Project Gutenberg's Verfall und Triumph, Zweiter Teil, by Johannes R. Becher

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Title: Verfall und Triumph, Zweiter Teil
       Versuche in Prosa

Author: Johannes R. Becher

Release Date: September 15, 2011 [EBook #37436]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ZWEITER TEIL ***




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Johannes R. Becher

Verfall und Triumph



Zweiter Teil

Versuche in Prosa





Berlin

Hyperionverlag

1914





Inhalt


De Profundis
Das kleine Leben
Der Dragoner
Kindheit
Der Idiot
Um Dagny heulen wir Gespenster







De Profundis


Hymne / Fragmentarisch




Mge es mir gelingen, -- _zum Abschied, denn ich eile anderen, lichteren
Zielen zu!_ -- mge es mir gelingen, den lauen, mittelmigen und
begngsamen Geist eueres armen, irdischen Alltags noch einmal
aufzustacheln, euch zu erheben! Euch festtglicher, erstaunter, heiterer zu
stimmen durch das erhabene und fromme, das ernste und wahrhaft furchtbare
Schauspiel dieses seltsamst entarteten und am malosest entfesseltsten
Leidens. Tretet nher! Kommt heran! Brder, Schwestern! Mit hellen
Frhjahrsfarben habe ich mich geschmckt, mit reichlich bunten und
verzierten, mit flatternden Wolkenbndern. Hrt! . . . Ach!

Was gafft ihr, ihr albernen Gnse, zieht die geschminkten Fressen wie zum
Lachen breit! Sperrt die groen Muler auf, wie vor der Jahrmarktsbude
eines fremdlndischen Wunders, -- bin ich denn gar so ein Scheusal, ein
zerfressenes Gerippe! -- die dreckigen Hnde in den nassen Hosentaschen,
Laufburschen, Louis, lausige Hanswursten! Ach, schon bin ich wieder
gelangweilt und ermdet durch euere, ach so wenig unterhaltsame
Gesellschaft, ach, schon wieder gelangweilt und ermdet, bevor ich noch den
Mund zum ersten Worte aufgetan. Es wird ja unntz sein. Euch nicht mehr als
eine mehr oder minder miverstandene spaige oder gruselige
Abendunterhaltung, whrend welcher ihr einander bestehlt oder den Weibern
unter die Rcke greift. Wahrlich! und dazu mu ich noch -- so: ein
eigentmlicher Kuppler und nrrischer Schmerzensausschreier -- gewrtigen,
da einer von euch pltzlich veitstanzt oder ein anderer aus euerer
sauberen Genossenschaft mir in einem manischen Anfall mit einem Schiefer
rcklings den Schdel einschlgt. So lockt mich einzig nur die Gefahr, ihr
Guten. Die Laune, euere erstaunten Mienen zu beobachten, wie ihr emprt und
im Innersten beleidigt oder aufgebracht allerhand tolle Fratzen schneidet,
bald zu plrren anfangt, bald davonlauft, wiederkommt, murmelt, schreit
oder aufhorcht. Euer Gesicht aus Scham und Wut verzerrt. Erzrnt die Fuste
hebt! . . . So hrt! Ich singe euch vor meinem endgltigen Abschied noch
das religise Lied meiner fanatischsten Ekstasen, das arge Ende meiner
entzckten Liebesrusche. Die groe Jeremiade, eine pathetische und
mystisch verklrte Agonie. Das zynische Klagelied. Vernehmt bewundernd oder
im Tiefsten angewidert das Ende einer bitteren Passion. Seltsame Trume.
Meine Taten, die guten und die bsen. Sie ziehen an euch vorber in einem
bunt abwechselnden, aufreizenden, karnevalesken Reigen. Flammen leuchten
auf. Trommeln. Trompeten schmettern. Der laute Schlachtruf der Kmpfenden,
der himmlische Pan, dem ich, hrte ich ihn nur von weit, schon als Knabe
wild wie ein Tier nachstrzte, wobei ich alles im Stiche lie und um keinen
Preis zu halten war, vielleicht in der sicheren Vorahnung, da er einst
meiner letzten Kmpfe, meiner rgsten Schlacht Begleiter sei, in der
Hoffnung, da er einst mich zur Heimat geleite, einst mich erlse.

Was? Ihr lacht? Macht Beifall, Lrm? Nein. Nichts, nichts von alledem. Der
silberne Mond schwebt hoch ber dem verlassenen Platz. In seiner Mitte,
unter der Sule, gegenber dem Lwentor des zerfallenen Palastes stehe ich.
Laut und eindringlich habe ich, meiner Gewohnheit nach, in einer visionren
Erregung zu einer unsichtbaren Versammlung gesprochen. Doch wer vernhme
meine Rede auch in dieser raschen Zeit! Doch! Von neuem! Ich versuche es.
Ich gebrauche die hohle Hand! Dann beginne ich! Stammle entzckt und voll
Wonnen! Also, zum Anfang!

Ich beginne! _Und lauschten mir auch nur die flsternden Nachtwinde, die
rauschenden Bume und das vom Mondlicht beglnzte Rieseln der Brunnen, und
hrten mich auch nur die weien Wege, und horchten auch nur die harten
Steine auf mein trauriges Lied!_ --

Aus der Tiefe, Herr, rufe ich. Die tgliche Welt scheint in tiefe, graue
Schattenabgrnde hinabversunken. Ich fhle mich leicht wie ther, frei und
wahrhaft glcklich erhoben. Der goldene Himmel blht. Visionre Trume von
sonst nie geahnter Ungeduld erfllen mich, bedrngen mich. Goldene Feuer
lohen empor und umlichten furchtbar meine eisige Grabesnacht.
Scheiterhaufen warten aufgerichtet. Hellebarden, Dolche blitzen.
Trommelwirbel. Rote Lichter vor schmutzigen Bordellen flammen in blaue
Liebesnacht. Breite, langgezogene, geschminkte Lippen. Geheul der
zerschundenen Tiere. Rotgelbe Sonnen leuchten magisch empor aus dunklen
Moortmpeln. Gefallene Engel. Aufgerissene Menschenleiber. Beben, Zittern,
Schluchzen, Seufzen, Sthnen, Stallgeruch. Helle Rufe zu Kreuzzgen in
fernste Wunderlnder erwecken mich. Flagellantenheere kreischen.
Feuersbrnste wten. Stierkmpfe. Hetzjagden auf Wilde. Wsteneien. Die
Pest erhebt ihr durchlchertes Haupt. Ein Dogma, eine Tyrannis, grausam
ber alle Maen, beherrscht mich. Eine gttliche Phantasie belebt mich.
Engel mit himmlisch verzckten Hnden schweben hernieder. Weie
blutbefleckte Knaben- und Mdchenleiber in unsagbar sen Verschlingungen
und eine groe, rasende Orgie des Inzests. Und dies sehe ich oft in meinen
Grabnchten und es ist, als walle eine lange, endlose Schleppe ber die
schlafende Erde, da die Wipfel der Wlder sich darunter erregen und
erbrausen, und die Gewsser der Erde wie Tautropfen am Saume jenes
himmlischen Gewandes haften. Und ein Duft geht davon aus, wie von altem
Blut und rotem Wein. _Doch die Gestalt, die solches trgt, bleibt mir
unsichtbar._ Es ist weilich, glsern. Ich befinde mich einsam auf der
stillen Warte des Grenzgebirges der Welt. Aufgelst in Trnen kniee ich zu
Gottes Fen, spre den Hauch seines Atems, den Druck seiner vterlichen
Hand, fasse sein Herz. Das irdische Reich hrt auf. Neue Gestade, grulich
und mattglnzend, grne Eismeere, blaue unermeliche Gletscherflchen
tauchen langsam und leis, unter einem slich klingenden, leicht und
allmhlich anschwillenden Gesang, hinter den Grueln und Verruchtheiten der
roten Mitternacht empor. Tausender Leben finde ich in mir. In mir, dem
uersten, leidenden Glied eines reichen, verderbten Geschlechts. Und doch
im Blut die wehe Ahnung einer malos berauschten, rasenden Demokratie. Bin
jung. Bin alt. Bin Kind, bin Berg, bin Stadt, bin Land. Jungfrau, Dirne,
Soldat, Matrose. Lebendig. Tot. Fhle mich von groen, langewundenen
Wrmern weh zerfressen: Herz, Magen, Nieren, Achselhhlen, Gehirn; die
Lippen schwammig, aufgedunsen, na und grn. Schimmelig. Welk oder trocken
ausgezehrt von Fulnis. Die schleimigen Augen voll Eiter; Nester kleinen
stinkenden Gewrms. Der Mund voll Erde. Die Zhne brchig, grn. Ein
berckendes Arom umgibt mich: Weihrauchdmpfe, Verwesungsduft und der helle
Geruch weien thers oder gelben Karbols aus dem Operationssaal. Ecce homo!
Ecce homo! . . .

Einst, o einst, da ich wuchs empor, blhend heran, inmitten klglichen,
schmutzigen Kindergewimmels. Auf engen, dunklen Hfen, steilen, brchigen
Holztreppen, verdreckten Straenpltzen. Graue Mauern starren auf. Rote
Fenster in weien Kalkgemuern, ewig verschlossen. Die Mietskasernen.
Ausflchte der Seele, hart vergittert. Aber das Lied des umherziehenden
Orgelmanns tat zum ersten Male mein Herz auf und aller Knaben und Mdchen
schchterner, aufjauchzender Ringeltanz. Veilchenblauer Himmel. Blhende
Sonne. Sterne und der Mond am feurigen Nachtfirmament. Das Kindlein in der
Krippen . . . Einst, o einst: zwischen gleichmigem Lffelgeklirr das
unaufhrliche Getropfe der mtterlichen Trnen auf den irdenen Teller. Die
Schlge, das harte Schweigen oder die Schelte des erzrnten Vaters. Streit
der Geschwister. Unzufriedenheit, Intrigen, Ha, Neid und Zank, Gegrein und
Geschluchze aus kalten, rohen, roten, zerrissenen und zerschlissenen
Betten. Ungeziefer schwirrt. Zerfetzte Kleider, Hunger, Klte. Finstere,
verrute Ecken. Erbrochene Kassenschrnke und Wanderungen. O, da meine
Sehnsucht bergro ward und nach wunderlichen Sonnen und fremdartigen
Lndern, groen, rauschenden Stdten, mchtig mein Verlangen ging. Mich
mein Sehnen zog. Das Herz schlug.

Mit Trine und Louis eingepfercht in den Viehwagen. Es pfeift. Stimmen.
Vorwrts. Man fhrt ab. Zerrttelt. Lechzend. Mit offenen, trockenen
Mulern. Einer hat Schnaps. Die Augen harren. Alles ist unbestimmt. Keiner
wei. Man fhrt in die Nacht. _O, da man einer Heimat entgegenfhre!_
. . . Schon der Morgen bringt neue Seltsamkeiten und mancherlei eigenartige
berraschungen. Er hat milchige, khle Wangen, gleich einem Mdchen. Doch
der glhende Mittag naht. Die schwere Nacht. Die kristallene Klarheit
frischer Morgenlfte bleibt ein Traum . . .

Armut! Armut! Man bernachtet in Menge in Heustadeln oder auf freiem Feld,
oder lagert gleich einer rudigen und belriechenden Herde Viehs in wsten
Gassenschenken.

Armut! Armut! Du schndliches Knigreich! Der enge Schlafraum ist voll von
dem Geruch der nassen Windeln, dem grnlichen Salzgestank verpiter Betten,
erfllt von dem Geschrei gebrender Weiber, eierkpfiger Kretins, kleiner
Kinder. Mensch, zieh deine Hand ein! Schlaf! Strecke dich nicht! Nichts!
Denn bei einer Berhrung greifst du an Sche, stinkende, nasse,
verschleimte, verkrebste Sche, zerfressen, angefault, von groen gelben
Geschwren, Wrmern angeknabbert, oder an Buche, kleine Buche, steinhart
und mit dem Fra roher Kartoffeln furchtbar angefllt. Dein Trank ist ein
Napf voll Urin und Blut! Dein Fra sind Steine, Grind und Kot! Armut!
Armut! Wurzel schlugst du im Gehirn, Geschlecht. _Stunde, du kommst, die
mich zerbricht._ Die mich zermartert. Du zertrmmerst mich. O, so viel Blut
drckt schwer. So viel Blut beglckt nicht mehr. So viel Blut bringt die
Welt in Aufregung.

Erinnerung, du umschimmerst mich. Erinnerung du aus frhen Kampftagen.
Zerbrochen bin ich, doch nicht geschlagen. Getrumte Lnder, warme Lnder,
Sonnenlnder! O ihr, meine Lnder, herrlich und prchtig, durchzogen von
den trunkenen Scharen jauchzender Vgel und den flatternden Kolonnen der
singenden Fische! Apokalyptische Himmel! Blutige Sternengewlbe, violett
umhaucht von der Glut silberner Sonnen, dem Geknister elektrischer Monde,
jh emporgetaucht aus dunkelgrnen Eisnchten. Riesenschlangen, trg und
schwer auf den sten der Laubbume. Raubtiere lauernd in Dickichten.
Blumen, eine helle, frhliche Sprache sprechend und umherblickend mit
blauen, unschuldigen Menschenaugen. Getrumte Lnder, warme Lnder,
Sonnenlnder! O, so hrt mein Freiheitlied! Denn aus den groen, kalten,
nordischen Stdten komme ich, aus Strohhtten, Spelunken, trbsten Hhlen
der Hungernden, Verworfenen, Verbrecher und Verbannten. So hrt mein
Freiheitlied:

Ihr Lumpenhunde, Saufkumpane! Gaukler, Gecken! Onanisten! Pderasten!
Fetischisten! Kaufleute, Brger, Aviatiker, Soldaten! Louis, Dirnen! Ihr
groen Metzen! Syphilitiker! Brder, Menschenkinder alle! Erwacht! Erwacht!
Ich rufe euch zum hitzigsten Aufruhr, zur brennendsten Anarchie. Zum
bsesten Widerstreit begeistere, reize ich euch. Revolution! Revolutionre!
Anarchisten! Gegen den Tod! Gegen den Tod! Brder! Hllen und Dmone! Mein
sprhendes Manifest. Kanonendonner, Lichtgarben! Ich fhre euch. Vorwrts.
Marsch! Marsch! Den gelben Klang der Trompete, den grauen, gleichmigen
Wirbelschlag der Trommel, das weie Aufschrillen der Pfeife, das flatternde
Blut der roten Fahne, die violette Farbe unregelmiger, gefhrlicher,
schwrmender oder konzentrierter, tdlicher Bewegungen --: fhle ich in
meinem Blut. Ich wittere Morgenluft. Sonnenluft. Auf! Granaten zerplatzt!
Karttschen, Fanfarenhymnen steigt! Infernalisches Geschmetter! Vorwrts,
wir kommen. Dieser sthlerne Vogel, der laut jubelnd der Morgensonne
entgegenschiet, ist unser Bote, diese Granate, die hell durch die Luft
pfeift, unser Gru. Wir rcken an. Aus unseren Schildern, auf unseren
Helmspitzen leuchtet auf, steil und flammend, der Triumph der neuen Zeit.
Das silberne, zart aufjauchzende Lied glitzernder Bajonette umschmiegt sie.
Glnzende Riesenstdte schlagen erstaunt Mrchenaugen auf aus grauen,
nebelverschleierten Ebenen. Blhende Himmel. Voll Trmen und Zinnen. Und
Gold! Und Gold! . . .

                                * * *

Alles Krperhafte habe ich von mir gestreift. Alles Irdische habe ich von
mir getan. Nackt bin ich in diese einsamsten Hallen getreten. Die khl sind
und vom Glanze mattesten Goldes. Die wie vergessen schwebende Rume
inmitten kreisender Welten sind . . . Suchte ich dich Ewigen nicht im
zaghaften Geflster aller erwachenden Liebe oder auch in den drohenden
Brandstrmen aufgepeitschten, dampfenden Blutes? Dich, der du der Richter
bist der ewigen Kriege. Aber auch im Morgenraunen der Bume, wie im
verlschenden Gold der Sonne ber der abendlichen Flur, oder im
heimatlichen Gesang der Vgel, sowie die schwere Nacht angeht. Aber in
allen Ruschen des Blutes fand ich mich dir am nchsten. Oder im
verschrillenden Sausen, im helldrhnenden Fanfarengeschmetter oder dumpfem
Marschschritt, heulendem Anmarsch nahenden Todes. Die verpestete Luft
erfllt vom dumpfen Gedrhn ziehender Belagerungsgeschtze, vom glorreichen
Aufstrom schallender Vogelchre, vom Gesthn der schmerzvoll Hinsterbenden,
vom weien Schweigen der Gefallenen in den verfeuchteten Laufgrben, vom
Siegesgeschrei, dem rauhen Gebrll der Lebendigen . . .

Mein Gehirn ist nur mehr ein Fhlbares, ein nur mehr Begreifbares. Etwas
nur mehr sich durch einen kleinen, gleichmigen Schlag Bemerkbarmachendes.
Als ob wer die kncherne Umhllung sprengen mchte. Vergangenheit,
Vergangenheit wohnt darin. Wir, die wir Vergangenheit sind.
Gegenwartsfremd. Zukunftfeind. Wir, die wir die bedrckten Trger einer
trben Tradition sind. Wir, die wir die Nachtgeborenen sind. Der helle Tag
findet unsern Krper md, unsere Seelen verschlossen. Doch die dunkle
Mutter ffnet ihren Kindern die schweren Augen. Auf den samtenen Fittichen
einer trunkenen Traurigkeit werden die Ahndungsvollen mit sanfter Gewalt
dem Bann der dunklen Erde entrckt und zu den Gefilden der Seligen, den
himmlischen Grten hin entfhrt, wo die leuchtenden Sternkugeln
berherrlich entzndet sind.

Ich treib auf Trmmern, ziellos, unentwegt. Lang ist die Irrfahrt. Das
Haupt drckt schwer. Md ist die Hand. O, alles zerbarst, alles zerkrachte.
Wie wtend die Wellen schlugen. Alles ber Bord -- O, splittert Planken!
Noch einmal, o, noch einmal und -- letzter Kampf! O: alles dann aus und
Raub der Wogen . . . Und ich warte. Alles geht ber mich. Alles verweht
mich. Was hilft mir zur Ewigkeit? Komm Untergang!

O, und Blut! Blut! Blut! O, ber ein Meer von geschndeten Nonnenleichnamen
die Morgensonne aufgehn sehen, mit krampfhaft verstreckten Hnden ber den
Weltenraum hin, aus Opiumdften unerhrte Visionen des Kreuzes, da es
purpurn flattert. O, wir tragen unsere reinsten Wnsche nach dem Untergang.
Wir erarbeiten ihn. Alles wird Geschlecht. Uns betrbt kein kleinlicher
Unterschied. Wir endigen in einem Hexensabbath der Hysterie. In einem
Teufelstanz der unerhrtesten Perversitten. Nur groe Schauspiele befreien
euch den Geist. Da ihr erlst werdet vom Fleisch, peitscht euch das Blut
auf! _Rhythmitisiert euch! Steht auf! Steht auf! Schlagt nieder! Stot zu!
Brecht auf!_ O, du therische Wollust des Nur-Gedenkens! O: und aus den
berwehten Grften der Entschlafenen in die ewige, zeitlose Helle steigend!
. . .

Seht, oben bin ich seltsam gut und trumerisch. Unten aber schlecht,
verseucht und angefault. Das bin ich. Doch meine Tiefen sollen wieder Hhen
werden. Aller Schmerzen Abgrnde jubelnde Bluen. Und meine Verirrungen --
denn noch jage ich trunken dahin, unbewut, dumpf benommen und wie von dem
schwlen Duft aufblhender Rosenhecken und dem betubenden Geruch ser
Mdchenleiber umhllt -- und meine Verirrungen sind mir Gewhr eines einst
sich besseren Zurechtfindens. Doch das wird lange dauern. Das braucht Zeit.
Ich habe Zeit . . .

                                * * *

Wenn ihr klug seid, vertut die schne irdische Zeit mit Spiel und Tanz, mit
Weib und Wein! Schlaft trunken ein unter Rosenhecken, unter goldenem
Sternenglanz, umspielt vom weichen Strome milder Frhlingsdfte. Erwacht
dann wieder, s umschlungen, erweckt von holdem Engelsgesang, der
himmlischen Musik . . . Die Nacht vergeht. Der Tag bricht an. Die Sonne
sinkt. Dazwischen schallender Gesang der Vgel. Wasserrauschen. Durch die
Wipfel der Bume Brausen des Windes.

Unsere Heimat ist die Erde. Von Erde sind wir. Zu Erde werden wir.
Dornenkrnze um die geneigten Stirnen, Wunden an Hnden und Fen, Narben
in den schmerzlich entstellten Angesichtern, mit bleichen verbluteten
Lippen: allen Leiden der Menschheit, dem Tode vertraut, der raschen Zeit,
dem lauten Leben fremd und leidlos abgewandt: so wandern wir einst,
Millionen Gekreuzigte, im blauen Abendschein unserer Heimat, unserer Erde
zu. Einsam waren wir. Einsam ziehen wir von hinnen. Unser Schicksal hie
Kampf und Begehr. Ein Unbestimmtes trieb uns. Ein Geheimnis zwang uns
Ohnmchtigen gebieterisch seinen unbarmherzigen Willen auf. Es bannte uns.
Es jagte uns. ber grne Frhlingsfluren, besprengt mit Blut dahin. Von
ngsten zerfetzt, von Wahnsinn zermartert, standen wir pltzlich hilflos,
gleich den von ersten Bltendften trunkenen Kindern, unschlssig und
staunend vor feurigen Abgrnden. Ein Flammenstrom verschlang uns.

Wir fhrten die Waffen im jugendlichen Heldenkampfe um ein getrumtes
Reich, dessen strahlende Herrlichkeit und lichte Himmelswonnen wir aber
nicht im Irdischen erschauen durften. Denn es blht bei Gott. Hier
zermalmen uns Not und Gefahr, verruchte Willkr, Blut und Sehnsucht, heller
Tag. Doch uns Ermdete trstet die blaue Nacht. Ein himmlischer Gesang, der
fernher nher dringt. ber die Grber weht er. ber die Grber braust er.
Die Toten erweckt er. Das Innere der Erde durchdringt ein warmer,
gttlicher Hauch. Die irdische Decke birst. Ineinander strzen Strom und
Berg, Acker, Wald und Tal. Das dunkle Grab bricht auf. Dampfendes,
sthnendes Gewhl von Millionen hei ineinander verschlungener, blanker
Menschenleiber. Aus dunklen, verfeuchteten Grabkammern und Gewlben
Rasseln, Schall und Gedrhn der schweren, zerklirrenden Ketten. Goldene
Spangen, glnzende Rstungen, silberne Schwerter. Das hell aufblitzende,
bleich schimmernde, das erwachende Totenmeer. Ewigkeiten, Firmamente jubeln
auf darin.

                                * * *

Wie ich so daliege, die beiden Hnde gefaltet, das Angesicht nach oben, die
Augen den Sternen zugekehrt, vergeht wieder diese trichte, schwrmerische
Schwche. Ich sehe wieder klar. Ein klein wenig Auswurf Blut kommt aus
meinem Herzen. Aus meinem Munde strmt es nun. Aus Nase, Ohren. Ich sehe
die kleine Welt durch einen blutig nassen Schleier. Bemale mich. Das Messer
streckt sich steil aus meiner Brust. Wippt bei jedem Atemzug. Ein
vergessenes Holzscheit, das tief in der Erde steckt. Ein Anblick, der
gleich zum frivolsten Gelchter als zum glubigsten Erschauen zwingt. Doch
ich will nicht daran rhren . . . Was ist Leben: Rausch, Taumel, Versinken
in Blut. Nur am Ende: aus rtlichen Dmmerungen empor und befreit goldene
Flgel spannen.

                                * * *

Die Flammen, die auf mich eindringen, mich glhend und hei bedrngen,
wandeln sich in rauschende, wildflatternde Strme purpurnen Weines und
wallenden Blutes, die ich gierig in mich hineintrinke.

Kommt, gebt den Abschiedsku, o Brder, Schwestern den Entschlafenden!
. . . Unsere Krper sind zertreten, unsere Seelen sind zerschlagen.
Himmlische Rume! Himmlische Rume! Dort werden Blumen blhen, herrlich wie
auf diesen Erdenauen. Ewige Sonne wird uns leuchten. Ihr Licht wird uns auf
singenden Pfaden durch blumige Gelnde leiten. Eine milde Hand wird uns
fhren. Kein irdisches Leid betrbt uns. Keine Mdigkeit wird unsere Krper
befallen. Wir sollen gesttigt werden. Leicht und frei werden uns ber
unermessene Lnder englische Schwingen tragen. Unter groen rauschenden
Schattenbumen werden wir ruhen, unverdrossen und munter. Wo krftige
Quellen sprudeln. Wo herrliche Blumen aus tiefen duftigen Talgrnden
auferblhen. _Wir harren der himmlischen Welt._




Das kleine Leben


   _Si j'ai du got, ce n'est gures
   Que pour la terre et les pierres.
   Je djeune toujours d'air,
   De ver, de charbons, de fer._


      _Rimbaud._


Wir wohnen Quellenstrae 16, III. Stock, bei Frau Ccilie Nal,
Geflgelhndlerswitwe. Das Haus, sehr alt und morsch, gleicht einem Wrack.
Die Hfe qualmen und schallen. Es ist sehr lig, verworren und dumpf. Wir
haben zwei Zimmer. Die Miete, vorauszuzahlen, ist dreiig Mark. Die
Einrichtung, bestehend aus zwei Betten, Kleiderschrank, einem Tisch, vier
Sthlen, haben wir auf Abzahlung. Das Sofa, Kommode sind von meiner Frau,
Gasleuchter, Waschtisch, Bcherregal gehren mir. Unsere Vormieter haben
einen bunten Papierofenschirm hinterlassen: alt, durchlchert, verstaubt.
Der groe schwarze Vgel mit ungeheueren Schnbeln einem hellen Wald
zueilend aufzeigt. In der Ferne starr, unbewegt ein See, der wie Blei
aussieht. Das ist das einzige Helle der Zimmer. Die sehr bse sind,
heimtckisch, gefahrvoll, geduckt.

Ich mchte mit dir in einer Kaschemme wohnen, unter der Brcke
bernachten, deine Apache, deine kleine Dirne sein -- wenn wir nur immer
beisammen sein knnten!

Unsere Liebe wird uns alles berwinden helfen!

Wir legen uns, uns umarmend, nieder. Wir schlafen selig ein, eng
aneinandergeschmiegt. Stehen umschlungen auf. Essen zusammen. Wir sind
immer beieinander. Es wre erreicht!

Wir sind sehr glcklich.

Heute nacht -- wir leben eine Woche so -- berfllt mich zum erstenmal und
brennend der Gedanke, da man allmhlich bedacht sein msse, sich Geld zu
verschaffen. Es gibt wohl sehr viele Erwerbsmglichkeiten, aber die liegen,
so scheint es mir, fr uns alle (und pltzlich!) auf ein- und derselben
Linie. Meine Frau wlzt sich unruhig neben mir. Sie spricht
Unverstndliches im Traum. Ich suche irgendwo Rat und Halt. Da ich ihren
warmen Krper fhle, bin ich beruhigt. Ich kann nicht lnger mehr darber
nachdenken.

Bin ich nicht sehr glcklich?

Das Haus zittert. Ich glaube auf untergehendem Schiff zu sein, auf hoher
See. Es ist sehr lig, verworren und dumpf. Ste. Rennen. Stimmengewirr.
Fackeln flackern. Das Fahrzeug schaukelt wie eine Wiege. Doch die Musik des
Sturmes ist sehr s.

Umschlungen versinken wir.

Am kommenden Morgen will ich meine Besorgnis meiner Frau mitteilen. Doch
weshalb sie in Unruh setzen? Ich unterla es. Zwei Tage knnen wir noch
auskommen. Sie wird es ja selbst wissen. Aber ich frchte mich bei dem
Gedanken, da sie das wei. Wei sie es denn auch wirklich? Zwei Tage
. . . das brige ist mir wurscht. Wird meine Frau auch so denken? Ich bin
sehr in Sorge, sie knne es nicht tun. Es berluft mich hei und kalt,
wenn ich lnger solchen Erwgungen nachhnge.

Nachmittags gehen wir aus, Arm in Arm. Sie bittet immer, sehr dnn: Fa
unter! Unsere Kleidung ist sehr drftig, aber es ist Gott sei Dank sehr
warm geworden, ber Nacht. Wir betrachten uns oft in den Spiegelscheiben
der Schaulden. Sie lacht berglcklich dabei auf, mich heftig pressend
. . .

Da sie aber, pltzlich erschauernd, sich an mich schmiegt, wei ich, auch
sie mu also heute nacht darber nachgedacht haben, da unsere Mittel bald
zu Ende sind, da wir erschpft sind. Ich erstaune heftig darber, da sie
das wei. Aber es ist eigentlich doch nicht mehr als natrlich. Auch sie
hat es mir also verschwiegen. Sie wollte mich nicht verletzen; ja,
wahrscheinlich. Sie hat sich fr mich geschmt; ja. Ich sollte doch fr den
Lebensunterhalt meiner Frau aufkommen. Das ist klar. Sie wird mir das ja
nie ins Gesicht sagen, dies Selbstverstndliche. Aber sie sagt es mir dafr
in jedem Blick, sie bedeutet es mir vorwurfsvoll mit jeder Bewegung.

Nein, Dorka, ich werde dich nie verlassen. Zwei Tage werden wir noch
aushalten. Dann . . . man verzichtet ja auf das Leben leicht. Nicht? Zwei
Tage, Dorka, sind sehr lang. Unser Glck kann noch sehr gro werden . . .

Und mir fllt ein: auf der Neuhauserstrae lernte ich sie eines Sonntags,
nachts, kennen. Sie lie die Handtasche lang herunterhngen. Sie
schlenkerte. Sie blieb oft herausfordernd vor den hellerleuchteten
Schaufenstern stehn, richtete ihr Haar zurecht oder knpfte ihren Schleier
fest. Manchmal drehte sie sich um. Wir haben uns eigentlich nie darber
nher ausgesprochen, ich habe immer so Angst davor gehabt.

Nun bist du acht Tage lang nicht im Geschft gewesen. Du, Dorka,
vielleicht geht es doch noch. Versuch es einmal.

Abends besuchen wir das Kino. Alles sitzt da in diesem Raum, umschlungen.
Wir legen friedlich die Hnde ineinander, unsere Kniee berhren sich mit
zrtlichem Druck, ihr Kopf neigt sich langsam auf meine Brust herab. Wie
schn das ist! Es ist ruhig und andchtig wie in einer Kirche. Dorka
schluchzt oft und auch ich mu mich bezwingen, meine Trnen zurckzuhalten.
Eine Liebestragdie wird gespielt. Die Leinwand ist aufs uerste bewegt.
Sie erinnert mich an unseren Papierofenschirm, den unsere Vormieter
hinterlassen haben. Es zuckt und rinnt. Die Musik: zittrige Geige,
schwaches Klavier, ist sehr s. Wir sind tief erschttert. Es ist, als
gehe ein Sturm durchs Haus, es braust, und wir befinden uns auf
untergehendem Schiff, auf hoher See. Umschlungen versinken wir.

Wir gehen Arm in Arm nach Haus. Wir tauchen aus blendender Lichterflle,
bunt belebt, voll schner, sanfter Damen, tnzelnder Equipagen, flimmernder
Kavaliere in unser Dunkel wieder, verworren, lig und dumpf. Die Nacht
beschert seltsame Trume, gute und bse. Oft ist es hell, wie es nur am
lieben Tag sein mag, oft schwarz, wie es nur unter der Erde sein kann.

Meine Frau geht wieder ins Geschft. Sie besuft sich jede Nacht, sie mu
sich besaufen jede Nacht. Die Herren geben ihr ziemlich viel Geld, dafr
mu sie ihnen schn tun, zrtlich sein, die Arme um den Hals legen, sich
streicheln lassen, den Mund geben, ihnen Hoffnungen machen und oft bis spt
in den Tag hinein mit ihnen bummeln. Sie tanzt einen Apachentanz, tanzt
Twostep, kann Cancan. Sie stellt sich auf einen Stuhl, fhrt unter
allgemeinem Beifall unanstndige Gesprche, hlt groe Reden. Lacht
unnatrlich, sehr gezwungen, hell. Hebt die Rcke hoch, dreht sich, nach
allen Seiten hin sich bewundernd, vor dem Spiegel. Sie ist ein Karussell.
Ich sitze dabei. Das Blut schliet mir die Faust.

Einige Auslnder, neun Schweden, gehren zu ihrem nchsten Verehrerkreis.
Sie sind sehr fr sie interessiert. Der eine, Andreas Sraas mit Namen,
liebt sie. Er ist ein kleiner blonder Junge, zwanzig Jahre alt, mit blauen
Augen. Er hat viel Geld, das er achtlos, sehr elegant fr sie verschwendet,
indem er sie hufig zu Automobilfahrten, fast tglich zum Abendbrod
einldt. Sie hat immer Blumen von ihm. Er tut ihr bereitwilligst alles, was
sie nur will. Begleitet sie oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo sie
vor allen Schaufenstern stehn bleiben, sich unterhalten, unermdlich,
herzlich interessiert ber alle Strmpfe, Unterwsche, Blusen, Schmuck,
Hte, Rcke. Ich kann das nicht.

                                * * *

Ich warte nachts zwei Uhr, nach Geschftsschlu, auf meine Frau. Versteckt,
im Schatten, an einer Ecke. Ein Haufen Studenten kommt angeheitert, den
Dessauer pfeifend, ausspeiend und johlend, sehr langsam daher.

Bei der ist heute nichts zu wollen, flstert einer, etwas beklommen, im
Vorbergehn, ihr Zuhlter wartet auf sie.

Ich bin unendlich stolz darauf; kindisch, wie ich es so oft bin, freut mich
das.

Oder ich liege unruhig im Bett und warte, bis sie knarrend ber die Treppe
heraufkommt. Hre sie schon, schwer das Haustor aufschlieend, sich
verabschiedend von ihrer Begleitung, das leichtere Gerusch der
Trschlssel, das ffnen der Auentr . . . Gleiten ber den Gang . . . und
sie tritt zu mir, lt mich an ihren Blumen riechen, entkleidet sich rasch,
umschlingt mich hei. Wir wlzen uns wie Tiere. Sie rlpst. Sie stinkt
immer nach Wein, Tabak, sehr aufdringlichem Parfm und Sekt. Sie klebt.

Den Tag verbringe ich unttig, meist schlafend im Bett. Oder sehr
vertrumt. Was soll man auch tun? Und nichts geschieht. Nur die Zeit
vergeht, sehr langsam. Wir langweilen uns.

Man kann ja schlielich, auf die Dauer, nicht von Umarmungen leben, das
wird einem am Ende auch fad. La mich in Ruh!

_Es mu etwas geschehen._ Was Aufregendes, Aufpeitschendes, Aufreizendes.
Man bentigt Sensationen.

Wir mimen der ffentlichkeit gegenber Auslnder, Russen. Wir sprechen
flieend, obwohl wir nur,[**] vielleicht fnf Worte knnen. Wir halten die
deutschen Brger zu Narren. Das belustigt uns ungemein, eine Zeitlang.
Meine Frau gibt sich als Schauspielerin aus. Sie trgt sehr sentimentale
Lieder vor, tanzt russische Tnze. Aber auch das wird fad. Auch fehlt es
immer an Geld.

Meine Frau ist in den letzten Tagen stark gealtert. Immer mder und
gebrochener kommt sie nach Haus. Sie ist stark angewidert. Sie flieht das
Leben. Sie ist ganz pathogen konvertiert. Nichts macht ihr mehr Freude. Sie
ist satt. Ich bemhe mich. Alles ist umsonst. Ich ringe die Hnde. Ich
verzweifle.

                                * * *

Moritz Dsterweg, Magistratsbeamter, hat fnftausend Mark aus der
stdtischen Krankenversicherung unterschlagen. Mit zweitausend Mark war er
fr die Schulden der allgemeiner Beliebtheit sich erfreuenden
internationalen Transformationstnzerin Lila Lieblich aufgekommen,
fnfhundert Mark hat er in einer gemeinschaftlichen, aufs Schnste
verlaufenen Automobiltour ins bayrische Alpenvorland angelegt,
eintausendundfnfhundert Mark fr Straendirnen verausgabt, den Rest bringt
er, auf mein Anraten -- ich treffe ihn, wie es gerade der Zufall will,
vllig betrunken gegen Morgen auf dem Bahnhofplatz -- eintausend Mark
bringt er in das Weinlokal S. Frh sieben Uhr beginnt man. Der
Klavierspieler Bruno Maria Wagner wird gerufen, meine Frau aus dem Bett
gerissen, ich bin zur Stelle . . . Der Phonograph schnarrt. Und vor einem
Glas Bier und einem Paar Weiwrsten, trumerisch zurckgelehnt, geniet
der Moritz Dsterweg jenen Anblick: wie sie seinen Sekt versaufen: Dorka,
rasch, klirrend, Madame, schlfrig, leicht nippend; die Kapelle
vornehmlich, mit langen Fingern, den Kopf taktmig, hervorgequollenen
Augs, berfallender Locke, herabgeneigt, ich gleichgltig, schlecht
amsiert. Und whrend man drauen durch den erwachten Morgen eilt:
schnatternde Scharen farbiger Schulkinder, runde Haufen buntdurcheinander
gewrfelter Fabrikarbeiterinnen, schwarze rechteckige Mnner mit kleinen
roten Kugelkpfen, wehklagende Hunde, traurige Pferde, freche Automobile,
vertrumte Lastfuhrwerke, bse Radler . . . (und Busenmdchen flattern
freundlich, heilige Studenten kreisen singend) . . . whrend man
hereindringt, einen Imbi zu sich zu nehmen: dicke, listige Chauffeure,
grimmige Dienstmnner, whrend am Fenster Frau Marie Wbers Kinder die
Suppe klirrend auslffeln, stricken --: tanzt man: der Moritz Dsterweg und
die Dorka, deren Haare sich auflsen, deren Locken wild fliegen, die sich
pltzlich in die Knie lt, die Hften beugt, wild vorwrts drngt,
stampft, aufbraust, hingebend sich zurckbeugt, schiebt: _die bse Dorka!_
Doch der sich so ganz vergit in diesem rollenden Taumel: Moritz Dsterweg:
er weint pltzlich. Man bumt. Der Tanz stockt. Man dreht noch einmal, eine
halbe Wendung . . . einige Schritte . . . vorwrts, zurck . . . noch
einmal . . . eine viertel Wendung . . . mit Mhe . . . gerade noch --: und
Dsterweg -: er sinkt um.

Man mht sich: Dorka erweicht, voll zrtlicher Frsorge, als gelte es einem
verschchterten, einem verstockten Kind, ich, ganz uninteressiert, peinlich
berhrt, verlegen, Madame, von Doppelkinn und Busen arg beengt, heftig
prustend und: indem sie die Vorhnge dichter vor die Fenster zieht: _der
Wirtin Angelika Hundebald ist erst neulich das Lokal geschlossen worden
. . ._; die Kapelle, zurckgebeugt, traurig, verhalten ber das Klavier
hinpltschernd . . .

Dsterweg ist unter Schluchzen eingeschlafen, den Kopf in Dorkas Scho
gelegt, die unermdlich ihn mit Worten streichelt. Ein Lcheln gleitet ber
sein Gesicht . . .

Er erwacht, springt empor, schlgt wild, heftig die Kapelle vom Stuhl
drngend, die einleitenden Takte eines furiosen Walzers an, gibt das
Zeichen zum Beginn des Tanzes. Alle reit er mit sich empor. Und man tanzt.
Bricht wieder zusammen. Tanzt von neuem wieder: und alles, immer dasselbe
wiederholt sich . . .

Um zwlf Uhr it man zu Mittag. Die Speisen werden ber die Strae
gebracht. Die Zahl der zwar ungeladenen, aber doch herzlich bewillkommten
Gste ist inzwischen auf ein Dutzend angewachsen. Immer neue kommen hinzu.
Ein jeder bestellt sich, was er nur will. Heut ist ein Festtag. Was einem
jeden zusagt, wird ihm gebracht, eines jeden Wunsch geht heute restlos in
Erfllung. Was braucht man sparen?

Wrste dampfen. In Schsseln werden sie herbeigebracht, aufgerollt gleich
dicken weien Ketten, in lustigem Streit auseinandergerissen. Braunes Bier
fliet. Man ist verschwenderisch. Sektflaschen knallen. Dunkler Wein rollt.
Tabakgeruch schwngert die Luft. Rauch wie von einem ausgehenden Brand
lagert unwirklich und schwer. Musik tnt ununterbrochen. Der Phonograph
abwechselnd und die Kapelle.

Man betubt sich. Man schlft wach. Trumt vor sich hin, summend. Sitzt
dumpf mit halbgeschlossenen Augen. Es brtet. Fip, die schwarze Katze, auf
dem roten Tischtuch dick ausgebreitet, schnurrt. _Ein Schnapsglas daneben
steigt wie eine silberne Blume blhend aus rotem Klee._

Gegen drei Uhr nachmittags trinkt man schwarzen Kaffee. Um sechs Uhr gibt
es Tee. Bei einbrechender Dmmerung it man zu Abend. Der Geruch aller
Getrnke, aller Speisen haftet, da weder Fenster, noch die Tr geffnet
wird. Fnfzig Personen nehmen schon an den Gelagen teil. Sie glucksen
glcklich. Drhnend verdauen sie. Kreischen. Man gebrdet sich wie toll.
Man ist ausgelassen, voll sprhender Lust.

Dsterweg hat, ganz durchhitzt, den Rock abgelegt. Die Hemdrmel
aufgestlpt, hochgerteten Kopfs hastet er wie wahnsinnig umher, den
Appetit seiner Gsteschar anfeuernd, eifrig besorgt, da alle genug
bekmen. Eigenhndig giet er Wein ein, zerschmettert unter hellem
Geschrei, lang grinsend, Glser und Sektflaschen, kindisch sich daran
erfreuend; stopft Fleisch, Brot, Gemse den Fressern ins Maul, die
aufbrllen, ihm ins Gesicht speien.

Gegen zehn Uhr kommen Alois Wurm, der Pferdehndler: gro, aufgedrehten
Schnurrbarts, gelb, schnapsdurchtrnkt, verschnupft, von Sonne durchsotten,
ein wenig spter Moses Mies, sein Freund, der Salzagent: klein, dick,
rothndig. Beide Stammgste. Sie reichen Moritz Dsterweg die Hand, sehr
gndig und herablassend von ihm begrt.

Dsterweg --: _herrscht er nicht ber alle?_ Ist er nicht magebend?
Herrscht er nicht unumschrnkt, kniglich, malos? Er ist in bester
Stimmung. Wei nicht wohin vor Glck. Fngt, vor Kraft berquillend, mit
allen spahalber Hndel an. Man pufft und boxt sich. Ein Wettrennen ber
Sthle wird inszeniert. Ein Ringkampf aufgefhrt: man strzt, wlzt sich,
steht wieder auf, taumelt, wankt, sinkt um. (Und Moses Mies reibt sich an
Alois Wurm.) Man lacht, belustigt sich dabei allgemein.

Gegen Mitternacht zieht der Dsterweg meine Frau nher zu sich, die, schwer
benommen, instndig nach frischer Luft ringt. Kindlich bittend wiederholt
er breiigen Munds, mit grnen funkelnden Schusseraugen, ksigen
Plattfingern seine Antrge; er erklrt wiederholt und flehentlich seine
Absichten, ntigt ihr auf den Knieen das Treuwort ab, gibt strahlend Dorka
das seine hin, spricht lang und erregt von naher Verlobung, baldiger
Hochzeit, und ist tief beglckt und s durchronnen, als Dorka endlich,
nicht ohne zu zgern, ja sagt. Einen Hundertmarkschein hndigt er ihr
sofort ein.

Inzwischen rechnet die Wber ab. Die Schuld betrgt fnfhundertundzehn
Mark, von Dsterweg sofort bereinigt. Das Fest setzt sich fort. Und Dorka,
Dsterweg zrtlich umschlingend: er sehe aus wie Fip, die schwarze Katze,
die auf der roten Tischdecke, dick ausgebreitet, behaglich schnurre. Sie
nennt ihn Onkel. Und pltzlich, mitleidig, mit groen Augen:

Onkel, wo hast du das viele Geld her?

Die Frage, unangenehm, beengt. Man berhrt sie.

Ich werde gerufen. Dsterweg drckt mir einen Ku auf die Stirn, dankbar,
da ich ihn gefhrt habe. Und selig lchelnd auf meine Frau weisend: zum
Glck gefhrt habe! Ich msse sie bewachen, bei ihr bleiben, Tag wie Nacht;
msse ihm versprechen, Dorka immer zu behten, whrend seiner Abwesenheit:
Dorka, die sein sei. Und heiter angeregt gedenkt der Dsterweg der
allgemeinen Beliebtheit sich erfreuenden Transformationstnzerin Lila
Lieblich, fr deren Schulden in der Hhe von zweitausend Mark er
aufgekommen war. Und renommierend: Sie ist faul. Nach fnf Nummern
schlapp. Total verbraucht. Unbrauchbar. Ungengend! Schallendes Gelchter
folgt.

Doch pltzlich ernchtert entsinnt er sich: vor drei Tagen habe ich meinen
Gehalt empfangen: einhundertundfnfzig Mark. Und lchelnd versucht er: ein
. . . hundert . . . und . . . fnf . . . zig . . . Mark.

Es wird ihm khl. Es ist, als umwehte ihn Morgenluft. Und sein Messer
ziehend, springt er auf: Meint ihr, ich bin euere Wurzen? Windige Bagage.
Ich la mich nicht neppen von euch, nein! Hurenvolk! Luder, dreckige!

Und der Wandspiegel wirft ihm sein Bild entgegen: verndert, fremd, vor Wut
entstellt, lcherlich . . . Man versucht ihn zu halten. Er schreit,
flchtet . . . Doch seine goldene Uhr zerschlgt er, indem er sie mitten in
das Glas schleudert, das zerklirrt . . . _Sein Gesicht platzt entzwei._ Ein
groes schwarzes Loch wird sichtbar. Und da alles vor Schreck verstummt,
gespannt aufhorcht: Sich erschieen? Sich in den Mund schieen? Oder etwa,
etwas rckwrts, die Pistole angesetzt, fnf Kugeln durch die Schlfe?
Einen Tag, eine Nacht . . . nein, zwei Tage, zwei Nchte geherrscht zu
haben, magebend gewesen zu sein, wiegt das nicht alles auf, ist das nicht
alles wert? _Man mu sich doch einmal Luft machen!_ . . . Und es ist
schn, wei er: Und Dorka, Dorka mein!

Man macht Schlu, pfeift einem Auto. Verabschiedet sich. Frau Marie Wber
drckt dem Dsterweg die Hand, lang, Madame, deren Brust sich um diese
spte Zeit immer schwer aus der Bluse zwngt . . . und mir vertraulich
zublinzelnd: das haben sie brav arrangiert. Sie haben ein artiges Fest
gemacht. Auf Wiedersehen. Von Bruno Maria Wagner, der Kapelle, nimmt man
Abschied, der, betrunken, mit Hnden und Fen durch die Luft fhrt. Von
Alois Wurm, der abenteuerlustig unter der Tr sein Geld zhlt. Von Moses
Mies, dem Salzagent, der pfauchend in die Nacht entweicht. Und nimmt
Abschied mit einem letzten Blick von den unzhligen Sumpfkumpanen, die
fluchend unter Sthlen, Tischen, vom Schlaf aufgestrt, hinter Bnken,
unter Vorhngen und Decken, hervorkriechen, wie aus einer Hhle zum Lokal
hinaus, gebeugt, mit schlotternden Knieen in die Finsternis sinkend.

Man fhrt zum Bahnhof, Dorka den Kopf mde an meine Schulter gelehnt, der
Moritz Dsterweg uns beiden gegenber sitzend, etwas sehr dumpf. Die Luft
ist anders. Man spricht wenig. Nur der Dsterweg einmal berselig: Ich
besitze . . . _Er sieht alt und hlich dabei aus._ Sein Gesicht verzerrt
sich idiotisch. Die kleinen, grnen Schusseraugen funkeln, die platten
Ksfinger spreizen sich . . . Man macht eine Biegung. Man fliegt frmlich.
Der Dsterweg zhlt die Stunden bis zum kommenden Morgen, sorgfltig, immer
wieder. Da er sich nicht verrechne: drei Stunden! . . . Durchsucht seine
Taschen: dreiig Mark! Bis zum folgenden Abend: zwlf Stunden! . . . Ich
werde geruht haben; man wird meine Abwesenheit inzwischen bemerkt haben.
Man wird die Unterschlagung entdeckt haben, ich werde nichts dagegen,
nichts dazu tun, ich lasse den Dingen ruhig ihren Lauf, man wird mich
verhaften . . .

Vom Bahnhof geht es in den Donisl! Es ist dreiviertel Fnf. Ich gehe mit
Dsterweg zu Fu voran. Lasse das Auto halten, etwas vom Lokal entfernt.
Dorka will es. Man msse nachsehen, ob X. drin sei. Sie knne X. nicht
leiden. Dann fahre man besser gleich heim. X. ist nicht da . . . Es beginnt
zu regnen. Man kehrt um --: Dorka holen. Dorka --: wartete sie nicht hier?
Sie ist nicht mehr da. Doch Dsterweg bleibt hier, erstarrt. Er bleibt. Ich
etwas unschlssig, hflich grend, entferne mich . . .

Und aus der Ferne, durch den Morgen, Dorka, meiner Dorka nachstrmend, rufe
ich, schallend: Dorka, die Dorka suche ich . . .

                                * * *

Heute treff ich Josef, meinen alten Freund. Er ist sehr erstaunt, mich
wiederzusehen: Ja, Hans, wo treibst denn du dich herum? Aber ich merke
gleich, da er alles schon wei. Hans, du siehst sehr angegriffen aus.
Und er erkundigt sich sehr eingehend, merkwrdig interessiert, nach meinen
Verhltnissen und fragt, lauernd und sehr beteiligt, nach meiner Frau. Mir
ist das sehr unangenehm, wie immer, wenn darauf die Rede kommt. Ich habe
immer irgendwie Angst davor. Ich nehme Ausreden . . .

Es ist sehr schn und wir machen einen groen Spaziergang durch den
englischen Garten. Ich trinke tief die warme Luft ein, ich fhle mich
glcklich wieder, sorglos und heiter, und vollkommen gekrftigt. Die
Menschen gehen sehr entfernt. Sie scheinen durch blhende Luftgrten zu
wandeln, ber der grnen Landschaft gleichwie auf samtenen Teppichen
friedlich, engelhaft dahinzuschweben. Der Kleinhesselohersee glnzt,
unbewegt und starr, er sieht wie Blei aus . . .

Ich wei, Josef hat es immer gut mit mir gemeint. Vorgestern nacht, Hans,
hat deine Frau bei Andreas Sraas geschlafen. Und sie hat es aus Liebe
getan . . .

Ich zucke zusammen. Aber ich fasse mich gleich. Ich mu zugeben, vorgestern
nacht war meine Frau nicht bei mir. Hat sie also wirklich bei Andre
geschlafen? Aber, so trste ich mich, so hat sie es sicher nicht aus Liebe
getan, denn sie brachte mir am Mittag zwanzig Mark. Und die Trnen mhsam
unterdrckend, mit brechender Stimme: Josef, bitte, sei ruhig, ich wei es
. . .

Du brauchst dich nicht darber aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst
wissen, sie ging schon lngst, bevor du sie kanntest, -- -- -- . . .

Und ich, die Fuste geballt, verhaltenen Zorns: Josef, bitte sei ruhig,
ich wei alles, ich wei es. Ich zittere am ganzen Krper. Ich hatte immer
so Angst davor gehabt. Aber es hat mich doch irgendwie befreit. Es ist
heraus . . .

                                * * *

Doch nachdem wir uns verabschiedet haben, mache ich mich langsam auf zu
Andre. Andreas Sraas, stud. ing., Schellingstrae 62, III. Ich treffe ihn
bei der Arbeit. Mitten in Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln.
Ja, er ist ein kleiner, blonder Junge, zwanzig Jahre alt, sehr krftig, mit
sehr blauen Augen.

Sie entschuldigen, B. ist mein Name, aber Sie scheinen nher fr diese
Dame interessiert . . . auf das Bild hindeutend, das unmittelbar vor ihm
auf seinem Schreibtisch steht . . .

Und er sofort: Ja, sie hat vorgestern nacht bei mir geschlafen.

Verstehen Sie: sie ist meine Frau.

Und gesteigert: Sie werden wissen, was das heit: meine Frau, Herr Sraas
. . . haben Sie ihr Geld gegeben? . . .

Was denken Sie, nein . . . Einfach. Ohne mit den Augen zu zwinkern.

Und mein Blick fllt auf das Bett, das links in der Ecke steht. _Es ist
sehr breit._ Das beunruhigt mich . . . Er scheint sehr zufrieden zu sein.
Es ist sehr sauber bei ihm. Er ist sehr gut eingerichtet. Ich denke an
unsere Wohnung in der Quellenstrae 16. Und wie wir jeden Abend aus jener
blendenden Lichterflle, bunt belebt, voll schner, sanfter Damen,
tnzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere immer wieder ganz ergeben in
unser Dunkel tauchen, verworren, lig und dumpf . . .

Er ist auch gar nicht aufgeregt. Er lchelt.

Warf sie mir nicht als vor: Sieh, Hans, Andre tut mir alles, was ich nur
will. Und: Er begleitet mich oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo wir
vor allen Schaufenstern stehen bleiben, uns unermdlich unterhalten ber
Strmpfe, Wsche, Blusen, Schmuck, Hte, Rcke . . . du kannst das nicht.
Und: _Er hat gesagt, er wrde mich, wenn ich nur wollte, gleich von dir
nehmen, auf immer zu sich, mich heiraten . . ._

Ich siede. Und obwohl ich deutlich fhle: ich habe kein Recht dazu, es ist
eine Gemeinheit, ja, sogar ein Verbrechen, zucke ich nach meiner Tasche,
meiner Pistole, hebe sie, ziele, drcke, knalle ihn nieder. Ich bin eiskalt
. . .

Und ich frage mich, nachdem ich das getan habe: habe ich es denn auch
wirklich getan? Und mir scheint die Welt auf einmal verndert. Ja, ich habe
es getan, denn ich hrte den dumpfen Knall und dann den Schlag, als sein
Krper den Stuhl langsam herunterglitt. Ich habe die Pistole noch in der
Hand, in dieser, in dieser rechten Hand. Und ich stecke sie wieder ein
. . . Aber wie, wie bin ich dazu gekommen? Aber ich kann mir mit bestem
Willen jetzt, im Augenblick, keine Rechenschaft darber geben. Es wird
spter geschehen. Und ich mu mich immer wieder davon berzeugen, da ich
Andreas Sraas wirklich niedergeschossen habe. Ja. Es ist eine Tatsache.
_Es ist eine Tat. Wie wohl das tut_, wie reinigend das wirkt: eine Tat. Sei
froh! Nein! Es ist keine Einbildung. Man kann nicht daran zweifeln. Man
wird daran glauben mssen. Und die Blutlache ber dem hellgelben
Parkettboden sieht aus wie eine groe braunrote, aufgeschwollene Sonne, die
spritzt kleine zitterige Strahlen aus nach allen Seiten. Und ich bemerke:
_Andre hat blauseidene Strmpfe an!_ Die heie Scheibe glht wild auf
hinter Andres blondem Jungenkopf, der unaufhrlich rinnt. Sie brennt, sie
schreit. Und Glocken gellen, Kanonen knallen, Trompeten, Trommeln, das
Anmarschieren von Infanterieregimentern, glnzende Kavallerieattacken,
Barrikaden, Kommandos, Stille, Schnellfeuer, Sturmlauf aufgepflanzten
Bajonetts gegen Bastillen, Explosionen, Pulverwolken: und ich erlebe die
ratternde Symphonie des Aufruhrs.

Nun erst bin ich meiner Tat gewi.

Und ich gehe sehr beruhigt, erleichtert die Treppe herunter. Wie ich das
Haustor ffne, _erblicke ich einen lteren Mann, einen Blumenverkufer, und
ich habe das Empfinden, ich msse ihm was recht Gutes tun._ Die Sonne
scheint. Und pltzlich fllt mir hei ein: Ich habe einen Mord begangen!
Ich habe einen Mord begangen! Und ich sage es mir immer vor, in einem
fort, immerfort, sausend. _Und ich will es dem Alten eingestehn_, er wird
ja schweigen, und nichts verlauten lassen. Mich aber erleichterte das. Doch
ich frchte, vielleicht knne er mich doch verraten. Und ich sage mir, das
kann auch spter noch geschehen . . . _Aber ich kaufe ihm alle seine Blumen
ab._ Und ich sage mir: das ist ein rotes Haus. Und ich starre
unausgesetzt, die Blumen in den Hnden, nach oben.

_Und ich brauche lange Zeit, bis ich endlich von diesem Haus fortkomme._

                                * * *

Meine Frau trgt zwei goldene Vorderzhne. Man sagt mir: Deine Frau ist
eine Dirne, die sich bei der Prostitution beide Vorderzhne eingeschlagen
hat. Ich springe dem Schuft an die Kehle.

Man sagt mir: Deine Frau ist eine Abortgrube. Ich speie dem Schwein ins
Gesicht.

Man spttelt weiter: Deine Frau: 'n prchtiges Weib, ne schne Hur'
. . . wer hat diese olle Spinatwachtel nicht schon alles . . .? Ich kann
mich nicht mehr rhren. Ich bin kraftlos. Ich hre alles mit an, aber ich
heule im Innern auf. Ich verblute. Ich sinke in mich zusammen.

Man kennt uns. Wir verkehren im Caf F. Wenn meine Frau kommt, meint der
ernste Ober: Herr B., jetzt kommt das Betriebskapital. Oder: Gegen
Mitternacht steigen die Aktien. Man macht ringsherum Witze. Ich bin
wehrlos. Nur Josef hlt mit mir aus. Er hat mich nicht im Stich gelassen.
Nur Josef und ich warten oft jetzt nachts auf sie. Wenn sie unter die Tr
kommt, ganz rot, meint Josef: _Sie ist eine Flamme . . . es knallt._ Man
deutet mit den Fingern auf uns. Man zischelt. Wir kauern zusammen, geduckt,
frierend, zwei arme Tiere vor unserer Tasse Kaffee, in einer Ecke. Und die
deutschen Brger lagern sich immer ringsumher: sie paffen Ringe durch die
Luft, spielen Billard, trinken aus hohen Glsern Weibier, tragen Namen wie
Ziegler, Zacherl, Beermann, Rind, Kchler, haben breite Stiefel, Platt- und
Schweife, einen massiven Gang, und lieben es, durch wiederholte
Hndedrcke sich zrtlich ihren Weibern gegenber zu erweisen, die,
vollgefressenen Spatzen auf Telegraphenstangen gleich, eng an ihre Mnner
geschmiegt, dahindsen: Schlagrahm wei in den aufgedunsenen Gesichtern,
groe Torten verzehrend (--: fett, doppelkinnig, hngebusenhaft . . .).
Ihrem Beruf nach Pferdehndler, Salzagenten, Buchhndler, Dichter, Maler:
kropfig, dickbuchig, oft aber auch sehr schn, sonnenhaft, langgebartet,
goldblond . . .

Die Instrumente zittern, sthnen, singen, rlpsen. Es splittert, fliet,
knaxt . . . Die Musik: sie ist dorkan . . . und die runden Marmortische
drehen sich, die Kronleuchter knistern, zertrmmern . . .

Und ganz entfernt sitzt Annie, klein, schwarz und bleich, meine frhere
Freundin. Sie lchelt sanft. Sie wnscht nicht meine Frau kennen zu lernen.

                                * * *

Ich denke immer an Andre, den toten Andre. Ich wiederhole mir immer: ich
habe einen Mord begangen! ich habe einen Mord begangen! Und ich sage es
mir immer vor, in einem fort, immerfort, sausend. Ich werde noch wahnsinnig
darber. Ich verliere den Verstand. Ich denke, Andre habe ich um
ihretwillen niedergeknallt. Was habe ich nicht schon alles um ihretwillen
getan. Und doch ich wei, ich lge, ich belge mich, ich habe Andre sehr
meinetwegen niedergeknallt. Und denke immer an Andre. _Ich liebe ihn fast_
. . . Der kleine blonde Junge, zwanzig Jahre alt; zwischen Zirkeln,
Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln . . . Mit blauen Augen. Wie hnlich
er mir ist! Er hat den Mund sehr weit geffnet. Er hat blendend weie
Zhne. Die Lippen sind sehr schmal, blutleer, verkmmert fast, nach oben
gekrmmt. _Und ich bemerke seine blauseidenen Strmpfe._ Und ich denke an
das rote Haus. _Und ich starre unausgesetzt, Blumen in den Hnden, nach
oben._

Wahnsinnig irre ich umher, voller Angst. Ich kann nicht ertragen, da meine
Frau einem anderen gehrt hat. Nur einem, nur einem anderen! Es ist
furchtbar, da mir das der Josef ins Gesicht sagen mute. Er wird immer
ber mich lachen. Und trostlos: Wie verkommen, wie haltlos ich bin!
. . . Aber Josef hat auch gesagt: Hans, aber du wirst ja selbst wissen,
sie ging schon lngst, bevor du sie kanntest, -- -- -- . . .

                                * * *

Ich begegne der sanften Annie, meiner frheren Freundin, klein, schwarz und
bleich. Ich verbringe die Nacht bei ihr. Sie sttigt mich. Ich bade.

Ich trete frisch, singend wieder in den blauen Morgen hinein. Ich kehre
frhlich heim. Meine Frau liebe ich unsglich wieder. Ich habe alles
vergessen.

Doch meine Frau ist krank. Sie zerbricht, sie wird lter Tag fr Tag. Heute
ist Madame bei ihr. Sie bringt Kuchen mit, heftig prustend, von Doppelkinn
und Busen arg beengt. Aber meine Frau mu ihre Stellung aufgeben. Sie kann
es nicht mehr leisten. _Das freut mich irgendwie._ Aber zugleich dmmert es
allmhlich in mir auf: die Tren werden langsam zugemacht. Und kurz vor
ihrem Weggehn bemerkt noch wichtig die Wber: Moritz Dsterweg hat sich im
Gefngnis aufgehngt. An seinen Hosentrgern. Denkt euch nur: er, der Lump
hat fnftausend Mark aus der stdtischen Krankenversicherung unterschlagen
. . . Und ich sehe Dsterwegs kleine grne Schusseraugen traurig und sehr
aus der Ferne funkeln. Und eine Spinne klebt hoch, unbewegt, an einer
grauen Wand.

Ich richte das Bett zurecht. Ich putze auf. Ich koche.

Heut haben wir nichts zu essen. Gestern haben wir das letzte Geld im
Automat verbraucht. Jemand lie das elektrische Klavier spielen.

Ich bin zu jeder Arbeit unfhig. Ich brauche stundenlang, um aufzustehn.
Ich bin schwer belastet.

Da sich Andre nicht mehr sehen lt?

Mir schnrt sich die Kehle zusammen. Ich sinke um. Gibt es keine Rettung?
Und sie, fern aus dem Bett, ganz darin vergraben, sehr dnn: Arbeite!

Ich hatte immer so Angst davor. Und ich sehe ungeheuere Schneemassen,
furchtbar, drohend bereinandergetrmt und ein grner Bach rieselt
vergraben, ganz unten, sehr dnn.

Es geht uns stndlich schlechter. Es ist nichts zum Essen da. Trotzdem hat
sich meine Frau etwas erholt. Bei einbrechender Dmmerung entfernt sie
sich. Sie hat sich sehr auffallend gekleidet, sorgfltig herausgeputzt. Sie
ist stark geschminkt. Sie hat Ordnung im vorderen Zimmer gemacht, das Bett
zugedeckt, das Sofa in die Mitte gerckt. Den Waschkrug hat sie mit
frischem Wasser aufgefllt, bei Frau Nal ein neues, sauberes Handtuch
geborgt. Sie ist sehr entschlossen. _Alle Krankheit scheint von ihr
gewichen._ Sie steckt die Schlssel zu sich, betrachtet sich noch einmal im
Spiegel: das rote Jackett blinkt, der blau- und weigewrfelte Rock, ein
kleiner brauner Hut, mit roten und weien Blumen bunt besteckt, gelbe Bluse
. . . und sie zieht sich straff und geht mit einem Seufzer, etwas
schmerzlich lchelnd und Adio. Aber es scheint ihr nicht gar so arg hart
anzukommen. Und ich sage mir: _meine Frau hat ne feine Fresse._

Mir fllt wieder ein, was Josef gesagt hat: Du brauchst dich nicht darber
aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst wissen, deine Frau ging schon
lngst, bevor du sie kanntest, -- -- --. Ich entsinne mich, eines
Sonntags, nachts, lernte ich sie auf der Neuhauserstrae kennen. Sie lie
die Handtasche lang herunterhngen. Sie schlenkerte. Sie blieb oft
herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtete ihr
Haar zurecht oder knpfte ihren Schleier fest, manchmal drehte sie sich um.
Ich denke mir: jetzt will auch ich recht schlecht werden, und bin froh, da
ich Andre erschossen habe. Wie bin ich froh! Und _wir wollen beide recht
herrlich untergehn!_ Ich hre die ferne Musik des anziehenden Sturmes. Sie
ist sehr s. Umschlungen versinken wir. Aber ich sehe auch wieder ein: ich
bin ein groes Kind, trumerisch, voll trichter Rachegedanken, dem Leben
abgewandt.

Ich gehe dumpf in mein Zimmer, bleibe im Dunkeln, mache kein Licht, sperre
ab. Ich horche gespannt. Jedes Gerusch schreckt mich. Nach zwanzig Minuten
kommt sie mit dem ersten. Sie zndet die Stehlampe an. Es ist ganz rot. Und
ich denke an Andres Zimmer. Und ich sage mir: auch das ist ein rotes
Haus.

Sie wechseln einige Worte. Geld klirrt. Er versucht sie zu kssen. Man
sinkt auf das Sofa. Ihre Arbeit beginnt. Ich sehe neugierig durch eine
Hitze. Es ist ein groer wtender Kerl, aufgedrehten Schnurrbarts,
verschnupft, schnapsdurchdrngt, von Sonne versotten, ein Bierbrauer. Wild,
unbarmherzig reit er sie auf und nieder. Sie ist ganz gleichgltig.

Bis Mitternacht hat sie vier heraufgebracht. Sie belegen sie mit allen
mglichen Namen: Marie, Lina, Pppchen, Schlingel, Lmmelchen, Toppsau,
Mensch. So verkehrt man mit meiner Frau.

Sie kommt zu mir. Sie klopft an meine Tr. Es ist, als ob sie um Einla
bitte. Als bettelte sie. Ich bin sehr mde, Hans, gute Nacht! Sie hndigt
mir ein groes Goldstck aus. Also fr fnf Mark . . . _Und auf dem Tisch
stehen viele Blumen_ . . . Ich aber weine leise in mich hinein. Dorka
wimmert laut.

Sie schlft bis gegen Abend. Dann geht sie wieder weg. Auch ich gehe weg.
Mir ist das, wenn ich mich prfe, nie so fern gelegen. Ich geile mich.
Arbeiten! Am Stachus treffe ich einen lteren Herrn, mit goldener Brille,
kleinen grnen, funkelnden Schusseraugen, _der jenem Blumenverkufer sehr
hnlich sieht, den ich vom toten Andre herabkommend, auf der Strae
erblickte._ Er schliet sich mir an. Ich bin guter Dinge. Doch an Dorka
denkend, unterziehe ich mich allem gern. Ich demtige, ich erniedrige mich.

Wie ich nach Hause komme, wartet schon meine Frau auf mich. Wir zhlen
beide unseren Verdienst. Wir mssen lachen. Wir umarmen uns nach langem
wieder, kssen uns herzlich. Wir schlafen beieinander. Doch bald wird ein
jedes von uns sehr traurig. Wir ermden. Wir vermeiden es ngstlich wieder,
uns gegenseitig zu berhren.

Es ist verworren, lig und dumpf. _Wie lang wir die Sonne nicht gesehen
haben! Denn erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, kriechen wir aus._ Wir
sind beide sehr gereizt. Wegen einer ganz geringfgigen Ursache entsteht
eine Schlgerei. Ich habe vordem nie ein Weib geschlagen. Ich werfe ihr den
Stuhl an den Kopf, da ihr die Stirn weit auseinanderklafft. Sie gibt mir
einen Tritt in den Bauch, da ich rckwrts taumle. Waschkrug, Spiegel,
Teller gehen in Scherben. Die Tr zerkracht. Wir prgeln uns auf offener
Strae. Eigentlich ganz ohne Ha. Sehr roh und khl. Sehr mechanisch. Wie
Fuhrknechte auf Pferde einhauen. _Nur um uns gegenseitig etwas zu
erleichtern._ Auf einer frisch angestrichenen Bank bearbeiten wir uns beide
mit den Fusten. Die Dorka kratzt und beit. Sie ist ein bses Raubtier.
Die kleinen Augen, meergrn, funkeln. Sie beit sich in meiner Oberlippe
fest, die blutig herunterhngt. Menschen sammeln sich an, halb sich
belustigend, halb sich entsetzend. Einer, ein uraltes spinniges Kerlchen,
zerbrckelt, grauhaarig, trippelnd, kurzhosig, mit goldener Brille,
langbehaart, kleinen grnen, funkelnden Schusseraugen zhlt immer sehr,
sehr dnn: Eins, zwei! Eins, zwei! Eins, zwei!!

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam ber die Strae.

                                * * *

. . . Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spt ist
Und: Warum liebe ich sie . . . aber ich kann mir darber nicht klar
werden. Alles ist verworren, lig und dumpf. Ihr Gesicht ist eine
schwammige Masse, gelb, trb, immer bewegt. Die Dorka ist immer betrunken.
Sie torkelt. Wir irdisch sie ist! Sie zieht mich herab. Sie fllt mich. Ich
bin ganz widerstandslos, hemmungslos. Ich mu ihr die Bluse zumachen, die
Stiefel zuknpfen. Ich will mich dagegen auflehnen, die Schamrte steigt
mir ins Gesicht. Ich siede. Ich will mich empren; meine Hand zuckt oft
nach der Tasche . . . _Sie sagt nur Pferd und streichelt mich und ich bin
wehrlos._ Wieder ist sie lustig und singt. Sucht Gesellschaft auf, um zu
wirken. Das Zimmer ist oft ganz voll von Russen, Polen, Franzosen,
Italienern. Es wimmelt. Ein Bein streckt sich steil hervor. Sie ist
vergraben . . . Oh, ich mchte eine groe Rolle spielen, ich werde
glnzende Kleider tragen, im englischen Garten jeden Tag frh ausreiten,
spazieren fahren, _du kannst immer im Caf sitzen . . . Du kannst essen,
trinken, schlafen, schlafen . . . Du . . . dann: mein ganz feingemachter
Lucki!_ . . . Und sie htschelt kleine Hunde, bewehklagt Bettler, kost
ihre Puppe, immer sie streichelnd und in einem fort: Buberl! Buberl!

Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spt ist! Doch
diese Worte, immer und immer wieder mich qulend, bedrngend, und
ausgesprochen _von einem von oben herab_, sehr blond und in einem langen
schwarzen Mantel, sie scheinen mir unermelich. Es ist ein Rat
unausfhrbar. Es brennt.

Mein Krper ist voll bser Flecken. Geschwren, Flechten, Narben,
Nadelrissen. Bevor wir ins Bett steigen, kratzen wir uns gegenseitig wund.
Unsere Krper sind Blutcker. Wir waschen uns die Rcken. Wasser klatscht.
Man scheuert Bnke so. Meine Frau hantiert ununterbrochen mit Jod,
Irrigator, Schwefelteerseife, grauer Salbe. Es schwelt. Ich renne, whrend
meine Frau sich sthnend im Bett hin- und herwlzt mit erhobenen Hnden
gegen die Wnde an. Dann kauere ich dumpf in der Ecke nieder. Gib mir
etwas Wasser, Hans . . . bittet sie, sehr dnn . . . Halt dein Maul,
Luder. Du, du hast mich zu Grund gerichtet. Und aufbrausend: Verreck,
du! . . . Ihre Augen weiten sich. Sie wird sehr ruhig. Es tut mir
furchtbar leid, so gesprochen zu haben. Ja, es tat mir schon leid in dem
Augenblick, als ich so sprach. Ich falle vor ihr auf die Kniee nieder,
schluchzend, um Verzeihung bittend. So haltlos bin ich. Hans, mir ist, als
sei eben etwas zwischen uns getreten! Und mit erhobenen Hnden, grell:
Jemand hat uns auseinandergerissen. Wie weh, oh, wie weh das tut! . . .

So soll alles umsonst gewesen sein?

Und strze, ein Tier, aufheulend am Bett nieder. Die Dorka wimmert.

Ein Gewitter zieht herauf. Dunkle Vogelschwrme nisten. Ein feuriger Hund
luft ber den Himmel. Es bellt.

Die Freier bleiben aus. Es ist eine sehr schlechte Zeit. Sie kann keine
Besuche mehr empfangen. Auch mssen wir Obacht auf die Polizei geben, die
uns seit einigen Tagen schon grndlich auf der Spur ist. Wenn man mich
erwischt, meint meine Frau, werde ich eingeliefert. Und: ich habe schon
einmal zwei Monate gesessen. Und: ich habe auch keine Lust mehr ins
Krankenhaus. Und ich denke an mein Elternhaus. Mein Vater war Arzt. Das
Vorzimmer, in dem die Kranken warten muten, war dicht gefllt. Sie kamen
aus allen Gegenden: die Gesichter zerschlagen, Arme, Beine eingebunden, die
Augen fiebrig glnzend oder schon starr, ermattet. Ein Kind wimmerte. Ein
Gestochener schrie, und in purpurenen Traufen troff ihnen das Blut von der
Stirn. Ich aber strzte in den blhenden Garten hinaus, die Hnde geballt,
der prchtig untergehenden Sonne nach.

In demselben Zimmer hing auch das Bild der verstorbenen Mutter, ein Mdchen
noch, voll blhender Anmut, das Haar gold, und wie Feuer leuchtend, die
kaumgeffneten Lippen rot, einer halbverschlossenen Frucht vergleichbar,
die Augen in Klarheit aufgetan. Und sie, die Wartenden, sie saen, alle den
brechenden Blick flehend emporgewandt.

Die Nal hat uns heute die Wohnung gekndigt, so leid es ihr tue, aber
gestern seien drei Kriminaler da gewesen, die sich auffallend eingehend
nach uns erkundigt htten, auch sei die Wohnung unsauber, Spinnengewebe
berall, wir fielen zu sehr auf, die Miete des vergangenen Monats sei noch
nicht bezahlt, es kmen zu viele Besuche . . .

Ich begegne in den Isaranlagen einem Mdchen, rothndig, mit groen Fen,
drftig angezogen, kurzhaarig, im Nacken ausrasiert. Wir sitzen beieinander
auf einer Bank und sie erzhlt mir, sie heie Elly und sei eben erst aus
Stadelheim entlassen, wegen Gewerbsunzucht zum erstenmal bestraft. Sie ist
ganz und gar ausgehungert, seit drei Wochen hat sie nur auf Stroh
geschlafen. Ich hole ihr von zu Haus das letzte Stck Brot und gebe ihr den
letzten Schnaps. Meine Frau merkt nichts. Ich gehe mit ihr zu Josef. Er
wundert sich, mich mit einem anderen Mdchen zu sehen, doch scheint ihn das
irgendwie zu freuen. Er stellt Elly sein Bett zur Verfgung, er selbst
bernachtet, in seinen schwarzen Mantel gehllt, auf einer Bank. Ich
schlafe bei Elly. Ihr Krper ist hart, sie grbt sich tief, berglcklich
aufschauernd, in die weien Kissen, schlgt die weiche Decke ganz ber uns.
Sie ruht, das Gesicht ksig, doch umrahmt von rotem Haar, dessen Schimmer
weit in die Stirn fllt, die Nase platt, eingedrckt, groen Munds, mit
kleinen grnen Schusseraugen, ein hlicher Engel. Da sie friert, lege ich
mich auf sie und wir schlafen, Brust an Brust, Mund an Mund. Oft ist es,
als ertne unirdische Musik, die Erde sinkt, die Wnde weiten sich, wir
schweben.

Ich erwache. Es ist Tag. Der Himmel ist ein blutiges Tuch. Elly schlft
noch. Sie lchelt. Ich drcke ihr einen flchtigen Ku auf die Lippen, ich
bemerke, wie ihr Krper entstellt ist, strotzend, aufgerissen, mibraucht.
Ich gehe weg . . .

Ich irre durch die Stadt, die von roten Meeren ganz verschwemmt ist . . .
Wo habe ich heut geschlafen . . .? Und ich jage durch Wsten: Straen,
Straen, Straen. Neubauten, wo Kalk dampft, unergrndliche Grfte,
Vorstadtwiesen, mit Kindern, Hunden und Fuball, ein Friedhof mit plumpem
Gelut und schwarzem Zug, ein Flu, Brcken; und ich gelange endlich in
einen Wald und ber Exerzierpltze voll rudiger Winselhunde, Krankenhuser
mit Karbolgeruch, Fabriken, Bahnhfe wieder zurck. Wo habe ich heut
geschlafen . . . Ich bin zerschmettert. Und ich wei mich, sehe ich mich
nur einem Weib gegenber, unendlich schuldig. Und ich entsinne mich, ich
habe meiner kleinen dreizehnjhrigen Kusine einmal eine Bitte abgeschlagen,
sie weinte, am anderen Tag war sie tot. Und meine Mutter sagte immer zu
mir, war ich unfolgsam Du bringst mich noch ins Grab. Und mein Vater
sagte das und alle anderen, alle Menschen sagten das. Und sie alle sind
tot. Und ich habe sie, alle habe ich die ins Grab gebracht. Und ich komme
eben am roten Haus vorber. Ja, auch Andre habe ich ins Grab gebracht,
und ich sehe hoch eine groe Spinne kleben, unbewegt, an einer grauen Wand,
und Dsterwegs kleine grne Schusseraugen funkeln, traurig und sehr
entfernt. Schlief ich nicht bei Dsterweg heut nacht? Und ich sage mir: die
Tren werden langsam zugemacht.

Meine Frau und ich gehen wieder los. Ich treffe sie jede Nacht. Sie
schleicht auf der linken Seite langsam dahin, ich gehe auf der rechten. Ich
beobachte sie. Ich traue ihr nicht mehr. Sie lt die Handtasche lang
herunterhngen. Sie schlenkert. Sie bleibt oft herausfordernd vor den
hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtet ihr Haar zurecht oder knpft
ihren Schleier fest. Manchmal dreht sie sich um.

Wenn sie sich einen anderen anschaffte.

Ich wte. Ich erwrgte sie.

Ich bin vollstndig kaput. Ich versuche loszukommen, ich habe es ja immer
schon gewollt, ich war nur zu schwach dazu. Ich habe nur nicht den Mut zu
mir gehabt. Ich habe es mir nur nicht eingestanden. Ich frchtete mich
immer so davor. Aber habe ich nicht Pflichten? Geht sie nicht fr mich, fr
mich auf den Talon? Und auf den Knieen rutsche ich durch das Zimmer,
taste mich langsam hinaus, schleppe mich zur Treppe. Ich hre Schritte.
Eine Tr klappt. Die Dorka! Und ich ziehe mich, schweibedeckt, am ganzen
Krper zitternd, mit Mhe noch am Gelnder empor. Es wird Licht. Eine
Gestalt beugt sich nieder. Nimmt mich in ihren Arm. Oh, wie ich sie hasse!
Sie hebt mich auf, trgt mich zurck, ich jammernd an ihrer Brust,
streichelt meine Wangen: Buberl! Buberl! Dann: Pferd! Sie ist zrtlich,
als sei ich eben erst zu ihr zurckgekehrt, jahrelang von ihr entfernt.

Am folgenden Tag wiederhole ich meinen Fluchtversuch. Bald sehe ich ein, es
ist unmglich. Und: Ich mu ja, ach, viel, viel Gutes noch tun; denn habe
ich nicht meine Frau geschlagen?! Ich will erdulden und alles willig auf
mich nehmen, ich habe viel Schlimmes schon getan . . . Und ich komme so
nicht los von ihr. Es ist unmglich. Was soll ich auch fliehen? Es
erscheint mir kindisch.

Ich finde die Haustr verschlossen. Meine Schlssel sind fort. In den
Zimmern ist Licht. Ich suche nach Schatten. Es sind viele Schatten. Will
sie mich nicht mehr? Hat sie sich einen andern angeschafft? Und ich hre
wste Schreie, Stimmengewirr. Und ich sehe eine schwebende hellerleuchtete,
klirrende Schaukel, in der mir meine Welt ins Dunkel entfliegt. Ich werfe
die Fenster ein. Alles bleibt ruhig. Das Licht geht aus, doch nichts rhrt
sich, niemand kommt herab. Und ich erinnere mich, sie sagte oft, stritten
wir, sei nur ruhig, ich werde mich schon zu revanchieren wissen. Also, sie
hat sich einen anderen angeschafft. Ich warte Stunde um Stunde, in eine
Ecke gelehnt. Wenn ich den wenigstens sehen knnte! Die Bogenlampen lschen
aus. Der Himmel wird tiefblau. ber den Dchern rtet er sich. Das
Gezwitscher der Vgel beginnt. Ich gehe in die Kirche gegenber. Ich hre
die Messe. Ich trete wieder, beruhigt und gestrkt, in den erwachten Tag
hinaus. Die Fensterscheiben sind zertrmmert. Ich fahre mit den Hnden
durch die Luft. Ich drossele sie und ich habe . . . ich habe die Dorka, die
Dorka erwrgt! Ich fhle die Last ihres Krpers in meinen Armen; ich lege
sie irgendwo in einem Hausgang nieder. Ich mache mich schnell fort. Ich
eile zu Josef. Ich falle ihm um den Hals, ich habe ihm pfel und
Zigaretten, die ich irgendwo stahl, in Menge mitgebracht. Er schaut mich
gro an. Josef, ich habe meine Frau erwrgt, ich habe meine Frau
umgebracht! Josef, leb wohl . . . und ich habe auch Andre umgebracht
. . . leb wohl . . . und ich habe auch Dsterweg umgebracht . . . leb wohl
. . . und meine Mutter habe ich umgebracht . . . und meinen Vater habe ich
umgebracht . . . und brllend: alle Menschen habe ich umgebracht . . .
leb wohl, Josef, sieh, ich bin ein Mrder . . . leb wohl . . . der auch
dich noch . . .

Er ringt nach Worten, seine blauen Augen hngen lang herab, ich ksse ihn,
ich bin so glcklich: ich habe meine Frau erwrgt. Und ich fhle mich
seit langem wieder das erstemal frei. Und Josef: Ob Dorka das wert war,
mut ja du selbst am besten wissen, ich wei das nicht . . . Ich werde
berlegen, was zu tun ist, aber bedauern kann ich Dorka nicht . . . Auf
seinem Tische aber liegt eine Zeitung, ganz zergriffen: Andreas Sraas,
stud. ing., wurde heute erschossen in seiner Wohnung, Schellingstrae 62,
III. Stock, aufgefunden. Der Mrder ist bis jetzt unbekannt . . .

Am Abend kehre ich, halb frhlich, halb niedergedrckt, nach Haus zurck.
Es wird dunkel. Es war alles ein Traum. Und ich sage mir, eine Tr nach der
anderen wird langsam zugemacht. _Das Haustor steht weit offen._ Meine Frau
singt, sie ist sehr munter, sie empfngt mich mit guten Worten, sie
streichelt mich mit ihren Blicken, sie ist sehr sanft: Du solltest klug
genug sein, um das verstehen zu knnen. Es waren Schlager . . . Und ich:
Ja! Ja!! Und ich seh zu, ob ich ihr nicht weh getan habe. Ich will alles
wieder gut machen. Ich habe sie gestern so gewrgt! Sie hat ein warmes
Abendessen hergerichtet und hat sehr viel Geld. Wir sprechen uns ber den
gestrigen Vorfall nicht weiter aus, aber ich mu an mich halten, nichts
verlauten zu lassen. Sie sagt, sie wollte gestern nachmittag Andre
besuchen. Aber es sei alles verschlossen gewesen. Ich triumphiere heimlich.
Wenn sie wte. Sie sagt: Hans, liebe mich. Sie ist sehr erregt. Du
meinst wohl, ich solle dich . . .? Sie, aber sehr traurig: Hans, du bist
so roh, bei dir wenigstens mchte ich nichts dergleichen hren, du solltest
zart sein gegen mich, ich will nicht mehr deine Apache, deine kleine Dirne
sein, ich bin dein >Franzosenweibchen<, du mut dein kleines Frauchen
schonen. Das ist gewi sehr lieb von ihr gesprochen, aber mir kommt es
sehr albern vor. Und ich sage nur: _Du hast ne feine Fresse!_ . . .

Wir essen zu Nacht, am offenen Fenster. Wir sind im Dunkel. Doch die Strae
schwimmt im Licht. Wir sind hoch ber dieser Welt. Die Glocken luten.

                                * * *

Seit heute kann meine Frau nicht mehr aufstehn. Wir haben nun alles Geld
wieder verbraucht. Wir haben alles versetzt. Man bekommt nur sehr wenig.
bermorgen sollen wir umziehn. Also wieder zwei Tage. Die alte Galgenfrist!
Ich kann keine Medizin mehr kaufen. Ich schaue meiner Frau gro ins
Gesicht, ihre Augen, die wie Blei aussehen, sind weit: Weib . . . Ich
nenn sie das erste Mal so. Es durchschauert mich. Ich lege mich zu meinem
Weib ins Bett, sie ruht neben mir mit halbgeschlossenen Augen. Sie kann
ihre Notdurft nicht mehr auerhalb verrichten. Alles ist voll. Ich sthne:
Ach Dorka, du hast ja das ganze Bett . . . Sie dreht nur den Kopf: Ach,
Hans, du lgst . . . Noch einmal schlgt sie zu mir die Augen auf: Ach
Hans, mein Hans, mach mich tot! Und ich denke bei mir: soll das heien
. . . will sie etwa damit sagen . . . ich solle sie jetzt . . . in diesem
Zustande . . .?! Ich lache wild auf. Ich schme mich. Wie sie mir leid tut!
Sie ist ein elendes Geschpf, das sich nicht rhren kann. Ihr Gesicht ist
ganz schmal, spitz, zermrbt und zermalmt, die Lippen wei. Sie bedeutet
durch eine schwache Handbewegung, da ich den Papierofenschirm ans Bett
heranrcken soll, sie betastet ihn unausgesetzt. Auf ihren Lippen bildet
sich ein Lcheln. Ich ksse sie hei und zart, beides, und am ganzen
Krper. Es kostet mich gar keine berwindung. Ich bin gar nicht angeekelt.
Sie phantasiert. Sie spricht Unverstndliches im Traum, doch manchmal klar
und eindringlich: Noch ne Flasche oder vielleicht Sekt, Herr Mies, ach
Herr Wurm . . . geh, Schatz sei nicht so fad. Ach, seid ihr schlechte Gste
. . . Also, wie du willst, Onkel . . . Ne Flasche Feist, Frau Wber!
. . . Und sie nennt einen Namen: Isaak. Ich wei, das ist der erste
Mann. Sie spricht nunmehr mit ihm: Lieber Gott, so nennt sie ihn, wo hast
du mein Buberl . . . Dann schreiend: Andre! Andre! Und mit ihren Hnden
wild in meine Haare: Isaak! Isaak! Und mich inbrnstig kssend:
Liebster! Und weiter: Das andere waren ja -- ach! -- nur schlechte Gste
. . . Du bist der beste Gast . . . Doch nein, ach nein: du bist ja was viel
anderes als ein Gast . . . Du bist der Wirt aller Wirte . . . Ich habe
tchtig geklaut fr dich . . . alle geneppt . . . ich habe viel aufgespart
fr dich . . . ach, schon vorhin bist du ja herausgetreten . . . auf dich
war ich immer am meisten scharf . . . wie hei ich bin! . . . auf dich
. . . Ich bin krank geworden fr dich . . . Das ich so verkommen bin
. . . _Das Leben ist beschissen_ . . . Aber, ach, du weit ja, alle Wege
gehen ber das Bett! Doch sie sind alle schlecht bei mir weggekommen
. . .

Sie biegt sich ganz weg von mir. Als ich sie berhren und zart umfassen
will, furchtbar, entsetzlich, drohend: La mich! Du la mich! Du fremder
Mann . . . Die Welt liegt ihr zu Fen; sie dient ihr. Sie spendet allen.
Um ihre Gunst bemhen sich alle . . .

Sie lchelt wieder und ihre Lippen formen immer den einen, sehr sorgfltig,
den geliebten Namen: Isaak! Isaak! . . .

_Ein jedes liegt bei sich ganz zerkrmmt._ Ich sinke in einen
Halbschlummer, ich wandle auf einer Wiese und Annie klein, schwarz und
bleich, kommt mir entgegen, sanft: mein groer Junge! Wie hnlich sie
Dorka wird! Warum Annie nicht eigentlich neben mir liegt? Ich glaube die
Dorka nicht wieder zu erkennen. So fremd, so zufllig erscheint sie mir.
Ich schliee die Augen, versuche mir ihr Bild vorzustellen. Ich kann es
nicht. Sie ist nicht mehr gegenwrtig. Und schmerzlich: O Dorka, da ich
dich bald vergessen werde! So werde ich immer, Dorka, dein Bild ruhelos
suchen mssen. In allem, was mir begegnet: im Caf, auf der einsamen
Landstrae des Nachts, unter den Gestirnen am Himmel, im Geklimper der
Schreibmaschinen, auf der Promenade, beim Tanz, in den Zeitungen, in allen
Bchern, im Geklingel der Telephone, in der Tram! Immer werde ich dir
qulend nachbeten mssen, Seele, wenn du entschwunden bist! O Dorka!
. . .

Wie ich ihre Hand berhre, merke ich, da sie sehr kalt ist. Friert dich
nicht, Dorka. Sie aber antwortet nicht mehr. Ich hlle sie in die Decke
ein, da sie ja nicht friert. Kann ich sie nicht erwrmen? Und ich denke
an Elly. Und ich lege mich auf sie. Brust an Brust, Mund an Mund. Doch sie
bleibt kalt und stumm. Ich sage mir, nun sind alle Tren zu.

Es scheint tief in der Nacht. Ein Zitronenfalter flattert im Zimmer. Aber
wie ich nher hinschaue, ist es ein Streif der Morgensonne, der ber dem
Papierofenschirm liegt. Der Himmel ist sehr blau und die Vgel alle machen
eine herzerquickende Musik. Soll ich nicht aufstehn, mich waschen und den
Josef aufsuchen? Oder soll ich nicht zu der Frau Wber ins Geschft gehn
und ihr mitteilen, da Dorka, meine Dorka tot ist? Ich kann das ganz ruhig
berdenken. Ich rege mich gar nicht auf. Mir ist wie damals, als ich Andre
niedergeschossen hatte und spter, als ich fest daran glaubte, meine Frau
erwrgt zu haben. Ich bin sehr frei. Aber ich komme nicht los. Etwas zieht
mich immer wieder an ihrer Seite nieder. Ich bin sehr schmutzig. Und es
erfat mich ein ser Taumel und ich fhle mich an Dorkas Seite
entschweben, hoch ins Licht gehoben, die grauen Wnde weiten sich, die
Nebel heben sich, die Erde sinkt, ein Rosenregen fllt, Wolken wehen,
Halleluja, Sterne wirbeln, und wir treten hoch aus den Wolken hervor, von
allen Engeln des Himmels umschirmt, einer blendenden Gloriole umgeben
. . . Madonna Madonna! und mit dem Wesen, das furchtbar und gtig ber
allem waltet, dem Ewigen, von Angesicht zu Angesicht . . .

Ich breite die Arme aus und meine Hnde greifen im Halbschlummer, den jene
himmlischen Wonnen selig durchblitzen, den Papierofenschirm, den unsere
Vormieter hinterlassen haben. Er war immer das einzige Helle der Zimmer.
Ich trume weiter.

Ein Zaubergarten lockt, umgittert. Ein berauschender Duft strmt daraus;
himmlische Musik erklingt. Das Tor, das eherne Portal springen auf, ffnen
sich. Den Dahinschreitenden umfngt mit sanft bezaubernder Gewalt der
schwle Geruch blhender Hecken. Der betubende Duft glhender Rosenbeete
erfllt ihn. Schmale Pfade senken sich tief hernieder, breite Wege,
rosenbestreut, leiten empor, strzen wieder jh ab in die dunkle, zittrige
Glut schwler Grten oder mnden in die glnzige Goldluft, als fhrten sie
in den Himmel. Ein langer dunkler Laubgang, berdacht von rauschenden
Zweigen, reich behangen und berschwellend von vielgearteten Frchten,
kugelrunden, spitzgestalteten und eierfrmigen, zieht sich herab auf eine
weite, saftige Wiese, auf der sich allerhand Getier, buntvermischt,
friedlich tummelt: violette Zebras, wei gestreift, die glhenden Kpfe
stolz erhoben, liegen im Gras, schwarze Hasen rotugig, grne Pferde, weie
Elefanten, die Rssel, wie ste hoch in die Luft gestreckt, die gewaltigen
Fangzhne tief im Boden vergraben, lagern ihnen zur Seite, silberne
Schlangen gleiten klirrend dahin, rote Bren, langgeschweifte Goldfchse
und graue Hunde, gelbe, buschige Katzen lachen und tanzen. Hai und Ala, die
beiden steinernen Lwen vor dem Schlotor, meine ersten und meine besten
Freunde, kommen herbei mit heftig wedelnden Schwnzen, ein Zeichen
freudiger Erregung, sie schmiegen zutraulich ihre ungeheuren Tierkpfe an
mein blaues, lose herabwallendes Gewand und so wandeln wir dahin, ich in
der Mitte, glcklich heiter und schn. Flatternde Kolonnen singender Fische
ziehen hoch ber uns durch die weie Luft, ein Riesenvogel, blaugefiedert,
durchschneidet mit scharfem Flgelschlag den blassen ther, einen spitzen
Schrei ausstoend, als erscheine ihm das Glck -- wie auch mir, der ich
ununterbrochen jauchze oder berselig schweige -- unfalich und
mrchenhaft, so hell, so inbrnstig jubelt er. Die wachsgelbe Scheibe der
Sonne deckt fast den ganzen Himmel, ihr flssiges Goldlicht tropft nieder,
honigschwer. Ein Regenbogen wlbt sich, er strahlt in allen Farben.
Kristallene Schlsser, rubinrote Palste, blau aufflammende Burgen,
verwitterte Ruinen, paradiesische Gebirge, hngende Wundergrten steigen
zur Rechten und zur Linken enorm, unendlich empor. Ich bin krperlos, in
alles restlos aufgelst, ein vielfaches Echo von allem, ganz voll,
gesttigt, vollkommen. Es ist wunderschn. Und mir ist, als verstnde ich
nun auch die Sprache der Wesen, die ja sonst dem Menschen unverstndlich
und verschlossen, das Geheimnis der Seele, die ihnen unzugnglich ist. Wie
glcklich bin ich, brllt Hai, wie wohl ich mich fhle, entgegnet,
freundlich brummend, der Kamerad. Meinen Gru! Meinen Gru! zwitschert
hoch in den sich wiegenden und leise von einem goldenen Windstrom bewegten
Zweigen ein kleiner roter Paradiesvogel! Wo habt ihr das groe Kind
hergebracht? Und: Es geht wohl zum Silbersee? erkundigte sich eiligen
Laufs die flchtige Gazelle, die soeben in den Wunderwald einbiegt mit den
Riesenbumen, deren Stmme schwarz wie dunkler Marmor glnzen, doch deren
Wipfel lauter wie Gold leuchten, blendende Dolche ins Blaue gezckt. Auf
einer Anhhe angelangt, bietet sich ein herrlicher Anblick, tief unten
schillert der See, eine sanft bewegte Silberflche, am Ufer, auf einem
smaragdenen, hellblitzenden Edelstein sitzt ein schnes Mdchen und flicht
mit spitzen Hnden die goldenen Zpfe, die von flssigem Purpurgold
berquillen, das leuchtend, alles bedeckend, niedertropft. Trunken und
selig dehnt sie die wohlgebauten Glieder, breitet voll rhrender Sehnsucht
die weien dnnen Arme aus, sie schmerzhaft und voll Seufzer an die volle
Brust pressend, streckt sich einer weien, leicht im Windhauch sich
neigenden Blume vergleichbar auf den Boden hin, dem Wasser entlang, dessen
klare Wellen heransplen, den Krper benetzend. --

                                * * *

Der Kaffee, Herr B. Der Kaffee! . . . Ich erwache. Alles ist spinnig. Man
ruft. Man klopft an die Tr. Und ich, laut und fest: Gleich, Frau Nal
. . . Ich erhebe mich. Ich drcke Dorka sanft zur Seite, schliee ihr die
Augen zu, lege ihr ein Tuch ber das Gesicht, gelange die Treppen hinunter,
unbemerkt, so wie bei Andre. Ich befinde mich schon auf der Strae. Es ist
sehr khl. Es regnet . . . Dort oben ist die Hhle, in der wir gehaust
haben . . . Und es ist lig, verworren und dumpf. Und die Quellenstrae
ist eine Aschen--Strae . . . Ich denke, die Zimmer waren bs wie
Raubtiere, sie lauerten, sie waren heimtckisch, geduckt . . . Mir kommt es
vor, als qualmte es. Ich bin ganz durchnt. Ein Auto, vorbersausend,
halte ich mit geschwungenen Armen auf. Alle Menschen, die mir begegnen,
frage ich nach Dorka. Die Dorka --: eine Dame hellen gewrfelten Rocks,
roten Jacketts, schwarz, mit zwei goldenen Vorderzhnen?! Man schttelt
die Kpfe. Was stehe ich im Regen hier, la mich die Gosse hinuntersplen:
in den Flu, durch den See -- (und bei See denke ich immer an Dorkas
starres, geweitetes Auge, das wie Blei aussieht . . . also ist es doch
eingetroffen!) -- durch den See, wieder durch den groen Flu zum stillen
Meer. Und wie ich so oft als Kind gedacht habe, das Wasser der Gosse fhrt
in den Flu, der wohl in das Meer mndet, dort steigt das Wasser als Dunst
auf, verdichtet sich, bildet die Wolken und fllt wieder, dem Gesetz ewigen
Kreislaufes folgend, als Regen nieder. Und ich starre immer nach oben.
Soll ich hinweggesplt werden, verwaschen werden, glatt wie Stein werden,
da die Nase hinschwindet, das Kinn. Ich trete von einem Bein auf das
andere. Ich pfeife. Das tue ich immer aus Verlegenheit. Ein altes
Kinderlied fllt mir ein. Der Regen singt es. Nun mssen mich doch schon
Leute bemerkt haben!

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam ber die Strae,
in seinen groen schwarzen Regenmantel gehllt; die Helmspitze blinkt. Und
pltzlich gewahre ich, da es der rothaarige Lehrer Goll ist. Herr Lehrer,
ich habe wirklich die Schule geschwnzt . . . Ja, ja, auch das hab ich
. . . Ich trume immer von weien Windeln, Wolkenfetzen und schwermtigen
Molken . . . das alles auf blauem Grund . . . Und er: Gut, da du
wenigstens den Mut hattest, das einzugestehen . . . du weit: das ist sehr
gesundheitsschdlich . . . Tritt nher! . . . Mller, halt ihn . . . Und
haut mir eine mit dem Stock ber . . .

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam ber die Strae
. . . Es ist aber mein Vater: Vater, du Arger, mir graut vor dir. Habe ich
dich wirklich ins Grab gebracht? . . . La mich heut. Sei nicht so streng
. . . Bitte . . . Und ich denke wieder an das Wartezimmer, an die Kranken,
denen in purpurnen Traufen Blut von der Stirn tropft . . . und es
verbreitet sich in ungezhlten Rinnsalen wie rote Fden auf dem Fuboden,
es bleibt an Decken, Tischen und allem Hausgert haften, es frbt die Wnde
rot, es erfllt das Innere des Hauses mit einem unaustilgbaren slichen
Blutgeruch.

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam . . . Es ist
aber der liebe Gott! Er aber wandelt sehr langsam durch eine von rotem Duft
erfllte Landschaft einem mrchenhaften hellerleuchteten Wald zu, in den
ununterbrochen groe schwarze Vgel mit ungeheueren Schnbeln lautschreiend
ziehen. Und ich breche in die Kniee, stammelnd, versuchend mich zu
rechtfertigen: Meine Eltern habe ich ins Grab gebracht, das weit du
. . . Wievielen Menschen ich sonst noch Schlimmes getan habe . . .
Dsterweg . . . du weit es . . . Meine dreizehnjhrige Kusine . . . du
weit es . . . Habe ich nicht auch Annie Unrecht getan . . . Und die Dorka
habe ich geschlagen . . . Und bei Elly geschlafen . . . Andre habe ich
erschossen . . . Ich habe meine Frau erwrgt . . . Das aber brlle ich
Schaum um den Mund . . . Und ausatmend: _Nimm alle Schuld von mir_ . . .

Ich trete wieder von einem Bein auf das andere . . . Nein, bei Gott,
wahrhaftig, ich komme nicht los. Ich mu mich unbedingt versichern, da ich
noch auf festen Fen stehe, und trete wieder von einem Bein auf das
andere. So stampfe ich mich frmlich in den Boden ein. Ich ringe, beengt
nach Luft. Ich versinke. Ich sthne: Luft Luft! Mir schwindelt. Ich werfe
die Arme empor, ich zerre, ich reie, aber ich bin wie an Armen und Beinen
gefesselt. Doch ich stehe wirklich noch auf meinen Beinen, bemerke ich
pltzlich, und konstatierend: ich bin noch nicht versunken. Und da ich den
rothaarigen Lehrer Goll, meinen Vater und: den lieben Gott gesehen habe,
mu wohl auch ein Irrtum gewesen sein. Der Regen klatscht. Der Wind reit
an den Dchern. Oder soll es vielleicht doch wahr gewesen sein? Man wei
das ja nie so genau. Mein Kopf schlgt knallend auf das Pflaster. Ich
zucke zusammen, auseinander schnelle ich, die Hnde gekreuzt, die Arme
gerungen, die Beine empor, doch ich erhebe mich. Ich bemerke niemanden. Ich
fhle mich sehr frei. Nur auf meinem Kopf lastet ein dumpfer Druck. Als sei
ein Meer ber mich hinweggeschritten. Alle Einzelheiten habe ich vergessen.
Josef kommt auf mich zu, in einen groen schwarzen Regenmantel gehllt,
sein Haar ist sehr blond. Ich erkenne ihn nicht. Guten Morgen, Hans, ich
suche dich schon lang, du stehst scheinbar schon lang hier. Du bist ganz
durchnt! Das alles aber kommt sehr unwirklich und von oben herab. Und
ich: Mein Herr, Sie entschuldigen, aber Sie scheinen ein Engel zu sein,
also fhren Sie mich zu Gott. Er nimmt mich unter den Arm. Ich folge ihm
willenlos. Wir gelangen zum Bahnhof. Er ist ein Engel: er fhrt mich zu
Gott. Und er kurz: In zehn Minuten geht unser Zug nach Berlin.

Wir sitzen im Zug. Ich rege mich nicht. Ich habe so Angst. Ich bin ganz
eingeschchtert. Ich fahre zu Gott. Josef schaut mich fest an. Ich presse
mich dicht an ihn. Es pfeift. Der Zug setzt sich in Bewegung. Da wird mir
pltzlich wieder alles bewut. Das ist kein Engel. Und aufkreischend:
Josef! Josef!. So mu doch alles ein Irrtum gewesen sein und nur das Bse
bleibt wahr. Und ausbrechend: Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht
verlassen. Sie ist mein Schicksal. Du wimmerst. Du bist die Stadt von roten
Meeren ganz verschwemmt, krank und schwl. Du verschlingst alles. Wie rot
du bist. Und aufgelst, in Trnen: berall ist dein Name im Flattern
grner Bume, im Gedrhn der Automobilhupen, im Tanz der Alleen, in allen
meinen Bewegungen: Dorka! An allen Haltestellen stehst du, an allen
Straenecken wartest du, du bist Schauflug, das Wettschwimmen, meine
Heimkehr in der Nacht, das Lied der Soldaten beim Nachhauseweg, das einsame
Gartenhaus des Freundes, Wachtparade bist du und Eislaufbahn, Militrmusik,
glitzernde Abendpromenade und Gepltscher der Springbrunnen, du wchst
empor, du erstreckst dich, du breitest dich aus, unendlich. Alles bedeckst
du. _Du tauchst des Nachts empor hinter den grauen einfrmigen Mauern der
Kasernen, ber den blitzenden Kuppen der Palste stehst du, hinter den
fernsten Gebirgen erwachst du, des Abends, auf Sulen, Statuen,
Kirchturmspitzen thronst du. Aus allen Fenstern lugst du. Du hockst, du
schreitest aus, vermessen, riesenhaft, mit der Sonne, mit den Sternen
fliegst du. Dein Mantel sind die Wolken, der Aether dein Leib._

Ich hre, ganz fern, unwirklich und von oben herab: Sie hat Andre geliebt,
sie hat Dsterweg geliebt, sie hat Moses Mies geliebt, sie hat Alois Wurm
geliebt, Bruno Maria Wagner hat sie geliebt, dich hat sie geliebt, alle hat
sie geliebt, sie hat alle geliebt.

Ich frage mich wieder, hat sie Schuld? Und immer: sie ist schuldlos, sie
ist rein, ich bin die Hur, sie ist das Kind! Und ich sehe mich mit zwei
Gesichtern, das eine halb verwest, das andere voll Mdigkeit. Ich sage mir,
ich fahre doch zu Gott. Und: Ich war ein Ber. Ich fhle mich ganz
voll. Ich knnte zerplatzen. Etwas saugt mich auf. Oh, geschhe es! Etwas
reit in mir, und es ist so schmerzlich, da es nicht zerreit. Das tut
furchtbar weh. Wir entfernen uns rasch. Ich jammere wie ein kleines Kind:
Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht verlassen. Und sie schlgt
immer um sich, sie tobt, sie ist eine rauschende Revolution. Sie kreist in
meinem Blut.

Ich liege in den Armen Josefs. Ich behalte die Augen zu, obwohl ich wache,
denn die Sonne, einer Glorie vergleichbar, versendet einen magischen Glanz,
der stark blendet. Ich suche nach Worten, ich finde keine. Endlich
aufgelst stammle ich: Leb wohl, Andre! Leb wohl, Dorka! und ich erinnere
mich an alles wieder, khl und sehr entfernt.

Und ausbrechend: Alles ist Rckzug, Verfall, Flucht. Kanonen am Weg.
Brust, Bauch, Hirn durchschossen. Brennende Horizonte. cker von Geschossen
zerwhlt. Geheul der Irren. Abulie. Sterile Dissoziationen. berlebte
Staatsverfassungen. Zerbrckelte Leiber, Verrat, Mibrauch der
Persnlichkeit. Enttuschung ist alles, Ekel bleibt. Was will man mehr?!
_Aber ich werde wiederkommen, die Augen klar, die Muskeln Stahl, die Brust
ein Panzer, der Krper gebrunt, allen Anstrengungen, Gefahren, Strapazen
gewachsen, die Beine gestrafft, elastisch, fibrierend: ein fabelhaftes,
ekstatisch-heroisches Nerveninstrumentalorchester._ Ich werde sechsfacher
Trger euerer Nobelpreise sein. Stze werde ich bauen, unendlich
kompliziert, rasend gefgt, stahlseitenhaft, dogmatisch, unverrckbar, im
brausenden Rhythmus wimmelnder Cafs, toller Kapellen. (O Scigo: Primas:
Tnemher!) --: euch alle berauschend. Ich werde glnzende politische Reden
halten. Meine Plakate, grell, exzentrisch, superb, werden euch zur grten
aller Revolutionen begeistern. Erfinden werde ich den rapidesten Aeroplan,
das phnomenalste Auto werde ich ausdenken. Diplomatisieren. Splendide
Vertrge abschlieen, Frieden zwischen den Vlkern stiften, Pole werde ich
entdecken, den fermatschen Satz lsen, die Unzulnglichkeit alter
Einrichtungen restlos erweisen. Meine Tragdien, gekinntopt, werden zu
Millionen sprechen, werden Millionen bewegen. Negerstmme, Fieber,
tuberkulse-venerische Epidemien, intellektuelle-psychische Defekte werde
ich bekmpfen, bezwingen. Die groe physische Abstinenz werde ich euch
lehren. Verknder des intellektuellen Koitus, des enorm sublimierten
Geschlechts.

Ich falle in einen letzten Schlaf. Als ich erwache, ist voller
Sonnenschein. Wir sausen durch Wiesen, an Hgeln vorbei, auf denen
Windmhlen stehn, deren Flgel sich rasch drehen. Ein khler Luftzug geht
davon aus. Das erfrischt. Die Landschaft ist von einem weien Duft erfllt.
Ein alter weihaariger Bauer steht hinter seinem Pflug. Ein blonder Knabe
holt Wasser aus einem Brunnen. Ein Mdchen pltschert in einem Weiher, der
leicht vom Wind bewegt ist. Ich mchte Gras fressen. Die Erde ruft. Ein
Weib sitzt irgendwo am Weg, ein Kind an der Brust. Rauch zieht, dunkel wie
ein Vogelschwarm, ber den Wald. Und eine Frauenstimme, sehr dnn, erhebt
sich, schwillt an zu einem klaren Gesang.




Der Dragoner


Vor ihr her lief immer, wie ein Licht, ein weier Spitz.

Der hie Kony.

Sie hie Beate.

Und Beate bewegte sich prustend, unermdlich den Mauern der
Infanteriekaserne entlang. (. . . vom General Finkenkeller bis Zu
unserem lieben Kronprinz . . .) Hier standen sie, Wally und Mizzl, und um
sie herum ein Haufen Lrm-Infanteristen, betrunken. Bis endlich zwei aus
der Masse losbrckelten. Die brigen trollten sich schreiend weiter.

Die Werthergasse war entleert. Sie war staubig, ein ausgetrocknetes
Flubett. Trotzdem es Samstag war. --

Und Wally und Mizzl standen, das zweitemal, beim Zu unserem lieben
Kronprinz, und um sie herum ein Haufen Lrm-Infanteristen, betrunken. Bis
zwei aus der Masse losbrckelten.

Die Laternen wurden gelscht. Die einzige Helligkeit verbreiteten
Leucht-Wolken am Himmel, und Kony, der wie ein Licht vor Beate herlief. Und
das Dunkel strzte sich wie ein bses Raubtier, pltzlich, laut ghnend,
offenen Rachens ber den General Finkenkeller und Zu unserem lieben
Kronprinz und fra die. Das polterte, tobte, schrie, flackerte rot und
feucht, hier einige Male, dort einige Male, dann war auf einmal Schlu.

Da mute Beate hei an ihren Kony denken. Der war Athlet. Drei Preise hatte
er errungen, zwei zweite, einen ersten, Eichenkrnze, ganz grn, mit
schwarz-weien Seidenschleifen und Goldschrift. Und alles schrie Hoch!
und laut Hurra!, und die Musik blies furchtbar, als der Vorstand der
Stmmigen Brder, der Gerichtssekretr Huber (der graue, der mit dem
Bismarck auf dem Bauch! ) sie ihm aufs Haupt setzte. Und Kony war ganz rot
vor Freude, sein groer aufgedrehter Schnurrbart glnzte. Und er betrank
sich diesen Abend, den Siegeskranz um das Haupt.

Und sie entsann sich, wie ihm jene glnzende Medaille angesteckt ward (--
und das war auf der Siegesfeier des Freideutschen Stemmklubs von 1893 --)
und sie ihm der Schiller, der Oberbaurat Schiller, hchst eigenhndig auf
die Brust heftete. Und alles schrie Hoch! und laut Hurra!

Und die Musik blies furchtbar. Und Kony, vor Freude ganz rot, aufgedrehten,
glnzenden Schnurrbarts, kam an ihren Tisch, setzte sich zu ihr und er
ttschelte ihr (-- die Medaille auf der Brust! --) auf den Hintern.

Und sie lchelte. Ihr Spitz hie Kony.

Der schnupperte.

Beim General Finkenkeller aber stand stramm, hochaufgerichtet ein Soldat,
ein Riesenkerl. Der stie den langen Schleppsbel immer eigensinnig
klirrend auf das Pflaster. Er sang dazu und kommandierte laut. Pltzlich
war er an Beatens Seite, hatte den Arm um sie gelegt, der kalt war und
eisern, wie eine Klammer. Und Kony, der Spitz, lief ganz unbeirrt den
beiden wie ein Licht voran, doch immer, wenn der Sbel klirrend ins
Pflaster fuhr, ruckte er aufgeschreckt, mechanisch vor.

Es war ein Dragoner.

Und beim Zu unserem lieben Kronprinz standen sie, Wally und Mizzl, zum
drittenmal, und um sie herum ein Haufen Lrm-Infanteristen, betrunken. Und
sie stiegen daher, Arm in Arm, die Beate hei, unermdlich, prustend,
gereckt, der Dragoner enorm, ganz gelb, eine ungeheuere Zigarre mitten ins
Gesicht gesteckt, glnzenden, aufgedrehten Schnurrbarts, von Rauchwolken
umhllt. Und Wally: Nacht, Beate . . .

Doch die Mizzl: Nacht, Frau Major . . .

Und die Beate ganz glcklich bei sich: So ghrt sichs.

Doch da bemerkte sie pltzlich, da sich Kony, der Spitz, und der Dragoner
verwundert anschauten. Die beiden blinzelten einander vertraulichst zu und
der Dragoner sagte dem Kony etwas ins Ohr. Die beiden hatten scheinbar
etwas miteinander. _Und der Kony lachte wie ein Mensch, antwortete und
nickte._

Da brach die Masse der Lrm-Infanteristen in schallendes Gelchter aus:
Nacht, Frau Major! . . . Nacht, Frau Major! . . . Nacht, Frau Major!
. . . Aber standen dabei gar nicht stramm und das emprte sie. --

Sie zndete das Licht an.

Sie betrachtete ihren Dragoner lange. Der aber sah sich sehr genau in ihrem
Zimmer um. Er war wirklich ungeheuer und ganz gelb. Und die Beate fragte
sich, an wen erinnert mich der nur. Und sie mute sofort an das Caf
Krenkel in der Madenstrae denken. Das war auch ganz gelb. Gelbe Vorhnge,
gelbes Licht, und die Musik war gelb. Und sie entsann sich, da sie dort
den letzten Samstag auf einen kleinen runden Marmortisch gestiegen war, (--
auch die Wally und die Mizzl waren dabei! --) den Fu in den Aschenbecher
setzte . . . schrie, das seien Steigbgel . . . und gleich davonreiten
wollte, -- wohin, das wute sie selber nicht, durch die Luft! Ach, sie war
ja so oft schon dort betrunken. Und sann weiter nach: Man hatte sie ja dort
auch schon so oft hinausgeschmissen. Doch pltzlich auffahrend, ganz
unvermittelt: Mein Eisschrank . . . und Wachs . . .

Nur der glnzende aufgedrehte Schnurrbart, das rote Gesicht, die
ungeheuere, immer noch glimmende Zigarre mitten drin, die waren ja ganz
lebendig. Und sie bemerkte auch, da er groe und sehr feuchte Hnde hatte.
Und sie dachte sehr versonnen, mechanisch weiter: Wasser ist genug da, die
zu waschen, auch Sandseife . . . auch ein groes frisches Handtuch ist da
. . . _er kann sie darnach daran abtrocknen_ . . .

Er schnallte den Sbel ab, der sehr gro war. Viel grer als die
Seitengewehre der windigen Infanteristen, stellte sie zufrieden fest. Die
Schmierer, die schiachen . . .

Aber er sprach auch so gar nichts.

Was tat er denn? Hatte er sich nicht bei ihr einfach eingeschmuggelt?
Kmmerte er sich denn berhaupt um sie?

Und unermelich erdehnte er sich pltzlich, ragte durch die Decke, die
blitzende Helmspitze hartnckig in den tiefblauen Nachthimmel bohrend. Das
flimmerte. Es tropfte. Ein dichter Goldregen stieb prasselnd nieder. Und
der Sbel, pltzlich ein endloses Seil, an dem die Erde schwebte, das
Himmel und Erde verband . . . und pltzlich ein eiskalter Wasserstrahl, der
jh niederfuhr, mitten durch, ein Blitz.

Sie bat: Geh, Schatz, leg deinen Helm ab! Und sie dachte pltzlich wieder
hei an Kony, ihren Athleten. Der wollte sie einmal erstechen. Im Rausch
. . . Und sie flsterte selig, emporschauend: Kony! . . . Und da hing er
an der Wand, ein photographisches Brustbild mit Medaille und Eichenkranz,
die Arme nach hinten verschrnkt, aufgedrehten Schnurrbarts, von
Postkarten, Fchern, Tanzschleifen umgeben: Kony.

Da knurrte der Spitz.

Und da erinnerte sich die Beate: auch der ist also noch da.

_Und stand hilflos zwischen dem gelben Dragoner, dem Spitz und dem
photographischen Brustbild._

Und sie steckte dem gelben Dragoner eine Blume ins Knopfloch, wie es damals
Schiller, der Oberbaurat Schiller, getan, und band ihm eine grne
Samtschleife um den Kopf und drckte sie ihm sorgfltig zurecht, wie
seinerzeit der Huber, der Gerichtssekretr Huber auf dem Fest der
Stmmigen Brder. Da der Dragoner wehrte, bat sie. Und endlich, unsinnig
lachend: Nun kannst du dich wieder besaufen, Kony . . . Ja! Hatte er
nicht eine glnzende Medaille im Knopfloch, schmckte sein Haupt nicht ein
Eichenkranz, ganz grn?! . . . Und er kam an den Tisch, setzte sich zu ihr
und ttschelte ihr auf den Hintern. Und irgendwer schrie: Hoch! und laut
Hurra! Und eine Musik blies irgendwo furchtbar.

Und die Beate (das war ja zu nrrisch!) --: sie lachte unsinnig.

Sie brachte Bier in Flaschen. Das trank er.

Aber sein Aussehen nderte sich, denn als er aus dem Schatten nach vorn
pltzlich unter das Licht trat, sah sie, er war blau, blau sein Gesicht,
ganz blau. Doch als er wieder sich schwankend nach rckwrts verzog, sah
sie: er war grn, grn sein Gesicht, ganz grn. Doch als er bald darauf
wieder rlpsend hervorkam, sah sie, er war wieder gelb geworden, ja wieder
ganz gelb. Sein Gesicht, die Hnde rot, und der aufgedrehte Schnurrbart
glnzte.

Auch sang er wieder und kommandierte laut. Ich hab es mir ja gleich
gedacht, da du schon wieder besoffen bist . . .

Kony knurrte.

Der Dragoner blickte ihn nur an. Da schwieg er. Die beiden verstanden sich
scheinbar gut.

Da aber Kony pltzlich laut aufbellte, fuhr der gelbe Dragoner mit seinem
langen Sbel nach ihm. Da wand er sich sogleich verrchelnd.

Da die Beate laut aufheulte, warf er sie nieder. Sie kreischte auf. Er aber
setzte den Fu auf ihre Brust. Da schwieg sie.

Sie lag auf dem Rcken. Versuchte wieder hochzukommen. Wlzte sich, krmmte
sich. Sie konnte nicht.

Er nahm die Schlssel an sich. Die Handtasche ffnete er. Zhlte: drei Mark
und fnfzig . . .

Sie versuchte sich am Bett hochzuziehen. Los ri er sie, hob sie empor,
unendlich hoch empor und mit beiden Armen niederschleuderte er sie. Er
schmetterte sie alle Stockwerke durch. Da sie tief vergraben in der Erde
stak. Den Krper voll Splitter. Sie wimmerte.

Da kommandierte er laut: Achtung! und zog den Sbel.

Sie dachte wieder an Kony.

Ja --: da stand er, die Medaille auf der Brust, den Eichenkranz ums Haupt,
ein wenig in die Stirn gerutscht, ganz grn. Der aufgedrehte Schnurrbart
glnzte . . . und jemand schrie Hoch! und laut Hurra! . . . und eine
Musik blies furchtbar. Sie lachte unsinnig.

Und wieder: Achtung! . . . und er war ganz gelb . . .

Sie lachte unsinnig. Wie nrrisch!

Doch pltzlich flehentlich: Herr Schmetterling! Herr Schmetterling!

Der aber lachte wild auf.

Sie erstarrte. Ward zur Puppe. Haftete. Zerbrochen. In die Knie geknickt.
Schon vorher durchbohrt. Und weit zum Sto ausholend: Achtung! Liebste!
Achtung!

Und er stie zu, aber nur ein ganz klein wenig, zog wieder zurck, zielte,
prfte. Er spielte mit ihr.

Beate prustete, arbeitete mit Hnden und Fen, unermdlich. Umschlang
zrtlich den Stahl. Zerrte. Als wollte sie: O, gellten alle Himmel der
Welt jetzt! . . . Und laut: Zu Hilfe, Frau Wadenklee! Zu Hilfe! Ihre
Hnde bluteten.

Doch --: sie _stand!_

Und jubelnd ihm entgegen: O, dich kenn ich . . .

Und er: Krte! . . . Verfluchtes!

Und stie durch.




Kindheit


Heinrich Franz Bachmair dankbar




Kurt war von Frau Schaa eingeladen worden, er schttelte pfel von den
Bumen, las sie auf und sammelte sie in Krbe, die er ins kleine Haus trug,
das darnach roch.

Durchs Fenster sah Kurt Frau Schaa wieder. Sie hatte ein langes, dnnes
Kleid an, das die untergehende Sonne blutig durchfuhr.

Der Photograph Schaa arbeitete gebckt, zog Rettiche aus und hstelte.

Frau Schaa trat ins kleine Haus, nahm einen bunten Schal auf und fhrte
Kurt an der Hand heraus, schnitt ihm eine Rose ab und steckte sie ihm
langsam ins Knopfloch.

Frau Schaa und Kurt setzten sich auf den Rand des Zierbrunnens und wuschen
die Rettiche.

Zu Hause fragte Kurts Vater, der Gerichtsvollzieher Vogt, wie es bei Schaas
gewesen sei. Kurt fuhr auf, er hatte gerade an Frau Schaa gedacht . . . und
er bemerkte die Mutter, die, ber den Suppenteller gebckt,
hineinschluchzte. Er hat sie wieder geschlagen, sagte sich Kurt, und
schwieg, trotzdem ihn der Vater zum zweitenmal fragte. Ein weier, fast
plastischer Streifen, zog sich ber die Wange der Mutter --: ein Striemen.
Dahin hat er sie also getroffen, und mit dem Stock wieder, erklrte Kurt
sich selbst . . . und das ganze Gesicht ist angeschwollen und
blutunterlaufen, auch der Hals ist blutig, voll von Ngelspuren, roten
Flecken und Biwunden. Er hat sie wieder gewrgt. Er widersprach dem Vater
trotzig:

La mich!

Herrn Vogts Gabel pfiff ber den Teller.

Herr Vogt sprang hoch, griff den Sohn bei den Haaren, wrgte ihn, ri ihn
zu Boden und trat ihn mit dem Fu. Kurt kauerte und zuckte. Er bumte sich
auf, schreiend --: er wurde niedergeschlagen. _Das nahm kein Ende fr ihn._

Die Mutter heulte auf, strzte auf den Balkon und schrie auf die Strae
hinunter.

Herr Vogt richtete sich sogleich auf, und die Gromutter kam aus ihrem
Verschlag hervorgekrochen, blieb in der Mitte des Zimmers stehen und setzte
sich zitternd unter sie.

Kurt schlich in seine Kammer, wo er losheulte. Er wollte sich rchen.

Herr Schaa kam, wedelte und holte den Gerichtsvollzieher zum Tarock ab.

Frau Vogt bltterte in ihrem Postkartenalbum, spielte Klavier, bis es
zweimal lutete und Frau Schaa kam.

Frau Schaa spreizte die Finger, zog die Schultern hoch und bat weich:

Geh, Marie (so hie Frau Vogt beim Vornamen), spiel was! Bei der Musik
fang ich immer zu phantasieren an . . .

Frau Vogt aber konnte nicht. Die Schaa brllte auf . . .

Der Gerichtsvollzieher stolperte fluchend die Treppe herauf. Er war
besoffen. Er schimpfte auf die Vorgesetzten, er drohte ihnen, er
verurteilte sie zum Tode.

Widerspruch gebe es keinen. Er sei Autoritt. Trage er nicht die Mtze der
Gewalt? Von Gott ihm verliehen? Widerspreche man ihm, widerspreche man dem
Gesetz, der Verfassung, dem Knig, Gott. Die Familie, sie gleiche dem
Staat. Er sei ihr Oberhaupt. Oder wolle wer daran zweifeln? . . .
Unantastbare Macht . . .

Kurt hrte alles, er konnte nicht einschlafen, er frchtete sich und fand
den Vater ungeheuerlich.

Dumpfe Schlge.

Die Mutter wimmerte . . .

Es ri verzweifelt an der Glocke, der Photograph Schaa winselte: ob seine
Frau nicht dagewesen sei, da sei . . . man nicht wisse . . .?

Es blieb still, bis lange in den Morgen hinein. --

Der Gerichtsvollzieher verreiste auf lngere Zeit dienstlich. Kurt schlief
im Bett des Vaters neben der Mutter. Er ging vor ihr ins Bett, konnte aber
nie einschlafen. Sie kam, und er sah erschauernd auf zu ihr. Er beugte sich
einmal nachts ber die Schlafende, die Haare ringelten wie schwarze Wellen
um das weie Milchgesicht, die aufgesprungenen Lippen waren halb geffnet.

Er flsterte.

Marie schlug die Augen auf, strich die Decke glatt und sagte:

La mich, Liebling! . . . Schlaf!

Frau Vogt weinte wieder jeden Tag, trotzdem der Mann fort war. Sie lag im
Fenster und sah die Strae hinab. Sie stopfte fleiig Socken, flickte die
zerrissenen Hemden des Gerichtsvollziehers und besserte seine alten Anzge
aus.

_Kurt fing die Briefe ab, die von ihm an sie, regelmig jeden zweiten Tag,
kamen._

Doch eines Tages war der Vater wieder da. Kurt glotzte ihn gro an. Herr
Vogt aber schmi seinen Sohn zum Bett hinaus, fluchend. Er war wieder
betrunken und sah aus wie ein Strolch.

Die Mutter wollte ein gutes Wort einlegen, da schlug er auch sie.

Sie heulte.

Die Gromutter aber kam wieder aus ihrem Verschlag hervorgekrochen.

Da umarmte der Gerichtsvollzieher seine Frau und kte sie. Die brtigen
Wangen rollten dicke Trnen herab, die, wie Perlen gereiht, an seinem
strohigen Schnurrbart hngen blieben.

Die kommende Nacht schlich Kurt vor das Zimmer der Eltern mit dem
Kchenbeil. Kein Licht brannte mehr. Er wollte sie beide tten.

Die Gromutter sthnte aus ihrem Verschlag heraus . . .

Er ward wieder von Frau Schaa aufs Land eingeladen.

Frau Schaa erzhlte, sie fahre noch diese Woche auf zwei Monate nach
Ruland, in ihre Heimat. Ob er mitwolle?

Der Photograph knurrte.

Frau Schaa aber lachte ihn aus, sang und tanzte. Sie nahm Kurts Kopf in
ihre groe, rauhe Hand, zog ihn an die Brust und liebkoste ihn.

Herr Schaa holte sein Tesching und scho nach Spatzen.

Frau Schaa herzte ihre Katze.

Herr Schaa zischelte.

Frau Schaa schnitt eine Grimasse, ballte die Hnde gegen den Photographen,
der bleich an der Gartentr hing.

Herr Schaa zerbrckelte.

Der Tesching lag geladen vor ihm.

Herr Schaa grub Rettiche aus.

Bussi, die Katze, huschte ber den Zaun. Kurt zuckte nach der Bchse.

Aber der Photograph kam herbeigesprungen, nahm die Bchse auf und scho. Er
fehlte. Kurt atmete erleichtert auf. Bussi erschien auf der anderen Seite
des Gartens. Kurt griff und drckte ab.

Bussi sprang ein wenig vor, berpurzelte sich und schlug den nassen Boden
lang . . . wlzte sich, die grnen Augen trieben lang, gewaltsam heraus,
die fleckige Zunge stach spitz vor . . . der weie Bauch ffnete sich
. . . Kurt aber schaute nach Ange um (so hie Frau Schaa beim Vornamen).

Frau Schaa kam, doch als sie Bussi verendet sah, wandte sie sich ab.

Der Photograph hstelte und drehte das Tier mit dem Fue um.

Kurt schmte sich.

. . . Und lange Zahlenreihen erschienen an einem grauen Horizont.

Kurt hatte seine Hausaufgabe noch nicht.

Streng und gemessen schritt drauen Herr Nebukadnezar vorber, der
Oberlehrer.

Kurt nahm von Frau Schaa Abschied.

Nach Ablauf dreier Tage erkundigte sich Kurt beim Photographen, der betrbt
im kleinen Haus sa. Frau Schaa war fort.

Die Mutter litt die Rose am Matrosenanzug Kurts nicht. Kurt berlegte
ernstlicher, wie das Reisegeld aufbringen. Er bemerkte den Striemen ber
der rechten Wange seiner Mutter und glaubte, er msse noch verweilen. Sie
versetzte ihm eine Ohrfeige, er schlug wieder. Er erinnerte sich der Nacht,
da er neben ihr schlief . . .

Er schlief nicht mehr zu Hause. Auf einer Bank im Park lag er. Er dachte an
die Schaa, und da es s sein msse, von ihr geschlagen zu werden. Er
sehnte sich nach ihr. Menschen hingen ber den Bnken: schlapp, den Hut im
Gesicht, die Beine vorgestreckt; es waren Tote.

Er trumte einen Vogel, der sich aus einem Moortmpel aufhob. Der flog vor
ihm her. Er wanderte zu. Er kreuzte unbekannte Morgen- und Abendlnder. Der
Vogel aber schwebte ber ihm, des Nachts als Feuerschein oder Stern, des
Tags als Wolke, bei nahendem Abend in Sonne ertrinkend.

Kurt hatte nichts zu essen. Aber er hungerte weder, noch litt er Durst. Auf
glhenden Wiesen lagen Frchte bereit, in den Wldern rauschten
Milchquellen.

Er vertrumte den Tag. Die Kameraden spielten Soldaten, er war nicht dabei.

Pltzlich aber strzte er sich, von ferne aufgeschreckt, mitten unter sie.

Er hetzte durch die Nacht, bis er ermdet zusammenbrach.

Er wute, da die Gromutter Geld besa, ein wenig nur, doch schlecht
aufbewahrt, aus ihrer Rente.

Die Gromutter sa in ihrem Verschlag.

Er gedachte der Schaa.

. . . Ihr an die Kehle springen, sie niederwerfen, den Kopf einschlagen,
oder nicht an den Hals springen . . . denn wie dnn der Hals ist . . .
splitternd . . . wie Holz . . . nicht niederwerfen . . . gleich mit einem
Hieb den Schdel entzwei . . . den Schrank auf . . . und dann --: o dies
Glnzen! . . .

(. . . _Und sie nickte ihm zu_ . . .)

Das Kchenbeil zwischen den Zhnen, kroch er vorwrts. Nur noch einen
Sprung von ihr --: die verschrumpften Lippen zuckten.

Man hrte aber nichts.

Die Hakennase bog sich lang herab.

Die Gromutter war wei. Sie schlug mit den beiden Armen wie zu einem Flug.

Die Wangen, eingefallen, grnlich und gelb, begannen rosen zu werden.

Das Beil entglitt ihm.

Er qulte Tiere oder lungerte bei den Droschkenkutschern umher. Auch
Ruberromane las er.

Pltzlich erinnerte er sich in irgendeiner Gestalt auf der Strae an seine
Schaa. Da er sie beinahe vergessen hatte, schmerzte ihn. Er machte sich
Vorwrfe darber _und strafte sich selbst, indem er sich Hund! Hund!
schalt._

Er wollte ihr schreiben.

Eine kleine weiglhende Kugel sprang auf. Sie begann zu erklingen in einem
molkigen Luftgemisch. Sie sauste. Augen, Arme, Beine wirbelten mit, die
Nasenflgel blhten sich. Schleim und Trnen rannen. Ein tiefer Schlaf
folgte.

Er erbrach mit dem Kchenbeil den vterlichen Schreibtisch, der sthnte und
sich wand. Er demolierte ihn gnzlich.

Mit dem wenigen, was er vorfand, ging er los.

Er fuhr mit einem Zug.

Er durcheilte die nchste Stadt. Was er suche, wute er nicht, nur, da es
unbeschreiblich schn sei. Er lebte in Mrchen. Er dachte die Schaa. Es
peitschte ihn, es jagte ihn dahin. Durch die brllenden Lfte sauste es. Es
gewitterte. Der Rcken, das Gesicht schlten sich, Hagelstacheln trieben
ein. Haut hing in Fetzen . . .

Ein grner Himmel rollte sich.

_Das schmutzige Gesicht erglnzte:_

_Ihr nach!_

Verdorrte Gelnde durchzitterte er, sonneversengt.

Doch unbeschadet wandelte er und traumhaft ber die gewlbte Flche eines
Silbersees, unberhrt durchzog er einen gelben Strom, die Wellen, sie
wichen vor ihm zurck.

Ein Schatten rang sich vor die Sonne.

Der Vater.

Kurt entsetzte sich.

Glhender Staub regnete. Landschaften stiegen, bunte Blasen, auf, Stdte
zerfielen, Schiffe sanken, Berge spieen, Prozessionen schwankten durch die
Luft. Ebenen berschlugen sich.

Der Himmel tste.

Er trieb durch einen Krieg. Berge schmetterten. Lazarette dampften. Violett
explodierte ein Wald. Die Luft zerhackt.

Der groe Vogel zeigte sich. Er bog sich zertrmmerte Hgel hinab, surrend.

Jahreszeiten wechselten.

_Eine Stadt schob sich mit grauen Huserquadraten vor, massiv und gewaltig,
von Straen bsen Gesichts und dnner Herbstleute, wie Gespenster,
zerschachtet._ Ein Milchwagen rasselte. Cafs schumten. Er schwamm an
zerrissenen Ufern, besteckt mit roten Papierlaternen, hin. Der Atem von
Schlfern sang.

Klaviere jammerten.

Er bernachtete in Schlafstellen. Fulnis. Wanzenbruten. Mtter gebrten
kreischend. Kinder flatterten. Gestelle von Leibern wippten. Betrunkene
torkelten. Idioten blkten. Selbstmrder wankten.

Es fiel von ihm ab.

Eine Alte sa unter ihnen, schlug Karten und prophezeite aus den
Handlinien.

Das Krankenhaus roch wie nach verfaulten pfeln. Kurt erschrak darber.
Schwester Anna mit weier Spitzhaube und kleinem Wachsgesicht brachte die
grne Breisuppe im braunen Hundnapf. Ein Mensch, die Arme nach hinten
geschleudert, wurde zerstckt. Wrter Johann erzhlte Schnurren. Gewaltig
und dickbuchig schritt der Herr Geheimrat.

Halbwchsige Burschen schleppten ihn in ein Variet. Musik platschte. Eine
Glatze schnalzte mit der Zunge. Ein Mdchen tanzte, zog sich zurck, und
die Wnde vertieften sich, die Decke barst, es wurde nachtblau.

Ein Pockennarbiger stie ihn an. Kurt verstand nicht gleich, er gab sein
letztes Geld.

Es ergriff ihn: _noch heute werde ich sie wiedersehen_, und er
verabschiedete sich hflichst von allen.

Ein Dorf streckte sich in die Nacht mit Zitterstimmen, Schleichtritten,
Wirrstimmen, dem dumpfen Gerassel der Khe in den Stllen und dem Anschlag
der Wachthunde.

Grten.

Eine Bschung hinab: der Schlangenstrom und magischer Kugelmond hinter
Krppelweiden im Nebel hoch.

Der Landstreicher hatte ihn eingeholt. Er trug ein gelbes Wollhemd und
hatte Haare auf der Brust. Er dnstet stark aus. Er legt eine welke
Holzhand Kurt auf.

Kurt schrie.

Er wollte sich wehren . . .

Er bellte wie ein Hund und zog die Beine an.




Der Idiot


(. . . Er aber kroch immer mehr in sie . . .)

Als er sie zum erstenmal erblickte -- das war mitten am hitzigen Tag auf
der Friedrichstrae . . . doch er erhaschte flchtigen Blicks nur ein
helles Rauschkleid --, da schlugen weie Bltenwlder auf, bedeckten ihn.

Die ihm begegneten, rempelte er an. Die aber schrieen: Oha!

Er aber sann: . . . und so wirken sie aufs Ganze auch im geringsten. In
jedem Wort, durch jede Geste. Ihre Handflchen bedecken Kontinente, und
glhen ihre Augenmulden, jubeln getrstet alle Armen auf. Doch heulet
trunken ihr Mund, endloser Trichter, zerreien Schallwellen Damm, Gebude.
Deren Trnen rhren schmerzlich unerkannte Himmel, deren Lcheln aber
streichet, Khlwind, lindernd ber erstarrte Falten auf verhrmten
Kindgesichtern, in allerfernsten Trumen. Doch nur Fuste erhoben --: und
ihr seid Zeuger geworden tumultuser Gewitter . . .

Das zweitemal traf er sie -- acht Tage hernach -- am Abend des
Kaiserjubilums. Fahnen brausten hoch ber dem Platzgewimmel. Pltzlich
explodierte alles. Militrmusik, Menschenmasse, Feuerwerk, und einer, der
immer schrie Hoch! Hoch! . . . und der K. Akademieprofessor Crispin Adolf
Ritter von Beermann, erhht, auf birkenlaubumwundenem Podium, der reckte
beschwrend -- goldblond -- Hand und Zylinder, doch Maximilian Stssinger,
Dirigent der vereinigten Militrkapellen, dick auf dickem Tanzschimmel den
Taktstock . . . und hinter dem mittleren Fenster ersten Stocks (samtroter
Teppich fiel ber, streckte sich, eine ungeheure Rotzunge, heraus . . .)
ward sehr deutlich der Vorhang bewegt, allen sichtbar, knickste und sank.

Und da stand sie, im Gebraus der Fahnen ber dem Platzgewimmel, im
Flackerschein entsteigender Pechflammen, im Gedrhn der musikalischen
Explosionen, den Kopf nachdenklich gesenkt, halb zur Seite geneigt. Sie war
sehr gro, berragte viele. Und Hans Marterer bemerkte, sie trug auch einen
Hut mit einer groen, sehr grnen Pleureuse, die wippte unausgesetzt und
zuckte immer sehr nervs, wenn der eine Hoch! Hoch! schrie. Das brachte
die Lfte in Aufruhr. Es flammte. Wolken trommelten.

Er dachte an die Wsche, die Windeln, Hemden, Unterhosen, die weie,
bogenfrmig ausgeschnittene Wand, die einst auf grner Wiese steckte. Der
Wind bauschte sie. Es knallte. Und weiter: Wie schn, sich in der
Hngematte wiegen, schwingen! . . . Die Schaukel . . .

Da krmmte sich jener Jagdgehilfe, den man vorgestern im Garten einer
Wirtschaft unter einem Handkarren aufgefunden, der sich im Rausch mit dem
Hirschfnger den Bauch aufgeschlitzt hatte. Den brachte Marterer nicht aus
dem Sinn. Dann aber berkamen ihn wieder geruschvolle Riesenbrnde und
Revolutionen. Es rauschte khl, wehte grn. Doch als die Menschenmasse
polternd und heulend die Straenschchte hinabrann, versank auch sie,
gefolgt von einem glitzernden Sternlein, das klirrend -- ihr nach! --
unterging.

Hans Marterer ward in die Vorstdte verschwemmt. Trieb bald allein dahin.
Doch stie immer rechts irgendwie an grulichen Ufern an. Strucher
streiften ihn weich. Winter war. Ein hckriger Mond humpelte ber schrge
Silberflchen. Weier Nebel stieg. Roch schwer. Der Himmel aber, der Stadt
zu, rot entzndet. Doch die Nacht vollkommen wei. Ganz von khlen
Residenzen durchbaut. Menschen, Wagen, anmarschierende Paradetruppen,
Trommeln, Pfeifen, Zylinder, Tanzschimmel, Taktstock wirbelten, und immer
noch der eine, der scho, Rakete, zwischendurch, gerteten Kopfs, heiser,
Quollaugen, Zunge lang aus dem Maul: Hoch! Hoch . . . und die Pappeln zu
beiden Seiten, trotz Nacht sehr grn leuchtend, zuckten heftig.

Hans Marterer wiederholte sich: _Sie werden sich ja doch alle einmal in
die Arme fallen, auf eine kurze, selige Zeit:_ >Seht! Seht!< werden sie
einander zurufen . . . >Seht! Seht!< . . . und: >da wir es nicht gesehen
haben, da unsere Augen so mit Blindheit geschlagen waren . . . seht! seht!
. . .< und werden Tore einrammen, Palste verbrennen und -- die Majestt im
Hemd ertappen.

Er trieb einer Kreuzungsstelle von Trams zu. Teerfen qualmten.
Schienenhobel scharrten. Feuerschein. Pechflammen entstiegen. Nackte
Rumnner mit behaarter Brust sprangen fluchend und heulend umher,
Eisenhauen geschultert. Unterhalb zerfallenem Haustor italienisches
Mdchen, bunten Kopftuchs, zerschlissenen Schals: Maroni, Herr, Maroni
. . .

Sie kicherte immerfort, wie irrsinnig.

Marterer blieb stehn. Senkte nachdenklich den Kopf, halb zur Seite geneigt,
und ihn berkamen wieder geruschvolle Riesenbrnde und Revolutionen.
Tiefer neigte er. Wollte Boden mit Wange berhren. Aufgelst, dankbar. Der
auch ihr Boden war! Die Knie zitterten. _Noch lie er sie nicht los . . ._

(. . . Der Jagdgehilfe krmmte sich . . .)

Marterer zuckte hoch. --

Er sah sie wieder in der Groen Oper. In der Gtterdmmerung. Wieder
acht Tage hernach. Er schwitzte. Er dachte: Gott! Welche Musik!

Sie aber sa dicht vor ihm, Goldkette um den Hals, Haar in einem Knuel,
daneben ein kleiner Bauchherr, roter Glatze und Faltennackens. Marterer
seufzte: Gott, welche Gesellschaft!

Da drehte sich der Kleine um. Weie Weste mit Goldkette, rinnend ber
Kugelbauch. Man sah --: der trug einen Ordensstern auf der linken
Brustseite. Vielleicht ist das der berhmte Komponist Richard Wagner
selber, berfuhr es Marterer pltzlich. Da streichelte sie dem Kleinen die
Wursthand, flsternd: Wie schn, Dickerl!

Und er: Wahrhaft erhebend, Erna!

Da wandte auch sie sich um. Ihr Blick brach in ihn. Ein Vorhang rauschte.
Schlug ihm Kopf ab. Prasselten: Regen, Schwerter, Hufe, Peitschenhiebe. Er
war aufgestanden, aber wieder setzte er sich, gebckt, nein, halb nur
. . . tastete vor sich hin . . . suchte . . . (heller, als ob er schon
fnde) . . . an sich hinunter . . . etwas . . . beschaute sich: Weie
Weste? Goldkette? Kugelbauch? Ordensstern? . . .

Hans Marterer verga weies Rauschkleid, Kaiserjubilum, Groe Oper. Er
schrie: _Ich will das Leben haben!_

Er zerrte, er stie alles von sich. Er irrte. Traf wo eine. Die nahm ihn
mit. Geknister ber ihm, nahm zwei Stufen auf einmal. Oben.

Fragte den Namen. Weshalb? Kenne ihn. Erna. Weies Rauschkleid,
Kaiserjubilum, Groe Oper. Ihm schwindelte. Ob man ihn fr Narren halte?
Sie beteuerte. Er packte sie: Weg! Weg!

Und aufschreiend: Ich will das Leben haben!

Sie hakte sich in ihn.

Er schlug ihr ins Gesicht.

Sie wehrte ihm nicht. Sank nur hin, ermattet aufs Bett. Er schlug sie
wieder. Diesmal mit dem Handrcken. Sie wehrte ihm nicht. Dann wieder mit
der Handflche. _Aber ein jedesmal schob sich die Schlagflche rasch vor,
durchschnitt ihn . . ._ Sie wimmerte. Er schlug sie von oben herab,
mechanisch, zhlte leis, zuerst die Nase, bis Blut sprang, hart ber die
Stirn.

Sie wehrte ihm nicht.

Brach herab ins Knie.

Er trat: Weg! Weg!

Sie erfllte ihn ganz. Umkrallte ihn. Er rang mit ihr.

Er tastete sich, gebrochen, hinunter. Lichtstmpfchen verlosch. Da sah er
sich im Dunkel, wie in einem tieferen Spiegel, sehr wei von Gesicht, die
Augen kohlschwarz umrndert, die Lippen dunkelrot geschminkt, mit in die
Stirn fallenden Franshaaren, die Hnde schmal und vorgestreckt, mit blauem
Ring im Harlekinanzug, als Knabe (. . . und eine Gouvernante zwitscherte:
Hans Tolpatsch, du wirst nie dem Riesen das Haupt abschlagen . . .).

Er wehrte, beschwor: Nichts! Nichts! Alles in Ordnung.

Der Schatten wich.

Als er aber das Haustor ffnete, _ertappte er sich bei einer Bewegung, die
er bei seinem Vater kannte._

Er schlug sich verzweifelt vor die Stirn: Gott! O Gott!

Es roch nach Bckereien, Brauereien. Arbeiter schritten rstig. Er deckte
mit beiden Hnden das Gesicht. Schluchzte:

Abtten, abtten . . . Abreien, ausreien: Arme, Beine, den Kopf. Alle
Glieder . . . Abtten, abtten . . . Bauch aufschlitzen, Brust aufreien!
Whlen, whlen . . . Fleisch! Das Fleisch! Das Tier . . . Einsam werden,
rein. Ganz Geist. Selig sein! Heilig . . .

Haine rauschten. Lerchen sangen.

So ward es Morgen.

Marterer setzte sich einen Augenblick. Wusch sich an einem Brunnen. Strich
sich die Haare glatt. Richtete sich auf. Bog in die Krausenstrae. Der
Gastwirtschaft und Metzgerei Zum grnen Hof, ausgebt von Alois Lttich
gegenber. Alois Lttich aber stand in der Tr, gelben Schnurrbarts,
aufgeblasen, in einem wei-blau gestreiften Trikot, die weie
blutbespritzte Schrze ber, mit Hngebauch, schwarzer Soldatenhose.

Vor ihm ein Feld roten Trottoirs.

Auf anderer Seite Dienstmdchen, Marktweiber, Kchenfrauen, Henkelkrbe
unter Hakenarmen, schnarrend, drre Hennenhlse ausgerenkt nach oben.

Herr Lttich begann schon sein Gesprch: Schner Tag usw.

Doch pltzlich Hans Marterer: Wen haben Sie denn da abgeschlachtet?, auf
das Feld roten Trottoirs vor sich deutend, und bemerkte, da Blut in der
Straenrinne handhoch stand. Ablaufkanal verstopft --

Und der Lttich: Tjaja, drei Tag verheiratet.

Und schon fiel die Lttich ein, lebhaft gestikulierend, die Hnde immer
ber den Bauch zusammenschlagend, wobei der Schlsselbund ein jedesmal hell
aufklirrte:

Schad, schad . . . So a hbsch Weiberl, erst ihre achtzehne alt, drei Tag
erst verheirat, a Kreuz is, wenn is sag, und springt die eim zum Fenster
nunter, heut frh, um halb siebene . . .

Es verfinsterte sich.

Doch gleich wieder sprang Licht auf.

Dienstmdchen, Marktweiber, Kchenfrauen in breiter Front ber den Fahrdamm
. . . der Schlsselbund der Frau Lttich klirrte. Eine tiefe Stimme (und
ein Polizeimann warf die Hand): Sie, Herr, gebens acht, da net
neintretn.

Es qualmte, klingelte, rauschte wei. Eine Masse teilte sich, wich zurck,
in die Knie --: Kreuz, Weihrauchkessel, Priester, Trauerwagen, gefranstes
Wieherpferd . . .

Schwenkte und schwand. --

Als Hans Marterer aus der Betubung erwachte, las er: Grubenstrae. Eine
Glocke schlug, mittel und bestimmt. Die Schule war aus. Kinder wlzten
sich, farbige Wrfelstrme. Das berschlug sich kreischend, zerflutete.
Zuletzt kam der Schulinspektor, blickte nach allen Seiten um, grte wen in
der Ferne, stieg in die Tram.

Hans Marterer fuhr weiter:

Ist der ihr nachgelaufen? In der ersten Nacht, in der zweiten Nacht und
wieder in der dritten? Keuchend? Nackt? Frchtete sie sich vor ihm? Glaubte
sie wohl, von ihm ermordet zu werden? Sie wute ja wahrscheinlich gar
nichts von alledem . . . _Hat er sie geschlagen?_ Zu Boden geworfen?
Brutal? Doch untergekriegt? . . . Aber auf jeden Fall: sie ist um halb
sieben heute frh -- jetzt ist es dreiviertel fnf! (schaute auf die Uhr)
-- zum Fenster hinuntergesprungen, war achtzehn Jahre alt -- hrt ihr! --
und drei Tage verheiratet. Und das in einem anklgerischen Ton, als
drngten viele um ihn.

An einem Instrumentenladen, einer Tischlerwerkstatt, einer Vogelhandlung
kam er vorber. Grne, rote, silbern schillernde Vgel saen auf
weigestrichenen Stben in goldenen Kfigen. Ein Papagei sprach. Weie
Muse rannten durcheinander. Wie irrsinnig. Die hatten blutunterlaufene
uglein.

Er erinnerte sich wieder des Jagdgehilfen. Jene Wirtschaft aber hie: Die
frohe Welt.

Das ist der Unterschied, bei sich.

Doch aufschreckend:

Die gehen nun vielleicht Arm in Arm miteinander. An einem Tag, der schn
ist. Einem Sonntag vielleicht. Die treffen sich irgendwo in der Stadt, vor
einem Caf, unter einem Torbogen, am Bahnhof oder er holt sie ab oder auch
umgekehrt. Sicher trgt sie einen groen weien, runden Strohhut mit
Flatterbndern. Doch die Bluse, die ist noch nicht ganz zu -- sie hat ja so
Eile gehabt! --, und so richtet sie an sich, zieht an sich herum, die erste
Strecke des Wegs . . . und dann erst ist alles in Ordnung. Er hat aber
immer noch etwas an ihr auszusetzen, Hut zu tief im Gesicht, Rock zu weit,
Grtel zu locker, nicht in der Mitte . . . und so frozzelt er sie, bis die
sich endlich losreit:

Du Frechling! und schmollt.

Er aber greift sie wieder, sagt irgendein bses Wort, da aber hlt sie ihm
lachend den Mund zu --: und dann kssen sich die beiden herzlich, wenn
niemand herschaut. Man trinkt sich satt aneinander, bleibt ganz fr sich,
unter Brgermenschen, Tanzmusik, Karussellorgeln, Dampfergewimmel,
vaterlndischen Vereinen.

So war wohl jeder schon einmal frhlich, jubelte, hatte er seine Liebste
heimgebracht: O du, du meine liebe Kleine!

Wie koste ich meine eigene Jugend aus! Die ist ein schwingendes Plateau
hoch auf schlanken Zedernsulen unter einem freundlichen Blinkstern. Das
alles, das eines Tages verschwunden war. _Und die neue Landschaft war da,
die endlose de unter Brennsonne und verwunschenem Mond . . ._

Wie sich die beiden haben! Wie sie miteinander tanzen!

Von jeder Art Krperlichkeit ist abgesehen. Lichter sind sie, den Bergen
entlang. Flammen in feuchtem Grund.

Es ist ja bei derartigen Dingen gewhnlich weit anders, als man gemeinhin
anzunehmen geneigt ist . . .

Diesen Tag verbrachte er im Bett. Nahm Morphium. Er flog buntgewirkte
Teppiche hoch.

Der Abend aber machte sein Zimmer leuchtend hell.

Hans Marterer ging hinab.

Grne Krnze die gelben Bogenlampen umschwebten.

Caf Dom.

Er duckte sich in seine Ecke. Rauchte stumpf. Entschwebende Ringe. Dann
stieg es wieder klarer auf, -- etwas jubelte! -- mhte sich hoch in ihm, in
Windungen.

Er dachte an einen Sommeraufenthalt, sehr fern in der Schweiz, in der
Kindheit, irgendwo, an eine Bergbesteigung.

Musik stieg in Spiralen.

Er sann: Es gibt zwei Welten. Die eine heit: K. Akademieprofessor Crispin
Adolf Ritter von Beermann, Kapellmeister Maximilian Stssinger, grne
Sportmtze und Hochhoch!, entfalteter Kavalleriemantel, Richard Wagner,
Bauchherr, Familie Lttich. Die andere aber: Jagdgehilfe, Maronimdchen,
Feuerschein bei Nacht, die spte Nachhausekehr im Morgen, die Zerstrzte
. . . Nie werden die beiden zueinander kommen. _Der mittelnde Geist aber
sei verdammt! Er werde gesteinigt! Man kreuzige ihn! . . ._ Zwei Welten.
Aber es ist schon viel getan, wenn ein jeder zu der seinen kommt . . .

Breit prallte das Orchester gegen die vier Wnde; die Spiegel zitterten,
die Aufstze klirrten, die Tassen auf den Tischen . . . prallte zurck,
prallte wider, wider.

Die Instrumente stiegen herab, Flte, Violine, Cello, Zymbal.

Sie sind eine aufgelegte Lgnerin, Sie Violine. Sie sind eine ganz gemeine
Flte.

Wie meinen Sie? machte die Flte, sah von unten auf, blhte die
Pausbacken.

Er war mitrauisch geworden. Man hatte ihn tuschen wollen. Offenbar. _Er
aber hatte die Schwindlerin entlarvt._

Da rauschte es grn auf. Khl wie aus unermelichen Waldgrnden kam es. Und
sentimental:

Lnder, wohin unser Fu nie tritt.

Und sie sa nur zwei Tische von ihm: ragend, strahlend (die grne Pleureuse
wippte), und neben ihr -- den kannte er -- ein Stadtreisender,
kahlgeschoren, im Gehrock, schlank, elegant, dnnen Strohbart aufgedreht,
Arme in die Hften gestemmt. Er gab sich gern als Korpsstudenten aus, trug
Bierzipfel, dreifarbenes Band.

Sie sog aus einem Halm.

Und um ihn.

Weizenbier, Herr Kpke, ich sage Ihnen: glnzend! --

Wenn Sie mit mir sprechen, dann tuen Sie geflligst den Hut ab! --

Der Platz ist frei. Allerdings . . . --

Der Stoff, der mich alleine seine fnfzig kostet . . . --

Sie scheinen eine groe anzgliche Intimitt zu besitzen, mein Herr
. . . --

Ach ja, der Chiemsee! Der Chiemsee . . .

Ein lterer Herr mibilligte die Wehrvorlage, soziale Frsorge, Ausbau der
Eisenbahnlinien, Heilsttten fr Tuberkulse, Mesothorium. Ein Einjhriger
widersprach ihm. Notwendigkeit der Grenzbefestigungen, neuer Regimenter,
Nutzen militrischer Organisation, Volkserziehung usw. Die Hinrichtung des
Raubmrders Sternickel, das verunglckte Festspiel Hauptmanns, eine
drohende Bierpreiserhhung im selben Ton, in einem Zug.

Kellner schoben. Weibier schumte.

Da lachte sie ihm glatt ins Gesicht. Auch der Stadtreisende lchelte.

Marterer errtete. Besah seinen Anzug.

Jenes Gesicht aber zerschlagen. Bisse, Ausschlge, Striemen; berpudert;
unter Schleier.

Man sang sich an, trank sich zu. In nchster Nhe aber: Der guckt wie aus
einer anderen Welt.

Marterer zuckte hoch.

Mute sich festhalten. Doch gleich wieder versank er:

Nun, wann werde ich ber dies alles getrstet sein: euere einsamen
Sonntage, euere suchenden Promenaden im Stadtpark, die Schwermut euerer
Singspielhallen . . . _Die Gitter euerer Gefngnisse aber werden zu
Strahlen der Sonne werden. Ihr werdet durch sie hindurchschreiten,
erleuchtet und gewrmt._

Er flehte.

Dessen Blicke durchirrten Gnge, Gewlbe. Fanden keinen Ausweg.

. . . Eine weie Gestalt . . .

Nahte gebeugt ihr. Tastet sich an sie.

Bemerkte noch: der Stadtreisende ma ihn streng . . . schon in nchster
Nhe . . . wollte aufbrechen . . . sie aber nahm dessen Hand: es belustigte
sie so . . . bat ihn . . . _Marterer kroch_ . . . der Stadtreisende mahnte,
erhob sich halb . . . sie aber wollte noch die Musik abwarten, die aber
fing immer wieder von neuem an . . . auf allen Vieren schon (die platzten
vor Lachen! ): Den Saum nur deines Gewandes! Jemand reichte einen groen
gelben berzieher, der verhllte sie auf einen Augenblick. Sie tauchte
wieder empor. In Schnheit.

Zerspringender Triller.

Da --: er berhrte sie.

Sie hob die Hand nur ein ganz klein wenig, die kleine flache Hand.
Lchelte, streckte, verzog das Gesicht, das kleine Gesicht (wie ma ihn der
Stadtreisende streng!) . . . aufbrauste sie . . . Stcke, Glser, Tassen,
Schirme, Kannen, Sthle und ber allem, hoch ber allem:

_I--d--i--o--t!_

Das kotzte sie.

Man trat ihn durch den Saal. Puffte, bespie ihn. Tr schon offen . . . --
er kollerte im Bogen. Einige ergriffen die Partei des Idioten. Eine
allgemeine Schlgerei entstand. Massen wlzten sich. Gekreisch. Hte
flogen. Zuletzt erschien, gro und gehbig, der Trsteher, ein Neger in
blauer, goldbetreter Uniform; blendend. Brllte. Der Idiot aber bersann
noch:

Werde ich aus der Schule gejagt?

Schutzleute drckten sich. Tumult schwoll. Bis wer scho.

Nebel ballte sich.

Der Idiot aber flchtete aufwrts, immer aufwrts, hochgesplt, wie in
einem Schacht, -- oben glnzte etwas blau -- um- und umgewirbelt, wie in
einem Strudel. Stie immer an Wnde. Ri es in sich, wrgte ihn mhsam
hinunter, diesen Brocken, hartkantig, kristallen:

I--d--i--o--t!

Das aber schallte auch hell und weit.

Nebel ballte sich.

Er schob diese graue Wand immer vor sich her, mit beiden Hnden. Endlich
teilte er sie auseinander, zu beiden Seiten: Huserreihen,
Fenster-Bleiaugen, Balkone sprangen, Gebisse, vor. Stadt, Vorstadt, das
Ende. Ein rotes Wolkenfeld am Himmel:

Steh ich auf dem Kopf?

Hgel.

Eine Palme?

Aber ein groer grner Vogel flog auf.

Es gibt also Vgel, die Blumen, Vgel, die Bumen gleichen . . .

Er sank erschpft auf einen Stein nieder.

_Verfall ist. Aber schon spielet Abglanz neuer Welten auf zerwirkten
Gesichtern. Sie fallen unter aufsprhenden Lichtbndeln und unter
Siegesposaunen, die der Zukunft Geweihten . . ._

Aus Grauen tauchte die Stadt. Feuerschein und Waffenlrm. --

Der Idiot aber sa auf seinem Stein. Seine Augen ruckten in den Boden. Er
lie sich los, versank im blhenden Chaos der Zeiten. (. . . rote
Zipfelmtzen, bunte Lager, fratzenhafte Schiffsschnbel . . . bis endlich
jener Knabe dem Riesen das Haupt abschlgt . . .) Und dann --: eine Sonne!
Fernste Dinge erkannten sich. Er fhlte sich schwcher werden, schwcher.
Der Fels aber flammte. Gekrnte Stirn. Die Welt wuchs.

Er breitete die Arme an ein imaginres Kreuz. Verrann . . .

Das Meer aber bumte sich, erstarrte schimmernd im Gebirg. Die Ebene
streckte sich. Ihre Wasser ghnten, ihre Wiesen schumten, ihre Wlder
atmeten. Die Stadt erklang. Tausend silberne Glocken, Trompeten
schmetterten, Gesnge strmten. Ein Glanz lag auf wehenden Fahnen und
Menschenzgen.




Um Dagny heulen wir Gespenster . . .


Studie zu einem Roman




   _Wie ein sterbendes Tier
   Lieg' ich in deinen Armen . . ._


      _Dagny._


   _Mais de toi je n'implore, ange, que tes prires . . ._


      _Baudelaire._





I Die grne Nacht


Er sa, mitternchtlich, an einem der kleinen Marmortische des
Urania-Cafs -- (. . . da die ungarische Magnaten-Kapelle phantastische
Lawinenflgel hochspannte, von zagem Anflug, ekstatisch-blendender
Kulmination, sentimentalisch-jmmerlichem Hinfall . . . wiederum mit
tdlichem Attacken-Elan gegen dunsenes Himmelsgemuer aufprallend, . . .)
-- der junge deutsche Mann, normal gebaut, brgerlich aussehend, die
dunklen Haare geordnet -- weit in die Stirn gekmmt --: Jean Bousset.

Ein schmchtiger Herr, ein Vierziger, trat zu ihm, fragte hflichst, ob
wohl ein Stuhl noch frei sei, setzte sich umstndlich ihm gegenber und
bestellte einen heien Tee (mit Zitrone).

Jean Bousset achtete seiner kaum, fuhr fort in der Betrachtung der
niederschmetternden Wucht einer ferngelegenen Grostadt, jenes B . . ., in
dem Dagny weilen mute, Dagny, seit deren geheimnisvollen Flucht von M
. . . . . . Jean Bousset, feminin-schndlich, wie er war, einen Untergang
forcierte. Hatte er sich doch geradezu, im Verlauf zweier Wochen schon, ein
System des Verfalls zurechtgebildet, indem er hufig Hemmungen in den
allgemeinen Abrutsch einschob, -- so _markierte_ er den raffinierten
Dekadent, den zersetzungseitlen Genumenschen! -- umfangreiche
Verzweiflungskomplexe pltzlich willkrlich abbrach, gewisse Kunst-Pausen
zwischenschaltete, darin er sich allen Symptomen der Verwesung restlos zu
entziehen vermochte, brgerlich-gesittet und beamtenhaft frh am blauen
Morgen dahinflog, sich aber bald wieder, ein Rowdy, ausgehungert und
fieberig in den Zertrmmerungstrichter giftiger Nchte strzte, heulend an
einer niedrigen Nebelatmosphre zerschellend, (ein elendes Wrack), von
elektrischen Monden beaudelaire-trb zerschwiert.

Da ri ihn, Jean Bousset, den Entsunkenen, ein dnner Luftzug wach. Es
waren die funkelnden Augen seines Gegenber (eines seltsamen Ungetms, wie
Jean Bousset auf einmal wahrnahm), die ihn getroffen hatten. Ein scharfer
Verwesungsgeruch -- wie wunderbar! -- strich. Die grauen struppigen Haare
des Fremden (wenn man von schimmeligen Moosflechten also sprechen darf)
knisterten jh auf in einem grnlichen Schein, der intensiv durch die
wehenden Vorhnge von auen, wo ein wimmernder Tumult erscholl, eindrang.
Transparent gloste im schmalen hageren Gesicht die Backenhaut, die
zerfressene Nase schimmerte, der Mund, ausgefretzt, stellte sich
geheimnisvoll schief, die knchernen Finger hoben und senkten, spreizten
und querten sich unter magischem Zeichen.

Dies Gespenst (diese tagscheue Schauerfratze, dieser wohlverleichte
Bureaukrat oder verruchte Totenkommis!) rief mit pfeifender Stimme den
Kellner, zahlte klirrend, stand unbeholfen auf (so, da der Stuhl
umklappte), lie sich in einen dnnen schbigen berrock helfen, nahm den
groen, schwarzen Hut zur Hand, der einem Wagenrad glich, verbeugte sich
tief vor Jean Bousset und zischelte, schon halb in der Tr, noch rasch in
einem gebrochenen Deutsch:

Gestatten Sie mir, mein junger Herr, da ich mich Ihnen vorstelle: ich bin
Philippe (wenn Sie wollen, kommen Sie ungestrt mit!), zurckgekehrt, zu
spazieren durch die grne Nacht! --

-- -- Die Nacht war grn, verworren-grn, katholisch-grn, eine betubende
Mischung von Chloroform, Blten und heiem Fleisch. Die Huserkais,
triefend und alt, wlbten hoch imaginre Spitzbogen, schwelende Kerzen
starrten rings qualmende Fabrikschlte (die auch finsteren
hintergrndlichen Cellisten im Orchester eventuell vergleichbar wren).
Sturmzerschlagene Masten, abgehackte Baumarme streckten sich: Kreuzstmme,
an verhllten Horizonten hochwachsend, verbogen und zerdehnt. Die Orgel der
Straenwagen, Menschentritte und Hundelaute ratterte.

O du endlos ragender, mystisch-hochheiliger Nachtdom! . . .

Philippe und Jean Bousset schritten eng nebeneinander, schweigsam, Arm in
Arm. Wortlos hatten sich die beiden angefreundet, war der Fremde doch ein
Jean Boussets lngst Bekannter. Ja, er liebte diesen geradezu, abgttisch
umschwrmte er ihn, er verehrte ihn kniefllig: Charles-Luis Philippe, den
Franzosen, diesen geharnischten Apostel liger und dumpfer Nchte, diesen
unentwegten Durchforscher menschlicher Gehirnlabyrinthe, diesen
gewissenhaftesten Aufzeichner subcutaner Schlachten, immer korrekt und
khn, inmitten der ihn umschwirrenden Seuchen und berstenden Vorhllen.

Eine Gasse schob sich finster an, die fast senkrecht, abstrzte . . .

Aus schwarzen Wasserlachen blinzten schwankende Gaslaternen. Eine
Kasernenmauer stand schrg zu einem Kehrichtstrom mit Flssen, Tonnen und
Petroleumflecken, die bunt schillernd obenauf schwammen.

Vorgebeugt, spitzen Kindergesichts, schmal und goldblond war sie, die
Kleine, die den beiden, als sie eben im Begriff waren in eine Unterfahrt
herabzubrechen, begegnete. Ein scheuer Hund, schlich sie, in kurzem
schwarzen Kleid mit weiem Spitzenkragen.

Was fr ein Mdchen!

Ein Schrei!

Jean Bousset griff sich an die Stirn, die heftig blutete . . .

Da schwebte unter vieler Glocken Gezymbel, dem Siegesgeschrill zahlloser
Vogelchre, dem Triumphgeschmetter erregter Straenlufe des Lebens
Nhrmutter und Frsprecherin, _unser aller Sonne_, in heiliger Frhe
. . .




II Jean Bousset


Nicht zu leugnen --: seit jener geheimnisvollen Flucht Dagnys von M . . .
(bei der, wie sich immer mehr und mehr herausstellte, Georg Forstner die
Hauptrolle spielte, Georg Forstner, der einzige unter den jungen Leuten,
diesen Romains und Adolphes, der den Mut hatte, sich als Deutschen zu
bekennen . . . denn auch Jean Bousset hie ursprnglich Hans Witting) seit
jener geheimnisvollen Flucht Dagnys von M . . . war Jean Bousset
vollstndig zusammengebrochen.

Ja, Dagny war der geeignete Angriffspunkt, eine uneinnehmbare Stellung, wie
sich bald herausstellte, ein sturmsicheres Objekt, auf das Jean Bousset
unermdlich und verachtungsvollst seine von vornherein nutzlosen Attacken
konzentrierte, an Dagny zerhetzte er seine Krfte. Wie herrlich war es,
sich zu vernichten, wie reizvoll dieser Rckzug, diese Auflsung einer
glnzenden Armee!

_Nun tauten aus Schwche und Ohnmacht, Gefhlsruinen und Zusammenstrzen
klingende Himmelfahrten und jubelnde Aufbrche!_

Die Abreise Dagnys von M . . . lag vier Wochen zurck.

Dagny, das kleine blonde Tier, hatte ein Todesurteil gesprochen.

Jean Boussets Blut, gepeischt und berauscht, revolutionierte.

Fetzen, zischelte er, erfllt von maloser Emprung, aber er ergab sich,
bla, demtig und fromm (. . . beseligend: sich so wegwerfen zu mssen
. . . tiefer, immer tiefer, wenn ich bitten darf . . . haben Sie vielleicht
nicht noch eine etwas unfreundlichere Kammer, Madame, ein Kellerloch, das
gengte, sehr feucht, rechteckig und hlzern? . . .)

Jean Bousset zog sich auf sein Zimmer zurck, frh am Abend, legte sich zu
Bett und begann, die Hnde wie zum Gebet gefaltet (. . . derweil seine
Augen Distanzen durchstachen, tief einmndend in jenes morbide
Hyazinthenwunder . . .):

Erhre mich, ich flehe zu dir, groer, allmchtiger, ewiger Gott! Ich bin
niedrig und voller Qual, widerlich und unausstehlich, ein elendes, vor dir
winselndes Vieh, das -- o wolltest du! -- bald Frieden finde,
zusammengekauert, zu deinen heiligen Fen liegend, in einem kleinen
einsamen und stillen Winkel.

Meine Herrlichkeiten, die die Menschen nennen, heien im Grunde Betrug und
Verrat und sind ohne Bestand, und ich danke Dir, Dir Linderer meiner
Schmerzen, da Du mir Deinen Trost schicktest, Dein ses Gift, das ich, so
er sich wild aufstrzt und emprt, dem armen Leib eingebe.

Ich danke Dir fr den Tag, ich sage Dir Dank fr die Nacht. Ich preise
Dich ob der Wunder und der durchstrmenden Wrme des Sonnenlichtes, fr die
Wohltat des Schlafes benedeie ich Dich dreifach.

Ich lobe Dich, der Du mich schlgst mit Marter, der mich wirft in
Gefngnis und Krankenhaus, mich zchtigt mit Jammer und Trbsal, ich lobe
Dich, Dich Peiniger, der Du die Tritte der Menschen ob meinem Haupte
sammelst.

Siehe, ich bin Dein ekles Tier, eine vernutzte Sache, ein verbrauchter und
abgegriffener Gegenstand, ein abgelegter Rock, den man zum Trdler schenkt,
ein Splicht, ein Kehricht, ein Abfall . . .




III Die Groe Stunde


Von Dagny kamen noch zwei Briefe.

Der eine lautete:

Lieber Jean! Bis heute habe ich es ausgehalten, Dir nicht zu schreiben.
Ich dachte auch, Du wrdest kommen. Ich bin von einer Unruhe, die mich fast
ttet. Meine Schwester ist im Irrenhaus. Ich habe gespielt in einem Film
und mach nur noch nchste Woche eine Aufnahme im Freien mit, dann komme ich
nach M . . . . ., obwohl ich hier meine eigene kleine Wohnung habe. Ich bin
sehr verzweifelt und denke an Dich, habe immer an Dich gedacht. Ach, ich
bin verrckt! Mein Herz ist voll und ich kann nicht sprechen. Leb wohl, ich
wollte so viel schreiben. Wenn ich in mein Bett gehe, treibt mich etwas zu
Dir, und ich habe mich gewehrt, aber es geht nicht. Vielleicht komme ich an
und falle tot zu Deinen Fen. Deine Dagny.

Der andere:

Lieber Jean! Es ist eine falsche Ansicht von Dir, mir Geld zu senden. Ich
bin es gar nicht wert, weil ich huren und stehlen will. Alles Gute. Dagny.

. . . Jean Bousset kam gegen Morgen heim.

Vogelchre heulten, da sich Jean Bousset die Ohren zuhielt. Ein scharfer
Eiswind warf sich ihm entgegen, eine ganze Welt brannte dahinter. Alles
hatte sich gegen ihn verschworen.

Als er in sein Zimmer trat, war es von einem hellen blendenden Glanz
erfllt. Jean Bousset dachte zuerst, er befinde sich bei seinen Eltern zu
Haus, in seinem Kinderzimmer, und wre wieder ganz jung. Da es nicht so
war, erkannte er sofort.

Er fiel ber einen Stuhl, er blieb ber der Lehne hngen, das Gesicht nach
unten.

Spter gelang es ihm, sich aufs Bett zu schleppen.

Er deckte mit den Hnden die Augen zu.

Die Groe Stunde war gekommen.

Der Mond stieg aus einer grnen Nacht, schaukelnd, unter sprhendem
Feuerwerk.

Eine andere Nacht nahm ihn, warm und lind, duftig um ihn wehend . . .

_(. . . wie s du bist, Liebling, wie schn es ist, bei dir zu liegen
. . . es wird uns leicht, wir schweben . . .)_

. . . eine dritte Nacht, feurig und voll fliegender Brnde . . .

_(. . . Bestie! . . . Saukerl . . . He?! . . .)_

. . . eine weitere Nacht, hei und tiefblau . . . (und er war Staunens
voll, da es soviel Nchte gbe! . . .)

. . . eine weitere Nacht, khl und erschauernd . . .

_(. . . la mich . . . he?! . . . etwa dein Schnellschreiber, bei dem du
. . . h . . . keen Geld . . . eene in die Fresse . . . he?!)_

. . . und endlich eine letzte, (. . . da bildeten seine Lippen wohl den
Namen Dagny . . .) eine letzte Nacht (eng wie ein Bett) hlzern, rechteckig
und feucht . . .

_(. . . fahr hinab, Liebling . . . h . . . du?! . . . so schlottrig,
schmutzig, zerbrechlich und dnn . . . kleene blonde Klapperschlange mit
groen, abgesprungenen Raubtierzhnen . . . h . . . Schscheie . . .)_







End of the Project Gutenberg EBook of Verfall und Triumph, Zweiter Teil, by 
Johannes R. Becher

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ZWEITER TEIL ***

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