Project Gutenberg's Die infantile Wiederkehr des Totemismus, by Sigmund Freud

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Title: Die infantile Wiederkehr des Totemismus
       ber einige bereinstimmungen im Seelenleben der Wilden
       und der Neurotiker IV

Author: Sigmund Freud

Release Date: August 14, 2011 [EBook #37071]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INFANTILE WIEDERKEHR ***




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  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift fr Anwendung der
    Psychoanalyse auf die GeisteswissenschaftenII (1913). S.357-408.

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
    lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
    der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes.

    Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
    Griechischer Text wurde transliteriert und mit ~ markiert.
  ]




ber einige bereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der
Neurotiker.

Von SIGM. FREUD.

IV.

Die infantile Wiederkehr des Totemismus.


Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmige berdeterminierung
psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, braucht man nicht zu
besorgen, da sie versucht sein werde, etwas so Kompliziertes wie die
Religion aus einem einzigen Ursprung abzuleiten. Wenn sie in
notgedrungener, eigentlich pflichtgemer Einseitigkeit eine einzige der
Quellen dieser Institution zur Anerkennung bringen will, so beansprucht
sie zunchst fr dieselbe die Ausschlielichkeit so wenig wie den ersten
Rang unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese aus
verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, welche relative
Bedeutung dem hier zu errternden Mechanismus in der Genese der Religion
zuzuteilen ist; eine solche Arbeit berschreitet aber sowohl die Mittel
als auch die Absicht des Psychoanalytikers.




1.


In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff des
Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehrt, da der Totemismus ein
System ist, welches bei gewissen primitiven Vlkern in Australien,
Amerika, Afrika die Stelle einer Religion vertritt und die Grundlage der
sozialen Organisation abgibt. Wir wissen, da der Schotte _Mac Lennan_
1869 das allgemeinste Interesse fr die bis dahin nur als Kuriosa
gewrdigten Phnomene des Totemismus in Anspruch nahm, indem er die
Vermutung aussprach, eine groe Anzahl von Sitten und Gebruchen in
verschiedenen alten wie modernen Gesellschaften seien als berreste
einer totemistischen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat seither
diese Bedeutung des Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine der
letzten uerungen ber diese Frage will ich eine Stelle aus den
Elementen der Vlkerpsychologie von W. _Wundt_ (1912) zitieren(1):
Nehmen wir alles dies zusammen, so ergibt sich mit hoher
Wahrscheinlichkeit der Schlu, da die totemistische Kultur berall
einmal eine Vorstufe der spteren Entwicklungen und eine bergangsstufe
zwischen dem Zustand des primitiven Menschen und dem Helden- und
Gtterzeitalter gebildet hat.

  (1) p.139.

Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen ntigen uns zu einem
tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus Grnden, welche
spter ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich hier eine Darstellung
von S. _Reinach_, der im Jahre 1900 nachstehenden Code du totmisme in
zwlf Artikeln, gleichsam einen Katechismus der totemistischen Religion,
entworfen hat(2):

1. Gewisse Tiere drfen weder gettet noch gegessen werden, aber die
Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf und schenken ihnen
Pflege.

2. Ein zufllig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den gleichen
Ehrenbezeugungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes.

3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen bestimmten
Krperteil des Tieres.

4. Wenn man ein fr gewhnlich verschontes Tier unter dem Drange der
Notwendigkeit tten mu, so entschuldigt man sich bei ihm und sucht die
Verletzung des Tabu, den Mord, durch mannigfache Kunstgriffe und
Ausflchte abzuschwchen.

5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich beweint.

6. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religisen Zeremonien, legt
man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus noch besteht, sind
dies die Totemtiere.

7. Stmme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben die der
Totemtiere.

8. Viele Stmme gebrauchen Tierbilder als Wappen und verzieren mit ihnen
ihre Waffen; Mnner malen sich Tierbilder auf den Leib oder lassen sich
solche durch Ttowierung einritzen.

9. Wenn der Totem zu den gefrchteten und gefhrlichen Tieren gehrt, so
wird angenommen, da er die Mitglieder des nach ihm genannten Stammes
verschont.

10. Das Totemtier beschtzt und warnt die Angehrigen des Stammes.

11. Das Totemtier kndigt seinen Getreuen die Zukunft an und dient ihnen
als Fhrer.

12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, da sie mit dem
Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung verknpft sind.

  (2) Revue scientifique, Oktober 1900, abgedruckt in des Autors
  vierbndigem Werke Cultes, Mythes et Religions, 1908, T.I, p.17ff.

Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst wrdigen, wenn man in
Betracht zieht, da _Reinach_ hier auch alle Anzeichen und
Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man den einstigen Bestand
des totemistischen Systems erschlieen kann. Eine besondere Stellung
dieses Autors zum Problem zeigt sich darin, da er dafr die
wesentlichen Zge des Totemismus einigermaen vernachlssigt. Wir werden
uns berzeugen, da er von den zwei Hauptstzen des totemistischen
Katechismus den einen in den Hintergrund gedrngt, den anderen vllig
bergangen hat.

Um von den Charakteren des Totemismus ein richtigeres Bild zu gewinnen,
wenden wir uns an einen Autor, welcher dem Thema ein vierbndiges Werk
gewidmet hat, das die vollstndigste Sammlung der hieher gehrigen
Beobachtungen mit der eingehendsten Diskussion der durch sie angeregten
Probleme verbindet. Wir werden J.G. _Frazer_, dem Verfasser von
Totemism and Exogamy(3) fr Genu und Belehrung verpflichtet bleiben,
auch wenn die psychoanalytische Untersuchung zu Ergebnissen fhren
sollte, welche weit von den seinigen abweichen(4).

  (3) 1910.

  (4) Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die
  Schwierigkeiten vorzufhren, mit denen Feststellungen auf diesem
  Gebiete zu kmpfen haben:

  Zunchst; die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind nicht
  dieselben, welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren
  Reisende und Missionre, die letzteren Gelehrte, welche die Objekte
  ihrer Forschung vielleicht niemals gesehen haben. -- Die Verstndigung
  mit den Wilden ist nicht leicht. Nicht alle der Beobachter waren mit
  den Sprachen derselben vertraut, sondern muten sich der Hilfe von
  Dolmetschern bedienen oder in der Hilfssprache des piggin-english mit
  den Ausgefragten verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam ber die
  intimsten Angelegenheiten ihrer Kultur und erffnen sich nur solchen
  Fremden, die viele Jahre in ihrer Mitte zugebracht haben. Sie geben
  aus den verschiedenartigsten Motiven (Vgl. _Frazer_, The beginnings of
  religion and totemism among the Australian aborigines, Fortnightly
  Review, 1905; T. and Ex.I, p.150) oft falsche oder miverstndliche
  Ausknfte. -- Man darf nicht daran vergessen, da die primitiven
  Vlker keine jungen Vlker sind, sondern eigentlich ebenso alt wie die
  zivilisiertesten, und da man kein Recht zur Erwartung hat, sie wrden
  ihre ursprnglichen Ideen und Institutionen ohne jede Entwicklung und
  Entstellung fr unsere Kenntnisnahme aufbewahrt haben. Es ist vielmehr
  sicher, da sich bei den Primitiven tiefgreifende Wandlungen nach
  allen Richtungen vollzogen haben, so da man niemals ohne Bedenken
  entscheiden kann, was an ihren gegenwrtigen Zustnden und Meinungen
  nach Art eines Petrefakts die ursprngliche Vergangenheit erhalten
  hat, und was einer Entstellung und Vernderung derselben entspricht.
  Daher die berreichlichen Streitigkeiten unter den Autoren, was an den
  Eigentmlichkeiten einer primitiven Kultur als primr und was als
  sptere sekundre Gestaltung aufzufassen sei. Die Feststellung des
  ursprnglichen Zustandes bleibt also jedesmal eine Sache der
  Konstruktion. -- Es ist endlich nicht leicht, sich in die Denkungsart
  der Primitiven einzufhlen. Wir miverstehen sie ebenso leicht wie die
  Kinder und sind immer geneigt, ihr Tun und Fhlen nach unseren eigenen
  psychischen Konstellationen zu deuten.

Ein Totem, schrieb _Frazer_ in seinem ersten Aufsatze(5), ist ein
materielles Objekt, welchem der Wilde einen aberglubischen Respekt
bezeugt, weil er glaubt, da zwischen seiner eigenen Person und jedem
Ding dieser Gattung eine ganz besondere Beziehung besteht. Die
Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Totem ist eine
wechselseitige; der Totem beschtzt den Menschen und der Mensch beweist
seine Achtung vor dem Totem auf verschiedene Arten, so z.B. da er ihn
nicht ttet, wenn es ein Tier, und nicht abpflckt, wenn es eine Pflanze
ist. Der Totem unterscheidet sich vom Fetisch darin, da er nie ein
Einzelding ist wie dieser, sondern immer eine Gattung, in der Regel eine
Tier- oder Pflanzenart, seltener eine Klasse von unbelebten Dingen und
noch seltener von knstlich hergestellten Gegenstnden.

  (5) Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des groen
  Werkes T. and Ex.

Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden:

1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und der sich
erblich von einer Generation auf die andere bertrgt;

2. den Geschlechtstotem, der allen mnnlichen oder allen weiblichen
Mitgliedern eines Stammes mit Ausschlu des anderen Geschlechts
angehrt, und

3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person eignet und nicht
auf deren Nachkommenschaft bergeht. Die beiden letzten Arten von Totem
kommen an Bedeutung gegen den Stammestotem nicht in Betracht. Es sind,
wenn nicht alles tuscht, spte und fr das Wesen des Totem wenig
bedeutsame Bildungen.

Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung einer Gruppe
von Mnnern und Frauen, die sich nach dem Totem nennen, sich fr
blutsverwandte Abkmmlinge eines gemeinsamen Ahnen halten und durch
gemeinsame Pflichten gegeneinander wie durch den Glauben an ihren Totem
miteinander fest verbunden sind.

Der Totemismus ist sowohl ein religises wie ein soziales System. Nach
seiner religisen Seite besteht er in den Beziehungen gegenseitiger
Achtung und Schonung zwischen einem Menschen und seinem Totem, nach
seiner sozialen Seite in den Verpflichtungen der Clanmitglieder
gegeneinander und gegen andere Stmme. In der spteren Geschichte des
Totemismus zeigen dessen beide Seiten eine Neigung auseinander zu gehen;
das soziale System berlebt hufig das religise und umgekehrt
verbleiben Reste von Totemismus in der Religion solcher Lnder, in denen
das auf den Totemismus gegrndete soziale System verschwunden ist. Wie
diese beiden Seiten des Totemismus ursprnglich miteinander
zusammenhingen, knnen wir bei unserer Unkenntnis ber dessen Ursprnge
nicht mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen eine starke
Wahrscheinlichkeit dafr, da die beiden Seiten des Totemismus zu Anfang
unzertrennlich voneinander waren. Mit anderen Worten, je weiter wir
zurckgehen, desto deutlicher zeigt es sich, da der Stammesangehrige
sich zur selben Art zhlt wie seinen Totem und sein Verhalten gegen den
Totem von dem gegen einen Stammesgenossen nicht unterscheidet.

In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines religisen
Systems stellt _Frazer_ voran, da die Mitglieder eines Stammes sich
nach ihrem Totem nennen und _in der Regel auch glauben, da sie von ihm
abstammen_. Die Folge dieses Glaubens ist es, da sie das Totemtier
nicht jagen, nicht tten und nicht essen und sich jeden anderen Gebrauch
des Totem versagen, wenn er etwas anderes als ein Tier ist. Die Verbote,
den Totem nicht zu tten und nicht zu essen, sind nicht die einzigen
Tabu, die ihn betreffen; manchmal ist es auch verboten ihn zu berhren,
ja, ihn anzuschauen; in einer Anzahl von Fllen darf der Totem nicht bei
seinem richtigen Namen genannt werden. Die bertretung dieser den Totem
schtzenden Tabugebote straft sich automatisch durch schwere
Erkrankungen oder Tod(6).

  (6) Vgl. Die Abhandlung ber das Tabu, ImagoI.

Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem Clan aufgezogen
und in der Gefangenschaft gehegt(7). Ein tot aufgefundenes Totemtier
wird betrauert und bestattet wie ein Clangenosse. Mute man ein
Totemtier tten, so geschah es unter einem vorgeschriebenen Rituale von
Entschuldigungen und Shnezeremonien.

  (7) Wie heute noch die Wlfe im Kfig an der Kapitolsstiege in Rom,
  die Bren im Zwinger von Bern.

Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung. Wenn er ein
gefhrliches Tier war (Raubtier, Giftschlange), so setzte man voraus,
da er seinen Genossen nichts zu Leide tun wrde, und wo sich diese
Voraussetzung nicht besttigte, wurde der Beschdigte aus dem Stamm
ausgestoen. Eide, meint _Frazer_, waren ursprnglich Ordalien, viele
Abstammungs- und Echtheitsproben wurden so dem Totem zur Entscheidung
berlassen. Der Totem hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme Vorzeichen
und Warnungen. Die Erscheinung des Totemtieres in der Nhe eines Hauses
wurde hufig als Ankndigung eines Todesfalles angesehen. Der Totem war
gekommen, seinen Verwandten zu holen(8).

  (8) Also wie die weie Frau mancher Adelsgeschlechter.

Unter verschiedenen, bedeutsamen Verhltnissen sucht der Clangenosse
seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem er sich ihm
uerlich hnlich macht, sich in die Haut des Totemtiers hllt, sich das
Bild desselben einritzt u.dgl. Bei den feierlichen Gelegenheiten der
Geburt, der Mnnerweihe, des Begrbnisses wird diese Identifizierung mit
dem Totem in Taten und Worten durchgefhrt. Tnze, bei denen alle
Genossen des Stammes sich in ihren Totem verkleiden und wie er gebrden,
dienen mannigfaltigen magischen und religisen Absichten. Endlich gibt
es Zeremonien, bei denen das Totemtier in feierlicher Weise gettet
wird(9).

  (9) l.c. p.45. -- Siehe unten die Errterung ber das Opfer.

Die soziale Seite des Totemismus prgt sich vor allem in einem streng
gehaltenen Gebot und in einer groartigen Einschrnkung aus. Die
Mitglieder eines Totemclans sind Brder und Schwestern, verpflichtet
einander zu helfen und zu beschtzen; im Falle der Ttung eines
Clangenossen durch einen Fremden haftet der ganze Stamm des Tters fr
die Bluttat, und der Clan des Gemordeten fhlt sich solidarisch in der
Forderung nach Shne fr das vergossene Blut. Die Totembande sind
strker als die Familienbande in unserem Sinne; sie fallen mit diesen
nicht zusammen, da die bertragung des Totem in der Regel durch
mtterliche Vererbung geschieht und ursprnglich die vterliche
Vererbung vielleicht berhaupt nicht in Geltung war.

Die entsprechende Tabubeschrnkung aber besteht in dem Verbot, da
Mitglieder desselben Totemclans einander nicht heiraten und berhaupt
nicht in Sexualverkehr miteinander treten drfen. Dies ist die berhmte
und rtselhafte, mit dem Totemismus verknpfte _Exogamie_. Wir haben ihr
die ganze erste Abhandlung dieser Reihe gewidmet und brauchen darum hier
nur anzufhren, da sie der verschrften Inzestscheu der Primitiven
entspringt, da sie als Sicherung gegen Inzest bei Gruppenehe vollkommen
verstndlich wrde, und da sie zunchst die Inzestverhtung fr die
jngere Generation besorgt und erst in weiterer Ausbildung auch der
lteren Generation zum Hindernis wird(10).

  (10) ImagoI, 1912. 1.Heft.

An diese Darstellung des Totemismus bei _Frazer_, eine der frhesten in
der Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige Auszge aus einer
der letzten Zusammenfassungen anschlieen. In den 1912 erschienenen
Elementen der Vlkerpsychologie sagt W. _Wundt_(11): Das Totemtier gilt
als Ahnentier der betreffenden Gruppe. 'Totem' ist also einerseits
Gruppen-, anderseits Abstammungsname, und in letzterer Beziehung hat
dieser Name zugleich eine mythologische Bedeutung. Alle diese
Verwendungen des Begriffs spielen aber ineinander und die einzelnen
dieser Bedeutungen knnen zurcktreten, so da in manchen Fllen die
Totems fast zu einer bloen Nomenklatur der Stammesabteilungen geworden
sind, whrend in anderen die Vorstellung der Abstammung oder aber auch
die kultische Bedeutung des Totems im Vordergrund steht ... Der Begriff
des Totem wird fr die _Stammesgliederung_ und _Stammesorganisation_
magebend. Mit diesen Normen und mit ihrer Befestigung im Glauben und
Fhlen der Stammesgenossen hngt es zusammen, da man das Totemtier
ursprnglich jedenfalls nicht blo als einen Namen fr eine Gruppe von
Stammesgliedern betrachtete, sondern da das Tier meist als Stammvater
der betreffenden Abteilung gilt ... Damit hngt dann zusammen, da diese
Tierahnen einen Kult genieen ... Dieser Tierkult uert sich
ursprnglich, abgesehen von bestimmten Zeremonien und zeremoniellen
Festen vor allem in dem Verhalten gegenber dem Totemtier: nicht nur ein
einzelnes Tier, sondern jeder Reprsentant der gleichen Spezies ist in
gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenossen verboten
oder nur unter bestimmten Umstnden erlaubt, das Fleisch des Totemtieres
zu genieen. Dem entspricht die in solchem Zusammenhange bedeutsame
Gegenerscheinung, da unter gewissen Bedingungen eine Art von
zeremoniellem Genu des Totemfleisches stattfindet...

  (11) p.116.

...Die wichtigste soziale Seite dieser totemistischen
Stammesgliederung besteht aber darin, da mit ihr bestimmte Normen der
Sitte fr den Verkehr der Gruppen untereinander verbunden sind. Unter
diesen Normen stehen in erster Linie die fr den Eheverkehr. So hngt
diese Stammesgliederung mit einer wichtigen Erscheinung zusammen, die
zum erstenmal im totemistischen Zeitalter auftritt: mit der _Exogamie_.

                   *       *       *       *       *

Wenn wir durch all das hindurch, was spterer Fortbildung oder
Abschwchung entsprechen mag, zu einer Charakteristik des ursprnglichen
Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns folgende wesentliche
Zge: _Die Totem waren ursprnglich nur Tiere, sie galten als die Ahnen
der einzelnen Stmme. Der Totem vererbte sich nur in weiblicher Linie;
es war verboten, den Totem zu tten_ (oder _zu essen_, was fr primitive
Verhltnisse zusammenfllt); _es war den Totemgenossen verboten,
Sexualverkehr miteinander zu pflegen(12)._

  (12) bereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemismus,
  welches _Frazer_ in seiner zweiten Arbeit ber den Gegenstand (The
  origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus, Totemism
  has commonly been treated as a primitive system both of religion and
  of society. As a system of religion it embraces the mystic union of
  the savage with his totem; as a system of society it comprises the
  relations in which men and women of the same totem stand to each other
  and to the members of other totemic groups. And corresponding to these
  two sides of the system are two rough-and-ready tests or canons of
  Totemism: first, the rule that a man may not kill or eat his totem
  animal or plant, and second, the rule that he may not marry or cohabit
  with a woman of the same totem. (p.101.) _Frazer_ fgt dann hinzu,
  was uns mitten in die Diskussionen ber den Totemismus hineinfhrt:
  Whether the two sides -- the religious and the social -- have always
  coexisted or are essentially independent, is a question which has been
  variously answered.

Es darf uns nun auffallen, da in dem Code du Totmisme, den _Reinach_
aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der Exogamie, berhaupt
nicht vorkommt, whrend die Voraussetzung des zweiten, die Abstammung
vom Totemtier, nur eine beilufige Erwhnung findet. Ich habe aber die
Darstellung _Reinachs_, eines um den Gegenstand sehr verdienten Autors,
ausgewhlt, um auf die Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren
vorzubereiten, welche uns nun beschftigen sollen.




2.


Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, da der Totemismus eine
regelmige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender wurde
das Bedrfnis, zu einem Verstndnis desselben zu gelangen, die Rtsel
seines Wesens aufzuhellen. Rtselhaft ist wohl alles am Totemismus; die
entscheidenden Fragen sind die nach der Herkunft der Totemabstammung,
nach der Motivierung der Exogamie (respektive des durch sie vertretenen
Inzesttabu) und nach der Beziehung zwischen den beiden, der
Totemorganisation und dem Inzestverbot. Das Verstndnis sollte in einem
ein historisches und ein psychologisches sein, Auskunft geben, unter
welchen Bedingungen sich diese eigentmliche Institution entwickelt, und
welchen seelischen Bedrfnissen der Menschen sie Ausdruck gegeben hatte.

Meine Leser werden nun gewi erstaunt sein zu hren, von wie
verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser Fragen
versucht wurde, und wie weit die Meinungen der sachkundigen Forscher
hierber auseinandergehen. Es steht so ziemlich alles in Frage, was man
allgemein ber Totemismus und Exogamie behaupten mchte; auch das
vorangeschickte, aus einer von _Frazer_ 1887 verffentlichten Schrift
geschpfte Bild kann der Kritik nicht entgehen, eine willkrliche
Vorliebe des Referenten auszudrcken, und wrde heute von _Frazer_
selbst, der seine Ansichten ber den Gegenstand wiederholt gendert hat,
beanstndet werden.(13)

  (13) Anllich einer solchen Sinnesnderung schrieb er den schnen
  Satz nieder: That my conclusions on these difficult questions are
  final, I am not so foolish as to pretend. I have changed my views
  repeatedly, and I am resolved to change them again with every change
  of the evidence, for like a chameleon the candid enquirer should shift
  his colours with the shifting colours of the ground he treads.
  Vorrede zum I.Band von Totemism and Exogamy. 1910.

Es ist eine naheliegende Annahme, da man das Wesen des Totemismus und
der Exogamie am ehesten erfassen knnte, wenn man den Ursprngen der
beiden Institutionen nher kme. Dann ist aber fr die Beurteilung der
Sachlage die Bemerkung von _Andrew Lang_ nicht zu vergessen, da auch
die primitiven Vlker uns diese ursprnglichen Formen der Institutionen
und die Bedingungen fr deren Entstehung nicht mehr aufbewahrt haben, so
da wir einzig und allein auf Hypothesen angewiesen bleiben, um die
mangelnde Beobachtung zu ersetzen(14). Unter den vorgebrachten
Erklrungsversuchen erscheinen einige dem Urteil des Psychologen von
vornherein als inadquat. Sie sind allzu rationell und nehmen auf den
Gefhlscharakter der zu erklrenden Dinge keine Rcksicht. Andere ruhen
auf Voraussetzungen, denen die Beobachtung die Besttigung versagt; noch
andere berufen sich auf ein Material, welches besser einer anderen
Deutung unterworfen werden sollte. Die Widerlegung der verschiedenen
Ansichten hat in der Regel wenig Schwierigkeiten; die Autoren sind wie
gewhnlich in der Kritik, die sie aneinander ben, strker als in ihren
eigenen Produktionen. Ein Non liquet ist fr die meisten der behandelten
Punkte das Endergebnis. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn in der
neuesten, hier meist bergangenen Literatur des Gegenstandes das
unverkennbare Bestreben auftritt, eine allgemeine Lsung der
totemistischen Probleme als undurchfhrbar abzuweisen. (So z.B.
_Goldenweiser_ im J. of Am. Folk-LoreXXIII, 1910. Referat in Britannica
Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser
einander widerstreitenden Hypothesen von deren Zeitfolge abzusehen.

  (14) By the nature of the case, as the origin of totemism lies far
  beyond our powers of historical examination or of experiment, we must
  have recourse as regards this matter to conjecture, A. _Lang_, Secret
  of the Totem, p.27. -- Nowhere do we see absolutely primitive man,
  and a totemic system in the making. p.29.


a) Die Herkunft des Totemismus.

Die Frage nach der Entstehung des Totemismus lt sich auch so
formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, sich (ihre Stmme) nach
Tieren, Pflanzen, leblosen Gegenstnden zu benennen?(15)

  (15) Wahrscheinlich ursprnglich nur nach Tieren.

Der Schotte _Mac Lennan_, der Totemismus und Exogamie fr die
Wissenschaft entdeckte(16), enthielt sich, eine Ansicht ber die
Entstehung des Totemismus zu verffentlichen. Nach einer Mitteilung von
A. _Lang_(17) war er eine Zeit lang geneigt, den Totemismus auf die
Sitte des Ttowierens zurckzufhren. Die verlautbarten Theorien zur
Ableitung des Totemismus mchte ich in drei Gruppen bringen als A)
nominalistische, B) soziologische, C) psychologische.

  (16) The Worship of Animals and Plants, Fortnightly Review 1869-1870.
  -- Primitive marriage 1865; beide Arbeiten abgedruckt in Studies in
  ancient History 1876. 2. ed. 1886.

  (17) The Secret of the Totem. 1905, p.34.


A) Die nominalistischen Theorien.

Die Mitteilungen ber diese Theorien werden deren Zusammenfassung unter
dem von mir gebrauchten Titel rechtfertigen.

Schon _Garcilaso de la Vega_, ein Abkmmling der peruanischen Inka, der
im siebzehnten Jahrhundert die Geschichte seines Volkes schrieb, soll,
was ihm von totemistischen Phnomenen bekannt war, auf das Bedrfnis der
Stmme, sich durch Namen von einander zu unterscheiden, zurckgefhrt
haben(18). Derselbe Gedanke taucht Jahrhunderte spter in der Ethnology
von A.K. _Keane_ auf, die Totem seien aus heraldic badges
(Wappenabzeichen) hervorgegangen, durch die Individuen, Familien und
Stmme sich voneinander unterscheiden wollten(19).

  (18) Nach A. _Lang_, Secret of the Totem, p.34.

  (19) Ibid.

Max _Mller_ uerte dieselbe Ansicht ber die Bedeutung der Totem in
seinen Contributions to the Science of Mythology(20). Ein Totem sei 1.
ein Clanabzeichen, 2. ein Clanname, 3. der Name des Ahnherrn des Clans,
4. der Name des vom Clan verehrten Gegenstandes. Spter J. _Pikler_
1899: Die Menschen bedurften eines bleibenden, schriftlich fixierbaren
Namens fr Gemeinschaften und Individuen ... So entspringt also der
Totemismus nicht aus dem religisen, sondern aus dem nchternen
Alltagsbedrfnis der Menschheit. Der Kern des Totemismus, die Benennung,
ist eine Folge der primitiven Schrifttechnik. Der Charakter der Totem
ist auch der von leicht darstellbaren Schriftzeichen. Wenn die Wilden
aber erst den Namen eines Tieres trugen, so leiteten sie daraus die Idee
einer Verwandtschaft von diesem Tiere ab.(21)

  (20) Nach A. _Lang_.

  (21) _Pikler_ und _Soml_, Der Ursprung des Totemismus. 1901. Die
  Autoren kennzeichnen ihren Erklrungsversuch mit Recht als Beitrag
  zur materialistischen Geschichtstheorie.

Herbert _Spencer_(22) legte gleichfalls der Namengebung die
entscheidende Bedeutung fr die Entstehung des Totemismus bei. Einzelne
Individuen, fhrte er aus, htten durch ihre Eigenschaften
herausgefordert, sie nach Tieren zu benennen, und seien so zu Ehrennamen
oder Spitznamen gekommen, welche sich auf ihre Nachkommen fortsetzten.
Infolge der Unbestimmtheit und Unverstndlichkeit der primitiven
Sprachen seien diese Namen von den spteren Generationen so aufgefat
worden, als seien sie ein Zeugnis fr ihre Abstammung von diesen Tieren
selbst. Der Totemismus htte sich so als miverstndliche Ahnenverehrung
ergeben.

  (22) The origin of animal worship, Fortnightly Review 1870. Prinzipien
  der Soziologie. I.Bd., 169 bis 176.

Ganz hnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Miverstndnisses, hat Lord
_Avebury_ (bekannter unter seinem frheren Namen Sir John _Lubbock_) die
Entstehung des Totemismus beurteilt: Wenn wir die Tierverehrung erklren
wollen, drfen wir nicht daran vergessen, wie hufig die menschlichen
Namen von den Tieren entlehnt werden. Die Kinder und das Gefolge eines
Mannes, der Br oder Lwe genannt wurde, machten daraus natrlich einen
Stammesnamen. Daraus ergab sich, da das Tier selbst zu einer gewissen
Achtung und endlich Verehrung gelangte.

Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen solche
Zurckfhrung der Totemnamen auf die Namen von Individuen hat _Fison_
vorgebracht(23). Er zeigt an den Verhltnissen von Australien, da der
Totem stets das Merkzeichen einer Gruppe von Menschen, nie eines
einzelnen ist. Wre es aber anders und der Totem ursprnglich der Name
eines einzelnen Menschen, so knnte er bei dem System der mtterlichen
Vererbung nie auf dessen Kinder bergehen.

  (23) Kamilaroi and Kurmai, p.165, 1880 (nach A. _Lang_, Secret etc.).

Die bisher mitgeteilten Theorien sind brigens in offenkundiger Weise
unzureichend. Sie erklren etwa die Tatsache der Tiernamen fr die
Stmme der Primitiven, aber niemals die Bedeutung, welche diese
Namengebung fr sie gewonnen hat, das totemistische System. Die
beachtenswerteste Theorie dieser Gruppe ist die von A. _Lang_ in seinen
Bchern Social origins 1903 und The secret of the totem 1905
entwickelte. Sie macht immer noch die Namengebung zum Kern des Problems,
aber sie verarbeitet zwei interessante psychologische Momente und
beansprucht so das Rtsel des Totemismus der endgiltigen Lsung
zugefhrt zu haben.

A. _Lang_ meint, es sei zunchst gleichgiltig, auf welche Weise die
Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man wolle nur annehmen, sie
erwachten eines Tages zum Bewutsein, da sie solche tragen, und wuten
sich keine Rechenschaft zu geben, woher. Der _Ursprung dieser Namen sei
vergessen_. Dann wrden sie versuchen, sich durch Spekulation Auskunft
darber zu schaffen, und bei ihren berzeugungen von der Bedeutung der
Namen mten sie notwendigerweise zu all den Ideen kommen, die im
totemistischen System enthalten sind. Namen sind fr die Primitiven --
wie fr die heutigen Wilden und selbst fr unsere Kinder(24) -- nicht
etwa etwas Gleichgiltiges und Konventionelles, wie sie uns etwa
erscheinen, sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesentliches. Der Name
eines Menschen ist ein Hauptbestandteil seiner Person, vielleicht ein
Stck seiner Seele. Die Gleichnamigkeit mit dem Tiere mute die
Primitiven dazu fhren, ein geheimnisvolles und bedeutsames Band
zwischen ihren Personen und dieser Tiergattung anzunehmen. Welches Band
konnte da anders in Betracht kommen als das der Blutsverwandtschaft? War
diese aber infolge der Namensgleichheit einmal angenommen, so ergaben
sich aus ihr als direkte Folgen des Bluttabu alle Totemvorschriften mit
Einschlu der Exogamie.

  (24) Vgl. Imago, I., Tabu, p.319.

No more than these three things -- a group animal name of unknown
origin; belief in a transcendental connection between all bearers, human
and bestial, of the same name; and belief in the blood superstitions --
was needed to give rise to all the totemic creeds and practices,
including exogamy. (Secret of the Totem, p.126.)

_Langs_ Erklrung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet das totemistische
System mit psychologischer Notwendigkeit aus der Tatsache der Totemnamen
ab unter der Voraussetzung, da die Herkunft dieser Namengebung
vergessen worden sei. Das andere Stck der Theorie sucht nun den
Ursprung dieser Namen aufzuklren; wir werden sehen, da es von ganz
anderem Geprge ist.

Dies andere Stck der _Lang_schen Theorie entfernt sich nicht wesentlich
von den brigen, die ich nominalistisch genannt habe. Das praktische
Bedrfnis nach Unterscheidung ntigte die einzelnen Stmme Namen
anzunehmen, und darum lieen sie sich die Namen gefallen, die jedem
Stamm von den anderen gegeben wurden. Dies naming from without ist die
Eigentmlichkeit der _Lang_schen Konstruktion. Da die Namen, die so
zustande kamen, von Tieren entlehnt waren, ist nicht weiter auffllig
und braucht von den Primitiven nicht als Schimpf oder Spott empfunden
worden zu sein. brigens hat _Lang_ die keineswegs vereinzelten Flle
aus spteren Epochen der Geschichte herangezogen, in denen von auen
gegebene, ursprnglich als Spott gemeinte Namen von den so Bezeichneten
akzeptiert und bereitwillig getragen wurden (_Geusen_, _Whigs_ und
_Tories_). Die Annahme, da die Entstehung dieser Namen im Laufe der
Zeit vergessen wurde, verknpft dies zweite Stck der _Lang_schen
Theorie mit dem vorhin dargestellten ersten.


B) Die soziologischen Theorien.

S. _Reinach_, der den berbleibseln des totemistischen Systems in Kult
und Sitte spterer Perioden erfolgreich nachgesprt, aber von Anfang an
das Moment der Abstammung vom Totemtier gering geschtzt hat, uert
einmal ohne Bedenken, der Totemismus scheine ihm nichts anderes zu sein
als une hypertrophie de l'instinct social(25).

  (25) l.c. T.I., p.41.

Dieselbe Auffassung scheint das neue Werk von E. _Durkheim_, Les formes
lmentaires de la vie religieuse. Le systme totmique en Australie,
1912, zu durchziehen. Der Totem ist der sichtbare Reprsentant der
sozialen Religion dieser Vlker. Er verkrpert die Gemeinschaft, welche
der eigentliche Gegenstand der Verehrung ist.

Andere Autoren haben nach nherer Begrndung fr diese Beteiligung der
sozialen Triebe an der Bildung der totemistischen Institutionen gesucht.
So hat A.C. _Haddon_ angenommen, da jeder primitive Stamm ursprnglich
von einer besonderen Tier- oder Pflanzenart lebte, vielleicht auch mit
diesem Nahrungsmittel Handel trieb und ihn anderen Stmmen im Austausch
zufhrte. So konnte es nicht fehlen, da der Stamm den anderen unter dem
Namen des Tieres, welches fr ihn eine so wichtige Rolle spielte,
bekannt wurde. Gleichzeitig mute sich bei diesem Stamm eine besondere
Vertrautheit mit dem betreffenden Tier und eine Art von Interesse fr
dasselbe entwickeln, welches aber auf kein anderes psychisches Motiv als
auf das elementarste und dringendste der menschlichen Bedrfnisse, den
Hunger, gegrndet war(26).

  (26) Address to the Anthropological Section, British Association
  Belfast 1902. Nach _Frazer_ l.c. T.IV., p.50 u.ff.

Die Einwendungen gegen diese rationalste aller Totemtheorien besagen,
da ein solcher Zustand der Ernhrung bei den Primitiven nirgends
gefunden werde und wahrscheinlich niemals bestanden habe. Die Wilden
seien omnivor und zwar um so mehr, je niedriger sie stehen. Ferner sei
es nicht zu verstehen, wie aus solcher ausschlielicher Dit sich ein
fast religises Verhltnis zu dem Totem entwickelt haben konnte, das in
der absoluten Enthaltung von der Vorzugsnahrung gipfelte.

Die erste der drei Theorien, welche _Frazer_ ber die Entstehung des
Totemismus ausgesprochen, war eine psychologische; sie wird an anderer
Stelle berichtet werden.

Die zweite hier zu besprechende Theorie _Frazers_ entstand unter dem
Eindruck der bedeutungsvollen Publikation zweier Forscher ber die
Eingebornen von Zentralaustralien(27).

  (27) The native tribes of Central Australia von Baldwin _Spencer_ und
  H.J. _Gillen_, London 1891.

_Spencer_ und _Gillen_ beschrieben bei einer Gruppe von Stmmen, der
sogenannten _Arunta_nation, eine Reihe von eigentmlichen Einrichtungen,
Gebruchen und Ansichten und _Frazer_ schlo sich ihrem Urteil an, da
diese Besonderheiten als Zge eines primren Zustandes zu betrachten
seien und ber den ersten und eigentlichen Sinn des Totemismus Aufschlu
geben knnen.

Diese Eigentmlichkeiten sind bei dem _Arunta_stamm selbst (einem Teil
der _Arunta_nation) folgende:

1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem wird nicht
erblich bertragen, sondern (auf spter mitzuteilende Weise) individuell
bestimmt.

2. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschrnkungen werden
durch eine hoch entwickelte Gliederung in Heiratsklassen hergestellt,
welche mit den Totem nichts zu tun haben.

3. Die Funktion der Totemclans besteht in der Ausfhrung einer
Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Vermehrung des ebaren
Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie heit _Intichiuma_).

4. Die _Arunta_ haben eine eigenartige Konzeptions- und
Wiedergeburtstheorie. Sie nehmen an, da an bestimmten Stellen ihres
Landes die Geister der Verstorbenen desselben Totem auf ihre
Wiedergeburt warten und in den Leib der Frauen eindringen, die jene
Stellen passieren. Wird ein Kind geboren, so gibt die Mutter an, auf
welcher Geistersttte sie ihr Kind empfangen zu haben glaubt. Danach
wird der Totem des Kindes bestimmt. Es wird ferner angenommen, da die
Geister (der Verstorbenen, wie der Wiedergeborenen) an eigentmliche
Steinamulette gebunden sind (Namens _Churinga_), welche an jenen Sttten
gefunden werden.

Zwei Momente scheinen _Frazer_ zum Glauben bewogen zu haben, da man in
den Einrichtungen der _Arunta_ die lteste Form des Totemismus
aufgefunden habe. Erstens die Existenz gewisser Mythen, welche
behaupteten, da die Ahnen der _Arunta_ sich regelmig von ihrem Totem
genhrt und keine anderen Frauen als die aus ihrem eigenen Totem
geheiratet htten. Zweitens die anscheinende Zurcksetzung des
Geschlechtsaktes in ihrer Konzeptionstheorie. Menschen, die noch nicht
erkannt hatten, da die Empfngnis die Folge des Geschlechtsverkehrs
sei, drfte man wohl als die zurckgebliebensten und primitivsten unter
den heute lebenden ansehen.

Indem _Frazer_ sich fr die Beurteilung des Totemismus an die
Intichiumazeremonie hielt, erschien ihm das totemistische System auf
einmal in gnzlich verndertem Lichte als eine durchweg praktische
Organisation zur Bestreitung der natrlichsten Bedrfnisse des Menschen
(vgl. oben _Haddon_)(28). Das System war einfach ein groartiges Stck
von cooperative magic. Die Primitiven bildeten sozusagen einen
magischen Produktions- und Konsumverein. Jeder Totemclan hatte die
Aufgabe bernommen, fr die Reichlichkeit eines gewissen Nahrungsmittels
zu sorgen. Wenn es sich um nicht ebare Totem handelte, wie um
schdliche Tiere, um Regen, Wind u.dgl., so war die Pflicht des
Totemclans, dieses Stck Natur zu beherrschen und dessen Schdlichkeit
abzuwehren. Die Leistungen eines jeden Clans kamen allen anderen zugute.
Da der Clan von seinem Totem nichts oder nur sehr wenig essen durfte, so
beschaffte er dieses wertvolle Gut fr die anderen und wurde dafr von
ihnen mit dem versorgt, was sie selbst als ihre soziale Totempflicht zu
besorgen hatten. Im Lichte dieser durch die Intichiumazeremonie
vermittelten Auffassung wollte es _Frazer_ scheinen, als wre man durch
das Verbot, von seinem Totem zu essen, verblendet worden, die wichtigere
Seite des Verhltnisses zu vernachlssigen, nmlich das Gebot, mglichst
viel von dem ebaren Totem fr den Bedarf der anderen herbeizuschaffen.

  (28) There is nothing vague or mystical about it, nothing of that
  metaphysical haze which some writers love to conjure up over the
  humble beginnings of human speculation but which is utterly foreign to
  the simple, sensuous, and concrete modes of the savage (Totemism and
  Exogamy, I., p.117).

_Frazer_ nahm die Tradition der _Arunta_ an, da jeder Totemclan sich
ursprnglich ohne Einschrnkung von seinem Totem genhrt habe. Dann
bereitete es Schwierigkeiten, die folgende Entwicklung zu verstehen, die
sich damit begngte, den Totem fr andere zu sichern, whrend man selbst
auf seinen Genu fast verzichtete. Er nahm dann an, diese Einschrnkung
sei keineswegs aus einer Art von religisem Respekt hervorgegangen,
sondern vielleicht aus der Beobachtung, da kein Tier seinesgleichen zu
verzehren pflege, so da dieser Abbruch der Identifizierung mit dem
Totem der Macht, die man ber denselben zu erlangen wnschte, Schaden
brchte. Oder aus einem Bestreben, sich das Wesen geneigt zu machen,
indem man es selbst verschonte. _Frazer_ verhehlte sich aber die
Schwierigkeiten dieser Erklrung nicht(29) und ebensowenig getraute er
sich anzugeben, auf welchem Wege die von den Mythen der _Arunta_
behauptete Gewohnheit, innerhalb des Totem zu heiraten, sich zur
Exogamie gewandelt habe.

  (29) l.c. p.120.

Die auf das Intichiuma gegrndete Theorie _Frazers_ steht und fllt mit
der Anerkennung der primitiven Natur der _Arunta_institutionen. Es
scheint aber unmglich, diese letztere gegen die von _Durkheim_(30) und
_Lang_(31) vorgebrachten Einwendungen zu halten. Die Arunta scheinen
vielmehr die entwickeltsten der australischen Stmme zu sein, eher ein
Auflsungsstadium als den Beginn des Totemismus zu reprsentieren. Die
Mythen, welche auf _Frazer_ so groen Eindruck gemacht haben, weil sie
im Gegensatz zu den heute herrschenden Institutionen die Freiheit
betonen vom Totem zu essen und innerhalb des Totem zu heiraten, wrden
sich uns leicht als Wunschphantasien erklren, welche in die
Vergangenheit projiziert sind, hnlich wie der Mythus vom goldenen
Zeitalter.

  (30) L'anne sociologique, T.I., V., VIII. und an anderen Stellen. S.
  besonders die Abhandlung Sur le totmisme, T. V., 1901.

  (31) Social Origins und Secret of the Totem.


C) Die psychologischen Theorien.

Die erste psychologische Theorie _Frazers_, noch vor seiner
Bekanntschaft mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_
geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die uerliche Seele(32). Der
Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort fr die Seele darstellen, an
dem sie deponiert wird, um den Gefahren, die sie bedrohen, entzogen zu
bleiben. Wenn der Primitive seine Seele in seinem Totem untergebracht
hatte, so war er selbst unverletzlich und natrlich htete er sich, den
Trger seiner Seele selbst zu beschdigen. Da er aber nicht wute,
welches Individuum der Tierart sein Seelentrger war, lag es ihm nahe,
die ganze Art zu verschonen. _Frazer_ hat diese Ableitung des Totemismus
aus dem Seelenglauben spter selbst aufgegeben.

  (32) The Golden BoughII., p.332.

Als er mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_ bekannt wurde,
stellte er die andere soziologische Theorie des Totemismus auf, welche
eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand dann selbst, da das Motiv,
aus dem er den Totemismus abgeleitet, allzu rationell sei und da er
dabei eine soziale Organisation vorausgesetzt habe, die allzu
kompliziert sei, als da man sie primitiv heien drfe(33). Die
magischen Kooperativgesellschaften erschienen ihm jetzt eher als spte
Frchte denn als Keime des Totemismus. Er suchte ein einfacheres Moment,
einen primitiven Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus ihm die
Entstehung des Totemismus abzuleiten. Dieses ursprngliche Moment fand
er dann in der merkwrdigen Konzeptionstheorie der _Arunta_.

  (33) It is unlikely that a community of savages should deliberately
  parcel out the realm of nature into provinces, assign each province to
  a particular band of magicians, and bid all the bands to work their
  magic and weave their spells for the common good. T. and Ex.IV.,
  p.57.

Die _Arunta_ heben, wie bereits erwhnt, den Zusammenhang der Konzeption
mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich Mutter fhlt, so ist in
diesem Augenblick einer der auf Wiedergeburt lauernden Geister von der
nchstliegenden Geistersttte in ihren Leib eingedrungen und wird von
ihr als Kind geboren. Dies Kind hat denselben Totem wie alle an der
gewissen Stelle lauernden Geister. Diese Konzeptionstheorie kann den
Totemismus nicht erklren, denn sie setzt den Totem voraus. Aber wenn
man einen Schritt weiter zurckgehen und annehmen will, da das Weib
ursprnglich geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, das Objekt,
welches ihre Phantasie in dem Moment beschftigte, da sie sich zuerst
Mutter fhlte, sei wirklich in sie eingedrungen und werde dann von ihr
in menschlicher Form geboren, dann wre die Identitt eines Menschen mit
seinem Totem durch den Glauben der Mutter wirklich begrndet, und alle
weiteren Totemgebote (mit Ausschlu der Exogamie) lieen sich leicht
daraus ableiten. Der Mensch wrde sich weigern, von diesem Tier, dieser
Pflanze zu essen, weil er damit gleichsam sich selbst essen wrde. Er
wrde sich aber veranlat finden, gelegentlich in zeremoniser Weise
etwas von seinem Totem zu genieen, weil er dadurch seine
Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am Totemismus ist,
verstrken knnte. Beobachtungen von W.H.R. _Rivers_ an den
Eingeborenen der _Banks_inseln schienen die direkte Identifizierung der
Menschen mit ihrem Totem auf Grund einer solchen Konzeptionstheorie zu
erweisen(34).

  (34) T. and Ex.II., p.89 und IV., p.59.

Die letzte Quelle des Totemismus wre also die Unwissenheit der Wilden
ber den Proze, wie Menschen und Tiere ihr Geschlecht fortpflanzen. Des
besonderen die Unkenntnis der Rolle, welche das Mnnchen bei der
Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis mu erleichtert werden durch das
lange Intervall, welches sich zwischen den befruchtenden Akt und die
Geburt des Kindes (oder das Verspren der ersten Kindsbewegungen)
einschiebt. Der Totemismus ist daher eine Schpfung nicht des
mnnlichen, sondern des weiblichen Geistes. Die Gelste (sick fancies)
des schwangeren Weibes sind die Wurzel desselben. Anything indeed that
struck a woman at that mysterious moment of her life when she first
knows herself to be a mother might easily be identified by her with the
child in her womb. Such maternal fancies, so natural and seemingly so
universal, appear to be the root of totemism(35).

  (35) l.c. IV., p.63.

Der Haupteinwand gegen diese dritte _Frazer_sche Theorie ist derselbe,
der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht wurde. Die
_Arunta_ scheinen sich von den Anfngen des Totemismus weit weg entfernt
zu haben. Ihre Verleugnung der Vaterschaft scheint nicht auf primitiver
Unwissenheit zu beruhen; sie haben selbst in manchen Stcken vterliche
Vererbung. Sie scheinen die Vaterschaft einer Art von Spekulation
geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36).
Wenn sie den Mythus der unbefleckten Empfngnis durch den Geist zur
allgemeinen Konzeptionstheorie erheben, darf man darum ihnen
Unwissenheit ber die Bedingungen der Fortpflanzung ebensowenig zumuten,
wie den alten Vlkern um die Zeit der Entstehung der christlichen
Mythen.

  (36) That belief is a philosophy far from primitive. A. _Lang_,
  Secret of the Totem, p.192.

Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Totemismus hat der
Hollnder G.A. _Wilcken_ aufgestellt. Sie stellt eine Verknpfung des
Totemismus mit der Seelenwanderung her. Dasjenige Tier, in welches die
Seelen der Toten nach allgemeinem Glauben bergingen, wurde zum
Blutsverwandten, Ahnherrn und als solcher verehrt. Aber der Glauben an
die Tierwanderung der Seelen mag eher aus dem Totemismus abgeleitet sein
als umgekehrt(37).

  (37) _Frazer_, T. and Ex.IV., p.45 u.ff.

Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten
amerikanischen Ethnologen, Fr. _Boas_, _Hill-Tout_ u.a., vertreten. Sie
geht von den Beobachtungen an totemistischen Indianerstmmen aus und
behauptet, der Totem sei ursprnglich der Schutzgeist eines Ahnen, den
dieser durch einen Traum erworben und auf seine Nachkommenschaft vererbt
habe. Wir haben schon frher gehrt, welche Schwierigkeiten die
Ableitung des Totemismus aus der Vererbung von einem einzelnen her
bietet; berdies sollen die australischen Beobachtungen die
Zurckfhrung des Totem auf den Schutzgeist keineswegs untersttzen(38).

  (38) _Frazer_, l.c. p.48.

Fr die letzte der psychologischen Theorien, die von _Wundt_
ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden, da
erstens das ursprngliche Totemobjekt und das dauernd verbreitetste das
Tier ist, und da zweitens unter den Totemtieren wieder die
ursprnglichsten mit Seelentieren zusammenfallen(39). Seelentiere, wie
Vgel, Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch ihre schnelle
Beweglichkeit, ihren Flug in der Luft, durch andere berraschung und
Grauen erregende Eigenschaften dazu als die Trger der den Krper
verlassenden Seele erkannt zu werden. Das Totemtier ist ein Abkmmling
der Tierverwandlungen der Hauchseele. So mndet hier fr _Wundt_ der
Totemismus unmittelbar in den Seelenglauben oder Animismus ein.

  (39) _Wundt_, Elemente der Vlkerpsychologie, p.190.


b) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre Beziehung zum Totemismus.

Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausfhrlichkeit
vorgebracht und mu dennoch befrchten, da ich deren Eindruck durch die
immerhin notwendige Verkrzung geschadet habe. In betreff der weiteren
Fragen nehme ich mir im Interesse des Lesers die Freiheit einer noch
weitergehenden Zusammendrngung. Die Diskussionen ber die Exogamie der
Totemvlker werden durch die Natur des dabei verwerteten Materials
besonders kompliziert und unbersehbar; man knnte sagen verworren. Die
Ziele dieser Abhandlung gestatten es auch, da ich mich hier auf
Hervorhebung einiger Richtlinien beschrnke und fr eine grndlichere
Verfolgung des Gegenstandes auf die mehrmals zitierten eingehenden
Fachschriften verweise.

Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie ist natrlich
nicht unabhngig von seiner Parteinahme fr diese oder jene
Totemtheorie. Einige von diesen Erklrungen des Totemismus lassen jede
Anknpfung an die Exogamie vermissen, so da die beiden Institutionen
glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei Anschauungen einander
gegenber, die eine, welche den ursprnglichen Anschein festhalten will,
die Exogamie sei ein wesentliches Stck des totemistischen Systems, und
eine andere, welche einen solchen Zusammenhang bestreitet und an ein
zuflliges Zusammentreffen der beiden Zge ltester Kulturen glaubt.
_Frazer_ hat in seinen spteren Arbeiten diesen letzteren Standpunkt mit
Entschiedenheit vertreten.

I must request the reader to bear constantly in mind that the two
institutions of totemism and exogamy are fundamentally distinct in
origin and nature though they have accidentally crossed and blended in
many tribes. (T. and Ex., I., VorredeXII.)

Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle
unendlicher Schwierigkeiten und Miverstndnisse. Im Gegensatz hiezu
haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie als notwendige Folge
der totemistischen Grundanschauungen zu begreifen. _Durkheim_ hat in
seinen Arbeiten(40) ausgefhrt, wie das an den Totem geknpfte Tabu das
Verbot mit sich bringen mute, ein Weib des nmlichen Totem zum
geschlechtlichen Verkehr zu gebrauchen. Der Totem ist von demselben Blut
wie der Mensch, und darum verbietet der Blutbann (mit Rcksicht auf
Defloration und Menstruation) den sexuellen Verkehr mit dem Weibe, das
demselben Totem angehrt(41). A. _Lang_, der sich hierin _Durkheim_
anschliet, meint sogar, es bedurfte nicht des Bluttabu, um das Verbot
der Frauen des gleichen Stammes zu bewirken(42). Das allgemeine
Totemtabu, welches z.B. verbietet, im Schatten des Totembaumes zu
sitzen, wrde hiefr hingereicht haben. A. _Lang_ verficht brigens auch
eine andere Ableitung der Exogamie (s. unten) und lt es zweifelhaft,
wie sich diese beiden Erklrungen zueinander verhalten.

  (40) L'anne sociologique 1898-1904.

  (41) S. die Kritik der Errterungen _Durkheims_ bei _Frazer_. T. and
  Ex., IV., p.101.

  (42) Secret etc., p.125.

In betreff der zeitlichen Verhltnisse huldigt die Mehrzahl der Autoren
der Ansicht, der Totemismus sei die ltere Institution, die Exogamie
spter hinzugekommen(43).

  (43) Z.B. _Frazer_, l.c. IV., p.75: The totemic clan is a totally
  different social organism from the exogamous class, and we have good
  grounds for thinking that it is far older.

Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhngig vom Totemismus
erklren wollen, seien nur einige hervorgehoben, welche die
verschiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzestproblem erlutern.

_Mac Lennan_(44) hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus den
berresten von Sitten erraten, welche auf ehemaligen Frauenraub
hindeuteten. Er nahm nun an, da es in Urzeiten allgemein gebruchlich
gewesen sei, sich das Weib aus einem fremden Stamm zu holen, und die
Heirat mit einem Weib aus dem eigenen Stamm sei allmhlich unerlaubt
geworden, weil sie ungewhnlich war(45). Das Motiv fr diese Gewohnheit
der Exogamie suchte er in einem Frauenmangel jener primitiven Stmme,
der sich aus dem Gebrauch, die meisten weiblichen Kinder bei der Geburt
zu tten, ergeben hatte. Wir haben es hier nicht mit der Nachprfung zu
tun, ob die tatschlichen Verhltnisse die Annahmen _Mac Lennans_
besttigen. Weit mehr interessiert uns das Argument, da es unter den
Voraussetzungen des Autors doch unerklrlich bliebe, warum sich die
mnnlichen Mitglieder des Stammes auch die wenigen Frauen aus ihrem Blut
unzugnglich machen sollten, und die Art, wie hier das Inzestproblem
gnzlich beiseite gelassen wird(46).

  (44) Primitive marriage 1865.

  (45) Improper because it was unusual.

  (46) _Frazer_, l.c. IV., p.73 bis 92.

Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben andere Forscher die
Exogamie als eine Institution zur Verhtung des Inzests erfat(47).

  (47) Vgl. ImagoI.: Die Inzestscheu.

berblickt man die allmhlich wachsende Komplikation der australischen
Heiratsbeschrnkungen, so kann man nicht anders als der Ansicht von
_Morgan_, _Frazer_, _Howitt_, _Baldwin Spencer_(48) beistimmen, da
diese Einrichtungen das Geprge zielbewuter Absicht (deliberate
design nach _Frazer_) an sich tragen, und da sie das erreichen
sollten, was sie tatschlich geleistet haben. In no other way does it
seem possible to explain in all its details a system at once so complex
and so regular(49).

  (48) _Morgan_, Ancient Society 1877. -- _Frazer_, T. and Ex.IV.,
  p.105ff.

  (49) _Frazer_, l.c. p.106.

Es ist interessant hervorzuheben, da die ersten der durch die
Einfhrung von Heiratsklassen erzeugten Beschrnkungen die
Sexualfreiheit der jngeren Generation, also den Inzest von Geschwistern
und von Shnen mit ihrer Mutter trafen, whrend der Inzest zwischen
Vater und Tochter erst durch weitergehende Maregeln aufgehoben wurde.

Die Zurckfhrung der exogamischen Sexualbeschrnkungen auf
gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts fr das Verstndnis des
Motivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. Woher stammt in
letzter Auflsung die Inzestscheu, welche als die Wurzel der Exogamie
erkannt werden mu? Es ist offenbar nicht gengend, sich zur Erklrung
der Inzestscheu auf eine instinktive Abneigung gegen sexuellen Verkehr
unter Blutsverwandten, d.h. also auf die Tatsache der Inzestscheu zu
berufen, wenn die soziale Erfahrung nachweist, da der Inzest diesem
Instinkt zum Trotz kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heutigen
Gesellschaft ist, und wenn die historische Erfahrung Flle kennen lehrt,
in denen die inzestuse Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift gemacht
wurde.

_Westermarck_(50) machte zur Erklrung der Inzestscheu geltend, da
zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, eine angeborene
Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, und da dieses Gefhl,
da diese Personen in der Regel blutsverwandt sind, in Sitte und Gesetz
einen natrlichen Ausdruck findet durch den Abscheu vor dem
Geschlechtsumgang unter nahen Verwandten. _Havelock Ellis_ bestritt
zwar den triebhaften Charakter dieser Abneigung in seinen Studies in
the psychology of sex, trat aber sonst im wesentlichen derselben
Erklrung bei, indem er uerte: das normale Unterbleiben des
Zutagetretens des Paarungstriebes dort, wo es sich um Brder und
Schwestern oder um von Kindheit auf beisammenlebende Mdchen und Knaben
handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche daher kommt, da
unter jenen Umstnden die den Paarungstrieb erweckenden Vorbedingungen
durchaus fehlen mssen ... Zwischen Personen, die von Kindheit zusammen
aufgewachsen sind, hat die Gewhnung alle sinnlichen Reize des Sehens,
des Hrens und der Berhrung abgestumpft, in die Bahn einer ruhigen
Zuneigung gelenkt und ihrer Macht beraubt, die zur Erzeugung
geschlechtlicher Tumeszenz erforderliche ntige erethistische Erregung
hervorzurufen.

  (50) Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909.
  Dort auch die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene
  Einwendungen.

Es erscheint mir sehr merkwrdig, da _Westermarck_ diese angeborene
Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen, mit denen man die
Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychische Reprsentanz der
biologischen Tatsache ansieht, da Inzucht eine Schdigung der Gattung
bedeutet. Ein derartiger biologischer Instinkt wrde in seiner
psychologischen uerung kaum so weit irregehen, da er anstatt der fr
die Fortpflanzung schdlichen Blutsverwandten die in dieser Hinsicht
ganz harmlosen Haus- und Herdgenossen trfe. Ich kann es mir aber auch
nicht versagen, die ganz ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche
_Frazer_ der Behauptung von _Westermarck_ entgegenstellt. _Frazer_
findet es unbegreiflich, da das sexuelle Empfinden sich heute so gar
nicht gegen den Verkehr mit Herdgenossen strubt, whrend die
Inzestscheu, die nur ein Abkmmling von diesem Struben sein soll,
gegenwrtig so bermchtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber andere
Bemerkungen _Frazers_, die ich unverkrzt hieher setze, weil sie im
Wesen mit den in meinem Aufsatz ber das Tabu entwickelten Argumenten
zusammentreffen.

Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder menschlicher
Instinkt die Verstrkung durch ein Gesetz bentigen sollte. Es gibt kein
Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder
ihnen verbietet, ihre Hnde ins Feuer zu stecken. Die Menschen essen und
trinken und halten ihre Hnde vom Feuer weg, instinktgem, aus Angst
vor natrlichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, die sie sich durch
Beleidigung dieser Triebe zuziehen wrden. Das Gesetz verbietet den
Menschen nur, was sie unter dem Drngen ihrer Triebe ausfhren knnten.
Was die Natur selbst verbietet und bestraft, das braucht nicht erst das
Gesetz zu verbieten und zu strafen. Wir drfen daher auch ruhig
annehmen, da Verbrechen, die durch ein Gesetz verboten werden,
Verbrechen sind, die viele Menschen aus natrlichen Neigungen gerne
begehen wrden. Wenn es keine solche Neigung gbe, kmen keine solchen
Verbrechen vor, und wenn solche Verbrechen nicht begangen wrden, wozu
brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen Verbot
des Inzests zu schlieen, da eine natrliche Abneigung gegen den Inzest
besteht, sollten wir eher den Schlu ziehen, da ein natrlicher
Instinkt zum Inzest treibt, und da, wenn das Gesetz diesen Trieb wie
andere natrliche Triebe unterdrckt, dies seinen Grund in der Einsicht
zivilisierter Menschen hat, da die Befriedigung dieser natrlichen
Triebe der Gesellschaft Schaden bringt(51).

  (51) l.c., p.97.

Ich kann dieser kostbaren Argumentation _Frazers_ noch hinzufgen, da
die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme einer angeborenen
Abneigung gegen den Inzestverkehr vollends unmglich machen. Sie haben
im Gegenteile gelehrt, da die ersten sexuellen Regungen des
jugendlichen Menschen regelmig inzestuser Natur sind, und da solche
verdrngte Regungen als Triebkrfte der spteren Neurosen eine kaum zu
berschtzende Rolle spielen.

Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes mu also
fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um eine andere Ableitung
des Inzestverbotes, welche sich zahlreicher Anhnger erfreut, um die
Annahme, da die primitiven Vlker frhzeitig bemerkt haben, mit welchen
Gefahren die Inzucht ihr Geschlecht bedrohe, und da sie darum in
bewuter Absicht das Inzestverbot erlassen htten. Die Einwendungen
gegen diesen Erklrungsversuch drngen einander(52). Nicht nur, da das
Inzestverbot lter sein mu als alle Haustierwirtschaft, an welcher der
Mensch Erfahrungen ber die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften
der Rasse machen konnte, sondern die schdlichen Folgen der Inzucht sind
auch heute noch nicht ber jeden Zweifel sichergestellt und beim
Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner macht alles, was wir ber die
heutigen Wilden wissen, es sehr unwahrscheinlich, da die Gedanken ihrer
entferntesten Ahnen bereits mit der Verhtung von Schden fr ihre
sptere Nachkommenschaft beschftigt waren. Es klingt fast lcherlich,
wenn man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden Menschenkindern
hygienische und eugenische Motive zumuten will, wie sie in unserer
heutigen Kultur noch kaum Bercksichtigung gefunden haben(53).

  (52) Vgl. _Durkheim_, La prohibition de l'Inceste. L'anne
  sociologique. I., 1896/97.

  (53) Ch. _Darwin_ meint von den Wilden: they are not likely to
  reflect on distant evils to their progeny.

Endlich wird man auch geltend machen mssen, da das aus praktisch
hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als eines die Rasse
schwchenden Momentes ganz unangemessen erscheint, um den tiefen Abscheu
zu erklren, welcher sich in unserer Gesellschaft gegen den Inzest
erhebt. Wie ich an anderer Stelle dargetan habe(54), erscheint diese
Inzestscheu bei den heute lebenden primitiven Vlkern eher noch reger
und strker als bei den zivilisierten.

  (54) Imago, I., l.c.

Whrend man erwarten konnte, auch fr die Ableitung der Inzestscheu die
Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologischen und psychologischen
Erklrungsmglichkeiten, wobei noch die psychologischen Motive
vielleicht als Reprsentanz von biologischen Mchten zu wrdigen wren,
sieht man sich am Ende der Untersuchung gentigt, dem resignierten
Ausspruch _Frazers_ beizutreten: Wir kennen die Herkunft der Inzestscheu
nicht und wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen. Keine der bisher
vorgebrachten Lsungen des Rtsels erscheint uns befriedigend(55).

  (55) Thus the ultimate origin of exogamy and with it the law of
  incest -- since exogamy was devised to prevent incest -- remains a
  problem nearly as dark as ever. T. and Ex.I., p.165.

Ich mu noch eines Versuches erwhnen, die Entstehung der Inzestscheu zu
erklren, welcher von ganz anderer Art ist als die bisher betrachteten.
Man knnte ihn als eine historische Ableitung bezeichnen.

Dieser Versuch knpft an eine Hypothese von Ch. _Darwin_ ber den
sozialen Urzustand des Menschen an. _Darwin_ schlo aus den
Lebensgewohnheiten der hheren Affen, da auch der Mensch ursprnglich
in kleinen Horden gelebt habe, innerhalb welcher die Eifersucht des
ltesten und strksten Mnnchens die sexuelle Promiskuitt verhinderte.
Wir knnen in der Tat, nach dem was wir von der Eifersucht aller
mnnlichen Sugetiere wissen, von denen viele mit speziellen Waffen zum
Kmpfen mit ihren Nebenbuhlern bewaffnet sind, schlieen, da allgemeine
Vermischung der Geschlechter im Naturzustande uerst unwahrscheinlich
ist ... Wenn wir daher im Strome der Zeit weit genug zurckblicken und
nach den sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert,
schlieen, ist die wahrscheinlichste Ansicht die, da der Mensch
ursprnglich in kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer Frau
oder, hatte er die Macht, mit mehreren, welche er eiferschtig gegen
alle anderen Mnner verteidigte. Oder er mag kein soziales Tier gewesen
sein und doch mit mehreren Frauen fr sich allein gelebt haben wie der
Gorilla; denn alle Eingebornen stimmen darin berein, da nur ein
erwachsenes Mnnchen in einer Gruppe zu sehen ist. Wchst das junge
Mnnchen heran, so findet ein Kampf um die Herrschaft statt und der
Strkste setzt sich dann, indem er die anderen gettet oder vertrieben
hat, als Oberhaupt der Gesellschaft fest (Dr. _Savage_ in Boston Journal
of Natur. Hist.V., 1845-1847). Die jngeren Mnnchen, welche hiedurch
ausgestoen sind und nun herumwandern, werden auch, wenn sie zuletzt
beim Finden einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb
der Glieder einer und derselben Familie verhten(56).

  (56) Abstammung des Menschen, bersetzt von V. _Carus_, II.Bd.,
  Kap.20, p.341.

_Atkinson_(57) scheint zuerst erkannt zu haben, da diese Verhltnisse
der _Darwin_schen Urhorde die Exogamie der jungen Mnner praktisch
durchsetzen muten. Jeder dieser Vertriebenen konnte eine hnliche Horde
grnden, in welcher dasselbe Verbot des Geschlechtsverkehrs dank der
Eifersucht des Oberhaupts galt, und im Laufe der Zeit wrde sich aus
diesen Zustnden die jetzt als Gesetz bewute Regel ergeben haben: Kein
Sexualverkehr mit den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Totemismus htte
sich die Regel in die andere Form gewandelt: Kein Sexualverkehr
innerhalb des Totem.

  (57) Primal Law, London 1903 (mit A. _Lang_, Social Origins).

A. _Lang_(58) hat sich dieser Erklrung der Exogamie angeschlossen. Er
vertritt aber in demselben Buche die andere (_Durkheim_sche) Theorie,
welche die Exogamie als Konsequenz aus den Totemgesetzen hervorgehen
lt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden Auffassungen miteinander zu
vereinigen; im ersten Falle htte die Exogamie vor dem Totemismus
bestanden, im zweiten wre sie eine Folge desselben(59).

  (58) Secret of the Totem, p.114, 143.

  (59) If it be granted that exogamy existed in practice, on the lines
  of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the
  practice a _sacred_ sanction, our task is relatively easy. The first
  practical rule would be that of the jealous Sire 'No males to touch
  the females in my camp', with expulsion of adolescent sons. _In efflux
  of time that rule, become habitual_, would be, 'No marriage within the
  local group'. Next let the local groups receive names, such as Emus,
  Crows, Opossums, Snipes, and the rule becomes, 'No Marriage within the
  local group of animal name; no Snipe to marry a Snipe'. But, if the
  primal groups were not exogamous, they would become so, as soon as
  totemic myths and tabus were developed out of the animal, vegetable,
  and other names of small local groups. Secret of the Totem, p.143.
  (Die Hervorhebung in der Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) -- In
  seiner letzten uerung ber den Gegenstand (Folklore, Dezember 1911)
  teilt A. _Lang_ brigens mit, da er die Ableitung der Exogamie aus
  dem general totemic Tabu aufgegeben habe.




3.


Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung in
dieses Dunkel.

Das Verhltnis des Kindes zum Tiere hat viel hnlichkeit mit dem des
Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur von jenem Hochmut,
welcher dann den erwachsenen Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur
durch eine scharfe Grenzlinie von allem anderen Animalischen abzusetzen.
Es gesteht dem Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbrtigkeit zu; im
ungehemmten Bekennen zu seinen Bedrfnissen fhlt es sich wohl dem Tiere
verwandter als dem ihm wahrscheinlich rtselhaften Erwachsenen.

In diesem ausgezeichneten Einverstndnis zwischen Kind und Tier tritt
nicht selten eine merkwrdige Strung auf. Das Kind beginnt pltzlich
eine bestimmte Tierart zu frchten und sich vor der Berhrung oder dem
Anblick aller einzelnen dieser Art zu schtzen. Es stellt sich das
klinische Bild einer _Tierphobie_ her, eine der hufigsten unter den
psychoneurotischen Erkrankungen dieses Alters und vielleicht die
frheste Form solcher Erkrankung. Die Phobie betrifft in der Regel
Tiere, fr welche das Kind bis dahin ein besonders lebhaftes Interesse
gezeigt hatte, sie hat mit dem Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl
unter den Tieren, welche Objekte der Phobie werden knnen, ist unter
stdtischen Bedingungen nicht gro. Es sind Pferde, Hunde, Katzen,
seltener Vgel, auffllig hufig kleinste Tiere wie Kfer und
Schmetterlinge. Manchmal werden Tiere, die dem Kind nur aus dem
Bilderbuch und Mrchenerzhlung bekannt worden sind, Objekte der
unsinnigen und unmigen Angst, welche sich bei diesen Phobien zeigt;
selten gelingt es einmal die Wege zu erfahren, auf denen sich eine
ungewhnliche Wahl des Angsttieres vollzogen hat. So verdanke ich K.
_Abraham_ die Mitteilung eines Falles, in welchem ein Kind seine Angst
vor Wespen selbst durch die Angabe aufklrte, die Farbe und Streifung
des Wespenleibes htte es an den Tiger denken lassen, vor dem es sich
nach allem Gehrten frchten durfte.

Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand aufmerksamer
analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es im hohen Grade
verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit Kindern in so zartem
Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung gewesen. Man kann daher nicht
behaupten, da man den allgemeinen Sinn dieser Erkrankungen kennt, und
ich meine selbst, da er sich nicht als einheitlich herausstellen
drfte. Aber einige Flle von solchen auf grere Tiere gerichteten
Phobien haben sich der Analyse zugnglich erwiesen und so dem
Untersucher ihr Geheimnis verraten. Es war in jedem Falle das nmliche:
die Angst galt im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten Kinder Knaben
waren, und war nur auf das Tier verschoben worden.

Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewi solche Flle gesehen und
von ihnen den nmlichen Eindruck empfangen. Doch kann ich mich nur auf
wenige ausfhrliche Publikationen darber berufen. Es ist dies ein
Zufall der Literatur, aus welchem nicht geschlossen werden sollte, da
wir unsere Behauptung berhaupt nur auf vereinzelte Beobachtungen
sttzen knnen. Ich erwhne z.B. einen Autor, welcher sich
verstndnisvoll mit den Neurosen des Kindesalters beschftigt hat, M.
_Wulff_ (Odessa). Er erzhlt im Zusammenhange der Krankengeschichte
eines neunjhrigen Knaben, da dieser mit vier Jahren an einer
Hundephobie gelitten hat. Als er auf der Strae einen Hund vorbeilaufen
sah, weinte er und schrie: Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will
artig sein. Unter artig sein meinte er: nicht mehr Geige spielen
(onanieren)(60).

  (60) M. _Wulff_, Beitrge zur infantilen Sexualitt. Zentralbl. f.
  Psychoanalyse 1912, II., Nr.1, p.15ff.

Derselbe Autor resumiert spter: Seine Hundephobie ist eigentlich die
auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, denn seine sonderbare
uerung: 'Hund ich will artig sein' -- d.h. nicht masturbieren --
bezieht sich doch eigentlich auf den Vater, der die Masturbation
verboten hat. In einer Anmerkung setzt er dann hinzu, was sich eben so
vllig mit meiner Erfahrung deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit
solcher Erfahrungen bezeugt: Solche Phobien (Pferdephobien,
Hundephobien, Katzen, Hhner und andere Haustiere) sind, glaube ich, im
Kindesalter mindestens ebenso verbreitet wie der Pavor nocturnus und
lassen sich in der Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst
von einem der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so verbreitete
Muse- und Rattenphobie denselben Mechanismus hat, mchte ich nicht
behaupten.

Im ersten Band des Jahrbuchs fr psychoanalytische und psychopathologische
Forschungen teilte ich die _Analyse der Phobie eines fnfjhrigen
Knaben_ mit, welche mir der Vater des kleinen Patienten
zur Verfgung gestellt hatte. Es war eine Angst vor Pferden,
in deren Konsequenz der Knabe sich weigerte auf die Strae zu gehen. Er
uerte die Befrchtung, das Pferd werde ins Zimmer kommen, werde ihn
beien. Es erwies sich, da dies die Strafe fr seinen Wunsch sein
sollte, da das Pferd umfallen (sterben) mge. Nachdem man dem Knaben
durch Zusicherungen die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es
sich, da er gegen Wnsche ankmpfte, die das Wegsein (Abreisen,
Sterben) des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er
berdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst der Mutter,
auf welche seine keimenden Sexualwnsche in dunkeln Ahnungen gerichtet
waren. Er befand sich also in jener typischen Einstellung des mnnlichen
Kindes zu den Eltern, welche wir als den dipuskomplex bezeichnen, und
in der wir den Kernkomplex der Neurosen berhaupt erkennen. Was wir neu
aus der Analyse des kleinen Hans erfahren, ist die fr den Totemismus
wertvolle Tatsache, da das Kind unter solchen Bedingungen einen Anteil
seiner Gefhle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt.

Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zuflligen
Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich
geht. Sie lt auch die Motive derselben erraten. Der aus der
Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Ha kann sich im
Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er hat mit der seit
jeher bestehenden Zrtlichkeit und Bewunderung fr dieselbe Person zu
kmpfen, das Kind befindet sich in doppelsinniger -- _ambivalenter_ --
Gefhlseinstellung gegen den Vater und schafft sich Erleichterung in
diesem Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feindseligen und ngstlichen
Gefhle auf ein Vatersurrogat verschiebt. Die Verschiebung kann den
Konflikt allerdings nicht in der Weise erledigen, da sie eine glatte
Scheidung der zrtlichen von den feindseligen Gefhlen herstellt. Der
Konflikt setzt sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die
Ambivalenz greift auf dieses letztere ber. Es ist unverkennbar, da der
kleine Hans den Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und
Interesse entgegenbringt. Sowie sich seine Angst ermigt hat,
identifiziert er sich selbst mit dem gefrchteten Tier, springt als
Pferd herum und beit nun seinerseits den Vater(61). In einem anderen
Auflsungsstadium der Phobie macht es ihm nichts, die Eltern mit anderen
groen Tieren zu identifizieren(62).

  (61) l.c. p.37.

  (62) Die Giraffenphantasie p.24.

Man darf den Eindruck aussprechen, da in diesen Tierphobien der Kinder
gewisse Zge des Totemismus in negativer Ausprgung wiederkehren. Wir
verdanken aber S. _Ferenczi_ die vereinzelt schne Beobachtung eines
Falles, den man nur als positiven Totemismus bei einem Kinde bezeichnen
kann(63). Bei dem kleinen Arpd, von dem _Ferenczi_ berichtet, erwachen
die totemistischen Interessen allerdings nicht direkt im Zusammenhang
des dipuskomplexes, sondern auf Grund der narzitischen Voraussetzung
desselben, der Kastrationsangst. Wer aber die Geschichte des kleinen
Hans aufmerksam durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten
Zeugnisse dafr finden, da der Vater als der Besitzer des groen
Genitales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales
gefrchtet wird. Im dipus- wie im Kastrationskomplex spielt der Vater
die nmliche Rolle, die des gefrchteten Gegners der infantilen
Sexualinteressen. Die Kastration und ihr Ersatz durch die Blendung ist
die von ihm drohende Strafe(64).

  (63) S. _Ferenczi_, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschr. f. rztl.
  Psychoanalyse 1913, I., Nr.3.

  (64) ber den Ersatz der Kastration durch die auch im dipusmythus
  enthaltene Blendung vergleiche die Mitteilungen von _Reitler_,
  _Ferenczi_, _Rank_ und _Eder_ in Intern. Zeitschr. f. rztl.
  Psychoanalyse 1913, I., Nr.2.

Als der kleine Arpd zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er einmal in
einem Sommeraufenthalte ins Geflgelhaus zu urinieren, wobei ihn ein
Huhn ins Glied bi oder nach seinem Glied schnappte. Als er ein Jahr
spter an denselben Ort zurckkehrte, wurde er selbst zum Huhn, er
interessierte sich nur mehr fr das Geflgelhaus und alles, was darin
vorging, und gab seine menschliche Sprache gegen Gackern und Krhen auf.
Zur Zeit der Beobachtung (fnf Jahre) sprach er wieder, aber
beschftigte sich auch in der Rede ausschlielich nur mit Hhnern und
anderem Geflgel. Er spielte mit keinem anderen Spielzeug, sang nur
Lieder, in denen etwas vom Federvieh vorkam. Sein Benehmen gegen sein
Totemtier war exquisit ambivalent, bermiges Hassen und Lieben. Am
liebsten spielte er Hhnerschlachten. Das Schlachten des Federviehs ist
ihm berhaupt ein Fest. Er ist imstande, stundenlang um die Tierleichen
erregt herumzutanzen. Aber dann kte und streichelte er das
geschlachtete Tier, reinigte und liebkoste die von ihm selbst
mihandelten Ebenbilder von Hhnern.

Der kleine Arpd sorgte selbst dafr, da der Sinn seines sonderbaren
Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er bersetzte gelegentlich
seine Wnsche aus der totemistischen Ausdrucksweise zurck in die des
Alltagslebens. Mein Vater ist der Hahn, sagte er einmal. Jetzt bin
ich klein, jetzt bin ich ein Kchlein. Wenn ich grer werde, bin ich
ein Huhn. Wenn ich noch grer werde, bin ich ein Hahn. Ein andermal
wnschte er sich pltzlich eine eingemachte Mutter zu essen (nach der
Analogie des eingemachten Huhns). Er war sehr freigebig mit deutlichen
Kastrationsandrohungen gegen andere, wie er sie wegen onanistischer
Beschftigung mit seinem Gliede selbst erfahren hatte.

ber die Quelle seines Interesses fr das Treiben im Hhnerhof blieb
nach _Ferenczi_ kein Zweifel: Der rege Sexualverkehr zwischen Hahn und
Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen Brut
befriedigten seine sexuelle Wibegierde, die eigentlich dem menschlichen
Familienleben galt. Nach dem Vorbild des Hhnerlebens hatte er seine
Objektwnsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: Ich werde
Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Kchin,
nein, statt der Kchin lieber die Mutter.

Wir werden an spterer Stelle die Wrdigung dieser Beobachtung
vervollstndigen knnen; heben wir jetzt nur als wertvolle
bereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Zge hervor: Die volle
Identifizierung mit dem Totemtier(65) und die ambivalente
Gefhlseinstellung gegen dasselbe. Wir halten uns nach diesen
Beobachtungen fr berechtigt, in die Formel des Totemismus -- fr den
Mann -- den Vater an Stelle des Totemtieres einzusetzen. Wir merken
dann, da wir damit keinen neuen oder besonders khnen Schritt getan
haben. Die Primitiven sagen es ja selbst und bezeichnen, soweit noch
heute das totemistische System in Kraft besteht, den Totem als ihren
Ahnherrn und Urvater. Wir haben nur eine Aussage dieser Vlker wrtlich
genommen, mit welcher die Ethnologen wenig anzufangen wuten, und die
sie darum gerne in den Hintergrund gerckt haben. Die Psychoanalyse
mahnt uns, im Gegenteile gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an ihn
den Erklrungsversuch des Totemismus zu knpfen.(66)

  (65) In welcher nach _Frazer_ das Wesentliche des Totemismus gegeben
  ist: Totemism is an identification of a man with his totem. T. and
  Ex., IV., p.5.

  (66) O. _Rank_ verdanke ich die Mitteilung eines Falles von
  Hundephobie bei einem intelligenten jungen Manne, dessen Erklrung,
  wie er zu seinem Leiden gekommen sei, merklich an die oben (p.369)
  erwhnte Totemtheorie der _Arunta_ anklingt. Er hatte von seinem Vater
  erfahren, da seine Mutter whrend der Schwangerschaft mit ihm einmal
  vor einem Hunde erschrocken sei.

Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwrdig. Wenn das
Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Hauptgebote des
Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen Kern ausmachen, den
Totem nicht zu tten und kein Weib, das dem Totem angehrt, sexuell zu
gebrauchen, inhaltlich zusammen mit den beiden Verbrechen des dipus,
der seinen Vater ttete und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den
beiden Urwnschen des Kindes, deren ungengende Verdrngung oder deren
Wiedererweckung den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bildet. Sollte
diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel des Zufalls sein, so
mte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung des Totemismus in
unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen Worten, es mte uns
gelingen wahrscheinlich zu machen, da das totemistische System sich aus
den Bedingungen des dipuskomplexes ergeben hat wie die Tierphobie des
kleinen Hans und die Geflgelperversion des kleinen Arpd. Um dieser
Mglichkeit nachzugehen, werden wir im folgenden eine Eigentmlichkeit
des totemistischen Systems oder, wie wir sagen knnen, der Totemreligion
studieren, welche bisher kaum Erwhnung finden konnte.




4.


Der im Jahre 1894 verstorbene W. _Robertson Smith_, Physiker, Philologe,
Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso vielseitiger wie
scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in seinem 1889
verffentlichten Werke ber die Religion der Semiten(67) die Annahme
aus, da eine eigentmliche Zeremonie, die sogenannte _Totemmahlzeit_
von allem Anfang an einen integrierenden Bestandteil des totemistischen
Systems gebildet habe. Zur Sttze dieser Vermutung stand ihm damals nur
eine einzige, aus dem fnften Jahrhundert n.Chr. berlieferte
Beschreibung eines solchen Aktes zu Gebote, aber er verstand es, die
Annahme durch die Analyse des Opferwesens bei den alten Semiten zu einem
hohen Grad von Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer eine
gttliche Person voraussetzt, handelt es sich hiebei um den Rckschlu
von einer hheren Phase des religisen Ritus auf die niedrigste des
Totemismus.

  (67) W. _Robertson Smith_, The religion of the Semites. Second
  Edition. London 1907.

Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von _Robertson
Smith_ die fr unser Interesse entscheidenden Stze ber Ursprung und
Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter Weglassung aller oft so
reizvollen Details und mit konsequenter Hintansetzung aller spteren
Entwicklungen. Es ist ganz ausgeschlossen, in einem solchen Auszug dem
Leser etwas von der Luziditt oder von der Beweiskraft der Darstellung
im Original zu bermitteln.

_Robertson Smith_ fhrt aus, da das Opfer am Altar das wesentliche
Stck im Ritus der alten Religionen gewesen ist. Es spielt in allen
Religionen die nmliche Rolle, so da man seine Entstehung auf sehr
allgemeine und berall gleichartig wirkende Ursachen zurckfhren mu.

Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochn~ (sacrificium,
~hierourgia~) -- bedeutete aber ursprnglich etwas anderes, als was
sptere Zeiten darunter verstanden: die Darbringung an die Gottheit,
um sie zu vershnen oder sich geneigt zu machen. Von dem Nebensinn der
Selbstentuerung ging dann die profane Verwendung des Wortes aus. Das
Opfer war nachweisbar zuerst nichts anderes als _an act of social
fellowship between the deity and his worshippers_, ein Akt der
Geselligkeit, eine Kommunion der Glubigen mit ihrem Gotte.

Als Opfer wurden dargebracht ebare und trinkbare Dinge; dasselbe, wovon
der Mensch sich nhrte, Fleisch, Zerealien, Frchte, Wein und l, das
opferte er auch seinem Gotte. Nur in bezug auf das Opferfleisch
bestanden Einschrnkungen und Abweichungen. Von den Tieropfern speist
der Gott gemeinsam mit seinen Anbetern, die vegetabilischen Opfer sind
ihm allein berlassen. Es ist kein Zweifel, da die Tieropfer die
lteren sind und einmal die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer
sind aus der Darbringung der Erstlinge aller Frchte hervorgegangen und
entsprechen einem Tribut an den Herrn des Bodens und des Landes. Das
Tieropfer ist aber lter als der Ackerbau.

Es ist aus sprachlichen berresten gewi, da der dem Gott bestimmte
Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung angesehen wurde.
Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des gttlichen Wesens wurde
diese Vorstellung anstig; man wich ihr aus, indem man den flssigen
Anteil der Mahlzeit allein der Gottheit zuwies. Spter gestattete der
Gebrauch des Feuers, welcher das Opferfleisch auf dem Altar in Rauch
aufgehen lie, eine Zurichtung der menschlichen Nahrungsmittel, durch
welche sie dem gttlichen Wesen angemessener wurden. Die Substanz des
Trinkopfers war ursprnglich das Blut der Opfertiere; Wein wurde spter
der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Primitiven als das Blut der
Rebe, wie ihn unsere Dichter jetzt noch heien.

Die lteste Form des Opfers, lter als der Gebrauch des Feuers und die
Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer, dessen Fleisch und Blut
der Gott und seine Anbeter gemeinsam genossen. Es war wesentlich, da
jeder der Teilnehmer seinen Anteil an der Mahlzeit erhalte.

Ein solches Opfer war eine ffentliche Zeremonie, das Fest eines ganzen
Clans. Die Religion war berhaupt eine allgemeine Angelegenheit, die
religise Pflicht ein Stck der sozialen Verpflichtung. Opfer und
Festlichkeit fallen bei allen Vlkern zusammen, jedes Opfer bringt ein
Fest mit sich und kein Fest kann ohne Opfer gefeiert werden. Das
Opferfest war eine Gelegenheit der freudigen Erhebung ber die eigenen
Interessen, der Betonung der Zusammengehrigkeit untereinander und mit
der Gottheit.

Die ethische Macht der ffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf uralten
Vorstellungen ber die Bedeutung des gemeinsamen Essens und Trinkens.
Mit einem anderen zu essen und zu trinken war gleichzeitig ein Symbol
und eine Bekrftigung von sozialer Gemeinschaft und von bernahme
gegenseitiger Verpflichtungen; die Opfermahlzeit brachte zum direkten
Ausdruck, da der Gott und seine Anbeter _Commensalen_ sind, aber damit
waren alle ihre anderen Beziehungen gegeben. Gebruche, die noch heute
unter den Arabern der Wste in Kraft sind, beweisen, da das Bindende an
der gemeinsamen Mahlzeit nicht ein religises Moment ist, sondern der
Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit einem solchen
Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner Milch getrunken hat, der
braucht ihn nicht mehr als Feind zu frchten, sondern darf seines
Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. Allerdings nicht fr ewige
Zeiten; streng genommen, nur fr so lange, als der gemeinsam genossene
Stoff der Annahme nach in seinem Krper verbleibt. So realistisch wird
das Band der Vereinigung aufgefat; es bedarf der Wiederholung, um es zu
verstrken und dauerhaft zu machen.

Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese bindende Kraft
zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften gibt es nur ein Band,
welches unbedingt und ausnahmslos einigt, das der Stammesgemeinschaft
(Kinship). Die Mitglieder dieser Gemeinschaft treten solidarisch fr
einander ein, ein Kin ist eine Gruppe von Personen, deren Leben solcher
Art zu einer physischen Einheit verbunden sind, da man sie wie Stcke
eines gemeinsamen Lebens betrachten kann. Es heit dann beim Mord eines
einzelnen aus dem Kin nicht: das Blut dieses und jenes ist vergossen
worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. Die hebrische Phrase,
mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt wird, lautet: Du bist
mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet also einen Anteil haben an
einer gemeinsamen Substanz. Es ist dann natrlich, da sie nicht nur auf
die Tatsache gegrndet wird, da man ein Teil von der Substanz seiner
Mutter ist, von der man geboren und mit deren Milch man genhrt wurde,
sondern da auch die Nahrung, die man spterhin geniet und durch die
man seinen Krper erneuert, Kinship erwerben und bestrken kann. Teilte
man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so drckte es die berzeugung aus,
da man von einem Stoff mit ihm sei, und wen man als Fremden erkannte,
mit dem teilte man keine Mahlzeit.

Die Opfermahlzeit war also ursprnglich ein Festmahl von
Stammverwandten, dem Gesetze folgend, da nur Stammverwandte miteinander
essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die Mitglieder der
Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahlzeit nichts zu tun.
Kinship ist lter als Familienleben; die ltesten uns bekannten Familien
umfassen regelmig Personen, die verschiedenen Verwandtschaftsverbnden
angehren. Die Mnner heiraten Frauen aus fremden Clans, die Kinder
erben den Clan der Mutter; es besteht keine Stammesverwandtschaft
zwischen dem Manne und den brigen Familienmitgliedern. In einer solchen
Familie gibt es keine gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen noch heute
abseits und allein, und die religisen Speiseverbote des Totemismus
machen ihnen oft die Egemeinschaft mit ihren Frauen und Kindern
unmglich.

Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehrt, keine
Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber -- was nun bedeutsam ist --
auch kein Schlachten eines Tieres auer fr solche feierliche
Gelegenheit. Man nhrte sich ohne Bedenken von Frchten, Wild und von
der Milch der Haustiere, aber religise Skrupel machten es dem einzelnen
unmglich, ein Haustier fr seinen eigenen Gebrauch zu tten. Es leidet
nicht den leisesten Zweifel, sagt _Robertson Smith_, da jedes Opfer
ursprnglich Clanopfer war, und da das _Tten eines Schlachtopfers_
ursprnglich zu jenen Handlungen gehrte, _die dem einzelnen verboten
sind und nur dann gerechtfertigt werden, wenn der ganze Stamm die
Verantwortlichkeit mitbernimmt_. Es gibt bei den Primitiven nur eine
Klasse von Handlungen, fr welche diese Charakteristik zutrifft, nmlich
Handlungen, welche an die Heiligkeit des dem Stamme gemeinsamen Blutes
rhren. Ein Leben, welches kein einzelner wegnehmen darf, und das nur
durch die Zustimmung und unter der Teilnahme aller Clangenossen geopfert
werden kann, steht auf derselben Stufe wie das Leben des Stammesgenossen
selbst. Die Regel, da jeder Gast der Opfermahlzeit vom Fleisch des
Opfertieres genieen msse, hat denselben Sinn wie die Vorschrift, da
die Exekution an einem schuldigen Stammesgenossen von dem ganzen Stamm
zu vollziehen sei. Mit anderen Worten: Das Opfertier wurde behandelt wie
ein Stammverwandter, _die opfernde Gemeinde, ihr Gott und das Opfertier
waren eines Blutes_, Mitglieder eines Clans.

_Robertson Smith_ identifiziert auf Grund einer reichen Evidenz das
Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im spteren Altertum zwei
Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch fr gewhnlich
gegessen wurden, und ungewhnliche Opfer von Tieren, die als unrein
verboten waren. Die nhere Erforschung zeigt dann, da diese unreinen
Tiere heilige Tiere waren, da sie den Gttern als Opfer dargebracht
wurden, denen sie heilig waren, da diese Tiere ursprnglich identisch
waren mit den Gttern selbst, und da die Glubigen in irgendeiner Weise
beim Opfer ihre Blutsverwandtschaft mit dem Tiere und dem Gotte
betonten. Fr noch frhere Zeiten entfllt aber dieser Unterschied
zwischen gewhnlichen und mystischen Opfern. Alle Tiere sind
ursprnglich heilig, ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei
feierlichen Gelegenheiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen
werden. Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergieen von Stammesblut
gleich und mu unter den nmlichen Vorsichten und Sicherungen gegen
Vorwurf geschehen.

Die Zhmung von Haustieren und das Emporkommen der Viehzucht scheint
berall dem reinen und strengen Totemismus der Urzeit ein Ende bereitet
zu haben(68). Aber was in der nun pastoralen Religion den Haustieren
an Heiligkeit verblieb, ist deutlich genug, um den ursprnglichen
Totemcharakter derselben erkennen zu lassen. Noch in spten klassischen
Zeiten schrieb der Ritus an verschiedenen Orten dem Opferer vor, nach
vollzogenem Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu
entziehen. In Griechenland mu die Idee, da die Ttung eines Ochsen
eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein geherrscht haben. An dem
athenischen Fest der Bouphonien wurde nach dem Opfer ein frmlicher
Proze eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum Verhr kamen. Endlich
einigte man sich, die Schuld an der Mordtat auf das Messer abzuwlzen,
welches dann ins Meer geworfen wurde.

  (68) The inference is that the domestication to which totemism
  invariably leads (when there are any animals capable of domestication)
  is fatal to totemism.

  _Jevons_, An introduction to the history of religion 1911, fifth
  edition, p.120.

Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als eines
Stammesgenossen schtzt, wird es zur Notwendigkeit, ein solches Tier von
Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu tten und Fleisch und Blut
desselben unter die Clangenossen zu verteilen. Das Motiv, welches diese
Tat gebietet, gibt den tiefsten Sinn des Opferwesens preis. Wir haben
gehrt, da in spteren Zeiten jedes gemeinsame Essen, die Teilnahme an
der nmlichen Substanz, welche in ihre Krper eindringt, ein heiliges
Band zwischen den Commensalen herstellt; in ltesten Zeiten scheint
diese Bedeutung nur der Teilnahme an der Substanz eines heiligen Opfers
zuzukommen. _Das heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt sich,
indem nur auf diesem Wege das heilige Band hergestellt werden kann,
welches die Teilnehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt(69)._

  (69) l.c. p.113.

Dies Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres, welches in
seinem Fleisch und seinem Blute wohnt und durch die Opfermahlzeit allen
Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche Vorstellung liegt allen
_Blutbndnissen_ zugrunde, durch die sich noch in spten Zeiten Menschen
gegeneinander verpflichten. Die durchaus realistische Auffassung der
Blutsgemeinschaft als Identitt der Substanz lt die Notwendigkeit
verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch den physischen Proze der
Opfermahlzeit zu erneuern.

Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengnge von _Robertson Smith_
ab, um ihren Kern in gedrngtester Krze zu resumieren. Als die Idee des
Privateigentums aufkam, wurde das Opfer als eine Gabe an die Gottheit,
als eine bertragung aus dem Eigentum des Menschen in das des Gottes
aufgefat. Allein diese Deutung lie alle Eigentmlichkeiten des
Opferrituals unaufgeklrt. In ltesten Zeiten war das Opfertier selbst
heilig, sein Leben unverletzlich gewesen; es konnte nur unter der
Teilnahme und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegenwart des Gottes
genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, durch deren Genu
die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identitt untereinander und mit
der Gottheit versicherten. Das Opfer war ein Sakrament, das Opfertier
selbst ein Stammesgenosse. Es war in Wirklichkeit das alte Totemtier,
der primitive Gott selbst, durch dessen Ttung und Verzehrung die
Clangenossen ihre Gotthnlichkeit auffrischten und versicherten.

Aus dieser Analyse des Opferwesens zog _Robertson Smith_ den Schlu, da
die periodische Ttung und Aufzehrung des Totem in Zeiten _vor der
Verehrung anthropomorpher Gottheiten_ ein bedeutsames Stck der
Totemreligion gewesen sei. Das Zeremoniell einer solchen Totemmahlzeit,
meinte er, sei uns in der Beschreibung eines Opfers aus spteren Zeiten
erhalten. Der hl. _Nilus_ berichtet von einer Opfersitte der Beduinen in
der sinaitischen Wste um das Ende des vierten Jahrhunderts nach Christi
Geburt. Das Opfer, ein Kameel, wurde gebunden auf einen rohen Altar von
Steinen gelegt; der Anfhrer des Stammes lie die Teilnehmer dreimal
unter Gesngen um den Altar herumgehen, brachte dem Tiere die erste
Wunde bei und trank gierig das hervorquellende Blut; dann strzte sich
die ganze Gemeinde auf das Opfer, hieb mit den Schwertern Stcke des
zuckenden Fleisches los und verzehrte sie roh in solcher Hast, da in
der kurzen Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem
dieses Opfer galt, und dem Erblassen des Gestirns vor den Sonnenstrahlen
alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und Eingeweide
vertilgt war. Dieser barbarische, von hchster Altertmlichkeit zeugende
Ritus war allen Beweismitteln nach kein vereinzelter Gebrauch, sondern
die allgemeine ursprngliche Form des Totemopfers, die in spterer Zeit
die verschiedensten Abschwchungen erfuhr.

Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der Totemmahlzeit
Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beobachtung auf der Stufe
des Totemismus nicht erhrtet werden konnte. _Robertson Smith_ hat noch
selbst auf die Beispiele hingewiesen, in denen die sakramentale
Bedeutung der Opfer gesichert scheint, z.B. bei den Menschenopfern der
Azteken, und auf andere, welche an die Bedingungen der Totemmahlzeit
erinnern, die Brenopfer des Brenstammes der _Ouataouaks_ in Amerika
und die Brenfeste der _Ainos_ in Japan. _Frazer_ hat diese und hnliche
Flle in den beiden letzterschienenen Abteilungen seines groen Werkes
ausfhrlich mitgeteilt(70). Ein Indianerstamm in Kalifornien, der einen
groen Raubvogel (Buzzard) verehrt, ttet diesen in feierlicher
Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert und seine Haut mit den
Federn aufbewahrt wird. Die _Zuni_indianer in Neumexiko verfahren ebenso
mit ihrer heiligen Schildkrte.

  (70) The Golden Bough, PartV, Spirits of the corn and of the wild;
  1912, in den Abschnitten: Eating the God und Killing the divine
  animal.

In den Intichiumazeremonien der zentralaustralischen Stmme ist ein Zug
beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen von _Robertson Smith_
vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der fr die Vermehrung seines Totem,
dessen Genu ihm doch selbst verwehrt ist, Magie treibt, ist gehalten,
bei der Zeremonie etwas von seinem Totem selbst zu genieen, ehe
derselbe den anderen Stmmen zugnglich wird. Das schnste Beispiel fr
den sakramentalen Genu des sonst verbotenen Totem soll sich nach
_Frazer_ bei den _Bini_ in Westafrika in Verbindung mit dem
Begrbniszeremoniell dieser Stmme finden(71).

  (71) _Frazer_, T. and Ex. T.II, p.590.

Wir aber wollen _Robertson Smith_ in der Annahme folgen, da die
sakramentale Ttung und gemeinsame Aufzehrung des sonst verbotenen
Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totemreligion gewesen sei.(72)

  (72) Die von verschiedenen Autoren (_Marillier_, _Hubert_ und _Mauss_
  u.a.) gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind
  mir nicht unbekannt geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von
  _Robertson Smith_ im wesentlichen nicht beeintrchtigt.




5.


Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit vor und
statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zgen aus, die bisher
nicht gewrdigt werden konnten. Der Clan, der sein Totemtier bei
feierlichem Anlasse auf grausame Art ttet und es roh verzehrt, Blut,
Fleisch und Knochen; dabei sind die Stammesgenossen in die hnlichkeit
des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
seine und ihre Identitt betonen wollten. Es ist das Bewutsein dabei,
da man eine jedem einzelnen verbotene Handlung ausfhrt, die nur durch
die Teilnahme aller gerechtfertigt werden kann; es darf sich auch keiner
von der Ttung und der Mahlzeit ausschlieen. Nach der Tat wird das
hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Totenklage ist eine
zwangsmige, durch die Furcht vor einer drohenden Vergeltung
erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, wie _Robertson Smith_ bei
einer analogen Gelegenheit bemerkt, die Verantwortlichkeit fr die
Ttung von sich abzuwlzen(73).

  (73) Religion of the Semites, 2nd edition 1907, p.412.

Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Entfesselung
aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die Einsicht in das
Wesen des _Festes_ fllt uns hier ohne jede Mhe zu.

Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exze, ein
feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge
irgendeiner Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die
Ausschreitungen, durch die sich Feste zu allen Zeiten ausgezeichnet
haben, sondern der Exze liegt im Wesen des Festes; die festliche
Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt.

Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die Trauer ber den
Tod des Totemtieres? Wenn man sich ber die Ttung des Totem, die sonst
versagt ist, freut, warum trauert man auch ber sie?

Wir haben gehrt, da sich die Clangenossen durch den Genu des Totem
heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und unter einander bestrken.
Da sie das heilige Leben, dessen Trger die Substanz des Totem ist, in
sich aufgenommen haben, knnte ja die festliche Stimmung und alles, was
aus ihr folgt, erklren.

Die Psychoanalyse hat uns verraten, da das Totemtier wirklich der
Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch, da es
sonst verboten ist es zu tten, und da seine Ttung zur Festlichkeit
wird, da man das Tier ttet und es doch betrauert. Die ambivalente
Gefhlseinstellung, welche den Vaterkomplex heute noch bei unseren
Kindern auszeichnet und sich so oft ins Leben der Erwachsenen fortsetzt,
wrde sich auch auf den Vaterersatz des Totemtiers erstrecken.

Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene bersetzung des
Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der _Darwin_schen Hypothese
ber den Urzustand der menschlichen Gesellschaft zusammenhlt, ergibt
sich die Mglichkeit eines tieferen Verstndnisses, der Ausblick auf
eine Hypothese, die phantastisch erscheinen mag, aber den Vorteil
bietet, eine unvermutete Einheit zwischen bisher gesonderten Reihen von
Phnomenen herzustellen.

Die _Darwin_sche Urhorde hat natrlich keinen Raum fr die Anfnge des
Totemismus. Ein gewaltttiger, eiferschtiger Vater, der alle Weibchen
fr sich behlt und die heranwachsenden Shne vertreibt, nichts weiter.
Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nirgends Gegenstand der
Beobachtung geworden. Was wir als primitivste Organisation finden, was
noch heute bei gewissen Stmmen in Kraft besteht, das sind
_Mnnerverbnde_, die aus gleichberechtigten Mitgliedern bestehen und
den Einschrnkungen des totemistischen Systems unterliegen, dabei
mtterliche Erblichkeit. Kann das eine aus dem anderen hervorgegangen
sein und auf welchem Wege war es mglich?

Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns eine Antwort
zu geben: Eines Tages(74) taten sich die ausgetriebenen Brder zusammen,
erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein
Ende. Vereint wagten sie und brachten zustande, was dem einzelnen
unmglich geblieben wre. Vielleicht hatte ein Kulturfortschritt, die
Handhabung einer neuen Waffe ihnen das Gefhl der berlegenheit gegeben.
Da sie den Getteten auch verzehrten, ist fr den kannibalen Wilden
selbstverstndlich. Der gewaltttige Urvater war gewi das beneidete und
gefrchtete Vorbild eines jeden aus der Brderschar gewesen. Nun setzten
sie im Akte des Verzehrens die Identifizierung mit ihm durch, eigneten
sich ein jeder ein Stck seiner Strke an. Die Totemmahlzeit, vielleicht
das erste Fest der Menschheit, wre die Wiederholung und die Gedenkfeier
dieser denkwrdigen, verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen
Anfang nahm, die sozialen Organisationen, die sittlichen Einschrnkungen
und die Religion(75).

  (74) Zu dieser Darstellung, die sonst miverstndlich wrde, bitte ich
  die Schlustze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv
  hinzuzunehmen.

  (75) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der berwltigung und
  Ttung des tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der
  ausgetriebenen Shne hat sich auch _Atkinson_ als direkte Folgerung
  aus den Verhltnissen der _Darwin_schen Urhorde ergeben. A youthful
  band of brothers living together in forced celibacy, or at most in
  polyandrous relation with some single female captive. A horde as yet
  weak in their impubescence they are, but they would, when strength was
  gained with time, inevitably wrench by combined attacks renewed again
  and again, both wife and life from the paternal tyrant (Primal Law,
  p.220-221). _Atkinson_, der brigens sein Leben in Neu-Caledonien
  verbrachte und ungewhnliche Gelegenheit zum Studium der Eingeborenen
  hatte, beruft sich auch darauf, da die von _Darwin_ supponierten
  Zustnde der Urhorde bei wilden Rinder- und Pferdeherden leicht zu
  beobachten sind und regelmig zur Ttung des Vatertieres fhren. Er
  nimmt dann weiter an, da nach der Beseitigung des Vaters ein Zerfall
  der Horde durch den erbitterten Kampf der siegreichen Shne unter
  einander eintritt. Auf diese Weise kme eine neue Organisation der
  Gesellschaft niemals zustande: an ever recurring violent succession
  to the solitary paternal tyrant by sons, _whose parricidal hands were
  so soon again clenched in fratricidal strife_ (p.228). _Atkinson_,
  dem die Winke der Psychoanalyse nicht zu Gebote standen, und dem die
  Studien von _Robertson Smith_ nicht bekannt waren, findet einen minder
  gewaltsamen bergang von der Urhorde zur nchsten sozialen Stufe, auf
  welcher zahlreiche Mnner in friedlicher Gemeinschaft zusammenleben.
  Er lt es die Mutterliebe durchsetzen, da anfangs nur die jngsten,
  spter auch andere Shne in der Horde verbleiben, wofr diese
  Geduldeten das sexuelle Vorrecht des Vaters in Form der von ihnen
  gebten Entsagung gegen Mutter und Schwestern anerkennen.

  Soviel ber die hchst bemerkenswerte Theorie von _Atkinson_, ihre
  bereinstimmung mit der hier vorgetragenen im _wesentlichen_ Punkte
  und ihre Abweichung davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang
  mit so vielem anderen mit sich bringt.

  Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkrzung und inhaltliche
  Zusammendrngung der Angaben in meinen obenstehenden Ausfhrungen darf
  ich als eine durch die Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung
  hinstellen. Es wre ebenso unsinnig, in dieser Materie Exaktheit
  anzustreben, wie es unbillig wre, Sicherheiten zu fordern.

Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaubwrdig zu finden,
braucht man nur anzunehmen, da die sich zusammenrottende Brderschar
von denselben einander widersprechenden Gefhlen gegen den Vater
beherrscht war, die wir als Inhalt der Ambivalenz des Vaterkomplexes bei
jedem unserer Kinder und unserer Neurotiker nachweisen knnen. Sie
haten den Vater, der ihrem Machtbedrfnis und ihren sexuellen
Ansprchen so mchtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten
ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Ha befriedigt und ihren
Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, muten sich die
dabei berwltigten zrtlichen Regungen zur Geltung bringen(76). Es
geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewutsein, welches
hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfllt. Der Tote wurde
nun strker als der Lebende gewesen war; all dies, wie wir es noch heute
an Menschenschicksalen sehen. Was er frher durch seine Existenz
verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen
Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohl bekannten
_nachtrglichen Gehorsams_. Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die
Ttung des Vaterersatzes, des Totem, fr unerlaubt erklrten, und
verzichteten auf deren Frchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen
versagten. So schufen sie aus dem _Schuldbewutsein des Sohnes_ die
beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die eben darum mit den beiden
verdrngten Wnschen des dipuskomplexes bereinstimmen muten. Wer
dawiderhandelte, machte sich der beiden einzigen Verbrechen schuldig,
welche die primitive Gesellschaft bekmmerten(77).

  (76) Dieser neuen Gefhlseinstellung mute auch zugute kommen, da die
  Tat keinem der Tter die volle Befriedigung bringen konnte. Sie war in
  gewisser Hinsicht vergeblich geschehen. Keiner der Shne konnte ja
  seinen ursprnglichen Wunsch durchsetzen, die Stelle des Vaters
  einzunehmen. Der Mierfolg ist aber, wie wir wissen, der moralischen
  Reaktion weit gnstiger als die Befriedigung.

  (77) Murder and incest, or offences of a like kind against this
  sacred law of blood are in primitive society the only crimes of which
  the community as such takes cognisance... Religion of the Semites,
  p.419.

Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit der Menschen
beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur das eine, die
Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefhlsmotiven; der Vater war ja
beseitigt, in der Realitt war nichts mehr gutzumachen. Das andere aber,
das Inzestverbot, hatte auch eine starke praktische Begrndung. Das
sexuelle Bedrfnis einigt die Mnner nicht, sondern entzweit sie. Hatten
sich die Brder verbndet, um den Vater zu berwltigen, so war jeder
des anderen Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder htte sie wie der Vater
alle fr sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle wre die
neue Organisation zugrunde gegangen. Es war auch kein berstarker mehr
da, der die Rolle des Vaters mit Erfolg htte aufnehmen knnen. Somit
blieb den Brdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts brig, als
das Inzestverbot aufzurichten, mit welchem sie alle zugleich auf die von
ihnen begehrten Frauen verzichteten, um deren wegen sie doch in erster
Linie den Vater beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation,
welche sie stark gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefhlen und
Bettigungen ruhen konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei
ihnen eingestellt haben mochten. Vielleicht war es auch diese Situation,
welche den Keim zu den von _Bachofen_ erkannten Institutionen des
_Mutterrechts_ legte, bis dieses von der patriarchalischen
Familienordnung abgelst wurde.

An das andere Tabu, welches das Leben des Totemtieres beschtzt, knpft
hingegen der Anspruch des Totemismus an, als erster Versuch einer
Religion gewertet zu werden. Bot sich dem Empfinden der Shne das Tier
als natrlicher und nchstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in
der ihnen zwanghaft gebotenen Behandlung desselben doch noch mehr
Ausdruck als das Bedrfnis, ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es
konnte mit dem Vatersurrogat der Versuch gemacht werden, das brennende
Schuldgefhl zu beschwichtigen, eine Art von Ausshnung mit dem Vater zu
bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam ein Vertrag mit
dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die kindliche
Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Frsorge und Schonung,
wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu ehren, d.h. die Tat an
ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zugrunde
gegangen war. Es lag auch ein Rechtfertigungsversuch im Totemismus.
Htte der Vater uns behandelt wie der Totem, wir wren nie in die
Versuchung gekommen, ihn zu tten. So half der Totemismus dazu, die
Verhltnisse zu beschnigen und das Ereignis vergessen zu machen, dem er
seine Entstehung verdankte.

Es wurden hiebei Zge geschaffen, die fortan fr den Charakter jeder
Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war aus dem
Schuldbewutsein der Shne hervorgegangen als Versuch, dies Gefhl zu
beschwichtigen und den beleidigten Vater durch nachtrglichen Gehorsam
zu vershnen. Alle spteren Religionen erweisen sich als Lsungsversuche
desselben Problems, variabel je nach dem kulturellen Zustand, in dem sie
unternommen werden, und nach den Wegen, die sie einschlagen, aber es
sind alle gleichzielende Reaktionen auf dieselbe groe Begebenheit, mit
der die Kultur begonnen hat, und die seitdem die Menschheit nicht zur
Ruhe kommen lt.

Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt hat, ist
damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambivalenzspannung war
wohl zu gro, um durch irgendeine Veranstaltung ausgeglichen zu werden,
oder die psychologischen Bedingungen sind der Erledigung dieser
Gefhlsgegenstze berhaupt nicht gnstig. Man merkt jedenfalls, da die
dem Vaterkomplex anhaftende Ambivalenz sich auch in den Totemismus und
in die Religionen berhaupt fortsetzt. Die Religion des Totem umfat
nicht nur die uerungen der Reue und die Versuche der Vershnung,
sondern dient auch der Erinnerung an den Triumph ber den Vater. Die
Befriedigung darber lt das Erinnerungsfest der Totemmahlzeit
einsetzen, bei dem die Einschrnkungen des nachtrglichen Gehorsams
wegfallen, macht es zur Pflicht, das Verbrechen des Vatermordes in der
Opferung des Totemtieres immer wieder von neuem zu wiederholen, so oft
der festgehaltene Erwerb jener Tat, die Aneignung der Eigenschaften des
Vaters, infolge der verndernden Einflsse des Lebens zu entschwinden
droht. Wir werden nicht berrascht sein, zu finden, da auch der Anteil
des Sohnestrotzes, oft in den merkwrdigsten Verkleidungen und
Umwendungen, in spteren Religionsbildungen wieder auftaucht.

Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im Totemismus
noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen der in Reue
verwandelten zrtlichen Strmung gegen den Vater, so wollen wir doch
nicht bersehen, da im wesentlichen die Tendenzen, welche zum Vatermord
gedrngt haben, den Sieg behalten. Die sozialen Brudergefhle, auf denen
die groe Umwlzung ruht, bewahren von nun an ber lange Zeiten den
tiefgehendsten Einflu auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie
schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des gemeinsamen Blutes, in der
Betonung der Solidaritt aller Leben desselben Clans. Indem die Brder
sich einander so das Leben zusichern, sprechen sie aus, da niemand von
ihnen vom anderen behandelt werden drfe, wie der Vater von ihnen allen
gemeinsam. Sie schlieen eine Wiederholung des Vaterschicksals aus. Zum
religis begrndeten Verbot, den Totem zu tten, kommt nun das sozial
begrndete Verbot des Brudermordes hinzu. Es wird dann noch lange
whren, bis das Gebot die Einschrnkung auf den Stammesgenossen
abstreifen und den einfachen Wortlaut annehmen wird: Du sollst nicht
morden. Zunchst ist an Stelle der _Vaterhorde_ der _Brderclan_
getreten, welcher sich durch das Blutband versichert hat. Die
Gesellschaft ruht jetzt auf der Mitschuld an dem gemeinsam verbten
Verbrechen, die Religion auf dem Schuldbewutsein und der Reue darber,
die Sittlichkeit teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum
anderen Teil auf den vom Schuldbewutsein geforderten Buen.

Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die lteren Auffassungen
des totemistischen Systems heit uns also die Psychoanalyse einen
innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung von Totemismus und
Exogamie vertreten.




6.


Ich stehe unter der Einwirkung einer groen Anzahl von starken Motiven,
die mich vom Versuche zurckhalten werden, die weitere Entwicklung der
Religionen von ihrem Beginn im Totemismus an bis zu ihrem heutigen
Stande zu schildern. Ich will nur zwei Fden hindurch verfolgen, wo ich
sie im Gewebe besonders deutlich auftauchen sehe: Das Motiv des
Totemopfers und das Verhltnis des Sohnes zum Vater(78).

  (78) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte
  Arbeit von C.G. _Jung_, Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch
  von _Bleuler-Freud_, IV., 1912.

_Robertson Smith_ hat uns belehrt, da die alte Totemmahlzeit in der
ursprnglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn der Handlung ist
derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme an der gemeinsamen Mahlzeit;
auch das Schuldbewutsein ist dabei geblieben; welches nur durch die
Solidaritt aller Teilnehmer beschwichtigt werden kann. Neu
hinzugekommen ist die Stammesgottheit, in deren gedachter Gegenwart das
Opfer stattfindet, die an dem Mahle teilnimmt wie ein Stammesgenosse,
und mit der man sich durch den Genu am Opfer identifiziert. Wie kommt
der Gott in die ihm ursprnglich fremde Situation?

Die Antwort knnte lauten, es sei unterde -- unbekannt woher -- die
Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religise Leben unterworfen,
und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte, htte auch die
Totemmahlzeit den Anschlu an das neue System gewinnen mssen. Allein
die psychoanalytische Erforschung des einzelnen Menschen lehrt mit einer
ganz besonderen Nachdrcklichkeit, da fr jeden der Gott nach dem Vater
gebildet ist, da sein persnliches Verhltnis zu Gott von seinem
Verhltnis zum leiblichen Vater abhngt, mit ihm schwankt und sich
verwandelt, und da Gott im Grunde nichts anderes ist als ein erhhter
Vater. Die Psychoanalyse rt auch hier wie im Falle des Totemismus den
Glubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie sie den Totem
Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoanalyse irgendwelche Beachtung
verdient, so mu, unbeschadet aller anderen Ursprnge und Bedeutungen
Gottes, auf welche die Psychoanalyse kein Licht werfen kann, der
Vateranteil an der Gottesidee ein sehr gewichtiger sein. Dann wre aber
in der Situation des primitiven Opfers der Vater zweimal vertreten,
einmal als Gott und dann als das Totemopfertier, und bei allem
Bescheiden mit der geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen
Lsungen mssen wir fragen, ob das mglich ist und welchen Sinn es haben
kann.

Wir wissen, da mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott und dem heiligen
Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 1. Jedem Gott ist gewhnlich ein Tier
heilig, nicht selten selbst mehrere; 2. in gewissen, besonders heiligen
Opfern, den mystischen wurde dem Gotte gerade das ihm geheiligte Tier
zum Opfer dargebracht(79); 3. der Gott wurde hufig in der Gestalt eines
Tieres verehrt oder, anders gesehen, Tiere genossen gttliche Verehrung
lange nach dem Zeitalter des Totemismus; 4. in den Mythen verwandelt
sich der Gott hufig in ein Tier, oft in das ihm geheiligte. So lge die
Annahme nahe, da der Gott selbst das Totemtier wre, sich auf einer
spteren Stufe des religisen Fhlens aus dem Totemtier entwickelt
htte. Aller weiteren Diskussion berhebt uns aber die Erwgung, da der
Totem selbst nichts anderes ist als ein Vaterersatz. So mag er die erste
Form des Vaterersatzes sein, der Gott aber eine sptere, in welcher der
Vater seine menschliche Gestalt wiedergewonnen. Eine solche Neuschpfung
aus der Wurzel aller Religionsbildung, der _Vatersehnsucht_, konnte
mglich werden, wenn sich im Laufe der Zeiten am Verhltnis zum Vater --
und vielleicht auch zum Tier -- Wesentliches gendert hatte.

  (79) _Robertson Smith_, Religion of the Semites.

Solche Vernderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn man von dem
Beginn einer psychischen Entfremdung von dem Tier und von der Zersetzung
des Totemismus durch die Domestikation absehen will(80). In der durch
die Beseitigung des Vaters hergestellten Situation lag ein Moment,
welches im Laufe der Zeit eine auerordentliche Steigerung der
Vatersehnsucht erzeugen mute. Die Brder, welche sich zur Ttung des
Vaters zusammengetan hatten, waren ja jeder fr sich vom Wunsche beseelt
gewesen, dem Vater gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche durch
Einverleibung von Teilen seines Ersatzes in der Totemmahlzeit Ausdruck
gegeben. Dieser Wunsch mute infolge des Druckes, welchen die Bande des
Brderclans auf jeden Teilnehmer bten, unerfllt bleiben. Es konnte und
durfte niemand mehr die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen, nach
der sie doch alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe langer Zeiten
die Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrngt hatte, nachlassen,
die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein Ideal entstehen,
welches die Machtflle und Unbeschrnktheit des einst bekmpften
Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, zum Inhalt
hatte. Die ursprngliche demokratische Gleichstellung aller einzelnen
Stammesgenossen war infolge einschneidender kultureller Vernderungen
nicht mehr festzuhalten; somit zeigte sich eine Geneigtheit, in
Anlehnung an die Verehrung einzelner Menschen, die sich vor anderen
hervorgetan hatten, das alte Vaterideal in der Schpfung von Gttern
wieder zu beleben. Da ein Mensch zum Gott wird und da ein Gott stirbt,
was uns heute als emprende Zumutung erscheint, war ja noch fr das
Vorstellungsvermgen des klassischen Altertums keineswegs anstig(81).
Die Erhhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem nun der Stamm
seine Herkunft ableitete, war aber ein weit ernsthafterer Shneversuch
als seinerzeit der Vertrag mit dem Totem.

  (80) S.o. p.388.

  (81) To us moderns for whom the breach which divides the human and
  the divine has deepened into an impassible gulf such mimicry may
  appear impious, but it was otherwise with the ancients. To their
  thinking gods and men were akin, for many families traced their
  descent from a divinity, and the deification of a man probably seemed
  as little extraordinary to them as the canonisation of a saint seems
  to a modern catholic. _Frazer_, Golden BoughI. The magic art and the
  evolution of kings. II., p.177.

Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle fr die groen Muttergottheiten
findet, die vielleicht allgemein den Vatergttern vorhergegangen sind,
wei ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, da die Wandlung im
Verhltnis zum Vater sich nicht auf das religise Gebiet beschrnkte,
sondern folgerichtig auf die andere durch die Beseitigung des Vaters
beeinflute Seite des menschlichen Lebens, auf die soziale Organisation,
bergriff. Mit der Einsetzung der Vatergottheiten wandelte sich die
vaterlose Gesellschaft allmhlich in die patriarchalisch geordnete um.
Die Familie war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und gab den
Vtern auch ein groes Stck ihrer frheren Rechte wieder. Es gab jetzt
wieder Vter, aber die sozialen Errungenschaften des Brderclans waren
nicht aufgegeben worden, und der faktische Abstand der neuen
Familienvter vom unumschrnkten Urvater der Horde war gro genug, um
die Fortdauer des religisen Bedrfnisses, die Erhaltung der
ungestillten Vatersehnsucht, zu versichern.

In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater wirklich
zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber bei dem
Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns vor Deutungen in
acht nehmen, welche sie in flchenhafter Auffassung wie eine Allegorie
bersetzen wollen und dabei der historischen Schichtung vergessen. Die
zweifache Anwesenheit des Vaters entspricht den zwei einander zeitlich
ablsenden Bedeutungen der Szene. Die ambivalente Einstellung gegen den
Vater hat hier plastischen Ausdruck gefunden und ebenso der Sieg der
zrtlichen Gefhlsregungen des Sohnes ber seine feindseligen. Die Szene
der berwltigung des Vaters, seiner grten Erniedrigung, ist hier zum
Material fr eine Darstellung seines hchsten Triumphes geworden. Die
Bedeutung, die das Opfer ganz allgemein gewonnen hat, liegt eben darin,
da es dem Vater die Genugtuung fr die an ihm verbte Schmach in
derselben Handlung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat
fortsetzt.

In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das Opfer die
Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen Darbringung an die
Gottheit, zu einer Selbstentuerung zugunsten des Gottes. Gott selbst
ist jetzt so hoch ber den Menschen erhaben, da man mit ihm nur durch
die Vermittlung des Priesters verkehren kann. Gleichzeitig kennt die
soziale Ordnung gttergleiche Knige, welche das patriarchalische System
auf den Staat bertragen. Wir mssen sagen, die Rache des gestrzten und
wiedereingesetzten Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft der
Autoritt steht auf ihrer Hhe. Die unterworfenen Shne haben das neue
Verhltnis dazu bentzt, um ihr Schuldbewutsein noch weiter zu
entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fllt ganz aus ihrer
Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt und angeordnet.
Zu dieser Phase gehren Mythen, in welchen der Gott selbst das Tier
ttet, das ihm heilig ist, das er eigentlich selbst ist. Dies ist die
uerste Verlugnung der groen Untat, mit welcher die Gesellschaft und
das Schuldbewutsein begann. Eine zweite Bedeutung dieser letzteren
Opferdarstellung ist nicht zu verkennen. Sie drckt die Befriedigung
darber aus, da man den frheren Vaterersatz zugunsten der hheren
Gottesvorstellung verlassen hat. Die flach allegorische bersetzung der
Szene fllt hier ungefhr mit ihrer psychoanalytischen Deutung zusammen.
Jene lautet: Es werde dargestellt, da der Gott den tierischen Anteil
seines Wesens berwindet(82).

  (82) Die berwindung einer Gttergeneration durch eine andere in den
  Mythologien bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der
  Ersetzung eines religisen Systems durch ein neues, sei es infolge von
  Eroberung durch ein Fremdvolk oder auf dem Wege psychologischer
  Entwicklung. In letzterem Falle nhert sich der Mythus den
  funktionalen Phnomenen im Sinne von H. _Silberer_. Da der das Tier
  ttende Gott ein Libidosymbol ist, wie C.G. _Jung_ (l.c.) behauptet,
  setzt einen anderen Begriff der Libido als den bisher verwendeten
  voraus und erscheint mir berhaupt fragwrdig.

Es wre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten der
erneuerten Vaterautoritt seien die feindseligen Regungen, welche dem
Vaterkomplex zugehren, vllig verstummt. Aus den ersten Phasen der
Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen, der Gtter und der
Knige, kennen wir vielmehr die energischesten uerungen jener
Ambivalenz, welche fr die Religion charakteristisch bleibt.

_Frazer_ hat in seinem groen Werk The Golden Bough die Vermutung
ausgesprochen, da die ersten Knige der latinischen Stmme Fremde
waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten und in dieser Rolle an
einem bestimmten Festtage feierlich hingerichtet wurden. Die jhrliche
Opferung (Variante: Selbstopferung) eines Gottes scheint ein
wesentlicher Zug der semitischen Religionen gewesen zu sein. Das
Zeremoniell der Menschenopfer an den verschiedensten Stellen der
bewohnten Erde lt wenig Zweifel darber, da diese Menschen als
Reprsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, und in der Ersetzung des
lebenden Menschen durch eine leblose Nachahmung (Puppe) lt sich dieser
Opfergebrauch noch in spte Zeiten verfolgen. Das theanthropische
Gottesopfer, welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung
wie das Tieropfer behandeln kann, wirft das hellste Licht nach rckwrts
auf den Sinn der lteren Opferformen. Es bekennt mit nicht zu
berbietender Aufrichtigkeit, da das Objekt der Opferhandlung immer das
nmliche war, dasselbe, was nun als Gott verehrt wird, der Vater also.
Die Frage nach dem Verhltnis von Tier- und Menschenopfer findet jetzt
eine einfache Lsung. Das ursprngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz
fr ein Menschenopfer, fr die feierliche Ttung des Vaters, und als der
Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das
Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln.

So hatte sich die Erinnerung an jene erste groe Opfertat als
unzerstrbar erwiesen, trotz aller Bemhungen sie zu vergessen, und
gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten entfernen wollte,
mute in der Form des Gottesopfers ihre unentstellte Wiederholung zutage
treten. Welche Entwicklungen des religisen Denkens als
Rationalisierungen diese Wiederkehr ermglicht haben, brauche ich an
dieser Stelle nicht auszufhren. _Robertson Smith_, dem ja unsere
Zurckfhrung des Opfers auf jenes groe Ereignis der menschlichen
Urgeschichte ferne liegt, gibt an, da die Zeremonien jener Feste, mit
denen die alten Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als
_commemoration of a mythical tragedy_ ausgelegt wurden, und da die
Klage dabei nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, sondern
etwas Zwangsmiges, von der Furcht vor dem gttlichen Zorn Gebotenes an
sich trug(83). Wir glauben zu erkennen, da diese Auslegung im Rechte
war, und da die Gefhle der Feiernden in der zugrunde liegenden
Situation ihre gute Aufklrung fanden.

  (83) Religion of the Semites, p.412-413. The mourning is not a
  spontaneous expression of sympathy with the divine tragedy but
  obligatory and enforced by fear of supernatural anger. And a chief
  object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's
  death_ -- a point which has already come before us in connection with
  theanthropic sacrifices, such as the oxmurder at Athens.

Nehmen wir es nun als Tatsache hin, da auch in der weiteren Entwicklung
der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das Schuldbewutsein des
Sohnes und der Sohnestrotz, niemals erlschen. Jeder Lsungsversuch des
religisen Problems, jede Art der Vershnung der beiden widerstreitenden
seelischen Mchte wird allmhlich hinfllig, wahrscheinlich unter dem
kombinierten Einflu von kulturellen nderungen, historischen
Ereignissen und inneren psychischen Wandlungen.

Mit immer grerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes hervor,
sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Einfhrung des
Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in der patriarchalischen
Familie. Er getraut sich neuer uerungen seiner inzestusen Libido, die
in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische Befriedigung findet.
Es entstehen die Gttergestalten des Attis, Adonis, Tammuz u.a.,
Vegetationsgeister und zugleich jugendliche Gottheiten, welche die
Liebesgunst mtterlicher Gottheiten genieen, den Mutterinzest dem Vater
zum Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewutsein, welches durch diese
Schpfung nicht beschwichtigt ist, drckt sich in den Mythen aus, die
diesen jugendlichen Geliebten der Muttergttinnen ein kurzes Leben und
eine Bestrafung durch Entmannung oder durch den Zorn des Vatergottes in
Tierform bescheiden. Adonis wird durch den Eber gettet, das heilige
Tier der Aphrodite; Attis, der Geliebte der Kybele, stirbt an
Entmannung(84). Die Beweinung und die Freude ber die Auferstehung
dieser Gtter ist in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit
bergegangen, welche zu dauernderem Erfolge bestimmt war.

  (84) Die Kastrationsangst spielt eine auerordentlich groe Rolle in
  der Strung des Verhltnisses zum Vater bei unseren jugendlichen
  Neurotikern. Aus der schnen Beobachtung von _Ferenczi_ haben wir
  ersehen, wie der Knabe seinen Totem in dem Tier erkennt, welches nach
  seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von der rituellen
  Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die
  vlkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist
  meines Wissens noch nicht ausgefhrt worden. Die in der Urzeit und bei
  primitiven Vlkern so hufige Beschneidung gehrt dem Zeitpunkt der
  Mnnerweihe an, wo sie ihre Bedeutung finden mu, und ist erst
  sekundr in frhere Lebenszeiten zurckgeschoben worden. Es ist
  beraus interessant, da die Beschneidung bei den Primitiven mit
  Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt
  ist, und da unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen
  knnen, in ihren Angstreaktionen diese beiden Operationen wirklich wie
  quivalente der Kastration behandeln.

Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, traf es auf
die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war fr eine Weile
zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen wrde.

Die lichtumflossene Gestalt des persischen Gtterjnglings ist doch
unserem Verstndnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus den
Darstellungen der Stierttungen durch Mithras schlieen, da er jenen
Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein vollzog und somit
die Brder von der sie drckenden Mitschuld an der Tat erlste. Es gab
einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses Schuldbewutseins und
diesen beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte sein eigenes
Leben und dadurch erlste er die Brderschar von der Erbsnde.

Die Lehre von der Erbsnde ist _orphischer_ Herkunft; sie wurde in den
Mysterien erhalten und drang von da aus in die Philosophenschulen des
griechischen Altertums ein(85). Die Menschen waren die Nachkommen von
Titanen, welche den jungen Dionysos-Zagreus gettet und zerstckelt
hatten; die Last dieses Verbrechens drckte auf sie. In einem Fragment
von _Anaximander_ wird gesagt, da die Einheit der Welt durch ein
urzeitliches Verbrechen zerstrt worden sei, und da alles, was daraus
hervorgegangen, die Strafe dafr weiter tragen mu.(86) Erinnert die Tat
der Titanen durch die Zge der Zusammenrottung, der Ttung und
Zerreiung deutlich genug an das von St. _Nilus_ beschriebene Totemopfer
-- wie brigens viele andere Mythen des Altertums, z.B. der Tod des
Orpheus selbst -- so strt uns hier doch die Abweichung, da die Mordtat
an einem jugendlichen Gott vollzogen wird.

  (85) _Reinach_, Cultes, Mythes et Religions, II., p.75ff.

  (86) Une sorte de pch proethnique l.c., p.76.

Im christlichen Mythus ist die Erbsnde der Menschen unzweifelhaft eine
Versndigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus die Menschen von dem
Druck der Erbsnde erlst, indem er sein eigenes Leben opfert, so zwingt
er uns zu dem Schlu, da diese Snde eine Mordtat war. Nach dem im
menschlichen Fhlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein Mord nur
durch die Opferung eines anderen Lebens geshnt werden; die
Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurck(87). Und wenn dieses
Opfer des eigenen Lebens die Vershnung mit Gottvater herbeifhrt, so
kann das zu shnende Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater
gewesen sein.

  (87) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich regelmig
  als Selbstbestrafungen fr Todeswnsche, die gegen andere gerichtet
  sind.

So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit am
unverhlltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie nun im
Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Shne fr sie gefunden hat.
Die Vershnung mit dem Vater ist um so grndlicher, weil gleichzeitig
mit diesem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um dessen
Willen man sich gegen den Vater emprt hatte. Aber nun fordert auch das
psychologische Verhngnis der Ambivalenz seine Rechte. Mit der gleichen
Tat, welche dem Vater die grtmgliche Shne bietet, erreicht auch der
Sohn das Ziel seiner Wnsche gegen den Vater. Er wird selbst zum Gott
neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion lst die
Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte
Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die
Brderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters,
geniet, sich durch diesen Genu heiligt und mit ihm identifiziert.
Unser Blick verfolgt durch die Lnge der Zeiten die Identitt der
Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschenopfer und
mit der christlichen Eucharistie und erkennt in all diesen
Feierlichkeiten die Nachwirkung jenes Verbrechens, welches die Menschen
so sehr bedrckte, und auf das sie doch so stolz sein muten. Die
christliche Kommunion ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des
Vaters, eine Wiederholung der zu shnenden Tat. Wir merken, wie
berechtigt der Satz von _Frazer_ ist, da the Christian communion has
absorbed within itself a sacrament which is doubtless far older than
Christianity(88).

  (88) Eating the God, p.51. ... Niemand, der mit der Literatur des
  Gegenstandes vertraut ist, wird annehmen, da die Zurckfhrung der
  christlichen Kommunion auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers
  dieses Aufsatzes sei.




7.


Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brderschar mute
unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Menschheit hinterlassen und
sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen zum Ausdruck bringen, je
weniger er selbst erinnert werden sollte(89). Ich gehe der Versuchung
aus dem Wege, diese Spuren in der Mythologie, wo sie nicht schwer zu
finden sind, nachzuweisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, indem
ich einem Fingerzeig von S. _Reinach_ in einer inhaltsreichen Abhandlung
ber den Tod des Orpheus folge(90).

  (89) _Ariel_ im Sturm:

      Full fathom five thy father lies:
      Of his bones are coral made;
      Those are pearls that were his eyes;
      Nothing of him that doth fade
      But doth suffer a sea-change
      Into something rich and strange.

  In der schnen bersetzung von _Schlegel_:

      Fnf Faden tief liegt Vater dein.
      Sein Gebein wird zu Korallen,
      Perlen sind die Augen sein.
      Nichts an ihm, das soll verfallen,
      Das nicht wandelt Meeres-Hut
      In ein reich und seltnes Gut.

  (90) La Mort d'Orphe in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes
  et Religions. T.II, p.100ff.

In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, welche
auffllige hnlichkeiten und nicht minder tiefgehende Verschiedenheiten
mit der von _Robertson Smith_ erkannten Szene der Totemmahlzeit zeigt.
Es ist die Situation der ltesten griechischen Tragdie. Eine Schar von
Personen, alle gleich benannt und gleich gekleidet, umsteht einen
einzigen, von dessen Reden und Handeln sie alle abhngig sind: Es ist
der Chor und der ursprnglich einzige Heldendarsteller. Sptere
Entwicklungen brachten einen zweiten und dritten Schauspieler, um
Gegenspieler und Abspaltungen des Helden darzustellen, aber der
Charakter des Helden wie sein Verhltnis zum Chor blieben unverndert.
Der Held der Tragdie mute leiden; dies ist noch heute der wesentliche
Inhalt einer Tragdie. Er hatte die sogenannte tragische Schuld auf
sich geladen, die nicht immer leicht zu begrnden ist; sie ist oft keine
Schuld im Sinne des brgerlichen Lebens. Zumeist bestand sie in der
Auflehnung gegen eine gttliche oder menschliche Autoritt, und der Chor
begleitete den Helden mit seinen sympathischen Gefhlen, suchte ihn
zurckzuhalten, zu warnen, zu migen und beklagte ihn, nachdem er fr
sein khnes Unternehmen die als verdient hingestellte Bestrafung
gefunden hatte.

Warum mu aber der Held der Tragdie leiden und was bedeutet seine
tragische Schuld? Wir wollen die Diskussion durch rasche Beantwortung
abschneiden. Er mu leiden, weil er der Urvater, der Held jener groen
urzeitlichen Tragdie ist, die hier eine tendenzise Wiederholung
findet, und die tragische Schuld ist jene, die er auf sich nehmen mu,
um den Chor von seiner Schuld zu entlasten. Die Szene auf der Bhne ist
durch zweckmige Entstellung, man knnte sagen: im Dienste raffinierter
Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen. In jener alten
Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das Leiden des Helden
verursachten; hier aber erschpfen sie sich in Teilnahme und Bedauern,
und der Held ist selbst an seinem Leiden schuld. Das auf ihn gewlzte
Verbrechen, die berhebung und Auflehnung gegen eine groe Autoritt,
ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit die Genossen des Chors, die
Brderschar, bedrckt. So wird der tragische Held -- noch wider seinen
Willen -- zum Erlser des Chors gemacht.

Waren speziell in der griechischen Tragdie die Leiden des gttlichen
Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifizierenden
Gefolges von Bcken der Inhalt der Auffhrung, so wird es leicht
verstndlich, da das bereits erloschene Drama sich im Mittelalter an
der Passion Christi neu entzndete.

So mchte ich denn zum Schlu dieser mit uerster Verkrzung gefhrten
Untersuchung das Ergebnis aussprechen, da im dipuskomplex die Anfnge
von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft und Kunst zusammentreffen, in
voller bereinstimmung mit der Feststellung der Psychoanalyse, da
dieser Komplex den Kern aller Neurosen bildet, so weit sie bis jetzt
unserem Verstndnis nachgegeben haben. Es erscheint mir als eine groe
berraschung, da auch diese Probleme des Vlkerseelenlebens eine
Auflsung von einem einzigen konkreten Punkte her, wie es das Verhltnis
zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht ist selbst ein anderes
psychologisches Problem in diesen Zusammenhang einzubeziehen. Wir haben
so oft Gelegenheit gehabt, die Gefhlsambivalenz im eigentlichen Sinne,
also das Zusammentreffen von Liebe und Ha gegen dasselbe Objekt, an der
Wurzel wichtiger Kulturbildungen aufzuzeigen. Wir wissen nichts ber die
Herkunft dieser Ambivalenz. Man kann die Annahme machen, da sie ein
fundamentales Phnomen unseres Gefhlslebens sei. Aber auch die andere
Mglichkeit scheint mir wohl beachtenswert, da sie, dem Gefhlsleben
ursprnglich fremd, von der Menschheit an dem Vaterkomplex(91) erworben
wurde, wo die psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen heute
noch ihre strkste Ausprgung nachweist.(92)

  (91) Respektive Elternkomplex.

  (92) Der Miverstndnisse gewhnt, halte ich es nicht fr berflssig,
  ausdrcklich hervorzuheben, da die hier gegebenen Zurckfhrungen an
  die komplexe Natur der abzuleitenden Phnomene keineswegs vergessen
  haben, und da sie nur den Anspruch erheben, zu den bereits bekannten
  oder noch unerkannten Ursprngen der Religion, Sittlichkeit und der
  Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufgen, welches sich aus der
  Bercksichtigung der psychoanalytischen Anforderungen ergibt. Die
  Synthese zu einem Ganzen der Erklrung mu ich anderen berlassen. Es
  geht aber diesmal aus der Natur dieses neuen Beitrages hervor, da er
  in einer solchen Synthese keine andere als die zentrale Rolle spielen
  knnte, wenngleich die berwindung von groen affektiven Widerstnden
  erfordert werden drfte, ehe man ihm eine solche Bedeutung zugesteht.

Bevor ich nun abschliee, mu ich der Bemerkung Raum geben, da der hohe
Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zusammenhange, den wir in
diesen Ausfhrungen erreicht haben, uns nicht gegen die Unsicherheiten
unserer Voraussetzungen und die Schwierigkeiten unserer Resultate
verblenden kann. Von den letzteren will ich nur noch zwei behandeln, die
sich manchem Leser aufgedrngt haben drften.

Es kann zunchst niemand entgangen sein, da wir berall die Annahme
einer Massenpsyche zugrunde legen, in welcher sich die seelischen
Vorgnge vollziehen wie im Seelenleben eines einzelnen. Wir lassen vor
allem das Schuldbewutsein wegen einer Tat ber viele Jahrtausende
fortleben und in Generationen wirksam bleiben, welche von dieser Tat
nichts wissen konnten. Wir lassen einen Gefhlsproze, wie er bei
Generationen von Shnen entstehen konnte, die von ihrem Vater mihandelt
wurden, sich auf neue Generationen fortsetzen, welche einer solchen
Behandlung gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden
waren. Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede andere
Erklrung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche Voraussetzungen
vermeiden kann.

Allein eine weitere Erwgung zeigt, da wir die Verantwortlichkeit fr
solche Khnheit nicht allein zu tragen haben. Ohne die Annahme einer
Massenpsyche, einer Kontinuitt im Gefhlsleben der Menschen, welche
gestattet sich ber die Unterbrechungen der seelischen Akte durch das
Vergehen der Individuen hinwegzusetzen, kann die Vlkerpsychologie
berhaupt nicht bestehen. Setzten sich die psychischen Prozesse der
einen Generation nicht auf die nchste fort, mte jede ihre Einstellung
zum Leben neu erwerben, so gbe es auf diesem Gebiet keinen Fortschritt
und so gut wie keine Entwicklung. Es erheben sich nun zwei neue Fragen,
wieviel man der psychischen Kontinuitt innerhalb der Generationsreihen
zutrauen kann, und welcher Mittel und Wege sich die eine Generation
bedient, um ihre psychischen Zustnde auf die nchste zu bertragen. Ich
werde nicht behaupten, da diese Probleme weit genug geklrt sind, oder
da die direkte Mitteilung und Tradition, an die man zunchst denkt, fr
das Erfordernis hinreichen. Im allgemeinen kmmert sich die
Vlkerpsychologie wenig darum, auf welche Weise die verlangte
Kontinuitt im Seelenleben der einander ablsenden Generationen
hergestellt wird. Ein Teil der Aufgabe scheint durch die Vererbung
psychischer Dispositionen besorgt zu werden, welche aber doch gewisser
Anste im individuellen Leben bedrfen, um zur Wirksamkeit zu erwachen.
Es mag dies der Sinn des Dichterwortes sein: Was du ererbt von deinen
Vtern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Problem erschiene noch
schwieriger, wenn wir zugestehen knnten, da es seelische Regungen
gibt, welche so spurlos unterdrckt werden knnen, da sie keine
Resterscheinungen zurcklassen. Allein solche gibt es nicht. Die
strkste Unterdrckung mu Raum lassen fr entstellte Ersatzregungen und
aus ihnen folgende Reaktionen. Dann drfen wir aber annehmen, da keine
Generation imstande ist, bedeutsamere seelische Vorgnge vor der
nchsten zu verbergen. Die Psychoanalyse hat uns nmlich gelehrt, da
jeder Mensch in seiner unbewuten Geistesttigkeit einen Apparat
besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten,
d.h. die Entstellungen wieder rckgngig zu machen, welche der andere
an dem Ausdruck seiner Gefhlsregungen vorgenommen hat. Auf diesem Wege
des unbewuten Verstndnisses all der Sitten, Zeremonien und Satzungen,
welche das ursprngliche Verhltnis zum Urvater zurckgelassen hatte,
mag auch den spteren Generationen die bernahme jener Gefhlserbschaft
gelungen sein.

Ein anderes Bedenken drfte gerade von seiten der analytischen Denkweise
erhoben werden.

Wir haben die ersten Moralvorschriften und sittlichen Beschrnkungen der
primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine Tat aufgefat, welche
ihren Urhebern den Begriff des Verbrechens gab. Sie bereuten diese Tat
und beschlossen, da sie nicht mehr wiederholt werden solle, und da
ihre Ausfhrung keinen Gewinn gebracht haben drfe. Dies schpferische
Schuldbewutsein ist nun unter uns nicht erloschen. Wir finden es bei
den Neurotikern in asozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften,
fortgesetzte Einschrnkungen zu produzieren, als Shne fr die
begangenen und als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten(93). Wenn wir
aber bei diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche solche
Reaktionen wachgerufen haben, so werden wir enttuscht. Wir finden nicht
Taten, sondern nur Impulse, Gefhlsregungen, welche nach dem Bsen
verlangen, aber von der Ausfhrung abgehalten worden sind. Dem
Schuldbewutsein der Neurotiker liegen nur psychische Realitten
zugrunde, nicht faktische. Die Neurose ist dadurch charakterisiert, da
sie die psychische Realitt ber die faktische setzt, auf Gedanken
ebenso ernsthaft reagiert, wie die Normalen nur auf Wirklichkeiten.

  (93) Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe ber das Tabu, p.328ff.

Kann es sich bei den Primitiven nicht hnlich verhalten haben? Wir sind
berechtigt, ihnen eine auerordentliche berschtzung ihrer psychischen
Akte als Teilerscheinung ihrer narzitischen Organisation
zuzuschreiben(94). Demnach knnten die bloen Impulse von Feindseligkeit
gegen den Vater, die Existenz der Wunschphantasie, ihn zu tten und zu
verzehren, hingereicht haben, um jene moralische Reaktion zu erzeugen,
die Totemismus und Tabu geschaffen hat. Man wrde so der Notwendigkeit
entgehen, den Beginn unseres kulturellen Besitzes, auf den wir mit Recht
so stolz sind, auf ein grliches, alle unsere Gefhle beleidigendes
Verbrechen zurckzufhren. Die kausale, von jenem Anfang bis in unsere
Gegenwart reichende Verknpfung litte dabei keinen Schaden, denn die
psychische Realitt wre bedeutsam genug, um alle diese Folgen zu
tragen. Man wende dagegen nicht ein, da ja eine Vernderung der
Gesellschaft von der Form der Vaterhorde zu der des Brderclans wirklich
vorgefallen ist. Sie knnte auf minder gewaltsame Weise erreicht worden
sein und doch die Bedingung fr das Hervortreten der moralischen
Reaktion enthalten haben. Solange der Druck des Urvaters sich fhlbar
machte, waren die feindseligen Gefhle gegen ihn berechtigt, und die
Reue ber sie mute einen anderen Zeitpunkt abwarten. Ebensowenig ist
der zweite Einwand stichhaltig, da alles, was sich aus der ambivalenten
Relation zum Vater ableitet, Tabu und Opfervorschrift, den Charakter des
hchsten Ernstes und der vollsten Realitt an sich trgt. Auch das
Zeremoniell und die Hemmungen der Zwangsneurotiker zeigen diesen
Charakter und gehen doch nur auf psychische Realitt, auf Vorsatz und
nicht auf Ausfhrung zurck. Wir mssen uns hten, aus unserer
nchternen Welt, die voll ist von materiellen Werten, die
Geringschtzung des blos Gedachten und Gewnschten in die nur innerlich
reiche Welt des Primitiven und des Neurotikers einzutragen.

  (94) Siehe den Aufsatz ber Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken
  in HeftI dieses Jahrganges.

Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich nicht leicht
gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Bekenntnis, da der Unterschied,
der Anderen fundamental erscheinen kann, fr unser Urteil nicht das
Wesentliche des Gegenstandes trifft. Wenn fr den Primitiven Wnsche und
Impulse den vollen Wert von Tatsachen haben, so ist es an uns, solcher
Auffassung verstndnisvoll zu folgen, anstatt sie nach unserem Mastab
zu korrigieren. Dann aber wollen wir das Vorbild der Neurose, das uns in
diesen Zweifel gebracht hat, selbst schrfer ins Auge fassen. Es ist
nicht richtig, da die Zwangsneurotiker, welche heute unter dem Drucke
einer bermoral stehen, sich nur gegen die psychische Realitt von
Versuchungen verteidigen und wegen blos versprter Impulse bestrafen. Es
ist auch ein Stck historischer Realitt dabei; in ihrer Kindheit hatten
diese Menschen nichts anderes als die bsen Impulse, und insoweit sie in
der Ohnmacht des Kindes es konnten, haben sie diese Impulse auch in
Handlungen umgesetzt. Jeder von diesen berguten hatte in der Kindheit
seine bse Zeit, eine perverse Phase als Vorlufer und Voraussetzung der
spteren moralischen. Die Analogie der Primitiven mit den Neurotikern
wird also viel grndlicher hergestellt, wenn wir annehmen, da auch bei
den ersteren die psychische Realitt, an deren Gestaltung kein Zweifel
ist, anfnglich mit der faktischen Realitt zusammenfiel, da die
Primitiven das wirklich getan haben, was sie nach allen Zeugnissen zu
tun beabsichtigten.

Allzuweit drfen wir unser Urteil ber die Primitiven auch nicht durch
die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen lassen. Es sind auch die
Unterschiede in Rechnung zu ziehen. Gewi sind bei beiden, Wilden wie
Neurotikern, die scharfen Scheidungen zwischen Denken und Tun, wie wir
sie ziehen, nicht vorhanden. Allein der Neurotiker ist vor allem im
Handeln gehemmt, bei ihm ist der Gedanke der volle Ersatz fr die Tat.
Der Primitive ist ungehemmt, der Gedanke setzt sich ohne weiteres in Tat
um, die Tat ist ihm sozusagen eher ein Ersatz des Gedankens, und darum
meine ich, ohne selbst fr die letzte Sicherheit der Entscheidung
einzutreten, man darf in dem Falle, den wir diskutieren, wohl annehmen:
Im Anfang war die Tat.





  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  physischen Konstellationen zu deuten.
  psychischen Konstellationen zu deuten.

  (6) Vgl. Die Abhandlung ber das Tabu, JmagoI.
  (6) Vgl. Die Abhandlung ber das Tabu, ImagoI.

  origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus, Totemism
  origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus, Totemism

  Jear Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser
  Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser

  besonders die Abhandlung Sur le totmisme, T., V., 1901.
  besonders die Abhandlung Sur le totmisme, T. V., 1901.

  geopfert haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36).
  geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36).

  Gesetz, welches dem Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder
  Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder

  Beleidigung dieser Triebe zuziehen wrden. Das Gesetz verbietet dem
  Beleidigung dieser Triebe zuziehen wrden. Das Gesetz verbietet den

  of Mr. _Darwins_ theory, before the totem beliefs lent to the
  of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the

  die Tatsache gegrndet wird, da man einen Teil von der Substanz seiner
  die Tatsache gegrndet wird, da man ein Teil von der Substanz seiner

  (69) l.c. p.313.
  (69) l.c. p.113.

  (70) The Golden Bough, Part.V, Spirits of the corn and of the wild;
  (70) The Golden Bough, PartV, Spirits of the corn and of the wild;

  der Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
  des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie

  gefrchtete Vorbild eines jeden aus der Bruderschar gewesen. Nun setzten
  gefrchtete Vorbild eines jeden aus der Brderschar gewesen. Nun setzten

  als natrlicher und nchstliegender Ersatz des Vaters, so fand in
  als natrlicher und nchstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in

  Lsungen men wir fragen, ob das mglich ist und welchen Sinn es haben
  Lsungen mssen wir fragen, ob das mglich ist und welchen Sinn es haben

  Bruderclans auf jeden Teilnehmer bten, unerfllt bleiben. Es konnte und
  Brderclans auf jeden Teilnehmer bten, unerfllt bleiben. Es konnte und

  Vorstellungsvermgen des klassischen Altertums keineswegs anstssig(81).
  Vorstellungsvermgen des klassischen Altertums keineswegs anstig(81).

  thinking gods and men were akin, for many families traced ther
  thinking gods and men were akin, for many families traced their

  der berwltigung des Vaters, seiner grten Erniedigung, ist hier zum
  der berwltigung des Vaters, seiner grten Erniedrigung, ist hier zum

  object of the mourners is to _disclaim responsibility for the gods
  object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's

  Gesellschaft ein neues Moment hinzufgen, welches sich aus der
  Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufgen, welches sich aus der

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Die infantile Wiederkehr des Totemismus, by 
Sigmund Freud

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the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
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1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

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electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
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1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
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- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
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     and discontinue all use of and all access to other copies of
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     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

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     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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