The Project Gutenberg EBook of Aus dem Leben eines Taugenichts, by 
Joseph von Eichendorff

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Title: Aus dem Leben eines Taugenichts
       Novelle

Author: Joseph von Eichendorff

Release Date: February 18, 2011 [EBook #35312]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM LEBEN EINES TAUGENICHTS ***




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  JOSEPH
  VON
  EICHENDORFF

  AUS DEM LEBEN
  EINES
  TAUGENICHTS

  NOVELLE

  IM
  INSEL VERLAG
  ZU
  LEIPZIG




Erstes Kapitel


Das Rad an meines Vaters Mhle brauste und rauschte schon wieder recht
lustig, der Schnee trpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten
und tummelten sich dazwischen; ich sa auf der Trschwelle und wischte
mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen
Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit
Tagesanbruch in der Mhle rumort und die Schlafmtze schief auf dem
Kopfe, der sagte zu mir: Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder
und dehnst und reckst dir die Knochen mde und lt mich alle Arbeit
allein tun. Ich kann dich hier nicht lnger fttern. Der Frhling ist
vor der Tr, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber
dein Brot. -- Nun, sagte ich, wenn ich ein Taugenichts bin, so ists
gut, so will ich in die Welt gehn und mein Glck machen. Und eigentlich
war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen,
auf Reisen zu gehn, da ich die Goldammer, welche im Herbst und Winter
immer betrbt an unserm Fenster sang: Bauer, miet mich, Bauer, miet
mich! nun in der schnen Frhlingszeit wieder ganz stolz und lustig vom
Baume rufen hrte: Bauer, behalt deinen Dienst! -- Ich ging also in das
Haus hinein und holte meine Geige, die ich recht artig spielte, von der
Wand, mein Vater gab mir noch einige Groschen Geld mit auf den Weg, und
so schlenderte ich durch das lange Dorf hinaus. Ich hatte recht meine
heimliche Freude, als ich da alle meine alten Bekannten und Kameraden
rechts und links, wie gestern und vorgestern und immerdar, zur Arbeit
hinausziehen, graben und pflgen sah, whrend ich so in die freie Welt
hinausstrich. Ich rief den armen Leuten nach allen Seiten recht stolz
und zufrieden Adjes zu, aber es kmmerte sich eben keiner sehr darum.
Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemte. Und als ich endlich ins
freie Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe Geige vor und spielte und
sang, auf der Landstrae fortgehend:

    Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
    Den schickt er in die weite Welt,
    Dem will er seine Wunder weisen
    In Berg und Wald und Strom und Feld.

    Die Trgen, die zu Hause liegen,
    Erquicket nicht das Morgenrot,
    Sie wissen nur vom Kinderwiegen,
    Von Sorgen, Last und Not um Brot.

    Die Bchlein von den Bergen springen,
    Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,
    Was sollt ich nicht mit ihnen singen
    Aus voller Kehl und frischer Brust?

    Den lieben Gott la ich nur walten;
    Der Bchlein, Lerchen, Wald und Feld
    Und Erd und Himmel will erhalten,
    Hat auch mein Sach aufs best bestellt!

Indem, wie ich mich so umsehe, kommt ein kstlicher Reisewagen ganz nahe
an mich heran, der mochte wohl schon einige Zeit hinter mit drein
gefahren sein, ohne da ich es merkte, weil mein Herz so voller Klang
war, denn es ging ganz langsam, und zwei vornehme Damen steckten die
Kpfe aus dem Wagen und hrten mir zu. Die eine war besonders schn und
jnger als die andere, aber eigentlich gefielen sie mir alle beide. Als
ich nun aufhrte zu singen, lie die ltere stillhalten und redete mich
holdselig an: Ei, lustiger Gesell, Er wei ja recht hbsche Lieder zu
singen. Ich nicht zu faul dagegen: Ew. Gnaden aufzuwarten, wt ich
noch viel schnere. Darauf fragte sie mich wieder: Wohin wandert Er
denn schon so am frhen Morgen? Da schmte ich mich, da ich das selber
nicht wute, und sagte dreist: Nach Wien; nun sprachen beide
miteinander in einer fremden Sprache, die ich nicht verstand. Die
jngere schttelte einigemal mit dem Kopfe, die andere lachte aber in
einem fort und rief mir endlich zu: Spring Er nur hinten mit auf, wir
fahren auch nach Wien. Wer war froher als ich! Ich machte eine Reverenz
und war mit einem Sprunge hinter dem Wagen, der Kutscher knallte, und
wir flogen ber die glnzende Strae fort, da mir der Wind am Hute
pfiff.

Hinter mir gingen nun Dorf, Grten und Kirchtrme unter, vor mir neue
Drfer, Schlsser und Berge auf; unter mir Saaten, Bsche und Wiesen
bunt vorberfliegend, ber mir unzhlige Lerchen in der klaren blauen
Luft -- ich schmte mich, laut zu schreien, aber innerlichst jauchzte
ich und strampelte und tanzte auf dem Wagentritt herum, da ich bald
meine Geige verloren htte, die ich unterm Arme hielt. Wie aber dann die
Sonne immer hher stieg, rings am Horizont schwere weie Mittagswolken
aufstiegen und alles in der Luft und aus der weiten Flche so leer und
schwl und still wurde ber den leise wogenden Kornfeldern, da fiel mir
erst wieder mein Dorf ein und mein Vater und unsere Mhle, wie es da so
heimlich khl war an dem schattigen Weiher und da nun alles so weit,
weit hinter mir lag. Mir war dabei so kurios zumute, als mt ich wieder
umkehren; ich steckte meine Geige zwischen Rock und Weste, setzte mich
voller Gedanken auf den Wagentritt hin und schlief ein.

Als ich die Augen aufschlug, stand der Wagen still unter hohen
Lindenbumen, hinter denen eine breite Treppe zwischen Sulen in ein
prchtiges Schlo fhrte. Seitwrts durch die Bume sah ich die Trme
von Wien. Die Damen waren, wie es schien, lngst ausgestiegen, die
Pferde abgespannt. Ich erschrak sehr, da ich auf einmal so allein sa,
und sprang geschwind in das Schlo hinein, da hrte ich von oben aus dem
Fenster lachen.

In diesem Schlosse ging es mir wunderlich. Zuerst, wie ich mich in der
weiten khlen Vorhalle umschaue, klopft mir jemand mit dem Stocke auf
die Schulter. Ich kehre mich schnell um, da steht ein groer Herr in
Staatskleidern, ein breites Bandelier von Gold und Seide bis an die
Hften bergehngt, mit einem oben versilberten Stabe in der Hand und
einer auerordentlich langen gebogenen kurfrstlichen Nase im Gesicht,
breit und prchtig wie ein aufgeblasener Puter, der mich fragt, was ich
hier will. Ich war ganz verblfft und konnte vor Schreck und Erstaunen
nichts hervorbringen. Darauf kamen mehrere Bediente die Treppe herauf
und herunter gerannt, die sagten gar nichts, sondern sahen mich nur von
oben bis unten an. Sodann kam eine Kammerjungfer (wie ich nachher hrte)
gerade auf mich los und sagte: ich wre ein scharmanter Junge, und die
gndigste Herrschaft liee mich fragen, ob ich hier als Grtnerbursche
dienen wollte. -- Ich griff nach der Weste; meine paar Groschen, wei
Gott, sie mssen beim Herumtanzen auf dem Wagen aus der Tasche
gesprungen sein, waren weg, ich hatte nichts als mein Geigenspiel, fr
das mir berdies auch der Herr mit dem Stabe, wie er mir im Vorbeigehn
sagte, nicht einen Heller geben wollte. Ich sagte daher in meiner
Herzensangst zu der Kammerjungfer: Ja, noch immer die Augen von der
Seite auf die unheimliche Gestalt gerichtet, die immerfort wie der
Perpendikel einer Turmuhr in der Halle auf und ab wandelte und eben
wieder majesttisch und schauerlich aus dem Hintergrunde heraufgezogen
kam. Zuletzt kam endlich der Grtner, brummte was von Gesindel und
Bauerlmmel unterm Bart und fhrte mich nach dem Garten, whrend er mir
unterwegs noch eine lange Predigt hielt: wie ich nur fein nchtern und
arbeitsam sein, nicht in der Welt herumvagieren, keine brotlosen Knste
und unntzes Zeug treiben solle, da knnt ich es mit der Zeit auch
einmal zu was Rechtem bringen. -- Es waren noch mehr sehr hbsche,
gutgesetzte, ntzliche Lehren, ich habe nur seitdem fast alles wieder
vergessen. berhaupt wei ich eigentlich gar nicht recht, wie doch alles
so gekommen war, ich sagte nur immerfort zu allem: Ja, -- denn mir war
wie einem Vogel, dem die Flgel begossen worden sind. -- So war ich
denn, Gott sei Dank, im Brote.--

In dem Garten war schn leben, ich hatte tglich mein warmes Essen
vollauf und mehr Geld, als ich zum Weine brauchte, nur hatte ich leider
ziemlich viel zu tun. Auch die Tempel, Lauben und schnen grnen Gnge,
das gefiel mir alles recht gut, wenn ich nur htte ruhig drin
herumspazieren knnen und vernnftig diskurieren wie die Herren und
Damen, die alle Tage dahin kamen. Sooft der Grtner fort und ich allein
war, zog ich sogleich mein kurzes Tabakspfeifchen heraus, setzte mich
hin und sann auf schne hfliche Redensarten, wie ich die eine junge
schne Dame, die mich in das Schlo mitbrachte, unterhalten wollte, wenn
ich ein Kavalier wre und mit ihr hier herumginge. Oder ich legte mich
an schwlen Nachmittagen auf den Rcken hin, wenn alles so still war,
da man nur die Bienen sumsen hrte, und sah zu, wie ber mir die Wolken
nach meinem Dorfe zuflogen und die Grser und Blumen sich hin und her
bewegten, und gedachte an die Dame, und da geschah es denn oft, da die
schne Frau mit der Gitarre oder einem Buche in der Ferne wirklich durch
den Garten zog, so still, gro und freundlich wie ein Engelsbild, so da
ich nicht recht wute, ob ich trumte oder wachte.

So sang ich auch einmal, wie ich eben bei einem Lusthause zur Arbeit
vorbeiging, fr mich hin:

    Wohin ich geh und schaue,
    In Feld und Wald und Tal,
    Vom Berg ins Himmelsblaue,
    Vielschne gndge Fraue,
    Gr ich dich tausendmal.

Da seh ich aus dem dunkelkhlen Lusthause zwischen den halbgeffneten
Jalousien und Blumen, die dort standen, zwei schne, junge, frische
Augen hervorfunkeln. Ich war ganz erschrocken, ich sang das Lied nicht
aus, sondern ging, ohne mich umzusehen, fort an die Arbeit.

Abends, es war gerade an einem Sonnabend, und ich stand eben in der
Vorfreude kommenden Sonntags mit der Geige im Gartenhause am Fenster und
dachte noch an die funkelnden Augen, da kommt auf einmal die
Kammerjungfer durch die Dmmerung dahergestrichen. Da schickt Euch die
vielschne gndige Frau was, das sollt Ihr auf ihre Gesundheit trinken.
Eine gute Nacht auch! Damit setzte sie mir fix eine Flasche Wein aufs
Fenster und war sogleich wieder zwischen den Blumen und Hecken
verschwunden wie eine Eidechse.

Ich aber stand noch lange vor der wundersamen Flasche und wute nicht,
wie mir geschehen war. -- Und hatte ich vorher lustig die Geige
gestrichen, so spielt und sang ich jetzt erst recht und sang das Lied
von der schnen Frau ganz aus und alle meine Lieder, die ich nur wute,
bis alle Nachtigallen drauen erwachten und Mond und Sterne schon lange
ber dem Garten standen. Ja, das war einmal eine gute schne Nacht!

Es wird keinem an der Wiege gesungen, was knftig aus ihm wird, eine
blinde Henne findet manchmal auch ein Korn, wer zuletzt lacht, lacht am
besten, unverhofft kommt oft, der Mensch denkt und Gott lenkt, so
meditiert ich, als ich am folgenden Tage wieder mit meiner Pfeife im
Garten sa und es mir dabei, da ich so aufmerksam an mir heruntersah,
fast vorkommen wollte, als wre ich doch eigentlich ein rechter Lump. --
Ich stand nunmehr, ganz wider meine sonstige Gewohnheit, alle Tage sehr
zeitig auf, eh sich noch der Grtner und die andern Arbeiter rhrten. Da
war es so wunderschn drauen im Garten. Die Blumen, die Springbrunnen,
die Rosenbsche und der ganze Garten funkelten von der Morgensonne wie
lauter Gold und Edelstein. Und in den hohen Buchenalleen, da war es noch
so still, khl und andchtig, wie in einer Kirche, nur die Vgel
flatterten und pickten auf dem Sande. Gleich vor dem Schlosse, gerade
unter den Fenstern, wo die schne Frau wohnte, war ein blhender
Strauch. Dorthin ging ich dann immer am frhesten Morgen und duckte mich
hinter die ste, um so nach den Fenstern zu sehen, denn mich im Freien
zu produzieren hatt ich keine Courage. Da sah ich nun allemal die
allerschnste Dame noch hei und halb verschlafen im schneeweien Kleid
an das offene Fenster hervortreten. Bald flocht sie sich die
dunkelbraunen Haare und lie dabei die anmutig spielenden Augen ber
Busch und Garten ergehen, bald bog und band sie die Blumen, die vor
ihrem Fenster standen, oder sie nahm auch die Gitarre in den weien Arm
und sang dazu so wundersam ber den Garten hinaus, da sich mir noch das
Herz umwenden will vor Wehmut, wenn mir eins von den Liedern bisweilen
einfllt -- und ach, das alles ist schon lange her!

So dauerte das wohl ber eine Woche. Aber das eine Mal, sie stand gerade
wieder am Fenster, und alles war stille ringsumher, fliegt mir eine
fatale Fliege in die Nase, und ich gebe mich an ein erschreckliches
Niesen, das gar nicht enden will. Sie legt sich weit zum Fenster hinaus
und sieht mich rmsten hinter dem Strauche lauschen. -- Nun schmte ich
mich und kam viele Tage nicht hin.

Endlich wagte ich es wieder, aber das Fenster blieb diesmal zu, ich sa
vier, fnf, sechs Morgen hinter dem Strauche, aber sie kam nicht wieder
ans Fenster. Da wurde mir die Zeit lang, ich fate mir ein Herz und ging
nun alle Morgen frank und frei lngs dem Schlosse unter allen Fenstern
hin. Aber die liebe schne Frau blieb immer und immer aus. Eine Strecke
weiter sah ich dann immer die andere Dame am Fenster stehen. Ich hatte
sie sonst so genau noch niemals gesehen. Sie war wahrhaftig recht schn
rot und dick und gar prchtig und hoffrtig anzusehn wie eine Tulipane.
Ich machte ihr immer ein tiefes Kompliment, und, ich kann nicht anders
sagen, sie dankte mir jedesmal und nickte und blinzelte mit den Augen
dazu ganz auerordentlich hflich. -- Nur ein einziges Mal glaub ich
gesehn zu haben, da auch die Schne an ihrem Fenster hinter der Gardine
stand und versteckt hervorguckte.--

Viele Tage gingen jedoch ins Land, ohne da ich sie sah. Sie kam nicht
mehr in den Garten, sie kam nicht mehr ans Fenster. Der Grtner schalt
mich einen faulen Bengel, ich war verdrlich, meine eigene Nasenspitze
war mir im Wege, wenn ich in Gottes freie Welt hinaussah.

So lag ich eines Sonntags nachmittag im Garten und rgerte mich, wie ich
so in die blauen Wolken meiner Tabakspfeife hinaussah, da ich mich
nicht auf ein anderes Handwerk gelegt und mich also morgen nicht auch
wenigstens auf einen blauen Montag zu freuen htte. Die andern Burschen
waren indes alle wohlausstaffiert nach den Tanzbden in der nahen
Vorstadt hinausgezogen. Da wallte und wogte alles im Sonntagsputze in
der warmen Luft zwischen den lichten Husern und wandernden Leierksten
schwrmend hin und zurck. Ich aber sa wie eine Rohrdommel im Schilfe
eines einsamen Weihers im Garten und schaukelte mich auf dem Kahne, der
dort angebunden war, whrend die Vesperglocken aus der Stadt ber den
Garten herberschallten und die Schwne auf dem Wasser langsam neben mir
hin und her zogen. Mir war zum Sterben bange.--

Whrenddes hrte ich von weitem allerlei Stimmen, lustiges
Durcheinandersprechen und Lachen, immer nher und nher, dann
schimmerten rot und weie Tcher, Hte und Federn durchs Grne, auf
einmal kommt ein heller lichter Haufen von jungen Herren und Damen vom
Schlosse ber die Wiese auf mich los, meine beiden Damen mitten unter
ihnen. Ich stand auf und wollte weggehen, da erblickte mich die ltere
von den schnen Damen. Ei, das ist ja wie gerufen, rief sie mir mit
lachendem Munde zu, fahr Er uns doch an das jenseitige Ufer ber den
Teich! Die Damen stiegen nun eine nach der andern vorsichtig und
furchtsam in den Kahn, die Herren halfen ihnen dabei und machten sich
ein wenig gro mit ihrer Khnheit auf dem Wasser. Als sich darauf die
Frauen alle auf die Seitenbnke gelagert hatten, stie ich vom Ufer.
Einer von den jungen Herren, der ganz vorn stand, fing unmerklich an zu
schaukeln. Da wandten sich die Damen furchtsam hin und her, einige
schrien gar. Die schne Frau, welche eine Lilie in der Hand hielt, sa
dicht am Bord des Schiffleins und sah so still lchelnd in die klaren
Wellen hinunter, die sie mit der Lilie berhrte, so da ihr ganzes Bild
zwischen den widerscheinenden Wolken und Bumen im Wasser noch einmal zu
sehen war, wie ein Engel, der leise durch den tiefen blauen Himmelsgrund
zieht.

Wie ich noch so auf sie hinsehe, fllts auf einmal der andern lustigen
Dicken von meinen zwei Damen ein, ich sollte ihr whrend der Fahrt eins
singen. Geschwind dreht sich ein sehr zierlicher junger Herr mit einer
Brille auf der Nase, der neben ihr sa, zu ihr herum, kt ihr sanft die
Hand und sagt: Ich danke Ihnen fr den sinnigen Einfall! ein Volkslied,
=gesungen= vom Volk in freiem Feld und Wald, ist ein Alpenrslein auf
der Alpe selbst, -- die Wunderhrner sind nur Herbarien, -- ist die
Seele der Nationalseele. Ich aber sagte, ich wisse nichts zu singen,
was fr solche Herrschaften schn genug wre. Da sagte die schnippische
Kammerjungfer, die mit einem Korbe voll Tassen und Flaschen hart neben
mir stand und die ich bis jetzt noch gar nicht bemerkt hatte: Wei Er
doch ein recht hbsches Liedchen von einer vielschnen Fraue. -- Ja,
ja, das sing Er nur recht dreist weg, rief darauf sogleich die Dame
wieder. Ich wurde ber und ber rot. -- Indem blickte auch die schne
Frau auf einmal vom Wasser auf und sah mich an, da es mir durch Leib
und Seele ging. Da besann ich mich nicht lange, fat ein Herz und sang
so recht aus voller Brust und Lust:

    Wohin ich geh und schaue,
    In Feld und Wald und Tal,
    Vom Berg hinab in die Aue:
    Vielschne, hohe Fraue,
    Gr ich dich tausendmal.

    In meinem Garten find ich
    Viel Blumen, schn und fein,
    Viel Krnze wohl draus wind ich,
    Und tausend Gedanken bind ich
    Und Gre mit darein.

    =Ihr= darf ich keinen reichen,
    Sie ist zu hoch und schn,
    Die mssen alle verbleichen,
    Die Liebe nur ohnegleichen
    Bleibt ewig im Herzen stehn.

    Ich schein wohl froher Dinge
    Und schaffe auf und ab,
    Und ob das Herz zerspringe,
    Ich grabe fort und singe
    Und grab mir bald mein Grab.

Wir stieen ans Land, die Herrschaften stiegen alle aus, viele von den
jungen Herren hatten mich, ich bemerkt es wohl, whrend ich sang, mit
listigen Mienen und Flstern verspottet vor den Damen. Der Herr mit der
Brille fate mich im Weggehen bei der Hand und sagte mir, ich wei
selbst nicht mehr was, die ltere von meinen Damen sah mich sehr
freundlich an. Die schne Frau hatte whrend meines ganzen Liedes die
Augen niedergeschlagen und ging nun auch fort und sagte gar nichts. --
Mir aber standen die Trnen in den Augen schon wie ich noch sang, das
Herz wollte mir zerspringen von dem Liede vor Scham und vor Schmerz, es
fiel mir jetzt auf einmal alles recht ein, wie =sie= so schn ist und
ich so arm bin und verspottet und verlassen von der Welt, -- und als sie
alle hinter den Bschen verschwunden waren, da konnt ich mich nicht
lnger halten, ich warf mich in das Gras hin und weinte bitterlich.




Zweites Kapitel


Dicht am herrschaftlichen Garten ging die Landstrae vorber, nur durch
eine hohe Mauer von derselben geschieden. Ein gar sauberes Zollhuschen
mit rotem Ziegeldache war da erbaut, und hinter demselben ein kleines,
buntumzuntes Blumengrtchen, das durch eine Lcke in der Mauer des
Schlogartens hindurch an den schattigsten und verborgensten Teil des
letzteren stie. Dort war eben der Zolleinnehmer gestorben, der das
alles sonst bewohnte. Da kam eines Morgens frhzeitig, da ich noch im
tiefsten Schlafe lag, der Schreiber vom Schlosse zu mir und rief mich
schleunigst zum Herrn Amtmann. Ich zog mich geschwind an und schlenderte
hinter dem lustigen Schreiber her, der unterwegs bald da bald dort eine
Blume abbrach und vorn an den Rock steckte, bald mit seinem
Spazierstckchen knstlich in der Luft herumfocht und allerlei zu mir in
den Wind hineinparlierte, wovon ich aber nichts verstand, weil mir die
Augen und Ohren noch voller Schlaf lagen. Als ich in die Kanzlei trat,
wo es noch gar nicht recht Tag war, sah der Amtmann hinter einem
ungeheuren Tintenfasse und Sten von Papier und Bchern und einer
ansehnlichen Percke, wie die Eule aus ihrem Nest, auf mich und hob an:
Wie heit Er? Woher ist Er? Kann Er schreiben, lesen und rechnen? Da
ich das bejahte, versetzte er: Na, die gndige Herrschaft hat Ihm, in
Betrachtung Seiner guten Auffhrung und besonderen Meriten, die ledige
Einnehmerstelle zugedacht. -- Ich berdachte in der Geschwindigkeit fr
mich meine bisherige Auffhrung und Manieren, und ich mute gestehen,
ich fand am Ende selber, da der Amtmann recht hatte. -- Und so war ich
denn wirklich Zolleinnehmer, ehe ich michs versah.

Ich bezog nun sogleich meine neue Wohnung und war in kurzer Zeit
eingerichtet. Ich hatte noch mehrere Gertschaften gefunden, die der
selige Einnehmer seinem Nachfolger hinterlassen, unter andern einen
prchtigen roten Schlafrock mit gelben Punkten, grne Pantoffeln, eine
Schlafmtze und einige Pfeifen mit langen Rhren. Das alles hatte ich
mir schon einmal gewnscht, als ich noch zu Hause war, wo ich immer
unsern Pfarrer so bequem herumgehen sah. Den ganzen Tag (zu tun hatte
ich weiter nichts) sa ich daher auf dem Bnkchen vor meinem Hause in
Schlafrock und Schlafmtze, rauchte Tabak aus dem lngsten Rohre, das
ich von dem seligen Einnehmer vorgefunden hatte, und sah zu, wie die
Leute auf der Landstrae hin und her gingen, fuhren und ritten. Ich
wnschte nur immer, da auch einmal ein paar Leute aus meinem Dorfe, die
immer sagten, aus mir wrde mein Lebtag nichts, hier vorberkommen und
mich so sehen mchten. -- Der Schlafrock stand mir schn zu Gesichte,
und berhaupt das alles behagte mir sehr gut. So sa ich denn da und
dachte mir mancherlei hin und her, wie aller Anfang schwer ist, wie das
vornehmere Leben doch eigentlich recht bequem sei, und fate heimlich
den Entschlu, nunmehr alles Reisen zu lassen, auch Geld zu sparen wie
die andern und es mit der Zeit gewi zu etwas Groem in der Welt zu
bringen. Inzwischen verga ich ber meinen Entschlssen, Sorgen und
Geschften die allerschnste Frau keineswegs.

Die Kartoffeln und anderes Gemse, das ich in meinem kleinen Grtchen
fand, warf ich hinaus und bebaute es ganz mit den auserlesensten Blumen,
worber mich der Portier vom Schlosse mit der groen kurfrstlichen
Nase, der, seitdem ich hier wohnte, oft zu mir kam und mein intimer
Freund geworden war, bedenklich von der Seite ansah und mich fr einen
hielt, den sein pltzliches Glck verrckt gemacht htte. Ich aber lie
mich das nicht anfechten. Denn nicht weit von mir im herrschaftlichen
Garten hrte ich feine Stimmen sprechen, unter denen ich die meiner
schnen Frau zu erkennen meinte, obgleich ich wegen des dichten
Gebsches niemand sehen konnte. Da band ich denn alle Tage einen Strau
von den schnsten Blumen, die ich hatte, stieg jeden Abend, wenn es
dunkel wurde, ber die Mauer und legte ihn auf einen steinernen Tisch
hin, der dort inmitten einer Laube stand; und jeden Abend, wenn ich den
neuen Strau brachte, war der alte von dem Tische fort.

Eines Abends war die Herrschaft auf die Jagd geritten; die Sonne ging
eben unter und bedeckte das ganze Land mit Glanz und Schimmer, die Donau
schlngelte sich prchtig wie von lauter Gold und Feuer in die weite
Ferne, von allen Bergen bis tief ins Land hinein sangen und jauchzten
die Winzer. Ich sa mit dem Portier auf dem Bnkchen vor meinem Hause
und freute mich in der lauen Luft, wie der lustige Tag so langsam vor
uns verdunkelte und verhallte. Da lieen sich auf einmal die Hrner der
zurckkehrenden Jger von ferne vernehmen, die von den Bergen gegenber
einander von Zeit zu Zeit lieblich Antwort gaben. Ich war recht im
innersten Herzen vergngt und sprang auf und rief wie bezaubert und
verzckt vor Lust: Nein, das ist mir doch ein Metier, die edle
Jgerei! Der Portier aber klopfte sich ruhig die Pfeife aus und sagte:
Das denkt Ihr Euch just so. Ich habe es auch mitgemacht, man verdient
sich kaum die Sohlen, die man sich abluft; und Husten und Schnupfen
wird man erst gar nicht los, das kommt von den ewig nassen Fen. --
Ich wei nicht, mich packte da ein nrrischer Zorn, da ich ordentlich
am ganzen Leibe zitterte. Mir war auf einmal der ganze Kerl mit seinem
langweiligen Mantel, die ewigen Fe, sein Tabaksschnupfen, die groe
Nase und alles abscheulich. -- Ich fate ihn, wie auer mir, bei der
Brust und sagte: Portier, jetzt schert Ihr Euch nach Hause, oder ich
prgle Euch hier sogleich durch! Den Portier berfiel bei diesen Worten
seine alte Meinung, ich wre verrckt geworden. Er sah mich bedenklich
und mit heimlicher Furcht an, machte sich, ohne ein Wort zu sprechen,
von mir los und ging, immer noch unheimlich nach mir zurckblickend, mit
langen Schritten nach dem Schlosse, wo er atemlos aussagte, ich sei nun
wirklich rasend geworden.

Ich aber mute am Ende laut auflachen und war herzlich froh, den
superklugen Gesellen los zu sein, denn es war gerade die Zeit, wo ich
den Blumenstrau immer in die Laube zu legen pflegte. Ich sprang auch
heute schnell ber die Mauer und ging eben auf das steinerne Tischchen
los, als ich in einiger Entfernung Pferdetritte vernahm. Entspringen
konnt ich nicht mehr, denn schon kam meine schne gndige Frau selber,
in einem grnen Jagdhabit und mit nickenden Federn auf dem Hute, langsam
und, wie es schien, in tiefen Gedanken die Allee herabgeritten. Es war
mir nicht anders zumute, als da ich sonst in den alten Bchern bei
meinem Vater von der schnen Magelone gelesen, wie sie so zwischen den
immer nher schallenden Waldhornsklngen und wechselnden Abendlichtern
unter den hohen Bumen hervorkam, -- ich konnte nicht vom Fleck. Sie
aber erschrak heftig, als sie mich auf einmal gewahr wurde, und hielt
fast unwillkrlich still. Ich war wie betrunken vor Angst, Herzklopfen
und groer Freude, und da ich bemerkte, da sie wirklich meinen
Blumenstrau von gestern an der Brust hatte, konnte ich mich nicht
lnger halten, sondern sagte ganz verwirrt: Schnste gndige Frau,
nehmt auch noch diesen Blumenstrau von mir und alle Blumen aus meinem
Garten und alles, was ich habe. Ach, knnt ich nur fr Euch ins Feuer
springen! -- Sie hatte mich gleich anfangs so ernsthaft und fast bse
angeblickt, da es mir durch Mark und Bein ging, dann aber hielt sie,
solange ich redete, die Augen tief niedergeschlagen. Soeben lieen sich
einige Reiter und Stimmen im Gebsch hren. Da ergriff sie schnell den
Strau aus meiner Hand und war bald, ohne ein Wort zu sagen, am andern
Ende des Bogenganges verschwunden.

Seit diesem Abend hatte ich weder Ruh noch Rast mehr. Es war mir
bestndig zumute wie sonst immer, wenn der Frhling anfangen sollte, so
unruhig und frhlich, ohne da ich wute, warum, als stnde mir ein
groes Glck oder sonst etwas Auerordentliches bevor. Besonders das
fatale Rechnen wollte mir nun erst gar nicht mehr von der Hand, und ich
hatte, wenn der Sonnenschein durch den Kastanienbaum vor dem Fenster
grngolden auf die Ziffern fiel, und so fix vom Transport bis zum Latus
und wieder hinauf und hinab addierte, gar seltsame Gedanken dabei, so
da ich manchmal ganz verwirrt wurde und wahrhaftig nicht bis drei
zhlen konnte. Denn die Acht kam mir immer vor wie meine dicke
enggeschnrte Dame mit dem breiten Kopfputz, die bse Sieben war gar wie
ein ewig rckwrtszeigender Wegweiser oder Galgen. -- Am meisten Spa
machte mir noch die Neun, die sich mir so oft, eh ich michs versah,
lustig als Sechs auf den Kopf stellte, whrend die Zwei wie ein
Fragezeichen so pfiffig dreinsah, als wollte sie mich fragen: Wo soll
das am Ende noch hinaus mit dir, du arme Null? Ohne =sie=, diese
schlanke Eins und alles, bleibst du doch ewig nichts!

Auch das Sitzen drauen vor der Tr wollte mir nicht mehr behagen. Ich
nahm mir, um es bequemer zu haben, einen Schemel mit heraus und streckte
die Fe darauf, ich flickte ein altes Parasol vom Einnehmer und steckte
es gegen die Sonne wie ein chinesisches Lusthaus ber mich. Aber es half
nichts. Es schien mir, wie ich so sa und rauchte und spekulierte, als
wrden mir allmhlich die Beine immer lnger vor Langeweile und die Nase
wchse mir vom Nichtstun, wenn ich so stundenlang an ihr heruntersah. --
Und wenn dann manchmal noch vor Tagesanbruch eine Extrapost vorbeikam,
und ich trat halb verschlafen in die khle Luft hinaus, und ein
niedliches Gesichtchen, von dem man in der Dmmerung nur die funkelnden
Augen sah, bog sich neugierig zum Wagen hervor und bot mir freundlich
einen guten Morgen, in den Drfern aber ringsumher krhten die Hhne so
frisch ber die leise wogenden Kornfelder herber, und zwischen den
Morgenstreifen hoch am Himmel schweiften schon einzelne zu frh erwachte
Lerchen, und der Postillion nahm dann sein Posthorn und fuhr weiter und
blies und blies -- da stand ich lange und sah dem Wagen nach, und es war
mir nicht anders, als mt ich nur sogleich mit fort, weit, weit in die
Welt. --

Meine Blumenstrue legte ich indes immer noch, sobald die Sonne
unterging, auf den steinernen Tisch in der dunklen Laube. Aber das war
es eben: damit war es nun aus seit jenem Abend. -- Kein Mensch kmmerte
sich darum: sooft ich des Morgens frhzeitig nachsah, lagen die Blumen
noch immer da wie gestern und sahen mich mit ihren verwelkten
niederhngenden Kpfchen und daraufstehenden Tautropfen ordentlich
betrbt an, als ob sie weinten. -- Das verdro mich sehr. Ich band gar
keinen Strau mehr. In meinem Garten mochte nun auch das Unkraut treiben
wie es wollte, und die Blumen lie ich ruhig stehn und wachsen, bis der
Wind die Bltter verwehte. War mirs doch ebenso wild und bunt und
verstrt im Herzen.

In diesen kritischen Zeitluften geschah es denn, da einmal, als ich
eben zu Hause im Fenster liege und verdrlich in die leere Luft
hinaussehe, die Kammerjungfer vom Schlosse ber die Strae
dahergetrippelt kommt. Sie lenkte, da sie mich erblickte, schnell zu mir
ein und blieb am Fenster stehen. -- Der gndige Herr ist gestern von
seiner Reise zurckgekommen, sagte sie eilfertig. So? entgegnete ich
verwundert -- denn ich hatte mich schon seit einigen Wochen um nichts
bekmmert und wute nicht einmal, da der Herr auf Reisen war--, da
wird seine Tochter, die junge gndige Frau, auch groe Freude gehabt
haben. -- Die Kammerjungfer sah mich kurios von oben bis unten an, so
da ich mich ordentlich selber besinnen mute, ob ich was Dummes gesagt
htte. -- Er wei aber auch gar nichts, sagte sie endlich und rmpfte
das kleine Nschen. Nun, fuhr sie fort, es soll heute abend dem Herrn
zu Ehren Tanz im Schlosse sein und Maskerade. Meine gndige Frau wird
auch maskiert sein, als Grtnerin -- versteht Er auch recht -- als
Grtnerin. Nun hat die gndige Frau gesehen, da Er besonders schne
Blumen hat in Seinem Garten. -- Das ist seltsam, dachte ich bei mir
selbst, man sieht doch jetzt fast keine Blume mehr vor Unkraut. -- Sie
aber fuhr fort: Da nun die gndige Frau schne Blumen zu ihrem Anzuge
braucht, aber ganz frische, die eben vom Beete kommen, so soll Er ihr
welche bringen und damit heute abend, wenns dunkel geworden ist, unter
dem groen Birnbaum im Schlogarten warten, da wird sie dann kommen und
die Blumen abholen.

Ich war ganz verblfft vor Freude ber diese Nachricht und lief in
meiner Entzckung vom Fenster zu der Kammerjungfer hinaus.--

Pfui, der garstige Schlafrock! rief diese aus, da sie mich auf einmal
so in meinem Aufzuge im Freien sah. Das rgerte mich, ich wollte auch
nicht dahinterbleiben in der Galanterie und machte einige artige
Kapriolen, um sie zu erhaschen und zu kssen. Aber unglcklicherweise
verwickelte sich mir dabei der Schlafrock, der mir viel zu lang war,
unter den Fen, und ich fiel der Lnge nach auf die Erde. Als ich mich
wieder zusammenraffte, war die Kammerjungfer schon weit fort, und ich
hrte sie noch von fern lachen, da sie sich die Seiten halten mute.

Nun aber hatt ich was zu sinnen und mich zu freuen. =Sie= dachte ja noch
immer an mich und meine Blumen! Ich ging in mein Grtchen und ri hastig
alles Unkraut von den Beeten und warf es hoch ber meinen Kopf weg in
die schimmernde Luft, als zg ich alle bel und Melancholie mit der
Wurzel heraus. Die Rosen waren nun wieder wie =ihr= Mund, die
himmelblauen Winden wie =ihre= Augen, die schneeweie Lilie mit ihrem
schwermtig gesenkten Kpfchen sah ganz aus wie =sie=. Ich legte alle
sorgfltig in ein Krbchen zusammen. Es war ein schner stiller Abend
und kein Wlkchen am Himmel. Einzelne Sterne traten schon am Firmamente
hervor, von weitem rauschte die Donau ber die Felder herber, in den
hohen Bumen im herrschaftlichen Garten neben mir sangen unzhlige Vgel
lustig durcheinander. Ach, ich war so glcklich!

Als endlich die Nacht hereinbrach, nahm ich mein Krbchen an den Arm und
machte mich auf den Weg nach dem groen Garten. In dem Krbchen lag
alles so bunt und anmutig durcheinander, wei, rot, blau und duftig, da
mir ordentlich das Herz lachte, wenn ich hineinsah.

Ich ging voller frhlicher Gedanken bei dem schnen Mondschein durch die
stillen, reinlich mit Sand bestreuten Gnge ber die kleinen weien
Brcken, unter denen die Schwne eingeschlafen auf dem Wasser saen, an
den zierlichen Lauben und Lusthusern vorber. Den groen Birnbaum hatte
ich gar bald aufgefunden, denn es war derselbe, unter dem ich sonst, als
ich noch Grtnerbursche war, an schwlen Nachmittagen gelegen.

Hier war es so einsam dunkel. Nur eine hohe Espe zitterte und flsterte
mit ihren silbernen Blttern in einem fort. Vom Schlosse schallte
manchmal die Tanzmusik herber. Auch Menschenstimmen hrte ich zuweilen
im Garten, die kamen oft ganz nahe an mich heran, dann wurde es auf
einmal wieder ganz still.

Mir klopfte das Herz. Es war mir schauerlich und seltsam zumute, als
wenn ich jemand bestehlen wollte. Ich stand lange Zeit stockstill an den
Baum gelehnt und lauschte nach allen Seiten, da aber immer niemand kam,
konnt ich es nicht lnger aushalten. Ich hing mein Krbchen an den Arm
und kletterte schnell auf den Birnbaum hinauf, um wieder im Freien Luft
zu schpfen.

Da droben schallte mir die Tanzmusik erst recht ber die Wipfel
entgegen. Ich bersah den ganzen Garten und gerade in die
hellerleuchteten Fenster des Schlosses hinein. Dort drehten sich die
Kronleuchter langsam wie Krnze von Sternen, unzhlige geputzte Herren
und Damen, wie in einem Schattenspiele, wogten und walzten und wirrten
da bunt und unkenntlich durcheinander, manchmal legten sich welche ins
Fenster und sahen hinunter in den Garten. Drauen vor dem Schlosse aber
waren der Rasen, die Strucher und die Bume von den vielen Lichtern aus
dem Saale wie vergoldet, so da ordentlich die Blumen und die Vgel
aufzuwachen schienen. Weiterhin um mich herum und hinter mir lag der
Garten so schwarz und still.

Da tanzt =sie= nun, dacht ich in dem Baume droben bei mir selber, und
hat gewi lange dich und deine Blumen wieder vergessen. Alles ist so
frhlich, um dich kmmert sich kein Mensch. -- Und so geht es mir
berall und immer. Jeder hat sein Pltzchen auf der Erde ausgesteckt,
hat seinen warmen Ofen, seine Tasse Kaffee, seine Frau, sein Glas Wein
zu Abend und ist so recht zufrieden; selbst dem Portier ist ganz wohl in
seiner langen Haut. -- Mir ists nirgends recht. Es ist, als wre ich
berall eben zu spt gekommen, als htte die ganze Welt gar nicht auf
mich gerechnet.--

Wie ich eben so philosophiere, hre ich auf einmal unten im Grase etwas
einherrascheln. Zwei feine Stimmen sprachen ganz nahe und leise
miteinander. Bald darauf bogen sich die Zweige in dem Gestruche
auseinander, und die Kammerjungfer steckte ihr kleines Gesichtchen, sich
nach allen Seiten umsehend, zwischen der Laube hindurch. Der Mondschein
funkelte recht auf ihren pfiffigen Augen, wie sie hervorguckten. Ich
hielt den Atem an mich und blickte unverwandt hinunter. Es dauerte auch
nicht lange, so trat wirklich die Grtnerin, ganz so wie mir sie die
Kammerjungfer gestern beschrieben hatte, zwischen den Bumen heraus.
Mein Herz klopfte mir zum Zerspringen. Sie aber hatte eine Larve vor und
sah sich, wie mir schien, verwundert auf dem Platze um. -- Da wollts mir
vorkommen, als wre sie gar nicht recht schlank und niedlich. -- Endlich
trat sie ganz nahe an den Baum und nahm die Larve ab. -- Es war
wahrhaftig die andere ltere gndige Frau!

Wie froh war ich nun, als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, da
ich mich hier oben in Sicherheit befand. Wie in aller Welt, dachte ich,
kommt =die= nur jetzt hierher? wenn nun die liebe schne gndige Frau
die Blumen abholt, -- das wird eine schne Geschichte werden! Ich htte
am Ende weinen mgen vor rger ber den ganzen Spektakel.

Indem hub die verkappte Grtnerin unten an: Es ist so stickend hei
droben im Saale, ich mute gehen, mich ein wenig abzukhlen in der
freien schnen Natur. Dabei fchelte sie sich mit der Larve in einem
fort und blies die Luft von sich. Bei dem hellen Mondschein konnt ich
deutlich erkennen, wie ihr die Flechsen am Halse ordentlich
aufgeschwollen waren; sie sah ganz erbost aus und ziegelrot im Gesicht.
Die Kammerjungfer suchte unterdes hinter allen Hecken herum, als htte
sie eine Stecknadel verloren.--

Ich brauche so notwendig noch frische Blumen zu meiner Maske, fuhr die
Grtnerin von neuem fort, wo er auch stecken mag! -- Die Kammerjungfer
suchte und kicherte dabei immerfort heimlich in sich selbst hinein. --
Sagtest du was, Rosette? fragte die Grtnerin spitzig. -- Ich sage,
was ich immer gesagt habe, erwiderte die Kammerjungfer und machte ein
ganz ernsthaftes treuherziges Gesicht, der ganze Einnehmer ist und
bleibt ein Lmmel, er liegt gewi irgendwo hinter einem Strauche und
schlft.

Mir zuckte es in allen meinen Gliedern, herunterzuspringen und meine
Reputation zu retten -- da hrte man auf einmal ein groes Pauken und
Musizieren und Lrmen vom Schlosse her.

Nun hielt sich die Grtnerin nicht lnger. Da bringen die Menschen,
fuhr sie verdrlich fort, dem Herrn das Vivat. Komm, man wird uns
vermissen! -- Und hiermit steckte sie die Larve schnell vor und ging
wtend mit der Kammerjungfer nach dem Schlosse zu fort. Die Bume und
Strucher wiesen kurios, wie mit langen Nasen und Fingern, hinter ihr
drein, der Mondschein tanzte noch fix, wie ber eine Klaviatur, ber
ihre breite Taille auf und nieder, und so nahm sie, so recht wie ich auf
dem Theater manchmal die Sngerinnen gesehn, unter Trompeten und Pauken
schnell ihren Abzug.

Ich aber wute in meinem Baume droben eigentlich gar nicht recht, wie
mir geschehen, und richtete nunmehr meine Augen unverwandt auf das
Schlo hin; denn ein Kreis hoher Windlichter unten an den Stufen des
Einganges warf dort einen seltsamen Schein ber die blitzenden Fenster
und weit in den Garten hinein. Es war die Dienerschaft, die soeben ihrer
jungen Herrschaft ein Stndchen brachte. Mitten unter ihnen stand der
prchtig aufgeputzte Portier, wie ein Staatsminister, vor einem
Notenpulte und arbeitete sich emsig an einem Fagotte ab.

Wie ich mich soeben zurechtsetzte, um der schnen Serenade zuzuhren,
gingen auf einmal oben auf dem Balkon des Schlosses die Flgeltren auf.
Ein hoher Herr, schn und stattlich in Uniform und mit vielen funkelnden
Sternen, trat auf den Balkon heraus, und an seiner Hand -- die schne
junge gndige Frau, in ganz weiem Kleide, wie eine Lilie in der Nacht,
oder wie wenn der Mond ber das klare Firmament zge.

Ich konnte keinen Blick von dem Platze verwenden, und Garten, Bume und
Felder gingen unter vor meinen Sinnen, wie sie so wundersam beleuchtet
von den Fackeln hoch und schlank dastand und bald anmutig mit dem
schnen Offizier sprach, bald wieder freundlich zu den Musikanten
herunternickte. Die Leute unten waren auer sich vor Freude, und ich
hielt mich am Ende auch nicht mehr und schrie immer aus Leibeskrften
Vivat mit.--

Als sie aber bald darauf wieder von dem Balkon verschwand, unten eine
Fackel nach der andern verlschte und die Notenpulte weggerumt wurden
und nun der Garten ringsumher auch wieder finster wurde und rauschte wie
vorher -- da merkt ich erst alles -- da fiel es mir auf einmal aufs
Herz, da mich wohl eigentlich nur die Tante mit den Blumen bestellt
hatte, da die Schne gar nicht an mich dachte und lange verheiratet ist
und da ich selber ein groer Narr war.

Alles das versenkte mich recht in einen Abgrund von Nachsinnen. Ich
wickelte mich, gleich einem Igel, in die Stacheln meiner eigenen
Gedanken zusammen; vom Schlosse schallte die Tanzmusik nur noch seltener
herber, die Wolken wanderten einsam ber den dunklen Garten weg. Und so
sa ich auf dem Baume droben, wie die Nachteule, in den Ruinen meines
Glcks die ganze Nacht hindurch.

Die khle Morgenluft weckte mich endlich aus meinen Trumereien. Ich
erstaunte ordentlich, wie ich so auf einmal um mich herblickte. Musik
und Tanz war lange vorbei, im Schlosse und rings um das Schlo herum auf
dem Rasenplatze und den steinernen Stufen und Sulen sah alles so still,
khl und feierlich aus; nur der Springbrunnen vor dem Eingange
pltscherte einsam in einem fort. Hin und her in den Zweigen neben mir
erwachten schon die Vgel, schttelten ihre bunten Federn und sahen, die
kleinen Flgel dehnend, neugierig und verwundert ihren seltsamen
Schlafkameraden an. Frhlich schweifende Morgenstrahlen funkelten ber
den Garten weg auf meine Brust.

Da richtete ich mich in meinem Baume auf und sah seit langer Zeit zum
ersten Male wieder einmal so recht weit in das Land hinaus, wie da schon
einzelne Schiffe auf der Donau zwischen den Weinbergen herabfuhren und
die noch leeren Landstraen wie Brcken ber das schimmernde Land sich
fern ber die Berge und Tler hinausschwangen.

Ich wei nicht, wie es kam -- aber mich packte da auf einmal wieder
meine ehemalige Reiselust: alle die alte Wehmut und Freude und groe
Erwartung. Mir fiel dabei zugleich ein, wie nun die schne Frau droben
auf dem Schlosse zwischen Blumen und unter seidnen Decken schlummerte
und ein Engel bei ihr auf dem Bette se in der Morgenstille. -- Nein,
rief ich aus, fort mu ich von hier und immer fort, so weit als der
Himmel blau ist!

Und hiermit nahm ich mein Krbchen und warf es hoch in die Luft, so da
es recht lieblich anzusehen war, wie die Blumen zwischen den Zweigen und
auf dem grnen Rasen unten bunt umherlagen. Dann stieg ich selber
schnell herunter und ging durch den stillen Garten auf meine Wohnung zu.
Gar oft blieb ich da noch stehen auf manchem Pltzchen, wo ich sie sonst
wohl einmal gesehen oder im Schatten liegend an sie gedacht hatte.

In und um mein Huschen sah alles noch so aus, wie ich es gestern
verlassen hatte. Das Grtchen war geplndert und wst, im Zimmer drin
lag noch das groe Rechnungsbuch aufgeschlagen, meine Geige, die ich
schon fast ganz vergessen hatte, hing verstaubt an der Wand. Ein
Morgenstrahl aber aus dem gegenberstehenden Fenster fuhr gerade
blitzend ber die Saiten. Das gab einen rechten Klang in meinem Herzen.
Ja, sagt ich, komm nur her, du getreues Instrument! Unser Reich ist
nicht von dieser Welt!--

Und so nahm ich die Geige von der Wand, lie Rechnungsbuch, Schlafrock,
Pantoffeln, Pfeifen und Parasol liegen und wanderte, arm wie ich
gekommen war, aus meinem Huschen und auf der glnzenden Landstrae von
dannen.

Ich blickte noch oft zurck; mir war gar seltsam zumute, so traurig und
doch auch wieder so beraus frhlich, wie ein Vogel, der aus seinem
Kfig ausreit. Und als ich schon eine weite Strecke gegangen war, nahm
ich drauen im Freien meine Geige vor und sang:

    Den lieben Gott la ich nur walten;
    Der Bchlein, Lerchen, Wald und Feld
    Und Erd und Himmel tut erhalten,
    Hat auch mein Sach aufs best bestellt!

Das Schlo, der Garten und die Trme von Wien waren schon hinter mir im
Morgenduft versunken, ber mir jubilierten unzhlige Lerchen hoch in der
Luft; so zog ich zwischen den grnen Bergen und an lustigen Stdten und
Drfern vorbei gen Italien hinunter.




Drittes Kapitel


Aber das war nun schlimm! Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, da
ich eigentlich den rechten Weg nicht wute. Auch war ringsumher kein
Mensch zu sehen in der stillen Morgenstunde, den ich htte fragen
knnen, und nicht weit von mir teilte sich die Landstrae in viele neue
Landstraen, die gingen weit, weit ber die hchsten Berge fort, als
fhrten sie aus der Welt hinaus, so da mir ordentlich schwindelte, wenn
ich recht hinsah.

Endlich kam ein Bauer des Weges daher, der, glaub ich, nach der Kirche
ging, da es heut eben Sonntag war, in einem altmodischen berrock mit
groen silbernen Knpfen und einem langen spanischen Rohr mit einem sehr
massiven silbernen Stockknopf darauf, der schon von weitem in der Sonne
funkelte. Ich frug ihn sogleich mit vieler Hflichkeit: Knnen Sie mir
nicht sagen, wo der Weg nach Italien geht? -- Der Bauer blieb stehen,
sah mich an, besann sich dann mit weit vorgeschobener Unterlippe und sah
mich wieder an. Ich sagte noch einmal: Nach Italien, wo die Pomeranzen
wachsen. -- Ach, was gehn mich Seine Pomeranzen an! sagte der Bauer
da und schritt wacker wieder weiter. Ich htte dem Manne mehr Konduite
zugetraut, denn er sah recht stattlich aus.

Was war nun zu machen? Wieder umkehren und in mein Dorf zurckgehn? Da
htten die Leute mit den Fingern auf mich gewiesen, und die Jungen wren
um mich herumgesprungen: Ei, tausend willkommen aus der Welt! wie sieht
es denn aus in der Welt? hat Er uns nicht Pfefferkuchen mitgebracht aus
der Welt? -- Der Portier mit der kurfrstlichen Nase, welcher berhaupt
viele Kenntnisse von der Weltgeschichte hatte, sagte oft zu mir:
Wertgeschtzter Herr Einnehmer! Italien ist ein schnes Land, da sorgt
der liebe Gott fr alles, da kann man sich im Sonnenschein auf den
Rcken legen, so wachsen einem die Rosinen ins Maul, und wenn einen die
Tarantel beit, so tanzt man mit ungemeiner Gelenkigkeit, wenn man auch
sonst nicht tanzen gelernt hat. -- Nein, nach Italien, nach Italien!
rief ich voller Vergngen aus und rannte, ohne an die verschiedenen Wege
zu denken, auf der Strae fort, die mir eben vor die Fe kam.

Als ich eine Strecke so fortgewandert war, sah ich rechts von der Strae
einen sehr schnen Baumgarten, wo die Morgensonne so lustig zwischen den
Stmmen und Wipfeln hindurchschimmerte, da es aussah, als wre der
Rasen mit goldenen Teppichen belegt. Da ich keinen Menschen erblickte,
stieg ich ber den niedrigen Gartenzaun und legte mich recht behaglich
unter einen Apfelbaum ins Gras, denn von dem gestrigen Nachtlager auf
dem Baume taten mir noch alle Glieder weh. Da konnte man weit ins Land
hinaussehen, und da es Sonntag war, so kamen bis aus der weitesten Ferne
Glockenklnge ber die stillen Felder herber, und geputzte Landleute
zogen berall zwischen Wiesen und Bschen nach der Kirche. Ich war recht
frhlich im Herzen, die Vgel sangen ber mir im Baume, ich dachte an
meine Mhle und an den Garten der schnen gndigen Frau, und wie das
alles nun so weit, weit lag -- bis ich zuletzt einschlummerte. Da
trumte mir, als kme diese schne Frau aus der prchtigen Gegend unten
zu mir gegangen oder eigentlich langsam geflogen zwischen den
Glockenklngen, mit langen weien Schleiern, die im Morgenrote wehten.
Dann war es wieder, als wren wir gar nicht in der Fremde, sondern bei
meinem Dorfe an der Mhle in den tiefen Schatten. Aber da war alles
still und leer, wie wenn die Leute Sonntags in der Kirche sind und nur
der Orgelklang durch die Bume herberkommt, da es mir recht im Herzen
weh tat. Die schne Frau aber war sehr gut und freundlich, sie hielt
mich an der Hand und ging mit mir und sang in einem fort in dieser
Einsamkeit das schne Lied, das sie damals immer frhmorgens am offenen
Fenster zur Gitarre gesungen hat, und ich sah dabei ihr Bild in dem
stillen Weiher, noch viel tausendmal schner, aber mit sonderbaren
groen Augen, die mich so starr ansahen, da ich mich beinah gefrchtet
htte. -- Da fing auf einmal die Mhle, erst in einzelnen langsamen
Schlgen, dann immer schneller und heftiger an zu gehen und zu brausen,
der Weiher wurde dunkel und kruselte sich, die schne Frau wurde ganz
bleich, und ihre Schleier wurden immer lnger und lnger und flatterten
entsetzlich in langen Spitzen, wie Nebelstreifen, hoch am Himmel empor;
das Sausen nahm immer mehr zu, oft war es, als bliese der Portier auf
seinem Fagotte dazwischen, bis ich endlich mit heftigem Herzklopfen
aufwachte.

Es hatte sich wirklich ein Wind erhoben, der leise ber mir durch den
Apfelbaum ging; aber was so brauste und rumorte, war weder die Mhle
noch der Portier, sondern derselbe Bauer, der mir vorhin den Weg nach
Italien nicht zeigen wollte. Er hatte aber seinen Sonntagsstaat
ausgezogen und stand in einem weien Kamisol vor mir. Na, sagte er, da
ich mir noch den Schlaf aus den Augen wischte, will Er etwa hier
Poperenzen klauben, da er mir das schne Gras so zertrampelt, anstatt
in die Kirche zu gehen, Er Faulenzer! -- Mich rgerte es nur, da mich
der Grobian aufgeweckt hatte. Ich sprang ganz erbost auf und versetzte
geschwind: Was, Er will mich hier ausschimpfen? Ich bin Grtner
gewesen, eh Er daran dachte, und Einnehmer, und wenn er zur Stadt
gefahren wre, htte Er die schmierige Schlafmtze vor mir abnehmen
mssen, und hatte mein Haus und meinen roten Schlafrock mit gelben
Punkten. Aber der Knollfink scherte sich gar nichts darum, sondern
stemmte beide Arme in die Seiten und sagte blo: Was will er denn? he!
he! Dabei sah ich, da es eigentlich ein kurzer, stmmiger,
krummbeiniger Kerl war, und vorstehende glotzende Augen und eine rote,
etwas schiefe Nase hatte. Und wie er immerfort nichts weiter sagte als:
He! -- he! -- und dabei jedesmal einen Schritt nher auf mich zukam,
da berfiel mich auf einmal eine so kuriose grausliche Angst, da ich
mich schnell aufmachte, ber den Zaun sprang und, ohne mich umzusehen,
immerfort querfeldein lief, da mir die Geige in der Tasche klang.

Als ich endlich wieder stillhielt, um Atem zu schpfen, war der Garten
und das ganze Tal nicht mehr zu sehen, und ich stand in einem schnen
Walde. Aber ich gab nicht viel darauf acht, denn jetzt rgerte mich das
Spektakel erst recht, und da der Kerl mich immer Er nannte, und ich
schimpfte noch lange im stillen fr mich. In solchen Gedanken ging ich
rasch fort und kam immer mehr von der Landstrae ab, mitten in das
Gebirge hinein. Der Holzweg, auf dem ich fortgelaufen war, hrte auf,
und ich hatte nur noch einen kleinen, wenig betretenen Fusteig vor mir.
Ringsum war niemand zu sehen und kein Laut zu vernehmen. Sonst aber war
es recht anmutig zu gehen, die Wipfel der Bume rauschten, und die Vgel
sangen sehr schn. Ich befahl mich daher Gottes Fhrung, zog meine
Violine hervor und spielte alle meine liebsten Stcke durch, da es
recht frhlich in dem einsamen Walde erklang.

Mit dem Spielen ging es aber auch nicht lange, denn ich stolperte dabei
jeden Augenblick ber die fatalen Baumwurzeln, auch fing mich zuletzt an
zu hungern, und der Wald wollte noch immer gar kein Ende nehmen. So
irrte ich den ganzen Tag herum, und die Sonne schien schon schief
zwischen den Baumstmmen hindurch, als ich endlich in ein kleines
Wiesental hinauskam, das rings von Bergen eingeschlossen und voller
roter und gelber Blumen war, ber denen unzhlige Schmetterlinge im
Abendgolde herumflatterten. Hier war es so einsam, als lge die Welt
wohl hundert Meilen weit weg. Nur die Heimchen zirpten, und ein Hirt lag
drben im hohen Grase und blies so melancholisch auf seiner Schalmei,
da einem das Herz vor Wehmut htte zerspringen mgen. Ja, dachte ich
bei mir, wer es so gut htte wie so ein Faulenzer! unsereiner mu sich
in der Fremde herumschlagen und immer attent sein. -- Da ein schnes,
klares Flchen zwischen uns lag, ber das ich nicht herber konnte, so
rief ich ihm von weitem zu: wo hier das nchste Dorf lge? Er lie sich
aber nicht stren, sondern streckte nur den Kopf ein wenig aus dem Grase
hervor, wies mit seiner Schalmei auf den andern Wald hin und blies ruhig
wieder weiter.

Unterdes marschierte ich fleiig fort, denn es fing schon an zu dmmern.
Die Vgel, die alle noch ein groes Geschrei gemacht hatten, als die
letzten Sonnenstrahlen durch den Wald schimmerten, wurden auf einmal
still, und mir fing beinah an angst zu werden in dem ewigen einsamen
Rauschen der Wlder. Endlich hrte ich von ferne Hunde bellen. Ich
schritt rascher fort, der Wald wurde immer lichter und lichter, und bald
darauf sah ich zwischen den letzten Bumen hindurch einen schnen grnen
Platz, auf dem viele Kinder lrmten und sich um eine groe Linde
herumtummelten, die recht in der Mitte stand. Weiterhin an dem Platze
war ein Wirtshaus, vor dem einige Bauern um einen Tisch saen und Karten
spielten und Tabak rauchten. Von der andern Seite saen junge Bursche
und Mdchen vor der Tr, die die Arme in ihre Schrzen gewickelt hatten
und in der Khle miteinander plauderten.

Ich besann mich nicht lange, zog meine Geige aus der Tasche und spielte
schnell einen lustigen Lndler auf, whrend ich aus dem Walde
hervortrat. Die Mdchen verwunderten sich, die Alten lachten, da es
weit in den Wald hineinschallte. Als ich aber so bis zu der Linde
gekommen war und mich mit dem Rcken dran lehnte und immerfort spielte,
da ging ein heimliches Rumoren und Gewisper unter den jungen Leuten
rechts und links, die Burschen legten endlich ihre Sonntagspfeifen weg,
jeder nahm die Seine, und eh ichs mir versah, schwenkte sich das junge
Bauernvolk tchtig um mich herum, die Hunde bellten, die Kittel flogen,
und die Kinder standen um mich im Kreise und sahen mir neugierig ins
Gesicht und auf die Finger, wie ich so fix damit hantierte.

Wie der erste Schleifer vorbei war, konnte ich erst recht sehen, wie
eine gute Musik in die Gliedmaen fhrt. Die Bauernburschen, die sich
vorher, die Pfeifen im Munde, auf den Bnken reckten und die steifen
Beine von sich streckten, waren nun auf einmal wie umgetauscht, lieen
ihre bunten Schnupftcher vorn am Knopfloch lang herunterhngen und
kapriolten so artig um die Mdchen herum, da es eine rechte Lust
anzuschauen war. Einer von ihnen, der sich schon fr was Rechtes hielt,
haspelte lange in seiner Westentasche, damit es die andern sehen
sollten, und brachte endlich ein kleines Silberstck heraus, das er mir
in die Hand drcken wollte. Mich rgerte das, wenn ich gleich dazumal
kein Geld in der Tasche hatte. Ich sagte ihm, er sollte nur seine
Pfennige behalten, ich spielte nur so aus Freude, weil ich wieder bei
Menschen wre. Bald darauf aber kam ein schmuckes Mdchen mit einer
groen Stampe Wein zu mir. Musikanten trinken gern, sagte sie und
lachte mich freundlich an, und ihre perlweien Zhne schimmerten recht
scharmant zwischen den roten Lippen hindurch, so da ich sie wohl htte
darauf kssen mgen. Sie tunkte ihr Schnbelchen in den Wein, wobei ihre
Augen ber das Glas weg auf mich herberfunkelten, und reichte mir
darauf die Stampe hin. Da trank ich das Glas bis auf den Grund aus und
spielte dann wieder von frischem, da sich alles lustig um mich
herumdrehte.

Die Alten waren unterdes von ihrem Spiel aufgebrochen, die jungen Leute
fingen auch an mde zu werden und zerstreuten sich, und so wurde es nach
und nach ganz still und leer vor dem Wirtshause. Auch das Mdchen, das
mir den Wein gereicht hatte, ging nun nach dem Dorfe zu, aber sie ging
sehr langsam und sah sich zuweilen um, als ob sie was vergessen htte.
Endlich blieb sie stehen und suchte etwas auf der Erde, aber ich sah
wohl, da sie, wenn sie sich bckte, unter dem Arme hindurch nach mir
zurckblickte. Ich hatte auf dem Schlosse Lebensart gelernt, ich sprang
also geschwind herzu und sagte: Haben Sie etwas verloren, schnste
Mamsell? -- Ach nein, sagte sie und wurde ber und ber rot, es war
nur eine Rose -- will Er sie haben? -- Ich dankte und steckte die Rose
ins Knopfloch. Sie sah mich sehr freundlich an und sagte: Er spielt
recht schn. -- Ja, versetzte ich, das ist so eine Gabe Gottes. --
Die Musikanten sind hier in der Gegend sehr rar, hub das Mdchen dann
wieder an und stockte und hatte die Augen bestndig niedergeschlagen.
Er knnte sich hier ein gutes Stck Geld verdienen -- auch mein Vater
spielt etwas die Geige und hrt gern von der Fremde erzhlen -- und mein
Vater ist sehr reich. -- Dann lachte sie auf und sagte: Wenn Er nur
nicht immer solche Grimassen machen mchte mit dem Kopfe, beim Geigen!
-- Teuerste Jungfer, erwiderte ich, erstlich: nennen Sie mich nur
nicht immer Er; sodann mit den Kopftremulenzen, das ist einmal nicht
anders, das haben wir Virtuosen alle so an uns. -- Ach so! entgegnete
das Mdchen. Sie wollte noch etwas mehr sagen, aber da entstand auf
einmal ein entsetzliches Gepolter im Wirtshause, die Haustr ging mit
groem Gekrache auf, und ein dnner Kerl kam wie ein ausgeschoner
Ladestock herausgeflogen, worauf die Tr sogleich wieder hinter ihm
zugeschlagen wurde.

Das Mdchen war bei dem ersten Gerusch wie ein Reh davongesprungen und
im Dunkel verschwunden. Die Figur vor der Tr aber raffte sich hurtig
wieder vom Boden auf und fing nun an mit solcher Geschwindigkeit gegen
das Haus loszuschimpfen, da es ordentlich zum Erstaunen war. Was!
schrie er, ich besoffen? ich die Kreidestriche an der verrucherten Tr
nicht bezahlen? Lscht sie aus, lscht sie aus! Hab ich euch nicht erst
gestern bern Kochlffel barbiert und in die Nase geschnitten, da ihr
mir den Lffel morsch entzweigebissen habt? Barbieren macht einen Strich
-- Kochlffel, wieder ein Strich -- Pflaster auf die Nase, noch ein
Strich -- wieviel solche hundsfttische Striche wollt ihr denn noch
bezahlt haben? Aber gut, schon gut, ich lasse das ganze Dorf, die ganze
Welt ungeschoren. Lauft meinetwegen mit euren Brten, da der liebe Gott
am Jngsten Tage nicht wei, ob ihr Juden seid oder Christen! Ja, hngt
euch an euren eigenen Brten auf, ihr zottigen Landbren! Hier brach er
auf einmal in ein jmmerliches Weinen aus und fuhr ganz erbrmlich durch
die Fistel fort: Wasser soll ich saufen wie ein elender Fisch? Ist das
Nchstenliebe? Bin ich nicht ein Mensch und ein ausgelernter Feldscher?
Ach, ich bin heute so in der Rage! Mein Herz ist voller Rhrung und
Menschenliebe! Bei diesen Worten zog er sich nach und nach zurck, da
im Hause alles still blieb. Als er mich erblickte, kam er mit
ausgebreiteten Armen auf mich los, ich glaubte, der tolle Kerl wollte
mich embrassieren. Ich sprang aber auf die Seite, und so stolperte er
weiter, und ich hrte ihn noch lange, bald grob, bald fein, durch die
Finsternis mit sich diskurieren.

Mir aber ging mancherlei im Kopfe herum. Die Jungfer, die mir vorhin die
Rose geschenkt hatte, war jung, schn und reich -- ich konnte da mein
Glck machen, eh man die Hand umkehrte. Und Hammel und Schweine, Puter
und fette Gnse mit pfeln gestopft -- ja, es war mir nicht anders, als
sh ich den Portier auf mich zukommen: Greif zu, Einnehmer, greif zu!
jung gefreit hat niemand gereut, wers Glck hat, fhrt die Braut heim,
bleibe im Lande und nhre dich tchtig. In solchen philosophischen
Gedanken setzte ich mich auf dem Platze, der nun ganz einsam war, auf
einen Stein nieder, denn an das Wirtshaus anzuklopfen traute ich mich
nicht, weil ich kein Geld bei mir hatte. Der Mond schien prchtig, von
den Bergen rauschten die Wlder durch die stille Nacht herber, manchmal
schlugen im Dorfe die Hunde an, das weiter im Tale unter Bumen und
Mondschein wie begraben lag. Ich betrachtete das Firmament, wie da
einzelne Wolken langsam durch den Mondschein zogen und manchmal ein
Stern weit in der Ferne herunterfiel. So, dachte ich, scheint der Mond
auch ber meines Vaters Mhle und auf das weie grfliche Schlo. Dort
ist nun auch schon alles lange still, die gndige Frau schlft, und die
Wasserknste und Bume im Garten rauschen noch immerfort wie damals, und
allen ists gleich, ob ich noch da bin oder in der Fremde oder gestorben.
-- Da kam mir die Welt auf einmal so entsetzlich weit und gro vor, und
ich so ganz allein darin, da ich aus Herzensgrunde htte weinen mgen.

Wie ich noch immer so dasitze, hre ich auf einmal aus der Ferne
Hufschlag im Walde. Ich hielt den Atem an und lauschte, da kam es immer
nher und nher, und ich konnte schon die Pferde schnauben hren. Bald
darauf kamen auch wirklich zwei Reiter unter den Bumen hervor, hielten
aber am Saume des Waldes an und sprachen heimlich sehr eifrig
miteinander, wie ich an den Schatten sehen konnte, die pltzlich ber
den mondbeglnzten Platz vorschossen und mit langen dunklen Armen bald
dahin bald dorthin wiesen. -- Wie oft, wenn mir zu Hause meine
verstorbene Mutter von wilden Wldern und martialischen Rubern
erzhlte, hatte ich mir sonst immer heimlich gewnscht, eine solche
Geschichte selbst zu erleben. Da hatt ichs nun auf einmal fr meine
dummen, frevelmtigen Gedanken! -- Ich streckte mich nun an dem
Lindenbaum, unter dem ich gesessen, ganz unmerklich so lang aus, als ich
nur konnte, bis ich den ersten Ast erreicht hatte und mich geschwinde
hinaufschwang. Aber ich baumelte noch mit halbem Leibe ber dem Aste und
wollte soeben auch meine Beine nachholen, als der eine von den Reitern
rasch hinter mir ber den Platz dahertrabte. Ich drckte nun die Augen
fest zu in dem dunklen Laube und rhrte und regte mich nicht. -- Wer
ist da? rief es auf einmal dicht hinter mir. Niemand! schrie ich aus
Leibeskrften vor Schreck, da er mich doch noch erwischt hatte.
Insgeheim mute ich aber doch bei mir lachen, wie die Kerls sich
schneiden wrden, wenn sie mir die leeren Taschen umdrehten. -- Ei,
ei, sagte der Ruber wieder, wem gehren denn aber die zwei Beine, die
da herunterhngen? -- Da half nichts mehr. Nichts weiter, versetzte
ich, als ein paar arme, verirrte Musikantenbeine, und lie mich rasch
wieder auf den Boden herab, denn ich schmte mich auch, lnger wie eine
zerbrochene Gabel da ber dem Aste zu hngen.

Das Pferd des Reiters scheute, als ich so pltzlich vom Baume
herunterfuhr. Er klopfte ihm den Hals und sagte lachend: Nun, wir sind
auch verirrt, da sind wir rechte Kameraden; ich dchte also, du helfest
uns ein wenig den Weg nach B. aufsuchen. Es soll dein Schade nicht
sein. Ich hatte nun gut beteuern, da ich gar nicht wte, wo B. lge,
da ich lieber hier im Wirtshause fragen oder sie in das Dorf
hinunterfhren wollte. Der Kerl nahm gar keine Rson an. Er zog ganz
ruhig eine Pistole aus dem Gurt, die recht hbsch im Mondschein
funkelte. Mein Liebster, sagte er dabei sehr freundschaftlich zu mir,
whrend er bald den Lauf der Pistole abwischte, bald wieder prfend an
die Augen hielt, mein Liebster, du wirst wohl so gut sein, selber nach
B. vorauszugehen.

Da war ich nun recht bel daran. Traf ich den Weg, so kam ich gewi zu
der Ruberbande und bekam Prgel, da ich kein Geld bei mir hatte, traf
ich ihn nicht -- so bekam ich auch Prgel. Ich besann mich also nicht
lange und schlug den ersten besten Weg ein, der an dem Wirtshause
vorber vom Dorfe abfhrte. Der Reiter sprengte schnell zu seinem
Begleiter zurck, und beide folgten mir dann in einiger Entfernung
langsam nach. So zogen wir eigentlich recht nrrisch auf gut Glck in
die mondhelle Nacht hinein. Der Weg lief immerfort im Walde an einem
Bergeshange fort. Zuweilen konnte man ber die Tannenwipfel, die von
unten herauflangten und sich dunkel rhrten, weit in die tiefen, stillen
Tler hinaussehen, hin und her schlug eine Nachtigall, Hunde bellten in
der Ferne in den Drfern. Ein Flu rauschte bestndig aus der Tiefe und
blitzte zuweilen im Mondschein auf. Dabei das einfrmige Pferdegetrappel
und das Wirren und Schwirren der Reiter hinter mir, die unaufhrlich in
einer fremden Sprache miteinander plauderten, und das helle Mondlicht
und die langen Schatten der Baumstmme, die wechselnd ber die beiden
Reiter wegflogen, da sie mir bald schwarz, bald hell, bald klein, bald
wieder riesengro vorkamen. Mir verwirrten sich ordentlich die Gedanken,
als lge ich in einem Traum und knnte gar nicht aufwachen. Ich schritt
immer stramm vor mich hin. Wir mssen, dachte ich, doch am Ende aus dem
Walde und aus der Nacht herauskommen.

Endlich flogen hin und wieder schon lange rtliche Scheine ber den
Himmel, ganz leise, wie wenn man ber einen Spiegel haucht, auch eine
Lerche sang schon hoch ber dem stillen Tale. Da wurde mir auf einmal
ganz klar im Herzen bei dem Morgengrue, und alle Furcht war vorber.
Die beiden Reiter aber streckten sich und sahen sich nach allen Seiten
um und schienen nun erst gewahr zu werden, da wir doch wohl nicht auf
dem rechten Wege sein mochten. Sie plauderten wieder viel, und ich
merkte wohl, da sie von mir sprachen, ja es kam mir vor, als finge der
eine sich vor mir zu frchten an, als knnt ich wohl gar so ein
heimlicher Schnapphahn sein, der sie im Walde irrefhren wollte. Das
machte mir Spa, denn je lichter es ringsum wurde, je mehr Courage
kriegt ich, zumal da wir soeben auf einen schnen freien Waldplatz
herauskamen. Ich sah mich daher nach allen Seiten ganz wild um und pfiff
dann ein paarmal auf den Fingern, wie die Spitzbuben tun, wenn sie sich
einander Signale geben wollen.

Halt! rief auf einmal der eine von den Reitern, da ich ordentlich
zusammenfuhr. Wie ich mich umsehe, sind sie beide abgestiegen und haben
ihre Pferde an einen Baum angebunden. Der eine kommt aber rasch auf mich
los, sieht mir ganz starr ins Gesicht und fngt auf einmal ganz unmig
an zu lachen. Ich mu gestehen, mich rgerte das unvernnftige
Gelchter. Er aber sagte: Wahrhaftig, das ist der Grtner, wollt sagen:
Einnehmer vom Schlo!

Ich sah ihn gro an, wute mich aber seiner nicht zu erinnern, htt auch
viel zu tun gehabt, wenn ich mir alle die jungen Herren htte ansehen
wollen, die auf dem Schlosse ab und zu ritten. Er aber fuhr mit ewigem
Gelchter fort: Das ist prchtig! Du vazierst, wie ich sehe, wir
brauchen eben einen Bedienten, bleib bei uns, da hast du ewige Vakanz.
-- Ich war ganz verblfft und sagte endlich, da ich soeben auf einer
Reise nach Italien begriffen wre. -- Nach Italien?! entgegnete der
Fremde; ebendahin wollen auch wir! -- Nun, wenn =das= ist! rief ich
aus und zog voller Freude meine Geige aus der Tasche und strich, da die
Vgel im Walde aufwachten. Der Herr aber erwischte geschwind den andern
Herrn und walzte mit ihm wie verrckt auf dem Rasen herum.

Dann standen sie pltzlich still. Bei Gott, rief der eine, da seh ich
schon den Kirchturm von B.! Nun, da wollen wir bald unten sein. Er zog
seine Uhr heraus und lie sie repitieren, schttelte mit dem Kopfe und
lie noch einmal schlagen. Nein, sagte er, das geht nicht, wir kommen
so zu frh hin, das knnte schlimm werden!

Darauf holten sie von ihren Pferden Kuchen, Braten und Weinflaschen,
breiteten eine schne bunte Decke auf dem grnen Rasen aus, streckten
sich darber hin und schmausten sehr vergnglich, teilten auch mir von
allem sehr reichlich mit, was mir gar wohl bekam, da ich seit einigen
Tagen schon nicht mehr vernnftig gespeist hatte. -- Und da du's
weit, sagte der eine zu mir, -- aber du kennst uns doch nicht? --
Ich schttelte mit dem Kopfe. -- Also, da du's weit: ich bin der
Maler Leonhard, und das dort ist -- wieder ein Maler -- Guido geheien.

Ich besah mir nun die beiden Maler genauer bei der Morgendmmerung. Der
eine, Herr Leonhard, war gro, schlank, braun, mit lustigen, feurigen
Augen. Der andere war viel jnger, kleiner und feiner, auf altdeutsche
Mode gekleidet, wie es der Portier nannte, mit weiem Kragen und bloem
Hals, um den die dunkelbraunen Locken herabhingen, die er oft aus dem
hbschen Gesichte wegschtteln mute. -- Als dieser genug gefrhstckt
hatte, griff er nach meiner Geige, die ich neben mir auf den Boden
gelegt hatte, setzte sich damit auf einen umgehauenen Baumast und
klimperte darauf mit den Fingern. Dann sang er dazu so hell wie ein
Waldvglein, da es mir recht durchs ganze Herz klang:

    Fliegt der erste Morgenstrahl
    Durch das stille Nebeltal,
    Rauscht erwachend Wald und Hgel:
    Wer da fliegen kann, nimmt Flgel!

    Und sein Htlein in die Luft
    Wirft der Mensch vor Lust und ruft:
    Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
    Nun so will ich frhlich singen!

Dabei spielten die rtlichen Morgenscheine recht anmutig ber sein etwas
blasses Gesicht und die schwarzen verliebten Augen. Ich aber war so
mde, da sich mir die Worte und Noten, whrend er so sang, immer mehr
verwirrten, bis ich zuletzt fest einschlief.

Als ich nach und nach wieder zu mir selber kam, hrte ich wie im Traume
die beiden Maler noch immer neben mir sprechen und die Vgel ber mir
singen, und die Morgenstrahlen schimmerten mir durch die geschlossenen
Augen, da mirs innerlich so dunkelhell war, wie wenn die Sonne durch
rotseidene Gardinen scheint. _Come  bello!_ hrt ich da dicht neben
mir ausrufen. Ich schlug die Augen auf und erblickte den jungen Maler,
der im funkelnden Morgenlicht ber mich hergebeugt stand, so da beinah
nur die groen schwarzen Augen zwischen den herabhngenden Locken zu
sehen waren.

Ich sprang geschwind auf, denn es war schon heller Tag geworden. Der
Herr Leonhard schien verdrlich zu sein, er hatte zwei zornige Falten
auf der Stirn und trieb hastig zum Aufbruch. Der andere Maler aber
schttelte seine Locken aus dem Gesicht und trllerte, whrend er sein
Pferd aufzumte, ruhig ein Liedchen vor sich hin, bis Leonhard zuletzt
pltzlich laut auflachte, schnell eine Flasche ergriff, die noch auf dem
Rasen stand, und den Rest in die Glser einschenkte. Auf eine
glckliche Ankunft! rief er aus, sie stieen mit den Glsern zusammen,
es gab einen schnen Klang. Darauf schleuderte Leonhard die leere
Flasche hoch ins Morgenrot, da es lustig in der Luft funkelte.

Endlich setzten sie sich auf ihre Pferde, und ich marschierte frisch
wieder nebenher. Gerade vor uns lag ein unbersehbares Tal, in das wir
nun hinunterzogen. Da war ein Blitzen und Rauschen und Schimmern und
Jubilieren! Mir war so khl und frhlich zumute, als sollt ich von dem
Berge in die prchtige Gegend hinausfliegen.




Viertes Kapitel


Nun ade, Mhle und Schlo und Portier! Nun gings, da mir der Wind am
Hute pfiff. Rechts und links flogen Drfer, Stdte und Weingrten
vorbei, da es einem vor den Augen flimmerte; hinter mir die beiden
Maler im Wagen, vor mir vier Pferde mit einem prchtigen Postillion, ich
hoch oben auf dem Kutschbock, da ich oft ellenhoch in die Hhe flog.

Das war so zugegangen: Als wir vor B. ankamen, kommt schon am Dorfe ein
langer, drrer, grmlicher Herr im grnen Flauschrock uns entgegen,
macht viele Bcklinge vor den Herren Malern und fhrt uns in das Dorf
hinein. Da stand unter den hohen Linden vor dem Posthause schon ein
prchtiger Wagen mit vier Postpferden bespannt. Herr Leonhard meinte
unterwegs, ich htte meine Kleider ausgewachsen. Er holte daher
geschwind andere aus seinem Mantelsack hervor, und ich mute einen ganz
neuen schnen Frack und Weste anziehn, die mir sehr vornehm zu Gesicht
standen, nur da mir alles zu lang und weit war und ordentlich um mich
herumschlotterte. Auch einen ganz neuen Hut bekam ich, der funkelte in
der Sonne, als wr er mit frischer Butter berschmiert. Dann nahm der
fremde grmliche Herr die beiden Pferde der Maler am Zgel, die Maler
sprangen in den Wagen, ich auf den Bock, und so flogen wir schon fort,
als eben der Postmeister mit der Schlafmtze aus dem Fenster guckte. Der
Postillion blies lustig auf dem Horne, und so ging es frisch nach
Italien hinein.

Ich hatte eigentlich da droben ein prchtiges Leben, wie der Vogel in
der Luft, und brauchte doch dabei nicht selbst zu fliegen. Zu tun hatte
ich auch weiter nichts, als Tag und Nacht auf dem Bocke zu sitzen und
bei den Wirtshusern manchmal Essen und Trinken an den Wagen
herauszubringen, denn die Maler sprachen nirgends ein, und bei Tage
zogen sie die Fenster am Wagen so fest zu, als wenn die Sonne sie
erstechen wollte. Nur zuweilen steckte der Herr Guido sein hbsches
Kpfchen zum Wagenfenster heraus und diskurierte freundlich mit mir und
lachte dann den Herrn Leonhard aus, der das nicht leiden wollte und
jedesmal ber die langen Diskurse bse wurde. Ein paarmal htte ich bald
Verdru bekommen mit meinem Herrn. Das eine Mal, wie ich bei schner,
sternklarer Nacht droben auf dem Bock die Geige zu spielen anfing, und
sodann spterhin wegen des Schlafes. Das war aber auch ganz zum
Erstaunen! Ich wollte mir doch Italien recht genau besehen und ri die
Augen alle Viertelstunden weit auf. Aber kaum hatte ich ein Weilchen so
vor mich hingesehen, so verschwirrten und verwickelten sich mir die
sechzehn Pferdefe vor mir wie ein Filet so hin und her und bers
Kreuz, da mir die Augen gleich wieder bergingen, und zuletzt geriet
ich in ein solches entsetzliches und unaufhaltsames Schlafen, da gar
kein Rat mehr war. Da mocht es Tag oder Nacht, Regen oder Sonnenschein,
Tirol oder Italien sein, ich hing bald rechts, bald links, bald
rcklings ber den Bock herunter, ja manchmal tunkte ich mit solcher
Vehemenz mit dem Kopfe nach dem Boden zu, da mir der Hut weit vom Kopfe
flog und der Herr Guido im Wagen laut aufschrie.

So war ich, ich wei selbst nicht wie, durch halb Welschland, das sie
dort Lombardei nennen, durchgekommen, als wir an einem schnen Abend vor
einem Wirtshause auf dem Lande stillhielten. Die Postpferde waren in dem
daranstoenden Stationsdorfe erst nach ein paar Stunden bestellt, die
Herren Maler stiegen daher aus und lieen sich in ein besonderes Zimmer
fhren, um hier ein wenig zu rasten und einige Briefe zu schreiben. Ich
aber war sehr vergngt darber und verfgte mich sogleich in die
Gaststube, um endlich wieder einmal so recht mit Ruhe und Kommoditt zu
essen und zu trinken. Da sah es ziemlich liederlich aus. Die Mgde
gingen mit zerzottelten Haaren herum und hatten die offenen Halstcher
unordentlich um das gelbe Fell hngen. Um einen runden Tisch saen die
Knechte vom Hause in blauen berziehhemden beim Abendessen und glotzten
mich zuweilen von der Seite an. Die hatten alle kurze, dicke Haarzpfe
und sahen so recht vornehm wie die jungen Herrlein aus. -- Da bist du
nun, dachte ich bei mir und a fleiig fort, da bist du nun endlich in
dem Lande, woher immer die kuriosen Leute zu unserm Herrn Pfarrer kamen,
mit Mausefallen und Barometern und Bildern. Was der Mensch doch nicht
alles erfhrt, wenn er sich einmal hinterm Ofen hervormacht!

Wie ich noch eben so esse und meditiere, wuscht ein Mnnlein, das bis
jetzt in einer dunklen Ecke der Stube bei seinem Glase Wein gesessen
hatte, auf einmal aus seinem Winkel wie eine Spinne auf mich los. Er war
ganz kurz und bucklicht, hatte aber einen groen grauslichen Kopf mit
einer langen rmischen Adlernase und sparsamen roten Backenbart, und die
gepuderten Haare standen ihm von allen Seiten zu Berge, als wenn der
Sturmwind durchgefahren wre. Dabei trug er einen altmodischen,
verschossenen Frack, kurze plschene Beinkleider und ganz vergelbte
seidene Strmpfe. Er war einmal in Deutschland gewesen und dachte wunder
wie gut er Deutsch verstnde. Er setzte sich zu mir und frug bald das,
bald jenes, whrend er immerfort Tabak schnupfte: ob ich der Servitore
sei? wenn wir arriware? ob wir nach Roma kehn? Aber das wute ich alles
selber nicht und konnte auch sein Kauderwelsch gar nicht verstehn.
_Parlez-vous franais?_ sagte ich endlich in meiner Angst zu ihm. Er
schttelte mit dem groen Kopfe, und das war mir sehr lieb, denn ich
konnte ja auch nicht Franzsisch. Aber das half alles nichts. Er hatte
mich einmal recht aufs Korn genommen, er frug und frug immer wieder; je
mehr wir parlierten, je weniger verstand einer den andern, zuletzt
wurden wir beide schon hitzig, so da mirs manchmal vorkam, als wollte
der Signor mit seiner Adlernase nach mir hacken, bis endlich die Mgde,
die den babylonischen Diskurs mit angehrt hatten, uns beide tchtig
auslachten. Ich aber legte schnell Messer und Gabel hin und ging vor die
Haustr hinaus. Denn mir war in dem fremden Lande nicht anders, als wre
ich mit meiner deutschen Zunge tausend Klafter tief ins Meer versenkt
und allerlei unbekanntes Gewrm ringelte sich und rauschte da in der
Einsamkeit um mich her und glotzte und schnappte nach mir.

Drauen war eine warme Sommernacht, so recht um gassatim zu gehen. Weit
von den Weinbergen herber hrte man noch zuweilen einen Winzer singen,
dazwischen blitzte es manchmal von ferne, und die ganze Gegend zitterte
und suselte im Mondschein. Ja, manchmal kam es mir vor, als schlpfte
eine lange dunkle Gestalt hinter den Haselnustruchern vor dem Hause
vorber und guckte durch die Zweige, dann war alles auf einmal wieder
still. -- Da trat der Herr Guido eben auf den Balkon des Wirtshauses
heraus. Er bemerkte mich nicht und spielte sehr geschickt auf einer
Zither, die er im Hause gefunden haben mute, und sang dann dazu wie
eine Nachtigall:

    Schweigt der Menschen laute Lust:
    Rauscht die Erde wie in Trumen
    Wunderbar mit allen Bumen,
    Was dem Herzen kaum bewut,
    Alte Zeiten, linde Trauer,
    Und es schweifen leise Schauer
    Wetterleuchtend durch die Brust.

Ich wei nicht, ob er noch mehr gesungen haben mag, denn ich hatte mich
auf die Bank vor der Haustr hingestreckt und schlief in der lauen Nacht
vor groer Ermdung fest ein.

Es mochten wohl ein paar Stunden ins Land gegangen sein, als mich ein
Posthorn aufweckte, das lange Zeit lustig in meine Trume hereinblies,
ehe ich mich vllig besinnen konnte. Ich sprang endlich auf, der Tag
dmmerte schon an den Bergen, und die Morgenkhle rieselte mir durch
alle Glieder. Da fiel mir erst ein, da wir ja um diese Zeit schon
wieder weit fort sein wollten. Aha, dachte ich, heut ist einmal das
Wecken und Auslachen an mir. Wie wird der Herr Guido mit dem
verschlafenen Lockenkopfe herausfahren, wenn er mich drauen hrt! So
ging ich den kleinen Garten am Hause dicht unter die Fenster, wo meine
Herren wohnten, dehnte mich noch einmal recht ins Morgenrot hinein und
sang frhlichen Mutes:

    Wenn der Hoppevogel schreit,
    Ist der Tag nicht mehr weit,
    Wenn die Sonne sich auftut,
    Schmeckt der Schlaf noch so gut! --

Das Fenster war offen, aber es blieb alles still oben, nur der Nachtwind
ging noch durch die Weinranken, die sich bis in das Fenster
hineinstreckten. -- Nun, was soll denn das wieder bedeuten? rief ich
voll Erstaunen aus und lief in das Haus und durch die stillen Gnge nach
der Stube zu. Aber da gab es mir einen rechten Stich ins Herz. Denn wie
ich die Tr aufreie, ist alles leer darin, kein Frack, kein Hut, kein
Stiefel. -- Nur die Zither, auf der Herr Guido gestern gespielt hatte,
hing an der Wand, auf dem Tische mitten in der Stube lag ein schner
voller Geldbeutel, worauf ein Zettel geklebt war. Ich hielt ihn nher
ans Fenster und traute meinen Augen kaum, es stand wahrhaftig mit groen
Buchstaben darauf: Fr den Herrn Einnehmer!

Was war mir aber das alles ntze, wenn ich meine lieben lustigen Herren
nicht wiederfand? Ich schob den Beutel in meine tiefe Rocktasche, das
plumpte wie in einen tiefen Brunnen, da es mich ordentlich
hintenberzog. Dann rannte ich hinaus, machte einen groen Lrm und
weckte alle Knechte und Mgde im Hause. Die wuten gar nicht, was ich
wollte, und meinten, ich wre verrckt geworden. Dann aber verwunderten
sie sich nicht wenig, als sie oben das leere Nest sahen. Niemand wute
etwas von meinen Herren. Nur die eine Magd -- wie ich aus ihren Zeichen
und Gestikulationen zusammenbringen konnte -- hatte bemerkt, da der
Herr Guido, als er gestern abends auf dem Balkon sang, auf einmal laut
aufschrie und dann geschwind zu dem andern Herrn ins Zimmer
zurckstrzte. Als sie hernach in der Nacht einmal aufwachte, hrte sie
drauen Pferdegetrappel. Sie guckte durch das kleine Kammerfenster und
sah den buckligen Signor, der gestern mit mir so viel gesprochen hatte,
auf einem Schimmel im Mondschein quer bers Feld galoppieren, da er
immer ellenhoch berm Sattel in die Hhe flog und die Magd sich
bekreuzte, weil es aussah wie ein Gespenst, das auf einem dreibeinigen
Pferde reitet. -- Da wut ich nun gar nicht, was ich machen sollte.

Unterdes aber stand unser Wagen schon lange vor der Tr angespannt, und
der Postillion stie ungeduldig ins Horn, da er htte bersten mgen,
denn er mute zur bestimmten Stunde auf der nchsten Station sein, da
alles durch Laufzettel bis auf die Minute vorausbestellt war. Ich rannte
noch einmal um das ganze Haus herum und rief die Maler, aber niemand gab
Antwort, die Leute aus dem Hause liefen zusammen und gafften mich an,
der Postillion fluchte, die Pferde schnaubten, ich, ganz verblfft,
springe endlich geschwind in den Wagen hinein, der Hausknecht schlgt
die Tr hinter mir zu, der Postillion knallt, und so gings mit mir fort
in die weite Welt hinein.




Fnftes Kapitel


Wir fuhren nun ber Berg und Tal Tag und Nacht immerfort. Ich hatte gar
nicht Zeit, mich zu besinnen, denn wo wir hinkamen, standen die Pferde
angeschirrt, ich konnte mit den Leuten nicht sprechen, mein
Demonstrieren half also nichts; oft, wenn ich im Wirtshause eben beim
besten Essen war, blies der Postillion, ich mute Messer und Gabel
wegwerfen und wieder in den Wagen springen und wute doch eigentlich gar
nicht, wohin und weswegen ich just mit so ausnehmender Geschwindigkeit
fortreisen sollte.

Sonst war die Lebensart gar nicht so bel. Ich legte mich, wie auf einem
Kanapee, bald in die eine, bald in die andere Ecke des Wagens und lernte
Menschen und Lnder kennen, und wenn wir durch Stdte fuhren, lehnte ich
mich auf beide Arme zum Wagenfenster heraus und dankte den Leuten, die
hflich vor mir den Hut abnahmen, oder ich grte die Mdchen an den
Fenstern wie ein alter Bekannter, die sich dann immer sehr verwunderten
und mir noch lange neugierig nachguckten.

Aber zuletzt erschrak ich sehr. Ich hatte das Geld in dem gefundenen
Beutel niemals gezhlt, den Postmeistern und Gastwirten mute ich
berall viel bezahlen, und ehe ich michs versah, war der Beutel leer.
Anfangs nahm ich mir vor, sobald wir durch einen einsamen Wald fhren,
schnell aus dem Wagen zu springen und zu entlaufen. Dann aber tat es mir
wieder leid, nun den schnen Wagen so allein zu lassen, mit dem ich
sonst wohl noch bis ans Ende der Welt fortgefahren wre.

Nun sa ich eben voller Gedanken und wute nicht aus noch ein, als es
auf einmal seitwrts von der Landstrae abging. Ich schrie zum Fenster
heraus auf den Postillion: wohin er denn fahre? Aber ich mochte
sprechen, was ich wollte, der Kerl sagte immer blo: Si, si, Signore!
und fuhr immer ber Stock und Stein, da ich aus einer Ecke des Wagens
in die andere flog.

Das wollte mir gar nicht in den Sinn, denn die Landstrae lief gerade
durch eine prchtige Landschaft auf die untergehende Sonne zu, wohl wie
in ein Meer von Glanz und Funken. Von der Seite aber, wohin wir uns
gewendet hatten, lag ein wstes Gebirge vor uns mit grauen Schluchten,
zwischen denen es schon lange dunkel geworden war. -- Je weiter wir
fuhren, je wilder und einsamer wurde die Gegend. Endlich kam der Mond
hinter den Wolken hervor und schien auf einmal so hell zwischen die
Bume und Felsen herein, da es ordentlich grauslich anzusehen war. Wir
konnten nur langsam fahren in den engen steinichten Schluchten, und das
einfrmige, ewige Gerassel des Wagens schallte an den Steinwnden weit
in die stille Nacht, als fhren wir in ein groes Grabgewlbe hinein.
Nur von vielen Wasserfllen, die man aber nicht sehen konnte, war ein
unaufhrliches Rauschen tiefer im Walde, und die Kuzchen riefen aus der
Ferne immer fort: Komm mit, komm mit! -- Dabei kam es mir vor, als
wenn der Kutscher, der, wie ich jetzt erst sah, gar keine Uniform hatte
und kein Postillion war, sich einigemal unruhig umshe und schneller zu
fahren anfing, und wie ich mich recht zum Wagen herauslegte, kam
pltzlich ein Reiter aus dem Gebsche hervor, sprengte dicht vor unsern
Pferden quer ber den Weg und verlor sich sogleich wieder auf der
anderen Seite im Walde. Ich war ganz verwirrt, denn, soviel ich bei dem
hellen Mondschein erkennen konnte, war es dasselbe bucklige Mnnlein auf
seinem Schimmel, das in dem Wirtshause mit der Adlernase nach mir
gehackt hatte. Der Kutscher schttelte den Kopf und lachte laut auf ber
die nrrische Reiterei, wandte sich aber dann rasch zu mir um, sprach
sehr viel und sehr eifrig, wovon ich leider nichts verstand, und fuhr
dann noch rascher fort.

Ich aber war froh, als ich bald darauf von fern ein Licht schimmern sah.
Es fanden sich nach und nach noch mehrere Lichter, sie wurden immer
grer und heller, und endlich kamen wir an einigen verrucherten Htten
vorber, die wie Schwalbennester auf dem Felsen hingen. Da die Nacht
warm war, so standen die Tren offen, und ich konnte darin die
hellerleuchteten Stuben und allerlei lumpiges Gesindel sehen, das wie
dunkle Schatten um das Herdfeuer herumhockte. Wir aber rasselten durch
die stille Nacht einen Steinweg hinan, der sich auf einen hohen Berg
hinaufzog. Bald berdeckten hohe Bume und herabhngende Strucher den
ganzen Hohlweg, bald konnte man auf einmal wieder das ganze Firmament
und in der Tiefe die weite stille Runde von Bergen, Wldern und Tlern
bersehen. Auf dem Gipfel des Berges stand ein groes altes Schlo mit
vielen Trmen im hellsten Mondschein. -- Nun Gott befohlen! rief ich
aus und war innerlich ganz munter geworden vor Erwartung, wohin sie mich
da am Ende noch bringen wrden.

Es dauerte wohl noch eine gute halbe Stunde, ehe wir endlich auf dem
Berge am Schlotore ankamen. Das ging in einen breiten, runden Turm
hinein, der oben schon ganz verfallen war. Der Kutscher knallte dreimal,
da es weit in dem alten Schlosse widerhallte, wo ein Schwarm von Dohlen
ganz erschrocken pltzlich aus allen Luken und Ritzen herausfuhr und mit
groem Geschrei die Luft durchkreuzte. Darauf rollte der Wagen in den
langen, dunklen Torweg hinein. Die Pferde gaben mit ihren Hufeisen Feuer
auf dem Steinpflaster, ein groer Hund bellte, der Wagen donnerte
zwischen den gewlbten Wnden. Die Dohlen schrien noch immer dazwischen
-- so kamen wir mit einem entsetzlichen Spektakel in den engen
gepflasterten Schlohof.

Eine kuriose Station! dachte ich bei mir, als nun der Wagen stillstand.
Da wurde die Wagentr von drauen aufgemacht, und ein alter langer Mann
mit einer kleinen Laterne sah mich unter seinen dicken Augenbrauen
grmlich an. Er fate mich dann unter den Arm und half mir, wie einem
groen Herrn, aus dem Wagen heraus. Drauen vor der Haustr stand eine
alte, sehr hliche Frau in schwarzem Kamisol und Rock, mit einer weien
Schrze und schwarzen Haube, von der ihr ein langer Schnipper bis an die
Nase herunterhing. Sie hatte an der einen Hfte einen groen Bund
Schlssel hngen und hielt in der andern einen altmodischen Armleuchter
mit zwei brennenden Wachskerzen. Sobald sie mich erblickte, fing sie an,
tiefe Knickse zu machen, und sprach und frug sehr viel durcheinander.
Ich verstand aber nichts davon und machte immerfort Kratzfe vor ihr,
und es war mir eigentlich recht unheimlich zumute.

Der alte Mann hatte unterdes mit seiner Laterne den Wagen von allen
Seiten beleuchtet und brummte und schttelte den Kopf, als er nirgend
einen Koffer oder Bagage fand. Der Kutscher fuhr darauf, ohne Trinkgeld
von mir zu fordern, den Wagen in einen alten Schuppen, der auf der Seite
des Hofes schon offen stand. Die alte Frau aber bat mich sehr hflich
durch allerlei Zeichen, ihr zu folgen. Sie fhrte mich mit ihren
Wachskerzen durch einen langen schmalen Gang, und dann eine kleine
steinerne Treppe herauf. Als wir an der Kche vorbeigingen, streckten
ein paar junge Mgde neugierig die Kpfe durch die halbgeffnete Tr und
guckten mich so starr an und winkten und nickten einander heimlich zu,
als wenn sie in ihrem Leben noch kein Mannsbild gesehen htten. Die Alte
machte endlich oben eine Tr auf, da wurde ich anfangs ordentlich ganz
verblfft. Denn es war ein groes, schnes, herrschaftliches Zimmer mit
goldenen Verzierungen an der Decke, und an den Wnden hingen prchtige
Tapeten mit allerlei Figuren und groen Blumen. In der Mitte stand ein
gedeckter Tisch mit Braten, Kuchen, Salat, Obst, Wein und Konfekt, da
einem recht das Herz im Leibe lachte. Zwischen den beiden Fenstern hing
ein ungeheurer Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte.

Ich mu sagen, das gefiel mir recht wohl. Ich streckte mich ein paarmal
und ging mit langen Schritten vornehm im Zimmer auf und ab. Dann konnt
ich aber doch nicht widerstehen, mich einmal in einem so groen Spiegel
zu besehen. Das ist wahr, die neuen Kleider vom Herrn Leonhard standen
mir recht schn, auch hatte ich in Italien so ein gewisses feuriges Auge
bekommen, sonst aber war ich gerade noch so ein Milchbart, wie ich zu
Hause gewesen war, nur auf der Oberlippe zeigten sich erst ein paar
Flaumfedern.

Die alte Frau mahlte indes in einem fort mit ihrem zahnlosen Munde, da
es nicht anders aussah, als wenn sie an der langen herunterhngenden
Nasenspitze kaute. Dann ntigte sie mich zum Sitzen, streichelte mir mit
ihren drren Fingern das Kinn, nannte mich Poverina! wobei sie mich
aus den roten Augen so schelmich ansah, da sich ihr der eine Mundwinkel
bis an die halbe Wange in die Hhe zog, und ging endlich mit einem
tiefen Knicks zur Tr hinaus.

Ich aber setzte mich zu dem gedeckten Tisch, whrend eine junge hbsche
Magd hereintrat, um mich bei der Tafel zu bedienen. Ich knpfte allerlei
galanten Diskurs mit ihr an, sie verstand mich aber nicht, sondern sah
mich immer ganz kurios von der Seite an, weil mirs so gut schmeckte,
denn das Essen war delikat. Als ich satt war und wieder aufstand, nahm
die Magd ein Licht von der Tafel und fhrte mich in ein anderes Zimmer.
Da war ein Sofa, ein kleiner Spiegel und ein prchtiges Bett mit
grnseidenen Vorhngen. Ich frug sie mit Zeichen, ob ich mich da hinein
legen sollte? Sie nickte zwar: ja, aber das war denn doch nicht mglich,
denn sie blieb wie angenagelt bei mir stehen. Endlich holte ich mir noch
ein groes Glas Wein aus der Tafelstube herein und rief ihr zu:
_Felicissima notte!_ denn so viel hatt ich schon Italienisch gelernt.
Aber wie ich das Glas so auf einmal ausstrzte, bricht sie pltzlich in
ein verhaltenes Kichern aus, wird ber und ber rot, geht in die
Tafelstube und macht die Tr hinter sich zu. Was ist da zu lachen?
dachte ich ganz verwundert, ich glaube, die Leute in Italien sind alle
verrckt.

Ich hatte nun nur immer Angst vor dem Postillion, da der gleich wieder
zu blasen anfangen wrde. Ich horchte am Fenster, aber es war alles
still drauen. La ihn blasen! dachte ich, zog mich aus und legte mich
in das prchtige Bett. Das war nicht anders, als wenn man in Milch und
Honig schwmme! Vor den Fenstern rauschte die alte Linde im Hofe,
zuweilen fuhr noch eine Dohle pltzlich vom Dache auf, bis ich endlich
voller Vergngen einschlief.




Sechstes Kapitel


Als ich wieder erwachte, spielten schon die ersten Morgenstrahlen an den
grnen Vorhngen ber mir. Ich konnte mich gar nicht besinnen, wo ich
eigentlich wre. Es kam mir vor, als fhre ich noch immer fort im Wagen,
und es htte mir von einem Schlosse im Mondschein getrumt und von einer
alten Hexe und ihrem blassen Tchterlein.

Ich sprang endlich rasch aus dem Bette, kleidete mich an und sah mich
dabei nach allen Seiten in dem Zimmer um. Da bemerkte ich eine kleine
Tapetentr, die ich gestern gar nicht gesehen hatte. Sie war nur
angelehnt, ich ffnete sie und erblickte ein kleines nettes Stbchen,
das in der Morgendmmerung recht heimlich aussah. ber einem Stuhl waren
Frauenkleider unordentlich hingeworfen, auf einem Bettchen daneben lag
das Mdchen, das mir gestern abends bei der Tafel aufgewartet hatte. Sie
schlief noch ganz ruhig und hatte den Kopf auf den weien bloen Arm
gelegt, ber den ihre schwarzen Locken herabfielen. Wenn die wte, da
die Tr offen war! sagte ich zu mir selbst und ging in mein
Schlafzimmer zurck, whrend ich hinter mir wieder schlo und
verriegelte, damit das Mdchen nicht erschrecken und sich schmen
sollte, wenn sie erwachte.

Drauen lie sich noch kein Laut vernehmen. Nur ein frh erwachtes
Waldvglein sa vor meinem Fenster auf einem Strauch, der aus der Mauer
herauswuchs, und sang schon sein Morgenlied. Nein, sagte ich, du
sollst mich nicht beschmen und allein so frh und fleiig Gott loben!
-- Ich nahm schnell meine Geige, die ich gestern auf das Tischchen
gelegt hatte, und ging hinaus. Im Schlosse war noch alles totenstill,
und es dauerte lange, ehe ich mich aus den dunklen Gngen ins Freie
herausfand.

Als ich vor das Schlo heraustrat, kam ich in einen groen Garten, der
auf breiten Terrassen, wovon die eine immer tiefer war als die andere,
bis auf den halben Berg herunterging. Aber das war eine liederliche
Grtnerei. Die Gnge waren alle mit hohem Grase bewachsen, die
knstlichen Figuren von Buchsbaum waren nicht beschnitten und streckten,
wie Gespenster, lange Nasen oder ellenhohe spitzige Mtzen in die Luft
hinaus, da man sich in der Dmmerung ordentlich davor htte frchten
mgen. Auf einige zerbrochene Statuen ber einer vertrockneten
Wasserkunst war gar Wsche aufgehngt, hin und wieder hatten sie mitten
im Garten Kohl gebaut, dann kamen wieder ein paar ordinre Blumen, alles
unordentlich durcheinander und von hohem, wildem Unkraut berwachsen,
zwischen dem sich bunte Eidechsen schlngelten. Zwischen die alten,
hohen Bume hindurch aber war berall eine weite, einsame Aussicht, eine
Bergkoppe hinter der andern, so weit das Auge reichte.

Nachdem ich so ein Weilchen in der Morgendmmerung durch die Wildnis
umherspaziert war, erblickte ich auf der Terrasse unter mir einen
langen, schmalen, blassen Jngling in einem langen braunen Kaputrock,
der mit verschrnkten Armen und groen Schritten auf und ab ging. Er
tat, als she er mich nicht, setzte sich bald darauf auf eine steinerne
Bank hin, zog ein Buch aus der Tasche, las sehr laut, als wenn er
predigte, sah dabei zuweilen zum Himmel und sttzte dann den Kopf ganz
melancholisch auf die rechte Hand. Ich sah ihm lange zu, endlich wurde
ich doch neugierig, warum er denn eigentlich so absonderliche Grimassen
machte, und ging schnell auf ihn zu. Er hatte eben einen tiefen Seufzer
ausgestoen und sprang erschrocken auf, als ich ankam. Er war voller
Verlegenheit, ich auch, wir wuten beide nicht, was wir sprechen
sollten, und machten immerfort Komplimente voreinander, bis er endlich
mit langen Schritten in das Gebsch Reiaus nahm. Unterdes war die Sonne
ber dem Walde aufgegangen, ich sprang auf die Bank hinauf und strich
vor Lust meine Geige, da es weit in die stillen Tler herunterschallte.
Die Alte mit dem Schlsselbunde, die mich schon ngstlich im ganzen
Schlosse zum Frhstck aufgesucht hatte, erschien nun auf der Terrasse
ber mir und verwunderte sich, da ich so artig auf der Geige spielen
konnte. Der alte grmliche Mann vom Schlosse fand sich dazu und
verwunderte sich ebenfalls, endlich kamen auch noch die Mgde, und alles
blieb oben voller Verwunderung stehen, und ich fingerte und schwenkte
meinen Fiedelbogen immer knstlicher und hurtiger und spielte Kadenzen
und Variationen, bis ich endlich ganz mde wurde.

Das war nun aber doch ganz seltsam auf dem Schlosse! Kein Mensch dachte
da ans Weiterreisen. Das Schlo war auch gar kein Wirtshaus, sondern
gehrte, wie ich von der Magd erfuhr, einem reichen Grafen. Wenn ich
mich dann manchmal bei der Alten erkundigte, wie der Graf heie, wo er
wohne, da schmunzelte sie immer blo wie den ersten Abend, da ich auf
das Schlo kam, und kniff und winkte mir so pfiffig mit den Augen zu,
als wenn sie nicht recht bei Sinne wre. Trank ich einmal an einem
heien Tage eine ganze Flasche Wein aus, so kicherten die Mgde gewi,
wenn sie die andere brachten, und als mich dann gar einmal nach einer
Pfeife Tabak verlangte, ich ihnen durch Zeichen beschrieb, was ich
wollte, da brachen alle in ein groes unvernnftiges Gelchter aus. --
Am verwunderlichsten war mir eine Nachtmusik, die sich oft, und gerade
immer in den finstersten Nchten, unter meinem Fenster hren lie. Es
griff auf einer Gitarre immer nur von Zeit zu Zeit einzelne, ganz leise
Klnge. Das eine Mal aber kam es mir vor, als wenn es dabei von unten:
Pst! pst! heraufrief. Ich fuhr daher geschwind aus dem Bett und mit
dem Kopf aus dem Fenster. Holla! heda! wer ist da drauen? rief ich
hinunter. Aber es antwortete niemand, ich hrte nur etwas sehr schnell
durch die Gestruche fortlaufen. Der groe Hund im Hofe schlug ber
meinen Lrm ein paarmal an, dann war auf einmal alles wieder still, und
die Nachtmusik lie sich seitdem nicht wieder vernehmen.

Sonst hatte ich hier ein Leben, wie sichs ein Mensch nur immer in der
Welt wnschen kann. Der gute Portier! er wute wohl, was er sprach, wenn
er immer zu sagen pflegte, da in Italien einem die Rosinen von selbst
in den Mund wchsen. Ich lebte auf dem einsamen Schlosse wie ein
verwunschener Prinz. Wo ich hintrat, hatten die Leute eine groe
Ehrerbietung vor mir, obgleich sie schon alle wuten, da ich keinen
Heller in der Tasche hatte. Ich durfte nur sagen: Tischchen, deck dich!
so standen auch schon herrliche Speisen, Reis, Wein, Melonen und
Parmesankse da. Ich lie mirs wohlschmecken, schlief in dem prchtigen
Himmelbett, ging im Garten spazieren, musizierte und half wohl auch
manchmal in der Grtnerei nach. Oft lag ich auch stundenlang im Garten
im hohen Grase, und der schmale Jngling (es war ein Schler und
Verwandter der Alten, der eben jetzt hier zur Vakanz war) ging mit
seinem langen Kaputrock in weiten Kreisen um mich herum und murmelte
dabei, wie ein Zauberer, aus seinem Buche, worber ich dann auch
jedesmal einschlummerte. -- So verging ein Tag nach dem andern, bis ich
am Ende anfing, von dem guten Essen und Trinken ganz melancholisch zu
werden. Die Glieder gingen mir von dem ewigen Nichtstun ordentlich aus
allen Gelenken, und es war mir, als wrde ich vor Faulheit noch ganz
auseinanderfallen.

In dieser Zeit sa ich einmal an einem schwlen Nachmittag im Wipfel
eines hohen Baumes, der am Abhange stand, und wiegte mich auf den sten
langsam ber dem stillen, tiefen Tale. Die Bienen summten zwischen den
Blttern um mich herum, sonst war alles wie ausgestorben, kein Mensch
war zwischen den Bergen zu sehen, tief unter mir auf den stillen
Waldwiesen ruhten die Khe auf dem hohen Grase. Aber ganz von weitem kam
der Klang eines Posthorns ber die waldigen Gipfel herber, bald kaum
vernehmbar, bald wieder heller und deutlicher. Mir fiel dabei auf einmal
ein altes Lied recht aufs Herz, das ich noch zu Hause auf meines Vaters
Mhle von einem wandernden Handwerksburschen gelernt hatte, und ich
sang:

    Wer in die Fremde will wandern,
    Der mu mit der Liebsten gehn,
    Es jubeln und lassen die andern
    Den Fremden alleine stehn.

    Was wisset ihr, dunkele Wipfel,
    Von der alten, schnen Zeit?
    Ach, die Heimat hinter den Gipfeln,
    Wie liegt sie von hier so weit!

    Am liebsten betracht ich die Sterne,
    Die schienen, wenn ich ging zu ihr,
    Die Nachtigall hr ich so gerne,
    Sie sang vor der Liebsten Tr.

    Der Morgen, das ist meine Freude!
    Da steig ich in stiller Stund,
    Auf den hchsten Berg in die Weite,
    Gr dich, Deutschland, aus Herzensgrund!

Es war, als wenn mich das Posthorn bei meinem Liede aus der Ferne
begleiten wollte. Es kam, whrend ich sang, zwischen den Bergen immer
nher und nher, bis ich es endlich gar oben auf dem Schlohofe schallen
hrte. Ich sprang rasch vom Baume herunter. Da kam mir auch schon die
Alte mit einem geffneten Pakete aus dem Schlosse entgegen. Da ist auch
etwas fr Sie mitgekommen, sagte sie und reichte mir aus dem Paket ein
kleines, niedliches Briefchen. Es war ohne Aufschrift, ich brach es
schnell auf. Aber da wurde ich auch auf einmal im ganzen Gesicht so rot
wie eine Ponie, und das Herz schlug mir so heftig, da es die Alte
merkte, denn das Briefchen war von -- meiner schnen Frau, von der ich
manches Zettelchen bei dem Herrn Amtmann gesehen hatte. Sie schrieb
darin ganz kurz: Es ist alles wieder gut, alle Hindernisse sind
beseitigt. Ich benutzte heimlich diese Gelegenheit, um die erste zu
sein, die Ihnen diese freudige Botschaft schreibt. Kommen, eilen Sie
zurck. Es ist so de hier, und ich kann kaum mehr leben, seit Sie von
uns fort sind. Aurelie.

Die Augen gingen mir ber, als ich das las, vor Entzcken und Schreck
und unsglicher Freude. Ich schmte mich vor dem alten Weibe, die mich
wieder abscheulich anschmunzelte, und flog wie ein Pfeil bis in den
allereinsamsten Winkel des Gartens. Dort warf ich mich unter den
Haselnustruchern ins Gras hin und las das Briefchen noch einmal, sagte
die Worte auswendig fr mich hin und las dann wieder und immer wieder,
und die Sonnenstrahlen tanzten zwischen den Blttern hindurch ber den
Buchstaben, da sie sich wie goldene und hellgrne und rote Blten vor
meinen Augen ineinanderschlangen. Ist sie am Ende gar nicht verheiratet
gewesen? dachte ich, war der fremde Offizier damals vielleicht ihr Herr
Bruder, oder ist er nun tot, oder bin ich toll, oder -- Das ist alles
einerlei! rief ich endlich und sprang auf, nun ists ja klar, sie liebt
mich ja, sie liebt mich!

Als ich aus dem Gestruch wieder hervorkroch, neigte sich die Sonne zum
Untergange. Der Himmel war rot, die Vgel sangen lustig in allen
Wldern, die Tler waren voller Schimmer, aber in meinem Herzen war es
noch viel tausendmal schner und frhlicher!

Ich rief in das Schlo hinein, da sie mir heut das Abendessen in den
Garten herausbringen sollten. Die alte Frau, der alte grmliche Mann,
die Mgde, sie muten alle mit heraus und sich mit mir unter dem Baum an
den gedeckten Tisch setzen. Ich zog meine Geige hervor und spielte und
a und trank dazwischen. Da wurden sie alle lustig, der alte Mann strich
seine grmlichen Falten aus dem Gesicht und stie ein Glas nach dem
andern aus, die Alte plauderte in einem fort, Gott wei was; die Mgde
fingen an auf dem Rasen miteinander zu tanzen. Zuletzt kam auch noch der
blasse Student neugierig hervor, warf einige verchtliche Blicke auf das
Spektakel und wollte ganz vornehm wieder weitergehen. Ich aber, nicht zu
faul, sprang geschwind auf, erwischte ihn, eh er sichs versah, bei
seinem langen berrock und walzte tchtig mit ihm herum. Er strengte
sich nun an, recht zierlich und neumodisch zu tanzen, und felte so
emsig und knstlich, da ihm der Schwei vom Gesicht herunterflo und
die langen Rocksche wie ein Rad um uns herumflogen. Dabei sah er mich
aber manchmal so kurios mit verdrehten Augen an, da ich mich ordentlich
vor ihm zu frchten anfing und ihn pltzlich wieder loslie.

Die Alte htte nun gar zu gern erfahren, was in dem Briefe stand und
warum ich denn eigentlich heut auf einmal so lustig war. Aber das war ja
viel zu weitlufig, um es ihr auseinandersetzen zu knnen. Ich zeigte
blo auf ein paar Kraniche, die eben hoch ber uns durch die Luft zogen,
und sagte: ich mte nun auch so fort und immer fort, weit in die Ferne!
-- Da ri sie die vertrockneten Augen weit auf und blickte wie ein
Basilisk bald auf mich, bald auf den alten Mann hinber. Dann bemerkte
ich, wie die beiden heimlich die Kpfe zusammensteckten, sooft ich mich
wegwandte, und sehr eifrig miteinander sprachen und mich dabei zuweilen
von der Seite ansahen.

Das fiel mir auf. Ich sann hin und her, was sie wohl mit mir vorhaben
mchten. Darber wurde ich stiller, die Sonne war auch schon lange
untergegangen, und so wnschte ich allen gute Nacht und ging
nachdenklich in meine Schlafstube hinauf.

Ich war innerlich so frhlich und unruhig, da ich noch lange im Zimmer
auf und nieder ging. Drauen wlzte der Wind schwere, schwarze Wolken
ber den Schloturm weg, man konnte kaum die nchsten Bergkoppen in der
dicken Finsternis erkennen. Da kam es mir vor, als wenn ich im Garten
unten Stimmen hrte. Ich lschte mein Licht aus und stellte mich ans
Fenster. Die Stimmen schienen nher zu kommen, sprachen aber sehr leise
miteinander. Auf einmal gab eine kleine Laterne, welche die eine Gestalt
unterm Mantel trug, einen langen Schein. Ich erkannte nun den grmlichen
Schloverwalter und die alte Haushlterin. Das Licht blitzte ber das
Gesicht der Alten, das mir noch niemals so grlich vorgekommen war, und
ber ein langes Messer, das sie in der Hand hielt. Dabei konnte ich
sehen, da sie beide eben nach meinem Fenster hinaufsahen. Dann schlug
der Verwalter seinen Mantel wieder dichter um, und es war bald alles
wieder finster und still.

Was wollen die, dachte ich, zu dieser Stunde noch drauen im Garten?
Mich schauderte, denn es fielen mir alle Mordgeschichten ein, die ich in
meinem Leben gehrt hatte, von Hexen und Rubern, welche Menschen
abschlachten, um ihre Herzen zu fressen. Indem ich noch so nachdenke,
kommen Menschentritte erst die Treppe herauf, dann auf dem langen Gange
ganz leise, leise auf meine Tr zu, dabei war es, als wenn zuweilen
Stimmen heimlich miteinander wisperten. Ich sprang schnell an das andere
Ende der Stube hinter einen groen Tisch, den ich, sobald sich etwas
rhrte, vor mir aufheben und so mit aller Gewalt auf die Tr losrennen
wollte. Aber in der Finsternis warf ich einen Stuhl um, da es ein
entsetzliches Gepolter gab. Da wurde es auf einmal ganz still drauen.
Ich lauschte hinter dem Tisch und sah immerfort nach der Tr, als wenn
ich sie mit den Augen durchstechen wollte, da mir ordentlich die Augen
zum Kopfe herausstanden. Als ich mich ein Weilchen wieder so ruhig
verhalten hatte, da man die Fliegen an der Wand htte knnen gehen
hren, vernahm ich, wie jemand von drauen ganz leise einen Schlssel
ins Schlsselloch steckte. Ich wollte nun eben mit meinem Tische
losfahren, da drehte es den Schlssel langsam dreimal in der Tr um, zog
ihn vorsichtig wieder heraus und schnurrte dann sachte ber den Gang und
die Treppe hinunter.

Ich schpfte nun tief Atem. Oho, dachte ich, da haben sie dich
eingesperrt, damit sie's kommode haben, wenn ich erst fest eingeschlafen
bin. Ich untersuchte geschwind die Tr. Es war richtig, sie war fest
verschlossen, ebenso die andere Tr, hinter der die hbsche, bleiche
Magd schlief. Das war noch niemals geschehen, solange ich auf dem
Schlosse wohnte.

Da sa ich nun in der Fremde gefangen! Die schne Frau stand nun wohl an
ihrem Fenster und sah ber den stillen Garten nach der Landstrae
hinaus, ob ich nicht schon am Zollhuschen mit meiner Geige
dahergestrichen komme, die Wolken flogen rasch ber den Himmel, die Zeit
verging -- und ich konnte nicht fort von hier! Ach, mir war so weh im
Herzen, ich wute gar nicht mehr, was ich tun sollte. Dabei war mirs
auch immer, wenn die Bltter drauen rauschten oder eine Ratte am Boden
knosperte, als wre die Alte durch eine verborgene Tapetentr heimlich
hereingetreten und lauere und schleiche leise mit dem langen Messer
durchs Zimmer.

Als ich so voll Sorgen auf dem Bette sa, hrte ich auf einmal seit
langer Zeit wieder die Nachtmusik unter meinen Fenstern. Bei dem ersten
Klange der Gitarre war es mir nicht anders, als wenn mir ein
Morgenstrahl pltzlich durch die Seele fhre. Ich ri das Fenster auf
und rief leise hinunter, da ich wach sei. Pst, pst! antwortete es von
unten. Ich besann mich nun nicht lange, steckte das Briefchen und meine
Geige zu mir, schwang mich aus dem Fenster und kletterte an der alten,
zersprungenen Mauer hinab, indem ich mich mit den Hnden an den
Struchern, die aus den Ritzen wuchsen, anhielt. Aber einige morsche
Ziegel gaben nach, ich kam ins Rutschen, es ging immer rascher und
rascher mit mir, bis ich endlich mit beiden Fen aufplumpte, da mirs
im Gehirnkasten knisterte.

Kaum war ich auf diese Art unten im Garten angekommen, so umarmte mich
jemand mit solcher Vehemenz, da ich laut aufschrie. Der gute Freund
aber hielt mir schnell die Finger auf den Mund, fate mich an der Hand
und fhrte mich dann aus dem Gestruch ins Freie hinaus. Da erkannte ich
mit Verwunderung den guten, langen Studenten, der die Gitarre an einem
breiten seidenen Bande um den Hals hngen hatte. -- Ich beschrieb ihm
nun in grter Geschwindigkeit, da ich aus dem Garten hinauswollte. Er
schien aber das alles schon lange zu wissen und fhrte mich auf allerlei
verdeckten Umwegen zu dem untern Tore in der hohen Gartenmauer. Aber da
war nun auch das Tor wieder fest verschlossen! Doch der Student hatte
auch das schon vorbedacht, er zog einen groen Schlssel hervor und
schlo behutsam auf.

Als wir nun in den Wald hinaustraten und ich ihn eben noch um den besten
Weg zur nchsten Stadt fragen wollte, strzte er pltzlich vor mir auf
ein Knie nieder, hob die eine Hand hoch in die Hhe und fing an zu
fluchen und zu schwren, da es entsetzlich anzuhren war. Ich wute gar
nicht, was er wollte, ich hrte nur immerfort: _Idio_ und _cuore_ und
_amore_ und _furore_! Als er aber am Ende gar anfing, auf beiden Knien
schnell und immer nher auf mich zuzurutschen, da wurde mir auf einmal
ganz grauslich, ich merkte wohl, da er verrckt war, und rannte, ohne
mich umzusehen, in den dicksten Wald hinein.

Ich hrte nun den Studenten wie rasend hinter mir drein schreien. Bald
darauf gab noch eine andere grobe Stimme vom Schlosse her Antwort. Ich
dachte mir nun wohl, da sie mich aufsuchen wrden. Der Weg war mir
unbekannt, die Nacht finster, ich konnte ihnen leicht wieder in die
Hnde fallen. Ich kletterte daher auf den Wipfel einer hohen Tanne
hinauf, um bessere Gelegenheit abzuwarten.

Von dort konnte ich hren, wie auf dem Schlosse eine Stimme nach der
andern wach wurde. Einige Windlichter zeigten sich oben und warfen ihre
wilden roten Scheine ber das alte Gemuer des Schlosses und weit vom
Berge in die schwarze Nacht hinein. Ich befahl meine Seele dem lieben
Gott, denn das verworrene Getmmel wurde immer lauter und nherte sich
immer mehr und mehr. Endlich strzte der Student mit einer Fackel unter
meinem Baume vorber, da ihm die Rocksche weit im Winde nachflogen.
Dann schienen sie sich alle nach und nach auf eine andere Seite des
Berges hinzuwenden, die Stimmen schallten immer ferner und ferner, und
der Wind rauschte wieder durch den stillen Wald. Da stieg ich schnell
von dem Baume herab und lief atemlos weiter in das Tal und die Nacht
hinaus.




Siebentes Kapitel


Ich war Tag und Nacht eilig fortgegangen, denn es sauste mir lange in
den Ohren, als kmen die vom Berge mit ihrem Rufen, mit Fackeln und
langen Messern noch immer hinter mir drein. Unterwegs erfuhr ich, da
ich nur noch ein paar Meilen von Rom wre. Da erschrak ich ordentlich
vor Freude. Denn von dem prchtigen Rom hatte ich schon zu Hause als
Kind viele wunderbare Geschichten gehrt, und wenn ich dann an
Sonntagsnachmittagen vor der Mhle im Grase lag und alles ringsum so
still war, da dachte ich mir Rom wie die ziehenden Wolken ber mir, mit
wundersamen Bergen und Abgrnden am blauen Meer und goldnen Toren und
hohen glnzenden Trmen, von denen Engel in goldnen Gewndern sangen. --
Die Nacht war schon wieder lange hereingebrochen, und der Mond schien
prchtig, als ich endlich auf einem Hgel aus dem Walde heraustrat und
auf einmal die Stadt in der Ferne vor mir sah. -- Das Meer leuchtete von
weitem, der Himmel blitzte und funkelte unbersehbar mit unzhligen
Sternen, darunter lag die heilige Stadt, von der man nur einen langen
Nebelstreif erkennen konnte, wie ein eingeschlafener Lwe auf der
stillen Erde, und Berge standen daneben wie dunkle Riesen, die ihn
bewachten.

Ich kam nun zuerst auf eine groe, einsame Heide, auf der es so grau und
still war wie im Grabe. Nur hin und her stand ein altes verfallenes
Gemuer oder ein trockener wunderbar gewundener Strauch; manchmal
schwirrten Nachtvgel durch die Luft, und mein eigener Schatten strich
immerfort lang und dunkel in der Einsamkeit neben mir her. Sie sagen,
da hier eine uralte Stadt und die Frau Venus begraben liegt und die
alten Heiden zuweilen noch aus ihren Grbern heraufsteigen und bei
stiller Nacht ber die Heide gehen und die Wanderer verwirren. Aber ich
ging immer gerade fort und lie mich nichts anfechten. Denn die Stadt
stieg immer deutlicher und prchtiger vor mir herauf, und die hohen
Burgen und Tore und die goldenen Kuppeln glnzten so herrlich im hellen
Mondenschein, als stnden wirklich die Engel in goldnen Gewndern auf
den Zinnen und sngen durch die stille Nacht herber.

So zog ich denn endlich erst an kleinen Husern vorbei, dann durch ein
prchtiges Tor in die berhmte Stadt Rom hinein. Der Mond schien
zwischen den Palsten, als wre es heller Tag, aber die Straen waren
schon alle leer, nur hin und wieder lag ein lumpiger Kerl, wie ein
Toter, in der lauen Nacht auf den Marmorschwellen und schlief. Dabei
rauschten die Brunnen auf den stillen Pltzen, und die Grten an der
Strae suselten dazwischen und erfllten die Luft mit erquickenden
Dften.

Wie ich nun eben so weiter fortschlendere und vor Vergngen, Mondschein
und Wohlgeruch gar nicht wei, wohin ich mich wenden soll, lt sich
tief aus dem einen Garten eine Gitarre hren. Mein Gott, denk ich, da
ist mir wohl der tolle Student mit dem langen berrock heimlich
nachgesprungen! Darber fing eine Dame in dem Garten an beraus lieblich
zu singen. Ich stand ganz wie bezaubert, denn es war die Stimme der
schnen gndigen Frau und dasselbe welsche Liedchen, das sie gar oft zu
Hause am offnen Fenster gesungen hatte.

Da fiel mir auf einmal die schne alte Zeit mit solcher Gewalt aufs
Herz, da ich bitterlich htte weinen mgen, der stille Garten vor dem
Schlo in frher Morgenstunde, und wie ich da hinter dem Strauch so
glckselig war, ehe mir die dumme Fliege in die Nase flog. Ich konnte
mich nicht lnger halten. Ich kletterte auf den vergoldeten Zieraten
ber das Gittertor und schwang mich in den Garten hinunter, woher der
Gesang kam. Da bemerkte ich, da eine schlanke, weie Gestalt von fern
hinter einer Pappel stand und mir erst verwundert zusah, als ich ber
das Gitterwerk kletterte, dann aber auf einmal so schnell durch den
dunklen Garten nach dem Hause zuflog, da man sie im Mondschein kaum
feln sehen konnte. Das war sie selbst! rief ich aus, und das Herz
schlug mir vor Freude, denn ich erkannte sie gleich an den kleinen,
geschwinden Fchen wieder. Es war nur schlimm, da ich mir beim
Herunterspringen vom Gartentore den rechten Fu etwas vertreten hatte,
ich mute daher erst ein paarmal mit dem Beine schlenkern, eh ich zu dem
Hause nachspringen konnte. Aber da hatten sie unterdes Tr und Fenster
fest verschlossen. Ich klopfte ganz bescheiden an, horchte und klopfte
wieder. Da war es nicht anders, als wenn es drinnen leise flsterte und
kicherte, ja einmal kam es mir vor, als wenn zwei helle Augen zwischen
den Jalousien im Mondschein hervorfunkelten. Dann war auf einmal wieder
alles still.

Sie wei nur nicht, da ich es bin, dachte ich, zog die Geige, die ich
allzeit bei mir trage, hervor, spazierte damit auf dem Gange vor dem
Hause auf und nieder und spielte und sang das Lied von der schnen Frau
und spielte voll Vergngen alle meine Lieder durch, die ich damals in
den schnen Sommernchten im Schlogarten oder auf der Bank vor dem
Zollhause gespielt hatte, da es weit bis in die Fenster des Schlosses
hinberklang. -- Aber es half alles nichts, es rhrte und regte sich
niemand im ganzen Hause. Da steckte ich endlich meine Geige traurig ein
und legte mich auf der Schwelle vor der Haustr hin, denn ich war sehr
mde von dem langen Marsch. Die Nacht war warm, die Blumenbeete vor dem
Hause dufteten lieblich, eine Wasserkunst weiter unten im Garten
pltscherte immerfort dazwischen. Mir trumte von himmelblauen Blumen,
von schnen, dunkelgrnen, einsamen Grnden, wo Quellen rauschten und
Bchlein gingen und bunte Vgel wunderbar sangen, bis ich endlich fest
einschlief.

Als ich aufwachte, rieselte mir die Morgenluft durch alle Glieder. Die
Vgel waren schon wach und zwitscherten auf den Bumen um mich herum,
als ob sie mich fr'n Narren haben wollten. Ich sprang rasch auf und sah
mich nach allen Seiten um. Die Wasserkunst im Garten rauschte noch
immerfort, aber in dem Hause war kein Laut zu vernehmen. Ich guckte
durch die grnen Jalousien in das eine Zimmer hinein. Da war ein Sofa,
und ein groer runder Tisch mit grauer Leinwand verhangen, die Sthle
standen alle in groer Ordnung und unverrckt an den Wnden herum; von
auen aber waren die Jalousien an allen Fenstern heruntergelassen, als
wre das ganze Haus schon seit vielen Jahren unbewohnt. -- Da berfiel
mich ein ordentliches Grausen vor dem einsamen Hause und Garten und vor
der gestrigen weien Gestalt. Ich lief, ohne mich weiter umzusehen,
durch die stillen Lauben und Gnge und kletterte geschwind wieder an dem
Gartentor hinauf. Aber da blieb ich wie verzaubert sitzen, als ich auf
einmal von dem hohen Gitterwerk in die prchtige Stadt hinuntersah. Da
blitzte und funkelte die Morgensonne weit ber die Dcher und in die
langen stillen Straen hinein, da ich laut aufjauchzen mute und voller
Freude auf die Strae hinuntersprang.

Aber wohin sollt ich mich wenden in der groen fremden Stadt? Auch ging
mir die konfuse Nacht und das welsche Lied der schnen gndigen Frau von
gestern noch immer im Kopfe hin und her. Ich setzte mich endlich auf den
steinernen Springbrunnen, der mitten auf dem einsamen Platze stand,
wusch mir in dem klaren Wasser die Augen hell und sang dazu:

    Wenn ich ein Vglein war,
    Ich wt wohl, wovon ich snge,
    Und auch zwei Flgel htt,
    Ich wt wohl, wohin ich mich schwnge!

Ei, lustiger Gesell, du singst ja wie eine Lerche beim ersten
Morgenstrahl! sagte da auf einmal ein junger Mann zu mir, der whrend
meines Liedes an den Brunnen herangetreten war. Mir aber, da ich so
unverhofft Deutsch sprechen hrte, war es nicht anders im Herzen, als
wenn die Glocke aus meinem Dorfe am stillen Sonntagsmorgen pltzlich zu
mir herberklnge. Gott willkommen, bester Herr Landsmann! rief ich
aus und sprang voller Vergngen von dem steinernen Brunnen herab. Der
junge Mann lchelte und sah mich von oben bis unten an. Aber was treibt
Ihr denn eigentlich hier in Rom? fragte er endlich. Da wute ich nun
nicht gleich, was ich sagen sollte, denn da ich soeben der schnen
gndigen Frau nachsprnge, mocht ich ihm nicht sagen. Ich treibe,
erwiderte ich, mich selbst ein bichen herum, um die Welt zu sehn. --
So so! versetzte der junge Mann und lachte laut auf, da haben wir ja
=ein= Metier. Das tu ich eben auch, um die Welt zu sehn und hinterdrein
abzumalen. -- Also ein Maler! rief ich frhlich aus, denn mir fiel
dabei Herr Leonhard und Guido ein. Aber der Herr lie mich nicht zu
Worte kommen. Ich denke, sagte er, du gehst mit und frhstckst bei
mir, da will ich dich selbst abkonterfeien, da es eine Freude sein
soll! -- Das lie ich mir gern gefallen und wanderte nun mit dem Maler
durch die leeren Straen, wo nur hin und wieder erst einige Fensterladen
aufgemacht wurden und bald ein Paar weie Arme, bald ein verschlafnes
Gesichtchen in die frische Morgenluft hinausguckte.

Er fhrte mich lange hin und her durch eine Menge konfuser, enger und
dunkler Gassen, bis wir endlich in ein altes verruchertes Haus
hineinwuschten. Dort stiegen wir eine finstre Treppe hinauf, dann wieder
eine, als wenn wir in den Himmel hineinsteigen wollten. Wir standen nun
unter dem Dache vor einer Tr still, und der Maler fing an in allen
Taschen vorn und hinten mit groer Eilfertigkeit zu suchen. Aber er
hatte heute frh vergessen zuzuschlieen und den Schlssel in der Stube
gelassen. Denn er war, wie er mir unterwegs erzhlte, noch vor
Tagesanbruch vor die Stadt hinausgegangen, um die Gegend bei
Sonnenaufgang zu betrachten. Er schttelte nur mit dem Kopfe und stie
die Tr mit dem Fue auf.

Das war eine lange, lange, groe Stube, da man darin htte tanzen
knnen, wenn nur nicht auf dem Fuboden alles vollgelegen htte. Aber da
lagen Stiefel, Papiere, Kleider, umgeworfene Farbentpfe, alles
durcheinander; in der Mitte der Stube standen groe Gerste, wie man zum
Birnenabnehmen braucht, ringsum an der Wand waren groe Bilder
angelehnt. Auf einem langen hlzernen Tische war eine Schssel, worauf
neben einem Farbenkleckse Brot und Butter lag. Eine Flasche Wein stand
daneben.

Nun et und trinkt erst, Landsmann! rief mir der Maler zu. -- Ich
wollte mir auch sogleich ein paar Butterschnitten schmieren, aber da war
wieder kein Messer da. Wir muten erst lange in den Papieren auf dem
Tische herumrascheln, ehe wir es unter einem groen Pakete endlich
fanden. Darauf ri der Maler das Fenster auf, da die frische Morgenluft
frhlich das ganze Zimmer durchdrang. Das war eine herrliche Aussicht
weit ber die Stadt weg in die Berge hinein, wo die Morgensonne lustig
die weien Landhuser und Weingrten beschien. -- Vivat unser
khlgrnes Deutschland da hinter den Bergen! rief der Maler aus und
trank dazu aus der Weinflasche, die er mir dann hinreichte. Ich tat ihm
hflich Bescheid und grte in meinem Herzen die schne Heimat in der
Ferne noch viel tausendmal.

Der Maler aber hatte unterdes das hlzerne Gerst, worauf ein sehr
groes Papier aufgespannt war, nher an das Fenster herangerckt. Auf
dem Papier war blo mit groen schwarzen Strichen eine alte Htte gar
knstlich abgezeichnet. Darin sa die Heilige Jungfrau mit einem beraus
schnen, freudigen und doch recht wehmtigen Gesichte. Zu ihren Fen
auf einem Nestlein von Stroh lag das Jesuskind, sehr freundlich, aber
mit groen, ernsthaften Augen. Drauen auf der Schwelle der offnen Htte
aber knieten zwei Hirtenknaben mit Stab und Tasche. -- Siehst du,
sagte der Maler, dem einen Hirtenknaben da will ich deinen Kopf
aufsetzen, so kommt dein Gesicht doch auch etwas unter die Leute, und
wills Gott, sollen sie sich daran noch erfreuen, wenn wir beide schon
lange begraben sind und selbst so still und frhlich vor der Heiligen
Mutter und ihrem Sohne knien wie die glcklichen Jungen hier. -- Darauf
ergriff er einen alten Stuhl, von dem ihm aber, da er ihn aufheben
wollte, die halbe Lehne in der Hand blieb. Er pate ihn geschwind wieder
zusammen, schob ihn vor das Gerst hin, und ich mute mich nun darauf
setzen und mein Gesicht etwas von der Seite, nach dem Maler zu, wenden.
-- So sa ich ein paar Minuten ganz still, ohne mich zu rhren. Aber ich
wei nicht, zuletzt konnt ichs gar nicht recht aushalten, bald juckte
michs da, bald juckte michs dort. Auch hing mir gerade gegenber ein
zerbrochener halber Spiegel, da mut ich immerfort hineinsehen und
machte, wenn er eben malte, aus Langeweile allerlei Gesichter und
Grimassen. Der Maler, der es bemerkte, lachte endlich laut auf und
winkte mir mit der Hand, da ich wieder aufstehen sollte. Mein Gesicht
auf dem Hirten war auch schon fertig und sah so klar aus, da ich mir
ordentlich selber gefiel.

Er zeichnete nun in der frischen Morgenkhle immer fleiig fort, whrend
er ein Liedchen dazu sang und zuweilen durch das offne Fenster in die
prchtige Gegend hinausblickte. Ich aber schnitt mir unterdes noch eine
Butterstolle und ging damit im Zimmer auf und ab und besah mir die
Bilder, die an der Wand aufgestellt waren. Zwei darunter gefielen mir
ganz besonders gut. Habt Ihr die auch gemalt? fragte ich den Maler.
Warum nicht gar! erwiderte er, die sind von den berhmten Meistern
Leonardo da Vinci und Guido Reni -- aber da weit du ja doch nichts
davon! -- Mich rgerte der Schlu der Rede. O, versetzte ich ganz
gelassen, die beiden Meister kenne ich wie meine eigne Tasche. -- Da
machte er groe Augen. Wieso? fragte er geschwind. Nun, sagte ich,
bin ich nicht mit ihnen Tag und Nacht fortgereist, zu Pferde und zu Fu
und zu Wagen, da mir der Wind am Hute pfiff, und hab sie alle beide in
der Schenke verloren und bin dann allein in ihrem Wagen mit Extrapost
immer weiter gefahren, da der Bombenwagen immerfort auf zwei Rdern
ber die entsetzlichen Steine flog, und -- Oho! Oho! unterbrach mich
der Maler und sah mich starr an, als wenn er mich fr verrckt hielte.
Dann aber brach er pltzlich in ein lautes Gelchter aus. Ach, rief
er, nun versteh ich erst, du bist mit zwei Malern gereist, die Guido
und Leonhard hieen? -- Da ich das bejahte, sprang er rasch auf und sah
mich nochmals von oben bis unten ganz genau an. Ich glaube gar, sagte
er, am Ende -- spielst du die Violine? -- Ich schlug auf meine
Rocktasche, da die Geige darin einen Klang gab. -- Nun, wahrhaftig,
versetzte der Maler, da war eine Grfin aus Deutschland hier, die hat
sich in allen Winkeln von Rom nach den beiden Malern und nach einem
jungen Musikanten mit der Geige erkundigen lassen. -- Eine junge
Grfin aus Deutschland? rief ich voller Entzcken aus, ist der Portier
mit? -- Ja, das wei ich alles nicht, erwiderte der Maler, ich sah
sie nur einige Male bei einer Freundin von ihr, die aber auch nicht in
der Stadt wohnt. -- Kennst du die? fuhr er fort, indem er in einem
Winkel pltzlich eine Leinwanddecke von einem groen Bilde in die Hhe
hob. Da war mirs doch nicht anders, als wenn man in einer finstern Stube
die Laden aufmacht und einem die Morgensonne auf einmal ber die Augen
blitzt, es war -- die schne gndige Frau! -- sie stand in einem
schwarzen Samtkleide im Garten und hob mit einer Hand den Schleier vom
Gesicht und sah still und freundlich in eine weite, prchtige Gegend
hinaus. Je lnger ich hinsah, je mehr kam es mir vor, als wre es der
Garten am Schlosse, und die Blumen und Zweige wiegten sich leise im
Winde, und unten in der Tiefe she ich mein Zollhuschen und die
Landstrae weit durchs Grne und die Donau und die fernen blauen Berge.

Sie ists, sie ists! rief ich endlich, erwischte meinen Hut und rannte
rasch zur Tr hinaus, die vielen Treppen hinunter und hrte nur noch,
da mir der verwunderte Maler nachschrie, ich sollte gegen Abend
wiederkommen, da knnten wir vielleicht mehr erfahren.




Achtes Kapitel


Ich lief mit groer Eilfertigkeit durch die Stadt, um mich sogleich
wieder in dem Gartenhause zu melden, wo die schne Frau gestern abend
gesungen hatte. Auf den Straen war unterdes alles lebendig geworden,
Herren und Damen zogen im Sonnenschein und neigten sich und grten bunt
durcheinander, prchtige Karossen rasselten dazwischen, und von allen
Trmen lutete es zur Messe, da die Klnge ber dem Gewhl wunderbar in
der klaren Luft durcheinanderhallten. Ich war wie betrunken von Freude
und von dem Rumor und rannte in meiner Frhlichkeit immer gerade fort,
bis ich zuletzt gar nicht mehr wute, wo ich stand. Es war wie
verzaubert, als wre der stille Platz mit dem Brunnen und der Garten und
das Haus blo ein Traum gewesen und beim hellen Tageslichte alles wieder
von der Erde verschwunden.

Fragen konnte ich nicht, denn ich wute den Namen des Platzes nicht.
Endlich fing es auch an sehr schwl zu werden, die Sonnenstrahlen
schossen recht wie sengende Pfeile auf das Pflaster, die Leute
verkrochen sich in die Huser, die Jalousien wurden berall wieder
zugemacht, und es war auf einmal wie ausgestorben auf den Straen. Ich
warf mich zuletzt ganz verzweifelt vor einem schnen groen Hause hin,
vor dem ein Balkon mit Sulen breiten Schatten warf, und betrachtete
bald die stille Stadt, die in der pltzlichen Einsamkeit bei heller
Mittagsstunde ordentlich schauerlich aussah, bald wieder den tiefblauen,
ganz wolkenlosen Himmel, bis ich endlich vor groer Ermdung gar
einschlummerte. Da trumte mir, ich lge bei meinem Dorfe auf einer
einsamen grnen Wiese, ein warmer Sommerregen sprhte und glnzte in der
Sonne, die soeben hinter den Bergen unterging, und wie die Regentropfen
auf den Rasen fielen, waren es lauter schne bunte Blumen, so da ich
davon ganz berschttet war.

Aber wie erstaunte ich, als ich erwachte und wirklich eine Menge schner
frischer Blumen auf und neben mir liegen sah! Ich sprang auf, konnte
aber nichts Besonderes bemerken, als blo in dem Hause ber mir ein
Fenster ganz oben voll von duftenden Struchern und Blumen, hinter denen
ein Papagei unablssig plauderte und kreischte. Ich las nun die
zerstreuten Blumen auf, band sie zusammen und steckte mir den Strau
vorn ins Knopfloch. Dann aber fing ich an, mit dem Papagei ein wenig zu
diskurieren, denn es freute mich, wie er in seinem vergoldeten Gebauer
mit allerlei Grimassen herauf und herunter stieg und sich dabei immer
ungeschickt ber die groe Zehe trat. Doch ehe ich michs versah,
schimpfte er mich Furfante! Wenn es gleich eine unvernnftige Bestie
war, so rgerte es mich doch. Ich schimpfte ihn wieder, wir gerieten
endlich beide in Hitze, je mehr ich auf deutsch schimpfte, je mehr
gurgelte er auf italienisch wieder auf mich los.

Auf einmal hrte ich jemand hinter mir lachen. Ich drehte mich rasch um.
Es war der Maler von heute frh. Was stellst du wieder fr tolles Zeug
an! sagte er, ich warte schon eine halbe Stunde auf dich. Die Luft ist
wieder khler, wir wollen in einen Garten vor der Stadt gehen, da wirst
du mehrere Landsleute finden und vielleicht etwas Nheres von der
deutschen Grfin erfahren.

Darber war ich auerordentlich erfreut, und wir traten unsern
Spaziergang sogleich an, whrend ich den Papagei noch lange hinter mir
drein schimpfen hrte.

Nachdem wir drauen vor der Stadt auf schmalen steinichten Fusteigen
lange zwischen Landhusern und Weingrten hinaufgestiegen waren, kamen
wir an einen kleinen hochgelegenen Garten, wo mehrere junge Mnner und
Mdchen im Grnen um einen runden Tisch saen. Sobald wir hineintraten,
winkten uns alle zu, uns still zu verhalten, und zeigten auf die andere
Seite des Gartens hin. Dort saen in einer groen, grnverwachsenen
Laube zwei schne Frauen an einem Tisch einander gegenber. Die eine
sang, die andere spielte Gitarre dazu. Zwischen beiden hinter dem Tische
stand ein freundlicher Mann, der mit einem kleinen Stbchen zuweilen den
Takt schlug. Dabei funkelte die Abendsonne durch das Weinlaub, bald ber
die Weinflaschen und Frchte, womit der Tisch in der Laube besetzt war,
bald ber die vollen, runden, blendendweien Achseln der Frau mit der
Gitarre. Die andere war wie verzckt und sang auf italienisch ganz
auerordentlich knstlich, da ihr die Flechsen am Halse aufschwollen.

Wie sie nun soeben mit zum Himmel gerichteten Augen eine lange Kadenz
anhielt und der Mann neben ihr mit aufgehobenem Stbchen auf den
Augenblick pate, wo sie wieder in den Takt einfallen wrde, und keiner
im ganzen Garten zu atmen sich unterstand, da flog pltzlich die
Gartentr weit auf und ein ganz erhitztes Mdchen und hinter ihr ein
junger Mensch mit einem feinen, bleichen Gesicht strzten in groem
Geznke herein. Der erschrockene Musikdirektor blieb mit seinem
aufgehobenen Stabe wie ein versteinerter Zauberer stehen, obgleich die
Sngerin schon lngst den langen Triller pltzlich abgeschnappt hatte
und zornig aufgestanden war. Alle brigen zischten den Neuangekommenen
wtend an. Barbar! rief ihm einer von dem runden Tische zu, du rennst
da mitten in das sinnreiche Tableau von der schnen Beschreibung hinein,
welche der selige Hoffmann, Seite 347 des Frauentaschenbuches fr 1816,
von dem schnsten Hummelschen Bilde gibt, das im Herbst 1814 auf der
Berliner Kunstausstellung zu sehen war! -- Aber das half alles nichts.
Ach was! entgegnete der junge Mann, mit euern Tableaus von Tableaus!
Mein selbsterfundenes Bild fr die andern, und mein Mdchen fr mich
allein! So will ich es halten! O du Ungetreue, du Falsche! fuhr er dann
von neuem gegen das arme Mdchen fort, du kritische Seele, die in der
Malerkunst nur den Silberblick und in der Dichterkunst nur den goldenen
Faden sucht und keinen Liebsten, sondern nur lauter Schtze hat! Ich
wnsche dir hinfro, anstatt eines ehrlichen malerischen Pinsels, einen
alten Duka mit einer ganzen Mnzgrube von Diamanten auf der Nase und mit
hellem Silberblick auf der kahlen Platte und mit Goldschnitt auf den
paar noch brigen Haaren! Ja, nur heraus mit dem verruchten Zettel, den
du da vorhin vor mir versteckt hast! Was hast du wieder angezettelt? Von
wem ist der Wisch, und an wen ist er?

Aber das Mdchen strubte sich standhaft, und je eifriger die andern den
erbosten jungen Menschen umgaben und ihn mit groem Lrm zu trsten und
zu beruhigen suchten, desto erhitzter und toller wurde er von dem Rumor,
zumal da das Mdchen auch ihr Mulchen nicht halten konnte, bis sie
endlich weinend aus dem verworrenen Knuel hervorflog und sich auf
einmal ganz unverhofft an meine Brust strzte, um bei mir Schutz zu
suchen. Ich stellte mich auch sogleich in die gehrige Positur, aber da
die andern in dem Getmmel soeben nicht auf uns acht gaben, kehrte sie
pltzlich das Kpfchen nach mir herauf und flsterte mir mit ganz
ruhigem Gesichte sehr leise und schnell ins Ohr: Du abscheulicher
Einnehmer! Um dich mu ich das alles leiden. Da steck den fatalen Zettel
geschwind zu dir, du findest darauf bemerkt, wo wir wohnen. Also zur
bestimmten Stunde, wenn du ins Tor kommst, immer die einsame Strae
rechts fort!

Ich konnte vor Verwunderung kein Wort hervorbringen, denn wie ich sie
nun erst recht ansah, erkannte ich sie auf einmal: es war wahrhaftig die
schnippische Kammerjungfer vom Schlo, die mir damals an dem schnen
Sonntagsabende die Flasche mit Wein brachte. Sie war mir sonst niemals
so schn vorgekommen, als da sie sich jetzt so erhitzt an mich lehnte,
da die schwarzen Locken ber meinem Arm herabhingen. -- Aber, verehrte
Mamsell, sagte ich voller Erstaunen, wie kommen Sie -- Um Gottes
willen, still nur, jetzt still! erwiderte sie und sprang geschwind von
mir fort auf die andere Seite des Gartens, eh ich mich noch auf alles
recht besinnen konnte.

Unterdes hatten die andern ihr erstes Thema fast ganz vergessen, zankten
aber untereinander recht vergnglich weiter, indem sie dem jungen
Menschen beweisen wollten, da er eigentlich betrunken sei, was sich fr
einen ehrliebenden Maler gar nicht schicke. Der runde, fixe Mann aus der
Laube, der -- wie ich nachher erfuhr -- ein groer Kenner und Freund von
Knsten war und aus Liebe zu den Wissenschaften gern alles mitmachte,
hatte auch sein Stbchen weggeworfen und flankierte mit seinem fetten
Gesicht, das vor Freundlichkeit ordentlich glnzte, eifrig mitten in dem
dicksten Getmmel herum, um alles zu vermitteln und zu beschwichtigen,
whrend er dazwischen immer wieder die lange Kadenz und das schne
Tableau bedauerte, das er mit vieler Mhe zusammengebracht hatte.

Mir aber war es so sternklar im Herzen wie damals an dem glckseligen
Sonnabend, als ich am offenen Fenster vor der Weinflasche bis tief in
die Nacht hinein auf der Geige spielte. Ich holte, da der Rumor gar kein
Ende nehmen wollte, frisch meine Violine wieder hervor und spielte, ohne
mich lange zu besinnen, einen welschen Tanz auf, den sie dort im Gebirge
tanzen und den ich auf dem alten, einsamen Waldschlosse gelernt hatte.

Da reckten alle die Kpfe in die Hh. Bravo, bravissimo, ein deliziser
Einfall! rief der lustige Kenner von den Knsten und lief sogleich von
einem zum andern, um ein lndliches Divertissement, wie ers nannte,
einzurichten. Er selbst machte den Anfang, indem er der Dame die Hand
reichte, die vorhin in der Laube gespielt hatte. Er begann darauf
auerordentlich knstlich zu tanzen, schrieb mit den Fuspitzen allerlei
Buchstaben auf den Rasen, schlug ordentliche Triller mit den Fen und
machte von Zeit zu Zeit ganz passable Luftsprnge. Aber er bekam es bald
satt, denn er war etwas korpulent. Er machte immer krzere und
ungeschicktere Sprnge, bis er endlich ganz aus dem Kreise heraustrat
und heftig hustete und sich mit seinem schneeweien Schnupftuche
unaufhrlich den Schwei abwischte. Unterdes hatte auch der junge
Mensch, der nun wieder ganz gescheut geworden war, aus dem Wirtshause
Kastagnetten herbeigeholt, und ehe ich michs versah, tanzten alle unter
den Bumen bunt durcheinander. Die untergegangene Sonne warf noch einige
rote Widerscheine zwischen die dunklen Schatten und ber das alte
Gemuer und die von Efeu wild berwachsenen, halb versunkenen Sulen
hinten im Garten, whrend man von der andern Seite tief unter den
Weinbergen die Stadt Rom in den Abendgluten liegen sah. Da tanzten sie
alle lieblich im Grnen in der klaren stillen Luft, und mir lachte das
Herz recht im Leibe, wie die schlanken Mdchen, und die Kammerjungfer
mitten unter ihnen, sich so mit aufgehobenen Armen wie heidnische
Waldnymphen zwischen dem Laubwerk schwangen und dabei jedesmal in der
Luft mit den Kastagnetten lustig dazu schnalzten. Ich konnte mich nicht
lnger halten, ich sprang mitten unter sie hinein und machte, whrend
ich dabei immerfort geigte, recht artige Figuren.

Ich mochte eine ziemliche Weile so im Kreise herumgesprungen sein und
merkte gar nicht, da die andern unterdes anfingen mde zu werden und
sich nach und nach von dem Rasenplatze verloren. Da zupfte mich jemand
von hinten tchtig an den Rockschen. Es war die Kammerjungfer. Sei
kein Narr, sagte sie leise, du springst ja wie ein Ziegenbock!
Studiere deinen Zettel ordentlich und komm bald nach, die schne junge
Grfin wartet. -- Und damit schlpfte sie in der Dmmerung zur
Gartenpforte hinaus und war bald zwischen den Weingrten verschwunden.

Mir klopfte das Herz, ich wre am liebsten gleich nachgesprungen. Zum
Glcke zndete der Kellner, da es schon dunkel geworden war, in einer
groen Laterne an der Gartentr Licht an. Ich trat heran und zog
geschwind den Zettel heraus. Da war ziemlich kritzlig mit Bleifeder das
Tor und die Strae beschrieben, wie mir die Kammerjungfer vorhin gesagt
hatte. Dann stand: Elf Uhr an der kleinen Tr.

Da waren noch ein paar lange Stunden hin! -- Ich wollte mich
dessenungeachtet sogleich auf den Weg machen, denn ich hatte keine Rast
und Ruhe mehr; aber da kam der Maler, der mich hierhergebracht hatte,
auf mich los. Hast du das Mdchen gesprochen? fragte er, ich seh sie
nun nirgends mehr; das war das Kammermdchen von der deutschen Grfin.
Still, still! erwiderte ich, die Grfin ist noch in Rom. Nun, desto
besser, sagte der Maler, so komm und trink mit uns auf ihre
Gesundheit! Und damit zog er mich, wie sehr ich mich auch strubte, in
den Garten zurck.

Da war es unterdes ganz de und leer geworden. Die lustigen Gste
wanderten, jeder sein Liebchen am Arm, nach der Stadt zu, und man hrte
sie noch durch den stillen Abend zwischen den Weingrten plaudern und
lachen, immer ferner und ferner, bis sich endlich die Stimmen tief in
dem Tale im Rauschen der Bume und des Stromes verloren. Ich war noch
mit meinem Maler und dem Herrn Eckbrecht -- so hie der andere junge
Maler, der sich vorhin so herumgezankt hatte -- allein oben
zurckgeblieben. Der Mond schien prchtig im Garten zwischen die hohen,
dunklen Bume herein, ein Licht flackerte im Winde auf dem Tische vor
uns und schimmerte ber den vielen vergonen Wein auf der Tafel. Ich
mute mich mit hinsetzen, und mein Maler plauderte mit mir ber meine
Herkunft, meine Reise und meinen Lebensplan. Herr Eckbrecht aber hatte
das junge hbsche Mdchen aus dem Wirtshause, nachdem sie uns Flaschen
auf den Tisch gestellt, vor sich auf den Scho genommen, legte ihr die
Gitarre in den Arm und lehrte sie ein Liedchen darauf klimpern. Sie fand
sich auch bald mit den kleinen Hndchen zurecht, und sie sangen dann
zusammen ein italienisches Lied, einmal er, dann wieder das Mdchen eine
Strophe, was sich in dem schnen stillen Abend prchtig ausnahm. -- Als
das Mdchen dann weggerufen wurde, lehnte sich Herr Eckbrecht mit der
Gitarre auf der Bank zurck, legte seine Fe auf einen Stuhl, der vor
ihm stand, und sang nun fr sich allein viele herrliche deutsche und
italienische Lieder, ohne sich weiter um uns zu bekmmern. Dabei
schienen die Sterne prchtig am klaren Firmament, die ganze Gegend war
wie versilbert vom Mondscheine, ich dachte an die schne Frau, an die
ferne Heimat und verga darber ganz meinen Maler neben mir. Zuweilen
mute Herr Eckbrecht stimmen, darber wurde er immer ganz zornig. Er
drehte und ri zuletzt an dem Instrument, da pltzlich eine Saite
sprang. Da warf er die Gitarre hin und sprang auf. Nun wurde er erst
gewahr, da mein Maler sich unterdes ber seinen Arm auf den Tisch
gelegt hatte und fest eingeschlafen war. Er warf schnell einen weien
Mantel um, der auf einem Aste neben dem Tische hing, besann sich aber
pltzlich, sah erst meinen Maler, dann mich ein paarmal scharf an,
setzte sich darauf, ohne sich lange zu bedenken, gerade vor mich auf den
Tisch hin, rusperte sich, rckte an seiner Halsbinde und fing dann auf
einmal an, eine Rede an mich zu halten. Geliebter Zuhrer und
Landsmann! sagte er, da die Flaschen beinahe leer sind, und da die
Moral unstreitig die erste Brgerpflicht ist, wenn die Tugenden auf die
Neige gehen, so fhle ich mich aus landsmnnlicher Sympathie getrieben,
dir einige Moralitt zu Gemte zu fhren. -- Man knnte zwar meinen,
fuhr er fort, du seist ein bloer Jngling, whrend doch dein Frack
ber seine besten Jahre hinaus ist; man knnte vielleicht annehmen, du
habest vorhin wunderliche Sprnge gemacht, wie ein Satyr; ja, einige
mchten wohl behaupten, du seiest wohl gar ein Landstreicher, weil du
hier auf dem Lande bist und die Geige streichst; aber ich kehre mich an
solche oberflchlichen Urteile nicht, ich halte mich an deine
feingespitzte Nase, ich halte dich fr ein vazierendes Genie. -- Mich
rgerten die verfnglichen Redensarten, ich wollte ihm soeben recht
antworten. Aber er lie mich nicht zu Worte kommen. Siehst du, sagte
er, wie du dich schon aufblhst von dem bichen Lobe. Gehe in dich und
bedenke dies gefhrliche Metier! Wir Genies -- denn ich bin auch eins --
machen uns aus der Welt ebensowenig als sie sich aus uns, wir schreiten
vielmehr ohne besondere Umstnde in unsern Siebenmeilenstiefeln, die wir
bald mit auf die Welt bringen, gerade auf die Ewigkeit los. O, hchst
klgliche, unbequeme, breitgespreizte Position, mit dem einen Beine in
der Zukunft, wo nichts als Morgenrot und zuknftige Kindergesichter
dazwischen, mit dem andern Beine noch mitten in Rom auf der Piazza del
Popolo, wo das ganze Skulum bei der guten Gelegenheit mit will und sich
an den Stiefel hngt, da sie einem das Bein ausreien mchten! Und alle
das Zucken, Weintrinken und Hungerleiden lediglich fr die unsterbliche
Ewigkeit! Und siehe meinen Herrn Kollegen dort auf der Bank, der
gleichfalls ein Genie ist; ihm wird die =Zeit= schon zu lang, was wird
er erst in der Ewigkeit anfangen?! Ja, hochgeschtzter Herr Kollege, du
und ich und die Sonne, wir sind heute frh zusammen aufgegangen und
haben den ganzen Tag gebrtet und gemalt, und es war alles schn -- und
nun fhrt die schlfrige Nacht mit ihrem Pelzrmel ber die Welt und hat
alle Farben verwischt. Er sprach noch immerfort und war dabei mit
seinen verwirrten Haaren von dem Tanzen und Trinken im Mondschein ganz
leichenbla anzusehen.

Mir aber graute schon lange vor ihm und seinem wilden Gerede, und als er
sich nun frmlich zu dem schlafenden Maler herumwandte, benutzte ich die
Gelegenheit, schlich, ohne da er es bemerkte, um den Tisch aus dem
Garten heraus und stieg, allein und frhlich im Herzen, an dem
Rebengelnder in das weite vom Mondschein beglnzte Tal hinunter.

Von der Stadt her schlugen die Uhren zehn. Hinter mir hrte ich durch
die stille Nacht noch einzelne Gitarrenklnge und manchmal die Stimmen
der beiden Maler, die nun auch nach Hause gingen, von fern
herberschallen. Ich lief daher so schnell, als ich nur konnte, damit
sie mich nicht weiter ausfragen sollten.

Am Tore bog ich sogleich rechts in die Strae ein und ging mit
klopfendem Herzen eilig zwischen den stillen Husern und Grten fort.
Aber wie erstaunte ich, als ich da auf einmal auf dem Platze mit dem
Springbrunnen herauskam, den ich heute am Tage gar nicht hatte finden
knnen. Da stand das einsame Gartenhaus wieder, im prchtigsten
Mondschein, und auch die schne Frau sang im Garten wieder dasselbe
italienische Lied wie gestern abend. -- Ich rannte voller Entzcken erst
an die kleine Tr, dann an die Haustr und endlich mit aller Gewalt an
das groe Gartentor, aber es war alles verschlossen. Nun fiel mir erst
ein, da es noch nicht elf geschlagen hatte. Ich rgerte mich ber die
langsame Zeit, aber ber das Gartentor klettern wie gestern mochte ich
wegen der guten Lebensart nicht. Ich ging daher ein Weilchen auf dem
einsamen Platze auf und ab und setzte mich endlich wieder auf den
steinernen Brunnen voller Gedanken und stiller Erwartung hin.

Die Sterne funkelten am Himmel, auf dem Platze war alles leer und still,
ich hrte voll Vergngen dem Gesange der schnen Frau zu, der zwischen
dem Rauschen des Brunnens aus dem Garten herberklang. Da erblickt ich
auf einmal eine weie Gestalt, die von der andern Seite des Platzes
herkam und gerade auf die kleine Gartentr zuging. Ich blickte durch den
Mondflimmer recht scharf hin -- es war der wilde Maler in seinem weien
Mantel. Er zog schnell einen Schlssel hervor, schlo auf, und ehe ich
michs versah, war er im Garten drin.

Nun hatte ich gegen den Maler schon vom Anfang eine absonderliche Pike
wegen seiner unvernnftigen Reden. Jetzt aber geriet ich ganz auer mir
vor Zorn. Das liederliche Genie ist gewi wieder betrunken, dachte ich,
den Schlssel hat er von der Kammerjungfer und will nun die gndige Frau
beschleichen, verraten, berfallen. -- Und so strzte ich durch das
kleine, offen gebliebene Pfrtchen in den Garten hinein.

Als ich eintrat, war es ganz still und einsam darin. Die Flgeltr vom
Gartenhause stand offen, ein milchweier Lichtschein drang daraus hervor
und spielte auf dem Grase und den Blumen vor der Tr. Ich blickte von
weitem herein. Da lag in einem prchtigen grnen Gemach, das von einer
weien Lampe nur wenig erhellt war, die schne gndige Frau, mit der
Gitarre im Arm, auf einem seidenen Faulbettchen, ohne in ihrer Unschuld
an die Gefahren drauen zu denken.

Ich hatte aber nicht lange Zeit, hinzusehen, denn ich bemerkte soeben,
da die weie Gestalt von der andern Seite ganz behutsam hinter den
Struchern nach dem Gartenhause zuschlich. Dabei sang die gndige Frau
so klglich aus dem Hause, da es mir recht durch Mark und Bein ging.
Ich besann mich daher nicht lange, brach einen tchtigen Ast ab, rannte
damit gerade auf den Weimantel los und schrie aus vollem Halse
Mordio!, da der ganze Garten erzitterte.

Der Maler, wie er mich so unverhofft daherkommen sah, nahm schnell
Reiaus und schrie entsetzlich. Ich schrie noch besser, er lief nach dem
Hause zu, ich ihm nach -- und ich hatt ihn beinah schon erwischt, da
verwickelte ich mich mit den Fen in den fatalen Blumenstcken und
strzte auf einmal der Lnge nach vor der Haustr hin.

Also du bist es, Narr! hrt ich da ber mir ausrufen, hast du mich
doch fast zum Tode erschreckt. -- Ich raffte mich geschwind wieder auf,
und wie ich mir den Sand und die Erde aus den Augen wischte, steht die
Kammerjungfer vor mir, die soeben bei dem letzten Sprunge den weien
Mantel von der Schulter verloren hatte. Aber, sagte ich ganz
verblfft, war denn der Maler nicht hier? -- Ja freilich, entgegnete
sie schnippisch, sein Mantel wenigstens, den er mir, als ich ihm vorhin
im Tore begegnete, umgehngt hat, weil mich fror. -- ber dem Geplauder
war nun auch die gndige Frau von ihrem Sofa aufgesprungen und kam zu
uns an die Tr. Mir klopfte das Herz zum Zerspringen. Aber wie erschrak
ich, als ich recht hinsah und anstatt der schnen gndigen Frau auf
einmal eine ganz fremde Person erblickte!

Es war eine etwas groe, korpulente, mchtige Dame mit einer stolzen
Adlernase und hochgewlbten schwarzen Augenbrauen, so recht zum
Erschrecken schn. Sie sah mich mit ihren groen funkelnden Augen so
majesttisch an, da ich mich vor Ehrfurcht gar nicht zu lassen wute.
Ich war ganz verwirrt, ich machte in einem fort Komplimente und wollte
ihr zuletzt gar die Hand kssen. Aber sie ri ihre Hand schnell weg und
sprach dann auf italienisch zu der Kammerjungfer, wovon ich nichts
verstand.

Unterdes aber war von dem vorigen Geschrei die ganze Nachbarschaft
lebendig geworden. Hunde bellten, Kinder schrien, zwischendurch hrte
man einige Mnnerstimmen, die immer nher und nher auf den Garten
zukamen. Da blickte mich die Dame noch einmal an, als wenn sie mich mit
feurigen Kugeln durchbohren wollte, wandte sich dann rasch nach dem
Zimmer zurck, whrend sie dabei stolz und gezwungen auflachte, und
schmi mir die Tr vor der Nase zu. Die Kammerjungfer aber erwischte
mich ohne weiteres beim Flgel und zerrte mich nach der Gartenpforte.

Da hast du wieder einmal recht dummes Zeug gemacht, sagte sie
unterwegs voller Bosheit zu mir. Ich wurde auch schon giftig. Nun, zum
Teufel! sagte ich, habt Ihr mich denn nicht selbst hierher bestellt?
-- Das ists ja eben, rief die Kammerjungfer, meine Grfin meinte es
so gut mit dir, wirft dir erst Blumen aus dem Fenster zu, singt Arien --
und =das= ist nun ihr Lohn! Aber mit dir ist nun einmal nichts
anzufangen; du trittst dein Glck ordentlich mit Fen. -- Aber,
erwiderte ich, ich meinte die Grfin aus Deutschland, die schne
gndige Frau. -- Ach, unterbrach sie mich, die ist ja lange schon
wieder in Deutschland mitsamt deiner tollen Amour. Und da lauf du nur
auch wieder hin! Sie schmachtet ohnedies nach dir, da knnt ihr zusammen
die Geige spielen und in den Mond gucken, aber da du mir nicht wieder
unter die Augen kommst!

Nun aber entstand ein entsetzlicher Rumor und Spektakel hinter uns. Aus
dem anderen Garten kletterten Leute mit Knppeln hastig ber den Zaun,
andere fluchten und durchsuchten schon die Gnge, desperate Gesichter
mit Schlafmtzen guckten im Mondschein bald da bald dort ber die
Hecken, es war, als wenn der Teufel auf einmal aus allen Hecken und
Struchern Gesindel heckte. -- Die Kammerjungfer fackelte nicht lange.
Dort, dort luft der Dieb! schrie sie den Leuten zu, indem sie dabei
auf die andere Seite des Gartens zeigte. Dann schob sie mich schnell aus
dem Garten und klappte das Pfrtchen hinter mir zu.

Da stand ich nun unter Gottes freiem Himmel wieder auf dem stillen
Platze mutterseelenallein, wie ich gestern angekommen war. Die
Wasserkunst, die mir vorhin im Mondschein so lustig flimmerte, als wenn
Engelein darin auf und nieder stiegen, rauschte noch fort wie damals,
mir aber war unterdes alle Lust und Freude in den Brunnen gefallen. --
Ich nahm mir nun fest vor, dem falschen Italien mit seinen verrckten
Malern, Pomeranzen und Kammerjungfern auf ewig den Rcken zu kehren, und
wanderte noch zur selbigen Stunde zum Tore hinaus.




Neuntes Kapitel


    Die treuen Berg' stehn auf der Wacht:
    Wer streicht bei stiller Morgenzeit
    Da aus der Fremde durch die Heid?
    Ich aber mir die Berg' betracht
    Und lach in mich vor groer Lust
    Und rufe recht aus frischer Brust
    Parol und Feldgeschrei sogleich:
    Vivat streich!

    Da kennt mich erst die ganze Rund,
    Nun gren Bach und Vglein zart
    Und Wlder rings nach Landesart,
    Die Donau blitzt aus tiefem Grund,
    Der Stephansturm auch ganz von fern
    Guckt bern Berg und sh mich gern,
    Und ist ers nicht, so kommt er doch gleich,
    Vivat streich!

Ich stand auf einem hohen Berge, wo man zum erstenmal nach streich
hineinsehen kann, und schwenkte voller Freude noch mit dem Hute und sang
die letzte Strophe, da fiel auf einmal hinter mir im Walde eine
prchtige Musik von Blasinstrumenten mit ein. Ich dreh mich schnell um
und erblicke drei junge Gesellen in langen blauen Mnteln, davon blst
der eine Oboe, der andere die Klarinette und der dritte, der einen alten
Dreistutzer auf dem Kopfe hatte, das Waldhorn -- die akkompagnierten
mich pltzlich, da der ganze Wald erschallte. Ich, nicht zu faul, ziehe
meine Geige hervor und spiele und singe sogleich frisch mit. Da sah
einer den andern bedenklich an, der Waldhornist lie dann zuerst seine
Bausbacken wieder einfallen und setzte sein Waldhorn ab, bis am Ende
alle stille wurden und mich anschauten. Ich hielt verwundert ein und sah
sie auch an. -- Wir meinten, sagte endlich der Waldhornist, weil der
Herr so einen langen Frack hat, der Herr wre ein reisender Englnder,
der hier zu Fu die schne Natur bewundert; da wollten wir uns ein
Viatikum verdienen. Aber mir scheint, der Herr ist selber ein Musikant.
-- Eigentlich ein Einnehmer, versetzte ich, und komme direkt von Rom
her, da ich aber seit geraumer Zeit nichts mehr eingenommen, so habe ich
mich unterwegs mit der Violine durchgeschlagen. -- Bringt nicht viel
heutzutage! sagte der Waldhornist, der unterdes wieder an den Wald
zurckgetreten war und mit seinem Dreistutzer ein kleines Feuer
anfachte, das sie dort angezndet hatten. Da gehn die blasenden
Instrumente schon besser, fuhr er fort; wenn so eine Herrschaft ganz
ruhig zu Mittag speist, und wir treten unverhofft in das gewlbte
Vorhaus und fangen alle drei aus Leibeskrften zu blasen an -- gleich
kommt ein Bedienter herausgesprungen mit Geld oder Essen, damit sie nur
den Lrm wieder los werden. Aber will der Herr nicht eine Kollation mit
uns einnehmen?

Das Feuer loderte nun recht lustig im Walde, der Morgen war frisch, wir
setzten uns alle ringsumher auf den Rasen, und zwei von den Musikanten
nahmen ein Tpfchen, worin Kaffee und auch schon Milch war, vom Feuer,
holten Brot aus ihren Manteltaschen hervor und tunkten und tranken
abwechselnd aus dem Topfe, und es schmeckte ihnen so gut, da es
ordentlich eine Lust war anzusehen. -- Der Waldhornist aber sagte: Ich
kann das schwarze Gesff nicht vertragen, und reichte mir dabei die
eine Hlfte von einer groen, bereinandergelegten Butterschnitte, dann
brachte er eine Flasche Wein zum Vorschein. Will der Herr nicht auch
einen Schluck? -- Ich tat einen tchtigen Zug, mute aber schnell
wieder absetzen und das ganze Gesicht verziehn, denn es schmeckte wie
Dreimnnerwein. Hiesiges Gewchs, sagte der Waldhornist, aber der
Herr hat sich in Italien den deutschen Geschmack verdorben.

Darauf kramte er eifrig in seinem Schubsack und zog endlich unter
allerlei Plunder eine alte zerfetzte Landkarte hervor, worauf noch der
Kaiser in vollem Ornate zu sehen war, den Zepter in der rechten, den
Reichsapfel in der linken Hand. Er breitete sie auf dem Boden behutsam
auseinander, die andern rckten nher heran, und sie beratschlagten nun
zusammen, was sie fr eine Marschroute nehmen sollten.

Die Vakanz geht bald zu Ende, sagte der eine, wir mssen uns gleich
von Linz links abwenden, so kommen wir noch bei guter Zeit nach Prag.
-- Nun wahrhaftig! rief der Waldhornist, wem willst du da was
vorpfeifen? Nichts als Wlder und Kohlenbauern, kein geluterter
Kunstgeschmack, keine vernnftige freie Station! -- O Narrenspossen!
erwiderte der andere, die Bauern sind mir gerade die liebsten, die
wissen am besten, wo einen der Schuh drckt, und nehmens nicht so genau,
wenn man manchmal eine falsche Note blst. -- Das macht, du hast kein
_point d'honneur_, versetzte der Waldhornist, _odi profanum vulgus et
arceo_, sagt der Lateiner. -- Nun, Kirchen aber mu es auf der Tour
doch geben, meinte der dritte, so kehren wir bei den Herren Pfarrern
ein. -- Gehorsamster Diener! sagte der Waldhornist, die geben
kleines Geld und groe Sermone, da wir nicht so unntz in der Welt
herumschweifen, sondern uns besser auf die Wissenschaften applizieren
sollen, besonders wenn sie in mir den knftigen Herrn Konfrater wittern.
Nein, nein, _Clericus clericum non decimat_. Aber was gibt es denn da
berhaupt fr groe Not? Die Herren Professoren sitzen auch noch im
Karlsbade und halten selbst den Tag nicht so genau ein. -- Ja,
_distinguendum est inter et inter_, erwiderte der andere, _quod licet
Jovi, non licet bovi!_

Ich aber merkte nun, da es Prager Studenten waren, und bekam einen
ordentlichen Respekt vor ihnen, besonders da ihnen das Latein nur so wie
Wasser von dem Munde flo. -- Ist der Herr auch ein Studierter? fragte
mich darauf der Waldhornist. Ich erwiderte bescheiden, da ich immer
besondere Lust zum Studieren, aber kein Geld gehabt htte. -- Das tut
gar nichts, rief der Waldhornist, wir haben auch weder Geld noch
reiche Freundschaft. Aber ein gescheuter Kopf mu sich zu helfen wissen.
_Aurora musis amica_, das heit zu deutsch: mit vielem Frhstcken
sollst du dir nicht die Zeit verderben. Aber wenn dann die
Mittagsglocken von Turm zu Turm und von Berg zu Berg ber die Stadt
gehen und nun die Schler auf einmal mit groem Geschrei aus dem alten
finstern Kollegium herausbrechen und im Sonnenschein durch die Gassen
schwrmen -- da begeben wir uns bei den Kapuzinern zum Pater
Kchenmeister und finden unsern gedeckten Tisch, und ist er auch nicht
gedeckt, so steht doch fr jeden ein voller Topf darauf, da fragen wir
nicht viel darnach und essen und perfektionieren uns dabei noch im
Lateinischsprechen. Sieht der Herr, so studieren wir von einem Tage zum
andern fort. Und wenn dann endlich die Vakanz kommt, und die andern
fahren und reiten zu ihren Eltern fort, da wandern wir mit unsern
Instrumenten unterm Mantel durch die Gassen zum Tore hinaus, und die
ganze Welt steht uns offen.

Ich wei nicht -- wie er so erzhlte -- ging es mir recht durchs Herz,
da so gelehrte Leute so ganz verlassen sein sollten auf der Welt. Ich
dachte dabei an mich, wie es mir eigentlich selber nicht anders ginge,
und die Trnen traten mir in die Augen. -- Der Waldhornist sah mich gro
an. Das tut gar nichts, fuhr er wieder weiter fort, ich mchte gar
nicht so reisen: Pferde und Kaffee und frisch berzogene Betten, und
Nachtmtzen und Stiefelknecht vorausbestellt. Das ist just das Schnste,
wenn wir so frhmorgens heraustreten und die Zugvgel hoch ber uns
fortziehen, da wir gar nicht wissen, welcher Schornstein heut fr uns
raucht, und gar nicht voraussehen, was uns bis zum Abend noch fr ein
besonderes Glck begegnen kann. -- Ja, sagte der andere, und wo wir
hinkommen und unsere Instrumente herausziehen, wird alles frhlich, und
wenn wir dann zur Mittagsstunde auf dem Lande in ein Herrschaftshaus
treten und im Hausflure blasen, da tanzen die Mgde miteinander vor der
Haustr, und die Herrschaft lt die Saaltr etwas aufmachen, damit sie
die Musik drin besser hren, und durch die Lcke kommt das
Tellergeklapper und der Bratenduft in den freudenreichen Schall
herausgezogen, und die Fruleins an der Tafel verdrehen sich fast die
Hlse, um die Musikanten drauen zu sehen. -- Wahrhaftig, rief der
Waldhornist mit leuchtenden Augen aus, lat die andern nur ihre
Kompendien repetieren, =wir= studieren unterdes in dem groen
Bilderbuche, das der liebe Gott uns drauen aufgeschlagen hat! Ja, glaub
nur der Herr, aus uns werden gerade die rechten Kerls, die den Bauern
dann was zu erzhlen wissen und mit der Faust auf die Kanzel schlagen,
da den Knollfinken unten vor Erbauung und Zerknirschung das Herz im
Leibe bersten mchte.

Wie sie so sprachen, wurde mir so lustig in meinem Sinn, da ich gleich
auch htte mit studieren mgen. Ich konnte mich gar nicht satt hren,
denn ich unterhalte mich gern mit studierten Leuten, wo man etwas
profitieren kann. Aber es konnte gar nicht zu einem recht vernnftigen
Diskurse kommen. Denn dem einen Studenten war vorhin angst geworden,
weil die Vakanz so bald zu Ende gehen sollte. Er hatte daher hurtig sein
Klarinett zusammengesetzt, ein Notenblatt vor sich auf das aufgestemmte
Knie hingelegt und exerzierte sich eine schwierige Passage aus einer
Messe ein, die er mitblasen sollte, wenn sie nach Prag zurckkamen. Da
sa er nun und fingerte und pfiff dazwischen manchmal so falsch, da es
einem durch Mark und Bein ging und man oft sein eigenes Wort nicht
verstehen konnte.

Auf einmal schrie der Waldhornist mit seiner Bastimme: Topp, da hab
ich es, er schlug dabei frhlich auf die Landkarte neben ihm. Der
andere lie auf einen Augenblick von seinem fleiigen Blasen ab und sah
ihn verwundert an. Hrt, sagte der Waldhornist, nicht weit von Wien
ist ein Schlo, auf dem Schlosse ist ein Portier, und der Portier ist
mein Vetter! Teuerste Kondiszipels, da mssen wir hin, machen dem Herrn
Vetter unser Kompliment, und er wird dann schon dafr sorgen, wie er uns
wieder weiter fortbringt! -- Als ich das hrte, fuhr ich geschwind auf.
Blst er nicht auf dem Fagott? rief ich, und ist von langer, gerader
Beschaffenheit und hat eine groe vornehme Nase? -- Der Waldhornist
nickte mit dem Kopfe. Ich aber embrassierte ihn vor Freuden, da ihm der
Dreistutzer vom Kopfe fiel, und wir beschlossen nun sogleich, alle
miteinander im Postschiffe auf der Donau nach dem Schlo der schnen
Grfin hinunterzufahren.

Als wir an das Ufer kamen, war schon alles zur Abfahrt bereit. Der dicke
Gastwirt, bei dem das Schiff ber Nacht angelegt hatte, stand breit und
behaglich in seiner Haustr, die er ganz ausfllte, und lie zum
Abschied allerlei Witze und Redensarten erschallen, whrend in jedem
Fenster ein Mdchenkopf herausfuhr und den Schiffern noch freundlich
zunickte, die soeben die letzten Pakete nach dem Schiffe schafften. Ein
ltlicher Herr mit einem grauen berrock und schwarzem Halstuch, der
auch mitfahren wollte, stand am Ufer und sprach sehr eifrig mit einem
jungen, schlanken Brschchen, das mit langen, ledernen Beinkleidern und
knapper, scharlachroter Jacke vor ihm auf einem prchtigen Englnder
sa. Es schien mir zu meiner groen Verwunderung, als wenn sie beide
zuweilen nach mir hinblickten und von mir sprchen. -- Zuletzt lachte
der alte Herr, das schlanke Brschchen schnalzte mit der Reitgerte und
sprengte, mit den Lerchen ber ihm um die Wette, durch die Morgenluft in
die blitzende Landschaft hinein.

Unterdes hatten die Studenten und ich unsere Kasse zusammengeschossen.
Der Schiffer lachte und schttelte den Kopf, als ihm der Waldhornist
damit unser Fhrgeld in lauter Kupferstcken aufzhlte, die wir mit
groer Not aus allen unsern Taschen zusammengebracht hatten. Ich aber
jauchzte laut auf, als ich auf einmal wieder die Donau so recht vor mir
sah: wir sprangen geschwind auf das Schiff hinauf, der Schiffer gab das
Zeichen, und so flogen wir nun im schnsten Morgenglanze zwischen den
Bergen und Wiesen hinunter.

Da schlugen die Vgel im Walde, und von beiden Seiten klangen die
Morgenglocken von fern aus den Drfern, hoch in der Luft hrte man
manchmal die Lerchen dazwischen. Von dem Schiffe aber jubilierte und
schmetterte ein Kanarienvogel mit darein, da es eine rechte Lust war.

Der gehrte einem hbschen jungen Mdchen, die auch mit auf dem Schiffe
war. Sie hatte den Kfig dicht neben sich stehen, von der andern Seite
hielt sie ein feines Bndel Wsche unterm Arm, so sa sie ganz still fr
sich und sah recht zufrieden bald auf ihre neuen Reiseschuhe, die unter
dem Rckchen hervorkamen, bald wieder in das Wasser vor sich hinunter,
und die Morgensonne glnzte ihr dabei auf der weien Stirn, ber der sie
die Haare sehr sauber gescheitelt hatte. Ich merkte wohl, da die
Studenten gern einen hflichen Diskurs mit ihr angesponnen htten, denn
sie gingen immer an ihr vorber, und der Waldhornist rusperte sich
dabei und rckte bald an seiner Halsbinde, bald an dem Dreistutzer. Aber
sie hatten keine rechte Courage, und das Mdchen schlug auch jedesmal
die Augen nieder, sobald sie ihr nher kamen.

Besonders aber genierten sie sich vor dem ltlichen Herrn mit dem grauen
berrocke, der nun auf der andern Seite des Schiffes sa und den sie
gleich fr einen Geistlichen hielten. Er hatte ein Brevier vor sich, in
welchem er las, dazwischen aber oft in die schne Gegend von dem Buche
aufsah, dessen Goldschnitt und die vielen dareingelegten bunten
Heiligenbilder prchtig im Morgenschein blitzten. Dabei bemerkte er auch
sehr gut, was auf dem Schiffe vorging, und erkannte bald die Vgel an
ihren Federn; denn es dauerte nicht lange, so redete er einen von den
Studenten lateinisch an, worauf alle drei herantraten, die Hte vor ihm
abnahmen und ihm wieder lateinisch antworteten.

Ich aber hatte mich unterdes ganz vorn auf die Spitze des Schiffes
gesetzt, lie vergngt meine Beine ber dem Wasser herunterbaumeln und
blickte, whrend das Schiff so fortflog und die Wellen unter mir
rauschten und schumten, immerfort in die blaue Ferne, wie da ein Turm
und ein Schlo nach dem andern aus dem Ufergrn hervorkam, wuchs und
wuchs und endlich hinter uns wieder verschwand. Wenn ich nur =heute=
Flgel htte! dachte ich und zog endlich vor Ungeduld meine liebe
Violine hervor und spielte alle meine ltesten Stcke durch, die ich
noch zu Hause und auf dem Schlo der schnen Frau gelernt hatte.

Auf einmal klopfte mir jemand von hinten auf die Achsel. Es war der
geistliche Herr, der unterdes sein Buch weggelegt und mir schon ein
Weilchen zugehrt hatte. Ei, sagte er lachend zu mir, ei, ei, Herr
ludi magister, Essen und Trinken vergit er. Er hie mich darauf meine
Geige einstecken, um einen Imbi mit ihm einzunehmen, und fhrte mich zu
einer kleinen lustigen Laube, die von den Schiffern aus jungen Birken
und Tannenbumchen in der Mitte des Schiffes aufgerichtet worden war.
Dort hatte er einen Tisch hinstellen lassen, und ich, die Studenten und
selbst das junge Mdchen, wir muten uns auf die Fsser und Pakete
ringsherum setzen.

Der geistliche Herr packte nun einen groen Braten und Butterschnitten
aus, die sorgfltig in Papier gewickelt waren, zog auch aus einem
Futteral mehrere Weinflaschen und einen silbernen, innerlich vergoldeten
Becher hervor, schenkte ein, kostete erst, roch daran und prfte wieder
und reichte dann einem jeden von uns. Die Studenten saen kerzengerade
auf ihren Fssern und aen und tranken nur sehr wenig vor groer
Devotion. Auch das Mdchen tauchte blo das Schnbelchen in den Becher
und blickte dabei schchtern bald auf mich, bald auf die Studenten, aber
je fter sie uns ansah, je dreister wurde sie nach und nach.

Sie erzhlte endlich dem geistlichen Herrn, da sie nun zum erstenmal
von Hause in Kondition komme und soeben auf das Schlo ihrer neuen
Herrschaft reise. Ich wurde ber und ber rot, denn sie nannte dabei das
Schlo der schnen gndigen Frau. -- Also das soll meine zuknftige
Kammerjungfer sein! dachte ich und sah sie gro an, und mir schwindelte
fast dabei. -- Auf dem Schlosse wird es bald eine groe Hochzeit
geben, sagte darauf der geistliche Herr. Ja, erwiderte das Mdchen,
die gern von der Geschichte mehr gewut htte; man sagt, es wre schon
eine alte, heimliche Liebschaft gewesen, die Grfin htte es aber
niemals zugeben wollen. Der Geistliche antwortete nur mit Hm, hm,
whrend er seinen Jagdbecher vollschenkte und mit bedenklichen Mienen
daraus nippte. Ich aber hatte mich mit beiden Armen weit ber den Tisch
vorgelegt, um die Unterredung recht genau anzuhren. Der geistliche Herr
bemerkte es. Ich kanns Euch wohl sagen, hub er wieder an, die beiden
Grfinnen haben mich auf Kundschaft ausgeschickt, ob der Brutigam schon
vielleicht hier in der Gegend sei. Eine Dame aus Rom hat geschrieben,
da er schon lange von dort fort sei. -- Wie er von der Dame aus Rom
anfing, wurd ich wieder rot. Kennen denn Ew. Hochwrden den Brutigam?
fragte ich ganz verwirrt. -- Nein, erwiderte der alte Herr, aber er
soll ein lustiger Vogel sein. -- O ja, sagte ich hastig, ein Vogel,
der aus jedem Kfig ausreit, sobald er nur kann, und lustig singt, wenn
er wieder in der Freiheit ist. -- Und sich in der Fremde herumtreibt,
fuhr der Herr gelassen fort, in der Nacht gassatim geht und am Tage vor
den Haustren schlft. -- Mich verdro das sehr. Ehrwrdiger Herr,
rief ich ganz hitzig aus, da hat man Euch falsch berichtet. Der
Brutigam ist ein moralischer, schlanker, hoffnungsvoller Jngling, der
in Italien in einem alten Schlosse auf groem Fu gelebt hat, der mit
lauter Grfinnen, berhmten Malern und Kammerjungfern umgegangen ist,
der sein Geld sehr wohl zu Rate zu halten wei, wenn er nur welches
htte, der-- Nun, nun, ich wute nicht, da Ihr ihn so gut kennt,
unterbrach mich hier der Geistliche und lachte dabei so herzlich, da er
ganz blau im Gesichte wurde und ihm die Trnen aus den Augen rollten. --
Ich hab doch aber gehrt, lie sich nun das Mdchen wieder vernehmen,
der Brutigam wre ein groer, beraus reicher Herr. -- Ach Gott, ja
doch, ja! Konfusion, nichts als Konfusion! rief der Geistliche und
konnte sich noch immer vor Lachen nicht zugute geben, bis er sich
endlich ganz verhustete. Als er sich wieder ein wenig erholt hatte, hob
er den Becher in die Hh und rief: Das Brautpaar soll leben! -- Ich
wute gar nicht, was ich von dem Geistlichen und seinem Gerede denken
sollte, ich schmte mich aber, wegen der rmischen Geschichten, ihm hier
vor allen Leuten zu sagen, da ich selber der verlorene, glckselige
Brutigam sei.

Der Becher ging wieder fleiig in die Runde, der geistliche Herr sprach
dabei freundlich mit allen, so da ihm bald ein jeder gut wurde und am
Ende alles frhlich durcheinandersprach. Auch die Studenten wurden immer
redseliger und erzhlten von ihren Fahrten im Gebirge, bis sie endlich
gar ihre Instrumente holten und lustig zu blasen anfingen. Die khle
Wasserluft strich dabei durch die Zweige der Laube, die Abendsonne
vergoldete schon die Wlder und Tler, die schnell an uns vorberflogen,
whrend die Ufer von den Waldhornsklngen widerhallten. -- Und als dann
der Geistliche von der Musik immer vergngter wurde und lustige
Geschichten aus seiner Jugend erzhlte: wie auch er zur Vakanz ber
Berge und Tler gezogen und oft hungrig und durstig, aber immer frhlich
gewesen, und wie eigentlich das ganze Studentenleben eine groe Vakanz
sei zwischen der engen, dstern Schule und der ernsten Amtsarbeit -- da
tranken die Studenten noch einmal herum und stimmten dann frisch ein
Lied an, da es weit in die Berge hineinschallte.

    Nach Sden sich nun lenken
    Die Vglein allzumal,
    Viel Wandrer lustig schwenken
    Die Ht' im Morgenstrahl.
    Das sind die Herrn Studenten,
    Zum Tor hinaus es geht,
    Auf ihren Instrumenten
    Sie blasen zum Valet:
    Ade in die Lng und Breite,
    O Prag, wir ziehn in die Weite:
    _Et habeat bonam pacem_,
    _Qui sedet post fornacem!_

    Nachts wir durchs Stdtlein schweifen,
    Die Fenster schimmern weit,
    Am Fenster drehn und schleifen
    Viel schn geputzte Leut.
    Wir blasen vor den Tren
    Und haben Durst genung,
    Das kommt vom Musizieren,
    Herr Wirt, ein'n frischen Trunk!
    Und siehe, ber ein kleines
    Mit einer Kanne Weines
    _Venit ex sua domo_ --
    _Beatus ille homo!_

    Nun weht schon durch die Wlder
    Der kalte Boreas,
    Wir streichen durch die Felder,
    Von Schnee und Regen na,
    Der Mantel fliegt im Winde,
    Zerrissen sind die Schuh,
    Da blasen wir geschwinde
    Und singen noch dazu:
    _Beatus ille homo_,
    _Qui sedet in sua domo_,
    _Et sedet post fornacem_
    _Et habet bonam pacem!_

Ich, die Schiffer und das Mdchen, obgleich wir alle kein Latein
verstanden, stimmten jedesmal jauchzend in den letzten Vers mit ein, ich
aber jauchzte am allervergngtesten, denn ich sah soeben von fern mein
Zollhuschen und bald darauf auch das Schlo in der Abendsonne ber die
Bume hervorkommen.




Zehntes Kapitel


Das Schiff stie an das Ufer, wir sprangen schnell ans Land und
verteilten uns nun nach allen Seiten im Grnen, wie Vgel, wenn das
Gebauer pltzlich aufgemacht wird. Der geistliche Herr nahm eiligen
Abschied und ging mit groen Schritten nach dem Schlosse zu. Die
Studenten dagegen wanderten eifrig nach einem abgelegenen Gebsch, wo
sie noch geschwind ihre Mntel ausklopfen, sich in dem vorberflieenden
Bache waschen und einer den andern rasieren wollten. Die neue
Kammerjungfer endlich ging mit ihrem Kanarienvogel und ihrem Bndel
unterm Arm nach dem Wirtshause unter dem Schloberge, um bei der Frau
Wirtin, die ich ihr als eine gute Person rekommandiert hatte, ein
besseres Kleid anzulegen, ehe sie sich oben im Schlosse vorstellte. Mir
aber leuchtete der schne Abend recht durchs Herz, und als sie sich nun
alle verlaufen hatten, bedachte ich mich nicht lange und rannte sogleich
nach dem herrschaftlichen Garten hin.

Mein Zollhaus, an dem ich vorbei mute, stand noch auf der alten Stelle,
die hohen Bume aus dem herrschaftlichen Garten rauschten noch immer
darberhin, eine Goldammer, die damals auf dem Kastanienbaume vor dem
Fenster jedesmal bei Sonnenuntergang ihr Abendlied gesungen hatte, sang
auch wieder, als wre seitdem gar nichts in der Welt vorgegangen. Das
Fenster im Zollhause stand offen, ich lief voller Freuden hin und
steckte den Kopf in die Stube hinein. Es war niemand darin, aber die
Wanduhr pickte noch immer ruhig fort, der Schreibtisch stand am Fenster
und die lange Pfeife in einem Winkel wie damals. Ich konnte nicht
widerstehen, ich sprang durch das Fenster hinein und setzte mich an den
Schreibtisch vor das groe Rechenbuch hin. Da fiel der Sonnenschein
durch den Kastanienbaum vor dem Fenster wieder grngolden auf die
Ziffern in dem aufgeschlagenen Buche, die Bienen summten wieder an dem
offnen Fenster hin und her, die Goldammer drauen auf dem Baume sang
frhlich immerzu. -- Auf einmal aber ging die Tr aus der Stube auf, und
ein alter, langer Einnehmer in meinem punktierten Schlafrock trat
herein! Er blieb in der Tr stehen, wie er mich so unversehens
erblickte, nahm schnell die Brille von der Nase und sah mich grimmig an.
Ich aber erschrak nicht wenig darber, sprang, ohne ein Wort zu sagen,
auf und lief aus der Haustr durch den kleinen Garten fort, wo ich mich
noch bald mit den Fen in dem fatalen Kartoffelkraut verwickelt htte,
das der alte Einnehmer nunmehr, wie ich sah, nach des Portiers Rat statt
meiner Blumen angepflanzt hatte. Ich hrte noch, wie er vor die Tr
herausfuhr und hinter mir drein schimpfte, aber ich sa schon oben auf
der hohen Gartenmauer und schaute mit klopfendem Herzen in den
Schlogarten hinein.

Da war ein Duften und Schimmern und Jubilieren von allen Vglein; die
Pltze und Gnge waren leer, aber die vergoldeten Wipfel neigten sich im
Abendwinde vor mir, als wollten sie mich bewillkommnen, und seitwrts
aus dem tiefen Grunde blitzte zuweilen die Donau zwischen den Bumen
nach mir herauf.

Auf einmal hrte ich in einiger Entfernung im Garten singen:

    Schweigt der Menschen laute Lust:
    Rauscht die Erde wie in Trumen
    Wunderbar mit allen Bumen,
    Was dem Herzen kaum bewut,
    Alte Zeiten, linde Trauer,
    Und es schweifen leise Schauer
    Wetterleuchtend durch die Brust.

Die Stimme und das Lied klang mir so wunderlich und doch wieder so
altbekannt, als htte ichs irgendeinmal im Traume gehrt. Ich dachte
lange, lange nach. -- Das ist der Herr Guido! rief ich endlich voller
Freude und schwang mich schnell in den Garten hinunter -- es war
dasselbe Lied, das er an jenem Sommerabend auf dem Balkon des
italienischen Wirtshauses sang, wo ich ihn zum letztenmal gesehen hatte.

Er sang noch immer fort, ich aber sprang ber Beete und Hecken dem Liede
nach. Als ich nun zwischen den letzten Rosenstruchern hervortrat, blieb
ich pltzlich wie verzaubert stehen. Denn auf dem grnen Platze am
Schwanenteich, recht vom Abendrote beschienen, sa die schne gndige
Frau, in einem prchtigen Kleide und einem Kranz von weien und roten
Rosen in dem schwarzen Haar, mit niedergeschlagenen Augen auf einer
Steinbank und spielte whrend des Liedes mit ihrer Reitgerte vor sich
auf dem Rasen, gerade so wie damals auf dem Kahne, da ich ihr das Lied
von der schnen Frau vorsingen mute. Ihr gegenber sa eine andre junge
Dame, die hatte den weien runden Nacken voll brauner Locken gegen mich
gewendet und sang zur Gitarre, whrend die Schwne auf dem stillen
Weiher langsam im Kreise herumschwammen. -- Da hob die schne Frau auf
einmal die Augen und schrie laut auf, da sie mich erblickte. Die andere
Dame wandte sich rasch nach mir herum, da ihr die Locken ins Gesicht
flogen, und da sie mich recht ansah, brach sie in ein unmiges Lachen
aus, sprang dann von der Bank und klatschte dreimal mit den Hndchen. In
demselben Augenblicke kam eine groe Menge kleiner Mdchen in
bltenweien, kurzen Kleidchen mit grnen und roten Schleifen zwischen
den Rosenstruchern hervorgeschlpft, so da ich gar nicht begreifen
konnte, wo sie alle gesteckt hatten. Sie hielten eine lange
Blumengirlande in den Hnden, schlossen schnell einen Kreis um mich,
tanzten um mich herum und sangen dabei:

    Wir bringen dir den Jungfernkranz
    Mit veilchenblauer Seide,
    Wir fhren dich zu Lust und Tanz,
    Zu neuer Hochzeitsfreude.
    Schner, grner Jungfernkranz,
    Veilchenblaue Seide.

Das war aus dem Freischtzen. Von den kleinen Sngerinnen erkannte ich
nun auch einige wieder, es waren Mdchen aus dem Dorfe. Ich kneipte sie
in die Wangen und wre gern aus dem Kreise entwischt, aber die kleinen,
schnippischen Dinger lieen mich nicht heraus. -- Ich wute gar nicht,
was die Geschichte eigentlich bedeuten sollte, und stand ganz verblfft
da.

Da trat pltzlich ein junger Mann in feiner Jgerkleidung aus dem
Gebsch hervor. Ich traute meinen Augen kaum -- es war der frhliche
Herr Leonhard! -- Die kleinen Mdchen ffneten nun den Kreis und standen
auf einmal wie verzaubert, alle unbeweglich auf einem Beinchen, whrend
sie das andere in die Luft streckten, und dabei die Blumengirlanden mit
beiden Armen hoch ber den Kpfen in die Hh hielten. Der Herr Leonhard
aber fate die schne gndige Frau, die noch immer ganz stillstand und
nur manchmal auf mich herberblickte, bei der Hand, fhrte sie bis zu
mir und sagte:

Die Liebe -- darber sind nun alle Gelehrten einig -- ist eine der
couragisesten Eigenschaften des menschlichen Herzens, die Bastionen von
Rang und Stand schmettert sie mit einem Feuerblicke darnieder, die Welt
ist ihr zu eng und die Ewigkeit zu kurz. Ja, sie ist eigentlich ein
Poetenmantel, den jeder Phantast einmal in der kalten Welt umnimmt, um
nach Arkadien auszuwandern. Und je entfernter zwei getrennte Verliebte
voneinander wandern, in desto anstndigern Bogen blst der Reisewind den
schillernden Mantel hinter ihnen auf, desto khner und berraschender
entwickelt sich der Faltenwurf, desto lnger und lnger wchst der Talar
den Liebenden hinten nach, so da ein Neutraler nicht ber Land gehen
kann, ohne unversehens auf ein paar solche Schleppen zu treten. O
teuerster Herr Einnehmer und Brutigam! obgleich Ihr in diesem Mantel
bis an die Gestade der Tiber dahinrauschtet, das kleine Hndchen Eurer
gegenwrtigen Braut hielt Euch dennoch am uersten Ende der Schleppe
fest, und wie Ihr zucktet und geigtet und rumortet, Ihr mutet zurck in
den stillen Bann ihrer schnen Augen. -- Und nun dann, da es so gekommen
ist, ihr zwei lieben, lieben nrrischen Leute! schlagt den seligen
Mantel um euch, da die ganze andere Welt rings um euch untergeht --
liebt euch wie die Kaninchen und seid glcklich!

Der Herr Leonhard war mit seinem Sermon kaum erst fertig, so kam auch
die andere junge Dame, die vorhin das Liedchen gesungen hatte, auf mich
los, setzte mir schnell einen frischen Myrtenkranz auf den Kopf und sang
dazu sehr neckisch, whrend sie mir den Kranz in den Haaren festrckte
und ihr Gesichtchen dabei dicht vor mir war:

    Darum bin ich dir gewogen,
    Darum wird dein Haupt geschmckt,
    Weil der Strich von deinem Bogen
    fters hat mein Herz entzckt.

Da trat sie wieder ein paar Schritte zurck. -- Kennst du die Ruber
noch, die dich damals in der Nacht vom Baume schttelten? sagte sie,
indem sie einen Knicks mir machte und mich so anmutig und frhlich
ansah, da mir ordentlich das Herz im Leibe lachte. Darauf ging sie,
ohne meine Antwort abzuwarten, rings um mich herum. Wahrhaftig, noch
ganz der alte, ohne allen welschen Beischmack! Aber nein, sieh doch nur
einmal die dicken Taschen an! rief sie pltzlich zu der schnen
gndigen Frau, Violine, Wsche, Barbiermesser, Reisekoffer, alles
durcheinander! Sie drehte mich nach allen Seiten und konnte sich vor
Lachen gar nicht zugute geben. Die schne gndige Frau war unterdes noch
immer still und mochte gar nicht die Augen aufschlagen vor Scham und
Verwirrung. Oft kam es mir vor, als zrnte sie heimlich ber das viele
Gerede und Spaen. Endlich strzten ihr pltzlich Trnen aus den Augen,
und sie verbarg ihr Gesicht an der Brust der andern Dame. Diese sah sie
erst erstaunt an und drckte sie dann herzlich an sich.

Ich aber stand ganz verdutzt da. Denn je genauer ich die fremde Dame
betrachtete, desto deutlicher erkannte ich sie, es war wahrhaftig
niemand anders als -- der junge Herr Maler Guido!

Ich wute gar nicht, was ich sagen sollte, und wollte soeben nher
nachfragen, als Herr Leonhard zu ihr trat und heimlich mit ihr sprach.
Wei er denn noch nicht? hrte ich ihn fragen. Sie schttelte mit dem
Kopfe. Er besann sich darauf einen Augenblick. Nein, nein, sagte er
endlich, er mu schnell alles erfahren, sonst entsteht nur neues
Geplauder und Gewirre.

Herr Einnehmer, wandte er sich nun zu mir, wir haben jetzt nicht viel
Zeit, aber tue mir den Gefallen und wundere dich hier in aller
Geschwindigkeit aus, damit du nicht hinterher durch Fragen, Erstaunen
und Kopfschtteln unter den Leuten alte Geschichten aufrhrst und neue
Erdichtungen und Vermutungen ausschttelst. -- Er zog mich bei diesen
Worten tiefer in das Gebsch hinein, whrend das Frulein mit der von
der schnen gndigen Frau weggelegten Reitgerte in der Luft focht und
alle ihre Locken tief in das Gesichtchen schttelte, durch die ich aber
doch sehen konnte, da sie bis an die Stirn rot wurde. -- Nun denn,
sagte Herr Leonhard, Frulein Flora, die hier soeben tun will, als
hrte und wte sie von der ganzen Geschichte nichts, hatte in aller
Geschwindigkeit ihr Herzchen mit jemand vertauscht. Darber kommt ein
andrer und bringt ihr mit Prologen, Trompeten und Pauken wiederum =sein=
Herz dar und will ihr Herz dagegen. Ihr Herz ist aber schon bei jemand
und jemands Herz bei ihr, und der Jemand will sein Herz nicht wieder
haben und ihr Herz nicht wieder zurckgeben. Alle Welt schreit -- aber
du hast wohl noch keinen Roman gelesen? -- Ich verneinte es. -- Nun,
so hast du doch einen mitgespielt. Kurz: das war eine solche Konfusion
mit den Herzen, da der Jemand -- das heit ich -- mich zuletzt selbst
ins Mittel legen mute. Ich schwang mich bei lauer Sommernacht auf mein
Ro, hob das Frulein als Maler Guido auf das andere, und so ging es
fort nach Sden, um sie in einem meiner einsamen Schlsser in Italien zu
verbergen, bis das Geschrei wegen der Herzen vorber wre. Unterwegs
aber kam man uns auf die Spur, und von dem Balkon des welschen
Wirtshauses, vor dem du so vortrefflich Wache schliefst, erblickte Flora
pltzlich unsere Verfolger. -- Also der bucklige Signor? -- War ein
Spion. Wir zogen uns daher heimlich in die Wlder und lieen dich auf
dem vorbestellten Postkurse allein fortfahren. Das tuschte unsere
Verfolger und zum berflu auch noch meine Leute auf dem Bergschlosse,
welche die verkleidete Flora stndlich erwarteten und mit mehr
Diensteifer als Scharfsinn dich fr das Frulein hielten. Selbst hier
auf dem Schlosse glaubte man, da Flora auf dem Felsen wohne, man
erkundigte sich, man schrieb an sie -- hast du nicht ein Briefchen
erhalten? -- Bei diesen Worten fuhr ich blitzschnell mit dem Zettel aus
der Tasche. -- Also dieser Brief? -- Ist an mich, sagte Frulein
Flora, die bisher auf unsere Rede gar nicht acht zu geben schien, ri
mir den Zettel rasch aus der Hand, berlas ihn und steckte ihn dann in
den Busen. -- Und nun, sagte Herr Leonhard, mssen wir schnell in das
Schlo, da wartet schon alles auf uns. Also zum Schlu, wie sichs von
selbst versteht und einem wohlerzogenen Romane gebhrt: Entdeckung,
Reue, Vershnung, wir sind alle wieder lustig beisammen, und bermorgen
ist Hochzeit!

Da er noch so sprach, erhob sich pltzlich in dem Gebsch ein rasender
Spektakel von Pauken und Trompeten, Hrnern und Posaunen; Bller wurden
dazwischen gelst und Vivat gerufen, die kleinen Mdchen tanzten von
neuem, und aus allen Struchern kam ein Kopf ber dem andern hervor, als
wenn sie aus der Erde wchsen. Ich sprang in dem Geschwirre und
Geschleife ellenhoch von einer Seite zur andern, da es aber schon dunkel
wurde, erkannte ich erst nach und nach alle die alten Gesichter wieder.
Der alte Grtner schlug die Pauken, die Prager Studenten in ihren
Mnteln musizierten mitten darunter, neben ihnen fingerte der Portier
wie toll auf seinem Fagott. Wie ich den so unverhofft erblickte, lief
ich sogleich auf ihn zu und embrassierte ihn heftig. Darber kam er ganz
aus dem Konzept. Nun wahrhaftig, und wenn der bis ans Ende der Welt
reist, er ist und bleibt ein Narr! rief er den Studenten zu und blies
ganz wtend weiter.

Unterdes war die schne gndige Frau vor dem Rumor heimlich entsprungen
und flog wie ein aufgescheuchtes Reh ber den Rasen tiefer in den Garten
hinein. Ich sah es noch zur rechten Zeit und lief ihr eiligst nach. Die
Musikanten merkten in ihrem Eifer nichts davon, sie meinten nachher: wir
wren schon nach dem Schlosse aufgebrochen, und die ganze Bande setzte
sich nun mit Musik und groem Getmmel gleichfalls dorthin auf den
Marsch.

Wir aber waren fast zu gleicher Zeit in einem Sommerhause angekommen,
das am Abhange des Gartens stand, mit dem offenen Fenster nach dem
weiten, tiefen Tale zu. Die Sonne war schon lange untergegangen hinter
den Bergen, es schimmerte nur noch wie ein rtlicher Duft ber dem
warmen, verschallenden Abend, aus dem die Donau immer vernehmlicher
heraufrauschte, je stiller es ringsum wurde. Ich sah unverwandt die
schne Grfin an, die ganz erhitzt vom Laufen dicht vor mir stand, so
da ich ordentlich hren konnte, wie ihr das Herz schlug. Ich wute nun
aber gar nicht, was ich sprechen sollte vor Respekt, da ich auf einmal
so allein mit ihr war. Endlich fate ich ein Herz, nahm ihr kleines,
weies Hndchen -- da zog sie mich schnell an sich und fiel mir um den
Hals, und ich umschlang sie fest mit beiden Armen.

Sie machte sich aber geschwind wieder los und legte sich ganz verwirrt
in das Fenster, um ihre glhenden Wangen in der Abendluft abzukhlen. --
Ach, rief ich, mir ist mein Herz recht zum Zerspringen, aber ich kann
mir noch alles nicht recht denken, es ist mir alles noch wie ein Traum!
-- Mir auch, sagte die schne gndige Frau. Als ich vergangenen
Sommer, setzte sie nach einer Weile hinzu, mit der Grfin aus Rom kam
und wir das Frulein Flora gefunden hatten und mit zurckbrachten, von
dir aber dort und hier nichts hrte -- da dacht ich nicht, da alles so
noch kommen wrde! Erst heut zu Mittag sprengte der Jockei, der gute,
flinke Bursch, atemlos auf den Hof und brachte die Nachricht, da du mit
dem Postschiffe kmst. -- Dann lachte sie still in sich hinein. Weit
du noch, sagte sie, wie du mich damals auf dem Balkon zum letztenmal
sahst? Das war gerade wie heute, auch so ein stiller Abend und Musik im
Garten. -- Wer ist denn eigentlich gestorben? fragte ich hastig. --
Wer denn? sagte die schne Frau und sah mich erstaunt an. Der Herr
Gemahl von Ew. Gnaden, erwiderte ich, der damals mit auf dem Balkon
stand. -- Sie wurde ganz rot. Was hast du auch fr Seltsamkeiten im
Kopfe! rief sie aus, das war ja der Sohn von der Grfin, der eben von
Reisen zurckkam, und es traf gerade auch mein Geburtstag, da fhrte er
mich mit auf den Balkon hinaus, damit ich auch ein Vivat bekme. -- Aber
deshalb bist du wohl damals von hier fortgelaufen? -- Ach Gott,
freilich! rief ich aus und schlug mich mit der Hand vor die Stirn. Sie
aber schttelte mit dem Kpfchen und lachte recht herzlich.

Mir war so wohl, wie sie so frhlich und vertraulich neben mir
plauderte, ich htte bis zum Morgen zuhren mgen. Ich war so recht
seelenvergngt und langte eine Handvoll Knackmandeln aus der Tasche, die
ich noch aus Italien mitgebracht hatte. Sie nahm auch davon, und wir
knackten nun und sahen zufrieden in die stille Gegend hinaus. -- Siehst
du, sagte sie nach einem Weilchen wieder, das weie Schlchen, das da
drben im Mondschein glnzt, das hat uns der Graf geschenkt, samt dem
Garten und den Weinbergen, da werden wir wohnen. Er wut es schon lange,
da wir einander gut sind, und ist dir sehr gewogen, denn htt er dich
nicht mitgehabt, als er das Frulein aus der Pensionsanstalt entfhrte,
so wren sie beide erwischt worden, ehe sie sich vorher noch mit der
Grfin vershnten, und alles wre anders gekommen. -- Mein Gott,
schnste, gndigste Grfin, rief ich aus, ich wei gar nicht mehr, wo
mir der Kopf steht vor lauter unverhofften Neuigkeiten; also der Herr
Leonhard? -- Ja, ja, fiel sie mir in die Rede, so nannte er sich in
Italien; dem gehren die Herrschaften da drben, und er heiratet nun
unserer Grfin Tochter, die schne Flora. -- Aber was nennst du mich
denn Grfin? -- Ich sah sie gro an. -- Ich bin ja gar keine Grfin,
fuhr sie fort, unsere gndige Grfin hat mich nur zu sich aufs Schlo
genommen, da mich mein Onkel, der Portier, als kleines Kind und arme
Waise mit hierherbrachte.

Nun wars mir doch nicht anders, als wenn mir ein Stein vom Herzen fiele!
Gott segne den Portier, versetzte ich ganz entzckt, da er unser
Onkel ist! Ich habe immer groe Stcke auf ihn gehalten. -- Er meint
es auch gut mir dir, erwiderte sie, wenn du dich nur etwas vornehmer
hieltest, sagt er immer. Du mut dich jetzt auch eleganter kleiden. --
O, rief ich voller Freuden, englischen Frack, Strohhut und Pumphosen
und Sporen! und gleich nach der Trauung reisen wir fort nach Italien,
nach Rom, da gehn die schnen Wasserknste, und nehmen die Prager
Studenten mit und den Portier! -- Sie lchelte still und sah mich recht
vergngt und freundlich an, und von fern schallte immerfort die Musik
herber, und Leuchtkugeln flogen vom Schlo durch die stille Nacht ber
die Grten, und die Donau rauschte dazwischen herauf -- und es war
alles, alles gut!


Druck von Breitkopf und Hrtel in Leipzig




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  zu prozudieren hatt ich keine Courage. Da sah ich nun allemal die
  zu produzieren hatt ich keine Courage. Da sah ich nun allemal die

  Brust und und sagte: Portier, jetzt schert Ihr Euch nach Hause, oder ich
  Brust und sagte: Portier, jetzt schert Ihr Euch nach Hause, oder ich

  Dann standen sie pltzlich still. Bei Gott, rief der eine, da seh ich
  Dann standen sie pltzlich still. Bei Gott, rief der eine, da seh ich

  rechts fort!
  rechts fort!

  wenn man manchmal einen falsche Note blst. -- Das macht, du hast kein
  wenn man manchmal eine falsche Note blst. -- Das macht, du hast kein

  soll ein luftiger Vogel sein. -- O ja, sagte ich hastig, ein Vogel,
  soll ein lustiger Vogel sein. -- O ja, sagte ich hastig, ein Vogel,

  Geplauder und Gewirre.
  Geplauder und Gewirre.

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Aus dem Leben eines Taugenichts, by 
Joseph von Eichendorff

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM LEBEN EINES TAUGENICHTS ***

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