The Project Gutenberg EBook of Flten und Dolche, by Heinrich Mann

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Title: Flten und Dolche
       Novellen

Author: Heinrich Mann

Release Date: February 8, 2010 [EBook #31218]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLTEN UND DOLCHE ***




Produced by Jens Sadowski




  [Transcriber's Note:
  The original was typeset in German Fraktur. Text that was s p a c e d - o u t
  has been changed to _italics_. Double quotation marks have been encoded as
   and  and single quotation marks as > and <, respectively.]






Heinrich Mann

Flten und Dolche

Novellen


Albert Langen
Verlag fr Litteratur und Kunst
Mnchen 1905




Inhalt

                                     Seite
Pippo Spano  . . . . . . . . . . . . .   7
Fulvia . . . . . . . . . . . . . . . .  89
Drei-Minuten-Roman . . . . . . . . . . 111
Ein Gang vors Tor  . . . . . . . . . . 123




Pippo Spano

   Semblable  ces criminels d'autrefois, qui, poursuivis
   par la justice, taient sauvs s'ils atteignaient
   l'ombre d'un autel, il essayait de se glisser dans le
   sanctuaire de la vie. (La Peau de Chagrin)




I

Die Komdie


Und verratet mich nicht, sagte Mario Malvolto zu seinen zwei Freunden.
Lat sie glauben, ich kme zurck.

Du kommst nicht?

Ich mu nach Hause. Ich habe Kopfschmerzen . . . Nein, ich will euch
gestehen, ich mu allein sein.

Deinen Triumph berdenken. Gute Nacht, glcklicher Dichter.

Schlafen wirst du kaum.

Wer wei. Gute Nacht.

Die andern gingen hinein. Mario Malvolto stand noch einen Augenblick oben
an der Treppe. Hinter ihm verhallte das Bankett zu seinen Ehren. Links und
rechts neigten sich tief zwei Lakaien voll goldener Schnre. Er hielt seine
schmchtige Gestalt ganz steif und schritt hinab, ber den blassen, dicken
Teppich, zwischen den vergoldeten Gelndern.

Diese Eitelkeit mu ausgekostet werden, dachte er dabei. Drinnen
arbeitete ich zu sehr an meiner Rolle. Jetzt beherrsche ich das Erlebnis.

Wohin fahren wir, Herr Malvolto? fragte der Kutscher.

Nach Settignano.

Warum fragte denn der. Meinte er, ich fahre jetzt noch zu Mimi? O Mimi, du
hinundherwehendes Seidenfhnchen! Bald flattert es dem um den Hals, bald
jenem. Ich hab' es gekt, so oft an mir die Reihe war, habe sogar
Abenteuer hineingestickt. Ja, Mimi, kleine Kokotte mit flchtigen Impulsen,
aber ohne Spur von Gre in deiner Sinnlichkeit, ich habe dir
Leidenschaften angedichtet, habe sie zu meiner eigenen Genugtuung, aus
Eitelkeit, aus Sehnsucht, deinen ganzen Lebenslauf entlang aufgestellt, wie
Puppen, die groe Gebrden schleudern. Du warst nur ein Mdel. Adieu, Mimi.

Wir wnschen mehr, wnschen Strkeres. So etwas wie Mimi lt sich noch
neben einer Tragdie her lieben. Es nimmt so wenig Herz ein. Meine Tragdie
hat heute abend gesiegt. Ja, ich werde stark. Aber es heit von den kleinen
Genugtuungen ganz frei bleiben, die schwach erhalten, und die Der
verbietet, der in meinem Zimmer ber seine eiserne Schulter hinweg mich
herausfordert!

Nahm dieses enge Florenz kein Ende? Es verlangte ihn auf einmal heftig nach
der Luft von seinen Hgeln, nach der von llaub durchschimmerten, von
Lorbeer gewrzten Luft, die ihn bitter und sanft auf den Mund kte. Die
Gassen lieen noch immer ihr nchtliches Echo klappern. Der Schatten von
Pferd und Kutscher stieg die Mauern hinauf und hinab. Dann lichteten sich
die Vorstadthuser. In die ersten Grten tauchte das Mondlicht.

Ich habe den Hgel dort hinten erobert, der mein Haus trgt. Und nicht
blo ihn -- alle diese Hgel hab' ich erobert.

Seine Hand formte in der Luft einen Halbkreis; sie glitt ber das entfernte
Bild eines Hgels, wie ber eine Frauenbrust.

Dies ganze Land, alle seine Stdte, jedes Haus, bis auf das letzte, hab'
ich erobern mssen. Denn mir gehrte keines. Kein heimlicher Feldweg in
keinem Winkel des Landes kennt mich von meinem Anfang an. Bedenke das
heute. Du bist auf dem Meer geboren, von einer Mutter aus fremdem Volk.
Deine tragische Kunst hat um dieses Land, um jede seiner Ackerfurchen
geworben, wie ein sehnschtiger Pilger im Kettenhemd, der aus Inbrunst Blut
vergiet.

Jetzt hab' ich Fu gefat. Jeder in Italien wei, in welchem Dorf und auf
welchem Tisch das Blatt Papier liegt, das ich mit Zeichen bedecke. Heute
Nacht sind die Besiegten an mir vorbergezogen, ein ganzer Theatersaal, von
mir unterworfen. Was habe ich zu vermerken? Elf Hervorrufe. Die Worte der
Knigin. Den Hndedruck des Grafen von Turin. Dann das Bankett. Die beiden
Deputierten, das Telegramm des Ministers. Der Brgermeister redet. Die
Kollegen helfen sich mit Ironie. Was noch? Nichts; keine Frauen beim
Bankett. Keine Frauen -- was bleibt von allem also brig.

Aus dem Wagen gelehnt, das Kinn in der Hand, sah Mario Malvolto zu, wie die
Bltenbume weithin in bleichem Lichte schwammen. Vor Ponte a Mensola
meinte er einen Augenblick einen zweiten Wagen zu entdecken, dem seinigen
voraus, in der Hhe. Er war gleich wieder verschwunden. Das Verdeck war
aufgestellt gewesen. Der Kutscher hatte nichts gesehen, und wer sollte die
Nacht auf der Landstrae verbringen.

Ob sie's eigentlich wissen, die Frauen, da alles im Grunde nur fr sie
geschieht? Manche tun, als ob sie an den Geist glaubten -- an den Geist,
das hilflose Kind, das ohne unsere Sinne nicht stehen und gehen kann. Wir
haben nur unsere Sinnlichkeit; und wem gilt die, wie heit ihr hchster
Preis? O, eine Sitzung am Schreibtisch ist verschwendetes Werben um die
Frau, eine durchdichtete Nacht ist eine fruchtlose Liebesnacht. Ob sie's
wissen? Was frag' ich. Ihr Mitrauen gegen das Talent lehrt mich genug, und
ihre Vorliebe fr den Dummkopf, der nur ihnen gehrt, und nicht dem Buch.
Die Frau und das Buch, das sind Feinde.

Ein Dichter von zwanzig Jahren, ich kann mich entsinnen, hat ihnen zu viel
zu sagen -- darum schweigt er linkisch; sucht zu viel Leidenschaft -- das
ist den Wesen unbequem, die keinen Rausch kennen als den der Eitelkeit. Ich
habe damals von jeder einzelnen getrumt, so viele in einem Salon saen,
oder in den Wagen beim Korso. Mit fanatischer Entschlossenheit und frs
Leben htte ich mich der zu Fen geworfen, die mich erkannt htte. Sie
sind nicht so dumm. Keine einzige fhlt sich berufen, unsere
neurasthenischen berreiztheiten zu trsten. Sie gesellen sich niemals
unsern einsamen Verfeinerungen, sondern unfehlbar dem wohlgelungenen Typus.
Den erhalten sie, das ist ihre Bestimmung. Sie lassen es, unwissend ber
ihre Funktion, geschehen, da wir schnen Krankhaftigkeiten uns an ihnen
zugrunde richten. Sie aber sind von der Menschheit das Unverwstliche. Und
ich bete sie an, weil ich die Kraft anbete!

Mitten aus meinen Schchternheiten heraus entfhrte ich mich damals
pltzlich -- mich, und die kleine Prinzessin Nora. Was fr eine
berraschung! Ein Hauslehrer von unbedeutender Gestalt, dem die Damen nicht
einmal ein Paket zu tragen gaben! . . . Ich hatte sie durch eine Tat der
Verzweiflung alle auf einmal erniedrigt. Eine entfhrte Prinzessin
Gallipoli -- wer war die, vor der ich noch die Lider zu senken brauchte.
Ach, ich behielt trotzdem immer die Neigung, zu Boden zu sehen. Jede
Frechheit bei Frauen ist mir seither gelungen; aber zu jeder habe ich mich
zwingen mssen.

Man wirft mir Unzartheiten vor, etwas Schlimmeres als Frechheiten. Ein
Klubmann hat sich geweigert, sich mit mir zu schlagen, und ein Ehrenrat hat
ihm recht gegeben. Die Toren, wie knnten sie ahnen, da meine Unzartheiten
aus meiner Furcht vor der eigenen Zartheit stammen. Ich leide an zu viel
Verstehen, zu viel Bedenken, zu viel Voraussicht des Jammers der andern.
Ich habe ganz das Zeug, als Besiegter zu enden. Welche Selbstvergewaltigung
hat es mich gekostet, die kleine Prinzessin Nora sitzen zu lassen, entehrt,
deklassiert. Noch heute, wenn ich ihr in Rom in der hohen Halbwelt begegne
-- ich spre etwas wie Angst . . .

Hab' ich nicht oftmals Angst wegen Tina, der groen Tragdin, die an mir
leidet?

Mario Malvolto warf sich in den Wagen zurck, er sphte erregt nach der
Hhe des fernen Berges, wo dem Mondgrau weiter Laubwellen mondgrau ein
Schlo entstieg. Ein Licht, ein kleines, bohrendes, schwlendes Licht stak,
hnlich einem Gedanken, hinter einer Baumkrone und verwandelte sie in eine
rtliche Wolke.

Wo in der Welt wacht sie jetzt? Wie lange schon bin ich ohne Nachricht. Es
ist schlimm diesmal, da sie sich geweigert hat, heute abend die Schpferin
meiner Arachne zu sein. Habe ich ihr einen Schmerz zugefgt, den ich nicht
von ihr empfangen htte? Wer ist so kundig im Leiden und im Leidenmachen
als wir beide. Wir wissen, da wir nirgends so arbeiten, da wir nie so
groe Knstler sind, wie beieinander, durcheinander. Und trotz aller
Verwnschungen, aller Erschlaffung und allen Hasses strzen wir immer
wieder aufeinander zu. Es gibt in der Welt keine Komdie wie unsere Liebe.
Hinter allen unseren Leidenschaften, wilden Gestalten, die von unserm Leben
brennen, lauert die Kunst, ein zweifelhaft lchelnder Kulissenmensch,
gierig nach Wirkungen fr eine neue Rolle.

Von Zeit zu Zeit ertappt einer den andern darauf, da er nur Komdie
spielt. Und pltzlich bricht bei beiden der Ekel aus, und wir prallen
auseinander. Aber vier Monate spter erscheinen wir wieder bei der Probe.
Das ist Berufsangelegenheit. Von Liebe hat das nichts -- nichts von der
Liebe, fr die man als Jngling die arbeitsamen Nchte durchwacht, um
derentwillen man den Ruhm ersehnt. Denn ich mchte wissen, wozu der Ruhm
dient, wenn er nicht Liebe eintrgt . . . Ach, er ist Phantom wie sie. Er
entweicht immer weiter, je hastiger man auf ihn zuluft. Als ich ganz
unbekannt war, hatte er Krper; ein Knig, der den goldenen Kranz schwang.
Seit ich ihn Fetzen um Fetzen erkauft habe und genau wei, wie er
hergestellt wird -- was kann er mich noch fhlen lassen. Der Ruhm ist ein
von mir weithin ausgestreuter, glnzender Irrtum ber meine Person. Er gilt
einem, der nicht ich bin. ber mich darf die Wahrheit keiner wissen.

Man mu sagen: Dieser Malvolto behandelt Weiber und Leben mit einer
Entschlossenheit -- etwas anrchig ist er. Er ist ein sthlerner
Daseinskmpfer, das ist auch die Seele seiner Kunst. Die Gre und die
Kraft der Rasse ist auferstanden in einem Dichter. Man sieht, auch in einer
schmalen Brust knnen sie sich erheben. Die Renaissance ist, zum Angriff
bereit, zurckgekehrt . . . Das mu man sagen, und darf nichts ahnen von
meinen schwarzen ngsten, von der Demtigung, die mir jede Frau, jedes
groe Kunstwerk, jeder gesunde Mann zufgt; nichts davon, da ich fr eine
meiner Seiten, worin das Leben rauscht mit reichem Blut, halbe Tage
seelischen Jammers und hygienischer bungen bezahle. Ich will nicht, da
man es ahne. Es steht wohl hinter jeder vollendeten Schnheit der Schmerz
und hat noch den Meiel in der Hand. Sollte ich nicht stolz sein?

Ich fhle den melancholischen Stolz auf ein Werk, das nicht die Kraft
schuf, sondern nur der Wille zu ihr; auf ein Leben ohne wahre Strke, das
nur sehnschtiger Drang in die Hhe reckt, wie eine Niobe ihre Arme. Ich
sehne mich am Schlusse von allen, die ich gehabt habe, noch heute nach der
Frau. Ich trume noch von ihr wie mit zwanzig Jahren -- nur hoffnungsloser.
Denn ich habe sie inzwischen erprobt, und da sie nie die Gefhrtin des
Komdianten ist. Sie ist mir zu hnlich, was htte sie mir zu bieten, oder
ich ihr. Sie will selber Applaus. Sie will mit Leidenschaften bezahlt
werden: -- mir ist sie zu teuer. Ich brauche meine Gefhle, um sie den
Leuten vorzuspielen. Ich mu an meiner Seele sparen, damit andere sich mit
ihr berauschen knnen. Je mehr ich Leben austeile, desto rmer mu mein
eigenes werden.

Die seltenere Frau aber und die wahre -- sie, die sich einfach hingibt, in
unbedachter Leidenschaft; die an nichts zweifelt, nichts verlangt, keinen
Beifall, kein Martyrium; die all ihr Leben zusammenrafft, um es ohne ein
Zaudern, ohne ein Besinnen auf Welt, Ruf, Zukunft in meines zu werfen, mich
reich zu machen, durch mich zu atmen und mit mir unterzugehen: natrlich
gibt es sie fr mich nicht. Trte sie auch leibhaftig in meine Tr, das
Wunder wre unvollstndig. Denn in mir, in meinen Tagen, htte sie nicht
Raum: nicht sie selbst, die zu gro, zu stark wre; nur die Sehnsucht nach
ihr!

Hab' ich sie heute abend wieder begehrt, auf der Bhne, durch das Loch im
Vorhang, hinter dem mein Platz ist! Hab' ich sie alle begehrt!

Mario Malvolto legte den Kopf in den Nacken, sthnte und schaute tief in
den bleichen Flu der Sterne.

Ich kannte fast alle. Ein paar hatte ich besessen, einige andere knnte
ich haben. Wozu. Soll ich sie zu meiner sentimentalen Erziehung und zu
meinem gesellschaftlichen Fortkommen benutzen, wie die kleine Prinzessin
Nora, oder zum Studium von zwanzig verschiedenen Rollen, wie Tina, die
Tragdin? Oder sollen sie arme leere Gliederpuppen sein wie Mimi, und ich
behnge sie im Traum mit Leidenschaften, die weder sie erleben werden noch
ich? Sollen sie zum Schlu dahinterkommen, wer ich bin, und mich beleidigt
und voll Verachtung wegschicken? . . . Man wird mde, die Sterne dort oben
mit den Augen zu pflcken, einen nach dem andern, und am Ende nichts in den
Hnden zu halten . . .

So glnzten sie auf den Rngen heute abend.

Er betrachtete einen groen, reifen Stern.

Die Linozzo. gyptisch platte, lange Nase, lange Augen eng beieinander.
Die Brauen dicht unter der fettschwarzen Haarwelle. Weiter weicher Mund,
feucht, tief gefrbt, beweglich. Sie ist am begehrenswertesten, wenn sie
einen hellglitzernden Fcher an den Mundwinkel hlt, oder wenn sie ber die
Schulter weg, den Kopf zurckgelegt, aus den Ecken ihrer Augen lchelt
. . . Solange ich in der Loge der Knigin war, hat sie immerfort
hingesehen. Sie ist ehrgeizig, ich knnte sie haben.

Seine Augen hngten sich an andere Gestirne.

Die Borgosinale. Ein fettes Profil mit hngendem Kinn, wildugig aus einem
heftigen Wulst braunroter Haare hervor, ber einem mchtigen
Hermelinkragen. Das war eine der ersten, die mich hinaufgehit haben. Auf
ihrem zerstrten Gesicht treffe ich meine Erinnerungen an so viele erlogene
Aufregungen. Sie aber war vielleicht ehrlich?

Eine Unmgliche: die Lancredoni. Magere Prinzessin von brunlicher Haut.
Ein steiler Hals trgt den kleinen, starren Kopf, mit der entweichenden
Linie von Nase und Stirn. Der Spitzenrmel entfaltet sich sehr tief unter
der nackten Schulter, die abfllt, zerbrechlich, rein. Unter den kalten
Blitzen ihres Diadems ghnt die Prinzessin . . . Und heute abend, hinter
meinem Vorhang, hab' ich sie vergewaltigt! Ich habe zu ihr hinauf
triumphiert, wissend, da ich mehr von ihr schmecke als der, der sie jede
Nacht in den Armen hielte! Was bleibt davon brig. Vielleicht ein paar
Zeilen, die ich drucken lasse. Aber fr mich, in der Seele? . . .

Die jungen Mdchen! Da saen sie, ganz nah, und lugten hellugig aus einer
Welt hervor, in die kein Weg fhrt. Die Cantoggi traf einmal mein Auge, im
Loch des Vorhangs. Ich erschrak tief ber diesen Blick, den sie aussandte,
ohne zu ahnen wohin.

Welche von ihnen kommt und nimmt mich bei der Hand und fhrt mich heimwrts
in ihr Land, wo man stark und mit Unschuld empfindet!

Keine. Denn sie haben selbst nichts Eiligeres zu tun, als die Komdie zu
erlernen. Gemma Cantoggi, das Kind, frisch vom Lande, heiratet den Lanti,
einen Viveur auf dem Abmarsch. Sauber ist das.

Verlangt man von einer, sie solle machen, da man sich selbst vergit --
wahrscheinlich darf man auch von ihr nichts wissen? Im Parkett sa eine
Fremde, ein schnes, starkes Profil unter der Samtschleife des groen
Hutes. Eine wehende Kravatte hllte sie bis an den Mund in rosige Gaze
. . .

Mario Malvolto trumte noch, als er auf den Platz von Settignano einbog.
Der niedrige, flach geschweifte Kirchengiebel war von Mond blulich
gepudert. Eine einsame Laterne erblindete in der weiten Sternennacht, in
deren Mitte auf seinem Hgel das Stdtchen schlief.

Ein Gerusch verlor sich irgendwo. Mario Malvolto sah dahinten in der
langen Gasse etwas Dunkles sich bewegen. Gewi, es war der Wagen von
vorhin; das Verdeck war aufgestellt. Ein Mondstreif fiel pltzlich darber;
etwas Weies hatte sich herausgebeugt. Wo in der Umgegend war dieses
Gefhrt zu Hause? Nirgends, sagte der Kutscher. Es verschwand im Schatten.

Sie verlieen die Gasse und fuhren ein Stck bergab. Mario Malvolto stieg
aus, machte ein paar Schritte zwischen Hecken, elf Stufen hinan; da stand
er vor seiner Tr. Sie war offen. Sein Diener lag schlafend davor.

Mario Malvolto schritt ber ihn weg, er nahm im Vestibl die Lampe vom
Tisch, ging die Treppe hinauf und betrat sein Arbeitszimmer. Auf der
Bibliothek die Frauenbsten in ihrer schmalen alten Tracht lchelten wei,
verschlossen, aus steilen Trumen; und auf ihren Stirnen die groe Perle
schien im Mondlicht an ihrer Kette zu schwanken.

Das Zimmer war so hell, da Malvolto die Lampe lschte. Er lehnte sich in
die offene Terrassentr. Wie wei war der Garten! All dies schwere dunkle
Laub ber den ganzen Hgelrcken hin und bis unter die Mauer mit ihrem
Baldachin von Steineichen, alles blitzte in bleicher und kostbarer
Verzauberung. Als ein silberner Mantel hingen die Glycinien um die starre,
tote Zypresse. Und die Kamelien in den Tiefen versenkter Bsche bluteten
nur wie Geister.

Er sah ins Zimmer zurck, und er erschrak. Einen Augenblick hatte es ihm
geschienen, der berlebensgroe Mensch dort auf der grellen Wand reie sein
Schwert in die Hhe. Mario Malvolto sagte in Gedanken zu ihm, zu diesem
Bilde, dem einzigen, das tglich auf seine Arbeit herniedersah:

So finden wir uns wieder. Als ich dich heute abend verlie, war ich
kampfesfroh, gespannt auf einen lauten Sieg oder eine derbe Niederlage. Es
ist Sieg gewesen. Bei Wein und Reden ist er angeschwollen. Ich gehe, seiner
sicher, davon. Ich brauche ihn nur aus der Brust zu ziehen und zu
betrachten, nicht wahr? Und unterwegs, in einer Mondnacht voll gespenstigen
Besinnens, wird eine Niederlage daraus -- o, eine stille, blasse
Niederlage, und eine schlimmere, als wre ich lrmend ausgepfiffen.

Hast auch du einmal einen Sieg, wenn er am lautesten scholl, pltzlich
umwenden und davonfahren gesehen? Krieg und Kunst, das ist dieselbe
bermenschliche Ausschweifung. Kennst du den Ekel nach der Orgie? Antworte,
Pippo Spano!

Da stehst du, aufgereckt, die eisernen Beine gespreizt, das riesige Schwert
quer darber in Hnden, die aus Bronze sind. Du hast schmale Gelenke, bist
leicht, bereit zu Sprung, Jagd, hitzigen Umarmungen und kalten Dolchsten,
zu Wein und zu Blut. In den Lauten deines Namens selbst geschieht ein
Pfeifen von geschwungener Waffe, und dann ein breiter Schlag. ber deiner
breiten Brust wlbt sich Eisen, um deine feinen Hften kreist ein goldener
Grtel, auf dem frhlichen Blau des Rckchens. Du hast einen kurzen,
zweigespitzten Bart, dein Mund steht gewaltttig heraus aus deinem magern
Gesicht, und dster blonde Locken umzotteln es. Es blickt zurckgeworfen
ber die Schulter, mit aufgerissenen Augen, wach und furchtbar. Wenn man
lnger hinsieht, lchelt es. Das berma von grausamer Selbstsicherheit
bringt dieses Lcheln hervor, das sich nicht nachweisen lt, das man nur
ahnt, das tief verwirrt, in Grauen strzt, fesselt, dem man sich
widersetzt, und das man schlielich verehrt!

Da du so ungeheuerlich zu triumphieren verstehst -- wie entsetzlich mut du
manchmal geschlagen sein! Ja! wie mut du gelitten haben, du und dein
Maler, der so stark war wie du. Groe Kunstwerke -- dein Leben oder dein
Bild -- haben so leuchtende Hhen nur, weil sie so grausige Tiefen haben.
Ach, du Trkensieger, verstell' dich nicht -- ich hre dennoch deinen
tollen Aufschrei, wenn ein Schlag dich traf. Ich seh' dich bluten, wenn ein
Freund dich verriet. Ich versuche den Rausch von Schmerz zu ahnen, den du
erlebt hast, so oft eine Frau ihre spitzen Finger in dein Herz grub!

Mario Malvolto verschrnkte die Arme. Er kam nher, die Augen auf dem
Gesicht des Condottiere. Er flsterte:

Siehst du, nach solchem Rausche schmachte nun ich! Ich bin zu zerbrechlich
dafr und zu nchtern; darum erdichte ich Menschen, die anders sind. Darum
stehst du hier, als mein Gewissen, als mein Zwang zur Gre. Du sollst mir
berdru machen an der migen Lust und dem haushlterischen Leiden, womit
wir unzulnglichen Sptgeborenen uns bescheiden. Unsere Kunst befruchtet
sich mit einem mattfarbenen Rokokoleiden, geziert und ohne Gre.
Belanglose Neurastheniker-Geschicke dehnen sich aus ber ein brgerliches
Dasein von siebzig Jahren, whrenddessen man tglich fr einige
Kupfermnzen Leid verzehrt und fr einen Nickel Behagen. Der Knstler grbt
umstndlich in seiner verstopften Seele umher, immer nur in seiner eigenen,
und frdert Traurigkeiten zutage, die er eitel herumzeigt. Mit feindseliger
Ironie blinzelt er ber alles weg, was stark ist und in ganzen Farben lebt.

So aber will ich leben! Ich will verschwenden; innerhalb meiner kurzen
Jahre soll meine Kunst mir ein zweites, mchtigeres Leben schaffen. Nichts
will ich wissen von mir, dem Schwachen; er lehrt mich immer noch genug von
sich. Ich will fremde Schnheiten erleben, fremde Schmerzen. Recht fremde.
Geopferte Frauen; Vornehme, die zu viel begehren; Meister, die einen vollen
Schmerz an einem Stck Marmor austoben. Sie schlagen die Gestalten der
Hlle aus dem Block heraus, und ihr Schmerz ist der Wirbelwind, der die
Seelen durch purpurne Finsternis treibt . . . Zu Denen will ich auswandern,
in Die hinein, die noch nicht auf die Launen ihrer Nerven lauschen; deren
Schicksal noch nicht in ihrem armen Blut gefangen sitzt. Nein, drauen in
freier Welt erwartet es sie zum Kampf, und sie drfen hinstrmen!

In ihr Leben dringe ich ein, wie in eine mit Dornenhecken umstellte,
ppigere und jhere Welt, wo Gewalt gebt wird und trunkene Hingabe; wo
namenlose Untergnge ausgekostet werden und unfabare Herrlichkeiten; wo
man ganz lebt und auf einmal stirbt.

Und die Frau, die du lieben knntest, Pippo Spano, die ist der Preis aller
meiner Sehnsucht. Die tritt mir als die Letzte aus der von mir entzauberten
Welt entgegen. Nicht wahr --

Und Mario Malvolto verga sich, er redete lauter.

Nicht wahr, sie tritt mir entgegen? Glaubst du es, Pippo Spano? Sie tritt
--

Er brach ab: da stand sie.

Sie stand auf der Schwelle des kleinen weien Salons, den ein paar
Mondstrahlen pltzlich aus seinem Schatten hoben. Sie war selber wei und
bedeckt mit Mond. Ihr bleiches, kurznasiges Gesicht mit starken Lippen
umrahmten schwere schwarze Flechten. Von ihrer kleinen, schmalen Gestalt,
von Schultern und Nacken lsten sich gestickte Silberblumen bei jedem ihrer
Atemzge; sie lebten mit ihrem Atem. Sie hob ihren Arm zum Vorhang an der
Tr -- und der rmel aus lauter Blumenkelchen fiel auseinander in viele
blasse Bltter. Ihr Arm stand darin als Bltenstempel, schimmernd von Mond.

Mario Malvolto war zurckgewichen. Er griff sich an die Stirn. Eine
Sinnestuschung? Er hatte viel getrunken und noch mehr geschwrmt. Aber
sein Herz ging ruhig und stark, er fhlte sich helleren, freieren Geistes
als gewhnlich. Wollte das da noch immer nicht verschwinden? . . . Er
machte zwei rasche Schritte darauf zu. Aber es blieb da, es sprach sogar.

Das junge Mdchen sagte leise und einfach:

Mario Malvolto, ich liebe dich. Ich bin hergekommen, damit wir uns
lieben.




II

Das Wunder

Da erkannte er Gemma Cantoggi.

Sie hier? Aber ein Wort, Contessa, htte gengt, stammelte er. Ich wre
zu Ihnen geeilt.

Nun bin ich schon da, erwiderte sie.

Aber Sie kompromittieren sich!

Nein nein. Wir haben ja ein Landhaus ganz nahe. Man glaubt, da ich dort
bernachte. Ich verlasse manchmal nachts unser Stadthaus, ich habe solche
Launen. Meine Gesellschafterin ist mit mir gefahren, sie ist eingeweiht.

Er sah sie zweifelnd an. Das war die Cantoggi, die den Lanti heiraten
sollte, einen Viveur auf dem Abmarsch; eine der sehr schnen Frauen, die
eine Zeitlang von allen Mnnern begehrt, von allen Frauen gehat werden; um
die ein Knabe Selbstmord begeht; die zwanzig Jahre lang an der Spitze der
Mode tnzeln, und wenn sie vorber sind, Unzhligen Glck versprochen, ein
paar Geliebten ihr Versprechen gehalten, und in dem Gedchtnis einiger
Alten den Rest eines berauschenden Duftes hinterlassen haben. Was waren sie
selbst? Was erlebten sie? Er wute es: Ihre Wirkung, das Martyrium des
Mannes und den Applaus der Menge.

Kam diese da als Kollegin, als Komdiantin zum Knstler? Wollte sie Rat
holen, wie man nach ganz hohen Erfolgen greift? Er hatte von ihren Worten
nichts erfat, glaubte keines; er fragte erregt:

Aber was fhrt Sie her?

Die Liebe zu Ihnen, Mario Malvolto, wiederholte sie, und ihre Stimme
zitterte leicht.

Contessina, Sie sind ein Kind. Wenn Sie mich liebten, warum haben Sie
nicht einen Ihrer Freunde beauftragt, mich Ihnen vorzustellen? Ich htte
mich Ihnen zu Fen gelegt.

Zu Hause wren wir nicht frei gewesen. Um uns lieben zu drfen, htten wir
uns heiraten mssen.

Ah!

Er empfand eine bse Genugtuung.

Die Contessina Cantoggi wrde mich nicht zum Manne wollen!

Und sie, ohne zu verstehen:

Sie htten sich mir versprochen, Mario, ohne zu wissen wer ich bin. Sie
htten versichert, mich zu lieben, und htten vielleicht geheuchelt. Wenn
ich das merkte, wre alles aus. Ich will, da wir uns lieben, ohne da
jemand darum wei. Sie knnen sich nicht ausmalen: ich werde von der
schnen Cantoggi geliebt, und ganz Florenz wei es. Hren Sie? Das knnen
Sie nicht.

Er murmelte:

Glaubst du, ich sei so niedrig eitel?

Nein, ich glaub' es nicht. Verzeih! Ich bin eiferschtig im voraus. Ich
mchte dich einschlieen hier!

Sie trat lebhaft auf ihn zu, in sein Zimmer hinein.

Und ich knnte nicht ertragen, da wir uns vor Fremden sehen, uns mit
Zurckhaltung sprechen mten. Ich mchte vor dir immer -- du, ich liebe
dich!

Sie ffnete, ber eine letzte Schchternheit hinwegspringend, rasch die
Arme:

Ich mchte vor dir immer nackt sein!

Ihn berkam eine Wallung; er griff nach ihr.

Wenn ich glauben knnte, da du wirklich da in meinen Armen liegst!

Den Mund auf ihrem Haar, sthnte er. Die seltene Frau, die mit unbedachter
Leidenschaft ihn reich machen wollte: da war sie, da war das Wunder. Eines
der jungen Mdchen, klarugig hervorlugend aus ihrer Welt, in die kein Weg
fhrte: da war es, da war das Wunder.

Wenn ich es glauben knnte!

Du fhlst mich ja, sagte sie bebend. Und da ich dich liebe, das mut du
doch fhlen. Ich fhle, sagte er, mitleidig mehr mit sich als mit ihr.

Und du willst mich lieben?

Ich will. Ob ich will! rief er schmerzlich. Sie fragte, das Gesicht
versteckt an seinem Halse.

Hast du mich schon einmal schn gefunden? httest du mich haben wollen?

Immer dich!

Und er wute, da er lge und dennoch aufrichtig sei. Er hatte alle
begehrt, wrde immer alle begehren. Aber hielt er nicht alle in dieser?
Vielleicht, vielleicht.

Auch ich, sagte sie und sah gro auf.

Immer dich!

Dann wutest du, da du heute abend durch das Loch im Vorhang ein Auge
trafest, und wessen Auge?

Nein.

Nicht? Hast du mich nicht viele Male im Parkett bemerkt?

Nein. Ich wute bis eben nicht, wie du aussahst. Als du eintratest,
zgerte ich. Es konnte auch ein Fremder, ein Freund von dir sein.

Er war sprachlos.

Wir haben so lange in San Gimignano gewohnt, erklrte sie. Erst seit
Papa tot ist und mein Bruder in Florenz in Garnison steht, wohne ich hier.

Also kommst du, weil ich berhmt bin.

Berhmt? Ich wei nicht. Vielleicht hat man in meiner Gegenwart einiges
dummes Zeug ber dich geredet; ich wute aber nicht, da du gemeint seiest.
Ich hatte deine Bcher gelesen, aber ohne nach deinem Namen zu sehen.

Mario Malvolto dachte: Das ist der Ruhm.

Es waren Menschen darin, die ich verstand. Ich sagte mir: so htte ich
gehandelt, so wrde ich fhlen, wenn --

Wenn --

Wenn ich diesen Mann fnde. Bei meinem Verlobten, das wute ich, konnte
ich davon nichts erleben.

Ja, Sie sind verlobt.

Ich _war_ es. Ich habe, bevor ich zu dir kam, ihm abgeschrieben.

Ich _fasse_ das alles nicht.

Es ist so einfach. Heute abend, in deinem Stck, sah ich dieselben
Menschen leben und sterben, die ich aus deinen Bchern kannte. Sie waren
heftiger als die Leute, mit denen ich diniere und Korso fahre. Sie
lchelten nicht so viel, und ich konnte ihnen glauben -- _weil sie ja
starben_!

Weil sie starben.

Zu Hause sah ich nach dem Namen des Verfassers auf den Romanen. Es war
deiner, da fuhr ich her.

Da fuhrst du her!

Er war entzckt. Welche vertrauensvolle, entschlossene Leidenschaft! Da
man dem zusehen, ihm nachtasten durfte! Aber er besann sich: sie wollte von
ihm mehr. Er hatte pltzlich Angst zu unterdrcken.

Glaubst du denn, da ich bin wie meine Geschpfe? Ich habe sie vielleicht
geschaffen, weil ich _nicht_ so bin.

Aber du hast _sie geschaffen_. Du mut sie doch im Herzen getragen haben
. . . Das ist so einfach, es ist mir heute nacht auf einmal klar geworden.
Wenn die Menschen, die wir lieben knnten, in unserer Welt nicht leben --
wenn sie nirgends leben -- suchen wir sie doch im Herzen dessen, der sie
ertrumt hat! Warum tun die Frauen das nicht? Es wre zu dumm gewesen,
nicht zu dir zu kommen.

Ich bin nicht so stark . . .

Es war ihm, als ringe er mit dieser Siebzehnjhrigen, als gelte es seine
Selbsterhaltung.

Ihr Verlobter, Contessina, ist ein Held gegen mich. Er hat mehr knstliche
Kraft als wirkliche, ich wei es, mehr Fechteranspannung und
Douchenlebendigkeit, als Muskeln und Nerven. Aber wenigstens das uere
deutet auf einen unternehmenden Kavalier. Sie haben von ihm immerhin vieles
zu erwarten.

Ich wei so ziemlich, was ich zu erwarten htte, versetzte sie und
schttelte die Schultern. Sie lie sich an seinem Tisch nieder, in seinem
Arbeitssessel. Sie spielte mit Schreibgert, warf ein Heft mit Notizen zu
Boden und sttzte den Kopf in die Hand.

Als er mich in San Gimignano besuchte, als ich mit ihm im Garten auf dem
brckligen Aussichtsturm stand, hoch im Epheu und unter uns das blaue Land
-- weit du, wie er mir vorkam? So fremd wie ein Englnder, der das
photographiert. Was ich alles dort gefhlt hatte, was man in sechzehn
Jahren alles fhlen kann am Grunde dieser Nester von Epheu und auf diesen
durchlcherten, warmen Mauern, bei den Eidechsen -- meinst du, er htte
davon was geahnt? Ich htte mich geschmt, ihm ein Wort zu verraten . . .
Dir --

Mir? fragte Mario Malvolto und griff mit schlechtem Gewissen nach dem
Geschenk, das sie hinhielt.

Dir sag' ich's!

Und sie sprang auf.

Vielmehr, du weit es schon. Auch du hast so gefhlt, ich hab's ja von dir
selbst erfahren!

Er strubte sich.

Wir treiben ein verdchtiges Gewerbe, wir Dichter. Wir fhren euch Freuden
zu, darum sind es aber noch nicht unsere . . .

Du willst den Bescheidenen spielen. Du bist kokett.

Und da er eine Bewegung machte:

Oder glaubst du mir nicht?

Sie streckten gleichzeitig nach einander die Arme aus.

Dir nicht glauben!

Das war unmglich. Ihr Atem, ihr Blick, die Linien ihres Krpers selbst
verkndeten Wahrheit. Die Linien dieses zarten Krpers, dieser Seele aus
Fleisch, berfluteten ihn, singend vor Leidenschaft. Er bebte unter ihnen,
er wnschte heftig, sie mchten sein Herz umschlingen, es zerbrechen mit
all dem Knstlichen darin, es auf immer vergewaltigen und knechten. Nichts
mehr fhlen als sie! Welch ein Ziel -- und welche Ohnmacht, es zu
erreichen!

Hre, bat er, heiser vor Qual, du tuschst dich ber mich, Gemma. Ich
bin nicht so ehrlich wie du. Ich kann es nicht sein.

Wrdest du das sagen, wenn du es nicht wrest?

Ich bemhe mich in diesem Augenblick, es zu sein. Aber du darfst mich
nicht zu schwer versuchen. Glaube, dein Verlobter, er mag kalt sein -- er
hat immer noch mehr gutes Gefhl als ich. Er ist dir immer noch verwandter.
Du hast immer noch mehr von ihm zu hoffen.

Ich wei, was ich zu hoffen htte.

Er mag in deine Kindertrume nicht zurckblicken knnen. Sei froh, da
er's nicht kann. Er wird dich um so gutglubiger lieben, wie du jetzt bist,
wenn er nicht das Talent hat, in dich hineinzulgen, was nicht mehr ist
oder nie war.

Sie ging wieder von ihm fort, sie setzte sich auf die Ottomane,
verschrnkte ihre Arme ber dem Kopfpolster und sttzte ihre Brust dagegen.

Nicht nur daher wei ich ber ihn Bescheid, sagte sie langsam und sah
erweiterten Blicks in das Mondlicht. Ich wei es auch von seiner
Geliebten.

Von der Traffetti? fragte er rasch.

Ich bin zu ihr gegangen. Wundert dich das? Sie ist eine groe Sngerin und
eine schne Frau. Ich habe gedacht, sie hat keinen Grund, mir nicht die
Wahrheit zu sagen. Und sie ist die einzige, die sie mir sagen kann . . .
Nun, er ist schwach, er -- vermag wenig. Wie soll ich dir das bezeichnen?

Er prallte zurck. Hlt sie denn mich fr einen Stier?! Sie deutete seine
Bewegung.

Ich bin ja kein Kind, ich kann urteilen. Er gebraucht knstliche Reizungen
und Hilfsmittel, verlangt von seinen Maitressen Dienstleistungen, die --
die mir die Traffetti erst erklren mute.

Ah! Ah! Sie hat dir's erklrt?

Er dachte: Ein junges Mdchen, das zu einer Dirne geht, um sich ber die
Leistungsfhigkeit ihres Verlobten zu unterrichten! Nein, das htte ich
nicht erfunden, das erfindet keiner!

Sie sah ihn gro an.

Und die -- die brauchst du nicht.

Er gab zu, erstaunt:

Nein.

Sie belebte sich.

Siehst du, du hast mir eben niedrige Begierden zugetraut, ich wei es,
leugne nicht. Du kennst mich ja noch nicht . . . Das Schlimme ist nicht,
da er kein starker Mann ist. Aber er hat keine Liebe. Die Traffetti liebt
ihn, sie hat geweint, als sie es mir gestand!

Aber er hat sich neulich fr sie geschlagen, sagte Malvolto, ehe er's
bedacht hatte.

Ich mchte nicht, da sich einer so fr mich schlge. Er hat die ganze
Zeit kalt und ruhig seinen Platz behauptet, seinen wtenden Gegner in
Distanz gehalten -- das Auge immer an der Degenspitze des andern -- bis er
ihn schlielich treffen konnte . . . Wer eine beleidigte Geliebte rcht,
ficht anders! Er liebt nicht, sage ich dir.

Also nicht, dachte Malvolto und gab es auf, diesen Brutigam zu retten.
Er sah zu, wie das junge Mdchen an ihrem Corsage nestelte. Ein paar
Schmuckstcke rollten auf den Teppich. Zwischen den Spitzen schimmerte ein
wenig blaugedertes Fleisch. Sie benahm sich wie ein Kind, das von langer
Wanderung nach Hause gefunden hat, mde und glcklich.

Ich werde nie seine Seele zu fhlen bekommen. Deine hab' ich oft gefhlt.
Ich bring' dir meine.

Sie stand auf.

Und meinen Krper.

Er strmte hin zu ihr, strzte auf die Knie, warf Ksse auf ihr Kleid und
ihre Hnde. Er war auf einmal voll durchwrmt von dem Gefhl dieser Seele,
die seit Monaten, an seine denkend, sich aus einem Gefngnis, aus den
Schlingen der Fremden frei machte; die tastete, nachtwandelte, und durch
mondbeschienene Wlder tiefer, leidenschaftlicher Ahnungen den Weg fand zu
ihm! Da war sie, da trat sie aus dem weien Zimmer in einem Mondstrahl. Da
stand sie, fr ihn erschaffen, unerklrlich ohne ihn. Da lag sie auf seiner
Brust, ihn zu erlsen, ihn in das Heiligtum des Lebens zu retten, ihm
langen Atem einzublasen, ihn alles vergessende Empfindungen und starke
Gebrden zu lehren!

Ich liebe dich, Gemma!

Sie lchelte nur, die Hnde auf seinem Haar.

Aber ich glaube ja! rief er sich zu. Das Wunder ist fr mich geschehen,
ich bin stark genug, es zu glauben, mich von ihm erlsen zu lassen!

Er sprang auf, legte den Arm um sie . . . Auf einmal berrann es ihn kalt.
Jetzt glaubst du, Komdiant. Und morgen frh wird deine Sorge sein, was
wohl mit dieser Minute der Glubigkeit knstlerisch anzufangen ist.

Aber ich liebe sie, versicherte er seinem Widersacher. Und sie mich. Bin
ich denn kein Mensch?

Nein, du bist keiner. Du spielst ihn nur. Unterdrcke diesmal deinen
Effekt, dies einzige Mal, aus Mitleid mit einem Kinde. Bedenke --

O ich wei, ich habe ja Angst. Dies ist kein Abenteuer, das man hinnimmt,
aus dem man entkommt, sobald man es mde ist. Es ist kein Haus mit zwei
Eingngen. Es ist ein Felsental, ber dessen einzige Pforte Wasser strzen,
wenn man drinnen ist!

Er lste widerstrebend die Hnde von dem jungen Mdchen. Sein Blick, von
Schmerz verwirrt und ber die Wnde gejagt, traf pltzlich ins Auge von
Pippo Spano. Jetzt lchelte Pippo Spano. Sein frchterliches Lcheln, das
niemals nachzuweisen gewesen war, jetzt sagte es mit klaren Worten:

Ist das die Strke, zu der ich, dein Gewissen, dich zwingen sollte? Ein
Weib kommt, es betet dich an. Dein Blut reit dich zu ihr. Und den Bedenken
von Kranken zuliebe schickst du das heie Leben fort? Tu's -- aber versuche
nie wieder, dich aus der Welt der Schwachen wegzustehlen in meine hinein,
wo man liebt, raubt, und, wenn es sein mu, dafr stirbt!

Mario Malvolto ri Gemma vom Boden. Alles Blut im Gesicht, gleich einem
Krieger, dem sein erbeutetes Weib mit weier Umarmung den Hals zuschnrt,
trug er sie in sein Schlafzimmer.




III

Der Glaube


Mario Malvolto stand allein auf seiner Terrasse und sah den Tag aufgehen.
Gemma war fort, er lauschte auf die letzten Schwingungen des Glcks, das
sie in ihm angeschlagen hatte. Gleich wrde es ausgeklungen haben. Wenn sie
heute abend wiederkam als ganz dieselbe, immer in derselben Glorie von
Leidenschaft -- wie fand sie ihn? Er wute es selbst nicht. Zwanzig Stunden
konnten ihn wer wei wohin tragen. Er wrde eine Anstrengung machen zu ihr
zurck. Sie wrde vielleicht gelingen.

Nein, nein. Wir trennen uns gleich. Ich will sie nicht wiedersehen. Das
ist stark gehandelt, denn noch begehre ich sie und werde sie noch oft
begehren . . . Ich will ihr schreiben. Sie wird sehr leiden. Das wird ein
rascher Schmerz gewesen sein, rasch wie das Glck war. Ist man nicht daran
gestorben, so ist's eben vorbei. Wre ich jetzt mitleidig und suchte sie zu
tuschen -- das gbe lange, lange ngste, zitternde Wiederbelebungen
dessen, was doch sterben mu.

Er stieg in den Garten hinab, ging durch die Wege, deren Lauben ihn oftmals
bckten, und schrieb in Gedanken:

Meine angebetete Gemma!

Heute habe ich noch das Recht, Dich so zu nennen. Wenn Du am Abend
wiederkmest, wre es vielleicht schon zur Lge geworden -- zu der ersten
von all den Lgen, mit denen ich unsere Liebe fristen wrde. Ich will das
nicht, dafr waren wir eben noch zu stark und zu glcklich. Ich will Dir
Dein wahres Gefhl mit der Wahrheit vergelten, die ich geben kann. Hre,
meine Gemma.

Du liebst mich auf immer, nicht wahr? Du bist berzeugt, Du liebest mich
auf immer. Und Du wrdest ein Gefhl fr nichtig halten, das seinen Tod
voraussieht. Das aber, Gemma, tut meines. O, ich werde Dich in Jahren noch
so heftig zu mir herwnschen, wie jetzt in diesem Augenblick! Aber kmest
Du in zwei Stunden, vielleicht kmest Du schon zu spt. Vielleicht,
Geliebte, bin ich Dir sogar heute nacht, mitten in unsern festen, festen
Umarmungen schon untreu geworden. Wer wei, ob ich nicht an ein Wort
gedacht habe, das diese Umarmungen zu malen vermchte? Die Kunst, Gemma,
ist Deine Rivalin, und Du darfst sie nicht leicht nehmen.

Manchmal, wenn du, die Arme geffnet, in mein Zimmer treten wirst, hlt sie
mich an ihrer harten Brust.

Mario Malvolto sah zu, wie eine Traube Glycinien durch seine hohle Hand
schlpfte, und berlegte: Harte Brust? Hat die Kunst eine harte Brust? Er
lie es vorlufig gut sein.

Du verstehst mich nicht, ich sehe es voraus. Du meinst, eine Beschftigung
knne man doch verlassen, wenn eine Frau eintritt. Der Lanti, wenn Du ihn
heiratetest, wrde sein Pferd wegschicken, sobald du wolltest. Ein
Brsenmann wrde seine Kunden abfertigen. Das Geld ist eine Leidenschaft,
die selten stand hlt vor der Frau. Mit der Kunst, Gemma, steht es anders.
Nur sie, der Krieg und die Macht sind widernatrliche Ausschweifungen, die
einen Menschen _ganz_ wollen. Aber die Kunst ist von den dreien die
verderblichste, sie enthlt die beiden anderen. Sie allein hhlt ihr Opfer
so aus, da es unfhig bleibt auf immer zu einem echten Gefhl, zu einer
redlichen Hingabe. Bedenke, da mir die Welt nur Stoff ist, um Stze daraus
zu formen. Alles, was Du siehst und geniet -- Deine Mauern von San
Gimignano, ber die Deine Kindertrume huschten wie Eidechsen: mir wre
nicht an ihrem Genu gelegen, nur an der Phrase, die ihn spiegelt. Jeder
goldene Abend, jeder weinende Freund, alle meine Gefhle und noch der
Schmerz darber, da sie so verderbt sind -- es ist Stoff zu Worten. Du
selbst wrest einer. Gemma, das ist unertrglich.

Ich werde nicht bei meiner Frau sitzen, sie betrachten und glcklich sein.
Ich werde sinnen, wie ich dieses Profil zu kennzeichnen habe, wie und auf
welche unerhrte Art ich es ansehen mu, damit ein berraschendes Bild in
mir entsteht und ein merkwrdiges Wort. Wenn ich Dein wunderbares Fleisch
-- ich gebrauche ein recht drftiges Wort: wunderbar -- wenn ich es unter
meinen Hnden spre, werde ich nach einem kunstvolleren suchen, nach einem,
worin Dein Fleisch, und nur Deines, ganz gefangen ist.

O, ich werde sehr beflissen sein bei Dir, Du wirst mich oftmals fiebern
sehen vor Gefhl, vor Drang zu Dir, in Dich hinein. Glaube nicht, das sei
Liebe! Ich habe es ntig, mich in Empfindungen hineinzuschwindeln, damit
ich sie darstellen kann. Ich mu in Menschen, in schne, starke Menschen,
wie Du einer bist, eindringen, mit ihnen zittern, mit ihnen schwelgen, mit
ihnen verdammt sein und untergehen. Aus mir selbst kann ich den Menschen
nicht kennen, denn ich bin keiner; ich bin ein Komdiant.

Denke an alle Frauen, denen Du in Gesellschaft begegnest, die dir
zulcheln; denke an jede einzelne und wisse: ich habe Dich schon mit ihr
betrogen und werde es wieder tun -- in meiner Seele. Und doch sollte in ihr
nichts geschehen als Du! Aber noch Schlimmeres: ich werde Dich mit dir
selbst betrgen, mit einer geflschten Gemma.

Meine Geschpfe, die Du liebst, um derentwillen Du zu mir und in meine Arme
gestrzt bist, Gemma, sie waren ja alle einmal wirkliche Menschen. Meinen
Wirkungen zuliebe habe ich sie umgelogen. So werd' ich Dich umlgen. Ich
bin schon dabei. Dieser Brief ist schon das erste Stck Kunst, das ich aus
Dir mache.

Mario Malvolto hatte Trnen in den Augen. Er litt aufrichtig; aber es war
von Vorteil fr ihn, zu leiden. Mein Brief wird gut, sagte er sich.

Du, Gemma, ein Weib, wrdest notwendig Zeiten haben, wo du launisch, krank
und traurig wrest; bei Deinem Geliebten wrdest Du Hilfe suchen. Ich wrde
sie Dir spenden, zweifle nicht. Aus Eigennutz, um dabei zu lernen. Dein
Leiden und mein Mitleiden, beides knnte mir zu statten kommen . . . Ja,
wenn Du strbest -- meine schne Gemma, ich wrde verzweifeln, ganz gewi.
Aber noch bevor Du ausgeatmet httest, wren aus meiner Verzweiflung und
Deinem Tod zwei Rollen geworden.

Hasse mich dafr nicht! Ich lebe in schwerer Einsamkeit hinter der
erleuchteten Rampe, die mich von jedem unbedachten, nicht ausgenutzten
Gefhl trennt.

Wie sehr wnschte ich, es wre anders -- und da das Herzklopfen, das mich
beim Rauschen Deines warmen Blutes befllt, nicht ebensogut den Erregungen
glte, die aus einem Tintenfa steigen.

Knnte ich mich Dir auf einmal und vllig darbringen! Alles abdanken, was
ich erworben habe und durch lange Kunst geworden bin; alles vor Deinen
Knien niederlegen! Man sollte von mir nur noch hren, da ich einer Frau
zuliebe verschwunden bin. Und das Land, soweit mein Ruhm es berzogen hat,
mchte ich wie einen einzigen Lorbeerhain deinen kleinen Tritten
hinbreiten!

All meine Sehnsucht drngt nach den Starken, die das knnten, nach den
Condottieri des Lebens, die in einer einzigen Stunde ihr ganzes Leben
verschlingen und glcklich sterben. Anstatt uns nun trbe zu verlassen,
htten wir heute frh zusammen sterben sollen, o Gemma!

Mario Malvolto unterbrach sich.

Und warum nicht heute abend? rief er in den durchglhten Schatten
zwischen zwei Rosenbschen. Warum nicht bermorgen, oder jeden andern Tag,
den wir glcklich waren!

Bemerke einmal, Freund, da du da eine schlicht brgerliche Niedertracht
begehst! Du mchtest das Mdchen, das du genossen hast, in Blde los sein.
Du enthllst ihr geheime rmlichkeiten, die nur dich angehen. Du hast kein
Recht dazu. Da du sie einmal aufgenommen hast wie ein Starker, da du sie
wie ein Stck Beute in dein Schlafzimmer geschleppt hast -- tu' deine
Schuldigkeit und bleibe stark! Sie ist zu dir gekommen wie zu einem der
Knstler von frher, die zwei Frauen gleichzeitig vollauf befriedigten,
eine auf der Leinwand ihrer Staffelei und eine auf der ihres Bettes. Im
Grunde hast du Angst, diese oder jene knne deiner Gesundheit schlecht
bekommen. So stirb an ihr! Das Wunder ist fr dich geschehen. Es ist,
dieses Wunder namens Frau, aus einer ppigeren und jheren Welt, der von
deiner Sehnsucht entzauberten, hervor und in dein Zimmer getreten. Du hast
es begrt; nun glaube es! Nun glaube, da es dich erlst! Und bist du zu
schwach zu glauben, dann stirb doch dafr, ohne deinen Zweifelmut zu
verraten, wie ein Mrtyrer, der sich ohne rechte berzeugung, aber
schweigend ans Kreuz nageln lt!

Mario Malvolto entschlo sich. Er zerri in Gedanken den im Kopf
geschriebenen Brief. Dann ging er ins Haus und stellte sich, die Arme
verschrnkt, vor das Bild des Pippo Spano. Nein, Pippo Spano lchelte
nicht. Vielleicht doch? Aber sein Lcheln war nie so unnachweisbar gewesen.

Gemma zeigte sich ihrem Geliebten am Abend, und am folgenden wieder, und an
jedem Abend.

Er bedachte, da der Glaube sich erwerben lasse. Man mute seine Gebrden
nachahmen, in seinen Riten leben, seine ditetischen Vorschriften befolgen;
am Ende kam er.

Es handelte sich darum, die Kunst, die auf das Gesicht der Liebe eine Maske
drckte, zu berwinden, sie am Rande des Bettes abzuschtteln; den eigenen
Geist herumzureien wie ein Pferd, seine schpferische Neugier von der
ganzen Welt fort und auf eine Frau zu bannen, mit dem einzigen Ehrgeiz,
eine vollkommene Liebe in sich zu erschaffen.

Gelegentliche Ausschreitungen, sagte er sich, sind den gnstigen
Arbeitsbedingungen des Knstlers weniger gefhrlich, als die langsame
berschwemmung des Organismus mit geringen Mengen von Alkohol. Ich werde
von jetzt an alle Tage Wein trinken.

Ich werde zur Arbeitszeit Besuche machen, und zwar bei den im Geiste
rmsten.

Das war ein Fehler, gestand er einige Tage darauf. Denn was dort
gesprochen wird, lt mir Zeit, zwischen zwei Stzen eine Novelle zu
erfinden.

Aber aus anspruchsvolleren Husern kehrte er ebenso unbefriedigt zurck.

Die zwei Wochen Nichtstun haben mich abscheulich wach gemacht. Alles, was
man als Knstler in Gesellschaft erlebt: die Beunruhigung des Gewissens
durch einen schnen Anblick, die Erbitterung durch eine Unempfindlichkeit
und die Demtigung durch den Erfolg der geistreichen Mittelmigkeit; der
Hymnus bei jedem freundlichen Frauenblick und die tiefe Traurigkeit
darber, nicht zu gefallen, whrend es doch unser Geschft ist, zu gefallen
-- ich erlebe es heftig. Alles, was die in uns Knstlern wirksamen
Instinkte reizt: unsere Rachgier, mit dem Willen die Natur zu bndigen, der
Welt uns aufzuzwingen, unsere Prunksucht und den Drang nach
Selbstverherrlichung -- alles, was diese Instinkte zu der Ausschweifung
reizt, die Kunst heit, ich merke es unverzglich und antworte darauf.

Bleiben wir zu Hause.

Er versuchte ein Buch zu lesen, um dessen willen, was darin stand. Bisher
hatte er sie nur geffnet, um etwas Eigenes aus ihnen zu machen. Bei seinem
neuen Verfahren bermannte ihn dstere Langeweile. Darauf ging er
spazieren.

Er stellte als Gesetz auf, da die dunstige Linie der Berge am Horizont
keinen Namen habe; und den silbernen Augen, die das Olivenfeld aufschlug,
wenn die Sonne darberfuhr, entsprchen keine Worte. Meistens legte er sich
inmitten einer Landschaft unter einen Baum und schlo die Lider, wie ein
Kranker, dem der langsame Atem der Natur Mut machen soll, und den ihr Licht
und ihr Durcheinander nicht erschrecken darf. Sie wird mich heilen. Ich
bin ein Kranker, ich bin besessen von Kunst.

Wenn er es einmal wagte, sie anzusehen, deuchte sie ihm sanft und neu. Die
gute Welt schenkte sich ihm keusch zurck, wie einem Genesenden. Nie war er
ihr so still begegnet und ohne Verlangen wie heute; nie, seit als Knaben
ihn die Angst gepackt hatte, mit ihr zu ringen, sie unter das Joch von
Worten zu beugen. Jetzt endlich lie diese Angst ihn los, tglich ein wenig
mehr. Die Erde wollte nicht mehr erobert sein; milde winkte ihm jene Ferne,
als Freund drckte ihn dieser Grashgel an seine Brust.

Einmal, Mitte Juni, stand er in der Pineta ber Settignano, auf einem
braunen Wege aus Steinen und Nadeln, und schaute in ein Tal, worauf aus
raschen Wolken Lichter schossen. Nun blitzte ein Flu auf am Rande
schwarzer cker. Nun schlug an die steile Wand eines Waldes eine jhe,
grne Flamme. Nun brach aus der Schattenmasse von Zypressen wei lodernd
ein Haus. Mario Malvolto geno das Glck, das alles ansehen zu drfen, ohne
es malen zu mssen.

Auf einmal ward aus dem Licht, das ber entlegene Wiesen sprang, eine Herde
traf, einen Fels und einen Menschen, auf einmal ward aus dem Licht eine
Gestalt. Sie kam nher. Sie war wei und leicht. Sie huschte zwischen das
drre Gest drunten am Fu des Gehlzes, von dem Malvolto herniedersah. Ihm
schlug das Herz; er wute, wer das gewesen war. Jetzt lebte in den Hainen
sie, statt der Worte, die solange darin gehaust hatten! Im Bach spielten
ihre Glieder. Blitzend trug jener Vogelflug die Sehnsucht nach ihr in eine
geliebte Ferne.

Die Erde ist voll von ihr! Nichts begegnet mehr meinem Gefhl, worin nicht
ihr Atem ginge. Und sie, ich kleide sie nicht in Wortgeprnge, nein, in
Ksse. Kein Kunstwerk erschafft sie in mir, nur Liebe. Ich liebe sie, ich
liebe sie!

Er lief nach Haus; er meinte, er msse sie dort finden.

Ich bin ein Narr, sie ist kaum weggegangen.

Er hngte sich dennoch behutsam ber die Gartenmauer, sie zu belauschen.
Und sie war da. Sie sprang wei und leicht aus einem Gebsch, vom
fliegenden Licht getroffen, wie er sie noch eben an fernen Feldrainen
erblickt hatte. Sie setzte einem jungen Vogel nach; er flatterte auf einen
Ast hinter dem Brunnen. Sie sprang hinauf, sie kreiste, gleitenden
Schritts, ohne zu stocken und ohne ihre Fe anzusehen, auf dem schmalen
Rande des tiefen Brunnens. Ihr wehender rmel machte die Zweige erzittern.
Und das Licht aus den Wolken schien mit ihr zu laufen. Sie war selbst ein
fremd gefiedertes Geschpf voll wilder Schwungkraft, und dieser tiefe
Garten lud sie ein in alle seine Verstecke. Sie streckte schon die Hand aus
nach dem kleinen Zeisig . . .

Aber Mario Malvolto sah sie in Gefahr und war erschrocken; sie hatte seinen
Ruf gehrt. Sie schaute um, die Hand als Dach ber den Augen. Ein
unterdrckter Jubelschrei, der Schrei eines aufschieenden Vogels, und sie
sprang vom Brunnen. Sie flatterte an der Mauer empor, sie haschte nach
seiner Hand, ihre Fe suchten die Lcken zwischen den Steinen, und so
gelangte sie hinauf bis zu seinen Kssen.

Ihre Krper, auf den Bauch gelagert, schmiegten sich am Rande der breiten,
warmen Mauer im Halbrund umeinander, wie zwei Eidechsen. Ihre Liebkosungen
waren spielerisch und jh. Gemma bi, stumm und wild, ihren Geliebten in
den Hals, und dabei fielen ihre Blicke, vor Leidenschaft dster und
haltlos, in den Garten zurck. Sie begehrte dorthin, sie lie sich hinab
und zog ihn hinein in ihr gewaltttiges Reich, zwischen Strucher voll
roter Blten, die alle bluteten und nickten bei dem Fall der ineinander
Verschlungenen.

Mario Malvolto meinte zum ersten Male eine Frau umarmt zu haben. Zum ersten
Male war er, und mit ihm die Welt, von einer Frau ganz aufgezehrt, ganz in
eine starke Frauenseele entrckt worden. Und aus diesen Sekunden eines
Lebens ohne Schranken kehrte er wie aus Jahren voll Kraft und Verschwendung
mit Bitterkeit zurck.

Gleichviel -- er hatte geliebt. Gemma hatte ihn aus einem Komdianten zum
Menschen gemacht. Sie hatte ihn mit ihren lautlos gleitenden Schritten so
weit in die Natur zurckgeleitet, da er Ahnungen durchmachte! Er, der das
Leben immer nur als Vorwand benutzt, mit allem, was leiden oder vor Lust
beben macht, immer nur Versuche angestellt, an nichts geglaubt und an
nichts gehangen hatte; er, der ganz in der Arbeit und ohne ein Vorgefhl im
Nebenzimmer gesessen hatte, whrend seine Mutter starb -- Gemma hatte sich
ihm aus der Ferne angesagt!

Er war sich kaum bewut, wie er ihr dankte, mit welchen Worten er sich
glcklich pries. Er berlegte keines und behielt keines; nur den Namen, den
er pltzlich fr sie wute: Santa Venere.

Sie war gekommen, weil sie eine groe Freude mitbrachte. Ihr Bruder war
dazu kommandiert worden, seine Leute ins Sommerbiwak zu fhren. In drei
Tagen brach er auf, und vielleicht monatelang wrden sie ganz beieinander
sein. Gemma bezog jetzt ihre nahe Villa, und allen Besuchen beugte sie vor
durch die Nachricht, sie sei anmisch und immer auf weiten Spazierwegen.
Welche neuen Seligkeiten erschlossen sich nun! Durch viele mrchenhaft
reiche Tage sahen sie auf einmal hindurch, wie durch lange, grne Lauben
mit Sonnengold durchsprenkelt; und bis tief in die schwarz marmornen
Galerien ihrer knftigen Nchte gleiten Wonnen!

Als sie gegangen war, kam er sich pltzlich leer vor, aus einem andern
Leben wieder einmal bitter und leer zurckgekehrt.

Er wanderte unbestimmt suchend durch seine Zimmer. Dort trieb sich einer
ihrer Handschuhe umher und dort zerpflckte Blumen. Ein Werk mit Bildern
lag auf zerknickten Blttern im Winkel. Eine der Florentinerinnen von einst
trug um den Hals eine riesige Damenkravatte vom neuesten Geschmack.
Malvolto setzte sich den Hut auf, wie im Caf, in irgend einem Raum, wo man
zufllig eine Stunde hingehen lt. Er war hier nicht mehr zu Hause, er
gehrte zu ihr, zu dem fremden Geschpf voll gesetzloser Schwungkraft, das
herbeiflog, umarmte, aufflatterte. Sie hatte sich verbndet mit Pippo
Spano, um diesen kriegerischen Zustand herzustellen zwischen seinen Wnden.
Auf der erdbeerfarbenen Stofftapete reckte sich Pippo Spano jetzt noch
einmal so entschlossen zum Sprung. Mario Malvolto fhlte sich dieser
fortwhrenden Kampfbereitschaft nicht gewachsen. Er sandte einen trben
Blick in das verwstete Schlafgemach, in das Toilettenzimmer, das von
Wasser troff. Und nur der kleine weie Salon, wo sie ihm in jener Mondnacht
zuerst erschienen war, lag unberhrt. Sie betrat ihn nie, er war ihr zu
zerbrechlich und zu sanft. Tina, seine groe Tragdin, hatte darin
gesessen, wenn sie manchmal, ganz Geist wie ein Freund, tief durch
kunstreiche Stimmungen mit ihm geschweift war. Ah! die lie mir Zeit zum
arbeiten. Was sag' ich, wir liebten uns, um zu arbeiten. War das wirklich
so beklagenswert?

Er steckte seufzend den Schlssel in die Schieblade seines Schreibtisches,
die sein begonnenes Manuskript barg. Es war der einzige Fleck im Zimmer, wo
Gemmas kleine, willkrliche Hand noch nichts umgewendet hatte.

Mein Gott, wie lange ist es denn her, da ich geschrieben habe! Ich wei
nicht mehr, wie ich das da gemacht habe. Keine Seite davon brchte ich mehr
fertig, ich habe alles Talent verloren!

Er nahm den Kopf zwischen die Hnde.

Wenn wir fertig sind, das Mdel und ich -- wir mssen doch einmal fertig
werden! -- wie viele Monate Hygiene und strenger Langeweile werd' ich dann
brauchen, bis ich alles wieder gutgemacht habe.

Ob die ahnt, da sie mich jetzt schon einen halben Roman kostet? Sie ist
teuer; aber man glaubt gar nicht, wie hoch Frauen sich selbst bewerten; was
sie alles entgegennehmen, ohne sich zu wundern. Das ist bekannt; nur da
man Augenblicke hat, wo man's neu entdeckt.

Ach was. Eine Menge seelischer Nahrung ziehe ich doch aus der Geschichte.
Ich hatte es vielleicht ntig, einmal wieder etwas Starkes zu erleben; man
hat sonst nur noch Kunst, die sich selbst befruchtet. Was mir das Mdel
gentzt hat, werde ich spter erfahren. Spter . . .

Und er bewegte, alle Gedanken wegschiebend, die Hand.

Ich bin ja zu mde. Was ist im Grunde der Glaube, den sie mir beibringt;
der Glaube an sie, das Wunder? Mdigkeit, nichts weiter. Sie nimmt mich zu
sehr in Anspruch, als da ich noch arbeiten knnte.

Das wei sie nicht. Ich bin sicher, da sie das nicht wei. Sie ist sehr
keusch. Bei ihren starken roten Lippen, deren Ksse saugen; bei ihrem Gang,
der einen beschleicht; ihren Gebrden, die umstricken, ihren Augen, die sie
vor Leidenschaft manchmal verschliet -- bei alledem ist sie sehr keusch.
Ihre Augen sind voll der sen tierischen Reinheit der begehrlichen Frau.
Da ihre Seele immerfort nach mir verlangt, wie sollte es nicht auch ihr
Krper. Sie ist noch aus einem Stck. Sie wei von keiner Seligkeit ohne
Kitzel. Sie meint, um die Seele zu entzcken, msse man den Leib
berauschen. Hat sie nicht recht?

Er warf das Manuskript in die Schieblade, verga zum erstenmal den
Schlssel abzuziehen, betrat die Terrasse, atmete tief. Er verlangte schon
wieder nach ihr.

Tags darauf kam statt ihrer ein Brief. Sie sei beim Umzug, und auch ihr
Bruder gebe ihr viel zu tun, bevor er abreise. Drei Tage noch!

Mario Malvolto sa die drei Tage unbeschftigt, immer zum Aufspringen
bereit, in seinem Zimmer. Vielleicht wollte sie ihn berraschen? Jeden
Augenblick konnten hinten im Garten die Zweige krachen, die sie
zurckbiegen mute, wenn sie durch das heimliche Pfrtchen schlpfte.

Aber sie kam erst zur bestimmten Stunde, und sie lachte schlau. Wie das
Warten dich aufgeregt haben mu! . . . Und mich! sagte sie ehrlich, und
fiel ihm zitternd um den Hals.

In der Zwischenzeit hatte sie einen Einfall gehabt.

Sag einmal, arbeitest du eigentlich?

Er wich aus.

Nein, das mcht' ich wissen. Wenn ich kam, hast du immer blo gewartet.
Oft warst du ber Land gelaufen. Du siehst vorzglich aus, besser als
anfangs. Aber ich habe dich noch niemals am Schreibtisch gesehen. Du meinst
doch nicht, ich will dich davon abhalten?

Er begriff. Sie wollte ihn ganz: auch am Schreibtisch. Sie frchtet, ich
verstecke mich vor ihr, wenn ich dichte; ich enthalte ein zweites Leben ihr
vor. Wenn sie wte, wie sehr sie irrt!

Sie hatte den Schlssel in der Schieblade bemerkt, sie strzte sich darauf,
ri das Manuskript heraus.

Da haben wir dich! Also das zeigst du mir gar nicht. So etwas Schnes!

Es war das erstemal, da er sie einen Gegenstand mit Achtung berhren sah.
Sie legte die Bltter wohlgeordnet auf den Tisch.

Da, setze dich hin!

Ich soll schreiben? Gemma, was denkst du, ich hab' mich drei lange Tage
nach dir gesehnt!

Ich mag dich nicht -- wenn du nicht schreibst.

Er gehorchte. Er bltterte, unklaren Kopfes, in dem Fertigen, besann sich
mhsam auf den nchsten Satz, den er schon gewut hatte. Er schrieb ihn
hin, dann war's aus. Wie er aufsah, stand Gemma ganz nackt da, und die Arme
halb erhoben.

Nun schreibe, sagte sie leise, mit Ehrfurcht.

Er sa aufrecht und bla und bi sich die Lippen. Sie tnzelte; er fhlte
sie wie eine groe, sehr weie Blte, bewegt von heiem Luftzug, um sich
herschwanken.

Ich will, da du von mir Genie bekommst, flsterte sie.

Sie streifte ihn. Er hatte auf einmal alles Blut im Kopf. O ja, Genie! Es
schossen pltzlich die Ahnungen unerhrter Schpfungen in ihm auf, ein
wahrer Urwald des Geistes, glhend von Kelchen, strotzend von Saft, heulend
von Untieren, und undurchdringlich. Er sah sich hilflos, er bndigte kein
Gefhl, schnitt kein Bild heraus, entdeckte kein Wort. Das alles wird
spter kommen. Spter . . .

Er erblickte sie von vorn, auf der Schwelle der besonnten Terrasse. Sie
hatte rosige Umrisse, und ihre Formen verschleierte eine durchgoldete
Dmmerung. Sie war eine kostbare Muschel; ihr Haar, das sich auflste,
schlug um sie her wie Algen.

Sie war eine zierliche Nymphe, die kaum erkennbar, so rasch ging es, nur
wie ein Lichtstreif die erdbeerfarbene Wand hinhuschte, einen Augenblick
scheu und wild ber seine Schulter lugte, und von der gleich darauf nichts
brig war, als ein leiser Duft, wie der Rest eines Fabeltraums.

Und pltzlich erhob sich drben auf dem Rande seines breiten Tisches, das
Haar hoch aufgebunden ber dem abgewandten Profil, mit keusch gebogenem
Nacken, eine Hand an der Brust, die andere vor den geschlossenen Schenkeln
-- die Venus.

Wenn du nicht schreibst -- sagte sie schlielich.

Er warf Hals ber Kopf hin, was ihm durch den Kopf ging. Sie kam neugierig
herbei, setzte sich auf die Armlehne seines Sessels und schaute zu. Er sah
die Muskeln ihrer feinen Beine spielen und schrieb immer weiter. Was kam
darauf an! Ihn schttelte eine halsbrecherische Genugtuung. Er fhlte sich
auf schlimmen Gipfeln, ber alles hinaus, was ihm einst hoch gedeucht
hatte. Die Kunst? Die steile Einsamkeit der Kunst? Sie, zu deren Ernhrung
man das Leben aussog und arm machte, um derentwillen man den Menschen
abdankte und Komdiant ward? Ah! jetzt spielte er Komdie. Aber seine
Arbeit, die Arbeit am Schreibtisch, die Kunst selbst war Komdie geworden,
und er spielte sie der Liebe vor!

Da umarmte Gemma seinen Kopf und bog ihn zurck, ganz als holte sie ein
Kind heim, das sich lange genug umhergetrieben hatte. Das alles war nur der
Kampf zwischen der Frau und dem Buch gewesen. Ihr ist er nicht bewut
geworden . . . Wie liebe ich sie, weil sie gesiegt hat!

Sie senkte sich langsam ber ihn, zu genuschtigen, runden und tiefroten
Kssen. Er war auf einmal in ihr Fleisch eingehllt wie in eine Duftwolke.
Es war durchtrnkt mit Iris, ihrem heimatlichen Wohlgeruch. Und mit
geschlossenen Augen meinte er, die groen, blauen Lilien schlgen fr immer
ber ihm zusammen.

Zum Essen mute sie nach Haus. Sie ging ins Toilettezimmer. Und sofort
fhlte er sich tief im Unglck, weil er sie eine Stunde lang entbehren
sollte.

Ich bin unersttlich, sagte er sich mit Jubel. Es scheint, ich werde ihr
niemals unterliegen. Im Gegenteil, sie bekommt mir, ich bin strker als je.
Ich habe Appetit, ich reite ohne Anstrengung, fechte mit Leichtigkeit. Ich
denke an nichts -- ich bin glcklich.

Darin besteht das Glck: Krper zu werden. Was mich berfeinert und
entmenscht hat, war die Phantasie. Ich habe nicht nur die Frau mit dem
Krper geliebt, sondern auch noch mit der Seele die Trume, die ich aus ihr
machte. Es war jedesmal doppelte Arbeit, und mute mich aufreiben. Jetzt
werde ich gesund. Gemma ist kein Traum, ich selbst bin mir keiner mehr. Ich
bin ein Krper im Gleichgewicht, und froh, einer zu sein . . . Ich liebe
sie ohne Hintergedanken, ohne Sehnsucht, mit einfacher Leidenschaft und so,
wie sie geliebt sein wollte, als sie eines Nachts in meine Arme lief! Ich
erdichte nichts mehr, ich habe nur noch lebendige Vorstellungen einer
schnen Krperlichkeit. Ich sehe sie in diesem Augenblick so deutlich, als
wre sie gar nicht hinausgegangen. Mein Gehirn und all mein Blut ist voll
von ihrem Krper, von ihren bltenfarbenen Armen um meinen Hals, von ihren
langen, zart gewlbten Schenkeln, die sich mir ffnen, von ihren getanzten
Liebkosungen. Ihre Gebrden -- ich bin ganz behangen damit! Ich, mein Haus,
mein Garten, dieser Hgel: berall hat sie, mag sie auch fern sein, ihre
Gebrden hinterlassen, die wie abgerissene Bltenzweige sind, die ich sehe,
greife, und deren Duft ich einatme!

Sie kehrte zurck, im Anzug. Sie nahmen so heien Abschied, da sie am Ende
wieder halb entkleidet ihm in den Armen lag.

Ich gehe nicht mehr, sagte sie und stampfte auf. Wir essen zusammen.

Er fhrte sie auf die Schattenseite des Hauses, in die lange Loggia, auf
deren Mauern Orpheus, jung und mager, zwischen steilen, kaum knospenden
Bumen schritt, und ber einem heftig blauen Meer Galathea helle Glieder
wiegte. Sanft schob das Olivenfeld seine blassen Laubwolken bis unter die
Bogen der Halle.

Malvolto nahm vor der Tr dem Diener die Schsseln ab und trug sie hinein.

Du bist zu ngstlich, sagte Gemma.

Nein, ich bin eiferschtig, gestand er. Nicht einmal der arme Alte soll
einen Streifen Fleisch schimmern sehen zwischen den Spitzen auf deiner
Brust. Alles ist mein!

Sie ri, ohne zu antworten, und die Zhne auf der Lippe, herunter, was sie
noch am Leibe trug. Er strzte sich mit dem Mund auf ihre Kniee.

Habe ich dir nicht vorher gesagt, murmelte sie mit einem versunkenen
Lcheln, ich wolle vor dir immer nackt sein?

Er richtete sich auf.

Es knnte sein, da uns Pan zusieht, drauen vom Acker her. Sonst
niemand.

Wir wollen's hoffen, sagte sie leichthin und lchelnd.

Der Bauer arbeitet nicht mehr in dieser heien Stunde, und sein Feld ist
abgeschlossen. In unserm Garten ist kein Fleck, den man von irgend einem
Nachbarhaus sehen knnte. Ich habe mich berzeugt, ich habe dazu ringsumher
Besuche gemacht . . . Was mich beunruhigt, sind deine Leute. Wie erklrst
du deine langen Abwesenheiten?

Ich? Gar nicht. Das ist Sache meiner Gesellschafterin. Soll sie doch einen
Ort erfinden, wo ich wohl sein knnte. Wozu habe ich eine Anstandsdame.

Und die Leidenschaft dieser Frau, die von keiner Rcksicht wute und Listen
verschmhte, schlug ihm ins Gesicht wie ein Sdsturm. Ihm stockte der Atem.

Sie a die Gerichte hastig, und nachdem sie sie stark gewrzt hatte. Und
sie sa dabei ihm auf dem Scho. Das Hauptgericht bleibe ich! meinte er.

Er sagte nachher, leicht ermattet:

Ich werde, um nicht zu verhungern, heimliche Mahlzeiten einlegen mssen.

Sie lachte, ohne zu verstehen.

Wie sie in der Frhe erwachten, kam gerade die Sonne herauf. Ihre ersten
feinen Strahlen stachen durch das offene Fenster, zerbrochen zwischen den
hohen, blaugrnen Vorhngen zu Goldstaub. Gemma hielt ihre flache Hand hin,
um ihn aufzufangen. Sie raffte sich aus den Decken, stieg, und das leichte
Gewebe des Hemdes schaukelte um ihre raschen Glieder, auf die Fuwand des
Bettes und stand von blaugrnem Licht ganz umwogt. Es war das Licht am
Grunde sagenhafter Meere. Das Gemach war blaugrn an Wnden, Estrich und
Mbeln, und auf Bett, Truhe, Schrank und Spiegel in der schlichten
Renaissance von Siena, dazwischen der weite Raum halb de lag, flimmerten
unsicher und rtselhaft die vergoldeten Schnitzereien.

Nur in der Ecke beim Fenster, auf dem einzigen Bilde kreiste rote Sonne.

Was ist das?

Und Gemma streckte die Arme durch die lichtdurchsickerte Dmmerung, wie ein
Meergeschpf, das aus der Tiefe nach einem Wunder ber den Wassern fragt.

Das hab' ich noch nie bemerkt.

Weil du noch nie bis Sonnenaufgang bei mir warst. Das Bild erscheint einem
nur in dieser Morgenstunde.

Ich sehe einen halbrunden Sulengang, und aus seinen zwei Toren speit er
Genien mit gespenstigen Flgeln und mit Schlangenschwnzen, kleine Drachen,
Ungetme, die ihre Buche aufblhen, und Frauen, groe Frauen, die Haare
voll reifer, dunkler Frchte, oder die Locken zu Zangen gebogen -- Frauen
mit langen, schmalen Brsten wie Tiereuter. Sie tnzeln seltsam, winden
Spiele aus Fleisch, nein, aus beglnzten Blten, in den Farbenwolken ihrer
Gewnder, drehen Scheiben aus grner Luft, und eine Eule glotzt hinein
. . . Ich mchte so trumen, sagte Gemma. Und dort, in der Tiefe des
Sulenkreises steht ein Lager, da trumt Einer!

Das bin ich, Gemma. Weil ich der Einzige bin, der die Kstlichkeiten des
Bildes gefhlt hat. Das Original hngt ungekannt irgendwo. Ich bin eitel
auf die Bilder, die niemand empfindet; die gehren mir ganz! . . . In
wievielen Morgenstunden, sagte Malvolto, im Bette aufgesttzt, vor sich
hin, in wievielen, ehemals, habe ich alle meine Trume erscheinen lassen,
und alle fand ich in diesem Bilde angekndigt -- und gerichtet.

Gemma stie einen Schrei aus. Sie flchtete in die Arme ihres Geliebten.

Scheulich -- nein, das ist scheulich! Eine Maske -- eine Maske mit einer
groen Nase, und rot, und ganz als ob sie lebte; und dabei ist sie aus
Haut: Haut von einem Gesicht!

Nach einer Weile, noch erschauernd, fragte sie:

Was soll das heien?

Ich hab' es immer fr eine Erklrung der Kunst gehalten, erwiderte er.
Diese abgezogene Haut, die mit der Form des verlorenen Krpers prahlt, und
auf unmgliche Weise sich frbt vom Lauf eines Blutes, das lngst gestockt
hat -- mir war es die Kunst. Ich griff hinter dieser Haut, die wie das
Leben die Nstern blht und mit den Lidern klappt, nach dem Krper, nach
dem Leben selbst. Es war nicht da -- fr mich nicht . . . Aber jetzt halt'
ich es!

Sie kehrten aus tiefer Umarmung zurck. Gemma trat noch einmal vor das
Bild.

Sie ist wirklich scheulich! Aber ich will sie haben. Ich will eine Maske
daraus machen lassen und dich damit erschrecken. Du sollst sie mir
abzeichnen. Gleich! Komm, hol' dir Papier!

Sie liefen beide in das Arbeitszimmer, stberten umher in den Schiebladen
und stieen schlielich auf das Manuskript.

Es scheint, es ist nichts anderes da, meinte Gemma zgernd.

Er drckte ihr ein Blatt vors Gesicht, so fest, da ihre Nase es
durchbrach.

Was tust du?!

Du weit nicht, was das ist? Das ist die Haut -- die Haut, unter der
scheinbar das Blut kreist. Da hast du deine Maske!

Sie hielt das zerfetzte Papier in der Hand. Er entzndete ein wchsernes
Zndstbchen und lie die Flamme die geschriebenen Zeilen hinan klettern.
Als sie Gemmas Fingern nahe kam, nahm er ihr das Blatt weg und trug es zum
Kamin.

Er kam zurck und holte noch einen Bogen. Sie war bla geworden. Sie ahnte,
ohne ihn zu begreifen, ihren letzten, alles niedermachenden Sieg.

Was tust du? fragte sie nochmals. Du willst doch nicht dein Werk
verbrennen, dein kostbares Werk? Du sollst daran weiterschreiben --
spter.

Spter? Wann?

Sie wute es nicht.

Ich will dir sagen, Gemma, fr uns gibt es kein Spter. Wir lieben uns,
und dann kommt der Tod.

Sie erzitterte. Sie warf ihm die Arme um den Hals. Das Gesicht auf ihrem
sprach er:

Ich ertrume ja nichts mehr. Die Trume dort auf dem Bilde sind alle in
die langen nchtlichen Sulengnge verschwunden, die sie frher ausspieen.
Statt aller Trume hab' ich dich. Du bist ihrer aller Verwirklichung, der
Preis aller meiner Sehnsucht. Du hast mich in dein Leben hinbergerissen
--

Ja!

Sie kte ihn und verstand nicht, was er noch dachte:

-- wie in eine mit Dornenhecken umstellte, ppigere und jhere Welt, wo
Gewalt gebt wird und trunkene Hingabe; wo namenlose Untergnge ausgekostet
werden und unfabare Herrlichkeiten; wo man ganz lebt und auf einmal
stirbt.

Auf einmal stirbt, wiederholte sie, mit erweitertem Blick. Sie hatte
nichts gehrt als diese Worte, die von seinen Lippen kamen, als die ihrigen
sie loslieen.

Ja, so kommt es, ich fhle es, sagte sie.

Langsam nahm sie ein Blatt des begonnenen Werkes, lie es aufflammen und
legte es auf die Feuersttte. Sie brachte noch eines herbei und noch eines;
das Feuer stieg, sein Widerschein sprenkelte ihr weies Fleisch und rann in
den engen Falten ihres Hemdes. Sie trug, indes ihre kleinen Hnde den
Scheiterhaufen ordneten aus Gedanken, Sehnschten, schmerzlichem Ringen
nach Gre -- sie trug ein zweideutiges Lcheln, s und grausam.

Mario Malvolto stand neben ihr, die Arme verschrnkt. Er sagte sich, voll
selbstmrderischen Frohlockens:

Ich glaube.




IV

Die Tat


Er sa in der Dmmerung und erwartete sie. Sie war auf ein Stndchen nach
Haus, um mit ihrer Gesellschafterin zu sprechen, die sie in Toilettefragen
zur Stadt geschickt hatte. Der Sommer war zu Ende, ein khler Hauch kam aus
dem Garten, die tote Zypresse ragte ohne ihre Schleier von Glycinien,
entblt und drohend. Malvolto legte sich vornber, das Gesicht in die
Hnde, und dachte an Gemma, unbegreiflich beklommen.

Pltzlich wute er, sie sei da. Kein welkes Blatt hatte geraschelt. Sie
stand, dunkel und scharf, in dem bleichen Rahmen der geffneten
Terrassentr.

Sie kam langsam herbei -- er tat einen Atemzug bei jedem ihrer Schritte --
und stellte sich zwischen seine Kniee, mit herabhngenden Armen, ohne ihn
zu berhren. Er sah ihr Gesicht ber seinem planen, verhalten schimmernd
unter dem Schleier des Abends, eines Abends, der ihn beunruhigte, als
sollte er sich nie mehr lichten. Und die beiden Augen ber ihm, gro und
schwarz, erblindend in Nacht, hei von verdeckter Glut -- er hielt sie fr
zwei Krater, ihm weit geffnet. Sie kamen ihm langsam nher, ganz nahe, es
ward ein einziger daraus, ber dessen Rand er sich beugte, schwindelnd und
verlockt zu tiefen Lsten. Da berhrte Gemmas Wange die seinige, und Gemma
flsterte:

Lieber, wir mssen sterben.

Er drckte als Antwort nur ein wenig fester seine Wange an ihre. Sie hatte
ihm nichts neues gesagt. Er hatte ihre Worte kommen fhlen, den ganzen Weg
von ihrem Hause zu seinem. Nein, noch viel weiter kamen sie her: aus jener
ersten Nacht, da sie sich ihm gegeben hatte! Sie hatten beide von jeher
gewut, da nach ihren Umarmungen nichts mehr brig sein werde als Sterben.
In ihrer Liebe war der Tod von Anfang an mit eingeschlossen. Sie hatten
gesagt Fr immer; und die lngste Zeit des Immer, wuten sie, war Tod.

Sie hatte ihn um die Schultern gefat, und er sie. Sie fhlten einen
krankhaften Zauber sie einwiegen, sie ertrnken und auflsen. Rings um sie
her lsten die Formen und die Farben sich auf, die ein Tag den Dingen
geliehen hatte.

Malvolto arbeitete sich mit Anstrengung empor, an die Oberflche eines
schwarzen Wassers. Er fragte:

Aber weshalb? Was ist geschehen?

Gemma lchelte; sie trat von ihm weg und sagte leichthin:

Mein Gott, man hat uns photographiert.

Uns --

Ja. Unser Bild geht in der Stadt von Hand zu Hand. Es soll sehr gut
gelungen sein. Ich stehe auf der Terrasse und du liegst vor mir.

Du bist -- nackt?

Und du, Armer, hast auch nicht viel an.

Unerhrt! Das ist doch unerhrt. Wenn ich mich doch vergewissert habe, da
von keinem Punkt der ganzen Umgebung meine Terrasse zu entdecken ist! Es
mu vom Garten aus geschehen sein. Das kann nur Niccolo, mein Diener,
gewesen sein -- oder es war deine Gesellschafterin. Ich will doch --

Und er wollte zur Tr. Gemma fate seinen Arm.

Sage, geht das uns noch etwas an, wer es getan hat? Ein namenloser
Vorbergehender. Wir wollen unsere Augenblicke sparen, und uns noch
lieben.

Er kam zurck, auf einmal beruhigt.

Du hast recht. Wie hast du's erfahren?

Meine Gesellschafterin hat das Bild gesehen, bei zwei Damen, in einem
Laden, wo man sie nicht kannte. Man verkauft es unter der Hand, es soll
groen Absatz finden. Du begreifst, ich, die Cantoggi, und du, Mario
Malvolto . . .

Er hatte eine Regung von Eitelkeit. Und gleich darauf, wtend vor Scham
darber, und auf sie losstrzend, ihr zu Fen:

Und du, Gemma -- all deine keuschen Schtze, die nur fr mich, fr mich
geglnzt haben, nun zeigt man sie in den Salons, in den Klubs, hinter den
Kulissen umher! Ja, wir mssen sterben, denn wie sollten wir das
aushalten!

Das hielte ich schon aus, sagte sie, immer lchelnd.

Ich habe deinen Ruf gettet! Man beglckwnscht mich jetzt in der Stadt,
alle beneiden mich. Das ist zu viel Schmutz.

Er schlug sich die Stirn mit den Fusten.

Wir mssen sterben!

Nicht deshalb, sagte sie sanft. Das alles ist mir gleich. Aber weil man
uns trennen wrde.

Man wrde uns --

Er stand auf.

Wei dein Bruder es? Ist er zurck?

Er kommt erst nchste Woche. Aber er kann es tglich erfahren.

Man wird es ihm ja nicht sagen!

Wenn er ein Gatte wre, sagte Gemma, und ihr Lcheln war kaum noch zu
erkennen. Malvolto senkte die Stirn.

Allerdings. Einem Bruder wird man es sagen.

Pltzlich fuhr er in die Hhe.

Dann schlagen wir uns eben!

Gemma schttelte nur den Kopf. Er rief:

Du meinst, er werde mich tten? O bitte. Vor vier Monaten vielleicht.
Jetzt bin ich sehr stark mit dem Sbel.

Sie erwiderte:

Ttest du ihn, sind andere Verwandte da, und sie werden uns trennen. Ich
bin erst Siebzehn.

Und da er schwieg, setzte sie in einfachem Ton hinzu:

Siehst du, dann mten wir dennoch sterben. Warum willst du vorher meinen
armen Bruder tten. Sterben wir lieber gleich jetzt.

Malvolto sah hastig umher: nein, es blieb nichts anderes mehr zu tun.
Gemma, dieser schmale, verschwimmende Umri dort vor ihm, mit dem Gesicht,
das schimmernd in der Nacht ruhte, mit den Augen, die noch tiefer waren als
sie -- Gemma war nun zu einer kleinen, weien Judith geworden, und um einen
ihrer lieblichen Finger schlang sich eine Locke, daran hing ein Kopf: sein
Kopf.

Aber sie starb mit ihm! Er verleumdete sie -- die starke Mrtyrerin, die so
schlicht und klar auf den Tod zuschritt, indes er, ihr Geliebter um
dessentwillen sie hinging, noch nach Ausflchten suchte. Er zog sie an
seine Brust.

Gemma, du einzige Liebende! Wie kannst du nur so stark und ruhig sein. Ich
bin es, der dich ttet! Hat du mich denn nicht?

Dich hassen! rief sie, zum erstenmal mit Erregung. Mir scheint ja, jetzt
lieb' ich dich erst! Als ich vorhin in die Tr trat, und du saest in der
Dmmerung: ich stellte mich zwischen deine Kniee, wir sahen uns an -- ja,
wir sahen uns an. Hattest du mich schon einmal so angesehen? Ich dich
niemals. Ich htte nicht geglaubt, ich knnte noch glcklicher werden als
ich war. Es ist jetzt etwas da, was noch glcklicher macht . . . Wir wollen
genieen, flsterte sie, die Lider geschlossen.

Er ri sie vom Boden, mit solcher Wildheit wie in ihrer ersten Nacht. Ja,
sie war die groe Sinnliche: durch ihre ganze ppige und jhe Welt jagte
sie ihn, bis ins letzte Dickicht, wo die tiefsten Lste gefeiert wurden,
die in Blut ertranken!

Er schleppte sie, rasend unter der Peitsche des Todes, in das Schlafzimmer.

Als sie zurckkehrten, war der Mond aufgegangen. Sie hielten einander
umfat, sie lehnten die Schlfen aneinander, und gingen mde. Wie sie den
grellen Lichtstreifen betraten, der von der Terrasse her breit durch das
Zimmer strich, schraken sie auf, als seien sie kalt bergossen, und
trennten sich. Gemma ging zur Tr, sttzte den Arm an den Pfosten und legte
die Stirn dagegen. Sie hrte Mario rastlos ber den Teppich wandern. Er sah
sich um. Wie dieser Raum sich verndert hatte! Er gehrte schon nicht mehr
ihrer Liebe; er sollte sie beide sterben sehen, dieser selbe Raum! Die
breite Ottomane bot sich nicht mehr ihren Umarmungen dar; sie glich einem
Operationstisch!

Gemma wandte sich unversehens um und sagte kurz:

Also tue es.

Er blieb stehen, mit unberlegter Erbitterung:

Ich soll -- dich soll ich --?

Ja, soll denn ich es tun?

Sie sahen einander gerade in die Augen, und sahen es darin aufflammen von
Feindseligkeit.

In der nchsten Sekunde liefen sie aufeinander zu, sanken sich an die
Brust. Einer fhlte des andern Trnen auf der Wange.

Wir, die wir nur noch ein Leben haben!

Ich habe dein Blut in mir, sagte Gemma. Nur deines!

Und doch mssen wir uns tten, du mich, ich dich.

Wir sind unglcklich!

Sie blieben lange reglos. Da schluchzte Gemma auf.

Ich soll dich nie mehr haben -- nie mehr.

Ich soll niemals mehr deine Hften kssen, sagte Mario, und ihre kleinen
Gruben mit den Lippen messen. Nie mehr das Gesicht in dein Haar whlen, nie
mehr deine Knie --

Er hielt, an sie geklammert, eine schmerzliche Andacht. Er fllte ihre
zarte, rote Ohrmuschel noch einmal mit der Last seiner geflsterten
Begierden, klagte sie, Glied fr Glied, an, weil sie ihn verriet, weil sie
ihm keine Freuden mehr spenden wrde.

Sie machte sich schlielich los, ging mit ihrem gleitenden Schritt zur
Ottomane, sttzte sich darauf und lchelte ihm zu:

Ich bin bereit.

Er fuhr sich mit der Hand ber die Stirn, dann trat er rasch an seinen
Schreibtisch. Sie sah weg, sie hrte etwas Metallenes klappern. Er kam auf
sie zu, eine Hand im Rcken.

Dein Mrder kommt, stammelte er. Er beschleicht dich.

Er brach vor ihr zusammen, die Stirn auf ihren Knien.

Ich kann doch nicht! Du bist strker, Gemma --

Er reichte ihr die Waffe.

Du liebst mich nicht, wie ich dich liebe -- bis zum Zittern der Hand.

Ich liebe dich so, sagte sie, und hllte seinen Kopf noch einmal in ihre
Arme -- so, da es kein Glck mehr fr mich gibt, als durch dich zu
sterben! Bedenke doch, der Tod erst gibt dich mir ganz. Er macht uns
unzertrennlich Du, ksse mich, whrend du zustt.

Aber er ri sich los.

Du sollst leben! rief er. Was geht mein Schicksal _dich_ an! Ich, ich
bin's zufrieden, und ich danke dir!

Sie fiel ihm in den Arm, sie war leichenbla. Was hast du tun wollen. Du
hast mich allein lassen wollen? Das knntest du?

Und sie schluchzte bitterlich.

Deine Weste ist aufgeschnitten, das Hemd auch. Hilf Himmel, du blutest!

Ein Hautri, murmelte er. Es wird anders kommen.

Sei lieb, flsterte sie, und sie zog ihn zu sich auf das Ruhebett, als
verlangte sie eine Umarmung.

Alles Gute hab' ich immer nur von dir gehabt, jede schne Sonne. Weit du
nicht, wovon ich in San Gimignano getrumt habe, als Kind, auf meinen
Epheumauern? Von dir, Lieber.

Den Kopf trumerisch im Nacken, mit einem unsichern Lcheln der Wollust,
fhrte sie den Dolch, dem zaudernd seine Hand folgte, zu sich hin, ihrem
Leibe zu, in den er eindringen sollte; und ihre heldenhafteste Gebrde war
von der begehrlichen Anmut ihrer unkeuschesten.

Da stie er, die Lider eingedrckt, drauf los -- gepackt von Entsetzen,
ohne da er's gewollt, und ehe sie's erwartet hatte. Sie schrie auf.

Wie er die Augen ffnete, fand er sich nicht mehr zurecht. Wo war sie? Er
suchte ihren Kopf. Der hing ber den Rand. Er hob ihn auf das Kissen. Aber
ein Stckchen weies Fleisch rollte ihm gegen den Magen. Was war das? Das
Glied eines Fingers. Er hatte ihr einen Finger abgeschnitten. Er sprang
auf, grlich erschrocken. Das Eisen klapperte zu Boden.

Was hab' ich getan. Das tat ich? Ich? Da liegt diese Frau -- sie hat Blut
auf den Lippen, was seh' ich auf einmal alles. Sie ist verzerrt, sie wlzt
sich. Warum? Mein Gott, ihre Brust klafft! . . . Gemma!

Er beugte sich ber sie, aufheulend. Sie sah ihm in die Augen, mit
getrbtem Blick, der fragte.

Er begriff pltzlich. Sie verlangte, er solle nun auch in seine Brust
stoen!

Er stand und schwankte, kalt berlaufen. Eine Kluft war jh aufgerissen
zwischen ihr und ihm, die ganze Tiefe zwischen dem Lebenden, dem alles
freistand, und einer, der der Tod keine Wahl mehr lie, ghnte ihn an. Was
geht das Geschick dieser Sterbenden mich an! Und er erinnerte sich dumpf,
da er einige Augenblicke frher ihr zugerufen hatte: Was geht mein
Schicksal dich an! Und er hatte sie retten wollen, und auf sich selbst
gezielt. Da lag nun sie . . .

Er bckte sich nach dem Dolch. Die Augen in ihrem zuckenden Gesicht folgten
ihm.

Nein! Wenn er's auch tat -- er starb doch nicht mit ihr. Es war ein zu
ungleiches Sterben. Ihr Tod war etwas Einfaches, Leichtes. Sie starb als
Kind. Was wute sie. Woran hatte sie je gezweifelt. Welche Enttuschungen
hatten sie an das Leben schmerzlich festgebunden? Sie war auf der Erde
erschienen zum Dienst einer einzigen Leidenschaft. All ihr voriges Leben,
ihre kurzen Jahre, hatten wie eine kurze, gerade Allee, an deren Ende eine
Herme steht, auf ihn zugefhrt, auf ihn und auf jene Mondnacht, als sie ihm
in die Arme strzte. Zwischen jener Mondnacht und dieser, in der sie starb,
lag alles was ihr Sinn gab, alles was sie fhlen konnte -- lag sie ganz.
Wenn sie nun starb, mit ihm starb, hinterlie sie nichts, hatte sie nichts
zu bereuen.

Aber er -- o, er! Er war in dieser Minute aus einem wilden, zugewachsenen
Garten herausgebrochen und sah wieder die weite Welt daliegen. Was gab es
zu genieen an Lsten, Leiden, winkenden Zielen! Welche namenlosen Reize
schillerten ringsumher auf Frauen, Spielen, Worten! Er fhlte sich voll von
neuen Seltenheiten. Die Schpfungen, die wie Urwlder in seinem Geiste
aufgeschossen waren, als Gemma, eine nackte kleine Muse, ihn umspielte,
jetzt sollte seine Kunst durch ihre Dickichte brechen! Sie hatte ihre
Sendung vollendet, die prachtvolle Liebende, die dort verging. Und was er
nun aus ihr machen wollte! Und aus ihrem Tode! Wozu starb sie denn, wenn er
nichts mehr aus ihr machen sollte.

Aber ihr Blick, wei verdreht, war mit dem schmalen Halbkreis der Pupillen
immer auf ihm.

Was denke ich, was tue ich. Ich verliere den Verstand. Kann ich denn
unttig zusehen, wie sie sich qult!

Er wandte sich weg, drckte, sinnlos vor Angst, auf die Klingel. Er eilte
zur Tr. Die Sterbende rang nach Atem, sie schrie gellend:

Mrder! Du Mrder!

Er fuhr herum, und wei wie sie, und die Augen weit wie ihre, begegnete er
nochmals ihrem vollen Blick.

Drauen gingen Schritte. Der alte Niccolo trat auf die Schwelle, brach in
Geschrei aus und lief davon. Die Tr war offen geblieben, im Hause entstand
Lrm.

Mario Malvolto starrte noch immer in die Augen seiner Geliebten, die tiefer
erloschen.

Mrder, sagten seine fahlen Lippen. Du hast recht. Ich hab' dich
beschlichen, hab' mich in dein Leben eingeschlichen, in das Leben der
Starken, habe ganz leben, ohne Vorbehalt lieben und endlich Mensch sein
wollen. Auch sterben wollt' ich, wie Starke sterben: auf einmal. Verzeih
mir, das war ein Irrtum. Ich hab' dich nicht betrogen. Ich glaubte. Erst da
es Ernst werden soll, merke ich, es war Komdie. Auch das war Komdie, wie
alles brige. Verzeih mir, geliebtes kleines Mdchen. Es ist nicht einfache
Feigheit -- es ist nur, weil man sich zum Schlu einer Komdie doch nicht
wirklich umbringt.

Da hob er die Waffe vom Boden.

Und ich tu's doch! Sieh nur, ich tu's!

Er ri sich das Hemd auf, zeigte ihr die Dolchspitze auf seiner Brust.

Siehst du's? Und erkennst du's an? Ich tu's, weil du zusiehst, nur fr
dich!

Aber er bemerkte, da ihre Augen glasig waren.

Du bist tot? Was ist das! Wir sollten zusammen sterben, und du verlt
mich? In dem Augenblick, wo ich bereit bin, wo ich dir alles, alles opfere,
nicht ein einzelnes Leben wie du mir, sondern die hundert unerschaffenen,
die in mir sind -- in dem Augenblick verschwindest du? Bist fort fr
immer?

Er stammelte wirr.

Ja dann -- was tue ich? Was bleibt mir zu tun? Ich wei nichts mehr.

Er hob die Arme, lie sie fallen. Seine Blicke, irr umherflatternd, trafen
ins Gesicht des Pippo Spano.

Du! Was ttest nun du! Erlebtest du einmal solche Niederlage? Du bist der
Starke, der mich verfhrt hat. Du warst mein Gewissen. Du bist schuld! Was
soll ich tun!

Pippo Spano lchelte. Sein mondgrelles Lcheln, sein Lcheln aus einem
berma grausamer Selbstsicherheit, strzte in Frauen und fesselte. Es
bannte Mario Malvolto. Er befragte es mit all seiner Seele, die Hnde
faltend, wankend und nach Atem ringend, unter fliegender Hitze und kalten
Schweiausbrchen, zerstrt und von Jammer hingerafft -- ein stecken
gebliebener Komdiant.




Fulvia


Es war spt. Raminga ordnete mit ihrer fetten und ruigen Hand zwei
sparsame Scheite in den Kamin. Gioconda beendete ihre bescheidene
Klatschgeschichte zu Fen der Marchesa Grimi, die ghnte. Die Marchesa
Quattrocchi blinzelte in die Flamme. Niemand sprach mehr; ber die Dcher,
aus der Nacht kam die aufgeregte Stimme eines Glckchens. Die alte Fulvia
sagte pltzlich:

Ihr Jungen, ihr redet immer, als kme alles im Leben auf Liebesgeschichten
an. Ich knnte euch Frauen zeigen, die sie manchmal verachtet haben, weil
ihr Herz nach Wichtigerem schlug.

O, machte die Marchesa Grimi. Sie lebte von ihrem Mann getrennt, und sie
lebte nur der Anstrengung, mit der sie Trstungen entsagte.

Die Marchesa Quattrocchi war ganz bedeckt mit Abenteuern. Sie meinte
erstaunt:

Wichtigere Dinge?

Raminga und Gioconda sagten mit saurer Heiterkeit:

Die Mama hat leicht reden, da sie ja den Papa gehabt hat. Da mchten auch
uns die Liebesgeschichten gleich sein.

Einer der Befreier des Landes, erklrte die Marchesa Grimi. Das waren
noch Ritter, mit denen lie sich leben.

Sie seufzte. Die Marchesa Quattrocchi rief:

Liebe und Freiheit!

Die Freiheit ging uns vor, sagte Fulvia. Sen wir sonst hier?

Und sie lauschte. Von Rom war nichts vernehmlich als das einzige Glckchen.

Htten wir sonst Ferrara, unsere Stadt, htten wir unsere Familie
verlassen, mein Mann und ich? Wren wir gegen die Deutschen gezogen? Htten
wir unser Vermgen dem Lande gegeben? Htte Claudio seine Gesundheit und
einen Arm darangegeben, und ich mein Behagen? O, viele haben die Opfer, die
sie der Freiheit brachten, als Einsatz bentzt, und haben groen Gewinn
gemacht. Wir nicht. Claudio wollte Gemeiner bleiben, er, ein Advokat. Alle
Grade hat er sich auf Schlachtfeldern geholt, und unser Oberst Calvi, der
Arme, den die Deutschen zu Mantua gehngt haben, er war es, der meinen Mann
zum Kapitn machte, auf dem Markusplatz in Venedig.

Wie viel Not, wie viele Ermdungen, wie viel Blut von 48 bis 70! Wir wurden
von der Regierung als Beamte in Alpendrfer geschickt, und kamen im Eise
um. Wir muten Ordnung und Sicherheit herstellen in Cesena und Forli,
Stdten, die unter der langen Priesterherrschaft verwildert waren. Wenn
Claudio abends ausging, zitterte ich in meinem Bett; denn man fand jeden
Morgen Leichen vor den Schwellen ihrer Huser. Dann waren wir
Unterprfekten in Comacchio, wo es in den Smpfen nichts gab als Aale und
Aalfischer; dann in Pesaro, wo die Damen der guten Gesellschaft zur Hlfte
frhere Dienstmdchen, zur anderen Hlfte alte Balletteusen waren, und alle
gingen in Holzschuhen . . . Endlich, das ist wahr, kamen wir als Prfekten
nach Parma. Wir wohnten in dem Palast der Marie Luise, wir gaben Feste, in
jedem Theater gehrte uns eine Loge. Es fror uns sehr in den weiten Slen
mit ihrem vergoldeten Stuck. Aber ich, Fulvia Galanti, habe mit dem Knig
Viktor Emanuel getanzt.

Die vier Frauen sahen stumm zu ihr hinber, sie erkannten einen Abglanz
ihrer alten Gre auf Fulvia. Sie sa am andern Ende des staubigen Salons,
weit fort von dem Feuer, das sie verachtete, und an dessen Reste sie erst
spt in der Nacht, wenn alle schliefen, heimlich ihre gekrmmten Hnde
hielt. Ganz allein sa sie vor dem langen Tisch, mager, steif wie ein Idol,
mit goldenen Ketten bedeckt, und weie, gebrannte Locken ber dem langen,
weien Gesicht.

Aber als sie Claudio pensionierten, was blieb uns? Er wollte in Rom
sterben, und in Rom ist er gestorben. Auch ich werde hier sterben; das ist
alles, was uns beiden die Freiheit des Landes eingetragen hat. Und es ist
genug.

Du hattest auch die Liebe, sagte hartnckig Raminga, und lie sich von
ihrem Hndchen das Gesicht lecken.

Wenn ich Lino htte heiraten knnen! uerte Gioconda. Aber wir sind zu
arm, wir sind der Freiheit des Landes geopfert; und sie hat es uns nicht
vergolten, wie dir, Mama. Du hattest, was du wolltest.

Meint ihr, Tchterchen? . . . Ihr habt recht, ich war glcklich mit eurem
Vater. Das hindert nicht, da Oreste schn war.

Ihre Augen wurden ganz klein, ihre Falten verschoben sich; man wute nicht,
ob sie lachte. Es war dahinten in unsicherm Licht die weie, beunruhigende
Grimasse eines Idols.

Wer war Oreste? fragte die Marchesa Grimi.

Oreste Gatti, der Neffe des Kardinal-Legaten. Er hatte blaue Augen, er war
mein Jugendfreund. Wir spielten im Garten des erzbischflichen Palastes,
auch war ich oft bei den Conversazioni der Damen und Herren. Es gab
Zuckerwasser oder Wasser ohne Zucker, aber gekhlt gem der Jahreszeit.
Die Sle hatten ein Echo. Eine alte Contessa, deren Namen ich nicht mehr
wei, lie eine silberne Kugel, in der heies Wasser war, immerfort von
einer Hand in die andere fallen.

Als ich sechzehn Jahre alt war, kam er von Rom, von der Universitt, und
begann mir den Hof zu machen. Auf der Promenade ging er zwanzigmal ganz
langsam an mir vorbei und grte sogar meine Magd hinter mir. Am Abend
stellte er sich mit seinen Freunden unter meinen Balkon und spielte und
sang. Er hatte eine Stimme, ich hre sie noch.

Eines Abends aber, als ich vom Spaziergang heimkehrte, war die Stadt ganz
voll und laut. Man hatte eben das Ghetto geschlossen, sein Tor lag gleich
beim groen Platz. Ich sah einen jungen Mann am Turm neben dem Tor
hinaufklettern und oben eine Axt schwingen. Dann bestiegen viele andere die
Mauer und das Tor, schlugen auf die Steine und Bretter und rissen daran.
Die Juden sollten herauskommen. Ich erfuhr, dies geschehe im Namen der
Freiheit. In mir stand damals ein groes Gefhl auf, das mich nie mehr
verlassen hat. Mir scheint, es steht noch heute in meiner Brust, und es hat
die Gestalt des Jnglings, der als erster auf dem Turm des Ghetto die Axt
schwang. Das war, Tchter, euer Vater.

Er war nicht schn, er war eher schwchlich, und ich sehe es als Wunder an,
da ich ihn durchgebracht habe, bis ins sechsundsiebzigste Jahr . . . Ich
erblickte ihn am Tage nachher auf der Promenade und nickte ihm zu, obwohl
unsere Eltern sich nicht kannten. Ich ntigte meinen Papa, zu dem seinigen
zu gehen. Auch Claudio machte mir den Hof, aber meistens redete er von der
Freiheit, ja, von der Freiheit des Landes, und von Rom. Er war ein groer
Sprecher, und seine Arme arbeiteten so dabei, da ich alles begriff und
mitfhlte. Er wachte spt ber Bchern, die, wenn man sie bei ihm entdeckt
htte, ihn ins Gefngnis gebracht htten. Er trank viel heien Kaffee dazu,
hinterher eiskaltes Wasser, darum sind ihm auch spter alle Zhne, noch
heil und gesund, aus dem Munde gefallen.

Oreste seinerseits erklrte mir, er wolle mich heiraten. Als er wieder
einmal meiner Magd ein Briefchen zugesteckt hatte, antwortete ich ihm, ich
werde nur einen Freund der Freiheit heiraten, und einen, der die Priester
verjagen werde. Oreste sagte, dieser Brief sei sehr gefhrlich, und zerri
ihn vor meinen Augen. Ich beschwor ihn, die Freiheit zu lieben. Er sagte,
er sei mit dem Claudio Galanti schon in Rom zusammengestoen. Jener sei
unter den liberalen Studenten der dreisteste gewesen; er, Oreste, knne ihn
sich jeden Augenblick vom Halse schaffen.

Du bist feige! rief ich.

Er zog die Brauen zusammen.

Ich frchte ihn nicht, er soll bleiben was er ist. Aber auch ich bleibe
das.

Glaube, mein Oreste, an diese groe Sache, die Freiheit! Fhle mit uns,
mit deinem Lande, mit diesem edlen, alten Lande, das im Joch von Fremden
und Priestern vor Scham zittert!

Ich bin Graf Oreste Gatti, der Neffe des Legaten. Ich gehre zu den
Herren. Was tte ich bei den Emprten? Eure Freiheit lebt nur im Geschwtz
ehrschtiger Plebejer.

O du, du httest nicht das Tor des Ghetto einzuschlagen gewagt!

Htte ich's nicht? Wir wollen sehen, was ich wage!

Er haschte nach mir, wir jagten uns, wir scherzten. Ich wei noch, es war
seltsam, wie mir schwindelte, als er mich fing, zwischen den zwei
Kamelienstruchern voll roter Blumen, wo aus dem Sockel des groen
steinernen Bildes ein Quell rann. Er atmete ganz ruhig unter seinen kurzen,
blonden Locken; und am Hals sah aus seinem Samtmantel ein Stck seines
Spitzenkragens. Ich begriff wohl, er war Graf Oreste, der Neffe des
Legaten.

Wir gingen langsam zwischen den geschnittenen Bumen zurck bis unter die
Fenster des Palastes. Dort stand ein Brunnen, ein groes, mechanisches
Werk, wo Kraft des Wassers viele knstliche Figuren sich bewegten,
arbeiteten oder Scherz trieben. Ein Mann auf einem Esel ritt um den
Brunnenrand. Ganz oben warfen mehrere sich eine schwere Kugel zu. Oreste
sprang pltzlich auf den Esel und steckte den Kopf zwischen die Hnde
derer, die Ball spielten. Ich schrie auf; er zog lachend den Kopf zurck.
Einen Augenblick spter, und die schwere Kugel htte ihn zerschlagen.

Am Portal kam uns ein Diener entgegen mit dem Befehl des Kardinals, Oreste
habe bis morgen abend in seinem Zimmer zu bleiben. Der Kardinal hatte
gesehen, wie sein Neffe den Kopf zwischen die Kugelwerfer hielt; und er war
erzrnt.

Ich stand in jener Nacht an meinem Fenster, sehr betrbt, weil Oreste nicht
kommen durfte und singen; und immerfort sah ich hinber zu ihm. Die
Rckseite meines Hauses ging auf Grten, und dahinter war der Palast und
sein Zimmer. Der Mond ging auf, wir erkannten uns. Er trat auf seinen
Balkon, wir grten uns aus der Ferne. Wir lieen vorsichtig unsere Tcher
flattern, es war im Mondschein nur wie ein wenig Silber, das rieselte. Ich
hrte den Schritt der Wache auf dem Hofe unter ihm.

Auf einmal schwang er sich ber das geschmiedete Gitter des Balkons, hngte
sich mit den Hnden an zwei gebogene Stbe und schaukelte. Der Posten ging
eben, abgewendet, am anderen Ende der langen Hofmauer. Oreste blickte
hinter sich; die Mauer war drei Meter entfernt und fast so hoch wie das
erste Stockwerk, wo er hing. Er schaukelte strker; ich drckte mein Tuch
ganz in den Mund hinein. Da lie er sich los, er flog ber die Mauer weg.
Ich fiel hin. Als ich aufstand, war er schon davon, ber die weiche Erde
des Gartens. Er fand eine Pforte, er verschwand im Schatten des Gchens,
auf der Strae zu mir. Ich wei nicht, wie ich die Treppe hinuntersteigen
konnte, ohne entdeckt zu werden, und die Stange vor der Haustr
wegschieben, ohne da sie klirrte. Denn ich zitterte und fhlte das Herz im
Halse. Wir drngten uns in den Winkel bei der Tr, nur einige Minuten und
ohne zu sprechen.

Sehr bald darauf heiratete ich Claudio. Zwei Jahre nach dem Sturm auf das
Ghetto, am 12. Mai 1848, brachen wir auf gegen die Deutschen. Ich ging mit
meinem Mann, er stand im Freikorps. Der Papst selbst war mit uns, weil sein
Bruder, ein Verschwrer, gefangen sa. Der Papst selbst hatte unsere Fahnen
gesegnet. Die Deutschen schlugen uns berall, in Vicenza, bei Cornuda, in
Venedig. In Vicenza glaubten wir, sie wrden in die Stadt dringen, wir
knnten sie aus den Fenstern mit Pflastersteinen zermalmen und mit l
verbrennen, die Armen. Sie aber beschossen uns von den Bergen. Was wollt
ihr, wir waren unerfahren. In Venedig schlossen sie uns ein, wir lebten von
Eselsfleisch, und das kostete ein Auge aus dem Kopf. Wir waren immer voll
Freude und Zuversicht. Ich trug eine dreifarbige Schrpe, ihr seht sie in
jenem Glaskasten; und mein Haus war voll Verwundeter, die ich pflegte.
Meinem Mann durchschossen sie die Wange; der halbe Schnurrbart war fort.
Die rechte Hlfte ist spter immer rmer an Haaren gewesen als die linke.

Aber als wir nach Ferrara zurckkehrten, hatte der Papst schon lngst Angst
bekommen vor den Deutschen. Sein Bruder war heraus aus dem Gefngnis. Der
Papst war nun der Freund unserer Feinde. Nun waren wir Verrter; wir, die
mit seinem Segen auf unseren Fahnen hinausgezogen waren.

Claudio wollte die Advokatur ausben; sie verboten es ihm. Er kam manchmal
nach Hause und sagte, er wundere sich, da er nicht verhaftet werde. Die
meisten seiner Freunde waren schon verhaftet auf Befehl der Triumvirn.
Einer dieser drei Schergen des Papstes war Oreste Gatti.

Indes durchsuchten sie unser Haus. Wir wren verloren gewesen, htten sie
die Waffen gefunden. Aber sie lagen in einem Kchentisch, von dem die Fe
abgeschraubt waren, und der in die Wand hineingeklappt war; es sah aus, als
hinge nur ein Brett an der Wand. Sie fanden Papiere, die Claudio
unterschreiben sollte. Er weigerte sich. Auch als Oreste Gatti ihn rufen
lie, weigerte er sich.

Mir war sehr unheimlich zumute, ich beschlo mit dem Legaten zu sprechen.
Er hatte mir doch oft ber die Wange gestrichen, als ich klein war. Wie ich
eintrat, sahen sie mich bedenklich an. Ich trug alte Kleider, Claudio
verdiente ja nichts. Ich hatte durch das Ghetto gehen mssen, ein liger
Schmutz war an meinen Schuhen. Man holte mich aus dem Vorzimmer von den
anderen Bittstellern weg und fhrte mich in ein Kabinett, wo ich allein
war. Da ging die Tr auf und Oreste kam.

Wie bist du braun geworden, sagte er. Du bist noch viel schner.

Er wollte wie frher nach mir greifen, er streifte mit der Hand meine
Schulter.

Dort hat die Trikolore gelegen, sagte ich, und trat von ihm fort. Er
faltete die Brauen.

Du wirst bald frei sein, dein Mann lebt nicht mehr lange.

Ich wei, erwiderte ich, da der und jener unterschrieben haben und
gehngt sind. Aber Claudio unterschreibt nicht.

Jene wren auch ohne Unterschrift gehngt worden.

Du httest meinen Mann gleich damals verraten sollen, wie er als Student
fr die Freiheit sprach. Du httest deine Feigheit nicht so lange aufsparen
sollen.

Er blieb ruhig.

Ich wei, da du mein sein wirst, sagte er. Ich verlange nichts, du
gibst alles von selbst.

Er besann sich.

Dein Mann mu flchten; es steht nicht in meiner Macht, ihn zu schonen. Er
soll heute abend um sieben als Bauer durch das Tor fahren.

Ich ging nach Hause. Claudio kam; seine Freunde hatten ihm geraten zu
fliehen. Ich lie ihn die Kleider des Mannes anziehen, der uns Gemse
brachte, und er entkam.

Ich blieb zurck; Claudio wollte mich nicht mitnehmen auf seine ungewisse
Fahrt. brigens wute ich, man htte mich nicht fortgelassen. Ich war ganz
allein in unserem Hause, ich hatte nichts mehr fr mich selbst zu essen,
viel weniger fr eine Magd. Und aus welchem Fenster ich den Kopf steckte,
immer sah ich in das Gesicht eines Spions. Sie lieen niemand hinein zu
mir.

Eines Abends aber hrte ich das Haustor gehen. Ich lugte aus meinem Zimmer.
Drunten im Flur war alles finster. Aber in der Finsternis nherten sich
feste Schritte. Ich schlo nicht meine Tr, ich fand alles nutzlos. Eine
jhe, fiebernde Angst sprang in meinen Adern -- nicht vor dem, der jetzt
die Treppe heraufkam, nicht vor ihm. Es war hei, mein Hals war entblt.
Und ich hatte Angst vor meiner eigenen Brust und vor den Schlgen darin.
Ich suchte nach Hilfe; da nahm ich meine dreifarbige Schrpe und legte sie
ber meine nackte Brust. So stand ich und wartete.

Er trat ein, und er verzog den Mund.

Da stehst du und weit genau, da du mein bist --, und mit einem gefrbten
Tuch willst du trotzen, mir und dir. Wie tricht bist du!

Aber ich fhlte jetzt Mut. Eine llampe mit drei brennenden Schnbeln
flackerte auf dem Tisch hinter mir; er sah von meinem Gesicht nur den
Umri. Ich aber konnte erkennen, wie bleich er war. Groe Schatten tanzten
um uns her an den Wnden. Er sagte:

Aber so war es immer. Du hast dir die Freiheit immer nur wie ein Tuch
umgebunden, weil du mir deine Schnheit versagen wolltest. Und du liebst
mich, von jeher liebtest du mich! Ist es wahr, da du geweint hast, als ich
vom Balkon ber die Mauer gesprungen war?

Es ist wahr, sagte ich. Und ich htte dich geliebt. Aber ich durfte
nicht, denn es gab etwas Greres, das ich erblickt hatte und nicht
vergessen durfte: Jenen, der auf dem Turm vor dem Ghetto stand und seine
Axt ins Tor schlug.

Wie viel Gewissen! rief er. Jetzt sind wir allein in diesem Hause, in
das keiner den Fu setzt. Jener andere ist fern, verschwunden, wer wei wo.
Was lebt jetzt noch von der Welt umher? Auch die Freiheit ist tot, jenes
Phantom. Wir sind allein: jetzt wirst du den Mut haben zu unserer Liebe.
Und hast du ihn nicht, dann hab' ich ihn fr dich mit!

Er warf die Arme um meinen Hals, ich fhlte sie zittern. Ich stie ihn
zurck, lief aus der Tr, die Treppe hinab. Er war immer hinter mir.
Drunten in einem der dunklen Zimmer ergriff er mich von neuem; wir strzten
hin, rafften uns auf, stolperten weiter. Zuweilen trennten uns Mbel, die
wir nicht sahen und die er umstie. Dann flsterte er wieder dicht an
meinem Gesicht: Du liebst mich! Und ich wrgte an einem Nein.

Endlich gelangten wir, wir wuten nicht wie, in den Garten. Es war kein
Mond da. Wir taumelten stumm und atemlos hintereinander her, durch schwarze
Bsche. In einer Laube, in tiefer Nacht fing er mich und warf mich auf die
Bank. Seine Hand lag auf meiner nackten Brust; das dreifarbige Tuch war mir
lngst entfallen, irgendwo im dunklen Hause. Wir fhlten, da wir einander
in die Augen sahen: und dabei unterschied keiner des anderen Gesicht. Auch
sprte ich sein Herz klopfen und er meines. Ein Blatt raschelte ber
unseren Kpfen. Einmal meinte ich, hinter der Gartenmauer schliche ein
Schritt. Wir waren bewacht. Haus und Garten und Stadt lagen schwarz und
gebannt. Es gab in der Welt nur noch unsere klopfenden Herzen. Ich hatte
wieder Angst, solche Angst wie noch nie. Ein Glckchen fing an zu hmmern,
ein gewisses Glckchen mit einer aufgeregten Stimme. Mir war doch, ich
hrte es wieder?

Die alte Fulvia lauschte. Aber ber den Dchern Roms war die Nacht ganz
verstummt.

Wie man sich erinnert, murmelte sie. Wie wenig bedarf es.

Ich sagte dort in der Laube mit trauriger Stimme:

Hre, Oreste, es ist seltsam, mir schwindelt, wie zwischen jenen
Kamelienstruchern im Garten des Kardinals, wo du mich gefangen hast. Auch
damals hatten wir einander gejagt. Aber wir waren damals besser.

Es ist deine Schuld, erwiderte er, und ich, ohne ihm zuzuhren:

Wir waren ganz jung, und alle Bume im Garten hingen voll von unseren
Trumen. Weit du noch, wie wir bei den Conversazioni zwischen den alten
Leuten saen, und sprachen eine Sprache ganz fr uns?

Und auf der Promenade, setzte er hinzu, wenn wir einander begegnet waren
und uns in die Augen geblickt hatten; dann zhlte ich meine Schritte: fnf,
zehn, zwanzig. Nun kehrtest du um, und ich durfte dir wieder entgegengehen,
und meine Fe wurden so leicht, als ob der Weg zu dir durch die Luft
fhrte.

Wir schwiegen. Dann sagte er hart:

Und nun bin ich endlich ganz bei dir. Nun kann ich dich haben. Du wolltest
es doch so? Und unser Geschick hat uns doch hierher gefhrt?

Pltzlich lie er mich los, trat von mir fort, in das Laub hinein, da ich
nicht einmal mehr seinen Schattenri sah.

Nein, nicht hierher, sagte er. Ich flsterte:

Ich wollte, in Vicenza htten sie mich erschossen . . . O, Oreste, du
weit nicht, wie gut es sich stirbt fr diese groe Sache, fr die
Freiheit!

Doch. Seit ich dich dort drauen wute, wei ich auch das. Und ich wollte,
wir knnten zusammen durch eine Stadt wandern, auf die Kugeln fallen. Sag
doch, Fulvia, hast du einmal daran gedacht, da die gleiche Kugel auf uns
beide htte niederfallen knnen?

Wenn du mit mir gewesen wrest, ja, und mit der Freiheit . . . Ich habe
mit meinen Hnden die Pflastersteine ausgegraben, die wir aus den Fenstern
werfen wollten. Warum warst du nicht da, mir zu helfen?

Du hast auch Wunden gepflegt. Htte ich eine tdliche bekommen und wre an
ihr gestorben! Nur deine Lippen htten sie zum Schlu streifen sollen!

Es kommen andere Schlachten, sagte ich nach einem Schweigen leise.

Ich gehe hin! rief er, aufstampfend. Auch ich gehre diesem Lande und
will es frei machen!

Wann gehst du?

Gleich. Heute nacht!

Ich erschrak, ich schrie auf.

Nein! Du wirst mich nicht verlassen. Auch Claudio ist verschwunden. Soll
ich immer in diesem Hause bleiben, wo nichts atmet? Wo, scheint mir's, kein
Tag mehr aufgehen wird? Oreste!

Ich glitt von der Bank, ich sank vor ihm hin, tastete nach seinen Knien.
All meine Besinnung war fort, eine kranke Nrrin war ich.

Nimm mich hin, sagte ich. Nimm mich lieber hin! Aber geh nicht fort!
Verla mich nicht!

Er hob mich auf wie ein Bruder.

Wir gehen zusammen, ich bringe dich nach Turin, in Sicherheit.

Am Himmel entstand ein grauer Schein. Wir unterschieden unsere Gestalten.
Wir warteten stumm, bis wir auch unsere Augen sahen. Wie vieles Strmische
mute in ihnen geschehen sein in dieser Nacht, ohne da wir's gesehen
hatten. Jetzt waren sie still wie Geister.

Oreste sprengte in der Stadt aus, da er mich auf sein Lusthaus entfhre,
vor das Tor. Wir flohen, gelangten ber die Grenze und nach Turin. Dort
fanden wir Claudio. Er litt noch an seinen Wunden; eine Krankheit kam
hinzu, ich mute dableiben und ihn pflegen. Oreste allein zog hinaus. Er
ist fr die Freiheit gefallen, bei Varese.

Die Marchesa Grimi sagte nach einer Weile seufzend:

Aber er ist doch fr Sie gestorben, fr Sie!

Ja, Mama, meinte Raminga, und lie sich von ihrem Hndchen das Gesicht
lecken. Du hast alles Gute gehabt. Er starb fr dich.

Schweigt! befahl Fulvia. Er fiel fr die Freiheit!




Drei-Minuten-Roman


Als ich einundzwanzig war, lie ich mir mein Erbteil auszahlen, ging damit
nach Paris und brachte es ohne besondere Mhe in ganz kurzer Zeit an die
Frau. Mein leitender Gedanke bei dieser Handlungsweise war: ich wollte das
Leben aus der Perspektive eines eigenen Wagens, einer Opernloge, eines
ungeheuer teuren Bettes gesehen haben. Hiervon versprach ich mir
literarische Vorteile. Bald stellte sich aber ein Irrtum heraus. Es nutzte
mir nmlich nichts, da ich alles besa: ich fuhr fort, es mir zu wnschen.
Ich fhrte das sinnenstarke Dasein wie in einem Traum, worin man wei, man
trume, und nach Wirklichkeit schmachtet. Ich schritt an der Seite einer
chiken, ringsum begehrten, mir gndigen Dame nur wie neben den
zerflieenden Schleiern meiner Sehnsucht . . .

Wenige Tausende lagen noch in meiner Brieftasche, da ffnete ich sie
unvorsichtigerweise eines Nachts auf einem ffentlichen Ball unter den
Augen eines jungen Mdchens. Sie lud mich ein und ich folgte ihr weitab in
ein kelleriges Haus mit schlpfrigen Treppen und mit Wnden, von denen es
troff. Ich hatte soeben meinen Rock ber einen Stuhl gehngt, da klappte
der Bettvorleger, auf dem ich stand, mitsamt einem Stck Diele nach unten,
und ich rutschte in einen Schacht hinein. Er war ziemlich weit. Ein
Vorsprung ermglichte es mir, drei oder vier Fu unterhalb des soeben
verlassenen Zimmers einen Aufenthalt zu nehmen und der Freude einer
weiblichen und einer mnnlichen Stimme ber meine Hinterlassenschaft
beizuwohnen . . . Auch das war eine Perspektive. Es war nicht jene
oberweltliche, der zuliebe ich nach Paris gekommen war. Es war eine aus
traumfremder, aus traumschlimmer Tiefe. Aber ihr eignete etwas Stillendes.

Damals blieb mir kaum noch Drang, wieder ans Licht zu steigen. brigens
ging die Klappe in die Hhe. Ich schlo die Augen und lie mich weiter
hinuntergleiten. Wider Erwarten brach ich nicht den Hals, sondern entkam
durch einen Kanal. Entkam bis nach Florenz -- wo ich mir wnschte, den
gepuderten Pierrot zu lieben, der in einer Pantomime des Teatro Pagliano
jeden Abend vor einem Haubenstock in die Knie sank, weil er zu schchtern
war, es vor seiner Angebeteten zu tun; der sie bekam, betrog, arm machte;
der spielte, stahl, und dem seine kindlich hingetndelten Verbrechen immer
schmelzendere Kreise um seine unschuldigen Snderaugen zogen. Zuletzt starb
er, am Schlu eines etwas frostigen Apriltages, in all seiner rosigen
Verderbtheit, zu den leichten Trnen einer schlanken, biegsamen Musik
. . . Ich wnschte mir, ihn zu lieben. Nur war er, wenn er die Bhne
verlie, eine bedeutende Courtisane und kostete allein den Conte Soundso im
Monat tausend Lire, was in Florenz sehr, sehr viel Geld ist. Ich ging also
zu ihrem Coiffeur und gab ihm meinen letzten Kassenschein dafr, da er
mich anlernte und mit Schminken und Puder zu ihr in die Garderobe schickte.
Meine Dienste befriedigten sie nicht immer; und die erste Berhrung ihrer
schnen, vollen und spitzen Hand erfuhr ich in meinem Gesicht. Eines
Abends, als ich ihr eine neue Perrcke aufprobieren sollte, wagte ich mich
mit allem heraus und ward von ihr entlassen. Ich wnschte mir weiter, sie
zu lieben . . .

Unsere Beziehungen entwickelten sich jh. Der Conte Soundso, von dem sie
tausend Lire bekam, zog sich pltzlich und unter Protest von ihr zurck. Er
hatte bereits den grten Teil seiner Familie unglcklich gemacht: durch
ihre Schuld, wie er vorgab. Auch andere erklrten sich fr geschdigt in
ihrem Besten, dank ihr. Nun ward sie selbst von allen entlassen, wie sie
mich entlassen hatte; auch von ihrem Direktor. Bald mute sie, gepfndet,
dem Hospital entlaufen, verachtet und umhergejagt, sich begngen mit dem,
was auf der Strae zu finden ist. Und so oft sich noch einer von diesen
durch sie ins Verderben ziehen lie, erlitt sie selbst dabei die
unsinnigsten Schmerzen . . . Dies war der Zeitpunkt, wo sie mir erlaubte,
ihr ein Lager aufzuschlagen in meiner Dachkammer am Ende der engen und
volkreichen Via dell' Agnolo. Da lag sie nun in den Mondnchten, den Kopf
an der dunkeln Wand, nur die Hnde immer unterwegs zu geisterhaft grellen
Schlichen und Windungen, wie kranke, launische Blumen, die nach Insekten
schnappen. Ich sa am Tisch bei einer Talgkerze und schrieb. Es war eine
hallende, glitzernde, stahlblaue Stille in der Weite; und der junge Pierrot
war mondgepudert und sterbensmd aus seinen Sndenfahrten hergetaumelt,
grad' in mein Zimmer. Wie ich mir wnschte, ihn zu lieben! . . . Sie schlug
den Blick auf, schmelzend von sanftem Erstaunen ber das Schicksal. Sie
lie sich widerwillig pflegen von mir, suchte dabei immer mit den Augen in
mir. Sie verachtete mich, weil ich noch bei ihr aushielt. Sie begehrte
mich, weil sie mich nicht begriff. Sie hatte manchmal Grauen, manchmal
strmisches Verlangen, manchmal Ha. Sie qulte mich, ganz glcklich, noch
ein wenig bse sein zu drfen, noch einen Schatten von Rache zu haben fr
das, was mit ihr geschah. Dann weinte sie an meiner Schulter. Und wieder
suchten ihre Augen in mir: warum ich sie noch liebe. Eine Antwort bekam sie
nicht. Hatte ich sie doch niemals geliebt; ich wnschte es mir nur . . .

In einer dieser Nchte starb sie. Ich stieg darauf zur Strae hinab; und
die leere Via dell' Agnolo entlang und die kleinen rinnsteinartigen
Nebengassen entlang weinte ich in der Finsternis Trnen, auf die ich
namenlos stolz war, und deren Versiegen ich nicht erleben wollte . . . Sie
dauerten nicht viel weniger als eine Stunde: die Stunde, die in meiner
Erinnerung das beste, wahrste, schnste Stck meines Lebens umfat . . .
Aber ich ward schon matt; -- und inmitten der Scham und des Zornes ber
mein Versagen fand ich ganz bequem dazu Mue, um mein Leben zu bangen, weil
vor meinem Hause zwei verdchtige Gesellen standen. Ich ging auf sie los,
aus Furcht davor, ihnen den Rcken zuzukehren. Der eine hatte eine
zerquetschte Nase, Kalmckenaugen, einen viereckigen Oberkrper, kurze,
krumme Beine. Der andere, in einem dnnen Jckchen und mit etwas Schwarzem
um den Hals, war schlank, dunkel, auerordentlich schn. Er setzte sich in
Bewegung, kam mit der Hand in der inneren Brusttasche und den andern neben
sich, mir entgegen. Er hatte den Gang der Toten! . . . Ich tat gebannt und
doch mit fliegenden Sinnen noch zwei Schritte. Aus seinem blassen,
dicklippigen Gesicht -- ihrem Gesicht -- sah ich schon die Wimpern schwarz
herausstechen. Das Heft des Messers erschien in seiner Faust am Rande des
Jckchens. Mein Tod stand beschlossen auf seinem Gesicht. Auf dem der
Toten. Sie hatten nur eines, denn er war ihr Bruder. Er war mit einem
Kumpanen in die Stadt gekommen, um sie von mir zu befreien; weil er der
Meinung war, da sie im Getndel mit mir ihr Geschft versume und darum
den Eltern und ihm kein Geld mehr schicke.

Auf einmal -- fast berhrte ich mich schon mit ihrem Bruder -- wichen die
zwei mir im Bogen aus, gaben den Weg frei, verleugneten mich und
verschwanden. Ich konnte, halb ohnmchtig, nicht mehr beurteilen, was
vorging. Dann erst hrte ich den Trab eines Dritten, der aus dem Dunkel
hervor, dazwischengetreten war. Es war ein schmchtiger Mensch mit einem
Rckchen ber dem Arm, und hatte es sehr eilig, weiterzukommen. Aus
Dankbarkeit, aus Kopflosigkeit, aus Gemeinschaftsgefhl machte ich zwei
lange Stze hinter ihm her. Er rckte gengstet die linke Schulter, fing an
zu laufen. Er lief davon vor mir; er hielt mich fr etwas anderes als ich
war. Auch ihr Bruder hatte mich verwechselt. Und ich habe das Gefhl, als
sei der Verkehr von Menschen immer so ein ratloses und grausames
Durcheinander von Irrtmern, wie diese nchtliche Szene an der Ecke der Via
dell' Agnolo . . .

In Mailand, meiner Heimatstadt, lie ich mir etwas Geld geben fr das, was
ich geschrieben hatte in den fragwrdigen Nchten gegenber einer Kranken,
die ich nicht liebte. Eine hochstehende, begabte Dame warf sich aus diesem
Anla auf mich. Sie sagte, sie suche, seit sie lebe; ihre Existenz sei
tragisch; und den, der dies geschrieben habe, msse sie lieben. Ich fand im
stillen, das gehe nicht mich an, und war hflich. Ich schulde ihr Dank,
behauptete sie; denn niemand auf der Welt werde mich je verstehen wie sie.
Das gab ich nicht zu, strubte mich und erkannte meine Schuld nicht an.
Ihre Existenz sei tragisch, wiederholte sie, und ein Sturz vom Felsen von
Leukos werde sie enden. Ich war entrstet, geschmeichelt und befremdet. Wie
kam ich zu solchen Dingen? Ich wollte nichts von ihnen wissen. Niemandem
erteilte ich das Recht, meine Einsamkeit zu brechen. Die chiken, ringsum
begehrten, mir gndigen Damen meiner Jugend waren nur mit zerflieenden
Schleiern an mir hingestreift. Pierrot war mondgepudert gestorben, wie ein
Reflex. Und ein Krper wollte nun hinein zu mir? Wollte mich heilen? Mir
Wirklichkeit verleihen? Mir mein Leiden fortlieben? Aber alles Interesse an
mir selbst hing ab fr mich von diesem Leiden! Jedes kranke Gesicht ist
vornehmer als jedes gesunde. Ich war nicht geneigt, zu sinken. Ich
versuchte ihr nahe zu bringen, da sie sich widerspreche, wenn sie mich fr
meine Bcher lieben wolle: denn dies hebe meine Bcher auf. Es kam ihr
nicht nahe; sie wollte ja glcklich sein, also glcklich machen. Was waren
ihr Bcher. Ich fand sie schlielich nur noch dumm und mihandelte sie
dafr, entschlossen, aber mit dem Vorbehalt, mich dieses Stckes Seele zu
schmen, wenn einst Zeit dazu wre, und Kunst zu machen aus der Scham
. . .

Als ihre Krisis berstanden war und sie anfing, sich loszulsen, holte ich
sie zurck und ntigte sie, meine Freundin zu sein. Es befriedigte mich,
sie als einen Beweis meiner ungebrochenen Einsamkeit vor Augen zu haben
. . .

Diese Einsamkeit gleicht einer jhen Windstille vor der Ausfahrt. Eben
klettern noch eine Menge Matrosen rastlos umher an Masten und
Schiffswnden, heben Anker, binden Segel los, spannen sie aus. Im nchsten
Augenblick fallen die Segel schlaff zusammen, das Schiff rhrt sich nicht,
die Leute rutschen herab, stehen und sehen sich an . . . Auf diesen Seiten
haben sich wohl ungewhnliche Sachen ereignet? Meine Lebensstimmung aber
ist kahl, als sei nie etwas eingetroffen. Sind hier etwa die Mitglieder
eines hervorragenden Varits, dem Publikum zu heftigerer Unterhaltung,
smtlich wahnsinnig geworden? Ich meinesteils sitze, scheint mir, die ganze
Zeit vor einem Grau-in-Grau-Stck, wo lebenslnglich auf langweilige Art
gestorben wird. Was ist Wirklichkeit.

Wirklich waren vielleicht die Trnen, die ich einst die leere Via dell'
Agnolo entlang und die kleinen rinnsteinartigen Nebengassen entlang geweint
habe, in einer Nacht, fast eine Stunde. Die Stunde war wirklich. Von einem
Leben fast eine Stunde. Oder wenigstens die erste halbe Stunde war
wirklich. Vielleicht . . . Aber es ist nicht ganz sicher.




Ein Gang vors Tor


Lukas war schon auf der Schwelle, er stie schon die geborstene Tr zurck;
aber er blieb noch einmal stehen, die hohle Stimme des Alten, die lngst
von den Zeiten verschlungen schien, gewann noch einmal Macht ber ihn.

Geh hinaus und durchkmpfe die Welt! Wenn sie hinter dir auf den Knien
liegt und du heimkehrst zu uns wie jeder zu uns heimkehrt, was hast du dann
weiter getan als einen Gang vors Tor?

Die drei Greisinnen bliesen wimmernd ihren kalten Atem in die kalte Luft
des feuchten Saales. In den Mauern erweiterten sich tglich die Risse, die
Eichentafeln faulten an den Wnden, und alle Scheiben erblindeten, hilflos
und mit Schweigen.

Die erste der Greisinnen hatte einen berghoch angeschwollenen Bauch, die
zweite einen ungeheuren Blhhals, die dritte einen Buckel. Womit nhrten
sie ihre frchterlichen Auswchse? Lukas meinte, mit seiner Jugend, die in
ihren alten Fngen zerdrckt wie eine Taube den Kopf drehte und zitterte;
mit seinem frischen Blut, das ihre verlebten, enttuschten Lehren aus
seiner Brust leckten.

Der Alte war blind. Womit fllte er sein verstopftes Gehirn? Mit Lukas'
neuen strahlenden Bildern, mit den Bildern von Blumenwiesen, wo junge
Frauen in schwarzen Haaren blonde Ritter mit Rosen krnten; von weien
Stdten, die an violetten Meeren von ihrem Eroberer trumten. Der Alte nahm
sie ihm alle und sagte, sie seien nichts wert. Er klagte aus der Tiefe:

Geh doch und erlse Gott aus der Gefangenschaft seiner Feinde! Zwinge
Satan um Gnade zu flehn! Geh doch und erobere Reiche! Geh doch und mache
das Weib zu deiner Kaiserin! Am Ziel erfhrst du, nchtern und ohne Stolz,
da alles grer und schner war, als du noch trumtest. Das Beste ist
geschehen, bevor du die Augen ffnetest; dein Traum hat es vorweggenommen.
Er eilt dir voran und fhrt das Schwert, das du nicht tragen kannst. Du
schleichst ihm nach, mit leeren Hnden.

Eine Fledermaus strich durch den finstern Saal und an Lukas' Wange vorbei.
Er hielt sie fr des Alten Wort, das ihn anwehte. Er schttelte sich und
lief ber den Hof, zum Tor hinaus. Er war schon halb den Hgel hinab, von
der traurigen Burg sah er nur noch schiefe, zerrissene Dcher.

Drunten lag im grauen Abend ein weites Feld. Es flog darber hin wie die
Schatten von Dingen, die man nicht sah. In der Hhe bewegten sich schwer
geballte Wolken. Eine Herde von winzigen Schafen drngte sich, ngstlich
und verlassen, in einen Punkt der Riesenflche dicht zusammen. Der Hirt sa
tief in den Falten seines Mantels auf einem Stein und rhrte sich nicht.
Kein Hund schlug an, und doch erkannte Lukas genau, wie ein Mann, auf
dessen Hut eine Feder stand, ein Lamm ergriff und damit fortrannte.

Sogleich fing auch Lukas zu laufen an. Er drckte sein Schwert gegen die
Hfte und machte groe Stze. Mag jener die ganze Herde stehlen, dachte
er, nur dieses Lamm nicht! Ob er ihn einholen wrde, bevor der Mann im
Walde verschwand? Er stolperte ber den unbekannten Boden und schrie
unaufhrlich: Nur dieses nicht! Hrst du, nur dieses nicht! Aber der
andere erreichte schon die Bume und Lukas war dreiig Schritte hinter ihm.
Er wollte sein Schwert aus der Scheide ziehen: da sprengte ein schwarzer
Gepanzerter aus dem Busch und hieb mit der Klinge dem Dieb ber den Arm, so
da er das Lamm fallen lie. Er entfloh kreischend, das Pferd mit dem
Gepanzerten verschwand im Dickicht, Lukas stand allein und keuchend vor dem
Lamm.

Er hob es auf und trug es langsam und zrtlich in den Wald hinein, zu einer
Kapelle, die im Sternenschein auf einer Lichtung stand. Er setzte es vor
das Muttergottesbild auf den Altar; und sogleich ward aus dem Kamm ein
kleiner Knabe, der lchelnd mit der Linken die Hand der Jungfrau erfate.
Die Rechte erhob er segnend gegen Lukas, der sich auf die Knie niederlie.
Was ist das? dachte er mit gesenktem Haupt, was habe ich getan? Wer tat
es, ich oder der Gepanzerte?

Er mochte den Knaben nicht mehr ansehen und schlich gebeugt hinaus. Aber
drauen richtete die duftende Nacht ihn auf, er ging zwei Stunden, bis die
Bume seltener standen. Dort vernahm er ein gelles Geschrei und gewahrte
den schwarzen Gepanzerten, der mit langem Schwert einen grauen Mnch um
eine Fichte trieb. Der Mnch umklammerte den Stamm mit beiden Hnden und
schwenkte sich, die Streiche meidend, blitzschnell im Kreise. Er kreischte:
Gnade! Gnade! Herr, befreit mich von dem Mrder! Seht Ihr nicht, da es
der Teufel selbst ist? Lukas strzte wtend auf den Gepanzerten los, der
einen frommen Mann bedrohte. Er rief: Du warst es also doch, der mir den
Dieb verjagte! Du hast mich gehindert, mit meinen Hnden das Lamm zu
retten! Und er stie ihm seine Waffe ins Gesicht.

Rasselnd sank jener auf den braunen Nadeln zusammen; der Mnch lachte wie
eine Ziege. Lukas blickte hin: er war fort, ein scharfer Geruch war brig
geblieben.

Lukas murmelte voll Scham: Stehe auf, ich bitte dich! Der Gepanzerte
sttzte sich auf ein Knie, er hob seine Hakennase gegen den Mond; aus
seiner linken Augenhhle, die ausgeleert klaffte, flo das Blut breit ber
seine weie Wange.

Du bist mde, sagte Lukas, und fhrte ihm sein Pferd zu. Der andere
erwiderte: Es ist fr dich. Du hast gesiegt, ich gehre dir. Und er
ntigte Lukas, auf seine eiserne Hand zu steigen, um den hohen Pferdercken
zu erreichen.

Sie legten einen langen Weg zurck, und Lukas hrte nichts als das Klirren
des Eisernen, der vor seinem Tiere herging, er sah nichts als ein
dunkelrotes Band, so oft jener den Kopf wandte.

Da bekam die Strae einen Saum von blhenden Bschen, die der Nachtwind
bewegte. Hoffnungen, noch verschlafene Vgel, begannen aus der Dunkelheit
herzuflattern. Hinter halb geffneten Gartentoren bat ein weier,
steinerner Busen: Bleibe! Doch drben, wo im zweifelhaften Mondlicht der
Pfad hinter dem Berge verschwand, eilte es fiebernd vorbei: ein Zug von
Abenteuern, die zu bestehen waren, von Schnheit, die erlst zu werden, von
Gre, die erkmpft zu werden begehrte.

Im Morgentau, als der Tag seine ersten Rosen auf die grauen Wege warf,
hielten sie hoch ber Orangenhainen, aus deren Mitte die spitzen Trmchen
eines Schlosses in den Himmel hineinstachen. Die Stadt stieg mit trumenden
Husern auf Felsterrassen zum Meer hinab. Es lag hinter einem Zaun von
Zypressen in leerem Nebelblau. Weit hinten am Vorgebirge verwehte es wie
ein Flug grauer Wandervgel; ein einzelnes Segel, das von der Kste
fortflchtete, ward von den andern eingeschlossen, und alle zusammen
drngten sich um die Bergecke.

Lukas verstand nicht, wovon pltzlich seine Fe leichter wurden, wovon
sein Atem hher ging. Es klirrte neben ihm; das einzige Auge des
Gepanzerten war auf ihn gerichtet:

Dianora, die Tochter des Grafen von Melfi, ist heute nacht vom Sultan der
Berberei geraubt worden, und noch wei niemand es. Der Ruf ihrer Schnheit
hat ihm nicht eher Ruhe gelassen, als bis er sie auf seinem Schiffe hatte.
Nun ist sie schon weit.

Ich hole sie zurck! rief Lukas und stieg den Pfad nach Melfi hinunter.
Aber sein Genosse war ihm lngst voraus.

Drunten standen alle Felsstufen voll bunten Volkes, das die ohnmchtigen
Arme nach dem verdeten Meere ausstreckte und schallend jammerte: Sie ist
fort, wie sollen wir noch leben? Alle Gesichter waren bleich vor Schmerz,
in alle Tren war das Unglck getreten.

Ich hole sie zurck! rief Lukas, und sogleich verfolgten ihn jubelnde
Scharen, die auf seine Tat warteten. Das Schlotor ging auf, der Gepanzerte
kam heraus und neben ihm der Graf von Melfi, der Lukas die Hand kte: Ihr
holt sie zurck, Herr! So holt Ihr sie Euch selbst zurck, sie ist Euer!

Ein kleines Schiff ward ihnen ins Wasser gezogen. Der Gepanzerte stellte
sich an den Mastbaum, Lukas sa am Steuer. Keine Stimme vom Lande holte sie
mehr ein, sie jagten schneller als Gedanken den Berbersegeln nach. Jene
tauchten schon aus dem blauen Dunst, sie waren schon so gro wie
Reiherflgel. Lukas sann: Der Ruber ist noch nicht daheim, er hlt seine
Beute auf schwachem Boden, sie kann ihm entfallen.

Der Harnisch des Gepanzerten rasselte. Sie waren ganz nahe und schauten zu,
wie alle Schiffe der Heiden zerschellten. Die Bretter fielen klatschend ins
Wasser, die Masten sanken um.

Lukas beugte sich hinber: Dianora schwamm unter seinen Hnden, doch die
zitterten. Der Gepanzerte war es, der das Weib ins Schiff hob. Aus Scham
und um etwas auszurichten, schlug Lukas dem Sultan und den beiden Mohren,
die ihm zunchst im Wasser trieben, die Kpfe ab. Er steckte einen ans
Steuer, den andern auf den Schnabel, und den des Sultans oben auf den Mast.
Darunter lag auf Kissen Dianora; Lukas sah sie an und empfand pltzlich
eine Pein und war versucht in Trnen auszubrechen: so schn war sie.

Ihr Gesicht glnzte mattwei und still, wie ein vom Schatten zugedecktes
Kleinod. So oft sie es wandte, spiegelte ein rosiger oder ein blablauer
Schein darber hin. Aus den Augen tauchte ein violettes Licht. Es waren
zwei Amethyste in einem Opal, und um das khle Rund des Steins legte sich,
schwer von Trauer und Gedanken, der Ebenholzkranz ihres Haars.

Zur Heimfahrt wollte kein Wind wehen. Sie landeten an einer steilen Insel,
wo alte Greifen ein graues, vergittertes Schlo bewachten. Dianora lehnte
sich an eine Stufe der zersprungenen Treppe, ganz unten, und ihr weies
Kleid flatterte ber dem blauen Abgrund. Aber der Gepanzerte stand bei ihr,
die eiserne Hand neben ihrer schwachen Schulter.

Lukas sprach zu ihr aus banger Entfernung:

Ich habe dich aus dem Meer und aus den Hnden der Heiden gezogen: willst
du nicht mein sein?

Sie antwortete:

Das Meer hat mich genommen, und der Sultan nahm mich: Ich danke dir
nicht.

Er sah entsetzt zu dem blutigen Kopf hinauf, auf dem ein goldener Turban
schwankte. Auch Dianora blickte hin.

Hast du ihn geliebt? murmelte er.

Nein. Er war nicht mchtig genug, da ja seine Schiffe zerbrachen.

Und ich, der ich ihn berwunden habe? Bin ich mchtig genug?

Du fragst? Dann bist du nicht mchtig genug.

Der Gepanzerte mute sie wieder ins Schiff tragen. Lukas trachtete
schweigend: Ich will mchtiger werden, und inzwischen lieen sie die
Meere hinter sich. Sie stiegen an einer Kste aus, wo weie Straen
zwischen steinigen ckern in ein Land voller Ungewiheiten fhrten.

Vier Knechte trugen Dianoras Snfte, voran schritt der Gepanzerte und Lukas
hinterher. Zwei des Wegs ziehende schlossen sich an, ein Gebrunter im
roten Mantel und ein blasser, dnnbrtiger Gauch mit schwarzem
Schnrkittel. Ich habe schon einen Mhlstein um den Hals gehabt, sagte
er. Der andere sagte: Ich lag im Block, mit Feuer an den Fen.

Sie gingen weiter und es wurden ihrer immer mehr, die mitgingen: Mnner mit
noch blutrnstigen Wunden und andere mit Pestgeschwren hoch am entblten,
fleischlosen Schenkel. Sie brachten Gebreste, Lste und Todesverachtung aus
glhenden Lndern mit. Ihre Augen funkelten, ihre Sinne wurden von Gier
verbrannt.

Unterwegs plnderten sie die Drfer, verkndeten die Herrschaft des neuen
Gebieters und nahmen sich das Vieh und die Weiber. Einmal blieben alle
stehen. Fern, in der Hhe, thronte auf weien Felsen die Stadt: des Reiches
leuchtende Hauptstadt, die Hauptstadt des Kaiserreiches Trapezunt. Es
hingen goldene Paniere von den Mauern und Rosengewinde zogen darauf hin.

Die Abenteurer sthnten und fluchten.

Sie traten in eine Schlucht von schwarzen Felsen, so eng und hoch, da sie
darber am Mittag die Sterne erblickten. Auf den Bergkmmen standen die
Verteidiger, sie rissen Blcke los und warfen sie hinab. Aber der Fels zog
sie an: sie hafteten, keiner fiel, und die Krieger strzten in Verzweiflung
und Grauen sich selbst in die Tiefe.

Als sie das schmale Tal verlieen, sahen sie wieder die Stadt, doch waren
Fahnen und Krnze fort. Es rannte wirr auf den Mauern umher, ein Zittern
von tausend angstvollen Atemzgen stieg zum Himmel. Die Abenteurer nickten
sich zu und kicherten.

Nun kam ein Wald, davor hatte das Heer des Reiches sich aufgestellt. Es sah
dem Gepanzerten in das einzige Auge und senkte die Waffen, um still
mitzugehen auf dem Schicksalsgange des Siegers.

Zum dritten Male lag vor ihnen die Stadt. Sie war verstummt, schwarze
Tcher schlotterten von allen Dchern. Das Entsetzen breitete die hagern
Arme nach dem berwinder aus, bereit in sein Schwert zu fallen. Die
Abenteurer keuchten vor Lust.

Sie rannten die Mauern ein, Lukas ffnete die Snfte und tief: Das ist
eure Herrin!

Ein paar Stimmen antworteten: Wir haben einen Kaiser. Er ist ein Kind und
hat keine Eltern, und wir lieben ihn.

Lukas winkte, und die Abenteurer begannen ein Gemetzel. Als sie aufhrten,
hatte die neue Herrin manchen Mnnern Achtung und Liebe eingeflt. Aber
aus den Husern der winkligen Gassen schtteten die Weiber, mit Todesrufen
auf die Mrder, siedendes l herab. Man nahm ihnen die Kinder weg, auch der
junge Kaiser ward seinen Beschtzern entrissen, und alle starben, wie Lukas
es befahl.

Da ward Dianora, der schon so viel geopfert war, dem Volk zu einer
Heiligen. Sie zerfleischten sich an ihrem Wege und kten den Kot von ihrer
Snfte.

Lukas erbaute ihr auf dem Sulenplatz vor dem Palast einen schmalen Thron
aus wachsgelbem Marmor. Daran lehnte sie sich, im goldenen Ornat, mit
purpurnen Schuhen, und das blutige Licht eines ungeheuren Rubins flo ber
ihre unbewegte Stirn. Um sie her war ein metallener Glanz bestickter
Gewnder und silberner Rstungen, ein Funkeln und Glitzern von Geschmeide,
ein Leuchten von Kronen die voll Gemmen prangten, von emaillierten Schalen,
goldenen Thronen und Purpurteppichen, berst mit Edelgestein.

Mit dem Flgelrauschen eines Riesenvogels brach die Menge ins Knie.
Zehntausend lallten und brllten ihre Anbetung. Besessene, die unablssig
tanzten, warfen den Kopf mit weien Augen zurck und verkndeten ihre
Heilung. Posaunen und kupferne Pauken rasselten und schmetterten.

Der Weg zum Thron war mit Lorbeer bestreut; Lukas beschritt ihn allein. Er
erstieg die Stufen und blieb stehen, weil er Dianoras Atem auf seiner
Schlfe fhlte.

Jetzt bist du Kaiserin, sagte er und wartete.

Sie sah ihn an: er trug auf den Wangen die Fahlheit aller begangenen
Verbrechen, seine Lippen bluteten. Sie sagte:

Du bist nicht mchtig genug.

Da kehrte er um und verschlo sich im Palast.

Er wanderte rastlos, Tag fr Tag durch goldene Sle voll gewirkter Decken,
zwischen blauen, goldgederten Sulen; silberne Bltterranken hingen von
einer zur andern. Silberne Brunnen dufteten wie die Wunden heiliger Frauen.
Lukas aber erschrak ttlich, wenn drauen in den Gartenwegen die goldenen
Kiesel knirschten unter den Tritten der Sklaven, die Dianoras Snfte
trugen. Sie sang zur Laute; ihre Stimme schwankte, sanft und schwermtig,
ber den Schwingungen der Saiten hin, wie ein Schmetterling ber einem
wogenden Blumenanger. Und droben, im spitzen Porphyrrahmen seines Fensters,
lag Lukas, die Faust an der Stirn.

Er schlich ihr nach, wenn sie badete, in der Abendkhle, bei der
warmatmenden Aloe von Mandal, unter Zedern und vergoldeten Palmen. In der
Mitte des scharlachnen Brunnens schlug ein Schwan mit silbernen Flgeln.
Sie stand am Rande, nackt, mit lssigen Armen, und einen breiten Grtel aus
getriebenem Gold um die Hften. Von ihren Brsten tropfte das Wasser, ihr
Fleisch erbebte im Schmeicheln der Abendluft. Rosiger Sonnenstaub umspielte
sie; manchmal flog mit schrillem, seltsamem Schrei ein groes gold- und
silberblau schillerndes Tier schwerfllig ber sie hin.

Lukas' gekrampfte Finger zerknickten die Bsche, die ihn verbargen. Ich
bin mchtig genug, sthnte er, ich will sie nehmen.

Am Abend ging er nach ihrer Kammer. Der Vorhang war zurckgeschlagen, er
erblickte sie: Ihre weien Glieder hingen an der schwarzen Eisenbrust des
Gepanzerten.

Lukas fllte darauf seine Sle mit Weibern und seinen Sinn und alle seine
Gedanken mit dem Wogen groer Brste, mit den Schlangenwindungen
fleischiger Hften, mit einem Knul mchtiger Glieder und dem verzehrenden
Lcheln breiter, blasser Gesichter.

Er ersann Martern und teilte sie rings unter die Sklaven aus; seine
vorgeschobene Unterlippe zitterte, seine Hnde umkrampften die Lehnenknufe
seines Thrones. Dann stahl er sich in die Kerker und flehte die Elenden an,
ihm zu vergeben und seine Freunde zu sein.

Auf seinen weien Terrassen, auf die blau und feierlich ein unerbittlicher
Himmel drckte, brach er in Hilferufe aus: Gnade! Hr' auf! Niemand
vernahm es als seine stummen schwarzen Eunuchen. Nichts bewegte sich als
ihre rollenden Emailaugen, und Lukas strzte, die Arme weit geffnet, zu
Boden, so da das Juwelenband seines Hauptes auf den Marmorfliesen
zersprang.

Eines Nachts tastete er sich durch finstere Gnge. Die Mordgedanken, die er
hegte, glhten vor ihm her und zeigten ihm den Weg. Er kratzte an Dianoras
Pforte, sie ging klagend auf, und er sah, da es schon geschehen war: Ihr
Kopf hing mit schwerem Haar ber den Rand ihres Lagers, ihr Hals trug den
dunkel unterlaufenen Abdruck einer eisernen Faust.

Er floh und lebte als schweifendes Tier. Er heulte ihren Namen dem
Sturmwind entgegen, er fluchte ihn zum Himmel hinauf, er brllte ihn den
Ungeheuern in die Erdhhlen hinein. Er tobte, bis sein Leib von Stahl und
seine Seele erschpft war. Allmhlich sah er sie blo noch als schwaches
Traumbild an der Oberflche seines Schlummers vorberwandeln. Und endlich
fhlte er, wenn er an sie dachte, nur mehr in dmmeriger Ferne ein paar
Augen hinter sich, wie die einer sanften Geopferten, die uns von ihrer
Schattenwand in stiller Kapelle immer nachschaut auf unsern Gngen durch
die lauten Straen der Welt.

Seine Miene zeigte weder Hoffnung noch Reue; aber er schlief nie anders als
hinter verschlossenen Tren, denn er frchtete, sein Schlaf mchte etwas zu
verraten haben. Er war ein Abenteurer, dem nichts neu dnkte, ein Sieger
ohne Hochmut und ein Genieer mit kalten Lippen.

An einem grauen Abend schritt er ber ein weites Feld. Es flog darber hin
wie die Schatten von Dingen, die man nicht sah. In der Hhe bewegten sich
schwer geballte Wolken. Er erstieg einen Hgel: schiefe, zerrissene Dcher
erschienen ihm. Er war schon im Schatten der traurigen Burg, er stand schon
unter dem Tor. Die drei Greisinnen im feuchten Saal bliesen wimmernd ihren
kalten Atem in die kalte Luft. Sie sagten: Lukas ist heimgekehrt, und
sogleich begann des Alten hohle Stimme, die lngst von den Zeiten
verschlungen schien.

Nun hast du die Welt durchkmpft, sie hat hinter dir auf den Knien
gelegen, und du bist zu uns heimgekehrt, wie jeder zu uns heimkehrt. Was
hast du nun weiter getan als einen Gang vors Tor?

Da Lukas schwieg, sprach der Alte weiter.

Du hast Gott aus der Gefangenschaft seiner Feinde erlst, du hast Satan
gezwungen, um Gnade zu flehen! Du hast Reiche erobert und das Weib zu
deiner Kaiserin gemacht! Am Ziel hast du, nchtern und ohne Stolz,
erfahren, da alles grer und schner war, als du noch trumtest. Das
Beste ist geschehen, bevor du die Augen ffnetest; dein Traum hat es
vorweggenommen. Er ist dir vorangeeilt und hat das Schwert gefhrt, das du
nicht tragen konntest. Du bist ihm nachgeschlichen mit leeren Hnden.

Lukas senkte die Stirn und erhob sie wieder.

Das alles ist wahr, sagte er. So war mein Leben. Aber wenn ich weiter
nichts getan habe als einen Gang vors Tor, so will ich jetzt dennoch nicht
bei euch Alten sitzen bleiben, die ihr so weise seid. Lieber tue ich einen
zweiten Gang vors Tor und beginne alles, was ich versucht habe, noch
einmal, und lasse es mich nicht gereuen, wenn mir der Tod auf einer
Landstrae begegnet. Dann will ich mich auch mit ihm messen; vielleicht
fhlt er meine Streiche, vielleicht ich seine. Ich decke ihn mit meiner
roten Fahne zu, oder er mich mit seiner schwarzen.

Darauf wandte er sich und schritt den Hgel wieder hinab, und ber Felder
und Steige. Junge Mdchen, ber herbstliche Beete geneigt in den Grten am
Wege, bewarfen den Vorbergehenden mit Astern. Eine groe rote Blume
haftete auf seinem grauen Haar; es flatterte lang im Winde.





End of the Project Gutenberg EBook of Flten und Dolche, by Heinrich Mann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLTEN UND DOLCHE ***

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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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