The Project Gutenberg EBook of Gehirne, by Gottfried Benn

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Title: Gehirne
       Novellen

Author: Gottfried Benn

Release Date: March 1, 2011 [EBook #35435]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEHIRNE ***




Produced by Jens Sadowski




Gehirne

Novellen
von
Gottfried Benn




Leipzig
Kurt Wolff Verlag
1916





Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R.
Oktober 1916 als fnfunddreiigster Band
der Bcherei Der jngste Tag




Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag  Leipzig




Inhalt


Gehirne
Die Eroberung
Die Reise
Die Insel
Der Geburtstag






Gehirne


Rnne, ein junger Arzt, der frher viel seziert hatte, fuhr durch
Sddeutschland dem Norden zu. Er hatte die letzten Monate tatenlos
verbracht; er war zwei Jahre lang an einem pathologischen Institut
angestellt gewesen, das bedeutet, es waren ungefhr zweitausend Leichen
ohne Besinnen durch seine Hnde gegangen, und das hatte ihn in einer
merkwrdigen und ungeklrten Weise erschpft.

Jetzt sa er auf einem Eckplatz und sah in die Fahrt: es geht also durch
Weinland, besprach er sich, ziemlich flaches, vorbei an Scharlachfeldern,
die rauchen von Mohn. Es ist nicht allzu hei; ein Blau flutet durch den
Himmel, feucht und aufgeweht von Ufern; an Rosen ist jedes Haus gelehnt,
und manches ganz versunken. Ich will mir ein Buch kaufen und einen Stift;
ich will mir jetzt mglichst vieles aufschreiben, damit nicht alles so
herunterfliet. So viele Jahre lebte ich, und alles ist versunken. Als ich
anfing, blieb es bei mir? Ich wei es nicht mehr.

Dann lagen in vielen Tunneln die Augen auf dem Sprung, das Licht wieder
aufzufangen; Mnner arbeiteten im Heu, Brcken aus Holz, Brcken aus Stein;
eine Stadt und ein Wagen ber Berge vor ein Haus.

Veranden, Hallen und Remisen, auf der Hhe eines Gebirges, in einen Wald
gebaut -- hier wollte Rnne den Chefarzt ein paar Wochen vertreten. Das
Leben ist so allmchtig, dachte er, diese Hand wird es nicht unterwhlen
knnen, und sah seine Rechte an.

Im Gelnde war niemand auer Angestellten und Kranken; die Anstalt lag
hoch; Rnne war feierlich zu Mute; umleuchtet von seiner Einsamkeit
besprach er mit den Schwestern die dienstlichen Angelegenheiten fern und
khl.

Er berlie ihnen alles zu tun: das Herumdrehen der Hebel, das Befestigen
der Lampen, den Antrieb der Motore, mit einem Spiegel dies und jenes zu
beleuchten -- es tat ihm wohl, die Wissenschaft in eine Reihe von
Handgriffen aufgelst zu sehen, die grberen eines Schmiedes, die feineren
eines Uhrmachers wert. Dann nahm er selber seine Hnde, fhrte sie ber die
Rntgenrhre, verschob das Quecksilber der Quarzlampe, erweiterte oder
verengte einen Spalt, durch den Licht auf einen Rcken fiel, schob einen
Trichter in ein Ohr, nahm Watte und lie sie im Gehrgang liegen und
vertiefte sich in die Folgen dieser Verrichtung bei dem Inhaber des Ohrs:
wie sich Vorstellungen bildeten von Helfer, Heilung, guter Arzt von
allgemeinem Zutrauen und Weltfreude, und wie sich die Entfernung von
Flssigkeiten in das Seelische verwob. Dann kam ein Unfall und er nahm ein
Holzbrettchen mit Watte gepolstert, schob es unter den verletzten Finger,
wickelte eine Strkebinde herum und berdachte, wie dieser Finger durch den
Sprung ber einen Graben oder eine bersehene Wurzel, durch einen bermut
oder einen Leichtsinn, kurz, in wie tiefem Zusammenhange mit dem Lauf und
dem Schicksal dieses Lebens er gebrochen schien, whrend er ihn jetzt
versorgen mute wie einen Fernen und Entlaufenen, und er horchte in die
Tiefe, wie in dem Augenblick, wo der Schmerz einsetzte, eine fernere Stimme
sich vernehmen liee.

Es war in der Anstalt blich, die Aussichtslosen unter Verschleierung
dieses Tatbestandes in ihre Familien zu entlassen wegen der Schreibereien
und des Schmutzes, den der Tod mit sich bringt. Auf einen solchen trat
Rnne zu, besah ihn sich: die knstliche ffnung auf der Vorderseite, den
durchgelegenen Rcken, dazwischen etwas mrbes Fleisch; beglckwnschte ihn
zu der gelungenen Kur und sah ihm nach, wie er von dannen trottete. Er wird
nun nach Hause gehen, dachte Rnne, die Schmerzen als eine lstige
Begleiterscheinung der Genesung empfinden, unter den Begriff der Erneuerung
treten, den Sohn anweisen, die Tochter heranbilden, den Brger hochhalten,
die Allgemeinvorstellung des Nachbars auf sich nehmen, bis die Nacht kommt
mit dem Blut im Hals. Wer glaubt, da man mit Worten lgen knne, knnte
meinen, da es hier geschhe. Aber wenn ich mit Worten lgen knnte, wre
ich wohl nicht hier. berall wohin ich sehe, bedarf es eines Wortes, um zu
leben. Htte ich doch gelogen, als ich zu diesem sagte: Glck auf!

Erschttert sa er eines Morgens vor seinem Frhstckstisch; er fhlte so
tief: der Chefarzt wrde verreisen, ein Vertreter wrde kommen, in dieser
Stunde aus diesem Bette steigen und das Brtchen nehmen: man denkt, man
it, und das Frhstck arbeitet an einem herum. Trotzdem verrichtete er
weiter, was an Fragen und Befehlen zu verrichten war; klopfte mit einem
Finger der rechten Hand auf einen der linken, dann stand eine Lunge
darunter; trat an Betten: guten Morgen, was macht Ihr Leib? Aber es konnte
jetzt hin und wieder vorkommen, da er durch die Hallen ging, ohne jeden
einzelnen ordnungsgem zu befragen, sei es nach der Zahl seiner
Hustenste, sei es nach der Wrme seines Darms. Wenn ich durch die
Liegehallen gehe -- dies beschftigte ihn zu tief -- in je zwei Augen falle
ich, werde wahrgenommen und bedacht. Mit freundlichen und ernsten
Gegenstnden werde ich verbunden, vielleicht nimmt ein Haus mich auf, in
das sie sich sehnen, vielleicht ein Stck Gerbholz, das sie einmal
schmeckten. Und ich hatte auch einmal zwei Augen, die liefen rckwrts mit
ihren Blicken; jawohl, ich war vorhanden: fraglos und gesammelt. Wo bin ich
hingekommen? Wo bin ich? Ein kleines Flattern, ein Verwehn.

Er sann nach, wann es begonnen htte, aber er wute es nicht mehr: ich gehe
durch eine Strae und sehe ein Haus und erinnere mich eines Schlosses, das
hnlich war in Florenz, aber sie streifen sich nur mit einem Schein und
sind erloschen.

Es schwcht mich etwas von oben. Ich habe keinen Halt mehr hinter den
Augen. Der Raum wogt so endlos; einst flo er doch auf eine Stelle.
Zerfallen ist Rinde, die mich trug.

Oft, wenn er von solchen Gngen in sein Zimmer zurckgekehrt war, drehte er
seine Hnde hin und her und sah sie an. Und einmal beobachtete eine
Schwester, wie er sie beroch oder vielmehr, wie er ber sie hinging, als
prfe er ihre Luft, und wie er dann die leicht gebeugten Handflchen, nach
oben offen, an den kleinen Fingern zusammenlegte, um sie dann einander zu
und ab zu bewegen, als brche er eine groe, weiche Frucht auf oder als
bge er etwas auseinander. Sie erzhlte es den anderen Schwestern, aber
niemand wute, was es zu bedeuten habe. Bis es sich ereignete, da in der
Anstalt ein greres Tier geschlachtet wurde. Rnne kam scheinbar zufllig
herbei, als der Kopf aufgeschlagen wurde, nahm den Inhalt in die Hnde und
bog die beiden Hlften auseinander. Da durchfuhr es die Schwester, da dies
die Bewegung gewesen sei, die sie auf dem Gang beobachtet hatte. Aber sie
wute keinen Zusammenhang herzustellen und verga es bald.

Rnne aber ging durch die Grten. Es war Sommer; Otternzungen schaukelten
das Himmelsblau, die Rosen blhten, s gekpft. Er sprte den Drang der
Erde: bis vor seine Sohlen, und das Schwellen der Gewalten: nicht mehr
durch sein Blut. Vornehmlich aber ging er Wege, die im Schatten lagen und
solche mit vielen Bnken; hufig mute er ruhen vor der Hemmungslosigkeit
des Lichtes, und preisgegeben fhlte er sich einem atemlosen Himmel.

Allmhlich fing er an, seinen Dienst nur noch unregelmig zu versehen;
namentlich aber, wenn er sich gesprchsweise zu dem Verwalter oder der
Oberin ber irgendeinen Gegenstand uern sollte, wenn er fhlte, jetzt sei
es daran, eine uerung seinerseits dem in Frage stehenden Gegenstand
zukommen zu lassen, brach er frmlich zusammen. Was solle man denn zu einem
Geschehen sagen? Geschhe es nicht so, geschhe es ein wenig anders. Leer
wrde die Stelle nicht bleiben. Er aber mchte nur leise vor sich hinsehn
und in seinem Zimmer ruhn.

Wenn er aber lag, lag er nicht wie einer, der erst vor ein paar Wochen
gekommen war, von einem See und ber die Berge; sondern als wre er mit der
Stelle, auf der sein Leib jetzt lag, emporgewachsen und von den langen
Jahren geschwcht; und etwas Steifes und Wchsernes war an ihm lang, wie
abgenommen von den Leibern, die sein Umgang gewesen waren.

Auch in der Folgezeit beschftigte er sich viel mit seinen Hnden. Die
Schwester, die ihn bediente, liebte ihn sehr; er sprach immer so
flehentlich mit ihr, obschon sie nicht recht wute, um was es ging. Oft
fing er etwas hhnisch an: er kenne diese fremden Gebilde, seine Hnde
htten sie gehalten. Aber gleich verfiel er wieder: sie lebten in Gesetzen,
die nicht von uns seien und ihr Schicksal sei uns so fremd wie das eines
Flusses, auf dem wir fahren. Und dann ganz erloschen, den Blick schon in
einer Nacht: um zwlf chemische Einheiten handele es sich, die
zusammengetreten wren nicht auf sein Gehei, und die sich trennen wrden,
ohne ihn zu fragen. Wohin solle man sich dann sagen? Es wehe nur ber sie
hin.

Er sei keinem Ding mehr gegenber; er habe keine Macht mehr ber den Raum,
uerte er einmal; lag fast ununterbrochen und rhrte sich kaum.

Er schlo sein Zimmer hinter sich ab, damit niemand auf ihn einstrmen
knne; er wollte ffnen und gefat gegenberstehen.

Anstaltswagen, ordnete er an, mchten auf der Landstrae hin und her
fahren; er hatte beobachtet, es tat ihm wohl, Wagenrollen zu hren: das war
so fern, das war wie frher, das ging in eine fremde Stadt.

Er lag immer in einer Stellung: steif auf dem Rcken. Er lag auf dem
Rcken, in einem langen Stuhl, der Stuhl stand in einem geraden Zimmer, das
Zimmer stand im Haus und das Haus auf einem Hgel. Auer ein paar Vgeln
war er das hchste Tier. So trug ihn die Erde leise durch den ther und
ohne Erschttern an allen Sternen vorbei.

Eines Abends ging er hinunter zu den Liegehallen; er blickte die
Liegesthle entlang, wie sie alle still unter ihren Decken die Genesung
erwarteten; er sah sie an, wie sie dalagen: alle aus Heimaten, aus Schlaf
voll Traum, aus Abendheimkehr, aus Gesngen von Vater zu Sohn, zwischen
Glck und Tod -- er sah die Halle entlang und ging zurck.

Der Chefarzt wurde zurckgerufen; er war ein freundlicher Mann, er sagte,
eine seiner Tchter sei erkrankt. Rnne aber sagte: sehen Sie, in diesen
meinen Hnden hielt ich sie, hundert oder auch tausend Stck; manche waren
weich, manche waren hart, alle sehr zerflielich; Mnner, Weiber, mrbe und
voll Blut. Nun halte ich immer mein eigenes in meinen Hnden und mu immer
darnach forschen, was mit mir mglich sei. Wenn die Geburtszange hier ein
bichen tiefer in die Schlfe gedrckt htte . . .? Wenn man mich immer
ber eine bestimmte Stelle des Kopfes geschlagen htte . . .? Was ist es
denn mit den Gehirnen? Ich wollte immer auffliegen wie ein Vogel aus der
Schlucht; nun lebe ich auen im Kristall. Aber nun geben Sie mir bitte den
Weg frei, ich schwinge wieder -- ich war so mde -- auf Flgeln geht dieser
Gang -- mit meinem blauen Anemonenschwert -- in Mittagsturz des Lichts --
in Trmmern des Sdens -- in zerfallendem Gewlk -- Zerstubungen der
Stirne -- Entschweifungen der Schlfe.




Die Eroberung


Aus der Ohnmacht langer Monate und unaufhrlichen Vertriebenheiten --: Dies
Land will ich besetzen, dachte Rnne, und seine Augen rissen den weien
Schein der Strae an sich, befhlten ihn, verglichen ihn mit den Schichten
nah am Himmel und mit der Helle der Mauer eines Hauses, und schon verging
er vor Glck in den Abend, in die deutliche Verlngerung des Lichtes, in
dieses khle Ende eines Tages, der voll Frhling war.

Die Eroberung ist zu Ende, sagte er sich, es ist fester Fu gefat. Sie
tragen ihre Ohnmacht noch in Farben an ihre Htten, in Schleifen, rot und
gelb, und kleinen Fahnen an der Jacke; aber vertrieben werden wir hier
zunchst nicht werden. Dagegen alles, was geschieht, geschieht erstmalig.
Eine fremde Sprache, alles ist haerfllt und kommt zgernd ber einen
Abgrund her. Hier will ich Schritt fr Schritt vorgehen. Wenn irgendwo, mu
es mir hier gelingen.

Er schritt aus; schon blhte um ihn die Stadt. Sie wogte auf ihn zu, sie
erhob sich von den Hgeln, schlug Brcken ber die Inseln, ihre Krone
rauschte. ber Pltze, vor Jahrhunderten liegen geblieben und von keinem
Fu berhrt, drngten alle Straen hernieder in ein Tal; es war ein Abstieg
in der Stadt, sie lie sich sinken in die Ebene, sie entsteinte ihr Gemuer
einem Weinberg zu.

Er verhielt auf einem Platz, sank auf eine Mauer, schlo die Augen, sprte
mit den Hnden durch die Luft wie durch Wasser und drngte: Liebe Stadt,
la Dich doch besetzen! Beheimate mich! Nimm mich auf in die Gemeinschaft!
Du wchst nicht auf, Du schwillst oben nicht an, alles das ermdet so. Du
bist so sdlich; Deine Kirche betet in den Abend, ihr Stein ist wei, der
Himmel blau. Du irrst so an das Ufer der Ferne, Du wirst Dich erbarmen,
schon umschweifst Du mich.

Er fhlte sich gefestigt. Er schwang ber die Boulevards; es war ein Wogen
hin und her. Er ging beschwingt; die Frauen trug er in seinen Falten wie
Staub; die Entthronten; was gab es denn: kleine Hhlen und ein Bschel Erde
in der Achsel. Einer Blonden wogte beim Atmen eine Rose hin und her. Die
roch nun mit dem Blut der Brust zusammen irgendeinem Manne zu.

Ihr trieb er nach in ein Caf. Er setzte sich und atmete tief: ja hier ist
die Gemeinschaft. Er sah sich um: Ein Mann versenkte sein Weiches in ein
Mdchen; die dachte, es kme von Gott, und strich sich glatt. Der
Unterkiefer eines Zurckgebliebenen meisterte mit Hilfe von zwei
verwachsenen Hnden eine Tasse, die Eltern saen dabei und verwahrten sich.
Auf allen Tischen standen Gerte, welche fr den Hunger, welche fr den
Durst. Ein Herr machte ein Angebot; Treue trat in sein Auge, Weib und Kind
verernsteten seine Zge. Einer bewertete sachlich ein Gesprch. Einer kaute
eine Landschaft an, der Wnde Schmuck. Ja, hier ist das Glck, sagte er
sich und blhte seine Nstern, als versenke er sich, -- das tiefe, gedehnte
Glck. Nehmt mich auf in die Gemeinschaft!

Schon erhob er die Blicke wie zu seinesgleichen. Seine Augen schweiften wie
die des Kauenden. Nicht mehr leugnen lie sich, da das Licht auf der
Strae sich verdunkelte, und da tief gebeugt ein Mdchen sang. Klar zutage
lagen die Lste zwischen den Soldaten und den Frauen, und der Kellner
gewann an Geltung. Und er fhlte, wie er wuchs und still ward, so khl
umstanden zu sein von lauter Dingen, die geschahen.

Nun wurde er khner; er entlastete sich auf die Sthle, und siehe -- sie
standen da. Er verteilte, was er unter der Stirne trug, um der Sulen Samt.
Die Marmorplatten wuchsen sich aus, die Klinken traten selbstndig hervor.
Er schweifte sich innen aus: auf die Borde, auf die Simse hufte er aus
allen Hhlen und Falten Last um Last.

Nun hing sogar ein Bild an der Wand: eine Kuh auf einer Weide. Eine Kuh auf
einer Weide, dachte er; eine runde braune Kuh, Himmel und ein Feld. Nein,
was fr ein namenloses Glck aus diesem Bild entstehen kann! Da steht sie
nun mit vier Beinen, mit eins, zwei, drei, vier Beinen, das lt sich gar
nicht leugnen; sie steht mit vier Beinen auf einer Wiese aus Gras und sieht
drei Schafe an, eins, zwei, drei Schafe, -- o die Zahl, wie liebe ich die
Zahl, sie sind so hart, sie sind rundherum gleich unantastbar, sie starren
von Unangreifbarkeit, ganz unzweideutig sind sie, es wre lcherlich,
irgend etwas an ihnen aussetzen zu wollen; wenn ich noch jemals traurig
bin, will ich immer Zahlen vor mich her sagen; er lachte froh und ging.

Himmel um sein Haupt, blhte er durch das leise Spiel der Nacht. Sein waren
die Gassen, fr seine Gnge, ohne Demtigung vernahm er seiner Schritte
Widerhall. Er fhlte ein Erschlieen, er stieg auf; eine Pore war er, aus
der es grnen wollte, eingeebnet fhlte er sich in das Schlenkern der Arme
eines Mannes, der hastig ber die Strae schritt, gehrnt von einem Ziel.

Weich und mahlend bewltigte er die Schaufenster durch Gedanken ber
Gegenstnde in den Lden, stand herum prfenden Blickes, als beabsichtige
er einzukaufen, ging weiter, nicht befriedigt von dem, was man ihm bot.

Hart heran an Gangart und Gesichtsausdruck von anderen Mnnern trat er,
schlo sich dem an, glttete seine Zge, um sie gelegentlich aufzucken zu
lassen in der Erinnerung an ein Vorkommnis im Laufe des Tages, sei es
heiterer, sei es ernster Art. Einen belebten groen Platz vollends nahm er
wahr, um pltzlich stehen zu bleiben, erschrocken mit der Hand an die Stirn
zu fassen und den Kopf zu schtteln: nein, zu rgerlich! nun hatte er etwas
vergessen; entfallen war ihm etwas, das zu tun ihm oblag; ein Versumnis
lag vor, das trotz aller bevorstehender Verabredungen des Abends
unverzglich nachzuholen ihm die Pflicht gebot. Weitergehen erbrigte sich.
Es hie jetzt, der Umkehr ins Auge sehen und vollbringen, was einmal als
Recht erkannt.

Erregt machte er kehrt; die einreihenden Gedanken der Nachblickenden
wrmten ihn und trieben ihn an: Vielleicht erzhlte nun einer von ihm zu
Hause, vielleicht spttelte er ein wenig, vielleicht sagte er etwas
schadenfroh: ein Herr, der etwas vergessen hatte -- vielleicht kam er nun
zu spt zu seiner Verabredung -- vielleicht blieb ihm nun die Tr
verschlossen whrend der Ouverture, -- er mute noch einmal zurckgehen --
wahrscheinlich in sein Bureau --, wahrscheinlich ein Brief an einen
Geschftsfreund --, man kennt das ja selbst -- ja ja, so ist das Leben --
man erzieht sich selbst -- man mu manches opfern -- aber nur den Kopf
nicht sinken lassen --, erhebt die Herzen, -- Sursum corda -- der gestirnte
Himmel -- das dienende Glied.

Er bog in ein Friseurgeschft und unterzog sich der Pflege.

Ein Herr bekam den Hinterkopf gepudert. Warum, fragte sich Rnne, ich
bekomme ihn nicht gepudert. Er berlegte. Er war blond. Es geht daraus
hervor, da das Prinzip des Weien mit dem Prinzip des Blonden fr diesen
Zweck identisch ist. Es drfte sich um den Lichtreflex handeln, um den
Brechungskoeffizienten sozusagen. Jawohl, Brechungskoeffizient, sehr gut,
und er verweilte einen Augenblick.

Man mu nur an alles, was man sieht, etwas anzuknpfen vermgen, es mit
frheren Erfahrungen in Einklang bringen und es unter allgemeine
Gesichtspunkte stellen, das ist die Wirkungsweise der Vernunft, dessen
entsinne ich mich.

Stark und gerstet dehnte er sich in dem Rasierstuhl. Der junge Mann
tnzelte herum, tupfte hin und her und puderte und strich.

Er war wieder auf der Strae. Eine Frau bot einen flachen Korb herum mit
Veilchenstruen, blau wie Stcke der Nacht, mit Orchideenbndeln, weichen
Zusammenflusses aus hellblau und orange.

Die Orchidee, lachte er selbstgefllig, die Blte des heien Afrika, der
Liebling der Sammler, der Gegenstand so mancher Ausstellungen des In- und
Auslandes, jawohl, ich wei Bescheid, jawohl, ich bin nicht unkundig,
selbst zu einem Fachmann fnde ich Beziehungen.

Da fiel sein Blick auf die Inschrift eines Hauses, die hie etwa:
Schlachthof.

Nun mute er sich eingehend ber Schlachthof uern. Der Dresdener
Schlachthof vergleichsweise, erbaut Anfang der siebziger Jahre von Baurat
Khler, versehen mit den hygienisch-sanitren Vorrichtungen modernsten
Systems -- bahnbrechend war in dieser Richtung die Entdeckung des Dnen
Johannsen. Es war ein Junitag des denkwrdigen Jahres der finnischen
Expedition. Da ging er am Morgen durch die stergaade und sah zwei Khe
ankommen, alter jtlndischer Art -- -- heraus aus einer solchen Flle des
Tatschlichen sprach er; so uerte er sich, so stand er Antwort und Rede,
klrte manches auf, half ber Irrtmer hinweg, diente der Sache und
unterstand der Allgemeinheit, die ihm dankte.

Messer und Gerte, Griffe und Anerkennung des Raumes Erforderndes, traten
ihm entgegen. Nun wurde er gar ein Jger, eine starke, geschlossene
Gestalt. Er scheute sich nicht, durch grne Joppe und Hornknpfe Aufschlu
ber sein Gewerbe jedem Vorbergehenden zu geben. Er war wetterhart und
gebrunt und einen krftigen Schluck zum zweiten Frhstck, jawohl die
Herren, und noch einmal! Er erzhlte in einem greren Kreise von dem
Sechserbock, wie er den Drilling an die Backe nahm, und das Silberkorn
flimmerte in der Kimme. Er prfte und begutachtete einen Standhauer,
erinnerte an die ungnstigen Erfahrungen mit dem Modell eines Frsters aus
der Nachbarschaft; er nickte bedchtig, schttelte mit dem Kopf und sprach
starken Atems in die rauhe Morgenluft, kurz, er war der geachtete Mann, dem
im Umfang seines Faches Vertrauen zukam, eine bodenstndige Natur, festen
Schrittes und aufrechter Art.

Nun erkrankte ihm vollends sein Kind; an einem Frhlingsmorgen, das junge
Geschpf! Er schluchzte mit seinem Weibe; aber mit dem kurzen Daumen des
Broterwerbers strich er sich durch den Bart, den Schmerz zu meistern. Er
stand demtig vor dem Unbegreiflichen; aller Rtsel wurde auch er nicht
Herr; das Mythische ragte in sein Leben hinein, die guten und die bsen
Dinge, die Trne und das Blut.

Allmhlich aber war die Nacht tiefer geworden und schlo ihn ein. Nun
schwoll wirklich um ihn der Wald. Er sank auf Moos unter Stern und stillen
Lauten. Blau stand zwischen Bumen, Tier und Dorf. In ihrem Bett die
Quelle. In ihrem Silberheim die Hgel. Und im Schauer seiner Haut, im
Sprunge seiner Glieder, im Trunk der Augen, in seines Ohres Rausch: er, als
der Blten eine, er, als der Tiere Beischlaf, unter einem Himmel, unter
einer Nacht --

Im Taumel halb, und halb weil Klnge riefen, stieg er die Stufen hinunter
in den Saal.

Da tanzte eine hinter Schleiern, die Brste gebunden, und ein
Korallengaumen, aus dem sie lachte. Zwei wehten mit ihren Hnden an ihren
Leibern vorbei und trieben Geruch und Lust den Mnnern zu. Eine stie Leib
und Brste hervor nach Enthllungen. Zwei, die sich lieben wollten,
streiften die Ringe ab, die hatten rauhe Steine.

Er aber sprte die Hnde alle auf den Hften, den Drang, sich abzuflachen
auf die Erde, die Zuckungen, das Zusammenstrmen und den Aufwuchs, und
pltzlich stand vor ihm die Schwangere: breites, schweres Fleisch, triefend
von Sften aus Brust und Leib; ein magerer, verarmter Schdel ber feuchtem
Blattwerk, ber einer Landschaft aus Blut, ber Schwellungen aus tierischen
Geweben, hervorgerufen durch eine unzweifelhafte Berhrung.

Da sprang er eine an, brach sie auf bi in Gebein, das wie seines war,
entri ihm Schreie, die wie seine klangen, und verging an einer Hfte,
erstrmt von einem fremden Rund. --

Dann stie der Morgen hervor, rot und siegreich. Rnne schritt durch die
Wellen der Frhe, durch das Meer, das ber die Wolken brach.

Rein und klar sah er hinter sich die Nacht, nun ging er den Weg zu den
Palmengrten am Rande der Stadt.

Das Licht wuchs an, der Tag erhob sich; immer der gleiche ewige Tag, immer
das unverlierbare Licht.

Die letzten Straen, Brut quoll aus den Kellern; vorbei schabte ein Mnch,
der Triumph des Inhalts; Frauen, Geruch aus Nestern und Begattung hinter
sich herschleifend, fhrten ihre bejahenden Versenkungen dem Nachbar zu. Zu
ihnen gehrten sie alle: Der Jger und der Krppel, der Vergeliche und der
Tnzer, -- alle glaubten, versteckt oder frei, an die groen Gehirne, um
die die Gtter schwebten.

Er, der Einsame; blauer Himmel, schweigendes Licht. ber ihm die weie
Wolke: die sanftgekappten Rande, das schweifende Vergehen.

Er wehte sich ber die Stirn: Am Abend, als ich ausging, schien ich mir
noch des Schmerzes wert. Nun mag ich unter Farren liegen, die Stmme
anschielen und berall die Flche sehen.

Die Tren sanken nieder, die Glashuser bebten, auf einer Kuppel aus
Kristall zerbarst ein Strom des unverlierbaren Lichts: -- so trat er ein
--.

Ich wollte eine Stadt erobern, nun streicht ein Palmenblatt ber mich hin.

Er whlte sich in das Moos: am Schaft, wasserernhrt, meine Stirn,
handbreit, und dann beginnt es.

Bald darauf ertnte eine Glocke. Die Grtner gingen an ihre Arbeit; da
schritt auch er an eine Kanne und streute Wasser ber die Farren, die aus
einer Sonne kamen, wo viel verdunstete.




Die Reise


Rnne wollte nach Antwerpen fahren, aber wie ohne Zerrttung? Er konnte
nicht zu Mittag kommen. Er mute angeben, er knne heute nicht zu Mittag
kommen, er fahre nach Antwerpen. Nach Antwerpen htte der Zuhrer gedacht?
Betrachtung? Aufnahme? Sich ergehen? Das erschien ihm ausgeschlossen. Er
zielte auf Bereicherung und den Aufbau des Seelischen.

Und nun stellte er sich vor, er se im Zug und mte sich pltzlich
erinnern, wie jetzt bei Tisch davon gesprochen wurde, da er fort sei; wenn
auch nur nebenbei, als Antwort auf eine kurz hingeworfene Frage, jedenfalls
aber doch so viel, er seinerseits suche Beziehungen zu der Stadt, dem
Mittelalter und den Scheldequais.

Erschlagen fhlte er sich, Schweiausbrche. Eine Krmmung befiel ihn, als
er seine unbestimmten und noch gar nicht absehbaren, jedenfalls aber doch
so geringen und armseligen Vorgnge zusammengefat erblickte in Begriffen
aus dem Lebensweg eines Herrn.

Ein Wolkenbruch von Hemmungen und Schwche brach auf ihn nieder. Denn wo
waren Garantien, da er berhaupt etwas von der Reise erzhlen knnte,
mitbringen, verlebendigen, da etwas in ihn trte im Sinne des Erlebnisses?

Groe Rauheiten, wie die Eisenbahn, sich einem Herrn gegenber gesetzt
fhlen, das Heraustreten vor den Ankunftsbahnhof mit der zielstrebigen
Bewegung zu dem Orte der Verrichtung, das alles waren Dinge, die konnten
nur im geheimen vor sich gehen, in sich selber erlitten, trostlos und tief.

Wie war er denn berhaupt auf den Gedanken gekommen, zu verlassen, darin er
seinen Tag erfllte? War er tollkhn, herauszutreten aus der Form, die ihn
trug? Glaubte er an Erweiterung, trotzte er dem Zusammenbruch?

Nein sagte er sich, nein. Ich kann es beschwren: nein. Nur als ich vorhin
aus dem Geschft ging, nach Veilchen roch man wieder, gepudert war man
auch, ein Mdchen kam heran mit weier Brust, es erschien nicht
ausgeschlossen, da man sie erffnet. Es erschien nicht ausgeschlossen, da
man prangen wrde und strmen. Ein Strand rckte in den Bereich der
Mglichkeiten, an den die blaue Brust des Meeres schlug. Aber nun zur
Vershnung will ich essen gehn.

                                * * *

Durch Verbeugung in der Tre anerkannte er die Individualitten. Wer wre
er gewesen? Still nahm er Platz. Gro wuchteten die Herren.

Nun erzhlte Herr Friedhoff von den Eigentmlichkeiten einer tropischen
Frucht, die einen Kern enthalte von Eigre. Das Weiche e man mit einem
Lffel, es habe gallertartige Konsistenz. Einige meinten, es schmecke nach
Nu. Er demgegenber habe immer gefunden, es schmecke nach Ei. Man e es
mit Pfeffer und Salz. Es handelte sich um eine schmackhafte Frucht. Er habe
davon das Tages 3--4 gegessen und einen ernstlichen Schaden nie bemerkt.

Hierin trat Herrn Krner das Auerordentliche entgegen. Mit Pfeffer und
Salz eine Frucht? Das erschien ihm ungewhnlich, und er nahm dazu Stellung.

Wenn es ihm doch aber nach Ei schmeckt, wies Herr Mau auf das Subjektive
des Urteils hin, gleichzeitig etwas wegwerfend, als ob er seinerseits
nichts Unberbrckbares she. Auerdem so ungewhnlich sei es doch nun
nicht, fhrte Herr Offenberg zur Norm zurck, denn z. B. die Tomate? Wie
nun vollends, wenn Herr Kritzler einen Oheim aufzuweisen hatte, der noch
mit 70 Jahren Melone mit Senf gegessen hatte, und zwar in den Abendstunden,
wo Derartiges bekanntlich am wenigsten bekmmlich sei?

Alles in allem: Lag denn in der Tat eine Erscheinung von so ungewhnlicher
Art vor, ein Vorkommnis sozusagen, das die Aufmerksamkeit weiterer Kreise
auf sich zu lenken geeignet war, sei es, weil es in seinen
Verallgemeinerungen bedenkliche Folgeerscheinungen htte zeitigen knnen,
sei es, weil es als Erlebnis aus der besonderen Atmosphre des Tropischen
zum Nachdenken anzuregen geeignet war?

Soweit war es gediehen, als Rnne zitterte, Erstickung auf seinem Teller
fand und nur mit Mhe das Fleisch a.

Ob er aber nicht doch vielleicht eine Banane gemeint habe, bestand Herr
Krner, diese weiche, etwas mrbe und lngliche Frucht?

Eine Banane, wuchs Herrn Friedhoff auf? Er, der Kongokenner?? Der
langjhrige Befahrer des Moabangi? Nein, das ntigte ihm geradezu ein
Lcheln ab! Weit entschwand er ber diesen Kreis. Was hatten sie denn fr
Vergleiche? Eine Erdbeere oder eine Nu, vielleicht hie und da eine Marone,
etwas sdlicher. Er aber, der beamtete Vertreter in Hulemakong, der aus den
Dschungeln des Jambo kam?

Jetzt oder nie, Aufstieg oder Vernichtung, fhlte Rnne, und: wirklich nie
einen ernstlichen Schaden bemerkt? tastete er sich beherrschten Lautes in
das Gewoge, Erstaunen malend und am Zweifel des Fachmanns: Vor dem Nichts
stand er; ob Antwort kme?

Aber sa denn nicht schlielich auf dem Stuhl aus Holz er, schlicht
umrauscht von dem Wissen um das Gefahrvolle der Tropenfrucht, wie in Sinnen
und Vergleichen mit Angaben und Erzhlungen hnlicher Erlebnisse, der
schweigsame Forscher, der durch Beruf und Anlage wortkarge Arzt? Dnn sah
er durch die Lider, vom Fleisch auf, die Reihe entlang, langsam erglnzend.
Hoffnung war es noch nicht, aber ein Wehen ohne Not. Und nun eine
Festigung: mehreren Herren schien in der Tat die nochmalige Besttigung
dieser Tatsache zur Behebung von etwa aufgestiegenen Bedenken von Wert zu
sein. Und nun war kein Zweifel mehr: einige nickten kauend.

Jubel brach aus, Triumphgesnge. Nun hallte Antwort mit Aufrechterhaltung
gegenber Zweiflern, und das galt ihm. Einreihung geschah, Bewertung trat
ein; Fleisch a er, ein wohlbekanntes Gericht; uerungen knpften an ihn
an, zu Ansammlungen trat er, unter ein Gewlbe von groem Glck; selbst
Verabredung fr den Nachmittag zuckte einen Augenblick lang ohne Erbeben
durch sein Herz.

Aus Erz saen die Mnner. Voll kostete Rnne seinen Triumph. Er erlebte
tief, wie aus jedem der Mitesser ihm der Titel eines Herrn zustieg, der
nach der Mahlzeit einen kleinen Schnaps nicht verschmhte und ihn mit einem
bescheidenen Witzwort zu sich nimmt, in dem Ermunterung fr die andern,
aber auch die entschiedene Abwehr jeglichen bermigen Alkoholgenusses
eine gewisse Atmosphre der Behaglichkeit verbreitete. Der Eindruck der
Redlichkeit war er und des schlichten Eintretens fr die eigene
berzeugung; aber auch einer anderweitigen Auffassung gegenber wrde er
gern zugeben; da ist was Wahres dran. Geordnet fhlte er seine Zge; khler
Gelassenheit, ja Unerschtterlichkeit auf seinem Gesicht zum Siege
verholfen, und das trug er bis an die Tr, die er hinter sich schlo.

                                * * *

Schattenhaft ging er durch den Gang, nun wieder im Gefhl des Schlafes, in
den man sank ohne einen Wirbel ber sich zu lassen, negativ verendet, nur
als Schnittpunkt bejaht. Zwei Huren wuschen den Gang auf, von weitem schon
ihn wahrnehmend, aber sich in die Arbeit versunken stellend, bis er da war.
Nun erst trat in die Augen das jhe Erkennen, Keuschheit und Verheiung aus
der Reife des Bluts.

Rnne aber dachte, ich kenne euch Tiere, ber dreihundert Nackte jeden
Morgen! aber wie stark ihr die Liebe spielt! Eine kannte ich, die war an
einem Tag von Mnnern einem Viertelhundert der Rausch gewesen, die Schauer
und der Sommer, um den sie blhten. Sie stellte die Form, und es geschah
das Wirkliche. Ich will Formen suchen und mich hinterlassen; Wirklichkeiten
eine Hgelkette, o von Dingen ein Gelnde.

Er trat aus dem Haus. Helle Avenuen waren da, Licht voll Entrckung,
Daphneen im Erblhn. Es war eine Vorstadt; Armes aus Kellern, Krppel und
Grber, soviel Ungelacht. Rnne aber dachte, jeder Mensch dem ich begegne,
ist noch ein Sturm zu seinem Glck. Nirgends meine schwere, drngende
Zerrttung.

Er ging langsam, er schrfte sich vor. Es war eine ungewohnte
Straenstunde, ihm seit Monaten nicht mehr bekannt. Er bltterte das
Entgegenkommende behutsam auseinander mit seinen tastenden, an der Spitze
leicht ermdbaren Augen.

Aufzunehmen gilt es, rief er sich zu, einzuordnen oder prfend zu bergehn.
Aus dem Einstrom der Dinge, dem Rauschen der Klnge, dem Fluten des Lichts
die stille Ebene herzustellen, die er bedeutete.

Es war eine fremde Gegend, durch die er ging, aber es mochte immerhin ein
Bekannter kommen und fragen, woher und wohin. Und obschon er einen
Patienten jederzeit hierfr zur Hand gehabt htte, so war es doch nicht der
Fall, und ihm graute vor dem Erlebnis, vor dem er stehen wrde: da er aus
dem Nichts in das Fragwrdige schritt, im Antrieb eines Schatten, keiner
Verknotung mchtig, und dennoch auf Erhaltung rechnend.

Scheu sah er sich um; hhnisch standen Haus und Baum; unterwrfig eilte er
vorbei. Haus, sagte er zum nchsten Gebude; Haus zum bernchsten; Baum zu
allen Linden seines Wegs. Nur um Vermittelung handele es sich, in
Unberhrtheit blieben die Einzeldinge; wer wre er gewesen, an sich zu
nehmen oder zu bersehen oder, sich auflehnend, zu erschaffen? Ein bichen
durch die Sonne gehen, mehr wollte er ja nicht; es warm haben, und der
Himmel hatte ein Blau: nie endend, mtterlich und sanft vergehend.

Weit war er noch nicht von seinem Krankenhaus entfernt, da bermannte ihn
schon die Not. Wohin trug er sich denn, etwa in das All? War er der Trumer
denn, weich streifend den Hang, oder der Hirt auf den Hgeln? Trat an die
Maikastanie vielleicht er, den Ast beklopfend mit dem Hornmesser, bis in
Saft vom Zweige die Rinde glitt und wurde die gehhlte Flte? Gesnge,
hatte er sie? War er vielleicht der Freie, der in Segeln schritt, und
berall die Erde, lschend mit seinem Blick? O, er war wohl schon zuweit
gegangen! Schon schwankte vor der Strae Feld unter gelben Strmen
gefleckter Himmel, und ein Wagen hielt am Saum der Stadt. Zurck! hie es;
denn heran wogte das Ungeformte, und das Uferlose lag lauernd.

Nun nahm ihn wieder die Strae auf, schnurgerade und unter einem flachen
Licht. Von Tr zu Tr lief sie, und sachlich um den Fu der Botenfrau; aus
den Kellern ber sie wehte die Kche Nahrung und Notdurft; vor dem Spiegel
der Herr kmmte achtbar seinen Bart; klang der Fu auf Metall, sorgte fr
Entwsserung das Gemeinwohl; lag ein Gitterchen an der Mauer, kam im Winter
nicht der Frost, und in ihr Recht traten Frder und Schacht?

Wie einsam steht es um die Strae, dachte Rnne, sie ist eindeutig fixiert
und wird entwicklungsgeschichtlich kaum durchdacht; aber schn und sicher
ist es, hier zu wandeln, so dicht am Leib mndet sie, und eigentlich ist es
kein Gehen mehr, sondern ein Trumen auf dem Rcken des Zwecks.

Dann prangten zwischen Pelz und Locken Damen in den Abend ihr Geschlecht.
Blhen, Zngeln, Fliedern der Scham aus Samt und Bnder ber Hften. Rnne
labte sich an dem Geordneten einer Samtmantille, an der restlos gelungenen
Unterordnung des Stofflichen unter den Begriff der Verhllung; ein Triumph
trat ihm entgegen zielstrebigen, kausal geleiteten Handelns. Aber -- und
pltzlich sah er die Frau nackt -- diese nicht; es mte die Ernchterte
sein, die sich noch einmal krmmen liee.

Da trat ein Herr auf ihn zu, und ha ha, und schn Wetter ging es hin und
her, Vergangenheit und Zukunft eine Weile im kategorialen Raum. Als er fort
war, taumelte Rnne. Sie alle lebten mit Schwerpunkten auf Meridianen
zwischen Refraktor und Barometer, er nur sandte Blicke ber die Dinge,
gelhmt von Sehnschten nach einem Azimuth, nach einer klaren logischen
Suberung schrie er, nach einem Wort, das ihn erfate. Wann wrde er der
erzene Mann, um den tags die Dinge brandeten und des Nachts der Schlaf, der
gelassen vor einem Bahnhof stnde, wieviel Erde es auch gbe, der
Verwurzelte, der Unerschtterliche!

Reisen hatte er gewollt, aber nun schienen Gleise ber die Strae, und
schon sank sein Blick. Oh, da es eine Erde gab, wirklich grn, stark
irden, silbern verfernt, ber die die Augen strichen wie ein Flgel, und
Stdte, flache weie, an Ksten, und Kutter, braune, die man hinnahm,
liebte und verga.

Oder ein Leben um das Radwerk einer Uhr. Um Hyazinthenknollen die Hand. Die
Schulter, die das Fischnetz zog, silbern und ihr Abwurf auf den Strand.

Da, durch die helle dnne Luft, in die die Knospen ragten, und unter dem
ersten Stern, kam eine Frau vorbei und roch blau und langte Rnne nach dem
Schdel und legte ihn tief in den Nacken, bettend, und ber der Stirn stand
die frhe Nacht.

Rnne schluchzte auf: wer knirschte so tief wie ich unter dem Stoff, wer
ist so geknechtet von den Dingen nach Zusammenhang als ich, aber eben dies
schweifende Gewsser, tief, dunkel und veilchenfarben, aus dem Aufklaff
einer Achsel -- mich stubt Zermalmung an.

Zwischen die Straen rinnt Nacht, ber die weien Steine blaut es, es
verdichtet sich die Entrckung; die Strucher schmelzen, welches Vergehn!
--

Nun fiel ein Regen und lste die Form. Wohnungen traten unter laues Wasser,
in Frhlingsgewlke stand alle Stadt. ber ihr aber schwebte er, entrckt,
einsam, mit einer Krone irgendwoher. Jh wurde er der Herr mit Koffer, der
auf die Reise ging durch Aue und Rand. Schon wogten Hgel heran, weich
bewldert; nun brderlich die cker, die Vershnung kam.

Er sah die Strae entlang und fand wohin.

Einrauschte er in die Dmmerung eines Kinos, in das Unbewute des
Parterres. In weiten Kelchen flacher Blumen bis an die verhllten Ampeln
stand rtliches Licht. Aus Geigen ging es, nah und warm gespielt, auf der
Rndung seines Hirns, entlockend einen wirklich sen Ton. Schulter neigte
sich an Schulter, eine Hingebung; Geflster, ein Zusammenschlu;
Betastungen, das Glck. Ein Herr kam auf ihn zu, mit Frau und Kind,
Bekanntschaft zuwerfend, breiten Mund und frohes Lachen. Rnne aber
erkannte ihn nicht mehr.

Er war eingetreten in den Film, in die scheidende Geste, in die mythische
Wucht.

Gro vor dem Meer wlkte er um sich den Mantel, in hellen Briesen stand in
Falten der Rock; durch die Luft schlug er wie auf ein Tier, und wie khlte
der Trunk den Letzten des Stamms.

Wie er stampfte, wie rstig blhte er das Knie. Die Asche streifte er ab,
lssig, benommen von den groen Dingen, die seiner harrten aus dem Brief,
den der alte Diener brachte, auf dessen Knien der Ahn geschaukelt.

Zu der Frau am Bronnen trat edel der Greis. Wie stutzte die Amme, am Busen
das Tuch. Wie holde Gespielin! Wie Reh zwischen Farren! Wie ritterlich
Weidwerk! Wie Silberbart!

Rnne atmete kaum, behutsam, es nicht zu zerbrechen. Denn es war
vollbracht, es hatte sich vollzogen.

ber den Trmmern einer kranken Zeit hatte sich zusammengefunden die
Bewegung und der Geist, ohne Zwischentritt. Klar aus den Reizen segelte der
Arm; vom Licht zur Hfte, ein heller Schwung, von Ast zu Ast.

In sich rauschte der Strom. Oder wenn es kein Strom war, ein Wurf von
Formen, ein Spiel in Fiebern, sinnlos und das Ende um allen Saum.

Rnne, ein Gebilde, ein heller Zusammentritt, zerfallend, von blauen
Buchten benagt, ber den Lidern kichernd das Licht.

Er trat auf die Avenue. Er endete in einem Park.

Dunkel drohte es auf, bewlkt und schauernd, wieder aus dem Gefhl des
Schlafs, in den man sank, ohne einen Wirbel ber sich zu lassen, negativ
verendet, nur als Schnittpunkt bejaht; aber noch ging er durch den
Frhling, und erschuf sich an den hellen Anemonen des Rasens entlang und
lehnte an eine Herme, verstorben wei, ewig marmorn, hierher zerfallen aus
den Brchen, vor denen nie verging das sdliche Meer.




Die Insel


Da dies das Leben sei, war eine Annahme, zu der Rnne, einen Arzt, das von
leitender Stelle aus Geregelte seiner Tage, das staatliche Genehmigte, ja
Vorgeschriebene seiner Bestimmung wohl berechtigte.

Tat es etwas, da die Insel klein war, bersehbar von einem Hgel, ein
Streifen Stein zwischen Mwen und Meer -- es gab das Gefngnis da mit den
Strflingen, daran Arzt zu sein er ausersehen, und dann gab es Strand, eine
groe Strauchwiese voll Gezwitscher, ein Vogelhort, und weiter unten ein
elendes Dorf mit Fischern, das allerdings galt es noch nher zu beleuchten.

Ein Rachen war bepinselt, einer Meineidigen das Knie massiert, da erhob
sich Rnne und verlie das ummuerte Gehft. Davor lag weier Strand;
darauf blhte Hafer und Distel; denn der Sommer war ber das Meer gekommen
wie ein Gewitter: der Himmel donnerte von Blue und es go Wrme und Licht.

Unter Gedanken, wie die freie Zeit, die ihm nach Erledigung seiner
Dienstpflichten zur Verfgung stand, zweckmig zu verwenden sei, welches
ihr Sinn sei in Hinsicht des Staates und der Person, schritt er aus. Er
atmete tief die reine Seeluft ein, die schmchtige Brust ihr entgegen
splend, dem Gesundheitlichen, das die bekanntermaen dem Wanderer bot,
willig hingegeben. Eins fhlte er sich mit dem Geiste, der ihn hier
herberufen und gestellt, der sich ohne Zaudern zur Sicherstellung der
vorwrtszielenden brgerlichen Verrichtung entschlo; der dem Schutze galt,
die die ffentlichkeit dem strebenden Bemhen schuldete, mit einem Wort:
der die Ausmerzung des Schdlings anstrebte, ohne jedoch selbst hier auer
acht zu lassen das allgemein Menschliche noch des Gefallenen und in einer
Art stummer Anerkenntnis des groen allumschlieenden Bandes des Seelischen
schlechthin nicht die Vernichtung wollte, sondern den Arzt beigab.

Und nun, die karge Schindel der ersten Htte, war sie nicht Hut gegen Sturm
und Regen, der Unbill Abwehr, Traute und Behaglichkeit bedachend? Das Netz,
das vom Fang kommend der Gatte ausbreitete, sorgsam ber Pfahl und Stein,
war es nicht umwittert vom Geruch der Diele, wo es sich vollzog, das
Natrliche, das Urgesunde? Und nun wehte gar ein Windsto an eine lkappe,
und ein Arm griff an die Krempe --: jawohl, auf Reize antwortete hier
Organisches; betrieben wurden seine Symptome: der Stoffwechsel und die
Vermehrung; der Reflexbogen herrschte, hier war gut ruhn.

Vor einer Kneipe saen Mnner. Ihr Sinn? Sie saen! Sie gingen nicht, sie
schonten Kraft. Sie tranken aus Krgen! Reine Lust? Niemals! Nhrwert war
nicht zu leugnen. Und wenn? Erholung von Mann zu Mann?!
Erfahrungsaustausch?! Besttigungen!!!?

Und der Dstere abseits? Der Grbeler, der sich ernster nahm? Flammte nicht
auch auf seiner Stirn noch durch das Dmonische, selbst gegen Gtter
gerichtet, der geschlossenere Akt, der strkere Aufbau, das
Lichtbringerische in eventuellen Abgrund?

Kurz und gut: lauter Wahrnehmungen, die wohl befriedigen durften. Nirgends
eine Strung, berall Sonne und heller Ablauf.

Rnne setzte sich. Ich habe etwas freie Zeit, sagte er sich, jetzt will ich
etwas denken. Also, eine Insel und etwas sdliches Meer. Es sind nicht da,
aber es knnten da sein: Zimtwlder. Jetzt ist Juni, und es begnne die
Entborkung, und ein Zweiglein brche dabei wohl ab. Ein beraus lieblicher
Geruch wrde sich verbreiten, auch beim Abreien eines Blattes ein
aromatisches Geschehen.

Denn alles in allem: vier bis sechs Fu hohe Stauden, weiche grne
lorbeerhnliche Bltter, inde der Bltenstempel gelb getnt ist. Ist der
Schling daumenstark, tritt die Einsammlung heran und es erfordert viele
Hnde, Bndel, krumme Messer, Rinde und Bast; mit diesen Worten ist manches
schon erwiesen, aber erst in der Htte wird das Hutchen abgeschlt.

Ja, das war eine Insel, die in einem Meer vor Indien lag. Es nahte sich ein
Schiff, pltzlich trat es in den Wind, der das Land umfat hatte und nun
stand es im Atem des brunlichen Walds. Der Zimtwald, dachte der Reisende,
und der Zimtwald, dachte Rnne. Schneewei war der Boden, und die Staude
saftig. Und durch die Insel schritt er, zwischen Roggen und Wein,
abgeschlossen und still umgrenzt. Sein Urteil ist Begehren, der Satzbau
Stellung nehmend. Er grbelt, doch ber die Polle einer Pflanze, denn er
ist gewillt, sie einzusen. Ferne ist die Zeit der Trauer, da er in der
Bahn hierher fuhr mit den Damen: das ist sehr hbsch hier, sagte die Mutter
zu den Tchtern, seht doch mal! und nun verarbeiteten sie aus den
Kupeefenstern heraus die Hgelkette, matt im blauen Dunst, davor das Tal
und eine Stadt, die hinter Wldern und Klee versank; denn wenn die Mutter
es nicht gesagt htte, mute Rnne immer denken, wre der Aufstieg nicht
erfolgt.

Hier aber herrschten keine solchen vagen Ausrufe. Hier wurde hingenommen,
was ins Auge traf. Sachliche Verarbeitung trat ein in bezug auf ein Netz,
im Hinblick auf eine Reuse. Und auch wenn er wie eben etwas dachte, lag
Andersartiges vor, keine Bereicherung, mehr ein Traum.

Hell sa er am Strand. Er fhlte sich leicht und durchsichtig und schien
sich nicht mehr unsauberer zu sein als ein bewegter Stein, als ein
abgerundeter Block, gehalten von einer leichten Organisation.

Und wenn er auf die Insel aus dem Gefhl einer Aufgabe heraus gekommen war,
an Gegenstnden, die er mglichst isoliert unter wenig vernderlichen
Bedingungen beobachten konnte, den Begriff nachzuprfen, so sprte er jetzt
schon etwas wie Erfllung: Die Begriffe, schien ihm, sanken herab. Wie
hatte zum Beispiel Meer auf ihm gelegen, ein sprachlicher Bestand,
abgeschnrt von allen hellen Wssern, beweglich, aber doch hchstens als
Systemwiesel, das Ergebnis eines Denkprozesses, ein allgemeinster Ausdruck.
Jetzt aber, schien es ihm, wanderte er dahin zurck, wo es unabsehbare
Wsser gab im Sden und im Norden brackige Flut, und Wellen eine Lippe
unerwartet salzten. Leise schwand der Drang, es schrfer aufzurichten, es
unantastbarer zu umreien gegenber Dnen und einem See. Leise fhlte er
ihn vergessen, ihn zurckerstatten an seine Wesenheit, an die Mwe und den
Tang, den Sturmgeruch und alles Ruhelose. -- -- -- -- --

                                * * *

Rnne lebte einsam seiner Entwicklung hingegeben und arbeitete viel. Seine
Studien galten der Schaffung der neuen Syntax. Die Weltanschauung, die die
Arbeit des vergangenen Jahrhunderts erschaffen hatte, sie galt es zu
vollenden. Den Du-Charakter des Grammatischen auszuschalten, schien ihm
ehrlicherweise notwendig, denn die Anrede war mythisch geworden.

Er fhlte sich seiner Entwicklung verpflichtet und die ging auf
Jahrtausende zurck.

Die Umgestaltung der Bewegung zu einer Handlung unter Vorwegnahme des
Zieles lag im Unentschleierbaren, wo der Mensch begann. Das war gegeben.
Auch da er hin und her die Augen aufschlug: in helle Himmel, ber Wsten,
am Nil, und an den Myrtenlagunen die Geigenvlker -- -- aber hier im Norden
drngte es zur Entscheidung: zwischen Hunger und Liebe war der dritte Trieb
getreten. Aus dem schlechten Atem der Asketen, aus ermatteten
Geschlechtlichkeiten unter den verdickten Lften der Nebellnder wuchs sie
hervor, die Erkenntnis, Hekatomben rchelnd nach der Einheit des Denkens,
und die Stunde der Erfllung schien gekommen.

Hatte Kartesius noch die Zirbeldrse fr den Sitz der Seele angenommen, da
ihr ueres dem Finger Gottes: gelblich, langgestreckt, milde und doch
drohend, gleichen mochte, so hatten die Hirnphysiologen festgestellt, wann
beim Einstich in die Hirnmasse Zucker im Harn, wann Indigo auftrat, ja wann
korrelativ der Speichel flo. Die Psychologie hatte den Begleitcharakter
des Gefhls zu den Empfindungen erkannt, den ihnen zustehenden generellen
Wert der Abwehr des Schdlichen in genauen Kurven festgelegt, die
Ablesbarkeit der individuellen Differenzen war vollendet. Die
Erkenntnistheorie schlo ab, mit der Erneuerung Berkeleyischer Ideen einem
Panpsychismus zum Durchbruch zu verhelfen, der dem Wirklichen den Rang
kondensierter Begriffe in der Bedeutung geschlechtlich besonders betonter
Umwelt zum Zwecke bequemer Arterhaltung zuwies.

Dies alles gilt als ausgemacht, sagte sich Rnne. Dies wird seit
Jahrfnften gelehrt und hingenommen. Wo aber blieb die Auseinandersetzung
innerhalb seiner selbst, wo fand die statt? Ihr Ausdruck, das Sprachliche,
wo vollzog sich das?

Unter Grbeln trat er vor ein Feld mit einem Mann, den er aus der Anstalt
mitgenommen hatte:

Mohn, pralle Form des Sommers, rief er, Nabelhafter: Gruppierend
Bauchiges, Dynamit des Dualismus: Hier steht der Farbenblinde, die
Rte-Nacht. Ha, wie Du hinklirrst! Ins Feld gestrzt, Du Ausgezackter,
Reiz-Felsen, ins Kraut geschwemmt, -- und alle sen Mittage, da mein Auge
auf Dir schlief letzte stille Schlafe, treue Stunden -- -- An Deiner Narbe
Blauschatten, an Deine Flatterglut gelehnt, gewrmt, getrstet, hingesunken
an Deine Feuer: angeblht!: nun dieser Mann --: auch Du! Auch Du! -- -- An
meinen Randen spielend, in Sommersweite, all mein Gegenglck -- und nun: wo
bin ich nicht?

Wo bin ich nicht, dachte er, und wandte sich in der Richtung nach der
Anstalt, und wo tritt das Ereignis nicht in das Gegebene? Da unten sind
Zimmer. An Tischen sitzen Mnner, Direktoren und Beamte, zwischen
Denkansten geht der Zahnstocher hin und her.

Aus Ereignissen des tglichen Daseins und Rennberichten spielt der
psychische Komplex sich ab. Es tritt auf das Befremdende, das Abweichende,
ja bis zum Widersprechenden stellt es sich ein. Wachgerufen wird in den
Bewutseinsablufen das Bestreben, das Ungeklrte zu entwirren, das
Zweifelhafte sicherzustellen, der berbrckung des Zwiespalts gilt das
Wort. Es tritt die Erfahrung hervor, Beweis und Abwehr gibt sie an die
Hand; und die Beobachtung, hier und da gemacht, wenn auch nicht eindeutig,
soll sie vllig wertlos sein? Schon weicht das Dunkle. Schon glttet sich
das Krause, und da kein Widerspruch mehr besteht, nun blaut es herab.

Immer blaut bald etwas herab, zum Beispiel der Kalbsbraten, den doch jeder
kennt. Jh tritt er an einem Stammtisch auf, und es ranken sich um ihn die
Individualitten. Geographische Besonderheiten, Eigentmlichkeiten des
Geschmacklichen werden hervortreten, der Drang zur Nuance um ihn sein. Es
wird branden der Streit und das Erschlaffen, der Angriff und die Vershnung
um den Kalbsbraten, den Entfesseler des Psychischen.

Und das Morgendliche, wem begegnet es? Einer Frau, die sich auergewhnlich
in der Frhe erhebt; alle Khle und sein Tau rinnen in das Wesen, das
schreitet. Weiterleitung tritt ein, ein Ausruf wird erfolgen, Bestnde von
Erzhlungen ber frhe Gnge werden gebildet: -- berall stehen die
Verarbeitungsbehlter und was und wird, ist lngst geschehen.

Wann gab es Umstrmte? Ich mu alles denken, ich mu alles zusammenfassen,
nichts entgeht der logischen Verknpfung. Anfang und Ende, aber ich
geschehe. Ich lebe auf dieser Insel und denke Zimtwlder. In mir
durchwchst sich Wirkliches und Traum. Was blht der Mohn, wenn er sich
entrtet; der Knabe spricht, aber der psychische Komplex ist vorhanden,
auch ohne ihn. --

Die Konkurrenz zwischen den Associationen, das ist das letzte Ich -- dachte
er und schritt zurck zur Anstalt, die auf einem Hgel am Meere lag. Hngt
aus meiner Tasche eine Zeitung, ein buchhndlerisches Phnomen, bietet es
Anknpfungen zu Bewegungsvorgngen an Mitmenschen, sozusagen zu einem
Geschehnis zwischen Individualitten. Sagt der Kollege, Sie gestatten das
Journal, liegt ein Reiz vor, der wirkt, ein Wille, der sich auf etwas
richtet, motorische Konkurrenzen, aber jedenfalls immer das Schema der
Seele, die Vitalreihe ist es, die die Fallen stellt.

Wir sind am Ende; fhlte er, wir berwanden unser letztes Organ. Ich werde
den Korridor entlang gehen, und mein Schritt wird hallen. Denn mu im
Korridor der Schritt nicht hallen? Jawohl, das ist das Leben, und im
Vorbeigehen ein Scherzwort an die Beamtin? Jawohl, auch dies! --

                                * * *

Da landete das Schiff, das alle Wochen an die Insel kam, und mit den Gsten
stieg eine Frau ans Land, die eine Weile hier wohnen wollte.

Rnne lernte sie kennen, warum sollte er sie nicht kennen lernen: einen
Haufen sekundrer Geschlechtsmerkmale, anthropoid gruppiert.

Aber bald fragte er sich beunruhigt, ich suche ihren Umgang, doch das
Denkerische ist es nicht, was aber ist es? Sie ist mittelgro, blond, mit
Wasserstoff gebleicht und grau an den Schlfen. Ihre Augen liegen in der
Ferne, unverrckbar grau von Nebel die Pupille -- aber ich spre es wie
Flucht, ich mu sie beformeln:

Ihr Wesen: sie liebt weie Blumen, Katzen und Kristalle und sie kann des
Nachts allein nicht schlafen, denn sie liebt es so, ein Herz zu hren, wo
aber soll das Prinzip ansetzen und die Zusammenfassung erfolgen? Nie
begehrt sie eine Zrtlichkeit, aber wenn man sich ihr nhert, tritt man
unter das Dach der Liebe, und pltzlich steht sie ber mir in einer
Stellung; die ihr Schmerzen machen mu, unbeweglich und lange -- -- welch
erschtternde Verwirrung!

Witternd Gefahr, hrend aus der Ferne einen Strom, der herangurgelte, ihn
aufzulsen, schlug er um sich die soziologischen Bestnde.

Wie, auf der Nachbarinsel war die Hirse stockig? War es gut gehandelt an
dem kleinen Mann? Wo blieb Redlichkeit und Bruderku? Wenn die verging, was
blieb? -- Oder: wirklich hingegeben an die bliche Menge gemahlenen Tees,
in einer Flasche geschttelt, gefllt, gekorkt und nochmals geschttelt,
und die bermittelt dem Bekannten, dem Nachbar oder dem Wibegierigen
redlichen Sinnes und helfender Gesinnung, was blieb dann noch der
Verfhrung zugnglich; er, der schlichte Schamtrger in seiner staatlichen
Verquickung, -- nun durfte wohl Friede sein, endlich, ja?

Aber schon wieder war die Lockung da, die Frau, das Strmende, und befreit
atmete er der Wrterin entgegen, die kam: ein krankes Knie! Wie verdichtet
es sich zur Wirklichkeit. Welch starke Formel! Amtlich verpflichtet zur
Anerkennung meinerseits! Kniekrankheiten, Schwellungen,
Entzndungsvorgnge. -- Fester Boden -- Mnnlichkeiten!

Dann wieder: Jede Erscheinung hat ihr oberstes Prinzip, und er schritt
getrstet an den Strand; es gilt nur festzulegen, welches das ihre ist; das
System ist allgtig, es enthlt auch sie. Es enthlt auch sie, die keine
Treue und keinen Wortbruch kennt, die zur Stunde nicht kommen kann, weil
die Fischerin eine Angel trug, und die Salpen glnzten -- Erfahrung
sammeln, Deduktionen, sein stiller Himmel auch ber ihr! Aber dann: Ihre
Hfte, wenn sie neben ihm ging, rauschte wie das Sinnlose und ihre Schulter
war behaart vom Chaos.

Tiefer warf er sich ber seine Bcher, hmmernd seine Welt. Aber wie? In
den angesehendsten naturwissenschaftlichen Journalen konnten neuerdings
Raum finden, ja anerkennend besprochen werden Arbeiten dieses
eigentmlichen Inhalts?

Das Werk eines unbekannten jdischen Arztes aus Danzig, der wrtlich ber
die Gefhle aussagte, da sie tiefer reichten als die geistige Funktion?
Da das Gefhl das groe Geheimnis unseres Lebens sei und die Frage seiner
Entstehung unbeantwortbar?? Um es vollends zu Ende zu denken: das Gefhl
gehre nicht mehr zu den Empfindungen??

Wute er denn, was es bedeutete, wenn die Gefhle nicht mehr vom Reiz
abhingen, wie er, Rnne, gelernt; wenn er sie den dunklen Strom nannte, der
aus dem Leibe brach? Das Unberechenbare?

Wute der Verfasser wohl, vor welche Fragen die Konsequenzen seiner neuen
Lehre fhrten, wute dieser vllig unbekannte Mann wohl die ganze Schwere
seiner Behauptung, die er ohne jede Ankndigung, ohne Sichtbarmachung auf
dem Titelblatt einfach in einem Buch mit farblosem grauen Deckel in die
Welt schickte, wute er vielleicht, da er die Frage beantwortete, ob es
Neues gbe?

Rnne atmete tief. War dies etwa schon eine neue Wissenschaft, die nach ihm
kam? Jede Befruchtung enthielte den Keim eines unerhrt Neuen, der
Zusammentritt von Einheiten war in der Generationsfolge fortgesetzt in der
Gestalt der Zweigeschlechtlichkeit, und in ihr galt es, die gewaltige
schpferische Macht anzuerkennen, die das Leben zur Hhe erhoben hatte?

Rnne bebte. Er sah nochmals auf das Journal, das die Besprechung gebracht
hatte, auf den Namen des Referenten, der die Kritik gezeichnet hatte: er
war sein Lehrer gewesen.

Schpferischer Mensch! Neuformung des Entwickelungsgedankens aus dem
Mathematischen ins Intuitive --: was aber wurde aus ihm, dem Arzt, gebannt
in das Quantitative, dem beruflichen Bejaher der Erfahrung?

Trat er vor einen Rachen, und die Schwellung war bedrohlich -- war sie
intuitiv coupierbar? mute er sich nicht zusammenraffen zu analytischen
Phnomenen, Empirien, zielstrebigen Gesten, dem ganzen Grauen bejahter
Wirklichkeiten, zu einer Hypothese von Realitt, die er
erkenntnistheoretisch nicht mehr halten konnte, um des Kindes willen, das
schon blau war, des Rachens halber, der erstickte, und der Geld abwarf und
von Amts wegen?

Pltzlich fhlte er sich tief ermdet und ein Gift in seinen Gliedern. Er
trat an ein Fenster, das in den Garten ging. In dem stand schattenlos die
Blte wei, und voll Spiel die Hecke; an allen Grsern hing etwas, das
zitterte; in den Abend lsten sich Dfte aus Struchern, die leuchteten,
grenzenlos und fr immer.

Einen Augenblick streifte es ihn am Haupt: eine Lockerung, ein leises
Klirren der Zersprengung, und in sein Auge fuhr ein Bild: klares Land,
schwingend in Blue und Glut und zerklftet von den Rosen, in der Ferne
eine Sule, umwuchert am Fu; darin er und die Frau, tierisch und verloren,
still vergieend Sfte und Hauch.

Aber schon war es vergangen. Er fuhr sich ber die Augen. Schon sprang der
Reifen wieder um seine Stirn und eine Khle an die Schlfen: was lag denn
hier vor? Er hatte mit einer Frau zusammengelebt und hatte einmal gesehen,
da sie Rosenbltter, die welkten, von einer Kante zusammengelesen hatte,
zusammen zu einem kleinem Haufen auf einen gesteinten bunten Tisch, dann
setzte sie sich wieder, verloren an einen hellen Strauch. Das war alles,
was er wirklich von ihr wute; der Rest war, da er sich genommen war, es
rauschte und er blutete -- -- -- aber wo fhrte das hin?

Hart wurde sein Blick. Gesthlt drang er in den Garten, ordnend die Bsche,
messend den Pfad. Und nun kam es ber ihn: er stand am Ausgang eines
Jahrtausends, aber die Frau war stets; er schuldete seine Entwicklung einer
Epoche, die das System erschaffen hatte, und was auch kommen mochte, dies
war er!

Fordernd jagte er seinen Blick in den Abend und siehe, es blaute das
Hyazinthenwesen unten Duftkurven reiner Formeln, einheitliche
Geschlossenheiten, in den Gartenraum; und eine versickernde
Streichholzvettel rann teigig ber die Stufen eines Anstaltgebudes unter
Glutwerk berechenbarer Lichtstrahlen einer untergehenden Sonne senkrecht in
die Erde. --




Der Geburtstag


Allmhlich war ein Arzt ber neunundzwanzig Jahre geworden und sein
Gesamteindruck war nicht darnach, Empfindungen besonderer Art zu erwecken.

Aber so alt er war, er fragte sich dies und das. Ein Drngen nach dem Sinn
des Daseins warf sich ihm wiederholt entgegen: wer erfllte ihn: der Herr,
der rstig schritt, den Schirm im Arm; die Hkerin, die vor dem Flieder
sa, der Markt war aus, im Abendwehn; der Grtner, der alle Namen wute:
Kirschlorbeer und Kakteen, und dem die rote Beere im toten Busch vorjhrig
war?

Aus der norddeutschen Ebene stammte er. In sdlichen Lndern natrlich war
der Sand leicht und lose; ein Wind konnte -- das war nachgewiesen -- Krner
um die ganze Erde tragen; hier war das Staubkorn, gro und schwer.

Was hatte er erlebt: Liebe, Armut und Rntgenrhren; Kaninchenstlle und
krzlich einen schwarzen Hund, der stand auf einem freien Platz, bemht um
ein groes rotes Organ zwischen den Hinterbeinen hin und her, beruhigend
und gewinnend; herum standen Kinder, Blicke von Damen suchten das Tier,
halbwchsige Jugend wechselte die Stellung, den Vorgang im Profil zu sehen.

Wie hatte er das alles erlebt: er hatte Gerste eingefahren von den Feldern,
auf Erntewagen, und das gro: Mandel, Kober und Kimme vom Pferd. Dann war
der Leib eines Fruleins voll Wasser und es galt Abflu und Drainage. Aber
ber allem schwebte ein leises zweifelndes Als ob: als ob Ihr wirklich
wret Raum und Sterne.

Und nun? Ein grauer nichtssagender Tag wrde es sein, wenn man ihn begrub.
Die Frau war tot; das Kind weinte ein paar Trnen. Er hatte sich nie viel
um es gekmmert, es war Lehrerin und mute abends noch in Hefte sehen. Dann
war es aus. Beeinflussung von Gehirnen durch und ber ihn zu Ende. Es trat
in ihr Recht die Erhaltung der Kraft.

Wie hie er mit Vornamen? Werff.

Wie hie er berhaupt? Werff Rnne.

Was war er? Arzt in einem Hurenhaus.

Was schlug die Uhr? Zwlf. Es war Mitternacht. Er wurde dreiig Jahre. In
der Ferne rauschte ein Gewitter. In Maiwlder brach die Wolke auf.

Nun ist es Zeit, sagte er sich, da ich beginne. In der Ferne rauscht ein
Gewitter, aber ich geschehe. In Maiwlder bricht die Wolke auf, aber
_meine_ Nacht. Ich habe nrdliches Blut, das will ich nie vergessen. Meine
Vter fraen alles, aus Trgen und Stall. Aber ich will mich, sprach er
sich Mut zu, auch nur ergehen. Dann wollte er sich etwas Bildhaftes
zurufen, aber es milang. Dies wieder fand er bedeutungsvoll und
zukunftstrchtig: vielleicht sei schon die Metapher ein Fluchtversuch, eine
Art Vision und ein Mangel an Treue.

                                * * *

Durch stille blaue Nebel, vom nahen Meer in das Land getrieben, schritt
Rnne, als er am nchsten Morgen in sein Krankenhaus ging.

Das lag auerhalb der Stadt und aller Pflasterwege. Er mute ber Boden
gehen, der war weich, der lie Veilchen durch; gelst und durchronnen
schwankte er um den Fu.

Da aus Grten warf sich ihm der Krokus entgegen, die Kerze der Frhmett des
Dichtermunds, und zwar gerade die gelbe Art, die Griechen und Rmern der
Inbegriff alles Lieblichen gewesen, was Wunder, da sie ihn in das Reich
der Himmlischen versetzten? In Teichen von Krokussften badete der Gott.
Ein Kranz von Blten wehrte dem Rausch. Am Mittelmeer die Safranfelder: die
dreiteilige Narbe; flache Pfannen; Rohaarsiebe ber Feuern, leicht und
offen.

Er trieb sich an: arabisches Za-fara, griechisches Krok. Es stellte sich
ein Korvinius, Knig der Ungarn, der es verstanden hatte, beim Speisen
Safranflecke zu vermeiden. Mhelos nahte sich der Frbestoff, das Gewrze,
die Bltenmatte und das Alpental.

Noch hingegeben der Befriedigung, so ausgiebig zu assoziieren, stie er auf
ein Glasschild mit der Aufschrift: Cigarette Maita, beleuchtet von einem
Sonnenstrahl. Und nun vollzog sich ber Maita -- Malta -- Strnde --
leuchtend -- Fhre -- Hafen -- Muschelfressen -- Verkommenheiten -- der
helle klingende Ton einer leisen Zersplitterung, und Rnne schwankte in
einem Glck. Dann aber betrat er das Hospital: ein unnachgiebiger Blick,
ein unerschtterlicher Wille: die heute ihm entgegentretenden Reize und
Empfindungen anzuknpfen an den bisherigen Bestand, keine auszulassen, jede
zu verbinden. Ein geheimer Aufbau schwebte ihm vor, etwas von Panzerung und
Adlerflug, eine Art Napoleonischen Gelstes, etwa die Eroberung einer
Hecke, hinter der er ruhte, Werff Rnne, dreiigjhrig, gefestigt, ein
Arzt.

                                * * *

Ha, heute nicht einfach, Beine breit und herab vom Stuhl, mein Frulein,
die feine blaue Ader von der Hfte in das Haar, die wollen wir uns merken!
Ich kenne Schlfen mit diesen Adern, es sind schmale weie Schlfen, mde
Gebilde, aber diese will ich mir merken, geschlngelt, ein stchen
Veilchenblut! Wie? Wenn nun das Gesprch auf derchen kommt -- gepanzert
stehe ich da, in Sonderheit auf Hautderchen: An der Schlfe?? O meine
Herren!! Ich sah sie auch an anderen Organen, fein geschlngelt, ein
stchen Veilchenblut. Vielleicht eine Skizze gefllig? So verlief sie --,
soll ich aufsteigen? Die Einmndung? Die groe Hohlvene? Die Herzkammer?
Die Entdeckung des Blutkreislaufes -- -- --? Nicht wahr, eine Flle von
Eindrcken steht Ihnen gegenber? Sie tuscheln, wer ist der Herr? Gesammelt
steht er da? Rnne ist mein Name, meine Herren. Ich sammle hin und wieder
so kleine Beobachtungen; nicht uninteressant, aber natrlich gnzlich
belanglos, kleiner Beitrag zum groen Aufbau des Wissens und Erkennens des
Wirklichen, ha! ha!

Und Sie, meine Damen, wir kennen uns doch! Gestatten Sie, da ich Sie
erschaffe, umkleide mit Ihren Wesenheiten, mit Ihren Eindrcken in mir,
unzerfallen ist das Leitorgan, es wird sich erweisen, wie es sich erinnert,
schon steigen Sie auf.

Sie sprechen den Teil an, den Sie lieben. In sein Auge sehen Sie, geben
Seele und Hauch. -- Sie haben die Narben zwischen den Schenkeln, ein
Araberbey; groe Wunden mssen es gewesen sein, gerissen von der
lasterhaften Lippe Afrikas. -- Sie aber schlafen mit der weien gyptischen
Ratte, Ihre Augen sind rosarot; Sie schlafen auf der Seite, an der Hfte
das Tier. Seine Augen sind glsern und klein wie zwei rote Kaviarkrner. In
der Nacht befllt sie der Hunger. ber die Schlafende steigt das Tier. Auf
dem Nachttisch steht ein Teller mit Mandeln. Leise steigt es zurck an die
Hfte, schnuppernd und stutzend. Oft erwachen Sie, wenn sich der Schwanz
ber die Oberlippe schlngelt, khl und hager.

Einen Augenblick prfte er in sich hinein. Aber machtvoll stand er da.
Erinnerungsbild an Erinnerungsbild gereiht, dazwischen rauschten die Fden
hin und her.

Und Sie aus dem Freudenhaus in Aden, brtend an Wste und Rotem Meer. ber
die Marmorwnde rinnt alle Stunde bluliches Wasser. Aus Gittern am Boden
steigen Wolken aus rucherndem Kraut. Alle Vlker der Erde kennen Sie nach
der Liebe. Ihre Sehnsucht ist ein bescheidenes Haus am dnischen Sund.
Kommen letzte Wallungen, ein Billard, vor dem Knaben im leichten Anzug
spielen. -- Und Sie, in dem Bordell, durch das der Krieg gezogen, zwischen
Geschirr und Leder tglich hundertfach zerborsten unter unbekannten
Gliedern oder auch unter Ballen aus Blutungen und Kot.

Verklrt stand er vor sich selbst. Wie er es hervorspielte, ach, spielte!
regenbogente! grnte! eine Mainacht ganz unnennbar! Er kannte sie alle.
Gegenber stand er ihnen, sauber und ursprnglich. Er war nicht schwach
gewesen. Starkes Leben blutete durch sein Haupt.

Er kannte sie alle; aber er wollte mehr. An ein sehr gewagtes Gebiet wollte
er heran; es gab wohl ein Bewutseinsleben ohne Gefhle oder hatte es
gegeben, aber unsere Neigungen -- dieses Satzes entsann er sich deutlichst
-- sind unser Erbteil. In ihnen erleben wir, was uns beschieden ist: nun
wollte er eine lieben.

Er sah den Gang entlang, und da stand sie. Sie hatte ein Muttermal,
erdbeerfarben, vom Hals ber eine Schulter bis zur Hfte und in den Augen,
blumenhaft, eine Reinheit ohne Ende und um die Lider eine Anemone, still
und glcklich im Licht.

Wie sollte sie heien? Edme, das war hinreiend. Wie weiter? Edme Denso,
das war berirdisch; das war wie der Ruf der neuen sich vorbereitenden
Frau, der kommenden, der ersehnten, die der Mann sich zu schaffen im Gange
war: blond, und Lust und Skepsis aus ernchterten Gehirnen.

Also: nun liebte er. Er sprte in sich hinein: Das Gefhl. Den berschwang
galt es zu erschaffen gegen das Nichts. Lust und Qual zu treiben in den
Mittag, in ein kahles graues Licht. Aber nun mute es auch flirren! Es
waren starke Empfindungen, denen er gegenberstand. Er konnte in diesem
Land nicht bleiben. --: Sdlichkeiten! berhhung!

Edme, in Luxor ein flaches weies Haus oder in Kairo den Palast? Das Leben
in der Stadt ist heiter und offen, berhmt ist das Licht, klar vor Glut,
und pltzlich kommt die Nacht. Du hast unzhlige Fellachenfrauen zu deiner
Bedienung, zu Gesang und Tnzen. Du wirst zu Isis beten, die Stirn an
Sulen lehnen, deren Kapitle an den Ecken die platten Kpfe mit den langen
Ohren tragen; zwischen Stelzvgeln in Schluchten von Sykomoren stehen.

Einen Augenblick suchte er. Es war etwas wie Kopthe aufgestiegen, aber er
vermochte es nicht zu frdern. Nun sang er wieder, der Weiche im Glck.

Der Winter kommt, und die Felder grnen; einige Bltter des Granatstrauchs
fallen, aber das Korn schiet auf vor deinen Augen. Was willst du haben:
Narzissen oder Veilchen das Jahr hindurch in dein Bad geschttet morgens,
wenn du dich spt erhebst; willst du nachts durch kleine Nildrfer
streichen, wenn auf die krummen Straen die groen klaren Schatten fallen
durch den hellen sdlichen Mond? Ibiskfige oder Reiherhuser?
Orangengrten, gelbflammend und Saft und Dunst ber die Stadt wlkend in
der Mittagsstunde, von Ptolomertempeln einen geschnittenen Fries?

Er hielt inne. War das gypten? War das Afrika um einen Frauenleib, Golf
und Liane um der Schultern Flut? Er suchte hin und her. War etwas
zurckgeblieben?? War Hinzufgbares vorhanden? Hatte er es erschaffen:
Glut, Wehmut und Traum?

Aber was fr ein eigentmliches Wehen in seiner Brust! Eine Erregung, als
strme er hin. Er verlie das Untersuchungszimmer, durchschritt die Halle
in den Park. Es zog ihn nieder, auf den Rasen zog es ihn, leichthingemht.

Wie hat es mich mde gemacht, dachte er, mit welcher Strke! Da durchschlug
ihn, da Erblassen die Frucht sei und die Trne der Schmerz --:
Erschtterungen! Klaffende Ferne!

ppig glhte der Park. Ein Busch auf dem Rasen trug Blattwerk wie Farren,
jeder Fcher gro und fleischig wie ein Reh. Um jeden Baum, der blhte, lag
die Erde, geschlossen, ein Kbel, ihn trnkend und ihm vllig preisgegeben.
Himmel und Blten: weich, aus Augen, kamen Blue und Schnee.

-- Schluchzender, Edme, dir immer nher! Eine Marmorbrstung beschlgt das
Meer. Sdlich versammelt Lilien und Barken. Eine Geige erffnet dich bis in
dein Schweigendes hinein. --

Er blinzelte empor. Er zitterte: Gegen den Rasen strmte der Glanz, feucht
aus einer goldenen Hfte; und Erde, die den Himmel bestieg. Am Ranft gegen
die Schatten rang gebreitet das Licht. Hin und her war die Zunge einer
Lockung: aus ihrem Gefieder Bltengsse entwichen der Magnolie in ein
Wehen, das vorbertrieb.

Edme lachte: Rosen und helles Wasser.

Edme ging: Durch Steige, zwischen Veilchen, in einem Licht von Inseln, aus
osmiumblauen Meeren, kurz von Quader und Stern; Tauben, Feldflchter,
hackten Silber mit den Schwingen.

Edme brunte sich, ein bluliches Oval. Vor Palmen spielte sie, sie hatte
viel geliebt. Wie eine Schale trug sie ihre Scham khl durch die Beugung
des erwrmten Schritts, auf der Hfte die Hand schwer, erntegelb, unter
Korn und Samen.

Im Garten wurde Vermischung. Nicht mehr von Farben hallte das Beet,
Bienengesumm nicht mehr brunte die Hecke. Erloschen war Richtung und
Geflle: Eine Blte, die trieb, hielt inne und stand im Blauen, Angel der
Welt. Kronen lsten sich weich, Kelche sanken ein, der Park ging unter im
Blute des Entformten. Edme breitete sich hin. Ihre Schultern gltteten
sich, zwei warme Teiche. Nun schlo sie die Hand, langsam, um einen Schaft,
die Reife in ihrer Flle, brunlich abgemht an den Fingern, unter groen
Garben verklrter Lust -- --:

Nun war ein Strmen in ihm, nun ein laues Entweichen. Und nun verwirrte
sich das Gefge, es entsank fleischlich sein Ich --:

-- Es hallten Schritte ber das Geflle eines Tals durch eine flache weie
Stadt; dunkle Grten schlossen die Gassen. Auf Simsen und Architraven, die
zerfallend Gtter und Mysterien herhielten, verteilt durch ein
florentinisches Land, lagen Tropfen hellen Bluts. Ein Schatten taumelte
zwischen Gliedern, die stumm waren, zwischen Trauben und einer Herde; ein
Brunnen rann, ein splitterndes Spiel.

Im Rasen lag ein Leib. Aus Kellern splte ein Dunst; es war Essenszeit,
Pfeifen und Grieben, der schlechte Atem eines Sterbenden.

Aufsah der Leib: Fleisch, Ordnung und Erhaltung riefen. Er lchelte und
schlo sich wieder; schon vergehend sah er auf das Haus: was war geschehen?
Welches war der Weg der Menschheit gewesen bis hierher? Sie hatte Ordnung
herstellen wollen in etwas, das htte Spiel bleiben sollen. Aber
schlielich war es doch Spiel geblieben, denn nichts war wirklich. War er
wirklich? Nein; nur alles mglich, das war er.

Tiefer bettete er den Nacken in das Maikraut, das roch nach Thyrsos und
Walpurgen. Schmelzend durch den Mittag kieselte bchern das Haupt.

Er bot es hin: das Licht, die starke Sonne rann unaufhaltsam zwischen das
Hirn. Da lag es: kaum ein Maulwurfshgel, mrbe, darin scharrend das Tier.

                                * * *

Was aber ist mit dem Morellenviertel, fragte er sich bald darauf? Hinter
dem Palast, um dessen Pfeiler Lorbeer steht, brechen Gassen in die Tiefe,
den Hang hinunter steht Haus bei Haus klein herab.

Einugige lungern um Schneckenwagen. Sie legen Geld hin. Frauen kerben die
Schale auf. Ein Schnitt im Kreis und das Fleisch hngt rosa aus der
Muschel. Sie tauchen es in eine Tasse mit Brhe und beien. Die Frau
hustet, und sie mssen weiter.

Wahrsager mit Hilfe von Ideenbertragung klingeln unaufhrlich schrill
namentlich an Damen gewandt und haben Batterien.

Zigeunerinnen vor Karren, Rochen, flacher, violett und silbern, mit
abgehackten Kpfen; welche zur Hlfte gespalten, eingekerbt und zum
Trocknen gehangen; dazwischen krumme, drre Fische, kupfern und schillernd.

Es riecht nach Brand und alten Fetten. Unzhlige Kinder verrichten ihre
Notdurft, ihre Sprache ist fremd.

Was ist es mit dem Morellenviertel, fragte sich Rnne. Ich mu es bestehen!
Auf! Hinab! Ich schwor mir, nie will ich dieses Bild vergessen: des
Sommers, der eine Mauer schlug mit Bschen, flammend von Gefieder, mit
Strauchgerten, beiend von dichten, blauen Fleischen, gegen eine Mauer, die
nicht strmte, die feuchte, blaue Ranke!

Er jagte herunter. Um die hohe Gasse rann es zusammen: kleine Huser,
unterwhlt von langen, schmalen Hhlen, die spieen Gebein aus, Junges
strotzend, Altes mrbe, hochgegrtet die Scham.

Was wurde verkauft: Holzpantoffeln fr die Notdurft, grne Kle fr das
Ich, Ankerschnpse fr die Lust, Ntigstes des Leibes und der Seele,
Salbenbchsen und Madonnen.

Was ging vor sich: kleine Kinder vor Knieenden, dicht, eben ihrer Brust
entsprungen; rauhe Stimmen, verkommen ber verbranntes Gestein; tiefer als
denkbar grub ein Herr in die Tasche; Schdel, eine Wste, Leiber, eine
Gosse, tretend Erde, kauend: Ich und du.

Auge, fernevolles, Blut, traumrauschend, rief er sich zu, deine
Mittagsflge, wehe sie! mu Rnne schon vergehen, unverschanzt?:

Groe Woge ist die Frau, gute Mutter, die die Fische wendet hin und her,
auf dem Rcken sind sie braun gefleckt, Brckel Bltenstaub und
Samenpulver?

Eines Rahmens wert erschien das schlichte Bild: Einbrecher, bser Mann am
Kassentisch, die brave Besitzerin niedergeschlagen, letzter Blick vom Boden
gilt dem Hund??:

Und du ins Gras gelmmelt, Mittagshengst -- und jetzt schon berwlkung???
Dreiigjhrig -- und Kahlkropf ungefiedert??

Er floh tiefer in die Gasse. Aber da: ein kleines Denkmal: dem Grnder
eines Jugendstifts: die Menschenseele, das Gemeinsystem, die
Lebensverlngerung und der Stadtrat strotzten Vollbart und Vermehrung. Der
Aufbau tat sich auf: Proben der Tchtigkeit wurden abgelegt und zwar dies
wiederholt, Untersuchungen vorgenommen, die zu Feststellungen fhrten.

Wo war sein Sden hin? Der Efeufelsen? Der Eukalyptos, wo am Meer? Ponente,
Kste des Niedergangs, silberblaue die Woge her!

Er hetzte in eine Kaschemme; er schlug sich mit Getrnken heien, braunen.
Er legte sich auf die Bank, damit der Kopf nach unten hinge wegen der
Schwerkraft und des Bluts. Hilfe, schrie er! berhhung!

Sthle, Gegenstnde fr Herren, die bei nach vorn gebogenen Knien einen
Sttzpunkt unter der Hinterflche der Beine haben wollten, trockneten dumpf
und nrdlich. Tische fr Gesprche wie diese: Na, wie geht's, schelmisch
und mnnlich und um die Schenkel herum liefen ehrbar durch die Zeit. Kein
Tod schleuderte die triefugige Mamsell stndlich, wenn die Uhr schlug, vor
das Nichts. Krmer scharrten; keine Lava ber den toten Schotter!

Und er? Was war er? Da sa er zwischen seinen Reizen, das Pack geschah mit
ihm. Sein Mittag war Hohn.

Wieder quoll das Gehirn herauf, der dumpfe Ablauf des ersten Tages. Immer
noch zwischen seiner Mutter Schenkel -- so geschah er. Wie der Vater stie,
so rollte er ab. Die Gasse hatte ihn gebrochen, zurck: die Hure schrie.

Schon wollte er gehen, da geschah ein Ton. Eine Flte schlug auf der grauen
Gasse, zwischen den Htten blau ein Lied. Es mute ein Mann gehen, der sie
blies. Ein Mund war ttig an dem Klang, der aufstieg und verhallte. Nun hub
er wieder an.

Von Ohngefhr. Wer hie ihn blasen? Keiner dankte ihm. Wer htte denn
gefragt, wo die Flte bliebe? Doch wie Gewlke zog er ein: wehend seinen
weien Augenblick und schon verwehend in alle Schluchten der Blue.

Rnne sah sich um: verklrt, doch nichts hatte sich verndert. Aber ihm:
bis an die Lippen stand das Glck. Sturz auf Sturz, Donner um Donner;
rauschend das Segel, lohend der Mast: Zwischen kleinen Becken drhnte
gestreckt das Dock: Gro glhte heran der Hafenkomplex:

ber die Felsen steigt das Licht, schon nimmt es Schatten an, die Villen
schimmern und der Hintergrund ist bergerfllt. Eine schwarze Rauchpinne
verfinstert die Mole, indes mit der gekruselten Welle das winzige
Lokalboot kmpft. ber die Landungsbrcke, die schwankt, eilt der
geschftige Facchini; Hojo -- tirra -- Hoy --, klingt es; es flutet der
volle Lebensstrom. Gegen tropische und subtropische Striche, Salzminen und
Lotosflsse, Berberkarawanen, ja gegen den Antipoden selbst steht der
Schiffsbauch gerichtet; eine Ebene, die die Mimose sumt, entleert
rtliches Harz, ein Abhang zwischen Kalkmergel, den fetten Ton. Europa,
Asien, Afrika: Bisse, tdliche Wirkungen, gehrnte Vipern; am Kai das
Freudenhaus tritt dem Ankmmling entgegen, in der Wste schweigend steht
das Sultanhuhn. --

Noch stand es schweigend, schon geschah ihm die Olive.

Auch die Agave war schn, aber die Taggiaska kam, feinlig, die
blauschwarze, schwermtig vor dem Ligurischen Meer.

Himmel, selten bewlkt, Rosen ein Geflle; durch alle Bsche der blaue
Golf, aber die endlosen lichten Wlder, welch ein schattenschwerer Hain!

Wurde um den Stamm das Tuch gebreitet, lag Arbeit vor. Gemisch von Hrnern,
Klauen, Ledern und wollenen Lumpen, jedes vierte Jahr war Speisung gewesen.
Jetzt aber schlugen Mnner, sonst dem Kegelspiel mit spannungsvollem Eifer
hingegeben, die Kronen, jh den Frchten zugewandt.

In der Mulme der Rsselkfer. Eine Zygne flackernd aus der Myrte. Kleine
Presse wird gedreht, schieferner Keller still durchgangen. Ernte naht sich,
Blut der Hgel, um den Hain, bacchantisch, die Stadt.

Kam Venedig, rann er ber den Tisch. Er fhlte Lagune, und ein Lsen,
schluchzend. Scholl dumpf das Lied aus alten Tagen des Dogen Dandolo,
stubte er in ein warmes Wehn.

Ein Ruderschlag: Ein Eratmen; ein Barke: Sttze des Haupts.

Fnf eherne Rosse, die Asien gab, und um die Sulen sang es: manchmal eine
Stunde, da bist Du; der Rest ist das Geschehen. Manchmal die beiden Fluten
schlagen hoch zu einem Traum. Manchmal rauscht es: wenn Du zerbrochen bist.

Rnne lauschte. Tieferes mute es noch geben. Aber der Abend kam schnell
vom Meer.

Blute, rausche, dulde, sagte er vor sich hin. Mnner sahen ihn an. Jawohl,
sagte er, ihre Sommersprossen, ihr kahler Hals, ber dessen Adamsapfel das
Haar stachelt -- unter meine Kreuzigung, ich will zur Rste gehen.

Er bezahlte rasch und erhob sich. Aber an der Tr nahm er den Blick noch
einmal zurck an das Dunkel der Taverne, an die Tische und Sthle, an denen
er so gelitten hatte und immer wieder leiden wrde. Aber da, aus dem
gerippten Schaft des Tafelaufsatzes neben der leckugigen Frau glhte aus
groem, sagenhaftem Mohn das Schweigen unantastbaren Landes, rtlichen,
toten, den Gttern geweiht. Dahin ging, da fhlte er tief, nun fr immer
sein Weg. Eine Hingebung trat in ihn, ein Verlust von letzten Rechten,
still bot er die Stirn, laut klaffte ihr Blut.

Es war dunkel geworden. Die Strae nahm ihn auf darber der Himmel, grner
Nil der Nacht.

ber das Morellenviertel aber klang noch einmal der Ton der Flte: manchmal
die beiden Fluten schlagen hoch zu einem Traum.

Da enteilte ein Mann. Da schwang sich einer in seine Ernte, Schnitter
banden ihn, gaben Krnze und Spruch. Da trieb einer, glhend aus seinen
Feldern, unter Krone und Gefieder, unabsehbar: er, Rnne.



Ende.





End of the Project Gutenberg EBook of Gehirne, by Gottfried Benn

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEHIRNE ***

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forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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     https://www.gutenberg.org

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