Knacken und Donnern
der fernen und nahen Geschtze herauszuhren.

Hauptmann Dnhoff hob horchend das gelbe Gesicht.

Hren Sie? Da ist er wieder!

Der junge Offizier blickte nicht auf, er war voller Andacht bei der
Arbeit.

Er schiet jetzt wieder fter mit dem schweren Geschtz, erwiderte er
leichthin. Sie haben mehr Munition.

Die Erde zitterte, und ein lautes Krachen ertnte, Hauptmann Dnhoff
lachte belustigt. Da, da, sagte er, er streut jetzt unsere Kuppe ab.

Kammerer antwortete hierauf nichts mehr. Er blies voller Anstrengung in
das verstopfte Pfeifenrohr. Der braune Tabaksaft quoll heraus, aber, der
Teufel, immer noch mute etwas im Rohr stecken.

Sie sollten einen Draht nehmen, Kammerer.

Es mu auch so gehen --

Wieder ghnte Hauptmann Dnhoff. Seine Zhne waren gelb und schlecht
gepflegt.

Hier in diesem verfluchten Wald wurde man, mit Respekt zu sagen, langsam
zu einem Schwein. ber ein Jahr lag er mit seiner Batterie an der
gleichen Stelle. Neulich sah es so aus, als ob sie nach der Champagne
kommen sollten -- aber es war wieder nichts daraus geworden. Auch die
Champagne war kein Paradies, aber es gab wenigstens Licht dort -- hier
war es immer dster.

Tag und Nacht hallte dieser finstere Wald wider von einem unheimlichen
Drhnen und Rasseln, Lachen, Niesen und Husten. Tag und Nacht strichen
winselnde und klagende Stahlvgel ber ihn dahin, und das Rasseln der
Maschinengewehre hmmerte hundertfach verstrkt in den Waldschluchten --
bis pltzlich alle Lrme von einem einzigen groen Lrm sekundenlang
bertnt wurden. Gestern ist die Eiche vor dem Unterstand zersplittert,
heute strzte eine hohe Tanne zu Boden. Die Splitter leuchten in der
Finsternis. Der Regen rauscht, Strme von Lehm flieen die schmalen
Knppelwege hinab, die die Soldaten durch das Dickicht geschlagen haben.
Zuweilen trifft man auch ein menschenhnliches Wesen, bis an die Augen
mit Lehm beschmiert. Zuweilen schleppen sich auch Trppchen von
Gespenstern, mit blutigen Binden an Kpfen und Armen, die Knppelwege
hinunter -- nein, pfui, der Wald ist kein Platz fr einen Gentleman!

Hauptmann Dnhoff denkt an Sonne -- an eine Wste, in der Sonne,
flimmernd von Licht, zitternd, vibrierend vor Hitze. Es wrde ihm direkt
Vergngen machen, einmal tchtig in der Sonne zu schwitzen. Und
pltzlich kommt ihm Dora in den Sinn. Das Telegramm mute nun wohl da
sein. Langsam kriechen die Gedanken.

Kannten Sie nicht General v. Hecht-Babenberg, Kammerer?

Welchen Babenberg?

Nun, den, wissen Sie -- man hat ihn nach Hause geschickt --

Nie gesehen. Weshalb fragen Sie?

Ich dachte gerade an ihn -- nur so --

Was will er? dachte Dnhoff und erinnerte sich an das, was man ihm
berichtet hatte. Was beabsichtigt er? Dora? Erwachsene Kinder -- man
kann nie wissen. Dora drang darauf, da er bald nach Berlin kme -- es
fehlte noch eine Unterschrift in der Urkunde -- gut, an ihm sollte es
nicht liegen.

Kammerer strahlte. Pltzlich pfiff die Luft durch das Pfeifenrohr. So,
das Kind hat Luft --

Das Telephon tutete. Die Beobachtung meldete, da der Feind in der neuen
Sappe unverschmt arbeite.

Schon trillert Kammerers Pfeife drauen im Wald. Die Geschtze der
Batterie Dnhoff sind ber eine weite Strecke verteilt und erst zu
erkennen, als die dunkeln Rohre sich pltzlich bewegen. Hier im Wald ist
es schon ganz dster, aber drauen bei der Beobachtung sind im
Scherenfernrohr noch deutlich die Nebelgestalten zu unterscheiden, die
dicht am Waldrande bei Boureuille Erde aufwerfen.

Da donnern auch schon die Geschtze. Wtend, mit kurzen harten Schlgen,
und das Echo rollt breit und drohend dahin. Die Petroleumlampe schwankt,
whrend Hauptmann Dnhoff mde die Augen schliet und ghnt.

Nun rieselt es drauen im Wald wie Regen. Die welken Bltter, die noch
an den Bumen hngen, fallen, von den Luftwirbeln losgerissen, zu Boden.

                   *       *       *       *       *

Und Ruth? Wo ist Ruth? fragte Grfin Heller. Weshalb ist sie nicht
gekommen?

Sie hat immer mit ihrer Kche zu tun. Ruth, die Tochter des Generals,
arbeitete in einer Mittelstandskche, ehrenamtlich natrlich, nicht
gegen Bezahlung.

Ruth war heute vormittag bei mir, warf Dora ein.

Verfhrerisch war Doras Teetisch gedeckt, Blumen, Kuchen, Konfitren.

Wann wird die Hochzeit sein? Ruth war mit einem Baron Dietz, einem der
reichsten pommerschen Grundbesitzer, verlobt. Er war zurzeit in Bukarest
bei der Verwaltung.

Ich wei es nicht, erwiderte der General und schttelte den Kopf. Im
Sommer wahrscheinlich. Ruth hat Lust, bis zum Frieden zu warten, wie mir
scheint. Ich kmmere mich grundstzlich nicht um die Angelegenheiten
meiner Kinder --

Butzi, einem alternden bellaunigen Lwen lcherlichen Formats hnlich,
sa auf dem Scho seiner Herrin und betrachtete aufmerksam, mit
nachdenklich gekruselter Stirn den General, seinen Feind, dessen
blanken Stiefeln nahezukommen gefhrlich war.

Krieg, Nahrung, Politik -- in jeder Gesellschaft, sobald nur zwei
Menschen zusammentrafen, versank man rettungslos augenblicklich in das
gleiche Thema. Verzweifelte Anstrengungen, die Blicke glitten in die
Ferne, ein Lcheln versuchte die Mienen zu verklren -- gewi, es gab
Himmel und Hlle im menschlichen Herzen, Engel und Teufel wandelten auf
der Erde, bestechend durch ihre Liebe und ihre Kraft, ewig
unergrndliche Probleme bewegten unsichtbar die Jahrhunderte -- immer
noch flog die Sonne, ein Ball berhitzter Gase, samt ihren winzigen
Planeten mit der Geschwindigkeit von zwanzigtausend Sekundenmetern,
unfabar, dem Sternbild der Leier zu -- immer noch war das Einfachste
nicht ergrndet, die Vergangenheit rtselhaft, die Zukunft
undurchdringlich, die Gegenwart unbegreiflich, immer noch schaukelte der
Mensch, ein Atom, nicht einmal ein Atom, ber den Abgrnden der
Mysterien, voller Entsetzen, voller Hoffen -- immer noch war alles
geheimnisvoll, unfabar. Noch immer versank der Mensch jede Nacht in
einen erschreckenden Zustand der Bewutlosigkeit. Noch immer war die
Liebe, die mtterliche, unbegreifliche, offenbart im winzigen Insekt, in
Doras Lachen und selbst in den ernsten Gesichtern der Damen
Sterne-Dnhoff -- noch immer war sie allgegenwrtig -- gewi! Aber doch
-- gnzlich hoffnungslos. Es war wie die Verdammnis selbst! Das
verklrende Lcheln erlosch, der Blick flchtete erschrocken zurck --
nichts blieb: Politik, Krieg, Nahrung.

Das politische Schicksal -- die Summe der menschlichen Schwchen und
Irrtmer -- hatte die Gedanken versteinert. Die Staubschicht der
Schlachtfelder, die bis an die Grenze der Atmosphre hochstieg, lastete
wie ein Gebirge auf den Gehirnen, vom Atlantik bis zum Pazifik -- die
Gehirne bewegten sich nicht mehr. Butzi allein fhrte sein eigenes
geistiges Leben weiter. Weshalb, zum Beispiel, durfte man den Hosen mit
den roten Streifen nicht zu nahe kommen? Weshalb zuckte die
Stiefelspitze, wenn man mit der Zunge den Glanz der Stiefel berhren
wollte? Antworte, gerechter Himmel! Wonach roch er? Nach, um es kurz zu
sagen, Gleichgltigkeit und Verachtung. Er liebte Hunde nicht. Und
pltzlich, ohne es selbst zu wollen, knurrte Butzi, ohne zu wissen, was
er tat und weshalb pltzlich der Zorn in seinem kleinen Stahlherzen
klopfte.

Butzi bekam sofort eine Ohrfeige. Aber das nahm er nicht bel. Denn es
war ja seine Herrin, deren Lachen er liebte, deren Geruch er liebte --
sie, die Freundschaft fhlte fr die Hunde, Liebe. Die Wohltterin und
Heilige -- obschon diese klffenden Ungeheuer sie vielleicht fr
verworfen hielten -- fr schamlos -- fr . . .

Nein, Butzi verstand die unartikulierten Laute dieser klffenden
Ungeheuer nicht. Er begriff ihren Eifer nicht, ihre Erregung. Offensive,
die bevorstehende groe Offensive -- der Entscheidungsschlag.
Unbegreiflich! Der Herr mit den roten Streifen glaubte nicht an die
Amerikaner, und die Damen lchelten. Wie beliebt? Bluff, mit einem Wort.
Er gestand, da er besorgt war -- besorgt, nicht mehr! Htten sie sich
auf Spezialwaffen beschrnkt -- Fliegertruppen, Automobilkorps,
Artillerie -- er htte vor Angst gefiebert. Aber eine Armee? Unmglich!
Woher das Offizierkorps nehmen? Nun, die Rstungen galten ja gar nicht
uns! Nein! Der grte und geschickteste Bluff der Geschichte.

Hier wollte Otto etwas einwerfen, aber der General wandte ihm den Blick
zu, und er schwieg.

Und die Transportfrage, ich bitte? Willkommene Beute fr unsere U-Boote,
so sagte der Minister.

Die Damen hingen an den Lippen des Generals. Ihr Atem ging pltzlich
leichter. Grfin Heller beliebte die Zwischenfrage: ob das Volk -- so
ganz im allgemeinen --?

Der Herr mit den roten Streifen runzelte vorwurfsvoll die Stirn. Dann
lsten sich seine Zge zu beschmender Zuversicht.

Ein kleines Beispiel nur, wenn die Damen gestatten wollen -- wie
herrlich dieses Volk ist. Einer meiner Burschen, er begleitete mich
durch den ganzen Feldzug, Jakob mit dem Familiennamen, ein Bauernsohn.
Ich frage ihn, ob er nicht gerne wieder dabei wre, da drauen, wenn es
nun wieder losgeht? Natrlich mchte er das! Er strahlt ber das ganze
Gesicht! Sie sollten dieses Strahlen gesehen haben, Grfin! Aber, sage
ich, hre, wenn ich dich nun hier brauche? -- Langes, tiefes Sinnen. Das
echt deutsche tiefe Sinnen! -- Dann bleibe ich bei Herrn General! --
Grfin, zwei der augenflligsten deutschen Charakterzge mgen Sie in
dieser kleinen Szene erkennen: die dem Deutschen angeborene
Kampfesfreude und seine Mannestreue --

Die Grfin blinzelte lchelnd mit den gepuderten Wimpern. Immer noch
spricht der General. Jedes seiner Worte atmet Zuversicht. Heute abend
wird Grfin Heller jede Einzelheit des Gesprchs jener einflureichen
Persnlichkeit berichten. Jedermann wei das. Der hohe Wrdentrger ist
vorzglich informiert ber die Meinungen aller Persnlichkeiten, die
eine Rolle im ffentlichen Leben spielen. Sein Lcheln ist -- tdlich.
Ein anerkennendes Wort seiner schmalen Lippen mehr wert als eine
gewonnene Schlacht. Sehr wohl wei der General, da man _dort_ nur einen
gesunden Optimismus liebt.

Butzi ringelte sich resigniert auf dem warmen Scho der Herrin zusammen.

Reserven, ungeheure Reserven. Gestaffelt bis Frankfurt, Mainz, selbst
Mnster ist Etappe. Alles was in Ruland war -- die neuen Mannschaften
-- eine Millionenarmee, furchtbar und stark wie am Anfang des Krieges.
Wie eine unheimliche Flutwelle wird die Armee vorrollen, alles
niederwerfend --

Eine andere, etwas hellere und weniger trockene Stimme sprach nunmehr.
Es war der Mann mit den Krcken. Die Augen der Majorin Sterne-Dnhoff
leuchteten. Die Grfin schlrfte blinzelnd den Tee.

Ja, das Gas! Das Gas wird der Armee den Weg bereiten! Das frchterliche
Gelbkreuz und Blaukreuz. Es zerfrit die Gasmasken, selbst Leder, jede
Berhrung, auch die kleinste, ist tdlich.

Die Gesichter strahlten, schon rteten sich die Wangen der Schwestern
Sterne-Dnhoff und des jungen Heinz wie im Fieber. Der General blickte
mitrauisch zum gelbseidenen Vorhang. Ob nicht ein Lauscher in der Nhe
sei, ein Dienstbote vielleicht. Er fand es im hchsten Grade
unvorsichtig von Hauptmann Wunderlich, ber diese geheimen Dinge so
unumwunden zu sprechen -- obschon man ja, gewissermaen, unter sich war.

Butzi war endlich eingeschlafen.

Gebe Gott, da es zu Ende geht, sagte Grfin Heller mit einem tiefen
Seufzer. Ich mchte reisen!

Aber Sie knnen doch, Liebste? Sie reisen ja ununterbrochen!

Ich mchte nach Paris reisen!

Nach Paris!

Aber augenblicklich hatte der General seine Fassung wieder gefunden. Er
beugte sich vor. Sie werden nach Paris reisen, Grfin! versichert er
mit Feierlichkeit in der Stimme. Ich gebe Ihnen mein Wort!

Ich werde -- Herr General?

Ja, fuhr der General mit derselben Feierlichkeit fort. Paris und
Calais werden fallen, Grfin, die Trmmer der englischen Armee werden
ins Meer geworfen -- im Sommer werden wir in Paris den Frieden
diktieren. Dies ist meine heilige berzeugung!

Gott segne Sie, General! Grfin Heller zog die kleine Hand aus dem
Muff und streckte sie lachend dem General entgegen.

Diese kleine Unterbrechung -- whrend sich der graue Scheitel ber die
kleine Hand beugte -- benutzte Otto. Er erhob sich rasch, und auch Heinz
schnellte in die Hhe. Die beiden jungen Offiziere verabschiedeten sich.

Butzi erwachte, berzeugte sich, gegen den General schielend, da er
noch blieb, und ringelte sich, ergeben in sein Schicksal, wieder
zusammen.

                   *       *       *       *       *

Otto beugte sich ber Doras Hand, die wie eine Koralle blhte, und seine
hellen verwegenen Augen -- doch Dora wehrte lchelnd seinen Blick ab.

Leben Sie wohl, Otto -- auf gesunde Wiederkehr! sagte sie, und ihre
Grbchen schimmerten. --

Ich hatte noch gar nicht Gelegenheit, Grfin -- mich nach dem Befinden
Seiner Exzellenz zu erkundigen -- ich darf doch hoffen, da Seine
Exzellenz -- Die Stimme des Generals sank zu einem ehrfurchtsvollen
Raunen herab.

Seine Exzellenz waren vor kurzem in ernster Lebensgefahr. Der Hofzug,
wissen Sie -- und ein feindlicher Flieger -- eine Bombe -- aber Gott sei
Dank passierte nichts. Die Bombe traf, leider, einen Lazarettzug -- die
Armen --. Die Grfin aber hatte alles gefhlt. Zur selben Stunde
erwachte sie, im Traum erschreckt durch einen Feuerschein. So
geheimnisvoll innig war die Verbindung zwischen ihr und ihrem Bruder.

Das Gesicht des Generals zeigte uerste Bestrzung.

Ist es mglich -- eine Bombe -- und man erfhrt es jetzt erst --?
Wann?

Vor etwa zehn Tagen.

Vor zehn Tagen! Und man -- haben Sie gehrt, Dora?

Der General konnte es gar nicht fassen.


4

Die beiden jungen Offiziere eilten mit raschen Schritten die nasse
dunkele Strae entlang. Beide waren verabredet, mit den Schwestern Klara
und Hedi Westphal, die zu Doras Kreis gehrten. brigens wute keiner
von des andern Rendezvous. Das ganz nebenbei.

Otto schlug den Kragen des Mantels hoch und fluchte.

Furchtbar, entsetzlich!

Wie beliebt?

Einfach entsetzlich!

Sie meinen, Otto?

Dieses Geschwtz! Diese Teegesellschaft! -- Ich gehe brigens links,
Heinz. Ich mu zum Kaiserhof. Otto machte erneut den Versuch, Heinz
abzuschtteln, weil er allein sein wollte. Was ahnte dieser Knabe --?

Aber Heinz verstand ihn nicht. Es ist einerlei, wo ich einsteige. Das
heit natrlich, wenn ich lstig bin?

Heinz hatte Mhe mitzukommen, denn Otto machte rasende Fahrt. Mit Genu
atmete er die feuchte Luft ein, die aus dem Tiergarten in alle Straen
dieses Viertels strmte. Welcher Qualm bei Frau v. Dnhoff! Dora rauchte
englische, etwas parfmierte Zigaretten, sie bekam sie jetzt noch --
woher, das war rtselhaft, aber sie bekam sie jedenfalls. Auch Heinz war
glcklich, Doras Salon entronnen zu sein. Die Nhe des Generals hatte
ihn bedrckt. Er hatte auch nicht den Mund aufgetan und war sich albern,
kindisch und ungeheuer dumm vorgekommen. Die Ordenssterne des Generals
und besonders der gestickte Kragen (war ein Komet darauf gestickt oder
was sonst fr eine sonderbare Sache?) hatten seine Phantasie verwirrt.
Glcklicherweise, ja, es war in der Tat ein Glck, hatte ihn der General
gar nicht beachtet. Nur bei der Begrung hatte er ihm flchtig die Hand
gereicht und ihn mit jenem raschen Blick gestreift, mit dem hohe
Offiziere Untergebene in Gesellschaft begren: kameradschaftlich,
verstehst du, aber welche Distanz! brigens, diese Hand des Generals,
sie war sthlern und -- eisig kalt. Nie wrde er diesen Hndedruck
vergessen. Schon aber kehrte seine alte Sorge zurck.

Glaubt Ihr Herr Vater wirklich, da wir im Sommer in Paris sein
werden? wandte er sich hastig an Otto.

Otto fuhr aus seinen Gedanken auf. Er war so zerstreut, da er einen
Augenblick stehenblieb. Dampfsulen fuhren aus seinem Mund, so schnell
atmete er, es war kalt geworden. Er blickte Heinz in die Augen, verstand
erst jetzt und lachte pltzlich.

Natrlich glaubt er es. Er glaubt es schon seit ber drei Jahren. Schon
im August 1914 hat er mir Lehren mitgegeben, wie ich mich in Paris zu
benehmen htte. Er war brigens nie in seinem Leben in Paris!

Also, er glaubt es? sagte Heinz nachdenklich.

Ja, ja, und er wird es glauben und wenn die Franzosen in Hannover
stnden. Er wrde es auch dann noch glauben. Er ist so.

Aber glauben auch Sie es?

Wieder lachte Otto kurz auf. Ich? sagte er, knurrte er. Ich bin doch
kein Narr! Nein, er, Otto glaubte nicht mehr an den Sieg der deutschen
Waffen, wie viele Frontoffiziere.

Kein Narr?

Aber Ihr Herr Vater, Otto, der General --?

Otto lachte nun laut und belustigt. Die Generale haben ihre eigene
Meinung, lieber Heinz! Sie knnen das ja noch nicht verstehen, es ist
ein Kapitel fr sich. Ich habe einmal bei Langemarck dreiig Prozent
meiner Leute liegenlassen, und mein General sagte: Na, das ging ja noch
gelinde ab. Wrtlich! Mein alter Herr, brigens -- er will das Reich
Karls des Groen wieder errichten.

Sie glauben also nicht daran? Heinz atmete erleichtert auf. Es wre
ja auch zu fatal, fgte er hinzu, jetzt, da ich eben Feldpilot
geworden bin.,

Fast vier Jahre Krieg und immer noch dieselbe Geschichte, dachte Otto.
Da er aber schwieg, versuchte Heinz, ihm seinen Seelenzustand deutlicher
zu machen.

Sie knnen mich nicht begreifen, rief er aus. Sie Glcklicher! Sie
fahren ja morgen zurck zur Front!

Otto knpfte den Mantel fester zu. Pltzlich fror er. Der Gedanke an die
Front benahm ihm fr einen Augenblick den Atem. Die ganze Grausigkeit
der Zone des Todes, in der es nur zerschossene Grben, eingescherte
Drfer, zersplitterte Wlder gab, legte sich wie ein Alp auf seine
Brust. Weshalb auch, zum Teufel, mute er jede Minute daran erinnert
werden, da er morgen wieder zur Front zurck sollte? Jeder Mensch, der
die Front _nicht_ kannte, tat so, als fahre er zu einer Hochzeit. Ja,
tatschlich man beglckwnschte ihn! Die Leute allerdings, die sie
kannten -- nun, die sagten gar nichts -- hchstens ein verstehendes,
etwas schadenfrohes Lcheln.

Die Klte in der halbdunkeln Strae kroch an ihm empor, in seine Uniform
hinein. Er erinnerte sich voller Grauen an die Erdlcher, in denen er,
vllig unverstndlich, Jahre seines Lebens verbracht hatte, an den
eisigen Hauch, der von den Grben ausging. Und pltzlich, ganz
unvermutet, schnrte ihm eine sonderbare Empfindung die Brust zusammen
-- Angst. Ja, Angst! Gleichzeitig sah er einen Feuerschein vor seinen
Augen, der ihn erschreckte: den kurzen hellen Blitz des explodierenden
Geschosses. Er erbleichte. Das Gerusch einer um die Ecke fahrenden
elektrischen Bahn hatte ihm das schleifende Fauchen einer Granate
vorgetuscht.

Immer noch war er schneewei im Gesicht und sein Herz zuckte -- genau
wie drauen, wenn sie heranzischten.

Hren Sie, Heinz, sagte er, wie diese Elektrische um die Kurve fhrt?
Genau so kreischen und fauchen die Granaten. Sie werden noch bald genug
hinauskommen.

Heinz beschleunigte unwillkrlich den Schritt. Ich freue mich
unbndig, rief er aus, indem er die strahlenden Knabenaugen zu Otto
hob. Denken Sie, ich war fnfzehn, als der Krieg ausbrach, und ich
konnte ja nicht hoffen, noch mitkmpfen zu drfen.

Auch wir, wir haben uns unbndig gefreut, als die ersten Granaten
einschlugen, entgegnete Otto und gab seiner Stimme einen leichteren und
heiteren Klang. Immer noch pochte und zuckte sein Herz. Er wollte Heinz
auch nicht ahnen lassen, was in ihm vorging. Dieser Junge! Sollte er ihm
sagen, da er in Angstschwei gebadet -- betete? So unglaublich es
klingt. Betete! Er! brigens -- das ging ihm durch den Kopf -- bei
Souchez -- die Toten lagen mit ihren genagelten Stiefeln in Scharen
drauen -- sie hatten schwere Verluste, ein abgeschlagener Angriff -- da
kam ein bayrischer Priester. Der stieg auf den Graben -- im Feuer! --
das Kreuz erhoben und segnete die Gefallenen ein. Die Franzosen schossen
-- aber er, _er stand_ -- mit dem Kreuz in der Hand. Friede sei mit
Euch! Schrecklicher, herrlicher Augenblick! Er glaubte, glaubte! Die
Kugeln waren Wind fr ihn. Aber er, Otto, er betete -- ohne zu glauben,
das ist etwas ganz anderes. Sollte er Heinz erzhlen, wie sie liefen --
wie Ratten, auf die geschossen wird -- hin und her -- wie Ratten -- von
Unterstand zu Unterstand -- und zwar jeden Abend? Hohoho! Es wurde
Scheibe geschossen.

Ja, auch wir haben gelacht, als die ersten Granaten einschlugen. Ich
erinnere mich deutlich. Es war beim Vormarsch. Pltzlich aber hing ein
Bein auf einem Obstbaum --

Wie? Ein Bein?

Ja, ein Bein. Mit dem Stiefel. Es hing im Kniegelenk auf einem Ast.

Brr!

Ja, und in diesem Augenblick hrten wir auf zu lachen und Hurra zu
schreien, denn wir hatten ja jeden Einschlag mit Hurra begrt. --
brigens ist es natrlich fr Sie sehr interessant, da Sie die Scherze
noch nicht kennen -- fr Sie als Flieger ganz besonders.

Sind Sie jemals im Felde geflogen? Nein? Ich stelle es mir wunderbar
vor. Ich habe Tausende von Fliegeraufnahmen gesehen, und ich glaube, da
ich gleich vertraut sein werde mit allem. Nur das Warten ist
schrecklich.

Vergessen Sie nur nicht, wie gesagt, da da drauen scharf geschossen
wird.

Der junge Sterne-Dnhoff brach in ein heiteres Lachen aus. Aber
natrlich, das ist ja gerade das Interessante bei der ganzen Sache,
rief er aus, im Feuer fliegen!

Pltzlich, ganz unvermittelt, blieb Otto stehen und streckte Heinz die
Hand hin. Ich mu jetzt -- Sie verzeihen, Heinz -- ich mu gehen!
Immer noch war er etwas bleich.

Auf Wiedersehen, Otto. Und hoffentlich im Felde!

Hoffentlich!

Er hat auch seinen Knacks weg! dachte Heinz. Nein, wie nervs er ist!
Und doch soll er zum Pour le mrite vorgeschlagen sein!

                   *       *       *       *       *

Wie ein Rasender strzte Otto die halbdunkle Strae hinab. Heinz sah ihm
verwundert nach.

Gerechter Gott, sollte man es fr mglich halten? Auf gesunde
Wiederkehr! Er war gekommen, um ein paar Worte mit ihr zu sprechen. Ein
Lcheln, eine gepuderte Hand. Alles? Und eine ganze Gesellschaft sa da,
zu allem Unheil kam noch der Alte dazu --!

Da droben gab es keinen Stern, kein Licht, keine Wolken, nichts. Nur
eine dicke fettige Schicht von Ru, aus der zuweilen flimmernde Tropfen
fielen, lag auf den hlichen dunkeln Husern, die vor Feuchtigkeit
schwitzten. Und schon war Otto in einem Blumengeschft verschwunden.

Tulpen, Flammen und Glut, hellrote Rosen.

Das Stck kostet --

Ich mchte alle.

Alle? Sie kosteten ein Vermgen.

Einen letzten Gru! schrieb Otto. Der neugierige Blick der kleinen
rothaarigen Verkuferin, die ihn durch die Blumenstrue beobachtete,
verwirrte ihn. Er wurde abwechselnd bleich und rot, whrend er die paar
banalen Worte und die Adresse schrieb. Es mute ja ganz unverfnglich
sein, jeder Mensch, dieser Petersen und diese Frida, die
herumspionierten, muten die Karte lesen knnen. Ohne diese
Rcksichtnahme htte er wohl gewut, was er schreiben sollte.

Er htte schreiben knnen: Ich werde Dich vor mir sehen -- und wieder
erbleichte er.

Die Liebe ist Gift, dachte der rothaarige Irrwisch und lchelte
spttisch hinter dem Offizier her.

Ruhiger schritt Otto dahin. Pltzlich, sonderbar, hatte er Zeit! Morgen
frh um sieben Uhr ging der Zug. Nun wohl, das waren immerhin noch gute
zwlf Stunden. Der Abend lag vor ihm -- und die ganze Nacht.

Unangenehm nur war die Verabredung mit jener Dame im Kaiserhof. Sehen
wir zu, da wir die Sache hinter uns bringen! Indessen -- keine Eile --
mochte sie getrost noch etwas warten. Er hatte es gewi nicht an
Deutlichkeit fehlen lassen, oder? Schlu, zu Ende, sei ein tapferes
Mdchen usw. usw. Wie man in solchen Fllen zu schreiben pflegt. Nein,
nach diesem Brief gab es ein Zurck nicht mehr. Und doch hatte sie ihn
wieder beschwtzt. Sie begriff, sie war vllig einverstanden, zu Ende,
natrlich, aber sie wollte ihn vor seiner Abreise noch einmal kurz
sehen, wenn auch nur fr einen Augenblick. Sie schrieb, da sie von 5
bis 9 Uhr im Kaiserhof auf ihn warten werde. Er wrde gewi eine Minute
finden. Von 5 bis 9 Uhr! Es war natrlich ganz unmglich, eine junge
Dame vier Stunden lang vergebens warten zu lassen, das sah er wohl ein.

Aber sie soll wenigstens etwas zappeln, dachte er und zndete sich
gemchlich eine Zigarette an. Er machte sogar noch einen unntigen
Umweg.

Diese Hedi! Verchtlich stie er die Luft durch die Nase.

Wie der General verachtete auch Otto im Grunde seines Herzens die
Frauen.

Er kaufte eine Abendzeitung und durchflog sie unter einer Laterne.


5

Heinz war, so schnell ihn die Fe trugen, zur Station der
Untergrundbahn geeilt. Er hatte ja Klara benachrichtigt, da es etwas
spter werden knnte, trotzdem . . .

Es war die Stunde des Geschftsschlusses.

Berlin war wie ein schmutziger Schwamm, der ausgedrckt wird. Strme von
Schmutz flossen aus dem finsteren Himmel, von den Dchern und den
tausendfenstrigen Hauswnden. Der Schmutz wlzte sich ber die Straen
und stieg in den durchlcherten Stiefelsohlen bis an die Knchel. Die
Menschen in ihren abgeschabten, dnnen Kleidern, blau vor Klte und
Hunger, quollen aus den frostigen Husern und strzten hinab in die
windigen Kamine, die zur Untergrundbahn fhren. Sie stauten sich auf den
Bahnhfen, geballt zu einer Wolke von Bitterkeit und Wut. Die
berfllten Zge fegten, triefend von Dunst und Schmutz, mitten hinein
in die Menschenknuel, die sich rasend gegen Tren und Scheiben warfen,
um nicht auf den finstern, feuchten Perrons zurckbleiben zu mssen.

Die Schaffnerinnen -- ihre Mnner waren im Feld, faulten lngst in den
Massengrbern, verbluteten in dieser Minute, die Kinder hungerten zu
Hause in einer kalten Stube -- die Schaffnerinnen, gepeinigt bis aufs
Blut von den jagenden Zgen, klirrenden Scheiben und kmpfenden
Menschenmassen, schrien mit schrillen, gellenden Stimmen, als ob sie
erdolcht wrden. (Und ach, sie wurden erdolcht, jede Minute stie ihnen
unbarmherzig das Messer ins Herz.)

Zu Blcken zusammengepret, flogen die Menschen durch die dunkeln
Tunnels voll stummer gegenseitiger Raserei. Sie schwiegen. Sie
frchteten Spione und Agenten. Sie frchteten den Terror der Albernheit.
Sie lchelten und lachten nicht mehr. Sie fhlten das Verhngnis dicht
vor sich, um sich, ber sich, wo am Dach des Wagens sich all die Dnste
der zusammengedrngten Menschenmassen stauten. Dieses Verhngnis, dessen
Widerschein in allen Augen glnzte, begleitete sie durch die finsteren
Tunnels, ber die klirrenden Brcken und flutete mit ihnen ber die
menschenwimmelnden Perrons. Flogen die Zge in die Stollen hinab, so war
es fr viele, als ginge es in die Hlle mit ihnen, und der kalte Schwei
trat auf ihre Stirn.

Dunkelheit, Klte und Hunger drohten aus den Straenschluchten. Diese
drei Gespenster ergriffen Besitz von Berlin, das sich drei Kriegswinter
hindurch tapfer verteidigt hatte, um im vierten zu kapitulieren. Tglich
breiteten sie sich mehr ber die Stadt aus. Sie eroberten Huserblock um
Huserblock, Straenzge um Straenzge, Stadtviertel um Stadtviertel,
und drangen langsam zum Herzen der Stadt vor. Als ein viertes Gespenst
war noch die Grippe dazugekommen. Dieses Gespenst war berall, wo sich
Menschen ansammelten. Es machte alle Fahrten auf den berfllten
Untergrundzgen mit. Die Passagiere husteten sich gegenseitig den Tod
ins Gesicht. Viele von ihnen machten heute ihre letzte Fahrt. Mit
Vorliebe suchte dieses vierte Gespenst sich junge Exemplare aus, es
liebte zartes Fleisch. Sie starben von der Berhrung. Die Alten brachte
es nur um eine gute Strecke der Grube nher, in die sie eines Tages,
entkrftet vor Hunger und zermrbt von der Verzweiflung, ganz von selbst
strzen wrden.

Heinz mute einen berfllten Zug vorbei lassen. Ein Paar grober Fuste
schleuderte ihn zurck. Selbst beim nchsten Zug verdankte er es nur
seinem freundlichen Knabengesicht und dem Lcheln auf den roten Lippen,
da man ihn mitnahm.

Augenblicklich dachte er an die grne Mtze. In wenigen Minuten wrde er
sie sehen!

Eine grne Wollmtze, flott nach hinten gerckt, grasgrn, mit einer
ebensolchen grasgrnen Seidenquaste in der Mitte, gewi ist sie nichts,
aber sie kann im Herzen eines Menschen soviel sein wie der Christus in
der Kirche. Zuweilen, wenn die Zge seiner Dame in seinem Gedchtnis
verblaten, sehr selten geschah es -- die grne Wollmtze blieb zurck,
keine Macht konnte sie ihm entreien. Und allmhlich, wie durch einen
Zauber, fgten sich dann wieder Haar, Wangen, Ohr -- alles daran.

Diese grne Wollmtze leuchtete ber den Wittenbergplatz, als er den
Bahnhof verlie -- weithin, wie ein Scheinwerfer. Und doch war es nur
ein handgroer Fleck von Grn, nicht einmal sehr deutlich im Schein
einer Laterne. Durch das Gewimmel von Menschen hindurch drang Heinzens
Blick, als ob die Menschen transparent wren, er sah seine Dame von den
Schuhen bis zur Wollmtze, in ihrer ganzen Figur, obschon sie mitten in
einem Knuel von Wartenden bei der Haltestelle der Elektrischen stand.
Das war jedenfalls ganz wunderbar. Er erkannte die Linie ihres
anliegenden Jacketts, er sah sogar, da sie ein Pckchen am Finger trug.

Pltzlich traf eine Stimme Klaras Ohr! Aber Heinz hatte gar nicht
gerufen. Sie blickte im gleichen Augenblick auf ihn, ihre Blicke
begegneten sich durch das Gewimmel. Sie lchelte, ihr Lcheln kam nher,
es wurde leuchtender und strahlender, berblendete Menschenschatten,
Finsternis und schmutzige Strae, und endlich glnzte es dicht vor ihm.
Es hatte sich nun wiederum auf seine Quelle zurckgezogen. Es leuchtete
aus ihren Augen, aus ihren Lippen, weien Zhnen, aus ihren Wangen und
selbst aus ihren blonden Haaren, auf denen einige Regentropfen wie Tau
glitzerten.

Beide errteten und fingen gleichzeitig an zu reden. Es war vllig
einerlei, was sie sagten. Sie freuten sich an dem Klang ihrer Stimmen,
die durcheinander klangen.

Sie haben -- du hast --

-- tausendmal Verzeihung jedenfalls -- meine Cousine wollte mich
Hauptmann Wunderlich vorstellen, der eine Kampfstaffel fhrt --

Die grne Wollmtze glitt die Strae hinab, die seidene grne Quaste
baumelte hin und her.

Wie wunderbar frisch ihre Halskrause ist, dachte Heinz und wie fest ihr
Jackett um die Hfte schliet. Sie aber bewunderte den Schnitt seines
Mantels, der nahezu bis zur Erde reichte und viel zu weit war, und seine
seidene Mtze, die eine kecke Beule aufwies.

Du trgst ja nun das Abzeichen! rief die junge Dame pltzlich
berrascht aus. Mit einem raschen Blick hatte sie, als er nur einen
Augenblick den Mantel aufknpfte, sofort das Fliegerabzeichen entdeckt.

Ich habe es gestern bekommen.

Ich gratuliere. Das war wohl eine Gelegenheit, ihr die Hand zu geben.
Heinz berhrte die Spitzen ihrer zarten, ach so zarten und unbegreiflich
dnnen Finger.

Gestern flog ich ber Berlin, erzhlte er lebhaft. Ich flog ber den
Wittenbergplatz und den Kurfrstendamm entlang. Bei der Gedchtniskirche
drosselte ich den Motor und ging auf fnfhundert Meter herunter. Ich sah
das Treiben der Menschen und dachte, vielleicht geht auch Klara Westphal
da unten.

Nein, Klara Westphal war zu Hause.

Klara streifte ihren jungen Helden mit einem bewundernden Blick. Sie
konnte wohl beobachten, da die Damen den schlanken Offizier anblickten,
und manche drehten sich sogar um, so schn und frisch war er. Er ging
sorglos und strahlend, die Mtze etwas keck aufs Ohr geschoben, und er
hatte eine besonders flotte Art zu gren, als gebe es Vorgesetzte fr
ihn nicht. Sein Gru hatte zuweilen sogar etwas Herablassendes und
Gnnerhaftes. Jetzt, da er neben Klara ging, war er vllig frei von
seiner kindischen Ehrfurcht vor allem, was Achselstcke mit Sternen
trug.

Und dein Kommando?

Leider ist es noch nichts damit. Nun aber hat Hauptmann Wunderlich mir
versprochen, mich fr seine Kampfstaffel anzufordern, sobald es mglich
ist.

Nichts frchtete Klara mehr als diesen schrecklichen Augenblick, wo das
Kommando kam. Schon jetzt klopfte ihr das Herz.

Wohin wollen wir gehen?

Es ist ganz gleichgltig.

Es war in der Tat vllig gleichgltig. Wenn sie nur nebeneinander
hergehen durften, verstrickt durch das Unergrndliche, unbegreiflich
Se, Geheimnisvolle -- Blicke, Gesten, Lachen, Worte, das war ja das
allerwenigste.

Die Menschen, die aus Elektrischen sprangen und in Restaurants eilten,
die Unverschmten, die sie anblickten und Bemerkungen austauschten --
sie sahen sie gar nicht.

Sie bogen in eine dunkele Strae ein, und sofort strahlten Klaras Augen
wie Feuer, ihr blondes Haar flammte unter der grnen Mtze und ihre
etwas vollen Wangen begannen geheimnisvoll zu schimmern. Ihr kleiner
Mund aber glnzte na und tiefrot.

Wunderbar! Hier in der Dunkelheit sah Heinz, da sie atmete, was er
frher nie beobachtet hatte. Ihre Brust bewegte sich, ergreifend, unter
dem enganliegenden Jackett gleichmig auf und ab. Zum ersten Male hrte
er auch ihren Atem, den er nie gehrt hatte.

Klaras Lippen wurden durch ein Lcheln geffnet, und im gleichen
Augenblick rief sie jauchzend aus: Es schneit, Heinz! Es schneit! Und
schon flog die grne Mtze mit der baumelnden Quaste davon.

Komm, komm! Sie streckte ihm die Hand hin.

Nun liefen sie beide in den wirbelnden Schnee hinein.

Unterdessen wartete Hedi Westphal in der Halle des Kaiserhofs. Und
Otto las unter einer Laterne gemchlich die Abendzeitung.


6

Hedi hatte lngst den Tee ausgetrunken. Sie htte gern eine zweite
Portion bestellt, aber sie mute sparen. Ewig diese Geldmisere!

Ihr Vater war Geheimer Rat im Auswrtigen Amt. Da schlich er tglich in
Gamaschen und Seidenhut an den beiden Sphinxfiguren des Vestibls
vorber, die immer so eigentmlich lchelten. Dann knackte er in seinem
Bureau mit den Fingern, zupfte an seinem dnnen Chinesenbart und
vertiefte sich in die Zeitungen. Diese Ttigkeit war nicht besonders
aufreibend, aber sie war schlecht bezahlt und die Westphals ohne
Vermgen.

Trotz des lcherlich geringen Taschengeldes war Hedi ganz Lady -- von
den tadellosen Stiefelchen an bis hinauf zu dem kleinen Reiher auf dem
silbergrauen Seidenhtchen. Sie trug einen weien Schleier mit
silbergrauer Stickerei. Sie war noch blonder als Klara, nahezu
weiblond.

Den weien Schleier mit den silbergrauen Ornamenten schob sie zuweilen
ber das Nschen und nippte, die Hand grazis geformt, an der leeren
Teetasse.

Wrdevoll war ihre Haltung, etwas lssig. Die Umwelt existierte nicht
fr sie. In vollkommenem Gleichgewicht schwebend sa sie da.

Die Musik wehte. Butterfly.

Ein lterer Offizier mit einer mchtig funkelnden Glatze beobachtete sie
in auffallender Weise. Hedi wandte das Gesicht mit einem gelangweilten
Blinzeln in eine andere Richtung. Nun aber hatte sich ein junger Herr in
einem Klubsessel am Mittelgang niedergelassen. Er trug einen weiten
Mantel von auffallend heller Farbe, tadellose braune Stiefel, nagelneu,
eine Sehenswrdigkeit in diesen Tagen. Eine Zigarette im Mundwinkel sa
er da und stie mit einem dnnen Stckchen im Takte der Musik auf den
Teppich. Zuweilen lie er seinen Blick ber Hedi gleiten, aber in
gnzlich unaufflliger Weise, so da sie ihn niemals dabei ertappen
konnte. Im letzten Moment huschte der Blick stets ber sie in die Hhe
zur Decke. Vielleicht hatte sie ihn schon gesehen? Er kam ihr irgendwie
bekannt vor. Nun brachte ihm ein Kellner ein kleines Glas und go eine
rote Flssigkeit ein. Der junge Mann nahm aus seiner Manteltasche einen
Pack Papiergeld und reichte dem Kellner eine Note, um gleich darauf
wegzublicken. Der Kellner verneigte sich tief. Hedi blickte auf die
Armbanduhr, und ihre Miene sah enttuscht aus. Es war einhalb sieben
Uhr. Die Musik spielte einen Tango. Der Herr in dem weiten Mantel hatte
die rote Flssigkeit ausgetrunken, stand auf und ging. Aber nach wenigen
Minuten kam er wieder zurck. Er trug einen Strau weier Rosen in der
Hand, den er vor sich auf den Tisch legte. Er wartet, auch er! Wieder
schwebte Hedi in vollkommenem Gleichgewicht.

Dann saen da noch einige Damen, mit Brillanten, Perlen, Pelzen, Puppen
mit einem Wort -- Hedi sah sie berhaupt nicht.

Schon begann der Saal sich zu leeren. Die Kellner rumten die Teetische
ab. Im Speisesaal flammten Lichter auf, und die Kellner gingen hinter
den Spiegelscheiben zwischen den weigedeckten, mit Blumen geschmckten
Tischen hin und her und legten die Kuverts auf. Der Herr im hellen
weiten Mantel sa immer noch in seinem Klubsessel. Glattrasiert, blau
ums Kinn, die gescheitelten Haare pechschwarz, sah er -- wie es Hedi
schien -- wie ein Spanier aus. Er hatte sich bequem zurckgelehnt und
starrte sinnend zur Decke empor, whrend seine Fuspitze im Takte der
Musik wippte. Nur zuweilen, wenn er die Asche von seiner Zigarette
streifte, glitt sein Blick ber Hedi hin. Unbeachtet lagen die weien
Rosen vor ihm auf dem Tisch.

Hedi schob trotzig die Oberlippe in die Hhe gegen den Schleier -- sie
wurde ungeduldig. Aber in diesem Augenblick sah sie Otto hereinkommen.
Er trat schnell durch den Mittelgang. Das Blut stieg ihr in den Kopf,
und pltzlich schlug ihr Herz im Halse. Sein braunes Gesicht glnzte von
der frischen Luft, und aus diesem braunen, glnzenden Erzgesicht, das
sie geliebt hatte, sprhten wild und verwegen die hellgrauen Augen der
Hecht-Babenberg.

Welche Trume starben dahin, welche Trume versanken! Whrend der Tango
kollerte, gurrte, kleine wollstige Schreie ausstie.

Sie krachten zusammen mit Donnergepolter wie Riesenschlsser, deren
Fundament nachgibt, sie zersprangen wie Palste aus Glas -- in nichts!

Babenberg und Rothwasser, die Familiengter der Hecht-Babenberg -- mit
den hundertjhrigen Bumen, dem Sommergeruch auf den endlosen
Kornfeldern, dem Ziegelwerk, den brllenden Viehherden bei den Weihern
-- die Erde verschlang sie! Der Besuch ihres kleinen Papas, den die
Bureauluft zur Mumie ausgetrocknet hatte -- dahin! Die Berhmtheiten,
Feldherrn und Minister, die ihren Hausball besuchten -- in Staub
zerfielen sie. Ihre Audienz beim Kaiser, ihr Kniefall vor Seiner
Majestt, wegen irgendeiner Sache -- ein Nebelfetzen! Und all die
Phantasien, gesehen in den Augenblicken, da der Blick bricht in
Verzckung -- nichts!

Whrend der Tango unter ihren Schuhsohlen im Parkett klopfte.

Er war entschlossen, an seinem Blick konnte sie es sehen --

Nichts blieb als die bescheidene Behausung in der Schaperstrae, wo Papa
mit seiner dicken Mappe aus dem Amt kam und nicht gestrt werden durfte.
Wo man in Pfennigen dachte, wo Klara wie eine Nrrin schwtzte --

Chaos umgab Hedi. Sie sa in der Staubwolke ihrer zusammengestrzten
Palste, auf dem Schutt ihrer Reichtmer, eine Bettlerin. Sie sa wie
eine Lady, in idealem Gleichgewicht, und ihr Blick flog lchelnd Otto
entgegen.

                   *       *       *       *       *

Der Herr im hellen Mantel, der Spanier, rief Otto an.

Ich darf Sie doch heute abend erwarten, Otto?

Es kann allerdings etwas spter werden.

Sie wissen, mein Lokal ist die ganze Nacht offen!

Otto streifte die Handschuhe ab.

Es schneit wohl wieder?

Ja, es schneit, ich bin etwas spt, verzeihe --

Hedi lachte. Ich bin vor kaum zehn Minuten gekommen.

Schon kam der Kellner und brachte Tee.

Ich habe dem Kellner gesagt, sofort Tee zu bringen, wenn du kommst,
sagte Hedi. Du hast es gewi sehr eilig. Schon errtete Otto und
runzelte die Stirn. Etwas gefiel ihm nicht.

Die Musiker packten ihre Instrumente ein und klappten den Flgel zu.

Es ist lieb von dir, da du gekommen bist, fuhr Hedi fort, wir sehen
uns nun vielleicht lange nicht, vielleicht nie mehr. Und ich wollte
gerne . . . Sie sprach leichthin -- ganz Dame.

Ottos blanke, graue Augen waren fragend auf sie gerichtet.

Ich reise wahrscheinlich.

Du reisest?

Ja. Nach Schweden. Es ist noch nicht ganz sicher. Man ist an Papa
herangetreten. (Welche Lge, welch infame Lge, aber sie war ihr
pltzlich durch den Kopf geschossen!)

So? Ottos Neugierde war wach, aber er wagte nicht zu fragen.

Ich werde der Mission attachiert. Wahrscheinlich mu ich nach Ruland.
In besonderem Auftrag.

Ah!

Der Herr im weiten hellen Mantel stand auf und grte. Er verneigte sich
auch gegen Hedi, und whrend sie ihn kurz anblickte, lchelte sie
unmerklich. Aber, sie konnte schwren, sie htte nie, nimmermehr
gelchelt, wre ihr Herz in diesem Augenblick nicht so voller Bitterkeit
gewesen. Der Spanier -- er war brigens nicht hbsch, eher hlich --
war ein Herr Strbel oder ein Herr v. Strbel, ein whrend des Krieges
reich gewordener junger Mann. Sie erinnerte sich seines Namens. In
seinem Hause, das wute sie von Otto, fanden jene berchtigten
Spielabende statt, die die ganze Nacht hindurch dauerten.

Verlassen lag der Strau weier Rosen auf dem Tisch.

Ich freue mich brigens, Hedi -- begann Otto.

Ich meine -- du begreifst ja wohl meine Motive? Es ist mir ja --

Bitte, Otto! unterbrach ihn Hedi. Ich bin doch keine kleine
Verkuferin -- scherzte sie -- wir wollen gute Kameraden bleiben. Kein
Wort weiter. Hast du Zigaretten?

Der Kellner strzte mit einem Streichholz herbei. Er strte. Nur um
etwas zu sagen, warf Hedi hin, da das letztemal, als er zur Front
reiste, diese furchtbare Hitze in Berlin war. Es lag keinerlei Absicht
darin, auf Ehre, allein der dumme Kellner war Schuld daran. Schon stieg
ihr die Rte ins Gesicht, und auch Otto errtete pltzlich.

Das letztemal -- da war Hedis berhmtes Abschiedssouper gewesen.

Otto war ihr Gast!

Das Auto fuhr und fuhr -- damals war Berlin ja noch nicht tot -- es fuhr
bis zu einem gnzlich entlegenen Hotel am Schlesischen Bahnhof -- und
Otto mute sich fgen.

Hedi aber hatte schon alles vorbereitet. Sie hatte dem Besitzer des
Hotels mit einem Schwall von Worten erklrt, da ihr Mann auf Urlaub,
durchkme, und da sie aus der Provinz seien, kriegsgetraut, und da er
nur diese eine Nacht hier wre, da sie ihn am Bahnhof abholen und
hierher bringen werde. Mit einem Schwall von Worten hatte sie, bebend
vor Angst und Aufregung, die Zimmer ausgewhlt und das Men
zusammengesetzt. Nichts war gut genug, und der Kellner bekam zwanzig
Mark Trinkgeld im voraus, damit er wute, mit wem er es zu tun hatte.

Die gesamten Ersparnisse eines vollen Jahres gingen darauf. Es gab
Kerzen anstatt des elektrischen Lichts, obwohl Kerzen schwer
aufzutreiben waren, es gab Rotwein, obwohl Rotwein fr die Lazarette
beschlagnahmt war, es gab Sekt, obwohl er Unsummen kostete. Die kleine
Tafel, die sie selbst deckte, war mit Blumen geschmckt. Er sollte
sehen, da es unsinnig war, den letzten Abend in irgendeinem
langweiligen Weinrestaurant zu verbringen. Man mute nur wissen, wie man
es anpackte. Es ging alles in Berlin, aber man mute etwas
Unternehmungsgeist haben.

Und Otto -- staunte! ber die Kerzen, den Wein, die ganze Aufmachung,
wie er es nannte.

Es war hei, und die elektrischen Bahnen brausten drunten vorber. Es
war Juli. Ein Bataillon zog zum Bahnhof, singend. Die Musik schmetterte
und die Leute schrien begeistert. Berlin, das Berlin des Hochsommers
brauste -- drunten, tief drunten.

Die Kerzen, der Wein. Er war ihr Gast!

Sie entzog sich ihm nicht, weshalb denn? Sie legte das Kleid ab, sie
ffnete ihr Haar. Sie schlpfte in das dnne Seidenkimono, das sie fr
diesen Abend geschneidert hatte. Er sollte sehen, da sie ihn liebte,
und da sie nicht ein albernes Gnschen war. Sie trug ihre kleinen
himbeerfarbenen Pantffelchen.

Berlin, das Berlin des Hochsommers und des Lebens brauste drunten, tief
da unten -- irgendwo.

Dann kam die Nacht.

Er sollte wissen, da sie ihn liebte und Mut hatte. Ja, es gehrte Mut
dazu, denn Papa wrde sie auf die Strae werfen, wenn etwas passierte.

Sie war vllig auer sich vor Raserei. Ja, und sie konnte schwren, da
sie nichts bereute, da sie es niemals bereute -- trotz der
frchterlichen Angst, die sie ausgestanden hatte.

Hunderte von Pferdehufen trappelten auf der Strae -- sie hrte sie
immer noch -- jetzt in dieser Sekunde . . .

Die Zigarette brannte. Danke, sagte sie, und der Kellner ging.

Wo liegt dein Regiment jetzt, Otto? fragte sie, whrend die Rte ihrer
Wangen langsam verflog.

Ich wei es nicht genau. Wohl an derselben Stelle.

Einige Belanglosigkeiten -- und pltzlich sieht Hedi auf die Armbanduhr
und springt auf. Mein Himmel! Sie reicht dem Kellner eine Note, zehn
Mark, das macht drei Mark Trinkgeld, aber sie kann nicht warten bis er
herausgibt.

Nun will ich dir gute Reise wnschen, Otto. Nein, bleibe sitzen. Ich
will allein gehen. Ich habe es sehr eilig. Auf Wiedersehen!

Ihr Aufbruch kam so rasch, da Otto vllig verblfft war. Hedi ging, und
sie sah die weien Rosen, die verlassen auf dem Nachbartisch lagen,
nicht an. Ganz Lady, schritt sie ber die Teppiche.

Ein Nicken, ein Lcheln an der Tre, der Groom verbeugte sich.

Es ging gelinde ab, dachte Otto, der den Kellner ungeduldig herbeiwinkte
und es pltzlich ebenfalls sehr eilig hatte. Da fiel ihm ein, da sein
General seinerzeit den gleichen Ausdruck ihm gegenber gebraucht hatte
-- damals, als er dreiig Prozent seiner Leute liegenlie. Er hatte die
Geschichte erst vorhin Heinz erzhlt. Nun, jedenfalls hatte sie sich wie
eine Dame benommen. Er frchtete nichts mehr als Szenen.

Aber ein unangenehmes Empfinden blieb in ihm zurck. Was war es doch?

Er hate sie in diesem Augenblicke bitter.


7

Schuft, Schuft! Hedi lachte. Was fr ein bodenloser Schuft war er
doch!

Mit schnellen Schritten eilte sie an den Husern entlang in das
Schneetreiben hinein, den Hut mit dem kleinen Reiher dicht in den Schirm
gedrckt.

Seine Motive -- seine Motive kannte sie ganz genau! Seine Familie, seine
Karriere -- was fr Ausflchte! Htte er doch den Mut gehabt ihr zu
sagen, da er sie nicht mehr liebte! Aber diese Mnner sind Feiglinge,
und wenn sie auch mitten in den Kugelregen hineingehen. Geld und
Ordensauszeichnungen, das war alles, wonach diese Offiziere trachteten.

Die Lampen eines Automobils blendeten durch die finstere Strae, und die
Schneeflocken jagten gleiend durch den Lichtkegel. Pltzlich aber
stockte Hedis Schritt, in dem gleienden Lichtkegel flatterte ein
weiter, heller Mantel. Er mute ihr gefolgt sein, sie umgangen haben, um
pltzlich vor ihr erscheinen zu knnen, oder war es ein Zufall? Ihre
Fe waren wie gelhmt, denn der Mantel kam nher, und sie bemerkte, da
er die Richtung seiner Bewegung nderte. Sie bog rasch ab und strmte
die Treppe zur Untergrundbahn hinunter. Mein Gott, sie war falsch
gegangen, sie wollte nach dem Leipziger Platz, und nun war sie an der
Friedrichstrae angelangt.

Der gelbe Mantel erschien auf der Treppe der Station. Er war nur einen
Augenblick sichtbar, dann verschwand er, er kam nicht herunter.

Hedi atmete erleichtert auf.

Nein, sie brauchte Otto nicht, sie brauchte ja nur die Hand
auszustrecken und soviel Finger sie hatte, soviel . . .

Der Zug fuhr in die Station. --

Otto hatte gleich hinter Hedi das Hotel verlassen. Als er sie mit den
Blicken suchte, war sie schon verschwunden. brigens fesselte gerade
eine Dame seine Aufmerksamkeit, die aus einer Droschke stieg und duftend
und glitzernd die lichte Hotelhalle betrat. Otto eilte rasch nach Hause.
Er warf sich in Zivilkleidung, in ganz unglaublich kurzer Zeit hatte er
sich umgezogen. Er knpfte noch den Mantel zu, als er wieder die Treppe
herabsprang. Er hatte nicht die geringste Lust, den Abend zu Hause zu
verbringen und alle mglichen Dinge ber Siedelungsgebiete, Kolonien und
strategische Sicherungen zu hren.

An der Tre des schmalen Vorgrtchens prallte er mit einem kleinen Herrn
im Havelock zusammen. Aber der kleine Herr im Havelock war nicht im
geringsten ungehalten. Im Gegenteil, er zog den Hut, stammelte
Entschuldigungen.

Herr Oberleutnant -- Offenbar kannte er ihn. Irgendein Hausmeister der
Nachbarvillen.

Fort! Schon rauschte die Limousine des Generals heran.

In einem Tempo, als habe er auch nicht eine Sekunde Zeit zu versumen,
eilte Otto der Friedrichstadt zu.


8

Klte schlug dem General entgegen, als er seine Wohnung betrat. Er
bewohnte das Parterre eines einstckigen grauen Hauses an der
Tiergartenstrae, dicht am Kemperplatz, nicht weit von Doras
Backsteinvilla entfernt. Klte und Stille -- die Wohnung war erfllt von
Winter, von Tod.

Die Generalin war einige Jahre vor dem Krieg in Davos gestorben, nachdem
. . . Die Ehe des Generals war in den spteren Jahren nicht glcklich
gewesen, brigens hatte die Generalin nie diese Wohnung in der
Tiergartenstrae betreten, damals -- wieviel Jahre sind es her! --
wohnten sie in der Margaretenstrae.

Auch sein Sohn Kurt, der lteste -- er war nicht mehr. Gefallen an der
Somme.

Ein eigentmlicher Hauch strich durch die Wohnung -- und augenblicklich
versteinte das Gesicht des Generals wieder. Den Rest des Familienlebens
hatte der Krieg vernichtet. Ruth und Otto gingen ihre eigenen Wege. Ruth
arbeitete zurzeit in ihrer Kche, frher in einem Lazarett, und Otto,
wenn er einmal auf Urlaub in Berlin war, war selten zu sehen -- ein
Leichtfu . . . Es gibt in dieser Hinsicht keine Kompromisse: entweder
lebt eine Familie glcklich, oder sie zerfllt.

Die Burschen rasselten in der Diele in die Hhe. Auch die Ordonnanz
rasselte. Sie brachte die Mappe mit den Akten, die am Abend bearbeitet
werden muten. Nur Soldaten lebten im Hause des Generals -- und eine
Wirtschafterin, Therese, die irgendwo hinten in den Zimmern hauste, und
die man nie sah. Soldaten gingen ein und aus, solange der General lebte.
Sein Vater war als Oberst gestorben. Es rasselte von Waffen, und sie
brachten den Geruch aus den Kasernen mit.

Der General lie den Pelzmantel einfach fallen, irgend jemand stand
schon da und fing ihn auf.

Ja, Klte -- trotzdem die Wohnung gut geheizt war. Durch einen dunkeln
Spiegel sah er sein steinernes Gesicht gleiten. Alle Lampen schienen
falsch oder ungeschickt angebracht. Anstatt Licht und Freundlichkeit zu
verbreiten -- wie warm war es doch bei Dora! -- verbreiteten sie
feindselige Grelle und haerfllte, pechschwarze Schatten. Dunkle
Tfelungen, schwere Barockmbel, Gold -- die Parkettbden schrien, wenn
man sie betrat, es war ein altes Haus.

In seinem Arbeitszimmer fiel der Frost von ihm. Hier allein war er zu
Hause. Er atmete auf, seine Haltung wurde um etwas lssiger.

Mit raschen Schritten nherte er sich einem Vogelbauer, in dem ein
kleiner gelber Kanarienvogel hauste.

Nun, Niki -- Niki! Er steckte den Finger durch die Stbe -- er sprach
mit dem Vogel genau so, wie er frher mit seinen Kindern gesprochen
hatte, mit vernderter, komischer Stimme -- als sie noch ganz klein
waren, klein, lieblich und voller Vertrauen.

Aber das Apfelschnitzchen -- es ist ja heruntergefallen, nun wollen wir
aber das Apfelschnitzchen -- und das Wasserchen, wieder alles verspritzt
-- du Schlingelchen --

Der Vogel piepte und sprang erregt von Stbchen zu Stbchen.

Ja, siehst du -- das Herrchen --

Es klopfte. Eine laute Stimme rief: Es ist serviert, Herr General! Das
war Jakob, der Ulan, Bursche und Kammerzofe des Generals. Es gab auch
noch einen Wangel, der aber war mehr fr den Dienst auerhalb des
Hauses. Die Uhren schlugen. Es war acht.

Punkt acht -- Punkt, immer Punkt! Der General war fr peinlichste
Pnktlichkeit. Zuweilen, erschpft vom Dienst, legte er sich zur Ruhe --
zehn Minuten, zwanzig Minuten -- mit der Sekunde mute er geweckt
werden. Die Burschen konnten den ganzen Tag faulenzen oder mit Kchinnen
klatschen, aber ihre Uhren muten genau gerichtet sein. Punkt ein halb
acht Uhr morgens erhob sich der General, Punkt ein viertel nach acht
nahm er sein Frhstck, Punkt ein Uhr fuhr er zum Mittagessen (er a in
der Stadt), Punkt acht Uhr erschien er zum Abendessen. Auch im Felde
hatte er die gleiche Einteilung des Tages eingehalten und wenn die Welt
unterging. Zuweilen ging sie auch unter, aber den Tagesplan des Generals
vermochte sie nicht zu verrcken.

Zeit, Zeit -- jede Minute war kostbar -- der Dienst --

Nun gut . . . Punkt acht Uhr begab sich der General ins Speisezimmer.

                   *       *       *       *       *

Ruth sagte Guten Abend und grte den Vater mit ihren hellbraunen
Augen, die in der Tiefe warm und golden schimmerten. Sie war keine
Hecht-Babenberg, sie war, heit das, physisch nicht den Traditionen des
Hecht-Babenbergschen Blutes gefolgt, das groe, solide Knochen, breite
Schdel mit etwas slawischen Backenknochen baute, sie war eine
Sommerstorf, nach der Mutter geraten, die einer sddeutschen,
frnkischen Familie entstammte. Sie war nicht gro, schmalschultrig,
eher zierlich, ihr Haar dunkelblond, fast braun, und so weich, da es
sich schlecht frisierte und die Frisur hufig etwas nachlssig aussah.
Zuweilen rgte der General diese Nachlssigkeit, mit einem raschen
Blick. Ruth glttete dann verlegen mit den Hnden die Haarwellen.

Der General go sich Fachinger ein. Neben seinem Gedeck lagen die
Abendzeitungen, die er durchflog, whrend er die Suppe schlrfte. Wann
sollte er Zeit haben, die Zeitungen zu lesen? Er wute kaum, was in der
Welt vorging. Aber das war auch Nebensache, die Hauptsache war, da
diese Burschen geschlagen wurden, und es war nicht ntig, daraufhin die
Zeitungen zu studieren. Auf Tag und Stunde wrde er es wissen, wenn es
so weit war. Noch war es allerdings nicht ganz so weit, auch das wute
er ganz genau.

Na, da haben sie wieder mal -- murmelte der General.

Wie Papa?

Schweigen. Der General schlrft hastig und ungeniert die Suppe, die vom
Lffel in den Teller tropft, und schielt in die Zeitung.

Jakob? -- Es zieht.

Jakob tritt aus dem Schatten neben dem Danziger Barockbfett, wo er sich
gewhnlich verbirgt, und geht zu smtlichen Fenstern und Tren, auf den
Fuspitzen, obwohl er wei, da alle ordentlich geschlossen sind. Jakob
bedient auch bei Tisch. Der General liebt es, von einem Mann in Uniform
auch zu Hause bedient zu werden -- es ist wie im Felde. Er hat
weibliche Dienstboten.

Die silbernen Bestecke blinken kalt, die Tischdecke ist wie Schnee --
und obgleich der Tisch nicht um vieles grer ist als ein gewhnlicher
Etisch, scheint dem General diese Tischdecke zuweilen ein endloses
Schneefeld zu sein. Ganz am Rande dieses Schneefeldes wei er seine
Tochter, fern, klein -- zuweilen scheint es dem General, als ob die
Menschen mehr und mehr in die Ferne glitten, mehr und mehr, tglich
mehr. Oft klingen ihre Stimmen fern und dnn, wie aus groer Entfernung.
Oft hrt er sie gar nicht mehr, so dnn klingen sie. Es kommt daher, da
er berarbeitet ist.

Na, da haben sie wieder mal einige Tausend Tonnen heruntergeschossen.

Jakob wechselte die Teller, geruschlos.

Der General sah pltzlich auf. Jetzt erst bemerkte er, da Otto bei
Tisch fehlte.

Otto ist eingeladen, Papa.

Am letzten Abend --? Rte stieg in das Gesicht des Generals. Seine
Wimpern hoben sich vorsichtig, und sein Blick tastete ber Ruths
Gesicht. Dieses Gesicht war zart, bla und von einer ungewhnlichen
Reinheit des Teints. Es war voller Anmut, ohne irgendwie schn zu sein.
Eine trumerische Zerstreutheit war ber die weichen Zge gebreitet, und
ein Lcheln lag auf den etwas zu vollen, tiefroten Lippen. Ruth fhlte
den Blick, ihre Lider zitterten -- aber schon war der Blick des Generals
wieder zu seinem Teller zurckgekehrt. Der General liebte es nicht, dem
Blick seiner Tochter zu begegnen -- es hatte seinen Grund, seine Grnde,
ber die er niemand Aufklrung schuldig war.

Viel Arbeit in der Kche?

Genug, Papa. Wir geben tglich achthundert Mahlzeiten aus.

Sapperlot! Der General wischte sich den grauen, dnnen Schnurrbart ab
und rckte den Stuhl zurck. Er bot Ruth die Wange zum Kusse. Sie
berhrte sie mit den weichen Lippen (wobei die stachlichen Bartstoppeln
sie stets kitzelten) und legte einen Augenblick die Hand sanft an den
grauen Kopf des Vaters. Diese Art des Gutenachtkusses hatte sich aus
ihrer Mdchenzeit erhalten. Der General fhlte den sanften Druck ihrer
Hand im Herzen. Jeden Abend. Jeden Abend erwachte bei dieser Berhrung
die Liebe zu seiner Tochter, die whrend des Tages verblate, schlief,
ohne jede Spur erlosch. Am Tage dachte er fast nie an Ruth, und wenn sie
ihm in den Sinn kam, zufllig und selten, so geschah es ohne jedes
Gefhl, fast mit Klte. Aber abends fing die Liebe unter dieser
Berhrung zu glimmen an. Oft dauerte diese Empfindung an, und einmal kam
es sogar vor, da der General spt abends an Ruths Tre lauschte, um zu
hren, wie sie atmete. Da stand er im dunkeln Korridor, wie ein Dieb,
das Ohr gegen ihre Tre gedrckt. Sein Herz brannte vor Liebe.

Am Tage aber -- Gleichgltigkeit, Klte. Sonderbar!

Gute Nacht, Papa! Weich und fein klang Ruths Stimme.

Gute Nacht.

Der General erhob sich geruschvoll. Jakob klappte mit den Stiefeln.
Pltzlich sagte der General im Befehlston: Wenn mein Sohn nach Hause
kommt, ich mchte ihn sprechen! Aber nach ein halb zwlf will ich nicht
mehr gestrt werden. Dann soll er frh in mein Zimmer kommen!

Jawohl, Herr General! Und Jakob strzte zur Tre. Er wute, da der
Herr Oberleutnant erst gegen Morgen zurckkehren wrde wie jede Nacht.
Er hatte ihm schon befohlen, rcksichtslos kaltes Wasser anzuwenden,
wenn er nicht wach werden sollte.

Ruth wnschte dem Burschen mit heiterer Stimme Guten Abend und
schlpfte in ihr Zimmer.

                   *       *       *       *       *

Ruths kleiner Salon war, ganz wie das anstoende Schlafzimmer, immer
etwas in Unordnung und -- sowohl am Tage wie am Abend -- in Dmmerung
gehllt. Kleidungsstcke, Bcher und Schreibpapier lagen verstreut
umher. Der kleine Salon, der auf den Tiergarten hinausging, war in
blauen und weien Farben gehalten. Die niedrigen, mit einem Seidenbrokat
von senkrechten blauen und weien Streifen berzogenen Fauteuils,
zeigten schon allenthalben feine Risse und waren gelblich geworden. In
die Rcklehnen dieser Fauteuils war ein Medaillon mit dem Wappen der
Sommerstorf eingestickt: eine Hand, die eine rote Rose hielt. (Diese
rote Rose spielte bei den Sommerstorf berhaupt eine groe Rolle.)

ber dem kleinen Sofa, auf dem gewhnlich Ruths Mantel und Hut lagen,
hing in einem ovalen weien Rahmen das Portrt einer jungen Dame:
Margarete v. Sommerstorf, sptere Hecht-Babenberg. Das Aquarell, in der
Manier Kaulbachs gehalten, stellte Ruths Mutter im Alter von etwa
zwanzig Jahren dar, zur Zeit, da sie sich verheiratete: ein junges
Mdchen, die schmalen Schultern in ein weies Spitzentuch eingehllt,
einen Fcher in der Hand und eine brennendrote Rose im Haar. Das Haar
hatte in den Reflexen den gleichen Schimmer wie Ruths Haar, das manchmal
braun und manchmal blond erschien, je nachdem das Licht darauf fiel. Das
Bild hatte eine besondere Eigentmlichkeit. Die groen hellbraunen
Augen, die der Knstler besonders hervorgehoben hatte, verfolgten den
Beschauer berallhin, wo immer im Zimmer er stehen mochte. Sie lieen
ihn nicht aus den Augen und lchelten.

Ruth hatte nur eine blasse Erinnerung an die Mutter bewahrt. Etwas
Scheues, unendlich Warmes, Flchtiges und Huschendes. Weiche Lippen,
unendlich zart und unendlich warm -- die sie gekt hatten, als sie ein
kleines Mdchen war, und Therese hatte gerufen: Gre die Dame, es ist
Mama. Ruth erinnerte sich genau an diese Worte Thereses, aber zu ihrem
Schmerz erinnerte sie sich nicht mehr an das, was diese blasse, scheue,
unbekannte Dame sprach.

Sie besa brigens das weie Spitzentuch, in dem die Mutter portrtiert
worden war. Zuweilen, sehr selten, legte sie es um die Schultern, sie
steckte sich eine rote Rose von demselben prangenden Rot in das Haar:
dann lchelten diese beiden Frauen, die ganz gleich aussahen, einander
zu.

Eilig schlpfte Ruth in den Mantel und sang leise vor sich hin, whrend
sie die Handschuhe suchte, die sie, wie gewhnlich, verlegt hatte:

   Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne,
   die liebt ich einst alle in Liebeswonne.
   Ich lieb' sie nicht mehr, ich liebe alleine
   die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine. --

Ruth vergtterte Schumann.

Aber da hatte sie auch schon die Handschuhe gefunden. Sie waren in eine
leere Blumenvase geraten.


9

He, Kutscher, sind Sie frei?

Otto sprang in den Wagen. Paradies-Bar! Es war eine alte, in allen
Fugen klaffende Droschke. Das Pferd lahmte und schnellte in merkwrdigen
Sprngen vorwrts. Mein Himmel, was haben sie aus dieser Stadt gemacht,
dachte Otto, mit einem Gefhl von Schadenfreude im Herzen. Er war
zuletzt im vorigen Sommer einige Wochen hier gewesen, um sich von einer
Gasvergiftung zu erholen -- damals erschien ihm der Verfall noch nicht
so furchtbar.

Einsam klapperten die Hufe des Pferdes in der finstern Straenschlucht.
Es hatte aufgehrt zu schneien, Schmutz flo in den Rinnsteinen. Ohne
Aufhren ging ein schwarzer Aschenregen nieder auf die tote, verkohlte
Stadt.

Und frher, ein wogendes Meer von Licht! Schimmernde Perlenketten,
blitzende Diademe auf den Dchern, rasende Feuerrder am gerteten
Himmel, geschmolzenes Blei quillt aus den Fugen der Huser. Die
Scheinwerfer der brllenden Autoherden, die gleienden Lichtblcke der
Schaufenster -- und frhliche Menschen treiben im Licht, Damen, die
Augen leuchten, und die Zhne blitzen. Lachen . . .

Da hielt die Droschke pltzlich. Das Pferdeskelett stand in seinem
abgeschabten Fell und zitterte.

Erschauernd entfloh Otto diesen drohenden Finsternissen, wie alle Welt,
die sich nach den Lichtinseln der verkohlten Stadt flchtete, den
Theatern und Konzertslen, um vor den Schatten und Gespenstern der
Dunkelheit zu fliehen. Wie Tiere bei einer Sintflut, die entsetzt
dahinjagen . . .

Schon in der magisch beleuchteten Tropfsteinhhle, die als Garderobe
diente, fhlte Otto sich geborgen. Die Luft, die er liebte, schlug ihm
entgegen -- Parfms, Lachen, Licht, Musik . . . Es war nicht das
allerfeinste Parfm, es war dick, legte sich mehlig auf den Gaumen, aber
darauf kam es schlielich nicht an.

Trotz der frhen Abendstunde war die Rotunde der Paradies-Bar schon
berfllt. Aber Otto hatte Glck, ein kleines Tischchen an der
Balustrade zu erobern -- dicht neben dem giftgrnen und himbeerroten
Jngling, der die Gipsarme emporstreckte und von den farbigen Strahlen
eines Springbrunnens umsprudelt wurde. Lackrot und Gold waren die Farben
der Paradies-Bar. Bunte Bltenkelche hingen von der goldenen Decke herab
und strahlten Begierde und Wollust aus. Giftgrne Insekten schabten die
Instrumente, hmmerten mit Klppeln. Einer der Giftgrnen glitt zwischen
den Tischen hindurch und spielte den Gsten ins Ohr.

Otto klemmte die Scherbe vors Auge, damit alle Welt sehen konnte, da er
Offizier war -- und nicht etwa einer von den vielen hier, den vielen,
die sich von den Kadavern auf den Schlachtfeldern nhrten. Stimmen
schwirrten ringsum.

Vor zwei Jahren lieh ich ihm fnfzig Mark, er kam zu mir -- seine
Stiefel -- berhaupt -- Kellner!

Heute hat er Millionen. Ich schtze ihn auf vier Millionen.

Kaufen Sie Ware, Ware -- einerlei -- eine Pleite, nicht auszudenken.
--

Rudi ist immer gleich bekneipt.

Zwischen einer Glatze und einem Blumenstrau hatte Otto ein schwarzes
schlankes Dmchen mit entblten, entzckend runden Schultern entdeckt,
das seine Blicke erwiderte. Unter ihm, etwas tiefer, neben dem
Springbrunnen, saen zwei befrackte Herren, mit zwei wie Frstinnen
gekleideten Damen in kostbaren Roben, mit Brillanten und Blumen
geschmckt. Er roch den Puder, der von ihren entblten Bsten aufstieg
und die Essenzen ihrer duftigen kunstvollen Frisuren. Wie rosig, dieses
kleine Ohr -- Kokotten natrlich -- aber immerhin Fleisch, Atem, Leben.

Am Nachbartisch hatten zwei Herren im Smoking Platz genommen. Ihre
dicken, glattgeschorenen Schdel und schwammigen Trinkergesichter kamen
Otto bekannt vor. Es waren zwei Rittmeister, die er immer in Stifters
Diele Unter den Linden gesehen hatte, wenn er mit Papa dort zu Mittag
speiste. Sie hatten sich zwei reizende kleine Damen mitgebracht,
allerdings nicht erster Klasse, vielleicht Verkuferinnen, die schon
jetzt zu kreischen begannen.

Bunte Papierschlangen zischten durch die Luft.

Ja, hier war in der Tat das Paradies, und da drauen in der finsteren
Strae nichts als die nackte Wirklichkeit. Ein paar blaugefrorene Kinder
mit Streichhlzern, ein altes Weib mit nassen Zeitungen -- und der
Portier der Bar steht wie ein Erzengel in seinem grnen Mantel! Berlin
war im Aschenregen begraben, aber hier hatte sich, in einer Hhle, durch
ein Wunder, ein letzter Tropfen seines geilen Blutes erhalten. Mit allen
Sinnen sog Otto Gerche, Stimmen, Fleisch in sich, er sammelte auf
Vorrat, fr die langen Monate, wo er nichts sehen wrde als verrosteten
Stacheldraht und Schrapnellwolken.

Reformen -- Sie glauben also nicht daran?

Schwindel, alles Schwindel. Eher wird der Himmel einstrzen --

Aber das wre ja Betrug!

Betrug? Was sonst? Wissen Sie, wie man den neuen Mann nennt, der uns
regiert? Den Fnfminutenbrenner! Er kann nur fnf Minuten wachbleiben,
dann schlft er wieder ein.

Gott sei uns gndig und barmherzig!

Die Damen mit den Brillanten lachten laut auf. Er sagte es auch zu
drollig, ergeben in sein Schicksal, und dabei stie er mit der Zunge an.

Die schmachtende Geige des giftgrnen Primgeigers sang in Ottos Ohr.

Was sah er? Was hrte er?

Doras strahlende Augen? Hedis helles Haar hinter dem Schleier mit
Silberstickerei? Hrte er Doras Lachen? Nicht im geringsten.

Er sah: Nacht, Grausen, eine Kraterlandschaft, die Zone des Todes.
Geschtzfeuer geistert und die Granaten heulen. Durch die Dunkelheit
schleppen keuchende Mnner einen Verwundeten auf einer Zeltbahn. Beim
Schein des Geschtzfeuers erkennt er pltzlich -- ja, er, er, er selbst
ist es, den die keuchenden Mnner schleppen. Sein Gesicht ist berstrmt
von Blut, und deutlich hrt er den keuchenden Atem der Mnner, die ihn
tragen . . .

Sofort schlug Otto erbleichend die Augen auf. Seine Pupillen erweiterten
sich, seine Augen wurden zu ghnenden Kratern voller Grauen -- das also
war es, was er sah und hrte, whrend der giftgrne Primgeiger ihm ins
Ohr spielte. Die grausige Vision verblate, und augenblicklich kehrte er
wieder in die Paradies-Bar zurck. Nur ein leiser Schrecken zitterte in
ihm weiter.

Mit bebender Hand fllte er das Glas und trank dem schwarzen, schlanken
Dmchen mit den entblten, entzckend runden Schultern zu. Seine Dame
lchelte huldvoll -- und augenblicklich drehte sich die Glatze um.

Die Schultern dieses schlanken Dmchens erinnerten ihn an Hedi. Und
whrend er sein Glas auf das Wohl der Schlanken leerte, gedachte er
Hedi, mit der nun, Gott sei Dank, alles zu Ende war. Er dachte an sie
ohne Ha, aber mit leiser Verachtung. Eine Dame -- tut eine Dame so
etwas -- damals im Sommer, das Abschiedssouper --? Und doch war er
gerade in diesem Augenblick, wo sich eine rote Papierschlange, von der
schwarzen Schlanken geworfen, um seinen Kopf ringelte, geneigt,
gromtig zu vergeben. Jeder Mensch hatte schwache Stunden.

Nun also -- diese Hedi, sie wrde wohl schlecht schlafen diese Nacht?

Vielleicht weint sie auch?

So ein bichen? -- He, Kellner, Herr Ober --!

                   *       *       *       *       *

Wie eitel diese Mnner, wie tricht!

Es fiel Hedi gar nicht ein zu weinen. Sie dachte nicht einmal an ihn.

Sie dachte an den gelben Mantel! Ein Herr will einer Dame eine Huldigung
darbringen. Nun wohl. Er kauft weie Rosen, obschon sie ein Vermgen
kosten, und lt sie auf dem Tisch liegen. Kein Wort, kein Blick: ein
Gentleman!

Ihre Palste waren in Schutt zerfallen, die Palste mit dem Wappenschild
der Hecht-Babenberg: das rote Pferd im blauen Feld. Dahin! Schon aber
baute Hedi neue Palste! Weitaus herrlichere, khnere!

Ach, sie hatte ihre Jugend vergeudet! Drei Jahre lang hatte sie auf
Ottos Brief gewartet und selbst einige hundert Briefe ins Feld
geschrieben. Und dieser Krieg endete ja nie, sie htte alt werden knnen
dabei. Wie tricht! Und diese Familie der Hecht-Babenberg, dieser
hochmtige General, in dessen Augen ein Geheimer Rat ein Kanzlist war,
nichts sonst. Er htte sie stets als ein Geschpf zweiter Klasse
betrachtet, ohne Ahnenreihe wie die der Babenbergs, die bis auf die
Kreuzzge zurckging.

Ja, morgen wrde sie vielleicht wieder in den Kaiserhof gehen zum Tee.
Erstens gefiel es ihr dort, die Musik, die Eleganz, die Sorglosigkeit --
und zweitens konnte es ja sein, da dieser Herr Strbel oder Herr v.
Strbel . . .

Da richtete sich Klara leise in ihrem Bett auf. Die beiden Schwestern
schliefen zusammen in einem kleinen Hofzimmer. Schlfst du, Hedi?
flsterte Klara. Guck' doch mal den Mond an, wie er fliegt. Hedi
antwortete nicht, und Klara beugte sich ber ihr Bett. Ah, du schlfst
ja doch nicht, sagte sie lachend. Ganz unerwartet erhielt sie eine
klatschende Ohrfeige, denn Hedi war gar nicht in Laune, auf Klaras
Geschwtz einzugehen. Die Kleine ahnte ja nicht, da sie, Hedi, soeben
in einem fnfzigpferdigen Tourenwagen dahinraste, eine Staubbrille vor
den Augen, Strbel steuerte -- wenn ein Pneu platzte, konnte es eine
Katastrophe geben.

Klara sa still und sah dem Mond zu. Ihr Gesicht war in Licht getaucht
und ihre Augen gleiten. Schneewei und leuchtend war sie wie ein
Gespenst. Sie atmete das Licht ein, sie war angefllt vom Licht, und
gleiendes Licht flo durch ihre Adern.

Das Paradies lag vor ihren Blicken ausgebreitet.


10

Otto wickelte sich frstelnd in den Mantel.

Es war schon das beste, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht wahr?
Sein Zug wrde fahren, das stand fest! Er wrde fahren, einerlei, was
passierte. Khle Gesichter, steife Verbeugungen, laute Unterhaltungen
mit erknstelt ruhigen Stimmen. Dann aber kommt der Augenblick, wo man
pltzlich ein fernes Brummen hrt. Die Front! Irgendwo in der Einde
hlt der Zug, nur noch Mnner, nur noch Soldaten. Autos, Wagen,
Kommandostimmen, Dunkelheit, Schmutz, Regen, der Geruch einer den
Gegend. Geschtze poltern, Granaten winseln, es ist ganz wie frher. Die
Kameraden kriechen aus den Unterstnden, Hnde strecken sich einem
entgegen, man ist laut, man ist frhlich, aber alles ist -- Lge.

Er wute nicht einmal, ob er sie noch in der alten Stellung finden
wrde. Diese Stellung lag Tag und Nacht unter schwerem Feuer, aber doch
war sie angenehm im Vergleich zu den flachen Grben seinerzeit in
Flandern, wo sie bis an die Brust im eisigen Wasser hockten und vllig
gelhmt, an zwei Stcken einherhumpelten.

Aber all das ist es nicht, nicht das Feuer, die Nsse, die Klte, die
Entbehrungen. Es ist das riesengroe Antlitz des Todes, das da drauen
ber den Trichterfeldern steht. Es ist nichts als die grauenhafte Furcht
vor dem Tode, wenn man das Leben liebt, nichts sonst.

Das allein ist die Wahrheit! --

Ein freudiger Schreck lhmte seinen Schritt.

Stand nicht etwas Weies am Fenster -- das weie Buch? Nein, nichts, der
Reflex einer Gaslaterne. Finster das Haus. Das eiserne Gartentrchen war
verschlossen. Otto berhrte den Drcker, er war eisig kalt. Die kahlen
Zweige der Bsche peitschten auf und ab, und Otto sah durch die
brodelnde Efeuwand hindurch in Gngen und Zimmern die Heiligenfiguren in
ihren grotesken Verrenkungen.

Sie schlief, fest und tief, aber ihr Blick glnzte ber dem schwarzen
Hause.

Quer durch den brausenden, finstern Tiergarten fhrte Ottos Weg. Strbel
wohnte bei den Zelten. Die Frhlichkeit mute jetzt in dieser Stunde
ihren Hhepunkt erreicht haben -- ja, schnell, schnell! Gierig erraffen
von der Nacht, was noch zu erraffen ist. Fort!

Immer rascher ging er dahin, gepeitscht von Begierde und Qual. Die Zeit
wanderte unter den Sohlen seiner Stiefel. Mit jedem Schritt wanderte ein
Stckchen Zeit rckwrts, ein zertretenes Staubkorn Zeit floh mit
rasender Schnelligkeit zurck in Nichts. Ja, Sand war die Zeit,
rinnender Sand, rasend rinnender Sand, nichts sonst. Ein Meer, ein
Sandmeer rinnt -- und schon ist ein Jahrhundert vergangen -- schon ein
Jahrtausend. Ein Riesenkrater rinnt, und Stdte, Vlker, Kontinente
kommen ins Gleiten und rinnen hinunter -- ins Nichts. Zeit, welch
entsetzlicher Begriff! Glcklich Tiere und Gtter, die ihn nicht kennen.

In diesem Moment trat der Mond aus dem dunkeln Gewlk. Auch er raste
dahin -- wie alles auf dieser Welt, das vor dem sicheren Untergang floh
-- raste, obgleich einige Jahrtausende bei ihm keine Rolle spielten.
Aber eines Tages wrde seine langweilige Visage bersten und er, zusammen
mit dem Staub dieser Erde, den Schwanzzipfel eines Kometen bilden, der
zum groen Staunen der Astronomen pltzlich vor der Linse der Teleskope
erscheint -- irgendwo in undenkbarer Ferne.

Noch sieben Stunden! Rasend strzte Otto vorwrts. Die Zweige des
brausenden Parkes griffen nach ihm. Und pltzlich schrie Otto -- wild,
wie ein Tier. Er war jung und er liebte das Leben.


11

Einen Augenblick nur! Schon hatte der General die Mappe mit den Akten,
die heute noch alle bearbeitet werden muten, aufgeschlossen. Den einen
Schlssel besa er, den andern hatte sein Bureauoffizier in Hnden. Kein
unbefugter Blick konnte in diese geheimen Aktenstcke dringen, es war
alles bis ins Kleinste wohlorganisiert.

Er lehnte sich im Sessel zurck. Die Teegesellschaft bei Dora hatte ihn
ermdet. Nichts strengte ihn in letzter Zeit so an wie die Gesprche
durcheinanderschwirrender Stimmen. Anders die Sitzungen, die er mit
einem Zucken der Brauen lenkte! Aber in einer Gesellschaft, wo jeder
glaubte sprechen zu knnen, wann und wie lange und wie laut es ihm
beliebte, ja: wie laut, das war es -- Einen Augenblick nur --

Reserven -- ungeheure Heere -- wie eine Sturmflut werden sie sich
dahinwlzen . . . schon schlief der General.

Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, kaum kam das erste tiefe
Rcheln aus seiner Brust, da wurde er auch schon wieder geweckt. Etwas
pickte am Fenster, wie ein Finger, ein Fingernagel. Er wandte den Kopf:
durch die Scheibe starrte ein kleines, glnzendes, stahlblaues Gesicht.
Eine faustgroe Larve von leuchtendem Blau -- in der Tat, ein intensives
Blau, wie eine Spiritusflamme in einem dunkeln Raum -- und erloschene
Fischaugen mit einem toten Glanz. Von diesem stahlblauen, aus sich
selbst leuchtenden Gesicht ging Drohung und Hohn aus, obschon das
Gesicht ohne jede Regung durch die Scheiben starrte.

Der Schrecken, den das Gesicht durch die Scheiben strahlte, war so
stark, da der General nun wirklich erwachte. Er hatte, wie er sofort
konstatierte, eine volle Stunde verschlafen. Unwillkrlich wandte er den
Blick zum Fenster -- aber es war natrlich nichts zu sehen, die grnen
Vorhnge waren dicht geschlossen. Er rusperte sich, laut und ungeniert,
wie es seine Gewohnheit war, und warf einen Blick durch die Vorhnge
hinaus auf die Strae. Nichts, natrlich. Regen, Dunkelheit, keine Seele
weit und breit.

Pltzlich aber stand dieses Gesicht, das ihn aufgeschreckt hatte, wieder
vor ihm -- und zwar dicht vor ihm in der Luft des Zimmers -- auch die
Augen mit dem toten Glanz. Es ist, ja ja, es ist jener -- von heute
nachmittag, natrlich, dachte der General. Er hatte das Gesicht
nachmittags kaum beachtet. Es ist jener kleine Alte, der den Brief
berbracht hat.

Ein brigens vllig wirrer Brief, den er nur berflogen hatte -- wirres
und trichtes Zeug, was dieser kleine Alte mit dem blauen Gesicht
. . . Ja, wo steckte der Brief eigentlich. Hier, nun siehst du, schon
dieser Umschlag --

Der General konnte aber nun nicht mehr widerstehen, obschon die
Aktenmappe dickbuchig dalag, eigentmlich. Er war neugierig geworden,
mehr als das. Er entfaltete den Brief und las ihn -- langsam, immer
langsamer, immer aufmerksamer.

Wie heute abend unter der Lampe des Foyers, stieg Rte in sein Gesicht,
aber nicht eine leichte Ziegelrte, sondern -- Feuer. Die Stirn legte
sich in tiefe Falten --

Wie --? Nein, in der Tat, er hatte den Brief nicht gelesen.

Aber --? Was wollte er -- gefallen, auf der Hhe der Vier Winde, auf
Quatre vents -- nun, und -- wie? -- sogar von Ruth stand etwas hier,
denn Ruth war wohl gemeint -- wie? Nein -- er hatte den Brief wirklich
nur ganz flchtig berflogen -- er erinnerte sich nur, da von der Bitte
um eine Audienz die Rede war.

Wirr -- mehr noch, viel mehr als wirr:

-- untertnigst bitte ich um eine Audienz. Mein einziger Sohn, Robert,
hat unter dem Befehl des Herrn Generals gekmpft. Er ist am 5. August
beim Sturm auf Quatre vents gefallen. Er war begeisterter Soldat, Jger,
die einzige Hoffnung und der Stolz seiner Eltern. Ich bitte, mir
gndigst mitzuteilen, wo sein Grab sich befindet, und besonders, _ob das
Grab nicht den Granaten ausgesetzt ist!_ Dies beunruhigt mich sehr, so
da ich gnzlich schlaflos geworden bin --

Wie? Was meint er? Ob das Grab --?

Der General ist in ungeheure Erregung geraten. Seine Augen starren.

Die Hhe! Ja, der Brief hat die Erinnerung an die Hhe in seinem Blut
geweckt.

Das dunkle, mit Borsten bestandene Ungeheuer qualmt pltzlich wieder vor
den Augen des Generals: Quatre vents! Der 4., 5. und 6. August -- am
Abend des 6. war sie verloren!

Am 4., 5. und 6. ratterten die Lastautos vorber, der Schmutz spritzte
-- behangen mit Schwrmen von Menschen. Rote Gesichter, schweihelle
Augen -- sie schwangen die Helme: hurra -- und der General, auf der
Treppe seines Schlosses -- salutierte. Welches Feuer! Die Erde bebte --
jetzt hrte er es wieder! Die Hlle! Brennend strzte ein franzsisches
Flugzeug in den Schlopark, mitten in den Rosengarten.

Herr General, die Jgerbataillone!

Ich komme.

Und die Autos schaukelten, rollten, rasten: hurra!

Die Hhe von Quatre vents war ein Friedhof von zwlf Stockwerken.
Deutsche, Franzosen, Deutsche, Franzosen. Aber sie lagen nicht nach
Nationen geschichtet, die Minen rissen ganze Stockwerke hoch und
schleuderten die Toten durch die Luft. Der Spaten stie auf den Schdel
eines Franzosen, daneben traf er auf einen deutschen Infanteriestiefel.
Auch auf Knochen stie er, nicht auf frische, sondern auf alte gelbe
Knochen und Skeletteile, denn auf der Hhe von Quatre vents hatte sich
ein alter Friedhof befunden. Ein Dorf lag frher da oben -- wo war es
hin? In Atome zermalmt. Die Minen hatten die Kuppe der Hhe abgetragen.
Zentnerweise wurde Dynamit in die Stollen gestopft -- ganze Kompagnien
und Bataillone flogen hoch -- hoch Deutschland! -- vive la France! Sie
kehrten nicht wieder.

Der General hatte die Hhe nur zweimal betreten. Einmal in einer
sternenklaren Nacht (wie unvergelich funkelten die Gestirne!), als es
ganz ruhig war. Die Laufgrben hauchten eine eisige Klte und fauligen
Geruch aus, man trat auf Krper und wute nicht, ob sie lebten oder tot
waren -- sonst hatte die Hhe, ber die vereinzelte Kugeln zischten,
nichts Furchtbares, und der General sagte sich im stillen, da all die
Geschichten von den Schrecken der Hhe von Quatre vents bertrieben
wren. Das zweitemal zeigte die Hhe schon etwas mehr ihr wahres
Gesicht. Der General kam am grauenden Morgen, und die Franzosen warfen
schwere Flgelminen, die wie einstrzende Huser krachten. Ganze
Schwrme der langhlsigen, gierigen Raubvgel stieen auf die Kuppe
herab. Zuweilen schob man ihn hastig in einen Unterstand oder einen
Quergang, wenn der Schatten der Mine in der Nhe niederrauschte. Denn
er, der General, htte sich nicht von der Stelle gerhrt. Angesichts
seiner Offiziere und Leute, die aus den Stollen lugten, htte er sich
ohne Wimpernzucken in Stcke reien lassen. Damals passierte ihm auch
die -- offen zugestanden -- Albernheit mit jener ungeschickten Frage.
Nun wohl, sein Gehirn hatte unter dem Eindruck der herabstoenden
Stahlvgel und des Lawinenkrachens einfach versagt. In einem
eingeebneten Grabenstck lag ein blutgetrnktes Tuch, etwas wie eine
zerfetzte Unterhose, in einer Lache von Blut. Es war so viel Blut, da
der General keineswegs vermuten konnte -- kurz und gut, er fragte: Na,
ihr habt wohl geschlachtet? Welche unbegreifliche Albernheit. -- Die
Grabenoffiziere antworteten mit einem verlegenen Lcheln. Und pltzlich
sah der General ein Stck von einem Menschen an der Grabenwand kleben,
daneben ein Stck des Hinterkopfes mit kurzen Haaren. Wie peinlich war
ihm die Frage! Noch heute erinnert er sich voller Scham deutlich des
verlegenen Lchelns der bernchtigten, vom Grabendienst beschmutzten
Offiziere.

Um acht Uhr sa er schon wieder in seinem Quartier beim Frhstck.

Ein drittes Mal betrat der General die Hhe nicht.

Er sah sie das letztemal, als sie verlorenging, das heit er sah nicht
die Hhe, sondern Nacht und ein Bschel roter Notsignale, die ohne
Unterbrechung in der Nacht aufglhten -- Hilfe! -- und hoffnungslos
sanken.

Das also war Quatre vents.

Schwer atmend ging der General hin und her.

Deutlich hrte er wieder die Stimme des Adjutanten. Die Jgerbataillone,
Herr General! Also auf einem dieser Autos sa er -- unter hundert andern
-- mit den roten Gesichtern und den schweigleienden Augen -- er, jener
-- wie hie er doch -- Robert! Am 5.! Ja, am 5., da hatte er noch
Hoffnung -- am Mittag des 6. wurde er schwankend und befahl einen
letzten Gegenangriff -- am Abend, da waren nur noch die roten
Leuchtkugeln . . .

Erst allmhlich verflog die Erregung. Pltzlich lag die dickbuchige
Aktentasche wieder auf dem Schreibtisch.

Sonderbare Menschen gab es! Sein Grab? Da man es wagen durfte, ihm
solch einen Brief zu senden!

Und da -- was schrieb er am Schlu:

-- sollten Exzellenz geneigt sein, mir diese Audienz zu bewilligen, so
knnte ich Mitteilungen ber das gndige Frulein machen, die Exzellenz
gewi interessieren wrden. Ein Unglcklicher. --

Ja, sonderbare Menschen . . .

Der General zerri den Brief und warf die Fetzen in den Papierkorb.
Schon war er in die Akten vertieft.

Aber noch nach einer Stunde zitterte seine Hand: Htte man ihm damals
die verlangte Untersttzung geschickt -- noch heute wre Quatre vents in
seiner Hand!


12

Sind Sie es, Otto?

Ich dachte schon, die Polizei kommt. Sie machen wieder einen solch
furchtbaren Lrm.

Strbel ffnete seinen Gsten selbst. Er hatte nach zehn Uhr keine
Dienstboten mehr im Hause, um gnzlich ungeniert sein zu knnen.

Wster Lrm drang aus der Wohnung. Das ganze Haus bebte. Dieser Herr
Strbel -- oder Herr v. Strbel, niemand wute es genau -- besa vor dem
Kriege nichts als ein paar gutsitzende Anzge, darunter einen
schwarzwei karierten Sommeranzug, der so auffallend war, da man sich
heute noch an ihn erinnerte, einen Zylinder und einige Paar sehr
elegante, etwas dandyhafte Schuhe. Das war alles, was er besa -- dazu
Beziehungen.

Heute war er reich, er hatte eine Motorenfabrik, und seine Beziehungen
waren noch besser geworden.

Er war auch kurze Zeit im Felde -- aber das war eine Geschichte fr sich
. . .

Welch abscheuliches Wetter, rief Otto aus und schttelte sich. Seine
Augen flackerten vor Unruhe.

Das Wetter ist nicht das Schlimmste, erwiderte Strbel, der sich in
einen Sessel der Diele geworfen hatte und die Lackschuhe gegeneinander
klappte. Es ist die Finsternis! Eine nordische Stadt ohne Licht -- wie
stellen Sie sich das vor? Es ist ein schlechter Scherz! Eine nordische
Stadt ist der Finsternis abgerungen und das Produkt des Lichts. Das
Licht gab ihr Inspiration, Energie, Laune. Im Sden -- Sie waren nie im
Sden? -- da braucht man kein Licht -- Himmel, Sterne. -- Aber
hier oben? Ohne Licht sinkt eine nordische Stadt wieder in
Bedeutungslosigkeit zurck. Verdunkeln Sie London und es wird ein
armseliger, kleiner Fischereihafen --.

Nennen Sie Berlin eine nordische Stadt?

Natrlich. Es fiel frher nur nicht auf. Jedenfalls aber -- schlimm,
Otto, schlimm! -- geht diese Stadt vor die Hunde. Ja vielleicht ist es
schon so weit -- wir wissen es nicht mehr --

Otto schrak zusammen: Drinnen fiel ein Schu. Geschrei. Hndeklatschen.

Wird bei Ihnen geschossen?

Ja, die Feuerwalze ist hier, produziert sich als Kunstschtze. -- Sie
kennen ihn doch? Hauptmann Falk.

Der Qualm, die Gesichter, der wilde Lrm -- von Otto wich augenblicklich
alle Unruhe. Jene unvergeliche Szene glitt ihm durch den Sinn: in der
Nacht, bevor das Regiment ins Feld rckte, hatte einer der Kameraden,
ein Hauptmann Below -- lange tot, und zwar als erster gefallen -- der
sich vom Liebesmahl frher zurckziehen wollte, eine Droschke ans Kasino
bestellt. Man kaufte dem Kutscher hchst einfach die Droschke ab! Diese
Droschke wurde bei der Steintreppe aufgestellt, die fnfundzwanzig
Stufen tief vom Kasino in den Park hinunterfhrte. Freiwillige vor!
Augenblicklich war die Droschke berfllt. Wie ein Schwarm hingen die
Kameraden auf dem Gefhrt. Ein kleiner Schwung, und die Fahrt in die
Tiefe begann. Die Droschke zersprang in tausend Stcke, aber nichts
passierte.

Sie alle indessen -- von allen Offizieren des Regiments lebten nur noch
sechs, zwei davon waren Krppel.

Mit strahlender Miene trat Otto ein, bereit, sich kopfber in den
Strudel der Frhlichkeit zu strzen und jede Ausgelassenheit
mitzumachen. Wohltuend schlug ihm die Atmosphre der
Kameradschaftlichkeit entgegen. Hier kannte man ihn. Hier wute man zum
Beispiel, da er 1915 einen franzsischen Offizier, der verwundet
zwischen den Stellungen liegengeblieben war, trotz aller Knallerei in
den Graben geschleppt hatte -- nicht aus Barmherzigkeit, nein, nur um zu
zeigen, was fr ein Bursche dieser Hecht-Babenberg war!

Welche Gesellschaft! Fast alle ergraut, fahl und erschpft. Hauptmann
Wunderlichs helle Katzenaugen blinkten, die Krcken lehnten wie immer
hinter seinem Sessel. Ein schwarzer Glachandschuh ber der Holzhand.
Ein junger, totenbleicher Leutnant mit schrggeneigtem, verbundenem
Kopf, aus dem Lazarett entsprungen. Ein Herr im Smoking, blond und
schn, den leeren rmel in die Tasche geschoben. Auch einige geschorene
Billardkugelkpfe mit Knollen am Schdel waren da, Majore, Hauptleute.
Aber sie waren in der Minoritt. Ein grnes Gesicht, mit Monokel, selbst
ein Blinder sa da, vergngt ins Licht blinzelnd. Otto erblickte auch
einige Offiziere seines Vaters: den Adjutanten Weibach, den hnenhaften
Major Wolff. Viele von ihnen waren dreimal, fnfmal verwundet gewesen,
morgen konnte die Reihe wieder an sie kommen. Der Krieg zog sich hin.

Alle aber waren in angeregter Stimmung, und auf ihren fahlen,
zerfurchten, verwsteten Gesichtern lag ein leichtsinniger, kindlicher
Ausdruck.

Also hier ist er -- hier kommt er! schrie Hauptmann Falk Otto
entgegen. Dieser Hauptmann Falk, mit dem sonderbaren Spitznamen
Feuerwalze, war ein kleiner, klapperdrrer Mensch, rothaarig, mit
staubgrauem Gesicht -- nur um die Augen zogen kranke gelbe und olivgrne
Ringe. Er sprach hastig und mit einer hohen Kehlkopfstimme, die
unangenehm und herausfordernd klang. Wie Hauptmann Wunderlich, der
Menschenjger, trug er den hchsten Kriegsorden. Er war ein verwegener
Bursche, hatte die schlimmsten Tage an allen Fronten mitgemacht, und fr
die, die ihn kannten, war es unbegreiflich, da er berhaupt noch lebte.
Er selbst behauptete kugelsicher zu sein. Immer wieder tauchte er von
Zeit zu Zeit in Berlin auf, um die wenigen Tage Urlaub zu
durchschwrmen. Dann kam er drei, vier Tage nicht ins Bett, und erst auf
der Rckreise zur Front schlief er sich aus.

Rasch, Hecht! schrie er und fuchtelte mit einer Pistole. Sie knnen
die Saharet gewinnen!

Eben diese Saharet strzte sich Otto mit einem kleinen Katzenschrei
entgegen.

Sie werden sehen, rief sie, ich kenne Otto --!

Sie war ein kleiner schwarzhaariger Irrwisch mit runden Katzenaugen.
Ihrer -- sehr entfernten -- hnlichkeit mit der Tnzerin Saharet
verdankte sie ihren Namen. Frher hie sie -- ja, wer sollte es wissen?
Strbel hielt sie als eine Art Hauskatze. Sie rkelte sich auf den
Sesseln, telephonierte, das war ihre ganze Beschftigung. Sie sprach
geziert wie eine Auslnderin, eine Russin, eine russische Frstin, und
spielte die groe Dame. Mit einem Wort, sie war ungeheuer lcherlich.
Welchen Grund htte auch Strbel sonst gehabt, die Saharet zu halten?

Ja, also die Sache war die: die Saharet sollte ausgeschossen werden, als
Preis sozusagen. Sie wollte dem ein Schferstndchen gewhren, mit oder
ohne Publikum, der sich ein Glas vom Kopf schieen lassen wrde. In
irgendeinem Vorstadttheater htte sie einmal Wilhelm Tell gesehen.

Abgemacht, gut, abgemacht! Hauptmann Feuerwalze hatte soeben zwei
Likrglschen auf fnf Meter Entfernung freihndig vom Bfett
geschossen, er war zu allem bereit -- ein Glas vom Kopf, schn -- bitte
nur zu befehlen.

Hier aber begannen die Schwierigkeiten. Niemand hatte Lust, seinen Kopf
zu riskieren -- schon war die Saharet gekrnkt, da man ihre
Schferstndchen so niedrig einschtzte, sie lie die Katzenaugen im
Kreise gehen, schmollte, bettelte -- da kam Otto, und sie strzte sich
auf ihn.

Otto, der Retter, der Lohengrin der Saharet!

Die Augen der Kameraden, alle Blicke waren auf ihn gerichtet, das
Gelchter, das flehende Schmeicheln der kleinen Saharet, Otto konnte
nicht widerstehen. Ohne zu berlegen, beseelt vom Wunsche gleich in den
Mittelpunkt der Gesellschaft zu treten -- nein, was fr ein toller Junge
war doch dieser Otto! -- erklrte er sich augenblicklich bereit. Ein
Glas Sekt, und die Vorstellung kann beginnen.

Wie? Sofort? -- Bravo! Ungeheurer Beifall!

Die Saharet tanzte vor Entzcken auf einem Bein und klatschte in die
Hndchen. Ach, wie reizend, dieser Otto! Hchst persnlich kredenzte
sie das Glas Sekt.

Also los, fertigmachen, schrie Hauptmann Falk mit wilden Augen.

Unter Gelchter und Scherzen wurde Otto gegen eine Wand gestellt. Es
zeigte sich indessen zur allgemeinen Verwunderung, da ein Glas auf
seinem Schdel nicht so ohne weiteres stand. Ein kleines Buch, bitte!
Darauf also stellte der kleine aus dem Lazarett entsprungene Leutnant
mit dem verbundenen Kopf ein Sektglas. Sofort aber protestierte die
Saharet. Das Glas war zu gro. Was sollte das fr ein Kunststck sein?
Sie selbst suchte ein kleines Weinglas heraus, rckte einen Stuhl heran
und stellte es eigenhndig auf Ottos Kopf. Nein, wie reizend von Ihnen,
Otto!

Nun, fertig, los, schrie die Feuerwalze, macht Platz.

Also -- ein Schferstndchen?

Wieso ein Schferstndchen? Nein, nein --

Was also --?

Einen Ku -- Otto! Einen Ku!

Schn -- auch fr ein Kchen mache ich es.

Zurck! Sprechen Sie nicht, Hecht, sonst fllt das Glas herunter.

Es ist ein vlliger Wahnsinn! protestierte Major Wolff, der Hne, der
noch einigermaen nchtern war. Sie sollten es verbieten, Strbel!

Verbieten, wieso? entgegnete Strbel erstaunt. Niemand hat weniger
Rechte als der Wirt.

Hauptmann Falk strkte sich mit einem Kognak.

Wenn Sie glauben, da ich ewig hier stehenbleiben werde, sagte Otto
ungeduldig, und das Glas wackelte auf seinem Kopfe.

Sofort, bitte -- ich erffne das Feuer, schrie Hauptmann Falk.

Achtung, meine Herren! Hauptmann Falk schwang die Pistole. Aber in
diesem Augenblick warf ihn der Rausch einige Schritte zur Seite. Er
wandte sich emprt um. Ich bitte gehorsamst, mich nicht an den
Rockschen zu zerren --

Sie sollten lieber die Sache sein lassen, sagte Major Wolff.

Weshalb denn? schrie Hauptmann Falk mit wtender Miene. Sobald ich
abdrcke, stehe ich wie eine Statue. Sie knnen sich auf mich verlassen.
Also los, ich erffne das Feuer.

Ruhe! rief die Saharet und prete die Hnde auf das Herz. Wie spannend
es doch war!

Der Lauf der Pistole war auf Otto gerichtet. Langsam bewegte sich das
runde Loch an ihm in die Hhe. Da mir jetzt niemand ein Wort redet,
schrie Hauptmann Falk, sonst schiee ich Hecht die Kugel in den Kopf.
Alles war muschenstill. Die Saharet stand mit gefalteten Hnden.
Strbel betrachtete voll Interesse Otto, der unmerklich mit den Augen
zwinkerte, als die Mndung der Pistole zwischen seine Augen gerichtet
war.

Otto hatte eine ganz gleichmtige, etwas belustigte Miene aufgesetzt.
Ich wnsche jetzt nur das eine, dachte er, da mir die Kugel mitten in
die Stirn fhrt. Mitten in die Stirn und Schlu! So drcke doch ab! Er
war ganz ruhig . . .

Da wanderte das Loch der Mndung um einen Millimeter hher. Hauptmann
Falk hatte die Zhne zusammengebissen, so da die Backenknochen aus
seinem grauen, mageren Gesicht vorstanden. Dann hielt er den Atem an,
und im gleichen Augenblick zersplitterte das Glas.

Welcher Beifall! Welche Ovationen!

Augenblicklich aber ergriff die Saharet, aus Koketterie, die Flucht.
Glser zerschellten, Sthle krachten. Sie ri eine Tischdecke mit allem,
was darauf war, herunter. Aus Hflichkeit, aus gar keinem andern Grund,
hatte Otto die Verfolgung aufgenommen. Dieser schmale, armselige Mund
reizte ihn nicht. Endlich hatte sich die Saharet in der Ecke der
Bibliothek verrannt. Sie konnte weder vorwrts noch rckwrts und
versuchte, an den Bcherregalen in die Hhe zu klettern. Aber als auch
das nicht gelang, ergab sie sich, um Hilfe schreiend, in ihr Schicksal.

Schon hatte Otto die Hnde ausgestreckt -- pltzlich aber schwankte er
und wurde wei wie eine Wand. Erregt von der Jagd, berauscht, hatte ihn
pltzlich Schwindel ergriffen. Das Gesicht der Saharet verschwamm, ihre
Augen -- ein entsetzliches, halbverwestes Gesicht erschien, mit
blinkenden Zhnen, ein Totenantlitz.

Ich werde fallen! fuhr es ihm durch den Sinn, mit der Gewiheit einer
Erleuchtung, die keinen Zweifel zult. Und dies war der Augenblick, wo
er bleich wie eine Wand wurde.

Wieder erweiterten sich seine Pupillen, wieder wurden seine Augen zu
Kratern voller Grauen. Ja, jetzt hatte er verstanden.

                   *       *       *       *       *

Schokolade knabbernd hockte die Saharet hoch oben auf dem Klubsessel, in
dem der hnenhafte Major Wolff sa, der die Bank hielt. Die fahlen,
verwsteten Gesichter mit den grauen Schlfen drngten sich um den
Tisch. Karten, Banknoten flatterten. Auch der Blinde spielte, er machte
mit dem Einarmigen im Smoking ein Kompaniegeschft. Nur Strbel spielte
nicht. Er fllte die Glser.

Otto gewann -- ganz im Gegensatz zu seinem sprichwrtlichen Pech beim
Spiel. Im Augenblick hatte er, obschon er ohne jede berlegung, vllig
sinnlos spielte, dreitausend Mark gewonnen. Auch das war auffallend!

Und wenn ich falle, dachte er, was ist dabei? Viele Hunderttausend sind
gefallen, weshalb sollte ich, gerade ich, verschont bleiben? Es ist
schlielich vllig egal!

Noch einmal, einmal noch wollen wir das Schicksal befragen --

Die Bank war in eine Verlustserie geraten. Sie hatte sechsmal bezahlt,
und es war vllig unwahrscheinlich, da das Glck ein siebentes Mal
gegen sie war.

Dreitausend Mark Einsatz, Herr Major? fragte Otto. Gewann er, gegen
alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit, nun, so wrde er es glauben, so war
es sicher . . .

Die Bank verlor ein siebentes Mal.

Ich werde fallen, gut! -- Otto zhlte die Scheine, die man ihm
zuschob, und steckte sie in die Tasche.

_Und ich werde sie nie wiedersehen!_

Er stand auf.

Viertausenddreihundert -- erstes Geschtz --! kommandierte Hauptmann
Weibach, der in einem Sessel eingeschlafen war und mit offenem Munde
dalag, die bleiche Stirn in Falten zerknittert.


13

Nacht, der Regen rieselte, schwarzer Regen.

Die Riesenstadt schlief, sie keuchte im Schlaf. Die Menschen schwitzten,
in ihren Betten, trotz der eisigen Klte der Wohnungen. Der kalte
Schwei stand auf ihren Stirnen, mit offenen Augen starrten sie in die
Dunkelheit. Es war nicht mehr wie frher, da die Riesenstadt nachts
aufschrie -- weit du noch, am Anfang des Krieges? In jeder Nacht
gellten entsetzliche Schreie aus Husern und Hfen, furchtbares Jammern
und verzweifeltes Schluchzen -- die Depeschen regneten herab auf die
Riesenstadt: gefallen, gefallen, dein Sohn, dein Gatte, dein Geliebter,
der Ernhrer deiner Kinder, gefallen, gefallen -- und die Riesenstadt
schrie! Das Gelute der Glocken, die die Siege feierten, summte noch in
der Luft, mit Blumen geschmckte Jnglinge und brtige Mnner strzten
sich hinaus --

Nun schrien sie nicht mehr, sie lagen still, die verkrallten Finger in
die Brust geschlagen, sie setzten sich in den Betten auf und flsterten
-- einen Namen.

Still lag die groe Stadt und dunkel.

Erloschen die Feuersbrnste, die nchtlich aus den Bahnhfen
emporloderten und den Himmel rteten, frher, nur noch scheue Lichtnebel
ber der unendlichen Finsternis der verkohlten Stadt. Heulend und
winselnd rollten die Zge zwischen den finstern Husern. Es waren die
Transporte, die des Nachts in die Stadt schlichen, in die halbdunkeln
Bahnhfe, und die blutenden Menschen von den Schlachtfeldern brachten.
Dieselben, die mit Blumen geschmckt die Stadt verlassen hatten. Der Tag
durfte sie nicht erblicken. Riesenschatten schwankten ber die hohen,
verstaubten Bahnhofsmauern, Tragbahren glitten hin und her, Automobile
schlichen auf ihren Gummirdern verstohlen durch die Straen, hin und
zurck, hin und zurck. Dann erloschen die Bahnhfe und versanken in die
Dunkelheit, bis wieder ein Zug winselte und schrie: ich bringe sie
. . . Und wieder schwankten die Riesenschatten ber die verstaubten
Backsteinwnde, wieder glitten die Tragbahren hin und her, wieder
schlichen die Automobile auf ihren Gummirdern verstohlen durch die
Straen, hin und zurck. Die ganze Nacht hindurch, jede Nacht.

Schon winselt ein neuer Zug -- und viele sind noch unterwegs, weit
drauen zwischen den Kartoffelckern und Rbenfeldern, ber die der
Regen fegt. Viele, Abertausende --

In jeder Nacht schlgt die Flut des blutigen Ozeans bis ins Herz der
Stadt.

Im Grauen des Tages aber fahren die stillen Wagen von den Lazaretten
durch die Vorstdte, immer weiter, bis zu den Friedhfen. Mit Kisten
beladen. Darin liegen sie, die mit Blumen geschmckt hinauszogen, ohne
Kleider, ohne Stiefel, ohne Wsche, nackt, aber sie frieren nicht mehr.
Es ist Anfang Februar des Jahres 1918 --

Stumm flieen die Straen dahin, ohne Ende. Hhnische Gespenster die
Laternen an den Ecken. An den ausgebrannten Husern hngen windschief
die Firmenschilder. Riesenbuchstaben, kalt, bleich, Leichen. Die Namen
sind nicht mehr, die Firmen sind erloschen, die Magazine sind leer. In
der finstern Nacht kommen die Schatten zurck, sitzen an den
Schreibtischen der Bureaus, schleichen durch die leeren Magazine.
Schatten wimmeln die Treppen herab, Boten, Brieftrger, gefallen.
Straenkehrer fegen die finstern Straen, gefallen. Schatten von
Omnibussen huschen zwischen den Fluten treibender Schatten dahin, die
die Straen berschwemmen, ein Meer. Die Kutscher der Omnibusse
gefallen, die flinken Pferde gefallen. In jeder Nacht kehren die Toten
in die tote Riesenstadt zurck.

ngstlich lugt der Wchter um die Ecke. Seine Zhne klappern vor Furcht,
die leichenhaften Riesenbuchstaben an den Huserwnden starren auf ihn,
sie winken, sie lcheln so eigentmlich -- ach!

Da erzittert die tote Strae! Ein Schritt drhnt, rasch, eilig. Ein
Sturmschritt, der Schritt eines Lufers, der dahinjagt. Eine Stimme
ruft. Die schlaflosen Menschen in den kalten Betten richten sich auf:
schauerlich hallt die Stimme durch die dunkle Stadt. Die schweiigen
Haare struben sich -- was ruft er? Wieder? Wie in jeder Nacht . . .

Ein weiter, feldgrauer Soldatenmantel flattert um die dunkle Ecke. Er
jagt durch die Straen! Hnde, zum Fluch gestreckt, zngeln empor.
Drhnend rollt die Stimme ber die schwarzen Huser.

Wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen!

Sind es diese Worte?

Die Menschen, die in den Betten horchen, verstehen die Worte nicht. Es
sind uralte Worte, tausendjhrige, sie fhlen es, es sind Worte des
Fluchs und des Untergangs.

Der Wchter entflieht. Ein Soldat! Flink sind sie heute mit dem Messer
. . .

In der Ferne schon schallt die Stimme. Sie rollt die endlosen Straen
entlang, hinaus in die Vorstdte, hinaus auf das flache Feld. Lange noch
hngt ihr Hall zwischen den schlafenden Husern.

Die Hausecken sind finster. Aber sobald der weite Soldatenmantel an
ihnen vorberflattert, strahlt pltzlich Licht aus den dunkeln Wnden:
die schwarzen Steine haben ein Auge aufgeschlagen. Ein Wort leuchtet aus
der Dunkelheit:

   _Alle Vlker sind Brder!_

Kalkwei flattert der weite Soldatenmantel im Schein einer fernen
Laterne -- schon ist er verschwunden. --

Wieder ist es still, wieder liegt die Riesenstadt tot wie eine Stadt aus
Asche.

Drauen aber, die Vorstdte gleiten. Um die Stadt aus Asche schwang ein
Grtel blendenden Lichts -- die gleienden Feenpalste der Fabriken
schwammen in der Nacht. Der rote Dampf zischte, aus den Schloten quollen
Schatten, dick und schwarz wie bei Kriegsschiffen in voller Fahrt. Die
Rder schwangen, der Boden zitterte. Abertausende standen an den
Drehbnken, das l spritzte -- Abertausende schleppten Granaten,
schraubten, polierten. Abertausende von bernchtigen bleichen
Arbeiterinnen saen im grellen Licht der Bogenlampen an den
Arbeitstischen, fllten, wogen, verschnrten.

Und die schweren Zge keuchten dahin, hinaus.

Das ganze Land arbeitete in dieser Nacht, in jeder Nacht, Millionen
Hnde -- der Tod war ihr Besteller.


14

Der Tiergarten brauste, in seiner Tiefe grollte es wie die Brandung des
Meeres. Die Wipfel mahlten in der Finsternis, und zuweilen peitschte ein
Zweig ohne jeden Grund rasend den Himmel. Ohne Aufhren flo der Regen
herab.

Finsternis, kein Licht weit und breit. Doch halt, im Hause des Generals
wurde nun ein Fenster hell. Es war das Fenster gleich rechts vom
Hauseingang, Ottos Zimmer.

Der Morgen war nahe.

Am Rande des Tiergartens stand ein Schutzmann in seinem Regenmantel. Er
horchte. Ein Schu --? Er schabte mit den schweren Stiefeln auf dem
Pflaster und ging ein paar Schritte ber die Strae. Er blickte hinber
zu den Grten, hinter denen die Regierungsgebude liegen. Vielleicht hat
sich jemand in den Regierungsgebuden erschossen? Ein Minister? Wie?
Wie? Und doch ein Schu, sagte der Schutzmann und zog sich tiefer in das
Dunkel des Tiergartens zurck. Jede Nacht erscho sich hier jemand --
ein Soldat, ein Bankrotteur, ein Verschmhter. Der Schutzmann bohrte
seine Augen in den finstern Park und versuchte mit seinem
Polizistenblick das Dunkel zu schrecken.

Immer noch war Ottos Zimmer, gleich rechts vom Hauseingang, hell
erleuchtet. Immer noch sang melancholisch der Regen.

Nun aber dmmerte Licht auch in den Gemchern links vom Hauseingang. Die
Tre zum Schlafzimmer des Generals wurde geffnet, und ein Schleier von
Licht drang durch die Gardinen.

Da erschien die breite Gestalt des Generals in der lichten Tre. Der
General war im Schlafrock und taumelte schlaftrunken. Er verlor immerzu
die zinnoberroten Pantoffeln, whrend er sich in das Vorderzimmer
tastete. Ein Schatten kroch vor ihm her.

Wie sagst du --? Er rusperte sich, seine Mundhhle war ausgetrocknet,
denn der General schlief mit offenem Munde und schnarchte. Verletzt,
sagst du --? Er bemhte sich, die Schnur des Schlafrocks zuzuziehen, um
sich nicht zu erklten. Schon wieder hatte er einen Pantoffel verloren
und tastete mit dem nackten Fue danach.

An der Hand -- der Herr Oberleutnant --

Man sollte doch meinen, da er mit Schuwaffen umzugehen versteht!
schrie der General den Burschen an. Eigentlich htte er dies Otto sagen
sollen, aber in derartigen Augenblicken wandte er sich mit Vorliebe an
Untergebene.

Mache Licht!

Zornrot ragte der Kopf aus dem fleischfarbenen Schlafrock. Auch dieser
Schlafrock zeigte karmesinrote Aufschlge, nicht so gro wie der Mantel,
aber von der gleichen Farbe.

Beim Packen also --? Was soll das Gestotter!

Der Herr Oberleutnant wollte den Revolver in die Kiste schieben, da
ging er los -- ganz von selbst. Er ist schon einmal losgegangen.

Mit wtenden Schritten ging der General durch die Zimmer. Der
fleischfarbene Schlafrock wehte. Pltzlich aber hielt er den Schritt an
und tastete mit der Hand gegen einen Trrahmen. Ein Glas Wasser,
Jakob, sagte er. Und dann -- hrst du -- wecke meine Tochter, sofort
-- aber nicht du sollst sie wecken -- sondern wecke Therese, und Therese
soll meine Tochter wecken. Wangel soll sofort das Auto holen.

Das Blut war aus seinem Kopf gewichen, er war totenbleich geworden. Er
taumelte ein paar kleine Schrittchen rckwrts, bis seine Hand eine
Sttze an einem Sessel fand. Der Atem pfiff in kurzen Sten aus seiner
Brust.

Und nun also ein Glas Wasser!

Der General hatte nur einen flchtigen Blick durch Ottos halboffene Tr
geworfen. Otto stand gestiefelt und gespornt, rasiert und frisiert, fix
und fertig zur Abreise. Auf dem Boden lag die gepackte kleine graue
Offizierskiste. Er sah vllig nchtern aus, gesammelt, ohne jede Spur
von Betrunkenheit.

Und dann ein Handtuch -- zusammengerollt, wie ein blutiger Klumpen
. . . Es war eine Schwche des Generals, da er kein Blut sehen konnte.
Es war ihm immer peinlich gewesen -- im Felde, wo es sich doch nicht
vermeiden lie -- aber es war eine Schwche, die er schon in der
Kadettenzeit gehabt hatte. Es war ganz hoffnungslos, dagegen
anzukmpfen.

Man hrte Therese an Ruths Tre pochen. Man hrte sie halblaut rufen.
Dann ging die Tre. Therese verschwand in Ruths Zimmer und kam nicht
wieder.

Nun?

Endlich -- nach langer Zeit kam Therese wieder zum Vorschein. Ihre Miene
war verstrt. Hilflos blieb sie an der offenen Tre stehen. Therese --
sie hie gar nicht Therese, aber sie wurde, seit sie im Hause des
Generals lebte, so genannt, sie hie Ernestine -- Therese war, wie
hufig, von ihrer Angst vor dem General gelhmt. Sie frchtete ihn fr
gewhnlich, sie lie sich nicht gerne in ein Gesprch mit ihm ein, lebte
fr sich in den hinteren Rumen und kam nur selten nach vorn. Aber bei
besonderen Ereignissen steigerte sich ihre Furcht zum Entsetzen. Und in
diesem Augenblick erschien ihr der General wahrhaft erschreckend -- in
seinem fleischfarbenen Schlafrock und den roten Pantoffeln. Ihre Augen
zerrannen vor Ratlosigkeit, ganz wie seinerzeit, als sie vor dem Gericht
aussagen sollte. Damals, als der General den Proze fhrte und man sie
kreuz und quer ber alles Mgliche ausforschte. Damals, als es keine
Ruhe mehr im Hause des Generals gab, nur Trnen. Therese fhlte, da
wiederum etwas nicht in Ordnung war.

Der General aber starrte sie an, er begriff nicht. Sein Schnurrbart
zitterte, und Therese, die dieses Anzeichen sehr gut kannte, machte eine
verzweifelte Anstrengung zu sprechen. Ihr altes Gesicht legte sich in
tausend Runzeln und kleine Falten, als ob sie weinen wollte. Die Finger
zupften an den rasch bergeworfenen Kleidern.

Ruth ist nicht hier.

Der General hatte nicht recht gehrt.

Sie ist nicht in ihrem Zimmer.

Nicht hier --?

Aber gerade in diesem Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit auf ein
Gerusch an der Tre gelenkt. In der Tre der Diele drehte sich ein
Schlssel, und er wartete voller Spannung, was nun geschehen wrde.
Zuerst erschien also eine kleine Hand, in grauen Handschuhen. Dann der
braune Pelzbesatz eines rmels, und schlielich stand Ruth in voller
Person mitten in der Tre. Auf ihrer kleinen, braunen Pelzmtze lagen
Regentropfen. Ruth erschrak nicht. Ihre braunen Augen, die weichen,
leuchtenden Augen der Sommerstorf, waren voller Erstaunen auf den
General gerichtet.

Dann aber begannen ihre Blicke sich langsam mit Unruhe zu fllen. Das
Leuchten erlosch, sie wurden dunkel.




Zweites Buch


1

Der Tag graute, und noch immer schwang der gleiende Lichtgrtel um
Berlin.

Vor wenigen Wochen, im Januar, lagen die blendenden Fabrikpalste der
Vorstdte pltzlich einige Nchte lang dunkel da. Die eisernen Tore
blieben geschlossen, die Rder standen still, die Kesselfeuer waren
erloschen. Hunderttausende von regsamen Hnden, wo waren sie? Was war
geschehen?

Streik, mit einem Wort. Streik, jetzt, gerade in diesem Augenblick, wo
man die Vorbereitungen traf fr die letzte groe Anstrengung, die den
Sieg bringen sollte. Das englische Gold rollte -- der General behauptete
es -- das englische Gold rollte durch die Straen Berlins, Millionen und
abermals Millionen. Scharen von Agenten waren von Albion ausgesandt
worden, um die Front der Heimat zu unterminieren. Es wimmelte von
Spitzeln und Spionen. Man klebte Zettel an die Huser, Laufzettel gingen
durch die Fabriken -- das englische Gold war allmchtig.

Es kam zu Zusammenrottungen -- da drauen. Patrouillen streiften durch
die Stadt, Schwrme von Berittenen mit Karabinern, Maschinengewehre
waren auf den Dachbden aufgestellt, da und dort -- sollten sie nur
kommen -- von da drauen! Halbwchsige Burschen zogen ber die Linden
und pfiffen. Aber die Schutzleute strzten aus den Husern und
ohrfeigten sie.

Straenbahnwagen wurden umgestrzt. Durch die Stadt fuhren reihenweise
Wagen mit eingeworfenen Fensterscheiben. Das englische Gold hatte es
weit gebracht.

Die Streikenden sandten einen Ausschu, um zu unterhandeln. Aber der
Minister -- pltzlich machte er sein Rckgrat steif -- lehnte ab,
weigerte sich -- bitte recht sehr. Er forderte gesetzlich zulssige
Vertreter. Er witterte eine Ungebhrlichkeit, etwas, was berhaupt noch
nicht dagewesen war, das sich erkeckte, zu rtteln, an den Grundpfosten
zu rtteln . . .

Die Streikenden forderten Brot, und die Regierung versprach.

Die Streikenden forderten -- sie deuteten es nur an, aber es ging aus
ihrer ungesetzlichen, hochverrterischen Haltung deutlich hervor . . .
Es schien ihnen an der Zeit, nachzudenken. Herzogshte und Knigskronen
sollten vergeben werden, da und dort, an alle mglichen Vettern, nun
gut, wenn es Vergngen machte, aber es schien ihnen doch an der Zeit,
mit dem berlegen zu beginnen. Der letzte Kupferkessel war dahin,
beschlagnahmt aus der Kche des armen Weibes, die Lokomotiven brachen
auf der Strecke zusammen, in den Kasernen exerzierten Knaben und
Krppel. Schlielich war Amerika immerhin eine Macht, mit der man
rechnen mute, auch wenn es nicht imstande war, Flugzeuge zu bauen und,
wie man schwarz auf wei nachgewiesen hatte, unmglich ein Heer ber den
Ozean schaffen konnte. Trotzdem. Die deutschen Truppen standen in
Finnland, im Kaukasus, in --

Nein, sie sprachen es nicht in klaren Worten aus, aber sie wollten doch
ganz bescheiden darauf hinweisen, da es eigentlich an der Zeit sei --

Aber gerade das, hm, verletzte den Minister. Er witterte --

Endlich nahmen die Generale die Sache in die Hand, und im Handumdrehen
war der Streik zu Ende. Man brauchte nur etwas zuzugreifen und sofort
ging es. Die Generale waren fr individuelle Behandlung. Wer ein Gewehr
tragen konnte, wurde in die Schtzengrben verbannt, andere wanderten
ins Gefngnis und einige ins Irrenhaus. Die eingeschlagenen
Fensterscheiben der Straenbahnwagen wurden durch neue ersetzt -- nichts
war geschehen. Nichts blieb zurck als ein leises, unterirdisches
Grollen, unhrbar fr Ohren, die aus Greisenschdeln wuchsen.

Obwohl der Streik nur wenige Tage gedauert hatte, sprach der General die
Mglichkeit aus, da dadurch der Sieg gefhrdet sein konnte -- konnte,
nur eine Mglichkeit . . .

Das war also im Januar gewesen. Nun aber regten sich wieder Tag und
Nacht die ungezhlten Hnde, zerfressen von dem schlechten l, das von
den Drehbnken spritzte und die lkrtze hervorrief. Die Feenpalste
schwammen wieder strahlend in den Nchten, der Lichtgrtel flammte
wieder um die Riesenstadt. Und im grauen Morgen, zur Zeit des
Schichtwechsels, rollten wie frher die Zge berfllt mit Menschen, als
sei nichts geschehen. Hunderte von gelben Gesichtern in jedem Abteil,
Hunderte von gelben Gesichtern auf den Trittbrettern, auf den Dchern,
berall. Und die bleichen, bernchtigen Mdchen, die die Patronen
packten, kreischten und schrien.

Auch an diesem grauen Morgen rollten ganz wie sonst zur Zeit des
Schichtwechsels die Zge mit den gelben und todbleichen Gesichtern.
Hustend und frierend hasteten Kleiderbndel durch die Straen der
Vorstdte, voller Angst, rechtzeitig die Kontrolle der eisernen Tore zu
passieren. Der Westen der Stadt lag noch in tiefem Schlaf, die Wchter,
die den Schlummer der Reichen bewachten, ghnten.

Auch an diesem Morgen rollte mit der Minute der bekannte Zug nach der
Westfront. Eine Leiche sah auf den Bahnsteig, suchte, pfiff sogar etwas
-- die Leiche -- es war Hauptmann Falk.

Wo bleibt denn dieser Knabe? Aber Otto kam nicht, und Hauptmann Falk zog
das Fenster hinauf, hllte sich in den Mantel und schlief augenblicklich
ein, bevor der Zug die Station recht verlassen hatte.

Die Feuerwalze war auf der Heimreise. --

Der Tag dampfte ber den Kartoffelckern und Rbenfeldern im Osten von
Berlin, und graue Wolken schleppten sich ber die Laubenkolonien
zwischen den roten und gelben Backsteinmauern der Vorstdte, ber die
Halden mit Bauschutt, Papierfetzen und verbeulten Eimern. Hinter den
grauen Wolken aber kam ein Funke! Der Funke leckte feurig einen
Wolkenrand und ein Blitz blendete hervor. Da begannen die gelben und
roten Backsteinmauern der Vorstdte zu blhen, die Fensterscheiben
funkelten, das Millionenauge der Riesenstadt blitzte. Die Trompeten in
den Kasernenhfen schmetterten, und Tausende von Mnnern erhoben sich
von den elenden Lagern.

Ein Lichtbschel zngelte mitten durch das Fenster einer Mietskaserne im
Nordosten Berlins -- einer grauen, mrrischen Mietskaserne, ber deren
Fassade sich die Riesenaufschrift Leihhaus erstreckte -- und blendete
in ein aufgeschlagenes Buch. Dieses Buch lag auf einem kleinen Tisch
dicht am Fenster des armseligen Zimmers. Das Buch flammte, Feuer schlug
heraus: es war die Bibel!

Eine Hand hatte Verse angestrichen, und diese Verse brannten unter dem
Lichtstrahl:

Und die Knige auf Erden, und die Obersten, und die Reichen, und die
Hauptleute, und die Gewaltigen, und alle Knechte, und alle Freien
verbargen sich in den Klften und Felsen an den Bergen.

Und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallet auf uns, und verberget
uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn
des Lammes.

Denn es ist kommen der groe Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?

Da glhte das ganze Buch, flammte auf und brannte.

Neben dem Buch stand eine kleine Schreibmaschine veralteten Systems. An
der Tre des kleinen Zimmers hing ein groer, weiter, grauer
Soldatenmantel.

Nun trat ein junger Mann ins Zimmer, und whrend er in den Mantel
schlpfte, fielen seine Blicke auf die aufgeschlagene Bibel, die im
Lichtstrahl flammte.

Auch die Apokalypse gibt keine Deutung! sagte der junge Mann
kopfschttelnd, mit rasenden Augen, und schlo das Buch. Sofort erlosch
es, schwieg es, wurde es stumm.

Diese apokalyptischen Reiter -- sie sind Schemen. Das Blut stieg bis an
die Zume der Pferde -- er sollte es mit eigenen Augen sehen -- die
Pferde versinken im Blut!

Da aber traf der Lichtstrahl ihn mitten ins Herz. Er fuhr zusammen,
seine rasenden, dunkeln Augen richteten sich ins Licht und flammten in
seinem bleichen Gesicht.

Er sah nicht die Schutthaufen mit den Papierfetzen und rostigen Eimern,
nicht die Lauben mit den schwarzen Lumpen auf den Dchern: er sah das
Licht, das sich zwischen dsteren Wolkensumen durchfra und die
Herrschaft ber die Dunkelheit an sich ri.

Seine Finger berhrten das heilige Buch, zuckten.

_Ich glaube! Ich glaube!_ schrie er dem Licht entgegen.


2

Auch der alte Portier, der Veteran von 70, war schon wieder auf seinem
Posten. Zuweilen trat er aus der Loge und spuckte aus. Und da -- ist es
zu glauben? -- da war auch schon wieder jener Aufdringliche, jener
kleine, ltere Herr. Er zog den steifen Hut.

Seht an -- Sie? Schon wieder? begrte ihn der Portier unfreundlich.
Und vorwurfsvoll fuhr er fort: Sie haben mich in eine hbsche Lage
gebracht, das mu ich sagen!

Hbsche Lage --? Um Gottes willen --?

Ja, eine hbsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr?

Jawohl, Herbst.

Etwas war offenbar nicht in Ordnung mit Ihrem Brief, Herr Herbst!

Nicht in Ordnung --?

Nein. Seine Exzellenz -- Sie haben doch gutes Papier genommen?
Jedenfalls haben Seine Exzellenz -- Der Portier in seinem im Laufe der
Kriegsjahre etwas schbig gewordenen Mantel brach ab, ffnete die
Glastre der Loge und verbeugte sich. Guten Morgen, Herr Oberst! Sbel
rasselten, ordenglitzernde Brste schwebten am Glasfenster vorber,
Lackstiefel, rote Streifen, Pelzkragen. Die Soldaten und Schreiber
huschten die Granittreppen hinauf. Der Dienst begann wieder, dieselbe
Sache, wie seit Jahren.

Jedenfalls war etwas mit Ihrem Brief nicht in Ordnung. Seine Exzellenz
waren -- hm -- ungehalten.

Sie selbst haben mich doch ermutigt.

Hflich und richtig abgefat. Ich habe gesagt, versuchen Sie es.
Reichen Sie ein Gesuch um eine Audienz ein. Haben Sie gehorsamst
geschrieben?

Ja, gehorsamst habe ich geschrieben.

Der Umschlag, ich sagte Ihnen ja gleich, ein weier wre besser
gewesen. Diese hohen Herren haben ihre Eigenheiten. Sie sehen auf
Kleinigkeiten, wenn zum Beispiel auch nur ein ganz kleiner Schmutzfleck
da ist -- Guten Morgen, Herr Major, Herr Rittmeister! -- Es ging ja noch
gut ab, aber es htte leicht ein Donnerwetter setzen knnen, schon
frchtete ich einen Blick zu bekommen, ja, wissen Sie, einen Blick --!
Und nun ist heute nacht diese Sache passiert -- wissen Sie -- diese
Sache --

Welche Sache?

Nun, der Sohn Seiner Exzellenz -- der Herr Oberleutnant, die Stimme
des Portiers sank zu einem Flstern herab, er hat Malheur gehabt mit
dem Revolver, beim Packen. Der Revolver hat sich geklemmt, und schon
ging also der Schu los -- in die Hand.

Ist es mglich?

Nun knnen Sie sich vorstellen, was fr eine Aufregung das hier im
Hause ist! Der Adjutant war schon hier und gab mir einen Wink. Denn
sehen Sie, wenn Exzellenz schlecht gelaunt sind, dann ist nicht zu
spaen mit Exzellenz. Fr gewhnlich sind Exzellenz ja ganz umgnglich
-- freundlich sogar . . . Aber -- pltzlich musterte der Portier seinen
Besuch -- hren Sie -- Sie sind ja ganz na, vllig durchnt?

Ich bin in den Regen gekommen.

In den Regen? Und wie Sie aussehen, Herr! Als ob Sie auch nicht ein
Auge zugetan htten?

Wie ich Ihnen schon sagte, ich bin zuweilen vollkommen schlaflos --

Der alte Portier, mit den weien Haarstrhnen, den kleinen Medaillen aus
Kupfer und Blech auf der Brust des zu weiten Mantels, schttelte den
Kopf -- kritisch, mibilligend. Hier in seiner Loge --

Der Havelock, das heit der Herr mit dem Havelock, Herr Herbst, machte
allerdings einen jmmerlichen Eindruck. Sein rostbrauner Havelock, der
viel zu lang war und bis an die schmutzigen Stiefel reichte, war
zerknittert und dunkel vor Nsse. Der schwarze steife Hut, der bis an
die abstehenden Ohren fiel, war glnzend schwarz vom Regen, das Band,
das die Krempe sumte, einfach vollgesogen mit Wasser. Sein Gesicht war
keineswegs stahlblau, sondern gelblich bleich, von ungesunder Frbung,
mit merkwrdigen gelben Flecken, klein, hohlwangig und von tiefen
Furchen zergraben. ffnete er den kleinen, faltigen Mund mit dem
weigrauen Stoppelbrtchen, so wurden gelbe Zahnstumpen sichtbar -- und
seine Glatze zog bis ins Genick, nur einige Hrchen, grauwei
gekruselt, deuteten noch den Haarkranz an -- und diese groen,
abstehenden Ohren! Seine wasserhellen Augen waren entzndet und trnten,
sie schwammen fortwhrend in Wasser. Es war ein Mensch, der nichts auf
sein ueres gab -- sich vernachlssigte, schlaflos, krank offenbar --
sein Sohn -- der alte Portier fhlte pltzlich Mitleid, obschon es ihm
peinlich war, da dieses durchnte Herrchen sich in seiner Loge befand.
Wenn jemand hereinkme, nicht ein Schreiber, vor ihnen hatte er keine
Angst, aber, nehmen wir an, ein Offizier?

Und, sagen Sie -- lieber Herr -- was wollen Sie nur wieder, schon so
frh --? fragte er, pltzlich aufs uerste erstaunt.

Ich wollte -- hier errtete Herr Herbst und wurde sehr unruhig --
nun, ich wollte doch nachsehen, ob keine Antwort --?

Antwort --?

Der General sollte Ihnen Bescheid geben, wann die Audienz --?

Der Portier schlug erschrocken die Hnde ber dem Kopf zusammen. Also
auch mich ziehen Sie mit hinein -- mich?

Es schien mir das Einfachste --

Das Einfachste -- und Exzellenz werden nun denken --! Und wieder
schlug der Portier auer sich die Hnde ber dem Kopf zusammen.

Herr Herbst fhlte nur zu deutlich, da seine Position hoffnungslos
verloren war. Hastig fuhr er mit der kleinen, schmutzigen Hand in den
zerknitterten Havelock und zog ein Zigarrenetui aus der Rocktasche, ein
groes Etui aus Aluminium.

Ich bitte, stotterte er.

Nun kommen Sie mir wieder mit Ihren Zigarren.

Nehmen Sie ruhig, mein verehrter Herr!

Ich will Sie nicht berauben. Heutigentags ist eine Zigarre eine
Kostbarkeit. Danke. Also -- keine Adresse, Sie Unglckseliger --?

Nein. Ich wute auch nicht recht welche -- ja, wie sollte ich es machen
-- ich habe -- zwei Wohnungen.

Zwei Wohnungen haben Sie?

Ja, zwei. Ich wei nicht, wo ich eigentlich wohne.

Zwei Wohnungen, und er wei nicht -- ja, eigentmlich -- ein
eigentmlicher Herr sind Sie --

Es kommt alles _daher_ -- alles _daher_ -- stotterte Herr Herbst zu
seiner Entschuldigung.

In diesem Augenblick klappte drauen ein Wagenschlag. Es war fnf
Minuten nach neun Uhr. Der Portier schrak zusammen und warf einen
raschen Blick durch das Guckfenster.

Seine Exzellenz! Seine Exzellenz! rief er in hchster Aufregung aus.
Exzellenz darf Sie hier nicht sehen. Um Gottes willen -- da Sie mir
nicht durch die Tre blicken!

Und schon strzte der Portier zitternd hinaus, um dem General seinen
Bckling zu machen.

Der Mann im Havelock floh erschrocken in die Ecke der Loge. Sein Herz
schlug vor unbeschreiblicher Angst. Er prete das Zigarrenetui aus
Aluminium vor die Brust. Er stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand
-- dann aber zwang ihn eine Macht, gegen die es keinen Widerstand gab,
langsam, ganz langsam den Kopf zu drehen und durch die Glastre zu
lugen.

Soeben ging der General an der Loge vorber. In Gedanken versunken, wie
gewhnlich, stieg er die Granittreppe hinauf.

                   *       *       *       *       *

Gott sei Dank, Exzellenz hat Sie nicht bemerkt!

Aufatmend trat der Portier in die Loge zurck. Und gar nicht schlecht
gelaunt, ja, sonderbar. Wer soll sich bei diesen hohen Herren auskennen?
Er sagte, sogar: >Guten Morgen, Heinecke<.

Der Havelock wagte sich wieder aus seiner Ecke hervor. Seine trnenden
Augen forschten in dem alten Frauengesicht des Portiers. Und --?

Was meinen Sie -- und?

Kein Bescheid?

Der Portier schlug verzweifelt die Hnde zusammen.

Sie glauben also, mein lieber Herr, Exzellenz hat an nichts anderes zu
denken als an Ihr Gesuch, rief er rgerlich. Um fnf Uhr haben Sie das
Gesuch abgegeben! Um acht Uhr waren Sie schon wieder da! Kaum beginnt
der Tag, so kommen Sie -- ich bitte Sie, mein verehrter Herr --!

Verzeihen Sie --

Exzellenz hat natrlich den Kopf vollgestopft mit allen mglichen
Dingen. Exzellenz hat dreihundert Leute unter sich, verstehen Sie, was
das heit? Offiziere und Beamte und Mannschaften -- dreihundert. Da gibt
es Befehle und Schreibereien -- tglich kommen ber hundert Telegramme
-- jeden Augenblick ruft die Oberste Heeresleitung an -- na und so zu --
und da glauben Sie --! Ich mu offen mit Ihnen reden. Sie sind nie
Soldat gewesen?

Nein.

Nun, da haben wir's. Dann knnen Sie freilich nicht wissen, wie es
zugeht. Keine ruhige Minute. Seit vierzig Jahren mache ich das mit.

Sie selbst haben doch --

Ja, leider Gottes habe ich -- aber bedenken Sie doch, was Sie
verlangen! Eine Audienz! Hunderte warten darauf -- wochenlang! Ich mu
nun offen mit Ihnen reden. Gestern schreiben Sie und heute glauben Sie
schon -- Ein General! Bedenken Sie -- und wer sind Sie? -- Ich will
Ihnen nicht zu nahe treten -- aber wer sind Sie -- oder ich --?
Vielleicht wird Exzellenz berhaupt nicht antworten.

berhaupt nicht --?! rief der Mann im Havelock voller Schrecken aus
und hob die Hnde.

Mglich, weshalb nicht? Ich spreche nun ganz offen mit Ihnen.

Aber mein Sohn -- es handelt sich ja --

Mglich -- alles mglich -- Sie sind weltfremd, mein Herr, kennen das
Leben nicht. Aus der Provinz --

Herr Herbst nahm den Hut. Niedergeschlagen wandte er sich zur Tre:
Nun, dann werde ich ein neues Gesuch schreiben! sagte er entschlossen.

Um Gottes willen!

Wenn er aber auch darauf nicht antwortet -- wissen Sie, was ich dann
tue --? Herr Herbst versank in Nachdenken.

Nun, nun -- wer sollte es fr mglich halten --?

Offenbar fand der Havelock aber keine Lsung.

Nun jedenfalls ein neues Gesuch -- ja ja -- morgen schon! Ich kann doch
wohl verlangen -- Als Vater habe ich doch ein Recht -- ein Recht --

Der Portier brach in ein heiseres Altmnnerlachen aus und hustete. Ein
Recht! Ein Recht! schrie er.

Weshalb nicht, als Vater? fragte Herr Herbst, schon wieder ganz
zaghaft und entmutigt.

Hahahaha -- ehek, ehek!

Der Mann mit dem Havelock war verschwunden. Als der Portier sich
ausgespuckt hatte, war weit und breit von ihm keine Spur mehr zu sehen.


3

Langsam wandelte der General den endlosen Korridor entlang. Diesen
Korridor liebte er, und so oft er ihn entlang ging, empfand er ein
sonderbares Behagen, obschon dieser Korridor genau so hlich, kahl und
belriechend war wie alle Korridore des riesigen Amtsgebudes. Aber in
etwas unterschied er sich von den andern Korridoren: er vibrierte
unaufhrlich von den Maschinen, die im Erdgescho arbeiteten. Sie
erfllten den kahlen Gang mit ihrer Energie.

Wie tglich, wie stndlich, blieben die Ordonnanzen und Schreiber gegen
die Wand gedrckt stehen, sobald der General in ihre Nhe kam. Sie
wandten den Blick nicht von seiner verschlossenen Miene, bis er vorber
war. Und selbst dann blickten sie ihm noch eine geraume Weile nach.
Jetzt erst setzten sie sich, den Kopf ruckweise zurechtdrehend, wieder
in Bewegung. Die Offiziere, die das Unglck hatten, zufllig ber den
Korridor zu gehen, blieben stehen und machten ihre respektvolle
Verbeugung. Und der General hob den Finger an den Mtzenrand, wie
tglich, wie stndlich, ohne die Menschen, die vor ihm zurckwichen,
anzusehen. Sein Blick war zu Boden gerichtet, auf die Steinfliesen, die
abgeschliffen waren von den genagelten Soldatenstiefeln. Es sah aus, als
ob die ganze Last der Kriegfhrung auf seinen Schultern ruhte.

Unter den Steinfliesen arbeiteten die Druckereien. Tag und Nacht
schleuderten die Rotationsmaschinen Ste von Kartenblttern heraus,
die, zu groen, nach Leim und frischer Farbe riechenden Stapeln gehuft,
nach und nach smtliche Korridore des weiten Gebudes berschwemmten. Es
waren Karten von allen denkbaren und undenkbaren Lndern, vom Eismeer
bis zum quator -- soweit die scharfen Augen der Generale blickten.

Aus diesen Kartenstapeln strmten Inspirationen. So sah der General in
diesem Augenblick, ohne jede bewute Ideenverbindung, deutlich den
Peipussee vor sich und die strategische Grenzlinie Deutschlands im
Osten, die schon sein groer Lehrmeister Moltke gezogen hatte. --
brigens, kurios, der Portier, dieser alte Veteran, er sah dem alternden
Moltke etwas hnlich, natrlich nur ganz entfernt, soweit ein aus dem
Unteroffizierstande hervorgegangener Beamter berhaupt einem Heerfhrer
hnlich sehen kann. -- Diese Linie, ja, und im Norden mute ein
erstarktes Finnland, fest an Deutschland geknpft, der Verbndete
werden: mit der Pistole an der Schlfe mute Ruland in den Frieden
hineingehen.

Ein Glck nur, da dieses elende Diplomatenmachwerk von Brest-Litowsk
nur ein Provisorium war . . .

Pltzlich wurde die strategische Ostlinie, die scharf wie der Schnitt
eines Rasiermessers vom Peipussee sdlich fhrte, durch irgendetwas
gestrt. Was war es doch? Ein weiter, grauer Soldatenmantel flatterte
durch sie hindurch!

Da war er also wieder, seht an . . .

Seit Wochen schon war ihm dieser Mantel aufgefallen, und zwar nur, weil
er so merkwrdig flatterte, wie kein Mantel sonst. Obschon er immer nur
-- ein sonderbarer Zufall -- einen Zipfel dieses Mantels verschwinden
sah, konnte er doch feststellen, da es der Mantel eines gemeinen
Soldaten war, der nachlssig, unsoldatisch, mit einem Wort
vorschriftswidrig getragen wurde. In besonderen Stimmungen hatte er in
dem Flattern dieses Mantels sogar etwas Herausforderndes erblickt --
eines jener Symptome des Abbrckelns der Disziplin, gegen das er in
ungezhlten Tagesbefehlen ankmpfte -- schon an der Front, was ihm von
gewissen Seiten wieder bel vermerkt wurde.

Diesmal aber lief ihm der Mantel direkt in die Hnde, er konnte ihm
nicht entgehen.

Der Soldat kam nher, und nun, da er den Schritt verlangsamte, sah der
General, da er das eine Bein etwas nachschleppte. Der weite Mantel
stand an der Wand still, wie alles, was sich hier bewegte, wenn der
General in Sicht kam.

Der General sah einen einfachen Soldaten von etwa fnfundzwanzig Jahren
vor sich stehen, mittelgro, breitschulterig, mit schlichten, fr sein
Alter auffallend ernsten Zgen. Was dem General aber besonders an dem
Gesicht auffiel, das waren die Augen. Sie waren braun und
auerordentlich sanft. Es waren die sanftesten Mnneraugen, die der
General jemals gesehen hatte. Und der ganze Bursche, bleich und schlecht
genhrt, wie die meisten Ordonnanzen und Schreiber, die sich im
Amtsgebude herumtrieben, der ganze Bursche machte einen ebenso sanften
und vershnlichen Eindruck. Nur seine schwarzen Haare waren etwas zu
lang und standen unter der Mtze vor. Die Haltung dieses Mannes war ohne
jeden Tadel. Indessen, es lag etwas in dem Ausdruck seines Gesichts --
ja, wie soll man sagen? In den warmen, braunen Augen schimmerte -- oder
tuschte er sich -- ein unmerkliches Lcheln, und dieses unmerkliche
Lcheln lag trotz dem Ernst auch auf dem etwas bleichen Gesicht.

Der General betrachtete das Gesicht in aller Ruhe -- so wie man eine
Schnitzerei betrachtet. Aber dieser Mann kam nicht in Verlegenheit,
wurde nicht unsicher, der Ausdruck seiner Augen nderte sich nicht,
seine Lider bewegten sich nicht rascher. Er blieb gleichmig ruhig und
gleichgltig.

Dieser Mann hatte offenbar keine Angst, von einem hohen Vorgesetzten
gemustert zu werden, ruhig erwiderte sein Blick den des Generals --
keine Angst, nicht die geringste.

Hm!

brigens hatte der General dieses Gesicht schon irgendwo und irgendwann
gesehen, obgleich er sicher war, ihm nie im Leben begegnet zu sein. Es
war ein Gesicht, wie man es auf alten Bildern sah -- ein Gesicht aus
vergangenen Epochen sozusagen. Auf alten Gemlden und Stichen, von
Mnchen, Poeten und sonstigen Schwrmern.

Nun stieg eine leichte Rte unter der blassen Haut des Gesichts empor.

Rasch wie Hammerschlge fielen Fragen und Antworten:

Wie heien Sie? -- Ackermann.

Was sind Sie? -- Hilfsschreiber!

Zivilberuf? -- Student!

Wo verwundet? -- An der Somme!

Unvermittelt nahm die Stimme des Generals einen strengen Ton an.

Wenn Sie auch Student sind, so knnen Sie doch Ihren Mantel
vorschriftsmig zuknpfen!

Die Hnde des Soldaten fuhren nach den Mantelknpfen.

Nachher, mein Sohn, sagte der General wieder milder und ging.

Schon verschwand er in der grngepolsterten Doppeltre.

                   *       *       *       *       *

Etwas unsicher machte Hauptmann Weibach, der Adjutant, seine Meldung.
Ottos verletzte Hand war soeben gerntgt worden. In wenigen Wochen
drfte Otto wieder vllig hergestellt sein.

Also, der Arzt befrchtet nicht, da seine Karriere dadurch beeinflut
werden knnte?

Weibach erblickte seinen Gebieter durch eine Art Nebel in
berlebensgre. Er hatte die Empfindung, Wolken von Alkohol
auszustrmen. Wenn man ihm mit einem Streichholz zu nahe kam -- um
Gottes willen, seien Sie vorsichtig! -- so wrde er lichterloh in
Flammen stehen, augenblicklich -- diese etwas peinliche Empfindung hatte
der Adjutant. Ganz abgesehen davon konnte jeden Augenblick der
Parkettboden unter seinen Fen einbrechen und er im Keller landen, bei
den Rotationsmaschinen, die Tag und Nacht Karten aller Herren Lnder
ausspien.

Vor knapp einer halben Stunde war er von Strbel gekommen. Strbels
Herrenabende -- die Saharet zhlte gar nicht -- pflegten sich stets bis
zum Morgen auszudehnen. Punkt acht Uhr wurde die letzte Bank abgezogen.
Dann badete man, rasierte sich und frhstckte. Herrlichen Mokka gab es
bei Strbel, Brtchen mit Butter -- einfach alles. Zuletzt noch einen
Kognak -- und dann los! Ottos Unfall war telephonisch gemeldet worden.
Augenblicklich hatte Weibach, so wie es sich fr einen Adjutanten
gehrte, seine Manahmen ergriffen. Alles telephonisch. Er wollte ins
Lazarett fahren, sobald eine Minute Zeit war. Er wute, was man von ihm
forderte --

Der General befahl mit Ottos Regimentskommandeur im Felde verbunden zu
werden -- und dann: wenn Anmeldungen vorliegen?

Der Herr von der Presse.

Ich bitte! Die Verblffung warf Weibach nahezu zu Boden.

Seit einer Woche bereits antichambrierte dieser Herr von der Presse, und
Weibach wagte kaum noch, ihn zu melden. Der General verachtete alles,
was mit diesem Gewerbe zu tun hatte -- all diese entgleisten Studenten,
Gelehrten und Schriftsteller, die die Anmaung besaen, die ffentliche
Meinung machen zu wollen.

Die hohen Bogenfenster spiegelten sich im gewichsten Parkett, der breite
Goldrahmen des groen Kaiserbildes an der Wand glnzte. Sonst war der
Arbeitssaal Leere und Kahlheit, bewohnt einzig und allein von Seiner
Majestt, mit dem Marschallstab und der von Orden, Kreuzen, Sternen,
Tressen und Schnren funkelnden Brust.

Von tiefem, feierlichem Blau waren die langen, schmalen Vorhnge an den
hohen Bogenfenstern, silbergrau die Wnde -- zuweilen wichen sie zurck,
wenn der General arbeitete -- in weite Fernen, und es schien ihm dann,
als se er in einem endlosen Nebel.

Der General heftete den Blick auf das Kaiserbild -- tglich tauschte er
Blicke mit seinem obersten Herrn. Aber die Augen des Soldaten im weiten
Mantel erschienen vor seinen Blicken: sonderbare Augen, in der Tat --
genau wie auf den alten lgemlden --

Schon trat der Herr von der Presse ein -- mit einem feierlichen
Bckling, bis zum Parkett. Ein warmer Unterton in der Stimme des
Generals ermutigte ihn nher zu treten.

Weibach unterbrach die Unterhaltung.

Das Regiment, meldete er. Befehlen Herr General das Gesprch hier
hereinzulegen?

Ich bitte -- es wird wohl nicht stren? Der Herr von der Presse wute
das auergewhnliche Vertrauen zu schtzen.

Und der General begann in das Telephon zu schreien: -- schon
unterrichtet -- jawohl -- eine Abschiedsfeier, Herr Oberst, die bis
morgens um sechs Uhr dauerte -- Und nun lauschte der General und
verbeugte sich am Telephon. Der Regimentskommandeur drckte die Hoffnung
aus, seinen tapfersten Offizier bald wiederzusehen. Er sagte
ausdrcklich: tapfersten -- hier verbeugte sich der General -- und
wieder heulte der General in das Telephon. Stimmung ausgezeichnet,
sagen Sie -- prchtige Laune -- Zuversicht -- es wird ja wohl bald
wieder vorwrtsgehen -- und wieder lachte der General in das Telephon.

Sie verzeihen die Unterbrechung. Meinem Sohn ist ein kleines Malheur
zugestoen. Beim Einpacken, er sollte heute zum Regiment zurck, klemmt
sich der Revolver, und pltzlich geht er los --

Auf den Zgen des Pressevertreters malten sich uerster Schrecken und
tiefste Anteilnahme.

Untadelig glnzte das Wappenschild der Hecht-Babenberg durch die
Jahrhunderte. Gerade dieses Wappenschildes wegen deckte der General
seinen Sohn mit dem eigenen Leibe. Wenn man auch voraussetzen sollte,
da vor dem Namen Hecht-Babenberg die Zungen unverantwortlicher
Schwtzer verstummten, so wimmelte dieses Berlin doch von Neidern und
Verleumdern -- er selbst konnte ja ein Lied davon singen -- denen selbst
das fleckenlose Wappenschild der Hecht-Babenberg nicht heilig sein wrde
. . .

Der Dienst verschlang die Zeit, und im Augenblick war es Mittag
geworden. Punkt ein Uhr raste die graue Limousine davon, um erst vor
Stifters Diele, Unter den Linden, anzuhalten.


4

Der General frhstckte jeden Tag in Stifters Diele. Ruth war zur
Mittagszeit in ihrer Kche beschftigt, und allein in dem kahlen
Speisezimmer zu Hause sitzen --? Nein. Es war am Tage noch ungemtlicher
als am Abend -- und totenstill.

In Stifters Diele waren wenigstens Menschen und etwas Lrm, gerade so
viel, wie Leute mit guter Kinderstube ihn beim Dinieren erzeugen, ein
beruhigender, wohltuender Lrm. Silber klirrte.

Hier, in seiner Nische hinter den Stechpalmen, fhlte der General sich
geborgen vor den Zudringlichkeiten der Welt. Zuweilen nur drang
irgendein neugieriger Blick durch die Stechpalmen, um sich sofort wieder
ehrfurchtsvoll zurckzuziehen.

Stifters Diele war nicht ein gewhnliches Restaurant, sondern eine
Speisekapelle: farbige Kirchenfenster, Dmmerung, gedmpfte Lichter und
dicke Teppiche. Das Speisen hatte hier die Form eines religisen Kults
angenommen. Die Kellner murmelten feierlich wie Priester, die die
Beichte abhren.

Zwischen dem Etablissement und den Gsten bestand eine stillschweigende
Verabredung: das Etablissement versprach, seine Gste gesund und
wohlgenhrt durch den Krieg zu bringen, wogegen die Gste sich
verpflichteten, zu schweigen und zu zahlen. Es verkehrten fast
ausschlielich Stammgste in Stifters Diele. Zumeist hohe Wrdentrger,
die neue Energien fr den anstrengenden Dienst zu gewinnen suchten, und
Junker, die von ihren groen Gtern nach Berlin kamen und die Kche der
Diele kannten. Manchmal verirrten sich auch zweifelhafte Elemente hier
herein -- aber sofort kam der Oberkellner, leider alles bestellt, die
Herrschaften --

Wie eine Orgel summte die tiefe Stimme des Oberkellners. Nher als
irgendein anderer Sterblicher es htte wagen drfen, rckte er dem roten
Ohr des Generals.

Bouillon mit Mark oder Klchen, Exzellenz? -- Mit Klchen, sehr
wohl.

Hhnerpastetchen, Exzellenz? Heute ist fleischloser Tag, aber -- nur
fr unsere Stammgste natrlich -- Chateaubriand -- Es ist auch etwas
Kaviar eingetroffen. Ich darf eine Portion servieren, ohne den Preis zu
nennen?

Der General setzte den goldenen Kneifer auf und blickte den Befrackten
an. Sie sagten --?

Ja, ber Finnland. Der russische Friede macht sich schon geltend. Haben
Exzellenz brigens die Flagge auf der russischen Botschaft gesehen?
Nein? Zum erstenmal heute aufgezogen. Etwas Pudding oder Camembert?

Camembert!

Sehr wohl, Exzellenz. -- Den Wein habe ich schon bereitgestellt. Sehr
wohl.

Jeden Mittag pflegte der General eine halbe Flasche Sekt zum Frhstck
zu trinken. Zuweilen aber nippte er nur am Glase, es hing ganz von
seinem Befinden ab.

Die Leberklchen, die auf der Zunge zerschmolzen, die Geflgelpastete
mit eingehackten Champignons und wrzigen Krutern, das Chateaubriand
auf englische Art, der Kaviar -- ein Erlebnis sozusagen nach langen
Jahren -- neue Kraft erfllte die Nerven, die Unglcksgeschichte Ottos,
die Plackereien des Dienstes versanken. Nichts blieb, gar nichts, es war
ein herrlicher Zustand des Schwebens im Nichts. Nur das Gegenber strte
die vollkommene Harmonie. Vielleicht wrde er doch noch den Platz
wechseln?

Gegenber saen zwei Rittmeister. Mit ihren glattgeschorenen, runden
Schdeln, voller Hcker und Knollen, ihren gedunsenen Gesichtern, ihren
rosigen Fettnacken, waren sie die typischen Etappenschweine, die nie
eine Kugel pfeifen hrten. Nichts aber hate der General mehr als alles,
was Etappe hie. Dabei trugen sie ellenlange Ordensschnallen auf der
Brust. Sie schmten sich nicht einmal, den Halbmond zu tragen, obwohl
sie nie die Trkei gesehen hatten, einen Orden, den selbst der General
nicht besa. Immer tuschelten sie, immer kicherten sie, immer gossen sie
die Glser voll -- und goldene Armreife wurden an ihren haarigen
Handgelenken sichtbar. Sie pflegten dem General ihre Achtung
auszudrcken, ohne irgendwelche bertriebenheit: es waren Leute der
gleichen Gesellschafts klasse. Der General verachtete sie aus tiefster
Seele.

Schon aber stand der Oberkellner mit einer strahlenden Kerze vor ihm:
Eine Zigarre, Exzellenz?

Gott sei Dank, die beiden Burschen gingen.

Der General legte sich behaglich in den Sessel zurck.

Aber das Pferdematerial? fragte eine skeptische Stimme in seinem Ohr.
Tag und Nacht war er mit den Problemen des Krieges beschftigt. Ob die
Pferde noch den Anstrengungen einer Offensive gewachsen sein werden --?

Die Pferde sind ausgeruht -- gut gefttert und gepflegt, antwortete
eine zweite, zuversichtliche Stimme.

Wieder war Ruhe, wieder herrliches Schweben im Nichts. Der General
verschwand im Rauch der Havanna.

Heute abend wrde er bei Dora speisen. Es war Freitag. Dienstags und
Freitags pflegte der General, wie schon erwhnt, bei Frau v. Dnhoff zu
Abend zu essen.

Pltzlich aber erhellte ein Gedanke die Augen des Generals. Sie
erweiterten sich, blinkten hell aus der Dmmerung der Speisekapelle.
Kalt, wach, nachdenklich. Der Gedanke hatte sie ganz erfllt.

_Wo war Ruth?_ fragte er, und die Augen wuchsen.

Dann schlossen sie sich zur Hlfte, nur noch ein Spalt war sichtbar, ein
Spalt funkelnden Eises.

Und diese unverstndliche Bemerkung in dem Brief des kleinen Mannes mit
dem blaugefrorenen Gesicht --?

Bekam sie nicht pltzlich eine merkwrdige Bedeutung?

                   *       *       *       *       *

Wie? Wie? Was! rief der General aus, als er den Fu vor Stifters Diele
setzte. Er wankte.

Wie? Wie!

Ist es mglich?

Sind die Leute denn wirklich verrckt geworden?

In der Tat, deutlich sprte er das Schwanken des Bodens unter den Fen.

War so etwas mglich? In Berlin?

Unter den Linden?

Die Rte flog in sein Gesicht.

Gegenber, auf dem Dache gegenber, wehte im frischen Wind, lustig, wie
die selbstverstndlichste Sache der Welt, hoch oben -- eine blutrote,
blutrot leuchtende Flagge!

Alle Blicke zog sie auf sich. Man stelle sich vor: eine rote Flagge in
einer Stadt, wo selbst eine rote Krawatte eine lebensgefhrliche
Herausforderung ist, wo die rote Farbe, wenn sie allein auftritt,
einfach verpnt ist, wo die Sbel der Polizisten jeden automatisch
zerfleischten, der es wagen wrde, ein rotes Taschentuch zu schwingen,
um sich damit die Nase zu putzen. Und hier -- ohne weiteres -- wie die
natrlichste Sache der Welt -- eine rote Flagge, eine rotleuchtende
Standarte, gehit an einem richtigen Flaggenmast, auf einem Dache! Die
Spaziergnger bogen die Hlse, versteinerten, trauten ihren Augen nicht,
zwinkerten --

Weithin leuchtete die rote Flagge und verkndete den Sieg des russischen
Volkes ber den Herrn der Galgen, siebenschwnzigen Katzen und
Bleibergwerke -- ber das endlose Husermeer von Berlin strahlte sie,
funkelte sie.

Sind sie denn da drben gnzlich verrckt geworden? Er meinte die
Wilhelmstrae.

Und der General versank in dsteres Nachdenken, whrend der Wagen die
Linden hinabscho.

Diese Flagge -- getrnkt mit dem Blute gekrnter Hupter und hoher
Wrdentrger . . .

Schamlos.

Zuweilen war es ihm, als hre er ber sich ein Knistern, ein Splittern
--


5

Ich glaube!

Ich glaube an den Menschen!

Ich glaube an die Gte des Menschen und seine Reinheit! Ich glaube an
seine heilige Bestimmung und seine gttliche Seele! Ich glaube an die
Brderlichkeit, die Kameradschaft, an die allerlsende Menschenliebe!
Dies ist mein Bekenntnis, groer Gott ber der Finsternis!

Mit der ganzen Inbrunst seiner fnfundzwanzig Jahre schrie Ackermann,
der Soldat, dies Bekenntnis vor sich hin. Soeben flog die bekannte graue
Limousine an ihm vorber.

Ich glaube --! Die Glocke eines elektrischen Wagens gellte, und er
sprang mit einem Satz zur Seite. Um ein Haar wre er berfahren worden.
Sein weiter, grauer Mantel flatterte dem Brandenburger Tor zu. Mit
groen, raschen Schritten, wie gewhnlich, ging er dahin. Er
gestikulierte heftig, und seine rasenden, dunkeln Augen glhten in dem
fahlen, mageren Gesicht.

Ich glaube an die Brderlichkeit zwischen den Vlkern, die sich heute
zerfleischen! Ich glaube an den Tag, da man die Kanonen und
Schlachtschiffe zertrmmern, die Grenzpfhle umstrzen und die Flaggen
zerreien wird! Ich glaube an den Tag, da die Menschen nur eine Sprache
sprechen werden, einerlei welche, denn nicht um die Sprache handelt es
sich, allein um die Gedanken, die sie damit ausdrcken!

Ich glaube an den Tag, da kein Mensch mehr den Menschen ausbeuten wird,
an den Tag, da es weder weie noch schwarze, noch gelbe, weder mnnliche
noch weibliche Sklaven geben wird, an den Tag der gleichen Rechte bei
gleichen Pflichten! Ja, ich, Ackermann, glaube daran! Ich glaube an den
Sieg des Rechts ber das Unrecht, der Wahrheit ber die Lge! Ich
glaube, da gttliche Ideen die Welt bewegen und nicht die Kanonen.

Ja, ich, Armseligster unter den Armseligsten, ich glaube an das
kommende Menschenreich auf Erden -- das Reich der Vernunft,
Gerechtigkeit, Wrde und Schnheit!

Auch an dich glaube ich, mein Volk! rief Ackermann mit rasenden,
glhenden Augen aus, und durchschritt das Brandenburger Tor. Es ist gut,
dachte er aufatmend, sich zuweilen sein Bekenntnis zu wiederholen -- in
dieser entsetzlichen Verfinsterung -- so gut tut es.

In diesem Augenblick wurde sein rascher Schritt urpltzlich gehemmt.
Etwas Ungewhnliches, Unerwartetes, ein Wunder! Feuer lohte durch seinen
Krper, Glut flog ber sein Gesicht, die Hnde brannten. Der Himmel
blendete, der Himmel jubelte. Rot flammte der Himmel ber Berlin.

Schon --? Schon --? Verheiung . . .

Er blieb stehen, schob die Mtze zurck ber die schwarzen Haare, und --
so erregt war er -- deutete auf die rote Flagge auf dem Dache. Seine
Lippen bebten. Ohne jede Regung stand er, glubiges Feuer die Augen.

Dann nahm er die Mtze ab.

-- Licht aus dem Osten, Morgenrte --


6

Whrend der General bei Stifter dinierte, lffelte der Havelock, der
kleine Herr Herbst, in der Volkskche in der Dorotheenstrae seine
Kartoffelsuppe. Er kam hufig hierher, aus bestimmten Grnden.

Also nicht? flsterte er aufgeregt vor sich hin. Und ich wartete
extra vor dem Restaurant und grte, aber er sah mich nicht. Er htte
sich gewi daran erinnert. Nun, vielleicht -- wenn auch dieser Portier
glaubt -- ein alter Mann, was wei er?

Herr Herbst sa in seinem feuchten, dampfenden Mantel, den steifen Hut
auf dem Kopf, neben einem Fenster, das auf den dsteren Hof hinausging.
Auf dem Fensterbrett lag noch dieselbe tote Fliege -- wie lange lag sie
schon da? Wieder stand im Hof das Auto mit den Papierballen. Dieser Hof
gehrte zu jenem bekannten roten Gebude in der Dorotheenstrae, wo die
Verlustlisten auslagen. Jeden Tag kam das Lastauto mit den riesigen
Ballen der neugedruckten Listen, tglich, seit dreieinhalb Jahren -- sie
fielen da drauen wie das Laub der Bume im Herbst.

Wie das Laub -- nicht anders -- so dachte Herr Herbst, voller Gram.

Auch er, sein Sohn -- Robert -- war gefallen -- nun -- wie ein Blatt --
das einfach fllt . . . ohne da jemand es sieht . . .

Er nickte vor sich hin.

Wie ein Blatt --

Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, whrend er sthnte.

Und niemand sah es!

Ach, ach, ach!

Pltzlich schrie der Alte laut auf, ein kleiner, verzweifelter,
quiekender Schrei. Die Gste an den Nebentischen wandten sich um.

Schon war er wieder still, nur keine Beunruhigung, und schlrfte seine
Suppe. Der Schmerz hatte ihn berfallen, wie ein reiendes Tier,
urpltzlich.

Die Kche war zur Stunde in Hochbetrieb. Sie dampfte und klapperte.

Sie roch nach Kohl, wie alle diese Kchen. Ohne Kohl und Rben htten
sie sofort schlieen mssen.

Der Havelock aber fand sie elegant im Vergleich zu den Kchen am
Halleschen Tor und Alexanderplatz. Hier gab es zum Beispiel Bestecke,
wenn auch aus Blech, aber ohne Pfand, whrend man in jenen Kchen eine
Mark als Pfand hinterlegen mute. Diebe waren die Menschen geworden,
nichts als Diebe, sie stahlen einfach alles, was sie mitnehmen konnten.
Hier dagegen verkehrte nur gutes Publikum.

Junge Kaufleute und Bureauangestellte, kleine wchserne
Stenotypistinnen, dstere, vergrmte Beamte, bleiche, bebrillte
Studenten, Mappen und Bcher unter dem Arm, einzelne Uniformen. Sie
standen um die kahlen Holztische und warteten geduldig auf Platz.
Unaufhrlich ging die Tre, und Nsse und Klte strmten in das dstere
Lokal.

Bleich, gelb, mit wchsernen Ohren, die Schultern nach vorn gebogen,
hustend, trb die Augen, fiebernd -- sie alle waren schon gezeichnet.
Die Grippe wrde sie holen, heute, morgen, in einem Jahr -- spielt keine
Rolle, sie entgingen ihr nicht mehr. Die Bretter lagen schon geschnitten
fr sie auf dem Stapel irgendeines Holzplatzes. Aber noch lachten sie,
die kleinen wchsernen Stenotypistinnen, kicherten. Sollte man es fr
mglich halten -- whrend schon die Bretter zusammengenagelt wurden? Sie
erregten sich, debattierten, das Blut stieg in die bleichen Gesichter.

Haben Sie gelesen -- haben Sie gehrt -- nun behaupten sie, da wir
Fett aus Leichen herstellen.

Fett aus -- wie sagen Sie? Wer --? Fett?

Die Entente, natrlich!

Diese Schurken, diese --!

Ah, ah -- aber das ist doch --!

Ist es nicht schlimmer als Mord? Sind wir Verbrecher, Auswurf der Erde?
Darf man -- ich ertrage es nicht mehr, ich zittere an allen Gliedern --
die Grippe. -- Wie knnen Menschen so tief sinken? Ah, pfui, pfui --!

Auch mich hat die Grippe gepackt. Sie sollten sich nicht so erregen,
beim Essen besonders. Und die Regierung --?

Die Regierung? Sie schlft. Sie liest keine Zeitungen, wei es noch gar
nicht. Sie lt das Volk beschmutzen, schlft. Versteht nichts, hat
Bedenken, unfhig, ber alle Maen.

Kohl und Rben, Rben und Kohl, jeden Tag. Erfrorene und angefaulte
Kartoffeln, vielleicht etwas Erbsen und zuweilen, ganz selten, ein
Stckchen Fleisch, sehr wenig, und meistens ein Knochen. Die Knochen
wurden ja gesammelt und den Kchen zur Verfgung gestellt. Aber doch war
es weitaus besser hier als am Alexanderplatz, dort roch es sauer und
unangenehm, zum Erbrechen.

Scheu und vorsichtig drehte der Havelock den Kopf -- und dort, dort
stand _sie_ -- der Liebling!

Selbst zart, selbst bla, geduldig, immer lchelnd, immer etwas
zerstreut, manchmal steckte sie sogar den Finger in den Mund, mitten in
diesem Wirbel von Kpfen und den Wolken von Kohldampf stand sie, _seine_
Tochter -- die Tochter des Generals. Sie stand am Kchenfenster, aus dem
die endlosen Reihen von dampfenden Tellern von roten Hnden geschoben
wurden, und kontrollierte. Zuweilen trat sie auch an einen Tisch,
plauderte, besnftigte.

So zart, so fein, ihre Augen schimmerten -- diese Hndchen -- sollte man
es fr mglich halten -- mitten in diesem dicken Kohlgeruch, diesem Lrm
-- ein gndiges Frulein, die Tochter eines hohen Offiziers? Sie war
auch im Felde gewesen -- alles wute der Havelock -- dort hatte sie
gepflegt. Sie, die Zarte, hatte den furchtbaren Kanonendonner gehrt,
von dem Robert immer schrieb. Nur in ihrer Haltung, wenn sie rasch den
Kopf wandte, hatte sie etwas hnlichkeit mit dem General -- sonst keine,
nicht die geringste.

Verstohlen blinzelte der Havelock zu ihr hin, und pltzlich errtete er
wie ein Verliebter.

Sein Herz war verwaist, einsam, er war aus der Provinz zugezogen, kannte
niemand in Berlin, er trank auch, der Alkohol -- es war die Wahrheit: er
liebte die Tochter des Generals! Ganz gegen seinen Willen, denn
eigentlich wollte er sie hassen! Er kam nur hierher, um seinen Liebling
zu sehen, wie er Ruth nannte. Ihr Anblick erwrmte sein Herz. Sie selbst
hatte ihn ja hierher gebracht, in diese Kche. Auf diese Weise hatte er
berhaupt erst diese Kche entdeckt.

Nun aber kam Ruth nher, und er wandte rasch den Kopf ab und blickte auf
den Hof hinaus, wo Soldaten die Papierballen von dem Lastauto abluden.

Wieder dieser Alte mit der runden Hornbrille, wieder war er unzufrieden!
Jeden Tag fast hatte er irgend etwas auszusetzen.

Wir tun, was in unseren Krften steht, suchte Ruth ihn zu beruhigen.

Aber der Alte mit der Hornbrille schrie aufgeregt: Ich bezahle ja, mein
Geld ist so gut wie das Geld der andern. Und wo ist die Einlage,
Frulein --? Verzweifelt rhrte er mit der Gabel zwischen den
Kohlblttern. Ich habe fr fnfundzwanzig Gramm Fleischmarke gegeben,
Frulein -- und wo ist das Fleisch, ich bitte Sie? Wo? Wo ist mein
Fleisch -- ich habe Anspruch. -- Wo ist mein Fleisch -- mein Fleisch --
mein Fleisch --!?

Ich werde sehen, erwiderte Ruth und trug den Teller des Alten zur
Kche.

Der Havelock atmete auf.

Da aber erschien der weite, graue, offene Soldatenmantel in der Tre --
und sofort rckte der Havelock den steifen Hut zurecht und ging.


7

Ja, die Tochter des Generals selbst hatte ihn in diese Kche gefhrt --
sehr einfach -- obwohl er nie ein Wort mit ihr gesprochen hatte . . .

Hinab die Friedrichstrae segelte der Havelock mit dem steifen Hut. Es
sah aus, als schwimme er, aufrecht stehend, so unmglich das ist. Er
trippelte und schlrfte, die Knie etwas eingebogen, die linke Schulter
eine Kleinigkeit geneigt. Seit gestern morgen war er unterwegs, hatte
nur auf einer Bank im Tiergarten ein kleines Nickerchen getan, im Regen
-- nun fhlte er seine Beine und Fe nicht mehr.

Ohne jede Anstrengung glitt er vorwrts, es ging von selbst. Er rollte
auf einer kleinen Wolke dahin, nicht grer als ein gefllter
Kartoffelsack. Zuweilen sprte er sie wie Teig unter den Sohlen. Er
konnte auf dieser kleinen Wolke auch ausbiegen, nach links, nach rechts,
ohne jede Mhe --

Ja, sie selbst -- seine Tochter, das gndige Frulein.

Er stand da bei einem Zigarrenladen, mitten in dem Zug von gierigen
Rauchern, die warten, bis geffnet wird, und die Zigarren steigen im
Preise, whrend sie warten. Das ist Tatsache! Da stand er also und
sprach mit einem Soldaten, Kraftfahrer. Dieser Kraftfahrer kannte nicht
die Hhe von Quatre vents, er kannte nicht Roberts Bataillon, das am 5.
August strmte, aber er kannte den Chauffeur des Generals, Schwerdtfeger
mit Namen, und der General war seit vier Wochen nach Berlin kommandiert!
Wie? Hier? Welch ein Zufall! Wieviel hundert Soldaten hatte er
angesprochen, und nun fhrte ihm Gott diesen Kraftfahrer in den Weg!

Er war hier? Hier! Schlaflos die Nchte, ruhelos die Tage.

Ja! Dieses Gesicht --!

Dieses schweigende Gesicht, das nie sprach, diese Augen, die man nie
sah! Dieser Gang -- und der tiefe Bckling des Portiers! -- ohne jeden
Zweifel: er war es! Robert hatte ja ausfhrlich aus dem Felde
geschrieben: Wir marschierten vorber, und unser General stand auf der
Treppe seines Schlosses und grte. Er und kein anderer! Wie aus einem
Felsen gehauen . . . schrieb Robert. Das also war er, den die Soldaten
-- nun, besser, das Wort nicht auszusprechen -- nannten! So sahen die
aus, die befahlen: Nur ber unsere Leichen fhrt der Weg zur Hhe! --
Die Briefe Roberts knisterten in seiner Tasche.

Tagelang verfolgte ihn das Steingesicht durch das Labyrinth der Straen.

Sonderbares Gesicht aus Stein. Es zog an!

Jeden Mittag scho das graue Auto in die gleiche Richtung -- schon zwei
Tage spter stand der Havelock vor Stifters Diele. Und pltzlich grte
er, und der General hob die Hand zur Mtze. Weshalb? Weshalb grte er,
er hatte eine Sekunde vorher gar nicht daran gedacht, da er den General
gren knnte -- gren durfte. Es war gewi anmaend, unhflich. Nach
drei Tagen -- er hatte nichts zu tun, gar nichts, Rentier Herbst -- nach
drei Tagen schon wute er, wo der General wohnte.

Dieses Haus -- Sie erlauben wohl -- kannte er ganz genau, jedes Fenster
und die kleinsten Risse in der grauen Mauer. Das Haus erschien ihm im
Traum -- als ein Gesicht aus grauem Stein. Er kannte auch das
efeubewachsene Backsteinhaus mit dem Messingschild: Dnhoff. Er kannte
den Zebrakittel, Petersen -- alles liebe Menschen, gesprchig --

                   *       *       *       *       *

Der Havelock rollte auf seiner kleinen Wolke ber den
Belle-Alliance-Platz, unter der Hochbahn hindurch, die Blcherstrae
hinab.

Hier glitt er an einem schmalen, gelben Hause einigemal hin und her,
blickte nach oben zur dritten Etage, wo die Rollden herabgelassen
waren. Dieses Haus, diese Etage schien ihn ungemein zu interessieren --
anzuziehen, abzustoen . . .

Seine Schultern krmmten sich zusammen, er chzte, pltzlich fhlte er
die Last wieder, die ihn zu Boden drckte, die er ewig mit sich
schleppte durch die endlosen steinigen Straen Berlins.

Dann aber wandte er entschlossen um und rollte wieder die Blcherstrae
hinauf.

Da aber blieb die Wolke stehen und war nicht mehr vorwrts zu bewegen.
Im nchsten Augenblick -- schon war er drinnen. Ein Glschen, noch eines
und ein drittes! Schon war er wieder auf der Strae.

Aus dem grauen Hause des Generals, mit den Messingbeschlgen an der
Tre, die unausgesetzt geputzt und poliert wurden von den beiden
Burschen, war tglich eine junge Dame gekommen. Heute, morgen, jeden
Tag. Seht an!

Eine Zigarre gefllig, Herr Soldat. Ein Zigarrchen -- immer fleiig, ein
schner Wintertag . . .

Nun kannte er Jakob und Wangel. Mit Jakob kam er fter ins Gesprch.
Auer Ruth war auch noch ein Sohn da, Otto, Oberleutnant, im Felde, und
die Frau des Herrn Generals -- tot, ja, tot, seit Jahren.

Jeden Tag aber ging das gndige Frulein in die Dorotheenstrae und
verschwand in einem Torbogen. Schlielich wagte er es, ihr zu folgen.
Auf diese Weise hatte er die Kche in der Dorotheenstrae entdeckt.

Tglich konnte er nun seine Tochter, die Tochter des Generals, sehen! Da
stand sie, dicht neben ihm -- Fleisch von seinem Fleisch, Blut von
seinem Blute. Der Ha kochte, die Gelste nach Vergeltung fraen . . .

Er beschlo, sie zu beleidigen! Vor allen Gsten! Vielleicht wrde er
ihr einen Teller vor die Fe werfen, aber so, verstehen Sie, da er in
tausend Stcke zersprang. Weshalb eigentlich? Ja, unerklrlich -- hatte
sie ihm etwas getan?

Tagelang brtete er, schmiedete er Plne. Vielleicht wrde er einen
Teller mit Kohlgemse ber ihre Schrze schtten? Eine herrliche Idee!
Aber da ergab sich die Sache ganz von selbst.

Der Havelock blieb stehen und verschnaufte. Ob er in jene Kneipe
gegenber gehen sollte?

Ganz von selbst Eines Tages, ganz unerwartet, fgte es sich, da sie
dicht neben ihm an einem Tische plauderte. Nun aber kam das Schmachvolle
--

Heute noch trat ihm der Schwei auf die Stirn, wenn er an das
Schmachvolle dachte, obgleich schon zwei Monate seitdem vergangen waren.

Nicht einen Teller voll Kohlsuppe, nein, sondern nur einen Lffel voll
-- er nahm ihn und lie ihn ber die Schrze Ruths flieen. Schon aber,
Allmchtiger, packte ihn eine harte Hand am Arm, und eine Stimme schrie
durchs ganze Lokal: Wie knnen Sie es wagen --?

Ich -- ich -- ich zittere mit der Hand --

Nein, deutlich habe ich es gesehen, Sie!

Der Soldat mit dem weiten Mantel stand neben ihm, voller Zorn. Die Gste
sahen auf, es erregte Aufsehen, ringsum, alle Tische blickten her.

Und der Soldat in dem weiten Mantel schrie ganz laut: Sie sind mir ein
netter Herr. Giet der Dame einfach einen Lffel mit Suppe ber die
Schrze --

Meine Hand zittert --

Da aber wandte sich Ruth um. Sie besah die Schrze, nahm ihr
Taschentuch, und lachte -- lachte ihm freundlich ins Gesicht.

Vielleicht hat man den Herrn angestoen. Es ist ja nicht schlimm.

Ich zittere, meine Hand zittert --

Es ist ja kein Unglck geschehen.

Schmachvoll, schmachvoll! Er hatte Trnen in den Augen. Wie kam er doch
dazu, ganz einfach den Lffel voll Suppe ber ihre Schrze zu gieen? An
diesem Tage trank er so sehr, da er schlielich die Treppe hinabstrzte
und sich blutig schlug. Aber so geschah ihm gerade recht.

Seit diesem Vorfall blickte er auf die Tochter des Generals mit andern
Augen. Sein Herz pochte, sobald er sie erblickte.

Er liebte sie, eigentmlich.

Diese Gedanken erfllten den kleinen alten Mann, whrend er durch das
Labyrinth der Straen eilte. Er berquerte wimmelnde Pltze, geriet in
Strudel von Menschen, die aus der Erde quollen -- und pltzlich machte
er Miene umzukehren, den ganzen Weg, den er gekommen war, zurckzugehen.
Wie? Sollte er in die Lessingallee gehen, heute abend? Nein, nach Hause,
ohne Widerspruch, verstanden?


8

Oberleutnant v. Hecht-Babenberg?

Dritte Station, meine Dame, den Gang entlang und dann links. Zimmer
233.

Man mute nur hflich fragen, dann bekam man selbst hier in Berlin
hfliche Auskunft. Hedi war stolz auf ihre Fhigkeit mit den Menschen
umzugehen. Selbst jetzt, wo sie rasend wurden, wenn man sie nur
anblickte, kam sie noch vorzglich mit ihnen aus. Allerdings sah dieser
Pfrtner wohl auf den ersten Blick, da er eine Dame vor sich hatte. Sie
wollte natrlich einen guten Eindruck machen, wenn sie Otto besuchte,
und hatte ihr himbeerfarbenes elegantes Htchen aufgesetzt. Dazu trug
sie den Biberkragen von Mama und helle Seidenstrmpfe.

Aus der Papierhlle lugten drei weie Rosen.

Es roch nach Karbol, aber Hedi liebte Karbolgeruch. Alles war blitzblank
und eigentlich weniger schrecklich, als sie es sich gedacht hatte. Sie
liebte es nicht, derartige Orte zu besuchen, Friedhfe, Krematorien,
Krankenhuser flten ihr Schauder ein. Sie mied sie. Nur Mamas Grab
besuchte sie zuweilen -- aber das war ja schon lange her.

Nun aber wurde der breite Korridor belebter, und sie schritt schon etwas
zaghafter vorwrts.

Ein Soldat, dem der rechte Fu abgetrennt war, humpelte an ihr mit
bloem Fustumpen vorbei. In hellen Krankenkleidern saen auf einer
langen Bank Soldaten mit verbundenen Armen, Beinen und Kpfen. Sie
erwarteten sie mit neugierigen Blicken, musterten sie von oben bis
unten, und sie fhlte voller Unbehagen all die Blicke der verwundeten
Mnner auf ihrer Haut. Pltzlich wurde die Tre eines Saales geffnet,
und Hedi war so unvorsichtig, einen Blick in den Saal zu werfen. In
diesem Saale wurde auf einem Holztisch gerade ein Soldat verbunden, dem
ein Bein bis zum Knie amputiert war. Der nackte Schenkel endete nicht --
zu Hedis Entsetzen -- mit einem Fue, sondern mit einer Art Pferdehuf,
einem roten Lappen unterhalb des Knies. Ein Arzt betupfte den roten
Pferdehuf mit Watte. In diesem Augenblick drehte der Verwundete seine
Augen zur Tre, Augen voll grter Qual und uersten Schmerzes. Schon
wurde die Tre wieder geschlossen. Hedi war nahe daran zu taumeln.
Hinter der Tre eines Operationssaales sthnte ein Verwundeter, und die
barsche Stimme eines Arztes gebot ihm Ruhe. An einer Kreuzung von
Korridoren stie sie auf eine Tragbahre, die von zwei Soldaten
vorbergetragen wurde. Mit einem Laken zugedeckt lag darauf ein Soldat,
dessen Gesicht bis zur Nase verhllt war. Er hatte die glnzenden Augen
zur Decke gerichtet und sah sie nicht an.

Hedi war purpurrot geworden. Welcher Irrsinn, hierher mit einem
himbeerfarbenen Hut und hellen Seidenstrmpfen zu kommen? Sollte sie
umwenden -- entfliehen?

Da aber schrak sie zusammen!

Wildes Geschrei, als ob jemand lebendig in Stcke geschnitten wrde.

Mein Gott, was mssen diese Menschen Unsgliches erdulden! Wer ahnt es
denn? Das Geschrei trieb sie rascher vorwrts. Da aber knallte eine
Tre, und das Geschrei erscholl pltzlich in nchster Nhe. Ein
schreiender Soldat, der den verbundenen rechten Arm hochhielt, strzte
ber den Korridor, gefolgt von einer Schar von rzten und
Krankenschwestern. Der Schreiende lief wie gehetzt den langen Korridor
hinunter. In der weilackierten Tre erschien das bebrillte, fahle
Gesicht eines Arztes im weien Kittel, der laut auflachte.

Das Geschrei entfernte sich.

Hedis Blick flatterte. Ihre Haut war von Hitze bedeckt wie von heiem
Sand. Entsetzen hauchte aus diesen getnchten Mauern. Dieses Krankenhaus
war ein endloses Labyrinth, durch graues und blaues Eis gehauen. In der
Ferne tauchte die Dmmerung an den kahlen Korridorfenstern, Schatten
humpelten, hinkten durch ferne Quergnge. Ein Labyrinth mit Tausenden
von Kammern voller Qualen und Grauen. Tag und Nacht schnitten hier die
Messer in Menschenfleisch, unaufhrlich fllten sich die Eimer mit Blut
und Eiter. Die Wnde schwangen von Schmerzen. Das ganze Haus war wie
eine Riesenwunde, eine Schlucht von eiterndem Fleisch, in der die rzte
mit ihren Messern kletterten.

Da kam aus einem Quergang wrdevoll ein hoher Offizier geschritten.
Langsam trieb seine massige Gestalt mit den steilen Schultern -- wie
eine Erscheinung aus einer anderen Welt -- durch den Korridor. An den
Umrissen schon erkannte Hedi den General. Zwei Krckenmnner stellten
sich in Positur, einer mit Socken an den Fen, dem andern fehlte ein
Bein. Sie standen auf den Krcken gegen die Wand gelehnt und warfen das
Kinn in die Hhe. Auf einem Stuhl kauerte ein Krppel mit
dickumwickeltem Bein. Er blieb sitzen, den Oberkrper steif
aufgerichtet, und stellte die beiden Krcken vor sich hin, als
prsentiere er wie mit dem Gewehr.

Der General schritt vorber, ohne Hedi anzusehen. Sie hatte ihn brigens
nur einmal bei Dora getroffen, er htte sie schwerlich wiedererkannt.

Eine Pflegerin, eine taktlose Person, gab Hedi mit malitisem Lcheln
den Bescheid, da Otto heute keine Besuche mehr empfangen knne. Sie
hatte ihre Karte ins Zimmer geschickt, er wute also recht gut, da sie
es war. Deutlich hatte sie seine helle Stimme im Zimmer gehrt.
Natrlich war sie nur gekommen, um ihm ihre Teilnahme an seinem Unfall
zu zeigen -- aus keinem andern Grunde. Er sollte sehen, da sie erhaben
war ber gewisse Dinge. Diese taktlose Person aber musterte Hedis
himbeerfarbenes Htchen, ja sie erdreistete sich, den Blick an ihr hinab
bis zu den hellen Seidenstrmpfen streifen zu lassen. Hedi warf einen
kritischen Blick auf die etwas unordentliche Frisur der kleinen
rothaarigen Pflegerin. Augenblicklich war zwischen den beiden Damen eine
tdliche Feindschaft ausgebrochen.

Das allgemeine Befinden ist gut? erkundigte sich Hedi mit
liebenswrdigem Lcheln.

Man kann indessen nie wissen, ob nicht Komplikationen eintreten,
entgegnete die Schwester ausgesucht hflich.

Wie wahr! Hedi lchelte spttisch und grte mit vollendeter
Liebenswrdigkeit.

Die Rosen aber nahm sie wieder mit.

Hotel Kaiserhof! rief sie dem Kutscher zu, als sie wieder in die
Droschke stieg. Denn Hedi hatte sich einen Wagen geleistet. Es gab
gewisse Stadtviertel Berlins, vor denen sie Furcht hatte.

Pltzlich warf sie die Rosen mit einer zornigen Bewegung durch das
Wagenfenster auf die schmutzige Strae. Zwanzig Mark fr drei Blumen,
welcher Wahnsinn!

Otto hatte ihren Besuch sicher vllig falsch ausgelegt. Gewi war es ihm
unmglich, an lautere und selbstlose Motive bei seinen Mitmenschen zu
glauben. Nun aber lebe wohl, Otto! Sollte er ruhig mit dieser
rothaarigen Person -- ja, ihretwegen . . .

                   *       *       *       *       *

Der Geiger schob ein violettes Seidenkissen zwischen Frack und Kinn,
grte noch mit einem koketten Lcheln ins Publikum, dann schleuderte er
den Bogen in die Luft, da seine blendende Manschette aus dem rmel
fuhr: Carmen.

Auch Kuchen?

Auch etwas Kuchen, bitte.

Da sa sie nun wieder, Hedi. Erstens, dachte sie, erstens und zweitens
und drittens -- man mu nun genau berlegen. Es wird hchste Zeit, so
geht es nicht weiter.

Erstens also stand fest, da sie sich in ewiger Geldkalamitt befand.
Zweitens langweilte sie sich zu Hause zu Tode, und drittens: es mute
etwas geschehen. Sie hatte keine Lust, ihre ganze Jugend zu vertrauern,
nur weil dieser Krieg kein Ende nahm.

Aber nicht so rasch, bleiben wir bei erstens. Dieses bichen
Taschengeld, das ihr Papa an jedem Monatsersten mit strahlender Miene
einhndigte -- lcherlich. Wie konnte Papa glauben -- nun, Papa verstand
es eben nicht anders. Es blieb nichts anderes brig, als Geld zu
schaffen! Es lag ja zurzeit auf der Strae, die Leute sagten es
wenigstens, die Millionen flogen durch die Luft. Sollte sie filmen?
Schnurrige Idee, aber leider unausfhrbar. Man mute -- wie herrlich war
doch diese Musik, voller Mut! -- man mute Verbindungen haben, und die
Gesellschaft --? Nein. brigens, diese Gesellschaft, darauf gab sie
nicht so -- viel!

Immerhin -- der Kellner brachte den Tee, und Hedi war fr eine Weile in
Anspruch genommen. Wieder sa die Weizenblonde mit den Brillantohrringen
da, und auch jene Dunkele, Tragische, mit den hellgelben Stiefelchen.
Und jener alte Herr mit dem Schnauzbart und der Glatze nahm ebenfalls
wieder hier seinen Tee. Hedi schlo pltzlich, um sich zu amsieren, das
eine Auge und blinzelte ihn ber das Teeglas hinweg unvermutet an. Der
Herr mit der Glatze prallte im Sessel zurck -- aber schon hatte Hedi
ihr Batisttchelchen aus der Tasche genommen und rieb sich das Auge, als
sei etwas hineingeflogen. Nein, wie komisch diese Mnner waren!

Ja, Geld mute jedenfalls geschafft werden. Sie besa, zum Beispiel,
drei Paar Seidenstrmpfe. Schon rannen die Maschen, obgleich die
Strmpfe nur bei besonders feierlichen Anlssen getragen wurden. Aber
wenn diese Strmpfe nun unbrauchbar wurden? Die Handschuhe, die Stiefel,
wenn es sich darum handelte, ein neues Kleid zu beschaffen --? Und schon
wrde sie aus der Klasse der Tadellosen, der Ladies ausschalten. Schon,
es ging rasch, die Gesellschaft duldete keine abgeschabten Knopflcher,
keine geflickten Stiefelchen. Und sie wrde second class sein --
unertrglich! So unglaublich es klang, ihre Zukunft, ihr ganzes Leben
hing an einem Paar Seidenstrmpfen.

Frchterlich war der Gedanke an den Sturz in die Tiefe. Sie erschrak,
Schwindel ergriff sie. Es war aber hohe Zeit, den Tatsachen ins Gesicht
zu sehen.

Bald wrde sie sich, zum Beispiel, um nur ein Beispiel zu nennen, wieder
ein Stck Seife im Schleichhandel kaufen mssen -- so ging es jeden Tag!

Zu Hause war das Leben unertrglich geworden. Papa, lieb und gtig, aber
immer mde, berarbeitet, immer beschftigt. Und dabei wute er gar
nichts, trotzdem er im Auswrtigen Amt arbeitete! Hufig geschah es, da
sie bei Tisch etwas sagte, etwas Politisches, und Papa schttelte
tadelnd den Kopf. Man sagt so etwas nicht, mein Kind. -- Aber Papa, es
stand ja schon vor drei Tagen in der Zeitung! -- Ah, schon vor drei
Tagen --? -- So war Papa. Klara war ein Kind. In einer Minute tanzte sie
wie eine Nrrin, in der nchsten weinte sie. Sie kannte das Leben noch
nicht. Sie war noch nicht in das Alter gekommen, wo jeder Tag ein
Problem ist, ein frchterlicher Kampf, wo man bei lebendigem Leibe
tglich vor Sehnsucht verbrannte -- wo man wartete, wartete -- wo das
Warten das schrecklichste Leiden ist. Oh, schrecklich! Schrecklich!

Grau gingen die Tage. Sie lebten uerst bescheiden, sie besaen kein
Vermgen. Dazu, hatte Papa ihnen verboten, die Gesetze fr die Ernhrung
im geringsten zu verletzen. Wie lebten sie, was aen sie -- trotzdem sie
alles Mgliche auf den Tisch schmuggelten -- es war eine Schande und
niemand durfte es wissen, wenn sie nicht fr immer unmglich sein
sollten. Zum Beispiel Rben, wie die Khe sie bekommen, erfrorene
Kartoffeln . . .

Grau, kalt, finster gingen die Tage.

Licht, Glanz, Wrme, Frohsinn, Tanz, Feste, die frher den Eintritt der
jungen Mdchen in das Leben begleiteten -- wo waren sie? Sie hatte vor
dem Kriege nur zwei Blle mitgemacht, davon trumte sie noch heute.

Was war diese Musik im Vergleich zu jener Musik auf den Bllen? Ein
zaghaftes Echo. Diese Beleuchtung -- ein Abglanz. Das Lachen der
Menschen von heute, ihre Mienen -- Schatten in einer Schattenwelt, nicht
mehr, nicht mehr . . .

Pltzlich aber beugte sich Hedi errtend ber das Teeglas: dort stand
er! Der Spanier war gekommen! Er wute, da sie wieder hierherkommen
wrde, da er also, wenn er sie zu sehen wnsche -- sie hatten sich
verstanden.

In seinem gelben Mantel stand er im Mittelgang und polierte das Einglas.
Er hatte sie sofort gesehen und berlegte nun. Ob er den Mut haben wrde
sie anzusprechen? In der Droschke hatte sie schon Trume gesponnen --
ein Wiedersehen beim Tee, zum Beispiel im Adlon oder Bristol --
vielleicht ein Theaterabend, in einer Loge -- ein Diner, wo man
plauderte . . .

Er kam. Hedi hatte ihre Verlegenheit vollstndig berwunden und blickte
ihm ruhig entgegen. Sie war wieder ganz Lady. Strbel kam geradeswegs
auf sie zu, die Brauen wie vor freudigem Erstaunen hochgezogen. Aber je
nher er kam, desto hlicher wurde er. Sein gelber Mantel war etwas zu
weit, zu auffallend. Die ganze Kleidung zeigte eine etwas bertriebene
Eleganz. Ah, und nicht die Spur von einem Spanier, er war eine --
Bulldogge. Seine blaurasierten Wangen waren etwas faltig, fahl und
verlebt, nichts blieb von dem Spanier als das glnzende schwarze Haar,
das um eine Kleinigkeit zu eng an den Kopf gebrstet war, das um eine
Idee zu stark pomadisiert war -- nicht first class mit einem Wort.

Aber er hatte die Nonchalance, die Manieren der groen Welt.

Mit unbertrefflicher Zwanglosigkeit verbeugte er sich. Unser
gemeinsamer Freund hat einen Unfall erlitten --, begann er, gnzlich
unbefangen. Und er verlor seine Unbefangenheit auch nicht, als Hedi ihn
anblickte -- gnzlich verstndnislos. Obschon sie doch mit ihm das
Theater besuchen, dinieren, plaudern wollte, bei einem Glas Sekt zum
Beispiel -- gnzlich verstndnislos.

Sie tuschen sich, mein Herr, erwiderte Hedi mit einem
liebenswrdigen, verstehenden, verzeihenden Lcheln, einem Lcheln, wie
nur eine Dame von Welt es auf die Lippen zu zaubern vermag.

War es nicht eine Unverfrorenheit ersten Ranges, sie hier im Kaiserhof
einfach zu berfallen?

Sie saen doch gestern --?

Ich erinnere mich nicht. Hedis Stimme wich in weite Fernen zurck.
Fern und unwirklich wurde ihr Lcheln.

Wir wollen nur hoffen, da Herr v. Hecht --

Hedis Augen wurden pltzlich khl, das Leben erkaltete in ihnen.

Mit einer tadellosen Verbeugung, vllig ungezwungen, vllig Herr der
Situation, zog Strbel sich zurck.

Der Geiger in seinem schwarzen Frack schwang sich in den Hften und
blickte kokett lchelnd zum Tisch der Dunkeln, Tragischen, der das
Migeschick passiert war, ein Glas Wasser umzustoen.

Hedi gab ihren Mienen einen trumerischen und harmlosen Ausdruck.
Niemand sollte auf den Gedanken kommen knnen, da ein Wildfremder es
gewagt habe, sie anzusprechen. Die Weizenblonde mit den Brillanten in
den Ohren hatte die Szene beobachtet. Hedi streifte sie mit einem Blick,
und in dem kaum merklichen Aufatmen ihrer Brauen, mit dem sie ber die
Weizenblonde hinwegsah, lag ihre ganze Verachtung.

Nein, nein, noch war sie lange nicht _so weit!_ Was bildete er sich doch
ein --?


9

Zgernd bog der kleine Herr Herbst um die zugige Ecke und lenkte in
seine Strae, die Fabriciusstrae, ein -- ganz weit da drauen.

Eine plumpe Eisenbrcke spannte sich zwischen den Husern, und soeben
rollte donnernd ein Lastzug darber. Der Qualm sank auf den Schmutz des
Pflasters herab.

Es half alles nichts, er mute unter der Brcke hindurch, auch wenn sie
zusammenbrechen sollte. Die Angst des Trinkers schnrte ihm die Brust
zusammen.

Die groe Stadt machte hier einen dstern und verwahrlosten Eindruck.
Die Straen waren schnurgerade, berall die gleichen grauen
Mietskasernen, die gleichen Aufschriften, die gleichen Scharen von
bleichen, zerlumpten Kindern. Die gleichen hohlwangigen Weiber, die, mit
einem kleinen Topf oder einer Tasche in der Hand, in Tcher gehllt, an
den Husern entlangkrochen und husteten. Die gleichen mageren schwarzen
Alleebumchen, die in der sauren Luft erstickten. Der Mrtel fiel von
den Hauswnden, schmutzige Papierfetzen trieben in den Rinnsteinen. Vor
den Nahrungsmittelgeschften, die die Wochenration an Fett, zwanzig
Gramm, ausgaben, standen lange Reihen von blaugefrorenen Frauen und
vertraten sich die kalten Fe, whrend sie schwtzten und keiften.

Sonst waren Geschfte und Lden leer, ghnende Srge. Bckerlden ohne
Brot, Fleischerlden ohne Fleisch, Schuhgeschfte mit Holzschuhen und
Blechdosen voller Stiefelwichse. Auch in dieser Gegend gab es jene
Lden, in denen altes Metall gesammelt wurde, fr die Kriegfhrung,
Lampenfe, Photographierahmen, Aschbecher, der Schutt aus den Wohnungen
der rmsten.

Dann gab es hier noch das Delikatessengeschft von Alfred Schustermann,
mit der Aufschrift: Mensch, was fr 'ne Ware! Seemuscheln,
Pfahlmuscheln, waggonweise eingefhrt, zu Gelee, Aspik, Pasteten,
Wrsten verarbeitet. Die Professoren, die entdeckt hatten, da Baumrinde
nahrhaft war und man Pilzkulturen in den Dachrinnen anlegen konnte,
erklrten, da diese Muscheln selbst Ochsenfleisch an Nhrkraft
bertrfen.

Immer nher aber kam die graue Mietskaserne mit der riesigen Aufschrift:
Leihhaus.

Der Schritt des Havelocks verlangsamte sich mehr und mehr, seine
trnenden, entzndeten Augen blinzelten unter dem steifen Hut. Er hatte
fast jeden Mut verloren.

Eine Weile holte er Atem vor der Zoologischen Handlung. Noch lebte er,
der kleine muntere Zeisig, sein Freund, der das Problem gelst hatte,
das Krnerfutter bis zu fnfundneunzig Prozent auszumahlen. Die andern,
die kleinen grnen Papageien, die beiden Kanarienvgel, die Drossel, sie
waren an dem Problem nacheinander gescheitert und gestorben. Ja,
gestorben. Auch die kleinen weien Muse, die ewig im Kreise liefen,
waren pltzlich bei ihrem spaigen Rundlauf in Atemnot geraten. Der
vierte Kriegswinter hatte auch sie vernichtet. Nur der Zeisig sprang
noch munter in seinem kleinen Kfig hin und her.

Zwischen der Zoologischen Handlung und dem Leihhaus fhrten drei
ausgetretene Stufen zum Lwen von Antwerpen empor, und schon war der
Havelock in der Gaststube.

Keine Vorwrfe -- er mute Mut sammeln fr die Nacht. Denn die Nacht
wrde kommen, so gewi wie etwas! Und mit ihr die furchtbaren
Nachtgespenster, seine Peiniger, vor denen nur der tiefe Schlaf Schutz
bot. Der Rausch, um offen zu sein, die bewutlose Trunkenheit.

Ja, hier war er zu Hause, man sah es sofort an der Grimasse, mit der ihn
der Wirt, ein Buckliger, empfing. Dieser Wirt wurde von den Soldaten,
die in der Kneipe verkehrten, der Millionr genannt. Ja, hoho, so ein
Buckel hatte seinen Wert heutzutage, ohne Zweifel! An den Sonntagen
kamen auch Munitionsarbeiterinnen hierher, und es ging lustig zu. Sie
tranken -- sollte man es glauben, die Kleinen? -- sie tranken Schnaps
wie die Mnner -- ah, und sie trugen seidene Rckchen. Wenn sie ihn auch
etwas hnselten, es schadete nichts. Sie lachten und hatten keine
Sorgen. Vielleicht flogen sie morgen in die Luft, alles war mglich,
deshalb lachten sie auch so ausgelassen.

Endlich -- es war schon finster drauen -- kroch der Havelock die Treppe
des Leihhauses empor. Lngst war die kleine Wolke, auf der er
stundenlang bequem dahingerollt war, verschwunden. Seine Beine zitterten
vor Mdigkeit.

Leise, leise schlo er die Flurtre auf. Er liebte es nicht, da man ihn
kommen oder gehen hrte. Drei Parteien wohnten hier, jede hatte ein
Zimmer, und die Kche gehrte ihnen gemeinsam. Aber er hatte diese Kche
nie betreten. Schon war er in seiner kleinen finsteren Stube, schon
hatte er die Schuhe abgelegt. Pltzlich zitterte er. Ah, wenn er nur
nicht wieder von dieser Schaukel trumte! Alles, nur das nicht! Trumte
er doch neulich, er se auf einer Schaukel, die durch endlose schwarze
Nacht dahinscho. Angeklammert wie ein Affe sa er auf dem schmalen,
schlpfrigen Brett, er schrie vor Angst -- aber die Schaukel scho dahin
in endlosen Pendelschwingungen, jede eine Ewigkeit, ohne Gnade pfiff sie
in rasender Schnelligkeit dahin.

Rasch, rasch, ehe sie ihn packten . . .

Schon schlief er. Ein leises Wimmern drang aus seinem kreisrund
geffneten Mund. Den Havelock hatte er anbehalten.

                   *       *       *       *       *

Da! Augenblicklich sa er wieder aufrecht im Bett. Seine dnnen Haare
strubten sich, der Schwei stand auf seiner Stirn. Er dampfte vor Hitze
und Klte. Immer noch war sein Mantel feucht vom Regen der gestrigen
Nacht.

Hatte nicht jemand gerufen, ihm frchterliche Worte ins Ohr
geschleudert, wie Felsen? Und ein Krachen, als berste das ganze Haus in
zwei Teile, hatte er es nicht deutlich gehrt? Die Balken splitterten.
So deutlich!

Noch gellte das furchtbare Krachen in seinen Ohren, und erst nach
geraumer Zeit fand er sich in die Wirklichkeit zurck. Zwischen einer
unbekannten, ungeahnten Welt und der Wirklichkeit lebte er -- seit jenen
Ereignissen . . . Oft hielt ihn das Unbekannte, Unverstndliche tagelang
in seinem Bann, oft berfiel es ihn urpltzlich am lichten Tage -- aber
wiederum hatte er auch seine klaren Tage, wie er sie nannte. Da war
alles so wie frher, und das andere erschien noch unverstndlicher und
schrecklicher.

Dunkelheit, und nun erwachten Gerusche, Gerusche dieser Welt, Gott sei
Lob und Dank.

Hinter der Tre, dem schmalen Bett gegenber, klapperte eine
Schreibmaschine. Er arbeitete dort, der Student Ackermann, zurzeit
Soldat. Er schrieb fr Zeitungen, um Geld zu verdienen -- er schrieb
auch noch ganz andere Dinge -- Herr Herbst wute Bescheid, oh, oh! Er
wute mehr, als jener ahnen konnte.

Hinter der Wand, an der das Bett stand, auf dem er lag, strich ein
Schritt vorber, immer auf und ab, wie ein Tier, das rastlos in seinem
Kfig hin und her geht. Das war Hhnlein, der Tapezierer, zurzeit
Soldat. Er wohnte in dem Zimmer nebenan mit seiner kranken Frau und
seinen beiden Kindern. Vor kurzem hatte sie wieder geboren, aber das
Kind war bald nach der Geburt gestorben. Es wog nur viereinhalb Pfund.
Und welches Geschrei hatte es gegeben, trotzdem sie nichts zu nagen und
zu beien hatten! Hhnlein und Ackermann waren frher beim gleichen
Regiment, und Hhnlein hatte Ackermann hierher in dieses Haus gebracht.
Das alles hatte Herr Herbst Gesprchen entnommen.

Schlafe doch! zischelte Frau Hhnlein. Die Bettstatt krachte, und sie
hstelte.

Schlafen? Schlafen? Ich kann nicht schlafen, entgegnete die heisere
Stimme Hhnleins, und wieder schabte sein Schritt hinter der Wand.

Die Wand war dnn wie Papier, nun, eine Mietskaserne, er vernahm jeden
Laut.

Die Frau wimmerte.

Weine nicht, vielleicht kommt es bald, wie Ackermann sagt, trstete
sie Hhnlein. Und deklamierend fgte er hinzu: Die Vlker der Erde
werden sich erheben gegen ihre Peiniger!

Oft ging Hhnleins Schritt die ganze Nacht hin und her, bis der Tag
graute. Herr Herbst hatte sich lngst daran gewhnt. In unruhigen
Nchten beruhigte ihn dieser ruhelose Schritt sogar. Ein Mensch, ein
Leidender, wie er, dicht nebenan.

Es wurde still hinter der Wand, und nur die Schreibmaschine Ackermanns
klapperte eifrig. Es konnte noch nicht spt sein, denn im Haus summten
Stimmen. Tren wurden zugeschlagen, und zuweilen krachte die Haustre
ins Schlo, da das ganze Haus zitterte.

Die lange furchtbare Nacht lag vor ihm.

Seine Beine waren vor Mdigkeit geschwollen. Sie waren Wolken, ins
Endlose verstrmend. So wrde er nun sitzen mssen die ganze Nacht und
lauschen auf jedes Gerusch -- auch auf jene Gerusche, die aus dem
Unbekannten kamen.

Seltsame Fgung, die ihn in dieses Zimmer gefhrt hatte! Der bucklige
Wirt vom Lwen von Antwerpen hatte es ihm empfohlen, damals, als er
den Entschlu gefat hatte, nicht mehr in die Blcherstrae
zurckzukehren. Lngst hatte er es aufgegeben, nach Erklrungen zu
forschen, alles war Fgung. Jeder Schritt im menschlichen Leben wurde
gelenkt von unbekannten Gewalten, guten und bsen. Sinnlos, sich dagegen
zu struben. Nun, er strubte sich nicht mehr, er forschte auch nicht
mehr -- er war in der Hand des Allmchtigen, der die Haare auf seinem
Haupte gezhlt hatte. Sollte es so sein!

Frau Hhnlein hinter der Wand begann zu wimmern, zu klagen, zu
beschwren. Nun begann es wieder. Es half ihr nichts. Der Mensch ist ein
Tier . . . obschon seine Frau leidend war -- ein Tier war dieser
Hhnlein.

Dann wurde es wieder still, die Gerusche im Hause erstarben mehr und
mehr, und nur noch die Schreibmaschine hinter der Tre klapperte.

Schreibe du nur! sagte Herr Herbst zu sich -- um sich zu beschftigen,
die Nacht war lang -- Deine Zettel, deine Reden, deine . . . Lange
Wochen war ihm dieser Soldat im weiten Mantel ein Rtsel gewesen. Was
trieb er, was tat er in den Nchten? Oft hielt er Reden, frmliche
Reden. Erst vor kurzer Zeit, beim Januarstreik, hatte er ihn pltzlich
erkannt! Mit eigenen Augen und Ohren sah und hrte er, wie er zu einem
Haufen streikender Arbeiter sprach, nebenan, bei den Laubengrten -- und
was er sagte, Grundgtiger! Es gab keinen Zweifel mehr, er war -- ein
Spion, ein Agent . . . gehrte zu jenen, von denen die Zeitungen
schrieben, da sie Geld bekommen von den Feinden. Er stand auf einem
Steinhaufen, redete, schrie und schwang die Soldatenmtze. Keine Granate
mehr! Da aber kam die Polizei, und sie liefen -- und auch er lief. So
schnell wie die andern -- hahaha! So schnell liefen sie, solche Angst
hatten sie . . .

Manchmal kamen auch Freunde zu ihm, meistens junge Leute, Kameraden, die
laut schrien und alle wild durcheinander redeten. Unvernnftige,
Unerfahrene. Was fr Leute waren das? Nun . . . dieselbe Sorte, um kein
Haar besser. Fr sie gab es nichts Heiliges, nichts vor dem sie
haltmachten. Die Minister, was waren sie? Nun -- hchst einfach --
Dummkpfe und Verbrecher! Und die Generale -- hchst einfach -- geputzte
Narren! Und die Diplomaten -- selbstgefllige Gecken! Ja, sie, sie,
diese jungen Leute, sie waren viel klger als diese Minister und
Diplomaten! Aber die hchsten Frstlichkeiten, was waren sie -- nun, er
wrde sich schmen, die Worte zu wiederholen. Aber auch die feindlichen
Staatsmnner, Prsidenten und Minister, was waren sie -- ganz das
gleiche verbrecherische Gesindel. Nein, nichts gab es, was ihnen Respekt
einflte. Hat man es je gehrt: Die deutsche Regierung bestand aus
Anarchisten, die Tag und Nacht darber nachdachten, wie sie das Deutsche
Reich am schnellsten zugrunde richten knnten? Wie? War es denkbar?

Aber, was waren diese Leute in Ruland, diese Ruber und Diebe? --
Heilige waren sie, nicht mehr und nicht weniger.

Ja, vllig neu mute die Welt aufgebaut werden, von Grund auf -- und
sie, diese jungen Leute, die so laut schrien, sie allein wuten, wie
alles gemacht werden mute. Sie ganz allein.

Manchmal flsterten sie auch, tuschelten, raunten, geheimnisvoll --

In diesem Augenblick lachte Ackermann in seinem Zimmer laut auf und
sagte: Man sollte es nicht fr mglich halten --

Und wtend prasselte die Schreibmaschine.

Nicht fr mglich halten?

Warte nur, du, du . . . he?

Hast vergessen, da Gott jeden deiner Schritte bewacht, da die Haare
auf deinem Haupte gezhlt sind -- die Fgung hast du ganz vergessen.

An den Sonntagen, da saen sie oft bis in die spte Nacht und
debattierten, schrien, sprachen durcheinander, da man kein Wort
verstand. Neu, vllig neu sollte die Welt erstehen!

Und sein Mdchen sa dabei, an den Sonntagen! Es war ja
selbstverstndlich, da dieser, dieser -- ein Mdchen hatte, aber, da
sie dabeisa, whrend es nichts Heiliges fr sie gab? Nein, nein, es
strte sie gar nicht, nicht im geringsten. Im Gegenteil? Sie kochte Tee
und sagte: Bitte, meine Herren -- bitte. Und so ging es den ganzen
Sonntag bis nachts um zwei, drei Uhr. Bitte, meine Herren -- und sie
qualmten, da der Rauch durch die Tre quoll und er husten mute,
obschon er doch selbst ein starker Raucher war. Worte flogen, Worte,
wilde, verwegene Worte.

Und sein Mdchen sa mitten unter ihnen!

Da schwieg die Schreibmaschine pltzlich. Ackermann verlie das Haus.
Sein Schritt eilte die Treppe hinab, die Haustre wurde ins Schlo
geworfen. Bis zum grauenden Tag wrde er nun fortbleiben.

Wann schlft er eigentlich? dachte Herr Herbst in seinem Bett.

Nun war es ganz still geworden. Es knackte in den Balken, rieselte in
den Mauern, die Wnde seufzten.

Ja, ganz still und dunkel.

Mitten in der unendlichen Dunkelheit und Stille sa der kleine alte
Mann, und pltzlich begann er zu flstern. Leise, oh, so leise -- nur er
hrte es.

Robert -- mein Sohn -- Geliebter, Teurer -- mein Liebling --!

Zrtlich streckte er die kleinen Hnde der Dunkelheit entgegen.


10

Mit der Minute kehrte der General abends aus dem Amt zurck. Er
plauderte wie gewhnlich etwas mit Niki, dem Kanarienvogel; pltzlich
aber brach er die Unterhaltung ab und zeigte ein ganz unbegreifliches
Interesse fr den Papierkorb. Zuerst blickte er in den Papierkorb
hinein, dann whlte er darin mit der Hand, endlich stlpte er den Korb
ber den Arbeitstisch. Nichts. Es war sonderbar, jeder unbedeutende
Zettel fand sich wieder -- zum Beispiel, sollte man es glauben,
Schnitzel jenes Briefes, den er vor einer vollen Woche an den
Chefredakteur einer groen, besonders im Ausland vielgelesenen Zeitung
in einer Aufwallung geschrieben hatte, worin er diesem Chefredakteur --
-- auch dieser Prospekt -- alles, jede Kleinigkeit.

Sonderbar, hchst sonderbar!

Nicht ein Fetzen, nicht einmal ein Eckchen jenes grnen Briefumschlages,
er wrde die Farbe ja sofort wieder erkennen. Doch hier -- nein, ein
Notizzettel zu seiner Denkschrift: Die Armee der Frauen -- worin er
empfahl, diese brachliegende ungeheure Armee zum Wohle des Vaterlandes
systematisch zu mobilisieren -- lcherlich, alles, jede Kleinigkeit,
aber von diesem Briefe: nichts.

Schon schlugen die Uhren.

Der General hatte heute aus dienstlichen Rcksichten bei Frau v. Dnhoff
abgesagt und sich erst nach Tisch angemeldet.

Der Lster im Speisezimmer brannte.

Dieser Lster war aus schneeigem Glas, Tulpen, Prismen, Perlen. Eine
Grotte aus schimmerndem Schnee, die leuchtete ohne zu schmelzen.

Das Zimmer war leer. Ruth war noch nicht da.

Da er auch gerade diesen Brief -- da trat Ruth ins Zimmer. Heiter und
gut gelaunt, mit einer jungenhaften Verbeugung, wnschte sie Guten
Abend.

Frau v. Dnhoff lt gren, Papa, sagte sie, indem sie Platz nahm.

Hast du Besuch gemacht?

Nein, ich traf sie auf der Strae.

Jakob strzte hinter seinem Schrank hervor, um die Serviette aufzuheben,
die dem General entglitten war.

Otto geht es gut?

Ja, nur zwei, drei Wochen, erwiderte der General.

Es hatte beinahe den Anschein, als wolle eine Unterhaltung in Gang
kommen. So leicht gingen die Worte hin und her. Da aber runzelte der
General die Stirn, irgendein Gedanke war ihm durch den Kopf gegangen.

Schweigen. Jakob wechselte die Teller. Die Miene des Generals drckte
deutlich den Wunsch aus, nicht mehr gestrt zu werden.

Pltzlich hob er das Gesicht vom Teller und richtete den Blick voll auf
Ruth. Ohne Zweifel, sie sah verndert aus! Da es ihm erst heute
auffiel? Sie trug auch eine andere Frisur, einen einfachen Knoten, der
ziemlich tief im Nacken lag. Es sah aus, als habe sie soeben die Haare
gewaschen und die Frisur rasch aufgesteckt. Diese Frisur mifiel dem
General, sie verriet geringe Sorgfalt. Wie gewhnlich war ein Lcheln
ber Ruths Gesicht gebreitet, und besonders die langen Brauen, die ber
den Wangen schwebten, lchelten. Oh, wie genau kannte der General dieses
Gesicht und dieses Lcheln!

Es war das Gesicht ihrer Mutter und das Lcheln ihrer Mutter. Dies war
einer der Grnde, weshalb der General es vermied, in das Gesicht seiner
Tochter zu blicken.

Ruth hob den Blick, und fr eine Sekunde waren ihre Augen auf ihn
gerichtet. Auch diese Augen kannte er genau, zu genau: sanft,
schimmernd, schwrmerisch -- aber, ein Nichts, und die Schwrmerei
wandelte sich in Hysterie.

Jakob! Der General deutete mit dem Messer auf die leere Fachinger
Flasche. Der Bursche strzte zur Tre hinaus. Rte ergo sich in das
Gesicht des Generals.

_Wo war sie?_

Nun wre der geeignetste Augenblick --

Es wre ja das Natrlichste gewesen, Ruth ohne Umschweife zu fragen, wo
sie in der vergangenen Nacht gewesen war. Vielleicht war sie bei
Freunden und hatte dort bernachtet, weil sich kein Wagen auftreiben
lie? Mglich. Wahrscheinlich wrde die Sache sich aufs Harmloseste
aufklren. Aber diese Frage lie die Tradition der Familie
Hecht-Babenberg nicht zu, wo jeder eine kleine abgeschlossene Welt fr
sich bildete, die es vermied, die andere zu berhren. Eine Art
luftleerer Raum trennte diese Welten, der die Worte verschlang und ihren
Klang und Sinn entstellte.

Die Augen der Sommerstorf wrden sich voller Staunen auf ihn richten,
als ob er etwas vllig Unmgliches und Undenkbares ausgesprochen habe.
Etwas, das der Welt der Sommerstorf vllig fern lag, das die Welt der
Sommerstorf nie begriff und nie begreifen konnte. Ruth wrde lcheln und
die Brauen in die Hhe ziehen. Ja, auch dieses Flattern der Brauen
liebte der General nicht und die leise berheblichkeit, die im Lcheln
der Sommerstorf lag.

Seine Gedanken verdichteten sich, ballten sich zusammen, die Stirn wurde
dster.

Behutsam schob Jakob mit seinen groen, in weien Wollhandschuhen
steckenden Hnden die neue Flasche Fachinger auf den Tisch.

Der Wagen ist da?

Jawohl, Herr General!

Und die Limousine zwitscherte die Tiergartenstrae hinunter zur
Lessingallee. --

Hoffentlich geben sie ihm bald ein Frontkommando! dachte Ruth, die
sofort hinter dem General das Haus verlie. Sie hatte sich am
Kemperplatz, ganz in der Nhe, mit jemand verabredet.

Beim Rolandbrunnen am Kemperplatz stand schon dieser Jemand und wartete.
Er hob sich fast ebenso deutlich ab wie der Roland auf dem Brunnen
selbst. Ruth lief wie ein junges Mdchen -- lief dem Jemand in die Arme.

Papa kam heute unvermutet zu Tisch, sprudelte sie hervor. Seine Laune
wird immer schlechter. Wollte Gott, da er bald wieder an die Front kme
--

Wollte Gott, da es bald keine Front mehr gbe --

Ein herrlicher Abend, aber etwas khl!

Es ist immer herrlich, wenn Ruth da ist. Und der Jemand hllte Ruth in
seinen Mantel.


11

Noch immer sa der kleine Herr Herbst inmitten der unendlichen
Dunkelheit und flsterte zrtlich den Namen seines Sohnes. Sein kleines,
hohlwangiges Gesicht war in Trnen gebadet.

Da -- nun wurde es lichter an der Tre -- nun kam er! Der Teuerste,
Heigeliebte kehrte aus dem Reiche der Schatten, wie die Menschen es
nennen, zu seinem Vater zurck, wie in jeder stillen, dunkeln Nacht.

Ein fahler Schein ging von der Tre aus -- und er erschauerte. Ja, ja,
er war es, der Geliebte, Beste. Deutlich sah er ihn im fahlen Schein
stehen: genau so sah er aus wie zu Hause auf dem Bilde. Ein Soldat im
Helm, ein Jger, jung, ein blutjunges Brschchen, in der Rechten den
Gewehrlauf, der mit Blumen geschmckt war, ganz wie an jenem furchtbaren
Tage, da er ihn zum Bahnhof begleitete.

Eisige Klte brachte er mit aus dem Reiche der Schatten. Der alte Mann
zittert. Die Klte kroch ber ihn, und er fhlte, wie sein kahler
Schdel einschrumpfte. Die Angst schnrte ihm die Brust zusammen, und
doch war es s -- erlsend.

Bist du es? flsterte er voller Verzckung.

Mein Sohn, mein Liebling! Und er streckte seine eisigen, kleinen
blauen Hnde gegen die Tre aus.

Bist du wieder hier? Niemals sprach die Erscheinung, und er wartete
auch nicht auf Antwort. Sie stand, regungslos, und blickte unverwandt
auf ihn. Manchmal sah er deutlich die Augen, nicht immer. Seines Sohnes
Augen, deren Glanz und Frbung er nie verga -- glnzend und kristallen
wie die Augen eines unschuldigen Tieres -- whrend die Zge des Gesichts
zuweilen schon seinem Gedchtnis entglitten.

Bist du zurckgekehrt zu Papa --?

Aber, Entsetzen! Wieder begann der Teure zu bluten --

Von der Stirn flo pltzlich dunkles Gerinnsel, gewi, dort hatte ihn
das tdliche Gescho getroffen. Das Blut flo, es strmte, es frbte die
Uniform dunkel, lautlos strmte es auf den Boden, ohne Ende. Und der
Teure stand, regungslos blutete er, ohne jeden Laut . . .

Wie schrecklich du heute wieder blutest, mein Einziger! flsterte der
kleine alte Mann -- oh, so leise! -- und rang die Hnde. Die Trnen
strzten ber seine Wangen. Immer noch findest du nicht Ruhe, du
Teuerster? Warte, gedulde dich -- ich habe schon an ihn geschrieben, er
wird antworten -- gewi . . . Alles werde ich versuchen, nichts werde
ich unversucht lassen -- ich gelobe es -- mein Liebling --

Und er flsterte, versprach, rang die Hnde, verhllte das trnennasse
Gesicht --

Da wurde es licht, der Schein einer Kerze, und augenblicklich zerflo
die Erscheinung. Nichts blieb als die hellgestrichene Fllung einer Tre
mit einem schwarzen Schlo.

Nicht eine Kerze, der Mond war ber die Dcher gekommen. Ein Lichtkeil
spaltete pltzlich die Dunkelheit des Zimmers. Erschrocken zog Herr
Herbst die Hnde aus dem Lichtstrahl zurck, als wrden sie verbrannt.

                   *       *       *       *       *

Die Dunkelheit war zertrmmert, und nun kamen auch die Gerusche zurck.
Stimmen murmelten, es hustete, alle Arten von Husten, vom pfeifenden
Frauenhsteln bis zum brllenden Husten erklteter Mnner. Schlaflos war
das ganze Haus, es brauchte nur der Mond ber die Dcher zu kommen, aus
Glas schien es zu sein. Die Lider standen im Schlummer geffnet, wie bei
den Toten, und die Strahlen des Mondes stachen wie Nadeln in die
blogelegten Hirne.

Nebenan wimmerte ein Kind, eine Bettstelle knarrte.

Bist du denn wieder aufgestanden? zischelte es hinter der Wand.

Ja, ja, entgegnete Hhnleins heisere Stimme. Ich sehe mir den Mond
an.

Wie soll ein Mensch das ertragen?

Beruhige dich, Mutter -- bald, ja bald --!

Ermattet sa Herr Herbst, bebend vor Erschpfung. Das Gesprch mit dem
Sohn hatte ihn vllig entkrftet. Der Teure sog alle Kraft aus ihm. Das
Herz zuckte in seiner Brust. Er wischte sich den Schwei von der Stirne.

Ach, wie entsetzlich er doch wieder geblutet hatte -- er litt -- rasch
mute er handeln, rasch!

Er versank in tiefes Nachdenken. Langsam, wie betubt bewegten sich die
Gedanken in seinem kahlen Kopf, schlafschwer krochen sie dahin wie
Schatten auf den Dchern. Das Geflster und Gezischel hinter der Wand
strte ihn nicht. Hhnleins alte Litanei -- die Litanei des Elends und
des Hungers. Nein, das Elend fremder Menschen machte keinen Eindruck
mehr auf ihn. Worte, Nichtigkeiten! Weshalb sollten nicht andere
ebenfalls unglcklich sein, alle. Neulich hatte er mit angesehen, wie
ein vornehmer Herr von einem Militrlastauto berfahren wurde -- gerade
ber das rechte Bein war das schwere Doppelrad gegangen. Er war in
verzweifelter Stimmung, sofort aber besserte sich seine Laune! Die
Unglcklichen weiden sich am Unglck, die Kranken an der Krankheit, die
Armen an der Armut -- nur die Glcklichen, das ist etwas ganz anderes,
sie weiden sich nicht am Glck. Sie sehen andere Menschen nicht mehr.

Langsam -- aber schlielich fand er sich doch zurecht in all den
Dunkelheiten.

Nein, keine Antwort. Hunderte warten!

Der General antwortet nicht!

Nein, nein!

Erregt setzte er sich auf.

Was aber dann? Was dann?

Im Nu hatte er die Fe auf den Boden gestellt. Er sa mitten im
Mondlicht und blickte zum Fenster hinaus. Sein Schdel glnzte wie eine
Quecksilberkugel, seine Augen schimmerten wie die Augen toter Fische,
die schon lange liegen. Er lauschte in sich hinein, er grub in seinem
Gehirn. Pltzlich begann sein gleiender Schdel zu dampfen, Rauch
kruselte aus seinen Augen. Eine Wolke glitt ber den Mond. Wieder
glnzte die Quecksilberkugel. Aber pltzlich sa er gnzlich ohne Kopf
da. Der Mond glitt hinter einen Schornstein. Als er wieder ins Zimmer
blendete, hatte Herr Herbst die Hlfte seines Volumens verloren. Er
hatte den Havelock abgelegt.

Rasch, rasch ri er den Kragen und die kleine schwarze Binde ab und
steckte den Kopf in eiskaltes Wasser. Der Mond funkelte.

Einen ungeheuren Gedanken hatte der Mond im Gehirn des kleinen Herrn
Herbst wachgeblendet.

Er konnte gar nicht genug eiskaltes Wasser ber seinen Kopf gieen.
Fieberhaft rieb er sich ab, zog Kragen und Binde an.

Ja, ja, weshalb nicht --? Rasch schlpfte er in den Havelock.

Ich werde --

Ich werde --

_Ich werde ihn besuchen!_

Schon rannte er zur Tre hinaus. Halt! wohin? es ist mitten in der
Nacht! Aber nichts hielt ihn zurck. Mit raschen Schritten eilte er die
leere und verdete Fabriciusstrae hinab.

Ah, und wie eisig kalt es war!


12

Dora lachte belustigt auf.

Achttausend Mark, Ruth, ich bitte Sie! Fr eine ganz einfache
Gesellschaftstoilette! Und ein Hemd, ganz und gar nicht luxuris, etwas
billige Spitzen, ein paar Seidenschleifen -- fnfhundert Mark. Es ist
wirklich eine Komdie. Ich wage es schon gar nicht mehr, ein Geschft zu
betreten.

Wie wird es aber werden? fragte Ruth und zog die Brauen hoch. Die
Hlfte der Bevlkerung hat schon keine Wsche mehr. Die Kinder schlafen
auf Papier.

Dora fand das sehr spaig.

Wie es werden wird? Hchst einfach, im nchsten Jahr werden wir uns
alle in Papier kleiden, Ruth, und das wird ungeheuer lustig werden! Sie
erinnern sich an die Dame, die im vorigen Sommer ohne Strmpfe Unter den
Linden ging? Wenn man hbsche Beine hat, ist das reizend. Aber denken
Sie sich eine Gesellschaft, ganz in Papier gekleidet! Die Industrie wird
die reizendsten Farbtne erfinden -- Dora mute vor Lachen abbrechen --
Der General meint allerdings --

Was meint Papa?

Er sagt, die Industrie habe Ersatzstoffe erfunden, die viel besser sind
als Wolle und Seide. Zum Beispiel, nun wie heit sie, diese Patentfaser?
Die ganze Lneburger Heide soll mit Brennesseln bepflanzt werden, doch
das wird wohl noch ein Weilchen dauern. Aber hren Sie, Ruth, welch
blendende Idee! Ich werde bei meinem Hausball Papierkostme
vorschreiben! Dora klatschte vor Vergngen in die Hnde, und wieder
fllte ihr Lachen Ruths kleinen halbdunkeln Salon mit Heiterkeit und
tausend Schelmereien. S sehen Sie aus, mein Kind. Woher stammt diese
Bluse? Lassen Sie fhlen, herrlich! Das ist noch Seide! Was man heute
fr schweres Geld bekommt, ist ja Schund, den frher unsere Neger
getragen haben. Aber denken Sie doch Ruth, wenn wir erst in einer
Papierserviette schlafen gehen werden --! Es war Dora gnzlich
unmglich, diese drolligen Phantasien abzuschtteln.

Ruth bereitete den Tee, whrend die schne Dora schwatzte und lachte.
Sie folgte mit zrtlichen Blicken jeder Bewegung Ruths, die sie liebte.
Ja, aufrichtig liebte, obschon sie ganz anders war, vielleicht, weil sie
ganz anders war. Und sie fand sie in vieler Beziehung so amsant! Zum
Beispiel, der Hut hing auf einer Blumenvase und -- bei Gott -- ein
kleiner schwarzgelber Abendschuh lag verlassen auf dem Sofa. War das
nicht s? Und die Teemaschine stand auf dem Schreibtisch, natrlich
flo das kochende Wasser auf die Platte. Nein, wie reizend! Frher war
Ruth hufig bei ihr gewesen, sie hatten zusammen musiziert --

Singen Sie noch, Ruth?

Wenig nur, leider.

Aber nun sah man sie selten. Dora nahm es ihr nicht bel. Sie liebte sie
trotzdem, wie sie alle Menschen, die ihr nichts zuleide taten, liebte,
wenn sie guter Laune war. Hatte sie aber ihre bsen Stunden -- nun, da
htte sie ruhig sehen knnen, wie man die Menschen vor ihren Augen
abschlachtete -- aber das war natrlich eine bertreibung. Dora konnte
grausam sein, sehr grausam, wenigstens dachte sie es.

Butzi, der Griffon, lie den schwarzgelben Abendschuh, der neben dem
kleinen Sofa auf dem Boden lag, es war der zweite, pltzlich aus den
Zhnen und schlich zur Tre.

Er steckte die Nase in die Ritze zwischen Schwelle und Tre und blies.

Dann aber schnellte er erschrocken auf allen vieren zurck . . .

Die Tre ffnete sich -- behutsam -- leise -- und das breite
steinfarbene Gesicht des Generals, nachdenklich gesammelt, wurde
sichtbar. Aber schon in der nchsten Sekunde verschwand die
nachdenkliche Sammlung und die Steinfarbe -- betreten und berrascht
prallte das Gesicht zurck und frbte sich rot.

Der General erschrak genau wie Butzi und wich genau wie Butzi zurck.
Butzi erholte sich sogar zuerst und begann zu klffen.

Herr General? rief Dora berrascht aus.

Papa? fragte Ruth leise und unglubig.

Ich bitte zu verzeihen, wollen die Damen, bitte . . .

Dora lachte. Kommen Sie doch, Herr General, wir sind eben bei den
interessantesten Gesprchen.

-- will nicht stren -- ich wollte nur -- ich hrte Stimmen -- guten
Tag, meine Damen. Und der General verschwand sofort wieder und schlo
leise die Tre hinter sich.

Butzi hatte gesiegt. Er klffte wtend hinter dem abziehenden Gegner
her.

Was wollte er denn?

Ruth schttelte den Kopf. Ich wei es nicht, antwortete sie. Er kommt
sonst nie in mein Zimmer.

Er ist argwhnisch, Ruth, sagte Dora.

Ruth blickte auf und errtete.

Ja, ja, er glaubt, Sie haben einen Geliebten, fuhr Dora fort und
blinzelte mit dem rechten Auge.

Die Rte wich aus Ruths Wangen. Sie wurde bleich.

Er glaubt --?

Ja, er hat Sie doch neulich erwischt.

Sie kamen erst am Morgen nach Hause. Er erzhlte es mir. Gott, wie sie
erschrocken ist, die Kleine. Ich habe es ihm natrlich ausgeredet. Sie
knnen sich das wohl denken.

Ich bin bei Platens im Grunewald gewesen, und es wurde sehr spt.

Und Sie haben es ihm nicht gesagt?

Ich? Wieso? Er fragte nicht. Schlielich ist es auch nicht seine Sache.
Nehmen Sie Sstoff, Dora? Ich habe keinen Zucker.

Ja, nun wurde also Tee getrunken, lange genug hatte es gedauert -- und
drauen go es in Strmen, welches Wetter, in diesem Berlin! Dora
zndete eine ihrer dicken englischen Zigaretten an.

Aber vielleicht hat er doch recht, der General --? sagte sie, und
wieder blinzelte sie mit dem rechten Auge.

Wie meinen Sie das?

Nun, ich meine nur -- so -- so . . .

Dora lachte. Es machte ihr Vergngen, scheue Menschen in Verlegenheit zu
bringen. Dann aber nderte sie den Ton.

Und Dietz geht es gut in Bukarest?

Sehr gut, danke. Er bewohnt eine reizende Villa, reitet tglich
spazieren, es fehlt ihm wirklich an nichts.

Hren Sie Ruth -- aber Butzi, sehen Sie, er zerreit Ihnen den ganzen
Schuh --

Ruth nahm den Schuh und warf ihn zu dem andern auf dem Sofa.

Ich wollte sagen, Ruth, wenn Sie erst einmal auf Ferchow wohnen -- es
ist der schnste Sitz in Pommern, und Sie haben da einen chinesischen
Pavillon auf einer Insel im See, mrchenhaft, die Armins haben ja ihr
Gut nebenan -- wenn Sie erst auf Ferchow wohnen, versprechen Sie mir --

Ruth unterbrach sie.

Ich werde nie auf Ferchow wohnen, Dora! sagte sie, jede Silbe
betonend.

Wie? Aber --?

Ruth blickte Dora in die Augen.

Nein, niemals!

So erklren Sie mir doch, meine Liebste --?

Sprechen wir nicht mehr davon.

Aber, ich bitte Sie, Ruth, wollen Sie mir nicht --?

Doppelt so gro wie gewhnlich waren Doras blaue Augen vor Erstaunen.

                   *       *       *       *       *

Das nchstemal war der General vorsichtiger. Er erkundigte sich erst, ob
seine Tochter ausgegangen sei, und klopfte zur doppelten Vorsicht vorher
an. Zu peinlich war es ihm neulich gewesen -- Dora sa da, Ruth, nicht
einmal angeklopft hatte er -- was mochten sie denken von ihm?

Er hatte jahrelang Ruths Zimmer nicht betreten. Jahrelang hatte er sich
berhaupt nicht im geringsten um Ruth gekmmert, ihr jegliche Freiheit
gelassen, seinen Grundstzen gem -- nun aber schien es ihm an der Zeit
zu sein . . .

Nicht ohne eine gewisse Scheu trat er ein.

Sofort aber waren diese beiden Augen auf ihn gerichtet, obwohl er den
Blick abgewendet hatte, denn er wute genau, wo das Bild hing. Diese
Augen leuchteten ihm entgegen, und der General fhlte ihren schimmernden
Blick durch die Lider hindurch, ja selbst durch den Kopf, wenn er das
Gesicht abwandte. Er rusperte sich und murmelte etwas vor sich hin, um
sein Gleichgewicht wieder zu finden.

Rgend schttelte er den Kopf: Welche Unordnung!

Auch diesen Mangel an Ordnungssinn hatte sie von der Sommerstorf geerbt,
keineswegs von ihm. Augenblicklich schossen ihm in einer Sekunde tausend
Erinnerungen durch den Kopf. Da war, zum Beispiel, die Naht am Handschuh
geplatzt, und sie machten Besuch beim Regimentskommandeur. Es war
uerst peinlich. Der Regimentskommandeur sah sofort die geplatzte Naht
des Handschuhs, es sah aus, als she er berhaupt nichts anderes. Und da
kamen, zum Beispiel, Gste, sie waren auf acht Uhr geladen. Sie kamen,
und der Salon war vllig in Unordnung. Notenbltter waren berall
umhergestreut, und die Tischdecke lag voll von Rosenblttern, die von
einem welken Strau abgefallen waren. Wie in aller Welt sollte er sich
denn vor den Gsten entschuldigen? Aber die Sommerstorf lachte nur
darber. Gerade ber solche Dinge konnte sie ausgelassen lachen. Es
fehlte ihr jedes Organ dafr. So waren sie, die Sommerstorfs. Sie kamen
nicht umsonst aus dem Sden.

Ein Hut lag auf dem Tisch im Salon, daneben eine Schere und eine Rolle
Zwirn. Die Nadel stak in der Tischdecke. Zeitungen waren ber das Sofa
verstreut, und in der Ecke lag sogar ein Abendschuh. berall
Schreibpapier, Bcher.

Zerstreut nahm der General ein aufgeschlagenes Buch vom Schreibtisch.
Marx.

Karl Marx.

Ein Sozialist!

In dem Buche waren Stellen angestrichen. Sie arbeitete darin.

Einen Augenblick war der General geneigt, diese Lektre fr eine junge
adelige Dame unpassend zu finden. Schon wollte er den Kopf schtteln.
Aber er berwand sich. Mochte sie -- weshalb nicht -- wenn sie Interesse
dafr hatte? Auch ein Sozialist hatte ja wohl manches zu sagen, was
interessieren konnte -- im brigen, sie hatten ja in der Stunde der
Gefahr das Vaterland ber den Internationalismus gestellt, bewilligten
die Kredite, was man wollte, gingen mit durch dick und dnn -- in der
Tat, sie hatten sich als wahre und echte Patrioten erwiesen!

Viele Bcher. Ste von Bchern. Autoren und Titel waren ihm unbekannt.
Er hatte keine Zeit, Bcher zu lesen -- der Dienst -- seit zwanzig
Jahren hatte er eigentlich kein Buch mehr in die Hand genommen -- seit
dreiig, von fachwissenschaftlichen Werken natrlich abgesehen.

Im brigen, diese modernen Autoren, soviel er von ihnen wute, sie
beliebten Konstruktionen, lebten in einer fiktiven Welt -- whrend seine
Welt, die Welt des Generals, eine Welt der harten Tatsachen war, ohne
Beschnigung, ohne Lge und Poesie, einfach der harten Tatsachen.

Aus einem Buch fiel ein Brief: Geliebte Ruth -- sofort schob ihn der
General wieder in das Buch zurck. Wieder schttelte er rgend den Kopf.
Da sie, zum Beispiel, nicht daran dachte, da Unberufene, etwa Therese,
den Brief lesen knnten! Erschreckend diese hnlichkeit in den kleinsten
Charakterzgen. Auch ihre Mutter hatte die wichtigsten Briefe und
Schriftstcke herumliegen lassen. So hatte es ja seinen Anfang genommen
. . .

Wiederum fhlte er den Blick der leuchtenden Augen so stark, da die
Hand matt wurde, die das Buch hielt. Deutlich, ganz deutlich hrte er
eine Stimme in seinem Kopf, die irgendwo geschlafen hatte. Er verstand
nicht die Worte, die diese Stimme aussprach, aber er hrte ihren Klang,
ganz deutlich, und es war doch schon viele Jahre her, da er diese
Stimme zum letzten Male gehrt hatte.

Diese Stimme wurde lauter und lauter und nahm einen immer heitereren
Klang an. Deutlich hrte er, wie diese Stimme in seinem Kopfe oder
irgendwo -- sie schien irgendwo verborgen zu sein! -- zu lachen anfing,
ein Lachen, heiter, spttisch. Der General legte das Buch zurck.

Traurigkeit stieg pltzlich in seinem Herzen auf.

Was will ich eigentlich hier? sagte er. Nachdenklich verlie er das
Zimmer, whrend die Augen des Bildes ihm bis zur Schwelle folgten --

Und Marx? Weshalb nicht Marx? Aber es war eigentmlich, dieser Name
klang in ihm weiter.

Als er wieder ber den Korridor schritt, hatte er die Empfindung, aus
einer fremden Welt und andern Zeit gekommen zu sein. Niki zwitscherte
frhlich sein Lied, und alle Dinge betonten pltzlich ihre Wirklichkeit
und Vertrautheit.

brigens war es auch frostig in Ruths Zimmer gewesen.


13

In der kahlen, verwahrlosten Fabriciusstrae erscheint -- ist es
mglich, an einem Wochentage, in diesen Zeiten -- ein Zylinder! Der
Zylinder kommt nher, immer nher, er verschwindet im Lwen von
Antwerpen.

Der bucklige Wirt blinzelt mit den dsteren Eulenaugen und bringt die
Flasche Roten und das Schachbrett.

Meine Hochachtung, flstert er, wie es seine Art ist, leise -- er
sprach jahrelang kein Wort, in einer gewissen Periode seines Lebens.
Sie treiben es nobel in diesen Tagen! Immer noch diese amtliche Sache?

Gestern war es leider nichts. Ich hatte versumt -- hatte ja keine
Visitenkarten. Alles hat seine Formen. Pltzlich denke ich gestern: nun,
und die Visitenkarten?

Herr Herbst hatte sich verndert. Das Rasiermesser hatte Kinn und Wangen
geglttet, und der Haarkranz war etwas geschnitten. Im ganzen hatte das
Volumen des Kopfes nur minimal abgenommen, aber es schien, als sei der
Kopf um die Hlfte eingeschrumpft. Und hinten im Nacken, wo der
Hinterkopf ansetzte, waren faustgroe Hhlen sichtbar geworden. Wie in
den letzten Tagen, trug er auch heute einen etwas verknllten, zu langen
schwarzen Gehrock, und wieder empfand der bucklige Wirt Hochachtung vor
ihm, als er den Gehrock erblickte. Dieser kleine alte Mann, der mit dem
Glschen in der Hand vor den Munitionsarbeiterinnen tanzte und sich zum
Gesptt der frechen Geschpfe machte -- wer war er? Ein
Heruntergekommener, ein Sonderling -- er behauptete, Lehrer an einem
Gymnasium gewesen zu sein, aber was behaupteten die Leute heutzutage
nicht alles?

Heute aber sollen die Karten fertig werden. Er hat mir sein Ehrenwort
gegeben, fgte Herr Herbst hinzu, und seine kleinen, etwas schmutzigen
Hnde rasselten gierig mit den Schachfiguren. Dieses Rasseln der
Schachfiguren, immer erinnerte es ihn an einen kleinen Marmortisch mit
blankgeputzter Messingeinfassung -- sein Stammcaf in der Provinz,
einst, lange war es her.

Sie haben den Anzug, Herr Herbst! flsterte der Bucklige und schob das
spitze Kinn ber das Schachbrett.

Herr Herbst griff nach dem Glas. Seine Hand zitterte. Ja, schlimme Tage
hatte er hinter sich. Er zerdrckte den Wein auf der Zunge zwischen den
gelben Zahnstumpen. Pltzlich sah er deutlich -- sollte man es fr
mglich halten? -- das Gesicht des Generals im Glase! Er schlo rasch
die Augen und lie das ganze Glas durch die Kehle hinunterlaufen. Noch
ein Glas -- und nun war er bereit.

Kraft und Mut strmten aus dem Wein.

Furcht? Nein, nein, er hatte keine Furcht.

Er nahm das Aluminiumetui aus der Tasche, zndete sich eine Zigarre an
und setzte sich zurecht.

Und nun wollen wir einmal etwas ganz Neues versuchen. Er zog den
Turmbauern.

Noch weiter schob der Bucklige das spitze Kinn ber das Brett.

Eine Falle? Wie, was? Was wollte er mit dem Turmbauern?

Sie haben ja ein Feld zu weit gezogen.

Zu weit? Nun, dann nehmen wir ihn eben um ein Feld zurck. So
hochgemut fhlte sich Herr Herbst in diesem Augenblick, da er den
Bauern gleich ber drei Felder vorstoen lie.

Die Partie begann. Beide waren leidenschaftliche Spieler.

Herr Herbst lehnte sich im Stuhl zurck und blies den Rauch in die Luft.

Furcht? Wieso? Vor wem? Vor ihm?

Die Karten wrden um vier Uhr fertig werden, nun und dann . . .

Wieder trank er ein Glschen.

Alles war ja in seinem Kopfe zurechtgelegt. Jedes Wort, die Rede flo in
Gedanken. Und, hm, auch die Verbeugungen und Anreden hatte er schon
eingebt, ganz genau. Weshalb sollte er Furcht haben? Schlielich war er
doch nicht der Kaiser, wie?

Kein Zweifel, er wrde ihn zwingen, ihm Rede und Antwort zu stehen, jede
Auskunft, die er wnschte, zu geben.

Er hatte ja die Briefe in der Tasche, zum Beispiel, am 4. August griff
ein Jgerbataillon an, kein Mann kehrte zurck. Weshalb also mute am 5.
August -- er wrde natrlich in aller Hflichkeit, in aller
Bescheidenheit . . .

Schach der Knigin! rief er laut und warnend.

Wahrhaftig! Nun, Sie erlauben, ich nehme den letzten Zug nochmals
zurck -- es heit berlegen. Sie gehen ja scharf vor, heute. Die
dsteren Eulenaugen des Buckligen begannen zu glhen.

Herr Herbst griff in Wahrheit strmisch an. Er fhlte sich seinem Gegner
heute weit berlegen, und er htte jede Summe gewettet, da er gewann,
obgleich der Bucklige fr gewhnlich strker spielte -- unter den
jetzigen Umstnden, frher, da htte er ihn ja nie schlagen knnen.

Natrlich, der Kaiser war er ja am Ende nicht. Und schlielich -- er
wrde ihm ja ebenfalls gefllig sein! Nein, nein, es war ganz und gar
kein kleiner Dienst -- bei rechtem Lichte betrachtet. Vielleicht wrde
er sagen: aber mein lieber Herr Herbst, weshalb sind Sie nicht frher
gekommen? Wer wei? Wer wei?

Ja, so wrde er beginnen. Von diesen jungen Leuten nebenan wrde er
berichten -- von ihren Ideen, ihren Absichten, gefhrlichen Absichten --
nun ja, rascher als irgendein anderer wrde der General verstehen.

Und dann wrde er auf das Mdchen zu sprechen kommen --

Vorsicht, Herr Herbst!

Ich sehe schon -- eine richtige Falle. Ei, ei!

Aber was tun Sie?

Ich bin gezwungen, den letzten Zug zurckzunehmen.

Aber, aber --

Auch Sie haben ja einen Zug zurckgenommen.

Dieses Mdchen also, so wrde er sagen, hatte er zuerst gar nicht
beachtet. Wie sollte er auch? Alle diese Soldaten hatten ja ihre
Mdchen, nicht wahr, es war einmal nicht anders. Nicht beachtet. An den
Sonntagen kochte sie den Tee, bot Zigaretten an. Sie selbst sprach
eigentlich wenig, nur hier und da warf sie ein Wort ein. Man hrte ihre
Stimme kaum, so fein klang sie.

An den Wochentagen kam sie zuweilen abends, und dann war sie mit ihm
allein. Nun sie waren junge Leute, was sollte da besonderes dabei sein?
Er hrte nicht zu, hatte seine eigenen Gedanken. Eines Abends aber,
pltzlich sprechen sie ber gewisse Dinge -- wie interessant! Was ist
das? Offenbar kennt das Mdchen genau die Familienverhltnisse einer
gewissen hochgestellten Persnlichkeit. Nun, es war jedenfalls
sonderbar, da sie so genau Bescheid wute --

Tief in seine Gedanken versunken, legte sich Herr Herbst im Sessel
zurck und blies den Rauch in die Luft.

Sie plaudern also ber gewisse Dinge, ganz harmlos. Sie denken wohl
nicht, da ich nebenan alles hre, denken wohl, ich sei ausgegangen.

Oben an der Tre sehe ich Licht.

Ich wei wohl, was sich schickt und was unpassend ist -- aber, aber, ich
kann nicht widerstehen. Das Licht reizt mich. Ich trage den Stuhl zur
Tre, vorsichtig natrlich -- steige hinauf -- so, so -- strecke mich
und blicke durch den Spalt. Ich drehe das Auge hin und her. Ah, da sitzt
er also, der Soldat, und daneben -- auf dem Sofa . . .

Pltzlich sehe ich ihr mitten ins Gesicht!

Der Schreck -- glauben Sie mir -- die berraschung -- ich wre um ein
Haar vom Stuhl gefallen! Denn wenn ich auch das und jenes dachte -- ich
glaubte es ja nicht -- es schien mir unmglich -- die Stimme, hm, das
Gesprch, aber es war ja unmglich -- und doch -- doch!

Dieses Mdchen, Herr General, diese Dame --

Schach und matt! rief der Bucklige triumphierend, und Herr Herbst
prallte zurck.

Also geschlagen, abermals geschlagen!

Herr Herbst zog die Uhr -- er besa eine goldene Uhr, sonderbar! -- und
wurde pltzlich von Unruhe ergriffen.

Ja, nun wird es aber Zeit fr mich -- hchste Zeit! sagte er und
stlpte hastig den Zylinder ber den Schdel. Ganz wie der steife
schwarze Hut war auch der Zylinder um eine Nummer zu gro und sank auf
die abstehenden grnlichen Ohren herab.

In hchster Eile verlie er die Kneipe.

                   *       *       *       *       *

Schon dunkelte es. Lautlos und unaufhrlich sank der schwarze
Aschenregen auf die sterbende Stadt.

Eine Stunde spter, und Berlin war vllig finster. Undurchdringliche
Finsternis lag ber den deutschen Landen, undurchdringliche schwarze
Nacht lag ber Europa, zuckend vor Schmerzen, gebadet in Blut und
Trnen.

Wann endlich?

Horch! Hunderttausend Geschtze wiehern wollstig durch Europas
undurchdringliche schwarze Nacht.

Ja, wann endlich? Eile, binde deine Schuhe, Erlser, und eile, wenn du
kommen willst!

Schon sind Europas Augen blind vom Weinen, schon stockt der Schlag
seines Herzens.




Drittes Buch


1

Dampfwolken quollen aus der Halle, Rauchfetzen flatterten zwischen den
Eisentrgern. Alles wehte. Die Vorortzge liefen kreischend ein,
keuchten kreischend hinaus. Mntel, Hte, Rcke wirbelten im Rauch und
weien Wasserdampf. Auch Klaras Kleider wirbelten. Sie fror an den
dnnen Beinchen, aber sie liebte es, ganz leicht gekleidet zu gehen.

Der nach der Westfront abgehende Frhzug hatte Versptung. Mochte er!
Wie gerne wartete sie! Schon seit einer Stunde ging sie hier am
Charlottenburger Bahnhof auf und ab. Drben am Bahnhof Zoologischer
Garten standen sie nun, die Damen Sterne-Dnhoff, Mutter und Schwestern,
und plauderten noch mit ihm. Der Wind pfiff von allen Seiten in die
Halle, und blendende Helligkeiten fegten drauen ber die Dcher.

Pltzlich blieb Klaras Herz stehen:

Um die Ecke schnob ein pechschwarzes Ungeheuer, qualmend aus Schlot und
Zylindern. Blitzschnell kam es auf Rauch herangewirbelt. Der Fernzug
. . .

Der Kurfrstendamm, wimmelnde Menschen -- sie und Heinz. Der Tiergarten,
brausende Bume -- sie und Heinz. Die Stufen der Untergrundbahn, ein
Menschenstrom, das kleine Caf in der Kantstrae -- sie und Heinz. Wie
durch ein scharfes Glas sah sie sich neben ihm, immer neben seinem
weiten grauen Feldmantel -- nur die Szenerien nderten sich,
blitzschnell, alle Straen, Pltze, die sie zusammen besucht hatten. Der
Tiergarten -- gestern nachmittag, als sie Abschied nahmen, es dmmerte
schon -- sie gab ihm das Medaillon mit der Locke, das sie so oft und
tausendfach kte, bis sie einen Weinkrampf bekam -- als Talisman sollte
er es tragen -- und pltzlich verschwindet alles in einem Wirbel, nichts
ist mehr vorhanden als ein leerer Raum, durch den die schwarze
Lokomotive dahinstrmt.

Ihre Kleider flatterten, sie griff an die grasgrne Mtze mit der grnen
Seidenquaste, in der Rechten wehte das Taschentuch. Sie dachte an
nichts, ihre Augen glitten erregt an dem fliegenden Zug entlang, und sie
verging vor Angst, da sie Heinz nicht mehr sehen wrde.

Da, da, da, da war er! Seine Hand, sie erkannte sie sofort, winkte ihr
zu. Ein Lachen in seinem gerteten Gesicht, ein Blitzen der Zhne, und
die blonden Haare leuchten. Auf seiner Brust aber glnzte -- wie ein
heller Stern -- durch den Mantel hindurch -- das Medaillon aus Kristall:
deutlich sah sie es. Gro und mchtig wie ein Stern, obgleich es ganz
klein war.

Hunderttausende und abermals Hunderttausende waren schon auf diesen zwei
Schienen fortgefahren, und alle trugen einen Talisman auf der Brust.

Fort war Heinz.

Der Zug war rasend schnell gefahren, aber die letzten Wagen rollten ganz
langsam an Klara vorber.

Der Wind ri ihre Kleider bis zu den schmalen Knien empor, aber sie
bemerkte es nicht. Soldaten, die aus den letzten Wagen blickten,
schnitten ihr Gesichter.

Da aber fing sie an zu laufen, und weinend strzte sie die Treppe hinab.
Wie ein Messer zerschneidet das Lebewohl ein junges Herz.

Alles war ja noch Geheimnis, niemand wute etwas, niemand wute von
ihren Schwren, ihren Versprechungen, ihren Plnen, ihren Trumen,
niemand.

                   *       *       *       *       *

Schon war Klara zu Hause, und schon war die grne Mtze mit der grnen
Seidenquaste in ein Paketchen eingeschnrt, fertig zum Absenden. Er
sollte sie haben. Ach, und sie weinte und bedeckte die alte grne Mtze
mit Kssen und Trnen.

Schon aber hatte der Zug die nchste Station passiert, und Klara steckte
die kleine Flagge auf der Karte um. Man mu wissen, da Klara sich ein
Kursbuch gekauft hatte, um den Zug verfolgen zu knnen.

Und schon war Klara wieder auf der Strae und lachte in Sonne und Wind,
whrend auf ihrem Herzen noch die Trnen brannten. Auf zierlichen,
raschen Beinchen schritt sie, die schmale Hfte wippend, die
Joachimsthaler Strae hinab. Sie war glcklich.

Klara ging einkaufen. Sie mute ja nun an die Feldpaketchen denken, ganz
wie Millionen andere Frauen. Kam sie zurck, so konnte sie die Flagge
schon bis Hannover vorstecken.

Schon dachte sie an die Zeit, da sie die Flagge zurckstecken wrde --
wenn er zum ersten Male auf Urlaub kam.

Zwischen der Kindheit und der Welt der Erwachsenen liegt die Zone des
Paradieses. Blendend von Trumen, Plnen, Visionen, Ahnungen und
Wnschen. Wunderbar und erhaben liegt das Leben vor den Blicken, und
mutig geht ihm der Schritt entgegen.

Durch dieses Paradies schritt Klara dahin, obschon sie nur die
Joachimsthaler Strae hinabwanderte.


2

Schon wanderte die kleine Flagge auf der Karte wieder rckwrts. Es war
der Zug, der den ersten Brief bringen konnte. Konnte! Aber er kam nicht.
Nun kam der Zug an die Reihe, der den ersten Brief bringen sollte. Aber
er kam nicht. Nun kam der Zug, der den ersten Brief bringen mute. Aber
er kam nicht. Die Stunden blieben stehen. Die Uhren tickten, das Herz
schlug im Halse, und in der Nacht sa Klara mit offenen Augen im Bett.

Endlich, am sechsten Tage, kam er.

Hier ist ein Brief, kleine Braut, sagte Hedi, und Klara errtete. Hedi
hatte ein berlegenes, aber gutmtiges Lcheln fr die Schwester.
Dieselbe Geschichte! dachte sie. Sie wird Briefe schreiben, jahrelang
auf den Brieftrger warten . . . Es ist immer das gleiche.

Gib, bitte! sagte Klara, und ihr Atem stockte.

Du versprichst mir, auf Frau v. Dnhoffs Hausball mitzukommen? (Allein
wrde der Geheime Rat Hedi nicht gehen lassen!)

Ich verspreche! Feierlich! --

Welches Glck, beim Himmel! Und welche Enttuschung, dieser Brief
. . .

-- wir haben ein reizendes Quartier. Ein kleines Schlchen. Daneben
liegt unser Flugplatz. Mich haben sie in einer Dachkammer untergebracht.
Wir haben eine Enten- und eine Hhnerzucht. Die Mannschaften besitzen
sogar ein kleines Wildschwein. Ja, was ging sie das an?

Herrlich ist es hier, herrlich, liebe Klara!

Tag und Nacht krachen die Kanonen, und fast in jeder Stunde knallen die
Abwehrgeschtze ganz in unserer Nhe, Schwrme von feindlichen Fliegern
kommen herber. In der Nhe nmlich steht im Walde ein weittragendes
Geschtz. Wenn es schiet, ist es wie ein Erdbeben. Ein balkendicker
Feuerschein fhrt dann aus dem Walde.

Das Wetter ist strmisch und trb, und gestern habe ich mich mit dem
kleinen frechen Meerheim -- Du kennst ihn ja -- etwas in der
Nachbarschaft herumgetrieben. Er ist eine Art Zyniker, aber wir kommen
trotzdem ganz gut miteinander aus. Wir waren mit dem Auto in Q. Schutt
und Asche! Furchtbar anzusehen! Die Kathedrale wurde von franzsischen
und englischen Geschtzen in Trmmer geschossen und geriet zuletzt in
Brand. Ein Symbol des Schreckens und des Krieges. Am Abend speisten wir
in der Etappe, wo mich der kleine Meerheim bei Bekannten einfhrte. Sie
fhren ein herrliches Leben, essen und trinken und feiern ein Fest nach
dem andern. Gerade als wir kamen, feierte ein Rittmeister sein Eisernes
Erster. Es wurde furchtbar gekneipt, und zuletzt ging es bse her. Wie
ekelhaft! Ich habe nicht einen Tropfen angerhrt, denn ich halte das
Versprechen, das ich Mama gab. Neben dem Kasino liegt das Lazarett, wo
die armen Kerle von vorn hereingebracht werden. Auf dem Heimwege
begegneten wir einem Wagen voller Kisten, nur notdrftig zugenagelt. Sie
wurden zum Friedhof gebracht. All das ist schrecklich. Das sind die
Schattenseiten des Krieges, der sonst herrlich ist, Klara, und alle
wunderbaren Eigenschaften des Menschen weckt, Heldentum, Aufopferung,
Kameradschaft!

Die Kameraden sind alle reizende Leute, prachtvoll ist unser Chef,
Hauptmann Wunderlich, geliebt und bewundert von Offizieren und
Mannschaften. Es ist rhrend zu sehen, wie sie Hauptmann Wunderlich alle
behilflich sind, wenn er in die Maschine steigt. Er wird ja
hineingehoben. Aber alle tun so, als ob sie ihm immer nur ein bichen
behilflich wren und er aus eigener Kraft hineinklettere.

Das Wetter war sehr schlecht die ganze Zeit her, die Sicht gleich Null.
Nur einmal machten wir einen Geschwaderflug, und das war wunderbar fr
mich, das erstemal gegen den Feind zu fliegen. Ich sang oben in der
Luft.

Schon hatte Klara Trnen in den Augen. Und ich? dachte sie, und ich? Er
schreibt ja kein Wort -- keine Silbe . . .

Die Schilderung des Geschwaderfluges, die zwei volle Seiten einnahm,
berflog sie. Mit Trnen in den Augen las sie, da Heinz den Spitznamen
Kcken bekommen hatte. Den ganzen Tag heit es nun: Wo ist das
Kcken? Kcken, kommen Sie mal her!

Und von ihr, von ihrer Liebe . . .?

Neulich war auch P. P. da, Du weit schon, wen ich meine. Er besuchte
uns. Er kam im Automobil angefahren, das er selbst lenkte. Er war sehr
elegant gekleidet, und seine Offiziere trugen phantastische Mntel aus
wunderbarem weichen Leder, herrliche Stulphandschuhe, berhaupt waren
sie tipptopp. P. P. hatte die Tasche voller Zigaretten, die er mit
vollen Hnden an die Mannschaften verteilte. Ich mute vorfliegen, und
ich machte fnfmal Looping in tausend Meter Hhe --

Das alles interessierte Klara nicht.

Es interessierte sie auch nicht, was Heinz ber den berhmten bayrischen
Kampfflieger Seitz schrieb, der den ganzen Tag Geige spielte und seinen
kleinen Dackel mit in die Maschine nahm. Dann war viel von
Ordensauszeichnungen die Rede. Heinz wollte nicht eher auf Urlaub
fahren, bevor er nicht die beiden Kreuze besa. Und dann kam der Pour le
mrite an die Reihe! Ach, du lieber Himmel, gewi wrde sie stolz auf
ihn sein, aber . . .

Ich fiebere danach, mich auszuzeichnen und fr mein Vaterland, das
groe und herrliche Deutschland, zu kmpfen, das ich ber alles liebe,
und dem ich meine ganze Kraft weihen will. Der schnste Moment meines
Lebens wird es sein, wenn ich das erstemal mich mit meinem Gegner da
oben messe! Ich werde nicht locker lassen, bis er hinunterrasselt. ber
alles werde ich Dir dann schreiben, liebe Klara!

Dann, kamen noch ein paar Redensarten. Wie geht es Dir? Hoffentlich
gut. Hast Du meine Cousine, Frau v. Dnhoff, schon besucht? Was macht
Berlin? Eben fngt dieser Bayer Seitz wieder an, Geige zu spielen. Er
spielt sehr schn, aber oft bt er stundenlang, bis sie Gegenstnde nach
seiner Decke werfen.

Nchstens werde ich Dir auch einiges ber meine Maschine schreiben. Sie
ist ein ganz neuer Typ, klettert wie ein Affe senkrecht in die Hhe.
Hauptmann Wunderlich ist sehr zufrieden, und die Kameraden haben fr
meine Fliegerei sogar etwas wie Bewunderung brig. Gute Nacht!

Klara weinte.

Hedi ging durchs Zimmer, aber sie strte die Kleine nicht. Sie wute
genau, was in dem Brief stand, ohne ihn zu lesen. Hunderte solcher
Feldbriefe hatte sie bekommen. Sie htte Klara warnen sollen, sich mit
einem Offizier einzulassen. Sie waren ja alle eitle Schwtzer, eitel und
oberflchlich, nichts als Prahlereien ber Kmpfe und Geschwtz ber
Ordensauszeichnungen. Sobald sie zur Front kamen, waren sie gnzlich
wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht.

                   *       *       *       *       *

Klara suchte Wolle, um damit ein Paar kleine Pulswrmer zu stricken.
Sollte man es fr mglich halten, in ganz Berlin gab es nicht einen
Strang Wolle? Und frher quoll die Wolle aus allen Schaufenstern, alle
Welt strickte Tag und Nacht, Deutschland war vollgestopft mit Wolle. Wie
sollte man auf den Gedanken kommen, da es einmal damit zu Ende gehen
knne?

Frher -- Klara erinnerte sich deutlich, damals trug sie noch Zpfe --
als der Krieg begann, gab es herrliche Dinge zu kaufen. Jetzt gab es
nichts mehr, gar nichts. Hchstens Bcher und schlechte Zigaretten. Rein
ausgeplndert schien diese Stadt!

Geschmackvoll und gut sollte alles sein, was sie fr Heinz einkaufte --
und billig. Denn Klara erhielt nur dreiig Mark Taschengeld im Monat.
Sie hatte allerdings schon seit langem gespart . . . Aber allein das
Medaillon hatte eine groe Summe verschlungen.

Es ist fr meinen Mann, er ist im Felde, sagte sie, wenn sie einkaufte
und errtete bei der sen Lge.

So jung und schon verheiratet, gndige Frau?

Ja, wir sind kriegsgetraut.

Klaras Augen strahlten. Sie wandelte im Paradies.

Hufig hielt sie sich in der Strae auf, wo Frau Sterne-Dnhoff wohnte.
Nur um Heinzens Mutter und Schwestern gelegentlich zu sehen. Selten nur
hatte sie Glck. Die Schwestern sahen Heinz hnlich. Der Mund besonders!
Die Damen Sterne-Dnhoff gingen immer in Schwarz. Sie trugen dicht
anliegende Wollkleider, flache, schmucklose Hte, spitze Schuhe. Die
Mutter ging immer in der Mitte. Sie sprachen wenig, und sie lachten nie.

                   *       *       *       *       *

Ich liebe Dich, Heinz, ich ksse Dich, ich drcke Dich an mein Herz.
Dir gehre ich, mit Leib und Seele! Mache nicht Looping und sei
berhaupt vorsichtig. Ich werde stolz sein, wenn Du Auszeichnungen
erhltst, aber ich liebe Dich auch so. Es ist ganz nebenschlich. Ich
war in der Kirche und habe gebetet. Ich habe so schrecklich geweint, da
ich mich schmte. Ich bin ein dummes Mdchen. Ich schicke Dir hier eine
neue Locke. Bitte, tue sie in das Medaillon. Ich habe sie in Weihwasser
getaucht, bei der ersten hatte ich das vergessen. Verbrenne die erste,
versprich es mir! Das mut Du tun, und so wird der Talisman wirken! Ich
habe so inbrnstig gebetet, und vor kurzem konnte ich berhaupt nicht
mehr beten. In der Kirche waren sechs Frauen, sie beteten wie ich.

Ich lege Dir hier eine ganze Menge Briefe bei, die ich geschrieben habe
in diesen letzten Tagen, jeden Tag einen, um mein Herz auszuschtten.
Ich lege sie bei, obwohl sie veraltet sind. Du sollst daraus sehen, da
ich immer an Dich gedacht habe.

Von allen Deinen Kameraden ist mir der Bayer Seitz am sympathischsten.
Er nimmt seinen kleinen Hund mit in die Maschine, wie rhrend ist das!

Berlin ist wie immer. Die Menschen sind mimutig und niedergeschlagen.
Man knnte glauben, sie htten alle Hoffnung verloren, und doch steht es
ja besser als je, wenn man die Zeitungen liest.

Du hast mir nicht geschrieben, ob Du unseren Stern betrachtest. Zwischen
zehn und elf Uhr, vergi nicht. Gestern funkelte er herrlich, und ich
mute so schrecklich weinen. Ich bin so ein dummes Ding, denn ich bin so
rasend glcklich.

Hedi ist sehr launisch. Ich glaube, sie ist nicht glcklich. Es scheint,
als ob es zwischen ihr und Otto zu Ende sei. Sie spricht geringschtzig
von ihm, und das finde ich nicht schn. Wahrscheinlich liebt sie ihn
nicht mehr. Aber das ist ja kein Grund Schlechtes ber ihn zu sagen und
zu sagen, er sei eitel und eingebildet. Wir zanken uns sehr viel. Hedi
glaubt nicht, da die Liebe zwischen zwei Menschen ewig dauert. Aber ich
glaube es. Und so geht der Streit hin und her. Was glaubst Du, mein
Geliebter? Du brauchst auf diese Frage nicht zu antworten. Ich wei
selbst, was Du glaubst.

Ja, bei Frau v. Dnhoff habe ich Besuch gemacht. Deine Cousine ist eine
originelle Frau. Ich traf sie in einem schwefelgelben seidenen Kimono,
und sie kann so herrlich lachen. Es wird einem wohl ums Herz dabei!
Sonst lebe ich ganz zurckgezogen, gehe auch nicht mehr ins Theater.
Denn es scheint mir Snde, da die Menschen sich amsieren, whrend
andere drauen leiden. Wenn ich etwas zu sagen htte, so wrde ich alle
Theater schlieen. brigens hat sich eine schreckliche Unsitte bei uns
eingebrgert. Die Leute bringen ihre Brtchen, ihr Abendessen, mit ins
Theater, und sobald es dunkel wird, fangen sie an, mit dem Papier zu
rascheln und zu kauen. Es ist unertrglich. Du weit, Heinz, da wir
davon gesprochen haben, auf dem Lande zu wohnen und zu reisen. Davon
trume ich. Frulein v. Hecht, die ich bei Deiner Cousine traf, sagte,
die Behrden erlauben mit Absicht Theater, Kinos und Konzerte. Das Volk
solle gar nicht zum Bewutsein kommen, es solle betubt werden.
berhaupt -- sie hat Ansichten, da man nicht glauben sollte, sie sei
die Tochter eines Generals! Wenn sie diese Ansichten ffentlich uert,
so wird man sie einsperren und das mit Recht. Und doch ist sie
anziehend. Sie plauderte sehr lieb mit mir, und wir gingen ein weites
Stck zusammen. Ich glaube wohl, da ich sie lieben knnte, wenn sie nur
nicht diese schrecklichen Ansichten htte.

Otto ist noch immer im Lazarett, wird aber bald entlassen. Man sagt, da
er schrecklich niedergeschlagen sei, weil er nicht mehr zur Front zurck
kann. Vielleicht sehe ich ihn aber nchstens, denn Frulein v. Hecht hat
mich gebeten, sie zu besuchen, und da treffe ich ihn vielleicht. Hedi
lernt nun Schreibmaschine schreiben. Sie sagt, sie will sich nun
unabhngig machen, und sobald sie Geld verdient, wird sie ihre Koffer
packen. Ich traue es ihr zu, aber Papa wird ihr schon die Meinung sagen.

Heute abend werde ich wieder beten, Heinz! Ich fhle, Gott hat Dich in
seinen Schutz genommen. In den letzten Jahren war ich ja leider zu einem
vlligen Atheisten geworden, und zwar durch Hedi, die nicht an Gott
glaubt und behauptet, wenn es einen Gott gbe, so wrde er solch einen
Krieg nicht zulassen, wo Millionen Menschen zerfleischt werden.

Lebe wohl, Heinz, und vergi nicht unsern Stern. Mchtest Du bald
wiederkehren, mchte der schreckliche Krieg bald zu Ende sein! Ich bete
zu Gott! Mein Herz ist geqult.

Ach, Heinz, ich liebe Dich! Hier, diesen kleinen Zettel schicke ich mit.
Er sieht ganz unscheinbar aus, nicht wahr? Aber ich habe ihn mit tausend
Kssen bedeckt, und die soll er Dir berbringen.

Deine kleine Frau Klara.

Nebenan ist jetzt ein kleiner weier Terrier aufgetaucht. Ich habe mich
mit ihm angefreundet. Er spielt im Vorgarten mit Papierstcken, die der
Wind bewegt -- rhrend! Auch Paketchen sind schon unterwegs.


3

Ein Fingernagel pickte an das Fenster der Portierloge.

Keine Antwort. Kein Laut. Totenstille.

Herr Portier! -- Herr Portier?

Der Portier, der dem alternden Moltke hnlich sah -- natrlich nur eine
flchtige hnlichkeit und nur unter besonderer Beleuchtung, es war dem
General ja nur so nebenher durch den Kopf gegangen -- der Portier
schlief.

Aber hartnckig pochte der Fingernagel. Und nun wurde eine schneeweie
Visitenkarte durch das offene Fenster geschoben -- da erwachte der
Portier.

Er erwachte und hob sofort beschwrend die Hnde, und auch, sonderbar
genug, der kleine Herr mit dem zu tief sitzenden Zylinder hob sofort
beschwrend die Hnde.

Um, Gottes willen -- Sie -- wieder?

Ich bitte um Verzeihung.

Und heute dazu!

Weshalb -- heute --?

Exzellenz ist heute -- horchen Sie nur: das ganze Haus -- totenstill!
Exzellenz sind heute schlecht gelaunt, mit einem Wort. Und Sie -- ich
sagte Ihnen doch -- ach, ach!

Gestatten Sie --

Ach! Ach!

Das Aluminiumetui blinkte.

Nein, nein, danke. Sie bringen mich noch in Ungelegenheiten.

Pltzlich knallte es, als sei eine Bombe im Foyer explodiert. Aber es
war nur der Zylinder des Herrn Herbst, der auf die Steinfliesen gefallen
war, als er sich bemhte, den Kopf durch das Fenster zu stecken.

Ich bitte Sie -- ich fordere Sie hiermit ebenso hflich wie dringend
auf --! Geifer stand zwischen den Zhnen des alternden Moltke.

Sie miverstehen mich -- Herr Herbst hatte den Zylinder wieder
aufgesetzt.

Ich verstehe Sie recht wohl. Ungelegenheiten -- Das Fenster klappte
zu.

Wieder pickte der Fingernagel, hartnckig.

Der Portier setzte eine eisige Amtsmiene auf, ffnete das Fenster wieder
und sagte in dienstlichem Tone: Sie wnschen?

Ich wollte nur fragen --, stotterte Herr Herbst, den die Amtsmiene
augenblicklich in Verwirrung brachte, -- nur fragen -- es ist wichtig
fr mich, weil ich entschlossen bin --

Entschlossen? Ach, wie kalt die Stimme klang, ohne Teilnahme.

Ja, entschlossen.

Bitte?

Es liegt wohl keine Antwort fr mich hier?

Nein! Das Fenster flog wtend zu.

Herr Herbst lftete den Zylinder, obwohl ihm der Portier die weien
Haarstrhnen zudrehte, und ging. Nach einer Weile kehrte er zurck und
legte, ohne ein Wort zu sagen, eine Zigarre auf das Gesims des kleinen
Fensters. --

In der Tat, das hliche rote Amtsgebude mit seinen den Korridoren lag
heute noch stiller als sonst, totenstill.

Schweigen, Flstern, halblaut gefhrte Telephongesprche. Die Tren
waren Samt. Die Ordonnanzen und Drillichkittel schlichen auf den
Zehenspitzen ber die Korridore, jemand nieste, und sofort fuhr ein Kopf
drohend aus der Tre. Die Offiziere, die zusammengedrngt an ihren
Schreibtischen arbeiteten, wagten nicht aufzublicken. Jeden Augenblick
konnte das graue Steingesicht im Trrahmen erscheinen. Major Wolff
paffte eine dicke Zigarre und vergrub den Kopf in die Akten. Es war
Windstrke 12, ohne jede bertreibung.

Hat er den Abschied bekommen, Weibach?

Meine Herren --!

Oder die schne Dora --?

Ich bitte doch dringend!

Der Adjutant war vom Chef zurckgekommen und hatte nur beschwrend die
Hand gehoben. Windstrke 12. Damit pflegte er einen bestimmten Zustand
zu bezeichnen. Wei Gott, wie er als Artillerist zu diesem Ausdruck kam.

Aber erklren Sie doch!

Pst! Zuweilen legte Weibach lauschend das Ohr an die gepolsterte
Doppeltre.

Ein lautes, herausforderndes Ruspern, das Ruspern eines Menschen, der
keine Rcksichten zu nehmen braucht und auch keine Rcksichten nimmt,
drang aus dem Saal, der von dem lgemlde Seiner Majestt bewohnt war.

Pltzlich aber begann es in diesem Saal zu donnern, einmal, ein
schwcheres Donnerrollen, zweimal -- wiederum Stille. Der Adjutant
wechselte die Farbe. War jemand in das Zimmer des Generals gekommen?
Unmglich! An der gepolsterten Doppeltre im Korridor hing das Schild
Vortrag. Und daneben das Schild: Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!
Ganz unmglich. Aber trotzdem: es klang, als sprche er mit jemand --?

                   *       *       *       *       *

Halt, Unglckseliger! Es war zu spt . . .

An der gepolsterten Doppeltre, die zum Korridor fhrte, knackte es
pltzlich hchst eigentmlich, und der goldene Kneifer glitt von der
Nase des Generals.

Es geschah etwas geradezu Unfabares . . .

Der General hatte, so alt er war, das heit solange er einen hheren
Rang bekleidete, so etwas nicht erlebt. Er htte es, offen gesagt, fr
unmglich gehalten.

In der Doppeltre erschien -- unter Umgehung des Schreibzimmers, der
Anmeldung, unter Umgehung des Adjutanten, trotz der Aufschriften
Vortrag und Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6! -- erschien, ganz als
ob es eine selbstverstndliche Sache sei, hier einzutreten, ein
gewhnlicher Soldat! Wie von einer hllischen Versenkung emporgehoben,
tauchte er pltzlich auf.

Ein Drillichkittel, eine Ordonnanz mit einem groen gelben Brief in der
Hand. Dieser Mann -- ein Schneider von Beruf, klein, etwas krummbeinig,
namens Hanuschke, den man hierher kommandiert hatte, so wie man ihn im
Laufe der Kriegsjahre an Dutzend Stellen kommandierte -- hatte sich
einfach in der Tre getuscht. Er wollte gar nicht nach Nummer 7, er
wollte nach Nummer 6.

Dieser Schneider Hanuschke hatte, um nur etwas zu nennen, bei der
Lorettohhe gekmpft, er war einer der wenigen, die noch in der
berhmten Zuckerfabrik bei Souchez waren, von der seinerzeit soviel die
Rede war. Bei Souchez hatte eine schwere franzsische Mrsergranate
dicht neben ihm den Kompaniefhrer und drei Kameraden mit in die Hhe
genommen, gewi kein geringer Schreck -- er hatte sich am Roten-Turm-Pa
und in Polen geschlagen, also manches erlebt -- nun aber stand er wie
vom Schrecken gelhmt: Vor seinen Augen schwebte urpltzlich in einer
lichtgesttigten, hellblauen Rauchwolke ein General. Im ersten Moment
glaubte er sich einer berirdischen, verwirrend funkelnden Erscheinung
gegenber, die zwei weie Stichflammen auf ihn richtete.

Als alter Feldsoldat handelte Hanuschke augenblicklich. Er hatte ja auch
gehandelt, als die schwere Mrsergranate bei Souchez dicht neben ihm
einschlug. Wie der Blitz hatte er sich zu Boden geworfen und
fortgerollt, mit solcher Eile, da die herabkommenden Gliedmaen ihn
nicht mehr erreichten. Nur der Feldstecher seines Kompaniefhrers
klatschte neben ihm in den Boden.

Also handelte er auch hier.

Automatisch und blitzschnell fhrte er alle die Akte der hohen Dressur
aus, die man ihm beigebracht hatte. Soweit sein schwindendes Bewutsein
es zulie, schtzte er die Schritte ab, und in der vorgeschriebenen
Entfernung begann er sich vor der in einer Wolke schwebenden Erscheinung
aufzubauen. Er schlug die Abstze seiner schweren Kommistiefel
zusammen, schwang die Ellbogen nach auen, fhrte die Hnde an die
Hosennaht und fing an, so klein und krummbeinig er auch war, zu wachsen.
Seine Gelenke streckten sich, die krummen Beine bogen sich gerade, der
Oberkrper hob sich aus den Hften, der Brustkorb wlbte sich, der Kopf
stieg zwischen den schmchtigen Schultern empor, und endlich erstarrte
er, den Blick in die weien Stichflammen gerichtet.

Zweiundzwanzig Sturmangriffe hatte er mitgemacht, zweiundzwanzigmal war
er mit dem Trillern der Pfeife dem Tod in den Rachen gesprungen -- aber
er fhlte deutlich, da er sich diesmal in eine geradezu schreckliche
Gefahr begeben hatte.

Die weien Stichflammen sengten an ihm entlang.

Der Schneider Hanuschke wuchs abermals.

Seine viel zu weiten Hosen waren geflickt und hundertmal von Schmutz und
Blut gereinigt, seine Halsbinde war unordentlich gebunden und fettig.
Und dieser Drillichkittel! Aber in der armseligen, der Kleidung eines
Zuchthuslers hnlichen Uniform, die man des Knigs Rock nannte, stand
der kleine Schneider wie eine Statue.

Donner schlug an sein Ohr. Donner trieb ihn zurck zur Tre und wieder
zurck zur Erscheinung. (Das war das Donnern, das der Adjutant Weibach
nebenan hrte.)

Zweiundzwanzig Sturmangriffe -- lieber die franzsische Mrsergranate --
meinetwegen . . .

Wieder wuchs er. Seine Rippen drckten sich durch den dnnen
Drillichkittel hindurch ab. Seine vorgestreckte aufgepumpte Brust bot
sich irgendeinem unsichtbaren Messer dar. Alles, was die Schlachtfelder
und Lazarette von ihm briggelassen hatten, stellte er mglichst
vorteilhaft zur Schau. Sein winzig kleines und unendliches Ich war
konzentriert im Blick der ngstlichen Mausaugen, deren Pupillen der
Schreck weitete. Kreidig grn war sein Gesicht, und zwischen den Augen
glnzte violett eine fingerlange Narbe, die von einem Querschlger
herrhrte, der ihm in Rumnien die Stirn zerschmettert hatte.

Abermals donnerte es, diesmal weniger drohend. Er war entlassen. Sein
geflickter Hosenboden schaukelte durch die Doppeltre. Auf dem Gang
wischte er sich aufatmend mit dem rmel den Schwei vom Gesicht, der
pltzlich aus allen Poren hervorbrach. Genau so wie damals, als der
Feldstecher des Kompaniefhrers neben ihm herunterkam.


4

Ohne Laut, fast ohne jede Bewegung, arbeitete der General, vergraben in
den Berg von Akten, den man auf dem Schreibtisch aufgehuft hatte.

Die eisige Stille, die von ihm ausging, drang durch die Poren der Steine
und Fasern der Tren, verbreitete sich durch Zimmer und Korridore und
erfllte zuletzt das ganze Gebude.

Mit rascher Hand warf der General Bemerkungen an den Rand der Akten, um
sie hierauf in einen Korb zur rechten Hand zu legen. Der Berg der
Schriftstcke zur Linken schmolz zusammen, auf der andern Seite wuchs er
in die Hhe. Umfangreiche Schriftstze ma der General mit einem
rgenden Blick und warf sie -- je nach ihrem Umfang mit grerem oder
kleinerem Schwung -- in einen besonderen Korb, der die Aufschrift trug:
Wolff, Vortrag! Wolff, der Major, der Hne, hatte Zeit fr alles. Er war
eines jener beklagenswerten brgerlichen Arbeitstiere, wie sie in allen
Ressorts saen, die sich im Schweie ihres Angesichts, ohne jede andere
Empfehlung als die Qualifikation ihrer Vorgesetzten, in der Karriere
vorwrtskmpften. Wolff arbeitete oft die ganze Nacht hindurch.

Es schien dem General, als ob seine Hnde, deren erdiges Aussehen ihn
seit geraumer Zeit ngstigte, nunmehr lebhafter gefrbt seien. Offenbar,
die Erregung vorhin hatte ihm gutgetan! Das Blut, das sich in seinem
Kopfe gestaut hatte -- wie immer nach groen seelischen Erregungen --
war durch die Adern gepret worden und hatte die Gefe wohltuend
erweitert. Eine gleichmige Hitze berzog seinen Krper, und die Hnde
schwitzten pltzlich etwas. Ein Symptom, da die Krisis berwunden war.

Bewegung fehlte ihm!

Wenn er wenigstens htte ausreiten knnen!

Aber der Dienst -- und dann, welch jmmerliche Pferde hatten sie doch
gegenwrtig in Berlin! Er wrde sich schmen, sich auf solch einer
Schindmhre sehen zu lassen. Wie wunderbar war es dagegen an der Front
gewesen! Wenn er in der Morgenfrische, tglich zwei Stunden, spazieren
ritt, begleitet von seinem Adjutanten. Und die Geschtze brummten nah
und fern. Herrliche Morgen, unvergelich!

Der Blick des Generals verlor sich in die Weite.

Aber er sah nicht die Lindenallee, durch die er zu reiten pflegte, die
Rauchsulen, die aus den Erdwohnungen der Soldaten stiegen, die
Kolonnen, die ber den Hgel krochen, nein, er erblickte: Ruth! Ruth und
den Frhstckstisch von heute morgen.

-- also gelst?

Ja, Papa

Und er, Dietz -- also mit seinem Einverstndnis? Hm -- so, so . . . Er
schlrfte den heien Kaffee.

Hier ist sein Brief, Papa, lies ihn.

Danke, wozu? Du bist ja kein Kind mehr und kannst schlielich tun und
lassen, was du willst. Na -- schn!

Ruth kte ihm die Hand. Weshalb eigentlich?

Jakob kam in diesem Augenblick ins Zimmer -- wie peinlich! Er brachte
gerstetes Brot, denn das Kriegsbrot war nachgerade nicht mehr zu
genieen.

Soso, hm. Aber weshalb kte sie ihm die Hand? Es war vllig unntig.
Nichts hate er ja mehr als irgendwelche Sentimentalitten.

So warm und bebend, Nachsicht erflehend, hatte er ihre Lippen auf seiner
kalten Hand gefhlt -- er konnte ihr nicht zrnen in diesem Augenblick.
Ruth hatte also das Verlbnis mit Dietz gelst. Eine glnzendere Zukunft
htte ihr niemand bieten knnen. Natrlich war es eine berraschung fr
ihn, keine angenehme berraschung, unntig es zu sagen.

Der Blick des Generals kehrte wieder zum Schreibtisch zurck. Eine
Stunde verging, zwei Stunden. Ohne jede Unterbrechung arbeitete er. Nur
ein einziges Mal legte er sich in den Sessel zurck: dieser Schriftsatz
war mit Randbemerkungen von Allerhchster Hand versehen -- frisch,
lapidar, ganz im Geiste des Groen Friedrich. Behutsam, mit dem Ausdruck
der Ehrerbietung legte er den Schriftsatz zur Seite.

Lautlos ging die gepolsterte Doppeltre, und lautlos, bis auf ein leises
Singen der Sporen, trat Weibach ein. Es war Zeit fr die
Unterschriften, genau ein Viertel vor ein Uhr.

Noch immer diese leise, nicht mizuverstehende Ziegelrte --

Weibach nherte sich dem groen, ehrfurchtgebietenden Schreibtisch im
Bogen und zgernden Schritts, um nicht zu pltzlich die Netzhaut des
hohen Chefs zu treffen. Er verbeugte sich leicht bei jeder Unterschrift
des Generals, whrend er die Tinte mit dem Lscher trocknete.

Dann erhob sich der General und ging zu seinem Mantel.

Jeden Tag, seit Monaten, spielte sich bei dieser Gelegenheit, zweimal am
Tage, vormittags und nachmittags, die gleiche Szene ab.

Der Adjutant nherte sich dem General.

Herr General gestatten?

Danke, es geht noch allein, Gott sei Dank.

Lcheln des Hauptmanns, Verbeugung, strkeres Klirren der Sporen.

Der General ist in den rechten rmel geschlpft und gerade dabei, den
linken rmel zu suchen. Rascher Sprung des Adjutanten.

Herr General gestatten doch?

Und nun gestattet der General. Der Adjutant streicht den Mantel zurecht.
Und der General dankt mit einem Blick, gerade so lange, als seine hohe
Stellung es zult.

Wenn der General in die Handschuhe schlpft, so erteilt er gewhnlich
noch kleine Auftrge, wie sie ihm gerade in den Kopf kommen.

Es treibt sich hier eine Ordonnanz herum, ein kleiner Bursche mit einer
Narbe zwischen den Augen. Ich lege keinen Wert auf ihn. Schon schwoll
die Stimme des Generals wieder drohend an.

Weibach erbleichte. Eine unzuverlssige Ordonnanz, das ging ihn an!
Augenblicklich wollte er nachforschen --

Behutsam schlo der Hauptmann die gepolsterte Flgeltre hinter dem
hohen Chef -- bis auf einen schmalen Spalt. Dann stand er noch eine
Weile, leicht gebeugt, bereit zum Sprung, und lauschte, denn es war
mglich, da dem General drauen auf dem Korridor pltzlich noch ein
Auftrag in den Sinn kam. Der Schritt seines Herrn hallte ber den Gang,
ferner und ferner. Nun erst schlo der Hauptmann mit einer leichten
Verbeugung die Tre vollstndig.

Donnerwetter! flsterte er aufatmend. Und was diese Ordonnanz mit der
Narbe zwischen den Augen betraf, so wollte er sofort die Angelegenheit
in Ordnung bringen. Hinaus mit diesem Burschen!

Vierundzwanzig Stunden spter war der Schneider Hanuschke schon wieder
beim Regiment und achtundvierzig Stunden spter schon wieder auf der
Fahrt zur Front. Er hatte Pech, es ging gerade ein Transport hinaus. Von
einem Kommando zurck zum Regiment geschickt zu werden -- etwas
Schlimmeres konnte wahrhaftig nicht passieren.

                   *       *       *       *       *

Selbst in der leise murmelnden Dmmerung von Stifters Diele fand der
General sein seelisches Gleichgewicht nicht vllig zurck.

Mockturtlesuppe, westflischer Schinken in Weintunke, gebackene Flundern
und Aprikosenpudding, eine der Spezialitten des Hauses, das Men schien
ihm heute mig. Jede Erregung legte sich bei ihm auf den Magen,
sonderbar. Eine rtselhafte Einrichtung ist der menschliche Organismus.

Und diese Ignoranten von rzten sagten immer das gleiche . . .

Ja, Bewegung, wenn der Dienst jede Minute bei Tag und bei Nacht in
Anspruch nahm -- diese rzte sind Narren! Sie trinken sich, zum
Beispiel, zu Tod, buchstblich, und predigen: keinen Alkohol, Gift,
hundertprozentiges Gift fr den Organismus, fr Sie besonders -- und
trinken sich unter die Erde, ohne zu errten.

Und diese beiden Rittmeister gegenber, heute in voller Gala, sie
konnten ihm, ganz gelinde gesagt, es gab ja treffendere Ausdrcke,
vollends den Appetit verderben.

Zahlen, Lawinen von Zahlen, wlzten sich auf den General herab, dessen
Erscheinung vor kurzem den Schneider Hanuschke so erschreckt hatte. Nur
selten, ein- bis zweimal im Jahre, beschftigte er sich eingehender mit
Zahlen.

Es war nur gut, da er gestern an die pommersche Hypotheken- und
Wechselbank um hundert Mille geschrieben hatte. Sie wrden den Kredit
gewi anstandslos gewhren, und fr einige Zeit wrde es wohl wieder
gengen.

Alles kostete heutzutage Unsummen!

Er hatte nur ein ganz verschwommenes Bild seiner Vermgenslage im Kopfe.
Das Konto war ein Kaleidoskop, unaufhrlich wechselnd, verwirrend,
unbersichtlich. Aber er fhlte, da es bergab ging. Ja, bergab --

Eines Tages, als sein hochverehrter Herr Vater, der als Oberst
abgegangen war, auf Babenberg die Augen schlo, hatte er sich im Besitze
von einigen Millionen und zwlftausend Morgen Land befunden. Aber einige
Millionen, was war das, wenn das Kapital sich nicht automatisch
vermehrt? Jeder Augenblick des Lebens verschlang Summen, Unsummen! Seine
verstorbene Frau, er nahm es ihr nicht bel, im Gegenteil, diesen Zug
liebte er an ihr, auch sie war kein, wie sagt man doch, wirtschaftliches
Genie. Das Organ dafr fehlte ihr.

Bergab -- nur gefhlsmig erfate er es. Babenberg war Fideikommi,
unantastbar -- Rothwasser, fnftausend Morgen, immerhin auerordentlich
stark belastet.

Und jeder Atemzug verschlang auf dieser Welt Summen, Unsummen! Es war
letzten Endes ganz unerklrlich, wie die Menschen lebten. Der Haushalt
hier -- Unsummen, Diners, Gesellschaften -- Unsummen, seine
Privatangelegenheiten, die niemand etwas angingen -- Unsummen. Ein Paar
bescheidene Ohrringe, zum Beispiel, ein paar Perlen in Platinfassung,
die frher keine dreitausend Mark gekostet hatten, kosteten heute, sage
und schreibe, fnfundzwanzigtausend Mark. Seine Bezge whrend des
Krieges, obgleich nicht unbetrchtlich, was waren sie schlielich? Ein
Tropfen auf einem heien Stein.

Sein Kredit aber wrde keineswegs gekrftigt werden, nun, weshalb sollte
man nicht den Tatsachen ins Auge sehen, wenn man erst in Pommern erfuhr,
da diese Verlobung zurckgegangen war.

Zahlen, Lawinen von Zahlen.

Die Ziegelrte des breiten Gesichts steigerte sich allmhlich zur tiefen
Glut.

Eine kleine Schwarze oder eine lange Braune, Exzellenz? raunte der
Oberkellner und prsentierte die Zigarrenkisten.

Die Zigarren werden immer schlechter, mein Freund.

Leider, Exzellenz. Es wird immer schwerer . . .

Er hatte die Heirat mit Dietz freudig begrt, natrlich, er hatte die
Annherung begnstigt, offen zugestanden -- schlielich war er ja der
Vater -- und es kam ja auch einmal der Moment, da er die Augen schlo,
und seine Kinder sehen muten, wie sie allein vorwrtskamen. Wehmut
erfllte den General, als er sich in diesen Gedanken vertiefte. Einmal
wrde ja der Augenblick kommen, da er, den Helm in der Hand, vor seinen
Herrgott treten mute.

Furchtbarer Augenblick, furchtbar der Gedanke, diese Welt der Tatsachen
verlassen zu mssen -- ins Ungewisse hinein . . .

Aber der Oberkellner rief ihn zur heitern Erde zurck. Er brachte die
Likre.

Wieder umwlkte sich das tiefrote Gesicht Seiner Exzellenz. Es war eine
Tatsache: whrend der Adel auf den Schlachtfeldern verblutete, Blut und
Gut opferte, fllten sich zweifelhafte Elemente die Taschen. Und diese
zweifelhaften Elemente kauften Land! Eine ganze Reihe bekannter Familien
war schon gezwungen gewesen, uralten Familienbesitz abzustoen. Was aber
wrde aus dem Adel werden, der seit Jahrhunderten Kraft aus der Scholle
sog, wenn er erst einmal entwurzelt war?

Trotz alledem -- es wrde ja jedenfalls Babenberg bleiben, wenn es so
weit kommen sollte, da er Rothwasser verkaufen mute.

Aber, ganz abgesehen von materiellen Gesichtspunkten: Dietz war ja ein
prachtvoller Mensch, eine stattliche Erscheinung, gebildet, von seltener
Noblesse und Grozgigkeit -- unverstndlich . . .

Immer mehr wurde ihm Ruth zum Rtsel.


5

Den ganzen Nachmittag schon wanderte der kleine Herr Herbst in seinem
Zylinder in der Tiergartenstrae auf und ab. Immer wieder zog er die
Uhr, immer wieder klopfte er die Schmutzflecke mit dem Taschentuch von
den Stiefeln.

Es war eigentlich nicht mehr kalt. Die Luft des Tiergartens war von
roten Sonnenkeilen getigert, es roch schon nach Frhling, und zuweilen
hauchte es feucht und warm, aber Herr Herbst hllte sich fest in den
rostfarbenen Havelock.

Er fror.

In der verflossenen Nacht hatte er nicht geschlafen. Er hatte getrunken,
in einer kleinen Spelunke, mit richtigen Spitzbuben, die
Einbrecherwerkzeuge bei sich hatten -- richtigen Spitzbuben, seht an.
Deshalb also fror er. Auch war dieser Zylinder kalt. Er schmiegte sich
nicht wie sein anderer Hut dicht an den Schdel, es gab Spalten, durch
die die Klte wie durch Schornsteine an seinem geschorenen Schdel in
die Hhe stieg.

Ja, so ist es, so ist es! flsterte Herr Herbst und trumte vor sich
hin. Er wrde, zum Beispiel, meinen Gang haben. Er war mir ja so
hnlich! Er wrde sogar die gleiche Art zu sprechen haben. Bei manchen
Worten fllt es mit ja etwas schwer, wenn viele L und R zusammenkommen,
zum Beispiel: Sell -- nun: Sellerie. Auch er hatte ja denselben kleinen
Sprachfehler, schon in der Schule. Er wrde mit einem Wort ganz wie ich
sein. Wenn ich nun einmal unter der Erde liege, so wrde er leben und
gehen und sprechen -- und eigentlich wre ich es! Eigentlich, bei
rechtem Licht besehen, ja. Ich wrde weiterleben, obschon ich tot bin.
Auch er wrde Kinder gehabt haben -- und so wrde ich immer weiter
leben.

Aber so?

Wie ist es so?

Nichts, nichts. Gar nichts. Ich sterbe, man begrbt mich, und alles ist
zu Ende. Wir sind tot, die ganze Familie ist von der Erde verschwunden.

Wie klar er heute zu denken vermochte! Seit langer Zeit fgten sich die
Gedanken nicht so spielend aneinander. Ausgezeichnet war das! Herrlich!
Es gab ja so viele Tage, da er nur stottern konnte, seine Gedanken sich
fortwhrend verwirrten, und das htte einen schlechten Eindruck gemacht.

Wieder befand er sich dem grauen Hause gegenber. Jakob, der immer noch
den Messingknopf der Haustre polierte, machte ihm ein Zeichen. Also
noch nicht! Jakob war ja eingeweiht, hatte zehn Zigarren erhalten -- und
zehn weitere Zigarren sollte er bekommen -- danach!

Ja, das also ist die Wahrheit: von der Erde verschwunden!

Der Zylinder verlor sich in der Tiefe des Parkes. Schon war Herr Herbst
wieder in seine alten Gedanken versunken.

Eigentlich, ja, wre alles ganz genau, als ob ich noch lebte. Ich liege
unter der Erde, und doch lebe ich weiter. Denn er ist eigentlich ich --
oder ich eigentlich er -- --! So aber -- bin ich wie eine Pflanze, die
man ausgerissen hat und auf den Weg warf. Und dann ist es zu Ende -- zu
Ende fr immer . . .

Herr Herbst blieb mitten auf dem Wege stehen. Er zitterte.

Ja -- trotz allem -- unfabar!

Ich lebe, obschon ich alt bin, und er, jung, kaum neunzehn -- ist tot.
Ich gehe hier -- und er, liegt unter der Erde. In unbekanntem Land,
vielleicht nicht einmal eingesegnet, vielleicht nicht einmal ordentlich
begraben. Ohne Ruhe --!

Ohne Ruhe --

Pltzlich aber schrak Herr Herbst zusammen. Sein Herz blieb stehen.
Voller Schrecken, voller Verwirrung schlug er die Hnde vors Gesicht.

Die Marspfeife der Limousine trillerte. Er kannte sie ganz genau.


6

Das Antlitz noch immer umwlkt, stieg der General aus dem Wagen. Noch
immer war die Ziegelrte nicht vllig verflogen. --

Auch dieser Brief -- er lag noch in demselben grngebundenen Buch --
auch dieser Brief gab keinen Aufschlu. Er bestrkte wohl gewisse
Vermutungen, lftete aber nicht den Schleier. Dieser Brief lautete:

Geliebte Ruth! Frevelhaft erscheint es, in dieser entsetzlichen
Verfinsterung an das persnliche Glck zu denken. Immerhin, ich
unterliege der Versuchung.

Das Gebude der menschlichen Glckseligkeit, Werk und Vermchtnis der
Edelsten, Khnsten, Reinsten aller Vlker, der Seher und Weisen, es
scheint in seinen Grundmauern erschttert.

Verzweiflung erfat uns, Dich, mich, alle, die wir an die Sendung der
Menschen glauben.

Unzahlen leichtfertiger Gedanken, anscheinend vllig belanglos, Unzahlen
leichtfertiger Worte, unscheinbar, leichtfertiger Wnsche,
leichtfertiger Handlungen, nebenschlich im einzelnen betrachtet -- sie
haben diese entsetzliche Verfinsterung herbeigefhrt.

Ich glaube -- glaube unbedingt an einen Schatz des Guten auf Erden, die
Summe aller guten Handlungen, guten Gedanken und guten Worte. Ich
glaube, da dieser Schatz, einzig wahrhafter Besitz der Menschheit, sich
unaufhrlich mehren mu -- sollen nicht Verfinsterungen wie diese
eintreten. Die letzten Generationen und vor allem jene Vlker, die sich
zivilisiert nennen, haben aber diesen Schatz nicht vermehrt. Sie haben
ihn verschleudert, vermindert. Die Schale sank und -- wie immer, wenn
sie sank -- kam die Katastrophe.

Welch ein Irrtum: die Menschheit fr den einzelnen!

_Wahr ist: der einzelne fr die Menschheit!_

Jeder einzelne sei Mehrer jenes Schatzes des Guten, Gerechten und
Schnen, oder er ist ein -- Dieb! Hten wir uns, die Mrder der
kommenden Generation zu werden, wie die vergangene unser Mrder wurde
. . .

Hier brach der flchtig mit Bleistift hingeworfene Brief ab. Seine
Fortsetzung fand sich nicht im Buche. Keine Aufklrung also --

In diesem Augenblick schrillte die Klingel der Haustre.

Der General erschrak. So heftig, da er einen Stich in der Brust fhlte.
Wenn er es auch als seine vterliche Pflicht erachtete -- es wre ihm
peinlich . . .

Wieder schrillte die Klingel. Sie klang eigentmlich, hier in Ruths
Zimmer -- wie ein Signal. Hastig legte er den Brief in das grngebundene
Buch zurck -- ein Werk Lassalles -- und rasch, scheu, als habe man ihn
auf verbotenen Wegen ertappt, eilte er ber den Gang.

Es war indessen, Gott sei Dank, nur ein blinder Alarm.

Jakob bergab eine Karte.

In dringender Angelegenheit. Herr General sind unterrichtet --

Ein vllig unbekannter Name -- Rentier. Unterrichtet? Wahrscheinlich der
Hausverwalter; das Badezimmer sollte neu gerichtet werden.

Immer noch etwas verwirrt, lie der General bitten -- zu Jakobs malosem
Erstaunen.

                   *       *       *       *       *

Der General wartete, aber nichts regte sich. Schon in dieser Verzgerung
witterte er etwas Ungewhnliches. Jeder Mann von Erziehung mute lngst
eingetreten sein. (Diese Verzgerung entstand dadurch, da Herr Herbst
sich im letzten Augenblick umstndlich die Nase putzte.) brigens --
hie dieser Hausverwalter nicht anders?

Pltzlich aber verdunkelte ein Schatten die Tre -- und im gleichen
Moment erbleichte der General . . .

Augenblicklich hatte er dieses Gesicht wiedererkannt!

Jenes Gesicht, das an Doras Geburtstag durch die Scheibe des Foyers
sphte -- nein, nicht jenes, sondern das andere, das er erblickt hatte,
als er am Schreibtisch eingenickt war, als es so eigentmlich an die
Scheiben pickte -- das Drohung und Klte ausstrahlte . . .
Augenblicklich erinnerte er sich an alles. Es war ja erst vor wenigen
Tagen.

Scheu und bla stand das Gesicht in der Tre, und ganz langsam und
zgernd kam es nher. Nicht Drohung, nicht Klte -- Angst,
Hilflosigkeit, Verwirrung.

Das Blut kehrte in das Gesicht des Generals zurck. Die leichte Lhmung
wich aus seinen Hnden.

Unsicher trat Herr Herbst in seinem verknllten schwarzen Gehrock ins
Zimmer, den Zylinder in der Hand. Er verbeugte sich tief, voller
Ehrerbietung.

In dieser Verbeugung verharrte er ungewhnlich lange. Er erwartete
irgendein Wort. Dann richtete er sich verlegen auf und blickte dem
General mit seinen entzndeten trnenden Augen ins Gesicht, ohne irgend
etwas zu sehen.

Der General rusperte sich, und Herr Herbst beantwortete dieses Ruspern
mit einer neuen, wenn auch weniger tiefen Verbeugung.

Bitte, sagte der General, etwas unsicher und mrrisch und deutete auf
einen Sessel. Rot funkelte die Sonne ins Zimmer.

Herr Herbst nahm auf der Kante des Sessels Platz, hielt den Zylinder in
der Hand und begann zu zittern . . .

Ja, er zitterte. Seine Zhne schlugen aufeinander. Der Sessel schwankte,
er frchtete auf den Boden zu strzen. Feuer blies aus der Wand.

Rot wie ein Gebirge bei Sonnenuntergang leuchtete das breite Gesicht des
Generals im Schein der sinkenden Sonne. Riesenhaft wie ein Gebirge
erschien der General Herrn Herbst in diesen Sekunden schrecklichster
Angst.

Der -- Blut-Hecht! Wie? Ja, er -- so nannten ihn seine Soldaten
. . .

Erst jetzt, da es zu spt war, begriff er, was er gewagt hatte, _wem_ er
sich gegenber befand.

Der . . .

Was htte er gegeben, alles, alles, wenn er nur wieder auf der Strae
wre.

Der General schnitt behutsam die Spitze einer Zigarre mit dem
Federmesser ab.

Ich bitte --? sagte er leichthin, whrend er die Zigarre zwischen den
Fingern rollte. Was wnschen Sie? Er hatte das Gleichgewicht vllig
wiedergefunden.

Sein Blick glitt flchtig ber das zitternde Hufchen Hilflosigkeit in
dem abgetragenen schwarzen Rock. Ohne sich dessen bewut zu werden,
geno er die Angst, die er seinem Besuche einflte, denn kein Mensch,
er sei denn von seltener Gte, kann einen andern zittern sehen, ohne
sich augenblicklich erhoben zu fhlen. Oben und Unten, Herren und
Knechte, nie hatte der General eine andere Gesellschaftsordnung auch nur
in Gedanken erwogen. Es waren Gesetze, von Gott gegeben, die man
hinnahm, ohne darber weiter nachzudenken. Bis zum jngsten Tage wird es
Oben und Unten, Herren und Knechte geben. Andere als dieser hatten vor
ihm gezittert -- Soldaten und Offiziere -- und sie hatten gezittert
wenige Minuten, bevor sie in den Tod gingen.

Herr Herbst bewegte die Lippen -- aber in diesem Augenblick zwitscherte
ein Vogel irgendwo, und erschrocken wartete er.

Wieder bewegte er die Lippen. Er mute sprechen, Worte, irgendein Wort,
es war hchste Zeit. Wie lange noch sollte dieser andere -- dieser hier
-- schon sank die Sonne, dmmerte es im Zimmer -- nur dieses breite
starre Gesicht leuchtete noch.

Und pltzlich flsterte er. Aber er erschrak bis ins Mark ber die
Worte, die von seinen Lippen kamen -- keineswegs die Worte, die er sich
zurecht legte und einbte, in den Nchten, auf der Strae, wenn er so
dahinging.

Seine Lippen flsterten, kaum vernehmbar:

_Geben Sie mir meinen Sohn wieder!_

Und schon hob er erschrocken die Hand, um die Worte zurckzuhalten.

Aber der General konnte sie gar nicht gehrt haben, kaum, da sie bis in
seine eigenen Ohren drangen.

Das Gesicht des Generals wurde fahl und erdig. Die Sonne war fort. Starr
stand er vor ihm, unerbittlich, schweigend, und die Augen forschten --
kalt, ohne Erbarmen.

Hastig bewegte er von neuem die Lippen. Aber obschon er diesmal eine
bestimmte Redewendung, die mit Bitte gehorsamst begann, auf den Lippen
formte, flsterten seine Lippen, ganz gegen seinen Willen, die gleichen
furchtbaren Worte wie vorher:

Geben Sie mir meinen Sohn wieder!

Diesmal schon etwas vernehmbarer.

Er fuhr zusammen, erschauerte, suchte nach dem Taschentuch.

Da erklang die Stimme des Generals. Ruhig und beherrscht -- mit jener
doppelten Ruhe und berlegenheit, die sich ganz von selbst bei allen
Menschen von nicht seltener Gte einem zitternden Menschen gegenber
einstellt.

Sie haben mir neulich geschrieben? sagte die ruhige und berlegene
Stimme.

Bitte gehorsamst, Exzellenz!

Sie haben mir geschrieben -- Ihr Sohn, wenn ich mich recht erinnere
--?

Mein Sohn Robert, Euer Exzellenz! Prchtig ging es nun. Rte huschte
ber das bleiche, kleine Gesicht. Der Sessel hrte auf zu schwanken, die
Gestalt des Generals nahm natrliche Mae an.

Er ist --?

Gefallen. Am 5. August.

Fnften, sagten Sie?

Fnften, Euer Exzellenz. Beim Sturmangriff auf Quatre vents. Am vierten
hatte bereits ein Jgerbataillon gestrmt, vergeblich, am fnften
. . . da fiel er.

Der General lie den Blick rgend auf Herrn Herbst ruhen. Dieses leicht
kritische vergeblich, wahrscheinlich ohne besondere Absicht geuert,
mifiel ihm.

Er fiel fr Kaiser und Reich! sagte er mit etwas salbungsvoller,
tieftnender Stimme.

Die kleinen entzndeten Augen blinkten. Herr Herbst leckte sich die
schmalen Lippen, und ein paar gelbe Zahnstumpen wurden sichtbar. Einen
Augenblick schien es, als ob sein Gesicht sich zu einer Grimasse von
satanischem Hohn verzerren wolle.

Wie Tausende und Hunderttausende, wie Millionen --! fuhr der General
fort, und seine Stimme hob sich.

Wieder verzerrte sich das kleine fahle Gesicht, dann aber zog er das
Taschentuch heraus und prete es an die Augen. Der Schmerz berfiel ihn.
Er wimmerte leise.

Pltzlich aber knallte es -- ganz wie heute vormittag im Foyer, als er
mit dem Portier sprach -- der Zylinder war auf den Boden gefallen.

Bitte gehorsamst -- stammelte Herr Herbst erschrocken und hob den
Zylinder auf. Schwindel ergriff ihn, als er sich wieder setzte und die
Trnen abwischte. Das Zimmer drehte sich im Kreise, eine Faust prete
seinen Magen zusammen. Ah, wenn es ihm nun bel wrde! Das wre eine
Sache! Er hatte ja die ganze Nacht hindurch getrunken, und pltzlich
fhlte er die Betrunkenheit. Beschtze mich Gott! Mit Spitzbuben hatte
er getrunken, richtigen Spitzbuben, die Werkzeuge in einem Brotbeutel
bei sich fhrten -- in einer Kneipe, im Hof, die die ganze Nacht offen
war. Wenn der General nun bemerkte --

Aber der General war zum Schreibtisch gegangen und hatte ein Schubfach
aufgezogen. Er drehte das Licht an.

Verstehen Sie Karten zu lesen -- Herr --?

Herbst.

Herr Herbst? Nun, ich htte Ihnen sonst erklren knnen, was ich
beabsichtigte. Wir haben am 4., 5. und 6. August gekmpft und die Hhe
leider rumen mssen, weil man uns die Reserven versagte . . .
Vershnlich klang pltzlich die Stimme des Generals. Auch er hatte ja
einen Sohn im Kriege verloren. Auch er war ein Vater, der trauerte. Der
Krieg hatte alle gesellschaftlichen Bande gelockert. ber manches mute
man in dieser Zeit hinwegsehen. Hier ist die Hhe, fgte er hinzu, wo
Ihr Sohn fr die Gre und Ehre des Vaterlandes . . .

Taumelnd erhob sich Herr Herbst. Ja, der Rausch kam, ohne Zweifel.

Sie sind nicht von hier?

Aus der Provinz, Euer Exzellenz!

Beruf?

Frher Lehrer an einem Gymnasium.

Bitte, treten Sie ruhig nher.

Auf der groen und ausgezeichnet scharfen Photographie sah Herr Herbst
zunchst nichts. Ein Meer, wie, was war das? Wellen, Wogen. Ein Ozean in
Aufruhr! Dann aber unterschied er Baumstrunke, die kreuz und quer aus
diesen furchterweckenden Wogenbergen hervorstanden, und einen schmalen
Erdgang der mitten in die Wogenberge aus erstarrtem Schmutz hineinfhrte
-- es war die Kuppe der Hhe selbst, von den Minen zerrissen.

Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit pflegte der General diese erschreckend
realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen.

Das also ist Quatre vents! sagte er.

Herr Herbst atmete schwer.


7

Die Geschichte wird entscheiden, dachte der General, wie immer, wenn er
die Kmpfe um Quatre vents in seinem Geiste vorberziehen lie. Aber er
tuschte sich. Die Geschichte wird nicht entscheiden, sie hat etwas
Besseres zu tun. Die Geschichte wird diese Hhe ganz einfach vergessen.
Die Hhe von Quatre vents war strategisch gnzlich belanglos. Drei
Kilometer rckwrts lag eine zweite, viel strkere Hhe, durch einen
Flulauf vor der Unterminierung geschtzt. Die Lage von Quatre vents war
sogar ungnstig. Sie konnte jederzeit abgeschnrt werden, wie es spter
auch geschah, sie lag offen vor den feindlichen Geschtzen, und ihre
Zugnge wurden vom feindlichen Feuer bestrichen. Der General aber hielt
Quatre vents fr einen Angelpunkt der Westfront.

Sonderbarerweise aber, auch der franzsische General gegenber, ein
franzsischer Hecht-Babenberg, auch er hielt die Hhe fr einen
Angelpunkt der Westfront! Unaufhrlich schickte er seine Schwarzen vor.
Tausende und Abertausende von dunkelhutigen Kadavern verpesteten
monatelang die Luft, bis die gtige Erde, die keinen Unterschied macht
zwischen Schwarz und Wei, sie in sich schluckte. Trotz ungeheurer
Verluste sappte sich der Franzose eigensinnig heran, und endlich lag man
sich an einzelnen Stellen kaum fnf Meter entfernt gegenber. Ein
Ruspern bedeutete den Tod. Nun erst begann der eigentliche Kampf um die
Kuppe.

Man unterminierte gegenseitig die Stellungen und sprengte die Grben
einfach in die Luft. Als der General eines Tages gerade badete, meldete
man ihm, da eine ganze Kompanie in die Luft geflogen sei. Furchtbarer
Morgen! Zuweilen kmpfte man sogar mit Messern und Handgranaten in den
finsteren Stollen unter der Erde.

Wie die Rasenden bekmpften einander die beiden Generale, die fnfzehn
bis zwanzig Kilometer hinter dem Teufelsberg, umgeben von
Stabsoffizieren, Telephonapparaten, Ordonnanzen, Kchen und
bombensicheren Unterstnden in ihren Schlssern hausten.

Frankreich erwartet, da ihr die Trikolore auf der Hhe aufpflanzt!

Die Hhe ist und bleibt in deutscher Hand! Nur ber unsere Leichen,
Kameraden . . . Ja, Kameraden pflegte der General seine Soldaten in
derartigen Befehlen zu nennen. Von Zeit zu Zeit verteilte er mit
feierlichen Ansprachen Eiserne Kreuze.

Schlielich glaubten die Soldaten auf beiden Seiten tatschlich, da sie
um den Angelpunkt der Westfront rangen.

Auf diese Weise entstand der zwlfstckige Friedhof von Quatre vents. --

Herr Herbst keuchte. Seine entzndeten Augen fllten sich mit Trnen.
Zuerst verschwand der kleine Erdgang, dann die Baumstrunke, dann die
wilden erstarrten Schmutzwogen -- aber das schreckliche Bild hatte sich
fr immer in seine Seele eingegraben. Um ein Haar wre eine Trne auf
die kostbare Aufnahme, die der General sich einrahmen lassen wollte --
er kam bis jetzt nur noch nicht dazu -- eine Trne getropft, aber der
General hatte das Bild noch rechtzeitig fortgenommen.

Hier also -- vielleicht war er durch diesen schmalen Erdgang geschritten
--? War es mglich, da er zwischen diesen frchterlichen Erdwogen um
sein Leben kmpfte? War es mglich, da zwischen diesen Erdwogen, diesen
schrecklichen, sein Todesschrei verhallte? Wie? Wie? Wie?

War es mglich, da ein Mensch geboren wurde, um hier zu enden?

Herr Herbst zitterte vor Entsetzen. Allein das Bild dieser Hhe erfllte
ihn mit schrecklichem Grauen.

Er taumelte und rang nach Luft.

Hier also --? stammelte er.

Es waren sehr schwere Kmpfe! sagte der General beruhigend.

Und -- sein Grab, hier --? Die Augen Herbsts waren pltzlich starr und
entgeistert auf den General gerichtet.

Wie beliebt?

Aber -- vielleicht -- ist er gar nicht begraben worden? schrie er mit
schriller Stimme und rang verzweifelt die Hnde. Ja, nun verstand er
alles . . .

Alles!

Wie sollte ein Toter Ruhe finden zwischen diesen entsetzlichen
Wogenbergen? Wie sollte --!

Der General runzelte die Stirn. Aus purem Mitleid hatte er sich mit
diesem alten Mann abgegeben. Nur um berhaupt ein Gesprchsthema zu
schaffen, hatte er ihm die Photographie gezeigt. Die Sttte, wo sein
Sohn gekmpft hatte, konnte wohl sein Interesse finden. So unerhrt es
war, da ein ixbeliebiger Beamter aus der Provinz, ohne viele Umstnde
seine Karte bei ihm abgab, zu ungewhnlicher Stunde, in einem geradezu
skandalsen Anzug, hatte er doch den Umstnden eine Konzession gemacht
und Nachsicht gebt. Nun aber sah er sich veranlat, sich wegen seines
allzu groen Entgegenkommens Vorwrfe zu machen.

Der Gesichtsausdruck des kleinen alten Mannes erschreckte ihn. Es war ja
nicht unmglich, da dieser merkwrdige, vllig unberechenbare alte Mann
--

Erschreckend hnlich war sein Gesicht dem Traumgesicht geworden, das
durch die Scheiben starrte, als es pickte . . .

Es waren auerordentlich schwere Kmpfe -- es ist natrlich gnzlich
unmglich fr einen Laien, sich ein Bild zu machen. Zumal, da Sie ja die
Verhltnisse an der Front nicht kennen. Einen letzten Versuch machte
der General, den kleinen alten Mann zu beruhigen.

Verstrt, entgeistert schwankte Herr Herbst auf seinen dnnen Beinen.

Sie haben also den Befehl gegeben? Und dann mute er -- da hinauf --?
fragte er mit pfeifender Stimme.

Betreten richtete sich der General auf. Drohung ging pltzlich von
diesem verzerrten, kalkweien Gesicht aus.

Was soll diese Frage? rief er, und schon funkelten seine Augen. Seine
Geduld war zu Ende. Genug mit diesem Burschen!

Aber pltzlich funkelten auch die Augen des kleinen Herrn Herbst,
schneewei glitzerten sie. Ha glitzerte aus ihnen, Ha, unergrndlich.

Er warf die Hnde in die Luft, mit einer wilden, erschreckenden
Bewegung, und schleuderte dem General ein frchterliches Wort entgegen.

Mrder!

Der General wich zurck und erbleichte.

Aber der kleine alte Mann schwang wieder die Hnde, und abermals schrie
er: Mrder! Mrder!

Schon aber trat ihm der General mit breiter Brust entgegen. Hinaus!
rief er. Hinaus -- augenblicklich -- oder --!

Pltzlich, ganz unvermutet, war der kleine alte Mann in die Knie
gesunken und hatte die Hand des Generals ergriffen, alles in einer
Sekunde.

Verzeihung, Exzellenz! stammelte er. Verzeihung -- ich -- ich bin --

Ich bin -- betrunken . . .

Ja, in dieser Sekunde fhlte er, da er betrunken war. Sonst empfand er
nichts mehr. Es war ihm klar, der Rausch war zum Durchbruch gekommen,
pltzlich, der Alkohol, sein Teufel, hatte ihm ein Bein gestellt. Er
wollte all das gar nicht sagen, wollte -- ja, was wollte er eigentlich
-- aber er hatte nie und nimmer beabsichtigt, so etwas zu sagen. Wie
konnte er, er machte Besuch --

Der General aber begriff in diesem Augenblick etwas ganz anderes. Dieser
alte Mann war vielleicht betrunken, mglich, aber er war etwas ganz
anderes -- er war geistesgestrt. Einen Geistesgestrten hatte er vor
sich! Alles erklrte sich nun, der Brief, der ungewhnliche Besuch, sein
Gebaren. Ein bedauerlicher Geistesgestrter, das war dieser alte Mann.
Es wrde sich nunmehr darum handeln, ihn mglichst rasch und, ohne
Aufsehen zu erregen, loszuwerden.

Sie sind erregt -- begreiflicherweise -- stehen Sie auf -- sagte er,
um seinen unheimlichen Gast zu besnftigen.

Erst wenn Sie verzeihen, rief Herr Herbst, whrend die Trnen aus
seinen Augen sprangen.

Ich verzeihe Ihnen, natrlich --

Sofort erhob sich der alte Mann.

Es ist ja begreiflich, da Sie erregt sind, fuhr der General fort.
Wir haben alle in diesen Jahren Schreckliches erlebt. Aber ich mu
jetzt bitten, ich habe dringend zu arbeiten . . .

Bitte zu entschuldigen . . .

Anscheinend vllig beruhigt nahm Herr Herbst den Zylinder in die Hand.
Ich bitte zu entschuldigen, Euer Exzellenz -- die Strung.

Aber er blieb an der Tre stehen, hob das noch von Trnen glnzende
Gesicht, und wieder nahmen seine entzndeten Augen einen eigentmlichen
Ausdruck an. Wieder begannen sie zu glitzern.

Jedenfalls -- -- er blieb stehen -- obschon ihn der General mit einer
kleinen stummen Verbeugung entlassen hatte. Der Ausdruck seiner Augen
war unerklrlich. Spott lag darin -- oder -- war es nicht Spott?

Er wartete auf irgend etwas.

                   *       *       *       *       *

Der General, der schon die Absicht ausdrckte, sich am Schreibtisch
niederzulassen, wandte den Kopf. Offenbar, dieser Mann hatte noch etwas
auf dem Herzen, und er wrde nicht gehen, bevor er von dieser Last
befreit war.

Pltzlich erriet der General. Diese geheimnisvollen Andeutungen in
seinem Brief! Diese anfangs vllig unverstndliche Anspielung, die
pltzlich einen gewissen Sinn zu bekommen schien. Es war ja sogar
mglich, da dieser Geisteskranke tatschlich im Besitz eines
Geheimnisses war.

Sie wollten mir -- begann der General erneut, etwas betreten, indem er
sich voll gegen Herrn Herbst wandte -- Sie schrieben seinerzeit etwas
von meiner Tochter -- irgend etwas, ich erinnere mich nicht mehr --?
Der General stockte.

Das gndige Frulein --? Es war der gleiche Ausdruck, den er in seinem
Brief anwandte.

Der General hatte richtig geraten. Herr Herbst hatte tatschlich auf
diese Frage gewartet -- aber nicht um sie zu beantworten!

Der Ausdruck in seinen Augen, dieser Schimmer von Spott steigerte sich
zum Hohn. Er legte den Kopf auf die Schulter, lchelte . . . hhnisch,
triumphierend, wieder wurden die gelben Zahnstumpen sichtbar. Er fing
sogar an, leise zu lachen.

Ich wte nicht, Exzellenz . . .

Guten Abend! sagte der General kurz. Und mit einer spttischen
Verbeugung verabschiedete sich Herr Herbst.

Kaum hatte er das Haus verlassen, so fegte ein Donnerwetter durch die
Diele.


8

Wie ein blutiges Nordlicht flammte die sinkende Sonne zwischen finsteren
Wolken. Durch die Torbogen des Brandenburger Tors schleuderte sie rote
Glutkegel, die die Linden berfunkelten. Huser und Menschen brannten
dster, und dster brannte das Schlo am Ende der Linden. In den
Schaufenstern der Luxusgeschfte flammten die Brillanten, Perlen,
Diademe, Orchideen, goldenen Schalen und Prunkgefe.

In seinem weiten abgenutzten Soldatenmantel strich Ackermann, der
Student, die Linden entlang, dicht an den Lden vorber mit den
Orchideen, Perlen und Prunkgefen. Er sah sie nicht.

Sein Mund zuckte.

Dies ist die Stunde, dachte er -- ja, dies ist die Stunde, da die
Sterbenden noch einmal die Augen aufschlagen, um den hohen Himmel zu
gren. Erinnerst du dich -- dieser Blick aus schlafschweren Augen? Dies
ist die Stunde, da die Verwundeten gierig das scheidende Licht mit ihren
fiebernden Augen trinken, denn einen Augenblick spter kommt schon die
Nacht mit ihren Ungewiheiten, dem Gewimmer, Sthnen und Miauen im
Krankensaal.

Dies ist die Stunde, da die Gefangenen in all den hundert Lagern, von
_Menschen_ errichtet, um _Menschen_ gefangenzuhalten, noch einmal an den
Stacheldrhten entlangstreichen wie Tiere, bevor man sie in ihre Hhlen
zurckjagt, da die Hnde von Hunderttausenden von gefangenen
Menschentieren sich verkrampfen um den kalten Draht. Ja, dies ist die
Stunde des schrecklichen Sterbens -- in Flandern und Frankreich, in
Italien, Mazedonien und der Trkei, berall in dieser ganzen verfluchten
Welt.

Dies ist die Stunde, da das Elend der ganzen Welt sich vertausendfacht
-- da das Gespenst des menschlichen Elends sich riesengro ber der Erde
erhebt . . .

Ackermann watete durch die gespenstisch rote Lichtflut des sinkenden
Gestirns. Blut, nicht Schein der Sonne, Blut, das von den
Schlachtfeldern hereinstrmt in diese Stadt und tglich steigt wie ein
Meer. Er roch das Blut, er fhlte seine dampfende Wrme, genau wie
damals in Flandern, als ihn dieser dicke Blutstrahl traf, der aus der
Halsschlagader eines getroffenen Kameraden spritzte -- und dann, ja, als
sein eigenes Blut ber ihn strmte. Es rann ber die Scheiben der
Schaufenster, es quoll aus den Haustren, berschwemmte die Straen, das
Schlo -- dort unten -- schon feuchteten sich die dicken Steinmauern --

Blutige Gespenster strzten an ihm vorbei. Schon wateten die Menschen in
der roten Flut bis an die Brust, sie fhlten es nicht. Bald wird sie bis
an ihre Lippen steigen. An ihren Wimpern hing das Blut, ihre Hnde
frbte es rot.

Erst Lgner, dann Ruber, dann Mrder -- das sind die Vlker Europas
geworden! Dunkel rauscht die Menschheit dahin, ein Strom in der
Finsternis, der nicht sein Ziel kennt . . .

Und du, Herr, ber den Finsternissen?

Weshalb zgerst du?

Verzweiflung zerbrach ihn, Qual und Schmerz zerrissen sein Herz. Sein
Hirn blutete, sein Hirn zersprang.

Ja, weshalb?

Pltzlich tastete er nach der Hauswand. Deutlich hatte er gesprt, wie
er zu sinken begann, wie der wirbelnde Blutstrom ihn mit sich forttrug
. . .

Bringe Erlsung dieser Erde! Fhre sie zurck auf deinen Weg!

Wann wirst du das Signal geben?

Sprich!

Wer wird es rufen -- das erste Wort?

Mut! Mut!

Pltzlich hob ihn der weite Mantel in die Hhe, und er schwebte dahin.
Durch unendliche gleiende Helle brauste er, ber blendende Ebenen,
hingegeben einer unbekannten Wollust . . .

Da fate jemand seinen Arm und schttelte ihn.

Sie werden doch nicht fallen? sagte die Stimme eines Mannes.

Nun sa er, noch etwas betubt, auf einer Treppe, ganz in der Nhe des
Schloplatzes.

Rasch kam er wieder zu sich. Seit seiner letzten Verwundung litt er an
Schwindelanfllen. Zuweilen war er auch schon bewutlos zu Boden
gestrzt.

Die Sonne verglhte und zog ihre Glutkegel zurck. Bleich und fahl trieb
die Viktoria auf dem Brandenburger Tor ihr Triumphgespann vorwrts.
Schon schob sich die schwarze drohende Finsternis herauf ber die
Riesenstadt, um sie zu vernichten. Die Nacht war nahe.

Dster lag das Schlo, kalt, leblos. Tod und Nacht strmten von ihm aus,
Klte und Ha. Ringsum die Denkmler, die finstern Reiter aus Erz mit
ihren Marschallstben standen wie Schatten.

Wo immer sie ihre Hufe hinsetzen auf Erden, diese Rosse aus Erz mit
ihren finstern Reitern, entweichen die freundlichen Geister!

Aber auch sie werden dahinschmelzen im Blicke seines Zorns. --

Ackermann erhob sich. Es wurde kalt. Die Schatten wurden dichter und
krochen nher.

Er berquerte den Schloplatz, berschritt die Brcke und wanderte der
finstern Vorstadt zu.

1914 hatten sie gestrmt, bei Langemark, mit dem Liede: Deutschland,
Deutschland ber alles. Man hatte sie in die englischen
Maschinengewehre gejagt. Wie viele waren zurckgekommen? Einer der
wenigen war er. Wieviel war seitdem geschehen!

Wie Hunderttausende war er zu den Fahnen geeilt -- wie Hunderttausende
in dem Wahn, sein berfallenes Vaterland zu schtzen.

Wie Hunderttausende hatte er sich dem Tode entgegengestrzt, wie
Hunderttausende hatte er gemordet. Wie Hunderttausende war er der
Verzweiflung nahe gewesen und hatte er den Tod herbeigesehnt. Wie
Hunderttausende der armen Teufel aller Nationen hatte er in dem Wahne
gelebt, einer heiligen Sache zu dienen.

Im Laufe der Zeit aber war er zur Erkenntnis gekommen, da Deutschland
nicht berfallen worden war, sondern eine Handvoll eitler Scharlatane
den Krieg provozierte. Aber auch das war ja nicht richtig. Ein Jahr
spter hatte er sich zur Erkenntnis durchgerungen, da alle Vlker, die
sich heute zerfleischten, gleichermaen schuldig waren.

Pltzlich, in einer Nacht im Bahnhofslazarett von Sedan -- er erinnerte
sich noch deutlich dieser entsetzlichen Nacht voller Sthnen und
Gejammer -- sah er Europas wahres Gesicht! Es war das Haupt der Medusa!

Bis ins Mark entsetzt, starrte er in diese furchtbare Maske -- Lge,
Lge, Lge! Jede Linie Lge!

Verbrechen, Habgierde, Heuchelei, Schamlosigkeit, das war Europa, nichts
sonst. Die europischen Grostaaten hatten das Raubritterwesen ins
Gigantische gesteigert. Gesttzt auf ihre Heere und Flotten plnderten
sie die Erde, versklavten sie alle Vlker des Erdballs, gelbe, braune,
schwarze -- um sich endlich, argwhnisch und gierig, gegenseitig selbst
zu zerfleischen. Diese weie Rasse war die verruchteste aller Rassen,
die den Planeten bewohnte. Ganze Rassen hatten sie ausgerottet -- aber
in ihren zoologischen Grten pflegten sie seltene Gazellenarten. Mehr
als das: sie versklavten die eigenen Vlker! In Schulen, Kasernen,
Kirchen, Fabriken erzogen sie den willigen Sldling! In Schulen,
Kasernen, Kirchen, Fabriken vernichteten sie den europischen Menschen,
tglich, stndlich, seit Hunderten von Jahren.

Ihre Priester standen auf den Kanzeln und predigten: Was ntzte es dir,
wenn du die ganze Welt gewnnest und nhmest Schaden an deiner Seele?
War es mglich? Ihr ganzes Tun ging ja darauf hinaus, die Welt zu
gewinnen, und die Seele mochte zur Hlle fahren.

Entsetzliche Verwirrung der Geister! Wer frderte sie? Wer zog Nutzen
aus ihr? Die herrschenden und die besitzenden Klassen.

Die Vlker selbst, sie waren nur Verfhrte, verfhrt durch kunstvolle
teuflische Systeme.

1914, im Sptherbst -- deutlich erinnerte er sich dessen -- begannen die
Fronten zu fraternisieren. Man kam zusammen -- plauderte, tauschte
Kleinigkeiten, diese armseligen Kleinigkeiten des europischen Sklaven
-- ganz von selbst keimte in den Herzen der einfachen Soldaten die
Kameradschaft und Liebe empor. Eine Versammlung einfacher Feldsoldaten
htte in drei Tagen Frieden geschlossen. Die Gewaltigen duldeten es --
aber sobald Nachschub und Munition wieder gesichert waren, befahlen sie
den europischen Sklaven, sich wieder gegenseitig zu zerfleischen.

Schwarzweirot, blauweirot, der Union Jack -- frech wehten die
Standarten der Raubritter, und die weien Sklaven beteten sie an.

Dunkelheit -- Verfinsterung, kein Ausweg . . .

Menschen zitterten vor Menschen. War es mglich? Ackermann hatte
Gefangene gesehen, die auf den Knien um ihr Leben flehten -- wohin war
es gekommen?

Er verhllte vor Scham sein Gesicht.

Schreckliche Jahre, schreckliche Tage -- ein Tag frchterlicher als der
andere!

Und kein Ausweg! Nein!

Weiter rollt die Lawine, in Bewegung gesetzt von Gehirnen, die lngst in
der Erde modern. Weiter rollt sie, zerschmettert Lnder, Stdte,
Generationen.

Europa war ein eiterndes Geschwr, das die Erde vergiftete. Oft schien
es Ackermann, als habe Gott sein Antlitz abgewandt: das einzige, was
euch gebhrt, vollzieht es: schlachtet euch gegenseitig. Haubitzen,
Mrser, Gase, Fliegerbomben -- geht unter -- rasch, rasch, verschwindet
. . .

Da begann -- unerwartet -- aus dem Osten ein Licht zu strahlen . . .

Seit den Somme-Schlachten war Ackermann nicht mehr fr den Felddienst
geeignet. Er hinkte und litt an Ohnmachtsanfllen. Er wurde in ein
Gefangenenlager zur Bewachung von Menschen kommandiert. Hier schlo er
Freundschaften mit Gefangenen, er versuchte seine Kameraden aufzuklren.
Er wurde wegen pazifistischer Umtriebe angeklagt und entging mit
knapper Not dem Gefngnis. Und zwar nur aus dem Grunde, weil die
Gefngnisse zu dieser Zeit schon berfllt waren. Man schob ihn
kurzerhand zum Regiment ab, und das Regiment kommandierte ihn nach
Berlin, wo man Schreiber und Ordonnanzen zu Tausenden in den unzhligen
Kriegsmtern brauchte.

Hier traf er in einer Speiseanstalt -- -- Ruth!

Wie? Wer war es? Wo hatte er sie schon gesehen? Wann?

Da erinnerte er sich: es war in einem Lazarett in Cambrai. Man hatte ihn
abends dahin gebracht, und in der Nacht erwachte er -- zu seinem groen
Erstaunen -- in einem Krankensaal. Er hatte an diesem Tage den Tod
gesucht -- besser gettet zu werden als zu tten. Da hatte ihn eine
Handgranate zu Boden geworfen.

Da lag er nun in einem halbdunkeln Saal. Franzosen, Englnder, Kanadier,
Farbige, hier waren sie nun alle vereint. Neben ihm sa ein Schwarzer im
Bett, dem der Unterkiefer weggerissen war, und keuchte aus einem
blutigen Watteklumpen. Sthnen, Winseln, Fauchen, halblautes Lallen. Wie
ber alle Lazarette, war auch ber diesen Saal jene unbegreifliche
Ergebenheit gebreitet. Sie alle, die hier lagen, fhlten, da es ihr
Schicksal war, gegen das es keine Auflehnung gab. Die Schlacht war
gekommen, weil es so sein mute, sie waren verwundet worden, weil es so
sein mute, und sie wrden sterben, wenn es beschlossen -- war.

Auch ber ihn war diese gleiche rtselhafte Ergebenheit gekommen, die
jeder Verwundete kennt, der im Lazarett aufwachte.

Da -- pltzlich -- sah er eine Gestalt, eine kleine Gestalt, eine
Schwester. Sie stand mit dem Gesicht gegen die Wand, der Lichtschein
streifte sie -- sie prete das Taschentuch gegen das Gesicht, ihre
Schultern bebten -- sie weinte. Lange beobachtete er sie. Sie weinte
. . .

Auch Ruth erkannte ihn wieder.

Ruth sagte: Sie schrien im Fieber immerzu -- fsiliert mich! Die
einzige Ehrung, die Europa bieten kann, ist fsiliert zu werden!

Sagte ich das?

Ja, Sie sagten noch ganz andere Dinge. Sie sagten viele Dinge, die
schon lange in mir schlummerten.

Sie --?? Aber Sie sind doch die Tochter eines Generals?

Ja! -- Was hat das zu sagen?

So wurden sie Freunde.


9

Seht, ein Mensch! Er steht gegen ein Haus gelehnt und weint!

Pltzlich aber weicht das Haus zurck -- sollte man es fr mglich
halten -- ein vierstckiges Haus weicht dem Druck eines schmalen
Rckens? Es weicht zurck, und der Mensch strzt der Lnge nach zu
Boden. Sein Zylinder rollt, rollt in unendliche Fernen.

Schon kommen die Kinder. Ein Zylinder! Sie spielen Fuball damit.
Welches Gelchter! Aber die Kinder, selbst sie, haben Mitleid, nicht mit
dem kleinen alten Mann, sondern mit dem Zylinder.

Ein Junge bringt ihn zurck. Der kleine alte Mann kramt in der Tasche,
sucht einen Groschen -- aber pltzlich luft er in einer
unverstndlichen Kurve ber den Fahrdamm und rennt gegen das Pferd einer
Droschke, das selbst Mhe hat, sich auf den Beinen zu halten. Die
Peitsche flitzt durch die Luft. Und die Kinder kreischen vor Vergngen.

Herr Herbst lag in seinem Bett und rchelte im Halbschlaf. Nacht,
Finsternis, er hatte keine Lust zu erwachen. Wie lange war er unterwegs
gewesen, wo hatte er getrunken, wie lange hatte er geschlafen? Er wute
es nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Nur schlafen. Schmach,
Schmach, nichts als Schmach, sobald er erwachte.

Stimmen raunten hinter der Wand, zischelten, flsterten. Wie in jeder
Nacht wanderte Hhnleins Schritt ruhelos hin und her. Wie lange werden
sie es noch ertragen? dachte Herr Herbst in seinem Bett. Nicht mehr
lange! Er lauschte auf die raunenden und zischelnden Stimmen, labte sich
an dem fremden Elend, um nicht an seine eigene Verzweiflung denken zu
mssen.

Hhnlein rief Gott zum Zeugen an, da dieses Leben selbst ein Hund nicht
lnger ertragen wrde. Er hatte Dienst, Dienst, immer Dienst, seit drei
Jahren, zweimal verwundet, und seine Frau nhte sich die Augen blind.
Und seine Frau hustete nachts die ganze Wand voll Blut. Und whrend er
Dienst machte, verhungerte seine Familie zu Hause. Seine Frau hatte auf
Zeitungen entbunden, verlassen, hilflos, wie ein Tier in einem Winkel.
Nicht einen Tropfen Milch, nicht einen Teller Suppe, nichts. War das
Gerechtigkeit? War das mglich berhaupt? Ja, eine Milchkarte hatte sie
gehabt, aber keine Milch, so war es! Und die Kinder, drei und vier Jahre
alt, sie konnten noch nicht einmal gehen, die Knochen waren krumm
gebogen, die Schdel ganz weich. Was fr eine Welt war das? Aber die
kleine Zinnkanne, die hatten sie abliefern mssen, sonst htte man sie
eingesperrt. Und die Kinder schliefen auf Papier und Lumpen. Wo war man?
War man noch auf der Erde oder schon in der Hlle?

Nein, nicht mehr lange!

Hhnleins heisere Stimme glitt in die Ferne, tiefer rchelte Herr
Herbst, gleichmiger, der Schlaf wollte wieder zurckkehren.

Da sah er -- in verschwommenen Umrissen -- die entsetzlichen Wogenberge
aus erstarrtem Schmutz wieder, mit den zersplitterten Baumstrunken und
dem schmalen Laufgraben, der sich zwischen den Wogenbergen verlor.

Er chzte und drehte sich auf die andere Seite.

Aber auch hier waren sie, diese entsetzlichen Wogenberge. Nur -- siehe
da! -- sie waren nicht mehr starr, sie regten sich, bewegten sich.
Erdschollen schoben sich in die Hhe -- Rcken, Arme, Hnde, Beine
wurden sichtbar -- in verschwommenen Umrissen -- was war das? Sieh nur
schrfer hin, und du wirst es erkennen. Ja, es waren Menschen! Deutlich
zu sehen, lehmbeschmierte Menschen, Soldaten, die von den Lehmbergen
verschttet waren und sich stumm und verzweifelt abmhten, sich aus der
Erde zu whlen.

Er chzte und setzte sich im Bett aufrecht. Da sah er Robert vor sich,
und Robert trug einen solchen zerfetzten Lehmberg auf dem Rcken, und
der Lehmberg prete ihn zu Boden.

Ich ertrage es nicht mehr! schrie in diesem Augenblick Hhnlein. Um
Christi willen! wimmerte die Frau und hustete.

Robert war verschwunden. Dunkelheit, Nacht, dort das Fenster, das Zimmer
war leer.

Herr Herbst wischte sich den Schwei von der Stirne.

Schmach, nichts als Schmach . . .

Er kroch unter die Decke, und nun kam der tiefe Schlaf ber ihn. -- --

Spt an diesem Abend, es war nahe an Mitternacht, kehrte der General von
Dora zurck. Er brummte gutgelaunt vor sich hin. Wie gewhnlich hatte
Doras Frohsinn ihn aufgeheitert. Auch der Spaziergang durch die Nacht
hatte ihm gutgetan.

Wie ein Bad wirkte die Heiterkeit dieser Frau auf ihn. Wie ein
erfrischendes Bad! Wunderbar -- ihr Lachen -- nichts nimmt sie tragisch,
eine Knstlernatur, eine Philosophin! Wir Mnner dagegen . . .

Ja, Dora, sie allein verstand es, das Leben zu nehmen, man konnte lernen
von ihr -- obschon sie nur eine Frau war, ja --

Kaum aber flammte das Licht in seinem Arbeitszimmer auf, so erinnerte er
sich wieder an die peinliche Szene von heute nachmittag, und
augenblicklich war seine gute Laune wieder verschwunden.

Das hhnische Lcheln, der hhnische Blick des kleinen geistesgestrten
Mannes schwebten noch irgendwo in der Luft des Zimmers. Ich wei, sagte
das hhnische Lcheln auf den dnnen Lippen, wei, aber ich spreche
nicht. Wie heute nachmittag legte sich das fahle kleine Gesicht zur
Seite, das eine Auge wurde grer als das andere, das Lid zog sich in
die Hhe, und dieses grere Auge blinkte von Spott und Hohn.

Unruhe erfllte den General.

Nein, kein Zweifel, dieser kleine Geistesgestrte war im Besitze eines
Geheimnisses, das Ruth betraf. Der Ausdruck seiner Augen war nicht
mizuverstehen. Vielleicht eines Geheimnisses, das Ruth, das die Familie
kompromittierte? Unverstndlich war ihm in diesem Augenblick seine
Tochter, rtselhaft, fremder als der fremdeste Mensch, den er nie in
seinem Leben gesehen.

Morgen wrde er mit Ruth ein ernstes Wort sprechen! Ihre Eigenwilligkeit
verriet einen bedauerlichen Mangel an Pflichtgefhl ihrer Familie, dem
Geschlechte der Hecht-Babenberg, gegenber. Es gab schwerlich eine
Verbindung, die das Ansehen der Familie mehr gehoben htte,
gesellschaftlich und materiell, als die Heirat mit Baron Dietz, der eine
blendende Laufbahn vor sich hatte. War es nicht auffallend, der Krieg
schien die Grundpfeiler des Gesellschaftsgebudes zu erschttern? --
Allenthalben hnliche Symptome -- Miheiraten, Eheirrungen, Scheidungen
-- der Oberst Schulendorf, zum Beispiel, kommt nach Hause und findet --
Skandal! Bredows Sohn hat sich im geheimen trauen lassen, er fllt,
pltzlich meldet sich die Witwe -- eine vllig unbekannte Person,
frhere Schauspielerin, stellt Forderungen. Allein im Rheinsbergschen
Familienverband zwei Scheidungen in kurzer Zeit.

Ja, auffallend, Hunderte von Beispielen fielen ihm pltzlich ein --
allein aus dem Kreise seiner Bekannten. Erschreckende Symptome der
Zersetzung. War die Generation der Gre der Zeit nicht gewachsen?

Keine Nachsicht mehr, nein, nein, morgen, sobald sich die Gelegenheit
bietet, werde ich mit ihr sprechen.

Und dieser alte Mann? Lassen wir ihm seine Freude. Nichts wird ja
leichter sein, als Aufklrung zu erhalten, jede gewnschte Aufklrung.

Schon einmal hatte er -- frher . . .

Der General machte Toilette fr die Nacht. Nachdenklich musterte er
Hnde und Gesicht, jede Falte.

Mehr Bewegung -- und alles war in Ordnung!

Schon schlief er.

                   *       *       *       *       *

Schwere Kmpfe! Auerordentlich schwere Kmpfe! Mitten in der Nacht
setzte sich Herr Herbst pltzlich im Bett auf und knarrte mit breiter,
selbstgeflliger Stimme: Schwere Kmpfe, auerordentlich schwere Kmpfe!

Warte nur, du Hoffrtiger! Warte nur. Hte dich -- ein alter Mann --
aber hte dich --!

Dann sank er wieder in Nacht und Bewutlosigkeit, zusammengerollt zu
einem kleinen Kleiderbndel.

Am Nachmittag schien die Sonne ins Zimmer, aber immer noch lag das
kleine Kleiderbndel regungslos auf dem Bett. Erst gegen Abend fing es
an, sich unruhig zu bewegen. Die Hnde zerrten an der Decke, zogen sie
dicht um den Krper. Der Schlfer fror. Klte, schreckliche Klte
hauchte von dem Gebirge aus, das er erblickte. Ein Strom von Eis. Nacht,
Winter, wie? Und er kniete vor dem Gebirge und erstarrte, whrend er die
Hnde ausstreckte. Nun schien es heller zu werden, es tagte, die Sonne
schien aufzugehen. Das Gebirge begann allmhlich zu erglhen, es glhte
rot, nur Stein, zerrissen, verwittert.

Pltzlich aber verschoben sich Felsen, Riesenblcke zitterten -- das
Steingebirge wandelte sich zu einem Gesicht.

Der Schlfer erbebte. Deutlich fhlte er, da er bald aus der
Bewutlosigkeit auftauchen wrde. Nur noch eine Idee brauchte er hher
zu tauchen, und schon wrde er an die schwarze, schwere Schicht von
Schmach stoen, die auf ihm lastete. Zu spt! Sie sank herab zu ihm, die
schwere Schicht von Schmach, berhrte ihn, drckte ihn zu Boden.

Da! Er war wach. Der barmherzige Rausch war verflogen. Und da war sie
wieder . . .

Betubt sa er da. Es dunkelte schon.

Schmach, nichts als Schmach!

Er war gedemtigt worden, zertreten, zu Boden geworfen und mit den Fen
getreten. Schwere Kmpfe, auerordentlich schwere Kmpfe -- Tausende,
Hunderttausende -- -- ja, man hatte ihm einen Sessel angeboten, ihm ein
Bild gezeigt -- trotzdem! Worin aber bestand die Schmach eigentlich,
wie?

Nein, nicht das war es, da er gerufen hatte: Hinaus mit Ihnen, oder ich
lasse Sie abfhren.

Das nicht, nein. Schlecht hatte er sich ja benommen.

Trotzdem: zu Boden geworfen und mit Fen getreten.

Horch! Stimmen. Sie sind da, die jungen Leute -- bei ihm! Und da, da --
hrst du? Laut und erregt schwirrten die kecken, jungen Stimmen nebenan.

Aufrecht sa er im Bett und hielt den Atem an.

Ja, auch sie war da!

Hoffrtiger -- nichts als ein alter Mann -- vielleicht bereust du noch,
wer wei es? -- Und du -- Sanfte, Bleiche -- deine sanften Augen werden
weinen mssen -- es mu sein --

Pltzlich erstarrte er vor Entsetzen. Eine laute verzweifelte Stimme
gellte durch das Haus. Hilfe! Hilfe! Es war Frau Hhnlein.

Sofort schwiegen die schwirrenden Stimmen nebenan. Eine Tre schlug,
Schritte eilten. Eine Faust pochte gegen Hhnleins Tre, und Ackermanns
Stimme fragte: Was gibt es?

Nichts, nichts, Ackermann! antwortete Hhnlein mit einem keuchenden,
verlegenen Auflachen. Meine Frau ist erschrocken. Sie dachte -- nichts,
nichts --




Viertes Buch


1

Ali Baba und die vierzig Ruber!

Endlich war Doras berhmter Abend gekommen. Dumpf lockte die Trommel --

Mit einem kleinen Aufschrei wich Hedi zurck. Ein fetter Neger, mit dem
Gesichtsausdruck eines Orang-Utans, schlug den Vorhang auseinander und
fletschte ihr die Zhne entgegen: Ali Baba heit dich willkommen!

Er tut dir doch nichts, lachte Klara und schob Hedi vorwrts.

Die mchtigen, nackten Arme und Beine des Negers funkelten. Hellrot
waren seine wulstigen Lippen gemalt. Dora selbst hatte ihn hergerichtet.
Ein zweiter Neger half aus den Mnteln. Er war jung und schlank, heller
von Farbe, sein Gesicht drollig und hbsch. Auch er ging barfu und trug
nur ein kurzes, rot und gelb gestreiftes Rckchen.

Hinter Vorhngen, irgendwo, schrillten Pfeifen.

Wieder ertnte der Schrei einer Dame im Entree. Ein zottiger Br schob
sich an Hedi vorber, und daraus schlte sich eine zierliche,
halbnackte, nilgrne Trkin. Grfin Heller. Abendmntel aus kostbaren
alten Brokaten, antiken Samten, japanischen Stickereien, ehemaligen
Kirchengewndern -- und Fabelwesen entstiegen ihnen: Prinzessinnen,
Haremsdamen, Odalisken in Seide, Tll, Schleiern, mit goldenen, roten,
grnen Schuhen, Schuhen mit langen Silberschnbeln und blitzenden
Steinen. Wohlgerche und der Duft gepflegter Frauenkrper gingen von
ihnen aus.

Hedi zitterte vor Erregung. In fieberhafter Hast verhllte sie das
Gesicht mit dem Schleier, wie Doras Vorschrift es verlangte. Doppelt
begierig blitzten nun ihre Augen.

Hedi war ganz in durchsichtige Silberschleier gehllt. Ihre jungen
Brste lagen nahezu vllig frei. Zwischen dem silbernen Jckchen und den
faltigen Pluderhosen aber war sozusagen gar nichts. Ein Hauch von Tll.
Das war Hedis hchsteigene Erfindung.

Wegen dieses etwas khnen Kostms war es heute nachmittag -- schon am
Nachmittag begannen die Damen mit der Toilette -- zwischen den beiden
Schwestern nahezu zu Ttlichkeiten gekommen.

Pltzlich erklrte Klara rund heraus, da sie _so_ nicht mit Hedi gehe!
Wie?

Ja, so! Du bist ja vllig nackt! Es ist skandals einfach!

Wie? Ein Kostm, das das Taschengeld eines halben Jahres verschlang!
Hedi war tdlich verletzt.

Das ist ja gerade das Orientalische, schrie sie aufgebracht. Was
versteht ein Kind von solchen Dingen? Und du -- was soll das werden, du
meine Gte?

Ein sehr einfaches Kostm aus hellgrauer Seide hatte Klara sich
zurechtgemacht. Dazu sollte noch ein schwarzes Spitzentuch kommen, das
ihr Gesicht bis zu den Augen verbarg.

Ich bin eine trkische Witwe!

Eine Witwe?

Ja!

Du bist lcherlich, Klara, und wirst auch mich noch lcherlich machen!
Zum ersten Male hre ich, da man als Witwe auf einen Ball geht.

Aber ich gehe so!

Blamiere dich ruhig! Emprend war Hedis Lachen.

Dann gehe ich berhaupt nicht, ich habe sowieso nicht die geringste
Lust! schrie Klara und begann sich wieder auszukleiden. Sie warf die
Schuhe wtend unter das Bett.

Hedi erbleichte. Nun gut, mein Liebling. Papa wird auer sich sein,
wenn er dich nicht dort findet. Ich werde ihm aber dann die Geschichte
erzhlen, die du mit dem kleinen Fliegerleutnant hast, warte nur!

Sie hatte Klara ins Herz getroffen. Und du? schrie Klara und funkelte
die Schwester mit drohenden Augen an.

Und ich? Was soll mit mir sein?

Sage nur ein Wort, und ich werde es Papa erzhlen. Ich wei mehr, als
du glaubst.

Was weit du, nichts weit du.

Nun, ich werde Papa erzhlen, da du einen Brillantring bekommen hast.
Woher hast du diesen Brillantring? Und weshalb gehst du immer in den
Kaiserhof?

Jetzt war die Reihe an Hedi, auer sich zu sein.

Das ist doch unerhrt! schrie sie rasend. Du weit so gut wie ich,
da man mir den Ring anonym mit der Post geschickt hat. Ich schwre --

Hier also wre es nahezu zwischen den Schwestern zu Ttlichkeiten
gekommen.

Nun aber waren sie doch hier. Dumpf lockte die Trommel, und Hedis Herz
pochte.

Unaufhrlich strzte Petersen mit dem Schirm die Treppe hinab. Es
regnete etwas.

Droschke um Droschke klapperte die stockfinstere Lessingallee herauf zur
roten Backsteinvilla. Dazwischen kam auch ein Gespenst von einem Auto,
das auf eisernen Rdern wie ein Tank rasselte und die ganze Strae mit
Qualm und Gestank erfllte.

Schlielich, etwas spt am Abend, rauschte auch eine elegante feldgraue
Limousine heran, mit wunderbaren Lampen, die alle Villen der
Lessingallee magisch beleuchteten. Und -- viel spter noch -- fuhr eine
zweite Limousine vor, ein schwarzlackiertes Auto mit einem Chauffeur in
Livree, das gnzlich lautlos dahinglitt und selbst die Limousine des
Generals weit in den Schatten stellte.

Ali Baba heit dich willkommen!

Der General prallte zurck. Seit seiner Kindheit hatte ihn niemand mehr
geduzt. Und nie in seinem Leben hatte ein Schwarzer es gewagt, ihn
anzusprechen.

Drollige Einflle hatte diese Dora!


2

Hedis Herz pochte vor wilder Erregung.

Die Liebe, meine seste Prinzessin --.

Dumpfe Trommeln und schrille Pfeifen. Rote, grne, gelbe Riesenlampen,
Zelte, Diwane. Die Musiker trugen scharlachrote Turbane und
grnspanfarbene Gesichtslarven mit langen Fransen. Sie hockten auf einem
Diwan in der Ecke.

Schon jetzt herrschte in Ali Babas Ruberhhle Gedrnge.

Ein sonderbares Holzinstrument dudelte, und aus einem bronzenen Dreifu
stieg eine betubende Wolke von Wohlgerchen empor. Die beiden
halbnackten Schwarzen kredenzten Erfrischungen.

Die Liebe, meine Prinzessin -- so banal es klingt, ist eine
Bauernfngerei der Natur, eine Illusion zweier Narren --

Ah!

Genau wie die Ehe eine Bauernfngerei der Gesellschaft ist, eine
Illusion einer Masse von Narren.

Also du glaubst nicht an die Liebe?

Nein, nein, ich glaube nur . . .

Nun?

Darf ich es dir ins Ohr sagen?

Diese geistvolle Unterhaltung fhrten Hedi, die Prinzessin in Silber,
und ein wild aussehender Ruber mit vermummtem Gesicht, in
billardgrnem, durchlchertem Burnus. Sie kauerten dicht nebeneinander
mit angezogenen Beinen auf einem Diwan. Die Prinzessin nherte nun dem
Ruber ihr Ohr, sprang aber sofort auf, als der Ruber ihr sein
Glaubensbekenntnis ins Ohr flsterte.

Pfui, wie hlich!

Auch du nicht stark genug fr die Wahrheit? Enttuscht schttelte sich
das vermummte Gesicht.

Da verbeugte sich ein zerlumpter Bettelmnch vor Hedi und hielt ihr eine
Schale hin, eine ausgehhlte Kokosnuschale, die er an einer dnnen
Kette am Handgelenk trug. Der Bettelmnch war vllig in Tuchlappen von
einem eigentmlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb eingehllt, wie
eine Mumie. Sogar die Arme. Er trug einen orangeroten Turban, mit dicken
grnen Schnren umwickelt. Seine Augen blendeten.

Wer bist du? fragte Hedi und warf eine Zigarette in die Schale. Ihr
Herz stockte.

Der Bettelmnch hob die Schale zur Stirn und verneigte sich. Wieder
blendeten seine Augen.

Wer ist es?

Ich kenne ihn nicht. Gottlob sind alle Gesichter vermummt. Welch eine
herrliche Idee! Um wieviel gewnne dadurch das Leben!

Hedi blickte in die kleinen, raschen Augen des Rubers, blitzende
Pechtropfen. Wer war es, der sich an ihre Fersen heftete und sie nicht
mehr loslie? Seine Keckheit gefiel ihr, auch der Unsinn, den er sagte.
Ein groer Diamant gelblichen Feuers sprhte an seiner kurzfingrigen,
gepflegten Hand.

Schon jetzt glhte Hedi am ganzen Krper. Ja, heute, heute, in dieser
Nacht, mute es geschehen, in dieser Nacht mute es sein! Was mute
geschehen, was mute sein? Das wute sie selbst nicht.

Betrend dudelte das sonderbare Holzinstrument in Hedis kleines Ohr.

                   *       *       *       *       *

Halt, einen Augenblick, Verehrtester!

Professor Salomon zwngte sich blitzschnell zwischen zwei nackten Rcken
hindurch, einem heien, rosafarbenen, mit groen Poren, und einem
khlen, glatten, kantiggeschnittenen, elfenbeingelben, mit verwirrenden,
rabenschwarzen Kruselhrchen im Nacken, blitzschnell und vorsichtig, um
seinen Frack nicht mit Puder einzufetten. Der Professor war trotz Doras
Verbot im Frack. Er fand es entwrdigend, sich mit bunten Lappen zu
behngen. Aber er trug die Rosette des Eisernen Kreuzes im Knopfloch.

Soeben hatte er einen Bekannten erspht, der sich gerade das Auge mit
dem Taschentuchzipfel auswischte. Die Feder eines Kopfputzes war ihm ins
Auge gefahren. Es war ein ganz besonderer Glcksfall, denn der Bekannte
war ein gewaltiger Schrzenjger, so aber war er gezwungen
stillzuhalten.

Das fette Krbisgesicht des Professors strahlte. Es mu leider gesagt
werden, da der Schdel des Professors einem halbausgewachsenen, etwas
gelblichen Krbis mit groen, abstehenden Ohren glich. Professor
Salomon, Grndungsmitglied des Vereins zur raschen Zerschmetterung der
englischen Welttyrannei, Vorstand des Bundes Barbarossa, vorher fast
unbekannt, hatte es whrend des Krieges zu einer Art von Berhmtheit
gebracht. In diesem Krbisschdel waren die wirtschaftlichen Gutachten
entstanden, die die Marine als Unterlage fr den unbeschrnkten
U-Boot-Krieg bentigte. Professor Salomon hatte seine Aufgabe zur
vollsten Zufriedenheit der Admiralitt gelst. Nunmehr bekleidete er
einen einflureichen Posten im Auswrtigen Amt.

Wichtige Neuigkeiten, rief der glnzende Krbis. Die Wissenschaft
triumphiert -- trotz aller Zweifel unserer Anglomanen.

Der mit Diamanten berste Perser, in Ali Babas Gefangenschaft geraten,
schielte ihn hilflos mit seinem trnenden Auge an. Er war ihm vollkommen
ausgeliefert.

Wir haben Meldungen, da in ganz Schottland schon kein Pfund Mehl mehr
aufzutreiben ist, und in Sdwales gab es eine Hungerrevolte, zischelte
der Krbis.

So? Der impertinente Ton wandelte den gelblichen Teint des Krbis
augenblicklich in tiefes Scharlachrot.

Und Sie haben immer gezweifelt, gerade Sie waren immer derjenige! Auf
Grund genauester wissenschaftlicher Unterlagen, vllig einwandfreier
Statistiken --

Der Perser wischte sich die Trnen von den Wangen. Ich pfeife auf
Statistiken, mein Lieber. Das Konversationslexikon gengt mir. Vllig
abgesehen davon --

Vllig abgesehen?

Der Professor verfolgte den fliehenden Perser.

Vllig abgesehen davon --

Hren Sie -- Der Professor versuchte den fliehenden Bekannten
festzuhalten. Die Englnder haben kein Grubenholz mehr. Die englischen
Bergwerke versacken -- Sie entfliehen --?

Der Perser strzte sich verzweifelt mitten in den Malstrom der Tnzer.

Ah, ah, so sind sie, so sind sie alle, murmelte verzweifelt der
Krbis.

Schon hatte er einen neuen Bekannten erspht. Aber gerade, als er sich
ihm nhern wollte, geriet er in einen Wirbel von Foxtrottnzern.

In demtiger Haltung, sich ohne Aufhren verbeugend, ging der zerlumpte
Bettelmnch von Raum zu Raum und rasselte mit der Schale. Seine Brust
keuchte erregt, und seine Augen blinkten in jedes Frauengesicht.

Wer bist du?

Er ging weiter. Seine Augen drangen hinter die Schleier, glitten ber
Hnde, Ohren, Hften, Fe.

Wer bist du?

Pltzlich zuckte er zusammen. Eine Hfte -- nichts als das Wiegen einer
Hfte beim Tanze . . . Ohne jede Rcksicht strzte er sich zwischen die
Tnzer. Laut rasselte er mit der Schale vor einer etwas ppigen
Haremsdame, die wie ein Kolibri in allen Farben schillerte.

Die Haremsdame blieb -- unwillkrlich -- stehen und sah ihm in die
Augen.

Wer bist du?

Aber stumm verbeugte sich der Bettelmnch. Bis zur Erde. Seine breite
Brust wogte unter den Lumpen.

Die Haremsdame lachte -- nur Dora konnte eine derartige Fontne von
Gelchter hervorsprudeln.

Du bist wohl stumm?

Der Bettelmnch nickte. Aber so oft Dora vorberkam, verbeugte er sich
und rasselte mit der Schale, seine blinkenden Augen folgten ihr berall
hin.

Schon war es ihm gelungen, Doras Neugierde zu wecken.


3

ber dem Dunst des Rucherwerks, den wirbelnden Turbanen, Federn und
Schleiern, auf der kleinen Empore, gerade ber den Musikanten mit ihren
grnspanfarbenen Gesichtsmasken, bewegte sich pltzlich ein massiger,
breiter Schatten, der sich dster ber die Decke reckte. Dann schrumpfte
der Schatten zusammen, und ber der Brstung erschien ein breites,
erdfarbenes, glanzloses Gesicht und blickte herab. Alle Blicke wandten
sich nach oben. Der General war gekommen.

Der Ruber im durchlcherten, billardgrnen Burnus deutete mit dem
vermummten Gesicht zur Empore und raunte Hedi eine Bemerkung ins Ohr,
die bei seiner Dame unbndige Heiterkeit auslste. Sie fand ihren
Kavalier schnurrig ber alle Maen. Und so etwas Keckes und
Unverschmtes hatte sie berhaupt noch nicht erlebt!

Fort, fort, er sieht her! Wie herrlich du doch lachen kannst!

In der Tat, das erdfarbene Gesicht auf der Empore hatte die Brauen
hochgezogen.

Der Ruber hielt die linke Hand mit dem gelblichen Brillanten wie zum
Schwure in die Hhe, seine Rechte berhrte Hedis Schulterblatt, schon
tanzten sie. Obschon er sie kaum berhrte, hielt er sie fest wie ein
Schraubstock, unentrinnbar. Und bei gewissen Figuren zog er sie
unvermittelt dicht an sich -- wie nur Ruber es vermgen.

Unterdessen irrte Klara mutterseelenallein und tief unglcklich in der
labyrinthischen, farbenlohenden Hhle Ali Babas umher. Jeder Schlag der
dumpfen Trommel traf ihr Herz, die Pfeifen schrillten Verzweiflung.
Sobald aber das sonderbare Holzinstrument zu dudeln anfing, hielt sie
sich die Ohren zu und entfloh in die fernsten Winkel. Aber berall waren
diese verrckten Vermummten, in den entlegensten Winkeln. Aus allen
Ecken und Dunkelheiten winkten weie Arme und Hnde, blendeten heie
Augen. In einem rotglhenden niedern Raum -- Ali Babas Opiumhhle --
kauerten sie in Scharen auf dem Teppich. Das Herz der kleinen trkischen
Witwe pochte gegen den Brief, den sie im Mieder trug -- heute morgen war
er gekommen.

Pltzlich sah sie aus einer Nische ein Paar Augen auf sich gerichtet,
unendlich sanfte Augen voller Trauer, und sie versank angezogen in ihre
Betrachtung. Sie hob die Hnde, auch die Erscheinung in der Nische hob
die Hnde. Sie berhrte Glas.

Du bist es -- Klara? fragte sie, und die Erscheinung stellte die
gleiche Frage.

Da aber griff pltzlich eine gespenstische, grne Hand nach dem
Spiegelbild, und sie schrak zusammen. Doch niemand war da. Eine
Heiligenfigur, die ein Buch schwang, stand dem Spiegel gegenber, und
durch den wehenden Vorhang war ein Lichtstrahl auf die grne Hand des
Heiligen gefallen.

Wunderbar . . . Heinz hatte oben in der Luft ihr Gesicht im ther
dahinfliegen sehen. Es flog neben ihm her, genau so schnell wie die
Schwalbe. So hie seine Maschine.

Der Brief brannte auf ihrem Herzen.

Wir sind ja jung! Vor uns liegt das Leben, vor uns liegt die Zukunft.
Ich liebe dich, du Teuerster!

Und der Brief glhte.

Schon taumelte sie wieder erschrocken zurck. Durch die Luft kam
kopfber ein Mensch geflogen, ein Mensch, merkwrdigerweise in Uniform,
mit staubgrauem Gesicht und fiebrisch glnzenden Augen. Feuerwalze,
Feuerwalze! schrie erschrocken ein Chor von Stimmen. Er hat sich das
Genick gebrochen!

Die fiebrischen Augen wandten sich der kleinen, grauen Witwe zu. Du
weinst ja -- sagte der Uniformierte verwundert, und schon zuckte eine
Hand nach ihr.

Aber schon floh Klara. Zwischen Vermummten hindurch, eine kleine Treppe
hinauf. Pltzlich hielt sie inne: in einem Sessel sa der General. Auch
fr ihn gab es weder Tanz noch Musik. Zusammengesunken sa er, den Blick
in sich zurckgezogen.

Dster brannten seine Augen.

Er hatte sich frher auf Festen gelangweilt, heute bedrckten sie ihn.
Musik weckte Melancholien, frhliches Gelchter Trauer. Er war ja nur
hierhergekommen, um Dora nicht zu krnken -- und um womglich einige
Worte mit einer hochstehenden Persnlichkeit zu wechseln, die ihr
Erscheinen zugesagt hatte. Voller Verachtung blickte er auf diese Narren
herab, die sich in bunte Lappen hllten. Die Frauen begriff er noch zur
Not -- es war ihre Natur -- aber die Mnner --? Whrend das Brllen der
Kanonen eine neue Epoche der Geschichte verkndete?

Durch eine schmale Tapetentr schlpfte Klara ins Treppenhaus. Hier,
zwischen alten Truhen und Schrnken, atmete sie auf. Fern klangen
Trommeln und Pfeifen. Pltzlich lchelte sie wieder.

Glcklicher war sie ja, als alle! Als alle!

Und pltzlich tanzte die kleine graue Witwe mit stillen, kleinen
Schritten, fr sich allein, zwischen den alten Truhen und Schrnken. Sie
hatte noch nicht das Meer gesehen und noch nicht das Hochgebirge.
Zierlich hob sie die Fchen: all das wrde sie sehen -- mit ihm!
Venedig und Paris, London und eine Stadt in Indien -- zierlich wiegte
sie die Hfte -- alles mit dir, mein Geliebter . . .

                   *       *       *       *       *

Weibach? Sind Sie es, Weibach? Retten Sie mich! rief Hauptmann Falk
und wischte sich den Schwei vom grauen Gesicht. Helfen Sie mir -- Sie
sehen mich in einem schrecklichen Zustand!

Weibach lachte.

Ich bin behext, ein Weib hat mich total behext. Da -- da -- da -- das
ist sie! Sehen Sie diese Schwefelgelbe. Diese Hfte -- grundgtiger
Himmel!

Aber, das ist ja Dora! rief Weibach aus.

Dora? Wer ist Dora?

Das wissen Sie nicht? Die Baronin Dnhoff selbst!

Ah, ah -- gut, einerlei, wer es ist. Jedenfalls, sie sehen mich in der
frchterlichsten Aufregung. Dieses --Weib hat mich vollkommen verrckt
gemacht. Sie kam zu mir und blinzelte mich an und berhrte nur ein wenig
meinen Arm, aber ich sage Ihnen -- ein Strom! Jedenfalls -- es mu etwas
geschehen, und es wird etwas geschehen.

Halt, halt -- Feuerwalze! Einen Augenblick! Nehmen Sie sich etwas in
acht.

In acht, vor wem, vor ihr?

Nein, vor ihm.

Vor ihm? Er ist doch im Felde? In der Champagne!

Nein, er ist keineswegs im Felde. Er ist hier.

Hier? Hier --?

Weibach flsterte Falk etwas ins Ohr -- und Falk taumelte vor
Verblffung zurck.

Wie sagen Sie --?

Pst!

Unmglich!

Nun, Sie werden schweigen!

Ah, ah -- aber hren Sie?

Sie sprechen nicht darber? Ihr Wort!

Ich spreche nicht darber. Nein, was Sie sagen? -- Ich dachte, ich
hrte -- eine Knigliche Hoheit?

Das war ja frher. Vor der Heirat.

Ah, ah! Ich verstehe! -- Aber hier kommt sie wieder! Sehen Sie doch,
diese Hfte, diese Bewegung! Leben Sie wohl, Weibach --

Vorsicht!

Schon tauchte Falk zwischen den Vermummten unter. --

Der junge, schlanke Neger, der nur ein kurzes, rotgelbes Rckchen
anhatte, glitt mit Erfrischungen in das Zelt. Wohlgefllig folgten die
Augen der Prinzessinnen, Haremsdamen und Odalisken dem hbschen Sklaven.

Hedi khlte das fiebernde Gesicht, der sliche Duft des Rucherwerks
betubte sie. Ihre Wangen glhten durch den Schleier, ihre Augen
blinkten wie geschmolzenes Blei. Sie fhlte, wie eine Schweiperle ber
ihre Hfte rann, gerade wo der dnne Schleier sie bedeckte. Dieser
rinnende Schweitropfen war wie eine wollstige Berhrung.

Da hrte sie zu ihrem Erstaunen Klaras Stimme.

Ihr Kavalier, ein steifer Beduine, in einer Kadettenschule erzogen,
sagte mit gelangweilter, selbstgeflliger Stimme: In sechs, acht Reihen
griffen die Russen an, und wir warteten, bis sie ganz nahe heran waren,
dann erst erffneten wir das Feuer.

Wie schrecklich! rief Klara aus.

Fnfmal griffen die Russen auf diese Weise an, immer in dichten Haufen,
und wir schossen sie zusammen. Sie schrien und sthnten vor unseren
Verhauen. In der Nacht aber sank die Temperatur pltzlich auf minus 10
Grad, da wurden sie still.

Oh, wie entsetzlich! Und Klaras Stimme verklang.

Also kein Freund von Generalen? fragte Hedi. Hier in dem kleinen,
leeren Zeltzimmer war es Gott sei Dank etwas khler.

Nein. Der billardgrne Ruber lachte, ein freches Ruberlachen. Das
kann ich wirklich nicht sagen! Mit ihren Federbschen, Ordenssternen und
Ritterschwertern wirken sie lcherlich auf mich, wie Gespenster aus dem
Mittelalter. Leider aber sind sie alles andere denn komisch. Ich
behaupte sogar, solange es Generale gibt, wird es Kriege geben.

Solange es Kriege gibt, meinst du --?

Keineswegs. Ich meine, was ich sagte. Solange man Leute zu dem einzigen
Berufe anstellt, Kriege vorzubereiten und zu fhren, solange werden
Kriege unausbleiblich sein. Der Ruber ringelte sich behaglich auf dem
Diwan zusammen und sog mit einem Strohhalm Eiswasser aus dem Glase. Er
schwatzte gern, tat gerne geistreich, Hedi hatte das lngst
herausgefunden. Aber er gefiel ihr, und selbst sein Geschwtz ber alle
mglichen Dinge hrte sie nicht ungern. Es wre gnzlich falsch,
anzunehmen, da Hedi nur fr Flirt, Tanz und fnfzigpferdige,
dahinrasende Automobile Sinn hatte. Sie hatte auch Sinn fr Gesprche --
nur fr Langeweile hatte sie nicht die geringste Verwendung.

Ja, unbedingt! fuhr der Ruber eifrig fort. Whrend die Welt nichts
Arges denkt, sitzen berall diese Generale und denken darber nach, wie
sie ihre Kanonen verbessern knnten. Oh nein, sie verbessern sie nicht
selbst! Man kann in der ganzen Geschichte nachforschen, nie haben diese
Generale etwas erfunden, dafr haben sie ihre Spezialisten. Aber sobald
sie nun glauben, die besseren Geschtze zu haben, wird ihre Sprache
schon etwas khner. Sie sammeln die groe internationale Gemeinde der
Kanonenanbeter um sich, bestechen die Presse, strzen Minister, die
nicht an ihre Kanonen glauben -- und schon ist das Unglck fertig. Nun
aber treten die Generale, die sich bisher im Hintergrund hielten, zum
groen Erstaunen der Mitwelt pltzlich in den Vordergrund. Keine Macht
der Welt ist von diesem Augenblick an mehr imstande --

Ich hre, du bist nicht Soldat?

Wieder strich die kleine graue Witwe mit ihrem Kavalier an dem Diwan
vorber. Der steife Beduine sagte: -- stehe also auf der Sturmleiter,
die Uhr in der Hand. Mit der Sekunde springe ich aus dem Graben.

Was fr ein entsetzlicher Augenblick mu das sein, sagte Klara.

Alles ist Gewohnheit. Der Mensch gewhnt sich an alles, mein gndiges
Frulein.

Die glnzenden Pechaugen des Rubers lachten aus dem vermummten Gesicht.
Soldat? Auch ich war Soldat, erwiderte er.

War?

Ja. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich bin tot.

Hedi brach in lautes Gelchter aus.

Ja, ich bin tot, meine schne Maske, fuhr der Ruber fort, ich bin
gestorben im Lazarett zu Warschau. Meine Bestattung kostete mich tausend
Mark. Der Feldwebel hat mich aus der Stammrolle des Regiments
gestrichen, ich existiere nicht mehr. Neben meinem Namen steht:
Gestorben am Typhus --

Nein, wie Hedi doch lachen konnte!

Wie herrlich -- wie wunderbar! Sie konnte sich gar nicht beruhigen.

Welch wunderbarer Einfall. Er ist tot! Wer bist du eigentlich? Kenne
ich dich?

Wir sahen uns zuweilen im Kaiserhof.

Ah! Da er sie solange tuschen konnte? Es war Strbel.


4

Pltzlich erhob sich der General. Seine Hnde griffen nach dem Gelnder
der niedrigen Balustrade. Hatte nicht eben die Empore geschwankt wie bei
einem Erdbeben? Die Musik versank, der Ballsaal war leer, brodelndes
Nichts. --

Ein unerklrliches Gefhl der Verlassenheit schnrte ihm die Brust
zusammen. Eine fremde Welt, unverstndlich! Aber pltzlich trieb ihn ein
Verlangen, sich unter diese fremden, unverstndlichen Menschen zu
mischen, die sich in bunte Lappen hllten und lachten. Ein paar Worte,
Dora, ein paar Worte mit ihr sprechen!

Vorsichtig und tastend stieg er die wurmstichige Rokokotreppe hinab, die
unter dem Gewicht seines schweren Krpers krachte. Nunmehr war es ja
auch sehr unwahrscheinlich geworden, da jene hochgestellte
Persnlichkeit, mit der er gerne ein paar Worte gewechselt htte, das
Fest noch mit ihrem Besuche beehren wrde. Der General bedauerte es
aufrichtig. Jene hochgestellte Persnlichkeit war niemand anderes, als
der Bruder der Grfin Heller, dessen Name man nur ehrfrchtig zu
flstern wagte. Der General hatte die Gelegenheit begrt, in den
Gesichtskreis einer Persnlichkeit treten zu knnen, die das Ohr des
Allerhchsten Herrn hatte und ber Schicksale entschied. Denn, nunmehr
war es offenbar: man hatte ihn vergessen, vollkommen vergessen.

Am Fue der Treppe stand der General still. Der Blick seiner hellen,
grauen Augen glitt ber den Saal. Das breite, erdfarbene Gesicht zuckte
bei der Bemhung, die Starrheit der Miene zu lsen. Es milang. Diese
sorglosen, heiteren Menschen vermochten keine Teilnahme in seiner Brust
zu wecken, kaum da Doras Lcheln, das ihn traf, so oft sie
vorbeitanzte, eine flchtige Wrme in seinem Herzen anfachte.

Nein, fremd, unverstndlich!

Er begab sich in das Speisezimmer, trank ein Glas Sekt und zerkaute
gelangweilt ein belegtes Brtchen.

Der Erfrischungsraum war fast vllig leer. Ein Vermummter lehrte mit
feierlichem Ernst einer Verschleierten einige schwierige Tangoschritte.
Andchtig schob sich am Bfett ein befrackter Rcken entlang, von
Schssel zu Schssel.

Dieser andchtige, befrackte Rcken war der Geheime Rat Westphal, den
der Anblick der aufgestapelten Herrlichkeiten vllig hypnotisiert hatte.
All die Kriegsjahre hindurch hatte er smtliche Vorschriften und
Gesetze, die die Ernhrung betrafen, peinlich genau befolgt. Schon wurde
es ihm beschwerlich, eine Treppe zu steigen, sein Gedchtnis schwand, er
schlief vor Schwche die Hlfte der Zeit in seinem Bureau im Auswrtigen
Amt, schlief, schlief, aber befolgte die Vorschriften, denn schlielich
gehrte er ja zur Regierung, die sie erlie. Und hier, war es mglich,
hier gab es ganze Schinken, man denke sich! Es gab hier ganze Puten,
ganze Gnse, man denke! Es gab hier ellenlange Braten, man denke! Das
Fett troff von den Schsseln, es gab hier Sardinen, woher denn, beim
allmchtigen Gott, sogar Frchte, obgleich sie beschlagnahmt waren. Es
gab hier Torten und Kuchen wie in einer Konditorei vor dem Kriege. Es
gab hier Butter, und es gab sechs verschiedene Sorten von Kse. Der
Geheime Rat hatte sich der Wollust des Kauens hingegeben. Er kaute, er
nahm hier ein Stckchen Lachs, dort einen Putenschenkel, dann ein
Stckchen geslztes Fleisch, dann wiederum ein Schnittchen rohen
Schinken. Auch ein Scheibchen Gnsebraten, von der Brust, eine
Pfaffenschnitte dazu, so! Seit zwei Jahren hatte er nicht mehr
ordentlich gegessen. Er knabberte ein Radieschen, und, wie gesagt, die
ganze Reihe der Kse und der Kuchen lag noch vor ihm. Andchtig schob er
sich an den langen Tischen entlang, den Blick durch die Brille
gleichzeitig auf alle Herrlichkeiten gerichtet.

Pltzlich aber blitzten in seinen Glsern Ordensauszeichnungen,
Stickereien, das Rot des Generalstabes funkelte. Er prallte zurck.

Herr General, sagte er, sich verbeugend, und balancierte den Teller
geschickt auf der Hand.

Der General machte eine khle Bewegung mit dem Kopfe und knarrte irgend
etwas in der Kehle. Nichts hate er mehr als Aufdringlichkeit.

Geheimer Rat Westphal. Ich hatte bereits die Ehre, Herr General.

Eine kleine Pause der Verlegenheit entstand, die immer eintrat, wenn
Vertreter der hohen Generalitt und Angehrige des Auswrtigen Amtes
sich begegneten.

Der General hatte einen unberwindlichen Argwohn allen Beamten des
Auswrtigen Amts gegenber, und der Geheime Rat seinerseits gebrauchte
allen Militrs gegenber -- uerste Vorsicht! Er hatte Angst vor ihnen,
er frchtete sie, offengestanden.

Ich bin allerdings etwas mager geworden, sagte der Geheime Rat mit
nachsichtigem Lcheln und schob den Finger zwischen Kragen und Hals.
Ich trug vor dem Kriege Kragen 42, aber nun knnte ich 38 tragen.

Es geht uns allen nicht besser, antwortete der General. Wie
beurteilen Sie diese Sache? Und der General langte nach einem
Lachsbrtchen.

Der Geheime Rat griff nervs nach dem dnnen Chinesenbart.

Ich bin, begann er, ich bin hoffnungsvoll. Es ist natrlich schwer zu
sagen, aber ich halte die Lage, jetzt in Anbetracht der militrischen
Situation fr, ich mchte sagen, ganz vorzglich, obgleich zu bedenken
ist -- England --

Wie, bitte? Der General beugte sein knorpeliges, rotes Ohr mit den
kleinen Haarpinseln zu dem Chinesenbart herab.

Der Geheime Rat knackte verwirrt mit den Fingern und wich etwas zurck.
Ich spreche natrlich nur meine Private Ansicht aus. Ich kenne
keineswegs -- ich wei keineswegs, wie der Minister die Situation
beurteilt. Ich habe den Minister seit einem Jahre nicht gesprochen.

Sie sprechen von der politischen Lage?

Ich meinte, Herrn General so verstanden zu haben.

Ich meinte nur, wie Sie diese Sache heute abend finden.

Oh -- Verzeihung! Ich finde, es ist wie ein Delikatessenladen vor dem
Kriege, genau so, eine Art, mchte man sagen, Schlaraffenland, ha ha
ha!

Aprs nous le dluge! sagte in diesem Augenblick ein heftig
schwitzender Beduine zu einer zierlichen Schleierfee.

Rgend wandte sich das Auge des Generals auf den Beduinen. Gerade dieser
Geist war es, der am Mark des Volkes zehrte. Mit einer Art von
Bewunderung mute er in diesem Moment an den franzsischen
Ministerprsidenten denken, der all diese Schwtzer und Kleinmtigen
ohne viel Umstnde -- an die Wand stellte!

Wo aber war hier, hier in Deutschland das hypnotische Auge, das diese
Hypnose des Schreckens, die unter allen Umstnden ntig war, auf das
Volk ausbte? Wo hier --?

In diesem Moment verbeugte sich ein Befrackter vor dem General, als
wolle er ihn zum Tanz engagieren. Es war indessen nur Petersen, der
meldete, da Seine Exzellenz gekommen waren.

Eine flchtige Rte huschte ber das erdfarbene Gesicht.

Schon hatte der hohe Wrdentrger den Saal betreten. Am Arme Doras
trippelte er dahin, ein greisenhaftes, zerstreutes Gewohnheitslcheln
auf dem langgezogenen, vllig glatten Wachsgesicht, das wchserne
schmale Ohr aufmerksam gegen Doras gemalte Lippen geneigt. Ein
Ordensstern blitzte auf seinem Frackhemd.

Augenblicklich dmpfte sich der Lrm des Festes.

Wer ist es?

Leises Wispern.

Ah --?

Ganz deutlich war pltzlich fr alle der Abglanz der Allerhchsten
Gnadensonne, in deren Schein der hohe Wrdentrger nach Fgung des
Himmels seine Tage verlebte, auf dem wchsernen, glatten Gesicht zu
sehen.

Und was fr einen Orden trgt er?

Wie alt er geworden ist! Nur seine Augen sind noch die gleichen!
dachte Dora, whrend sie sich an ihn schmiegte, als sei sie seine
Tochter. Sie durfte diese Vertrautheit wagen, denn er hatte in ihrem
Hause verkehrt -- damals! Er wute alles. Aber damals war er noch nicht
Exzellenz, damals wurde er von seinen Freunden noch Franz der Erste
genannt, und die intim befreundeten Damen nannten ihn einfach Franzl.
Auch sie nannte ihn so. Was ist nun aus ihm geworden? Eine Ruine!

Aber Dora strahlte.

Der hohe Besuch rief Erinnerungen wach in ihr an jene Zeit -- an damals
-- da sie bewundert und auf den Hnden getragen wurde, von aller Welt,
da alle Welt wetteiferte, ihr gefllig zu sein, da tglich Geisterhnde
smtliche Vasen und Schalen ihres Hauses mit den wunderbarsten Blumen
fllten. Und das heutige Fest erschien ihr pltzlich als eine
Fortsetzung jener blendenden Feste dieser Zeit. Wieder trug sie in einer
Nacht ein Dutzend verschiedener Kostme, wieder wurde sie stets neu
entdeckt und stets neu bewundert. Wieder war sie von einem Schwarm von
Anbetern umgeben. Da war dieser Hauptmann, mit dem drolligen Namen
Feuerwalze -- hoffnungslos verliebt in sie! Da war dieser Sonderbare,
Unbekannte mit der rasselnden Schale, der sie auf Schritt und Tritt
verfolgte -- und da waren noch andere, die ihr Worte ins Ohr flsterten,
die beim Tanzen pltzlich -- und ein eiferschtiges Auge wachte ber ihr
-- ganz wie damals.

Hier ist er! rief Dora mit heller Stimme und bergab den hohen
Wrdentrger auf der Empore dem General.


5

Mit allen Anzeichen mhsam zurckgehaltener, freudigster berraschung
erhob sich der General.

Wie alt er geworden ist, dachte auch er. Und die eine Augbraue ist schon
ganz verzerrt. Eine Wachsfigur! Er verbeugte sich. Der Orden, der auf
dem Frackhemd der Exzellenz funkelte, wog allein mehrfach alle
Auszeichnungen auf, die der General auf der Brust trug.

Ich bitte, flsterte der Trger des hohen Ordens und streckte dem
General beide Hnde entgegen, aber ich bitte Sie herzlich, mein lieber,
alter Freund, freue mich, Sie wiederzusehen, freue mich ganz
auerordentlich, wieder einmal Gelegenheit zu haben.

Schon stand ein Sessel bereit, und der General beachtete genau, bis der
hohe Wrdentrger sich gesetzt hatte, bis er richtig sa. Erst dann
wagte er, neben ihm Platz zu nehmen.

Erfreut, auerordentlich erfreut. Ich bin etwas versptet, ein Diner.

Petersen trat hinter den Sessel der Exzellenz.

Ich danke -- doch, einen Augenblick, mein Freund. Ein Glas Wasser, wenn
ich bitten darf.

Ich sehe mit aufrichtiger Freude, da Euer Exzellenz sich sehr
wohlbefinden, rief der General.

Bis auf mein altes Darmleiden, mein Freund --

Die Unterhaltung wurde in lautem Tone gefhrt, denn der hohe
Wrdentrger war schwerhrig, und es war bekannt, da er es niemals
zugestand und niemals fragte. Man behauptete sogar, da er die
wichtigsten Verhandlungen fhre, ohne ein einziges Wort zu verstehen,
und vllig freie Erfindungen weitergbe. Die Stimme des Generals klang
krftig, er wnschte, da der hohe Wrdentrger kein Wort verliere. Wie
geschickt Dora diese Begegnung arrangiert hatte! Vielleicht wrde diese
Gelegenheit, sich in Erinnerung zu bringen, nie wiederkehren.

Zwischen den Schlachten, sagte die Exzellenz lchelnd, und deutete auf
Turbane, Federbsche und die Woge von nacktem Fleisch da unten.

Exzellenz bemerken sehr treffend. Es sind zumeist Offiziere, die auf
Urlaub hier sind, Atem schpfen, um morgen zur Front zurckzukehren.

Ja, ja, ja.

Exzellenz --.

Der Einflureiche legte seine weichen, kleinen Hnde auf den Schenkel
des Generals. Lieber Freund, sagte er, ich darf wohl bitten, alles
Zeremoniell zu lassen. Wir sind doch alte Freunde. Ja, wie lange kennen
wir uns schon?

Es sind, der General dachte nach, es drften wohl dreiig Jahre
sein.

Dreiig Jahre! Der hohe Herr rckte auf dem Sessel hin und her, wiegte
den wchsernen Kopf und lachte beunruhigt. Ein Menschenalter! Ich
erinnere mich noch sehr deutlich, da wir ebenfalls in Berlin einmal auf
einem Ball waren. Es war, wo war es denn nur gleich?

Der General errtete. Nun wird er sich gewi an diese Affre erinnern,
an diese Entfhrung, und alles wird vergeblich sein.

Ich erinnere mich nicht, sagte er.

Aber mit dem Eigensinn eines Greises forschte der hohe Wrdentrger in
seinem Gedchtnis nach.

Es war bei Baron Kre߫, rief er aus. Ja, nun habe ich es, und es war
eine entzckende Dame da, eine reizende kleine Person! Ah, ah, ah, wie
hie sie doch?

Der General schwieg beharrlich, auerordentlich peinlich war die
Situation. Scham erfllte ihn, da er nicht den Mut hatte, zu bekennen,
da diese reizende kleine Person, wie Exzellenz sie zu nennen geruhten,
spter --

War es nicht eine kleine Baronesse Bassewitz? Nein, nein, es war --
nun, es ist lange her. Ich bin nicht fr die Ehe geboren gewesen, mein
lieber Freund. Und wie fhlen Sie sich in Berlin?

Der General rckte auf seinem Sessel. Wo mich mein Knig hinstellt,
heulte er in das Ohr Seiner Exzellenz, da --, er stockte.

Aber der Greis verstand vollkommen.

Ja, ja, ja, nickte er. Ach, er hatte diese Phrase tausendmal in seinem
Leben gehrt. Er klopfte sich auf den Mund, um ein Ghnen zu verbergen.

Ich hre aber, da Sie sich bei der Truppe wohler fhlten, lieber
Freund? Meine Schwester --

Ich erflle meine Pflicht und beklage mich nicht! beteuerte der
General. Indessen ist es ja selbstverstndlich fr einen Frontsoldaten
--

Ja, ja, ja -- natrlich, selbstverstndlich.

Der Wrdentrger versank in Nachdenken, schlo die groen Greisenaugen
zur Hlfte, und es sah eine Weile aus, als ob er einschlafen wolle. Er
erinnerte sich pltzlich, da man, vor gar nicht langer Zeit, bei der
Frhstckstafel von diesem Hecht-Babenberg gesprochen hatte. Irgend
etwas war ihm milungen oder besser gesagt, nicht gelungen -- irgend
etwas an der Front, und man sprach von einer Untersuchung, die schwebte.
Natrlich nur schwebte, alle diese Untersuchungen schwebten, und das war
ganz in Ordnung. Das Ansehen der Armee wrde anders leiden. Daran dachte
er, und er qulte seinen alten, spitzen Kopf, um sich zu erinnern,
welches Migeschick dem General eigentlich passiert war. Es hatte sich
um eine Hhe gehandelt -- um irgendeine von diesen vielen Hhen, von
denen immer die Rede war. Er war kein Militr, und er kannte die Front
nur als eine ungefhre blaue Linie, die er berall in den Beratungsslen
auf den Karten sah.

Er las die Heeresberichte nicht mehr, seit langem, seit einigen Jahren
-- es waren ja immer die gleichen Orte. Ganz offen gestanden,
interessierte ihn die Front auch nicht, in militrischen Fragen war er
Laie, sie gehrten nicht in sein Ressort. Aber es hatte sich damals um
eine Hhe gehandelt, eine Hhe, na, es war ja schlielich vollkommen
einerlei. Hm, es wrde wohl -- im Hinblick auf dieses Migeschick --
nicht ganz leicht sein . . .

Pltzlich verklrte ein Lcheln sein Gesicht. Da unten -- wie scharmant
-- hatte sich soeben ein Prchen ganz sans gne whrend des Tanzens
gekt! Diese Jugend -- wieder rckte er unruhig auf dem Sessel.

Der General aber erlaubte sich zu erwhnen, da auch hier in Berlin
wichtige Arbeit zu leisten wre. Es waren gewisse Einflsse am Werk,
pazifistische, jdisch-liberale, radikalsozialistische Einflsse, die zu
bekmpfen waren. Der Wille des gesamten Volkes mute zusammengeballt und
in eine Richtung gelenkt werden, zu einer letzten gewaltigen
Anstrengung. Gewaltigen, gewaltigen! schrie er in das wchserne Ohr
der mit schrgem Kopf lauschenden Exzellenz.

Ja, ja -- sehr richtig -- sehr schn --

Der General aber benutzte die Gelegenheit, dieser hohen Stelle seine
militrisch-politischen Ansichten im allgemeinen darzulegen. Der
Peipussee, der Weg nach Indien ber den Kaukasus, die Zerschmetterung
Englands vom Orient aus, der Korridor ber die Trkei und gypten nach
einem mchtigen deutschen Zentralafrika, Rohstoffreservoire,
Siedlungsgebiete, maritime Sttzpunkte . . .

Sehr interessant -- sehr wohl --

Flieend trug der General seine Gedanken vor, sie bildeten das Thema
eines fertig ausgearbeiteten Vortrags, den er in den nchsten Tagen im
Bund Barbarossa halten wollte.

Der hohe Wrdentrger nickte und blinzelte durch das geschnitzte
Gelnder der Empore hinunter in den kleinen Saal. Viel angenehmer wre
es ihm gewesen, wenn der General ber diese Beinchen, Hften und
Gesichtchen gesprochen htte -- diese modernen Tnze waren sehr
reizvoll, wenn auch etwas gewagt. All das, was der General sagte, hrte
er tglich von Militrs. Nur diese Sache mit dem Korridor ber gypten
war eine neue Variante.

Sehr wohl -- sehr richtig --, sagte er und nickte.

Und dieser Hauptmann, der eben mit Dora tanzte, sah es nicht ganz so
aus, als sei er -- etwas bekneipt? Bewundernswrdig diese berschumende
Lebenskraft . . .

Dora gab es auf, mit Hauptmann Falk zu tanzen.

Ich bin durstig, Feuerwalze!

Gab es eine Bitte in der weiten Welt, die der Hauptmann mit grerem
Entzcken erfllt htte? Nein, keine. Er wollte Dora die gesamte
Weinernte von drei Jahrgngen zu Fen legen, er schwor, die Weinkeller
der Millionre in der Nachbarschaft zu plndern, wenn es sein msse.

Gib Wein, schwarzer Halunke! schrie er dem fetten Neger zu.

Er leerte sein Glas auf das Wohl seiner Dame und warf es -- nun hchst
einfach -- mitten in das Orchester. Das gehrte zu seinem Stil.

Spielt, ihr Schweine! schrie er, und als die Musiker sich entsetzt
umblickten, fgte er mit einer tiefen Verbeugung, auf Dora weisend,
hinzu: Fr meine Dame!

Dann nahm er einen blauen Lappen aus der Tasche, rollte ihn zu einer
Kugel zusammen, spuckte darauf und warf ihn den Musikern zu. Auch das
gehrte zu seinem Stil. Nun verbeugten sich die Musiker.

Vor knapp fnf Stunden war der Hauptmann in Berlin angekommen und bei
Strbel, wie gewhnlich, abgestiegen. Gestern frh, um sieben Uhr, hatte
er noch an der flandrischen Kste einen Graben gestrmt, mit dem Messer
hatte er gearbeitet, heute tanzte er hier -- es war ein Krieg mit
Komfort, wie er sagte -- morgen abend, um zehn Uhr, ging sein Zug --
vielleicht mute er bermorgen wieder mit dem Messer arbeiten --
einerlei.

Und noch ein Glas auf das Gedeihen dieser kleinen Hrchen im Nacken da
--! Ja, durch ein Sektglas gesehen hat die Welt ein ganz anderes
Gesicht.

Dora fand ihn ungeheuer drollig. Weshalb aber trinken Sie so
schrecklich, Feuerwalze?

Der Hauptmann versicherte, da er ein Vulkan sei, sozusagen, ein Vulkan,
der sich bemhe, seine Temperatur zu halten. Dazu htten ihn heute diese
kleinen Nackenhrchen rasend gemacht -- und dieses Ohrlppchen und noch
andere Sachen. Und er sei nichts als ein armes Frontschwein,
bedauernswert, kaum vierundzwanzig Stunden Zeit --

Pltzlich umschlang er Dora. Sie entfloh.

Schon aber rasselte die Schale, und ein bleicher Arm streckte sich dem
Hauptmann entgegen.

Huh, hier ist er wieder. Ein unheimlicher Geselle.

Befehlen Sie, Gndigste, und wir werden ihn tten. Hinweg mit dir,
Sklave! schrie der Hauptmann mit gutmtigem Lachen.

Aber da begann der Bettelmnch pltzlich zu wachsen -- er wuchs, und
seine Augen blitzten . . .

Bist du es?

Hedi zupfte den Bettelmnch am Arm. Ihr Herz schlug.

Die blinkenden Augen zwischen den Tuchlappen zogen sich zusammen zu
Schlitzen, wie bei einer Eule. Der Bettelmnch wich zurck und verbeugte
sich, whrend er mit der Schale rasselte.

Bist du es, sprich?

Schweigen.

Kennst du meine Stimme?

Der Bettelmnch schttelte stumm den Kopf.

Zeige deine linke Hand!

Der Bettelmnch zog beide Hnde unter die Vermummung zurck und
verneigte sich noch demtiger, bis zur Erde. Es war ihm nicht
beizukommen.

Eine Dame flsterte Hedi ins Ohr: Es ist eine Knigliche Hoheit.

Wer???

Man sagt es. Scheu wich Hedi zurck.

                   *       *       *       *       *

Ich bin der Ansicht, schrie der General in das schmale wchserne Ohr,
nur noch eine einzige, gewaltige Kraftentfaltung des deutschen Volkes,
und wir werden den Frieden diktieren.

Der hohe Wrdentrger wiegte den spitzen Kopf.

Es ist mglich, unterbrach er den General, da diese Anstrengung
nicht mehr ntig sein wird. Dies, bitte, ganz unter uns! Ja es ist
mglich, da sie genug haben! Pltzlich tat der hohe Wrdentrger
geheimnisvoll. Aber immerhin -- er verbrachte seine Tage in
allernchster Nhe der allerhchsten Persnlichkeiten.

Wie belieben?

Mglich, immerhin mglich! Es sind Anzeichen dafr vorhanden. England
. . . Aber bitte, ganz unter uns! Vllig unvermittelt erhob er sich.
Auerordentlich gefreut, mein lieber Freund -- ganz auerordentlich.
Sehr interessant -- Ihre Ausfhrungen, sehr interessant. Bitte herzlich,
sich ja nicht zu bemhen --.

Er war ja nur auf einige Minuten hierhergekommen, erstens, um dieser
prchtigen Dora die Freude zu machen, zweitens, um seiner Schwester
gefllig zu sein, und drittens -- nun drittens gab es nicht.

Vorsichtig stieg die steile, kantige Glatze die schmale Treppe hinunter,
die noch heute nach Weihrauch roch.

Der hohe Wrdentrger kroch in seine schwarzlackierte Limousine und zog
eine Pelzmtze ber den kahlen Schdel.

Groe Fhigkeiten, ohne Zweifel, sagte er vor sich hin, indem er sich
im Polster zurechtrckte. Aber weshalb schreien diese Militrs alle so?
Er hat mich fast taub geschrien.

Und er schlief augenblicklich ein, whrend die Limousine lautlos durch
die Finsternis schlich.


6

Kaum hatte der hohe Wrdentrger die rote Backsteinvilla verlassen, so
brauste der Lrm erneut auf. Die hochstehende Persnlichkeit da oben,
mit dem General zur Seite, hatte die Ausgelassenheit etwas beeinflut.
Es war peinlich fr viele, zu denken, da ein so hoher Wrdentrger sie
bei ihren Albernheiten belausche. Schon der General strte, er strte,
ohne es zu wissen, und man wnschte, da er mglichst bald verschwinde.

Es kam auch die neue Kapelle. Zigeuner, die bis dahin in einer Bar
gespielt hatten. Es war die beste Kapelle von Berlin, und augenblicklich
fhlten es alle Tnzer.

Pltzlich aber ertnte laut und drhnend ein Gong, und gleich darauf
wurde es, bis auf wenige Kerzen, dunkel. Eine kleine, helle Bhne mit
einem phosphorgrnen, dunstigen Vorhang im Hintergrund leuchtete. Der
Vorhang teilte sich. Eine Hand erschien, ein nackter Arm, eine
elfenbeinerne, glnzende Schulter. Eine schlanke Tnzerin trat aus dem
Vorhang.

Alle Turbane, Perlenschnre und Federbsche sanken pltzlich zur Erde
nieder.

Die Tnzerin war ein wunderbares Geschpf mit einem herrlichen Krper
und jungen, kleinen Brsten. Sie war vollkommen nackt, nur um die Hften
trug sie eine Kette aus blauen Steinen und einen kleinen Schleier, eine
Hand breit.

Mit jedem Schritt lste sie sich mehr vom Dunkel los, ganz allmhlich
tauchte ihr Krper in das Licht. Zuerst nur eine Ahnung von Fleisch und
Herrlichkeit, wurde er langsam verwirrende Wirklichkeit.

Wie eine Somnambule schritt die Tnzerin vorwrts, die Augen visionr in
die Ferne gerichtet. Sie hatte die Hnde, zierliche, transparente
Finger, an ihre beiden jungen Brste gelegt. Nun stand sie still, ohne
jede Regung. Dann -- bei einer bestimmten musikalischen Phrase -- hob
sie langsam den linken Fu und begann sich in der Hfte zu drehen.

In diesem Augenblick aber hub eine Uhr an zu schlagen. Es war ganz
still, so da das dumpfe, rasselnde Schlagen der Uhr deutlich zu hren
war.

Diese dumme Uhr! sagte Dora halblaut und rgerlich.

Die Musik brach ab, die Tnzerin stand, die zierlichen Finger an den
Brsten, regungslos, mit leicht geneigtem Haupte, um das Schlagen der
Uhr abzuwarten.

                   *       *       *       *       *

Genau zur gleichen Stunde, an diesem Abend, meldete man Hauptmann v.
Dnhoff in dem halbzertrmmerten Keller des Champagne-Dorfes, wo er
zurzeit hauste, da der befohlene Wagen zur Stelle sei. Dieser Wagen
sollte den Leichnam seines Adjutanten Kammerer, gefallen auf der
Beobachtung, nach rckwrts bringen. Dnhoff hatte den Wagen auf
Mitternacht bestellt, weil zu dieser Zeit das feindliche Feuer weniger
heftig auf seinem Dorfe lag, das heit auf dem Schutthaufen, der von dem
Dorfe briggeblieben war. Die Nacht hatte indessen keine Ruhe gebracht.
Die Geschtze tobten, und auch die Batterie Dnhoff feuerte, was die
Rohre hergaben. Die schweren Schlge der Haubitzen erschtterten
unaufhrlich den Keller, in dem die Batterieoffiziere um den Sarg des
gefallenen Kameraden versammelt waren. Einschlge knatterten. Eine
zusammengestrzte Scheune nebenan hatte einen Treffer bekommen, und der
Schutt qualmte, tzender Rauch drang in das Kellerloch.

Punkt zwlf Uhr wurde der Sarg von einigen Batterieleuten hinausgetragen
und auf den Krmperwagen gelegt. Darauf verlieen die Offiziere den
Keller, um dem gefallenen Kameraden das letzte Geleit zu geben.

Die Luft war lau, erfllt vom tzenden Rauch der qualmenden Scheune. Der
Himmel wetterleuchtete ohne Pause von dem Gespinst von Blitzen, das von
Horizont zu Horizont geisterte. Deutlich waren die umstehenden Kameraden
zu erkennen -- sogar die Trnen in ihren Augen. Furchtbar tobten die
Geschtze, und die Abschsse der Batterie, die feindliche Zufahrtstraen
unter Sperrfeuer hielt, knallten wie Explosionen. Die Granaten sgten
und gurgelten ber die Kpfe hinweg in die Nacht hinein.

Gegen Sden zu, hinter der feindlichen Linie, stand ein feuerspeiender
Berg. Ein blutroter Glutkegel stieg in den schwarzen Himmel, unheimlich
und dster: irgendein Lager war da drben bei ihnen in Brand geraten.
Nur wenn die Haubitzen in der Nhe ihre Feuergarben in die Nacht
schleuderten, so glomm der Vulkan fr Augenblicke fahler. Ohne Pause
zuckten aus der Frontlinie gespenstige Lichtsignale in allen Farben
empor. Sie krochen bald niedrig ber dem Boden, bald erhoben sie sich
wie Raketen und sprhten in der Hhe. Wie die hllischen Leuchtfeuer der
Unterwelt sahen sie aus, der die Totenschiffe zusteuern.

Eine Laterne wanderte um den Krmperwagen, die Hinterteile der schweren
Batteriepferde glnzten, der Sarg dehnte sich fahl im Wetterleuchten der
Abschsse. Auf dem Bock kauerte ein Schatten, dessem Maul Funken
entstoben.

Die wtenden, raschen Schlge seiner Batterie erfllten Hauptmann
Dnhoff mit Genugtuung. Gebt es ihnen tchtig! Rache fr Kammerer! Auch
der rotglhende Vulkan im Sden befriedigte ihn.

Erregt suchte der Gegner die Dnhoffsche Batterie zu packen. Ringsum
flammten die Einschlge.

Sie haben Kammerer eine ordentliche Totenfackel angezndet, sagte er,
und seine Stimme war von einem grausamen Triumph erfllt.

Die Schatten der Offiziere drehten sich gegen Sden. Ein Depot brennt,
sagte eine Stimme. Unruhig wieherte ein Pferd.

Kameraden, schrie pltzlich Dnhoff mit bermig lauter und scharfer
Stimme. Er wollte mglichst rasch ber die Szene hinwegkommen, er wollte
seinen Schmerz ber den Verlust Kammerers verbergen, mit dem er drei
Jahre zusammengelebt hatte.

Kameraden, Kammerer verlt uns. Er war ein tchtiger und prachtvoller
Junge. Fahre los! Lebe wohl, Kammerer!

Dnhoff legte die Hand an die Mtze, und die Offiziere taten das
gleiche. Die kleine Laterne kroch ber die Rder empor neben den
Kutschersitz und beleuchtete den langen, gelben Sarg.

In dieser Sekunde aber --

In diesem Augenblick begann es in der Luft zu sausen, ein hohles,
saugendes Rauschen war pltzlich nahe, und im nchsten Augenblick schlug
eine blendende Lohe bis zum schwarzen Himmel empor. Dnhoff strzte, den
Arm vor die Augen geschlagen, rckwrts in den Keller hinab. Er hrte
den Knall der Explosion nicht mehr.

Verschwunden war der Wagen, der Kutscher, die Pferde und der Sarg.
Verschwunden waren die Offiziere, nichts blieb als der kruselnde,
stinkende Qualm ber dem Schutthaufen, den die schwere Granate
hinterlie. Aber die Haubitzen feuerten noch.

                   *       *       *       *       *

Die Uhr hatte ausgeschlagen.

Die Tnzerin erwachte aus der hypnotischen Starre, in die das Rasseln
der Uhr sie versenkt zu haben schien, die Lider hoben sich, und gelbe
Funken fuhren aus den Augen. Sie atmete wieder. Ihre zierlichen Finger
lsten sich von den jungen Brsten, sie drehte sich in der Hfte, hob
das linke Bein, knickte pltzlich zusammen, so da sie mit dem Kinn das
Knie des linken Beines berhrte -- lchelte verzckt -- und ihr
Elfenbeinkrper blitzte.

Dichtgedrngt glnzten die Augen der Vermummten im Halbdunkel. Eine
Schattenkugel mit zwei groen Ohren hob sich fr einen Augenblick auf
dem hellen Hintergrund gespenstisch ab. Aber rasch duckte Professor
Salomon sich wieder auf den Boden.

Der General auf seiner Empore hatte den goldenen Kneifer aufgesetzt.

Du bist noch schner! flsterte Strbel in Hedis Ohr, und seine Lippen
berhrten ihren Nacken. Sie saen dicht nebeneinander auf dem Boden. Es
ist nicht Liebe -- ich belge dich nicht, wie die andern Mnner, aber es
ist -- Sympathie.


7

Die kleine trkische Witwe in Grau hatte ihre ganze Kundschaft
eingebt. Alle fanden, da sie reizend sei -- aber tdlich langweilig.
Zuletzt hatte sie das Glck gehabt, einen Offizier zu treffen, der die
Kampfstaffel Wunderlich kannte -- er lag ganz in der Nhe -- und ihr
versprochen hatte, Heinz Gre zu bestellen. Das war der einzige
Lichtpunkt des Festes. Sonst fand sie es entsetzlich. Entsetzlich diese
Frauen, die halbnackt von Arm zu Arm wanderten, entsetzlich diese
Mnner. Auch Hedi -- nun, du bist durchschaut, Hedi, gib dir keine Mhe
mehr.

Nun sa die kleine trkische Witwe mutterseelenallein auf dem Diwan im
Zeltzimmer, das Gesicht nachdenklich und gelangweilt in die Hnde
gesttzt. Alles wrde sie Heinz schreiben, ja, schon begann sie in
Gedanken den Brief.

Sie hatte darauf verzichtet -- rundweg verzichtet -- diese schamlose
Person tanzen zu sehen. Sollte man so etwas fr mglich halten? Und man
sagte, da sie dreihundert Mark fr den Abend bekme und berall tanze,
wo man sie engagiere. Nicht fr eine Million wrde die kleine graue
Witwe, nicht fr eine Million wrde sie -- pfui.

Verlassen stand im Vorzimmer der Heilige, der mit wilder Gebrde das
Buch schwang, allein, wie sie. Sie fhlte Mitleid mit ihm und kte ihm
die kalte, grne Hand.

Das Haus war vllig leer. Selbst die Dienerschaft drngte sich unter den
Tren zusammen. Auch Papa -- ja, selbst ihr Papa -- seht an! Da stand
er, mit einem Sektglas in der Hand.

Klara stieg die Treppe empor -- aber sofort kehrte sie wieder um. Da
oben, bei den Truhen und Schrnken stand der Bettelmnch mit seiner
Schale, und sie frchtete sich, ihm allein zu begegnen. Obwohl man
sagte, da es eine Knigliche Hoheit sei. Auch er fand gewi diese
Nackttnzerin schamlos.

Drinnen raste der Beifall. Die Musik setzte von neuem ein.

Dora eilte an ihr vorbei die Treppe hinauf.

Es war Zeit, wieder das Kostm zu wechseln, nicht wahr? Es war auch die
beste Gelegenheit, gerade jetzt, wo der Tanz wieder begann.

Rasch rauschte Dora an den Truhen und Schrnken vorber. Da reckte sich
ihr aus einer dunkeln Nische die rasselnde Schale entgegen -- wieder
stand er da und verneigte sich.

Sie schrak zurck. Aber gewi wollte der demtige Bettelmnch nichts
Bses.

Sie waren ganz allein, unten lrmte das Fest.

Wer bist du? fragte Dora.

Der Bettelmnch schttelte den roten Turban.

Dora trat dicht an ihn heran und blickte in seine Augen, die zwischen
Vermummung und Turban blendeten. Einen Augenblick lang hatte sie,
erschreckend, gedacht, vorhin, er knnte es sein -- er, das Gercht, das
kursierte! War es nicht mglich, da er hierhergekommen war, auf eine
Stunde, unerkannt von allen Gsten, unerkannt selbst von ihr, um
wiederum unerkannt zu verschwinden. Es war unmglich -- und doch,
wunderbar war dieser Gedanke.

Aber die Farbe der Augen stimmte nicht. Dieser Bettelmnch hatte helle
Augen.

Pltzlich sagte der Bettelmnch: Dora.

Und augenblicklich erkannte ihn Dora an der Stimme.

Du --?!

Der Bettelmnch, der den ganzen Abend stumm geblieben war, brach in
lautes, heiteres Lachen aus.

Ja, ich bin es.

Und ich habe dich nicht erkannt! Du hast geschrieben -- noch heute --

Ich wollte dich berraschen!

Dora zog ihn einige Schritte mit sich, bis zur Tre. Geliebter --
flsterte sie.

Die Lappen fielen vom Gesicht des Bettelmnchs, und seine Zhne
blitzten.

Pltzlich umschlang er sie mit ungestmer Gewalt.

Nein, nein -- sagte sie, bat sie. Sei vorsichtig -- der General -- er
blickt heraus --!

In der Tat war pltzlich fr eine Sekunde das Gesicht des Generals an
der kleinen Tapetentr aufgetaucht, die auf die Diele fhrte. Allerdings
nur fr eine Sekunde. Er hatte sie wahrscheinlich gar nicht gesehen.

La ihn ruhig!

Eine Perlenkette zerri, und die Perlen prasselten auf den Boden. Mit
dnnem Knallen sprangen sie die Treppe hinab, eine hinter der anderen.

                   *       *       *       *       *

Beunruhigung? Der General zog die Brauen in die Hhe.

Ja, ich meine, das Volk --

Das Volk? Der General wiegte geringschtzig den Kopf.

Verzeihung, antwortete der kleine, elegante Rittmeister mit dem
schweiberstrmten Gesicht, ich meine die ffentlichkeit. -- Ist es
gestattet, Euer Exzellenz?

Der kleine Rittmeister ffnete etwas die Tapetentr, die von der Empore
auf die Diele hinausfhrte. Es war hei hier oben auf der Empore.
Unbegreiflich, da der General es auszuhalten vermochte. Er mute
Gletscherwasser in den Adern haben. Der kleine Rittmeister -- ja, wie
hie er doch gleich? -- er gehrte einer der ersten Adelsfamilien des
Landes an, hatte die ganze Erde bereist, zurzeit in hervorragender
Stellung, mit den hchsten Auszeichnungen und einer blendenden Karriere
vor sich -- an all das erinnerte sich der General ganz genau, aber der
Name, dieser bekannte Name fiel ihm nicht ein -- der kleine Rittmeister
wischte sich mit dem Taschentuch den Schwei vom Gesicht. Er war als
Beduine gekleidet, hatte jedoch die Kopfbedeckung in den Nacken
zurckgeschlagen. Schon wieder brach ihm der Schwei aus allen Poren.

Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben -- fuhr er fort -- es ist
nicht zu leugnen, da in der breiten ffentlichkeit eine gewisse
Beunruhigung Platz gegriffen hat. In der feierlichen Osterbotschaft
wurde von Allerhchster Stelle --

Bitte mich nicht miverstehen zu wollen. Ich wage selbstverstndlich
nicht, diesen hochherzigen Gnadenakt Seiner Majestt -- Sie belieben?

Ich bin ganz Ohr, Euer Exzellenz!

Ich selbst trete ja fr eine Reform des Wahlrechts ein. Und zwar
schlage ich ein gestaffeltes Wahlrecht vor. Bis zu dreiig Stimmen --

Dreiig Stimmen? fragte der schweiglnzende Beduine, bemht, sein
Erstaunen zu verbergen.

Je nach Besitz, Fhigkeit, Verdienst, Rang, Titel, Bildung.

Jawohl.

Kinderzahl, Alter, Stand, Religion.

Jawohl, ich verstehe vollkommen. Zu begren wre es nur, wenn bald
etwas geschhe. In unserer Zentrale laufen ja alle Berichte zusammen. Es
bilden sich Gruppen von Unzufriedenen.

Unzufriedenen?

Mehr als das, es bilden sich Gruppen, die umstrzlerische Tendenzen
verfolgen. Erst vor kurzer Zeit ist unser Augenmerk wiederum auf
konspiratorische Elemente gelenkt worden.

Pltzlich unterbrach der General das Gesprch. Sein Blick glitt unruhig
durch die Trspalte. Sein Auge wanderte. Soeben hatte er Dora erblickt.
Sie glitt an der Trspalte vorber -- kam aber im Augenblick wieder
zurck. Und pltzlich trat in der verlassenen Diele jemand zu ihr. Seht
an! Eben er, dieser -- nun was stellte er vor? -- diese Mumie, dieser
Unbekannte, den er schon den ganzen Abend beobachtet hatte.

Natrlich sind es nur einige wirre Kpfe?

Natrlich. Aber immerhin, die Erscheinung ist symptomatisch --

Ohne jedes Wort der Entschuldigung erhob sich hier der General und
streckte den Kopf in die Diele hinaus. Dies war der Moment, da Dora den
Bettelmnch warnte.

Der Kopf des Generals zog sich augenblicklich zurck, als Dora ihn
bemerkte. Er schlo die Tapetentre.

Symptomatisch, wiederholte der schweiglnzende Beduine. Auffallend
ist, da selbst Angehrige der besten Gesellschaft --

Zerstreut hrte der General zu. Sein Blick wanderte unruhig durch den
Saal.

Bei dem neuen Fall, auf den ich anspielte, fuhr der kleine Rittmeister
fort, ist sogar die Tochter eines hohen Offiziers beteiligt. Ihr Vater
bekleidet Generalsrang. Es ist mir natrlich nicht mglich, mehr . . .

Aber der General schien jegliches Interesse an dem Gesprch mit dem
Rittmeister verloren zu haben. Er tupfte sich mit dem Taschentuch
Schweiperlen von der Stirn. Dann stand er rasch auf.

In der Tat, sagte er stockend, es ist unertrglich hei geworden hier
oben. Vielleicht belieben Sie mitzukommen?

Und beide verlieen die Empore.

Auf der Treppe aber blieben sie pltzlich erschrocken stehen. Der
General taumelte sogar etwas zurck. Feuerschein blendete sie! Der ganze
Tanzsaal schien pltzlich in hellen Flammen zu stehen.

Ein dnner Vorhang war in Brand geraten und brannte lichterloh. Auch
einige Schleier fingen Feuer, und die Funken flogen. Die Damen schrien
auf und stoben auseinander. Der Feuerschein whrte indessen nur einige
Sekunden. Inmitten der Flammen erschienen pltzlich ein Hauptmann in
Uniform und ein dicker, pechschwarzer Neger, die die flammenden Fetzen
auf den Boden rissen und zertraten.

Kaum da die Musik eine Minute gestockt hatte. Das Fest ging weiter. Nur
ein dnner Brandgeruch blieb zurck.

Der schweitriefende Beduine hatte diesen Vorfall benutzt, sich
unsichtbar zu machen. Als der General sich suchend nach ihm umblickte,
war er verschwunden. Es war dem General nur angenehm.

Mit schlechtverhehlter Unruhe schritt er durch die Rume. Seine Augen
forschten. Man nahm in dieser spten Stunde des Festes keinerlei
Rcksicht mehr auf ihn. Die Tnzer drngten ihn gegen die Wand. Einmal
wurde er dicht neben der Negertrommel festgehalten, die Hauptmann Falk
mit aller Kraft bearbeitete.

Professor Salomon strzte ihm entgegen und berichtete wichtigtuerisch
von den Hungerkrawallen in England und dem katastrophalen Mangel an
Grubenholz ber dem Kanal. Schon weigern sich die Bergleute einzufahren!
Nur mit Mhe und Not vermochte er den Krbis abzuschtteln. Im
Erfrischungsraum traf er die Grfin Heller, und es war nicht zu umgehen,
da er sich mit ihr in ein lngeres Gesprch einlie. Wieder und wieder
uerte er seine Freude ber das prchtige Aussehen Seiner Exzellenz!
Auch im Erfrischungsraume war von Dora nichts zu sehen.

Auch im Zelt nicht. Hier traf er nur eine Anzahl still kosender Paare,
die, dicht aneinander geschmiegt, den groen Diwan belagerten, und sich
durch ihn nicht im geringsten stren lieen. Angewidert und halb betubt
von der schwlen Luft, die im Zelt herrschte, zog er sich sofort wieder
zurck.

Endlich betrat er das bengalisch rotglhende Musikzimmer, Ali Babas
Opiumhhle.

Hier saen die Vermummten im Kreise auf dem Teppich und klatschten im
Takt in die Hnde, whrend sie geheimnisvoll summten und die Kpfe
wiegten. In der Mitte des roten Nebels tanzte ein weizenblondes,
schlankes Geschpf, in flimmernde Silberschleier gehllt, die Brste
vllig frei und die Hfte zwischen Jckchen und Pluderhosen gnzlich
nackt. Sie tanzte eine Art Bauchtanz, rasend und hingerissen.

Und ah -- da war auch Dora! Wieder trug sie ein anderes Kostm:
schwefelgelbe Seide, ber die zinnoberrote, schreckliche chinesische
Drachen wie Flammen zngelten.

Wo aber war dieser andere hingekommen -- diese Mumie mit dem orangeroten
Turban?

Weit und breit war von ihm nichts mehr zu sehen.

Unter tosendem Beifallsklatschen sank die weizenblonde Tnzerin,
taumelnd vor Erschpfung, mit einem wilden Schrei zu Boden.


8

Rastlos wanderte Dora durch die verlassenen Rume, rastlos hin und her.
Zuweilen warf sie sich in einen Sessel -- aber schon wieder wanderte
sie. Ihr schwefelgelbes Kostm mit den grellrotzngelnden Drachen
flatterte. Es war ber die linke Schulter herabgeglitten. Die blonde
Haarflle, die schmerzte, hatte sie halb gelst.

Die Fata Morgana war zerflossen -- Sand, Sand, Wste. Durch die Vorhnge
graute trb der Tag.

Zertretene Blumen, abgerissene Schleier, halbgeleerte Glser, Scherben.
Scherben von Worten, Gelchter, Scherben von Musik. Ein paar vereinzelte
Lampen brannten noch. Petersen hatte seinen Frack abgelegt und kletterte
in seinem Zebrakittel auf eine Leiter, um ein Fenster zu ffnen. Es zog.
Zuletzt erschienen die beiden Neger unter der Tre, in Ulstern,
Stehkragen, und verneigten sich.

Hoffentlich war es nicht zu beschwerlich fr Sie, sagte Dora und
begleitete die beiden schwarzen Gentlemen in ihrer Zerstreutheit zur
Diele. Vielen Dank! Und sie drckte ihnen die Hand.

Sie empfand tiefe Sympathie fr die beiden schwarzen Gentlemen,
aufrichtige -- auch sie waren fremd hier, auch sie gehrten in ein Land
mit Papageien, Wrme, blauem Himmel und Orchideen -- ganz wie sie. Alle
drei waren sie Fremde hier.

Ach, wie unglcklich sie war, Dora!

Sie sank auf einen Stuhl, wanderte wieder -- das Kleid glitt immer mehr
ber die Schulter. Damals -- Reisen, Feste, Paris, Nizza, Italien -- und
immer Frhlichkeit, jeder Tag ein Paradies fr sich. Aber es mute sein,
man ri sie los von ihm. Nein, sie liebte auch ihn nicht, um die
Wahrheit zu sagen, sie liebte einen andern, frher noch, der das
schnste Lcheln der Welt hatte. So -- mit diesem Lcheln stand er in
ihrer Erinnerung. Aber es war unmglich. Er war arm, er hatte gar
nichts. Unmglich. Dann hatte sie diesen Lumpen geheiratet -- weshalb
eigentlich? Weil die Frauen sich um ihn rissen -- er betrog sie am
ersten Tage schon. Ja, weshalb? Nur um diese Leere zu vergessen, die
zurckgeblieben war, als man sie losgerissen hatte.

Dann, eines Tages -- welch entsetzlicher Tag -- wo sie vis--vis de rien
stand -- buchstblich -- das heit noch Schulden. Aber es gab Freunde,
Gott sei Dank gab es -- einen hochherzigen -- ja, in Wahrheit
hochherzigen Freund, der nicht zgerte, ein Vermgen hinzugeben.

Und -- nun -- und nun? Oh -- entsetzlich!

Dora wanderte. Sie rauchte eine dicke Zigarette und wanderte. Die Jahre
flogen, die Sommer wirbelten rckwrts, Sommer um Sommer, Frhling um
Frhling. Und diese Welt, diese entsetzliche Welt, die schrecklicher,
oder, dsterer und klter wurde mit jedem Jahr!

Nicht die Welt hatte sich gendert, Dora verga es. Sie war seit jener
Zeit, da jeder Tag ein Paradies war, um zehn Jahre lter geworden.

Aber sie begriff es nicht.

Und trb graute der Tag.

                   *       *       *       *       *

Auch da drauen graute der Tag, und immer noch klfften rasend die
Haubitzen der Batterie Dnhoff. Die Kanoniere schossen Vergeltung und
sollten sie dabei alle in Fetzen gehen! Grausam und rachschtig whlten
sich die Granaten hinein in den Dunst des Morgens. Schon hatte eine
Haubitze eine schwere Granate vor das Rohr bekommen, und die Stcke
flogen.

Nun erwachte das Feuer an der ganzen Front und rollte mchtig von
Horizont zu Horizont.




Zweiter Teil




Erstes Buch


1

Es soll sich entscheiden, die Stunde ist gekommen. Das Schicksal hat
seine frchterliche Frage gestellt und fordert Antwort. Das Rad der
Weltgeschichte kracht.

Wagen fahren vor, und Automobile fliegen heran.

Die Sonne funkelt. Ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit.

Umstellt von einer Meute von Staatsmnnern und Generalen in Erz liegt
das Reichstagsgebude und leuchtet in der funkelnden Sonne. Am
Westgiebel schimmern die goldenen Lettern: Dem deutschen Volke! Erst vor
kurzem wurde diese Inschrift angebracht, als Ausdruck der Allerhchsten
Anerkennung und Huld, nachdem eineinhalb Millionen auf den
Schlachtfeldern gefallen waren.

Uniformen und Roben, ordenglitzernde Brste und gestickte Kragen quellen
aus den Wagen und Automobilen, Lackstiefel, kleine, reizende
Damenschuhe, Gamaschen, Monokel und Aktentaschen. Wehende Brte eilen
die Steintreppe zum Eingang der Volksvertreter empor, Fettnacken,
Brillen und Professorenmhnen, geschftig, wichtigtuerisch, und jene
Raschen, die ber die Treppen huschen, die Mappe unter dem Arm, das sind
die Rechtsanwlte.

Donnernd drhnt die frchterliche Frage des Schicksals, ohne Pause,
immerfort.

Von Zeit zu Zeit hebt der Portier die breite Brust und wirft einen
gebieterischen Blick ber die Strae.

Aufgeregt fliegt der Polizeileutnant auf seinem Rad heran. Eine Mauer
von Blauen baut sich auf, die Berittenen sitzen wie Statuen, die
Unterfhrer strzen zur Berichterstattung herbei. Der Polizeileutnant
betupft die schweiige Stirn mit dem Taschentuch und lt den raschen
Blick ber die Menschenmenge gleiten, gegen deren Zudringlichkeiten --
oder noch Schlimmeres? -- er unter Umstnden die ordenglitzernden Brste
und glnzenden Seidenhte verteidigen wird.

Vorlufig allerdings ist die Menschenmenge noch nicht zu sehen.
Vorlufig steht sie noch in der Ferne, stumm, den Blick zu Boden
geschlagen. Doch der Augenblick wird kommen, da sie sich in Marsch
setzen wird -- bald vielleicht . . .

Ein paar Neugierige nur, an Zahl dem Aufgebot von Polizisten weit
unterlegen, stehen bescheiden gegen die Gebsche des Tiergartens
gedrngt und bewundern Uniformen und Roben, Feldgraue, Verwundete an
Stcken und Krcken unter ihnen. Irgendwo in ihrem Kopfe flackert
unbewut der Gedanke, da das Schicksal seine frchterliche Frage
gestellt hat und Antwort fordert, heute, jetzt, in dieser Stunde. Aber
schon hat der Blick des Leutnants sie erfat, er runzelt die Stirn, und
die Neugierigen beginnen zu wandern. An ihren Krcken und Stcken
humpeln sie in den Tiergarten hinein.

Was aber ist das? Aus den Gebschen des Parkes kriecht, wie ein Tier,
das aus dem Dickicht kommt, an seinen kurzen Krckstcken der Zitterer,
jener Soldat, dessen Gesicht dicht ber den Schmutz des Bodens schleift,
und dessen gekrmmter, verstmmelter Krper von einem unaufhrlichen
Zittern geschttelt wird. Unbekmmert um die Kette von Schutzleuten
kriecht er ber den Fahrdamm -- sieht es nicht so aus, als ob er sich
geradeswegs in den Reichstag begeben wolle?

Gesetzt den Fall, der Wagen Seiner Exzellenz fahre in diesem Augenblick
vor? Wrde der hohe Herr durch den Anblick des Krppels nicht unangenehm
berhrt werden, gestrt in seinen Gedanken -- schon setzt sich ein
Berittener in Bewegung.

Pltzlich aber rcken sich die Berittenen im Sattel zurecht: lautlos
rauscht eine vornehme Limousine heran.

Ein kleiner, zierlicher Greis entsteigt der vornehmen Limousine,
feierlich und suberlich gekleidet, wie fr den Katafalk. Er blinzelt in
das grelle Sonnenlicht, als sei er eben seiner Gruft entstiegen, und
trippelt hastig und geschftig die Treppen empor, ein gtiges Lcheln
auf seinem wchsernen Greisenantlitz. Weit ffnen sich die Tren.

Kaum war der schmale, gebeugte Rcken des Greises in der Tr
verschwunden, so fuhr die Limousine des Generals im Renntempo vor. Im
Augenblick kletterte Schwerdtfeger auch schon von seinem Sitz, whrend
der Motor noch donnerte.

Voller Wrde entstieg der General dem Wagen. Er sah frisch und verjngt
aus, das breite Gesicht leicht gettet, obwohl er in dieser Nacht nur
einige Stunden geschlafen hatte, und nicht einmal ruhig geschlafen. Erst
gegen drei Uhr war er von Doras Fest zurckgekehrt. Nachdenklich stieg
er die Treppe empor. Die roten Aufschlge des offenen Mantels
leuchteten, die Brust glitzerte von Ordenssternen. Er hatte keine Eile.
Er wute, da diese ganze Reichstagssitzung nichts als eine Zeremonie
war, die vor der ffentlichkeit die nicht zu leugnende Tatsache der
konstitutionellen Regierungsform betonen sollte. Er wute auch, da die
Armeen da drauen schon bereitstanden, bereit zum Sprung, und nur auf
das Signal des Telegraphen warteten.

Morgen -- morgen . . .

Vergebens suchte der Polizeileutnant einen Blick des hohen Offiziers zu
erhaschen.

Vielleicht ist es die beste Lsung! dachte der General, als er die
dicken Lufer der Wandelhalle entlangschritt -- aber er dachte in diesem
Augenblick nicht an die Armeen, die sich wie die Sturmflut vorwrts
wlzen wrden, sondern an die Nachricht, die man ihm kurz vor der
Abfahrt telephonisch bermittelt hatte. Eine betrbliche Nachricht
allerdings -- aber -- letzten Endes -- es ist Krieg, das darf man nicht
vergessen. Tausende, Hunderttausende . . . Er hielt es fr seine
Pflicht, augenblicklich -- wenn auch in aller Krze -- Dora schonend
davon Mitteilung zu machen. Noch bestand ja Hoffnung, wenn auch geringe
-- aber man bedenke: ein ganzer Stab von Offizieren, durch einen
einzigen Volltreffer! Welch ungeheurer Verlust fr das Regiment. Die
Unterschrift, die noch ausstand, wrde nun wohl berflssig werden
. . .

Die Tribnen waren schon berfllt, Kopf an Kopf. Ordenssterne,
Uniformen aller Art. Das Rot des Generalstabes, die goldenen Tressen der
Marine. Lcheln und Zuversicht auf den frischrasierten Gesichtern.
Bekannte ringsum. Ein fettes Gesicht mit Elefantenohren grte. Es war,
ja, richtig, dieser Professor Salomon -- der die Berechnungen fr die
Marine machte -- ja, also am Mangel an Grubenholz konnte das stolze
England scheitern! Unbedeutende, kaum beachtete Dinge entschieden in der
Geschichte ber das Schicksal von Vlkern und Jahrhunderten. Eine
einstrzende Brcke, zum Beispiel, pltzlich aufkommender Sturm.
Napoleon ging zugrunde, weil der russische Winter um vierzehn Tage zu
frh einsetzte.

Die bedeutungslose Zeremonie hatte bereits ihren Anfang genommen. Die
Sozialisten hatten ein paar kurze, hchst unntige Anfragen eingebracht,
sie waren mit zwei Worten erledigt.

Und Dora? dachte der General, bemht, den Professor Salomon nicht zu
sehen. Wie wird sie die betrbliche Nachricht aufnehmen?

Langsam erinnerte er sich an die Begebenheiten dieser Nacht. Sie
erschienen unwirklich, wie Fragmente von Trumen, die sich erst
allmhlich und widerstrebend zusammenfgen. Exzellenz schien seinen
Ausfhrungen mit Interesse zu folgen. Es war bedauerlich, da er in der
Eile verga, ber Belgien zu sprechen. Dann brannte es pltzlich -- wie?
-- ein Vorhang. Wie leicht htte ein Unglck geschehen knnen! In Doras
Haus, wo es nichts als Vorhnge und Teppiche gab. Und dann -- dieser
Unbekannte und Dora -- auf der Diele? Wer mochte dieser Unbekannte --
diese Mumie gewesen sein? Und dieser kleine Rittmeister, dieser Beduine,
der so heftig schwitzte -- wie hie er doch? -- was fr merkwrdige
Dinge hatte er ihm doch erzhlt? Und weshalb? Der General forschte in
seinem Gedchtnis . . .

Pltzlich rieselte eine kalte Welle ber seinen Krper. Irgendein Blick
ruhte auf ihm. Er nderte die Haltung, strich mit den Fingern ber den
Schnurrbart, und lie den Blick kalt und abwehrend ber Tribnen und
Kpfe streichen.

Sonderbar, deutlich fhlte er, da ihn jemand anstarrte . . .

Die Minister saen auf ihren Pltzen, gleichmtig, als seien sie an
dieser Zeremonie die am wenigsten Beteiligten. Sie kritzelten mit den
Bleistiften, tauschten scherzhafte Bemerkungen, betrachteten ihre
Fingerngel. Der gtige Greis -- peinlich suberlich gekleidet, wie fr
die Aufbahrung -- schien zu schlummern, ein friedevolles Lcheln auf dem
Antlitz. Pltzlich aber hstelte er in die durchsichtigen Kinderhnde
und erhob sich.

Augenblicklich wurde es totenstill im Hause.

Laut donnerte die furchtbare Frage des Schicksals . . .


2

Dora schlief zu dieser Stunde noch immer, Freude auf den heien Wangen.

Ein ganz wunderbarer Traum entzckte sie; sie befand sich mitten in
einer Blumenschlacht in Monte Carlo oder Nizza, jedenfalls war es
bezaubernd. Blumengeschmckte Wagen zogen aneinander vorber, Blumen der
herrlichsten Farben wirbelten gegen den tiefblauen Himmel und regneten
in ihr Coup herab. Sie sa neben einem alten, wrdevollen Herrn, mit
einem langen, weien Spitzbart, den sie nie in ihrem Leben gesehen
hatte. Merkwrdigerweise trug er eine orangefarbene Schrpe quer ber
der Brust, und alle Welt schien ihn mit Neugierde und Respekt zu
betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweien Ponys gezogenen
Wagen sa ein Bekannter, der sie heftig mit Blumen bombardierte.
Pltzlich erkannte sie ihn, es war Otto, sie sprang auf, rief: heute
abend -- aber schon waren die Wagen aneinander vorber. Otto verschwand
in einem Regen von Blten. Aber Helene, sagte der Herr mit dem weien
Spitzbart. So erfuhr sie, da sie Helene hie, es war hchst merkwrdig,
und sie begann laut zu lachen.

Das eigene Lachen weckte sie, und als sie die Augen aufschlug, regneten
gerade noch die letzten Blumen und Blten ber sie herab. Sie war in
kstlicher Laune, vergessen die Melancholie des grauenden Morgens.

Sie klingelte. Ich werde im Bad frhstcken.

Dora schlpfte in die kleinen, seidenen Pantffelchen, lie sich den
himmelblauen Bademantel um die Schultern legen, und begab sich pfeifend
und trllernd, Butzi auf dem Arm, in das Badezimmer. Dieses Badezimmer
war, wie schon erwhnt, ein kleines Treibhaus -- Blten, Wrme, Dfte --
weich und schneeig fiel das Licht durch die Glasdecke. Neben dem Bassin
stand ein kleiner Tisch mit dem Frhstck, den Zeitungen und der Post.
Und Blumen, Billetts, eine Menge Aufmerksamkeiten -- das Tischchen war
vllig bedeckt davon.

Dora lachte vor Vergngen. Wieder kam ihr die Bltenschlacht in den
Sinn. Was fr ein drolliger, alter Herr das war! Seine orangefarbene
Schrpe, wie unendlich komisch!

Gelungen war das Fest! Ganz Berlin wrde darber sprechen -- ber die
Tnzerin, etwas khn, nicht wahr, und die beiden Neger -- ja, es kam nur
darauf an, Einflle zu haben! Eine Oase in dem grauen, schrecklichen
Winter. Dank fr das Fest! Alle dankten, alle waren glcklich gewesen --
ein paar Stunden. Eine drollige Liebeserklrung von Hauptmann
Feuerwalze. Endlich hatte sie nach langer Zeit wieder frhliche Menschen
um sich gesehen, und so war es nun einmal: Dora konnte nicht leben ohne
Freude. Aber -- sie schrak zusammen, indessen voll spitzbbischen
Vergngens -- wie leichtsinnig war sie doch gewesen! Der Sekt -- sollte
es der Sekt gewesen sein --? Wie leicht htte jemand sie beobachten
knnen!

Nichts aber liebte sie mehr als Abenteuer, aus einer Laune geboren --
eine Minute vorher wute man noch nichts von ihnen, und oft eine Minute
nachher nichts mehr davon. Und Doras Gedanken huschten blitzschnell ber
eine Reihe hnlicher Abenteuer dahin, die sie nicht missen mchte in
ihrer Erinnerung.

Wunderbar -- und niemand, niemand . . .

Nur einer, oder ein paar Vertraute --

Pltzlich aber griff Dora wieder zur Post. Es ging nicht an, allzu lange
bei diesen Abenteuern zu verweilen.

Ein Brief des Generals! Seht an! Doras Lippen kruselten sich. Sie legte
den Brief langsam zur Seite. Diese Schriftzge jetzt, nein -- sie
langweilten sie momentan, steif und anmaend kamen sie ihr vor, spter.

Sie griff nach einem rosafarbenen Briefchen, das an einem Fliederstrau
befestigt war. Zu ihrer groen berraschung war es ein drolliges
Gedicht, die Huldigung einer lustigen Gesellschaft, die das Fest bei
Strbel beschlossen hatte. Dora lachte, da das Treibhaus zu klingen
begann. Ach, wie bezecht mssen sie gewesen sein --!

Zu dieser Gesellschaft, die das komische Gedicht bei Strbel verfat
hatte, gehrte auch Hedi. Sie kam etwas nach zehn Uhr nach Hause, und
gerade, als sie das silbergraue Schleierkostm, das ganz in Stcke
gegangen war, leider, abstreifte, erwachte Klara. Grelle Lichtzacken
stachen durch die zusammengezogenen Vorhnge.

Ah, da bist du ja! sagte Klara. Aber welche Betonung! Sie hatte die
Schwester zuletzt in einem Kreis von hndeklatschenden Vermummten
gesehen, wo sie einen schamlosen Tanz auffhrte, und es gab keine Worte,
die ihre Verachtung ausdrcken konnten.

Ja, hier bin ich! erwiderte Hedi mit einem sonderbaren, leisen
Auflachen. Sie war sehr bla, und ihre Augen flackerten unstet.

Wo warst du eigentlich? fragte Klara, whrend sie neugierig und
berrascht die Schwester beobachtete.

Ich? Wieder lachte Hedi leise und heiter. Du hast ja nicht gewartet.
Bei Strbel. Alle haben wir bei Strbel Kaffee getrunken. Herrlichen
Kaffee, Weibrot, sogar Sahne!

Strbel? Wer ist Strbel?

Er besitzt eine Motorenfabrik und hat im Kriege Millionen verdient.

So, und da also --?

Und weit du, wer den Kaffee gekocht hat? fragte Hedi lachend. Ich,
zusammen mit Strbel. Denn Strbel hat keine Dienstboten im Hause,
obschon er so reich ist -- um ungestrt zu sein. Ja, also wir zwei haben
den Kaffee gebraut -- und das Wasser wollte gar nicht kochen, hahaha! --
aber niemand fiel es auf.

Was fiel niemand auf?

Hier brach Hedi in lautes Gelchter aus. Was sagte ich? Nun -- niemand
fiel es auf, da es so lange dauerte, bis der Kaffee fertig wurde. Es
war einfach schnurrig! Die ganze Gesellschaft trank Kognak aus
Kaffeetassen. Wir haben alle Bruderschaft getrunken!

Hedi lachte, erzhlte, summte, tnzelte, whrend sie abwechselnd durch
Dmmerung und grelles Licht glitt. Bald flammte ihr Auge auf, bald ihr
weizengelbes Haar, bald ihre bleiche Haut. Pltzlich stie sie ein Glas
vom Tisch, aber auch darber mute sie nur lachen.

Voller Verachtung drehte Klara sich gegen die Wand.

Nun, sagte Hedi triumphierend, dieser Herr Strbel ist nicht nur
reich, sondern auch ein Gentleman. Und er ist verliebt in mich! Dich
aber wrde er wahrscheinlich gar nicht ansehen, kleine Braut. Dies
fgte Hedi ein, um Klara zu reizen.

Aber Klara schwieg.

Ah, seht an, sie spielt die Hochmtige! fuhr Hedi fort. Nun, mein
Liebling, es ist mir hchst einerlei, was du denkst. Du bist ja noch ein
Kind, und was solltest du vom Leben wissen? Auch was Papa denkt, ja,
siehst du, auch das ist mir hchst einerlei. Ich habe dir ja schon oft
gesagt, da ich dieses Leben hier satt habe, diese ewige Langeweile, und
eure Rben und Kartoffeln. Und dazu die ewige Kontrolle! Nein, mein
Herz, nun mache ich Schlu. Hrst du mich, kleine Braut? Ja, natrlich
hrst du mich, du tust ja nur so . . . ich werde euch verlassen . . .

Ja, verlassen, man hat mir eine Sekretrsstelle angeboten, tausend Mark
im Monat, bei vlliger Bewegungsfreiheit -- ein kleines Bureau werde ich
haben, und einen kleinen Empfangssalon -- du staunst, wie? -- und bei
Strbel selbst. Ich werde mir nun mein Leben so einrichten, wie es mir
gefllt. Ich bin jung, ja Gott sei Dank, noch bin ich jung. Und du
darfst mich besuchen, kleine Braut, und vielleicht schenke ich dir ein
Paar seidene Strmpfe --

Ganz pltzlich schlief Hedi ein.

Aber ihr Schlaf war unruhig, und immerfort lief ein Zittern ber ihren
Krper. Klara beobachtete sie.

Was war geschehen?

Labyrinthisch und voller Dunkelheiten erschien Klara pltzlich das
Leben. -- --

Dora aber freute sich immer noch ber das Gedicht, whrend sie das warme
Bad geno. Ihre Augen, ihre Zhne, Grbchen, ihre Schultern und Brste,
die ganze Dora strahlte vor Entzcken. Es war so leicht, ihr eine Freude
zu machen. Sie wartete nur darauf.

Behutsam legte sie das Gedicht zur Seite, um es aufzubewahren, in dem
Schubfach, das angefllt war mit hnlichen Huldigungen.

Ein Billett von Otto. Sie strich das volle Haar in den Nacken, las --
nur zwei Zeilen -- und zerri es, in winzige Stckchen, die sie in die
Aschenschale warf. Eine feine Rte flog ber ihre Wangen.

Dann trank sie ein Tchen Kakao.

Und dann griff sie nach dem Briefe des Generals. Seine Schrift begann zu
zittern. Es war nicht mehr die frhere, starke Hand. Er begann langsam,
ganz langsam zu altern, ja . . . Was sollte er ihr zu sagen haben?
Nichts, gar nichts.

Pltzlich aber sa Dora ganz still.

Ihre glnzenden, roten Lippen standen offen, die Hand zitterte -- ihr
schwindelte.

Heute nacht . . .

Heute nacht also . . .

Heute nacht, whrend sie tanzte, whrend sie scherzte, whrend sie
lachte. Vielleicht gerade in jenem Augenblick . . .

Heute nacht -- die Tnzerin, die Neger, die Vermummten -- alles wirbelte
vor ihren Augen.

Und vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . Sie schauerte zusammen.

Wie betubt hllte sie sich in das Laken, den leeren Blick zu Boden
gerichtet. Vielleicht war er schon tot --

Ihre glnzenden Augen, von dem seltenen intensiven Blau, fllten sich
langsam mit Trnen.

Aber trotz allem hate sie ihn, auch jetzt! Sie konnte es ihm nie
verzeihen, da er sie schon am ersten Tage betrogen hatte, alles andere.
Immerhin, ein Mann, der ihr einmal nahestand. Der einzige Mann, der nie
sentimental war und nie eiferschtig wurde. Der einzige, der nicht
flehte und nach ihr bettelte. Nein, bei Gott, das tat er nicht. Der
spttische Blick seiner kalten, scharfen Augen stand vor ihr.

Hoffentlich litt er nicht, nein, nein, was auch geschehen war, diesen
Gedanken konnte sie nicht ertragen. Trotzdem sie ihn gerade in diesem
Augenblick bitter hate -- leiden sollte er nicht! Und doch, ein
abscheuliches, verruchtes Gefhl triumphierte in ihr, ganz wider ihren
Willen: also auch dich hat es gepackt! Auch dich hat die Granate
zerrissen!

Ja, diesen furchtbaren Gedanken dachte Dora.

Sie stie das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit
strahlte.

Dann klingelte sie eilig der Zofe.


3

Und nun los, Heinz!

Hauptmann Wunderlich schwang sich an den Krcken ber den Flugplatz.
Gertete Gesichter und rote Hnde im Sonnenschein.

Augenblicklich verschlang das Drhnen des Motors den Lrm der Geschtze,
und schon eilte die Maschine ber den Rasen, dem herrlichen Morgen
entgegen. Der Flugplatz mit den Hangars schwang in weitem Pendelschlag
unter der linken Flgelspitze, eine Idee schrg lag die kleine Maschine,
kaum zu merken, ganz wie gestern. Meerheims Maschine, der einige Minuten
frher abflog, blitzt zuweilen wie ein Funke im Sden.

Schon hat der Motor die volle Tourenzahl erreicht, unmerklich drckt der
Boden des Flugzeugs gegen die Fusohlen. Die kleine, kugelrunde Wolke
des rasenden Autos da unten auf der schneeweien Landstrae wird
langsamer und langsamer, nun steht sie still, und nun scheint sie sich
pltzlich rckwrts zu bewegen.

Heinz zog die Mtze tiefer ber die Stirn. Er berhrte mit den Fingern
den Talisman auf seiner Brust. Nun war er unterwegs.

Die Farben der Erde flieen ineinander. Geschliffene Achate, Felder und
Wlder, der Weiher eine winzige Muschel aus Perlmutter, die zuweilen ein
Gefunkel aussendet. Samtweich schlingen sich helle Bnder zwischen den
Achatflchen, Wege und Straen. Die Landschaft aber, dieser zarte
Teppich da unten, ist vulkanisch. Allerorts steigen ununterbrochen
kleine, verwehende Dampfwolken empor, wie aus Geisern, oft vereinzelt,
oft in Gruppen, milchigwei, graugelb und schwarz. An einer Kurve
drngen sie sich dicht zusammen, wie schnellwachsende Dampfpilze paffen
sie ohne Pause auf -- das sind die Grben.

Merkt er etwas?

Morgen, morgen, geht das Gercht!

Heinz jauchzt vor Freude. Es wird zu tun geben!

Da und dort stehen in der Blue des Himmels Gruppen dichtgedrngter
Lmmerwlkchen, aus denen Messer blitzen, Schwrme von Schrapnells, die
den Flugzeugen gelten. Von unendlicher Schwrze, blitzend von Myriaden
feinster Silberfunken, wlbt sich hoch oben der ther.

In dreitausend Meter Hhe flog Heinz seinen Abschnitt auf und ab.
Meerheim patrouillierte im Nachbarabschnitt. Zuweilen sah Heinz seine
Maschine, wenn sie sich der gegenseitigen Grenze nherten. Hier oben war
die Front kaum noch zu sehen, leichter Dunst lag auf der Erde, nur
zuweilen warf der Grtel der Geiser eine Gruppe schwarzer Rauchwolken
aus. Am Horizont ringsum blitzten die Messer der feindlichen und
deutschen Batterien. In der groen Weite war kein Flugzeug zu sehen, nur
nach Westen zu entdeckte Heinz eine Gruppe von Maschinen, die aber bald
verschwand. Dort schienen feindliche Flieger zu sein, und er wnschte
nichts sehnlicher, als da sie hierher in seinen Abschnitt kmen. Er
glhte vor Kampfbegierde! Aber nichts lie sich sehen, so sehr er auch
aussphte, keine Seele. Mchtige weie Wolkenmassen zogen unter ihm
dahin. Zuweilen lie er die Maschine sinken, und dann wuchs ein
schimmerndes Schneegebirge rasch zu ihm empor. Trme von Schnee
brodelten ihm entgegen, Kuppen von Schnee wlbten sich, und der Schatten
seiner Maschine jagte ber glitzernde Gletscher.

Heinz begann zu singen.

Wie eine Lerche trillerte er im ther. Er mute sein Glck hinausrufen.
Laut und inbrnstig hingegeben sang er: Deutschland, Deutschland ber
alles. Er sang smtliche Strophen des Liedes, das ihn schon in der
Schule berauscht hatte. Deutlich hrte er zuweilen aus dem Rhren und
Brausen des Motors seinen hellen Tenor.

Dann sang er die Vglein im Walde.

Nie hatte er eine seligere Stunde erlebt.

Wie hufig, erschien pltzlich deutlich und scharf Klaras Bild vor
seinen Augen. Seligkeit wre es, knnte er nur einmal mit ihr durch den
ther dahinjagen! Nie wrde er imstande sein, ihr dieses Glck zu
schildern.

Ja, heute, heute -- vielleicht wrde es ihm endlich heute gelingen,
einen Gegner zu stellen! Oh nein, er zweifelte nicht eine Sekunde daran,
als Sieger aus diesem Zweikampf hervorzugehen. Er war entschlossen, er
war khn, er frchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heiester
Liebe fr sein Vaterland. Wie sollte er da nicht der berlegene sein?

Dort? Dort? Schon jagte er hin --

Oft rckten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschtze ganz nahe, aber zu
seinem Schmerz entfernten sie sich stets wieder. Es war sein
persnliches Pech, da niemand seinen Abschnitt aufsuchte.

Allzu schnell war seine Zeit abgelaufen. Wieder vergebens! Mit der
Sekunde wandte Heinz die Maschine nach Hause. Er strzte sich mitten in
eine der schimmernden Wolken hinein, glitt fr Sekunden durch Dsternis
und kalten Nebel, um gleich darauf wiederum von Helligkeit geblendet zu
werden. Wieder lag da unten der schimmernde, bunte, freundliche Teppich,
und Heinz nahm den Kurs auf eine weie Kirchturmspitze am Horizont.

Was aber gibt es? Was ist geschehen?

Pltzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. Mchtig
pendeln die Flgel. Heinz hat sich in namenlosem Erstaunen aufgerichtet.
Die Maschine strzt . . .

Aber hinter der strzenden Maschine her jagt wie ein riesiger Raubvogel
ein Flugzeug mit Farbringen auf den Tragdecken. Senkrecht strzt es sich
in die Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, in seiner Vermummung anzusehen
wie ein furchtbarer Dmon, beugt sich ber Bord, um die strzende
Maschine des Gegners auf die Platte seines photographischen Apparates zu
bringen.

Wie eine Motte flattert der deutsche Eindecker da unten, und pltzlich
lst sich etwas wie ein Gegenstand, ein Krper -- verschwindet rasch,
wie ein Punkt in der Tiefe.

Schon blitzen Messer auf am Waldrand, und der Raubvogel rauscht in die
Wolke zurck. --

Als Hauptmann Wunderlich die Nachricht hrte, zerri er sich mit den
Ngeln das Gesicht und schrie: Ich ertrage es nicht mehr, ich kann
nicht mehr!


4

Immer noch sprach der freundliche Greis -- mit leiser, feierlicher
Stimme. Und immer noch verharrte das Haus in Totenstille.

Der kleine gtige Greis sagte Ja, und er sagte Nein. Er sagte Sofort und
sagte Niemals. Vorsichtig und sorgfltig fgte er Wort an Wort zu
kunstvollen Stzen. Zuweilen huschte sogar etwas wie rethorischer Glanz
ber seine Rede, ein Glanz wie er ber Reliquien in den Kathedralen
liegt.

Die Erregung hat seine Greisenbckchen gertet wie die Bckchen eines
Kindes.

Er war nicht abgeneigt, Zugestndnisse zu machen, das heit nicht
eigentliche Zugestndnisse, es wre ihm natrlich unmglich, irgendwie
und in irgendeiner Form auch nur das geringste . . .

Er versicherte heilig seine Friedensgeneigtheit, ja, jeden Tag wrde er
Frieden schlieen, aber natrlich, er bittet, nicht miverstanden zu
werden -- er war entschlossen, frchterlich entschlossen . . .

Und er schwingt die kleine hilflose Greisenfaust durch die Luft. So
entschlossen war er.

Ja, entschlossen . . .

Der General setzte den Kneifer auf und warf den Kopf in die Hhe. Vor
ihm glnzte die bedeutsame Glatze eines Admirals, neben ihm schimmerte
nichtssagend das dnne gebrstete Haar eines Diplomaten.

Die Tribnen gegenber lagen im Halbschatten. Kopf an Kopf, eine
gesichthnliche Nichtigkeit neben der anderen. Und doch . . . Er fhlte
sich unbehaglich -- frher war er hnlichen Einflssen berhaupt nicht
zugnglich gewesen, indessen der Krieg -- die berarbeitung . . .

Da!

Ein glnzendes, bleiches Gesicht unter all den matten Nichtigkeiten, und
ein paar Augen voller Schrecken und Entsetzen auf ihn gerichtet.
Vielleicht nicht auf ihn, eigentlich mehr auf den kleinen Greis, dessen
Kinnlade sich ruckartig bewegte. Der General hatte das Gesicht schon
irgendwo gesehen, vermochte sich indessen im Moment nicht zu entsinnen.
Es war nicht Schrecken, es war Grauen, das von dem glnzenden, bleichen
Gesicht mit den schwarzen rasenden Augen ausging. Dieses Grauen lhmte
die Zunge des sprechenden Greises, lhmte seine Bewegungen. Sein
erhobener Arm sank pltzlich herab, er schpfte Atem, hastig, seine
schmalen Schultern schoben sich in die Hhe -- er beugte sich tiefer
ber das Manuskript und stotterte.

Das bleiche phosphoreszierende Gesicht aber wuchs in die Hhe -- schon
fiel es allenthalben auf. Der Diplomat mit den dnnen, suberlich
gebrsteten Haaren blinzelte beunruhigt und runzelte die Stirn.

Die dnne feierliche Stimme des Greises erschallte wieder.

Die kleine eigensinnige Greisenfaust schlgt auf den Tisch, und
eigensinnig wiederholt die tonlose und feine Stimme Ja und Nein, Niemals
und Sofort. Nun sind es keine Worte mehr, nun sind es nur noch Laute,
nur noch Luftwellen . . .

Nein, nein, nicht ein Greis sprach --

Deutlich sah Ackermann, da dieser Greis eine Leiche war, die redete!
Die Tribnen standen voller Leichen in den Uniformen von Generalen und
Admiralen, mit Orden und Tand behngt, die Abgeordneten waren Leichen,
die still dasaen, die Stenographen, der greise Prsident, der den Kopf
in die Hand sttzte.

Leichen, ein Parlament von Leichen.

Und die Sonne umspielte sie. Die lebendige Stimme Gottes rief und
donnerte, aber sie hrten sie nicht.

Da aber begannen die Leichen zu erbeben wie Schilf im Wind. Ein
Sturmwind brauste durch das Haus. Die Leichen sanken zusammen, vermodert
sanken Uniformen und glitzernde Ordenssterne dahin.

Gesang . . .

In der Ferne ertnte ein Schritt, der drhnende Schritt von
Hunderttausenden, Millionen -- Gesang fliegt vor ihnen her. Und dieser
Gesang ist der Sturmwind --

Da berhrte jemand seinen Arm, eine kncherne harte Hand, und eine
trockene Stimme sagte: Sie drfen sich nicht so ber die Brstung
legen. Ackermann befand sich wieder auf der kleinen Tribne, wo
zusammengedrngt das Volk sitzt, das keine reservierten Pltze
vorfindet. Er war nahe daran gewesen, eine seiner Ohnmachten zu
bekommen. Im selben Augenblick wurde applaudiert. Die Ordenssterne und
Uniformen rauschten durcheinander. Der freundliche Greis setzte sich und
trumte wieder von seinem Sarg, aus dem man ihn aufgescheucht hatte.

Die Abgeordneten betraten nacheinander die Rednertribne. Worte und
Gesten. Schon ist die Zeremonie zu Ende. Die Tribnen beginnen sich zu
leeren.

Aber halt! Hier ist noch einer, der etwas zu sagen hat. Er hat die
furchtbare Frage des Schicksals vernommen, das Antwort fordert. Er will
zur Tribne strmen. Aber die Fettnacken und wehenden Brte halten ihn
zurck, die Rechtsanwlte und selbst die vom Hunger Ausgemergelten.
Selbst sie! Die Journalisten auf ihrer Tribne schtten sich vor Lachen.

Flammend steht er, der einzige, zornrot, mit weien Haaren. Seine
rasende Stimme erstirbt im Lrm.

Schon sind die Tribnen leer. -- --

Die Pulse fliegen. Die Lider peitschen die Augen, das Blut donnert in
den Ohren, und die Glieder schwingen. Die Erde hebt sich, bald wird sie
zerreien -- Rauch, Feuer! Genug, genug!

Genug und vorbei!

Das blaue Himmelsgewlbe splittert, Finsternis. Das Rad der Geschichte
vollendet krachend seine Umdrehung, es wlzt sich heran, zermalmend --
Staub, Rauch . . .

                   *       *       *       *       *

Uniformen und Roben fluten die Treppe hinab in den herrlichen Tag. Ganz
wie nach einem Pferderennen von den Tribnen. Die Rechtsanwlte schieen
hindurch, mit ihren Mappen, sie haben es immer eilig. Einglser funkeln,
das Lcheln blitzt auf den Lippen einer schnen Dame. Sporen klirren und
Sbel rasseln.

Wagen fahren heran, die Automobile qualmen.

Lautlos huscht die Limousine des kleinen freundlichen Greises am Wall
der Schutzleute vorbei.

Schwerdtfeger hat seinen hohen Chef oben auf der Treppe erspht und den
Wagen herangebracht, ohne die geringste Rcksicht zu nehmen. Er kennt
nichts als seinen Dienst.

Der General braucht nur irgendwo aus einem Hause zu treten und ber den
Brgersteig zu gehen, immer steht Schwerdtfeger bereit. Der General mu
nur den Fu heben, das ist alles. Aber er hat sich nie Gedanken darber
gemacht.

Oben auf der Treppe sprach der General einen Bekannten mit hohen Orden.
Er drckte seine Befriedigung ber den Verlauf der Zeremonie aus -- die
Rede, prachtvoll -- und der Bekannte seinerseits versicherte, da die
Rede in der Tat eine staatsmnnische Leistung ersten Ranges war.

Nun stieg der General die Treppe hinab.

Die Lackstiefel eines Husaren blitzten vor ihm. Ein schmaler, eleganter
Rcken, ein vornehmes Profil, ein rascher, khner Blick aus schnen,
klaren Augen -- der Husar weicht zur Seite und grt.

Ah -- gut bekommen? Ja, wie hie er doch nur?

Leutselig schttelt der General dem Husaren die Hand.

Danke, Euer Exzellenz!

Ein netter Abend -- hm, etwas spt . . . wir haben ja -- Sie haben mir
ja von interessanten Dingen erzhlt --?

Der Husar blieb indessen vllig khl und korrekt. Erstens war er kein
Beduine mehr, sondern Husar, zweitens war er, mit Respekt zu melden,
heute nacht vllig bekneipt, und als er aufwachte, fiel ihm (als erstes)
voller Schrecken ein, da er Dummheiten geschwtzt und sich beinahe auf
Gott wei welche Geschichten eingelassen htte -- drittens war man nicht
mehr auf einem Ball, sondern im Dienst, und es wimmelte ringsum von
Wrdentrgern und Exzellenzen.

Er blieb also khl, korrekt, entschlossen, sich auch durch nichts
bewegen zu lassen. Seine schnen klaren Augen strahlten Offenheit.

Leider vermochte ich nicht mit ganzer Aufmerksamkeit zu folgen -- es
war pltzlich so hei geworden -- und dann brannte noch dieser Vorhang.

Aber der Husar blieb zurckhaltend, entgegnete ein paar nichtssagende
Redensarten. Er errtete sogar.

Schwerdtfeger warf den Wagenschlag ins Schlo, und der General erwachte
erst aus seinen tiefen Gedanken, als die grelle Sonne in seinem
Arbeitssaal ihn blendete.

Er zog die blauen Vorhnge zu, das Licht schmerzte seine Augen, jetzt
erst machte sich der kurze Schlaf bemerkbar.

Trotzdem -- trotzdem -- murmelte der General vor sich hin. Mehr und
mehr verfiel er der Gewohnheit, seine Gedanken laut zu uern.

Trotzdem -- ja, er wich aus -- nun, gewi er ist ein Mann von grter
Selbstkontrolle, ohne Zweifel. Aber er errtete etwas. Weshalb?

Oder errtete er nicht?

Vielleicht habe ich mich getuscht, aber es sah tatschlich aus, als ob
er errtete.

Aber was, was hat er mir erzhlt? Ja, wie rgerlich, da gerade diese
Sache mit Dora -- --

Aber weshalb erzhlte er es mir?

Wie? Wie? Sogar Angehrige der besten Gesellschaft -- und . . .

Deutlich erinnere ich mich -- trotzdem . . .

Der General starrte vor sich hin -- das Blut wich langsam aus seinem
breiten Gesicht. Pltzlich schttelte er den Kopf. Welch absurder
Gedanke!

Er berhrte die Klingel.

Weibach erschien, und der General berichtete kurz ber die
Reichstagssitzung -- ein Zeichen des grten Vertrauens und Wohlwollens,
das Weibach, trotzdem er noch in Alkohol kochte, er war bis neun Uhr
bei Strbel gewesen, zu wrdigen wute.

Sollten Sie Nheres ber Hauptmann v. Dnhoff erfahren --?

Jawohl, Herr General!

Weibach zog sich zurck. Der General war ihm grn erschienen,
leichengrn -- die Beleuchtung natrlich, oder auch sein Zustand. Er
trank wenig, aber er konnte nichts mehr vertragen, seit er in Ruland
seinen Nervenchok erlitt. Damals waren sie alle verbrannt, durch einen
Volltreffer, der den Unterstand in Flammen setzte -- nur durch einen
Zufall war er gerettet worden. Er wute selbst nicht wie, er hatte es
auch nie begriffen.

Sobald Weibach den Saal verlassen hatte, ging der General zum Telephon
und verlangte eine bestimmte Verbindung.

Erst nach geraumer Zeit lie sich jemand hren.

Ich hatte doch gebeten -- begann der General ungndig -- mich
umgehend informieren zu wollen -- bereits acht Tage -- wie, bitte --?


5

Ackermanns Blick fieberte durch die wimmelnden Uniformen und abrollenden
Wagen. Verzweiflung schttelte ihn.

Dieses Parlament, welche Schmach! Der Fluch des Volkes wird die
Schmachbedeckten treffen -- einst, einst --!

Er sah die hohen Offiziere nicht, nicht die Generale mit ihren roten
Aufschlgen, nicht die Admirale mit den goldenen Tressen. Und niemand
beachtete ihn in seinem abgeschabten weiten Mantel, von Entbehrungen und
Qualen erschpft -- ein einfacher Soldat, einer von den Millionen, die
niemand sieht.

Auf dem Straendamm stand mitten im Qualm der Autos ein Berittener,
regungslos wie eine Statue. Mit furchtbarem Ernst sa er im Sattel,
quittengelb, mit spitzer Nase, eingefallenen Wangen und violetten
Augenhhlen. Eine berittene Leiche hielt vor dem Parlamentsgebude
Wache, im Sattel verhungert, aber sie tat ihre Pflicht.

Pltzlich drehten sich die starren Metallkugeln in den violetten Hhlen,
die Haut des quittengelben Gesichts straffte sich, der rostrote
Schnurrbart zuckte.

Er hatte Ackermann entdeckt, und eine argwhnische, drohende Falte
spaltete die armselige Stirn.

Das Gesicht dieses gemeinen Soldaten war das Gesicht eines Mannes, der
geheime Gedanken hegte, Gedanken ganz besonderer Art, unzufriedene
Gedanken. Er kannte diese Gesichter vom Kasernenhof her und hatte sie
vernichtet, wo er sie fand, bis sie aussahen wie andere.

Schon drngte er sein Pferd nher, und sein Blick wurde messerscharf und
unbarmherzig. Er war aus der kaiserlichen Schule, auf den Mann
dressiert.

In diesem Augenblick aber ging Ackermann wie ein Schlafwandler mitten
durch die Uniformen und Wagen hindurch, schnurgerade ber den Fahrdamm
-- ohne angestoen, berhrt, berfahren zu werden, sonderbar.

Es ist Zeit! flsterte er. Es ist Zeit!

Es ist hchste Zeit! Er eilte.

Ihr Jungen, Wollenden, Wagemutigen, die Stunde schlgt! Ihr
Sehnschtigen, Verzweifelten, Zielerfllten, ihr Hassenden, Liebenden,
Gesegneten, Boten und Verknder des Menschenreiches -- auf, auf, die
Stunde ist da! Zgert nicht lnger, ihr Gesandten mit den menschlichen
Antlitzen!

Bse folgte der Blick des Berittenen dem grauen Soldatenmantel, der
rasch zwischen den Bumen verschwand.

                   *       *       *       *       *

Und schon -- ja schon rsten sie sich zum Aufbruch, die Lufer, die
ihrer Zeit vorauseilen! Schon baden sie das Antlitz im Lichte einer
neuen Sonne, die heraufsteigt.

Schon erheben sie sich von den elenden Pritschen der Gefngnisse -- sie
werden durch hundertfach geschlossene Tore gehen wie durch Luft, keine
Angst. Schon hebt sich ihre leuchtende Wimper in den Kasernenhfen
Europas -- und sie werden das triumphierende Wort aussprechen, und die
Kugeln werden von ihnen abprallen, keine Angst. Schon beten sie ihr
Morgengebet bei den Kanonen, in den Erdlchern der europischen
Schlachtfelder -- sie werden die Kanonen zerbrechen, als ob sie Schilf
wren, keine Angst. Schon wird ihr Schlaf in den Massengrbern Europas
unruhig, schon hebt sich ihr Auge, sie werden auferstehen, strker als
der Tod, keine Angst.

Schon kommen sie, schon sammeln sie sich, in ganz Europa, sie, die
Brder sind und sich erkennen am Glanz des Antlitzes. Schon ertnen ihre
Stimmen, da und dort, in ganz Europa, in der ganzen Welt!

Sie kommen!

Kommen sie? Kommen sie wirklich?

Ja, sie kommen! Horch! Schon wandert ihr Schritt im Tagesgrauen.

Und die Finsternis wird ein Ende haben?

Die Finsternis, die schreckliche, wird ein Ende haben.

Schon rtet sich der Himmel im Osten. Sie bringen das Licht. Sie kommen,
und sie werden dahinschreiten, und das Paradies wird unter ihren
Schritten erblhen.

Ihr Feldzeichen aber ist nicht rot, nicht blau, ihr Feldzeichen ist die
Liebe.


6

Unbegreiflich!' rief Herr Herbst aus und warf die kleinen Hnde voller
Erstaunen in die Luft. Was ein Mensch doch trumen kann! Also, Berlin
nichts als -- Schutt, nur Schutt, sagen Sie?

Eingehllt in den langen rostfarbenen Havelock, den steifen Hut auf den
Ohren, sa Herr Herbst im halbdunkeln Gastzimmer des Lwen von
Antwerpen. Eine groe, sofort in die Augen springende Vernderung war
mit ihm vorgegangen: er trug keinen Kragen mehr! Denn frher hatte er ja
einen niedrigen, wenn auch nie ganz reinen Kragen und eine kleine
schwarze Binde getragen. Wer sie kennt, die Trinker, wei, was es zu
bedeuten hat -- keinen Kragen mehr!

Ihm gegenber sa der scheue, stille, bucklige Wirt, Herr Glienicke,
zwischen ihnen stand die Flasche.

Herr Glienicke rusperte sich krchzend, dann erwiderte er scheu
flsternd: Ja, nichts als Schutt, ein Haufen Schutt, das ganze Berlin.
Wie soll ich sagen -- eine Ruine. Und Raben --

Raben? Schauer jagten ber den Rcken des kleinen Herrn Herbst.

Der Himmel war schwarz von ihnen. Sie flogen auf, wohin man kam -- wie
Wolken. Hm, und auch Leichen lagen da und dort, streckten die Hnde aus
dem Schutt, blaue Hnde.

Was fr ein entsetzlicher Traum! Und keine Menschen mehr, sagen Sie?

Keine Menschen, nein. Nur Raben, alles war schwarz von ihnen. In ganz
Berlin keine lebende Seele mehr. Nur Schutt und verkohlte Balken. Da und
dort stand zwischen den Schutthaufen noch ein verlassenes Geschtz. Aber
keine Menschen.

Ah, ah -- entsetzlich!

Und dann begann es zu schneien --

Guten Tag! sagte in diesem Augenblick eine helle, nchterne, aber
bescheidene Stimme, und die beiden fuhren auf.

Ein schmchtiger, junger Mann war ins Zimmer getreten.

Der schmchtige, junge Mann nherte sich, den Hut in der Hand, dem Tisch
und verbeugte sich leicht und steif.

Ich bitte um Verzeihung! Herr Herbst?

Zitternd erhob sich der Havelock. Ja, weshalb in aller Welt zitterte er?
Es war nicht nur diese helle, nchterne Stimme, nein -- jemand kannte
ihn, ihn, seinen Namen . . .

Ich habe mit Ihnen zu sprechen, sagte die gleiche Stimme, aber um eine
Schattierung weniger bescheiden.

Sprechen? Gewi --

Nicht hier, bitte -- in besonderer Angelegenheit --

Und die beiden verlieen das Gastzimmer. Die Eulenaugen des Buckligen
sahen ihnen nach. Herr Glienicke hatte sich nicht von der Stelle
gerhrt. Diese Stimme, unverkennbar: die Polizei!

Bitte! sagte der schmchtige junge Mann und lenkte den Schritt die
Fabriciusstrae hinab.

Mit etwas eingeknickten Knien schlrfte Herr Herbst neben ihm her. Er
verging vor Angst, erfllt von den schlimmsten Ahnungen.

Wie immer spielten die Kinder auf der staubigen, zugigen Strae, aber
heute wagten sie sich nicht an ihn heran, da er in Begleitung war.

Mit hohem Singsang schritten sie im Reigen um ein Mdchen, das auf dem
Pflaster kauerte und einen Lumpen ber den Kopf gezogen hatte. Ein
schwarzer Hund mit kurzem Schwanzstumpen trippelte mit den Kindern
ebenfalls im Kreise. Nur seiner erschreckenden Magerkeit verdankte er
es, da er noch lebte. Denn hier auen gab es weit und breit weder Hunde
noch Katzen mehr, alles verzehrt, lngst eine Beute der Professionells.
Hohlugig und wchsern erschienen die Kinder wie tanzende, in Lumpen
gehllte Leichen, die aus den Grbern eines Kinderfriedhofs gestiegen
waren, um hier zu spielen. Ihre Mtter arbeiteten irgendwo in den
Munitionsfabriken, die Vter faulten lngst in den Massengrbern.

Und da war auch schon wieder jener Wagen mit dem schmutzigen Schimmel,
den ein bleiches abgezehrtes zwlfjhriges Mdchen kutschierte. Jeden
Tag kam er hierher in diese Strae, und kam er nicht gerade in die
Fabriciusstrae, so sah man ihn sicher dort an der Ecke warten. Heute
lagen nur zwei Kindersrge darauf, aber soeben brachte ein Mann einen
neuen Kindersarg aus dem Hause und warf ihn wie eine Kiste mit Flaschen
auf den Wagen. Jeden Tag, und doch gab es noch immer Kinder hier!

Die tanzenden kleinen Toten aber beachteten den vorberfahrenden Wagen
mit den Srgen nicht. Sie schoben den Reigen nur etwas zur Seite und
sangen weiter.

Endlich brach der schmchtige junge Mann das Schweigen. Mit einem nicht
unfreundlichen Lcheln wandte er sich an Herrn Herbst.

Sie wissen wohl, da die groe Offensive heute begonnen hat? sagte er
im Tone eines Menschen, der ein Gesprch beginnen will. Tausende von
Gefangenen --

Tausende -- so, so -- stammelte Herr Herbst verwirrt.

Ja, am ersten Tage! Aber das Gesprch kam nicht in Gang. So also ging
es nicht. Der schmchtige junge Mann polierte den Kneifer, lchelte
Herrn Herbst mit kurzsichtigen Augen an, und begann von neuem in etwas
khlerem, geschftlichem Tone: Sie kennen mich nicht, Herr Herbst?

Wirklich nicht? Und Sie haben mich auch nie gesehen? Trotzdem gingen
Sie sofort mit mir, seht an. Ein neuer Beweis, da es unleugbare Krfte
gibt, die Macht ber die Menschen verleihen, magnetische und hypnotische
Krfte. Seit acht Tagen, seit vollen acht Tagen folge ich Ihnen wie ein
Schatten, mein verehrter Herr Herbst. Sie staunen? Sie sehen, man mu es
nur geschickt anstellen. Vor einigen Tagen a ich sogar mit Ihnen am
gleichen Tisch in der Dorotheenstrae. Und am Schlu der
Reichstagssitzung stand ich dicht neben Ihnen, als Sie den hohen
Offizier grten --

Herr Herbst zuckte zusammen. Ah, ah -- er hatte es ja augenblicklich
gefhlt! Seine Ahnungen! Die Polizei war ihm auf den Fersen, die
Geheimpolizei. Der General hatte sie auf seine Spur gesetzt, und nun war
er -- verloren! Ja, dieser General, natrlich, er wollte seine Macht
zeigen, er hatte ihm jenes furchtbare Wort entgegengeschleudert,
belstigte ihn . . .

Ich hatte, mit einem Wort, den Auftrag, mich mit Ihrer Persnlichkeit
zu beschftigen.

Ich wei es.

Sie wissen es?

Ich dachte es mir! Einen Augenblick. Herr Herbst wischte sich den
Schwei von der Stirn.

Ja, also den Auftrag, fuhr der junge Mann geschwtzig fort. Ich kenne
nunmehr all Ihre Gewohnheiten, Ihre etwas sonderbaren und keineswegs
alltglichen Gewohnheiten. Es bedurfte eines psychologisch geschulten
Blickes, um nicht verwirrt zu werden, ich gestehe es offen zu. Nunmehr
sind meine -- Sie verzeihen -- Beobachtungen abgeschlossen, bis auf
einen groen dunkeln Punkt. Aber auch das wird sich finden. Ich hielt
die Zeit fr gekommen, in persnliche Verbindung zu Ihnen zu treten. Sie
gestatten, mein Name ist Kunze.

Der junge schmchtige Mann nahm den grasgrnen Plschhut ab und machte
eine gemessene, steife Verbeugung.

Angenehm! schlrfte Herr Herbst und erwiderte mit einem Kratzfu.
ngstlich und mitrauisch hefteten sich seine entzndeten Augen auf den
blinkenden Kneifer. Nichts Gutes, jedenfalls nichts Gutes!

Der schmchtige junge Mann, der sich Kunze nannte, war rmlich, aber
peinlich sauber gekleidet. Sein dnner berzieher, bis oben zugeknpft,
war abgewetzt, aber man sah noch die Striche der Brste. Seine
geflickten Stiefel waren glnzend gewichst. Er trug dnne
Zwirnhandschuhe, nur seine Manschetten, sie waren etwas grau geworden.
Er war semmelblond, das semmelblonde Schnurrbrtchen haarscharf
zugespitzt. Die Augen hinter den Glsern erschienen matt, ausdruckslos
und sogar dumm. Unter dem Arm trug er eine dnne lederne Aktenmappe. Wie
alle Menschen sah er schlecht genhrt aus, und sein Teint hatte eine
unreine, grnlich fahle Frbung.

Hoffen wir es, da meine Bekanntschaft fr Sie angenehm sein wird,
nahm Kunze nach dem beendeten Zeremoniell der Vorstellung wieder das
Wort, und er lachte leise dabei. Fr manch einen, fr viele war meine
Bekanntschaft -- meine Bekanntschaft wenig angenehm, h, h! Ja, wenig
angenehm! Nun, nun, Sie haben nicht die geringste Ursache, sich zu
beunruhigen, ich betonte schon, da ich mich durch Ihre sonderbaren
Gewohnheiten nicht verwirren lie. -- Einen Augenblick, lassen wir diese
Elektrische vorbei -- so. Sie haben sich also vor geraumer Zeit an
unsere Organisation gewandt --

Ich nenne unsere Dienststelle so. Ihr Eingang wurde, wie alle
derartigen Eingnge, unserer Organisation automatisch zugeleitet. Sie
haben, unter anderem, schwere Verdchtigungen erhoben gegen
hochgestellte Persnlichkeiten, oder besser gesagt, gegen Angehrige
hochgestellter Persnlichkeiten, so da eine ganz besonders sorgfltige
Bearbeitung der Angelegenheit notwendig wurde. Aus diesem Grunde hat
mein Chef mich beauftragt.

Herr Herbst atmete auf. Also nicht der General -- es war diese andere
Sache --! Aber schon berzog wieder kalter Schwei seine Stirn. Welch
gefhrlicher Lage hatte er sich doch ausgesetzt! Und weshalb?
Unerklrlich alles. Im Rausch, in vlliger Bezechtheit, hatte er diese
zwei Briefbogen vollgeschrieben. Zu spt. Seine Beine zitterten. Er
hatte Mhe mitzukommen.

Wohin --? stammelte er.

Kunze hielt den Schritt an und lchelte. Er hatte kleine, schlecht
gepflegte Zhne. Sie knnen es sich nicht denken? fragte er mit schrg
geneigtem Kopf.

Wie sollte ich --?

In Ihre zweite Wohnung!

Wie --??

In Ihre zweite Wohnung!

Wie --?!

Herr Herbst griff mit beiden Hnden nach dem steifen Hut -- taumelte
zurck und entfloh . . .

Aber so warten Sie doch! Wie sieht das aus, wenn wir hier einander
nachlaufen. Warten Sie doch! Aber ich mu doch bitten . . .

Mit ein paar langen Stzen lief Kunze hinter dem davoneilenden Havelock
her. Im Nu hatte er ihn wieder eingeholt. Er klemmte den Kneifer auf die
Nase, keuchte -- seine Lunge war nicht ganz in Ordnung -- und lachte
belustigt und nachsichtig.

Nun, sehen Sie, es hat keinen Sinn. Aber weshalb erschraken Sie nur
so?

Ich -- ich . . .

Sie sind ja jetzt noch kreidebleich! Nun, nun, Ihre Nerven sind in
einem heillosen Zustand, Herr Herbst, einem bsen, bsen Zustand, ei,
ei! Und doch wollen wir nur in Ihre Wohnung in der Blcherstrae gehen.
Ich sagte Ihnen ja -- nur noch ein einziger groer dunkler Punkt -- he,
Kutscher!

Kunze winkte geschftig eine Droschke heran. Blcherstrae!

Herr Herbst hob abwehrend die Hnde.

Nein, nein -- unmglich, ganz unmglich! stotterte er hilflos.

Aber der schmchtige junge Mann stampfte pltzlich rgerlich auf den
Boden und sagte mit scharfer Stimme: Sie werden gehen! -- Bitte, bitte
recht sehr, Herr Herbst, fgte er wieder ruhig und hflich hinzu, und
schob den vor Erregung zappelnden Havelock in die wackelnde Droschke.

Wir knnen den weiten Weg unmglich zu Fu gehen. Wir haben keine Zeit
mehr zu verlieren. Mein Chef ist schon ungeduldig, er erhielt eine Rge
von einer hheren Stelle. Machen Sie es sich ruhig bequem. Es wird ja
alles bezahlt. Das sind die Spesen. Sehen Sie hier, in diesem Notizbuch,
hier unter H., das sind die Spesen. Ich htte ebensogut ein Auto nehmen
knnen.

Voller Verzweiflung starrte Herr Herbst vor sich hin.

Kunze zog vorsichtig die Beinkleider ber das Knie herauf. Mein Chef,
er ist Major, ermahnte mich ausdrcklich, keine Kosten zu scheuen, fuhr
er zu schwatzen fort. Mein Chef strahlt! Sie haben uns ja, mein lieber
Herr Herbst, auf eine eminent wichtige Spur gebracht -- ein selten
glcklicher Zufall! Ach, wie langsam doch dieser elende Wagen fhrt! Das
Material wchst, der Ring schliet sich -- wir arbeiten Tag und Nacht --
mein Chef wird einen hohen Orden bekommen -- und auch ich vielleicht,
vielleicht sogar das Eiserne Kreuz, er machte Andeutungen, mein Chef
. . .

Pltzlich brach Kunze ab und zog rasch den Kopf zurck.

Pst, pst -- machte er, und deutete mit dem langen, dnnen Finger auf
die Strae. Aber sehen Sie doch, wer da eben aus der Elektrischen
steigt! Sehen Sie doch! Wie? Wie? Unglaublich -- Frulein v. Hecht!

Es war in der Tat Ruth. Sie sprang rasch aus dem Wagen und suchte ihren
Weg durch die Menge. Schon war sie verschwunden.

Haben Sie sie gesehen? Berlin ist eine so groe Stadt, aber man sieht
immer wieder die gleichen Leute. Machen Sie einmal den Versuch, fassen
Sie eine bestimmte Person ins Auge -- wo Sie auch hinkommen, da ist sie,
ich wette mit Ihnen, was Sie wollen. Was hat nun, frage ich Sie, eine
solch feine Dame hier in diesem Stadtviertel zu tun? Wie, wie? Wenn man
es nicht wte! Bald wird sie wohl nicht mehr hierherkommen, oder? Mein
Chef ist in bezug auf diese Dame etwas unruhig -- nun, verstehen Sie,
die Tochter eines hohen Vorgesetzten -- aber auch das wird sich ja alles
finden. He, Kutscher, fahren Sie doch etwas rascher!


7

Mit einem kleinen Paket unter dem Arm kam Ackermann durch den
Tiergarten. Es war noch hell, Sonne, Tag. Wie gewhnlich suchte er
verlassene Wege auf. Er kam vom Dienst und war auf dem Wege nach Hause,
wo man ihn erwartete.

Ja, schon sammelten sie sich, ohne Zweifel! In England, Amerika,
Italien, Frankreich, Deutschland, Osterreich, Ungarn -- berall in der
Welt -- die Brder! Nur ein Blinder sah die Zeichen nicht, nur ein
Tauber hrte nicht die Stimmen! Nur ein Tauber . . .

In den Zeitungen, zwischen den Zeilen -- in Broschren, Aufstzen,
Bchern, berall Zeichen, die darauf hinwiesen. berall diese Stimmen!
Trotz der Scharen von Zensoren und Agenten, die ausgesandt waren, die
Wahrheit zu erwrgen, so wie Herodes die Kinder von Bethlehem erwrgen
lie, nur aus Furcht, weil er vernommen hatte . . . ah, ah -- sein
Morden war vergebens.

Die Gefngnisse sind berfllt, hier und berall. Arme, betrte Sklaven
bewachen ihre eigenen Befreier! Zu Hunderten werden sie fsiliert, hier
und berall. Arme Verfhrte ermorden ihre Brder. Aber -- _der Gedanke
lebt!_ Die Mauern werden fallen -- in der ganzen Welt -- der Gedanke
wird sie strzen, der Gedanke, der war, bevor die Menschen waren. Der
Gedanke, den man ans Kreuz schlug, folterte, mit Steinen beschwert ins
Meer versenkte, mit geschmolzenem Blei bergo, den die Gesandten des
Satans zu tten versuchten auf hunderttausend Arten -- und der immer
wieder auferstand. Weltreiche strzten, aber er lebt.

Und die Brder werden einherschreiten -- sie, die Heien, die
Sehnschtigen, die Wollenden.

Und auch ich, auch ich, Ackermann, werde bemht sein, mich ihrer wrdig
zu zeigen.

Zu Ende der Dienst, zu Ende! Er hatte Schlu gemacht.

Sie wrden ihn nicht mehr sehen.

Monatelang hatte er gerungen, in den letzten Wochen mit Schwei auf der
Stirn -- der Gedanke siegte. Er war entschlossen . . .

Unter dem Arm trug er, in eine alte Zeitung eingewickelt, seinen
Drillichkittel, wie ihn die Schreiber in den militrischen Amtsstuben
anhaben. Er nahm ihn heute mit nach Hause. Zum Zeichen, da er nicht
zurckkehrte. Die Kameraden hatten die Frage an ihn gerichtet, weshalb
er den Kittel einpacke. Ich mache Schlu! antwortete er. Aber sie
lachten, wie sollten sie es verstehen?

Nun, wohl: sollte man mit ihm machen, was man wollte. --

Ja, dahinschreiten werden die Brder, und auf dem blutigen Schutt dieser
armen Erde werden sie eine neue Welt errichten! Schleift die Kasernen,
werden sie rufen, zerbrecht sie, schleift sie! Ihr Gestank verpestet
Europa und die Erde. Schleift sie und steckt sie in Brand! Sie, die
Brutsttten der Sklaven und Sklavenvgte. Tglich schnden sie
millionenfach die menschliche Wrde, Millionen von Sklaven,
Hunderttausende von Sklavenvgten, die die Peitsche schwingen, brten
die Verruchten jhrlich in Europa aus. In die fernsten Drfer, Steppen
und Wlder senden sie versklavte und geschndete Gehirne, in denen der
unschuldige und reine Gedanke des Gttlichen vernichtet wurde. mter,
Schulen, Kirchen, Fabriken, Werksttten und das weite Land berschwemmen
sie mit Sklavenvgten, verdorben und blind vom Dnkel, so da sie den
Bruder in ihrem Nchsten nicht mehr zu erkennen vermgen!

Schleift sie, verbrennt sie!

Zerbrecht die Kriegsschiffe der Piraten, deren Kanonen den Erdball in
Schrecken halten, zerbrecht sie!

Schleift sie -- werden sie rufen! -- die Zeitungspalste, errichtet von
den Mchtigen und Reichen der Erde zur Verbreitung von Lge und Betrug,
zur Vergiftung und Verfhrung der Nationen.

Schleift sie und verbrennt sie!

Reinigt Schulen und Kirchen, wo unschuldige Kinder und reine Seelen
betrogen werden. Reinigt die Tempel, hinaus mit den falschen Priestern,
die den Namen des Erlsers auf den Lippen fhren und den Mord der
Nationen predigen. Hinaus, hinaus!

Hinaus, hinaus mit den eitlen Advokaten, den hartherzigen Greifen, den
selbstgeflligen Narren, die mit den Schicksalen der Vlker spielen,
hinaus mit ihnen!

Es wird Zeit, ihr Brder, da die Welt genese!

Zerbrecht und schleift die Zwingburgen des Goldes, Tempel der Habgier,
Kerker der Freiheit und des Glckes aller Vlker des Erdballs. Zerbrecht
die Mauern aus Stahl und Eisenbeton, wo die Plnderer ihre Schtze gegen
die Diebe verwahren! Zerbrecht sie!

Ihre Stimme wird erschallen wie der Donner -- und nicht mehr untergehen!

Ach, in dieser Stunde, schwrzeste Mitternacht der Vlker, wird sie noch
verschlungen vom Lrm der Kanonen . . .

Pltzlich aber stockte Ackermanns Schritt. Mit offenem Munde stand er
still.

Aus der Stille des Parkes war er, versunken in seinen Gedanken,
unvermutet in das blendende Sonnenlicht und das Gewimmel der Menge
getreten.

Die Menschen schrien, schwangen die Hte, eilten -- Flaggen wehten ber
den Linden, Flaggen in allen Farben, allen Gren, flatterten lustig und
heiter im herrlichen, seidigen Blau des Himmels.

                   *       *       *       *       *

Die Stadt hatte geflaggt. Siege, Siege!

Wie die Sturmflut war das Heer vorgebrochen, wenn die Dmme gerissen
sind -- ganz wie der General es prophezeit hatte. Hunderte von
Geschtzen, Tausende, Zehntausende von Gefangenen -- eine Batterie
trabte ber die Linden. Der Kaiser hatte befohlen, Viktoria zu
schieen.

Die Stimmen schwirrten, Jubel fuhr dahin ber die Millionenstadt.
Unaufhrlich mahlten die Drehtren der groen Hotels frhliche Gesichter
hinein und heraus. Die Foyers der Hotels waren berfllt, schon sah man
Frhlingskleider der Damen, whrend andere noch Pelze trugen. Die
Kellner schleppten die silbernen Tabletten, die Kapellen musizierten.
Freude erhellte die Mienen.

Ja, wunderbar war diese herrliche Armee, prachtvoll diese Burschen, die
kmpften und starben, wie in den ersten Tagen des Krieges, als sei der
Tod ein Scherz.

Und diese Fhrung: unbertrefflich!

Zehntausende von Gefangenen -- immer mehr, mit jeder Stunde -- die Beute
unbersehbar -- unbersehbar . . .

Oben auf dem Brandenburger Tor trieb die Viktoria ihr Viergespann mit
siegesgewissem Lcheln vorwrts.

Fontnen von Extrablttern stiegen ber den Linden in die Hhe. Die
Menschen ballten sich zu Knueln, sie setzten ihr Leben ein, nur um ein
Zeitungsblatt zu erhaschen, ganz wie die prachtvollen Burschen an der
Front, die durch zischende Eisenstcke sprangen. Schirme wurden
zerbrochen, die Damen verloren die Abstze von ihren Schuhen, und die
Taschendiebe griffen ohne jede Rcksicht einfach in die Taschen.

Und die Batterie, vier alte Kanonen aus dem Siebziger Kriege, trabte
vorbei -- Viktoria . . .

Das Hauptquartier schwimmt in Wonne -- die englische Armee vernichtet
. . .

Furchtbar war dieser Winter gewesen, ber alle Maen furchtbar!
Unertrglich das Sterben ringsum, drauen und in der Heimat. Das
Sterben, das sich sonst in gesitteten Formen vollzog, es war in Panik
ausgeartet. Die Freunde starben, die Dienstboten, die Kutscher fielen
von den Kutschbcken, auf der Strae starben die Unglcklichen, man
sagte einem Gesunden Gute Nacht, und am Morgen hustete er ein paarmal,
und schon war er tot. Unertrglich, unertrglich, Tag fr Tag zwischen
diesen wandelnden gelben und grnen Leichen einherzugehen, diesen
Gezeichneten, mit dem Ku der Verwesung auf der Stirn, selbst solch eine
wandelnde grne und gelbe Leiche, selbst ein Gezeichneter! Unertrglich!

Und die Kinder! Nein, sprechen wir nicht von ihnen, diesen kleinen
Gekreuzigten. Haben wir Mitleid! Geboren als Krppel, mit weichen
Knochen, gummiweichen Schdeln, ohne Ngel -- und sie starben, siechten
dahin an den welken Brsten verzweifelt weinender Mtter, auch aus den
Husern der wohlhabenden Brger wurden die kleinen, rhrenden Srge
getragen. Zu Tausenden und Hunderttausenden gingen sie dahin, ein Strom,
Tag und Nacht. Ja, so weit war es gekommen, ohne bertreibung, wenn auch
die Zeitungen nichts darber schreiben durften, es war England gelungen,
zugestanden. Die Sache mit dem Burenkrieg seinerzeit war nur ein
harmloses Vorspiel gewesen. Gelungen, zugestanden. Htet euch, ihr
Vlker der Erde, seid gewarnt! Fordert nicht Englands Zorn heraus, sein
Blick ttet die Frucht eurer Weiber im Mutterleibe.

Unertrglich, vllig unertrglich war das ganze Dasein geworden -- und
jetzt, war es nicht wie ein Schimmer von Hoffnung?

Vielleicht, vielleicht doch!

Vielleicht wrde es zu Ende gehen? Vielleicht . . .

Alles war zum Einsatz hingegeben: Vter und Shne, Ernhrer, Sttzen des
Alters, Hoffnung, Glck und Sinn des Lebens, Ehre, die Zukunft des
ganzen Volkes, Gesundheit, Vermgen, Vieh, Pferde, die Glocken aus den
Kirchen, die Kochtpfe aus den Kchen -- und ein Geschlecht von
Neugeborenen -- alles, auch das Gehirn unter der Schdeldecke --
vielleicht, vielleicht . . . Die Generale hatten den Wurf getan, die
Kugel hpfte ber die glcklichen Nummern -- vielleicht . . .

Wie gefangene Tiere hinter den Gitterstben tigerten die Millionen an
den Eisenstben ihres Kfigs entlang und witterten hinaus. Es roch nach
Befreiung -- nicht wahr? Einst hatten ihre Nerven die Erde umspannt, sie
waren durchgeschnitten worden und wimmerten. Einst waren sie Menschen,
hoffrtig und voller Fehler, aber doch Menschen, jetzt waren sie
gefangene Tiere geworden, Verworfene, Verbrecher, Parias, bespien und
beschmutzt, Tag und Nacht, vier Jahre lang. Die Luft selbst, die sie in
ihrem Kfig atmeten, war vergiftet. Hatte man nicht behauptet, da sie
Fett aus Leichen kochten -- hatte man nicht . . . Aufs Rad geflochten
und ber langsamem Feuer gerstet. Unbeschtzt von einer Rotte von
Unfhigen, die in ihren mtern schlummerten, die Fingerngel polierten
und erhaben waren, erhaben -- einfach erhaben.

Die Gewaltigen, die Angebeteten und Vergtterten, sie wrden gewi alles
bis ins Kleinste berechnet und beachtet haben, bevor sie sich
entschlossen, alles hinzuwerfen -- auch das Gehirn unter der
Schdeldecke -- und die letzte halbe Million zur Schlachtbank fhrten.

Vielleicht, vielleicht --

Komme, gebenedeiter Tag!

Die Zeitungsfrauen entflohen, die alten Mnner, die Zeitungen
feilhielten -- sie entflohen -- sie jagten die Linden hinunter --
verfolgt von der Meute. An der Ecke Linden-Friedrichstrae weinte eine
Zeitungsfrau, man hatte sie gnzlich ausgeplndert, ohne ans Bezahlen zu
denken.

Siebzig Millionen strichen wie Irrsinnige an den Gitterstben entlang --
und die Armee hatte einen Ausfall gewagt, einen glckverheienden
Ausfall.

Verheiungsvoll flatterten die Flaggen im seidigen Blau des Himmels.
Hell funkelte die goldene Gttin auf der Siegessule.

Die Riesenstadt erbebte bis in die entlegensten Vororte. berall
flatterten die Zeitungsbltter. Die Kolonnen der gelben Gesichter selbst
belebte die Hoffnung. Die Bewegungen der Erschpften und Ermdeten in
den Werksttten wurden rascher. Verheiungsvoll zischte der Dampf,
blitzten die Rder.

Selbst in den Augen jener, ber die bereits die Agonie ihre Schatten
breitete, in den Augen der Verzweifelten, Hungernden, Verhungernden,
Sterbenden ersprhte eine leise Hoffnung, der letzte Funke.

Ja, komme, du gebenedeiter Tag!

Aber horch! Was ist das?

Ein Geschrei wie von tausend gemarterten Kindern, ein Geheul wie von
tausend gemarterten Hunden -- nichts, nein, nichts, es ist nur eine
Regimentskapelle, die in die Linden einbiegt. Sie spielt nicht
erstklassig, Bucklige, Lahme, Greise -- was willst du? -- und eben
feuert auch die Batterie aus dem Siebziger Krieg Viktoria.

ber den Linden brummt ein Riesenflugzeug, zehn Menschen sind an Bord.
Wer sollte es ahnen? Es ist immerhin noch einiges im Lande, nicht viel,
aber noch einiges: zum Beispiel die Haare der Frauen fr Seile und
Webwaren, das Gold in den Gebissen. Die Generale und Gamaschentrger
werden nicht zgern.


8

Pltzlich leuchtet ein helles Rot durch die Menge, das weithin blendende
Rot eines Mantelaufschlages.

Ein Gesicht, rosig angehaucht wie ein Steingebirge beim Ausgang der
Sonne, wandelt die Linden einher.

Die Spaziergnger bleiben neugierig stehen. Einer von jenen, die Gut und
Blut der Nation in den Hnden halten! Ehrfrchtig lften sich die Hte,
die Augen glnzen.

Es htte nicht viel gefehlt, und man htte dem General, der mit Otto die
Linden entlangging, eine Ovation dargebracht, obgleich er an den
Zehntausenden von Gefangenen gnzlich unschuldig war. Der General hob
die Hand zum Grue. Er nahm diese uerung der Begeisterung mit Wrde
und Bescheidenheit entgegen. Sie galt selbstverstndlich nicht ihm, sie
galt der unvergleichlichen Armee, sie galt den Begnadeten, Angebeteten
und Vergtterten, die jetzt, in diesem Augenblick, das hohe Spiel
spielten -- da drauen . . .

Die Miene des Generals war verschlossen und gesammelt wie immer.
Trotzdem ein groer, ja ein auffallender Unterschied! Whrend sich sonst
der Blick in die grauen Augenhhlen verkroch -- selten nur, hchst
selten bot der General seine Augen den neugierigen, zudringlichen
Blicken der Mitmenschen dar -- standen heute die Augen offen und
blendeten. Ihr Blick war erwrmt, wie wenn die Sonne das Eis leckt.
Zufriedenheit leuchtete in der Tiefe und Triumph, ein stiller,
zurckgedmmter Triumph. Und zudem ging der General zu Fu, was nur in
uerst seltenen Fllen vorkam. Zuweilen lie er sich von Schwerdtfeger
in eine entlegene Allee des Tiergartens fahren, um einige Minuten
spazierenzugehen, immer hin und her, die Hnde auf dem Rcken, hchstens
eine Viertelstunde. Manchmal legte er auch den Weg von Dora nach Hause
zu Fu zurck, wenn es spt wurde. Aber das waren, wie gesagt,
Ausnahmen.

Er hatte Schwerdtfeger vor dem Brandenburger Tore halten lassen und
beschlossen, den Weg bis zu Stifters Diele zu Fu zurckzulegen. Zur
groen Genugtuung Ottos, der, seit acht Tagen aus dem Lazarett entlassen
und den ganzen Tag in einem Kriegsamt ttig, das Gewimmel der Menschen
liebte.

Diese Menschen! sagte der General.

Und erst an jenem Tage, wie da die Linden von Menschen wimmeln wrden --
an jenem Tage! Kopf an Kopf, an den Fenstern und auf den Balkonen,
schwarz die Dcher, die Luft erfllt von Fliegern und Luftkreuzern.
Triumphpforten, die ganzen Linden entlang, Musik -- und der Schritt der
siegreichen Armee, die in die Heimat zurckkehrte, drhnend vom
Morgengrauen bis zum Sinken der Sonne -- jenes Drhnen, unter dem die
Welt erbebt war. Die Fahnen geschmckt mit Lorbeer . . .

Niemals konnte der General das Brandenburger Tor passieren, ohne da die
Vision des heimkehrenden Heeres vor ihm aufstieg. Heute aber hrte er in
der Tat das Drhnen der Schritte, heute sah er die bekrnzten Kanonen
zwischen den schwarzen Menschenmauern rollen. Diese wunderbaren,
schweigenden Rohre, die so herrlich ihre Pflicht getan hatten! Das
Geschrei der jubelnden Menge, Tcherwinken auf den Tribnen -- gab es
etwas Ergreifendes fr ihn, etwas wirklich Ergreifendes, so war es
dieser Gedanke. Ohne Zweifel, es wrde der glcklichste Tag seines
Lebens werden!

Unverkennbar, die hnlichkeit der beiden! Dieselben breiten Gesichter,
beim Alten grau im Unterton, mit einem dnnen Anflug von Rot darber,
beim Jungen bleich, mit dem satteren Rot der Jugend auf den Lippen.
Dieselben Augen, khn und nachdenklich beim Alten, verwegen und
leichtsinnig beim Jungen.

Der Alte mit einem sonderbaren Kreuz zwischen den roten Aufschlgen, der
Junge die Brust mit Auszeichnungen berst, eine Narbe an der Stirn, und
die linke Hand steif in einem schwarzen Handschuh, verwundet, offenbar.
Beide gro, massig.

Otto versuchte, mit dem Vater Schritt zu halten. Das war nicht so
einfach. Denn die Schritte des Generals waren unregelmig, und zuweilen
schwankte er auch, unmerklich. Er war das Gehen nicht gewhnt, von
Gedanken erfllt, die seinen Gang beeinfluten.

Der Blick des Generals war voller Ruhe in die Weite gerichtet -- Ottos
Blick dagegen flog blitzschnell hin und her. Die langen Wochen im
Lazarett, vergessen und vorbei. Das letztemal, Gott sei Dank! Er hatte
es ausgerechnet, ein volles Jahr, zwlf volle Monate lag er whrend des
Krieges im Lazarett. Vier volle Monate mit diesem verdammten Kopfschu,
einen Monat mit der Ruhr, zwei Monate mit einer niedlichen Gasvergiftung
und so weiter -- und schlielich diese Kleinigkeit mit der Hand. Die
nette Schwester hatte ihm ja den Aufenthalt im Lazarett so angenehm wie
mglich gemacht, trotzdem, sein Bedarf war reichlich gedeckt.

Nein, Otto sah keine bekrnzten Kanonen, fiel ihm gar nicht ein, er sah
nur -- Frauen! Drei Jahre Front, nur Mnner, pfui! -- ein Jahr Lazarett
-- ja also nichts anderes. ber jede gutgekleidete, junge Frau, mit
anderen beschftigte er sich berhaupt nicht, zuckte sein verwegenes
Auge. Kein Knchel, kein Schuh, keine Hfte, keine Locke entging ihm.
Jene Kleine, zum Beispiel, Dutzendware! Jene Kleine aber, unscheinbar,
voller Geheimnisse. Jene dunkle, die das Auge sofort unter dem Blick
erweiterte -- lstern! Aber jene Schchterne, Blasse, die dem Blick
augenblicklich auswich -- gepeinigt von entsetzlichen Wnschen. Sie
verstand augenblicklich.

Die Augen der Frauen sprhten auf, zuckten zusammen, verbargen sich.
Manche umschmeichelte Otto weich und schwrmerisch, anderen fuhr sein
Blick wie ein Dolch in die Augen, brutal und unzweideutig. Er behandelte
sie individuell, ganz wie er sie einschtzte. Viele errteten unter dem
frechen Blick des unverschmten Offiziers. Aber Ottos Eitelkeit deutete
die Schamrte vllig falsch.

Dieser Nacken, dieses Schenkelpaar und jenes herrliche, volle Wiegen der
Hfte -- drei Jahre Front und ein Jahr Lazarett hatten den Sohn des
Generals vllig zerstrt.

Ja, das war das Leben, und er gedachte seine Zhne in dieses Leben zu
schlagen, wie ein Tiger sein Gebi in die Gazelle schlgt, er gedachte
mit beiden Hnden darin zu whlen, wie in blutigem Fleisch. Sein Gehirn
war angefllt mit weiblichen Krpern, weiblichen Linien, Schwellungen,
Frauenlippen, Frauenhaaren, gestammelten Worten, Schreien. Ja, Tag und
Nacht wollte er dieses Leben an sich reien, jede Minute, die der Dienst
frei lie. Er wollte sie nachholen, diese vier elend vergeudeten Jahre.
Tag um Tag --

Keine zehn Pferde wrden mehr imstande sein, ihn wieder zur Front, ins
Feuer zurckzubringen. Alles, die Hlle, wenn du willst, nur nicht ein
Ort, wo scharf geschossen wurde! Schon der Gedanke -- und doch, frher
hatte er sich oft danach gesehnt, die Sprengstcke pfeifen zu hren. Oft
hatte er sich dem Feuer absichtlich ausgesetzt, unverstndliche,
perverse Laune -- und die Geschosse peitschten dicht an seinem Ohr
vorbei! -- unbegreiflich!

Und seine Eitelkeiten -- wie lcherlich waren sie doch! Wie
unverstndlich. Um in der Heimat von ein paar Gnsen bewundert zu
werden! Was galten ihm jetzt die Ordensauszeichnungen?

Nein, um offen zu sein, auf den Heldentod legte er keinen Wert mehr!
Welch erbrmlicher Schwindel war es doch: s ist es und ehrenvoll fr
das Vaterland zu sterben! Nur noch Gymnasiasten glaubten es, oder Leute,
die nie den schrecklichen Tod da drauen erblickt hatten. Heute wute
er, da es nichts als verlogene Phrasen waren, mit denen
nationalistische Redner und Redakteure, die sich selbst in Sicherheit
befanden, andere ins Gemetzel hetzten. berlassen wir das Heldentum den
Stierkmpfern, die dafr bezahlt werden, hatte Strbel einmal zu ihm
gesagt -- und er hatte ihn deswegen verachtet. Jetzt aber begriff er
ihn.

Ja, er hatte sich sehr gendert, Otto!

Er begriff kaum mehr sein Denken und Tun, das nur ein Jahr zurcklag.
War er es wirklich gewesen?

Zum Beispiel, als er seinerzeit bei Langemarck den schwerverwundeten
franzsischen Offizier in den Graben holte! Holte, ganz einfach holte,
und auf alle Metallstcke pfiff, die sich mit fnfhundert oder tausend
Metern in der Sekunde vorwrts bewegten. Nein, heute wrde er, Otto, bei
Gott niemand mehr hereinholen -- nicht einmal seinen Vater -- hchstens
ein schnes, junges Mdchen, und sie nur unter bestimmten Bedingungen.

Der Sohn des Generals war heute nichts anderes mehr als ein Schamloser,
offen gesagt. Keck und herausfordernd schritt er neben dem General
einher, jeden einzelnen der bewundernden Blicke genieend, die sich auf
seine glitzernden Sterne und Auszeichnungen hefteten. Der Mensch
spiegelt sich im Menschen. Wie alle Armeen, spekulierte auch die
deutsche auf den armseligsten Instinkt des Menschen, die Eitelkeit. Otto
hatte absichtlich den Mantel zu Hause gelassen, obschon es noch
keineswegs warm war.

Ha! lachte der General vor sich hin.

Wie, bitte, Papa?

Diese Menschen, sie sind nrrisch!

Pltzlich errtete Otto. Sein Blick zuckte unruhig, die Narbe an seiner
Schlfe, die von dem Kopfschu geblieben war, frbte sich rasch und
flchtig tiefrot. Ein schnelles, vornehmes, offenes Auto rauschte vorbei
und darin sa -- Hedi!

Hedi -- in einem pompsen Pelz, wehende Federn auf dem Hute -- einen
wollhaarigen, fetten, kleinen Hund auf dem Scho.

Sie sah ihn nicht, sie sah berhaupt nicht auf die Strae. Sie sa wie
eine Dame, die es gewhnt ist, in ihrem Wagen durch die Menge zu gleiten
und nichts mehr dabei findet.

Es war keine berraschung mehr fr Otto. Vor ein paar Tagen traf er in
einer Teestube Unter den Linden, wo viel Halbwelt verkehrte, die kleine
Saharet, und sie hatte ihm erzhlt, da Hedi Strbels Privatsekretrin
geworden war. Strbel hatte die Saharet vor die Tre gesetzt, hchst
einfach, ein paar braune Lappen -- und dann war die andere, wie die
Saharet sagte, gekommen. Also Hedi Westphal die Nachfolgerin der
Saharet! War es nicht zum Schieen komisch? Immerhin, Hedi erhob sich
weit ber den Durchschnitt all dieser schnatternden Gnse -- aber sie
war kalt, kalt und berechnend, nichts als eine Egoistin. Und nichts war
Otto mehr zuwider als Egoisten. Aber als Privatsekretrin htte er Hedi
schlielich auch engagiert. Ja, dieser Strbel!

Einen einzigen groen Nachteil hatte diese Angelegenheit: er wrde
leider gezwungen sein, den Verkehr in Strbels Hotel einzustellen --
schade, sehr schade.


9

Sogar bis in Stifters Diele war die Welle der Begeisterung gedrungen.
Man vernahm heute sogar Lachen, das helle Lachen einer Dame, ein sonst
ganz unerhrter Vorgang in Stifters Etablissement. Knall! Schon knallte
es, ganz wie an der Front, wenn die Flieger kamen. Drei, vier Tische
tranken Sekt.

Man feierte den Sieg, wollte nicht kleinlich sein heute, ein Glas auf
das Wohl der herrlichen Burschen da drauen leeren. Die beiden
Rittmeister, die den General zuweilen irritierten, hatten einen ganzen
Kreis von Freunden geladen, und der raunende Oberkellner schleppte
Flaschen unter beiden Armen. Ein Toast -- und dreimal, gedmpft, aber
begeistert, hurra! Die Kelche klirrten.

Mit Neid beobachtete Otto die Ausgelassenheit nebenan. Wie gerne wre er
bei ihnen unten gewesen. Ja, man mute es ihnen lassen, sie legten ein
ordentliches Tempo vor! Papas Gesellschaft dagegen -- nun Gott sei Dank
war es nur dieser eine Abend. Er hatte es Papa heute nicht abschlagen
knnen. Schlielich war er ja um zehn Uhr, elf Uhr sptestens frei. Von
elf Uhr an wurde er erwartet.

Schweigend nahm der General die ersten Gnge ein. Seine Augen waren
geweitet, und der Blick ging in die Ferne. Er dachte an den 4., 5. und
6. August -- damals, Quatre vents!

Er hrte deutlich das Feuer, das furchtbare Feuer, das damals rings um
ihn tobte -- so, genau so, wrde es heute da drauen toben, rollen wie
die Brandung eines hllischen Meeres -- von Horizont zu Horizont.
Krachen, Stampfen, der Himmel strzt ein, und die Erde klafft in
Spalten. Ja, sie sollen es jetzt nur schmecken, das Gelbkreuz und
Blaukreuz -- diese Unbelehrbaren! Ein Lcheln ohne Erbarmen, voll
grausamen Triumphs, umspielte die blauen Lippen des Generals.

Deutlich sah der General das rauchende Schlachtfeld vor sich. Aber, was
er nicht sah, das war der kleine, krummbeinige Schneider Hanuschke --
der seinerzeit, als Ordonnanz, versehentlich in sein Arbeitszimmer
rannte, und den Unwillen Seiner Exzellenz erregte -- dieser Schneider
Hanuschke, mit dem Querschlger zwischen den Mausaugen, der in dieser
Minute, da der General einen Spargel durch die Zhne zog, um sein Leben
lief. Nein, ihn sah er nicht.

Wie ein Blitz fegte der kleine, krummbeinige Hanuschke ber einen
zerwhlten Acker und verschwand in derselben Sekunde in einer Erdspalte,
da der General die ausgesogene Spargelstange auf den Teller legte.

Man hatte ihn zu den Strippenflickern kommandiert, das heit sie muten
die zerstrten Telephonleitungen ausbessern. Eine bse Sache.

Im gleichen Augenblick knallte es auch schon, und Hanuschke zog den Kopf
ein. Dann wischte er sich mit dem rmel den Schwei vom Gesicht -- ganz
wie damals, als er das Arbeitszimmer des Generals hinter sich hatte, mit
der gleichen Bewegung -- und schon flitzte er wieder wie das Wetter
selbst ber den Acker, und schon strzte er sich wieder in ein Loch
hinein, diesmal in einen Granattrichter. Dieser Teufel, dieser
verfluchte Teufel, keuchte er und horchte -- (der General go eben
Fachinger in sein Glas) -- niemals in seinem Leben hatte der Schneider
etwas Derartiges erlebt. Er, er ganz persnlich, wurde von einem
englischen Flieger verfolgt, der ihn fr einen Meldelufer oder Gott
wei was hielt. Dieser Teufel ging bis auf zehn Meter herunter, ersphte
ihn immer wieder und warf kleine Bomben herab. Er sah deutlich sein
Gesicht, die kleine Bombe in der Hand, selbst den gestutzten kleinen
Schnurrbart ber den Zhnen -- dieses Granatloch bot keine gengende
Deckung, und wieder scho der kleine Schneider dahin -- jenem Wldchen
zu: erreichte er es, so war er gerettet. Der Schwei rann ihm in Strmen
bers Gesicht. Solch ein Teufel, ein verfluchter! --

Der General zog eine neue Spargelstange durch die Zhne.

Und du? fragte er, ohne Otto anzusehen, nach seiner Gewohnheit.

Wie beliebt, Papa?

Und du?

Was soll ich?

Der General, in Gedanken, schwieg eine Weile, dann begann er wieder:
Ich meine -- fr dich mu es doch unertrglich sein, nicht an der Front
zu sein -- gerade jetzt?

Otto errtete.

Jetzt, wo fr ein Jahrhundert oder lnger der Lauf der Geschichte
bestimmt wird. In vier Wochen vielleicht, sagt der Arzt?

Vier Wochen ist der frheste Termin.

Der frheste --? der General wiegte bedauernd den Kopf. Wei Gott,
wie die Lage in vier Wochen sein wird, wenn es so weitergeht.

Nun, Gott mochte es wissen und seine Freude daran haben, ihm, Otto, war
es hchst einerlei. Er glaubte nicht recht daran, diese ganze Sache kam
ihm abenteuerlich im hchsten Mae vor. Er ergriff die Gelegenheit und
brachte dem Vater schonend bei, da er sich im Westen, in der Nhe
seines neuen Amtes, ein Zimmer gemietet hatte, weil der Dienst schon
morgens um sieben Uhr begann. Die Wahrheit war, da er sich der
vterlichen Kontrolle entziehen wollte.

Der Dienst in erster Linie, erwiderte der General. Er hielt inne.

Am Nebentisch wurde ein neuer Toast ausgebracht. Drei kurze Hurras,
schon etwas lauter: der Kaiser!

Der Takt gebot, whrend des Toastes zu schweigen. --

Aber Hanuschke, der Schneider Hanuschke? Was ist mit ihm?

Der kleine, krummbeinige Schneider fegte immer noch ber das Feld, dem
rettenden Wldchen entgegen. Sein Hemd, soweit man von einem Hemd reden
konnte, klebte na an seinem Krper. Hatte man je whrend dieses ganzen
Weltkrieges davon gehrt, da man einzelne Leute mit Flugzeugen jagte?
ber diesem Wldchen zerplatzten Schrapnelle, gelbe und graue Spinnen,
aber das war schlielich das Paradies gegen diesen englischen
Doppeldecker. Seine zerfetzten Hosen klebten an den Schenkeln. Er setzte
ber einen gefallenen deutschen Artilleristen, der mit aufgeschlitztem
Hals dalag, hinweg -- schon brauste das Brummen wieder hinter ihm her.
Da aber schrie Hanuschke vor Entsetzen auf. Der Englnder mit seinem
gestutzten, kleinen Schnurrbart schien jetzt aufs Ganze zu gehen. Er
flog dicht ber dem Boden, und schien es darauf anzulegen, ihn zu
berfahren. Er hatte neulich gesehen, wie ein deutscher Beobachter mit
dem Fallschirm aus einem Fesselballon absprang, den ein feindlicher
Flieger in Brand scho. Sollte man es fr mglich halten: der feindliche
Flieger kam zurck und scho auf den mit dem Fallschirm abstrzenden
Beobachter, der verzweifelt mit den Beinen ruderte. Das sah komisch aus,
wie er in der Luft ruderte, und er, mit anderen Kameraden, hatte laut
aufgelacht -- aber diese Sache war nicht zum Lachen. Im Gegenteil, dem
Schneider passierte etwas, was ihm seit dem ersten Gefecht nicht
passiert war. Im letzten Augenblick warf er sich zu Boden, und die
Maschine rauschte ber ihn hinweg. In voller Geschwindigkeit stieen die
Rder auf den Boden, da der Staub aufwirbelte, und die Maschine wie ein
Ball geworfen wurde. Sollte er verrecken, der Teufel! Aber der Teufel
kletterte in die Hhe und drehte wieder um. In seiner Verzweiflung lief
der kleine Schneider ihm entgegen, durch, krach, aber durch, Glck mute
man haben. Wirbelnd wie eine Windmhle, mit Beinen und Armen fegte er
dem Wldchen zu. Pltzlich aber versank buchstblich der Boden vor
seinen Fen. Er strzte und wurde von einer Welle von Erde zugedeckt.
Er rang nach Luft, bergab sich und machte sich bleich und vllig
kraftlos von der Erde frei. Etwas ganz Unerwartetes war geschehen,
etwas, womit er gar nicht gerechnet hatte: eine Granate hatte
eingeschlagen.

Zitternd taumelte er vorwrts, keine Kraft mehr. Sein Gesicht blutete.

Zwanzig Schritte noch, zehn Schritte -- da war er.

Dampfend warf er sich unter die Bume und weinte. Es war kein geringer
Schreck gewesen. Und er dachte an den Volltreffer seinerzeit -- bei
Souchez -- wie der Feldstecher neben ihm herunterkam -- und er dachte,
da er einmal anstatt ins Zimmer Nummer 6, ins Zimmer Nummer 7 lief und
pltzlich einem General gegenberstand. Htte er diese Dummheit nicht
begangen, damals, wer wei, ob er nicht heute noch gemtlich in Berlin
se?

Ja, er weinte, aus nervser Erschpfung, aus keinem anderen Grunde, denn
die platzenden Schrapnelle, die Batterien suchten, strten ihn nicht im
geringsten. --

Gerade als der General bei dem gefllten Pfannkuchen angekommen war, war
Hanuschke in seinem Wldchen verschwunden.

Der General handhabte einen Zahnstocher.

Sein Blick ging, etwas dster, ber die Tischgesellschaft der beiden
Rittmeister hinweg.

Ruth macht mir Sorge! sagte er.

Ruth?

Ja. Sie macht mir Sorge!

Aber dieser Dietz war ja auch nichts fr sie, Papa. Ein oberflchlicher
Mensch.

Oberflchlicher Mensch? Voller Erstaunen blickte der General Otto an.

Ja, gewi. Herzlich oberflchlich, Papa.

Der General schttelte den Kopf.

Das ist es nicht . . . Und er versank in Nachdenken. Nun, Otto konnte
sich wohl denken, was es war! Ruth war wahrscheinlich unvorsichtig genug
gewesen, es sah ihr hnlich, vor Papa ihre Anschauungen auszupacken.
Otto hatte sich nie viel um Ruth bekmmert, wie es in ihrer Familie von
jeher blich war, jeder lebte fr sich. Aber in letzter Zeit sprach er
hufig mit ihr. Er trank sogar einmal Tee in ihrem kleinen Salon,
immerhin eine Leistung fr einen Bruder. Seit er aber mit Ruth ber Tod
und Teufel, wie er es nannte, gesprochen hatte, hielt er Ruth fr einen
der vernnftigsten Menschen seines ganzen Bekanntenkreises, von der
Verwandtschaft gar nicht zu sprechen. Sie hatte sich ihr Urteil ber die
verschiedensten Dinge gebildet -- er wollte nur so viel sagen -- noch
vor einem halben Jahr htte er sie fr vllig verrckt gehalten. In
mancher Beziehung allerdings schien es sogar ihm, da ihre Ansichten --
besonders fr eine Dame, eine Dame -- kein Wunder -- der arme Papa!

Er forschte nicht weiter, und der General schwieg.

Eine blaue Flamme hypnotisierte Otto, sie tanzte mitten auf dem Tisch
der Gesellschaft nebenan. Es war eine Feuerzange, eine hochprozentige
Bowle. Ja, wie gerne wre Otto hinabgestiegen.

Ganz ohne jeden bergang begann der General pltzlich ber die Regierung
zu sprechen, deren Unfhigkeit klar zutage trat, wohin sollte es fhren?
Und der Kaiser? Nur sie allein, jene Mnner, die die Armee von Sieg zu
Sieg fhrten, waren imstande, den Frieden zu machen.

Es entging dem General vllig, da die Gste des stillen Restaurants in
diesem Augenblick von einer eigentmlichen Erregung ergriffen wurden.
Erst als alle Kpfe sich nach einer bestimmten Richtung drehten, wurde
auch Otto aufmerksam. Irgend etwas wie ein groer Hund schien ber die
Teppiche des Restaurants zu schleichen, und die Gste mit Unbehagen, ja
Grauen zu erfllen. Einige runzelten die Stirne, die Brauen der Damen
waren entsetzt hochgezogen. Am Tisch der Rittmeister stockte pltzlich
die Unterhaltung.

Es war indessen kein Hund, der ber die dicken Perserteppiche von
Stifters Diele kroch, sondern ein Mensch, ein Soldat in Feldgrau, der
sich auf zwei kurzen Krckstcken dahinschleppte und seine gelhmten
Beine hinter sich herschleifte, whrend schreckliche Zuckungen seinen
Krper schttelten. Auf seinem Kopf sa eine kleine graue Feldmtze, und
erst an der Mtze erkannte Otto, da der Krppel ein Soldat war.
Unerhrt, dachte er, einen solchen Menschen auf die ffentlichkeit
loszulassen!

Die Gewandtheit des Oberkellners half den Gsten ber die peinliche
Szene rasch hinweg. Es gelang ihm, das menschliche Gespenst, das direkt
aus den Schtzengrben in Stifters Diele gekrochen kam, mit seinem
raunenden Gebrummel zum Umkehren zu bewegen.

Die Gste atmeten auf. Sofort setzte am Tisch der Rittmeister wieder die
frhliche Unterhaltung ein.

Der General hatte in seiner Nische von dem ganzen Vorfall nicht das
geringste bemerkt. Whrend aber der Oberkellner die Tre ffnete, um den
Unglcklichen hinauszulassen, drang das feierliche Luten der Glocken
herein, die den Sieg einluteten.

Da ergriff der General das Glas und erhob sich.

Unser Vaterland, Otto! sagte er.

Und Otto sah, zu seiner grten berraschung, da die Augen des Generals
feucht schimmerten. Nie in seinem Leben htte er das fr mglich
gehalten.

Auch sie wird nicht wenig staunen, wenn ich es ihr erzhle, dachte er.


10

Schrecklich fiel das Gelute der Glocken in Ackermanns Herz.

Die Luft, schimmernd ber der Riesenstadt, heulte und sthnte. Die
Todesschreie von Tausenden, Jammern und Rcheln, Klagen der Witwen und
Gewinsel der kleinen Waisen, die nicht wissen, weshalb sie schrein
. . . Wie riesige Muler voll Blut schwangen die ehernen Glocken ber
der Stadt und erbrachen Entsetzen ber die Dcher.

Wenn du noch an Gott glaubst, so knie nieder . . .

Er hatte sie gesehen -- nicht sie -- die die Hte schwangen! -- hatte
sie gesehen -- die Felder, ber die der Sturm ging. Allmchtiger! Gnade,
Gnade in deinem Zorn! Da liegt er -- Ebenbild Gottes, Sohn einer Mutter,
in Schmerzen geboren, in Sorgen grogezogen -- er ist tot -- er wird
sterben -- er stirbt -- Da liegt er wieder -- -- und hier, hier, Stcke,
Fetzen -- er ist dahin . . .

Grau war Ackermanns Gesicht.

Grppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich gegenseitig sttzen,
immer wieder fallen, und die furchtbare Bahn der Granate heult ber sie
hinweg -- Unglckliche, die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht
gndig ist. Und die Verbandpltze, wo die rzte mit schweiigen, stieren
Augen arbeiten -- und die furchtbare Bahn der Granate heult ber sie weg
. . .

Sonderbarerweise fiel ihm in diesem Augenblick ein lngst vergessenes
Erlebnis ein. Das Regiment hatte gestrmt. ber einem zerschossenen
englischen Graben lag, das Haupt zurckgebogen, ein toter Inder. Schn
und edel, den Adel seiner tausendfach geschndeten und vergewaltigten
Rasse in den Zgen. Und -- was denkst du? -- die schweinassen,
blutnassen, rauhen Hnde der Kameraden, die rauhen Hnde von Arbeitern
und Bauern streichelten das Gesicht des toten Inders, whrend sie
vorbergingen. Streichelten es, einer um den andern. Schn bist du! --
Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. -- Nun, mein Junge, dich hat es
gepackt! -- Liebkosten ihn -- den _Bruder!_

Den Bruder, den Bruder!

Wie Keulenschlge trieben die Glocken Ackermann vorwrts. Sein
flatternder Mantel flog dahin.

Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott wei es!

Einer mute den Anfang machen! Einer mute sich den im Wahnsinn
dahinjagenden Vlkermassen entgegenwerfen -- einer mute das Signal
geben, selbst Signal sein -- einer, einerlei, ob man ihn niederschlug,
in Stcke zerri. Einer, andere wrden folgen, mehr, immer mehr!

Einer, ja, einer --

Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzckung lag auf Ackermanns
Antlitz.

Nun wohl, ich bin bereit! rief er.

Bereit, bereit? Wozu bereit?

Nun bereit, einfach bereit!

Es war beschlossen. Seit heute, seit gestern, seit Monaten, seit Jahren.
Es war beschlossen, seit er 1914 bei Langemarck strmte, und die Reihen
der Kameraden auf rtselhafte Weise dahinsanken. Nun wute er es. Gott
hatte ihn geprft und auserwhlt.

Alles war vorbereitet. Die Broschre war fertig. Richard, sein jngerer
Bruder, wrde sie wie anderes frher in der Provinz drucken lassen --
die Freunde wrden sie vertreiben. Die Mutter? Sie mute begreifen. Und
Ruth? Ruth war tapfer. Es war alles in allem nicht die Zeit, an diese
Dinge zu denken.

Vorwrts! Vorwrts! Die Glocken heulten es, die Todesschreie in der
Luft, das Rcheln der Sterbenden, das Jammern der Witwen und Winseln der
armen Waisen -- die Kameraden riefen es ihm zu, ber die jetzt, in
dieser Minute, die furchtbare Bahn der Granate hinwegheulte, die
Kameraden, die jetzt mit starren Augen lagen, Freund wie Feind, die
jetzt verbluteten, Freund wie Feind -- alle, alle: vorwrts!

Ackermann! Ackermann! riefen warnende Stimmen in der Luft.

Er blieb stehen und warf die Blicke empor zu den unbekannten Stimmen in
der Luft.

Ackermann! Ackermann!

Bereit -- bereit! rief Ackermann und eilte weiter.


11

Im Augenblick hatte der schmchtige junge Mann die Fenster geffnet und
die Rolladen hochgezogen. Es sah aus, als sei Kunze soeben von der Reise
zurckgekehrt und nehme seine Wohnung in der Blcherstrae wieder in
Besitz. Eine Schicht von Staub und Sonne lag ber den Dchern drauen,
und feierlich brodelte darin das Luten der Glocken.

So, so -- immer hereinspaziert!

Zgernd schob sich der kleine Herr Herbst ber die Schwelle. Es mute ja
sein, es gab kein Entrinnen mehr vor dem jungen Mann mit dem Kneifer. --
Ein Block von Licht brach in die dunkle Wohnung, und er schlo, wie
versengt, die Augen -- aber was half es denn? Nichts. Er hatte ihn ja
doch gesehen, trotzdem, ja ohne hinzublicken: den Haken ber der Tre
zum Schlafzimmer. Nur ihn sah er -- nichts sonst -- diesen Haken.

Ah, ah, ah!

chzend sank er in einen Sessel und krmmte sich zusammen.

Nun, sofort, mein verehrter Herr! rief Kunze etwas keuchend aus. Eine
Schweiperle lief ber seine Stirn. Jede krperliche Ttigkeit, auch die
geringste, erschpfte ihn augenblicklich. Die Lunge, wissen Sie.
Sofort, sofort zu Ihrer Verfgung. Fieberhaft kletterten seine raschen
Augen ber Mbel und Wnde. Er verbarg sein Erstaunen nicht, nein, wozu
denn, vor wem denn? Er staunte -- staunte, mit offenem Munde!

Die rote Plschgarnitur des Wohnzimmers, heute allein ein Vermgen wert!
Die Gaskrone mit Glasprismen, der rote Teppich, berall Vasen, Nippes,
goldene Bilderrahmen -- eine kleine Palme in der Ecke, daneben ein
Grammophon. Die Vorhnge und Gardinen kunstvoll drapiert ber den
Stangen. Das Schlafzimmer schneewei! Und peinliche Ordnung und
Sauberkeit, bis auf den Staub, der sich da und dort angesammelt hatte.

Alles in allem: ein behagliches Brgerheim, die Wohnung eines Brgers in
guten Verhltnissen -- aber _verlassen!_

Und da hausen Sie nun in diesem Loch, in dieser Mietkaserne -- und hier
haben Sie eine prchtige Wohnung! rief Kunze in uerstem Erstaunen
aus.

Herbst entgegnete nichts. Er hatte den steifen Hut aufbehalten und sa
zusammengekrmmt, so da sein Gesicht nicht zu sehen war. Die schmalen
Schultern in dem abgeschabten, rostfarbenen Havelock zitterten.

Ist es zu glauben? Ja eine prchtige Wohnung! Und Sie haben keine Angst
vor Einbrechern? Mein Himmel! Tag und Nacht wird ja jetzt gestohlen in
Berlin. Die Stadt wimmelt von Dieben und Einbrechern. Bataillone, Armeen
von Dieben und Spitzbuben sind an der Arbeit!

Niemand -- krchzte hier der Havelock -- kein Einbrecher wrde es
wagen. Auf der Schwelle wrde er umkehren! Niemand!

Kunze lachte laut und belustigt. Er warf den dnnen berzieher und das
grne Htchen auf einen Sessel und schnffelte von neuem durch die
Wohnung. Er war ganz in seinem Element. Seine kleinen Augen, die stumpf
und dumm hinter den Glsern aussahen, glnzten vor Begierde. In
Schrnke, Schubfcher, Nachttische, sogar hinter Vorhnge steckte er die
spitze Nase. Jedenfalls, das stand fest, jedenfalls wrde er sich in den
Besitz dieser Wohnung setzen -- er wrde sie einfach fr Dienstzwecke
anfordern, ein Federstrich, und hier war er. Man konnte hier die
verwhntesten Damen empfangen -- und in welch elendem Loch hauste er
doch zurzeit!

In der Kche streckte er vor berraschung die Zunge aus dem Munde.
Ahnungslos, ja, ohne berhaupt etwas zu denken, hatte er dieses Spind
geffnet, und siehe da: Wein, Wein, Flasche an Flasche! Bordeaux,
Burgunder, Mosel, drei, vier Dutzend, und alles Friedensware! Nicht zu
bezahlen heute. Wein, seine Wonne, seine --! Im Nu, vllig automatisch,
hatte er eine Flasche entkorkt.

Und das Geheimnis dieses kleinen Alten, der dunkle Punkt? Es war ihm
nicht bange.

Welche Reichtmer, Herr Herbst! lachte Kunze, als er mit der Flasche
aus der Kche zurckkam. Ein sonderbarer Heiliger sind Sie! Nun wollen
wir aber Ihre Heimkehr in Ihre Wohnung feiern. Ich darf eingieen? Nun,
ein Glschen werden Sie nicht ausschlagen, wie? Ja, herrlich ist es
hier, direkt anheimelnd, als ob ich zu Hause wre.

Ohne Umstnde machte er es sich auf dem Plschsofa bequem.

Auf Ihre Gesundheit, Herr Herbst!

Herr Herbst hatte den Hut abgenommen -- aufgeschreckt durch das laute
Freudengeschrei in der Kche und das Knallen des Korkes -- und sein
kleiner, gelber, verrunzelter Kopf erschien Kunze wie eine Rbe, eine
wirkliche Rbe, die da und dort schon etwas Schimmel angesetzt hat.

Ja, direkt anheimelnd. Ganz wie bei uns zu Hause. Mein Vater -- sagte
ich Ihnen das schon? -- ist Prediger in einem Kirchspiel. Liebt sein
Weinchen, seine Zigarren und lobt den Herrn! Ja, so ist er nun einmal,
sehen Sie. Sobald er aber in seinen Talar schlpft, versteht er keinen
Scherz mehr, nein, ich bitte Sie -- um Gottes willen, ernst, wrdevoll,
der Hirte seiner Schfchen. Als nun der Krieg ausbrach, da sagte er zu
mir: >Melde dich sofort, eile zu den Fahnen, es ist deine sittliche
Pflicht, ziehe hinaus. Kmpfe<, so redete er -- der kategorische
Imperativ -- Kant -- er ist Philosoph, mein Vater -- ah, ah, was fr ein
Weinchen!

Auf der Kommode, dem roten Plschsofa gegenber, stand in einem breiten
Rahmen die vergrerte Photographie eines jungen Soldaten mit frischem,
keckem Jungengesicht. Ein Jger, feldmarschmig ausgerstet, den
Gewehrlauf mit Blumen geschmckt. Der Rahmen des Bildes war mit
Trauerflor umhllt, ein Paar Leuchter mit herabgebrannten Kerzen,
standen davor. Das war er wohl, sein Sohn, der gefallen war. Wie hie er
doch -- Robert.

An der Wand, ber dem Jger mit dem frischen Jungengesicht, aber hingen
zwei Bildnisse in ovalen Rahmen: eine etwas korpulente Dame mit voller
Bste, vollen Wangen, einem kleinen Fettkinn und auffallend groen
runden Augen. Die Dame lchelte freundlich, gutmtig, ein bichen
verlegen. Eine Kette mit einem groen Kreuz trug sie um den Hals.
Daneben: ein Herr, etwas hochmtig, voller Wrde, das volle dunkle Haar
peinlich gescheitelt, die Augen zuversichtlich in die Ferne gerichtet.
Im Gehrock, schmaler schwarzer Binde -- ein Beamter, der bei seinem
Vorgesetzten Besuch macht. Sah man die korpulente, freundlich lchelnde
Dame an, so schien sie augenblicklich den kleinen Mund zu ffnen und zu
plappern, zu sprudeln -- der Herr aber, wrdevoll, blieb stumm,
schweigsam. Die Hand hatte er etwas steif und gravittisch zur Hlfte in
den schwarzen Gehrock geschoben -- eine kleine Hand . . .

. . . schlage sie aufs Haupt -- sagte also mein Vater, er ist
glhender Patriot -- diese vom Teufel Besessenen, die aus Neid und
Rachsucht ber unser geliebtes Vaterland herfallen -- schlage ihnen die
Schdel ein, zerreie sie in Stcke -- der Herr will es! Sofort packst
du deine Sachen! Nun, mit dem Felde war es ja leider, leider nichts. Ich
sagte Ihnen ja schon, meine Lunge. Aber jeder nach seinen Krften, nicht
wahr? Das war nun nicht ganz nach dem Geschmack --

Pltzlich stockte Kunze. Er war in das Studium dieser kleinen Hand des
Beamten im schwarzen Gehrock versunken. Er stutzte, rckte den Kneifer
zurecht -- schlrfte am Glas. Hm!

War es denkbar?

Wie, wie, wie, sollte er, dieser Wrdevolle, Gemessene, Schweigsame, mit
dem zuversichtlich in die Ferne gerichteten Blick --?

Und diese fahlgelbe -- Rbe, etwas angeschimmelt, mit Erlaubnis zu sagen
-- sollte sie --?

Ja, unmglich, ganz unmglich! Und doch, diese Hand, das kleine Nschen
und selbst das kurze Schnurrbrtchen, jetzt zwar grauer und schbig --
so unglaublich es erschien, dieser Ernste, Wrdevolle in seinem Gehrock,
und der Kleine, Glatzkpfige, Vertrocknete, Verkommene, mit den
entzndeten, vergilbten Augen, sie waren in der Tat ein und dieselbe
Person!

Kunze verlor vor Erstaunen vllig den Faden seines Geschwtzes. Er erhob
sich und tupfte das Gesicht mit dem Taschentuch.

Hm. Er polierte den Kneifer, ging auf und ab und verschwand schlielich
in der Kche, um eine neue Flasche zu holen. Seine Miene hatte sich
verndert, als er zurckkehrte. Sachlich und khl betrachtete er den
kleinen Herrn Herbst. Er go die Glser voll, rusperte sich und begann:

Aber genug mit dem Schwatzen jetzt -- ruhig und geschftsmig klang
seine Stimme -- Wir haben, wie ich mir schon zu bemerken erlaubte,
keine Zeit zu verlieren, der Major drngt, nun, er wird wieder von dem
Oberst gedrngt, Sie wissen ja, wie es beim Militr zugeht. Seitdem sich
nun diese hohe Persnlichkeit in die Sache gemischt hat --

Eine hohe Persnlichkeit? Herr Herbst horchte pltzlich auf.

Ja, ja. Ich kann Ihnen nicht _mehr_ sagen. Es ist einer der
sonderbarsten Flle, die die Abteilung seit langer Zeit zu bearbeiten
hatte.

Eine hohe Persnlichkeit?

Ein sonderbarer Fall. Nicht Sie allein erstatteten in dankenswerter
Weise Bericht -- nein, auch von anderer Seite werden gleichzeitig, hren
Sie, _gleichzeitig_, Informationen verlangt -- aber, erlauben Sie, da
ich abbreche . . . Ich bin zu meinem Bedauern gentigt, zur Abrundung
meiner Nachforschungen ber Ihre werte Persnlichkeit, eine Frage an Sie
zu richten, dienstlich. Ein einziger Punkt noch, wie gesagt. Bevor ich
aber diese Frage an Sie richte, bitte ich ergebenst, dieses Schriftstck
lesen zu wollen.

Mit einer gemessenen Feierlichkeit berreichte der Schmchtige einen auf
Leinwand aufgezogenen Ausweis.

Der kleine Herr Herbst las ihn mit seinen entzndeten Augen, las,
verstand und zitterte. Schwarz auf Wei war hier zu lesen, da Herr
Gottlieb Kunze berechtigt war, Verhaftungen vorzunehmen . . .

Sie haben Kenntnis genommen --?

Ja, ja -- Kenntnis --

Nun, und so richte ich also die Frage an Sie --

Der Havelock erhob sich erbleichend.

Zwei scharfe, messerscharfe Augen richteten sich auf ihn. Der Kneifer
funkelte.

Herr Herbst -- ich scherze jetzt nicht mehr!

Nein, nein! stotterte der alte Mann.

Die messerscharfen Augen kamen nher. Kunze hatte jetzt den Kneifer
abgenommen.

Weshalb haben Sie --?

Nein, nein -- ah, Gott im Himmel!

Weshalb haben Sie Ihre Wohnung verlassen?

Augenblicklich brach der kleine alte Mann zusammen. Er bedeckte das
Gesicht mit den kleinen Hnden und sank in den Sessel.

Herr Herbst!

Sofort fuhr der kleine alte Mann wieder auf und wich zurck. Ich kann
nicht -- ich kann nicht -- so wahr Gott lebt -- rief er und richtete
die Augen flehend auf Kunze.

Herr Herbst! Eine Hand erhob sich.

Der kleine alte Mann wich zum Fenster zurck und fate nach dem
Fensterkreuz.

Die Hand griff nach den Rockschen.

Aber, Sie werden doch nicht --? Kommen Sie!

Ohne jeden Widerstand lie sich der kleine alte Mann von Kunze zum
Sessel zurckfhren.

Beruhigen Sie sich, sagte die kalte, dienstliche Stimme. Haben Sie
Vertrauen. Berichten Sie. Ich selbst werde Ihr Anwalt sein, die Sache so
darstellen . . . einerlei, was es auch sei -- bitte, trinken Sie, so,
so! Auch ich bin ja ein Mensch. Aber die Pflicht, Sie verstehen --

Der kleine alte Mann nickte.

Kunze selbst war totenbleich geworden vor Erregung. Sein Spitzelgehirn
arbeitete -- sensationelle Enthllungen, ein Staatsverbrechen,
Vorgesetzte, Befrderung, das Eiserne Kreuz . . .

Sie waren ja selbst Beamter und wissen, was es bedeutet, dienstlich --

Der kleine alte Mann rang die Hnde und schluchzte. Dann setzte er sich
aufrecht, gab sich Haltung -- ganz wie auf dem Bilde an der Wand, ein
Schatten der frheren Erscheinung.

Ich wei, wei, auch ich war Beamter. Nun gut, da Sie dienstlich
Auskunft verlangen -- ich werde versuchen, Ihnen eine Erklrung zu
geben. Es fllt mir schwer, meine Gedanken, meine Worte -- alles ist
nicht mehr wie frher -- Gott im Himmel, es ist ja unmglich, es zu
sagen --

Beruhigen Sie sich. Wir haben ja Zeit, knnen den Abend in aller Ruhe
zusammen verbringen.

Wir hatten also einen Kanarienvogel -- begann der kleine alte Mann
stammelnd.

Kanarienvogel? Fahren Sie getrost fort.

Einen Kanarienvogel -- namens Hansi. Dieses Tierchen flog immer in der
Stube umher, in allen Stuben, machte etwas Schmutz, aber wir liebten das
Tierchen -- und meine Frau liebte Hansi ganz besonders . . .

Ich verstehe, die Damen --

Ja, aber was wollte ich eigentlich? Hansi? Was hat Hansi damit zu tun?
Sie knnen noch den Kfig in der Kche finden. Ja, aber was sollte er
--?

berstrzen Sie nichts -- eines um das andere.

Hm. Sie wurde immer merkwrdiger, ja, das war es. Sie sprach eigentlich
nur noch mit dem Vgelchen.

Ihre Frau?

Ja, sie. Immer stiller und merkwrdiger. Ich selbst, ich ging ja aus,
ging in eine Kneipe, trank -- Sie verstehen, es ist nicht ntig zu
sagen, weshalb ich trank.

Unser Junge war ja unser ganzer Lebensinhalt geworden. Ich war in
Pension gegangen, und wir waren seiner Studien halber nach Berlin
gezogen. Da kam der Krieg, er wurde Soldat, Jger, und schlielich kam
er ins Feld. Eines Tages aber, da kam die furchtbare Nachricht -- eines
Tages . . .

Er war gefallen.

Gefallen?

Ja, natrlich, Sie sagten --

Der kleine alte Mann schttelte den Kopf.

Nicht gefallen, Herr, flsterte er, in den Tod gehetzt -- ich habe
Unterlagen, Briefe -- geschlachtet, nutzlos --

Sie sollten nicht derartig schwere Anschuldigungen erheben gegen
gewisse Persnlichkeiten, warf Kunze nicht ohne Strenge ein.

Nun gut, gefallen, ganz wie Sie wollen. Es wurde immer stiller hier,
immer stiller -- meine Frau verlie nicht mehr die Wohnung, keinen
Schritt tat sie ber die Schwelle. Sie sa immer hier. Aber pltzlich
sa sie nicht mehr, sondern sie stand -- hren Sie -- zuerst mitten im
Zimmer, dann nur noch in den Ecken.

Sie war wohl schwermtig geworden?

Ja, schwermtig. Sie ertrug es nicht, nein, es war zuviel fr sie!
Zuviel, zuviel! Und nun, eines Abends komme ich spt nach Hause. Es war
Mondschein. Ich sah also ziemlich gut. Und da steht sie also hier --
unter der Tre. Hier, sehen Sie.

Ja!

Aber sehen Sie -- sie stand so _hoch!_ Nun, denke ich -- da ist wieder
mal Hansi auf den Schrank geflogen, wie hufig, und sie will ihn
einfangen -- aber pltzlich, da sehe ich . . . Da kommt es mir
eigentmlich vor, ei . . ., ei . . . sie antwortet nicht. Aber sie
antwortete hufig nicht mehr in dieser Zeit. Nun aber, da denke ich --
da sehe ich -- worauf stand sie eigentlich? Sie stand auf nichts! Ihre
Fe waren abwrts gerichtet -- und darunter war nichts -- nur Mondlicht
-- nichts sonst -- ich sah es ganz klar und deutlich . . . sie schwebte
in der Luft . . . und da begriff ich es . . . dieser Augenblick -- --

Enttuschung in den Zgen des schmchtigen jungen Mannes! Er hatte etwas
ganz Besonderes erwartet -- und nun eine alltgliche Geschichte, wie sie
sich whrend des Krieges hundertmal in Berlin ereignete.

Der kleine alte Mann rchelte. Er sprang auf und schleuderte die kurzen
dnnen Arme wild durch die Luft. Er ballte die kleinen gelben Fuste und
schttelte sie in Raserei. Sein Gesicht verzerrte sich, die gelben
Zahnstumpen blinkten, Schaum trat vor seine Lippen.

Und alles daher -- schrie er auer sich, und sein Gesicht wurde
pltzlich blau, so da Kunze erschrocken zurckwich -- alles daher,
daher! Deshalb hasse ich ihn -- hasse ihn, den Hoffrtigen, hasse ihn
. . . mit diesen Hnden werde ich -- so wahr mir Gott helfe . . . hasse
ihn --

Hasse -- hasse . . . Seine Hnde zuckten.

Und pltzlich strzte der kleine alte Mann zu Boden. Er war ohnmchtig
geworden.

                   *       *       *       *       *

Das Grammophon neben der kleinen Palme in der Ecke grlte:

   Die Vglein im Walde,
   Die singen ja so wunderwunderschn,
   In der Heimat, in der Heimat,
   Da gibt's ein -- ha! ha! ha!

Ja, die Platte war verdorben, und immer am Schlu -- beim Wiedersehn --
lachte der Apparat. Und immer mute Kunze aufspringen und die Kurbel neu
andrehen.

Kunze lag auf dem Sofa und schlug mit den geflickten, glnzend
gewichsten Stiefeln den Takt auf dem Armpolster. Zuweilen unterbrach er
sein Geschwtz und sang eine Strophe des Soldatenliedes mit, zuweilen
auch rlpste er, mit Respekt zu vermelden. Eine Reihe leerer Flaschen
stand auf dem Tisch mit der gestickten, lachsroten Decke -- dem Stolz
der Freundlichen, Korpulenten an der Wand.

Herr Herbst sa mit roten Bckchen, die uglein glnzend vom Wein, und
paffte eine kleine schwarze Zigarre. Er trank nicht aus dem Glas, o
nein, Kunze hatte so etwas noch nie gesehen, er setzte einfach die
Flasche an den Mund und lie den Wein in die Kehle hineinlaufen. Mit
gespannter Aufmerksamkeit hrte er Kunze zu.

-- und auf diese Weise, sehen Sie, Verehrtester, kam ich also zu G
III.

G III?

Ja, G III. So heien wir. Nur eine Chiffre. So geheim sind wir, ganz
geheim -- pst, pst! Ja, nicht einmal einen Namen haben wir.

Viele Beamte?

Viele?

Kunze lachte und richtete sich zur Hlfte auf. Das Gesicht des kleinen
Herrn Herbst erschien ihm nun langgezogen, mit turmhoher Stirn, wie in
einem Lachkabinett. Viele, sagen Sie? wiederholte er geheimnisvoll und
wichtigtuerisch. Viele? -- Wir sind _Legion!_

Legion?

Die turmhohe Stirn sank in sich zusammen, und eine runde Rauchwolke
erschien an ihrer Stelle. Herr Herbst war vor diesem Wort zurckgeprallt
und hatte erschrocken den Rauch ausgestoen.

Ja, Legion, berall und allgegenwrtig. Selbst da, wo uns niemand
vermutet. Ja ja, mein Verehrtester -- berall. In allen Stdten
Deutschlands -- bei allen Generalkommandos -- bei allen Behrden -- bei
der Post, Eisenbahn -- in den Ministerien -- G III ist einfach berall.

   In der Heimat, in der Heimat,
   Da gibt's ein -- ha! ha! ha!

Kunze schnellte in die Hhe, und augenblicklich begann der Trichter von
neuem zu heulen:

   Ich hatt' einen Kameraden . . .

Ja, berall. Niemand wei, ob das Auge von G III nicht auf ihn
gerichtet ist. Selbst ich wei es nicht, ob ich nicht selbst wieder
beobachtet werde! Ja, so ist es, bei Gott! Alle Kulturstaaten haben
diese Einrichtung, geben Millionen dafr aus -- unsere Organisation ist
sogar noch klein im Vergleich zu der anderer Gromchte. Klein, im
Verhltnis, aber sie arbeitet zuverlssig. Sie knnen mir ruhig
glauben.

Wir ffnen Koffer unterwegs, so da der Eigentmer es nicht merkt,
besonders das ffnen von Briefen ist unsere Spezialitt. Wir berwachen
die Korrespondenz von Tausenden!

Wir nehmen ganz einfach Abschriften, und wenn es besonders interessante
Flle sind, photographische Kopien. Wir wissen alles, wir kennen die
Geheimnisse der hchsten Persnlichkeiten. Wir erscheinen als Kellner in
den Restaurants, wo irgendeine besondere Sitzung veranstaltet wird, da
sind wir dabei. Selbst bei den hohen Wrdentrgern unserer Verbndeten
haben wir unsere Agenten. Wir bohren Lcher durch Tren und ffnen
Schreibtische. Frsten, Minister, Abgeordnete -- wir kennen ihre
geheimsten Gedanken.

Ja, wir machen alles! Ihr junger Schtzling, Verehrtester -- er ist in
guten Hnden. Und auch jene hochgestellte Persnlichkeit, die sich fr
den Lebenswandel ihres Tchterchens interessiert -- auch sie wird
zufriedengestellt werden. Ja, wir machen alles. Und Sie und ich -- was
glauben Sie? -- wir werden einen Orden erhalten -- auch Sie, hren Sie!
Ich werde dafr sorgen, ich! --

Aber da der Havelock selbst bei dieser blendenden Erffnung still blieb,
hob der Semmelblonde wiederum den Kopf ber die Tischplatte. Das Gesicht
des kleinen Herrn Herbst hatte sich abermals vllig verndert, es war
ohne Augen, ohne Nase und ohne Mund, dagegen umgeben von einem dnnen,
grauen Backenbart. Es war die Glatze des kleinen Herrn Herbst, der
eingeschlafen war. In diesem Augenblick geriet der Havelock ins Gleiten,
und ohne Laut sank er auf den Boden.

Und noch eine Mosel -- und noch eine Mosel -- dreimal hoch! sang Kunze
mit hellem Tenor und begab sich im Foxtrott hinaus in die Kche.
Frchterlich schlingerte das Haus.

Gloria -- Viktoria -- heulte das Grammophon ganz allein fr sich.


12

Vor dem grauen Hause in der Tiergartenstrae hielt Ackermann den Schritt
an.

Unendlich zart umschlang ihn ein Arm.

Ich werde mir Mhe geben, flsterte eine weiche, unendlich geliebte
Stimme.

Ich wei es!

Ich werde versuchen, stark zu sein, obschon ich wenig Mut habe.

Du bist tapfer.

Wann?

Bald!

Du wirst mir Nachricht geben?

Du wirst es fhlen.

Ja, ich werde es fhlen!

Lebe wohl!

Eine Weile wartete Ackermann noch, bis die Haustre ins Schlo fiel.




Zweites Buch


1

Der Leichnam des jungen Heinz war nach Berlin gebracht worden. An einem
hellen Frhlingstag wurde er in die Erde gebettet. Die Kampfstaffel
hatte den jungen Meerheim mit einem Kranz geschickt. Der Trauerzug war
nur klein. Ohne eine Trne im Auge folgte die Majorin Sterne-Dnhoff dem
Sarge ihres Sohnes, die Schwestern weinten leise und schchtern. Etwas
hinter dem kurzen Trauerzug, dicht verschleiert und schwarzgekleidet wie
eine Witwe, ging Klara, deren schmale Schultern von einem
ununterbrochenen Schluchzen geschttelt wurden. Heinzens Freunde,
Schler, Knaben, sangen des Gefallenen Lieblingslied: Deutschland,
Deutschland ber alles. Die Majorin hatte es gewnscht. Sie selbst
stimmte in das Lied ein, whrend sie mit verklrtem Lcheln in die Weite
des Frhlingshimmels blickte.

Der junge Meerheim sprach einen kurzen Nachruf, mit unbewegter,
soldatisch scharfer Stimme; acht Tage spter wurde er selbst im
Luftkampf gettet.

Noch nicht neunzehn Jahre alt, war Heinz gefallen.

Klara prete das zusammengerollte Taschentuch zwischen die Zhne.

Sonderbar, und nicht die leiseste Ahnung! Am Abend vorher hatte noch ihr
Stern so herrlich und verheiungsvoll gefunkelt.

Es war an dem Morgen nach Doras Fest geschehen -- gerade in der Stunde,
da sie einschlief. Meerheim sah die Maschine strzen.

Einige Tage vorher -- sie erinnerte sich dessen -- hatte sie von Heinz
getrumt. Er stand auf dem Flugplatz, die grne Wollmtze auf dem Kopf,
und auf seiner Brust glitzerte in der Sonne das Medaillon. Er spielte
mit einem kleinen Dachshund, und Schwrme von furchtbar anzusehenden
Flugzeugen, mit barbarischen Farben bemalt, rasten ber ihn hin. Aber er
sah sie gar nicht, spielte mit dem Hunde -- man konnte diesen Traum wohl
nicht eine Ahnung nennen?

Ohne jede Sorge, ja, mehr, mit dem Gefhl der Sicherheit, war sie nach
Doras Fest schlafen gegangen, glcklich und voller Hoffnungen.

Vor wenigen Tagen aber fuhr sie in die Stadt. Nach ihrer Gewohnheit
kaufte sie in einem Kiosk der Untergrundbahn wahllos einen Sto
Zeitungen. Wie viele Menschen, war sie zu einer fanatischen
Zeitungsleserin geworden, es war eine frmliche Krankheit bei ihr.
Pltzlich war es ihr, als ob sie seinen Namen gelesen habe! Unglaublich
zwar -- aber hatte er ihr nicht oft gesagt: gib acht, eines Tages wirst
du pltzlich meinen Namen in den Zeitungen lesen, und wie berrascht
wirst du sein! Sie bltterte, und richtig -- da stand sein Name: Heinz
Sterne-Dnhoff. Sie las, und sie begriff zuerst nicht. Nachdem vor knapp
einem Jahre sein Vater, der Major Sterne-Dnhoff, den Heldentod . . .
Sie las die Unterschriften, und pltzlich begriff sie.

Sie warf ihre Zeitungen auf den Sitz, da sie umherflatterten, und
rannte durch den Wagen.

Er ist tot, schrie sie, ich will hinaus!

Aber Sie sehen doch, da der Zug fhrt, Sie knnen doch nicht
aussteigen, sagten die Herren, die die Tre verbarrikadierten. Sie
zerschmettern sich den Kopf, liebes Frulein.

Da fuhr der Zug in einen Bahnhof ein, und Klara strzte hinaus.

Es ist schrecklich, jeden Tag erlebt man jetzt derartige Szenen.
Gestern sprang eine Frau auf dem Bahnhof Spittelmarkt vor den Zug und
lie sich berfahren. Ich sage Ihnen, es war entsetzlich -- dieser
Schrei!

Hren Sie auf, ich kann von solchen Dingen schon gar nichts mehr hren
--

Arme, kleine Klara, sie begriff es noch heute nicht. --

Ja, nun wollte sie es wagen. In Gottes Namen!

Sie drckte auf die Klingel und gab ihre Karte ab. Diese Karte war
schwarz umrndert. Klara war so tief und dicht verschleiert, da man
kaum noch einen Schimmer des Gesichts sah.

Das Mdchen kam nach auffallend langer Zeit zurck und forderte sie auf,
einzutreten. Die Majorin Sterne-Dnhoff und die beiden Schwestern waren
im Zimmer. Ach, ihre Gesichter, berall Heinz, in allen Linien. --

Was verschafft uns die Ehre? fragte die Majorin Dnhoff mit einem
prfenden Blick aus ihrem gelblichen, langen Gesicht.

Ich bin -- stammelte Klara, ich wollte gern --

Ich verstehe Sie nicht! sagte Frau v. Sterne-Dnhoff leise. Wollen
Sie bitte Platz nehmen!

Die Schwestern starrten verlegen.

Ich wollte nur, begann Klara wieder, Sie besuchen, und pltzlich
fing sie an zu schluchzen.

Was haben Sie nur, mein liebes Frulein?

Stille.

Ich bin seine Verlobte! stammelte Klara.

Wiederum Stille.

Da niemand etwas sagte, fuhr Klara fort: Ich war seine Geliebte.

Die Majorin fiel ihr ins Wort. Khl und frmlich sagte sie: Mein Sohn
hatte keinerlei Geheimnisse vor mir. -- Geht hinaus! herrschte sie die
beiden Schwestern an, und sie verlieen sofort gehorsam das Zimmer.

Wie sagten Sie? Seine Geliebte? Die Majorin dmpfte die Stimme.

Ja. Ich bin seine Geliebte.

Aber wissen Sie auch, was Sie sagen?

Vollkommen.

Sie wollen also sagen -- die Majorin stockte -- Sie wollen doch nicht
sagen, da Sie mit Heinz in Gemeinschaft gelebt haben?

Klara zuckte zusammen und hob den hilflosen, wunden Blick zu den
graublauen Augen empor. Sie errtete. Nein, nicht das -- stotterte
sie. Das wollte ich nicht sagen.

Auch ber das gelbe, lange Gesicht der Majorin huschte ein dnnes Rot.
Erleichtert und etwas freundlicher sagte sie: Nun, dann danke ich Ihnen
herzlich fr Ihren Besuch, mein liebes Frulein! Sie versuchte, ihrer
Stimme sogar einen warmen und aufrichtigen Klang zu geben. Aber als
Klara sie mit fassungslosen Augen ansah, fgte sie flsternd hinzu:
Sollten Sie vielleicht irgendwelche Ansprche zu stellen haben?

Fassungslos waren die wunden Mdchenaugen auf sie gerichtet.

Da lchelte die Majorin und streckte Klara die Hand hin. Herzlichen
Dank, mein Kind. Wie heien Sie?

Aber Klara antwortete nicht, ihr Blick glhte. Sie berhrte diese lange,
gelbe, entsetzliche Hand nicht. Sie wich zurck, verbeugte sich tief,
sehr tief, und ging hinaus. Die beiden Schwestern lugten durch die
Trspalte. Von ihr ist die Locke, die er in dem Medaillon trug,
flsterte die eine, und die Stimme der Majorin rief: Emma, Bertha.
Klara befand sich wieder auf der Treppe.

Ach, und die kleine, trichte Klara hatte sich zu Hause ausgedacht, da
sie vor der Majorin und den Schwestern in die Knie fallen werde, um
ihnen zu sagen, da sie gekommen sei, den Schmerz mit ihnen zu teilen.
Sie wollte ihnen die Hnde kssen und mit ihnen weinen.

Sie war ein Kind und wute nichts um die Eifersucht einer Mutter.

Betubt und vllig fassungslos stieg sie die Treppe hinab. Es war die
Treppe, ber die sein Schritt eilte. Sie berhrte sie liebkosend mit den
Fingerspitzen. Sie wollte diese Treppe auch kssen -- aber in diesem
Moment wurde ein Kinderwagen aus einer Tre geschoben, und sie entfloh.

Aber sie kam wieder, als die Damen Sterne-Dnhoff ausgegangen waren, und
sie kte die Treppenstufen und kniete auf ihnen. Dreimal kam sie im
Laufe der nchsten Wochen und schlich wie ein Dieb durch das
Treppenhaus. Einmal war es schon ganz finster. Dann kam sie nicht mehr.

                   *       *       *       *       *

Das Paradies war versunken, nichts blieb als Finsternis, unendlich --
und inmitten dieser finsteren Unendlichkeit stand sie, Klara, die Hnde
auf ihr zuckendes Herz gepret.

Solange Papa zu Hause war, mute sie die Trauerkleider ablegen. Sie
wollte Papas Fragen vermeiden. Zuweilen schon streifte sie bei Tische
sein Blick -- ihre Augen waren gertet, ohne Glanz, ihre Wangen ohne
Farbe. Papa, ihr armer Papa, der ohnehin in den letzten Tagen so
auffallend erregt, ja verstrt war. Mehr, als er es sich merken lie,
schien ihm Hedis Rcksichtslosigkeit nahe zu gehen.

Ja, diese Hedi hatte es tatschlich bers Herz gebracht, das Haus zu
verlassen. Anfangs war sie nur selten und sehr unregelmig gekommen,
sandte immer Boten mit Briefen -- Arbeit, unerwartete Vorkommnisse.
Schlielich kam sie gar nicht mehr. Ganz unmglich, dieser Weg -- und
Arbeit, Tag und Nacht mute man zur Stelle sein.

Der Geheime Rat -- nie htte es Klara fr denkbar gehalten, fgte sich,
ohne den Versuch eines Widerstandes.

Er ging wohl etwas erregt hin und her und knackte mit den Fingern,
zupfte an seinen dnnen Barthaaren. Er hatte Bedenken ohne Zweifel,
schwere Bedenken! Ein Herr Strbel oder Herr v. Strbel -- ein whrend
des Krieges reich gewordener Mann -- hm! Aber schlielich: er besa kein
Vermgen, und da er kein Vermgen besa, so war auch seine Karriere so
gut wie abgeschlossen -- derselbe Schreibtisch, derselbe Aktenstnder,
derselbe Spucknapf -- bis zur Pensionierung.

Ja, was war da zu tun? Wieder knackte er mit den Fingern.

Bei dem heutigen Geldwert konnte er seinen Tchtern nichts mehr bieten,
gar nichts mehr. Sie muten selbst sehen --

Es war gar nichts zu tun, mit einem Wort.

Und brigens hatte er gerade jetzt, gerade in diesen Tagen, ganz andere
Sorgen! Schlaflos verbrachte er die Nchte. Ein ungeheures Migeschick,
wenn man so sagen darf, war ihm widerfahren: es gehrte zu seiner
Ttigkeit im Auswrtigen Amt, die deutschen Interessen in drei fernen
exotischen Lndern zu vertreten. Zu diesem Behufe verffentlichte er mit
Untersttzung eines Universittslehrers jeden Monat ein
Korrespondenzblatt, dessen sich die Presse allerdings nur wenig, ja, man
kann getrost sagen, gar nicht bediente, leider. Nun aber hatte eines der
exotischen Lnder an Deutschland den Krieg erklrt -- und ihm, ihm war
es vllig entgangen! Das letzte Korrespondenzblatt hatte sogar noch
einen lobenden, beruhigenden Aufsatz aus der Feder seines geschtzten
Mitarbeiters enthalten, und doch lebte man mit jenem Lande schon seit
drei Wochen im Krieg! Welches Migeschick! Wenn der Minister es,
bemerken sollte --? Allerdings waren ja schon drei Wochen vergangen, und
niemand hatte bis jetzt etwas bemerkt, vielleicht ging der Kelch noch
einmal an ihm vorber!

Das waren die Sorgen des Geheimen Rats, und es war ihm natrlich zurzeit
gnzlich unmglich, sich viel um seine Tchter zu bekmmern. Es war ja
schlielich keine Schande, wenn Hedi Schreibmaschine schrieb und Briefe
abfate -- und sie bekam mehr Gehalt sogar als er. -- Es schien ihr gut
zu gehen, hatte sie doch krzlich sogar eine Gnsekeule in Gelee
geschickt. Im brigen war ihm der Charakter Hedis Brgschaft genug
. . .

Der wilde Schmerz trieb Klara in diesen Tagen sogar zu Hedi, obschon sie
sich vorgenommen hatte, die Schwester in Zukunft zu ignorieren.

Aber Hedi hatte wenig Verstndnis fr ihr Leid. Sie war gerade mit dem
Einrichten ihrer Wohnung beschftigt. Im Salon sollte eine Decke
eingezogen werden -- mit goldenen Kassetten zwischen ultramarinblauen
Balken -- nein, Hedi hatte gar kein Verstndnis. Sie wollte ihr einen
Frhlingshut schenken. Sie heuchelte ja Teilnahme, aber Klara fhlte nur
zu deutlich --

Sie kam auf den Gedanken, Ruth zu besuchen. Ruth? Weshalb Ruth? Sie
hatte sie nur einigemal gesprochen -- kannte sie kaum, aber instinktiv
suchte sie bei ihr Zuflucht.

Indessen Ruth war nicht da! Der General trat zufllig in die Diele.
Meine Tochter ist nie zu Hause! sagte er -- wie es Klara schien -- mit
Bitterkeit in der Stimme. Feierlich und prunkend -- diese Diele. Dunkle
Gemlde in breiten Rahmen, ein riesiger Spiegel und davor zwei Neger aus
Bronze oder Eisengu, die hohe Kerzen trugen. Voller Mitrauen schien
der General sie zu betrachten, sein Blick war prfend und unbehaglich,
ganz wie der Blick von Frau v. Sterne-Dnhoff. Die sie hate und
verachtete.

Ja, wohin?

Schlielich kam sie auf den Gedanken, Dora aufzusuchen. Sie beichtete
Dora alles! Aber Dora hatte ebenfalls kein Verstndnis fr ihren
Schmerz. Sie kte sie, nahm sie in die Arme und drckte sie an ihr
Herz. Sie versuchte sie zu trsten -- sagte, es sei ein Verbrechen,
Kinder, wie Heinz, in diese Metzelei zu schicken -- aber sie hatte
gerade die Schneiderin im Hause, und ihr Kopf war erfllt von Frhjahrs-
und Sommertoiletten, man mute ja jetzt schon an den Sommer denken.
Schlielich kam Otto dazu, und Otto betrachtete sie mit neugierigen
Blicken, die Klara unangenehm waren.

Sie ging.

Allein, ganz allein mute die kleine Witwe ihren Schmerz tragen. Sie
wute noch nicht, da der Mensch in seinem Schmerz immer allein steht.

Wie eine Verzweifelte irrte sie Tag fr Tag, bis in die spte Nacht
hinein, durch die Straen. Fr ihn die Flaggen -- mein Geliebter, mein
Held! -- fr ihn das feierliche Gelute der Glocken! Niemals wrde sie
auch nur die Hand eines andern Mannes berhren! Sie war seine Witwe.

Sie war freundlich zu den Menschen gewesen und selbst freundlich zu den
Hunden auf der Strae. Nun ging sie dahin, ohne den Blick zu erheben.

Zeitungen, Extrabltter, die Menschen rannten, strmten, rissen gierig
die Bltter in Stcke -- was kmmerte es sie? Selbst die Wagen der
Untergrundbahn waren berschwemmt mit Zeitungen. Man hatte den
Faustkampf um den Platz in diesen Tagen etwas gemildert -- es war ja
nicht unmglich, da bald alles wieder anders wrde. Siege, Siege! Jeden
Tag! In der Ecke des Wagens starb eine kleine Stenotypistin -- still,
ohne einen Laut von sich zu geben. Von der Station Kaiserhof an wurde
sie bleicher und bleicher, als der Zug am Spittelmarkt einlief, war sie
schon tot. Man trug sie hinaus.

Tot? Ja, vielleicht war es das beste?

Klara wurde nicht mde in diesen schrecklichen Tagen, obschon sie nachts
kein Auge zutat. Denn nachts flossen die Trnen ganz von selbst und
brachten Linderung. Kreuz und quer irrte sie durch die dunkeln Straen.
Schatten taumelten gegen sie, Schatten krochen vor ihr, Schatten
strzten hinter ihr her. Pltzlich erschrak Klara: ein alter, haariger
Schimmel stand mitten auf dem Trottoir.

Sie stand an einem stillen Kanal, in einer ihr vllig fremden Gegend.
Aus dem schwarzen Wasser blinzelte winkend ein Licht, tief unten. Die
dunkeln Huser hinter ihr begannen allmhlich zu rcken und zu wandern.
Leichen von Firmenschildern, Leichen von Riesenbuchstaben wanderten
langsam, unendlich langsam vorber. Kein Mensch weit und breit.
Verlassene Wagen, verlassene Bretterhaufen, verlassene Khne, die Pest
hatte die Menschen mitten aus der Arbeit weggeholt.

Da erscholl ber dem schweigenden, schwarzen Wasser ein frchterliches
Gelchter -- ein unheimliches Lachen, das Lachen des Wahnwitzes -- Klara
erschauerte. Sie befand sich hinter dem alten Schlo, und es schien ihr,
als kme das Gelchter aus der finstern Burg. Ein Eishauch ging von dem
stillen, toten Schlo aus. Es schien verlassen, bewohnt einzig von einem
Gespenst, das diese frchterliche Klte aushauchte. Starrte es nicht
durch die schwarzen Fenster auf sie? Und da -- seine eisige Hand griff
durch die Mauern und berhrte ihr Herz.

Klara entfloh. Das wahnwitzige Gelchter scholl hinter ihr her.

Endlich Licht. Ein Kino. Eine dicke Zeitungsfrau rannte an den grellen
Plakaten vorber und krchzte heiser und ununterbrochen: Zwanzigtausend
Gefangene -- die Schlacht geht weiter --


2

Nebel.

Sonderbar, den ganzen Tag ber Regen, gegen Abend etwas Sonne und ein
feuchter Wind und nun, in der Nacht, Nebel.

Herr Herbst bog um die Ecke und nieste. Er war erkltet. In dieser
Strae stand der Nebel noch dichter. Ein unheimlicher Riese kam ihm
entgegengestampft, in einige Lagen von Pelzen eingehllt, eine hohe
Pelzmtze auf dem dicken Schdel, aber er schrumpfte mehr und mehr
zusammen, und schlielich ging nur ein kleiner harmloser Mann an ihm
vorber. Ein qualmendes Feuer mitten in der Strae und tanzende
Kannibalen um das Feuer: keine Angst, es sind Straenbahnarbeiter, die
das Geleise ausbessern.

Wie ein lehmiges Meer wlzte sich der Nebel dahin und schob Gerll vor
sich her -- Huser, Straen, Huserviertel, Stadtviertel, Vorstdte,
immer weiter, bis hinaus zum flachen Land, wo es nichts gibt als
Kartoffelcker und Telegraphenstangen.

Auch ihn schob das lehmige Meer willenlos vor sich her, ganz wie die
Huser und Stadtviertel mit all ihren Bewohnern. Seine Nase tropfte, er
ging rasch, die Knie etwas eingeknickt, die Arme herabhngend. Mde war
er, todmde. Den ganzen Tag war er unterwegs.

Er hatte einen neuen Plan ausgedacht -- teuflisch!

Ja, teuflisch!

Wo er ging und fuhr, sollte er ihn sehen -- immer, zu jeder Stunde des
Tages sollte er erinnert werden -- _daran_!

Als er aber wieder niesen mute, zerflatterte die dichte schmutzige
Nebelwolke, und -- wer htte das gedacht? -- er erblickte einen kleinen
ppigen Garten in praller Sonne! Er selbst ging in diesem Garten
spazieren, in einem weien Kittel, die goldene Uhrkette auf der Weste,
einen breiten sonnenverbrannten Panama auf dem Kopfe. So deutlich! Es
roch nach Kaffee, es war Sonntag, er roch sogar die Frische des
Strkhemdes, das er trug. Bald wrde Muttchen -- dasselbe Muttchen, das
spter, viel spter, wer htte es ahnen knnen --? -- bald wrde
Muttchen kommen mit dem Kaffeekuchen, die Fingerspitzen etwas fett, die
Lippen etwas glnzend von Fett . . .

In diesem Augenblick stie Herr Herbst mit jemand zusammen, der unwillig
Achtung! rief. Der Garten verschwand, und der Nebel brodelte wieder.
Der Zusammensto war so heftig, da ihm der steife Hut ber die Ohren
getrieben wurde und er ins Taumeln geriet. Aber dieses rgerliche
schroffe Achtung! -- diese trockene Stimme, wie?

Scheu wandte er sich um: sofort fiel ihm das grne Plschhtchen auf und
der enge, zugeknpfte berzieher! Im gelben Dunst einer Laterne stand
der schmchtige junge Mann im Gesprch mit zwei Mnnern mit
Knotenstcken. Das Plschhtchen wackelte hin und her, die dnnen Arme
gestikulierten aufgeregt -- aber da verschwanden sie schon aus dem
Lichtschein der Laterne, der Nebel verschlang sie.

Herbsts Herz pochte.

Also schon waren sie bis hierher gekommen, bis hierher?

Er zitterte und duckte sich zusammen.

Dster lag das graue Haus, umbrodelt vom Nebel, und wie in jeder Nacht
war nur das eine gleiche Fenster erleuchtet.

Leise wie immer stahl sich Herr Herbst in sein Zimmer.

Gottlob, da er hier war! So mde --!

Frau Hhnlein in ihrer Kammer betete. Mit schluchzender, verzweifelter
Stimme -- aber leise, um die Kinder nicht zu wecken, flehte sie um
Gottes Beistand, rief sie den Himmel um Hilfe an, ja, um Hilfe --

Grundlos wie das tiefe Meer war das Elend dieser Stadt, in allen
Straen, allen Husern. berall Unglckliche, Verzweifelte, Weinende,
Schlaflose. Aus allen Husern glhten die Augen von Wahnsinnigen in den
Nebel.

Der bucklige Wirt hatte recht: die Zeit der groen Heimsuchung war ber
die Welt gekommen. Die Menschen waren Snder. Snde! Snde! Bodenlos wie
das tiefe Meer! Und auch er, ja, auch er hatte Snde auf Snde gehuft
in seinem Leben! Er bte -- schon bte er, hatte er den steinigen Pfad
der Shne betreten.

Daran dachte der kleine Herr Herbst, als er geschttelt vom Frost in
sein Bett kroch. Sein Gesicht brannte wie Feuer, und funkensprhend
kreiste die Dunkelheit um ihn. Wieder qulte ihn der Husten, und er
steckte den Kopf unter die Decke, um keinen Lrm zu machen. Als er
wieder Atem schpfte, hrte er Stimmen in Ackermanns Zimmer.

                   *       *       *       *       *

Diese Stimmen brodelten, ganz wie der Nebel an seinem Fenster, auf und
ab, eine heisere, keuchende und eine tiefe klare, die zu beruhigen
suchte. Dazwischen ein belustigtes, ein etwas angeheitertes Lachen.

Die klare beruhigende Stimme, das war Ackermann, aber die heisere,
keuchende, die zuweilen so sonderbar belustigt lachte? Es war Hhnlein!
Ja, niemand sonst -- lachte also, whrend seine Frau Gott um Hilfe
anflehte, um Erbarmen fr ihre armen Kinderchen wenigstens.

Morgen schon? fragte Ackermann.

Ja, morgen um zehn Uhr! Und wieder das angeheiterte Lachen.

Ohne Unterbrechung brodelten die Stimmen.

Der kleine Herr Herbst dampfte vor Hitze. Sein Kopf rauchte, seine
Hnde, ja, wie gesagt, er war erkltet. Mit geneigtem Kopf sa er im
Bett, wie betubt, ohne jeden Gedanken. Er mute dem Brodeln der Stimmen
lauschen, das ihn wie ein Zauber bannte, obwohl ihn nicht im geringsten
interessierte, was die beiden zu besprechen hatten.

Wie ist es nur denkbar? rief Ackermann aus.

Und mit einem heiseren Auflachen erwiderte Hhnlein: Ja, wie ist es nur
denkbar, hahaha!

Trotzdem das Blut in seinem Kopfe wie Dampf zischte, begriff er bald,
was Hhnlein so erregt hatte. Man hatte ihn wieder gemustert, und morgen
ging der Transport zur Front. Die Mordkommission war in der Kaserne
gewesen. Zurck, zur Front, abermals -- ja, der Granatsplitter, der ihm
die Schdeldecke zertrmmert hatte, so da er keine Treppe steigen
konnte, ohne sich am Gelnder festzuhalten -- er zhlte gar nicht. Und
der Brustschu, den er in Serbien erhielt -- auch er zhlte nicht. Und
dreimal in Frankreich, zweimal in Ruland, in Serbien -- all das zhlte
berhaupt nicht. Seine Frau -- seine Kinder --?! Nichts zhlte!

Man wrde ihn wieder in einen Viehwagen packen, er mute wieder hinaus.

Ackermann versuchte zu beruhigen.

Hahaha! lachte Hhnlein. Seine Ratschlge machten wenig Eindruck auf
ihn.

Ja, vor die Fe, vor die Fe, wirf es ihnen vor die Fe! schrie
Ackermann laut und wtend.

Aber, was dann, Ackermann, hrst du? fragt Hhnlein. Gefngnis --
frage Kamerad Schmitt, der dem Gefreiten eine Ohrfeige gab. Lieber den
Heldentod als das Gefngnis! Hunger und Prgel.

Die Verruchten! schrie Ackermann.

Hhnlein lachte wieder laut und heiter. Und obwohl Herbst vom Fieber
glhte, erschauerte er bei diesem sonderbaren Lachen.

Aber, ob er, Ackermann, die Strafkompanie vergessen habe? Teufel von
Vorgesetzten -- Verbrecher -- Zuchthuslerkleidung -- die ehrlichen
Kameraden spucken dich an -- Strflingsarbeit im Feuer, Hunger, Prgel,
Luse, Krankheiten --

Also fort mut du? dachte Herr Herbst. Gut, gut, da du fort kommst!

Er frchtete sich vor Hhnlein in der letzten Zeit. Gestern traf er ihn
auf der Treppe: ohne Regung stand er, erstarrt, den Kopf gesenkt, einen
Fu in der Luft, die stechenden, glitzernden Augen auf den Boden
gerichtet. Er hatte es nicht gewagt, an ihm vorbeizugehen und war
umgekehrt.

So, ja, genau so hatte auch sie gestanden -- seinerzeit -- immer in den
Ecken, zuerst mitten in den Zimmern, endlich nur noch in den Ecken und
unter den Trrahmen -- bevor sie, hm, bevor sie . . .

Gut, da du aus dem Hause kommst --

Nun aber htte er beinahe laut herausgelacht! Hhnlein sprach von der
Musterung, den Skeletten, Krppeln, Krummen und Lahmen, und er, in
seinem Bett, sah alles deutlich und wunderbar klar vor sich. Wie sie
humpelten, wie sie krochen, wie die Knochen spitz durch ihre Haut
stachen! Nur einer aber war frei gekommen, er fiel in Krmpfe und wurde
hinausgetragen.

Nun kam also jener, ein Riese von Gestalt, der Blut in die offene Hand
spuckte und es dem Arzt zeigte. Aber der Arzt, o nein, er war nicht um
eine Antwort verlegen. Er sagte, der Arzt: Die Luft im Felde ist besser
als in Berlin, solange einer nicht den Kopf unter dem Arm trgt, mu er
hinaus. Fertig! Und da kam dieser andere, der eine offene Wunde am
Rcken hatte, man konnte den ganzen Finger hineinstecken -- aber auch
das half nichts. Immer vorwrts, sagt der Arzt, bei so jungen Leuten
heilt das rasch. Nein, er war nie um eine Antwort verlegen, man mu es
ihm lassen. -- Nun aber, nun also kam Hhnlein, unser Hhnlein an die
Reihe. Es half ihm alles nichts, was er vorbrachte. Sein Lungenschu,
seine Atemnot -- prchtig geheilt, sagte der Arzt, die Bureauluft ist
nicht gut fr Sie. Aber auch die Schwindelanflle, die von dem
Granatsplitter im Kopf herrhrten, das Zittern -- auch das half Hhnlein
nichts. Sollen denn nur gesunde Leute totgeschossen werden? fragte der
Arzt. Hahaha! Richtig, weshalb nur gesunde?

Ja, also Hhnlein sa in der Patsche und konnte es noch immer nicht
begreifen.

Und wieder brodelten die Stimmen. Lange Zeit. Kein Wort zu verstehen.
Dann aber lachte Hhnlein wieder laut heraus, und die Stimmen verloren
sich auf dem Korridor.

Mut, Kamerad! rief Ackermanns Stimme.

Hhnlein lachte und sagte irgend etwas. Er schlich drauen an der Tre
vorber und pfiff leise vor sich hin.

Augenblicklich hrte Frau Hhnlein auf zu beten. Sie stellte sich
schlafend, schnarchte sogar ein wenig. Nach einer Weile fragte sie: Was
tust du?

Ich rauche eine Zigarre, antwortete Hhnlein mit ruhiger Stimme.

Und nun wurde es still, ganz still. Nun war die Zeit gekommen fr ihn,
Herrn Herbst, seinen Triumph auszukosten!

Sanft glitt sein Bett dahin, eine angenehme Hitze kochte in seinem
Krper, hei fuhr der Atem aus seinem Munde. Prachtvoll, berauschend,
rot funkelte die Finsternis. Am Fenster wallte der Nebel, auf und ab,
drckte sich gegen die Scheiben. Und drunten: horch! Ja, deutlich hrte
er ihren Schritt, dumpf wie der Schlag seines Herzens in der Brust. Da
gingen sie auf und ab, die Mnner mit den Knotenstcken, das grne
Htchen eilte durch den Nebel die Strae herauf, nachzusehen, zu
kontrollieren.

Und er, nebenan, ahnte nichts! Raschelte mit Papieren, zerri sie,
klapperte auf seiner Schreibmaschine, ahnungslos. Sah er nicht das grne
Htchen eilen? Nein, nein, blind war er, taub war er.

Nun rasselte er mit dem Ofen, es roch nach verbranntem Papier. Und schon
gingen die Schritte auf und ab, lauter, immer lauter . . . .

Sollte er an die Tre pochen und ihm zurufen: Horch, horch! ffne das
Fenster und sieh es eilen --!

Aber nein, nun war ja die Stunde gekommen, die wonnige, seinen Triumph
auszukosten!

Heute -- hoho -- heute hatte er es gewagt! Den Hut gezogen, ganz dicht
vor ihm, ganz dicht! Vor dem Hause in der Lessingallee hatte er
gewartet, bis die graue Limousine kam. Und dann -- den Hut gezogen, wie
gesagt. Mitten in den Lichtschein der Automobillampen war er getreten,
in den blendenden Lichtkegel der Lampen!

Und der General? Er war erschrocken -- erschrocken, sollte man es
glauben, vor ihm, einem alten ohnmchtigen Mann, ohne Rang und Wrde,
einem Trinker, mit dem es bergab ging, tglich mehr und mehr bergab,
erschrak er -- der Gewaltige! Fuhr zurck, und seine Augen waren voller
Schrecken . . .

Ja, keine Nachsicht mehr, nicht die geringste! Tag und Nacht wollte er
vor ihm auftauchen, keinen Schritt sollte er knftig tun -- er war da!

Und wie er erschrak! Wie er zurckfuhr! Deutlich sah er es vor sich. Das
breite starre Gesicht wankte, nicht Schrecken, nein Entsetzen spiegelte
sich in den Zgen. Der General taumelte einen Schritt zurck -- zwei --
er lief! Und er, den Hut in der Hand, lief hinter ihm her. Wie schnell
er doch lief! In seinem Mantel mit den roten Aufschlgen. In seinen
Hosen mit den roten Streifen! Wie das Entsetzen ihn vorwrts peitschte
-- und doch war es spielend leicht, ihm zu folgen. Rascher, immer
rascher rannten sie beide in die rotfunkelnde Finsternis hinein. Und der
Nebel donnerte! Ballen von Qualm warf die schwarze Stadt aus, wie ein
Vulkan, Ballen um Ballen, himmelhoch donnerten die Wolken von Qualm.


3

Der Nebel brodelte ber Berlin. ber dem Nebel funkelten die ewigen
Sterne, aber die Stadt, versunken im gelben Meer von Lehm, sah sie
nicht.

Schrill heulten die Zge, in dstere Glutwolken gehllt, tasteten sie
sich langsam vorwrts. Die Bogenlampen fieberten in den dunstigen
Bahnhfen, Schattenriesen stieen mit den Kpfen gegen die Glasdcher
der Hallen. Die Krankenwagen krochen in das gelbe Nebelmeer hinaus, und
zuweilen stutzten die Chauffeure: klaffende Abgrnde schienen pltzlich
die Straen zu spalten. Schlaff und schmutzig hingen Flaggen aus den
Nebelwolken herab.

In nebligen Hfen wurden die Wagen entladen, und voller Erlsung
starrten die Fieberaugen der Verwundeten in das Licht der Korridore,
durch deren Karboldunst die Bahren schwankten.

Und die Zge heulten und winselten, wie seit mehr als tausend Nchten.
Aber in dieser Zeit der groen Offensive kamen sie ohne jede
Unterbrechung. Die rzte wechselten Blicke. -- --

Zur gleichen Stunde sa der General, den der kleine Herr Herbst im
Fieberwahn verfolgte, mit zufriedener Miene in dem bequemen
Arbeitssessel vor seinem Schreibtisch und beugte sich ber eine groe
Generalstabskarte.

Er hatte neben sich ein Npfchen mit blauer Farbe und ein Glas Wasser
stehen und malte auf die Generalstabskarte blaue Linien. Hin und wieder
suchte er mit der Lupe eine Ortschaft, die der letzte telephonische
Bericht genannt hatte.

Unfabar! Flogen sie? War es nicht ganz wie seinerzeit beim Vormarsch
1914?

Schon wurde das strategische Bild klarer -- kristallklar. Der General
beugte sich! Seine Ansichten hatten nicht immer mit jenen dieser hohen
Stelle harmoniert, zugegeben, es war ihm unmglich gewesen, den
bedingungslosen Glauben der Allgemeinheit zu teilen, er vermite khne,
strategische Gedanken, vermite den genialen Blick, nun aber beugte er
sich. Ja! Ohne Vorbehalt.

Und der General starrte in die weie Karte, whrend drauen der Nebel
zog. Bald beugte er sich dicht darber, den Kneifer auf der Nase, bald
lehnte er sich nachdenklich in den Sessel zurck, und wieder starrte er
regungslos in die weie Karte. Was sah er? Er sah Brigaden, Divisionen,
Armeekorps, den Grtel der Artillerie. Er sah wie Brigaden, Divisionen,
Armeekorps sich vorwrts fraen, die Kolonnen auf den Straen, die
schwere Artillerie wird nachgezogen, die Fliegerschwrme in der Luft,
die Stbe, all das sah er auf der weien Karte.

Seine Hand schob die blaue Linie vorwrts -- ja, schon erblickte er in
der rechten Flanke das Meer -- den Kanal, in der linken Flanke aber
wurde die fadendnne Silhouette des Eiffelturms am Horizont sichtbar.

Heute schon fielen die Granaten auf die franzsische Hauptstadt,
furchtbare Mahner, furchtbar pochte die Geschichte an die Tore von Paris
-- und London, bald wrde die Geschichte auch an die Tore Londons
pochen! Das Reich des groen Alexander, wo war es hin? Die Stunde
schlug, und es sank in Trmmer. Das Weltreich der Rmer und Spanier?
Schutt! Unaufhrlich brauste der Strom der Geschichte, und neue Reiche
stiegen aus der Flut empor.

Der General versank in Trumereien. Seine strengen Zge hatten sich
gelst. Schon heute stand fest, da die feindlichen Reservearmeen
aufgerieben waren. Sie hatten nichts mehr, frchterliche Perspektive
. . .

Nur durch einen Korridor vom General getrennt, durch ein paar dnne
Mauern, sa Ruth ber ihren geliebten Bchern, die das Evangelium fr
sie bedeuteten, und las mit fiebernden Wangen, whrend an den Fenstern
sich der Nebel ballte. Es war schon tief in der Nacht, sie schrieb,
machte Notizen, ihre Augen glnzten. Ja, diese Bcher, diese Broschren,
sie sprachen die Wahrheit! Sie allein zeigten den rechten Weg.
Untergehen mute diese heute herrschende Gesellschaft, die sich nur
durch Sklaverei, Plnderung und Tyrannei aufrechterhielt. Dieser Krieg
war der frchterlich logische Abschlu ihres Werkes -- welch ein
Abschlu! Heraufsteigen wrde eine neue Gesellschaft, besser, reiner,
edler. Schon waren ihre Boten unterwegs. Hier aber erschauerte Ruth.

Ja, schon! Ihr Blick glitt zum Fenster, das der Nebel verhllte, ihr
Blick fllte sich mit Unruhe und Qual. Ungewi lag die Zukunft. Lange
wrde sie ihn nicht sehen, vielleicht Jahre! Aber es mute sein, es
mute Mutige geben, die alles einsetzten fr Idee und Glauben! Sie
liebte ihn, sie bewunderte ihn! Auch sie wrde ihm nachfolgen. Auf alles
wrde sie verzichten, auf Geld, Bequemlichkeit, gesellschaftliche
Stellung. Nichts wollte sie. Wie Millionen von Frauen, die ihr Brot
verdienten, wollte sie sein, nicht anders. Langsam hatte sie sich zu
diesem Entschlu durchgerungen. Tausend beglckende Gesprche gaben
Helligkeit, Klarheit und Ziel!

Wenn sie Papa krnkte, sie konnte nicht anders, Otto, ihre
Verwandtschaft -- nein, es stand unabnderlich fest! Welche Albernheit,
Oberflchlichkeit, welcher Dnkel, welcher Wahn -- nein, fort fort.

Und doch, das Herz schmerzte. Sie erhob sich und begann auf und ab zu
wandern, die Hnde an den Hften, immer hin und her, den Blick voller
Qual -- immer hin und her, die ganze Nacht. --

Und Dora, was tat Dora in dieser undurchdringlichen Nebelnacht? Sie
schlief und lchelte im Schlaf. Auch Klara, die kleine unglckliche
Klara, schlief, aber sie weinte im Schlaf, ihre Wangen waren ganz na.

Hedi aber war noch wach in dieser Nebelnacht, sie war heiter und guter
Dinge. Sie tanzte Tango mit Weibach, in der Bibliothek, nebenan sa
eine kleine Gesellschaft beim Spiel. Der Phonograph war kaum zu hren,
da sie ihn geschlossen hatte, aber so fand Hedi es am stimmungsvollsten.
Strbel hatte ihr eben gesagt, er sei einer der wenigen Mnner in
Europa, die alles vertragen knnten -- und so tanzte sie Tango mit
Weibach, ganz allein, und Weibach, der heute wenig trank, hatte ihr
erklrt, da er sie liebe und sie auf der Stelle heiraten wrde. Das
belustigte Hedi, und zuweilen erlaubte sie seinem Blicke, in ihre Augen
einzudringen, ganz tief. Sie hatte sich vorgenommen, den kleinen
schwarzen Artilleriehauptmann vllig rasend zu machen. Und dann? Nun,
wer wei --?

Und Otto? In seinem Zimmer im Westen sa er, eine kleine anmutige
Verkuferin, die er auf der Strae kennengelernt hatte, auf den Knien,
eine Flasche Wein neben sich. Er kte den vollen, blulichweien Nacken
der Kleinen, und sie fragte ihn, wie das knallt, wenn eine Granate
einschlgt. Ihr Brutigam war ebenfalls im Felde. Otto lachte --
herrlich diese Naivitt. Er unterhielt sich ausgezeichnet. Was kmmerte
es ihn, da der Nebel um das Haus wallte?


4

Immer noch rannte der kleine Herr Herbst hinter dem Mantel mit den roten
Aufschlgen einher, immer noch durch purpurne Finsternis.

Allmhlich aber ging die Dunkelheit in Zwielicht ber, er rannte nicht
mehr, er ging langsam -- und der General? Es war gar nicht der General,
es war sein Zimmernachbar Hhnlein. An seinem abgenutzten
Soldatenmantel, seinen abstehenden weien Ohren, dem dnnen Hals
erkannte er ihn. Er ging langsam, immer einige Schritte voraus, kreuz
und quer durch die Straen. Offenbar suchte er etwas. Endlich aber --
ah, nun hatte er es gefunden.

Vor einem Laden mit Messern machte er halt. Messer, nichts als Messer,
funkelnd und blitzend, ein Gebi. Dieses Geschft umkreiste Hhnlein, er
las die Aufschrift, runzelte die Stirn. Dann trat er zurck an den
Rinnstein, einen Fu auf dem Fahrdamm, einen auf dem Brgersteig, zog
den Geldbeutel heraus und blickte aufmerksam hinein. Entschlossen betrat
er den Laden. Aber bevor er die Tre schlo, warf er noch einen Blick
auf die Strae, einen suchenden, kranken und traurigen Blick. Wonach sah
er sich um? Nach Hilfe?

Wie, hier, zwischen den eilenden Menschen, die alle vor dem eigenen
Elend dahinjagten, hier, wie? Nun, er sah es ja auch ein, da es sinnlos
war, gerade hier nach Hilfe auszusphen und schlo die Tre hinter sich.
(Herbst sphte durch die Scheibe!) Er whlte ein langes solides
Bratenmesser, lang, spitzig und scharf und verlie den Laden, ein
schmales, langes Paketchen unter dem Arm. Rasch strebte er nun seinem
Hause zu, zuweilen lief er sogar eine Strecke, rasch eilte er die Treppe
hinauf.

Aber was nun? Es war wieder dunkel im Zimmer nebenan, wieder war es
pltzlich Nacht geworden, und nur Hhnleins Schatten war zu sehen, seine
weien abstehenden Ohren und seine bse glitzernden Augen. Er, Herbst,
lag nun wieder in seinem Bett, schlief, hatte die Augen geschlossen,
trotzdem sah er durch die Mauer hindurch alles, was Hhnlein nebenan
tat. Nun beugte sich Hhnleins Schatten ber die schlafenden Kinder,
lange Zeit, dann ber die schlafende Frau. Da blitzte pltzlich das
lange Messer. Furchtbar blitzte es in der Dunkelheit. Die Frau regte
sich, und Hhnlein versteckte hastig die Klinge unter seinem Rock. Lange
stand er ohne jede Bewegung.

Dann aber, dann beugte er sich wieder ber die schlafenden Kinder, das
Messer funkelte -- nun zeigte die Klinge dunkle Flecken. Lautlos stand
er und atmete. Dann beugte er sich ber die Frau, und abermals funkelte
das Messer. Endlich richtete er sich auf. Kein Laut.

Pltzlich aber beschftigte ihn etwas. Er heftete seine glitzernden
tckischen Augen auf ihn, Herbst, der nebenan in seinem Bett lag und
schlief. Sah er ihn? Es war ja unmglich, die Wand war dazwischen. Aber
doch schien er ihn zu sehen. Er tastete mit der Hand gegen die Wand --
runzelte enttuscht und zornig die Stirn. Da begann Herbst (weshalb
eigentlich?) spttisch zu kichern. Hhnlein lchelte verchtlich,
wollstig -- und tastete sich an der Wand entlang zur Tre.

Herbst setzte sich pltzlich aufrecht, und sein Herz stand still vor
Entsetzen. Wild schrie er auf.

Er kam! Er sah ihn kommen, das Messer zwischen den Lippen.

Schon ffnete sich langsam die Tre, seine Hand wurde sichtbar -- wieder
schrie Herbst auf -- und er trat ein.

Aber er trug kein Messer, sondern eine Kerze. Und es war gar nicht
Hhnlein, sondern -- Ackermann.

Sind Sie krank? Weshalb schreien Sie? fragte Ackermann und kam nher,
den Leuchter mit einer kleinen Kerze in der Hand.

Herbst versuchte zu sprechen, doch die Zunge klebte am Gaumen.

Ackermann ging und kam mit einem Glas Wasser zurck.

Trinken Sie. Sie fiebern ja. Sie glhen!

Ich friere, entgegnete Herbst, und seine Zhne klapperten. Ich fhle
mich eiskalt. Gewi bin ich schneewei.

Sie glhen. Trinken Sie! Weshalb schrien Sie so?

Ich habe von Toten getrumt.

Ackermann lchelte. Vor Toten brauchen Sie keine Angst zu haben.

Herbst zitterte und heftete die fiebernden Augen auf Ackermann.

Und die Schritte, flsterte er, die ganze Nacht. Vor dem Hause. Haben
Sie das grne Htchen nicht gesehen?

Trinken Sie noch etwas!

Fliehen Sie! Sie sind da!

Frisch und jung erschien ihm Ackermann, eine Erscheinung aus einer
andern Welt. Die finsteren Mchte, die diese Erde bevlkern, konnten ihm
nichts anhaben. Seine Augen glnzten, sein Mund blhte tiefrot, er
schien weder mde noch schlfrig, obschon es tief in der Nacht war. Er
lchelte heiter, als er von den Schritten vor dem Hause hrte, nein,
auch sie konnten ihm nichts anhaben. Er schwebte auf Wolken wie ein
Engel. Er war ein Gesandter Gottes, der zu ihm gekommen war, um ihm zu
trinken zu geben.

Die Kerze verschwand. Schon war es wieder dunkel.

Ja, ein Traum hatte ihn gefoltert, ein Traum voller Unheil und
Schrecken. Hatte er von den verschtteten Soldaten getrumt, die sich
aus den Lehmbergen auswhlen, oder von Robert, aus dessen Wunden das
Blut in Strmen flo? Noch jetzt schttelte ihn das Entsetzen.

Ohne Zweifel, dieses Haus war ein Haus des Unglcks, ein verfluchtes
Haus. Seine Mauern waren zermorscht von Jammer und Trnen. Selbst die
Toten fanden hier keine Ruhe. Jede Nacht glitt der tote Brieftrger
durch das Treppenhaus und verbreitete seinen hlichen Geruch. Er war
gestorben, dieser alte Brieftrger, ein Veteran mit den Denkmnzen des
glorreichen Siebziger Krieges, ohne da jemand es wute. Erst als ein
scharfer, slicher Geruch das Haus erfllte, hatte man ihn aufgefunden,
ausgestreckt auf dem Boden. Jede Nacht kroch er nun durch das
Stiegenhaus, und zuweilen zog er die Klingeln, dann schrien die Frauen.

Ja, ein verfluchtes Haus.

Aber, gottlob, die entsetzliche Klte hatte aufgehrt. Schon begann er
sich zu erwrmen, schon begann er wieder wohlig zu glhen. Ruhig atmete
das Haus, deutlich hrte er hinter der Wand die Familie Hhnlein im
Schlafe atmen. Feuer stieg in seine Augen. Sie wurden grer und grer,
und mit feurigen Augen, so gro wie Wagenrder, sa er in der
rauschenden Finsternis.

Pltzlich hrte er deutlich eine Orgel brausen, feierlich und tief. Und
durch das volle Orgelbrausen rief eine Stimme:

Heilig ist der Mensch! Sinn der Erde, unantastbar!

Heilig ist das Menschenleben, unantastbar!

Und wieder brauste die Orgel.

Dann schrie die gleiche Stimme, laut und hell:

Die Menschenwrde ist das oberste Gesetz!

Unantastbar ist die Wrde des Menschen!

Heilig sein Gedanke, heilig sein Leib!

Liebet einander!

Die Orgeltne verbrausten in der Ferne.


5

Und der Nebel brodelte ber den Dchern der Stadt.

Immer noch ertnte gedmpft der Phonograph in Strbels Bibliothek. Aber
Hedi tanzte nicht mehr. Sie sa am Spieltisch und setzte eifrig. Rote
Flecken fieberten auf ihren Wangen, ihre Augen sprhten. Sie gewann.
Zuweilen liebkoste Strbel sie mit einem Blick, sie liebte ihn in diesem
Augenblick. Weibach, der nach ihren Blicken tastete, hatte sie ganz
vergessen.

Ottos Mdchen war eingeschlafen. Zwei Trnen glnzten wie Tau unter
ihren langen hellen Wimpern. Otto sa beim letzten Glas Wein und rauchte
voller Behagen eine Zigarre. Er brauchte keinen Schlaf, obgleich er von
frh bis abends im Bureau arbeitete.

Immer noch ging Ruth ruhelos auf und ab, den Blick voller Qual. Sie
schwankte, so mde war sie, aber sie konnte sich nicht entschlieen, zu
Bett zu gehen.

Der General aber schlief. Er schnarchte und murmelte zuweilen
unverstndliche Worte im Traum. Wangel und Jakob packten in aller Eile
die Koffer, und er gab ihnen Befehle. Soeben hatte ihn das Telegramm
erreicht, in vierzig Minuten ging der Zug zur Front . . .

Und der Nebel wallte drauen. ber ganz Deutschland dampfte der Nebel,
undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Deutschland sah
sie nicht. Die Zge winselten durch die Nebelnacht, durch ganz
Deutschland liefen die Transporte mit den zerschossenen Menschen, durch
Wlder, Felder, ber Brcken und Flsse, ohne Zahl, ohne Pause.

ber Europa dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die
ewigen Sterne, aber Europa sah sie nicht. Blutrot wallte das Nebelmeer,
Europas Strme wlzten Blut.

Die Greise, die die Geschicke der Vlker lenkten, schlummerten in ihren
Betten.

Schon aber wurde der Nebel lichter. Der Tag war nahe. --

Ackermann hatte seine Papiere in dieser Nacht in Ordnung gebracht und
verbrannt, was verschwinden mute. Der Ofen qualmte, und Rauch erfllte
das kleine Zimmer.

Er ffnete das Fenster. Da wlzte sich der Nebel herein, deutlich sah
man ihn um die kleine Kerze kreisen. Schon aber begannen die Dunstballen
sich aufzuhellen, es tagte. Stille, kein Schritt, kein Laut. Die Stadt
war vllig tot.

Ackermann blies die Kerze aus und legte sich zur Ruhe.

Aber der Nebel folgte ihm in seine Trume: Da sah er einen Feldgrauen,
so wie er ihn hunderttausendfach gesehen hatte. Der Feldgraue, in einen
weiten Soldatenmantel gehllt, eine kleine verknllte Grabenmtze auf
dem Kopf, arbeitete still fr sich, inmitten eines weiten, rauchenden
Ackers.

Es war so dster, da zuweilen kaum die Umrisse des Feldgrauen zu
erkennen waren. Er war gro, sein knochiges Gesicht von einem kurzen
Stoppelbart eingerahmt. Ohne Unterbrechung, ohne aufzublicken hob er mit
einem Spaten die Erde aus. Ein riesiger, in der Erde vergrabener Stein
kam zum Vorschein, und allmhlich bekam man eine Vorstellung von der
Gre des Steins. Er war etwa so gro wie die Drehscheiben, auf denen
man Lokomotiven bewegt. Manchmal schien er auch etwas kleiner, manchmal
grer zu sein. Jedenfalls war er ungeheuer gro, und man wute ja auch
nicht, wie tief er in der Erde stak.

Der Feldgraue nahm nunmehr ein Stemmeisen zur Hand, eine schwere
Deichsel mit einem Eisenschuh, rammte sie unter den Stein und warf sich
mit aller Wucht dagegen. Der Stein rhrte sich nicht. Unverdrossen nahm
der Feldgraue wiederum Pike und Spaten in die Hand und grub das Loch um
den Stein herum tiefer. Ein ganzes Gebirge von Erde warf er aus, und es
war wunderbar zu sehen, wie gleichmig, ruhig und hingegeben er
arbeitete. Wiederum setzte er das schwere Stemmeisen an, und siehst du,
nun bewegte sich der Stein eine Idee! Am Rande des Steins zeigte sich
ein feiner Ri im Boden. Es war also kein Zweifel, der riesige Stein
hatte sich bewegt! Abermals warf sich der Feldgraue mit voller Wucht
gegen das Stemmeisen. Zum ersten Male wandte er Ackermann voll das
Gesicht zu. Deutlich war zu sehen, da es in Schwei gebadet war, in den
Augen hatte sich der Schwei angesammelt, so da sie schneewei
erschienen. Mit einer ungeheuren Anstrengung drckte der Feldgraue das
Stemmeisen nieder, die Adern an seinen Schlfen schwollen an -- ah,
schon bewegte sich der Stein deutlicher. Unmerklich war er auf der einen
Seite eingesunken und auf der andern Seite in die Hhe gestiegen.

Der Feldgraue wischte sich mit dem rmel den Schwei vom Gesicht, und
mutig nahm er die scheinbar aussichtslose Arbeit wieder auf.

Doch was ist das? Er hlt im Schaufeln inne und berhrt seine Backe.
Eine blutige Schramme ist entstanden, und das Blut rieselt in einem
dnnen Faden herab ber seinen Hals. Verwundert schttelt der Feldgraue
den Kopf. Es ist ganz merkwrdig, was geht vor? Pltzlich wird ein Stck
von dem grauen Mantel abgerissen: ah, er ist im Feuer, er arbeitet im
Feuer, dachte Ackermann, er wird beschossen. Deutlich sieht er, wie
einen Augenblick spter auf seiner Stirn eine klaffende Wunde entsteht.
Das Blut strzt heraus, und rasch ist die eine Hlfte des ganzen
Gesichts vom Blut berzogen. Der Feldgraue aber arbeitet ruhig weiter.
Er legt sich mit ganzer Gewalt gegen das Stemmeisen, und nur zuweilen
fhrt er mit dem rmel bers Gesicht, wenn das Blut ihn strt.

Es geschieht das Unglaubliche: es ist ihm gelungen, den riesigen Stein
in eine schrge Lage zu bringen. Voller Raserei wirft er sich nun mit
dem Rcken dagegen und versucht, den Steinriesen vollends in die Hhe zu
heben. Es geht -- ein wenig -- aber da fllt der Stein wieder in die
frhere Lage zurck.

Erneut beginnt der Feldgraue sein Werk, unverdrossen. Seine Hnde und
sein Gesicht sind von Blut und Schwei berzogen, aber er kmmert sich
nicht darum. Pltzlich zerreit sein Waffenrock an der Brust, er hlt
einen Augenblick inne, legt die groe Hand auf die Brust, und schon
strzt ihm das Blut aus dem Mund. Aber gleich darauf nimmt er wieder die
Arbeit auf. Wiederum stemmt er sich mit dem Rcken gegen den Stein, und
siehe da, er hebt ihn hoch, so unmglich es auch erschien. Nun steht er
schrg wie ein Dach, aber alle weiteren Anstrengungen sind umsonst. Der
Feldgraue streicht um den Stein herum, schttelt den Kopf, wischt sich
das Blut aus dem Gesicht und vom blutigen Mantel, schaufelt und macht
von neuem verzweifelte Versuche, aber der Stein bewegt sich nicht mehr.

Aber nun, was geschieht? Jemand kommt, jemand ist hinzugetreten. Es ist
ein kleiner Mann, ebenfalls ein Soldat, mit raschen, herrischen
Bewegungen. Offenbar ein Vorgesetzter. Er gestikuliert heftig, treibt
den Feldgrauen zur Arbeit an. Und pltzlich erinnert sich Ackermann, da
dieser kleine Mann mit den herrischen Bewegungen schon vorher einmal im
Nebel sichtbar geworden war. Nur fr einen Augenblick.

Wiederum stemmt sich der Feldgraue mit aller Gewalt gegen den riesigen
Stein, aber es geht nicht. Wieder wendet er Ackermann das Gesicht zu. Es
ist von Blut bergossen, ebenso wie seine Brust, die Augen sind
blutunterlaufen, und bei der ungeheuren Anstrengung quillt das Blut
zwischen seinen Lippen hervor. Pltzlich -- pltzlich springt der kleine
Mann mit den herrischen Bewegungen zornig hinzu, schwingt eine kurze
Riemenpeitsche und -- ah -- schlgt damit den Feldgrauen bers Gesicht.
Er schlgt wieder und wieder und gert in frmliche Raserei. Der
Feldgraue aber verdoppelt, verdreifacht seine Anstrengungen. Er
schwankt, taumelt ein paar Schritte und fllt zu Boden. Ohne Bewegung,
ohne Zeichen von Leben liegt er da.

Ist er ohnmchtig geworden? Ist er tot?

Der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen geht nher an den
Feldgrauen heran. Er stt mit dem Stiefel gegen die Schulter des
Regungslosen. Er ist nun pltzlich um vieles kleiner geworden, und der
Feldgraue um vieles grer. Wie ein Zwerg zu einem Riesen verhlt der
kleine Herrische sich zu dem Feldgrauen. Er klettert auf den
Regungslosen hinauf, um ihm ins Gesicht blicken zu knnen. Er steht auf
seiner Brust, schwingt die Peitsche und schreit . . .

Aber der Regungslose, Blutberstrmte, antwortet nicht. Seine Zhne
blinken im Nebel. Da ist sein Spaten, sein Hebebaum, dort der Stein, der
halb aufgerichtet in den Nebel ragt. Aber er regt sich nicht mehr, er
antwortet auch nicht.

Sein Stillschweigen versetzt den Kleinen mit den raschen, herrischen
Bewegungen abermals in rasenden Zorn. Er klettert hher auf der Brust
des Riesen, hlt sich an seinem Mantelkragen fest und hebt den Stiefel,
um damit nach dem regungslosen, blutberstrmten Gesicht mit den
blinkenden Zhnen zu stoen . . .

Da erwachte Ackermann.

                   *       *       *       *       *

Es wurde nun in der Tat deutlich lichter. Gelb wie Lehmwasser flo das
Morgenlicht am Fenster.

Schon ratterte ein Wagen auf der Strae.

Der kleine Herr Herbst hatte, seit ihn Ackermann verlie, die Nacht
zwischen Schlaf und Wachen verbracht. Vielleicht hatte er auch
geschlafen, er wute es nicht. Sein Krper war mit Schwei bedeckt, aber
das Fieber schien gebrochen zu sein.

Still lag das Haus.

Diese kurze Stille vor dem Morgen liebte er. Wie oft hatte er in dieser
Stille in seinem Bette gesessen, und die Hnde gerungen und das
befreiende Weinen geweint, das ihn beruhigte.

Deutlich hrte er, wie Ackermann sich in seiner Bettstelle hin und her
wlzte, aber nun war es still bei ihm. Auch bei Hhnlein war es still,
ganz still.

Der tote Brieftrger, der Veteran von Siebzig, mute in sein Reich
zurckweichen vor dem Licht, alle Nachtgespenster muten weichen.
Lieblich war der sanfte Morgen.

Schon aber begann das mit Menschen vollgestopfte Haus zu erwachen. Die
Haustre chzte und krachte, und der Hausmeister streckte seinen
graugelben Pudelkopf in den Morgennebel. Tren schlugen, und Tritte
eilten die Treppe hinab. Es wurde geklopft, gerufen, Wasser pltscherte.

Bei Hhnlein -- Stille!

Noch vor kurzem hatte er das Atmen hinter der Wand gehrt, aber nun war
es ganz still geworden.

Kein Laut!

Herbst erhob sich und machte in aller Eile Toilette, es dauerte nicht
lange bei ihm. Aber whrend er sich wusch, nieste er mehrmals und hob
die kleine Nase in die Luft. Gas, wie? Ja, es roch nach Gas.

Deutlich, deutlich sprte er den Gasgeruch.

Auf dem Korridor war der Geruch noch strker. ngstlich schlich er sich
zur Tre.

In diesem Augenblick ffnete Ackermann die Tre und streckte den Kopf
heraus. Auch er zog die Luft ein.

Es riecht so stark nach Gas hier? sagte er.

Ja, stark nach Gas!

Hm. Ackermann trat halb angekleidet auf den Korridor heraus.

Haben Sie den Gashahn offen gelassen?

Ich? Nein, nein, erwiderte Herbst, die Hand schon am Drcker der Tre.

Vielleicht Hhnlein --? fragte Ackermann leise, stockend, und sein
erschrockener Blick wandte sich auf Herbst.

Ja, vielleicht --?

Wir wollen nachsehen --

Aber Herr Herbst hatte keine Lust nachzusehen, nein, nicht die mindeste
-- diese Stille -- er rannte die Treppe hinab. Schon polterten
Ackermanns Fuste gegen Hhnleins Tre.

Furchtsam eilte er die neblige Fabriciusstrae entlang. Deutlich entsann
er sich nun, da er von Hhnlein getrumt hatte. Deutlich! Ganz
deutlich! Hhnlein war mit einem Messer in der Hand die Treppe
hinabgestrzt, ja deutlich erinnerte er sich jetzt daran -- er hatte
sich gegen die Wand geworfen, um ihm aus dem Wege zu gehen.

Schon verlor sich der Havelock im Labyrinth der Straen wie jeden Tag.


6

Siehe, deine Welt, Langmtiger!

Hunderte und Tausende flchten tglich voller Verzweiflung aus diesem
Leben.

ffne die Augen und sieh: Jammer!

ffne die Augen und sieh: Schande!

Lausche! Das Geschrei der Folterknechte, das Geschrei der Gemarterten,
das Jammern der Witwen und Waisen. Strme von Trnen rauschen dahin,
Flche verfinstern das Licht.

Siehe deine Vlker: Mrder!

Die Heere der betrten Sklaven, vorwrtsgepeitscht von ihren Verfhrern,
zerfleischen sich noch immer. Noch immer gibt es Granaten, Torpedos,
Gas, Flammenwerfer, noch immer werden Mnner und Frauen fsiliert, noch
immer werden tglich Gefangene -- welches Wort! -- zu Tausenden wie
Sklaven verschleppt. Schiffe sinken in die Tiefe, Kathedralen gehen in
Flammen auf, Tausende von unschuldigen Kindern verhungern an jedem Tag.
Aber auf den Kirchen Europas funkeln golden die Kreuze! Und wie lange
willst du noch zgern?

Die Nebelfetzen zerflatterten, schon glnzte ein rotes Dach. Riesige
Firmenschilder blinkten oben an den Nebelburgen, Fensterreihen blitzten.
Die Huser wurden farbig, rote Gesichter erschienen in den Tren.
Pltzlich strahlte die Sonne. Und die bunten Flaggen flatterten wieder
heiter im Morgenwind.

Dampfend und glitzernd stieg die Stadt aus dem Nebel empor. Tau lag auf
den Straen, tropfte von den Bumen, die Dcher glnzten na. Die
Brillen der Straenbahnfhrer waren beschlagen, Tau hing an ihren
Schnurrbrten. Die Tritte hinterlieen Spuren auf den feuchten
Brgersteigen.

Langsam wanderte Ackermann durch die Straen, bald dahin, bald dorthin
lie er sich treiben -- nicht mehr sein ungeduldiger, strmischer
Schritt. Wozu Eile? Er war am Ziel.

Heute abend wrde er nicht mehr in sein Zimmer zurckkehren -- Gott
allein wute es, was mit ihm geschah . . .

Beglckt sog er die frische Morgenluft ein, wie Dampf kam der Atem aus
seinem Munde. Tau hing an seinen Wimpern. In der letzten Zeit hatte er
sein ueres vernachlssigt, aber heute morgen hatte er sich rasieren
und die etwas langgewordenen Haare stutzen lassen.

Schwach ging der Pulsschlag der sterbenden Stadt. Nicht mehr das Brausen
und Donnern des Friedens, wenn sie erwachte. Frauen, Kinder und Greise
besorgten die Geschfte, kutschierten die Gespanne, zogen Karren und
Wagen. Vor den Geschften standen, wie jeden Morgen, die langen Reihen
der Weiber mit Tpfen und Markttaschen. Hin und wieder rollten
Heeresautomobile, schwer beladen, polternd vorber.

Bald war Ackermann wieder in seine Gedanken versunken. Ja, so wird es
sein! Sie, die Reinen, Glubigen, Hoffenden, werden eine Gemeinschaft
bilden, wie die Apostel, die das Christentum in allen Lndern
verbreiteten. Es wird genau sein wie seinerzeit.

In die Schulen werden sie gehen, die Apostel, und predigen: Die Wrde
des Menschen ist das oberste Gesetz! Heilig das Menschenleben und
unantastbar! Alle Vlker sind Brder, und die Vernunft ist das Vaterland
aller Menschen. Sie werden die Lge aus den Schulbchern verbannen, sie
werden auf die Tugenden der Nachbarvlker hinweisen und nicht auf ihre
Schwchen.

Dies und hundert anderes werden sie lehren, werden es in die Seelen der
Jungen, der Keuschen und Unverdorbenen pflanzen. Bei ihnen werden sie
beginnen. Fluchbeladen sinkt die alternde Generation dahin, erwrgt von
Gram und Schande.

In die Kirchen werden sie gehen, die Apostel, und den Glubigen die neue
alte Lehre predigen -- in die Fabriken, Kasernen, Gefngnisse, Drfer --
berall werden sie sein. Keine Landesgrenzen wird es fr sie geben, sie
gehen hin und her, wie sie wollen. Sie sprechen alle Sprachen, in allen
Lndern, allen Kontinenten werden sie morgen die Arbeit beginnen. Arm
werden sie sein, verachtet, die Liebeglhenden, arm wie Bettelmnche,
gechtet und verfolgt.

Sie bereiten das Reich vor, das kommen wird! Glckliche, gtige
Menschen, ohne Mitrauen, ohne Neid, ohne Hochmut werden es bewohnen.
Kein Mensch wird fortan der Unterdrcker eines andern sein, kein Volk
der Unterdrcker eines andern Volkes, fr immer ist die Zeit der
Sklaverei dahin.

Freiheit, Freundschaft, Freude wird der Gru des neuen Menschen lauten.

Und die Erde wird ein Garten sein! Alle Krfte, dienstbar heute der
Bewaffnung und dem Kriege, werden dem Frieden und der Wohlfahrt dienen.
Die Wsten werden blhen, der Sand selbst wird Frchte tragen. Ja, ein
Garten die Erde.

Haubitzen, Bombenflugzeuge, Panzerkreuzer, Unterseeboote, wo sind sie
hin? Wie ein Spuk werden sie sein, ein Spuk aus einer finstern,
unbegreiflichen Zeit.

Deinen Glanz sehe ich, den Glanz deines Friedens und deines Glckes, ich
sehe ihn schimmern -- Reich der Zukunft, Reich der Freude, Reich des
Menschen, ich betrete dich . . .

Da hielt Ackermann den Schritt an. Eine Stimme rief in seinem Innern und
mahnte. Erschrocken fuhr er aus seinen Trumereien auf, bereit, der
Stimme zu gehorchen, die aus seinem Innern drang.

Schritte kamen, trappelten. Er wandte den Kopf. Um die Straenecke bog
ein Trupp von Mnnern in abgetragenen, zum Teil zerlumpten
Zivilkleidern, die von einem Unteroffizier gefhrt wurden. Nicht viel
waren es, kaum hundert. Sie trugen Pappschachteln, es war Ersatz fr die
Kasernen. Nein, nicht das Reich des kommenden Menschen, nicht sein
Schimmer, sein Glanz, armselige, trostlose Gegenwart.

Stumpf trotteten die Mnner dahin, teilnahmslos, geduckt unter ihr
Schicksal, bereit zu sterben, wenn man es forderte, bereit zu tten,
wenn man es verlangte, bereit zu allem. Alte Mnner, eisgrau, einige
plattfige aufgeschwemmte Dickbuche, ein paar spindeldrre Bebrillte,
schwindschtige Kaufleute und Studenten, freche Burschen mit
Diebesgesichtern, ein Zwerg in groen Stiefeln, ein Kranker mit
zerfressener Nase, ein Buckliger, ein Hagerer mit nur einem Auge. Und
ein Bleicher, ganz Bleicher, der den Blick voller Scham zu Boden
richtete, bildete den Schlu. Die Stiefel schlrften, schallten, die
Knie bewegten sich automatisch, die Pappschachteln schaukelten hin und
her.

Die in Lumpen gehllten Weiber, die die Strae reinigten, lachten und
schrien.

Ihr werdet es schaffen! Immer rasch!

Eines der Weiber sprang auf den Kehrichthaufen und tanzte mit dem Besen,
da die schmutzigen Rcke flogen.

Hahaha! Die Garde kommt!

Hohoho!

Teilnahmslose Blicke, Gelchter, Grimassen. Eine Reihe von Elektrischen
hielt den Zug der Ausgemusterten auf. Menschen sammelten sich an,
Fuhrwerke stauten sich.

Blitzschnell trat Ackermann einige Schritte vor. Sein glhender Blick
flog ber die Menschen, die Wagen, den Zug der Armseligen mit den
Pappschachteln.

Jetzt? Jetzt?

Gesetzt den Fall -- jetzt!

Die Hnde in die Luft werfen, schreien, diesen Menschen, die sich hier
angesammelt hatten, es zuschreien, diesen armen Krppeln und Kranken mit
ihren Pappschachteln, laut, ber den ganzen Platz, so laut, da Hunderte
es hren, Tausende und Zehntausende es am Abend wuten --?

Er erbleichte. Angst schnrte seine Kehle zusammen, nicht eine Silbe
htte er hervorbringen knnen. Er schwankte -- schon bei dem Gedanken.
Jetzt wrden sie ber ihn herfallen, der Unteroffizier, wahrscheinlich
sogar die Mnner mit den Pappschachteln und der Schutzmann dort, er
wrde herbeieilen und ihn zu Boden schlagen.

Aus einem Straenbahnwagen starrten ihn erschrocken ein Paar groe Augen
an, eine alte, zitronengelbe Frau.

Er hatte in der Erregung eine unwillkrliche Bewegung mit den Armen
gemacht, und diese Bewegung hatte den Blick der Frau auf ihn gelenkt.

Die Straenbahnwagen klingelten und rollten weiter. Wieder bewegten sich
die Knie der Mnner mit den Pappschachteln, ihre Rcken drngten sich
zusammen. Die Menschenknuel lsten sich, zerrannen. Die Wagen fuhren.
Der Schutzmann betrachtete interessiert eine geschminkte Dame, die ihm
zulchelte.

Ackermann stand allein auf dem Trottoir, mde pltzlich, ein leises
Beben in den Gliedern. Allmhlich erst kehrte die Farbe in sein Gesicht
zurck. Langsam, die Pupillen geweitet, ging er weiter.

Hier? Wie unsinnig wre es gewesen! Sinnlos, ohne jeden Widerhall.
Menschenmassen muten es sein, wimmelnde Menschen, aufhorchend, in deren
Ohren sein Schrei weitergellte, so da ihr Herz erbebte. Die seinen
Schrei durch Berlin trugen in alle Huser: ber die ganze Stadt mute
sein Schrei hingellen.

Nein, nicht einen Augenblick hatte er ernsthaft daran gedacht. Aber wie
war es mglich, da ihn der Gedanke allein schon so tief erschreckte,
da sein Herz stehenblieb?

Neben einem Pumpbrunnen, wo ein Droschkenkutscher sein Pferd trnkte,
stand eine Bank. Darauf setzte sich Ackermann. Er streckte die Beine
aus, die noch ein leises Zittern schwchte. Die Sonne blendete in sein
Gesicht. Es war wei, durchsichtig, und Spuren von Sommersprossen waren
im grellen Licht zu erkennen.

Schrecken erfllte ihn.

Entsetzen!

War er das? Nach allem --?

Mit geweiteten Augen sah er zu, wie die grauhaarige Pferdeschnauze
gierig ins Wasser tauchte.

Was fr einen Sinn sollte es haben, da einer sich vor die dahinrasende
Maschine warf und sich von ihr zerfleischen lie? Und weshalb gerade er?
Vielleicht hatte ihn die innere Stimme nur genarrt, ihn bis zu diesem
Punkte gefhrt, damit er seine Schwche und Ohnmacht erkenne.

Wie?

Vielleicht, vielleicht.

Er sa wie gelhmt. Das alte Pferd bleckte die gelben Zhne nach ihm.


7

Leise schlo Ruth die Tre ihres Zimmers hinter sich.

Sie war voller Unruhe.

Abermals hatte sie den groen, beobachtenden Blick Papas auf sich
gefhlt. Wie schon seit Tagen. Gestern abend sah sie ihn im Spiegel:
gro, hell, lauernd und drohend.

War er argwhnisch geworden, Papa?

Vielleicht hatte die Zigarrenspitze, die sie neulich in ihrem Zimmer
fand, doch etwas zu bedeuten?

Pltzlich errtete sie. Und der Brief? In einem Buch lag ja ein Brief
von Karl! Schnell, wo ist er? Am Ende war er fort? Am Ende hatte Papa
diesen Brief gefunden, gelesen. War er nicht einmal ganz pltzlich in
ihr Zimmer gekommen, als Dora bei ihr Tee trank? Sie hatte diesem
Vorfall ja nicht die geringste Bedeutung beigelegt, gar nicht weiter
darber nachgedacht. Ach, sie hate Papa! Ja, wahrlich, sie hate ihn!
Man kannte nie seine Gedanken. Sein Blick prfte, tadelte, sein Blick
entmutigte, sein Blick erstickte jede harmlose Freude.

Nein, sie hate Papa natrlich nicht, er hatte gewi seine guten
Eigenschaften, er war charaktervoll, wie wenige Menschen, pflichtgetreu,
stolz, verschlossen, ehrenhaft vom Scheitel bis zur Sohle, nein, nein,
sie wollte gar nichts sagen. Er war verbittert, unglcklich vielleicht,
trug sein Leben ohne zu klagen. Nie hatte sie eine Klage von ihm gehrt.
Er schwieg. Aber wie gerne htte sie doch Zutrauen zu ihm gehabt, volles
Vertrauen, wie zu einem erfahrenen, erprobten Freund. Ja, so sollte es
sein! Aber es war gerade umgekehrt: anstatt sich ihm anvertrauen zu
knnen, mute sie sich vor ihm verbergen. Es war natrlich auch sein
Verhalten Mama gegenber, das sie gegen ihn einnahm. Nie konnte sie ihm
verzeihen, da er jahrelang mit solcher Erbitterung gegen die Arme
prozessierte. Aber sie war ja jetzt reifer, sie verstand das Leben jetzt
besser und wute, da es viele unglckliche Ehen gab, und doch beide
Teile ehrenhafte und gtige Menschen sein konnten. Nicht das war es, es
war -- undefinierbar. Seine Nhe bedrckte, sie verwandelte, das Leben
erschien pltzlich so schwer und ernst.

Sie fand es beraus hlich, da er in ihr Zimmer gekommen war,
seinerzeit. Und die Zigarrenspitze? Papa rauchte die Zigarren in
Papierspitzen mit Gnsekielen. Eines Tages hatte sie eine solche
Papierspitze auf ihrem Schreibtisch gefunden. Sie hatte sie achtlos zum
Fenster hinausgeworfen. Vielleicht war sie auch von einem der Burschen
hereingebracht worden?

Aber hier war ja Karls Brief. Gottlob, sie atmete auf.

Er lag noch an derselben Stelle, zwischen denselben Seiten des Buches,
unberhrt. Sie las den Brief, sie drckte ihn an die Lippen.

Ja, Karl war einer von den Kommenden, nicht einer der Vergehenden. Er
hatte Wille und Ziel. Und was er wollte, war gut. Alle Welt liebte ihn,
seine Freunde beteten ihn an, er hatte keinen einzigen Feind. Sie, die
sie selbst schwankte, klammerte sich an ihn, er gab ihr Halt. Glcklich
wrde sie mit ihm sein.

Aber weshalb war Papa in letzter Zeit so aufmerksam -- fast zrtlich?
Weshalb sagte er ihr so oft, da sie bleich und nervs sei und nach
Babenberg gehen solle? Einmal legte er sogar die Hand um ihre Taille --
seit Jahren war es nicht mehr der Fall, oh, sie erinnerte sich deutlich
dieser ihr (damals!) so schrecklich unangenehmen Liebkosung, sie lebte
ganz dem Andenken Mamas. Er fragte, ob sie keine Wnsche habe, ob sie
nicht etwa Lust zu einer Reise habe, vielleicht nach der Schweiz? Er
habe eine gewisse Summe fr sie bereitgelegt. Nein, sie brauchte nichts,
gar nichts, hatte gar keine Wnsche.

Ach, wie hlich sie doch war! Kmmerte Papa sich nicht um sie, so
nannte sie ihn kalt und herzlos -- kmmerte er sich um sie, so war sie
sogleich argwhnisch.

Ja, ganz unmglich, den groen prfenden Blick des Generals zu
ergrnden!

Er atmete Ha in diesen Wochen, er atmete Liebe.

Ja, er hate Ruth zuweilen mit einem furchtbaren und grundlosen Ha, der
ihm unerklrlich war, und den er bereute. Ihre Mutter, ganz ihre Mutter!
Die gleichen hysterischen Augen, wie sie voller Geheimnisse, in die
niemand eindringen durfte, wie sie eingesponnen in eine sonderbare,
unerforschliche Welt. Wie sie rasch und ohne berlegung Impulsen
folgend. Wie sollte sie anders sein? Man bedenke, eine Dame, die sich
von einem Offizier, den sie erst wenige Tage kannte, von einem Ball
entfhren lie, die sich soweit vergessen konnte -- nun, gewi, ein
hlicher und unwrdiger Gedanke, aber trotzdem . . .

Es war das Blut der Sommerstorf, und unergrndlich waren die Rtsel
eines Tropfen Blutes.

Beziehungen zu einem schwrmerisch veranlagten jungen Manne -- gebildet,
zugegeben, aber jedenfalls ohne Rang, ohne Familie, arm -- mochten diese
Beziehungen noch so unschuldig sein, wie man ihm versicherte -- noch so
unschuldig --

In Dunkelheiten, voller Schrecken, unklare, verworrene, drohende
Dunkelheiten verloren sich seine Gefhle -- und dann hate er Ruth.

Reue, Reue! Er war kein Unhold. Ja, schon bereute er seine Heftigkeit.

Sie war jung, sie dachte selbstndig, und das war immerhin
anerkennenswert, sie lebte ihr eigenes Leben, war nicht eines jener
trichten oberflchlichen Geschpfe, die nur an Putz und Vergngen
denken. Es war natrlich bertrieben, tricht und im hchsten Mae
ungerecht, sie hysterisch zu nennen. Eine Bekanntschaft aus dem
Lazarett, etwas Romantik, weshalb urteilte er so streng?

Nun liebte er sie pltzlich wieder, und er grbelte darber nach, wie er
ihr Vertrauen gewinnen knnte. Leider, leider hatte ihm der Dienst zu
wenig Mue gelassen, sich mit seinen Kindern beschftigen zu knnen. Das
rchte sich jetzt. Etwas Vertrauen, und alles wre in Ordnung! Heute
abend wollte er mit ihr nochmals ber die Reise nach der Schweiz
sprechen. Es war ja eine Leichtigkeit, den Pa zu besorgen . . .

Nein, unmglich den prfenden groen Blick Papas zu ergrnden! Ruth
versank in die Betrachtung des Bildes der Mutter an der Wand: auch sie
hatte diesen Blick gewi nie ergrnden knnen, nein.

Da klopfte es, und man meldete ihr ein Frulein Westphal.

Ruth warf das Kinn in die Hhe. Ich bedaure.

Seht an! Trotzdem sie ganz die Mutter war, wie der General dachte, wenn
er Ruth hate, trotzdem die Linie der Hecht-Babenberg bei Ruth nicht im
mindesten zum Ausdruck kam -- die gleiche Stimme in diesem Augenblick,
die gleiche, etwas hochmtige Bewegung des Kinns. Trotz allem, trotz
allem. Ach, sie bebte vor Unruhe und Erregung heute.

Aber da ging schon die Tre, und eine ihr unbekannte dichtverschleierte
Dame, ein schmchtiges, zartes Persnchen trat ein.

Ich bitte tausendmal -- flsterte diese tiefverschleierte Dame.

War so etwas berhaupt mglich? Sie hatte, Ruth, deutlich genug
bestellen lassen, da sie heute nicht zu sprechen sei. Sie wnschen?
fragte sie, khl, ohne jede Anteilnahme, abweisend, herzlos.

Aber die dichtverschleierte Dame streckte ihre dnnen Arme aus. Nicht
Sie! Nicht auch Sie! Und schon fiel sie in die Knie.

Sofort aber fand Ruth sich selbst zurck.

Um Gottes willen! rief sie aus und hob diese kleine weinende zuckende
Person auf, die sie gar nicht kannte. Was tun Sie? Um Gottes willen!
Ich bin sehr beunruhigt heute -- ja, wer sind Sie eigentlich? Und Ruth
hob den Schleier der Dame hoch, sah ein blasses verweintes Kindergesicht
mit hilflosen Augen -- sie kannte es nicht -- aber sie kte es sofort.
Mein Liebling -- mein Kleines -- aber ich bitte Sie herzlich.

Ja, nun begriff sie, wer der Besuch war, sie erinnerte sich.

Und Heinz? Sie hatte gehrt davon. Ein lieber, frischer Junge.

Herr v. Meerheim -- sie flogen Sperre -- er sah die Maschine taumeln --
und dachte sich noch, was ist das? Und da strzte die Maschine schon --

Ruth prete Klara an sich.

Bleiben Sie hier bei mir! Erzhlen Sie mir alles, alles. Wir sind
Freundinnen. Geben Sie mir Ihre Hand. Und Ruth fhrte diese kleine
dnne Hand an die Lippen. Ja, Freundinnen! Auch ich habe Sorgen, hren
Sie! Gerade heute bin ich in schrecklicher Unruhe. Ich ertrage diese
Stadt nicht mehr und gehe bald aufs Land. Haben Sie Lust mitzukommen,
Sie sind eingeladen? Ja, in schrecklicher Unruhe bin ich, ich kann es
Ihnen nicht sagen. Deshalb war ich auch so unhflich! Verzeihen Sie --
und nun plaudern Sie, plaudern Sie!


8

Berlin -- wer kennt es nicht? -- ist die hlichste Grostadt der Welt,
ganz offen gestanden. Paris, London, Rom, Neuyork, Kioto, Moskau -- sind
sie von ihren Bewohnern ganz allmhlich erbaut worden, Berlin wurde von
Unternehmern errichtet, in aller Eile. Von ganz wenigen Gebuden,
einzelnen Straen und Pltzen abgesehen, ist es als Stadt
architektonisch ohne jeden Reiz, ohne Zauber -- ein Steinhaufen ohne
Grenzen, nichts sonst. Trotzdem besitzt es mehr Badewannen als zum
Beispiel Paris, nicht zu unterschtzen, vor dem Kriege geno es auch den
Ruf, die reinlichste Grostadt zu sein. Also die hlichste der groen
Kokotten der Erde, aber am sorgfltigsten gewaschen, immerhin etwas. Die
Theater haben ohne Zweifel die besten Spielplne der Welt, die besten
Konzerte -- aber sonst, hlich, nchtern, ein steinernes Meer. Frher
verschwand die Hlichkeit im Gewimmel der Menschen, im Donner des
Verkehrs, im Gegleie und Geglitzer von hunderttausend Volt, aber heute?
Nackt und schmutzig lag die hlichste aller groen Kokotten vor allen
Augen da.

Als die schnste Strae Berlins gelten die Linden. Sie beginnen mit dem
Brandenburger Tor und enden mit dem Schlo. Eine Enttuschung fr jeden.
Aber vom strategischen Standpunkt aus sind sie ganz ausgezeichnet. Das
Schlo liegt auf einer Halbinsel, die Verteidigung gegen das Wasser zu
ist ein Kinderspiel, die Linden selbst aber sind wie ein Lineal, breit
und gerade -- eine Salve Karttschen, und schon sind alle
Schwierigkeiten beseitigt.

Im Jahre 1848 wurde hier gekmpft. Barrikaden -- aber, wie gesagt,
einige Karttschen gengten.

Nein, die Linden sind auch nicht die Hauptsache von Berlin, sie sind
nichts als ein geschickt kaschierter Festungswall, mit Linden bepflanzt,
mit Reitwegen versehen, mit Cafs und Hotels besiedelt -- wenig
anheimelnd. Eine einzige Kanone, die vor dem Schlo auffhrt, und
smtliche Caf- und Hotelgste mssen sofort das Trottoir rumen.

berall, wo Knige hausen oder hausten, finden sich derartig angelegte
Straen, man braucht nur darauf zu achten. Die Knige lieben einen
freien Blick.

In den kalten Schluchten dieser endlosen versteinerten Hlichkeit
treiben die Menschen dahin, Geschftige und Spaziergnger, und
dazwischen lauern die Augen der Verbrecher und Diebe, dazwischen lcheln
die Augen der geschminkten Damen, dazwischen funkelt zuweilen ein Auge,
das Auge eines Wahnsinnigen oder eines Dichters. Wie in allen
Grostdten stehen die Schutzleute und blasen auf ihrer Flte und
bestimmen Ebbe und Flut des Verkehrs. Heute allerdings, die
Straengewaltigen -- sie ghnten vor Langeweile und hatten nur noch das
eine Bestreben, nicht vor Erschpfung auf das Pflaster zu strzen.

In den Steinschluchten dieses endlosen Meeres wanderte Ackermann seit
dem frhen Morgen dahin. Er berquerte den windigen Alexanderplatz, den
staubigen Spittelmarkt, und schlenderte langsam durch die Schlucht der
endlosen Leipziger Strae, die ihre Gre dem Fleie der Brger
verdankt. Er suchte nur noch belebte Stadtteile auf. Selbst diese
Strae, in der der schwache Verkehr der sterbenden Stadt zusammenflo,
frher glattgeschliffen von den Ngeln der Pneus und Tag und Nacht blank
gehalten wie ein Matschbillard, selbst sie war heute voller Schmutz.
Voller Schmutz waren die verwahrlosten Huser, die schief hngenden
Firmenschilder, die elektrischen Wagen, die verbeult und abgekmpft
aussahen wie Tanks, die aus der Schlacht kamen. Obwohl es erst anfing,
warm zu werden, strmte die Stadt schon einen beln Geruch aus. Was fr
ein Geruch war es doch? Wenn du ihn nicht kennst, besser fr dich -- es
war der Geruch der Verwesung. Genau wie die verlassenen Schlachtfelder
roch Berlin.

Hierauf berquerte Ackermann den Potsdamer Platz und bog in die
Kniggrtzer Strae ein, wo die Bahnhfe liegen.

Er suchte Menschen, Menschen, Massen von Menschen, und in dieser
aussterbenden Stadt wrden sie wohl noch am ehesten auf den Pltzen der
Bahnhfe zu finden sein.

Langsam schlenderte er dahin. Die Sonne blendete ihm ins Gesicht. Auf
dem Spittelmarkt hatte er einen Teller Suppe zu sich genommen, in aller
Ruhe, denn Gewiheit erfllte ihn, da alles vollendet sein wrde, bevor
die Sonne sank. Er hatte sogar geschwankt, ob er nicht in die
Dorotheenstrae gehen solle, um Ruth noch einmal zu sehen. Aber er war
doch nicht gegangen. Nein, nun war er unterwegs . . .

Da! Horch!

Schon?

Trommeln, beim Anhalter Bahnhof -- Augenblicklich beflgelte sich sein
Schritt. Von pltzlicher Erregung erfat, ging er dahin. Deutlich, dumpf
noch, aber ganz deutlich.

Trommeln, ohne Zweifel.

Sonderbar wirkt der dumpfe Laut der Trommel auf den Menschen. Er wirft
ihn ohne jede bertreibung um einige Jahrtausende zurck, in Zeiten, wo
die Menschen noch mit den Tieren der Wildnis kmpften, zu den Negern am
Kongo. Augenblicklich strmten die Menschen wie in Hypnose ber den
Anhalter Platz, dem Laut der Trommeln entgegen.

Pltzlich schwiegen die Trommeln, und die Blechinstrumente setzten mit
barbarischem Lrm ein.

Ein Menschenhaufe quoll aus der Strae auf den Platz. Waffen blitzten,
gleichmig schwankende Reihen wurden im Strom der Kpfe sichtbar.
Offenbar wurde ein Bataillon zur Bahn gebracht.

Ohne zu berlegen, bebend vor Erregung, nahm Ackermann augenblicklich
Aufstellung. Ein alter mrrischer Mann lud an der Strae Pflastersteine
ab, und auf eine Reihe solcher Steine stellte er sich.

Der Strom von Kpfen wlzte sich heran, umbrandet vom Tosen der
Blechinstrumente, die in der Sonne funkelten. Scharen von Neugierigen
drngten hinzu. Dicht neben Ackermann nahmen sie auf der Schicht von
Pflastersteinen Platz und reckten sich auf den Zehen. Sogar der alte
Mann, der die Steine ablud, hob das mrrische Gesicht.

Im Takt der Musikkapelle zog der Menschenhaufe dem Bataillon voran.
Zerlumpte Weiber und verwahrloste Kinder, alte Mnner, frhreife
Mdchen, bleich, verhungert, das Mal des letzten Elends auf der Stirn --
-- und doch: Freude glnzte auf allen Gesichtern!

Ackermanns Blick wurde dunkel.

Wirst du bereit sein?

Wird dich die Stunde bereit finden?

Volk, mein Volk, meine Liebe, meine Sehnsucht?

Wie wird dich die groe Stunde finden? Ausgehhlt vom Hunger,
ausgeblutet von den Schlachten, ausgefront -- wirst du die Kraft haben?
Betubt von Lge, krank von dumpfer Sehnsucht -- wirst du? Die Vlker
der Erde blicken auf dich! Du bist gechtet, bespien, die Dornenkrone
ist auf dein Haupt gedrckt, dein Weg fhrt durch Trnen, fhrt durch
Hunger und Wahnsinn -- zitterst du?

Wirst du straucheln? Wanken? Dahinsinken zu den Unwrdigen? Wirst du
auserwhlt und berufen sein unter den Vlkern, das Reich zu bereiten,
das Reich des neuen Menschen?

Grell blitzten die Trompeten, grell schmetterten sie, die roten Backen
barsten.

Vorwrts, fort, fort, beeile dich! Meine Liebe und Sehnsucht fliegen vor
dir her! Der Ruf erschallt! Lge, Hoffart, Wahn -- wirf ab, wirf ab!
Tauche nieder in deine reinen Quellen. Sieh, wie sie funkeln, am
Firmament des Gedankens, deine groen Geister! Sie blicken auf dich.

Fort, fort, beeile dich! Die Stunde ist nahe! La dein Herz wieder
leuchten, das immer aufglhte, wenn die Dunkelheit am tiefsten war.
Mehre den Schatz der Vlker!

Ich sehe dich auferstehen, ich sehe dich erblhen, sehe dich umringt von
brderlichen Nationen . . .

Schon wlzte sich der Haufe dicht heran.

Die Musikanten setzten mit einem Ruck die Instrumente ab. Im Zickzack
fuhr der Stock des Musikmeisters durch die Luft, und die Trommeln
wirbelten wieder.

Reihen von Gewehren, Reihen von Helmen schwankten heran, vorwrts
getrieben von einer unverstndlichen Kraft, von einem unverstndlichen
Willen zusammengeballt. Das Bataillon Hhnleins, des Unglcklichen --

Junge Mnner, rosige, arglose Kindergesichter, die noch nicht ahnten,
da morgen schon der Tod ringsum war. Wie oft hatte er, Ackermann, den
Marsch zum Bahnhof erlebt! Alte Feldsoldaten, mit Auszeichnungen auf der
Brust -- nein, sie gaben sich keinerlei Illusionen mehr hin -- stumpf
marschierten sie, genau wie er frher marschierte: stumpf,
schweitriefend, bepackt, zitternd unter dem Blick der Vorgesetzten.
Hundertmal mochten sie ihr Leben in die Schanze geschlagen haben, sie
blieben trotzdem Tiere, hier wie bei allen kriegfhrenden Vlkern war
der gemeine Mann ein Tier, nicht mehr. Einige Frauen marschierten in den
Reihen der Soldaten, Brute, Mtter, Gattinnen, bleich, schwankend,
weinend. So zogen sie dahin.

Pltzlich aber --

Pltzlich erscholl eine Stimme!

Woher kam sie?

Niemand wute es.

Eine Stimme -- hell, metallen, durchdringend -- sie drhnte ber das
marschierende Bataillon, bertnte die Trommeln, den Schritt der
Arglosen und Erfahrenen -- scholl ber den weiten Platz und wurde als
Echo von den hohen Husern zurckgeworfen -- die Stimme eines Riesen,
eines -- ja, bei Gott, was fr eine Stimme war es doch?

Und diese Stimme rief, gellend, drhnend, sie scholl ber das summende,
brausende Berlin -- in alle Ohren gellte diese Stimme.

Diese Stimme rief:

Es lebe die Kameradschaft zwischen den Vlkern! -- Pause, der Platz
gellte, Widerhall, Trommeln -- Nieder mit dem Krieg! -- Stille,
Gellen, Trommeln -- Alle Menschen sind Brder . . .

Auf einem Haufen von Pflastersteinen stand ein Mensch, ein Soldat in
einem weiten grauen Mantel, der flatterte, die Arme wild emporgeworfen,
totenbleich, mit rasenden, fanatisch glhenden Augen -- seine Hnde
zuckten -- seine Stimme gellte, gellte. Pltzlich aber brach diese
rasende gellende Stimme ab.

Der Soldat war verschwunden.

                   *       *       *       *       *

Er lag auf dem Pflaster, ein Knuel Menschen um ihn herum. Ein grner
Plschhut rollte ber den Brgersteig.

Eine Sekunde spter wurde dieser Mensch im weiten grauen Mantel ber das
Pflaster geschleift.

Das Bataillon zog weiter. Wieder setzte die Kapelle ein. Die meisten
hatten gar nichts gesehen -- aber gehrt -- ja, eine Stimme aus der
Luft!

Diese Stimme krallte sich in ihr Herz, zerri es, da es zu bluten
begann vor Qual und Sehnsucht.

Eine Stimme . . . Was fr eine Stimme --?

Die Stimme des Menschen hatten sie vernommen . . . Die letzten des
Bataillons sahen noch einen Menschenhaufen, der sich den Brgersteig
hinabwlzte.

Der grne Plschhut hrte auf zu rollen. Ein schmchtiger junger Mann
ergriff ihn, berzeugte sich mit einem raschen Blick, da der Mensch im
grauen Mantel in sicheren Hnden war, brstete den Hut eilig ab -- ja,
und nun -- der Kneifer -- er war verlorengegangen. Und der schmchtige
junge Mann suchte eilig den Kneifer.

Da hob der alte Mann, man erinnert sich, er lud Pflastersteine ab,
dieser Mrrische, den Kopf und sagte:

Wartet nur noch eine Weile -- ihr Halunken! Und er spie aus.

Der junge Mann geriet sofort in uerste Erregung, sein Blick glitt
suchend ber das Pflaster, sein Blick bohrte sich messerscharf in die
Augen des Mrrischen.

Aber der alte Mann hob einen Pflasterstein in die Hhe, er lchelte --
aber wie! -- und der junge Mann wich zurck, und nun lief er rasch,
rasch, ohne den Kneifer, zu dem Militrauto, um das der Menschenknuel
sich ballte.

In dieses Militrauto hatte man den Menschen im grauen Mantel gezerrt.
Er blutete im Gesicht, aber er wehrte sich nicht. Jede seiner
Bewegungen, das Lcheln auf seinen fahlen Lippen, sagte deutlich, da er
nicht gesonnen sei, irgendwelchen Widerstand zu leisten.

Aber unerklrlich -- pltzlich, ohne jeden Grund, schlug einer der
beiden schnauzbrtigen Mnner, die ihn ins Auto schleiften, sinnlos,
vllig sinnlos, vielleicht um sich fr die Anstrengung zu rchen, mit
dem Knotenstock auf den Menschen im grauen Mantel ein.

Halt, halt! schrie der schmchtige junge Mann mit dem grnen
Plschhut, der herangeeilt kam.

Aber es war zu spt.

Der Mensch im grauen Mantel -- jede Bewegung, ihr seht, ich leiste
keinen Widerstand -- schlug mit einem furchtbaren Hieb nach dem roten
Gesicht des Schnauzbrtigen, stie noch einigemal in die Luft und sprang
aus dem Auto.

Der Schnauzbrtige blutete aus der Nase und war fr einige Sekunden
benommen, aber der andere Schnauzbrtige zog rasch entschlossen einen
Revolver und scho -- sofort schrie eine Mdchenstimme auf, er hatte ein
kleines Mdchen getroffen.

Der Mensch mit dem grauen Mantel aber war im Torbogen eines Hotels
verschwunden.

Zuerst strzte der grne Plschhut nach, dann der Schnauzbrtige, der
geschossen hatte, dann der andere Schnauzbrtige, dessen Nase blutete.

Ein kleiner feister Herr telephonierte in bester Laune im Foyer des
Hotels, behaglich das dicke Schenkelchen ber das Knie geschlagen.
Hre, mein Kind -- ja also nicht spter als acht Uhr. Und vergi nicht,
ses Puppchen --

In diesem Augenblick erhielt er einen Sto vor die Brust, und ein junger
Mann entri ihm ohne viele Umstnde den Hrer. Militrpolizei.

Vor dem Hotel sammelten sich Scharen von Menschen an. Eine Verhaftung!
Und man hatte ein junges Mdchen in das Bein geschossen, das ganz
harmlos spazierenging. Heitere Zustnde, das mute man schon sagen. Nun,
die Verwundung war ja nicht schlimm, ein Streifschu, aber bedenken Sie
doch -- man geht ber den Anhalter Platz und riskiert totgeschossen zu
werden. Ganz als ob man an der Front sei.

Aber da gab es schon wieder eine neue Sensation. Die Menschen traten
pltzlich vom Brgersteig auf den Platz zurck. Sie starrten in die
Hhe.

Unglaublich -- dort, dort -- aber, bitte, wo?

Ja, dort, dort! Sehen Sie denn nicht?

Ein Mensch!

Ein Mensch auf den Dchern!

Unglaublich!

Ja, in der Tat, zwischen den Schornsteinen und Ventilationsrhren
erschien da oben ein Mensch. Ein Mensch in einem weiten Soldatenmantel,
ein Soldat.

Die Huser in der Gegend des Anhalter Bahnhofs sind unansehnlich und
hlich wie in andern Vierteln der Stadt, die Dcher mit Schiefer
gedeckt, abgeflacht, dazwischen ein steileres Ziegeldach. ber die
abgeflachten Ziegeldcher glitt der Mann da oben rasch dahin, ber die
steilen Satteldcher dagegen balancierte er vorsichtig von Kamin zu
Kamin. Stellenweise schritt er, die Arme wagrecht haltend, wie ein
Seiltnzer ber den Dachfirst. Blitzschnell kletterte er von einem
niedrigen Dach auf ein hheres am Giebel der Brandmauer empor.

Wieder balancierte er wie ein Seiltnzer -- hoch oben, im stechenden
Sonnenlicht, kreidig Gesicht und Hnde, der flatternde Mantel bestaubt.
Diesmal schwankte er, die Leute auf dem Platz schrien auf, aber schon
hatte er Halt an einer Tonrhre gefunden. Er holte Atem, gegen die
Tonrhre gelehnt, blickte mit seinem kreidigen Gesicht, das blutete, auf
den Platz herunter, schrie etwas mit gellender Stimme, aber
unverstndlich hier unten, dann eilte er zum nchsten Kamin. Deutlich
sah man, da er hinkte.

Unten auf der Strae hatte er sich ruhig festnehmen lassen, aber nun,
seitdem man mit einem Knotenstock vllig sinnlos auf ihn eingeschlagen
hatte, schien er entschlossen zu sein, zu flchten.

Nun glitt er zur Hlfte ber ein Ziegeldach und kroch in eine Dachluke.

Die Zuschauer atmeten auf. Er ist verschwunden!

Aber schon nach einigen Sekunden erschien er wieder in der Dachluke. Er
glitt bis zur Dachrinne herab und lief, wie eine Katze, buchstblich,
auf der Dachrinne dahin. Die Ausrufe erstarben auf den Lippen, die
kleinen Verkuferinnen preten die Hand aufs Herz.

Gleich darauf tauchte in der Dachluke die Mtze eines Schutzmannes auf,
begrt vom Gelchter der Zuschauer. Der Mann im grauen Mantel kletterte
abermals den Giebel der Brandmauer empor und lief ber das Dach des
Eckhauses.

Tausende von Neugierigen hatten sich angesammelt. Es waren Zge
angekommen, und die Reisenden standen gaffend und blinzelnd auf dem
Platze. Das war Berlin, siehst du! Kaum kam man an, so gab es schon
etwas zu sehen. Man hatte ja gelesen, da zurzeit in Berlin hufig
Deserteure auf dem Transport entflohen, sogar Passanten waren bei diesen
Vorfllen schon erschossen worden. Brich das Genick, du Spitzbube! Ja,
das war Berlin, man konnte wenigstens etwas erzhlen. Ein Haar, und er
wre abgestrzt.

Rote Gesichter reckten sich aus den Wagen der Straenbahn, aus allen
Fenstern der umliegenden Huser. Die Kutscher verdrehten den Hals,
Kellner, Friseure, Verkuferinnen strzten aus Lden und Tren.
Messinggelb blendeten die Huser in der Sonne.

Schutzleute, Soldaten.

Schon stockte der Verkehr. Nur langsam konnten sich die elektrischen
Wagen durch die Menschenmenge schieben.

Scharen von Kindern rannten dahin, deuteten zu den Dchern empor und
schrien wie besessen: Dort luft er! Dort! Das ganze Stadtviertel war
auf den Beinen.

Von der Bahnhofshalle her drang der schmetternde Marsch der
Regimentskapelle. Nun gellte auch noch die Glocke der Feuerwehr -- ein
Lschzug!

Hedis Auto war mitten in die Menschenmenge geraten und konnte sich nur
schrittweise, ohne Pause tutend, mit seinen Pneus den Weg bahnen.

Der Chauffeur wagte die Vertraulichkeit, sie durch eine Kopfbewegung auf
die Ursache der Menschenansammlung aufmerksam zu machen. Da sah sie zu
ihrem Schrecken hoch oben -- in einer Dunstwolke von rostbraunem Staub
-- einen Menschen, staubig und kalkwei, ber den Dachfirst laufen.

Hedi kam vom Einkauf: Gardinen, Stoffe, Antiquitten, es war schwer,
etwas Ordentliches zu finden. In allen Geschften und Magazinen jagte
sie umher. Ihr Wagen lag voller Pakete, und neben dem Chauffeur blitzte
aus dem Papier ein silberner Spiegel -- spanischer Barock, etwas
beschdigt, aber, nach ihrer Ansicht, zauberhaft, ein Traum!

Hedis Herz pochte. Bei Gott, es war die gleiche Querstrae, wo sie
einst, im Sommer, Otto das Abschiedssouper gegeben hatte.

Fahren Sie!

Eine schweitriefende Zeitungsfrau drngte sich in diesem Moment, einen
Pack noch nasser Zeitungen unter dem Arm, am Auto vorber und schrie mit
gellender Stimme dicht an Hedis Ohr:

Die Marne abermals berschritten!

Die Marne abermals berschritten!

Hundert gierige Hnde streckten sich ihr gleichzeitig entgegen. Sie
drehte sich im Kreise, wischte sich den Schwei mit dem rmel von der
Stirn.

Hier, bitte, geben Sie!

Die Marne -- sofort, junge Frau -- abermals berschritten. Ihre
gellende Stimme bertnte den Marsch der Kapelle auf dem Bahnhof.

Das Auto rckte an. Hedi konnte gerade noch das Blatt ergreifen.

Sie warf noch einen flchtigen Blick in die Hhe -- da sah sie gerade,
wie der Mann auf dem Dachfirst pltzlich schwankte -- hatte man
geschossen? -- schwankte -- mit den Hnden in die Luft griff und ber
das steile Dach herabstrzte. Eine Sekunde wurde der Krper von der
Dachrinne aufgehalten, dann fiel er . . . Hedi bedeckte die Augen mit
der Hand.

Die schweitriefende Zeitungsfrau raste dem Bahnhof zu und schrie
gellend:

Die Marne abermals berschritten! Die Marne abermals -- --


9

Vorgestern nicht, gestern nicht -- aber jetzt, jetzt kam sie die
Fabriciusstrae herauf.

Sie hielt zuweilen inne, als zgere sie, blickte sich um, aber sie kam
doch immer nher.

Herr Herbst kletterte die Treppe empor, bis zur Tre. Er wohnte nicht
mehr hier, hatte das Quartier in diesem Unglckshause gerumt. Er wohnte
jetzt in einer kleinen Kammer im Lwen von Antwerpen. In einem ganz
winzigen Raum, aber doch zog er ihn diesem Zimmer vor.

Schon hrte er ihren Schritt, das leichte Keuchen ihres Atems. Sie ging
ganz anders als alle Frauen, die diese Treppe auf und ab stiegen. Die
Sohlen ihrer Schuhe waren dnner, sie vermied jeden Lrm und hielt sich
nie am Gelnder fest.

Herr Herbst trat vor, beugte sich ber das Gelnder. Sie sah ihn an,
hielt inne, leise keuchte ihr Atem.

Herr Herbst lftete den steifen Hut: Sie suchen gewi Herrn Ackermann?
fragte er.

Ja, hauchte sie.

Er wurde verhaftet --

Vorgestern verhaftet --

Nun berhrte sie pltzlich mit den Fingerspitzen das schmutzige
Stiegengelnder, und das Blut wich aus ihren Wangen. Ganz langsam.
Zuerst wurde sie fahl, dann wei wie Mehl. Dann verloren ihre Augen die
Farbe, auch sie wurden wei.

Schwere Kmpfe, auerordentlich schwere Kmpfe!

Fleisch von seinem Fleisch. Blut von seinem Blut . . .

Herr Herbst beugte sich ber das Gelnder und sah ihr tief in die Augen.
Immer noch wurde sie weier -- ihre Hand griff zu.

Und bald, bald wrde man auch sie -- der Magere, Schmchtige hatte es
ihm zugesagt. Und diese Schande fr die Familie . . .

Heute abend, es war Sonnabend, wrde er den Munitionsarbeiterinnen im
Lwen von Antwerpen etwas zum besten geben. Und auch er wrde ein
Flschchen trinken. Er besa ja immer noch Geld, Gott sei Dank, zwei
Brieftaschen, eine kleine fr die laufenden Ausgaben und eine groe, in
der sich die blauen Scheine befanden, noch immer eine ganze Anzahl.
Heute abend sollte ihm nichts zuviel sein.

Dabei hielt er den Hut gelftet, und sein Blick versank in diese Augen,
die die Farbe verloren, den Blick.

Hier? hauchte eine zitternde Stimme.

In der Stadt. Beim Anhalter Bahnhof.

Haben Sie es gesehen?

Ein Bekannter hat es mir erzhlt.

So? -- -- Danke.

Sie wandte sich ab, ging, Schritt fr Schritt, und immer noch ganz leise
und lautlos.

Er beugte sich weit ber das Gelnder und sah ihren kleinen braunen Hut
um die Ecke biegen.

Pltzlich lief er mit den Bewegungen eines Hampelmannes hinter ihr her.

Hren Sie, noch etwas.

Sie wandte ihm ihr mehlig weies Gesicht zu.

Herr Herbst beugte sich ber das Gelnder. Und nun stie er ihr das
Messer ins Herz!

Er ist tot! flsterte er, ganz leise, aber so deutlich.

Das mehlige, weie Gesicht verschwand -- und pltzlich eilte ein lauter,
harter Schritt, blitzschnell die Treppe hinab. Immer rings um das
Treppengelnder.

Aber dies war zuviel fr Herrn Herbst. Dieses rasende Klappern der
Schuhe vertrug er nicht. Im Nu strzte ihm das Wasser aus den Augen.

Was ging hier vor? Er wollte ja gar nicht --

Rasch, so rasch seine zitternden Beine es zulieen -- immer war es ihm
beim Hinabsteigen der Treppe, als strze er in einen Abgrund -- folgte
er den harten, raschen Schritten, die im Stiegenhaus herumgingen.

Halt, halt -- hren Sie --

Hren Sie -- es war ein unglckseliger Zufall --

Hren Sie, pst -- einen Augenblick -- fliehen Sie aus Berlin -- auch
Sie will man --

Aber er vermochte sie nicht mehr einzuholen.

Wie ein Hampelmann eilte er.

Ich warne Sie -- wnsche Ihnen nichts Bses --

Vergebens.

Die Haustre fiel ins Schlo, und als er sie wieder geffnet hatte, da
war sie schon, unglaublich, unfabar, mindestens sechs Huser weit
entfernt.

Keine Mglichkeit, nicht die geringste Mglichkeit.




Drittes Buch


1

Von Horizont zu Horizont rollt das Feuer.

Staub und Qualm -- brennende Menschen strzen aus dem Himmel, ein
Hagelsturm von zerfetzten Menschenleibern fegt ber die Erde.

Die Luft wettert von rasenden Donnerschlgen, die glhenden Geschtze
taumeln voll Wut, ferne grollt das bse Raubtierknurren der schwersten
Kaliber. Die Erde schwankt, das Gebude der Atmosphre gert ins Wanken.
Lawinen, Bergstrze, der Vulkan speit. Seit Wochen, seit Monaten.

Horch! Horch -- horch! Schreie, damit ich dich verstehe --! Was sagst
du? Es ist die Stimme Europas -- sehr wohl! Es ist die Stimme der
Habgier, des Geldes -- noch besser . . .

Schiefergrau und rostbraun, in jeder Sekunde neu genhrt von Qualm, wogt
von Horizont zu Horizont, unendlich, die frchterliche Wolke ber der
Walstatt. Die Landschaft selbst runzelt die Stirn, gealtert, zermrbt,
zerknittert und vergrmt.

Ungemtlich, lieber Otto -- schrieb Hauptmann Falk, genannt die
Feuerwalze -- es beginnt ungemtlich zu werden hier auen! Heute morgen
einige tausend Granaten auf unsern Abschnitt, die nicht von schlechten
Eltern waren. Ringsum Leichen, auch die Lebenden, der Divisionr,
vierzig Stufen unter der Erde, ebenfalls eine Leiche! Er stammelt nur
noch, schwere Sprachstrung. Ich schreibe dir, um die Nerven zu
behalten. Was ist los? Wir liegen hier in Granatlchern, keine Grben
mehr und Drahtverhaue, die gemtlichen Zeiten sind vorber -- alle
fnfzig Schritt ein Mann, schwere Maschinengewehre, leichte
Maschinengewehre. Im Hintergelnde weit und breit keine Menschenseele --
nur Feldkchen und Verbandpltze -- kein Mensch, was soll das bedeuten?
. . .

Die schiefergraue und rostbraune Wolke flimmert, endlos, bis in den
schwarzen ther empor. Schwingen von aufgescheuchten Vogelschwrmen
blitzen darin -- das sind die Flieger. Qualm faucht auf, da oben in der
flimmernden Wolke, Qualm schiet finster durch die Luft, strzt zur
Erde: ein Mensch, lichterloh brennend eilt ber das Feld, taumelt,
brennt, qualmt, kohlt --.

Horch, horch! Ja, schreie, sonst hre ich dich nicht! Stimme des Geldes,
sehr wohl -- die Mark, die Francs, die Pfunde, Dollars, sie brllen --
es sind auch die Millionenvlker Europas, die nach Nahrung brllen,
vergi es nicht -- und das trockene Schiepulver, der Aberwitz, er lacht
aus den Feldgeschtzen.

Die gute alte Zeit, lieber Otto -- schrieb Hauptmann Falk in seinem
Erdloch -- sie ist endgltig vorbei. Schade! Ringsum schreien Menschen,
aber ich kann ihnen nicht helfen, bevor es Nacht wird. Ich sitze mitten
im Rauch. Mein Leutnant bergibt sich, er hat Gas geschluckt, Gott helfe
ihm, ich kann gar nichts fr ihn tun. Ich schwitze entsetzlich in meiner
Gasmaske. Gestern sollten wir fnfhundert Flaschen Sodawasser bekommen,
aber ein Volltreffer hat sie auf der Chaussee vernichtet. Die Zungen
hngen uns heraus. Was fr ein Staub! Dank, alter Junge, fr den Kognak!
Es war eine Freude. Wir hatten zwei gefangene Englnder in unserem
Granatloch, auch sie bekamen einen Schluck aus der Flasche, mute
schwren, sie nach dem Kriege in England zu besuchen. Hoffe in einigen
Tagen in Berlin zu sein. Seit einer Woche sollen wir abgelst werden,
aber niemand zeigt sich, obwohl es uns feierlich versprochen wurde. Die
Sache gefllt mir nicht, alter Junge. Stelle die Flaschen kalt, du
erhltst Telegramm. Gre Bussi! Hoffentlich kommt der Brief durch. Man
braucht hier zwei Stunden fr einen Kilometer.

Bussi? Bussi? Wer ist Bussi? Niemand wei es, offenbar eine Dame, aber
es tut schlielich nichts zur Sache.

Wie ein blutberstrmtes Antlitz sank die Sonne hinter der endlosen
flimmernden Staubwolke. Rasch kam die Nacht. Aber die Geschtze wteten
weiter. Schwei badete die Gesichter der Kanoniere. Die Brandung aus
Eisen und Blut rollte frchterlich in der Dunkelheit.

Schon stiegen die Leuchtkugeln, da, dort, berall, glhend in allen
Farben. Ein Netz von Blitzen geisterte. -- --

                   *       *       *       *       *

Die Raketen zischten in die Hhe und zerplatzten mit einem leichten
Knall am Himmel. Trauben von silbernen, violetten, lichtblauen und
bengalisch roten Christbaumkugeln sanken mild durch das tiefe Blau der
Nacht.

Ein Feuerwerk!

Die Kapelle spielte. Vor dem Kurhaus zerschmolzen die hellen Kleider und
grellen Mntel und Jacken im gleienden Licht der Bogenlampen. Hier
auen am Strand aber war es ganz still, dmmerig, nur der Mond und das
glitzernde Meer. Der Geruch von Tang und Salz in der lauen Luft. Ohne
Pause glitten lautlos die silberschumenden Wellen ber den Sand und
breiteten ihr gleiendes Schleiergespinst aus. Klein und hoch der Mond,
und schaukelnde Scherben von Silber sein Spiegelbild.

Pltzlich zischte es, eine Rakete fuhr zu den Sternen empor. Eine Gruppe
von sprhenden Funken erschien am blauen Nachthimmel, trieb, heller als
die Gestirne, im leichten Wind sanft dahin und erlosch allmhlich.

Aus einem Strandkorb fuhr eine silberne Larve, eine Hand, blitzend von
Steinen, erschien. Brillant!

Es war Herr Olsen aus Kopenhagen, zurzeit in einem deutschen Ostseebad,
der den Zauber des fliegenden Sternhaufens bewunderte. Er streckte den
blonden Kopf heraus, strampelte mit den weien Hosen und erschien
persnlich im Mondlicht. Er war nahezu zwei Meter hoch, und sein
Schatten ging vollkommen ber die Sandburg Lttich hinweg. Er war ein
hbscher, junger Mann, frisch, kindlich und gutmtig. Mit strahlender
Miene und blinkenden Zhnen verfolgte er die bunten Kugeln am Himmel.

Herr Olsen lebte noch in der Welt des Friedens. Er sprach nie vom Krieg,
erzhlte nichts von Schtzengrben, las keine Berichte und qulte sich
nicht mit Kombinationen -- er studierte hchstens die Brsenberichte und
kaufte deutsches Geld, wenn es Vorteil versprach. Wer den Krieg gewann,
das war ihm hchst einerlei, zu welchem Zwecke er gefhrt wurde,
berhrte seine Seele nicht im mindesten. Herr Olsen war -- nun, dies ist
der etwas triviale Ausdruck seiner Begleiterin -- durch und durch
Friedensware. Seine soliden Schuhe, seine sechs verschiedenen Mntel,
der Ausdruck seines Gesichts, Augen, Sprache, Lcheln, Gedanken -- alles
Friedensware, selbst Farbe und Glanz seiner Haut und seiner Haare,
unwiederbringlich dahin bei den deutschen Mnnern. Er war mit einem Wort
eine Sehenswrdigkeit.

Seine Begleiterin, im Schatten des Strandkorbes gegenber, lachte. Ihre
Augen sprhten im Mondlicht.

Dieses Lachen?

Dieses Lachen! Dora --?

Ja, Dora! Und nun streckte sie ihr Silberlrvchen in das Mondlicht, und
ihre etwas runde Hand tauchte in die gleiende Helligkeit. Ihr heller
Haarschopf flimmerte.

Sie lachte ber Olsens kindliche Freude an den bunten Christbaumkugeln
da oben. In seiner Nhe atmete sie leichter, er hatte eine ganz andere
Atmosphre um sich wie andere Mnner. So zum Beispiel Otto, der einige
Tage hier gewesen war.

Herr Olsen streifte seine Dame mit einem fragenden Blick. Weshalb mochte
sie nur lachen? Selbst die Strahlen des Mondes, die nach Doras Augen
zielten, vermochten nicht ihr tiefes, seltenes Blau zu dmpfen.

Herr Olsen kroch wieder in den Schatten des Strandkorbes zurck und
begann sogleich voller Eifer die unterbrochene Unterhaltung
fortzusetzen. Es handelte sich darum, ob Dora ihm, Herrn Olsen riet,
sich ein Gut in Deutschland zu kaufen. Das deutsche Geld war ja jetzt so
lcherlich billig. Herr Olsen sprach nur von seinen eigenen
Angelegenheiten, fremde Schicksale, das Schicksal des deutschen Volkes,
das Schicksal Europas, das Schicksal des Planeten, das war ihm alles
hchst einerlei. Herr Olsen war der Mittelpunkt der Erde.

Aber Sie mssen mir versprechen, mich dann zu besuchen? Ach, es wird ja
so schrecklich langweilig sein.

Wenn Sie artig sind?

Artig? Ich will wie ein kleines Hndchen sein, so artig! beteuerte
Herr Olsen, und wieder fuhr sein Silberkopf aus dem Strandkorb.

Ja, nun war es also Herr Olsen, der sich, Dank der Gnade des Himmels,
seine Friedensseele bewahrt hatte.

                   *       *       *       *       *

Feuerbalken schossen ber den Horizont, und das frchterliche
Wetterleuchten setzte nicht eine Sekunde aus. Hauptmann Falk konnte ganz
gut dabei schreiben. Die Leuchtkugeln sprhten wie Leuchtfeuer, die
pltzlich ber dem Meer erglhen. Aus der Hhe beim Nachbarregiment
fuhren Bndel von roten Signalen, und die Artillerie wirbelte. Ein
Feuerloch glhte auf, das waren die Einschlge.

Ein Gespenst kroch ber das Feld, versank, kroch, huschte. Es war
Hauptmann Falk. Obschon gefeit -- er glaubte es -- nahm er sich doch in
acht, denn es konnte ja durch einen Zufall ein Unglck geschehen. Er
glitt die Schtzenlinie entlang. Hier schttelte er Schlafende -- aber
sie erwachten nicht mehr. Aber er traf auch Gruppen, deren Augen hell
wie Sterne im Schein des Geschtzfeuers sprhten. Es waren wunderbare
Menschen! Ohne einen Tropfen Wasser seit drei Tagen!

Da duckte er sich zusammen. Pechschwarz, von roter Lohe durchglht,
stieg der Einschlag in die Hhe. Ja, ungemtlich, hchst ungemtlich.

Die Blitze geisterten.

Auf allen Straen knarrten jetzt die Wagen. Hier und drben bei ihm.
Munition, Verpflegung, Verwundete, die ganze Nacht hindurch.
Hunderttausende von Wagen knarrten durch die Dunkelheit. Der Himmel
erdrhnte, die Bombengeschwader waren unterwegs. Die Mtzen ber die
geschorenen Schdel gezogen, die Nase im Wind, jagen die
Befehlsempfnger die Strae hinab. Klein und hoch geht der Mond, Blitze
wehen, Feuer sprht im Walde.


2

Der Tiergarten frstelte. Unertrglich hei war es am Tage gewesen, und
nun war es pltzlich khl geworden. Irgendwo in der Nhe von Berlin
muten schwere Gewitter niedergegangen sein, aber man hatte nur zuweilen
das tiefe Donnerknurren gehrt.

Vor der roten Backsteinvilla in der Lessingallee, mit Efeu berwuchert,
hielt eine Droschke.

Hndeklatschen. Petersen! Petersen! Eine helle Stimme.

Schon ffnete sich die Tre, und Petersen in seinem Zebrakittel eilte
auf die Strae.

Ein Offizier stand bei der Droschke, mit einer schwarzen Brille, eine
kleine Reisetasche in der Hand.

Nun, Petersen, alter Knabe, Sie kennen mich wohl nicht mehr? Eine
hohe, fremde Stimme.

Herr Hauptmann? rief Petersen erstaunt und erschrocken aus. Was tat er
hier, was wollte er hier? Schon vor dem Kriege hatte er ja nicht mehr
hier gewohnt.

Welche berraschung, Herr Hauptmann!

Ja ja, Petersen -- so geht es -- wenn man sich lange nicht sieht. Meine
Frau --?

Im Bade, Herr Hauptmann. Kommt morgen!

So? Nun, ich werde nicht stren. Nur ein paar Tage, bis ich eine
Wohnung gefunden habe. Na, und es geht immer gut, alter Petersen?

Danke, Herr Hauptmann, sehr gut, danke!

Petersen nahm die Reisetasche, und Hauptmann v. Dnhoff stolperte die
Treppe hinauf.

Ah, wie dunkel! Ihr habt wohl eine Kleinigkeit zu essen fr mich? Den
ganzen Tag im Zuge --

Wie leer diese Stadt, wie ausgestorben! Hauptmann Dnhoff _roch_ die
Stille und Ausgestorbenheit. Berlin war tot, ohne Zweifel. Hier und da
ein Schritt, ein zgernder, nachdenklicher, mutloser Schritt. Ja, mutlos
gingen alle diese Schritte in den dunkeln Straen dahin, mutlos und
bestrebt, keinen Lrm zu machen.

Und frher, frher!

Auch dieses Haus, sein frheres Haus -- totenstill. Welche Feste hatten
sie hier gefeiert. Er hrte sein frheres Lachen! Zweihundert schne
Frauen hatte er besessen, siebzig Rennen gewonnen, zwei Elefanten und
ein Nashorn geschossen, als einer der ersten war er in Deutschland
geflogen, einer der Entdecker des deutschen Himmels -- ja, es hatte sich
manches gendert.

Aber den Geruch des Hauses erkannte er sofort wieder. Doras Parfm und
eine gewisse Schwle.

Hoppla, Petersen -- Er stie gegen ein Tischchen in der Garderobe.
Ich sehe etwas schlecht, bis man sich wieder eingewhnt. Immer sprach
er mit einer hohen, fremden Stimme, hastig, unsicher, wie ein Mensch,
der sich _schmt_.

Petersen eilte in die Kche und machte Zeichen mit den Fingern vor der
Stirn.

Er ist -- so wahr mir Gott helfe, nein, was wird die Gndige sagen? Was
will er hier? Sie sind doch getrennt. Aber sehen Sie doch selbst. Er
ist, mein Himmel, wie merkwrdig --

Mina also, neugierig wie sie war, mute sich ihn selbst ansehen.

Sie fand Hauptmann v. Dnhoff auf einem Sofa, eine Zigarette rauchend.
Er richtete, als sie eintrat, die dunkle Brille auf sie, lchelte, und
sie konnte vor Schreck keinen Ton hervorbringen. Der Gru blieb ihr im
Halse stecken. Sie htte ihn -- bei Gott -- nicht wieder erkannt: grau,
vllig grau, fast wei, gelb, alt, um zwanzig Jahre lter mindestens!
Und dieses Lcheln des welken Gesichts, diese Falten um den Mund -- nur
solche Leute konnten so lcheln, nur solche -- Petersen hatte recht.

Mein Gott, welche Angst sie hatte! Weshalb mute sie auch gleich
hereinlaufen.

Hauptmann v. Dnhoff ghnte. Er blickte sie durch die dunkle Brille an,
verfolgte jede ihrer Bewegungen. Dann sagte er lchelnd: Na, also,
Petersen, alter Knabe, erzhlen Sie doch, was es Neues gibt in Berlin?

Petersen! Er hielt sie fr Petersen!

Vor Schrecken htte Mina beinahe einen Teller fallen lassen.

                   *       *       *       *       *

Und das Feuer rollte.

Wie ein blutberstrmtes Antlitz stieg die Sonne aus der endlosen
Staubwolke empor. Die in der Nacht fielen, waren jetzt schon kalt. Auf
den Chausseen lagen in Stcke zerrissene Pferde und Mnner, zertrmmerte
Wagen und zerschmetterte Bume; ihr grnes Laub rauschte im Morgenwind.
Die Mtze ber die geschorenen Schdel gezogen, kamen die
Befehlsberbringer im Auto angefegt und setzten ber die rauschenden
grnen Aste, die quer ber der Strae lagen, hinweg.

Der Himmel stand voller Schrapnellwolken, Schwrme von Fliegern brausten
im Frhlicht. Die Geschtze stampften, pochten, knackten -- die rasende
Erde bescho aus ihren Kratern das aufgehende Gestirn der Sonne.

Wie gestern, wie vorgestern, wie alle Tage strzten brennende Menschen
aus dem Himmel. Ein Hagelsturm von zerfetzten Leibern fegte ber die
Erde. Millionen Herzen verkrampften sich in Todesangst.

Und die Wolke, die rostbraune, schiefergraue Wolke stand unendlich ber
der Walstatt.


3

Ganz in der Nhe der Hofjgerallee im Tiergarten luft ein gekrmmter,
schmaler Reitweg durch tiefes Dickicht.

Auf diesem schmalen, gekrmmten Reitweg ging der General hin und her,
die Hnde auf dem Rcken, die Augen auf die eigenen Fuspuren geheftet,
die noch von gestern, von vorgestern, hier zu sehen waren, trotz dem
Regen, der in der Nacht fiel. Hier ging nie ein Mensch, und Reiter --
das Geschlecht der Reiter war vllig ausgestorben in Berlin.

Dora --?

Es war drckend schwl, schon um neun Uhr morgens, der General hatte
seinen Kragen etwas gelockert, hier sah ihn ja niemand. Bewegungslos
standen Bsche und Bume, und zuweilen sang ein Vogel, irgendwo in
weiter Ferne. Es klang wenigstens so in seinen Ohren, mglich, da er
sich tuschte. War es nicht eigentmlich, in letzter Zeit schienen alle
Gerusche und Laute in weite Fernen zu rcken, auch die Stimmen der
Menschen, die dicht vor ihm standen und sprachen?

Nichts von Bedeutung eigentlich --

Der General blieb stehen und heftete den Blick auf die staubige,
schwarze Erde des Reitwegs. Es war ihm schwer, einen Gedanken bis zu
Ende zu verfolgen.

Nein, gewi, das war es nicht. Es wre unvernnftig, Kombinationen daran
zu knpfen.

Vorgestern hatte er zufllig einen Blick in Ottos Zimmer geworfen, im
Vorbeigehen. Das Zimmer wurde gereinigt, und das Unterste war zu oberst
gekehrt: da sah er -- nein, zuerst nahm er kaum davon Notiz, aber er
kehrte zurck, irgend etwas war ihm aufgefallen. Da sah er also auf
einem Sessel ein sonderbares Kostm: eine Art Kaftan oder Kimono von
einem eigentmlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb, einen Turban,
orangerot, mit dicken grnen Schnren umwickelt. Dieses Kostm -- sofort
fiel es ihm ein: jener Vermummte, jener Unbekannte auf Doras Hausball,
jener Stumme, der immer mit einer merkwrdigen Schale rasselte! Es ging
das Gercht, eine hohe Persnlichkeit verberge sich in dieser etwas
phantasielosen Maske.

Also er -- Otto --?

Ein Maskenscherz, natrlich, nichts anderes. Otto war ja damals noch im
Lazarett, offenbar ausgerckt fr diese Nacht, er konnte sich nicht gut
zu erkennen geben. Aus diesem Grunde die Geheimtuerei, und sicherlich
hatte er absichtlich das Gercht von der Hoheit verbreiten lassen.

Gewi, ohne jede Bedeutung. Wie kam er doch wieder darauf?

Herrlich ruhig war es hier, und nur zuweilen war das ferne Klingeln der
Straenbahn zu hren. Wohltuend und beruhigend das Grn der hohen
Wipfel, und da droben, da drauen flammte hei die Sonne, wie ein
grelles Feuer. Hier aber, Schatten, Khle sogar, und der Schritt
unhrbar. Es ging sich angenehm auf der losen Erde, die Fe ruhten aus.

Der General hielt sich etwas gebckter. Er war im Gesicht magerer
geworden, die Backen hingen schlaff herab, seine Gesichtsfarbe war
fahler, trocken, mit kalkigen Flecken. Zuweilen zuckte sein rechtes
Augenlid, und ein Nerv klopfte oft unangenehm an der Nase, dicht beim
rechten Auge.

Den ganzen Sommer, hatte er in dem stickigen, heien Berlin verbracht.
Er hatte die Absicht, im August in Urlaub zu gehen, nach Babenberg, nun
aber waren Ereignisse eingetreten, die ihn hier festhielten. Gewisse
Schwierigkeiten an der Front, die bald behoben sein wrden. Jedenfalls
aber war es ganz undenkbar fr ihn, jetzt, gerade jetzt seinen Posten zu
verlassen, selbst nicht auf einige Tage, so ntig er auch Erholung
brauchte. Sitzungen, Konferenzen, nun gut, die da drauen hatten
ebenfalls keinen Urlaub. Man mute sehen, wie man durchkam.

Diese halbe Stunde jeden Morgen -- eine volle halbe Stunde, ja, es ging
nicht anders, wollte er nicht zusammenbrechen -- diese halbe Stunde
morgens von einhalb neun bis neun Uhr war sein Urlaub. Um neun Uhr
erfate ihn dann die Maschine, und er kam bis Mitternacht nicht mehr zu
sich. Er schlief nur noch mit Hilfe von starken Schlafmitteln.

In diesen dreiig Minuten am Vormittag allein konnte er in aller Ruhe
seinen Gedanken nachhngen und sich mit seinen persnlichen
Angelegenheiten beschftigen.

Gott sei Dank war er vernnftig genug gewesen, sich diese strenden
Geldgeschichten vom Halse zu schaffen, wirklich ein Entschlu, zu dem er
sich jetzt beglckwnschte! Er hatte das Gut Rothwasser verkauft. An
einen Dnen, namens Olsen, aus Kopenhagen -- ja, schon kamen sie jetzt,
die Neutralen, die am Kriege verdient hatten, und kauften deutsches
Land. Er bereute den Schritt nicht. Was geschehen ist, ist geschehen --
das Notwendige tue rasch, ohne dich umzusehen. Otto wrde ja Babenberg
behalten, genug und bergenug fr ihn, und Ruth -- nun es wrde auch fr
Ruth gesorgt sein.

Er machte kehrt, nie ging er weiter bis zu jenem grellen Sonnenflecken
mitten auf dem Reitweg. Zerstreut blickte er, stehenbleibend, in das
Dickicht -- auch hier Staub auf den Blttern, selbst hier.

Rothwasser? Wie kam er darauf? Nun ja, er hatte sich durch den Verkauf
diese strenden, qulenden Kalamitten vom Halse geschafft -- wie schwer
es ihm doch wurde, sich auf einen Gedanken zu konzentrieren! Fnf
anstrengende Konferenzen waren allein fr diesen Vormittag angesetzt.
Schon disponierte er wieder.

Dora --?

In diesem Augenblick drhnten von der Hofjgerallee drei langgezogene
Hupensignale.

Dieser Schwerdtfeger, dieser Esel! Mute er ihn gerade in diesem Moment
unterbrechen.

rgerlich setzte der General seine Promenade fort. Er ging etwas
rascher, sollte er warten! Ja, diese Wochen, da sie im Bade war, waren
eine Art Probe gewesen. Er hatte diese Probe nicht bestanden, um ehrlich
zu sein! Ja, das war es, nicht bestanden. Er hatte sie vermit, kam sich
verwaist und verlassen vor, niemand in Berlin, das Haus leer, auch Ruth
auf dem Lande -- die Stimmen rckten mehr und mehr in die Ferne, wurden
unwirklich, nur Doras Stimme klang noch nah. Es schien auch, als ob die
Menschen selbst mehr und mehr verblaten -- sie riefen unverstndliche
Worte, machten unverstndliche Gesten. Er beachtete sie kaum, sie
interessierten ihn nicht mehr, seine Mitmenschen, nein, sollten sie
ruhig tun, was sie wollten. Und fnf Konferenzen -- nun saen sie schon
und warteten, Weibach schielte auf die Uhr.

Ja, es war die Wahrheit, leugnen wir sie nicht, er fhlte sich einsam
ohne sie.

Einsam?

Welch ein furchtbares Wort, bei rechtem Lichte betrachtet! Nie in seinem
Leben hatte er die Bedeutung dieses Wortes begriffen. Es war die
Abspannung, die Nerven, natrlich. In ihrer Nhe fhlte er sich
augenblicklich beruhigt, ausgeglichen. Etwas von ihrer Sorglosigkeit und
Lebenskunst schien auf ihn berzustrmen.

Wie sie sich gefreut hatte ber die kleine Uhr, die er ihr am ersten
Abend brachte! Ein Kind, wahrhaftig, nichts als ein groes,
lebenslustiges, immer heiteres Kind war diese ganze Dora, ein Quell der
Verjngung, sozusagen. Vielleicht beruhte die belebende Wirkung, die sie
auf ihre Umgebung ausbte, gerade auf ihrer groen und seltenen Naivitt
und oft komischen Lebensunkenntnis. Wer wei es?

Es galt zu berlegen, jedenfalls -- ein bedeutungsvoller Schritt!

Ein Schritt, der wohl erwogen sein wollte, obgleich er sich ja schon
Jahre mit diesem Gedanken beschftigte. Wohl erwogen. Otto? Nun, Ottos
Meinung war ihm schlielich gleichgltig, Otto fragte ja auch ihn nicht
um seine Ansicht, wochenlang bekam man ihn nicht zu Gesicht. Sein Sohn
war ihm fast ein Fremder geworden. Und Ruth? Nun Ruth wrde sich damit
abfinden. Sie zuallererst. Erst jetzt war ihm zum Bewutsein gekommen,
wie vernnftig diese Ruth in Wahrheit war. Ja, mglich, mglich, da er
ihr ganzes Naturell falsch eingeschtzt hatte. Sie war in ruhigem und
ausgeglichenem Gemtszustand von Babenberg zurckgekommen. Ihre
sentimentale Laune schien weniger tief gegangen zu sein, als er
befrchtet hatte. Obgleich dieser jugendliche Schwarmgeist, wie man ihm
berichtete, noch hinter Schlo und Riegel sa und seiner Bestrafung kaum
entgehen drfte. Offenbar hatte Ruth die Beschaulichkeit auf dem Lande
dazu benutzt, nachzudenken. Der rasche Schnitt mit dem Messer hatte sich
wieder als die beste Heilmethode erwiesen.

Gewi, auch Ruth wrde sich damit abfinden -- vielleicht war gerade sie
es, die ihn am ehesten verstand.

Aber sie selbst -- Dora?

Das heit nicht, da er zweifelte!

Natrlich nicht, er konnte auch aus frheren uerungen Doras schlieen
-- es wrde fr sie immerhin einiges bedeuten, gesellschaftliche
Stellung, nun, und manches andere. Sie war ja aus guter Familie, ein
Bruder sogar Major, aber immerhin, kleiner, unbedeutender Landadel. Und
nicht zuletzt wrde sie gewi aufatmen, aus diesem Zustand finanzieller
Unsicherheit herauszukommen.

Nein, nicht das.

Aber es gab da das und jenes, was ihn in der letzten Zeit stutzig -- ist
stutzig das richtige Wort? -- nun sagen wir ruhig: stutzig gemacht hatte
. . .

Einiges, unbedeutende Dinge, Kleinigkeiten sozusagen, Imponderabilien --
aber vielleicht tat er ihr bitter unrecht? Wie? Nicht unmglich . . .

Wieder drhnte das Hupensignal.

Der General hakte rgerlich den Kragen zu.

Es ist ganz unmglich, auch nur fnf Minuten lang seine Gedanken zu
sammeln, sagte er laut und begab sich zum Auto zurck.

Die graue Limousine fegte in das heie Berlin hinein: Sitzungen,
Konferenzen, Vortrge. Schon warteten sie dichtgedrngt im Vorzimmer,
und Weibach schielte tatschlich ununterbrochen nach der Uhr.


4

Nein, gewi, der General kannte seine Tochter nicht.

Wre er ein Beobachter, so wrde er auf den ersten Blick gesehen haben,
da Ruth sich im Laufe des Sommers auffallend gendert hatte. Aber er
war kein Beobachter: Sitzungen, Konferenzen, strategische Erwgungen --
wie sollte er da ein Beobachter sein?

Ja, auffallend gendert!

Nicht mehr die schchterne, scheue Ruth. Ihre Augen waren flammend und
khn, ihr Blick wich nicht mehr zurck. Fragend und forschend ruhte ihr
Auge bei Tisch auf dem Vater, und hufiger als frher begegneten sich
auf Sekunden ihre Blicke.

Etwas war hier nicht in Ordnung! Nein! Als Papa sie bei ihrer Rckkehr
begrte, war etwas Auffallendes geschehen -- noch heute zitterte die
Betroffenheit in ihr nach. Papa war errtet! Noch mehr, Papa hatte die
Augen niedergeschlagen. Aber man bedenke doch: _Papa schlgt die Augen
nieder!_

Weshalb? Weshalb nur? Sie kannte Papa ja so genau. Irgendein Geheimnis
war zwischen ihm und ihr.

Weshalb Papa, so sprich doch!

Aber der General war tief in seine Gedanken versunken und blickte nicht
mehr auf.

Ruth hatte vllig ihr trumerisches, zerstreutes Wesen verloren. Sie
sprach sogar etwas rascher als frher und nicht mehr so unsicher. Sie
sang nicht mehr, trllerte nicht mehr vor sich hin, wie sie es frher zu
tun pflegte -- um erschrocken abzubrechen, sobald sie sich belauscht
wute. Ihre Lippen waren bestimmter geformt und klarer geschwungen. Das
unsichtbare Lcheln, das frher ber ihnen schwebte -- fort war es.

Wie eine Fremde bewegte sie sich im Hause, die gesonnen ist, nicht lange
zu bleiben. Sie lchelte ber diese ewig dienstbereiten Ordonnanzen,
ber dieses Exzellenz hin und Exzellenz her, bald wrde sie es nicht
mehr hren. Ach, dieser Papa, der sich so ungeheuer wichtig nahm, dieser
Otto, diese Dora, diese ganze Gesellschaft, die in den Tag hineinlebte
und glaubte, es msse so sein -- nun, bald wrde sie sie nicht mehr
sehen. Schon wagte es niemand mehr, sich mit ihr in ein Gesprch
einzulassen, weil sie unumwunden ihre Meinung uerte.

Vorlufig, bis _dahin_, verrichtete sie wie frher ihre Arbeit in der
Kche. Die Gste hatte sie nach diesen heien, stickigen Sommerwochen
noch bleicher und elender angetroffen. Sie waren alle mde, sanken
erschpft auf den Stuhl, sttzten den Kopf, whrend sie aen. Alle
Augenblicke gab es Differenzen, ihre Nerven flatterten. Die kleinen
Schreibdamen flsterten nur noch. Zuweilen kicherten sie leise, um sich
rasch erschrocken umzusehen. Die Kche war auffallend still geworden.

Ruth war eifrig bei der Arbeit -- aber so oft ein neuer Gast eintrat,
blickte sie rasch nach der Tre. Offenbar, sie erwartete jemand, sie
suchte jemand!

Sie suchte, um die Wahrheit zu sagen, jenen kleinen, alten Herrn im
Havelock, ihn, der ihr auf der Treppe die schreckliche Nachricht
mitgeteilt hatte. Tag fr Tag erwartete sie ihn, sie hatte Geduld.

Aber er kam nicht. Augenscheinlich besuchte er diese Kche nicht mehr.
Vielleicht war er auch tot? Schnell starben die Menschen in diesen
Tagen. Die Erde verschluckte sie nur so.

Endlich ging sie in die Fabriciusstrae. Sie besa sogar den Mut, das
Leihhaus zu betreten. Mit welchen Gefhlen! Wie sie die Tre anstarrte!
Aber sie weinte nicht.

Allein, hier wute man nichts von dem Havelock. Er war ausgezogen,
verschwunden.

Und doch, er war vielleicht der einzige, der ihr ber jene Dinge
Ausschlu geben konnte, die sie unbedingt wissen mute. Klara, die mit
ihr in Babenberg war, hatte ihr Hedis Erlebnis am Anhalter Platz erzhlt
-- das war alles, was sie erfahren konnte. Seine Freunde, sein jngerer
Bruder, wie vom Erdboden verschwunden, niemand zu sehen; keine Nachricht
mehr, man hatte offenbar alle verhaftet -- nur sie lie man in Ruhe.

Nach vielen Tagen, die sie durch das verwahrloste, belriechende
Stadtviertel streifte -- ja, pltzlich sah sie ihn.

Das, das mute er sein! Sie fhlte es augenblicklich.

Ein Rudel lachender und kreischender Kinder -- und mitten darin ein
Mensch. In diesem Augenblick geschah es, da sie wie eine Seherin
fhlte, er! Ja, er war es.

Er tanzte wie ein Hampelmann, und sobald die Kinder ihm zu nahe kamen,
schlug er nach ihnen mit seinem steifen Hut.

Pltzlich fhlte er Ruths Blick. Es war dicht bei der Eisenbahnbrcke,
die sich ber die staubige Fabriciusstrae spannt.

Er hielt inne -- gerade wollte er wieder mit dem Hut nach den Kindern
schlagen -- und suchte seinen Blick zu sammeln.

Geht weg! rief Ruth. Die Kinder drngten sich abseits zusammen. Eine
Dame und der Betrunkene! Ungeheuer interessierte es sie. In der
abenteuerlichen Vorstadt aufgewachsen, waren sie an die sonderbarsten
Vorflle gewhnt.

Ich mchte Sie einiges fragen! begann Ruth.

Gerne -- stets bereit! Herr Herbst schwang den Hut und schwankte
erschrocken rckwrts. Er hatte Ruth sofort erkannt, und obschon er
betrunken war, war ihm doch ihr verndertes Wesen aufgefallen. Ihre
Stimme klang nicht mehr sanft und freundlich wie frher -- hart,
unbarmherzig. Ja, nun war sie also gekommen . . .

Nein, nicht gesehen -- nur gehrt, stammelte er erbleichend, whrend
sein Blick flatterte. Geschossen? Ja, geschossen! Ich hrte es.
Weshalb, wei ich nicht.

Ja, weshalb hatte man wohl geschossen? Der Soldat scho, weil man auf
ihn scho, wenn er nicht scho. Vom Hchsten bis zum Niedrigsten drohte
hinter jedermann in dieser Zeit ein Gewehrlauf.

Und Sie knnen mir nicht sagen --?

Die Gruppe der Kinder stand immer noch neugierig abseits. Die Dame und
der Betrunkene, der hin und her schwankte und wahrscheinlich bald einige
Backpfeifen erhalten wrde -- es war ungeheuer interessant.

Sie meinen?

Der Havelock hob die kleinen, schmutzigen Hnde gegen die Hutkrempe,
einer Ohnmacht nahe.

Es mu doch jemand die Polizei aufmerksam gemacht haben, nicht wahr?
Ruth schrie ganz laut.

Welch eine deutliche, furchtbare Frage!

Der Havelock taumelte. Er kratzte die grauen Bartstoppeln, sein kleines,
bleiches Gesicht zuckt. Dann hob er den steifen Hut in die Hhe und
machte eine Bewegung, als wolle er zu tanzen beginnen, und pltzlich --
pltzlich fiel er in die Knie.

Ich, ich! rief er, krchzte er, den Hut in der Hand und nickte. Ich!

Sie --?

Ja, ich! Ich! Er rutschte auf den Knien nher und senkte voller
Zerknirschung den kleinen, bleichen Kahlkopf. Die Kinder lachten.

Ja, ich, Gott sei mir gndig!

Sie --!? Weshalb nur --?

Weshalb? Ja, ja --

Was hatte er Ihnen getan? Er?

Weshalb? Unerklrlich -- wie alles in dieser Welt. Wie alles -- vllig
unerklrlich -- ich liebe Sie ja, meine Dame, wie meine Tochter --

Hten Sie sich! Nun wird sie ihn an den Ohren packen, dachten die
Kinder erwartungsvoll.

Wie meine Tochter -- unerklrlich! schluchzte Herr Herbst, und der Hut
entfiel ihm. Ich bin ein Verkommener.

Die Kinder kreischten und klatschten in die Hnde.

Stehen Sie doch auf! schrie Ruth. Stehen Sie doch auf! Und sie
schrie so laut, da Herr Herbst sich tatschlich taumelnd aufrichtete.
Was Sie sind, das sehe ich ja. Ein Verkommener, sehr wahr, vllig
verkommen --

Ja, ja, ja! Herr Herbst hob beschwrend die Hnde. Aber ich war nicht
immer wie heute, meine Dame. Mein Sohn ist gefallen, seine Mutter
. . .

Aber wissen Sie denn, was Sie getan haben? unterbrach ihn Ruth auer
sich. Wissen Sie es denn? Wissen Sie denn, wen Sie verraten haben? Sie
Judas Ischarioth?

Bei dieser Schmhung prallte Herbst zurck.

Wissen Sie es denn? Er war Jesus Christus, der wiedergekommen war, um
die Menschheit zu erlsen! Ja, das war er! Sie wuten es nicht!

Jesus Christus!

Und Sie -- ein Sufer --!

Namenloser Schreck spiegelte sich in den kleinen, halbblinden
Trinkeraugen. Er glaubte, was Ruth, bleich und rasend, schrie -- und
auch Ruth glaubte es im Paroxysmus des Schmerzes.

Rasch wandte sie sich ab und eilte fort. Eingeschchtert sah das
Huflein der zerlumpten Kinder ihr nach. Sie waren verstummt, weil sie
sahen, da die Dame, die mit diesem komischen Betrunkenen zankte,
pltzlich weinte.

Sie haben ihn gettet -- aber er ist unsterblich! Ein Prophet, ein
Seher, ein Heiliger war er!

Sie haben ihn gettet -- aber er ist unsterblich! rief Ruth vor sich
hin, und die Trnen strzten ber ihr bleiches, verklrtes Gesicht.

Selbst als sie in belebtere Straen kam, rief sie ganz laut und
unaufhrlich die gleichen Worte.

Aber niemand beachtete sie sonderlich: man war es nachgerade gewhnt,
da Menschen vor sich hin sprachen und weinten.


5

Horch!

Das Feuer rollte.

Sie zerrissen die Eingeweide der Erde. Tag und Nacht whlten
schweiberstrmte Leiber in den finstern Stollen der Tiefe, ohne Pause
klirrten die Frderkrbe in allen Erdteilen auf und ab. Die Hochfen
spien Feuer ber den Kontinenten, Strme von flssigem Metall flossen in
die Formen: Geschtze, Granaten.

Sie zerrissen ihre Gehirne. Die Ingenieure und Chemiker schliefen nicht
mehr, neue Maschinen, neue Sprengstoffe und Gase, immer frchterlicher.
Hunderte von Millionen sannen nur Vernichtung, brteten nur Tod: die
Vlker der Erde waren Mrdervlker geworden.

Tag und Nacht peitschten die Schrauben der Schiffe das Meer -- vorwrts!
Tag und Nacht flogen die Zge durch Europa, vorwrts. Das Meer zittert
und die Erde erbebt. Menschen, Pferde, Vieh, Wlder, die Gter der Erde,
die Schtze der Welt. Sie hatten alle das gleiche Ziel.

Die Wolke!

Dort, dort, wo Menschen, Pferde, Vieh, Wlder, die Gter der Erde, die
Schtze der Welt, zu Staub zermalmt werden -- dort . . .

Schon frben sich die Flsse rot, und auf den Meeren treiben Inseln von
Leichen. Frankreich verwandelt sich in eine Wste, Deutschland in einen
Friedhof, die Welt in ein Lazarett.

Vorwrts, Soldaten! es soll sich entscheiden -- die Kanonen sollen die
Probleme lsen.

Die graue Limousine raste durch die glhenden Straen Berlins.
Konferenzen, Besprechungen. Schwerdtfeger wischte sich den Schwei vom
schmutzigen Gesicht. Auch er war um seinen Urlaub gekommen, aber
schlielich war er nichts als ein Chauffeur und konnte Gott auf den
Knien danken, da er nicht da drauen fahren mute, wo die Landstraen
sich ffnen und Feuer speien.

Die graue Limousine raste ber die Linden. Mde und abgespannt blickte
der General mit halbgeschlossenen Augen auf die Strae und ghnte.

Pltzlich galoppierte ein Berittener ber den Reitweg, die Fugnger
blieben wie auf Kommando stehen und gafften.

Der General setzte sich mit einem Ruck aufrecht.

Unerhrt!

Am hellichten Tage! Unter den Linden!

Niemals htte man so etwas fr mglich gehalten.

Ein paar Dutzend junger Burschen und Mdchen, hundert vielleicht, nicht
mehr, eilten die Linden entlang und schrien. Eine Spritzwelle von
Menschen, die ber die Linden fegte, nichts sonst. War es nicht
unerhrt, da jemand Unter den Linden schrie und die ffentliche
Aufmerksamkeit auf sich lenkte?

Der General rckte unruhig auf dem Sitz und blickte voller Emprung zum
Fenster hinaus. Aber in diesem Augenblick hoben sich die Fuste der
jungen Burschen und Mdchen gegen ihn und schttelten sich. Fassungslos
zog er den Kopf zurck. Ja, was geschah, was ging hier vor? Sie schrien
ein Wort, immer das gleiche Wort -- er verstand es nicht. Er wagte nicht
zu glauben, da sie jenes Wort riefen -- es ist unmglich!

Oben beim Schlo aber wurde er pltzlich ernst. Ah, seht an! Eine Kette
von Schutzleuten sperrte den Weg. Ein junger Bursche machte den Versuch
-- schon blitzte ein Sbel durch die Luft. Da lag er.

Schlagt sie nieder! schrie der General, purpurrot das Gesicht.

Und die Regierung?

Wtend lachte der General, wtend gegen Schwerdtfegers gekrmmten
Rcken.

Die Regierung?

Sie schlft.

Die Gaffer auf den Brgersteigen bewegen sich wieder. Die Spritzwelle
hat sich verlaufen. Nichts ist geschehen.

Die graue Limousine raste weiter: Konferenzen, Besprechungen. Reserven!
Nachschub! Verpflegung! Munition! Pferde! Sitzung ber Sitzung -- --

Vorwrts, Soldaten!

Die Schlacht brllt, die Geschtze stampfen, kmpft, sterbt!

Schon runzelt der Divisionr am Telephon die Stirn, der Kommandeur
erbleicht am Scherenfernrohr: der Angriff am rechten Flgel stockt!
Vorwrts, Artillerie, wenn es sein mu, die eigene Artillerie soll euch
vorwrts treiben, wartet!

Kmpft, sterbt! Die Augen der ganzen Welt sind auf euch gerichtet.

Schon zittert die Brse, die Papiere fallen. Ihr werdet doch nicht, ihr
geliebten Helden? Ja, Helden! Drei Mark, drei Franken, drei Schillinge
und drei Dollar am Tage, Auszeichnungen, Triumphbgen, knstliche
Gliedmaen -- ihr kennt doch unsere Tarife? Ihr werdet doch nicht --?
Kali, Kohlen, Kolonien . . .

Der Brsentelegraph tickt, Tag und Nacht, schon ist er erregt worden, es
brckelt irgendwo ab, es knistert, er tickt, ah, dieses entsetzlich
erregte Ticken, ihr knnt es leider nicht hren im Kanonendonner, die
Brsen von Berlin, London, Paris, Rom, Neuyork -- schon hat sich ein
Bankrotteur eine Kugel in den Kopf geschossen -- und ihr zgert?

Die Kaiser und Knige trumen vom Einzug in die jubelnde Hauptstadt, die
Prsidenten trumen von dem Moment, da sie den glnzenden Seidenhut
hochheben, umbraust vom Beifallsklatschen.

Die Landesfrstin, hchsteigenhndig, die Gemahlin des Herrn
Prsidenten, hchsteigenhndig, wird euch die kleine Blechmnze auf die
zerschossene Brust heften --

Vorwrts, ihr Geliebten, ihr Herrlichen, Unvergleichlichen!

Die Greise, die die Geschicke dieser Welt lenken, hsteln hinter den
gepolsterten Tren in ihre kalten wchsernen Hnde. Sie sitzen an langen
polierten Tischen, mit rosaroten Kinderbckchen, trommeln mit den
Fingerngeln, ungeduldig -- die Sekretre, ohne Tadel, schleichen auf
den Zehenspitzen ber das glnzende Parkett. Die Greise kritzeln mit der
Feder, werfen gebieterische Blicke.

Jedes Wort, das sie sprechen, bedeutet Tod, jeder Federstrich, jedes
Lcheln -- Tod, Tod -- sie aber leben.

Seit Monaten, seit Jahren, flimmert himmelhoch die Staubwolke ber der
Walstatt, es regnet schwarzes Blut -- die apokalyptischen Reiter ziehen
ber den Wolken dahin und gieen ihre Schalen aus ber Europa. Gewogen,
gewogen und zu leicht befunden! Die Feuerschrift der Geschtze flammt am
verfinsterten Firmament.

Soeben ist das Kabinett der Greise zu einer neuen feierlichen Konferenz
zusammengetreten.

                   *       *       *       *       *

Reserven!

Die Hnde des Generals zittern. Erregt wirft er die Telegramme auf den
Schreibtisch zurck. Fieberrte flammt ber sein Gesicht.

Schon vor zwei Jahren hatte er eine Denkschrift eingereicht, und erst
krzlich war er wieder darauf zurckgekommen. Er hatte den Vorschlag
einer Patriotin aufgegriffen, zwei Millionen Frauen in die Armee
einzustellen, fr Wachtdienst, Etappe, Bureau. Zwei Millionen, zehn
Millionen, wenn man wollte! Aus den krftigsten Frauen htten sich auch
Kampfbataillone aufstellen lassen, ohne Frage. Die Frauen htten
vorzgliches Material abgegeben. (Der General war gewohnt Material zu
sagen, wie alle Militrs.) Auch die Frauen, ohne jeden Zweifel, htten
ihre Leiber voller Begeisterung den Kanonen entgegengeworfen!

Seine Denkschrift -- sie verstaubte irgendwo, mit abflligen
Randbemerkungen versehen. Man hatte seinen Rat nicht beachtet -- wie man
Ratschlge berhaupt nicht zu beachten beliebte. Man wute alles selbst,
wute alles besser.

Ich klingle bereits das zweitemal und Sie kommen nicht! sagte der
General mit gerunzelter Stirn zu Weibach.

Es hat nur das einemal geklingelt, Herr General, versicherte der
Adjutant.

Der General erhob sich -- sein Auge wuchs.

Ach, nun fangen auch Sie an zu widersprechen.

Der Adjutant schwieg und stand still. Seine Miene war bleich. Der
General streifte ihn mit einem Blick. Nun sind auch Sie beleidigt,
Weibach, sagte er einlenkend. Es fehlte noch, da auch Sie beleidigt
sind. Der Blick des Adjutanten strahlte Vergebung.

Mit zitternden Hnden ging der General hin und her. Dann blieb er vor
Weibach stehen und sagte ruhig: Rufen Sie sofort alle Herren
telegraphisch aus dem Urlaub zurck! -- Wir mssen unsere Anstrengungen
_verdoppeln_! fgte er schreiend hinzu.

Reserven? Als ob nicht alles Grenzen htte. Und welchen Ton sie
neuerdings beliebten? Man hatte alles, was nicht umfiel, eingezogen,
hatte die Lazarette ausgefegt, Fiebernde aus den Betten gerissen, vom
Operationstisch hatte man die Leute fortgenommen, ohne jede Rcksicht.

Und Reserven?

Ja, es gab einfach keine Reserven mehr, das allein war die Wahrheit!

Das Telephon schrillte . . .

Im gleichen Augenblick wurde es drauen stockfinster, und ein
knatternder Donner sprang mit teuflischem Gelchter ber das Dchermeer
von Berlin dahin. Gott sei Dank; die Hitze war unertrglich geworden.


6

ber den Potsdamer Platz schwang sich an Krcken ein Krppel. Er
berhrte nur mit der rechten Fuspitze den Boden. Ein kleiner fahler
Schatten schwang unter ihm.

Alle Passanten, wenige, sehr wenige, zertraten unter ihren Fen einen
ebenso fahlen, zusammengeballten Schatten. Es war Mittagszeit, der
Himmel war mit einem Dunstschleier bedeckt, durch den die Sonne
blendete. Welche Hitze?

Der Krppel schwang sich die Leipziger Strae hinauf.

Auch diese Strae war leer! Wenige Menschen, leere Straenbahnen. Berlin
war wie ein Friedhof, den nur dann und wann ein Grppchen von
Hinterbliebenen besucht.

Ja, ein richtiger Friedhof! sagte der Krppel.

Die wenigen Menschen schlichen, den Blick zu Boden gesenkt, dahin,
scheu, ngstlich. Mit zitternden Hnden griffen sie nach den
Mittagszeitungen, warfen einen Blick hinein, falteten sie mutlos
zusammen.

Krieg, Hunger, Tod -- Tod, Hunger, Krieg . . .

Vor wenigen Wochen noch hatte die Hoffnung die Stadt neu belebt. Die
feindlichen Reserven waren aufgerieben, England stand vor dem Abgrund.
Ja, was blieb also noch viel zu tun brig? Die Zeitungen schrieben es,
ein Minister sogar verkndete es -- nun schien aber doch nicht alles in
Ordnung zu sein.

Wie Berlin vor Wochen gejubelt hatte, Tausende von Gefangenen, Hunderte
von Geschtzen, so jubelten jetzt Paris, London, Neuyork. Berlin aber
war still geworden.

Ein Friedhof bei Tag, ein Friedhof bei Nacht. In den Nchten war hufig
ein Donnern in der Stadt zu hren, ein Grollen, und die Schlfer fuhren
erschrocken in die Hhe -- horch!

Der Krppel schwang sich an seinen Krcken die Wilhelmstrae hinauf.
Hier, bei den Regierungsgebuden, war es noch stiller. Kein Mensch. Nur
ein Hund ging, mit Verlaub zu sagen, von Eckstein zu Eckstein.

Der Krppel bog in die Linden ein und nherte sich der grauen Limousine,
die vor Stifters Diele stand. Er strich neugierig um den Wagen herum.
Schwerdtfeger sa im Schatten des Autos auf dem Brgersteig und nahm wie
gewhnlich sein Mittagessen ein, ein Stck Brot mit etwas Kse, weiter
reichte es nicht. Wie alle Soldaten erhielt er zwei Mark dreiunddreiig
Pfennige am Tage und zwei Mark Verpflegungsgelder dazu.

Augenblicklich sprang Schwerdtfeger auf und nahm Haltung an. Der Krppel
war Offizier, Schwerdtfeger hatte ihn frher schon einmal gesehen. Ja,
wie ein Gymnasiast, mit schneeweien Haaren, groen, fiebernden Augen
und kreidigem Gesicht, das unaufhrlich zuckte.

Der Krppel schwang sich in Stifters Diele.

Hier, in einer halbdstern Nische des vornehmen Restaurants, sah er ein
erdiges Gesicht mit schwarzen Augenhhlen und einem Blick, der brannte,
ohne etwas zu sehen.

Auch Stifters Diele war fast leer.

Ist es erlaubt? fragte der Krppel.

Das erdige Gesicht mit den schwarzen Augenhhlen kam in Erschtterung,
aufs tiefste erschrocken, die brennenden Augen, die nichts sahen,
glitten prfend ber das Gesicht, das ohne Pause zuckte, ber das
schneeweie Haar dieses Gymnasiastenkopfes.

Ich hatte die Ehre -- Das zuckende Gesicht versuchte zu lcheln.

Da sah der General, da es Hauptmann Wunderlich war.

Ist es mglich? Es ist so dunkel hier. Bitte Platz zu nehmen -- bitte
mir die Freude zu machen, mein Gast zu sein, Hauptmann Wunderlich.

Hauptmann Wunderlich lehnte die Krckstcke an die Wand und zog sich an
den Armlehnen des Sessels in die Hhe. Nie hatte der General die Krcken
Wunderlichs erblicken knnen, ohne ihn ganz im geheimen um sie zu
beneiden.

Also in Berlin?

Ja. -- Ich bin fertig!

Fertig?

Wunderlichs Gesicht zuckte. Der Blick seiner groen Knabenaugen
fieberte.

Die Nerven, sagte er. Fertig! Leider, aber nicht zu ndern.
Zusammengebrochen! --

Aber, seht an, auch die Hnde des Generals zitterten, und es schien, als
ob es dem General Schwierigkeit bereitete, zu sprechen, er stammelte,
stotterte, suchte nach Worten. Wo war die wunderbare Ruhe und Sicherheit
des Generals hingekommen?

Also nicht zufrieden mit den Nerven? Auf Urlaub? Der General fllte
mit zitternder Hand Wunderlichs Glas. Auch hier in Berlin sind wir --
berarbeitet, dazu die Hitze. Und an der Front?

Flstern.

Scharen von Fliegern! Kmpfe in drei Etagen -- in zwei-, drei- und
viertausend Meter Hhe -- fr eine abgeschossene Maschine zehn neue --
Kmpfe auch in der Nacht --

Auch in der Nacht?

Und Bombengeschwader -- in jeder Stunde der Nacht -- keine Ruhe mehr in
den Quartieren und Lagern -- kein Schlaf . . .

Hm.

Der Kellner servierte.

Mit verzerrtem Gesicht berichtete Wunderlich. Er murmelte, damit niemand
in der Diele ihn hren konnte.

-- allein fnfzigtausend Mann durch Gefangennahme verloren in drei
Tagen, fnfhundert schwere Geschtze --

Ich wei, wei.

Flstern.

-- die Lazarette ohne Leinen, die armen Kerle in ihren schmutzigen
Uniformen -- Papierverbnde, nackt begraben . . . Pferdefleisch --

Pferdefleisch?

-- erst die Zunge, jeder ein Stck, mit dem Messer -- in einer Minute
liegt nur noch das Skelett des Pferdes da --

Hm.

-- und die Pferde fallen zu Hunderten, Tausenden. Ohne jede Kraft --

-- und Gelbkreuz, Blaukreuz?

Keine besonderen feindlichen Verluste. Man findet die Batterien
verlassen. Aber dahinter stehen neue.

Und der -- Geist der Truppe?

Herrlich -- wunderbar, wie immer. Kmpfen bis zur Erschpfung. Ohne
ordentliche Verpflegung, seit Wochen ohne Ablsung . . .

Einzelne Divisionen nur noch Stbe -- Feldkchen, Kraftfahrer . . .

Flstern. Raunen. Der General setzt den Kneifer auf und blickt
argwhnisch aus der Nische. berall Lauscher. Wenn der Feind _das_
erfhre --!

Eineinhalb Millionen amerikanischer Truppen --

Pltzlich zieht der General die Uhr und erhebt sich rasch. Seine Hnde
sind eisig kalt. Er schwankt beim Hinausgehen.

Und die graue Limousine rast durch die glhenden Straen: Sitzungen,
Konferenzen . . .

                   *       *       *       *       *

Geschrei . . .

Geschrei in den Wolken. Verflucht die Welt, verflucht die Erde!
Verflucht Knige, Prsidenten und Minister. Verflucht!

Betrogen um unser Leben, geopfert dem Wahnsinn!

Die Millionen der Gefallenen, Geschlachteten, Millionen und abermals
Millionen, fahren ber Europa dahin, in ihren armseligen Lumpen,
zerfetzt ihre Leiber und schreien. Sie verdunkeln den Himmel.

Betrogen, betrogen!

Fluch auf euch!

Aber die Front donnert, und unendlich steht die Staubwolke ber der
Walstatt.

Nun fllt der Tau, die Nacht sinkt herab. Der Horizont funkelt, Feuer
loht ber das Gewlk, die Geschtze brllen. Riesengro steht Ackermanns
Geist ber dem Schlachtfeld, und lauter als die Geschtze schallt seine
Stimme.

Vlker der Erde -- Shne von Mttern -- Brder . . .

Furchtbar fauchen die Granaten um ihn. In seinem weiten grauen Mantel
steht er, die Hnde erhoben, seine Augen sind sprhende Sterne. Stahl,
Feuer, Gase? Was wollen sie noch von ihm? Lauter als die krachenden
Granaten tnt sein Ruf.

Brder!

Und die schweibedeckten Soldaten in den Laufgrben, Erdlchern,
Batteriestellungen lauschen. Welche Stimme?

Ackermanns Geist trgt die Verwundeten ber das Schlachtfeld, fllt den
Rasenden in den Arm, die den hilflosen Gegner niederschlagen wollen,
fhrt die Hand des Arztes, der den blutenden Feind verbindet. Ackermanns
Geist berhrt die Toten, die mit offenen Augen liegen, Deutsche,
Franzosen, Inder, Amerikaner, Englnder, Neger, Kanadier, Australier,
und spricht: ihr alle werdet auferstehen am Tag der Vershnung, ihr
Heiligen und Mrtyrer!

Ackermanns Geist erfllt die finstere Wolke, die ber der Walstatt bis
zu den Sternen lodert, und schon -- schon dmpft sich der Lrm der
Geschtze. Schon schweigen sie . . .

Aber die Greise, die einen leisen Schlaf haben, fahren erschrocken auf
in ihren Betten, lauschen und drcken auf die Klingel.

Wiederum beginnen die Geschtze frchterlich zu toben.

Die Menschen lieben Macht und Glanz, wie Kinder. Leicht sind die Vlker
zu verfhren -- aber wehe denen, die sie verfhren!


7

Nein, es ging nicht mehr! An einem Sonntagnachmittag schickte der
General den Wagen wieder fort. Es geschah zum ersten Male seit Monaten.
Vor Erschpfung sank er um. Augenblicklich fiel er in Schlaf, und er
schlief, rchelnd und sthnend, den ganzen Nachmittag bis in den Abend
hinein.

Als er wieder erwachte, war das Zimmer voll schwerer Dunkelheit.
Verstrt fuhr er auf. Sein Kopf war dumpf, glhendhei. Der Schwei rann
ber sein Gesicht.

Zehn Uhr! Sollte man es fr mglich halten? Sieben volle Stunden hatte
er geschlafen! Ein Unbehagen war aus dem Schlaf in ihm zurckgeblieben
-- etwas Schweres, Bleischweres -- was war es doch? Hatte er getrumt?
Das Haus war hei wie ein Backofen, unertrglich. Er machte sich rasch
zum Ausgehen fertig.

Auf der Treppe stockte pltzlich sein Schritt. Die Stiefelspitze zuckte
zurck, als habe er auf der Stufe irgendein ekelhaftes Insekt bemerkt.
Ja, ein hlicher Traum, in der Tat, widerwrtig! Das Siegesgespann auf
dem Brandenburger Tor -- es war herabgestrzt, und sein Auto war von dem
Trmmerhaufen, den Gaffer umstanden, aufgehalten worden. Welch ein Chaos
und diese aus den Trmmern vorstehenden Pferdebeine! Und der
Trmmerhaufe hatte sonderbarerweise fast den ganzen Pariser Platz
bedeckt, ein frmlicher Berg --

Auf der Strae war die Luft herrlich und erfrischend -- schon etwas
herbstlich. Es mute kurz vorher geregnet haben, das Pflaster war noch
feucht. ber den Tiergarten flog rasch der Mond dahin, umwirbelt von
kleinen Wolken, wie in einem Schneegestber. Eine Droschke, ein paar
Spaziergnger, tiefe Ruhe.

Der General ging langsam dahin und atmete die Frische des Abends ein.
Bald hatte er auch das Unbehagen berwunden, das aus dem widerwrtigen
Traume zurckgeblieben war. Er fhlte sich durch den langen Schlaf
erfrischt, die abgehetzten Nerven waren ruhiger geworden. Die Gedanken
gehorchten.

Er nickte vor sich hin. Klar stand es vor seinen Blicken, unheimlich
klar, erschreckend klar. Es war gar nicht erst ntig, da dieser
Wunderlich kam und ihm noch diese frchterlichen Fingerzeige gab. Nein.
Er blieb stehen.

Napoleon hatte wenigstens den Winter als Entschuldigung fr sich,
raunte er vor sich hin, voller Verachtung.

Nun ging er wieder einige Schritte und nickte: Sie lassen sich schlagen
-- regelrecht schlagen! Ja, das war es.

Hatte er nicht immer gewarnt?

Diese ganze Offensive -- glatter Wahnwitz! Unvermeidlich groe Verluste,
eine unsinnige Verlngerung der Front -- keines der strategischen Ziele
erreicht, der Angriff immer mehr nach Sden abgeglitten. Der Durchsto
zum Meer, die Abdrosselung der englischen Armee -- alles miglckt. Und
was hatten sie, die Frage war wohl erlaubt, abermals an der Marne zu
suchen gehabt? Eine Riesenausbuchtung der Front, gespeist von einer
einzigen schwachen Bahnlinie. Wie? Weshalb? Unverstndlich!

Aber selbst wenn diese verfehlte Offensive gelungen wre, angenommen --
was dann? Sie hatten ja nichts mehr in der Hand -- nichts mehr, um den
Erfolg auszuwerten. Die andern dagegen: Amerikas unerschpfliches
Reservoir an lebendem und totem Material, kaum angebrochen --

Ja, schlagen, diese Gotthnlichen --!

Wrde man ihm heute ein Frontkommando anbieten -- danke, danke ergebenst
. . .

War er nicht immer dafr eingetreten, zurckzugehen auf befestigte
Stellungen, zur Maas, zum Rhein, wenn es sein mute, und den Feind
anlaufen zu lassen? Millionen htten sie noch opfern mssen! Jahrelang
konnte man sich halten, und eine ungeheure Manvrierarmee war frei fr
politisch-militrische Aktionen in Italien, Mazedonien, der Trkei.

Pltzlich aber blieb der General verwundert stehen:

Licht? Bei Dora Licht?

In seine Gedanken versunken, war er bis zur roten Backsteinvilla
gegangen, ohne jede Absicht.

Er sollte den heutigen Abend eigentlich bei Dora verbringen, aber sie
hatte ihm gestern abgeschrieben, da sie aufs Land reisen wollte.

Erfreut, Dora zu Hause zu wissen, trat er ein. Seine Sorgen, die
Gedanken, die ihn folterten, das Gefhl der Einsamkeit, das ihn marterte
in letzter Zeit --

Die Haustre stand offen. Niemand war in der Diele, das Licht brannte.

Petersen!

Aber niemand kam. Stille.

Aus der oberen Etage, die dunkel lag, klang ein sonderbarer Ton. Wie das
Klagen eines Vogels, der immer den gleichen hilflosen, wehmtigen Schrei
ausstt, ein gefangener Vogel, der den Tod fhlt und nur noch einen
Klagelaut hervorbringen kann. Eine Geige. Es war Hauptmann v. Dnhoff,
der zurzeit hier Wohnung genommen hatte -- bis er etwas Geeignetes fand.
Zweihundert schne Frauen, zwei Elefanten und ein Nashorn -- und jetzt
trug er also eine schwarze Brille und fing an, die Geige zu lernen. Er
bte von frh bis nachts.

Der General legte ab und ffnete die Tre, die zum Zeltzimmer fhrte.

Auch in dem kleinen Vorraum brannte Licht. Der verzckte Heilige in
seinem zinnoberroten Rock schwang mit rasender Gebrde sein Buch -- ein
blinder Spiegel -- der General schlug den Vorhang zur Seite -- auch im
Zeltzimmer war Licht, die blaue Deckenampel brannte. Aber niemand war zu
sehen.

Da hrte er Doras Lachen und eine Mnnerstimme.

Er schrak zusammen. Hatte sie Gste? Wer war hier? Es war wohl besser,
wieder hinauszugehen und Petersen zu suchen. Vielleicht war er im
Garten? Ja, wo war er eigentlich, dieser Petersen, das Haus offen, jeder
Einbrecher konnte hereinkommen.

Fern, ganz fern klang das monotone Klagen des unglcklichen, gemarterten
Vogels, der seinen Schmerz in dem ewig gleichen Ton ausdrckte.

Der General war verwirrt. Es fiel ihm schwer, einen Entschlu zu fassen.
Schlielich -- hatte Dora Geheimnisse vor ihm? Pltzlich erinnerte er
sich all der kleinen Widersprche, der unbedeutenden, gnzlich
unbedeutenden Begebenheiten, die ihn zuweilen, besonders in letzter Zeit
beunruhigt hatten. Sie war also nicht auf dem Lande, und doch schrieb
sie --

Ja, schwer einen Entschlu zu fassen. Wie viele Gste mochten es sein?

Er roch den Duft von brennendem Reisig. Dora liebte es, mit Feuer zu
tndeln und Reisig und Tannenwedel im Kamin zu verbrennen.

Schweigen da drinnen. Das Feuer knisterte -- der Feuerschein flackerte
ber den Boden, und der Vogel klagte in der Ferne.

Der General wandte sich zum Gehen -- aber da, gerade in dem Augenblicke,
da er den Fu rckte, um hinauszugehen und Petersen zu suchen -- gerade
in diesem Augenblick fesselte etwas seine Aufmerksamkeit im hchsten
Mae: in der lichten Spalte des Vorhangs, neben dem bauschigen schwarzen
Kissen, das auf dem Teppich drinnen lag -- erschien ein himbeerfarbener
kleiner Seidenpantoffel.

Er hypnotisierte den General. Dieser kleine Seidenpantoffel bewegte
sich, als sei er lebendig -- ein Fu wurde sichtbar, ein Knchel . . .
trug sie fleischfarbene Seidenstrmpfe, oder was war es?

Nun erschien eine Hand, eine volle, gepflegte Hand, Doras Hand, und
diese Hand warf mit einem kleinen Schwung eine angerauchte Zigarette in
die Richtung des Kamins. Wieder bewegte sich der kleine himbeerfarbene
Seidenpantoffel. Der Saum eines hellroten durchsichtigen Gewandes wurde
sichtbar --

Das ist ganz unmglich! sagte Dora laut und offenbar etwas rgerlich.
Ich bitte dich, gewisse Rcksichten --

Rcksichten? lachte eine Mnnerstimme. Es ist tricht, ewig
Rcksichten zu nehmen, Dora!

Diese Stimme! Der General erbleichte.

Da knurrte ein Hndchen. Butzi, der Griffon, war erwacht und knurrte.

Schweig! sagte Dora.

Aber Butzi schwieg nicht. Im Gegenteil, er begann pltzlich mit heller
Stimme wtend zu klffen.

Der himbeerrote Seidenschuh verschwand.

Ist jemand da? Komm, Butzi, Liebling.

Wer soll da sein?

Der General wich zurck. Er war wie gelhmt. Aber trotzdem wich er
zurck. Doch schon war es zu spt. Jemand stand auf, ein Schritt nherte
sich, lautlos --

                   *       *       *       *       *

Ja, es war zu spt! Der lautlose Schritt war nun ganz nahe. Und eine
Hand raffte den Vorhang auf.

Der General wich noch einen Schritt rckwrts, soweit ihn seine
gelhmten Glieder trugen. Er rang nach Luft, die Uniform schnrte seine
Brust ein -- pltzlich hrte die Geige in der Ferne auf zu klagen.

Im Vorhang erschien --

Ja, was erschien da?

Es erschien eine, hochaufgerichtet, eine im ersten Moment bersinnliche
Erscheinung, gleiend wie Luzifer. Ein orientalischer Priester, wenn man
will, in einem gleienden, feuergelben Gewand, ber das grellrote
Drachen zngelten. Mit bleichen Armen und einem bleichen blulichen
Gesicht mit schneeweien Augen. Hochaufgerichtet. Otto.

Luft -- der General fate sich. Er hatte die Stimme ja sofort erkannt.
Auch er richtete sich auf, wuchs in die Hhe und blickte in diese
schneeweien Augen.

Es waren die Augen seines Sohnes, mehr noch, es waren die hellen Augen
der Hecht-Babenberg.

Diese Augen waren im ersten Augenblick erschrocken, sofort aber sammelte
sich der Blick in ihnen. Sie wuchsen, und ein kalter Glanz stieg aus
ihrer Tiefe.

Diese Augen sprachen, und er verstand ganz deutlich, was sie sagten! Sie
glnzten verchtlich.

Du?

Du hier? Seht an! Du lauschst? Du spionierst? Ei, seht an!

Sehr interessant. Soll ich dich bei Dora anmelden?

Nun aber wurde der Glanz hrter, klter, eisig.

Gut! Nun weit du es! Was willst du noch? Gehe!

Ja, gehe! sagten sie, diese Augen.

Und nun blendeten sie pltzlich.

Du kennst meine Gefhle fr dich, oder? -- Du weit es -- lange, lange!
Ich ziehe die Konsequenzen, wenn du willst -- ich stehe zur Verfgung --
jederzeit . . .

Ja, das sagten also Ottos Augen -- oder tuschte er sich?

Der Vorhang flo ber einem nackten Arm zusammen: die Erscheinung war
verschwunden.

Niemand ist hier! sagte Otto in gleichmtigem Ton, hinter dem Vorhang,
und Dora rief das Hndchen, das immer noch klffte, abermals zur Ruhe.

Eine -- zwei -- drei Sekunden lang hatten die beiden Hecht-Babenberg die
Blicke gekreuzt. Nicht lnger.

Mit rasender Gebrde schwingt der Heilige im roten Rock sein Buch. Durch
den blinden Spiegel gleitet ein Gesicht, wie aus Kreide geschnitten.
Jemand tastet sich durch die Diele, eine schwarze Hornbrille auf der
Nase -- richtet einige Sekunden die schwarzen Glser auf ihn -- oder war
es ein Gespenst?


8

Zur gleichen Stunde ging Ruth die Tiergartenstrae entlang, ihrem Hause
zu. Im Augenblick, da sie in das kleine verstaubte und verwahrloste
Vorgrtchen eintreten wollte -- sie hatte schon die Gittertre in der
Hand -- rief eine leise Stimme ihren Namen.

Sie hielt inne. Im Schatten der Bume gegenber gestikulierte ein
Schatten. Da sie zgerte, trat der Schatten einen Augenblick in den
Lichtschein und winkte.

Ruth erkannte ihn. Zgernd berschritt sie den Fahrdamm. Der Mond flog
dahin, hoch oben, von feinen Schleierwolken umtanzt.

Sie? Was wnschen Sie von mir?

Schon seit Tagen versuche ich, Sie zu treffen. Bitte zu verzeihen. Ich
habe neulich etwas zu sagen vergessen. Bitte, in den Schatten zu treten.
Ich darf mich nicht sehen lassen --

Ich verstehe Sie nicht!

Vieles ist unverstndlich -- aber man hat mich gewarnt -- ein hoher
Herr ist ungehalten ber mich. Man hat mir gedroht, mich in ein
Irrenhaus zu sperren, wenn ich mich noch einmal sehen lasse.

Ich kann Sie wirklich nicht verstehen!

Tut auch nichts zur Sache. Nicht das wollte ich Ihnen sagen. Knnen wir
ein bichen weiter -- so, danke -- frchten Sie nichts. Ich bin ein
alter Mann, habe auch nichts getrunken heute. Mit Absicht. All diese
Tage nicht. Ja, neulich -- ich habe mich geschmt -- aber gerade weil
ich in diesem Zustand war, habe ich etwas zu sagen vergessen -- etwas
sehr Wichtiges.

Bitte --!

Nicht ich allein also, das wollte ich sagen --

Nicht Sie allein --?

Nein, nicht ich allein bin der Schuldige.

Ich verstehe Sie nicht.

Warten Sie. Es kommt jemand. Gehen wir ein paar Schritte. So.

Flstern im Dunkeln.

Nicht ich allein also, sondern gleichzeitig -- vielleicht sogar frher,
ich wei es nicht -- aber es galt gar nicht ihm, sondern Ihnen.

Flstern. Pltzlich ein Schrei. Es ist Ruth, die schreit.

Unmglich! Unmglich! Unmglich!

Ich bitte Sie, gndiges Frulein -- gehen wir -- gerade kommt -- so,
ein paar Schritte --

Ganz unmglich!

Ich schwre! Der Agent sagte es mir.

Flstern. Raunen. Wieder bewegen sich die Schatten im Dunkel der Bume
vorwrts.

Pltzlich bleibt Ruth stehen.

Schwren Sie mir --!

Ich schwre!

Schwren Sie mir -- bei Ihrem Sohn, der gefallen ist --

Ich schwre!

Beim Andenken Ihrer Frau -- schwren Sie --

Ich schwre!

Hren Sie: Sie sollen ewig verflucht sein, wenn Sie lgen --

Ewig verflucht soll ich sein --

Ruth schlgt die Hnde vors Gesicht und luft in die Finsternis des
Parkes hinein. --

                   *       *       *       *       *

Der Mond flog ber den finstern Himmel, durch brodelnde Wolken hindurch.
Aber schlielich kam er nicht mehr von der Stelle. Er blieb in einer
pechschwarzen Wolke stecken, und endlich verschwand er vollkommen. Die
Bume des Tiergartens neigten die Wipfel -- ein Windsto pfiff ber sie
dahin.

In vlliger Dunkelheit lag pltzlich die Stadt, schwarz und leblos, wie
der Kadaver eines stachligen Riesentieres, das auf dem Marsch durch die
Rbenfelder und Kartoffelcker verendet war und faulte. So lag sie zwei,
drei, fnf Minuten, dann aber verschwand sie in einer ungeheuren
Staubwolke, die aus den Straenschluchten emporschlug. Ein Gewirr von
Blitzen griff nach ihr, umklammerte sie, um sie zu vernichten. Der
Donner knatterte.

Pltzlich begannen die verspteten Passanten erschrocken dahinzueilen!
Nein, nicht das Wetter war es! Etwas ganz anderes --

Durch die dunkeln Straenschluchten flatterte -- in unheimlicher Eile --
ein weiter, heller Soldatenmantel. Glnzende Hnde, glnzend im Schein
der Blitze, pochten donnernd an die Tren der Huser: Auf, auf, ihr
Schlfer, die Stunde ist gekommen! Die glnzenden Hnde berhrten die
Schultern der Dahineilenden, da sie erbleichten: Zgert nicht lnger!
An den schwarzen Scheiben der finstern Huser fuhr ein glnzendes
Antlitz vorbei: Schon sind sie unterwegs die Boten des neuen Reichs.
Seid bereit!

Da trug der Wirbelwind den flatternden Soldatenmantel in die Hhe, und
die glnzenden Hnde, das glnzende Antlitz flogen mit rasender
Schnelligkeit ber die Dcher der Stadt dahin.

Was war es? Was fr Dinge geschahen in dieser Stadt --?

Nun rauschte der Regen.

Die Schutzleute flchteten, die Diebe und Einbrecher huschten in
Torbogen -- sonst war niemand mehr auf der Strae.

Ein herrlicher, wunderbarer Regen, kalt, klar, rcksichtslos strzte aus
dem schwarzen Himmel.

                   *       *       *       *       *

Hauptmann v. Dnhoff stand unter einer Haustre am Ende der
Lessingallee. Weiter war er nicht gekommen, das Wetter hatte ihn
berrascht.

Hier stand er nun und lauschte glckselig auf das Rauschen des Regens
und das Krachen der Donnerschlge. Ja, ganz wunderbar!

Da -- eine Droschke klapperte dahin.

He, Kutscher -- hundert Mark fr die Fahrt!

Heda, Droschke! Droschke, halt!

Es war wieder nichts. Die Pferdehufe klappten weiter.

Heda, Droschke! Hundert Mark!

Ah, endlich hatte er Glck. Die Droschke hielt.

Hauptmann v. Dnhoff, mit der schwarzen Brille auf der Nase, tastete
sich durch den Regen. Wo sind Sie denn? Ich sehe etwas schlecht.

Hier stehe ich!

Langsam schaukelte die Droschke durch die Sintflut. Dnhoff streckte die
Nase durch das Fenster und schnupperte. Herrlich diese Luft, herrlich
dieser Regen und geradezu berauschend das Knattern des Donners. Endlich
etwas Lrm! Die Straen waren wie reingefegt. Nur dann und wann das
Klatschen von Pferdehufen und das Rasseln eines eisernen Ungeheuers, das
Dnhoff als ein Auto feststellte.

Endlos war diese Reise in das Bayrische Viertel, aber ein Hochgenu. Zum
ersten Male verlie er sein Zimmer in der roten Backsteinvilla, wo keine
Seele sich um ihn kmmerte. Frei! Frei! Er zndete sich eine Zigarette
an, verbrannte sich etwas die Nasenspitze, aber das schadete nichts. Wie
eine Reise erschien ihm diese Droschkenfahrt durch das dunkle,
regenrauschende Berlin.

Da hielt die Droschke, und Dnhoff kroch heraus.

Und nun, mein Freund, eine groe Geflligkeit, da ich schlecht sehe --
klingeln Sie den Portier heraus. Ich mchte zu Frulein Alexa
Alexandra.

Alexa Alexandra? Eine Tnzerin, das heit weniger eine Tnzerin als eine
Dame. Frher war er befreundet mit ihr, er hatte sie gewissermaen
entdeckt, kreiert. Petersen hatte ihm im Telephonbuch ihre jetzige
Adresse aufgesucht.

Der Kutscher steckte sein Benzinfeuerzeug in Brand, berzeugte sich, da
die Banknote echt war, und begann den Portier herauszuklingeln.

Er bekommt ein schweres Trinkgeld -- sagen Sie --

Und dieser Portier brachte ihn im Lift zu Alexa Alexandra hinauf.

Bitte, klingeln Sie -- ich sehe schlecht!

Offenbar hatte Alexa Gesellschaft -- Lachen, Hndeklatschen, ein sehr
lauter Phonograph, Stampfen -- das traf sich ausgezeichnet.

Die Tre ffnete sich, und Dnhoff bat der Dame des Hauses zu sagen, da
Rinaldo vor der Tr stnde und sie erwarte. Rinaldo! Sonst nichts!
Sie kennen doch den berhmten Ruberhauptmann? Ich bin es!

Ah! Dnhoffs Herz pochte -- es hatte nicht so laut gepocht, als die
Granaten einschlugen -- ein Ausruf, ein Schrei! Rinaldo! Wirklich? Und
zwei Arme umschlangen Dnhoffs Hals, zwei weiche, gepuderte, duftende
Arme.

Rinaldo, Lieber, Liebster! Welche berraschung!

Aber sofort hatte Alexa herausgefunden, da diese Sache mit den
schlechten Augen auffallend war, diese entsetzliche schwarze Brille!

Sie schob diese Brille mitrauisch in die Hhe -- und da waren also, wo
sonst die Augen sind, wo sonst diese Augen waren, sie kannte diese
frechen Augen -- zwei rote Nhte, keine Augen mehr.

Alexa stie entsetzte Schreie aus. Mein Gott, was haben sie mit dir
gemacht?

Sie weinte und stampfte mit den Fen.

Ah, diese Schurken! schrie sie -- und der laute Phonograph spielte
einen Two-step -- Sie haben ihn blind geschossen! Und sie drckte ein
paar rasche Ksse auf diese roten Nhte, wo die Augen frher saen.

Meine Herrschaften! -- der Phonograph schwieg -- Ich stelle Ihnen
hier meinen Freund vor, meinen lieben alten Freund, Baron Dnhoff -- ein
lieber Junge! Er ist blind -- diese Schurken von Franzosen haben ihn
blind geschossen! Er ist der berhmte Herrenreiter Dnhoff. Sie erinnern
sich, meine Herren -- er gewann so viele Rennen -- Kitty, gehe weg --
nun ist er also wieder in Berlin -- ja, hier bist du zu Hause, du lieber
Junge!

Dnhoff lchelte verlegen. Er schmte sich.

Die Alexa kte ihn, und er fhlte, wie ihre Trnen seine Wangen nten.
Noch etwas -- ladies and gentlemen -- er wnscht nicht, da man auf ihn
die geringste Rcksicht nimmt. Also weiter!

Der Phonograph ertnte wieder -- die Fe, die Schuhe schlrften.

Die Alexa fhrte ihn in eine Ecke zu einer Ottomane. Parfm, allerlei
Essenzen, der Geruch eines scharfen Punsches, Musik und dicht an ihm
vorbei flatterten die Rcke.

Ganz ungestrt sollst du hier sein, du lieber Junge. Du bist zu Hause
und kannst es dir ruhig bequem machen. Siehst du denn gar nichts mehr?
Nein! Oh, diese elenden Schurken! Hren Sie, Doktor, geben Sie ein Glas
Sekt fr Baron Dnhoff -- vielleicht haben Sie Geld gewonnen, als Sie
seinerzeit auf ihn setzten? Er gewann fast immer, ach, das waren Zeiten!
Im ganzen sind fnfzehn Menschen hier, Rinaldo, sechs, sieben Damen. Ich
werde sie dir vorfhren. Lola!

Hier also, das ist die kleine Lola. Sie ist eine Ungarin eigentlich.
Sie ist ganz schwarz, und ihre Brauen wachsen zusammen. Aber sie ist
eine ganz khle Person, ganz und gar nicht sinnlich -- oder, Lola? Ja,
so komm doch dicht an ihn heran. Verstehst du mich, er sieht ja nichts,
er ist blind. Sei lieb zu ihm, sei nett -- er ist nett zu mir gewesen,
vor zehn Jahren, als ich noch Verkuferin war und am Sonnabend in
Halensee tanzte -- ja, fhle nur, die Brauen wachsen tatschlich
zusammen -- fhle nur -- ksse ihn, Lola, du mut nett zu ihm sein.

Und Lola kte Dnhoff und streichelte ihn.

Das hier ist Fiffi -- wie nett, sie kniet vor dir. Ksse sie, so! Sie
ist die Freundin dieses kleinen Schwarzen dort, der mit dem Monokel, die
beste Tangotnzerin in Berlin. Sie ist blond, aber ihre Haare sind
gefrbt -- Fiffi -- er sieht doch nicht, er ist blind, ich mu ihm also
alles beschreiben. Sie tanzt wunderbar und hat zwei erste Preise
gewonnen.

Und hier, das ist Thea -- sie ist etwas ppig -- aber Thea, er sieht
doch nicht! -- sie hat ganz groe blaue Augen und filmt. Du wrdest dich
in sie verliebt haben, weil sie so drollig ist. Ksse ihn, Thea, er ist
ein so lieber Junge!

Und das hier -- Rolli -- come along! -- Rolli -- ein kleiner Teufel!
Siehst du, sie bringt dir gleich Punsch mit! Sie ist erst achtzehn Jahre
alt, aber schon vllig verdorben. Pfui, Rolli -- beherrsche dich doch!
Aber sie ist sehr s. Sie hat, nun dir darf ich es ja sagen, eine
kleine Schwche fr Frauen und kennt die Damen der hchsten
Gesellschaft. Ihr Freund ist ein Dichter. Siehst du, sie trinkt an
derselben Stelle des Glases, wo du getrunken hast. Sie will dir zeigen,
wie lieb sie dich hat. Ja, das also ist der berhmte Rinaldo -- nun
entstellt ihn ja diese hliche Brille etwas, aber man gewhnt sich ja
rasch!

Und das hier -- Reh -- sie heit Rebekka -- Reh, komm hierher. Siehst
du, sie ist ein Kind. Sie hat Trnen in den Augen. Aber sie ist auch ein
bichen angetrunken. Reh! Was tust du? Ach, siehst du, sie weint. Ksse
ihn, so, so, ksse ihn. Er sieht ja nicht, man mu nett zu ihm sein.

Du siehst, wie sie dich hier verwhnen. Das ist Blanche, und sie bringt
dir ein Pralinee. Stecke es ihm doch in den Mund! Blanche heiratet
bermorgen, und dann werden wir Tag und Nacht bei ihr tanzen. Sie
heiratet einen Sattler, der im Kriege sieben Millionen verdient hat. Ja,
reizend wird es bei ihr werden. Fhle nur ihre Ringe. Fhle doch. Alles
echte Steine, aber er ist so verschossen in sie. Fhle doch ihre Wangen.
Hast du je so etwas Sanftes gefhlt? Ihr Teint ist herrlich. Fhle ihre
Hften -- was sagst du? -- Ah, siehst du, Rinaldo --


9

Allmhlich wurden die Donnerschlge schwcher, das Gewitter zog langsam
ab.

Erst nachdem der General ungeduldig wurde und seinen Titel nannte,
erhielt er telephonischen Anschlu. Augenblicklich meldete sich Major
Wolff, der Nachtdienst hatte.

Der General lie sich Vortrag halten. Wolff las die wichtigsten
Telegramme vor, die wichtigsten Eingnge -- eine volle Stunde sprach der
General am Telephon. Das Gewitter sog an den Drhten, zuweilen klang die
Stimme Wolffs ganz fern und klein. Um jede Kleinigkeit kmmerte sich der
General. Er gab mit khler, klarer Stimme Anordnungen -- schlielich
aber war alles erledigt. Bitte morgen um einhalb acht um telephonischen
Anruf. Schlu und gute Nacht!

Augenblicklich vertiefte sich der General wieder in die Aktenstcke,
ohne aufzublicken. Ja, nun waren sie alle erledigt. Nochmals
breitete er die groe Karte ber den Schreibtisch. Staubecken,
berschwemmungsgelnde, natrliche Hindernisse -- es mute schlielich
noch in letzter Stunde gelingen, den Riesenkrper der Armee rckwrts zu
leiten. Vielleicht verfhrte ihn der gegenwrtige Zustand seiner Nerven
zu einer allzu pessimistischen Beurteilung der Lage.

Der General war noch in voller Uniform, er hatte sich nicht umgekleidet.
Und immer noch rauschte drauen der Regen.

Auch die strategische Betrachtung war nun abgeschlossen. Er warf noch
eine Anzahl Notizen auf den Block, fr morgen. Ja, nun war alles
Dienstliche erledigt.

Ohne jede Unterbrechung, voller Hast, begann der General pltzlich einen
Brief aufs Papier zu werfen.

Whrend des einstndigen Telephongesprches, whrend er die strategische
Lage analysierte -- immer hatte er nur an diesen Brief gedacht, um die
Wahrheit zu sagen. Er hatte ihn vllig im Kopfe entworfen, und nun
rasch, rasch, um die Sache zu Ende zu bringen.

Ein Vermgen . . .

Nun -- das war ja schlielich das wenigste!

Aber schon fhlte er Unruhe. Gemurmel in den Ohren, Stimmen, die von
innen heraus kamen, nicht von auen her, und absurde Worte raunten. Sein
Herz schlug, es pochte in der Brust, im Kopf, in den Armen, im Schenkel.
Die Wnde klafften, das starre Auge blickte durch die Spalten in die
schwarze Finsternis, leer, tot, kalt und unendlich wie der Raum zwischen
den Sternen. Erschauernd schob er den Schreibtisch weit von sich und
sprang auf.

Licht!

Lauten Schrittes, absichtlich ging er ganz laut, wanderte er durch die
Zimmer. Er sprach abgerissene Worte vor sich hin, lachte mit
geschlossenen Zhnen.

Wie? Wie? Freundschaft -- Treue -- Glauben -- wie?

Grau sein Gesicht. Er vermied es, in die Spiegel zu blicken -- aber
doch, ohne es zu wollen, sah er immer wieder ein graues Gesicht durch
die Spiegel wandern. Er schlich dahin, gebeugt, scheu, verfolgt.
Geflster kroch ber die Wnde, die toten Dinge begannen sich zu winden,
das Licht blinzelte.

Im Salon hing sein Portrt, gemalt kurz vor dem Kriege. Von einem
Schtzling von -- ihr! Aus Geflligkeit hatte er sich malen lassen, er
gab sonst nichts auf moderne Malerei. Frher war er jahrelang Mitglied
eines Kunstvereins gewesen, dem hoher Adel und Grundbesitz angehrte,
man zahlte zwanzig Mark Jahresbeitrag und erhielt dafr jedes Jahr
irgendein Kunstblatt. Lngst war er ausgetreten, aber da sie es
gewnscht hatte --

Die Hnde auf das Schwert gesttzt, hatte ihn der Knstler dargestellt.
Das Gesicht war kantig, hart, entschlossen. Trotz der angegrauten
Schlfen blhend von Gesundheit und Kraft. Der Blick voller Festigkeit
und Ziel. Vielleicht ein bichen geschmeichelt das ganze Bild.

Trotzdem, diese letzten vier Jahre waren wie ein Jahrzehnt.

Grau und erdig sah er sein Gesicht durch die Spiegel gleiten, obgleich
er es vermied, hinzusehen. Auch sein Rcken, die Linie seines Rckens --
sie schien ihm gebogen zu sein, obgleich er nicht hinsah, sondern den
Blick abwandte.

Dieselben Hnde, die in kraftbewuter Lssigkeit auf dem Schwertknauf
ruhten, sie waren heute die Hnde eines alten Mannes. Die Haut hatte
eine fahle Frbung, die Adern auf den Handrcken waren geschwollen.

Ja, kaum war er den Hauptmannsjahren entwachsen -- und schon war er alt!
Und doch sah er sich noch als Leutnant vor sich! Seine fr damalige
Verhltnisse etwas stutzerhafte Uniform. Und doch sah er sich noch als
Kadett vor sich, ganz deutlich, mit dem kleinen Seitengewehr und der
altmodischen hohen Mtze.

Seit seinem zehnten Lebensjahre trug der General das farbige Tuch.
Zivilkleidung hatte er nur hchst selten getragen, vielleicht einmal
einen Jagdanzug auf dem Lande.

Mit zehn Jahren war er Kadett, mit achtzehn Leutnant, dann Hauptmann,
dann Major, Oberstleutnant, Oberst, Regimentskommandeur. Im Sturmschritt
hatte er alle Rnge durchlaufen -- aber es schien ihm, als sei er
eigentlich immer der gleiche gewesen, nur mit verschiedenen
Rangabzeichen versehen. Seine Welt, seine Weltanschauung, seine
Auffassung von Dienst, Vorgesetzten, Pflicht, Religion, Vaterland -- sie
hatten sich nicht gendert. Der Leutnant der gleiche wie der General.

Er war eigentlich nie jung gewesen, auch als Kadett nicht, nein. Nie
jung, und schon wurde er alt!

Er drehte im Salon das Licht aus, um nicht mehr das zuversichtliche
kraftstrotzende Gesicht des Offiziers mit den Ordenssternen sehen zu
mssen -- jugendlich trotz der angegrauten Schlfen.

Ja, ja, ja -- keine Beschnigung, Mut! Otto, sein Sohn -- ein Ehrloser!
Er hatte ja seinerzeit im Frhjahr, als diese Geschichte mit der Hand
passierte, sofort gewut, ja, gewut, augenblicklich und instinktiv,
worum es sich in Wahrheit handelte! Aber er hatte nicht gewagt, es zu
glauben. Offizier -- ein Hecht-Babenberg -- und doch! Ja, nun wute er
alles . . .

Der General kehrte wieder zum Schreibtisch zurck.

Ja, ein Vermgen, diese Frau -- in der Tat, Rothwasser . . . Ihre Augen
strahlten Reinheit, Treue, Unschuld. Es gab niemand, dessen Lachen und
Stimme allein ein solches Ma von Vertrauen erweckte! Ihre Offenheit,
ihre kindliche Naivitt, ihre Unbefangenheit und Harmlosigkeit,
unmglich, gnzlich unmglich -- er htte die Hand fr sie ins Feuer
gelegt.

Da ihn seine Menschenkenntnis so trgen konnte!

Nein! Er legte die Feder weg. Schweigen, Schweigen -- nichts sonst
. . .

Pltzlich horchte er betroffen auf. Eine Stimme!

Diese Stimme?

Langsam und hei stieg ihm das Blut in den Kopf. Die Adern an den
Schlfen zuckten.

Ottos Stimme! Er rief nach dem Burschen.

Wollte er ihn herausfordern, der -- Infame? Der General sprang auf. Mit
zuckenden Schlfen strzte er zur Tre . . .

In der Tat, Otto war gekommen, wie er zuweilen kam, seitdem er im Westen
wohnte, um irgend etwas abzuholen, Bcher, Wsche. Er kam zu jeder
Tages- und Nachtzeit, wann es ihm gerade beliebte, und knallte ohne
Rcksicht mit den Tren. Jetzt war er gekommen, um einen Gummimantel zu
holen. Er brauchte ihn, da es noch immer in Strmen regnete.

Dies war der eigentliche Grund seines Besuches. Der zweite Grund aber
war, ganz offen gestanden, da er dem General seine Furchtlosigkeit
beweisen wollte. Nein, er hatte keine Furcht vor einer Begegnung, nicht
die geringste. Aus diesem zweiten Grunde schrie er auch etwas lauter,
als es eigentlich ntig war. Sein Zimmer hatte er absichtlich offen
gelassen. Jeden Augenblick konnte die Tre gegenber aufspringen -- nun,
er war gewappnet. Seine hellen verwegenen Augen waren auf eben diese
Tre geheftet, die sich jeden Augenblick ffnen konnte. Er war bereit,
die Konsequenzen zu ziehen -- zu allem war er bereit. Papa sollte nie
und nimmer auf den Gedanken kommen, da er sich feige in eine Ecke
verkrieche.

Aber nichts regte sich hinter dieser Tre, die zu den Zimmern Papas
fhrte. Wahrscheinlich hatte er sein Kommen gar nicht wahrgenommen.

Der General -- er war nicht weiter als bis zu eben dieser Tre gekommen.
Sein Herz pochte so stark, da er sich festhalten mute. Keuchend und
bebend stand er im dunkeln Zimmer, seine Beine zitterten.

Ein Schritt noch -- und etwas ganz Furchtbares, etwas unsglich
Grauenhaftes wrde geschehen . . .

Sein eigenes Blut hatte sich gegen ihn erhoben!

Die Tre ffnen -- und schon, schon wrde es geschehen, das Grliche --
Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater -- bis zur Vernichtung -- das Grauen
noch der Ururenkel, ewige Schndung des Namens, Schndung des
Geschlechtes, Schndung der Schpfung. Schon begann die Finsternis des
Zimmers zu flammen.

Wo sind meine Handschuhe, Jakob? rief Otto.

Dann pochte er an Ruths Tre, und der General hrte die beiden plaudern,
ohne zu verstehen, was sie sagten.

Fnf Schritte waren zwischen ihnen, zwischen ihm und seinen Kindern, der
Korridor. Aber dieser Korridor war ein Abgrund, unergrndlich wie die
Mysterien des Blutes.

Dann gute Reise, Ruth! rief Otto und schlo Ruths Tre.

Ja, in der Tat, ein Abgrund, schauerlich und bodenlos wie das
tausendfach unergrndliche Schicksal selbst.

Die Haustre krachte ins Schlo. Otto war gegangen.

Dank dem Himmel! dachte der General, whrend er heftig zitterte.

Immer noch stand er, die Dunkelheit lohte, immer noch keuchte er, und
das Zittern seiner Beine wurde strker mit jeder Minute.

Ja, nur ein Schritt, ein kleiner Schritt und es wre geschehen. Das
unsagbar Grliche. Das keine Macht der Welt htte wieder auslschen
knnen, selbst die Allmacht Gottes nicht.

Es _war_ geschehen, das unsagbar Grauenhafte!

Der General sah seinen Sohn erwrgt auf der Diele liegen.

Zitternd am ganzen Krper sank er in einen Sessel; der Schwei brach aus
seiner Stirn.

                   *       *       *       *       *

Otto aber eilte im strmenden Regen quer durch den stockfinstern
Tiergarten. Zu Strbel!

Lustige Kumpane, ein Fest heute, Wein, Spiel. Wie albern, diese
kleinlichen Bedenken, die ihn bisher von Strbels Haus ferngehalten
hatten!

In frmlichen Wasserhosen verschwand die Strae, wo Strbels Haus lag,
aber ein wohlbekannter Lichtschein, wie der Schein eines Leuchtfeuers,
zeigte den Weg.

Otto pfiff, den vereinbarten Pfiff, er klatschte in die Hnde. Das
erleuchtete Fenster ffnete sich, und ein Schatten neigte sich heraus.

Wer ist da? Es war Hedis Stimme.

Ich bin es, antwortete Otto mit heller und lauter Stimme. Ihr habt
doch Gesellschaft heute?

Der Schatten trat zurck. Erst nach einer Weile wurde Hedis Stimme
wieder hrbar.

Sie sind es? sagte sie stockend. Nein, die Gesellschaft wurde
abgesagt, Strbel ist verreist!

Sie? Seit wann sagen wir Sie zueinander? sagte Otto lachend. Er konnte
Hedi nur undeutlich erkennen, durch Bsche hindurch, an denen das Wasser
herabrann. Das erleuchtete Fenster ging auf einen kleinen,
dichtbewachsenen Garten hinaus.

Wieder zgerte Hedis Stimme. Es ist vllig nebenschlich, sagte sie,
aber lassen wir es dabei. Er mute unerwartet in Geschften fort, und
der Abend wurde verschoben.

Schade! Sehr fatal!

Der Regen prasselte auf Ottos Mantel, Strme von Wasser wirbelten um
seine Fe. Selbst aus dem Boden sprangen Bche.

Ja, leider, sagte Hedi und schickte sich an, das Fenster zu schlieen.
Gute Nacht. Der Regen verschluckte ihre Stimme.

Einen Augenblick -- beeilte sich Otto, und die Fensterflgel blieben
halb offen stehen. Ich bin durch diese Sintflut gewatet, in der
Erwartung, frhliche Menschen zu finden --

Das ist sehr bedauerlich, sagte Hedi spttisch.

Otto lachte belustigt auf. Sehr bedauerlich? Hren Sie, Hedi -- oder
hre, Hedi -- ich finde es tricht, Sie zu dir zu sagen -- halte du es
ganz wie du willst -- ich hatte gerade heute das Bedrfnis, Freunde zu
sehen -- sei nett und lieb, ffne und koche etwas Kaffee. Ich bin vllig
durchnt.

Ich bin ganz allein.

Ist das ein Grund --? Eigentmlich war der Tonfall dieser Frage.

Hedi antwortete nicht sogleich. Er fhlte ihren Blick.

Gehe doch zu ihr! sagte sie dann. Aber sie schlo das Fenster nicht.

Otto stockte.

Ich komme soeben von ihr! sagte er hierauf. Diese Antwort war sehr
khn, und er wute genau, da er alles aufs Spiel setzte. Aber er hatte
seiner Stimme einen gleichgltigen und gelangweilten Klang gegeben.

Schweigen. Der Regen rauschte.

Lebst du glcklich mit Strbel? begann Otto von neuem, in vllig
gendertem, vertraulichem Tone.

Was fr eine Frage? Was kmmert es dich?

So ffne doch, Hedi, und wir werden etwas plaudern.

Hedi schwieg. Nach einer Weile sagte sie, leise und bebend: -- Ich
ffne!

Kaum aber hatte Hedi die Tre aufgeschlossen, so ri Otto sie an sich
und vergrub seine Lippen in ihren Hals.

Sie stammelte.


10

Mehre den Schatz!

Mehre den Schatz des Guten und Schnen! Lege nicht Hand an die
Geschlechter, die nach dir kommen -- --

Friedlich suselt der Morgenwind.

                   *       *       *       *       *

Lieber Junge, -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- mit dem Urlaub war
es diesmal nichts. Und ein Flieger hatte mir schon versprochen, mich in
seinem Kahn mit nach Berlin zu nehmen. Drei Tage hinten, immer in
Alarmbereitschaft, kein Schlaf, Schwrme von feindlichen Fliegern, in
jeder Nacht Verluste. Die Sache hat sich anmutig ausgewachsen! Heute
abend wieder in Stellung. Wollte Dir gerne mehr schreiben -- aber ich
kann nicht. Es gibt gewisse Dinge. Nun, wir kmpfen, tun unsere Pflicht.
Herrliche Leute! Das Feuer wchst von Tag zu Tag --

Ja, von Tag zu Tag wuchs das Feuer!

Bis nach London, nach der Schweiz war der Lrm der Kanonen zu hren. Es
stand sogar in den Zeitungen.

Tausende sanken tglich dahin, Zehntausende --

Trinke, Kamerad!

Erlser!

Trinke! Sttze dich auf mich!

Erlser!

Komm, komm, ich trage dich!

Erlser! Erlser!

Auf Hunderte von Kilometern standen die Geschtze in einer Breite von
zehn bis fnfzig Kilometern, Rohr an Rohr, gestaffelt, auf Khnen,
Flen, Eisenbahnwagen und spien Feuer und Tod. Die Geschosse wurden von
keuchenden Zgen herbeigeschleppt, von Dampferflotten, Schleppkhnen,
endlosen Reihen von Lastautomobilen. Die ganze Welt arbeitete im
Schweie ihres Angesichts, um die Muler aus Stahl zu speisen. Die
Geschosse, mannshoch, wurden auf besonders konstruierten Karren zu den
Geschtzen gefahren, durch Krane in die Rohre gehoben. Sie wurden zur
Reklame in Zeitschriften abgebildet, einzeln und zu Tausenden
aufgestapelt. Die Astronomen, die sonst der Bahn der ewigen Gestirne
folgten, berechneten die Flugbahnen der Ungeheuer, die sich in den
blauen ther hineinstrzten. Tausende, Zehntausende von Geschtzen spien
Tod Tag und Nacht.

Und die Wolke wlzte sich, unendlich, ber der Walstatt. Staub -- die
zermalmte Fruchterde, der zermalmte Fels, der zermalmte Baum, der
zermalmte Mensch flimmerten in der Luft. Der Staub zog ber ganz Europa,
die Staubteilchen zermalmter Menschenleiber regneten auf ganz Europa,
auf die ganze Erde nieder.

Endlich war es dem Menschen gelungen, den hchsten Gipfel des Wahnsinns
zu erklimmen. Die Erde selbst war nichts als eine gasgefllte Bombe, die
durch den Weltraum raste.

Hunderttausende von Kilometern waren durch die Erde gewhlt, Menschen
und Tiere keuchten -- mit dem gleichen Aufwand an Energie htten die
Wsten sich in Grten verwandeln lassen -- noch aber wurde um das
Weltmonopol des Plnderns gekmpft.

Erlser! --

Lieber Junge, -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- ich wei nicht, ob
diese Zeile Dich noch erreichen wird. Der Kommandeur ist schwer
verwundet worden und einige Leute wollen es unternehmen, ihn in der
Nacht durch das Feuer zu tragen. Sie wollen diese Zeilen mitnehmen. Sage
allen, da wir unsere Pflicht tun! Zweiundsiebzig Stunden haben wir
nicht geschlafen und kaum gegessen. Wir knnen nicht mehr. Bald werde
ich wohl hinter Stacheldrhten spazierengehen. Aber sage allen, da wir
kmpfen und sie uns nicht umsonst haben sollen! Ich werde Nachricht
geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war Kinderspiel --

Dies aber war der letzte Brief, den Otto erhielt. Wie durch ein Wunder
kam er durch, obgleich der Kommandeur und seine Trger auf dem Rckwege
gettet wurden. Man fand den Brief bei einem Mann ohne Beine, der
verblutet war. Ein Offizier, dessen Name unleserlich war, hatte es auf
die Rckseite des Briefes geschrieben.

Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze und wenn es hoch herging, die
glorreiche Feuerwalze, konnte keine Briefe mehr schreiben . . .

Ein Erdloch. Und aus diesem Erdloch sieht eine Leiche mit entblten
Zhnen. Die Leiche wendet langsam den Kopf und spht aus. Staub treibt,
Staub flimmert. Wenig zu sehen. Die Wimpern der Leiche sind voller Staub
und auch ihre rotweien Haare sind gepudert, die weien Lippen haben den
Staub zu einem weien Brei zerrieben. Ruckweise atmet diese Leiche und
stt dabei mit dem Kopf in die Luft. Die Uniform ist beschmutzt, eben
hat die Leiche gebrochen.

Fnfzig Schritte feldein, im Staub, kohlt ein Flugzeug. Er war der
letzte, der kam, er warf Nahrungsmittel ab, aber er kehrte nicht zurck.
Fnf Schritte zur Linken aber liegt ein gekreuzigter Mensch auf der
Erde, mit gebrochenen Gelenken, Arme und Beine von sich gestreckt, vom
Luftzug fast vllig entkleidet, die Fetzen angesengt, flachgedrckt, das
Gesicht ins Genick verdreht. Und noch schwelt das versengte Gras von den
giftigen Dmpfen der Granate, die ihn kreuzigte. Es riecht nach
verbranntem Fleisch und verbrannten Haaren.

Zehn Schritte zur Rechten aber kauert eine Gruppe von Leichen um ein
Maschinengewehr, und sobald die Leiche im Erdloch die Hand hebt und die
Zhne bleckt, so feuert sie. Schatten taumeln im Sandsturm. Schatten
kommen, nhern sich, versinken. Aber weshalb geht die Leiche im Erdloch
nicht zu dem Maschinengewehr? Das ist es eben. Sie kann nicht. Durch
einen Balken sind ihre Beine festgeklemmt.

Und so kann sie nur die Arme heben, die Zhne blecken und schreien --
aber man hrt nichts.

Tanks kriechen im Sandsturm. Dort die Hhe, schwarzer Qualm. Durch den
Sandregen ist zu sehen, wie Menschenleiber in die Luft fliegen -- und
Hauptmann Falk sieht deutlich die Sturmhauben, deutsche Sturmhauben,
wirbeln. Dort im Nebel -- Nebelwesen mit erhobenen Hnden, fern, klein.
Und die deutschen Batterien, sie, die stets bereiten, wo sind sie?
Nichts, nichts, kaum zuweilen ein Einschlag drben -- vllig auer
Gefecht, vergast.

Schatten im Sandsturm, im Qualm. Und wieder schreit er und bleckt die
Zhne. Obschon er seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hat, mu
er sich wieder erbrechen. Die flachen Chinesenhte verschwinden,
versinken.

Zwanzig Kilometer hinter der Feuerlinie fhrt ein schweres
Eisenbahngeschtz aus dem Wald, von gutgelaunten, schwitzenden Kanadiern
in Hemdrmeln bedient. Das Langrohr steigt in die Hhe, wird abgerissen.
Die Mannschaft strzt zurck, die Hnde gegen die Ohren gepret.

Die Granate war unterwegs. Es war jene Granate -- --

Ein Tank faucht durch den Sandsturm, hinweg ber das Erdloch. Flache
Eisenhte. Amerikaner. Sie haben die Gewehre umgehngt und trotten durch
den Sandsturm dahin. Nichts strt sie, sie haben keine Eile.

Vor den flachen Eisenhten einher schreitet ein junger amerikanischer
Offizier. Ein Deutscher, namens Martin. Man hat ihm gesagt, da die
deutschen Soldaten den Kindern die Hnde abschneiden. Er hat es in den
Zeitungen gelesen, er hat sogar Abbildungen gesehen mit eigenen Augen.
Und nun ist er gekommen, diese Kinderschnder vom Erdboden zu vertilgen.


11

Pnktlich auf die Minute erhob sich der General am nchsten Morgen. Er
hatte fast nicht geschlafen in dieser Nacht. Funken sprhten vor seinen
Augen, er sah schlecht. Wieder zuckte sein rechtes Augenlid. Seine Haut
war trocken und hei, er hatte Fieber.

Nicht einmal Niki, der in seinem Bauer zwitscherte, gnnte er heute
einen Blick. Teilnahmslos, schwerfllig, automatisch bewegte er sich,
wie im Halbschlaf.

Punkt einhalb acht klingelte das Telephon, das Amt, wie befohlen.

Der General taumelte am Apparat. Der Hrer zitterte in seiner Hand. Er
war gentigt einen Stuhl heranzuziehen und lallte, als er sprechen
wollte.

Schlechte Nachrichten, offenbar. Ja, schlechte, sehr schlechte!

Und niemand, dachte der General, niemand -- das Reich wankt -- und
niemand, nichts als Unfhigkeit, Dnkel und Verblendung!

Schlimmer noch -- schlimmer! Ein Verbrechen . . .

Das Haus war leer, tot, das Speisezimmer dster und verlassen.

Ein Brief?

Seht an!

Man schrieb Briefe!

Schon von weitem, obschon schwere und dstere Gedanken ihn
niederdrckten, sprang der weie Umschlag in seine Augen. Auf dem
Frhstckstisch lag dieser Brief. An Papa!

An Papa! Man schreibt Briefe!

Er hatte nicht den Mut, diesen Brief zu ffnen. Was sollte Ruth zu
schreiben haben? Er lie den Brief in die Tasche gleiten. Seine Wangen
zuckten. Nun, es mochte recht gut sein, da sie etwas miverstanden
hatte, seine Frsorge falsch deutete -- sie war jung und konnte nicht
begreifen, da ein Vater sich sorgte, da er nur aus Liebe fr sein
Kind, nur aus Liebe, wohlgemerkt --

Pltzlich erhob sich der General.

Er war erbleicht.

Therese?

Etwas Unglaubliches war geschehen! Der General war in die hinteren
Rumlichkeiten gekommen, die er nie zuvor betreten hatte.

Meine Tochter ist verreist?

Ja. Ruth ist abgereist.

Wohin? Sie wissen es nicht?

Nein -- aber ein Brief --

Ich wei --

Der General schwankte durch den Korridor. Mhsam kletterte er in den
Wagen.

Ah! Ah! sthnte er, als die Limousine dahinscho, und bedeckte die
Augen.

Ungeffnet stak der Brief noch in seiner Tasche.

                   *       *       *       *       *

Ein deutsches Feldgeschtz fuhr pltzlich mitten im Sandsturm auf. Was
wollten sie? Waren sie wahnsinnig? Verschwunden ist das Feldgeschtz --

Furchtbar rollt die Brandung aus Eisen und Blut. Die Kanonen knackten,
als wrden Knochen in der Luft zerbrochen.

Die Front wankte, kein Zweifel, keine Beschnigung mehr. Schon klafften
breite Risse.

Die Mauer aus Menschenleibern, hundertfach aufgefllt, hundertfach in
Stcke geschossen, in jede Bresche strzten sich neue Menschenleiber,
ja, nun wankte sie. Diese Mauer aus Blut, aus menschlichen Gehirnen, aus
menschlichen Herzen, die vor Liebe glhten und sich verzehrten -- sie
_strzte_.

Die Karte war ausgespielt, die letzte Karte, ausgespielt gegen alle
Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Sie hatte verloren.

Hunderte, Tausende von Granaten in der Sekunde, Einschlag neben
Einschlag. Die Hochfen der Welt sind gegen dich im Kampf. Die
erschpften, verbluteten Truppen sahen sich nach Untersttzung um. Die
Kameraden, wo sind sie? In Finnland, Livland, Polen, Rumnien,
Mazedonien, Syrien, in der Ukraine, im Kaukasus -- weit, weit, sie
knnen nicht helfen.

Und jeden Tag entsteigen zehntausend frische, mutige, wohlgenhrte
Mnner dem Ozean.

Der Hagelsturm von Eisen rast. Explosionen, Explosionen . . .

Pulvermagazine fliegen in die Luft, Gaskessel explodieren, Stdte
verschlingt die krachende Erde -- das Trommelfell birst, Blut sickert
aus den Ohren . . .

ber die ganze Erde ist das furchtbare Krachen der zusammenbrechenden
Mauer zu hren.




Viertes Buch


1

Von heute auf morgen . . .

Innerhalb von vierundzwanzig Stunden . . .

Die Depeschen fliegen, es ticken die Fernschreiber. Fahle Gesichter,
flatternde Hnde, erbleichende Augen.

Wie?!

Ist es mglich?!

Ein Keulenschlag! Der General ringt nach Luft und pret beide Hnde
gegen den Brustkorb. Er befrchtet, sich bergeben zu mssen.

Ein Jeu -- hm -- Poker? Aber wir sind schlielich ja nicht in Monte
Carlo? Letzten Endes ist ein Weltkrieg doch kein Manver, wo der
steigende Fesselballon das Signal zum Halten gibt?

Der General ist krank, die Grippe hat ihn gepackt, ja, auch ihn, ganz
zuletzt -- es gelingt ihm gerade noch im letzten Moment ein Glas Wasser
zu ergreifen, sonst wre ein Unglck geschehen. Der Schwei bricht ihm
nun aus der Stirn.

Schon aber knattern die Lichtbogen und aus den Antennen schwingen die
Wellen durch den ther. Es wanken die Empfangsstationen, die Beamten,
die Hrmuschel am Ohr, erbleichen. Wer spricht? Eine Verhhnung, eine
Finte, ein schlechter Scherz? Die Station Nauen hat gesprochen.

Schon fliegen die Tren in den Ministerien, und in den Augen entzndet
sich ein Leuchten --

Der General kriecht durch die Zimmer, in den Schlafrock mit den roten
Aufschlgen eingewickelt, hustet, keucht. Nun, also -- nicht! Nicht
diesmal! Rollen wir die Fahnen zusammen -- das nchstemal! Blutiger noch
und furchtbarer als dieser Krieg . . . Schon wieder nimmt er Aspirin und
hustet. Er sinkt in einen Sessel und starrt, starrt -- er sieht nichts,
die Gedanken sind stehengeblieben, vor dem Abgrund haben sie
haltgemacht.

Krachend strzt die Front, die Erde hrt es -- und noch immer kmpft die
Armee, heute, morgen, bermorgen, Wochen! Lngst ist es entschieden, da
alles verloren ist. Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Shnen
und Ernhrern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit des
Ackers, die Viehherden, Schtze der Erde und Wlder, Schwei und Flei
von drei Generationen, Schwei und Flei von drei kommenden
Geschlechtern -- alles verloren! Die Fruchtbarkeit des weiblichen
Schoes -- dahin, Millionen von Suglingen -- eine Beute des Hungers.
Alles -- dahin! Das Gehirn unter der Schdeldecke, der Schlaf der Nchte
-- dahin! Ausgespielt die hohe Karte, gegen alle Gesetze der
Wahrscheinlichkeit -- und noch immer kmpft die Armee.

Die Angebeteten und Vergtterten -- bis zum letzten Einsatz! -- und
dann, ja, dann beugten sie das Knie und boten den Degen an.

Auf Gnade und Ungnade.

Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine Pause machen,
Atem schpfen, und noch einmal alle Dokumente prfen. Ob ihm nicht doch
etwas entgangen ist, nicht doch eine wichtige, beraus wichtige Urkunde.
Er wird in den Archiven und Bibliotheken whlen -- nein, es ist Ihnen
nichts entgangen, fahren Sie ruhig fort. --


2

In diesen Tagen traf pltzlich in Berlin jene hohe Persnlichkeit ein,
die seinerzeit die Zierde von Doras Hausball bildete. Ali Baba und die
vierzig Ruber -- ja, wer htte auch vermutet, da es einmal so kommen
knnte! Ohne jede Anmeldung kam der einflureiche Herr an, dessen hoher
Orden das ganze Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der
Nacht, gegen drei Uhr, der Zug von Kln hatte drei Stunden Versptung
gehabt. Die Lokomotiven blieben nunmehr reihenweise auf der Strecke
liegen, man hatte die kupfernen Feuerbchsen aus den Maschinen gerissen
und sie durch eiserne ersetzt.

Grfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe Herr, der dem
lngst vermoderten Franz I. hnlich sah, lie seine Schwester
herausbitten.

In groer Eile, Adele! sagte der hohe Herr -- auf englisch, die
Geschwister sprachen nur englisch zusammen -- Ich komme, um zu gehen.
Ich habe die ganze Nacht hindurch dringend zu arbeiten, Frhstck um
zehn Uhr, bitte. Fr jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin
erkltet, und einen kleinen Imbi. Und dann, keine Strung, bitte, nicht
die geringste -- sehr wichtige Geschfte -- fahre mit dem Mittagszug
wieder zurck . . . Trocken und hastig klang seine Stimme.

Grfin Heller befand sich in groer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von
Vertrauten versammelt, eine spiritistische Sitzung. Zuerst war ein
ungebrdiger Geist erschienen, ein italienischer Mnch aus Ravenna, 1512
geboren, gestorben 1553, begraben in Bologna -- ungebrdig, er hatte das
Tischchen in Stcke gerissen. Zurzeit aber -- grtes Ereignis aller
Sitzungen des Jahres! -- hatten sie Verbindung mit dem Geiste eines
erhabenen Verblichenen, dem Geiste Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen,
Prophezeiungen der grten Tragweite . . . vielleicht interessiert dich
das Protokoll?

Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die
Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen -- ganz im Gegenteil. So schnell
ihn die mden, dnnen Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu
seinen Gemchern empor.

Grfin Heller ffnete leise die Tre, und man hrte auf einen Augenblick
deutlich eine weiche, schmelzende Damenstimme: Ich bitte Durchlaucht,
unsere Frage wiederholen zu drfen . . .

Als der Diener Tee und Imbi brachte, fand er den hohen Herrn
eingeschlafen in einem Sessel vor dem Kamin. Augenblicklich aber
erwachte er. Die Koffer?

In der Bibliothek, Exzellenz, wie befohlen.

Nun, danke, gute Nacht, keine Strung, zehn Uhr Frhstck -- und er
verschlo alle Tren und prfte, ob die Vorhnge dicht geschlossen
waren.

Die Flucht der Gemcher war tageshell erleuchtet: Gemlde, Bronzen,
Skulpturen, herrliche alte Mbel -- die Wohnung war ein Museum! Selbst
in dem geheimnisvollen Alkoven des Ankleidezimmers brannte Licht. Der
hohe Herr lchelte, unmerklich, soweit es die mit einer dicken
Wachsschicht berzogene, gelbe Gesichtsmaske zulie. Die Lider bewegten
sich rasch ber den groen starren Augen Franz des Ersten. Er rieb die
kleinen wchsernen Hnde vor dem Kaminfeuer und trippelte mit hastigen,
steifen Schrittchen ratlos ber das gleiende Parkett des Museums, immer
hin und her. Er schlrfte eine Tasse Tee, dann flsterte er: Und nun
wollen wir anfangen! Und seine steile Glatze verschwand zwischen den
Portieren des Arbeitszimmers.

Hier also fing er an. Zuerst ffnete er mit einem winzigen Schlssel,
den er bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, italienische
Renaissance-Truhe. Ihr entnahm er einen Schlsselbund. Dann schlo er
einen Mahagonisekretr auf, ein herrliches Stck, Empire, franzsisch,
schwarze Ebenholzsulen, von goldenen Schwnen gekrnt. Fcher sprangen
auf, Schubladen ffneten sich.

Nun standen alle Schrnke, Truhen, Kommoden, Vitrinen des Museums offen.

Anfangen, ja anfangen --! Aber wie, wo? Richelieu sagt einmal --

Aber der hohe Herr verschwieg, was Richelieu sagte. Es war ihm im
letzten Moment entfallen, es interessierte ihn nicht mehr.

Die Sammlung von Tabatieren, eine der kostbarsten in Europa -- in den
Koffer. Ein paar kleine alte Bndchen, in Schweinsleder gebunden,
gnzlich unscheinbar -- in den Koffer. Die Miniaturen auf Elfenbein, in
den Koffer. Eine Schatulle, frnkischer Herkunft, eingelegt die
Zerstrung Jerusalems, mit Schmuckstcken, Ringen, Uhren, Steinen, einem
Kruzifix, Gold und Email -- in den Koffer. Ein rotes Lederkstchen, bis
zum Rand gefllt mit Ordenssternen -- in den Koffer. Die Mappe mit
Handzeichnungen, drei kleine Niederlnder -- herrlich eigneten sich die
alten Brokate zum Einhllen -- wieder ein Schluck Tee. Eine Brse voller
Goldmnzen, vergessen, von Reisen zurckgeblieben -- weshalb nicht? Sie
nahmen ja fast keinen Platz ein. Nun aber kam das Prunkstck an die
Reihe, das Kostbarste: ein vergoldeter, kleiner Hausaltar, spanisch --
auerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen, eingehllt, in
den Koffer. Aber die kleinen rmischen Bronzen -- wie?

Immer erregter glitt die Wachsmaske durch die Spiegel, sie tanzte
zwischen Brokaten, Bronzen, Stichen, Bildern. Nunmehr glnzte sie
fettig, aber das war der Schwei infolge der Anstrengung. Jetzt
verschwand sie in das Ankleidezimmer -- kam zurck, entstellt, fast
doppelt so lang, die Wangen eingefallen, die Lippen faltig -- das Gebi
hatte geschmerzt.

Wieder ein Schluck Tee. Schon tagte es. Beim Anblick eines Pckchens von
vergilbten Briefen wurde der hohe Herr erregt. Er lief zuerst zum Kamin,
als ob er die Briefe verbrennen wolle, dann lief er zu dem
Empiresekretr. Aber, nachdem er das Pckchen schon in ein Geheimfach
eingeschlossen hatte, nahm er es wieder heraus -- in den kleinen Koffer.

Briefe, Schriftstcke -- das Feuer im Kamin lohte stundenlang. Und, wie
gesagt, der Donatello: aus dem Rahmen zu nehmen, in Leinwand
einzuschlagen, zu umschnren -- prchtig! Die kleine Wachsfigur glnzte
im Feuerschein, als schmelze sie, selbst die langen, dnnen Hnde
. . .

Als der Diener das Frhstck brachte, war die kleine Exzellenz schon fix
und fertig angekleidet, bereit zur Abreise. Schrnke, Truhen, Vitrinen
geschlossen -- nichts zu sehen, auch nicht eine Spur!

Bitte eine lange starke Schnur und einige groe Packbogen! So. Nur der
eine Koffer, oben mit Anzgen gefllt, wollte nicht schlieen. Die
kleine Exzellenz schwang sich auf den Koffer, stie ein paarmal mit dem
Ges gegen den Deckel -- so, siehst du, alles geht.

Der Mittagszug nach Kln verlie die Halle, eine Wachsmaske, einer
Leiche in grnem Wasser hnlich, blickte aus dem reservierten Abteil --
mit einem unmerklichen, etwas hmischen Lcheln. Aber das mochte auch
von der Beleuchtung in der dstern Halle herrhren. Sofort aber schlo
die Wachsmaske in dem Abteil voller Koffer -- das solid verschnrte,
groe, flache Paket in gelbem Packpapier nicht zu vergessen -- die Augen
und schlief ein . . .

Nach langer Zeit, nach langem, gesundem Schlafe, erwachte der vornehme
Reisende pltzlich: eine gewisse Aufregung auf dem Korridor des Waggons!
Der Zug stand, in irgendeiner rmlichen Vorstadt. Dmmerung und
rauchender Nebel.

Da! Ei, ei -- was ist das?

Schsse?

Ja, ein lustiges Gewehrfeuer knatterte -- oder?

Der vornehme Reisende kroch zwischen seinen Koffern hervor und ffnete
die Tre des reservierten Abteils.

Ich bitte -- Schaffner?

Aber es gab keinen Schaffner, nur eine aufgeregte Schaffnerin in
Pumphosen.

Ich bitte sehr -- wir halten?

Ja, der Bahnhof ist besetzt.

Besetzt --?

Ja, besetzt.

Aber -- von wem besetzt?

Von den Aufstndigen.

-- von den Aufstndigen?

Soeben ist wieder ein Regiment bergegangen.

-- bergegangen, so, so.

Ein Soldatenrat ist im Zuge und nimmt die Waffen ab.

-- Waffen ab.

In Kln arbeiten sie mit schweren Geschtzen.

Danke, liebe Frau -- ich bitte! Und der vornehme Reisende drckt der
Schaffnerin ein Goldstck in die Hand -- ohne bertreibung, ein
Goldstck! -- und zieht sich wieder in das reservierte Abteil zurck.

So, so! Nun beginnt die Wachsmaske tatschlich zu schmelzen. Ein paar
groe Wachsperlen rinnen ber die Stirn, ein flatterndes
Batisttaschentuch tastet nach ihnen.

                   *       *       *       *       *

Der General und Hauptmann Wunderlich speisten zusammen unter dem
schneeigen Glaslster an dem runden, groen Speisetisch. Speisten? Sie
berhrten die Gerichte kaum. Jakob brachte weie Teller, trug weie
Teller fort.

Aber diese vierzehn Punkte --? fragte der General mit einem
mitrauischen Knarren in der mden, heiseren Stimme. Sein Hals war von
einem dicken Umschlag umwickelt.

Wunderlichs Gesicht zuckte.

Der Prsident ist ein Mann von Ehre!

Hm. -- Aber ich darf doch bitten, Hauptmann Wunderlich, sich bedienen
zu wollen.,

Wir haben das Wort von hundert Millionen amerikanischen Brgern!

Hm. -- Bitte, sich doch eingieen zu wollen, mir selbst ist es ja
verboten.

Und Sie sagen, Hauptmann Wunderlich: die Waffenstillstandsbedingungen
sollen unter allen Umstnden angenommen werden -- unter allen
Umstnden?

Man will versuchen, einige Zugestndnisse zu erhalten. Sollte dieses
Ansuchen aber zurckgewiesen werden: unter allen Umstnden!

Also bedingungslose Kapitulation?

Bedingungslose!

Hm. Der General kmpfte gegen einen Hustenanfall. Hm, aber --.
Unmglich, dachte er, mit eingesunkenen, dsteren Augen, das Volk mu
sich erheben! Erhebung der Massen! Kampf bis zum letzten Hauch --

Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Eben legte Jakob wiederum neue
weie Teller auf. Quittengelb ist der General geworden. Seine Backen
sind eingefallen und schlaff. Die Grippe hat sich auf die Nieren
geschlagen.


3

Nacht.

Riesengro steht Ackermanns Geist ber der dunkeln, schweigenden Stadt.
Sein Leib sind die Sterne, sein Haupt sind die Sterne, seine Augen sind
die Sterne. Seine Hnde sind die Sterne. Schon kommt ein kaltes Gefunkel
aus dem Osten.

Die Riesenstadt schlft, bedeckt mit dnnen Nebelschleiern ihre Dcher
und Trme.

Auf, auf, der Tag ist gekommen! Die Stimme schallt und die schlafende
Stadt erbebt. Auf, auf, mein Volk! Die Sterne funkeln! Erhebe dich
unter den Vlkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der Luterung!

Die Sterne erblassen. Aus dem Osten blst kaltes Licht, die Nebel senken
sich dicht auf Dcher und Trme. Lieblich suselt der Morgenwind.

Und schon erheben sich die Schlfer! In Trupps, in Scharen. Der
gleiende Lichtgrtel, der die Riesenstadt umspannt, erlischt. Schatten,
geballt, beginnen zu wandern. In den dunkeln Vorstdten erhellen sich
die Fenster. Schritte schlrfen, sammeln sich, Schatten, geballt,
beginnen zu wandern. Vom Sden, vom Norden, von berall her beginnen die
Schatten, geballt zu wandern. Hunderttausende von Schritten sind
unterwegs.

Die Morgenrte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt zu glhen.

                   *       *       *       *       *

Endlich -- ja, Gott sei Dank! -- trillerte die Marspfeife wieder und die
graue Limousine fegt durch die khle, sonnige Herbstluft dahin. Die
Fugnger entfliehen, rechtzeitig bringen sich die Straenkehrer in
Sicherheit. In einer wunderbaren Kurve, unbertrefflich, wirft
Schwerdtfeger die Limousine um eine auf der Strae stehengebliebene
Karre voll Straenschmutz herum.

Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und konzentriert auf den
gekrmmten Rcken Schwerdtfegers geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas
mde, die Backen etwas zittrig und schlaff, die Trnenscke etwas
geschwollen, aber man kann zurzeit nicht allzu groe Rcksicht auf sich
nehmen. Es bereiten sich Dinge vor, jeder an seinem Posten!

Die Marspfeife schrillt -- vor Schreck fllt ein altes Droschkenpferd in
Galopp. Pltzlich aber: Fubremse, Handbremse, die Limousine schleift --
halt!

Musik. Ein Jgerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden
zu -- rot die jungen Gesichter in der Morgensonne, Stahlhelme, die
Haltung wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. Nicht _ein_
Tadel! Er fhlt sich beruhigt. Gerchte schwirren in der Stadt -- aber
welche Narren! Ein Blick auf die Karte Berlins gengt ja: einige
Brcken, Kanle, Straen besetzt -- und mit zwei Dutzend
Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu halten. Nur
Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften -- junge Burschen, kaum
den Knabenjahren entwachsen -- ja, obschon er die Gerchte nicht eben
tragisch genommen hatte, fhlte er sich durch den Anblick dieses
Jgerbataillons beruhigt.

An den Straenkreuzungen standen Doppelposten, den Grtel mit
Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr dahin, langsam und gemchlich,
als kme sie von einer Schiebung zurck. Die Offiziere waren durch
Befehl zusammengerufen. Im brigen hatte der Oberbefehlshaber in den
Marken ungesetzliche Zusammenschlsse, die die ffentliche Sicherheit
gefhrdeten, auf Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation
strengstens verboten.

Auch das rote Amtsgebude des Generals war in Verteidigungszustand
gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an
den Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun,
es war selbstverstndlich Pflicht des Kommandanten, keine
Vorsichtsmaregel auer acht zu lassen.

Der alte Portier mit den weien Haarstrhnen und den Blechmnzen auf dem
Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich
tiefer als sonst. Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine
tiefe Verbeugung drckte -- soweit die Stellung des Untergebenen es
zulie -- die Genugtuung aus, Seine Exzellenz wiederhergestellt zu
sehen, sie beglckwnschte zur Genesung.

Exzellenz! schlrfte er, und der Speichel rann ber sein Kinn.

Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelt ernst, doppelt
gesammelt durchschritt er das Foyer. Er bemerkte auch nicht die immerhin
auffallenden Verteidigungsmaregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die
Offiziere, die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr -- wie
frher, in den alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas
langsamer.

Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden -- aber der
General sah sie nicht. Nachdenklich verschwand er hinter der
gepolsterten Doppeltre mit den Aufschriften: Vortrag. Kein Zutritt.
Anmeldung Zimmer 6.

Aber schon dicht hinter der gepolsterten Tre war er gezwungen,
stehenzubleiben, seine Knie zitterten -- solche Anstrengung hatten ihm
die paar Treppen und Korridore bereitet.

Das alte Herz erwrmt, vollkommen beruhigt, kehrte der Portier in seine
Loge zurck.

Ganz wie Anno Siebzig! dachte er. Als wir alle Angst hatten,
gefangengenommen zu werden -- und unser General sagte nur: Junge Hunde!
Ja, nichts sonst. So ist es auch heute. Man braucht nur in _sein_
Gesicht zu sehen. Keine Besorgnis, nicht die geringste -- ehek, ehek!

                   *       *       *       *       *

Horch! Schritte.

Horch! Rufe.

Fuste pochen an die Tore der dstern Kasernen.

ffnet Kameraden!

ffnet -- wir sind es . . .

Jubel!

Und die Tore der Kasernen ffnen sich: der bse Geist der dstern
Gebude entweicht. Ein Toter liegt still auf dem Brgersteig, mit einem
Mantel zugedeckt.

Die Morgensonne blendet durch die Straen. Funkelnd steigt die Sonne des
9. November ber Berlin empor.

Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hunderttausenden. ber den
tausend Kpfen schwankt ein Plakat: Nicht schieen, Kameraden!

                   *       *       *       *       *

Immer noch etwas zitternd von der Anstrengung des Treppensteigens sa
der General an seinem riesigen Schreibtisch, in die Arbeit vertieft.
Akten, Schriftstcke, er sah nicht auf. Die Fenster waren geschlossen,
die blauen Vorhnge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfabar,
welche Unmenge von Arbeit sich angehuft hatte! Ganz wie frher, vor
seiner Erkrankung, als sei alles noch wie ehedem, arbeitete der General.
Er versuchte es sogar mit einer Zigarre, lie sie aber bald wieder
ausgehen. Die Schriftstcke flatterten in seinen Hnden.

Weibach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt bis jetzt alles
ruhig. Nach ihm erschien der hnenhafte Major Wolff in der Tre, mit
einer dicken Mappe: Entscheidungen, die der Vertreter des Generals nicht
zu treffen gewagt hatte.

Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausfhrlich ein, er verlor
sich in Einzelheiten. Hier mute nochmals erinnert werden, hier empfahl
es sich, dringlich zu werden, hier war telegraphisch die Entscheidung
der hchsten Stelle zu erbitten. Major Wolff notierte. Diese
Angelegenheit aber wollte der General persnlich erledigen. Das
Befinden? Ja, danke -- um vieles besser, man kann wieder anfangen!

Wieder war der General allein, in seine Arbeit vertieft. Die
Schriftstcke wehten in seinen Hnden. Kein Laut, nicht ein einziger
Laut!

Auf den Korridoren die Truppen, an allen Fenstern Stahlhelme, an den
Eingngen schwere Maschinengewehre mit Munitionsksten. Das Amt eine
Festung, die nur mit Geschtzen genommen werden konnte.

Frhlichkeit und Gelchter bei den Drillichkitteln in den Schreibstuben.
Lat sie klingeln, mgen sie ruhig klingeln!

Das Telephon.

Ruhe, Kameraden!

Die Maikfer haben soeben Rot gehit!

Hurra!

Lat sie klingeln, ruhig klingeln. Gelchter, Lrm.

Aber in dem groen Arbeitssaal des Generals, hinter den Doppeltren, den
Doppelfenstern, den zugezogenen Vorhngen -- kein Laut. Die Feder, das
leichte Keuchen und Rasseln beim Atemholen, nichts sonst.

Wieder tritt Weibach ein. Seine Sporen klingen, der General sieht auf.
Er erschrickt: ein Gesicht aus Kreide, mit blauen Lippen. Der Fernspruch
flattert in Weibachs Hand.

Und der General erhebt sich.

Sein gelbes Gesicht wird fleckig, seine schlaffen Backen zittern. Das
breite Gesicht wird langsam grau, grau wie der Staub der Landstrae.

Er neigt den Kopf. Danke.

Die Sporen singen, lautlos schliet sich die Tre.

Immer noch steht der General, den Blick auf das Parkett geheftet. Auch
seine Hnde sind grau geworden.

Entflohen --

Ja, er sieht -- pltzlich, merkwrdig genug! -- Tribnen, schwarz von
Menschen, elegante Wagen fahren heran, Damen, Orden glitzern,
Federbsche wehen. Fremdlndische Uniformen, Glanz, Pracht -- und die
Truppen ziehen vorbei -- endlos. Die Musikkapellen schwenken ein und,
gleichmig wie die Wellen der Brandung, rauschen die Regimenter in
tadelloser Haltung vorbei. Und hinten, weit hinten stehen sie auf dem
Feld, unbersehbar, anzusehen wie farbige Beete eines unendlichen
Blumengartens -- und alle Augen sind auf den Mann zu Pferd gerichtet --
_alle_. Eine Frhjahrsparade.

Entflohen --

Desertiert --!

Da beginnt das Parkett zu kreisen, die Wnde schwingen. Die Vorhnge
flattern und verschwinden. Nebel kreist, in endlosem, kreisendem Nebel
steht das graue Steingesicht und zittert. Die grauen Finger klammern
sich an den Schreibtisch.

Stille. Er steht allein, inmitten der Unendlichkeit, ein Punkt im
Nichts, ein Pnktchen, das immer kleiner wird, schrumpft.

Aber da -- hrst du: Lrm, Brausen, Schritte wie von Hunderttausenden,
Rufe, Gesang --

Allmhlich, ganz allmhlich kehrt das Bewutsein des Generals aus dem
schauerlichen Sturz in das unendliche Nichts zurck. Er lauscht. Ein
Schritt mahlt, drunten, tausendfltig. Brausen umtost das stille, rote
Gebude, hunderttausendfltig. Er vermeidet es ans Fenster zu treten, es
wre seiner unwrdig. Aber sein Herz pocht in hchster Erregung. Jeden
Augenblick knnen die Maschinengewehre hmmern -- jede Sekunde -- da!
Rufe, Tosen, ein unerklrliches Splittern, als ob dnne Balken, Bretter
zerbrchen. Was ist das? Nichts. Die Rufe entfernen sich, der Tritt der
Hunderttausend, unter dem das rote Backsteingebude erzitterte, entfernt
sich. Wieder Stille. Gott sei Dank, ohne Blutvergieen. Die Masse war
vernnftig.

Aber diese Luft erstickt. Sie ist Blei, Eisen, sie lastet auf den Hnden
wie Gewichte.

Da erschien wiederum Weibach in der Tre. Noch weier sein Gesicht.

Der General richtete sich auf. Breitbeinig stand er mitten im Zimmer,
die Fe auf das Parkett gepret, um nicht zu fallen.

Mit einem Blick bersah er _alles_!

Die Tren standen offen -- alles leer. Leer die Flucht der Arbeitszimmer
der Offiziere -- keine Seele mehr. Uniformrcke auf Sthlen und
Schreibtischen. Weibachs kreidiges Gesicht -- und Weibach trug Zivil
. . .

Die Wnde biegen sich, wlben sich, schon strzen sie ber ihn --

Es ist Zeit, Herr General!


4

Unbersehbar die Menschenmenge vor dem Reichstagsgebude, Kopf an Kopf.
Kopf an Kopf zwischen den hohen Sulen. Da tritt eine Gestalt vor,
schwingt den Hut -- Brausen! Brausen, die Riesenstadt jubelt.

Das rote Gebude aber liegt tot! Verdet die Korridore. Die Tren stehen
alle offen, leer die Zimmer. Verschwunden die Stahlhelme,
Gewehrpyramiden und Maschinengewehre. Alles leer, ausgestorben. Nur die
groen Ballen sind geblieben, die alle Gnge des weiten Gebudes
berschwemmten. Die Ballen mit den Karten ferner Lnder, ferner
Provinzen -- der Peipussee, der Kongo . . .

Langsam steigt der General die Treppe ins Foyer hinab. Er berhrt mit
der Hand das Steingelnder, zum erstenmal.

Soeben fhrt Schwerdtfeger die graue Limousine aus dem Hof auf die
Strae.

Schnell! ruft er, mit einer ungeduldigen, respektlosen Kopfbewegung.
Die Augen des Generals erweitern sich. Wie? Er hat noch immer nicht
begriffen.

Da! Da!

Aber was ist das?

Der General taumelt zurck.

Ein Auto, ein grauer, offener Wagen, rast, fliegt -- kein Wort -- er
schnellt in langen Stzen ber den Asphalt, wie eine startende
Flugmaschine hebt er sich in die Hhe, die Funken stieben aus den Pneus.
Matrosen! Und es flattert, weht -- eine rote Flagge! Verschwunden.

Noch immer taumelt der massige Krper des Generals.

Ja, jetzt hat er begriffen. Die zerbrochenen Gewehre auf dem Pflaster --
die Truppen haben sie aus den Fenstern auf die Strae geworfen -- das
war das unerklrliche Splittern, das er gehrt hatte, als zerbrchen
dnne Balken. Und der tobende Lrm in der Stadt -- jetzt begriff er.

Der greise Portier schlo den Wagenschlag.

Seine weien Haarstrhnen flatterten im Wind, als die Limousine abfuhr.
Er hatte die Mtze abgenommen. Nein, nicht wie der alternde Moltke sah
er heute aus, mit seinem Frauengesicht. In seinem abgeschabten Mantel,
mit seinem dnnen Hals, seinen weien, flatternden Haarstrhnen, seinem
hohlen Blick erschien er in diesem Augenblick wie ein alter Lmmergeier,
wie man sie in den zoologischen Grten sieht.

Aber weiter, weiter! Schwerdtfeger biegt ab. Eine Mauer von Menschen.
Der Motor drhnt. Die Limousine jagt durch den Tiergarten, weiter, immer
weiter. Schwerdtfeger versucht die Tiergartenstrae zu erreichen --
unmglich. Wiederum Zge von Menschen. Rote Flaggen.

                   *       *       *       *       *

Schon knattert es in den Straen!

Hauptmann Wunderlich lehnt sich mit dem Rcken gegen die Hauswand, auf
seine beiden Krckstcke gesttzt. Der Rest von Farbe weicht aus seinem
zuckenden Gesicht, er stammelt. Verwegen aussehende Matrosen umstehen
ihn.

Schsse knallen in nchster Nhe. Mit schwerem Klatschen strzt ein
Krper zu Boden.

Schon gut, wir sehen ja! Aber Sie knnten doch Unannehmlichkeiten
haben, Herr Hauptmann!

Und ein Matrose schneidet Hauptmann Wunderlich mit einem langen Messer
die Achselstcke ab.

Dies geschah Ecke Linden und Wilhelmstrae.

Die Wilhelmstrae lag, wie immer, ruhig. Ruhig und unbeteiligt vor dem
Kriege, ruhig und unbeteiligt whrend des Krieges und auch jetzt -- ganz
still!

Nur zuweilen ffnete sich eine Tre, vorsichtig, vorsichtig, ein Kopf
sphte -- und dann eilte jemand mit einer Mappe unter dem Arm rasch die
Wilhelmstrae hinab. Gamaschen, Lackschuhe, die Monokel waren in den
Westentaschen verschwunden. Manche gingen so rasch, da sie ber die
eigenen Fe stolperten. Auch einige Seidenhte glitten rasch aus den
Toren, pomadisierte Scheitel, bis in den Nacken durchgezogen. Ein
hagerer Elegant stelzte eilig ber die Strae, Percke, mikroskopisches
Schnurrbrtchen unter der Hakennase, ganz kurzes berzieherchen, er
schlenkerte hchst eigentmlich mit dem rechten Knie: vor dem Kriege
Botschafter . . .

Auch der Geheime Rat Westphal eilte mit seiner Mappe aus einer
Trspalte. Er wagte es nicht einmal, einen Blick in die Richtung der
Linden zu werfen. Sein dnner Chinesenbart wehte. Schon war er um die
Ecke verschwunden.

Hinter ihm her eilte Professor Salomon -- mit dem Krbiskopf und den
abstehenden Ohren. Er hatte den steifen Hut tief ber die Glatze gezogen
und den Mantelkragen hinaufgestlpt. Er pfiff vor sich hin, tat
unbekmmert. Aber fortgesetzt drehte er sich um, dann wagte er sogar ein
paar Sprnge . . .

Kommen Sie, Herr Geheimrat --

Ah, Sie sind es! Sie haben mich tdlich erschreckt!

Ja, keine Kleinigkeit -- wie?

Gewi, keine Kleinigkeit, groer Gott im Himmel!

Und ganz berraschend!

Ein Blitz aus heiterem Himmel, frwahr!

Trotz mancher Symptome -- -- da, da! -- haben Sie gehrt?

Ja, ganz in der Nhe! Rasch, rasch! Nichtsahnend komme ich heute morgen
ins Amt -- wir besprachen gerade in aller Ruhe die politische Lage --
England soll geneigt sein, eine wohlwollende Haltung gegen uns -- -- da
-- schon wieder!

Wir werden versuchen, die Leipziger Strae zu berqueren -- kommen Sie.
Ob wohl noch Zge fahren?

Sie reisen?

Ja, aufs Land, auf mein Landgut . . .

Ah, wie schnell Sie gehen!

Man mu eilen. Jede Minute ist unter Umstnden entscheidend fr Tod und
Leben. Lesen Sie die Geschichte der Revolutionen . . .

Kreuz und quer jagt Schwerdtfeger. Endlich hlt er und reit die Tre
auf: Rasch, rasch! Willenlos gehorcht der General -- und schon fhrt
Schwerdtfeger davon.

Ein Zebrakittel! Bitte Exzellenz!

Petersen! Schwerdtfeger hatte ihn vor der roten Backsteinvilla in der
Lessingallee abgesetzt, weil er nicht weiter konnte.

Der General zgerte. Aber auch in der Lessingallee Trupps von Menschen,
die im Sturmschritt dahineilten.

Er trat ein -- beschmt. Taumelnd tastete er sich vorwrts. Petersen
mute an den Hauptmann denken, der immerfort sagte: Ach, wie dunkel es
ist -- ich sehe etwas schlecht . . .

Ich werde nicht lange stren, Petersen, stammelte der General. Nur
einen Augenblick -- wir kamen nicht weiter.

Gndige Frau werden sehr bedauern --

Immerhin, ein Glcksfall an diesem Tage! Dora war nicht hier. Der
General atmete auf.

Gndige Frau reiste gestern ab -- nach Pommern, aufs Land, zu einer
Familie Olsen. Bitte Exzellenz Platz zu nehmen, ich werde sofort ein
Glas Wasser bringen.

Olsen, sagten Sie?

Ja, Olsen. Darf ich nun bitten -- eine Sekunde -- Exzellenz sind ganz
bla geworden . . .

Und Hauptmann v. Dnhoff?

Petersen tat erstaunt.

Er wohnt schon seit einiger Zeit nicht mehr hier. Er verlie uns,
mitten in der Nacht. Aber gndige Frau werden sehr bedauern --

Am Nachmittag verlie ein Gutsbesitzer die rote Backsteinvilla in der
Lessingallee. Oder auch ein Jger, wie man will, dem uern nach
jedenfalls eine Persnlichkeit aus der Provinz, die in Berlin von der
Revolution berrascht worden war. Dieser Gutsbesitzer trug einen nach
Kampfer riechenden, kurzen, altmodischen Jagdrock aus braunem Tuch, mit
groen Taschen, schweren Lederknpfen, und einem schmalen, schon etwas
abgeschabten Pelzkragen. Ferner einen weichen, olivgrnen Hut, mit einer
krummen Hahnenfeder hinten, wie Jger ihn tragen.

Kaum hatte der Gutsbesitzer die Villa verlassen, so verschlo Petersen
die Haustre und lie smtliche Rollden herab.

Immer noch blendete und funkelte die Sonne am wolkenlosen Himmel. Der
Himmel selbst strahlte Verheiung.


5

Platz gemacht!

Platz!

Die Autos rasen.

Weite graue Mntel, Soldatenmntel, flattern eilig durch die Straen.
Hier, dort, berall. Es sind Hunderte, Tausende. Voller Lehm, voller
Staub, der Kalk der Champagne, der Schlamm von Flandern, mit Blut
befleckt, versengt von den Granaten, von den Gasen gebleicht,
durchlchert -- die weiten flatternden Mntel haben die Stadt
berflutet.

Und die Autos rasen dahin, mit Trauben von schweitriefenden Menschen
behangen. Auf den Trittbrettern kauern sie, auf den Motorhauben, den
Schmutzflgeln, mit Gewehren und Handgranaten. Die roten Fahnen knattern
-- so rasen sie dahin.

Platz gemacht!

Es sind die Jungen, die gekommen sind, die neuen Gesichter, die Khnen
und Wollenden.

Gegrt Ihr Khnen, Wollenden, gegrt!

Vorboten des kommenden Menschen, gegrt! Ihr Lufer, die dem neuen
Reiche vorauseilen, ihr Hoffenden, Starken, Liebeglhenden, gegrt
. . .

Ackermanns weiter Mantel flattert zwischen den roten Flaggen, die die
Linden hinabrasen. Schsse knattern. Staub fhrt aus der Stadt.

Feuer speit der Vulkan und die Erde bebt -- --

Verloren -- alles, in einer einzigen Stunde . . .

Und die Armee auf dem Rckmarsch! Regimenter, Divisionen, Korps --
Hunderttausende, ja Hunderttausende. Hunderttausende -- Millionen!
Hunderttausende von Pferden und Wagen, Zehntausende von Geschtzen --
die Straen berschwemmt, Schulter an Schulter, keuchend, Rad an Rad,
krachend, Pferdeflanke an Pferdeflanke, mit Schaum bedeckt -- Tag und
Nacht, Nacht und Tag -- jetzt in dieser Minute --

Der General findet keinen Schlaf mehr.

Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer Wanderung, Schauspiel, unerhrt in
der Geschichte, er _hrt_ sie! Er sieht die Flugzeuge, die ber den
Landstraen kreuzen und die Marschbefehle abwerfen.

Eine Stockung, und Hunderttausende sind dem Hungertode verfallen!

Eine Stockung, und Hunderttausende fallen in die Hnde des
nachdrngenden Feindes -- seine Vortrupps heben sich am Horizont ab!

Eine Stockung, und Panik erfat Hunderttausende, die Riesenarmee
zersplittert in tausend Stcke und Banden von Verzweifelten wlzen sich
durch die deutschen Lande!

Ein Wunder . . . ein Wunder an Manneszucht und Ausdauer allein --
Europas Schicksal hing an einem Faden!

Nein, kein Schlaf kommt mehr in die Augen des Generals!

Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer beispiellosen Wanderung --
beispiellos und unerhrt -- aber er sieht auch, da sie rckwrts
wandert.

_Rckwrts!_

In Eilmrschen, vom Gegner diktiert!

Niemals, niemals -- unfabar!

Irgendwo brennt eine elektrische Lampe, und zuweilen kriecht das graue
Antlitz durch einen dunkeln Spiegel.

Unfabar, ganz unfabar!

Der General stottert, er findet die Worte nicht mehr -- seine fahlen
Lippen bewegen sich, ohne einen Laut hervorzubringen . . .

Und hinter den dunkeln Vorhngen, hinter den herabgelassenen Rollden,
horch! Ja, wieder!

Da ist er wieder! Er mahlt.

Der Schritt! Hunderttausendfltig, ohne groen Lrm, wie ein Volk, das
aufgebrochen ist und seinem Ziele zuwandert -- ohne sonderliche Eile,
denn es wei, da es sein Ziel erreichen wird. Dieser Schritt verfolgt
ihn. Tag und Nacht wandert der Schritt der Hunderttausend an seinem
Fenster vorbei. Eine Armee ist aufgestanden und wandert. Eine Armee, die
irgendwo verborgen lebte. Wo waren sie bis heute? Er hatte sie nie
gesehen. Lebten sie in der gleichen Zeit, in der gleichen Stadt? Ja,
weshalb sah er sie nie? Die Vielen, die Unbekannten -- mit diesen Augen,
die nicht Augen von Menschen waren, von Wlfen, Fchsen, Adlern und
Geiern. Mit diesen Gesichtern, die er frher nur in Trumen sah. Wo
hatten sie gelebt bisher, wo hatten sie sich verborgen gehalten?

Horch! Woher? Wohin?

Endlos, ohne Aufhren wandert der Schritt der Hunderttausend. Selbst im
kurzen Schlaf der Erschpfung hrte er ihn.

Der General nimmt den weichen Hut, und das graue Steingesicht -- grau
wie der Staub der Landstrae -- erscheint in dem kleinen, kahlen
Vorgrtchen.

Die Augen der Wlfe und Fchse, die stechenden Augen der Geier gleiten
prfend ber das breite graue Gesicht, und ihr Blick dringt in die
Dunkelheit der schwarzen Augenhhlen. Da aber beginnt es in den
Dunkelheiten dieser finsteren Augenhhlen zu glhen und zu sprhen --
noch ist es nicht _so weit_!

Ein neues Geschlecht, ein verborgenes, unbekanntes, ungeahntes, nie
gesehenes, war aus der Erde gestiegen.

Rufe, Schreie branden ber den mahlenden Strom der Neuen, Niegesehenen
dahin. Der General versteht sie nicht. Fahnen, Plakate, Inschriften,
unverstndlich. Lieder, Gesang -- unverstndlich.

Still steht er -- ja, wie ein Baum, die Bltter sind gefallen, ein
kahler Baum, und ringsum ist nichts, nichts, Nebel, soweit das Auge
blicken kann. Und der Baum frstelt, krmmt sich im Wind.

Endlos, in Wahrheit! Die Erde hat sich geffnet und die Lava strmt --
langsam und ohne jedes Ende.

Schon wandert er neben dem endlosen Strom dahin und verliert sich in den
Straen. Die Hnde in den weiten Manteltaschen des altmodischen
Jagdrocks, den weichen Hut in die Stirn gezogen -- und den Schnurrbart
hat er etwas gestutzt, nicht viel, einen, zwei Daumen breit.

Straen ohne Ende wandert er hinab. Er berquert Pltze, blickt in
Seitengassen. Sein dsterer Blick zuckt ber die Zge der Demonstranten.
Nicht einmal die Autos mit den roten Fahnen lt er vorberfahren, ohne
die Gesichter zu prfen. Aber er lt sich nicht entmutigen, weiter,
hinab die Strae, hinauf -- er _sucht_.

Ja, er sucht!

Die Straen sind berschwemmt von Menschen. Die Dmme sind gerissen, die
Flut splt durch die Stadt. Aus den Vorstdten, aus den Fabriken, die in
den Nchten -- in wie vielen endlosen Nchten! -- gleiten, waren sie
gekommen, die gelben Gesichter, die Arme vom schlechten l zerfressen,
die Augen entzndet von der stechenden Flamme der Bogenlampen. Auch die
Bleichen und Fahlen, die den Tag seit Jahren nicht sahen, waren
gekommen. Auch sie waren gekommen, die sich von Rben und faulen
Kartoffeln nhrten, whrend der Kellner in Stifters Diele Geheimnisse in
das Ohr der Gste raunte. Auch sie waren gekommen, die noch die Lgen
glaubten, whrend die Eingeweihten schon lange die Wahrheit kannten.
Auch sie waren gekommen, die ihren dnnen, abgescheuerten Ehering
opferten, whrend in den Schlssern die Leuchter aus schwerem Gold und
Silber auf den Tafeln standen. Auch sie waren gekommen, die Elenden, die
nicht einmal mehr ein Hemd auf dem Leibe trugen.

Von da drauen -- da drauen -- --!

Die Hohlugigen, die Vergessenen, die Ausgespieenen, die lebendig
Begrabenen, die Verfehmten, die Gemarterten, die Gekreuzigten -- ja, von
ihren Kreuzen waren sie gekommen.

Auch die Frauen waren gekommen, die die Frucht ihres Schoes, ohne zu
feilschen dem General hingegeben hatten.

Auch sie waren gekommen, die Frauen, deren Mnner lngst in den
Massengrbern moderten, auch die Mtter waren gekommen, die ihre
Suglinge an der versiegten Brust sterben sahen.

Auch sie waren gekommen, die Wahnsinnigen, die Krieg und Not um den
Verstand gebracht hatte, auch sie, die Sterbenden, erschpft zu Tode von
Gram und Mhsal, auch sie schlichen auf zitternden Beinen dahin. Auch
die Verzweifelten, die das Leben nur noch nach Stunden maen, auch sie
waren gekommen.

Auch die Tapferen waren gekommen, die Mutigen, die selbst in den
furchtbaren Jahren nicht den Glauben an den Sieg ihrer Sache verloren
hatten. Gepriesen sei ihr Name!

Geboren von Mttern? Gezeugt in Betten? fragte der General.

Ja, natrlich, was fr eine Frage, geboren von Mttern. Gezeugt in
Betten und berall, hinter Zunen, auf den Bnken der ffentlichen
Grten -- was fr eine Frage, als ob es darauf ankme?

Die Erde war geborsten, und sie kamen heraus. Die Formlosen,
Ungeformten, selbst noch Erde. Die Verschtteten waren ans Licht
gekommen, die Explosion hatte sie befreit. Die Kasernen und Zuchthuser
waren geborsten. Auch die Schutzhftlinge -- Tausende und aber Tausende,
die im Wege waren -- sie waren frei. Auch jener Inder, den ein Geheimer
Rat drei Jahre in Schutzhaft hielt, er war frei, und sein Peiniger
bestellte ihm ein Hotelzimmer, um selbst rasch ins Ausland zu
entfliehen.

Verschwunden die auf den Mann dressierten Berittenen und die Blauen, die
gleich mit dem scharfen Sbel einschlugen. Verschwunden auch jenes
Polizeigehirn, das eine Bibel von Verordnungen verfat hatte, die jeden
Schritt von der Geburt bis zum Grab regelte. Fort mit ihm!

Fahrdmme und Brgersteige sind berschwemmt. Redner berall. Auf Autos,
Wagen, Karren, Bnken. Der _Stumme_, Jahrzehnte, Jahrhunderte stumm
gehalten, nun spricht er!

Soldaten berall, einzeln, in Trupps, in Scharen, in ihren armseligen,
geflickten Uniformen. Durch das Blutmeer sind sie geschritten, dem
Blutmeer sind sie entstiegen, noch sind sie betubt vom Geruch des
Menschenbluts, schon aber glnzt neue Hoffnung in ihren Augen.

Dster gleitet der Blick des Generals ber sie hin, seine Lippen zucken:
die deutsche Armee --

Er frstelt.

Kriegsgefangene, auch sie sind frei. In Rudeln schieben sie sich durch
das Gedrnge: Franzosen und Russen, Italiener und Englnder, Schotten
und Irlnder, Kanadier, Neger, Australier, Inder, in allen denkbaren
Uniformen. Sie rauchen, kratzen sich die stachligen Backen, spucken aus,
schnattern. Einer humpelt auf seinem Holzstumpen dahin, aber er lacht.
Ja, weshalb nicht? Der Krieg ist gewonnen, der Prsident wird ihn auf
die Wange kssen und ihm eine Blechmnze auf die Brust heften. Sein
Vaterland wird ihm eine Rente aussetzen, zwanzig, dreiig, vielleicht
hundert Franken den Monat, eine Drehorgel wird er gratis erhalten, er
hat keine Sorge mehr.

Schon aber wandeln sie stolz und unnahbar durch die kochenden Straen,
die Brust voller Ordenssterne, mit roten Streifen an den Hosen, Litzen
und Tressen glitzernd und funkelnd: die Sieger! Ein Geruch von Lorbeer
bleibt hinter ihnen zurck.

Von weitem schon erspht sie das Auge des Generals. Rasch begibt er sich
auf die andere Seite der Strae und sieht sie dahinwandeln. _Sie_ also!
Die Wrfel fielen.

Auch in seinen dstersten Trumen -- Ja, oft hatten ihn dstere Trume
geqult, oft schien es ihm, in mden Stunden, als ob es zuviel sei, ja,
trotz der wunderbaren Armee und der herrlichen Organisation, zuviel --
aber selbst in seinen dstersten Trumen hatte er es nicht fr mglich
gehalten, da einst die Uniformen der feindlichen Generalstbe unter den
Linden zu sehen sein wrden.

                   *       *       *       *       *

Hell gegen den funkelnd blauen Himmel, hell und leuchtend flattert die
rote Fahne ber dem Schlo.

Versprechungen -- Lgen, freie Meinung -- Gefngnis, Freiheit --
Karttschen; ja, nun also flattert die rote Fahne auf dem Schlo.

Im Gebude des Reichstags tagt das Parlament der Novembermnner, im
Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus, wo die Greise noch gestern um
Nichtigkeiten feilschten, beraten sie. Wo man nur flsterte, tobt der
Lrm, wo Diener die Stiefel des Unbekannten musterten, kauern die Posten
bei ihren Maschinengewehren. Fort die Gehrcke und Gamaschen, die
Flsterer, die wehenden Greisenbrte und funkelnden Glatzen, die krummen
Rcken!

Hte dich! Wie eine Stichflamme brennt die neue Sonne am Himmel. Sie
stieg empor aus dem weiten Ruland, benetzt von Blut und Trnen. Sie hat
die Weichsel berschritten. Sie wird den Rhein berschreiten. Sie wird
den Kanal berschreiten -- benetzt von Blut und Trnen. Jenseits des
Atlantiks wird sie aus dem Meer steigen, und die Stahlkammern der
Wolkenkratzer werden in der Stichflamme dahinschmelzen -- auch die
Pyramiden der gyptischen Knige sind heute nicht mehr als Steinhaufen
ohne jeden Sinn.

Auch aus den Fluten des Stillen Ozeans wird sie eines Tages auferstehen,
wo die gelben Vlker wohnen.

Die Greise, die Grausamen, die Vermessenen, die die Geschicke der Vlker
lenken, wird sie verzehren, die neue Sonne; ehe sie es gewahr werden --
ehe sie lallen knnen, werden sie nicht mehr sein.

Die Geschichte wird ihre Namen verzeichnen, wie sie den Namen Neros
verzeichnete, der Menschen als Fackeln brannte. Aber vor ihren Namen
wird Neros Name verblassen.


6

Zuweilen glitt ein kecker Soldatenblick ber das graue Gesicht, und ein
keckes Auge versuchte in das Dster unter den grauen Brauen
einzudringen. Ein paar Unverfrorene gingen sogar eine Weile neben ihm
her und musterten ihn von oben bis unten. Das Dster unter den grauen
Brauen erhellte sich, und die Unverschmten entfernten sich schwatzend
und lachend.

Das Gesicht des Generals flammte. Diese Verworfenen! Und doch --
sonderbar: Furcht hatte ihn beschlichen, als sie ihn musterten.

Wieder war ein Blick auf ihn geheftet. Dieser Blick flog einem
dahinfegenden Auto voraus. Er kam aus einem lachenden, heiteren Gesicht,
ein neugierig forschender, gutherziger Blick, und trotzdem fhlte er
ihn.

Dieser neugierig forschende Blick ging aus von einem kleinen Feldgrauen
mit einer winzigen Mtze auf dem Ohr. Er sa, den Grtel gespickt mit
Handgranaten, auf dem Khler des dahinjagenden Autos, das bis zum Rande
gefllt war mit Soldaten und Matrosen.

Es war Hanuschke, in der Tat -- man erinnert sich, der um sein Leben
lief, whrend der General in Stifters Diele Spargel a -- auch er jagte,
der krummbeinige, kleine Hanuschke, mit der roten Narbe zwischen den
Augen, auf diesen Donnerwagen durch die Straen. Er war guter Dinge. Er
lebte und konnte es noch nicht fassen. Und weil er lebte, lachte er.
Niemand wnschte er etwas Bses -- und dieses graue Gesicht, es war ihm
nur so aufgefallen.

Aber er erkannte es nicht wieder, es schien ihm nur, als habe er es
irgendwo gesehen. Und der General, er hatte diesen kleinen Feldgrauen
mit der Narbe zwischen den Augen berhaupt nie erblickt.

Doch, was ist das?

Fahnen, Plakate, und die Fugnger treten zurck. Durch die Linden
gleitet und schwankt eine Prozession, die alle Blicke auf sich lenkt.

Seht!

Auf Krcken, auf Stelzfen schwingen sie sich daher, Dutzende ohne das
rechte Bein, Dutzende ohne das linke Bein, Dutzende ohne Beine. Eine
Anzahl wird von Kameraden auf Karren geschoben, sie sind gelhmt.
Scharen werden von Hunden gefhrt, sie sind blind. Sie haben keine
Hnde, keine Arme, leere rmel in die Taschen geschoben. Ihre armseligen
Uniformen verbergen grliche Verstmmelungen.

Seht, seht, ihr Menschen!

Sie kriechen wie Insekten dahin, sie kriechen wie Krabben, seitlich, sie
humpeln. Ihre Gesichter sind zerschmettert. Sie haben keine Nase, kein
Kinn, ein roter Spalt ist der Mund. Ihre Gesichter sind schwarz- und
blaugebrannt, sie haben keine Ohren, die Hlse sind verdreht, die Kpfe
stehen zur Seite.

Seht, seht, ihr Menschen! Fallt in die Knie!

Ihre Augenhhlen sind Lcher, die Lider darber genht, weie Kugeln im
roten Fleisch. Treu und achtsam trippeln die Hunde, die sie fhren. Seht
ihr Menschen, es sind nur Tiere.

Auch sie sind auf die Strae gekommen. Was hat man ihnen nicht alles
versprochen, in feierlichen Ansprachen, Proklamationen, Erlassen?

Hier also sind sie!

Die Fugnger weichen gegen die Huser zurck und erbleichen. Nur die
Feisten, die im Kriege dick wurden, sie empfinden nichts.

Der General steht mit dem Hute in der Hand.

Wieder kochten die Straen von Menschen und roten Fahnen. Wieder
gerannen sie zuweilen, und es bildeten sich eine Menge Inseln von
debattierenden Menschen.

Die Novembermnner jagten auf ihren Wagen dahin. Lastautos schoben sich
durch das brodelnde Meer der Kpfe, mit Maschinengewehren, roten Flaggen
und Rednern, die zur Menge sprachen.

Drehorgeln, Feldgraue, die Geige spielten auf einer Zigarrenkiste,
blinde Soldaten, die sangen, Soldaten, die tanzten, auf den Hnden
liefen, wie Akrobaten Sthle in den Zhnen trugen -- und Scharen von
Verkufern in grauen Soldatenmnteln, mit Waren aller Art.

Pltzlich aber stoben die Menschen auseinander. Beine eilten, Arme
ruderten durch die Luft, Hte rollten ber den Asphalt. Gewehrfeuer
knatterte. Ein Maschinengewehr feuerte -- und schon waren die Straen
reingefegt. Nur ein paar verwegene Feldgraue sprangen noch an den
Husern entlang, von Torweg zu Torweg.

Lautlos glitt ein graues Panzerauto ber den Asphalt.

Es huschte die Straen entlang und verschwand.

Und schon wimmelten die Straen wieder von Menschen, die Drehorgeln
leierten wieder, die Verkufer waren wieder mit ihren Ksten und
Schachteln zur Stelle, und die Akrobaten begannen von neuem mit den
Sthlen zu arbeiten.

Schon bog ein neuer, unbersehbarer Zug von Menschen, Kopf an Kopf,
brodelnd von Flaggen und Inschriften, in die Strae ein.

                   *       *       *       *       *

Aus diesem unbersehbaren Zug lste sich pltzlich ein rostfarbener
Havelock, ein steifer Hut. Jemand rief, winkte.

Herr Herbst!

Ah, Sie sind es?

Ja, ich! Um Gottes willen --!

Um Gottes willen? Und Sie rufen, schreien meinen Namen -- als ob wir
alte Freunde wren --? Und wie Sie aussehen, du meine Gte!

Ja, wie ich aussehe!

Herr Herbst schob den steifen Hut aus der Stirn, denn er schwitzte vor
Erregung. Sein Gesicht war gertet, die Bckchen gedunsen. Eine rote
Schleife leuchtete an seinem Havelock.

Augenblicklich zerrte ihn Herr Kunze, der schmchtige, semmelblonde
junge Mann eifrig abseits.

Helfen Sie mir, um Christi willen!

Ihnen? Herr Herbst trat zurck.

Kunze nahm den Kneifer ab, putzte ihn aufgeregt und sah sich furchtsam
um. Sein berzieher, sonst suberlich gebrstet, war bestaubt und
verknittert, der grne Plschhut voller Schmutz.

Ja, mir! Seien Sie barmherzig! Nichts zu essen seit Tagen, kein Geld,
kein Obdach, immer auf der Flucht. Wir sind ja gleich am ersten Tage
geplatzt.

Geplatzt?

Ja, unsere Dienststelle. Die Fenster zertrmmert, die Schrnke
zerschlagen, alles verwstet, die Akten auf die Strae geworfen. Wohin
sollen wir uns wenden. Niemand wagt es, sich mit uns einzulassen. Sehen
Sie, hier!

Eine Schramme!

Ein Schlag ber den Kopf! Sie haben mich erkannt, die Gefngnisse sind
ja geffnet worden -- und da haben sie mich erkannt. Sie haben mich
mihandelt und in den Kanal geworfen.

In den Kanal, hahaha!

Sie lachen? Ja, ber die Brcke, aber ich konnte mich an einem Kahn
festhalten -- so sa ich im Wasser, bis sie fort waren. Und gestern, da
haben sie mich wieder erkannt, andere, die Stadt wimmelt von ihnen, und
verfolgt -- durch ganz Berlin. Ich bin gelaufen, schrecklich, um mein
Leben bin ich gelaufen. Ich flehe Sie an, auf den Knien. Helfen Sie
mir.

Ihnen? Hahaha! Die Zeiten haben sich gendert. Die Gerechtigkeit ist
wieder in die Welt gekommen. Ein jeder nach seinen Verdiensten.

Ach, auch Sie hartherzig! Und ich hoffte, Hoffnung erfllte mich, als
ich Sie sah. Ich habe keine Wohnung, kann nirgends bleiben. Ach, Sie
ahnen es ja nicht! Wissen Sie, wo ich schon in diesen Nchten geschlafen
habe?

Kunze zerrte Herrn Herbst in ein Haustor und flsterte.

Ist es zu glauben, da ein Mensch da schlft? Eine barmherzige, alte
Frau. Erst morgens konnte ich wieder heraus. Gewhnlich schlafe ich
zwischen Bretterhaufen, klettere ber Zune. Dann kommen pltzlich Hunde
-- entsetzlich! Wieder glitt Kunzes Blick furchtsam ber die beiden
Soldaten, die hinter dem kleinen Herrn Herbst aufgetaucht waren und ihm
berallhin folgten.

Schlimm, sehr schlimm! sagte Herr Herbst mit einem spttischen
Zwinkern der kleinen entzndeten Augen. Und _ihn_? Haben Sie _ihn_
schon gesehen?

Ihn? Wen?

Nun ihn, den ihr vom Dache -- da, am Anhalter Bahnhof --?

Wie? Wie? Was --?

Ja, ich habe ihn gesehen!

Wie? -- Sie machen mich irrsinnig!

Ja, gesehen. Nicht er ist es, natrlich nicht. Ihr habt ihn ja gettet.
Aber sein Bruder. Ein Jger! Sieht genau so aus wie er -- ich dachte es
im ersten Augenblick. Nur etwas jnger. Und die Dame -- Sie erinnern
sich -- _jene_ Dame?

Natrlich. Wir hatten wenig solch interessante Flle.

Ja, auch sie habe ich gesehen. Hier, sehen Sie, dieser Zettel. Hier.
Kunzes Spitzelaugen funkelten. Sie fuhren zusammen auf einem Auto --
auf einem Auto mit roten Flaggen -- und warfen diese Zettel auf die
Strae.

Gott stehe mir bei --

_Ihm_ drfen Sie nicht in die Hnde fallen! Auch _ihr_ nicht!

Helfen Sie mir um Christi willen. Retten Sie mich!

Hahaha!

Geben Sie mir Geld, damit ich entfliehen kann.

Und einmal wollten Sie mich verhaften!

Ich wei es!

Meine Wohnung haben Sie an sich gerissen und entweiht. In eine
Irrenanstalt wollten Sie mich bringen lassen -- drohten mir, verfolgten
mich auf Schritt und Tritt. Sagten, ich sei geistesgestrt.

Kunze wischte sich den Schwei von der Stirn.

Alles Befehl, stammelte er, und hielt Herrn Herbst am Mantel fest. Es
wurde befohlen, und ich mute gehorchen. Man htte Sie ja sofort in ein
Irrenhaus gebracht, weil Sie diesem hohen Offizier lstig wurden -- ich
aber brgte fr Sie, setzte mich fr Sie ein, aus Mitleid . . .

Und in die Zwangsjacke wollten Sie mich stecken lassen! Ja, jedem wird
gemessen werden nach seinen Verdiensten, Gerechtigkeit herrscht wieder
in diesem Lande. Ich darf wohl bitten!

Auf den Knien, Herr Herbst, verehrtester --! Kunze klammerte sich an
den Havelock.

Da aber wandte Herbst den Blick auf die beiden Soldaten, die nicht von
seiner Seite gewichen waren. Ein Blick nur, aber er gengt!

Augenblicklich trat einer der beiden Trabanten vor.

Was will er denn? fragte eine tiefe, rauhe Stimme.

Kunze prete den Kneifer auf die Nase, lpfte den grnen Plschhut, und
schnell, schnell verschwand sein dnner berzieher in der Menge.

Schon schwang Herr Herbst wieder den steifen, verschwitzten Hut und
schrie, rot vor Erregung: Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!

Schon waren er und seine zwei Trabanten wieder mit dem endlosen Zuge
verschmolzen, der sich breit durch die Strae wlzte.

Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder! schrien seine Trabanten. Tag fr Tag
trotteten sie schwitzend und aufgeregt durch die Straen. Jedem Zug,
einerlei welcher politischen Partei, schlossen sie sich an.

Seine beiden Trabanten waren: ein kleiner, stmmiger, etwas
ausgewachsener Infanterist, eine Grabentype mit weitem Mantel,
Transportarbeiter von Beruf, der einen Konzertflgel auf den breiten
Schultern trug, und ein hagerer Artillerist mit schwarzem Schnurrbart,
schwarzen Brauen, schwarzen, wirren Haaren und schwarzen Augen, einer
kleinen, runden Mtze und einem braunen, gestrickten Wollkittel mit
Perlmutterknpfen. Herbst hatte die beiden auf der Strae gefunden und
sie adoptiert, mit einem Wort. Sie waren seine Gste im Lwen von
Antwerpen, er ernhrte sie, sie tranken, und er bezahlte.

Dafr waren sie ihm aber auch blind ergeben. Sie lasen die vergilbten
Briefe, die er in seiner Tasche trug -- lasen -- verstanden -- sofort!
Sie kannten ja das alles, kamen selbst von da drauen und wuten wie es
zuging. Aufmerksam hrten sie zu, wenn er von Robert erzhlte -- von dem
Sturmangriff am 5. August, und schon am 4. war kein einziger
zurckgekommen. Stundenlang hrten sie zu und immer wieder. Die Augen
quollen aus ihren Schdeln.

Der schwarze Artillerist erhob sich, ergriff die Flasche und schlug
damit auf den Tisch.

Sage ein Wort -- ein Wort gengt! Du brauchst nur zu sprechen! Und er
warf lssig ein feststehendes Messer mit Hirschhorngriff auf den Tisch.

Auch der stmmige Infanterist erhob sich und schob den breiten Nacken
vor.

Du kannst dich verlassen auf uns. Soll es morgen sein?

Ich werde schon -- wartet nur, Geduld.

Und der hagere, schwarze Artillerist tanzte auf seinen langen Beinen,
schwang das Glas und sang mit rauher, tiefer Stimme seinen Trinkspruch:
Licht aus, Messer raus! Haut ihn!

Und nun tranken sie alle drei die Glser leer.

Ja, blind ergeben.

Vorlufig aber trotteten sie geduldig in diesem endlosen Zug unbekannter
Menschen.

Hoch! Hoch! schrie Herbst und hob den steifen Hut.

Hoch! Hoch! schrien die Trabanten und schwangen die Mtzen.


7

Schon wird es Nacht.

Der Wind pfeift durch die Linden, die Fenster klirren. Qualm schlgt aus
den Husern, die Stadt raucht. Der Wind braust um das dstere Schlo,
die Sulen wanken. Die Rosselenker am Portal knicken zusammen unter den
Hufen der Rosse. Aber pltzlich wird es still, ganz still, der Wind
schweigt, und ein eisiger Luftstrom schiebt sich ber die Linden dahin,
ein wandernder Block von Eis.

Dunkle Wolken fliegen ber die Stadt, schwarz, eine hinter der andern --
wie sie jagen! Gespenstisch!

Ja, gespenstisch, es sind die Toten, die Gefallenen, die ber die Stadt
dahinjagen und auf den Wolken stehen. Die Klte des Grabes fllt aus
ihren grauen, vereisten Soldatenmnteln. Denn sie lagen lange in der
kalten Erde.

Der General erschauert, er zieht frierend den Mantel mit dem blutroten
Aufschlag ber der Brust zusammen. Er sieht die Toten nicht da oben auf
den schwarzen Wolken, aber er fhlt die entsetzliche Klte, die sie
mitbringen.

Feuer spritzt vor seinen Fen, ein Insekt schwirrt zischend an seinem
Ohr vorbei. Schsse knallen.

Nein, nicht der Mantel mit den blutroten Aufschlgen, er ist in Zivil,
aber er hatte es fr Augenblicke -- wie lange? -- vergessen.

Aus den finstern Straenschluchten blasen Feuerfunken, aber der General
frchtet die Kugeln nicht. Er wendet ihnen die Stirn zu, er ffnet die
Augen und blickt ihnen entgegen, er bietet ihnen die Brust dar und
bleibt sogar stehen. Unbeirrt verfolgt er seinen Weg. Nur die
entsetzliche Klte, die aus den jagenden schwarzen Wolken fllt, erfllt
ihn mit Schaudern.

Licht in einer dunkeln Straenschlucht. Ein totes Pferd liegt auf dem
Pflaster. Schatten umdrngen den Kadaver, Soldaten und Weiber mit
Messern. Sie zerlegen das Pferd und wickeln blutige Fleischstcke in
Zeitungsfetzen und Schrzen. Dort an der Ecke ein Auto mit dem Zeichen
des Roten Kreuzes. Eine helle Bahre gleitet durch den Lichtschein.

Und wiederum Finsternis, ohne Ende. Die Straen sind dunkle Katakomben,
Riesenschatten tanzen ber die verlassenen Pltze, Schrecken lauert in
den finstern Haustoren. Manche Straen sind wie mit Schnee bedeckt. Das
sind die Massen von Zetteln und Aufrufen, die tglich auf die Stadt
niedergehen. Der Fu des Generals raschelt in ihnen. Da! Der Schrei
eines getroffenen Menschen. War es eine Frau? Ja, eine helle Stimme. Und
das Feuer prasselt. Der Widerhall klopft an den Huserwnden. Der
Widerhall klopft im Herzen des Generals. Jede einzelne Kugel trifft ihn
ins Herz. Zu Ende! Alles zu Ende! Schon tten sie sich gegenseitig.

An den Straenecken ist ein Plakat angeschlagen: Berlin, halt ein, Dein
Tnzer ist der Tod!

Ja, zu Ende --

Der Schritt des Generals stockt. Mitten auf dem Trottoir liegt, Arme und
Beine von sich gestreckt, in einer Lache von Blut, ein toter Matrose.
Rasch geht der General auf die andere Seite. Aber schon wieder
erschauert er. Etwas weht feuerrot in der Dunkelheit, etwas fliet
schimmernd wei dahin, blitzschnell. Sein Herz bleibt vor Schrecken
stehen. Gespenster? Gespenster in Berlin? Nein, es sind Masken,
Vermummte, die eilig die Strae entlang huschen.

Tanzmusik und der Lrm eines Balles hinter herabgelassenen Rollden.

Und wiederum Finsternis, Leere, Stille, die Stadt ist tot. Nur dann und
wann klatscht ein Schu. Das Gewehrfeuer prasselt in der Ferne.

Pltzlich empfindet der General deutlich, da irgend etwas nicht in
Ordnung ist. Er fhlt die Nhe eines Menschen.

Ein Schritt wandert hinter ihm! Immer hinter ihm her.

Und auch drben, auf der andern Seite der Strae -- ist es nicht
auffallend? -- schlrfen pltzlich Schritte. Zuweilen, wenn die
Dunkelheit durch einen Lichtschein erhellt wird, sieht er drben zwei
kleine Gestalten dahinkriechen, die mit den Hnden winken.

Und der Schritt knirscht hinter seinen Fersen her. Er berquert die
Strae, der Schritt folgt ihm, er biegt um die Ecke, auch der Schritt
biegt um die Ecke.

Da -- nun sprt er den Atem seines Begleiters im Nacken. Eine tiefe,
rauhe Stimme raunt dicht an seinem Ohre:

Ich kenne dich!

Der General zuckt zusammen. Er eilt weiter, er wagt nicht zur Seite zu
blicken.

Und abermals raunt die Stimme:

General Hecht-Babenberg!

Drben, auf der andern Seite, winken die Arme, winken zwei kleine,
bleiche Hnde.

Der General eilt, aber sein Begleiter eilt mit groen Schritten neben
ihm her. Es macht ihm nicht die geringste Mhe mitzukommen. Schon
beginnen die zwei Kleinen auf der andern Seite zu laufen.

Lauter beginnt die Stimme des Unbekannten zu raunen, und pltzlich zuckt
der General zusammen. Die Stimme hat ein furchtbares Wort ausgesprochen,
ein schreckliches Wort -- unsgliche Beschimpfung.

Nun rufen die auf der andern Seite. Sie winken und schreien: Komm doch,
komm doch!

Da bleibt der Schritt pltzlich hinter ihm zurck. Ein Lachen klingt
durch die finstere, menschenleere Strae. Eine rauhe, hliche Stimme
schreit: Licht aus, Messer raus!

                   *       *       *       *       *

Der General hatte keine Angst vor der Kugel, nein. Aber whrend der
Unbekannte ihm folgte, hatte er in der furchtbaren Angst gelebt, da
pltzlich eine Faust nach ihm schlagen knnte. Unausdenkbare Schmach!
Nur aus diesem Grunde war er entflohen, aus keinem andern.

Wer war es, was wollten sie? Und weshalb dieser furchtbare Schimpfname?
Nie, auf Ehre und Gewissen, niemals hatte er von seiner Truppe mehr
verlangt, als das Interesse des Vaterlandes unbedingt erforderte!

In Schwei gebadet, vllig auer Atem, kam er wieder in belebtere
Gegenden.

Ein Eishauch entstrmte dem dunkeln Tiergarten. Kein Licht, keine
Laterne, nichts. Die Fensterlden der Huser geschlossen, die
Fensterscheiben schwarz. Und schwarze Wolken jagten ber die kahlen
Wipfeln des Parkes dahin. Ein Auto, besetzt von Schatten, flog die
finstere Strae entlang. Unaufhrlich erscholl der warnende Ruf: Strae
frei! Strae frei!

Die dumpfen Detonationen von Handgranaten ertnten drinnen in der Stadt,
irgendwo.

Nacht ohne Ende, Nacht der Schrecken!

Auf der Treppe seines Hauses fuhr der General erschrocken zurck:
Beinahe wre er auf einen Menschen getreten!

Wer war hier? Zitternd stand der General.

Etwas wie ein groer, massiger Tierkrper schob sich schleifend die
Treppe empor. Ein unerklrliches Gerusch, eine Vibration ging von der
dunkeln Masse aus, wie wenn jemand vor Klte zittert.

Der General lauschte, dann rieb er zgernd ein Streichholz an.

Auf der dunkeln Treppe kauerte ein Soldat mit zwei kurzen Krckstcken
unter den hochgezogenen Schultern. Der Krper des Krppels wurde
unaufhrlich von einem schrecklichen Zittern geschttelt. Schmutz klebte
an seinen Kleidern, seine Beinstumpen waren vollkommen vom Straenkot
durchweicht. Ausdruckslos verschwamm der Blick seiner halbgeschlossenen
Augen im erlschenden Licht des Streichholzes.

Der General beugte sich zu dem Krppel herab.

Was haben Sie -- sind Sie krank? fragte er. Er fragte nur, um dem
zitternden Haufen Fleisch einen Laut, eine uerung seines menschlichen
Wesens, zu entlocken. Hastig kramte er in seinem berrock nach Geld, der
Gedanke fuhr ihm sogar durch den Kopf, den Soldaten mit sich ins Haus zu
nehmen.

Der Krppel stie Laute aus wie ein Taubstummer, ein Rcheln entstieg
seinem krampfhaft geffneten Mund.

Wo sind Sie verwundet worden, mein Sohn? fragte der General und beugte
sich noch tiefer herab. Auch er, der Krppel, strmte Klte aus.

Wo? Sprechen Sie doch. Wo?

Mhsam schttelte der Krppel Silben aus dem Mund.

Wo? Ich verstehe nicht.

Aber pltzlich taumelte der General in die Hhe.

Er hatte verstanden!

Nun zitterte er genau wie der Soldat.

Hastig, ohne zu denken, lie er ein paar Geldscheine fallen und stie in
aller Eile die Tre auf. Aber als er ins Haus treten wollte, fhlte er
pltzlich, wie sein rechter Fu von einer Hand umklammert wurde, die ihn
festzuhalten suchte. War der Krppel gefallen, suchte er Halt, suchte er
seinen Dank auszudrcken? Der General stie die Hand von sich und trat
keuchend in die dunkle Diele.

Therese! Oder, was er sonst rief. Jedenfalls rief er etwas, und seine
Stimme klang schrill, wie ein Hilferuf.

Drehen Sie das Licht an, Therese, ich kann den Schalter nicht finden.

Aber augenblicklich wankte der General aus dem Lichtschein.

Quatre vents! Quatre vents!

Von der Hhe kam er, der da drauen --

Lange Zeit sa der General regungslos in irgendeinem dunkeln Zimmer.

Dann klingelte er dreimal. Das bedeutete: so schnell wie mglich
servieren. Er hatte seit dem Morgen nichts genossen. Therese beeilte
sich. Jakob? Wangel? Wohin? In der ersten Stunde waren sie von ihm
gegangen, ebenso wie Schwerdtfeger. Ja, selbst Jakob, dieser biedere
Bauernbursche, dessen Augen aufleuchteten, so oft er ihn ansprach.
Trotzdem -- in der ersten Stunde, mit einem vllig ungltigen
Urlaubsschein, ausgestellt von irgendeinem Soldatenrat.

Als Therese eintrat, sa der General an dem groen, runden Speisetisch,
in seinem weiten grauen Feldmantel, der bis zur Erde reichte, den Kragen
hinaufgestlpt. Er war in sich zusammengesunken. Aber wie sah er aus?
Nicht mehr grau -- schneewei.

Seine Augen starrten.

Einer von der Hhe!

Quatre vents!

Seine starrenden Augen sahen Bndel von roten Leuchtkugeln in die Nacht
steigen -- wie damals, in jener Nacht, als er die Hhe verlor.

Einer von jenen! Wie war er hierher gekommen? Seine Zhne schlugen
aufeinander.

Sehen Sie nach, Therese, flsterte der General, und seine Stimme nahm
bei jedem Wort eine andere Lage an, vor der Tre ist ein Soldat.
Bringen Sie ihn herein.

Und wieder klapperten die Zhne des Generals. Aber Therese kam zurck.
Niemand war auf der Treppe.

Niemand?

Ja, vielleicht hatte er sich getuscht. Wie? Vielleicht war tatschlich
niemand da drauen gewesen?

Also wirklich niemand? -- Haben Sie geheizt, Therese?

Ich werde den Arzt rufen, Exzellenz sind krank, sagte Therese.

Der General schwieg und brtete vor sich hin.

Erst nach geraumer Weile verstand er, was Therese gesagt hatte. Er
drckte auf die Klingel. Keinen Arzt, Therese. Ich bin vollkommen wohl.
Nur mde.

Aber die Gabel entfiel seiner Hand: er schlief am Tische ein. Seine
kreidige Wange lag auf dem Kragen des weiten Feldmantels.


8

Die schwarzen Wolken jagten ber die finstere Stadt dahin. Ohne Ende,
ohne Zahl. Die Toten in ihren vereisten grauen Soldatenmnteln standen
darauf. Die Toten und Gefallenen aus den Massengrbern von Verdun und
Ypern, von Polen und von Ruland, Serbien, Rumnien, von Mesopotamien,
aus den einsamen Friedhfen der Vogesen und der Champagne, die Toten aus
den Argonnen, die Toten von der Somme und die Toten, die aus dem Meere
gestiegen waren.

Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrngt auf den schwarzen
Wolken, die in dieser Nacht ganz Deutschland berzogen. Denn in dieser
Nacht kehrten die Toten zurck.

Horch, sie singen! Hrst du? Ihr Gesang braust! Was singen sie?
Unverstndlich fr die Lebenden ist ihr Gesang.

Die Vorhut der heimkehrenden Armee der Toten hat Berlin erreicht, ohne
Ende ist ihr Zug, noch haben nicht alle den Rhein berflogen. Es sind
Millionen.

                   *       *       *       *       *

Dahinfegte die Limousine. Sie schnellte ber eine Brcke und jagte in
eine endlose schnurgerade Strae hinein. Sie bog um eine Ecke -- und ja,
dies war nun die Lessingallee.

Pltzlich pochte der General wild mit den Kncheln an die Scheiben und
augenblicklich zog Schwerdtfeger die Bremse. Bevor das Auto noch stand,
war der General schon aus dem Wagen gesprungen und lief rasch in die
Strae hinein. Aber auch der kleine Mann in seinem Havelock eilte, so
schnell er konnte, dahin.

Zwei, drei Stze und die wtende Faust des Generals hatte den Havelock
erfat.

Was wollen Sie von mir? Sprechen Sie!

Der kleine alte Mann krmmte sich zusammen.

Was wissen Sie von meiner Tochter. Sprechen sie jetzt -- oder, oder
--!

Da zerflo der kleine alte Mann, wie Nebel. Eine Sekunde noch das
blulich-weie Gesicht, grne Funken, wo die Augen waren -- fort.

So heftig war die Erregung, da der General auffuhr. Er sa bei Tisch.
Allein.

Ohne zu denken, griff er wieder nach Messer und Gabel und bemhte sich,
kleine Stckchen von dem kalten Fleisch auf seinem Teller abzuschneiden.
Er griff nach dem Glas -- aber schon erlahmte wieder die Hand.

Kalt, kalt, die Klte! Es war eisig kalt in diesem Zimmer.

Und doch, der Ofen glhte. Er nherte die Hnde -- deutlich sah er das
Eisen glhen -- aber, wie merkwrdig, keine Wrme. Nun erst, da er mit
den langen Ngeln das rote Eisen berhrte, sprte er einen Hauch von
Erwrmung. Ein eisiger Luftstrom blies ihn an.

Sonderbar -- seit jenem Tage hatte es begonnen! Deutlich erinnerte er
sich noch, wie das schneeblaue Gesicht durch die Scheiben ins Foyer
starrte, an den Briefumschlag sogar, der von hlicher, unangenehmer
grner Frbung war. Seit jenem Tage war die Unruhe ber ihn gekommen.
berall hatte er diesen kleinen geistesgestrten alten Mann gesehen --
vor dem Hause, vor dem Restaurant, ja selbst wenn er einen Blick aus
seinem Arbeitszimmer warf, da stand er auf dem Platze. Sogar in der
Nacht begegnete er ihm hufig.

Ja, er, dieser Unbekannte, hatte den Argwohn in ihm geweckt -- alles war
daher gekommen, allein daher!

Noch heute, noch heute wrde sie, Ruth --

Der Schmerz fra. In seinem weiten Feldmantel, der nahezu den Boden
berhrte, schritt er durch die Zimmer. Auf seinem Schreibtisch lag Ruths
letzter Brief: -- die dich geliebt hat, Papa, und noch immer liebt
. . .

Sie hatte ihm unrecht getan. Alles entsprang doch nur der Sorge um sie,
der Frsorge eines Vaters, dessen Pflicht es erheischte -- Kannst du es
denn nicht verstehen, mein Mdchen? Verhngnis ber Verhngnis. Er, ihn
gettet? Wie? Wie? Ihn, den sie liebte? Er? Aber, wie kannst du nur so
etwas sagen?

Die Stille lauerte. Lauernd und feindselig umstrich ihn die eisige Luft.
Der Brief flatterte pltzlich in seiner Hand.

Ohne jeden Zweifel, er war nicht allein.

Nein, nicht allein!

Wieder glitt der lange graue Mantel durch die Zimmer. Er drehte das
Licht an. Niemand, natrlich. Aber er fhlte einen Blick auf sich
gerichtet und dieser Blick folgte ihm berall hin.

Vorsichtig, mit zitternden Fingern, schob er den Vorhang zur Seite, er
ffnete das Fenster, leise, und sphte durch einen Spalt der Jalousien
hinaus auf die finstere Strae.

Da, da -- sein Herz stockte!

Nein, er hatte sich nicht getuscht.

Da stand er -- der kleine Geistesgestrte, in der Tat! Deutlich sah er
sein faustgroes bleiches Gesicht. Die Augen waren auf dieses Fenster,
genau auf dieses Fenster, auf ihn gerichtet. Er stand mit zwei
Gestalten, zwei Mnnern, einem groen und einem untersetzten. Nun
nherte sich der Groe der Haustre, aber der alte Mann rief ihn zurck.
Sie sprachen: berieten, deuteten auf das Fenster, auf ihn! Dann gingen
sie, zgernd, und die Dunkelheit verschlang sie augenblicklich.

Leise, vorsichtig schlo der General wieder Fenster und Vorhnge. Noch
eisiger war die Luft geworden. Kalter Nebel war durch das Fenster ins
Zimmer gekrochen. Ja, ohne Zweifel, die ganze Wohnung war nunmehr von
Nebel erfllt. Die Wnde rauchten. Sie waren grne geschliffene
Eisblcke, die dampften.

Der Brief Ruths war auf den Boden gefallen und keuchend hob der General
ihn auf. Er war geneigt, ber die politischen Verirrungen eines jungen
und urteilslosen Mdchens hinwegzusehen. Er war geneigt, gewisse
Vorflle zu vergessen -- Irrungen eines jungen und leidenschaftlichen
Herzens. Er war geneigt, Zugestndnisse zu machen, vllige Freiheit
zuzusichern. Forderte sie es, so war er zu jeder Genugtuung bereit. Zu
jeder!

Aber sie sollte zurckkommen!

Ja, zurckkommen. Weshalb kam sie nicht?

Er war alt, sein Leben vernichtet, zermrbt, untergraben, zerstrt, ohne
Sinn, ohne Hoffnung, ohne jede Hoffnung! Er besa nur noch sie, sie
allein -- sonst nichts mehr.

Und er liebte sie! Ja, Ruth, es ist die Wahrheit, ich liebe dich!

Das alles wollte er ihr sagen, sobald er sie traf. Und er wrde sie
finden, ohne jeden Zweifel! Morgen, in aller Frhe schon, wrde er sich
wieder auf den Weg machen. Sie war ja hier, hier in der Stadt,
Wunderlich hatte sie schon zweimal gesehen.

Ja, all das, all das. Und er wrde sie _bitten_ -- nie in seinem Leben
hatte er einen Menschen um etwas gebeten . . . Forderte sie es, von
ihrem alten Vater -- bestand sie darauf -- nun wohl, so war er bereit,
sich zu -- _demtigen_ . . .

Pltzlich taumelte der General, so stark, da er in einen Sessel fiel.
Er griff nach der Brust. Sein Herz --? Was war es --?

In diesem Augenblick aber schrillte die Klingel, zweimal, dreimal, lang,
herausfordernd -- die Haustrklingel.

Schritte kamen durch den Korridor.

Aber schon stand der General unter der Tre. ffnen Sie nicht! rief
er, zitternd in seinem weiten Mantel.

Dumpf grollte es in der Ferne -- ein Geschtz hatte in der Stadt
gefeuert.

Ich werde selbst -- gehen Sie ruhig schlafen, stammelte der General
und Therese schlich wieder in ihre Kche zurck. Immer noch schmerzte
das Herz in der Brust. Allmhlich erst hrte es auf zu zucken. Nun erst
ging der General zur Haustre und bot seine breite Brust der Finsternis
dar. Niemand. Aber dort drben, im Park, schlichen da nicht Gestalten?

Schsse klatschten, und wieder feuerte ein Geschtz in der Stadt.

Sie zerfleischen sich -- wie Wlfe, dachte der General. Und laut rief
er in die Dunkelheit hinein: Ist jemand da?

Hahaha! lachte es aus der Finsternis.

_Hier bin ich! Was wollt ihr von mir?_

Hahaha! Ganz fern.

Niemand. Er verschlo die Tre.

                   *       *       *       *       *

Ein Schritt raste die dunkle Strae entlang. Nein, nicht ein Schritt,
ein Rudel von Schritten. Hinter dem einen rasenden Schritt her jagte
eine Meute klappender Schritte. Geschrei.

Da setzte der Schatten eines schmchtigen Menschen ber die Strae und
verschwand im Gebsch des Parkes. Ein Rudel von Schatten setzte hinter
ihm her. Haltet ihn, haltet ihn, den Spitzel!

Die Stimmen verloren sich.

Kunze keuchte. Eine Sekunde noch und er wre zusammengestrzt.
Meilenweit hatten sie ihn gejagt und alle Wachtposten hatten auf ihn
geschossen.

In Schwei gebadet warf er sich auf den Boden. Da begann der ganze Park
wie ein Hammerwerk zu pochen. Lob und Dank dem Herrn, sie hatten seine
Spur verloren -- ihre Stimmen klangen ferner und ferner. Ein Schrei --
vielleicht hatten sie einen andern niedergeschlagen?

Noch keuchte die Brust, und schon begann Kunze wieder zu laufen. Durch
den ganzen finstern Tiergarten eilte er. Furchtsam mied er Wege, ob sie
breit oder schmal waren. Endlich kam er in eine Gegend des Parkes, die
Sicherheit verbrgte. Es war dicht hinter dem Zoologischen Garten.

Eifrig sphte er in die dunkeln Baumwipfel empor -- ja, hier, dieser war
der richtige. Ein einladender Ast, nicht allzu hoch ber der Erde, aber
doch hoch genug, gerade was er suchte. Hinauf, schon war der Strick
festgemacht, die Schlinge gebunden. So. Und nun rasch! Keine Stunde
lnger war dieses Leben zu ertragen -- ja, schade, er hatte nicht einige
Autos zur Verfgung, um ber die Grenze fahren zu knnen --

Nur noch eine Sekunde, bitte, bis er Atem geschpft hatte -- und dann:
hinab!

In der letzten Nacht hatte er in einer Kanalisationsrhre geschlafen; in
der Lindenstrae, vorgestern in einer Sandkiste beim Halleschen Tor.
Einmal hatten sie ihn schon gefangengenommen -- nein, nein. Schlu! Eine
Sekunde nur -- und dann: hinab!

Die Schlinge um den Hals sa er da, dampfte und keuchte -- zu seinem
Schrecken gewahrte er jetzt, da er sich ganz in der Nahe eines Weges
befand.

Dunkel und schweigend lag der Tiergarten. Eigentlich, bei rechtem Licht
besehen, ein Park fr Selbstmrder, nicht wahr? Eine rhrende Vorsorge
der Stadtverwaltung! Jede Nacht erscho sich hier jemand, erhngte sich
irgendeiner -- fast gab es keinen unbesetzten Baum mehr. In der Ferne,
aus der dunkeln Stadt prasselte Gewehrfeuer, und dann und wann drhnte
ein Kanonenschu. Sie kmpften. Es war nicht gut, ihnen gerade jetzt in
die Hnde zu fallen . . .

Schwarze, gespenstische Wolken jagten ber den kahlen Baumwipfeln dahin.
Das welke Laub raschelte. Zuweilen hrte er auf seinem Ast auch Stimmen
und Gelchter bald nher, bald ferner -- und Gesang. Gesang. Dann
wiederum Schsse. Und sonderbare Laute, Miauen und Bellen, drangen aus
dem Zoologischen Garten.

So also sollte er enden! Was wrde sein Vater, der Pastor sagen? Ein
_Selbstmrder_ in der Familie! Schande, Schmach -- Heimsuchung des
allmchtigen Vaters im Himmel! -- Luxus, schne Frauen -- und der Ruhm?
Es war nichts damit geworden, nein. Gerade als der Krieg ausbrach wollte
er zur Bhne gehen. Hamlet! Den ganzen Hamlet kannte er auswendig.

Sein oder Nichtsein -- flsterte er und hob die Arme.

Beinahe wre er von seinem Ast gefallen.

Dahinwandeln im Licht der Rampe, bewundert, umrauscht vom Beifall --
Briefe schner Mdchen und Frauen -- alles nichts.

Und nun -- das Seitenstechen hatte aufgehrt -- und nun . . .

Da aber hrte er Schritte knirschen. Er erstarrte vor Entsetzen. Kamen
sie wieder? Weshalb hatte er auch solange gezgert?

Zwei Schatten wanderten ber den Weg nebenan. Pltzlich bogen sie in die
Bsche ein. Sie schlichen nher, immer nher. Ja, sie kamen zu ihm, beim
Himmel. Seine Haare strubten sich. Er wagte nicht mehr zu atmen.

Ein Mann und eine Frau, sie lagerten sich unter seinem Baum. Etwas
Weies schimmerte, Flstern, Ksse, Lachen, Geplauder -- leise Schreie
-- eine volle Stunde mute er ohne jede Bewegung sitzen. Endlich gingen
sie wieder.

Nun aber wollte er keine Minute mehr versumen!

Die Dunkelheit begann zu sprhen. Augen ffneten sich in der Finsternis,
erschrockene, entsetzte Augen -- ja zumeist entsetzte -- wenn die Hand
des Gesetzes ausholte! Auch die Augen jenes jungen Mannes, der auf dem
Straenpflaster lag, noch etwas atmete und rief: Alle Vlker sind
Brder!

Ja, auch diese Augen . . .

Kunze weinte. Und pltzlich sprang er, ohne berlegung, -- ein scharfer
Schmerz schnitt in seinen Hals: zu Ende, vorbei --

Aber einen Augenblick spter sa Kunze im feuchten Gras. Er konnte es
nicht fassen, anfangs -- der Strick war gerissen.

Weinend lief er durch den dunkeln Park, den Strick um den Hals.


9

Der General steht ber die Karte gebeugt, entschlossen und eisig seine
Miene. Lautlos tritt der Chef des Stabes ins Zimmer. Schon beginnen die
Autos und Motorrder der Befehlsberbringer zu drhnen und zu rasseln.
Der Boden zittert vom Feuer, dicht nebenan schlagen die Geschtze, als
wrden Tren aus Erz ins Schlo geschleudert.

Alles ging gut!

Der Gegner, sein Gegner da drben, dieser Halunke mit dem Kppi und dem
weien Spitzbart, hatte ihm die Hhe durch berraschung genommen, mitten
in der Nacht. Aber er hatte sich verrechnet! Schon taumelten die
Soldaten von ihren feuchten Strohlagern, schon rollten die Autobusse,
die Hlle wollte er ihm bereiten. Bevor die Sonne aufging, war die Hhe
wieder in seiner Hand.

Es ging vorzglich, schon hatten die Jger das Labyrinth -- das
Hauptfort der Hhe -- wieder seinen Zhnen entrissen. Aber irgend etwas
war doch auffallend -- pltzlich schienen es weniger Offiziere zu sein.
Im Vorzimmer war berhaupt niemand. In der Schreibstube arbeiteten im
ganzen zwei Leute.

Doch auffallend! Wo ist der Chef des Stabes? Der General klingelte.
Niemand kam. Er stie ungehalten die Tr auf: niemand! Wieder ging er in
das Schreibzimmer, der Telegraph tickte -- aber niemand! Die Kanonen
schlugen weniger laut.

Wo waren sie hin, das Gewimmel von Offizieren, Adjutanten, Schreibern,
Ordonnanzen? Das ganze Schlo mit seinen hundert Slen war leer und
finster. Im Schein des. Geschtzfeuers suchte er seinen Weg. Bilder,
Mbel, Spiegel, die rot aufglhten.

Kein Mensch!

Er war allein.

Bestrzt eilte er vor das Portal. Klte, Nacht. Der Boden gefroren, ein
eisiger Wind, die Bume kahl und spitz. Ringsum, der ganze Horizont ein
Feuermeer.

Aber kein Lrm!

ber die Parkmauer fuhr von Zeit zu Zeit ein Feuerbalken. Die Haubitzen
standen dahinter, richtig. Der General eilte. Eben schwankte in der
Dunkelheit ein Rohr, Glut blies in die Nacht -- aber kein Mensch und
kein Laut! Der General strich entsetzt um das Geschtz -- keine Seele --
was war das --?

Wieder taumelte das Rohr, und im Schein des Abschusses sah der General
das groe dunkle Schlo zusammenstrzen, das Dach strzte, die Sulen,
das Portal -- aber kein Laut.

Entsetzen schttelte ihn. Er schrie auf.

Da erwachte er. Seine Augen wanderten ber die Wnde.

Erst nach geraumer Zeit fand er sich zurecht. Er sa in seinem
Arbeitszimmer, in seinem Sessel, genau wie vor wenigen Minuten.
Sonderbar, die Uhren gingen, die Pendel schwangen, aber er hrte sie
nicht mehr ticken.

Seine Lider waren schwer wie Blei, die Glieder wie gelhmt. Was geschah
mit ihm? Mde, mde.

Ich bin mde, sagte er mit schwerer Zunge.

Ich bin sehr, sehr mde!

Er wollte aufstehen, aber er blieb dennoch sitzen. Vor seinen Fen lag
ein Schreibheft, ein dnnes beschmutztes Notizheft. Ach, ja, es waren
die letzten Aufzeichnungen Kurts, seines ltesten Sohnes -- gefallen bei
Comble in der Sommeschlacht, ruhmvoller Verteidiger der Riegelstellung.
Nun erinnert er sich: er hatte es aus dem Geheimfach genommen und wieder
gelesen -- wie in vielen, vielen einsamen Nchten. Feuer, Entbehrungen,
Schrecken, Tod . . .

Und alles umsonst? flsterte der General und schttelte fassungslos
den Kopf.

Alles umsonst!

Wie, wie, wie?

Ein Volk von Bettlern!?

Ein Volk von Sklaven!?

Ausgelscht von der Erde, in den Schmutz getreten!

Alles, alles umsonst!

Ach!

Der General sthnte. Er schlug die weien Hnde vor das weie Gesicht.

Er erhob sich. Aber die Beine trugen den schweren Krper nicht mehr. Er
sank wieder in den Sessel zurck. Die bleischweren Lider fielen herab --
Bilder zogen vor seinen Augen. Und doch war er wach, trumte er nicht.
Deutlich erinnerte er sich, da er soeben die Aufzeichnungen Kurts
gelesen hatte. Das Schreibheft lag vor ihm auf dem Boden.

Nun also stieg er mit dem kleinen alten Mann, dem zudringlichen, der
sich nicht abweisen lie, die Hhe hinan. Er hatte seine Hand ergriffen,
und sie gingen beide bergan -- und doch wute er, da er in seinem
Arbeitszimmer sa!

Sie wollen also durchaus hinauf, haben keine Furcht?

Nein, keine Furcht.

Aber die Hhe war nicht dunkel, obschon es mitten in der Nacht war, sie
war matt erhellt. Nicht leblos und starr war sie -- sie wimmelte von
Menschen. Scharen standen hier, Mann an Mann, in ihren grauen Mnteln,
die ganze Kuppe war besetzt von ihnen. Ein Wall von grauen Mnteln links
und rechts. Tausende und aber Tausende, alle bleich, fahl,
leichenfarben.

Herbst, nicht wahr?

Ja, Herbst.

Und wie war doch der Vorname?

Und laut schrie er: Der Jger Robert Herbst vortreten!

Hier!

Hier! -- Hier! -- Hier --!

Ringsum, berall schrien die rauhen Soldatenstimmen: Hier, hier! Alle
--!

Ja, sonderbar -- so deutlich hrte er die Feldgrauen rufen, und doch
wute er genau, da er in seinem Sessel sa.

Das weie Gesicht des Generals ist auf die eisige Hand herabgesunken.
Seine Augen sind ohne Blick. Ja, eigentmliche Bilder ziehen vor seinen
blicklosen Augen, flieen, unaufhrlich, ohne Ende -- eigentmliche
Bilder . . .

Pltzlich greifen die weien Hnde des Generals wild in die Luft, und
schon steht er aufrecht mitten im Zimmer.

Ein Gesicht ist erschienen: _das Gesicht einer weinenden Frau_ . . .

Seine hellen, groen Augen blenden. Deutlich unterscheidet er wieder die
Gegenstnde im Zimmer. Deutlich sieht er wieder die dunkeln Gemlde an
der Wand -- jedes einzelne. Offiziere alle, Militrs, in Uniformen, mit
Ordenssternen geschmckt, den Degen an der Seite, alle die gleichen
breiten Gesichter, soliden Brustkrbe: alle Hecht-Babenbergs. Und jener
Einarmige, ber der Tre, das ist Jochen Friedrich Wilhelm Ernst
Hecht-Babenberg, der nach dem Dreiigjhrigen Kriege das Stammgut erwarb
und den Wahlspruch des Geschlechts prgte: Lorbeer und Land!

Verschwunden ist pltzlich alle Mdigkeit!

Der General wankt in seinem weiten Feldmantel durch die Rume, wankt,
schwankt, taumelt, aber er fhlt es nicht. Sein Mantel weht. Oft mu er
sich mit den Hnden an der Wand sttzen. Aber er fhlt es nicht. Fr ihn
gibt es keine Wnde mehr.

Die Wnde sind verschwunden, er blickt, weit, weit, unendlich weit!

Er sieht -- oh, ungeheures Schauspiel: die Welt in Flammen!

Ja, die Welt in Flammen! Europa, Asien, die Reiche der Mongolen, Afrika,
die Reiche der schwarzen Vlker, Amerika, alles in Flammen! Und durch
Rauch und Flammen kriechen sie: sieh! Ja, sie sind es! Nun sind sie
Wirklichkeit geworden! Riesenhaft, Stdte aus Stahl, Riesenkreuzer
kriechen durch den Rauch der brennenden Welt. Sie starren vor
Geschtzen, sie werfen Flammen, bis hinter den Horizont schleudern die
Pumpen das brennende l. Ihre Schuppenrder zermalmen Stdte und
zertreten Strme. Ringsum funkelt der Horizont wie schwarze Kohle. Ein
brennender Kontinent schmilzt ins Meer.

So! So! So! Ja, das waren sie!

Aber nun kam sie selbst, die Armee, unendlich wie die Wellen des Meeres.
Regiment an Regiment, die Waffen klirren, so ziehen sie an ihm vorber.

Fester hllt er sich in den Mantel. Eisig pfeift der Wind! Die Luft ist
gefroren, Eis, schon klafften Spalten in der Luft, wie in Gletschern,
aber die Armee marschiert. Ihr Schritt donnert.

Da, da -- dort!

Die Stadt! Dunkel, finster, qualmend. Und deutlich sind die roten
Flaggen zu sehen, die ber der finsteren, qualmenden Stadt wehen. Ganz
deutlich! Frech flattern die Fahnen der Rebellen.

Der General hebt die Hand -- Angriff! -- und die Armee, unendlich,
unbersehbar, wlzt sich der qualmenden Stadt entgegen.

Eisig aber, entsetzlich eisig, scharf wie Gift blst der Wind, und
dichter, immer dichter, hllt der General sich in den Mantel. Schon
zerfrit die Klte den Stoff, Stcke lsen sich. Schon zerfrit die
Klte die Haut, die sich aufrollt, schon zerfrit die Klte die Lungen
. . .


10

Niki sang sein Morgenlied, aber der General erhob sich nicht.

Eingehllt in seinen grauen Feldmantel lag er da. Seine Augen standen
offen -- was sahen sie?

                   *       *       *       *       *

Endlos bewegt sich der schwarze Strom des Volkes dahin, langsam, die
roten Fahnen wogen. Die Musikkapellen spielen Trauerweisen, Bataillone
von Soldaten, Bataillone von Matrosen. Berge von Blumen. Unter diesen
Bergen von Blumen liegen die Opfer der Freiheitskmpfe.

Zur gleichen Stunde setzte sich der mit schwarzen Tchern behangene
Trauerwagen mit dem Sarge des Generals in Bewegung. Hauptmann
Wunderlich, in einem einfachen Soldatenmantel, an seinen Krcken
humpelnd, gab ihm das Geleite zum Bahnhof. Niemand sonst. Nein, niemand.

Mitten in der Stadt gab es einen Aufenthalt. Der Wagen mit dem Sarge des
Generals war dem groen Trauerzug des Volkes begegnet, der die Stadt
berschwemmte.

Unaufhrlich wlzt sich der dunkle Trauerzug dahin. Kaum ist eine der
ungezhlten Kapellen auer Hrweite, so wird schon die folgende
vernehmbar. Stunden vergehen.

Wunderlich setzt sich mit seinen Krcken auf die Strae.

Ja, endlos, endlos, in Wahrheit! Ein Meer von Menschen wlzt sich
vorber. Wogen von Blumen ber dem wallenden Menschenmeer. Gleichmig,
ohne jede Eile, wandert der Schritt der Hunderttausend dahin, die Stadt
beginnt zu drhnen, zu donnern --

Hoch ber dem Strom der Kpfe aber zieht Ackermanns Geist dahin!

Mein Volk, meine Liebe und meine Sehnsucht fliegen vor dir her! Wirst
du auserwhlt und berufen sein unter den Vlkern der Erde? Sieh, wie sie
funkeln am Firmament des Gedankens, deine groen Geister, sie blicken
auf dich! Auf, auf! Auf den Weg . . .

Endlich wurde die Strae frei. Der mit schwarzen Tchern behangene Wagen
mit dem Sarge des Generals setzte sich wieder in Bewegung, und
Wunderlich nahm seine Krcken und humpelte hinter ihm her.

Schon dunkelte es, schon sanken die finstern Nebel ber die Straen.
Schon begann das Gewehrfeuer wieder zu knattern in der von Finsternis
erfllten Stadt.

   Werke von Bernhard Kellermann

   Yester und Li
   Roman / 142. Auflage

   Ingeborg
   Roman / 100. Auflage

   Der Tor
   Roman / 46. Auflage

   Das Meer
   Roman / 76. Auflage

   Der Tunnel
   Roman / 217. Auflage

   Der Krieg im Westen
   Kriegsberichte / 20. Auflage

Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 19]: 
   ... Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-a-vis de rien! ...
   ... Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis--vis de rien! ...

   [S. 38]: 
   ... das Reich Karls des Groen wieder errichten. ...
   ... das Reich Karls des Groen wieder errichten. ...

   [S. 50]: 
   ... Whrend der Tango kollerte, gurrte, kleine wolllstige ...
   ... Whrend der Tango kollerte, gurrte, kleine wollstige ...

   [S. 65]: 
   ... auszudenken. -- ...
   ... auszudenken. -- ...

   [S. 95]: 
   ... Ja, eine hbsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr? ...
   ... Ja, eine hbsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr? ...

   [S. 143]: 
   ... nicht. Hhnleins alte Litanei -- die Litanei des Elend ...
   ... nicht. Hhnleins alte Litanei -- die Litanei des Elends ...

   [S. 179]: 
   ... der Hand, vor seinem Herrgott treten mute. ...
   ... der Hand, vor seinen Herrgott treten mute. ...

   [S. 188]: 
   ... diese erschreckend realistische Aufnahme Besuchen zu zeigen. ...
   ... diese erschreckend realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen. ...

   [S. 208]: 
   ... Haremsdamen, Odolisken in Seide, Tll, Schleiern, ...
   ... Haremsdamen, Odalisken in Seide, Tll, Schleiern, ...

   [S. 328]: 
   ... es war ihm unmglich gewesen, den bedingslosen Glauben ...
   ... es war ihm unmglich gewesen, den bedingungslosen Glauben ...

   [S. 366]: 
   ... fr den Kognak! Es war ein Freude. Wir hatten zwei ...
   ... fr den Kognak! Es war eine Freude. Wir hatten zwei ...

   [S. 427]: 
   ... schmilzen. Ein paar groe Wachsperlen rinnen ber die ...
   ... schmelzen. Ein paar groe Wachsperlen rinnen ber die ...

   [S. 434]: 
   ... sich, der Tritt der Hunterttausend, unter dem das ...
   ... sich, der Tritt der Hunderttausend, unter dem das ...

   [S. 448]: 
   ... Ihre armselige Uniformen verbergen grliche ...
   ... Ihre armseligen Uniformen verbergen grliche ...

   [S. 460]: 
   ... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengegedrngt ...
   ... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrngt ...

   [S. 472]: 
   ... spielen Trauerweisen, Bataillone von Soldaten, Battaillone ...
   ... spielen Trauerweisen, Bataillone von Soldaten, Bataillone ...







End of the Project Gutenberg EBook of Der 9. November, by Bernhard Kellermann

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