The Project Gutenberg EBook of Wunderbare Reise des kleinen Nils
Holgersson mit den Wildgnsen, by Selma Lagerlf

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Title: Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgnsen
       Ein Kinderbuch

Author: Selma Lagerlf

Illustrator: Wilhelm Schulz

Translator: Pauline Klaiber

Release Date: January 29, 2010 [EBook #31114]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NILS HOLGERSSON ***




Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
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  Selma Lagerlf

  Wunderbare Reise
  des kleinen Nils Holgersson
  mit den Wildgnsen

  Ein Kinderbuch

  Einzige berechtigte bersetzung aus dem Schwedischen
  von
  Pauline Klaiber

  Ausgabe in einem Bande

  Zehntes bis fnfzehntes Tausend

  Mit 95 Textillustrationen und 8 farbigen Vollbildern
  von
  Wilhelm Schulz

  sowie einer bersichtskarte von Schweden

  Albert Langen, Mnchen 1920

  Druck von Hesse & Becker in Leipzig
  Einbnde von E. A. Enders in Leipzig




Inhalt


                                                 Seite

   1 Der Junge                                      1
   2 Akka von Kebnekajse                           15
   3 Das Leben der Wildvgel                       29
   4 Haus Glimminge                                39
   5 Der groe Kranichtanz auf dem Kullaberg       50
   6 Im Regenwetter                                58
   7 Die Treppe mit den drei Stufen                63
   8 Am Ronnebyflu                                67
   9 Karlskrona                                    75
  10 Die Reise nach land                          83
  11 Die Sdspitze von land                       87
  12 Der groe Schmetterling                       94
  13 Die Kleine Karlsinsel                         98
  14 Zwei Stdte                                  109
  15 Die Sage von Smland                         119
  16 Die Krhen                                   124
  17 Die alte Bauernfrau                          139
  18 Von Taberg nach Huskvarna                    148
  19 Der groe Vogelsee                           152
  20 Die Wahrsagung                               166
  21 Der Rock aus Drillich und Samt               171
  22 Die Geschichte von Karr und Graufell         175
  23 Der schne Garten                            204
  24 In Nrke                                     216
  25 Der Eisgang                                  231
  26 Die Teilung                                  235
  27 Im Bergwerkdistrikt                          239
  28 Der Eisenhammer                              244
  29 Der Dallf                                   256
  30 Der Bruderteil                               264
  31 Walpurgisnacht                               278
  32 Vor den Kirchen                              286
  33 Die berschwemmung                           289
  34 Die Sage von Uppland                         299
  35 In Uppsala                                   304
  36 Daunenfein                                   317
  37 Stockholm                                    327
  38 Der Adler Gorgo                              338
  39 ber Gstrikland hin                         348
  40 Ein Tag in Hlsingeland                      355
  41 In Medelpad                                  367
  42 Ein Morgen in ngermanland                   373
  43 Vsterbotten und Lappland                    382
  44 Das Gnsemdchen sa und Klein-Mats          396
  45 Bei den Lappen                               410
  46 Gen Sden! Gen Sden!                        421
  47 Die Sage vom Hrjedal                        436
  48 Wrmland und Dalsland                        445
  49 Ein kleiner Herrenhof                        451
  50 Das Gold auf der Schre                      460
  51 Silber im Meer                               467
  52 Ein groer Herrenhof                         473
  53 Die Reise nach Vemmenhg                     489
  54 Bei Holger Nilssons                          493
  55 Der Abschied von den Wildgnsen              502




[Illustration]




1

Der Junge

Das Wichtelmnnchen


                                                  Sonntag, 20. Mrz

Es war einmal ein Junge. Er war ungefhr vierzehn Jahre alt, gro und gut
gewachsen und flachshaarig. Viel nutz war er nicht, am liebsten schlief
oder a er, und sein grtes Vergngen war, irgend etwas anzustellen.

Es war an einem Sonntagmorgen, und die Eltern machten sich fertig, in die
Kirche zu gehen. Der Junge sa in Hemdrmeln auf dem Tischrande und dachte,
wie gnstig das sei, da Vater und Mutter fortgingen und er ein paar
Stunden lang tun knne, was ihm beliebe. Jetzt kann ich Vaters Flinte
herunternehmen und schieen, ohne da es mir jemand verbietet, sagte er zu
sich.

Aber es war fast, als habe der Vater die Gedanken seines Sohnes erraten,
denn als er schon auf der Schwelle stand, um hinauszugehen, hielt er inne
und wendete sich zu ihm. Da du nicht mit Mutter und mir in die Kirche
gehen willst, sagte er, so sollst du wenigstens daheim die Predigt lesen.
Willst du mir das versprechen?

Ja, antwortete der Junge, das kann ich schon. Aber er dachte natrlich,
er werde gewi nicht mehr lesen, als ihm behagte.

Dem Jungen kam es vor, als ob seine Mutter sich noch nie so rasch bewegt
htte. In einem Nu war sie am Bcherbrett, nahm Luthers Postille herunter,
schlug die Predigt vom Tage auf und legte das Buch auf den Tisch am
Fenster. Sie schlug auch das Evangelienbuch auf und legte es neben die
Postille. Schlielich rckte sie noch den groen Lehnstuhl an den Tisch,
der im vorigen Jahr auf der Auktion im Pfarrhause zu Vemmenhg gekauft
worden war und in dem sonst auer Vater niemand sitzen durfte.

Der Junge dachte, die Mutter mache sich wirklich zu viel Mhe mit diesen
Vorbereitungen, denn er hatte im Sinne, nicht mehr als eine oder zwei
Seiten zu lesen. Aber zum zweiten Male war es, als ob der Vater ihm mitten
ins Herz sehen knnte, denn er trat zu ihm und sagte in strengem Ton: Gib
wohl acht, da du ordentlich liest! Wenn wir zurckkommen, werde ich dich
ber jede Seite ausfragen, und wenn du etwas bergangen hast, geht es dir
schlecht.

Die Predigt hat vierzehn und eine halbe Seite, sagte die Mutter, als
wollte sie das Ma feststellen. Du mut dich gleich daran machen, wenn du
fertig werden willst.

Damit gingen sie endlich, und als der Junge unter der Tr stand und ihnen
nachsah, war ihm, als sei er in einer Falle gefangen worden. Jetzt
wnschen sie sich Glck, da sie es so gut eingerichtet haben, und da ich,
so lange sie weg sind, ber der Predigt sitzen mu, dachte er.

Aber der Vater und die Mutter wnschten sich sicherlich nicht Glck,
sondern sie waren ganz betrbt. Sie waren arme Ktnerleute, und ihr Gtchen
war nicht grer als ein Garten. Als sie hierhergezogen waren, hatten sie
nicht mehr als ein Schwein und ein paar Hhner fttern knnen; aber sie
waren auerordentlich strebsame und tchtige Leute, und jetzt hatten sie
auch Khe und Gnse. Sie waren ungeheuer vorwrts gekommen und wren an dem
schnen Morgen ganz froh und zufrieden in die Kirche gewandert, wenn sie
nicht immer an ihren Jungen htten denken mssen. Der Vater klagte, da er
so trg und faul sei, in der Schule habe er nicht lernen wollen, und er sei
ein solcher Taugenichts, da man ihn mit knapper Not zum Gnsehten
gebrauchen knne. Die Mutter konnte nichts dagegen sagen, aber sie war
hauptschlich betrbt, weil er so wild und bse war, hartherzig gegen die
Tiere und boshaft gegen die Menschen.

Ach, wenn Gott ihm doch die Bosheit austreiben und ihm ein andres Herz
geben wrde! seufzte die Mutter. Er bringt schlielich noch sich selbst
und uns ins Unglck.

Der Junge berlegte lange, ob er die Predigt lesen solle oder nicht. Aber
schlielich hielt er es doch frs beste, diesmal folgsam zu sein. Er setzte
sich also in den Pfarrhauslehnstuhl und begann zu lesen. Aber als er eine
Weile die Wrter halblaut vor sich hingeplappert hatte, war es, als
schlfre ihn das Gemurmel ein, und er fhlte, da er einnickte.

Drauen war das herrlichste Frhlingswetter. Es war zwar erst der
zwanzigste Mrz, aber der Junge wohnte weit drunten im sdlichen Schonen,
im Dorfe Westvemmenhg, und da war der Frhling schon in vollem Gange. Die
Bume waren zwar noch nicht grn, aber berall sproten frische Knospen
hervor. Alle Grben standen voll Wasser, der Huflattich blhte am
Grabenrande, und das Gestruch, das auf dem Steinmuerchen wuchs, war braun
und glnzend geworden. Der Buchenwald in der Ferne dehnte sich gleichsam
und wurde zusehends dichter, und ber der Erde wlbte sich ein hoher,
blauer Himmel. Die Haustr war angelehnt, man konnte das Trillern der
Lerchen im Zimmer hren. Die Hhner und die Gnse spazierten auf dem Hofe
umher, und die Khe, die die Frhlingsluft bis in den Stall hinein sprten,
brllten hin und wieder: Muh, muh!

Der Junge las und nickte und kmpfte mit dem Schlafe. Nein, ich will nicht
schlafen, dachte er, sonst werde ich den ganzen Vormittag mit der Predigt
nicht fertig.

Aber was auch der Grund sein mochte,-- er schlief dennoch ein.

Er wute nicht, ob er kurz oder lang geschlafen hatte, aber er erwachte
von einem leichten Gerusch, das hinter seinem Rcken hrbar wurde. Auf dem
Fensterbrett, gerade vor ihm, stand ein kleiner Spiegel, in dem man fast
die ganze Stube berschauen konnte. In dem Augenblick nun, wo der Junge den
Kopf aufrichtete, fiel sein Blick in den Spiegel, und da sah er, da der
Deckel von Mutters Truhe aufgeschlagen war.

Mutter besa eine groe, schwere eichene Truhe mit eisernen Beschlgen, die
auer ihr niemand ffnen durfte. Darin verwahrte sie alles, was sie von
ihrer Mutter geerbt hatte und was ihr besonders ans Herz gewachsen war. Da
drinnen lagen einige altmodische Bauerntrachten aus rotem Tuch mit kurzen
Leibchen und gefltelten Rcken und perlenbestickten Bruststcken. Auch
weie gestrkte Kopftcher und schwere silberne Schnallen und Ketten waren
darin. Die Leute wollten solche Sachen jetzt nicht mehr tragen, und Mutter
hatte schon wiederholt daran gedacht, sie zu verkaufen, hatte das aber doch
nie bers Herz gebracht.

Jetzt sah der Junge im Spiegel ganz deutlich, da der Deckel der Truhe
offen stand. Er konnte nicht begreifen, wie das zugegangen war, denn Mutter
hatte, bevor sie fortging, den Deckel zugemacht. Das wre Mutter nicht
passiert, da sie die Truhe offen gelassen htte, wenn er allein zu Hause
blieb.

Es wurde ihm ganz unheimlich zumute. Er frchtete, ein Dieb knnte sich
hereingeschlichen haben, und wagte nicht, sich zu rhren, sondern sa ganz
still und starrte in den Spiegel hinein.

Whrend er so dasa und wartete, da der Dieb sich zeige, begann er sich zu
fragen, was das wohl fr ein schwarzer Schatten sei, der auf den Rand der
Truhe fiel. Er sah und sah und wollte seinen Augen nicht trauen. Aber was
dort im Anfang einem Schatten geglichen hatte, wurde immer deutlicher, und
bald merkte er, da es etwas Wirkliches war; und es war in der Tat nichts
andres als ein Wichtelmnnchen, das rittlings auf dem Rande der Truhe sa.

Der Junge hatte wohl schon von Wichtelmnnchen reden hren, aber er hatte
sich nie gedacht, da sie so klein sein knnten. Das Wichtelmnnchen, das
dort auf dem Rande sa, war ja nur eine Spanne lang. Es hatte ein altes,
runzliges, bartloses Gesicht und trug einen schwarzen Rock mit langen
Schen, Kniehosen und einen breitrandigen schwarzen Hut. Es sah sehr
zierlich und fein aus, mit weien Spitzen um den Hals und um die
Handgelenke, Schnallen an den Schuhen und die Strumpfbnder in eine
Schleife gebunden. Jetzt eben hatte es einen gestickten Brustlatz aus der
Truhe herausgenommen und betrachtete die alte Arbeit mit solcher Andacht,
da es das Erwachen des Jungen gar nicht bemerkt hatte.

Der Junge war uerst verdutzt, als er das Wichtelmnnchen sah; aber
eigentlich Angst hatte er nicht vor ihm. Vor einem so kleinen Geschpf
konnte man sich unmglich frchten. Und da das Wichtelmnnchen von seinem
eignen Tun so hingenommen war, da es weder hrte noch sah, bekam der Junge
sogleich groe Lust, ihm einen Streich zu spielen, es in die Truhe
hineinzustoen und den Deckel zuzuschlagen, oder etwas hnliches.

Aber das Wichtelmnnchen mit den Hnden anzurhren, das getraute sich der
Junge doch nicht; und deshalb sah er sich nach etwas im Zimmer um, womit er
ihm einen Sto versetzen knnte. Er lie die Blicke vom Kanapee nach dem
Klapptisch und vom Klapptisch nach dem Herd wandern. Er musterte die
Kochtpfe und die Kaffeekanne, die auf einem Brett neben dem Herde standen,
den Wasserkrug neben der Tr, und die Lffel, die Messer und Gabeln und die
Schsseln und Teller, die durch die halbgeffnete Schranktr sichtbar
waren. Er sah hinauf zu Vaters Flinte, die neben dem dnischen Knigspaar
an der Wand hing, und nach den Pelargonien und Fuchsien, die auf dem
Fensterbrett blhten. Ganz zuletzt fiel sein Blick auf ein altes
Fliegennetz, das am Fensterkreuz hing.

Kaum hatte er das Fliegennetz erblickt, als er es auch schon zu sich
heranzog und das Netz nach dem Truhenrande schwang. Und er war ganz
berrascht ber sein Glck. Er wute beinahe selbst nicht, wie es
zugegangen war,-- aber er hatte das Wichtelmnnchen wirklich gefangen. Der
arme Kerl lag, den Kopf nach unten, in dem langen Netze und konnte sich
nicht mehr heraushelfen.

Im ersten Augenblick wute der Junge gar nicht, was er mit seinem Fang tun
solle. Er schwang nur immer das Netz sorglich hin und her, damit das
Wichtelmnnchen keine Zeit bekomme, herauszuklettern.

Jetzt begann das Wichtelmnnchen zu sprechen; es bat und flehte um seine
Freiheit und sagte, es habe der Familie seit vielen Jahren viel Gutes getan
und wre wirklich einer besseren Behandlung wert. Wenn der Junge es
loslasse, wolle es ihm einen alten Speziestaler geben sowie eine silberne
Kette und eine Goldmnze, die so gro sei wie der Deckel an der silbernen
Uhr seines Vaters.

Dem Jungen kam zwar das Lsegeld nicht gerade gro vor; aber seit er das
Wichtelmnnchen in seiner Gewalt hatte, frchtete er sich gewissermaen vor
ihm. Er fhlte, da er sich in etwas eingelassen hatte, was fremd und
unheimlich war und nicht in diese Welt gehrte; deshalb war er nur sehr
froh, es loszuwerden.

Er ging also schnell auf das Angebot ein und hielt das Netz still, damit
das Wichtelmnnchen herauskriechen knne. Als dieses aber beinahe aus dem
Netz heraus war, fiel dem Jungen ein, da er sich grere Dinge und alles
mgliche Gute htte ausbedingen knnen. Jedenfalls htte er die Bedingung
stellen knnen, da ihm das Wichtelmnnchen die Predigt in den Kopf zaubern
msse. Wie dumm von mir, da ich es freilie, dachte er und begann das
Netz aufs neue hin und her zu schwingen, damit das Wichtelmnnchen wieder
hineinpurzle.

Aber kaum hatte der Junge das getan, da bekam er eine frchterliche
Ohrfeige, da ihm war, als zerspringe ihm der Kopf in tausend Stcke. Er
flog zuerst an die eine Wand und dann an die andre, schlielich fiel er auf
den Boden und blieb da bewutlos liegen.

Als er wieder erwachte, war er noch in der Htte. Von dem Wichtelmnnchen
war keine Spur mehr zu sehen. Der Truhendeckel war geschlossen, und das
Fliegennetz hing an seinem gewhnlichen Platz am Fenster. Wenn dem Jungen
nicht die rechte Wange von der Ohrfeige so sehr gebrannt htte, htte er
sich versucht gefhlt, alles fr einen Traum zu halten. Was aber auch
geschehen sein mag, jedenfalls werden Vater und Mutter behaupten, da es
nichts gewesen sei als ein Traum, dachte er. Sie werden mir wegen des
Wichtelmnnchens sicher nichts von der Predigt abziehen, und es wird am
besten sein, wenn ich mich jetzt eilig dahinter mache.

Aber als er an den Tisch ging, kam ihm etwas sehr verwunderlich vor. Das
Zimmer konnte doch unmglich grer geworden sein. Woher kam es denn aber,
da er jetzt so viel mehr Schritte machen mute als sonst, wenn er an den
Tisch ging? Und was war denn mit dem Stuhl? Er sah zwar nicht gerade aus,
als sei er grer als vorher, aber der Junge mute zuerst auf die Leiste
zwischen den Stuhlbeinen steigen und dann vollends auf den Sitz
hinaufklettern. Und gerade so war es auch mit dem Tisch. Er konnte nicht
auf die Tischplatte hinaufsehen, sondern mute auf die Armlehne des Stuhles
steigen.

Was ist denn aber das? sagte der Junge. Ich glaube wahrhaftig, das
Wichtelmnnchen hat den Lehnstuhl und den Tisch und die ganze Stube
verhext.

Die Postille lag auf dem Tische, und anscheinend war sie unverndert. Aber
etwas Verkehrtes mute doch daran sein, denn er konnte kein Wort lesen,
sondern mute erst auf das Buch selbst hinaufsteigen.

Er las ein paar Zeilen, dann aber sah er zufllig auf. Dabei fiel sein
Blick in den Spiegel, und da rief er ganz laut: Ei sieh, da ist ja noch
einer!

Denn im Spiegel sah er ganz deutlich einen winzig kleinen Knirps in einer
Zipfelmtze und Lederhosen.

Der ist genau so angezogen wie ich, sagte der Junge und schlug vor
Verwunderung die Hnde zusammen. Aber da sah er, da der Kleine im Spiegel
dasselbe tat.

Da begann er sich an den Haaren zu ziehen, sich in den Arm zu kneifen und
sich im Kreise zu drehen, und augenblicklich tat der Kleine im Spiegel
dasselbe.

Jetzt lief der Junge ein paarmal um den Spiegel herum, um zu sehen, ob
vielleicht so ein kleiner Kerl hinter dem Spiegel verborgen sei, aber er
fand niemand dahinter, und da begann er vor Schrecken am ganzen Leibe zu
zittern. Denn jetzt begriff er, da das Wichtelmnnchen ihn selbst
verzaubert hatte, und da er selbst der kleine Knirps war, dessen Bild er
im Spiegel sah.


Die Wildgnse

Der Junge wollte durchaus nicht glauben, da er in ein Wichtelmnnchen
verwandelt worden war. Es ist gewi nur ein Traum und eine Einbildung,
dachte er. Wenn ich ein paar Augenblicke warte, werde ich schon wieder ein
Mensch sein. Er stellte sich vor den Spiegel und schlo die Augen. Erst
nach ein paar Minuten ffnete er sie wieder und erwartete nun, da der
Spuk vorbei sei. Aber dies war nicht der Fall, er war noch ebenso klein wie
vorher. Sein weies Flachshaar, die Sommersprossen auf seiner Nase, die
Flicken auf seinen Lederhosen und das Loch im Strumpfe, alles war wie
vorher, nur sehr, sehr verkleinert.

Nein, es half nichts, wenn er auch noch so lange dastand und wartete. Er
mute etwas andres versuchen. O, das beste, was er tun knnte, wre gewi,
das Wichtelmnnchen aufzusuchen und sich mit ihm zu vershnen!

Er sprang auf den Boden hinunter und begann zu suchen. Er lugte hinter die
Sthle und Schrnke, unter das Kanapee und hinter den Herd. Er kroch sogar
in ein paar Mauselcher, aber das Wichtelmnnchen war nicht zu finden.

Whrend er suchte, weinte er und bat und versprach alles nur erdenkliche.
Nie, nie wieder wolle er jemand sein Wort brechen, nie, nie mehr unartig
sein und nie wieder ber einer Predigt einschlafen!

Wenn er nur seine menschliche Gestalt wieder bekme, wrde ganz gewi ein
ausgezeichneter, guter, folgsamer Junge aus ihm. Aber was er auch immer
versprach, es half alles nichts.

Pltzlich fiel ihm ein, da er Mutter einmal hatte sagen hren, das
Wichtelvolk halte sich gern im Kuhstall auf, und schnell beschlo er, auch
dort nachzusehen, ob das Wichtelmnnchen da zu finden sei. Zum Glck stand
die Tr offen; denn er htte das Schlo nicht selbst ffnen knnen, so aber
konnte er ungehindert hinausschlpfen.

Als er in den Flur kam, sah er sich nach seinen Holzschuhen um, denn im
Zimmer ging er natrlich auf Strmpfen. Er berlegte, wie er sich wohl mit
den groen, schwerflligen Holzschuhen abfinden solle, aber in diesem
Augenblick entdeckte er auf der Schwelle ein Paar winzige Schuhe. Als er
sah, da das Wichtelmnnchen so vorsorglich gewesen war, auch seine
Holzschuhe zu verwandeln, wurde er ngstlicher. Dieser Jammer soll
offenbar lange dauern, dachte er.

Auf dem alten eichenen Brett, das vor der Haustr lag, hpfte ein Sperling
hin und her. Kaum erblickte dieser den Jungen, da rief er auch schon: Seht
doch, Nils, der Gnsehirt! Seht den kleinen Dumling! Seht doch Nils
Holgersson Dumling!

Sogleich wendeten sich die Gnse und die Hhner nach dem Jungen um, und es
entstand ein entsetzliches Geschrei: Kikerikiki! krhte der Hahn. Das
geschieht ihm recht! Kikerikiki! Er hat mich am Kamme gezogen!

Ga, ga, ga, gag, das geschieht ihm recht! riefen die Hhner, und sie
fuhren ohne Aufhren damit fort.

Die Gnse sammelten sich in einen Haufen, steckten die Kpfe zusammen und
fragten: Wer hat das getan? Wer hat das getan?

Aber das merkwrdige daran war, da der Junge verstand, was sie sagten. Er
war so verwundert darber, da er auf der Trschwelle stehen blieb und
zuhrte. Das kommt gewi daher, da ich in ein Wichtelmnnchen verwandelt
bin, sagte er, deshalb verstehe ich die Tiersprache.

Es war ihm unausstehlich, da die Hhner mit ihrem ewigen das geschieht
ihm recht gar nicht aufhren wollten. Er warf einen Stein nach ihnen und
rief: Haltet den Schnabel, Lumpenpack!

Aber er hatte eines vergessen. Er war jetzt nicht mehr so gro, da die
Hhner sich vor ihm htten frchten mssen. Die ganze Hhnerschar strzte
auf ihn zu, pflanzte sich um ihn herum auf und schrie: Ga, ga, ga, gag! Es
geschieht dir recht! Ga, ga, ga, gag! Es geschieht dir recht!

Der Junge versuchte ihnen zu entwischen; aber die Hhner sprangen hinter
ihm her und schrien so laut, da ihm beinahe Hren und Sehen verging. Er
wre ihnen auch wohl kaum entgangen, wenn nicht die Hauskatze daher
gekommen wre. Sobald die Hhner die Katze sahen, verstummten sie und
schienen an nichts andres mehr zu denken, als fleiig in der Erde nach
Wrmern zu scharren.

Der Junge lief schnell auf die Katze zu. Liebe Mietze, sagte er, du
kennst doch alle Winkel und Schlupflcher hier auf dem Hofe? Sei lieb und
teile mir mit, wo ich das Wichtelmnnchen finden kann.

Die Katze gab ihm nicht sogleich Antwort. Sie setzte sich nieder, legte den
Schwanz zierlich in einem Ring um die Vorderpfoten und sah den Jungen an.
Es war eine groe, schwarze Katze mit einem weien Fleck auf der Brust. Ihr
Fell war glatt und glnzte im Sonnenschein. Sie hatte die Krallen
eingezogen, ihre Augen waren gleichmig grau mit nur einem kleinen,
schmalen Schlitz in der Mitte. Die Katze sah durch und durch gutmtig aus.

Ich wei allerdings, wo das Wichtelmnnchen wohnt, sagte sie mit
freundlicher Stimme. Aber damit ist nicht gesagt, da ich es dir sagen
werde.

Liebe, liebe Mietze, du mut mir helfen, sagte der Junge. Siehst du
nicht, wie es mich verzaubert hat?

Die Katze ffnete ihre Augen ein klein wenig, so da die grne Bosheit
herausschien. Sie spann und schnurrte vor Vergngen, ehe sie antwortete.
Soll ich dir vielleicht jetzt helfen, weil du mich so oft am Schwanz
gezogen hast? sagte sie schlielich.

Da wurde der Junge bse; er verga ganz, wie klein und ohnmchtig er jetzt
war. Ich kann dich ja noch einmal am Schwanz ziehen, jawohl, sagte er und
sprang auf die Katze los.

In demselben Augenblick aber war diese so verndert, da der Junge sie kaum
noch fr dasselbe Tier halten konnte. Sie hatte den Rcken gekrmmt-- die
Beine waren lnger geworden, sie kratzte sich mit den Krallen im Nacken,
der Schwanz war kurz und dick, die Ohren legten sich zurck, das Maul
fauchte, und die Augen standen weit offen und funkelten in roter Glut.

Der Junge wollte sich von einer Katze nicht erschrecken lassen und trat
noch einen Schritt nher. Aber da machte die Katze einen Satz, ging gerade
auf den Jungen los, warf ihn um und stellte ihm mit weitaufgesperrtem Maul
die Vorderbeine auf die Brust.

Der Junge fhlte, wie ihm ihre Klauen durch die Weste und das Hemd in die
Haut eindrangen und wie die scharfen Eckzhne ihm den Hals kitzelten. Da
begann er aus Leibeskrften um Hilfe zu schreien.

[Illustration]

Aber es kam niemand, und er glaubte schon sicher, seine letzte Stunde htte
geschlagen. Da fhlte er, da die Katze die Krallen einzog und seinen Hals
loslie.

So, sagte sie, jetzt will ich es genug sein lassen. Fr diesmal magst du
meiner guten Hausmutter zuliebe mit der Angst davonkommen. Ich wollte nur,
da du wtest, wer von uns beiden der Strkere ist.

Damit ging die Katze ihrer Wege und sah eben so sanft und fromm aus wie
vorher, als sie gekommen war. Der Junge schmte sich so, da er kein Wort
sagen konnte; er lief deshalb eiligst in den Kuhstall hinein, das
Wichtelmnnchen zu suchen.

Es waren nur drei Khe im Stalle. Aber als der Junge eintrat, begannen sie
alle zu brllen und einen solchen Spektakel zu machen, da man htte meinen
knnen, es seien wenigstens dreiig.

Muh, muh, muh! brllte Majros. Es ist doch gut, da es noch eine
Gerechtigkeit auf der Welt gibt.

Muh, muh, muh! riefen alle drei auf einmal. Der Junge konnte nicht
verstehen, was sie sagten, so wild schrieen sie durcheinander.

Er wollte nach dem Wichtelmnnchen fragen, aber er konnte sich kein Gehr
verschaffen, weil die Khe in vollem Aufruhr waren. Sie betrugen sich genau
so, als wre ein fremder Hund zu ihnen hereingebracht worden, schlugen mit
den Hinterfen aus, rasselten an ihren Halsketten, wendeten die Kpfe
rckwrts und stieen mit den Hrnern.

Komm nur her! sagte Majros. Dann geb' ich dir einen Sto, den du nicht
so bald wieder vergessen wirst.

Komm her! sagte Gull-Lilja. Dann lasse ich dich auf meinen Hrnern
reiten.

Komm nur, komm, dann sollst du erfahren, wie es mir geschmeckt hat, wenn
du mir deinen Holzschuh auf den Rcken warfst, was du immer tatest! sagte
Stern.

Ja, komm nur her, dann werde ich dich fr die Wespen bezahlen, die du mir
ins Ohr gesetzt hast! schrie Gull-Lilja.

Majros war die lteste und klgste von den dreien, und sie war am
zornigsten. Komm nur, sagte sie, da ich dich fr die vielen Male
bezahlen kann, wo du den Melkschemel unter deiner Mutter weggezogen hast,
sowie fr jedes Mal, wo du ihr einen Fu stelltest, wenn sie mit dem
Melkeimer daherkam, und fr alle Trnen, die sie hier ber dich geweint
hat.

Der Junge wollte ihnen sagen, wie sehr er sein schlechtes Betragen bereue
und da er von jetzt an immer artig sein werde, wenn sie ihm nur sagten, wo
das Wichtelmnnchen zu finden wre. Aber die Khe hrten gar nicht auf ihn;
sie brllten so laut, da er Angst bekam, es knne sich schlielich eine
von ihnen losreien, und so hielt er es frs beste, sich aus dem Kuhstalle
davonzuschleichen.

Als der Junge wieder auf den Hof kam, war er ganz mutlos. Er sah ein, da
ihm auf dem ganzen Hofe bei seiner Suche nach dem Wichtelmnnchen niemand
beistehen wollte. Und wahrscheinlich wrde ihm auch das Wichtelmnnchen,
selbst wenn er es fnde, wenig helfen.

Er kroch auf das breite Steinmuerchen, das das ganze Gtchen umgab und das
mit Weidorn und Brombeerranken berwachsen war. Dort lie er sich nieder,
zu berlegen, wie es werden solle, wenn er seine menschliche Gestalt nicht
mehr erlangte. Wenn nun Vater und Mutter von der Kirche heimkmen, wrden
sie sich ba verwundern. Ja, im ganzen Lande wrde man sich verwundern, und
die Leute wrden daherkommen von Ost-Vemmenhg und von Torp und von Skurup,
ja, aus dem ganzen Vemmenhger Bezirk wrden sie zusammenkommen, ihn
anzuschauen. Und wer wei, vielleicht wrden die Eltern ihn sogar
mitnehmen, ihn auf den Mrkten zu zeigen.

Ach, es war zu schrecklich, nur daran zu denken! Da wre es ihm schlielich
noch am liebsten, wenn ihn nur kein Mensch mehr zu sehen bekme!

Ach, wie unglcklich war er doch! Auf der weiten Welt war gewi noch nie
ein Mensch so unglcklich gewesen wie er. Er war kein Mensch mehr, sondern
ein verhexter Zwerg.

Er begann allmhlich zu verstehen, was das heien wollte, kein Mensch mehr
zu sein. Von allem war er nun geschieden; er konnte nicht mehr mit andern
Jungen spielen, konnte niemals das Gtchen von seinen Eltern bernehmen,
und es war ganz und gar ausgeschlossen da sich je ein Mdchen entschlieen
wrde, ihn zu heiraten.

Er betrachtete seine Heimat. Es war ein kleines wei angestrichnes
Bauernhaus, das mit seinem hohen, steilen Strohdach wie in die Erde
hineingedrckt aussah. Die Wirtschaftsgebude waren auch klein und die
ckerchen so winzig, da ein Pferd sich kaum darauf htte umdrehen knnen.
Aber so klein und arm das Ganze auch war, es war doch noch viel zu gut fr
ihn. Er konnte keine bessere Wohnung verlangen als ein Loch unter dem
Scheunenboden.

Es war wunderschnes Wetter, rings um ihn her murmelte und knospte und
zwitscherte es. Aber ihm war das Herz schwer. Nie wieder wrde er sich ber
etwas freuen knnen. Er meinte, den Himmel noch nie so dunkelblau gesehen
zu haben wie an diesem Tage. Zugvgel kamen dahergeflogen. Sie kamen vom
Auslande, waren ber die Ostsee gerade auf Smygehuk zugesteuert und waren
jetzt auf dem Wege nach Norden. Es waren Vgel von den verschiedensten
Arten; aber er kannte nur die Wildgnse, die in zwei langen, keilfrmigen
Reihen flogen.

Schon mehrere Scharen Wildgnse waren so vorbergeflogen. Sie flogen hoch
droben, aber er hrte doch, wie sie riefen: Jetzt gehts auf die hohen
Berge! Jetzt gehts auf die hohen Berge!

Sobald die Wildgnse die zahmen Gnse sahen, die auf dem Hofe umherliefen,
senkten sie sich herab und riefen: Kommt mit, kommt mit! Jetzt gehts auf
die hohen Berge!

Die zahmen Gnse reckten unwillkrlich die Hlse und horchten, antworteten
dann aber verstndig: Es geht uns hier ganz gut! Es geht uns hier ganz
gut!

Es war, wie gesagt, ein beraus schner Tag, und die Luft war so frisch und
leicht, da es ein Vergngen sein mute, darin zu fliegen. Und mit jeder
neuen Schar Wildgnse, die vorberflog, wurden die zahmen Gnse
aufgeregter. Ein paarmal schlugen sie mit den Flgeln, als htten sie groe
Lust, mitzufliegen. Aber jedesmal sagte eine alte Gnsemutter: Seid nicht
verrckt, Kinder, das hiee so viel als hungern und frieren.

Bei einem jungen Gnserich hatten die Zurufe ein wahres Reisefieber
erweckt. Wenn noch eine Schar kommt, fliege ich mit! rief er.

Jetzt kam eine neue Schar und rief wie die andern. Da schrie der junge
Gnserich: Wartet, wartet, ich komme mit! Er breitete seine Flgel aus
und hob sich empor. Aber er war des Fliegens zu ungewohnt und fiel wieder
auf den Boden zurck.

Die Wildgnse muten jedenfalls seinen Ruf gehrt haben. Sie wendeten sich
um und flogen langsam zurck, um zu sehen, ob er mitkme.

Wartet! Wartet! rief er und machte einen neuen Versuch.

All das hrte der Junge auf dem Muerchen. Das wre sehr schade, wenn der
groe Gnserich fortginge, dachte er; Vater und Mutter wrden sich
darber grmen, wenn er bei ihrer Rckkehr nicht mehr da wre.

Whrend er dies dachte, verga er wieder ganz, da er klein und ohnmchtig
war. Er sprang von dem Muerchen hinunter, lief mitten in die Gnseschar
hinein und umschlang den Gnserich mit seinen Armen. Das wirst du schn
bleiben lassen, von hier wegzufliegen, hrst du! rief er.

Aber gerade in diesem Augenblick hatte der Gnserich herausgefunden, wie er
es machen msse, um vom Boden fortzukommen. In seinem Eifer nahm er sich
nicht die Zeit, den Jungen abzuschtteln; dieser mute mit in die Luft
hinauf.

Es ging so schnell aufwrts, da es dem Jungen schwindlig wurde. Ehe er
sich klar machen konnte, da er den Hals des Gnserichs loslassen mte,
war er schon so hoch droben, da er sich totgefallen htte, wenn er jetzt
hinuntergestrzt wre.

Das einzige, was er unternehmen konnte, um in eine etwas bequemere Lage zu
kommen, war ein Versuch, auf den Rcken des Gnserichs zu klettern. Und er
kletterte wirklich hinauf, wenn auch mit groer Mhe. Aber es war gar nicht
leicht, sich auf dem glatten Rcken zwischen den beiden schwingenden
Flgeln festzuhalten. Er mute mit beiden Hnden tief in die Federn und den
Flaum hineingreifen, um nicht hintber zu fallen.


Das gewrfelte Tuch

Dem Jungen war es so wirr im Kopfe, da er lange nichts von sich wute. Die
Luft pfiff und sauste ihm entgegen, die Flgel neben ihm bewegten sich, und
in den Federn brauste es wie ein ganzer Sturm. Dreizehn Gnse flogen um ihn
her, alle schlugen mit den Flgeln und schnatterten. Es schwirrte ihm vor
den Augen, und es sauste ihm in den Ohren; er wute nicht, ob sie hoch oder
niedrig flogen, noch wohin er mitgenommen wurde.

Schlielich kam er doch wieder so weit zu sich, um sich annhernd klar
machen zu knnen, da er doch erfahren msse, wohin die Gnse mit ihm
flogen. Aber dies war nicht so leicht, denn er wute nicht, wo er den Mut
hernehmen sollte, hinunterzusehen. Er war fest berzeugt, da es ihm beim
ersten Versuche ganz schwindlig werden wrde. Seinetwegen flogen sie auch
etwas langsamer als gewhnlich.

Als der Junge schlielich aber doch hinuntersah, meinte er, unter sich ein
groes Tuch ausgebreitet zu sehen, das in eine unglaubliche Menge groer
und kleiner Vierecke eingeteilt war.

Wohin bin ich denn gekommen? fragte er sich.

Er sah nichts weiter als Viereck an Viereck. Die einen waren berzwerch,
die andern lnglich, aber berall waren Ecken und gerade Rnder. Nichts war
rund, nichts gebogen.

Was ist denn das da unten fr ein groes gewrfeltes Tuch? sagte der
Junge vor sich hin, ohne von irgend einer Seite eine Antwort zu erwarten.

Aber die Wildgnse um ihn her riefen sogleich: cker und Wiesen! cker und
Wiesen!

Da begriff der Junge, da das groe gewrfelte Tuch, ber das er hinflog,
der flache Erdboden von Schonen war. Und er begann zu verstehen, warum es
so gewrfelt und farbig aussah. Die hellgrnen Vierecke erkannte er zuerst,
das waren die Roggenfelder, die im vorigen Herbst bestellt worden waren und
sich unter dem Schnee grn erhalten hatten. Die gelbgrauen Vierecke waren
die Stoppelfelder, wo im vorigen Sommer Frucht gewachsen war, die
brunlichen waren alte Kleecker und die schwarzen leere Weidepltze oder
ungepflgtes Brachfeld. Die braunen Vierecke mit einem gelben Rand waren
sicherlich die Buchenwlder, denn da sind die groen Bume, die mitten im
Walde wachsen, im Winter entlaubt, whrend die jungen Buchen am Waldessaum
ihre vergilbten Bltter bis zum Frhjahr behalten. Es waren auch dunkle
Vierecke da mit etwas Grauem in der Mitte. Das waren die groen viereckig
gebauten Hfe mit den geschwrzten Strohdchern und den gepflasterten
Hofpltzen. Und dann wieder waren Vierecke da, die in der Mitte grn waren
und einen braunen Rand hatten. Das waren die Grten, wo die Rasenpltze
schon grnten, whrend das Buschwerk und die Bume, die sie umgaben, noch
in der nackten braunen Rinde dastanden.

Der Junge mute unwillkrlich lachen, als er sah, wie gewrfelt alles
aussah.

Aber als die Wildgnse ihn lachen hrten, riefen sie wie strafend:
Fruchtbares, gutes Land! Fruchtbares, gutes Land!

Der Junge war schon wieder ernst geworden. Da du lachen kannst, dachte
er, du, dem das Allerschrecklichste widerfahren ist, was einem Menschen
begegnen kann.

Er war eine Weile sehr ernst, aber bald mute er wieder lachen.

Nachdem er sich an diese Art des Reisens gewhnt hatte, so da er wieder an
etwas andres denken konnte als daran, wie er sich auf dem Gnsercken
erhalten solle, bemerkte er, da viele Vogelscharen durch die Lfte
dahinflogen, die alle dem Norden zustrebten. Und es war ein Schreien und
Schnattern von Schar zu Schar.

So-- ihr seid heute auch herbergekommen! schrieen einige.

Jawohl, antworteten die Gnse. Was haltet ihr vom Frhling?

Noch nicht ein Blatt auf den Bumen und kaltes Wasser in den Seen!
erklang die Antwort.

Als die Gnse ber einen Ort hinflogen, wo zahmes Federvieh umherlief,
riefen sie: Wie heit der Hof?

[Illustration: Das gewrfelte Tuch (Zu Seite 12)]

Da reckte der Hahn den Kopf in die Hhe und antwortete: Der Hof heit
Kleinfeld, heuer wie im vorigen Jahr, heuer wie im vorigen Jahr!

Die meisten Huser hieen wohl nach ihren Besitzern, wie es in Schonen
Sitte ist, aber anstatt zu sagen: Dieser Hof gehrt Per Matsson und jener
Ole Rasson, gaben die Hhne ihnen den Namen, der ihnen selbst am
passendsten erschien. Wenn sie auf einem armen Gtchen oder Ktnerhuschen
wohnten, riefen sie: Dieser Hof heit >Krnerlos<! Und von den
allerrmlichsten schrieen sie: Dieser Hof heit >Friwenig! Friwenig<!

Die groen, reichen Bauernhfe bekamen groe Namen von den Hhnen, zum
Beispiel: Glckshof, Eierberg oder Talerhaus!

Aber die Hhne auf den Herrenhfen waren zu hochmtig, sich etwas
Scherzhaftes auszudenken, sie krhten nur und riefen mit einer Kraft, als
wollten sie bis in die Sonne gehrt werden: Dies ist Dybecks Herrenhof!
Heuer wie im vorigen Jahr, heuer wie im vorigen Jahr!

Und etwas weiterhin stand einer, der rief: Dies ist Swaneholm, das sollte
doch jedermann wissen!

Der Junge merkte, da die Gnse nicht in gerader Linie weiter flogen. Sie
schwebten ber der ganzen sdlichen Ebene hin und her, als freuten sie
sich, wieder in Schonen zu sein, und als wollten sie jeden einzelnen Hof
begren.

So kamen sie auch an einen Hof, wo mehrere groe ausgedehnte Gebude mit
hohen Schornsteinen standen und rings umher eine Menge kleinerer Huser.

Dies ist die Zuckerfabrik von Jordberga! riefen die Hhne. Dies ist die
Zuckerfabrik von Jordberga!

Der Junge fuhr auf dem Rcken des Gnserichs zusammen. Diesen Ort htte er
kennen sollen. Er lag nicht weit vom Hause seiner Eltern entfernt, und im
vorigen Jahre war er dort Gnsehirt gewesen. Aber alles sah eben ganz
anders aus, wenn man es von oben aus betrachtete.

Ei ei! Ob wohl das Gnsemdchen sa und Klein-Mats, seine Kameraden vom
vorigen Jahre, noch da waren? Und was wrden sie wohl sagen, wenn sie
wten, da er hoch ber ihren Kpfen dahinflog!

Dann verloren sie Jordberga aus dem Gesicht und flogen nach Svedala und
Skabersee und wieder zurck ber Brringekloster und Hckeberga. Der Junge
bekam an diesem einen Tag mehr von Schonen zu sehen als in allen brigen
seines Lebens vorher.

Wenn die Wildgnse zahme Gnse trafen, waren sie am vergngtesten. Dann
flogen sie ganz langsam und riefen hinunter: Jetzt gehts auf die hohen
Berge! Kommt doch mit! Kommt doch mit!

Aber die zahmen Gnse antworteten: Der Winter ist noch im Land! Ihr seid
zu zeitig dran! Kehrt wieder um! Kehrt wieder um!

Die Wildgnse senkten sich nieder, damit die zahmen sie besser verstehen
konnten, und riefen zurck: Kommt mit, dann wollen wir euch Fliegen und
Schwimmen lehren!

Aber da fhlten sich die zahmen Gnse beleidigt, und sie antworteten auch
nicht mehr mit einem einzigen Schnattern.

Aber die Wildgnse senkten sich noch tiefer hinunter, so da sie beinahe
die Erde berhrten, und dann hoben sie sich blitzschnell in die Hhe, als
wenn sie ber etwas furchtbar erschrocken wren. Oj, oj, oj! riefen sie.
Das sind ja gar keine Gnse, es sind nur Schafe, es sind nur Schafe!

Die Gnse auf der Erde gerieten dadurch ganz auer sich und schrieen laut:
Wenn ihr nur totgeschossen wrdet! Alle miteinander, alle miteinander!

Als der Junge dies Geznke hrte, lachte er. Aber dann erinnerte er sich
daran, wie sehr er sich ins Unglck gebracht hatte, und da weinte er. Aber
nach einer kleinen Weile lachte er doch wieder.

Noch nie war er so schnell vorwrts gekommen, und schnell und wild zu
reiten, das war von jeher sein Vergngen gewesen. Und er htte natrlich
nie gedacht, da es da droben in der Luft so erfrischend sein knnte, und
da da ein so guter Erd- und Harzgeruch heraufdrnge.

Und er hatte sich auch noch nie vorgestellt, wie das wre, wenn man hoch in
der Luft dahinflge. Das war ja gerade, als flge man weit weg von seinem
Kummer und seinen Sorgen und von allen Widerwrtigkeiten, die man sich
denken konnte.




2

Akka von Kebnekajse

Der Abend


Der groe zahme Gnserich, der mit den Wildgnsen davongeflogen war, fhlte
sich sehr stolz, da er ber die Sdebene in Gesellschaft der Wildgnse hin
und her fliegen und mit den zahmen Vgeln Kurzweil treiben konnte. Aber so
glcklich er auch war, das schtzte ihn doch nicht davor, da er am Mittag
allmhlich mde wurde. Er versuchte tiefer zu atmen und schneller mit den
Flgeln zu schlagen, aber trotzdem blieb er mehrere Gnselngen hinter den
andern zurck.

Als die wilden Gnse, die ganz hinten flogen, bemerkten, da die zahme
nicht mehr mitkommen konnte, riefen sie der, die an der Spitze flog und den
keilfrmigen Zug fhrte, zu: Akka von Kebnekajse! Akka von Kebnekajse!

Was wollt ihr von mir? fragte die Anfhrerin.

Der Weie bleibt zurck! Der Weie bleibt zurck!

Sagt ihm, schneller fliegen sei leichter als langsam! rief die Anfhrerin
zurck und streckte sich wie vorher.

Der Gnserich versuchte es zwar, den Rat zu befolgen und seinen Flug zu
beschleunigen, aber dadurch wurde er so ermattet, da er bis auf die
beschnittenen Weidenbume, die cker und Wiesen einfaten, hinuntersank.

Akka! Akka! Akka von Kebnekajse! riefen nun wieder die hintersten Gnse,
die sahen, wie schwer es dem Gnserich wurde.

Was wollt ihr jetzt wieder? fragte die Anfhrerin und schien sehr
rgerlich zu sein.

Der Weie fllt! Der Weie fllt!

Sagt ihm, es sei leichter, hoch zu fliegen als niedrig, rief die
Anfhrerin.

Der Gnserich versuchte auch diesen Rat zu befolgen; aber als er in die
Hhe hinaufsteigen wollte, kam er so auer Atem, da es ihm beinahe die
Brust zersprengte.

Akka! Akka! riefen die hintersten.

Knnt ihr mich nicht in Ruhe fliegen lassen? fragte die Anfhrerin und
schien noch ungeduldiger als zuvor zu sein.

Der Weie ist am Hinunterfallen! Der Weie ist am Hinunterfallen!

Wer nicht mit der Schar fliegen kann, der mu wieder umkehren; sagt ihm
das! rief die Fhrerin. Und es fiel ihr durchaus nicht ein, langsamer zu
fliegen, sondern sie streckte sich wie zuvor.

Aha, so steht es also? sagte der Gnserich. Es wurde ihm pltzlich klar,
da die Wildgnse ganz und gar nicht daran dachten, ihn nach Lappland
mitzunehmen. Sie hatten ihn nur zum Spa mitgelockt.

Er fhlte sich nur darber rgerlich, da ihn die Krfte gerade jetzt
verlieen, da konnte er diesen Landstreichern nicht zeigen, da eine zahme
Gans auch etwas leisten konnte. Und als das rgerlichste von allem erschien
ihm dieses Zusammentreffen mit Akka von Kebnekajse. Obwohl er eine zahme
Gans war, hatte er doch von einer Anfhrerin reden hren, die Akka heie
und beinahe hundert Jahre alt sei. Sie stand so hoch in Achtung, da sich
stets nur die besten Wildgnse an sie anschlossen. Aber niemand verachtete
die zahmen Gnse mehr als Akka und ihre Schar, und deshalb htte ihnen der
Gnserich jetzt gar zu gerne gezeigt, da er ihnen ebenbrtig sei.

Er flog langsam hinter den andern drein, whrend er berlegte, ob er
umdrehen oder weiterfliegen solle. Da sagte pltzlich der Knirps, den er
auf seinem Rcken trug: Lieber Gnserich Martin! Du wirst doch einsehen,
da einer, der noch nie geflogen ist, unmglich mit den Wildgnsen bis nach
Lappland hinauf fliegen kann. Wre es da nicht besser, du drehtest um, ehe
du dich zugrunde richtest?

Aber dieser kleine Knirps da auf seinem Rcken war dem Gnserich noch das
unangenehmste von allem, und kaum hatte er verstanden, da der Kleine ihm
die Kraft zu der Reise nicht zutraute, als er auch schon beschlo, dabei zu
bleiben.

Wenn du noch ein Wort darber sagst, werfe ich dich in die erste
Mergelgrube, ber die wir hinfliegen, sagte er. Und vor lauter Zorn
wuchsen ihm die Krfte derart, da er fast ebensogut fliegen konnte wie die
andern.

Lange htte er freilich so nicht mehr fortmachen knnen; aber es war auch
nicht ntig, denn jetzt sank die Schar schnell abwrts, und gerade bei
Sonnenuntergang schossen die Gnse jh hinunter. Ehe der Junge und der
Gnserich es ahnten, waren sie am Strande von Vombsee.

Hier soll wohl bernachtet werden, dachte der Junge und sprang vom Rcken
des Gnserichs hinunter.

Er stand auf einem schmalen, sandigen Ufer, und vor ihm lag ein ziemlich
groer See. Aber der See machte einen hlichen Eindruck. Er war fast ganz
mit Eis bedeckt, das schwarz und uneben und voller Risse und Lcher war,
wie das im Frhling zu sein pflegt. Lange konnte es mit dem Eise nicht mehr
dauern, es war schon vom Ufer abgetrennt und hatte rundherum einen breiten
Grtel von schwarzem, glnzendem Wasser. Aber das Eis war doch noch da und
verbreitete Klte und winterliches Unbehagen.

Auf der andern Seite des Sees schien freundliches, angebautes Land zu sein;
aber wo die Gnse sich niedergelassen hatten, lag eine groe
Tannenschonung. Und es sah aus, als ob der Tannenwald die Macht htte, den
Winter an sich zu fesseln. berall sonst war die Erde frei von Schnee, aber
unter den riesigen Tannen lag er noch dicht; er war geschmolzen und wieder
gefroren, geschmolzen und wieder gefroren, so da er jetzt hart wie Eis
war.

Dem Jungen war es, als sei er in eine winterliche Einde gekommen, und es
wurde ihm so bnglich zumut, da er am liebsten laut geweint htte.

Er war sehr hungrig, denn er hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Aber wo
htte er etwas zu essen hernehmen sollen? Im Mrz wchst weder auf den
Bumen noch auf den Feldern etwas Ebares.

Ja, wo sollte er etwas zu essen hernehmen? Und wer wrde ihm Obdach
gewhren? Wer ihm ein Bett richten? Wer ihn an seinem Feuer niedersitzen
lassen und wer ihn vor den Wildgnsen beschtzen?

Denn jetzt war die Sonne untergegangen, und nun wehte es kalt vom See
herber; die Dunkelheit senkte sich vom Himmel herab, das Unbehagen schlich
sich hinter der Dmmerung her, und im Walde begann es zu knistern und zu
prasseln.

Jetzt war es vorbei mit dem frohen Mut, der ihn beseelt hatte, solange er
da oben durch die Lfte dahinflog, und in seiner Angst sah er sich nach
seinem Reisegefhrten um. Er hatte ja sonst niemand, an den er sich htte
halten knnen.

Da sah er, da der Gnserich noch schlimmer daran war als er. Der lag noch
immer auf demselben Fleck, wo er niedergesunken war, und es sah aus, als
liege er in den letzten Zgen. Sein Hals ruhte schlaff auf der Erde, seine
Augen waren geschlossen, und der Atem war nur noch ein schwaches Zischen.

Lieber Gnserich Martin, sagte der Junge, versuche einen Schluck Wasser
zu trinken. Es sind keine zwei Schritte bis zum See.

Aber der Gnserich rhrte sich nicht.

Der Junge war freilich bisher gegen alle Tiere, den Gnserich nicht
ausgenommen, recht hartherzig gewesen, aber jetzt erschien ihm dieser als
die einzige Sttze, die er noch hatte, und er bekam groe Angst, er knnte
ihn verlieren.

Er fing gleich an, ihn zu stoen und zu schieben, um ihn zum Wasser
hinzubringen. Das war eine harte Arbeit fr den Jungen, denn der Gnserich
war gro und schwer; aber schlielich gelang es ihm doch.

Der Gnserich kam mit dem Kopfe zuerst ins Wasser hinein. Einen Augenblick
blieb er still liegen, bald aber streckte er den Kopf heraus, schttelte
sich das Wasser aus den Augen und schnaubte. Dann schwamm er stolz zwischen
das Rhricht hinein.

Die Wildgnse lagen vor ihm im See. Sobald sie auf die Erde
heruntergekommen waren, hatten sie sich ins Wasser gestrzt, ohne sich nach
dem Gnserich oder nach dem Gnsereiter umzusehen. Sie hatten sich eifrig
gebadet und geputzt, und jetzt schlrften sie halbverfaulte Teichlinsen und
Wassergrser in sich hinein.

Der weie Gnserich hatte das Glck, einen kleinen Barsch zu entdecken,
rasch ergriff er ihn, schwamm damit zum Strande hin und legte ihn vor dem
Jungen nieder. Das bekommst du zum Dank dafr, da du mir ins Wasser
hinuntergeholfen hast, sagte er.

Dies war das erste freundliche Wort, das der Junge an diesem Tage zu hren
bekam. Er wurde so froh darber, da er den Gnserich am liebsten umarmt
htte, aber er wagte es doch nicht. Und auch ber die Gabe freute er sich.
Zuerst meinte er zwar, es sei ihm ganz unmglich, den Fisch roh zu essen,
dann aber bekam er doch Lust, wenigstens den Versuch zu machen.

Er fhlte nach, ob er sein Messer bei sich htte, und wirklich hing es noch
an seinem Hosenknopf, wenn auch so verkleinert, da es nicht grer war als
ein Zndholz. Aber den Fisch konnte er damit immerhin abschuppen und
reinigen; und es dauerte gar nicht lange, da war der Barsch aufgegessen.

Als der Junge gesttigt war, schmte er sich eigentlich, da er etwas Rohes
hatte essen knnen. Ich bin offenbar gar kein Mensch mehr, sondern ein
richtiges Wichtelmnnchen, dachte er.

Whrend der Junge den Fisch verzehrte, war der Gnserich ganz ruhig neben
ihm stehen geblieben; aber als jener den letzten Bissen verschluckt hatte,
sagte er mit leiser Stimme: Wir sind unter ein recht eingebildetes
Wildgnsevolk geraten, das alle zahmen Gnse verachtet.

Ja, ich hab es wohl bemerkt, erwiderte der Junge.

Es wre freilich sehr ehrenvoll fr mich, wenn ich bis nach Lappland mit
ihnen reisen und ihnen zeigen knnte, da auch eine zahme Gans etwas
leisten kann.

O jaaa, erwiderte der Junge gedehnt, denn er traute dies dem Gnserich
nicht zu, wollte ihm aber nicht widersprechen.

Ich glaube aber nicht, da ich mich auf so einer Reise allein
zurechtfinden kann, fuhr der Gnserich fort, deshalb mchte ich dich
fragen, ob du nicht mitkommen und mir helfen mchtest?

Der Junge hatte natrlich nichts andres gedacht, als so schnell wie mglich
nach Hause zurckzukehren. Er war daher ber die Maen erstaunt und wute
nicht, was er sagen sollte. Ich glaubte, wir beide seien nicht gut Freund
miteinander, sagte er. Aber das schien der Gnserich ganz und gar
vergessen zu haben; er erinnerte sich nur noch daran, da der Junge ihm
vorhin das Leben gerettet hatte.

Ich mte eigentlich zu Vater und Mutter zurckkehren, sagte der Junge.

O, ich werde dich schon zu rechter Zeit zu ihnen zurckbringen! rief der
Gnserich. Und ich werde dich nicht verlassen, bis ich dich wieder vor
deiner eignen Schwelle niedergesetzt habe.

Der Junge dachte, es wre vielleicht ganz gut, wenn er seinen Eltern noch
eine Weile nicht unter die Augen kme. Er war daher dem Vorschlag nicht
abgeneigt und wollte gerade zustimmen, als er ein lautes Donnern hinter
sich hrte. Die Wildgnse waren alle auf einmal aus dem See
herausgesprungen und schttelten jetzt das Wasser von sich ab. Dann
ordneten sie sich, die Anfhrerin an der Spitze, in eine lange Reihe und
kamen auf die beiden zu.

Als der weie Gnserich jetzt die Wildgnse betrachtete, war ihm gar nicht
behaglich zumut. Er hatte erwartet, sie mehr den zahmen Gnsen hnlich zu
sehen und sich ihnen mehr verwandt zu fhlen. Aber sie waren viel kleiner
als er, und keine von ihnen war wei, sondern alle waren grau, an einzelnen
Stellen ins Braune spielend. Und vor ihren Augen htte er sich beinahe
gefrchtet, sie waren gelb und glnzten, als ob Feuer dahinter brennte. Dem
Gnserich war immer eingeprgt worden, es sei schicklich, langsam und
breitspurig zu gehen, aber diese hier schienen gar nicht gehen zu knnen,
ihr Gang war ein halbes Springen. Am meisten aber erschrak er, als er ihre
Fe sah, denn die waren sehr gro und die Sohlen zertreten und zerrissen.
Man sah wohl, da die Wildgnse nie darauf acht gaben, wohin sie traten,
und nie einen Umweg machten. Sonst waren sie sehr zierlich und ordentlich,
aber an ihren Fen konnte man sie als arme Landstreicher erkennen.

Der Gnserich konnte dem Jungen gerade noch zuflstern: Rede nur keck von
der Leber weg, aber sage nichts davon, da du ein Mensch bist, da waren
auch die Gnse schon bei ihnen angelangt.

Sie blieben vor den beiden stehen und nickten viele Male mit dem Halse, und
der Gnserich tat dasselbe, nur noch viel fter. Sobald es des Grens
genug war, sagte die Anfhrerin: Jetzt sollten wir wohl erfahren, was ihr
fr Leute seid?

Von mir ist nicht viel zu sagen, begann der Gnserich. Ich bin im
vorigen Jahre in Skanr geboren. Im Herbst wurde ich an Holger Nilsson von
Westvemmenhg verkauft, und dort bin ich bis jetzt gewesen.

Du scheinst keine Familie zu haben, auf die du stolz sein knntest, sagte
die Anfhrerin. Woher kommt es dann, da du so keck bist, dich mit den
Wildgnsen einzulassen?

Vielleicht, um euch wilden Gnsen zu zeigen, da auch wir zahmen etwas
leisten knnen, antwortete der Gnserich.

Ja, das wre gut, wenn du uns das zeigen knntest, sagte die Anfhrerin.
Wir haben nun schon gesehen, wie du fliegen kannst, aber mglicherweise
bist du in andrer Hinsicht tchtiger. Bist du stark im Dauerschwimmen?

O nein, dessen kann ich mich nicht rhmen, antwortete der Gnserich; er
glaubte zu merken, da die Anfhrerin schon entschlossen war, ihn nach
Hause zurckzuschicken, und es war ihm deshalb gleichgltig, was er
antwortete. Ich bin noch nie weiter geschwommen, als quer ber eine
Mergelgrube, fuhr er fort.

Dann erwarte ich, da du ein Meister im Springen bist.

Noch niemals habe ich eine zahme Gans springen sehen, antwortete der
Gnserich und machte damit seine Sache noch schlimmer.

Der groe weie Gnserich war nun ganz sicher, da die Anfhrerin ihn
unter keiner Bedingung mitnehmen werde. Er war deshalb hchst erstaunt, als
sie sagte: Du beantwortest die an dich gestellten Fragen ja recht mutig,
und wer Mut hat, kann ein guter Reisegefhrte sein, wenn er auch im Anfang
ungewandt ist. Httest du nicht Lust, ein paar Tage bei uns zu bleiben,
damit wir sehen knnen, was du leisten kannst?

Das ist mir sehr angenehm, erwiderte der Gnserich uerst vergngt.

Hierauf streckte die Anfhrerin den Schnabel aus und sagte: Aber wen hast
du denn da bei dir? So einen habe ich noch nie gesehen.

Es ist mein Gefhrte, sagte der Gnserich. Er ist sein Lebetag Gnsehirt
gewesen und kann uns mglicherweise auf der Reise ntzlich sein.

Ja, fr eine zahme Gans mag das ganz gut sein, antwortete die wilde. Wie
heit er?

Er hat verschiedene Namen, sagte der Gnserich zgernd. Er wute nicht,
wie er sich aus der Klemme ziehen sollte, denn er wollte nicht verraten,
da der Junge einen menschlichen Namen hatte. Ach, er heit Dumling,
sagte er pltzlich.

Ist er aus dem Geschlecht der Wichtelmnnchen? fragte die Anfhrerin.

Um welche Tageszeit geht ihr Wildgnse schlafen? fragte der Gnserich
hastig und versuchte so um die Antwort auf die letzte Frage herumzukommen.
Um diese Zeit fallen mir immer die Augen von selbst zu.

Man sah wohl, da die Gans, die mit dem Gnserich sprach, sehr alt sein
mute. Ihr ganzes Federkleid war eisgrau, ohne dunkle Streifen. Ihr Kopf
war grer, ihre Beine grber und ihre Fe mehr zertreten als die der
andern. Die Federn waren steif, die Schultern knochig, der Hals mager.
Alles dies kam vom Alter. Nur ihren Augen hatte dieses noch nichts
anzuhaben vermocht, sie glnzten heller und sahen jnger aus als die Augen
aller andern.

Jetzt wendete sie sich sehr feierlich an den Gnserich. So wisse denn,
Gnserich, da ich Akka von Kebnekajse bin, und die Gans, die zu meiner
Rechten fliegt, ist Yksi von Vassijaure, und die zu meiner Linken ist Kaksi
von Nuolja. Wisse auch, da die zweite rechts Kolme von Sarjektjkko und
die zweite links Nelj von Svappavaara ist, und da hinter ihnen Viisi von
Oviksfjllen und Kuusi von Sjangeli sind. Und wisse auch, da die sechs
jungen Gnse, die ganz zuletzt kommen, drei rechts, drei links, ebenfalls
Hochlandwildgnse aus den besten Familien sind. Du darfst uns nicht fr
Landstreicher halten, die mit jedem, der ihnen in den Weg kommt,
Kameradschaft schlieen, und du darfst nicht glauben, da wir mit jemand
unsre Schlafstelle teilen, der nicht sagen will, aus welchem Geschlecht er
stammt.

Als die Anfhrerin Akka auf diese Weise sprach, trat der Junge hastig vor.
Es hatte ihn betrbt, da der Gnserich, der so keck fr sich selbst
gesprochen hatte, so ausweichende Antworten gab, als es sich um ihn
handelte.

Ich will nicht geheim halten, wer ich bin, sagte er. Ich heie Nils
Holgersson, bin der Sohn eines Huslers, und bis zum heutigen Tage bin ich
ein Mensch gewesen, aber heute morgen----

Weiter kam der Junge nicht, denn niemand hrte mehr auf ihn. Kaum hatte er
gesagt, da er ein Mensch sei, als die Anfhrerin drei Schritte und die
andern noch weiter zurckwichen. Und sie reckten alle die Hlse und
zischten ihn zornig an.

Du bist mir doch gleich verdchtig vorgekommen, als ich dich hier auf dem
Strand sah, und jetzt mut du dich schleunigst entfernen, wir dulden keine
Menschen unter uns, sagte Akka von Kebnekajse.

Es ist doch wohl nicht mglich, versuchte der Gnserich zu vermitteln,
da ihr Wildgnse euch vor einem so kleinen Wesen frchtet. Morgen soll er
gewi nach Hause zurckkehren, aber ber Nacht werdet ihr ihn doch unter
euch dulden mssen. Keiner von uns knnte es verantworten, einen solchen
kleinen Kerl sich in der Nacht allein gegen Wiesel und Fuchs verteidigen zu
lassen.

Die Wildgans kam wieder nher heran, aber man sah deutlich, wie schwer es
ihr wurde, ihre Furcht zu bezwingen. Ich bin gelehrt worden, mich vor
allem, was Mensch heit, zu frchten, einerlei ob klein oder gro, sagte
sie. Aber wenn du, Gnserich, dafr einstehen willst, da uns dieser hier
nichts Bses tut, dann mag er ber Nacht dableiben. Ich frchte jedoch,
unser Nachtquartier wird weder dir noch ihm passen, denn wir begeben uns
auf das schwimmende Eis hinaus und schlafen dort.

Sie dachte wohl, der Gnserich werde bei dieser Ankndigung unschlssig
werden. Er lie sich aber nichts merken. Ihr seid sehr klug und versteht
es, einen sichern Schlafplatz auszuwhlen, sagte er.

Aber du stehst mir dafr ein, da er morgen nach Hause zurckkehrt.

Dann mu auch ich mich von euch trennen, sagte der Gnserich, denn ich
habe ihm versprochen, ihn nicht zu verlassen.

Es steht dir frei, zu fliegen, wohin du willst, entgegnete die
Anfhrerin.

Damit hob sie die Flgel und flog auf das Eis hinaus, wohin ihr eine
Wildgans nach der andern folgte.

Der Junge war betrbt darber, da aus seiner Reise nach Lappland nichts
werden sollte, und berdies frchtete er sich vor dem kalten Nachtquartier.
Es wird immer schlimmer, Gnserich, sagte er. Und das erste wird sein,
da wir da drauen auf dem Eise erfrieren.

Aber der Gnserich war guten Mutes. Das hat keine Gefahr, sagte er.
Sammle jetzt nur in aller Eile so viel Stroh und Gras zusammen, als du zu
tragen vermagst.

Als der Junge beide Arme voller drren Grases hatte, fate der Gnserich
ihn mit seinem Schnabel am Hemdkragen, hob ihn auf und flog aufs Eis
hinber, wo die Wildgnse, den Schnabel unter einen Flgel gesteckt, schon
standen und schliefen.

Breite jetzt das Gras auf dem Eis aus, damit ich etwas habe, worauf ich
stehen kann, um nicht anzufrieren. Hilf du mir, dann helfe ich dir auch,
sagte der Gnserich.

Der Junge tat, wie ihm geheien war, und sobald er fertig war, ergriff ihn
der Gnserich noch einmal am Hemdkragen und steckte ihn unter seinen
Flgel. Hier liegst du warm und gut, sagte er und drckte den Flgel an,
damit der Kleine nicht herunterfallen sollte.

Er war so in Flaum eingebettet, da er nicht antworten konnte; aber warm
und schn lag er, und mde war er, und im nchsten Augenblick schlief er.


Die Nacht

Es ist eine bekannte Tatsache, da das Eis trgerisch ist, und da man sich
nicht darauf verlassen kann. Mitten in der Nacht vernderte die vom Lande
losgelste Eisdecke auf dem Vombsee ihre Lage, so da sie an einer Stelle
den Strand berhrte. Und da geschah es, da Smirre, der Fuchs, der damals
auf der stlichen Seite des Sees im Park von vedskloster wohnte, auf
seiner nchtlichen Jagd dies sah. Smirre hatte die Wildgnse allerdings
schon am Abend gesehen, jedoch nicht erwartet, einer von ihnen beikommen zu
knnen. Jetzt lief er schnell aufs Eis hinaus; als er aber den Wildgnsen
schon ganz nahe war, glitt er pltzlich aus, und seine Krallen kratzten auf
dem Eise. Davon erwachten die Gnse, und sie schlugen mit den Flgeln, um
sich in die Luft zu erheben. Aber Smirre war ihnen zu hurtig. Er machte
einen Satz, gerade als schleudere ihn jemand vorwrts, ergriff eine Gans am
Flgel und strzte wieder dem Lande zu.

Aber in dieser Nacht waren die Wildgnse nicht allein auf dem Eise drauen;
sie hatten einen Menschen bei sich, wenn auch einen noch so kleinen. Als
der Gnserich mit den Flgeln schlug, erwachte der Junge, er fiel aufs Eis
hinunter und sa da ganz schlaftrunken; zuerst konnte er sich die Aufregung
unter den Gnsen gar nicht erklren, bis er pltzlich einen kleinen,
kurzbeinigen Hund mit einer Gans im Maule davonlaufen sah.

Da sprang er rasch auf, dem Hunde die Gans abzujagen. Er hrte noch, da
der Gnserich ihm nachrief: Dumling, nimm dich in acht! Nimm dich in
acht!

Aber vor einem so kleinen Hunde brauche ich mich doch wohl nicht zu
frchten, dachte der Junge und strmte davon.

Die Wildgans, die der Fuchs Smirre mit sich wegschleifte, hrte das
Geklapper von des Jungen Holzschuhen auf dem Eise, und sie traute ihren
Ohren kaum. Meint der kleine Knirps, er knne mich dem Fuchse abjagen?
dachte sie. Und so elendiglich sie auch daran war, so begann sie doch ganz
unten im Halse belustigt zu schnattern, beinahe als lache sie.

Das erste, was ihm passiert, wird sein, da er in eine Eisritze purzelt,
dachte sie.

Aber so finster die Nacht auch war, der Junge sah alle Risse und Lcher im
Eise und machte groe Stze darber hinweg. Das kam daher, da er jetzt
die guten Nachtaugen der Wichtelmnnchen hatte und in der Dunkelheit sehen
konnte. Nichts war farbig, sondern alles grau oder schwarz, aber er sah den
See und das Ufer ebenso deutlich wie bei Tage.

Da wo das Eis ans Land stie, sprang Smirre hinber, und whrend er sich
den Uferabhang hinaufarbeitete, rief der Junge ihm zu: La die Gans los,
du Lmmel!

Smirre wute nicht, wer das gerufen hatte; er nahm sich auch nicht die
Zeit, sich umzusehen, sondern lief noch schneller davon. Jetzt rannte er in
einen groen prchtigen Buchenwald hinein, und der Junge lief hinter ihm
her, ohne an irgend eine Gefahr zu denken. Dagegen mute er immerfort daran
denken, mit welcher Miachtung er am vorhergehenden Abend von den Gnsen
behandelt worden war, und deshalb htte er ihnen jetzt gar zu gerne
bewiesen, da ein Mensch, wenn er auch noch so klein ist, allen andern
Geschpfen berlegen sei.

Einmal ums andre befahl er dem Hunde da vor sich, seine Beute loszulassen.
Was bist du fr ein Hund, der sich nicht schmt, eine ganze Gans zu
stehlen? rief er. Lege sie sogleich nieder, sonst wirst du sehen, was fr
Prgel du bekommst! La los, sag ich, sonst werde ich deinem Herrn sagen,
wie du dich benimmst!

Als Smirre merkte, da er fr einen Hund gehalten wurde, der sich vor
Prgel frchtete, kam ihm das so komisch vor, da er die Gans beinahe htte
fallen lassen. Smirre war ein groer Ruber, der sich nicht mit der Jagd
auf Ratten und Feldmuse begngte, sondern sich auch in die Hfe wagte und
Hhner und Gnse stahl. Er wute, wie sehr er in der ganzen Umgegend
gefrchtet war. Und jetzt diese Drohung. So etwas Verrcktes hatte er seit
seiner Kindheit nicht mehr gehrt!

Aber der Junge lief aus Leibeskrften; es war ihm, als glitten die dicken
Buchenstmme an ihm vorber, und der Abstand zwischen ihm und Smirre
verminderte sich immer mehr. Endlich war er Smirre so nahe, da er ihn am
Schwanze fassen konnte. Jetzt entreie ich dir die Gans doch! rief er und
hielt Smirre am Schwanze so fest, als er nur konnte. Aber er war nicht
stark genug, Smirre aufzuhalten. Der Fuchs ri ihn so heftig mit sich fort,
da die drren Buchenbltter umherstoben.

Doch jetzt glaubte Smirre zu entdecken, wie ungefhrlich sein Verfolger
sei. Er hielt an, legte die Gans auf die Erde, stellte sich mit den
Vorderpfoten darauf, damit sie nicht wegfliegen knne, und war auf dem
Punkte, ihr den Hals abzubeien; aber dann konnte er es doch nicht lassen,
den kleinen Wicht vorher noch ein wenig zu reizen. Ja, mach nur, da du
mich bei dem Herrn verklagst, denn jetzt beie ich die Gans tot, sagte er.

Wer sich aber sehr verwunderte, als er die spitzige Nase desjenigen sah,
den er verfolgt hatte, und zugleich hrte, welche heisere, boshafte Stimme
er hatte, das war der Junge. Er war so wtend ber den Ruber, der sich
ber ihn lustig machte, da gar keine Spur von Furcht in ihm aufstieg. Er
packte den Schwanz nur noch fester, stemmte sich gegen eine Buchenwurzel,
und gerade, als der Fuchs die offne Schnauze am Halse der Gans hatte, zog
er aus Leibeskrften an. Smirre war so berrascht, da er sich ein paar
Schritte rckwrts ziehen lie, und dadurch wurde die Wildgans frei. Sie
flatterte schwerfllig empor, denn ihre Flgel waren verletzt, und sie
konnte sie kaum gebrauchen; berdies sah sie in der Dunkelheit des Waldes
gar nichts, sondern war so hilflos wie ein Blinder. Sie konnte deshalb dem
Jungen keinerlei Beistand leisten, sondern versuchte nur, durch eine
ffnung in dem grnen Bltterdache hinauszugelangen, um den See wieder zu
erreichen.

Da warf Smirre sich auf den Jungen. Kann ich den einen nicht bekommen, so
will ich wenigstens den andern haben, fauchte er, und man hrte seiner
Stimme an, wie aufgebracht er war.

O denke doch ja nicht, da dir das gelingen werde, sagte der Junge. Er
war ganz aufgerumt, weil es ihm gelungen war, die Gans zu retten. Auch
hielt er sich noch immer an dem Fuchsschwanze fest und schwang sich an ihm,
als ihn der Fuchs zu fangen versuchte, auf die andre Seite hinber.

Das war ein Tanz im Walde, da die Buchenbltter nur so umherstoben! Smirre
drehte sich rund, rund herum, aber der Schwanz schwang sich auch rund, rund
herum, der Junge hielt sich daran fest, und der Fuchs konnte ihn nicht
fassen.

Der Junge war so vergngt ber seinen Erfolg, da er im Anfang nur lachte
und den Fuchs verspottete; aber Meister Reineke war beharrlich, wie alte
Jger zu sein pflegen, und allmhlich wurde es dem Jungen doch angst, er
knnte schlielich noch gefat werden.

Da erblickte er eine kleine junge Buche, die schlank wie ein Pfahl
aufgewachsen war, nur um recht bald ins Freie zu gelangen, hoch da droben
ber dem grnen Laubdach, das die alten Buchen ber dem jungen Bumchen
ausbreiteten. In aller Eile lie der Junge den Fuchsschwanz los und
kletterte auf die Buche hinauf. Smirre aber war so im Eifer, da er sich
noch eine ganze Weile nach seinem Schwanze im Kreise drehte. Du brauchst
nicht weiter zu tanzen, sagte der Junge pltzlich.

Der Fuchs war wtend; diese Schmach, einen so kleinen Knirps nicht in seine
Macht zu bekommen, war ihm unertrglich, er legte sich deshalb unter der
Buche nieder, um den Jungen zu bewachen.

Der Junge hatte es nicht bermig gut da oben; er sa rittlings auf einem
schwachen Zweige, und die junge Buche reichte nicht hinauf bis zu dem
Bltterdache, so da er auf keinen andern Baum hinbergelangen konnte; aber
er mochte sich auch nicht wieder hinunter auf den Boden wagen. Er fror
gewaltig und war nahe daran, ganz steif zu werden und seinen Zweig
loszulassen; auch war er entsetzlich schlfrig, htete sich aber wohl, sich
vom Schlaf bermannen zu lassen, aus Angst, dann auf den Boden
hinunterzufallen.

O, es war frchterlich, mitten in der Nacht so im Walde drauen zu sitzen!
Er hatte bis jetzt keine Ahnung gehabt, was das bedeutete, wenn es Nacht
ist. Es war, als sei alles versteinert und knne nie wieder zum Leben
erwachen.

Dann begann der Tag zu grauen, und der Junge war froh, als alles sein altes
Aussehen wieder annahm, obgleich die Klte jetzt gegen Morgen noch
durchdringender wurde als in der Nacht.

Als endlich die Sonne aufging, war sie nicht gelb, sondern rot. Dem Jungen
kam es vor, als sehe sie bse aus, und er fragte sich, warum sie wohl bse
sei. Vielleicht weil die Nacht, whrend die Sonne weggewesen war, eine
solche Klte auf der Erde verbreitet hatte.

Die Sonnenstrahlen sprhten in groen Feuergarben am Himmel auf, um zu
sehen, was die Nacht auf der Erde getan hatte, und es sah aus, als ob alles
ringsum errtete, wie wenn es ein schlechtes Gewissen htte. Die Wolken am
Himmel, die seidenglatten Buchenstmme, die kleinen, ineinander
verflochtenen Zweige des Laubdaches, der Rauhreif, der die Buchenbltter
auf dem Boden bedeckte, alles glhte und wurde rot.

Aber immer mehr Sonnenstrahlen schossen am Himmel auf, und bald war alles
Grauen der Nacht verschwunden. Die Lhmung war wie weggeblasen, und gar
vieles Lebendige trat zutage. Der Schwarzspecht mit dem roten Hals begann
mit dem Schnabel an einem Baumstamme zu hmmern. Das Eichhrnchen huschte
mit einer Nu aus seinem Bau heraus, setzte sich auf einen Zweig und begann
sie aufzuknabbern. Der Star kam mit einer Wurzelfaser dahergeflogen, und
der Buchfink sang in dem Baumwipfel.

Da verstand der Junge, da die Sonne zu allen diesen kleinen Wesen gesagt
hatte: Erwacht und kommt heraus aus eurer Behausung, jetzt bin ich hier!
Jetzt braucht ihr euch vor nichts mehr zu frchten.

Vom See her drang der Ruf der Wildgnse, die sich zur Weiterreise rsteten,
zu dem Jungen herber; und bald darauf flogen alle vierzehn Gnse ber den
Wald hin. Der Junge versuchte ihnen zuzurufen; aber sie flogen so hoch
droben, da seine Stimme sie nicht erreichen konnte. Sie glaubten wohl, der
Fuchs habe ihn schon lange aufgefressen. Ach, sie gaben sich auch nicht
einmal die Mhe, sich nach ihm umzusehen!

Der Junge war vor lauter Angst dem Weinen nahe; aber die Sonne stand jetzt
goldgelb und vergngt am Himmel und flte der ganzen Welt Mut ein. Du
brauchst dich nicht zu frchten oder vor etwas Angst zu haben, Nils
Holgersson, solange ich da bin, sagte sie.


Das Spiel der Gnse

                                                  Montag, 21. Mrz

Alles im Walde blieb so lange unverndert, als eine Gans ungefhr braucht,
um ihr Frhstck zu genieen; aber gerade um die Zeit, wo der Morgen in den
Vormittag bergehen wollte, flog eine einzelne Wildgans unter das dichte
Laubdach herein. Zgernd suchte sie ihren Weg zwischen Stmmen und Zweigen
und flog ganz langsam. Sobald der Fuchs sie sah, verlie er seinen Platz
unter der jungen Buche und schlich zu ihr hin. Die Wildgans wich dem Fuchs
nicht aus, sondern flog ganz nahe heran. Smirre machte einen hohen Satz
nach ihr, verfehlte sie aber, und die Gans flog in der Richtung zum See
weiter.

[Illustration]

Es dauerte nicht lange, so kam auch schon eine zweite Wildgans
dahergeflogen. Sie nahm denselben Weg wie die vorige und flog noch
langsamer und noch nher am Boden. Auch sie strich dicht an Smirre vorber,
und er machte einen so hohen Satz nach ihr, da seine Ohren ihre Fe
berhrten; aber auch sie entkam unbeschdigt und setzte still wie ein
Schatten ihren Weg nach dem See fort.

Eine kleine Weile verging, da tauchte wieder eine Gans auf, die noch
langsamer, noch nher am Boden flog. Smirre machte einen gewaltigen Satz,
und es fehlte nur ein Haarbreit, so htte er sie gefat; aber auch diese
Gans entkam ihm.

Kaum war sie verschwunden, so erschien auch schon die vierte Wildgans.
Obgleich diese so langsam flog, da es Smirre vorkam, als knne er sie ohne
besondre Schwierigkeit fassen, frchtete er sich jetzt vor einem neuen
Mierfolg und beschlo, sie unangetastet vorbeifliegen zu lassen. Aber sie
nahm denselben Weg wie die andern, und gerade, als sie ber Smirre hinflog,
lie sie sich so tief heruntersinken, da er sich doch verleiten lie, nach
ihr zu springen. Er sprang so hoch, da er sie mit der Tatze berhrte; aber
sie warf sich rasch zur Seite und rettete ihr Leben.

Ehe Smirre ausgekeucht hatte, erschienen drei Gnse in einer Reihe. Sie
flogen ganz in derselben Weise wie die vorhergehenden, und Smirre machte
hohe Stze, sie zu erreichen; aber es gelang ihm nicht, eine von ihnen zu
fangen.

Jetzt tauchten fnf Gnse auf; aber diese flogen besser als die
vorhergehenden, und obgleich auch sie Smirre zum Springen verleiten zu
wollen schienen, widerstand er doch der Versuchung.

Nach einer ziemlich langen Pause tauchte wieder eine einzelne Gans auf. Das
war die dreizehnte. Die war so alt, da sie ganz grau war und nicht einen
einzigen dunklen Streifen auf dem Krper hatte. Sie schien den einen Flgel
nicht recht gebrauchen zu knnen und flog erbrmlich schlecht und schief,
so da sie fast am Boden streifte. Smirre machte nicht nur einen hohen Satz
nach ihr, sondern verfolgte sie auch noch springend und hpfend nach dem
See zu; aber auch diesmal wurde seine Mhe nicht belohnt.

Als die vierzehnte Gans erschien, war es ein sehr schner Anblick, denn sie
war ganz wei, und als sie ihre groen Flgel bewegte, schien ein helles
Licht in dem dunklen Wald aufzuleuchten. Als Smirre ihrer ansichtig wurde,
bot er seine ganze Kraft auf und sprang halbwegs bis zum Bltterdach empor;
aber die weie Gans flog, wie alle die andern vorher, unbeschdigt an ihm
vorber.

Nun wurde es eine Weile ganz still unter den Buchen; es sah aus, als sei
der ganze Schwarm Wildgnse weitergeflogen.

Da fiel Smirre pltzlich sein Gefangner, der kleine Knirps, wieder ein; er
hatte keine Zeit gehabt, an ihn zu denken, seit er die erste Gans gesehen
hatte. Aber natrlich war der lngst auf und davon.

Doch Smirre blieb auch jetzt nicht viel Zeit, an den kleinen Kerl zu
denken, denn eben kam die erste Gans wieder vom See her und flog langsam
unter dem Bltterdach hin. Trotz seines Mierfolges freute sich Smirre ber
ihre Rckkehr, und mit einem groen Satz strzte er auf sie zu. Aber er war
zu eilig gewesen, er hatte sich nicht die ntige Zeit zum Berechnen seines
Sprunges genommen und sprang nun an ihr vorbei.

Nach dieser Gans kam wieder eine, und dann noch eine, und dann eine dritte,
vierte, fnfte, bis die Reihe mit der alten eisgrauen und der groen weien
abschlo. Alle flogen langsam und nahe am Boden; und als sie ber Smirre
schwebten, senkten sie sich noch tiefer herab, als ob sie ihn einladen
wollten, sie zu fangen. Und Smirre verfolgte sie, er machte mehrere Meter
hohe Stze, und doch konnte er keine erwischen.

Das war der schrecklichste Tag, den der Fuchs Smirre je erlebt hatte. Die
Wildgnse flogen unaufhrlich ber seinem Kopf weg, hin und her, hin und
her. Groe, herrliche Gnse, die sich auf den deutschen ckern und Heiden
fett gefressen hatten, strichen den ganzen Tag durch den Wald so nahe an
ihm vorber, da er sie wiederholt berhrte, und doch konnte er seinen
Hunger nicht mit einer einzigen stillen.

Der Winter war kaum vorber, und Smirre erinnerte sich an die Tage und
Nchte, wo er meistens mig umhergestreift war, weil er auch nicht ein
einziges Wildbret erjagen konnte, denn die Zugvgel waren fortgezogen, die
Ratten verbargen sich unter der gefrorenen Erde und die Hhner waren
eingesperrt. Aber der Hunger des ganzen Winters war nicht so schwer zu
ertragen gewesen, als der Mierfolg dieses einen Tages.

Smirre war kein junger Fuchs mehr; oft waren ihm die Hunde an den Fersen
gewesen, und die Kugeln hatten ihm um die Ohren gepfiffen. Er hatte tief
drinnen in seinem Bau gelegen, whrend die Dachshunde in dessen Gngen
waren und ihn beinahe gefunden htten. Aber alle Angst, die Smirre whrend
einer solchen aufregenden Jagd durchgemacht hatte, war nicht zu vergleichen
mit dem Gefhl, das ihn ergriff, so oft er einen miglckten Sprung nach
den Wildgnsen machte.

Am Morgen, als das Spiel begann, war Smirre so schmuck gewesen, da die
Gnse bei seinem Anblick gestutzt hatten; Smirre liebte die Pracht, und
sein Pelz war glnzend rot, seine Brust wei, die Tatzen schwarz und der
Schwanz ppig wie eine Feder. Aber das schnste an ihm war doch die
Spannkraft seiner Bewegungen und der Glanz seiner Augen. Als es jedoch an
diesem Tage Abend wurde, hing Smirres Pelz in Zotteln herunter, er war in
Schwei gebadet, seine Augen waren matt, die Zunge hing ihm lang aus dem
keuchenden Maule heraus, und um die Lippen stand ihm der Schaum.

Den ganzen Nachmittag war Smirre so mde, da er wie verwirrt war. Er sah
nichts andres mehr vor sich als fliegende Gnse. Er sprang nach
Sonnenflecken, die auf dem Boden glnzten, und nach einem armen
Schmetterling, der zu frh aus seiner Puppe geschlpft war.

Die Wildgnse flogen und flogen unermdlich hin und wieder; den ganzen Tag
hrten sie nicht auf, Smirre zu qulen, sie fhlten kein Mitleid, als sie
Smirre verwirrt, aufgeregt, wahnsinnig sahen. Unerbittlich fuhren sie fort,
obgleich sie wuten, da er sie kaum noch sah und nach ihrem Schatten
sprang.

Erst als Smirre ganz ermattet und kraftlos, beinah auf dem Punkt, den Geist
aufzugeben, auf einen Haufen drren Laubes niedersank, hrten sie auf, ihn
zum besten zu haben.

Jetzt weit du, Fuchs, wie es dem geht, der sich mit Akka von Kebnekajse
einlt! riefen sie ihm in die Ohren; und damit lieen sie ihn endlich in
Ruhe.




3

Das Leben der Wildvgel

Im Bauernhof


                                                  Donnerstag, 24. Mrz

Gerade in jenen Tagen trug sich in Schonen ein Ereignis zu, das nicht
allein sehr viel von sich reden machte, sondern auch in die Zeitungen kam,
das aber viele fr eine Erfindung hielten, weil sie es sich durchaus nicht
erklren konnten.

Im Park von vedskloster war nmlich ein Eichhornweibchen gefangen und auf
einen nahegelegenen Bauernhof gebracht worden. Alle Bewohner des
Bauernhofs, alte und junge, freuten sich sehr ber das kleine hbsche Tier
mit dem groen Schwanz, den klugen neugierigen Augen und den kleinen netten
Fchen. Sie wollten sich den ganzen Sommer an seinen flinken Bewegungen,
seiner putzigen Art, Haselnsse zu knabbern, und an seinem lustigen Spiel
erfreuen. Schnell brachten sie einen alten Eichhrnchenkfig in Ordnung,
der aus einem kleinen grn angestrichenen Huschen und einem aus Draht
geflochtenen Rad bestand. Das Huschen, das Tr und Fenster hatte, sollte
dem Eichhrnchen als E- und Schlafzimmer dienen, deshalb machten sie ein
Lager aus Laub zurecht, stellten eine Schale Milch hinein und legten einige
Haselnsse dazu. Das Rad sollte sein Spielzimmer sein, wo es spielen und
klettern und sich im Kreise herumschwingen knnte.

Die Menschen glaubten, sie htten es fr das Eichhrnchen recht gut
gemacht, und sie verwunderten sich sehr, da es ihm offenbar nicht gefiel.
Betrbt und mimutig und nur ab und zu einen scharfen Klagelaut ausstoend,
sa es in einer Ecke seines Stbchens. Es rhrte die Speisen nicht an und
schwang sich auch nicht ein einziges Mal in dem Rad. Es frchtet sich,
sagten die Leute auf dem Bauernhof. Aber morgen, wenn es an seine Umgebung
gewhnt ist, wird es schon spielen und fressen.

In dem Bauernhofe waren aber zu der Zeit groe Vorbereitungen zu einem Fest
im Gang, und gerade an dem Tag, wo das Eichhrnchen gefangen worden war,
war groe Backerei. Zum Unglck jedoch hatte entweder der Teig nicht recht
aufgehen wollen, oder die Leute waren etwas langsam bei der Arbeit gewesen,
und so muten sie noch lange nach Einbruch der Dunkelheit arbeiten.

berall herrschte natrlich groer Eifer, und man hatte es sehr eilig in
der Kche; niemand nahm sich Zeit, nachzusehen, wie es dem Eichhrnchen
ging. Doch die alte Mutter des Hauses war zu bejahrt, um noch beim Backen
helfen zu knnen; und obwohl sie das recht gut einsah, war sie doch betrbt
darber, ganz ausgeschlossen zu sein; sie ging auch nicht zu Bett, sondern
setzte sich ans Fenster der Wohnstube und sah hinaus. Die Kchentr war der
Wrme wegen aufgemacht worden, und durch sie fiel ein heller Lichtschein
auf den Hof hinaus. Es war ein von Gebuden umschlossener Hof, der jetzt so
hell erleuchtet war, da die Frau die Risse und Lcher in der Verkalkung an
der gegenberliegenden Wand deutlich sehen konnte. Sie sah auch den Kfig
des Eichhrnchens, der gerade dort hing, wo der Lichtschein am hellsten
hinfiel, und da sah sie, da das Eichhrnchen immerfort aus seinem Stbchen
in das Rad und vom Rad wieder ins Stbchen hineinlief, ohne sich einen
Augenblick Ruhe zu gnnen. Sie dachte, das Tier sei doch in einer
sonderbaren Aufregung, aber sie meinte, der scharfe Lichtschein halte es
wach.

Zwischen dem Kuh- und dem Pferdestall war ein groes, breites Einfahrtstor,
das jetzt auch von dem Lichtschein aus der Kche hellbeleuchtet war. Als
eine gute Weile vergangen war, sah die alte Mutter, da durch das Hoftor
ganz leise und vorsichtig ein winziger Knirps hereingeschlichen kam; er war
nur eine Spanne hoch, hatte aber Holzschuhe an den Fen und trug
Lederhosen wie ein gewhnlicher Arbeiter. Die alte Mutter wute sogleich,
da dies das Wichtelmnnchen war, und frchtete sich nicht im geringsten,
denn sie hatte immer gehrt, da sich ein solches auf dem Hofe aufhalte,
obgleich es noch nie jemand gesehen hatte; und ein Wichtelmnnchen brachte
ja Glck, wo es sich zeigte.

Sobald das Wichtelmnnchen auf den gepflasterten Hof kam, lief es eilig auf
den Kfig zu, und da es ihn nicht erreichen konnte, weil er zu hoch hing,
ging es nach dem Gerteschuppen, holte eine Stange heraus, lehnte sie an
den Kfig und kletterte an ihr hinauf, gerade wie ein Seemann an einem Tau
hinaufklettert. Als es den Kfig erreicht hatte, rttelte es an der Tr des
kleinen grnen Hauses, um es zu ffnen; aber die alte Mutter war ganz
beruhigt, denn sie wute, da die Kinder ein Vorlegeschlo daran gehngt
hatten, aus Angst, die Jungen vom Nachbarhof knnten versuchen, das
Eichhrnchen zu stehlen. Die Frau sah, da das Eichhrnchen, als das
Wichtelmnnchen die Tr nicht aufbrachte, in das Rad herauskam. Da fhrten
nun die beiden ein langes Zwiegesprch, und nachdem das Wichtelmnnchen
alles wute, was ihm das Tier zu sagen hatte, glitt es an der Stange wieder
hinunter und lief eilig zum Tor hinaus.

Die Frau glaubte nicht, da sie in dieser Nacht noch etwas von dem
Wichtelmnnchen zu sehen bekme, blieb aber doch am Fenster sitzen. Nach
einer Weile kam es auch richtig wieder. Es hatte es so eilig, da seine
Fe kaum den Boden zu berhren schienen, und lief spornstreichs auf den
Kfig zu. Mit ihren fernsichtigen Augen sah es die Frau deutlich, auch
bemerkte sie, da es etwas in den Hnden trug; aber was es war, konnte sie
nicht erkennen. Jetzt legte es das, was es in der linken Hand hielt, auf
das Steinpflaster nieder, aber das in seiner Rechten nahm es mit hinauf
zum Kfig. Hier stie es mit seinem Holzschuh so heftig an das Fensterchen,
da die Scheibe zersprang, und durch diese reichte es nun das, was es in
der Hand hielt, dem Eichhrnchen hinein. Dann rutschte es an der Stange
herunter, nahm den andern Gegenstand vom Boden und kletterte auch damit zum
Kfig hinauf. Schnell wie der Blitz war es wieder unten und strmte so
eilig davon, da ihm die alte Frau kaum mit den Augen folgen konnte.

Aber jetzt litt es die alte Mutter nicht mehr im Zimmer. Ganz leise stand
sie von ihrem Stuhl auf, ging auf den Hof hinaus und stellte sich in den
Schatten des Brunnens, um hier das Wichtelmnnchen zu erwarten. Und noch
jemand war da, der auch aufmerksam und neugierig geworden war. Das war die
Hauskatze; leise kam sie dahergeschlichen und blieb an der Mauer, gerade
ein paar Schritte von dem hellen Lichtstreifen entfernt, stehen.

Die beiden muten in der kalten Nacht lange warten, und die Frau berlegte
sich schon, ob sie nicht lieber hineingehen sollte, als sie ein Geklapper
auf dem Pflaster hrte und sah, da der kleine Knirps von einem
Wichtelmnnchen wirklich noch einmal daherkam. Auch jetzt trug er in jeder
Hand etwas, und was er trug, das zappelte und quietschte. Jetzt ging der
alten Mutter ein Licht auf, und sie verstand, da das Wichtelmnnchen in
das Haselnuwldchen gelaufen war, dort die Jungen des Eichhrnchens geholt
hatte und sie jetzt ihrer Mutter brachte, damit sie nicht verhungern
mten.

Die alte Frau verhielt sich ganz still, um das Wichtelmnnchen nicht zu
stren, und das schien sie auch nicht bemerkt zu haben. Es war eben im
Begriff, das eine Junge auf den Boden zu legen, um zum Kfig
hinaufzuklettern, als es pltzlich die grnen Augen der Katze dicht neben
sich funkeln sah. Ganz ratlos blieb es stehen, in jeder Hand ein junges
Eichhrnchen.

Es drehte sich um und sphte im Hof umher. Da gewahrte es die alte Mutter,
und ohne sich lange zu besinnen, trat es rasch zu ihr hin und reichte ihr
eines der Tierchen.

Die alte Mutter wollte sich des Vertrauens des Wichtelmnnchens nicht
unwrdig zeigen; sie nahm ihm das Eichhrnchen ab und hielt es fest, bis
das Wichtelmnnchen mit dem ersten zum Kfig hinaufgeklettert war und dann
kam, das zweite, das es ihr anvertraut hatte, zu holen.

Am nchsten Morgen, als die Leute auf dem Bauernhofe beim Frhstck
versammelt waren, konnte die Alte unmglich ber das Erlebnis der
vergangenen Nacht schweigen. Aber alle miteinander lachten sie aus und
sagten, sie habe das nur getrumt. Zu dieser Jahreszeit gbe es ja noch gar
keine jungen Eichhrnchen.

Doch sie war ihrer Sache ganz sicher und verlangte, da man im Kfig
nachsehe. Man tat es, und siehe da, auf dem Lager aus Laub, in der kleinen
Stube, lagen vier halbnackte, halbblinde, erst zwei Tage alte Junge.

Als der Vater dies sah, sagte er: Das mag nun zugegangen sein, wie es
will, aber so viel ist sicher, wir hier auf dem Hofe haben uns benommen,
da wir uns vor Tieren und Menschen schmen mssen. Damit nahm er das
Eichhrnchen mitsamt den vier Jungen aus dem Kfig heraus und legte alle in
die Schrze der Mutter. Geh damit in das Haselnuwldchen und gib ihnen
ihre Freiheit wieder, sagte er.

Dies ist das Ereignis, das so viel von sich reden gemacht hatte und sogar
in die Zeitung kam, das aber die meisten nicht glauben wollten, weil sie es
sich nicht erklren konnten.


Im Park von vedskloster

Den Tag, an dem die Wildgnse ihr Spiel mit dem Fuchs trieben, verbrachte
der Junge in einem verlassenen Eichhrnchennest in tiefem Schlafe. Als er
gegen Abend erwachte, war er sehr betrbt. Nun werden sie mich bald nach
Hause zurckschicken, dachte er, und dann gibt es keinen Ausweg mehr fr
mich, ich mu mich Vater und Mutter so zeigen, wie ich jetzt bin.

Aber als er zu den Wildgnsen hinkam, die im Vombsee umherschwammen und
badeten, wurde kein Wort von seiner Abreise laut. Sie meinen vielleicht,
der Weie sei zu mde, um sich heute abend noch mit mir auf den Weg zu
machen, dachte er.

Am nchsten Morgen waren die Gnse schon lange vor Sonnenaufgang munter,
und der Junge war fest berzeugt, da er und der Gnserich die Heimreise
nun unverzglich antreten muten. Aber merkwrdigerweise durften alle beide
die Wildgnse auf ihren Morgenausflug begleiten. Der Junge konnte sich
durchaus nicht denken, was der Grund zu diesem Aufschub sein knnte, aber
dann klgelte er sich heraus, da die Wildgnse den Gnserich nicht auf
eine so weite Reise schicken wollten, ehe er sich ordentlich sattgegessen
htte. Wie es sich aber auch verhalten mochte, der Junge war ber jede
weitere Stunde, die zwischen ihm und dem Wiedersehen mit seinen Eltern lag,
von Herzen froh.

Die Wildgnse flogen ber den Herrenhof von vedskloster hin, der in einem
herrlichen Park stlich von dem See lag, und der wundervoll aussah mit
seinem groen Schlo, seinem schnen gepflasterten, von niedrigen Mauern
und Lusthusern umgebenen Hofe und seinem vornehmen altmodischen Garten mit
den geschnittenen Hecken, dichten Laubgngen, Teichen, Springbrunnen,
prachtvollen Bumen und kurzgeschorenen Rasenpltzen, wo die Rabatten
voller bunter Frhlingsblumen standen.

Als die Wildgnse in aller Frhe ber den Herrenhof hinflogen, war noch
kein Mensch zu sehen. Nachdem sie sich dessen genau versichert hatten,
lieen sie sich ganz nahe zur Hundehtte hinunter und riefen: Was ist das
hier fr eine kleine Htte? Was ist das hier fr eine kleine Htte?

Sogleich kam der Hund zornig und wtend aus seinem Hause herausgerannt und
bellte aus Leibeskrften.

Nennt ihr das eine Htte, ihr, ihr Landstreicher? Seht ihr nicht, da das
ein groes steinernes Schlo ist? Seht ihr nicht, was fr schne Mauern,
wie viele Fenster, welche mchtigen Tore und welche prachtvolle Terrasse es
hat, wau, wau, wau? Nennt ihr das eine Htte, ihr? Seht ihr denn nicht den
Hof, den Garten, die Gewchshuser und die Marmorfiguren? Nennt ihr das
eine Htte, ihr? Haben die Htten fr gewhnlich einen Park ringsum, wo es
Buchenwlder und Haselnugebsch und Baumwiesen und Eichenhaine und
Tannengehlze und einen Tiergarten voller Rehe gibt? Wau, wau, wau! Nennt
ihr das eine Htte, ihr? Habt ihr Htten gesehen mit so vielen
Nebengebuden, da sie einen ganzen Ort bilden? Ihr kennt wohl sehr viele
Htten, die eine eigne Kirche und ein eignes Pfarrhaus haben und die ber
Herrenhuser und Bauernhfe und Pachthfe und Amtswohnungen gebieten, wau,
wau, wau! Nennt ihr das eine Htte, ihr? Zu dieser Htte hier gehrt das
grte Gut in ganz Schonen, ihr Bettelvolk! Nicht ein einziges Fleckchen
Erde knnt ihr da droben von eurer Hhe aus sehen, das nicht unter dieser
Htte stnde, wau, wau, wau!

Der Hund brachte dies alles wirklich in einem Atemzug heraus; die Gnse
flogen ber dem Hofe hin und her und hrten ihm zu, bis er Atem schpfen
mute, dann aber riefen sie: Warum bist du denn so zornig? Wir haben gar
nicht nach dem Schlo gefragt, sondern nur nach deiner Hundehtte!

Als der Junge diese Neckerein hrte, lachte er zuerst, aber dann drngte
sich ihm der Gedanke auf, der ihn auf einmal ernst stimmte. Ach, wie viele
solcher Scherze wrdest du zu hren bekommen, wenn du mit den Wildgnsen
durchs ganze Land bis hinauf nach Lappland reisen drftest! seufzte er
leise. Da du dir dein Leben nun doch einmal so verdorben hast, wre eine
solche Reise noch das beste, was dir widerfahren knnte.

Die Wildgnse flogen auf einen der jenseits vom Herrenhof gelegenen groen
cker und weideten da ein paar Stunden lang das Wintergras ab. Inzwischen
ging der Junge in den an den Acker anstoenden groen Park hinein und
sphte eifrig, ob nicht an den Zweigen der Haselstrucher da und dort noch
eine Haselnu vom vergangenen Herbst zu finden wre. Aber whrend er so im
Parke umherstreifte, tauchte der Gedanke an die Heimreise einmal ums andre
drohend vor seiner Seele auf. Immer wieder mute er sich ausmalen, wie
schn er es haben wrde, wenn er bei den Wildgnsen bleiben drfte. Hungern
und frieren wrde er freilich oftmals mssen, dafr aber wre er auch aller
Arbeit und allem Lernen enthoben.

Whrend er noch diesen Gedanken nachhing, lie sich pltzlich die alte
graue Gans neben ihm nieder und fragte ihn, ob er etwas Ebares gefunden
habe. Nein, er habe nichts gefunden, antwortete der Junge. Da versuchte
Akka ihm zu helfen, aber auch sie fand keine Haselnsse, entdeckte jedoch
dafr ein paar Hagebutten, die noch an einem wilden Rosenbusch hingen. Der
Junge verzehrte sie mit gutem Appetit; aber er fragte sich doch, was wohl
seine Mutter sagen wrde, wenn sie wte, da ihr Sohn sich mit rohen
Fischen und ausgefrornen Hagebutten das Leben fristete.

Als die Wildgnse endlich satt geworden waren, zogen sie wieder an den See
hinunter und trieben da bis zur Mittagszeit allerlei Kurzweil. Sie
forderten den weien Gnserich zum Wettbewerb in ihren Knsten heraus, im
Springen, Fliegen und Schwimmen, und der groe zahme tat sein Bestes, aber
die flinken Wildgnse liefen ihm in allem den Rang ab. Whrend dieser
ganzen Zeit sa der Junge auf dem Rcken des Gnserichs, feuerte diesen an
und war eben so vergngt wie die andern. Das war ein Geschrei und Gelchter
und Gegacker, und es war nur zu verwundern, da die Herrschaft auf dem
Schlo nicht darauf aufmerksam wurde.

Nachdem die Wildgnse des Spielens berdrssig geworden waren, flogen sie
auf das Eis hinber und pflegten ein paar Stunden der Ruhe. Den Nachmittag
verbrachten sie fast ganz auf dieselbe Weise wie den Vormittag, zuerst
weideten sie ein paar Stunden, dann badeten und spielten sie am Rande des
Eises bis zum Sonnenuntergang, und dann stellten sie sich auf dem Eise auf,
wo sie auch sogleich einschliefen.

Ja, so ein Leben wrde mir gerade gefallen, dachte der Junge, als er am
Abend unter den Flgel des Gnserichs kroch. Aber morgen werde ich wohl
fortgeschickt werden.

Bevor er einschlief, berlegte er noch einmal alle Vorteile, die ihm aus
der Reise mit den Wildgnsen erwachsen wrden. Er wrde nicht gescholten,
wenn er faul wre, den lieben langen Tag hindurch knnte er dem lieben Gott
die Zeit abstehlen, und seine einzige Sorge wre, wie er sich etwas Ebares
verschaffen knnte. Doch er brauchte ja jetzt so wenig zu seinem Unterhalt,
da wrde sich schon Rat schaffen lassen.

Und dann malte er sich aus, was er alles zu sehen bekme, und wie viele
Abenteuer er erleben wrde. O das wre etwas ganz anderes als die Arbeit
und Schinderei daheim. Ach, wenn ich doch die Wildgnse auf dieser Reise
begleiten drfte, dann wollte ich mich ber meine Verwandlung gewi nicht
grmen! dachte er.

Er hatte jetzt vor nichts Angst, als nach Hause geschickt zu werden; aber
auch am Mittwoch mahnten die Wildgnse nicht an die Abreise. Der Tag
verging wie der vorhergehende, und dem Jungen gefiel das ungebundene Leben
im Freien immer besser.

Er war der Meinung, er habe den einsamen Park, der so gro war wie ein
Wald, ganz fr sich allein, und er fhlte durchaus keine Sehnsucht nach der
engen Stube und den kleinen ckerchen seiner Heimat.

Am Mittwoch glaubte er, die Wildgnse htten die Absicht, ihn bei sich zu
behalten, aber am Donnerstag hatte er diese Hoffnung nicht mehr. Der
Donnerstag begann ganz wie der vorhergehende Tag. Die Wildgnse weideten
auf den groen ckern, und der Junge ging im Park auf die Nahrungssuche.
Nach einiger Zeit gesellte sich Akka zu ihm und fragte, ob er etwas Ebares
gefunden habe. Nein, das hatte er nicht. Da stberte Akka eine vertrocknete
Kmmelstaude auf, an der noch alle die kleinen Frchte unversehrt hingen.
Aber nachdem der Junge gegessen hatte, sagte Akka zu ihm, sie finde, er
streife viel zu verwegen im Park umher, ob er denn nicht wisse, vor wie
vielen Feinden sich so ein kleines Geschpf, wie er eines sei, zu hten
habe? Nein, das wisse er nicht, sagte der Junge, und darauf begann Akka ihm
die Feinde aufzuzhlen.

Wenn er in den Wald gehe, sagte sie, solle er sich vor dem Fuchs und dem
Marder in acht nehmen, wenn er sich am Ufer aufhalte, drfe er die
Fischotter nicht vergessen, wenn er auf einem Steinmuerchen sitze, msse
er an das Wiesel denken, das durch das kleinste Loch hindurchschlpfen
knne, und wenn er sich auf einen Laubhaufen niederlegen wolle, um zu
schlafen, msse er zuerst untersuchen, ob nicht etwa eine Kreuzotter in
eben diesem Haufen ihren Winterschlaf halte. Sobald er aufs offne Feld
hinauskomme, solle er sich vor Habicht und Geier, vor Adler und Falken, die
droben in der Luft schwebten, hten. Im Haselnugebsch knne er vom
Sperber gefangen werden. Dohlen und Krhen fnden sich berall, und ihnen
solle er nur nicht zu viel trauen. Und sobald die Dmmerung hereinbreche,
solle er die Ohren spitzen und auf die groen Eulen aufpassen, die mit
lautlosem Flgelschlag daherschwebten, so da sie schon ganz dicht bei ihm
seien, ehe er ihre Nhe nur ahne.

Als der Junge von so vielen Feinden hrte, die ihm mit dem Tode drohten,
erschien es ihm ganz unmglich, mit dem Leben davonzukommen. Er frchtete
sich zwar nicht besonders vor dem Sterben, wollte aber doch lieber nicht
aufgefressen werden. Er fragte deshalb Akka, was er tun msse, um den
Raubtieren zu entgehen.

Und Akka antwortete sogleich, er msse versuchen, sich mit dem kleinen
Tiervolk in Wald und Feld, mit den Eichhrnchen und den Hasen, mit den
Finken, Meisen, Spechten und Lerchen auf guten Fu zu stellen. Wenn er sich
die zu Freunden mache, dann wrden sie ihn vor Gefahren warnen, ihm
Schlupfwinkel zeigen und in der hchsten Not sich zusammentun, ihn zu
verteidigen.

Als sich dann aber der Junge spter am Tag diesen Rat zunutze machen wollte
und sich an Sirle, das Eichhrnchen, um gtigen Beistand wandte, da zeigte
es sich, da dieses ihm nicht helfen wollte. Von dem kleinen Tiervolk
darfst du dir keine Hoffnung auf Hilfe machen, sagte Sirle. Meinst du,
wir wten nicht, da du Nils, der Gnsejunge bist, der im vorigen Jahr die
Schwalbennester herunterri, die Stareneier zerbrach, die jungen Krhen in
die Mergelgrube warf, Drosseln in Schlingen fing und Eichhrnchen in Kfige
sperrte? Du mut dir selber helfen, so gut du kannst, und mut noch froh
sein, wenn wir uns nicht zusammentun und dich zu den Deinen zurckjagen.

Das war gerade so eine Antwort, die der Junge frher nicht ungestraft htte
hingehen lassen. Jetzt aber bekam er nur Angst, auch die Wildgnse mchten
erfahren, wie bse er sein konnte. Seither war er in bestndiger Angst
gewesen, die Wildgnse wrden ihm am Ende die Erlaubnis, bei ihnen zu
bleiben, verweigern, und er hatte sich deshalb, seit er in ihrer
Gesellschaft war, nicht die kleinste Unart erlaubt. Viel Bses htte er
freilich, da er doch so klein war, nicht anstellen knnen, aber er htte
doch Gelegenheit genug gehabt, Vogelnester auszunehmen und die Eier zu
zerbrechen. So aber war er immer nur ganz artig gewesen, hatte keiner Gans
eine Feder aus dem Flgel gerupft, keine einzige unhfliche Antwort
gegeben, und wenn er Akka guten Morgen wnschte, nahm er jedesmal die Mtze
ab und verbeugte sich dazu.

Den ganzen Donnerstag hindurch dachte er, die Wildgnse wollten ihn gewi
nur seiner Schlechtigkeit wegen nicht mit nach Lappland nehmen, und als er
am Abend hrte, da das Weibchen des Eichhrnchens Sirle geraubt worden sei
und dessen neugeborenen Jungen nun verhungern mten, beschlo er, ihnen zu
helfen, und es ist schon berichtet worden, wie gut das Nils Holgersson
gelang.

Als der Junge am Freitag wieder in den Park kam, hrte er die Buchfinken in
jedem Gebsch davon singen, wie das Weibchen des Eichhrnchens Sirle durch
grimmige Ruber von ihren neugeborenen Jungen weg geraubt worden sei und
wie der Gnsejunge Nils sich zwischen die Menschen hineingewagt und ihr
ihre Kleinen gebracht htte.

Wer ist nun im Park von vedskloster so gefeiert, sangen die Buchfinken,
wie Dumeling, den alle frchteten, so lange er der Gnsejunge Nils war?
Sirle, das Eichhrnchen, gibt ihm Nsse, die armen Hasen machen Mnnchen
vor ihm, die Rehe nehmen ihn auf den Rcken und laufen mit ihm davon, wenn
der Fuchs Smirre in seiner Nhe auftaucht, die Meisen warnen ihn vor dem
Sperber, und die Finken und Lerchen singen von seiner Heldentat!

Der Junge war ganz sicher, da Akka und die andern Wildgnse alles dies
gehrt hatten, aber trotzdem verging der ganze Freitag, ohne da ihm gesagt
worden wre, er drfe jetzt bei ihnen bleiben.

Bis zum Samstag durften die Wildgnse auf den ckern bei ved weiden, ohne
von Smirre gestrt zu werden. Aber als sie am Samstag frh auf das Feld
hinberkamen, lag er da im Hinterhalt und verfolgte sie von einem Acker zum
andern. Als nun Akka sah, da er sie durchaus nicht in Ruhe lassen wollte,
fate sie einen raschen Entschlu, sie erhob sich hoch in die Luft und flog
mit ihrer Schar mehrere Meilen weit ber die Ebenen von Frs und dem
Linderder Bergrcken hin. Dort lieen sie sich in der Gegend von
Vittskvle nieder. Dann wurde es wieder Sonntag. Eine ganze Woche war nun
vergangen, seit der Junge verzaubert worden war, und noch immer war er
ebenso klein wie am ersten Tage.

Aber es sah nicht aus, als ob ihm das groen Kummer machte. Am
Sonntagnachmittag sa er auf einem groen, dichten Weidenbusch am Seeufer
und blies auf einer Weidenpfeife. Ringsumher saen so viele Meisen und
Buchfinken und Stare, als auf dem Gebsch Platz hatten, und zwitscherten
ihre Weisen, die der Junge nachzublasen versuchte. Aber der Junge verstand
sich nicht besonders auf diese Kunst; er blies so falsch, da sich den
kleinen Lehrmeistern alle Federn strubten und sie in hellem Entsetzen
schrien und mit den Flgeln schlugen. Der Junge aber lachte so herzlich
ber ihren Eifer, da ihm die Pfeife entfiel.

Wieder begann er zu blasen, aber auch diesmal ging es nicht besser, und die
ganze Vogelschar jammerte: Heute spielst du noch schlechter als sonst,
Dumling! Du bringst keinen reinen Ton heraus. Wo hast du nur deine
Gedanken, Dumling?

Die sind anderswo, antwortete der Junge. Und das war ganz wahr. Er mute
immerfort daran denken, wie lange er wohl noch bei den Wildgnsen bleiben
drfte, und ob er am Ende schon an diesem Tage noch fortgeschickt werde.

Doch pltzlich warf der Junge die Pfeife weg und sprang von dem Weidenbusch
herunter, denn er sah Akka und alle Gnse in einer langen Reihe auf sich
zukommen. Sie schritten ungewhnlich langsam und feierlich daher, und dem
Jungen wurde sogleich klar, da er jetzt erfahren werde, was sie mit ihm zu
tun gedchten.

Als die Gnse schlielich vor ihm stehen blieben, sagte Akka:

Du hast allen Grund, dich ber mich zu verwundern, weil ich mich noch
nicht bei dir bedankt habe, da du mich aus Smirres Klauen errettet hast.
Aber ich gehre zu denen, die lieber mit Taten als mit Worten danken. Und
ich glaube, lieber Dumling, da es mir gelungen ist, dir einen groen
Dienst zu erweisen. Ich habe nmlich an das Wichtelmnnchen, das dich
verzaubert hat, Botschaft geschickt. Zuerst wollte es nichts davon hren,
dich wieder in deine alte Gestalt zu verwandeln, aber ich habe eine
Botschaft um die andre geschickt und ihm mitteilen lassen, wie gut du dich
hier bei uns aufgefhrt hast. Jetzt lt es dich gren und dir sagen, da
du, sobald du wieder nach Hause zurckgekehrt seiest, wieder ein Mensch
werden wrdest.

Aber wie merkwrdig! Ebenso vergngt wie der Junge gewesen war, als Akka zu
sprechen angefangen hatte, ebenso betrbt war er, als sie zu sprechen
aufhrte. Er sagte kein Wort, sondern wendete sich nur ab und weinte.

Was soll denn aber das bedeuten? fragte Akka. Es sieht aus, als habest
du mehr von mir erwartet, als ich dir jetzt geboten habe.

Aber der Junge dachte an sorgenfreie Tage und lustige Neckereien, an
Abenteuer und Freiheit und an die Reisen hoch ber der Erde hin, deren er
nun verlustig gehen wrde, und er weinte laut vor Kummer und Betrbnis.
Ich mache mir nichts daraus, wieder ein Mensch zu werden! schluchzte er.
Ich will mit euch nach Lappland!

Ich will dir etwas sagen, erwiderte Akka. Das Wichtelmnnchen ist sehr
leicht verletzt, und ich frchte, es werde dir schwer werden, es ein andres
Mal zu deinen Gunsten zu stimmen, wenn du sein Anerbieten jetzt
ausschlgst.

Es war von jeher merkwrdig gewesen, da dieser Junge noch niemals jemand
eigentlich lieb gehabt hatte, weder Vater noch Mutter, noch den
Schullehrer, noch die Schulkameraden, noch die Jungen auf den Nachbarhfen.
Alles, was sie je von ihm verlangt hatten, einerlei, ob es sich um Spiel
oder Arbeit handelte, war ihm langweilig vorgekommen. Deshalb gab es jetzt
auch keinen Menschen, nach dem er sich gesehnt oder den er vermit htte.

Die einzigen, mit denen er sich einigermaen vertragen hatte, waren das
Gnsemdchen sa und ihr Bruder Klein-Mats gewesen, ein paar Kinder, die
wie er auch Gnse hteten. Aber auch mit ihnen verband ihn keine richtige
Freundschaft. O nein, ganz und gar nicht!

Ich will nicht wieder ein Mensch werden! schluchzte der Junge. Ich will
euch nach Lappland begleiten! Deshalb bin ich eine ganze Woche lang artig
gewesen.

Es soll dir nicht verweigert werden, uns zu begleiten, so lange du Lust
hast, sagte Akka. Aber berlege dir nun zuerst, ob du nicht lieber nach
Hause zurckkehren mchtest. Es knnte ein Tag kommen, wo du es bereutest.

Nein, sagte der Junge, da ist nichts zu bereuen. Es ist mir noch nie so
gut gegangen, wie hier bei euch.

Nun, dann sei es also, wie du willst, sagte Akka.

Danke, danke! rief der Junge. Und er fhlte sich so glcklich, da er
jetzt ebenso vor Freude weinen mute, wie er vorher vor Kummer geweint
hatte.

[Illustration]




4

Haus Glimminge

Schwarze Ratten und graue Ratten


Im sdstlichen Schonen, nicht weit vom Meere entfernt, liegt eine alte
Burg, Glimmingehaus genannt. Sie besteht aus einem einzigen hohen, groen
und starken steinernen Bau, den man in der ebenen Gegend meilenweit sehen
kann. Sie hat nur vier Stockwerke, ist aber so mchtig, da ein
gewhnliches Bauernhaus, das auf demselben Gut steht, sich wie ein
Puppenhuschen dagegen ausnimmt.

Die uern Mauern und die Zwischenwnde und Wlbungen dieses steinernen
Hauses sind alle so dick, da im Innern kaum noch fr etwas andres Raum ist
als fr die dicken Quermauern. Die Treppen sind eng, die Gnge schmal, und
es sind nur wenig Zimmer da. Und damit die Mauern ihre Strke behalten
sollten, ist auch nur eine kleine Zahl Fenster in den obern Stockwerken
angebracht worden, in dem untersten aber sind berhaupt nur kleine
Lichtffnungen. In den alten Kriegszeiten waren die Menschen nur zu froh,
wenn sie sich in ein so groes, starkes Haus einschlieen konnten, wie
jemand jetzt im eisigkalten Winter froh ist, wenn er in seinen Pelz
hineinkriechen kann. Aber als die gute Friedenszeit kam, wollten die Leute
nicht mehr in den dunkeln, kalten steinernen Rumen der Burg wohnen; sie
haben schon seit langer Zeit Glimmingehaus verlassen und sind in Wohnungen
gezogen, wo Luft und Licht hineindringen knnen.

Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgnsen umherzog, befanden sich
also keine Menschen in Glimmingehaus, aber deshalb fehlte es da doch nicht
an Bewohnern. Auf dem Dache wohnte jeden Sommer ein Storchenpaar in einem
groen Nest. Unter dem Dache wohnten zwei Nachteulen, in den Gngen hingen
Fledermuse, auf dem Herd in der Kche wohnte eine alte Katze, und drunten
im Keller gab es Hunderte von der alten Sorte der schwarzen Ratten.

Ratten stehen nicht gerade in groem Ansehen bei den andern Tieren; aber
die schwarzen Ratten auf Glimmingehaus machten eine Ausnahme, und es wurde
immer mit Achtung von ihnen gesprochen, weil sie im Streit mit ihren
Feinden groe Tapferkeit bewiesen hatten und auch sehr viel Ausdauer
whrend der groen Unglckszeiten, die ber ihr Volk hingegangen waren. Sie
gehrten nmlich einem Rattenvolk an, das einmal sehr zahlreich und mchtig
gewesen, jetzt aber am Aussterben war. Whrend einer langen Reihe von
Jahren hatten die schwarzen Ratten, Landratten genannt, Schonen und das
ganze Land besessen. Sie waren fast in jedem Keller zu finden gewesen, fast
auf jedem Boden, in Scheunen und auf Heubden, in Vorratskammern und
Backstuben, in den Wirtschaftsgebuden und Stllen, in Kirchen und Burgen,
in Brennereien und Mhlen, sowie in allen andern von Menschen bewohnten
Gebuden; aber jetzt waren sie von allen diesen vertrieben und beinahe
ausgerottet. Nur auf dem einen oder andern einsam gelegenen Platz konnte
man noch einige antreffen, aber nirgends waren sie so zahlreich wie auf
Glimmingehaus.

Wenn ein Tiervolk ausstirbt, beruht das meistens auf dem Vorgehen der
Menschen; hier aber war das nicht der Fall gewesen. Die Menschen hatten
freilich mit den schwarzen Ratten gekmpft, sie hatten ihnen aber keinen
namhaften Schaden zufgen knnen. Wer sie besiegt hatte, das war ein
Tiervolk ihres eignen Stammes gewesen, ein Volk, das man die grauen Ratten
nannte. Die grauen Ratten, oder die Wanderratten, hatten nicht wie die
schwarzen von Urzeiten her im Lande gewohnt. Sie stammten von ein paar
armen Einwanderern her, die vor hundert Jahren von einem lbischen Schiff
in Malm ans Land gestiegen waren. Sie waren heimatlose, halb verhungerte
Trpfe, die in diesem Hafen ihren Aufenthalt nahmen, um die Pfeiler unter
den Brcken herumschwammen und den Abfall fraen, der ins Wasser geworfen
wurde. Nie wagten sie sich in die Stadt hinein, die den schwarzen Ratten
gehrte.

Aber allmhlich, nachdem die grauen Ratten an Zahl zugenommen hatten,
faten sie Mut und gingen in die Stadt hinein. Anfangs zogen sie nur in ein
paar alte verlassene Huser, die die schwarzen Ratten aufgegeben hatten;
sie suchten ihre Nahrung in Rinnsteinen und auf Misthaufen und nahmen mit
allem Unrat vorlieb, den die schwarzen Ratten nicht anrhren wollten. Es
waren wetterfeste, gengsame und unerschrockene Tiere; und in ein paar
Jahren waren sie so mchtig geworden, da sie es unternahmen, die schwarzen
Ratten von Malm zu verjagen. Sie nahmen ihnen Dachrume, Keller und
Magazine weg, hungerten sie aus, oder bissen sie tot, denn sie frchteten
sich durchaus nicht vor Kampf und Streit.

Und nachdem Malm genommen war, zogen sie in kleinern und grern Scharen
aus, das ganze Land zu erobern. Es ist beinahe unbegreiflich, warum die
schwarzen Ratten sich nicht zu einem groen gemeinsamen Heereszug
versammelten und die grauen Ratten vernichteten, so lange diese noch nicht
zahlreich waren. Aber die schwarzen waren wohl von ihrer Macht so
berzeugt, da sie sich die Mglichkeit, das Land zu verlieren, gar nicht
vorstellen konnten. Sie saen ruhig auf ihren Besitztmern, und inzwischen
nahmen ihnen die grauen Ratten Hof um Hof, Dorf um Dorf, Stadt um Stadt
weg. Sie wurden ausgehungert, verdrngt, ausgerottet. In Schonen hatten sie
sich nirgends halten knnen, ausgenommen auf Glimmingehaus.

Das alte steinerne Haus hatte so dicke Mauern und so wenige Rattengnge
fhrten hindurch, da es den schwarzen Ratten gelungen war, es zu halten
und die grauen Ratten am Hereindringen zu verhindern. Ein Jahr ums andre,
eine Nacht um die andre war der Streit zwischen den Angreifern und
Verteidigern fortgegangen; aber die schwarzen Ratten hatten treulich Wache
gestanden und mit der grten Todesverachtung gekmpft, und dank dem alten,
prchtigen Haus hatten sie bis jetzt immer gesiegt.

Es mu zugegeben werden, da die schwarzen Ratten, so lange sie die Macht
gehabt hatten, von allen lebenden Geschpfen ebenso verabscheut gewesen
waren, wie die grauen es jetzt sind, und das mit vollem Recht. Sie hatten
sich ber arme gefesselte Gefangene geworfen und sie geqult, sie hatten
Leichen aufgefressen, hatten die letzte Rbe aus dem Keller der Armen
wegstibitzt, schlafenden Gnsen die Fe abgebissen, den Hhnern die Eier
und ihre kleinen mit zartem Flaum bedeckten gelben Kcken geraubt und
tausend andre Missetaten vollfhrt. Aber seit das Unglck ber sie gekommen
war, war das alles wie vergessen, niemand konnte es unterlassen, die
letzten des Geschlechts, die den grauen Ratten so lange widerstanden
hatten, zu bewundern.

Die grauen Ratten, die auf dem Glimmingehof und dessen Umgebung wohnten,
fhrten den Streit immer weiter und versuchten jede nur mgliche
Gelegenheit zu bentzen, sich der Burg zu bemchtigen. Man htte meinen
knnen, sie htten die kleine Schar schwarzer Ratten wohl im Besitz von
Glimmingehaus lassen knnen, da sie ja das ganze brige Land besaen, aber
das fiel ihnen gar nicht ein. Sie pflegten zu sagen, es sei ihnen
Ehrensache, die schwarzen Ratten doch noch zu besiegen. Aber wer die grauen
Ratten kannte, wute wohl, da es einen andern Grund hatte; die Menschen
bentzten nmlich Glimmingehaus als Kornspeicher, und darum wollten die
grauen keine Ruhe geben, bis sie es erobert htten.


Der Storch

                                                  Montag, 28. Mrz

Eines Morgens wurden die Gnse, die drauen auf dem Eis des Vombsee standen
und schliefen, durch laute Rufe in der Luft sehr frh geweckt. Trirop!
Trirop! erklang es. Trianut, der Kranich, lt die Wildgans Akka und ihre
Schar gren! Morgen findet der groe Kranichtanz auf dem Kullaberg statt!

Akka streckte schnell den Kopf in die Hhe und antwortete: Schnen Dank
und Gru! Schnen Dank und Gru!

Darauf flogen die Kraniche weiter, aber die Wildgnse hrten noch lange,
wie sie ber jedem Feld und ber jedem Waldhgel riefen: Trianut lt
gren! Morgen findet der groe Kranichtanz auf dem Kullaberg statt!

Die Wildgnse freuten sich ber diese Botschaft. Du hast Glck, sagten
sie zu dem weien Gnserich, da du bei dem groen Kranichtanz anwesend
sein darfst.

Ist es denn etwas so Merkwrdiges, die Kraniche tanzen zu sehen? fragte
der Gnserich.

Es ist etwas, was du dir nie trumen lassen knntest, antworteten die
Wildgnse.

Nun mssen wir berlegen, was wir morgen mit Dumling tun, damit ihm kein
Unglck widerfhrt, whrend wir nach dem Kullaberg reisen, sagte Akka.

Dumling darf nicht allein bleiben! rief der Gnserich. Wenn die
Kraniche ihm nicht erlauben, ihren Tanz mit anzusehen, dann bleibe ich bei
ihm.

Keinem Menschen ist je vergnnt gewesen, der Versammlung der Tiere auf dem
Kullaberg beizuwohnen, sagte Akka, und ich wage es nicht, Dumling
dorthin mitzunehmen. Aber wir wollen spter am Tage noch weiter darber
sprechen. Jetzt mssen wir vor allem daran denken, etwas zum Essen zu
bekommen.

Damit gab Akka das Zeichen zum Aufbruch. Auch an diesem Tag suchte sie
Smirres wegen das Weidefeld in groer Entfernung und lie sich erst bei den
sumpfigen Wiesen ein Stck sdlich von Glimmingehaus nieder.

Diesen ganzen Tag hindurch sa der Junge am Ufer eines kleinen Teichs und
blies auf einer Rohrpfeife. Er war schlechter Laune, weil er den
Kranichtanz nicht sehen sollte, und konnte sich nicht berwinden, mit dem
Gnserich oder mit einer der Wildgnse ein einziges Wort zu sprechen.

Ach, wie bitter war es, da Akka ihm noch immer mitraute! Wenn ein Junge
es abgeschlagen hatte, wieder ein Mensch zu werden, weil er lieber mit
einer Schar armer Wildgnse umherziehen wollte, dann mte sie doch
begreifen, da er sie nicht verraten wrde. Und ebensogut mte sie
begreifen, da es ihre Pflicht wre, ihn alles Merkwrdige, was sie ihm nur
zeigen knnte, sehen zu lassen; er hatte doch so viel aufgegeben, um bei
den Wildgnsen zu bleiben.

Ich mu ihnen meine Meinung gerade heraus sagen, dachte er. Aber eine
Stunde um die andre verging, ohne da er seine Absicht ausgefhrt htte.
Dies klingt vielleicht etwas merkwrdig, aber den Jungen war wirklich eine
Art Ehrfurcht vor der alten Akka berkommen, und er fhlte wohl, da es
nicht leicht sein wrde, sich ihrem Willen zu widersetzen.

Auf der einen Seite der sumpfigen Wiese, wo die Gnse weideten, lag eine
breite steinerne Mauer. Und da geschah es, da der Blick des Jungen, als er
gegen Abend den Kopf aufrichtete, um mit Akka zu sprechen, auf die Mauer
fiel. Da entfuhr ihm ein kleiner Schrei der Verwunderung, so da alle Gnse
schnell aufsahen, und auch sie starrten berrascht nach derselben Stelle.
Im ersten Augenblick glaubten alle, der Junge nicht ausgeschlossen, da
die grauen rundlichen Steine, aus denen das Muerchen bestand, Beine
bekommen htten und auf und davon gingen; aber bald sahen sie, da es eine
Schar Ratten war, die darber hinlief. Sie bewegten sich sehr schnell und
liefen dicht nebeneinander in Marschordnung vorwrts, und es waren ihrer so
viele, da sie eine gute Weile das ganze Muerchen bedeckten.

Der Junge hatte sich vor Ratten gefrchtet, als er noch ein groer starker
Mensch gewesen war. Wie sollte er das jetzt nicht tun, wo er so klein war,
da zwei oder drei von ihnen ihn berwltigen konnten? Ein Schauder nach
dem andern lief ihm den Rcken hinunter, whrend er den Rattenzug
betrachtete.

Aber merkwrdigerweise schienen die Gnse ganz denselben Abscheu vor den
Ratten zu haben. Sie sprachen nicht mit ihnen; und als die Ratten vorber
waren, schttelten sie sich, als ob ihnen Schlick zwischen die Federn
gekommen wre.

So viele graue Ratten unterwegs, sagte Yksi von Vassijaure, das ist kein
gutes Zeichen.

Jetzt wollte der Junge die Gelegenheit ergreifen und Akka sagen, da er
meine, sie mte ihn eigentlich mit auf den Kullaberg nehmen; aber wieder
wurde er daran verhindert, denn ein groer Vogel lie sich ganz hastig
mitten zwischen den Gnsen nieder.

Wenn man diesen Vogel ansah, htte man denken knnen, er habe Leib, Hals
und Kopf von einer kleinen weien Gans entlehnt. Aber zu all dem hatte er
sich groe schwarze Flgel angeschafft, sowie lange rote Beine und einen
langen, dicken Schnabel, der viel zu gro fr den kleinen Kopf war und ihn
herunterzog, so da der Vogel ein etwas bekmmertes, sorgenvolles Aussehen
bekam.

Akka legte in aller Eile ihre Flgel zurecht und verbeugte sich viele Male
mit dem Halse, whrend sie dem Storch entgegenging. Sie war nicht besonders
verwundert, ihn so frh im Jahr in Schonen zu sehen, weil sie wute, da
die Storchenmnnchen zu guter Zeit eintreffen, um nachzusehen, ob das
Storchennest whrend des Winters keinen Schaden gelitten habe, ehe die
Storchenweibchen sich der Mhe unterziehen, ber die Ostsee zu fliegen.
Aber sie verwunderte sich doch sehr, was es zu bedeuten habe, da der
Storch sie aufsuchte, denn der Storch geht am liebsten nur mit Leuten
seines eignen Stammes um.

Ihre Wohnung wird doch nicht in Unordnung sein, Herr Ermenrich? sagte
Akka.

Nun zeigte es sich, da es ganz wahr ist, wenn es heit, der Storch ffne
nur selten den Schnabel, ohne zu klagen. Und da es dem Storch schwer wurde,
die Worte herauszubringen, so klang das, was er sagte, noch betrbter.
Zuerst klapperte er eine gute Weile mit dem Schnabel, und dann sprach er
mit einer heisern, schwachen Stimme. Er beklagte sich ber alles mgliche;
das Nest hoch droben auf dem Dachfirst von Glimmingehaus sei von den
Winterstrmen ganz verdorben, und er knne keine Nahrung finden. Die
Menschen eigneten sich allmhlich sein ganzes Besitztum an. Sie machten
seine sumpfigen Wiesen urbar und bebauten seine Moore. Er habe im Sinn,
von Schonen wegzuziehen und nie wieder zurckzukehren.

Whrend der Storch so klagte, konnte es Akka, die Wildgans, die nirgends
Schutz und Schirm geno, nicht lassen, im stillen zu denken: Wenn ich es
so gut htte wie Sie, Herr Ermenrich, dann wrde ich zu stolz zum Klagen
sein. Sie haben ein freier, wilder Vogel bleiben knnen und sind doch so
gut bei den Menschen angeschrieben, da keiner eine Kugel auf Sie abschiet
oder ein Ei aus Ihrem Nest stiehlt. Aber sie behielt ihre Gedanken fr
sich, und zu dem Storch sagte sie nur, sie knne nicht glauben, da er ein
Haus verlassen wolle, das den Strchen schon seit seiner Erbauung als
Heimat gedient htte.

Jetzt fragte der Storch schnell, ob die Gnse den Zug der grauen Ratten
nach Glimmingehaus gesehen htten, und als Akka antwortete, ja, sie htten
das Teufelszeug wohl gesehen, erzhlte er ihr von den tapfern schwarzen
Ratten, die seit vielen Jahren die Burg verteidigt htten. Aber in dieser
Nacht wird Glimmingehaus unter die Herrschaft der grauen Ratten kommen,
sagte der Storch seufzend.

Warum gerade in dieser Nacht, Herr Ermenrich? fragte Akka.

Weil beinahe alle schwarzen Ratten, im Vertrauen darauf, da alle andern
Tiere auch dorthin eilen wrden, gestern abend nach dem Kullaberg
aufgebrochen sind, antwortete der Storch. Aber sehen Sie, die grauen
Ratten sind daheim geblieben, und jetzt versammeln sie sich, um in der
Nacht in die Burg einzudringen, wenn diese nur von ein paar alten
Schwchlingen, die nicht mit nach dem Kullaberg reisen knnen, verteidigt
wird. Sie werden ja auch ihr Ziel erreichen; aber ich habe nun seit so
vielen Jahren in friedlicher Nachbarschaft mit den schwarzen Ratten gelebt,
da es mir nicht gefllt, wenn ich mit deren Feinden Umgang pflegen soll.

Jetzt verstand Akka, warum der Storch zu ihnen gekommen war; er war ber
die Handlungsweise der grauen Ratten so emprt, da er sich ber sie
beklagen wollte. Aber nach Art der Strche htte er sicherlich nichts
getan, das Unglck abzuwenden.

Haben Sie den schwarzen Ratten Nachricht geschickt, Herr Ermenrich?
fragte Akka.

Nein, antwortete der Storch, das wrde nichts ntzen. Ehe sie zurck
sein knnen, ist die Burg genommen.

Seien Sie dessen nicht so ganz sicher, Herr Ermenrich, sagte Akka. Ich
glaube, ich kenne eine alte Wildgans, die eine solche Schandtat gerne
verhindern wrde.

Nachdem Akka dies gesagt hatte, hob der Storch den Kopf und sah sie gro
an. Und das war nicht verwunderlich, denn die alte Akka hatte weder Klauen
noch Schnabel, die in einem Kampf zu gebrauchen waren. Und berdies war sie
ein Tagvogel, sobald die Nacht kam, schlief sie unfehlbar ein, whrend die
Ratten gerade bei Nacht kmpften.

Aber Akka schien fest entschlossen, den schwarzen Ratten beizustehen. Sie
rief Yksi von Vassijaure herbei und befahl ihr, die Gnse nach dem Vombsee
zu fhren, und als die Gnse Einwendungen machten, rief sie gebieterisch:
Ich glaube, es wird fr uns alle das beste sein, wenn ihr mir gehorcht.
Ich mu nach dem groen Steinhaus fliegen, und wenn ihr mich begleitet, ist
es nicht zu vermeiden, da die Leute vom Hofe uns sehen, und dann schieen
sie auf uns. Der einzige, den ich mitnehmen will, ist Dumling. Er kann
sich sehr ntzlich machen, weil er gute Augen hat und bei Nacht wach zu
bleiben vermag.

An diesem Tag war der Junge in seiner strrischsten Laune, und als er
hrte, was Akka sagte, richtete er sich in seiner ganzen Lnge auf und
trat, die Hnde auf dem Rcken und die Nase in der Luft, vor, um zu
erklren, da er sich nicht dazu hergeben wolle, mit Ratten zu kmpfen, und
sich Akka also nach einer andern Hilfe umsehen msse.

Aber in dem Augenblick, wo er sich zeigte, begann der Storch sich zu regen.
Er hatte nach der Gewohnheit der Strche mit gesenktem Kopf und den
Schnabel gegen den Hals gedrckt, dagestanden. Jetzt begann es jedoch in
seinem Hals zu gurgeln, als lache er. Er senkte den Schnabel blitzschnell,
erfate den Jungen und warf ihn ein paar Meter hoch in die Luft hinauf.
Dieses Kunststck wiederholte er siebenmal, whrend der Junge schrie und
die Gnse riefen: Was tun Sie denn, Herr Ermenrich, das ist kein Frosch!
Es ist ein Mensch, Herr Ermenrich!

Endlich stellte der Storch den Jungen doch wieder ganz unbeschdigt auf die
Erde. Hierauf sagte er zu Akka: Ich fliege jetzt nach Glimmingehaus
zurck, Mutter Akka. Alle, die dort wohnen, waren sehr ngstlich, als ich
wegflog. Sie werden sicherlich sehr froh sein, wenn ich ihnen mitteile, da
die Wildgans Akka und Dumling, der Menschenknirps, kommen werden, sie zu
retten.

Damit streckte der Storch den Hals vor, schlug mit den Flgeln und flog wie
ein Pfeil von einem straff gespannten Bogen davon. Akka verstand, da er
sich ber sie lustig machte, lie sich das aber nicht anfechten. Sie
wartete, whrend der Junge seine Holzschuhe suchte, die der Storch von ihm
abgeschttelt hatte, dann setzte sie ihn auf ihren Rcken und flog dem
Storch nach. Und der Junge leistete seinerseits keinen Widerstand und sagte
auch kein Wort, da er nicht mitwolle. Er rgerte sich grn und gelb und
schlug ein spttisches Gelchter auf. Dieser eingebildete Gesell mit den
langen roten Beinen glaubte wohl von ihm, er sei zu nichts ntze. Aber er
wrde ihm schon zeigen, was der Nils Holgersson von Westvemmenhg fr ein
Kerl war.

Einige Augenblicke spter stand Akka im Storchennest auf Glimmingehaus. Es
war ein groes, prchtiges Nest. Als Unterlage hatte es ein Rad und darauf
mehrere Lagen Zweige und Rasenstcke. Das Nest war so alt, da verschiedene
Bsche und Kruter da droben Wurzel geschlagen hatten; und wenn die
Storchenmutter in der runden Vertiefung mitten im Nest auf ihren Eiern sa,
konnte sie sich nicht allein an der groartigen Aussicht ber einen Teil
von Schonen erfreuen, sondern auch an wilden Rosen und Hauslauch.

Der Junge und Akka konnten gleich sehen, da hier etwas Auergewhnliches
vorging. Auf dem Rande des Storchennestes saen nmlich zwei Nachteulen,
eine alte graugestreifte Katze und ein Dutzend uralte Ratten mit
ausgewachsenen Zhnen und triefenden Augen. Das waren nicht gerade die
Tiere, die man sonst in friedlicher Gemeinschaft sieht.

Keines von ihnen wendete sich um, Akka anzusehen oder zu begren. Sie
hatten fr nichts einen Gedanken, sondern starrten nur unverwandt auf
einige lange graue Linien, die da und dort auf den kahlen Winterfeldern zu
sehen waren.

Alle schwarzen Ratten saen ganz still da. Man sah ihnen an, da sie in der
grten Verzweiflung waren und wohl wuten, da sie weder ihr eignes Leben
noch die Burg verteidigen konnten. Die beiden Eulen rollten ihre groen
Augen und zuckten dabei unaufhrlich mit den Federkrnzen, die diese
umgaben. Dabei erzhlten sie mit schauerlich krchzenden Stimmen von der
Grausamkeit der grauen Ratten und sagten, derentwegen mten sie jetzt ihre
Wohnung verlassen, denn sie htten gehrt, da diese Tiere weder Eier noch
unflgge Junge verschonten. Die alte gestreifte Katze war ganz sicher, da
die grauen Ratten sie totbeien wrden, wenn sie in so groer Zahl in die
Burg eindrngen, und sie keifte unaufhrlich mit den schwarzen Ratten. Wie
konntet ihr auch so dumm sein und eure besten Krieger weggehen lassen?
sagte sie. Wie konntet ihr den grauen Ratten trauen? Es ist ganz
unverzeihlich.

Die zwlf Ratten erwiderten kein Wort; aber der Storch konnte es trotz
seines Kummers nicht lassen, die Katze zu necken. Hab keine Angst,
Mausefngerin, sagte er. Siehst du nicht, da Mutter Akka und Dumling
gekommen sind, die Burg zu retten? Du kannst dich darauf verlassen, da es
ihnen gelingen wird. Jetzt mu ich mich zum Schlaf zurecht machen, und ich
tue es ganz beruhigt. Morgen, wenn ich erwache, wird keine einzige graue
Ratte auf Glimmingehaus zu finden sein.

Der Junge warf Akka einen Blick zu, der andeutete, wie gerne er dem Storch
eins auf den Rcken versetzt htte, als dieser sich jetzt auf den uersten
Rand des Nestes, das eine Bein in die Hhe gezogen, zum Schlafen
aufstellte. Aber Akka sah gar nicht beleidigt aus, sie beschwichtigte den
Jungen und sagte: Es wre sehr schlimm, wenn jemand, der so alt ist wie
ich, sich nicht aus greren Schwierigkeiten als dieser hier heraushelfen
knnte. Wenn Sie, Herr und Frau Eule, da Sie sich die ganze Nacht wach
halten knnen, ein paar Auftrge fr mich besorgen wollen, dann wird, denke
ich, alles noch gut werden.

Die beiden Eulen waren willig, die Auftrge auszurichten, und Akka befahl
dem Eulenmann, die weggereisten schwarzen Ratten aufzusuchen und ihnen zu
raten, so schnell wie mglich heimzukehren. Die Eulenfrau aber schickte sie
zu der Turmeule Flammea, die in der Domkirche zu Lund wohnte, und zwar mit
einem so geheimnisvollen Auftrag, da Akka ihn der Eulenfrau nur mit
flsternder Stimme anzuvertrauen wagte.

[Illustration: Der Storch (Zu Seite 46)]


Der Rattenfnger

Es war gegen Mitternacht, als die grauen Ratten nach vielem Suchen endlich
ein offenstehendes Kellerloch fanden. Es sa ziemlich hoch in der Mauer,
aber die Ratten stellten sich aufeinander, immer eine auf die Schultern der
vorhergehenden, und so dauerte es gar nicht lange, bis die mutigste von
ihnen durch das Loch springen konnte, sofort bereit, in Glimmingehaus
einzudringen, vor deren Mauern so viele ihrer Vorfahren gefallen waren.

Die graue Ratte sa eine Weile im Kellerloch und wartete, da sie
angefallen werde. Das Hauptheer der Verteidiger war allerdings abwesend,
aber sie nahm an, da die zurckgebliebenen schwarzen Ratten sich nicht
ohne Kampf ergeben wrden. Mit klopfendem Herzen horchte sie auf das
kleinste Gerusch; aber alles blieb ganz still. Da fate der Anfhrer der
grauen Ratten sich ein Herz und sprang in den kalten, dunklen Keller
hinein.

Eine graue Ratte nach der andern folgte dem Anfhrer. Alle verhielten sich
sehr still, und alle erwarteten, die schwarzen Ratten aus einem Hinterhalt
hervorbrechen zu sehen. Erst als so viele in den Keller eingedrungen waren,
da keine mehr Platz auf dem Boden hatte, wagten sie sich weiter.

Obgleich sie noch nie in dem Gebude selbst gewesen waren, fanden sie den
Weg doch ohne jegliche Schwierigkeit, und sie fanden auch sehr bald die
Gnge in den Mauern, deren die schwarzen Ratten sich bedient hatten, um in
die obern Stockwerke zu gelangen. Ehe sie diese schmalen und engen Treppen
hinaufkletterten, lauschten sie wieder sehr aufmerksam nach allen Seiten.
Da sich die schwarzen Ratten so gnzlich zurckhielten, war ihnen viel
unheimlicher, als wenn sie sich zu offnem Kampfe gestellt htten. Sie
konnten ihrem Glck kaum trauen, als sie das erste Stockwerk ohne Unfall
erreicht hatten.

Gleich beim Eintreten schlug ihnen der Duft des Korns entgegen, das in
groen Haufen auf dem Boden lag. Aber es war fr sie noch nicht an der
Zeit, ihren Sieg zu genieen. Mit der grten Sorgfalt durchsuchten sie
zuerst die dsteren, kahlen Gemcher. Sie sprangen in der alten Schlokche
auf den Herd, der mitten auf dem Boden stand, und wren im nchsten Raum
beinahe in einen Brunnen gestrzt. Keine einzige der schmalen
Lichtffnungen lieen sie unbeachtet, aber nirgends stieen sie auf
schwarze Ratten.

Als nun dieses Stockwerk ganz und gar in ihrer Gewalt war, begannen sie,
sich mit ganz derselben Vorsicht des zweiten zu bemchtigen. Wieder muten
sie eine mhevolle gefhrliche Kletterpartie durch die Mauern machen,
whrend sie in atemloser Angst erwarteten, da der Feind ber sie herfalle.
Und obgleich sie der herrlichste Duft von den Kornhaufen lockte, zwangen
sie sich doch, in grter Ordnung die frhere Gesindestube mit ihren
mchtigen Pfeilern zu untersuchen, den steinernen Tisch und den Herd, die
tiefen Fensternischen und das Loch im Boden, durch das man in frheren
Zeiten siedendes Pech auf den eindringenden Feind hinuntergegossen hatte.

Aber die schwarzen Ratten waren und blieben unsichtbar. Die grauen suchten
nun den Weg nach dem dritten Stockwerk mit dem groen Festsaal des
Schloherrn, der eben so kahl und leer war wie alle andern Gemcher des
alten Hauses, und sie drangen sogar bis hinauf ins alleroberste Stockwerk,
das nur aus einem einzigen groen, den Raum bestand. Der einzige Ort, an
den sie nicht dachten und den sie nicht untersuchten, war das groe
Storchennest auf dem Dache, wo gerade in diesem Augenblick die Eulenfrau
Akka weckte und ihr mitteilte, da die Turmeule Flammea ihrem Wunsche
willfahrt habe und ihr das Erbetene schicke.

Nachdem die grauen Ratten also gewissenhaft die ganze Burg durchsucht
hatten, fhlten sie sich beruhigt. Sie nahmen an, da die schwarzen Ratten
davongezogen seien, ohne an Widerstand zu denken, und frohen Herzens
hpften sie auf die Kornhaufen hinauf.

Aber kaum hatten sie die ersten Weizenkrner verzehrt, als da unten im Hof
vor der Burg der weiche Ton einer kleinen scharfen Pfeife ertnte. Die
Ratten hoben die Kpfe aus dem Korn, lauschten unbeweglich, sprangen ein
paar Schritte vor, als wollten sie die Haufen verlassen, kehrten aber
wieder um und begannen aufs neue zu fressen.

Wieder erklang die Pfeife mit starkem, durchdringendem Ton. Und jetzt
geschah etwas Merkwrdiges. Eine Ratte, zwei Ratten, ja ein ganzer Trupp
lieen die Krner los, sprangen aus den Kornhaufen heraus und liefen auf
dem krzesten Weg, so schnell sie konnten, in den Keller hinunter, um aus
dem Hause hinauszukommen. Es waren jedoch noch viele graue Ratten
zurckgeblieben. Diese dachten an die Mhe, die es sie gekostet hatte,
Glimmingehaus zu erobern, und sie wollten es nicht wieder verlassen. Aber
die Pfeifentne ntigten sie noch einmal, und da muten sie ihnen folgen.
In wilder Eile strzten auch sie aus den Kornhaufen heraus, rannten durch
die engen Lcher in den Mauern und purzelten in ihrem Eifer,
hinunterzukommen, bereinander.

Mitten auf dem Hofe stand ein kleiner Knirps, der auf einer Pfeife blies.
Rund um sich her hatte er schon einen ganzen Kreis von Ratten, die ihm
entzckt und hingerissen zuhrten, und mit jedem Augenblick strmten neue
herbei. Sobald er die Pfeife nur eine Sekunde lang verstummen lie, sah es
aus, als ob die Ratten Lust htten, sich auf ihn zu werfen und ihn
totzubeien, aber sobald er blies, waren sie unter seiner Macht.

Als der Knirps alle grauen Ratten aus Glimmingehaus herausgepfiffen hatte,
begann er langsam zum Hofe hinaus und auf die Landstrae zu wandern; und
alle grauen Ratten folgten ihm, weil ihnen alle die Pfeifentne so s in
den Ohren klangen, da sie nicht widerstehen konnten.

Der Knirps ging vor ihnen her und lockte sie mit sich auf den Weg nach
Vallby. Unaufhrlich blies er auf seiner Pfeife, die aus einem Tierhorn
gemacht zu sein schien, obgleich das Horn so klein war, da es in unsern
Tagen kein Tier gibt, aus dessen Stirn es htte gebrochen sein knnen. Es
wute auch niemand, wer die Pfeife verfertigt hatte. Aber die Turmeule
Flammea hatte das Horn in einer Nische der Domkirche zu Lund gefunden; sie
hatte es dem Raben Bataki gezeigt, und diese beiden hatten miteinander
ausgerechnet, da dies eines von jenen Hrnern sein msse, die in frheren
Zeiten von den Menschen verfertigt worden waren, die sich Macht ber Ratten
und Muse verschaffen wollten. Der Rabe aber war Akkas Freund, und von ihm
hatte sie erfahren, da Flammea einen solchen Schatz besa.

Und es war in der Tat so, die Ratten konnten der Pfeife nicht widerstehen.
Der Junge ging vor ihnen her und blies so lange, als die Sterne am Himmel
strahlten, und die ganze Zeit liefen die Ratten hinter ihm her. Er blies
beim Morgengrauen, er blies beim Sonnenaufgang, und noch immer folgte ihm
die ganze Rattenschar und wurde weiter und immer weiter von den groen
Kornbden auf Glimmingehaus weggelockt.

[Illustration]

[Illustration]




5

Der groe Kranichtanz auf dem Kullaberg


                                                  Dienstag, 29. Mrz

Es mu zugegeben werden, da in ganz Schonen, wo doch so viele prchtige
Schlsser sich erheben, keines von allen so schne Mauern hat wie der alte
Kullaberg.

Der Kullaberg ist niedrig und langgestreckt, er ist durchaus kein groes
mchtiges Gebirge. Auf dem breiten Bergrcken liegen Wlder und Felder, und
da und dort eine mit Heidekraut bewachsene Flche. Es ist da oben weder
besonders schn noch besonders merkwrdig, und es sieht da gerade so aus
wie auf jeder andern hochgelegenen Gegend in Schonen.

Wer die mitten ber den Kamm des Berges hinlaufende Landstrae einschlgt,
sagt sich unwillkrlich: Dieses Gebirge verdient seine Berhmtheit gar
nicht. Es gibt hier nichts Sehenswertes.

Aber dann geschieht es vielleicht, da er vom Wege abweicht und an den Rand
des Berges tritt und ber den schroffen Abhang hinabschaut, und da entdeckt
er auf einmal so viel Sehenswertes, da er kaum wei, wie er alles auf
einmal betrachten soll.

Denn der Kullaberg steht nicht wie andre Gebirge auf dem Festlande mit
Ebnen und Tlern ringsherum, sondern er hat sich gleichsam so weit ins Meer
hineingestrzt, als er berhaupt konnte. Nicht das kleinste Stckchen Land
liegt unten am Berg, das ihn gegen die Meereswogen schtzte; diese knnen
ganz dicht bis an die Felsenwnde heran, knnen sie auswaschen und nach
Belieben formen.

Deshalb stehen die Gebirgswnde dort auch so reich verziert da, wie das
Meer und dessen Mithelfer, die Winde, sie zugerichtet haben. Da sind
schroffe, tief in die Bergseiten hineingeschnittene Schluchten und schwarze
hervorspringende Felsen, die unter den bestndigen Peitschenschlgen des
Windes blankgescheuert sind. Da sind einzelstehende Felsensulen, die
senkrecht aus dem Wasser aufragen, und dunkle Grotten mit engen Zugngen.
Da finden sich steile nackte Felswnde und sanfte bewachsene Abhnge, dann
wieder kleine Felsenvorsprnge und Buchten, sowie kleine Rollsteine, die
mit jedem Wogenschlag rasselnd umhergesplt werden. Da sind auch
stattliche Felsentore, die sich ber dem Wasser wlben, und spitzig
aufragende Steinblcke, die bestndig mit weiem Schaum berspritzt werden,
und wieder andre, die sich in schwarzgrnem, unvernderlichem stillem
Wasser spiegeln. Da gibt es in den Felsen eingemeielte Riesenkessel und
gewaltige Spalten, die den Wanderer verlocken, sich in die Tiefe des
Gebirges bis zur Hhle des Kullamanns hineinzuwagen.

Und an allen diesen Schluchten und Felsen, oben darauf und an allen Seiten
hin, wachsen und klettern Pflanzen und Zweige und Ranken empor. Bume
wachsen auch da, aber die Macht des Windes ist so gro, da auch die Bume
sich in rankenartige Gewchse verwandeln mssen, damit sie sich an den
Abhngen halten knnen. Die Eichenstmme haben sich niedergelegt und
kriechen frmlich am Boden hin, whrend ihr Laub wie ein dichtes Gewlbe
ber ihnen steht, und kurzstmmige Buchen stehen wie groe Laubzelte in den
Schluchten.

Die merkwrdigen Bergwnde mit dem weiten blauen Meer davor und der
schimmernden scharfen Luft darber, das alles zusammen macht das
Kullagebirge den Menschen so lieb, da den ganzen Sommer hindurch groe
Scharen von ihnen jeden Tag hinaufziehen. Schwerer wre zu sagen, wodurch
es fr die Tiere so anziehend wird, da sie sich jedes Jahr zu einer groen
Spielversammlung da vereinigen. Aber dies ist eine Sitte, die seit uralten
Zeiten beibehalten ist, und man htte damals dabei sein mssen, als die
erste Meereswoge am Kullaberg zu Schaum zerschellte, um erklren zu knnen,
warum gerade er vor allen andern zum Versammlungsort gewhlt wurde.

Wenn die Zusammenkunft stattfinden soll, machen die Edelhirsche, die Rehe,
die Hasen, die Fchse und die brigen wilden Vierfler die Reise nach dem
Kullagebirge schon in der Nacht zuvor, um nicht von den Menschen gesehen zu
werden. Gerade vor Sonnenaufgang ziehen sie alle nach dem Spielplatz, einer
mit Heidekraut bewachsenen Ebene links vom Wege, nicht besonders weit von
dem hchsten Gipfel des Gebirges entfernt.

Der Spielplatz ist von allen Seiten von runden Felskuppen umgeben, die die
Tiere vor jedermann verbergen, der nicht gerade zufllig an diesen Platz
gert. Und im Mrz ist es nicht sehr wahrscheinlich, da sich irgend ein
Wanderer dorthin verirren sollte. Alle die Fremden, die sonst auf den
Felsen herumstreifen und an den Gebirgswnden hinaufklettern, haben die
Herbststrme schon vor vielen Monaten fortgejagt. Und der Leuchtturmwchter
drauen auf dem uersten Vorgebirge, die alte Frau im Kullahof und der
Kullabauer und sein Hausgesinde gehen nur ihre gewohnten Wege und laufen
nicht auf dem einsamen Heideland herum.

Wenn die Vierfler auf dem Spielplatz angelangt sind, lassen sie sich auf
den runden Felsenkuppen nieder. Jede Tierart bleibt fr sich, obgleich
selbstverstndlich an einem solchen Tag allgemeiner Burgfriede herrscht und
kein Tier Angst zu haben braucht, von einem andern berfallen zu werden. An
diesem Tag knnte ein junges Hschen ber den Hgel der Fchse
hinspazieren, ohne auch nur einen von seinen langen Lffeln einzuben.
Aber die Tiere stellen sich doch in abgesonderten Scharen auf; das ist alte
Sitte.

Wenn alle ihre Pltze eingenommen haben, sehen sie sich nach den Vgeln um.
Es pflegt an diesem Tag immer schnes Wetter zu sein. Die Kraniche sind
gute Wetterpropheten, und sie wrden die Tiere nicht zusammenrufen, wenn
Regen zu erwarten wre. Obgleich aber die Luft klar ist und nichts die
Aussicht hemmt, sehen die Vierfler doch keine Vgel. Das ist merkwrdig.
Die Sonne steht schon hoch am Himmel, und die Vgel sollten doch unterwegs
sein.

Was den Tieren auf dem Kullaberg dagegen auffllt, ist die eine oder andre
kleine dunkle Wolke, die langsam ber dem ebnen Land hinzieht. Und siehe
da, eine dieser Wolken steuert jetzt pltzlich auf das Ufer des resund und
auf den Kullaberg zu. Als die Wolke mitten ber dem Spielplatz ist, hlt
sie an, und gleichzeitig beginnt die ganze Wolke zu zwitschern und zu
klingen, als bestnde sie aus nichts als Tnen. Sie hebt und senkt sich,
aber immerfort singt und klingt sie. Pltzlich fllt die ganze Wolke auf
einen Hgel herab, die ganze Wolke auf einmal, und im nchsten Augenblick
ist der Hgel vollstndig von grauen Lerchen bedeckt, schnen
rot-grau-weien Buchfinken, gesprenkelten Staren und graugrnen Meisen.

Gleich darauf zieht noch eine Wolke ber die Ebne hin. Sie hlt ber jedem
Hof an, ber jeder Arbeiterhtte und jedem Schlo, ber Marktflecken und
Stdten, ber Bauerngtern und Bahnhfen, ber Fischerdrfern und
Zuckerfabriken. So oft sie anhlt, saugt sie vom Boden eine kleine
aufwirbelnde Sule von Staubkrnchen auf. Dadurch wchst und wchst die
Wolke, und als sie endlich vollstndig ist und nach dem Kullaberg steuert,
ist es nicht mehr eine einzige Wolke, sondern eine ganze Wolkenwand, die so
gro ist, da sie von Hgans bis Mlle einen Schatten auf die Erde wirft.
Als sie ber dem Spielplatz anhlt, verdeckt sie die Sonne, und es mu eine
gute Weile Sperlinge auf einen der Hgel regnen, bis die, die ganz innen in
der Wolke geflogen waren, wieder einen Schimmer vom Tageslicht wahrnehmen
knnen.

Aber jetzt taucht doch die grte von allen diesen Vogelwolken auf. Sie ist
aus Scharen gebildet, die von allen Seiten herbeigeflogen kamen und sich
miteinander vereinigt haben. Sie hat eine tief graublaue Frbung, und kein
Sonnenstrahl dringt durch sie hindurch. Dster und schreckeneinjagend wie
eine Gewitterwolke zieht sie daher, erfllt von unheimlichstem Spuk, von
grlichem, schreiendem, verchtlichem Gelchter und unglckprophezeiendem
Gekrchze. Die Tiere auf dem Spielplatz sind froh, als sie sich endlich in
einen Regen von flgelschlagenden, krchzenden Vgeln: von Dohlen, Raben
und dem brigen Krhenvolk auflst.

Hierauf erscheinen am Himmel nicht nur Wolken, sondern eine Menge andrer
Striche und Zeichen. Dann zeigen sich im Osten und Nordosten gerade
punktierte Linien. Das sind die Waldvgel von den Ginger Bezirken, die
Birk- und Auerhhner, die in langen Reihen, mit einem Abstand von ein paar
Metern zwischen den einzelnen Vgeln daherfliegen. Und die Sumpfvgel, die
sich auf Mklppen vor Falsterbo aufhalten, kommen jetzt ber den resund
in allerlei sonderbaren Flugordnungen gezogen: in Triangeln oder langen
Schnrkeln, in schiefen Haken oder in Halbkreisen.

Bei der groen Versammlung, die in dem Jahre stattfand, wo Nils Holgersson
mit den Wildgnsen umherzog, kam Akka mit ihrer Schar spter als alle
andern, und das war nicht zu verwundern, denn Akka hatte, um den Kullaberg
zu erreichen, ber ganz Schonen hinfliegen mssen. Auerdem hatte sie sich,
sobald sie erwachte, zuerst nach Dumling umgesehen, der ja viele Stunden
lang gegangen war, den grauen Ratten auf der Pfeife vorgeblasen und sie
damit weit weg von Glimmingehaus gelockt hatte. Das Eulenmnnchen war mit
der Botschaft zurckgekehrt, da die schwarzen Ratten gleich nach
Sonnenuntergang daheim eintreffen wrden, und es war also keine Gefahr
mehr, wenn man die Pfeife der Turmeule verstummen lie und den grauen
Ratten erlaubte, zu gehen, wohin sie wollten.

Aber nicht Akka war es, die den Jungen entdeckte, wie er mit seinem langen
Gefolge dahinzog, und die sich ganz schnell auf ihn herabsenkte, ihn mit
dem Schnabel erfate und mit ihm in die Luft hinaufstieg, sondern Herr
Ermenrich war es, der Storch. Denn auch Herr Ermenrich hatte sich
aufgemacht, ihn zu suchen, und nachdem er ihn ins Storchennest
hinaufgebracht hatte, bat er ihn um Verzeihung, da er ihn am
vorhergehenden Abend so unehrerbietig behandelt htte.

Der Junge freute sich sehr darber, und er und der Storch wurden recht gute
Freunde. Akka war auch sehr freundlich gegen ihn und rieb ihren alten Kopf
mehrere Male an seinem Arm. Aber am vergngtesten wurde der Junge doch, als
Akka den Storch fragte, ob er es fr rtlich halte, da sie Dumling mit
auf den Kullaberg nhmen. Ich glaube, wir knnen uns auf ihn ebensogut
verlassen wie auf uns selber, sagte sie. Er wird uns den Menschen sicher
nicht verraten.

Der Storch riet sogleich sehr eifrig, Dumling mitzunehmen. Gewi mssen
Sie Dumling mit nach dem Kullaberg nehmen, Mutter Akka, sagte er. Es ist
ein Glck fr uns, da wir ihn fr alles, was er heute Nacht unseretwegen
ausgestanden hat, belohnen knnen. Und da ich mich noch immer ber mein
gestriges unpassendes Benehmen grme, werde ich selbst ihn auf meinem
Rcken nach dem Versammlungsort tragen.

Es gibt nicht viel, was besser schmeckt, als von solchen gelobt zu werden,
die selbst klug und tchtig sind, und der Junge hatte sich noch nie so
glcklich gefhlt als jetzt, wo die Wildgans und der Storch auf diese Weise
von ihm sprachen.

Der Junge machte also die Reise nach dem Kullaberg auf dem Rcken des
Storches, und obgleich er das fr eine groe Ehre hielt, verursachte es ihm
doch viel Angst, denn Herr Ermenrich war ein Meister im Fliegen und flog
mit ganz andrer Eile davon als die Wildgnse. Whrend Akka mit
gleichmigen Flgelschlgen immer geradeaus flog, vergngte sich der
Storch mit einer Menge Flugknste. Bald lag er in unermelicher Hhe ganz
still da und schwebte durch die Luft, ohne die Flgel zu bewegen, bald lie
er sich mit solcher Eile hinabsinken, da es aussah, als strze er hilflos
wie ein Stein auf die Erde hinunter, bald flog er zu seinem Vergngen in
groen und kleinen Kreisen wie ein Wirbelwind um Akka herum. Der Junge
hatte noch nie so etwas erlebt, und obgleich er bestndig von Angst erfllt
war, mute er im stillen doch anerkennen, da er frher nicht gewut hatte,
was man gut fliegen heit.

Nur ein einziges Mal wurde whrend der Reise angehalten, das war, als Akka
sich mit ihren Reisegefhrten am Vombsee vereinigte und ihnen zurief, da
die grauen Ratten besiegt worden seien. Dann flogen alle miteinander
geraden Wegs nach dem Kullaberg.

Hier lieen sie sich oben auf dem Hgel nieder, der den Wildgnsen
aufgehoben war; und als jetzt der Junge die Blicke von Hgel zu Hgel
wandern lie, sah er, da auf dem einen das vielzackige Geweih der
Edelhirsche und auf einem andern die Nackenbsche der grauen Habichte
aufragten. Ein Hgel war rot von Fchsen, ein andrer schwarz und wei von
Seevgeln, einer grau von Ratten. Einer war mit schwarzen Raben besetzt,
die unaufhrlich schrieen, einer mit Lerchen, die nicht imstande waren,
sich ruhig zu verhalten, sondern immer wieder in die Luft hinaufstiegen und
vor Freude jubilierten.

Wie es von jeher Sitte auf dem Kullaberg ist, begannen die Krhen die
Spiele und Vorstellungen des Tages mit einem Flugtanz. Sie teilten sich in
zwei Scharen, die aufeinander zuflogen, sich trafen, dann umwendeten und
aufs neue begannen. Dieser Tanz hatte viele Runden und kam den Zuschauern,
wenn sie die Tanzregeln nicht kannten, etwas zu einfrmig vor. Die Krhen
waren sehr stolz auf ihren Tanz, aber alle andern Tiere waren froh, als er
zu Ende war. Er kam ihnen ebenso dster und sinnlos vor, wie das Spiel des
Wintersturmes mit den Schneeflocken. Sie wurden schon vom Ansehen ganz
niedergedrckt und warteten eifrig auf etwas, das sie ein bichen froh
stimmen wrde.

Sie brauchten auch nicht vergeblich zu warten, denn sobald die Krhen
fertig waren, kamen die Hasen dahergesprungen. In einer langen Reihe, ohne
besondre Ordnung strmten sie herbei. Dazwischen kam einer ganz allein,
dann wieder drei oder vier in einer Reihe. Alle hatten sich auf die
Hinterlufe aufgerichtet, und sie strmten so schnell vorwrts, da ihre
langen Ohren nach allen Seiten schwankten. Whrend des Springens drehten
sie sich im Kreise herum, machten hohe Stze und schlugen sich mit den
Vorderpfoten gegen die Rippen, da es knallte. Einige schlugen viele
Purzelbume hintereinander, andre kugelten sich zusammen und rollten wie
Rder vorwrts, einer stand auf einem Lauf und schwang sich im Kreise, ein
andrer ging auf den Vorderpfoten. Es war durchaus keine Ordnung da, aber es
war viel Aufregung bei diesem Spiel der Hasen, und die vielen Tiere, die
zusahen, begannen schneller zu atmen. Jetzt war es Frhling. Lust und
Freude waren im Anzug. Der Winter war vorber, der Sommer nahte. Bald war
das Leben nur noch ein Spiel!

Als die Hasen ausgetobt hatten, war die Reihe des Auftretens an den groen
Vgeln des Waldes. Hunderte von Auerhhnen in glnzend schwarzem Staat und
mit hellroten Augenbrauen warfen sich auf eine groe Eiche, die mitten auf
dem Spielplatz stand. Der Auerhahn, der auf dem obersten Zweig sa, blies
die Federn auf, lie die Flgel hngen und streckte den Schwanz in die
Hhe, so da die weien Deckfedern sichtbar wurden. Hierauf streckte er den
Hals vor und stie ein paar Tne aus dem verdickten Hals heraus. Tjck,
tjck, tjck! klang es. Mehr konnte er nicht herausbringen, es gluckste
nur mehrere Male tief drunten in seiner Kehle. Dann schlo er die Augen und
flsterte: Sis, sis, sis-- hrt wie schn! Sis, sis, sis! Und zugleich
verfiel er in solche Verzckung, da er nicht mehr wute, was rings um ihn
her geschah.

Whrend der erste Auerhahn noch mit seinem sis, sis fortfuhr, fingen die
drei, die am nchsten unter ihm saen, zu balzen an, und ehe sie die ganze
Weise durchgebalzt hatten, begannen die zehn, die etwas weiter unten saen;
und so ging es von Zweig zu Zweig, bis alle die Hunderte von Auerhhnen
balzten und glucksten und sisisten. Sie fielen alle in dieselbe Verzckung
whrend ihres Gesanges, und gerade das wirkte auf die andern Tiere wie ein
ansteckender Rausch. Das Blut war ihnen vorhin lustig und leicht durch die
Adern geflossen, jetzt begann es schwer und hei zu wallen. Ja, es ist
sicherlich Frhling, dachten die vielen Tiervlker. Die Winterklte ist
verschwunden, das Feuer des Frhlings ist auf der Erde angezndet.

Als die Birkhhner merkten, da die Auerhhne so groen Erfolg hatten,
konnten sie sich nicht mehr still verhalten. Da kein Baum da war, wo sie
Platz gehabt htten, strmten sie auf den Spielplatz hinunter, wo das
Heidekraut so hoch stand, da nur ihre schn geschwungenen Schwanzfedern
und ihre dicken Schnbel hervorsahen, und begannen zu singen: Orr, orr,
orr!

Gerade als die Birkhhner mit den Auerhhnen zu wetteifern begannen,
geschah etwas Unerhrtes. Whrend alle Tiere an nichts andres dachten als
an das Spiel der Auerhhne, schlich sich ein Fuchs ganz leise an den Hgel
der Wildgnse heran. Er ging sehr vorsichtig und kam weit auf den Hgel
hinauf, bevor ihn jemand bemerkte. Pltzlich entdeckte ihn doch eine Gans,
und da sie sich nicht denken konnte, da sich der Fuchs in guter Absicht
zwischen die Gnse hineingeschlichen htte, rief sie schnell: Wildgnse,
nehmt euch in acht! Nehmt euch in acht! Der Fuchs packte sie am Halse,
vielleicht hauptschlich um sie zum Schweigen zu bringen, aber die
Wildgnse hatten den Ruf schon vernommen und hoben sich in die Luft empor.
Und als sie aufgeflogen waren, sahen alle Tiere den Fuchs Smirre mit einer
toten Gans im Maule auf dem Hgel der wilden Gnse stehen.

Aber weil er also den Frieden des Spieltages gebrochen hatte, wurde schwere
Strafe ber Smirre verhngt, so da er sein ganzes Leben lang bereuen
mute, da er seine Rachgier nicht hatte unterdrcken knnen, sondern es
versucht hatte, auf diese Weise Akka und ihrer Schar zu nahe zu kommen.
Schnell wurde er von einer Schar Fchse umringt und alter Sitte gem
verurteilt. Der Urteilsspruch aber lautet: Wer immer den Frieden des
groen Spieltages bricht, wird des Landes verwiesen. Kein Fuchs wollte
das Urteil mildern, denn sie wuten alle, sobald sie etwas derartiges
versuchten, wrden sie in demselben Augenblick vom Spielplatz verjagt und
ihnen nicht erlaubt werden, ihn je wieder zu betreten. Also wurde das
Verbannungsurteil ohne Widerspruch Smirre kundgetan. Es wurde ihm
untersagt, in Schonen zu verbleiben. Er wurde von seiner Frau und von
seinen Verwandten geschieden, von Jagdrevier, Wohnung und von den
Schlupfwinkeln, die er bisher zu eigen gehabt hatte, und mute sein Glck
in der Fremde versuchen. Und damit alle Fchse in Schonen wissen sollten,
da Smirre in dieser Landschaft vogelfrei war, bi ihm der lteste von den
Fchsen die Spitze seines rechten Ohrs ab. Sobald dies getan war, begannen
die jungen Fchse blutdrstig zu heulen und sich auf Smirre zu werfen. Es
blieb ihm nichts andres brig, als die Flucht zu ergreifen, und mit allen
jungen Fchsen an den Fersen rannte er vom Kullaberg fort.

Alles das geschah, whrend die Birkhhner und die Auerhhne miteinander
wetteiferten. Aber diese Vgel vertiefen sich in solchem Grade in ihren
Gesang, da sie weder hren noch sehen, und sie htten sich auch gar nicht
stren lassen.

Kaum war der Wettstreit der Waldvgel beendet, als die Edelhirsche von
Hckeberga vortraten, ihr Kampfspiel zu zeigen. Mehrere Paare Edelhirsche
kmpften zu gleicher Zeit. Sie strzten mit groer Kraft aufeinander los,
schlugen donnernd mit den Geweihen zusammen, so da sich deren Stangen
ineinander flochten, und einer versuchte den andern zurckzudrngen.
Heidekrautbschel flogen unter ihren Hufen auf, der Atem stand ihnen wie
Rauch vor dem Maule, aus ihrer Kehle drang unheimliches Gebrll, und der
Schaum flo ihnen am Bug hinunter.

Ringsum auf den Hgeln herrschte atemlose Stille, whrend die
streitkundigen Hirsche im Treffen waren, und bei allen Tieren regten sich
neue Gefhle. Alle und jedes einzelne fhlten sich mutig und stark, voll
wiederkehrender Kraft, vom Frhling neu geboren, hurtig zu jeder Art
Abenteuer bereit. Sie fhlten keinen Zorn gegeneinander, doch hoben sich
berall Flgel, Nackenfedern strubten sich und Krallen wurden gewetzt.
Wenn die Hirsche von Hckeberga noch einen Augenblick weitergekmpft
htten, wrde auf allen Hgeln ein wilder Kampf entbrannt sein, weil bei
allen Tieren ein brennender Eifer um sich gegriffen hatte, zu zeigen, da
auch sie voller Leben seien, da die Ohnmacht des Winters vorber sei, da
Kraft ihre Adern schwelle.

Aber die Edelhirsche beendigten ihren Kampf gerade im rechten Augenblick,
und schnell ging ein Flstern von Hgel zu Hgel: Jetzt kommen die
Kraniche!

Und da kamen die grauen wie in Dmmerung gekleideten Vgel, mit langen
Federbschen in den Flgeln und rotem Federschmuck im Nacken. Die Vgel mit
ihren langen Beinen, ihren schlanken Hlsen und ihren kleinen Kpfen
glitten in geheimnisvoller Verwirrung von ihrem Hgel herab. Whrend sie
vorwrts glitten, drehten sie sich halb fliegend, halb tanzend im Kreise
herum. Die Flgel anmutig erhoben, bewegten sie sich mit unfalicher
Schnelligkeit. Es war, als spielten graue Schatten ein Spiel, dem das Auge
kaum zu folgen vermochte. Es war, als htten sie es von den Nebeln
gelernt, die ber die einsamen Moore hinschweben. Ein Zauber lag darin;
alle, die noch nie auf dem Kullaberg gewesen waren, begriffen nun, warum
die ganze Versammlung ihren Namen von dem Kranichtanz hat. Es lag eine
gewisse Wildheit darin, aber das Gefhl, das diese erweckte, war eine holde
Sehnsucht. Niemand dachte jetzt mehr daran, zu kmpfen. Dagegen fhlten
jetzt alle, die Beflgelten und die Flgellosen, einen Drang in sich,
ungeheuer hoch hinaufzusteigen, ja bis ber die Wolken hinauf, um zu sehen,
was sich darber befinde, einen Drang, den schweren Krper zu verlassen,
der sie auf die Erde hinabzog, und nach dem berirdischen hinzuschweben.

Eine solche Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, nach dem hinter dem Leben
Verborgenen fhlten die Tiere nur einmal im Jahre, und zwar an dem Tag, wo
sie den groen Kranichtanz sahen.




6

Im Regenwetter


                                                  Mittwoch, 30. Mrz

Nun kam der erste Regentag whrend der Reise. Solange sich die Wildgnse in
der Nhe des Vombsees aufgehalten hatten, war schnes Wetter gewesen; an
demselben Tag, wo sie ihre Reise nach dem Norden fortsetzten, begann es zu
regnen, und der Junge sa stundenlang tropfna und vor Klte zitternd auf
dem Rcken des Gnserichs.

Am Morgen, als sie fortzogen, war es hell und warm gewesen. Die Wildgnse
hatten sich hoch in die Luft erhoben, gleichmig und ohne Eile in strenger
Ordnung mit Akka an der Spitze, und die brigen in zwei scharfen Linien
hinter ihr, flogen sie dahin. Sie hatten sich keine Zeit genommen, den
Tieren auf den Feldern kleine Bosheiten zuzurufen, aber da sie nicht
imstande waren, sich ganz still zu verhalten, lieen sie unaufhrlich im
Takt mit ihren Flgelschlgen ihren gewhnlichen Lockruf ertnen: Wo bist
du? Hier bin ich! Wo bist du? Hier bin ich!

Alle beteiligten sich an diesem einfrmigen Rufen, das sie nur ab und zu
unterbrachen, um dem zahmen Gnserich die Wegweiser zu zeigen, nach denen
sie sich richteten. Die Zeichen auf dieser Reise waren die vereinzelten
Erhhungen des Sinderder Bergrckens, der Herrenhof Ovesholm, der
Kristianstdter Kirchturm, das Krongut Bckawald, die schmale Landspitze
zwischen dem Oppmannasee und dem Ivsee und dem schroffen Abhang des
Rybergs.

Es war eine einfrmige Reise gewesen; und als die Regenwolken allmhlich
auftauchten, dachte der Junge, das sei doch einmal eine Abwechslung.
Frher, wo er die Regenwolken nur von unten gesehen hatte, waren sie ihm
immer grau und langweilig vorgekommen, aber hoch droben zwischen ihnen zu
sein, das war etwas ganz andres. Der Junge sah deutlich, da die Wolken
ungeheure Lastwagen waren, die berghoch beladen am Himmel hinfuhren; die
einen waren mit riesigen grauen Scken bepackt, andre mit Tonnen, die so
gro waren, da sie einen ganzen See fassen konnten, wieder andre furchtbar
hoch mit groen Kesseln und Flaschen. Und nachdem so viele aufgefahren
waren, da sie den ganzen Himmelsraum fllten, war es, als habe ihnen
jemand ein Zeichen gegeben, denn sie begannen alle auf einmal aus Kesseln,
Tonnen, Flaschen und Scken Wasser auf die Erde hinunterzugieen.

In dem Augenblick, wo die ersten Frhlingsgsse auf die Erde prasselten,
stieen alle die kleinen Vgel in den Gehlzen und auf den Wiesen solche
Freudenrufe aus, da die ganze Luft davon widerhallte und der Junge auf
seinem Gnsercken erschreckt zusammenfuhr. Jetzt bekommen wir Regen, der
Regen bringt uns den Frhling, der Frhling gibt uns Blumen und grnes
Laub, und die Blumen geben uns Raupen und Insekten, und Raupen und Insekten
geben uns Nahrung! Viele und gute Nahrung ist das Beste, was es gibt!
sangen die Vgelein.

Auch die Wildgnse freuten sich ber den Frhlingsregen, der die Pflanzen
aus ihrem Winterschlaf weckte und die Eisdecke auf den Seen zerbrach. Es
war ihnen nicht mglich, noch lnger so ernst zu bleiben wie bisher, und
sie fingen an, lustige Rufe auf die Landschaft unter ihnen hinabzuschicken.

Als sie ber die groen Kartoffelfelder, die bei Kristianstadt besonders
gut sind, und die jetzt noch schwarz und kahl dalagen, hinflogen, riefen
sie: Wachet jetzt auf und bringet Nutzen! Der Frhling ist da, der euch
weckt! Nun habt ihr auch lange genug gefaulenzt!

Wenn sie Menschen sahen, die sich beeilten, unter Dach und Fach zu kommen,
ermahnten sie sie und sagten: Warum habt ihr es denn so eilig? Seht ihr
nicht, da es Brot und Kuchen regnet? Brot und Kuchen!

Eine groe dicke Wolke bewegte sich rasch in nrdlicher Richtung vorwrts
und schien den Gnsen zu folgen. Sie glaubten wohl, da sie die Wolke mit
sich zgen, denn als sie jetzt gerade groe Grten unter sich sahen, riefen
sie ganz stolz: Hier kommen wir mit Anemonen! Wir kommen mit Rosen, mit
Apfelblten und Kirschenknospen! Wir kommen mit Erbsen und Bohnen, mit
Weizen und Roggen! Wer Lust hat, greife zu! Wer Lust hat, greife zu!

So hatte es geklungen, whrend die ersten Regenschauer fielen, wo sich noch
alle ber den Regen freuten. Als es aber den ganzen Nachmittag fortregnete,
wurden die Gnse ungeduldig und riefen den durstigen Wldern rings um den
Ivsee zu: Habt ihr noch nicht bald genug? Habt ihr noch nicht bald
genug?

Der Himmel berzog sich immer mehr mit einem gleichmigen Grau, und die
Sonne verbarg sich so gut, da niemand herausfand, wo sie steckte. Der
Regen fiel dichter, er klatschte schwer auf die Gnseflgel und drang durch
die eingelten Auenfedern bis auf die Haut durch. Die Erde dampfte, Seen,
Gebirge und Wlder flossen zu einem undeutlichen Wirrwarr zusammen, und die
Wegzeiger waren nicht mehr zu erkennen. Die Fahrt ging immer langsamer, die
lustigen Zurufe verstummten, und der Junge fhlte die Klte immer mehr.

Aber doch hielt er den Mut aufrecht, solange er durch die Luft ritt. Auch
am Abend, als sie sich unter einer kleinen Kiefer niedergelassen hatten,
mitten auf einem groen Moor, wo alles na und kalt war, wo die einen
Erdhaufen mit Schnee bedeckt waren und die andern kahl aus einem Tmpel
halbgeschmolzenen Eiswassers aufragten, war er noch nicht mutlos gewesen,
sondern war frhlich umhergelaufen und hatte sich Krhenbeeren und
gefrorene Preielbeeren gesucht. Aber dann wurde es Abend, und die
Dunkelheit senkte sich so tief herab, da nicht einmal solche Augen, wie
der Junge jetzt hatte, hindurchdringen konnten, und das weite Land sah
merkwrdig unheimlich und schreckenerregend aus. Unter dem Flgel des
Gnserichs lag der Junge zwar wohl eingebettet, aber Klte und Feuchtigkeit
hinderten ihn am Einschlafen. Er hrte auch so viel Gerassel und Geprassel
und drohende Stimmen ringsum, da ihn furchtbares Entsetzen ergriff und er
nicht wute, wohin er sich wenden sollte. Wenn er sich nicht zu Tode
ngstigen sollte, dann mute er fort, dahin, wo es ein wrmendes Feuer und
Licht gab.

Wie wrs, wenn ich mich nur diese eine Nacht zu den Menschen hineinwagte?
dachte er. Nur so, da ich ein Weilchen an einem Feuer sitzen drfte und
einen Mundvoll zu essen bekme. Vor Sonnenaufgang knnte ich ja zu den
Gnsen zurckkehren.

Er kroch sachte unter dem Flgel hervor und glitt auf den Boden hinunter.
Weder der Gnserich noch eine der andern Gnse erwachte, und leise und
unbemerkt schlich er ber das Moor weg.

Er wute nicht recht, in welchem Teil des Landes er sich befand, ob in
Schonen, in Smland oder in Blekinge.

Aber gerade, bevor sich die Gnse auf dem Moor niedergelassen hatten, hatte
er einen Schein von einer groen Stadt gesehen, und dorthin lenkte er jetzt
seine Schritte. Es dauerte auch nicht lange, bis er einen Weg fand, und
bald war er auf der langen mit Bumen eingefaten Landstrae, wo auf jeder
Seite Hof an Hof lag.

Der Junge war in eines der groen Kirchspiele geraten, die weiter droben im
Land sehr allgemein sind, die es aber unten in der Ebene gar nicht gibt.

Die Wohnhuser waren aus Holz und sehr hbsch gebaut. Die meisten hatten
mit geschnitzten Leisten verzierte Giebel, und die Glasveranden waren mit
der einen und andern bunten Scheibe versehen. Die Wnde waren mit heller
lfarbe angestrichen, die Tren und Fensterrahmen leuchteten blau und grn,
hin und wieder auch rot. Whrend der Junge dahinwanderte und die Huser
betrachtete, hrte er sogar, wie die Leute in den warmen Stuben plauderten
und lachten. Die Worte konnte er nicht verstehen, aber es kam ihm sehr
schn vor, menschliche Stimmen zu hren. Ich mchte wissen, was sie sagen
wrden, wenn ich anklopfte und um Einla bte? dachte er.

Das war es ja, was er im Sinn gehabt hatte; aber beim Anblick der
erleuchteten Fenster war seine Angst vor der Dunkelheit verschwunden.
Dagegen fhlte er jene Scheu, die ihn immer in der Nhe der Menschen
berkam. Ich werde mich eine Weile in dem Dorf umsehen, dachte er, ehe
ich bei jemand um Obdach und Speise anhalte.

An einem Haus war ein Balkon. Und gerade als der Junge vorberging, wurden
die Balkontren aufgemacht, und durch feine, lichte Vorhnge strmte ein
gelber Lichtschein heraus. Dann trat eine schne junge Frau heraus und
beugte sich ber das Gelnder. Es regnet, jetzt wird es bald Frhling,
sagte sie. Als der Junge sie sah, berkam ihn zum erstenmal ein
merkwrdiges Angstgefhl. Es war ihm, als msse er weinen. Zum erstenmal
ergriff ihn eine gewisse Unruhe darber, da er sich selbst von den
Menschen ausgeschlossen hatte.

Kurz nachher kam er an einem Kaufladen vorber. Vor dem Hause stand eine
rote Smaschine. Er blieb stehen und sah sie an und kroch schlielich auf
den Bock hinauf. Als er droben sa, schnalzte er mit der Zunge und tat, als
fahre er. Er dachte, welches Glck das wre, wenn er eine so schne
Maschine ber einen Acker fahren drfte.

Einen Augenblick lang hatte er ganz vergessen, wie er jetzt aussah, aber
gleich erinnerte er sich wieder daran, und eilig sprang er von der Maschine
herunter. Eine immer grere Unruhe bemchtigte sich seiner. Ja, wer
bestndig unter Tieren leben mute, kam doch in vielem zu kurz. Die
Menschen waren wirklich recht merkwrdige und tchtige Geschpfe.

Er ging an der Post vorbei und dachte da an die Zeitungen, die jeden Tag
mit Neuigkeiten von allen vier Enden der Welt kommen. Er sah die Apotheke
und die Doktorwohnung, und da mute er denken, welche groe Macht die
Menschen doch hatten, da sie Krankheit und Tod bekmpfen konnten. Er kam
an die Kirche und dachte an die Menschen, die sie erbaut hatten, um in ihr
von einer andern Welt zu hren, einer Welt auerhalb der, in der sie
lebten, sowie von Gott und Auferstehung und einem ewigen Leben.

Und je weiter er kam, desto besser gefielen ihm die Menschen.

Kinder knnen eben niemals weiter sehen, als ihre Nase lang ist. Was am
nchsten vor ihnen liegt, nach dem strecken sie die Hand aus, ohne sich
darum zu kmmern, was es sie kosten knnte. Nils Holgersson hatte kein
Verstndnis dafr gehabt, was er verloren gab, als er ein Wichtelmnnchen
zu bleiben wnschte; jetzt aber ergriff ihn eine furchtbare Angst, er wrde
am Ende nie wieder seine rechte Gestalt erlangen knnen.

Aber wie in aller Welt mte er es angreifen, um wieder ein Mensch zu
werden? Das htte er schrecklich gerne gewut.

Er kroch auf eine Haustreppe hinauf und setzte sich da mitten in den
strmenden Regen, um zu berlegen. Er sa eine Stunde da, zwei Stunden, und
sann und grbelte mit tiefgefurchter Stirne. Aber er wurde nicht klger; es
war, als ob sich seine Gedanken nur immer in seinem Kopf im Kreise drehten.
Und je lnger er dasa, desto unmglicher erschien es ihm, irgend eine
Lsung zu finden.

Dies ist sicherlich viel zu schwer fr einen, der so wenig gelernt hat wie
ich, dachte er schlielich. Ich werde jedenfalls zu den Menschen
zurckkehren mssen. Dann mu ich den Pfarrer und den Doktor und den
Schullehrer fragen, und auch noch andre, die gelehrt sind und Hilfe fr so
etwas wissen.

Ja, er beschlo, dies sogleich zu tun; er stand auf und schttelte sich,
denn er war so na wie ein Hund, der in einem Wassertmpel gewesen ist.

In diesem Augenblick sah er, da eine groe Eule daherflog und sich auf
einen der Bume an der Strae niederlie. Gleich darauf begann eine
Waldeule, die unter der Dachleiste sa, sich zu bewegen und zu rufen:
Kiwitt, kiwitt, bist du wieder da, Sumpfeule? Wie ist es dir im Ausland
gegangen?

Danke der Nachfrage, Waldeule, es ist mir gut gegangen, sagte die
Sumpfeule. Ist whrend meiner Abwesenheit irgend etwas Merkwrdiges
passiert?

Nicht hier in Blekinge, Sumpfeule, aber in Schonen ist ein Junge in ein
Wichtelmnnchen verwandelt und so klein gemacht worden wie ein
Eichhrnchen, und dann ist der Junge mit einer zahmen Gans nach Lappland
gereist.

Das ist ja eine sonderbare Neuigkeit, eine sonderbare Neuigkeit! Kann er
jetzt nie wieder ein Mensch werden, Waldeule? Sag, kann er nie wieder ein
Mensch werden?

Das ist ein Geheimnis, Sumpfeule, aber du sollst es doch wissen. Das
Wichtelmnnchen hat gesagt, wenn der Junge die zahme Gans bewacht, da sie
unbeschdigt wieder heimkommen und------

Und was noch, Waldeule, was noch?

Fliege mit mir auf den Kirchturm hinauf, dann sollst du alles erfahren.
Ich habe Angst, es knnte uns hier auf der Strae jemand zuhren.

Damit flogen die beiden Eulen davon, aber der Junge warf seine Mtze hoch
in die Luft. Wenn ich nur ber den Gnserich wache, damit er unbeschdigt
wieder heimkommt, dann werde ich wieder ein Mensch. Hurra! Hurra! Dann
werde ich wieder ein Mensch!

Er schrie Hurra, und es war merkwrdig, da man ihn drinnen im Hause nicht
hrte. Aber das war nicht der Fall, und der Junge lief zurck zu den
Wildgnsen auf das nasse Moor hinaus, so schnell ihn seine Beine tragen
konnten.




7

Die Treppe mit den drei Stufen


                                                  Donnerstag, 31. Mrz

Am nchsten Tag wollten die Wildgnse durch den Allbobezirk in Smland nach
Norden weiterreisen und schickten Yksi und Kaksi als Kundschafter voraus;
diese kamen zurck und sagten, alles Wasser sei gefroren und alle Felder
seien mit Schnee bedeckt.

Dann wollen wir lieber dableiben, wo wir sind, sagten die Wildgnse. Wir
knnen nicht durch ein Land reisen, wo es weder Wasser noch Futter gibt.

Wenn wir bleiben, wo wir sind, werden wir vielleicht einen ganzen Monat
warten mssen, sagte Akka. Da wollen wir lieber ostwrts durch Blekinge
reisen und versuchen, ob wir nicht spter ber Smland durch den
Mrebezirk, der an der Kste liegt und wo es frhzeitig Frhling wird,
weiterkommen knnen.

So ritt nun also der Junge am nchsten Tage ber Blekinge hin. Jetzt wo es
hell war, hatte sich sein Gemt wieder beruhigt, und er konnte nicht
begreifen, was ihn gestern abend so sehr angefochten hatte. Jetzt wollte er
die Reise nach Lappland und das ungebundene Leben ganz und gar nicht mehr
aufgeben.

ber der Landschaft Blekinge lag ein dichter Regennebel, und der Junge
konnte nicht erkennen, wie das Land unter ihm aussah. Ich mchte wohl
wissen, ob wir hier ber gutes oder schlechtes Erdreich hinfliegen? dachte
er, und er zerbrach sich den Kopf, um sich zu erinnern, was er in der
Schule darber gehrt hatte. Zugleich aber wute er auch, da ihm dies
nichts ntzen konnte, weil er ja seine Aufgaben nie ordentlich gelernt
hatte.

Doch pltzlich sah er die ganze Schule deutlich vor sich. Die Kinder saen
in den schmalen Schulbnken und streckten die Finger in die Hhe, der
Lehrer sa auf dem Katheder und sah unzufrieden aus, er selbst aber stand
vorne an der Karte und sollte Fragen ber Blekinge beantworten, wute aber
kein Wort zu sagen. Mit jeder Sekunde wurde das Gesicht des Lehrers
dsterer, und der Junge dachte, der Lehrer nehme es viel genauer mit der
Geographie als mit irgend einem der andern Fcher. Jetzt kam er auch noch
vom Katheder herunter, nahm dem Jungen den Stock aus der Hand und schickte
ihn auf seinen Platz zurck. Das nimmt gewi kein gutes Ende, dachte der
Junge.

Aber der Lehrer trat an ein Fenster und sah eine Weile hinaus, und dann
begann er leise zu pfeifen, wie er zu tun pflegte, wenn er guter Laune war.
Jetzt stieg er wieder auf den Katheder und sagte, er wolle ihnen etwas von
Blekinge erzhlen.

Und was der Lehrer dann erzhlt hatte, war so unterhaltend gewesen, da der
Junge wohl aufgepat hatte. Wenn er nur daran dachte, wute er jedes Wort
wieder.

Smland ist ein hohes Haus, begann der Lehrer, mit Tannen auf dem Dache;
vor dem Hause aber ist eine breite Treppe mit drei Stufen, und diese Treppe
wird Blekinge genannt.

Es ist eine Treppe, die tchtig zugenommen hat. Sie erstreckt sich acht
Meilen weit ber die Vorderseite des smlndischen Hauses, und wer die
Treppe bis an die Ostsee hinuntergehen will, hat vier Meilen zu wandern.

Es ist auch schon recht lange her, seit die Treppe gebaut worden ist. Tage
und Jahre sind vergangen, seit die ersten aus Feldsteinen gehauenen Stufen
zu einer bequemen Verkehrsstrae zwischen Smland und der Ostsee eben und
gleichmig gelegt wurden.

Da die Treppe schon so alt ist, wird man wohl begreifen, da sie jetzt
nicht mehr so aussieht wie zu der Zeit, wo sie neu war. Ich wei nicht, wie
viel man sich damals um so etwas gekmmert hat, aber jedenfalls war bei
einer solchen Gre keine Kunst imstande, sie rein zu halten. Nach ein paar
Jahren wuchsen Moos und Flechten darauf, Spreu und drres Laub wurde im
Herbst darber geweht, und ihm Frhling wurde sie mit niederprasselnden
Steinen und Kies berschttet. Und da dies alles liegen blieb, sammelte
sich schlielich so viel Erde auf der Treppe an, da nicht nur Gras und
Kruter, sondern auch Bsche und groe Bume darauf Wurzel schlugen.

Aber zugleich ist zwischen den drei Stufen ein groer Unterschied
entstanden. Die oberste, die Smland am nchsten liegt, ist zum groen Teil
mit magrer Erde und kleinen Steinen bedeckt, und es wachsen nicht gern
andre Bume da als Weibirken und Faulkirschen und Tannen, die die Klte
dort oben ertragen und mit wenig zufrieden sind. Am allerbesten begreift
man, wie krglich und rmlich es da oben ist, wenn man sieht, wie klein die
vom Walde urbar gemachten cker sind, was fr winzige Huser die Leute sich
da bauen und wie weit die Kirchen voneinander entfernt sind.

Auf der mittlern Treppe gibt es bessere Erde, und es wird dort auch nicht
so sehr kalt. Man sieht das gleich daran, da die Bume hher und von
besserer Art sind. Dort wachsen Ahorn und Eichen und Linden, Hngebirken
und Haselstrucher, aber keine Nadelhlzer. Und noch deutlicher sieht man
es an den vielen bebauten Landstrecken und an den groen und schnen
Husern, die sich die Menschen gebaut haben. Es stehen auch viele Kirchen
auf der mittlern Stufe, und groe Ortschaften liegen rings um sie herum,
und sie nimmt sich in jeder Beziehung besser und schner aus als die
oberste Stufe.

Aber die unterste Stufe ist doch von allen die beste. Sie ist mit guter,
richtiger Erde bedeckt, und da, wo sie liegt und sich im Meere badet, hat
man nicht das geringste Gefhl von der smlndischen Klte. Hier unten
gedeihen Buchen und Kastanien und Nubume, und sie werden so gro, da sie
ber das Kirchendach hinausragen. Hier sind auch die grten Ackerfelder;
aber die Leute leben nicht allein vom Ackerbau und vom Ertrag der Wlder,
sie beschftigen sich auch mit dem Fischfang, mit Handel und Schiffahrt.
Deshalb gibt es hier auch die kostbarsten Huser und die schnsten Kirchen,
und die Kirchspiele sind zu Handelspltzen und Stdten herangewachsen.

Aber damit ist noch nicht alles ber die drei Treppenstufen gesagt. Denn
man mu wohl bedenken, da das Wasser, wenn es auf das Dach des groen
Hauses in Smland regnet, oder wenn der Schnee da oben schmilzt, sich
irgendwohin verlaufen mu, und da strzt natrlich ein Teil davon die groe
Treppe hinunter. Im Anfang flo es allerdings ber die ganze Breite der
Treppe; aber dann entstanden Risse darin, und allmhlich hat sich nun das
Wasser daran gewhnt, in mehreren gut ausgewaschenen Rinnen
hinunterzuflieen. Und Wasser ist Wasser, was man auch immer damit tun mag.
Es gnnt sich nie Ruhe. An einer Stelle grbt es sich ein, sickert in den
Erdboden und verschwindet, und an einer andern Stelle nimmt es zu. Die
Rinnen hat es zu Tlern ausgegraben, die Talwnde hat es mit Erde bedeckt,
und dann haben Bsche und Ranken und Bume sich daran angeklammert, in so
dichter und reicher Flle, da sie den Wasserstrom, der in der Tiefe
dahinfliet, beinahe verdecken. Aber wenn die Strme an die Abstze
zwischen den Stufen kommen, mssen sie sich kopfber hinunterstrzen, und
dadurch kommt das Wasser in so schumende Erregung, da es die Kraft hat,
Mhlrder und Maschinen zu treiben; und Mhlen und Fabriken sind denn auch
rings um jeden Wasserfall her entstanden.

Aber auch damit ist durchaus noch nicht alles ber das Land mit den drei
Treppenstufen gesagt, sondern es mu auch noch hervorgehoben werden, da da
droben in Smland in dem groen Haus einst ein Riese wohnte, der alt
geworden war. Und es rgerte ihn, da er in seinem hohen Alter gezwungen
sein sollte, die hohe Treppe hinunterzugehen, um den Lachs im Meere zu
fangen. Er dachte, es sei viel bequemer, wenn der Lachs dahin kme, wo er
hauste.

Er ging daher auf das Dach seines groen Hauses und schleuderte von da
mchtige Steine in die Ostsee hinein. Er warf sie mit solcher Kraft, da
die Steine ber ganz Blekinge wegflogen und wirklich ins Meer fielen. Und
als die Steine hineinfielen, bekam der Lachs so groe Angst, da er aus dem
Meere herausging, die Strme von Blekinge hinauffloh, dann durch die Bche
hindurchschwamm, mit hohen Sprngen sich die Flle hinaufschnellte und
nicht eher anhielt, als bis er weit drinnen in Smland bei dem alten Riesen
war.

Und wie wahr alles das ist, das sieht man an den vielen Inseln und Schren,
die vor der Kste von Blekinge liegen, die aber nichts andres sind als die
vielen groen Steine, die der Riese dahingeschleudert hat.

Man erkennt es auch daran, da der Lachs sich immer noch durch die Strme
von Blekinge und durch die Wasserflle in die ruhig flieenden Wasser bis
nach Smland hinaufarbeitet.

Aber jener Riese hat viel Dank und Ehre von den Bewohnern von Blekinge
verdient, denn die Lachsfischerei in den Strmen und die Steinhauerei in
den Schren ist eine Arbeit, womit sich bis zum heutigen Tag viele Menschen
ihren Unterhalt verdienen.

[Illustration]




8

Am Ronnebyflu


                                                  Freitag, 1. April

Weder die Wildgnse noch der Fuchs Smirre hatten geglaubt, da sie je
wieder zusammentreffen wrden, nachdem dieser Schonen verlassen hatte. Aber
nun geschah es, da die Wildgnse ihren Weg ber Blekinge nahmen, und da
hatte sich Smirre auch hinbegeben. Er hatte die Zeit bis jetzt in dem
nrdlichen Teil dieser Landschaft verbracht und war uerst mivergngt
ber diesen Aufenthalt. Eines Nachmittags, als Smirre in einer einsamen
Waldgegend, nicht weit von dem Ronnebyflu entfernt, umherstreifte, sah er
eine Schar Wildgnse daherfliegen. Er sah sogleich, da eine der Gnse wei
war, und da wute er ja, mit wem er es zu tun hatte.

Und sofort begann Smirre hinter den Gnsen herzujagen, einmal, weil ihn
nach einer guten Mahlzeit gelstete, dann aber auch in der Absicht, sich
fr all den Verdru zu rchen, den sie ihm bereitet hatten. Er sah sie
ostwrts bis zum Ronnebyflu fliegen; dort nderten sie die Richtung und
zogen weiter nach Sden. Er erriet, da sie sich am Fluufer eine
Schlafsttte suchten, und hoffte, ohne besondre Schwierigkeit einige von
ihnen erwischen zu knnen.

Aber als Smirre endlich den Ort erblickte, wo die Gnse sich niedergelassen
hatten, entdeckte er, da es ein sehr gut beschtzter Platz war, und da er
ihnen nicht beikommen konnte.

Der Ronnebyflu ist zwar kein groer und mchtiger Wasserlauf, aber er ist
seiner schnen Ufer wegen doch sehr berhmt. Einmal ums andre zwngt er
sich zwischen steilen Gebirgswnden hindurch, die senkrecht aus dem Wasser
aufragen und vollstndig mit Geiblatt, Faulkirschen und Weidorn, mit
Erlen, Ebereschen und Weiden bewachsen sind; an einem schnen Sommertag
gibt es nicht leicht etwas Angenehmeres, als auf dem kleinen, dunklen Flu
dahinzurudern und hinaufzuschauen in all das Grn, das sich an den rauhen
Felswnden festklammert.

Aber jetzt, als die Wildgnse und Smirre an den Flu kamen, herrschte noch
der kalte, rauhe Vorfrhling, alle Bume standen noch kahl, und niemand
dachte auch nur mit einem Gedanken daran, ob die Ufer schn oder hlich
seien.

Die Wildgnse waren indes sehr froh, da sie unter einer so steilen
Bergwand einen schmalen Sandstreifen sahen, gerade gro genug, um die ganze
Schar aufzunehmen. Vor ihnen brauste der Flu, der jetzt, wo der Schnee
schmolz, wild und angeschwollen war, hinter sich hatten sie die
unbesteigbaren Felsenwnde, und herabhngende Zweige verdeckten sie; sie
htten es nicht besser haben knnen.

Smirre stand oben auf dem Gebirgskamm und schaute zu den Wildgnsen
hinunter. Diese Verfolgung kannst du ebensogut gleich aufgeben, sagte er
zu sich selbst. Einen so steilen Berg kannst du nicht hinunterklettern,
durch den wilden Strom kannst du nicht schwimmen, und unten am Berg ist
auch nicht der kleinste Streifen Land, der zur Schlafstelle der Gnse
fhren wrde. Diese Gnse sind dir zu klug, Reineke. Gib dir keine Mhe
mehr, sie zu jagen.

Aber wie andern Fchsen auch, wurde es Smirre schwer, ein halb ausgefhrtes
Unternehmen aufzugeben; er legte sich deshalb ganz auen an den Bergrand
und verwandte kein Auge von den Wildgnsen. Whrend er sie so betrachtete,
dachte er an all das Bse, das sie ihm zugefgt hatten. Ja, ihre Schuld war
es, da er aus Schonen verbannt worden war und nach Blekinge hatte flchten
mssen, wo er bis jetzt noch keinen Herrenhofpark, keine zahmen Gnse, kein
Wildgehege voller Rehe und leckerer Rehzicklein gesehen hatte. Er arbeitete
sich in eine solche Wut hinein, whrend er so dalag, da er den Gnsen Tod
und Verderben wnschte, sogar wenn er selbst nicht dazu kommen sollte, sie
zu verspeisen.

Als Smirres Zorn diesen hohen Grad erreicht hatte, hrte er in einer groen
Kiefer dicht neben sich ein Geraschel, und er sah ein Eichhrnchen, das von
einem Marder heftig verfolgt wurde, den Baum herunterlaufen. Keines von den
beiden bemerkte Smirre, der sich ganz ruhig verhielt und der Jagd zusah,
die von Baum zu Baum ging. Er betrachtete das Eichhrnchen, das so leicht
durch die Bume huschte, als ob es fliegen knnte. Er betrachtete auch den
Marder, der kein so kunstgerechter Kletterer war wie das Eichhrnchen, aber
doch die Baumstmme hinauf und hinunter lief, als seien es ebene Waldpfade.

Knnte ich nur halb so gut klettern wie eins von diesen beiden, dachte
der Fuchs, dann drften die dort drunten nicht lnger in Ruhe schlafen.

Sobald die Jagd zu Ende und das Eichhrnchen gefangen war, ging Smirre zu
dem Marder hin, machte aber zum Zeichen, da er ihn seiner Jagdbeute nicht
berauben wolle, auf zwei Schritt Abstand vor ihm Halt. Er begrte den
Marder sehr freundlich und gratulierte zu dem Ausfall der Jagd. Smirre
setzte seine Worte sehr gut, wie dies beim Fuchs immer der Fall ist. Der
Marder dagegen, der sich mit seinem langen, schmalen Krper, seinem feinen
Kopf, seinem weichen Fell und seinem hellbraunen Fleck am Halse wie ein
kleines Wunder von Schnheit ausnimmt, ist in Wirklichkeit nur ein
ungeschlachter Waldbewohner und gab dem Fuchs kaum eine Antwort.

Nur eins verwundert mich, fuhr Smirre fort, da sich ein solcher Jger
wie du mit der Jagd auf Eichhrnchen begngt, wenn sich so viel besseres
Wildbret in erreichbarer Nhe befindet. Hier hielt er inne und wartete auf
eine Erwiderung, aber als der Marder ihn, ohne ein Wort zu sagen, ganz
unverschmt angrinste, fuhr er fort: Wre es mglich, da du die Wildgnse
dort unten an der Felswand nicht gesehen httest? Oder bist du kein so
guter Kletterer, da du nicht zu ihnen hinunter gelangen knntest?

Diesmal brauchte Smirre nicht auf Antwort zu warten. Der Marder strzte mit
gekrmmtem Rcken und gestrubtem Fell auf ihn zu. Hast du Wildgnse
gesehen? zischte er ihn an. Wo sind sie? Sag es schnell, sonst beie ich
dir die Gurgel entzwei.

Nun, nun, vergi nicht, da ich doppelt so gro bin als du, und sei ein
bichen hflich. Ich wnsche gar nichts weiter, als dir die Wildgnse zu
zeigen.

Einen Augenblick spter war der Marder auf dem Wege den Abhang hinunter,
und whrend Smirre zusah, wie er seinen schlangendnnen Krper von Zweig zu
Zweig schwang, dachte er: Dieser schne Baumjger hat das grausamste Herz
der ganzen Schpfung. Ich glaube, die Wildgnse werden mir fr ein blutiges
Erwachen zu danken haben.

Aber gerade, als Smirre den Todesschrei der Gnse zu hren erwartete, sah
er den Marder in den Flu hinunterplumpsen, so da das Wasser hoch
aufspritzte. Und gleich nachher erklang starkes Flgelschlagen, und alle
Gnse flogen in wilder Hast auf.

Smirre wollte den Gnsen schnell nachjagen, aber er war so neugierig zu
erfahren, wie sie gerettet worden waren, da er stehen blieb, bis der
Marder wieder heraufgeklettert kam. Der rmste war patschna und hielt ab
und zu an, um sich den Kopf mit den Vorderpfoten zu reiben.

Ich habe mir doch gedacht, da du ein Tlpel wrst und in den Flu fallen
wrdest, sagte Smirre verchtlich.

Ich habe mich nicht tlpelhaft angestellt, und du hast nicht ntig, mich
zu schelten, erwiderte der Marder. Ich sa schon auf einem der untersten
Zweige und berlegte, wie ich eine ganze Menge von ihnen tten knnte, als
ein kleiner Knirps, nicht grer als ein Eichhrnchen, aufsprang und mir
mit solcher Kraft einen Stein an den Kopf warf, da ich ins Wasser
purzelte, und ehe ich wieder aus dem Wasser herauskrabbeln konnte----

Der Marder brauchte nicht weiter zu berichten. Er hatte keinen Zuhrer
mehr. Smirre war schon weit weg hinter den Gnsen her.

Indessen war Akka sdwrts geflogen, eine neue Schlafstelle zu suchen. Es
war noch ein wenig Tagesschein vorhanden, und der Halbmond stand hoch am
Himmel, so da sie einigermaen sehen konnte. Zum Glck kannte sie sich gut
in der Gegend aus, denn es war mehr als einmal vorgekommen, da die Gnse,
wenn sie im Frhjahr ber die Ostsee flogen, nach Blekinge verschlagen
worden waren.

Sie flog also am Flu hin, solange sie ihn durch die mondscheinbeglnzte
Landschaft wie eine schwarze, blinkende Schlange dahingleiten sah. Auf
diese Weise gelangten sie bis hinunter zum Tiefen Fall, wo der Flu sich in
einer unterirdischen Rinne verbirgt und dann klar und durchsichtig, wie
wenn er von Glas wre, sich in eine enge Schlucht hinabstrzt, auf deren
Boden er in glitzernde Tropfen und umherspritzenden Schaum zerschellt.
Unterhalb des Falles lagen einige Steine, zwischen denen das Wasser in
wilden Wirbeln aufschumte, und hier lie sich Akka nieder. Dies war wieder
ein guter Ruheplatz, besonders so spt am Abend, wo keine Menschen mehr
unterwegs waren. Bei Sonnenuntergang htten die Gnse sich nicht gut hier
niederlassen knnen, denn der Tiefe Fall liegt in keiner den Gegend. Auf
der einen Seite erhebt sich eine groe Kartonnagefabrik, und auf der
andern, die steil und mit Bumen bestanden ist, liegt der Park von
Tiefental, in dem bestndig auf den schlpfrigen und steilen Pfaden
Menschen umherstreifen, die sich an dem tobenden Brausen des wilden Stromes
erfreuen wollen.

Es war hier gerade wie an dem ersten Platz; keine der Gnse schenkte der
Tatsache, da sie an einen weltberhmten Platz gekommen waren, auch nur
einen Gedanken. Spter dachten sie freilich, es sei unheimlich und
gefhrlich, auf solchen glatten, nassen Steinen mitten in einem Stromwirbel
zu schlafen, der vielleicht aufwallen und sie mit fortreien wrde. Aber
sie muten zufrieden sein, wenn sie nur vor Raubtieren sicher waren.

Nach einer Weile kam Smirre am Fluufer dahergerannt. Er erblickte die
Gnse, die da drauen in den schumenden Stromschnellen standen, und sah
sogleich, da er auch hier nicht zu ihnen gelangen konnte. Er fhlte sich
sehr gedemtigt, ja, es war ihm, als stehe sein ganzes Ansehen als Jger
auf dem Spiel.

Whrend er darber nachdachte, sah er einen Fischotter mit einem Fisch im
Maul aus dem Wirbel heraussteigen. Smirre ging auf ihn zu, blieb aber mit
zwei Schritt Entfernung vor ihm stehen, um zu zeigen, da er ihm seine
Jagdbeute nicht nehmen wolle. Du bist ein merkwrdiger Kerl, da du dich
mit Fischen begngst, wenn doch die Steine dort drauen voller Gnse
stehen, sagte Smirre. Er war so erregt, da er sich nicht Zeit nahm, seine
Worte so wohl zu setzen, wie es sonst seine Gewohnheit war.

Der Fischotter wendete nicht einmal den Kopf nach dem Strom. Dies ist
nicht das erstemal, da wir uns begegnen, Smirre, sagte er. Er war ein
Landstreicher, wie alle Fischotter, und hatte oft am Vombsee gefischt, wo
er auch mit Smirre zusammengetroffen war. Ich wei wohl, wie du es
anfngst, dir eine Lachsforelle zu ergattern.

Ach, bist du es, Greifan? sagte Smirre erfreut, weil er wute, da dieser
Fischotter ein khner und gewandter Schwimmer war. Da wundert es mich
nicht, da du die Wildgnse gar nicht ansehen magst, denn du bist ja nicht
imstande, zu ihnen hinzukommen.

Aber der Otter, der Schwimmhute zwischen den Zehen, einen steifen
Schwanz, der so gut wie ein Ruder ist, und einen Pelz hat, durch den das
Wasser nicht dringen kann, wollte sich nicht nachsagen lassen, da es einen
Wasserwirbel gebe, den er nicht bewltigen knne. Er wendete sich dem
Strome zu, und sobald er die Wildgnse erblickte, strzte er sich ber das
steile Ufer in den Flu hinein.

Wre der Frhling etwas weiter vorgeschritten und die Nachtigallen schon im
Park von Tiefental eingetroffen gewesen, dann htten diese sicher in vielen
Nchten Greifans Kampf mit den Wasserwirbeln besungen.

Denn der Otter wurde oft von den Wogen zurckgeworfen und in die Tiefe
hinuntergerissen, aber er arbeitete sich immer wieder herauf und weiter
nach den groen Steinen hin. Er schwamm in das stille Wasser hinter die
Steine und kam so allmhlich den Gnsen immer nher. Es war ein
gefhrliches Werk, das wohl wert gewesen wre, von den Nachtigallen
besungen zu werden.

Smirre folgte dem Otter mit den Blicken, so gut er konnte. Er sah, da
dieser bestndig nher an die Gnse herankam, und glaubte berdies zu
sehen, da er schon im Begriff war, zu ihnen hinaufzuklettern. Aber jetzt
schrie der Otter pltzlich wild und gellend auf. Smirre sah, wie er
rckwrts ins Wasser fiel und mitgerissen wurde wie ein blindes junges
Ktzchen. Gleich darauf schlugen die Gnse hart mit den Flgeln; sie
erhoben sich alle und flogen davon, sich wieder einen andern Ruheplatz zu
suchen.

Bald nachher kletterte der Otter ans Ufer. Er sagte kein Wort, sondern
begann nur, seine eine Vorderpfote zu lecken. Aber als Smirre ihn
verspottete, weil es ihm miglckt sei, brach er los.

An meiner Schwimmkunst fehlte es nicht, Smirre. Ich war bis zu den Gnsen
gekommen und wollte eben zu ihnen hinaufklettern, als ein kleiner Knirps
auf mich lossprang und mich mit einem scharfen Eisen in den Fu stach. Das
tat mir so weh, da ich das Gleichgewicht verlor, und dann ergriff mich der
Wirbel.

Er brauchte nicht weiter zu erzhlen. Smirre war schon weg und auf dem Weg
zu den Gnsen.

Noch einmal mute Akka mit den Gnsen nchtlicherweile die Flucht
ergreifen. Zum Glck war der Mond noch am Himmel, und bei dessen Schein
gelang es ihr, eine von den andern Schlafstellen zu finden, die sie in
dieser Gegend kannte. Sie flog wieder sdwrts, den glnzenden Flu
entlang. ber dem Herrenhof von Tiefental und ber Ronnebys dunklem Dach
und weiem Wasserfall flog sie hin, ohne sich niederzulassen. Aber eine
Strecke sdlicher von der Stadt, nicht weit vom Meere, liegt die Ronnebyer
Heilquelle mit ihrem Bade- und Quellenhaus, mit groen Gasthfen und
Sommerwohnungen fr die Badegste. Alles dies steht den ganzen Winter
hindurch de und leer, was alle Vgel zur Genge wissen, und viele
Vogelscharen suchen bei harten, strmischen Zeiten auf den Altanen und
Veranden der groen Gebude Schutz.

Hier lieen sich die Wildgnse auf einem Balkon nieder, und ihrer
Gewohnheit gem schliefen sie sogleich ein. Der Junge dagegen konnte
nicht schlafen, weil er jetzt bei Nacht nicht mehr ohne weitres unter den
Flgel des Gnserichs zu kriechen wagte. Wenn er da zwischen Federn und
Flaum gebettet lag, konnte er gar nichts sehen und nur schlecht hren. Dann
konnte er nicht ber die Sicherheit des weien Gnserichs wachen, und das
war ja das einzige, was ihm wichtig war. Und wie gut war es gewesen, da er
in dieser Nacht nicht geschlafen hatte, sonst htte er nicht den Marder und
den Otter verjagen knnen. Nein, es mochte mit dem Schlaf gehen wie es
wollte, er durfte jetzt nicht mehr an sich selbst, er mute in erster Linie
an den Gnserich denken.

Der Junge sa auf einem Balkon, der nach Sden ging, so da er die Aussicht
auf das Meer hatte. Und da er nun doch nicht schlafen konnte und das Meer
mit seinen Landzungen und Buchten vor sich hatte, mute er unwillkrlich
denken, wie schn das sei, wenn Meer und Land so zusammenstieen wie hier
in Blekinge.

Nach all dem, was er gesehen hatte, konnten Meer und Land auf die
verschiedenste Weise zusammentreffen. An vielen Orten kam das Land zum Meer
hinunter mit flachen hgeligen Wiesen, und das Meer kam ihm mit Flugsand
entgegen, den es in Haufen und Wllen niederlegte. Es war, als knnten sich
die beiden so wenig leiden, da sie einander nur das Schlechteste, was sie
besaen, zeigen wollten; aber es kam auch vor, da das Land, wenn das Meer
zu ihm hinkam, eine Gebirgsmauer vor sich aufrichtete, als sei das Meer
etwas Gefhrliches, und wenn das Land dies tat, fuhr das Meer mit wilder
Brandung darauf los, peitschte und schnaubte und schlug gegen die Klippen
und sah aus, als wolle es das Hgelland zerreien.

Hier in Blekinge aber ging es anders zu, wenn Meer und Land zusammenkamen.
Hier zersplitterte das Land sich in Landzungen und Inseln und Holme, und
das Meer verteilte sich in Fjorde und Buchten und Sunde, und daher kam es
vielleicht, da es aussah, als wollten die beiden eintrchtig und friedlich
zusammenkommen.

Jetzt dachte der Junge vor allem an das Meer. Es lag so einsam und
verlassen und unendlich da und wlzte nur immerfort seine grauen Wogen.
Wenn es sich dem Land nherte und auf das erste Eiland traf, berflutete es
dieses, ri alles Grne ab und machte es ebenso kahl und grau wie es selbst
ist. Dann traf es wohl nochmals auf ein Eiland, und mit diesem ging es
ebenso. Und abermals traf es auf ein Eiland, ja, und da ging es genau wie
bei den vorigen. Auch dieses wurde entkleidet und geplndert, als ob es in
Ruberhnde gefallen wre. Aber dann wurden die Schren immer dichter, und
das Meer sah wohl ein, da das Land ihm seine kleinen Kinder
entgegenschickte, es zur Milde zu bewegen. Es wurde auch immer
freundlicher, je weiter es hereinkam, es rollte seine Wogen weniger hoch,
dmpfte seine Strme, lie das Grne in den Spalten und Rinnen stehen und
verteilte sich in kleine Sunde und Buchten, und am Land drinnen war es
schlielich so ungefhrlich, da sich kleine Boote auf die sanfte Flut
hinauswagten. Es kannte sich gewi selbst nicht mehr, so hold und
freundlich war es geworden.

Alsdann dachte der Junge an das Festland. Ernst lag es da und war fast
berall gleich. Es bestand aus flachen Ackerfeldern, zwischen denen hier
und da ein von Birken eingefriedigter Weideplatz lag, oder auch aus
langgestreckten, bewaldeten Bergrcken; es lag da, als dchte es nur an
Hafer und Rben und Kartoffeln, an Tannen und Fichten. Dann kam eine
Meeresbucht, die tief ins Land einschnitt. Daraus machte sich das Land aber
nichts, sondern umrandete sie mit Birken und Erlen, ganz als sei sie ein
freundlicher Swassersee. Dann schob sich noch eine Bucht hinein. Aber
auch daraus machte sich das Land nichts, sie bekam dieselbe Bekleidung wie
die vorige. Doch die Meerbusen begannen sich auszuweiten und sich zu
teilen; sie zersplitterten die Felder und Wlder, und da konnte das Land
nicht mehr anders, es mute Notiz davon nehmen.

Ich glaube wahrhaftig, das Meer selbst kommt daher, sagte das Land und
fing schnell an, sich zu schmcken. Es bekrnzte sich mit Blumen, nahm
Wellenform an und schob sogar kleine Inseln ins Meer hinein. Es wollte
nichts mehr von Fichten und Kiefern wissen, sondern warf sie ab wie alte
Werktagskleider und machte Staat mit groen Eichbumen, Linden, Kastanien
und mit blhenden Auen, und wurde so schn wie der Park eines Herrenhofs.
Und als es mit dem Meer zusammentraf, war es so verndert, da es sich
selbst nicht mehr kannte.

So weit war der Junge in seinen Gedanken gekommen, als ihn pltzlich ein
langes, unheimliches Heulen, das vom Badehauspark herklang, aufschreckte.
Und als er sich aufrichtete, sah er auf dem Rasen unter dem Balkon einen
Fuchs im weien Mondschein stehen. Denn Smirre war den Gnsen noch einmal
nachgegangen. Aber als er den Platz, wo sie sich niedergelassen hatten,
fand, sah er ein, da er jetzt auf keine Weise zu ihnen gelangen konnte,
und da hatte er vor lauter Wut laut hinausgeheult.

Als der Fuchs so heulte, erwachte die alte Akka, und obgleich sie fast
nichts sehen konnte, glaubte sie doch die Stimme zu erkennen. Bist du es,
Smirre, der heute Nacht unterwegs ist? fragte sie.

Ja, antwortete Smirre, ich bins, und ich will jetzt fragen, wie euch
Gnsen die Nacht gefllt, die ich euch bereitet habe?

Willst du damit sagen, da du es gewesen bist, der den Marder und den
Otter auf uns gehetzt hat? fragte Akka.

Eine gute Tat soll man nicht leugnen, sagte Smirre. Ihr habt einmal das
Gnsespiel mit mir getrieben, jetzt hab ich angefangen, das Fuchsspiel mit
euch zu treiben; ich hab auch nicht im Sinn, es zu beendigen, solange noch
eine von euch am Leben ist, und wenn ich euch durchs ganze Land verfolgen
mte.

Du solltest dir aber doch berlegen, ob das recht von dir ist, Smirre,
wenn du, der mit Zhnen und Krallen bewaffnet ist, uns, die
verteidigungslosen, auf diese Weise verfolgst, sagte Akka.

Smirre glaubte jetzt, Akka habe Angst, und deshalb sagte er schnell: Wenn
du, Akka, mir den kleinen Dumling, der mir so in die Quere gekommen ist,
herunterwirfst, dann will ich Frieden mit euch schlieen und werde weder
dir noch einer von den deinen je wieder etwas Bses tun.

Den Dumling kann ich dir nicht geben, sagte Akka. Von der jngsten bis
zur ltesten ist keine unter uns, die nicht gern das Leben fr ihn lassen
wrde.

Wenn ihr ihn so lieb habt, erwiderte Smirre, dann soll er der erste
sein, an dem ich meine Rache khlen werde, das verspreche ich euch!

Akka gab keine Antwort mehr, und nachdem Smirre noch ein paarmal aufgeheult
hatte, wurde alles still. Der Junge war noch immer wach und schaute durch
das Balkongelnder auf die Schren hinaus. Vorhin hatte er so angenehme und
frohe Gedanken gehabt. Wie Tanz und Spiel waren sie ihm durchs Gehirn
gezogen, und er wnschte, da sie wiederkmen. Aber er konnte die
Landschaft nicht mehr mit denselben Blicken betrachten wie vorher, und die
schnen Gedanken wollten nicht wiederkehren. Da erkannte er, da die
schnen Gedanken scheu und empfindlich sind, und da Ha und Unfriede sie
immer verjagen.

[Illustration]




9

Karlskrona


                                                  Samstag, 2. April

Es war Abend in Karlskrona und heller Mondschein. Jetzt herrschte warmes,
schnes Wetter, am Tage aber hatte es gestrmt und geregnet, und die
Menschen meinten sicher, es regne und strme noch immer, denn kaum einer
von ihnen wagte sich auf die Strae hinaus.

Whrend die Stadt so verlassen dalag, kam die Wildgans Akka mit ihrer Schar
ber Vmmn und Pantarholm auf Karlskrona zugeflogen. Sie waren spt abends
noch unterwegs, sich einen sichern Schlafplatz drauen auf den Schren zu
suchen. Auf dem Lande konnten sie nicht bleiben, weil der Fuchs Smirre sie
immer wieder aufstberte, wo sie sich auch niederlassen mochten.

Als nun der Junge hoch oben durch die Luft ritt und auf das Meer mit seinen
Schren hinuntersah, kam ihm alles merkwrdig unheimlich und gespensterhaft
vor. Der Himmel war nicht mehr blau, sondern wlbte sich ber ihm wie eine
Kuppel aus grnem Glas. Das Meer war milchwei, und so weit das Auge
reichte, rollte es in kleinen, weien Wogen mit silberschimmernden
Schaumkronen daher. Mitten in all diesem Wei ragten die vielgestalteten
Inseln kohlschwarz heraus. Ob sie gro oder klein waren, ob eben wie Wiesen
oder mit wilden Felsstcken bedeckt, alle sahen gleich schwarz aus. Ja,
sogar auch die Wohnhuser und Kirchen und Windmhlen, die gewhnlich wei
oder rot sind, zeichneten sich schwarz von dem grnen Himmel ab. Der Junge
hatte beinahe das Gefhl, als sei die Erde unter ihm vertauscht worden, so
da er in eine ganz andre Welt gekommen sei.

Er dachte eben, in dieser Nacht wolle er recht tapfer sein und sich nicht
frchten, als er etwas erblickte, was ihm einen groen Schrecken einjagte.
Das war eine bergige Insel, die mit groen, scharfen Felsblcken bedeckt
war, und zwischen diesen schwarzen Blcken glnzten funkelnde Stellen von
schimmerndem Golde. Er mute unwillkrlich an den Maglestein von dem
Zauberer Ljungby denken, den der Zauberer zuweilen auf hohe goldne Sulen
stellt, und er htte gerne gewut, ob dies etwas hnliches sei.

Aber die Steine da mit dem Gold wren schlielich noch angegangen, wenn es
nicht rings um die Insel von lauter groen Meeresungetmen gewimmelt htte.
Sie sahen wie Wal- und Haifische und andre groe Meeresungeheuer aus, aber
der Junge war dafr, da es Meergeister seien, die sich hier versammelt
hatten und hinaufklettern wollten, um mit den dort wohnenden Landgeistern
zu kmpfen. Und die auf dem Lande frchteten sich sicher, denn der Junge
sah einen groen Riesen ganz oben auf dem Gipfel der Insel stehen, der die
Arme in die Hhe reckte wie in Verzweiflung ber all das Unglck, das ihm
und seiner Insel widerfahren sollte.

Der Junge erschrak nicht wenig, als er merkte, da Akka sich gerade auf
diese Insel niedersinken lie. Ach nein, ach nein! rief er. Wir werden
uns doch da nicht niederlassen sollen?

Aber die Gnse sanken immer tiefer, und jetzt war der Junge aufs hchste
berrascht, da er so verkehrt hatte sehen knnen. Die groen Steinblcke
waren nichts andres als Huser. Die ganze Insel war eine Stadt; die
glnzenden, goldnen Punkte waren Laternen und erleuchtete Fensterreihen.
Der Riese, der ganz oben auf der Insel stand, war eine Kirche mit zwei
Trmen, und alle die Meeresungeheuer und Zauberer, die er zu sehen geglaubt
hatte waren Boote und groe Schiffe, die rings um die Insel herum verankert
waren. Auf dieser dem Lande zugelegnen Seite der Insel lagen gepanzerte
Kriegsschiffe, einige mit ungeheuer dicken, nach rckwrts geneigten
Schornsteinen, dann wieder lnger und schmler gebaute, die sicherlich wie
Fische durchs Wasser gleiten konnten.

Welche Stadt konnte nun das wohl sein? Ja, das konnte der Junge schon
herausbringen, weil er die vielen Kriegsschiffe da unten sah. Sein ganzes
Leben lang hatte er Angst vor Schiffen gehabt, obgleich er nie mit andern
etwas zu tun gehabt hatte als mit den kleinen Segelbooten, die er auf dem
Dorfteich hatte schwimmen lassen. Er wute wohl, da diese Stadt, die mit
so vielen Kriegsschiffen dort lag, nur Karlskrona sein konnte.

Der Grovater des Jungen war frher Matrose auf einem Kriegsschiff gewesen,
und so lange er lebte, hatte er jeden Tag von Karlskrona erzhlt, von der
groen Werft und allem andern, was es da gab. Hier fhlte sich der Junge
ganz wie zu Hause, und er freute sich, da er jetzt das alles sehen durfte,
von dem er so viel hatte erzhlen hren.

Nur im Fluge sah er den Turm und die Festungswerke, die den Hafeneingang
abschlieen, sowie die vielen Gebude drauen auf der Werft, denn jetzt
lie sich Akka auf einem von den flachgedeckten Kirchtrmen nieder.

Das war allerdings ein sichrer Platz fr solche, die einem Fuchse
entwischen wollten, und der Junge fragte sich, ob er es nicht wagen
knnte, in dieser Nacht wieder unter die Flgel des Gnserichs zu kriechen.
Ja, das konnte er bestimmt, und es wrde ihm sicher gut tun, wenn er wieder
einmal ein bichen schlafen drfte. Am nchsten Morgen wollte er dann
versuchen, etwas mehr von der Werft und den Schiffen zu sehen.

                  *       *       *       *       *

Dem Jungen kam es selbst sonderbar vor, da er sich nicht ruhig verhalten
und still warten konnte, bis er etwas von den Schiffen zu sehen bekme. Er
hatte sicher noch keine fnf Minuten geschlafen, als er unter dem Flgel
hervorglitt und am Blitzableiter und an den Dachrinnen auf den Boden
hinunterkletterte.

Bald stand er auf einem groen Marktplatz, der sich vor der Kirche
ausbreitete; er war mit rundlichen, oben zugespitzten Steinen gepflastert,
und das Gehen darauf war ebenso beschwerlich fr ihn, wie fr groe Leute
das Gehen auf einer Wiese voll Erdschollen. Leute, die in einer unbebauten
Gegend und weit drauen auf dem Lande wohnen, fhlen sich immer ngstlich,
wenn sie in eine Stadt kommen, wo die Huser steif und aufrecht dastehen
und die Straen und Pltze offen daliegen, so da sie jeder, der
vorbergeht, betrachten kann. Und wenn groe Leute so denken, kann man sich
leicht vorstellen, wieviel mehr es dem Dumling so gehen mute. Als er auf
dem Markt von Karlskrona stand und die Deutsche Kirche und das Rathaus und
den Dom, von dem er gerade heruntergekommen war, sah, wnschte er sich
unwillkrlich zu den Gnsen droben auf dem Kirchturm zurck. Zum Glck war
der Marktplatz ganz leer. Kein Mensch war zu sehen, wenn man nicht etwa ein
Standbild, das auf einem hohen Sockel stand, fr einen solchen rechnen
wollte. Der Junge betrachtete das Standbild lange und htte gerne gewut,
wer dieser groe Mann in Dreispitz, langem Rock, Kniehosen und groben
Schuhen sei. Er hielt einen langen Stock in der Hand und sah aus, als mache
er auch Gebrauch davon, denn er hatte ein furchtbar strenges Gesicht mit
einer groen Habichtsnase und einem hlichen Mund.

Was hat denn dieser Lippenfritze hier zu tun? sagte der Junge
schlielich.

Noch nie hatte er sich so klein und rmlich gefhlt wie an diesem Abend. Er
versuchte sich aufzuraffen, indem er etwas Keckes sagte. Dann dachte er
nicht mehr an das Standbild, sondern bog in eine breite Strae ein, die zum
Meer hinunterfhrte. Aber er war noch nicht lange gegangen, als er hrte,
da jemand hinter ihm herkam. Vom Markt her kam jemand, der mit schweren
Fen auf das Pflaster stampfte und seinen Stock auf den Boden aufstie. Es
klang fast, als htte der groe Mann aus Bronze, der drben auf dem Markte
stand, sich auf den Weg gemacht.

Der Junge horchte auf die Schritte, whrend er die Strae hinunterlief, und
immer deutlicher erkannte er, da es der Mann aus Bronze sein mute. Die
Erde bebte und die Huser zitterten, sicherlich konnte niemand anders so
gehen; und der Junge erschrak, als ihm einfiel, was er vorhin ber ihn
gesagt hatte. Er wagte nicht einmal den Kopf zu drehen, um nachzusehen, ob
er es wirklich sei.

Er geht vielleicht nur zu seinem eignen Vergngen spazieren, dachte der
Junge weiter. Wegen der paar Worte, die ich ber ihn gesagt habe, kann er
doch unmglich bse auf mich sein. Es war ja gar nicht schlimm gemeint.

Anstatt nun geradeaus zu gehen, um womglich an die Werft zu gelangen, bog
der Junge in eine nach Osten fhrende Strae ein. Er wollte dem, der hinter
ihm herkam, um jeden Preis ausweichen.

Aber gleich darauf hrte er den Bronzenen auch in diese Strae einbiegen.
Da erschrak der Junge so sehr, da er einfach nicht wute, was er tun
sollte. Und wie schwer ist es, einen Schlupfwinkel zu finden in einer
Stadt, wo alle Tren fest verschlossen sind! Da sah er zu seiner Rechten
eine alte aus Holz gebaute Kirche, die etwas abseits von der Strae in
einer groen Anlage stand. Er bedachte sich nicht einen Augenblick, sondern
strzte auf die Kirche zu. Wenn ich nur hineinkomme, werde ich wohl vor
allem bel beschtzt sein! meinte er.

Whrend er dahinstrmte, sah er pltzlich einen Mann auf einem Sandweg
stehen, der ihm winkte. Das ist gewi jemand, der mir helfen will, dachte
der Junge; es wurde ihm ganz leicht ums Herz, und er eilte auf den Mann zu.
Er hatte wirklich Herzklopfen vor lauter Angst.

Aber als er bei dem Mann angekommen war, der am Rande des Weges auf einem
kleinen Schemel stand, stutzte er sehr. Der kann mir doch nicht gewinkt
haben, dachte er; denn jetzt sah er, da der ganze Mann aus Holz war.

Er blieb vor dem Mann stehen und betrachtete ihn. Es war ein
grobgeschnittener Kerl mit kurzen Beinen, breitem rotem Gesicht, glnzendem
schwarzem Haar und einem schwarzen Vollbart. Er hatte einen schwarzen
hlzernen Hut auf dem Kopf, auf dem Leib einen braunen hlzernen Rock, um
die Mitte eine schwarze hlzerne Schrpe, an den Beinen weite, graue
hlzerne Hosen und Strmpfe und an den Fen schwarze Holzschuhe. Er war
berdies frisch gestrichen und gefirnist, so da er im Mondschein glnzte
und gleiste; und der Frhling tat auch noch das Seinige dazu und gab ihm
ein so gutmtiges Aussehen, da der Junge sogleich Vertrauen zu ihm fate.

Neben dem Mann auf dem Wege stand eine Holztafel, und auf dieser las der
Junge:

    Ich bitt euch ganz demtiglich,
    Kann sprechen zwar nicht gut,
    Kommt, gebt ein Scherflein her fr mich
    Und legts in meinen Hut!

Ach freilich, der Mann war eine Armenbchse! Der Junge war ganz verdutzt.
Er hatte geglaubt, etwas ganz besonders Merkwrdiges vor sich zu haben. Und
jetzt erinnerte er sich auch, da der Grovater von diesem hlzernen Manne
gesprochen und gesagt hatte, alle Kinder von Karlskrona htten ihn sehr
gern. Und das mute wohl wahr sein, denn auch dem Jungen fiel es schwer,
sich von dem hlzernen Mann zu trennen. Er hatte etwas so Altmodisches, man
konnte ihn fr viele hundert Jahre alt halten, und zugleich sah er doch
stark und stolz und lebenslustig aus, gerade wie die Leute in alten Zeiten
gewesen sein muten.

Es machte dem Jungen so viel Vergngen, den hlzernen Mann anzusehen, da
er den andern, vor dem er geflohen war, ganz verga. Aber jetzt hrte er
ihn wieder. O weh! auch er verlie die Strae und kam in den Kirchhof
herein. Er ging ihm auch hierher nach! Wohin sollte der Junge nun flchten?

Gerade in diesem Augenblick sah er, da der Hlzerne sich verbeugte und
seine breite hlzerne Hand ausstreckte. Man konnte ihm unmglich etwas
andres als Gutes zutrauen, und mit einem Satz stand ihm der Junge auf der
Hand. Und der Hlzerne hob ihn zu seinem Hut empor und steckte ihn
darunter.

Kaum war der Junge versteckt, kaum hatte der Hlzerne den Arm wieder an
seinen richtigen Platz getan, als der Bronzene auch schon vor ihm stand und
mit seinem Stock so gewaltig auf den Boden stie, da der Hlzerne auf
seinem Schemel erzitterte. Hierauf sagte der Bronzene mit lauter metallener
Stimme: Wer ist Er?

Der Arm des Hlzernen fuhr hinauf, da es in dem alten Holzwerk knackte, er
legte die Hand an den Hutrand und antwortete: Rosenbom, mit Verlaub, Eure
Majestt, frher Oberbootsmann auf dem Linienschiff Dristigheten, nach
beendigtem Kriegsdienst Kirchenwchter bei der Admiralskirche, schlielich
in Holz geschnitten und als Armenbchse auf dem Kirchhof aufgestellt.

Dumling fuhr zusammen, als er den Hlzernen Eure Majestt sagen hrte.
Denn wenn er jetzt darber nachdachte, so fiel ihm allerdings ein, da das
Standbild auf dem Markt den vorstellen mute, der die Stadt gegrndet
hatte. Es war also niemand Geringeres als KarlXI. selbst, mit dem er
zusammengetroffen war.

Er versteht es, Auskunft ber sich zu geben. Kann Er mir nun auch sagen,
ob Er nicht einen kleinen Jungen gesehen hat, der heute Nacht in der Stadt
herumstrolcht? Es ist eine naseweise Kanaille, und wenn ich ihn fasse,
werde ich ihn Mores lehren. Damit stie er seinen Stock noch einmal auf
den Boden und sah schrecklich grimmig drein.

Mit Verlaub, Eure Majestt, ich hab ihn gesehen, sagte der Hlzerne; und
der Junge, der unter dem Hut zusammengekauert sa und durch eine Ritze im
Holz den Bronzenen sehen konnte, begann vor Angst heftig zu zittern. Aber
er beruhigte sich wieder, als der Hlzerne fortfuhr: Eure Majestt ist auf
falscher Fhrte. Der Junge wollte gewi auf die Werft, um sich dort zu
verstecken.

Meint Er das, Rosenbom? Nun, dann bleib Er nicht lnger auf seinem Schemel
stehen, sondern komm Er mit mir und helf Er mir, den kleinen Kerl zu
suchen. Vier Augen sehen besser als zwei, Rosenbom.

Aber der Hlzerne antwortete mit jammervoller Stimme: Ich mchte
untertnigst bitten, dableiben zu drfen, wo ich bin. Ich sehe gesund und
glnzend aus, weil man mich eben frisch angestrichen hat, aber innerlich
bin ich alt und gichtbrchig und kann keine Motion vertragen.

Der Bronzene gehrte sicherlich zu denen, die keinen Widerspruch vertragen
knnen. Was sind das fr Flausen! Komm Er nur, Rosenbom! Und er streckte
seinen langen Stock aus und versetzte dem andern einen drhnenden Schlag
auf die Schulter. Da sieht Er, da Er hlt, Rosenbom.

Die beiden machten sich also auf den Weg und wanderten stattlich und
gewaltig durch die Straen von Karlskrona, bis sie an ein groes Tor kamen,
das zur Werft fhrte. Davor stand ein Marinesoldat Schildwache; aber der
Bronzene ging wie selbstverstndlich an ihm vorbei und stie die Tr auf,
ohne da es der Matrose zu bemerken schien.

Sobald sie durch das Tor hindurchgeschritten waren, sahen sie einen weiten,
durch hlzerne Brcken abgeteilten Hafen vor sich. In den verschiedenen
Hafenbecken lagen Kriegsschiffe; diese erschienen in der Nhe noch grer
und schreckenerregender als vorher, wo der Junge sie von oben herab gesehen
hatte. Es war doch nicht so ganz verkehrt, wenn ich sie fr
Meeresungeheuer hielt, dachte er.

Wo meint Er, da wir zuerst suchen sollen, Rosenbom? fragte der Bronzene.

So einer knnte sich am allerleichtesten im Modellsaal verstecken,
antwortete der Hlzerne.

Auf einem schmalen Streifen Land, der rechts dem ganzen Hafen entlang lief,
lagen altertmliche Gebude. Der Bronzene ging auf ein Haus mit niedrigen
Mauern, viereckigen Fenstern und einem ansehnlichen Dach zu. Er stie mit
seinem Stock gegen die Tr, da sie aufsprang, und stapfte eine Treppe mit
ausgetretenen Stufen hinauf. Sie kamen in einen groen Saal, der mit einer
Menge bemasteter und aufgetakelter Schiffe angefllt war. Ohne da es ihm
jemand gesagt htte, wute der Junge, da er hier die Modelle zu den
Schiffen sah, die fr die schwedische Flotte gebaut worden waren.

Es gab viele verschiedene Arten von Schiffen. Alte Linienschiffe, deren
Seiten mit Kanonen gespickt waren, die vorne und hinten mchtige Aufbauten
hatten und deren Masten einen groen Wirrwarr von Segel und Tauen zeigten.
Ferner kleine Kstenschiffe mit Ruderbnken an den Seiten, unbedeckte
Kanonenschaluppen und reich vergoldete Fregatten; das waren die Modelle von
den Schiffen, deren sich die Knige auf ihren Reisen bedient hatten. Und
endlich waren da auch die schweren, breiten Panzerschiffe mit Trmen und
Kanonen auf dem Verdeck, die heutigentags gebraucht werden, sowie schlanke,
schwarzglnzende Torpedoboote, die wie lange schmale Fische aussahen.

Whrend der Junge zwischen all diesem herumgetragen wurde, wurde er ganz
verdutzt. Nein, da so groe und stolze Schiffe hier in Schweden gebaut
worden sind! dachte er.

Er hatte gut Zeit, sich umzusehen, denn als der Bronzene die Modelle sah,
verga er alles andre. Er betrachtete sie der Reihe nach, vom ersten bis
zum letzten, und lie sie sich erklren. Und Rosenbom, der Oberbootsmann
von Dristigheten, erzhlte alles, was er wute, wer die Baumeister gewesen
waren, wer sie gefhrt hatte, und welches Schicksal sie gehabt hatten. Von
Chapmann und Puke und Trolle, von Hogland und Svensksund erzhlte er, bis
zum Jahre 1809, denn von da an war er nicht mehr dabei gewesen.

Ihm und dem Bronzenen gefielen die alten Holzschiffe am besten. Auf die
neuen Panzerschiffe schienen sie sich nicht so recht zu verstehen.

Ich sehe, da Er von den neuen da nichts wei, Rosenbom, sagte der
Bronzene. Wir wollen deshalb jetzt gehen und etwas andres ansehen, denn
das macht mir Spa, Rosenbom.

Jetzt dachte er gewi nicht mehr daran, den Jungen zu suchen, und dieser
fhlte sich unter dem hlzernen Hut ganz sicher und behaglich.

Die beiden Mnner gingen durch die groen Werksttten, durch die
Segelnhereien und die Ankerschmieden, durch die Maschinen- und
Schreinerwerksttten. Sie besahen die hohen Kranen und die Docks, die
groen Vorratshuser, den Artilleriehof, das Zeughaus, die lange Seilerbahn
und das groe verlassene Dock, das aus den Felsen herausgesprengt worden
war. Sie gingen auf die Bohlenbrcken hinaus, wo die Kriegsschiffe
verankert lagen, begaben sich an Bord der Schiffe und betrachteten sie wie
zwei alte Seebren, fragten und verwarfen und billigten und rgerten sich.

Der Junge sa sicher unter dem hlzernen Hut und hrte sie erzhlen, wie
auf diesem Platz gearbeitet und gestritten worden war, um die hier
ausgersteten Schiffe fertigzustellen. Er hrte, wie man Leib und Leben
aufs Spiel gesetzt hatte, wie das letzte Scherflein fr diese Schiffe
geopfert worden war, wie talentvolle Mnner ihre ganze Kraft eingesetzt
hatten, diese Fahrzeuge, die das Vaterland verteidigten und beschtzten, zu
verbessern und zu vervollkommnen. Dem Jungen traten ein paarmal
unwillkrlich die Trnen in die Augen, als er von diesem allem erzhlen
hrte. Und er freute sich, da er so genaue Auskunft darber erhielt.

Ganz zuletzt kamen sie auf einen offnen Hof, wo die Galionsfiguren von
alten Linienschiffen aufgestellt waren. Und etwas Merkwrdigeres hatte der
Junge noch nie gesehen, denn die Figuren, die da hingen, hatten unglaublich
groe, schreckenerregende Gesichter. Gro, khn und wild sahen sie aus, von
demselben stolzen Geist erfllt, der einst die groen Schiffe ausgerstet
hatte. Sie waren von einer andern Zeit und von andern Hnden hervorgebracht
worden. Dem Jungen war es, als schrumpfe er vor ihnen ganz zusammen.

Aber als sie hierhergelangt waren, sagte der bronzene Mann zu dem
hlzernen: Nehm Er vor denen, die hier stehen, den Hut ab, Rosenbom! Sie
alle sind fr das Vaterland im Kampf gewesen.

Aber ebenso wie der Bronzene hatte auch Rosenbom vergessen, warum sie die
Wanderung begonnen hatten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, lpfte
er seinen Hut und rief:

Ich nehme meinen Hut ab vor dem, der den Hafen auserwhlte, der den Grund
zur Werft legte und eine neue Flotte schuf, vor dem Knig, der dies alles
hier ins Leben gerufen hat!

Danke, Rosenbom, das war gut gesagt. Er ist ein prchtiger Mann, Rosenbom.
Aber was hat Er denn da, Rosenbom?

Denn Nils Holgersson stand mitten auf Rosenboms kahlem Schdel. Aber er
hatte jetzt keine Angst mehr, sondern schwang seine weie Mtze und rief:
Ein Hurra fr dich, Lippenfritze!

Er schrie so laut, da er erwachte. Und da merkte er zu seiner groen
Verwunderung, da er alles miteinander getrumt hatte, und da er noch
immer bei den Gnsen auf dem Kirchendach war.




10

Die Reise nach land


                                                  Sonntag, 3. April

Am nchsten Morgen flogen die Wildgnse auf eine Schreninsel, um dort zu
weiden. Sie trafen da mit einigen Graugnsen zusammen, und diese
verwunderten sich sehr, als sie die Wildgnse erblickten, denn sie wuten
wohl, da diese Verwandten von ihnen am liebsten ber das Innere des Landes
ihren Flug nehmen. Sie waren sehr neugierig und lieen nicht nach mit
Fragen und Verwundern, bis die Wildgnse alles erzhlten, was sie von dem
Fuchs Smirre auszustehen gehabt hatten. Als sie fertig waren, sagte eine
der Graugnse, die ebenso alt und ebenso klug wie Akka zu sein schien: Es
ist ein groes Unglck fr euch, da der Fuchs in seiner eignen Heimat fr
friedlos erklrt worden ist. Er wird jetzt sicher sein Wort halten und euch
bis Lappland verfolgen. Wenn ich an eurer Stelle wre, wrde ich nicht
nordwrts ber Smland reisen, sondern den Umweg ber land nehmen, damit
er eure Spur vollstndig verliert. Wenn ihr ihm ganz entgehen wollt, mt
ihr ein paar Tage auf der Sdspitze der Insel verweilen. Es gibt dort
Nahrung in Hlle und Flle und auch gute Gesellschaft. Ihr werdet es gewi
nicht bereuen, wenn ihr hingeht.

Dies war wirklich ein guter Rat, und die Wildgnse beschlossen, ihn zu
befolgen. Sobald sie sich gut gesttigt hatten, traten sie die Reise nach
land an. Keine von ihnen war zwar jemals dagewesen, aber die Graugnse
erklrten ihnen den Weg. Sie sagten ihnen, sie sollten nur immer sdwrts
fliegen, bis sie einen groen Vogelzug erreichten, der an der Kste von
Blekinge hinfliege. Alle Vgel, die an der Nordsee berwintert und ihren
Sommeraufenthalt in Ruland und Finnland htten, nhmen diesen Weg, und
alle suchten land auf, um dort auszuruhen. Es werde den Wildgnsen gewi
nicht schwer werden, die Wegrichtung zu erfahren.

An diesem Tage war es ganz windstill und so warm wie an einem Sommertage,
also zu einer Seereise das beste Wetter, das es geben konnte. Das einzige
Bedenkliche war, da die Luft nicht ganz klar, sondern der Himmel grau und
bedeckt war. Da und dort standen groe Wolkenwnde, die bis auf den
Meeresspiegel heruntergingen und die Aussicht verdeckten. Als die Reisenden
aus den Schren herauskamen, breitete sich das Meer so spiegelglatt vor
ihnen aus, da der Junge, als er zufllig hinabsah, meinte, das Wasser sei
verschwunden. Es war kein Grund mehr unter ihm, ringsum waren nur Wolken
und Himmel. Er wurde ganz verwirrt und klammerte sich ngstlich an den
Gnserich an, wie damals, wo er zum erstenmal auf ihm sa. Er hatte das
Gefhl, als knne er sich unmglich da oben halten, sondern msse auf einer
Seite hinunterfallen.

Es wurde auch immer schlimmer, als die Gnse den groen Vogelweg
erreichten, von dem die Graugans gesprochen hatte. Eine Schar Vgel um die
andre kam dahergeflogen, und alle hielten in derselben Richtung. Sie
folgten gleichsam einem vorgezeichneten Weg. Es waren Enten und Graugnse,
Mantelmwen und Lummen, Seetaucher und Eisenten, Sger und Taucher,
Strandelstern und Seebirkhhner. Als sich der Junge jetzt vorbeugte und
dahin sah, wo das Meer sein sollte, erblickte er den ganzen Vogelzug im
Wasser widergespiegelt. Aber wie merkwrdig, er war so verwirrt, da er gar
nicht wute, was er sah, sondern meinte, alle diese Vgel flgen mit
abwrts gekehrtem Rcken daher. Er verwunderte sich auch nicht einmal
besonders darber, denn er wute selbst nicht mehr, was unten und was oben
war. Die Vgel waren ermattet und sehnten sich danach, die Insel mglichst
schnell zu erreichen. Keiner schrie oder sagte ein lustiges Wort, und
deshalb kam dem Jungen alles so sonderbar unwirklich vor.

Wie, wenn wir die Erde verlassen htten? fragte er sich. Wie, wenn wir
geradeswegs in den Himmel hineinflgen?

Ringsumher sah er nichts als Wolken und Vgel, und allmhlich kam es ihm
ganz wahrscheinlich vor, da sie in den Himmel flgen. Da wurde er sehr
vergngt und fragte sich, was er wohl da droben sehen wrde. Auf einmal
fhlte er sich ganz frei von Schwindel, und der Gedanke, da er in den
Himmel fliege und die Erde verlasse, machte ihn berglcklich.

Aber da hrte er auf einmal einen lauten Schu knallen und sah ein paar
kleine Rauchwlkchen aufsteigen.

In demselben Augenblick entstand eine groe Unruhe unter den Vgeln.
Schtzen! Schtzen! Schtzen in Booten! riefen sie. Fliegt hoch hinauf!
Fliegt auer Schuweite!

Da sah der Junge auf einmal, da sie noch immer ber dem Meere hinflogen
und durchaus nicht im Himmel waren. In einer langen Reihe lagen Boote unten
auf dem Wasser, und aus ihnen sandten die Jger Schu auf Schu zu ihnen
herauf. Die vordersten Vogelscharen hatten die Jger nicht beizeiten
bemerkt und waren zu niedrig geflogen. Mehrere dunkle Krper fielen aufs
Meer hinab, und bei jedem Krper, der hinabstrzte, stieen die
berlebenden laute Jammerrufe aus.

Fr den, der sich eben noch im Himmel glaubte, war das Erwachen zu so viel
Schrecken und Jammer hchst merkwrdig. Akka flog, so schnell sie konnte,
hoch in die Luft hinauf, und dann zog die Schar mit der grten Eile
weiter. Die Wildgnse kamen auch wirklich unbeschdigt davon, aber der
Junge konnte sich von seiner Verwunderung gar nicht erholen. Wie war es nur
mglich, da jemand auf solche Vgel scho, wie Akka, Yksi und Kaksi und
den Gnserich und alle die andern! Die Menschen hatten doch wirklich gar
keinen Begriff von dem, was sie taten!

Nun ging es weiter durch die ruhige Luft, und wieder war es still ringsum
wie vorher, nur einige ermattete Vgel riefen ab und zu: Sind wir noch
nicht bald da? Seid ihr sicher, da wir auf dem rechten Wege sind?

Und darauf antworteten die an der Spitze: Wir fliegen gerade auf land zu!
Wir fliegen gerade auf land zu!

Die Wildenten waren mde, und die Seetaucher flogen an ihnen vorbei. Habt
es doch nicht so eilig! riefen ihnen die Enten zu. Ihr fresset uns ja
alles weg!

O es reicht gut fr euch und uns! erwiderten die Seetaucher.

Doch ehe sie so weit gekommen waren, da sie die Insel sehen konnten, wehte
ihnen ein leichter Wind entgegen, der etwas mit sich fhrte, das wie groe
weie Rauchwolken aussah, die wohl von irgend einer Feuersbrunst
aufstiegen.

Als die Vgel die ersten Rauchwirbel daherwogen sahen, wurden sie ngstlich
und verstrkten ihre Eile. Aber das, was wie Rauch ausgesehen hatte, wallte
immer dichter heran, und schlielich hllte es sie vollkommen ein. Kein
Geruch machte sich bemerkbar; der Rauch war auch nicht schwarz und trocken,
sondern ganz wei und feucht, und der Junge erkannte bald, da es nur Nebel
war.

Als der Nebel so dicht wurde, da man keine Spanne mehr vor sich sehen
konnte, begannen die Vgel, sich ganz wie verrckt zu gebrden. Alle, die
vorher in so guter Ordnung geflogen waren, fingen jetzt an, einander im
Nebel zu necken und zu uzen. Sie flogen kreuz und quer, um einander
irrezufhren.

Nehmt euch in acht! riefen sie. Ihr fliegt ja nur im Kreis herum! Auf
diese Weise kommt ihr nie nach land!

Alle wuten recht gut, wo die Insel lag, aber sie taten ihr mglichstes,
die andern zu verwirren. Seht doch die Eisenten! erscholl es aus dem
Nebel heraus. Sie fliegen in die Nordsee zurck!

Nehmt euch in acht, ihr Graugnse! schrie einer von einer andern Seite
her. Wenn ihr so weiter fliegt, kommt ihr nach Rgen hinunter!

Es war, wie gesagt, keine Gefahr vorhanden, da die fremden Vgel sich nach
einer falschen Seite verlocken lassen wrden. Wem es aber schwer gemacht
wurde, das waren die Wildgnse. Die Schelme merkten bald, da diese ihres
Weges nicht so recht sicher waren, und taten alles, was sie konnten, sie
irrezufhren.

Wo wollt ihr hin, ihr guten Leute? rief ein Schwan. Und mit recht
teilnehmendem, ernstem Ausdruck flog er gerade auf Akka zu.

Wir wollen nach land, aber wir sind noch nie dagewesen, antwortete Akka.
Sie glaubte, dies sei ein Vogel, auf den man sich verlassen knne.

Das ist doch zu schlimm, sagte der Schwan. Man hat euch auf einen
falschen Weg gelockt. Ihr seid ja auf dem Wege nach Blekinge. Kommt nur mit
mir, ich will euch recht fhren.

Darauf flog er mit ihnen davon, und nachdem er sie von der Vogelstrae so
weit weggelockt hatte, da sie keinen Ruf mehr hrten, verschwand er im
Nebel.

Nun flogen die Wildgnse eine Weile ganz aufs Geratewohl weiter. Aber kaum
hatten sie die andern Vgel wiedergefunden, als sich auch schon eine Ente
an sie heranmachte. Das beste wre, ihr legtet euch aufs Wasser, bis der
Nebel sich verzogen hat, sagte die Ente. Man merkt wohl, da ihr nicht
sehr reisegewandt seid.

Beinahe wre es den Schelmen gelungen, Akka verwirrt zu machen. Soweit der
Junge es verstehen konnte, flogen sie eine gute Weile im Kreis herum.

Nehmt euch in acht! Seht ihr nicht, da ihr auf und ab fliegt? rief ein
Seetaucher im Vorbeischieen. Unwillkrlich umklammerte der Junge den Hals
des Gnserichs, denn das hatte er auch schon lange gefrchtet.

Wer wei, wann sie hingekommen wren, wenn sich jetzt nicht in der Ferne
das dumpfe Rollen eines Kanonenschusses htte hren lassen.

Da streckte Akka den Hals vor, schlug hart mit den Flgeln und flog mit
voller Sicherheit weiter. Jetzt hatte sie etwas, wonach sie sich richten
konnte. Die Graugans hatte ihr ja noch besonders geraten, da sie sich
nicht ganz auen auf der Sdspitze niederlassen solle, weil dort eine
Kanone stnde, mit der die Menschen auf den Nebel schssen. Jetzt wute sie
die Richtung, und jetzt konnte sie niemand mehr irremachen.

[Illustration]




11

Die Sdspitze von land


                                   Sonntag, 3. bis Mittwoch, 6. April

Auf dem sdlichsten Teil von land liegt ein altes Krongut, das Ottenby
heit. Es ist ein sehr groes Gut, das sich von einem Ufer zum andern quer
ber die Insel erstreckt, und das Merkwrdige an ihm ist, da es von jeher
ein Aufenthaltsort fr groe Tierscharen war. Im siebzehnten Jahrhundert,
wo die Knige nach land fuhren, dort der Jagd zu pflegen, war das
Besitztum ein einziger groer Wildpark. Im achtzehnten Jahrhundert war ein
Gestt dort, wo edle Rassepferde gezchtet wurden, und auerdem noch eine
Schferei mit vielen hundert Schafen. In unsern Tagen gibt es da weder
Vollblutpferde noch Schafherden. Statt ihrer sind groe Scharen junger
Pferde da, die fr unsere Kavallerieregimenter bestimmt sind.

In dem ganzen Lande gibt es gewi keinen Hof, der einen bessern
Aufenthaltsort fr Tiere aller Art bte. Die stliche Kste entlang liegt
die alte Schferwiese, die, eine Viertelmeile lang, die grte Wiese
Schwedens ist, und dort knnen die Tiere ebenso frei weiden und spielen und
sich tummeln wie in der Wildnis. Und da ist auch der berhmte Hain von
Ottenby mit den hundertjhrigen Eichen, die Schatten gegen die Sonne
spenden und Schutz vor dem strengen landswind gewhren. Und dann darf man
die lange Mauer von Ottenby nicht vergessen; diese luft quer ber das
Eiland hin und schliet Ottenby von der brigen Insel ab. Diese Mauer zeigt
den Tieren, bis wohin sich das alte Krongut erstreckt, und hlt sie davon
ab, auf fremdes Gebiet zu gehen, wo sie nicht das Recht haben, sich
aufzuhalten.

Aber da es viele zahme Tiere auf Ottenby gibt, ist noch lange nicht alles;
man sollte beinahe glauben, die wilden Tiere htten auch das Gefhl, da
auf einem alten Krongut sowohl wilde als zahme auf Schutz und Schirm
rechnen drfen, weil sie sich in so groen Scharen dahin wagen. Nicht
allein Hirsche von dem alten Stamme, sowie Hasen und Brandenten und
Rebhhner halten sich mit Vorliebe dort auf, sondern dieses Gut ist im
Frhling und Sptsommer auch der Ruheplatz fr Tausende von Zugvgeln; und
auf dem sumpfigen stlichen Strand unterhalb der Schferwiese lassen sie
sich in erster Linie nieder, um da zu weiden und auszuruhen.

Als die Wildgnse und Nils Holgersson land schlielich erreicht hatten,
lieen sie sich wie alle andern auf dem Strande unterhalb der Schferei
nieder. Der Nebel lag ebenso dicht ber der Insel wie vorher ber dem
Meere. Aber der Junge war doch erstaunt ber die vielen Vgel, die er auf
dem kleinen Stckchen des Strandes, das er berschauen konnte, sah.

Es war ein langer, sandiger Strand mit Steinen und Wasserpftzen und einer
groen Menge angeschwemmten Tangs. Wenn der Junge die Wahl gehabt htte,
wrde er wohl nie daran gedacht haben, sich da niederzulassen; aber die
Vgel hielten diesen Ort gewi fr ein wahres Paradies. Enten und Graugnse
weideten auf der Wiese, am Ufer hpften Strandlufer und andre Strandvgel
umher. Die Seetaucher lagen im Wasser und fischten, aber am meisten Leben
und Bewegung war doch auf den langen Tangbnken vor dem Ufer drauen. Da
standen die Vgel nebeneinander und suchten Larven, von denen es eine
grenzenlose Menge geben mute, denn man hrte niemals, da sich irgend eine
Klage ber Mangel an Futter erhoben htte.

Die meisten von den Vgeln wollten weiterreisen und hatten sich nur zum
Ausruhen hier niedergelassen. Sobald der Anfhrer einer Schar meinte, seine
Reisegenossen htten sich jetzt genug gestrkt und gelabt, sagte er: Seid
ihr jetzt fertig? Dann begeben wir uns wohl weiter?

Nein, warte noch, warte noch! Wir sind noch lange nicht satt! riefen die
Mitreisenden.

Ihr meint wohl, ihr drftet euch so vollfressen, da ihr euch nicht mehr
bewegen knnt? erwiderte der Anfhrer. Dann schlug er mit den Flgeln und
flog davon. Aber mehr als einmal mute er wieder umkehren, weil die andern
nicht zum Weiterfliegen zu bewegen waren.

Unterhalb der uersten Tangbank lag eine Schar Schwne. Sie hatten keine
Lust, an Land zu gehen, sondern ruhten sich, auf dem Wasser liegend und
sich leise hin und her wiegend, aus. Ab und zu tauchten sie mit dem Hals
unter und holten sich Speise aus dem Meeresgrund. Wenn sie etwas besonders
Gutes ergattert hatten, stieen sie einen lauten Schrei aus, der wie ein
Trompetensto klang.

Als der Junge hrte, da Schwne dort unten lagen, lief er schnell auf die
Tangbnke hinaus. Er hatte noch nie wilde Schwne in der Nhe gesehen. Und
er hatte Glck, denn er gelangte ganz nahe zu ihnen hin.

Der Junge war jedoch nicht der einzige, der die Schwne gehrt hatte;
sowohl die Wildgnse als auch die Graugnse und die Enten und die
Seetaucher schwammen zwischen die Tangbnke hinein, legten sich wie ein
Ring um die Schar der Schwne herum und schauten sie unverwandt an. Die
Schwne bliesen die Federn auf, breiteten die Flgel wie Segel aus und
hoben die Hlse hoch in die Hhe. Bisweilen schwamm einer von ihnen zu
einer Gans oder einem groen Seetaucher oder einer Tauchente hin und sagte
ein paar Worte. Und dann war es, als ob der Angesprochene kaum den Schnabel
zu einer Entgegnung zu ffnen wagte.

Doch da war auch ein kleiner Seetaucher, ein kleiner schwarzer Schlingel,
dem war diese ganze Feierlichkeit unertrglich. Hurtig tauchte er unter und
verschwand unter dem Wasser. Gleich darauf stie einer der Schwne einen
lauten Schrei aus und schwamm so schnell davon, da das Wasser hinter ihm
schumte. Dann hielt er an und versuchte, wieder majesttisch auszusehen.
Aber gleich darauf schrie ein andrer wie der erste, und im nchsten
Augenblick auch ein dritter.

Nun aber konnte es der kleine Seetaucher nicht lnger unter dem Wasser
aushalten, und er erschien wieder an der Oberflche, klein und schwarz und
boshaft. Die Schwne strzten auf ihn zu; aber als sie sahen, was fr ein
kleiner Wicht er war, machten sie rasch kehrt, als ob sie sich fr zu gut
hielten, mit ihm anzubinden. Der kleine Seetaucher tauchte jedoch von neuem
unter und zwickte die Schwne abermals in die Fe. Das tat ihnen sicher
weh, und das schlimmste war, da sie ihre Wrde nicht aufrecht erhalten
konnten. Da machten sie der Sache rasch ein Ende. Sie schlugen mit den
Flgeln, da es donnerte, jagten ein groes Stck gleichsam auf dem Wasser
springend weiter, bekamen schlielich Luft unter die Schwingen und flogen
davon.

Als sie fort waren, fehlten sie den andern Vgeln sehr, und die, denen das
Vorgehen des kleinen Seetauchers vorher Spa gemacht hatte, schalten ihn
jetzt wegen seiner Unverschmtheit aus.

Der Junge ging wieder dem Lande zu. Hier angekommen hielt er bei den
Strandlufern an und schaute ihrem Spiel zu. Sie standen in einer langen
Reihe am Strand und sahen wie winzige Kraniche aus; wie diese hatten sie
auch kleine Krper, hohe Beine, lange Hlse und leichte, schwebende
Bewegungen, aber sie waren nicht grau, sondern braun. Da standen sie in
einer langen Reihe an dem von den Wellen besplten Uferrand. Sobald eine
Woge daherrauschte, sprang die ganze Reihe rckwrts, wenn die Welle aber
wieder zurckwich, liefen sie ihr nach. Und so ging es stundenlang fort.

Die schnsten von allen Vgeln waren die Brandenten. Sie waren wohl mit den
gewhnlichen Enten verwandt, denn wie diese hatten sie auch einen schweren,
gedrungenen Krper, einen breiten Schnabel und Schwimmflossen, doch waren
sie viel prchtiger gekleidet. Ihr Federkleid selbst war wei, aber um den
Hals hatten sie ein gelb und schwarzes Band, die Flgeldecke glnzte grn,
rot und schwarz, die Flgelspitzen waren schwarz, und der Kopf war
schwarzgrn und schillerte wie Seide.

Sobald sich eine von ihnen am Strande zeigte, sagten die andern Vgel:
Seht, seht! Sie versteht es, sich herauszuputzen!

Wenn sie nicht so schn wren, brauchten sie ihre Beine nicht in die Erde
hineinzugraben, sondern knnten wie andre Vgel offen daliegen, spottete
eine braune Wildente.

Und wenn sie sich auch alle Mhe gibt, so kann sie doch nicht schn
aussehen mit so einer Nase, wie sie hat, sagte eine Graugans.

Und das ist auch wirklich wahr. Die Brandenten haben einen groen Knorpel
auf der Schnabelwurzel, der ihrer Schnheit Eintrag tut.

Vor dem Strande flogen Mwen und Seeschwalben ber das Wasser hin und
fischten. Was fangt ihr da fr Fische? fragte eine Wildgans.

Stichlinge! Die landstichlinge sind die besten Fische von der Welt,
sagte eine Mwe. Willst du sie nicht versuchen? Mit vollem Mund flog sie
zu der Gans hin und wollte ihr von den kleinen Fischen geben.

O pfui! rief diese. Meint ihr, ich werde so abscheuliches Zeug fressen?

Am nchsten Morgen war es noch ebenso nebelig. Die Wildgnse gingen auf die
Wiese und weideten; der Junge aber wanderte an den Strand hinunter, sich
Muscheln zu sammeln. Es gab dort sehr viele, und da er dachte, er komme
vielleicht morgen an einen Platz, wo sich fr ihn gar nichts zu essen
fnde, wollte er versuchen, sich ein Sckchen zu machen, in dem er die
Muscheln mitnehmen knnte. Auf der Wiese fand er drres Riedgras, das zh
und stark war, und aus diesem begann er ein Rnzel zu flechten. Er
verbrachte mehrere Stunden mit dieser Arbeit; als aber das Rnzel fertig
war, fhlte er sich auch recht befriedigt von seinem Werk.

Um die Mittagszeit liefen pltzlich alle Wildgnse eilig auf ihn zu und
fragten ihn, ob er den weien Gnserich nicht gesehen habe? Vor ganz
kurzem war er noch bei uns, sagte Akka, aber jetzt wissen wir nicht mehr,
wo er ist.

Heftig erschrocken fuhr der Junge auf. Er fragte die Gnse, ob ein Fuchs
oder Adler gesehen worden, oder ob krzlich irgend ein Mensch in der Nhe
gewesen sei? Doch keine von den Gnsen hatte etwas Verdchtiges gesehen;
der Gnserich mute sich im Nebel verlaufen haben.

Auf welche Weise der Gnserich aber auch weggekommen sein mochte, das
nderte an dem Unglck des Jungen nichts, und angstvoll lief er davon, ihn
zu suchen. Der Nebel beschtzte ihn, so da er ungesehen berall hingehen
konnte, aber zugleich hinderte er ihn selbst auch am Sehen. Der Junge lief
sdwrts die Kste entlang bis zu dem Leuchtturm und der Nebelkanone auf
der uersten Spitze. berall war dasselbe Vogelgewimmel, aber kein
Gnserich. Der Junge wagte sich sogar bis zum Ottenbyer Hof, ja er
untersuchte jede einzelne der alten, hohen Eichen im Hain; aber nirgends
fand er eine Spur von dem Gnserich.

Er suchte und suchte, bis es zu dunkeln anfing. Da mute er nach dem
stlichen Strand zurckkehren. Mit schweren Schritten wanderte er dahin und
war sehr unglcklich. Ach, es war wohl auch dumm von ihm gewesen, zu
hoffen, da er eine zahme Gans unbeschdigt durch das ganze Land fhren
knnte! Und doch hatte er so sehr gewnscht, da es ihm glcke, nicht
allein seiner selbst wegen, sondern auch um des Gnserichs willen, den er
ebenso lieb hatte wie sich selbst.

Wie er nun so ber die Schferwiese hinwanderte, kam ihm etwas groes
Weies aus dem Nebel entgegen, und wer anders war es, als der Gnserich!
Ganz unbeschdigt kam er daher und war uerst vergngt, da er endlich den
Weg zu den andern zurckgefunden habe. Der Nebel habe ihn so verwirrt im
Kopfe gemacht, sagte er, da er den ganzen Tag hindurch auf der Wiese
umhergeirrt sei. In seiner Freude schlang der Junge die Arme um den Hals
des Gnserichs und bat ihn instndig, sich doch in acht zu nehmen und nicht
wieder von den andern wegzugehen. Und der Gnserich versprach hoch und
teuer, es nie wieder zu tun. Nie, nie wieder!

Am nchsten Morgen jedoch, als der Junge am Ufer Muscheln suchte, kamen die
Gnse wieder dahergelaufen und fragten, ob er den Gnserich nicht gesehen
habe.

Nein, ganz und gar nicht. Ja, dann sei der Gnserich abermals verschwunden.
Er werde sich bei dem Nebel gerade wie gestern wieder verlaufen haben.

Voll Entsetzen machte sich der Junge eilig auf die Suche. Er fand eine
Stelle, wo die Mauer von Ottenby so abgebrckelt war, da er
hinberklettern konnte. Er suchte dann unten am Strand, der sich hier
ausdehnt und allmhlich so gro wird, da Platz fr cker und Wiesen und
Bauernhfe da ist. Dann stieg er hinauf auf das flache Hochland, das die
Mitte der Insel einnimmt; dort gibt es keine andern Gebude als Windmhlen,
und der Rasen ist so dnn, da das weie Kalkgestein darunter
hervorschimmert.

Der Gnserich aber war nicht zu finden, und da es allmhlich Abend wurde,
mute der Junge sich wieder dem Strand zuwenden. Er war jetzt fest
berzeugt, da er seinen Reisekameraden wirklich verloren habe, und dadurch
ganz mutlos gemacht, wute er nicht, was er tun sollte.

Schon war er wieder ber die Mauer gestiegen, als er dicht neben sich einen
Stein rasseln hrte, und als er sich danach umwendete, glaubte er etwas
unterscheiden zu knnen, das sich in einem Steinhaufen dicht neben der
Mauer bewegte. Er schlich nher hinzu, und da sah er, wie der weie
Gnserich mit mehreren langen Wurzelfasern mhselig den Steinhaufen
hinaufkletterte. Der Gnserich sah den Jungen nicht, und dieser rief ihn
nicht an, denn er wollte zuerst ergrnden, warum der Gnserich auf diese
Weise ein Mal ums andre verschwand.

Und er erfuhr auch bald die Ursache. Oben auf dem Steinhaufen lag eine
junge Graugans, die vor Freude laut aufschrie, als sie den Gnserich
erblickte. Der Junge schlich noch nher hinzu, um zu hren, was die beiden
sprchen; und da hrte er, da die Graugans einen beschdigten Flgel hatte
und deshalb nicht fliegen konnte; ihre Reisegefhrten waren schon
weggereist und hatten sie allein zurckgelassen. Sie war am Verhungern
gewesen, als der weie Gnserich am gestrigen Tage ihr Rufen gehrt und sie
aufgesucht hatte. Und seither war er bemht gewesen, ihr Nahrung zu
verschaffen. Beide hatten gehofft, sie wrde hergestellt sein, ehe er die
Insel wieder verlassen msse, aber sie konnte noch immer weder gehen noch
stehen. Der Gnserich war sehr betrbt darber, aber er trstete sie
damit, da er noch lange nicht wegreisen werde. Schlielich wnschte er ihr
gute Nacht und versprach, am nchsten Tage wiederzukommen.

Der Junge lie den Gnserich vorausgehen, und sobald dieser verschwunden
war, schlich er auch auf den Steinhaufen hinauf. Als er nun die junge Gans
sah, verstand er, warum der Gnserich ihr seit zwei Tagen Futter gebracht
hatte, und warum er nicht gestehen wollte, was er tat. Die Graugans hatte
das niedlichste Kpfchen, das man sich denken konnte; ihr Federkleid war
wie Seide so weich, und die Augen hatten einen sanften, flehenden Ausdruck.

Als sie den Jungen erblickte, wollte sie entfliehen, aber ihr einer Flgel
war beschdigt, er schleifte am Boden und hinderte sie bei allen
Bewegungen.

Du brauchst dich nicht vor mir zu frchten, sagte der Junge und hielt an,
um ihr zu zeigen, da sie nicht ntig habe, vor ihm zu fliehen. Ich bin
Dumling, Gnserich Martins Reisekamerad, fuhr er fort. Dann aber stockte
er und wute nicht, was er sagen sollte.

Tiere haben manchmal etwas an sich, was einem unwillkrlich die Frage in
den Mund legt, was fr Wesen sie eigentlich seien. Man fhlt sich beinahe
versucht, sie fr verwandelte Menschen zu halten. Und so war es auch bei
dieser Graugans. Sobald Dumling gesagt hatte, wer er war, neigte sie den
Hals und Kopf sehr anmutig vor ihm, und mit einer so schnen Stimme, von
der der Junge kaum glauben konnte, da sie einer Gans angehre, sagte sie:
Ich freue mich sehr ber dein Kommen. Du kannst mir gewi helfen, der
weie Gnserich hat mir gesagt, es gbe niemand, der so gut und klug sei
wie du.

Dies sagte sie mit einer Wrde, von der der Junge ganz eingeschchtert
wurde. Das kann doch wohl keine Gans sein, dachte er. Es ist gewi eine
verzauberte Prinzessin.

Er htte ihr schrecklich gern geholfen, und so griff er mit seinen kleinen
Hnden in die Federn hinein und tastete nach dem Flgelknochen. Der Knochen
war nicht gebrochen, aber er war aus dem Gelenk geraten, und sein Finger
kam an ein leeres Gelenkschsselchen. Halt nun fest! sagte er, fate den
Rhrenknochen tapfer an und drehte ihn dahin, wo er hingehrte. Fr einen
ersten Versuch machte er seine Sache recht schnell und gut; aber es mute
der armen Gans doch sehr, sehr weh getan haben, denn sie stie nur einen
einzigen gellenden Schrei aus und sank dann, ohne noch ein Lebenszeichen
von sich zu geben, auf die Steine nieder.

Der Junge erschrak furchtbar. Er hatte ihr ja nur helfen wollen, und jetzt
war sie tot. Mit einem groen Satz sprang er von dem Steinhaufen hinunter
und lief davon. Er hatte das Gefhl, als habe er einen Menschen gettet.

Am nchsten Morgen war die Luft klar und vollstndig frei von Nebel, und
Akka sagte, nun solle die Reise fortgesetzt werden. Alle Gnse waren sehr
bereit, weiterzureisen, blo der weie Gnserich machte Einwendungen, und
der Junge wute den Grund wohl; er wollte nur nicht von der jungen Graugans
wegreisen. Aber Akka hrte nicht auf ihn, sondern machte sich gleich auf
den Weg.

Der Junge sprang auf den Rcken des Gnserichs, und der Weie folgte der
Schar, obgleich langsam und unwillig. Der Junge aber freute sich, da man
die Insel verlie. Er hatte Gewissensbisse wegen der Graugans, wollte aber
dem Gnserich nicht sagen, wie es gegangen sei, als er sie hatte heilen
wollen. Es wre am besten, wenn Martin es gar nicht erfhre, dachte er.
Aber zugleich verwunderte er sich doch, da der Weie das Herz hatte, die
Graugans zu verlassen.

Doch pltzlich machte der Gnserich kehrt. Der Gedanke an die junge Gans
hatte ihn bermannt. Mit der Lapplandreise mochte es gehen, wie es wollte!
Mit dem Bewutsein, da die junge Gans einsam und krank zurckbliebe und
verhungern msse, konnte er nicht mit den andern davonfliegen.

Mit wenigen Flgelschlgen war er an dem Steinhaufen. Aber da lag keine
junge Graugans zwischen den Steinen. Daunenfein! Daunenfein! Wo bist du?
rief der Gnserich.

Der Fuchs wird sie wohl geholt haben, dachte der Junge.

Aber in demselben Augenblick hrte er eine schne Stimme dem Gnserich
antworten: Hier bin ich, Gnserich, hier bin ich! Ich habe nur ein
Morgenbad genommen. Und aus dem Wasser tauchte die kleine Graugans empor,
vollstndig frisch und gesund. Und nun erzhlte sie, wie Dumling ihren
Flgel eingerenkt habe, und da sie ganz hergestellt sei.

Die Wassertropfen lagen wie Perlen auf ihren wie Seide schillernden Federn,
und der Dumling dachte abermals, sie sei gewi eine richtige kleine
Prinzessin.

[Illustration]




12

Der groe Schmetterling


                                                  Mittwoch, 6. April

Die Gnse flogen die langgestreckte Insel entlang, die jetzt deutlich
sichtbar unter ihnen lag. Dem Jungen war es leicht und froh ums Herz. Er
war jetzt ebenso vergngt und zufrieden, wie er gestern dster gestimmt und
niedergedrckt gewesen war, wo er auf der Suche nach dem Gnserich die
Insel durchstreift hatte. Es sah aus, als bestehe das Innere der Insel aus
einer kahlen Hochebene mit einem Kranz von gutem, fruchtbarem Land an den
Ksten hin; und jetzt begann dem Jungen der Sinn eines Gesprchs klar zu
werden, das er am vorhergehenden Abend mitangehrt hatte.

Er hatte sich da an einer der vielen Windmhlen auf der Hochebene
ausgeruht, als zwei Schfer, ihre Hunde zur Seite und eine groe Schafherde
hinter sich, dahergekommen waren. Der Junge war nicht erschrocken, denn er
sa wohlgeborgen unter der Mhlentreppe; aber die Hirten lieen sich auf
derselben Treppe nieder, und so hatte der Junge sich wohl oder bel
muschenstill verhalten mssen.

Der eine Hirte war jung und sah ganz so aus, wie solche Leute meistens
aussehen. Der andre dagegen war ein alter, merkwrdiger Mensch. Er hatte
einen groen, knochigen Krper, aber einen kleinen Kopf, und das Gesicht
zeigte weiche, sanfte Zge. Kopf und Krper schienen ganz und gar nicht
zusammen zu passen.

Er sa eine Weile still da und schaute mit einem unbeschreiblich mden
Blick in den Nebel hinein. Dann wendete er sich an seinen Gefhrten und
knpfte ein Gesprch mit ihm an. Dieser nahm ruhig Brot und Kse aus seiner
Hirtentasche heraus und begann zu essen; er gab fast keine Antwort, hrte
aber sehr geduldig zu, ganz als ob er dchte: Ich will dir eine Freude
machen und dich eine Weile reden lassen.

Nun will ich dir etwas erzhlen, Erik, sagte der alte Schfer. Ich denke
mir, da in den alten Zeiten, wo die Menschen und die Tiere noch weit
grer waren als jetzt, wohl auch die Schmetterlinge ungeheuer gro gewesen
sind. Und da hat es wohl einmal einen viele Meilen langen Schmetterling
gegeben mit Flgeln so breit wie Meere. Diese Flgel waren so wunderschn
blau und silberschimmernd, da alle andern Tiere stehen blieben und dem
Schmetterling verwundert nachschauten, wenn er durch die Luft dahinflog.

Aber der Schmetterling hatte einen Fehler, er war zu gro fr seine Flgel,
die den Krper kaum zu tragen vermochten. Es wre aber doch gegangen, wenn
er verstndig gewesen und ber dem Festland geblieben wre. Doch das war er
nicht, sondern er wagte sich auf die Ostsee hinaus; aber er war noch nicht
weit gekommen, als der Sturm ihm entgegenbrauste und an seinen Flgeln
zerrte. Ja, ja, Erik, man kann leicht erraten, wie es gehen mute, als der
Ostseesturm seine zarten Schmetterlingsflgel zerzauste. Es dauerte nicht
lange, da waren sie abgerissen und weggewirbelt, und dann fiel natrlich
der arme Schmetterlingskrper hinunter ins Meer. Im Anfang schwankte er auf
den Wogen hin und her, dann strandete er gerade vor Smland auf einem
Felsenriff. Und da blieb er liegen, so gro und so lang als er war.

Und nun denke ich mir, Erik, wenn der Schmetterling auf Erde gelegen wre,
wrde er bald verwest und auseinander gefallen sein. Da er aber ins Meer
und auf den Felsen fiel, verkalkte er allmhlich und wurde hart wie Stein.
Du weit ja, da wir drunten am Strand Steine gefunden haben, die nichts
andres als versteinerte Raupen waren. Und nun glaube ich, da es bei dem
Schmetterling gerade so ging. Ich glaube, da er, als er drauen in der
Ostsee lag, zu einem langen, schmalen Felsen wurde. Glaubst du das nicht
auch?

Er hielt inne, eine Antwort abzuwarten, und der andre nickte ihm zu. Mach
nur weiter, damit ich erfahre, wo du eigentlich hinaus willst, sagte er.

Und nun merk wohl auf, Erik, dieses land hier, auf dem ich und du leben,
ist nichts andres als der alte Schmetterlingskrper. Wenn man es sich
berlegt, merkt man bald, da die Insel ein Schmetterling ist. Gegen Norden
kommt der schmale Vorderkrper und der runde Kopf zum Vorschein, nach Sden
sieht man das hintere Ende, das sich zuerst ausbreitet und dann in eine
scharfe Spitze ausluft.

Hier hielt er wieder inne und sah seinen Gefhrten an, gleichsam ngstlich,
auf welche Weise dieser seine Behauptung aufnehmen werde. Aber der junge
Schfer a in grter Ruhe weiter und nickte dem Alten nur aufmunternd zu.

Sobald der Schmetterling in einen Kalksteinfelsen verwandelt war, fuhr
dieser fort, kamen Samenkrner mit dem Winde dahergeflogen und wollten auf
dem Felsen Wurzel schlagen. Aber es wurde ihnen sehr schwer, sich auf dem
kahlen, glatten Gebirge festzuhalten, und so dauerte es sehr lange, bis
irgend etwas andres als Riedgras da wachsen konnte. Dann kamen
Schafschwingel, Sonnenrschen und Hunderosenstrucher.

Aber selbst heute noch gibt es nicht so viel Wachstum hier oben, da das
Gebirge ganz davon bedeckt wird, es schimmert da und dort noch hervor. Und
von pflgen und sen kann hier oben gar keine Rede sein, dazu ist der
Erdboden zu hart.

Aber wenn du mir beistimmst, da die Heide und die Felsenmauern, die
ringsum stehen, aus dem Schmetterlingskrper gebildet sind, dann hast du
auch ein Recht zu fragen, wo das Land, das unter dem Gebirge liegt,
hergekommen sei.

Ja, ganz recht, sagte der andre, der a, das habe ich gerade fragen
wollen.

Du mut bedenken, da land recht viele Jahre im Wasser gelegen hat, und
whrend der Zeit hat sich alles das, was auf den Wogen umhertreibt, Tang
und Sand und Muscheln, ringsherum angesammelt und ist da liegen geblieben.
Alsdann sind im Osten und Westen vom Festland Steine und Gerll
herabgestrzt. Auf diese Weise hat die Insel breitere Ufer bekommen, wo
Getreide und Blumen und Bume wachsen knnen. Hier oben auf dem harten
Schmetterlingskrper weiden nur Schafe und Khe und junge Pferde, hier
wohnen nur Schneehhner und Brachvgel, und auer Windmhlen und ein paar
rmlichen Steinschuppen sind keine Gebude da, wo wir Hirten Schutz finden
knnten. Aber drunten am Strand liegen die groen Bauerngter und Kirchen
und Pfarrhfe und Fischerdrfer und eine ganze Stadt.

Er sah den andern fragend an. Dieser war mit seiner Mahlzeit fertig und
packte eben seinen Schnappsack wieder zusammen. Ich mchte nur wissen, wo
du mit all diesem hinaus willst, sagte er.

Ja, nur das eine mchte ich wissen, sagte der Schfer; er senkte die
Stimme, so da die Worte fast flsternd herauskamen, und dabei starrte er
in den Nebel hinein mit seinen kleinen Augen, die von all dem, wonach er
aussphte, und was doch nicht da ist, matt geworden zu sein schienen. Ja,
nur das mchte ich wissen, ob die Bauern, die in den eingefriedigten Hfen
drunten unter dem Felsengebirge wohnen, oder die Fischer, die Strmlinge
aus dem Meere holen, oder die Kaufleute in Borgholm, oder die alljhrlich
wiederkehrenden Badegste, oder die Reisenden, die in den Borgholmer
Schloruinen umherwandeln, oder die Jger, die im Herbst zur Hhnerjagd
hierherkommen, oder die Maler, die hier auf dem Rasen sitzen und die Schafe
und Windmhlen malen-- ja, ich mchte wohl wissen, ob ein einziger von
ihnen wei, da diese Insel einst ein Schmetterling gewesen ist, der mit
groen glnzenden Flgeln umherflog.

Gewi, sagte der junge Hirte pltzlich, wer einmal an einem Abend hier
am Rande der Felsenmauern gesessen und die Nachtigallen im Gebsch hat
schlagen hren und hinber nach dem Sunde von Kalmar geschaut hat, dem mu
der Gedanke gekommen sein, da diese Insel nicht wie alle andern entstanden
sein kann.

Ich mchte wissen, fuhr der Alte fort, ob nicht ein einziger von ihnen
den Wunsch gehabt hat, den Windmhlen so groe Flgel zu geben, da sie bis
zum Himmel reichten, so groe Flgel, da sie imstande wren, die ganze
Insel aus dem Meere aufzuheben und sie wie einen Schmetterling unter
Schmetterlingen umherfliegen zu lassen.

Vielleicht ist etwas an dem, was du sagst, fiel der junge Schfer ein,
denn in den Sommernchten, wo sich der Himmel hoch und klar ber der Insel
wlbt, ist es mir manchmal gewesen, als wolle sie sich aus dem Meere
erheben und fortfliegen.

Als aber der Alte den Jungen nun endlich zum Sprechen gebracht hatte, hrte
er ihm gar nicht recht zu. Ich mchte wissen, sagte er mit noch leiserer
Stimme, ob mir jemand erklren kann, warum hier oben auf der Felsenhhe
eine so groe Sehnsucht wohnt? An jedem Tage meines Lebens habe ich sie
gefhlt, und ich meine auch, jedem, der sich hier oben aufhlt, msse sie
sich ins Herz hineinschleichen. Aber ich mchte wissen, ob es keinem von
den andern klar geworden ist, da diese Sehnsucht nur ber uns kommt, weil
die ganze Insel ein Schmetterling ist, der sich nach seinen Flgeln sehnt?

[Illustration]




13

Die Kleine Karlsinsel

Der Sturm


                                                  Freitag, 8. April

Die Wildgnse hatten auf der nrdlichen Spitze von land bernachtet und
waren nun auf dem Wege nach dem Festland. Ein recht heftiger Sdwind, der
ber den Sund von Kalmar herfegte, trieb sie in nrdlicher Richtung weiter.
Trotzdem arbeiteten sie sich ziemlich schnell dem Lande zu. Als sie aber
die ersten Schren erreicht hatten, hrten sie ein lautes Donnern, als ob
eine Menge flgelstarker Vgel dahersauste, und das Wasser unten wurde auf
einmal ganz schwarz. Akka hielt die Flgel so schnell an, da sie beinahe
ganz still in der Luft lag. Dann lie sie sich aufs Meer hinabsinken. Aber
ehe die Gnse das Wasser erreicht hatten, war der Weststurm herangekommen.
Schon jagte er Staubwolken, Wogenschaum und kleine Vgel vor sich her; er
ri auch die Wildgnse mit sich fort, warf sie herum und jagte sie aufs
weite Meer hinaus.

Es war ein entsetzlicher Sturm. Ein Mal ums andre versuchten die Wildgnse
umzudrehen; aber es war ihnen nicht mglich, und sie wurden immer weiter
auf die Ostsee hinausgetrieben. Der Sturm hatte sie schon an land
vorbeigejagt, und sie hatten jetzt nur das de graue Meer vor sich; es
blieb ihnen nichts andres brig, als nachzugeben.

Als Akka merkte, da kein Umdrehen mglich war, hielt sie es fr unntig,
sich von dem Sturm ber die ganze Ostsee jagen zu lassen, und sie lie sich
deshalb aufs Wasser hinab. Es war hoher Seegang, der mit jedem Augenblick
noch zunahm. Meergrn rauschten die Wogen daher, eine immer hher als die
andre, mit wilden, zackigen Schaumkronen. Es war, als wetteiferten sie
miteinander, welche am hchsten und wildesten aufwallen und aufschumen
knne. Aber die Wildgnse frchteten sich nicht vor dem Wogenschwall, er
schien ihnen im Gegenteil groes Vergngen zu machen; sie strengten sich
gar nicht mit Schwimmen an, sondern lieen sich auf die Wellenkmme hinauf-
und in die Wogengnge hinabgleiten, und sie waren so vergngt wie ein Kind
in einer Schaukel. Eine Weile ging es ihnen sehr gut, und ihre einzige
Sorge war, die Schar knnte schlielich zerstreut werden. Die armen
Landvgel, die im Sturm ber ihnen dahinjagten, riefen neidisch: Ja, wer
schwimmen kann, fr den hat es keine Not!

Aber die Wildgnse waren doch nicht ohne Gefahr, denn das Schaukeln machte
sie furchtbar schlfrig. Unaufhrlich wollten sie den Kopf zurcklegen, den
Schnabel unter den Flgel stecken und schlafen. Aber nichts ist
gefhrlicher, als auf diese Weise einzuschlafen, und Akka rief daher
immerfort: Schlaft nicht, Wildgnse! Wer schlft, wird von der Schar
weggetrieben! Wer von der Schar abkommt, ist verloren!

Aber trotz aller Versuche, dem Schlaf zu widerstehen, schlief doch eine um
die andre ein; selbst Akka war nahe daran, einzunicken, als sie pltzlich
etwas Rundes, Dunkles aus dem Gipfel einer Woge auftauchen sah. Seehunde!
Seehunde! Seehunde! schrie sie mit lauter, gellender Stimme und flog mit
klatschenden Flgelschlgen auf. Es war die hchste Zeit; ehe die letzte
Wildgans das Wasser verlassen hatte, waren die Seehunde so nahe, da sie
nach deren Fen schnappten.

So waren die Wildgnse wieder mitten im Sturm, der sie vor sich her aufs
Meer hinaustrieb. Er gnnte weder sich selbst noch den andern einen
Augenblick Ruhe. Und kein Land war zu entdecken, berall ringsum nur das
wilde Meer.

Sobald sie es wagen konnten, lieen sich die Gnse wieder aufs Meer hinab;
nachdem sie jedoch eine Weile auf den Wogen geschaukelt hatten, wurden sie
wieder schlfrig. Und sobald sie schliefen, schwammen die Seehunde heran.
Wre die alte Akka nicht so wachsam und klug gewesen, dann wre gewi nicht
eine mit dem Leben davongekommen.

Der Sturm raste den ganzen Tag hindurch ohne Aufhren und richtete
schreckliche Verheerungen unter allen den Vgeln an, die um diese
Jahreszeit auf der Reise waren. Manche verloren ihre Richtung vollstndig
und wurden in ferne Lnder verschlagen, wo sie elendiglich verhungerten;
andre ermatteten so sehr, da sie ins Meer hinunterstrzten und ertranken.
Viele wurden an den Felswnden zerschmettert und viele ein Raub der
Seehunde.

Der Sturm dauerte den ganzen Tag hindurch, und schlielich drngte sich
Akka die Frage auf, ob sie und ihre Schar nicht am Ende noch verunglcken
wrden. Sie waren jetzt alle todmde, aber so weit das Auge reichte,
konnten sie keinen Platz entdecken, wo sie htten ausruhen knnen. Gegen
Abend wagten sie es auch nicht mehr, sich aufs Meer hinabzulassen, denn
ganz pltzlich hatte es sich mit groen Eisschollen bedeckt, die sich
gegeneinander auftrmten, und Akka frchtete, sie und die andern knnten
dazwischen erdrckt werden. Ein paarmal versuchten die Wildgnse, sich auf
die Eisschollen zu stellen; aber einmal fegte sie der wilde Sturm ins
Wasser hinein, und ein andres Mal krochen die unbarmherzigen Seehunde zu
ihnen aufs Eis hinauf.

Bei Sonnenuntergang waren die Gnse wieder in der Luft. In banger Furcht
vor der Nacht flogen sie weiter. Die Dunkelheit schien ihnen an diesem von
Gefahren erfllten Abend gar zu schnell hereinzubrechen.

Es war schrecklich, da sie noch immer kein Land sahen. Wie wrde es ihnen
erst gehen, wenn sie die ganze Nacht da drauen bleiben mten? Entweder
wrden sie zwischen den Eisschollen zerquetscht, oder von den Seehunden
aufgefressen, oder nach allen Seiten auseinandergesprengt.

Der Himmel war mit Wolken bedeckt und der Mond verhllt, die Dunkelheit
brach rasch herein. Pltzlich nahm die ganze Natur ringsum ein unheimliches
Aussehen an, das dem mutigsten Herzen Entsetzen einflte. Die Rufe von
Zugvgeln, die sich in hchster Not befanden, hatten den ganzen Tag die
Luft erfllt, aber jetzt, wo man nicht mehr sah, wer sie ausstie, klangen
sie schauerlich und schreckenerregend. Drunten auf dem Meere prallten die
Schollen des Treibeises mit lautem Krachen aufeinander, und die Seehunde
stimmten ihr wildes Jagdgeheul an. Es war, als ob Himmel und Erde am
Einstrzen seien.


Die Gefahr

Der Junge hatte eine Weile gedankenvoll aufs Meer hinabgeschaut. Da war es
ihm pltzlich, als werde das Brausen noch strker als vorher. Er schaute
auf; gerade vor ihm, nur ein paar Meter entfernt, ragte ein steiler Felsen
auf. An seinem Fue brachen sich die Wogen mit hoch aufspritzendem Schaum.
Ja, ja, gerade vor ihm war eine rauhe, kahle Felsenwand, und auf diese
flogen die Wildgnse zu. Der Junge war berzeugt, da sie daran zerschellen
mten, und er glaubte schon dem Tod ins Gesicht zu sehen.

Er hatte kaum noch Zeit, sich zu verwundern, da Akka die Gefahr nicht
beizeiten erkannt habe, als sie auch schon an dem Felsen angekommen waren.
Doch jetzt sah er auch die halbrunde ffnung einer Grotte; in diese hinein
strzten die Gnse, und im nchsten Augenblick waren sie in Sicherheit.

Das erste jedoch, woran jede von ihnen dachte, ehe sie sich der eignen
Rettung erfreute, war nachzusehen, ob auch alle Reisegefhrten gerettet
seien. Da fanden sich denn auch Akka, Yksi, Kolme, Nelj, Viisi, Kuusi,
alle die sechs jungen Gnse, der Gnserich, Daunenfein und Dumling, nur
Kaksi von Nuolja, die erste Gans vom linken Flgel, war verschwunden, und
keine der andern wute etwas von ihrem Schicksal.

Als die Wildgnse sahen, da nur Kaksi von ihnen getrennt worden war,
nahmen sie die Sache leicht. Kaksi war alt und klug. Sie kannte alle Wege
und Gewohnheiten der Schar, und es wrde ihr schon gelingen, sich wieder
mit dieser zu vereinigen.

Hierauf begannen die Wildgnse sich umzusehen. Es drang noch etwas
Tagesschimmer durch den Eingang herein, und sie konnten erkennen, da die
Hhle sehr tief und weit war. Sie freuten sich schon ber die gute
Nachtherberge, die sie gefunden hatten, als eine von ihnen einige glnzende
grne Punkte bemerkte, die aus einem dunklen Winkel hervorleuchteten. Das
sind Augen! rief Akka. Es sind groe Tiere hier drinnen.

Die Gnse strzten dem Ausgang zu, aber Dumling, der in der Dunkelheit
besser als die Wildgnse sah, rief ihnen zu: Ihr braucht nicht zu fliehen.
Es sind nur einige Schafe, die an der Hhlenwand liegen.

[Illustration]

Als die Wildgnse sich an den Dmmerschein in der Hhle gewhnt hatten,
sahen sie die Schafe recht gut. Die Erwachsenen waren ihnen wohl an Zahl
gleich, aber auerdem waren noch einige Lmmer da. Ein groer Widder mit
langen, gewundenen Hrnern schien der vornehmste von der kleinen Herde zu
sein, und unter vielen Verbeugungen gingen die Wildgnse auf ihn zu. Gott
zum Gru hier in der Wildnis! begrten sie ihn. Aber der Widder lag ganz
still, und kein einziges Wort des Willkommens drang ber seine Lippen.

Da glaubten die Wildgnse, die Schafe seien mivergngt ber ihr Eindringen
in die Hhle. Es ist euch vielleicht nicht angenehm, da wir hier
hereingekommen sind, sagte Akka. Aber wir knnen nichts dafr, der Wind
hat uns hierher verschlagen. Wir sind den ganzen Tag im Sturm
umhergeflogen, und es wre uns eine groe Wohltat, wenn wir hier
bernachten drften.

Es dauerte eine gute Weile, bis eines von den Schafen nur ein Wort
erwiderte, dagegen hrten die Gnse deutlich, wie einige von ihnen tief
aufseufzten. Akka wute wohl, da Schafe immer schchtern sind und
sonderbare Manieren haben, aber diese schienen ganz und gar keinen Begriff
davon zu haben, was sich gehrte.

Schlielich begann ein altes Mutterschaf, das ein lngliches,
gramdurchfurchtes Gesicht hatte, mit klagender Stimme: Von uns verweigert
euch gewi keines den Aufenthalt hier; aber dies ist ein Haus der Trauer,
und wir knnen nicht mehr wie in frhern Zeiten Gste bei uns aufnehmen.

Darber braucht ihr euch keine Sorge zu machen, sagte Akka. Wenn ihr
wtet, was wir heute ausgestanden haben, wrdet ihr gewi verstehen, wie
froh wir sind, wenn wir nur ein sicheres Pltzchen bekommen, wo wir
schlafen knnen.

Als Akka dies sagte, richtete sich der alte Widder auf. Es wre gewi
besser fr euch, im strksten Sturm umherzufliegen, als hierzubleiben. Aber
jetzt sollt ihr euch doch nicht wieder auf den Weg machen, ehe wir euch mit
dem besten, was das Haus vermag, bewirtet haben.

Er fhrte sie zu einer mit Wasser gefllten Vertiefung im Boden. Dicht
daneben lag ein Haufen Spreu und Hcksel, und er bat die Gnse, es sich gut
schmecken zu lassen. Wir haben einen sehr strengen Schneewinter gehabt,
sagte er. Die Bauern, denen wir gehren, brachten uns Heu und Haferstroh,
damit wir nicht verhungerten. Und dieser Haufen ist alles, was noch davon
brig ist.

Die Gnse machten sich eifrig ber das Futter her. Sie fanden, da sie es
herrlich getroffen htten, und waren in allerbester Laune. Sie sahen ja
wohl, da die Schafe voller Angst waren; aber da sie wuten, wie leicht
Schafe sich erschrecken lassen, glaubten sie nicht, da es sich um eine
wirkliche Gefahr handeln knne. Sobald sie satt waren, dachten sie darum
auch an nichts andres, als sich nun an einem guten Schlafe zu erfreuen.
Aber da richtete sich der groe Widder abermals auf und kam auf sie zu. Die
Gnse meinten, noch nie ein Schaf mit so langen, starken Hrnern gesehen zu
haben. Und auch sonst sah der Widder merkwrdig aus. Er hatte eine groe,
knochige Stirn, kluge Augen und eine vornehme Haltung, wie ein recht
stolzes, mutiges Tier.

Ich kann die Verantwortung nicht bernehmen, euch hier schlafen zu lassen,
ohne euch zu sagen, da es hier durchaus nicht sicher ist, sagte er. Wir
knnen fr den Augenblick keine Logierbesuche bei uns aufnehmen.

Jetzt erst merkte Akka, da dies Ernst war. Wenn ihr es durchaus wnscht,
so werden wir uns entfernen, sagte sie. Aber wollt ihr uns nicht vorher
sagen, was euch bekmmert? Wir wissen nichts, ja wir wissen nicht einmal,
wohin wir geraten sind.

Dies ist die Kleine Karlsinsel, erwiderte der Widder. Sie liegt westlich
vor Gotland, und es wohnen nur Schafe und Meeresvgel hier.

Vielleicht seid ihr wilde Schafe? fragte Akka.

Ja, man knnte uns beinahe so nennen, antwortete der Widder. Mit den
Menschen haben wir eigentlich nichts zu tun. Es besteht ein altes
bereinkommen zwischen uns und den Bauern eines Hofes auf Gotland; demgem
mssen uns diese in bsen Schneewintern mit Futter versehen, und dafr
drfen sie die berzhligen von uns mitnehmen. Die Insel ist so klein, da
sie nur eine begrenzte Anzahl von uns ernhren kann. Aber sonst versorgen
wir uns das ganze Jahr hindurch selbst, und wir wohnen in keinen Husern
mit Tren und Riegeln, sondern halten uns in solchen Hhlen wie diese hier
auf.

Was! Bleibt ihr auch im Winter drauen? fragte Akka verwundert.

Jawohl, antwortete der Widder. Es gibt das ganze Jahr hindurch Futter
genug hier.

Das klingt ja fast, als httet ihr es besser als andre Schafe, sagte
Akka. Aber was ist das nun fr ein Unglck, das euch betroffen hat?

Im vergangenen Winter, sagte der Widder, war es so bitter kalt, da das
Meer zufror. Da kamen drei Fchse bers Eis herber, und sie sind seitdem
hier geblieben. Auer ihnen ist auf der ganzen Insel nicht ein einziges
lebensgefhrliches Tier.

Wie, wagen es die Fchse, solche Tiere, wie ihr seid, anzugreifen?

O nein, bei Tage nicht, da kann ich mich und die Meinigen wohl
verteidigen, sagte der Widder und schttelte seine Hrner. Aber bei
Nacht, wenn wir in der Hhle schlafen, da schleichen sie heran und
berfallen uns. Wir geben uns zwar alle Mhe, wach zu bleiben, aber einmal
mu man ja schlafen, und das benutzen sie. In den benachbarten Behausungen
haben sie schon alle Schafe gettet, und es waren Herden darunter, die
ebenso gro waren wie die meinige.

Es ist nicht angenehm, eingestehen zu mssen, da wir so hilflos sind,
sagte jetzt das alte Mutterschaf, und es wre viel besser fr uns, wenn
wir zahme Schafe wren.

Meint ihr, die Fchse werden auch heute nacht kommen? fragte Akka.

Es ist nicht anders zu erwarten, antwortete das Mutterschaf. Gestern
nacht sind sie hier gewesen und haben uns ein Lamm gestohlen, und sie
werden nicht ausbleiben, so lange noch eins von uns am Leben ist. So haben
sie es bei den andern Herden auch gemacht.

Aber wenn die wenigen, die brig geblieben sind, noch lnger hierbleiben,
dann sterbet ihr ja vollstndig aus, sagte Akka.

Ja, es wird nicht mehr lange dauern, bis es keine Schafe mehr auf der
Kleinen Karlsinsel gibt, seufzte das Mutterschaf.

Sehr unschlssig stand Akka da. Wieder im Sturm umherzufliegen, war kein
Vergngen, aber in einem Haus zu bleiben, wo solche Gste erwartet wurden,
war auch nicht gut. Nachdem sie eine Weile berlegt hatte, wendete sie
sich an Dumling. Sag, mchtest du uns diesmal nicht auch helfen, wie
schon so oft? fragte sie ihn.

Jawohl, erwiderte der Junge, recht gern.

Du tust mir zwar leid, wenn du nicht schlafen darfst, fuhr Akka fort,
aber trotzdem mchte ich dich bitten, heute zu wachen und uns zu wecken,
wenn du die Fchse kommen siehst, damit wir wegfliegen knnen.

Der Junge versprach, es zu tun. Er wute ja, da die andern mder waren als
er und also auch mehr Recht zum Schlafen hatten.

Er trat an die ffnung der Hhle, kroch hier zum Schutz vor dem Sturm unter
einen Stein und begann seine Wache. Allmhlich klrte sich der Himmel auf,
und der Mondschein spielte auf den Wogen. Der Junge trat unter den
Hhleneingang und schaute hinaus. Die Hhle befand sich ziemlich hoch an
der Felsenwand, und nur ein schrecklich steiler Weg fhrte zu ihr herauf.
Auf diesem wrden die Fchse wohl daherkommen.

Fchse sah er nun zwar noch keine, dafr aber etwas andres, das ihm im
ersten Augenblick groen Schrecken einjagte. Unterhalb des Berges auf dem
schmalen Streifen Land am Ufer hin standen einige Riesen oder andre
steinerne Ungeheuer. Oder vielleicht waren es auch Menschen. Zuerst glaubte
er, er trume, dann aber war er ganz sicher, da er noch nicht geschlafen
habe. Er sah die groen Mnner ganz deutlich, es konnte keine
Gesichtstuschung sein. Einige standen drauen am Ufer, die andern aber
ganz dicht am Berge, als ob sie hinaufklettern wollten. Die einen hatten
groe, dicke Kpfe, andre wieder gar keine. Die einen waren einarmig, und
einige hatten hinten und vorne groe Hcker.

So etwas Sonderbares hatte der Junge noch nie gesehen; er stand da droben
und frchtete sich so schrecklich vor den Ungeheuern, da er beinahe
vergessen htte, auf die Fchse aufzupassen. Jetzt aber hrte er eine Klaue
auf einem Stein kratzen, und er sah drei Fchse den Abhang heraufkommen.
Sobald der Junge wute, da er es mit etwas Wirklichem zu tun hatte,
beruhigte er sich vollstndig und fhlte keine Spur von Angst mehr. Dann
dachte er, es wre doch recht schade, wenn er jetzt nur die Gnse weckte,
die Schafe aber ihrem Schicksal berliee, und er wollte es lieber anders
machen.

Eilig lief er in die Hhle hinein, weckte den groen Widder, indem er ihn
an den Hrnern schttelte und sich zugleich auf dessen Rcken schwang.
Steh auf, Alter, dann wollen wir den Fchsen einen gelinden Schrecken
einjagen! flsterte er.

Er hatte versucht, so still wie mglich zu sein, aber die Fchse hatten
doch ein Gerusch gehrt. Als sie den Hhleneingang erreicht hatten,
hielten sie an und berlegten. Ganz bestimmt hatte sich eines von den
Schafen bewegt. Ich mchte wohl wissen, ob sie wach sind? sagte der eine
Fuchs.

Ach, geh nur hinein, sagte einer von den andern. Sie knnen uns
jedenfalls nichts tun.

Als sie tiefer in die Hhle hineingekommen waren, blieben sie stehen und
witterten. Wen wollen wir heute nehmen? flsterte der vorderste.

Heute nehmen wir den groen Widder, zischelte der hinterste. Dann haben
wir mit den andern leichte Arbeit.

Der Junge sa auf dem Rcken des alten Widders und sah, wie die Fchse sich
heranschlichen. Sto nur gerade aus! flsterte er. Der Widder stie zu,
und der erste Fuchs wurde Hals ber Kopf an den Eingang zurckgeschleudert.
Sto jetzt nach links! sagte der Junge und drehte den groen Kopf des
Widders in die richtige Lage. Der Widder fhrte einen gewaltigen Sto nach
links, der den zweiten Fuchs in die Seite traf. Dieser berkugelte sich
mehrere Male, ehe er wieder auf die Beine kam und fliehen konnte. Dem
Jungen wre es am liebsten gewesen, wenn der dritte auch noch einen
Denkzettel bekommen htte, aber dieser war schon auf und davon.

Jetzt werden sie fr heute nacht genug haben! rief der Junge.

Das glaube ich auch, sagte der Widder. Lege dich nun auf meinen Rcken
und krieche in die Wolle hinein. Nach dem Sturm, in dem du heute drauen
gewesen bist, hast du ein warmes Lager wohl verdient.

[Illustration]


Das Hllenloch

                                                  Samstag, 9. April

Am nchsten Tage wanderte der Widder mit dem Jungen auf dem Rcken auf der
Insel umher. Diese bestand aus einem einzigen groen Felsen. Sie war wie
ein groes Haus mit senkrechten Mauern und einem Plattdach. Der Widder ging
zuerst auf das Felsendach hinauf und zeigte dem Jungen die guten
Weidepltze, die da oben waren, und dem Jungen kam die Insel gerade wie fr
Schafe geschaffen vor. Auf dem Berge wuchs nicht viel weiter als
Schafschwingel und andre kleine, drre, gewrzige Kruter, die Schafe gern
fressen.

Aber wer glcklich den jhen Abhang hinaufgekommen war, fr den gab es da
oben wahrlich auch noch andres zu sehen als nur Schafweiden. Da war zuerst
das weite, weite Meer, das jetzt im Sonnenglanz herrlich blau leuchtete und
mit schimmernden Wellen daherrollte. Nur an einzelnen Klippenvorsprngen
schumte es wei auf. Geradeaus gegen Osten lag die gleichmige,
langgestreckte Kste von Gotland, und im Sdwesten die Groe Karlsinsel,
die dieselbe Formation zeigte wie die Kleine Karlsinsel. Als der Widder
ganz an den Rand der Felsenkuppe trat, so da der Junge die Bergwand
hinunterschauen konnte, sah er, da sie voller Vogelnester war, und in der
blauen Flut unten lagen in friedlicher Vereinigung die verschiedensten
Arten von Mwen, Eidervgeln und Lummen und Alken, die eifrig Strmlinge
fischten.

Dies ist wirklich ein gelobtes Land, sagte der Junge. Ihr habt es
wahrlich gut, ihr Schafe.

Jawohl, es ist schn hier, sagte der Widder. Es war, als wollte er noch
etwas hinzufgen, sagte aber doch nichts, sondern seufzte nur. Aber wenn
du allein hier umhergehst, fuhr er nach einer Weile fort, dann nimm dich
ja vor allen den Spalten in acht, die ber den Berg hinlaufen. Und das war
eine gute Warnung, denn an mehreren Stellen waren tiefe und breite
Felsenrisse. Die grte von diesen Spalten heie das Hllenloch, sagte der
Widder, es sei mehrere Meter tief und mehr als einen Meter breit. Wenn
einer da hinunterfiele, dann wre es aus mit ihm, fgte der Widder noch
hinzu, und dem Jungen kam es vor, als habe er dies mit einer besondern
Absicht gesagt.

Nun fhrte er den Jungen an den Strand hinunter. Da bekam er denn auch die
Riesen, die ihn in der Nacht erschreckt hatten, in der Nhe zu sehen. Es
waren groe Felsengebilde; der Widder nannte sie Raukar, und der Junge
konnte sich nicht satt daran sehen. Er meinte, wenn es wirklich in Steine
verwandelte Zauberer gbe, mten sie so aussehen.

Obgleich es unten am Strande auch recht schn war, gefiel es dem Jungen
doch noch besser oben auf der Felsenhhe. Es war ihm unheimlich da unten,
weil berall tote Schafe lagen, denn hier pflegten die Fchse ihre
Mahlzeiten zu halten. Der Widder und der Junge sahen vollstndig abgenagte
Skelette, aber auch Krper, die nur halb abgefressen waren, und wieder
andre, die die Fchse ganz unversehrt gelassen hatten. Mit Grausen sahen
sie, da die wilden Tiere nur zu ihrem Vergngen ber die Schafe herfielen,
nur um zu jagen und zu morden.

Der Widder hielt nicht bei den Toten an, sondern ging still an ihnen
vorbei. Aber selbstverstndlich sah der Junge die ganze Abscheulichkeit; er
konnte nicht anders.

Jetzt stieg der Widder wieder den Berg hinauf; als er aber oben angekommen
war, blieb er stehen und sagte: Wenn jemand, der klug und tchtig wre,
all dieses Elend hier zu sehen bekme, dann wrde er gewi nicht ruhen, bis
die Fchse ihre gerechte Strafe bekommen htten.

Die Fchse mssen aber doch auch leben, sagte der Junge.

Jawohl, erwiderte der Widder. Und wer nicht mehr Tiere ttet, als er zu
seinem Unterhalt bedarf, der darf wohl am Leben bleiben. Diese hier aber
sind beltter!

Die Bauern, denen die Insel gehrt, mten kommen und euch helfen, meinte
der Junge.

Sie sind auch schon mehrere Male hier gewesen, sagte der Widder, aber
die Fchse versteckten sich in Hhlen und Felsenspalten, wo man nicht auf
sie schieen konnte.

Ach, mein guter Alter, Ihr glaubt doch wohl nicht, da so ein armer
kleiner Wicht wie ich mit ihnen fertig werden knnte, nachdem weder ihr
noch die Bauern sie haben berwltigen knnen? sagte der Junge.

Wer klein und pfiffig ist, kann vieles ausrichten, antwortete der Widder.

Sie sprachen jetzt nicht weiter von dieser Sache, und der Junge begab sich
zu den Wildgnsen, die auf dem Berggipfel weideten. Obgleich er es dem
Widder nicht hatte zeigen wollen, war er doch sehr betrbt ber das
Schicksal der Schafe, und er htte ihnen gar zu gern geholfen. Ich will
jedenfalls mit Akka und dem Gnserich Martin darber reden, dachte er.
Vielleicht knnen sie mir einen guten Rat geben.

Etwas spter nahm der weie Gnserich den Jungen auf den Rcken und
wanderte mit ihm ber den Felsengipfel nach dem Hllenloch. Ganz sorglos
lief er ber die offne Berghhe hin und schien gar nicht daran zu denken,
wie wei und gro er war. Er suchte sich nicht hinter Erdhaufen oder andern
Erhhungen zu verstecken, sondern ging ruhig seines Weges weiter. Es war
merkwrdig, da er nicht ein bichen vorsichtig war, denn es schien ihm
whrend des gestrigen Sturmes gar schlecht gegangen zu sein. Er hinkte mit
dem rechten Bein, und der linke Flgel schleifte am Boden, als ob er
gebrochen wre.

Er wanderte umher, als sei durchaus keine Gefahr zu befrchten, bi da und
dort einen Grashalm ab und sah sich gar nicht um. Der Junge lag auf dem
Gnsercken ausgestreckt und schaute zum blauen Himmel empor. Er war das
Reiten jetzt so gewohnt, da er auf dem Gnsercken stehen und liegen
konnte.

Da der Gnserich und der Junge so sorglos waren, bemerkten sie natrlich
die drei Fchse nicht, die jetzt auf dem Berggipfel auftauchten. Und die
Fchse, die wohl wuten, da es beinahe unmglich ist, einer Gans auf
offnem Felde beizukommen, dachten im ersten Augenblick gar nicht daran, auf
sie Jagd zu machen. Da sie aber nichts andres zu tun hatten, sprangen sie
schlielich in eine der langen Felsenspalten hinein und versuchten, sich an
die Gans heranzuschleichen. Sie gingen dabei so vorsichtig zu Werk, da der
Gnserich auch nicht einen Schein von ihnen sehen konnte.

Als sie nicht mehr weit von dem Gnserich entfernt waren, machte dieser
einen Versuch, aufzufliegen. Er schlug mit den Flgeln, aber es gelang ihm
nicht, vom Boden wegzukommen. Daraus folgerten die Fchse, der Gnserich
knne nicht fliegen, und sie eilten rascher vorwrts. Sie hielten sich
nicht mehr in der Kluft versteckt, sondern liefen auf die Hochebene hinaus.
Hier verbargen sie sich, so gut sie konnten, hinter Erdhaufen und
Felsstcken und kamen so immer nher zu dem Gnserich hin, ohne da dieser
merkte, da Jagd auf ihn gemacht wurde. Schlielich waren sie ihm ganz
nahe, jetzt konnten sie den Sprung wagen, und mit einem groen Satz warfen
sie sich alle drei zugleich auf ihn.

Im letzten Augenblick mute der Gnserich aber doch etwas gemerkt haben,
denn er sprang rasch zur Seite, und die Fchse verfehlten ihn. Aber das war
nicht von groer Bedeutung, denn der Gnserich hatte nur ein paar Meter
Vorsprung, und dazu war er lahm. Der rmste lief zwar, was er konnte, und
Gnse knnen ja ungeheuer schnell laufen, selbst einem Fuchs kann es schwer
fallen, sie zu fangen.

Der Junge sa rcklings auf dem Gnsercken und rief und schrie den Fchsen
zu: Ihr habt euch am Schaffleisch zu fett gefressen, ihr Fchse, ihr knnt
ja nicht einmal eine Gans fangen! Er reizte und rgerte sie; das machte
sie ganz toll und hitzig, und sie rannten jetzt sinnlos vorwrts.

Der weie Gnserich aber lief geradeswegs auf die groe Kluft zu. Als er
sie erreicht hatte, schlug er mit den Flgeln, und drben war er! Gerade da
hatten ihn die Fchse eingeholt.

Der Gnserich lief, nachdem er ber das Hllenloch hinbergekommen war,
ebenso schnell vorwrts wie vorher. Doch kaum war er einige Meter weiter
gelaufen, als der Junge ihm auf den Hals klopfte und sagte: Jetzt kannst
du anhalten, Gnserich!

In diesem Augenblick hrten sie hinter sich ein paar wilde Schreie, ein
Kratzen von Krallen und das Aufschlagen von mehreren Krpern. Aber von den
Fchsen sahen sie nichts mehr.

Am nchsten Morgen fand der Leuchtturmwchter auf der Groen Karlsinsel ein
Stck Rinde unter seiner Haustr, auf dem mit krummen, eckigen Buchstaben
geschrieben stand: Die Fchse auf der kleinen Insel sind in das Hllenloch
gefallen. Mach, da du hinkommst!

Und das tat der Leuchtturmwchter auch.

[Illustration]




14

Zwei Stdte

Die Stadt auf dem Meeresgrunde


                                                  Samstag, 9. April

Es war eine stille, klare Nacht. Die Wildgnse brauchten nicht in einer der
Hhlen Schutz zu suchen; sie schliefen oben auf dem Felsengipfel, und der
Junge hatte sich neben den Gnsen auf dem kurzen, trockenen Grase
ausgestreckt.

Der Mond schien hell in jener Nacht, so hell, da der Junge lange nicht
einschlafen konnte. Er besann sich, wie lange er nun schon von Hause fort
war, und als er nachrechnete, waren seit dem Beginn seiner Reise gerade
drei Wochen verflossen. Und da fiel ihm ein, da heute der stille Sonnabend
vor Ostern war.

Heute nacht sind alle Hexen vom Blocksberg unterwegs, dachte er und
kicherte ein wenig. Vor dem Nck und dem Wichtelmnnchen frchtete er sich
wohl ein wenig, aber an die Hexen glaubte er ganz und gar nicht.

Wenn in dieser Nacht das Hexenpack unterwegs wre, dann mte ich es doch
sehen. Bei so vollstndig hellem und klarem Himmel knnte sich nicht der
kleinste Punkt durch die Luft bewegen, ohne da ich ihn wahrnhme, dachte
er weiter.

Whrend er nun zum Himmel aufschaute und an alles dies dachte, wurde ihm
ein sehr schner Anblick zuteil. Ziemlich hoch ber dem Horizont segelte
der Vollmond rund und hell dahin, und ber ihn hin flog ein groer Vogel.
Er flog nicht am Mond vorber, sondern tauchte so auf, als flge er gerade
aus ihm heraus. Ganz schwarz hob sich der Vogel von dem hellen Hintergrunde
ab, und seine Schwingen reichten von dem einen Rand der Mondscheibe bis zum
andern. Sein Krper war klein, der Hals lang und schmal, die Beine hingen
lang und dnn herab, und der Junge erkannte bald, da es ein Storch sein
mute.

Ein paar Augenblicke spter lie sich auch wirklich der Storch, Herr
Ermenrich, neben dem Jungen nieder. Er neigte sich ber ihn und stie ihn
mit dem Schnabel an, um ihn zu wecken.

Der Junge setzte sich sogleich auf. Ich schlafe nicht, Herr Ermenrich,
sagte er. Aber warum sind Sie mitten in der Nacht unterwegs, und wie steht
es auf Glimmingehaus? Wollen Sie mit Mutter Akka sprechen?

Die Nacht ist zu hell zum Schlafen, antwortete Herr Ermenrich. Ich bin
daher ber die Karlsinsel geflogen, um dich, meinen Freund Dumling, zu
besuchen, denn ich habe von einer Fischmwe gehrt, du seiest heute nacht
hier. Nach Glimmingehaus bin ich noch nicht gezogen, sondern wohne noch in
Pommern.

Der Junge freute sich ber die Maen, da Herr Ermenrich ihn aufgesucht
hatte. Sie plauderten eine Weile ber alles mgliche wie alte Freunde.
Pltzlich fragte der Storch den Jungen, ob er nicht Lust htte, in dieser
schnen Nacht einen Ausflug zu machen?

Doch, das wollte der Junge von Herzen gern, wenn der Storch ihn nur bis zum
Sonnenaufgang wieder zu den Gnsen zurckbringen wolle. Herr Ermenrich
versprach es, und sogleich ging es auf die Reise.

Wieder flog Herr Ermenrich geraden Weges auf den Mond zu. Hher und hher
ging es hinauf, das Meer versank unter ihnen; aber sie schwebten gar leicht
dahin, es war fast, als lgen sie ganz still.

Als Herr Ermenrich sich auf die Erde hinabsinken lie und anhielt, war es
dem Jungen, als sei erst eine unbegreiflich kurze Zeit vergangen; und doch
hatte der Storch einen ganz bedeutenden Weg zurckgelegt, denn in demselben
Augenblick, wo er den Jungen auf die Erde setzte, sagte er: Dies ist
Pommern. Jetzt bist du in Deutschland, Dumling. Der Junge war ber die
Nachricht, da er sich in einem fremden Lande befinde, ganz verdutzt. Das
htte er nie gedacht. Schnell sah er sich um. Er stand auf einem einsamen,
mit weichem, feinem Sand bedeckten Meeresstrand. Auf der Landseite lief
eine lange Reihe oben mit Strandhafer bewachsener Dnenhgel hin, die zwar
nicht sehr hoch waren, dem Jungen aber die Aussicht ins Land hinein
vollstndig versperrten.

Herr Ermenrich stieg auf einen Sandhgel hinauf, zog das eine Bein in die
Hhe und legte den Hals zurck, um den Schnabel unter die Flgel zu
stecken. Whrend ich mich ausruhe, kannst du eine Weile am Strande
umherwandern, sagte er zu Dumling. Aber verlaufe dich nicht, damit du
mich wiederfinden kannst.

Der Junge wollte zuerst einen der Dnenhgel erklettern, um zu sehen, wie
das Land dahinter aussehe. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht,
als er mit der Spitze seines Holzschuhs an etwas Hartes stie. Er bckte
sich, und da sah er auf dem Sande eine kleine von Grnspan durch und durch
zerfressene dnne Kupfermnze. Sie war so schlecht, da sie ihn nicht
einmal des Aufhebens wert deuchte, und er schleuderte sie mit dem Fue weg.

Aber als sich der Junge wieder aufrichtete, wie grenzenlos berrascht war
er da! Keine zwei Schritte vor ihm erhob sich eine dunkle Mauer mit einem
groen turmgekrnten Tor.

Vor einem Augenblick, als er sich nach der Mnze bckte, hatte sich das
Meer noch glnzend und glitzernd vor ihm ausgebreitet, jetzt aber war es
durch eine lange Mauer mit Zinnen und Trmen verdeckt. Und gerade vor dem
Jungen, wo vorher nur einige Tangbnke gewesen waren, ffnete sich das
groe Tor in der Mauer.

Der Junge war sich ganz klar darber, da dies eine Art Geisterspuk sein
mute. Aber er dachte, davor brauche er sich wahrlich nicht zu frchten.
Was er sah, war ja gar nicht unheimlich oder grauenhaft. Die Mauern und
Trme waren prchtig gebaut, und jetzt regte sich auch gleich der Wunsch in
ihm, zu sehen, was dahinter sei. Ich mu untersuchen, was das ist, dachte
er, und damit ging er durchs Tor.

Unter dem kleinen Torgewlbe saen in bunten, gepufften Anzgen,
langstielige Streitxte neben sich, die Wchter und spielten Wrfel. Sie
waren ganz in ihr Spiel vertieft und gaben nicht auf den Jungen acht, der
hastig an ihnen vorbeieilte.

Dicht am Tor war ein freier, mit glatten Steinfliesen gepflasterter Platz.
Ringsum standen hohe, prachtvolle Huser, und zwischen diesen ffneten sich
lange, schmale Straen.

Auf dem Platz vor dem Tor wimmelte es von Menschen. Die Mnner trugen
lange, pelzverbrmte Mntel ber seidenen Unterkleidern, federngeschmckte
Barette saen ihnen schrg auf dem Scheitel, und ber die Brust herunter
hingen ihnen wunderschne Ketten. Alle waren herrlich gekleidet, es htten
lauter Frsten sein knnen.

Die Frauen trugen spitze Hauben und lange Gewnder mit engen rmeln. Sie
waren auch prchtig geschmckt, aber ihr Staat konnte sich bei weitem nicht
mit dem der Mnner messen.

Dies alles glich ja ganz den Bildern in dem alten Mrchenbuch, das Mutter
ab und zu einmal aus ihrer Truhe holte und ihm zeigte. Der Junge wollte
seinen Augen nicht trauen.

Aber noch viel merkwrdiger als die Mnner und die Frauen war die Stadt
selbst. Jedes Haus hatte einen Giebel nach der Strae zu, und diese Giebel
waren so reich verziert, da man htte glauben knnen, sie wollten
miteinander wetteifern, welcher von ihnen am schnsten geschmckt sei.

Wer rasch viel Neues zu sehen bekommt, kann sich nachher nicht mehr an
alles erinnern. Aber der Junge erinnerte sich spter doch noch, da er
ausgezackte Giebel gesehen hatte, auf deren verschiedenen Abstzen die
Figuren von Christus und den Aposteln standen, Giebel, die an beiden Seiten
hinauf mit Figuren geschmckte Nischen hatten, dann wieder solche, die mit
buntem Glas oder mit weiem und schwarzem Marmor eingelegt waren und die
ihm gewrfelt und gestreift entgegenschimmerten.

Doch whrend der Junge alles dies bewunderte, wurde er von einer ihm
selbst unbegreiflichen Hast berfallen. So etwas haben meine Augen noch
nie gesehen. So etwas werde ich meiner Lebtage nicht wieder sehen, sagte
er sich. Und er begann in die Stadt hineinzulaufen, Strae auf, Strae ab,
ohne anzuhalten. Die Straen waren eng und schmal, aber durchaus nicht leer
und dster wie in den Stdten, die er bis jetzt gesehen hatte. berall
waren Menschen; alte Weiber saen vor ihren Tren und spannen ohne
Spinnrdchen, nur an der Kunkel. Die Warenlager der Kaufleute waren wie
Marktbuden nach der Strae zu offen. An einem Platze wurde Tran gekocht, an
einem andern wurden Hute gegerbt, an einem Wege war eine Seilerbahn.

Wenn der Junge nur Zeit gehabt htte, ja dann htte er hier alles mgliche
lernen knnen! Er sah, wie die Waffenschmiede dnne Brustharnische
hmmerten, wie die Goldschmiede Edelsteine in Ringe und Armbnder
einsetzten, wie die Drechsler ihre Dreheisen handhabten, wie die
Schuhmacher weiche rote Schuhe sohlten, wie der Goldspinner Goldfden
drehte und wie die Weber Seide und Gold in ihre Gewebe hineinwoben.

Aber der Junge hatte keine Zeit zum Verweilen. Er strmte nur immer
vorwrts, um so viel als mglich zu sehen, ehe alles wieder verschwinden
wrde.

Die Stadtmauer ging rund um die ganze Stadt herum und umschlo sie, gerade
wie in Schweden die Steinmuerchen die cker einfrieden. Am Ende jeder
Strae sah man die Mauer turm- und zinnengekrnt hervorschauen. Und oben
darauf wanderten Kriegsknechte umher in glnzendem Harnisch und blankem
Helm.

Als der Junge die ganze Stadt durchquert hatte, kam er wieder an ein
Stadttor. Da drauen lag das Meer und der Hafen. Hier sah der Junge
altertmliche Schiffe mit Ruderbnken in der Mitte und mit hohen Aufbauten
vorn und hinten. Lasttrger und Kaufleute liefen eifrig hin und her.
berall war Leben, und alle hatten es eilig.

Aber auch hier erlaubte ihm seine innere Unruhe nicht, sich aufzuhalten. Er
eilte wieder in die Stadt hinein und kam jetzt auf den groen Marktplatz.
Hier lag die Domkirche mit drei hohen Trmen und tiefen, mit steinernen
Figuren geschmckten Toren. Die Wnde waren mit Bildhauerarbeit so reich
verziert, da auch nicht ein einziger Stein zu sehen war, der nicht seinen
Schmuck gehabt htte. Und welch eine Pracht schimmerte durch das offne
Portal heraus! Goldne Kruzifixe, mit vergoldeter Schmiedearbeit verzierte
Altre und Priester in goldnen Megewndern! Der Kirche gerade gegenber
stand ein Haus mit Zinnen auf dem Dach und mit einem einzigen schlanken
himmelhohen Turm. Das war wohl das Rathaus. Und von der Kirche bis zum
Rathaus, rings um den ganzen Markt herum, standen die schnsten
Giebelhuser mit den mannigfaltigsten Verzierungen.

[Illustration: Die Stadt auf dem Meeresgrunde (Zu Seite 112)]

Der Junge hatte sich warm und mde gelaufen; er dachte, er habe nun so
ziemlich das Merkwrdigste von der Stadt gesehen, und ging deshalb etwas
langsamer weiter. Die Strae, in die er eben eingebogen war, das war gewi
die, wo die Stadtbewohner ihre prchtigen Kleider kauften. Die Leute
drngten sich vor den kleinen Lden, wo die Kaufleute auf ihren Tischen
starre, geblmte Seidenstoffe, dicken Goldbrokat, schillernden Samt,
leichte, flockig gewobene seidene Tcher und spinnwebdnne Spitzen
ausbreiteten.

Vorher, als der Junge so rasch gelaufen war, hatte niemand auf ihn acht
gegeben. Die Leute hatten gewi geglaubt, es springe nur eine graue Ratte
vorbei. Aber jetzt, wo er ganz langsam durch die Strae dahinwandelte,
gewahrte ihn einer der Kaufleute, und sogleich begann er ihm zu winken.

Der Junge wurde zuerst ngstlich und wollte davonlaufen; aber der Kaufmann
winkte ihm nur, lachte ihm zu und breitete ein herrliches Stck Seidensamt
auf seinem Tische aus, als ob er ihn damit herbeilocken wollte.

Der Junge schttelte den Kopf. Ich werde in meinem ganzen Leben nicht so
reich sein, um auch nur einen Meter von diesem Stoff kaufen zu knnen,
dachte er.

Aber jetzt hatte man ihn die ganze Strae entlang von jedem Laden aus
bemerkt. Wohin er auch sah, berall stand ein Krmer und winkte ihm. Sie
lieen ihre reichen Kunden stehen und dachten nur noch an ihn. Er sah, wie
sie in den verstecktesten Winkel des Ladens liefen, um das Beste, was sie
zu verkaufen hatten, hervorzuholen, und wie ihnen, whrend sie es auf den
Tisch legten, vor Hast und Eifer die Hnde zitterten.

Als der Junge nicht anhielt, sondern weiterging, sprang einer der Kaufleute
ber seinen Tisch weg, hielt ihn fest und breitete Silberbrokat und in
allen Farben schillernde gewebte Tapeten vor ihm aus. Der Junge konnte
nicht anders, als den guten Mann auslachen. Er htte ihm doch ansehen
mssen, da ein so armer Schlucker wie er keine solchen Waren kaufen
konnte. Er blieb stehen und streckte dem Krmer seine beiden leeren Hnde
hin, um den Leuten zu zeigen, da er nichts besa und da sie ihn in Ruhe
lassen sollten.

Da hob der Kaufmann einen Finger auf, nickte ihm zu und schob ihm den
ganzen Haufen von herrlichen Waren hin.

Kann er meinen, er wolle dies alles fr ein einziges Geldstck verkaufen?
fragte sich Dumling.

Der Kaufmann zog ein kleines abgegriffenes, schlechtes Geldstck heraus,
das geringste, das es berhaupt gibt, und hielt es dem Dumling hin. Und in
seinem Eifer, zu verkaufen, legte er noch zwei groe silberne Becher auf
den Haufen.

Da begann der Junge in seinen Taschen zu suchen. Er wute zwar wohl, da er
nicht einen einzigen roten Heller besa, aber unwillkrlich sah er doch
nach.

Alle die andern Kaufleute sahen eifrig zu, wie der Handel ablaufen wrde,
und als sie den Jungen in seinen Taschen suchen sahen, sprangen sie ber
ihre Tische, ergriffen so viel Gold- und Silberschmuck, als ihre Hnde zu
fassen vermochten, und boten es ihm an. Und alle machten ihm Zeichen, da
sie als Bezahlung nichts weiter verlangten, als einen einzigen Heller.

Aber der Junge drehte seine Westen- und Hosentaschen um und um; er besa
nichts, gar nichts. Da traten allen diesen stattlichen Kaufleuten, die doch
so viel reicher waren als er, die Trnen in die Augen, und der Junge
fhlte sich seltsam bewegt, denn sie sahen gar so ngstlich aus. Er besann
sich, ob er ihnen denn nicht auf irgend eine Weise helfen knnte, und da
fiel ihm pltzlich die grnspanige Kupfermnze ein, die er vorhin am Strand
gesehen hatte.

Sofort lief er in grter Eile die Strae hinunter; und er hatte Glck,
denn er kam an dasselbe Tor, durch das er zuerst gegangen war. Er strzte
hinaus und suchte nach der Kupfermnze, die vorhin hier gelegen hatte.

Und richtig, da lag sie; aber als er sie aufgehoben hatte und mit ihr in
die Stadt zurckeilen wollte, sah er nur noch das Meer vor sich. Keine
Stadtmauer, kein Tor, keine Wchter, keine Straen, keine Huser waren mehr
zu sehen, nichts, nichts als das Meer!

Unwillkrlich traten dem Jungen die Trnen in die Augen. Von Anfang an
hatte er ja alles, was er gesehen hatte, fr eine Gesichtstuschung
gehalten, aber nachher hatte er dies ganz vergessen, und nur noch daran
gedacht, wie schn alles sei; und jetzt, wo die Stadt verschwunden war,
fhlte er sich aufs tiefste betrbt.

In demselben Augenblick erwachte Herr Ermenrich und ging zu Dumling hin.
Aber der Junge hrte ihn nicht, und der Storch mute ihn mit dem Schnabel
anstoen, um sich bemerklich zu machen. Ich glaube, du hast ebenso fest
geschlafen wie ich, sagte er.

Ach, Herr Ermenrich, sagte Dumling. Was war das fr eine Stadt, die
eben hier stand?

Hast du eine Stadt gesehen? erwiderte der Storch. Du hast geschlafen und
getrumt, ich hab es ja gesagt.

Nein, ich habe nicht geschlafen, sagte Dumling. Und er erzhlte dem
Storch alles, was er erlebt hatte.

Da sagte Herr Ermenrich: Was mich selbst anbetrifft, so glaube ich doch,
da du hier am Strande geschlafen und alles dies getrumt hast. Aber ich
will dir nicht verschweigen, da Bataki, der Rabe, der der gelehrteste von
allen Vgeln ist, mir einmal erzhlt hat, hier habe einst eine Stadt
gestanden, namens Vineta. Diese Stadt sei ber die Maen reich und schn
gewesen, und keine einzige Stadt auf der Welt habe sich mit ihr vergleichen
knnen. Aber unglcklicherweise seien ihre Einwohner hochmtig und
prunkschtig geworden. Und, fuhr der Storch fort, Bataki sagt, zur Strafe
dafr sei Vineta von einer Sturmflut berschwemmt und ins Meer hinab
versenkt worden. Ihre Einwohner aber drften nicht sterben und auch ihre
Stadt nicht zerstren. Nur alle hundert Jahre einmal drfe diese in all
ihrer Pracht aus dem Meere aufsteigen und liege dann genau eine Stunde lang
auf dem Festlande.

Ja, das mu wahr sein, sagte Dumling, denn ich habe sie gesehen.

Aber wenn die Stunde vorbergegangen und es whrend dieser Zeit niemand in
Vineta gelungen sei, irgend etwas an ein lebendes Wesen zu verkaufen, dann
versinke die Stadt wieder ins Meer. Wenn du, Dumling, auch nur ein
einziges, noch so rmliches Geldstck gehabt httest, um den Kaufmann zu
bezahlen, dann htte Vineta am Strande liegen bleiben drfen, und deren
Menschen htten wie andre Menschen leben und sterben drfen.

Ach, Herr Ermenrich, sagte der Junge, jetzt wei ich, warum Sie mitten
in der Nacht gekommen sind und mich geholt haben. Sie glaubten, ich knne
die alte Stadt retten. Ach, Herr Ermenrich, ich bin tief betrbt, da es
mir nicht gelungen ist!

Er verbarg sein Gesicht in den Hnden und weinte; und man htte kaum sagen
knnen, welcher von den beiden betrbter aussah, der Junge oder Herr
Ermenrich.


Die lebendige Stadt

                                                  Montag, 11. April

Am Ostermontag waren die Wildgnse mit Dumling wieder auf der Reise und
flogen jetzt ber Gotland hin. Die groe Insel lag flach und gleichmig
unter ihnen, der Erdboden war ganz so wie in Schonen, und sie sahen viele
Kirchen und Bauernhfe. Der Unterschied aber war, da hier zwischen den
Feldern viele Baumwiesen prangten und da die Hfe nicht im Viereck gebaut
waren. Und groe Herrensitze mit alten, von reichen Parkanlagen umgebenen
Schlssern und Trmen gab es auf Gotland gar nicht.

Dumlings wegen hatten die Wildgnse den Weg ber Gotland gewhlt, denn der
arme Junge war nun schon zwei Tage lang sehr niedergedrckt.

Ohne Aufhren sah er jene Stadt vor sich, die sich ihm auf so merkwrdige
Weise gezeigt hatte. Er konnte an nichts andres denken als an diese schnen
Gebude und prchtigen Menschen. Ach, wenn es mir doch gelungen wre, dies
alles dem Leben zurckzugeben! dachte er. Welch ein Unglck ist es doch,
da so viel Schnes auf dem Grunde des Meeres liegen soll!

Akka und der Gnserich hatten sich alle Mhe gegeben, Dumling zu
berzeugen, da dieses Erlebnis ein Traum oder eine Gesichtstuschung
gewesen sei; aber davon wollte der Junge nichts hren. Er war ganz sicher,
alles selbst gesehen zu haben, und niemand konnte ihn von seiner
berzeugung abbringen. Tiefbetrbten Herzens ging er umher, und schlielich
wurden seine Reisegefhrten besorgt um ihn.

Doch pltzlich, gerade als der Junge am allerniedergeschlagensten gewesen
war, kam die alte Kaksi dahergeflogen. Sie war von dem Sturm nach Gotland
verschlagen worden und hatte ber die ganze Insel hinfliegen mssen, bis
sie erfuhr, wo sich ihre Reisegefhrten befanden. Als sie nun auf der
Kleinen Karlsinsel eintraf und hrte, was Dumling fehlte, sagte sie
pltzlich:

Wenn Dumling ber eine alte Stadt trauert, dann kann ich ihn schnell
trsten. Kommt nur mit mir, ich zeige ihm einen Ort, den ich gestern
gesehen habe, und dann braucht er nicht lnger betrbt zu sein.

Darauf hatten sich die Gnse von den Schafen verabschiedet, und jetzt waren
sie auf dem Wege nach dem Ort, den Kaksi dem Dumling zeigen wollte. Und so
betrbt er auch war, so konnte er es doch nicht lassen, auf das Land
hinunterzusehen, ber das sie eben hinflogen.

Da kam es ihm vor, als ob diese Insel von Anfang an eine ebenso hohe,
steile Klippe gewesen sein msse, wie die Karlsinsel, nur natrlich viel,
viel grer. Aber spter mute sie auf irgend eine Weise platt gedrckt
worden sein. Irgend jemand hatte wohl ein groes Wellholz genommen und war
damit ber die Insel hingefahren wie ber ein Stck Teig; er hatte aber
diese Arbeit nicht solange fortgesetzt, bis alles vollstndig glatt und
eben geworden war wie ein Fladen, denn als die Gnse dem Ufer entlang
flogen, sah der Junge an mehreren Stellen hohe weie Kalkwnde mit Grotten
und Felsenpfeilern; aber an den meisten Stellen war die Insel doch
plattgedrckt, und der Strand fiel flach gegen das Meer ab.

Die Schar verbrachte einen schnen, friedlichen Sonntagnachmittag auf dem
Festland. Das Wetter war so recht behaglich warm wie an einem Sommertag,
die Bume waren mit groen Knospen wie berst, und die Frhlingsblumen
bedeckten die Wiesen wie mit einem Teppich, die langen, schlanken Ktzchen
der Pappelbume schwankten, und in den Grtchen, die jedes noch so kleine
Huschen umgaben, prangten die Stachelbeerbsche im schnsten Grn.

[Illustration]

Die Wrme und das Knospen und Blhen allberall hatten die Menschen auf
Wege und Stege herausgelockt; wo immer eine kleine Anzahl versammelt war,
wurde gespielt, und zwar nicht allein von Kindern, sondern auch von
Erwachsenen. Sie warfen um die Wette mit Steinen nach einem bestimmten Ziel
und schlugen Blle in so groen Bogen in die Luft hinauf, da sie die
Wildgnse fast erreichten. Es sah sehr lustig und hbsch aus, groe Leute
so spielen zu sehen, und der Junge htte sich sicherlich darber gefreut,
wenn ihm nicht so sehr betrbt zumute gewesen wre.

Aber er mute doch zugeben, da dies ein schner Ausflug war. berall sang
und klang es frhlich durch die Luft. Kleine Kinder spielten Ringelreihen
und sangen dazu. Und die Heilsarmee war auch unterwegs. Der Junge sah eine
ganze Menge schwarz und rot gekleidete Menschen auf einem Waldhgel sitzen;
es wurde Gitarre gespielt und auf Blechinstrumenten geblasen. Auf einer
Strae kam eine groe Schar Menschen daher. Das waren die Guttempler oder
Antialkoholiker, der Junge erkannte sie an ihren groen flatternden Fahnen
mit goldnen Inschriften. Sie sangen ununterbrochen ein Lied ums andre. Der
Junge vernahm fortwhrend den Schall ihrer Stimmen, solange er sich in
Hrweite befand.

So oft der Junge spter an Gotland dachte, mute er immer gleich auch an
Spiel und Tanz denken.

Lange hatte er still hinabgeschaut, als er zufllig die Augen aufschlug.
Nein, wie erstaunte er da! Ohne da er es gemerkt hatte, waren die Gnse
von dem Innern der Insel in westlicher Richtung auf die Kste zugeflogen.
Jetzt lag das weite, blaue Meer vor ihnen! Aber nicht das Meer erschien dem
Jungen so merkwrdig, sondern eine Stadt, die dort an dem hohen
Meeresstrand aufragte.

Die Gnseschar kam von Osten her, und die Sonne war im Untergehen, als sie
die Stadt erreichte, deren Mauern und Trme und hohe Giebelhuser und
Kirchen sich vollstndig schwarz von dem hellen Abendhimmel abhoben. Der
Junge konnte deshalb nicht sehen, wie sie in Wirklichkeit beschaffen waren,
und ein paar Augenblicke glaubte er, dies sei eine ebenso prchtige Stadt
wie jene, die er in der Osternacht gesehen hatte.

Als er aber richtig in die Stadt hineinkam, da sah er, da die Stadt hier
jener auf dem Meeresgrunde hnlich und unhnlich zugleich war. Es herrschte
derselbe Unterschied zwischen ihnen, wie zwischen dem Aussehen eines
Menschen, der an dem einen Tag in Purpur und mit reichem Schmuck angetan,
am nchsten aber in drftige Lumpen gehllt ist.

Ja, diese Stadt hier hatte wohl auch einmal so ausgesehen wie jene, die er
an der pommerschen Kste bewundert hatte. Diese hier war auch von einer
Ringmauer mit Trmen und Toren umgeben. Aber die Trme der Stadt, die auf
der Erde hatte bleiben drfen, waren ohne Dcher, leer und de. Die
Torbogen hatten keine Tren, die Wchter und Kriegsknechte waren
verschwunden, die ganze glnzende Pracht war dahin. Nur die nackten, grauen
Mauern waren noch da.

Als der Junge weiter ber die innre Stadt hinflog, sah er, da sie zum
grten Teil aus kleinen, niedrigen hlzernen Husern bestand; nur da und
dort fanden sich einige hohe Giebelhuser und Kirchen, die noch aus der
alten Zeit stammten. Die Giebelhuser waren wei angestrichen und ohne
jeglichen Zierat. Aber weil der Junge so ganz krzlich erst die versunkene
Stadt gesehen hatte, glaubte er zu wissen, wie sie geschmckt gewesen
waren: die einen mit Bildsulen, andre mit schwarzem und weiem Marmor.

Und genau so war es auch bei den alten Kirchen. Die meisten von ihnen waren
ohne Dach mit kahlen Mauern. berall de Fensterhhlen, grasbewachsener,
mit zerbrochenen Fliesen bedeckter Boden und mit Schlingpflanzen
bewachsene Mauerreste! Aber jetzt wute der Junge, wie diese Kirchen
einstmals ausgesehen hatten: die Wnde waren mit Bildwerken und Gemlden
bedeckt gewesen, im Chor hatten Altre und goldne Kreuze gestanden, und da
und dort hatten Priester in goldgestickten Megewndern ihres Amtes
gewaltet.

Der Junge sah auch die kleinen, jetzt am Sonntagabend fast menschenleeren
Stadttore. O er wute, wie es hier von prchtig gekleideten Menschen
gewimmelt hatte! Er wute, da diese Tore wie groe Werksttten gewesen
waren, wo alle Arten von Arbeitern gewirkt und geschafft hatten.

Aber was Nils Holgersson nicht sah, das war, da diese Stadt auch heute
noch schn und merkwrdig ist. Er sah weder die hbschen Huschen in den
hinteren Gchen, mit ihren geschwrzten Mauern, ihren weien Hausecken und
der roten Pelargonienpracht hinter den blitzblanken Fensterscheiben, noch
die vielen prchtigen Grten und Alleen, und ebensowenig die groartige
Schnheit der mit Schlingpflanzen bewachsenen Ruinen. Seine Augen waren so
erfllt von der vergangenen Herrlichkeit, da er an der gegenwrtigen
nichts Gutes sehen konnte.

Die Wildgnse flogen ein paarmal ber der Stadt hin und her, damit Dumling
alles recht genau sehen knnte. Zuletzt lieen sie sich in einer
Kirchenruine auf dem grasigen Boden nieder, um dort zu bernachten.

Als die Gnse schon schliefen, war Dumling immer noch wach und schaute
durch das zertrmmerte Dachgewlbe zu dem blaroten Abendhimmel empor.
Nachdem er so eine Weile in Gedanken versunken war, beschlo er, sich nicht
mehr darber zu grmen, da er die versunkene Stadt nicht hatte retten
knnen.

Nein, jetzt wollte er nicht mehr trauern! Wenn die Stadt, die er gesehen
hatte, nicht ins Meer versunken wre, htte sie vielleicht nach einiger
Zeit ebenso arm und verfallen ausgesehen wie diese hier. Vielleicht htte
sie der Zeit und der Vergnglichkeit auch nicht widerstehen knnen, sondern
wre bald gewesen wie diese hier mit ihren Kirchen ohne Dcher, mit Husern
ohne Zierat und mit ihren einsamen leeren Gassen. Da war es doch besser,
sie stand im Verborgnen dort unten in all ihrer Herrlichkeit.

Es wird ja wohl so am besten sein, wie es gekommen ist, dachte er. Ich
glaube, selbst wenn ich die Macht htte, die Stadt zu retten, wrde ich es
jetzt wohl nicht mehr tun.

Von da an trauerte er nicht mehr ber diese Sache. Und es gibt sicher
viele, die so denken, weil sie noch jung sind. Aber wenn die Menschen alt
werden und sich daran gewhnt haben, sich mit wenigem zu begngen, dann
freuen sie sich mehr ber das Visby, das da ist, als ber das schne Vineta
auf dem Meeresgrund.




15

Die Sage von Smland


                                                  Dienstag, 12. April

Die Wildgnse waren gut bers Meer gekommen und hatten sich im nrdlichen
Smland im Tjuster Bezirk niedergelassen. Hier erstreckten sich berall
Meeresarme weit ins Land hinein und teilten es in Inseln, in Halbinseln, in
Landengen und Landzungen. Das Meer war so aufdringlich, da schlielich nur
noch die Hgel und Bergrcken vom Wasser unbedeckt blieben.

Als die Wildgnse vom Meer hereinflogen, war es Abend geworden, und das
hgelige Land lag schn zwischen den glnzenden Fjorden vor ihnen. Da und
dort sah der Junge Htten und Huser auf den Inseln; und je weiter man ins
Land hineinkam, desto grer und besser wurden die Wohnsttten, schlielich
wuchsen sie zu groen weien Herrenhfen heran. Am Ufer hin stand
gewhnlich eine Reihe Bume, diesseits davon lagen Ackerfelder, und oben
auf den kleinen Hgeln wuchsen aufs neue Bume. Der Junge mute
unwillkrlich an Blekinge denken. Hier war wieder eine Gegend, wo Land und
Meer auf so schne und stille Weise zusammentrafen, sich gleichsam das
Schnste und Beste, was sie hatten, zu zeigen.

Die Wildgnse lieen sich auf einem kahlen Holm weit drinnen im Gsfjord
nieder. Beim ersten Blick auf den Strand merkten sie, da der Frhling
groe Fortschritte gemacht hatte, whrend sie sich auf den Inseln
aufgehalten hatten. Die groen, prchtigen Bume waren zwar noch nicht
belaubt, aber die Wiesen darunter schimmerten in wei, grn, gelb und blau.
Die Gnse hielten verwundert an und berlegten, woher das wohl komme. Aber
dann ging ihnen auf einmal ein Licht auf; die Wiesen waren mit weien
Anemonen, Krokus und Leberblmchen bedeckt.

Als die Wildgnse den Blumenteppich sahen, erschraken sie, denn sie
frchteten, sich am Ende zu lange in dem sdlichen Teil des Landes
aufgehalten zu haben, und Akka sagte sogleich, sie wrden wohl keine Zeit
haben, einen von den Ruhepltzen in Smland aufzusuchen. Schon am nchsten
Morgen mten sie ber Ostgtland nordwrts weiterreisen.

Demgem wrde also der Junge nicht viel von Smland sehen, und es fehlte
nicht viel, so htte er sich darber gegrmt. Von keiner andern Landschaft
hatte er nmlich so viel sprechen hren, als gerade von Smland, und er
hatte sich sehr gewnscht, es einmal mit eignen Augen zu sehen.

Wie wir wissen, war er im letzten Sommer bei einem Bauern in der Nhe von
Jordberga als Gnsejunge angestellt gewesen, und da war er beinahe jeden
Tag mit ein paar armen Kindern aus Smland zusammengetroffen, die auch
Gnse hteten. Und diese Kinder hatten ihn mit ihrem Smland bestndig
geneckt und gergert.

Aber es wre unrecht gewesen, wenn er behauptet htte, das Gnsemdchen sa
habe ihn gergert. Dazu war es viel zu klug. Nein, wer einen mit Absicht
rgern konnte, das war ihr Bruder Klein-Mats gewesen.

Du, Gnsejunge Nils, weit du, wie es ging, als Smland und Schonen
erschaffen wurden? konnte er fragen. Und wenn dann Nils nein sagte, begann
er schnell die witzige Geschichte ber Smland zu erzhlen.

Ja, weit du, begann er, es geschah zu der Zeit, wo der liebe Gott die
Welt erschuf. Whrend er mitten darin war, kam Sankt Petrus des Wegs daher.
Er blieb bei dem lieben Gott stehen und sah ihm eine Weile zu, dann aber
fragte er, ob das eine sehr schwierige Arbeit sei? >O ja, so ganz leicht
ist es gerade nicht,< antwortete der liebe Gott. Sankt Petrus blieb noch
eine Weile stehen, und als er merkte, mit welcher Leichtigkeit der liebe
Gott ein Land ums andre herausarbeitete, bekam er Lust, es auch zu
versuchen. >Mchtest du nicht ein wenig ausruhen?< sagte er zum lieben
Gott. >Dann knnte ich indessen deine Arbeit bernehmen.< Aber das wollte
der liebe Gott nicht. >Ich wei nicht, ob du dich auf diese Kunst so gut
verstehst, da ich dich da weiterarbeiten lassen kann, wo ich aufhre,<
antwortete er. Da wurde Sankt Petrus rgerlich und sagte, er getraue sich,
ebenso gute Lnder erschaffen zu knnen, wie der liebe Gott.

In diesem Augenblick war der liebe Gott gerade an der Erschaffung von
Smland. Es war zwar noch nicht einmal halbfertig, aber es versprach ein
unbeschreiblich schnes und fruchtbares Land zu werden. Da aber der liebe
Gott Sankt Petrus nur schwer etwas abschlagen konnte und auerdem wohl auch
dachte, was so gut begonnen worden sei, knne eigentlich niemand mehr
verderben, sagte er: >Wenn es dir recht ist, wollen wir einmal versuchen,
welcher von uns sich auf diese Art Arbeit am besten versteht. Da du noch
ein Anfnger bist, sollst du an dem Land hier, das ich angefangen habe,
weiterarbeiten, ich aber will ein neues schaffen.< Sankt Petrus ging gleich
auf den Vorschlag ein, und jeder begann sofort an seinem Platz zu arbeiten.

Der liebe Gott rckte ein wenig sdwrts und machte sich daran, Schonen zu
erschaffen. Es dauerte auch gar nicht lange, da war er fertig. Nun wendete
er sich an Sankt Petrus und fragte ihn, ob er fertig sei und ob er das neue
Land betrachten wolle. >Ich habe meines schon lange in Ordnung,< sagte
Sankt Petrus; und man hrte seiner Stimme an, wie zufrieden er mit seinem
Werk war.

Als Sankt Petrus Schonen sah, mute er zugeben, da von diesem Land nur
Gutes gesagt werden knne. Es war ein fruchtbares, leicht zu bebauendes
Land mit groen Ebenen, wohin man sah, und kaum einer leichten Andeutung
von Berg. Es sah aus, als habe sich der liebe Gott vorgenommen, dieses Land
besonders gut zu machen, damit es den Leuten da wohl sei. >Ja, das ist ein
gutes Land,< sagte Sankt Petrus, >aber ich glaube, meines ist doch noch
besser.<-- >Dann wollen wir es gleich einmal ansehen,< sagte der liebe
Gott.

Als Sankt Petrus die Arbeit aufnahm, war das Land im Norden und Osten schon
fertig gewesen, aber den sdlichen und westlichen Teil und die ganze Mitte
hatte er allein machen drfen. Als nun der liebe Gott sah, was Sankt Petrus
gearbeitet hatte, erschrak er so, da er unwillkrlich anhielt und ausrief:
>Aber was hast du nur gemacht, Sankt Petrus?<

Sankt Petrus selbst sah ganz verdutzt drein. Er hatte sich eingebildet, fr
das Land knne nichts besser sein, als wenn es recht warm sei. Deshalb
hatte er eine ungeheure Menge Steine und Berge aufgehuft und ein Hochland
zusammengemauert, in dem Glauben, da er es dadurch nher an die Sonne
heranbringe, und da es alsdann recht viel Sonnenwrme bekomme. Auf die
Steinhaufen hatte er eine dnne Lage Erde gebreitet, und dann war seiner
Meinung nach alles aufs Beste bestellt gewesen.

Aber whrend er in Schonen gewesen war, waren ein paar starke Regengsse
niedergerauscht, und mehr hatte es nicht bedurft, um zu zeigen, wessen
Arbeit die beste sei. Als der liebe Gott herzutrat, das Land zu betrachten,
war alles Erdreich weggeschwemmt, und der nackte Gebirgsstock wurde berall
sichtbar. Wo es noch am besten aussah, lag Lehm und schwerer Kies auf den
Steinflchen, aber auch dies sah uerst mager aus, und man begriff leicht,
da da kaum etwas andres als Wacholder und Fichten, Moos und Heidekraut
wachsen knnte. Nur allein das Wasser war in reicher Menge vorhanden, denn
das hatte alle die Schluchten unten in dem Gebirge gefllt, und berall sah
man Seen, Bche und Flsse, von den Mooren und Teichen, die sich ber groe
Flchen ausbreiteten, gar nicht zu reden. Das rgerlichste aber war, da
die einen Gegenden zu viel Wasser hatten, whrend in andern groer Mangel
daran war; weite Felder lagen wie ausgetrocknete Heiden da, und der
geringste Luftzug wirbelte ganze Wolken von Erde und Sand auf.

>Was kannst du nur fr eine Absicht gehabt haben, da du dieses Land so
erschaffen hast?< fragte der liebe Gott. Sankt Petrus entschuldigte sich
und sagte, er habe das Land so hoch gebaut, damit es recht viel Sonnenwrme
bekomme.

>Aber dann bekommt es ja auch sehr viel Nachtklte,< entgegnete der liebe
Gott, >denn auch sie kommt vom Himmel herunter. Ich frchte, das wenige,
was da wachsen kann, wird erfrieren.<

Daran hatte Sankt Petrus natrlich nicht gedacht.

>Ja, das wird ein mageres, vom Frost heimgesuchtes Land sein,< sagte der
liebe Gott. >Daran lt sich nun nichts mehr ndern.<

Wenn Klein-Mats in seiner Erzhlung so weit gekommen war, fiel ihm immer
die Gnsehirtin sa ins Wort. Ich kann es nicht leiden, Klein-Mats, sagte
sie, da du Smland so elendiglich hinstellst. Du vergit ganz, wieviel
guter Boden doch da ist. Denk nur an den Mrebezirk am Sund von Kalmar! Ich
mchte wohl wissen, ob es irgendwo ppigere Getreidefelder gibt? Dort liegt
Acker an Acker, ganz wie hier in Schonen. Das ist ausgezeichneter Boden,
und ich wte wirklich nicht, was dort nicht wachsen wrde.

Ich kann nichts daran ndern, sagte Klein-Mats, denn ich erzhle die
Geschichte, wie ich sie selbst gehrt habe.

Und ich habe viele Leute sagen hren, ein so schnes Kstenland wie Tjust
gebe es nirgends mehr. Denk doch an die Buchten und die Holme und die
Herrenhfe und die Wlder!

Ja, das ist wohl wahr, gab Klein-Mats zu.

Und weit du nicht mehr, was die Lehrerin sagte? Eine so belebte, schne
Gegend wie das Stckchen von Smland, das sdlich vom Wettern liegt, gebe
es in ganz Schweden nicht mehr. Denk an den schnen See und an die gelben
Strandberge, und an Grenna und Jnkping mit den Zndholzfabriken und an
den Munksee, und denk doch nur an Huskvarna und an alle die groen Anlagen
dort!

Ja, das ist wohl wahr, sagte Klein-Mats noch einmal.

Und denk an Vising, Klein-Mats, mit den Ruinen dort, und an den
Eichenwald, und an alle die historischen Erinnerungen! Denk an das Tal, wo
der Emflu entspringt, mit allen den Ortschaften und Mhlen und
Holzstoffabriken und Sgereien und Schreinerwerksttten dort!

Ja, das ist alles wahr, sagte Klein-Mats mit ganz betrbtem Gesicht.

Aber pltzlich schaute er auf. Sind wir aber dumm! rief er. Das alles
liegt ja in dem Smland des lieben Gottes, in dem Teil des Landes, der
schon fertig war, als Sankt Petrus sich an die Arbeit machte. Es ist also
ganz richtig, denn das sollte ja schn und prchtig sein. Aber in Sankt
Petrus Smland sah es ganz so aus, wie es in der Sage heit, und es wundert
mich gar nicht, da der liebe Gott betrbt war, als er es sah. Sankt Petrus
verlor aber jedenfalls den Mut nicht, er versuchte im Gegenteil, den lieben
Gott zu trsten. >Sei mir nicht bse,< bat er. >Warte nur, bis ich Menschen
geschaffen habe, die die Moore urbar machen und die Bergrcken in cker
umwandeln.<

Aber jetzt war die Geduld des lieben Gottes doch schlielich erschpft.
>Nein, du magst hinuntergehen nach Schonen, das ich zu einem guten,
fruchtbaren Land gemacht habe, und dort den Schonen schaffen, aber den
Smlnder, den berla mir.< Und dann erschuf der liebe Gott den Smlnder
und machte ihn klug und gengsam, froh und fleiig, unternehmend und
tchtig, damit er sich in dem armen Land seinen Unterhalt erwerben knne.

Sobald Klein-Mats an diesem Punkt angekommen war, pflegte er aufzuhren,
und wenn dann Nils Holgersson auch geschwiegen htte, wre alles gut
gegangen; der aber konnte es nicht lassen, zu fragen, wie es denn Sankt
Petrus bei der Erschaffung der Menschen gegangen sei.

Ja, wie gefllst du dir selber? antwortete Klein-Mats mit so
verchtlicher Miene, da Nils Holgersson sofort ber ihn herfiel, um ihn
durchzubluen. Aber Mats war nur ein kleiner Kerl, und die ein Jahr ltre
sa lief rasch herbei, ihm zu helfen. So gutmtig sie sonst war, sobald
jemand dem Bruder zu nahe kam, fuhr sie auf wie eine Lwin. Nils Holgersson
aber wollte sich nicht mit einem Mdel balgen, deshalb kehrte er den
Geschwistern den Rcken und ging seiner Wege und schaute den ganzen Tag
hindurch nicht ein einziges Mal nach der Seite, wo sich die smlndischen
Kinder befanden.

[Illustration]




16

Die Krhen

Der tnerne Topf


In der sdstlichen Ecke von Smland liegt der Bezirk Sunnerbo. Dort ist
aber ganz ebner, gleichmiger Boden, und wer diesen Bezirk im Winter
sieht, kann sich nichts andres denken, als da sich unter dem Schnee
umgepflgte Brachfelder, grne Roggencker und abgemhte Kleewiesen
ausbreiten, wie es im Flachland zu sein pflegt. Aber wenn der Schnee in
Sunnerbo im Anfang April endlich schmilzt, dann zeigt es sich, da das, was
grn darunter liegen sollte, nichts als trockne, sandige Heiden, nackte
Felskuppen und groe, sumpfige Moore sind. Wohl gibt es da und dort auch
cker, aber sie sind so klein, da man sie kaum bemerkt; und kleine graue
oder rote Bauernhtten sind wohl auch da, aber meistens sind sie in einem
Buchenwldchen ganz versteckt, als ob sie Angst htten, sich zu zeigen.

Wo der Sunnerboer Bezirk mit der Grenze von Halland zusammenstt, liegt
eine Sandheide, die so gro ist, da jemand, der auf der einen Seite steht,
nicht bis zum andern Ende sehen kann. Auf der ganzen Ebene wchst nichts
als Heidekraut, und man knnte wohl auch schwerlich etwas andres dort zum
Wachsen bringen. Zu allererst mte man dann das Heidekraut ausrotten; denn
obgleich dieses nur einen kleinen, verkrppelten Stamm, kleine verkrppelte
Zweige und trockne, verkrppelte Bltter hat, bildet es sich doch ein, es
sei ein Baum, und betrgt sich demgem ganz wie die wirklichen Bume,
breitet sich waldartig ber weite Strecken aus, hlt treulich zusammen und
will nicht leiden, da andre kleine und groe Gewchse in seinen Bereich
eindringen.

Die einzige Stelle auf der Heide, wo das Heidekraut nicht Alleinherrscher
sein kann, ist ein niedriger, steiniger Bergrcken, der sich mitten ber
das Heideland hinzieht. Da gibt es Wacholderbsche, Ebereschen und mehrere
groe, schne Buchen. Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgnsen
umherzog, war auch eine Htte mit einem kleinen Stck gepflgten Landes
dort, aber die Leute, die da gewohnt hatten, waren aus dem einen oder
andern Grunde weggezogen. Die kleine Htte stand leer, und die cker lagen
unbebaut.

Beim Verlassen ihrer Htte hatten die Menschen zwar vorsorglich die
Ofenklappe zugemacht, die Fensterhaken angelegt und die Tr verschlossen.
Aber sie hatten nicht daran gedacht, da eine Fensterscheibe zerschlagen
und die ffnung nur mit einem Lappen verstopft war. Nach ein paar tchtigen
Sommerregen war der Lappen verfault und zusammengesunken; und schlielich
war es einer Krhe gelungen, ihn wegzupicken.

Der Bergrcken auf der Heide war nmlich nicht so einsam, wie man annehmen
knnte, sondern er war von einem groen Volke Krhen bewohnt, das aber
natrlich nicht das ganze Jahr hindurch seinen Aufenthalt da hatte. Im
Winter zogen die Krhen ins Ausland, im Herbst flogen sie von einem Acker
zum andern im ganzen Gtaland umher und pickten Saatkrner auf, im Sommer
zerstreuten sie sich auf die Hfe im Bezirk Sunnerbo und lebten von Eiern,
Beeren und jungen Vgeln; aber in jedem Frhling, wenn sie Nester bauen und
Eier legen wollten, kehrten sie auf dieses mit Heidekraut bewachsene
Heideland zurck.

Die Krhe, die den Lappen aus dem Fenster herausgepickt hatte, hie Garm
Weifeder, wurde aber nie anders als Fumle oder Drumle oder schlechtweg
Fumle-Drumle genannt, weil sie sich immer dumm und ungeschickt anstellte
und zu nichts zu gebrauchen war, als da man sich ber sie lustig machte.
Fumle-Drumle war grer und strker als alle die andern Krhen, aber das
half ihr gar nichts, die andern trieben nach wie vor ihren Spott mit ihr.
Und auch das half ihr nichts, da sie aus sehr vornehmem Geschlecht
stammte. Von Rechts wegen htte sie sogar der Anfhrer der ganzen Schar
sein mssen, weil diese Wrde von Urzeiten her dem ltesten der Weifeder
zu eigen gewesen war. Aber lange, ehe Fumle-Drumle zur Welt kam, hatte ihre
Familie die Macht verloren, und diese gehrte jetzt einer grausamen wilden
Krhe, namens Wind-Eile.

Der Herrscherwechsel aber stammte daher, da die Krhen auf dem
Krhenbergrcken beschlossen hatten, ihre Lebensweise zu ndern. Viele
werden wohl glauben, alles, was Krhe heie, lebe auf ein und dieselbe
Weise, aber dies ist ganz unrichtig. Es gibt ganze Krhenvlker, die ein
ehrenwertes Leben fhren, das heit, sich nur von Samenkrnern,
Wrmerlarven und schon gestorbenen Tieren nhren. Und es gibt andre, die
ein wahres Ruberunwesen treiben; diese fallen ber junge Hasen und kleine
Vgel her und rauben jedes Vogelnest aus, das sie nur entdecken knnen.

Die alten Weifeder waren streng und mig gewesen; und so lange sie die
Anfhrer waren, hatten die Krhen sich so auffhren mssen, da ihnen die
andern Vgel nichts Bses nachsagen konnten. Aber die Krhen waren sehr
zahlreich; es herrschte groe Armut bei ihnen, und sie brachten es auf die
Dauer nicht fertig, einen so strengen Wandel zu fhren. Sie emprten sich
deshalb gegen die Weifeder und gaben die Macht einem Krhenmann namens
Wind-Eile, der der schlimmste Ruber und Nestplnderer war, den man sich
denken konnte, wenn nicht sein Weib, die Wind-Kra, schlielich noch
schlimmer war. Unter der Anfhrerschaft dieser beiden hatten sich die
Krhen einem solchen Lebenswandel hingegeben, da sie jetzt mehr gefrchtet
waren als Habichte und Eulen.

Fumle-Drumle wurde natrlich keine Stimme eingerumt. Die ganze Schar
erklrte einstimmig, er schlage nicht im geringsten seinen Vorfahren nach
und passe ganz und gar nicht zum Anfhrer. Es wre berhaupt nicht von ihm
gesprochen worden, wenn er nicht immer neue Dummheiten gemacht htte.
Einige besonders kluge sagten allerdings bisweilen, es sei vielleicht ein
Glck fr Fumle-Drumle, da er ein so unbeholfener Tropf sei, sonst htten
Wind-Eile und Kra es nicht gewagt, diesen Abkmmling des alten
Huptlingsgeschlechtes in der Schar bleiben zu lassen.

Jetzt waren diese beiden im Gegenteil sehr freundlich gegen Fumle-Drumle
und nahmen ihn gern mit auf ihre Jagdzge; da konnten dann alle andern
sehen, da sie viel geschickter und khner waren als der gute Fumle-Drumle.

Keine von den Krhen wute, da Fumle-Drumle den Lappen aus der
zerbrochenen Fensterscheibe herausgepickt hatte, und wenn sie es gewut
htten, wrden sie sich aufs hchste darber verwundert haben. Die
Keckheit, sich einer menschlichen Wohnung zu nhern, htten sie
Fumle-Drumle nie zugetraut. Fumle-Drumle behielt die Sache auch vollstndig
fr sich, und dazu hatte er seine guten Grnde. Wind-Eile und Kra
behandelten ihn zwar bei Tage und in Gegenwart der andern immer gut, aber
in einer sehr dunklen Nacht, als die Krhen schon auf ihren Zweigen
aufgesessen waren, war er pltzlich von ein paar Krhen berfallen und
beinahe ermordet worden. Von da an begab er sich jeden Abend, nachdem es
dunkel geworden war, von seinem gewohnten Schlafplatz in die Htte hinein.

Da geschah es, da die Krhen, nachdem sie schon ihre Nester auf dem
Krhenberge in Ordnung gebracht hatten, einen merkwrdigen Fund machten.
Eines Nachmittags waren Wind-Eile, Fumle-Drumle und ein paar andre in ein
groes, an dem einen Ende der Heide liegendes Loch im Boden hinabgeflogen.
Dieses Loch war nichts weiter als eine Kiesgrube, aber die Krhen konnten
sich mit einer so einfachen Erklrung nicht zufrieden geben; sie flogen
bestndig hinein und drehten jedes Sandkorn um, weil sie gar zu gern gewut
htten, warum die Menschen diese Grube gemacht hatten. Whrend sie so
eifrig beschftigt waren, strzte pltzlich eine Masse Kies von der einen
Seite herunter. Die Krhen liefen erregt dorthin, und das Glck wollte es,
da zwischen den herabgestrzten Steinen und dem Kies ein ziemlich groer
tnerner, mit einem Holzdeckel verschlossener Topf lag. Sie wollten
natrlich wissen, ob etwas darin sei, versuchten auch, ein Loch in den Topf
zu hacken und den Deckel aufzumachen; aber keins von beiden gelang ihnen.

Ganz ratlos standen sie um den Topf herum und betrachteten ihn, als sie
pltzlich eine Stimme hrten: Soll ich kommen und euch helfen, ihr
Krhen? Sie schauten hastig auf, und da, am Rande der Grube, sa ein
Fuchs, der zu ihnen herunterschaute. Der Fuchs war, was Farbe und Gestalt
betraf, einer der schnsten Fchse, den die Krhen je gesehen hatten. Sein
einziger Schnheitsfehler war, da er ein Ohr verloren hatte.

Wenn du Lust hast, uns eine Geflligkeit zu erweisen, sagte Wind-Eile,
werden wir nicht nein sagen. Gleichzeitig aber flog sie aus der Grube
heraus, und die andern Krhen folgten ihr eilig nach. Der Fuchs hpfte an
ihrer Statt hinunter, bi an dem Topf herum und zog am Deckel, aber auch er
konnte ihn nicht ffnen.

Kannst du dir denken, was darin ist? fragte Wind-Eile.

Der Fuchs rollte den Topf hin und her und horchte aufmerksam. Silbermnzen
sinds gewi und wahrhaftig, lauter silberne Mnzen sinds! sagte er.

Das war mehr, als die Krhen erwartet hatten. Meinst du wirklich, es
knnte Silber sein? fragten sie, und ihre Augen funkelten vor Begierde;
denn so merkwrdig es auch klingen mag, es gibt auf der Welt nichts, was
die Krhen mehr lieben, als Silbermnzen.

Hrt nur, wie sie klirren! sagte der Fuchs und rollte den Topf noch
einmal hin und her. Ich wei nur nicht, wie wir dazu kommen sollen.

Nein, das ist wohl unmglich, seufzten die Krhen.

Der Fuchs rieb sich den Kopf mit der linken Pfote und berlegte. Vielleicht
knnte es ihm jetzt mit Hilfe der Krhen gelingen, diesen Knirps, der ihm
immer wieder entging, in seine Gewalt zu bekommen. Ich wte wohl einen,
der uns den Topf ffnen knnte, sagte der Fuchs schlielich.

Wen? Wen? riefen die Krhen, und in ihrem Eifer flatterten sie wieder in
die Grube hinab.

Das will ich euch sagen, wenn ihr mir versprecht, ihn mir nachher
auszuliefern, sagte der Fuchs.

Und nun erzhlte er den Krhen von Dumling und sagte, wenn sie ihn auf die
Heide hier herausbringen knnten, wrde der ihnen den Topf sicher ffnen
knnen. Aber als Lohn fr diesen Rat verlange er, da ihm Dumling
berlassen werde, sobald er den Krhen die Silbermnzen verschafft htte.
Die Krhen hatten keinen Grund, Dumling zu verschonen, und gingen ohne
weitres auf die Bedingung ein.

Dies alles war leicht zu vereinbaren gewesen, schwerer aber war es, zu
erfahren, wo der Dumling und die Wildgnse sich befanden. Wind-Eile machte
sich selbst mit fnfzehn Krhen auf den Weg und sagte, er werde bald wieder
zurck sein. Aber ein Tag um den andern verging, ohne da die Krhen auf
dem Krhenhgel auch nur einen Schein von ihm gesehen htten.


Von den Krhen geraubt

                                                  Mittwoch, 13. April

Beim ersten Morgengrauen waren die Wildgnse drauen, um sich etwas Nahrung
zu verschaffen, ehe sie die Reise nach Ostgtland antraten. Der Holm in der
Gsbucht, wo sie geschlafen hatten, war klein und kalt, aber im Wasser
ringsum wuchsen allerlei Gewchse, an denen sie sich sttigen konnten. Der
Junge war schlimmer daran, er suchte vergeblich etwas Ebares fr sich.

Als er sich nun hungrig und in der Morgenkhle schnatternd nach allen
Seiten umsah, fiel sein Blick auf ein paar Eichhrnchen, die auf einer mit
Bumen bestandenen Landzunge gerade vor der kleinen Felseninsel spielten.
Da dachte er, die Eichhrnchen htten vielleicht noch etwas von ihrem
Wintervorrat brig, und er bat den weien Gnserich, ihn auf die Landzunge
hinberzubringen, er wolle die Eichhrnchen um ein paar Haselnsse bitten.

Der groe Weie schwamm gleich mit ihm ber die Meerenge; aber zum Unglck
waren die Eichhrnchen von ihrem Spiel vollstndig in Anspruch genommen,
sie jagten einander von Baum zu Baum und nahmen sich keine Zeit, den Jungen
anzuhren, sondern zogen sich im Gegenteil immer tiefer ins Gebsch hinein.
Der Junge lief ihnen eilig nach und war bald aus dem Gesichtskreis des
Gnserichs verschwunden, der ruhig am Strande liegen geblieben war.

Der Junge watete durch einige Wiesen, wo die Anemonen so hoch standen, da
sie ihm beinahe bis zum Kinn reichten, da fhlte er sich pltzlich hinten
angefat, und es wurde der Versuch gemacht, ihn aufzuheben. Rasch wendete
er sich um; da sah er, da ihn eine Krhe am Halskragen gepackt hatte. Er
versuchte sich loszureien; aber ehe ihm dies gelang, eilte noch eine Krhe
herbei, bi sich in einem von seinen Strmpfen fest und ri ihn zu Boden.

Wenn der Junge sogleich um Hilfe geschrieen htte, wre es dem Gnserich
wohl gelungen, ihn zu befreien, aber der Junge dachte wahrscheinlich, mit
ein paar Krhen msse er es allein aufnehmen knnen. Er schlug und stie um
sich; aber die Krhen lieen nicht los, und es gelang ihnen auch wirklich,
ihre Beute mit sich in die Luft hinaufzunehmen. Sie gingen aber dabei so
unvorsichtig zu Werke, da der Kopf des Jungen gegen einen Baum stie. Er
bekam einen starken Schlag auf den Wirbel; es wurde ihm schwarz vor den
Augen, und er verlor das Bewutsein.

Als der Junge die Augen wieder aufschlug, befand er sich hoch ber der
Erde. Nur langsam kehrte ihm das Gedchtnis zurck, und im Anfang wute er
weder, wo er war, noch was er sah. Als er unter sich schaute, glaubte er,
da unten sei ein ungeheuer groer wolliger Teppich ausgebreitet, der in den
unregelmigsten Mustern von grn und blau gewebt war. Es war ein sehr
dicker, prachtvoller Teppich, aber der Junge dachte: Wie schade, da er so
verdorben ist! Denn der Teppich sah geradezu zerfetzt aus, lange Risse
liefen mitten hindurch, und an einigen Stellen waren groe Stcke
weggerissen. Das merkwrdigste aber war, da der Teppich ber einen Spiegel
ausgebreitet zu sein schien, denn da, wo die Lcher und Risse waren,
schimmerte helles, glnzendes Spiegelglas hervor.

Das nchste, was der Junge sah, war die aufgehende Sonne, die sich jetzt
ber dem Horizont zeigte, und siehe da, der Spiegel unter den Lchern und
Rissen in dem Teppich begann pltzlich in rotem und goldnem Glanze zu
schimmern. Das sah prachtvoll aus, und der Junge freute sich ber das
schne Farbenspiel, obgleich er nicht recht begriff, was er eigentlich sah.
Aber jetzt begannen die Krhen abwrts zu fliegen, und auf einmal entdeckte
er, da der groe Teppich unter ihm die mit grnen Nadelholzwldern und
braunen, kahlen Laubwldern bedeckte Erde war, die Lcher und Risse aber
lauter glnzende Fjorde und kleine Seen waren.

Und nun fiel ihm ein, da er, als er das erstemal auf dem Gnsercken durch
die Luft geflogen war, geglaubt hatte, der Erdboden in Schonen sei ein
gewrfeltes Tuch. Doch dieses Land hier, das wie ein zerrissener Teppich
aussah, wie mochte es wohl heien?

Eine Menge Fragen gingen ihm durch den Kopf. Warum sa er nicht auf dem
Rcken des weien Gnserichs? Warum flog ein groer Schwarm um ihn her? Und
warum wurde er hierher und dorthin gezerrt und geschleudert, so da er fast
hinunterfiel?

Doch pltzlich wurde ihm alles klar. Er war von ein paar Krhen geraubt
worden. Der weie Gnserich lag noch am Strand und wartete auf ihn, und die
Wildgnse wollten heute noch nach Ostgtland weiterreisen; ihn selbst aber
brachte man fort. Sdwestwrts ging es; das erkannte er daran, da er die
Sonnenscheibe hinter sich hatte. Ja, und der groe Wlderteppich dort
drunten mute Smland sein.

Wie wird es dem weien Gnserich nun gehen, wenn ich nicht mehr fr ihn
sorgen kann? dachte der Junge. Er begann den Krhen zuzurufen, sie sollten
ihn sogleich zu den Wildgnsen zurckbringen. Seiner selbst wegen war er
jedoch nicht im geringsten beunruhigt, er glaubte, die Krhen htten ihn
aus reinem Mutwillen mitgenommen.

Die Krhen aber richteten sich ganz und gar nicht nach seinen Befehlen,
sondern flogen so schnell als mglich weiter. Aber nach einer Weile schlug
eine mit den Flgeln auf eine Art, die bei den Krhen bedeutet: Seht euch
vor! Gefahr! Sogleich tauchten alle in einen Fichtenwald unter und drangen
zwischen riesigen Zweigen hindurch bis hinunter auf den Waldboden. Hier
angekommen, setzten sie den Jungen unter einer dichten Fichte nieder, wo er
so gut verborgen war, da ihn nicht einmal der Blick eines Falken htte
entdecken knnen.

Die Schnbel auf den Jungen gerichtet, stellten sich fnfzehn Krhen als
Wache um ihn herum. Nun, ihr Krhen, werde ich jetzt vielleicht erfahren,
warum ihr mich geraubt habt? fragte der Junge.

Aber er hatte kaum ausgeredet, als ihn auch schon eine groe Krhe
anzischte: Schweig! Oder ich hacke dir die Augen aus!

Und mit diesem Ausspruch war es der Krhe sicherlich Ernst, darber konnte
kein Zweifel herrschen; dem Jungen blieb also nichts andres brig, als zu
gehorchen. Schweigend sa er da und starrte die Krhen an, und die Krhen
starrten ihn an.

Aber je lnger er sie betrachtete, desto weniger gefielen sie ihm. Ihr
Federkleid war schrecklich schmutzig und schlecht geputzt, ganz als ob die
Krhen von einem Bad oder von Einlen gar nichts wten. An ihren Zehen und
Klauen klebte vertrocknete Erde, und in den Schnabelwinkeln saen
Speisereste. Das war ein andrer Schlag Vgel als die Wildgnse, das sah der
Junge wohl. Sie hatten ein grausames, habschtiges, gieriges und freches
Aussehen, ganz wie richtige Ruber und Landstreicher.

Da bin ich ja wohl unter ein echtes Ruberpack geraten, dachte der Junge.

In demselben Augenblick hrte er den Lockruf der Wildgnse ber sich: Wo
bist du? Hier bin ich! Wo bist du? Hier bin ich!

Er erriet, da Akka und die andern auf der Suche nach ihm waren; aber ehe
er antworten konnte, zischte die groe Krhe, die der Anfhrer der Bande zu
sein schien, ihm ins Ohr: Denk an deine Augen! Und es blieb ihm nichts
andres brig, als zu schweigen.

Die Wildgnse hatten wohl keine Ahnung, da der Junge ihnen so nahe war;
sie waren gewi nur zufllig ber diesen Wald hingeflogen, denn der Junge
hrte sie nur noch ein paarmal rufen, dann verstummten sie. Ja, nun mut
du dir selbst helfen, Nils Holgersson! sagte er zu sich selbst. Nun mut
du zeigen, ob du whrend der in der Wildnis verbrachten Wochen etwas
gelernt hast.

Nach einer Weile machten die Krhen Anstalt, aufzubrechen; sie hatten
offenbar die Absicht, den Jungen noch weiter mitzunehmen, und zwar wieder
so, da ihn die eine am Hemdkragen, die andre am Strumpf festhielt. Doch da
sagte der Junge: Ist denn keine unter euch stark genug, mich auf ihrem
Rcken zu tragen? Ihr habt mich schon so mihandelt, da ich wie gerdert
bin. Lat mich doch reiten, ich werde mich gewi nicht hinabstrzen, das
verspreche ich.

Glaube nur nicht, da wir uns darum kmmern, wie es dir geht, sagte der
Anfhrer.

Aber jetzt kam die grte von den Krhen herbei; sie hatte eine weie Feder
im Flgel und sagte: Es wre gewi besser fr uns alle, Wind-Eile, wenn
wir Dumling ganz und nicht halb an Ort und Stelle brchten, deshalb will
ich versuchen, ihn auf meinem Rcken zu tragen.

Wenn du es kannst, Fumle-Drumle, dann hab ich nichts dagegen, sagte
Wind-Eile. Aber verliere ihn ja nicht!

Damit war schon viel gewonnen, und der Junge war wieder ganz vergngt. Den
Mut brauche ich noch nicht zu verlieren, weil mich die Krhen geraubt
haben, dachte er. Mit diesen Gaunern werde ich schon fertig werden.

Die Krhen flogen in sdwestlicher Richtung immer weiter ber Smland hin.
Es war ein herrlicher, sonniger, warmer Morgen, die Vgel auf der Erde
drunten gingen alle auf Freiersfen, sie sangen und zwitscherten ihre
zrtlichsten Weisen. In einem hohen, dunklen Wald, hoch droben in dem
Wipfel einer Fichte, sa eine Drossel mit herabhngenden Flgeln und
aufgeblhtem Hals und sang ein Mal ums andre: Ach, wie schn bist du! Wie
wunderbar schn bist du! Niemand ist so schn wie du! Und sobald sie mit
diesem Liede zu Ende war, fing sie wieder von vorn an.

Aber gerade zu der Zeit flog der Junge ber den Wald hin, und nachdem er
das Lied ein paarmal mit angehrt hatte und merkte, da die Drossel sonst
keines konnte, hielt er beide Hnde wie eine Trompete vor den Mund und rief
hinab: Das haben wir schon frher gehrt! Das haben wir schon frher
gehrt!

Wer macht sich ber mein Lied lustig? fragte die Drossel und versuchte
den Sprecher zu entdecken.

Der von den Krhen Geraubte ist es! antwortete der Junge.

Da wendete der Krhenhuptling den Kopf und sagte: Hte deine Augen,
Dumling!

Aber der Junge dachte: Ach, was kmmere ich mich darum! Nun gerade will
ich dir zeigen, da ich mich nicht frchte!

Immer weiter ins Land hinein ging es, und berall gab es Wlder und Seen.
Auf einem von Birken eingefriedigten Weideplatze sa die Waldtaube auf
einem kahlen Zweige, und vor ihr stand der Tuberich. Er blies die Federn
auf, verdrehte den Hals, wiegte den Krper auf und ab, so da die
Brustfedern den Zweig streiften, und dazwischen gurrte er: Du, du, bist
die schnste im Walde! Keine im Walde ist so schn wie du, du, du!

Aber oben in den Lften flog der Junge vorber, und als er den Tuberich
hrte, konnte er sich nicht still verhalten. Glaub ihm nicht! Glaub ihm
nicht! rief er hinab.

Wer, wer, wer ist es, der mich verleumdet? gurrte der Tuberich und
versuchte den zu entdecken, der ihm die Worte zugerufen hatte.

Der von den Krhen Geraubte ist es! rief der Junge.

Wieder drehte Wind-Eile den Kopf nach dem Jungen und befahl ihm zu
schweigen; aber Fumle-Drumle, der ihn trug, sagte: La ihn doch schwatzen,
dann denken die kleinen Vgel, wir Krhen seien gute, freundliche Vgel
geworden.

O, die sind wohl auch nicht so dumm! entgegnete Wind-Eile; aber der
Gedanke schmeichelte ihm doch, und von da an lie er den Jungen rufen, so
viel er wollte.

Weiter und weiter ging es, meistens ber Wlder und Waldwiesen hin, aber
natrlich kamen hin und wieder auch Kirchen und Drfer und am Waldesrand
kleine Huser. Einmal sahen sie einen alten schnen Herrensitz mit
rotangestrichenen Mauern und einem steilen Dach mit mehreren Abstzen.
Dahinter lag der Wald, davor ein See, der Vorplatz war von mchtigen
Ahornbumen eingefat, und im Garten standen groe, vielstige
Stachelbeerbsche. Ganz oben auf der Wetterfahne sa ein Star und
zwitscherte so laut, da jeder Ton bis zu dem Starenweibchen hinunterdrang,
das in einem Starenkasten am Birnbaum auf seinen Eiern sa. Wir haben vier
kleine Eier! sang der Star. Wir haben vier schne, runde Eier! Wir haben
das ganze Nest voll prchtiger Eier!

Der Star sang sein Lied zum tausendsten Mal, als der Junge ber den Hof
hinflog. Da legte er die Hnde wie ein Rohr vor den Mund und rief: Die
Dohle wird sie holen! Die Dohle wird sie holen!

Wer ist es, der mich erschrecken will? fragte der Star und schlug unruhig
mit den Flgeln.

Der Krhenreiter ists, der Krhenreiter! rief der Junge. Diesmal gebot
der Krhenhuptling dem Jungen nicht Schweigen. Er und die ganze Schar
waren im Gegenteil so lustig, da sie vor Befriedigung krchzten.

Je weiter sie ins Land hineinkamen, desto grer wurden die Seen, und desto
mehr Inseln und Landzungen hatten sie. Am Ufer eines Sees stand der
Enterich und machte tiefe Bcklinge vor der Ente. Ich will dir treu
bleiben mein Leben lang! Ich will dir treu bleiben mein Leben lang!
erklrte er feierlich.

Es dauert keinen Sommer lang! schrie der Junge, der eben vorberflog.

Was bist du denn fr einer? rief ihm der Enterich nach.

Ich heie Krhenraub! schrie der Junge.

Um die Mittagszeit lieen sich die Krhen auf einer Waldwiese nieder. Sie
flogen umher und suchten sich Speise, aber keiner von ihnen fiel es ein,
auch dem Jungen etwas zu geben. Pltzlich flog Fumle-Drumle mit einem
wilden Rosenzweig, an dem einige rote Hagebutten saen, im Schnabel zu dem
Huptling hin. Sieh, was ich dir bringe, Wind-Eile, sagte er. Dies ist
etwas Gutes, das fr dich pat.

Aber Wind-Eile krchzte verchtlich. Meinst du, ich wolle alte,
vertrocknete Hagebutten fressen?

Und ich hatte gedacht, du wrdest dich darber freuen, sagte Fumle-Drumle
und warf den Zweig in hellem Mimut weg. Der Zweig aber fiel gerade vor dem
Jungen nieder, und dieser war nicht faul, ihn aufzuheben und seinen Hunger
mit den Beeren zu stillen.

Als die Krhen satt waren, begannen sie miteinander zu plaudern. Woran
denkst du, Wind-Eile? Du bist heute so still? sagte eine zu dem Anfhrer.

Ich denke daran, da in dieser Gegend einmal eine Henne lebte, die ihre
Herrin sehr lieb hatte; und um ihr eine rechte Freude zu machen, legte sie
ein besonders groes Ei, das sie unter dem Scheunenboden verbarg. So lange
sie das Ei ausbrtete, freute sie sich immerfort, wie beglckt die Frau
ber das Kchlein sein werde. Die Frau wunderte sich natrlich, wo die
Henne so lange blieb. Sie suchte berall nach, fand sie aber nicht.
Langschnabel, kannst du erraten, wer sie fand?

Ich glaube, ich kann es erraten, Wind-Eile, und nachdem du dies erzhlt
hast, will ich etwas hnliches zum besten geben. Entsinnt ihr euch der
groen schwarzen Katze im Hinneryder Pfarrhaus? Sie war mit ihrer
Herrschaft unzufrieden, weil diese ihr immer die neugeborenen Jungen
wegnahm und ertrnkte. Nur ein einziges Mal gelang es der Katze, die
kleinen Neugeborenen zu verstecken, denn da legte sie sie in eine
Strohmiete auf dem Acker. Sie war berglcklich mit ihren Jungen, aber ich
glaube, ich hatte noch mehr Freude an ihnen als sie.

Jetzt wurden die andern Krhen so eifrig, da sie einander ins Wort fielen.
Ist das eine Kunst, Eier und neugeborene Junge zu stehlen? rief eine.
Ich hab einmal einen jungen, beinahe ausgewachsenen Hasen erjagt. Da galt
es, ihn von Dickicht zu Dickicht zu verfolgen----

Weiter kam sie nicht, denn schon fiel ihr eine andre ins Wort. Es mag ja
ganz lustig sein, Hhner und Katzen zu rgern, aber viel interessanter
finde ich es, wenn eine Krhe einem Menschen Verdru bereiten kann. Ich hab
einmal einen silbernen Lffel gestohlen----

Aber lnger konnte der Junge diese Unterhaltung nicht mit anhren. Nein,
hrt nun, ihr Krhen, ihr solltet euch schmen, sagte er, so viele
Schlechtigkeiten preiszugeben. Jetzt habe ich drei Wochen bei den
Wildgnsen zugebracht, aber von ihnen habe ich nur Gutes gehrt. Ihr mt
einen schlechten Huptling haben, wenn er euch erlaubt, auf solche Weise zu
rauben und zu morden. Ihr solltet ein neues Leben anfangen, denn ich sage
euch, die Menschen sind eurer Bosheit so berdrssig geworden, da sie euch
auszurotten versuchen, koste es, was es wolle. Und dann wird es bald aus
mit euch sein.

Als Wind-Eile und die Krhen dies hrten, wurden sie so erbost, da sie
sich auf den Jungen strzten, um ihn zu zerhacken und zu zerreien. Aber
Fumle-Drumle lachte und krchzte und stellte sich vor ihn hin. Nein, nein,
nein! wehrte er ab und schien ganz entsetzt zu sein. Was meint ihr wohl,
was Wind-Kra sagen wird, wenn ihr den Dumling umbringt, ehe er uns die
Silbermnzen verschafft hat?

Ja du, du hast wohl Angst vor dem Weibervolk! rief Wind-Eile. Aber
jedenfalls lieen er und die andern Krhen Dumling jetzt in Frieden.

Bald darauf zogen die Krhen weiter. Bis dahin hatte der Junge fortwhrend
gedacht, Smland sei doch kein so armes Land, wie ihm gesagt worden war. Es
war ja wohl dicht bewaldet und voller Bergrcken, aber an den Flssen und
Seen lagen bebaute Felder, und eine wirkliche Wildnis hatte er bis jetzt
noch nicht angetroffen. Aber je tiefer er ins Land hineinkam, desto weiter
voneinander entfernt waren die Drfer und Gehfte, und schlielich war es
doch, als fliege er ber eine wahre Wildnis hin, denn er sah nichts als
Moore, Heideland und Felsenhgel.

Die Sonne war im Untergehen, aber es war doch noch taghell, als die Krhen
die mit Heidekraut bewachsene Ebene erreichten. Wind-Eile schickte eine
Krhe voraus mit der Nachricht, da ihr Suchen mit Erfolg gekrnt worden
sei; und als dies bekannt wurde, flogen mehrere hundert Krhen, Wind-Kra
an der Spitze, vom Krhenhgel fort und den Ankommenden entgegen. Mitten
unter dem ohrenzerreienden Krchzen, das die Krhen bei der gegenseitigen
Begrung ausstieen, sagte Fumle-Drumle zu dem Jungen: Du bist auf der
ganzen Reise so lustig und vergngt gewesen, da ich dich liebgewonnen
habe. Deshalb will ich dir jetzt einen guten Rat geben. Sobald wir uns
niederlassen, trgt man dir eine Arbeit auf, die dir sehr leicht vorkommen
wird. Aber hte dich wohl, sie auszufhren.

Gleich darauf setzte Fumle-Drumle den Jungen in einer Sandgrube nieder. Der
Junge lie sich auf den Boden fallen und blieb wie zum Tode ermattet
liegen. Flgelschlagend, da es wie ein Sturm brauste, flatterten unzhlige
Krhen um ihn her; aber der Junge machte die Augen nicht auf.

Steh auf, Dumling! befahl Wind-Eile. Du mut etwas fr uns tun, was fr
dich eine Kleinigkeit ist.

Aber der Junge rhrte sich nicht, sondern stellte sich schlafend. Doch ohne
ein weitres Wort zu verlieren, packte ihn Wind-Eile am Arm und schleppte
ihn ber den Sand zu einem altertmlich geformten tnernen Topf hin, der
mitten in der Grube stand. Steh auf, Dumling, befahl er, und ffne uns
den Topf!

Warum lt du mich denn nicht schlafen? sagte der Junge. Heute abend bin
ich zu mde dazu. Wartet bis morgen!

ffne den Topf! befahl Wind-Eile und schttelte den Jungen.

Jetzt setzte sich der Junge auf und betrachtete den Topf sehr genau. Wie
sollte ich armes Kind einen solchen Topf ffnen knnen? Er ist ja ebenso
gro wie ich selbst!

ffne ihn! befahl Wind-Eile noch einmal. Sonst geht es dir schlecht!

Der Junge stand auf, wankte zu dem Topf hin, befhlte den Deckel und lie
die Arme sinken. Ich bin doch sonst nicht so schwach, sagte er. Lat
mich doch nur bis morgen schlafen, dann werde ich den Deckel gewi
aufbringen.

Doch Wind-Eile war ungeduldig; er sprang vor und pickte den Jungen ins
Bein. Aber eine solche Behandlung wollte dieser sich nicht gefallen lassen;
rasch ri er sich los, sprang ein paar Schritte zurck, zog sein Messer aus
der Scheide und hielt es ausgestreckt vor sich hin.

Nimm dich in acht, du! rief er Wind-Eile zu.

Der aber war zu erbittert, um der Gefahr auszuweichen. Ganz blind vor Wut
strzte er auf den Jungen zu und direkt in das Messer hinein, das ihm durch
das eine Auge ins Gehirn hineindrang. Der Junge zog zwar das Messer hastig
zurck, aber Wind-Eile schlug nur noch ein paarmal mit den Flgeln, dann
sank er tot zu Boden.

Wind-Eile ist tot! Der Fremde hat unsern Huptling Wind-Eile umgebracht!
schrien die Krhen, die zunchst standen. Und dann erhob sich ein
entsetzlicher Lrm; die einen jammerten, die andern schrien nach Rache.
Alle miteinander, Fumle-Drumle an der Spitze, strzten oder flatterten auf
den Jungen zu. Aber wie gewhnlich benahm sich Fumle-Drumle ganz verkehrt.
Er flatterte nur mit ausgebreiteten Flgeln ber dem Jungen und verhinderte
dadurch die andern, an ihn heranzukommen und auf ihn loszuhacken.

Jetzt sah der Junge, da er sich da in eine schlimme Lage gebracht hatte.
Er konnte den Krhen nicht entfliehen, und nirgends war ein Ort, wo er sich
htte verstecken knnen? Aber dann fiel ihm der tnerne Topf ein. Mit einem
krftigen Ruck ri er den Deckel herunter und sprang hinein, um sich darin
zu verstecken. Aber der Topf war ein schlechter Schlupfwinkel, denn er war
fast bis zum Rande mit kleinen dnnen Silbermnzen gefllt, und der Junge
konnte nicht tief genug hineinkommen. Da beugte er sich vor und begann die
Mnzen herauszuwerfen.

Bis jetzt waren die Krhen in einem dichten Schwarm um ihn hergeflattert
und hatten versucht, nach ihm zu hacken; als er aber die Mnzen herauswarf,
vergaen sie auf einmal ihre Rachgier und pickten die Geldstcke eiligst
auf. Mit vollen Hnden warf der Junge Mnzen heraus, und alle Krhen, ja
selbst Wind-Kra, versuchten sie aufzufangen. Und jede, der es gelang, eine
Mnze zu erhaschen, strzte in grter Hast auf und davon nach ihrem Nest,
die Beute dort zu verstecken.

Als der Junge alle Silbermnzen aus dem Topf herausgeworfen hatte, sah er
auf. Da war nur noch eine einzige Krhe in der Sandgrube, Fumle-Drumle mit
der weien Feder im Flgel, der ihn getragen hatte. Du hast mir einen
grern Dienst geleistet, als du ahnen kannst, Dumling, sagte die Krhe
mit einer ganz andern Stimme und mit ganz anderm Tonfall als vorher, und
deshalb will ich dir das Leben retten. Setz dich auf meinen Rcken, dann
bringe ich dich in ein Versteck, wo du whrend der Nacht sicher bist.
Morgen werde ich es dann so einrichten, da du zu deinen Freunden
zurckgebracht wirst.


Die Htte

                                                  Donnerstag, 14. April

Als der Junge am nchsten Morgen erwachte, lag er auf einem Bett, und als
er vier Wnde um sich her und ein Dach ber sich sah, glaubte er daheim zu
sein. Ob Mutter nicht bald mit dem Kaffee kommt? murmelte er noch im
Halbschlaf. Aber dann fiel ihm ein, da er ganz verlassen in einer Htte
auf dem Krhenberg lag, und da Fumle-Drumle mit der weien Feder ihn am
vorhergehenden Abend hierhergetragen hatte.

Dem Jungen taten alle Glieder weh nach der Reise, die er am gestrigen Tage
gemacht hatte, und das Stilliegen kam ihm deshalb sehr schn vor. Er
wartete auf Fumle-Drumle, der versprochen hatte, wiederzukommen, ihn zu
holen. Das Bett war von einem Vorhang aus gewrfeltem Baumwollstoff
umgeben, der Junge schob ihn zur Seite, um sich in der Stube umzusehen.
Nein, ein solches Gebude hatte er sicherlich noch nie gesehen! Die Wnde
bestanden nur aus einer doppelten Reihe Latten, dann kam gleich das Dach.
Eine Zimmerdecke war nicht da, man konnte bis zum Dachfirst hinaufsehen.
Die ganze Htte war so klein, da sie ihm mehr fr solche Wesen, wie er
jetzt eines war, als fr richtige Menschen gemacht zu sein schien; aber der
Herd und der Kamin waren ganz richtig gebaut und kamen ihm gerade so gro
vor wie alle, die er frher gesehen hatte. Die Eingangstr auf der einen
Giebelseite neben dem Herd war so schmal, da sie beinahe einer Luke glich.
An der andern Giebelseite war ein niedriges, breites Fenster mit vielen
kleinen Scheiben. Es waren fast keine beweglichen Mbel im Zimmer, die Bank
an der einen Langseite und der Tisch am Fenster waren an der Wand
festgemacht, und desgleichen das groe Bett, in dem der Junge lag, sowie
auch der bunte Wandschrank.

Der Junge htte gar zu gern gewut, wem die Htte gehrte, und warum sie
unbewohnt sei. Es sah ganz so aus, als ob die abwesenden Bewohner die
Absicht gehabt htten, wiederzukommen. Die Kaffeekanne und der Grtzentopf
standen auf dem Herd, und in dem Ofenwinkel lag etwas Brennholz. Der
Ofenschrer und die Backschaufel standen in einer Ecke, der Spinnrocken war
auf einen Stuhl gestellt, auf dem Bort ber dem Fenster lagen Werg und
Flachs, ein paar Strnge Garn, ein Talglicht und ein Bund Zndhlzer.

Ja, es sah gerade aus, als ob die Leute, denen die Htte gehrte,
zurckzukehren gedchten. In der Bettlade lagen die ntigen Bettstcke, und
an der Wand waren lange Tuchstreifen befestigt, auf denen drei Reiter zu
sehen waren, die Kaspar, Melchior und Balthasar hieen. Dieselben Pferde
und dieselben Reiter waren viele Male abgebildet. Sie ritten in der ganzen
Stube herum und nahmen ihren Weg sogar bis zu den Dachbalken hinauf.

Aber oben im Dach erblickte der Junge etwas, das ihn eiligst auf die Beine
brachte. Da oben auf einem Haken hingen ein paar trockne Brotkuchen. Sie
sahen allerdings etwas schimmelig und alt aus, aber es war doch immerhin
Brot. Er versetzte ihnen mit der Backschaufel ein paar Schlge, da ein
Stck herunterfiel. Schnell stillte er seinen Hunger und stopfte auch seine
Taschen noch voll damit. Wie unglaublich gut doch Brot schmeckte!

Dann schaute er sich noch einmal in der Stube um, ob er nicht etwas
entdecke, das ihm ntzlich sein knnte! Ich darf doch wohl das mitnehmen,
was mir notwendig ist, da sich niemand darum kmmert, dachte er. Aber das
meiste, was er sah, war zu gro und zu schwer. Das einzige, was er etwa
mitnehmen konnte, waren ein paar Zndhlzer.

Er kletterte auf den Tisch hinauf und schwang sich mit Hilfe der Vorhnge
auf das Brett ber dem Fenster. Whrend er da oben stand und die Zndhlzer
in sein Sckchen hineinstopfte, flog die Krhe mit der weien Feder zum
Fenster herein.

Nun, da bin ich, sagte sie und hielt bei dem Tisch an. Ich konnte nicht
frher abkommen, weil wir Krhen heute einen neuen Huptling gewhlt
haben.

Wen habt ihr denn gewhlt? fragte der Junge.

Einen, der keine Ruberei und Ungerechtigkeit dulden wird, sagte die
Krhe und reckte sich, da sie ganz majesttisch aussah. Garm Weifeder
ist gewhlt worden, der vorher Fumle-Drumle hie.

Das ist eine gute Wahl, sagte der Junge, und er gratulierte Fumle-Drumle
herzlich.

Ja, du darfst mir wohl Glck wnschen, sagte Garm; und dann erzhlte er
dem Jungen, was fr ein Leben er mit Wind-Eile und Kra gehabt htte.

Pltzlich hrte der Junge vor dem Fenster eine Stimme, die ihm bekannt
vorkam. Ist er hier? fragte Smirre, der Fuchs.

Ja, da drinnen hat er sich versteckt, antwortete eine Krhenstimme.

Nimm dich in acht, Dumling! rief Garm. Wind-Kra steht mit dem Fuchs
drauen, der dich auffressen will!

Mehr konnte er nicht sagen, denn der Fuchs machte einen Satz gegen das
Fenster. Die alte, morsche Fensterverkleidung gab nach, und im nchsten
Augenblick stand Smirre auf dem Tische am Fenster. Den neugewhlten
Huptling, Garm Weifeder, der keine Zeit zum Davonfliegen gehabt hatte,
bi er sofort tot. Dann sprang er auf den Boden hinunter und schaute sich
nach dem Jungen um.

Dieser versuchte sich hinter einem Garnhaspel zu verstecken, aber Smirre
hatte ihn schon gesehen und duckte sich zum Sprunge. Ach, die Htte war so
gar klein und niedrig, der Junge war keinen Augenblick im Zweifel, da ihn
der Fuchs ohne Schwierigkeit erreichen knne! Aber in diesem Augenblick war
der Junge nicht ohne Verteidigungswaffen. Eilig brannte er ein Zndholz an,
hielt es an das Wergbndel, und als dieses aufflammte, warf er es auf
Smirre hinunter. Und als das Feuer auf den Fuchs fiel, wurde dieser von
einem wahnsinnigen Schrecken erfat. Er dachte nicht mehr an den Jungen;
ohne sich zu besinnen, floh er aus der Htte hinaus.

Aber es sah aus, als ob der Junge zwar einer Gefahr entgangen sei, jedoch
nur, um sich in eine grere zu bringen. Von dem Wergbndel, das er nach
Smirre geworfen hatte, verbreitete sich das Feuer weiter, und schon hatte
es den Bettumhang ergriffen. Der Junge sprang hinunter und versuchte die
Flammen zu lschen; aber das Feuer brannte schon zu stark, die Stube fllte
sich schnell mit Rauch, und Smirre, der vor dem Fenster stehen geblieben
war, erriet leicht, wie es da drinnen stand. Na, Dumling, rief er, was
willst du whlen? Gebraten werden oder zu mir herauskommen? Ich mchte dich
allerdings am liebsten auffressen, aber wenn dich der Tod auf andre Weise
erreicht, bin ich es auch zufrieden.

Der Junge war berzeugt, da der Fuchs recht habe, denn das Feuer griff
schrecklich schnell um sich. Schon brannte das ganze Bett, vom Boden stieg
Rauch auf, und an den gemalten Tuchstreifen krochen die Flammen von einem
Reiter zum andern. Der Junge war auf den Herd hinaufgesprungen und
versuchte die Klappe zum Backofen zu ffnen; da hrte er pltzlich, da ein
Schlssel in die Tr gesteckt und leise umgedreht wurde. Das muten
Menschen sein, und in der Not, in der der Junge sich befand, frchtete er
sich nicht, er freute sich nur. Er sah zwei Kinder vor sich; aber zu
beobachten, was fr Gesichter sie machten, als sie die Stube in Flammen
stehen sahen, dazu lie er sich keine Zeit, sondern strzte an ihnen vorbei
ins Freie.

Weit wagte er jedoch nicht zu laufen, denn er wute wohl, da Smirre ihm
auflauerte, und da er am besten tat, sich in der Nhe der Kinder
aufzuhalten. Er wendete den Kopf, um zu sehen, wie sie ausshen; aber er
hatte sie noch keine Sekunde betrachtet, als er auch schon auf sie
zustrzte und ausrief: Guten Tag, sa! Guten Tag, Klein-Mats!

Denn als der Junge die Kinder erkannte, verga er vollstndig, wo er sich
befand. Die Krhen, die brennende Htte und die sprechenden Tiere
verschwanden aus seinem Gedchtnis. In Westvemmenhg auf einem Stoppelfelde
htete er seine Gnse, auf dem Felde daneben wanderten die beiden
smlndischen Kinder mit den ihrigen; und sobald er die Kinder sah, sprang
er auf das Steinmuerchen und rief: Guten Tag, Gnsehirtin sa! Guten Tag,
Klein-Mats!

Als aber die beiden Kinder einen kleinen Knirps mit ausgestreckten Hnden
auf sich zulaufen sahen, faten sie sich gegenseitig an, wichen ein paar
Schritte zurck und sahen zum Tod erschrocken aus.

Und als der Junge ihren Schrecken wahrnahm, kam er zu sich und erinnerte
sich, wer er war. Und da meinte er, es knnte ihm nichts Schlimmeres
passieren, als wenn ihn gerade diese Kinder in seiner verhexten Gestalt
shen. Die Scham und der Kummer darber, da er kein Mensch mehr war,
berwltigten ihn. Er wendete sich um und entfloh, wohin, das wute er
selbst nicht.

Aber siehe da, drauen auf der Heide, was begegnete ihm da Gutes? Aus dem
Heidekraut schimmerte etwas Weies hervor, und ihm entgegen kamen der weie
Gnserich und Daunenfein. Als der Weie ihn in solcher Hast daherrennen
sah, glaubte er, da der Junge von gefhrlichen Feinden verfolgt wrde. In
aller Eile hob er ihn auf seinen Rcken und flog mit ihm davon.

[Illustration]




17

Die alte Bauernfrau


                                                  Donnerstag, 14. April

Drei mde Wanderer waren spt am Abend noch unterwegs und suchten sich eine
Nachtherberge. Sie befanden sich in einer armen einsamen Gegend des
nrdlichen Smlands, und doch htte sich ein solches Ruhepltzchen, wie sie
es wnschten, eigentlich finden lassen mssen, denn es waren keine
verwhnten Schwchlinge, die nach weichen Betten oder wohleingerichteten
Zimmern fragten.

Wenn nur einer von diesen langen Bergrcken einen so steilen, hohen Gipfel
htte, da ein Fuchs an keiner Seite hinaufklettern knnte, dann htten wir
einen guten Schlafplatz! sagte einer von ihnen.

Wenn ein einziges von den groen Mooren aufgefroren und so weich und na
wre, da sich ein Fuchs nicht darauf hinauswagte, dann wre das auch ein
recht guter Nachtaufenthalt, sagte der zweite.

Wenn nur an einem der zugefrorenen Seen, an denen wir vorbeikamen, das Eis
vom Ufer ganz losgelst wre, so da kein Fuchs vom Lande aus hinber
gelangen knnte, dann htten wir das, was wir suchen, sagte der dritte.

Das Schlimmste aber war, da zwei von den Reisenden nach Sonnenuntergang
furchtbar schlfrig wurden und sich kaum noch aufrecht halten konnten.
Deshalb wurde der dritte, der auch nachts wachen konnte, bei der
zunehmenden Dunkelheit mit jedem Augenblick unruhiger. Es ist doch
wirklich ein Unglck, dachte er. Nun sind wir in ein Land geraten, wo die
Seen und Moore mit Eis bedeckt daliegen, so da der Fuchs berall
hinbergelangen kann. An andern Orten ist das Eis ganz geschmolzen; aber
jetzt sind wir wohl in dem kltesten Smland, wo der Frhling seinen Einzug
noch nicht gehalten hat. Ich wei nicht, was ich tun soll, um einen guten
Schlafplatz ausfindig zu machen. Wenn ich nicht einen Ort erreiche, wo wir
wohlbeschtzt sind, fllt Smirre ber uns her, ehe der Morgen anbricht.

Er sah sich nach allen Seiten um; aber nirgends fand sich ein Platz, der
ihm passend erschienen wre. Ach, und es war ein trber kalter Abend mit
Wind und Sprhregen! Immer unheimlicher und unbehaglicher wurde es ringsum.

Es mag einem sonderbar vorkommen, aber die Reisenden schienen ganz und gar
keine Lust zu haben, in irgend einem Hof um Obdach zu bitten. Sie waren
schon an vielen Kirchspielen vorbergekommen, ohne an einer einzigen Tr
anzuklopfen. Selbst die kleinen Schutzhtten am Waldesrand, bei deren
Anblick alle armen Wanderer freudig aufatmen, schienen ihnen nicht zu
gefallen. Man htte sich schlielich versucht fhlen knnen, zu sagen, es
geschehe ihnen ganz recht, wenn sie in Not seien, da sie ja die Hilfe, die
ihnen geboten werde, nicht annehmen wollten.

Als es aber endlich so dunkel geworden war, da kaum noch ein heller
Streifen am Himmel zu sehen war, und die beiden, die sich des Schlafes
nicht erwehren konnten, im Halbschlummer weiter wanderten, kamen sie an
einen Bauernhof, der fern von allen andern Hfen ganz einsam dalag. Und er
lag nicht allein einsam da, sondern sah auch aus, als sei er vollstndig
unbewohnt. Aus dem Schornstein stieg kein Rauch auf, aus den Fenstern drang
kein Lichtschein heraus, kein Mensch war auf dem Hofplatze zu sehen. Als
nun der eine, der sich auch nachts wach halten konnte, den Hof sah, dachte
er: Nun mag es gehen, wie es will, aber hier mssen wir hineinzukommen
versuchen. Etwas Besseres finden wir wahrscheinlich doch nicht.

Gleich darauf standen alle drei auf dem Hofplatze. Die beiden Schlfrigen
schliefen wirklich ein, sobald sie anhielten, der dritte aber sphte eifrig
umher, um herauszufinden, wo sie am besten unterkommen knnten. Der Hof war
durchaus nicht klein; auer dem Wohngebude, dem Pferde- und Viehstall, war
noch eine lange Reihe von andern Wirtschaftsgebuden, Scheunen, Lagerrumen
und Gerteschuppen zu sehen. Aber alles sah schrecklich rmlich und
heruntergekommen aus; die Huser hatten graue, moosbewachsene, schiefe
Mauern, die einzufallen drohten. Die Dcher zeigten ghnende Lcher, und
die Tren hingen schrg in ihren zerbrochenen Angeln. Offenbar hatte sich
seit langer Zeit niemand mehr die Mhe gegeben, hier auch nur einen Nagel
einzuschlagen.

Indessen aber hatte der von den Reisenden, der wach war, ausfindig gemacht,
welches von den Gebuden der Viehstall sein mute. Er rttelte die beiden
andern auf und fhrte sie zu der Stalltr hin. Glcklicherweise war sie nur
mit einem Haken zugemacht, den man mit einem Stecken leicht zurckschieben
konnte. In dem Gedanken, da sie nun bald alle in Sicherheit seien, stie
der Anfhrer der drei Wanderer einen Seufzer der Erleichterung aus; als
aber die Stalltr laut knarrend aufging, hrte er pltzlich eine Kuh
brllen. Kommt Ihr nun endlich, Mutter? sagte die Kuh. Ich glaubte
schon, Ihr wrdet mir heute gar kein Futter bringen.

Als er merkte, da der Stall nicht leer war, blieb der wache Wanderer ganz
erschrocken in der Tr stehen. Doch bald fate er wieder Mut, denn er sah,
da nur eine Kuh und drei oder vier Hhner da waren.

Wir sind drei arme Reisende, die eine Nachtherberge suchen, wo uns kein
Fuchs berfallen und kein Mensch fangen kann, sagte er. Wir mchten wohl
wissen, ob dies ein guter Platz fr uns wre.

Das glaube ich gewi, antwortete die Kuh. Die Wnde sind zwar schlecht,
aber bis jetzt ist noch nie ein Fuchs hereingedrungen, und auf dem Hofe
wohnt niemand als eine alte Frau, die gewi nicht imstande ist, jemand zu
fangen. Aber was seid ihr fr Leute? fuhr sie fort und drehte den Kopf, um
die Eingetretenen sehen zu knnen.

Ach, ich bin Nils Holgersson aus Westvemmenhg, der in ein Wichtelmnnchen
verwandelt worden ist, antwortete der erste der Reisenden. Ich habe eine
zahme Gans bei mir, auf der ich gewhnlich reite, und auerdem auch noch
eine Graugans.

So liebe Gste sind noch nie innerhalb meiner vier Wnde gewesen, sagte
die Kuh. Ich heie euch willkommen, obgleich ich fast noch lieber gesehen
htte, wenn meine Hausmutter mit meinem Nachtessen gekommen wre.

Der Junge geleitete nun die Gnse in den recht groen Stall hinein und
brachte sie in einem leeren Stand unter, wo sie auch gleich wieder
einschliefen.

Sich selbst machte er ein kleines Hufchen Stroh zurecht und dachte nicht
anders, als da er auch gleich einschlafen werde.

Aber daraus wurde nichts, denn die arme Kuh, die kein Futter bekommen
hatte, verhielt sich keinen Augenblick ruhig. Sie rasselte mit ihrer
Halskette, drehte sich in ihrem Stande hin und her und klagte, wie hungrig
sie sei. Der Junge konnte kein Auge schlieen; wachend lag er auf seinem
Huflein Stroh und dachte an alles, was er in den letzten Tagen erlebt
hatte. Da war zuerst das unerwartete Zusammentreffen mit dem Gnsemdchen
sa und Klein-Mats, und er grbelte darber nach, ob wohl die kleine Htte
in Smland, die er angezndet hatte, die Htte der beiden Kinder gewesen
sei. Er konnte sich ja wohl erinnern, da sie gerade von so einem Huschen
an der groen Heide erzhlt hatten. Sie waren also miteinander gekommen,
ihre Heimat wiederzusehen, und als sie endlich dahingelangt waren, hatte
sie in Flammen gestanden. Ach, welch ein groer Schmerz mute das fr sie
gewesen sein! Und er, er war schuld daran! Es tat ihm schrecklich leid, und
er gelobte sich, wenn er je wieder ein Mensch wrde, sich alle Mhe zu
geben, sie fr den Verlust und die Enttuschung schadlos zu halten.

Dann kehrten seine Gedanken zu den Krhen zurck, und als er an
Fumle-Drumle dachte, der ihn gerettet, aber in demselben Augenblick, wo er
zum Huptling gemacht worden war, den Tod erlitten hatte, da wurde der
Junge tief betrbt, und die Trnen traten ihm in die Augen. Ja, er hatte es
recht schwer gehabt in den letzten Tagen. Aber ein groes Glck war ihm
doch widerfahren-- der Gnserich und Daunenfein hatten ihn gefunden.

Der Gnserich hatte ihm dann alles erzhlt. Sobald die Wildgnse gemerkt
hatten, da Dumling verschwunden war, hatten sie alle die kleinen Tiere
des Waldes nach ihm gefragt, und da hatten sie bald erfahren, da eine
Schar smlndischer Krhen ihn fortgefhrt habe. Die Krhen waren aber
schon auer Sehweite gewesen, und niemand hatte gewut, wohin sie sich
gewandt hatten. Um nun den Jungen so schnell als mglich wiederzufinden,
hatte Akka den Wildgnsen befohlen, sich zu zerstreuen und immer zwei und
zwei zusammen nach allen Seiten hin zu suchen. Wenn sie zwei Tage lang
gesucht htten, sollten sie, ob sie ihn gefunden htten oder nicht, im
nordwestlichen Smland auf einem hohen Berggipfel, der einem jh
abgebrochenen Turm glich und Taberg hie, wieder zusammentreffen. Und
nachdem Akka ihnen noch die besten Wegzeichen angegeben und ihnen
beschrieben hatte, wie sie den Taberg finden knnten, hatten die Gnse sich
getrennt.

Der weie Gnserich hatte sich Daunenfein als Reisegefhrten gewhlt. Aufs
hchste besorgt waren sie da und dorthin geflogen, und wie sie so
umhergeirrt waren, hatten sie eine Amsel in einem Baumwipfel klagen und
schelten hren, weil sie von einem, der sich Krhenraub genannt habe,
verspottet worden sei. Die beiden hatten die Amsel ausgefragt, und sie
hatte ihnen gezeigt, in welcher Richtung dieser Krhenraub gereist war.
Spter waren sie einem Tuberich begegnet, sowie einem Star und einer
Wildente, die sich alle ber einen beltter beklagt hatten, der sie in
ihrem Gesang unterbrochen und sich Krhenraub, Krhenbeute und
Krhendiebstahl geheien habe. Auf diese Weise hatten der Gnserich und
Daunenfein die Spur des Dumlings bis zu der mit Heidekraut bewachsenen
Heide im Bezirk Sunnerbo verfolgen knnen.

Sobald nun die beiden Dumling gefunden hatten, waren alle drei in
nrdlicher Richtung weitergezogen, um den Taberg zu erreichen. Aber das war
ein sehr weiter Weg, und die Dunkelheit hatte sie berfallen, ehe sie den
Berggipfel hatten wahrnehmen knnen. Aber wenn wir nur morgen hinkommen,
dann hat alle Not ein Ende, dachte der Junge und bohrte sich tiefer in das
Stroh hinein, um es wrmer zu haben.

Die Kuh hatte sich indessen nicht beruhigt, und jetzt begann sie pltzlich
mit dem Jungen zu sprechen. Hat nicht einer von euch vorhin gesagt, er sei
ein Wichtelmnnchen? Wenn er wirklich eines ist, versteht er wohl auch,
eine Kuh zu versorgen?

Was fehlt dir denn? fragte der Junge.

Alles mgliche fehlt mir, antwortete die Kuh. Ich bin weder gemolken
noch versorgt worden, habe kein Futter fr die Nacht und keine Streu unter
mir. Die Hausmutter kam in der Dmmerung zu mir in den Stall, um mich wie
gewhnlich zu versorgen, aber sie fhlte sich so krank, da sie sogleich
wieder hineingehen mute, und seither ist sie nicht wiedergekommen.

Da ist es recht schade, da ich so klein und schwach bin, sagte der
Junge, denn ich werde dir leider nicht helfen knnen.

Du wirst mir doch nicht weismachen wollen, du seiest schwach, weil du so
klein bist? sagte die Kuh. Alle die Wichtelmnnchen, von denen ich je
gehrt habe, waren so stark, da sie ein ganzes Fuder Heu tragen und eine
Kuh mit einem einzigen Faustschlag tten konnten.

Unwillkrlich mute der Junge lachen. Das waren Wichtelmnnchen von einer
andern Sorte als ich! rief er. Aber ich will deine Halskette lsen und
die Stalltr aufmachen, dann kannst du hinausgehen und deinen Durst an
einer der Wasserpftzen lschen. Und dann will ich sehen, ob ich auf den
Heuboden hinaufklettern und Heu in deine Krippe hinunterwerfen kann.

Ja, das wre doch immerhin etwas, sagte die Kuh.

Der Junge tat, wie er gesagt hatte; und als die Kuh eine volle Krippe vor
sich hatte, hoffte er endlich selbst schlafen zu drfen. Aber kaum hatte er
es sich auf seinem Lager bequem gemacht, als die Kuh wieder mit ihm zu
sprechen begann.

Du wirst gewi rgerlich ber mich, wenn ich dich um etwas bitte, sagte
sie.

Gewi nicht, antwortete der Junge, wenn es nur etwas ist, was ich tun
kann.

Dann sei so gut und geh in das Haus hier ber dem Hof gerade gegenber und
sieh nach, wie es der Hausmutter geht. Ich frchte, es ist ihr ein Unglck
zugestoen.

Nein, das kann ich nicht, denn ich habe nicht den Mut, mich vor den
Menschen sehen zu lassen.

Vor einer alten, kranken Frau wirst du dich doch nicht frchten? sagte
die Kuh. Und du brauchst nicht einmal zu ihr in die Stube hineinzugehen.
Stell dich nur vor die Tr und schau zu dem Trspalt hinein.

Ja, wenn du weiter nichts verlangst, kann ich es ja tun, sagte der Junge.

Damit ffnete er die Stalltr und trat auf den Hofplatz hinaus. Es war eine
schreckliche Nacht, um drauen zu sein. Weder Mond noch Sterne leuchteten,
der Wind heulte, und der Regen prasselte hernieder. Das Schlimmste aber
war, da sieben groe Eulen auf dem Dachfirst des Wohnhauses saen. Wie
schauerlich war es fr den Jungen, sie da droben krchzen und ber das
schlechte Wetter klagen zu hren! Aber noch schrecklicher war ihm doch das
Bewutsein, da es um ihn geschehen sei, sobald auch nur eine von ihnen ihn
erblicke.

Ja, wer klein ist, der ist zu bedauern, sagte der Junge, als er auf den
Hof trat. Und er hatte ein Recht, so zu sprechen. Zweimal wurde er vom
Sturm umgeblasen, ehe er das Wohnhaus erreichte, und einmal fegte ihn ein
Windsto in einen Wassertmpel hinein, in dem er beinahe ertrunken wre.
Aber schlielich erreichte er doch sein Ziel.

Als er vor dem Hause angekommen war, kletterte er ein paar Stufen hinauf,
stieg mhselig ber eine Schwelle hinber und gelangte in den Flur. Die
Zimmertr war geschlossen, aber in der einen Ecke war ein groes Stck
herausgesgt, damit die Katze aus und eingehen knnte. Das Hineingucken in
die Stube fiel also dem Jungen durchaus nicht schwer.

Aber kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, als er auch schon
erschrocken den Kopf zurckbog. Auf dem Boden da drinnen lag eine alte
grauhaarige Frau. Sie rhrte sich nicht und sthnte auch nicht, und ihr
Gesicht sah merkwrdig wei aus. Es war, als ob ein unsichtbarer Mond einen
bleichen Schein darauf werfe.

Da tauchte in dem Jungen eine Erinnerung auf. Als sein Grovater starb, war
dessen Gesicht gerade auch so sonderbar wei geworden. Die alte Frau, die
da drinnen auf dem Boden lag, mute tot sein. Sie hatte wohl einen Schlag
bekommen, und der Tod hatte sie so rasch ereilt, da sie sich nicht einmal
mehr zu Bett hatte legen knnen.

Der Junge erschrak frchterlich; mitten in der stockfinstern Nacht war er
ganz allein mit einer Toten. Hals ber Kopf strzte er ber die Schwelle
und die Treppe hinunter und lief in grter Eile in den Stall zurck.

Als er der Kuh erzhlt hatte, was er in der Stube gesehen, hrte sie auf zu
fressen. So, so, die Hausmutter ist tot, sagte sie. Dann wird es auch
mit mir bald aus sein.

Es wird schon jemand kommen, der Euch versorgt, sagte der Junge trstend.

Ach, sagte die Kuh, du weit nicht, da ich schon doppelt so alt bin,
als eine Kuh sonst zu werden pflegt, ehe sie auf die Schlachtbank gelegt
wird. Aber wenn mich meine gute Hausmutter nicht mehr versorgen kann, habe
ich auch gar kein Verlangen, noch lnger zu leben.

Eine Weile schwieg sie; aber der Junge merkte wohl, da sie weder schlief
noch fra. Und es dauerte auch nicht lange, da begann die Kuh von neuem:
Liegt sie auf dem Boden?

Ja, mitten in der Stube, antwortete der Junge.

Wenn sie hier im Stall war, sprach sie immer von allem, was sie
bekmmerte, fuhr die Kuh fort. Ich verstand alles, was sie sagte,
obgleich ich ihr nicht antworten konnte. Und gerade in den letzten Tagen
sagte sie, sie frchte, wenn es bei ihr ans Sterben gehe, werde niemand bei
ihr sein. Niemand werde ihr die Augen zudrcken, niemand ihr die Hnde auf
der Brust falten, wenn sie tot sei. Mchtest du nun nicht hinbergehen und
dies tun?

Der Junge war unentschlossen. Er erinnerte sich, da seine Mutter den
Grovater, als er gestorben war, sehr frsorglich zurecht gelegt hatte. Und
er wute, da dies etwas war, was man tun mute. Aber er fhlte auch, da
er nicht den Mut habe, mitten in dieser schauerlichen Nacht zu der Toten
hinberzugehen. Er gab der Kuh keine abschlgige Antwort, aber er machte
auch keinen Schritt in der Richtung der Stalltr.

Das alte Tier verhielt sich eine Weile stumm, als ob es auf Antwort
wartete, und als der Junge fortgesetzt schwieg, wiederholte es seine Bitte
nicht; statt dessen begann es dem Jungen von seiner Hausmutter zu erzhlen.

Und wie viel war doch da zu erzhlen! In allererster Linie von allen den
Kindern, die sie aufgezogen hatte. Die Kinder waren ja jeden Tag in den
Stall gekommen, und im Sommer waren sie mit dem Vieh auf das Moor und die
Weidepltze gezogen. Die alte Kuh hatte alle genau gekannt, und es waren
lauter gesunde, frhliche, fleiige Kinder gewesen. Ja, ja, das Vieh wei
sehr gut, ob die Hirten tchtig sind, sagte die Kuh.

Und ebensoviel hatte sie von dem Hof zu berichten. Er war nicht immer so
armselig gewesen wie jetzt. Ein sehr ausgedehntes Besitztum war es,
obgleich es zum grten Teil aus Moor und steinigem Heideland bestand und
nicht viel Platz zu ckern vorhanden war; aber als Viehweide war es berall
ausgezeichnet. Zu einer Zeit hatte in dem ganzen langen Stallgebude in
jedem Stand eine Kuh ihren Platz gehabt, und der jetzt ganz leere
Ochsenstall war voll schner Ochsen gewesen. Und damals hatte im Wohnhaus
und im Stall eitel Lust und Freude geherrscht. Wenn die Hausmutter die
Stalltr ffnete, sang und trllerte sie, und alle Khe brllten vor
Freude, wenn sie sie kommen hrten.

Aber der Hausherr war gestorben, als die Kinder noch klein waren und sich
noch nicht ntzlich machen konnten. Die Frau hatte den Hof bernehmen
mssen mit all seiner Arbeit und all seiner Sorge. Sie war stark wie ein
Mann und pflgte und erntete. Wenn sie am Abend zum Melken in den Stall
kam, war sie bisweilen mde und weinte. Aber sobald sie an ihre Kinder
dachte, wurde sie wieder froh. Dann wischte sie sich die Trnen aus den
Augen und sagte: Das tut nichts, sobald meine Kinder erwachsen sind,
bekomme auch ich gute Tage. Ja, wenn nur sie heranwachsen!

Doch sobald die Kinder erwachsen waren, berfiel diese eine ganz
eigentmliche Sehnsucht. Sie wollten nicht daheim bleiben, und so zogen sie
fort in ein fremdes Land. Die Mutter bekam keine Hilfe. Einige der Kinder
hatten sich verheiratet, ehe sie weggezogen waren, und diese lieen ihre
kleinen Kinder bei der Gromutter zurck. Und gerade wie frher ihre
Kinder, so begleiteten jetzt die Enkel die Frau in den Stall. Sie hteten
die Khe, und es waren auch lauter gute, gesunde Menschenkinder. Und
abends, wenn die Frau gar so mde war, da sie beim Melken fast einschlief,
rttelte sie sich doch wieder auf und fate neuen Mut, sobald sie an die
Enkelkinder dachte. Auch ich bekomme noch gute Tage, sagte sie, wenn sie
einmal herangewachsen sind.

Aber als diese Kinder herangewachsen waren, zogen auch sie fort, hinber zu
den Eltern in das fremde Land. Keines kehrte zurck, keines blieb daheim.
Die alte Frau war schlielich ganz allein auf dem Hof.

Sie bat auch niemals, da eines bei ihr bleibe. Meinst du denn, Rotkopf,
ich htte das Herz, sie zu bitten, bei mir zu bleiben, wenn sie es drauen
in der Welt besser bekommen knnen? pflegte sie zu sagen, wenn sie neben
der alten Kuh in deren Stand stand. Hier in Smland steht ihnen ja nichts
als Armut bevor.

Als aber das letzte Enkelkind fortgezogen war, war auch die Frau am Ende
ihrer Krfte. Sie wurde auf einmal gebckt und grauhaarig und ging gar
mhselig, als ob sie sich kaum noch von der Stelle bewegen mchte. Und dann
hrte sie auf zu arbeiten. Die Frsorge fr den Hof wurde ihr gleichgltig,
und sie lie fnf gerade sein. Sie lie das Gebude verfallen und verkaufte
die Ochsen und Khe. Nur die alte Kuh, die jetzt mit Dumling sprach,
behielt sie. Diese lie sie am Leben, weil alle die Kinder mit ihr auf die
Weide gezogen waren.

Sie htte sich ja wohl Knechte und Mgde zur Hilfe halten knnen, aber seit
die eignen Kinder sie verlassen hatten, mochte sie keine Fremden um sich
sehen. Und vielleicht war es ihr gerade recht, wenn der Hof verfiel, da ja
keines der Kinder ihn je bernehmen wrde. Sie kmmerte sich nicht darum,
ob sie selbst verarmte, weil sie nicht mehr fr ihr Eigentum sorgte. Nur
eins frchtete sie, da die Kinder erfahren knnten, wie schlecht es um sie
stnde. Da es nur die Kinder nicht erfahren! Da es nur die Kinder nicht
erfahren! seufzte sie, wenn sie mit unsichern Schritten durch den Stall
ging.

Die Kinder schrieben bestndig und baten sie, zu ihnen zu kommen, aber das
wollte sie nicht. Sie wollte das Land nicht sehen, das ihr die Kinder
genommen hatte. Sie war bse auf das Land. Es ist wohl dumm von mir, da
ich es nicht leiden kann, das Land, das gut gegen sie gewesen ist, sagte
sie, aber ich will es nicht sehen.

Sie dachte an nichts als an die Kinder, und daran, da sie in ein fremdes
Land hatten ziehen mssen. Im Sommer fhrte sie die Kuh zur Weide hinaus
auf das groe Moor. Sie selbst sa den lieben langen Tag am Rande des
Moors, die Hnde im Scho, und wenn sie heimging, sagte sie: Siehst du,
Rotkopf, wenn hier anstatt des unfruchtbaren Moorlandes groe, fette cker
gewesen wren, dann htten sie nicht fortzuziehen brauchen.

Sie konnte sich in einen wahren Zorn ber das Moor hineinreden, das sich so
gro vor ihr ausbreitete und doch von keinem Nutzen war. Und oftmals sagte
sie auch, ihr Mann sei schuld daran, da die Kinder von ihr fortgezogen
seien.

Am letzten Abend war sie zittriger und schwcher gewesen als je vorher.
Nicht einmal zum Melken hatte sie die Kraft gehabt. ber den Stand gebeugt
erzhlte sie von zwei Bauern, die dagewesen seien und ihr das Moor htten
abkaufen wollen. Sie htten Ablaufgrben hindurchziehen, dann Getreide
darein sen und ernten wollen. Diese Nachricht hatte die alte Frau froh und
ngstlich zugleich gemacht. Hr nur, Rotkopf, sagte sie, hr nur, sie
sagten, auf dem Moor knnte Roggen wachsen. Jetzt will ich den Kindern
schreiben, sie sollen heimkommen. Sie brauchten nicht lnger fortzubleiben,
denn jetzt knnten sie ihr tgliches Brot daheim gewinnen.

Um diesen Brief zu schreiben, war sie in ihre Stube gegangen------

Der Junge hrte nicht mehr, was die alte Kuh noch erzhlte. Er ffnete die
Stalltr und ging ber den Hof in die Stube zu der Toten, vor der er sich
vorhin so gefrchtet hatte.

An der Tr hielt er an und sah sich um.

Es sah in der Stube nicht so rmlich aus, wie er erwartet hatte. Es waren
viele solche Dinge da, wie die Leute sie zu haben pflegen, die Verwandte in
Amerika haben. In einer Ecke stand ein amerikanischer Schaukelstuhl, auf
dem Tisch am Fenster lag eine schne Plschdecke, und eine andre schne
Decke war ber das Bett gebreitet. An den Fenstern hingen in reich
geschnitzten Rahmen die Photographien der fortgezogenen Kinder und Enkel,
auf der Kommode standen hohe Vasen und ein paar Leuchter mit dicken
gedrehten Kerzen.

Der Junge suchte eine Zndholzschachtel und zndete die beiden Kerzen an;
nicht weil er noch besser zu sehen wnschte, sondern weil er wute, da
dies eine Sitte war, womit man die Toten ehrte.

Dann trat er zu der Toten, drckte ihr sanft die Augen zu, faltete ihr die
Hnde auf der Brust und strich ihr das dnne graue Haar aus dem Gesicht.

Er dachte gar nicht mehr an Furcht, er war im Gegenteil von Mitleid erfllt
und tief betrbt, da die alte Frau auf ihre alten Tage so verlassen
gewesen war und so bitteres Heimweh gelitten hatte. Diese eine Nacht
wenigstens wollte er bei ihrem toten Krper Wache halten.

Er suchte nach dem Gesangbuch und begann einige Lieder halblaut zu lesen.
Aber da hrte er mitten in einem Lied auf, denn er hatte pltzlich an seine
Eltern denken mssen.

Nein, da sich Eltern so nach ihren Kindern sehnen knnen! Das hatte er ja
noch gar nicht gewut. Nein, da das Leben fr sie zu Ende sein sollte,
wenn die Kinder nicht mehr da sind! Wie, wenn sich nun seine Eltern daheim
auch so nach ihm sehnten, wie die Alte hier sich nach ihren Kindern gesehnt
hatte?

Der Gedanke machte ihn froh, aber er wagte nicht daran zu glauben. Er war
nicht so gewesen, da jemand nach ihm Heimweh haben knnte.

Aber was nicht war, das konnte vielleicht noch werden!

Ringsum im Zimmer sah er die Bilder der fernen Kinder. Bilder von groen,
starken Mnnern und Frauen mit ernsten Gesichtern, Brute in langen
Schleiern, Herren in feinen Anzgen, und Kinder mit lockigem Haar und in
schnen weien Kleidern! Und ihm war, als starrten sie alle nur ins Blaue
hinein und wollten nichts sehen.

Ihr Armen! sagte er. Eure Mutter ist tot. Ihr knnt nicht mehr gut
machen, da ihr sie verlassen habt. Aber meine Mutter lebt.

Hier hielt er inne; er mute lcheln. Ja, meine Mutter lebt, sagte er.
Alle beide leben, Vater und Mutter.

[Illustration]




18

Von Taberg nach Huskvarna


                                                  Freitag, 15. April

Der Junge wachte fast die ganze Nacht hindurch, aber gegen Morgen schlief
er ein, und da trumte er von seinem Vater und seiner Mutter. Er konnte sie
kaum wieder erkennen, denn sie hatten beide graues Haar bekommen, und ihre
Gesichter waren alt und runzlig geworden. Er fragte sie, woher das komme,
und sie sagten, sie seien so gealtert, weil sie so bittres Heimweh nach ihm
gehabt htten. Dies rhrte ihn, aber es verwunderte ihn auch, denn er hatte
immer geglaubt, sie wrden sich nur freuen, ihn los zu sein.

Als der Junge erwachte, war es Morgen und helles schnes Wetter drauen.
Zuerst a er selbst ein Stck Brot, das er in der Stube fand, dann gab er
der Kuh und den Gnsen ihr Morgenfutter, zuletzt machte er die Stalltr auf
und sagte zu der Kuh, sie solle sich nach dem nchsten Hof begeben. Wenn
sie allein daherkomme, wrden die Nachbarn schon erraten, wie es bei ihrer
Hausmutter stehe. Sie wrden dann herbeieilen, um nach ihr zu sehen, da
wrden sie den Leichnam finden und ihn begraben.

Kaum hatte die kleine Gesellschaft sich in die Lfte erhoben, als sie auch
schon einen hohen Berg mit fast senkrechten Wnden und einem flachen Gipfel
sahen. Das mute der Taberg sein. Und richtig, auf dem Berggipfel standen
Akka, Yksi und Kaksi, Kolme und Nelj, Viisi und Kuusi, sowie die sechs
jungen Gnse, und alle warteten auf die drei Ankmmlinge. Das war eine
Freude, als sie sahen, da es dem Gnserich und Daunenfein gelungen war,
Dumling zu finden! Es erhob sich ein Geschnatter und Flgelschlagen und
Hin- und Herfragen, das gar nicht beschrieben werden kann.

Der Taberg ist ziemlich hoch hinauf mit Wald bestanden, aber oben auf dem
Gipfel ist er ganz kahl, und von da aus kann man nach allen Seiten hin
weit umherschauen. Gegen Osten, Sden und Westen bietet sich dem Auge fast
nichts dar, als ein armes bergiges Hochland mit dunklen Tannenwldern,
braunen Mooren, eisbedeckten Seen und blauenden Bergrcken. Unwillkrlich
dachte der Junge, jene Sage ber die Erschaffung von Smland msse doch
wohl wahr sein. Wer dieses Land geschaffen, habe sich nicht viele Mhe
gegeben, sondern nur flchtig drauf los gearbeitet. Als der Junge aber nach
Norden schaute, da sah er etwas ganz andres. Hier sah das Land aus, als sei
es mit der grten Liebe und Frsorge geschaffen worden. Hier sah der Junge
lauter schne Berge, sanfte Tler, durch die sich Bche schlngelten bis
hin zu dem groen Wetternsee, der eisfrei und hell glnzend dalag und
leuchtete, als sei er nicht mit Wasser, sondern mit blauem Licht gefllt.

Ja, der Wettern war es, der gegen Norden alles so schn machte! Es sah
gerade aus, als steige aus dem See ein blauer Schimmer auf, der sich ber
die Landschaft ausbreitete. Gehlze und Hgel und die Dcher und Trme der
Stadt Jnkping lagen von einem blauen Schein umflossen da, den das Auge
mit Wohlgefallen betrachtete. Wenn es im Himmel Lnder gibt, dachte der
Junge, dann sind sie wohl auch so blau wie dieses hier. Und es war ihm,
als sei ihm eine Ahnung davon aufgegangen, wie es einst im Paradiese
ausgesehen hatte.

Als die Gnse etwas spter am Tage ihre Reise fortsetzten, flogen sie dem
blauen Tale zu. Sie waren alle in bester Laune, schrieen und lrmten
derart, da alle, die nur Ohren zu hren hatten, auf sie aufmerksam werden
muten.

Dies war nun aber auch der erste so recht schne Frhlingstag, den sie in
diesem Landesteil erlebten. Bis dahin hatte der Frhling seine Arbeit unter
Wind und Regen ausgefhrt, und als es nun ganz schnell wunderschnes Wetter
geworden war, berkam die Menschen drunten auf der Erde eine wahre
Sehnsucht nach Sonnenwrme und nach grnen Wldern, und sie konnten es kaum
bei ihrer tglichen Arbeit aushalten. Als jetzt die Wildgnse frei und
lustig hoch ber ihnen dahinflogen, hielten alle ohne Ausnahme in ihrer
Arbeit inne und schauten ihnen nach.

Die ersten, die an diesem Tage die Wildgnse erblickten, waren die Taberger
Bergwerkleute, die damit beschftigt waren, das Erz an der Oberflche des
Berges herauszubrechen. Als die Arbeiter die Wildgnse vernahmen, hrten
sie auf, an ihren Sprenglchern zu bohren, und einer von ihnen rief den
Vgeln zu: Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?

Die Gnse verstanden nicht, was er sagte; aber der Junge beugte sich ber
den Gnsercken vor und antwortete an ihrer Statt: Dahin, wo es weder
Pickel noch Hmmer gibt!

Als die Grubenarbeiter diese Worte hrten, glaubten sie, ihre eigne
Sehnsucht habe das Gnsegeschnatter wie menschliche Worte in ihren Ohren
erklingen lassen. Nehmt uns mit! Nehmt uns mit! riefen die Arbeiter.

Heuer nicht! schrie der Junge. Heuer nicht!

Die Wildgnse flogen den Tabergflu entlang nach dem Munksee, und immer
noch verfhrten sie dasselbe Gelrm und Getue. Hier auf dem schmalen
Landstreifen zwischen dem Munksee und dem Wettern liegt Jnkping mit
seinen groen Fabriken. Zuerst flogen die Gnse ber die groe Papierfabrik
am Munksee hin. Die Mittagspause war eben zu Ende, und groe
Arbeiterscharen strmten dem Tor der Fabrik zu. Als sie die Wildgnse
hrten, blieben sie einen Augenblick horchend stehen. Wohin geht die
Reise? Wohin geht die Reise? rief einer von den Arbeitern den Gnsen zu.

Die Wildgnse verstanden nicht, was er sagte, aber an ihrer Statt
antwortete der Junge: Dahin, wo es weder Maschinen noch Dampfkessel gibt!

Die Arbeiter hrten diese Antwort, aber auch sie glaubten, ihre eigne
Sehnsucht lasse ihnen das Gnsegeschnatter wie menschliche Worte erklingen.
Nehmt uns mit! Nehmt uns mit! rief eine ganze Menge Arbeiter miteinander.

Heuer nicht! Heuer nicht! entgegnete der Junge.

Dann flogen die Gnse ber die groen Zndholzfabriken hin. Gro wie eine
Festung erheben sie sich am Ufer des Wettern, und ihre hohen Schornsteine
ragen bis zum Himmel auf. Kein Mensch war auf den Hfen zu sehen, aber in
einem groen Saal saen junge Fabrikmdchen und fllten die Zndhlzer in
Schachteln. Bei dem schnen Wetter hatten sie ein Fenster geffnet, und das
Rufen der Wildgnse drang zu ihnen herein. Das dem Fenster zunchst
sitzende Mdchen beugte sich mit ihrer Zndholzschachtel in der Hand zum
Fenster hinaus und rief: Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?

In ein Land, wo man weder Licht noch Zndhlzer braucht! antwortete der
Junge.

Das Mdchen meinte freilich, was sie hre, sei nur Gnsegeschnatter, aber
ein paar Worte schienen ihr doch klar geworden zu sein, und sie rief als
Antwort: Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!

Heuer nicht! entgegnete der Junge. Heuer nicht!

stlich von den Fabriken liegt Jnkping auf dem herrlichsten Platz, den
eine Stadt nur einnehmen kann. Der schmale Wettersee hat auf seiner
stlichen und westlichen Seite hohe, steile aus Sand gebildete Ufer, aber
gegen Sden sind die Sandmauern eingestrzt, wie um Platz fr ein groes
Tor zu schaffen, durch das man zum See gelangen kann. Und mitten in dem
Tor, mit Bergen rechts und Bergen links, dem Munksee hinter sich und dem
Wettersee vor sich, liegt Jnkping.

Die Gnse flogen ber die lange, schmale Stadt hin und vollfhrten auch
hier noch immer denselben Lrm wie drauen auf dem Lande. Aber in der Stadt
gab lange niemand acht auf sie. Es war nicht zu erwarten, da die
Stadtbewohner auf der Strae stehen bleiben und die Wildgnse anrufen
wrden. Jetzt flogen diese ber der Anlage hin, wo die Bste des Dichters
Viktor Rydberg aufgestellt ist. In der Anlage war es still und
menschenleer, keine Spaziergnger waren unter den hohen Bumen zu sehen.
Aber pltzlich drang eine kraftvolle Stimme zu den Wildgnsen herauf:
Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?

In das Land, wo es weder Straen noch Pltze gibt! schrie der Junge.

Nehmt mich mit! rief die starke Stimme. Sie klang so krftig, als ob sie
aus einem ehernen Halse kme.

Heuer nicht! Heuer nicht! entgegnete der Junge.

Die Gnse flogen weiter, dem Ufer des Wettern entlang; und nach einer Weile
kamen sie an das Sannaer Krankenheim. Einige von den Kranken standen auf
einer Veranda, um sich an der Frhlingsluft zu erfreuen, da hrten sie das
Gnsegeschnatter. Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise? fragte
einer der Kranken mit schwacher kaum vernehmlicher Stimme.

In ein Land, wo es weder Kummer noch Krankheit gibt! antwortete der
Junge.

Nehmt uns mit! sagten die Kranken.

Heuer nicht! Heuer nicht! lautete die Antwort.

Als die Schar noch ein Stck weiter geflogen war, kamen sie nach Huskvarna.
Dieser Ort liegt in einem Tal; steile, schn geformte Berge stehen rings
umher, und in langen, schmalen Wasserfllen kommt ein Bach die Anhhe
herabgerauscht. Groe Werksttten und Fabriken liegen am Fu der Berge, im
Tal breiten sich die von kleinen Grten umgebenen Arbeiterwohnungen aus,
und mitten im Tal erhebt sich ein Schulhaus. In dem Augenblick, wo die
Wildgnse vorberflogen, lutete eine Glocke, und eine Menge Kinder strmte
aus der Schule heraus. Es waren ihrer so viele, da sie den ganzen Schulhof
fllten. Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise? riefen die Kinder,
als sie die Wildgnse hrten.

Dahin, wo es weder Bcher noch Aufgaben gibt! rief der Junge.

O, nehmt uns mit! Nehmt uns mit! schrien die Kinder.

Heuer nicht, aber nchstes Jahr! erwiderte der Junge. Heuer nicht, aber
nchstes Jahr!

[Illustration]




19

Der groe Vogelsee

Jarro, die Wildente


Am Ostufer des Wettern liegt Omberg, stlich von Omberg liegt Dagsmosse,
stlich von Dagsmosse liegt der See Tkern, und rings um den Tkern breitet
sich die groe gleichmige Ostgtaebene aus.

Der Tkern ist ein recht groer See, und in alten Zeiten scheint er noch
grer gewesen zu sein. Aber dann meinten die Menschen, er bedecke einen
gar zu groen Teil der fruchtbaren Ebene, und sie versuchten das Wasser
abzulassen, um den Grund des Sees umzupflgen und Getreide darein zu sen.
Es gelang ihnen jedoch nicht, den ganzen See trocken zu legen, wie es wohl
ihre Absicht gewesen war; und so bedeckt er noch immer eine groe Flche.
Aber seit der See zum erstenmal abgelassen wurde, ist das Wasser an keiner
Stelle mehr als einen Meter tief. Die Ufer sind moorig und schlickrig
geworden, und auf dem See drauen ragen berall kleine sumpfige Holme ber
dem Wasser auf.

Doch es gibt jemand, der gern mit den Fen im Wasser steht, wenn nur sein
Krper und Kopf in der Luft sind. Das ist das Schilf, und nirgends gedeiht
es besser als an den langgestreckten, seichten Ufern des Tkern und rings
um die kleinen Sumpfholme herum. Ja, es gedeiht da so ausgezeichnet, da es
mehr als mannshoch wird und so dicht wchst, da sich ein Boot mit knapper
Not hindurchzwngen kann. Das Rhricht bildet einen breiten grnen Grtel
um den ganzen See herum, der dadurch nur an ein paar Stellen, wo die
Menschen Luft geschafft haben, zugnglich ist.

Aber wenn das Schilf die Menschen vom See ausschliet, so verleiht es
dagegen vielen andern Geschpfen Schutz und Schirm. In dem Schilf selbst
gibt es viele Teiche und Kanle mit grnen stillstehenden Gewssern, wo
Wasserlinsen und Laichkraut gedeihen, und wo Mckenlarven, Fischbrut und
Kaulquappen in unermelichen Mengen ausgebrtet werden. An den Ufern dieser
kleinen Teiche und Kanle gibt es auch eine Menge wohlversteckter Pltze,
wo die Seevgel ihre Eier ausbrten und ihre Jungen fttern knnen, ohne
von Feinden bedroht oder von Nahrungssorgen geplagt zu sein.

Es wohnt auch eine unglaubliche Menge Vgel in diesem Rhricht, und deren
Zahl nimmt mit jedem Jahre zu, je mehr es bekannt wird, was fr ein
prchtiger Aufenthaltsort das ist. Die ersten, die sich am Tkern
niedergelassen haben, sind die Wildenten, die auch heute noch zu Tausenden
da wohnen. Aber jetzt haben sie nicht mehr den ganzen See fr sich allein,
sie mssen ihn mit Schwnen, Tauchern, Blhhnern, Seetauchern,
Lffelenten und vielen andern teilen.

Der Tkern ist sicherlich der grte und ausgezeichnetste Vogelsee im
ganzen Land, und die Vgel mssen sich glcklich preisen, so lange sie
einen solchen Aufenthaltsort besitzen. Aber es ist ungewi, wie lange sie
die Herrschaft ber die Rhrichtstrecken behalten drfen, denn die Menschen
knnen nicht vergessen, da sich der See ber eine bedeutende Strecke
guten, fruchtbaren Landes erstreckt, und einmal bers andre taucht wieder
der Vorschlag unter ihnen auf, den See trocken zu legen. Und wenn dieser
Vorschlag verwirklicht wrde, dann mten die vielen tausend Vgel die
Gegend verlassen.

Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgnsen umherzog, wohnte am
Tkern ein Wildenterich namens Jarro. Er war noch jung und hatte erst einen
Sommer, einen Herbst und einen Winter erlebt. Das war sein erster Frhling.
Er war erst krzlich von Nordafrika zurckgekehrt, und zwar sehr
frhzeitig, denn als er am Tkern anlangte, war dieser noch mit Eis
bedeckt.

Eines Abends, als Jarro und die andern jungen Erpel sich damit vergngten,
in ununterbrochenem Flug ber dem See hin und her zu fliegen, erklangen
pltzlich ein paar Schsse, und Jarro wurde in die Brust getroffen. Er
glaubte, er msse sterben; aber damit der Jger, der auf ihn geschossen
hatte, ihn nicht finden und verspeisen solle, flog er weiter, so lange er
nur konnte. Er berlegte nicht, wohin er flog, sondern suchte nur das
Weite. Als ihn dann die Krfte verlieen und seine Flugkraft erlahmte,
befand er sich nicht mehr ber dem See, sondern ber einem der groen
Bauernhfe am Tkernstrand, und zum Tode erschpft, sank er gerade vor dem
Eingang dieses Hofes zu Boden.

Kurz darauf ging ein junger Knecht ber den Hof. Er sah Jarro und hob ihn
auf. Aber Jarro, der nur noch in Frieden zu sterben wnschte, nahm seine
letzten Krfte zusammen und bi den Knecht derb in den Finger, damit er ihn
loslasse.

Doch es gelang Jarro nicht, sich freizumachen; aber sein Angriff hatte doch
etwas Gutes, denn der Knecht merkte, da Jarro nicht tot war. Ganz behutsam
trug er ihn ins Haus hinein und zeigte ihn der Hofbuerin, einer jungen
Frau mit einem freundlichen Gesicht. Sie nahm dem Knecht Jarro sogleich
ab, streichelte ihm den Rcken und trocknete ihm das Blut ab, das zwischen
dem Flaum an seinem Hals hervorsickerte. Dann betrachtete sie ihn sehr
genau, und als sie sah, wie schn er war mit seinem dunkelgrnen glnzenden
Kopf, seinem weien Halsband, seinem braunroten Rcken und seinen blauen
Flgeldecken, dachte sie schlielich, es wre schade, wenn er sterben
mte. Rasch richtete sie einen Korb her und bettete Jarro darein.

Jarro hatte die ganze Zeit mit den Flgeln geschlagen und loszukommen
versucht, als er aber merkte, da die Menschen ihn nicht umbringen wollten,
legte er sich mit einem Gefhl des Wohlbehagens in dem Korbe zurecht. Jetzt
erst fhlte er, wie ermattet er von den Schmerzen und dem Blutverluste war.
Die Hausfrau nahm den Korb auf, um ihn in eine Ecke am Herd zu tragen; aber
ehe sie ihn niedersetzte, hatte Jarro schon die Augen geschlossen und war
eingeschlafen.

Nach einer Weile erwachte Jarro dadurch, da ihn jemand leise anstie. Als
er die Augen aufschlug, erschrak er so frchterlich, da ihm beinahe das
Bewutsein schwand. Jetzt war er verloren, denn vor ihm stand einer, der
fr ihn gefhrlicher war als Menschen und Raubvgel. Niemand anders als
Csar selbst, der langhaarige Hhnerhund, stand vor ihm und beroch ihn.

Welche geradezu erbarmungswrdige Angst hatte nicht Jarro im vorigen Sommer
ausgestanden, so oft er, als ein kleines mit gelbem Flaum bedecktes Junges,
den Ruf ber das Rhricht hin ertnen hrte: Csar kommt! Csar kommt!
Und wenn er den braun- und weigefleckten Hund mit dem zhnefletschenden
Maul durch das Schilf waten sah, glaubte er den Tod selbst vor sich zu
sehen. Er hatte immer gehofft, die Stunde werde er nie erleben mssen, wo
Csar ihm Auge in Auge gegenberstehe.

Und jetzt hatte er zu seinem Unglck gerade in den Hof hinabfallen mssen,
wo Csar daheim war, denn dieser stand vor ihm! Was bist du denn fr
einer? brummte Csar. Wie bist du denn ins Haus hereingekommen? Bist du
nicht drunten im Rhricht daheim?

Nur mit knapper Not brachte Jarro die Worte heraus: Sei mir nicht bse,
Csar, da ich ins Haus hereingekommen bin! Ich kann nichts dafr. Eine
Kugel hat mich getroffen, und die Menschen selbst haben mich in diesen Korb
gebettet.

So, so, die Menschen selbst haben dich in den Korb gelegt, sagte Csar.
Dann haben sie gewi die Absicht, dich zu heilen, obgleich sie meiner
Meinung nach klger daran tten, dich zu verspeisen, solange du in ihrer
Macht bist. Aber hier im Hause herrscht jedenfalls Burgfriede. Du brauchst
nicht so angstvoll auszusehen, wir sind jetzt nicht auf dem Tkern.

Damit machte Csar kehrt und legte sich vor dem flammenden Herdfeuer zum
Schlafen nieder. Sobald Jarro begriff, da diese grliche Gefahr
berstanden war, berfiel ihn die groe Mattigkeit aufs neue, und er
schlief wieder ein.

Als Jarro wieder erwachte, sah er ein Gef mit Grtze und Wasser neben
sich stehen. Er fhlte sich zwar noch sehr krank, aber Hunger hatte er
trotzdem, und so begann er zu fressen. Als die Hausmutter sah, da es ihm
schmeckte, trat sie herzu, streichelte ihn und sah sehr vergngt aus.
Hierauf schlief Jarro abermals ein; mehrere Tage lang tat er nichts als
essen und schlafen.

Eines Morgens aber fhlte er sich so gesund, da er aus dem Korb
herausstieg und auf dem Boden hinlief. Aber er war noch nicht weit
gekommen, als er auch schon umfiel und nicht mehr aufstehen konnte. Da kam
Csar herbei, ffnete sein groes Maul und packte ihn. Jarro glaubte
natrlich, der Hund wolle ihn totbeien; aber Csar trug ihn in seinen Korb
zurck, ohne ihm etwas zuleide zu tun. Dadurch fate Jarro groes Vertrauen
zu Csar; ja, bei seinem nchsten Gehversuch ging er geradewegs zu dem
Hunde hin und legte sich neben ihn. Von da an waren die beiden gute
Freunde, und Jarro lag jeden Tag ganz ruhig schlafend zwischen Csars
Pfoten.

Aber noch grere Hingabe als fr Csar fhlte Jarro fr die Hausfrau. Vor
ihr frchtete er sich auch nicht im geringsten, er rieb sogar seinen Kopf
an ihrer Hand, so oft sie ihm sein Futter brachte. Wenn sie aus dem Zimmer
ging, seufzte er schmerzlich, und wenn sie wieder eintrat, hie er sie in
seiner eignen Sprache willkommen.

Jarro verga vollstndig, wie sehr er sich frher vor den Hunden und den
Menschen gefrchtet hatte. Sie kamen ihm sanft und gut vor, er liebte sie
und wnschte sehnlichst, gesund zu sein, um drunten am Tkern den Wildenten
erzhlen zu knnen, da ihre alten Feinde durchaus nicht gefhrlich seien
und sie sich ganz und gar nicht vor ihnen zu frchten brauchten.

Jarro hatte herausgefunden, da die Menschen hier in dem Hause und auch
Csar vertrauenerweckende Augen hatten, in die hineinzuschauen einem wohl
tat. Die einzige im Hause, deren Augen er nicht gern begegnete, war
Klaurina, die Hauskatze. Sie tat ihm zwar nichts zuleide, aber er konnte
nun einmal kein Vertrauen zu ihr fassen. Sie zankte sich auch immer mit
ihm, weil er die Menschen lieb hatte. Du meinst, sie sorgten fr dich,
weil sie dich lieb htten, sagte Klaurina. Warte nur, bis du ordentlich
fett bist, dann drehen sie dir den Kragen um. Ich kenne sie, jawohl.

Jarro hatte wie alle Vgel ein weiches, vershnliches Herz, und wenn er die
Katze so reden hrte, wurde er tief betrbt. Die Hausfrau sollte ihm den
Kragen umdrehen wollen! Nein, das konnte er nicht von ihr glauben,
ebensowenig als er so etwas von ihrem Shnchen glauben wrde, einem kleinen
Jungen, der mit ihm schkernd und plaudernd stundenlang neben seinem Korbe
sa. Die beiden liebten ihn gewi ebenso ehrlich wie er sie, dessen glaubte
er sicher zu sein.

Eines Tages, als Jarro und Csar auf ihrem gewohnten Platze vor dem Herde
lagen, sa Klaurina auf der Herdplatte und begann mit der Wildente zu
zanken.

Ich mchte wohl wissen, was ihr Wildenten im nchsten Jahre tun werdet,
wenn der Tkern trocken gelegt und in cker verwandelt wird? sagte die
Katze.

Was sagst du da, Klaurina? rief Jarro und sprang entsetzt auf.

Jaso, Jarro, ich vergesse immer wieder, da du die menschliche Sprache
nicht so gut verstehst wie ich und Csar, erwiderte die Katze, sonst
wtest du doch, was die Mnner, die gestern hier waren, gesprochen haben.
Sie sagten, das Wasser des Tkern solle abgelassen werden, und im nchsten
Jahre werde der Grund des Sees beinahe so trocken sein wie ein Stubenboden.
Deshalb mchte ich wissen, wohin ihr Wildenten euch dann begeben wollt?

Als Jarro diese Rede hrte, geriet er in einen frchterlichen Zorn. Wie
eine Schlange zischend fuhr er die Katze an. Du bist boshaft wie ein
Blhuhn und willst mich nur gegen die Menschen aufhetzen. Ich glaube gar
nicht, da sie so etwas im Sinne haben, denn der See ist das Eigentum der
Wildenten, und das mssen die Menschen doch wissen. Warum sollten sie so
viele Vgel heimatlos und unglcklich machen wollen? Du hast gewi das
alles nur ausgeheckt, um mir Angst zu machen. Ich wollte, Gorgo, der Adler,
wrde dich zerfleischen, ja, ich wollte, die Hausfrau schnitte dir deinen
Schnurrbart ab!

Aber mit diesem Ausfall konnte Jarro die Katze nicht zum Schweigen bringen.
So, du meinst also, ich lge? sagte sie. Dann frage doch Csar. Er war
gestern Abend auch hier in der Stube, und Csar lgt nie.

Csar, wendete sich Jarro an den Hund, du verstehst die Sprache der
Menschen viel besser als Klaurina. Sage, da sie nicht recht verstanden
hat! Bedenke doch, was geschehen wrde, wenn die Menschen den Tkern
trocken legten und den Seegrund in cker verwandelten! Dann gbe es doch
fr die erwachsenen Enten weder Wasserlinsen noch Laichkraut und fr die
jungen Entlein keine Fischbrut, keine Kaulquappen und keine Mckenlarven
mehr. Dann wrde auch das Rhricht verschwinden, wo die kleinen Entlein
sich verstecken knnen, bis sie fliegen gelernt haben. Alle Enten mten ja
fortziehen und sich einen andern Aufenthalt suchen. Aber wo sollten sie
einen solchen Zufluchtsort finden wie den Tkern? Csar, sag, da Klaurina
nicht recht gehrt hat!

Csars Benehmen whrend dieser Anrede war im hchsten Grade sonderbar. Er
war vorher hellwach gewesen; aber als Jarro sich an ihn wendete, ghnte er,
legte seine lange Nase auf seine Vorderpfoten, und im nchsten Augenblick
lag er im tiefsten Schlafe.

Mit einem durchtriebenen Lcheln sah die Katze auf Csar hinunter. Ich
glaube, Csar hat keine Lust, dir zu antworten, sagte sie zu Jarro. Er
ist gerade wie alle andern Hunde; sie wollen nie zugeben, da die Menschen
unrecht tun knnen. Aber du kannst dich auf mein Wort unbedingt verlassen.
Und ich will dir auch sagen, warum die Menschen den See austrocknen wollen.
Wenn ihr Wildenten die Herrschaft ber den See noch httet, wrden sie ihn
nicht ablassen, denn von euch haben sie doch noch einen gewissen Nutzen.

Aber jetzt haben ja die Taucher und die Blhhner und andre Vgel, die den
Menschen nicht zur Nahrung dienen, beinahe das ganze Rhricht besetzt, und
derentwegen meinen sie den See nicht beibehalten zu mssen.

Jarro wrdigte die Katze keiner Antwort mehr, aber er hob den Kopf und
schrie Csar ins Ohr: Csar! Csar! Auf dem Tkern gibt es noch so viele
Enten, da sie die Luft wie mit Wolken erfllen, das weit du wohl! Darum
sag, da es nicht wahr ist! Nein, die Menschen knnen nicht im Sinn haben,
uns heimatlos zu machen!

Jetzt sprang Csar auf und fuhr so heftig auf Klaurina los, da diese sich
auf ein Wandbrett flchten mute. Ich werde dich lehren, still zu sein,
wenn ich schlafen will! donnerte er sie an. Natrlich wei ich, da es
sich darum handelt, den See in diesem Jahre abzulassen. Aber man hat ja
schon so oft ber diese Sache gesprochen, ohne da sie je verwirklicht
worden wre. Und dieses Trockenlegen des Sees ist etwas, was ich durchaus
nicht billige. Denn wie sollte es mit der Jagd gehen, wenn der Tkern
ausgetrocknet wrde? Du bist ein Simpel, wenn du dich ber so etwas freust.
Was haben wir denn dann noch fr ein Vergngen, wenn es keine Vgel mehr
auf dem Tkern gibt?


Der Lockvogel

                                                  Sonntag, 17. April

Ein paar Tage spter war Jarro fast hergestellt, und er konnte schon durchs
ganze Zimmer fliegen. Er wurde denn auch von der Hausfrau gestreichelt, und
der kleine Junge pflckte die ersten hervorsprieenden Grashlmchen fr
ihn. Whrend die Hausfrau ihn streichelte, dachte Jarro, obgleich er jetzt
wieder so gesund war, da er, sobald es ihm beliebte, an den Tkern htte
hinabfliegen knnen, er wolle sich doch noch nicht von den Menschen
trennen, ja, am liebsten mchte er sein ganzes Leben lang bei ihnen
bleiben.

Aber eines Morgens in aller Frhe legte die Hausmutter eine Halfter oder
Schlinge um Jarro, die ihn am Gebrauch seiner Flgel hinderte, und dann
bergab sie ihn jenem Knecht, der ihn damals auf dem Hofe gefunden hatte.
Der Knecht nahm ihn unter den Arm und ging mit ihm zum Tkern hinunter.

Whrend Jarro krank lag, war das Eis geschmolzen. Das alte vertrocknete
Rhricht vom vorigen Jahre stand noch an den Ufern und Holmen, aber alle
Wasserpflanzen hatten in der Tiefe Schlinge getrieben, und die grnen
Spitzen reichten schon bis zur Oberflche des Wassers. Und jetzt waren fast
alle Zugvgel zurckgekehrt. Die gebogenen Schnbel der Scharben sahen aus
dem Schilf hervor, die Taucher schwammen mit einem neuen Halskragen umher,
und die Bekassinen sammelten eifrig Stroh zu ihren Nestern.

Der Knecht bestieg einen Kahn, legte Jarro auf den Boden und begann in den
See hinauszustechen. Jarro, der sich jetzt daran gewhnt hatte, nur Gutes
von den Menschen zu erwarten, sagte zu Csar, der auch dabei war, er sei
dem Knecht sehr dankbar, da er ihn auf den See hinausfahre. Aber der
Knecht htte ihn nicht so fest zu fesseln brauchen, denn er wolle den
Menschen gar nicht entfliehen. Csar gab keine Antwort, er war an diesem
Morgen uerst wortkarg.

Das einzige, was Jarro ein wenig sonderbar vorkam, war, da der Knecht
seine Flinte mitgenommen hatte. Die guten Leute auf dem Hofe wrden doch
sicherlich keine Vgel schieen wollen. Und auerdem hatte ihm Csar
gesagt, die Menschen gingen in dieser Jahreszeit nicht auf die Jagd. Es
ist Schonzeit, hatte er gesagt, obgleich das fr mich natrlich nicht
gilt.

Der Knecht ruderte zu einem der schilfumkrnzten Sumpfholme hinber. Hier
stieg er aus, schichtete altes Rhricht zu einem groen Haufen zusammen und
legte sich dahinter nieder. Die Schlinge um die Flgel und mit einer langen
Schnur an das Boot angebunden, durfte Jarro umhergehen.

Pltzlich erblickte dieser einige von den jungen Wildenten, in deren
Gesellschaft er frher um die Wette ber den See hin und her geschwommen
war. Sie waren weit entfernt, aber Jarro rief sie mit einigen lauten Rufen
herbei. Sie gaben ihm Antwort, und eine groe schne Schar nherte sich
ihm. Bevor sie noch herangekommen war, begann Jarro von seiner wunderbaren
Errettung und von der Gte der Menschen zu berichten. Aber schon knallten
zwei Schsse hinter ihm. Drei Enten sanken tot ins Rhricht. Csar
platschte hinaus und fing sie auf.

Da verstand Jarro-- die Menschen hatten ihn gerettet, um ihn als Lockvogel
zu gebrauchen. Und das war ihnen auch geglckt. Drei Enten hatten um
seinetwillen sterben mssen.

Es war ihm, als msse er vor Scham selbst sterben, ja, es war ihm, als ob
ihn auch sein Freund Csar verchtlich ansehe; und als sie wieder in der
Stube waren, wagte er nicht mehr, sich neben den Hund zu legen.

Am nchsten Morgen wurde Jarro abermals an den kleinen Holm gebracht. Auch
diesmal gewahrte er bald einige Enten. Als er sie aber auf sich zufliegen
sah, rief er ihnen zu: Fort! Fort! Nehmt euch in acht! Fliegt wo anders
hin! Hinter dem Schilfhaufen liegt ein Jger im Hinterhalt! Ich bin nur ein
Lockvogel! Und es gelang ihm wirklich, die Enten zu verhindern, in
Schuweite heranzukommen.

Jarro hatte kaum Zeit, ein Grashlmchen zu verzehren, so eifrig war er auf
der Wacht. Sobald sich ein Vogel nherte, schrie er ihm seinen Warnungsruf
entgegen; er warnte sogar auch Taucher und Blhhner, obgleich er sie
verabscheute, weil sie die Enten aus ihren besten Verstecken verdrngten.
Aber seinetwegen sollte gewi kein einziger Vogel ins Unglck geraten. Und
dank Jarros Wachsamkeit mute der Knecht heimkehren, ohne Gelegenheit zu
einem einzigen Schu bekommen zu haben.

Dessenungeachtet sah Csar weniger mivergngt aus als am Tage vorher; und
als es Abend wurde, nahm er Jarro ins Maul, trug ihn zum Herd hin und lie
ihn zwischen seinen Vorderpfoten schlafen.

Aber Jarro fhlte sich nicht mehr behaglich in der Stube; er war tief
unglcklich, und das Herz tat ihm weh bei dem Gedanken, da die Menschen
ihn nie lieb gehabt htten. Wenn jetzt die Hausfrau oder der kleine Junge
ihn streichelten, steckte er den Schnabel unter den Flgel und tat, als ob
er schliefe.

Mehrere Tage hatte Jarro seine traurige Wacht gehalten, und man kannte ihn
schon am ganzen Tkern. Eines Morgens, als er wie gewhnlich rief: Nehmt
euch in acht, ihr Vgel! Kommt mir nicht nahe! Ich bin nur ein Lockvogel!
sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen. Dies war nun nichts
besonders Merkwrdiges; es war ein Nest vom vorigen Jahre, und da die
Tauchernester so gebaut sind, da sie wie Boote auf dem Wasser schwimmen
knnen, treibt hufig eines auf den See hinaus. Aber Jarro blieb doch
stehen und betrachtete es, denn es schwamm geradeswegs auf den Holm zu, als
ob es jemand ber das Wasser steuere.

Als es nher kam, sah Jarro, da ein kleiner Mensch, der kleinste, den er
je gesehen hatte, in dem Nest sa und mit zwei Stbchen ruderte. Und dieses
Menschlein rief ihm zu: Komm so nahe ans Wasser heran, als du kannst,
Jarro, und halte dich zum Fliegen bereit! Du wirst bald befreit werden.

Einige Augenblicke spter lag das Nest am Land, aber der kleine Ruderer
verlie es nicht, sondern sa ganz still zwischen Zweigen und Halmen
verborgen. Jarro verhielt sich auch beinahe regungslos. Der Gedanke, frei
zu werden und seinem Unglck entfliehen zu knnen, hatte ihn frmlich
gelhmt.

Das nchste, was geschah, war, da eine Schar Wildgnse daherflog. Da kam
Jarro wieder zu sich, und er warnte sie mit lauten Rufen; aber
dessenungeachtet flogen sie mehrere Male ber dem Holm hin und her. Sie
hielten sich so hoch in der Luft, da sie auer Schuweite waren; aber der
Knecht lie sich trotzdem verleiten, ein paar Schsse auf sie abzugeben.
Kaum waren diese abgefeuert, als der kleine Knirps auf und ans Land sprang,
ein kleines Messer aus der Scheide zog und mit einem raschen Schnitt Jarros
Schlinge lste. Flieg nun davon, Jarro, ehe der Knecht wieder geladen
hat! rief er, whrend er selbst in das Nest zurcksprang und vom Lande
abstie. Der Jger hatte die Augen auf die Gnse gerichtet und daher nicht
gemerkt, da Jarro befreit worden war. Aber Csar hatte besser acht
gegeben, und gerade als Jarro die Flgel hob, strzte er herbei und packte
ihn im Nacken.

Jarro schrie zum Erbarmen, aber der Knirps, der ihn befreit hatte, sagte
mit der grten Ruhe zu Csar: Wenn deine Gesinnung so edel ist wie dein
Aussehen, so kannst du nicht jemand bei einer so gemeinen Beschftigung,
ein Lockvogel zu sein, zurckhalten wollen.

Als Csar diese Worte hrte, grinste er boshaft mit der Oberlippe, aber
nach einem Augenblick lie er Jarro los. Flieg, Jarro! sagte er. Du bist
wirklich zu gut zu einem Lockvogel. Ich wollte dich auch nicht deshalb
zurckhalten, sondern weil die Stube ohne dich so leer sein wird.


Die Trockenlegung des Sees

                                                  Mittwoch, 20. April

In der Bauernstube war es wirklich sehr leer, als Jarro nicht mehr da war.
Dem Hund und der Katze wurde die Zeit lang, weil sie sich nicht mehr
miteinander ber ihn streiten konnten, und die Hausfrau vermite das
frhliche Geschnatter, das Jarro angestimmt hatte, so oft sie ins Zimmer
trat. Am meisten Heimweh nach ihm hatte aber doch der kleine Junge Per Ola.
Per Ola war erst drei Jahre alt und berdies das einzige Kind, und er hatte
noch nie einen so guten Spielkameraden gehabt wie Jarro. Als man Per Ola
sagte, Jarro sei zu den andern Enten auf den Tkern zurckgekehrt, wollte
er sich mit dieser Nachricht nicht zufrieden geben, sondern dachte
immerfort darber nach, wie er wohl den guten Jarro wieder bekommen knnte.

Per Ola hatte sehr oft mit Jarro geplaudert, whrend dieser in seinem Korb
lag, und das Kind war fest berzeugt, da ihn der Erpel immer verstanden
habe. Er bat die Mutter, mit ihm an den See hinunterzugehen, denn er wolle
Jarro aufsuchen und ihn berreden, wieder zu ihnen zu kommen. Die Mutter
wollte davon nichts hren, aber deshalb gab Per Ola sein Vorhaben nicht
auf.

Am Tag, nachdem Jarro verschwunden war, spielte Per Ola drauen im Garten.
Wie gewhnlich spielte er ganz allein; aber Csar lag auf der Treppe, und
als die Mutter Per Ola herausgebracht hatte, hatte sie zu dem Hunde gesagt:
Gib auf Per Ola acht, Csar!

Wenn nun alles wie sonst gewesen wre, htte Csar auch dem Befehl Folge
geleistet. Per Ola wre gut bewacht gewesen und keinerlei Gefahr gelaufen.
Aber in diesen Tagen war Csar gar nicht er selbst. Er wute, da die
Bauern, die um den Tkern herum wohnten, wegen der Trockenlegung des Sees
verhandelt hatten, und da die Sache beinahe so gut wie beschlossen war.
Die Enten mten also fortziehen, und Csar wrde nie mehr ehrlich und
ordentlich Jagd auf sie machen knnen. Der Gedanke an dieses Unglck
beschftigte den Hund vollstndig, und er dachte nicht mehr daran, ber das
Kind zu wachen.

Und Per Ola sah sich kaum allein auf dem Hof, als er auch schon die rechte
Stunde gekommen glaubte, nach dem Tkern zu gehen und mit Jarro zu reden.
Er ffnete ein Pfrtchen und schlug den schmalen Wiesenpfad zum See
hinunter ein. Solange man ihn von daheim sehen konnte, ging er ganz
langsam, aber dann begann er zu laufen. Er hatte groe Angst, die Mutter
oder sonst jemand wrde ihm zurufen, er drfe nicht an den See hinunter. Er
wollte zwar nichts Bses tun, nur Jarro berreden, zurckzukehren, fhlte
aber wohl, da die andern sein Vorhaben nicht gebilligt htten.

Als Per Ola den Strand erreicht hatte, rief er Jarro mehrere Male mit
Namen. Dann wartete er lange, aber Jarro zeigte sich nicht. Per Ola sah
allerdings verschiedene Vgel, die wie Wildenten aussahen; diese flogen
aber an ihm vorbei, ohne sich um ihn zu kmmern, und daraus schlo Per Ola,
da keiner von ihnen der rechte sei.

Als Jarro sich nicht zeigte, dachte der kleine Junge, er knne Jarro gewi
leichter finden, wenn er sich auf den See hinaus begebe. Es lagen mehrere
gute Boote am Ufer, aber die waren alle angebunden. Das einzige nicht
festgemachte Boot war ein alter lecker Kahn, dessen sich niemand mehr
bediente. Per Ola kletterte unter groer Anstrengung hinein, ohne sich
darum zu kmmern, da der ganze Boden mit Wasser bedeckt war. Die Ruder
konnte der kleine Bursche natrlich nicht handhaben, dafr aber begann er
in dem Boot zu schaukeln und es hin und her zu wiegen. Es wre sicher
keinem erwachsenen Menschen gelungen, einen Kahn auf diese Weise auf den
Tkern hinauszubringen, aber wenn hoher Wasserstand ist und das Unglck es
will, haben kleine Kinder eine wunderbare Fhigkeit, aufs Wasser
hinauszukommen; Per Ola trieb wirklich bald auf dem Tkern umher und rief
nach seinem geliebten Jarro.

Als der alte Kahn auf diese Weise auf dem See schaukelte, ffneten sich
alle seine Ritzen noch weiter, und das Wasser strmte strker herein. Darum
kmmerte sich aber Per Ola nicht im geringsten. Er sa vorn auf dem kleinen
Brett, rief jeden Vogel an, den er sah, und wunderte sich, warum Jarro
nicht erscheine.

Schlielich aber nahm Jarro den Jungen wirklich wahr. Er hrte, wie Per Ola
ihn mit dem Namen rief, den er bei den Menschen gehabt hatte, und daraus
schlo er, da sich der Junge auf den Tkern hinausbegeben habe, um ihn zu
suchen. Jarro freute sich unaussprechlich ber diese Entdeckung; also
liebte ihn einer von den Menschen doch aufrichtig! Schnell wie ein Pfeil
scho er zu Per Ola hinunter, setzte sich neben ihn und lie sich von ihm
liebkosen. Alle beide waren sehr glcklich ber das Wiedersehen.

Aber pltzlich merkte Jarro, wie es mit dem Kahn stand. Er war schon halb
voll Wasser, in kurzer Zeit mute er untersinken. Jarro versuchte Per Ola
klar zu machen, da er, da er weder fliegen noch schwimmen knne, versuchen
msse, ans Land zu kommen. Aber das Kind verstand Jarro nicht. Da zgerte
Jarro keinen Augenblick, sondern flog eilig davon, um Hilfe
herbeizuschaffen.

Nach einer kleinen Weile kehrte Jarro zurck, und da trug er auf seinem
Rcken einen kleinen Knirps, der viel kleiner als Per Ola war. Wenn er
nicht gesprochen und sich bewegt htte, wrde ihn Per Ola fr eine Puppe
gehalten haben. Und dieser Knirps befahl Per Ola, sofort eine lange, dnne
Stange zu ergreifen, die im Kahn lag, und zu versuchen, das Fahrzeug nach
einem der kleinen Sumpfholme hinberzustoen. Per Ola gehorchte, und dann
begannen die beiden mit vereinten Krften den Kahn vorwrts zu treiben. Mit
einigen Sten erreichten sie wirklich einen kleinen, schilfumkrnzten
Holm; und als sie hier angekommen waren, wurde Per Ola befohlen, ans Land
zu gehen. Und gerade in dem Augenblick, wo Per Ola den Fu ans Land setzte,
war der Kahn so mit Wasser gefllt, da er sank.

Als Per Ola dies sah, fhlte er ganz deutlich, da Vater und Mutter sehr
bse ber ihn werden wrden, und er htte sicherlich geweint, wenn nicht
seine Gedanken sogleich von etwas ganz anderm in Anspruch genommen worden
wren. Pltzlich kam eine groe Schar grauer Vgel dahergeflogen, die sich
auf der Insel niederlie. Dann fhrte der kleine Knirps Per Ola zu den
Vgeln hin und erzhlte ihm, wie sie hieen und was sie sagten. Und das war
so lustig, da Per Ola alles andre verga.

Doch schnell flog Jarro nach dem Bauernhof, um Csar mitzuteilen, wo Per
Ola sei. Csar folgte Jarro an das Ufer hinunter, und von da schwamm und
watete er nach dem Sumpfholm hinber. Dort sa Per Ola laut lachend und vor
Freude jubelnd auf einem Haufen trocknen Schilfs, die Wildgnse und die
Wildenten rings um ihn herum.

Csar blieb lange auf dem Holm, und zwar nicht allein Per Olas wegen. Zum
erstenmal in seinem ganzen Leben war er mit den Vgeln des Tkern in
friedlichen Verkehr gekommen, und er verwunderte sich ber deren Klugheit.
Sie fragten ihn, ob das, was Jarro berichtet habe, wahr sei, da nmlich
der Tkern wirklich ausgetrocknet werden solle?

Es ist noch nicht entschieden, sagte Csar, aber morgen wollen die
Strandeigentmer sich versammeln, um einen endgltigen Entschlu zu fassen,
und ich frchte, diesmal wird der Vorschlag durchgehen. Es ist recht
traurig fr die Vgel, aber auch fr mich ist es kein Spa, ich verliere
das beste Jagdgebiet, das ein Hund je gehabt hat.

Die Vgel wurden ber die Maen betrbt, als sie Jarros Aussage durch Csar
bekrftigen hrten. Die Nachricht lief von einem Rhricht zum andern ber
den ganzen See hin, und berall erhoben sich laute Klagerufe. Die stolzen
Schwne jammerten nicht weniger als die kleinen Rohrsnger, und die Enten
und Blhhner, die einander sonst verabscheuen, waren ganz einig darber,
da dies ein furchtbares Unglck sei.

Als Csar endlich aufbrach, um nach dem Hof zurckzukehren, sagte die alte
Akka, die Anfhrerin der Wildgnse, zu ihm: Fr mich ist es einerlei, denn
ich bin nur ein durchreisender Zugvogel, aber wenn du die Vgel wirklich
hier am Tkern behalten mchtest, dann mtest du den Eltern nicht so bald
mitteilen, wo das Kind zu finden sei.

Csar starrte die Wildgans mit weitoffnen Augen an. Du bist ganz gewi
eine wunderbare alte Gans, sagte er.

Ach, mir ist schon manches vorgekommen in meinem Leben, sagte Akka, und
ich wei, es wird uns allen weich ums Herz, wenn wir unsre Jungen verlieren
sollen.

Ich werde deinen Rat befolgen, sagte Csar, aber ihr steht mir dafr
ein, da Per Ola kein Leid geschieht.

Indessen hatten die Leute auf dem Hofe Per Ola vermit und nach ihm
gesucht. Sie suchten in den Wirtschaftsgebuden, sahen in den Brunnen
hinunter und untersuchten den Keller. Dann suchten sie auf Wegen und
Stegen, eilten auch auf den Nachbarhof, um zu hren, ob sich das Kind nicht
dahin verirrt habe, und schlielich suchten sie ihn auch am Tkern. Aber so
viel sie auch suchten, Per Ola war nirgends zu entdecken.

Csar, der Hund, wute recht gut, wen die Herrschaft suchte, aber er tat
nichts, sie auf die richtige Spur zu leiten. Dagegen lag er ganz ruhig da,
als ob ihn die Sache gar nichts anginge. Es kann euch Menschen nichts
schaden, wenn ihr einmal ein paar Stunden lang in Sorge seid, dachte er.
Per Ola geschieht da drauen nichts Bses, und den andern gnne ich es,
wenn sie ordentlich Angst ausstehen.

Spter am Tage entdeckte man Per Olas Futapfen drunten am Bootschuppen.
Und dann merkte man, da der alte lecke Kahn nicht mehr am Ufer lag. Da
begann man zu verstehen, was geschehen war.

Der Hausherr und die Knechte schoben sogleich die Boote ins Wasser und
fuhren hinaus, den Jungen zu suchen. Bis spt am Abend fuhren sie auf dem
Tkern umher, ohne auch nur einen Schein von ihm zu entdecken. Da konnten
sie sich nichts andres denken, als da das alte Fahrzeug gesunken sei und
das Kind nun tot auf dem Grunde des Sees liege.

Am Abend wanderte Per Olas Mutter ruhelos am Strande hin und her. Die
andern waren alle berzeugt, da Per Ola ertrunken sei, sie aber konnte es
nicht glauben und suchte und suchte unaufhrlich. Sie suchte zwischen
Schilf und Binsen, sie wanderte auf dem sumpfigen Strand umher, ohne zu
beachten, wie tief ihre Fe einsanken und wie na sie wurden. Sie war am
Verzweifeln, und das Herz tat ihr unsglich weh. Sie weinte nicht, aber sie
rang die Hnde und rief mit lauter, klagender Stimme nach ihrem Kind.

Rings herum hrte sie die Klagen der Schwne und Enten und Brachschnepfen.
Ihr war, als wanderten alle klagend und jammernd hinter ihr drein. Sie
haben gewi einen Kummer, weil sie so jammern, dachte die Mutter. Aber es
sind ja nur Vgel, dachte sie weiter, die haben sicherlich keinen
Kummer.

Aber wunderbar war es doch, da die Vgel jetzt nach Sonnenuntergang noch
nicht verstummt waren. Sie hrte, wie alle diese unzhligen Vogelscharen,
die rings um den Tkern wohnten, nacheinander ihre Klagerufe ertnen
lieen. Mehrere liefen hinter ihr her, andre sausten auf raschen Flgeln an
ihr vorber, alle jammerten und klagten.

Und die Angst, die sie selbst qulte, ffnete ihr das Herz. Ihr war, als
stehe sie allen den andern lebenden Wesen gar nicht mehr so fern, wie dies
bei den Menschen sonst der Fall zu sein pflegt. Viel besser als je vorher
verstand sie, wie es den Vgeln zumut sein msse. Auch sie hatten ihre
tgliche Sorge fr Haus und Kind. Es war wohl gar kein so groer
Unterschied zwischen den Vgeln und den Menschen, wie sie bisher geglaubt
hatte.

Dann fiel ihr die Trockenlegung des Sees ein. Diese war schon so gut wie
fest beschlossen. Ach und dadurch wrden alle die Tausende von Schwnen,
Enten und Tauchern ihre Heimat hier am Tkern verlieren! Das wird sehr
traurig fr sie sein, dachte sie. Wo sollen sie spter ihre Jungen
aufziehen?

Sie blieb stehen und berlegte. Ja, es mag ja wohl ganz gut und
vorteilhaft sein, einen See in cker und Wiesen zu verwandeln, dachte sie,
aber der See braucht ja nicht gerade der Tkern zu sein, sondern ein
andrer, der nicht so vielen Tausenden von Tieren zur Heimat dient.

Morgen soll die Trockenlegung endgltig beschlossen werden, dachte sie
weiter. Und sie fragte sich, ob nicht am Ende Per Ola deshalb gerade an
diesem Tage sich verlaufen habe? Ob es nicht am Ende Gottes Absicht sei,
durch den Kummer ihr Herz zu rhren, damit es sich der Barmherzigkeit
ffne, gerade heute, ehe es zu spt wre, die schlechte Tat zu verhindern?

Rasch ging sie auf den Hof zurck und sprach mit ihrem Mann ber das alles.
Sie sprach von dem See und den Vgeln und sagte schlielich, sie glaube,
Per Olas Tod sei eine Strafe, die Gott ber sie verhngt habe. Und sie sah
bald, da ihr Mann derselben Ansicht war.

Sie besaen schon vorher einen groen Hof, und wenn die Trockenlegung des
Sees zustande kam, fiel ihnen ein sehr bedeutender Teil des Seegrundes zu,
wodurch ihr Besitztum beinahe noch einmal so gro wurde. Deshalb waren sie
auch eifriger fr den Plan gewesen als irgend einer von den andern
Strandbesitzern. Die andern hatten die Ausgaben gescheut und die
Befrchtung ausgesprochen, die Trockenlegung werde am Ende ebensowenig
gelingen wie das erste Mal. Per Olas Vater wute, da nur er sie
schlielich zu dem Unternehmen bestimmt hatte. Er hatte seine ganze
berredungskunst angewendet, um seinem Sohn einen doppelt so groen Hof
hinterlassen zu knnen, als er selbst einst von seinem Vater geerbt hatte.

Jetzt fragte er sich, ob es wohl eine Fgung Gottes sei, da der Tkern ihm
seinen Sohn genommen habe, gerade am Tage, bevor der Kontrakt zur
Trockenlegung unterschrieben werden sollte? Und seine Frau brauchte nicht
mehr viel zu sagen. Ja, ja, vielleicht will Gott nicht, da wir in seine
Ordnung eingreifen, sagte er. Ich will morgen mit den andern sprechen,
und ich glaube, wir werden alles beim Alten lassen.

Whrend die Eheleute so miteinander sprachen, lag Csar vor dem Herd. Mit
aufgehobenem Kopf hrte er genau zu. Als er seiner Sache sicher zu sein
glaubte, stand er auf, ging zur Mutter hin, fate sie am Rock und zog sie
nach der Tr hin. Aber Csar! sagte sie und wollte sich frei machen.
Weit du, wo Per Ola ist? rief sie gleich darauf. Und Csar bellte lustig
und sprang an der Tr hinauf. Die Mutter ffnete, Csar strmte in groen
Stzen zum Tkern hinunter, und ohne sich lange zu besinnen, lief die
Mutter hinter ihm drein, so fest war sie berzeugt, da Csar wute, wo ihr
Kind war. Kaum hatte sie den Strand erreicht, da drang auch schon das
Weinen einer Kinderstimme vom See herber an ihr Ohr.

Per Ola hatte mit Dumling und den Vgeln den vergngtesten Tag seines
Lebens verbracht, aber jetzt weinte er, weil er hungrig war und sich bei
der Dunkelheit frchtete. Ach, wie froh war er, als Vater und Mutter und
Csar kamen, ihn zu holen!

Und bei schnem, hellem Mondschein, whrend die Vgel des Tkern lustig um
sie herumflatterten, fuhren sie zurck, heim nach dem Bauernhof.

[Illustration]




20

Die Wahrsagung


                                                  Freitag, 22. April

Eines Nachts schlief der Junge auf einem der Holme des Tkern, als das
Gerusch von Ruderschlgen ihn weckte. Kaum hatte er die Augen aufgemacht
und sie auf den See gerichtet, als ein starker Lichtschein aufflammte, der
ihn beinahe blendete.

Zuerst konnte er nicht begreifen, was drauen auf dem See so hell
leuchtete, bald aber sah er, da am Schilfrand ein Kahn lag, in dessen
Hintersteven eine groe Pechfackel an einer eisernen Gabel brannte. Die
roten Flammen der Fackel spiegelten sich deutlich in dem nachtschwarzen
See, und der prchtige Schein mute die Fische herbeigelockt haben, denn um
die Flamme in der Tiefe herum zeigte sich eine Menge dunkler Striche, die
sich bestndig bewegten und den Platz wechselten.

In dem Kahn befanden sich zwei alte Mnner. Der eine sa bei den Rudern,
der andre stand auf dem hintern Brett und hielt einen kurzen, mit groen
Widerhaken versehenen Spie in der Hand. Der Mann, der die Ruder fhrte,
schien ein armer Fischer zu sein. Er war klein, ausgemergelt und
wettergebrunt und hatte einen dnnen abgetragenen Rock an. Offenbar war
dieser Mann gewohnt, bei jedem Wetter drauen zu sein, und machte sich
nichts aus der Klte. Der andre war wohlgenhrt und gut gekleidet und sah
wie ein gebieterischer, selbstbewuter Bauer aus.

Halt nun still! sagte der Bauer, als sie dicht bei dem Holm waren, wo der
Junge lag. In demselben Augenblick stie er den Spie ins Wasser, und als
er ihn wieder herauszog, kam ein langer, prchtiger Aal mit aus der Tiefe
herauf.

Ei sieh da! sagte der Bauer, whrend er den Aal von der Gabel losmachte,
das ist einer, der sich sehen lassen kann. Jetzt haben wir, glaub ich,
genug und knnen umdrehen.

Aber der andre schaute sich um, ohne die Ruder zu bewegen. Wie schn ist
es heute Abend hier drauen! sagte er. Und das war in der Tat so. Kein
Lftchen rhrte sich; mit Ausnahme des Streifens, den der Kahn gezogen
hatte, lag der ganze Wasserspiegel regungslos da. Wie eine Flche aus purem
Golde leuchtete er in dem Feuerschein.

Hoch und klar wlbte sich der mit Sternen beste dunkelblaue Nachthimmel
darber. Gegen Westen verdeckten die Schilfholme das Ufer. Dort drben
erhob sich der Omberg gro und dunkel, viel mchtiger als gewhnlich, und
er schnitt ein groes dreieckiges Stck des Himmelsgewlbes weg.

Der andre wendete den Kopf von dem Feuerschein ab und schaute sich um. Ja,
es ist schn hier in Ostgtland, sagte er. Aber das beste an der
Landschaft ist doch nicht ihre Schnheit.

Was ist denn das beste? fragte der Fhrmann.

Da es von jeher eine angesehene, hochgepriesene Landschaft war.

Ja, das ist sehr wahr.

Und ferner, da man wei, da es immer so bleiben wird.

Wie soll man das wissen? fragte der andre, der die Ruder fhrte.

Der Bauer richtete sich auf und sttzte sich auf seinen Spie. In unserer
Familie hat sich eine alte Geschichte immer wieder vom Vater auf den Sohn
vererbt, und in dieser Geschichte erfhrt man, wie es mit Ostgtland gehen
wird.

Dann knntest du sie mir wohl erzhlen, sagte der Ruderer.

Wir pflegen sie sonst nicht dem ersten besten zu erzhlen, aber einem
alten Kameraden will ich sie nicht vorenthalten.

Auf dem Gute Ulvsa hier in Ostgtland, fuhr er fort, und jetzt konnte
man an seinem Ton merken, da er etwas erzhlte, was er selbst von andern
gehrt hatte und auswendig wute, wohnte vor vielen Jahren eine
Schloherrin, die die Gabe hatte, in die Zukunft zu schauen und den Leuten
vorauszusagen, was ihnen widerfahren werde, und zwar sicher und genau, wie
wenn es wirklich schon geschehen wre. Deshalb wurde sie weitberhmt, und
man kann sich wohl denken, wie die Leute von nah und fern herbeizogen, um
zu erfahren, was sie Gutes oder Bses zu erwarten htten.

Eines Tages, als die Frau auf Ulvsa in ihrem Saal am Spinnrad sa, wie das
in frhern Zeiten Sitte war, trat ein armer Bauer herein und setzte sich
ganz unten an der Tr auf die Bank.

>Ich mchte wohl wissen, was Ihr denkt, liebe Schloherrin?< sagte der
Bauer nach einer Weile.

>Ich denke an hohe und heilige Dinge,< antwortete sie.

>Es wrde sich wohl nicht schicken, wenn ich Euch um etwas fragte, das mir
sehr am Herzen liegt?< fragte der Bauer.

>Ei, es wird dir wohl nichts am Herzen liegen, als die Frage, ob du viel
Korn von deinen ckern ernten werdest. Aber ich bin gewohnt, von dem Kaiser
gefragt zu werden, wie es um seine Krone stehe, und von dem Papst, wie es
mit seinen Schlsseln bestellt sei?<

>Ja, so etwas ist wohl nicht leicht zu beantworten,< sagte der Bauer. >Und
ich habe auch gehrt, da noch nie jemand von hier weggegangen sei, der mit
der Antwort, die er erhalten habe, zufrieden gewesen wre.<

Als der Bauer dies sagte, sah er, da die Schlofrau sich auf die Lippe bi
und auf der Bank weiter hinaufrckte. >So, das hast du von mir gehrt?<
sagte sie. >Nun, dann mache einmal den Versuch und frage mich nach dem, was
du wissen mchtest, alsdann wirst du ja sehen, ob ich so antworten kann,
da du zufrieden bist.<

Nach dieser Aufforderung zgerte der Bauer nicht lnger mit seinem
Anliegen. Er sagte, er sei gekommen, sich zu erkundigen, wie es zuknftig
mit Ostgtland gehen werde. Denn nichts sei ihm so lieb wie dieses Land,
und er wisse, er wrde bis zu seiner letzten Stunde glcklich sein, wenn er
eine gute Antwort auf diese Frage bekme.

>Wenn du sonst nichts wissen willst,< sagte die weise Frau, >dann werde ich
dich wohl befriedigen knnen. Denn so wahr ich hier sitze, kann ich dir
sagen, Ostgtland wird allezeit etwas haben, dessen es sich vor andern
Landschaften wird rhmen knnen.<

>Ja, das ist eine gute Antwort, liebe Schlofrau,< sagte der Bauer, >und
ich wre ganz befriedigt, wenn ich nur begreifen knnte, wie das zugehen
soll.<

>Warum sollte es nicht mglich sein?< sagte die Frau von Ulvsa. >Weit du
nicht, da Ostgtland jetzt schon weit berhmt ist? Oder meinst du, es gebe
in ganz Schweden eine Landschaft, die sich rhmen knnte, zwei solche
Klster zu besitzen wie Alvastra und Vreta, und eine so schne Domkirche
wie die in Linkping?<

>Das mag wohl so sein,< sagte der Bauer, >aber ich bin ein alter Mann und
wei, da das Herz des Menschen vernderlich ist, und ich frchte, es
mchte eine Zeit kommen, wo sie uns weder wegen Alvastra oder Vreta noch
wegen unserer Domkirche ehren werden.<

>Damit kannst du recht haben,< sagte die Frau von Ulvsa, >aber deshalb
brauchst du doch nicht an meiner Wahrsagung zu zweifeln. Ich werde jetzt
ein neues Kloster auf Vadstena bauen lassen, und dieses wird sicherlich das
berhmteste hier im Norden werden. Hoch und niedrig wird dorthin
wallfahren, und alle werden diese Landschaft preisen, weil sie einen so
heiligen Ort in ihren Grenzen birgt.<

Der Bauer erwiderte, er freue sich ganz auerordentlich ber diese
Nachricht. Aber da er wohl wisse, da alles vergnglich sei, mchte er eben
doch gar zu gern erfahren, was dem Lande Ansehen verschaffen knne, wenn
das Kloster Vadstena je einmal in blen Ruf kme.

>Du bist nicht leicht zufrieden zu stellen,< sagte die Frau von Ulvsa,
>aber ich sehe gar weit in die Zukunft, und deshalb kann ich dir sagen, ehe
das Kloster Vadstena seinen Glanz verliert, wird daneben ein Schlo erbaut
werden, das das prchtigste seiner Zeit sein wird. Knige und Frsten
werden da wohnen, und es wird der ganzen Landschaft zur Ehre gereichen,
einen solchen Schmuck zu besitzen.<

>Das zu hren, freut mich auch sehr,< sagte der Bauer. >Aber ich bin ein
alter Mann und wei, wie es mit der Herrlichkeit dieser Welt zu gehen
pflegt, und ich mchte wohl wissen, was die Blicke der Leute auf diese
Landschaft lenken soll, wenn das Schlo einmal in Verfall gert.<

>Du begehrst nicht wenig zu wissen,< sagte die Frau von Ulvsa, >aber ich
kann doch so weit in die Zukunft schauen, da ich sehe, wie in den Wldern
um Finspng herum Leben und Bewegung entsteht. Ich sehe, da dort
Eisenhtten und Schmiedewerksttten errichtet werden, und ich glaube, da
man die ganze Landschaft darum ehren wird, da in ihrem Gebiet das Eisen
verarbeitet wird.<

Der Bauer verbarg nicht, wie sehr er sich ber diese Nachricht freute.
>Aber,< fuhr er fort, >wenn es nun so schlecht ginge, da auch das
Finspnger Httenwerk sein Ansehen verlre, dann knnte wohl unmglich noch
etwas Neues aufkommen, dessen sich Ostgtland rhmen knnte?<

>Du bist nicht leicht zufriedenzustellen,< sagte die Frau von Ulvsa, >aber
so weit in die Zukunft kann ich doch noch schauen, da ich sehe, wie hier
von Herrenleuten, die in fremden Lndern Krieg gefhrt haben, Edelsitze
erbaut werden, die so gro wie Schlsser sind, und ich glaube, da diese
Herrenhfe dem Lande ebensoviel Ehre eintragen werden, wie alles andre, von
dem ich gesprochen habe.<

>Aber wenn einst die Zeit kommt, wo niemand mehr die groen Herrenhfe
preist?<

>So brauchst du doch keineswegs ngstlich zu sein,< erwiderte die Frau von
Ulvsa. >Auf den Auen von Medevi in der Nhe des Wettern sehe ich
Heilquellen hervorsprudeln, und die Quellen von Medevi werden dem Lande
ebensoviel Ehre gewinnen wie irgend etwas, von dem ich bis jetzt gesprochen
habe.<

>Ja, das ist wirklich etwas Groes, was ich da gehrt habe,< sagte der
Bauer. >Aber wenn nun eine Zeit kommt, wo die Menschen an andern Quellen
Heilung suchen?<

>Deshalb brauchst du nicht ngstlich zu sein,< antwortete die Frau von
Ulvsa. >Denn ich sehe, wie die Menschen von Motala bis Mem arbeiten. Sie
graben eine Wasserstrae quer durchs Land, und von dieser wird Ostgtland
ebensoviel Ehre haben wie von irgend etwas anderm.<

Aber der Bauer sah trotzalledem beunruhigt aus.

>Ich sehe, wie die Flle des Motalastromes Rder drehen,< sagte die Frau
von Ulvsa, und auf ihren Wangen zeigten sich zwei rote Flecke, denn jetzt
begann sie ungeduldig zu werden. >Ich hre in Motala Hammerschlge drhnen
und in Norrkping Websthle schlagen.<

>Ja, das ist ein angenehmer Klang,< sagte der Bauer, >aber alles ist
vergnglich, und ich frchte, auch dieses knnte einmal vergessen und
verlassen sein.<

Doch als der Bauer auch jetzt noch nicht befriedigt war, da war die Geduld
der Schlofrau erschpft. >Du sagst, alles sei vergnglich!< rief sie.
>Aber jetzt will ich dir etwas nennen, was immer und ewig sich gleich
bleiben wird. Und das ist, da es hier in dieser Landschaft bis zum
jngsten Tage solche hochmtige, eigensinnige Bauern geben wird, wie du
einer bist!<

Kaum hatte die Frau von Ulvsa dies gesagt, als der Bauer auch schon
frhlich und vergngt aufstand und ihr fr die gute Auskunft dankte. Jetzt
endlich sei er befriedigt, sagte er.

>Jetzt verstehe ich nicht, was du meinst,< sagte die Frau von Ulvsa.

>Ja, seht Ihr, liebe Schlofrau,< antwortete der Bauer, >ich denke so:
alles, was Knige und Klosterleute und Gutsbesitzer und Stadtbewohner bauen
und errichten, das hat nur einige Jahre Bestand. Aber wenn Ihr mir sagt,
da es in Ostgtland immer ehrgeizige und beharrliche Bauern geben werde,
dann wei ich auch, da es seinen alten Ruhm behalten wird. Denn nur die,
die unter der ewigen Arbeit zur Erde gebckt einhergehen, knnen das Land
fr alle Zeiten in Wohlstand und Ehren erhalten.<

[Illustration]




21

Der Rock aus Drillich und Samt


                                                  Samstag, 23. April

Hoch droben in der Luft flog der Junge dahin. Er hatte die groe
Ostgtaebene unter sich, und im Vorberfliegen zhlte er die vielen weien
Kirchen, die zwischen den kleinen Baumgruppen aufragten. Und es dauerte
nicht lange, da war er schon bei der Zahl fnfzehn angekommen. Aber dann
kam er draus, und er konnte die richtige Reihenzahl nicht mehr einhalten.

Die meisten Hfe hatten groe weiangestrichene zweistckige Huser, die
sehr stattlich aussahen, und der Junge verwunderte sich sehr darber.
Hierzulande gibt es, wie es scheint, keine Bauern, sagte er vor sich hin.
Ich sehe ja lauter Herrenhfe.

Doch da riefen die Wildgnse sogleich: Hier wohnen die Bauern wie
Herrenleute! Hier wohnen die Bauern wie Herrenleute!

Auf der Ebene drunten waren Eis und Schnee verschwunden, und die
Frhlingsarbeiten hatten begonnen. Was sind das fr lange Krebse, die ber
die cker hinkriechen? fragte der Junge nach einer Weile.

Pflge und Ochsen! Pflge und Ochsen! antworteten alle Wildgnse
zugleich.

Die Ochsen kamen auf den ckern so langsam vorwrts, da man gar nicht
merkte, wie sie sich bewegten, und die Gnse riefen ihnen zu: Ihr kommt
erst im nchsten Jahr an Ort und Stelle! Ihr kommt erst im nchsten Jahr an
Ort und Stelle!

Aber die Ochsen blieben die Antwort nicht schuldig. Sie taten das Maul auf
und brllten: Wir schaffen in einer Stunde mehr Nutzen, als solche
Landstreicher wie ihr in eurem ganzen Leben!

An einigen Orten wurden die Pflge von Pferden gezogen, und diese zogen mit
viel grerem Eifer als die Ochsen. Schmt ihr euch nicht, Ochsenarbeit zu
tun? riefen die Gnse den Pferden zu. Schmt ihr euch nicht, Ochsenarbeit
zu tun?

Schmt ihr euch nicht selbst, die Faulenzer zu spielen? wieherten die
Pferde zurck.

Whrend Pferde und Ochsen bei der Arbeit drauen waren, lief der
Stallhammel auf dem Hofe umher. Er war frisch geschoren und machte allerlei
Bocksprnge, warf die kleinen Jungen um, trieb den Kettenhund in seine
Htte hinein und stolzierte dann umher, als sei er allein Herr auf dem
Hofe. Hammel, Hammel, was hast du mit deiner Wolle getan? fragten die
Wildgnse, die ber ihn hinflogen.

Die hab ich in die Fabriken von Norrkping geschickt! antwortete der
Hammel mit einem langen Meckern.

Hammel, Hammel, was hast du mit deinen Hrnern gemacht? fragten die
Gnse. Aber Hrner hatte der Hammel zu seinem groen Kummer nie gehabt, und
man konnte ihn nicht mehr krnken, als wenn man ihn darnach fragte. Lange
sprang er wild umher und stie mit dem Kopfe, so zornig war er.

Auf der Landstrae trieb ein Mann aus Schonen eine Herde Ferkel vor sich
her, die erst ein paar Wochen alt waren und weiter oben im Lande verkauft
werden sollten. Die Ferkel trotteten tapfer voran, ob sie auch noch so
klein waren, und hielten sich dicht zusammen, wie um beieinander Schutz zu
suchen. Nff, nff, nff, wir sind zu zeitig von Vater und Mutter
weggekommen! Nff, nff, nff, wie soll es uns armen Kindern gehen?
grunzten die Ferkelchen.

Nicht einmal die Wildgnse hatten das Herz, solche arme Trpfchen zu
necken. Es wird euch besser gehen, als ihr denkt! riefen sie ihnen im
Vorbeifliegen zu.

Die Wildgnse waren nie so guter Laune, als wenn sie ber ebenes Land
hinflogen. Da beeilten sie sich durchaus nicht, sondern flogen von Hof zu
Hof und trieben ihren Spa mit den Haustieren.

Whrend der Junge so ber die Ebene hinritt, fiel ihm eine Sage ein, die er
vor langer Zeit einmal gehrt hatte. Er erinnerte sich ihrer nicht ganz
genau, es handelte sich darin um einen Rock, dessen eine Hlfte aus
goldglnzendem Samt, die andre aber aus grauem Drillich bestand. Aber der
Besitzer des Rockes besetzte die Drillichseite mit so viel Perlen und
Edelsteinen, da sie schner und kstlicher glnzte als der Goldstoff.

An diese Drillichseite mute der Junge denken, als er jetzt auf Ostgtland
hinabschaute, denn es bestand aus einer groen Ebene, die im Norden und
Sden von zwei bewaldeten Bergen eingeschlossen war. Die beiden Bergeshhen
lagen schimmernd blau und wie mit einem goldnen Schleier verhllt im
Morgenlicht da, und die Ebene, die nur einen winterlich kahlen Acker neben
dem andern ausbreitete, machte an und fr sich keinen schneren Eindruck
als grauer Drillich.

Aber den Menschen war es gut gegangen auf dieser Ebene, weil sie freigebig
und gtig ist, und deshalb hatten sie versucht, sie so schn als mglich
herauszuputzen. Als der Junge hoch droben auf dem Gnsercken dahinritt,
kamen ihm die Stdte und Hfe, Kirchen und Fabriken, Schlsser und Bahnhfe
wie groe und kleine Schmuckstcke vor, die darber hingestreut waren. Die
Ziegeldcher glnzten im Sonnenschein, und die Fensterscheiben funkelten
wie Edelsteine. Gelbe Landstraen, glnzende Eisenbahnschienen und blaue
Kanle liefen wie aus Seide gestickte Ranken zwischen den Ortschaften hin.
Linkping lag um seine Domkirche herum wie die Perleneinfassung um einen
kostbaren Stein, und die Hfe auf dem Lande waren wie Busennadeln und
Knpfe. Es war nicht viel Ordnung im Muster, aber es war eine Pracht, die
zu sehen man nie mde wurde.

Die Gnse hatten die Omberggegend verlassen und flogen jetzt in stlicher
Richtung am Gtakanal hin. Dieser war auch dabei, sich fr den Sommer
herzurichten. Arbeiter besserten die Kanalufer aus und strichen die groen
Schleusentren mit Teer an.

Ja, berall auf dem Lande wurde gearbeitet, um den Frhling gut zu
empfangen, und desgleichen auch in den Stdten. Da standen Maler und Maurer
auf den Gersten vor den Husern und machten sie fein, die Dienstmdchen
beugten sich zu den offnen Fenstern heraus und putzten die Scheiben.
Drunten am Hafen wurden Segelboote und Dampfschiffe hergerichtet.

Bei Norrkping verlieen die Wildgnse die Ebene und flogen gen Kolmrden,
und eine Weile folgten sie einer alten, hgeligen Landstrae, die sich an
Felsenschluchten und wilden Bergwnden hinzog. Da stie der Junge pltzlich
einen Schrei aus. Er hatte, whrend er da auf dem Gnserich durch die Luft
ritt, mit dem einen Fu geschaukelt und dabei einen Holzschuh verloren.

Gnserich! Gnserich! rief der Junge. Ich habe meinen Holzschuh fallen
lassen!

Der Gnserich wendete sich um und lie sich auf die Erde hinabfallen. Aber
da sah der Junge, da zwei Kinder, die auf dem Wege daherkamen, seinen
Schuh aufgelesen hatten.

Gnserich! Gnserich! schrie der Junge schnell. Flieg wieder hinauf! Es
ist zu spt! Ich kann meinen Schuh nicht wieder erlangen!

Aber drunten auf dem Wege stand das Gnsemdchen sa mit ihrem Bruder
Klein-Mats, und sie betrachteten einen kleinen Holzschuh, der vom Himmel
heruntergefallen war.

O Klein-Mats, erinnerst du dich, als wir am vedskloster vorbeikamen,
erzhlte man uns in einem Bauernhofe, man habe dort ein Wichtelmnnchen
gesehen, das Lederhosen und Holzschuhe angehabt habe wie ein einfacher
Arbeiter. Und weit du, wie wir nach Vittskvle kamen, erzhlte uns ein
Mdchen, sie habe ein Wichtelmnnchen in Holzschuhen gesehen, das auf dem
Rcken einer Gans davongeflogen sei. Und weit du, Klein-Mats, als wir
selbst in unsere Htte zurckkehrten, da haben wir ein Mnnlein gesehen,
das gerade so angezogen war und auch auf eine Gans hinaufkletterte, mit der
es dann davonflog. Vielleicht ist eben jetzt dasselbe gute Wichtelmnnchen
da oben auf seiner Gans ber uns hingeflogen, und das hat den Schuh
verloren.

Ja, so wirds wohl sein, sagte Klein-Mats.

Sie wendeten den Holzschuh um und betrachteten ihn genau, denn man findet
nicht alle Tage den Holzschuh eines Wichtelmnnchens auf der Landstrae.

Warte, warte, Klein-Mats! rief sa. Hier auf der einen Seite steht
etwas.

Ja, wirklich. Aber es sind sehr kleine Buchstaben.

La mich einmal sehen! Ja, da steht---- da steht-- Nils Holgersson von
Westvemmenhg.

Das ist das Merkwrdigste, was ich je gehrt habe! sagte Klein-Mats.

[Illustration]




22

Die Geschichte von Karr und Graufell

Der Kolmrden


Nrdlich von Brviken, gerade an der Grenze zwischen Ostgtland und
Srmland liegt ein Berg, der mehrere Meilen lang und ber eine Meile breit
ist. Wenn er auch ebenso hoch wie lang und breit wre, dann wre er der
schnste Berg, den man sich nur denken knnte; aber er ist nun eben nicht
so hoch.

Ab und zu trifft man wohl ein Gebude, das von Anfang an so gro angelegt
wurde, da der Eigentmer es nicht ausbauen konnte. Wenn man ganz nahe
herankommt, sieht man dicke Grundmauern, starke Gewlbe und tiefe Keller,
aber gar keine Auenwnde und keine Dcher, das Ganze erhebt sich nur ein
paar Fu hoch ber der Erde; nun, beim Anblick des eben genannten
Grenzberges mu man unwillkrlich an so ein verlassenes Bauwerk denken,
denn er sieht fast aus, als sei er gar kein fertiger Berg, sondern nur die
Grundlage fr einen Berg. Mit steil abfallenden Hngen ragt er aus der
Ebene empor, und nach allen Seiten sind groe Felsmassen aufgetrmt, die
aussehen, als wren sie dazu bestimmt gewesen, mchtige, hohe Felsenhallen
zu tragen. Alles ist gewaltig und groartig und riesenmig angelegt, aber
es hat keine richtige Hhe, keinen richtigen Stil. Der Baumeister mu der
Sache berdrssig geworden sein und sie aufgegeben haben, ehe er die
steilen Felsenwnde und die spitzigen Gipfel und scharfen Kuppen
aufgefhrt hatte, die sonst wie Mauern und Dcher auf den fertig gebauten
Bergen stehen.

Aber gleichsam als Ersatz fr die Gipfel und Felsenkuppen ist der groe
Berg von jeher mit prchtigen Bumen bestanden gewesen. Eichen und Linden
wuchsen am Saum des Waldes und in den Tlern, Birken und Erlen um den See
herum, Tannen droben auf den steilen Terrassen, Fichten aber berall, wo
sich nur eine Handvoll Erde fand, in der sie Wurzel schlagen konnten. Alle
diese Bume miteinander bildeten den in alten Zeiten so gefrchteten groen
Wald von Kolmrden, der so verrufen war, da jeder Wanderer, der hindurch
mute, seine Seele Gott befahl und seines letzten Stndchens gewrtig war.

Jetzt ist es freilich schon so lange her, seit der Wald von Kolmrden
heranwuchs, da niemand mehr imstande wre, uns zu sagen, wie er allmhlich
so wurde, wie er heute ist. Im Anfang muten sich die Bume wohl ordentlich
wehren, bis sie in dem harten Felsengrund Wurzel geschlagen hatten, und sie
wurden darum so wetterfest, weil sie zwischen nackten Felsblcken stehen
und ihre Nahrung aus den magern Schutthalden ziehen muten. Es ging ihnen
wie so manchem Menschen, der sich in seiner Jugend schwer durchkmpfen mu,
aber gerade dadurch spter gro und stark wird. Als der Wald herangewachsen
war, hatte er Bume, die drei Mann kaum umspannen konnten; die Zweige waren
zu einem undurchdringlichen Netzwerk verflochten, und der Boden ringsherum
war von harten, glatten Wurzeln durchwoben. Der Wald war ein herrlicher
Aufenthaltsort fr wilde Tiere und fr Ruber, die es verstanden,
hindurchzukriechen und sich einen Weg durch die Wildnis zu bahnen. Aber fr
andre Wesen hatte dieser Wald nichts Verlockendes; er war kalt und dster,
unwegsam und unzugnglich, voll stachligen Gestrpps, und die alten Bume
mit ihren brtigen Zweigen und moosbewachsenen Stmmen sahen aus wie wilde
Spukgestalten.

In der ersten Zeit, wo sich die Menschen in Srmland und Ostgtland
niederlieen, war ringsum beinahe nichts als Wald, der aber in den
fruchtbaren Tlern und auf den Ebenen bald ausgerottet wurde. Den Kolmrder
Wald dagegen, der auf magerem Felsengrund stand, nahm sich niemand die Mhe
zu fllen. Und je lnger er unberhrt stehen bleiben durfte, desto dichter
und mchtiger wuchs er heran, bis er schlielich eine Festung bildete,
deren Mauern von Tag zu Tag dicker wurden; wer da hindurchdringen wollte,
mute die Axt zu Hilfe nehmen.

Andre Wlder mssen oft Angst vor den Menschen haben, aber bei dem
Kolmrder Walde war es gerade umgekehrt, da waren es die Menschen, die sich
frchten muten, denn er war so dunkel und dicht, da die Jger und
Besenbinder sich immer wieder darin verirrten und oft halb verhungerten,
bis sie sich endlich aus der Wildnis herausgearbeitet hatten. Und fr die
Leute, die von Ostgtland nach Srmland oder umgekehrt reisen muten, war
dies ein geradezu lebensgefhrliches Unternehmen. Auf schmalen Tierpfaden
muten sie sich mhselig durcharbeiten; denn die Grenzbevlkerung war
nicht einmal imstande, einen gebahnten Weg durch den Wald zu unterhalten.
Es fhrten weder Brcken ber die Bche, noch Fhren ber die Seen, oder
Baumstmme ber die Moore. Und im ganzen Walde war nirgends eine Htte, wo
friedliche Menschen wohnten, whrend es Ruberhhlen und Schlupfwinkel fr
die wilden Tiere in Menge gab. Nicht viele Reisende kamen unbeschdigt
durch den Wald hindurch; aber um so mehr strzten in Abgrnde und versanken
in Smpfen, wurden von Rubern ausgeplndert, oder von wilden Tieren zu
Tode gejagt. Selbst die Ansiedler, die am Rande des groen Waldes wohnten
und sich nie hineinwagten, litten Schaden durch ihn, denn Wlfe und Bren
drangen heraus und raubten ihnen das Vieh. Solange sich die wilden Tiere in
dem dichten Kolmrden verstecken konnten, war es ganz und gar unmglich,
sie auszurotten.

Soviel war sicher, sowohl die Ostgtlnder als die Srmlnder wren den
Wald mit Freuden losgewesen; aber das ging eben sehr langsam, solange es
noch anderweitig fruchtbaren Boden gab. Allmhlich aber rckte man doch
vor; an den Abhngen rings um den dichten Urwald entstanden Drfer und
Bauernhfe, der Wald wurde einigermaen befahrbar gemacht, und bei Krokek
mitten in der dichtesten Wildnis, bauten Mnche ein Kloster, wo die
Reisenden einen sicheren Zufluchtsort fanden.

Immerhin verblieb der Wald auch fernerhin eine wilde, gefhrliche Gegend,
bis eines schnen Tages ein Wanderer, der ganz ins Herz hineingedrungen
war, durch Zufall entdeckte, da der Kolmrder Berg in seinem Innern
Erzlager barg. Sobald dies bekannt wurde, strmten die Grubenarbeiter und
Bergleute in den Wald, die Schtze zu heben. Und nun kam die Zeit, in der
die Macht des Waldes gebrochen wurde; die Menschen warfen Gruben auf und
bauten Schmelzfen und Bergwerke in dem alten Walde. Doch dies allein htte
ihm nicht ernstlich geschadet, wenn bei dem Bergwerkbetrieb nicht auch so
ungeheuer viel Brennmaterial verbraucht worden wre. Kohlenbrenner und
Holzfller hielten ihren Einzug in dem alten dstern Urwald, und sie
machten ihm nahezu den Garaus. Um die Bergwerke herum wurde er ganz
niedergehauen und der ausgerodete Boden in Ackerland verwandelt. Viele
Ansiedler zogen hinauf, und bald entstanden da, wo vor kurzem noch nichts
als Brenhhlen gewesen waren, mehrere neue Drfer mit Kirchen und
Pfarrhfen.

Selbst an den Stellen, wo man den Wald nicht vollstndig ausgerottet hatte,
wurden die alten Baumriesen gefllt und das Dickicht gelichtet. Nach allen
Richtungen wurden Wege angelegt und die wilden Tiere und Ruber verjagt.
Als die Menschen so allmhlich Herr ber den Wald geworden waren, handelten
sie sehr schlecht gegen ihn; ohne eine Spur von Rcksicht wurden die Bume
gefllt und Kohlen daraus gebrannt. Sie hatten ihren alten Ha gegen den
Wald nicht vergessen, und nun sah es aus, als wollten sie ihn ganz und gar
von der Erde vertilgen.

Zum Glck fr den Wald fand sich schlielich gar nicht so sehr viel Erz in
den Kolmrder Gruben. Deshalb nahmen die Grubenarbeit und der
Bergwerkbetrieb bald wieder ab. Dann hrte auch das Kohlenbrennen auf, und
der Wald konnte ein wenig aufatmen. Viele von den Leuten, die sich in den
Kolmrder Ortschaften niedergelassen hatten, wurden arbeitslos und konnten
sich nur schwer durchbringen; der Wald aber wuchs wieder heran und breitete
sich von neuem aus, da die Hfe und Bergwerke schlielich wie Inseln in
einem grnen Meere dalagen. Die Kolmrder Bewohner versuchten es nun mit
dem Ackerbau, aber ohne besonderen Erfolg; der alte Waldboden wollte lieber
Knigseichen und Riesentannen hervorbringen, als Rben und Getreide.

Zu der Zeit betrachteten die Menschen den Wald mit dstern Blicken; der
Wald schien immer krftiger und ppiger zu werden, whrend sie selbst rmer
und immer rmer wurden. Aber schlielich fiel ihnen ein, es knnte doch
mglicherweise an dem Walde selbst etwas Gutes sein. Vielleicht knnten sie
gerade durch ihn ihr Auskommen finden; eines Versuches mte es doch
jedenfalls wert sein.

[Illustration]

So begannen die Leute denn Balken und Bauholz aus dem Walde zu holen und
sie dann an die Tieflandbewohner, die ihren Wald schon ganz gefllt hatten,
zu verkaufen. Und die Menschen erkannten bald, da sie, wenn sie
einigermaen vernnftig zu Werke gingen, ihr Auskommen ebensogut vom Walde
als von den ckern und den Erzgruben haben knnten. Von da an sahen die
Menschen den Wald mit ganz andern Augen an. Sie lernten es, schonend mit
ihm umzugehen und ihn zu lieben. Jetzt vergaen sie auch die alte
Feindschaft und betrachteten fortan den Wald als ihren besten Freund.


Karr

Ungefhr zwlf Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgnsen umherzog,
geschah es, da einer der Bergwerkbesitzer von Kolmrden einen seiner
Jagdhunde los sein wollte. Er lie seinen Waldhter kommen und sagte ihm,
es sei ihm unmglich, den Hund zu behalten, weil man diesem nicht
abgewhnen knne, alle Schafe und Hhner zu jagen, die er erblicke;
deshalb solle der Waldhter den Hund mit sich nehmen und drauen im Walde
erschieen.

Der Waldhter band dem Hund einen Strick um den Hals, um ihn an einen
bestimmten Platz im Walde zu fhren, wo man die alten Hunde vom Herrenhofe
erscho und vergrub. Der Waldhter war ein guter Mensch, aber er war doch
froh, da der Hund erschossen werden sollte, denn es war ihm wohlbekannt,
da dieser Hund auch noch auf andres Wild Jagd machte, als auf Schafe und
Hhner. Sehr hufig trieb er sich im Wald herum und stibitzte bald ein
Hschen, bald einen jungen Auerhahn.

Es war ein kleiner schwarzer Hund mit einer gelben Brust und gelben
Vorderpfoten. Er hie Karr und war so klug, da er alles verstehen konnte,
was die Menschen sagten. Als nun der Waldhter mit ihm durch den Wald zog,
wute Karr recht wohl, was seiner wartete. Aber das htte ihm beileibe
niemand ansehen knnen. Er lie nicht den Kopf hngen und kniff auch nicht
den Schwanz ein, sondern sah ganz ebenso unbekmmert aus wie sonst.

Wir werden gleich sehen, warum der Hund sich so viele Mhe gab, niemand
merken zu lassen, da er Angst hatte. Rings um das alte Bergwerk herum
erstreckte sich nmlich ein groer dichter Wald, der allen Bewohnern der
Umgegend und den Tieren recht wohl bekannt war, denn der Eigentmer des
Waldes hatte diesem seit einer Reihe von Jahren die grte Schonung
angedeihen lassen; kaum Brennholz hatte gefllt werden drfen, ja, man
hatte nicht einmal gewagt, ihn zu lichten, sondern hatte ihn einfach
wachsen lassen, wie er wollte. Aber ein Wald, der auf solche Weise behtet
wird, mute selbstverstndlich ein beliebter Zufluchtsort fr die Tiere
werden, und so hatten sich diese auch sehr zahlreich da niedergelassen.
Unter sich nannten die Tiere den Wald den Friedenswald, und sie
betrachteten ihn als den allerbesten Zufluchtsort im ganzen Lande.

Whrend der Hund nun an dem Strick durch den Wald gefhrt wurde, fiel ihm
ein, wie sehr er von allen kleinen Tieren, die hier wohnten, gefrchtet
war.

Ei, Karr, denk dir, was das fr eine Freude hier ringsum im Walde wre,
wenn sie wten, was deiner wartet! dachte er. Aber er wedelte mit dem
Schwanze und stie ein frhliches Bellen aus, damit doch ja niemand denke,
er frchte sich und sei niedergeschlagen.

Welches Vergngen htte ich denn im Leben, wenn ich nicht ab und zu einmal
auf die Jagd gehen knnte! sagte er. Bereue, wer Lust hat, ich tus gewi
nicht!

Aber in demselben Augenblick, wo der Hund dies sagte, ging eine sonderbare
Vernderung mit ihm vor. Er streckte den Kopf und Hals vor, als htte er am
liebsten laut hinausgeheult; auch lief er jetzt nicht mehr neben dem
Forstwart her, sondern hielt sich hinter ihm. Offenbar war dem guten Karr
etwas Unangenehmes eingefallen.

Der Sommer war jetzt angebrochen, die Elchkhe hatten vor kurzem ihre
Jungen zur Welt gebracht, und am vorhergehenden Abend war es Karr gelungen,
ein kaum fnf Tage altes Elchklbchen von seiner Mutter weg und auf ein
Moor hinauszutreiben. Da hatte er das Klbchen zwischen den Rasenhgeln
umhergejagt, nicht eigentlich, um es zu fangen, sondern um sich an dessen
Angst zu ergtzen. Die Elchmutter wute, da das Moor jetzt, so kurz nach
dem Auftauen des gefrorenen Bodens, grundlos war und noch kein groes Tier
tragen konnte. Sie blieb deshalb am Rande stehen, solange sie es aushalten
konnte; als aber Karr das Klbchen immer weiter hinaustrieb, ging die
Elchkuh pltzlich auch aufs Moor hinaus, jagte den Hund weg, nahm das
Klbchen an sich und ging mit ihm wieder dem Lande zu. Die Elentiere
schreiten viel geschickter als andre Tiere ber schwankenden gefhrlichen
Grund hin, und es sah aus, als wrde es der Elchkuh gelingen, den festen
Boden wieder zu erreichen. Aber als sie schon ganz dicht am Lande angelangt
war, rutschte ein Rasenhgel, auf den sie den Fu gesetzt hatte, pltzlich
in den Sumpf hinein, und sie selbst sank mit. Sie gab sich alle Mhe,
wieder herauszukommen, konnte aber nirgends festen Fu fassen, und so sank
sie immer tiefer hinein. Karr stand unbeweglich da und wagte kaum zu atmen,
und als er merkte, da die Elchkuh sich nicht allein heraushelfen konnte,
lief er so schnell, als seine Fe ihn trugen, davon. Er hatte pltzlich an
alle die Schlge denken mssen, die ihm zuteil werden wrden, wenn es
herauskme, da er die Elchkuh aufs Moor hinausgelockt hatte, und so wagte
er vor lauter Angst nicht anzuhalten, bis er daheim angelangt war.

Dieses Erlebnis war unserm Karr vorhin eingefallen, und es qulte ihn jetzt
mehr als alle andern lockeren Streiche, die er je ausgefhrt hatte.
Vielleicht kam es daher, weil er der Elchkuh und dem Klbchen gar kein Leid
hatte antun wollen, sondern ganz unabsichtlich schuld an ihrem Tode
geworden war.

Aber vielleicht sind die beiden noch am Leben, dachte der Hund mit einem
Male. Sie waren ja noch nicht tot, als ich von ihnen weglief. Vielleicht
sind sie doch noch herausgekommen.

Karr bekam eine unwiderstehliche Lust, etwas darber zu erfahren, solange
er noch Zeit hatte. Er sah, da der Waldhter den Strick nicht besonders
festhielt. Da machte er einen raschen Sprung zur Seite-- er kam wirklich
los und rannte nun wie besessen in den Wald hinein und dem Moore zu; der
Waldhter hatte nicht einmal Zeit, die Flinte an die Wange zu legen, so
schnell entschwand der Hund seinen Blicken.

Dem Waldhter blieb nichts andres brig, als hinter Karr herzulaufen, und
als er an das Moor kam, stand der Hund ein paar Meter vom Rande entfernt
auf einem Rasenhgel und heulte aus Leibeskrften. Der Waldhter dachte, er
msse doch nachsehen, was das bedeute. Vorsichtig legte er die Flinte neben
sich nieder und kroch auf allen vieren aufs Moor hinaus. Er war noch nicht
weit gekommen, da sah er eine Elchkuh im Moor liegen und neben ihr ein
Klbchen. Die Kuh war tot, aber das Klbchen lebte noch; es war aber ganz
ermattet und konnte sich nicht rhren. Karr stand dicht daneben; bald
bckte er sich nieder und leckte das Klbchen, bald stie er laute
Klagetne aus, um Hilfe herbeizurufen.

Der Waldhter hob das Klbchen auf und schleppte es ans Ufer. Als nun der
Hund merkte, da das Klbchen gerettet wrde, geriet er ganz auer sich vor
Freude. Er sprang um den Waldhter herum, leckte ihm die Hnde und stie
ein frhliches Bellen aus.

Der Waldhter trug das Klbchen nach Hause und legte es im Stall in einen
Stand. Dann holte er Hilfe herbei, damit die tote Elchkuh aus dem Moor
herausgezogen wrde; und erst nachdem dies alles geschehen war, fiel ihm
ein, da er ja Karr htte erschieen sollen. Er lockte den Hund, der die
ganze Zeit ber nicht von seiner Seite gewichen und ihm berall
nachgelaufen war, und ging wieder mit ihm in den Wald hinein.

Der Waldhter ging geradewegs nach dem Hundegraben; aber pltzlich schien
er sich anders zu besinnen, denn er drehte wieder um und schlug den Weg
nach dem Herrenhof ein.

Karr war ganz ruhig hinter ihm hergelaufen; aber als der Waldhter umkehrte
und den Weg nach seiner alten Heimsttte einschlug, wurde er unruhig. Ach,
nun hatte der Waldhter gewi herausgefunden, da Karr es gewesen war, der
an dem Tode der Elchkuh schuld war, und nun fhrte er ihn nach dem
Herrenhof, damit er dort noch vor seinem Tode seine Schlge bekme!

Aber Schlge bekommen, das war das schlimmste, was Karr widerfahren konnte,
und bei dieser Aussicht konnte er den Mut kaum noch aufrecht erhalten. Er
lie den Kopf hngen, und als die beiden den Herrenhof erreichten, sah Karr
gar nicht auf, sondern tat, als erkenne er keinen Menschen.

Der gndige Herr stand auf der Treppe, als der Waldhter ankam.

Was haben Sie denn da fr einen Hund, Waldhter? fragte er. Das ist doch
wohl nicht unser Karr, der mte doch schon lngst erschossen sein?

Der Waldhter erzhlte nun von den Elchen; Karr aber machte sich so klein
wie nur mglich und verkroch sich hinter den Beinen des Forstwarts, damit
man ihn nicht sehe.

Aber der Forstwart erzhlte die Geschichte nicht so, wie Karr gedacht
hatte. Er lobte Karr ber die Maen und sagte, der Hund habe offenbar
gewut, da die Elche in Not gewesen seien, und habe sie retten wollen.

Nun knnen der gndige Herr mit dem Hund machen, was Sie wollen; ich kann
ihn nicht erschieen, sagte der Forstwart zum Schlu.

Der Hund richtete sich auf und horchte. Er wollte seinen Ohren nicht
trauen, und obgleich er nicht zeigen wollte, wie gro seine Angst gewesen
war, konnte er ein leises Bellen doch nicht unterdrcken. War es wirklich
mglich, da er das Leben behalten durfte, nur weil er so besorgt um die
Elentiere gewesen war?

Der gndige Herr fand auch, da Karr sich gut benommen hatte; da er ihn
aber unter keinen Umstnden wieder auf dem Hofe haben wollte, wute er
nicht gleich, was er sagen sollte.

Ja, wenn Sie ihn versorgen wollen, Waldhter, und mir dafr einstehen, da
er sich knftig besser auffhrt, dann mag er am Leben bleiben, sagte er
schlielich.

Der Waldhter war bereit, Karr zu sich zu nehmen; und so kam Karr zu dem
Waldhter.


Graufells Flucht

Von dem Tage an, wo Karr zu dem Waldhter kam, gab er das unerlaubte Jagen
vollstndig auf. Nicht allein, weil er einen so heilsamen Schrecken
davongetragen hatte, sondern vielmehr, weil er nicht wollte, da der
Waldhter bse auf ihn wrde. Denn seit der Waldhter ihm das Leben
gerettet hatte, liebte er ihn ber alles in der Welt. Karr hatte keinen
andern Gedanken mehr, als seinem neuen Herrn berall nachzulaufen und auf
ihn aufzupassen. Wenn dieser ausging, rannte Karr voraus und untersuchte
den Weg, und wenn er daheim war, lag Karr vor der Tr und beobachtete alle
Aus- und Eingehenden mit scharfem Auge.

Wenn im Waldhause alles ganz still war, wenn ringsum kein Schritt laut
wurde und Karrs Herr sich an den jungen Bumchen, die er in seinem Garten
heranzog, zu schaffen machte, vertrieb sich Karr die Zeit damit, mit dem
Elchklbchen zu spielen.

Im Anfang hatte Karr gar keine Lust versprt, sich mit dem Tiere abzugeben.
Da er aber seinem Herrn auf Weg und Steg nachlief, kam er auch mit ihm in
den Stall, und whrend dieser das Klbchen mit Milch trnkte, sa Karr vor
dem Stand und schaute zu. Der Waldhter nannte das Klbchen Graufell; er
meinte, einen feineren Namen verdiene es nicht, und darin stimmte Karr mit
seinem Herrn berein. So oft er das Klbchen ansah, meinte er, seiner
Lebtage noch nie etwas so Hliches und Unfrmliches gesehen zu haben. Das
Klbchen hatte lange schlotterige Beine, die wie lose Stelzen unter seinem
Krper saen. Der Kopf war sehr gro; er hatte ein geradezu greisenhaftes
Aussehen und hing immer auf die eine Seite herunter. Die Haut sa runzelig
auf dem Krper, als htte das Tier einen Pelz an, der nicht fr es gemacht
worden war. Auch sah es immer gedrckt und mimutig aus; aber
merkwrdigerweise stand es stets schnell auf, sobald es Karr vor dem Stand
erblickte, wie wenn es sich ber den Anblick des Hundes freute.

Mit jedem Tag wurde das Elchklbchen elender; es wuchs nicht, und
schlielich konnte es sich nicht einmal mehr aufrichten, wenn es Karr sah.
Einmal sprang der Hund zu ihm in den Stand hinein, und da leuchteten die
Augen des Klbchens auf, als sei ihm ein besonderer Wunsch in Erfllung
gegangen. Von dieser Zeit an besuchte Karr das Klbchen jeden Tag; er blieb
stundenlang bei ihm, leckte ihm den Pelz, spielte und scherzte mit ihm und
teilte ihm dies und das mit, was ein Tier des Waldes wissen sollte.

Und es war merkwrdig, von dem Tag an, wo Karr auf den Gedanken kam, zu
dem Klbchen hineinzugehen, begann dieses zu wachsen und zu gedeihen. Als
es dann erst ein wenig zu Krften gekommen war, nahm es in wenigen Wochen
ungeheuer zu, und schon nach kurzer Zeit hatte es keinen Platz mehr in dem
kleinen Stand, sondern mute in einem Gehege untergebracht werden. Und nach
ein paar weiteren Monaten waren seine Beine so lang geworden, da es mit
Leichtigkeit ber die Hecke htte springen knnen.

Da bekam der Waldhter von dem Gutsbesitzer die Erlaubnis, den Platz mit
einem starken hohen Zaun einzufriedigen. Hier verbrachte das Tier mehrere
Jahre und wuchs allmhlich zu einem groen gewaltigen Elch heran. Karr
leistete ihm Gesellschaft, so oft er konnte; aber jetzt geschah dies nicht
mehr aus Mitleid, sondern weil sich eine warme Freundschaft zwischen den
beiden gebildet hatte. Der Elch war noch immer niedergeschlagen und schien
auch trge und energielos; aber Karr verstand es, seinen Freund munter und
frhlich zu machen.

Graufell hatte nun fnf Sommer bei dem Waldhter verbracht; da wurde eines
Tages von einem Zoologischen Garten im Ausland an den gndigen Herrn die
Anfrage gerichtet, ob er den Elch vielleicht verkaufen wrde. Ja, das
wollte der gndige Herr gern. Dem Waldhter tat es sehr leid; aber es htte
ja nichts gentzt, wenn er sich gestrubt htte, und so wurde denn der
Verkauf des Tieres endgltig beschlossen. Karr erfuhr bald, was bevorstand,
und lief mit der Nachricht eilends zu seinem Freunde hinaus. Der Hund war
unglckselig, da er Graufell verlieren sollte; aber der Elch nahm die
Sache ganz ruhig auf und schien weder betrbt noch erfreut darber zu sein.

Willst du dich denn so ohne allen Widerstand fortschicken lassen? fragte
Karr.

Was knnte es ntzen, wenn ich mich auch wehren wrde? erwiderte
Graufell. Ich bliebe freilich am liebsten da, wo ich bin, aber wenn man
mich verkauft, mu ich eben fort von hier.

Karr stand vor Graufell und betrachtete ihn mit prfenden Blicken. Man
konnte gut sehen, da der Elch noch nicht ganz ausgewachsen war. Seine
Schaufeln waren noch nicht so breit und sein Hcker nicht so hoch und seine
Mhne nicht so wild, wie die der ausgewachsene Elche, aber um sich seine
Freiheit zu erkmpfen, dazu wre er doch stark genug gewesen.

Man merkt wohl, da er sein Leben lang in der Gefangenschaft gewesen ist,
dachte Karr; aber er sagte nichts.

Erst nach Mitternacht kehrte der Hund in das Gehege zurck; er wute, da
hatte der Elch ausgeschlafen und war bei seiner ersten Mahlzeit.

Es ist gewi recht vernnftig von dir, da du dich so ruhig in dein
Schicksal findest, Graufell, sagte Karr, der jetzt ganz beruhigt und
vergngt zu sein schien. Du wirst in einem groen Garten eingesperrt
werden und da ein sorgenfreies Leben haben. Aber weit du, es wre doch
recht schade, wenn du von hier fortkmest, ohne vorher den Wald gesehen zu
haben. Du weit, deine Stammesgenossen haben den Wahlspruch: >Der Elch ist
eins mit dem Walde<, und du bist noch nicht einmal in einem Walde gewesen.


Graufell hob den Kopf von dem Klee, an dem er eben kaute. Ich mchte den
Wald wohl gern sehen, aber wie soll ich ber den Zaun kommen? sagte er mit
seiner gewhnlichen Trgheit.

Nein, das ist wohl ganz unmglich fr einen, der so kurze Beine hat,
sagte Karr.

Der Elch schielte zu Karr hinber, der trotz seiner Kleinheit jeden Tag
mehrere Male ber den Zaun sprang. Er trat an den Zaun, machte einen
Sprung-- und war im Freien, beinahe ohne da er wute, wie es zugegangen
war.

Nun wanderten die beiden in den Wald hinein. Es war eine wunderschne
mondhelle Sommernacht; aber drinnen unter den Bumen war es dunkel, und der
Elch ging mit vorsichtigen Schritten vorwrts.

Es wre vielleicht am besten, wenn wir umkehrten, sagte Karr. Du bist ja
noch nie in solch einem wilden Walde gegangen und knntest dir leicht ein
Bein brechen.

Da begann Graufell pltzlich rascher und kecker vorwrts zu gehen.

Karr fhrte den Elch in den Teil des Waldes, wo mchtige Tannen wuchsen,
die so dicht standen, da nie ein Windhauch hindurchdrang. Hier pflegen
deine Stammesgenossen vor Sturm und Klte Schutz zu suchen, sagte Karr.
Und sie stehen hier den ganzen Winter hindurch unter freiem Himmel. Aber
du bekommst es ja dort, wo du hinkommst, viel besser. Da hast du ein Dach
ber dem Kopf und stehst dann wie eine Kuh in einem Stalle.

Graufell gab keine Antwort; er blieb stehen und zog den wrzigen Tannenduft
ein. Hast du mir noch mehr zu zeigen, oder habe ich jetzt den ganzen Wald
gesehen? fragte er.

Da ging Karr mit ihm an ein groes Moor und zeigte ihm die Rasenhgel und
das Bebemoor.

ber dieses Moor hin fliehen die Elche, wenn ihnen Gefahr droht, sagte
Karr. Ich wei nicht, wie sie es machen, aber trotzdem sie so gro und
schwer sind, knnen sie darauf gehen, ohne einzusinken. Du wtest dir
gewi auf so schwankem Grunde nicht zu helfen; aber du brauchst es ja auch
gar nicht, denn du wirst nie von Jgern verfolgt werden.

Graufell gab keine Antwort, aber mit einem groen Satz war er drauen auf
dem Moor. Es war ihm eine Freude, als er fhlte, wie die Rasenhgel unter
ihm schwankten. Er lief weit hinaus und kehrte zu Karr zurck, ohne ein
einziges Mal eingesunken zu sein.

Haben wir jetzt den ganzen Wald gesehen? fragte er.

Nein, noch nicht, sagte Karr.

Jetzt ging er mit dem Elch an den Waldessaum, wo hohe Laubholzbume
wuchsen: Eichen, Espen und Linden.

Hier pflegen deine Stammesgenossen Laub und Rinde zu fressen, sagte Karr.
Sie halten dies fr die beste Nahrung; aber im Ausland bekommst du
jedenfalls viel besseres Futter.

Graufell betrachtete verwundert die prchtigen Bume, die sich wie grne
Kuppeln ber ihm wlbten. Er kostete das Eichenlaub und die Espenrinde.

Das schmeckt bitter und gut, sagte er. Es ist besser als Klee.

Dann kannst du dich ja freuen, da du es einmal zu schmecken bekommen
hast, sagte der Hund.

Hierauf fhrte er den Elch an einen kleinen Waldsee. Das Wasser lag ganz
still und glnzend da, und die von leichten Nebelschleiern halb verhllten
Ufer spiegelten sich darin. Als Graufell den See erblickte, blieb er
unbeweglich stehen.

Was ist das, Karr? fragte er; denn er sah zum erstenmal einen See.

Das ist ein groes Wasser, ein See, sagte Karr. Dein Geschlecht pflegt
von einem Ufer zum andern hinberzuschwimmen. Von dir kann man das freilich
nicht verlangen; aber du solltest doch jedenfalls hineinsteigen und ein Bad
nehmen. Mit diesen Worten ging Karr selbst an den See hinunter und schwamm
hinaus.

Graufell blieb ziemlich lange am Ufer stehen; schlielich aber stieg er
doch in die Flut. Er hielt den Atem an vor Wohlbehagen, als das Wasser sich
weich und khl an seinen Krper anschmiegte. Er wollte es auch auf dem
Rcken fhlen und ging deshalb weiter hinein. Da merkte er, da das Wasser
ihn trug, und nun fing er an zu schwimmen. Bald schwamm er lustig um Karr
herum und war im Wasser wie zu Hause. Als die beiden wieder am Ufer
angelangt waren, fragte der Hund, ob sie nun nach Hause gehen sollten.

Ach, es ist noch lange bis zum Morgen, la uns noch eine Weile im Walde
umherstreifen! sagte Graufell.

Sie gingen wieder in den Nadelwald hinein und erreichten bald einen freien
Platz, der vom hellen Mondschein bergossen dalag. Auf den Grsern und
Blumen funkelten Tautropfen. Mitten auf der Waldwiese weideten ein paar
groe Tiere, ein Elchstier, mehrere Elchkhe und verschiedene Rinder und
Klber. Als Graufell diese Tiere erblickte, hielt er jh an. Die Elchkhe
und das Jungvieh beachtete er kaum; seine Augen waren unverwandt auf den
alten Elchstier gerichtet, der ein breites Schaufelgeweih mit vielen
Spitzen, einen mchtigen Hcker auf dem Rist und am Halse einen groen
Mhnensack herunterhngen hatte.

Was ist denn das fr einer? fragte Graufell, und seine Stimme bebte vor
Erregung.

Er heit Hornkrone, sagte Karr, und ist dein Stammesgenosse. Solche
breite Schaufeln und eine ebensolche Mhne bekommst du wohl eines Tages
auch, und wenn du im Wald verbliebest, wrdest du wohl auch der Anfhrer
einer Herde.

Wenn der dort drben mein Stammesgenosse ist, dann will ich nher treten
und ihn betrachten, sagte Graufell. Ich htte nie gedacht, da ein
Elchstier so stattlich sein knnte.

Graufell ging zu den Elchen hin, kehrte aber fast augenblicklich wieder zu
Karr zurck, der am Waldessaum stehen geblieben war.

Bist du nicht freundlich aufgenommen worden? fragte Karr.

Ich sagte zu ihm, ich treffe hier zum erstenmal mit Stammesgenossen
zusammen, und bat ihn, mich hier unter ihnen weiden zu lassen; aber er wies
mich fort und drohte mir mit seinem Geweih.

Du hast wohl getan, da du ihm ausgewichen bist, sagte Karr. Ein junger
Stier, der noch kein Schaufelgeweih hat, mu sich vor einem Kampf mit alten
Elchen hten. Ein andrer htte freilich einen schlechten Ruf im Walde
bekommen, wenn er ohne Widerstand zurckgewichen wre; aber das braucht
dich nicht anzufechten, denn du begibst dich ja ins Ausland.

Kaum hatte Karr diese Worte gesprochen, als Graufell sich auch schon wieder
der Wiese zuwendete. Der alte Elch kam gerade auf ihn zu, und bald waren
die beiden mitten im heftigsten Kampfe. Sie drangen mit den Geweihen
aufeinander ein und stieen zu, und Graufell wurde ber die ganze Wiese
zurckgetrieben; er schien gar nicht zu verstehen, wie er seine Kraft
gebrauchen sollte. Als er aber bis zum Waldessaum zurckgedrngt worden
war, stemmte er die Fe fester auf den Boden, stie heftig mit dem Geweih
und begann nun seinerseits Hornkrone zurckzutreiben. Graufell kmpfte
lautlos, aber Hornkrone keuchte und schnaubte. Nun wurde der alte Elch
allmhlich ber die ganze Wiese zurckgedrngt. Pltzlich ertnte ein
lautes Krachen. Von Hornkrones Geweih war die Spitze abgebrochen. Da ri er
sich heftig von Graufell los und rannte in den Wald hinein.

Karr stand noch immer am Waldrand, als Graufell zu ihm zurckkehrte. Jetzt
hast du alles gesehen, was im Wald ist, sagte er zu Graufell. Sollen wir
jetzt nach Hause gehen?

Ja, es wird wohl allmhlich Zeit dazu, sagte Graufell.

Auf dem Heimweg waren beide schweigsam. Karr seufzte mehrere Male, wie wenn
er sich in etwas verrechnet htte, Graufell aber schritt mit hoch erhobenem
Kopf dahin und schien sich ber sein Abenteuer zu freuen. Ohne das
geringste Zgern ging er weiter, aber als er mit Karr vor seinem Gehege
angekommen war, blieb er stehen. Er betrachtete den engen Raum, in dem er
bisher sein Leben verbracht hatte, sah das festgetretene Erdreich, das
verwelkte Futter, den kleinen Trog, aus dem er seinen Durst gelscht, und
den dunkeln Verschlag, wo er geschlafen hatte.

Der Elch ist eins mit dem Walde! rief er und warf den Kopf so weit
zurck, da sein Nacken auf dem Rcken lag; und dann strmte er in wilder
Flucht in den Wald hinein.

[Illustration: Karr und Graufell (Zu Seite 186)]


Hilflos

Tief drinnen in einem Fichtengehlz des alten Friedenswaldes zeigten sich
jedes Jahr im August grauweie Nachtschmetterlinge von der Art, die man
Nonnen heit. Sie waren klein, und es waren ihrer so wenige, da sie fast
von niemand bemerkt wurden. Nachdem diese Nonnen ein paar Nchte hindurch
in dem Walde umhergeflattert waren, legten sie ein paar Tausend Eier auf
die Baumstmme, und kurz darauf sanken sie leblos zu Boden.

Wenn dann der Frhling kam, krochen aus den Eiern kleine Raupen, die sich
sogleich von Tannennadeln nhrten. Sie hatten einen guten Appetit, konnten
aber den Bumen doch keinen ernstlichen Schaden zufgen, weil ihnen von den
Vgeln hart zugesetzt wurde. Mehr als einige hundert Raupen entgingen den
Verfolgern nur selten.

Die wenigen Raupen, die zu wirklichem Wachstum gelangten, krochen auf die
Zweige hinauf, spannen sich in weie Fden ein und blieben ein paar Wochen
lang unbeweglich auf einem Fleck sitzen. Whrend dieser Zeit wurde
gewhnlich mehr als die Hlfte von ihnen weggeschnappt. Wenn im August
hundert Nonnen wohlbeschwingt und ausgewachsen im Walde umherflogen, so
konnten sie sich zu einem guten Jahre gratulieren.

Viele Jahre lang fhrten die Nonnen ein solches unsicheres und unbemerktes
Dasein im Friedenswalde. In der ganzen Gegend war kein einziges Insekt in
so geringer Zahl vertreten. Und so harmlos und ungefhrlich wren sie auch
ferner geblieben, wenn ihnen nicht ganz unvermutet ein Helfer erstanden
wre.

Aber da die Nonnen einen Helfer bekamen, das hing mit der Flucht des Elchs
aus dem Waldhterhause zusammen. Graufell wanderte nmlich den ganzen
ersten Tag nach seiner Flucht im Walde umher, um darin heimisch zu werden.
Gegen Abend drang er durch dichtes Buschwerk und fand dahinter einen
offenen Platz, wo der Boden aus Moor und weichem Schlick bestand. In der
Mitte war ein Tmpel schwarzen Wassers, und ringsherum standen hohe
Fichten, die vor Alter und Saftlosigkeit fast gar keine Nadeln mehr hatten.
Graufell gefiel der Platz gar nicht, und er htte ihn sogleich wieder
verlassen, wenn er nicht dicht bei dem Tmpel einige hellgrne Kallabltter
entdeckt htte.

Als er den Kopf zu den Kallablttern herunterneigte, sah er eine groe
schwarze Schlange, die darunter lag und schlief. Der Elch hatte Karr von
den giftigen Ottern erzhlen hren, die es im Walde gbe, und als das
Gewrm den Kopf hob, seine gespaltene Zunge herausstreckte und ihn
anzischte, da glaubte Graufell, er habe ein furchtbar gefhrliches Tier vor
sich. Er erschrak sehr, hob den Fu auf, schlug mit dem Huf nach der
Schlange und zertrat sie. Hierauf eilte er in wilder Flucht davon.

Sobald Graufell verschwunden war, tauchte eine andre, ebenso lange und
ebenso schwarze Schlange aus dem Tmpel auf. Sie kroch zu der Getteten
hin und fuhr ihr mit der Zunge ber den zerschmetterten Kopf.

Ist es mglich, da du tot bist, meine gute alte Harmlos? zischte die
Schlange. Und wir beide haben so viele Jahre lang glcklich zusammen
gelebt! Wir haben es gut beieinander gehabt, und es war so schn hier in
dem Tmpel, da wir lter wurden, als alle andern Nattern im Walde. Dies
ist das bitterste Leid, das mich htte treffen knnen.

Die Natter war tiefbetrbt, ihr langer Krper ringelte sich, als ob er auch
verwundet wre. Selbst die Frsche, die in bestndiger Angst vor ihr
lebten, hatten Mitleid mit ihr.

Welch ein bses Geschpf mu doch das sein, das eine arme Natter
totschlgt, die sich nicht wehren kann? zischte die Schlange. Diese Untat
verdiente wahrhaftig eine ausgesucht harte Strafe. Die Natter wand und
krmmte sich eine Weile in ihrem Schmerz, aber pltzlich hob sie den Kopf.
So wahr ich Hilflos heie und die lteste Natter im Walde bin, ich werde
fr diese Missetat hier Rache nehmen! Ich will nicht ruhen, bis der
grausame Elch ebenso tot auf der Erde liegt, wie hier meine getreue
Lebensgefhrtin!

Nachdem die Schlange dieses Gelbde abgelegt hatte, ringelte sie sich zu
einem Knuel zusammen und berlegte. Aber etwas Schwierigeres lt sich
wohl kaum ausdenken, als wie eine arme Natter sich an einem groen starken
Elch rchen knnte, und der alte Hilflos berlegte zwei volle Tage und zwei
Nchte hindurch, ohne einen Ausweg zu finden.

In einer Nacht jedoch, wo die Schlange noch schlaflos ber ihren
Rachegedanken brtete, hrte sie ein leichtes Rascheln ber ihrem Kopfe,
und als sie aufschaute, gewahrte sie einige schimmernde
Nonnenschmetterlinge, die zwischen den Bumen gaukelten. Sie sah ihnen
lange zu, dann zischte sie laut vor sich hin, aber schlielich schlief sie,
offenbar ganz zufrieden mit dem, was sie sich ausgedacht hatte, ein.

Am nchsten Vormittag begab sich die Natter zu Kryle, der Kreuzotter, die
in einem steinigen, hochgelegenen Teil des Friedenswaldes wohnte. Dort
angekommen, berichtete sie von dem Tod der alten Natter und stellte dann
der Kreuzotter das Ansinnen, die Rache fr sie auszufhren, weil sie so
gefhrliche Bisse versetzen knne. Aber Kryle war nicht sehr geneigt, sich
mit den Elchen in Streit einzulassen.

Wenn ich einen Elch anfallen wrde, sagte sie, wrde er mich auf der
Stelle tten. Die alte Harmlos ist tot, und wir knnen sie mit aller Mhe
nicht wieder ins Leben zurckrufen. Warum sollte ich mich da ihretwegen ins
Unglck strzen?

Als die Natter diese Antwort vernahm, hob sie den Kopf einen vollen Fu
hoch vom Boden auf und zischte ganz entsetzlich. Wisch, wasch! Wisch,
wasch! sagte sie. Wie schade, da jemand, der solche Waffen erhalten hat,
zu feige ist, sie zu gebrauchen.

Als die Kreuzotter dieses hrte, wurde sie auch zornig. Krieche deines
Weges weiter, alter Hilflos! zischte sie. Das Gift luft mir schon in die
Zhne; aber ich mchte dich lieber verschonen, da du ja doch als ein
Stammesgenosse von mir betrachtet wirst.

Aber die Natter rhrte sich nicht; und eine gute Weile lagen die Schlangen,
einander anzischend und sich gegenseitig Grobheiten ins Gesicht
schleudernd, auf demselben Fleck. Als aber Kryle so zornig war, da sie
nicht mehr zischen, sondern nur noch zngeln konnte, schlug die Natter
pltzlich einen andern Ton an.

Ich hatte eigentlich noch einen zweiten Auftrag fr dich, sagte sie und
lie ihre Stimme zu einem sanften Flstern sinken. Aber jetzt hab ich dich
wohl so erzrnt, da du keine Lust mehr hast, mir zu helfen.

Wenn du nur nichts Unsinniges von mir verlangst, dann stehe ich dir gern
zu Diensten.

In den Fichten bei meinem Wassertmpel, sagte die Natter, wohnt ein
Schmetterlingsvolk, das in den Nchten des Sptsommers umherfliegt.

Ich wei schon, welche du meinst, sagte Kryle. Was ist mit ihnen?

Sie sind das kleinste Insektenvolk, sagte Hilflos, und dazu auch das
unschdlichste von allen, weil ihre Raupen sich von nichts als Tannennadeln
ernhren.

Das wei ich wohl, sagte Kryle.

Ich habe Angst, da dieses Schmetterlingsvolk bald vollstndig ausgerottet
wird, fuhr die Natter fort. Im Frhjahr werden die Raupen von gar so
vielen weggeschnappt.

Nun verstand die Kreuzotter die Absicht der Natter. Diese wollte die Raupen
offenbar fr sich allein behalten, und so antwortete sie freundlich: Soll
ich den Eulen sagen, sie sollen diese Tannenraupen in Frieden lassen?

Ja, es wre mir lieb, wenn du dieses auswirken knntest; du hast ja hier
im Walde etwas zu sagen, antwortete Hilflos.

Vielleicht kann ich auch bei den Drosseln ein gutes Wort fr die
Nadelfresser einlegen, sagte die Kreuzotter. Ich tue dir gern einen
Gefallen, wenn du nichts Unsinniges verlangst.

Jetzt hast du mir ein gutes Versprechen gegeben, Kryle, sagte Hilflos,
und ich bin sehr froh, da ich zu dir gekommen bin.


Die Nonnen

Mehrere Jahre spter schlief Karr eines Morgens auf dem Hausflur. Es war im
Frhsommer, zur Zeit der kurzen Nchte, und tageshell, obgleich die Sonne
noch nicht aufgegangen war. Da erwachte Karr davon, da ihn jemand beim
Namen rief. Bist du es, Graufell? fragte er; denn der Elch kam beinahe
jede Nacht, ihn zu begren. Karr erhielt keine Antwort, aber wieder hrte
er, da ihn jemand rief. Diesmal glaubte er Graufells Stimme deutlich zu
erkennen, und er lief dem Tone nach.

Karr hrte, da der Elch vor ihm herlief, konnte ihn aber nicht erreichen.
Ohne auf Weg oder Steg zu achten, strmte der Elch mitten durchs Dickicht
hindurch in den dichtesten Nadelwald hinein, und Karr konnte die Spur nur
mit groer Mhe verfolgen.

Karr, Karr! ertnte es wieder. Und die Stimme war sicher Graufells, aber
mit einem Beiklang, den der Hund noch nie vernommen hatte.

Ich komme, ich komme! Wo bist du? antwortete Karr.

Karr, Karr! Siehst du nicht, wie es fllt, fllt? fragte Graufell.

Da sah Karr, da von den Fichten unaufhrlich Nadeln herunterrieselten wie
ein dichter Regen. Ja, ich sehe, wie es fllt! rief er, lief aber
zugleich tiefer in den Wald hinein, den Elch zu finden.

Graufell eilte gestreckten Laufes durchs Gebsch, und abermals htte Karr
fast die Spur verloren.

Karr, Karr! brllte Graufell jetzt geradezu. Merkst du nicht, wie es
hier im Walde riecht?

Karr blieb stehen und witterte. Es war ihm vorher nicht aufgefallen; aber
jetzt merkte er, da die Fichten einen viel strkeren Duft ausstrmten als
gewhnlich.

Ja, ich rieche es auch, sagte er, nahm sich aber gar nicht Zeit,
herauszubringen, woher der Geruch komme, sondern eilte nur weiter hinter
Graufell drein.

Abermals rannte der Elch in grter Eile davon; der Hund konnte ihn nicht
einholen. Karr, Karr! rief er nach einer Weile wieder. Hrst du nicht,
wie es in den Bumen knackt? Und jetzt war Graufells Stimme so betrbt,
da es einen Stein htte erbarmen knnen.

Karr hielt an und lauschte. Da hrte er ein schwaches, aber deutliches
Knacken in den Bumen; es klang wie das Ticken einer Uhr.

Ja, ich hre, wie es knackt! rief Karr; und diesmal lief er nicht weiter.
Er fhlte, der Elch wollte nicht, da er ihm folge, er wollte ihn auf etwas
aufmerksam machen, das hier im Walde vorging.

Karr stand unter einer Fichte mit ppigen, schwer herabhngenden Zweigen
und dicken dunkelgrnen Nadeln. Er betrachtete den Baum genau, und da war
es ihm, als ob die Nadeln sich bewegten. Als er dann noch nher hinzutrat,
entdeckte er eine Menge weilichgrauer Raupen, die auf den Zweigen
herumkrabbelten und die Nadeln fraen. Jeder Zweig war bedeckt mit solchen
Raupen, die nagten und fraen; und es knackte in den Bumen von allen den
kleinen unermdlichen Kiefern. Unaufhrlich fielen abgebissene Nadeln
herunter, und der armen Fichte entstrmte ein berwltigender Duft, den der
Hund fast nicht aushalten konnte.

Diese Fichte wird nicht viele von ihren Nadeln behalten drfen, dachte
Karr und richtete seine Blicke auf den nchsten Baum. Auch dieser war eine
groe stattliche Fichte, aber sie sah genau so aus wie die andre. Was das
nur ist? dachte Karr weiter. Es ist schade um die stolzen Bume, mit
ihrer Schnheit wird es bald aus sein. Er ging von Baum zu Baum und suchte
herauszubringen, was eigentlich mit ihnen geschehen war. Hier ist eine
Edeltanne, dachte er. An diese haben sich die Raupen vielleicht nicht
gewagt. Aber auch diese Tanne war angegriffen. Und hier eine Birke.
Jawohl, auch hier, auch hier! Da wird der Waldhter keine Freude daran
haben, dachte Karr.

Er lief weiter in den Wald hinein, um zu sehen, wie weit die Verheerung
sich ausgedehnt htte. Wohin er kam, ertnte dasselbe Ticken, verbreitete
sich derselbe Geruch, fiel derselbe Nadelregen; Karr brauchte gar nicht
mehr anzuhalten, um zu untersuchen, an diesen Zeichen erkannte er schon,
wie die Sache stand. Die kleinen Raupen fanden sich berall. Der ganze Wald
war in Gefahr, von ihnen kahl gefressen zu werden.

Pltzlich kam Karr in einen Waldstrich, wo ihm kein Geruch entgegenschlug
und wo alles still und ruhig war. Hier ist ihre Herrschaft zu Ende,
dachte der Hund, er hielt an und schaute sich um. Aber hier war es sogar
noch schlimmer, hier hatten die Raupen ihre Arbeit schon beendigt, und die
Bume standen ohne Nadeln kahl da. Wie tot sahen sie aus, und das einzige,
was sie bedeckte, war eine Menge verwirrter Fden, die die Raupen gesponnen
und als Brcken und Stege bentzt hatten.

Hier drinnen unter den sterbenden Bumen stand Graufell und wartete auf
Karr. Aber er war nicht allein, neben ihm standen vier alte Elche, die
angesehensten vom ganzen Walde. Karr kannte sie wohl. Da war Krummrck, ein
kleiner Elch, aber mit einem greren Hcker als alle andern, dann
Hornkrone, der stattlichste des ganzen Elchvolkes, sowie Wirrmhne mit
seinem dichten Pelz, und dann noch ein alter hochbeiniger, der Riesenkraft
hie und entsetzlich hitzig und streitschtig gewesen war, bis er bei der
letzten Herbstjagd eine Kugel in den Schenkel bekommen hatte.

Was in aller Welt geht denn hier im Walde vor? fragte Karr, als er die
Elche erreicht hatte, die mit gesenkten Kpfen und weit vorgeschobener
Oberlippe dastanden und uerst nachdenklich aussahen.

Das wei niemand, antwortete Graufell. Dieses Insektenvolk ist immer das
schwchste im ganzen Walde gewesen und hat noch nie einen Schaden
angerichtet; aber in den letzten Jahren hat es sich ungeheuer rasch
vermehrt, und jetzt sieht es aus, als wre es imstande, den ganzen Wald zu
zerstren.

Ja, es sieht schlimm aus, sagte Karr. Aber wie ich sehe, sind die
Weisesten des Waldes zusammengekommen, zu beraten, und sie haben vielleicht
schon eine Hilfe ersonnen.

Als der Hund dies sagte, hob Krummrck hchst feierlich seinen schweren
Kopf, bewegte die langen Ohren und sagte: Wir haben dich hierhergerufen,
Karr, um von dir zu hren, ob die Menschen etwas von dieser Verheerung
wissen?

Nein, erwiderte Karr, sie wissen nichts von dem Unglck; so tief in den
Wald hinein kommt ja auer zur Jagdzeit nie ein Mensch.

Wir, die Alten hier im Walde, nahm Hornkrone das Wort, glauben nicht,
da wir Tiere allein ber das Insektenvolk Herr werden knnen.

Dies halten wir jedoch fast fr ein ebenso groes Unglck wie das andre,
sagte Wirrmhne. Nun wird es bald aus sein mit dem Frieden im Walde.

Aber wir knnen doch nicht den ganzen Wald zugrunde gehen lassen, sagte
Riesenkraft. Es bleibt uns durchaus keine Wahl.

Karr fhlte, wie schwer es den Elchen wurde, mit ihrem Anliegen
herauszurcken, und er versuchte ihnen zu helfen. Meinet ihr vielleicht,
ich solle es den Menschen zu wissen tun, wie es hier steht? fragte er.

Da nickten alle die alten Elche mit den Kpfen. Es ist ein schweres
Unglck, da wir von den Menschen Hilfe verlangen mssen, aber es gibt
keinen andern Ausweg, sagten sie.

Bald darauf war Karr auf dem Heimweg. Whrend er so tief bekmmert ber
alles, was er erfahren hatte, dahineilte, kam ihm eine groe schwarze
Natter entgegen. Schn guten Tag hier im Walde! zischte die Natter.

Schn guten Tag! bellte der Hund und eilte vorbei, ohne anzuhalten. Aber
die Natter drehte um und versuchte, Karr einzuholen. Vielleicht ist sie
auch in Sorge um den Wald, dachte Karr und blieb stehen.

Die Natter begann sogleich von der groen Verheerung zu reden. Wenn aber
die Menschen herbeigerufen werden, dann wird es mit der Ruhe und dem
Frieden hier im Walde bald aus sein, sagte sie.

Das frchte ich auch, erwiderte Karr, aber die Alten im Walde wissen
wohl, was sie tun.

Ich knnte einen bessern Rat geben, sagte die Natter. Wenn ich nur den
Lohn bekme, den ich mir wnsche.

Bist du nicht das Tier, das man Hilflos heit, sagte der Hund
verchtlich.

Ich bin im Walde alt geworden, erwiderte die Natter, und ich wei, wie
solches Ungeziefer vertilgt werden mu.

Wenn du das knntest, sagte Karr, dann wird dir sicher niemand dein
Verlangen weigern.

Nachdem Karr dies gesagt hatte, schlpfte die Schlange unter eine
Baumwurzel, und erst, als sie wohlbeschtzt in einem engen Loch lag, setzte
sie die Unterredung fort. Nun, dann gre Graufell von mir, rief sie,
und sag ihm, wenn er aus dem Friedenswalde fortziehen und nicht Rast
machen wolle, bis er hoch in den Norden gezogen sei, wo keine Eiche mehr im
Walde wchst, und auch versprechen wolle, nie wieder zurckzukehren,
solange die Natter Hilflos lebt, dann werde der alte Hilflos ber das
Ungeziefer, das jetzt auf den Nadelholzbumen herumkriecht und sich an
ihren Nadeln mstet, Krankheit und Tod schicken.

Was sagst du da? fragte Karr, whrend sich ihm vor Entsetzen die Haare
auf dem Rcken strubten. Was hat dir denn Graufell zuleide getan?

Er hat die umgebracht, die ich am liebsten hatte, antwortete die
Schlange. Und ich will mich an ihm rchen.

Noch ehe die Natter ausgesprochen hatte, fuhr Karr auf sie los; aber sie
lag wohlgeborgen unter der Baumwurzel.

Bleib du nur da liegen, solang es dir gefllt! rief Karr schlielich.
Wir werden auch ohne deine Hilfe Herr ber die Tannenraupen werden.

Am nchsten Tage ging der Gutsbesitzer mit dem Waldhter durch den Wald.
Karr lief im Anfang neben ihnen her, aber nach einer Weile verschwand er,
und bald nachher ertnte ein heftiges Bellen aus der Tiefe des Waldes
heraus. Da ist Karr wieder auf der Jagd, sagte der Gutsbesitzer.

Aber der Waldhter wollte es nicht glauben. Karr hat seit vielen Jahren
nicht mehr unerlaubt gejagt, erwiderte er. Dann lief er rasch in den Wald
hinein, um zu sehen, was fr ein Hund gebellt htte, und der Gutsbesitzer
ging hinter ihm her.

Sie folgten dem Bellen bis in den dichtesten Wald hinein; aber da
verstummte es pltzlich. Die beiden Mnner blieben stehen, um zu lauschen;
und da, in der tiefen Stille, hrten sie, wie die Kiefer der Insekten
arbeiteten; sie sahen die Tannennadeln herunterrieseln und rochen den
starken Duft. Dann sahen sie auch, da alle Bume mit den Raupen des
Nonnenschmetterlings bedeckt waren, jenen kleinen Baumfeinden, die
meilenweite Wlder zerstren knnen.


Der groe Krieg gegen die Nonnen

Im nchsten Frhling ging Karr eines Morgens im Walde spazieren. Karr,
Karr! ertnte eine Stimme hinter ihm. Der Hund wendete sich um; er hatte
richtig gehrt. Ein alter Fuchs stand vor seinem Bau, der hatte ihn
angerufen.

Sag mir, ob die Menschen etwas mit dem Walde vorhaben? fragte der Fuchs.

Ja, du kannst dich darauf verlassen, antwortete Karr. Sie arbeiten, was
das Zeug hlt.

Sie haben mir mein ganzes Geschlecht umgebracht, und jetzt werden sie mich
auch totschlagen, sagte der Fuchs. Aber es sei ihnen verziehen, wenn sie
nur den Wald retten.

In diesem Jahre streifte Karr nie im Walde umher, ohne da er gefragt
wurde, ob die Menschen den Wald retten knnten. Es war nicht leicht fr
Karr, darauf zu antworten, denn die Menschen wuten selbst nicht, ob es
ihnen gelingen wrde, ber die Nonnen Herr zu werden.

Wenn man bedenkt, wie gefrchtet und berchtigt der alte Kolmrden gewesen
war, so war es ein merkwrdiger Anblick, da jetzt jeden Tag ber hundert
Mnner in den Wald gingen und aus Leibeskrften arbeiteten, ihn vor dem
Verderben zu retten. Die am meisten verheerten Strecken wurden geschlagen,
das Unterholz gelichtet und die niedrigsten Zweige der groen Bume
abgehauen, damit die Raupen nicht so leicht von Baum zu Baum kriechen
knnten. Um den verheerten Wald herum hieben die Mnner breite Wege aus
und umhegten ihn mit Leimstangen; dadurch hofften sie die Raupen
einzusperren und auf ihr jetziges Bereich zu beschrnken. Nachdem dies
getan war, legten sie Leimringe um die Baumstmme. Auf diese Weise wollte
man die Raupen am Herunterkriechen von den schon abgefressenen Bumen
verhindern und sie zwingen, da zu bleiben, wo sie waren, weil sie dann
verhungern mten.

Bis spt ins Frhjahr hinein setzten die Menschen diese Arbeit fort. Sie
waren voll guter Hoffnung und warteten fast mit Ungeduld auf das
Ausschlpfen der Raupen, denn sie waren fest berzeugt, sie so fest
eingesperrt zu haben, da die meisten Hungers sterben mten.

Mit dem Beginn des Sommers schlpften dann die Raupen aus, und sie waren
jetzt noch viel, viel zahlreicher als im letzten Jahre. Aber die Menschen
meinten, das tue nichts, wenn sie nur eingesperrt seien und nicht genug
Futter fnden.

Aber in dieser Beziehung ging es nicht ganz so, wie man gehofft hatte. Es
blieben freilich unzhlige Raupen an den Leimstangen hngen, auch muten
groe Mengen vor den Leimringen Halt machen und konnten nicht von den
Bumen heruntergelangen; aber trotzdem htte man nicht behaupten knnen,
da die Raupen eingesperrt gewesen wren. Sie waren auerhalb und innerhalb
der Einfriedigung; sie waren berall: auf den Landstraen krochen sie hin,
auf den Feldmuerchen, an den Husermauern hinauf. Sie wanderten aus dem
Friedenswald hinaus und in andre Teile des Kolmrden hinein.

Sie hren nicht auf, bis der ganze Wald zerstrt ist, sagten die
Menschen, die sich vor Angst fast nicht zu helfen wuten, und denen die
Trnen in die Augen traten, so oft sie in den Wald kamen.

Karr war das ganze Ungeziefer, das da drauen herumkroch und nagte, so zum
Ekel, da er sich kaum noch entschlieen konnte, vors Haus hinauszugehen.
Aber eines Tages dachte er, er msse sich doch wieder einmal nach Graufell
umsehen. So schlug er denn den Weg nach dessen Aufenthaltsgebiet ein, und
mit der Nase an der Erde lief der Hund rasch vorwrts. Als er an die
Baumwurzel kam, wo er im vergangenen Jahre mit dem alten Hilflos
zusammengetroffen war, lag dieser wieder in dem Loch und rief ihn an.

Hast du ber das, was ich dir bei unserer letzten Begegnung sagte, mit
Graufell gesprochen? fragte die Natter. Aber Karr bellte nur und
versuchte, an sie heranzukommen. Tu es auf alle Flle, sagte die
Schlange. Du siehst ja, da die Menschen nichts gegen die Verheerung
ausrichten knnen.

Ja, und du auch nicht, antwortete Karr im Weitereilen.

Karr fand Graufell; aber der Elch war in sehr gedrckter Stimmung. Er
begrte Karr nur ganz flchtig und begann sogleich von dem Walde zu reden.

Ich wte nicht, was ich dafr geben wrde, wenn dieses Elend ein Ende
nhme! sagte er.

Dann mte ich dir ja wohl mitteilen, da es den Anschein hat, als
knntest du den Wald retten, sagte Karr. Und nun richtete er dem Elch den
Auftrag der Natter aus.

Wenn dies ein andrer als der alte Hilflos versprochen htte, wrde ich
sofort in die Verbannung gehen, sagte Graufell. Aber woher sollte eine
arme Natter solche Macht nehmen?

Es ist natrlich nur eine Grotuerei, sagte Karr. Die Schlangen tun
immer, als wten sie mehr als andre Tiere.

Als Karr nach Hause gehen mute, begleitete ihn Graufell eine Strecke. Da
hrte Karr eine Drossel, die hoch oben in einem Tannenwipfel sa, rufen:
Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist! Da ist
Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist!

Karr wollte seinen Ohren nicht trauen; aber im nchsten Augenblick lief ein
Hase ber den Weg, und als dieser die beiden Daherkommenden sah, blieb er
stehen, wedelte mit den Ohren und rief: Da kommt Graufell, der an der
Verheerung des Waldes schuld ist! Dann sprang er davon, so schnell er
konnte.

Was wollen sie denn damit sagen? fragte Karr.

Ich wei es nicht recht, antwortete Graufell. Aber ich glaube, die
kleinen Tiere im Wald sind unzufrieden mit mir, weil ich geraten hatte, da
wir Hilfe bei den Menschen suchen sollten; denn als das Unterholz
geschlagen wurde, sind ihnen alle ihre Schlupfwinkel und Behausungen
zerstrt worden.

Die beiden Freunde gingen eine Strecke weiter, und Karr hrte, wie es von
allen Seiten ertnte: Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes
schuld ist! Graufell tat, als hre er es nicht, aber Karr glaubte jetzt zu
verstehen, warum der Elch so niedergedrckt war.

Du, Graufell, fragte Karr hastig, was meint denn die Natter damit, wenn
sie sagt, du habest ihr ihre liebste Gefhrtin umgebracht?

Wie soll ich das wissen? sagte Graufell. Du weit doch, da ich keinem
Tiere etwas zuleide tue.

Kurz darauf begegneten sie den vier alten Elchen, Krummrck, Hornkrone,
Wirrmhne und Riesenkraft. Still und nachdenklich wanderten sie daher,
einer hinten dem andern.

Schn guten Tag! rief ihnen Graufell entgegen.

Schn guten Tag! antworteten die Elche. Wir wollten dich eben aufsuchen,
Graufell, um mit dir wegen des Waldes zu beraten.

Die Sache ist die, begann Krummrck. Es ist uns zu Ohren gekommen, da
hier im Walde eine Missetat verbt worden ist, und weil diese nicht
geahndet wurde, ist der ganze Wald dem Untergang geweiht.

Was ist das fr eine Missetat? fragte Graufell.

Ein Waldbewohner soll ein unschdliches Tier, das er doch nicht verzehren
konnte, umgebracht haben. Dies wird im Friedenswalde fr eine Missetat
gerechnet.

Und wer hat denn eine solche Freveltat begangen? fragte Graufell.

Ein Elch soll es gewesen sein. Und wir wollen dich jetzt fragen, ob du
eine Ahnung hast, wer es sein knnte.

Nein, antwortete Graufell. Ich habe nie etwas von einem Elch gehrt, der
ein unschdliches Tier gettet htte.

Graufell verlie die andern und ging mit Karr weiter. Er war noch
schweigsamer als zuvor und schritt mit tiefgesenktem Kopf dahin. Jetzt
kamen sie an der Kreuzotter Kryle vorbei, die auf einem Stein lag. Da ist
Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist, zischte Kryle,
gerade wie alle andern. Aber jetzt war Graufells Geduld zu Ende. Er stellte
sich vor die Kreuzotter hin und hob ein Vorderbein auf.

Hast du im Sinn, mich auch umzubringen, wie du die Natter, das Weibchen
des alten Hilflos, umgebracht hast? rief Kryle.

Habe ich eine Natter umgebracht? fragte Graufell.

Ja, am ersten Tag, wo du in den Wald herauskamst, hast du das Weibchen von
der Natter Hilflos totgetreten.

Graufell wendete sich rasch ab und gesellte sich wieder zu Karr. Pltzlich
hielt er an. Karr, sagte er, ich habe die Freveltat begangen. Ich habe
ein unschdliches Tier umgebracht. Ich bin schuld an der Zerstrung des
Waldes.

Was sagst du da? unterbrach ihn Karr.

Sage der Natter Hilflos, Graufell werde heute nacht noch in die Verbannung
gehen.

Niemals werde ich so etwas sagen! rief Karr. Der hohe Norden ist eine
sehr gefhrliche Gegend fr die Elche.

Meinst du, ich wollte noch hier bleiben, nachdem ich so groes Unheil
angestiftet habe? erwiderte Graufell.

bereile dich nicht. Warte bis morgen, ehe du irgend etwas unternimmst!

Du selbst hast mich gelehrt, da die Elche eins mit dem Walde seien,
sagte Graufell; und mit diesen Worten trennte er sich von Karr.

Karr ging nach Hause; aber durch die Unterredung unruhig geworden, ging er
schon am nchsten Tag wieder in den Wald, den Elch aufzusuchen. Aber
Graufell war nirgends zu finden, und der Hund suchte auch nicht lange. Er
erriet sogleich, da Graufell die Natter beim Wort genommen hatte und in
die Verbannung gegangen war.

Whrend Karr in solche Gedanken versunken dahinwanderte, erblickte er
pltzlich den Waldhter, der unter einem Baum stand und hinaufdeutete.
Wonach schaust du? fragte ein Mann, der neben dem Waldhter stand.

Unter den Raupen ist eine Seuche ausgebrochen.

Karr verwunderte sich ber die Maen; fast aber noch mehr entrstete er
sich darber, da die Natter die Macht gehabt hatte, ihr Wort zu halten.
Nun mute Graufell wahrscheinlich ewig lange fortbleiben, denn diese Natter
starb wohl nie.

Whrend Karr noch tiefbetrbt war, kam ihm ein Gedanke, der ihn ein wenig
trstete. Die Natter braucht vielleicht gar nicht so schrecklich alt zu
werden, sie wird ja wohl nicht immer wohlbeschtzt unter einer Baumwurzel
liegen, dachte er. Wenn sie nur erst die Raupen fortgeschafft hat, dann
wei ich einen, der ihr die Gurgel abbeit.

Ja, ber die Raupen war wirklich eine Krankheit gekommen, aber im ersten
Sommer verbreitete sie sich nicht in groer Ausdehnung. Kaum war sie
ausgebrochen, da war es fr die Raupen Zeit, sich einzupuppen, und aus den
Puppen schlpften dann Millionen von Schmetterlingen. Diese flatterten in
jeder Nacht, Schneeflocken gleich, zwischen den Bumen umher und legten
unzhlige Eier. Fr das nchste Jahr konnte man sich auf noch grere
Verheerungen gefat machen.

Die Verheerung kam, aber nicht allein fr den Wald, sondern auch ber die
Raupen selbst. Die Seuche verbreitete sich rasch von einer Waldstrecke zur
andern. Die erkrankten Raupen fraen nicht mehr; sie krochen in den Gipfel
des Baums hinauf und starben da. Unter den Menschen herrschte groe Freude,
als sie die Raupen sterben sahen; aber noch grere Freude griff unter den
Tieren Platz. Der Hund Karr wanderte Tag um Tag in grimmiger Freude umher
und dachte nur an den Augenblick, wo er es wagen drfte, dem alten Hilflos
die Gurgel abzubeien.

Die Raupen hatten sich jedoch schon in meilenweitem Umkreis ber den
Nadelwald ausgebreitet, und auch in diesem Sommer erreichte die Krankheit
nicht alle; viele blieben am Leben, die sich einpuppten und Schmetterlinge
wurden.

Durch Zugvgel erhielt Karr oft Gre von Graufell, der ihm sagen lie, er
sei noch am Leben, und es gehe ihm gut. Aber die Vgel vertrauten Karr an,
Graufell sei wiederholt von Wilderern hart verfolgt worden und ihnen nur
mit knapper Not entkommen.

Karr verzehrte sich in Sorge und Kummer und Heimweh nach Graufell. Aber
noch zwei Sommer hindurch mute er ausharren. Da erst war es zu Ende mit
den Raupen.

Kaum hrte Karr den Waldhter sagen, jetzt sei der Wald auer Gefahr, als
er sich auch schon auf die Jagd nach dem alten Hilflos begab. Aber als er
in das Dickicht kam, machte er eine entsetzliche Entdeckung: er konnte
nicht mehr jagen, konnte nicht mehr rennen, konnte seinen Feind nicht
aufspren, konnte gar nichts mehr sehen. Whrend der langen Wartezeit war
leise das Alter ber Karr hereingebrochen; ohne da er es gemerkt hatte,
war er alt geworden. Nicht einmal eine Natter konnte er mehr totbeien; er
war nicht fhig, seinen Freund Graufell von seinem Feinde zu befreien.


Die Rache

Eines Nachmittags lie sich Akka von Kebnekajse mit ihrer Schar am Ufer
eines Waldsees nieder. Sie befanden sich zwar noch im Kolmrden, hatten
aber Ostgtland schon verlassen und waren jetzt im Jnker Bezirk in
Srmland.

Wie es in den Gebirgsgegenden der Fall zu sein pflegt, brach der Frhling
hier sehr spt an, und der ganze See war bis auf einen schmalen offnen Rand
am Ufer noch ganz mit Eis bedeckt. Die Gnse strzten sich sofort ins
Wasser, um zu baden und Nahrung zu suchen; aber Nils Holgersson hatte am
Vormittag seinen Holzschuh verloren und ging deshalb zwischen die am Ufer
wachsenden Erlen und Birken hinein, um etwas zu suchen, das er sich an den
Fu binden knnte.

Der Junge mute ziemlich weit gehen, bis er etwas Passendes fand, und er
sah sich unruhig um, denn es kam ihm nicht ganz geheuer im Walde vor.
Nein, da ziehe ich Wasser und ebenes Land vor, dachte er, denn da sieht
man doch, wohin man kommt. Wenn dies wenigstens ein Buchenwald wre, dann
ginge es noch an; dort ist fast kein Unterholz, aber Birken- und
Fichtenwlder sind gar so wild und unwegsam. Ich verstehe nicht, wie die
Leute sich das gefallen lassen. Wenn dieser Wald hier mir gehrte, wrde
ich die ganze Herrlichkeit abhauen lassen.

Schlielich entdeckte er ein Stck Birkenrinde und probierte es eben an
seinen Fu, als er hinter sich etwas rascheln hrte. Er wendete sich um und
sah eine Schlange, die, durch das Unterholz kriechend, gerade auf ihn
zukam. Sie war ungewhnlich lang und dick; aber der Junge sah sogleich, da
sie auf beiden Seiten ihres Kopfes einen weien Fleck hatte, und blieb
deshalb ruhig stehen. Es ist ja nur eine Natter, dachte er, die kann mir
wohl nichts tun.

Im nchsten Augenblick aber bekam er einen so heftigen Sto von der
Schlange, da er umfiel. Er war zwar in einem Nu wieder auf den Beinen und
rannte davon, aber die Schlange verfolgte ihn. Der Boden war steinig und
mit Gestrpp bewachsen, deshalb kam der Junge nicht sehr schnell vorwrts,
und die Schlange war ihm dicht an den Fersen.

Pltzlich erblickte er einen groen, steil aufragenden Felsblock, und rasch
kletterte er hinauf. Hierher kann mir die Natter nicht folgen, dachte er.
Aber als er glcklich droben war und sich umschaute, sah er, da die
Schlange hinter ihm hinaufzuklettern versuchte.

Oben auf dem Felsblock, dicht neben dem Jungen, lag ein andrer Stein, rund
und so gro wie ein Menschenkopf. Er lag ganz lose auf einem schmalen
Rande; es war fast unbegreiflich, wie er berhaupt daliegen konnte. Als nun
die Schlange nher kam, sprang der Junge hinter den runden Stein und
versetzte diesem einen Sto. Der Stein rollte auf die Schlange, ri sie mit
auf den Boden hinunter und blieb da gerade auf dem Schlangenkopf liegen.

Der Stein hat seine Sache gut gemacht, dachte der Junge und stie einen
Seufzer der Erleichterung aus. Er sah, wie die Schlange noch ein paar
heftige Zuckungen machte und dann ganz ruhig liegen blieb. Ich glaube, ich
bin auf der ganzen Reise fast noch nie in grerer Gefahr gewesen! rief er
noch nachtrglich schaudernd aus.

[Illustration]

Aber kaum hatte er sich etwas von seinem Schrecken erholt, da hrte er ein
Sausen in der Luft, und im nchsten Augenblick lie sich ein Vogel dicht
neben der Schlange nieder. Der Vogel war ungefhr von der Gre und Gestalt
einer Krhe, hatte aber ein schnes Gewand aus schwarzen metallisch
glnzenden Federn. Vorsichtig zog sich der Junge in einen Spalt des
Felsblockes zurck. Die Erinnerung an sein Abenteuer mit den Krhen war
noch frisch in seinem Gedchtnis, und er wollte sich deshalb nicht zeigen,
wenn es nicht durchaus ntig war.

Der schwarze Vogel ging mit langen Schritten neben dem Schlangenkrper hin
und her und drehte ihn mit dem Schnabel um. Schlielich schlug er mit den
Flgeln und schrie mit heiserer, gellender Stimme: Diese tote Natter hier
ist gewi der alte Hilflos!

Noch einmal schritt er die Schlange entlang, dann blieb er in tiefem
Nachdenken stehen und kratzte sich mit dem Fu im Nacken. Es kann
unmglich zwei so groe Schlangen hier im Walde gegeben haben, sagte er.
Er ist es ganz gewi.

Der Vogel war schon im Begriff, seinen Schnabel in die Schlange zu
schlagen, da besann er sich pltzlich eines andern. Sei kein Dumrian,
Bataki, sagte er. Du wirst doch die Schlange nicht fressen, ehe du Karr
herbeigerufen hast. Er wrde nie und nimmer glauben, da der alte Hilflos
tot sei, wenn er ihn nicht selbst hier liegen she.

Der Junge gab sich alle Mhe, ganz still zu sein; aber als er den Vogel so
lcherlich-feierlich auf und ab schreiten sah und mit sich selbst sprechen
hrte, konnte er das Lachen nicht unterdrcken.

Der Vogel hrte es, und mit einem einzigen Flgelschlag war er droben auf
dem Stein. Rasch richtete sich der Junge auf und ging auf den Vogel zu.
Bist du nicht der Rabe, der Bataki genannt wird und ein guter Freund von
Akka von Kebnekajse ist? fragte er.

Der Vogel betrachtete den Jungen genau und nickte dann dreimal mit dem
Kopfe. Du bist doch wohl nicht der Junge, der mit den Wildgnsen
umherzieht und den sie Dumling nennen? fragte er.

Doch, der bin ich, antwortete der Junge.

Ei, das ist herrlich, da ich dich treffe! rief der Rabe. Du kannst mir
vielleicht sagen, wer diese Natter erschlagen hat?

Der Stein hier war es. Ich habe ihn auf die Natter hinuntergerollt, und er
hat sie erschlagen, sagte der Junge und erzhlte hierauf dem Raben, wie
alles zugegangen war.

Das ist ein ordentliches Stck Arbeit fr einen so kleinen Kerl wie du,
sagte der Rabe. Ich habe hier in der Nhe einen Freund, der wird sehr
beglckt sein, wenn er hrt, da die Schlange tot ist, und ich wnschte,
ich knnte dir einen Gegendienst leisten.

Dann sage mir, warum du dich ber den Tod der Schlange so sehr freust,
erwiderte der Junge.

Ach, das ist eine lange Geschichte! seufzte der Rabe. Wenn du sie
anhren mtest, wrde dir bald die Geduld ausgehen.

Aber der Junge behauptete, er wrde die Geduld sicher nicht verlieren, und
so erzhlte ihm denn der Rabe die ganze Geschichte von Karr und Graufell
und der Natter Hilflos. Als er damit fertig war, schwieg der Junge noch
eine Weile und starrte nur immer geradeaus.

Ich danke dir recht schn, sagte er schlielich. Nun ich dies alles
gehrt habe, ist es mir, als kennte ich mich hier im Walde viel besser aus.
Ich mchte wohl wissen, ob von dem groen Friedenswalde noch etwas brig
geblieben ist?

Das meiste davon ist verheert, entgegnete Bataki. Die Bume sehen aus,
als sei ein Waldbrand ber sie hingegangen; sie mssen gefllt werden, und
es wird viele Jahre dauern, bis der Wald wieder das ist, was er frher
war.

Diese Schlange hier hat wirklich den Tod verdient, sagte der Junge. Aber
ich mchte doch wissen, ob sie tatschlich sicher war, da sie die Seuche
unter die Raupen schicken konnte?

Vielleicht wute sie, da die Nonnen auf diese Weise umkommen wrden,
sagte Bataki.

Das ist wohl mglich; jedenfalls war der alte Hilflos ein uerst kluges
Tier, soviel ist sicher.

Der Junge schwieg, und der Rabe hatte auch gar nicht auf ihn gehrt; er
lauschte mit abgewendetem Kopf in den Wald hinein. Hrst du! sagte er.
Karr ist in der Nhe. Wie glcklich wird er sein, wenn er erfhrt, da der
alte Hilflos tot ist.

Der Junge drehte den Kopf nach der Seite, woher der Ton kam. Er spricht
mit den Wildgnsen, sagte er.

Ja, er hat sich wohl an den Strand hinunter geschleppt, um das Neueste von
Graufell zu erfahren.

Nun hpften der Rabe und der Junge eiligst von dem Felsblock herunter und
liefen miteinander nach dem Strande. Alle Gnse waren aus dem Wasser
herausgegangen; sie umringten einen alten Hund, ein gichtbrchiges,
schwaches Tier, das aussah, als knnte es jeden Augenblick tot umfallen.

Siehst du, das ist Karr, sagte Bataki zu dem Jungen. La ihn nun zuerst
hren, was ihm die Wildgnse zu berichten haben, nachher sagen wir ihm
dann, da die Schlange tot ist.

Und sie hrten zu, was Akka dem guten Karr mitteilte.

Es war im vorigen Jahre auf unserer Frhlingsreise, begann sie. Eines
Morgens waren wir, Yksi und Kaksi und ich, von Siljan in Dalarna
weggeflogen, und unser Weg fhrte uns ber die groen Grenzwlder zwischen
Dalarna und Hlsingeland. Unter uns sahen wir nichts als den schwarzgrnen
Nadelwald. Zwischen den Bumen lag noch hoher Schnee, die Flsse waren noch
zugefroren, aber da und dort schimmerte eine offene Wake, und an den Ufern
war der Schnee teilweise schon ganz verschwunden. Wir sahen fast nirgends
Drfer oder groe Hfe, nur graue Sennhtten, die jetzt im Winter de und
verlassen waren. Ab und zu erblickten wir auch einen schmalen gewundenen
Waldweg; da hatten die Leute whrend des Winters gefllte Bume
heimgefahren, und drunten an den Flssen lagen groe Stapel Bauholz
aufgeschichtet.

Whrend wir nun so dahinflogen, sahen wir drei Jger, die drunten durch den
Wald gingen. Sie liefen auf Schneeschuhen, hatten Hunde am Riemen und das
Messer im Grtel, aber keine Flinten bei sich. Der Schnee hatte eine harte
Eiskruste, und die Jger hielten sich nicht an die gewundenen Waldpfade,
sondern liefen ganz geradeaus. Es sah aus, als wten sie recht wohl, wohin
sie sich zu wenden htten, um das zu finden, was sie suchten.

Wir Wildgnse flogen hoch in der Luft dahin, und der ganze Wald lag
deutlich erkennbar unter uns. Als wir die Jger erblickten, htten wir gar
zu gerne gewut, was fr ein Wild sie erjagen wollten. Wir flogen deshalb
hin und her und sphten zwischen die Bume hinein. Da sahen wir in einem
dichten Gehlz etwas, das wie groe moosbewachsene Steine aussah. Aber es
konnten doch keine Steine sein, denn es lag gar kein Schnee darauf.

Nun flogen wir eilig hinab und lieen uns mitten in dem Gehlz nieder. Da
bewegten sich die drei Felsblcke. Es waren drei Elche, die da in dem
Waldesdunkel lagen: ein Elchstier und zwei Khe. Als wir uns niederlieen,
stand der Elchstier auf und kam auf uns zu. Es war der grte und schnste
Elch, den wir je gesehen hatten. Aber als er merkte, da ihn nur so ein
paar arme Wildgnse geweckt hatten, legte er sich wieder nieder.

>Nein, Vterchen, leg dich nicht wieder schlafen,< sagte ich da zu ihm.
>Flieht, so rasch ihr knnt; es sind Jger im Walde, und sie steuern
geradenwegs auf euren Aufenthaltsort zu.<

>Hab schnen Dank fr die Warnung, Gnsemutter,< sagte der Elch, schon
wieder halb im Schlafe. >Aber Ihr wit doch wohl, da uns Elchen seit
vielen Jahren hier im Walde eine Freistatt gewhrt ist. Diese Jger sind
wahrscheinlich nur auf die Fuchsjagd ausgezogen.<

>Es waren eine Menge Fuspuren im Schnee, aber die Jger beachteten sie gar
nicht. Glaubt mir, ihr Elche! Sie wissen, da ihr hier liegt. Sie kommen
hierher, euch zu erlegen. Ohne Flinte, nur mit Spie und Messer bewaffnet,
sind sie ausgezogen, weil sie um diese Zeit hier im Walde nicht zu schieen
wagen.<

Der Elchstier blieb ebenso ruhig liegen wie vorher, aber die Elchkhe
wurden ngstlich. >Es ist vielleicht doch so, wie die Wildgnse sagen!<
riefen sie und richteten sich auf.

>Bleibt nur ruhig liegen!< befahl der Stier. >Es kommen keine Jger
hierher; ihr drft euch darauf verlassen.<

Es war nichts zu machen, und so flogen wir Wildgnse wieder in die Luft
hinauf, fuhr Akka fort. Aber wir schwebten noch ber demselben Platze hin
und her, denn wir wollten sehen, wie es den Elchen ergehen wrde. Und kaum
hatten wir uns zu unserer gewhnlichen Flughhe erhoben, als wir den
Elchstier aus dem Dickicht heraustreten sahen. Er witterte ringsum und ging
dann geradenwegs auf die Jger zu. Beim Dahinschreiten trat er auf groe
Zweige, die mit lautem Krachen zerbrachen. Nun kam er an ein weites, kahles
Moor. Er ging darauf hinaus und stellte sich mitten auf das offene Moor, wo
ihm nichts Schutz bot.

Und dort blieb der Elch stehen, bis die Jger am Waldrand auftauchten. In
demselben Augenblick aber warf er sich herum und entfloh in einer andern
Richtung, als in der, woher er gekommen war. Die Jger lieen die Hunde
los, und sie selber liefen auf ihren Schneeschuhen so rasch wie mglich
hinter ihm her.

Mit weit zurckgeworfenem Kopf rannte der Elch in grter Eile davon. Unter
seinen Hufen flog der Schnee empor und stob um ihn her wie eine dichte
Wolke. Hunde und Jger blieben weit zurck. Jetzt blieb der Elch stehen,
wie um sie zu erwarten, und erst, als sie wieder in seinem Gesichtskreis
auftauchten, strmte er weiter. Wir errieten, da es seine Absicht war, die
Jger von dem Lagerplatz der Khe wegzulocken, und wir lobten ihn um seiner
Tapferkeit willen; er selbst begab sich in Gefahr, damit den Seinigen kein
Leid widerfahren sollte. Keine von uns wollte den Ort verlassen, bis wir
wten, wie die Sache ablaufen wrde.

Ein paar Stunden lang ging die Jagd in derselben Weise fort, und wir
verwunderten uns, da die Jger sich die Mhe machten, den Elch immer
weiter zu verfolgen, da sie doch keine Gewehre bei sich hatten. Sie konnten
sich doch wohl nicht einbilden, sie wren imstande, im Laufen lnger
auszuhalten, als so ein Renner wie dieser Elch.

Aber allmhlich entfloh der Elch nicht mehr mit derselben Geschwindigkeit.
Er setzte die Fe vorsichtiger auf den Schnee. Und wenn er sie wieder
herauszog, glaubten wir Blutspuren zu erkennen.

Da begriffen wir, warum die Jger so beharrlich waren. Sie rechneten auf
die Hilfe des Schnees. Der Elch war schwer, bei jedem Schritt sank er bis
auf den Grund der Schneeschicht ein, und dabei scheuerte ihm die harte
Eiskruste des Schnees die Beine wund. Sie schabte ihm die Haare weg und ri
ihm die Haut auf, und das tat dem Elch bei jedem Schritt bitter weh.

Die Jger und Hunde dagegen, die von viel leichterem Gewicht waren, konnten
auf der Eisdecke gehen und verfolgten den Elch immer weiter. Er floh und
floh, aber seine Schritte wurden immer unsicherer und schwankender, und er
keuchte gewaltig. Er litt nicht allein starke Schmerzen, das Waten durch
den tiefen Schnee ermdete ihn auch zusehends.

Schlielich verlor er die Geduld. Er hielt an und lie die Hunde und Jger
herankommen, um den Kampf mit ihnen aufzunehmen. Whrend er so dastand und
auf seine Verfolger wartete, warf er einen Blick nach oben, und als er uns
Wildgnse, die ber ihm schwebten, sah, rief er: >Bleibet hier, Wildgnse,
bis alles zu Ende ist! Und wenn ihr wieder ber den Kolmrden hinzieht,
dann suchet den Hund Karr auf und saget ihm, da sein Freund Graufell einen
schnen Tod gehabt habe.<

[Illustration]

Als Akka so weit in ihrer Erzhlung gekommen war, richtete sich der alte
Hund auf und ging zwei Schritte nher zu ihr hin. Graufell hat ein gutes
Leben gefhrt, sagte er. Er kennt mich. Er wei, da ich ein tapferer
Hund bin und mich nur freue, wenn ich zu hren bekomme, da er einen
schnen Tod gehabt hat. Erzhl mir nun...

Bei diesen Worten wedelte Karr mit dem Schwanze und hob den Kopf, wie um
eine kecke, stolze Haltung anzunehmen, sank aber dann gleich wieder
zusammen.

Karr, Karr! ertnte eine menschliche Stimme aus dem Walde heraus.

Rasch stand der alte Hund auf. Mein Herr ruft mich, sagte er, und ich
zgere nicht, ihm zu folgen. Ich sah ihn vorhin seine Flinte laden, und wir
beide werden nun zum letzten Male miteinander in den Wald gehen. Ich danke
dir, liebe Wildgans. Nun wei ich alles, was ich zu wissen brauchte, um
zufrieden in den Tod zu gehen.

[Illustration]




23

Der schne Garten


                                                  Sonntag, 24. April

Am nchsten Tage flogen die Wildgnse ber Srmland weiter gen Norden. Der
Junge schaute auf die Landschaft hinab und dachte, sie gleiche keiner von
allen den Gegenden, die er bis jetzt gesehen hatte. Es gab da keine groen
Ebenen wie in Schonen und Ostgtland, auch keine groen zusammenhngenden
Waldbezirke wie in Smland, sondern eine Vermischung von allem mglichen.

Hier haben sie einen groen See und einen breiten Flu und einen mchtigen
Wald mitsamt einem groen Gebirge zusammengenommen und in Stcke zerhackt,
diese dann untereinander gemischt und ganz aufs Geratewohl auf der Erde
ausgebreitet, dachte der Junge, denn er sah nichts als kleine Tler und
kleine Seen, kleine Hgel und kleine Waldstrecken. Nichts durfte sich so
recht ausbreiten. Sobald eine Ebene sich richtig dehnen wollte, stellte
sich ihr ein Hgel in den Weg, und wenn der Hgel sich recken wollte, um
ein ordentlicher Berg zu werden, fing gleich die Ebene wieder an. Sobald
ein See so gro geworden war, da er sich sehen lassen konnte, verengte er
sich wieder zu einem Flu, und auch dieser durfte nicht sehr weit flieen,
bis er wieder zu einem See ausgedehnt wurde.

Da die Wildgnse ziemlich nahe an der Kste hinflogen, konnte der Junge das
Meer berschauen, und da sah er, da auch das Meer seinen mchtigen
Wasserspiegel nicht ununterbrochen ausbreiten durfte; berall schauten
kleine Inseln hervor, und selbst diese Inseln hatten keine groe
Ausdehnung, gleich schmiegte sich das Wasser wieder um sie her. berall
war ein bestndiger Wechsel; Nadelwlder wurden von Laubholzwldern
abgelst, die cker von Mooren, die groen Gter von Bauernhfen.

Auf den ckern sah man nirgends fleiige Menschen, dafr aber waren die
Straen und Wege berall belebt. Aus den kleinen Hfen am Rande des
Kolmrden kamen sie heraus, in schwarzen Kleidern, Gesangbuch und
Taschentuch in der Hand.

Es ist Sonntag, dachte der Junge und lie seinen Blick andchtig auf den
Kirchgngern ruhen. An einem Ort sah er ein Brautpaar, das mit groem
Gefolge in die Kirche fuhr, und an einem andern kam ein Leichenzug langsam
auf dem Wege daher. Er sah auch groe Herrschaftskutschen und kleine
Bauernchaisen, sowie auch groe Boote auf den Seen, die alle auf dem Weg
nach der Kirche waren.

Jetzt flogen die Gnse ber die Kirche von Bjrkvik hin, dann ber Bettna
und Blaksta und Vadsbro, und dann ging es nach Skldinge und Floda. berall
luteten die Glocken; wunderbar schn drang das Gelute zu dem Jungen
herauf; es war fast, als sei die ganze kristallklare Luft um ihn her zu
lauter Tnen und Klngen geworden.

So viel ist sicher, dachte der Junge, ich mag hinkommen, wo ich will,
berall hre ich das Luten der Kirchenglocken. Und bei diesem Gedanken
berkam ihn ein Gefhl der Sicherheit: obgleich er sich jetzt in einer ganz
andern Welt befand, war ihm, als knne er sich nicht vollstndig verirren,
so lange diese gewaltigen Stimmen noch imstande wren, ihn zurckzurufen.

Die Wildgnse waren nun schon eine gute Weile ber Srmland hingeflogen,
als der Junge pltzlich einen schwarzen Punkt entdeckte, der sich drunten
auf der Erde unter ihnen hinbewegte. Zuerst glaubte er, es sei ein Hund,
und er htte nicht weiter darber nachgedacht, wenn das Tier nicht mit den
Wildgnsen ber ihm gleichen Schritt zu halten versucht htte. Es strmte
durch das offne Land und durch die Gehlze hindurch, sprang ber Grben,
setzte ber Feldmuerchen und lie sich durch nichts aufhalten.

Es sieht fast aus, als sei der Fuchs Smirre wieder unterwegs, sagte der
Junge. Aber wir werden ihn jedenfalls bald hinter uns gelassen haben.

Gleich darauf flogen die Wildgnse so rasch, wie es ihnen nur mglich war,
und hielten nicht an, solange der Fuchs noch in Sicht war. Erst als dieser
sie nicht mehr sehen konnte, wendeten sie um und flogen nun in einem groen
Bogen in sdwestlicher Richtung, fast als wollten sie nach Ostgtland
zurckkehren. Es mu doch Smirre gewesen sein, dachte der Junge, da
Mutter Akka hier abbiegt und einen andern Weg einschlgt.

Als es Abend wurde, schwebten die Wildgnse ber einem alten Rittergute in
Srmland, namens Gro-Djul. Das groe weie Wohnhaus lag im Schutze eines
prchtigen Laubholzparkes, und vor ihm breitete sich der groe Djulsee aus
mit seinen hervorspringenden Landzungen und hohen Ufern. Das Herrenhaus sah
ehrwrdig und behaglich aus; der Junge konnte sich eines leisen Seufzers
nicht enthalten, als die Wildgnse ber das Gut hinflogen, und er dachte
unwillkrlich, wie das wohl sein wrde, wenn er nach vollendeter Tagereise,
anstatt auf einem sumpfigen Moor oder einer eiskalten Eisscholle abgesetzt
zu werden, in so ein einladendes Herrenhaus eintreten drfte.

Aber von so etwas konnte natrlich keine Rede sein. Die Wildgnse lieen
sich etwas nrdlich von dem Herrenhofe auf einer berschwemmten Waldwiese
nieder, wo nur da und dort ein Rasenhgel herausschaute. Dies war fast die
schlechteste Nachtherberge, die der Junge auf der ganzen Reise bisher
gehabt hatte.

Unschlssig, was er tun sollte, blieb er noch eine Weile auf dem Rcken des
Gnserichs sitzen. Pltzlich sprang er hinunter und eilte in groen Stzen
von einem Erdhgel zum andern, bis er festen Boden unter den Fen hatte;
dann lief er eilig in der Richtung, wo der Hof lag, weiter.

Zuflligerweise saen an diesem Abend in einer Ktnerhtte, die zu dem Gute
Gro-Djul gehrte, ein paar Leute um die offene Feuerstelle in eifriger
Unterhaltung beieinander. Sie hatten ber die Predigt gesprochen, ber die
Frhjahrsarbeit und ber die Wetteraussichten; aber als die Unterhaltung
etwas ins Stocken kam, baten sie eine alte Frau, die Mutter des Ktners,
ihnen eine Gespenstergeschichte zu erzhlen.

Es ist ja wohl bekannt, da es im ganzen Reiche nirgends so viele
Herrenhfe und nirgends so viele Spukgeschichten gibt wie gerade in
Srmland. Die alte Frau hatte in ihrer Jugend auf den groen Gtern gedient
und wute so viele seltsame Dinge, da sie bis zum nchsten Morgen htte
erzhlen knnen. Sie brachte ihre Geschichten auch beraus gut und
glaubwrdig vor; wer ihr zuhrte, ganz einerlei wer es war, fhlte sich
versucht, alles fr reine Wahrheit zu halten. Und die Leute rckten voll
Angst nher zueinander hin, so oft die Alte sich mitten in ihrer Erzhlung
unterbrach und fragte, ob die andern nicht auch ein Gerusch gehrt htten.

Wie merkwrdig, da ihr es nicht hrt! sagte sie dann. Irgend etwas
schleicht hier herum. Aber die andern wollten durchaus nichts gehrt
haben.

Nachdem die Alte schon allerlei Geschichten von Eriksberg, Vibyholm,
Julita, Lagmans und noch von verschiedenen andern Orten erzhlt hatte,
fragte einer, ob denn auf Gro-Djul nie so etwas Merkwrdiges passiert
sei.

O doch, sagte die Alte, von da erzhlt man sich auch allerlei.

Und nun wollten natrlich alle sogleich die Geschichten von ihrem eignen
Gute hren.

Und die Frau erzhlte, auf einem Hgel, nrdlich von Gro-Djul, da wo
jetzt nur noch Wald sei, habe einst ein Schlo gestanden, vor dem sich ein
herrlicher Garten ausbreitete. Dann sei einmal ein Mann, den man allgemein
den Herrn Karl genannt und der zu jener Zeit ganz Srmland regiert habe,
auf das Schlo gekommen. Nachdem er gegessen und getrunken hatte, sei er in
den Garten hinausgegangen und habe in tiefe Gedanken versunken lange ber
den Gro-Djuler See und dessen schne Ufer hingeschaut. Aber whrend er so
dastand und sich an dem, was er sah, erlabte und im stillen dachte, es gebe
doch kein schneres Land als Srmland, hrte er pltzlich hinter sich
jemand einen tiefen Seufzer ausstoen. Rasch drehte er sich um, und da sah
er einen alten tief ber seinen Spaten gebeugten Tagelhner.

Hast du so traurig geseufzt? fragte Herr Karl. Worber hast du denn zu
seufzen?

Ach, ich darf schon seufzen, wenn ich tagaus, tagein hier so schwer
arbeiten mu, antwortete der Tagelhner.

Aber Herr Karl war von heftiger Gemtsart, und er konnte es nicht leiden,
wenn die Leute sich beklagten.

Hast du sonst ber nichts zu klagen? rief er. Ich sage dir, ich wollte
ganz zufrieden sein, wenn ich mein Lebenlang Srmlands Boden umgraben
drfte!

Mge es dem gndigen Herrn so gehen, wie Er sich wnscht! antwortete der
Tagelhner.

Aber spter sagten die Leute, Herr Karl habe um dieses Ausspruchs willen
nach seinem Tode keine Ruhe im Grabe gefunden, sondern msse jede Nacht
nach Gro-Djul kommen und in seinem Garten graben.

Ja, jetzt ist freilich kein Schlo und kein Garten mehr da, sagte die
Alte mit Nachdruck. Wo diese einst lagen, ist jetzt nur ein ganz
gewhnlicher Waldhgel. Aber schon mancher Wanderer, der in einer dunkeln
Nacht durch den Wald ging, hat dort den Garten wieder erblickt.

Hier hielt die Alte inne und schielte nach einem dunkeln Winkel in der
Stube. Hat sich nicht dort etwas gerhrt? fragte sie.

Ganz gewi nicht, Mutter, erzhl nur weiter! sagte die Schwiegertochter.
Ich habe gestern dort in der Ecke ein groes Mauseloch entdeckt, hatte
aber so viel andres zu tun, da ich verga, es zuzustopfen. Erzhl nur
weiter, ob jemand, den du kennst, den Garten gesehen hat.

Jawohl, fuhr die Alte fort, und zwar mein eigner Vater. In einer schnen
Sommernacht kam er durch den Wald daher; da sah er pltzlich neben sich
eine hohe Gartenmauer, und ber diese hinweg konnte er die herrlichsten
Obstbume wahrnehmen, die ber und ber mit Blten und Frchten bedeckt
waren und deren Zweige weit ber die Mauer heraushingen. Mein Vater ging
ganz leise weiter und wunderte sich, woher dieser Garten auf einmal
gekommen sei. Da wurde hastig ein Tor in der Mauer aufgerissen, ein Grtner
trat heraus und fragte, ob Vater nicht seinen Garten sehen wolle. Der Mann
hatte einen Spaten in der Hand und trug einen gewhnlichen groen
Grtnerschurz, und Vater wollte dem Manne gerade folgen, als sein Blick
zufllig auf dessen Gesicht fiel. In demselben Augenblick erkannte er die
groe Stirnlocke und den Knebelbart. Es war der leibhaftige Herr Karl, so
wie ihn mein Vater auf den Bildern in den Herrenhfen ringsum oft gesehen
hatte, wo er...

Hier wurde die Alte aufs neue unterbrochen; diesmal durch ein brennendes
Scheit Holz, das so hell aufloderte, da die Funken und Kohlen auf den
Boden herausstoben. Alle dunkeln Ecken in der Stube wurden hell erleuchtet,
und die alte Gromutter glaubte einen Schimmer von einem Wichtelmnnchen zu
sehen, das neben dem Mauseloch sa und ihrer Erzhlung zuhrte, sich aber
jetzt eilig davonmachte.

Die Schwiegertochter holte Schaufel und Kehrbesen, kehrte die Kohlen
zusammen und setzte sich dann wieder nieder. Jetzt kannst du weiter
erzhlen, Mutter, sagte sie.

Aber die Frau wollte nicht mehr. Es ist genug fr heute, sagte sie mit
sonderbar erregter Stimme.

Die andern wollten noch mehr hren; aber die Schwiegertochter sah, da die
Alte ganz bleich geworden war und da ihre Hnde zitterten. Nein, Mutter
ist mde geworden und mu jetzt zu Bett gehen, sagte sie.

Nach einer Weile kehrte der Junge wieder in den Wald und zu den Wildgnsen
zurck. Er kaute an einer Moorrbe, die er vor dem Keller der Ktnerhtte
gefunden hatte. Das war ein herrliches Abendessen fr ihn, und er war sehr
befriedigt, weil er mehrere Stunden lang in der warmen Stube hatte sitzen
drfen. Wenn ich jetzt nur auch ein ordentliches Nachtquartier finden
knnte! dachte er.

Da fiel ihm ein, das beste wre wohl, wenn er sich eine Schlafstelle auf
einer prchtigen Tanne, die dicht am Wege stand, einrichten wrde. Er
schwang sich hinauf, flocht ein paar Zweiglein zusammen und hatte nun ein
Bett, in dem er ausgezeichnet lag.

Er dachte noch eine Weile ber das nach, was er in der Htte gehrt hatte;
vor allem aber beschftigten sich seine Gedanken mit diesem Herrn Karl, der
im Djuler Walde spuken sollte. Aber bald schlief er ein, und er htte wohl
ruhig bis zum nchsten Morgen geschlafen, wenn ihn nicht das Knirschen
einer eisernen Gitterpforte, die gerade unter ihm aufgemacht wurde, geweckt
htte.

Der Junge ist im Nu wach, wischt sich den Schlaf aus den Augen und sieht
sich um. Dicht neben ihm ist eine hohe Mauer, und ber die Mauer schauen
Obstbume heraus, die sich unter der Last ihrer Frchte beugen.

Der Junge denkt zuerst nur: Das ist doch merkwrdig! Es war doch kein
Garten da, als ich einschlief. Aber nach ein paar Augenblicken kehrt ihm
die Erinnerung zurck, und er wei, was das fr ein Garten ist.

Aber das Merkwrdigste an der Sache ist vielleicht doch, da er sich gar
nicht frchtet, sondern ein unbeschreibliches Verlangen hat, in den Garten
hineinzukommen. Auf der Tanne, wo er liegt, ist es dunkel und kalt, in dem
Garten da unten aber ist es hell; die Rosen und das Obst auf den Bumen
sind wie von goldnem Sonnenschein berflutet. Wie herrlich wre es fr ihn,
wenn er jetzt, nachdem er so lange Zeit in Regen und Klte umhergezogen
war, auch einmal ein wenig Sonnenwrme genieen drfte! Und das
Hineinkommen in den Garten scheint berdies mit gar keiner Schwierigkeit
verbunden zu sein; dicht neben der Tanne ist eine Pforte in der hohen
Mauer, und ein alter Grtner hat eben die groen Gittertren aufgemacht. Er
steht jetzt an der Pforte und spht in den Wald hinein, ganz als ob er
jemand erwartete.

In einem Nu ist der Junge von seinem Baum herunter. Die Mtze in der Hand
tritt er auf den Grtner zu, verbeugt sich und fragt, ob man den Garten
wohl ansehen drfe.

Jawohl, antwortet der Grtner mit barscher Stimme. Tritt nur ein!

Dann macht er die Tren wieder zu und verschliet sie mit einem schweren
Schlssel, den er vorne in seinen Grtel steckt. Indessen betrachtet ihn
der Junge genau. Der Mann hat ein brbeiiges Gesicht, mit groem
Schnurrbart und spitzigem Knebelbart und einer scharfen Nase. Wenn er nicht
eine blaue Grtnerschrze umgebunden und einen Spaten in der Hand gehalten
htte, wrde der Junge ihn fr einen alten Soldaten gehalten haben.

Der Grtner geht mit langen Schritten in den Garten hinein, da der Junge
laufen mu, um Schritt mit ihm halten zu knnen. Der Weg ist sehr schmal,
und der Junge tritt unversehens auf die Raseneinfassung. Aber da wird ihm
sogleich eingeschrft, das Gras nicht niederzutreten, und von da an geht er
nur noch hinter seinem Fhrer her.

Der Junge hat das Gefhl, der Grtner halte es fr weit unter seiner Wrde,
einem so kleinen Wicht wie diesem Jungen den Garten zu zeigen, deshalb wagt
er gar nichts zu fragen, sondern luft nur mit, und lange Zeit wirft ihm
der Grtner nur ab und zu eine Bemerkung hin. Gleich hinter der Mauer ist
eine dichte Hecke, und whrend die beiden hindurchgehen, sagt der Grtner,
diese heie er den Kolmrden.

Ja, sie ist so gro, da sie so einen Namen wohl verdient, erwidert der
Junge. Aber der Grtner hrt gar nicht auf das, was Nils Holgersson sagt.

Jetzt haben sie das Buschwerk hinter sich, und der Junge kann einen
ansehnlichen Teil des Gartens berschauen. Da sieht er gleich, da dieser
keine besonders groe Ausdehnung hat, er mag wohl kaum ein paar Morgen gro
sein. Im Sden und Westen beschtzt ihn die Mauer, aber gegen Norden und
Osten ist er von Wasser umgeben, da braucht er keine Einfriedigung.

Jetzt bleibt der Grtner stehen, um eine Ranke aufzubinden, und der Junge
hat Zeit, sich umzusehen. Er hat zwar in seinem Leben noch nicht viele
Grten gesehen, aber er hat das Gefhl, da dieser hier ganz anders sei,
als jeder andre Garten. Darber ist er keinen Augenblick im Zweifel, da er
in ganz altmodischer Weise angelegt sein mu, denn eine so berwltigende
Menge von kleinen Hgeln und kleinen Blumenbeeten und kleinen Hecken und
kleinen Rasenflecken und kleinen Gartenhuschen sieht man jetzt nirgends
mehr. Und ebensowenig einen solchen Durcheinander von kleinen Teichen und
gewundenen Kanlen, wie hier auf allen Seiten zu sehen sind.

berall stehen herrliche Bume und liebliche Blumen, und in den kleinen
Kanlen ist durchsichtig klares, tiefgrnes Wasser, in dem sich alles
ringsum widerspiegelt. Dem Jungen kommt es vor, als sei dies das Paradies.
Er schlgt vor Entzcken die Hnde zusammen und ruft: So etwas Schnes
habe ich noch nie gesehen! Was ist doch das fr ein wunderschner Garten?

Kaum hat der Junge diesen Ausruf getan, da wendet sich der Grtner rasch
nach ihm um und sagt mit seiner barschen Stimme: Der Garten heit
Srmland. Wer bist du denn, da du das nicht weit? Er hat von jeher fr
einen der schnsten Grten im ganzen Lande gegolten.

Bei dieser Antwort wird es dem Jungen wohl ein wenig wunderlich zumute;
aber er hat so viel zu sehen, da er gar keine Zeit hat, weiter ber den
Sinn dieses Ausspruchs nachzudenken. Aber so schn alle die vielen Blumen
und die durch die Rasenflchen sich hinschlngelnden Kanle auch sind, so
macht dem Jungen doch etwas andres noch viel mehr Spa, nmlich die vielen
kleinen Lauben und Puppenhuschen, die berall durch die Bume
hindurchschimmern. Sie sind im ganzen Garten verstreut, aber die meisten
stehen doch am Rande der kleinen Teiche und der Kanle. Es sind jedoch gar
keine richtigen Huser, denn sie sind so klein, wie wenn sie fr Leute
gebaut wren, die nicht grer sind als der Junge selbst; aber alle sind
auerordentlich hbsch und fein ausgestattet. Und alle Arten von Gebuden
sind vertreten: die einen sehen aus wie Schlsser mit Trmen und
Seitenflgeln, andre wie Kirchen und wieder andre wie Mhlen und
Bauernhuser.

Ja, alle sind auerordentlich hbsch, und der Junge htte am liebsten bei
jedem einzelnen Gebude Halt gemacht, um es genau zu betrachten, aber er
wagt nicht, vom Pfad abzuweichen, sondern geht nur immer hinter dem Grtner
her. Bald erreichen sie ein Gebude, das grer und stattlicher ist als
alle vorhergehenden. Es ist ein dreistckiges Schlo mit groem Portal und
breiten Seitenflgeln, das auf einem Hgel mitten zwischen Blumenbeeten
steht, und der Weg dahin fhrt auf kleinen zierlichen Brcken ber einen
Kanal nach dem andern.

Der Junge folgt dem Grtner noch immer gewissenhaft dicht auf den Fersen,
er wagt nicht, etwas andres zu tun; aber als er an all dem Schnen
vorbergehen mu, entschlpft ihm ein tiefer Seufzer, den der gestrenge
Herr nicht berhren kann. Er bleibt stehen und sagt: Dieses Gebude hier
heit Eriksberg. Wenn du hineingehen willst, habe ich nichts dagegen; aber
hte dich vor der Pintorpafrau.

Wer sich das nicht zweimal sagen lt, das ist der Junge. Er luft die
Allee hinunter. Alles scheint genau fr so einen kleinen Kerl, wie er ist,
ausgemessen zu sein. Die Treppenstufen haben die richtige Hhe, und er kann
jede Trklinke aufmachen. Aber nie htte er gedacht, da er je so etwas
Schnes zu sehen bekme! Die eichenen Fubden sind glnzend gebohnt, die
Zimmerdecken gegipst und reich bemalt. An den Wnden hngt Bild an Bild,
die mit Seidenstoff berzogenen Sofas und Sessel haben vergoldete Lehnen. Er
kommt in ein Zimmer, wo die Wnde ber und ber mit Bchern bedeckt sind,
und wieder in Gemcher, wo auf den Tischen und in den Schrnken herrliche
Kostbarkeiten liegen. Der Junge beeilt sich soviel wie mglich, aber er ist
eben doch erst durch das halbe Haus gegangen, als der Grtner ihn auch
schon ruft, und als er heraustritt, steht der Alte davor und kaut
ungeduldig an seinem Schnurrbart.

Nun, wie ist es dir ergangen? fragt er. Hast du die Pintorpafrau
gesehen?

Aber der Junge ist keiner lebenden Seele begegnet, und als er dies sagt,
verzerrt sich das Gesicht des Grtners wie in groem Schmerz.

Hat die Pintorpafrau Ruhe gefunden und ich nicht! sagt er; und der Junge
htte nie geglaubt, da eine Menschenstimme je solche Verzweiflung
ausdrcken knnte.

Dann geht der Grtner wieder mit langen Schritten weiter, und der Junge
luft hinter ihm her, whrend er versucht, wenigstens soviel wie mglich
von allen den Merkwrdigkeiten zu sehen. Jetzt geht es um einen Teich
herum, der etwas grer ist als die andern. Lange weie Lusthuschen, die
Herrschaftssitzen gleichen, schimmern berall zwischen den Gebschen und
Blumengruppen hervor. Der Grtner hlt nirgends an, aber im Weitergehen
richtet er ab und zu ein paar Worte an den Jungen. Dies hier nenne ich den
Yngaren. Dies ist Danbyholm. Hier hast du Hagbyberga. Hier Hovsta. Und hier
ker.

Kurz darauf erreicht der Grtner mit ein paar Riesenschritten einen kleinen
Teich, den er Bven heit. Aber hier hrt er den Jungen einen Ruf des
Erstaunens ausstoen, und so bleibt er stehen. Der Junge hat vor einer
kleinen Brcke Halt gemacht, die zu einem Schlo fhrt, das mitten auf dem
Teich liegt.

Wenn du Lust hast, dann kannst du hinberlaufen und dir Vibyholm ansehen,
sagt er. Aber nimm dich vor der Weien Frau in acht.

Und der Junge ist natrlich nicht faul, der Aufforderung Folge zu leisten.
In dem Schlo hngen ungeheuer viele Bildnisse an den Wnden, und dem
Jungen ist es fast, als she er ein groes Bilderbuch vor sich. Er findet
es so unterhaltend, da er gern die ganze Nacht hier umhergegangen wre;
aber es war noch nicht viel Zeit verstrichen, da hrt er schon wieder die
Stimme des Grtners, die ihn ruft.

Komm, komm! ruft er. Ich habe noch andres zu tun, als hier auf dich zu
warten, du kleiner Knirps.

Als der Junge wieder ber die Brcke zurckeilt, ruft ihm der Grtner zu:
Nun, wie ist es dir ergangen? Hast du die Weie Frau gesehen?

Der Junge hat keine lebende Seele gesehen und sagt dies auch dem Grtner.
Da stt der Alte seinen Spaten so hart auf einen Stein auf, da der Stein
zerspringt, und mit einer Stimme, die die allertiefste Verzweiflung
ausdrckt, ruft er: Hat die Weie Frau auf Vibyholm Ruhe gefunden und ich
nicht?

Bis jetzt sind die beiden in dem sdlichen Teil des Gartens umhergewandert;
jetzt wendet sich der Grtner dem westlichen Teile zu. Dieser ist ganz
anders angelegt. Groe ebene Rasenflchen wechseln mit Erdbeerbeeten,
Kohlfelder mit Stachel- und Johannisbeerbschen ab. Auch hier sind kleine
Gartenhuschen, aber die meisten sind rot angestrichen; sie sehen aus wie
Bauernhuser und sind von Hopfengrten und Kirschbumen umgeben.

Hier hlt sich der Grtner nicht auf; nur im Vorbeigehen sagt er zu dem
Jungen: Diese Gegend hier heie ich Vingker.

Gleich darauf deutet er auf ein Gebude, das viel einfacher aussieht als
die brigen und am ehesten mit einer Schmiede verglichen werden knnte.
Dies ist eine groe Werkstatt, sagt er. Ich nenne sie Eskilstuna. Wenn
du Lust hast, kannst du hineingehen und dich darin umsehen.

Der Junge geht hinein; sieht aber zuerst nichts als eine ungeheure Menge
von Rdern, die schnurren, von Hmmern, die stampfen, und Winden, die
knirschen. Es ist hier so viel zu sehen, da er wohl die ganze Nacht
dageblieben wre, wenn ihn der Grtner nicht gerufen htte.

Hierauf wandern sie miteinander im nrdlichen Teil des Gartens dem See
entlang. Das Ufer tritt bald zurck, ragt bald ins Wasser hinein,
Landzungen und Buchten, Buchten und Landzungen wechseln miteinander ab. Vor
den Landzungen liegen kleine Inseln, die nur durch schmale Wasserarme vom
Lande getrennt sind. Diese Inselchen gehren auch noch zum Garten. Sie sind
mit derselben Sorgfalt angelegt wie alles brige.

Der Junge kommt an einem schnen Gebude nach dem andern vorber, aber der
Grtner hlt nirgends an. Jetzt gelangen sie an eine prchtige rote Kirche,
die von schwerbeladenen Obstbumen umgeben auf einer Landzunge liegt und
sich da ganz groartig ausnimmt. Der Grtner will auch hier nur
vorbergehen, aber der Junge fat sich ein Herz und fragt, ob er nicht
hineingehen drfe.

Ja, ja, geh nur hinein, antwortet der Grtner. Aber hte dich vor dem
Bischof Rogge. Es ist wohl mglich, da er sich bis zum heutigen Tage hier
in Strngns aufhlt.

Rasch luft der Junge in die Kirche hinein und sieht da schne
Grabdenkmler und Altarbilder. Vor allem bewundert er in einer Kapelle
neben der Vorhalle einen Reiter in vergoldeter Rstung. Auch hier ist so
viel zu sehen, da der Junge gern die ganze Nacht hier zugebracht htte;
aber er mu wieder hinaus, denn er darf den Grtner nicht auf sich warten
lassen.

Als er wieder herauskommt, sieht er, da der Grtner eine Eule beobachtet,
die hinter einem Rotschwnzchen herjagt. Der Alte pfeift dem
Rotschwnzchen; es fliegt herbei und lt sich vertrauensvoll auf der
Schulter des Grtners nieder, und als die Eule in ihrem Jagdeifer hinter
ihm dreinfliegt, jagt er sie mit seinem Spaten fort.

Er ist doch nicht so gefhrlich, wie er aussieht, denkt der Junge, als er
sieht, wie zrtlich der Alte den armen Singvogel beschtzt.

Aber sobald der Grtner den Jungen erblickt, wendet er sich zu ihm und
fragt, ob er den Bischof Rogge gesehen habe. Und als der Junge es verneint,
sagt er in bitterem Gram: Hat der Bischof Ruhe bekommen und ich nicht?

Bald erreichen sie das stattlichste von den vielen Puppenhusern. Es ist
eine aus Backsteinen aufgefhrte Burg mit drei massiven runden, durch lange
Flgel verbundenen Trmen.

[Illustration]

Geh hinein und sieh dich um, wenn du Lust hast! sagt der Grtner. Dies
ist Gripsholm, und hier mut du dich in acht nehmen, da du dem Knig Erich
nicht begegnest.

Der Junge geht durch ein tiefes Torgewlbe und gelangt auf einen groen
dreieckigen, von niedrigen Husern umgebenen Hof. Die Huser sehen nicht
besonders vornehm aus, und der Junge hat keine Lust, hineinzugehen. Er
springt nur Bock ber zwei lange Kanonen, die hier aufgepflanzt sind, und
eilt dann weiter. Nun geht es durch ein zweites tiefes Torgewlbe, und dann
gelangt er in einen zweiten Schlohof, der von prchtigen Gebuden umgeben
ist; hier geht er hinein. Er durchschreitet zuerst groe altertmliche
Zimmer, wo an den Decken die Querbalken sichtbar sind und an allen Wnden
groe dunkle Bilder hngen, auf denen ernst aussehende Herren und Damen in
seltsamen steifen Gewndern abgebildet sind.

Eine Treppe hher kommt der Junge durch hellere und freundlichere Gemcher.
Hier fhlt er so recht deutlich, da er sich in einem kniglichen Schlo
befindet, denn an den Wnden sind lauter glnzende Bildnisse von Knigen
und Kniginnen. Noch eine Treppe hher ist ein groer Bodenraum, auf den
ringsherum die verschiedenartigsten Rume mnden: die einen sind
freundliche Zimmer mit schnen weien Mbeln, dann kommt ein kleines
Theater, und gleich daneben ist ein richtiges Gefngnis, ein dsterer Raum
mit nackten, steinernen Wnden, vergitterten Fenstern und einem Boden,
dessen Fliesen von den schweren Tritten der Gefangenen ausgetreten sind.

Hier ist so viel zu sehen, da der Junge gern viele Tage lang da verweilt
htte; aber der Grtner ruft ihn, und er wagt es nicht, den Ruf zu
berhren.

Hast du Knig Erich gesehen? fragt der Grtner, als der Junge aus dem
Schlosse heraustritt. Aber der Junge hat niemand gesehen, und da sagt der
Alte wieder wie zuvor, nur mit noch grerer Verzweiflung im Ton: Hat
Knig Erich zur Ruhe gehen drfen, ich aber nicht!

Jetzt richten die beiden ihre Schritte nach dem stlichen Teil des Gartens.
Sie kommen an einem Badeort vorber, den der Grtner Sdertelje nennt,
sowie an einem alten Schlo, dem er den Namen Hrningsholm gibt. Hier ist
brigens nicht viel zu sehen. berall ragen Felsen und Klippen auf, die
immer einsamer und kahler werden, je weiter drauen sie liegen.

Jetzt wenden sie sich nach Sden, und der Junge erkennt die Hecke wieder,
die der Grtner Kolmrden nannte, und daran errt er, da sie sich dem
Ausgange nhern.

Der Junge ist hocherfreut ber alles, was er gesehen hat, und als sie nun
schon nahe bei dem groen Gittertor sind, versucht er dem Grtner seinen
Dank auszusprechen. Aber der Alte hrt gar nicht auf ihn, sondern geht nur
geradenwegs auf das Tor zu. Hier angekommen wendet er sich an den Jungen
und reicht ihm seinen Spaten. Da, halte ihn, whrend ich das Tor
aufschliee, sagt er zu dem Jungen.

Diesem aber ist es ohnedies leid, da er dem barschen alten Mann schon so
viel Mhe gemacht hat, und er will ihm daher jede weitere Anstrengung
ersparen.

Meinetwegen braucht Ihr das schwere Tor gar nicht aufzumachen, sagt er
und schlpft gleichzeitig zwischen den Gitterstben hindurch; fr so einen
kleinen Knirps hatte das natrlich nicht die geringste Schwierigkeit.

Der Junge tut es in der besten Absicht und ist hchst bestrzt, als er
hrt, da der Grtner hinter ihm in heftigen Zorn ausbricht, auf den Boden
stampft und an dem Gitter rttelt.

Was ist denn? Was ist denn? fragt der Junge bestrzt. Ich wollte Euch ja
nur die Mhe ersparen. Warum seid Ihr denn so bse?

Sollte ich etwa nicht bse sein? entgegnet der Alte. Es wre nichts
weiter ntig gewesen, als da du meinen Spaten genommen httest, dann
httest du hierbleiben und den Garten besorgen mssen, whrend ich abgelst
gewesen wre. Jetzt wei ich nicht, wie lange ich noch hier ausharren mu.

Bei diesen Worten rttelt der Grtner wieder heftig an dem Gittertor und
sieht schrecklich zornig aus; aber dem Jungen tut er unwillkrlich von
Herzen leid und er versucht ihn zu trsten.

Seid doch nicht so betrbt darber, Herr Karl von Sdermanland, sagt er.
Denn es findet sich gewi niemand, der Euren Garten so gut pflegen wrde,
wie Ihr es tut.

Als der Junge das sagt, wird der alte Grtner ganz still und ruhig, und der
Junge meint einen hellen Schein ber die harten Zge hingleiten zu sehen.
Aber er kann es nicht deutlich sehen, denn pltzlich verblat die ganze
Gestalt und verschwindet wie im Nebel. Und nicht nur die Gestalt, nein,
auch der ganze Garten mit allen Blumen und Frchten und dem Sonnenschein
verbleicht und verschwindet, und wo er gestanden hat, ist nichts andres
mehr als der de, wilde Wald.

[Illustration]




24

In Nrke

Die Ystter-Kajsa


In Nrke gab es in frheren Zeiten etwas, was es anderswo gar nicht gab,
nmlich eine Hexe, die die Ystter-Kajsa hie.

Den Namen Kajsa hatte sie bekommen, weil sie soviel mit Sturm und Wind zu
tun hatte, und solche Wetterhexen werden immer so genannt; der Beinamen
aber war ihr gegeben worden, weil es hie, sie stamme aus dem Ystter Sumpf
im Kirchspiel Asker.

Es hatte allerdings den Anschein, als habe sie ihre eigentliche Heimat in
Asker, aber man sah sie auch hufig an andern Orten. In ganz Nrke mute
man stets darauf gefat sein, sie vor sich auftauchen zu sehen.

Sie war aber keine traurige oder unheimliche Hexe, sondern munter und
lustig, und am allerwohlsten war es ihr, wenn ein richtiger Sausewind
daherfegte. Sobald es tchtig strmte, machte sie sich auf, um auf der
Ebene von Nrke einen ordentlichen Reigen zu tanzen.

Der Nrker Bezirk ist eigentlich blo eine einzige Ebene, die von allen
Seiten von waldigen Hhen umgeben ist. Nur im nordstlichsten Winkel
durchbricht der Hjlmar die lange Gebirgsmauer.

Wenn nun der Wind am Morgen drauen auf der Ostsee ordentlich Krfte
gesammelt hat und sich ins Land hinein auf den Weg macht, fhrt er
ungehindert zwischen den Srmlnder Hgeln hindurch und gelangt ohne
jegliche Schwierigkeit dort am Hjlmar nach Nrke hinein. Hier fegt er quer
ber die Ebene hin; aber gerade gegenber stt er im Westen auf die hohe
Kilsberger Felsenwand und wird von dieser zurckgeworfen. Da krmmt sich
der Wind wie eine Schlange und jagt gegen Sden. Aber hier trifft er auf
den Tived und bekommt einen Sto, der ihn nach Osten schleudert. Im Osten
jedoch liegt der Tylwald, und dieser schickt den Wind nordwrts zu dem
Kgla. Und von dem Kgla jagt der Wind aufs neue gegen Kilsberg, Tived und
den Tylwald.

So geht es fort: der Wind dreht und dreht sich in immer kleineren Kreisen,
bis er sich schlielich wie ein Kreisel mitten auf der Ebene um sich selbst
dreht. Aber an solchen Tagen, wenn der Wirbelwind ber die Ebene hinfuhr,
da war die Ystter-Kajsa so recht vergngt. Dann stand sie mitten drin im
Wirbel und drehte sich selbst wie ein Kreisel. Ihr langes Haar flatterte
bis hinauf zu den Wolken, ihr Gewand schleifte ber den Boden hin wie eine
Staubwolke, und die ganze Ebene breitete sich unter ihr aus wie ein
Tanzboden.

Morgens sa die Ystter-Kajsa meist auf einer hohen Tanne am Bergabhang und
schaute ber die Ebene hin. Zur Winterzeit, wenn es tchtig geschneit
hatte, kamen viele Schlitten dahergefahren. Und sobald Kajsa die Schlitten
sah, trieb sie eiligst ein ordentliches Schneegestber daher und fegte so
hohe Schneewehen zusammen, da die Leute nur mit Mhe und Not wieder nach
Hause kommen konnten. Bei schnem Sommerwetter aber, zur Zeit der Heuernte,
sa die Ystter-Kajsa ganz still auf ihrem Baum, bis die ersten Heuwagen
hoch beladen zur Abfahrt bereit waren. Dann aber hui! sauste sie mit ein
paar Platzregen daher, die der Arbeit fr diesen Tag ein Ende machten.

Soviel war sicher, da sie selten an etwas andres dachte, als Unheil
anzurichten. Die Kohlenbrenner droben in den Kilsbergen wagten die ganze
Nacht kaum ein Auge zu schlieen; denn sobald Kajsa einen unbewachten
Meiler sah, kam sie leise herbeigeschlichen und blies hinein, bis die
hellen Flammen herausschlugen. Und wenn die Fuhrleute von Lax und Svart
einmal noch spt abends mit Erzlasten unterwegs waren, hllte Kajsa den Weg
und die ganze Gegend in so dichten Nebel, da Menschen und Pferde sich
verirrten und mit den schweren Karren in Moore und Smpfe hineingerieten.

Wenn die Prpstin von Glanshammar an einem schnen Sommertage den
Kaffeetisch drauen im Garten gedeckt hatte, und dann ein Windsto
daherkam, der die Decke aufwirbelte und Tassen und Teller umwarf, da wute
man schon, wem man diesen Spa zu verdanken hatte. Wenn dem Brgermeister
von rebro der Hut vom Kopf geweht wurde und er ihm ber den ganzen
Marktplatz nachlaufen mute, wenn die Leute von Vin mit ihren Gemsebooten
im Hjlmar auf den Grund fuhren, wenn zum Trocknen aufgehngte Wsche
heruntergerissen und in den Schmutz geworfen wurde, wenn am Abend der Rauch
in die Stuben hineindrang und es aussah, als knne er den Weg durch den
Schornstein gar nicht finden, dann herrschte keine Spur von Zweifel
darber, wer sich auf diese Weise die Zeit vertrieb.

Aber wenn auch die Ystter-Kajsa ihre Lust an lauter solchem Schabernack
hatte, war sie doch im Grunde ihres Herzens nicht eigentlich boshaft. Man
merkte wohl, da sie mit den Hndelschtigen, den Geizigen und den
Hartherzigen am schlimmsten verfuhr, die guten Leute dagegen und die armen
Kinder nahm sie sehr oft in Schutz. Und alte Leute erzhlen auch heute
noch, die Ystter-Kajsa sei, als in Asker die Kirche brannte, mitten in den
Rauch und die hohen Flammen hineingefahren und habe die Gefahr abgewendet.

Immerhin waren die Leute in Nrke der Wetterhexe oft recht berdrssig, sie
jedoch, die Ystter-Kajsa, war ihrer tollen Streiche nie berdrssig. Wenn
sie droben auf dem Rande einer Wolke sa und auf Nrke hinabschaute, das so
freundlich und wohlhabend dalag, mit seinen stattlichen Bauernhfen auf der
Ebene und seinen reichen Erzgruben und Bergwerken in dem Gebirge, mit dem
langsam dahinflieenden Svart, den seichten fischreichen Binnenseen, der
guten Stadt rebro, die sich rings um das ernstaufragende Schlo mit den
massiven Ecktrmen ausbreitete, dann dachte sie gewi: Hier htten es die
Menschen sicherlich allzugut, wenn ich nicht da wre. Hier mu jemand sein
wie ich, der sie aufrttelt und in Atem erhlt.

Dann stie sie ein wildes, gellendes Gelchter aus, das klang wie das
Schreien einer Elster, und jagte davon, tanzend und wirbelnd von einem Ende
der Ebene zum andern. Und wenn die Bewohner von Nrke sahen, wie sie ihre
Staubschleppe ber die Ebene hinzog, konnten sie ein Lcheln nicht
unterdrcken. Denn unartig und neckisch war sie, das konnte nicht geleugnet
werden, aber sie hatte auch einen herrlichen Humor. Der Umgang mit der
Ystter-Kajsa war fr die Bauern ebenso belebend, wie der Sturmwind fr die
Ebene, wenn er so recht toll darber hinfegte.

Heutigentages wird nun behauptet, die Ystter-Kajsa sei lngst tot und
begraben, wie alles andre Hexen- und Zaubervolk auch. Aber das kann man
fast nicht glauben. Das wre gerade, wie wenn jemand daherkme und
behaupten wollte, die Luft werde von jetzt an ber der Ebene ganz still
stehen und der Sturm werde nie mehr mit Saus und Braus und frischem Wind
und gewaltigem Platzregen darber hinwirbeln.

Ja, wer da meint, die Ystter-Kajsa sei tot und begraben, der soll nur
hren, wie es in jenem Jahr in Nrke ging, wo Nils Holgersson durch diese
Gegend zog, und dann soll er selbst sagen, was er darber denkt.


Der Jahrmarktsabend

                                                  Mittwoch, 27. April

Es war am Tag vor dem groen Viehmarkt in rebro, und es go so vom Himmel
herunter, da man drauen nichts mehr voneinander unterscheiden konnte. Das
war ein Regen gerade wie die Sndflut. Der Himmel schien alle seine
Schleusen geffnet zu haben, und gar mancher dachte im stillen: Dies ist
ganz wie zur Zeit der Ystter-Kajsa. Gerade an den Jahrmrkten, da trieb
sie den tollsten Schabernack. So ein Regenwetter am Vorabend des
Jahrmarktes, das htte ihr gepat.

Je weiter der Abend vorrckte, desto schlimmer wurde der Regen. Als die
Dunkelheit einbrach, ging ein wahrer Wolkenbruch nieder, die Wege wurden
ganz grundlos, und den Leuten, die mit ihrem Vieh unterwegs waren, um bei
guter Zeit nach rebro zu kommen, ging es schlecht. Die Khe und Ochsen
waren bermdet und strubten sich, weiterzugehen, mehrere von den armen
Tieren warfen sich mitten auf der Landstrae zu Boden, um zu zeigen, da
sie nicht mehr weiter knnten. Alle die Leute, die am Wege wohnten, muten
den Jahrmarktbesuchern Tr und Tor ffnen und sie so gut es eben ging fr
die Nacht aufnehmen. Alles war berfllt, nicht nur die Wohnhuser, nein,
auch die Stlle und Scheunen.

Wer nur immer konnte, versuchte indes sich bis zum Wirtshaus
durchzukmpfen; aber wer es erreicht hatte, bereute fast, nicht in einem
der Huser an der Strae geblieben zu sein, denn alle Stnde in den
Kuhstllen und alle Krippen im Pferdestall waren lngst besetzt. Die armen
Leute hatten keine Wahl, sie muten ihre Pferde und Khe unter freiem
Himmel im Regen stehen lassen, ja, ihre Besitzer selbst konnten nur mit
Mhe und Not unter Dach und Fach kommen.

Auf dem Hofplatz war ein Gedrnge, ein Schmutz und eine Nsse, die man gar
nicht beschreiben konnte. Viele von den Tieren standen geradezu im Wasser
und konnten sich nicht einmal niederlegen. Manchen von den Bauern gelang es
allerdings, Stroh fr ihr Vieh zu ergattern, da konnten sich die armen
Tiere wenigstens niederlegen, und man konnte sie notdrftig zudecken; andre
aber saen drin im Wirtshaus, tranken und spielten und vergaen darber ihr
Vieh, fr das sie sorgen sollten, vollstndig.

Nils Holgersson und die Wildgnse hatten an diesem Abend einen Holm im
Hjlmar erreicht. Die kleine Insel war nur durch einen schmalen, seichten
Wasserarm vom Lande getrennt; bei niedrigem Wasserstand konnte man
trockenen Fues hinberkommen.

Auf dem Holm drauen regnete es ebenso heftig wie sonst berall auch. Der
Junge konnte bei dem Regen, der unaufhrlich auf ihn herabfiel, nicht
einschlafen. Schlielich stand er auf und wanderte auf der Insel umher. Er
meinte, er fhle den Regen weniger, wenn er sich bewegte.

Kaum war er rings auf der Insel herumgegangen, als er in dem Wasser, das
den Holm vom Festland trennte, ein Pltschern hrte, und schon im nchsten
Augenblick sah er ein einzelnes Pferd zwischen den Bschen daherkommen. Es
war eine alte Mhre, ein so elendes, kraftloses Pferd, wie Nils Holgersson
noch nie eines gesehen hatte. Es war lendenlahm und steifbeinig und
entsetzlich mager, man konnte alle Rippen unter der Haut zhlen. Es trug
weder Sattel noch Zaumzeug, nur eine alte Halfter, von der ein
halbverfaultes Strickende herunterhing. Offenbar hatte ihm das Losreien
keinerlei Schwierigkeiten bereitet.

Das Pferd ging geradenwegs auf die Stelle zu, wo die Wildgnse schliefen,
und der Junge bekam Angst, es knnte sie treten. Wohin willst du? Nimm
dich in acht! rief er dem Pferde zu.

Ach so, da bist du, sagte das Pferd und kam auf den Jungen zu. Ich bin
eine ganze Meile weit gegangen, dich zu finden.

Weit du denn etwas von mir? fragte der Junge verwundert.

Ich habe ja wohl Ohren zum Hren, wenn ich auch alt bin. Es wird
gegenwrtig viel von dir gesprochen.

Whrend es dies sagte, senkte das Pferd den Kopf, um besser sehen zu
knnen, und Nils Holgersson bemerkte, da es einen kleinen Kopf mit schnen
Augen und einem feinen, weichen Maule hatte.

Das ist einstmals ein gutes Pferd gewesen, wenn es auch auf seine alten
Tage heruntergekommen ist, dachte der Junge.

Ich mchte dich bitten, mit mir zu gehen und mir in einer Sache
beizustehen, sagte das Pferd.

Der Junge dachte, es wre wohl eine gewagte Sache, mit so einem elenden
Geschpf fortzugehen, und entschuldigte sich mit dem schlechten Wetter.

Doch das Pferd sagte: Auf meinem Rcken hast du es nicht schlechter, als
wenn du hier liegst. Aber du hast vielleicht den Mut nicht, mit so einer
alten Schindmhre, wie ich eine bin, wegzugehen.

O doch, dazu habe ich schon den Mut, sagte der Junge.

Dann wecke jetzt die Gnse, damit wir mit ihnen ausmachen, wo sie dich
morgen wieder abholen werden, sagte das Pferd.

Kurz darauf sa Nils Holgersson auf dem Rcken des Pferdes, das viel besser
trabte, als der Junge gedacht hatte; aber es war doch ein weiter Ritt durch
Nacht und Regen, bis sie endlich vor einer groen Herberge Halt machten.
Hier sah es schrecklich unheimlich aus. Die Wagengeleise auf der Strae
waren bermig tief; der Junge war berzeugt, er wrde ertrinken, wenn er
da hineinfiele. An dem Lattenzaun, der das Gehft rings umgab, waren
ungefhr dreiig bis vierzig Pferde und Khe angebunden; ohne jeglichen
Schutz gegen den Regen standen sie da, und innen im Hofraum sah Nils
Holgersson Karren mit hohen Kisten, in denen Schafe und Klber, Schweine
und Hhner untergebracht waren.

Das Pferd stellte sich an dem Lattenzaun auf. Der Junge sa noch auf seinem
Rcken, und mit seinen guten Nachtaugen, die er seit seiner Verzauberung
hatte, sah er ganz deutlich, wie schlecht es die armen Tiere hier hatten.

Wie kommt es nur, da ihr hier auen im Regen steht? fragte er.

Wir sind auf dem Wege nach dem Jahrmarkt in rebro, aber des Regens wegen
muten wir hier haltmachen. Dies ist zwar eine Herberge, es sind jedoch so
viele Reisende angekommen, da wir keinen Platz mehr im Hause fanden.

Der Junge erwiderte nichts; schweigend schaute er sich um. Nicht viele von
den Tieren schliefen, von allen Seiten ertnten Klagen und lautes Murren.
Und die armen Geschpfe hatten allen Grund zum Jammern, denn das Wetter war
jetzt noch schlimmer als am Tage. Ein eiskalter Wind hatte sich erhoben,
und der scharfe peitschende Regen war jetzt mit Schnee vermischt. Da war es
nicht schwer zu erraten, welche Hilfe das Pferd von dem Jungen verlangte.

Siehst du dort den groen Bauernhof, der dem Wirtshause gerade gegenber
liegt? fragte das Pferd.

Jawohl, sagte der Junge, ich sehe ihn, und ich begreife nicht, warum ihr
nicht dort um Obdach gebeten habt. Ist dort auch schon alles voll?

Nein, es sind keine fremden Tiere dort, antwortete das Pferd. Aber die
Besitzer dieses Hofes sind so geizig und ungefllig, da es gar nichts
ntzen knnte, wenn man sie um ein Obdach bitten wrde.

Ach, so hngt es also zusammen! Ja, dann mt ihr freilich bleiben, wo ihr
seid.

[Illustration]

Aber ich bin auf dem Hofe drben geboren und aufgewachsen, sagte das
Pferd, und ich wei, da dort ein groer Pferdestall und auch ein Kuhstall
ist mit vielen Krippen und Stnden, und ich mchte wissen, ob du uns nicht
den Eintritt dazu verschaffen knntest.

Ach nein, dazu habe ich sicher den Mut nicht, erwiderte der Junge. Aber
die armen Tiere taten ihm schrecklich leid, und so entschlo er sich, es
jedenfalls einmal zu versuchen.

Er lief hinber auf den fremden Hof und sah da gleich, da alle
Wirtschaftsgebude verschlossen und alle Schlssel abgezogen waren. Ratlos
und hilflos stand er da, doch da wurde ihm von einer ganz unerwarteten
Seite Hilfe zuteil. Mit gewaltigem Sausen kam pltzlich eine Windsbraut
dahergefahren und ri eine groe Scheunentr auf, vor der der Junge eben
Halt gemacht hatte.

Natrlich kehrte der Junge mit grter Eile zu dem Pferde zurck und sagte:
Ihr knnt zwar nicht in die Stlle hinein, aber eine groe leere Scheune
ist zu schlieen vergessen worden, und dahin will ich euch fhren.

Dafr sollst du schn bedankt sein, sagte das Pferd. Es wird mir gut
tun, wenn ich noch einmal in meiner alten Heimat schlafen darf. Dies ist
die einzige Freude, die mir in meinem Leben noch zuteil werden kann.

Auf dem reichen Bauernhofe, der dem Wirtshaus gerade gegenber lag, waren
indes die Bewohner an diesem Abend viel lnger als gewhnlich aufgeblieben.

Der Bauer war ein Mann von ungefhr fnfunddreiig Jahren. Er war gro und
schlank und hatte ein schnes, aber etwas finsteres Gesicht. Am Tage war er
im Regen drauen gewesen und war da ebenso na geworden wie alle andern
Leute auch. Deshalb hatte er beim Abendessen seine alte Mutter, die noch
Herrin auf dem Hofe war, gebeten, ein Feuer auf der offenen Feuerstelle
anzuznden, damit er seine Kleider trocknen knnte. Die Mutter hatte ein
rmliches Holzfeuerchen angezndet, denn in diesem Hause wurde kein
Brennholz verschwendet, und der Bauer hatte seinen Rock auf einem Stuhl
dicht vor dem Feuer aufgehngt. Dann hatte er den Fu auf den Herd
gestellt, den Ellbogen aufs Knie gesttzt und nachdenklich in die Flammen
geschaut. So stand er nun schon seit mehreren Stunden, ohne sich zu rhren;
die einzige Bewegung, die er machte, war, ab und zu ein neues Stck Holz
aufs Feuer zu werfen.

Die Mutter hatte den Tisch abgerumt und sein Bett hergerichtet, dann war
sie ins Hinterstbchen gegangen und hatte es sich da bequem gemacht. Von
Zeit zu Zeit trat sie an die Tr und sah ihren Sohn fragend an, der noch
immer vor dem Feuer stand und nicht zu Bett ging.

Es fehlt mir nichts, Mutter, sagte er. Ich mu nur an etwas aus frherer
Zeit denken.

Die Sache aber war die: Als der Sohn bei seiner Heimkehr am Wirtshaus
vorbeigekommen war, hatte ihn ein Pferdehndler gefragt, ob er nicht ein
Pferd kaufen wolle. Dabei hatte er ihm einen alten Gaul gezeigt, der so
jmmerlich zugerichtet war, da der Bauer den Mann unwillkrlich mit den
Worten anfuhr, er msse ja verrckt sein, wenn er meine, er knne ihn mit
so einer Schindmhre anfhren.

Ach nein, antwortete der Pferdehndler, das meine ich nicht. Aber da
dieses Pferd frher in Euerm Besitz war, dachte ich, Ihr httet vielleicht
Lust, ihm das Gnadenbrot zu gewhren, denn das tut ihm not.

Da hatte der Bauer das Pferd nher angesehen und es wieder erkannt. Ja, er
hatte es einst selbst grogezogen und eingefahren. Aber deshalb fiel es ihm
doch nicht ein, so ein altes, unbrauchbares Tier zu kaufen. Nein, davon
konnte keine Rede sein. Er gehrte nicht zu denen, die ihr Geld wegwarfen!

Trotzdem hatte der Anblick des Pferdes viele Erinnerungen in ihm
wachgerufen, und diese Erinnerungen hielten ihn jetzt fest. Deshalb mochte
er nicht zu Bett gehen.

Ach ja, dieses Pferd war ein gutes, ein flottes Tier gewesen! Sein Vater
hatte es von Anfang an ihm allein berlassen. Er hatte es eingefahren, und
es war ihm lieber gewesen als alles andre, was er sein eigen nannte. Der
Vater hatte sich beklagt, da er es zu gut fttere, und da hatte er oft den
Hafer fr seinen Liebling stibitzt.

Solange er dieses Pferd hatte, ging er nie zu Fu in die Kirche, sondern
fuhr immer, und zwar aus keinem andern Grunde, als um mit seinem Pferde
gro zu tun. Er selbst trug eigengewobene und eigengemachte Kleider, das
Fuhrwerk war rmlich und unangestrichen, aber das Pferd war das schnste
Tier, das den Kirchenhgel hinauffuhr.

Einmal hatte er sich ein Herz gefat und seinen Vater gefragt, ob er sich
nicht einen Tuchanzug kaufen und das Fuhrwerk mit lfarbe anstreichen
drfe. Aber der Vater hatte ihn wie versteinert angesehen, ja, der Sohn
hatte einen Augenblick gefrchtet, den Vater werde der Schlag treffen. Er
hatte dann versucht, seinem Vater begreiflich zu machen, da er, wenn er
mit einem so prchtigen Pferd fahre, selbst auch ein wenig hbsch aussehen
sollte.

Der Vater hatte gar nichts gesagt, aber ein paar Tage nachher war er mit
dem Pferd nach rebro gegangen und hatte es da verkauft.

Das war grausam vom Vater gewesen; aber dieser hatte offenbar gefrchtet,
das Pferd knnte den Sohn zur Eitelkeit und zur Verschwendung verleiten.
Und jetzt, so lange nachher, mute der Sohn zugeben, da der Vater damals
recht gehabt hatte. Ein solches Pferd konnte einem wohl zum Fallstrick
werden. Aber im Anfang war ihm der Verlust seines Lieblings schrecklich
nahe gegangen. Von Zeit zu Zeit war er nur deshalb nach rebro gefahren,
um, an einer Straenecke stehend, das Pferd vorbeifahren zu sehen, oder um
sich mit einem Stck Zucker zu ihm in seinen neuen Stall zu schleichen.

Wenn der Vater stirbt und ich den Hof bekomme, dann kaufe ich mir mein
Pferd wieder. Das ist das erste, was ich tue, hatte er damals gesagt.

Jetzt war der Vater tot, und er selbst sa schon seit mehreren Jahren auf
dem Hofe; aber er hatte keinen einzigen Versuch gemacht, das Pferd wieder
zu kaufen. Ja, seit langer Zeit hatte er an diesem Abend zum ersten Male
wieder an das Tier gedacht.

Wie merkwrdig, da er es so ganz und gar hatte vergessen knnen! Aber der
Vater war ein sehr gebieterischer und eigensinniger Mann gewesen, und als
der Sohn erwachsen war und die beiden den Hof miteinander bewirtschafteten,
da hatte sein Vater groe Gewalt ber ihn bekommen. Schlielich dachte er,
alles, was der Vater tat, sei gut und recht. Und als er dann selbst den Hof
bekam, hatte er sich nur immer Mhe gegeben, in allem genau so zu handeln,
wie sein Vater gehandelt hatte.

Er wute ja wohl, da die Leute sagten, sein Vater sei geizig gewesen; aber
es war doch gewi nur recht, wenn man den Geldbeutel fest zumachte und das
Geld nicht unntig zum Fenster hinauswarf. Man durfte das Hab und Gut, das
einem anvertraut worden war, nicht vergeuden. Besser ein Geizhals heien
und auf einem schuldenfreien Hofe sitzen, als sich wie die andern Bauern
mit groen Hypotheken herumschlagen mssen.

So weit war der Bauer in seinen Gedanken gekommen, als er pltzlich heftig
zusammenfuhr, weil er etwas Sonderbares gehrt hatte. Es war, als ob eine
laute, spottende Stimme gerade das wiederholte, was er eben gedacht hatte.
Es ist am besten, den Geldbeutel fest zuzumachen. Es ist besser, ein
Geizhals heien und auf einem schuldenfreien Hofe sitzen, als sich wie die
andern Hofbesitzer mit Hypotheken herumschlagen mssen.

Das klang gerade, als wolle sich jemand ber seine Klugheit lustig machen,
und er war auf dem Punkt, in Wut zu geraten, als er entdeckte, da alles
auf einem Irrtum beruhte. Drauen hatte sich ein heftiger Wind erhoben, er
aber hatte die ganze Zeit hier gestanden und war schlfrig geworden; da
hatte er das Heulen des Windes im Schornstein fr eine menschliche Stimme
gehalten.

Er wendete sich um und sah auf die groe Wanduhr; es schlug eben elf Uhr.
Da ist es hchste Zeit, da du zu Bett gehst, dachte er. Aber dann fiel
ihm ein, da er seine allabendliche Runde auf dem Hofe noch nicht gemacht
hatte, um nachzusehen, ob alle Tren und Lden geschlossen und alle Lichter
gelscht seien. Dies hatte er noch nie unterlassen, seit er Herr auf dem
Hofe geworden war. Rasch warf er seinen Rock ber und ging in den Regen
hinaus.

Drauen fand er alles, wie es sein sollte, nur die Tr der leeren Scheune
war vom Wind aufgerissen worden. Er holte also den Schlssel, verschlo die
Scheune und steckte den Schlssel in die Rocktasche. Dann kehrte er in die
Stube zurck, zog den Rock aus und hngte ihn aufs neue vors Feuer. Aber er
ging auch jetzt noch nicht zu Bett, sondern wanderte in der Stube hin und
her. Das war doch ein grliches Wetter! So ein durchdringend kalter Wind
und ein eisiger Schneeregen! Und sein altes Pferd stand nun da drauen,
ohne auch nur eine Decke als Schutz gegen das Unwetter zu haben! Er mte
doch eigentlich hinausgehen und seinem alten Freund ein Obdach gewhren, da
er nun doch einmal in diese Gegend gekommen war.

Jetzt hrte der Junge in dem gegenberliegenden Gasthof eine alte Uhr mit
schrillem Ton elf Uhr schlagen. Er war gerade im Begriff, die Tiere
loszubinden, um sie in den Bauernhof hineinzufhren. Es dauerte ziemlich
lange, bis er sie geweckt und aufgestellt hatte; aber schlielich war alles
in Ordnung, und in einer langen Reihe, der Junge als Wegweiser voran,
bewegte sich der Zug in den Hof des geizigen Bauern hinein.

Aber whrend der Junge mit den Tieren beschftigt gewesen war, hatte der
Bauer seine Runde beendet und das Scheunentor zugeschlossen. Als nun der
Junge vor der Scheune ankam, war der Eingang versperrt. Ganz bestrzt blieb
der Junge stehen. Aber nein, die armen Tiere konnte er nicht hier drauen
lassen. Er mute ins Haus hinein und sich den Schlssel verschaffen.

Sorge dafr, da sie sich still verhalten, whrend ich den Schlssel
hole, sagte er zu dem alten Pferd. Mit diesen Worten eilte er davon.

Mitten auf dem Hofplatz hielt er an, um zu berlegen, wie er ins Haus
hineinkommen sollte. Whrend er noch gedankenverloren dastand, sah er auf
der Strae zwei kleine Wanderer daherkommen, und jetzt eben machten sie vor
dem Wirtshaus halt.

Der Junge sah gleich, da es zwei kleine Mdchen waren, und er lief auf sie
zu, denn er dachte, sie wrden ihm vielleicht helfen knnen.

Komm, Britta Marie, sagte das eine von den Kindern, jetzt darfst du
nicht mehr weinen. Hier ist die Herberge. Hier bekommen wir gewi ein
Nachtlager.

Kaum hatte das Mdchen dies gesagt, als der Junge ihr auch schon zurief:
Nein, ihr braucht gar nicht erst zu fragen, ob man euch im Wirtshaus
aufnehmen wolle, denn das ist ganz unmglich. Aber in dem Bauernhof hier
sind keine Gste. Gehet nur hinein!

Die beiden kleinen Mdchen hrten die Worte deutlich, konnten aber den, der
mit ihnen sprach, nicht sehen. Sie verwunderten sich indes nicht weiter
darber, denn ringsum war es stockdunkel. Das grere Mdchen erwiderte
denn auch sogleich: In diesen Hof wollen wir nicht hineingehen, denn die
Leute, die darin wohnen, sind hart und geizig. Sie sind schuld daran, da
wir hier auf der Landstrae betteln gehen mssen.

Das ist wohl mglich, sagte der Junge. Aber gehet trotzdem nur hinein;
ihr werdet sehen, es luft alles gut ab.

Nun, wir knnen es jedenfalls versuchen, aber man wird uns nicht einmal
hineinlassen, sagten die beiden Kinder; damit gingen sie auf das Wohnhaus
zu und klopften an die Tr.

Der Bauer stand noch immer am Feuer und dachte an sein altes Pferd; da
drang das Klopfen der Kinder an sein Ohr. Er ging an die Haustr, um zu
sehen, wer drauen sei, beschlo aber zugleich, sich gewi nicht berreden
zu lassen, irgendeinen Wanderer aufzunehmen. Aber in dem Augenblick, wo er
einen Spalt an der Tr ffnete, lag auch schon die Windsbraut auf der
Lauer. Sie ri dem Bauern die Tr aus der Hand und warf ihn selbst gegen
die Wand zurck. Um die Tr wieder zuzuziehen, mute er auf die Haustreppe
hinaustreten, und als er in die Stube zurckkehrte, standen die beiden
Kinder schon mitten darin.

Es waren zwei arme, schmutzige, in Lumpen gehllte, halb verhungerte
Bettelkinder, zwei kleine Mdchen, die unter der Last von zwei
Bettelscken, die ebenso gro waren wie sie selbst, heftig keuchten.

Was seid denn ihr fr Pack, das noch so spt in der Nacht unterwegs ist?
fragte der Bauer unfreundlich.

Die beiden Kinder antworteten nicht sogleich, sondern stellten zuerst ihre
Scke ab. Dann traten sie mit zum Gru ausgestreckten Hnden auf den Bauern
zu. Wir sind die Anne und die Britta Marie vom Engrd, sagte die ltere,
und wir mchten um eine Nachtherberge bitten.

Der Bauer ergriff die ihm dargebotenen Hndchen nicht, ja, er wollte die
beiden Bettelmdchen gerade vor die Tr setzen, als eine neue Erinnerung
vor ihm auftauchte. Das Engrd war ein kleines Haus, wo eine bedrftige
Witwe mit ihren fnf Kindern gewohnt hatte. Die Witwe war dem alten Bauern
einige hundert Kronen schuldig gewesen, und um seine Forderung zu
befriedigen, hatte der Bauer ihre Htte verkaufen lassen. Die Witwe war
hierauf mit ihren drei ltesten Kindern nach Nordland gezogen, dort Arbeit
zu suchen, die beiden jngeren aber waren der Gemeinde zur Last gefallen.

Dem Bauern stieg der rger auf, als er an dieses Vorkommnis dachte. Er
wute, wie sehr sein Vater im Kirchspiel verurteilt worden war, weil er das
Geld verlangt hatte, das ihm doch von Rechts wegen gehrt hatte.

Was tut ihr denn gegenwrtig? fragte er mit barscher Stimme. Sorgt denn
der Armenpfleger nicht fr euch? Warum streicht ihr auf der Landstrae
umher und bettelt?

[Illustration]

Wir knnen nichts dafr, antwortete das ltere Mdchen. Die Leute, bei
denen wir sind, haben uns auf den Bettel ausgeschickt.

Ja, und ihr knnt euch nicht beklagen, denn eure Scke sind ja ganz voll,
sagte der Bauer. Es ist am besten, ihr esset euch an dem, was ihr darin
habt, satt, denn hier gibt es nichts zu essen. Alle Frauenzimmer auf dem
Hofe sind schon zu Bett. Und dann knnt ihr euch hier in die Ecke am Herd
legen, da friert ihr nicht.

Dabei machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand, wie um die Kinder
zurckzuscheuchen, und seine Augen nahmen einen fast harten Ausdruck an,
denn er dachte, er msse ja froh sein, da er einen Vater gehabt hatte, der
um sein Besitztum besorgt gewesen war, sonst htte er, der Sohn,
vielleicht auch als kleiner Junge mit dem Bettelsack umherlaufen mssen,
wie diese Kinder hier.

Kaum hatte der Bauer diesen Gedanken zu Ende gedacht, als die gellende,
spttische Stimme, die er an diesem Abend schon einmal gehrt hatte, Wort
fr Wort wiederholte. Er horchte und erkannte gleich, da es keine
Menschenstimme war, sondern nur der Wind, der im Schornstein sein Wesen
trieb. Aber es war seltsam, sobald der Wind seine Gedanken in dieser Weise
laut wiederholte, erschienen sie ihm merkwrdig dumm, hartherzig und
falsch.

Die Kinder hatten sich indessen nebeneinander auf dem harten Boden
ausgestreckt; aber sie waren nicht still, sondern murmelten noch etwas vor
sich hin.

Wollt ihr wohl schweigen! rief der Bauer. Er war jetzt in so gereizter
Stimmung, da er die Kinder htte schlagen knnen.

Aber das Gemurmel hrte nicht auf, obgleich er den Kindern noch einmal
barsch zu schweigen befahl.

Als unsere Mutter von uns fortging, sagte da pltzlich eine helle
Kinderstimme, mute ich ihr versprechen, mein Abendgebet nie zu vergessen.
Dieses Versprechen mu ich halten und Britta Marie auch. Sobald wir: >Mde
bin ich, geh zur Ruh, schlie die mden Augen zu< gebetet haben, sind wir
ganz still.

Der Bauer blieb wortlos sitzen und hrte die Kleinen ihr Abendgebet
sprechen. Dann ging er mit langen Schritten im Zimmer hin und her, und
zuweilen prete er wie in groer Seelenangst die Hnde zusammen.

Das Pferd zugrunde gerichtet! Die beiden Kinder zu umherstrolchenden
Bettlern gemacht! Und beides das Werk seines Vaters! Ach, was der Vater
getan hatte, war am Ende doch nicht immer ganz recht gewesen!

Er warf sich auf einen Stuhl und sttzte den Kopf in die Hnde. Pltzlich
begann es in seinem Gesicht zu zucken; die Trnen traten ihm in die Augen,
aber rasch wischte er sie weg. Doch neue Trnen drangen hervor, und es half
nichts, da er auch diese eilig wegwischte, es kamen immer neue.

Jetzt ffnete seine Mutter die Tr des Hinterstbchens, und eilig drehte
der Bauer seinen Stuhl um, damit er ihr den Rcken zuwendete. Aber sie
mute doch etwas Auergewhnliches gemerkt haben, denn sie blieb eine gute
Weile hinter ihm stehen, wie wenn sie darauf wartete, da er etwas sage.
Dann fiel ihr ein, wie schwer es den Mnnern immer wird, von dem zu
sprechen, was sie am tiefsten berhrt; ja, sie mute ihm wohl ein wenig
helfen.

Vom Hinterstbchen aus hatte sie gesehen, was sich in der groen Stube
zugetragen hatte; sie brauchte deshalb nicht zu fragen. Sie ging nur ganz
leise zu den beiden schlafenden Kindern hin, hob sie auf, trug sie ins
Hinterstbchen und legte sie da in ihr eigenes Bett. Dann kam sie wieder zu
dem Sohne heraus.

Du, Lars, sagte sie und tat, als she sie gar nicht, da er weinte. La
mich die Kinder hier behalten!

Was sagst du, Mutter? fragte er und versuchte seine Trnen zu
unterdrcken.

Ich habe sie schon immer herzlich bedauert, gleich damals, als dein Vater
ihrer Mutter das Haus verkaufte. Und auch du hast Mitleid mit ihnen
gehabt.

Ja, aber...

Ich mchte sie gerne hier behalten und ordentliche Menschen aus ihnen
machen. Sie sind zu gut zum Betteln.

Der Bauer konnte nichts erwidern, denn jetzt strzten ihm die hellen Trnen
aus den Augen; er ergriff die runzlige Hand seiner Mutter und streichelte
sie.

[Illustration]

Doch pltzlich fuhr er, wie von Angst erfat, jh auf. Was wrde der Vater
dazu sagen? rief er.

Der Vater hat zu seiner Zeit hier geherrscht, jetzt ist die deinige
gekommen. Solange der Vater lebte, mute ihm gehorcht werden. Jetzt aber
ist die Reihe an dir, zu zeigen, wer du bist.

Der Sohn war so berrascht ber diese Worte, da seine Trnen versiegten.
Aber ich zeige mich doch, wie ich bin! sagte er.

Nein, erwiderte seine Mutter, das tust du eben nicht. Du gibst dir nur
alle Mhe, deinem Vater zu gleichen. Der aber hat harte Zeiten hier
durchgemacht, und deshalb graute ihm vor der Armut. Er meinte, er sei
verpflichtet, in erster Linie nur immer an sich selbst zu denken. Du aber
hast solche schwere Zeiten, die dich htten hart machen knnen, nie
gekannt. Du hast mehr, als du brauchst, und da wre es unnatrlich, wenn du
nicht auch an andre denken wrdest.

Hinter den beiden Kindern war der Junge ins Haus und in die Stube
hineingeschlpft und hatte sich da in einem dunkeln Winkel versteckt. Schon
im ersten Augenblick hatte er den Scheunentrschlssel, der aus der
Rocktasche des Bauern herausguckte, entdeckt.

Wenn der Bauer die Kinder fortschickt, nehme ich den Schlssel und laufe
mit ihm davon, dachte er.

Aber dann wurden die Kinder nicht fortgeschickt; der Junge mute in seinem
Winkel sitzen bleiben und wute nicht, was er tun sollte. Die Mutter sprach
lange mit ihrem Sohn, und whrend sie mit ihm sprach, hrte dieser auf zu
weinen; schlielich nahm sein Gesicht einen geradezu schnen Ausdruck an,
es war, als sei er ein ganz andrer Mensch geworden, und noch immer
streichelte er die alte runzlige Hand seiner Mutter.

Jetzt mssen wir aber doch zu Bett gehen, sagte die Mutter, als sie sah,
da er seine Fassung wieder erlangt hatte.

Nein, sagte er und stand rasch auf, ich kann noch nicht zu Bett gehen.
Drauen ist noch ein Gast, dem ich ein Obdach fr die Nacht geben mu.

Mehr sagte er nicht, er warf nur rasch seinen Rock ber, zndete eine
Laterne an und ging hinaus. Drauen war es noch ebenso kalt und regnerisch,
aber als er auf die Haustreppe trat, summte er eine Melodie vor sich hin.
Er fragte sich, ob ihn das Pferd wohl erkennen, und ob es sich freuen
werde, wenn es wieder in seinen alten Stall hineinkme.

Als er ber den Hofplatz ging, hrte er eine Tr im Winde auf- und
zuschlagen. Der Wind hat die Scheunentr wieder aufgerissen, dachte er
und ging hin, sie abermals zu schlieen.

Im nchsten Augenblick stand er vor der Scheune, und er wollte eben die Tr
zumachen, da war es ihm, als ob sich drinnen etwas bewegte.

Das kam aber daher, da der Junge die Gelegenheit bentzt und mit dem
Bauern zu gleicher Zeit das Haus verlassen hatte. Rasch war er an die
Scheune gelaufen, vor der er die Tiere verlassen hatte. Aber diese standen
nicht mehr im Regen drauen. Ein heftiger Windsto hatte schon lange die
Scheunentr abermals aufgerissen und so den armen Tieren ein Dach ber dem
Kopf verschafft. Und das Gerusch, das der Bauer gehrt hatte, hatte von
dem Jungen hergerhrt, als er in die Scheune hineinlief.

Jetzt leuchtete der Bauer mit seiner Laterne hinein, und da sah er, da die
ganze Tenne voll von schlafendem Vieh lag. Kein Mensch war zu sehen. Die
Tiere waren nicht angebunden, sie hatten sich auf dem Stroh niedergelegt,
wie es eben ging.

Der Bauer wurde zornig ber diese uneingeladenen Gste; er begann zu rufen
und zu schelten, um sie zu wecken und hinauszujagen. Aber die Tiere
blieben ganz still liegen, wie wenn sie sich durchaus nicht stren lassen
wollten. Ein einziges erhob sich, ein altes Pferd, und kam ruhig auf den
Bauern zu.

Und pltzlich verstummte der Bauer. Schon am Gang erkannte er dieses Tier.
Er hob die Laterne, das Pferd kam zu ihm heran und legte ihm den Kopf auf
die Schulter.

Liebevoll streichelte ihm der Bauer die Nase. Mein altes gutes Pferd!
Alter guter Kerl! sagte er. Was haben sie mit dir gemacht? Jawohl, mein
alter Freund, ich werde dich kaufen. Du sollst nie wieder vom Hofe hier
vertrieben werden, und du sollst es so gut haben, wie du dir nur wnschen
kannst, mein guter Alter. Die andern, die du mitgebracht hast, drfen hier
bernachten, du aber kommst mit mir in den Stall. Jetzt darf ich dir so
viel Hafer geben, als du nur fressen kannst, ohne da ich ihn stibitzen
mu. Du wirst wohl auch noch nicht ganz zugrunde gerichtet sein. Das
schnste Pferd auf dem Kirchplatz, das wirst du wieder sein. Ja, wie einst!
So, so, mein gutes Tier, so so!

[Illustration]




25

Der Eisgang


                                                  Donnerstag, 28. April

Am nchsten Tag war wunderschnes Wetter. Es blies allerdings noch ein
tchtiger Westwind; aber darber freute man sich nur, denn er trocknete die
von dem gestrigen Regen aufgeweichten Wege.

Frh am Morgen wanderten auf der Landstrae, die von Srmland nach Nrke
fhrt, das Gnsemdchen sa und Klein-Mats, die beiden Smlnder Kinder.
Der Weg fhrte an dem sdlichen Ufer des Hjlmar hin, und die Kinder
betrachteten eifrig das Eis, das noch den grten Teil des Sees bedeckte.
Die Morgensonne go ihren hellen Schein auf den Eisspiegel, der durchaus
nicht dster und drohend aussah, wie dies im Frhling gewhnlich der Fall
ist, sondern glnzend hell und einladend zu den Kindern herberleuchtete.
So weit das Auge reichte, war das Eis fest und trocken. Das Regenwasser war
schon durch alle Lcher und Sprnge hindurchgesickert, oder es war vom Eis
selbst aufgesogen worden; so sahen die Kinder nichts als eine herrliche
Eisdecke.

Das Gnsemdchen sa und Klein-Mats waren nach dem nrdlichen Schweden
unterwegs, und unwillkrlich stieg der Gedanke in ihnen auf, wie viele
Schritte es ihnen doch ersparen wrde, wenn sie quer ber den groen See
gehen knnten, anstatt rings um ihn herumwandern zu mssen. Sie wuten
allerdings, da das Frhlingseis gefhrlich sei; aber dieses hier sah ja
vollstndig sicher aus. Am Ufer war es mehrere Zoll dick, das sahen sie
deutlich. Sie sahen auch einen ausgetretenen Pfad, dem sie folgen knnten,
und das andre Ufer schien berdies ganz nahe vor ihnen zu liegen; in einer
Stunde wren sie sicher drben.

Komm, wir wollen es versuchen, sagte Klein-Mats. Wenn wir gut achtgeben,
da wir nicht in eine Wake hineingeraten, geht es ganz leicht.

Damit begaben sich die beiden Kinder aufs Eis hinaus. Das Eis war gar nicht
glatt, sondern im Gegenteil ganz leicht zu beschreiten. Es war mehr Wasser
darauf, als die Kinder vom Lande aus hatten wahrnehmen knnen, und da und
dort waren kleine Lcher, wo das Wasser herausquoll. Vor solchen Stellen
mute man sich hten; aber mitten am Tage und bei dem hellen Sonnenschein
war das nicht schwer.

Die Kinder kamen rasch und leicht vorwrts, und sie sagten immer wieder,
wie klug es doch gewesen sei, da sie, anstatt sich auf der aufgeweichten
Landstrae weiter zu plagen, den Weg bers Eis genommen htten.

Als sie eine Strecke weit gegangen waren, kamen sie an die Vin. Auf dieser
Insel sah sie eine alte Frau von ihrem Fenster aus. Eilig lief sie aus
ihrem Hause heraus, winkte den Kindern und rief ihnen etwas zu, was diese
aber nicht verstehen konnten; so viel errieten sie indes doch, die Frau
warnte sie vor dem Weitergehen. Aber die Kinder auf dem Eis drauen
dachten, sie shen ja deutlich, da ihnen keine Gefahr drohte. Sie wren
wohl dumm, wenn sie das Eis jetzt verlieen, da doch alles so gut ging.

Sie wanderten also an der Vin vorber, und jetzt hatten sie eine
meilenweite Eisflche vor sich. Von da an trafen die Kinder wiederholt auf
groe Wasserpftzen, um die herum sie groe Umwege machen muten. Aber das
machte ihnen nur Spa. Sie liefen um die Wette, um herauszufinden, wo das
Eis am besten sei, und fhlten weder Hunger noch Mdigkeit. Sie hatten ja
den ganzen Tag vor sich und lachten nur, so oft sie auf ein neues Hindernis
stieen.

Ab und zu richteten sie den Blick auf das gegenberliegende Ufer. Es schien
noch immer gleich weit entfernt zu sein, obgleich sie schon eine ganze
Stunde gegangen sein mochten. Da wurden sie doch ein wenig stutzig; sie
hatten den See nicht fr gar so breit gehalten. Es ist, als ob das Ufer
drben vor uns zurckwiche, sagte Klein-Mats.

Hier auf dem Eise war kein Schutz vor dem Westwind, der jetzt von Minute zu
Minute heftiger wurde und ihnen die Kleider so um die Beine schlug, da sie
kaum noch vorwrts kommen konnten. Dieser kalte Wind war die erste
wirkliche Unannehmlichkeit, die ihnen auf ihrem Weg begegnete.

Und ber etwas verwunderten sie sich: der Wind kam mit einem sonderbaren
Drhnen dahergefegt, wie wenn er das Klappern einer groen Mhle oder den
Lrm einer mechanischen Werkstatt mit sich brchte. Aber auf den Eisfeldern
hier gab es ja nichts derartiges.

Die Kinder waren jetzt westwrts um die groe Insel Valen herumgegangen,
und jetzt meinten sie auch zu sehen, da sie dem nrdlichen Ufer immer
nher rckten. Aber zugleich wurde der Wind immer unertrglicher; das laute
Donnern, das hinter ihm herklang, nahm auch zu, und da wurden die Kinder
allmhlich ngstlich.

Pltzlich stieg der Gedanke in ihnen auf, das Donnern, das sie hrten,
knnte am Ende von Wellen herkommen, die sich mit wildem Schumen am Ufer
brchen. Aber das war auch unmglich, denn der See war ja noch ganz mit Eis
bedeckt.

Trotzdem blieben sie stehen und sahen sich um. Weit drben im Westen, dort
bei Bjrn und Gksholmland erhob sich ein weier Wall, der quer ber das
Eis hinging. Sie glaubten zuerst, es sei eine Schneeschanze, die den Weg
entlang lief, aber bald erkannten sie, da es der Schaum von Wellen war,
die gegen das Eis getrieben wurden.

Als die Kinder das sahen, faten sie sich bei den Hnden und liefen, ohne
ein Wort zu sagen, so schnell als ihre Beine sie zu tragen vermochten,
davon. Dort drben im Westen war der See offen, und sie meinten auch zu
sehen, wie der aufschumende Rand gegen Osten vordrang. Sie wuten zwar
nicht, ob das Eis nun berall zugleich aufbrechen wrde, oder was sonst
geschehen knnte, aber sie fhlten deutlich, da sie in Gefahr waren.

Auf einmal war es ihnen, als hebe sich das Eis gerade an der Stelle, ber
die sie hinliefen. Ja, ja, es hob sich und senkte sich wieder, wie wenn
jemand von unten darangestoen htte. Gleich darauf ertnte ein dumpfer
Knall, dann liefen nach allen Seiten Sprnge ber die Eisdecke hin, und die
Kinder sahen, wie diese Sprnge sich rasch nach allen Seiten weiter
ausdehnten.

Jetzt wurde es einen Augenblick ganz still auf dem Eise; aber dann fhlten
die Kinder aufs neue, wie sich das Eis unter ihnen hob und senkte, und
darnach wurden die Sprnge zu Rissen, durch die Wasser heraussprudelte. Und
gleich darauf wurden die Risse zu klaffenden Spalten, die das Eis in groe
Schollen zerteilten.

sa! rief Klein-Mats. Das ist gewi der Eisgang!

Ja, so ist es, Klein-Mats, sagte sa. Aber wir knnen das Land noch
erreichen. Lauf nur rasch weiter!

In Wirklichkeit hatten die Wellen und der Wind noch ein schweres Stck
Arbeit vor sich, bis das Eis von dem See weggeschafft sein konnte. Das
Schwierigste war zwar getan, als die Eisdecke zerbrochen war, aber alle
diese groen Schollen muten noch zerkleinert und gegeneinander
geschleudert werden, bis sie ganz zertrmmert, zerrieben und aufgelst
waren. Es gab noch eine Menge ganz hartes, festes Eis, das groe,
unbeschdigte Flchen bildete.

Die grte Gefahr fr die Kinder lag aber darin, da sie keinen berblick
ber das Eis hatten. Sie konnten nicht sehen, wie breit die Risse waren und
ob sie hinberspringen knnten, und sie wuten auch nicht, welche
Eisschollen gro genug waren, sie zu tragen. So irrten sie ratlos hin und
her und gerieten dabei nur weiter auf den See hinaus, anstatt dem Lande
nher zu kommen. Schlielich wuten sie sich auf dem brechenden Eise gar
nicht mehr zu helfen; in hchster Angst blieben sie stehen und fingen an zu
weinen.

Pltzlich flog eine Schar Wildgnse in sausender Eile ber ihnen hin. Die
Gnse schnatterten berlaut, und zu ihrer hchsten Verwunderung hrten die
Kinder mitten aus dem Gnsegeschnatter heraus die Worte: Ihr mt nach
rechts gehen, nach rechts!

Die Kinder folgten hurtig dem Rat; aber es dauerte nicht lange, da standen
sie schon wieder ratlos vor einem breiten, klaffenden Spalt.

Und wieder hrten sie die Gnse ber sich schreien, und aus dem Geschnatter
heraus unterschieden sie die Worte: Bleibt, wo ihr seid! Bleibt, wo ihr
seid!

Die Kinder sprachen kein Wort ber das, was sie hrten, sie gehorchten nur
und blieben stehen. Gleich darauf glitten die Eisschollen wieder zusammen,
und sie konnten ber den Ri hinberspringen. Nun faten sie einander
wieder an und rannten weiter. Sie hatten Angst, nicht allein vor der
Gefahr, sondern auch vor der Hilfe, die ihnen zuteil geworden war.

Bald muten sie wieder zweifelnd innehalten; aber sofort drang eine Stimme
zu ihnen herunter, die rief: Geradeaus! Geradeaus! Geradeaus!

So ging es ungefhr eine halbe Stunde lang fort; da hatten die Kinder die
lange Lungerspitze erreicht und konnten von da ans Land waten. Man merkte
ihnen wohl an, wie gro ihre Angst gewesen war, denn als sie das Ufer
erreicht hatten, hielten sie nicht an, um den See noch einmal zu
betrachten, wo die Wellen jetzt ein immer wilderes Spiel mit den
Eisschollen trieben, sondern eilten nur immer weiter. Als sie aber eine
Strecke weit gegangen waren, machte sa pltzlich halt. Warte hier ein
wenig, Klein-Mats, sagte sie. Ich hab etwas vergessen.

Damit ging sie wieder ans Ufer zurck. Hier suchte sie eifrig in ihrem Sack
und zog schlielich einen kleinen Holzschuh heraus; den stellte sie auf
einen Stein, wo er recht deutlich sichtbar war. Dann kehrte sie, ohne sich
auch nur ein einziges Mal umzusehen, zu Klein-Mats zurck.

Sie hatte sich aber kaum umgedreht, als rasch wie der Blitz eine groe,
weie Gans aus der Luft herabsauste, den Holzschuh mit dem Schnabel packte
und ebenso rasch wieder hoch hinaufflog.

[Illustration]




26

Die Teilung


                                                  Donnerstag, 28. April

Nachdem die Wildgnse dem Gnsemdchen sa und Klein-Mats ber den
Hjlmarsee hinbergeholfen hatten, flogen sie gen Norden, bis sie
Westmanland erreichten. Hier lieen sie sich auf den groen Getreidefeldern
im Fellingsbroer Kirchspiel nieder, um auszuruhen und zu weiden.

Der Junge war auch hungrig, schaute sich aber vergeblich nach etwas Ebarem
um. Whrend er nun nach allen Seiten umhersphte, sah er auf dem nchsten
Feld zwei Mnner hinter dem Pflug hergehen. Jetzt gerade lieen sie ihre
Pflge stehen und setzten sich nieder, um ihren mitgenommenen Imbi zu
verzehren. Rasch eilte der Junge hinter ihnen her und schlich sich ganz
nahe zu den beiden Mnnern hin. Wenn diese mit ihrer Mahlzeit fertig seien,
dachte er, fnden sich fr so einen kleinen Knirps doch vielleicht noch ein
paar Brosamen oder eine Brotrinde.

An dem Feld lief ein Pfad hin, und auf diesem kam ein alter Mann
dahergegangen. Als er die beiden Arbeiter erblickte, hielt er an, kletterte
ber das Steinmuerchen und trat zu ihnen.

Fr mich ist es auch Zeit zum Frhstcken, sagte er, nahm seinen Ranzen
ab und holte sein Butterbrot heraus. Ich freue mich, da ich mein
Frhstck nicht allein essen mu, fuhr er fort.

Bald war unter den dreien eine Unterhaltung im Gange, und die beiden
Pflger erfuhren, da der Fremde ein Grubenarbeiter aus dem Norberger
Bezirk war. Er arbeite jetzt nicht mehr, denn er sei zu alt, die
Grubenleitern herauf und hinunter zu klettern, aber er wohne noch in der
Nhe der Grube in einem kleinen Huschen. Seine Tochter sei in Fellingsbro
verheiratet, und er sei eben zu Besuch bei ihr gewesen. Sie wolle, er solle
ganz zu ihr ziehen, aber dazu knne er sich nicht entschlieen.

Es gefllt Euch also hier nicht so gut wie in Norberg? fragte der eine
der Bauern mit einem leisen Lcheln, denn er wute wohl, da Fellingsbro
eines der grten und reichsten Kirchspiele in der ganzen Umgegend war.

Meint ihr, ich knnte es in so einer flachen Gegend aushalten? erwiderte
der Alte mit einer abweisenden Handbewegung, wie wenn so etwas gar nicht
denkbar wre.

Und nun begannen die drei in aller Freundschaft sich darber zu streiten,
wo es in Westmanland am schnsten sei. Der eine der Bauern war in
Fellingsbro geboren und lobte die Ebene sehr, der andre aber stammte aus
dem Westser Bezirk, und er hielt die Ufer des Mlar mit seinen bewaldeten
Holmen und schnen Landzungen fr den besten Teil dieses Landes. Aber der
Alte wollte sich durchaus nicht berzeugen lassen, und um den andern zu
beweisen, da er recht habe, fragte er, ob er ihnen eine Geschichte
erzhlen drfe, die er in seiner eigenen Jugend von ganz alten Leuten
gehrt hatte.

Hier in Westmanland, so begann er, wohnte in alten Zeiten eine betagte
Frau aus dem Riesengeschlecht, die sehr reich war, denn ihr gehrte das
ganze Land. Sie hatte natrlich alles, was sie sich nur wnschen konnte,
und doch drckte sie ein schwerer Kummer, denn sie wute nicht, wie sie ihr
Besitztum zwischen ihre drei Shne verteilen sollte.

Das kam aber daher, da sie die beiden ltesten Shne nicht so lieb hatte
wie den jngsten, der ihr Augapfel war. Diesem jngsten wollte sie den
Lwenanteil an der Erbschaft zuwenden; zugleich aber hatte sie Angst, es
wrde Streit und Zank zwischen den Brdern entstehen, wenn sie die
Erbschaft nicht gleichmig unter sie verteilte.

Eines Tages fhlte sich die alte Frau dem Tode nahe, und jetzt war keine
Zeit mehr zum berlegen. Sie rief alle drei Shne an ihr Lager und sprach
mit ihnen wegen der Erbschaft.

>Ich habe mein Besitztum in drei Teile geteilt, zwischen denen ihr whlen
mt,< sagte sie. >Zu dem ersten gehren die mit Eichen bestandenen Hgel
und bewaldeten Holme und blhenden Wiesen, und das alles habe ich um den
Mlar herum zusammengetan. Wer von euch diesen Teil erwhlt, wird an den
Ufern eine gute Weide fr Schafe und Khe haben, und auf den Holmen findet
er Laub zum Winterfutter, wenn er nicht etwa Gartenbau dort treiben will.
An den Ufern ziehen sich eine Menge Buchten und Landzungen hin; es ist da
also reichlich Gelegenheit zur Befrderung der Erzeugnisse des Landes und
jeglicher Art von Verkehr. Wo sich die Flsse in den See ergieen, lassen
sich gute Hafenpltze anlegen, und ich glaube, da dort bald Drfer und
Stdte heranwachsen werden. Und an gutem Ackerboden wird es ihm auch nicht
fehlen, obgleich das Land so zerrissen daliegt. Es kann nur von Vorteil
sein, wenn die Shne von Anfang an lernen, von einer Insel zur andern zu
ziehen; denn dadurch werden sie gute Seefahrer, die in fremde Lnder reisen
knnen und von da groe Reichtmer heimbringen. Ja, das ist also der erste
Teil. Was sagt ihr dazu?<

Nun, alle Shne stimmten miteinander berein, da dies ein ausgezeichneter
Teil sei, und wer ihn bekomme, drfe sich glcklich preisen.

>Nein, an ihm ist nichts auszusetzen,< sagte die alte Frau aus dem
Riesengeschlecht, >und der zweite Teil ist nicht minder gut. Zu diesem hab
ich alles getan, was ich an ebenem Land und freiem Feld besitze. Da liegt
nun ein Acker neben dem andern, vom Mlar bis hinauf nach Dalarna. Wer
diesen Teil whlt, wird es sicher nicht bereuen. Er kann so viel Getreide
bauen, als er will, und groe Gter anlegen, und weder er noch seine
Nachkommen brauchen sich wegen ihres Unterhalts graue Haare wachsen zu
lassen. Damit die Ebene nicht sumpfig wird, habe ich groe Wasserlufe
durchgezogen, die bilden fters Wasserflle, wo Mhlen und Schmieden
errichtet werden knnen. Den Grben entlang habe ich den Schutt hoch
aufgehuft, da knnen leicht Wlder angepflanzt werden, aus denen Brennholz
gewonnen wird. Dies ist nun also der zweite Teil, und ich meine, wer den
bekommt, htte alle Ursache, zufrieden zu sein.<

Auch darin stimmten alle drei Shne berein, und sie dankten der Mutter
sehr, weil sie alles so gut fr sie eingerichtet habe.

>Ja, ich habe mir alle Mhe gegeben, es so gut wie mglich zu machen,< fuhr
diese fort. >Aber jetzt komme ich zu dem Teil, der mir am meisten
Kopfzerbrechen gemacht hat. Denn seht, nachdem ich alle meine Haine und
meine Weiden und Waldhgel zu dem einen Teil, meine cker und fruchtbaren
Landstrecken aber zu dem andern getan hatte, merkte ich, da mir von meinem
Besitztum nichts andres mehr brig blieb, als die bergigen Fichten- und
Tannenwlder, die Berggipfel, die Gebirgsschluchten, die kahlen Felswnde
und mageren Wacholdergebsche, die rmlichen Birkengruppen und kleinen
Seen. Dies alles zusammen wird nun natrlich keiner von euch haben wollen.
Trotzdem habe ich all dies kleine Zeug gesammelt und es im Norden und
Westen von dem ebenen Land aufgestellt; aber ich frchte, wer diesen Teil
whlt, hat nichts als Armut in Aussicht. Er wird nichts als Schafe und
Geien halten knnen, und um sich seinen Unterhalt zu verschaffen, wird er
auf den Seen dem Fischfang, im Wald der Jagd obliegen mssen. Wasserflle
und Stromschnellen sind freilich in Menge vorhanden, so da er so viele
Mhlen bauen knnte, als er nur Lust hat; aber leider wird er nichts andres
zu mahlen haben, als die Rinde von seinen Bumen. Und mit Bren und Wlfen
wird er wohl auch seine liebe Not haben, denn in dieser Wildnis werden sie
sich sicherlich heimisch fhlen.

Ja, dies ist nun der dritte Teil. Ich wei ja wohl, er lt sich mit den
beiden andern nicht vergleichen, und wenn ich nicht schon so alt wre,
htte ich die Teilung noch einmal gemacht, aber das ist mir nicht mglich.
Und jetzt hab ich in meinem letzten Stndlein keine Ruhe, weil ich nicht
wei, welchem von euch ich diesen schlechtesten Teil geben soll. Ihr seid
mir alle drei gute Shne gewesen, und es bedrckt mich, da ich gegen einen
von euch ungerecht sein soll.<

Nachdem die alte Frau aus dem Riesengeschlecht ihren Shnen die Sache also
dargelegt hatte, sah sie alle drei bekmmert an. Jetzt sagten sie nicht
mehr, wie bei den beiden ersten Malen, sie habe richtig geteilt und gut fr
sie gesorgt. Schweigend standen sie da, und man konnte wohl merken, da
der, so den letzten Teil erhielt, sehr unzufrieden sein wrde.

Ja, da lag nun die alte Mutter mit bangem Herzen, und die Shne sahen, da
sie schon im voraus Todesqualen erlitt, weil sie die Teile bestimmen mute
und doch nicht wute, welchen von den Shnen sie unglcklich machen sollte,
indem sie ihm den schlechtesten Teil gab.

Doch der jngste von den dreien, der liebte seine Mutter am meisten, und er
konnte es nicht mit ansehen, wie sie sich abqulte. Deshalb sagte er: >Du
brauchst dir keinen Kummer ber diese Sache zu machen, Mutter, leg dich
beruhigt nieder und scheide in Ruhe und Frieden aus diesem Leben. Gib den
schlechten Teil mir; ich werde mich schon durchschlagen, und wie es auch
gehen mag, ich werde mich nicht darber grmen, wenn die andern es besser
haben als ich.<

Sobald der jngste Sohn dies gesagt hatte, beruhigte sich die Mutter; sie
dankte ihm innig und lobte ihn. Das Bestimmen der beiden andern Teile
machte ihr keinen Kummer, denn diese waren fast ganz gleich gut.

Als nun alles geordnet war, dankte die Mutter dem Sohne noch einmal und
sagte, sie habe erwartet gehabt, da gerade er ihr aus der Not helfen
werde. Zugleich sagte sie noch, wenn er nun in seine Einde hinaufkomme,
solle er sich an die groe Liebe erinnern, die sie immer fr ihn gehabt
habe.

Damit schlo sie die Augen und starb; und nachdem sie begraben war, ging
jeder von den Brdern auf sein Erbteil, es in Augenschein zu nehmen.
Jawohl, die beiden ltesten konnten nicht anders, als hchst zufrieden mit
dem ihrigen sein.

Der dritte aber wanderte hinauf in die Einde, und da sah er, da die
Mutter die Wahrheit gesprochen hatte: sein Teil bestand hauptschlich aus
Felswnden und kleinen Seen. Aber er erkannte doch, mit welcher Liebe sie
dieses Erbteil fr ihn hergerichtet hatte, denn es waren zwar nur rmliche
berreste, aber sie waren so gut zusammengestellt, da das allerschnste
Land daraus geworden war. An vielen Stellen war es wild und unheimlich,
aber schn war es trotzdem. Dieser Anblick tat dem Sohne ordentlich wohl;
aber froh war er darum doch nicht.

Allmhlich jedoch machte er eine Entdeckung: er sah, da der Felsengrund da
und dort ein merkwrdiges Aussehen hatte. Und als er genauer hinsah, war er
berall mit Erzadern durchzogen. Eisen war vorherrschend, auerdem fand
sich auch noch viel Silber und Kupfer auf seinem Eigentum. Jetzt ahnte der
Sohn, da er grern Reichtum erhalten hatte als seine beiden Brder, und
jetzt dmmerte ihm die Erkenntnis auf, was fr eine Absicht seine Mutter
mit ihrer Erbteilung gehabt hatte.

[Illustration]




27

Im Bergwerkdistrikt


                                                  Donnerstag, 28. April

Die Wildgnse hatten eine beschwerliche Reise. Es war ihre Absicht gewesen,
gleich nachdem sie gefrhstckt htten, geradenwegs ber Westmanland
hinzuziehen, aber der Westwind nahm zu und trieb sie anstatt nordwrts ganz
an die Grenze von Uppland.

Sie flogen hoch droben, und der Wind jagte sie in grter Eile davon. Der
Junge schaute hinunter, um zu sehen, wie es in Westmanland beschaffen sei,
konnte aber nicht viel unterscheiden. Der stliche Teil dieser Landschaft
war flach und eben, das sah er deutlich, aber er konnte nicht begreifen,
was alle die Furchen und Striche bedeuteten, die von Norden nach Sden und
quer ber die Ebene hinliefen. Das alles sah hchst wunderbar aus, denn
fast alle die Striche erstreckten sich beinahe schnurgerade und mit ganz
gleichem Zwischenraum.

Dieses Land ist ebenso gestreift wie die Schrze meiner Mutter, sagte der
Junge. Ich mchte nur wissen, was das fr Streifen sind, die darber
hinlaufen?

Flsse und Bergrcken, Straen und Eisenbahnen! antworteten die
Wildgnse. Flsse und Bergrcken, Straen und Eisenbahnen!

Und das war wirklich wahr, denn als die Gnse ostwrts getrieben wurden,
kamen sie zuerst ber den Hedstrom, der zwischen zwei Bergrcken fliet und
neben dem eine Eisenbahn hinluft. Dann erreichten sie den Kolbkflu, der
auf seiner einen Seite eine Eisenbahn und auf der andern einen Bergrcken
hat, ber den eine Landstrae fhrt. Hierauf kam der Svart, der auch an
Bergen und Landstraen hinfliet, dann der Lill mit dem Badelundberg, und
schlielich der Sag mit Strae und Eisenbahn auf seiner rechten Seite.

Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Wege gesehen, die alle von
einer Seite herkommen, dachte der Junge. Es mssen doch schrecklich viele
Waren von Norden her durch dieses Land hindurchgefhrt werden.

Zugleich erschien ihm das aber sehr merkwrdig, denn der Junge glaubte,
gleich hinter Westmanland sei Schweden zu Ende. Was dann noch kme, knne
nicht viel andres sein als Wald und Einde.

Als der Wind die Wildgnse ganz bis zum Sag hingetrieben hatte, mute Akka
erkannt haben, da sie wo anders hingekommen war, als sie beabsichtigt
hatte, denn hier drehte sie um, und die Schar arbeitete sich bei heftigem
Gegenwind zurck gegen Westen. Sie flogen also noch einmal ber die
gestreifte Ebene und dann nach dem westlichen Teil der Landschaft, die aus
waldigem Hgelland bestand.

Solange es ber die Ebene hinging, hatte sich der Junge ber den Hals des
Gnserichs gebeugt und hinabgeschaut, aber als sie die Ebene hinter sich
hatten, richtete er sich auf, um seine Augen ausruhen zu lassen, denn da,
wo die Erde mit Wald bedeckt ist, gab es selten etwas Besonderes zu sehen.

Als sie jedoch eine Strecke ber die Waldhgel hingeflogen waren, war es
dem Jungen pltzlich, als hre er drunten auf der Erde etwas knirschen und
chzen.

Da mute er sich natrlich wieder vorbeugen und hinuntersehen. Die
Wildgnse flogen jetzt bei dem starken Gegenwind nicht besonders rasch,
deshalb konnte der Junge das Land unter sich sehr deutlich erkennen. Das
erste, was er sah, war ein schwarzes Loch, das senkrecht in die Erde
hineinging. ber dem Loch war von groen Balken ein Hebewerk errichtet, und
das Hebewerk holte unter Knirschen und chzen eben eine mit Felsstcken
beladene Tonne herauf. Ringsherum lagen groe Steinhaufen; in einem
Schuppen zischte eine Dampfmaschine. Frauen und Kinder saen in einem Kreis
auf dem Boden und sortierten die Steine. Auf einer kleinen Schienenbahn
rollten ein paar mit grauen Steinen beladene Wagen dahin, und am Waldessaum
lagen kleine Arbeiterwohnungen.

Der Junge konnte nicht begreifen, was das sein sollte, und aus vollem Halse
rief er auf die Erde hinunter: Was ist denn das fr ein Ort, wo man so
viele Feldsteine aus der Erde heraufholt?

Hrt den Dumrian! Hrt den Dumrian! zwitscherten die Sperlinge, die hier
daheim waren und gut Bescheid wuten. Er kann Eisenerz nicht von
Feldsteinen unterscheiden! Er kann Eisenerz nicht von Feldsteinen
unterscheiden!

Da erkannte der Junge, da das, was er da unten sah, eine Grube war. Er war
ziemlich enttuscht, denn er hatte geglaubt, eine Grube mte auf einem
hohen Berg liegen, diese hier aber lag auf dem ebenen Boden zwischen zwei
Hgeln.

Bald hatten die Wildgnse die Grube hinter sich; der Junge sa wieder
aufrecht und sah geradeaus, denn die Waldhgel und die Birkengehlze, die
da unter ihm lagen, hatte er schon gar so oft gesehen. Da drang pltzlich
eine starke Hitze von der Erde bis zu ihm herauf, und rasch mute er sich
wieder vorbeugen, um zu sehen, woher sie kme.

Unter ihm lagen groe Haufen Kohlen und Erz, und zwischen diesen stand ein
hohes achteckiges, rotangestrichenes Gebude, das eine ganze Flammengarbe
zum Himmel hinaufsandte.

Zuerst konnte sich der Junge nichts andres denken, als da da unten eine
Feuersbrunst ausgebrochen sei; aber als er sah, wie die Leute ruhig
umhergingen und sich nicht im geringsten um das Feuer kmmerten, da wute
er gar nicht, was er daraus machen sollte.

Was ist denn das fr ein Ort, wo sich niemand darum kmmert, wenn ein Haus
in Flammen steht? rief er auf die Erde hinunter.

Trala! der hat Angst vor dem Feuer! zwitscherten die Finken, die am
Waldrande nisteten und wohl wuten, was in ihrer Nachbarschaft vorging. Er
wei nicht, wie das Eisen aus dem Erz herausgeschmolzen wird. Er kann das
Feuer aus einem Schmelzofen nicht von einer Feuersbrunst unterscheiden!

Bald hatten die Wildgnse den Schmelzofen hinter sich, und der Junge
schaute, wieder aufrecht sitzend, geradeaus, weil er meinte, in dieser
Waldgegend sei nichts Besonderes zu sehen.

Aber sie waren noch nicht weit gekommen, als aus der Tiefe der Erde ein
frchterlicher Lrm und Spektakel zu ihm heraufdrang, und als er
hinunterschaute, fiel ihm zuerst ein Wasserfall auf, der ber eine Felswand
hinunterstrzte. Neben dem Wasserfall stand ein groes Gebude mit einem
schwarzen Dach und einem hohen Schornstein, der einen dicken mit Funken
vermischten Rauch ausstie. Vor dem Gebude lagen Eisenklumpen und
Eisenstangen und wirkliche kleine Berge von Kohlen. Der Boden war weit
umher ganz schwarz, und nach allen Seiten hin erstreckten sich schwarze
Pfade. Aus dem Gebude heraus tnte ein unbeschreiblicher Lrm; es drhnte
und donnerte ununterbrochen, und es war, als ob sich jemand mit gewaltigen
Schlgen gegen ein brllendes wildes Tier zu verteidigen suchte. Aber
merkwrdigerweise kmmerte sich niemand um das, was hier vorging. Eine
Strecke weiterhin lagen Arbeiterwohnungen unter grnen Bumen, und noch
etwas weiter ragte ein groer weier Herrensitz auf. Auf den Stufen vor den
Arbeiterwohnungen spielten die Kinder seelenvergngt, und in der Allee, die
zum Herrenhofe fhrte, gingen die Leute vollkommen beruhigt spazieren.

Was ist denn das fr ein Ort, wo sich niemand darum kmmert, wenn die
Leute in dem Gebude dort einander totschlagen? rief der Junge hinunter.

Hak ak ak ak, der hat eine Ahnung! Hak ak ak ak! lachte eine Elster.
Dort wird niemand in Stcke gerissen. Das Eisen siedet und zischt, wenn es
unter den Hammer kommt.

Bald waren die Wildgnse auch ber das Eisenwerk hinweggeflogen; der Junge
hatte sich abermals aufgerichtet und schaute geradeaus, denn er dachte,
jetzt sei hier im Walde gewi nichts Besonderes mehr zu sehen.

Nachdem sie eine Weile geflogen waren, hrte der Junge eine Glocke luten,
und noch einmal mute er sich vorbeugen, um zu sehen, woher der Klang kme.

Da sah er unter sich einen Bauernhof, wie er noch nie einen gesehen hatte.
Das Wohnhaus war ein langes, rotangestrichenes, einstckiges Gebude; es
war nicht einmal bermig gro, aber was den Jungen in Verwunderung
setzte, waren die vielen groen, stattlichen Wirtschaftsgebude, die
daneben lagen. Der Junge wute ungefhr, wie viele Nebengebude zu einem
Hofe gehrten, hier aber waren alle doppelt und dreifach vorhanden. So
einen berflu an Wirtschaftsgebuden htte er sich nie trumen lassen. Und
er konnte sich auch durchaus nicht denken, was darin aufbewahrt werden
sollte, denn in der Nhe des Hofes waren fast gar keine bebauten Felder.
Drinnen im Walde sah er wohl ein paar kleine cker; diese waren aber
einerseits so klein, da man sie kaum cker nennen konnte, und andrerseits
stand auf jedem von ihnen schon eine Scheune, wo die zu erwartende Ernte
untergebracht werden konnte.

Auf dem Stallgebude hing die Vesperglocke in einem Trmchen, und das
Luten dieser Glocke hatte der Junge vorhin vernommen. Eben ging der Bauer
mit seinen Knechten nach der Kche, und der Junge sah, da er ein
zahlreiches stattliches Gesinde hatte.

Was sind das fr Leute, die mitten im Walde, wo es doch kein Ackerland
gibt, so groe Hfe bauen? rief der Junge hinunter.

Auf dem Misthaufen stand der Hofhahn, und er blieb die Antwort nicht
schuldig.

Kikeriki! Dies ist ein altes Bergwerk! Ein altes Bergwerk! krhte er.
Die cker liegen unter der Erde! Die cker liegen unter der Erde!

Jetzt verstand der Junge. Das war kein gewhnliches Waldland, ber das man
nur so hinfliegen durfte. Ringsum waren allerdings Wlder und Berge, diese
aber bargen unglaublich viel Merkwrdiges in ihrer Mitte.

Er sah Grubenfelder, wo die Hebebume am Umfallen waren, weil die Erde
durch Grubenlcher schon ganz durchbohrt war, dann andre Grubenfelder, wo
noch immer gearbeitet wurde; von diesen drhnten dumpfe Sprengschsse bis
zu den Wildgnsen herauf, und in deren Nhe zogen sich die
Arbeiterwohnungen wie ganze Drfer am Waldrande hin. Er sah auch alte
verlassene Schmiedewerksttten, wo er durch die eingestrzten Dcher
hindurch auf riesige eisenbeschlagene Hammerstiele und plump gemauerte
Essen sehen konnte. Dann kamen wieder groe Eisenwerke, wo so eifrig
gearbeitet und gehmmert wurde, da die Erde erzitterte. Tief drinnen in
der Waldeinde lagen still verborgen kleine Weiler, die aussahen, als
wten sie gar nichts von dem Gelrm um sie her. Dann sah er Luftbahnen, an
deren Drahtseilen die mit Erz beladenen Krbe lautlos hin und her glitten.
In allen Wasserfllen drehten sich klappernde Rder, elektrische Leitungen
fhrten durch den stillen Wald, und ungeheuer lange Eisenbahnzge kamen
dahergerollt, Zge von sechzig bis siebzig mit Erz und Kohlen, mit
Eisenstangen und Stahldraht beladenen Wagen.

Nachdem der Junge dies alles eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, konnte
er sich nicht lnger zurckhalten.

Wie heit denn dieses Land hier, wo nichts als Eisen wchst? fragte er,
obgleich er jetzt wute, da die Vgel drunten ihn verspotten wrden.

Da fuhr ein alter Uhu, der in einer verlassenen Schmelzhtte eben ein
Schlfchen machte, aus dem Traume auf, streckte seinen runden Kopf heraus
und rief mit unheimlich krchzender Stimme: Uhu, uhu, uhu! Das Land hier
heit Bergwerkdistrikt! Wenn hier kein Eisen wchse, wrden bis zum
heutigen Tag nichts als Bren und Eulen hier wohnen.

[Illustration]




28

Der Eisenhammer


                                                  Donnerstag, 28. April

Der heftige Westwind blies fast den ganzen Tag hindurch, whrend die
Wildgnse ber den Bergwerkdistrikt hinflogen; und sobald sie sich gen
Norden wenden wollten, wurden sie wieder ostwrts getrieben. Aber Akka
glaubte, der Fuchs Smirre versuche ihnen durch den stlichen Teil des
Landes zu folgen, deshalb wollte sie nicht nach dieser Seite fliegen, und
so drehte sie einmal ums andre wieder um und arbeitete sich mhselig gen
Westen zurck. Auf diese Weise kamen die Wildgnse nur sehr langsam
vorwrts, und am Nachmittag waren sie noch immer im Bergwerkdistrikt von
Westmanland. Gegen Abend legte sich indes der Wind, und die ermatteten
Reisenden hofften vor Sonnenuntergang mit Leichtigkeit noch eine gute
Strecke zurcklegen zu knnen. Aber da fuhr pltzlich eine heftige
Windsbraut daher, die die Wildgnse wie Blle vor sich hertrieb, und der
Junge, der ganz sorglos dasa und an nichts Bses dachte, wurde unvermutet
von dem Gnsercken aufgehoben und in den weiten Luftraum
hinausgeschleudert.

Der Junge war indes so klein und leicht, da er bei dem heftigen Sturm
nicht geradeswegs auf die Erde hinunterfiel, sondern zuerst eine Strecke
weit mit dem Winde fortgetrieben wurde, dann erst sank er langsam und
flatternd hinunter, gerade wie ein Blatt, das von einem Baum herabwirbelt.

O das ist nicht gefhrlich! dachte der Junge noch im Fallen. Ich sinke
so langsam auf den Boden hinunter, wie wenn ich ein Blatt Papier wre.
Gnserich Martin wird schon heruntersausen und mich auflesen.

Als er unten auf der Erde angekommen war, ri er zuerst die Mtze vom Kopfe
und winkte mit ihr, damit der Gnserich sehen knnte, wo er war. Hier bin
ich, wo bist du? Hier bin ich, wo bist du? rief er und war fast erstaunt,
als der Gnserich Martin nicht schon neben ihm stand.

Aber der groe Weie war nirgends zu sehen, und ebensowenig hob sich die
Schar der Wildgnse irgendwo vom Himmel ab. Sie waren spurlos verschwunden.

Dies kam zwar dem Jungen etwas sonderbar vor, aber er beunruhigte sich
deshalb nicht. Es fiel ihm keinen Augenblick ein, Mutter Akka und der
Gnserich Martin knnten ihn im Stiche lassen. Er dachte, der heftige
Windsto habe sie wohl mitgenommen, und sobald sie umdrehen knnten, wrden
sie zurckkehren, ihn zu holen.

Aber was war denn das? Wo befand er sich denn eigentlich? Zuerst hatte er
immer nur zum Himmel hinaufgeschaut, um die Wildgnse zu entdecken, aber
jetzt hatte er sich pltzlich umgesehen. Er war gar nicht auf die ebene
Erde hinabgefallen, sondern in eine tiefe, weite Bergschlucht, oder was es
sonst sein mochte. Es war ein Raum, so gro wie eine Kirche, mit fast
senkrechten Felswnden auf allen Seiten, ohne irgend ein Dach darber. Auf
dem Boden lagen einige groe Felsblcke zerstreut, und zwischen diesen
wuchs Moos und Heidekraut und kleine, niedrige Birken. Da und dort waren an
den Felswnden hervorspringende Felsen, und von diesen hingen zerbrochene
Leitern herab. Auf der einen Seite ghnte ein tiefes Gewlbe, das aussah,
als ginge es weit, weit in den Berg hinein.

Der Junge war nicht umsonst einen ganzen Tag lang ber die vielen Bergwerke
hingeflogen. Er erriet gleich, da diese groe Schlucht von Menschen
geschaffen worden war, die in alten Zeiten hier Erz aus dem Gebirge
gebrochen hatten. Ich mu gleich versuchen, ob ich hinaufklettern kann,
dachte er, denn sonst finden mich meine Reisekameraden am Ende nicht
mehr.

Er wollte gerade an die Felswand herangehen, als er sich von hinten
angefat fhlte und eine rauhe Stimme vernahm, die ihm ins Ohr brummte:
Was bist denn du fr ein Geschpf?

Rasch wendete sich der Junge um, und in der ersten Bestrzung glaubte er
einem groen, mit langem braunem Moos bedeckten Felsblock gegenber zu
stehen; aber dann sah er, da der Felsblock breite Fe, einen Kopf, Augen
und ein groes brummendes Maul hatte.

Der Junge brachte kein Wort heraus, und das groe Tier schien auch gar
keine Antwort zu erwarten. Es warf den kleinen Wicht um, rollte ihn mit der
Tatze hin und her und schnupperte an ihm herum. Es sah aus, als wollte es
den Jungen im nchsten Augenblick verschlingen, doch da schien es sich
anders zu besinnen und rief: Murre und Brumme, kommt, kommt! Hier ist ein
guter Bissen fr euch!

Augenblicklich kamen zwei zottelige Junge dahergetrottet, die noch unsicher
auf den Beinen waren und eine ganz weiche Haut wie junge Hunde hatten.

Was hast du denn gefunden, Brenmutter? Drfen wir es sehen? riefen die
Jungen.

Na, da bin ich also unter die Bren geraten, dachte der Junge. Ja, nun
kann sich Smirre wohl die Mhe sparen, noch lnger hinter mir herzujagen.

Mit ihrer Schnauze schob die Brenmutter den Fund ihren Jungen zu; das eine
packte ihn auch sogleich mit dem Maule und lief mit ihm davon. Aber es bi
nicht hart zu, denn es war ausgelassen und wollte erst eine Weile mit dem
Dumling spielen, ehe es ihn umbrchte. Das zweite Junge lief hinter dem
ersten her, ihm das Spielzeug abzujagen; es humpelte und trottete aber so
schwerfllig daher, da es seinem Bruder, der den Jungen in der Schnauze
hatte, gerade auf den Kopf fiel. Und dann wlzten sich die beiden
bereinander, bissen und balgten sich und brummten dazu.

Whrend die beiden jungen Bren so beschftigt waren, gelang es dem Jungen
zu entwischen; er rannte hurtig zu der Felswand hin und begann
hinaufzuklettern.

Aber die beiden Brenjungen strzten hinter ihm her, kletterten rasch und
behende die Wand hinauf, holten den Jungen ein und warfen ihn wie einen
Ball aufs Moos hinunter.

Nun wei ich doch, wie es einem armen Muschen zumute sein mu, wenn es in
die Krallen einer Katze geraten ist, dachte der Junge.

Noch mehrere Male versuchte er zu entwischen; er lief weit in den alten
Grubengang hinein, verbarg sich hinter Steinblcken und kletterte auf die
Birken hinauf; aber wo er sich auch zu verstecken suchte, die jungen Bren
fanden ihn berall. Und sobald sie ihn gefangen hatten, lieen sie ihn
wieder los, damit er aufs neue entfliehen sollte und sie ihn abermals
einfangen knnten.

Schlielich war der Junge so mde und der ganzen Geschichte so berdrssig,
da er sich platt auf den Boden warf. Lauf, lauf! brummten die jungen
Bren. Sonst fressen wir dich!

Ja, tut es nur, sagte der Junge, ich kann nicht mehr laufen.

Rasch liefen die beiden Jungen zu der Brenmutter hin. Brenmutter,
Brenmutter! klagten sie. Er will nicht mehr spielen!

Nun, dann nehmt ihn und verteilt ihn unter euch, sagte die Brenmutter.
Aber als der Junge das hrte, erschrak er so sehr, da er das Spiel
sogleich wieder aufnahm.

Als es Schlafenzeit war und die Brenmutter ihre Jungen herbeirief, damit
sie sich dicht neben ihr niederlegen sollten, waren sie so vergngt
gewesen, da sie sich am nchsten Tag an demselben Spiel ergtzen wollten.
Sie nahmen den Jungen mit, legten ihre Tatzen auf ihn; so konnte er sich
nicht rhren, ohne da sie erwachten. Sie schliefen auch gleich ein, und
der Junge dachte, er werde nach einer Weile einen Versuch machen knnen,
sich davonzuschleichen. Aber der arme Kerl war in seinem ganzen Leben noch
nie so hin und her geworfen und gerollt, noch nie so herumgejagt und wie
ein Kreisel herumgedreht worden, er war todmde und schlief deshalb auch
gleich ein.

Nach einer Weile kam auch der Brenvater nach Hause. Er kletterte die
Felswand herunter, und der Junge erwachte von dem Gerassel der
herabrollenden Steine, als der Alte sich in die Grube hinuntergleiten lie.
Er war ein furchtbar groer Br mit gewaltigen Gliedmaen, einem riesigen
Rachen, groen, blendendweien Eckzhnen und kleinen, boshaften Augen. Dem
Jungen lief unwillkrlich ein kalter Schauder den Rcken hinab, als er
diesen alten Waldknig erblickte.

Es riecht hier nach Menschen! sagte der Brenvater, gleich als er bei der
Brin angekommen war, und dabei stie er ein drhnendes Brummen aus.

Wie kannst du dir so etwas Dummes einbilden, erwiderte die Brin und
blieb ganz ruhig auf ihrem Platze liegen. Es ist zwar ausgemacht, da wir
den Menschen keinen Schaden mehr zufgen; aber wenn einer hierherkme, wo
ich und die Jungen unsern Aufenthaltsort haben, dann wre bald nicht mehr
so viel von ihm brig, da du es riechen knntest.

Der Brenvater legte sich neben der Brin nieder; er schien aber mit der
Antwort, die sie ihm gegeben hatte, nicht recht zufrieden zu sein, denn er
schnupperte und witterte immer wieder von neuem.

Hr doch auf mit diesem Geschnupper! sagte die Brenmutter. Nachgerade
solltest du mich doch so gut kennen, da ich den Jungen niemand nahe kommen
lasse, der ihnen etwas zuleide tun knnte. Erzhl mir lieber, was du getan
hast, denn ich habe dich ja seit acht Tagen nicht mehr gesehen.

Ich habe mich nach einer andern Wohnung fr uns umgesehen, begann der
Brenvater. Zuerst ging ich nach Wrmland hinein, um von den Verwandten in
Nyskoge zu hren, wie es ihnen ginge. Aber diese Mhe htte ich mir sparen
knnen, denn sie sind gar nicht mehr dort. In dem ganzen Wald ist nicht
eine einzige Brenhhle mehr bewohnt.

Ich glaube, die Menschen wollen den ganzen Wald fr sich allein haben,
erwiderte die Brin. Selbst wenn wir sie mitsamt ihrem Vieh ganz in
Frieden lassen und uns von nichts als von Preiselbeeren, Ameisen und
Krutern nhren, drfen wir nicht im Walde bleiben. Ich mchte wissen, wo
wir eigentlich hin sollen, um einen sichern Aufenthaltsort zu finden.

Hier in dieser Grube ist es uns freilich seit Jahren ausgezeichnet
gegangen, sagte der Brenvater. Aber seit das groe Klopfwerk dicht neben
uns errichtet worden ist, kann ich es eben hier nicht mehr aushalten.
Schlielich habe ich mich dann noch stlich vom Dallf, in der Nhe von
Garpenberg umgesehen. Dort gibt es auch noch viele Grubenlcher und andre
gute Schlupfwinkel, und es kam mir vor, als knnte man dort ziemlich sicher
vor den Menschen sein...

In dem Augenblick, wo der Brenvater dies sagte, richtete er sich auf und
fing wieder an zu schnuppern. Es ist doch merkwrdig, sobald ich von
Menschen spreche, steigt mir dieser Geruch wieder in die Nase, sagte er.

Dann geh und sieh selber nach, wenn du mir nicht glaubst, sagte die
Brin. Ich mchte wohl wissen, wo hier ein Mensch verborgen sein sollte?

Schnuppernd ging der Br in der Hhle umher. Schlielich kehrte er
unverrichteter Sache zu der Brenmutter zurck und legte sich neben ihr
nieder.

Hab ich nicht recht gehabt? fragte sie. Aber du meinst natrlich, auer
dir habe niemand Augen und Ohren.

Bei der Nachbarschaft, die wir haben, kann man nie vorsichtig genug sein,
sagte der Br ruhig. Aber pltzlich fuhr er mit groem Gebrll empor:
Unglcklicherweise hatte einer von den jungen Bren seine Tatze auf Nils
Holgerssons Gesicht hingeschoben, dies hatte dem Jungen den Atem benommen,
und er hatte niesen mssen.

Jetzt konnte die Brin den alten Bren nicht mehr beschwichtigen. Ein
Junges flog nach rechts, das andre nach links, und dann sah er Nils
Holgersson, ehe dieser sich aufrichten konnte.

Und er htte ihn auch mit einem Happ hinuntergeschluckt, wenn sich die
Brenmutter nicht ins Mittel gelegt htte. Rhr ihn nicht an! Das ist den
Jungen ihr Spielzeug. Sie sind den ganzen Abend so vergngt mit ihm
gewesen, da sie ihn nicht aufaen, sondern fr morgen frh aufgehoben
haben.

Aber der Br stie die Brin weg. Mische dich nicht in das, was du nicht
verstehst! brummte er. Merkst du denn nicht, da es schon von weitem nach
Menschen riecht? Sogleich werde ich ihn fressen, sonst spielt er uns irgend
einen schlimmen Streich.

Wieder sperrte er das Maul auf. Indessen aber hatte der Junge ein wenig
nachdenken knnen, und dann hatte er in aller Eile seine Zndhlzer aus
seinem Rnzel herausgerissen-- das war das einzige Verteidigungsmittel,
das er hatte. Er rieb eins an seinen Lederhosen an und steckte dem Bren
das brennende Streichholz in den Rachen.

Der Br fauchte, als ihm der Schwefelgeruch in die Nase stieg, und damit
war die Flamme gelscht. Der Junge hielt schon ein zweites Zndholz bereit,
aber merkwrdigerweise griff ihn der Br nicht wieder an.

Kannst du viele solche blaue Blumen anznden? fragte der Br.

So viele, da ich den Wald einschern knnte, antwortete der Junge, denn
er glaubte, er knne den Bren dadurch in Angst versetzen.

Knntest du vielleicht ein Haus oder einen ganzen Hof anznden? fragte
der Br.

Das wre keine Kunst fr mich, prahlte der Junge, in der Hoffnung, sich
bei dem Bren in Respekt zu setzen.

Das ist gut, sagte der Br. Dann mut du mir einen Dienst leisten. Jetzt
bin ich froh, da ich dich nicht aufgefressen habe.

Damit nahm der Brenvater den Jungen ganz sachte und vorsichtig zwischen
die Zhne und begann mit ihm die Felswand hinaufzuklettern. Es ging
unbegreiflich leicht und hurtig, obgleich der Br so gro und schwer war,
und sobald er oben angekommen war, rannte er eiligst in den Wald hinein.
Auch hier ging es rasch vorwrts; es war klar, der Br war wie dazu
geschaffen, sich einen Weg durch dichte Wlder hindurch zu bahnen. Sein
plumper Krper schob sich durchs Gestrpp hindurch, wie ein Boot durch das
Rhricht im Wasser hindurchgleitet.

Sieh dir nun das groe Klopfwerk dort unten an, sagte der Br zu dem
Jungen.

Der groe Eisenhammer mit seinen vielen mchtigen Gebuden lag am Rande
eines Wasserfalls. Riesige Schornsteine sandten schwarze Rauchwolken empor,
die Feuer der Schmelzfen zngelten hell auf, alle Fenster und Luken waren
erleuchtet. Da drinnen waren die Hmmer und Walzwerke im Gang, und es wurde
mit voller Kraft gearbeitet, da einem von dem Gerassel und Gedrhne die
Ohren gellten. Rings um die Werksttten herum lagen ungeheure Kohlenstlle,
groe Schlackenhaufen, Packhuser, Bretterstapel und Werkzeugschuppen. Eine
kleine Strecke davon befanden sich lange Reihen von Arbeiterwohnungen,
schne Villen, Schulhuser, Vereinshuser und Kauflden. Aber dort war
alles still und wie eingeschlafen. Der Junge sah nicht dorthin, er hatte
nur Augen fr den Eisenhammer. Der Boden ringsumher war kohlschwarz, der
Himmel wlbte sich herrlich dunkelblau ber den aus den Schmelzfen
herausschlagenden Flammen, der Wasserfall rauschte weischumend herunter,
die Gebude selbst standen riesengro da und stieen Licht und Rauch und
Feuer und Funken heraus. Es war das groartigste Bild, das der Junge jemals
gesehen hatte.

Du willst doch wohl nicht behaupten, da du so ein groes Gebude in Brand
stecken knntest? fragte der Brenvater.

Da war nun der Junge zwischen den Brentatzen eingeklemmt, und er war
berzeugt, wenn er berhaupt mit dem Leben davonkommen sollte, mute er dem
Bren Respekt vor seiner Geschicklichkeit beibringen. Ein groes oder
kleines Gebude, das ist mir ganz einerlei, sagte er deshalb. Ich kann es
gut in Brand stecken.

Dann will ich dir etwas sagen, fuhr der Br fort. Meine Vorfahren haben
von der Zeit an, wo der Wald hier heranwuchs, in dieser Gegend gewohnt. Ich
habe das Jagdgebiet und die Weidepltze, die Hhlen und Schlupfwinkel von
ihnen geerbt und mein ganzes Leben lang in Ruhe und Frieden hier gewohnt.
Im Anfang strten mich die Menschen nur wenig. Sie kamen daher, hackten an
den Bergen herum, holten etwas Erz heraus und bauten am Wasserfall einen
Eisenhammer und einen Schmelzofen. Der Hammer drhnte nur ein paarmal am
Tage, der Schmelzofen wurde nie lnger als ein paar Mondwechsel lang
geheizt, und darein konnte ich mich schon finden. Aber seit die Menschen
vor einigen Jahren dieses Klopfwerk da errichtet haben, das Tag und Nacht
hindurch gleichmig weitergeht, kann ich es nicht mehr aushalten. Frher
waren nur ein Fabrikdirektor und einige Schmiede da, aber jetzt sind eine
Unmenge Leute hier, und ich bin nie mehr sicher vor ihnen. Ich glaubte
schon, ich mte fortziehen, aber jetzt hab ich etwas Besseres
herausgefunden.

Der Junge berlegte, was der Brenvater wohl ausgeheckt habe; aber er hatte
keine Zeit mehr, zu fragen, denn jetzt nahm ihn der Br wieder zwischen die
Zhne und trottete mit ihm dem Hgel zu. Der Junge konnte nichts sehen;
aber an dem zunehmenden Getse erriet er, da sie sich dem Eisenhammer
nherten.

Der Brenvater kannte den Eisenhammer genau. In dunkeln Nchten war er oft
herumgestreift und hatte beobachtet, was da drinnen vorging, und sich
gefragt, ob man denn niemals mit der Arbeit aussetze. Er hatte mit den
Tatzen an den Mauern zu rtteln versucht und nur gewnscht, so stark zu
sein, da er das ganze Gebude mit einem Schlage zerschmettern knnte.

Der Br war von dem schwarzen Boden nicht leicht zu unterscheiden, und wenn
er sich berdies im Schatten der Mauern hielt, schwebte er nicht gerade in
Gefahr, entdeckt zu werden. Jetzt ging er ohne Furcht zwischen die
Werksttten hinein und kletterte auf einen Schlackenhaufen; hier stellte er
sich auf die Hinterbeine, nahm den Jungen zwischen die Vorderbeine und hob
ihn in die Hhe. Probiere, ob du in das Haus hineinsehen kannst! sagte
er.

In dem Eisenhammer waren sie gerade beim Bessemerblasen. Oben an der Decke
hing eine groe schwarze, runde, mit geschmolzenem Eisen gefllte Kugel; in
diese wurde ein starker Luftstrom hineingepret. Und als diese Luft mit
furchtbarem Getse in die Eisenmasse hineindrang, stob ein ganzer
Funkenschwall heraus. In Strahlen, in Garben, in langen Dolden fuhren die
Funken empor. Sie hatten die verschiedensten Farben, waren gro und klein,
brachen sich an der Wand und flogen in dem ganzen Saale herum. Der
Brenvater lie den Jungen das prchtige Schauspiel genieen, bis die Leute
mit dem Blasen fertig waren und der rote flssige, schnglnzende Stahl aus
der runden Kugel heraus in ein paar Gefe flo. Dem Jungen kam alles, was
er da sah, wundervoll vor; er war ganz hingerissen davon und hatte fast
vergessen, da er zwischen zwei Brentatzen gefangen sa.

Jetzt lie der Brenvater den Jungen auch in das Walzwerk hineinsehen. Ein
Arbeiter nahm eben ein kurzes, dickes Stck Eisen aus dem Ofen heraus und
legte es dann unter eine Walze. Als die Eisenstange unter der Walze wieder
hervorkam, war sie zusammengepret und in die Lnge gezogen. Rasch ergriff
sie ein andrer Arbeiter und steckte sie unter eine hrtere Walze, die sie
noch lnger und dnner prete. So ging es von Walze zu Walze; die
Eisenstange wurde gestreckt und gezogen und schlngelte sich schlielich
als ein mehrere Meter langer rotglhender Draht am Boden hin. Aber whrend
das erste Stck Eisen also gepret wurde, hatten die Arbeiter ein zweites
aus dem Ofen herausgenommen und unter die Walzen gelegt, und nachdem dieses
halbwegs fertig war, holten sie ein drittes. Unaufhrlich schlngelten sich
neue rotglhende Drhte wie zischende Schlangen auf dem Boden hin. Dem
Jungen gefiel dies alles auerordentlich gut; aber noch besser gefielen ihm
die Arbeiter, die leicht und behende die glhenden Stangen mit ihren Zangen
packten und sie unter die Walzen hinunterzwangen. Wie spielend hantierten
sie da mit dem glhenden Eisen. Das ist eine richtige Mannesarbeit, das
mu ich sagen, flsterte der Junge vor sich hin.

Jetzt lie der Br den Jungen auch in die Schmelzhtte und in die
Eisenschmiede hineinsehen; da sperrte er vor Verwunderung Mund und Nase
auf. Diese Leute haben keine Angst vor Hitze und Flammen, dachte er.
Schwarz und ruig waren sie auch, und sie kamen ihm wie eine Art
Feuermenschen vor, weil sie imstande waren, das Eisen nach Belieben zu
biegen und zu formen. Er konnte sich gar nicht denken, da gewhnliche
Menschen wirklich solche Macht htten.

So geht es da drinnen Tag um Tag, Nacht um Nacht weiter, klagte der Br
und legte sich auf den Boden. Nein, es ist auf die Dauer nicht zum
Aushalten, das wirst du begreifen. Deshalb bin ich goldfroh, da ich der
Sache jetzt ein Ende machen kann.

So, das knnt Ihr, fragte der Junge. Wie wollt Ihr denn das anfangen?

Nun, ich meine, du sollst die Gebude hier in Brand stecken, sagte der
Br. Dann bekme ich Ruhe vor dem ewigen Spektakel und knnte in meiner
alten Heimat verbleiben.

Dem Jungen lief es eiskalt den Rcken hinunter. Also deshalb hatte der
Brenvater ihn hierhergebracht!

Wenn du das Klopfwerk anzndest, dann schenke ich dir das Leben, wenn du
aber nicht tust, was ich will, wird es bald aus mit dir sein.

Die groen Werksttten hatten dicke Backsteinmauern, und der Junge dachte,
der Brenvater habe gut befehlen, das Gehorchen sei ihm von selbst
unmglich gemacht. Im nchsten Augenblick jedoch erkannte er, da es
vielleicht doch nicht so ganz unmglich wre. Dicht neben ihnen lag ein
Haufen Stroh und Hobelspne, die er leicht anznden konnte; neben den
Spnen ragte ein Stapel Bretter auf, und die Bretter reichten bis dicht an
einen groen Kohlenschuppen heran. Der Kohlenschuppen stie an die
Werksttten; und wenn diese in Brand gerieten, griff das Feuer bald auf das
Dach des Eisenhammers hinber. Alles, was brennen konnte, fing dann Feuer,
die Mauern barsten vor Hitze, und die Maschinen wrden vollstndig
zerstrt.

Nun, willst du, oder willst du nicht? fragte der Br.

Der Junge wute, da er sofort nein sagen sollte; aber er wute auch, da
ihn dann die Brentatzen, die ihn noch immer festhielten, mit einem
einzigen Griff zerdrckten. Deshalb sagte er: Ich mu es mir zuerst etwas
berlegen.

Nun, so tu es, brummte der Br. Aber ich will dir noch etwas sagen. Das
Eisen ist es, das den Menschen eine solche Macht ber uns Bren verliehen
hat, und auch aus diesem Grunde will ich der Arbeit hier ein Ende gemacht
haben.

Der Junge wollte die Bedenkzeit bentzen, um irgend etwas herauszufinden,
wodurch er entwischen knnte; aber er war so von Angst berwltigt, da er
gar nicht Herr ber seine Gedanken werden konnte, sondern nur immer daran
denken mute, welche groe Hilfe das Eisen doch fr die Menschen sei. Sie
brauchten ja das Eisen zu allem. Aus Eisen bestand die Pflugschar, die das
Feld umpflgte, aus Eisen die Axt, die das Haus baute, aus Eisen die Sense,
die das Getreide schnitt, aus Eisen das Messer, das zu allem mglichen
gebraucht wurde. Aus Eisen bestand der Zaum, der das Pferd lenkte, das
Schlo, das die Tr verschlo, die Ngel, die die Mbel zusammenhielten,
die Platten, die das Dach deckten. Das Gewehr, das die wilden Tiere
ausgerottet hatte, war aus Eisen, und ebenso der Pickel, der in der Grube
das Erz heraushackte. Eisen bekleidete die Kriegsschiffe, die der Junge in
Karlskrona gesehen hatte, auf Eisenschienen rollten die Lokomotiven durchs
Land; aus Eisen bestand die Nadel, die das Kleid nhte, die Schere, die die
Schafe schor, der Topf, in dem das Essen gekocht wurde. Das Groe und das
Kleine, alles, was ntzlich und unentbehrlich war, bestand aus Eisen. Ja,
der Brenvater hatte ganz recht, das Eisen war es, das den Menschen die
bermacht ber die Bren gegeben hatte.

Nun, willst du, oder willst du nicht? fragte der Br noch einmal.

Der Junge fuhr auf. Da hatte er nun an vollstndig unntige Sachen gedacht
und noch nichts herausgefunden, was ihn retten knnte.

Seid doch nicht so ungeduldig, sagte er. Dies ist eine sehr wichtige
Sache fr mich, und ich mu ordentlich Zeit zum berlegen haben.

Nun, dann berleg dirs noch eine Weile, sagte der Brenvater. Aber das
will ich noch sagen: das Eisen ist schuld daran, da die Menschen soviel
klger geworden sind als wir Bren, und gerade deshalb mchte ich der
Arbeit hier ein Ende machen.

Als der Junge diese neue Bedenkzeit gewonnen hatte, wollte er sie zum
Entwerfen eines Rettungsplanes anwenden. Aber er konnte und konnte in
dieser Nacht seine Gedanken nicht zusammenhalten, sie beschftigten sich
immer wieder mit dem Eisen. Da ging ihm allmhlich ein helles Licht darber
auf, was die Menschen hatten alles denken und ausklgeln mssen, bis sie
herausgebracht hatten, wie sie das Eisen aus dem Erz herausschmelzen
knnten; und er sah pltzlich ganz deutlich die alten schwarzen Schmiede
vor sich, die sich ber die Esse beugten und darber nachgrbelten, wie sie
die Sache richtig angreifen mten. Und vielleicht gerade deshalb, weil sie
so lange hatten darber nachgrbeln mssen, war den Menschen der Verstand
gewachsen, da sie schlielich so groe Fabriken hatten bauen knnen. Ja,
ja, darber konnte kein Zweifel herrschen, die Menschen verdankten dem
Eisen mehr, als sie sich selbst bewut waren.

Nun, wie stehts? fragte der Brenvater. Willst du, oder willst du
nicht?

Der Junge fuhr zusammen. Noch immer nahmen ihn unntige Gedanken gefangen,
obgleich er nicht wute, was er tun sollte, um zu entwischen! Die Wahl ist
gar nicht so leicht, wie Ihr meint, sagte er. Gebt mir noch ein wenig
Bedenkzeit, Brenvater.

Eine kleine Weile will ich noch warten, sagte der Br. Aber dann gibts
keine Ausflucht mehr. Ich sage dir, dem Eisen allein verdanken es die
Menschen, da sie hier im Brenland wohnen knnen, und eben deshalb will
ich ihnen die Fabrik hier zerstren.

Diese letzte Bedenkzeit will ich mir aber nun zunutze machen, dachte der
Junge. Doch ngstlich und verwirrt, wie er war, konnte er durchaus nicht
Herr ber seine Gedanken werden, und diese beschftigten sich jetzt mit
allem, was er gesehen hatte, whrend er auf dem Rcken des Gnserichs ber
den Bergwerkdistrikt hingeflogen war. Ja, ja, es war merkwrdig, wie viel
Leben und Bewegung und wie viel ntzliche Arbeit in der Wildnis erstanden
war! Wie arm und de wre es doch da, wenn es kein Eisen gbe! Der Junge
dachte an den Eisenhammer hier, der, seit er gebaut worden war, so vielen
Menschen ihr tgliches Brot gab, der so viele von Menschen bewohnte Huser
um sich versammelt und Eisenbahnen und Telegraphendrhte herbeigezogen
hatte, und der in die Welt hinaus...

Nun, wie stehts? fragte der Br. Willst du, oder willst du nicht?

Der Junge fuhr sich mit der Hand ber die Stirn. Keinerlei Rettung hatte er
sich ausgedacht; aber so viel wute er, da er nichts gegen das Eisen
unternehmen wrde, gegen das Eisen, dem reich und arm so viel verdankte und
das so vielen Menschen in diesem Land das tgliche Brot gab.

Ich will nicht, sagte der Junge.

Ohne etwas zu sagen, drckte der Brenvater seine Tatzen fester zusammen.

Ihr werdet mich nie dazu bringen, den Eisenhammer zu zerstren, sagte der
Junge. Denn das Eisen ist ein groer Segen, und es wre unrecht, sich
daran zu vergreifen.

Dann erwartest du wohl auch nicht, da ich dich am Leben lasse? fragte
der Br.

Nein, das erwarte ich nicht, antwortete der Junge und sah dem Bren fest
in die Augen.

Der Brenvater drckte die Tatzen immer fester zusammen. Es tat sehr weh,
und dem Jungen traten die Trnen in die Augen; aber er schwieg und sagte
kein Wort.

Gut! Eins, zwei, dr..! sagte der Br und hob langsam die eine Tatze, denn
er hoffte bis zuletzt, der Junge werde nachgeben.

In diesem Augenblick hrte der Junge ganz in der Nhe etwas knacken, und
nur ein paar Schritte entfernt sah er einen glnzenden Gewehrlauf blitzen.
Er und der Brenvater waren beide vollstndig mit sich selbst beschftigt
gewesen und hatten deshalb gar nicht gemerkt, da sich ein Mensch bis dicht
zu ihnen herangeschlichen hatte.

Brenvater! schrie der Junge. Hrt Ihr nichts? Es hat jemand einen Hahn
gespannt! Flieht, flieht, sonst werdet Ihr erschossen!

Wie der Blitz sprang der Br auf, fand aber doch noch Zeit, den Jungen
mitzunehmen. Ein paar Schsse knallten hinter ihm her, und die Kugeln
pfiffen ihm um die Ohren, trafen ihn aber nicht.

Whrend der Junge nun so im Maule des Bren hing, dachte er, so dumm wie in
dieser Nacht sei er doch noch nie gewesen. Wenn er nur geschwiegen htte,
dann wre der Br erschossen worden, und er htte entwischen knnen. Aber
er hatte sich so daran gewhnt, den Tieren zu helfen, da er es ganz
unwillkrlich tat.

Als der Br ein Stck weit in den Wald hineingelaufen war, blieb er stehen
und stellte den Jungen auf den Boden. Ich danke dir, Kleiner, sagte er.
Wenn du nicht gewesen wrest, htten die Kugeln sicher besser getroffen.
Und nun will ich dir einen Gegendienst leisten. Wenn du je wieder mit einem
Bren zusammentriffst, dann sage nur das zu ihm, was ich dir jetzt ins Ohr
flstere, und dann wird er dich nicht anrhren.

Hierauf sagte der Brenvater dem Jungen ganz leise ein paar Worte ins Ohr
und trottete dann eiligst davon, denn er glaubte zu hren, da die Hunde
und Jger ihn verfolgten.

Der Junge aber stand allein im Walde, frei und unverletzt, und konnte
selbst kaum glauben, da es so war.

                  *       *       *       *       *

Die Wildgnse waren den ganzen Abend immerfort hin und her geflogen, hatten
gespht und gerufen, aber keinen Dumling finden knnen. Sie suchten auch
noch weiter, nachdem schon die Sonne untergegangen war, und als es so
dunkel wurde, da es Schlafenszeit fr sie war, fhlten sich alle sehr
niedergedrckt. Sie glaubten, der Junge sei beim Hinunterfallen verunglckt
und liege nun irgendwo tot im Waldgestrpp, wo sie ihn nicht sehen knnten.

Aber am nchsten Morgen, als die Sonne das Gesicht ber die Berge erhob und
die Gnse weckte, siehe! da lag der Junge wie gewhnlich ruhig schlafend
mitten unter ihnen, und als er erwachte und ihr verwundertes Geschrei und
Geschnatter hrte, mute er hell auflachen.

Die Gnse waren uerst begierig, zu hren, was passiert war, ja, sie
wollten nicht einmal auf die Weide gehen, ehe sie die ganze Geschichte
erfahren hatten. Da berichtete der Junge rasch und vergngt sein ganzes
Abenteuer mit dem Bren, aber dann schien er pltzlich nicht weiter
erzhlen zu wollen. Nun, wie ich zu euch zurckgekommen bin, das wit ihr
wohl schon, sagte er.

Nein, nein, wir wissen gar nichts! Wir glaubten, du habest dich zu Tod
gefallen!

Das ist doch merkwrdig, sagte der Junge. Denn als der Brenvater mich
verlassen hatte, kletterte ich auf eine Tanne und schlief ein. Aber beim
ersten Morgengrauen erwachte ich davon, da ein Adler auf mich zusauste,
mich in seine Klauen nahm und mit mir davonflog. Ich dachte natrlich,
jetzt sei es aus mit mir. Aber er tat mir gar nichts zuleide, flog nur
geradeswegs hierher und setzte mich mitten unter euch ab.

Sagte er nicht, wer er sei? fragte der groe Weie.

Ehe ich mich bedanken konnte, war er schon verschwunden. Ich glaubte,
Mutter Akka habe ihn geschickt, mich zu holen.

Das ist wirklich merkwrdig, sagte der Gnserich. Bist du auch sicher,
da es ein Adler war?

Ich habe zwar noch nie einen Adler gesehen, sagte der Junge. Aber der
Vogel war so gro, da ich keinen andern Namen fr ihn wte.

Der Gnserich Martin wendete sich an die Wildgnse und fragte sie, was sie
von der Sache hielten. Diese aber schauten nur in die Luft hinauf, als
dchten sie an ganz andre Dinge.

Wir drfen aber doch unser Frhstck nicht ganz vergessen, sagte Mutter
Akka; damit breitete sie die Flgel aus und flog eilig davon.

[Illustration]




29

Der Dallf


                                                  Freitag, 29. April

An diesem Tag bekam Nils Holgersson den sdlichen Teil von Dalarna zu
sehen. Die Wildgnse flogen ber das ungeheure Grubenfeld von Grngesberg
hin, ber die groen Anlagen bei Ludovika, ber das Ulvhtter Eisenwerk und
die alte Fabrik von Grnghammer bis zur Ebene von Gro-Tuna und dem Dallf.

Als der Junge gleich im Anfang hinter jedem Hgel Fabrikschlote aufragen
sah, glaubte er, es sei hier alles wie in Westmanland; als er aber dann an
den groen Flu kam, da sah er etwas ganz Neues. Dies war der erste
richtige Flu, den er in seinem Leben zu sehen bekam, und der Anblick
dieser groen, breiten Wassermasse, die durch die Landschaft hinzog, machte
einen berwltigenden Eindruck auf ihn.

Als die Wildgnse die Schiffbrcke von Torsng erreichten, nderten sie die
Richtung und flogen dem Flusse entlang nordwestwrts weiter, gerade als
wollten sie diesen als Wegzeiger bentzen. Der Junge betrachtete die Ufer,
wo meilenlang ein Gebude dicht neben dem andern lag. Er sah die groen
Wasserflle bei Domnarvet und Kvarnsveden, sowie die groen Fabriken, deren
Rder von diesen Wassern getrieben wurden. Er sah die Schiffbrcken auf dem
Wasser liegen, die Boote, die diese Brcke trugen, die Fle, die auf dem
Flusse hintrieben, die Eisenbahnen, die dem Ufer entlang oder quer bers
Wasser fuhren, und allmhlich wurde ihm klar, was dies fr ein groes und
merkwrdiges Wasser war.

Gegen Norden machte der Flu einen groen Bogen. Innerhalb dieser Krmmung
war das Land de und menschenleer, und hier lieen sich die Wildgnse auf
einer Wiese nieder, um zu weiden. Der Junge lief gleich auf den Uferrain
hinauf; er wollte den Flu betrachten, der hier in einem breiten Bette
tief unter ihm hinzog. Die Landstrae fhrte zum Flu hinunter, und die
Reisenden wurden auf einer Fhre bergesetzt. Das war etwas Neues fr den
Jungen, und es machte ihm eine Weile groen Spa, da zuzusehen. Doch
pltzlich berfiel ihn eine ungeheure Mdigkeit. Ich glaube, ich mu ein
wenig schlafen, denn ich habe in der letzten Nacht kein Auge geschlossen,
dachte er. Damit kauerte er an einem dichten Grashgel nieder, versteckte
sich, so gut er konnte, unter Gras und Krutern und schlief ein.

Er erwachte an einem Gerusch: neben ihm saen Menschen, die sich
miteinander unterhielten. Sie waren auf der Landstrae dahergekommen,
konnten aber nicht gleich ber den Flu gesetzt werden, weil groe
Eisschollen im Wasser trieben, die die Fhre am berfahren hinderten. Um
sich die Wartezeit zu verkrzen, hatten die Leute den Wall erstiegen und
sich da niedergesetzt; jetzt redeten sie davon, welche Beschwer man mit dem
Flusse doch habe.

Ob wir wohl heuer auch wieder so eine groe berschwemmung bekommen wie im
vorigen Jahre? sagte ein Bauer. Da ging das Wasser bei uns daheim bis
oben an die Telegraphenstangen, und die ganze Schiffbrcke wurde mit
fortgerissen.

Im letzten Jahr richtete er in unserer Gegend nicht so viel Schaden an,
sagte ein andrer Bauer. Aber vor zwei Jahren wurde mir ein ganzer
Heuschober weggeschwemmt.

Die Nacht werde ich nie vergessen, wo die berschwemmung die groe Brcke
bei Domnarvet zerstrte, sagte ein Eisenbahnarbeiter. In jener Nacht hat
in der ganzen Fabrik niemand auch nur ein Auge geschlossen.

Ja, der Flu richtet viel Schaden an, sagte ein groer, stattlicher Mann.
Aber wenn ich euch hier so ber ihn losziehen hre, mu ich unwillkrlich
an unsern Propst denken. In der Propstei wurde einmal ein Fest gefeiert,
und da beklagten sich die Leute auch ber den Flu, gerade wie ihr jetzt,
doch da wurde der Propst ganz erregt und sagte, er wolle uns eine
Geschichte erzhlen. Und als er dies getan hatte, wagte von der ganzen
Gesellschaft auch nicht einer mehr ein bses Wort ber den Dallf zu sagen,
und ich mchte wissen, ob es euch nicht auch so gegangen wre, wenn ihr
zugehrt httet.

Als die Leute dies hrten, wollten alle wissen, was der Propst ber den
Flu gesagt htte, und der Bauer erzhlte ihnen die Geschichte, so gut er
sich noch daran erinnern konnte.

Hoch droben an der norwegischen Grenze lag tief im Gebirge ein See. Aus
diesem flo ein Bach heraus, der sofort eifrig schumend daherrauschte. So
klein er auch war, wurde er doch gleich von Anfang an der Stor, der Groe
Flu߫ genannt, weil er aussah, als knnte etwas Rechtes aus ihm werden.

Gleich nachdem er den See verlassen hatte, schaute er sich neugierig nach
allen Seiten um, welche Richtung er jetzt wohl am besten einschlagen wrde.
Aber was er sah, war nicht gerade ermutigend. Nach rechts, nach links und
geradeaus waren nichts als waldige Hgel, die allmhlich zu kahlen
Felsrcken, und weiterhin steile, kahle Felswnde, die zu hohen Berggipfeln
wurden.

Der Flu richtete seine Blicke gen Westen; da hatte er den Lngfjll mit
dem Djupgravstten, sowie Barfrhgna und Storvtteshgna vor sich. Jetzt
schaute er nordwrts. Da war der Nsfjll, im Osten ragte der Nipfjll, im
Sden aber der Stdjan auf. Der Flu berlegte eben, ob er nicht am besten
tte, wieder in den See zurckzukehren. Aber dann dachte er, er mte doch
wenigstens einen Versuch machen, bis zum Meere durchzudringen, und so
machte er sich denn auf den Weg.

Wie man sich denken kann, war es ein schweres Stck Arbeit fr den Flu,
sich einen Weg durch die Wildnis hindurchzubahnen. Wenn ihm nichts andres
im Wege stand, war immer noch der Wald da. Um freien Lauf zu bekommen,
mute er eine Kiefer um die andre entwurzeln. Im Frhjahr, wenn der erste
Zulauf kam und sich sein Bett mit Schneewasser aus den Wldern fllte, und
wenn spter die Schneeschmelze auf den Bergen begann, so da die
Gebirgswasser von den Felsen herabstrzten, da war der Flu am strksten
und reiendsten. Da nahm er alle seine Kraft zusammen, rauschte mchtig
daher, fegte Stmme und Erde hinweg und grub sich einen Weg durch die
Sandhgel hindurch. Aber auch im Sptjahr, wenn er nach den Herbstregen
gestiegen war, vollbrachte er ein tchtiges Stck Arbeit.

Eines schnen Tages, als der Stor sich wie gewhnlich seinen Weg eifrig
weiterbahnte, hrte er rechts von sich tief im Walde ein Rauschen und
Pltschern. Er lauschte so eifrig, da er fast ganz still hielt. Was mag
das nur sein? fragte er.

Der Wald, der ringsumher aufragte, konnte es nicht lassen, sich ber den
Flu ein wenig lustig zu machen.

Du meinst wohl, du seiest ganz allein auf der Welt? sagte er. Aber ich
will dir nur sagen: was du da hrst, ist der Grvel aus dem Grvelsee.
Jetzt eben hat er sich durch ein schnes Tal hindurchgegraben, und er
erreicht das Meer gewi ebenso schnell wie du.

Aber der Stor hatte seinen eigenen Kopf, und als er dies hrte, sagte er,
ohne auch nur einen Augenblick zu zgern: Der Grvel ist gewi ein armer
Schlucker, der nicht allein vorwrts kommt. Sag ihm deshalb, der Stor vom
Vnsee sei auf dem Weg zum Meere, der wolle sich seiner annehmen, und wenn
er sich ihm anschlieen wolle, ihm weiterhelfen.

Du bist ein rechter Prahlhans, sagte der Wald. Ja, ich will ihm deinen
Gru bestellen, aber der Grvel wird keine Freude daran haben.

Am nchsten Morgen jedoch stand der Wald vor dem Stor und sagte, er solle
von dem Grvel einen Gru bestellen. Dieser habe sich so mhselig
durchkmpfen mssen und sei deshalb um jede Hilfe froh, er werde sich daher
so rasch er knne, mit dem Stor vereinigen.

Nachdem dies geschehen war, arbeitete sich der Stor natrlich nur noch
schneller weiter, und nach kurzer Zeit erblickte er einen schnen schmalen
See, in dessen klarem Wasser sich der Idreberg und die Stdjanfelsen
widerspiegelten.

Was ist denn das? fragte der Flu, der vor lauter Verwunderung wieder
beinahe stillstand. Ich kann doch nicht so verrckt gewesen und wieder zum
Vnsee zurckgekehrt sein?

Aber der Wald, der zu jener Zeit berall zur Hand war, sagte sogleich: O
nein, du bist nicht zum Vnsee zurckgekommen, dies ist der Idresee, den
der Srlf mit seinem Wasser gefllt hat. Das ist ein tchtiger Flu. Jetzt
hat er den See ganz gefllt und sucht sich einen Ausflu zu verschaffen.

Als der Stor das hrte, sagte er rasch zu dem Walde: Du, der berall
hinreicht, knntest dem Srlf einen Gru von mir ausrichten und ihm sagen,
der Stor vom Vnsee sei da, und wenn er mich durch den See hindurchziehen
lasse, wolle ich ihn dafr mit nach dem Meere nehmen. Er brauche sich dann
gar nicht mehr um sein Fortkommen zu bekmmern, dafr wrde ich sorgen.

Nun, ich kann ihm deinen Vorschlag wohl ausrichten, sagte der Wald, aber
der Srlf wird wohl nicht auf deinen Vorschlag eingehen, denn er ist
ebenso mchtig wie du.

Am nchsten Tag jedoch richtete der Wald aus, der Srlf sei es auch mde,
sich allein einen Weg zu bahnen, und er wolle sich gern mit dem Stor
vereinigen.

Der Flu zog also mitten durch den See hindurch und arbeitete sich immer
weiter durch den Wald und das Gebirge. Eine Weile kam er ordentlich
vorwrts; aber dann geriet er in eine Felsenschlucht hinein, die von allen
Seiten verschlossen war. Da gab es keinen Ausweg fr ihn. Er brauste und
schumte vor Zorn, und als der Wald hrte, wie rasend er war, sagte er:
Jetzt ist es doch aus mit dir!

Aus mit mir! rief der Flu. O nein, aber ich habe hier etwas ganz
Besonderes vor. Ich will nur sehen, ob ich nicht ebensogut wie der Srlf
einen See machen kann.

So fing er an, den Srnasee zu schaffen, und dazu brauchte er einen ganzen
Sommer hindurch. Je hher das Wasser in dem See stieg, desto hher hob sich
auch der Stor, und schlielich fand er am sdlichen Rand eine Stelle, wo
er hinausflieen konnte.

Nachdem der Flu wohlbehalten aus dieser Klemme hinausgekommen war, hrte
er eines Tages zu seiner Linken ein lautes Brausen und Rauschen. So ein
lautes Brausen hatte er im Walde noch nie vernommen, und er fragte schnell,
was denn das sei.

Und natrlich hatte der Wald auch sogleich eine Antwort bereit. Das ist
der Fjtlf, sagte er. Hrst du, wie er rauscht und braust? Er ist auf
dem Weg nach dem Meere.

Wenn du so weit reichst, da der Flu dich hren kann, rief der Stor,
dann gr ihn von mir und sage dem Schwchling, der Stor vom Vnsee biete
sich an, ihn mit nach dem Meere zu nehmen; doch nur unter der Bedingung,
da er meinen Namen annehme und gehorsam mit mir weiter fliee.

O, der Fjtlf gibt seine Selbstndigkeit nicht auf, das glaube ich nun
und nimmer! sagte der Wald.

Aber am nchsten Tag mute er dem Stor gestehen, da auch der Fjtlf es
mde geworden sei, sich seinen eigenen Weg zu bahnen, und sich gerne mit
dem Stor vereinigen wolle.

Und der Stor zog immer weiter durchs Land. Er war indes noch gar nicht so
gro, wie man eigentlich htte erwarten knnen, da er jetzt doch so viele
Helfer bei sich hatte. Aber stolz war er! Sein Lauf bestand fast aus lauter
Wasserfllen, und mit lautem Rauschen rief er alles, was im Walde
pltscherte und rieselte, ja selbst das kleinste Frhlingsbchlein, zu sich
heran.

Eines Tages hrte er weit, weit im Westen einen Flu rauschen, und als er
den Wald fragte, was das sei, antwortete dieser, das sei der Fululf, der
das Wasser von den Fulufelsen aufnehme und sich schon ein sehr langes und
breites Bett gegraben habe.

Kaum hatte der Stor das vernommen, als er dem Wald auch schon den
gewohnten Gru auftrug; der Wald bernahm auch den Auftrag, und am nchsten
Tag brachte er dann Botschaft vom Fululf. Sage dem Stor, hatte der Flu
geantwortet, ich wolle durchaus keine Hilfe. Ein solcher Gru htte
auerdem besser mir angestanden als dem Stor, denn ich bin der mchtigere
von uns beiden und komme sicher frher zum Meere als er.

Kaum hatte der Stor diese Botschaft gehrt, als er auch schon seine
Antwort bereit hatte. Sage dem Fululf sofort, rief er dem Walde zu, ich
fordere ihn zum Wettstreit heraus. Wenn er meint, er sei strker als ich,
soll er es beweisen und mit mir um die Wette laufen. Wer zuerst am Meere
anlangt, hat gewonnen!

Als der Fululf diese Botschaft hrte, erwiderte er: Ich habe nichts gegen
den Stor, und es wre mir lieber gewesen, wenn ich meinen Weg in Ruhe und
Frieden htte fortsetzen drfen. Aber die Fulufelsen schicken mir gewi
soviel Beistand, da es feig von mir wre, wenn ich die Herausforderung
nicht annhme.

Hierauf begannen die beiden Strme das Wettrennen. Mit noch grerer Eile
als vorher rauschten sie dahin und lieen sich Sommer und Winter keine
Ruhe.

Aber es hatte allen Anschein, als ob der Stor sehr bald Grund htte, seine
verwegene Herausforderung zu bereuen, denn er stie auf ein Hindernis, das
ihm beinahe unberwindlich wurde. Dieses Hindernis war ein Berg, der mitten
auf seinem Wege lag, und durch den nur eine ganz enge Felsenspalte fhrte.
Der Stor machte sich so schmal wie mglich und drngte sich unter wildem
Schumen hinein; aber er mute viele Jahre lang waschen und aushhlen, bis
er die Spalte zu einer annhernd gengend breiten Rinne ausgeweitet hatte.

Whrend dieser Zeit fragte der Stor den Wald mindestens alle sechs Monate
einmal, wie es dem Fululf gehe.

Dem Fululf geht es so gut, wie er es sich nur wnschen kann, antwortete
der Wald. Er hat sich mit dem Grlf vereinigt, der das Wasser von dem
norwegischen Gebirge aufnimmt.

Und ein andres Mal, als der Stor den Wald wieder gefragt hatte, antwortete
dieser:

Um den brauchst du dir keine Sorge zu machen, er hat eben den ganzen
Horrmundsee mitgenommen.

Aber den Horrmundsee hatte der Stor selbst mitzunehmen die Absicht gehabt,
und als er nun von dessen bergang in den Fululf hrte, wurde er so
wtend, da er sich endlich durch seinen Engpa hindurchzwngte und so
wildschumend davonstrzte, da er mehr Erde und Wald mit sich fortri, als
eigentlich notwendig gewesen wre. Es war gerade im Frhling, und der Flu
berschwemmte die ganze Gegend zwischen Hyckjeberg und Vsaberg, und ehe er
sich wieder beruhigen konnte, hatte er eine Landschaft geschaffen, die das
lfdal genannt wurde.

Ich mchte nur wissen, was der Fululf dazu sagt! rief der Stor dem
Walde zu.

Der Fululf hatte indessen Transtrand und Lima ausgegraben, aber nun stand
er schon ziemlich lange vor Limed und suchte nach einem Ausweg, weil er
sich nicht ber das steile Gebirge hinunterzustrzen wagte. Als er jedoch
hrte, da der Stor seinen Engpa durchbrochen und das lfdal ausgegraben
habe, sagte er, nun mge es gehen, wie es wolle, er knne sich nicht lnger
aufhalten. Und er warf sich die Limedwand hinunter.

Es war ein gewaltiger Sprung, aber er kam wohlbehalten unten an, und jetzt
ging es natrlich schnellen Laufes weiter. Er grub Malung und Jrna aus,
und hier gelang es ihm, den Vanflu zu berreden, sich mit ihm zu
vereinigen, obgleich der Vanflu ganze zehn Meilen lang war und sich auf
eigene Faust einen so groen See wie den Vnjan ausgegraben hatte.

Ab und zu glaubte der Fululf ein merkwrdig starkes Brausen zu vernehmen.

Jetzt ist mir, als hre ich, wie sich der Stor ins Meer strzt, sagte
er.

Nein, sagte der Wald, was du hrst, ist freilich das Rauschen des Stor,
aber er hat das Meer noch nicht erreicht. Er hat allerdings den Orsasee und
den Skattungen aufgenommen und prahlt nun, er wolle das ganze Siljantal
fllen.

Das war eine gute Nachricht fr den Fululf. Er dachte, wenn sich der Stor
einmal ins Siljantal hinunter verirrt htte, dann sei er dort wie in einem
Gefngnis eingeschlossen, und er selbst werde alsdann das Meer sicher
zuerst erreichen.

Von da an zog der Fululf ganz behaglich dahin. Im Frhjahr vollbrachte er
sein schwerstes Stck Arbeit. Da stieg er hoch ber Wlder und Hgel hinauf
und wo er hinzog, hinterlie er ein breites Tal. Auf diese Weise schritt er
von Jrna nach Ns und von Ns nach Floda. Von Floda kam er nach Gagnef.
Hier war schon im voraus eine Ebene. Die Berge waren weit zurckgewichen,
und der Fululf konnte ohne jegliche Schwierigkeit weiterziehen; da verga
er seinen vorherigen Eifer vollstndig und schlngelte sich in allerlei
Buchten und Krmmungen dahin, fast wie ein ganz junges, frhliches
Bchlein.

Aber wenn der Fululf den Stor vergessen hatte, so hatte doch der Stor
den Fululf nicht vergessen. Jeden Tag war er eifrig an seiner Arbeit, das
Siljantal ganz mit Wasser zu fllen, damit er an irgend einer Stelle
hinauskommen knnte; aber wie ein ungeheures Becken lag das Tal noch immer
da und schien niemals voll zu werden. Der Stor war oft am Verzweifeln und
glaubte schon, er msse schlielich den ganzen Gesundaberg unter Wasser
setzen, nur um aus seinem jetzigen Gefngnis herauszukommen. Er versuchte
bei Rttvik durchzubrechen, aber da stand ihm der Lerdalberg im Wege.
Schlielich kam er aber doch bei Leksand heraus.

Sag dem Fululf nicht, da ich herausgekommen bin! rief er dem Wald zu;
und der Wald versprach zu schweigen.

Im Vorbeigehen nahm der Stor nun den Insee mit, und dann flo er als
stolzer, gewaltiger Flu durch Gagnef hindurch.

Als er in Gagnef nahe bei Mjlgen war, sah er einen prachtvollen, breiten
Flu, der mit hellem, glnzendem Wasser dahergezogen kam, und der die
Wlder und Sandhgel, die ihm im Wege lagen, wie spielend auf die Seite
schob.

Was ist denn das fr ein wunderschner Flu? fragte der Stor.

Aber gerade in diesem Augenblick fragte der andre Flu, der der Fululf
war, ganz dasselbe. Was ist denn das fr ein Flu, der so stolz und
gewaltig von Norden daherkommt? Ich htte nie geglaubt, da ich einen Flu
sehen wrde, der so mchtig und kraftvoll zu Tale zieht, sagte er.

Da sagte der Wald so laut, da beide Flsse es hrten: Nachdem ihr alle
beide, der Stor und der Fululf, so Gutes ber einander gesagt habt, meine
ich, ihr solltet euch nun ohne Sumen miteinander vereinigen und euch dann
gemeinsam einen Weg zum Meere bahnen.

Das schien den beiden Flssen zu gefallen. Aber noch ein Hindernis stand
ihnen im Wege. Keiner wollte seinen Namen aufgeben und den des andern
annehmen.

Aus diesem Grunde wre die Vereinigung schlielich fast nicht zustande
gekommen; da schlug der Wald vor, sie sollten doch einen neuen Namen
annehmen, der bis jetzt keinem von ihnen gehre.

Darauf gingen sie ein, und der Wald sollte den Namen whlen. Dieser
bestimmte nun, der Stor solle seinen Namen ablegen und sich Ost-Dallf
nennen, und der Fululf solle seinen auch ablegen und den Namen West-Dallf
annehmen. Und nachdem sie sich dann vereinigt htten, sollten beide
zusammen recht und schlecht Dallf heien.

Und jetzt, nachdem die beiden Flsse sich vereinigt hatten, ging es mit
gewaltiger Kraft weiter: nun konnte ihnen nichts mehr widerstehen. Sie
machten den Boden von Gro-Tuna so eben wie einen Hofplatz; sie strzten
sich ohne Zgern ber die Felsen bei Kvarnsveden und Domnarvet hinunter.
Als sie in die Nhe des Runnsees kamen, sogen sie dessen Wasser auf und
zwangen alle Flsse der Umgegend, sich mit ihnen zu vereinigen. Dann zogen
sie ohne groe Hindernisse ostwrts, immer weiter dem Meere zu und wurden
an manchen Stellen so breit wie ganze Seen. Bei Sderfors errangen sie sich
groen Ruhm, desgleichen auch bei lfkarleby, und endlich erreichten sie
das Meer.

Als sie eben im Begriff waren, sich ins Meer zu strzen, gedachten sie
ihres langen Wettstreits, und wie viele Mhe und Beschwer sie dadurch
gehabt htten.

Jetzt fhlten sie sich alt und mde und verwunderten sich, da sie sich in
ihrer Jugend so gerne gestritten und gegenseitig herausgefordert hatten,
ja, sie fragten sich, was fr einen Nutzen sie eigentlich davon gehabt
htten.

Aber auf diese Frage erhielten sie keine Antwort, denn der Wald war weit
droben im Lande stehen geblieben; sie selbst aber konnten sich in ihrem
Bette nicht umdrehen und also auch nicht sehen, wie die Menschen berall
vorgedrungen waren, wie viele Straen sie gebaut hatten, wie an den Seen
des Ost-Dallfs und in den Tlern des West-Dallfs eine Ortschaft um die
andre herangewachsen war, und wie im ganzen Lande noch immer berall nur
de Wlder und kahle Gebirge waren, ausgenommen da, wo die beiden Flsse
whrend ihres heftigen Wettstreits hingezogen waren.

[Illustration]




30

Der Bruderteil

Die alte Grubenstadt


                                                  Freitag, 29. April

Bataki, der Rabe, wute in ganz Schweden keinen Ort, wo es ihm so gut
gefiel wie in Falun. Sobald im Frhjahr die Erde wieder ein wenig
hervorschimmerte, begab er sich dahin und hielt sich dann mehrere Wochen
lang in der Nhe der alten Bergwerkstadt auf.

Falun liegt in einer Talsenkung, durch die ein Flchen von kurzem Lauf
hinzieht. An dem nrdlichen Ende des Tals liegt ein schner, heller kleiner
See mit grnen, reich gegliederten Ufern, namens Varpan. Am sdlichen Ende
ist eine weite, groe vom Runnsee gebildete Bucht, die auch fast wie ein
See ist; sie heit Tisken und hat niedriges, trbes Wasser und sumpfige,
unschne mit allem mglichen Abfall berste Ufer. stlich von dem Tale
zieht sich eine reizende Hgelkette hin, auf deren Gipfel stattliche
Tannenwlder und saftige Birkengehlze prangen und deren Hnge berall mit
schattigen Obstgrten bedeckt sind. Westlich von der Stadt liegt auch ein
Bergrcken. Dieser ist ganz oben mit rmlichen Kiefern bestanden, die Hnge
aber sind vollstndig kahl, ohne Bume und Kruter, wie eine richtige
Wste. Nichts gibt es dort oben, nichts als groe runde Steinblcke, die
berall verstreut liegen.

Die Stadt Falun, die in der Talsenkung rechts und links von dem Flusse
liegt, sieht aus, als sei sie ganz nach der Bodenbeschaffenheit, auf der
sie steht, gebaut worden. Auf der grnen Seite des Tales sind alle die
Gebude, die ein stattliches oder hbsches Aussehen haben. Da stehen die
beiden Kirchen, das Rathaus, die Wohnung des Bezirksprsidenten, die
Bergwerkskanzleien, die Bank, die Gasthuser, die vielen Schulen, das
Spital, sowie alle hbschen Villen und schnen Landhuser. Auf der
schwarzen Seite dagegen gibt es Straen auf, Straen ab nichts als
rotangestrichene einstckige Huser, lange traurige Holzschuppen und groe
plumpe Fabrikgebude. Und auf der andern Seite dieser Gassen, mitten in der
groen Steinwste, liegen die Faluner Gruben mit ihren Fahrknsten, Winden
und Pumpwerken, mit altmodischen Gebuden, die schief auf dem untergrabenen
Erdreich stehen, mit hohen schwarzen Schlackenbergen und langen Reihen
Schmelzfen ringsumher.

Was nun Bataki betrifft, so pflegte er niemals auch nur einen Blick auf den
stlichen Stadtteil zu werfen und ebensowenig auf den schnen Varpansee. Um
so besser aber gefiel ihm die westliche Seite und der kleine Tiskensee.

Der Rabe Bataki liebte alles, was geheimnisvoll war, alles, was ihm
Gelegenheit zum Grbeln gab und ihn zum Nachdenken anregte, und dazu fand
er auf der schwarzen Seite reichlich Gelegenheit. So machte es ihm zum
Beispiel ein groes Vergngen, zu ergrnden, warum diese alte rote
Holzstadt nicht auch abgebrannt sei, wie alle andern roten Holzstdte in
diesem Lande? Ebenso hatte er sich gefragt, wie lange wohl die windschiefen
Huser am Rande der Gruben noch stehen bleiben knnten? Er hatte ber den
groen Schacht, jene ungeheure ffnung im Boden mitten auf dem
Grubenfeld, ernstlich nachgedacht und war auch ganz bis auf den Grund
hineingeflogen, um zu untersuchen, wie dieser unermelich groe leere Raum
entstanden sei. Er war in helle Verwunderung ausgebrochen ber die riesigen
Schlackenhaufen, die wie Mauern den Schacht und die Grubenhuser umgaben.
Auch hatte er sich klar zu machen versucht, was die kleine Signalglocke zu
bedeuten habe, die das ganze Jahr hindurch in bestimmten Zwischenrumen
einen kurzen, unheimlich klingenden Glockenschlag vernehmen lie; und in
erster Linie htte er gerne gewut, wie es ganz drunten in der Erde
ausshe, wo das Kupfererz seit so vielen hundert Jahren herausgebrochen
wurde, und wo die Erde so untergraben und so voller Gnge war wie ein
Ameisenhaufen. Wenn es dann Bataki schlielich gelungen war, einigermaen
Klarheit in diese seine Gedanken zu bringen, schwebte er fort und hinaus in
die unheimliche Steinwste, um weiter darber nachzusinnen, warum kein Gras
zwischen den Feldsteinen wchse, oder zuweilen begab er sich auch hinunter
an den Tisken. Dieser See erschien ihm als das wunderbarste Wasser, das er
je gesehen hatte. Woher mochte es nur kommen, da gar keine Fische darin
waren, und woher wurde denn das Wasser, wenn es ein Sturm aufwhlte,
manchmal ganz rot? Das war um so wunderbarer, als ein Grubenflu, der in
den See flo, glnzendes hellgelbes Wasser hatte. Bataki zerbrach sich den
Kopf ber die Ruinen der zerstrten Gebude, die noch am Ufer des Sees
lagen, sowie ber die Tisker Sgemhle, die von grnen Grten umgeben und
von hohen Bumen beschattet zwischen der den Steinwste und dem
merkwrdigen See hervorschimmerte.

In dem Jahr, wo Nils Holgersson mit den Wildgnsen durchs Land zog, stand
am Ufer des Tisken eine Strecke vor der Stadt drauen ein altes Haus, das
die Schwefelkche genannt wurde, weil dort alle paar Jahre einige Monate
lang Schwefel gekocht wurde. Das Haus war eine alte Baracke, die einst rot
angestrichen gewesen war, allmhlich aber eine graubraune Frbung
angenommen hatte. Statt der Fenster sah man nur eine Reihe Luken, die
berdies beinahe fast immer verrammelt waren. In dieses Haus hatte Bataki
fast noch nie einen Blick hineinwerfen knnen, und deshalb war es ihm viel
interessanter als jedes andre. Er hpfte auf dem Dach umher, um irgend ein
Loch zu entdecken, und oftmals sa er auf dem hohen Schornstein und schaute
durch die enge ffnung hinunter.

Aber eines Tages ging es Bataki schlecht. Es hatte tchtig gestrmt, und in
der alten Schwefelkche war eine Luke aufgerissen worden. Bataki hatte die
Gelegenheit natrlich sogleich bentzt und war durch die Luke in das
Gebude hineingeflogen. Doch kaum war er drinnen, da schlug die Luke hinter
ihm wieder zu, und Bataki war gefangen. Er hoffte, der Sturm werde die Luke
von neuem aufreien, aber dazu schien der gar keine Lust zu haben.

Durch die Risse in den Mauern fiel ziemlich viel Licht in das Gebude
hinein, und so wurde Bataki wenigstens die Freude zuteil, sich in dem Raume
umsehen zu knnen. Es war nichts darin, als ein groer Herd mit einem
eingemauerten Kessel, und daran hatte sich der Rabe bald satt gesehen. Er
wollte darum das Gebude jetzt wieder verlassen, fand dies aber noch immer
unmglich; der Wind wollte die Luke nicht wieder aufreien. Kein einziges
Loch und keine Tr stand offen; der Rabe befand sich ganz allein in seinem
Gefngnis.

Bataki begann um Hilfe zu rufen, und als keine kam, setzte er sein Geschrei
den ganzen Tag hindurch fort. Es gibt wohl kein andres Tier, das einen so
ununterbrochenen Spektakel verfhren kann wie ein Rabe, und das Gercht,
da Bataki in Gefangenschaft geraten sei, verbreitete sich wie ein
Lauffeuer. Die graugestreifte Katze von der Tisker Sgemhle war die erste,
die Kunde von dem Unglck erhielt. Sie teilte es den Hhnern mit, und diese
gackerten es den vorbeifliegenden Vgeln zu. Bald wuten alle Dohlen und
Tauben und Krhen und Sperlinge in ganz Falun, was geschehen war, und alle
flogen auch sogleich nach der alten Schwefelkche, um die Sache in der Nhe
zu besehen. Alle hatten groes Mitleid mit dem Raben, aber keinem kam ein
guter Gedanke, wie man ihm heraushelfen knnte.

Da pltzlich rief ihnen Bataki mit seiner scharfen, krchzenden Stimme zu:
Still, ihr da drauen! Und hrt mich an! Da ihr sagt, ihr mchtet mir gern
heraushelfen, so erforscht, wo sich die alte Wildgans von Kebnekajse mit
ihrer Schar befindet. So viel ich wei, ist sie zu dieser Jahreszeit in
Dalarna. Sagt Akka, wie es hier um mich steht. Ich glaube, der einzige, der
mir helfen kann, ist unter ihrer Schar!

Die Taube Agar, der beste Botschafter im ganzen Land, traf die Schar der
Wildgnse am Ufer des Dallf, und als die Dmmerung anbrach, kam sie mit
Akka dahergeflogen. Die beiden lieen sich vor der Schwefelkche nieder.
Auf Akkas Rcken sa der Dumling; die andern Wildgnse waren auf einer
kleinen Insel im Runnsee zurckgeblieben, weil Akka gefrchtet hatte, es
knnte mehr schaden als ntzen, wenn alle miteinander nach Falun kmen.

Nachdem Akka sich einen Augenblick mit Bataki beraten hatte, nahm sie den
Dumling auf den Rcken und flog nach einem Hofe, der ganz in der Nhe der
Schwefelkche lag. Sachte schwebte sie ber den Garten und das Birkengehlz
hin, die den kleinen Hof umgaben, und whrenddessen schauten die beiden,
Akka und der Junge, unverwandt auf die Erde hinab. Hier spielten die Kinder
im Freien, das war leicht zu erraten, denn auf dem Boden lagen allerlei
Spielsachen umher, und es dauerte auch gar nicht lange, bis die beiden in
der Luft droben entdeckt hatten, was sie suchten. In einem lustig
pltschernden Frhlingsbach hmmerte eine Reihe kleiner Mhlen, und ganz in
der Nhe davon lag ein kleines Stemmeisen. Auf ein paar kleinen Holzbcken
stand ein halbfertiges Boot, und daneben fand der Junge einen winzigen
Knuel Bindfaden.

Mit diesen Sachen flogen die beiden nach der Schwefelkche zurck. Der
Junge band das eine Ende des Bindfadens um den Schornstein, fhrte das
andre in das tiefe Loch hinein und lie sich dann selbst daran
hinuntergleiten. Nachdem er Bataki begrt hatte, der ihm mit vielen
schnen Worten fr sein Kommen dankte, machte sich der Junge daran, mit dem
Stemmeisen ein Loch in die Wand zu schlagen.

Die Schwefelkche hatte keine dicken Wnde, aber der Junge brachte mit
jedem Schlag nur einen ganz kleinen dnnen Span los; ein Muschen htte mit
seinen Vorderzhnen ganz dasselbe leisten knnen. Ach, der Junge sah schon,
er wrde unfehlbar die ganze Nacht arbeiten mssen, wenn er ein gengend
groes Loch fr den Raben zustande bringen wollte!

Bataki sehnte sich ungeheuer nach der Freiheit und konnte vor lauter
Aufregung nicht schlafen. Im Anfang war der Junge sehr fleiig; aber nach
einer Weile hrte der Rabe, da die Schlge in immer lngeren
Zwischenrumen ertnten, und schlielich setzten sie ganz aus.

Du bist gewi mde, sagte Bataki, und kannst vielleicht nicht mehr
weitermachen.

Nein, ich bin nicht mde, antwortete der Junge und griff wieder nach dem
Stemmeisen. Aber ich habe schon lngere Zeit keine Nacht ordentlich
geschlafen, und nun wei ich nicht, wie ich mich wach halten soll.

Wieder ging die Arbeit eine Weile rasch vorwrts, doch nach kurzer Zeit
ertnten die Schlge wieder in immer lngeren Zwischenrumen. Und wieder
weckte der Rabe den Jungen; aber soviel war ihm jetzt klar, wenn er nicht
irgend etwas ausfindig machte, mit dem er ihn wach erhalten konnte, mute
er nicht nur diese eine Nacht, sondern auch noch den ganzen nchsten Tag in
seinem Gefngnis verbleiben.

Meinst du, die Arbeit ginge dir besser von der Hand, wenn ich dir eine
Geschichte erzhlen wrde? fragte Bataki.

Ja, das wre wohl mglich, antwortete der Junge. Zugleich aber mute er
laut ghnen; der arme Kerl war furchtbar schlfrig und konnte kaum noch
sein Werkzeug festhalten.


Die Geschichte von der Grube zu Falun

Siehst du, mein lieber Dumling, begann der Rabe, ich habe schon sehr
lange auf der Welt gelebt. Gutes und Schlimmes ist mir widerfahren, und
mehrere Male bin ich sogar von den Menschen gefangen gehalten worden;
dadurch habe ich nicht allein ihre Sprache verstehen lernen, sondern ich
habe mir auch viel von ihrer Gelehrsamkeit zu eigen gemacht. Und jetzt kann
ich behaupten, da es im ganzen Land keinen Vogel gibt, der so gut Bescheid
ber deine Stammesgenossen wte wie ich.

Einmal sa ich viele Jahre lang ununterbrochen in einem Kfig bei einem
Obersteiger hier in Falun, und in seinem Hause erfuhr ich das, was ich dir
jetzt erzhlen will.

In alten Zeiten wohnte hier in Dalarna ein Riese mit seinen beiden
Tchtern. Als nun der Riese alt war und fhlte, da er sterben mute, lie
er seine Tchter vor sich kommen, um sein Besitztum zwischen ihnen zu
teilen.

Sein Hauptreichtum bestand in einigen ganz mit Kupfer angefllten Bergen,
und diese wollte er seinen Tchtern schenken. >Aber ehe ich euch die
Erbschaft bergebe,< sagte der Riese, >mt ihr mir versprechen, jedweden
Fremdling, der euern Kupferberg entdeckt, totzuschlagen, ehe er seine
Entdeckung irgend einem andern Menschen mitteilen kann.<

Die lteste der beiden Riesentchter war wild und grausam, und sie
versprach ohne Zgern, dem Gebot des Vaters Folge zu leisten. Die andre
aber hatte ein weicheres Gemt, und der Vater sah, da sie berlegte, ehe
sie das Versprechen gab. Deshalb vermachte er ihr nur ein Drittel der
Erbschaft; und die lteste erhielt also gerade noch einmal so viel wie die
jngste.

>Auf dich kann ich mich verlassen wie auf einen Mann, das wei ich,< sagte
der Riese, >und deshalb erhltst du den Bruderteil.<

Gleich darauf starb der Riese, und lange Zeit hielten die beiden Tchter
gewissenhaft ihr Gelbde. Mehr als ein armer Holzfller oder Jger
entdeckte das Kupfererz, das an mehreren Stellen ganz an der Oberflche der
Berge lag; aber kaum war er zu Hause angelangt und hatte den Seinigen
mitgeteilt, was er gesehen hatte, als ihm auch schon ein Unglck zustie.
Entweder wurde er von einem strzenden Baum erschlagen oder unter einem
Bergsturz begraben. Nie hatte er Zeit, einem andern Menschen zu zeigen, wo
der Schatz in der Wildnis zu finden war.

[Illustration: Die Geschichte von der Grube zu Falun (Zu Seite 268)]

Zu jener Zeit war es allgemein Brauch im Lande, da die Bauern im Sommer
ihr Vieh weit hinein in die Wlder auf die Weide schickten. Die
Hirtenmdchen zogen mit aus, sie zu bewachen, sie zu melken und Butter und
Kse zu bereiten. Und damit die Leute und das Vieh ein Obdach in der
Einde htten, rodeten die Bauern mitten in der Wildnis ein Stck Wald um
und errichteten ein paar kleine Blockhuser, die sie Sennhtten nannten.

Nun aber hatte einmal ein Bauer, der am Dallf im Kirchspiel Torsng
wohnte, seine Sennhtten drben am Runnsee errichtet, wo der Boden so
steinig war, da ihn bis dahin niemand urbar zu machen versucht hatte. In
einem Herbst begab sich der Bauer mit zwei Lastpferden nach der Viehweide,
um beim Heimschaffen des Viehs, der Butterfsser und der Kslaibe zu
helfen. Als er das Vieh zhlte, bemerkte er, da einer der Geibcke ganz
rote Hrner hatte.

>Was hat denn der Geibock Kre fr merkwrdig rote Hrner?< fragte der
Bauer die Sennerin.

>Ich wei nicht, was es ist,< antwortete das Mdchen. >Den ganzen Sommer
hindurch ist er jeden Abend mit solchen roten Hrnern zurckgekommen. Er
glaubt gewi, das sei schn.<

>Meinst du?< fragte der Bauer.

>Ach, dieser Bock ist eine eigensinnige Kreatur; ich mag ihm die roten
Hrner noch so oft abreiben, sofort luft er wieder davon und macht sie
sich von neuem rot.<

>Reibe die rote Farbe noch einmal ab,< sagte der Bauer. >Dann will ich
sehen, woher er sie bekommt.<

Kaum hatte das Mdchen die Hrner abgerieben, als der Bock auch schon
wieder rasch in den Wald hineinsprang. Der Bauer lief hinter ihm her, und
als er den Bock einholte, rieb dieser eben seine Hrner an einigen roten
Steinen. Der Bauer hob die Steine auf, leckte und roch daran und war
berzeugt, da er hier Erz gefunden htte.

Whrend er noch dastand und ber die Sache nachdachte, rollte dicht neben
ihm ein Felsblock den Berg herunter. Der Bauer sprang auf die Seite und
rettete sich, der Bock Kre aber wurde getroffen und erschlagen; und als
der Bauer den Abhang hinaufschaute, sah er ein groes, starkes Riesenweib,
das eben im Begriff war, einen zweiten Felsblock auf ihn herunter zu
wlzen.

>Was tust du denn?< rief der Bauer. >Ich habe doch weder dir noch den
Deinigen etwas zuleide getan.<

>Das wei ich wohl,< erwiderte die Riesin. >Aber ich mu dich umbringen,
weil du meinen Kupferberg entdeckt hast.< Sie sagte dies mit so betrbter
Stimme, wie wenn sie den Bauern ganz gegen ihren Willen tten msse, und so
fate sich dieser ein Herz und knpfte ein Gesprch mit ihr an. Da erzhlte
sie ihm von dem alten Riesen, ihrem Vater, von dem Versprechen, das sie
hatte geben mssen, und von der Schwester, die den Bruderteil bekommen
hatte.

>Ach, es ist mir in der Seele zuwider, wenn ich die armen unschuldigen
Trpfe, die meinen Kupferberg entdecken, immer gleich umbringen mu, und
ich wnschte, ich htte die Erbschaft gar nicht angetreten,< sagte die
Riesin. >Aber was ich versprochen habe, mu ich halten.< Und damit machte
sie sich wieder an dem Felsblock zu schaffen.

>Habe es nur nicht gar so eilig!< rief der Bauer. >Mich brauchst du deines
Versprechens wegen nicht umzubringen, denn ich habe ja das Kupfer nicht
entdeckt; der Bock ist es gewesen, und ihn hast du doch schon erschlagen.<

>Meinst du, ich knnte mir daran gengen lassen?< fragte die Riesentochter
mit zweifelnder Stimme.

>Ja, sicherlich,< antwortete der Bauer. >Du hast dein Versprechen treulich
gehalten, mehr kann niemand von dir verlangen.< Und er redete ihr so
verstndig zu, bis sie ihn wirklich am Leben lie.

Zu allererst zog der Bauer nun mit seinem Vieh heimwrts. Dann ging er
hinunter in den Bergwerkdistrikt und dingte sich da ein paar Bergleute.
Diese halfen ihm, an der Stelle, wo der Bock erschlagen worden war, nach
dem Erz zu schrfen. Im Anfang hatte er Angst, er wrde noch nachtrglich
erschlagen; aber die Riesentochter war der ewigen Bewachung ihres
Kupferbergs berdrssig geworden, und deshalb tat sie ihm nie etwas zuleid.

Die Erzader, die der Bauer entdeckt hatte, lief an der Oberflche des
Berges hin. Das Ausbrechen des Erzes war deshalb weder eine schwierige noch
eine mhselige Arbeit. Der Bauer und die Knechte schleppten Holz aus dem
Walde herbei, schichteten groe Holzste auf dem Kupferberg auf und
zndeten sie an. Von der Hitze zersprang das Gestein, und nun konnten sie
leicht zu dem Erz gelangen. Hierauf luterten sie das Erz so lange immer
wieder in einem andern Feuer, bis sie das reine Kupfer von allen Schlacken
befreit hatten.

In frheren Zeiten verwendeten die Leute noch viel mehr Kupfer zum
tglichen Gebrauch als heutzutage. Kupfer war deshalb eine sehr gesuchte,
ntzliche Ware, und der Bauer, dem die Grube gehrte, wurde bald ein
steinreicher Mann. Er baute sich einen groen prchtigen Hof, und die Grube
nannte er nach dem Bock das Krerbe. Wenn er nach Torsng in die Kirche
fuhr, war sein Pferd mit Silber beschlagen, und bei der Hochzeit seiner
Tochter lie er aus zwanzig Tonnen Malz Bier brauen und zehn groe Ochsen
am Spiee braten.

Zu jener Zeit blieben die Leute meistens ruhig daheim, jeder in seinem
eigenen Bezirk, und die Neuigkeiten verbreiteten sich nicht so hurtig wie
jetzt. Aber das Gercht von der Kupfergrube drang doch allmhlich zu vielen
Menschen, und wer nichts Wichtigeres zu tun hatte, machte sich auf den Weg
hinauf nach Dalarna. Auf dem Krerbe wurden alle bedrftigen Wanderer gut
aufgenommen. Der Bauer nahm sie in seinen Dienst, gab ihnen einen guten
Lohn und lie sie Erz fr ihn graben. Es gab genug, ja bergenug Erz, und
je mehr Leute der Bauer beschftigte, desto reicher wurde er.

Eines Abends, so geht die Sage, kamen vier starke Mnner mit dem
Bergmannspickel ber der Schulter zum Krerbe gewandert. Sie wurden
freundlich aufgenommen wie alle andern, aber als der Bauer sie fragte, ob
sie fr ihn arbeiten wollten, verneinten sie es rundweg.

>Wir wollen auf eigene Rechnung Erz graben,< sagten sie.

>Ihr wit doch wohl, da der Erzberg mir gehrt?< fragte der Bauer.

>Wir wollen gar nichts aus deiner Grube holen,< entgegneten die Fremden.
>Der Berg ist gro; und an dem, was frei und unbeschtzt in der Wildnis
liegt, haben wir ebensoviel Anrecht wie du.<

Mehr wurde nicht ber die Sache geredet, und der Bauer bezeigte den Fremden
auch jetzt noch alle Gastfreundschaft. Frh am nchsten Morgen zogen die
Fremden zur Arbeit aus; eine Strecke weiterhin fanden sie wirklich
Kupfererz und fingen an, es auszubrechen. Nachdem sie so ein paar Tage
gearbeitet hatten, kam der Bauer zu ihnen heraus.

>Der Berg ist sehr reich an Erz,< sagte er.

>Ja, da mssen noch viele Leute fleiig sein, bis dieser Schatz gehoben
ist,< erwiderten die Fremden.

>Das wei ich wohl,< sagte der Bauer, >aber ich meine doch, ihr solltet mir
von dem Erz, das ihr ausbrecht, eine Abgabe zahlen, denn mir habt ihr es zu
verdanken, da ihr berhaupt hier arbeiten knnt.<

>Wir wissen nicht, was du damit sagen willst,< entgegneten die Mnner.

>Nun, ich habe doch den Berg durch meine Klugheit erlst,< sagte der Bauer.
Und dann erzhlte er den Fremden von den beiden Riesentchtern und dem
Bruderteil.

Die Mnner hrten aufmerksam zu; aber was sie sich aus der Erzhlung
merkten, war etwas ganz andres, als was der Bauer gemeint hatte.

>Ist es auch gewi, da die andre Riesentochter gefhrlicher ist als die,
mit der du zusammengetroffen bist?< fragten sie.

>Jawohl, und sie wrde euch nicht verschonen,< lautete die Antwort des
Bauern.

Damit verlie er die Mnner, beobachtete sie aber doch noch aus der Ferne.
Nach einer Weile sah er, da sie ihre Arbeit einstellten und in den Wald
hineinwanderten.

Als an diesem Abend der Bauer mit seinen Leuten beim Abendessen sa, drang
pltzlich lautes Wolfsgeheul aus dem Walde heraus. Und durch das Heulen der
wilden Tiere hindurch ertnten menschliche Hilferufe. Rasch sprang der
Bauer auf, aber die Knechte schienen keine Lust zu haben, ihm zu folgen.
>Es geschieht dem Diebsgesindel ganz recht, wenn es von den Wlfen
zerrissen wird,< sagten sie.

>Wer in Not ist, dem mu man beistehen,< sagte der Bauer und begab sich
rasch mit allen seinen fnfzig Knechten in den Wald.

Dort sahen sie gleich ein groes Rudel Wlfe, die umeinander sprangen und
sich um eine Beute balgten. Nachdem die Knechte die Wlfe
auseinandergejagt hatten, lagen vier menschliche Krper auf der Erde, die
so entsetzlich zugerichtet waren, da man sie nicht htte erkennen knnen,
wenn nicht vier Bergmannspickel daneben gelegen htten.

[Illustration]

Nach diesem Ereignis verblieb der Kupferberg im Besitz des einen Bauern bis
an dessen Tod. Hierauf bernahmen ihn die Shne; diese lieen die Grube
gemeinsam bearbeiten; alles Erz, das im Laufe des Jahres gewonnen worden
war, wurde in Haufen geteilt, um diese das Los geworfen, und dann schmolz
jeder das Kupfer in seiner eigenen Htte aus. Sie alle wurden mchtige
Bergleute und bauten sich groe stattliche Hfe. Nach ihnen kamen deren
Erben an die Reihe; diese ffneten neue Grubenschchte und vermehrten den
Erzgewinn. Mit jedem Jahre nahm die Grube an Umfang zu, und immer mehr
Bergwerkleute hatten teil daran. Die einen wohnten ganz in der Nhe, andre
hatten ihre Hfe und Schmelzfen im ganzen Bezirk ringsumher. Es entstand
allmhlich eine Anzahl Drfer, und alles zusammen bekam den Namen
Groer-Kupferbergwerkbezirk.

Nun darf man aber eins nicht vergessen. Das Erz lag an der Oberflche des
Berges, und man konnte es herausbrechen wie die Steine aus einem
Steinbruch. Mit der Zeit aber nahm das ein Ende, und nun waren die
Grubenarbeiter gezwungen, das Erz tief unter der Erde zu suchen. Mit Hilfe
von tiefen Schchten und langen, gewundenen Gngen muten sie sich in die
dunkeln Eingeweide der Erde hineinwhlen, dort ihre Minen legen und das Erz
heraussprengen. Das Sprengen ist an und fr sich ein sehr mhseliges und
schweres Stck Arbeit, und sie wird noch beschwerlicher, weil der Rauch
nicht abziehen kann; dazu kommt dann noch das Herausschaffen des Erzes auf
steilen Leitern. Je tiefer es ins Innere der Erde hineinging, desto
gefhrlicher war die Arbeit. Manchmal drangen reiende Wildwasser aus einem
Winkel in die Grube hinein, manchmal strzte die Decke ber den Arbeitern
zusammen. Dadurch war die Arbeit in der groen Grube schlielich so
berchtigt, da sich niemand freiwillig dazu hergeben wollte. Nun bot man
zum Tode verurteilten Verbrechern und vogelfreien Menschen, die den Wald
unsicher machten, an, ihnen ihre Missetaten zu vergeben, wenn sie
Grubenarbeiter in Falun werden wollten.

Seit vielen, vielen Jahren hatte niemand mehr daran gedacht, den Bruderteil
zu suchen. Aber unter den vogelfreien Mnnern, die zum Groen Kupferberg
kamen, gab es auch solche, die ein ordentliches Abenteuer mehr schtzten
als ihr Leben, und sie streiften oft im Walde umher, in der Hoffnung, den
andern Kupferberg, den Bruderteil, zu finden.

Wie es allen denen, die suchten, erging, wei niemand, aber eine Geschichte
von ein paar Grubenarbeitern hat sich noch erhalten. Diese Arbeiter kamen
eines Abends ganz spt zu ihrem Herrn und erzhlten, sie htten eine
gewaltige Erzader im Walde entdeckt. Sie htten den Weg bezeichnet, und am
nchsten Tage wollten sie ihrem Herrn die Ader zeigen. Aber der nchste Tag
war ein Sonntag, und an diesem Tag wollte der Herr nicht in den Wald und
Erz suchen; statt dessen ging er mit allen seinen Leuten in die Kirche. Es
war Winter, und die ganze Schar nahm ihren Weg ber den Varpansee. Auf dem
Hinweg ging alles gut, aber auf dem Rckweg gerieten jene beiden Mnner in
eine Wake und ertranken. Da begannen die Leute sich an die alte Sage von
dem Bruderteil zu erinnern, und sie raunten einander zu, diese Mnner seien
ganz gewi darauf gestoen.

Um die Schwierigkeiten bei der Grubenarbeit nach Mglichkeit zu heben,
lieen die Bergwerkbesitzer erfahrne Bergleute aus dem Auslande kommen; und
diese fremden Meister unterrichteten die Leute in Falun, Fahrknste in die
Gruben zu bauen, mit denen man das Wasser herauspumpen und das Erz
heraufwinden konnte. Die Fremden glaubten nicht so recht an die Sage von
den Riesentchtern: aber das wollten sie gerne glauben, da sich irgendwo
in der Nhe noch eine mchtige Erzader finden knnte, und sie suchten auch
eifrig danach. Eines Abends kam denn auch ein deutscher Obersteiger in das
Gasthaus bei der Grube und sagte, er habe den Bruderteil gefunden. Aber der
Gedanke an den groen Reichtum, den er jetzt gewinnen wrde, machte ihn
vollstndig verwirrt und unzurechnungsfhig. An demselben Abend hielt er
ein groes Gelage in dem Wirtshaus; er trank und tanzte und spielte, und
schlielich entstand Streit und Schlgerei, und der Deutsche wurde von
einem seiner Saufkumpane erstochen.

Aus dem Groen-Kupferbergwerk wurde noch immer so viel Erz gebrochen, da
diese Grube fr die reichste im ganzen Lande galt. Sie war nicht allein fr
die nchste Umgebung eine Quelle unversiegbaren Reichtums,-- auch die
Abgaben, die davon erhoben wurden, waren in schweren Zeiten eine groe
Hilfe fr das schwedische Reich. Durch die Grube entstand nach und nach die
Stadt Falun, die Grube selbst galt fr eine Merkwrdigkeit ersten Ranges
und war so nutzbringend, da selbst die Knige nach Falun zu reisen
pflegten, um sie zu sehen, ja, sie nannten sie geradezu das Glck und die
Schatzkammer des Sveareiches.

Einer der letzten, der den Bruderteil sah, war ein junger Faluner Bergmann
aus einer vornehmen, reichen Familie, der einen Hof und einen Schmelzofen
in der Stadt besa. Er wollte eine schne Bauerntochter von Leksand
heiraten, und so machte er sich eines Tages dorthin auf den Weg. Er brachte
seine Werbung vor; sie aber sagte, wenn er sich nicht entschlieen knnte,
von Falun wegzuziehen, wolle sie ihn nicht heiraten. In Falun liege der
Rauch aus den Schmelzfen dick und drckend ber der Stadt, und es werde
ihr schon ganz schwer ums Herz, wenn sie nur daran denke.

Der Bergmann hatte das Mdchen sehr lieb, und auf dem Rckweg war er tief
betrbt. Er hatte von jeher in Falun gewohnt, und es war ihm noch nie der
Gedanke gekommen, es knnte jemand schwer fallen, da zu leben. Als er sich
aber jetzt der Stadt nherte, erstaunte er ber die Maen. Aus der groen
Grubenffnung, aus den hundert Schmelzfen ringsum wallte ein schwarzer,
beiender Schwefelrauch heraus und hllte die ganze Stadt wie in einen
Nebel ein. Der Rauch hinderte die Pflanzen am richtigen Wachstum, kahl und
de lagen die Felder ringsumher. berall sah der Bergmann von schwarzen
Kohlenschuppen umgebene Schmelzfen, aus denen die Flammen herausschlugen,
und zwar nicht allein hier in der Stadt und in deren nchster Umgebung,
sondern in der ganzen Umgegend bei Grycksbo, bei Bengtsarvet, bei
Bergsgrden, bei Stennset, bei Korsns, in Vika, selbst bis nach Aspeboda.
Ja, nun verstand er es: wer gewohnt war, im hellen Sonnenschein an den
grnen Ufern des glnzenden Siljansees zu wohnen, der konnte hier unten
nicht gedeihen.

Der Anblick der Stadt stimmte ihn noch trauriger, als er schon vorher
gewesen war. Er hatte keine Lust, gleich nach Hause zu gehen, sondern wich
vom Wege ab und wanderte in den Wald hinein. Hier streifte er den ganzen
Tag umher, ohne daran zu denken, wohin er ging.

Gegen Abend stand er pltzlich vor einer Bergwand, die wie lauteres Gold
glnzte, und als er nher hinsah, entdeckte er, da der Glanz von einer
groen Kupferader herrhrte. Zuerst freute er sich ber die Entdeckung;
aber dann fiel ihm die Sage von dem Bruderteil ein, der schon so vielen zum
Verderben gereicht hatte, und da erschrak er im tiefsten Innern. >Heute bin
ich wirklich vom Unglck verfolgt,< dachte er. >Vielleicht mu ich nun auch
noch das Leben lassen, weil ich den Reichtum hier entdeckt habe.<

Rasch wendete er sich ab und machte sich auf den Heimweg. Nach einer Weile
begegnete er einer groen starken Frau. Sie sah aus, als knnte sie die
ehrfurchtgebietende Mutter eines Bergmanns sein; aber er konnte sich nicht
erinnern, sie je gesehen zu haben.

>Ich mchte wohl wissen, was du im Walde vorgehabt hast, denn ich habe dich
den ganzen Tag darin umherstreifen sehen?< sagte die Frau.

>Ich habe mich nach einem Bauplatz umgesehen, denn das Mdchen, das ich
liebe, will nicht in Falun wohnen,< antwortete der Bergmann.

>Hast du nicht im Sinn, Erz aus dem Kupferberg zu brechen, den du vorhin
entdeckt hast?< fragte sie weiter.

>Nein, ich mu die Grubenarbeit aufgeben, sonst bekomme ich das Mdchen,
das ich liebe, nicht.<

>Nun, dann halte dein Wort, und es wird dir nichts Bses widerfahren,<
sagte die Frau; und damit verlie sie ihn.

Er aber beeilte sich, das zu verwirklichen, was er nur aus Not als Ausrede
gesagt hatte. Er gab die Grubenarbeit auf und baute sich weit entfernt von
Falun einen Hof. Da hatte sie, die er liebte, nichts mehr gegen seine
Werbung; sie wurde seine Frau und zog mit ihm.

Damit endigte die Erzhlung des Raben. Der Junge hatte sich wirklich die
ganze Zeit wach erhalten, trotzdem aber hatte er sein Werkzeug nicht
besonders fleiig gehandhabt.

Nun, wie ging es dann spter? fragte er, als der Rabe zu sprechen
aufgehrt hatte.

Ach, seit jener Zeit ist es mit dem Kupfergewinn rckwrts gegangen. Die
Stadt steht allerdings noch, aber die alten Schmelzfen sind nicht mehr da.
Die ganze Gegend ist mit alten Bergmannshfen berst, aber die darin
wohnen, mssen Land- und Forstwirtschaft betreiben. Die faluner Grube ist
nchstens erschpft, und es wre jetzt notwendiger als je, da man den
Bruderteil fnde.

Ob wohl dieser Bergmann, von dem du eben erzhlt hast, der letzte gewesen
ist, der ihn gesehen hat? fragte der Junge.

Sobald du ein Loch in die Wand gehauen und mich befreit hast, werde ich
dir sagen, wer dieser letzte gewesen ist, antwortete der Rabe.

Der Junge fuhr zusammen und begann sein Stemmeisen wieder rascher zu
handhaben. Es war ihm gewesen, als ob Bataki dies letzte in einem
merkwrdig bedeutungsvollen Ton gesagt htte, beinahe wie wenn er dem
Jungen zu verstehen geben wollte, er selbst, der Rabe, habe die groe
Erzader gesehen. Mochte er wohl eine Absicht gehabt haben, als er ihm diese
Geschichte erzhlt hatte?

Du bist gewi viel in dieser Gegend umhergestreift? fragte der Junge, um
etwas Nheres zu erfahren. Und whrend du ber die Berge und Wlder
hingeschwebt bist, hast du gewi allerlei gefunden?

Allerdings, und ich knnte dir viel Merkwrdiges zeigen, wenn du nur erst
mit dieser Arbeit fertig wrest, sagte der Rabe.

Jetzt hackte der Junge mit einem Eifer darauf los, da die Spne nur so
flogen. Ganz gewi hatte der Rabe den Bruderteil gefunden!

Da ist es nur schade, da du als Rabe gar keinen Nutzen aus dem Reichtum
ziehen kannst, sagte der Junge.

Ich spreche jetzt nicht weiter ber die Sache, bis ich sehe, ob du
wirklich ein Loch zustande bringst, durch das ich hinausschlpfen kann,
entgegnete Bataki.

Der Junge arbeitete und arbeitete; schlielich wurde das Eisen ganz hei in
seiner Hand. Er glaubte, die Absicht des Raben zu erraten. Dieser konnte
doch nicht selbst Erz ausbrechen, und da hatte er gewi im Sinn, seine
Entdeckung ihm, Nils Holgersson, zu vermachen. Das war das glaubwrdigste
und natrlichste. Aber wenn der Junge dann das Geheimnis kannte, dann wute
er, was er tat: sobald er seine menschliche Gestalt wieder erlangt htte,
wrde er hierher zurckkehren, den groen Reichtum zu heben. Und wenn er
dann genug Geld erworben htte, kaufte er das ganze Kirchspiel
Westvemmenhg und baute sich da ein Schlo, so gro wie Vittskvle. Und
eines schnen Tages lde er dann den Husler Holger Nilsson und dessen Frau
aufs Schlo ein. Wenn diese ankmen, stnde er auf der Freitreppe und
sagte: Bitte, treten Sie ein und tun Sie, als ob Sie zu Hause wren! Sie
erkennten ihn natrlich nicht, sondern fragten sich nur immer wieder, wer
denn der feine Herr sei, der sie eingeladen habe. Und dann fragte der feine
Herr: Wrden Sie nicht gerne auf so einem Schlosse wie diesem hier
wohnen?-- Doch, das versteht sich von selbst, aber das ist nichts fr
uns, antworteten sie.-- Doch, doch, Sie sollen das Schlo hier als
Zahlungsstatt bekommen fr den groen weien Gnserich, der im vorigen
Jahre davongeflogen ist, antwortete dann der feine Herr.....

Der Junge bewegte sein Eisen immer hurtiger. Das zweite, wozu er sein Geld
anwenden wrde, wre, fr das Gnsemdchen sa und Klein-Mats ein neues
Huschen auf der Heide von Sunnerbo zu bauen. Natrlich ein viel schneres
und greres als das alte. Und dann wollte er den ganzen Tkern kaufen, und
dann.....

Jetzt mu ich deinen Flei tatschlich loben, sagte der Rabe. Ich
glaube, das Loch ist schon gro genug.

Und der Rabe konnte sich wirklich hindurchzwngen. Der Junge folgte ihm,
und da sah er Bataki ein paar Schritte entfernt auf einem Stein sitzen.

Jetzt werde ich mein Versprechen halten, Dumling, begann Bataki in
hchst feierlichem Ton, und dir sagen, da ich selbst den Bruderteil
gesehen habe. Aber ich mchte dir nicht raten, ihn zu suchen, denn ich habe
mich viele Jahre lang abgemht, bis ich ihn gefunden hatte.

Ich dachte, du wrdest mir zur Belohnung fr meine Hilfe zeigen, wo er
ist, sagte der Junge.

Ach, Dumling, du mut doch schrecklich schlfrig gewesen sein, whrend
ich von dem Bruderteil erzhlte, sagte Bataki. Sonst knntest du so etwas
nicht erwarten. Hast du denn nicht gehrt, da alle, die offenbaren
wollten, wo der Bruderteil sich befnde, das Leben eingebt haben? Nein,
mein Freund, Bataki hat in seinem langen Leben gelernt, den Mund zu
halten.

Damit breitete Bataki seine Flgel aus und flog davon.

Dicht neben der Schwefelkche schlief Mutter Akka; aber es dauerte eine
gute Weile, bis der Junge zu ihr trat und sie weckte. Er war verstimmt und
betrbt, weil er um den groen Reichtum gekommen war, und er hatte jetzt
das Gefhl, als habe er nicht das geringste, worber er sich freuen knnte.

Im brigen glaube ich gar nicht an die Geschichte mit den Riesentchtern
und ebensowenig an die Wlfe und an das trgerische Eis, sagte er vor sich
hin. Natrlich sind die armen Grubenarbeiter, als sie die reiche Erzader
mitten im wilden Wald entdeckten, vor lauter Freude ganz von Sinnen
gekommen und haben deshalb spter den rechten Platz nicht mehr finden
knnen. Und dann hat sie die Enttuschung so vollstndig berwltigt, da
sie einfach nicht mehr leben konnten. Denn ganz so ist es mir jetzt
zumute.

[Illustration]




31

Walpurgisnacht


                                                  Samstag, 30. April

Auf einen Tag im Jahre freuen sich die Kinder in Dalarna ebensosehr wie auf
den Weihnachtsabend. Das ist die Walpurgisnacht, wo sie ringsumher im Lande
Freudenfeuer anznden drfen.

Schon wochenlang vorher denken die Jungen und Mdchen an nichts weiter, als
nur recht viel Holz zu den Walpurgisfeuern zusammenzutragen. Sie gehen in
den Wald und sammeln drre Zweige und Tannenzapfen, sie sammeln Spne beim
Schreiner und Knppel und Rinde und Holzknorren beim Holzfller. Alle Tage
gehen sie zum Kaufmann und betteln um alte Kisten; und wenn eines irgendwo
eine alte Teertonne ergattert hat, dann versteckt es sie als seinen grten
Schatz und wagt erst in der letzten Stunde damit herauszurcken, gerade ehe
die Feuer angezndet werden sollen. Die kleinen Reisigzweige, mit denen man
die jungen Bohnen und Erbsen sttzt, sind in groer Gefahr, desgleichen
auch alle die alten herausgerissenen Zaunpfhle, alles zerbrochene
Holzgeschirr und alle auf dem Felde vergessenen Heureiter.

Wenn der groe Abend endlich da ist, haben in jedem Dorfe die Kinder
entweder auf einem Hgel oder auch am Seeufer aus drren Zweigen und Reisig
und allem mglichen nur erdenklichen Brennbarem einen groen Haufen
aufgeschichtet. An einzelnen Orten haben sie sogar zwei, ja drei Holzste;
denn manchmal entzweien sich die Mdchen und Knaben schon beim Sammeln des
Holzes, oder die Kinder vom sdlichen Teil des Dorfes wollen das Feuer bei
sich haben, aber die Kinder vom nrdlichen Teil gehen nicht darauf ein und
verschaffen sich deshalb ihr Feuer auf eigene Rechnung.

Die Holzste sind meist schon frh am Nachmittag fertig; und dann
versammeln sich alle Kinder mit Zndholzschachteln in der Tasche um sie
herum und warten ungeduldig auf den Einbruch der Dunkelheit. Um diese
Jahreszeit ist es in Dalarna so schrecklich lang Tag! Um acht Uhr abends
fngt es kaum erst an zu dmmern. Kalt und feucht ist es drauen, denn es
ist ja noch halb Winter, und den Kindern wird die Zeit lang. Auf den freien
Pltzen und auf den offenen Feldern ist aller Schnee schon geschmolzen, und
mitten am Tage wenn die Sonne hoch am Himmel steht, ist es auch ganz
behaglich warm; aber in den Wldern liegen noch groe Schneewehen, die Seen
sind noch mit Eis bedeckt, und in der Nacht sinkt das Thermometer hufig
immer noch mehrere Grade unter Null herab. Deshalb wird ab und zu auch
einmal ein Feuer angezndet, ehe es so recht dunkel ist. Aber nur die
kleinsten und ungeduldigsten Kinder bereilen sich in dieser Weise; die
groen warten, bis die Nacht vollstndig hereingebrochen ist, damit sich
die Feuer recht groartig ausnehmen.

Endlich ist die richtige Stunde gekommen. Jedes Kind, es mag einen noch so
kleinen Zweig zum Holzsto beigetragen haben, ist anwesend; nun zndet der
lteste Junge einen Strohwisch an und steckt ihn unten in den Haufen
hinein. Sogleich beginnt das Feuer zu arbeiten; es knattert und knistert im
Reisig; der Rauch wallt schwarz und drohend auf; endlich dringen die
Flammen oben aus dem Reisighaufen heraus; hell und klar steigen sie auf
einmal mehrere Meter in die Hhe, so da sie in der ganzen Gegend gesehen
werden knnen.

Wenn die Kinder eines Dorfes ihren eignen Holzsto in vollen Brand gesetzt
haben, nehmen sie sich Zeit, sich umzusehen. Ja, dort brennt ein Feuer, und
dort drben ein zweites! Jetzt flammt eins auf dem Hgel dort auf, und
jetzt eins ganz droben auf dem Berge! Alle Kinder hoffen, ihr eignes Feuer
werde das grte und hellste sein; und sie haben so groe Angst, es knnte
die andern mglicherweise nicht bertreffen, da sie jetzt in der letzten
Stunde nach den Husern rennen und Vater und Mutter noch um ein paar
Bretterstumpen oder um etwas Brennholz bitten.

Wenn das Feuer eine Weile gebrannt hat, kommen die Erwachsenen und die
alten Leute auch herbei, es sich anzusehen. Aber das Feuer ist nicht allein
schn und hell, es verbreitet auch eine schne gute Wrme und verlockt
dadurch die Zuschauer, sich auf den Steinen und Erdhgeln ringsum
niederzulassen. Da sitzen sie und schauen in die Flammen, bis es einem
einfllt, es wre doch recht behaglich, wenn man an dem schnen Feuer ein
Schlchen Kaffee kochen wrde. Whrend der Kaffeekessel summt, erzhlt wohl
einer eine Geschichte; und wenn diese zu Ende ist, ist gleich wieder ein
andrer mit einer neuen bei der Hand.

Die Erwachsenen denken hauptschlich an den Kaffee und die Geschichten, die
Kinder aber suchen das Feuer mglichst lange in hellem Brand zu erhalten.
Dem Frhling ist es so schrecklich schwer geworden, den Schnee zu schmelzen
und das Eis aufzutauen. Wie schn wre es, wenn man ihm nun mit dem Feuer
ein wenig helfen knnte! Sonst kann er ja unmglich den Boden rechtzeitig
von der Klte befreien, damit Bume und Kruter auch rechtzeitig
ausschlagen knnen.

                  *       *       *       *       *

Die Wildgnse hatten sich fr die Nacht auf dem Eise des Siljansees
niedergelassen, und da ein schrecklich kalter Nordwind daherfegte, mute
der Junge unter den Flgel des weien Gnserichs kriechen. Aber er hatte
noch nicht lange dagelegen, als ihn ein Flintenschu auffahren lie. Rasch
glitt er unter dem Flgel hervor und sah sich erschrocken um.

Hier drauen auf dem Eise, wo die Gnse ruhten, war alles ganz still, so
sehr der Junge auch umhersphte, er konnte nirgends einen Jger entdecken.
Aber als er nach dem Lande hinschaute, nahm er etwas ganz Merkwrdiges
wahr; er meinte zuerst, er sehe eine Gespenstererscheinung, etwas in der
Art, wie damals die Stadt Vineta, oder den Garten bei Gro-Djul.

Am Nachmittag waren die Gnse mehrere Male ber dem groen See hin und her
geflogen, ehe sie den Platz gewhlt hatten, wo sie sich niederlassen
wollten. Und da hatten sie dem Jungen die groen Kirchen und Drfer
gezeigt, die an den Ufern des Sees lagen. Er hatte Leksand, Rttvik, Mora
und die Soller gesehen. Die Kirchendrfer waren sehr gro, sie sahen wie
richtige Landstdte aus, und der Junge hatte sich sehr verwundert, wie
dicht bebaut dies Land hier im Norden war. Die ganze Gegend erschien ihm
viel freundlicher und lachender, als er erwartet hatte; er hatte durchaus
nichts Unheimliches oder Schreckeneinjagendes entdecken knnen.

Aber jetzt, in der dunkeln Nacht, flammte an diesen selben Ufern ein groer
Kranz von hellen Feuern auf. berall sah man sie lodern: in Mora am
nrdlichen Ende des Sees, am Ufer der Soller in Vikarby, auf der Hhe ber
dem Dorfe Sjurberg, auf dem Kirchenplatz ganz drauen auf der Landzunge bei
Rttvik, auf dem Lerdalberg, und dann weiterhin auf allen Landzungen und
Hgeln bis hinunter nach Leksand. Der Junge zhlte mehr als hundert Feuer;
er konnte ganz und gar nicht begreifen, wo sie hergekommen wren, und ob
nicht Hexerei und Zauberkunst mit im Spiele sei.

Bei dem Schu waren auch die Wildgnse erwacht, aber sobald Akka einen
Blick auf den Strand geworfen hatte, sagte sie: Die Menschenkinder treiben
heute Kurzweil. Hierauf steckten alle Wildgnse die Kpfe aufs neue unter
die Flgel und schliefen sogleich wieder ein.

Der Junge aber betrachtete die Feuer, die das ganze Ufer wie eine lange
Reihe von goldenen Kleinodien schmckten, und wie eine Motte wurde er von
dem Licht und der Wrme unwiderstehlich angezogen; er wre gern nher
hingegangen, aber er wute nicht recht, ob er die Gnse ohne Gefahr
verlassen knnte. Ein Schu um den andern tnte zu ihm herber, und da er
jetzt wute, da keine Gefahr damit verbunden war, lockten ihn auch diese.
Die Leute dort drben bei den Feuern schienen so vergngt zu sein, da sie
sich am Lachen und Jubeln nicht gengen lassen konnten, sie muten auch
noch Freudenschsse abfeuern. Und jetzt wurden bei einem Feuer, das auf
einem Berg brannte, berdies noch Raketen abgebrannt. Dort hatten sie ein
riesiges Feuer, und es lag hoch droben; aber das war ihnen noch nicht
genug, sie wollten es noch schner haben. Bis hinauf in die Wolken des
Himmels sollte man sehen, wie vergngt sie wren.

Der Junge hatte sich ganz allmhlich dem Ufer genhert; da drang pltzlich
Gesang an sein Ohr, und jetzt hielt ihn nichts mehr zurck; er rannte dem
Lande zu, da mute er dabei sein.

Aus der Tiefe der Rttviker Bucht fhrt eine ungewhnlich lange
Dampfschiffbrcke ins Wasser hinaus; am uersten Ende dieser Brcke stand
eine Anzahl von Sngern, die in der spten Nachtstunde ihre Lieder ber den
See hinklingen lieen. Es war fast, als meinten sie, der Frhling schlafe,
den Wildgnsen gleich, drauen auf dem Eise des Siljansees, und sie mten
ihn wecken.

Die Snger huben an mit dem Lied: Ich wei ein Land weit droben im Nord!
Dann kam: Im Sommer gar schn, wenn die Erde sich freut, im Tal bei zwei
Flssen, den groen. Dann: Der Marsch geht nach Tuna! Hierauf: Freie,
groe, kecke Mnner, und zum Schlu: In Dalarna wohnten, in Dalarna
wohnen. Es waren lauter Lieder ber Dalarna. Auf der Brcke selbst brannte
kein Feuer, und die Snger konnten nicht weit umhersehen, aber mit den
Tnen tauchte vor ihnen und vor allen, die zuhrten, ihr Land auf, schner
und hinreiender, als wenn sie es beim Tageslicht gesehen htten. Es war,
als wollten sie den Frhling also anflehen: Sieh, solch ein Land wartet
auf dich! Willst du uns nicht zu Hilfe kommen? Willst du den Winter noch
lnger seinen Druck ber diese wunderschne Gegend ausben lassen?

Nils Holgersson lauschte dem Gesang unbeweglich bis zum Ende, dann erst
eilte er dem Lande zu. Ganz drinnen in der Bucht war das Eis schon
geschmolzen; es war aber hier so viel Sand angeschwemmt, da der Junge ganz
gut bis zu einem Feuer hingelangen konnte, das dicht am Uferrain lag.
Vorsichtig, vorsichtig schlich er sich immer nher heran, bis er die
Menschen, die neben dem Feuer standen oder saen, sehen und auch hren
konnte, was sie sprachen. Und wieder begann er sich ber das, was sie
sagten, zu verwundern und sich zu fragen, ob er nicht eine Spukerscheinung
vor sich habe. Noch nie hatte er Menschen in solchen Anzgen gesehen. Die
Frauen trugen schwarze spitzige Mtzen auf dem Kopf, kleine weie
Pelzjckchen, rosa Tcher um den Hals, grnseidene Leibchen und schwarze
Rcke mit einem wei, rot, grn und schwarz gestreiften Vorderblatt. Die
Mnner hatten runde Hte mit niedrigem Kopf, blaue Rcke mit rot
eingefaten Sumen, gelbe Lederhosen, die bis an die Kniee reichten und von
roten mit Qustchen gezierten Strumpfbndern festgehalten wurden. Der Junge
wute nicht, ob es nur von den Anzgen herkme, aber er meinte, diese
Menschen shen ganz anders aus als an andern Orten: viel stattlicher und
viel vornehmer. Er hrte, da sie miteinander sprachen, konnte aber lange
kein Wort verstehen. Da fielen ihm die schnen Kleider ein, die seine
Mutter in ihrer Truhe verwahrte und die seit ewiger Zeit niemand hatte
tragen wollen, und er fragte sich, ob er hier nicht am Ende Leute aus
frheren Zeiten vor sich habe, Leute, die in den letzten hundert Jahren
nicht mehr auf Erden geweilt htten.

Dies war jedoch nur ein Gedanke, der ihm durch den Kopf ging und gleich
wieder verschwand, denn er sah wohl, da diese Leute hier lebendige
Menschen waren. Die Ursache aber, warum der Junge so dachte, ist die, da
sich die Bewohner am Siljansee in ihrer Rede, in ihrer Tracht und in ihren
Sitten noch mehr von den vergangenen Zeiten bewahrt haben, als es an andern
Orten der Fall ist.

Bald wurde sich der Junge auch darber klar, da die Leute dort am Feuer
von alten Zeiten sprachen. Sie erzhlten, wie es ihnen in ihren jungen
Jahren ergangen sei, wo sie auf weiten Wegen in andre Landesteile htten
wandern mssen, um durch ihre Arbeit den ihrigen daheim das tgliche Brot
zu verschaffen. Der Junge hrte mehrere Leute ihre Geschichte erzhlen;
aber spter konnte er sich doch am besten an das erinnern, was eine ganz
alte Frau aus ihrem Leben mitgeteilt hatte.


Die Geschichte der Kerstis vom Moore

Meine Eltern hatten einen kleinen Hof in Ostbjrka, begann die Alte,
aber wir waren viele Geschwister, und die Zeiten waren sehr hart, deshalb
mute ich schon mit sechzehn Jahren in die Fremde hinaus. Wir zogen
miteinander, so ungefhr zwanzig junge Leute, von Rttvik aus; im Jahre
1845, am 14.April kam ich zum erstenmal nach Stockholm. Als Mundvorrat auf
der Reise hatte ich etwas Brot, ein Stck Kalbfleisch und etwas Kse.
Vierundzwanzig Groschen waren mein ganzer Geldvorrat. Die andern
Lebensmittel, die ich von Hause mitbekam, packte ich in meinen Reisesack
und schickte ihn samt meinem Arbeitsanzug mit einem Bauernwagen im voraus
nach Stockholm.

So schlugen wir denn alle zwanzig den Weg nach Falun ein; wir legten
tglich drei bis vier Meilen zurck, und so erreichten wir Stockholm am
siebenten Tage. Das war noch anders, als wenn die Mdchen sich heutzutage
nur auf die Eisenbahn setzen und dann hchst bequem in acht bis neun
Stunden an Ort und Stelle sind.

Als wir in Stockholm einzogen, riefen die Leute einander zu: >Seht, da
kommt das Dalregiment!< Und es war auch, als ob ein ganzes Regiment
dahermarschiert kme, als wir in unsern Schuhen mit den hohen Abstzen, in
die der Schuhmacher mindestens fnfzehn groe Ngel hineingeschlagen hatte,
durch die Straen schritten; und da wir die spitzigen Pflastersteine nicht
gewohnt waren, traten mehrere von uns hufig fehl und fielen zu Boden.

Wir gingen in ein Wirtshaus, in das >Weie Ro<, wo die Leute aus Dalarna
abzusteigen pflegten und das auf dem Sdermalm in der groen Badstrae lag.
Die Leute aus Mora wohnten in derselben Strae, in der >Groen Krone<.
Jetzt aber mute eilig etwas verdient werden, das kann ich euch sagen, denn
von den vierundzwanzig Groschen, die ich von daheim mitbekommen hatte,
waren nur noch achtzehn brig. Eines von den andern Mdchen sagte, ich
solle mich bei einem Rittmeister, der am Hornstull wohne, nach Arbeit
umsehen. Dort wurde ich auf vier Tage gedungen, whrend der ich in seinem
Garten graben und pflanzen mute. Als Lohn erhielt ich vierundzwanzig
Groschen, mute mich aber selbst verkstigen. Da konnte ich mir nur wenig
zum Essen kaufen, doch die kleinen Tchterchen der Herrschaft sahen, da
ich hungrig war; sie liefen in die Kche hinein und verlangten noch etwas
zum Essen fr mich, und so wurde ich doch satt.

Hierauf kam ich zu einer Frau in der Norrlandstrae. Da mute ich in einer
ganz miserabeln Kammer schlafen; die Muse zernagten mir meine Mtze und
mein Halstuch und fraen ein Loch in meinen Reisesack. Ich mute ihn mit
einem alten Stiefelschaft, den man mir gab, flicken. In diesem Haus hatte
ich nur auf vierzehn Tage Arbeit, und dann mute ich mit zwei Reichstalern
in der Tasche nach Hause wandern. Diesmal nahm ich den Weg ber Leksand und
hielt mich da in einem Dorfe namens Rnns ein paar Tage auf. Ich erinnere
mich, da die Leute dort Hafergrtze kochten, die mit Spreu und Kleie
vermischt war. Sie hatten nichts andres, und in jenen Tagen der Hungersnot
muten sie noch froh daran sein.

Ja, in jenem Jahr war es mir nicht gerade glnzend gegangen, aber im
nchsten ging es mir noch schlechter.

Seht, ich mute eben wieder ausziehen, denn sonst htten sie daheim nichts
zum Leben gehabt. Diesmal schlo ich mich an zwei andre Mdchen an, und wir
wanderten zusammen nach Hundiksvall. Bis dorthin waren es fnfundzwanzig
Meilen, und wir muten unsere Reisescke den ganzen Weg selber auf dem
Rcken tragen, denn jetzt hatten wir keinen Bauernwagen, der sie
mitgenommen htte.

Wir hatten gehofft, Gartenarbeit zu finden; aber als wir hinkamen, lag noch
berall der Schnee, und mit der Gartenarbeit war es nichts. Da ging ich
vors Dorf hinaus auf die groen Bauernhfe und bat flehentlich, man solle
mir doch irgend eine Arbeit geben. Ach, ihr lieben Leute, wie hungrig und
mde war ich, bis ich einen Hof fand, wo man mich behielt und mich um acht
Groschen am Tag Wolle krempeln lie! Spter fand ich schlielich doch auch
Arbeit in den Grten der Stadt, und da blieb ich bis Juli. Dann aber
berkam mich das Heimweh mit solcher Macht, da ich mich auf den Weg nach
Rttvik machte. Ich war ja damals erst siebzehn Jahre alt. Meine Schuhe
waren durchgelaufen, und so mute ich die vierundzwanzig Meilen barfu
zurcklegen. Aber ich wanderte frohen Herzens dahin, denn jetzt hatte ich
fnfzehn Reichstaler erspart, und fr meine kleinen Geschwister brachte ich
ein paar altbackene Weibrtchen und eine Tte voll Zuckerstckchen mit,
die ich mir zusammengespart hatte. So oft mir jemand zwei Stckchen Zucker
in meinen Kaffee gab, warf ich immer nur eines hinein und hob das andre
auf.

Ja, da sitzt ihr nun, ihr Mdchen, und wit nicht, wie sehr ihr dem lieben
Gott dafr danken solltet, da er uns bessere Zeiten gegeben hat, denn
damals folgte ein Hungerjahr auf das andre; alle jungen Leute in Dalarna
muten sich auswrts nach einem Verdienst umsehen. Im nchsten Jahre--
das war Anno 1847-- wanderte ich wieder nach Stockholm und arbeitete im
groen Hornberger Garten. Auer mir waren noch mehrere Mdchen da, und wir
hatten jetzt einen etwas besseren Taglohn, muten aber trotzdem tchtig
sparen. Wir sammelten im Gartenland alte Ngel und Knochen, die wir an den
Lumpensammler verkauften. Fr das Geld kauften wir uns dann eine Art
steinharten Zwieback, wie sie in der Militrbckerei fr die Soldaten
gebacken wurden. Ende Juli kehrte ich wieder nach Hause zurck, um daheim
bei der Ernte zu helfen. Diesmal hatte ich mir dreiig Reichstaler erspart.

Auch im folgenden Jahre mute ich auf den Verdienst ausziehen. Diesmal kam
ich zu einem Stallmeister, der vor Stockholm wohnte. In diesem Sommer war
Manver auf dem Lagrdsgrdet, und der Kellermeister schickte mich hinaus,
die Kche zu berwachen, die er in einem groen Rstwagen eingerichtet
hatte. Und wenn ich hundert Jahre alt werde, wird mir jener Tag
unvergelich sein, wo ich drauen im Lager vor dem Knig Oskar auf der Lur
blasen mute. Der Knig schickte mir einen ganzen Speziestaler zur
Belohnung.

Dann war ich mehrere Sommer nacheinander Fhrmdchen bei Brunswik; da
ruderte ich die Leute zwischen Albano und Haga ber. Dies war meine beste
Zeit; wir hatten die Luren mit im Boot, und manchmal nahmen die Reisenden
selbst die Ruder, damit wir ihnen auf den Luren blasen konnten. Als im
Herbst die Fhre eingestellt wurde, ging ich nach Uppland hinauf und half
in den Bauernhfen beim Dreschen. Gegen Weihnachten kehrte ich dann allemal
mit etwa hundert Reichstalern in der Tasche nach Hause zurck. Und dann
hatte ich beim Dreschen auch noch Saatkorn verdient; der Vater holte es ab,
sobald man mit dem Schlitten fahren konnte. Ja, seht, wenn ich und meine
Geschwister nicht mit unsern Sparpfennigen heimgekommen wren, dann htten
sie daheim nichts zu leben gehabt, denn die Ernte vom eigenen Boden war
meist gegen Weihnachten schon zu Ende, und zu jener Zeit baute man noch
nicht viel Kartoffeln. Dann mute man beim Kaufmann das Korn kaufen; wenn
aber die Tonne Roggen vierzig Reichstaler und der Hafer vierundzwanzig
Reichstaler kostete, dann galt es haushlterisch zu sein. Zu jener Zeit
wurde bei uns feingehacktes Stroh unter das Brotmehl gemischt. Dieses
Strohbrot glitt nicht leicht hinunter, das kann ich euch sagen; man mute
ordentlich Wasser dazu trinken, da man es berhaupt hinunterbrachte.

So wanderte ich jedes Jahr hin und her, bis ich mich verheiratete, und das
war im Jahre 1856. Jon und ich waren in Stockholm gute Freunde geworden.
Aber jedes Jahr, wenn ich wieder nach Hause ging, war mir immer ein wenig
bnglich ums Herz, die Stockholmer Mdchen knnten seine Gedanken von mir
abwendig machen. Sie nannten ihn den schnen Moor-Jon und den schnen
Dalmann, das wute ich. Doch in seinem Herzen wohnte keine Falschheit, und
als er sich genug erspart hatte, machten wir Hochzeit.

Whrend der nchsten Jahre herrschte lauter Freude und keine Sorge bei uns;
aber das dauerte nicht lange, 1863 starb Jon, und ich stand mit meinen
fnf Kindern allein auf der Welt. Es ging uns jedoch nicht einmal so
schlecht, denn in Dalarna waren bessere Zeiten angebrochen. Jetzt gab es
Kartoffeln und auch reichlich Getreide. Das war ein groer Unterschied
gegen die frheren Zeiten. Ich bewirtschaftete die kleinen cker, die ich
geerbt hatte, und hatte auch mein eigenes Huschen. So verging ein Jahr ums
andre, die Kinder wuchsen heran, und die von ihnen, die noch leben, sind
jetzt vermgliche Leute, Gott sei Dank! Sie knnen sich gar nicht so recht
vorstellen, wie knapp die Leute es hier in Dalarna gehabt haben, als ihre
Mutter noch jung war.

Damit schlo die Alte ihre Erzhlung. Whrend sie gesprochen hatte, war das
Feuer niedergebrannt. Jetzt standen alle auf und sagten, es sei Zeit, nach
Hause zu gehen. Der Junge ging wieder aufs Eis hinaus, sich nach seinen
Reisegefhrten umzusehen; aber whrend er so allein ber das Eis hinlief,
klang in seinen Ohren noch immer der Vers, den er die Leute auf der Brcke
hatte singen hren. In Dalarna wohnten, in Dalarna wohnen trotz Armut auch
Treue und Ehre... Dann kamen einige Verse, an die er sich nicht mehr
erinnern konnte, aber den Schlu wute er noch: Sie mischten mit Rinde
nicht selten ihr Brot, doch mchtigen Herren ward Hilfe in Not bei den
armen Mnnern in Dale.

Der Junge hatte nicht alles vergessen, was er einst in der Schule von den
Mnnern aus dem Hause Sture und von Gustav Wasa gehrt hatte, und er hatte
sich immer gewundert, warum sie gerade bei den Dalmnnern Hilfe gesucht
haben sollten. Aber jetzt verstand er es; denn in einem Lande, wo es solche
Frauen gab wie die Alte, die dort am Feuer ihre Geschichte erzhlt hatte,
muten ja die Mnner geradezu unbesiegbar sein.

[Illustration]




32

Vor den Kirchen


                                                  Sonntag, 1. Mai

Als der Junge am nchsten Morgen erwachte und aufs Eis hinunterglitt, mute
er hell auflachen. Whrend der Nacht hatte es geschneit, ja es schneite
noch immer, die ganze Luft war voll von weien Flocken, und solange sie
herunterfielen, sah es fast aus, als seien es lauter Flgel von erfrorenen
Schmetterlingen. Auf dem See lag der Schnee mehrere Zentimeter tief, die
Ufer schimmerten ganz wei, und die Wildgnse sahen wie kleine Schneewehen
aus, soviel Schnee hatten sie auf dem Rcken.

Ab und zu rhrten sich Akka oder Yksi oder Kaksi ein wenig; wenn sie aber
sahen, da es noch immer weiter schneite, steckten sie schnell den Kopf
wieder unter den Flgel. Sie dachten wohl, bei solchem Wetter knnten sie
nichts Besseres tun als schlafen, und darin gab ihnen der Junge vollkommen
recht.

Einige Stunden spter erwachte er von dem Gelute der Kirchenglocken in
Rttvik, die zum Gottesdienst riefen. Das Schneien hatte jetzt aufgehrt,
aber ein starker Nordwind fegte daher, und auf dem Eise drauen war es
bitter kalt. Der Junge war froh, als die Wildgnse endlich den Schnee
abschttelten und ans Land flogen, um sich etwas zum Essen zu verschaffen.

An diesem Tage war in Rttvik Konfirmation, und die Konfirmanden, die schon
frh zur Kirche gekommen waren, standen in kleinen Gruppen an der
Kirchhofmauer. Sie waren alle in ihren Sonntagsgewndern, und ihre Kleider
waren so neu und bunt, da man sie schon von weitem leuchten sah.

Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich die Kinder dort
sehen kann! rief der Junge.

Die alte Wildgans hielt dies offenbar fr einen sehr natrlichen Wunsch,
denn sie lie sich so tief wie mglich hinabsinken und flog dreimal um die
Kirche herum. Es wre schwer zu sagen, wie die Kinder in Wirklichkeit
ausgesehen htten; aber als Nils Holgersson die Knaben und die Mdchen von
oben herab betrachtete, meinte er, noch nie so viele schne junge
Menschenkinder beisammen gesehen zu haben. Ich glaube nicht, da es in des
Knigs Schlo schnere Prinzen und Prinzessinnen geben kann, sagte er vor
sich hin.

Es hatte in der Tat tchtig geschneit. In Rttvik waren alle Felder mit
Schnee bedeckt, und Akka konnte nirgends ein Pltzchen entdecken, wo sie
sich mit ihrer Schar htte niederlassen knnen. Da besann sie sich nicht
lange und flog sdwrts gen Leksand.

In Leksand waren wie gewhnlich alle jungen Leute auf Arbeit ausgezogen. Es
waren also hauptschlich alte Leute daheim, und als die Wildgnse
dahergeflogen kamen, wanderte eben ein langer Zug von lauter alten Frauen
durch die stattliche Birkenallee, die zur Kirche fhrt. Sie kamen auf den
weien Wegen durch die weistmmigen Birken in schneeweien Mnteln aus
Schaffellen, weien Pelzrcken, gelb oder schwarz- und weigestreiften
Schrzen und weien Hauben, die das weie Haar dicht umrahmten.

Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die alten
Leute ansehen kann! rief der Junge.

Das schien der alten Anfhrerin wohl ein natrlicher Wunsch, denn sie lie
sich so weit, wie sie es wagen konnte, herabsinken und flog dreimal ber
der Birkenallee hin und her. Es wre schwer zu sagen, wie die alten Leute
in der Nhe ausgesehen htten, aber dem Jungen war es, als habe er noch
niemals alte Frauen mit einem so klugen und freundlichen Ausdruck gesehen.
Diese alten Frauen sehen aus, als htten sie Knige zu Shnen und
Kniginnen zu Tchtern, sagte der Junge vor sich hin.

Aber in Leksand war es auch nicht besser als in Rttvik. berall lag tiefer
Schnee, und Akka wute sich keinen andern Rat, als weiter gen Sden nach
Gagnef zu fliegen.

In Gagnef hatte an diesem Tage vor dem Gottesdienst ein Begrbnis
stattgefunden. Der Leichenzug hatte sich etwas versptet, und dann hatte
das Begrbnis auch noch lnger gedauert, als man gedacht hatte. Als die
Wildgnse dahergeflogen kamen, waren noch nicht alle Leute in der Kirche,
mehrere Frauen gingen sogar noch auf dem Kirchhof umher und besuchten ihre
Grber. Sie trugen grne Leibchen mit roten rmeln, und auf dem Kopfe
hatten sie farbige Tcher mit bunten Fransen.

Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die
Bauernweiber ansehen kann! rief der Junge.

Dies hielt die alte Gans wohl fr einen natrlichen Wunsch, denn sie flog
dreimal ber dem Kirchhof hin und her. Es wre schwer zu sagen, wie sich
die Leute in der Nhe ausgenommen htten, aber als der Junge die Frauen von
oben her durch die Bume des Kirchhofs hindurch sah, erschienen sie ihm wie
lauter schne Blumen. Sie sehen alle aus, als seien sie im Garten eines
Knigs gewachsen, dachte er.

Aber selbst in Gagnef fand sich nirgends ein freies Feld, und so blieb den
Wildgnsen nichts andres brig, als sich noch weiter sdwrts nach Floda zu
wenden.

In Floda saen die Leute schon in der Kirche, als die Wildgnse
dahergeflogen kamen; aber gleich nach dem Gottesdienst sollte eine Hochzeit
stattfinden, und der ganze Hochzeitszug stand drauen auf dem Kirchenhgel.
Die Braut trug eine goldene Krone auf dem aufgelsten Haar und war so ber
und ber mit Blumen und bunten Bndern und Schmucksachen behngt, da einem
die Augen ordentlich weh taten, wenn man sie ansah. Der Brutigam trug
einen langen blauen Gehrock, Kniehosen und eine rote Mtze. Die Leibchen
und Rocksume der Brautjungfern waren mit Rosen und Tulipanen bestickt, und
die Eltern und Nachbarn gingen in ihren bunten Bauerntrachten mit im Zuge.

Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, da ich die jungen Leute
sehen kann! bat der Junge.

Und die Anfhrerin lie sich so weit, als sie es nur wagen konnte,
hinabsinken und flog dreimal ber dem Kirchenhgel hin und her. Es wre
schwer zu sagen, wie die Hochzeitsleute in der Nhe ausgesehen htten, aber
so von oben aus meinte der Junge, eine so schne Braut und einen so stolzen
Brutigam und einen so stattlichen Hochzeitszug knne es gewi sonst
nirgends geben. Ich mchte wissen, ob der Knig und die Knigin schner
aussehen, wenn sie in ihrem Schlosse umhergehen? dachte er in seinem
Herzen.

Hier in Floda fanden die Wildgnse endlich ein vom Schnee befreites Feld
und muten also nicht noch lnger nach Futter suchen.

[Illustration]




33

Die berschwemmung


                                                       1.-4. Mai

Mehrere Tage lang herrschte in den Gebieten nrdlich vom Mlar
entsetzliches Wetter. Der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt, der Wind
heulte, und es regnete in Strmen. Die Menschen und Tiere wuten wohl, da
es so sein mute, wenn es Frhling werden sollte, trotzdem aber erschien
ihnen dieses Wetter fast unertrglich.

Nachdem es einen Tag lang geregnet hatte, fingen die Schneemassen in den
Wldern im Ernst zu schmelzen an, und die Frhlingsbche begannen zu
rauschen. Alle Wasserpftzen auf den Hfen, das stillstehende Wasser in den
Grben, das Wasser, das zwischen den Grashgeln auf den Mooren und in den
Teichen hervorquoll, alles miteinander kam in Bewegung und suchte sich
einen Weg nach den Bchen, um nach dem Meere mitgenommen zu werden.

Die Bche liefen so rasch wie nur mglich nach den Mlarflssen, und die
Flsse taten ihr bestes, ihrerseits die Wassermassen dem Mlar zuzufhren.
Und dann warfen an ein und demselben Tage alle kleinen Seen in Uppland und
im Bergwerkdistrikt ihre Eisdecken ab. Dadurch fllten sich die Bche mit
Eisschollen, und das Wasser in ihnen stieg hurtig bis zu den Uferrndern.
So vergrert strzten sich die Flsse jetzt in den Mlar, und es dauerte
nicht lange, da hatte dieser so viel Wasser aufgenommen, als er berhaupt
fassen konnte. Reiend und wild schumend drngte er seinem Ausflu zu;
aber der Norrstrom ist eine enge Wasserstrae, die das Wasser nicht so
hurtig durchflieen lassen konnte, wie es ntig gewesen wre. berdies
wehte ein sehr starker Ostwind, die Meereswellen brachen sich hoch
aufschumend am Ufer und standen dadurch dem Strom hindernd im Wege, als
dieser sein Swasser in die Ostsee ergieen wollte. Da nun die Flsse dem
Mlar unaufhrlich neues Wasser zufhrten, der Strom aber seine Flle nicht
so rasch hinausfhren konnte, blieb dem groen See nichts andres brig, als
ber seine Ufer zu treten.

Der See stieg sehr langsam, wie wenn er den schnen Ufern nur ungern
Schaden zufgen wrde. Da diese aber berall sehr niedrig und flach sind,
hatte das Wasser schon nach kurzer Zeit das Land weit berschwemmt, und
mehr brauchte er nicht, um allerorten die grte Aufregung hervorzurufen.

Der Mlar ist ein See von ganz besonderer Beschaffenheit; er besteht aus
lauter engen Fjorden, Buchten und Sunden. Nirgends breitet er sich zu
weiten, sturmgepeitschten Flchen aus; er scheint zu nichts anderm
geschaffen zu sein, als fr Lustfahrten, Segeltouren und frhlichen
Fischfang, und er hat viele reizende bewaldete Holme und Landzungen.
Nirgends sind nackte, einsame, vom Wind umfegte Ufer; es ist, als habe der
See nie daran gedacht, da hier etwas andres als Lustschlsser,
Sommerhuser, Herrenhfe und Vergngungsorte stehen sollten. Und weil er
sich fr gewhnlich so freundlich und mild zeigt, gert vielleicht gerade
deshalb alles in so frchterliche Aufregung, wenn er ab und zu einmal seine
freundliche Miene ablegt und offenbart, da er auch ernstlich gefhrlich
werden kann.

Da es nun aussah, als wolle der Mlar wirklich eine berschwemmung
anrichten, wurden alle Boote und Einbume, die whrend des Winters ans Land
gezogen waren, in aller Eile gedichtet und geteert, damit sie so rasch wie
mglich zum Gebrauch bereit wren. Die Brcken der Waschfrauen wurden
hereingezogen, die Landungsbrcken dagegen verstrkt. Die Bahnwrter, deren
Aufgabe es war, die dem Ufer entlang laufenden Eisenbahnstrecken zu
bewachen, gingen bestndig auf dem Bahndamm hin und her und wagten weder
bei Nacht noch bei Tag ein wenig zu schlafen.

Die Bauern, die auf den niedrigen Holmen Heu oder drres Laub in Scheunen
aufbewahrt hatten, schafften alles eilig ans Land herber. Die Fischer
zogen ihre Netze und Reusen ein, damit sie nicht vom Hochwasser mit
fortgerissen wrden. An den Fhren wimmelte es von Menschen, die rasch
bergesetzt werden wollten. Wer immer unterwegs war, ob auf dem Heimwege
oder nach auswrts, mute sich beeilen, solange die berfahrt noch mglich
war.

In der Stockholmer Gegend, wo an den Ufern ein Dorf neben dem andern liegt,
war die Geschftigkeit am grten. Die meisten Landhuser lagen allerdings
so hoch ber den Ufern, da ihnen keine Gefahr drohte; aber jedes von
diesen Landhusern hatte ja auch sein Badehaus und seine Landungsbrcke,
und sie muten in Sicherheit gebracht werden.

Doch nicht allein die Menschen gerieten in Aufregung, als der Mlar ber
seine Ufer stieg, nein, auch die Tiere waren in groer Not: Die Enten,
deren Eier zwischen den Bschen am Ufer lagen, die Wasserratten und die
Spitzmuse, die am Ufer wohnten und kleine hilflose Junge in ihrem Neste
hatten, ja selbst die stolzen Schwne bekamen Angst fr ihre Nester und
ihre Eier.

Und es waren keine unntigen Sorgen, denn mit jeder Stunde wuchs der Mlar.

Den Weiden und Erlen an den Ufern ging das Wasser schon hoch an den Stmmen
herauf. In die Grten war das Wasser eingedrungen; es arbeitete da in
seiner eigenen Weise, und in den Gemsebeeten und auf den Roggenfeldern,
die ihm erreichbar waren, richtete es groen Schaden an.

Der See stieg und stieg, mehrere Tage hindurch. Die tiefgelegenen Wiesen um
Gripsholm herum standen unter Wasser, und das groe Schlo war jetzt nicht
allein durch einen schmalen Graben, sondern durch breite Sunde vom
Festlande getrennt. In Strngns wurde die schne Strandpromenade in einen
brausenden Flu verwandelt, und in Wsters bereitete man sich darauf vor,
mit Booten in den Straen umherzufahren. Ein paar Elche hatten auf einem
Holm im Mlar berwintert; deren Lagerstatt geriet unter Wasser und kam ans
Land geschwommen. Ganze Stapel Brennholz, eine Menge Bretter und Balken,
Bottiche und Eimer schwammen umher, und berall waren die Leute eifrig
bemht, sie zu bergen.

In dieser schwierigen Zeit schlich Smirre, der Fuchs, eines Tages durch ein
Birkengehlz, das etwas nrdlich vom Mlar lag. Wie gewhnlich
beschftigten sich seine Gedanken mit den Wildgnsen und dem Dumling, und
er sann und sann, wie er sie wieder finden knnte, denn er hatte ihre Spur
vollstndig verloren.

Whrend er so ganz mutlos dahinwanderte, entdeckte er pltzlich die Taube
Agar, die Botschafterin, auf einem Birkenzweig. Wie gut, da ich dich
treffe, Agar! rief Smirre. Du kannst mir vielleicht sagen, wo sich Akka
von Kebnekajse mit ihrer Schar aufhlt.

Es ist wohl mglich, da ich es wei, sagte Agar; aber ich habe nicht im
Sinn, es dir mitzuteilen.

Das ist mir auch einerlei, fuhr Smirre fort, wenn du ihr nur eine
Botschaft ausrichten willst, die man mir fr sie aufgetragen hat. Du weit
doch, wie schrecklich es in diesen Tagen am Mlar aussieht. Es ist eine
frchterliche berschwemmung, und das groe Schwanenvolk, das in der
Hjlstabucht wohnt, ist in grter Sorge um seine Nester und Eier. Nun hat
der Schwanenknig Dagklar von dem Knirps gehrt, der mit den Wildgnsen
umherzieht und fr alles Rat wei, und er hat mich zu Akka geschickt, sie
zu bitten, mit dem Dumling nach der Hjlstabucht zu kommen.

Ich werde deinen Auftrag ausrichten, erwiderte Agar. Aber es ist mir
nicht recht klar, wie der kleine Wicht den Schwnen helfen knnte.

Mir ist es auch nicht klar, aber er kann ja alles mgliche.

Ich wundere mich auch sehr darber, da Dagklar einen Fuchs mit einem
Auftrag an die Wildgnse schickt, wandte Agar ein.

Da hast du ganz recht, wir sind sonst Feinde, erwiderte Smirre mit
freundlicher Stimme. Aber in der Not mu man einander beistehen. brigens
wirst du gut tun, wenn du Akka nicht sagst, da du die Botschaft durch
einen Fuchs erhalten hast, sonst knnte sie am Ende mitrauisch werden.


Die Schwne in der Hjlstabucht

Der sicherste Zufluchtsort fr die Schwimmvgel am ganzen Mlar ist die
Hjlstabucht; dies ist der innerste Teil der Ekolsundbucht, die wieder eine
Ausweitung des Norra-Bjrkfjords ist. Dieser Fjord aber ist die
zweitgrte von den langen Buchten, die der Mlar nach Uppland hinein
erstreckt.

Die Hjlstabucht hat flache Ufer, einen niedrigen Wasserstand und eine
Menge Binsen ganz wie der Tkern. Sie ist zwar lange nicht so gro wie der
berhmte Vogelsee, aber trotzdem eine ausgezeichnete Heimat fr die Vgel,
weil sie seit vielen Jahren als Freistatt anerkannt ist. Es wohnt nmlich
ein groes Schwanenvolk dort, und der Besitzer des ganz in der Nhe
liegenden alten Krongutes Ekolsund hat die Jagd da verboten, damit die
Schwne nicht gestrt oder beunruhigt wrden.

Sobald Akka erfahren hatte, da die Schwne ihrer Hilfe bedrften, flog sie
eiligst nach der Hjlstabucht. Sie gelangte am Abend hin und sah da gleich,
welche ungeheuern Zerstrungen die berschwemmung angerichtet hatte. Die
groen Schwanennester waren losgerissen und von dem heftigen Wind auf die
Bucht hinausgetrieben worden; einige waren schon auseinandergefallen, andre
umgestrzt, und die Eier lagen jetzt hell glnzend drunten im Wasser auf
dem Grund.

Als sich Akka in der Bucht niederlie, waren alle hier wohnenden Schwne am
stlichen Ufer versammelt, wo sie vor dem Winde am besten geschtzt waren.
Die berschwemmung hatte freilich groen Schaden bei ihnen angerichtet,
aber sie waren viel zu stolz, irgend einen Kummer zu zeigen. Es hat keinen
Wert, unglcklich darber zu sein. Hier herum gibt es genug Wurzelfasern
und Stiele, um neue Nester zu bauen, sagten sie. Kein einziger Schwan
hatte daran gedacht, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, und sie hatten
keine Ahnung, da Smirre die Wildgnse herbeigerufen hatte.

Es waren mehrere hundert Schwne versammelt, und sie hatten sich ihrem Rang
und ihrer Stellung gem aufgestellt; die jungen und unerfahrenen zu
uerst im Kreis, die alten und weisen mehr nach innen. Ganz in der Mitte
lag Dagklar, der Schwanenknig, mit Schneefrid, der Schwanenknigin; diese
beiden waren lter als alle andern, und fast alle Mitglieder des
Schwanenvolkes waren ihre Kinder und Kindeskinder.

Dagklar und Schneefrid konnten von jenen Zeiten erzhlen, wo es in Schweden
noch gar keine wilden Schwne gab, sondern nur zahme in den Schlogrben
und Teichen. Aber dann war einmal ein Schwanenpaar entwischt und hatte sich
in der Hjlstabucht niedergelassen. Von diesen beiden stammten nun alle die
Schwne ab, die hier wohnten. In der jetzigen Zeit gibt es allerdings eine
Menge wilder Schwne im Mlar, sowie im Tkern und im Hornborgasee; aber
alle diese Ansiedler stammen aus der Hjlstabucht, und die Schwne waren
sehr stolz darauf, da sich ihre Familie ber einen See nach dem andern
ausbreitete.

Die Wildgnse hatten sich zuflligerweise auf der westlichen Seite der
Bucht niedergelassen; aber nachdem Akka entdeckt hatte, wo die Schwne
lagen, schwamm sie sogleich zu ihnen hinber. Sie war selbst sehr erstaunt,
da nach ihr geschickt worden war; aber sie betrachtete es als eine Ehre
und wollte keinen Augenblick verlieren, wenn sie den Schwnen beistehen
konnte.

Als Akka in die Nhe der Schwne kam, hielt sie an, um zu sehen, ob die
Gnse hinter ihr auch in einer geraden Linie und in der rechten Entfernung
voneinander schwmmen. Schwimmt nun hbsch und gerade! sagte sie. Starrt
die Schwne nicht an, als ob ihr noch nie etwas Schnes gesehen httet, und
kmmert euch nicht um das, was sie zu euch sagen!

Akka besuchte die alte Schwanenherrschaft nicht zum ersten Male, und bis
jetzt war sie immer mit der Aufmerksamkeit empfangen worden, die einem so
weitgereisten und angesehenen Vogel gebhrte. Aber es war ihr nie angenehm,
wenn sie durch alle die andern Schwne, die die Alten umringten,
hindurchschwimmen mute. Sie kam sich nie so klein und grau vor, als wenn
sie mit den Schwnen zusammen war, und zuweilen lie auch der eine oder der
andre eine Bemerkung ber gewisse graue hliche Leute fallen. Aber da
hielt es Akka immer frs klgste, zu tun, als ob sie es nicht gehrt htte,
und nur ruhig weiter zu schwimmen.

Diesmal schien alles ungewhnlich gut zu gehen. Die Schwne glitten ganz
still zur Seite, und die Wildgnse schwammen wie durch eine mit groen
weischimmernden Vgeln eingefate Strae hindurch. Und diese weien Vgel,
die ihre Flgel wie Segel ausspannten, um sich vor den Fremden in ihrer
ganzen Schnheit zu zeigen, boten einen beraus prchtigen Anblick. Sie
machten nicht eine einzige spitzige Bemerkung, worber Akka sich sehr
verwunderte. Gewi hat Knig Dagklar von ihren Unarten Kenntnis erhalten
und ihnen gesagt, sie sollten sich wie gebildete Tiere benehmen, dachte
die alte Wildgans.

Aber whrend die Schwne sich so alle Mhe gaben, ihre guten Sitten zu
zeigen, entdeckten sie pltzlich den weien Gnserich, der ganz hinten in
der langen Reihe der Gnse schwamm. Da ging ein Raunen der Verwunderung und
des Zorns durch die Schwanenreihen, und mit einem Schlage war es aus mit
dem gebildeten Benehmen.

Was ist denn das? rief einer von den Schwnen. Wollen die Wildgnse
jetzt weie Federn haben?

Sie werden sich doch nicht einbilden, da sie deshalb Schwne wrden!
schrie es von allen Seiten.

Und mit ihren weithintnenden Stimmen schrien die Schwne immer lauter
durcheinander; es war Akka ganz unmglich, sich Gehr zu verschaffen, um
ihnen zu erklren, da dies eine zahme Gans sei, die sich ihnen
angeschlossen habe.

Da kommt gewi der Gnseknig selbst daher! spotteten die Schwne.

Sie sind ganz unglaublich unverschmt! riefen die andern.

Es ist gar keine Gans, es ist eine zahme Ente!

Der groe Weie gedachte Akkas Ermahnung, sich nicht um das zu kmmern, was
ihnen zugerufen wrde. Er schwieg also ganz still und schwamm so schnell
wie mglich vorwrts; aber es half nichts, die Schwne wurden nur noch
ausflliger.

Was hat er denn fr eine Krte auf dem Rcken? fragte einer von ihnen.
Die Gnse meinen wohl, wir knnten nicht sehen, da es eine Krte ist,
trotzdem sie sich wie ein Mensch herausgeputzt hat?

Nun schwammen alle die Schwne, die vorher in so schner Ordnung dagelegen
hatten, in wilder Aufregung durcheinander; alle drngten sich vor, um die
weie Wildgans zu sehen.

So ein weier Gnserich sollte sich wenigstens schmen, sich hier vor uns
Schwnen sehen zu lassen!

Er ist gewi ebenso grau wie die andern und nur in einen Melkkbel
getaucht.

Jetzt hatte Akka den Knig Dagklar erreicht und wollte ihn eben fragen,
womit sie ihm behilflich sein knnte, als dieser den Aufruhr unter seinem
Volke gewahr wurde.

Was ist denn da los? Habe ich ihnen nicht befohlen, hflich gegen die
Fremden zu sein? rief er und sah sehr unzufrieden aus.

Schneefrid, die Schwanenknigin, schwamm zu ihren Untertanen hin, um
Ordnung unter ihnen zu schaffen, und Dagklar wendete sich wieder an Akka.
Doch schon kehrte Schneefrid sehr erregt zurck. Kannst du sie nicht zum
Schweigen bringen? rief ihr der Schwanenknig entgegen.

Es ist eine weie Wildgans unter ihnen, antwortete die Schwanenknigin.
Das ist wirklich schndlich. Es wundert mich nicht, da sie wtend sind.

Eine weie Wildgans! rief Dagklar. Das ist zu toll! Das gibt es ja gar
nicht. Du wirst nicht recht gesehen haben.

Das Gedrnge um den Gnserich Martin herum wurde immer grer. Akka und die
andern Wildgnse versuchten, zu ihm hinzuschwimmen; aber sie wurden hin und
her gepufft und konnten nicht bis zu ihm gelangen.

Jetzt setzte sich auch der alte Schwanenknig, der strkste von dem ganzen
Volke, in Bewegung. Er schob alle andern zur Seite und bahnte sich einen
Weg zu dem weien Gnserich hin. Aber als er sah, da da wirklich eine
weie Gans auf dem Wasser lag, wurde er ebenso erregt wie alle andern. Er
fauchte vor Zorn, strzte geradeswegs auf den Gnserich los und rupfte ihm
ein paar Federn aus. Ich will dich lehren, du Wildgans, in so einem Aufzug
zu den Schwnen zu kommen! rief er.

Flieh, Martin, flieh, flieh! rief Akka, denn sie erkannte, da ihm die
Schwne jede Feder ausrupfen wrden. Und Flieh, flieh! schrie auch der
Dumling.

Aber der Gnserich war so fest zwischen den Schwnen eingekeilt, da er
seine Flgel nicht ausspannen konnte; und von allen Seiten streckten die
erzrnten Schwne ihre starken Schnbel vor, ihm die Federn auszurupfen.

Der Gnserich verteidigte sich, so gut er konnte; er bi und stie um sich,
und die andern Wildgnse griffen die Schwne auch an. Aber das Ende war nur
zu gut abzusehen; doch da wurde den Wildgnsen ganz unerwartet von andrer
Seite Hilfe zuteil. Ein Rotkehlchen, das gesehen hatte, wie bel es den
Wildgnsen bei den Schwnen erging, war der Helfer. Es stie jenen scharfen
Warnungsruf aus, dessen sich die kleinen Vgel bedienen, wenn es gilt,
einen Habicht oder Falken in die Flucht zu jagen. Und kaum war der Ruf
dreimal erklungen, als auch schon alle kleinen Vgel der Umgegend auf
blitzschnellen Schwingen in einem groen kreischenden Schwarm auf die
Hjlstabucht zustrmten.

Und diese armen schwachen Vgelein warfen sich auf die Schwne; sie
zwitscherten ihnen in die Ohren, versperrten ihnen die Aussicht mit ihren
Flgeln, machten sie mit ihrem Geflatter verwirrt und brachten sie ganz
auer sich, indem sie ihnen in die Ohren schrieen: Schmt euch! Schmt
euch, ihr Schwne!

Der berfall der kleinen Vgel dauerte nur ein paar Augenblicke; aber als
der Vogelschwarm wieder weggeflogen und die Schwne einigermaen zu sich
gekommen waren, hatten die Wildgnse die Flucht ergriffen und schon die
andre Seite der Bucht erreicht.


Der neue Kettenhund

Etwas Gutes wenigstens hatten die Schwne: als sie sahen, da die Wildgnse
entkommen waren, fanden sie es unter ihrer Wrde, ihnen nachzujagen. Die
Wildgnse durften also in aller Ruhe auf einer mit Binsen bewachsenen Insel
schlafen.

Nils Holgersson aber konnte vor lauter Hunger nicht einschlafen. Ich mu
sehen, da ich in irgend einem Hause etwas zum Essen finde, sagte er.

In diesen Tagen, wo so vielerlei auf dem Wasser umhertrieb, war es fr so
einen kleinen Wicht wie Nils Holgersson nicht schwer, ein
Befrderungsmittel zu finden. Er besann sich daher nicht lange, sondern
sprang auf ein Bretterstck, das zwischen die Binsen hineingetrieben war.
Dann fischte er einen kleinen Stock auf und stie durch das seichte Wasser
dem Ufer zu.

Kaum hatte er dieses erreicht, als er neben sich ein Pltschern im Wasser
hrte. Er blieb unbeweglich stehen und sah da zuerst eine Schwnin, die
ganz in seiner Nhe in ihrem groen Neste lag; dann aber erblickte er einen
Fuchs, der ein paar Schritte ins Wasser hineingewatet war und sich zu dem
Schwanenneste hinschlich.

Hallo, hallo! Steh auf, steh auf! rief der Junge und schlug mit seinem
Stock ins Wasser.

Die Schwnin stand auf, aber doch nicht so rasch, da der Fuchs sich nicht
htte auf sie werfen knnen, wenn er gewollt htte. Aber er gab diesen Plan
auf und rannte eiligst auf den Jungen zu.

Der Dumling sah den Fuchs auf sich zukommen und lief spornstreichs ins
Land hinein. Vor ihm lag weiter, flacher Wiesengrund, nirgends sah er einen
Baum, den er htte erklettern, nirgends ein Loch, in dem er sich htte
verstecken knnen. Es blieb ihm nichts brig, als zu fliehen. Nun war der
Junge zwar ein guter Lufer, aber da er es in der Geschwindigkeit mit
einem Fuchs, der frei und ungehindert laufen konnte und nichts zu tragen
hatte, nicht aufnehmen knnte, dessen war er sich nur zu klar.

Eine Strecke weit im Lande drinnen lagen einige Ktnerhtten, aus deren
Fenstern heller Lichtschein herausdrang. Natrlich lief der Junge darauf
zu; aber er mute sich selbst sagen, da ihn der Fuchs lngst eingeholt
haben wrde, ehe er die Huser erreicht htte.

Einmal war ihm der Fuchs schon so nahe, da er den Jungen sicher zu haben
meinte; aber da sprang dieser hastig zur Seite und lief wieder der Bucht
zu. Diese Wendung hielt den Fuchs ein wenig auf, und ehe er den Jungen aufs
neue eingeholt hatte, war dieser zu ein paar Mnnern hingelaufen, die den
ganzen Tag hindurch und noch am Abend das auf dem Wasser umhertreibende Gut
geborgen hatten und jetzt auf dem Heimweg waren.

Die Mnner waren mde und schlfrig; sie hatten weder den Fuchs noch den
Jungen bemerkt, obgleich dieser auf sie zugelaufen war. Der Junge wollte
sie indes gar nicht anreden und sie auch nicht um Hilfe bitten; er begngte
sich damit, neben ihnen herzulaufen, denn er dachte: Der Fuchs wird sich
wohl hten, ganz dicht zu den Menschen hinzugehen.

Aber bald hrte er, wie der Fuchs herbeischlich. Ja, er wagte sich wirklich
ganz nahe an die Menschen heran, denn er dachte: Sie werden mich wohl fr
einen Hund halten.

Was schleicht denn da fr ein Hund hinter uns her? sagte auch in der Tat
einer von den Mnnern. Er kommt uns so nahe, als ob er uns beien wollte.

Der andre blieb stehen und sah sich um. Weg mit dir! Was willst du? rief
er und versetzte dem Fuchs einen Sto, der ihn auf die andre Seite des
Weges befrderte. Von da an hielt sich der Fuchs in ein paar Metern
Abstand, lief aber unentwegt hinter den Mnnern her.

Bald erreichten die Mnner die Ktnerhtten und gingen miteinander in eine
von ihnen hinein. Der Junge hatte eigentlich im Sinne gehabt, sich mit
ihnen hineinzuschleichen; aber kaum war er auf dem Flur angekommen, da sah
er einen groen, schnen, langhaarigen Kettenhund aus der Hundehtte
herausrasen und den Hausherrn strmisch begren. Da nderte der Junge
seine Absicht und blieb vor dem Hause.

Hr einmal, Hofhund, sagte er leise, sobald die Mnner die Tr hinter
sich zugemacht hatten. Willst du mir nicht helfen, heute nacht einen Fuchs
zu fangen?

Der Hofhund hatte keine scharfen Augen, und zornig und hitzig war er von
dem Angebundensein auch geworden. Wie soll ich einen Fuchs fangen? bellte
er wtend. Wer bist denn du, da du daherkommst und mich verspottest? Komm
mir nur so nahe, da ich dich fassen kann, dann werde ich dich lehren,
deinen Spott mit mir zu treiben.

O, ich habe durchaus keine Angst vor dir! rief der Junge und lief zu dem
Hund hin. Und als der Hund den kleinen Knirps sah, war er so berrascht,
da er kein Wort herausbringen konnte.

Ich bin der Junge, den die Tiere den Dumling nennen, und der mit den
Wildgnsen umherzieht, sagte Nils Holgersson. Hast du noch nicht von mir
reden hren?

Doch, die Schwalben haben wohl so etwas von dir gezwitschert, antwortete
der Hund. Du scheinst groe Dinge ausgerichtet zu haben, obwohl du nur so
klein bist.

Ja, bis heute ist es mir ganz gut gegangen, aber wenn du mir nicht hilfst,
dann ist es wohl aus mit mir. Ein Fuchs ist mir dicht an den Fersen. Er
steht dort an den Ecke und lauert auf mich.

Ei freilich, ich wittre ihn wirklich deutlich, sagte der Hund. Den
werden wir bald haben.

Damit jagte der Hofhund davon, so weit seine Kette reichte, und bellte und
klffte eine gute Weile.

Ich glaube nicht, da er sich jetzt noch einmal heranwagt, sagte er dann.

Ach, mit dem Bellen allein wird dieser Fuchs nicht in die Flucht
geschlagen, sagte der Junge. Er wird gleich wieder da sein, und das wre
auch am besten, denn ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, da du
ihn gefangen nehmen sollst.

Treibst du schon wieder deinen Spott mit mir? rief der Hund.

Nein, gewi nicht. Komm nur mit mir in die Hundehtte hinein, damit der
Fuchs uns nicht hren kann; dann sage ich dir, wie du es machen mut,
sagte der Junge.

Der Junge und der Hund krochen miteinander in die Htte hinein und
flsterten da eifrig zusammen.

Nach einer Weile steckte der Fuchs die Nase um die Ecke, und als alles
still war, schlich er sich sachte in den Hof hinein. Er verfolgte die Spur
des Jungen bis zur Hundehtte hin und setzte sich in angemessener
Entfernung davon nieder, um zu berlegen, wie er ihn herauslocken knnte.
Pltzlich steckte der Hund den Kopf heraus und knurrte den Fuchs an. Mach
da du fort kommst, sonst komme ich heraus und packe dich! rief er.

Deinetwegen bleibe ich ruhig hier sitzen, solange ich Lust habe,
erwiderte der Fuchs.

Geh deiner Wege! brummte der Hund noch einmal in drohendem Ton. Sonst
hast du heute nacht zum letzenmal gejagt.

Aber der Fuchs grinste den Hund nur an und wich nicht vom Fleck. Ich wei
schon, wie weit deine Kette reicht, sagte er.

[Illustration]

Nun habe ich dich zweimal gewarnt, sagte der Hund und trat aus seiner
Htte heraus. Jetzt mut du die Folgen selbst tragen.

Und in demselben Augenblick fuhr er mit einem groen Satz auf den Fuchs
los. Er erreichte ihn ohne jegliche Schwierigkeit, denn er war frei; der
Junge hatte ihm sein Halsband abgenommen.

Einen Augenblick kmpften die beiden Tiere miteinander; aber der Streit war
bald entschieden: Der Hund stand als Sieger, der Fuchs lag auf dem Boden
und wagte sich nicht zu rhren. Ruhig, ruhig! Wenn du nicht ganz ruhig
bleibst, beie ich dich tot, sagte der Hund. Dann packte er ihn am Nacken
und schleppte ihn in seine Htte hinein. Da stand der Junge mit der
Hundekette; er legte dem Fuchs das Halsband zweimal um den Hals und zog es
recht fest zu, damit er ganz sicher gefangen sa; und die ganze Zeit ber
mute der Fuchs vollkommen still liegen und wagte sich nicht zu rhren.

So so, mein Herr Smirre, nun hoffe ich, da ein guter Kettenhund aus dir
wird, sagte der Junge, als er fertig war.

[Illustration]




34

Die Sage von Uppland


                                                  Donnerstag, 5. Mai

Am nchsten Tag hatte der Regen aufgehrt, aber es strmte noch den ganzen
Vormittag, und die berschwemmung nahm immer mehr berhand. Gleich nach
Mittag jedoch trat ein Umschlag in der Witterung ein. Es wurde auf einmal
herrliches Wetter: warm, windstill und wunderschn.

Der Junge lag hchst vergngt mitten in einem Busch prachtvoll blhender
Dotterblumen und schaute zum Himmel hinauf, als zwei Schulkinder mit ihren
Bchern und ihrem Vesperbrot auf einem Wiesenpfad daherkamen, der sich am
Ufer hinschlngelte. Die Kinder gingen ganz langsam und sahen sehr betrbt
aus. Als sie dicht bei dem Jungen angekommen waren, setzten sie sich auf
ein paar Steine und schtteten sich gegenseitig das Herz aus.

Mutter wird sehr rgerlich werden, wenn sie hrt, da wir heute unsere
Aufgabe wieder nicht gekonnt haben, sagte eines von ihnen.

Ja, und der Vater auch, fuhr das andre fort. Und von ihrem Kummer ganz
berwltigt, brachen die beiden Kinder in lautes Weinen aus.

Der Junge berlegte eben, ob er sie denn nicht auf irgendeine Weise trsten
knnte, als eine kleine, bucklige alte Frau mit einem lieben, freundlichen
Gesicht auf dem Pfade daherkam und vor den Kindern Halt machte.

Kinder, warum weint ihr denn? fragte die Alte.

Da erzhlten ihr die Kinder, sie htten in der Schule ihre Aufgabe nicht
gekonnt, und nun schmten sie sich so, da sie nicht nach Hause gehen
wollten.

Aber was ist denn das fr eine schwere Aufgabe, die ihr gar nicht lernen
knnt? fragte die Alte. Da berichteten die Kinder, sie htten die
Geographie von ganz Uppland aufgehabt.

Das ist allerdings nach dem Buch vielleicht gar nicht so leicht zu
lernen, sagte die Alte. Aber nun sollt ihr hren, was meine Mutter mir
einmal von diesem Land erzhlt hat. Ich selbst bin nicht in die Schule
gegangen und habe deshalb auch nichts weiter davon gelernt, aber was meine
Mutter mir darber erzhlt hat, hab ich meiner Lebtage nicht wieder
vergessen.

Nun also, meine Mutter sagte, so begann die Alte, indem sie sich neben
die Kinder auf einen Stein setzte, in alten Zeiten sei Uppland die rmste
und unbedeutendste Landschaft von ganz Schweden gewesen. Sie habe nur aus
mageren Lehmfeldern und einigen niedrigen Steinhaufen bestanden, und es
soll bis zum heutigen Tage noch viele solcher Landstrecken da geben, wenn
wir hier unten am Mlar auch nicht viel davon sehen.

Nun ja, woher es nun auch kommen mochte, traurig und betrbt sah es in
Uppland aus, und das arme Uppland hatte das Gefhl, da die andern
Landschaften es fr einen richtigen armen Schlucker hielten, und das ist
auf die Dauer doch recht rgerlich. Eines schnen Tages jedoch hatte
Uppland das ganze Elend so grndlich satt, da es einen Sack auf den Rcken
und einen Stab in die Hand nahm und auszog, um bei denen, die es so viel
besser hatten, zu betteln.

Zuerst wanderte das arme Uppland immer sdwrts, bis es nach Schonen kam.
Dort angelangt, jammerte es, wie arm es sei, und bettelte um etwas
fruchtbares Erdreich.

>Nchstens wei man nicht mehr, was man allen Bettelleuten, die einen
berlaufen, geben soll,< sagte Schonen. >Aber wir wollen einmal sehen. Da
habe ich gerade ein paar Mergelgruben erffnet, und du kannst dir einige
von den Rasenstcken nehmen, die ich dort an den Rand geworfen habe!<

Uppland nahm die Rasenstcke, bedankte sich schn, und wanderte von Schonen
nach Westgtland. Dort angekommen, jammerte es, wie arm es sei, und bat
wieder um Erdboden.

>Erdboden kann ich dir nicht geben,< sagte Westgtland. >Einem Bettler
gnne ich auch nicht ein Stckchen von meinen fetten Wiesen. Wenn du aber
einen von meinen kleinen Flssen brauchen kannst, die durch die Ebene
hinziehen, dann nimm ihn dir.<

Uppland nahm den Flu und bedankte sich schn. Hierauf zog es nach Halland.
Dort jammerte es aufs neue, wie arm es sei, und bat um Erdboden.

>Ich bin auch nicht reicher als du,< sagte Halland, >und deshalb brauchte
ich dir auch nichts zu geben. Wenn du aber meinst, es verlohne sich der
Mhe, kannst du dir ein paar Steinhaufen ausbrechen und mitnehmen.<

Uppland nahm das Geschenk, bedankte sich schn und eilte weiter nach
Bohusln. Da durfte es so viele kahle Felsen in seinen Sack stecken, als es
nur wollte. >Sie sehen zwar nichts gleich,< sagte Bohusln, >aber als
Schutz gegen den Wind kannst du sie schon verwenden. Sie werden dir
ntzlich sein, denn du wohnst ja auch am Meere, gerade wie ich.<

Uppland nahm alles, was ihm geschenkt wurde, dankbar an und wies nichts
zurck, obgleich man ihm berall nur das gab, was die andern am leichtesten
entbehren zu knnen glaubten. Wrmland warf ihm ein Stck Berg hin,
Westmanland gab ihm eine Reihe von seinen Hgeln, Ostgtland schenkte ihm
ein Stck von dem wilden Kolmrden, und Smland stopfte ihm fast den ganzen
Sack voll Moorboden, Steinhaufen und Heidehgeln.

Srmland wollte nichts herschenken als ein paar Mlarbuchten, und Dalarna
wollte auch nichts von seinem Land hergeben und fragte deshalb, ob sich
Uppland nicht mit einem Stck vom Dallf begngen wolle.

Zuletzt bekam es von Nrke noch einige sumpfige am Hjlmar gelegene Wiesen;
dann aber war sein Sack ganz voll, und nun meinte Uppland auch genug
zusammengebettelt zu haben.

Als es wieder zu Hause anlangte und alles, was es erbettelt hatte, aus
seinem Sack herausnahm, dachte es freilich: >Da habe ich nichts als einen
Haufen Germpel mit heimgebracht.< Es seufzte und zerbrach sich den Kopf
darber, wie es denn seine Gaben ntzlich verwenden knnte.

Nun verging ein Jahr ums andre, whrenddessen Uppland daheim sein Eigentum
ordnete, und schlielich hatte es auch alles nach seinem Gutdnken
aufgestellt.

[Illustration]

Zu jener Zeit wurde in Schweden viel darber verhandelt, wo in dem
schwedischen Reiche der Knig wohnen und wo er sein Schlo und die
Hauptstadt errichten sollte. Natrlich wollte jede Landschaft den Knig bei
sich haben, und es wurde lange darber hin und her gestritten.

>Ich meine, der Knig sollte in der Landschaft wohnen, die sich als die
klgste und tchtigste ausweist,< sagte schlielich Uppland; und die andern
Landschaften erklrten diesen Ausspruch fr einen klugen Rat. Es wurde also
beschlossen, da die Landschaft, die sich als die klgste und tchtigste
ausweise, den Knig und die Hauptstadt bekommen solle.

Kaum waren alle Landschaften wieder zu Hause angelangt, als auch schon eine
Botschaft von Uppland bei ihnen eintraf, die sie zu einem Fest zu sich
einlud. >Was knnte uns denn dieser arme Schlucker wohl zu bieten haben?<
sagten alle Landschaften; aber sie nahmen doch die Einladung an.

Als sie ankamen, waren sie ber das, was sie sahen, aufs hchste
berrascht. Dicht bebaut breitete sich Uppland vor ihnen aus. In der Mitte
der Landschaft lag ein schner Hof neben dem andern, an der Kste dehnten
sich Ortschaften aus, und auf allen Wassern der Landschaft fuhren
zahlreiche Schiffe hin und her.

>Es ist eine Schande, mit dem Bettelsack umherzuziehen, wenn man es daheim
so gut hat,< sagten die andern Landschaften.

>Ich habe euch eingeladen, um euch eure Geschenke ordentlich zu zeigen,
denn euch habe ich es zu verdanken, da ich mich jetzt so gut fortbringen
kann,< sagte Uppland.

>Als ich heimkam,< fuhr Uppland fort, >leitete ich zu allererst den Dallf
in meinen Bereich herein, und zwar so, da er zwei prchtige Wasserflle
bilden mute, den einen bei Sderfors und den andern bei lfkarleby.
Sdlich vom Dallf bei Dannemora stellte ich den Berg auf, den ich von
Wrmland bekam, und da entdeckte ich, da Wrmland nicht so genau
nachgesehen hatte, was es weggab, denn der Berg bestand aus dem besten
Eisenerz. Ringsherum pflanzte ich den Wald, das Geschenk Ostgtlands, nun
waren an ein und derselben Stelle Erz, Wlder und Wasserkraft beieinander,
und da da reiche Bergwerke entstehen wrden, versteht sich von selber.

Nachdem ich es nun im Norden so gut eingerichtet hatte, stellte ich die
Westmanlndischen Hgel auf; aber ich streckte und dehnte sie, bis sie bis
zum Mlar hinreichten und da Landzungen und Holme bildeten, die sich bald
mit Grn bekleideten und zu schnen Grten wurden. Die Buchten von Srmland
aber dehnte ich so weit wie mglich ins Land hinein; dadurch wurde dieses
den Schiffen zugnglich und trat in Verbindung mit der Welt drauen.

Nachdem im Norden und Sden alles fertig war, wendete ich mich der
stlichen Kste zu, und nun sammelte ich alle die nackten Klippen und
Steinhaufen, die Heidestrecken und die kahlen Felder, die ihr mir gegeben
hattet, und warf sie ins Meer. So entstanden alle meine Holme und Inseln,
die mir fr die Schiffahrt und den Fischfang uerst ntzlich sind und die
ich fr mein wertvollstes Eigentum halte.

Dann hatte ich von euern Geschenken nichts mehr brig als die Rasenstcke
von Schonen; diese legte ich mitten ins Land hinein, und daraus wurde die
fruchtbare Vaksala-Ebene. Den trgen Flu aber, den mir Westgtland gegeben
hatte, leitete ich ber die Wiese hin, und so bildet er eine gute
Verbindung zu den Mlarbuchten.<

Jetzt verstanden die andern Landschaften, wie alles zugegangen war, und
obgleich sie immer noch etwas rgerlich waren, muten sie doch zugeben, da
Uppland seine Sache gut gemacht htte. >Du hast mit wenig Mitteln Groes
geleistet. Ja, du bist wirklich am klgsten und tchtigsten von uns allen,<
sagten sie.

>Ich danke euch fr diesen Ausspruch,< sagte Uppland. >Wenn ihr das sagt,
dann bin ich auch die Landschaft, die den Knig und die Hauptstadt bekommen
soll.<

Wieder wurden die Landschaften etwas rgerlich; aber ein Wort ist ein Wort,
und so blieb es dabei.

So bekam Uppland den Knig und die Hauptstadt und wurde die erste von allen
Landschaften. Und das war nicht mehr als recht und billig, denn Klugheit
und Tchtigkeit, diese beiden sind es, die auch heute noch aus Bettlern
Frsten machen.

[Illustration]




35

In Uppsala

Der Student


                                                  Donnerstag, 5. Mai

Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgnsen durchs Land zog, war in
Uppsala ein sehr tchtiger junger Student. Er wohnte in einem Dachstbchen,
und die jungen Leute sagten, er lebe geradezu von der Luft. Sein Studium
betrieb er mit Lust und Liebe, und er wurde frher fertig als alle seine
Studiengenossen. Trotzdem aber war er kein Bcherwurm und Spielverderber,
sondern freute sich mit seinen Kameraden der akademischen Freiheit, gerade
wie ein rechter Student sein soll. Er hatte nicht einen einzigen Fehler,
wenn man nicht etwa das einen Fehler nennen wollte, da er vom Glck etwas
verwhnt worden war. Aber das kann dem besten passieren; das Glck ist
nicht so leicht zu ertragen, besonders nicht in der Jugend.

Eines Morgens, gleich nachdem der Student aufgewacht war, dachte er darber
nach, wie gut es ihm doch immer gegangen sei. Alle Menschen haben mich
lieb, die Lehrer und die Kameraden, sagte er vor sich hin. Und wie gut
ist es mir bei meinem Studium ergangen! Heut mu ich zum letzten Male zum
>Tentamen<, und dann habe ich nicht mehr viel zu tun. Wenn ich nur zur
rechten Zeit fertig werde, bekomme ich gewi eine gute Stelle mit einem
ordentlichen Gehalt. Ja, ich habe in der Tat merkwrdig viel Glck, aber
ich habe es mir auch tchtig sauer werden lassen, da kann es mir nicht
anders als gut gehen.

Die Studenten in Uppsala sitzen nicht in Klassenzimmern und lernen da wie
Schulkinder miteinander, sondern jeder studiert daheim auf seiner eignen
Bude. Wenn sie dann mit einem Fach fertig sind, gehen sie zu ihren
Professoren und werden gleich in diesem Fach examiniert. Eine solche
Prfung wird ein Tentamen genannt, und jetzt sollte der obengenannte
Student gerade in dem letzten und schwersten Fach seiner ganzen Studienzeit
examiniert werden.

Sobald er sich angezogen und sein Frhstck eingenommen hatte, setzte er
sich an den Schreibtisch, um einen letzten Blick in die Bcher zu werfen.

Ich glaube, es ist ganz berflssig, denn ich bin ja sehr gut
vorbereitet, dachte er. Aber ich will doch lieber bis zuletzt bffeln,
dann habe ich mir nichts vorzuwerfen.

Er hatte noch nicht lange studiert, als es an seiner Tr klopfte und ein
Student mit einem dicken Band unter dem Arm bei ihm eintrat. Dieser Student
war von einem ganz andern Kaliber als der, der am Schreibtisch sa. Er war
bleich und schchtern und sah rmlich und bedrftig aus. Es war einer von
denen, die sich einzig und allein auf die Bcher und nichts weiter
verstehen. Man sagte ihm nach, er sei sehr gelehrt; aber er war so scheu
und schchtern, da er sich noch nicht ein einziges Mal zu einem Tentamen
herangewagt hatte. Alle seine Kameraden glaubten, es werde ein ewiger
Student aus ihm werden, ein solcher, der ein Jahr ums andre in Uppsala
bleibt, immerfort studiert und studiert, und aus dem doch nie etwas Rechtes
wird.

Jetzt kam dieser ewige Student zu unserm Studenten, ihn zu bitten, ein
Buch durchzulesen, das er geschrieben hatte. Es war noch nicht gedruckt,
sondern nur im Manuskript fertig.

Du wrdest mir einen groen Gefallen tun, wenn du ein wenig hineinsehen
mchtest und mir dann sagen, ob es irgend einen Wert hat, sagte der
schchterne Student.

Der Student, der immer Glck hatte, dachte im stillen: Da haben wirs
wieder, mich knnen alle Menschen besonders gut leiden; es mgen mich eben
alle. Da kommt nun auch dieser Sonderling zu mir; der kann sich nicht
berwinden, irgend jemand sein Werk zu zeigen, und nun bittet er mich, mein
Urteil darber abzugeben.

Er versprach, das Manuskript sobald wie mglich zu lesen, und der andre
legte es vor ihn auf den Schreibtisch. Du mut gut Acht darauf geben,
sagte er. Ich habe fnf Jahre lang daran gearbeitet; und wenn es verloren
ginge, knnte ich es nicht noch einmal schreiben.

So lange es bei mir ist, wird ihm nichts passieren, sagte der Student.
Und darauf entfernte sich der andre.

Der Student zog den groen Sto Papier zu sich heran. Was der wohl da
zusammengeschmiert hat? sagte er. Ah, die Geschichte der Stadt Uppsala;
das klingt ja nicht so bel!

Nun war aber unserm Studenten Uppsala die liebste Stadt von ganz Schweden,
und er war beraus neugierig, zu sehen, was der ewige Student ber diese
Stadt geschrieben htte. Wenn ich mir die Sache recht berlege, kann ich
seine Geschichte ebensogut gleich lesen, murmelte er. Es hat ja doch
keinen Wert, wenn ich mich hier bis zum letzten Augenblick schinde. Deshalb
geht es mir doch nicht besser beim Professor.

Der Student fing also zu lesen an und hob den Kopf nicht mehr von den
Blttern, bis er das letzte gelesen hatte. Ei sieh einmal! sagte er. Das
ist ja ein frchterlich gelehrtes Werk. Wenn dieses Buch herauskommt, ist
der ewige Student ein gemachter Mann. Nein, wie freue ich mich, ihm sagen
zu knnen, da mir sein Werk gefllt!

Er sammelte alle die losen Bltter, aus denen das Manuskript bestand,
wieder sorgfltig zusammen und legte sie auf den Tisch. Whrend er noch
damit beschftigt war, hrte er eine Uhr schlagen.

Ei der Tausend, es ist hchste Zeit, da ich zum Professor gehe! rief er
und eilte zur Tre hinaus, seine schwarzen Kleider zu holen, die in einem
Kmmerchen auf dem Bodenraum hingen. Aber wie es fters zu gehen pflegt,
wenn man in Eile ist: Schlo und Schlssel waren widerwillig, und es
dauerte eine gute Weile, bis der Student wieder in sein Zimmer zurckkam.

Als er ber die Schwelle trat, stie er einen lauten Schrei aus. In der
Eile, mit der er hinausgegangen war, hatte er die Tr seines Zimmers hinter
sich offen gelassen, und das Fenster am Schreibtisch war auch offen
gewesen. Dadurch war ein heftiger Zug entstanden, und jetzt sah der Student
die losen Bltter des Manuskripts zum Fenster hinauswirbeln. Mit einem
groen Satz war er am Schreibtisch und legte die Hand auf die Bltter. Aber
es war nicht mehr viel zu retten: hchstens zehn bis zwlf Bltter lagen
noch auf der Tischplatte, alle andern flatterten, vom Wind getrieben, ber
die Dcher und Hfe hin.

Der Student bog sich weit zum Fenster hinaus und sah den Blttern nach. Auf
dem Dach vor dem Mansardenfenster sa ein schwarzer Vogel, der ihn mit
spttischer berlegenheit ansah. Ist das nicht ein Rabe? dachte der
Student. Man sagt doch, die Raben bedeuteten Unglck.

Einige von den Blttern lagen noch auf dem Dache, und so htte er
vielleicht wenigstens noch einen Teil des verlorenen Gutes retten knnen,
wenn das Tentamen nicht gewesen wre. Nun aber meinte er, er msse sich in
erster Linie um seine eignen Angelegenheiten kmmern. Es handelt sich ja
um meine ganze Zukunft, dachte er.

Er warf sich in seinen schwarzen Anzug und strzte zu dem Professor.
Unterwegs mute er immerfort an das verlorene Manuskript denken. Das ist
eine recht rgerliche Geschichte, dachte er. Wie schade, da ich in so
groer Eile war!

Der Professor begann das Examen; aber der Student konnte an nichts andres
denken, als an das verlorene Manuskript. Was sagte doch der arme Kerl?
dachte er. Sagte er nicht, er habe fnf Jahre lang an dem Buch gearbeitet
und wre nicht imstande, es noch einmal zu schreiben? Ach, woher soll ich
nun den Mut nehmen, ihm zu gestehen, da es mir abhanden gekommen ist?

Der Student war sehr aufgeregt und hchst unglcklich ber sein Migeschick
mit dem Manuskript und konnte sich auf nichts besinnen. Alle seine
Kenntnisse waren wie weggeblasen. Er hrte nicht, was der Professor fragte,
und hatte auch keine Ahnung, was er antwortete. Der Professor war ganz
entsetzt ber eine solche Unwissenheit und konnte nichts andres tun, als
ihn durchfallen lassen.

Als der Student wieder auf die Strae kam, war er unglckselig. Jetzt
entgeht mir die gute Stelle! dachte er. Und wer ist ganz allein schuld
daran? Dieser alte Bcherwurm! Warum mute er auch gerade heute mit seinem
Werk daherkommen? Aber so geht es, wenn man immer gefllig ist.

In diesem Augenblick sah der Student den, an den er eben dachte, auf sich
zukommen. Er wollte ihm natrlich nicht sagen, da ihm das Manuskript
abhanden gekommen sei, ehe er einen Versuch gemacht htte, es wieder zu
erlangen, und suchte deshalb stillschweigend an ihm vorbergehen. Aber der
andre wanderte ganz betrbt und niedergedrckt daher und dachte nur
immerfort, was der Student wohl ber sein Buch sagen werde. Als dieser nun
mit einem unfreundlichen Kopfnicken vorbereilte, wurde er von einer
grenzenlosen Angst erfat. Er hielt ihn am rmel fest und fragte ihn, ob er
schon ein wenig in das Manuskript hineingesehen habe.

Ich komme eben von meinem Tentamen, antwortete der Student und wollte
rasch weitergehen. Aber der andre glaubte, er weiche ihm aus, damit er ihm
nicht sagen msse, wie wenig ihm das Manuskript gefallen habe. Ach, da war
ihm, als msse ihm das Herz brechen! Diese Arbeit, der er fnf Jahre seines
Lebens geopfert hatte, war also ganz wertlos! Tief betrbt sagte er zu dem
Studenten: Hre nun, was ich dir sage. Lies mein Buch, so rasch du kannst,
und dann teile mir mit, was du darber denkst; aber wenn es nichts wert
ist, verbrenne es, dann will ich es gar nicht mehr sehen.

Nach diesen Worten ging er hastig davon. Der Student sah ihm nach und
wollte ihn zurckrufen, besann sich dann aber anders und lenkte seine
Schritte heimwrts.

Hier angekommen, zog er rasch seinen Werktagsanzug wieder an und eilte
fort, nach den verlorenen Blttern zu suchen. Er suchte in den Straen, auf
den freien Pltzen und in den Grten. Dann suchte er in den Hfen, ja er
ging sogar weit vor die Stadt hinaus; aber er fand nicht ein einziges
Blatt.

Nachdem er ein paar Stunden ununterbrochen gesucht hatte, war er so
hungrig, da er etwas essen mute. In seinem gewohnten Gasthaus traf er
wieder mit dem ewigen Studenten zusammen, der auch sogleich auf ihn zukam,
um etwas ber sein Buch zu erfahren.

Ich werde heute abend zu dir kommen und mit dir darber sprechen, sagte
der Student ziemlich abweisend. Er wollte den Verlust des Manuskripts nicht
gestehen, ehe er ganz sicher wre, da er es nicht wieder erlangen knnte.

Der andre erblate: Vergi nicht, da du es vernichten mut, wenn es
nichts wert ist! sagte er im Fortgehen; denn jetzt war er vollkommen
berzeugt, da dem Studenten sein Buch ganz und gar nicht gefallen habe.

Der Student eilte wieder in die Stadt zurck und suchte ununterbrochen,
bis es ganz dunkel war; aber nirgends war eine Spur von den verlorenen
Blttern zu entdecken. Auf dem Rckweg nach seiner Wohnung traf er mit ein
paar Kameraden zusammen.

Wo hast denn du dich herumgetrieben; du bist ja nicht zum Maienfest
gekommen? fragten sie.

Ach, ist heute das Maienfest gewesen? rief der Student. Das hatte ich
ganz vergessen.

Whrend er noch mit seinen Kameraden sprach, kam ein junges Mdchen, das
der Student sehr lieb hatte, an der Gruppe vorber. Sie sah ihn nicht an,
sondern sprach mit einem andern Studenten, dem sie beraus freundlich
zulchelte. Da fiel dem Studenten pltzlich etwas ein: Er hatte dieses
junge Mdchen gebeten gehabt, doch ja gewi zum Maienfest zu kommen, damit
er mit ihr zusammen sein knnte; und nun hatte er selbst sich nicht
eingefunden. Ach, was mochte sie von ihm denken!

Ein Stich ging ihm durchs Herz, und er wollte ihr nacheilen; aber da sagte
einer von seinen Freunden: Mit Stenberg, unserm guten Bcherwurm, scheint
es schlecht zu stehen. Er ist heute nachmittag krank geworden.

Es wird doch nicht gefhrlich sein? fragte der Student hastig.

Irgend ein Herzleiden. Er hat einen schlimmen Anfall gehabt, der sich
jederzeit wiederholen kann. Der Doktor meint, er habe irgend einen schweren
Kummer, und seine Wiederherstellung hnge davon ab, ob man ihn von dieser
Sorge befreien knne.

Kurz darauf trat der Student bei dem Kranken ein. Dieser lag bleich und
matt in seinem Bett und war nach dem schweren Anfall noch gar nicht wieder
recht zu sich gekommen.

Ich komme, wegen deines Buches mit dir zu reden, begann der Student. Es
ist ein ausgezeichnetes Werk; ich habe selten so etwas Schnes gelesen.

Der ewige Student richtete sich in seinem Bette auf und sah den andern mit
groen Augen an. Warum warst du dann heute nachmittag so sonderbar?
fragte er.

Ich war in schlechter Laune, weil ich in dem Tentamen durchgefallen bin,
und ich glaubte auch nicht, da du dir so viel aus meinem Urteil machen
wrdest, sagte der Student. Aber dein Buch hat mir ausnehmend gut
gefallen.

Der Kranke sah den andern forschend an und war immer fester berzeugt, da
ihm dieser etwas verheimlichen wollte. Du sagst das nur, weil ich krank
bin und du mich nun trsten mchtest.

Ganz gewi nicht. Es ist eine ausgezeichnete Arbeit, ich versichere es
dir.

Hast du es wirklich nicht vernichtet, wie ich dir gesagt hatte?

So verrckt bin ich nicht.

Dann hole es. Beweise mir, da du es nicht vernichtet hast, alsdann will
ich dir glauben, sagte der Kranke und sank schwach und ermattet auf sein
Kissen zurck. Dem Studenten wurde ganz bang, er frchtete, der rmste
bekomme einen neuen Anfall.

Das war ein entsetzlicher Augenblick fr den Studenten. Er nahm die Hnde
des Kranken zwischen die seinigen und erzhlte ihm, da der Wind die
Bltter des Manuskripts zum Fenster hinausgeweht htte, und da er
unglckselig darber sei, weil er ihm einen so groen Schaden verursacht
habe.

Als er fertig war, streichelte ihm der Kranke zrtlich die Hand. Du bist
gut gegen mich, ja, sehr gut, sagte er. Aber gib dir keine Mhe, mir
solche Geschichten zu erzhlen, um mich zu schonen. Ich wei, du hast mir
gehorcht und das Manuskript vernichtet, weil es zu schlecht war; aber nun
willst du es nicht eingestehen, weil du meinst, ich knnte die Wahrheit
nicht ertragen.

Der Student versicherte hoch und teuer, die Wahrheit gesprochen zu haben;
aber der Kranke blieb eigensinnig bei seiner Ansicht und wollte es nicht
glauben. Wenn du mir mein Manuskript wiedergeben knntest, ja, dann wrde
ich dir glauben, sagte er.

Er wurde immer elender, und der Student hielt es schlielich frs beste,
sich zu entfernen; er frchtete, durch seine Anwesenheit die Sache nur noch
zu verschlimmern.

Zu Hause angelangt, fhlte er sich so trostlos und mde, da er sich kaum
noch aufrecht halten konnte. Er machte sich eine Tasse Tee und legte sich
dann zu Bett. Als er die Decke heraufzog, mute er unwillkrlich daran
denken, wie glcklich er am Morgen beim Erwachen gewesen war. Und jetzt
waren seine eignen schnen Hoffnungen zerstrt; aber das wre ja noch zu
ertragen gewesen. Das Schlimmste ist doch, da ich nun mein ganzes Leben
lang das Bewutsein mit mir herumtragen mu, das Unglck eines andern
Menschen verschuldet zu haben, sagte er.

Er war berzeugt, er werde die ganze Nacht kein Auge schlieen knnen. Aber
merkwrdigerweise schlief er gleich ein, sobald er den Kopf aufs Kissen
gelegt hatte. Er hatte nicht einmal mehr Zeit, die Lampe, die auf dem
Tischchen, das neben seinem Bett stand, zu lschen.


Das Maienfest

Aber in dem Augenblick, wo der Student einschlief, stand just drauen auf
dem Dache vor dem Mansardenfenster ein kleiner Knirps in gelben Lederhosen,
grner Weste und mit einer weien Zipfelmtze auf dem Kopf, und dieser
kleine Knirps dachte, wenn er an der Stelle des jungen Mannes wre, der da
drin in seinem Bette lag und schlief, dann wre er vollkommen glcklich.

Da sich aber Nils Holgersson, der vor ein paar Stunden in einem
Dotterblumenbusch bei Ekolsundviken lag, jetzt in Uppsala befand, daran war
Bataki, der Rabe, schuld, der ihn mit sich auf Abenteuer gelockt hatte.

Der Junge selbst hatte an dergleichen nicht im entferntesten gedacht. Er
lag da zwischen den Dotterblumen und schaute zum Himmel hinauf, als er
pltzlich Bataki mitten zwischen den dahinziehenden Wolken entdeckte. Der
Junge htte sich am liebsten vor dem Raben versteckt; aber Bataki hatte ihn
schon gesehen, und im nchsten Augenblick stand er auch mitten in den
Dotterblumen und redete Nils Holgersson an, wie wenn er und der Junge immer
die besten Freunde gewesen wren.

Und so dster und feierlich Bataki auch aussah, der Junge merkte doch, da
ihm der Schelm im Auge sa, ja, er hatte das Gefhl, der Rabe sei nur
gekommen, sich auf irgend eine Weise ber ihn lustig zu machen. Der Junge
nahm sich deshalb vor, auf gar nichts einzugehen, was Bataki auch sagen
mchte.

Bataki sagte, er habe nicht vergessen, da er dem Jungen eine Genugtuung
schuldig sei, weil er ihm nicht habe sagen drfen, wo sich der Bruderteil
befinde, und er wolle ihm jetzt dafr ein andres Geheimnis anvertrauen. Er
wisse nmlich, wie einer, der so verzaubert worden sei wie der Junge,
wieder ein Mensch werden knne.

Der Rabe war der festen berzeugung gewesen, wenn er eine solche Lockspeise
auswerfe, werde der Junge sogleich anbeien. Dieser aber antwortete in
abweisendem Ton, er wisse schon, da er wieder ein Mensch werden knne,
wenn es ihm gelinge, den weien Gnserich wohlbehalten zuerst nach Lappland
und dann wieder zurck nach Schonen zu fhren.

Aber wie du weit, ist es gar nicht so leicht, einen Gnserich
wohlbehalten durchs Land zu fhren, entgegnete Bataki. Da wre es gar
nicht so bel, wenn du noch einen andern Ausweg wtest, falls dir der eine
nicht gelingen sollte. Wenn du es jedoch nicht wissen willst, dann halte
ich meinen Schnabel.

Da antwortete der Junge, er habe nichts dagegen, wenn ihm Bataki das
Geheimnis mitteilen wolle.

Und das will ich auch, sagte der Rabe, doch erst im richtigen
Augenblick. Setze dich auf meinen Rcken und komm mit auf einen Ausflug,
dann werden wir sehen, ob sich vielleicht eine gute Gelegenheit bietet.

Da wurde der Junge wieder mitrauisch, und er wute nicht recht, wie er mit
Bataki daran war. Du hast wohl den Mut nicht, dich mir anzuvertrauen,
sagte der Rabe. Aber der Junge konnte durchaus nicht ertragen, wenn jemand
meinte, er frchte sich vor etwas; und so sa er im nchsten Augenblick auf
dem Rcken des Raben.

Bataki trug ihn nach Uppsala und setzte ihn dort auf einem Dach ab. Hierauf
befahl er ihm, sich recht umzuschauen und ihm dann zu sagen, wer wohl in
dieser Stadt wohne und regiere.

Der Junge schaute ber die Stadt hin. Sie war ziemlich gro und hatte eine
herrliche Lage mitten auf einer weiten, fruchtbaren Ebene. Er sah viele
vornehme, stattliche Huser, und auf einem Hgel ragte ein festgemauertes
Schlo mit zwei massiven Trmen auf.

Vielleicht wohnt der Knig mit seinem Gefolge da, sagte der Junge.

Du hast nicht gerade schlecht geraten, versetzte der Rabe. Der Ort ist
in alten Zeiten eine Knigsstadt gewesen; aber jetzt ist es mit dieser
Herrlichkeit vorbei.

Noch einmal sah sich der Junge um. Da fiel ihm vor allem die schne
Domkirche auf, die mit ihren drei schlanken Trmen, mit ihren prchtigen
Portalen und reichverzierten Mauern in der Sonne glnzte.

Vielleicht wohnt hier ein Bischof mit seinen Pfarrern, sagte er.

Das ist auch nicht gerade schlecht geraten, erwiderte der Rabe. Es haben
hier wirklich einmal Erzbischfe gewohnt, die ebenso mchtig waren wie
Knige, und auch jetzt noch hat ein Kirchenfrst seinen Sitz hier, aber er
regiert auch nicht in dieser Stadt.

Dann wei ich nicht, wen ich nennen soll, sagte der Junge.

In dieser Stadt regiert die Wissenschaft, sprach der Rabe feierlich. Die
groen Gebude, die du hier berall siehst, sind fr sie und ihre Jnger
eingerichtet.

Der Junge wollte dies kaum glauben. Aber der Rabe sagte: Komm nur mit,
dann sollst du selbst sehen!

Hierauf flog er mit dem Jungen davon, und sie sahen miteinander in die
groen Huser hinein. An mehreren Orten standen die Fenster offen, und der
Junge konnte da und dort tief hineinschauen. Da sah er, da der Rabe die
Wahrheit gesprochen hatte.

Bataki zeigte ihm die groe Bibliothek, die vom Erdgescho bis zum
Dachfirst mit Bchern angefllt ist; er fhrte ihn in das stolze
Universittsgebude hinein und zeigte ihm die prchtigen Hrsle. Dann flog
er mit ihm an den alten Gebuden vorber, die das Gustavianum heien; da
konnte der Junge durch die Fenster ausgestopfte Tiere wahrnehmen. Sie
flogen ber das groe Gewchshaus mit den vielen seltenen Pflanzen hin und
schauten auf das Observatorium hinunter, wo das lange Fernrohr zum Himmel
gerichtet war.

Sie flogen auch an vielen Fenstern vorber; und der Junge sah da in Zimmer,
wo die Wnde ringsum von oben bis unten mit Bchern bedeckt waren, und wo
alte Herren mit Brillen auf den Nasen eifrig lasen oder schrieben. Dann
flogen sie an Giebelfenstern vorbei, wo die Studenten, auf ihren Sofas
ausgestreckt, dicke Manuskripte vor sich hatten.

Schlielich lie sich der Rabe auf einem Dache nieder. Siehst du nun, da
ich die Wahrheit gesprochen habe, als ich dir sagte, in dieser Stadt
regiere die Wissenschaft? sagte er. Und der Junge mute zugeben, da es
sich so verhalte. Wenn ich nicht ein Rabe wre, fuhr Bataki fort,
sondern nur ein Mensch wie du, dann wrde ich mich hier niederlassen. Ich
wrde dann Tag fr Tag in einem Zimmer voll Bcher sitzen und alles lesen,
was darin stnde. Httest du nicht auch Lust zu so etwas?

Nein, ich glaube, ich wrde viel lieber mit den Wildgnsen umherziehen,
antwortete der Junge.

Wie, mchtest du nicht ein Mensch werden, der die Krankheiten heilen
kann? fragte der Rabe.

Doch, das mchte ich vielleicht schon.

Mchtest du nicht ein Mensch werden, der alles wei, was sich je in der
Welt zugetragen hat, der alle Sprachen sprechen und einem sagen kann,
welche Bahnen die Sonne, der Mond und die Sterne am Himmel beschreiben?
fragte der Rabe.

O ja, das knnte ja auch ganz unterhaltend sein.

Mchtest du nicht lernen, zwischen gut und bse zu unterscheiden, zwischen
Recht und Unrecht?

Auch das ist gut und ntzlich, antwortete der Junge. Ich habe es schon
oft bemerkt.

Und mchtest du nicht ein Pfarrer werden und in deiner Kirche daheim
predigen?

Wenn ich es so weit brchte, wrden Vater und Mutter berglcklich sein!
seufzte der Junge.

Auf diese Weise gab der Rabe dem Jungen zu verstehen, wie glcklich die
jungen Leute seien, die in Uppsala studieren konnten. Aber der Dumling
wnschte trotzdem nicht, einer von ihnen zu sein.

Gerade an diesem Abend wurde zuflligerweise das groe Maienfest gefeiert,
das in Uppsala jedes Jahr dem Frhlingsanfang zu Ehren gehalten wird. Es
htte eigentlich schon am ersten Mai stattfinden sollen; aber an diesem
Tage hatte es in Strmen geregnet, und so war es auf einen andern Tag
verschoben worden.

Jetzt sah Nils Holgersson die Studenten, als sie nach dem botanischen
Garten zogen, wo das Fest gehalten wurde. In einem langen, breiten Zuge
kamen sie daher mit den weien Studentenmtzen auf dem Kopfe, und die ganze
Strae sah aus wie ein schwarzer, mit weien Wasserrosen bedeckter Strom.
Dem Zuge voran wurden weiseidene goldgestickte Fahnen getragen, und den
ganzen Weg entlang sangen die Teilnehmer lauter Frhlingslieder. Aber Nils
Holgersson war es, als seien es gar nicht die Studenten, die die Lieder
sangen; ihm war, als schwebe der Gesang ber dem Zuge, ja er hatte das
Gefhl, als sngen nicht die Studenten dem Frhling zu Ehren, sondern als
sei der Frhling irgendwo verborgen und singe fr die Studenten. Nils
Holgersson htte gar nicht gedacht, da Menschengesang so schn klingen
knnte! Er klang wie das Sausen des Windes in den Tannenwipfeln, klang wie
eherne Glockentne und wie das Lied der wilden Schwne drauen am
Meeresufer.

Als die Studenten den Garten erreicht hatten, wo die Rasenflchen im
Schmucke des ersten zarten hellgrnen Grases glnzten und die
Frhlingsknospen der Bume und Strucher am Aufbrechen waren, hielt der Zug
vor einer Rednerbhne; ein alter Herr stieg hinauf und begann eine Rede.

Die Rednerbhne war auf der Freitreppe des groen Gewchshauses errichtet,
und der Rabe setzte den Jungen auf das Dach des Treibhauses. Da sa er in
aller Ruhe und konnte alles ganz behaglich sehen und hren. Der alte Herr
auf der Rednerbhne sagte, das beste im Leben sei, jung zu sein und in
Uppsala studieren zu drfen. Er sprach von der guten, friedlichen Arbeit
des Studiums und von der reichen, sonnigen Jugendfreude, die nirgends so
genossen werden knnte, wie in einem groen Kreise von Studiengenossen.
Einmal ums andre betonte er das Glck, das darin liege, im Kreise froher,
hochgesinnter Genossen leben zu drfen; das mache die Arbeit so leicht, das
Leid so flchtig, die Hoffnungen so golden.

Der Junge betrachtete die in einem Halbkreis um die Rednerbhne
versammelten Studenten, und da ging ihm ein Licht auf, wie ber die Maen
herrlich es sein mte, ihrem Kreise anzugehren. Welch eine Ehre und welch
ein Glck, Mitglied einer solchen Schar zu sein! Da galt jeder gleich mehr,
als er fr sich allein gegolten htte.

Nach der Rede wurde ein Lied angestimmt, und nach dem Gesang betrat ein
neuer Redner die Bhne. Der Junge htte nie geglaubt, da die menschliche
Sprache so erschttern, aufmuntern und erfreuen knnte.

Bisher hatte Nils Holgersson hauptschlich die Studenten betrachtet; jetzt
sah er, da diese sich nicht allein in dem Garten befanden, sondern da
auch junge Mdchen in hellen Gewndern und viele andre Leute da waren. Aber
diesen allen ging es offenbar gerade wie dem Jungen, sie schienen auch alle
nur der Studenten wegen gekommen zu sein.

Ab und zu gab es eine Pause zwischen den Reden und Gesngen, und dann
zerstreuten sich die Scharen ber den ganzen Garten. Aber schon nach kurzer
Zeit stand ein neuer Redner auf der Bhne, und rasch sammelten sich die
Zuhrer wieder um ihn. Und so ging es weiter, bis die Dunkelheit anbrach.

Als alles zu Ende war, atmete der Junge tief auf, und wie aus einem Traum
erwachend rieb er sich die Augen, denn er war in einem Lande gewesen, in
das er noch nie einen Fu gesetzt hatte. Alle diese vielen jungen Leute,
die so lebensfroh waren und der Zukunft so siegessicher entgegensahen,
wirkten mit ihrem Frohsinn und ihrer Freude ansteckend auf die andern, und
jetzt war der Junge mit ihnen in dem Lande der Freude gewesen. Als aber die
Tne des letzten Liedes hinstarben, da berkam ihn die Erkenntnis, wie
traurig sein eigenes Leben doch war, und er konnte es fast nicht ber sich
gewinnen, zu seinen armen Reisegenossen zurckzukehren.

Der Rabe hatte die ganze Zeit ber neben dem Jungen gesessen; jetzt kratzte
er sich mit dem Fue hinter dem Ohr. Nun, Dumling, soll ich dir jetzt
mitteilen, wie du wieder ein Mensch werden kannst? fragte er. Du mut
warten, bis du mit jemand zusammentriffst, der zu dir sagt, er mchte gern
an deiner Stelle mit den Wildgnsen umherziehen; dann mut du den
Augenblick wahrnehmen und zu ihm sagen...

Und nun teilte Bataki dem Jungen ein paar Worte mit, die so wirksam und
gefhrlich waren, da sie gar nicht laut ausgesprochen, sondern nur
geflstert werden durften, solange sie nicht im Ernst gesagt sein sollten.

So, mehr brauchst du nicht zu sagen, um wieder ein Mensch zu werden,
sagte Bataki zum Schlu.

Ja, das glaube ich wohl, erwiderte der Junge, denn ich finde natrlich
nie jemand, der sich an meine Stelle wnschte.

O, das ist nicht so ganz unmglich, sagte der Rabe. Und hierauf war er
mit dem Jungen wieder in die Stadt hineingeflogen und hatte ihn auf dem
Dach vor jenem Kammerfenster abgesetzt, wo, wie wir oben gehrt haben, der
Junge nun schon eine Weile sa und darber nachdachte, wie glcklich doch
der Student sein msse, der in der Dachkammer da drinnen in seinem Bett lag
und schlief.


Die Probe

Der Student fuhr aus seinem Schlafe auf und sah, da die Lampe noch immer
auf seinem Nachttischchen brannte. Ei, die habe ich zu lschen vergessen,
dachte er und richtete sich auf den Ellenbogen auf, um sie
hinunterzuschrauben. Aber ehe er so weit gekommen war, sah er, da sich auf
seinem Schreibtisch etwas bewegte.

Das Zimmer war sehr klein; zwischen dem Bett und dem Schreibtisch war kein
breiter Raum, und der Student konnte die Bcher und Papiere, das
Schreibzeug und die Photographien auf dem Tische alle deutlich sehen. Wie
merkwrdig: ganz ebenso deutlich wie alles andre sah er auch einen ganz
kleinen Knirps, der sich eben ber die Butterdose neigte und sich ein
Butterbrot zurechtmachte.

Der Student hatte im Laufe des Tages so viel erlebt, da er allem, was ihm
noch passieren konnte, fast ganz gleichgltig gegenberstand. Er erschrak
nicht und verwunderte sich auch nicht, sondern nahm es als etwas ganz
Natrliches hin: dieser kleine Knirps war hereingekommen, sich etwas zum
Essen zu holen.

Ohne die Lampe zu lschen, legte sich der Student wieder zurck und
betrachtete den Knirps mit halbgeschlossenen Augen, der jetzt ganz
seelenvergngt auf einem Briefbeschwerer sa und sich an den berresten von
des Studenten Abendessen labte. Er zog seine Mahlzeit absichtlich so lange
wie nur mglich hinaus, ja, er verdrehte die Augen vor Wohlbehagen und
schmatzte mit der Zunge. Die trockene Brotrinde und die Ksereste schienen
offenbar seltene Leckerbissen fr den kleinen Kerl zu sein.

Der Student wollte ihn bei seiner Mahlzeit nicht stren, aber als er
vollstndig satt zu sein schien, redete er ihn an:

Hallo, du, was bist denn du fr ein Kerlchen? fragte er.

Der Junge fuhr zusammen und lief ans Fenster; als er aber merkte, da der
Student ganz ruhig liegen blieb und ihn nicht verfolgte, hielt er inne.

Ich bin Nils Holgersson von Westvemmenhg, begann er. Und ich bin ein
Mensch wie du auch, aber ich bin in ein Wichtelmnnchen verwandelt worden,
und seitdem ziehe ich mit den Wildgnsen umher.

Das ist ja eine sonderbare Geschichte, sagte der Student. Und dann fragte
er den Jungen aus, bis er ungefhr alles wute, was Nils Holgersson seit
seinem Weggange von Hause widerfahren war.

Du hast es wahrhaftig gut, seufzte der Student. Ach, wer doch an deiner
Stelle wre und alle seine Sorgen hinter sich lassen knnte!

Bataki stand drauen auf dem Fensterbrett und hrte zu. Als nun der Student
diesen Seufzer ausstie, klopfte er mit dem Schnabel ans Fenster, und der
Junge merkte wohl, da ihn der Rabe damit mahnen wollte, doch ja die
Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen, falls der Student das rechte Wort
sagen sollte.

Ach, du wirst mir doch nicht weismachen wollen, da du mit mir tauschen
mchtest! erwiderte der Junge. Wer Student ist, will sicher nichts andres
sein.

So hab ich heute morgen beim Erwachen auch gedacht, sagte der Student.
Aber du solltest nur wissen, was mir heute zugestoen ist. Fr mich gibt
es kein Glck mehr. Das beste fr mich wre, wenn ich mit den Wildgnsen
auf und davon fliegen knnte.

Wieder klopfte Bataki ans Fenster; dem Jungen selbst wurde es ganz
schwindlig, und sein Herz begann heftig zu klopfen, denn es klang ja fast,
als sei der Student auf dem Punkt, das richtige Wort zu sagen.

Jetzt habe ich dir erzhlt, wie es mir ergangen ist, sagte der Junge zu
dem Studenten. Teile mir nun auch deine Geschichte mit.

Der Student war nur zu froh, sich jemand anvertrauen zu knnen, und
erzhlte ganz der Wahrheit gem alles, was ihm widerfahren war. Das eine
wre ja am Ende nicht hoffnungslos verloren, aber ich habe einen andern ins
Unglck gestrzt, und das ist mir ganz unertrglich, sagte er zum
Schlusse. Es wre in der Tat besser fr mich, wenn ich an deiner Stelle
wre und mit den Wildgnsen umherziehen knnte.

Jetzt klopfte Bataki noch lauter ans Fenster; aber der Junge blieb eine
gute Weile ganz ruhig und still sitzen und schaute nur geradeaus.

Warte einen Augenblick, ich komme wieder, sagte er dann leise zu dem
Studenten.

Hierauf ging er mit kleinen, zgernden Schritten ber den Schreibtisch und
durchs Fenster hinaus. Als er aufs Dach hinauskam, ging eben die Sonne auf,
und die Stadt Uppsala breitete sich, vom roten Morgenlicht bergossen, vor
ihm aus. Es glnzte und gleite von allen Trmen und Zinnen, und wieder
dachte der Junge unwillkrlich, da dies doch eine richtige Stadt der
Freude sei.

Was hast du denn aber gedacht? rief der Rabe. Jetzt hast du die
Gelegenheit, wieder ein Mensch zu werden, verpat!

Ich habe keine Lust, mit dem Studenten zu tauschen, entgegnete der
Junge. Denn dann htte ich nichts als Unannehmlichkeiten wegen der
weggeflogenen Papiere.

Derentwegen brauchtest du dir keine Sorge zu machen, die kann ich dir
wieder verschaffen, sagte Bataki.

Ja, das glaube ich schon, aber ich bin nicht sicher, ob du es auch tust.
In dieser Beziehung mte ich zuerst ganz beruhigt sein, erwiderte der
Junge.

Ohne ein Wort zu sagen, breitete Bataki die Flgel aus und flog davon. Aber
schon im nchsten Augenblick kehrte er mit ein paar Blttern Papier im
Schnabel zurck. Und so flog er eine ganze Stunde lang hin und her, fleiig
wie eine Schwalbe, die ihr Nest baut, und brachte dem Jungen ein Blatt ums
andre.

So, jetzt hast du wohl fast alles beieinander, sagte er schlielich und
stellte sich keuchend auf das Fensterbrett.

Ich danke dir schn, Bataki, sagte der Junge. Jetzt will ich wieder
hineingehen und mit dem Studenten sprechen.

In diesem Augenblick warf der Rabe einen Blick ins Zimmer hinein, und da
sah er, da der Student eben die Papiere sorgfltig glattstrich und
aufeinanderschichtete. Du bist doch der grte Dummkopf, den ich je
gesehen habe, fuhr Bataki den Jungen an. Hast du dem Studenten die
Bltter gegeben? Dann brauchst du nicht mehr zu ihm hineinzugehen. Jetzt
sagt er gewi nicht mehr, er wolle mit dir tauschen.

Der Junge betrachtete den Studenten. Dieser war berglcklich und tanzte im
bloen Hemde vor lauter Freude in dem kleinen Zimmer umher.

Ach, Bataki, du hast mich ja nur auf die Probe stellen wollen, das wei
ich wohl, sagte Nils Holgersson. Du dachtest natrlich, ich wrde den
Gnserich Martin auf seiner beschwerlichen Reise allein lassen, und er
knnte dann selbst sehen, wie er durchkomme, wenn es mir nur selber gut
ginge. Aber als mir der Student da drinnen seine Geschichte erzhlte,
erkannte ich, wie hlich das ist, wenn man einen Freund in der Not
verlt, und das wollte ich nicht tun.

Bataki kratzte sich mit dem Fu im Nacken und sah beinahe verlegen aus. Er
wute gar nicht, was er sagen sollte, und flog darum mit dem Jungen
geradenwegs zu den Wildgnsen zurck.

[Illustration]




36

Daunenfein

Die schwimmende Stadt


                                                  Freitag, 6. Mai

Es gab nichts Lieberes und Gtigeres als die kleine Graugans Daunenfein.
Alle andern Wildgnse hatten sie sehr lieb, und der weie Gnserich htte
gern sein Leben fr sie gelassen. Wenn Daunenfein um etwas bat, konnte es
ihr selbst die alte Akka nicht abschlagen.

Sobald Daunenfein an den Mlar kam, erkannte sie die Landschaft wieder.
Gleich davor mute das Meer mit den groen Schren sein, wo ihre Eltern und
Schwestern auf einem kleinen Holm wohnten. Daunenfein bat die Wildgnse,
ehe sie weiter nach Norden zgen, mit ihr nach ihrer Heimat zu fliegen,
damit sie den Ihrigen zeigen knne, da sie noch am Leben sei; das wrde
daheim eine groe Freude geben.

Akka sagte Daunenfein gerade heraus, sie sei der Ansicht, Daunenfeins
Eltern und Geschwister htten sich damals, als sie land verlieen, nicht
gerade liebevoll gegen die kranke Schwester benommen. Aber Daunenfein
wollte Akka nicht recht geben. Was htten sie denn tun sollen, als sie
sahen, da ich nicht fliegen konnte? erwiderte sie. Sie htten doch
meinethalben nicht auf land zurckbleiben knnen.

Um die Wildgnse zu bewegen, mit ihr nach den Schren hinauszufliegen,
erzhlte ihnen Daunenfein von ihrer Heimat. Diese liege auf einer
Felseninsel. Wenn man die Insel aus der Ferne sehe, meine man, es gbe gar
nichts als Steine da, wenn man aber dort ankomme, finde man in den Rissen
und Spalten herrliches Futter. Und bessere Brutpltze als dort in den
Felsenspalten und unter den Weidenbschen knnte man lange suchen. Das
beste von allem aber sei doch ein alter Fischer, der auf dem Holm wohne.
Daunenfein habe gehrt, da er in seiner Jugend ein groer Jger gewesen
sei, der immer zwischen den Schren gelegen und Vgel erlegt habe. Aber auf
seine alten Tage, nachdem seine Frau gestorben und seine Kinder fortgezogen
seien, wohne er ganz allein in seinem Huschen, und jetzt beschtze er die
Vgel auf seiner Schreninsel. Er lege nie mehr auf sie an und halte auch
die andern Fischer davon ab. Statt dessen gehe er jetzt bei den
Vogelnestern umher, und wenn die Weibchen auf ihren Eiern sen, bringe er
ihnen Futter. Kein einziger Vogel frchte sich vor ihm. Daunenfein sei oft
in seiner Htte gewesen, und da habe er ihr Brotkrumen hingestreut. Weil
nun der Fischer so gut gegen die Vgel sei, htten sich diese auch in
groer Menge auf der Schre niedergelassen, und es fehle dort nchstens an
dem ntigen Platz. Wenn man im Frhling zu spt eintreffe, knnten
mglicherweise schon alle Brutpltze besetzt sein. Und deshalb haben meine
Eltern und Geschwister mich auch allein in land zurcklassen mssen,
schlo Daunenfein die Erzhlung.

Und Daunenfein bat und bettelte so lange, bis sie ihren Willen durchgesetzt
hatte, obgleich die Wildgnse sich schon etwas versptet hatten und
eigentlich ohne Aufenthalt nordwrts reisen sollten. Aber der Besuch in den
Schren wrde die Reise allerdings nur um einen einzigen Tag verzgern.

Eines Morgens, nachdem sie sich wohl gestrkt hatten, brachen sie auf und
flogen in stlicher Richtung ber den Mlar hin. Der Junge wute nicht
genau, wohin die Gnse flogen, aber er sah bald, wie viel lebhafter der
Verkehr wurde, und wie viel dichter bebaut die Ufer waren, je weiter
ostwrts sie kamen.

Schwerbeladene Prahme und Khne und Fischerbarken waren in derselben
Richtung wie die Wildgnse unterwegs, und viele schne, weie Dampfschiffe
kamen ihnen entgegen, oder fuhren an ihnen vorbei. An den Ufern liefen
Eisenbahnen und Landstraen hin, alle einem und demselben Ziel entgegen.
Dort im Osten mute irgendein Ort sein, den alle an diesem Morgen noch zu
erreichen suchten.

Auf einer der Inseln sahen sie ein groes, weies Schlo, und eine Strecke
weiter waren die Ufer allmhlich mit Villen bedeckt. Im Anfang lagen diese
in groen Zwischenrumen, spter aber dichter, und bald stand dem ganzen
Ufer entlang eine Villa neben der andern. Die Huser waren von hchst
verschiedener Bauart: hier lag ein Schlo, dort eine Htte. Hier erhob sich
ein langer, niedriger Herrenhof, dort eine Villa mit vielen kleinen Trmen.
Die einen standen mitten in Obstgrten, die meisten aber waren von kleinen
Gehlzen umgeben, die ohne besondere Pflege die Ufer einfaten. Aber so
ungleich sie auch waren, eins hatten sie alle gemeinsam, sie waren nicht
einfach und ernst, wie andre Huser, sondern wie Puppenhuser, leuchtend
grn und blau und wei und rot angestrichen.

Der Junge betrachtete eben eifrig alle diese lustigen Sommerhuser am
Strande, als Daunenfein pltzlich einen Schrei ausstie. Jetzt erkenne ich
meine Heimat deutlich wieder! rief sie. Dort drben liegt die schwimmende
Stadt!

Da schaute Nils geradeaus, er sah aber zuerst gar nichts als feinen Dunst
und Nebel, die ber dem Wasser schwebten. Dann unterschied er hohe Trme
und da und dort ein Haus mit langen Fensterreihen. Die Gebude tauchten auf
und verschwanden wieder, je nachdem der Nebel hin und her wogte. Aber ein
Uferstreifen war nirgends zu erblicken; alles schien auf dem Wasser zu
ruhen.

Als der Junge der Stadt nher kam, sah er keine lustigen Puppenhuser mehr
am Ufer, die waren dafr mit rauchigen Fabrikgebuden bedeckt. Hinter hohen
Plankenzunen erstreckten sich groe Kohlen- und Bretterhaufen, und an
schwarzen, schmutzigen Brcken lagen schwerfllige Frachtdampfer; darber
aber breitete sich berall der wogende, durchsichtige Nebelschleier aus,
und dadurch erschien alles so groartig und gewaltig und fremdartig, da es
einen beinahe schnen Eindruck machte.

[Illustration]

Die Wildgnse flogen an Fabriken und Frachtdampfern vorber und kamen der
nebelumhllten Stadt immer nher. Da sanken pltzlich alle Nebelschleier
aufs Wasser hinunter, nur ein dnner, leichter in zartestem Rosa und
Hellblau schimmernder Dunst schwebte noch darber. Die andern Nebel aber
wlzten sich unter der Schar ber das Wasser und das Land hin. Sie
verbargen die Grundmauern und den untern Teil der Huser, whrend die
oberen Stockwerke, die Dcher, Trme, Giebel und Dachfirste deutlich
sichtbar waren. Einige der Huser erschienen auf diese Weise bermig hoch
und erinnerten unwillkrlich an den Turm zu Babel. Der Junge konnte sich ja
wohl denken, da sie auf Hgel und Felsenrcken gebaut sein muten; diese
selbst sah er allerdings nicht, nur die Huser, die ber den Nebelmassen
aufragten. Der Nebel war glnzend wei, und die Huser lagen schwarz und
dunkel mitten darin, denn die Sonne stand im Osten, und ihre Strahlen
fielen nicht auf diese Seite.

Wohin der Junge schaute, berall sah er Dcher und Trme aus dem Nebelmeer
auftauchen; die Wildgnse flogen offenbar ber eine groe Stadt hin.
Bisweilen teilten sich die wallenden Nebelmassen, und dann sah der Junge
einen rauschenden, brausenden Strom, aber Land konnte er nirgends
entdecken. Es war ein wunderschner Anblick, aber er fhlte sich doch ein
wenig beklommen, wie es meistens geht, wenn man etwas sieht, was einem
unverstndlich ist.

Sobald sie die Stadt hinter sich hatten, war die Erde nicht mehr vom Nebel
verhllt. Jetzt konnte man Ufer, Wasser und Inseln deutlich unterscheiden.
Der Junge schaute zurck, um einen letzten Blick auf die Stadt zu werfen.
Sie sah jetzt noch mehr wie ein Zaubermrchen aus. Die Sonne hatte alle die
Nebelschleier rosig angehaucht, und diese schwebten nun, in herrlichstem
Blau und Rot und Gelb leuchtend, ber der Landschaft. Die Huser waren ganz
wei, wie wenn sie aus Licht gebaut wren, die Fenster und Trme aber
glnzten wie lauter Feuer. Und alles schwamm auf dem Wasser wie zuvor.

Die Wildgnse flogen rasch ostwrts. Im Anfang sah es hier ganz so aus wie
am Mlar. Zuerst ging es ber Fabriken und Werksttten hin, dann zeigten
sich an den Ufern allmhlich hbsche Landhuser. Es wimmelte von
Dampfschiffen und Booten; aber jetzt kamen diese von Osten her und fuhren
westwrts der Stadt zu.

[Illustration]

Die Wildgnse flogen weiter, und anstatt der schmalen Mlarfjorde und der
kleinen Inseln breitete sich jetzt eine grere Wasserflche mit
umfangreicheren Inseln unter ihnen aus. Das Festland wich zur Seite und war
bald nicht mehr zu sehen. Die Pflanzenwelt wurde krglicher; Laubhlzer gab
es nur noch wenig, das Nadelholz bekam das bergewicht. Die Landhuser
hrten auf, und statt ihrer sah man Bauernhuser und Fischerhtten.

Immer weiter flogen die Wildgnse; jetzt waren keine groen, bebauten
Inseln mehr zu sehen, nur unzhlige kleine ber das Wasser verstreute
Schren. Die Fjorde wurden nicht mehr vom Festland eingeengt, das weite,
unbegrenzte Meer dehnte sich vor ihnen aus.

Hier drauen lieen sich die Wildgnse auf einer Felseninsel nieder, und
als der Junge abgestiegen war, wendete er sich an Daunenfein. Was ist denn
das fr eine Stadt, ber die wir hingeflogen sind? fragte er.

Ich wei nicht, wie sie bei den Menschen genannt wird, antwortete
Daunenfein. Wir Graugnse nennen sie nur die schwimmende Stadt.


Die Schwestern

Daunenfein hatte zwei Schwestern: Flgelschn und Goldauge. Es waren kluge
und starke Vgel; aber sie hatten kein so weiches, glnzendes Federgewand
wie Daunenfein und auch keinen so freundlichen, liebenswrdigen Charakter.
Schon zu der Zeit, wo sie noch kleine hliche Gsselchen gewesen waren,
hatten ihnen die Eltern und Verwandten, ja sogar auch der alte Fischer
deutlich zu verstehen gegeben, da sie Daunenfein lieber htten, und
deshalb hatten diese beiden ihre Schwester Daunenfein von jeher gehat.

Als die Wildgnse sich auf der Felseninsel niederlieen, weideten
Daunenfeins Schwestern, Flgelschn und Goldauge, eben auf einem grnen
Fleck, und sie sahen die Wildgnse sogleich.

Sieh nur, Schwester Goldauge, welche stattlichen Wildgnse sich da auf
unsrer Insel niederlassen! sagte Flgelschn. Ich habe noch nicht oft
Vgel gesehen, die eine so prchtige Haltung gehabt htten. Und sieh nur,
sie haben einen weien Gnserich bei sich! Hast du je einen so schnen
Vogel gesehen? Man knnte ihn fast fr einen Schwan halten.

Goldauge stimmte der Schwester bei und meinte auch, da sei gewi sehr
vornehmer Besuch auf die Insel gekommen. Aber pltzlich unterbrach sie sich
und rief: Schwester Flgelschn! Schwester Flgelschn! Siehst du nicht,
wer bei ihnen ist?

In demselben Augenblick erkannte auch Flgelschn ihre Schwester
Daunenfein, und sie war so berrascht, da sie eine ganze Weile nur mit
offenem Schnabel dastand und zischte.

Es ist nicht mglich, es ist nicht mglich! Wie sollte sie zu solchen
Leuten gekommen sein? Wir lieen sie ja auf land zurck, und dort hat sie
verhungern mssen.

Nun wird sie uns natrlich bei Vater und Mutter verklagen und sagen, da
wir sie gestoen htten, bis sie sich den Flgel ausrenkte. Aber das ist
noch nicht das schlimmste von allem, denn du wirst sehen, wir werden dafr
von der Insel verjagt.

Ja, das wird eine nette Geschichte geben; denn wenn der verzrtelte
Nestkegel wieder da ist, gibt es natrlich lauter Widerwrtigkeiten, sagte
Flgelschn. Aber ich wrde es doch frs klgste halten, wenn wir im
Anfang tten, als ob wir uns ber ihre Rckkehr freuten. Sie ist nmlich
sehr dumm, und vielleicht hat sie nicht einmal gemerkt, da wir sie mit
Absicht stieen.

Whrend Flgelschn und Goldauge so miteinander redeten, hatten die
Wildgnse drunten am Strand ihre von dem raschen Flug zerzausten Federn
geglttet, und jetzt wanderten sie in einer langen Reihe auf den
Felsenspalt zu, wo, wie Daunenfein wute, die Eltern zu wohnen pflegten.

Daunenfeins Eltern waren ausgezeichnete Leute; sie wohnten schon lnger auf
der Insel als alle die andern Vgel. Sie halfen deshalb auch allen
Neuankommenden und gaben ihnen guten Rat. Auch sie hatten die Wildgnse
daherfliegen sehen, aber Daunenfein in der Schar nicht erkannt.

Sieh nur, da lassen sich Wildgnse auf der Felseninsel nieder, das ist
doch merkwrdig! sagte der Gnsevater. Es ist eine prchtige Schar, das
sieht man schon am Fluge, aber es wird schwierig sein, fr so viele
ordentliche Weidepltze zu finden.

Bis jetzt ist die Insel noch nicht berfllt, und wir knnen schon noch
Gste aufnehmen, meinte die Gnsefrau, die freundlichen, gutherzigen
Gemtes war, gerade wie Daunenfein.

Als Akka nher herankam, gingen Daunenfeins Eltern ihr entgegen, und sie
wollten die Gste eben auf der Insel willkommen heien, als Daunenfein von
ihrem Platze hinten im Zug aufflog und sich gerade vor ihren Eltern
niederlie.

Vater und Mutter, hier bin ich! Kennt ihr denn eure Daunenfein nicht
mehr? rief sie.

Zuerst wollten die Alten ihren Augen nicht trauen; aber dann erkannten sie
die Tochter und waren natrlich glckselig ber das Wiedersehen.

Whrend nun die Wildgnse und der Gnserich Martin und auch Daunenfein
eifrig durcheinanderschnatterten, weil alle erzhlen wollten, wie
Daunenfein gerettet worden war, kamen Flgelschn und Goldauge
dahergelaufen. Schon aus der Ferne riefen sie: Guten Tag! Guten Tag! und
taten so erfreut ber Daunenfeins Rckkehr, da diese ganz gerhrt wurde.

Den Wildgnsen gefiel es sehr gut auf der Felseninsel, und so beschlossen
sie, nicht vor dem nchsten Morgen weiterzureisen. Nach einer Weile fragten
die beiden Schwestern Daunenfein, ob sie mit ihnen kommen wolle, um zu
sehen, wo sie ihre Nester zu bauen beabsichtigten. Daunenfein war sogleich
bereit, und als sie die Pltze sah, lobte sie die Schwestern und sagte, sie
htten sich da sehr wohlgeschtzte Brutsttten ausgewhlt.

Wo willst denn du dich niederlassen, Daunenfein? fragten die Schwestern.

Ich? erwiderte Daunenfein. Ich habe nicht die Absicht, auf der Insel zu
bleiben, denn ich will mit den Wildgnsen nach Lappland reisen.

Wie schade! Du willst uns also wieder verlassen? sagten die Schwestern.

Ich wre recht gerne bei euch und bei unsern Eltern geblieben, erwiderte
Daunenfein. Aber ich bin schon mit dem groen weien Gnserich verlobt.

Hr ich recht? rief Flgelschn. Du bekommst den schnen Gnserich? Das
ist doch.... Aber in diesem Augenblick stie Goldauge sie heftig an, und
so sprach sie nicht weiter.

Die beiden bsen Schwestern steckten whrend des Vormittags wiederholt
eifrig die Kpfe zusammen. Sie waren ganz auer sich vor Zorn, weil
Daunenfein einen Freier wie den weien Gnserich hatte. Sie selbst hatten
zwar auch Freier; aber die ihrigen waren ganz gewhnliche Graugnse, und
seit sie den Gnserich Martin gesehen hatten, kamen ihnen ihre Freier
hlich und rmlich vor, sie mochten sie gar nicht mehr ansehen.

Man knnte sich wirklich zu Tode darber grmen, sagte Goldauge. Httest
wenigstens du ihn bekommen, Schwester Flgelschn! rief sie.

Ich wollte, der Kerl wre tot, dann mte ich mir jetzt nicht den ganzen
Sommer hindurch unaufhrlich vorsagen: Deine Schwester Daunenfein hat sich
mit einem weien Gnserich verlobt, sagte Flgelschn.

Trotzdem waren die Schwestern fortgesetzt sehr freundlich gegen Daunenfein;
und nachmittags nahm Goldauge Daunenfein mit sich, damit sie Goldauges
Freier sehen sollte. Er ist zwar nicht so schn wie dein Brutigam, sagte
Goldauge. Dafr kann man aber auch ganz sicher sein, da er das wirklich
ist, wofr er sich ausgibt.

Was willst du damit sagen, Goldauge? fragte Daunenfein.

Goldauge wollte zuerst nicht mit der Sprache heraus, aber schlielich kam
es doch an den Tag: Goldauge und Flgelschn hatten sich darber besonnen,
ob die Sache mit dem Weien auch auf ganz natrliche Weise zugegangen sei.
Noch niemals ist ein weier Gnserich mit Wildgnsen umhergezogen, sagten
die Schwestern, und wir mchten wohl wissen, ob er nicht am Ende
verzaubert ist.

Seid ihr verrckt? sagte Daunenfein gekrnkt. Er ist ja ein zahmer
Gnserich.

Er hat aber einen bei sich, der verzaubert ist, sagte Goldauge, und da
knnte er gut selbst auch verzaubert sein. An deiner Stelle htte ich
Angst, er sei mglicherweise ein schwarzer Kormoran.

Goldauge wute ihre Worte sehr gut zu setzen und jagte der armen Daunenfein
einen groen Schrecken ein.

Was du da sagst, ist doch wohl nicht dein Ernst! rief die kleine
Graugans. Du willst mich nur erschrecken.

Ich will nur dein Bestes, Daunenfein, sagte Goldauge. Denn ich knnte
mir nichts Schrecklicheres denken, als wenn du mit einem Kormoran
fortfliegen wrdest. Aber ich will dir etwas sagen. Bring ihn dazu, von
diesen Wurzeln hier, die ich fr dich gesammelt habe, zu essen. Wenn er
verzaubert ist, wird es sich sofort zeigen. Ist dies nicht der Fall, dann
bleibt er so, wie er ist.

Der Junge sa mitten unter den Graugnsen und hrte der Unterhaltung
zwischen Akka und dem Gnsevater zu, als pltzlich Daunenfein
dahergestrzt kam. Dumling! Dumling! schluchzte sie. Der Gnserich
Martin ist am Sterben. Ich habe ihn umgebracht!

Nimm mich auf den Rcken, Daunenfein, und trage mich rasch zu ihm hin!
rief der Junge.

Die beiden flogen davon, und Akka eilte mit den andern Wildgnsen hinter
ihnen her. Als sie bei dem Gnserich ankamen, lag dieser auf dem Boden
ausgestreckt. Er konnte kein Wort herausbringen, sondern schnappte nur
immer nach Luft.

Kitzle ihn an der Gurgel und schlage ihn auf den Rcken! befahl Akka.

Der Junge tat es; da hustete der groe Weie einige lange Wurzeln heraus,
die ihm im Halse stecken geblieben waren.

Hast du hiervon gegessen? fragte Akka und deutete auf die am Boden
liegenden Wurzeln.

Ja, antwortete der Gnserich.

Dann darfst du von Glck sagen, da sie dir im Halse stecken geblieben
sind, sagte Akka. Die Wurzeln sind giftig, und wenn du sie geschluckt
httest, wrest du unrettbar verloren gewesen.

Daunenfein sagte, ich solle davon essen, sagte der Gnserich.

Ich habe sie von meiner Schwester bekommen, rief Daunenfein und erzhlte,
wie alles zugegangen war.

Nimm dich vor deinen Schwestern in acht, Daunenfein, sagte Akka. Sie
meinen es nicht gut mit dir.

Aber Daunenfein hatte ein gar zu gutes Herz, sie konnte niemand etwas Bses
zutrauen. Als nun Flgelschn nach einer Weile zu ihr kam und sagte, sie
wolle ihr jetzt auch ihren Freier zeigen, ging sie sogleich mit.

Er ist freilich nicht so schn wie der deinige, sagte die Schwester,
aber dafr ist er auch viel tapferer und khner.

Woher weit du das? fragte Daunenfein.

Das will ich dir sagen. Unter den Mwen und Enten hier herrscht Jammer und
Not, weil jeden Morgen bei Tagesanbruch ein groer Raubvogel dahergeflogen
kommt und eine von ihnen mitnimmt.

Was ist es fr ein Vogel? fragte Daunenfein.

Wir wissen es nicht, antwortete die Schwester. Es ist noch nie so einer
hier auf der Insel gesehen worden. Merkwrdigerweise hat er noch nie eine
Gans angefallen. Da hat sich nun mein Freier entschlossen, morgen mit ihm
zu kmpfen und ihn zu verjagen.

Wenn die Sache nur gut abluft! sagte Daunenfein.

Ich frchte, das wird nicht der Fall sein, versetzte die Schwester. Ja,
wenn mein Gnserich so gro und stark wre wie der deinige, dann htte ich
auch Hoffnung auf Erfolg.

Soll ich den Gnserich Martin bitten, mit diesem fremden Raubvogel
anzubinden? fragte Daunenfein.

Das wre mir freilich das allerliebste, erwiderte Flgelschn. Du
knntest mir gar keinen greren Gefallen tun.

Am nchsten Morgen war der Gnserich Martin schon vor der Sonne auf; er
stellte sich auf die hchste Klippe und sphte nach allen Seiten umher.
Bald tauchte im Westen ein groer dunkler Vogel auf, der auf die Insel
zuflog. Er hatte ungeheuer groe Flgel, und der Gnserich sah gleich, da
es ein Adler war. Er hatte keinen gefhrlicheren Gegner als eine Eule
erwartet und erkannte jetzt wohl, da es das Leben galt. Aber es fiel ihm
nicht ein, dem Kampf mit einem Vogel, der so viel strker war als er,
auszuweichen.

Jetzt scho der Adler aus der Hhe herab und schlug seine Klauen in eine
Mwe; aber ehe er mit ihr auffliegen konnte, strmte der Gnserich heran.

La die Mwe los! schrie er. Und la dich nie wieder hier blicken, sonst
bekommst du es mit mir zu tun!

Was bist denn du fr ein Prahlhans? sagte der Adler. Es ist ein Glck
fr dich, da ich nie eine Gans angreife, sonst wre es bald um dich
geschehen.

Der Gnserich Martin glaubte, der Adler sei zu hochmtig, mit ihm zu
kmpfen. Er ging darum wutschnaubend auf ihn los, bi ihn in den Hals und
schlug ihn mit den Flgeln. Das konnte sich der Adler natrlich nicht
gefallen lassen, und nun kmpfte er mit dem Gnserich, aber nicht einmal
mit voller Kraft.

Der Junge schlief noch bei Akka und den andern Wildgnsen. Da hrte er
Daunenfein rufen: Dumling! Dumling! Der Gnserich wird von einem Adler
zerrissen!

Nimm mich auf den Rcken, Daunenfein, und trage mich zu ihm hin, sagte
der Junge.

Als die beiden die Klippe erreicht hatten, blutete der Gnserich aus
mehreren Wunden; er kmpfte aber trotzdem weiter. Der Junge konnte sich
nicht mit einem Adler einlassen, und es blieb ihm also nichts andres brig,
als bessere Hilfe herbeizurufen. Schnell, schnell, Daunenfein! Rufe Akka
und die Wildgnse herbei! befahl er.

Doch in dem Augenblick, wo der Junge das sagte, hrte der Adler auf zu
kmpfen. Wer spricht hier von Akka? fragte er. Und als er den Dumling
gewahr wurde und das Geschnatter der herbeieilenden Wildgnse hrte,
breitete er rasch die Schwingen aus. Sage Akka, ich htte nicht erwartet,
sie oder irgend jemand aus ihrem Gefolge hier drauen auf dem Meere
anzutreffen! rief er; und damit flog er stolz und majesttisch davon.

Das ist derselbe Adler, der mich einmal zu den Wildgnsen zurckgebracht
hat, sagte der Junge und schaute ihm verwundert nach.

Die Wildgnse wollten in aller Frhe von der Insel wegfliegen, beschlossen
aber, vorher doch noch ein wenig zu frhstcken. Whrend sie noch weideten,
flog eine Felsenente zu Daunenfein hin. Ich soll dich von deinen
Schwestern gren, sagte sie. Sie wagen es nicht mehr, sich unter den
Wildgnsen sehen zu lassen, aber ich soll sagen, du solltest doch ja die
Insel nicht verlassen, ohne dem alten Fischer einen Besuch gemacht zu
haben.

Das will ich auch tun! rief Daunenfein. Sie war jedoch sehr ngstlich
geworden und wollte nicht allein hingehen. Deshalb bat sie den Gnserich
und den Dumling, sie nach der Htte zu begleiten.

Die Tr der Htte stand offen. Daunenfein ging hinein, die beiden andern
blieben drauen. Im nchsten Augenblick hrten sie Akka das Zeichen zum
Aufbruch geben. Die Graugans trat auch gleich darauf aus der Htte heraus
und flog mit den Wildgnsen von der Insel fort.

Die Schar war schon eine ziemliche Strecke zwischen den Schren
hingeflogen, als der Junge sich ber die Graugans, die mit ihnen flog, sehr
verwunderte. Daunenfein flog doch sonst so leicht und ruhig dahin, diese
aber hier ruderte mit schweren rauschenden Flgelschlgen durch die Luft.
Akka, wende um! Akka, wende um! rief der Junge erregt. Es ist ein
fremder Vogel unter uns. Wir haben Flgelschn in unsrer Schar!

Kaum hatte er dies gesagt, als die Graugans einen hlichen zornigen Ruf
ausstie, und nun war niemand mehr im Zweifel, wer sie war. Akka und die
andern wendeten sich gegen sie; die Graugans entfloh jedoch nicht sogleich,
sondern strzte sich auf den groen Weien, packte den Dumling mit dem
Schnabel und flog mit ihm davon.

Nun entspann sich eine wilde Jagd zwischen den Schren. Flgelschn flog
sehr rasch, aber die Wildgnse waren dicht hinter ihr, und sie hatte nicht
die geringste Hoffnung, ihnen zu entkommen.

Da stieg pltzlich ein leichter, weier Rauch aus dem Meere auf, und
zugleich ertnte der Knall eines Schusses. In ihrem Eifer hatten die Vgel
nicht gemerkt, da sie ber einem Boot hinflogen, in dem ein einzelner
Fischer sa.

Es wurde indes niemand getroffen; aber gerade ber dem Boot ffnete
Flgelschn den Schnabel und lie den Dumling ins Meer fallen.




37

Stockholm


Vor mehreren Jahren wohnte auf Skansen, dem groen Freiluftmuseum bei
Stockholm, wo so gar vielerlei Merkwrdiges aus ganz Schweden
zusammengebracht worden ist, ein kleiner, alter Mann, namens Klement
Larsson. Er stammte aus Hlsingeland und war nach Skansen gekommen, um dort
alte Volkstnze und Volkslieder auf seiner Geige zu spielen. Er trat aber
natrlich meist nur an den Nachmittagen als Geiger auf, vormittags sa er
als Wchter in einem der schnen Bauernhuser, die man aus allen Teilen des
Landes nach Skansen verpflanzt hat. Im Anfang dachte Klement, er habe es
jetzt auf seine alten Tage besser, als er sich in seinem ganzen Leben je
einmal zu trumen gewagt htte. Aber nach einiger Zeit wurde es ihm
schrecklich langweilig da droben, besonders in den Stunden, wo er Aufsicht
hatte. Wenn Leute kamen, die sich das Haus ansahen, dann ging es ja noch
an; aber manchmal sa der gute Klement stundenlang ganz allein da drinnen,
und dann berkam ihn das Heimweh mit solcher Gewalt, da er es oft kaum
mehr aushalten konnte und allen Ernstes daran dachte, seine Stelle
aufzugeben. Er war freilich sehr arm, und wenn er in seine Heimat
zurckkehrte, fiel er der Gemeinde zur Last, das wute er recht wohl.
Deshalb kmpfte er auch mit aller Macht gegen das Heimweh an, obgleich er
sich von Tag zu Tag unglcklicher fhlte.

Eines schnen Tages, zu Anfang Mai, hatte Klement ein paar Stunden frei,
und er ging eben den steilen Hgel hinab, auf dem Skansen liegt, als er
einem Fischer aus den Schren begegnete, der mit seinem Kasten auf dem
Rcken daherkam. Der Fischer war ein junger, krftiger Mann, der fters
nach Skansen kam und Seevgel anbot, die er lebendig gefangen hatte;
Klement war schon oft mit ihm zusammengetroffen.

Heute nun hielt der Fischer Klement an und fragte ihn, ob der Vorstand von
Skansen daheim sei. Nachdem Klement ihm Auskunft gegeben hatte, fragte er
seinerseits den Fischer, was er denn Seltenes in seinem Kasten habe.

Ich will es dir zeigen, Klement, sagte der Fischer, wenn du mir dafr
einen guten Rat geben und mir sagen willst, was ich dafr verlangen soll.

Damit streckte er Klement seinen Fischkasten hin. Klement sah hinein, sah
noch einmal hinein und trat hastig einen Schritt zurck. Um alles in der
Welt, Asbjrn, wo hast du denn diesen aufgetrieben?

Es war ihm eingefallen, da ihm seine Mutter, als er noch ein Kind war,
oft von den Wichtelmnnchen, die unter dem Steinboden wohnten, erzhlt
hatte. Er sollte nicht weinen und nicht schreien, damit die Wichtelmnnchen
nicht erzrnt wrden. Als er dann erwachsen war, hatte er geglaubt, seine
Mutter habe die Geschichten von den Wichtelmnnchen nur erfunden, um ihm
einen heilsamen Schrecken einzujagen. Aber nun ist es also doch keine
Erfindung von meiner Mutter gewesen, dachte Klement. Denn hier in
Asbjrns Kasten liegt ja einer aus dem Wichtelvolk.

In Klements Herzen wohnte noch immer ein Rest von jener Kinderangst, und es
lief ihm kalt ber den Rcken hinab, als er in den Kasten hineinschaute.
Asbjrn sah Klements Schrecken und fing zu lachen an; aber Klement nahm die
Sache sehr ernst.

Erzhle mir doch, wo du ihn her hast, sagte er.

O, du mut nicht denken, ich htte ihm aufgelauert, sagte Asbjrn. Das
Kerlchen ist selbst zu mir gekommen. Heute morgen bin ich in aller Frhe im
Boot hinausgefahren, und kaum hatte ich das Festland hinter mir, als eine
Schar Wildgnse mit lautem Geschnatter von Osten dahergezogen kam. Ich
feuerte einen Schu auf sie ab, traf jedoch keine von ihnen, dafr aber
sauste dieser kleine Kerl aus der Luft herunter und fiel dicht neben meinem
Boot ins Wasser, ich brauchte nur die Hand nach ihm auszustrecken.

Du wirst ihn doch nicht getroffen haben, Asbjrn?

O nein, er ist ganz frisch und gesund; aber zuerst war er nicht so recht
bei sich, und diese Gelegenheit bentzte ich, ihm Hnde und Fe mit einem
Stck Bindfaden zusammenzubinden, damit er mir nicht davonlaufen knnte.
Denn ich dachte ja gleich, das sei etwas fr Skansen.

Klement wurde es ganz sonderbar zumut, als der Fischer sein Erlebnis
erzhlte. Alles, was er in seiner Jugend von den Wichtelmnnchen gehrt
hatte, von ihrer Rachgier gegen Feinde und ihrer Hilfsbereitschaft gegen
Freunde, tauchte in seiner Seele auf. Wer es je einmal versucht hatte, ein
Wichtelmnnchen gefangen zu halten, dem war es schlecht ergangen.

Hre, Asbjrn, du httest ihn gleich wieder freigeben sollen, sagte
Klement.

Ich htte auch beinahe gar nicht anders gekonnt, antwortete Asbjrn. Die
Wildgnse verfolgten mich bis nach Hause, und selbst dann flogen sie noch
lange ber den Schren hin und her und schrieen immerfort, wie wenn sie das
Kerlchen wieder haben wollten. Ja, und das war noch nicht einmal alles,
denn die ganze Vogelgesellschaft da drauen, Mwen und Seeschwalben und
alle andern, die keinen ehrlichen Schu Pulver wert sind, lieen sich laut
schreiend auf den Klippen nieder, und als ich aus meiner Htte heraustrat,
flatterten sie wie toll um mich her; es blieb mir nichts brig, als wieder
umzukehren. Meine Frau sagte, ich solle den Knirps wieder laufen lassen,
aber ich hatte mir nun einmal in den Kopf gesetzt, ihn hierher nach Skansen
zu bringen. Da stellte ich denn eine Puppe von unserm Kleinen ans Fenster,
steckte den Knirps rasch in meinen Kasten und machte mich wieder auf den
Weg. Die Vgel meinten wohl, die Puppe am Fenster sei das Kerlchen, denn
sie lieen mich diesmal unbehelligt gehen.

Spricht er nicht? fragte Klement.

Doch, im Anfang machte er einen Versuch, den Vgeln etwas zuzurufen; aber
das wollte ich nicht, und so stopfte ich ihm einen Knebel in den Mund.

Aber Asbjrn, da du das gewagt hast! Hast du denn gar kein Verstndnis?
Dies ist doch etwas bernatrliches.

Ach, wie soll ich wissen, was es ist, sagte Asbjrn ruhig. Das mssen
die andern herausbringen, ich bins zufrieden, wenn man mich nur gut dafr
bezahlt. Und nun sag mir, Klement, wie viel wird mir der gelehrte Herr
Doktor droben auf Skansen wohl fr das Kerlchen geben?

Klement berlegte lange, ehe er antwortete. Er hatte auf einmal
schreckliche Angst fr den Knirps bekommen. Es war ihm gerade, als stehe
seine Mutter neben ihm und sage zu ihm, er solle immer gut gegen das
Wichtelvolk sein.

Ich wei nicht, was der Doktor dir dafr geben wird, sagte er
schlielich. Aber wenn du ihn mir verkaufen willst, dann biete ich dir
zwanzig Kronen dafr.

Als der Spielmann diese groe Summe nannte, sah ihn der Fischer grenzenlos
berrascht an. Er dachte, Klement meine wohl, der Kleine sei im Besitz von
geheimen Krften, die ihm von Nutzen sein knnten; und da er keineswegs
sicher war, ob der Doktor seinen Fund fr ebenso wichtig halten und ihm so
viel dafr bieten wrde, nahm er Klements Angebot an.

Der Spielmann steckte seinen Einkauf in eine seiner weiten Taschen, stieg
wieder den Hgel hinauf und ging in eine der Sennhtten, wo weder fremde
Besucher noch sonst ein Aufseher waren. Er schlo die Tr hinter sich zu,
nahm das Kerlchen heraus, das noch immer an Hnden und Fen gebunden war
und einen Knebel im Mund hatte, und legte es vorsichtig auf eine Bank.

Gib nun wohl acht, was ich dir sage, begann Klement. Ich wei, du und
deinesgleichen, ihr lat euch nicht gern vor den Menschen sehen, sondern
wollt am liebsten ungehindert euer Wesen treiben. Ich will dir deshalb
deine Freiheit zurckgeben, aber nur unter einer Bedingung: du mut hier im
Park bleiben, bis ich dir erlaube, dich von hier zu entfernen. Wenn du
darauf eingehen willst, dann nicke dreimal mit dem Kopfe.

Erwartungsvoll sah Klement den Kleinen an; dieser aber rhrte sich nicht.

Es soll dir nicht schlecht gehen, fuhr Klement fort. Ich werde dir jeden
Tag dein Essen bringen; berdies wirst du auch sicher hier allerlei zu tun
bekommen und brauchst also keine Langeweile zu haben. Aber du darfst
nirgends anders hingehen, bis ich es dir erlaube, hrst du! Wir wollen ein
Zeichen ausmachen: so lange ich dir dein Essen in einem weien Napf
hinstelle, mut du hierbleiben, wenn es aber in einer blauen Schale ist,
dann darfst du dich entfernen.

Wieder sah Klement den Kleinen erwartungsvoll an und hoffte auf das
verabredete Zeichen; das Kerlchen aber rhrte sich nicht.

Ja, dann mu ich dich eben doch dem Direktor von Skansen zeigen, es bleibt
nichts andres brig, sagte Klement. Du wirst dann in eine Glasflasche
gesteckt, und alle Leute aus der groen Stadt Stockholm kommen hierher und
gucken dich an.

Dieser Ausspruch schien dem Kleinen Schrecken einzujagen; denn kaum hatte
Klement ihn getan, als der Kleine mit dem Kopfe nickte.

So ists recht! sagte Klement. Er zog sein Messer heraus, durchschnitt dem
Kerlchen die Fessel an den Hnden und ging dann hastig zur Tr hinaus.

Vor allem andern lste der Junge jetzt die Schnur von seinen Fen und zog
sich den Knebel aus dem Mund. Als er sich dann aber nach Klement Larsson
umsah, um ihm zu danken, war dieser schon verschwunden.

                  *       *       *       *       *

Klement war noch nicht weiter als nur eben zur Tr hinausgekommen, als er
einem schnen alten Herrn begegnete, der nach einem nahegelegenen,
herrlichen Aussichtspunkt unterwegs zu sein schien. Klement konnte sich
nicht erinnern, den vornehmen alten Herrn schon einmal gesehen zu haben;
dieser aber hatte Klement wohl schon fters bemerkt, wenn er seine
Volkweisen spielte, denn er blieb stehen und redete ihn an.

Guten Tag, Klement, sagte er. Wie geht es dir? Du wirst doch nicht krank
sein? Du kommst mir seit einiger Zeit etwas abgemagert vor.

Der Herr hatte etwas so unbeschreiblich Leutseliges in seinem Wesen, da
sich Klement ein Herz fate und ihm erzhlte, wie sehr ihn das Heimweh
plage.

Wie? Hier in Stockholm hast du Heimweh? Das ist doch wohl nicht mglich!
sagte der vornehme alte Herr und sah dabei fast ein wenig gekrnkt aus.
Aber dann fiel ihm ein, da er ja einen alten Bauern aus Hlsingeland vor
sich hatte, und der frhere freundliche Ausdruck trat wieder in sein
Gesicht.

Du hast gewi noch nie gehrt, wie Stockholm eigentlich entstanden ist,
Klement? Sonst wtest du ganz genau, da du dir das Heimweh nur
einbildest. Komm, begleite mich zu der Bank dort drben, dann will ich dir
ein wenig von Stockholm erzhlen.

Nachdem der vornehme alte Herr sich auf der Bank niedergelassen hatte, lie
er seinen Blick zuerst einige Augenblicke auf Stockholm ruhen, das sich in
seiner ganzen Pracht vor ihm ausbreitete, und er atmete tief auf, wie wenn
er die ganze Schnheit der Gegend in sich aufnehmen wollte. Dann wendete er
sich an den Spielmann.

Siehst du, Klement, begann er und zeichnete, whrend er sprach, in den
Sandweg vor sich eine kleine Landkarte. Dies hier ist Uppland, und hier
gegen Sden schiebt sich eine von vielen Buchten zerrissene Landzunge
herein. Und hier schliet sich Srmland an mit einer zweiten von
ebensovielen Buchten zerschnittenen Landzunge, die direkt nach Norden
luft. Und hier von Westen her kommt ein See mit vielen Inseln. Dies ist
der Mlar. Und hier von Osten fliet ein andres Wasser herbei, das vor
lauter Inseln und Schren kaum vorwrts kommen kann. Das ist die Ostsee.
Hier aber, Klement, hier, wo Uppland mit Srmland und der Mlar mit der
Ostsee zusammentreffen, fliet ein kleiner Flu, der heit der Norrstrom,
und mitten drin im Norrstrom liegen drei kleine Holme.

Ursprnglich waren diese Holme nichts weiter als gewhnliche Inseln mit ein
paar Bumen darauf, die seit undenklichen Zeiten ganz unbewohnt dalagen,
wie es heutigentages noch viele hier im Mlar gibt. Sie hatten ganz
zweifellos eine recht gute Lage, da sie gerade in der Mitte von zwei Seen
und zwei Landschaften lagen, aber das fiel niemand auf. Ein Jahr ums andre
verging, die Menschen siedelten sich sowohl an den Mlarufern als drauen
auf den Schren an, aber die drei Holme mitten im Norrstrom bekamen keine
Bewohner. Nur selten einmal legte ein Seefahrer dort an und schlug sein
Nachtlager auf; aber niemand lie sich dauernd da nieder.

Eines Tages nun hatte ein Fischer, der auf der Lidinginsel drauen am Meere
wohnte, sein Boot in den Mlar hereingesteuert, und fing da eine solche
Menge Fische, da er ganz verga, zu rechter Zeit sein Boot wieder
heimwrts zu lenken. Er war nicht weiter gekommen als bis zu den drei
Holmen, als auch schon die Nacht hereinbrach. Da dachte der Fischer, er
tte gewi am besten, hier an Land zu gehen und zu warten, bis der Mond
aufgegangen wre, denn der Mond war im Zunehmen.

Es war im Sptherbst und noch wunderschnes Wetter, obwohl die Abende schon
recht dunkel zu sein pflegten. Der Fischer zog also sein Boot an Land,
legte sich daneben, bettete seinen Kopf auf einen Stein und versank bald in
einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, war der Mond schon hoch am Himmel; er
stand gerade ber dem Fischer und leuchtete gar prchtig mit fast
tageshellem Schein.

Der Mann sprang auf und wollte eben sein Boot ins Wasser schieben, als er
drauen auf dem Norrstrom viele dunkle Punkte sah, die sich hin und her
bewegten. Eine groe Schar Seehunde schwamm eilig auf den Holm zu, und als
der Fischer merkte, da die Seehunde ans Land kriechen wollten, bckte er
sich nach seinem Spie, den er im Boot liegen hatte. Doch als er sich
wieder aufrichtete, sah er keine Seehunde mehr; anstatt der Seehunde
standen wunderschne junge Mdchen am Strande, in grnen,
langnachschleppenden, seidenen Gewndern, jede mit einer Perlenkrone auf
dem Kopfe. Da wute der Fischer, wen er vor sich hatte, nmlich die
Meerweibchen, die auf den den Schren weit drauen im Meere wohnten. Sie
hatten ihre Seehundgewnder nur bergeworfen, um ans Land zu schwimmen, wo
sie sich im Mondschein auf den grnen Holmen zu ergtzen gedachten.

Ganz leise legte der Fischer seinen Speer wieder hin, und als die
Meerweibchen tiefer in die Insel hineingingen, um zu spielen, schlich er
ihnen nach und betrachtete sie. Er hatte gehrt, die Meermdchen seien
wunderbar schn, wer sie sehe, werde von ihrer Schnheit ganz bezaubert;
und er mute wirklich zugeben, da nicht zu viel von ihnen behauptet worden
war.

Nachdem die Meerweibchen eine Weile unter den Bumen getanzt hatten, ging
der Fischer ans Ufer hinunter, nahm eines von den Seehundfellen, die noch
dalagen, und versteckte es unter einem Stein. Dann ging er nach seinem Boot
zurck, legte sich neben ihm nieder und stellte sich schlafend.

Nach kurzer Zeit sah er die Meermdchen an den Strand zurckkehren und ihre
Seehundhllen wieder berwerfen. Im Anfang herrschte eitel Lachen und
Scherzen unter ihnen; aber bald verwandelte sich die Freude in lautes
Jammern und Klagen, weil eine von ihnen ihr Seehundgewand nicht mehr finden
konnte. Alle liefen am Ufer hin und her und halfen ihr suchen, aber kein
Seehundfell war zu finden. Whrend sie noch eifrig suchten, sahen sie, da
sich der Himmel im Osten lichtete und der Tag graute. Da schienen sie nicht
lnger bleiben zu knnen, und alle schwammen davon, ausgenommen die eine,
die ohne Seehundfell war. Sie blieb am Strand sitzen und weinte bitterlich.

Dem Fischer tat das arme Meerweibchen herzlich leid; aber er zwang sich,
ganz ruhig liegen zu bleiben, bis es heller Tag war. Da stand er auf, schob
sein Boot ins Wasser, und erst als er schon das Ruder aufgehoben hatte, tat
er, als ob er sie ganz zuflligerweise wahrnhme.

>Wer bist denn du?< rief er. >Bist du eine Schiffbrchige?<

Sie strzte auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht ihr Seehundfell gesehen
habe; aber der Fischer tat, als verstehe er nicht einmal, was sie meinte.
Da setzte sie sich wieder nieder und fing aufs neue zu weinen an. Aber
jetzt schlug er ihr vor, zu ihm ins Boot zu steigen.

>Komm mit mir in meine Htte,< sagte er, >meine Mutter wird sich deiner
annehmen. Du kannst doch nicht hier auf dem Holm bleiben, wo du weder ein
Bett findest, noch etwas zu essen bekommst.< Und er sprach ihr gar
freundlich zu, bis sie sich berreden lie und zu ihm ins Boot stieg.

Der Fischer und seine Mutter waren alle beide auerordentlich gut gegen das
arme Meerweibchen, und es schien sich auch ganz wohl bei ihnen zu befinden.
Mit jedem Tag wurde es frhlicher, half der Alten bei der Arbeit und war
ganz wie ein andres Mdchen, nur viel schner als alle andern aus der
Umgegend. Eines Tages fragte sie der Fischer, ob sie seine Frau werden
wolle; da hatte sie gar nichts dagegen und sagte sogleich ja.

Nun richtete man die Hochzeit her, und als sich die Jungfrau zur Hochzeit
schmcken sollte, zog sie das grnseidene Schleppkleid an und setzte die
schimmernde Perlenkrone auf, die sie damals getragen hatte, als der Fischer
sie zum ersten Male sah. In jenen Zeiten aber gab es weder eine Kirche noch
einen Geistlichen auf den Schren; die Hochzeitsleute setzten sich in ein
Boot, fuhren in den Mlar hinein und lieen sich in der ersten Kirche, an
die sie kamen, trauen.

Der Fischer hatte seine Braut und seine Mutter im Boot, und er steuerte
sein Boot so gut, da es allen andern vorauskam. Als sie jenen Holm sehen
konnten, wo er seine Braut gewonnen hatte, die nun glcklich und geschmckt
neben ihm im Boot sa, mute er unwillkrlich lcheln.

>Warum lachst du?< fragte die Braut.

[Illustration: Die Meermdchen (Zu Seite 332)]

>Ach, ich denke an jene Nacht, wo ich dein Seehundfell versteckte,<
antwortete der Fischer; er fhlte sich ihrer jetzt vollkommen sicher und
meinte, er brauche nichts mehr vor ihr zu verheimlichen.

>Was sagst du da?< fragte die Braut. >Ich habe doch nie ein Seehundfell
gehabt.< Es war, als habe sie alles vergessen.

>Weit du denn nicht mehr, wie du mit den Meermdchen getanzt hast?< fragte
der Fischer.

>Ich wei nicht, was du meinst,< antwortete die Braut. >Du hast wohl heute
nacht einen sonderbaren Traum gehabt.<

>Wenn ich dir nun aber dein Seehundfell zeige, glaubst du mir dann?< fragte
der Fischer und steuerte sogleich auf jenen Holm zu. Als sie dort
angekommen waren, stieg das Brautpaar aus, und der Fischer zog das Fell
unter dem Stein hervor, wo er es damals versteckt hatte.

Aber kaum erblickte die Braut das Seehundfell, als sie es auch schon an
sich ri und sich ber den Kopf warf. Das Fell schmiegte sich ihr um die
Glieder wie etwas Lebendiges, und sie warf sich augenblicklich in den Strom
hinein.

Der Brutigam sah sie fortschwimmen. Rasch sprang er ihr nach ins Wasser,
konnte sie aber nicht mehr erreichen. Als er sah, da er sie nicht mehr
zurckhalten konnte, warf er in seiner Verzweiflung seinen Spie hinter ihr
her. Dieser traf besser, als der Fischer gewollt hatte, denn das arme
Meerweibchen stie einen lauten Schrei aus und verschwand in der Tiefe.

Der Fischer blieb am Ufer stehen und hoffte, sie werde wieder an der
Oberflche auftauchen. Aber da sah er, wie sich ber das Wasser ringsum ein
milder Glanz ergo, der ihm eine wunderbare Schnheit verlieh. So etwas
hatte der Fischer noch nie gesehen; das Wasser glnzte und blinkte und
spielte in rosigem und weiem Schimmer, gerade wie Perlmutter in einer
Muschel.

Und als die glitzernden Wellen ans Ufer schlugen, sah der Fischer, da auch
dieses sich vernderte. berall begann es zu blhen und zu duften; ein
weicher Glanz breitete sich aus, und es bekam eine Schnheit, die es frher
nicht gehabt hatte.

Und der Fischer erriet, woher das alles kam. Die Sache ist nmlich die: Wer
ein Meerweibchen sieht, findet es schner als alle andern Menschenkinder--
er kann gar nicht anders-- und als sich nun das Blut des Meerweibchens mit
dem Wasser vermischte und alsdann mit den Wellen ber die Ufer flo, teilte
sich ihre Schnheit auch diesen mit; die Schnheit wurde ihnen als Erbteil
geschenkt, da alle, die sie sahen, von der Lieblichkeit dieser Ufer
hingerissen wurden und von da an stets von Sehnsucht nach ihnen erfllt
waren.

Als der vornehme Herr in seiner Erzhlung so weit gekommen war, sah er
Klement an, und dieser nickte dem Erzhler ernst zu, sagte aber nichts,
denn er wollte ihn nicht unterbrechen.

Und nun pa wohl auf, Klement, was ich dir sage, fuhr der vornehme alte
Herr fort, und jetzt blitzte es pltzlich schalkhaft in seinen Augen auf.
Von jener Zeit an siedelten sich die Menschen auf den Holmen an. Zuerst
waren es nur Bauersleute und Fischer, aber eines schnen Tages kam der
Knig mit seinem Jarl den Strom heraufgezogen. Als er die drei Holme sah,
machte er die andern gleich darauf aufmerksam, da jedes Schiff, das in den
Mlar hineinwollte, daran vorbeifahren msse. Und der Jarl meinte, hier
mte man eigentlich das Fahrwasser unter Schlo und Riegel legen, dann
knnte man es nach Belieben ffnen und schlieen, also die Handelsschiffe
hereinlassen, die Seeruberflotten aber hinaussperren.

Und siehst du, Klement, dieser Vorschlag wurde ausgefhrt, sagte der alte
Herr, indem er aufstand und von neuem mit seinem Stock in den Sand
zeichnete. Auf der grten der drei Inseln, siehst du, hier, baute der
Jarl eine Burg mit einem prchtigen Wachturm, der Krnan genannt wurde. Und
rings um den Holm herum zog er Mauern, siehst du, so. Und hier im Sden
machte er ein Tor in die Mauer und setzte einen starken Turm darauf. Er
baute Brcken nach den andern Holmen hinber und versah auch diese mit
hohen Trmen. Und drauen auf dem Wasser, in weitem Umkreis um die Holme
herum, schlug er einen Kranz von Pfhlen mit Querbalken, die geffnet und
geschlossen werden konnten; nun konnte kein Schiff ohne seine Erlaubnis
vorbeifahren.

Du siehst also, Klement, die drei Holme, die so lange unbemerkt dagelegen
hatten, waren pltzlich in eine starke Festung verwandelt worden. Aber
damit war es noch nicht genug. Diese Ufer und Sunde hier zogen die Menschen
an, und bald strmten von allen Seiten Leute herbei, die sich auf den
Holmen niederlieen. Fr diese Leute baute der Jarl eine Kirche, die spter
die Storkyrka genannt wurde. Hier liegt sie heute noch, ganz dicht bei der
Burg, und hier, innerhalb der Mauern lagen die kleinen Huser der ersten
Ansiedler. Sie waren nicht groartig, aber damals brauchte es nicht mehr,
um den Ort eine Stadt zu nennen. Die Stadt wurde Stockholm genannt, und so
heit sie noch bis auf den heutigen Tag.

Dann kam ein Tag, Klement, wo der Jarl nach seiner groen Arbeit zur Ruhe
eingehen durfte; aber Stockholm fehlte es darum doch nicht an einem
Baumeister. Mnche kamen dahergezogen, die man die schwarzen Brder nannte;
Stockholm hatte es ihnen angetan, und so baten sie darum, sich da ein
Kloster bauen zu drfen. Das Kloster wurde dann auch wirklich auf dem
Stadtholm gebaut, hier gleich hinter der Storkyrkan. Nach einiger Zeit
kamen auch noch andere Mnche ins Land, die sich die grauen Brder nannten.
Diese baten auch um Erlaubnis, sich in Stockholm anzubauen. Aber auf dem
groen Holm war nun kein Platz mehr fr ihr Kloster; es wurde daher auf
einem der kleineren, dem Mlar zugekehrten Holme erbaut, und dieser Holm
heit von jener Zeit an der Grmunkeholm, oder der Holm der grauen Mnche.
Auf dem dritten Holm aber siedelten sich fromme Mnner an, die sich Brder
vom heiligen Geist nannten und sich besonders um die Krankenpflege
annahmen. Sie bauten ein Krankenhaus, und der Holm wurde seit jener Zeit
der Helgeandsholm, der Holm des heiligen Geistes, genannt.

Siehst du, Klement, nun waren die drei Holme schon ganz mit Husern
bedeckt; aber immer neue Leute strmten herbei, denn das Wasser und die
Ufer hier haben ja, wie du weit, die Eigenschaft, die Menschen anzuziehen.
Es kamen fromme Frauen vom Orden der heiligen Klara, die auch um einen
Bauplatz baten. Doch war guter Rat teuer, und es blieb ihnen nichts anderes
brig, als sich am nrdlichen Ufer anzubauen, auf dem Norrmalm, wie dieser
Teil genannt wurde. Sie waren freilich nicht so recht zufrieden damit, denn
mitten durch den Norrmalm zieht sich ein hoher Bergrcken, und dort hatte
die Stadt ihren Galgenhgel, deshalb war der Ort verachtet; aber die
Schwestern vom Orden der heiligen Klara bauten doch ihre Kirche und ihr
Kloster am Ufer, gerade unter dem Galgenhgel. Und nachdem sie sich einmal
in dieser Gegend niedergelassen hatten, kamen bald andre hinzu. Hier, ganz
im Norden auf dem Hgel selbst, wurde ein Krankenhaus und eine Kirche
gebaut, die dem heiligen Georg geweiht waren, und hier, gerade unter dem
Hgel, erstand eine Kirche fr den heiligen Jakob.

Auch auf dem Sdermalm, wo die Klippen steil aus dem Meere aufragen, fing
man zu bauen an. Hier entstand bald eine Kirche zu Ehren der Heiligen
Jungfrau Maria.

Aber nun, Klement, darfst du nicht glauben, es seien nur Klosterleute nach
Stockholm gezogen. O nein, auer ihnen kamen noch viele andre Leute; vor
allem eine Menge deutscher Handwerker und Kaufleute, und da diese tchtiger
waren als die schwedischen, wurden sie gut aufgenommen. Sie lieen sich in
der Stadt innerhalb der Mauern nieder, rissen die kleinen, rmlichen
Huser, die vorher da standen, nieder und bauten dafr groe, prchtige
Gebude aus Stein. Aber es war nur wenig Platz da drinnen innerhalb der
Mauern, und so muten die Huser mit den Giebeln nach der Strae dicht
nebeneinander gebaut werden.

Ja ja, Klement, da siehst du, wie Stockholm die Menschen herbeizog.

In diesem Augenblick tauchte unten am Wege ein andrer Herr auf, der rasch
auf die beiden zukam. Doch der alte Herr, der mit Klement sprach, winkte
den Neuangekommenen mit einer Handbewegung zurck; da blieb dieser in der
Ferne stehen. Der vornehme alte Herr aber setzte sich neben den Spielmann
auf die Bank.

Nun sollst du mir einen Gefallen tun, Klement, sagte er. Ich habe keine
Zeit, mich noch lnger mit dir zu unterhalten, aber ich werde dir ein Buch
ber Stockholm schicken, und das sollst du von Anfang bis zu Ende
durchlesen. Jetzt habe ich sozusagen bei dir den Grund von Stockholm
gelegt, Klement, nun sollst du weiter daran bauen. Ja, studiere jetzt
selbst weiter und mache dir klar, wie es der Stadt ferner ergangen ist, und
wie sie sich allmhlich verndert hat. Lies, wie die kleine enge,
mauerumschlossene Stadt auf den Holmen sich zu diesem Husermeer
ausgebreitet hat, das wir hier vor uns sehen. Lies, wie aus dem dsteren
Turm Krnan das schne helle Schlo da drunten geworden ist, und wie die
Kirche der grauen Mnche in die Grabsttte der schwedischen Knige
umgewandelt wurde. Lies, wie der eine Holm nach dem andern bebaut wurde.
Lies, wie die Gemselnder auf Sder und Norr in schne Grten oder bebaute
Stadtviertel umgewandelt wurden. Lies, wie die Hgel geebnet und die
Wasserstraen ausgefllt wurden. Lies, wie die Knige die Tiergrten
einfriedigen lieen, woraus dann die schnen Ausflugsorte des Volkes
wurden. Gib dir Mhe, so recht vertraut mit Stockholm zu werden, Klement,
denn die Stadt gehrt nicht allein den Stockholmern, sie gehrt dir und
ganz Schweden.

Und wenn du dann das alles ber Stockholm liest, Klement, dann denke daran,
da ich dir gesagt habe, Stockholm habe die Kraft, alles andre anzuziehen.
Zuerst zog der Knig hierher, dann bauten sich die vornehmen Herren ihre
Palste da. Dann zog einer nach dem andern hierher, so da Stockholm jetzt
nicht nur eine Stadt fr sich oder fr die nchste Umgebung ist, nein,
Klement, es ist eine Stadt fr das ganze Reich.

Du weit doch, Klement, in jedem Kirchspiel gibt es einen Gemeinderat, aber
in Stockholm wird der Reichstag frs ganze Volk gehalten. Du weit, im
ganzen Lande hat jeder Bezirk einen Richter, aber in Stockholm ist ein
Gerichtshof, der ber allen andern steht. Du weit, berall gibt es
Kasernen und Truppen, aber in Stockholm sind die hchsten, die das ganze
Heer unter sich haben. berall im Lande sind Eisenbahnen, aber alle werden
von Stockholm aus geleitet. Hier sind die Vorgesetzten der Pfarrer, der
Lehrer, der rzte, der Vgte, der Richter. Hier ist der Mittelpunkt fr
unser Land. Von hier kommt das Geld, das du in deiner Tasche hast, und die
Marken, die wir auf unsere Briefe kleben. Von hier erhalten alle Schweden
irgend etwas, und hier haben auch alle Schweden irgend etwas zu tun. Hier
braucht sich niemand fremd zu fhlen oder Heimweh zu haben. Hier sind alle
Schweden daheim.

Und wenn du das alles liest, Klement, dann denk auch an das letzte, was
Stockholm herbeigezogen hat. Das sind auf Skansen die alten Huser, die
alten Tnze, die alten Trachten und das alte Hausgert. Hier sind auch
Spielleute und Mrchenerzhler; alles Alte und Gute ist nach Stockholm
gekommen, hierher nach Skansen, damit es in Ehren gehalten werde, und damit
es neugeehrt drauen unter dem Volk wieder erstehen soll.

Aber wenn du dies alles von Stockholm gelesen hast, Klement, dann sollst du
dich vor allem auf diesen Platz hier setzen; du sollst sehen, wie die
Wellen ihr glitzerndes Spiel treiben und die Ufer in blendender Schnheit
erglnzen. Ja, du sollst selbst dafr sorgen, da auch du von dem Zauber
ergriffen und hingerissen wirst.

Der schne alte Herr hatte die Stimme etwas erhoben; sie klang nun laut und
majesttisch gebietend, und seine Augen blitzten. Jetzt stand er auf,
winkte Klement noch freundlich mit der Hand und verlie ihn. Klement aber
fhlte pltzlich in seinem Herzen ganz deutlich, der Herr, der da mit ihm
gesprochen hatte, mute ein sehr vornehmer Herr sein, und er verbeugte sich
hinter ihm, so tief er nur konnte.

Am nchsten Tage kam ein kniglicher Lakai mit einem groen,
roteingebundenen Buch und einem Brief zu Klement, und in dem Briefe stand,
da das Buch vom Knig sei.

Darnach war der gute alte Klement Larsson mehrere Tage lang ganz wirr im
Kopfe; es war fast kein vernnftiges Wort aus ihm herauszubringen, und nach
acht Tagen kam er zu dem Direktor von Skansen und kndigte seine Stelle.
Als Grund brachte er vor, er msse durchaus in seine Heimat zurckkehren.

Warum willst du denn nach Hause? fragte der Direktor. Gefllt es dir
denn gar nicht hier?

Doch, doch, es gefllt mir gut, antwortete Klement. In dieser Beziehung
habe ich nichts mehr zu klagen, aber ich mu trotzdem nach Hause.

Klement hatte sich in einer schweren Not befunden, weil der Knig zu ihm
gesagt hatte, er solle Stockholm genau kennen lernen, dann werde es ihm da
gewi gefallen. Aber Klement fand Tag und Nacht keine Ruhe mehr, bis er
daheim in seiner Heimat berichten konnte, da der Knig das zu ihm gesagt
hatte. Ach, welch ein Glck wrde das sein, wenn er vor der Kirche daheim
hoch und nieder erzhlte, wie gut der Knig gegen ihn gewesen war, wie er
auf derselben Bank neben ihm gesessen, sich in ein Gesprch mit ihm
eingelassen und mit ihm, einem armen alten Spielmann, eine ganze Stunde
lang geredet hatte, um ihn von seinem Heimweh zu heilen. Es war ja schon
etwas Groes, da er es hier auf Skansen den Lapplndern und den Mdchen
von Dalarna erzhlen konnte; aber was war das gegen das Glck, es denen
daheim mitteilen zu knnen!

Und wenn Klement auch schlielich ins Armenhaus kommen sollte, selbst das
erschien ihm nach diesem Erlebnis nicht mehr schwer. Er wre trotzdem ein
ganz andrer Mensch als vorher und wrde auf ganz andre Weise geachtet und
geehrt werden.

Und diese neue Sehnsucht berwltigte ihn. Er konnte nicht anders, er mute
zu dem Direktor gehen und ihm sagen, er wolle durchaus in seine Heimat
zurckkehren.

[Illustration]




38

Der Adler Gorgo

Im Felsental


Weit droben auf dem lapplndischen Gebirge lag ein altes Adlernest auf
einem Felsenvorsprung, der ber einer schroffen Bergwand herausragte. Das
Nest war aus Tannenzweigen verfertigt, die schichtenweise quer
bereinandergelegt waren. Seit Jahren war es immer mehr erweitert und
erhht worden, und jetzt hatte es mehrere Meter im Durchmesser und lag da
droben, fast ebenso gro wie eine Lappenhtte.

Die Felsenwand, auf der das Adlernest lag, berschattete ein ziemlich hohes
Tal, das im Sommer immer von einer Schar Wildgnse bewohnt war; und dieses
Tal war auch wirklich ein ausgezeichneter Zufluchtsort fr die Gnse, denn
es lag so gut versteckt zwischen den Bergen, da es nicht vielen Leuten
bekannt war; ja, selbst unter den Lappen wute man nur wenig davon. Mitten
in dem Tal lag ein kleiner runder See, wo sich reichlich Nahrung fr die
kleinen Gnschen fand, und an den mit Weidenbschen und kleinen
verkrppelten Birken dicht bestandenen Ufern gab es so gute Brutpltze, wie
sie sich die Gnse nur wnschen konnten.

Seit undenklichen Zeiten hatten droben auf dem Felsen Adler und drunten im
Tal Wildgnse gewohnt. Alle Jahre raubten die Adler einige von den
Wildgnsen, hteten sich aber wohl, so viele zu rauben, da diese aus dem
Tale verscheucht worden wren. Ihrerseits hatten die Wildgnse auch nicht
so gar wenig Nutzen von den Adlern; diese waren ja wohl Ruber, aber sie
hielten andre Ruber fern.

Ein paar Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgnsen umherzog, stand die
alte Fhrerin der Schar, Akka von Kebnekajse, eines Morgens in dem
Felsental und schaute zu dem Adlernest hinauf. Die Adler pflegten kurz nach
Sonnenaufgang auf die Jagd auszufliegen; und in allen den Sommern, die Akka
in diesem Tal verbracht hatte, war sie jeden Morgen auf ihrem Posten
gewesen und hatte beobachtet, ob die Adler im Tale blieben, um da zu jagen,
oder ob sie sich nach andern Jagdgebieten begaben.

Sie brauchte nicht lange zu warten, bis die beiden stattlichen Vgel die
Felsenplatte verlieen. Schn, aber furchtbar schwebten sie durch die Luft
dahin. Sie schlugen die Richtung nach dem Flachlande ein, und Akka stie
einen erleichterten Seufzer aus.

Die alte Anfhrerin war nun zu alt zum Eierlegen und Junge aufzuziehen. So
vertrieb sie sich denn im Sommer die Zeit damit, da sie von einem
Gnsenest zum andern wanderte und ber das Ausbrten und Aufziehen der
Jungen gute Ratschlge erteilte. Auerdem hielt sie nicht allein Ausschau
nach den Adlern, sondern auch nach den Bergfchsen, den Eulen und andern
Feinden, von denen den Gnsen und deren Jungen Gefahr drohen konnte.

Gegen Mittag sphte Akka wieder nach den Adlern aus. Das hatte sie nun in
jedem Sommer, seit sie in diesem Tale Aufenthalt nahm, getan. Sie sah auch
den Adlern immer schon am Fluge an, ob sie eine gute Jagd gehabt hatten,
und dann fhlte sie sich fr die Ihrigen beruhigt. Aber heute kehrten die
Adler nicht zurck.

Ich mu alt und stumpfsinnig geworden sein, dachte Akka, nachdem sie eine
Weile gewartet hatte. Die Adler mssen ja lngst daheim sein.

Am Nachmittag schaute sie abermals nach der Felsenwand hinauf; jetzt htten
die Adler auf dem schroffen Felsenvorsprung auftauchen mssen, wo sie ihre
Nachmittagsruhe zu halten pflegten; und am Abend sphte sie abermals, denn
da pflegten die Adler im Bergsee ein Bad zu nehmen; aber immer und immer
sphte sie vergeblich. Und wieder jammerte Akka, da sie alt werde. Sie war
es so gewohnt, die Adler ber sich auf dem Berge zu sehen, deshalb konnte
sie sich gar nicht denken, da sie noch nicht zurckgekehrt sein knnten.

Am nchsten Morgen war Akka schon frh auf den Beinen, und wieder schaute
sie nach den Adlern aus. Aber auch jetzt sah sie nichts von ihnen. Dagegen
drang durch die Morgenstille ein Schrei an ihr Ohr, der zornig und
jmmerlich zugleich klang und aus dem Neste zu kommen schien.

Sollte da droben wirklich ein Unglck geschehen sein? dachte Akka. Sie
breitete die Flgel aus und flog so hoch hinauf, da sie in das Adlernest
hineinsehen konnte.

Da oben war nichts von dem Adlerpaar zu entdecken; im ganzen Neste war
niemand als ein halbnacktes Junges, das nach Nahrung schrie.

Langsam und zgernd lie sich Akka zu dem Adlernest hinabsinken. Das war
ein unheimlicher Ort! Man merkte gleich, was fr Ruber hier wohnten. In
dem Neste und auf der Felsenplatte lagen gebleichte Knochen, blutige Federn
und Hautfetzen, Hasenkpfe, Vogelschnbel und federnbesetzte Fe von
Schneehhnern. Auch das Adlerjunge, das mitten in allen diesen
berbleibseln lag, bot mit seinem groen aufgesperrten Schnabel, seinem
unbeholfenen flaumigen Krper und seinen unfertigen Flgeln einen
widerwrtigen Anblick.

Schlielich berwand Akka ihren Widerwillen und setzte sich auf den Rand
des Nestes, sah sich aber doch ngstlich nach allen Seiten um, denn sie war
darauf gefat, die alten Adler im nchsten Augenblick dahersausen zu sehen.

Gut, da endlich jemand kommt! rief das Adlerjunge. Verschaff mir
sogleich etwas zu essen!

Na na, das hat wohl keine so groe Eile, sagte Akka. Sag mir zuerst, wo
deine beiden Eltern sind.

Ja, wenn ich das wte! Gestern morgen sind sie fortgeflogen und haben mir
nichts als eine Maus dagelassen. Du wirst dir denken knnen, da die schon
lange verzehrt ist! Es ist unverschmt von meiner Mutter, mich so Hunger
leiden zu lassen.

[Illustration]

Jetzt war Akka berzeugt, da die alten Adler erschossen worden waren, und
sie dachte, wenn sie das Junge hier verhungern liee, wre sie die ganze
Rubergesellschaft in Zukunft los. Aber sie konnte sich eben doch nicht
entschlieen, ein solches verlassenes Junge so elendiglich umkommen zu
lassen, wenn es in ihrer Macht stand, ihm zu helfen.

Was starrst du mich denn so an? schrie das Junge. Hrst du nicht, da
ich etwas zu essen will?

Akka breitete die Flgel aus und flog rasch zu dem kleinen See hinunter;
kurz darauf erschien sie wieder im Adlernest mit einer Forelle im Schnabel.

Aber als sie den Fisch vor den jungen Adler hinlegte, geriet dieser ganz
auer sich vor Zorn. Meinst du, ich esse solches Zeug? schrie er, stie
den Fisch weg und hackte mit seinem scharfen Schnabel nach Akka. Verschaff
mir ein Schneehuhn oder eine Whlmaus, hrst du!

Aber jetzt streckte Akka den Kopf vor und gab dem Jungen einen ordentlichen
Schlag in den Nacken. Das la dir gesagt sein, rief die Alte, wenn ich
dir Futter verschaffen soll, mut du mit dem zufrieden sein, was ich dir
bringen kann. Dein Vater und deine Mutter sind tot, von ihnen kannst du
also keine Hilfe mehr erwarten. Wenn du aber lieber hier verhungern willst,
whrend du auf Schneehhner und Whlmuse wartest, dann habe ich nichts
dagegen.

Nachdem Akka dies gesagt hatte, flog sie sogleich davon und lie sich erst
nach einer guten Weile wieder in dem Neste sehen. Da hatte das Junge den
Fisch verzehrt, und als Akka ihm einen neuen Fisch hinlegte, verschlang es
diesen sogleich, obgleich man ihm gut anmerkte, da er ihm abscheulich
schmeckte.

Nun hatte Akka eine schwere Aufgabe. Die alten Adler kehrten niemals
wieder, und so mute sie alle Nahrung fr das Junge ganz allein
herbeischaffen. Sie brachte ihm Fische und Frsche, und diese Kost schien
dem jungen Adler gar nicht bel zu bekommen, denn er wuchs gro und krftig
heran. Bald hatte er seine Eltern vollstndig vergessen und glaubte, Akka
sei seine rechte Mutter. Und Akka liebte ihn wie ein eigenes Kind. Sie
erzog ihn mit aller Sorgfalt und gab sich die grte Mhe, ihm seinen
wilden Sinn und seinen Hochmut abzugewhnen.

Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, fhlte Akka die Zeit herbeikommen,
wo sie ihre Federn verlor und also nicht fliegen konnte. Sie wute, whrend
eines ganzen Monats wrde sie dann nicht imstande sein, dem Jungen im
Adlernest Nahrung zu bringen, und so mte dieses elendiglich verhungern.

Hr nun, Gorgo, sagte Akka eines Tages zu dem jungen Adler. Jetzt kann
ich dir keine Fische mehr hier heraufbringen, und nun fragt es sich, ob du
dich ins Tal hinunterwagst, damit ich dir auch ferner deine Nahrung
verschaffen kann. Du mut jetzt whlen, ob du lieber hier oben verhungern,
oder dich ins Tal hinunterwerfen willst, was dich mglicherweise das Leben
kosten kann.

Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stieg Gorgo auf den Rand des
Nestes. Er nahm sich kaum die Mhe, die Entfernung mit dem Blick zu messen,
sondern breitete seine kleinen Flgel aus und flog hinunter. Er berschlug
sich zwar ein paarmal in der Luft, gebrauchte aber doch seine Flgel ganz
geschickt, und so kam er unbeschdigt drunten im Tal an.

Von da an verbrachte Gorgo den Sommer zusammen mit den jungen Gsselchen
und wurde ihnen bald ein sehr guter Kamerad. Da er sich selbst fr einen
jungen Gnserich hielt, gab er sich alle Mhe, gerade so zu leben wie sie,
und wenn sie in den See hinausschwammen, lief er hinter ihnen her, bis er
fast ertrank. Er schmte sich frchterlich, da er nicht schwimmen lernen
konnte, und ging zu Akka, ihr sein Leid zu klagen.

Warum kann ich nicht ebensogut schwimmen lernen wie die andern? fragte
er.

Du hast allzu gekrmmte Zehen und zu groe Klauen bekommen, whrend du da
droben auf dem Felsenvorsprung lagst, sagte Akka. Aber du brauchst dich
deshalb nicht zu grmen, es wird doch noch ein rechter Vogel aus dir.

Die Flgel des jungen Adlers waren bald gro genug, ihn zu tragen; aber es
dauerte doch noch bis zum Herbst, wo die jungen Gnse fliegen lernen
sollten, bis es ihm einfiel, da er seine Flgel auch zum Fliegen
gebrauchen knnte. Nun aber brach eine herrliche Zeit fr ihn an, denn in
dieser Kunst war er bald der erste von allen. Seine Kameraden blieben nie
lnger in der Luft droben, als sie durchaus muten; er aber hielt sich fast
den ganzen Tag da droben auf und bte sich im Fliegen. Er war noch immer
nicht darauf gekommen, da er von andrer Art war als die Gsselchen. Aber
es fiel ihm doch allerlei auf, was ihn in Erstaunen setzte, und immer
wieder kam er mit neuen Fragen zu Akka.

Warum laufen die Schneehhner und die Whlmuse davon, sobald sich auch
nur mein Schatten droben am Felsen zeigt? fragte er. Vor den andern
Gnsen zeigen sie keinen solchen Schrecken.

Deine Flgel sind zu gro geworden, whrend du droben auf dem
Felsenvorsprung lagst, und vor denen frchten sich die kleinen Tiere,
sagte Akka. Aber du brauchst dich nicht darber zu grmen, es wird doch
ein rechter Vogel aus dir.

Nachdem Gorgo fliegen gelernt hatte, lernte er auch ganz von selbst, Fische
und Frsche zu fangen, aber bald begann er auch darber nachzugrbeln.

Woher kommt es, da ich von Fischen und Frschen lebe? fragte er. Das
tun ja meine Brder und Schwestern auch nicht?

Das kommt daher, weil ich keine andre Nahrung fr dich hatte, solange du
droben auf dem Felsenvorsprung lagst, sagte Akka. Aber du brauchst dich
nicht darber zu grmen, es wird doch ein rechter Vogel aus dir.

Als die Wildgnse im Herbst sdwrts zogen, flog Gorgo mit in der Schar. Er
betrachtete sich immer als zu ihnen gehrig; aber ringsumher in der Luft
flogen unzhlige Vgel, die alle auf dem Wege nach dem Sden waren, und als
Akka mit einem Adler in ihrem Gefolge daherkam, gerieten sie in groe
Aufregung. Bald war die Schar der Wildgnse von einem Schwarm neugieriger
Vgel umringt, die ihre Verwunderung laut kundgaben. Akka gebot ihnen
Schweigen, aber es war nicht mglich, so viele bse Zungen im Zaum zu
halten.

Warum nennen sie mich einen Adler? fragte Gorgo unaufhrlich, und er
wurde immer hitziger. Knnen sie denn nicht sehen, da ich eine Wildgans
bin? Ich bin doch kein Vogelruber, der seinesgleichen verzehrt! Wie kommen
sie nur darauf, mir einen so hlichen Namen zu geben?

Eines Tages flogen die Wildgnse ber einen Bauernhof hin, wo viele Hhner
auf dem Misthaufen scharrten. Ein Adler! Ein Adler! riefen alle Hhner
und liefen eiligst davon, sich zu verstecken. Aber jetzt konnte Gorgo, der
von den Adlern immer als von wilden Bsewichten hatte reden hren, seinen
Zorn nicht mehr bemeistern. Er schlug mit den Flgeln, scho hinunter und
schlug seine Fnge in eines von den Hhnern. Ich will dich lehren, da ich
kein Adler bin! schrie er heftig und hackte mit dem Schnabel auf das Huhn
los.

Da hrte er, da Akka ihn von oben aus rief. Er gehorchte augenblicklich
und flog hinauf. Die alte Wildgans kam ihm entgegengeflogen, um ihn zu
zchtigen. Was tust du? rief sie und schlug mit dem Flgel nach ihm.
Hattest du etwa im Sinne, das arme Huhn zu zerreien? Du solltest dich
schmen!

Als aber der Adler die Zchtigung ohne Widerstand hinnahm, erhob sich unter
den groen Vogelscharen ringsumher ein wahrer Sturm von Spottreden und
Schmhungen. Der Adler hrte es, und nun wendete er sich mit zornigen
Blicken an Akka, wie wenn er sie anfallen wollte. Aber er nderte seine
Absicht sogleich wieder, stieg mit heftigen Flgelschlgen hoch in die Luft
hinauf, so hoch, bis ihn kein Ruf mehr erreichen konnte, und schwebte da
droben umher, solange die Wildgnse ihn noch sehen konnten.

Drei Tage spter erschien er wieder bei den Wildgnsen.

Jetzt wei ich, wer ich bin, sagte er zu Akka. Und da ich ein Adler bin,
mu ich so leben, wie es einem Adler geziemt. Aber deshalb knnen wir doch
gute Freunde bleiben; dich oder eine der Deinigen werde ich nie angreifen.

Aber Akka hatte ihren ganzen Stolz darein gesetzt, diesen Adler zu einem
ungefhrlichen Vogel heranzuziehen, und sie wollte es nicht leiden, da er
nach seiner Art leben wollte.

Meinst du, ich werde mit einem Vogelruber Freundschaft halten? sagte
sie. Lebe so, wie ich es dich gelehrt habe, dann darfst du wie bisher in
meiner Schar bleiben.

Beide waren stolz und unbeugsam; keines wollte nachgeben, und schlielich
verbot Akka dem Adler geradezu, sich in ihrer Nhe sehen zu lassen, ja, sie
war so bse auf ihn, da in Akkas Nhe niemand seinen Namen auch nur
auszusprechen wagte.

Von dieser Stunde an zog Gorgo im Lande umher, einsam und von allen
gemieden, wie alle groen Ruber. Er war oftmals in trber Stimmung, und
sicherlich sehnte er sich oft nach der Zeit zurck, wo er sich noch fr
eine Wildgans gehalten und mit den lustigen jungen Gsselchen gespielt
hatte. Unter den Tieren war er wegen seiner Khnheit berhmt. Es hie, er
frchte sich vor nichts und vor niemand als vor seiner Pflegemutter Akka,
und er stand auch in dem Rufe, sich noch nie an einer Wildgans vergriffen
zu haben.


Gefangen

Gorgo war erst drei Jahre alt und hatte noch nicht daran gedacht, sich eine
Frau zu nehmen und eine Heimat zu grnden, als er eines Tages von einem
Jger gefangen wurde, der ihn an das Freiluftmuseum Skansen in Stockholm
verkaufte. Als Gorgo nach Skansen kam, waren schon zwei Adler da. Sie
wurden in einem Kfig aus eisernen Stangen und Stahldraht gefangen
gehalten; der Kfig stand im Freien und war sehr gro, und damit die Adler
sich heimisch fhlen sollten, hatte man sogar einige Bume hinein
verpflanzt und einen ordentlichen Berg aus Steinblcken darin aufgefhrt.
Aber trotz allem gediehen die Vgel nicht; fast den ganzen Tag saen sie
unbeweglich auf demselben Platz, ihr schnes dunkles Gefieder wurde
struppig und verlor seinen Glanz und, hoffnungslose Sehnsucht im Blick,
starrten die armen Tiere gerade in die Luft hinaus.

[Illustration]

In der ersten Woche seiner Gefangenschaft war Gorgo noch wach und lebendig;
aber dann berfiel ihn allmhlich eine dumpfe Gleichgltigkeit. Er sa ganz
ruhig auf demselben Platz, starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen, und
die Tage vergingen, ohne da er es merkte.

Eines Morgens, als Gorgo wie gewhnlich im Halbschlaf befangen war, hrte
er, da ihn jemand vom Boden aus anrief.

Wer ruft mich? fragte er.

Aber Gorgo, erkennst du mich denn nicht mehr? Ich bin der Dumling, der
mit den Wildgnsen umherzog.

Ist Akka auch gefangen worden? fragte Gorgo, in einem Ton, wie wenn er
aus einem tiefen Schlafe erwachte und seine Gedanken erst zusammennehmen
mte.

Nein, Akka und der weie Gnserich und die ganze Schar der Wildgnse sind
wahrscheinlich jetzt droben in Lappland, sagte der Junge. Nur ich bin
hier gefangen.

Whrend der Junge dies sagte, sah er, da Gorgo die Augen abwendete und wie
vorher in die Luft hinausstarrte.

Knigsadler! rief der Junge. Ich habe nicht vergessen, da du mich
einmal zu den Wildgnsen zurckgebracht und auch das Leben des weien
Gnserichs verschont hast. Sag mir, ob ich dir in irgend einer Weise helfen
knnte!

Aber Gorgo hob kaum den Kopf. Stre mich nicht, Dumling! sagte er. Ich
trume eben, ich flge hoch droben in der Luft umher, und ich will nicht
erwachen.

Du mut dir Bewegung machen und dich darum kmmern, was um dich her
vorgeht, mahnte der Junge. Sonst siehst du bald ebenso elendig aus wie
die andern Adler hier.

Ich wnschte, ich wre schon wie sie. Sie sind so traumverloren, da sie
nichts mehr berhren kann, sagte Gorgo.

Als es Nacht geworden war und alle Adler schliefen, ertnte ein leichtes
Kratzen an dem Stahldrahtnetz, das den Adlerkfig bedeckte. Die beiden
alten und abgestumpften Gefangenen lieen sich von dem Gerusch nicht
stren, aber Gorgo erwachte. Wer da? rief er. Wer bewegt sich da oben
auf dem Dache?

Ich bin's, Gorgo, der Dumling, antwortete der Junge. Ich versuche hier
den Draht durchzufeilen, damit du entfliehen kannst.

Der Adler hob den Kopf und sah in der hellen Nacht, wie der Junge eifrig an
dem Drahtnetz, das ber den Kfig gespannt war, feilte. Einen Augenblick
regte sich die Hoffnung in seinem Herzen, aber die Mutlosigkeit gewann doch
gleich wieder die Oberhand. Ach, Dumling, ich bin ein sehr groer Vogel,
sagte er. So viele Drhte, da ich hinauskommen kann, wirst du kaum
durchfeilen knnen. Gib dein Vorhaben lieber gleich auf und la mich in
Frieden.

Schlaf du nur und kmmere dich nicht um mich, erwiderte der Junge. Heute
nacht werde ich freilich noch nicht fertig und morgen nacht auch nicht;
aber ich will nun einmal versuchen, dich zu befreien, denn hier gehst du ja
vollstndig zugrunde.

Gorgo schlief wieder ein; als er aber am nchsten Morgen erwachte, sah er
gleich, da schon eine groe Menge Drhte durchgefeilt waren. An diesem Tag
fhlte er sich nicht so schlfrig wie am vorhergehenden; er schlug oft mit
den Flgeln und hpfte auf den sten umher, um seine steifen Glieder wieder
geschmeidig zu machen.

Eines Morgens in aller Frhe, gerade als der erste Streifen Morgenlicht am
Himmel aufleuchtete, weckte der Dumling den Adler. Versuch es jetzt,
Gorgo! sagte er.

Der Adler schaute auf. Der Junge hatte wirklich die vielen Drhte
durchgefeilt; da droben in dem Stahldrahtnetz war ein groes Loch. Gorgo
bewegte die Flgel und schwang sich hinauf. Zweimal fiel er wieder in den
Kfig zurck, aber schlielich gelangte er doch glcklich ins Freie.

Mit stolzen Flgelschlgen stieg er hoch zu den Wolken empor. Der kleine
Dumling stand unten und sah ihm mit einem wehmtigen Ausdruck nach. Ach
wie sehr wnschte er, es kme jemand und gbe auch ihm die Freiheit!

Der Junge war jetzt ganz heimisch auf Skansen. Er hatte mit allen Tieren
Bekanntschaft geschlossen und viele Freunde unter ihnen gewonnen; er sah ja
auch wohl ein, da in diesem Freiluftmuseum auerordentlich viel
Interessantes und Lehrreiches zu sehen war, und es wurde ihm nicht schwer,
sich die Zeit zu vertreiben; aber doch zogen seine Gedanken jeden Tag
sehnschtig hinaus zu seinem lieben Gnserich Martin und allen seinen
andern Reisegefhrten.

Wenn ich doch nur nicht durch mein Versprechen gebunden wre! Dann wollte
ich schon einen Vogel finden, der mich zu den Wildgnsen trge, dachte er.

Es klingt recht merkwrdig, da Klement Larsson dem Jungen seine Freiheit
nicht wiedergegeben hatte, aber man mu bedenken, wie verwirrt der kleine
Spielmann war, als er Skansen verlie. An dem Morgen, wo er abreiste, hatte
er sich allerdings vorgenommen gehabt, dem kleinen Knirps sein Essen in
einem blauen Napf hinzustellen, aber zum Unglck hatte er keinen solchen
finden knnen. Dann waren alle die Leute von Skansen-- die Lappen, die
Mdchen aus Dalarna, die Maurer und Grtner-- herbeigekommen, ihm Lebewohl
zu sagen, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich einen blauen Napf zu
verschaffen. Die Stunde der Abreise kam heran, und schlielich wute er
sich nicht anders zu helfen, als einen der Lapplnder um Hilfe zu bitten.

Hr einmal, sagte er. Hier auf Skansen wohnt einer von dem Wichtelvolk,
dem ich jeden Morgen etwas zu essen bringe. Willst du mir nun einen
Gefallen tun? Hier ist etwas Geld, dafr kaufe einen blauen Napf und stelle
ihn morgen mit etwas Grtze und Milch auf die Treppe der Bollnshtte.

Der alte Lappe machte ein sehr verwundertes Gesicht; aber Klement hatte
keine Zeit mehr, ihm die Sache noch nher zu erklren, denn er mute jetzt
auf den Bahnhof.

Der Lappe war dann auch wirklich in die Stadt gegangen, einen blauen Napf
zu kaufen; als er aber keinen blauen sah, der ihm fr seinen Zweck passend
erschien, kaufte er einen weien, und in diesem stellte er gewissenhaft
jeden Morgen Milch und Grtze hin.

Auf diese Weise war der Junge seines Versprechens nicht entbunden worden.
Er wute wohl, da Klement fort war, aber er selbst durfte nicht
davongehen.

In dieser Nacht nun sehnte sich der Junge mehr als gewhnlich nach der
Freiheit, und das kam daher, da es jetzt im Ernst Frhling und Sommer
geworden war. Er hatte whrend der Reise ja oft unter der Klte und dem
schlechten Wetter gelitten, und in der ersten Zeit auf Skansen hatte er
fters gedacht, es sei vielleicht ganz gut, da er die Reise hatte aufgeben
mssen, denn wenn er im Mai nach Lappland gekommen wre, htte er dort
droben sicherlich erfrieren mssen. Aber jetzt war es warm geworden, die
Wiesen prangten in frischem Grn, Birken und Pappeln hatten ein seidig
schillerndes Bltterkleid, die Kirschbume, ja alle mglichen Obstbume
standen mit Blten berst da, die Beerenstrucher hatten schon ganz kleine
Frchte auf den Zweiglein, die Eichen rollten uerst vorsichtig ihre
Bltter auf, Erbsen, Kohl und Bohnen grnten auf den Gemsebeeten auf
Skansen.

Jetzt wre es wohl auch in Lappland warm und schn, dachte der Junge.
Wie gerne se ich an einem schnen Morgen auf dem Rcken des Gnserichs
Martin! Wie prchtig wre jetzt ein Ritt durch die warme stille Luft da
droben, von wo ich auf die mit grnem Gras und mit herrlichen Blumen
geschmckte Erde herunterschauen knnte!

Der Junge war noch mit diesem Gedanken beschftigt, als pltzlich Gorgo aus
der Luft heruntersauste und sich neben dem Dumling auf das Dach des Kfigs
setzte. Ich wollte nur meine Flgel prfen, um zu sehen, ob sie mich noch
ordentlich tragen, sagte er. Du hast hoffentlich nicht gedacht, ich werde
dich hier in der Gefangenschaft zurcklassen? Setze dich jetzt auf meinen
Rcken, dann bringe ich dich zu deinen Reisegefhrten zurck.

Nein, das ist unmglich, sagte der Junge. Ich habe mein Wort darauf
gegeben, da ich hier bleibe, bis man mir die Freiheit zurckgibt.

Was schwatzest du da fr dummes Zeug? erwiderte Gorgo. Zuerst hat man
dich gegen deinen Willen hierhergebracht und dich dann noch obendrein
gezwungen, hierzubleiben. So ein Versprechen braucht man nicht zu halten,
das wirst du doch verstehen?

Ich mu es trotzdem halten, sagte der Junge. Nein, mein lieber Gorgo,
ich danke dir fr deine gute Absicht, aber du kannst mir nicht helfen.

So, kann ich es nicht? erwiderte Gorgo. Das sollst du bald sehen! Und
in demselben Augenblick ergriff Gorgo den Jungen mit seinen groen Fngen,
schwang sich mit ihm zu den Wolken hinauf und verschwand in nrdlicher
Richtung.

[Illustration]




39

ber Gstrikland hin

Der kostbare Grtel


                                                  Mittwoch, 15. Juni

Der Adler flog ununterbrochen in nrdlicher Richtung weiter, bis er ein
gutes Stck ber Stockholm hinausgekommen war; da lie er sich auf einen
bewaldeten Hgel hinab und lockerte den Griff, mit dem er den Jungen
festhielt.

Aber kaum fhlte sich dieser frei, als er, so schnell er nur konnte, wieder
nach der Stadt zurcklief.

Da machte der Adler einen groen Sprung, holte den Jungen ein und legte die
Klaue auf ihn. Willst du ins Gefngnis zurckkehren? fragte er.

Was willst du eigentlich von mir? Ich werde doch wohl gehen drfen, wohin
ich will! rief der Junge und versuchte sich von dem Adler los zu machen.
Doch da ergriff ihn Gorgo abermals mit seinen starken Fngen, hob ihn auf
und trug ihn fort.

Nun flog er mit dem Jungen ber ganz Uppland hin und hielt nicht an, bis er
den groen Wasserfall bei lvkarleby erreicht hatte. Hier lie er sich auf
einen Stein nieder, der mitten im Strom gerade unter dem rauschenden
Wasserfall lag, und lie dann seinen Gefangenen aufs neue los.

Der Junge erkannte sogleich, da es ihm ganz unmglich war, dem Adler von
hier aus zu entfliehen. Von oben her kam der weischumende Schwall
herabgestrzt, und ringsum brandete und wogte das Wasser mit wildem
Schumen. Der Junge war sehr erbittert, da er auf diese Weise wortbrchig
werden mute; er wendete dem Adler den Rcken und wollte kein Wort mehr mit
ihm sprechen.

Aber nachdem jetzt der Adler den Jungen an einer Stelle abgesetzt hatte, wo
er ihm nicht mehr entfliehen konnte, erzhlte er ihm, wie er von Akka von
Kebnekajse aufgezogen worden, mit dieser seiner Pflegemutter aber jetzt in
Feindschaft geraten sei.

Und jetzt kannst du vielleicht verstehen, Dumling, warum ich dich zu den
Wildgnsen zurckbringen mchte, sagte er zum Schlu. Ich habe gehrt, in
welch hoher Gunst du bei Akka stehst, und deshalb wollte ich dich bitten,
den Friedensstifter zwischen uns zu machen.

Sobald der Junge hrte, da der Adler ihn nicht nur aus Eigensinn
fortgetragen hatte, wurde er wieder freundlich gegen ihn.

Ich wrde dir auerordentlich gern in dieser Sache helfen, sagte er,
aber ich bin ja durch mein Versprechen gebunden. Und nun erzhlte er
seinerseits dem Adler, wie er in Gefangenschaft geraten sei, und da
Klement Larsson Skansen verlassen htte, ohne ihm sein Wort zurckzugeben.

Doch der Adler wollte um keinen Preis seinen Plan aufgeben. Hre mich an,
Dumling! sagte er. Meine Flgel tragen mich, wohin du nur willst, und
meine Augen machen alles ausfindig, was du nur sehen mchtest. Erzhl mir,
wie der Mann aussah, der dir das Versprechen abgenommen hat, ich will ihn
aufsuchen und dich zu ihm tragen. Alsdann mut du sehen, wie du ihn dazu
bringst, dich von deinem Versprechen zu entbinden.

Dieser Vorschlag leuchtete dem Jungen ein. Ja, ja, Gorgo, man merkt wohl,
welchen klugen Vogel du als Pflegemutter gehabt hast, sagte er. Dann
beschrieb er dem Adler Klement Larsson ganz genau und fgte auch noch
hinzu, er habe auf Skansen gehrt, da der kleine Spielmann aus
Hlsingeland stammte.

Wir wollen ganz Hlsingeland absuchen, von Lingbo bis Mellansj, von
Storberg bis Hornsland! rief der Adler. Gleich morgen, noch ehe es Abend
geworden ist, wirst du mit dem Manne reden knnen.

Jetzt versprichst du sicher mehr, als du halten kannst, Gorgo, sagte der
Junge.

O, ich wre ein schlechter Adler, wenn ich das nicht knnte! erwiderte
Gorgo.

Als Gorgo mit dem Dumling von lvkarleby aufbrach, waren die beiden ganz
gute Freunde geworden, und der Junge ritt jetzt auf Gorgos Rcken. Auf
diese Weise sah er wieder etwas von den Gegenden, ber die sie hinflogen.
Solange ihn der Adler in den Klauen getragen hatte, war ihm das nicht
mglich gewesen. Es war vielleicht ganz gut fr ihn, da er sich nicht so
genau auskannte, denn wenn er gewut htte, da er am Morgen ber so schne
Orte wie die alten Knigshgel von Uppsala, ber die groe sterbyer
Fabrik, die Danemoraer Grube und das alte Schlo zu rbyhus hingeflogen
war, htte er sich gewi sehr gegrmt, weil er nichts davon gesehen hatte.

Jetzt trug ihn der Adler hurtig ber Gstrikland hin. In dem sdlichen Teil
war nicht viel zu sehen, was die Aufmerksamkeit gefangen nehmen konnte.
Eine fast ganz mit Tannenwald bestandene Ebene breitete sich ungeheuer gro
unter ihm aus; weiter gegen Norden aber erstreckte sich quer durch die
Landschaft, von der Dalagrenze bis zum Bottnischen Meerbusen, ein schner
Landstrich mit bewaldeten Hgeln, glnzenden Seen und rauschenden Strmen.
Da lagen dichtbevlkerte Kirchspiele um weie Kirchen herum, Landstraen
und Eisenbahnen kreuzten sich, die Huser waren in Grn gebettet, und
blhende Grten schickten holde Dfte in die Luft hinauf.

An den Wasserlufen sah der Junge mehrere groe Eisenhmmer, ganz hnliche,
wie er schon im Bergwerkdistrikt gesehen hatte. In ungefhr gleichen
Zwischenrumen lagen sie in einer Reihe bis zum Meere hin, wo schlielich
eine groe Stadt ihre weien Husermassen ausbreitete. Nrdlich von dieser
dichtbevlkerten Gegend setzten die dunkeln Wlder wieder ein; doch war
hier das Land nicht eben, sondern bildete Hgel und Tler, es hob und
senkte sich wie ein aufgeregtes Meer.

Dieses Land hat ein Kleid aus Tannenzweigen und eine Jacke aus Feldsteinen
an, sagte sich der Junge im stillen. Aber um die Mitte trgt es einen
Grtel, der an Kostbarkeit nicht seinesgleichen hat, denn er ist mit
blauschimmernden Seen und blumigen Wiesen bestickt; die groen Eisenhmmer
schmcken ihn wie eine Reihe von Edelsteinen, und als Schnalle dient ihm
eine groe Stadt mit Schlssern und Kirchen und groen Husergruppen.

Nachdem Gorgo mit dem Jungen eine Strecke weit in die nrdlich sich
hinziehende Waldgegend hineingeflogen war, lie sich Gorgo ganz oben auf
dem Gipfel eines kahlen Felsen nieder, und als der Junge auf den Boden
hinuntergesprungen war, sagte der Adler: Es gibt hier im Walde allerlei
Leckerbissen fr dich, und ich selbst kann die drckenden Gedanken an die
Gefangenschaft gewi nicht los werden und mich nicht so recht frei fhlen,
bis ich wieder auf der Jagd gewesen bin. Du hast doch wohl keine Angst,
wenn ich davonfliege?

O nein, sagte der Junge, fliege du nur.

Du kannst gehen, wohin es dir beliebt, nur gegen Sonnenuntergang solltest
du wieder hier sein, sagte der Adler, und dann flog er davon.

Der Junge fhlte sich ziemlich einsam und verlassen, als er dann auf einem
Stein sa und ber die nackten Gebirgshalden und die groen Wlder
hinschaute, die ihn rings umgaben. Aber er hatte noch nicht lange
dagesessen, als von drunten aus dem Walde Gesang zu ihm heraufdrang und er
etwas Helles zwischen den Bumen schimmern sah. Bald erkannte er eine
blau-gelbe Fahne, und an dem Gesang und dem frhlichen Rufen erriet er
auch, da die Fahne einem ganzen Zug von Menschen vorausgetragen wurde;
aber es dauerte noch recht lange, bis er sehen konnte, welche Art von Zug
es war. Die Fahne wurde auf Zickzackwegen heraufgetragen, und Nils
Holgersson war auerordentlich gespannt, wohin diese Fahne und die Menschen
dahinter wollten. Auf die einsame, de Berghalde, wo er sich eben befand,
kamen sie gewi nicht, das konnte er sich gar nicht denken. Und doch war es
so. Jetzt tauchte die Fahne am Waldessaum auf, und hinter ihr strmten eine
Menge Menschen heraus, denen die Fahne den Weg gewiesen hatte. Auf dem
ganzen Berge war nun Leben und Bewegung, und an diesem Tage hatte der Junge
so viel zu sehen, da er sich keinen Augenblick langweilte.


Der groe Tag des Waldes

Auf dem breiten Gebirgsrcken, wo der Junge von Gorgo zurckgelassen worden
war, hatte vor ungefhr zehn Jahren ein Waldbrand gewtet. Die verkohlten
Bume waren gefllt und fortgeschafft worden, und da, wo der groe
Brandplatz an den frischen Wald stie, hatte sich allmhlich wieder einiges
Wachstum eingestellt. Aber der grte Teil lag noch immer unheimlich kahl
und verlassen da. Zwischen den Steinen waren zwar noch schwarze Baumstmpfe
und legten Zeugnis davon ab, da einst ein groer, prchtiger Wald hier
gestanden hatte, aber nirgends sproten junge Schlinge aus dem Boden
heraus.

Die Leute wunderten sich darber, wie lange es dauerte, bis sich die
leere Flche wieder mit Wald bekleidete; sie vergaen ganz, da seit
jener Zeit, wo das Feuer hier gewtet hatte, die Erde aller Feuchtigkeit
ermangelte. Deshalb waren nicht allein alle Bume gnzlich verbrannt und
alles, was auf dem Waldboden wuchs-- Heidekraut, Maiblumen, Moos und
Preielbeerstauden--, verschwunden, sondern auch die Erde, die den
Felsengrund bedeckte, war nach dem Brande so trocken und lose wie Asche
geworden. Jeder Windsto, der daherjagte, wirbelte sie hoch in die Luft
hinauf; und da die Berghhe dem Winde sehr ausgesetzt war, wurde ein
Steinblock um den andern reingefegt. Der Regen tat natrlich auch das
Seine, das Erdreich hinwegzuschwemmen; und nachdem sich nun Wind und
Wetter zehn Jahre lang alle Mhe gegeben hatten, den Berg abzufegen, sah
er so kahl aus, da man sich nichts andres denken konnte, als da er bis
ans Ende der Welt so liegen bleiben wrde.

Aber eines Tages, gleich in der ersten Sommerzeit, versammelten sich alle
Kinder des Dorfes, in dessen Gebiet der abgebrannte Berg lag, vor einer der
Schulen. Jedes Kind trug eine Hacke oder einen Spaten auf der Schulter,
sowie ein Paket Mundvorrat in der Hand. Sobald alle Kinder versammelt
waren, wanderten sie in einem langen Zuge dem Walde zu. Die Fahne wurde
vorausgetragen, die Lehrer und Lehrerinnen gingen nebenher, und hinterdrein
kamen einige Waldhter und ein Pferd, das eine groe Ladung
Tannenschlinge und Tannensamen trug.

Dieser Zug hielt in keinem der dem Dorf zunchstliegenden Birkengehlze
an, nein, er wanderte weit hinauf in den Wald. Immer hher ging es auf
verlassenen alten Viehwegen, und die Fchse streckten die Kpfe aus ihrem
Bau heraus und fragten verwundert, was doch das fr Hirtenvolk sei, das zu
Berg ziehe. Der Zug kam an verlassenen Weilern vorber, wo frher in jedem
Herbst Kohlen gebrannt worden waren, und die Kreuzschnbel wendeten ihren
krummen Schnabel nach dem Zuge und konnten nicht begreifen, was das fr
Kohlenbrenner sein sollten, die da in den Wald eindrangen.

So erreichte der Zug schlielich die groe abgebrannte Hochebene. Da waren
die Felsen ganz kahl, ohne die feinen Linenranken, von denen sie einstmals
bedeckt gewesen waren, und die Steinplatten waren des schnen silberweien
Mooses und auch der feinen niedlichen Renntierflechten entkleidet. Rings um
die schwarzen Wassertmpel herum, die sich in den Felsenspalten und
Vertiefungen angesammelt hatten, wuchsen weder Kallabltter noch Sauerklee.
Auf den kleinen Pltzen, wo zwischen den Steinblcken und Rissen noch Erde
lag, standen keine Farrenkruter, keine Sternmieren, keine weien Pyrola,
nirgends war eine Spur von all dem Grnen und Roten und Buschigen und
Weichen und Zierlichen, was sonst den Waldboden schmckt.

Es war, als ob pltzlich heller Sonnenschein ber die graue Hochebene
hinleuchtete, als die Kinder des Dorfes sich darauf zerstreuten. Das war
doch wieder etwas Frohes und Schnes, etwas Frisches und Rosiges, etwas
Junges und etwas im Wachsen Begriffenes! Vielleicht konnten sie dem armen
verlassenen Waldboden wieder zu etwas Leben verhelfen!

Nachdem die Kinder sich ausgeruht und gesttigt hatten, ergriffen sie die
Hacken und Spaten und fingen an zu arbeiten. Die Waldhter zeigten ihnen,
wie sie es machen mten, und nun steckten die Kinder in jedes noch so
kleine Fleckchen Erde, das sie entdecken konnten, die kleinen
Tannenpflnzchen hinein.

Whrend die Kinder also pflanzten, sprachen sie ganz altklug miteinander
davon, wie diese kleinen Pflnzchen, die sie jetzt in die Erde
hineinsteckten, das Erdreich festhalten wrden, damit es nicht wieder
weggeblasen werden knnte. Aber das sei nicht das einzige Gute daran, denn
dadurch bilde sich auch neue Erde unter den Wurzeln, in diese falle Samen
hinein, und in einigen Jahren knnten sie da, wo jetzt nichts als kahle
Felsblcke seien, Himbeeren und Heidelbeeren pflcken. Und die kleinen
Pflanzen, die sie hier einsetzten, wrden allmhlich zu groen Bumen
heranwachsen, ja in spteren Jahren knne man groe Huser oder stolze
Schiffe daraus bauen.

Wenn aber sie, die Kinder, jetzt nicht heraufgekommen wren und gepflanzt
htten, solange noch ein bichen Erde in den Felsenspalten lag, dann wre
durch den Wind und den Regen jede Mglichkeit, da je hier etwas gepflanzt
werden knnte, vollends zerstrt worden, und es htte also niemals wieder
ein Wald auf diesem Berge entstehen knnen.

Ja, es ist nur gut, da wir heraufgekommen sind, sagten die Kinder. Es
war wirklich die hchste Zeit. Und sie kamen sich ungeheuer wichtig vor.

Whrend die Kinder so auf dem Berge arbeiteten, waren Vater und Mutter
daheim; nachdem aber einige Zeit vergangen war, htten sie gar zu gerne
gewut, wie es den Kindern droben auf dem Berge gehe. Sie dachten, es sei
natrlich nur zum Spa, da solche kleinen Leute einen Wald pflanzen
sollten, aber es knnte jedenfalls ganz unterhaltend sein, wenn sie
nachshen, wie es da droben zugehe. Und ehe sie sich versahen, waren Vater
und Mutter schon auf dem Wege nach dem Walde. Als sie den Bergpfad erreicht
hatten, trafen sie mit andern Nachbarn zusammen.

Wollt ihr hinauf zum Brandplatz?

Ja, wir sind eben auf dem Wege.

Um nach den Kindern zu sehen?

Ja, wir wollen hinauf und sehen, was sie da treiben.

Es ist natrlich nur zum Spa.

Freilich, viele Bume werden da droben nicht wachsen.

Wir haben den Kaffeekessel bei uns, damit sie etwas Warmes bekommen, da
sie den ganzen Tag von trockner Kost leben mssen.

Jetzt erreichten Vater und Mutter den Brandplatz, und zuerst dachten sie
nichts weiter, als wie hbsch alle die roten Wangen der Kinder auf dem
grauen Berge ausshen. Aber dann gaben sie genau acht, wie die Kinder
arbeiteten: die einen setzten die Pflnzchen ein, die andern zogen Furchen
und sten Samen hinein, wieder andere rissen das Heidekraut heraus, damit
es die jungen Bumchen nicht ersticken sollte.

Sie sahen auch, wie eifrig und ernsthaft die Kinder es mit der Arbeit
nahmen; sie hatten ja kaum Zeit, aufzuschauen.

Der Vater sah eine Weile zu, dann fing er auch an Heidekraut
herauszureien. Nur zum Scherze natrlich. Die Kinder waren die
Lehrmeister, denn jetzt kannten sie die Kunst, und sie durften nun Vater
und Mutter zeigen, wie man es machen mute.

Schlielich nahmen dann auch alle die Erwachsenen, die heraufgekommen
waren, nach den Kindern zu sehen, an der Arbeit teil. Da war es natrlich
noch viel unterhaltender als vorher, und nach kurzer Zeit bekamen die
Kinder noch mehr Hilfe.

Man brauchte nmlich noch mehr Handwerkszeug, und ein paar Jungen mit
langen Beinen wurden nach Hacken und Spaten ins Dorf hinuntergeschickt. Als
diese an den Husern vorbeirannten, kamen die Bewohner heraus und fragten:
Was ist denn los? Ist ein Unglck geschehen?

Nein, nein, aber das ganze Dorf ist droben auf dem Brandplatz und hilft
den Wald pflanzen.

Ei, wenn das ganze Dorf droben ist, dann wollen wir auch nicht
daheimbleiben.

So strmte alles auf den abgebrannten Berg hinauf. Zuerst blieben die
Neuangekommenen ruhig stehen und schauten eine Weile zu; aber dann konnten
sie es nicht lassen, sich an der Arbeit zu beteiligen. Denn es mochte wohl
sehr vergnglich sein, wenn der Bauer im Frhjahr seinen Acker bestellt
und dabei an das Getreide denkt, das aus der Erde herauswachsen soll, aber
dies war doch noch verlockender.

Hier sollten nicht nur schwache Halme aus dieser Saat aufgehen, sondern
starke Bume mit hohen Stmmen und mchtigen Zweigen. Hier handelte es sich
nicht nur darum, die Ernte eines Sommers hervorzurufen, sondern Wachstum
fr viele Jahre. Das hier bedeutete so viel, wie Insektensummen,
Drosselschlag und Auerhahnbalzen hervorzurufen und ungezhltes Leben auf
dem Brandplatz zu wecken. Und dann war es auch wie ein Denkmal, das man fr
die kommenden Geschlechter errichtete. Bisher htte man ihnen einen kahlen,
nackten Berg als Erbe hinterlassen, jetzt aber sollten sie einen stolzen
Wald dafr bekommen; und wenn die Nachkommen dies erkannten, dann
verstanden sie sicher auch, da ihre Vorfahren gute und kluge Leute gewesen
waren, und darum wrden sie mit Ehrerbietung und Dankbarkeit der Vorfahren
gedenken.

[Illustration]




40

Ein Tag in Hlsingeland

Ein groes grnes Blatt


                                                  Donnerstag, 16. Juni

Am nchsten Morgen ritt der Junge auf Gorgos Rcken ber Hlsingeland hin.
Hellschimmernd lag es unter ihm; die Nadelholzbume hatten hellgrne
Triebe, die Birkengehlze frisches Laub, die Wiesen neues saftiges Gras,
und auf den ckern wogte die junge, grne Saat. Es war ein hochgelegenes,
bergiges Land, aber mitten hindurch zog sich ein offenes, lachendes Tal,
und von diesem erstreckten sich bald kurze und enge, bald lange und breite
Tler nach beiden Seiten ins Land hinein.

Dieses Land werde ich wohl mit dem Blatt eines Baumes vergleichen mssen,
dachte Nils Holgersson, denn es ist so grn wie ein Blatt, und die Tler
verzweigen sich ungefhr in derselben Weise, wie die Rippen auf einem
ausgebreiteten Blatte.

Von dem groen Haupttal zweigten sich zuerst gewaltige Seitentler ab, eins
nach Osten, eins nach Westen. Dann schickte es nur noch kleine Tler aus,
bis es ziemlich weit nach Norden gekommen war. Da streckte es wieder zwei
starke Arme aus, lief alsdann noch eine Strecke weiter, wurde hierauf immer
schmler und verlor sich schlielich in der Wildnis.

Mitten durch das groe Tal flo ein breiter, prchtiger Flu, der sich an
vielen Stellen zu Seen erweiterte. Ganz dicht am Flusse lagen Wiesen, die
mit kleinen grauen Scheunen wie berst waren; nach diesen Wiesen kamen die
cker, und an der Talgrenze, wo der Wald einsetzte, standen die Hfe. Diese
waren stattlich und schn gebaut, einer lag neben dem andern in einer fast
ununterbrochenen Reihe. Die Kirchen ragten am Fluufer hoch empor, und
rings um diese sammelten sich die Hfe zu groen Drfern. Andre
Husergruppen drngten sich um die Bahnhfe zusammen, sowie um die
Sgewerke, die da und dort an den Seen und Flssen lagen und leicht zu
erkennen waren an den groen Bretterstapeln, die sich ringsherum
auftrmten.

Die Seitentler waren ebenso wie das mittlere Tal voller Seen und Wiesen,
Drfern und Gehften. Lachend und freundlich glitten sie zwischen die
dunklen Berge hinein, von denen sie allmhlich so zusammengepret wurden,
da sie schlielich ganz schmal waren und nur noch fr einen kleinen Bach
Platz hatten.

Auf den Bergkuppen zwischen den Tlern ragte der Nadelwald auf. Er hatte
keinen ebenen Boden, und eine Menge Felsblcke lagen da droben wild
durcheinander, aber der Wald verdeckte alles wie eine Pelzdecke, die ber
einen eckigen Krper gebreitet ist.

Ja, es war ein schnes Land, und der Junge sah auch ein gut Teil davon,
denn der Adler suchte ja den alten Spielmann Klement Larsson; und so flog
er, immerfort nach dem alten Manne aussphend, unermdlich von Tal zu Tal.

Als der Morgen anbrach, entstand Leben und Bewegung auf den Hfen. An den
Kuhstllen, die in diesem Lande sehr gro und hoch sind und sowohl
Schornsteine als auch breite Fenster haben, wurden die Tren sperrangelweit
aufgemacht und die Khe herausgelassen; es waren schne weie feingebaute
und geschmeidige Tiere, beraus sicher auf den Fen und so munter, da sie
die lcherlichsten Sprnge machten. Die Klber und Schafe wurden auch
herausgelassen, und auch diese waren unverkennbar in der allerbesten Laune.

Und mit jedem Augenblick wurde es lebendiger auf den Hfen. Ein paar junge
Dirnen mit Ranzen auf dem Rcken gingen zwischen dem Vieh umher. Ein Junge
mit einem langen Stock in der Hand hielt die Schafe beieinander, ein
Hndchen lief zwischen den Khen umher und bellte solche Tiere, die sich
stoen wollten, zornig an. Der Bauer spannte ein Pferd vor einen Karren und
belud ihn mit Butterkbeln, Kseformen und allerlei Lebensmitteln.
Frhliches Lachen und Singen ertnte, und das Vieh war so vergngt, wie
wenn heute ein besonderer Festtag wre.

Bald darauf waren alle miteinander auf dem Wege nach dem Walde. Eine von
den Mgden ging an der Spitze und lockte das Vieh mit schnen Jodlern.
Hinter ihr kam der Zug in einer langen Reihe. Der Hirtenjunge und der
Hirtenhund liefen hin und her und gaben wohl acht, da keines der Tiere vom
Wege abwich. Ganz hinten kamen der Bauer und sein Knecht. Sie gingen neben
dem Karren, um ihn vor dem Umstrzen zu bewahren, denn es ging einen gar
schmalen, steinigen Waldpfad hinauf.

Entweder ist es in Hlsingeland Sitte, da die Bauern ihr Vieh an ein und
demselben Tage in die Wlder schicken, oder es traf sich in diesem Jahre
zuflligerweise so. Soviel ist sicher, Nils Holgersson sah solche Frhliche
Zge von Menschen und Vieh aus jedem Tal und jedem Hof nach dem den Walde
hinaufziehen und diesen mit Leben erfllen. Aus den dunkeln Wldern heraus
hrte er den ganzen Tag das Jodeln der Sennerinnen und das Luten der
Kuhglocken. Die meisten hatten einen langen beschwerlichen Weg vor sich,
und der Junge sah, wie sie mit groer Mhe ber sumpfige Moore hinzogen
und, um einen Windbruch zu vermeiden, oft groe Umwege machen muten. Die
Karren stieen oft gegen Steinblcke und strzten um; aber die Mnner
berwanden alle Schwierigkeiten mit frhlichem Lachen und unverwstlicher
Laune.

Im Lauf des Nachmittags gelangten die Wanderer auf ausgerodete Pltze, wo
ein niedriger Kuhstall und einige kleine graue Htten standen. Als die Khe
den Platz zwischen den Htten erreicht hatten, brllten sie vergngt, als
erkennten sie den Ort wieder, und fraen sogleich von dem grnen saftigen
Gras. Unter Scherzen und lustigen Reden holten die Leute Wasser und
Brennholz herbei, und was auf dem Karren war, wurde in die grte der
Htten hineingetragen. Bald stieg der Rauch aus dem Schornstein auf, dann
setzten sich die Sennerinnen, der Hirtenjunge und die Mnner drauen im
Freien um einen flachen Stein, der als Tisch diente, und hielten ihre
Mahlzeit.

[Illustration]

Der Adler Gorgo war fest berzeugt, da er Klement Larsson unter diesen
Leuten, die auf dem Wege in den Wald waren, finden wrde. Sobald er einen
Viehzug entdeckte, lie er sich hinabsinken und untersuchte ihn mit seinem
scharfen Auge. Aber eine Stunde um die andre verging, und noch immer hatte
er Klement nicht gefunden.

Nachdem er sehr oft hin und her geflogen war, erreichte der Adler gegen
Abend eine bergige, einsame, stlich von dem groen Haupttal gelegene
Gegend. Wieder sah er eine Sennhtte unter sich; die Leute und das Vieh
waren schon angekommen, die Mnner spalteten Brennholz, und die Mgde
melkten die Khe.

Sieh dort! rief Gorgo. Ich glaube, jetzt haben wir ihn!

Er lie sich hinuntersinken, und zu seiner groen Verwunderung sah Nils
Holgersson, da Gorgo recht hatte. Da stand wirklich der kleine Klement
Larsson und machte Brennholz klein.

Gorgo lie sich eine kurze Strecke von der Sennhtte entfernt im Walde
nieder.

Nun habe ich ausgefhrt, was ich bernommen hatte, sagte er und warf den
Kopf stolz zurck. Jetzt mut du sehen, da du mit dem Manne sprichst. Ich
werde mich inzwischen auf jenen dichten Tannenwipfel dort setzen und auf
dich warten.


Die Neujahrsnacht der Tiere

Auf der Almhtte war die Arbeit zu Ende und das Abendbrot gegessen, aber
die Leute saen noch beieinander und plauderten. Es war lange her, seit sie
zum letztenmal in einer schnen Sommernacht im Walde gewesen waren, und
alle hatten das Gefhl, als htten sie gar keine Zeit zum Schlafen. Es war
noch taghell ringsum, und die Sennerinnen waren eifrig mit ihrer Handarbeit
beschftigt, bisweilen aber hoben sie den Kopf, schauten in den Wald hinein
und lchelten leise vor sich hin.

Ja, nun sind wir wieder hier oben, sagten sie; und damit versank das Dorf
mit all seiner Unruhe aus ihrer Erinnerung, und der Wald umschlo sie mit
seinem stillen Frieden. Wenn sie daheim auf ihren Hfen daran dachten, da
sie den ganzen Sommer hindurch allein da droben im Walde sein mten,
konnten sie sich kaum denken, wie sie das aushalten sollten; sobald sie
aber in die Sennhtten heraufgekommen waren, kam es ihnen vor, als sei dies
doch ihre allerbeste Zeit.

Vor ein paar Sennhtten, die nahe beieinander lagen, waren die jungen
Mdchen und Burschen zusammengekommen, einander zu begren; es war also
eine ziemliche Anzahl Menschen, die sich da auf der Wiese vor den Htten
niedergelassen hatten, aber eine rechte Unterhaltung wollte trotzdem nicht
in Gang kommen. Die Burschen muten am nchsten Tage wieder hinunter ins
Dorf, und die Sennerinnen trugen ihnen noch allerlei kleine Bestellungen
und Gre an die Ihrigen daheim auf.

Da sah die lteste der Sennerinnen von ihrer Arbeit auf und sagte ganz
lustig: Es ist gar nicht ntig, da es heute abend so still bei uns
zugeht, denn wir haben ja zwei Burschen unter uns, die sonst gern etwas
erzhlen. Der eine ist Klement Larsson, der hier neben mir sitzt, und der
andere Bernhard von Sunnansee, der dort drben steht und nach dem Blacksen
hinaufschaut. Kommt, wir wollen sie bitten, da jeder von ihnen eine
Geschichte zum besten gebe, und wer die schnste Geschichte erzhlt, dem
verspreche ich das Halstuch hier, an dem ich eben stricke.

Dieser Vorschlag fand groen Beifall; die beiden, die miteinander
wetteifern sollten, machten natrlich zuerst Einwendungen, gaben aber bald
nach. Klement bat Bernhard, den Anfang zu machen, und dieser hatte nichts
dagegen. Er kannte Klement Larsson nicht genau, aber er meinte, von diesem
knnte man nur irgendeine alte Geschichte von Gespenstern und Trollen
erwarten; und da er wute, da die Leute so etwas gerne hrten, hielt er es
frs klgste, gleich selbst etwas derartiges zu whlen.

Vor mehreren hundert Jahren, begann er, geschah es, da ein Propst von
Delsbo hier in der Nhe in einer Neujahrsnacht mitten durch den dichten
Wald ritt. In seinen dicken Pelz gehllt und die Pelzmtze auf dem Kopf,
sa er auf seinem Pferd, und an dem Sattelknopf hing ein Felleisen, in dem
er den Abendmahlskelch, das Kirchenbuch und den Kirchenrock verwahrt
hatte. Aus dem entfernten Filialdorf, weit drinnen im Walde, hatte man ihn
zu einem Kranken gerufen; er hatte bis spt in der Nacht bei diesem
gesessen und mit ihm gesprochen. Jetzt endlich war er auf dem Heimweg, aber
er war berzeugt, da er erst zu Hause ankommen werde, wenn Mitternacht
lngst vorber sei.

Whrend er nun so durch den Wald dahinreiten mute, zu einer Zeit, wo er
sonst daheim in seinem Bette lag, war er froh, da wenigstens kein
schlimmes Wetter herrschte. Es war eine stille Nacht mit ruhiger Luft und
berzogenem Himmel. Der Vollmond segelte gro und rund hinter den Wolken am
Himmel und verbreitete eine gewisse Helle, obgleich er selbst nicht zu
sehen war. Wenn das bichen Mondlicht nicht geschienen htte, wre der Weg
nur schwer von den Feldern zu unterscheiden gewesen; denn es war ja mitten
im Winter, und alles hatte ein und dieselbe graubraune Farbe.

In dieser Nacht ritt der Propst ein Pferd, auf das er groe Stcke hielt.
Es war stark und ausdauernd und fast ebenso klug wie ein Mensch. Unter
anderem konnte es von jedem Ort in dem ganzen Kirchspiel, es mochte sein,
wo es wollte, den Weg nach Hause finden. Dies hatte der Propst schon
mehrere Male erfahren, und er verlie sich so fest darauf, da er nie mehr
an den Weg dachte, wenn er dieses Pferd ritt. So kam er auch jetzt, mit
lose herunterhngenden Zgeln und in seinen Gedanken weit weg, mitten in
der grauen Nacht durch den wilden Wald dahergeritten.

Der Propst dachte an seine Predigt, die er am nchsten Tage halten mute,
und auerdem auch noch an vieles andere. Es dauerte eine gute Weile, bis er
wieder auf den Weg achtete und sich fragte, wie weit er wohl jetzt gekommen
sei. Als er dann schlielich aufschaute und sah, da der Wald noch immer
ebenso dicht war wie zu Anfang des Rittes, verwunderte er sich hchlich. Er
war jetzt schon sehr lange geritten, eigentlich htte er bereits an dem
bebauten Teil des Kirchspiels angekommen sein mssen.

Es sah damals in Delsbo gerade so aus wie heute noch. Die Kirche und der
Pfarrhof und alle groen Hfe lagen im Norden des Kirchspiels um Dellen
her, whrend gen Sden nur Wlder und Berge waren. Als daher der Propst
sah, da er sich noch in der Wildnis befand, wute er, da dies der
sdliche Teil seines Kirchspiels war und er, um nach Hause zu kommen, also
nach Norden htte reiten mssen. Aber gerade dies schien er nicht zu tun.
Am Himmel leuchteten zwar weder Mond noch Sterne, nach denen er sich htte
richten knnen, aber der Propst war einer von denen, die die
Himmelsrichtung im Kopf haben, und er hatte das bestimmte Gefhl, da er
gen Sden, vielleicht auch gen Osten reite.

Er war schon im Begriff, das Pferd zu wenden, besann sich aber dann anders.
Das Pferd hatte sich noch nie verirrt und wrde es gewi auch heute nicht
tun. Viel eher knnte er, der Propst, sich tuschen. Er war in tiefe
Gedanken versunken gewesen und hatte des Weges nicht geachtet. So lie er
denn das Pferd in der bisherigen Richtung weitergehen und versank aufs neue
in seine Grbeleien.

Aber gleich darauf traf ihn ein groer Zweig so heftig, da er fast vom
Pferde gefallen wre. Da wurde ihm klar: jetzt mute er untersuchen, wohin
er eigentlich gekommen war; es half alles nichts.

Er betrachtete den Weg; er ritt ber weiches Moos hin, wo kein
ausgetretener Pfad zu erblicken war. Das Pferd aber schritt ohne jegliches
Zgern rasch dahin. Doch gerade wie vorhin war der Propst auch jetzt
berzeugt, da es in der verkehrten Richtung vorwrts gehe.

Diesmal besann er sich nicht lange, ob er eingreifen solle. Er ergriff die
Zgel, zwang das Pferd, umzudrehen, und es gelang ihm auch, es auf den Pfad
zurckzufhren. Aber kaum waren sie da angekommen, als das Pferd einen
Umweg machte und aufs neue geradeswegs in den Wald hineinlief.

Der Propst war seiner Sache so sicher, wie man einer Sache berhaupt sicher
sein kann. >Aber wenn das Pferd so gar eigensinnig ist,< dachte er, >dann
will es gewi einen bessern Weg aufsuchen.< Und so lie er es weitergehen.

Das Pferd kam gut vorwrts, obgleich es keinen gebahnten Weg vor sich
hatte. Wenn ihm ein Berggipfel im Wege stand, kletterte es gewandt wie eine
Gei hinauf, und wenn es dann wieder bergab ging, stemmte es die Fe
zusammen und rutschte die steilen Felsplatten hinunter.

>Wenn ich nur wenigstens so zeitig nach Hause komme, da ich die Kirche
noch erreichen kann,< dachte der Propst. >Was wrden meine Delsboer sagen,
wenn ich nicht zu rechter Zeit zum Gottesdienst da wre?<

Er hatte nicht lange Zeit, darber nachzudenken, denn pltzlich erreichte
er einen Ort, den er wiedererkannte. Es war ein kleines dunkles Wasser, wo
er im letzten Sommer gefischt hatte. Da merkte der Propst, da er mit
seiner Befrchtung recht gehabt hatte. Er befand sich tief drinnen im
Walde, und das Pferd drang immer weiter gegen Sdosten vor. Es schien sich
ordentlich vorgenommen zu haben, seinen Herrn so weit wie nur mglich von
der Kirche und dem Pfarrhause wegzutragen.

Rasch sprang der Propst aus dem Sattel. Auf diese Weise konnte er sich von
dem Pferd nicht in die Wildnis hineintragen lassen. Er mute nach Hause,
und da das Pferd eigensinnig in verkehrter Richtung gehen wollte, beschlo
er, zu Fu zu gehen und das Tier am Zgel zu fhren, bis sie auf bekannten
Wegen angekommen wren. Er wickelte sich also die Zgel um den Arm, und die
Wanderung begann. In dem dicken Pelz durch den Wald zu wandern, war
freilich keine leichte Sache; doch der Propst war ein starker, abgehrteter
Mann, der vor nichts zurckschrak. Aber bald machte ihm das Pferd neue
Sorgen. Anstatt ihm zu folgen, stemmte es die Hufe fest auf den Boden und
sperrte sich.

Da wurde der Propst zornig. Er schlug dieses Pferd sonst nie und wollte das
auch jetzt nicht tun. Statt dessen warf er ihm die Zgel ber den Hals und
lie es stehen. >Wir mssen uns hier wohl trennen, da du durchaus deinen
eigenen Weg gehen willst,< sagte er.

Er war kaum ein paar Schritte gegangen, als das Pferd hinter ihm herkam,
ihn vorsichtig am Rockrmel fate und ihn zurckzuhalten versuchte. Der
Propst wendete sich um und sah dem Tier in die Augen, wie um zu erforschen,
warum es sich so sonderbar gebrdete.

Der Propst konnte eigentlich nicht recht begreifen, wie es mglich war,--
aber soviel ist sicher: trotz der Dunkelheit sah er das Gesicht des Pferdes
ganz deutlich, er konnte darin lesen wie in dem eines Menschen, und da
begriff er pltzlich, da sich das Pferd in einer frchterlichen Angst und
Unruhe befand; es warf seinem Herrn einen Blick zu, der flehend und
vorwurfsvoll zugleich war. >Ich habe dir gedient und Tag um Tag nach deinem
Willen getan,< schien es zu sagen. >Knntest du mir nun nicht in dieser
einzigen Nacht nachgeben?<

Der Propst wurde gerhrt ber diese Bitte, die er in den Augen des Tieres
las. Es war klar, das Pferd brauchte in dieser Nacht seine Hilfe auf
irgendeine Weise, und da er ein ganzer Mann war, beschlo er sofort, ihm zu
folgen. Ohne weiteres Zgern fhrte er es an einen Stein, wo er sich in den
Sattel schwingen konnte, und sagte: >Geh du weiter! Da du mich mithaben
mchtest, will ich dich nicht verlassen. Niemand soll von dem Propst von
Delsbo sagen knnen, da er sich geweigert habe, jemand beizustehen, der in
Not war.<

Danach lie er das Pferd gehen, wohin es wollte, und er richtete sein
Augenmerk nur darauf, da er sich im Sattel hielt. Es war ein gefhrlicher
und beschwerlicher Ritt, fast die ganze Zeit ber ging es bergan durch
dichten ungebahnten Wald, wo man keine zwei Schritte vor sich sehen konnte.
Aber der Propst meinte doch zu erkennen, da es einen hohen Berg
hinaufging. Das Pferd arbeitete sich steile Felswnde hinauf; wenn der
Propst selbst das Tier geleitet htte, wre es ihm gewi nie eingefallen,
sein Pferd auf solchen Wegen gehen zu lassen.

>Du wirst doch nicht daran denken, den Blacksen hinaufzuklettern!< sagte
er; und dabei lachte er ein wenig, denn der Blacksen war, wie er wohl
wute, der hchste Berg in Hlsingeland.

Whrend er nun so dahinritt, merkte der Propst, da er und das Pferd nicht
allein drauen in der Nacht unterwegs waren. Er hrte Steine rollen und
Zweige krachen; es hrte sich an, wie wenn groe Tiere sich einen Weg durch
den Wald bahnten; und da es in dieser Gegend viele Wlfe gab, fragte sich
der Propst, ob ihn das Pferd am Ende einem Kampf mit wilden Tieren
entgegentrage.

Bergan ging es, bergan! Und je hher sie kamen, desto lichter wurde der
Wald.

Schlielich ritt der Propst ber einen fast kahlen Bergrcken, wo er nach
allen Seiten ausschauen konnte. Unermelich dehnte sich das Land vor seinen
Blicken; mit dstern Wldern bedeckt, reihten sich Hgel und Bergketten
wellenfrmig aneinander. Bei der herrschenden Dunkelheit wurde es dem
Propst schwer, sich in der Gegend zurechtzufinden, aber nach kurzer Zeit
wurde ihm doch ganz klar, wo er sich befand.

>Ja, ich bin wahrhaftig auf den Blacksen geritten,< dachte er. >Es kann
kein andrer Berg sein. Dort im Westen sehe ich den Jrvsee, und im Osten
drben glnzt bei Agn das Meer. Im Norden sehe ich auch etwas schimmern,
das wird Dellen sein, und da in der Tiefe unter mir sehe ich den weien
Dunst des Nianwasserfalls. Ja, ja, dies ist der Blacksen, es ist kein
Zweifel. Das ist wahrhaftig ein Abenteuer!<

Als er auf dem hchsten Gipfel angekommen war, hielt das Pferd hinter einem
dichten Fichtenbaum an; es war, als wolle es sich da verborgen halten. Der
Propst beugte sich vor und bog die Zweige auseinander; so erhielt er einen
freien Ausblick.

Des Berges kahler Scheitel lag vor ihm; aber nicht einsam und verlassen,
wie er erwartet hatte. Mitten auf dem offenen Platze lag ein groer
Felsblock, und rings um diesen her waren viele wilde Tiere versammelt. Es
kam dem Propst vor, als seien diese Tiere zur Abhaltung einer Art Thing
hier zusammengekommen.

Dem groen Felsen zunchst sah der Propst die Bren; diese waren so
schwerfllig und von so mchtigem Krperbau, da sie aussahen wie
pelzbekleidete Steinblcke. Sie hatten sich niedergelegt und blinzelten
ungeduldig mit ihren kleinen Augen. Man sah, sie waren aus ihrem
Winterschlaf aufgestanden, um zum Thing zu gehen, und es wurde ihnen
schwer, sich wach zu erhalten. Hinter den Bren saen einige hundert Wlfe
in dichten Reihen; diese waren nicht schlfrig, sondern jetzt mitten in der
Winternacht heller wach als je im Sommer. Wie Hunde saen sie auf den
Hinterfen, peitschten den Boden mit den Schwnzen und schnauften
gewaltig, whrend ihnen die Zunge zum Maule heraushing. Hinter den Wlfen
schlichen mit steifen Beinen und klotzigen Gliedmaen, wie groe
migestaltete Katzen, die Luchse umher. Sie schienen sich vor den andern
Tieren zu scheuen und zischten, wenn ihnen eines nahe kam. Das nchste
Glied hinter den Luchsen bildeten die Vielfrae, die ein Katzengesicht und
einen Brenpelz haben. Diesen gefiel es nicht auf dem Erdboden, sie
trampelten ungeduldig mit ihren breiten Fen und wollten wieder hinauf auf
die Bume. Hinter diesen auf dem ganzen Platze bis hinber an den Waldrand
tummelten sich die Fchse, die Wiesel, die Marder, lauter Tiere, die alle
klein und besonders schn gebaut waren, aber ein noch viel wilderes und
blutdrstigeres Aussehen hatten als die grern Raubtiere.

Der Propst sah alle diese Tiere sehr gut, denn der ganze Platz war erhellt.
Auf dem hohen Felsblock in der Mitte stand nmlich der Waldgeist, in der
Hand einen brennenden Kienspan, der mit einer hellen, klaren Flamme
brannte. Der Geist war so gro wie der hchste Baum im Walde; er trug einen
Mantel aus Tannenzweigen, und seine Haare waren Tannenzapfen. Ganz ruhig
stand er da und sah sphend und lauschend in den Wald hinein.

Obgleich der Propst alles ganz deutlich sah, wunderte er sich doch so sehr,
da er sich frmlich dagegen wehrte und seinen eignen Augen nicht trauen
wollte. >Es ist ja ganz und gar unmglich,< dachte er. >Bei mir mu irgend
etwas nicht in Ordnung sein. Ich bin zu lang im Waldesdunkel umhergeritten;
es ist eine Einbildung, die Gewalt ber mich bekommen hat.<

Aber trotzdem verfolgte er alles mit gespannter Aufmerksamkeit und fragte
sich, was er wohl hier zu sehen bekme und was geschehen wrde.

Er brauchte nicht lange zu warten. Aus dem Walde herauf drang jetzt das
Bimmeln einer kleinen Glocke. Und gleich nachher hrte er wieder das
Gerusch von Schritten und brechenden Zweigen, als brche eine Menge Tiere
durch die Wildnis hindurch.

Eine groe Schar Haustiere kam den Berg herauf. Sie tauchten in derselben
Ordnung, wie wenn sie auf dem Wege nach dem Stalle wren, aus dem Walde
auf; voran ging die Leitkuh mit der Glocke, dann kam der Stier, dann die
andern Khe und dahinter das Jungvieh und die Klber. Ihnen folgten die
Schafe in einer dichten Herde. Hierauf kamen die Ziegen und zuletzt einige
Pferde und Fllen. Der Schferhund lief neben der Herde her, die aber weder
von einem Hirten noch von einer Hirtin begleitet war.

Dem Propst zerri es fast das Herz, als er die Haustiere so geradeswegs auf
die Raubtiere zugehen sah. Er htte sich ihnen gerne in den Weg gestellt,
sie mit lautem Rufen vor dem Weitergehen zu warnen, aber er fhlte wohl,
da es in keiner menschlichen Macht stand, in dieser Nacht die Schritte der
Tiere aufzuhalten, und so verhielt er sich ganz still.

Man konnte leicht sehen, wie sehr es den Haustieren vor dem Wege graute,
den sie machen muten. Sie sahen elend und angstvoll aus; selbst die
Leitkuh schritt mit hngendem Kopf und mutlosen Schritten vorwrts. Die
Ziegen hatten zu nichts Lust, weder zum Hpfen noch zum Bocken, die Pferde
versuchten mutig auszusehen, aber es lief ihnen ein Schauder nach dem
andern ber den Rcken. Am jammervollsten sah der Schferhund aus; er hatte
den Schwanz eingezogen und kroch beinahe am Boden hin.

Die Leitkuh fhrte den ganzen Zug bis dicht vor den Waldgeist, der dort auf
dem Felsblock stand. Sie ging rings um den Felsen herum und wendete sich
dann wieder dem Walde zu, ohne da die wilden Tiere sie angerhrt htten.
Und auf diese Weise wanderte die ganze Herde unangetastet an den Raubtieren
vorber.

Whrend die Haustiere so an dem Waldgeist vorberzogen, sah der Propst, da
er ber einige von ihnen seine Kienfackel senkte und abwrts kehrte.

So oft dies geschah, brachen die Raubtiere in ein lautes, vergngtes
Gebrll aus, besonders wenn die Fackel ber einer Kuh oder sonst ber einem
grern Tier gesenkt wurde. Aber das Tier, auf das sich also die Fackel
herabsenkte, stie einen lauten, gellenden Schrei aus, als wrde ihm ein
Messer ins Herz gestoen, und die ganze Herde, zu der es gehrte, brach
gleichfalls in lautes Klagen aus.

Jetzt begann der Propst zu verstehen, was er hier vor sich sah. Er hatte
frher schon von einer Sage gehrt, nach der sich die Haustiere von Delsbo
in jeder Neujahrsnacht auf dem Blacksen versammeln mten, damit der
Waldgeist da die Tiere bezeichnen knnte, die im Lauf des nchsten Jahres
den Raubtieren zum Opfer fallen sollten. Der Propst wurde von innigem
Mitleid erfat fr das arme Vieh, das also in die Gewalt der Raubtiere
verfiel, obgleich es ja eigentlich keinen andern Herrn haben sollte als den
Menschen.

Kaum war die erste Herde wieder abgezogen, als auch schon der Ton einer
neuen Kuhglocke aus dem Walde ertnte und der Viehstand von einem andern
Hofe den Berg heraufgezogen kam. Alles verlief in ganz derselben Weise wie
das erstemal. Die Tiere gingen zu dem Waldgeist hin, der streng und ernst
da droben stand und da ein Tier und dort ein Tier als dem Tode verfallen
bezeichnete. Und nach dieser Herde kam ohne Unterbrechung eine Schar um die
andre daher. Einige von den Herden waren so klein, da sie nur aus einer
einzigen Kuh und einigen Schafen bestanden; andre wieder bestanden nur aus
ein paar Geien. Man sah, diese kamen aus kleinen, rmlichen Waldhtten;
aber auch sie muten vor den Waldgeist, und weder die einen noch die andern
blieben verschont.

Der Propst dachte an die Bauern von Delsbo, die eine so groe Liebe fr
ihre Haustiere hatten. >Wenn sie das nur wten, wrden sie es nicht auf
diese Weise geschehen lassen!< dachte er. >Sie wrden eher ihr eignes Leben
wagen, als ihren Viehstand zwischen Bren und Wlfen zum Waldgeist
hinwandern und diesen das Urteil ber sie fllen lassen.<

Die letzte Schar, die herankam, war der Viehstand des Pfarrhofs. Der
Pfarrer erkannte von weitem die Glocke der Leitkuh, und das mute auch das
Pferd getan haben. Es begann an allen Gliedern zu zittern, und sein Krper
bedeckte sich mit Schwei. >Jaso, nun ist die Reihe an dir, am Waldgeist
vorberzugehen und dein Urteil zu vernehmen,< sagte der Propst zu dem
Pferd. >Aber frchte dich nicht! Ich verstehe, warum du mich hierher
gefhrt hast, und werde dich nicht verlassen.<

Der prchtige Viehstand des Pfarrhofs tauchte in einem langen Zug aus dem
Walde auf und ging auf die Raubtiere und den Waldgeist zu. Den Schlu des
Zuges bildete das Pferd, das seinen Herrn auf den Blacksen gebracht hatte.
Der Propst war nicht abgestiegen, sondern sa ruhig im Sattel und lie sich
von dem Tier zum Waldgeist hintragen.

Der Propst hatte weder eine Flinte noch ein Messer zu seiner Verteidigung;
aber er hatte das Kirchenbuch herausgenommen und drckte es fest an die
Brust, als er sich jetzt in Kampf mit dem Unhold einlie.

Zuerst schien es, als habe niemand den Propst bemerkt. Genau wie die andern
Herden wanderte auch die aus dem Pfarrhof an dem Waldgeist vorber, und
dieser senkte seine Kienfackel nicht ein einziges Mal. Erst als das kluge
Pferd vorberging, machte er eine Bewegung, um es fr den Tod zu
kennzeichnen.

[Illustration: Die Neujahrsnacht der Tiere (Zu Seite 364)]

Aber in demselben Augenblick streckte der Pfarrer dem Waldgeist das
Kirchenbuch entgegen, und der Fackelschein fiel auf das Kreuz des
Einbandes. Da stie der Waldgeist einen lauten, gellenden Schrei aus, die
Fackel entfiel seiner Hand, und die Flamme erlosch in demselben Augenblick.

In dem pltzlichen bergang von Licht und Dunkel konnte der Propst nichts
sehen, und er hrte auch nichts mehr. Um ihn her herrschte dieselbe tiefe
Stille, wie immer hier drauen in der Wildnis zur Winterzeit.

Da teilten sich pltzlich die dichten Wolken, die den Himmel verdeckten; in
dem Spalt erschien der Vollmond, und sein Licht fiel auf die Erde. Jetzt
sah der Propst, da er und das Pferd ganz allein auf dem Gipfel des
Blacksen waren; nicht ein einziges von allen den wilden Tieren war noch
vorhanden, und der Boden war von allen den Viehherden, die darber
hingewandert waren, nicht zertreten. Er selbst aber sa auf seinem Pferde,
das Kirchenbuch in den ausgestreckten Hnden. Das Pferd unter ihm aber
zitterte und war in Schwei gebadet.

Als der Propst den Berg hinuntergeritten war und seinen Hof erreicht hatte,
wute er nicht mehr, ob das, was er gesehen hatte, ein Traum oder
Wirklichkeit gewesen war; aber da es eine Mahnung an ihn sein sollte, auch
der armen Haustiere zu gedenken, die in der Gewalt der wilden Tiere waren,
das verstand er. Und er predigte den Bauern von Delsbo mit so gewaltigen
Worten, da zu seiner Zeit alle Bren und Wlfe im Walde ausgerottet
wurden; allerdings scheinen sie, nachdem er gestorben war, leider wieder
zurckgekehrt zu sein.

Hier schlo Bernhard seine Erzhlung. Er wurde von allen Seiten sehr
gelobt, und es schien eine ausgemachte Sache, da er den Preis bekommen
wrde. Den meisten tat Klement sogar ordentlich leid, weil er mit Bernhard
wetteifern sollte.

Aber Klement begann seine Erzhlung unerschrocken.

Eines Tages ging ich auf Skansen, dem groen Lustgarten vor Stockholm
umher und hatte Heimweh, begann er; und dann erzhlte er von dem
Wichtelmnnchen, das er da freigekauft habe, damit es nicht in einen Kfig
gesetzt und wie ein wildes Tier den Leuten gezeigt worden sei. Und er
erzhlte weiter, wie er, nachdem er kaum diese gute Tat getan hatte, auch
dafr belohnt worden war. Er erzhlte und erzhlte, whrend die
Verwunderung seiner Zuhrer bestndig zunahm, und als er endlich an den
kniglichen Lakaien und an das prchtige Buch kam, hatten alle Sennerinnen
ihre Handarbeiten in den Scho sinken lassen; sie saen unbeweglich da und
sahen Klement an, der so wunderbare Erlebnisse gehabt hatte.

Sobald Klement geendigt hatte, sagte die lteste Sennerin, da das Halstuch
ihm gehre. Denn, sagte sie, Bernhard hat uns das erzhlt, was einem
andern passiert ist, Klement aber hat selbst eine richtige Geschichte
erlebt, und das halte ich fr mehr.

Darin stimmten alle mit ihr berein. Seit sie erfahren hatten, da Klement
mit dem Knig gesprochen hatte, sahen sie ihn mit ganz andern Augen an als
vorher, und der kleine Spielmann frchtete sich fast, zu zeigen, wie stolz
er sich fhlte. Aber mitten in seinem groen Glck fragte ihn pltzlich
jemand, was er denn mit dem Wichtelmnnchen gemacht habe.

Die blaue Schale konnte ich ihm leider nicht selbst hinstellen, sagte
Klement, aber ich habe den alten Lappen gebeten, es fr mich zu tun. Was
spter aus ihm geworden ist, wei ich nicht.

Kaum hatte Klement dies gesagt, als ein kleiner Tannenzapfen dahergesaust
kam und ihm an die Nase flog. Der Tannenzapfen war nicht vom Baume
heruntergefallen und auch nicht von einem Menschen geschleudert worden;
niemand konnte begreifen, woher er gekommen war.

Ei, ei, Klement, sagte die Sennerin, es sieht fast aus, als knnte das
Wichtelvolk hren, was wir sprechen! Ich glaube, Ihr httet nicht einen
andern mit dem Hinausstellen der blauen Schale beauftragen, sondern es
selbst tun sollen.

[Illustration]




41

In Medelpad


                                                  Freitag, 17. Juni

Der Adler und der Junge waren am nchsten Morgen in aller Frhe wieder
unterwegs, und Gorgo dachte, er werde an diesem Tage weit nach Vsterbotten
hinaufkommen, aber da hrte er ganz zuflligerweise den Jungen vor sich
hinsagen, in so einem Land, wie in diesem hier, ber das er jetzt
hinfliege, knnten sich wohl Menschen unmglich fortbringen.

Das Land, das unter ihnen lag, war das sdliche Medelpad, und weit umher
war nichts zu sehen als wilde, dunkle Wlder. Aber sobald der Adler hrte,
was Nils Holgersson sagte, rief er: Hier oben ist der Wald der Acker!

Der Junge mute daran denken, welch ein groer Unterschied doch zwischen
den goldig schimmernden Getreidefeldern sei mit ihren weichen Halmen, die
in einem Sommer in die Hhe schossen, und den dunkeln Tannenwldern mit
ihren harten Stmmen, die Jahre brauchten, bis sie zum Fllen
herangewachsen waren.

Wer sein Auskommen von so einem Acker haben will, mu ordentlich Geduld
haben, erwiderte er.

Mehr wurde nicht gesprochen, bis sie einen Ort erreichten, wo der Wald
gefllt und der Boden mit Baumstmpfen und abgehackten Zweigen bedeckt war.
Whrend sie ber dieses Rodland hinflogen, hrte der Adler den Jungen
wieder vor sich hinsagen, das sei doch eine schrecklich hliche und
armselige Gegend.

Dies hier ist ein Acker, der im letzten Winter geschnitten worden ist,
sagte der Adler sogleich.

Der Junge dachte daran, wie die Schnitter in seinem Heimatdorfe am hellen
Sommermorgen mit ihren blanken schnen groen Mhmaschinen auszogen und in
ganz kurzer Zeit einen Acker geschnitten hatten. Aber der Ertrag dieses
Ackers hier wurde im Winter geerntet! Wenn hoher Schnee lag und die Klte
am strengsten war, zogen die Holzfller hinaus ins dland. Welch ein hartes
Stck Arbeit war schon das Fllen eines einzigen Baumes! Um aber eine so
groe Strecke Wald, wie diese hier, auszuroden, muten die Arbeiter
wahrscheinlich mehrere Wochen im Walde gehaust haben.

Das mssen tchtige Leute sein, die einen solchen Acker schneiden knnen,
sagte der Junge.

Nachdem der Adler wieder ein paar Flgelschlge getan hatte, sah der Junge
eine kleine Htte auf dem ausgerodeten Waldboden. Sie war aus groben,
unbehauenen Baumstmmen zusammengezimmert, hatte keine Fenster, und als
Tre dienten nur ein paar lose Bretter. Das Dach war mit Rinde und Zweigen
bedeckt gewesen, die aber jetzt auseinandergefallen waren. Der Junge sah,
da innen in der Htte nur ein paar hlzerne Bnke und ein paar groe
Steine waren, die als Herd gedient hatten. Als sie ber die Htte
hinflogen, hrte der Adler den Jungen vor sich hinsagen, wer denn wohl in
so einer elenden Htte gewohnt haben knnte.

Die Schnitter haben hier gewohnt, als sie den Waldacker mhten, versetzte
der Adler.

Der Junge dachte daran, wie daheim in seiner Gegend die Schnitter am Abend
froh und lustig von der Arbeit heimkehrten und ihnen das Beste, was Mutter
im Vorratshause hatte, vorgesetzt wurde. Hier muten sie nach der strengen
Arbeit auf harten Bnken schlafen, in einer Htte, die schlechter war als
ein Schuppen. Und von was sie sich hier nhrten, das konnte er einfach
nicht begreifen.

Ach, hier wird wohl den Schnittern kein Erntefest gehalten! sagte er.

Etwas weiter hin sahen sie unter sich einen furchtbar schlechten Weg; er
war schmal und uneben, mit Steinen berst und voll von Lchern und zog
sich in Schlangenwindungen durch den Wald hin. An mehreren Stellen war er
auch von Bchen durchschnitten; und whrend der Adler ber diesen Waldweg
hinflog, hrte er den Jungen sagen, was denn auf so einem Weg befrdert
werden knnte?

Auf diesem Weg ist die Ernte in die Scheune gefhrt worden, sagte Gorgo.

Unwillkrlich mute der Junge daran denken, welch ein Fest es daheim war,
wenn die groen, mit zwei starken Pferden bespannten Erntewagen das
Getreide vom Acker hereinholten. Der Knecht thronte hoch droben auf dem
Wagen, die Pferde warfen sich stolz in die Brust, und die Dorfkinder, die
auf den Wagen hatten hinaufklettern drfen, saen halb beglckt, halb
ngstlich auf den Garben und schrien und lachten durcheinander. Hier aber
wurden Stmme geladen und dann steile Abhnge hinauf- und hinabgefahren.
Die Pferde muten wie gerdert sein, und der Kutscher war gewi oft der
Verzweiflung nahe. Da werden wohl nicht viel lustige Reden unterwegs hin
und her fliegen, sagte der Junge.

Der Adler segelte mit gewaltigen Flgelschlgen weiter durch die Luft
dahin, und so gelangten sie bald an einen Flu. Hier sahen sie einen Platz,
der mit Spnen, Holzstcken und Rinde bedeckt war, und der Adler hrte den
Jungen sagen, warum es denn da drunten so unordentlich ausshe?

Hier sind die Garben in Haufen gesetzt worden.

Der Junge mute unwillkrlich an die Garbendiemen in seiner Heimat denken,
die dicht bei den Hfen errichtet werden, als wenn sie deren schnster
Schmuck wren. Hier aber wurde die Ernte nach einem einsamen Fluufer
geschafft und dann da liegen gelassen. Ob wohl ein einziger Besitzer in
diese Wildnis hier herauskommt, seine Diemen zu zhlen und sie mit denen
seiner Nachbarn zu vergleichen? rief der Junge unwillkrlich.

Bald erreichten sie einen groen Flu, den Ljungan, der in einem breiten
Tale dahinzieht, und da war mit einem Schlage alles so verndert, da man
htte meinen knnen, man sei in einem ganz andern Lande. Der dunkle
Nadelwald war auf den steilen Abhngen ber dem Tale zurckgeblieben, und
die Hnge prangten jetzt berall mit weistmmigen Birken und Eschen. Das
Tal war so breit, da sich der Flu an mehreren Stellen zu einem See
erweitern konnte, und an den Ufern stand ein groer wohlhabender Hof dicht
neben dem andern. Als nun die beiden ber das Tal hinflogen, hrte der
Adler, wie der Junge sich fragte, ob denn wohl die Wiesen und cker da
drunten fr diese ganze Bevlkerung ausreichten?

Hier wohnen die Schnitter, die den Waldacker geschnitten haben, sagte der
Adler.

Der Junge dachte an die niedrigen Huser und die eng zusammengebauten Hfe
in Schonen. Hier wohnen ja die Bauern geradezu in Herrenhusern, und es
sieht aus, als lohne sich die Arbeit im Walde doch recht gut, sagte er.

Der Adler hatte die Absicht gehabt, quer ber den Ljungan hinberzufliegen;
als er aber ein Stck weit ber den Flu geflogen war, hrte er den Jungen
vor sich hinsagen, wer denn nun weiter fr das Holz sorge, nachdem es in
Haufen geschichtet worden sei? Da drehte Gorgo um und flog in stlicher
Richtung weiter.

Der Flu sorgt weiter dafr; er fhrt es nach der Mhle, sagte er.

Der Junge dachte daran, wie sorgfltig man daheim mit den Garben umging,
damit nichts verschleudert wurde. Hier kamen groe Mengen von Balken den
Flu heruntergeschwommen, ohne da sich jemand darum bekmmerte. Er war
berzeugt, da nicht die Hlfte von denen da ankommen wrden, wo sie
sollten. Die einen schwammen allerdings mitten in der Strmung, und dann
ging alles gut, andre aber wurden gegen die Ufer getrieben, oder sie
stieen an Landzungen an, wo sie dann in dem ruhigen Uferwasser der Buchten
liegen blieben. In den Seen sammelten sich die Stmme in solch groer Zahl,
da sie oft die ganze Oberflche bedeckten. Hier blieben sie liegen und
schienen sich bis ins Unendliche ausruhen zu wollen. An den Brcken stauten
sie sich, in den Wasserfllen brachen sie mittendurch, in den
Stromschnellen wurden sie zwischen Steine hineingeklemmt und trmten sich
zu hohen, schwankenden Stapeln auf.

Ich mchte wohl wissen, wie lange diese Ernte braucht, bis sie die Mhle
erreicht? sagte der Junge.

Aber Gorgo flog nur langsam immer weiter den Ljungan entlang. Zu
wiederholten Malen hielt er sich mit weit ausgebreiteten Flgeln ganz still
in der Luft droben, damit der Junge sehen konnte, in welcher Weise diese
Erntearbeit vor sich ging.

Nach einer Weile gelangten sie an einen Platz, wo die Fler an der Arbeit
waren. Und der Adler hrte den Jungen fragen, was denn das fr Leute seien,
die da am Ufer hinliefen?

Diese Leute sorgen fr das Getreide, das sich unterwegs aufgehalten hat,
sagte Gorgo.

Der Junge dachte daran, wie ruhig und still die Leute in seiner Heimat ihre
Garben in die Mhle fuhren. Hier liefen die Mnner mit langen Bootshaken in
den Hnden am Ufer hin und halfen den Stmmen mit vieler Mhe und
Beschwerlichkeit weiter. Sie wateten ins Uferwasser hinaus, wobei sie von
Kopf bis zu Fu na wurden. Sie sprangen von Stein zu Stein in die
Stromschnellen hinein und schritten auf den schwankenden Stmmen so ruhig
umher, wie wenn sie auf dem festen Boden gingen. Das waren khne und
entschlossene Mnner!

Wenn ich dies alles hier sehe, mu ich unwillkrlich an die Schmiede im
Bergwerkdistrikt denken, die mit dem Feuer umgingen, als sei es vollstndig
ungefhrlich, sagte der Junge. Diese Fler hier spielen mit dem Wasser,
als seien sie dessen Herren. Sie scheinen es so unterjocht zu haben, da es
sich nicht mehr an sie heran traut.

Ganz allmhlich hatten sie die Mndung des Flusses erreicht, und nun lag
der Bottnische Meerbusen vor ihnen. Aber Gorgo flog nicht geradeaus,
sondern in nrdlicher Richtung dem Ufer entlang. Er war noch nicht weit
geflogen, als sie unter sich ein Sgewerk sahen, das eine frmliche kleine
Ortschaft bildete; und whrend der Adler darber hin und her schwebte,
hrte er den Jungen vor sich hinsagen, das sei doch ein prchtiger groer
Ort!

Hier hast du die groe Sgemhle, die Svartvik heit, rief der Adler.

Der Junge dachte an die Windmhlen in seiner Heimat, die so friedlich von
grnen Bumen umgeben dalagen und langsam ihre Flgel drehten. Diese Mhle
hier, wo die Waldernte gemahlen wurde, lag dicht am Meeresufer. Auf dem
Wasser davor schwamm eine Menge Balken, von denen einer nach dem andern mit
eisernen Ketten zuerst auf eine schrge Brcke und von da in ein
scheunenartiges Haus hineingezogen wurde. Was da drinnen mit ihnen geschah,
konnte der Junge nicht sehen, aber er hrte ein lautes Rasseln und Drhnen,
und auf der andern Seite des Hauses kamen kleine, mit weien Brettern
hochbeladene Wagen herausgerollt. Die Wagen fuhren auf blanken Schienen
nach dem Zimmerplatz, wo die Bretter zu groen Stapeln aufgebaut waren,
die ganze Straen bildeten, gerade wie in einer Stadt die Huser. An einer
Stelle wurden neue Stapel gebaut, an einer andern die alten eingerissen und
die Bretter auf zwei groe Schiffe geladen, die schon ihrer Last harrten.
berall wimmelte es von Arbeitern, deren Huser hinter dem Zimmerplatz
lagen.

Hier wird ja gearbeitet, da schlielich der ganze Wald in Medelpad
zusammengesgt werden wird, sagte der Junge.

Der Adler bewegte seine Flgel ein wenig, und sofort sah der Junge ein
neues Sgewerk mit Sgemhle, Zimmerplatz, Hafen und Arbeiterwohnungen, das
dem ersten ganz hnlich sah.

Hier ist noch eine von den groen Mhlen. Diese heit die Bienenburg,
sagte Gorgo.

[Illustration]

Ja, ich sehe wohl, der Wald gibt eine viel grere Ernte, als ich gedacht
hatte, sagte Nils Holgersson. Aber noch mehr solcher Holzmhlen gibt es
doch wohl nicht?

Der Adler bewegte nur ganz sachte die Flgel; er flog an einigen Sgewerken
vorber, und so gelangten sie rasch an eine groe Stadt. Als der Adler
hrte, da der Junge fragte, was das wohl fr eine Stadt sein knnte, rief
er: Dies ist Sundsvall. Das ist der Hauptplatz des Bezirks.

Da mute der Junge an die Stdte drunten in Schonen denken, die gar so alt
und grau und ernst aussahen. Hier oben im kalten Norden lag Sundsvall ganz
drinnen in einer schnen Bucht und sah neu und vergngt und strahlend schn
aus. Von oben gesehen hatte die Stadt etwas beraus Lustiges, denn in der
Mitte lag eine Gruppe schner, hoher steinerner Huser, die kaum in
Stockholm ihresgleichen haben konnten; rings um diese hohen steinernen
Gebude her war ein freier Raum, und dann erst kam ein Kranz von
Holzhusern, die freundlich und gemtlich von kleinen Grten umgeben
dalagen, aber allem Anscheine nach sehr gut wuten, da sie geringer waren
als die steinernen Huser und sich deshalb nicht ganz zu ihnen hinwagen
drften.

Das ist ja eine sehr groe, reiche Stadt, sagte der Junge. Sollte der
magere Waldboden dies alles hervorgebracht haben? Das ist aber doch wohl
nicht mglich?

Der Adler bewegte die Flgel und flog hinber nach Alnn, das Sundsvall
gerade gegenber liegt. Hier konnte sich der Junge nicht genug verwundern
ber alle die vielen Sgewerke, die der Kste entlang lagen. Hier bei Alnn
lagen sie dicht nebeneinander, und auf dem Festland gerade gegenber lag
auch Sgewerk neben Sgewerk, Zimmerplatz neben Zimmerplatz. Der Junge
zhlte mindestens vierzig, aber er glaubte, es seien noch mehr.

Es ist doch recht merkwrdig, da es hier oben so aussehen kann, sagte
er. So viel Leben und so viel Bewegung habe ich auf der ganzen Reise noch
nirgends gesehen. Das ist doch ein wunderbares Land! Wohin ich auch kommen
mag, berall gibt es etwas, wodurch sich die Menschen ihren Lebensunterhalt
verschaffen knnen.

[Illustration]




42

Ein Morgen in ngermanland

Das Brot


                                                  Samstag, 18. Juni

Als der Adler am nchsten Morgen eine Strecke weit nach ngermanland
hineingeflogen war, sagte er, heute sei er hungrig, er wolle sich etwas
Nahrung verschaffen. Er setzte Nils Holgersson auf einer mchtigen Tanne
ab, die auf einem hohen Felsen stand, und flog davon.

Der Junge machte sich einen guten Sitzplatz auf einem gegabelten Ast, und
von da aus schaute er nach ngermanland hinunter. Es war ein wunderschner
Morgen, die Sonne vergoldete die Baumwipfel, ein sanfter Wind strich wie
liebkosend durch die Nadeln, und ein lieblicher Duft stieg aus dem Walde
auf. Dem Jungen war froh und sorglos zumute; er dachte, niemand knnte es
besser gehen als ihm.

Nach allen Seiten war die Aussicht offen, und er konnte frei umherschauen.
Gegen Westen war das Land voller Felsenkuppen und Berggipfel, die in der
Ferne immer hher und wilder wurden. Ostwrts war auch hgeliges Land; da
aber senkte es sich und wurde niedriger, bis es sich drunten am Meere
schlielich ganz flach hinzog. berall blinkten Bche und Flsse, die, so
lange sie zwischen den Bergen flossen, einen gar beschwerlichen Lauf mit
vielen Stromschnellen und Wasserfllen hatten, sich aber ausbreiteten,
glnzend hell und breit wurden, sobald sie sich der Kste nherten. Den
Bottnischen Meerbusen konnte Nils Holgersson auch sehen. In der Nhe des
Landes war er mit Inseln gespickt und in Landzungen ausgezackt, aber
weiterhin lag die Wasserflche dunkelblau glnzend da wie ein Sommerhimmel.

Dieses Land sieht aus wie ein Fluufer, gleich nachdem es geregnet hat,
dachte der Junge. Viele kleine Bche flieen heraus und graben Furchen in
den Boden, die sich winden und hinschlngeln und ineinanderlaufen. Und es
ist in der Tat ein recht schner Anblick. Ich erinnere mich wohl, da der
alte Lappe auf Skansen immer sagte, der liebe Gott habe Schweden, als er
es auf der Erde ausbreitete, verkehrt hingestellt. Die andern lachten ihn
aus, aber er blieb bei seinem Ausspruch und sagte, wenn sie gesehen htten,
wie schn es da droben im Norden sei, dann wrden sie wohl einsehen, da es
nicht von Anfang beabsichtigt gewesen sei, ein solches Land so abseits zu
legen. Und ich glaube fast, darin hatte er recht.

Nachdem sich der Junge an der Landschaft satt gesehen hatte, nahm er sein
Rnzel ab, zog ein Stck feines Weibrot heraus und begann zu essen.

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch kein so gutes Brot
gegessen, sagte er. Und wieviel ich noch habe! Das gengt noch fr
mehrere Tage. Gestern um diese Zeit htte ich nicht geglaubt, da ich heute
im Besitz von solchem Reichtum sein wrde.

Whrend er lustig kaute und drauf los a, dachte er daran, auf welche Weise
er das Brot bekommen hatte.

Es schmeckt mir gewi auch deshalb so ausgezeichnet, weil ich es auf eine
so schne Weise erhalten habe, sagte er.

Schon am Abend vorher hatte der Knigsadler Medelpad verlassen, und kaum
hatte er die Grenze von ngermanland erreicht, als der Junge ein Wiesental
und einen Flu erblickte, die an Schnheit und Gre alles andre, was er
bisher gesehen hatte, bertrafen.

Das Tal lag ungeheuer breit zwischen den Bergen, und der Junge fragte sich,
ob nicht am Ende dieses Tal in frhern Zeiten von einem andern Flusse,
einem viel grern und breitern als dem jetzigen, ausgegraben worden sein
knnte. Nachdem das Tal hergestellt gewesen war, mute es durch irgendein
Ereignis mit Sand und Erde verschttet worden sein, zwar nicht vollstndig,
aber doch ein gutes Stck an dem Gebirge hinauf. Durch das Gerll hindurch
hatte sich dann der jetzige Flu, der sehr breit und wasserreich war, auch
ein tiefes Bett gegraben. Er hatte seine Ufer wunderschn ausgeschnitten:
bald umsumten ihn Abhnge, die in roter, blauer und gelber Blumenpracht
bis herauf zu dem Jungen leuchteten, bald ragten die felsigen Strecken, die
dem Wasser zu hart zum Durchbrechen gewesen waren, wie steile Mauern und
Trme am Fluufer auf.

Als der Adler den Jungen so hoch droben durch die Lfte getragen hatte, war
es diesem gewesen, als knne er zu gleicher Zeit in drei verschiedene
Welten hineinschauen. Ganz drunten im Tale, wo der Flu hinzog, war die
eine Welt. Da wurden Balken fortgeflt, da eilten Dampfboote von Brcke zu
Brcke, da klapperten die Sgewerke, da wurden groe Frachtschiffe beladen,
da wurde der Lachs gefangen, da wurde gerudert und gesegelt, da flogen
unzhlige Schwalben, die ihre Nester in der Nhe des Ufers hatten, hin und
her!

Aber ein Stockwerk hher, sozusagen zur ebenen Erde, die sich ganz bis an
den Rand der Berge erstreckte, war die zweite Welt. Da lagen Gehfte,
Drfer und Kirchen; da bestellten die Bauern ihre Felder, da weidete das
Vieh, da grnten die Wiesen, da waren die Weiber in ihren kleinen
Gemsegrten eifrig an der Arbeit, da zogen sich die Landstraen in vielen
Krmmungen hin, da brauste die Eisenbahn einher!

Und dann, weit entfernt von all diesem, droben auf den waldbestandenen
Hhen, da war die dritte Welt. Da lag das Weibchen des Auerhahns auf seinen
Eiern, da stand der Elch im tiefen Waldesdunkel verborgen, da lauerte der
Luchs, da knabberte das Eichhrnchen, da dufteten die Tannen, da blhten
die Heidelbeeren, da schlug die Drossel ihre Triller!

Als Nils Holgersson das reiche Flutal erblickte, fing er an, ber Hunger
zu klagen. Nun habe ich seit zwei vollen Tagen nichts zu essen bekommen,
sagte er, und ich bin ganz ausgehungert.

Gorgo war der Gedanke unertrglich, es knne nachher heien, dem Jungen sei
es bei ihm schlechter gegangen als bei den Wildgnsen, und er flog deshalb
sogleich langsamer.

Warum hast du das nicht frher gesagt? fragte er. Du kannst so viel zu
essen haben, wie du nur willst. Wenn du einen Adler als Reisekameraden
hast, brauchst du nicht zu hungern.

Gleich darauf gewahrte Gorgo einen Bauern, der drunten am Flusse ein Feld
beste. Das Saatkorn trug der Mann in einem Korbe vorn auf der Brust, und
so oft der Korb leer war, holte er sich neuen Vorrat aus einem Sack, der
drben am Rande des Ackers stand. Der Adler vermutete mit Recht, da dieser
Sack mit dem Besten gefllt sei, was sich der Junge nur wnschen knnte,
und er lie sich deshalb an dieser Stelle hinuntersinken.

Aber ehe der Adler den Boden erreicht hatte, entstand um ihn her ein
entsetzlicher Lrm; in dem Glauben, der Adler wolle sich auf einen Vogel
strzen, kamen Krhen, Sperlinge und Schwalben mit lautem Geschrei eilig
dahergeflogen.

Weg, weg, du Ruber! Weg, weg, du Vogelmrder! schrien sie; und sie
verfhrten einen solchen Spektakel, da der Bauer aufmerksam wurde und
herbeilief. Da war der Adler gezwungen, zu fliehen, und der Junge hatte
auch nicht ein einziges Krnchen bekommen.

Diese kleinen Vgel hatten sich zu sonderbar benommen; nicht genug, da sie
den Adler in die Flucht zwangen, sie verfolgten ihn auch noch eine gute
Strecke das Tal entlang. Und berall wurden die Leute auf das laute
Vogelgeschrei aufmerksam; die Weiber liefen vor die Huser heraus und
klatschten so laut in die Hnde, da es wie Gewehrsalven klang, und die
Mnner kamen mit der Flinte in der Hand herbeigelaufen.

Und so ging es jedesmal, sobald sich der Adler auf die Erde hinabsinken
lie. Der Junge hatte die Hoffnung, der Adler werde ihm etwas Nahrung
verschaffen knnen, schon aufgegeben. Ach, er hatte bis jetzt gar nicht
gewut, wie verhat und verabscheut Gorgo war! Dieser tat dem Jungen
herzlich leid, und er meinte fast, es geschhe ihm unrecht.

Nach einer Weile flogen sie ber einen schnen Bauernhof hin, wo die
Hausfrau offenbar groen Backtag gehabt hatte. Die frischgebackenen
Weibrote standen zum Abkhlen auf dem Hofplatz, und die Buerin selbst
stand zur Aufsicht daneben, damit weder Hund noch Katze eines davon
stibitze.

Der Adler htte sich auf den Hof hinabsinken lassen knnen; aber vor den
Augen der Buerin wagte er die Brote nicht anzugreifen. Ratlos flog er hin
und her; ein paarmal war er schon dicht ber dem Schornstein, flog aber
jedesmal wieder in die Hhe.

Jetzt gewahrte die Buerin den Adler; sie hob den Kopf und sah ihm nach.

Wie sonderbar dieser Vogel sich benimmt! sagte sie. Ich glaube gar, er
mchte eines von meinen Brtchen.

Es war eine sehr schne Frau, gro und blondhaarig, mit einem offenen,
frhlichen Gesicht. Sie lachte herzlich, nahm eines der Brtchen von der
Platte und hielt es hoch ber ihrem Kopf empor. Wenn du es willst, dann
hol es dir! rief sie.

[Illustration]

Der Adler konnte nicht verstehen, was sie sagte; aber er war sich doch
sogleich klar darber, da sie ihm das Brot geben wollte. Blitzschnell
scho er hinunter, schnappte ihr das Brot aus der Hand und scho wieder in
die Luft hinauf.

Als der Junge den Adler das Brot ergreifen sah, traten ihm die Trnen in
die Augen; einerseits aus Freude, weil er nun mehrere Tage lang nicht zu
hungern brauchte, andrerseits aber, weil er tief gerhrt war, da die
Buerin ihr Brot mit einem wilden Raubvogel geteilt hatte.

Und whrend Nils Holgersson nun hier in dem Tannenwipfel sa, konnte er
sich, sobald er nur wollte, das Bild der groen, blondhaarigen Frau ins
Gedchtnis zurckrufen; er sah sie ganz deutlich vor sich, wie sie auf dem
Hofplatz stand und das Brot in die Hhe hob. O, sie hatte ohne Zweifel
gewut, da der groe Vogel ein Knigsadler war, ein Ruber, den die Leute
sonst mit scharfen Schssen begren, und sie hatte wohl auch das
sonderbare Wesen bemerkt, das der Adler auf dem Rcken trug; aber sie hatte
nicht erst lange gefragt, wer die beiden waren; sobald sie begriff, da sie
hungrig waren, hatte sie ihnen von ihrem guten Brot mitgeteilt!

Wenn ich einmal wieder ein Mensch bin, dachte der Junge, dann mache ich
mich auf den Weg und suche die schne Buerin an dem groen Flusse auf, um
ihr dafr zu danken, da sie so gut gegen uns gewesen ist.


Der Waldbrand

Whrend Nils Holgersson noch mit seinem Frhstck beschftigt war, wehte
ihm pltzlich von Norden her ein schwacher Brandgeruch entgegen. Er wendete
sich gleich nach dieser Seite und sah von einem der bewaldeten Hgel eine
ganz dnne Rauchsule aufsteigen, und zwar nicht von dem ihm am nchsten
liegenden, sondern von einem aus der dahinter aufragenden Hgelkette.
Dieser Rauch, der da mitten aus dem wilden Walde aufstieg, machte den
Jungen stutzig; aber dann dachte er, es knne ja mglicherweise dort eine
Sennhtte sein, und die Sennerinnen seien beim Kaffeekochen.

Aber es war doch sonderbar, wie sehr der Rauch zunahm und wie er sich immer
weiter ausbreitete! Von einer Sennhtte konnte er nicht aufsteigen; aber
vielleicht waren dort Kohlenbrenner bei ihren Meilern. Auf Skansen hatte
der Junge eine Kohlenbrennerhtte und einen Kohlenmeiler gesehen, und er
hatte auch gehrt, da in diesen Wldern hier an verschiedenen Orten Kohlen
gebrannt wrden. Aber eigentlich hatten Kohlenbrenner doch nur im Frhjahr
und im Winter brennende Meiler!

Der Rauch nahm mit jedem Augenblick zu; jetzt wogte er ber den ganzen
Hgel hin. Ein Kohlenmeiler konnte nicht so viel Rauch hervorbringen, das
war ausgeschlossen. Irgendwo mute ein Brand sein; der Junge sah auch eine
Menge Vgel aufsteigen und nach dem nchsten Hgel hinberfliegen. Habichte
und Auerhhne und andre kleine Vgel, die der Junge aus dieser Entfernung
nicht erkennen konnte, flchteten sich vor dem Brande.

Aus der kleinen weien Rauchsule war jetzt eine schwere weie Wolke
geworden, die sich am Hgelrand hinwlzte und von da ins Tal hinabsenkte.
Aus der Wolke heraus flogen Funken und Ruflocken, und ab und zu leckte
auch eine rote Flamme durch den Rauch. Dort drben mute sicher eine
gewaltige Feuersbrunst ausgebrochen sein! Aber was in aller Welt brannte
denn dort? Es konnte doch unmglich ein Bauernhof so tief drinnen im Walde
versteckt liegen?

Und bei einer solchen Feuersbrunst, wie die da drben, htte sicher auch
mehr als ein Hof brennen mssen. Jetzt wallte der Rauch nicht nur von dem
Hgel auf; nein, auch aus dem Tale drunten, das der Junge zwar nicht sehen
konnte, weil es von dem nchsten Hgel verdeckt war, stiegen groe
Rauchmassen auf. Es war nicht anders mglich, der Wald selbst mute in
Brand geraten sein.

Der Junge konnte sich fast nicht vorstellen, da der frische grne Wald in
Brand geraten knnte. Und doch mute es so sein! Aber wenn nun der Wald
dort drben wirklich brannte, dann konnte das Feuer ja bis zu ihm
herberdringen! Sehr wahrscheinlich ist dies zwar nicht, aber es wre mir
doch recht angenehm, wenn der Adler jetzt bald kme, dachte der Junge.
Wenn ich doch nur von hier fort wre! Schon allein der Brandgeruch, den
er bei jedem Atemzug einatmen mute, war ihm unertrglich.

[Illustration]

Pltzlich erklang ringsum ein entsetzliches Knattern und Drhnen. Es kam
von dem nchsten Hgel her. Ganz oben auf dem Gipfel stand eine ebenso hohe
Tanne wie die, auf der Nils Holgersson sa. Sie war sehr hoch und ragte
ber alle andern hinaus. Vorhin war sie von der Morgensonne rot beleuchtet
gewesen, jetzt glhten alle ihre Nadeln wie auf einen Schlag, und sie fing
Feuer. So schn war sie noch niemals gewesen; aber dies war das letztemal,
wo sie ihre Schnheit zeigen konnte. Sie war der erste Baum auf diesem
Hgel, der Feuer fing, und der Junge konnte gar nicht begreifen, wie es
zugegangen war. War das Feuer auf roten Schwingen dahergeflogen gekommen?
Oder war es zischend an der Erde hingekrochen wie eine Schlange? Das war
nicht leicht zu entscheiden, jedenfalls war es nun da; der ganze Baum
loderte hell auf wie ein Haufen Reisig.

Da, da! Jetzt schlug der Rauch an verschiedenen Stellen auf dem Hgel
zugleich heraus! Der Waldbrand war Vogel und Schlange zugleich; er konnte
sich ebensogut weit durch die Luft schwingen wie an der Erde hinkriechen;
er entzndete den ganzen Waldhgel auf einen Schlag.

Nun entstand eine wahre Panik; die Vgel flohen in wilder Eile. Wie groe
Ruflocken flatterten sie aus dem Rauche heraus, flogen quer bers Tal hin
und auf den Hgel, wo sich der Junge befand. Ein Uhu lie sich neben dem
Jungen nieder, und gerade ber ihm setzte sich ein Habicht auf einen Zweig.
Zu jeder andern Zeit wren dies gefhrliche Nachbarn gewesen; aber jetzt
beachteten die Vgel den Jungen gar nicht. Sie starrten nur in das Feuer
hinein und konnten offenbar durchaus nicht begreifen, was dort im Walde
vorging. Ein Marder lief auch auf den Baum herauf; er stellte sich auf die
uerste Spitze eines Zweiges und schaute unverwandt zu dem brennenden
Waldhgel hinber. Dicht neben dem Marder sa ein Eichhrnchen; aber die
beiden schienen einander gar nicht zu sehen.

Jetzt jagte das Feuer den Abhang herunter. Es zischte und drhnte wie ein
brausender Sturm. Durch den Rauch hindurch konnte man die Flammen von Baum
zu Baum zngeln sehen. Ehe eine Tanne in Brand geriet, wurde sie zuerst in
eine dnne Rauchwolke wie in einen Schleier gehllt, dann wurden mit einem
Schlag alle ihre Nadeln rot, und dann begann sie zu knistern und zu
brennen.

Drunten im Tal vor dem Hgel flo ein kleiner von Erlen und Birken
umsumter Bach. Es sah aus, als msse das Feuer hier Halt machen. Die
Laubholzbume gerieten nicht so rasch in Brand wie die Nadelhlzer. Hier
stand das Feuer wie vor einer Mauer und konnte nicht weiter. Es glhte und
sprhte und versuchte, nach dem Nadelwald auf der andern Seite des Baches
hinberzuspringen; aber es gelang ihm nicht.

Fr eine Weile war das Feuer zum Stillstand gebracht; doch jetzt leckte
eine lange Feuerzunge hinber nach einer hohen, abgestorbenen Fichte, die
unten am Abhang wuchs; sofort stand auch der ganze Baum in heller Lohe, und
damit war das Feuer ber den Bach herbergekommen. Die Hitze war beraus
stark; jeder Baum am ganzen Abhang war in grter Gefahr: er konnte im
nchsten Augenblick in Brand geraten. Und mit solchem wilden Brausen und
Donnern, wie es nur der heftigste Sturm oder der wildeste Wasserfall
hervorbringt, jagte das Feuer jetzt den jenseitigen Hgel hinauf.

Da breiteten der Habicht und der Uhu die Flgel aus und flogen davon. Der
Marder scho von dem Baum hinunter. Allem Anscheine nach dauerte es jetzt
nicht mehr lange, bis das Feuer diese Tanne ergriff, und der Junge mute
machen, da er herunterkam. Aber es war nicht so leicht fr ihn, an dem
hohen, geraden Stamm der Tanne hinabzuklettern; er klammerte sich an, so
gut es ging, und lie sich so von einem Zweig zum andern hinuntergleiten,
und schlielich strzte er schwer zu Boden. Aber er hatte keine Zeit, sich
zu berzeugen, ob er sich verletzt hatte. Nur fort, fort! Das war die
Losung. Wie ein zischender Blitz schlug das Feuer in die Tanne, der
Erdboden darunter war glhend hei und begann zu rauchen. Auf der einen
Seite von dem Jungen lief ein Luchs, auf der andern ringelte sich eine
lange Kreuzotter, und ganz dicht neben der Kreuzotter kluckte eine
Auerhenne, die mit ihren kleinen flaumigen Jungen davoneilte.

Als die Flchtlinge den Abhang hinuntergekommen waren und das Tal erreicht
hatten, trafen sie mit Menschen zusammen, die ausgezogen waren, das Feuer
zu lschen. Sie waren gewi schon lange hier am Werke gewesen; aber der
Junge hatte so fortgesetzt nach der Seite gestarrt, woher das Feuer kam,
da er sie nicht frher wahrgenommen hatte. Auch durch dieses Tal flo ein
dicht mit Laubhlzern umsumter Bach, und hinter diesen Bumen arbeiteten
die Leute. Sie fllten die den Erlen zunchststehenden Nadelhlzer, holten
Wasser aus dem Bach, schtteten es aufs Erdreich und rissen Heidekraut und
Maiblumenstcke heraus, damit sich das Feuer keinen Weg durch das Gestrpp
bahnen knnte.

Auch diese Leute dachten an nichts andres als an den Waldbrand, der sich
ihnen entgegenwlzte. Die fliehenden Tiere liefen ihnen zwischen den Beinen
durch; aber sie kmmerten sich gar nicht darum. Sie schlugen nicht nach der
Kreuzotter, machten keinen Versuch, die Auerhenne zu fangen, whrend sie
mit ihren kleinen piependen Jungen am Bachufer hin und her lief; ja sie
beachteten nicht einmal den Dumling. Sie standen da und hielten groe
Tannenzweige in den Hnden, die sie vorher in den Bach getaucht hatten und
offenbar als Waffen gegen das Feuer bentzen wollten. Es waren nicht
besonders viele Leute, und es war ein merkwrdiger Anblick, wie sie so ganz
ruhig zum Kmpfen bereit dastanden, whrend alles andre, was Leben hatte,
entfloh.

Als sich das Feuer mit lautem Drhnen und Krachen, mit unertrglicher Hitze
und erstickendem Rauch den Hgel herabwlzte und ohne einen Augenblick
anzuhalten, Miene machte, ber den Bach mit seiner Mauer aus grnen Bumen
nach dem andern Ufer hinberzuspringen, wichen die Menschen zuerst
unwillkrlich zurck, als wenn sie es nicht mehr hier aushalten knnten.
Aber sie flohen nicht weit, sondern kehrten wieder um.

Jetzt lief der Waldbrand mit wilder Gewalt Sturm. Die Funken sprhten und
ergossen sich wie ein Feuerregen ber die Laubholzbume. Lange, feurige
Zungen schlugen zischend aus dem Rauch heraus, als wenn der Wald auf der
andern Seite sie anzge.

Aber die Laubholzbume hielten das Feuer auf, und unter ihnen arbeiteten
die Menschen. Wo die Erde zu rauchen anfing, trugen sie in Eimern Wasser
herbei und khlten sie ab. Wenn ein Baum in Rauch eingehllt wurde, hieben
sie mit gewaltigen Axtschlgen drauf los, strzten ihn um und lschten die
Flammen. Wo das Feuer im Heidekraut glimmte, schlugen sie mit den nassen
Tannenzweigen darauf und erstickten es.

Der Rauch war jetzt so dicht, da er alles einhllte. Man konnte nicht
sehen, wie der Kampf sich entwickelte; aber es war wohl zu merken, welch
ein harter Kampf es war, und mehrere Male war es gewi nahe daran, da das
Feuer den Sieg davongetragen htte.

Aber gottlob, nach einer guten Weile nahm das laute Krachen und Drhnen des
verheerenden Feuers ab, und der Rauch verteilte sich! Da hatten die
Laubholzbume alle ihre Bltter verloren, das Erdreich darunter war
vollstndig versengt, die Menschen waren vom Rauch geschwrzt und in
Schwei gebadet, aber der Waldbrand war berwltigt, er flammte nicht mehr.
Wei und weich glitt jetzt der Rauch am Boden hin, und eine Menge schwarze
Stmme tauchte aus ihm auf. Das war alles, was von dem prchtigen Wald noch
brig war.

Der Junge war auf einen Steinblock hinaufgeklettert und hatte von da dem
Kampfe der Menschen mit dem Feuer zugesehen. Aber jetzt, wo der Wald
gerettet war, begann fr ihn die Gefahr; der Uhu und der Habicht richteten
pltzlich ihre Augen auf ihn.

Doch in diesem Augenblick hrte der Junge eine ihm wohlbekannte Stimme
seinen Namen rufen. Der Knigsadler Gorgo kam durch den Wald
heruntergesaust. Und bald wiegte sich der Junge von aller Gefahr erlst
hoch in den Lften.

[Illustration]




43

Vsterbotten und Lappland

Die fnf Kundschafter


Whrend Nils Holgersson auf Skansen war, sa er einmal unter der Treppe des
Bollnshauses und hrte da, wie Klement Larsson und der alte Lappe sich
miteinander ber Lappland unterhielten. Sie stimmten ganz miteinander
berein, da Norrland der beste Teil von ganz Schweden sei; aber Klement
Larsson gefiel die Gegend sdlich vom ngermanflu am besten, whrend der
Lappe behauptete, die nrdlich von diesem Flu liegenden Landschaften seien
die wichtigsten.

Im Laufe des Gesprchs kam es aber heraus, da Klement nie hher droben
gewesen war als in Hrnsand, und da konnte der Lappe das Lachen nicht
unterdrcken, weil er sich mit so groer Bestimmtheit ber Gegenden
aussprach, die er nie gesehen hatte.

Ich sehe schon, Klement, ich mu dir eine Geschichte erzhlen, aus der du
ersehen kannst, wie es in Vsterbotten und Lappland, in dem groen Sameland
aussieht, wo du noch nie gewesen bist, sagte er.

Von mir kann gewi niemand sagen, da ich eine Geschichte ausgeschlagen
htte, ebensowenig wie man von dir sagen knnte, du sagtest jemals nein zu
einer Tasse Kaffee, antwortete Klement.

Und dann begann der alte Lappe seine Geschichte.

So hre denn, Klement! Einmal geschah es, da die Vgel, die drunten in
Schweden sdlich von dem alten Sameland wohnten, meinten, sie sen zu eng
aufeinander und knnten sich nicht mehr ausbreiten. Deshalb beschlossen
sie, nordwrts zu ziehen.

Sie versammelten sich und hielten Rat. Die Jungen und Ungeduldigen wollten
sogleich aufbrechen; aber die Alten und Klugen bestanden darauf, da zuerst
Kundschafter ausgesandt wrden, die das Land erforschen sollten.

>Jede von den fnf groen Vogelscharen soll einen Kundschafter
ausschicken,< sagten die Weisen, >damit wir alle zuvor erfahren, ob wir da
droben auch gute Brutsttten, Nahrung und Schlupfwinkel finden knnen.<

Da whlten die fnf groen Vogelscharen sogleich fnf gute kluge Vgel aus.
Die Waldvgel einen Auerhahn, die Vgel der Ebene eine Lerche, die Seevgel
eine Fischmwe, die Swasservgel eine Lumme und die Bergvgel einen
Schneesperling.

Als diese fnf die Reise antreten sollten, sagte der Auerhahn, der grte
und gebieterischste von diesen fnf: >Was da vor uns liegt, sind sehr groe
Lnderstrecken. Wenn wir zusammen reisen, dauert es beraus lange, bis wir
ber das ganze Gebiet, das wir untersuchen sollen, hingeflogen sind. Fliegt
aber jeder von uns fr sich allein und untersucht seinen Teil des Landes,
dann kann unsre ganze Aufgabe in ein paar Tagen vollendet sein.<

Die vier andern Kundschafter waren mit diesem Vorschlag einverstanden und
richteten sich danach. Sie einigten sich dahin, da der Auerhahn den
mittelsten Teil des Landes untersuchen sollte; die Lerche sollte eine
Strecke stlicher fliegen, die Fischmwe noch weiter gegen Osten, da wo das
Land ins Meer abfllt; die Lumme bernahm es, weiter westlich zu fliegen
als der Auerhahn, und der Schneesperling sollte am weitesten westlich, ganz
an der Landesgrenze hinfliegen.

In dieser Ordnung flogen die fnf Vgel gen Norden, so weit als das
Festland reichte. Dann drehten sie um und kehrten wieder heim und erzhlten
den versammelten Vgeln, was sie gesehen hatten.

Die Fischmwe, die dem Meeresufer entlang geflogen war, ergriff zuerst das
Wort.

[Illustration]

>Da droben im Norden ist ein gutes Land,< sagte sie. >Es besteht aus einer
einzigen Reihe von Schren; berall sind fischreiche Sunde und bewaldete
Landzungen und Inseln, von denen die meisten unbewohnt sind, und die
Seevgel finden dort berall ausgezeichnete Brutpltze. Die Menschen
treiben ein wenig Fischfang und Seefahrt in den Sunden, aber nicht so viel,
da es uns Vgel stren knnte. Wenn die Seevgel meinem Rat folgen, dann
ziehen sie sogleich gen Norden.<

Nach der Fischmwe begann die Lerche, die das Land innerhalb der Kste
untersucht hatte.

[Illustration]

>Ich verstehe nicht, was die Mwe da von Landzungen und Inseln behauptet,<
sagte sie. >Ich habe nichts weiter gesehen als groe Felder und
wunderschne blhende Wiesen. In meinem ganzen Leben hab ich noch nie ein
Land gesehen, das von so vielen groen Flssen durchschnitten gewesen wre;
es war eine wahre Freude, zu sehen, wie diese Strme mit ihren gewaltigen
Wassermassen so ruhig und gleichmig durch die Ebene hinzogen. An den
Ufern liegen die Bauernhfe so dicht wie die Huser an einer Strae, und an
den Flumndungen sind Stdte, sonst aber ist das Land sehr einsam und nur
sprlich bewohnt. Wenn die Vgel der Ebene meinem Rat folgen, ziehen sie
sogleich nordwrts.<

Nach der Lerche kam der Auerhahn an die Reihe, der in der Mitte des Landes
geflogen war.

[Illustration]

>Ich begreife weder, was die Lerche mit ihren Wiesen, noch was die
Fischmwe mit ihren Schren will,< sagte er. >Ich habe auf der ganzen Reise
nichts andres gesehen als Tannen- und Fichtenwlder, eine Menge groer
Moore und viele rauschende, brausende Flsse; aber alles, was nicht Moor
oder Flu war, war dunkler Wald, und ich habe keine Felder und keine
menschlichen Wohnungen gesehen. Wenn die Waldvgel meinem Rat folgen
wollen, ziehen sie sogleich nordwrts.<

Nach dem Auerhahn berichtete die Lumme, die den Landstrich auf der andern
Seite der Wlder untersucht hatte.

>Ich begreife nicht, wo die Lerche und die Fischmwe ihre Augen gehabt
haben,< sagte die Lumme. >Es ist ja fast gar kein Erdreich da droben.
Nichts als groe Seen. Zwischen schnen Ufern blinken dunkelblaue Bergseen,
die sich da und dort zu brausenden Wasserfllen erweitern. An einigen
dieser Seen habe ich Kirchen und Drfer gesehen, aber andre lagen ganz
einsam und friedlich da. Wenn die Swasservgel meinem Rat folgen, dann
ziehen sie sogleich nordwrts.<

[Illustration]

Zum Schlu gab der Schneesperling, der an der Landesgrenze hingeflogen war,
seine Meinung preis.

>Ich begreife nicht, was die Lumme mit ihren Seen will, und es ist mir auch
ganz unverstndlich, was der Auerhahn, die Lerche und die Fischmwe fr ein
Land gesehen haben wollen,< sagte er. >Ich habe da droben im Norden ein
groes Gebirgsland gefunden. Nirgends traf ich Ebenen und ebensowenig groe
Wlder, dagegen Berggipfel um Berggipfel, Felsengegend an Felsengegend. Und
ich habe Eisfelder und Schnee gesehen, sowie Gebirgsbche, deren Wasser
milchwei waren. Keine Felder, keine Wiesen, so weit das Auge reichte, nur
groe mit Weiden, Zwergbirken und Renntiermoos bedeckte Halden. Keine
Bauern, keine Haustiere, keine Hfe habe ich angetroffen, aber Lappen,
Renntiere und Lappenzelte. Wenn die Gebirgsvgel meinem Rate folgen, ziehen
sie sogleich nordwrts.<

[Illustration]

Nachdem die fnf Kundschafter also gesprochen hatten, schalten sie einander
und nannten sich gegenseitig Lgner, und sie waren schon im Begriff,
aufeinander loszufahren, um die Wahrheit ihrer Worte mit einem Kampfe
auszufechten. Aber die alten, klugen Vgel, die die Kundschafter
ausgeschickt und mit groer Freude vernommen hatten, was diese berichteten,
beruhigten die Kampflustigen.

>Streitet euch nicht!< sagten sie. >Soviel haben wir aus euren Worten
vernommen, da da droben im Norden ein gutes Gebirgsland und ein groes
Seenland und ein groes Waldland und ein groes ebenes Land und groe
Schren sind. Das ist mehr, als wir erwartet hatten, ja, viele groe
Knigreiche knnen sich nicht rhmen, dies alles innerhalb ihrer Grenzen
zu besitzen.<

[Illustration]


Das wandernde Land

                                                  Samstag, 18. Juni

Jetzt, wo Nils Holgersson selbst ber das Land hinflog, von dem der Lappe
erzhlt hatte, fiel ihm diese Geschichte wieder ein. Der Adler hatte ihm
gesagt, der flache Kstenstrich, der sich da unter ihnen ausbreitete, sei
Vsterbotten, und die blauenden Hhen ganz drauen im Westen seien
Lappland.

Ach, wie glcklich war Nils Holgersson, da er jetzt nach all der Angst,
die er whrend des Waldbrandes ausgestanden hatte, wohlbehalten wieder auf
Gorgos Rcken sa! Dieses Gefhl war an und fr sich schon beglckend, aber
die Reise selbst war jetzt auch wunderbar schn. Am Morgen war der Wind aus
Norden gekommen, jetzt hatte er sich gewendet, die Reisenden hatten ihn im
Rcken, und deshalb sprten sie ihn gar nicht. Da auch der Adler ganz
gleichmig flog, glaubte der Junge bisweilen, dieser stehe ganz still, und
er schlage nur immerfort mit den Flgeln, ohne vom Flecke zu kommen. Statt
dessen aber schien unter ihm alles in Bewegung zu sein. Der ganze Erdboden
und alles, was darauf war, glitt langsam sdwrts. Wlder, Huser, Wiesen,
Zune, Flsse, Ortschaften, Schreninseln, Sgewerke, alles war auf der
Wanderschaft! Der Junge berlegte, wohin alle miteinander nur wollten?
Waren sie es mde geworden, so lange da droben im Norden zu stehen, und
wollten sie nun sdwrts ziehen?

Zwischen allem diesem, das sich bewegte und gen Sden wanderte, stand nur
eins still, nmlich ein Eisenbahnzug. Er hielt gerade unter den beiden, die
da droben durch die Lfte flogen, und es ging dem Zuge genau wie Gorgo: er
konnte nicht vom Flecke kommen. Die Lokomotive spie Rauch und Funken aus,
der Junge konnte bis zu sich herauf hren, da die Rder laut auf den
Schienen rasselten, aber der Zug selbst bewegte sich nicht. Die Wlder
glitten an ihm vorber, die Bahnwrterhuschen glitten vorber, die
Schlagbume und die Telegraphenstangen glitten vorber, aber der Zug stand
still. Ein breiter Flu mit einer langen Brcke ber sich flo ihm
entgegen; aber der Flu und die Brcke glitten ohne jegliche Schwierigkeit
unter dem Zuge durch. Schlielich kam ein Bahnhof dahergelaufen. Der
Stationsvorsteher stand mit seiner roten Fahne in der Hand auf dem
Bahnsteig und glitt langsam zu dem Zuge hin. Als er seine Fahne schwang,
stie die Lokomotive noch schwrzere Rauchwirbel heraus als vorher und
pfiff jmmerlich, wie wenn sie sich darber beklagte, da sie nicht
vorwrts kommen knne. Aber in demselben Augenblick setzte sich der Zug in
Bewegung und, gerade wie der Bahnhof und alles andre, glitt jetzt auch er
sdwrts dahin. Der Junge sah, wie die Wagentren aufgemacht wurden und die
Reisenden ausstiegen, whrend doch alle beide, die Reisenden mitsamt dem
Zuge, sich in sdlicher Richtung weiter bewegten. Aber jetzt wendete Nils
Holgersson seine Blicke von der Erde ab und versuchte geradeaus zu schauen.
Der Anblick dieses wunderbaren Eisenbahnzuges hatte ihn ordentlich
schwindlig gemacht.

Doch nachdem er eine Weile eine kleine weie Wolke angestarrt hatte, wurde
ihm diese Unterhaltung langweilig, und er schaute wieder hinunter. Immer
noch war es, als halte sich der Adler ganz ruhig in den Lften, whrend
alles andre sdwrts davon eilte. Als nun der Junge so auf dem Rcken des
Adlers sa und sich mit nichts anderm unterhalten konnte als mit seinen
eignen Gedanken, machte es ihm Spa, sich auszudenken, wie es wre, wenn
ganz Vsterbotten in Bewegung kme und gen Sden zge. Ei der Tausend, wenn
nun der Acker dort, der da unter ihm hinglitt-- er war wohl eben erst
eingest, denn nirgends war ein grnes Hlmchen zu sehen-- hinunter auf
die Sdebene in Schonen fahren wrde, wo der Roggen um diese Zeit schon
hren trug!

Die Nadelwlder hatten sich da oben verndert. Die Bume standen weit
auseinander, mit kurzen Zweigen und fast schwarzen Nadeln. Viele Bume
hatten verdorrte Wipfel und sahen krank aus. Die Erde unter ihnen war mit
alten Stmmen bedeckt, die wegzuschaffen niemand sich die Mhe gegeben
hatte. Wie, wenn nun so ein Wald so weit hinunterkme, da er den Kolmrden
sehen knnte? Wie rmlich mte er sich dann vorkommen!

Und der Garten, den er jetzt gerade unter sich sah! Es waren schne Bume
darin, aber weder Obstbume, noch edle Linden oder Kastanien, nur
Vogelbeeren und Birken. Es war auch schnes Gebsch darin, aber kein
Goldregen und Flieder, nur Faulkirschen und Holunder. Auch Gemsebeete sah
der Junge, aber die waren bis jetzt weder umgegraben noch angepflanzt. Wie,
wenn nun so ein Gtchen an einem Herrschaftsgarten in Srmland angefahren
kme? Da wrde es sich selbst gewi nur fr eine Einde halten!

Oder diese Wiese dort, die mit so vielen kleinen grauen Scheunen bedeckt
war, da man htte meinen knnen, die Hlfte des Bodens sei zu Baupltzen
verwendet worden! Wenn sie hinunterzge nach der Ostgtaebene, wrden die
Bauern da drunten wahrlich groe Augen machen!

Aber wenn das groe Moorland, das jetzt unter ihm lag und ganz mit Fichten
bestanden war, die aber nicht wie in gewhnlichen Wldern aufrecht und
gerade wuchsen, sondern sich mit buschigen Zweigen und ppigen Kronen in
hbschen Gruppen auf dem schnsten Teppich von Renntiermoos aufgestellt
hatten, wenn dieses Moorland den Weg hinunter nach vedskloster einschlge,
dann wrde der prchtige Park dort einrumen mssen, da nun seinesgleichen
gefunden sei.

Wie, wenn die hlzerne Kirche dort unter ihm, mit den roten Holzschindeln
an den Wnden, mit dem bunt bemalten Glockenturm und einem ganzen Stdtchen
von grauen Kirchenhtten um sich her, in denen die Familien, die weit her
kamen, bernachteten, an einer der groen fest gemauerten Kirchen auf der
Insel Gotland vorbergezogen kme? Die wrden einander ordentlich etwas zu
erzhlen haben!

Aber der Stolz und die Ehre der ganzen Landschaft waren die gewaltigen
dunkeln Flsse mit ihren prchtigen Tlern, diesen Tlern mit ihren vielen
Hfen, ihrer Menge Bauholz, ihren Sgewerken, ihren Drfern und mit dem
groen Gewimmel von Dampfschiffen an den Mndungen! Wenn solch ein Flu
sich weiter drunten im Land zeigen wrde, dann wrden alle Flsse und Bche
sdlich vom Dallf vor lauter Scham in die Erde versinken!

Und wie, wenn so eine ungeheuer groe Ebene, eine so gut gelegene, so
leicht zu bebauende Ebene vor die Augen der armen Smlandbauern
herangeglitten kme? Da wrden sie von ihren kleinen ckerchen und ihren
steinigen Wiesen daherlaufen und eifrig zu graben und zu bebauen anfangen!

Und seht, an einem war diese Landschaft reicher als alle andern, nmlich an
Licht. Die Kraniche schliefen stehend auf den Mooren; die Nacht mute
angebrochen sein, aber das Licht war nicht verschwunden. Die Sonne war
nicht sdwrts gezogen wie alles andre. Dagegen war sie jetzt so weit
nrdlich gewandert, da sie dem Jungen mit geraden Strahlen ins Gesicht
schien. Und sie hatte es offenbar gar nicht im Sinne, hinter den Horizont
hinabzutauchen. Wie, wenn dieses Licht und diese Sonne in Westvemmenhg
scheinen wrden? Das wrde dem Husler Holger Nilsson und seiner Frau
gefallen, ein Arbeitstag, der vierundzwanzig Stunden dauerte!


Der Traum

                                                  Sonntag, 19. Juni

Nils Holgersson hob den Kopf und schaute sich pltzlich hell wach um. Das
war doch merkwrdig! Hier lag er und hatte an einem Orte geschlafen, wo er
noch nie gewesen war. Nein, dieses Tal hier, in dem er lag, hatte er gewi
noch nie gesehen, und ebensowenig die Berge, die es umgaben. Er erkannte
den runden See nicht, der mitten im Tale lag, und noch niemals hatte er so
rmliche, verkrppelte Birken gesehen wie die, unter denen er ruhte.

Und wo war der Adler? Er konnte ihn nirgends entdecken. Gorgo mute ihn
verlassen haben. Welch ein Abenteuer!

Der Junge legte sich wieder auf den Boden nieder, schlo die Augen und
versuchte sich ins Gedchtnis zurckzurufen, wie alles vor seinem
Einschlafen gewesen war.

Er erinnerte sich, da es ihm, whrend sie ber Vsterbotten hingeflogen
waren, die ganze Zeit gewesen war, als ob der Adler ganz ruhig in der Luft
droben auf ein und demselben Flecke verbliebe, whrend das Land unter ihnen
gen Sden zog. Aber dann hatte sich der Adler nordwestwrts gewandt, und in
demselben Augenblick hatte das Land drunten stillgestanden, und der Junge
hatte gefhlt, da der Adler ihn mit Windeseile davontrug.

Jetzt fliegen wir nach Lappland hinein, sagte Gorgo. Und sofort beugte
sich der Junge weit vor, um die Landschaft zu sehen, von der er so viel
gehrt hatte.

Aber er fhlte sich ziemlich enttuscht, denn er sah nichts als groe
Wlder und weite Moore. Nichts als Wald und Moor, Moor und Wald, bis ins
Unendliche. Die groe Einfrmigkeit machte ihn schlielich so schlfrig,
da er beinahe hinuntergestrzt wre.

Da sagte er zu dem Adler, er knne nicht lnger auf dessen Rcken sitzen
bleiben, er msse durchaus ein wenig schlafen. Sofort lie sich Gorgo ins
Tal hinuntersinken, und der Junge warf sich ins Moos; aber dann nahm ihn
Gorgo zwischen seine Klauen und schwang sich wieder mit ihm in die Luft
hinauf.

Schlaf du nur, Dumling! rief er. Mich hlt der Sonnenschein wach, und
ich will die Reise fortsetzen.

Und obgleich der Junge sehr unbequem zwischen den Klauen des Adlers hing,
schlief er wirklich ein, und whrend er schlief, hatte er einen Traum.

Es war ihm, als sei er auf einer breiten Strae drunten im sdlichen
Schweden, und als laufe er da so schnell vorwrts, wie seine kleinen Beine
ihn nur zu tragen vermochten. Er war jedoch nicht allein: eine Menge
Wanderer zog denselben Weg. Dicht neben ihm marschierten Roggenhalme mit
schweren hren an der Spitze, blaue Kornblumen und andre bunte Feldblumen;
die Apfelbume keuchten unter der Last ihrer Frchte daher, hinter ihnen
kamen die Bohnen und Erbsen mit vollen Blgen, groe Bsche Wucherblumen
und ein ganzes Buschwerk von Beerenstruchern. Groe Laubholzbume, Buchen,
Eichen und Linden schritten in aller Ruhe in der Mitte der Strae; stolz
rauschten ihre Kronen, und sie gingen niemand aus dem Wege. Die kleinen
Pflanzen liefen dem Jungen zwischen den Beinen durch: Erdbeerstcke,
Anemonen, Lwenzahn, Klee und Vergimeinnicht. Zuerst meinte der Junge, es
seien lauter Pflanzen, die auf dem Wege dahinzogen, aber bald entdeckte er,
da auch Tiere und Menschen dazwischen waren. Die Insekten summten zwischen
den vorwrtsstrebenden Pflanzen, in den Grben schwammen Fische, auf den
dahinwandernden Bumen sangen die Vgel, zahme und wilde Tiere liefen um
die Wette mit; und mitten zwischen all diesem Gewimmel wanderten Menschen
daher, die einen trugen Spaten und Sensen, andre xte, wieder andre Flinten
und einige Fischgerte.

Der Zug wanderte frhlich und lustig dahin, und das verwunderte den Jungen
gar nicht, als er sah, wer ihn fhrte. Denn das war niemand geringeres als
die Sonne selbst. Diese rollte auf der Strae vor ihnen her wie ein groes
glnzendes Haupt, von vielfarbig strahlendem Haar umgeben und mit einem
Gesicht, das vor Frohsinn und Gte leuchtete.

Vorwrts! rief sie ununterbrochen. Niemand braucht sich zu frchten,
wenn ich dabei bin. Vorwrts! Vorwrts!

Ich mchte wohl wissen, wohin die Sonne uns zu fhren gedenkt? sagte der
Junge vor sich hin.

Die Roggenhalme, die neben ihm gingen, hrten, was der Junge sagte, und
entgegneten sogleich: Sie will uns nach Lappland hinauffhren, und dort
sollen wir gegen den groen Versteinerer kmpfen.

Nils Holgersson sah bald, da allmhlich mehrere von den Fugngern
bedenklich wurden; sie gingen langsamer und blieben schlielich zurck. Er
sah, wie die groen Buchen anhielten; die Rehe und der Weizen blieben am
Grabenrand stehen, und ebenso die Brombeerbsche, die groen gelben
Dotterblumen, die Kastanienbume und die Rebhhner.

Er schaute zurck, um zu ergrnden, warum so viele zurckblieben. Da
entdeckte er, da er sich nicht mehr in dem sdlichen Schweden befand; die
Reise war ber die Maen rasch vor sich gegangen, sie befanden sich jetzt
schon im Svealand.

Hier oben ging die Eiche mit immer langsameren Schritten. Sie blieb ein
wenig stehen, machte noch einige zgernde Schritte und hielt dann ganz an.

Warum geht die Eiche nicht mehr mit? fragte der Junge.

Sie hat Angst vor dem groen Versteinerer, sagte eine helle, grne junge
Birke, die so froh und wohlgemut vorwrts schritt, da es eine wahre Lust
war.

Obgleich nun schon viele zurckgeblieben waren, wanderte doch noch eine
groe Schar mit frischem Mute weiter. Und das Sonnenhaupt rollte die ganze
Zeit vor ihnen her und rief: Vorwrts! Vorwrts! Niemand braucht Angst zu
haben, solange ich dabei bin!

Der Zug setzte seine Reise mit derselben Hast fort. Bald war er droben in
Norrland; aber jetzt half alles nichts mehr, soviel auch die Sonne bat und
flehte. Der Apfelbaum blieb stehen, der Kirschbaum blieb stehen und die
Haferfrucht blieb stehen. Der Junge wendete sich an die Zurckbleibenden.

Warum wollt ihr nicht mehr mit? Warum verlasset ihr die Sonne? fragte er.

Wir wagen es nicht. Wir haben Angst vor dem groen Versteinerer, der
droben in Lappland wohnt, antworteten sie.

Der Junge schlo daraus, da sie jetzt sehr hoch hinauf nach Lappland
gekommen sein mten, und hier wurde die Schar auch immer dnner. Der
Roggen und die Gerste, die Erdbeerstcke und die Heidelbeerbsche, die
Erbsenranken, die Johannisbeerstrucher waren alle bis hierher mitgegangen;
das Elentier und die Kuh waren Seite an Seite gewandert; aber jetzt blieben
alle diese zurck. Die Menschen gingen noch eine Strecke weiter mit, aber
dann hielten auch sie an. Die Sonne wre jetzt beinahe ganz verlassen
gewesen, wenn nicht neue Reisegenossen dazu gekommen wren. Weidenbsche
und eine Menge anderes Strauchwerk schlossen sich dem Zuge an, desgleichen
auch Lappen und Renntiere, Bergeulen und Blaufchse und Schneehhner.

Jetzt hrte der Junge, da ihnen etwas entgegenkam. Eine Menge Bche und
Flsse, die mit gewaltigem Rauschen und Brausen daherschumten.

Warum haben sie es denn so eilig? fragte der Junge.

Sie fliehen vor dem groen Versteinerer, der droben auf dem Gebirge
wohnt, antwortete ein Schneehuhn.

Ganz pltzlich sah Nils Holgersson, da gerade vor ihnen eine hohe, dunkle,
mit Zinnen gekrnte Mauer aufragte. Bei dem Anblick dieser Mauer schienen
alle zurckzuweichen; aber die Sonne wendete rasch ihr strahlendes Gesicht
der Mauer zu und go ihr Licht darber aus. Und siehe da! keine Mauer stand
ihnen im Wege, nur lauter wunderschne Berge, die sich einer hinter dem
andern auftrmten. Die Gipfel leuchteten glnzend im Sonnenschein, und die
Abhnge schimmerten hellblau mit goldenen Streifen dazwischen.

Vorwrts! Vorwrts! Es ist keine Gefahr, so lange ich dabei bin! rief die
Sonne; und schon rollte sie an den steilen Bergwnden hinauf.

Aber auf diesem Wege den Berg hinauf wurde die Sonne von der tapfern jungen
Birke, der starken Fichte und der wetterfesten Tanne verlassen. Hier
verlieen sie auch das Renntier, die Lappen und das Weidengebsch. Und
schlielich, als die Sonne den Gipfel des Berges erreicht hatte, war keiner
mehr bei ihr als der kleine Nils Holgersson.

Die Sonne rollte in eine Schlucht hinein, wo die Wnde mit Eis bedeckt
waren, und Nils Holgersson wollte ihr in die Schlucht hinein folgen; aber
er kam nicht weiter als bis an den Eingang, denn pltzlich sah er etwas
Entsetzliches. Ganz drinnen in der Schlucht sa ein alter Troll mit einem
Krper aus Eis, mit Haar aus Eiszapfen und einem Mantel aus Schnee. Vor
dem Troll lagen mehrere schwarze Wlfe, die, sobald die Sonne sich zeigte,
aufstanden und den Rachen weit aufsperrten. Da drang aus dem einen
Wolfsrachen bittere Klte, aus dem zweiten ein beiender Nordwind und aus
dem dritten schwarze Finsternis heraus.

Da haben wir wohl den groen Versteinerer und sein Gefolge, dachte der
Junge. Er war sich ganz klar darber, da er am besten tte, wenn er sich
auf und davon machte; aber er war zu neugierig, zu sehen, wie die Begegnung
zwischen der Sonne und dem Troll ablaufen wrde, und so blieb er stehen.

[Illustration]

Der Troll rhrte sich nicht; mit seinem schauderhaften Eisgesicht starrte
er der Sonne entgegen, und die Sonne stand auch ganz still und lachte und
strahlte ihn nur immerfort an. So verging eine Weile, und der Junge meinte
zu hren, da der Troll zu seufzen und zu wimmern beginne. Der Schneemantel
glitt von seiner Schulter herab, und die drei frchterlichen Wlfe heulten
nicht mehr so laut.

Doch da rief die Sonne auf einmal: Jetzt ist meine Zeit vorbei! und
rollte rckwrts zu der Schlucht hinaus.

Da lie der Troll seine drei Wlfe los, und pltzlich kamen der Nordwind,
die Klte und die Finsternis aus der Schlucht herausgefahren und jagten
hinter der Sonne her. Weg mit ihr! Jagt sie fort! schrie der Troll. Jagt
sie so weit fort, da sie nie wieder kommen kann! Zeigt ihr, da Lappland
mir gehrt!

Als aber Nils Holgersson hrte, da die Sonne aus Lappland verjagt werden
sollte, entsetzte er sich ber die Maen. Mit einem lauten Schrei fuhr er
auf und erwachte----

Als er ein wenig zu sich gekommen war, sah er, da er in einem groen, von
Bergen umschlossenen Felsental lag. Aber wo war Gorgo? Und wie sollte er
erfahren, wo er sich befand?

Er richtete sich auf und schaute sich um. Da fiel sein Blick auf ein
sonderbares Gebude aus Fichtenzweigen, das auf einem Felsenabsatz stand.
Das ist gerade so ein Adlernest, wie Gorgo...

Nils Holgersson dachte den Gedanken nicht zu Ende. Statt dessen ri er die
Mtze vom Kopfe, schwang sie lustig und schrie: Hurra! Er hatte erraten,
wohin Gorgo ihn gebracht hatte! Hier war das Tal, wo oben auf dem
Felsenabsatz die Adler und unten im Tal die Wildgnse wohnten. Er war am
Ziel! Im nchsten Augenblick wrde er wieder mit dem Gnserich Martin, mit
Akka und allen Reisekameraden vereinigt sein!


Am Ziel

Der Junge ging ganz leise umher und suchte nach seinen Freunden. Ringsum im
Tale war es berall ganz still. Die Sonne war noch nicht ber die Felswnde
heraufgestiegen; es mute also noch sehr frh am Tage sein, und die
Wildgnse waren auch noch nicht aufgewacht. Der Junge hatte kaum einige
Schritte gemacht, als er lchelnd stehen blieb, weil er etwas gar so
Schnes sah. Dort im Grase lag eine Wildgans auf einem kleinen Neste, und
neben ihr stand der Gnserich. Er schlief zwar auch, aber man sah wohl, er
hatte sich so nahe dabei aufgestellt, um bei jeder Gefahr zur Hand zu sein.

Ohne die beiden zu stren, wanderte der Junge weiter und lugte zwischen die
kleinen Weidenbsche hinein, die berall wuchsen. Es dauerte auch nicht
lange, da entdeckte er wieder ein Gnsepaar. Diese gehrten nicht zu seiner
Schar; es waren Fremde, aber der Junge freute sich doch sehr ber sie. Und
pltzlich summte er ein frhliches Liedchen vor sich hin, nur weil er mit
ihnen zusammengetroffen war.

Jetzt schaute er wieder in ein Gebsch hinein, und da entdeckte er endlich
ein Paar, das er kannte. Das war ganz bestimmt Nelj, die da auf ihren
Eiern lag, und der danebenstehende Gnserich war Kolme. Ja, ja, so war es!
Eine Tuschung war ausgeschlossen!

Er hatte die grte Lust, die beiden zu wecken, unterlie es dann aber doch
und ging weiter.

Im nchsten Strauchwerk sah er Viisi und Kuusi, und nicht weit davon fand
er Yksi und Kaksi. Alle vier schliefen, und der Junge ging vorber, ohne
sie zu stren.

Als er in die Nhe des nchsten Gebsches kam, glaubte er zwischen den
Zweigen etwas Weies hervorschimmern zu sehen, und sogleich begann sein
Herz vor lauter Freude laut und rasch zu klopfen. Ja, es war, wie er
erwartet hatte! Da drinnen lag Daunenfein, noch eben so niedlich wie
frher, auf ihren Eiern, und neben ihr stand der weie Gnserich. Der Junge
meinte, man knne ihm sogar im Schlafe ansehen, wie stolz er darauf war, da
oben in den lapplndischen Bergen bei seiner Frau Wache stehen zu drfen.

Aber der Junge wollte auch den weien Gnserich nicht wecken, leise ging er
weiter wie bisher.

Er mute ziemlich lange suchen, bis er auf weitere Wildgnse stie. Aber da
entdeckte er auf einem kleinen Hgel etwas, das einem grauen Erdhaufen
glich. Und als er am Fu des Hgels angekommen war, war der Erdhaufen
nichts andres als Akka von Kebnekajse, die ganz hell wach da droben stand
und sich umschaute, als bewache sie das ganze Tal.

Guten Tag, Mutter Akka! sagte der Junge. Wie schn, da Ihr wach seid!
Wollt Ihr jetzt nicht noch ein wenig warten, ehe Ihr die andern weckt? Ich
mchte gar zu gerne ein wenig allein mit Euch sprechen.

Die alte Anfhrergans strzte den Hgel herunter und auf den Jungen zu.
Zuerst packte sie ihn und schttelte ihn, dann strich sie ihm mit dem
Schnabel am ganzen Krper auf und ab, und dann schttelte sie ihn noch
einmal. Aber sie sagte kein Wort, denn er hatte sie ja gebeten, die andern
nicht zu wecken.

Der Dumling kte die alte Mutter Akka auf beide Wangen, und dann fing er
an zu erzhlen, wie er nach Skansen gebracht und dort gefangen gehalten
worden war.

Und nun kann ich Euch noch erzhlen, da Smirre, der Fuchs mit dem
abgebissenen Ohre, in dem Fuchsbau auf Skansen gefangen sa, fuhr der
Junge fort, nachdem er seine Erlebnisse berichtet hatte. Und obgleich er
sehr hlich gegen uns gewesen ist, tat er mir doch herzlich leid. Es waren
noch viele andre Fchse in dem groen Fuchskfig; diesen schien es indes
ganz wohl da zu sein, nur Smirre sa immer sehr betrbt da und sehnte sich
nach der Freiheit. Ich hatte mir nach und nach viele gute Freunde da droben
erworben, und eines Tages hrte ich von dem Lappenhund, es sei ein Mann
nach Skansen gekommen, der Fchse kaufen wolle. Er sei von einer weit
drauen im Meere liegenden Insel. Auf dieser Insel seien alle Fchse
ausgerottet worden, infolgedessen aber knne man sich jetzt dort der Ratten
nicht mehr erwehren, und deshalb wolle man wieder Fchse einfhren.

Sobald ich das erfahren hatte, ging ich nach dem Fuchskfig und sagte:
>Smirre, morgen kommen Leute hierher, die einige Fchse kaufen wollen.
Versteck dich also nicht, sondern bleibe hier drauen und sorge dafr, da
du gefangen wirst, dann erhltst du deine Freiheit wieder.< Er ist dann
meinem Rat gefolgt, und nun luft er wohl auf jener Insel frei umher. Was
sagt Ihr dazu, Mutter Akka? War das eine Tat nach Eurem Sinne?

Wenn ich es selbst gewesen wre, htte ich es nicht besser machen knnen,
antwortete Akka.

Es freut mich, da Ihr damit einverstanden seid, sagte der Junge. Nun
aber mchte ich Euch noch etwas andres fragen. Eines Tages sah ich, da der
Adler Gorgo, der damals mit dem Gnserich Martin kmpfte, als Gefangener
nach Skansen gebracht und da in den Adlerkfig gesetzt wurde. Er sah gar
elend und traurig aus, und manchmal war es mir, als mte ich in das
Stahldrahtnetz ber seinem Kopf ein Loch feilen, damit er herausfliegen
knnte. Aber dann dachte ich wieder: Nein, nein, denn er ist ja ein
gefhrlicher Ruber und Vogelfresser! Ich wute nicht, ob es recht wre,
einen solchen Missetter herauszulassen, und so dachte ich, es sei
vielleicht doch am besten, wenn er bliebe, wo er war. Was sagt Ihr dazu,
Mutter Akka? War das richtig gedacht?

Nein, das war gar nicht richtig gedacht, sagte Akka. Man kann ber die
Adler denken, wie man will; aber sie sind stolzer und freiheitsliebender
als andre Tiere, und es ist sehr unrecht, wenn sie in Gefangenschaft
gehalten werden. Weit du, was ich dir vorschlagen mchte? Sobald du
ausgeruht hast, reisen wir beide hinunter zu dem groen Vogelgefngnis und
befreien Gorgo.

Diese Worte habe ich von Euch erwartet, Mutter Akka, sagte der Junge. Es
gibt welche, die sagen, Ihr httet keine Liebe mehr fr den, den Ihr mit so
groer Mhe aufgezogen habt, weil er so lebt, wie ein Adler seiner Natur
nach leben mu. Aber eben jetzt hab ich gehrt, da es nicht so ist. Nun
will ich nachsehen, ob der Gnserich Martin noch nicht erwacht ist, und
wenn Ihr indessen dem ein Wort des Dankes sagen wollt, der mich zu Euch
zurckgebracht hat, dann trefft Ihr ihn wahrscheinlich droben auf dem
Felsenabsatz, wo Ihr einstmals ein hilfloses Adlerjunges gefunden habt.

[Illustration]




44

Das Gnsemdchen sa und Klein-Mats

Die Krankheit


In dem Jahre, wo Nils Holgersson mit den Wildgnsen umherzog, wurde viel
von zwei Kindern gesprochen, die durch das Land wanderten. Sie waren von
Smland aus dem Bezirke Sunnerbo, und sie hatten einst mit ihren Eltern in
einem Huschen drauen auf der groen Ljungheide gewohnt. Als die Kinder
noch ganz klein waren, klopfte eines Abends eine arme Frau bei den Leuten
an und bat um ein Obdach. Obgleich die Htte knapp Raum fr die eigenen
Bewohner hatte, wurde die arme Frau doch eingelassen, und die Mutter machte
ihr ein Lager auf dem Boden zurecht. Die ganze Nacht hindurch hustete das
arme Weib so frchterlich, da es den Kindern war, als sollte ihnen das
Haus ber dem Kopfe einstrzen, und am Morgen war sie so krank, da sie
nicht mehr weiter konnte.

Der Mann und die Frau waren so gut gegen sie wie nur mglich. Sie lieen
sie in ihrem eigenen Bette liegen und schliefen selbst auf dem Fuboden,
und der Mann ging zum Doktor und holte Tropfen fr sie. Whrend der ersten
Tage war die Frau auch wie gar nicht recht bei sich gewesen, sie hatte nur
immerfort gefordert und verlangt, aber nie ein Wort des Dankes gesagt;
allmhlich jedoch wurde sie milder, sie taute auf und wurde demtig und
dankbar. Schlielich bat sie nur immer, man mge sie vors Haus und auf die
Heide hinaustragen, damit sie da drauen sterbe. Und als die Leute ihr
Begehren nicht erfllen wollten, erzhlte sie ihnen, sie sei in den letzten
Jahren mit einer Schar Zigeuner umhergezogen, obgleich sie nicht von
Zigeunern abstamme; sie sei die Tochter eines Hofbauern, aber von Hause
davongelaufen und dann bei den Zigeunern geblieben. Und jetzt glaube sie,
eine Zigeunerin, die einen Ha auf sie gehabt habe, die habe ihr die
Krankheit angewnscht. Aber nicht genug damit, das Zigeunerweib habe ihr
auch gedroht und gesagt, ebenso schlimm, wie es ihr selbst gehen werde,
solle es auch allen denen gehen, die sie unter ihrem Dach aufnhmen und gut
gegen sie seien. Und an diese Drohung glaube sie, sagte die Kranke, und
deshalb bitte sie so instndig, da man sie zum Hause hinauswerfe und sich
gar nicht mehr um sie kmmere, denn ber so gute Leute wolle sie kein
Unglck bringen. Aber die Eltern hatten nicht nach dem Willen der Kranken
getan. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, da sie ein wenig Angst bekamen,
aber sie hatten eben doch nicht das Herz, so eine arme todkranke Frau vor
die Tr zu setzen.

Bald darauf starb das Weib, und dann war das Unglck ber die armen Leute
hereingebrochen. Frher hatte eitel Freude in ihrem Hause geherrscht; arm
waren sie allerdings immer gewesen, aber ganz verarmt waren sie doch nicht.
Der Vater verfertigte Webkmme, und die Mutter und die Kinder halfen bei
der Arbeit. Der Vater schnitzte die Kmme, die Mutter und die groe
Schwester fgten sie zusammen. Die kleinern Kinder hobelten die Zapfen und
schnitzten sie zurecht. Die ganze Familie arbeitete vom Morgen bis zum
Abend; aber sie waren immer frhlich und guter Dinge, besonders wenn der
Vater von der Zeit erzhlte, wo er durch ferne Lnder gewandert war und
Webkmme verkauft hatte. Der Vater hatte einen glcklichen Humor und
erzhlte oft so lustig, da die Mutter und alle Kinder sich beinahe krank
lachten.

Die Zeit nach dem Tode der armen Frau stand vor den Kindern immer wie ein
bser Traum; sie wuten nicht mehr, ob sie kurz oder lang gewesen war, sie
erinnerten sich nur, da daheim ein Begrbnis nach dem andern stattfand.
Ihre Geschwister starben und wurden zu Grabe getragen, eines nach dem
andern. Sie hatten zwar nicht mehr als vier Geschwister gehabt, aber den
Kindern kam es vor, als seien es viel mehr gewesen. Schlielich war es
auerordentlich still und drckend daheim in ihrer Htte geworden. Es war,
als fnde jeden Tag ein Begrbnis statt.

Die Mutter hielt den Mut einigermaen aufrecht, aber der Vater wurde ein
ganz andrer Mensch. Er konnte nicht mehr arbeiten und auch nicht mehr
scherzen, sondern sa nur vom Morgen bis zum Abend da, den Kopf in den
Hnden vergraben, und grbelte.

Einmal-- es war nach dem dritten Begrbnis-- brach er in wilde
verzweifelte Reden aus, vor denen die Kinder Angst bekamen. Nein, ich kann
es nicht begreifen, warum ein solches Unglck ber uns hereingebrochen
ist! rief er. Wir haben doch nur eine gute Tat getan, als wir der Kranken
halfen. Ist denn das Bse in der Welt mchtiger als das Gute? Die Mutter
hatte versucht, ihn mit vernnftigen Worten zu trsten; aber es gelang ihr
nicht, ihn so ruhig und ergeben zu machen, wie sie selbst war.

Ein paar Tage spter hatten sie den Vater verloren. Aber er war nicht
gestorben, sondern auf und davon gegangen. Ach, da war gerade die lteste
Schwester erkrankt, und diese war von jeher der Liebling des Vaters
gewesen! Als er dann sah, da sie auch sterben mute, entfloh er dem ganzen
Elend. Die Mutter sagte nur, es sei gewi besser fr den Vater, da er
jetzt nicht da sei. Er wre sonst am Ende noch verrckt geworden. Er grble
sich ja von Sinn und Verstand, wenn er nur immerfort darber nachgrbelte,
ob Gott es denn zulassen knne, da ein bser Mensch so viel Unglck auf
Erden anrichte.

Nachdem der Vater auf und davon gegangen war, wurden sie sehr arm. Im
Anfang hatte er ihnen noch Geld geschickt; aber dann war es ihm wohl selbst
schlecht gegangen, denn er schickte nichts mehr. Und an dem Tag, wo die
lteste Schwester begraben wurde, schlo die Mutter das Haus zu und verlie
mit den beiden letzten Kindern, die ihr noch geblieben waren, die Heimat.
Sie ging mit ihnen nach Schonen, weil sie hoffte, dort Arbeit auf den
Rbenfeldern zu bekommen, und sie erhielt auch eine Stellung in der
Zuckerfabrik zu Jordberga. Die Mutter war eine tchtige Arbeiterin und
hatte ein frhliches, offenes Wesen. Jedermann hatte sie gern; viele
verwunderten sich, da sie nach allem, was sie durchgemacht hatte, noch so
ruhig sein knnte; aber sie hatte ein starkes, geduldiges Herz. Wenn jemand
die beiden prchtigen Kinder lobte, erwiderte sie nur: Sie werden auch
bald sterben. Und dies sagte sie, ohne da ihre Stimme zitterte und ohne
da ihr die Trnen in die Augen traten. Sie hatte sich daran gewhnt,
nichts andres mehr zu erwarten.

Aber es kam nicht so, wie sie erwartete. Statt dessen wurde sie selbst
krank. Es ging rasch zu Ende mit ihr, noch rascher als mit den kleinen
Geschwistern. Im Anfang des Sommers war sie nach Schonen gezogen; und als
der Herbst kam, waren die Kinder allein.

Whrend die Mutter krank lag, sagte sie immer wieder zu ihren Kindern, sie
habe nie bereut, da sie die arme Frau damals bei sich aufgenommen htten,
und das sollten sie niemals vergessen. Denn wenn man recht gehandelt habe,
dann sei das Sterben nicht schwer. Alle Menschen mten sterben, dem Tode
knne keiner entrinnen; das aber habe man selbst in der Hand, ob man mit
einem guten oder einem schlechten Gewissen sterben msse.

Ehe die Mutter starb, suchte sie noch einigermaen fr die Kinder zu
sorgen. Sie bat die Leute, bei denen sie wohnte, sie mchten die Kinder
doch in der Kammer, wo sie alle drei zusammen gewohnt htten, auch ferner
verbleiben lassen. Wenn die Kinder nur einen Aufenthaltsort htten, wrden
sie niemand zur Last fallen; sie knnten sich selbst versorgen, das wisse
sie. Die Kinder durften dann wirklich die Kammer behalten; sie muten aber
dafr die Gnse hten, denn fr diese Arbeit findet man nur schwer die
richtigen Kinder. Es ging dann wirklich, wie die Mutter gesagt hatte: die
beiden Kinder sorgten selbst fr ihren Unterhalt. Das kleine Mdchen konnte
Hustenzucker kochen, und der Junge konnte aus Holz allerlei Spielzeug
verfertigen, das er ringsum auf den Hfen verkaufte. Die Kinder hatten
Handelstalent, und nach einiger Zeit fingen sie an, bei den Bauern Eier und
Butter aufzukaufen, die sie dann wieder an die Arbeiter der Zuckerfabrik
verkauften. Sie waren sehr ordentlich und pnktlich, und man konnte ihnen
alles anvertrauen, was es auch immer sein mochte. Das Mdchen war das
ltere von den beiden, und mit dreizehn Jahren war sie schon so zuverlssig
wie ein Erwachsenes. Sie war still und ernst, aber der Junge war redselig
und lustig, und die Schwester sagte immer von ihm, er schnattere mit den
Gnsen auf der Wiese um die Wette.

Als die Kinder zwei Jahre auf Jordberga gewohnt hatten, wurde eines Abends
in der Schule ein Vortrag gehalten. Der Vortrag war zwar eigentlich nur fr
Erwachsene bestimmt, aber die beiden smlndischen Kinder saen auch unter
den Zuhrern; die Kinder selbst rechneten sich gar nicht zu den Kindern, ja
die Erwachsenen taten es kaum. Der Redner sprach von jener traurigen
Krankheit, der Tuberkulose, die jedes Jahr so viele Menschen in Schweden
zum Opfer fordere. Er sprach sehr klar und leicht verstndlich, und die
Kinder verstanden jedes Wort.

Nach dem Vortrag blieben sie vor der Schule stehen und warteten. Als der
Redner aus dem Hause trat, faten sie einander bei der Hand, schritten
feierlich auf ihn zu und fragten ihn, ob sie etwas mit ihm besprechen
drften.

Der Redner schaute wohl ein wenig verwundert drein, als er diese beiden
Kinder sah, die da vor ihm standen mit ihren runden, rosigen
Kindergesichtern und mit einem Ernst sprachen, der dreimal so alten Leuten
angestanden htte; aber er hrte sie doch sehr freundlich an.

Die Kinder erzhlten, was sie daheim erlebt hatten, und fragten dann den
Redner, ob er glaube, da ihre Geschwister und die Mutter an der Krankheit
gestorben seien, die er eben in seinem Vortrag beschrieben habe. Ja, das
sei sehr wahrscheinlich, antwortete der Redner. Es knnte wohl kaum eine
andere Krankheit gewesen sein.

Die Kinder fragten weiter: Wie, wenn nun Vater und Mutter das, was die
beiden Kinder an diesem Abend erfahren hatten, damals schon gewut und sich
in acht genommen htten, wenn sie die Kleider der Kranken verbrannt und
auch das Bett nicht mehr benutzt htten,-- wren dann vielleicht alle die
noch am Leben, um die sie jetzt trauern mten?

Der Redner antwortete, das knne niemand ganz bestimmt sagen, aber er knne
sich wohl denken, da keines von ihren eigenen Angehrigen htte zu sterben
brauchen, wenn sie es verstanden htten, sich vor der Ansteckung zu hten.

Jetzt zgerten die Kinder ein wenig, ehe sie ihre nchste Frage
vorbrachten; aber sie rhrten sich nicht von der Stelle, denn die Frage,
die sie jetzt beantwortet haben wollten, war die allerwichtigste.
Schlielich kam die Frage heraus: Ob es dann nicht wahr sei, da die
Zigeunerin die Krankheit ber sie herabbeschworen habe, weil sie der armen
Frau, auf die das Zigeunerweib seinen Ha geworfen hatte, geholfen htten?
Ob es nicht ein Fluch gewesen sei, der sie getroffen habe?

Nein, das sei durchaus nicht der Fall gewesen, erwiderte der Redner, das
knne er ihnen getrost versichern. Kein Mensch habe die Macht, auf solche
Weise eine Krankheit ber einen andern zu bringen. Und sie wten ja, da
sich die Krankheit im ganzen Lande in fast allen Husern eingenistet habe,
obgleich sie nicht berall so viele weggerafft habe wie bei ihnen.

Hierauf bedankten sich die Kinder und gingen miteinander nach Hause.

Am nchsten Tage aber erschienen die Kinder bei ihrem Brotherrn und
kndigten ihre Stelle. Sie sagten, sie knnten in diesem Jahre die Gnse
nicht hten, sie mten wo anders hin. Ja, wohin sie denn wollten? fragte
er. Sie mten ausziehen und ihren Vater suchen, lautete die Antwort, denn
sie mten ihm sagen, da die Mutter und die Geschwister an einer
gewhnlichen Krankheit gestorben seien, und nicht an einem Fluche, den bse
Menschen auf sie herabbeschworen htten. Sie seien selbst so froh darber,
da sie dies erfahren htten; aber deshalb hielten sie es jetzt fr ihre
Pflicht, es ihrem Vater mitzuteilen, denn er grble gewi noch bis zu
diesem Tage darber nach.

Zuerst begaben die Kinder sich in ihre alte Heimat auf der Heide bei
Sunnerbo, und als sie dort ankamen, stand zu ihrer groen Verwunderung das
Huschen in hellen Flammen.

Hierauf gingen sie ins Pfarrhaus, und da erfuhren sie, da ein Mann, der
bei der Eisenbahn beschftigt war, ihren Vater bei Malmberget hoch droben
in Lappland gesehen habe.

Damals habe er in den Erzgruben gearbeitet, und er tue das vielleicht noch,
aber ganz sicher sei es nicht. Als der Pfarrer hrte, da die Kinder
ausziehen wollten, ihren Vater zu suchen, holte er eine Landkarte herbei,
zeigte ihnen darauf, wie weit es nach Malmberget war, und riet ihnen von
der Reise ab. Aber die Kinder sagten, es sei durchaus notwendig, sie mten
versuchen, ihren Vater zu finden. Er sei aus seiner Heimat geflohen, weil
er etwas geglaubt habe, was sich gar nicht so verhalten htte, und nun
mten sie ihm sagen, da er sich getuscht habe.

Die Kinder hatten sich von ihrem Handel etwas Geld erspart; aber sie
wollten es lieber nicht fr die Eisenbahn ausgeben, und so entschlossen sie
sich, zu Fu zu gehen. Und sie bereuten es nachher ganz und gar nicht, denn
es war eine wunderbar schne Fureise.

Noch ehe sie Smland hinter sich hatten, gingen sie eines Tages in einen
Bauernhof hinein, etwas zu essen zu kaufen. Die Hausfrau war frhlich und
redselig, sie fragte die Kinder, wer sie seien und woher sie kmen, und die
Kinder erzhlten ihr ihre ganze Geschichte. Ach du lieber Gott! Ach du
lieber Gott! rief die Frau ein Mal ums andere, whrend die Kinder
erzhlten. Dann tischte sie ihnen viel Gutes zu essen auf, und sie durften
durchaus nichts dafr bezahlen. Als sie sich bedankten und zum Weitergehen
anschickten, fragte die Buerin, ob sie nicht im nchsten Dorfe bei ihrem
Bruder einkehren wollten, und sie sagte ihnen auch, wie er hie und wo er
wohnte. Ja, das wollten die Kinder natrlich sehr gerne.

Ihr sollt ihn von mir gren und ihm erzhlen, was ihr alles erlebt habt,
trug ihnen die Buerin zuletzt noch auf.

Die Kinder taten es, und der Bruder der Buerin nahm sie auch sehr
freundlich auf. Er fuhr sie auf einen Hof im nchsten Dorfe, und da wurde
ihnen auch eine gute Aufnahme zuteil. So oft sie nun von einem Hofe
weggingen, hie es immer: Wenn ihr da oder dorthin kommt, dann geht nur
hinein und erzhlt, was ihr erlebt habt!

In den Hfen, wohin die Kinder gewiesen wurden, war immer irgend jemand
brustkrank. Und ohne da sie es wuten, wanderten nun diese beiden Kinder
durchs Land und belehrten die Menschen darber, welche gefhrliche
Krankheit das war, die sich in den Heimsttten eingeschlichen hatte, und
wie sie am besten bekmpft werden knnte.

In den alten Zeiten, wo die Pest, die der schwarze Tod genannt wurde, das
Land verheerte, sollen der Sage nach ein Junge und ein Mdchen von Hof zu
Hof gewandert sein. Der Junge trug eine Harke in der Hand, und wenn er vor
einem Hause anhielt und mit seiner Harke vor der Tr rechte, so bedeutete
das, da darinnen viele, aber doch nicht alle sterben wrden, denn die
Zhne einer Harke stehen weit voneinander ab und nehmen nicht alles mit.
Das Mdchen aber trug einen Besen in der Hand, und wenn sie vor einer Tr
kehrte, dann bedeutete es, da alle, die darinnen wohnten, sterben mten;
denn der Besen ist ein Gert, das vollstndig rein fegt.

Ist es nun nicht merkwrdig, da in unseren Tagen zwei Kinder einer
schweren und gefhrlichen Krankheit wegen durchs Land ziehen muten? Aber
diese Kinder schreckten die Leute nicht mit Harke und Besen, sie sagten im
Gegenteil: Wir drfen uns nicht daran gengen lassen, nur den Hof zu
rechen und den Boden zu scheuern. Wir mssen auch Schrubber und Brste und
Seife gebrauchen. Vor unserer Tr soll rein gefegt sein, sowohl innerhalb
als auerhalb, und wir selbst sollen uns auch rein halten. Auf diese Weise
werden wir schlielich Herr ber die Krankheit werden.


Klein-Mats Begrbnis

Klein-Mats war tot. Allen, die ihn noch vor ein paar Stunden frisch und
froh gesehen hatten, erschien es unglaublich; aber leider war es doch so.
Klein-Mats war tot und mute begraben werden.

Klein-Mats starb eines Morgens in aller Frhe, und auer seiner Schwester
sa war niemand beim Sterben anwesend.

Rufe niemand herbei, sagte Klein-Mats, als es dem Ende zuging. Und die
Schwester tat nach seiner Bitte. Ich bin so froh, da ich nicht an der
Krankheit sterbe, sa, sagte Klein-Mats. Du nicht auch? Und als die
Schwester nichts erwiderte, fuhr er fort: Ich mache mir gar nichts aus dem
Sterben, wenn ich nur nicht auf dieselbe Weise sterben mu wie die Mutter
und unsere Geschwister. Wenn das geschehen wre, httest du den Vater wohl
kaum berzeugen knnen, da die anderen nur von einer gewhnlichen
Krankheit hinweggerafft worden sind; aber du wirst sehen, jetzt gelingt es
dir.

Als alles vorber war, blieb sa noch lange neben dem toten Bruder sitzen
und dachte darber nach, was der kleine Bruder whrend seines Lebens hatte
durchmachen mssen. Und dabei dachte sie, er habe in der Tat alles Unglck
und Ungemach mit dem Mut eines erwachsenen Menschen getragen. Seine letzten
Worte fielen ihr ein. Wie tapfer war er doch immer gewesen! Sie war sich
vollstndig klar darber, da Klein-Mats, wenn er nun begraben wurde, mit
ganz denselben Ehren in die Erde versenkt werden msse, wie ein erwachsener
Mensch.

Sie unterschtzte zwar die Schwierigkeit, das durchzusetzen, durchaus
nicht; aber sie wnschte es eben von ganzem Herzen, und fr Klein-Mats
wollte sie das uerste versuchen.

Das Gnsemdchen sa befand sich um diese Zeit hoch droben in Lappland, bei
dem groen Grubenfeld, das Malmberget genannt wird. Es war merkwrdig, da
sie sich gerade dort befand, aber es war vielleicht ganz gut so fr sie.

Klein-Mats und seine Schwester waren durch groe endlose Wlder gewandert,
bis sie endlich hierher gelangt waren. Mehrere Tage lang hatten sie weder
cker noch Gehfte gesehen, nichts als kleine Posthuser, bis sie
schlielich ganz unvermutet an dem groen Friedhof von Gellivare angekommen
waren.

Dieses Dorf lag mit seiner Kirche, seinem Bahnhof, mit Rathaus, Bank,
Apotheke und Gasthaus am Fu eines hohen Berges, auf dem noch jetzt mitten
im Sommer helle Streifen Schnee schimmerten. Die Huser in Gellivare waren
fast alle noch ganz neu und gut und ordentlich gebaut. Wenn die Kinder
nicht den Schnee auf den Bergen und die noch vollstndig kahl dastehenden
Birken gesehen htten, wre ihnen Gellivare gar nicht wie ein hoch droben
in Lappland liegender Ort vorgekommen. Und doch war Gellivare noch nicht
der Ort, wo ihr Vater zu finden sein sollte, es war vielmehr Malmberget,
das noch eine Strecke weiter nrdlich lag, und dort htte es sicher nicht
so ordentlich ausgesehen wie hier in Gellivare.

Das aber hatte folgenden Grund. Obgleich die Menschen schon lange gewut
hatten, da sich in der Nhe von Gellivare sehr viel Eisenerz fand, war
doch die Ausbeutung erst vor einigen Jahren richtig in Gang gekommen,
nachdem die Eisenbahn fertig geworden war. Dann aber strmten mehrere
tausend Menschen auf einmal hinauf, und es war auch Arbeit genug fr sie
da, nur fehlte es an Husern, und diese muten sie sich nun, so gut es eben
ging, in aller Eile herstellen; die einen zimmerten sich aus unbehauenen
Balken Htten zusammen, andere wohnten in Schuppen, die sie sich aus Kisten
und leeren Dynamitdosen bauten, die sie wie Backsteine aufeinander legten.
Jetzt waren allmhlich ziemlich viele ordentliche Huser entstanden, aber
der ganze Ort sah jedenfalls hchst merkwrdig aus. Da waren groe Viertel
mit schnen, hellen Husern, aber dazwischen stie man pltzlich auf
ungerodeten Waldboden mit Baumstmpfen und Steinblcken. Die Inspektoren
und Ingenieure hatten schne groe Wohnhuser, und daneben waren niedrige
komische Baracken, die von der ersten Zeit her noch dastanden. berdies gab
es Eisenbahnen, elektrisches Licht und groe Maschinenhuser. Durch einen
mit Glhlichtern erhellten Tunnel konnte man tief ins Gebirge hineinfahren;
berall herrschte ein gewaltiges Treiben, und ein mit Eisenerz
schwerbeladener Zug um den andern fuhr vom Bahnhof ab. Aber ringsumher lag
noch das groe dland, wo noch kein Acker bestellt, noch kein Haus gebaut
wurde, wo niemand anders wohnte als Lappen, die mit ihren Renntieren
umherzogen.

Jetzt sa sa bei der Leiche ihres Bruders und dachte daran, da es im
Leben gerade so zugehe, wie hier an diesem Orte. Meistens ging es ja wohl
ordentlich und friedlich zu; aber sie hatte doch auch hier dies und jenes
gesehen, was wild und seltsam war, und sie hatte das Gefhl, da es
vielleicht hier leichter anginge als an anderen Orten, etwas durchzusetzen,
was auerhalb des Gewhnlichen lag.

[Illustration]

Sie dachte daran, wie es ihnen ergangen war, als sie nach Malmberget
gekommen und nach einem Arbeiter gefragt hatten, der Jon Assarsson heie
und zusammengewachsene Augenbrauen habe. Diese zusammengewachsenen
Augenbrauen fielen einem bei dem Vater zuerst auf. Dadurch konnten sich die
Leute sehr leicht an ihn erinnern, und die Kinder erfuhren auch sogleich,
da ihr Vater mehrere Jahre lang in Malmberget gearbeitet habe, jetzt aber
auf der Wanderschaft sei. Sobald die Unruhe ber ihn komme, streife er
planlos umher. Wohin er gegangen war, wute niemand, aber alle waren fest
berzeugt, er werde in ein paar Wochen wieder zurckkommen. Und wenn die
beiden Jon Assarssons Kinder seien, knnten sie ja, whrend sie auf den
Vater warteten, wohl in seiner Htte wohnen. Eine Frau hatte dann den
Hausschlssel unter der Trschwelle hervorgezogen und die Kinder eintreten
lassen. Niemand verwunderte sich ber ihr Kommen, aber ebensowenig schien
sich jemand darber zu verwundern, da der Vater bisweilen zwecklos in der
Einde umherwanderte. Hier oben waren sie wohl daran gewhnt, da jeder
nach seinem eigenen Kopf handelte.

sa war gleich mit sich im reinen, wie Klein-Mats Begrbnis gehalten werden
sollte. Am vergangenen Sonntag hatte sie dem Begrbnis eines
Grubenaufsehers beigewohnt. Der Sarg war von den eigenen Pferden des
Inspektors in die Kirche nach Gellivare gefahren worden, und ein langer Zug
Grubenarbeiter war hinter dem Sarge hergegangen. Am Grabe hatte eine
Musikkapelle gespielt und ein Singchor gesungen. Und nach dem Begrbnis
waren alle, die mit in der Kirche gewesen waren, in die Schule zum Kaffee
eingeladen gewesen. So etwas hnliches wnschte das Gnsemdchen sa fr
ihren Bruder Klein-Mats.

Sie hatte sich schon so lebhaft in die Sache hineingelebt, da sie den
ganzen Leichenzug fast schon vor sich sah; aber dann sank ihr der Mut
wieder, und sie sagte sich, es werde doch wohl nicht so sein knnen, wie
sie es wnschte. Nicht weil es zu teuer gewesen wre; sie und Klein-Mats
hatten sich viel Geld erspart, und sie konnte dem Bruder ein so schnes
Begrbnis verschaffen, wie nur jemand wnschen konnte. Die Schwierigkeit
lag ganz wo anders. Erwachsene Menschen, das wute sa, wollten sich nie
nach einem Kinde richten, und sa war ja nur ein paar Jahre lter als
Klein-Mats, der jetzt, wo er tot neben ihr lag, gar so klein und mager
aussah. Und sa war ja selbst noch ein Kind.

Die erste, mit der sa des Begrbnisses wegen sprach, war die
Krankenpflegerin. Schwester Hilma kam, kurz nachdem Klein-Mats den letzten
Atemzug getan hatte, vor dem Huschen an, und schon bevor sie die Tr
aufmachte, wute sie, wie es drinnen stand. Um diese Zeit mute es zu Ende
sein. Am vorhergehenden Nachmittag war Klein-Mats in der Nhe der Gruben
umhergestreift und stand zu nahe an einem Lichtschacht, als eben eine
Sprengung im Gange war; da hatten ihn einige umherfliegende Steine
getroffen. Er war ganz allein gewesen und hatte lange ohnmchtig auf dem
Boden gelegen, ohne da jemand wute, was geschehen war. Schlielich
bekamen ein paar Mnner, die unter dem Lichtschacht arbeiteten, auf hchst
seltsame Weise Kenntnis von dem Unglcksfall. Sie behaupteten, ein kleines
Knirpschen, kaum eine Spanne hoch, sei am Rande der Grube erschienen und
habe ihnen zugerufen, sie sollten rasch Klein-Mats zu Hilfe kommen, er
liege vor der Grube und sei am Verbluten. Hierauf war Klein-Mats nach Hause
getragen und verbunden worden; aber es war schon zu spt gewesen. Er hatte
so viel Blut verloren, da er nicht mehr zu retten war.

Als die Krankenschwester ins Zimmer trat, dachte sie weniger an Klein-Mats,
als an seine Schwester. Was soll ich nur mit dem armen Kinde anfangen?
fragte sie sich. Sie wird ganz untrstlich sein.

Aber sie sah bald, da sa weder weinte noch jammerte, sondern ganz ruhig
bei allem half, was getan werden sollte. Die Krankenpflegerin verwunderte
sich sehr darber; aber sie erhielt Aufklrung, als sa mit ihr wegen des
Begrbnisses sprach.

Wenn man mit jemand wie Klein-Mats zusammengewesen ist, sagte sa, die
sich leicht ein wenig altklug und feierlich ausdrckte, dann mu man vor
allem anderen daran denken, wie man ihn ehren kann, so lange es noch
mglich ist. Nachher ist Zeit genug zum Weinen.

Und dann bat sie die Krankenschwester, ihr zu helfen, da Klein-Mats ein
ehrenvolles Begrbnis bekme. Niemand verdiene ein solches mehr als
Klein-Mats, sagte sa.

Die Krankenschwester meinte, wenn dieser Gedanke dem armen verlassenen
Kinde Trost gewhren knne, so sei das nur ein groes Glck fr sa. Sie
versprach, ihr zu helfen, und das war fr sa von grter Wichtigkeit, ja
es war ihr, als sei das Ziel jetzt schon fast erreicht; denn Schwester
Hilmas Stimme fiel hier schwer ins Gewicht. Auf dem groen Grubenfeld, wo
die Sprengschsse jeden Tag ertnten, mute ja jeder Arbeiter jeden
Augenblick gewrtig sein, von einem umherfliegenden Stein oder einem
herabrollenden Felsblock getroffen zu werden, und deshalb wollte sich jeder
mit der Krankenschwester gut stellen.

Als darum Schwester Hilma und sa bei den Grubenarbeitern herumgingen und
sie baten, am nchsten Sonntag Klein-Mats das Trauergeleite zu geben,
schlugen ihnen nicht viele ihre Bitte ab. Wenn Schwester Hilma uns darum
bittet, dann tun wir es, sagten sie.

Auch mit der Musik brachte die Krankenpflegerin alles nach Wunsch in
Ordnung; es sollte am Grabe geblasen und von dem kleinen Singchor auch ein
Lied gesungen werden. Wegen des Schulhauses tat Schwester Hilma keine
Schritte; da es aber noch schnes bestndiges Sommerwetter war, wurde
beschlossen, die Leidtragenden im Freien mit Kaffee zu bewirten. Tische und
Bnke sollten aus dem Saale der Guttempler und Tassen und Teller vom
Kaufmann entlehnt werden. Zwei Grubenarbeiterfrauen, die in den Truhen
allerlei Vorrte hatten, die sie, so lange sie hier in der Einde wohnten,
nicht gebrauchten, nahmen der Schwester zuliebe feines Tischzeug heraus,
das auf die Kaffeetische gebreitet werden sollte.

Dann wurden Zwiebacke und Bretzeln bei einem Bcker in Boden und
schwarz-weies Konfekt bei einem Konditor in Lule bestellt.

Es herrschte eine solche Aufregung wegen dieses Begrbnisses, das sa ihrem
Bruder veranstalten wollte, da in ganz Malmberget davon gesprochen wurde.
Und schlielich erfuhr auch der Inspektor, was sich da vorbereitete.

Als dieser hrte, da fnfzig Grubenarbeiter einen zwlfjhrigen Jungen zu
Grabe geleiten sollten, der, soviel er wute, ein herumziehender
Betteljunge gewesen war, kam es ihm wie der reine Wahnsinn vor. Und Gesang
und Musik und Kaffeebewirtung sollte es geben! Und das Grab mit Tannenreis
geschmckt, und Konfekt von Lule! Er lie die Krankenpflegerin zu sich
kommen und befahl ihr, die ganze Sache zu verhindern.

Es ist unrecht, wenn man das Kind sein Geld auf diese Weise verschleudern
lt, sagte er. Erwachsene Leute knnen sich doch unmglich nach dem
Einfall eines Kindes richten. Ihr macht euch ja alle miteinander
lcherlich.

Der Inspektor war weder zornig noch bse; er sprach ganz ruhig und bat die
Krankenpflegerin mit einfachen Worten, den Gesang und die Musik und das
groe Geleite abzubestellen. Es sei ja ganz gengend, wenn neun bis zehn
Menschen den Jungen zu Grabe geleiteten. Und die Krankenpflegerin
widersprach dem Inspektor mit keinem Wort, teils aus Respekt, teils auch,
weil sie in ihrem Herzen zugeben mute, da er recht habe. Es war wirklich
zu viel Aufhebens um so einen Betteljungen. Aus Mitleid mit dem armen
Mdchen war ihr das Herz mit dem Verstande durchgegangen.

Von der Villa des Inspektors ging die Krankenpflegerin hinunter in das
Arbeiterviertel, sa zu sagen, da sie es nun nicht so einrichten knne,
wie das Mdchen es wnschte; aber sie tat es nicht mit leichtem Herzen,
denn niemand wute besser als sie, was dieses Begrbnis fr das arme Kind
bedeutete. Auf dem Wege traf sie mit ein paar Arbeiterfrauen zusammen;
diesen teilte sie ihre Sorgen mit, und die Arbeiterfrauen sagten sogleich,
der Inspektor habe ganz recht, es htte gar keinen Sinn, wenn man mit einem
Betteljungen soviel Umstnde machen wrde. Das arme Mdchen tue ihnen zwar
herzlich leid, aber es wre ganz unnatrlich, wenn man ein Kind auf diese
Weise alles einrichten und anordnen liee, deshalb sei es ganz gut, wenn
aus dem Ganzen nichts wrde.

Beim Nachhausegehen teilten die Frauen die Geschichte noch anderen mit, und
bald hatte sich von dem Arbeiterviertel bis nach den Grubenschchten die
Nachricht verbreitet: das groe feierliche Begrbnis fr Klein-Mats drfe
nicht stattfinden; und da stimmte jedermann sogleich darin berein, da es
so allein richtig sei.

In ganz Malmberget war gewi nur eine einzige Person, die anderer Meinung
war, und diese eine war das Gnsemdchen sa.

Die Krankenpflegerin hatte wirklich einen schweren Kampf mit ihr; sa
klagte nicht und weinte nicht, aber sie wollte nicht nachgeben. Sie sagte,
da sie von dem Inspektor keine Hilfe verlange, habe er ja gar nichts dabei
zu tun. Er knne ihr doch nicht verbieten, ihren Bruder zu begraben, wie
sie wollte.

Erst als ihr mehrere von den Frauen erklrt hatten, nachdem der Inspektor
nichts davon wissen wolle, werde nicht eine von ihnen an dem Begrbnis
teilnehmen, wurde ihr klar, da sie dessen Erlaubnis haben msse.

sa sa einen Augenblick ganz still da und berlegte, dann stand sie rasch
auf.

Wohin willst du? fragte die Krankenschwester.

Ich mu selbst mit dem Inspektor reden, antwortete sa.

Du denkst doch wohl nicht, er werde sich darum kmmern, was du ihm sagst?
riefen die Frauen.

Ich glaube, Klein-Mats wre es recht, wenn ich hinginge, sagte sa. Der
Inspektor wei vielleicht gar nicht, was fr ein Mensch Klein-Mats gewesen
ist.

Das Gnsemdchen sa machte sich rasch fertig und war bald auf dem Wege zum
Inspektor. Aber es ist wohl kaum ntig, zu sagen, wie unerhrt es war, da
ein Kind wie sa berhaupt daran denken konnte, den Inspektor, den
mchtigsten Mann in ganz Malmberget, von seinem einmal ausgesprochenen
Willen abzubringen. Deshalb gingen auch die Krankenschwester und die andern
Frauen ganz von selbst hinter ihr her, um zu sehen, ob sie wirklich den Mut
htte, in die Villa hineinzugehen.

Das Gnsemdchen sa ging in der Mitte der Strae, und whrend sie so dahin
wanderte, hatte sie etwas an sich, da sich die Leute unwillkrlich nach
ihr umschauten. Sie schritt so ernst und wrdig einher wie ein junges
Mdchen, das am Konfirmationstag zum Altar schreitet. Sie hatte sich ein
groes schwarzseidenes Tuch, ein Erbstck von ihrer Mutter, um den Kopf
geschlungen, in der Hand trug sie ein zusammengefaltetes Taschentuch und in
der anderen ein Krbchen Spielsachen, die Klein-Mats verfertigt hatte.

Als die am Wege spielenden kleinen Kinder sa so daherkommen sahen, liefen
sie auf sie zu und riefen: Wohin gehst du, sa? Wohin gehst du?

Aber sa gab keine Antwort; sie hatte die Frage nicht einmal gehrt und
ging ruhig weiter. Als aber die Kinder immer wieder fragten und sa an den
Kleidern zogen, hielten die hinterherkommenden Weiber die Kinder zurck und
geboten ihnen Schweigen. Lat sie gehen, sagten sie. Sie geht zum
Inspektor, ihn zu bitten, da sie ihrem Bruder, Klein-Mats, ein groes
Begrbnis halten darf.

Da wurden auch die Kinder von Erstaunen berwltigt, weil sa sich auf
etwas so Khnes einlassen wollte, und eine kleine Schar Kinder lief mit, zu
sehen, wie das ablaufen wrde.

Dies alles trug sich etwa um sechs Uhr nachmittags zu, als eben die
Arbeiter in den Gruben Schicht machten; und als sa eine Strecke weit
gegangen war, kamen mehrere hundert Arbeiter mit langen, hastigen Schritten
des Weges daher. Fr gewhnlich sahen sie, wenn sie von der Arbeit kamen,
weder rechts noch links, aber als sie sa begegneten, merkten einige
gleich, da das Kind etwas Ungewhnliches vorhatte, und fragten es, was
geschehen sei. sa sagte kein Wort, aber die Kinder schrieen laut
durcheinander, wohin sie wollte. Da dachten einige der Arbeiter, das sei
doch ein sehr mutiges Unterfangen von einem Kinde, und sie gingen auch mit,
zu sehen, wie es ihr dabei ginge.

sa ging in das Kontorgebude hinein, wo der Inspektor um diese Zeit
gewhnlich bei seiner Arbeit sa. Als sie in den Flur trat, ging die Tr
auf, und der Inspektor stand vor ihr; er hatte den Hut auf und den Stock in
der Hand und war auf dem Wege nach seiner Wohnung, um zu Mittag zu essen.

Wen mchtest du sprechen? fragte er, als er das kleine Mdchen sah, das
mit einem schwarzseidenen Tuch um den Kopf und einem zusammengefalteten
Taschentuch in der Hand so feierlich daherkam.

Ich mchte gern mit dem Herrn Inspektor selbst sprechen, antwortete sa.

Ach so! Nun dann komm herein! sagte der Inspektor und trat wieder ins
Kontor. Er lie die Tr hinter sich offen, denn er dachte natrlich, das
kleine Mdchen wrde ihn nicht lange aufhalten. So kam es, da die
Personen, die hinter sa hergekommen waren und nun im Flur und auf der
Treppe standen, hrten, was im Kontor vorging.

Nachdem das Gnsemdchen sa eingetreten war, richtete sie sich zuerst auf,
schob das seidene Tuch zurck und heftete ihre runden Kinderaugen, die
einen so ernsten Blick hatten, da es einem ins Herz schnitt, ruhig auf das
Gesicht des Inspektors. Klein-Mats ist ja nun tot, begann sie, und dabei
zitterte ihre Stimme, da sie einen Augenblick nicht weiter sprechen
konnte.

Jetzt wute der Inspektor, wen er vor sich hatte. Ach so, du bist also das
kleine Mdchen, das das groe Begrbnis halten will, sagte er freundlich.
Das mut du aber lassen, Kind. Es wird zu teuer fr dich. Wenn ich nur
frher etwas davon gewut htte, dann wrde ich es gleich verhindert
haben.

Es zuckte in dem Gesicht des kleinen Mdchens, und der Inspektor glaubte,
sie wrde in Trnen ausbrechen. Statt dessen aber sagte sie: Darf ich dem
Herrn Inspektor nicht ein wenig von Klein-Mats erzhlen?

Ich habe eure Geschichte schon gehrt, erwiderte der Inspektor in seiner
gewhnlichen ruhigen, freundlichen Weise. Du tust mir von Herzen leid, das
darfst du mir glauben. Ich will gewi nur dein Bestes.

Da richtete sich das Gnsemdchen sa noch hher auf, und sie begann mit
lauter, klarer Stimme: Von seinem neunten Jahre an hat Klein-Mats weder
Vater noch Mutter mehr gehabt, und von da an hat er ganz fr sich selbst
sorgen mssen wie ein erwachsener Mann. Er ist sich stets zu gut zum
Betteln gewesen, niemals htte er auch nur um einen Teller Suppe gebeten,
ohne dafr bezahlen zu wollen. Er hat immer gesagt: >Ein Mann darf nicht
betteln, das schickt sich nicht fr ihn.< Um etwas zu verdienen, ist
Klein-Mats umhergegangen und hat Eier und Butter aufgekauft, und da hat er
seine Sache so gut gemacht wie ein gewiegter Kaufmann. Er hat nie etwas
verschleudert und niemals auch nur einen roten Heller fr sich behalten,
sondern alles miteinander mir gebracht. Wenn er die Gnse htete, hat er
immer eine Arbeit mitgenommen und ist dann so fleiig gewesen, wie nur ein
Erwachsener es sein kann. Die Bauern in Schonen haben Klein-Mats, wenn er
von Hof zu Hof wanderte, oft sehr groe Summen mitgegeben, denn sie wuten,
da sie sich auf Klein-Mats ebensogut verlassen knnten wie auf sich
selbst. Und deshalb ist es nicht richtig, wenn man sagt, Klein-Mats sei nur
ein Kind gewesen, denn es gibt nicht viele groe Leute, die------

Der Inspektor sah zu Boden; nicht eine Muskel bewegte sich in seinem
Gesicht, und sa schwieg, denn es war ihr, als ob ihre Worte gar keinen
Eindruck auf ihn machten. Daheim in der Htte, da war es ihr gewesen, als
htte sie so gar viel von Klein-Mats zu sagen, aber jetzt kam es ihr
herzlich wenig vor. Ach, wie sollte sie doch den Inspektor zu der Einsicht
bringen, da Klein-Mats es verdiente, mit Ehrenbezeugungen begraben zu
werden, die man einem Erwachsenen zuteil werden lie?

Und wenn ich nun das Begrbnis selbst bezahlen will... begann sa
wieder, verstummte aber aufs neue.

Jetzt hob der Inspektor den Kopf und sah dem Gnsemdchen sa tief in die
Augen. Er prfte sie und schtzte sie ein, wie der zu tun gewohnt ist, dem
viele Menschen unterstellt sind. Und whrend er so tat, dachte er: Dieses
Mdchen hier hat ihre Heimat, ihre Eltern und ihre Geschwister verloren,
aber noch ist ihr Mut nicht gebrochen, es wird ein prchtiges Menschenkind
aus ihr werden. Aber ich darf der Last, die sie zu tragen hat, nicht das
geringste hinzufgen, denn das knnte der Strohhalm sein, unter dem sie
zusammenbrche. Er verstand, was das fr sie gewesen war, als sie sich
entschlo, hierherzukommen, um mit ihm zu sprechen. Sie mute diesen Bruder
ber alles geliebt haben! Nein, einer solchen Liebe durfte man keine
abschlgige Antwort geben!

Ja, ja, ich mu dich wohl gewhren lassen, sagte der Inspektor.

[Illustration]




45

Bei den Lappen


Das Begrbnis war vorber. Die Gste des Gnsemdchens sa waren gegangen,
und sie sa allein in der kleinen Htte, die ihrem Vater gehrt hatte. sa
hatte die Tr verriegelt, um in Ruhe und Frieden an ihren Bruder denken zu
knnen. Sie dachte an alles, was Klein-Mats gesagt und getan hatte, an eins
nach dem andern; es war so viel, da sie ganz verga, zu Bett zu gehen, und
nicht nur den ganzen Abend, sondern auch noch spt in der Nacht in ihre
Gedanken versunken sitzen blieb. Je mehr sie an ihren Bruder dachte, desto
deutlicher sah sie, wie schwer es ihr werden wrde, ohne ihn weiter zu
leben, und schlielich legte sie den Kopf auf den Tisch und weinte
bitterlich. Was soll aus mir werden, wenn ich Klein-Mats nicht mehr habe?
schluchzte sie.

Es war, wie gesagt, schon spt in der Nacht, und das Gnsemdchen sa hatte
einen anstrengenden Tag hinter sich, deshalb war es nicht verwunderlich,
da sie der Schlaf bermannte, sobald sie den Kopf auf den Tisch sinken
lie. Und ebensowenig verwunderlich war es, da ihr von Klein-Mats trumte,
an den sie immerfort gedacht hatte. Pltzlich war es ihr, als trete
Klein-Mats leibhaftig zu ihr ins Zimmer herein und sage: sa, nun mut du
dich aufmachen und unsern Vater suchen. Und sie schien zu antworten: Wie
knnte ich das, ich wei ja nicht einmal, wo ich ihn suchen soll?

Darber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, antwortete Klein-Mats in
seiner gewohnten frischen, frhlichen Art. Ich will dir jemand schicken,
der dir helfen kann.

In demselben Augenblick, wo das Gnsemdchen sa also trumte, klopfte es
an ihre Kammertr. Und das war ein wirkliches Klopfen, nicht eines, das sie
nur im Traume hrte. Aber sie war noch ganz in ihrem Traume befangen und
konnte nicht unterscheiden, was Wirklichkeit und was Einbildung war. Als
sie nun hinging und die Tr ffnete, dachte sie: Nun kommt ganz bestimmt
der Helfer, den mir Klein-Mats zu schicken versprochen hat.

Htte nun Schwester Hilma oder irgend ein anderer richtiger Mensch auf der
Schwelle gestanden, als sa die Tr aufmachte, dann htte sie gleich
gemerkt, da sie nicht mehr trumte; aber dies war nicht der Fall; der,
welcher da drauen stand und geklopft hatte, war gar kein Mensch, es war
ein kleiner Knirps, kaum eine Spanne lang. Obgleich so spt in der Nacht,
war es doch ebenso hell wie bei Tage, und sa erkannte sofort dasselbe
Kerlchen, mit dem sie und Klein-Mats auf ihrer Wanderung durch das Land
schon ein paarmal zusammengetroffen waren. Damals hatte sie sich vor ihm
gefrchtet, und so wre es ihr auch jetzt gegangen, wenn sie ganz hell wach
gewesen wre. Aber sie hatte das Gefhl, als trume sie noch immer, und
deshalb blieb sie ganz ruhig stehen und dachte: Ich habe nichts anderes
erwartet, als da Klein-Mats diesen meinte, als er sagte, er wolle mir
jemand schicken, der mir behilflich sein knne, Vater ausfindig zu machen.
Und darin hatte sie nicht ganz unrecht, denn der kleine Bursche kam aus
keinem anderen Grunde, als wegen ihres Vaters mit ihr zu sprechen. Als er
sah, da sie sich nicht vor ihm frchtete, teilte er ihr mit wenigen Worten
mit, wo ihr Vater sei, und was sie tun msse, um zu ihm zu gelangen.

Aber whrend der Knirps sprach, kehrte sa allmhlich das volle Bewutsein
zurck, und als er ausgesprochen hatte, war sie vollstndig wach. Und da
entsetzte sie sich ber die Maen,-- denn hier stand sie ja und sprach mit
einem, der nicht ihrer Welt angehrte! Sie brachte kein Wort ber die
Lippen, ja nicht einmal einen einfachen Dank, sondern wich rasch ins Zimmer
zurck und schlug die Tr heftig hinter sich zu. Sie glaubte allerdings
noch zu sehen, da das Gesicht des Kleinen einen sehr betrbten Ausdruck
annahm, als sie das tat, aber sie konnte nicht anders. Ganz auer sich vor
Entsetzen, kroch sie nun eiligst in ihr Bett und zog die Decke ber den
Kopf.

Und doch, trotzdem sie so groe Angst vor dem kleinen Knirps hatte, fhlte
sie, da er es gut mit ihr meinte, und am nchsten Tag verlor sie keine
Zeit, das zu tun, was er ihr geraten hatte.

[Illustration]

Auf dem linken Ufer vom Luossajaure, einem kleinen See, der noch viele
Meilen nrdlicher liegt als Malmberget, war ein kleines Lappenlager. Am
sdlichen Ende des Sees ragte ein gewaltiger Berg auf, der Kirunavara heit
und der der Sage nach aus lauter Eisenerz bestehen soll. Auf der
nordstlichen Seite lag wieder ein Berg, der Luossavara heit, und auch das
ist ein an Eisenerz reicher Berg. Zu diesen Bergen hinauf wurde eben die
Eisenbahn von Gellivare aus weitergefhrt, und in der Nhe von Kirunavara
baute man eifrig einen Bahnhof, ein Gasthaus und eine Menge Wohnhuser fr
die Arbeiter und Ingenieure, die hier wohnen sollten, wenn die Ausbeutung
des Erzes einmal ordentlich in Gang gekommen wre. Es war ein ganzes
Stdtchen von hbschen, behaglichen Husern, das da so hoch droben in
diesem nrdlich gelegenen Bezirk entstand, wo die kleinen verkrppelten
Birken, die hier berall wuchsen, ihre Bltter erst nach dem Johannisfest
entfalten knnen. Westlich von dem See lag das Land frei und offen da, und
dort hatten, wie schon gesagt, ein paar Lappenfamilien ihr Lager
aufgeschlagen. Vor ungefhr einem Monat waren sie dahin gekommen und hatten
dann nicht viel Zeit gebraucht, ihre Wohnung in Ordnung zu bringen. Zur
Herstellung eines guten und ebenen Bauplatzes hatten sie weder Felsen
sprengen noch Grundmauern errichten mssen; nachdem sie sich erst einen
guten trockenen Platz in der Nhe des Sees ausgewhlt hatten, brauchten sie
nichts weiter zu tun, als etwas Weidengebsch wegzuhauen und ein paar
Erdhgel zu ebnen, und damit war der Bauplatz hergestellt.

Und dann machten sie sich durchaus keine Sorgen ber alles, was zum Bau
eines Hauses ntig ist. Sie hatten nicht viele Tage lang gehauen und
gehmmert und gezimmert, bis die Holzwnde gesichert dastanden; ebensowenig
hatten sie sich Mhe mit dem Aufrichten des Daches gegeben und sich auch
nicht den Kopf zerbrochen, wie das Haus innen mit Brettern getfelt,
Fenster und Tren eingesetzt und Schlsser und Riegel angebracht wrden.
Sie brauchten nichts weiter, als ihre Zeltstangen fest in den Boden
hineinzuschlagen und die Zeltdecke darber zu hngen, und dann war die
Wohnung schon so gut wie fertig. Auch das Einziehen und Einrichten machte
ihnen recht herzlich wenig Mhe. Das Wichtigste war, einige Fichtenzweige
und ein paar Felle auf dem Boden auszubreiten und an eine eiserne Kette,
die oben an den Zeltstangen befestigt wurde, den groen Kessel zu hngen,
in dem sie sich ihr Renntierfleisch zu kochen pflegten.

Die Ansiedler auf der stlichen Seite des Sees, die aus Leibeskrften
arbeiteten, ihre Huser vor Beginn des strengen Winters fertig zu bringen,
verwunderten sich sehr ber die Lappen, die nun schon seit vielen, vielen
hundert Jahren hier oben in dem kalten Norden umherstreiften, ohne je zu
denken, man knnte einen anderen Schutz vor Sturm und Klte ntig haben als
dnne Zeltwnde. Und die Lappen wunderten sich ihrerseits ber die
Ansiedler, die sich diese ganze schwierige und mhselige Arbeit machten,
wenn doch der Besitz von einigen Renntieren und eines Zeltes zur Erhaltung
des Lebens gengte.

An einem Nachmittag im Juli regnete es da droben am Luossajaure ganz
frchterlich, und die Lappen, die sonst zur Sommerzeit fast die ganzen Tage
und Nchte im Freien zubrachten, waren alle miteinander in einem Zelte
zusammengekrochen; da kauerten sie ums Feuer und tranken Kaffee.

Whrend sie sich so bei dem Kaffeetopf ganz vergnglich unterhielten, kam
von der Kirunaer Seite ein Boot ber den See herbergerudert und legte bei
dem Lappenlager an. Aus dem Boot stieg ein Arbeiter mit einem Mdchen, das
dreizehn bis vierzehn Jahre alt sein mochte. Die Hunde der Lappen rannten
den beiden mit heftigem Bellen entgegen, und einer der Lappen steckte den
Kopf aus der Zeltffnung heraus, um zu sehen, was es gbe. Er war sehr
erfreut, als er den Arbeiter sah, denn dieser war ein guter Freund von den
Lappen, ein freundlicher, redseliger Mann, der sich in der Lappensprache
unterhalten konnte. Der Lappe rief ihm auch gleich zu, er solle nur zu
ihnen ins Zelt hereinkriechen.

[Illustration]

Du kommst wie gerufen, Sderberg, sagte er. Der Kaffeekessel hngt ber
dem Feuer. Bei diesem Regenwetter kann man nichts anderes tun. Komm nur
herein und erzhl uns etwas Neues aus der Welt drauen!

Der Arbeiter kroch zu den Lappen hinein; und mit viel Mhe und unter eitel
Lachen und Scherzen wurde ihm und dem Mdchen in dem kleinen Zelt, das
schon vorher gepfropft voll von Menschen war, noch Platz gemacht, und dann
fing der Mann sogleich an, lappisch mit seinen Wirten zu sprechen. Indessen
sa das Mdchen, das mit ihm gekommen war und von der Unterhaltung nichts
verstand, ganz still da und betrachtete erstaunt den Fleischkessel und den
Kaffeetopf, das Feuer und den Rauch, die Lappen und die Lappenfrauen, die
Kinder und Hunde, die Wnde und den Boden, die Kaffeetassen und die
Tabakspfeifen, die bunten Kleider und die geschnitzten Gerte,-- nichts,
gar nichts war so, wie sie es gewohnt war.

Aber pltzlich gab sie das Umherschauen auf und schlug die Augen nieder,
denn sie fhlte, da alle im Zelte sie ansahen. Sderberg mute etwas von
ihr erzhlt haben, denn jetzt nahmen die Mnner und Weiber ihre kurzen
Tabakspfeifen aus dem Munde und starrten sie an. Der ihr zunchst sitzende
Lappe klopfte ihr auf die Schulter und sagte auf schwedisch: Gut, gut!
Ein Lappenweib schenkte eine groe Tasse Kaffee ein, die ihr mit vieler
Mhe hinbergereicht wurde, und ein Lappenjunge von ungefhr demselben
Alter wie das Mdchen schlngelte sich zwischen die Dasitzenden durch, bis
er ganz nahe zu dem Mdchen hingekommen war. Da blieb er liegen und sah sie
nur immer an.

Das Mdchen erriet, wovon die Rede war: gewi hatte Sderberg erzhlt, wie
sie das feierliche Begrbnis fr Klein-Mats zustande gebracht hatte; aber
sie wnschte innig, er mchte nicht soviel von ihr erzhlen, sondern lieber
die Lappen fragen, ob sie nichts von ihrem Vater wten. Der kleine Knirps
hatte ihr gesagt, er halte sich bei den Lappen auf, die ihr Lager westwrts
vom Luossajaure aufgeschlagen htten, und da hatte sie gebeten, man mchte
sie mit einem der Zge, die Material zum Eisenbahnbau hinaufbrachten,
hinfahren lassen-- denn richtige Zge gingen noch nicht auf dieser
Bahn--, damit sie ihren Vater suchen knne. Alle miteinander, Aufseher und
Arbeiter, waren ihr nach Krften behilflich gewesen, und ein Ingenieur in
Kiruna hatte jetzt Sderberg, der lappisch sprechen konnte, mit ihr ber
den See hinbergeschickt, dort sollte er sich fr sie nach ihrem Vater
erkundigen. Sie hatte gehofft, sie wrde ihn da treffen, sobald sie
angekommen wre, und sie hatte auch gleich ihren Blick prfend von einem
Gesicht zum andern im ganzen Zelt herumgleiten lassen. Aber ach, alle diese
Gesichter gehrten dem Lappenvolk an, der Vater war nicht da!

Je lnger Sderberg mit den Lappen sprach, desto ernster wurden alle; sa
sah es wohl. Die Lappen schttelten die Kpfe und klopften sich an die
Stirne, als wenn sie von jemand sprchen, der nicht ganz bei Verstand sei.
Dies beunruhigte sa sehr, sie konnte nicht mehr ruhig zuhren und zuwarten
und fragte deshalb Sderberg, was die Lappen von ihrem Vater wten.

Sie sagen, er sei auf dem Fischfang, antwortete der Arbeiter, und sie
wten nicht, ob er heute abend zurckkomme. Aber sobald das Wetter wieder
etwas besser ist, will einer von ihnen sich aufmachen und ihn suchen.

Hierauf wendete sich Sderberg wieder an die Lappen und sprach aufs neue
eifrig mit ihnen. Er wollte offenbar nicht, da sa noch mehr Fragen ber
ihren Vater an ihn richte.

Am nchsten Tage war sehr schnes Wetter. Ola Serka, der Vornehmste unter
den Lappen, hatte gesagt, er wolle sich selbst auf die Suche nach sas
Vater machen. Aber er beeilte sich durchaus nicht; ruhig hockte er noch vor
dem Zelte, dachte an Jon Assarsson und berlegte, wie er ihm die Nachricht
von der Ankunft seiner Tochter beibringen sollte. Es handelte sich nmlich
darum, ihm die Nachricht so mitzuteilen, da er nicht erschrak und entfloh,
denn er war ein sehr eigentmlicher Mann, der sich ngstlich htete, mit
Kindern zusammenzutreffen. Er pflegte zu sagen, er bekomme gar so trbe
Gedanken, wenn er Kinder sehe, und das knne er nicht ertragen.

Whrend Ola Serka ber seine Aufgabe nachdachte, saen sa und Aslak, der
Lappenjunge, der am vorhergehenden Abend das Mdchen so unverwandt
angeschaut hatte, auf dem freien Platze vor dem Zelte und plauderten
miteinander. Aslak war in die Schule gegangen und konnte schwedisch
sprechen. Er erzhlte sa von dem Leben seines Volkes und versicherte ihr,
ihnen ginge es besser als allen anderen Menschen. sa dagegen fand, da es
ihnen schrecklich schlecht gehe, und sie sagte ihm das auch.

Du weit nicht, was du sprichst, erwiderte Aslak. Bleibe nur eine Woche
lang bei uns, dann wirst du selbst sehen, da wir das glcklichste Volk auf
der ganzen Welt sind.

Wenn ich eine Woche hier bliebe, wrde ich wahrscheinlich in euerm Zelt
vor lauter Rauch ersticken, sagte sa.

Das darfst du nicht sagen, erwiderte der Lappenjunge. Du weit ja gar
nichts von uns. Ich will dir eine Geschichte erzhlen, daraus kannst du
ersehen, da es dir immer besser bei uns gefallen wrde, je lnger du hier
bliebest.

Und dann fing Aslak an, sa von der Zeit zu erzhlen, wo die groe
Krankheit, die der schwarze Tod genannt wurde, durchs Land gezogen war. Er
wute nicht, ob sie hier oben im richtigen Lappland, wo sie sich jetzt
befanden, gewtet hatte, aber in Jmtland hatte sie ganz frchterlich
gehaust. Von den Lappen, die da in den Wldern und Gebirgen wohnten, waren
bis auf einen einzigen Jungen von fnfzehn Jahren alle gestorben, und von
den Schweden, die in den Tlern wohnten, war niemand verschont geblieben
als ein Mdchen, das auch ungefhr fnfzehn Jahre alt war.

Der Junge und das Mdchen waren einen ganzen Winter hindurch in dem
verlassenen Lande umhergezogen, um andere Menschen zu finden, erzhlte
Aslak weiter. Und gegen das Frhjahr stieen sie endlich aufeinander. Da
bat das schwedische Mdchen den Lappenjungen, mit ihr sdwrts zu ziehen,
damit sie wieder zu Leuten aus ihrem Stamme komme. Sie wolle nicht in
Jmtland bleiben, wo nur verlassene, ausgestorbene Hfe seien.

>Ich will dich fhren, wohin du willst,< sagte der Junge, >aber nicht vor
dem Winter. Jetzt ist es Frhling, meine Renntiere ziehen westwrts ins
Gebirge hinauf, und du weit, wir vom Lappenvolke mssen dahin gehen, wohin
uns unsere Renntiere fhren!<

Das schwedische Mdchen war das Kind reicher Eltern. Sie war gewohnt, in
einem Hause zu wohnen, in einem Bett zu schlafen und an einem Tische zu
essen. Bis jetzt hatte sie das arme Gebirgsvolk immer verachtet, und sie
meinte, die Menschen, die unter freiem Himmel schliefen, mten sehr
unglcklich sein. Aber sie frchtete sich vor der Rckkehr in ihre Heimat,
wo alles ausgestorben war.

>So la mich wenigstens mit dir in die Berge hinaufziehen,< sagte sie zu
dem Jungen, >dann mu ich doch nicht hier allein sein, wo ich nie eine
menschliche Stimme vernehme.<

Der Junge ging gern darauf ein, und so zog das Mdchen mit den Renntieren
hinauf ins Gebirge. Die Herde sehnte sich nach den guten Bergweiden und
legte jeden Tag ein groes Stck Weges zurck. Es blieb den beiden keine
Zeit, ein Zelt aufzuschlagen; nur in den Stunden, wo die Renntiere
anhielten, um zu weiden, konnten sie sich auf den Schnee werfen und ein
wenig schlafen. Die Tiere fhlten den Sdwind durch ihre Pelze wehen, und
sie fhlten auch, da er in wenigen Tagen den Schnee von den Berghngen
wegfegen wrde. Das Mdchen und der Junge muten ihnen durch schmelzenden
Schnee und brechendes Eis hindurch nacheilen. Als sie endlich hoch ins
Gebirge hinaufgekommen waren, wo der Nadelwald aufhrte und die
verkrppelten Birken anfingen, ruhten sie sich einige Wochen aus, bis der
Schnee von den obersten Berghalden geschmolzen war; dann zogen sie da
hinauf. Das Mdchen jammerte und keuchte und sagte sehr oft, sie sei mde,
sie wolle umkehren und wieder ins Tal hinunter; aber sie ging doch noch
lieber mit, als da sie allein, ohne eine lebende Seele, mit der sie ein
Wort htte sprechen knnen, zurckgeblieben wre.

Als sie endlich die Hochebene erreicht hatten, schlug der Junge auf einem
schnen grnen Platz, der gegen einen Gebirgsbach sanft abfiel, ein Zelt
fr das Mdchen auf. Als es Abend wurde, fing der Junge die Renntierkhe
mit einer Wurfleine ein, melkte sie und gab dem Mdchen von der Milch zu
trinken. Er fand auch etwas Renntierkse und getrocknetes Renntierfleisch,
das sein Volk im vorigen Jahre da oben auf der Hhe versteckt hatte. Aber
das Mdchen jammerte immerfort und war durchaus nicht zufrieden. Sie wollte
weder getrocknetes Renntierfleisch essen, noch Renntiermilch trinken. Sie
konnte sich nicht daran gewhnen, im Zelt auf dem Boden oder nur auf einem
von wenigen Zweigen und einem Renntierfell hergerichteten Lager zu
schlafen. Aber der Sohn des Gebirgsvolkes lachte nur ber ihr Gejammer und
war immer gut und freundlich gegen sie.

Nachdem so einige Tage vergangen waren, trat das Mdchen zu dem Jungen, als
er eben die Renntiere melkte, und fragte, ob sie ihm helfen drfe. Sie
bernahm es jetzt auch, Feuer unter dem Kessel anzuznden, wenn
Renntierfleisch gekocht werden sollte, sowie Wasser zu holen und Kse zu
bereiten. Nun hatten die beiden eine schne Zeit miteinander. Das Wetter
war warm und das Essen leicht zu beschaffen. Sie zogen miteinander aus,
Vogelschlingen zu legen, Forellen in den Bchen zu fangen und Multebeeren
auf den Mooren zu pflcken.

Als der Sommer zu Ende ging, zogen sie bis zu der Grenze zwischen dem
Nadel- und dem Laubholzwald vom Gebirge herunter, und da schlugen sie
wieder ihr Lager auf. Es war jetzt Schlachtzeit, und sie muten alle Tage
sehr streng arbeiten; aber es war auch eine gute Zeit, denn jetzt konnten
sie sich noch leichter Nahrung verschaffen als im Sommer. Als der Schnee
vom Himmel herabwirbelte und sich die Seen allmhlich mit Eis bedeckten,
zogen die Kinder ostwrts in den dichten Fichtenwald hinein. Sobald sie da
ihr Zelt errichtet hatten, machten sie sich an die Winterarbeiten. Der
Junge lehrte das Mdchen Faden aus Renntiersehnen drehen, die Felle
bereiten und Kleider und Schuhe daraus nhen, sowie Kmme und Werkzeuge aus
Renntierhrnern verfertigen, auf Schneeschuhen laufen und in
Renntierschlitten fahren. Nachdem sie den dunkeln Winterwald hinter sich
hatten und die Sonne allmhlich wieder warm schien, sagte der Junge zu dem
Mdchen, jetzt wolle er sie in den Sden des Landes begleiten, damit sie
die Leute ihres eigenen Stammes wiederfinde.

Doch da sah ihn das Mdchen verwundert an. >Warum willst du mich
fortschicken?< fragte sie. >Sehnst du dich, wieder allein mit deinen
Renntieren zu sein?<

>Ich glaubte, du sehntest dich fort von hier,< erwiderte der Junge.

>Jetzt habe ich fast ein ganzes Jahr lang das Leben des Lappenvolkes
gelebt,< sagte das Mdchen, >nun kann ich nicht mehr zu meinem Volk
zurckkehren. Nachdem ich so frei auf den Bergen und in den Wldern
umhergezogen bin, ist es mir nicht mehr mglich, in engen Husern zu
wohnen. Jage mich nicht fort, sondern la mich hier bleiben, denn euer
Leben ist besser als das unsrige.<

Und das Mdchen blieb ihr ganzes Leben lang bei dem Jungen und hatte
niemals Heimweh nach ihrem Volke und nach dem Leben in den Tlern. Und wenn
du, sa, nur einen Monat hier oben bliebest, wrdest du dich auch nicht
wieder von uns trennen knnen.

Mit diesen Worten schlo Aslak seine Erzhlung, und in demselben Augenblick
nahm Ola Serka die Pfeife aus dem Munde und stand auf. Der alte Ola
verstand mehr schwedisch, als er andere wissen lassen wollte, und er hatte
verstanden, was der Sohn gesagt hatte. Und whrend er zugehrt hatte, war
ihm pltzlich klar geworden, auf welche Weise er Jon Assarsson mitteilen
msse, da seine Tochter gekommen sei, ihn zu suchen.

Ola Serka ging hinunter an den Luossajaure und wanderte dort eine Strecke
dem Ufer entlang, bis er einen Mann traf, der auf einem Stein sa und
fischte. Der Fischer hatte graues Haar und eine gebeugte Haltung. Seine
Augen sahen mde drein; etwas Schlaffes und Hilfloses lag ber dem ganzen
Manne, er sah aus, wie jemand, der versucht hat, eine Last zu tragen, die
ihm zu schwer war, oder wie einer, der ber etwas nachgrbelte, das ihm zu
schwierig zu lsen war, und der nun gebrochen und mutlos geworden ist, eben
weil ihm die Sache nicht glcken wollte.

Du hast offenbar Glck bei deinem Fischfang gehabt, Jon, da du die ganze
Nacht hier sitzen geblieben bist, sagte der Gebirgsbewohner in lappischer
Sprache und trat nher.

Der andre fuhr zusammen und schaute auf. Der Kder an seiner Angel war
verschwunden, und neben ihm lag nicht ein einziger Fisch. Hastig befestigte
er einen neuen Kder an der Angel und warf dann die Schnur wieder aus.
Indessen setzte sich Ola neben ihm ins Gras.

Ich mchte gern etwas mit dir besprechen, begann der Lappe. Du weit,
ich hab eine Tochter gehabt, die im vorigen Jahre gestorben ist, und
seitdem habe ich sie in meinem Zelte bitter vermit.

Ja, das wei ich, erwiderte der Fischer kurz, als knnte er es nicht
ertragen, an ein verstorbenes Kind erinnert zu werden; er sprach gut
lappisch.

Aber es ntzt nichts, wenn man sein Leben vertrauert, fuhr der Lappe
fort.

Nein, es ntzt gar nichts.

Und deshalb hab ich gedacht, ich wolle ein anderes Kind annehmen. Meinst
du nicht, das sei ein guter Gedanke?

Es kommt darauf an, was es fr ein Kind ist, Ola.

Ich will dir erzhlen, was ich ber das Mdchen wei, Jon, sagte Ola.

Und nun erzhlte er dem Fischer, in diesem Sommer seien zwei Kinder, ein
Junge und ein Mdchen, nach Malmberget gekommen, ihren Vater zu suchen, und
als sie gehrt hatten, da der Vater abwesend war, seien sie dort
geblieben, seine Rckkehr abzuwarten. Aber whrend sie sich in Malmberget
aufhielten, sei der Junge durch einen Felsblock bei einer Sprengung ums
Leben gekommen, und da habe das Mdchen ihm ein feierliches Begrbnis,
gerade wie fr einen Erwachsenen gehalten.

Hierauf beschrieb Ola sehr schn, wie das arme kleine Mdchen alle Menschen
dazu gebracht habe, da sie ihr geholfen htten, ja, da sie sogar den Mut
gehabt habe, selbst zum Inspektor zu gehen.

Ist es dies Mdchen, das du zu dir nehmen willst, Ola? fragte der
Fischer.

Ja, antwortete der Lappe. Als wir ihre Geschichte hrten, haben wir alle
weinen mssen; alle haben darin bereingestimmt, da eine so gute Schwester
gewi auch eine gute Tochter abgeben werde, und wir haben jetzt nur den
einen Wunsch, da sie zu uns komme.

Der andere schwieg eine Weile und setzte dann auch die Unterhaltung
offenbar nur fort, um seinem Freunde, dem Lappen, eine Freude zu machen.

Und das Mdchen gehrt doch wohl deinem eigenen Stamme an?

Nein, es gehrt nicht zum Lappenvolke.

Dann ist sie doch wohl die Tochter eines Ansiedlers, die an das Leben hier
oben im Norden gewhnt ist?

Nein, sie stammt weit aus dem Sden drunten, sagte Ola und sah dabei aus,
als habe das gar nichts mit der Sache zu tun.

Aber jetzt wurde der Fischer aufmerksam. Dann solltest du sie nicht bei
dir behalten, Ola, sagte er. Wenn sie nicht von Geburt daran gewhnt ist,
kann sie den Winteraufenthalt in so einem Lappenzelt gewi nicht ertragen.

Sie bekommt gute Eltern und gute Geschwister in diesem Lappenzelt, fuhr
Ola hartnckig fort. Alleinstehen ist schlimmer als frieren.

Aber jetzt wurde der Fischer immer eifriger, die Sache zu verhindern. Es
war, als knne er den Gedanken nicht ertragen, da ein Kind, das
schwedische Eltern hatte, bei den Lappen wohnen sollte.

Hast du nicht gesagt, das Mdchen habe einen Vater in Malmberget?

Er ist tot, versetzte der Lappe kurz.

Weit du das aber auch ganz gewi, Ola?

Was braucht man da noch zu fragen, erwiderte der Lappe verchtlich.
Htten die beiden Kinder wohl ntig gehabt, allein durchs ganze Land zu
ziehen, wenn ihr Vater noch am Leben wre? Wre es denkbar, da zwei kleine
Kinder selbst fr sich htten sorgen mssen, wenn sie einen Vater htten?
Htte das Mdchen den schweren Gang zum Inspektor selbst machen mssen,
wenn ihr Vater noch lebte? Meinst du, sie wre dann jetzt auch nur einen
einzigen Augenblick allein und verlassen, jetzt, wo das ganze Sameland
davon spricht, was fr ein gutes, mutiges Mdchen sie sei? Das Mdchen
selbst meint freilich, ihr Vater sei noch am Leben, ich aber sage, er mu
tot sein, es ist nicht anders mglich.

Der Mann mit den mden Augen wendete sich dem Lappen zu. Wie heit sie,
Ola? fragte er.

Der Lappe berlegte ein wenig, dann sagte er: Ich wei es nicht mehr, aber
ich will sie fragen.

Sie fragen? Ja, ist sie denn schon hier?

Ja, sie ist drben im Zelte.

Wie, Ola? Hast du sie zu dir genommen, ehe du weit, was ihr Vater dazu
sagen wird?

Was brauche ich mich um ihren Vater zu kmmern? Wenn er wirklich nicht tot
ist, dann will er offenbar nichts von dem Kinde wissen, und er kann nur
froh sein, wenn ein anderer sich ihrer annehmen will.

Doch jetzt warf der Fischer seine Gerte weg und richtete sich auf; es war
eine Lebhaftigkeit ber ihn gekommen, als wenn neues Leben in ihm erwacht
wre.

Dieser Vater ist wahrscheinlich nicht wie andere Menschen, fuhr der Lappe
fort. Vielleicht ist er einer von denen, die von schwermtigen Gedanken
verfolgt werden, so da er es bei keiner Arbeit lange aushalten kann. Aber
sage selbst, wre ein solcher Vater ein groer Gewinn fr das Mdchen?

Whrend Ola dies sagte, stand der Fischer auf und ging mit raschen
Schritten dem Ufer entlang.

Wohin willst du? fragte der Lappe.

Ich will mir deine Pflegetochter ansehen, Ola.

Das ist recht, sagte Ola. Komm nur und sieh sie dir an. Du wirst gewi
finden, da ich eine gute Pflegetochter bekomme.

Der Schwede ging mit immer rascheren Schritten vorwrts, und der alte Ola
konnte ihm kaum nachkommen. Nachdem sie eine kleine Strecke zurckgelegt
hatten, sagte Ola zu seinem Gefhrten: Jetzt eben fllt mir ein, wie das
Mdchen heit. sa Jontochter heit sie.

Der andre beschleunigte seine Schritte nur noch mehr, und der alte Ola war
so beglckt, da er am liebsten in lauten Jubel ausgebrochen wre. Als nach
einer Weile die Zelte vor ihren Augen auftauchten, ergriff Ola noch einmal
das Wort.

Sie ist hier heraufgekommen, um ihren Vater zu suchen, nicht, um meine
Pflegetochter zu werden; aber wenn sie den Vater nicht findet, mchte ich
sie gerne in meinem Zelt behalten.

Doch der andre erwiderte nichts, er eilte nur mit immer grerer Hast
vorwrts.

Ich habe es mir doch gedacht, da er bei der Nachricht, ich wolle seine
Tochter unter die Lappen aufnehmen, erschrecken werde, sagte Ola vor sich
hin.

Als der Mann von Kiruna, der sa nach dem Lappenlager hinbergerudert
hatte, spter am Tage wieder zurckruderte, hatte er zwei Personen in
seinem Boot, die dicht nebeneinander saen und sich so fest an der Hand
hielten, als ob sie sich nie wieder trennen wollten. Es waren Jon Assarsson
und seine Tochter sa. Alle beide hatten jetzt ein ganz anderes Aussehen
als noch vor ein paar Stunden. Jon Assarsson sah lange nicht mehr so mde
und gebeugt aus, und seine Augen hatten einen hellen, freundlichen
Ausdruck, als wenn er jetzt Antwort auf das bekommen htte, was ihn so
lange gengstigt hatte; und das Gnsemdchen sa schaute jetzt nicht mehr
mit dem ihm eigenen altklugen Blick umher. Jetzt hatte sie ja jemand, auf
den sie sich sttzen und verlassen konnte, und es sah aus, als sei sie auf
dem Wege, wieder ein harmloses Kind zu werden.

[Illustration]




46

Gen Sden! Gen Sden!

Der erste Reisetag


                                                  Samstag, 1. Oktober

Nils Holgersson sa auf dem Rcken des weien Gnserichs und ritt hoch
droben durch die Lfte. Einunddreiig Wildgnse flogen in wohlgeordnetem
Zuge rasch sdwrts. Ihre Federn rauschten, und die vielen Flgel schlugen
mit so lautem Sausen durch die Luft, da man fast sein eigenes Wort nicht
verstehen konnte. Akka von Kebnekajse flog an der Spitze, hinter ihr kamen
Yksi und Kaksi, Kolme und Nelj, Viisi und Kuusi, der Gnserich Martin und
Daunenfein. Die sechs jungen Gnse, die sich im letzten Herbst der Schar
angeschlossen hatten, waren nun fortgeflogen, um sich auf eigene Faust
durchzubringen. Statt dessen hatten die Gnse zweiundzwanzig junge Gnse
bei sich, die in diesem Sommer im Felsental herangewachsen waren. Elf von
ihnen flogen rechts und elf links, und sie gaben sich alle Mhe, denselben
Abstand zwischen sich einzuhalten wie die groen Gnse.

Die armen Jungen hatten noch nie eine groe Reise gemacht, und im Anfang
wurde es ihnen sehr schwer, bei dem raschen Fluge der Alten mitzukommen.

Akka von Kebnekajse! Akka von Kebnekajse! riefen sie in jammervollem
Tone.

Was gibts? fragte die Anfhrerin.

Unsere Flgel sind von dem vielen Schlagen mde! schrien die Jungen.

Je lnger ihr weitermacht, desto besser geht es, erwiderte die
Anfhrerin; und sie flog auch nicht ein bichen langsamer, sondern ebenso
geschwind wie zuvor. Und es war wirklich, als ob sie recht behalten sollte,
denn nachdem die jungen Gnse ein paar Stunden geflogen waren, klagten sie
nicht mehr ber Mdigkeit. Droben im Felsental waren sie jedoch den ganzen
Tag auf der Weide gewesen, und es dauerte deshalb nicht lange, bis sie sich
nach Nahrung sehnten.

Akka, Akka, Akka von Kebnekajse! riefen die jungen Gnse mit klglicher
Stimme.

Was gibts jetzt? fragte die Anfhrerin.

Wir sind so hungrig, da wir nicht mehr weiter fliegen knnen! schrien
die Jungen. Wir sind so hungrig, da wir nicht mehr weiter fliegen
knnen!

[Illustration]

Die Wildgnse mssen es lernen, Luft zu essen und Wind zu trinken!
antwortete die Anfhrerin, und sie hielt nicht an, sondern flog gerade wie
vorher weiter.

Es war auch beinahe, als lernten es die Jungen wirklich, von Luft und Wind
zu leben, denn nachdem sie wieder eine Weile geflogen waren, klagten sie
nicht mehr ber Hunger. Die Schar war noch immer droben zwischen den
Bergen, und die alten Gnse riefen mit lauter Stimme die Namen aller der
Berggipfel, an denen sie vorberkamen, damit die Jungen lernten, wie sie
hieen. Aber nachdem es eine Zeitlang so fortgegangen war: Das ist
Porsotjokko, das ist Sarjektjokko, das ist Sulitelma! wurden die Jungen
aufs neue ungeduldig.

Akka, Akka, Akka! riefen sie mit herzzerreiender Stimme.

Was gibts denn? fragte die Anfhrerin.

Wir knnen nicht noch mehr Namen in unseren Kopf hineinbringen! schrien
die Jungen. Wir knnen nicht noch mehr Namen in unseren Kopf
hineinbringen!

Je mehr in euren Kopf hineinkommt, desto mehr Platz habt ihr darin,
antwortete die Anfhrerin; und sie rief ihnen die merkwrdigen Namen gerade
wie vorher zu.

Nils Holgersson dachte auch, es sei hchste Zeit fr die Wildgnse,
sdwrts zu ziehen, denn es war schon sehr viel Schnee gefallen; soweit das
Auge reichte, war die Erde ganz wei. Und es war auch in der letzten Zeit
im Felsental tatschlich recht unbehaglich gewesen. Regen und Sturm und
Nebel hatten unaufhrlich miteinander abgewechselt, und wenn sich das
Wetter je einmal aufhellte, hatte sogleich starker Frost eingesetzt. Die
Beeren und Pilze, von denen sich der Junge den Sommer hindurch ernhrt
hatte, erfroren oder verfaulten. Schlielich hatte er sich mit rohen
Fischen sttigen mssen, und das war ihm uerst unangenehm gewesen. Die
Tage wurden immer krzer, und bei den langen Abenden und dem immer spteren
Tagesanbruch war es natrlich sehr traurig und langweilig fr den Jungen
gewesen; denn er konnte ja seine Natur nicht so einrichten und nicht genau
so lange schlafen, wie die Sonne verschwunden war.

Dann aber hatten die Gsselchen allmhlich so groe Flgel bekommen, da
die Reise gen Sden unternommen werden konnte, und der Junge war
hochbeglckt darber. Er sang und lachte in einem fort, whrend er jetzt
auf dem Rcken des Gnserichs dahinflog. Ach, er sehnte sich nicht nur von
Lappland fort, weil es da droben jetzt trb und dunkel und kalt und mit der
Nahrung knapp bestellt war, nein, er hatte auch noch andere Grnde dazu.

[Illustration]

In den ersten Wochen hatte er da droben durchaus nicht an Heimweh gelitten.
Er meinte, noch niemals in einem so wunderschnen Lande gewesen zu sein,
und hatte keine anderen Sorgen, als sich der Mckenschwrme zu erwehren,
damit sie ihn nicht ganz und gar auffren. Von dem weien Gnserich sah er
in dieser Zeit nicht viel; denn der groe Weie dachte an nichts andres,
als fr Daunenfein zu sorgen, und wich keinen Schritt von ihrer Seite. Da
hatte sich der Junge an die alte Akka und an den Adler Gorgo gehalten, und
die drei hatten viele vergngte Stunden miteinander verbracht. Er war von
den Vgeln auf weite Ausflge mitgenommen worden; Nils Holgersson hatte
sogar oben auf dem schneebedeckten Kebnekajse gestanden und auf die
Gletscher hinabgeschaut, die sich dort unter dem steilen Bergkegel
ausbreiten. Der Junge war auch noch auf vielen andern hohen Berggipfeln
gewesen, die nur sehr selten von einem Menschenfu betreten worden sind.
Akka zeigte ihm verborgene Tler zwischen den Bergen und lie ihn in
Felsenschluchten hinabsehen, wo die Brinnen ihre Jungen aufzogen. Es
versteht sich von selbst, da er auch die Bekanntschaft der zahmen
Renntiere machte, die in groen Scharen an den Ufern des schnen Torneteich
weideten; und er war auch drunten an dem groen Sjfall gewesen und hatte
den dort wohnenden Bren von ihren Verwandten im Bergwerkdistrikt Gre
bestellt. Wo immer er hinkam,-- berall war das Land wunderschn; er
freute sich auch von Herzen, da er alles sehen durfte, und doch htte er
nicht immer da leben mgen. Er mute Akka recht geben, wenn sie sagte: Die
schwedischen Ansiedler sollten dieses Land nicht beunruhigen, sondern es
wie bisher den Bren und Wlfen und Renntieren und Wildgnsen, den
Bergeulen, den Whlmusen und den Lappen berlassen, die dazu geschaffen
sind, da zu leben.

Eines Tages war Akka mit ihm auf eines der groen Grubenfelder geflogen,
und da hatte er Klein-Mats von einem Sprengschu zerschmettert an der
Grubenffnung gefunden. In den nchsten Tagen hatte der Junge dann an
nichts weiter denken knnen, als wie er dem Gnsemdchen sa helfen knnte;
nachdem aber diese ihren Vater gefunden hatte und seiner Hilfe nicht mehr
bedurfte, wanderte er meistens in dem Felsental umher; und von dieser Zeit
an sehnte er sich nach dem Tag, wo er mit dem Gnserich Martin heimkehren
und wieder ein Mensch werden wrde. Ach, er wollte doch so gerne wieder so
werden, da das Gnsemdchen sa mit ihm zu sprechen wagte und ihm nicht
vor lauter Angst die Tr vor der Nase zuschlge!

Ja, ja, Nils Holgersson war berglcklich, da es nun sdwrts ging. Als
der erste Fichtenwald auftauchte, schwang er seine Mtze und rief Hurra!
und auf dieselbe Weise begrte er das erste graue Ansiedlerhaus, die erste
Ziege, die erste Katze und die ersten Hhner. Der Weg fhrte ber
prachtvolle Wasserflle hin, und zu seiner Rechten sah der Junge
wunderschne Berge; aber an solche Herrlichkeiten war er jetzt so gewhnt,
da er kaum noch einen Blick auf sie warf. Etwas andres war es, als er
stlich von den Bergen die Kapelle von Kvickjock, von einem kleinen
Pfarrhof und einem kleinen Dorfe umgeben, erblickte. Dieser Anblick ergriff
ihn so mchtig, da ihm die Trnen in die Augen traten.

Die ganze Zeit trafen die Wildgnse mit andern Zugvgeln zusammen, die
jetzt in etwas greren Scharen als im Frhling einhergeflogen kamen.

Wohin, ihr Wildgnse, wohin? riefen die Zugvgel.

Ins Ausland, wie ihr auch! antworteten die Wildgnse. Ins Ausland, ins
Ausland!

Die Jungen sind ja noch nicht ganz ausgewachsen! riefen die andern. Mit
so kleinen Flgeln kommen sie nie bers Meer hinber!

Die Lappen und die Renntiere zogen nun auch von den Bergen herunter. Sie
kamen in guter Ordnung daher: ein Lappe fhrte den Zug an, dann kam die
Herde mit den groen Renntierstieren in den ersten Gliedern, hierauf eine
Reihe Lasttiere, die die Zelte und das andre Eigentum der Lappen trugen,
und zum Schlusse etwa sieben bis acht Menschen.

Als die Wildgnse die Renntiere sahen, lieen sie sich etwas hinuntersinken
und riefen ihnen zu: Habt schnen Dank fr den Sommer! Habt schnen Dank
fr den Sommer!

Glckliche Reise und auf Wiedersehen im nchsten Jahr! antworteten die
Renntiere.

Aber als die Bren die Wildgnse sahen, zeigten sie sie ihren Jungen und
brummten: Seht, seht! Diese dort frchten sich vor ein bichen Klte;
deshalb bleiben sie im Winter nicht daheim.

Aber die alten Wildgnse blieben den Bren die Antwort nicht schuldig,
sondern riefen den Jungen zu: Seht, seht! Diese verschlafen lieber das
halbe Jahr, als da sie sich der Mhe unterziehen, sdwrts zu reisen!

Drunten in den Fichtenwldern saen die jungen Auerhhne zerzaust und
verfroren beieinander und sahen den groen Vogelscharen, die jubelnd und
frhlich sdwrts zogen, mit sehnschtigen Augen nach.

Wann kommt die Reihe an uns? fragten sie die Auerhhne. Wann kommt die
Reihe an uns?

Ihr mt bei Vater und Mutter daheim bleiben, sagten die alten Auerhhne.
Ihr mt bei Vater und Mutter daheim bleiben.

[Illustration]


Auf dem stberge

                                                  Dienstag, 4. Oktober

Wer sich je in Gebirgsgegenden aufgehalten hat, wei, wie beschwerlich der
Nebel sein kann, wenn er sich ber eine Landschaft hereinwlzt und die
ganze Aussicht verhllt, so da man von allen den schnen ringsumher
aufragenden Bergen gar nichts sieht. Mitten im Sommer kann man in solch
einen Nebel hineingeraten, und im Herbst ist es kaum mglich, ihm zu
entgehen, das kann man mit Wahrheit behaupten. Nils Holgersson hatte im
ganzen genommen recht schnes Wetter gehabt, solange sich die Wildgnse
noch in Lappland befanden; aber kaum hatten sie gemeldet, jetzt ginge es
nach Jmtland hinein, als die Nebel auch schon um sie her aufstiegen und
sich so verdichteten, da sie nichts von der Landschaft sahen. Der Junge
flog einen ganzen Tag auf dem Rcken des Gnserichs dahin, ohne zu wissen,
ob er in einem Gebirgsland oder in einem Flachland wre.

Gegen Abend lieen sich die Wildgnse auf einem grnen Platze nieder, der
nach allen Seiten hin abfiel. Sie muten sich also auf dem Gipfel eines
Hgels befinden; ob dieser aber gro oder klein war, das konnte der Junge
nicht herausbringen. Er dachte jedoch, sie mten in einer bewohnten Gegend
sein, denn er glaubte Menschenstimmen, sowie das Rasseln von Fuhrwerken zu
hren, die auf einer Strae dahinrollten; ganz sicher war er seiner Sache
indes nicht.

Er htte sich schrecklich gerne nach einem Hofe umgesehen, frchtete aber,
sich im Nebel zu verirren, und so entschlo er sich, bei den Wildgnsen zu
bleiben. Ringsum tropfte alles vor Nsse und Feuchtigkeit; an jedem
Grashlmchen und jedem Krutlein hingen kleine Tropfen, und der Junge bekam
ordentlich einen Regenschauer auf sich hernieder, sobald er sich nur ein
wenig bewegte. Es ist hier nicht viel besser als droben im Felsental,
dachte er. Aber ein paar Schritte knnte ich doch machen, dachte er
weiter. Und jetzt konnte er auch in ganz geringer Entfernung vor sich ein
Gebude unterscheiden, das zwar nicht umfangreich, aber viele Stockwerke
hoch war; der Junge konnte nicht bis zum Dache hinauf sehen. Die Haustr
war verschlossen, und das Haus schien ganz unbewohnt zu sein. Ach, es war
natrlich nur ein Aussichtsturm, wo es weder etwas zu essen, noch ein
gewrmtes Zimmer gab! Aber Nils Holgersson lief trotzdem in grter Eile zu
den Wildgnsen zurck.

Lieber Gnserich Martin, sagte er, nimm mich auf den Rcken und trage
mich auf den Turm dort drben hinauf. Ich kann hier nicht schlafen, weil es
berall zu na ist; dort droben werde ich schon ein trockenes Pltzchen
finden, wo ich mich niederlegen kann.

Der Gnserich Martin war sogleich bereit, seinem guten Freunde zu helfen;
er trug ihn hinauf auf das Plattdach des Turmes, und da schlief der Junge,
bis ihn die Morgensonne weckte.

Als er seine Augen aufschlug und sich umschaute, konnte er zuerst gar nicht
begreifen, was er sah, oder wo er sich befand. Er war frher einmal auf
einem Jahrmarkt in einem Zelt gewesen und hatte da ein mchtig groes
Panorama gesehen; und jetzt war es ihm, als stehe er wieder mitten in so
einem groen runden Zelt, mit einer schnen roten Decke ber sich, whrend
an den Wnden und am Boden hin eine prchtige weite Landschaft gemalt war,
mit groen Drfern, Wiesen, Landstraen und Eisenbahnen, ja sogar mit einer
ganzen Stadt. Es wurde ihm ja bald klar, da er sich hier nicht in einem
Panorama befand, sondern da er selbst auf einem Aussichtsturm stand, mit
dem roten Morgenhimmel ber sich und einem wirklichen Land ringsumher. Aber
er hatte jetzt schon so lange nichts anderes als Einde gesehen, da war es
nicht verwunderlich, da er das, was er jetzt vor sich sah-- eine
richtige, dichtbebaute Landschaft,-- fr ein Gemlde hielt.

[Illustration]

Und noch etwas war schuld daran, da der Junge alles, was er sah, zuerst
fr ein Gemlde gehalten hatte; von allem, was er sah, hatte nmlich nichts
seine richtige Farbe. Der Aussichtsturm, auf dem er sich befand, stand auf
einem Berg, der Berg auf einer Insel, und die Insel selbst lag nahe bei dem
stlichen Ufer eines groen Sees. Der See aber war nicht grau, wie solche
Binnenseen sonst zu sein pflegen, sondern ein groer Teil seines
Wasserspiegels schimmerte ebenso rosig wie der Morgenhimmel, und drinnen in
den tiefen Buchten blinkte er fast nachtschwarz heraus. Und dann war das
Land um den See herum nicht grn; mit allen seinen eingeheimsten
Getreidefeldern und den goldigschimmernden Laubwldern leuchtete es
hellgelb herber, und rings um das Gelbe zog sich ein breiter Grtel aus
schwarzem Nadelwald. Noch niemals war dem Jungen der Wald so schwarz
erschienen wie an diesem Morgen; aber er meinte, es komme vielleicht daher,
weil der Laubwald innerhalb des dunklen Fichtengrtels so besonders hell
glnzte. Jenseits dieser dunkeln Strecke blauten im Osten einige Hhenzge;
aber am ganzen westlichen Horizont wlbte sich ein langgestreckter,
glnzender Bogen aus zackigen, verschiedengeformten Bergen von einer
wunderbar schnen, sanftglnzenden Farbe, die weder rot noch wei noch blau
genannt werden konnte,-- es gab einfach gar keinen Namen fr diese
Schattierung.

Doch jetzt wendete der Junge seinen Blick von den Bergen und Nadelwldern
ab und richtete ihn auf die nchste Umgebung. Rings um den See her in dem
goldnen Grtel tauchte allmhlich ein rotes Dorf nach dem andern und eine
weie Kirche nach der andern auf, und direkt gen Osten, jenseits des
schmalen Sundes, der die Insel vom Festland trennte, lag eine Stadt. Sie
breitete sich am Seeufer aus, dicht hinter ihr ragte ein Berg auf, der sie
beschtzte, und ringsumher lag eine reiche dichtbevlkerte Landschaft.

Diese Stadt hat es wirklich verstanden, sich eine gute Lage auszuwhlen,
dachte der Junge. Wie sie wohl heien mag?

In demselben Augenblick fuhr er heftig zusammen und schaute sich um. Er war
ganz in die Aussicht versunken gewesen und hatte deshalb gar nicht gemerkt,
da unten Menschen herangekommen waren.

Jetzt liefen diese Besucher eilig die Treppen herauf. Der Junge hatte
gerade noch Zeit, sich nach einem Versteck umzusehen und sich dort zu
verbergen; da waren sie auch schon oben.

[Illustration]

Es war eine Schar junger Leute, die auf einer Fuwanderung begriffen waren.
Sie hatten Jmtland durchstreift und gaben nun ihrer Freude in lauten
Worten Ausdruck, da sie am vorhergehenden Abend stersund noch erreicht
htten und nun an diesem schnen Morgen die Aussicht vom stberg auf die
Frs genieen knnten. Von hier aus knne man mehr als zwanzig Meilen im
Umkreis umherschauen, nun knnten sie doch noch einen letzten Blick auf ihr
liebes Jmtland werfen, ehe sie es verlieen.

Dort unten haben wir Sunne, sagten sie. Und dort liegt Marby und dort
drben Hallen. Was wir dort gerade im Norden sehen, ist die Kirche von
Rd, und die andere da unter uns ist die von Frs.

[Illustration]

Dann unterhielten sie sich ber die Berge. Die nchstliegenden seien die
Oviksfjlle, sagten die einen, und die anderen stimmten alle damit berein;
aber dann waren sie nicht ganz einig darber, welcher wohl der Klvsjfjll
und der Anarisfjll seien, und wo Vsterfjllet, Almsafjllet und der
reskutan lgen.

Whrend sie noch darber sprachen, zog ein junges Mdchen eine Landkarte
heraus, breitete sie auf ihren Knieen aus und studierte darin. Pltzlich
schaute sie auf.

Wenn ich das Jmtland so hier auf einer Karte sehe, sagte sie, kommt es
mir immer wie ein einziger groer Felsen vor. Ich warte immer darauf, da
mir jemand einmal erzhlt, dieses Gebirge habe einst ganz aufrecht
dagestanden und bis zum Himmel hinaufgereicht.

Das htte wahrlich ein gewaltiger Berg sein mssen, sagte eines von den
andern und lachte das junge Mdchen aus.

Allerdings; aber deshalb ist er ja auch umgefallen. Hier, seht doch
selbst! Es gleicht wahrhaftig einem richtigen hohen Berge mit breitem Fu
und spitzigem Gipfel.

Es pat gar nicht so schlecht fr ein Gebirgsland, wenn der ganze
Gebirgsstock wie ein einzelner Berg aussieht, sagte wieder eines von den
Umstehenden. Ich habe zwar schon allerlei Sagen vom Jmtland gehrt, aber
doch noch nie...

Kennst du die Sage vom Jmtland? fiel ihm das junge Mdchen eifrig ins
Wort. Dann mut du sie sogleich erzhlen.

Und hier ist der allerbeste Platz zum Anhren, hier, wo wir gleich das
ganze Land vor uns haben.

Alle anderen stimmten mit dem jungen Mdchen berein; und ihr Gefhrte lie
sich nicht lange ntigen, sondern begann sogleich seine Erzhlung.

[Illustration]


Die Sage von Jmtland

Zu der Zeit, wo es noch Riesen in Jmtland gab, geschah es einmal, da ein
alter Bergriese auf dem Hofe vor seinem Hause stand und seine Pferde
striegelte. Whrend er eifrig bei dieser Arbeit war, fingen die Pferde
pltzlich vor lauter Angst heftig zu zittern an.

>Was ist denn mit euch los?< sagte der Riese und sah sich um, was die
Pferde wohl erschreckt haben knnte. Es waren aber weder Wlfe noch Bren
in der Nhe zu erblicken; das einzige, was er entdecken konnte, war ein
Wandersmann, der zwar bei weitem nicht so gro und stark war wie er selbst,
aber doch recht stattlich aussah und offenbar auch ber gute Krfte
verfgte, und der eben den Pfad heraufstieg, der zu der Berghtte fhrte.
Aber kaum war der alte Bergriese des Wandersmanns gewahr geworden, als er
auch schon von Kopf bis zu Fu zitterte, gerade wie seine Pferde; er nahm
sich gar nicht Zeit, seine angefangene Arbeit fertig zu machen, sondern
lief eiligst in den Saal hinein zu seinem Weib, das an der Kunkel Werg
spann.

>Was ist denn los?< fragte die Frau. >Du siehst ja todesbleich aus.<

>Soll ich etwa nicht bleich aussehen,< erwiderte der Riese, >wenn ein
Wanderer des Weges daherkommt, der ebenso gewi, wie du mein Weib bist,
Asa-Thor sein mu.<

>Das ist freilich kein willkommener Besuch,< erwiderte das Weib des Riesen.
>Kannst du ihm nicht die Augen verhexen, da er den ganzen Hof hier fr
einen Felsen hlt und an unserer Tr vorbergeht?<

>Es ist zu spt, Zauberkunst auszuben,< sagte der Riese, >denn ich hre
ihn schon die Pforte ffnen und in den Hof hereintreten.<

>Dann rate ich dir, dich verborgen zu halten und mich ihn allein in Empfang
nehmen zu lassen,< sagte die Frau schnell. >Ich will mein bestes tun, ihm
das Wiederkommen zu verleiden.<

Der Vorschlag gefiel dem Riesen ber die Maen. Er ging in die Kammer
nebenan, seine Frau aber blieb auf der Frauenbank in dem Saal sitzen und
spann ruhig weiter, als ahnte sie keine Gefahr.

Aber nun mt ihr wissen, da es zu jenen Zeiten im Jmtland ganz anders
aussah als heutigen Tages. Das ganze Land war eine einzige flache
Hochebene, die vollstndig kahl und nackt dalag, nicht einmal ein
Fichtenwald konnte sich da fortbringen. Es gab weder See, noch Flu, und
auch keine Felder, ber die der Pflug htte gehen knnen. Ja, zu jener Zeit
waren nicht einmal die Berge und Felsenmassen da, die jetzt im ganzen Lande
zerstreut liegen, diese standen alle weit drben im Westen. In dem ganzen
groen Lande konnten keine Menschen leben, aber den Riesen ging es dafr um
so besser. Wohl kaum ohne ihren Willen und ihr Einverstndnis blieb das
Land so de und ungastlich liegen; und deshalb hatte es seine guten Grnde,
wenn der Bergriese so erschrak, als er Asa-Thor auf sein Haus zukommen sah.
Er wute, die Asen waren denen nicht hold, die Klte, Dunkelheit und de um
sich verbreiteten und die Erde daran verhinderten, reich und fruchtbar zu
werden und sich mit menschlichen Wohnungen zu schmcken.

Die Frau des Riesen brauchte nicht lange zu warten; nach wenigen
Augenblicken ertnten feste Schritte vor dem Hause, und der Wanderer, den
der Riese auf dem Pfad gesehen hatte, ri die Tr auf und trat in die
Stube. Er blieb jedoch nicht an der Tr stehen, wie sonst die
umherziehenden Leute zu tun pflegen, sondern ging geradeswegs auf die Frau
zu, die auf der entgegengesetzten Seite des Saals an der Giebelwand sa.
Aber wie merkwrdig! Als er meinte, nun habe er ein ordentliches Stck
zurckgelegt, war er erst eine ganz kleine Strecke von der Tr entfernt,
und es war noch weit bis zur Feuerstelle, die sich mitten in der Stube
befand. Der Fremde machte lngere Schritte; aber nachdem er wieder eine
Weile gegangen war, kam es ihm vor, als sei die Frau und auch die
Feuerstelle noch weiter entfernt als bei seinem Eintritt. Im Anfang war ihm
das Haus gar nicht besonders gro vorgekommen, und er merkte erst, wie gro
es war, als er die Feuerstelle schlielich erreicht hatte; denn da war er
so mde, da er sich auf seinen Stab sttzen und ausruhen mute. Als die
Frau des Riesen sah, da er stehen blieb, legte sie die Kunkel weg, stand
von der Bank auf und war mit wenigen Schritten neben ihm.

>Wir Riesen haben groe Stuben gern,< sagte sie, >und mein Mann beklagt
sich oft darber, wie enge es hier sei. Aber fr jemand, der keine greren
Schritte machen kann als du, mu es sehr anstrengend sein, das Zimmer eines
Riesenhauses zu durchschreiten, das begreife ich recht wohl. La mich nun
wissen, wer du bist und was du von den Riesen willst?<

Augenscheinlich lag dem Wanderer eine heftige Antwort auf der Zunge; aber
er wollte sich ohne Zweifel mit einer Frau nicht in Streit einlassen, denn
er antwortete ganz ruhig: >Mein Name ist Handfest, und ich bin ein Recke,
der manches Abenteuer bestanden hat. Nun habe ich das ganze Jahr daheim auf
meinem Hof gesessen und hatte mich schon gefragt, ob es denn gar nichts
mehr fr mich zu tun gebe, als ich die Menschen sagen hrte, ihr Riesen
sorgtet gar zu schlecht fr das Land hier oben, so da es auer euch
niemand hier aushalten knne. Da habe ich mich flugs aufgemacht, um mit
deinem Manne ber diese Sache zu sprechen und ihn zu fragen, ob er nicht
fr eine bessere Ordnung hier Sorge tragen wolle.<

>Mein Mann ist auf der Jagd,< sagte die Frau, >und wenn er nach Hause
kommt, wird er dir selbst Antwort auf deine Fragen geben. Aber das will ich
dir doch sagen: wer mit solchen Fragen zu einem Bergriesen kommt, mte
eigentlich ein grerer Mann sein als du. Es wre gewi am besten fr
deinen guten Ruf, wenn du dich gleich wieder aus dem Staube machtest, ohne
mit dem Riesen zusammengetroffen zu sein.<

>O nein, da ich nun einmal gekommen bin, will ich auch auf ihn warten,<
erwiderte der Mann, der sich Handfest genannt hatte.

>Ich habe dir nach meinem besten Wissen geraten,< sagte die Riesin, >tu nun
eben, was du nicht lassen kannst. Setze dich indessen hier auf die Bank,
dann will ich dir einen Willkommtrunk holen.<

Die Frau ergriff ein gewaltiges Methorn und begab sich damit in den
hintersten Winkel der Stube, wo das Metfa lag. Auch dieses kam dem Gaste
nicht besonders gro vor; als aber die Frau den Zapfen herauszog, strzte
der Met mit so lautem Brausen in das Methorn, wie wenn ein Wasserfall ins
Zimmer hereingerauscht kme. Das Horn war bald voll. Aber als die Frau den
Zapfen wieder in das Fa hineinstecken wollte, kam sie nicht zustande
damit; der Met schumte wild hervor, ri ihr den Zapfen heraus und flo auf
den Boden. Die Frau machte noch einen Versuch, den Zapfen wieder
hineinzustecken, aber es milang ihr abermals. Da rief sie den Fremden zu
Hilfe.

>Siehst du denn nicht, da mir der Met ausluft, Handfest? Komm her und
steck den Zapfen in die Tonne!<

Der Gast eilte ihr sofort zu Hilfe; er nahm den Zapfen und versuchte, ihn
in das Spundloch hineinzudrcken; aber der Met ri ihn wieder heraus,
schleuderte ihn weit weg, scho mit unverminderter Gewalt heraus und
berschwemmte den Boden.

Handfest versuchte es ein Mal ums andre, den Zapfen hineinzustecken, aber
es gelang ihm nicht, und schlielich warf er den Zapfen weg. Der ganze
Boden war nun mit Met bedeckt, und damit man doch wenigstens im Zimmer sein
konnte, zog der Fremde tiefe Furchen, in denen der Met flieen konnte. Er
machte in dem harten Felsengrund Rinnen, wie Kinder im Frhling durch den
Sand Furchen ziehen, damit das Schneewasser ablaufen kann, und da und dort
stampfte er mit dem Fue tiefe Lcher, in denen die Flssigkeit sich
sammeln konnte. Die Frau sah ganz ruhig zu; und wenn der Gast aufgeschaut
htte, wrde er entdeckt haben, da sie seiner Arbeit verwundert und auch
entsetzt zusah.

Aber als er fertig war, sagte sie spttisch: >Ich danke dir schn,
Handfest. Ich sehe, du tust, was in deiner Macht steht. Sonst hilft mir
mein Mann, den Zapfen einzusetzen; aber es kann ja nicht jedermann so stark
sein wie er. Da du nun dies nicht tun kannst, wre es wohl am besten fr
dich, wenn du gleich jetzt deines Weges zgest.<

>Ich gehe nicht, ehe ich mein Vorhaben ausgefhrt habe,< sagte der Fremde,
aber er sah beschmt und niedergeschlagen dabei aus.

>Dann setze dich dort auf die Bank,< sagte die Frau. >Ich will den Kessel
aufs Feuer stellen und dir einen Teller Grtze kochen.<

Sie tat, wie sie gesagt hatte; als aber die Grtze beinahe fertig war,
wendete sie sich an den Gast und sagte: >Ich sehe eben, da ich fast kein
Mehl mehr habe, um die Grtze gehrig dick zu machen. Meinst du, du seiest
stark genug, die Mhle zu drehen, die dort neben dir steht; ein paar
Drehungen gengen schon, und es ist Korn zwischen den Steinen. Du mut
jedoch deine ganze Kraft zusammennehmen, denn die Mhle geht nicht gerade
leicht.<

Der Gast lie sich nicht lange bitten, sondern suchte die Handmhle zu
drehen. Sie kam ihm nicht besonders gro vor; als er aber den Griff erfat
hatte und den Stein im Kreise herumdrehen wollte, ging sie so schwer, da
er sie nicht bewegen konnte; er wendete seine ganze Kraft auf, brachte aber
trotz aller Mhe die Mhle nur ein einziges Mal im Kreise herum.

Mit stummer Verwunderung sah die Riesenfrau zu, whrend er sich abmhte;
und als er die Mhle loslie, sagte sie: >Ja, ich bin von meinem Mann her
freilich bessere Hilfe gewhnt, wenn die Mhle nicht gehen will. Aber es
kann ja niemand von dir fordern, da du mehr tun sollst, als deine Kraft
vermag; du wirst jetzt aber doch wohl selbst einsehen, da es am besten fr
dich wre, wenn du nicht mit dem zusammen trfest, der auf dieser Mhle
mahlen kann, soviel er Lust hat.<

>Trotzdem habe ich im Sinne, auf ihn zu warten,< erwiderte Handfest ganz
leise und sanft.

>Nun, dann setze dich dort auf die Bank, whrend ich ein Bett fr dich
zurecht mache,< sagte die Frau; >denn in diesem Falle wirst du hier
bernachten mssen.<

Sie richtete ihm aus vielen Kissen und Decken ein Lager her und wnschte
ihm gute Nacht. >Du wirst das Bett ziemlich hart finden,< sagte sie, >aber
mein Mann liegt jede Nacht auf so einem Lager.<

Als Handfest sich nun in dem Bett behaglich ausstrecken wollte, fhlte er
so viel Unebenheiten und Vertiefungen unter sich, da von Schlafen keine
Rede sein konnte; er wlzte und drehte sich von einer Seite auf die andere,
konnte aber durchaus nicht einschlafen. Schlielich warf er in hellem Zorn
ein Kissen dahin und ein Polster dorthin, und dann schlief er ruhig bis zum
Morgen.

Als die Sonne durch die Dachluke herein schien, stand er auf und verlie
das Haus der Riesen. Er ging ber den Hofplatz und durch die Pforte; als er
jedoch diese wieder hinter sich zumachte, stand pltzlich die Frau des
Riesen neben ihm.

>Ich sehe, du willst nun doch deiner Wege gehen, Handfest,< sagte sie, >und
das ist gewi auch das klgste, was du tun kannst.<

>Wenn dein Mann in einem solchen Bett schlafen kann, wie du mir fr diese
letzte Nacht bereitet hast,< sagte Handfest mimutig, >dann will ich mich
nicht mit ihm einlassen, denn dann mu er ein Mann von Eisen sein, mit dem
es niemand aufnehmen kann.<

Die Riesin lehnte an der Pforte. >Jetzt, wo du auerhalb meines Hofes bist,
Handfest,< sagte sie, >will ich dir doch sagen, da deine Reise zu uns
Riesen durchaus nicht so unehrenvoll fr dich abgelaufen ist, wie du selbst
zu denken scheinst. Es ist gar nicht merkwrdig, da du den Weg durch meine
Stube lang fandest; da bist du ber die ganze Hochebene, die Jmtland
genannt wird, hingegangen. Desgleichen war es auch nicht verwunderlich, da
du den Zapfen nicht in das Fa hinein brachtest, denn aus dem Fa ist dir
alles Wasser entgegengestrmt, das von den Schneebergen herabluft. Und als
du das Wasser auf dem Boden in Rinnen leitetest, hast du Furchen und
Vertiefungen geschaffen, die jetzt Flsse und Seen sind. Es war kein
geringer Beweis deiner Strke, da du die Mhle einmal im Kreise
herumgebracht hast, denn zwischen den Steinen war kein Korn, sondern
Kalksteine und Schiefer, und mit der einen Drehung hast du soviel gemahlen,
da die ganz Hochebene mit guter fruchtbarer Erde bedeckt worden ist. Da
du in dem Bett, das ich dir zurecht gemacht habe, nicht hast liegen knnen,
verwundert mich auch nicht; denn ich habe groe eckige Berggipfel
hineingelegt; diese hast du nun ber das halbe Land hingeschleudert, und
vielleicht sind dir die Menschen dafr nicht so dankbar wie fr das andere,
was du getan hast. Ich sage dir jetzt Lebewohl und verspreche dir, da ich
und mein Mann von hier fortziehen werden an einen Ort, wo du uns nicht so
leicht aufsuchen kannst.<

Der Wanderer hrte dies alles mit wachsendem Zorne an, und als die
Riesenfrau ausgesprochen hatte, griff er nach dem Hammer, den er in seinem
Grtel trug. Aber ehe er ihn herausziehen konnte, war die Frau
verschwunden, und da, wo das Haus der Riesen gestanden hatte, war nichts
mehr zu sehen als eine graue Bergwand. Aber was nicht verschwunden war, das
waren die mchtigen Flsse und Seen, denen Handfest auf der Hochebene
einen Weg geschaffen, sowie das fruchtbare Erdreich, das er gemahlen hatte.
Nicht verschwunden waren auerdem noch die prchtigen Berge, die dem
Jmtland seine Schnheit verleihen und allen denen, die es besuchen, Kraft
und Gesundheit, Freude, Mut und Lebenslust schenken; deshalb ist wohl auch
von allen Taten, die Asa-Thor vollbracht hat, keine lobenswerter als die,
welche er in jener Nacht ausfhrte, als er Felsenmassen hinausschleuderte,
vom Frostviksgebirge im Norden bis zum Helagsberg im Sden, von den
Ovikshhen bis jenseits des Storsee, ja bis zu den Sylarna, den hohen
Bergen an der Reichsgrenze.

[Illustration]




47

Die Sage vom Hrjedal


                                                  Dienstag, 4. Oktober

Nils Holgersson wurde unruhig, weil die Reisenden gar so lange auf dem
Aussichtsturm blieben. Der Gnserich Martin konnte seinen Gefhrten nicht
abholen, solange die Fremden da waren, und der Junge wute doch, da die
Wildgnse so rasch wie mglich sdwrts reisen wollten. Mitten unter der
Erzhlung war es ihm freilich gewesen, als hre er Gnsegeschnatter und
laute Flgelschlge; vielleicht waren das die Wildgnse, die weiterflogen.
Aber der Junge hatte nicht an die Brstung zu treten gewagt, um zu sehen,
wie es sich verhielt.

Als die Gesellschaft endlich gegangen war und der Junge sich aus seinem
Versteck herauswagen konnte, sah er keine Wildgnse drunten auf dem Boden,
und kein Gnserich Martin kam, ihn zu holen. Er rief: Hier bin ich! Wo
bist du? so laut er konnte; aber die Reisegefhrten zeigten sich nicht. Es
fiel ihm zwar keinen Augenblick ein, sie knnten ihn verlassen haben; aber
er frchtete, es sei ihnen ein Unglck zugestoen, und er berlegte eben,
auf welche Weise er sie ausfindig machen knnte, als sich pltzlich der
Rabe Bataki neben ihm niederlie.

Der Junge htte nie gedacht, da er Bataki jemals mit einem so frohen
Willkommen begren wrde, wie er jetzt tat. Lieber Bataki, sagte er,
wie herrlich, da du kommst! Du kannst mir vielleicht sagen, was aus dem
Gnserich Martin und aus den Wildgnsen geworden ist.

Jawohl, und ich komme gerade in ihrem Auftrag, antwortete der Rabe. Akka
hat einen Jger auf dem Gebirge umherstreifen sehen, deshalb wagte sie es
nicht, auf dich zu warten, sondern ist vorausgeflogen. Setze dich jetzt auf
meinen Rcken, dann wirst du gleich wieder bei deinen Freunden sein.

Der Junge setzte sich eiligst auf Batakis Rcken, und Bataki wrde die
Wildgnse auch bald eingeholt haben, wenn ihn der Nebel nicht daran
verhindert htte. Aber es war, als htte die Morgensonne den Nebel wieder
geweckt. Kleine, leichte Nebelschleier, die sich verdichteten und mit
erstaunlicher Schnelligkeit ausbreiteten, stiegen pltzlich vom See, von
den Feldern und aus dem Walde auf, und schon nach ganz kurzer Zeit war die
Erde ringsum von weien, wogenden Nebelmassen verhllt.

Da droben, wo Bataki flog, war vollstndig klare Luft und strahlender
Sonnenschein; aber die Wildgnse waren offenbar mitten in den Nebelmassen,
da die beiden sie mit keinem Auge entdecken konnten. Der Junge und der Rabe
riefen und schrien aus vollem Halse, aber sie erhielten keine Antwort.

Das ist doch ein rechtes Migeschick, sagte der Rabe schlielich. Aber
wir wissen ja, in welcher Richtung sie fliegen, und sobald der Nebel sich
verzieht, werde ich sie schon ausfindig machen.

Der Junge war sehr betrbt, da er gerade jetzt von dem Gnserich Martin
getrennt worden war, denn auf der Reise war der groe Weie allen mglichen
Gefahren ausgesetzt. Aber nachdem er sich ein paar Stunden lang gegrmt und
gengstigt hatte, sagte er sich, es sei ja doch bisher auch kein Unglck
geschehen, und deshalb htte es keinen Sinn, wenn er jetzt schon den Mut
sinken liee.

In diesem Augenblick hrte er drunten auf der Erde einen Hahn krhen, und
sogleich neigte er sich ber den Rcken des Raben vor und rief: Wie heit
das Land, ber das ich hinfliege? Wie heit das Land, ber das ich
hinfliege?

Es heit Hrjedal! Hrjedal! Hrjedal! krhte der Hahn.

Wie sieht es bei euch da drunten aus? fragte der Junge.

Berge im Westen, Wlder im Osten und ein breites Tal durchs ganze Land!
antwortete der Hahn.

Schnen Dank! Schnen Dank fr die gute Antwort! rief der Junge.

Nachdem sie wieder eine Weile geflogen waren, hrte er unter sich im Nebel
eine Krhe krchzen.

Was fr Menschen wohnen hier in diesem Lande? rief der Junge hinunter.

Ein prchtiges, gutes Bauernvolk! antwortete die Krhe. Ein prchtiges,
gutes Bauernvolk!

Was arbeiten sie? fragte der Junge. Was arbeiten sie?

Sie treiben Viehzucht und roden den Wald aus! krchzte die Krhe zurck.

Schnen Dank! Schnen Dank fr die gute Antwort! rief der Junge.

Kurz darauf hrte er den Gesang eines Menschen durch den Nebel
heraufdringen.

Gibt es irgendeine groe Stadt in dieser Landschaft? fragte der Junge.

Was... Was... Wer ruft denn hier? rief der Mensch als Antwort.

Gibt es irgendeine groe Stadt in dieser Landschaft? wiederholte der
Junge.

Ich will wissen, wer da ruft? schrie der Mensch.

Ja, ich habe mir wohl gedacht, da ich keinen ordentlichen Bescheid
bekme, wenn ich einen Menschen fragte, rief der Junge.

Nach kurzer Zeit verzog sich der Nebel ebenso rasch wieder, wie er
aufgetaucht war, und nun sah der Junge, da Bataki ber einem breiten
Flutal hinflog. Es war ein schner Landstrich mit ebenso hohen Bergen wie
im Jmtland, aber am Fue der Berge war kein fruchtbares, dichtbebautes
Land wie dort. Die Ortschaften lagen weit voneinander entfernt, und die
Felder waren nur klein. Bataki flog den Flu in sdlicher Richtung entlang,
bis er in die Nhe eines Dorfes kam. Da flog er auf ein Stoppelfeld
hinunter und lie den Jungen absteigen.

Auf diesem Felde hat im Sommer Gerste gestanden, sagte Bataki. Sieh, ob
du nicht etwas Ebares findest.

Der Junge befolgte den guten Rat, und schon nach ganz kurzer Zeit fand er
eine hre. Whrend er die Krner herausschlte und sie verzehrte, fing
Bataki ein Gesprch mit ihm an.

Siehst du das groe Gebirge dort, das gerade im Sden vor uns aufragt?
fragte er.

Jawohl, ich sehe es deutlich, antwortete der Junge.

Es heit Sonfjllet, fuhr der Rabe fort, und du darfst mir glauben, in
den alten Tagen hat es dort viele Wlfe gegeben.

Dieses Gebirge mu auch ein guter Schlupfwinkel fr sie gewesen sein,
rumte der Junge ein.

Ja, fr die Leute hier im Tale war es oft sehr schwer, da sie sich auch
noch mit den Wlfen herumschlagen muten, sagte Bataki.

Weit du nicht irgendeine gute Geschichte von Wlfen, die du mir erzhlen
knntest? fragte der Junge. Und Bataki erzhlte:

Vor langer, langer Zeit sollen die Wlfe von Sonfjllet einmal einen
Bauern berfallen haben, der mit einer Ladung Bttchergefe umherfuhr. Er
war von Hede, einem Dorf, das einige Meilen hher droben, als wir uns hier
befinden, im dal liegt. Es war Winter, und die Wlfe jagten hinter dem
Schlitten her, als er eben ber das Eis des Ljusnan hinberfuhr. Es waren
ihrer wohl acht bis zehn Stck, und der Bauer hatte kein gutes Pferd, so
da er nicht viel Hoffnung hatte, ihnen entkommen zu knnen.

Als der Mann die Wlfe hinter sich heulen hrte und sah, was fr ein groes
Rudel er im Rcken hatte, verlor er alle Besinnung, und es fiel ihm nicht
ein, da er Kbel, Bottiche und Wannen eiligst von seinem Wagen htte
werfen sollen, um die Last zu erleichtern. Er peitschte nur auf das Pferd
los, und dieses lief auch wie noch nie, aber trotzdem kamen die Wlfe immer
nher, das merkte der Bauer wohl. Es war eine sehr einsame Gegend, der
nchste Hof lag mindestens noch zwei Meilen entfernt, der Bauer konnte
nichts anderes erwarten, als da seine letzte Stunde gekommen sei, und er
fhlte, wie ihm vor Entsetzen alle Glieder erstarrten.

Whrend er so wie gelhmt dasa, sah er, da sich zwischen den
Tannenbschen, die auf dem Eis aufgepflanzt waren, um den Weg zu
bezeichnen, etwas bewegte. Und als er sah, was es war, wuchs der Schrecken,
der ihn schon vorher erfat hatte, ins ungeheure.

Aber nicht Wlfe waren es, die ihm da entgegenkamen, sondern ein altes
Bettelweib. Sie hie die Finnen-Malin und war eine rechte Landstreicherin.
Sie hinkte ein wenig und hatte berdies einen kleinen Hcker; der Mann
konnte sie schon aus der Ferne erkennen.

Die Frau ging gerade auf die Wlfe zu. Offenbar wurden sie durch den
Schlitten vor ihr verdeckt, und dem Bauern war es sogleich klar: wenn er an
ihr vorberfuhr, ohne sie zu warnen, dann fiel sie den wilden Tieren
unwiederbringlich zur Beute, und whrend diese die Alte zerrissen, konnte
er entkommen. Auf ihren Stock gesttzt, hinkte sie langsam daher; ja, sie
war unrettbar verloren, wenn er ihr nicht half. Aber wenn er auch anhielt
und sie auf den Schlitten nahm, war es durchaus nicht sicher, da sie
gerettet wrde; wenn er es tat, war es mehr als wahrscheinlich, da er von
den Wlfen eingeholt wrde, und dann wurden alle miteinander, er und die
Alte und das Pferd, zerrissen und aufgefressen, und der Bauer fragte sich,
ob es nicht am richtigsten wre, ein Leben zu opfern, um zwei andere zu
retten.

Aber damit war es noch nicht genug, er mute sogleich auch daran denken,
wie es ihm wohl nachher selbst gehen wrde: Ob er Gewissensbisse bekme,
weil er dem Weib nicht geholfen hatte, ob die Leute erfhren, da er ihr
begegnet war und sie im Stiche gelassen hatte?

In seiner Brust entspann sich ein groer Streit, und er sagte sich
schlielich: >Es wre mir viel lieber, ich wre ihr gar nicht begegnet!<

In diesem Augenblick stieen die Wlfe ein lautes Geheul aus. Das Pferd
schreckte zusammen, fuhr wild davon und jagte an dem Bettelweib vorber.
Sie hatte das Wolfsgeheul auch gehrt, und als der Bauer an ihr
vorbersauste, las er in ihrem Gesicht, da sie wute, was ihr bevorstand.
Sie stand da, den Mund zu einem Schrei geffnet und die Arme um Hilfe
ausgestreckt, aber sie hatte weder geschrien noch einen Versuch gemacht,
sich auf den Schlitten zu werfen. Sie mute von irgendeiner Erscheinung wie
versteinert worden sein.

>Ich habe wohl wie ein bser Geist ausgesehen, als ich an ihr
vorberfuhr,< dachte der Bauer, und er versuchte, sich jetzt, wo er seines
Lebens sicher sein konnte, zufrieden zu fhlen. Aber in demselben
Augenblick begann es in seiner Brust zu arbeiten und zu brennen. Er hatte
noch nie etwas Bses getan, und nun hatte er in einem einzigen Augenblick
sein Leben verdorben. >Nein, es mag gehen, wie es will!< rief er pltzlich
und hielt das Pferd an. >Ich kann sie nicht mit den Wlfen allein lassen.<

Nur mit groer Mhe gelang es ihm, das Pferd zu wenden; aber schlielich
brachte er es doch zustande, und er hatte die Finnen-Malin bald wieder
erreicht.

>Steige schnell in meinen Schlitten!< befahl er ihr in barschem Ton; denn
er war wtend ber sich selbst, weil er das Weib nicht seinem Schicksale
berlassen konnte. >Du ttest auch besser, daheim zu bleiben, anstatt dich
immer herumzutreiben, du alte Hexe,< fuhr er fort, >jetzt werden wir beide
deinetwegen umkommen, der Rappe und ich.<

Das Weib erwiderte kein Wort, aber der Bauer war jetzt in einer so
verzweifelten Stimmung, da er sie nicht schonen konnte. >Der Rappe ist
heute schon fnf Meilen gelaufen, da wirst du begreifen, da er bald
ermattet sein wird. Und die Last ist nicht leichter geworden, seit du dazu
gekommen bist.<

Die Schlittenkufen knirschten auf dem Eis; aber trotzdem vermeinte er zu
hren, wie die Klauen der Wlfe hinter ihm aufschlugen, und er fhlte, da
die Raubtiere ihn nun eingeholt hatten.

>Jetzt ist es aus mit uns,< sagte er. >Da ich dich zu retten versucht
habe, ist weder dir noch mir gut bekommen, Finnen-Malin.<

Erst jetzt sprach das Weib ein paar Worte. Vorher hatte sie nur
geschwiegen, wie jemand, der an Scheltworte gewhnt ist.

>Ich kann nicht verstehen, warum du deine Gefe nicht abladest und die
Last erleichterst,< sagte sie. >Du kannst ja morgen frh wiederkommen und
sie zusammenlesen.<

Der Bauer verstand, welch ein kluger Rat das war, und war nur hchst
erstaunt, da er nicht selbst daran gedacht hatte. Er bergab dem Weib die
Zgel, lste den Strick, der die Gefe zusammenhielt, und begann eifrig,
sie abzuladen. Die Wlfe jagten schon neben dem Schlitten her, hielten aber
jetzt an, um zu untersuchen, was da aufs Eis flog, und dadurch bekamen die
Reisenden wieder einen kleinen Vorsprung.

>Wenn das nicht hilft, werde ich mich selbstverstndlich den Wlfen
ausliefern, damit du entkommst,< sagte die Finnen-Malin.

Als sie dies sagte, war der Bauer eben dabei, einen groen schweren
Braubottich vom Schlitten hinabzustoen. Aber pltzlich hielt er inne, als
wenn er sich nicht entschlieen knnte, diesen abzuladen. In Wirklichkeit
jedoch waren seine Gedanken von etwas ganz anderem in Anspruch genommen.
>Ein Pferd und ein Mann, denen gar nichts fehlt, sollten doch eigentlich
nicht gezwungen sein, sich wegen einer alten Frau von den Wlfen fressen
zu lassen,< dachte er. >Es mu doch wohl noch einen Ausweg zur Rettung
geben. Ja, ganz sicher gibt es einen; der Fehler ist nur, da ich ihn nicht
herausfinden kann.<

Schlielich schob er wieder an dem Braubottich; doch pltzlich hielt er
wieder an und brach in lautes Lachen aus.

Das Weib sah ihn erschreckt an und fragte sich, ob er verrckt geworden
sei; aber der Bauer lachte nur ber sich selbst, weil er bisher so dumm
gewesen war.

Jetzt wute er, was er tun mute; es war das einfachste von der Welt, und
er konnte gar nicht begreifen, da es ihm nicht frher eingefallen war.

>Pa nun wohl auf, was ich sage, Malin,< begann er. >Was du da gesagt hast,
da du dich den Wlfen vorwerfen wollest, war wirklich gut von dir. Aber
das ist nicht ntig, denn ich wei jetzt, wie uns allen dreien geholfen
werden kann. Du mut jetzt nur tun, was ich sage. Du nimmst die Zgel, und
was ich auch danach tue, du bleibst ganz ruhig sitzen und fhrst geraden
Wegs nach Linsll. Dort weckst du die Leute auf und sagst ihnen, da ich
hier mit zehn Wlfen allein auf dem Eise sei, und bittest sie, mir zu
helfen.<

Der Bauer wartete nun, bis die Wlfe wieder ganz dicht herangekommen waren.
Dann wlzte er den groen Bottich aufs Eis hinab, sprang selbst nach und
kroch darunter.

Es war ein groer, schwerer Bottich, dazu gemacht, einen ganzen
Weihnachtsvorrat an Bier fassen zu knnen. Die Wlfe sprangen darauf zu,
bissen in die Reifen und versuchten, den Bottich umzustrzen. Aber er war
zu stark und zu schwer, sie konnten nichts ausrichten; der darunter sa,
war sicher.

Ja, der Bauer wute, da er sicher war, die Wlfe konnten ihm nichts
anhaben, und er lachte unter seinem Bottich.

Aber pltzlich wurde er sehr ernst. >Sobald ich wieder in irgendeiner Not
bin,< sagte er, >werde ich an diesen Braubottich denken; und ich werde mich
daran erinnern, da ich weder mir selbst noch andern unrecht zu tun
brauche. Es gibt immer noch einen dritten Ausweg, es handelt sich nur
darum, ihn zu finden.<

Damit schlo Bataki seine Erzhlung. Aber Nils Holgersson hatte jetzt schon
gemerkt, da Bataki nie eine Geschichte erzhlte, ohne eine besondere
Absicht dabei zu haben, und je lnger er ihm zuhrte, desto nachdenklicher
wurde der Junge.

Ich mchte wohl wissen, warum du mir eigentlich diese Geschichte erzhlt
hast? sagte er schlielich.

Ach, sie ist mir eben gerade eingefallen, als ich den Sonfjll
betrachtete, antwortete der Rabe.

Sie flogen nun weiter den Ljusnan entlang, und nach ungefhr einer Stunde
gelangten sie an das Dorf Kolstt, das gerade auf der Grenze von
Hlsingeland liegt. Hier lie sich der Rabe in der Nhe einer kleinen
niedrigen Htte nieder. Sie hatte keine Fenster, sondern nur eine Luke; aus
dem Schornstein stieg ein mit Funken vermischter Rauch empor, und aus dem
Hause heraus drhnten laute Hammerschlge.

Wenn ich diese Schmiede hier sehe, sagte der Rabe, mu ich unwillkrlich
daran denken, da es in frherer Zeit im Hrjedal und ganz besonders in
diesem Dorfe hier ausgezeichnete Schmiede gegeben hat, die ihresgleichen im
ganzen Reiche nicht hatten.

Kannst du mir nicht vielleicht auch von ihnen eine Geschichte erzhlen?
fragte der Junge.

O doch, denn ich habe gehrt, ein Schmied von Hrjedal habe einmal zwei
andere Schmiedemeister, einen von Dalarna und einen von Wrmland, zu einem
Wettstreit im Ngelschmieden herausgefordert. Die Herausforderung wurde
angenommen, und die drei Schmiede kamen hier in Kolstt zusammen. Der
Dalmann machte sich zuerst an die Arbeit. Er schmiedete ein Dutzend Ngel,
die alle ganz gleich und so spitzig und glatt waren, da sie nicht besser
htten sein knnen. Nach ihm kam der Wrmlnder an die Reihe. Er schmiedete
auch ein Dutzend Ngel, und diese waren ber alles Lob erhaben, und dazu
kam noch, da dieser Schmied nur halb soviel Zeit dazu gebraucht hatte als
der Dalmann. Als die zu Schiedsrichtern erwhlten Mnner dies sahen, sagten
sie zu dem Schmied vom Hrjedal, es htte gar keinen Wert, wenn er noch
irgendeinen Versuch machte, denn besser als der Dalmann und hurtiger als
der Wrmlnder knne er doch nicht schmieden.

>Nein, ich ergebe mich nicht,< sagte der Mann vom Hrjedal. >Es wird sich
ja wohl noch etwas finden, womit ich mich auszeichnen kann.< Er legte das
Eisen auf den Ambo, ohne es vorher in der Esse erhitzt zu haben, und
hmmerte drauf los, bis es hei war, und dann schmiedete er einen Nagel um
den andern, ohne Kohlen oder einen Blasebalg zu brauchen. Noch niemals
hatte man einen Schmied mit solcher Meisterschaft den Hammer schwingen
sehen, und der Schmied von Hrjedal wurde als der beste im ganzen Lande
ausgerufen.

Bataki schwieg, aber der Junge wurde noch nachdenklicher.

Warum hast du mir das eigentlich erzhlt, Bataki? sagte er.

Ach, die Geschichte fiel mir ein, als ich die alte Schmiede da sah,
antwortete Bataki ganz gleichgltig.

Die beiden Reisenden stiegen nun wieder miteinander in die Luft hinauf, und
der Rabe flog jetzt sdwrts nach dem Kirchspiel Lillhrdal auf der Grenze
von Dalarna. Hier lie er sich auf einem bewaldeten Hgel nieder, der ganz
oben auf einem Bergrcken aufragte.

Ob du wohl eine Ahnung davon hast, was das fr ein Hgel ist, auf dem du
jetzt stehst, Dumling? fragte Bataki.

Nein, der Junge mute einrumen, da er es nicht wute.

Es ist ein Grabhgel, sagte Bataki. Hier ruht ein Mann namens Hrjulf,
und er ist der erste gewesen, der sich im Hrjedal niedergelassen hat und
das Land hier zu bebauen anfing.

Vielleicht kannst du mir auch von ihm eine Geschichte erzhlen? bat der
Junge.

Ich habe nicht viel von ihm gehrt, aber meiner Ansicht nach mu er ein
Norweger gewesen sein. Er hatte zuerst bei einem norwegischen Knig im
Dienst gestanden, aber es erhob sich ein Zwist zwischen ihnen, und so mute
er aus dem Lande fliehen. Da begab er sich zu dem schwedischen Knige, der
in Uppsala wohnte, und trat bei diesem in Dienst. Aber nach einiger Zeit
begehrte er die Schwester des Knigs zur Ehefrau, und als ihm der Knig
eine so vornehme Braut nicht geben wollte, entfloh er mit ihr. Jetzt war es
soweit gekommen, da er weder in Norwegen noch in Schweden wohnen konnte,
und ins Ausland wollte er nicht ziehen.

>Aber es mu doch wohl noch einen dritten Weg geben,< dachte er; und so zog
er mit seinen Dienern und seinen Schtzen durch Dalarna hindurch immer
weiter gen Norden, bis er die groen, wilden Wlder erreichte, die sich
nrdlich von Dalarna ausbreiteten. Dort siedelte er sich an, baute sich ein
Haus und rodete den Wald aus, und so ist er der erste gewesen, der sich in
dieser Einde niedergelassen hat.

Als Nils Holgersson diese Geschichte hrte, wurde er noch viel
nachdenklicher. Wenn ich nur wte, was du fr eine Absicht dabei hast,
da du mir alles dies erzhlst, sagte er noch einmal.

Bataki gab lange keine Antwort; er verdrehte nur den Kopf und kniff die
Augen zusammen. Da wir beide jetzt allein hier sind, will ich doch die
Gelegenheit bentzen und dich nach etwas fragen, was mir sehr wichtig ist.
Hast du je genauen Bescheid darber erhalten, unter welchen Bedingungen dir
das Wichtelmnnchen, das dich verwandelt hat, deine frhere Gestalt
wiedergeben will?

Ich habe nie von einer anderen Bedingung gehrt, als da ich den weien
Gnserich wohlbehalten nach Lappland und wieder nach Schonen zurckbringen
solle.

Das habe ich mir doch gedacht, rief Bataki; denn als wir uns das
letztemal sahen, nahmst du den Mund sehr voll und sagtest, es gbe nichts
Hlicheres, als einen Freund, der sich auf einen verlt, im Stiche zu
lassen. Deshalb solltest du doch Akka einmal nach der Bedingung fragen. Du
weit, sie ist bei dir daheim gewesen und hat mit dem Wichtelmnnchen
gesprochen.

Davon hat mir Akka nichts gesagt, entgegnete der Junge.

Sie hielt es wohl frs Beste, dich in Unkenntnis darber zu lassen, wie
die Worte des Wichtelmnnchens lauteten, denn sie will natrlich lieber dir
als dem Gnserich Martin helfen.

Es ist doch sonderbar, Bataki, so oft ich mit dir zusammen bin, gelingt es
dir, mir das Herz so recht schwer und unruhig zu machen, sagte der Junge.

Ja, es mag wohl so aussehen, versetzte der Rabe, aber ich glaube,
diesmal wirst du mir doch dankbar sein, denn ich will dir die Worte des
Wichtelmnnchens jetzt mitteilen. Sie lauteten so: Du werdest wieder ein
Mensch werden, wenn du den Gnserich Martin wieder heimbringest, damit ihn
deine Mutter schlachten knne.

Nils Holgersson fuhr auf: Das ist gewi nur eine boshafte Erfindung von
dir! rief er.

Du kannst ja Akka selbst fragen, sagte Bataki. Da kommt sie eben mit
ihrer ganzen Schar angeflogen. Vergi nun nicht, was ich dir heute erzhlt
habe; es gibt immer einen Ausweg aus allen Schwierigkeiten, es handelt sich
nur darum, ihn zu finden. Und ich freue mich schon jetzt darauf, zu
erfahren, wie dir das glcken wird.

[Illustration]




48

Wrmland und Dalsland


                                                  Mittwoch, 5. Oktober

Am nchsten Tag, als die Wildgnse ausruhten und Akka ein wenig abseits von
den andern weidete, benutzte der Junge die Gelegenheit und fragte sie, ob
es wahr sei, was Bataki gesagt hatte. Und Akka konnte es nicht leugnen. Da
mute Akka dem Jungen hoch und teuer versprechen, das Geheimnis dem
Gnserich Martin niemals zu verraten; denn der groe Weie war tapferer,
edelmtiger Natur, und der Junge frchtete, es knnte ein Unglck daraus
entstehen, wenn er die Bedingung des Wichtelmnnchens erfhre.

Jetzt sa der Junge traurig und schweigsam auf dem Rcken des Gnserichs;
er lie den Kopf hngen und hatte gar keine Lust, sich umzuschauen. Er
hrte, wie die Wildgnse den jungen Gnsen zuriefen, jetzt flgen sie nach
Dalarna hinein, und jetzt knne man den Stdjan droben im Norden sehen, und
jetzt flgen sie ber den stlichen Dallf, jetzt htten sie den
Horrmundsee erreicht-- und jetzt htten sie das Tal des westlichen Dallfs
unter sich; aber der Junge mochte nichts von allem dem ansehen.

Ich werde ja wohl mein Leben lang mit den Wildgnsen umherziehen mssen
und bekomme also noch mehr als genug von diesem Lande zu sehen, dachte er.

Es ermunterte ihn auch nicht, als die Wildgnse riefen, jetzt htten sie
Wrmland erreicht, und der Flu, dem sie sdwrts folgten, sei der Klarlf.
Ich habe schon so viele Flsse gesehen, dachte er, und brauche mir also
nicht die Mhe zu nehmen, noch einen zu betrachten.

Aber wenn der Junge auch mehr Lust gehabt htte, sich umzusehen, wre es
doch kaum der Mhe wert gewesen, denn im nrdlichen Wrmland gibt es nichts
als groe, einfrmige Wlder, durch die sich der Klarlf schmal und
schumend hindurchschlngelt. Da und dort sieht man einen Kohlenmeiler,
einen Brandplatz, wo frher ein Meiler gestanden hatte, oder einige
niedrige Htten ohne jeden Schornstein, in denen die Finnen wohnen; aber im
allgemeinen steht der weite Wald so unberhrt da, da man meinen knnte,
man befinde sich hoch droben in Lappland.

Die Wildgnse lieen sich auf einem solchen Brandplatz am Ufer des Klarlf
nieder; und whrend die Vgel von der eben hervorsprieenden frischen
Wintersaat in der Nhe weideten, hrte der Junge helles Lachen und lautes
Reden aus dem Walde herausdringen. Das Rnzel auf dem Rcken und die Axt
ber der Schulter kamen sieben groe starke Mnner des Weges daher. An
diesem Tage sehnte sich der Junge ganz unbeschreiblich nach Menschen; er
war daher ganz beglckt, als diese sieben Arbeiter die Rnzel vom Rcken
nahmen und am Fluufer Rast machten.

Sie unterhielten sich uerst lebhaft miteinander, und der Junge lag hinter
einem Erdhaufen, voller Freude darber, Menschenstimmen zu hren. Er erfuhr
bald, da diese Mnner Wrmlnder waren, die sich auf dem Wege nach
Norrland befanden, wo sie sich nach Arbeit umsehen wollten. Es waren
frhliche Menschen, die viel zu erzhlen wuten, denn sie hatten an den
verschiedensten Orten in Arbeit gestanden. Aber whrend sie sich nun so
eifrig unterhielten, sagte einer ganz zufllig, er sei jetzt in allen
Teilen von Schweden gewesen, aber keiner habe ihm so gut gefallen, wie die
Nordmark droben im westlichen Wrmland, wo er daheim sei.

Ich stimme ganz mit dir berein, wenn du nur anstatt Nordmark Fryksdal
sagst, wo meine Heimat ist, fiel einer von den andern ein.

Ich aber bin aus dem Bezirk Jsse, sagte ein dritter, und ich versichere
euch, dort ist es noch viel schner als in der Nordmark und im Fryksdal.

Nun kam es heraus, da alle diese sieben Mnner aus den verschiedenen
Teilen von Wrmland waren, und da jeder seine Heimatgegend fr besser und
schner hielt als die der andern. Sie stritten sich ein wenig, aber keiner
konnte den andern von der Richtigkeit seiner eigenen Behauptung berzeugen.
Es sah fast aus, als wrden sie sich schlielich im Ernst entzweien; doch
da kam ein alter Mann mit langem, schwarzem Haar und kleinen, zwinkernden
Augen des Wegs daher.

Was gibts, ihr Leute? Warum streitet ihr euch denn? fragte er. Ihr
schreit ja, da es nur so durch den Wald schallt.

Einer der Wrmlnder wendete sich rasch an den Neuangekommenen und sagte:
Da du hier so hoch droben durch den Wald wanderst, bist du wohl ein
Finne?

Ja, das bin ich, erwiderte der Alte.

Ei, das ist recht gut, sagte der Mann, denn es heit ja, ihr Finnen
httet mehr Verstand als andere Menschen.

Ein guter Ruf ist besser als Gold, sagte der Finne.

Nun, wir streiten uns eben darber, welcher Teil von Wrmland der beste
sei. Knntest du da nicht vielleicht unsern Streit schlichten, damit wir
uns dieser Frage wegen nicht schlielich noch untereinander verfeinden?

Ich werde entscheiden, so gut ich kann, sagte der Finne. Aber ihr mt
Geduld mit mir haben, denn ich mchte euch zuerst eine alte Geschichte
erzhlen.

In den alten Zeiten, berichtete der Finne, indem er sich bei den Mnnern
niederlie, sah das ganze Land nrdlich vom Wenersee ganz entsetzlich aus.
berall waren nur kahle Hochebenen und steile Bergkegel. Fr Menschen war
es ganz unmglich, da zu wohnen und zu leben. Wege konnten nicht gebahnt
werden, und der Boden war nicht zu bebauen. Das Land sdlich vom Wenersee
dagegen war auch in jenen Zeiten schon ebenso fruchtbar wie am heutigen
Tage.

Nun wohnte damals im sdlichen Teile ein Riese, der sieben Shne hatte.
Alle sieben waren kecke, krftige Mnner; aber sie hatten einen stolzen
Sinn, und es herrschte sehr oft Unfriede unter ihnen, weil jeder mehr sein
wollte als der andere.

Der Vater war des ewigen Streitens und Zankens mde, und um ein Ende zu
machen, versammelte er eines Tages die Shne um sich und fragte sie, ob sie
geneigt wren, es auf eine Probe ankommen zu lassen, damit er als Vater
herausfinde, welcher von ihnen der Tchtigste sei.

O ja, die Shne waren sehr damit einverstanden; sie wnschten sich gar
nichts Besseres.

>Dann wollen wir die Sache folgendermaen einrichten,< sagte der Vater.
>Ihr wit, nrdlich von dem kleinen Teich, den wir den Wenersee nennen,
liegt eine Einde, die so voller Erdschollen und Gerlle liegt, da wir
gar keinen Nutzen davon haben. Morgen soll nun jeder von euch mit seinem
Pflug hinausfahren und dort soviel umpflgen, als ihm in einem Tag mglich
ist. Gegen Abend komme ich dann zu euch hinaus, zu sehen, wer am meisten
geleistet hat.<

Kaum war die Sonne am nchsten Morgen aufgegangen, als die Brder auch
schon mit den bespannten Pflgen bereit standen. Es war der Mhe wert, sie
zur Arbeit abfahren zu sehen! Die Pferde waren glnzend gestriegelt, das
Eisen blinkte, und die Pflugschar war frisch geschliffen. Sie fuhren fast
im Galopp davon, bis sie am Wenersee angekommen waren. Da wichen einige von
den Brdern auf die Seite, aber der lteste fuhr geradeswegs in den See
hinein. >Sollte ich mich vor so einer kleinen Pftze frchten?< sagte er
vom Wenersee.

Als die andern diesen Mut sahen, wollten sie auch nicht zurckstehen. Sie
stellten sich auf die Pflge und trieben die Pferde ins Wasser hin. Es
waren lauter groe Pferde, und es dauerte eine gute Weile, bis sie keinen
Grund mehr unter sich hatten und schwimmen muten. Die Pflge trieben auf
dem Wasser hin, aber fr die Mnner war es nicht leicht, sich darauf
festzuhalten. Einige von den Shnen lieen sich von den Pflgen ziehen, und
einige muten waten; aber sie erreichten doch alle das jenseitige Ufer, und
dort angekommen, machten sie sich alle sogleich an die Arbeit, die Einde
zu pflgen, die nichts weniger war als der Landstrich, der spter Wrmland
und Dalsland genannt wurde.

Der lteste von den Shnen sollte die mittelste Furche pflgen, die beiden
nchsten stellten sich zu beiden Seiten von ihm auf, und wieder die beiden
nchstltesten nahmen zu beiden Seiten von diesen Platz; von den beiden
jngsten aber pflgte jeder seine Furche, der eine ganz am westlichen Ende,
der andere aber im stlichsten Teil der Einde.

Der lteste Bruder zog mit seinem Pfluge im Anfang eine breite und gerade
Furche, denn unten am Wenersee war der Boden ganz eben und deshalb leicht
umzubrechen. Es ging rasch vorwrts, bis er an einen groen Stein kam, an
dem er nicht vorbeikommen konnte, sondern er mute den Pflug darber
hinwegheben. Dann stie er die Pflugschar aus aller Macht in den Boden und
schnitt eine breite, tiefe Furche. Aber kurz nachher traf er auf so hartes
Erdreich, da er gezwungen war, den Pflug zu heben. Dasselbe wiederholte
sich noch einmal, und der Riesensohn rgerte sich, da er die Furche nicht
die ganze Strecke gleich breit und tief ziehen konnte. Schlielich wurde
der Boden ganz hart, und er konnte mit seiner Pflugschar nur noch eine
Ritze darauf zustande bringen. Auf diese Weise gelangte er aber schlielich
doch an die nrdliche Grenze des Feldes. Dort setzte er sich nieder und
wartete auf den Vater.

Der zweite Bruder pflgte auch eine breite, tiefe Furche, und er hatte
Glck, denn er fand eine gute, flache Strecke zwischen Erdschollen, da er
seine Furche ohne Unterbrechung ziehen konnte. Da und dort wich er an einer
Schlucht etwas aus, und je weiter er nach Norden kam, desto mehr
Ausbiegungen mute er machen, und desto schmler wurde seine Furche. Aber
er war so gut im Gang, da er nicht an der Grenze anhielt, sondern noch ein
gutes Stck weiter pflgte, als er ntig gehabt htte.

Auch dem dritten Bruder, der links von dem ltesten pflgte, ging es im
Anfang recht gut. Sein Pflug schnitt eine breitere und tiefere Furche als
die der andern Brder; aber nach kurzer Zeit stie er auf so schlechtes
Erdreich, da er nach Westen ausbiegen mute. Sobald wie mglich pflgte er
wieder in nrdlicher Richtung weiter und pflgte da breit und tief in den
Boden hinein; aber lange, bevor er an der Grenze angekommen war, konnte er
nicht mehr weiter. Er wollte aber nicht mitten auf dem Felde aufhren,
deshalb drehte er die Pferde um und pflgte in einer andern Richtung
weiter. Doch schon nach kurzer Zeit war er so von allen Seiten
eingeschlossen, da er aufhren mute. >Diese Furche wird wohl die
schlechteste von allen sein,< dachte er und setzte sich auf seinen Pflug,
um den Vater zu erwarten.

Es ist wohl nicht ntig, zu berichten, wie es den andern Brdern gegangen
war. Sie vollendeten ihre Aufgaben als rechte Mnner. Die von ihnen, die in
der Mitte pflgten, hatten es sehr streng, aber die, die stlich und
westlich von ihnen gingen, hatten es noch hrter. Denn da waren berall
soviel Steine und Smpfe, da die Furchen trotz aller Mhe, die sie sich
gaben, nicht ganz gerade und gleichmig tief werden konnten. Von den
beiden jngsten wre noch zu berichten, da sie ihren Pflug immer wenden
und drehen muten, aber schlielich doch ein gutes Stck Arbeit
vollbrachten.

Am Abend sa jeder der sieben Brder mde und niedergeschlagen am Ende
seiner Furche und wartete auf den Vater.

Jetzt kam der Vater heran. Er trat zuerst zu dem, der am weitesten
westwrts gearbeitet hatte.

>Guten Abend!< sagte er. >Wie ist es dir bei der Arbeit gegangen?<

>Nicht besonders gut,< sagte der Sohn. >Das war ein uerst schwieriger
Boden, den Ihr uns da zum Bearbeiten ausgesucht habt.<

>Du wendest ja deinem Arbeitsfeld den Rcken zu,< sagte der Vater. >Dreh
dich einmal um, dann kannst du sehen, was du ausgerichtet hast. Es ist gar
nicht so wenig, wie du meinst.<

Der Sohn drehte sich um, und da sah er, da da, wo er den Pflug gezogen
hatte, herrliche Tler mit Seen und schnen, waldigen Berghngen entstanden
waren. Er war ein gutes Stck durch Dalsland und die Nordmark von Wrmland
hindurchgekommen und hatte den Laxsee und Lelngen und Gro-Le und die
beiden Silarna durchgepflgt; ja, der Vater hatte allen Grund, mit ihm
zufrieden zu sein.

>Nun wollen wir sehen, was die andern zustande gebracht haben,< sagte der
Vater.

Der nchste Sohn, zu dem sie kamen-- der fnfte in der Reihe-- hatte den
ganzen Jsseer Bezirk und den Glafsfjord gepflgt, und wieder der nchste,
der dritte, den Vrmeln. Der lteste in der Mitte war mit dem Fryksdal und
den Frykenseen fertig geworden. Der zweitlteste hatte das lfdal mit dem
Klarlf gepflgt. Der vierte hatte mit saurer Mhe den Bergwerkdistrikt,
den Yngen- und Daglsee, sowie eine Menge andere kleine Seen gepflgt. Der
sechste hatte eine ganz merkwrdige Furche gezogen. Zuerst hatte er fr den
groen See Skagern Platz geschaffen, dann war er in einer schmalen Rinne
weiter gezogen, die der Letlf ausfllte, und schlielich war er ber die
Grenze hinbergefahren und hatte in den Bergwerkdistrikten von Westmanland
kleine Seen herausgegraben.

Nachdem der Vater das ganze umgepflgte Land in Augenschein genommen hatte,
sagte er, soweit er es beurteilen knne, htten die Shne ein gutes Stck
Arbeit vollbracht, und er habe allen Grund, mit ihnen zufrieden zu sein.
Jetzt sei das Land keine Wildnis mehr, nun knne es bebaut und bepflanzt
werden. Sie htten viele fischreiche Seen und fruchtbare Tler geschaffen.
Die Flsse und Bche htten einen ordentlichen Fall, da sie Mhlen,
Sgewerke und Eisenhmmer treiben knnten. Auf den Bergrcken zwischen den
gezogenen Furchen sei Platz fr Wlder, wo Waldbau und Kohlenbrennerei
betrieben werden knne, und jetzt sei auch die Mglichkeit da, zu den
groen Erzlagern in dem Bergwerkdistrikt gute Straen anzulegen.

Die Shne freuten sich, als sie den Vater so sprechen hrten; aber sie
wollten nun auch noch wissen, welcher von ihnen die beste Furche gezogen
habe.

>Bei einem Erdreich wie diesem hier,< sagte der Vater, >ist es wichtiger,
da alle Furchen gut ineinander passen, als da die eine schner sei als
die andre, und ich glaube, wer zu den groen, langen Seen in der Nordmark
und im Dalsland kommt, wird gerne zugeben, da er selten etwas Schneres
gesehen habe. Aber trotzdem wird er sich freuen, wenn er die hellen,
fruchtbaren Gegenden um den Glafsfjord und den Vrmeln her sieht.

Hat er sich dann eine Weile in diesen lachenden, betriebsamen Landstrichen
aufgehalten, dann wird er sie gewi auch gerne mit den langen, engen Tlern
am Frykensee und am Klarlf vertauschen. Und sollte er auch dieser
berdrssig werden, dann wird es ihn erfrischen, wenn er im
Bergwerkdistrikt verschiedentlich geformte Seen antrifft, die sich
dahinschlngeln und durch die Berge winden, und deren es so viele sind, da
niemand alle ihre Namen behalten kann. Nach diesen Seen mit ihren vielen
Buchten und Landzungen freut er sich natrlich, wenn er schlielich den
groen Wasserspiegel des Skagern erblickt. Und nun will ich euch noch etwas
sagen: Gerade wie mit diesen Furchen geht es auch mit den Shnen. Kein
Vater freut sich, wenn der eine tchtiger ist als der andre; kann er aber
seinen Blick mit ganz derselben Befriedigung von dem ltesten bis zum
Jngsten schweifen lassen, dann wohnt in seinem Herzen eitel Freude.<

[Illustration]




49

Ein kleiner Herrenhof


                                                  Donnerstag, 6. Oktober

Die Wildgnse folgten dem Lauf des Klarlf bis zu den groen Fabriken bei
Munkefors. Dann wendeten sie sich nach Westen dem Fryksdal zu. Aber bevor
sie den Frykensee erreicht hatten, begann es zu dunkeln, und so lieen sie
sich auf einem flachen Moor in einem Bergwald nieder. Das Moor war nun
freilich ein ganz gutes Nachtquartier fr die Wildgnse; aber Nils
Holgersson fand es kalt und unbehaglich, und er htte gerne einen besseren
Platz zum Schlafen gehabt. Whrend sie noch in den Lften droben gewesen
waren, hatte er am Fu des Berges einige Hfe gesehen, und nun eilte er
rasch dorthin, um eines von diesen Husern zu erreichen. Der Weg war
lnger, als er geglaubt hatte, und er fhlte sich wiederholt versucht,
wieder umzukehren. Aber endlich lichtete sich der Wald, und er gelangte auf
eine Landstrae, die am Waldessaum hinlief. Von der Strae fhrte eine
schne Birkenallee nach einem Herrenhofe, und der Junge richtete sogleich
seine Schritte dahin.

Er gelangte zuerst auf einen von roten Gebuden umgebenen Platz, der so
gro wie ein Marktplatz war. Als der Junge diesen Hof durchschritten hatte,
kam er in einen zweiten Hof, und da sah er das Wohnhaus mit seinen
Seitenflgeln, mit einem Kiesweg und einem groen Rasenplatz davor und
einem groen Garten mit vielen Bumen dahinter. Das Hauptgebude selbst war
nur klein und unansehnlich; aber der Rasen war von einer Reihe mchtiger
Ebereschen eingefat, die so dicht standen, da sie eine ganze Allee
bildeten, und dem Jungen war es, als sei er in einen prchtigen
hochgewlbten Saal hineingekommen. Oben darber schimmerte ein blablauer
Himmel, die Ebereschen hatten gelbe Bltter und groe, rote Beerenbschel;
der Rasen war zwar noch grn, aber an jenem Abend go der Mond einen so
strahlend hellen Glanz vom Himmel herab, da das Gras wie Silber glnzte.

Kein Mensch war zu sehen, der Junge konnte also frei umhergehen, wo er
wollte, und als er in den Garten kam, entdeckte er etwas, das ihn sofort in
gute Laune versetzte. Er war auf eine kleine Eberesche geklettert, um
einige Vogelbeeren zu essen; aber ehe er einen von den roten Bscheln
abgebrochen hatte, fiel sein Blick auf einen Ahlkirschenbaum, der auch
voller Frchte stand. Rasch lie er sich von der Eberesche hinabgleiten und
kletterte auf den Ahlkirschenbaum; aber kaum sa er da droben, als er einen
Johannisbeerstrauch erblickte, an dem noch lange rote Trubchen hingen.
Ach, und jetzt sah er, da der ganze Garten voller Stachelbeeren, Himbeeren
und Hagebutten war! Im Gemsegarten standen Rben und Kohlraben, an allen
Struchern hingen Beeren, alle Pflanzen hatten reifen Samen und die
Grashalme kleine, dicke hren. Und dort auf dem Gange-- nein, er tuschte
sich doch wohl nicht-- da lag wirklich vom Mondschein hell erleuchtet ein
prchtiger groer Apfel!

Der Junge setzte sich hinter seinen groen Apfel auf den Wegrand und
schnitt sich mit seinem Taschenmesser kleine Stckchen davon ab. Wie das
schmeckte! Ja wenn man nur immer so leicht zu einer guten Mahlzeit kme
wie hier in diesem Hofe, dann knnte man schlielich schon sein Leben lang
ein Wichtelmnnchen bleiben, dachte der Junge.

Whrend er a, kamen ihm allerlei Gedanken, und schlielich meinte er, ob
es nicht vielleicht ebensogut wre, wenn er gleich hier bliebe und die
Wildgnse allein weiter ziehen liee.

Ich wei eben gar nicht, wie ich dem Gnserich begreiflich machen soll,
da ich nicht heimkehren kann, dachte er. Da wre es gewi besser, ich
trennte mich vollstndig von ihm. Ich knnte es ja dann wie die
Eichhrnchen machen: mir einen Wintervorrat sammeln, damit ich nicht zu
verhungern brauchte; und im Kuh- oder Pferdestall fnde sich wohl auch ein
warmes Winkelchen fr mich, dann brauchte ich auch nicht zu erfrieren.

Whrend er noch darber nachdachte, hrte er ein leichtes Rauschen ber
seinem Kopfe; und gleich darauf stand neben ihm auf dem Boden etwas, was
einem kleinen Birkenstumpfe glich. Der Stumpf wendete und drehte sich, zwei
helle Punkte oben auf dem Gipfel glhten wie zwei Kohlen. Es sah wie ein
schrecklicher Zauberspuk aus; aber nach ein paar Augenblicken entdeckte der
Junge, da der Stumpf einen gekrmmten Schnabel und um die glhenden Augen
einen groen Federkranz hatte, und da beruhigte er sich wieder.

Ei wie angenehm, da ich ein lebendes Wesen hier antreffe, begann er.
Vielleicht knnt Ihr, Frau Nachteule, mir mitteilen, wie dieses Gut hier
heit, und was fr Leute hier wohnen?

Die Nachteule hatte wie alle Abend, so auch heute auf der Stufe einer
groen Leiter gesessen, die am Dach lehnte, und von da auf dem Kiesweg und
dem Rasen nach Musen ausgespht. Aber zu ihrer groen Verwunderung hatte
sie nicht ein einziges langgeschwnztes Muschen entdecken knnen. Statt
dessen gewahrte sie pltzlich, da sich drunten im Garten etwas bewegte,
das einem Menschen glich, aber viel kleiner war als jedes menschliche
Wesen.

Da haben wir wohl den, der die Muse verscheucht, dachte die Nachteule.
Was mag aber das nur fr ein Wesen sein?

Es ist kein Eichhrnchen und ist auch kein junges Ktzchen und ebensowenig
ein Wiesel, dachte die Eule weiter. Nun htte man doch geglaubt, ein
Vogel, der so lange auf einem alten Herrenhofe gewohnt hat wie ich, sollte
nachgerade wissen, was fr Geschpfe es auf der Welt gibt, aber dies hier
geht ber meinen Verstand.

Sie starrte das Ding, das sich drunten auf dem Kiesweg bewegte, unverwandt
an, und ihre Augen glhten. Schlielich aber gewann die Neugierde die
Oberhand; sie flog auf den Boden hinunter, um sich das fremde Geschpf in
der Nhe zu betrachten.

[Illustration]

Als Nils Holgersson zu sprechen anfing, beugte sich die Eule vor und sah
ihn genau an. Er hat weder Krallen noch einen Stachel, dachte sie; aber
wer wei, ob er nicht einen Giftzahn oder sonst eine Waffe hat, die noch
gefhrlicher sein knnte. Es ist gewi am besten, ich verschaffe mir zuerst
etwas nhere Auskunft ber ihn, ehe ich mich mit ihm einlasse.

Der Hof heit Mrbacka, sagte sie dann; und in frheren Zeiten haben
ausgezeichnete Menschen hier gewohnt. Aber wer bist denn du?

Ich habe die Absicht, mich hier niederzulassen, sagte der Junge, ohne
eine direkte Antwort auf die Frage der Nachteule zu geben. Meint Ihr, das
liee sich einrichten?

O ja, obgleich der Hof jetzt nichts Besonderes mehr ist, im Vergleich zu
dem, was er frher war, antwortete die Eule. Aber man kann immerhin hier
leben; es kommt ja auch hauptschlich darauf an, wovon du hier leben
willst. Hast du im Sinn, dich auf die Musejagd zu legen?

Nein, Gott soll mich davor bewahren! rief der Junge. Es ist wohl mehr
Gefahr vorhanden, da die Muse mich auffressen, als da ich ihnen ein Leid
antue.

Ob er wirklich so wenig gefhrlich ist, wie er sagt? Das ist doch wohl
nicht mglich, dachte die Eule; aber ich glaube, ich will doch einen
Versuch machen. Sie flog auf, und im nchsten Augenblick hatte sie ihre
Krallen in Nils Holgerssons Schultern geschlagen und hackte nun nach seinen
Augen. Nils hielt die eine Hand zum Schutz vor die Augen, whrend er sich
mit der andern zu befreien suchte und zugleich aus Leibeskrften um Hilfe
schrie. Er fhlte, da er in wirklicher Lebensgefahr schwebte, und sagte
sich, diesmal werde es ganz gewi aus mit ihm sein.

Aber nun mu ich erzhlen, wie wunderbar es sich traf, da gerade in diesem
Jahre, wo Nils Holgersson mit den Wildgnsen umherzog, in Schweden eine
Schriftstellerin war, die ein Buch ber Schweden schreiben sollte, das den
Kindern als Lesebuch in der Schule dienen knnte. Von Weihnachten bis zum
Herbst hatte sie sich ber ihre Aufgabe besonnen; aber bis jetzt war noch
nicht eine einzige Zeile an dem Buche geschrieben, und schlielich war sie
der ganzen Aufgabe so berdrssig geworden, da sie sich sagte: Auf diese
Weise bringst du nichts zustande, setz dich lieber hin und dichte
Geschichten und Mrchen wie sonst, und la jemand anders dieses Buch
schreiben, das lehrreich und ernst sein soll und in dem kein unwahres Wort
stehen darf.

Sie war so gut wie entschlossen, ihr Vorhaben aufzugeben; aber sie htte
eben doch gar zu gerne etwas Schnes ber Schweden geschrieben, und es
wurde ihr sehr schwer, die Arbeit ungetan zu lassen. Schlielich kam ihr
der Gedanke, ob sie nicht am Ende deshalb mit dem Buche nicht zustande
komme, weil sie in einer Stadt sitze und nichts als Straen und Mauern vor
sich sehe. Vielleicht geht es besser, wenn ich aufs Land reise und Felder
und Wlder betrachten kann, dachte sie.

Sie stammte aus Wrmland, und sie war fest entschlossen, das Buch mit
dieser Landschaft beginnen zu lassen. Und vor allem wollte sie von dem Hof
erzhlen, auf dem sie aufgewachsen war. Es war ein kleiner Herrenhof, der
ganz einsam und weltabgeschieden dalag und auf dem sich noch viele
altertmliche Sitten und Bruche erhalten hatten. Sie dachte, den Kindern
wrde es gewi gefallen, wenn sie von allen den Beschftigungen hrten, die
im Laufe des Jahres einander ablsten. Sie wollte erzhlen, wie bei ihr
daheim Weihnachten und Neujahr, Ostern und das Johannisfest gefeiert worden
wren; was fr Mbel und Hausgerte sie gehabt htten, wie es in der Kche
und in der Vorratskammer, in Kuh- und Pferdestall, in Brauhaus und in der
Badestube ausgesehen htte. Aber als sie sich nun daran machte, dies zu
beschreiben, wollte die Feder gar nicht bers Papier hingleiten. Die
Schriftstellerin konnte durchaus nicht begreifen, woher das kam; aber es
war jedenfalls so.

Sie sah aber doch alles miteinander so deutlich und lebendig vor sich, wie
wenn sie noch immer mitten darin gelebt htte! Trotzdem kam sie nicht
vorwrts, und schlielich dachte sie, da sie nun doch einmal aufs Land
reisen wolle, wre es vielleicht am besten, sie stattete dem alten Hofe
einen Besuch ab und beshe sich ihn noch einmal genau, ehe sie an dessen
Beschreibung ginge. Sie war seit vielen Jahren nicht mehr dagewesen, und
der Gedanke, da sie nun hier eine Veranlassung zum Hinreisen habe, machte
ihr das Herz warm. Eigentlich trug sie immer eine Art Heimweh nach dem
alten Hofe mit sich herum, sie mochte sein, wo sie wollte. Sie sah ja wohl,
da andre Orte schner und besser waren; aber nirgends berkam sie jenes
Gefhl der Sicherheit und des Wohlbehagens, wie sie es in ihrer
Kinderheimat immer gehabt hatte.

Diese Reise in die alte Heimat war indes gar nicht so einfach fr sie, wie
man meinen knnte, denn der Hof war an eine ihr ganz fremde Familie
verkauft worden. Sie dachte freilich, man wrde sie gewi freundlich
aufnehmen; aber sie wollte ja nicht in die alte Heimat kommen, um mit
fremden Menschen zu plaudern, sondern um sich alles so recht deutlich ins
Gedchtnis zurckzurufen, wie es frher da gewesen war. Deshalb richtete
sie es so ein, da sie spt am Abend auf Mrbacka eintraf, zu einer Zeit,
wo schon Feierabend gemacht worden war und das Gesinde sich im Hause
befand.

Sie htte nie gedacht, da es so seltsam sei, in die alte Heimat
zurckzukehren. Whrend sie im Wagen sa und nach dem alten Hofe fuhr, war
es ihr, als werde sie mit jeder Minute jnger und immer jnger, und bald
war sie nicht mehr eine, deren Haar sich schon grau zu frben begann,
sondern ein kleines Mdchen mit kurzen Rcken und einem langen
flachsblonden Zopf. Whrend sie so dahinfuhr und jeden Hof am Wege wieder
erkannte, konnte sie es nicht lassen, sich vorzustellen, da daheim auch
alles ganz genau wie in frheren Zeiten sein msse. Wenn sie ankam, standen
Vater und Mutter und die Geschwister auf der Treppe und hieen sie
willkommen. Die alte Haushlterin lief ans Kchenfenster, um zu sehen, wer
kme, und Nero und Freya und noch ein paar andre Hunde kamen dahergerannt
und sprangen an ihr hinauf!

Je mehr sie sich dem Hofe nherte, desto glcklicher fhlte sie sich. Es
war Herbst, und eine emsige Zeit mit einer Menge Arbeit stand bevor. Aber
gerade diese verschiedenen Arbeiten waren es, warum einem das Leben daheim
nie langweilig und einfrmig geworden war. Unterwegs hatte sie gesehen, da
die Leute bei der Kartoffelernte waren, und diese war natrlich jetzt auch
daheim im Gange. Nun muten zuerst Kartoffeln gerieben und Kartoffelmehl
gemacht werden. Es war ein milder Herbst gewesen, und sie htte so gerne
gewut, ob wohl der Garten schon ganz eingeheimst sei? Nun, der Kohl stand
doch jedenfalls noch drauen; aber ob wohl der Hopfen schon gepflckt und
die pfel heruntergenommen waren?

Wenn sie nur nicht am Ende gerade die Herbstputzerei hatten, denn es war
nicht mehr lang bis zum Herbstmarkt! Zu diesem Jahrmarkt mute das ganze
Haus wie ausgeblasen sein. Er wurde als ein groes Fest angesehen, vor
allem vom Gesinde. Und es war auch wirklich ein Vergngen, wenn man am
Vorabend des Marktes in die Kche hinauskam und sah, wie blitzblank alles
war: der reingewaschene, mit Wacholderzweigen bestreute Fuboden, die
frischgeweiten Wnde und das blankgescheuerte Kupfergeschirr auf den
Wandbrettern.

Aber wenn das Marktfest vorber war, kehrte doch nicht lange Ruhe ein. Dann
mute der Flachs gehechelt werden. Der Flachs war whrend der Hundstage auf
einer Wiese zum Trocknen ausgebreitet worden. Jetzt brachte man ihn in die
alte Badestube hinein, und in dem groen Badestubenofen wurde ein tchtiges
Feuer gemacht und der Flachs gedrrt. Und wenn er drr genug war, wurden an
einem Tage alle Nachbarsfrauen zusammengerufen. Diese setzten sich vor die
Badestube; und nun wurde der Flachs gebrochen und hierauf gehechelt, damit
sich die feinen weien Fasern aus den drren Halmen herauslsten. Whrend
dieser Arbeit wurden die Weiber ganz grau vor Staub. Ihr Haar und ihre
Kleider waren ber und ber mit Spleien bedeckt, aber sie waren trotzdem
seelenvergngt. Den ganzen Tag hindurch klapperten die Brechsthle, und die
Weiber schwatzten ununterbrochen darauf los. Wer in die Nhe der Badestube
kam, htte meinen knnen, ein Sturm jage mit lautem Sausen daher.

Nach dem Flachshecheln kam das Backen des Hartbrotes, die Schafschur und
der Wandertag der Mgde an die Reihe. Im November standen dann die
arbeitsreichen Schlachttage bevor; das Fleisch wurde eingepkelt, Wrste
gestopft, Blutpudding gekocht und Lichter gegossen. In dieser Zeit kam dann
wohl auch das Nhmdchen, das die eigengewobenen wollenen Kleider
verfertigte; und das waren einige frhliche Wochen, wo alle Frauen des
Hauses eifrig nhend beisammen saen. Meistens sa dann auch der
Schuhmacher zu derselben Zeit drben in der Knechtstube an seiner Arbeit;
und man wurde es nie mde, immer und immer wieder zuzusehen, wie er Leder
zuschnitt, Stiefel sohlte, Abstze aufbaute und die Ringe in die
Schnrlcher einschlug. Aber die grte Geschftigkeit entfaltete sich doch
gegen Weihnachten. Der Lucietag, wo morgens um fnf Uhr das Stubenmdchen
in einem weien Kleide mit brennenden Kerzen im Haar das ganze Haus zum
Kaffee einlud, war das Zeichen, da man in den nchsten Wochen nicht viel
auf Schlaf rechnen durfte.

Jetzt mute das Weihnachtsbier gebraut, die Stockfische gelaugt, das
Weihnachtsbackwerk verfertigt und die Weihnachtsputzerei vorgenommen
werden------

Die Schriftstellerin stand im Geiste mitten zwischen Pfeffernssen und
Honigkuchen, als der Kutscher, wie sie ihn gebeten hatte, am Eingang in die
Allee seine Pferde anhielt. Sie fuhr jh aus ihren Trumen auf, und es war
ihr ganz unheimlich zumute, als sie nun am spten Abend so ganz allein im
Wagen sa, nachdem sie sich eben noch von allen ihren Lieben umgeben
geglaubt hatte. Als sie ausstieg und die Allee hinaufwanderte, um unbemerkt
in ihre alte Heimat hineinzukommen, fhlte sie mit bitterer Wehmut den
Unterschied zwischen frher und jetzt, und sie wre am liebsten wieder
umgekehrt. Was hat es fr einen Wert, da ich hierher komme? Die alten
Zeiten kehren ja doch nicht wieder! dachte sie.

Aber nachdem sie nun soweit gekommen war, meinte sie, es wre doch nicht
recht, wenn sie sich den Hof nicht wenigstens anshe. Und so schritt sie
weiter, obgleich ihr das Herz mit jedem Schritt schwerer wurde.

Sie hatte gehrt, der Hof sei sehr verfallen und verndert, und das war
wohl auch so; aber jetzt am Abend konnte sie das nicht wahrnehmen. Es war
ihr eher, als sei alles ganz wie frher. Dort war der Teich, der in ihren
jungen Tagen voller Karauschen gewesen war, die niemand fischen durfte,
weil der Vater wollte, da die Fische hier eine vollstndige Freistatt
haben sollten. Dort waren die Seitenflgel mit der Gesindestube, der
Vorratskammer und dem Stall, mit der Vesperglocke auf dem einen Giebel und
der Wetterfahne auf dem andern. Und der Hofplatz vor dem Wohnhause war noch
immer wie ein eingeschlossener Raum ohne Aussicht nach irgendeiner Seite,
ganz wie zu Zeiten des Vaters, weil er es nicht bers Herz brachte, irgend
einen Busch weghauen zu lassen.

Sie war im Schatten eines groen Ahorns bei der Einfahrt stehen geblieben
und schaute sich nun aufmerksam um, und whrend sie so dastand, geschah
etwas Merkwrdiges: eine Schar Tauben kam dahergeflogen und lie sich neben
ihr nieder.

Sie konnte kaum glauben, da es wirkliche Vgel seien, denn Tauben pflegen
sonst nie nach Sonnenuntergang auszufliegen. Der helle Mondschein mute sie
geweckt haben, da sie geglaubt hatten, es sei schon Tag, und so waren sie
aus dem Taubenschlag herausgeflogen; aber da waren sie wohl verwirrt
geworden und hatten den Weg nicht mehr zurckgefunden, und als sie einen
Menschen gewahrten, flogen sie zu ihm, ihn um seine Hilfe zu bitten.

Zu Lebzeiten ihrer Eltern waren immer eine Menge Tauben auf dem Hofe
gewesen, denn die Tauben hatten auch zu den Tieren gehrt, die der Vater
unter seinen besonderen Schutz genommen hatte. Wenn nur jemand davon
sprach, da eine Taube geschlachtet werden sollte, so verdarb ihm das die
gute Laune. Jetzt war es ihr eine wahre Herzensfreude, da die schnen
Vgel sie an der Schwelle des alten Hauses begrten. Wer konnte wissen, ob
nicht die Tauben gerade deshalb zur Nachtzeit ausgeflogen waren, um ihr zu
zeigen, da sie nicht vergessen htten, welch eine gute Heimat sie einst
hier gehabt hatten!

Oder hatte vielleicht der Vater seine Vgel mit einem Grue zu ihr
geschickt, damit sie sich nicht gar so verlassen und einsam fhlen sollte,
wenn sie nun wieder in die alte Heimat kam?

Whrend ihr diese Gedanken durch den Kopf flogen, regte sich eine so heie
Sehnsucht nach den alten Zeiten in ihrem Herzen, da ihr die Trnen in die
Augen traten. Es war ein gutes Leben gewesen, das sie auf dem Hofe gefhrt
hatten. Sie hatten saure Wochen gehabt, aber auch frohe Feste; sie hatten
den Tag ber fleiig sein mssen, aber am Abend hatte man sich um die
Lampe versammelt und Tegnr und Runeberg, Frau Lenngren und Friedericke
Bremer gelesen. Sie hatten Getreide gebaut, aber auch Rosen und Jasmin
gezogen; sie hatten Flachs gesponnen, aber beim Spinnen waren Volkslieder
gesungen worden. Sie hatten sich mit der Grammatik und der Weltgeschichte
abgeqult; aber sie hatten auch Komdie gespielt und Verse gedichtet. Sie
hatten am Herd gestanden und das Essen gekocht; aber sie hatten auch
musizieren drfen, hatten Klavier, Gitarre und Geige gespielt und Flte
geblasen. Sie hatten in einem Garten Kohl und Rben, Erbsen und Bohnen
gepflanzt; aber es war noch ein zweiter Garten da, wo es pfel und Birnen
und allerlei Beeren in Hlle und Flle gab. Sie hatten ein ziemlich
einsames Leben gefhrt, aber gerade deshalb hatten sie sich in eine
Mrchen- und Sagenwelt hineingelebt. Ihre Kleider waren aus eigengewobenen
Stoffen verfertigt gewesen; aber sie hatten auch unabhngig und sorgenfrei
leben knnen.

Nirgends auf der weiten Welt verstehen es die Menschen so gut, sich das
Leben schn einzurichten, als sie das zu meiner Zeit auf einem solchen
kleinen Herrenhofe verstanden haben, dachte die Dichterin. Da hatte die
Arbeit ihre Zeit und das Vergngen seine Zeit, aber die Freude herrschte
jeden Tag. Wie gern mchte ich hierher zurckkehren! dachte sie weiter.
Seit ich den Hof wiedergesehen habe, fllt mir das Fortgehen fast zu
schwer.

Und dann wendete sie sich an die Taubenschar und sagte zu ihr, whrend sie
doch zugleich ber sich selbst lchelte: Fliegt zurck zu meinem Vater und
sagt ihm, da ich Heimweh habe. Nun bin ich lange genug an fremden Orten
gewesen; fragt ihn, ob er es nicht einrichten knne, da ich bald wieder in
die Heimat meiner Kindheit zurckkehren drfe?

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als die ganze Taubenschar auch schon
auf und davon flog; sie versuchte, den Vgeln mit den Augen zu folgen, aber
sie verschwanden rasch; es war, als habe die ganze weie Schar sich in der
mondhellen Luft aufgelst.

Aber kaum waren die Tauben verschwunden, als aus dem Garten laute Schreie
an ihr Ohr drangen, und als sie rasch dahineilte, woher die Rufe kamen, bot
sich ihr ein merkwrdiger Anblick dar. Ein winzig kleiner Knirps, kaum eine
Spanne lang, wehrte sich verzweiflungsvoll gegen eine Nachteule.

Zuerst war die Schriftstellerin so berrascht, da sie sich nicht rhren
konnte. Aber als der Kleine immer jmmerlicher schrie, legte sie sich rasch
dazwischen und trennte die beiden Kmpfenden. Die Eule schwang sich auf
einen Baum, aber das Mnnlein blieb auf dem Gartenweg stehen, ohne sich zu
verstecken oder davonzulaufen.

Ich danke Ihnen fr Ihre Hilfe, sagte es, aber Sie htten die Eule nicht
fortfliegen lassen sollen. Nun kann ich nicht von hier weggehen, denn sie
sitzt dort auf dem Baum und lauert mir auf.

Ja, es war recht gedankenlos von mir, da ich sie entwischen lie. Aber
kann ich dich nicht dahin begleiten, wo du zu Hause bist? fragte sie, die
so gerne Mrchen ersann; und sie war nicht wenig erstaunt, da sie hier so
ganz unvermutet mit einem Wichtelmnnchen zusammengetroffen war. Aber
eigentlich war sie nicht einmal so sehr erstaunt; es war, als habe sie,
whrend sie da im Mondschein vor ihrer alten Heimat gestanden hatte,
immerfort darauf gewartet, da sich etwas Wunderbares zutrage.

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen gehabt, hier auf dem Hofe zu
bernachten, sagte der Knirps. Wenn Sie mir einen sicheren Platz zum
Schlafen anweisen knnten, wrde ich erst morgen frh in den Wald
zurckkehren.

Soll ich dir ein Nachtlager anweisen? Wohnst du denn nicht hier?

Ach, ich verstehe, Sie halten mich fr ein Wichtelmnnchen, sagte der
Knirps jetzt. Aber ich bin ein Mensch, gerade wie Sie, und bin nur in ein
Wichtelmnnchen verwandelt worden.

Das ist das Wunderbarste, was ich je gehrt habe! Kannst du mir nicht
erzhlen, wie sich das zugetragen hat?

Der Junge hatte nichts dagegen, seine Abenteuer zu erzhlen, und je weiter
er in seinem Bericht kam, desto erstaunter und verwunderter, aber auch
desto vergngter wurde die Zuhrerin.

Ach, welch ein Glck, da ich jemand treffe, der durch ganz Schweden auf
einem Gnsercken gereist ist! dachte sie. Alles, was er mir da erzhlt,
kann ich ja in mein Buch schreiben! Jetzt brauche ich mir deswegen keine
Sorgen mehr zu machen. Wie gut ist es, da ich nach Hause gereist bin! Wie
merkwrdig, da die Hilfe gekommen ist, sobald ich den alten Hof betreten
habe!

In demselben Augenblick zuckte ein Gedanke, den sie kaum auszudenken wagte,
durch ihr Gehirn. Sie hatte ihrem Vater durch die Tauben Botschaft
geschickt, da sie sich nach Hause sehne, und sogleich war ihr bei der
Aufgabe, ber die sie schon so lange nachgegrbelt hatte, Hilfe zuteil
geworden! Konnte das die Antwort ihres Vaters auf ihre Bitte sein?

[Illustration]




50

Das Gold auf der Schre

Auf dem Wege zum Meere


                                                  Freitag, 7. Oktober

Seit die Wildgnse ihre Herbstreise angetreten hatten, waren sie immer
geradeswegs sdwrts geflogen; aber als sie das Fryksdal verlieen,
nderten sie die Richtung und flogen nun ber das westliche Wrmland und
Dalsland nach Bohusln. Die jungen Gnse hatten nun so viel bung im
Fliegen bekommen, da sie nicht mehr ber Mdigkeit klagten, und Nils
Holgersson gewann allmhlich das Gleichgewicht wieder. Noch immer war er
hochbeglckt ber das Erlebnis auf dem Hofe. Nun hatte er sich einmal mit
einem Menschen aussprechen knnen; und die fremde Dame hatte ihn
aufgemuntert und gesagt, er solle nur wie bisher gegen alle, mit denen er
zusammentreffe, gut und hilfreich sein, dann werde es ihm gewi nicht
schlecht gehen. Wie er seine rechte Gestalt wieder bekommen wrde, das
konnte sie ihm freilich nicht sagen; aber sie hatte ihm etwas von seinem
alten Mut und Vertrauen wiedergegeben, und das war sicherlich schuld daran,
da er jetzt herausgebracht hatte, wie er den groen Weien von der
Rckkehr in die Heimat abbringen knnte.

Weit du, Gnserich Martin, sagte er, whrend sie hoch droben
dahinflogen, es wird gewi recht einfrmig fr uns, wenn wir den ganzen
Winter daheimbleiben, jetzt wo wir so eine groe Reise mitgemacht haben.
Ich berlege mir deshalb eben, ob wir nicht mit den Wildgnsen ins Ausland
reisen sollten.

Das kann dir doch nicht Ernst sein! sagte der Gnserich entsetzt; denn
jetzt, nachdem er den Beweis geliefert hatte, da er mit den Wildgnsen bis
nach Lappland hinauf reisen konnte, war er vollstndig zufrieden, wieder in
Holger Nilssons Gnsestall zurckzukehren.

Der Junge schwieg eine Weile und schaute auf das Wrmland hinunter, wo alle
Birkenwlder und Haine und Grten in herbstlich bunten Farben prangten, und
wo die langen Seen dunkelblau glnzend zwischen ihren Ufern lagen.

Ich glaube, ich habe die Erde noch nie so schn unter uns daliegen sehen
wie heute, sagte er. Die Seen sehen aus wie blaue Seide und die Ufer wie
breite goldene Bnder. Meinst du nicht auch, es wre schade, wenn wir uns
jetzt in Westvemmenhg festsetzten und nicht noch mehr von der Welt zu
sehen bekmen?

Ich glaubte, du wolltest zu deinem Vater und deiner Mutter zurckkehren,
um ihnen zu zeigen, was fr ein guter Junge du geworden bist? entgegnete
der Gnserich.

Den ganzen Sommer hindurch hatte der groe Weie von nichts anderm
getrumt, als von dem stolzen Augenblick, wo er sich pltzlich auf dem
freien Platze vor Holger Nilssons Haus niederlassen und den Gnsen und den
Hhnern und den Khen und der Katze und auch Mutter Nilsson seine
Daunenfein und die sechs Jungen zeigen wrde! Deshalb war er ber den
Vorschlag des Jungen gar nicht besonders erfreut.

An diesem Tage hielten die Wildgnse mehrere Male lange Rast, denn berall
fanden sie die herrlichsten Stoppelfelder; sie konnten sich kaum
entschlieen, sie zu verlassen, und so erreichten sie Dalsland erst gegen
Sonnenuntergang. Sie flogen ber den nordwestlichen Teil dieser Landschaft
hin, und da war es noch schner als in Wrmland. Dieser Landstrich ist so
voller Seen, da sich das Land wie kleine spitzige Hgelketten hinzieht.
Zum Getreidebau war dieser Boden nicht gnstig; um so besser aber gediehen
die Bume, und die steilen Uferhnge der Seen sahen aus wie wunderschne
Grten. Es mute etwas in der Luft oder im Wasser sein, das den
Sonnenschein noch zurckhielt, wenn die Sonne schon lngst hinter die Hgel
hinabgesunken war; goldene Lichter spielten auf den dunkeln, glnzenden
Wasserspiegeln, und ber der Erde zitterte ein heller, blaroter Schein,
aus dem die lichtgelben Birken, die hellroten Eschen und die gelbroten
Vogelbeerbume herausragten.

Meinst du denn nicht auch, lieber Gnserich Martin, es wre sehr
langweilig, wenn wir nie wieder so etwas Schnes zu sehen bekmen? fragte
der Junge.

Ich sehe lieber die fruchtbaren flachen cker in Schonen als diese magern
Waldhgel hier. Aber du weit ja, da ich mich nicht von dir trennen werde,
wenn du die Reise durchaus fortsetzen willst, antwortete der Gnserich.

Diese Antwort habe ich von dir erwartet, erwiderte der Junge. Es war ihm
ein schwerer Stein vom Herzen gefallen, und das konnte man seiner Stimme
deutlich anhren.

Als sie hierauf ber Bohusln hinflogen, wurden die Hochebenen
zusammenhngender; die Tler lagen tief drunten wie schmale aus dem Gebirge
herausgesprengte Schluchten, und die langen Seen darinnen waren so schwarz,
wie wenn sie aus der Tiefe der Erde aufgestiegen wren. Ja, es war
wirklich eine wunderschne Landschaft; und so, wie der Junge sie jetzt
unter sich sah, bald von einem Sonnenstrahl erhellt, bald im dunkeln
Schatten liegend, hatte sie einen ganz eigenartigen Reiz. Der Junge wute
nicht, woher es kam, aber er dachte unwillkrlich, in den alten Zeiten
mten hier gewi tapfere Recken gewohnt haben, die in diesen
geheimnisvollen Gegenden gefhrliche und khne Abenteuer bestanden htten.
Und der alte Hang nach merkwrdigen Erlebnissen regte sich jetzt im Herzen
des kleinen Nils Holgersson.

Es wre wohl mglich, da mir etwas fehlen wrde, wenn ich knftig nicht
alle zwei Tage in Lebensgefahr geriete, dachte er. Darum ist es gewi am
besten, ich bin damit zufrieden, wie es nun einmal ist.

Davon sagte er aber nichts zu dem groen Weien; denn die Wildgnse flogen
mit grter Geschwindigkeit ber Bohusln hin; der Gnserich keuchte heftig
und htte kein Wort erwidern knnen. Die Sonne stand jetzt tief am Himmel;
ab und zu verschwand sie hinter einem Berggipfel; aber die Wildgnse flogen
so rasch, da der groe Feuerball immer wieder vor ihnen auftauchte.

Endlich sahen sie im Westen einen hellen Streifen, der sich mit jedem
Flgelschlag breiter vor ihnen ausdehnte. Das war das Meer; zwischen
milchwei, rosenrot und himmelblau immer wechselnd lag es da drauen, und
als die Gnse an den Strandklippen vorberflogen, sahen sie abermals die
Sonne, die jetzt gro und rotglhend am Himmelsrand stand, eben im Begriff,
ins Meer zu versinken.

Als aber der Junge das freie, unendliche Meer vor sich sah und die rote
Abendsonne, die mit einem gar so milden Glanz leuchtete, da er ihr gerade
ins Gesicht sehen konnte, zogen Freude und Vertrauen in seine Seele ein.

Es hat keinen Sinn, wenn du auch noch so betrbt bist, Nils Holgersson,
sagte die Sonne. Die Welt ist ein herrlicher Aufenthalt, sowohl fr Kleine
wie fr Groe, und es ist auch gut, wenn man frank und frei ist und das
ganze Weltall hat, in dem man sich herumtummeln kann.


Das Geschenk der Wildgnse

Die Wildgnse hatten sich auf einer kleinen Schreninsel vor Fjllbacka zum
Schlafen niedergelassen. Aber als es nahe an Mitternacht war und der Mond
hoch am Himmel stand, rieb sich Akka den Schlaf aus den Augen und weckte
Yksi und Kaksi, Kolme und Nelj, Viisi und Kuusi. Schlielich stie sie
auch den Dumling mit dem Schnabel an, da er erwachte.

Was gibts, Mutter Akka? fragte er, erschrocken auffahrend.

Nichts Gefhrliches, antwortete die Anfhrerin. Nichts weiter, als da
wir sieben Alten von der Schar ein Stck weit aufs Meer hinausfliegen
wollen und wissen mchten, ob du Lust httest, mitzukommen?

Der Junge erriet sogleich, da Akka keinen solchen Vorschlag machen wrde,
wenn es sich nicht um etwas Besondres gehandelt htte; er setzte sich ihr
also sofort auf den Rcken, und Akka flog in gerader westlicher Richtung
davon. Zuerst ging es ber eine Reihe groer und kleiner, nahe an der Kste
liegender Inseln hin, dann ber eine breite Strecke offnes Wasser, und
schlielich erreichten sie die groe Vderer Inselgruppe, die ganz drauen
dicht am offnen Meere liegt. Es waren lauter niedrige, felsige Inseln, und
im Mondschein konnte man deutlich sehen, da sie an ihrer Westseite von den
Wogen ganz glatt geschliffen waren. Einige davon waren ziemlich gro, und
auf diesen unterschied der Junge einige Huser. Akka suchte eine der
kleinsten von diesen Schreninseln auf und lie sich darauf nieder. Die
Schre bestand nur aus einer unebenen Felsplatte mit einem breiten Spalt in
der Mitte, in den das Meer feinen weien Sand und Muscheln hineingeschwemmt
hatte.

Als der Junge von Akkas Rcken herabsprang, sah er dicht neben sich etwas,
was einem hohen, spitzigen Stein glich. Aber schon im nchsten Augenblick
bemerkte er, da es ein groer Raubvogel war, der sich diese Schre zum
Nachtquartier ausgewhlt hatte. Der Junge hatte indes kaum Zeit, sich ber
die Wildgnse zu verwundern, die sich so unvorsichtig neben einem
gefhrlichen Feinde niedergelassen hatten, als sich der Vogel auch schon
mit einem langen Sprung zu ihnen herschwang und Nils Holgersson den Adler
Gorgo erkannte.

Nun verstand der Junge: Akka und Gorgo hatten sich hier zusammenbestellt!

Das hast du gut gemacht, Gorgo, sagte Akka. Ich hatte eigentlich
gedacht, du wrdest den Ort unsrer Zusammenkunft nicht vor uns erreichen
knnen. Hast du schon lange gewartet?

Ich bin am Abend angekommen, antwortete Gorgo. Ja, die Zeit habe ich gut
getroffen, fuhr er fort, aber ich frchte, das wird leider auch das
einzige sein, worber du mich loben kannst; mit der Sache, die du mir
aufgetragen hast, steht es nicht gut.

Du hast gewi mehr erreicht, als du dir merken lassen willst, sagte Akka.
Doch ehe du erzhlst, wie deine Reise abgelaufen ist, mchte ich den
Dumling bitten, mir beim Suchen von etwas, was hier auf der Insel
versteckt ist, zu helfen.

Der Junge hatte eben aufmerksam ein paar groe schne Schneckenhuser
betrachtet, als aber Akka seinen Namen nannte, schaute er auf. Du hast
dich wohl verwundert, Dumling, warum wir nicht den geraden Weg eingehalten
haben, sondern hier aufs Kattegat hinausgeflogen sind? fuhr Akka fort.

Es ist mir allerdings ein wenig sonderbar vorgekommen, antwortete der
Junge; aber ich wei ja, da Ihr fr alles, was Ihr tut, stets einen guten
Grund habt.

Du hast einen guten Glauben an mich, sagte Akka. Aber ich frchte
beinahe, diesmal wird er dir erschttert werden, denn sehr wahrscheinlich
wird diese Reise ohne Erfolg bleiben.

Vor vielen Jahren, fuhr Akka fort, sind wir, ich und noch einige, die
jetzt die Alten in unsrer Schar sind, auf einer Frhjahrsreise von einem
Sturm berfallen und auf diese Insel verschlagen worden. Als wir sahen, da
wir nur das unendliche offene Meer vor uns hatten, bekamen wir Angst, wir
knnten so weit hinausgetrieben werden, da wir das Land nie wieder
erreichen wrden, und wir lieen uns deshalb auf die Wogen hinunter. Der
Sturm zwang uns, hier zwischen diesen kahlen Klippen mehrere Tage
auszuharren. Wir litten groen Hunger, und eines Tages gingen wir hier in
diese Rinne hinein, in der Hoffnung, da Futter zu finden. Wir fanden indes
nicht ein einziges Grashlmchen, dafr aber einige Scke, die fest
zugebunden, halb verschttet im Sande lagen. Da wir hofften, es sei Korn in
den Scken, rissen und zerrten wir solange daran, bis der Stoff zerri;
aber keine Krner kamen heraus, sondern lauter glnzende Goldstcke. Dafr
hatten wir Wildgnse jedoch keine Verwendung, und wir lieen sie deshalb,
wo sie waren. In allen diesen Jahren haben wir gar nicht mehr an unsern
Fund gedacht; da hat sich im letzten Herbst etwas ereignet, was es uns
wnschenswert macht, Gold zu besitzen. Es ist freilich sehr
unwahrscheinlich, da der Schatz noch da ist, aber wir sind trotzdem
herbeigeflogen, um dich zu bitten, jetzt nachzusehen, wie sich die Sache
verhlt.

Der Junge sprang in die Felsenspalte hinein, nahm in jede Hand eine Muschel
und schaufelte damit eifrig den Sand weg. Scke fand er keine, aber nachdem
er ein ziemlich tiefes Loch gegraben hatte, hrte er ein Klirren wie von
Metall, und er merkte, da er auf eine Mnze gestoen war. Er tastete mit
den Hnden umher, fhlte, da viele runde Mnzen im Sande lagen, und eilte
rasch zu Akka zurck.

Die Scke sind verfault und zerfallen, sagte er, aber das Geld liegt
noch im Sand verstreut, und ich glaube, es ist noch alles da.

Das ist gut, sagte Akka. Flle das Loch wieder zu und mache die
Oberflche wie vorher, damit niemand sehen kann, da daran gerhrt worden
ist.

Der Junge tat, wie Akka ihn geheien hatte; aber als er darauf wieder aus
der Felsenspalte heraustrat, blieb er berrascht stehen, denn Akka hatte
sich an die Spitze der sechs andern Wildgnse gestellt, und der ganze Zug
kam nun hchst feierlich auf ihn zugeschritten. Vor dem Jungen angekommen,
hielten sie an, verneigten sich vielmals mit dem Halse und sahen so vornehm
drein, da der Junge unwillkrlich die Mtze abnahm und sich auch
verbeugte.

Wir haben dir etwas zu sagen, begann Akka. Wir, die Alten in der Schar,
haben zueinander gesagt, wenn du, Dumling, bei Menschen im Dienst
gestanden und ihnen so viele und groe Hilfe geleistet httest, wie du uns
geleistet hast, dann wrden sie sich ganz gewi nicht von dir trennen, ohne
dich reichlich dafr zu belohnen.

Ach Mutter Akka, nicht ich habe euch geholfen, sagte der Junge, ihr seid
es gewesen, die sich meiner angenommen haben.

Und wir meinen auch, fuhr Akka fort, wenn uns nun ein Mensch auf der
ganzen Reise begleitet hat, sollte er nicht ebenso arm von uns gehen, wie
er gekommen ist.

O, ich wei recht wohl, was ich in diesem einen Jahr alles gelernt habe!
Das ist mehr wert als Geld und Gut, sagte der Junge.

Da nun diese Goldstcke nach so vielen Jahren noch immer in der
Felsenspalte liegen, haben sie sicherlich keinen Eigentmer mehr, fuhr die
Anfhrergans fort, und ich meine, du solltest sie nun an dich nehmen,
Dumling.

Habt ihr denn nicht den Schatz fr euch selbst haben wollen, Mutter Akka?
fragte der Junge.

Doch, wir wollen dich damit belohnen, damit dein Vater und deine Mutter
sehen knnen, da du bei ordentlichen Leuten Gnsejunge gewesen bist.

Der Junge wendete sich halb um; er warf einen Blick bers Meer hin, und
dann sah er Akka in die glnzenden Augen.

Ich verwundere mich doch sehr ber euch, Mutter Akka, sagte er. Ihr
wollt mich verabschieden und gebt mir meinen Lohn, bevor ich euch gekndigt
habe.

Solange wir Wildgnse noch in Schweden sind, wirst du ja wohl bei uns
bleiben, sagte Akka. Aber ich wollte dir zeigen, wo der Schatz liegt, da
wir es jetzt ohne einen allzu groen Umweg einrichten konnten.

Trotzdem ist es so, wie ich sage, entgegnete der Junge. Ihr wollt mich
los sein, bevor ich selbst von euch fort will. Nach einer so langen Zeit,
die wir in guter Freundschaft miteinander verbracht haben, wre es doch
wohl nicht zuviel verlangt, wenn ihr mich auch noch ins Ausland mitnehmen
wrdet.

Als der Junge dies sagte, streckten Akka und die andern Wildgnse die Hlse
gerade in die Hhe und saugten mit halbgeffnetem Schnabel schweigend die
Luft ein.

Das ist etwas, woran ich noch gar nicht gedacht habe, sagte Akka, nachdem
sie sich wieder gefat hatte. Aber bevor du irgend einen Entschlu fat,
wollen wir hren, was Gorgo zu berichten hat. Ich mu dir nmlich noch
etwas sagen. Ehe wir Lappland verlieen, sind Gorgo und ich
bereingekommen, da er nach Schonen in deine Heimat fliegen und versuchen
solle, bessere Bedingungen fr dich auszuwirken.

Ja, so ist es, fiel Gorgo ein. Aber wie ich dir schon gesagt habe, habe
ich kein Glck dabei gehabt. Holger Nilssons Haus fand ich ganz leicht, und
nachdem ich einige Male darber hingeschwebt war, gewahrte ich auch das
Wichtelmnnchen, das eben zwischen den Gebuden umherschlich. Ich flog
sogleich hinunter, packte es und flog mit ihm auf ein Feld hinaus, damit
wir in aller Ruhe miteinander verhandeln knnten. Nun sagte ich ihm, ich
kme im Auftrag von Akka von Kebnekajse, um zu fragen, ob es fr Nils
Holgersson nicht leichtere Bedingungen stellen wrde.

>Ich wnschte, ich knnte es,< erwiderte das Wichtelmnnchen, >denn ich
habe gehrt, der Junge habe sich auf der Reise recht gut gemacht; aber es
steht nicht in meiner Macht.<

Da wurde ich zornig, und ich sagte, wenn es nicht nachgbe, wrde ich mich
gar nicht scheuen, ihm die Augen auszuhacken.

>Mache mit mir, was du willst,< erwiderte es, >aber mit Nils Holgersson
bleibt es, wie ich gesagt habe. Du kannst ihn aber von mir gren und ihm
sagen, er tte am besten, recht bald mit seinem Gnserich heimzukommen,
denn es stehe schlecht daheim. Holger Nilsson ist leider fr einen Bruder,
dem er volles Vertrauen schenkte, eine Brgschaft eingegangen, die er jetzt
hat bezahlen mssen. Mit geborgtem Geld hat er sich ein Pferd gekauft; aber
das Pferd lahmte vom ersten Male an, wo Holger Nilsson mit ihm fuhr, und
seitdem ist es nicht zu gebrauchen. Ja, erzhle nur Nils Holgersson,< hat
das Wichtelmnnchen noch eindringlich hinzugefgt, >seine Eltern htten
schon zwei Khe verkaufen mssen, und sie seien gezwungen, von Haus und Hof
zu gehen, wenn ihnen nicht von irgend einer Seite Hilfe zuteil wrde.<

Als der Junge dies hrte, runzelte er die Stirne und ballte die Fuste, da
die Knchel wei hervortraten.

Das ist sehr grausam von dem Wichtelmnnchen! rief er. Unter der
Bedingung, die es gestellt hat, kann ich nicht zu meinen Eltern
zurckkehren, um ihnen zu helfen. Aber es soll ihm nicht gelingen, einen
treulosen Freund aus mir zu machen. Mein Vater und meine Mutter sind
ehrbare Leute, und ich wei, sie wollen lieber meine Hilfe entbehren, als
da ich mit einem bsen Gewissen zu ihnen zurckkehrte.

[Illustration]




51

Silber im Meer


                                                  Samstag, 8. Oktober

Wie wir alle wissen, ist das Meer wild und anmaend, und der seinen
Angriffen am meisten ausgesetzte Teil Schwedens ist deshalb schon vor
langer, langer Zeit durch eine lange und breite steinerne Mauer geschtzt
worden, die Bohusln heit. Die Mauer ist ungefhr so breit, da sie das
ganze Land zwischen Dalsland und dem Meere ausfllt, aber sie ist nicht
besonders hoch, wie das bei den Uferdmmen und Wellenbrechern meistens zu
sein pflegt; sie ist aus gewaltigen Felsblcken errichtet, und an manchen
Stellen sind ganze Bergrcken eingefgt worden. Das Bauen mit kleinen
Steinen htte auch gar keinen Wert gehabt, wo es sich darum handelte, einen
Schutzwall gegen das Meer aufzurichten, der sich vom Iddefjord bis zum
Gtalf erstrecken sollte.

Solche groen Bauwerke werden ja in unsern Tagen nicht mehr hergestellt;
diese Mauer ist auch ungeheuer alt, und es kann nicht geleugnet werden, da
der Zahn der Zeit tchtig an ihr genagt hat. Die groen Felsblcke liegen
nicht mehr so dicht beieinander, wie dies im Anfang wohl der Fall gewesen
war. Dazwischen haben sich tiefe und breite Spalten gebildet, in denen
Huser und Felder Platz gefunden haben. Die Felsblcke liegen aber doch
nicht gar zu weit voneinander; man kann noch gut sehen, da sie einst zu
der obengenannten Mauer gehrt haben.

Auf ihrer Landseite ist die groe Mauer noch am besten erhalten. Da fhrt
sie lange Strecken weit ununterbrochen und unzerstrt hin. Aber in ihrer
Mitte sind lange tiefe Risse mit Seen auf dem Grunde, und gegen die Kste
zu ist sie ganz verfallen, da liegt jeder einzelne Felsblock wie ein Hgel
fr sich da.

Erst wenn man die groe Mauer unten von der Kste aus sieht, versteht man,
da sie nicht nur zu ihrem Vergngen gerade an dieser Stelle steht. Wie
stark sie auch im Anfang gewesen sein mochte, an sechs bis sieben Stellen
ist das Meer durchgebrochen und hat Fjorde gebildet, die mehrere Meilen
lang sind. Der uerste Teil steht berdies ganz unter Wasser, und man
sieht nur die Gipfel der Felsblcke ber dem Meere aufragen. So haben sich
allmhlich viele groe und kleine Inseln, die Schren, gebildet, und diese
mssen den schlimmsten Angriffen des Sturmes und des Meeres standhalten.

Nun knnte man vielleicht glauben, eine Landschaft, die eigentlich nur aus
einer steinernen Mauer bestehe, msse ganz und gar unfruchtbar sein, und
die Menschen dort knnten sich gar nicht fortbringen; aber damit ist es
trotzdem nicht so ganz schlecht bestellt; wenn auch die Hgel und
Hochebenen in Bohusln nackt und kahl sind, so hat sich dafr in allen den
Schluchten fruchtbares Erdreich angesammelt, das sich, wenn auch die Felder
selbst nicht gerade sehr gro sind, doch vortrefflich zum Ackerbau eignet.
In der Regel ist der Winter an der Kste auch nicht so kalt wie weiter
drinnen im Lande, und an den vor dem Wind geschtzten Stellen gedeihen
gegen Klte empfindliche Bume und Pflanzen, die sich sonst kaum weiter
droben als in Schonen finden.

Und ebensowenig darf man vergessen, da Bohusln an der Grenze der groen
Flur liegt, die allen Menschen auf der Welt gemeinsam gehrt. Die Leute von
Bohusln knnen Wege bentzen, die sie nicht erst zu bauen, noch im Stand
zu halten brauchen. Sie knnen Herden einfangen, die sie nicht zu bewachen
noch auf die Weide zu fhren haben, und ihre Befrderungsmittel werden von
Zugtieren gezogen, denen sie weder Futter noch Obdach gewhren mssen.
Deshalb sind sie auch nicht so abhngig vom Ackerbau oder von der Viehzucht
wie die Bewohner andrer Bezirke, und sie frchten sich nicht, ihr Heim auf
sturmgepeitschten Schren aufzuschlagen, wo kein Grashlmchen wchst, oder
auf den schmalen Streifen Uferland am Fue der Berge, wo kaum Platz zu
einem kleinen Kartoffelfeld ist; denn sie wissen, da das groe reiche Meer
ihnen alles geben kann, was sie bedrfen.

Aber wenn es wahr ist, da das Meer unendlichen Reichtum birgt, so ist es
nicht weniger wahr, da der eine schwierige Aufgabe hat, der sich mit ihm
abgeben mu. Wer sein Auskommen vom Meere gewinnen will, mu alle Fjorde
und Buchten, alle Untiefen und Strmungen kennen, kurz gesagt, er mu von
jedem Stein auf dem Meeresgrunde Bescheid wissen. Durch Sturm und Nebel
hindurch mu er sein Boot fhren und in der schwrzesten Nacht seinen Weg
finden knnen. Er mu es verstehen, die Zeichen in der Luft zu deuten, die
bses Wetter verknden, und er darf sich aus Klte und Nsse nichts machen.
Er mu wissen, wo der Zug der Fische geht und wo die Hummern kriechen, er
mu schwere Netze hereinziehen und auch die Netze bei unruhiger See
auswerfen knnen. Zuerst und vor allem aber mu er ein mutiges Herz in der
Brust tragen, das nichts danach fragt, ob im Kampf gegen das Meer jeden Tag
das Leben aufs Spiel gesetzt wird.

An dem Morgen, wo die Wildgnse ber Bohusln hinflogen, war es still und
friedlich zwischen den Schren. Sie sahen mehrere kleine Fischerdrfer;
aber es war kein Leben auf den schmalen Gassen, niemand ging in den hbsch
angestrichenen Huschen aus und ein. Die braunen Fischnetze hingen in guter
Ordnung auf dem Trockenplatze, die schweren grnen oder blauen Fischerboote
lagen mit angeschlagenen Segeln auf dem Strand. Keine Frauen arbeiteten an
den langen Tischen, wo man sonst Dorsche und Heilbutten zu reinigen
pflegte.

Die Wildgnse flogen auch ber mehrere Lotsenstationen hin. Die
Lotsenhuser waren schwarz und wei angestrichen, die Signalstange ragte
daneben empor, und der Lotsenkutter lag vertut an der Brcke. Dort war
ringsumher alles still, nirgends war ein Dampfer in Sicht, der in dem engen
Fahrwasser Hilfe gebraucht htte.

[Illustration]

Die kleinen Kstenorte, ber die die Wildgnse hinflogen, hatten ihre
groen Badehuser geschlossen, ihre Flaggen eingezogen und die schnen
Sommerhuser verriegelt. Niemand war zu sehen, als einige alte
Schiffskapitne, die auf den Brcken hin und her spazierten und sehnschtig
aufs Meer hinausschauten.

Auf der stlichen Seite der Inseln, sowie drinnen in den Buchten am Ufer
sahen die Wildgnse einige Bauernhfe, und auch dort lagen die
Verkehrsboote ganz ruhig an den Landungsbrcken. Der Bauer und seine
Knechte hackten Kartoffeln aus oder sahen nach, ob die Bohnen, die an
groen Holzgestellen hingen, noch nicht drr genug seien.

In den groen Steinbrchen und auf den Schiffswerften waren viele Arbeiter
ttig. Sie schwangen ihre Schmiedehmmer und xte recht fleiig, aber immer
und immer wieder wendeten sie den Kopf dem Meere zu, wie wenn sie auf
irgendeine Unterbrechung hofften.

Und die Schrenvgel verhielten sich ebenso ruhig wie die Menschen. Einige
Scharben, die auf einer steilen Felsenwand geschlafen hatten, verlieen
eine nach der andern die schmalen Felsenvorsprnge und begaben sich mit
langsamem Flug zu ihren Fischpltzen hin. Die Mwen waren vom Meere
hereingezogen und spazierten wie richtige Krhen auf dem Ufer umher.

Aber mit einem Schlage vernderte sich alles. Eine Schar Mwen flog
pltzlich von einem Acker auf und sauste mit solcher Hast sdwrts, da die
Wildgnse sie kaum fragen konnten, wohin sie wollten, und die Mwen sich
nicht Zeit nahmen, ihnen eine Antwort zu geben. Nun flogen die Scharben vom
Wasser auf und folgten den Mwen mit schwerflligen Flgelschlgen. Die
Delphine schossen pltzlich wie schwarze Spindeln eiligst durchs Wasser,
und eine Schar Seehunde strzte sich von einer flachen Schre in die Wellen
und schwamm sdwrts.

Was ist denn los? Was ist denn los? fragten die Wildgnse; und
schlielich bekamen sie Antwort von einer Eisente.

Die Heringe sind in Marstrand eingetroffen! Die Heringe sind in Marstrand
eingetroffen! rief sie.

Aber nicht allein die Vgel und Seetiere waren in Bewegung gekommen, die
Menschen hatten offenbar auch Nachricht von dem Eintreffen der ersten
groen Heringzge zwischen den Schren erhalten. Auf den glatten Steinen
der Fischerdrfer liefen die Leute rasch hin und her. Die Fischerboote
wurden zur Abfahrt bereit gemacht und die langen Heringnetze vorsichtig
hineingeschafft. Die Frauen verstauten Proviant und die lkleider in die
Boote, und die Mnner kamen so eilig aus ihren Husern heraus, da sie,
schon auf der Strae angekommen, erst in den Rock hineinfuhren.

Schon nach ganz kurzer Zeit waren alle Sunde zwischen den Schren voll
brauner und grauer Segel, und zwischen den Booten wurden lustige Zurufe und
Fragen gewechselt. Junge Mdchen waren auf die Klippen hinter den Husern
hinaufgeklettert und winkten den Abziehenden nach. Die Lotsen hielten
scharf Ausguck und waren ganz sicher, da bald nach ihnen geschickt werde;
sie hatten deshalb schon ihre Wasserstiefel angezogen und den Kutter klar
gemacht. Aus den Fjorden heraus fuhren kleine mit Tonnen und Kisten
beladene Dampfschiffe. Die Bauern hatten eilig die Kartoffelhacke
weggeworfen, die Schiffsbauer die Werften verlassen, und die alten
Schiffskapitne mit den wetterharten Gesichtern konnten natrlich nicht
zurckbleiben, sondern fuhren mit den Dampfschiffen sdwrts, um den
Heringfang wenigstens mitanzusehen.

Schon nach kurzer Zeit erreichten die Wildgnse Marstrand. Die Heringzge
kamen von Westen her und zogen am Leuchtturm auf der Hafenschre vorbei
dem Lande zu. In dem breiten Fjord zwischen der Marstrandinsel und der
Paternosterschre fuhren die Fischerboote immer zu drei und drei
nebeneinander her. Da, wo die See dunkler aussah und in kleinen kurzen
Wellen aufschumte, waren die Heringe. Die Fischer wuten dies wohl und
warfen an diesen Stellen vorsichtig die langen Netze ins Wasser, faten sie
ringsum zusammen und schnrten sie unten zu, so da die Heringe nun wie in
einem ungeheuren Sack drinnen lagen; dann zogen und schnrten sie sie enger
und enger zusammen, so da der Raum immer kleiner wurde und das Schleppnetz
schlielich mit glitzernden Fischen gefllt herausgezogen werden konnte.
Bei einigen Schiffsgruppen war der Fischfang schon so weit gediehen, da
ihre Boote bis an den Rand mit Fischen gefllt waren. Die Fischer standen
bis an die Kniee in Heringen, und von dem Sdwester an bis zum untersten
Rande ihres lrockes glnzten sie von lauter Heringschuppen.

[Illustration]

Dann sah man neuangekommene Schiffsgruppen, die umherfuhren und loteten und
nach Heringen suchten, und wieder andre, die mit groer Mhe ihr Netz
ausgeworfen, es aber leer wieder herausgezogen hatten. Wenn die Boote voll
waren, fuhren einige von den Fischern nach den groen im Fjord liegenden
Dampfschiffen hin und verkauften ihren Fang, andre fuhren nach Marstrand
und luden da ihre Ladung am Kai aus. Dort waren die Heringweiber schon an
langen Tischen in voller Arbeit; die Heringe wurden in Tonnen und Kisten
verpackt, und die ganze Strae lag voller Heringschuppen.

Ja, jetzt war Leben und Bewegung da! Die Menschen waren ganz auer sich
vor Freude ber all dieses Silber, das sie aus den Wogen des Meeres
herausschpften, und die Wildgnse flogen viele Male ber Marstrand hin und
her, damit der Junge alles recht genau sehen knnte.

Aber schon nach kurzer Zeit bat er, sie mchten nur weiterfliegen. Er sagte
nicht, warum er weiter wollte, aber es war vielleicht nicht so schwer zu
erraten. Unter den Fischern sah er viele schne, krftige Leute. Mehrere
von ihnen waren beraus stattliche Mnner mit khnen Gesichtern unter dem
Sdwester, und sie sahen gerade so keck und verwegen aus, wie jeder Junge
gerne sein mchte, wenn er selbst einmal erwachsen ist. Ja, fr einen, der
niemals grer werden konnte als ein Hering, war es in der Tat vielleicht
nicht so vergnglich, diese prchtigen Gestalten zu betrachten!

[Illustration]




52

Ein groer Herrenhof

Der alte und der junge Herr


Vor einer Reihe von Jahren lebte in einem Kirchspiel in Westgtland eine
beraus gute, liebe kleine Volksschullehrerin. Sie gab nicht allein einen
sehr guten Unterricht, sondern verstand es auch, musterhafte Ordnung in
ihrer Klasse zu halten, und die Kinder liebten sie so sehr, da sie niemals
in die Schule kamen, ohne ihre Aufgaben gelernt zu haben. Die Eltern der
Kinder schtzten sie auch, und es gab berhaupt nur einen einzigen
Menschen, der nicht wute, wie gut sie war, und dieser eine war sie selbst.
Sie hielt alle andern fr viel klger und tchtiger als sich selbst und
grmte sich in dem Gedanken, nicht auch so sein zu knnen wie die andern.

Nachdem die Lehrerin einige Jahre an der Schule unterrichtet hatte, erging
von der Schulbehrde die Aufforderung an sie, in dem Sljdseminar[1] auf
Ns einen Lehrgang mitzumachen, damit sie spter die Kinder lehren knne,
nicht allein mit dem Kopfe, sondern auch mit den Hnden zu arbeiten.
Niemand kann sich vorstellen, wie berrascht die Lehrerin war, als sie
diese Aufforderung erhielt. Ns lag nicht sehr weit von ihrer Schule
entfernt, sie war wiederholt an dem schnen, stattlichen Gute
vorbergegangen und hatte ber den Sljdkurs, der auf dem groen, alten
Herrenhof stattfand, viel Lobenswertes gehrt. Aus allen Teilen des Landes
wurden da Lehrer und Lehrerinnen versammelt, damit sie sich eine gewisse
Kunstfertigkeit der Hnde aneigneten, selbst vom Ausland kamen die Leute zu
diesem Zweck herbeigereist; aber wie schn diese Aussicht nun auch fr die
Lehrerin war, so wute sie doch schon im voraus, wie schrecklich ngstlich
es ihr unter so vielen ausgezeichneten Menschen zumute sein wrde, ja es
war ihr gerade, als knne sie es einfach nicht durchmachen.

  [1] Eine Art Gewerbeschule, hauptschlich fr Holzverarbeitung.
                                             Anmerkung des bersetzers

Aber der Schulbehrde eine abschlgige Antwort zu geben, das wagte sie auch
nicht; so reichte sie also ihr Gesuch ein und wurde als Schlerin
angenommen. An einem schnen Juniabend, am Tage, bevor der Sommerunterricht
beginnen sollte, packte sie ihre Kleider und was sie sonst brauchte in eine
kleine Reisetasche und wanderte nach Ns; und wie oft sie auch unterwegs
anhielt und wie sehr sie sich auch weit wegwnschte, sie kam schlielich
eben doch an ihrem Ziele an.

Auf Ns ging es lebhaft zu. Allen Teilnehmern an dem Lehrgang, die von den
verschiedensten Seiten her eintrafen, muten in den Husern, die zu dem
Gute gehrten, Zimmer angewiesen werden. Allen war es in der ungewohnten
Umgebung etwas seltsam zumute; aber die kleine Lehrerin dachte wie immer,
nur sie allein benehme sich ungeschickt und tricht; so hatte sie sich
schlielich in eine solche Angst hineingearbeitet, da sie weder sehen noch
hren konnte. Und sie hatte auch wirklich Schweres durchzumachen: in einer
schnen Villa wurde ihr ein Zimmer angewiesen, in dem sie mit noch einigen
jungen Mdchen, die ihr gnzlich unbekannt waren, zusammen wohnen sollte!
Und mit siebzig fremden Menschen zusammen mute sie zu Abend essen! Auf
ihrer einen Seite sa ein kleiner Herr, der im Gesicht ganz gelb war und
ihr mitteilte, er sei aus Japan, und auf ihrer andern Seite befand sich ein
Schullehrer aus Jockmock droben in Lappland! Und vom ersten Augenblick an
ertnte lebhaftes Geplauder und Scherz und Lachen an den langen Tischen.
Alle sprachen miteinander und machten gegenseitig Bekanntschaft. Sie war
die einzige, die den Mund nicht aufzutun wagte.

Am nchsten Morgen fing die Arbeit an. Wie in allen Schulen, begann auch
hier der Tag mit Gesang und Gebet; dann hielt der Vorstand des Seminars
eine Ansprache ber den Sljd und gab einige kurze Verhaltungsmaregeln,
und dann, ohne da sie recht wute, wie es zugegangen war, stand sie vor
einer Hobelbank, ein Stck Holz in der einen Hand und ein Messer in der
andern, whrend ein alter Sljdlehrer ihr zu zeigen versuchte, wie man
einen Pflanzenstab machte.

Eine solche Arbeit hatte sie noch nie probiert; sie kannte die Handgriffe
gar nicht und war auerdem so verwirrt, da sie gar nichts von dem Gehrten
verstand. Als der Lehrer weitergegangen war, legte sie Messer und Holz auf
die Hobelbank und starrte nur immer geradeaus.

Ringsherum im Saal standen lauter Hobelbnke, und an allen sah sie
Menschen, die mit frischem Mut an die Arbeit gingen. Einige von ihnen, die
schon etwas bewandert in der Kunst waren, kamen herbei und wollten ihr
helfen; aber sie war nicht imstande, die gegebenen Winke zu bentzen, denn
sie hatte das Gefhl, als ob alle miteinander aufmerksam darauf geworden
seien, wie ungeschickt sie sich anlasse, und das machte sie furchtbar
unglcklich; sie war wie gelhmt.

Die Frhstckszeit kam heran, und nach dem Frhstck kam neue Arbeit.
Zuerst hielt der Vorstand einen Vortrag, dann folgte eine Turnstunde, und
dann fing der Sljdunterricht wieder an. Hierauf wurde Mittagspause
gemacht. In dem groen, hellen Versammlungssaal wurde zu Mittag gegessen
und Kaffee getrunken, und am Nachmittag ging man wieder an die Sljdarbeit;
dann kamen Singbungen an die Reihe und schlielich Spiele im Freien. Die
Lehrerin war den ganzen Tag hindurch in Bewegung und immer mit den andern
zusammen, fhlte sich aber immer noch ebenso unglcklich.

Wenn sie spter an diese ersten auf Ns verbrachten Tage zurckdachte, war
ihr, als sei sie wie in einem Nebel herumgegangen. Alles war dster und
verschleiert gewesen; sie hatte weder gesehen noch verstanden, was um sie
her vorging. Dieser Zustand dauerte zwei Tage; am Abend des zweiten Tages
jedoch fing es pltzlich an, hell um sie zu werden.

Nachdem das Abendessen an diesem zweiten Tag vorber war, erzhlte ein
alter Volksschullehrer, der frher schon mehrere Male auf Ns gewesen war,
einigen neuen Schlern, wie das Sljdseminar entstanden war, und da die
kleine Lehrerin in der Nhe sa, hrte sie unwillkrlich auch zu.

Der Volksschullehrer erzhlte, Ns sei ein sehr altes Gut, sei aber frher
nie etwas andres gewesen als ein groer, schner Herrenhof, wie so viele
andre auch, bis der alte Herr, dem er jetzt zu eigen gehre, hierher
gezogen sei. Dieser sei ein sehr reicher Mann, und die ersten Jahre seines
Aufenthalts habe er nur darauf verwendet, das Schlo und den Park zu
verschnern und die Huser seiner Untergebenen zu verbessern.

Aber dann sei seine Frau gestorben, und da sie keine Kinder htten, habe
der alte Herr sich oft sehr einsam auf dem groen Gute gefhlt. Deshalb
habe er einen jungen Neffen, den er sehr lieb hatte, berredet, zu ihm zu
kommen und sich auf Ns niederzulassen.

Von Anfang an war bestimmt gewesen, da der junge Herr bei der
Bewirtschaftung des Gutes Hand anlegen sollte; als er aber aus dieser
Veranlassung bei den Untergebenen seines Oheims umherging und sah, welches
Leben sie in ihren rmlichen Htten fhrten, kamen ihm allerlei wunderliche
Gedanken. Es fiel ihm auf, da sich in den meisten dieser Wohnungen an den
langen Winterabenden weder Mnner noch Kinder, ja oft nicht einmal die
Frauen mit irgendeiner Handarbeit beschftigten. In den frhern Zeiten
hatten die Leute ihre Hnde fleiig rhren mssen zur Herstellung ihrer
Kleider und ihres Hausgerts, aber jetzt, wo man alle diese Dinge kaufen
konnte, hatte diese Art von Arbeit aufgehrt. Und da glaubte der junge Herr
zu sehen, da in den Husern, wo man dieses husliche Gewerbe aufgegeben
hatte, sich auch das husliche Behagen und der husliche Wohlstand
verabschiedet habe.

Ein einzelnes Mal kam er doch auch in ein Haus, wo der Vater Tische und
Sthle zusammenzimmerte und die Mutter webte; und soviel war sicher, diese
Leute waren nicht nur wohlhabender, sondern auch glcklicher als die in den
andern Husern.

Der junge Herr sprach mit seinem Oheim, und der alte Herr sah ein, welch
ein groes Glck es wre, wenn sich die Leute in ihrer freien Zeit mit
irgendeiner Handarbeit beschftigen wrden. Um aber dies zu erreichen,
mten sie ohne Zweifel von Kind auf gelehrt werden, die Hnde zu
gebrauchen. Die beiden Herren meinten, zur Erreichung dieses Zieles knnten
sie nichts Besseres tun, als eine Sljdschule fr Kinder einzurichten. Die
Kinder sollten da lernen, einfache Gerte aus Holz herzustellen, denn,
meinten die beiden Herren, diese Art Arbeit werde allen am leichtesten
fallen. Sie waren berzeugt, wer von den Leuten einmal gelernt htte, das
Messer ordentlich zu gebrauchen, werde dann spter leicht lernen, auch den
groen Schmiedehammer und den kleinen Schuhmacherhammer zu fhren. Wessen
Hand aber von Kindheit auf an nichts gewhnt sei, werde vielleicht niemals
darauf kommen, da der Mensch darin ein Werkzeug besitzt, das mehr wert ist
als alle andern.

Sie hatten also angefangen, Kinder im Handsljd auf Ns zu unterrichten,
und bald sahen sie, wie ntzlich und gut es fr die Kleinen war, so
ntzlich und gut, da sie nur wnschten, alle Kinder in ganz Schweden
knnten einen hnlichen Unterricht bekommen.

Aber wie sollte das ausfhrbar sein? Ringsum in ganz Schweden wuchsen ja
viele hunderttausend Kinder heran; diese konnten doch nicht alle auf Ns
versammelt werden, um da Sljdunterricht zu bekommen? Das war ganz und gar
unmglich.

Da kam der junge Herr mit einem neuen Vorschlag. Wie, wenn man, anstatt die
Kinder zu unterrichten, ein Sljdseminar fr deren Lehrer einrichten wrde?
Wie, wenn die Lehrer und Lehrerinnen vom ganzen Lande in Ns
zusammenkmen, da Sljd lernten und nachher mit allen den Kindern, die sie
in ihren Schulen hatten, Sljd treiben wrden? Auf diese Weise gelnge es
schlielich vielleicht doch, da bei allen Kindern die Hnde ebenso gebt
wrden wie das Gehirn.

Als dieser Gedanke in den Herzen der beiden Herren einmal Wurzel geschlagen
hatte, lie er sie nicht mehr los, und sie suchten ihn zu verwirklichen.

Die beiden Herren halfen einander treulich. Der alte Herr baute
Arbeitssle, Versammlungshuser, den Turnsaal und sorgte fr Wohnung und
Unterhalt der Neuankommenden. Der junge Herr wurde der Vorsteher des
Seminars; er arbeitete den Unterrichtsplan aus, berwachte die Arbeit und
hielt Vortrge. Und damit noch nicht genug: er lebte auch bestndig mit den
Schlern zusammen, machte sich mit den Verhltnissen des einzelnen bekannt
und wurde ihnen ein aufrichtiger, treuer Freund.

Und wie gro war von Anfang an die Zahl der Teilnehmer! In jedem Jahre
wurden vier Kurse gehalten, und zu allen meldeten sich mehr Schler, als
aufgenommen werden konnten. Die Schule wurde auch bald im Auslande bekannt,
und aus aller Herren Lnder kamen Lehrer und Lehrerinnen nach Ns, um zu
lernen, wie sie es machen mten, ihre Hnde auszubilden. Kein Ort in
Schweden war im Ausland so bekannt wie Ns, und kein Schwede hat je so
viele Freunde ringsum auf der ganzen Welt gehabt, wie der Vorsteher des
Sljdseminars auf Ns.

Die kleine schchterne Lehrerin hrte dieser Erzhlung zu, und je lnger
sie zuhrte, desto heller wurde es um sie her. Bis jetzt hatte sie gar
nicht gewut, warum die Sljdschule auf Ns war, sie hatte sich nicht klar
gemacht, da sie von zwei Mnnern geschaffen worden war, die ihrem Lande
etwas Gutes tun wollten, hatte keine Ahnung davon gehabt, da sie ihre
Arbeit ohne Lohn taten, da sie alles opferten, was sie opfern konnten, um
ihren Mitmenschen zu helfen, besser und glcklicher zu werden.

Als sie jetzt ber die groe Gte und Nchstenliebe nachdachte, die hinter
allem diesem lag, rhrte es sie fast bis zu Trnen; so etwas hatte sie noch
nie erlebt.

Am nchsten Tag ging sie mit einem ganz andern Verstndnis an ihre Arbeit.
Wenn ihr das alles aus lauter Gte geboten wurde, mute sie mit einem ganz
andern Flei daran gehen als bisher. Sie verga nun, an sich selbst zu
denken; die Arbeit und das groe Ziel, das erreicht werden sollte, nahmen
sie jetzt ganz in Anspruch. Und von diesem Augenblick an machte sie ihre
Sache ganz ausgezeichnet; sobald ihre Schchternheit ihr nicht hindernd in
den Weg trat, war sie sehr geschickt und fingerfertig.

Jetzt, wo ihr die Schuppen von den Augen gefallen waren, erkannte sie
berall das wunderbare, groe Wohlwollen. Jetzt sah sie, wie liebevoll im
ganzen Seminar alles fr die Teilnehmer an den Kursen eingerichtet war.
Diese Teilnehmer wurden bei weitem nicht nur in Handarbeit unterrichtet;
der Vorstand hielt Vortrge ber Erziehung, er gab Turnunterricht, er
bildete einen Gesangverein, und beinahe jeden Abend vereinigte man sich zu
Musik und Vorlesungen. Und auerdem standen Bcher, Boote, Badehuser und
Klaviere zur Verfgung; alle sollten es gut haben, sich wohl befinden und
vergngt sein.

Allmhlich wurde der Lehrerin klar, welch ein unschtzbarer Vorteil das
war, wenn jemand die schnen Sommertage auf einem solchen groen
schwedischen Herrenhofe verbringen durfte. Das Schlo, in dem der alte Herr
wohnte, lag auf einem fast ganz von einem See umgebnen Hgel, und eine
schne steinerne Brcke bildete die Verbindung mit dem Lande. Die Lehrerin
hatte noch nie etwas so Schnes gesehen, wie die Blumenbeete auf den
Terrassen vor dem Schlosse, wie die alten Eichen im Park, wie den Weg dem
Seeufer entlang, wo die Bume sich ber das Wasser neigten, oder wie den
Ausblick vom Aussichtspavillon auf dem Felsen ber den See hin. Die
Schulgebude lagen auf dem Festland, dem Schlo gerade gegenber auf
grnen, schattigen Wiesen, aber es stand den Schlern frei, sich ganz nach
Belieben im Schlopark zu ergehen. Der Lehrerin war es, als wisse sie erst
jetzt, wie schn der Sommer sei, da sie ihn an einem so wunderschnen Ort
wie Ns genieen durfte.

Doch mu man nicht meinen, es sei nun eine groe Vernderung mit ihr
vorgegangen; nein, mutig und selbstbewut wurde sie nicht, aber sie fhlte
sich froh und glcklich. Diese Gte hier erwrmte sie bis ins innerste Herz
hinein. An einem solchen Orte, wo es alle gut mit ihr meinten und ihr
ntzlich zu sein suchten, konnte sie sich unmglich ngstlich fhlen. Und
als der Lehrgang zu Ende war und die Schler Ns verlieen, war sie ganz
neidisch auf alle, die dem alten und dem jungen Herrn richtig danken und
das, was sie fhlten, in schnen Worten ausdrcken konnten. Ach, so weit
brachte sie es gewi in ihrem ganzen Leben nicht!

Sie kehrte nach Hause zurck, nahm ihre Arbeit in der Schule wieder auf und
war ebenso befriedigt davon wie vorher. Von Ns war sie nicht weiter
entfernt, als da sie an einem freien Nachmittag zu Fu hin und zurck
gelangen konnte, und im Anfang tat sie das auch ziemlich oft. Aber es war
eben immer wieder ein andrer Jahrgang, immer andre Gesichter, ihre
Schchternheit berfiel sie aufs neue, und so wurde sie allmhlich ein
immer seltenerer Gast in der Sljdschule. Aber die Zeit, wo sie selbst
Schlerin auf Ns gewesen war, stand trotzdem immer als das beste, was sie
je erlebt hatte, in ihrer Erinnerung.

Im Frhling hrte sie eines Tages, da der alte Herr auf Ns gestorben
sei. Da gedachte sie des schnen Sommers, den sie auf seinem Gute verbracht
hatte, und das Herz wurde ihr schwer, weil sie sich niemals so recht bei
ihm bedankt hatte. Er hatte ja sicherlich Dankesbezeugungen genug erhalten,
von Hohen wie von Niederen; aber sie selbst wrde sich jetzt glcklicher
gefhlt haben, wenn sie ihm einmal mit ein paar Worten ausgedrckt htte,
wieviel er fr sie getan habe.

Auf Ns wurde der Unterricht ganz in derselben Weise fortgesetzt wie vor
dem Tode des alten Herrn. Er hatte nmlich das ganze schne Gut der Schule
vermacht; sein Neffe aber blieb auch fernerhin der Vorsteher und verwaltete
alles miteinander. So oft die Lehrerin nach Ns kam, war irgend etwas
Neues zu sehen. Jetzt handelte es sich nicht mehr allein um Sljdkurse; der
Vorsteher wollte auch die alten Gebruche und die alten Volksvergngungen
wieder ins Leben rufen, und so richtete er auch Lehrgnge fr Singspiele
und viele andre Arten von Spielen ein. Aber in einer Hinsicht blieb alles
beim alten; noch immer wurde den Leuten von dem Wohlwollen, das sie hier
berall umgab, das Herz warm, und sie fhlten, wie sehr doch alles darauf
eingerichtet war, da sie sich nicht allein Kenntnisse erwrben, sondern
auch Arbeitsfreudigkeit mitnhmen, wenn sie zu den kleinen Schulkindern
ringsum im Lande zurckkehrten.

Nur wenige Jahre nach dem Tode des alten Herrn hrte die Lehrerin eines
Sonntags in der Kirche, der Vorsteher auf Ns sei gefhrlich erkrankt. Sie
wute, da er seit einiger Zeit an schweren Herzkrmpfen litt, hatte aber
an keine Lebensgefahr fr ihn gedacht. Jetzt aber hie es, diesmal stehe es
sehr schlecht.

Von dem Augenblick an, wo die Lehrerin dies hrte, konnte sie nichts andres
mehr denken, als da am Ende der Vorsteher jetzt auch sterben wrde wie der
alte Herr, ohne da sie ihm ihren Dank ausgesprochen htte, und sie
berlegte hin und her, was sie doch tun knnte, um ihren Dank darzubringen.

Am Sonntag nachmittag ging die Lehrerin bei den Nachbarn umher und fragte,
ob die Kinder sie nicht nach Ns begleiten drften. Sie habe gehrt, der
Vorsteher sei krank, und sie denke, es werde ihn freuen, wenn die Kinder
hinkmen und ihm ein paar Lieder sngen. Es sei allerdings schon ziemlich
spt am Tage, aber es sei ja jetzt gerade heller, klarer Mondschein,
deshalb knnte man gut noch gehen. Die Lehrerin hatte das Gefhl, da sie
an diesem Abend durchaus noch nach Ns msse; und sie frchtete, es knnte
am nchsten Tag zu spt sein.


Die Sage von Westgtland

                                                  Sonntag, 9. Oktober

Die Wildgnse hatten Bohusln verlassen und verbrachten die Nacht auf einem
Sumpf in Westgtland. Um im Trocknen zu sein, war der kleine Nils
Holgersson auf einen Grabenrain hinaufgekrochen, der quer ber die sumpfige
Wiese hinlief. Er suchte noch nach einem trockenen Platz, wo er sich zum
Schlafen niederlegen knnte, als er eine kleine Schar Menschen des Weges
daherkommen sah. Es war eine junge Lehrerin mit etwa einem Dutzend Kinder
um sich her. Die Lehrerin in der Mitte, schritten sie in einem dichten
Trpplein unter frhlichem und vertraulichem Geplauder frisch drauf los,
und der Junge konnte der Lust nicht widerstehen, eine Strecke weit hinter
ihnen herzulaufen, um zu hren, wovon sie miteinander sprachen.

Und diese Absicht konnte er leicht ausfhren; wenn er sich im Schatten am
Wegrand hielt, konnte ihn unmglich jemand sehen. Und wo fnfzehn Menschen
gingen, machte das Gerusch ihrer Futritte einen ordentlichen Lrm; da
konnte sicher niemand den Kies unter seinen kleinen Holzschuhen knirschen
hren!

Um die Kinder auf dem Wege in guter Laune zu erhalten, erzhlte ihnen die
Lehrerin alte Sagen. Als der Junge sich der Schar anschlo, war sie eben
mit einer fertig geworden, aber die Kinder bettelten sogleich um eine neue.

Habt ihr denn die Geschichte von dem alten Riesen in Westgtland schon
gehrt, der auf eine Insel weit droben im nrdlichen Eismeer gezogen war?
fragte die Lehrerin. Nein, die htten sie noch nie gehrt, riefen die
Kinder; und die Lehrerin begann:

In einer dunkeln, strmischen Nacht scheiterte einstmals ein Schiff an
einer kleinen Schre weit droben im nrdlichen Eismeer. Das Schiff
zerschellte an den Klippen, und von der ganzen Besatzung konnten sich nur
zwei Mann ans Land retten. Tropfna und von Klte erstarrt, standen sie auf
der kleinen Felseninsel und waren natrlich beraus froh, als sie am Ufer
ein groes Feuer lodern sahen. Ohne an eine Gefahr zu denken, eilten sie
darauf zu; und erst als sie ganz nahe herangekommen waren, sahen sie, da
vor dem Feuer ein frchterlich groer Hne sa, ja, es war ein so groer
und starker Mann, da sie keinen Augenblick im Zweifel sein konnten, mit
wem sie da zusammengetroffen waren, nmlich mit einem Mann aus dem
Riesengeschlecht.

Zgernd blieben sie stehen; aber der Nordwind fuhr mit furchtbarer
Eisesklte ber die Schre hin, und sie fhlten wohl, da sie erfrieren
mten, wenn sie sich nicht an dem Feuer des Riesen wrmen drften. Deshalb
beschlossen sie, sich zu dem Riesen hinzuwagen.

>Guten Abend, Vater,< sagte der ltere von den beiden. >Wollt Ihr zwei
schiffbrchigen Seeleuten erlauben, sich an Eurem Feuer zu wrmen?<

Der Riese fuhr jh aus seinen Gedanken auf; er reckte sich und zog sein
Schwert aus der Scheide.

>Was seid denn ihr fr Gesellen?< fragte er, denn er war alt und konnte
nicht mehr gut sehen, was das fr Geschpfe waren, die ihn angeredet
hatten.

>Wir sind beide aus Westgtland, wenn Ihr es wissen wollt,< antwortete der
ltere von den beiden Seeleuten. >Unser Schiff ist hier in der Nhe
gescheitert, und wir haben uns nun halbnackt und halberfroren ans Land
gerettet.<

>Ich lasse mich sonst auf meiner Schre mit den Menschen nicht in ein
Gesprch ein; wenn ihr aber aus Westgtland seid, ist es etwas andres,<
sagte der Riese und steckte sein Schwert wieder in die Scheide. >Dann drft
ihr euch hier niedersetzen und euch wrmen, denn ich stamme selbst aus
Westgtland und habe dort viele Jahre lang in dem groen Hgel bei Skalunda
gewohnt.<

Die Seeleute setzten sich auf einen Felsblock. Sie wagten den Riesen nicht
anzureden und sahen ihn deshalb nur schweigend an. Aber je lnger sie ihn
betrachteten, desto grer erschien er ihnen, und desto kleiner und
schwcher fhlten sie sich selbst.

>Meine Augen sind nicht mehr so gut wie frher,< sagte der Riese, >und ich
kann euch kaum unterscheiden; ich htte mich sonst gefreut, zu sehen, wie
ein Westgte heutigentags aussieht. Einer von euch reiche mir indes
wenigstens die Hand, damit ich fhle, ob es noch warmes Blut in Schweden
gibt.<

Die Mnner betrachteten zuerst die Hnde des Riesen und dann ihre eignen.
Keiner der beiden hatte Lust, den Hndedruck des Riesen kennen zu lernen.
Aber dann fiel ihr Blick auf einen eisernen Spie, den der Riese zum
Anfachen seines Feuers bentzte. Er war im Feuer liegen geblieben und an
dem einen Ende glhend rot. Mit vereinten Krften hoben die beiden Mnner
die Stange auf und streckten sie dem Riesen hin. Er ergriff den Spie und
prete die Hand so fest darum, da ihm das Eisen zwischen den Fingern
herausquoll.

>O ja, ich merke wohl, es gibt noch heies Blut in Schweden,< sagte er ganz
vergngt zu den verblfften Seeleuten.

Dann wurde es wieder still um das Feuer her; aber diese Begegnung mit
Landsleuten fhrte die Gedanken des Riesen zurck nach Westgtland, und
eine Erinnerung nach der andern tauchte vor seiner Seele auf.

>Ich mchte wohl wissen, wie es jetzt am Skalundaer Hgel aussieht?< fragte
er die beiden Mnner.

Keiner von ihnen wute etwas von dem Hgel, nach dem der Riese fragte.

[Illustration: Die Sage von Westgtland (Zu Seite 480)]

>Er wird wohl seither tchtig zusammengesunken sein<, antwortete der eine
zgernd. Er hatte das Gefhl, einem solchen Fragesteller drfe man keine
Antwort schuldig bleiben.

>Freilich, freilich, ich habe es mir wohl gedacht,< erwiderte der Riese mit
einem zustimmenden Kopfnicken. >Man kann auch nichts andres erwarten, denn
diesen Hgel haben meine Frau und meine Tochter einmal am frhen Morgen in
einer Stunde in ihren Schrzen zusammengetragen.<

Wieder grbelte er nach und suchte in seinen Erinnerungen. Er hatte ja
Westgtland nicht erst vor kurzem verlassen, und es dauerte eine Weile, bis
er zu diesen Erinnerungen hindurchgedrungen war.

>Aber der Kinnekulle und Billinge und die andern kleinern ber die groe
Ebene verstreuten Berge stehen doch wohl noch?< fragte er wieder.

>Jawohl, die stehen noch,< antwortete der Seemann; und um dem Riesen zu
zeigen, da er ihn fr einen tchtigen Mann halte, fuhr er fort: >Ihr habt
wohl beim Errichten von diesen Bergen mitgeholfen?<

>Nein, das gerade nicht,< sagte der Riese. >Aber soviel kann ich dir sagen,
meinem Vater habt ihr es zu verdanken, da diese Berge noch dastehen. Als
ich noch ein kleiner Bursche war, gab es in Westgtland keine groe Ebene,
sondern da, wo jetzt die Ebene sich ausbreitet, lag eine Felsengegend, die
sich vom Wettersee bis zum Gtalf erstreckte. Aber dann nahmen sich ein
paar Flsse vor, sich ihr Bett durch das Gebirge hindurchzugraben und bis
zum Wenersee hinunterzuflieen. Das Gebirge bestand nicht aus richtigem
Granit, sondern aus Kalkstein und Schiefer, deshalb konnten es die Flsse
leicht auswaschen. Ich erinnere mich noch, da sie das Flubett und die
Tler breiter und immer breiter machten und schlielich zu wahren Ebenen
ausweiteten. Mein Vater nahm mich manchmal mit, wenn er hinging und sich
die Arbeit der Flsse ansah, und der Vater war nicht so recht damit
einverstanden, da die Flsse das ganze Gebirge zerstrten.

>Ein paar Ruhepltze knnten sie uns wenigstens noch brig lassen,< sagte
er, und zugleich zog er seine steinernen Schuhe aus und stellte den einen
ganz im Westen und den andern ganz im Osten des Gebirges auf. Seinen
steinernen Hut legte er auf eine Felskuppe am Wenersee, meine steinerne
Mtze schleuderte er etwas weiter gen Sden, und seine steinerne Keule
schickte er in derselben Richtung hinterdrein.

Was wir sonst noch von guten, harten Steinen bei uns hatten, legte er an
verschiedenen Orten nieder. Die Flsse splten dann allmhlich das ganze
Gebirge weg, aber an den Stellen, die mein Vater mit seinen steinernen
Sachen bedeckt hatte, wagten sie nicht zu rhren, und so blieben sie
stehen. Da, wo mein Vater seinen einen Schuh hingestellt hat, ist unter dem
Absatz der Halleberg und unter der Sohle der Hunneberg stehen geblieben.
Unter dem andern Schuh ist Billinge erhalten, Vaters Hut hat den Kinnekulle
bewahrt, unter meiner Mtze liegt der Msseberg, und unter der Keule birgt
sich lleberg. Alle andern kleinen Berge der westgtischen Ebene sind auch
meinem Vater zuliebe verschont worden, und ich mchte wissen, ob es in
Westgtland noch viele Mnner gibt, vor denen die Leute soviel Respekt
haben wie einst vor meinem Vater?<

>Das ist nicht leicht zu beantworten,< sagte der Seemann. >Wenn aber in
Eurer Zeit die Flsse und Riesen so allmchtig gewesen sind, dann bekomme
ich ordentlich vermehrte Achtung vor den Menschen; denn jetzt sind sie ganz
allein die Herren ber die Ebene und das Gebirge.<

Der Riese rmpfte die Nase ein wenig, und er schien mit der Antwort nicht
so recht zufrieden zu sein; aber schon nach einer kleinen Weile knpfte er
das Gesprch wieder an. >Wie steht es denn gegenwrtig mit dem Trollhtta?<
fragte er.

>Er rauscht und donnert wie von jeher,< antwortete der Seemann. >Habt Ihr
vielleicht gerade wie bei der Erhaltung der Westgtaberge auch mitgeholfen,
den groen Wasserfall herzustellen?<

>O nein, das nicht gerade,< erwiderte der Riese. >Aber als ich noch ein
kleiner Knirps war, benutzten mein Bruder und ich die Flle noch als
Rutschbahn. Wir stellten uns auf einen Balken, und hui! dann ging es den
Gullfall und Toppfall und die drei andern Flle hinunter! Wir kamen so
rasch dahergesaust, da wir beinahe bis zum Meer hingerutscht wren. Ob es
wohl heutzutage in Westgtland auch noch jemand gibt, der sich auf solche
Weise ergtzt?<

>Das kann ich nicht sagen,< antwortete der Seemann. >Aber ich glaube fast,
es ist eine ebenso wunderbare Leistung, da wir Menschen dem Trollhtta
entlang einen Kanal gebaut haben, auf dem wir nicht allein wie Ihr in Euren
jungen Jahren den Trollhtta hinunter, sondern ihn auch mit Booten und
Dampfschiffen hinauffahren knnen.<

>Das ist allerdings sehr merkwrdig,< versetzte der Riese; und es war fast,
als habe ihn die Antwort ein wenig verdrossen. >Kannst du mir nun auch noch
sagen, wie es in der Gegend am Mjrnsee aussieht, die frher das Hungerland
genannt wurde?<

>O ja, die Gegend hat uns allen viel Kummer und Kopfzerbrechen gemacht,<
antwortete der Westgte. >Habt Ihr vielleicht mitgeholfen, sie so mager und
trostlos anzulegen?<

>O nein, das nicht gerade,< sagte der Riese wieder. >Zu meiner Zeit hat ein
prchtiger Wald dort gestanden. Aber als eine meiner Tchter Hochzeit
machte, brauchten wir sehr viel Holz, um den Backofen zu schren; da nahm
ich ein langes Seil, schlang es um den ganzen Hungerlnder Wald herum, ri
ihn mit einem einzigen Ruck heraus und trug ihn nach Hause. Ich mchte
wissen, ob es heutigentags noch jemand gbe, der einen ganzen Wald auf
einmal herausreien knnte?<

>Das wage ich nicht zu behaupten,< sagte der Westgte. >Aber das wei ich,
da in meiner Jugend das Hungerland kahl und unfruchtbar dalag, whrend es
jetzt ganz mit Wald bedeckt ist. Das halte ich nun fr eine richtige
mnnliche Tat.<

>Nun ja, aber drunten in dem sdlichen Westgtland, da knnen sich doch
wohl keine Menschen fortbringen?< sagte der Riese.

>Habt Ihr auch dort bei der Einrichtung des Landes geholfen?< rief der
Westgte.

>O nein, das nicht gerade,< versetzte der Riese. >Aber ich erinnere mich,
wenn wir Riesenkinder dort die Herden hteten, bauten wir viele steinerne
Huser; und durch alle die Steine, die wir umherwarfen, ist der Boden ganz
unbestellbar geworden, deshalb mte es sehr schwer sein, dort Ackerfelder
zu gewinnen.<

>Ja, das ist gewilich wahr; es lohnt sich kaum der Mhe, dort Ackerbau zu
treiben,< sagte der Westgte. >Aber die Bevlkerung hat sich auf die
Herstellung von Holzwaren gelegt; und meiner Ansicht nach beweist es mehr
Tchtigkeit, wenn sich jemand in einer so armen Gegend durchbringt, als
wenn er beim Ruinieren des Bodens behilflich ist.<

>Jetzt bleibt mir nur noch eine Frage brig,< sagte der Riese. >Wie habt
ihr euch drunten an der Kste eingerichtet, wo der Gtalf ins Meer
fliet?<

>Habt Ihr da auch die Hand mit im Spiele gehabt?< fragte der Seemann.

>Das nicht gerade,< entgegnete der Riese. >Aber, wir gingen vorzeiten oft
an den Strand hinunter, lockten uns einen Walfisch heran, setzten uns auf
dessen Rcken und ritten durch die Fjorde und Schren. Ich mchte wissen,
ob du jemand kennst, der das heute noch tut?<

>Das will ich unbeantwortet lassen,< erwiderte der Seemann. >Aber ich halte
es fr eine ebenso groe Leistung, da die Menschen an der Mndung des
Gtalf eine Stadt gebaut haben, von der Schiffe nach allen Meeren der Erde
ausziehen.<

Hierauf gab der Riese keine Antwort; und der Seemann, der selbst in
Gteborg daheim war, beschrieb nun die reiche Handelsstadt mit ihrem groen
Hafen, mit ihren Brcken und Kanlen und den prchtigen Straen; er
erzhlte auch, es wohnten da sehr viele tchtige Kaufleute und Schiffer,
und es sei durchaus nicht ausgeschlossen, da sie Gteborg noch zu der
ersten Stadt des Nordens machten.

Bei jeder neuen Antwort waren die Runzeln auf der Stirne des Riesen tiefer
geworden; da die Menschen sich so zum Herren ber die Natur gemacht
hatten, war ihm offenbar unangenehm.

>Ja ja, es mu sich sehr viel verndert haben in Westgtland,< sagte er
schlielich, >und ich wrde am liebsten selbst wieder hinkommen und dies
und jenes herstellen.<

Als der Seemann diese Worte hrte, erschrak er ein wenig; wenn der Riese
nach Westgtland kme, geschhe es sicher nicht in guter Absicht. Er lie
sich jedoch nichts anmerken, sondern sagte:

>Ihr drft berzeugt sein, da Ihr festlich empfangen wrdet. Euch zu Ehren
soll mit allen Kirchenglocken gelutet werden.<

>So, es gibt also noch Kirchenglocken in Westgtland?< fragte der Riese,
als sei er etwas bedenklich geworden. >Sind denn die groen Glocken in
Husaby, Skara und Varnhem noch nicht zu Tode gelutet?<

>O nein, sie sind alle noch da, und seit Eurer Zeit sind viele neue
dazugekommen. Jetzt gibt es in ganz Westgtland nicht eine Ortschaft, wo
man kein Glockengelute hrte.<

>Nun, dann ist es wohl am besten, ich bleibe, wo ich bin,< sagte der Riese.
>Denn dieser Glocken wegen bin ich ja einst dort weggezogen.<

Hierauf versank er in Gedanken, wendete sich aber doch bald wieder an die
Seeleute. >Ihr knnt euch jetzt ganz ruhig am Feuer niederlegen und
schlafen,< sagte er. >Morgen frh will ich dafr sorgen, da ein Schiff
hier vorberfhrt, das euch mitnimmt und in eure Heimat zurckbringt. Aber
fr die Gastfreundschaft, die ich euch erwiesen habe, verlange ich eine
Geflligkeit von euch. Wenn ihr heimgekehrt seid, sollt ihr zu dem besten
Mann in ganz Westgtland gehen und ihm diesen Ring bergeben. Ihr sollt ihn
von mir gren und ihm ausrichten, wenn er den Ring an seinen Finger
stecke, werde er noch viel mehr werden, als er jetzt sei.<

Sobald die Seeleute zu Hause angekommen waren, gingen sie zu dem besten
Mann in Westgtland und bergaben ihm den Ring. Aber der Mann war zu klug,
ihn sofort an seinen Finger zu stecken. Statt dessen hngte er ihn an eine
kleine Eiche auf seinem Hofe. In demselben Augenblick scho die Eiche so
gewaltig in die Hhe, da man sie frmlich wachsen sah. Sie trieb
Schlinge und lange Zweige; der Stamm wurde dicker, die Rinde verhrtete
sich, der Baum bekam neue Bltter und verlor sie wieder, setzte Blten und
Frchte an und wurde in kurzer Zeit eine so mchtige Eiche, wie man noch
nie eine gesehen hatte. Aber kaum war sie ausgewachsen, als sie ebenso
schnell zu verwelken begann: die Zweige fielen ab, der Stamm wurde hohl,
der Baum siechte hin, bald war nichts mehr von ihm brig als ein Stumpf.

Da nahm der Mann den Ring und schleuderte ihn weit von sich. >Dieses
Geschenk des Riesen hat die Macht, einem Manne groe Kraft zu verleihen und
ihn fr kurze Zeit leistungsfhiger als alle andern zu machen,< sagte er.
>Aber der Besitzer wrde sich auch in ganz kurzer Zeit beranstrengen, und
dann wre es bald aus mit seiner Tchtigkeit und seinem Glck. Ich will
nichts damit zu tun haben, und ich hoffe nur, niemand wird den Ring finden,
denn er ist uns nicht in guter Absicht geschickt worden.<

Aber es ist eben doch mglich, da der Ring gefunden worden ist. So oft
sich ein Mensch, in dem Bestreben, andern Gutes zu tun, ber seine Krfte
anstrengt, mchte man unwillkrlich fragen, ob er am Ende den Ring gefunden
habe, und ob dieser es sei, der ihn zwingt, so zu schaffen und zu wirken,
da er sich vor der Zeit abntzt und sein Werk unvollendet verlassen mu.


Der Gesang

Die Lehrerin war, whrend sie erzhlte, mit raschen Schritten vorwrts
gegangen, und als sie ihre Geschichte beendigt hatte, war sie mit den
Kindern beinahe an ihrem Ziel angelangt. Dort tauchten schon die
Wirtschaftsgebude auf, die, wie alles andre auf dem Gute, von prchtigen
Bumen beschattet dalagen, und noch ehe sie daran vorbergekommen war, sah
sie das Schlo droben auf der Terrasse hervorschimmern.

Bis zu diesem Augenblick war sie ber ihren Einfall sehr glcklich gewesen,
und kein zagender Gedanke war in ihr aufgestiegen; aber jetzt, beim Anblick
des Hofes, begann ihr der Mut zu sinken. Wie, wenn das, was sie vorhatte,
nun ganz verkehrt wre? Wer kmmerte sich denn wohl um ihre Dankbarkeit?
Vielleicht wrde man sie nur auslachen, wenn sie jetzt am spten Abend noch
mit ihren Schulkindern daherkme? Und sie alle miteinander konnten gewi
auch gar nicht so schn singen, da sich jemand etwas aus dem Gesang machen
wrde!

Sie ging langsamer, und als sie die Stufen erreichte, die zur
Schloterrasse fhrten, bog sie vom Wege ab und stieg diese Treppe hinan.
Seit dem Tode des alten Herrn stand zwar das groe Schlo leer, das wute
sie sehr wohl; sie ging auch nur hinauf, um Zeit zum berlegen zu gewinnen,
ob sie weitergehen oder umkehren solle. Als sie die Treppe erstiegen hatte
und das im Mondschein blendend hell schimmernde Schlo vor sich liegen sah,
als sie die Hecken und Blumenbeete, die Brustwehr und die Urnen und die
majesttische Freitreppe sah, wurde ihr immer ngstlicher zumute. Ach, hier
war alles so vornehm und prachtvoll; nein, hier hatte sie gewi nichts zu
tun! Komm mir nicht zu nahe! schien ihr das schne weie Schlo
zuzurufen. Du wirst dir doch nicht einbilden, du und deine Schulkinder
knnten einem Manne, der an einem solchen Orte zu wohnen gewhnt ist,
irgendeine Freude bereiten?

Um diese Unschlssigkeit, die sie allmhlich ganz beherrschte, zu
verscheuchen, erzhlte die Lehrerin ihren Schulkindern die Geschichte von
dem alten und dem jungen Herrn, gerade so, wie sie sie selbst einst als
Schlerin auf Ns gehrt hatte. Und dies hob ihren Mut wieder ein wenig.
Es war ja doch wahr, da das Schlo und das ganze Gut dem Sljdseminar
geschenkt worden waren. Jawohl geschenkt, damit Lehrer und Lehrerinnen eine
glckliche Zeit auf dem schnen Gute verleben und danach ihren Schulkindern
Kenntnisse und Freude mit nach Hause bringen knnten! Aber wenn diese
beiden Herren der Schule ein solches Geschenk gemacht hatten, so war doch
dadurch der Beweis geliefert, wie hoch sie die Lehrer schtzten! Dadurch
hatten sie klar und deutlich gezeigt, da sie die Erziehung der
schwedischen Kinder fr viel wichtiger hielten als alles andre. Nein nein,
gerade hier drfte sie sich am allerwenigsten niedergeschlagen fhlen,
redete sich die Lehrerin selbst zu.

Diese Gedanken trsteten sie auch wirklich ein wenig, und sie wollte ihren
Plan jetzt doch ausfhren. Um ihren Mut zu strken, schlug sie den Weg
durch den Park ein, der sich vom Schlohgel zum See hinunter erstreckte.
Whrend sie unter diesen schnen Bumen dahinschritt, die im Mondschein
dunkel und geheimnisvoll hoch aufragten, erwachten viele frohe Erinnerungen
in ihrem Herzen. Sie erzhlte den Kindern, wie es zu ihrer Zeit auf Ns
gewesen war und wie glcklich sie sich hier als Schlerin gefhlt hatte, wo
sie jeden Tag in dem schnen Park hatte spazieren gehen drfen. Sie
erzhlte von frohen Festen, von Spiel und Arbeit, aber vor allem von der
groen Gte, die die Tore des schnen Herrenhofs fr sie und fr so viele
andere geffnet hatte.

Auf diese Weise gelang es ihr, wieder Mut zu fassen, und sie ging wirklich
durch den Park und ber die alte steinerne Brcke und erreichte endlich die
Wiesen am See drunten, wo die Villa des Vorstehers mitten zwischen den
Schulgebuden stand.

Dicht bei der Brcke war der grne Spielplatz, und als sie daran
vorbergingen, erzhlte die Lehrerin den Kindern, wie schn es hier an den
Sommerabenden gewesen sei, wenn der Rasen von hellgekleideten Menschen
wimmelte und Singspiele und Ballspiele einander ablsten. Sie zeigte den
Kindern das Vereinshaus, in dem der Versammlungssaal war, das Seminar, wo
die Vortrge gehalten wurden, die Huser, wo die Sljdsle und der Turnsaal
untergebracht waren. Die Lehrerin ging rasch und sprach unaufhrlich, wie
um gar keine Zeit zum ngstlichwerden zu haben. Aber als sie schlielich so
weit gekommen war, da sie die Villa des Vorstehers sehen konnten, hielt
sie jh an.

Hrt, Kinder, ich glaube, wir wollen nicht weitergehen, sagte sie. Es
ist mir frher gar nicht eingefallen, da der Vorsteher vielleicht so
schwer krank ist, da ihm unser Gesang schaden knnte, und es wre
furchtbar, wenn er dadurch noch krnker wrde.

Der kleine Nils Holgersson war die ganze Zeit neben der Schar hergegangen
und hatte alles gehrt, was die Lehrerin erzhlte. Er wute also, da sie
ausgezogen waren, um jemand, der drben in der Villa krank lag, einige
Lieder zu singen. Und nun sollte aus dem Gesange nichts werden, weil der
Kranke mglicherweise dadurch beunruhigt und aufgeregt werden knnte!

Wie schade, wenn sie wieder umkehrten, ohne gesungen zu haben! dachte er.
Sie knnten ja doch leicht erfahren, ob der Kranke drinnen das Zuhren
ertragen kann. Warum geht denn die Lehrerin nicht hin zu der Villa und
erkundigt sich?

Aber dieser Gedanke schien der Lehrerin gar nicht zu kommen, sie kehrte
vielmehr um und trat langsam den Heimweg an. Die Schulkinder machten ein
paar Einwendungen, aber sie beschwichtigte sie. Nein, nein, sagte sie.
Es war ein dummer Einfall von mir, da ich jetzt so spt am Abend noch
hierher wanderte, um zu singen. Wir wrden nur stren.

Da dachte Nils Holgersson, wenn keines von den andern es tun wolle, dann
msse er jetzt hingehen und zu erfahren suchen, ob der Kranke wirklich zu
schwach sei, ein Lied anzuhren. Rasch lief er von der Schar weg und aufs
Haus zu. Vor der Villa hielt eben ein Wagen, und neben den Pferden stand
ein alter Kutscher. Der Junge war kaum bis zum Hauseingang hingelangt, als
die Tr aufging und ein Mdchen mit einem Servierbrett heraustrat.

Sie werden wohl noch eine Weile auf den Herrn Doktor warten mssen,
Larsson, sagte sie. Die gndige Frau schickt Ihnen hier indessen zur
Strkung etwas Warmes.

Wie geht es dem Herrn? fragte der Kutscher.

Er hat jetzt keine Schmerzen mehr, aber es ist, als stehe das Herz still.
Schon seit einer Stunde liegt er ganz regungslos da. Wir wissen kaum, ob er
noch lebt.

Gibt der Doktor keine Hoffnung?

Es kann gehen, wie es will, Larsson, ja es kann gehen, wie es will. Es
ist, als lausche er immerfort auf einen Ruf. Kommt dieser Ruf von oben, so
mu er ihm folgen.

Nils Holgersson lief rasch den Weg hinunter, um die Lehrerin und die Kinder
einzuholen; das Sterben seines Grovaters fiel ihm ein. Der Grovater war
Seemann gewesen, und ganz zuletzt noch hatte er gebeten, man solle das
Fenster aufmachen, damit er den Wind noch einmal rauschen hre. Wenn nun
der Kranke dort drben mit so groer Vorliebe im Kreise der Jugend geweilt
hatte und ihren Liedern und Spielen so gerne zuhrte...

Die Lehrerin ging unschlssig die Allee hinunter. Jetzt, wo sie von Ns
wegging, war es ihr, als msse sie wieder umkehren; vorhin aber war sie
auch wieder umgekehrt. Ach, sie war noch immer gleich ngstlich und
unsicher!

Sie sprach nicht mehr mit den Kindern, sondern ging schweigend ihres Weges
dahin. In der Allee war so tiefer Schatten, da sie nicht sehen konnte;
aber es war ihr, als hre sie viele, viele Tne um sich her, und von allen
Seiten drangen unzhlige ngstliche Stimmen auf sie ein. Wir sind gar so
weit weg, alle wir andern, sagten die Stimmen. Du aber bist ganz nahe.
Geh und sing ihm vor, was wir alle fhlen!

Und sie erinnerte sich an einen nach dem andern, denen der Vorsteher
geholfen und fr die er gesorgt hatte. bermenschlich hatte er sich
angestrengt, um allen Bedrftigen zu helfen. Geh und sing ihm! flsterte
es um die Lehrerin her. La ihn nicht sterben, ohne einen letzten Gru von
seiner Schule! Denke nicht, du seist gering und unbedeutend! Denk an die
groe Schar, die hinter dir steht! Gib ihm zu verstehen, ehe er von uns
geht, wie innig wir ihn lieben!

Die Lehrerin ging immer langsamer. Da hrte sie pltzlich einen Ton, der
mit den Stimmen und mahnenden Rufen in ihrer Seele nichts zu tun hatte,
sondern aus der uern Welt um sie her an ihr Ohr drang. Es war keine
gewhnliche menschliche Stimme, es klang wie das Zwitschern eines Vogels,
oder wie das Zirpen einer Heuschrecke. Aber es rief doch ganz deutlich, sie
solle wieder umkehren.

Und mehr brauchte es nicht, um der kleinen Lehrerin den Mut
zurckzugeben.--

Die Lehrerin und die Kinder hatten vor den Fenstern des Vorstehers ein paar
Lieder gesungen, und selbst die Lehrerin meinte, der Gesang habe in dieser
Abendstunde wunderbar schn geklungen; es war gewesen, wie wenn unbekannte
Stimmen mitgesungen htten. Der ganze Himmelsraum war wie von Tnen und
Lauten erfllt gewesen. Sie hatten den Gesang nur anzustimmen brauchen, da
waren alle diese Tne erwacht und hatten mit eingestimmt.

Jetzt ffnete sich pltzlich die Haustr, und jemand trat rasch heraus.
Nun kommen sie, mir zu sagen, ich solle aufhren, dachte die Lehrerin.
Wenn es ihm nur nicht geschadet hat!

Aber das war nicht der Fall. Sie wurde gebeten, ins Haus hereinzukommen,
sich etwas auszuruhen und dann noch ein paar Lieder zu singen.

Auf der Treppe trat ihr der Doktor entgegen. Fr diesmal ist die Gefahr
vorber, sagte er. Er hatte in einer Art Betubung gelegen, und das Herz
schlug immer langsamer. Aber als Sie zu singen anfingen, war es, als wenn
er einen Ruf vernommen htte von allen, die seiner noch bedrfen. Er
fhlte, da die Zeit, wo er von seiner Arbeit ausruhen darf, noch nicht
angebrochen sei. Singen Sie ihm noch mehr und freuen Sie sich, denn ich
glaube, Ihr Gesang hat ihn ins Leben zurckgerufen. Jetzt drfen wir ihn
vielleicht noch ein paar Jahre behalten.

[Illustration]




53

Die Reise nach Vemmenhg


                                                  Donnerstag, 3. November

Zu Anfang November flogen die Wildgnse eines Tages ber das Hallandgebirge
nach Schonen hinein. Sie hatten sich einige Wochen auf den groen Ebenen
bei Fallkping aufgehalten, und da sich mehrere andre Scharen Wildgnse
auch dort niedergelassen hatten, war es eine schne Zeit fr alle gewesen;
die Alten hatten viel miteinander geplaudert und die Jungen in allen Arten
von Leibesbungen gewetteifert.

Was nun Nils Holgersson betrifft, so war er nicht so sehr erfreut ber den
langen Aufenthalt in Westgtland. Er gab sich alle Mhe, seinen Mut
aufrecht zu erhalten, aber es wurde ihm sehr schwer, sich mit seinem
Schicksal auszushnen.

Htte ich doch nur erst Schonen hinter mir und wre glcklich im Ausland!
dachte er. Dann wte ich, da ich nichts mehr zu hoffen htte, und wrde
ruhiger werden.

Eines Morgens in aller Frhe waren dann die Wildgnse aufgebrochen und nach
Halland hinuntergeflogen. Im Anfang hatte der Junge keine groe Lust, sich
die Landschaft zu betrachten; er meinte, es werde da nicht viel Neues zu
sehen sein. Der stliche Teil war ein hgeliges Land mit groen
Heidestrecken, die an Smland erinnerten, und weiter gegen Westen ragten
runde, kahle, durch Buchten getrennte Berggipfel auf, ungefhr wie in
Bohusln.

Als aber die Wildgnse immer weiter sdwrts ber den schmalen Kstenstrich
hinflogen, beugte sich der Junge weit ber den Hals des Gnserichs vor und
verwandte kein Auge mehr vom Boden. Er sah, da die Berge sich lichteten
und die Ebene sich ausbreitete. Und zugleich sah er auch, da die Kste
weniger zerrissen war. Die Schren davor wurden sprlich und immer
sprlicher, bis sie schlielich ganz verschwanden und das weite offene
Meer bis dicht ans Festland heranreichte.

Und dann hrte der Wald auf. Weiter droben im Lande hatte der Junge nun
freilich schon viele schne Ebenen gesehen; aber alle waren von Wldern
umrahmt gewesen. Der Wald hatte sich berall ausgebreitet. Es war, als ob
das Land dort eigentlich nur den Bumen gehrte, und das bebaute Land sah
nur wie groe gerodete Pltze im Walde aus. Und auf allen Ebenen hatten
Baumgruppen und Gehlze gestanden, wie um zu zeigen, da der Wald jeden
Augenblick einschreiten und von dem Land wieder Besitz ergreifen knnte.

Aber hier war das ganz anders. Hier hatte das Flachland das bergewicht.
Unbeschrnkt erstreckte es sich bis zum Horizont. Es gab wohl auch groe,
wohlgepflegte Forste, aber keinen wilden Wald. Und gerade da das Land so
offen dalag, mit einem Acker neben dem andern, erinnerte den Jungen an
Schonen. Den offnen Strand mit seinen sandigen Ufern und Tanghaufen glaubte
er auch wiederzuerkennen. Es wurde ihm froh und ngstlich zugleich ums
Herz. Jetzt kann ich nicht mehr weit von meiner Heimat entfernt sein,
dachte er.

Die Landschaft vernderte sich aber doch wieder; groe Bche kamen aus
Westgtland und Smland dahergeschumt und unterbrachen die Einfrmigkeit
der Ebene; Seen, Moore, Heidestrecken, mit Flugsand bedeckte Felder
versperrten den ckern den Weg; aber diese breiteten sich doch immer weiter
aus, bis hinunter zum Hallandgebirge, das an der Grenze von Schonen mit
seinen schnen Schluchten und Tlern aufragt.

Schon mehrere Male hatten die jungen Gnse in der Schar die alten gefragt:
Wie sieht es im Auslande aus? Wie sieht es im Auslande aus?

Wartet nur, wartet nur! Ihr werdet es bald erfahren, hatten die Alten
geantwortet, die das Land schon so oft auf und ab geflogen waren.

Als die jungen Gnse auf der Reise die langen bewaldeten Bergrcken um
Wrmland her und die glnzenden Seen zwischen der Bohuslner Felsenwelt
oder die schnen Hgel in Westgtland sahen, hatten sie sich verwundert
gefragt: Sieht die ganze Welt so aus? Sieht die ganze Welt so aus?

Wartet nur, wartet nur! Ihr werdet es bald erfahren, wie es in einem
groen Teile der Welt aussieht, hatten die Alten geantwortet.

Nachdem die Wildgnse nun ber das Hallandgebirge hingeflogen und schon ein
gutes Stck nach Schonen hineingekommen waren, rief Akka: Schaut jetzt
hinunter und seht euch um! So sieht es im Ausland aus!

Gerade da flogen sie ber den Sderberg hin. Der ganze lange Hhenzug war
mit Buchenwldern bestanden, und mitten in den Wldern lagen schne mit
Trmen und Zinnen geschmckte Schlsser. Zwischen den Bumen grasten Rehe,
und auf den Waldwiesen spielten die Hasen. Jagdhrner klangen durch die
Wlder, und scharfes Hundegebell drang bis zu der dahinfliegenden Schar
herauf. Durch die Wlder fhrten schne, breite Straen, auf denen Herren
und Damen in glnzenden Wagen dahergefahren oder auf wunderschnen Pferden
geritten kamen. Am Fu des Gebirges breitete sich der Ringsee aus mit dem
alten Bosjkloster auf einer schmalen Landzunge. Die Skralider Schlucht
durchschneidet den Bergrcken, ein Bach pltschert auf ihrem Grunde, und
die Felswnde sind mit Gebsch und Bumen dicht bewachsen.

Sieht es so im Ausland aus? Sieht es so im Ausland aus? fragten die
jungen Gnse.

Ja, wo waldige Bergrcken sind, sieht es gerade so aus! rief Akka. Aber
das ist nicht so sehr oft der Fall. Wartet nur, dann werdet ihr schon
sehen, wie es gewhnlich dort aussieht!

Akka fhrte die Wildgnse weiter gen Sden nach Schonen auf die groe
Ebene. Da lag sie vor ihnen mit weiten ckern, mit Rbenfeldern, auf denen
die Arbeiter in langen Reihen beschftigt waren, mit niedrigen,
weigekalkten, aneinandergebauten Hfen, mit unzhligen kleinen, weien
Kirchen, mit hlichen grauen Zuckerfabriken und mit Bahnhfen, umgeben von
Marktflecken, die einen stdtischen Anstrich hatten. Es gab auch viele
Torfmoore mit langen Reihen ausgestochener Torfhgel und Steinkohlengruben
mit schwarzen Kohlenbergen um sich her. Die Landstraen liefen zwischen
zwei Reihen gestutzter Weidenbume hin, die Eisenbahnschienen liefen
durcheinander und bildeten ein dichtes Netz ber die ganze Ebene. Kleine
buchenumkrnzte Seen, jeder mit einem prchtigen Herrenhof am Ufer,
blinkten da und dort hervor.

Schaut jetzt hinunter! Seht euch gut um! rief die Anfhrerin. So sieht
es im Ausland aus, von der Kste der Ostsee an bis hinunter zu den hohen
Bergen, und weiter als bis zu diesen sind wir nie gereist.

Als die jungen Gnse die Ebene gesehen hatten, flog die Schar nach dem
resund. Groe sumpfige Wiesen fielen sanft gegen das Meer ab, und lange
Wlle aus schwrzlichem Tang lagen vom Meere angeschwemmt auf dem Strand.
An einigen Stellen waren hohe Uferwlle, an andern lauter Flugsand, der
sich zu Dnen und ganzen Hgeln auftrmte. Die Fischerdrfer lagen am Ufer
mit einer langen Reihe ganz gleichmig gebauter und gleichgroer
Backsteinhuschen, einem kleinen Leuchtturm drauen am Wellenbrecher und
groen mit braunen Netzen dicht behngten Trockenpltzen.

Schaut hinunter! Seht euch wohl um! sagte Akka. So sieht es im Ausland
an den Ksten aus!

[Illustration]

Schlielich flog die Anfhrerin auch ber einige der Drfer hin, und die
Gnse sahen eine Menge schlanker Fabrikschlote, lange, von hohen,
rauchgeschwrzten Husern eingefate Straen, prchtige, groe Parke,
durch die sich schne Spazierwege schlngelten, sichere Hfen voller
Schiffe, alte Festungswerke und Schlsser und ehrwrdige alte Kirchen.

So sehen die Stdte im Ausland aus, nur da sie viel grer sind, sagte
Akka. Aber diese hier knnen auch noch wachsen, gerade wie ihr jungen
Gnse.

[Illustration]

Nachdem Akka so umhergeflogen war, lie sie sich auf einem Moor im
Vemmenhger Bezirk nieder. Der Junge aber konnte den Gedanken nicht
loswerden, Akka sei nur deshalb in Schonen umhergeflogen, um ihm zu zeigen,
da er ein Land habe, das sich mit jedem andern im Ausland wohl messen
knne. Aber das wre nicht ntig gewesen; der Junge dachte nicht daran, ob
das Land reich oder arm sei. Von dem Augenblick an, wo er die ersten
Weidenhecken und die ersten niedrigen Fachwerkhuser gesehen hatte, war
sein Herz von heiem Heimweh erfllt worden.

[Illustration]




54

Bei Holger Nilssons


                                                  Donnerstag, 8. November

Es war ein nebeliger, trber Tag. Die Wildgnse hatten auf den groen
Feldern bei der Skuruper Kirche geweidet und hielten eben Mittagsrast, da
trat Akka zu Nils Holgersson.

Es sieht aus, als bekmen wir jetzt einige Zeit stilles Wetter, begann
sie, und ich gedenke deshalb, morgen ber die Ostsee zu fliegen.

Ach so, erwiderte der Junge kurz, denn der Hals war ihm wie zugeschnrt,
und er konnte nicht sprechen. Er hatte eben doch immer noch gehofft, er
werde, solange er in Schonen sei, von seiner Verzauberung befreit werden.

Wir sind jetzt ziemlich nahe bei Westvemmenhg, fuhr Akka fort; und ich
dachte, du httest vielleicht Lust, einen kleinen Besuch daheim zu machen.
Es wird ja eine gute Weile dauern, bis du wieder jemand von den Deinen zu
sehen bekommst.

Es ist gewi am besten, ich unterlasse das, sagte der Junge; aber seiner
Stimme war wohl anzuhren, wie sehr er sich ber den Vorschlag freute.

Wenn der Gnserich hier bei uns bleibt, kann ihm ja kein Unglck
geschehen, sagte Akka. Ich meine, du solltest dir genauen Bescheid
verschaffen, wie es bei dir daheim steht. Vielleicht knntest du deinen
Eltern doch auf irgendeine Weise helfen, selbst wenn du nicht wieder ein
Mensch wirst.

Ja, da habt Ihr recht, Mutter Akka. Daran htte ich auch selbst denken
knnen! rief der Junge, und er wurde pltzlich ganz eifrig.

Einen Augenblick spter waren er und Akka auf dem Wege zu Holger Nilssons,
und schon nach einer kleinen Weile lie sich Akka auf dem Steinmuerchen
nieder, das das Gtchen des Huslers rings umgab.

Es ist doch merkwrdig, wie unverndert alles ist! sagte der Junge; er
kletterte eilig auf das Muerchen hinauf und schaute sich um. Es ist mir,
als sei es gestern gewesen, da ich hier auf dem Steinmuerchen sa und
euch daherfliegen sah.

Ob dein Vater wohl eine Flinte hat? fragte Akka pltzlich.

Das will ich meinen! rief der Junge. Dieser Flinte wegen bin ich ja an
jenem Sonntag daheim geblieben, anstatt in die Kirche zu gehen.

Dann wage ich nicht, hier auf dich zu warten, sagte Akka, und es ist
wohl am besten, du schleichst dich morgen frh wieder zu uns zurck, dann
kannst du die Nacht ber hier bleiben.

Ach nein, Mutter Akka, fliegt nicht fort! rief der Junge und sprang rasch
von dem Muerchen herab. Er wute nicht, woher es kam, aber er hatte das
Gefhl, als msse ihm oder den Wildgnsen etwas zustoen, so da sie
einander nie mehr sehen wrden. Ihr seht ja wohl, da ich betrbt bin,
weil ich meine rechte Gestalt nicht wieder bekommen soll, aber ich sage
Euch, ich bereue durchaus nicht, damals mit euch Gnsen fortgeflogen zu
sein. Nein, nein, lieber will ich nie wieder ein Mensch werden, als da ich
diese Reise nicht mit euch gemacht htte.

Akka sog ein paarmal die Luft durch ihren Schnabel ein, ehe sie antwortete.
Es liegt mir etwas auf dem Herzen, worber ich schon lange gern mit dir
gesprochen htte; da du jedoch nicht zu den Deinen zurckzukehren
gedachtest, hielt ich es nicht fr so eilig. Es kann indes nichts schaden,
wenn ich es dir mitteile.

Ihr wit, es gibt nichts, was ich nicht gerne fr Euch tte, sagte der
Junge.

Wenn du etwas Gutes gelernt hast, Dumling, dann bist du vielleicht jetzt
nicht mehr der Ansicht, da die Menschen allein auf der Welt herrschen
sollten, sagte die Anfhrerin feierlich. Bedenke, ihr habt ein groes
Land fr euch, und deshalb knntet ihr uns recht gut ein paar Schren und
einige sumpfige Seen und Moore, sowie einige de Felsen und abgelegene
Wlder berlassen, wo wir armen Tiere im Frieden leben knnten. Solange ich
lebe, bin ich nun bestndig verfolgt und gejagt worden. Es wre eine
Wohltat, wenn sich fr solche Geschpfe, wie wir sind, auch irgendwo eine
richtige Freistatt fnde.

Wie sehr wrde ich mich freuen, wenn ich euch in dieser Sache helfen
knnte. Aber ich geniee gewi niemals soviel Macht und Ansehen bei den
Menschen, seufzte der Junge.

Aber, Dumling, wir stehen ja hier und sprechen miteinander, als ob wir
uns nie wieder sehen sollten! sagte Akka pltzlich. Und doch treffen wir
wohl schon morgen frh wieder zusammen. Jetzt will ich zu meiner Schar
zurckfliegen. Damit hob Akka die Flgel, lie sich jedoch sogleich wieder
nieder, rieb ihren Schnabel ein paarmal an dem Dumling auf und ab und
flog erst dann endgltig davon.

Es war schon glockenhell, aber auf dem Hofe war kein Mensch zu sehen, und
der Junge konnte ohne Scheu berall herumgehen. Zuerst lief er in den
Kuhstall hinein, denn er wute, bei den Khen wrde er Auskunft erhalten.
Im Frhling waren drei prchtige Khe im Stalle gewesen, aber jetzt stand
nur noch eine einzige da. Diese eine war Majros, und man konnte ihr wohl
anmerken, da sie Heimweh nach ihren Kameraden hatte. Sie lie den Kopf
hngen und fra kaum ein Hlmchen von dem Futter, das vor ihr lag.

Guten Tag, Majros! sagte der Junge und sprang ohne Angst in den Stand zu
ihr hinein. Wie geht es meiner Mutter und meinem Vater? Und was machen die
Hhner und Gnse und die Katze? Und wo hast du denn Stern und Gull-Lilja
gelassen?

Als Majros die Stimme des Jungen hrte, fuhr sie zusammen, und es sah aus,
als wolle sie mit den Hrnern nach ihm stoen. Aber sie war jetzt nicht
mehr so hitzig wie frher, sondern nahm sich Zeit, Nils Holgersson nher zu
betrachten, ehe sie zustie. Er war noch ebenso klein wie bei seiner
Abreise und trug auch noch denselben Anzug; aber er sah sich trotzdem gar
nicht mehr hnlich. Der Nils Holgersson, der im Frhjahr fortgezogen war,
hatte einen schwerflligen, langsamen Gang, eine trge Stimme und
schlfrige Augen gehabt; der Nils Holgersson, der jetzt zurckgekehrt war,
war flink und geschmeidig, sprach rasch und hatte glnzende, leuchtende
Augen. Auch hatte er eine so kecke Haltung, da man unwillkrlich Respekt
vor ihm bekam. Trotz seiner Kleidung, und obgleich er nicht gerade
glcklich aussah, wurde man froh, wenn man ihn nur ansah.

Muu! brllte Majros. Es hie, er sei anders geworden, aber ich wollte es
nicht glauben. Gr dich Gott, Nils Holgersson, gr dich Gott! Dies ist
der erste frohe Augenblick, den ich seit langer Zeit gehabt habe.

Ich danke dir, Majros, erwiderte der Junge, sehr angenehm berrascht ber
die freundliche Begrung. Erzhl mir nun, wie es meinem Vater und meiner
Mutter geht!

Seit du fort bist, haben sie nichts als immerfort Kummer und Unglck
gehabt, sagte Majros. Das schlimmste aber ist die Sache mit dem teuren
Pferd, das nun den ganzen Sommer nichts tun konnte und immer nur gefressen
hat. Dein Vater kann es nicht bers Herz bringen, es zu erschieen, und
verkaufen kann er es auch nicht. Des Pferdes wegen haben Stern und
Gull-Lilja verkauft werden mssen.

Der Junge htte eigentlich etwas ganz andres gerne gewut; aber er scheute
sich, geradeheraus zu fragen. Deshalb sagte er: Meine Mutter war wohl sehr
rgerlich, als sie entdeckte, da der Gnserich Martin davongeflogen war?

Wenn sie gewut htte, wie alles gekommen war, htte sie sich ber den
Verlust des Gnserichs Martin wohl nicht so sehr gegrmt. So aber trauert
sie Tag und Nacht darber, da ihr eigener Sohn von daheim fortgelaufen sei
und den Gnserich mitgenommen habe.

Wie, glaubt sie denn, ich habe die Gans gestohlen? rief der Junge.

Ja, was soll sie denn sonst glauben?

Vater und Mutter meinen wohl, ich htte mich den Sommer hindurch wie ein
gemeiner Landstreicher herumgetrieben?

Sie denken, es stehe schlimm mit dir, sagte Majros, und sie haben um
dich getrauert, wie man trauert, wenn man sein Liebstes verloren hat.

Als der Junge dies hrte, verlie er rasch den Kuhstall und ging zu dem
Pferde hinein. Der Pferdestall war ein kleiner, aber hbscher Raum. Der
Junge sah wohl, der Vater hatte sich alle Mhe gegeben, es dem Pferde bei
seiner Ankunft so recht behaglich zu machen. Und es stand auch wirklich ein
wunderschnes Pferd im Stall, das von Gesundheit strotzte.

Guten Tag, guten Tag! sagte der Junge. Wie ich hre, soll ein krankes
Pferd hier sein. Damit bist du doch wohl nicht gemeint, denn du siehst ja
ganz frisch und ganz gesund aus?

Das Pferd wendete den Kopf und sah den Jungen nachdenklich an.

Bist du der Sohn des Hauses? fragte es. Von dem hab ich sehr viel
sprechen hren. Aber du siehst so gut aus, und wenn ich nicht wte, da du
in ein Wichtelmnnchen verwandelt worden bist, wrde ich nie geglaubt
haben, du seiest der kleine Nils Holgersson.

Ich wei wohl, ich habe hier einen schlechten Ruf hinterlassen,
entgegnete der Junge. Meine Mutter glaubt, ich htte mich als ein Dieb
fortgeschlichen; das ist nun freilich einerlei, denn ich bleibe nicht lange
hier. Bevor ich wieder gehe, mchte ich aber doch noch wissen, was dir
eigentlich fehlt.

Wie schade, da du nicht hier bleibst! sagte das Pferd. Ich bin
berzeugt, wir zwei wren sehr gute Freunde geworden. Mir fehlt gar nichts,
als da ich mir etwas in den Fu hineingetreten habe, eine Messerspitze,
oder was es sonst sein mag. Es sitzt so tief drinnen, da es der Doktor
nicht entdeckt; aber es sticht und sticht, und deshalb kann ich durchaus
nicht auftreten. Wenn du nur Holger Nilsson mitteilen wrdest, was mir
fehlt, dann wrde er mir gewi helfen knnen. Ich mchte doch fr all das
Futter auch etwas leisten und schme mich wirklich, hier nichts zu tun, als
immer nur zu fressen.

Wie gut, da du keine eigentliche Krankheit hast! rief der Junge. Ich
mu dafr sorgen, da du kuriert wirst. Es tte dir wohl nicht weh, wenn
ich mit meinem Messer ein wenig auf deinen Huf kritzelte?

Nils Holgersson war mit dem Pferde eben fertig geworden, als er drauen auf
dem Hofe Stimmen hrte. Er ffnete vorsichtig einen Spalt an der Stalltr
und lugte hinaus: Sein Vater und seine Mutter waren es, die von der
Landstrae her auf das Haus zukamen. Ach ja, Nils Holgersson sah ihnen wohl
an, wie niedergedrckt sie waren! Seine Mutter hatte mehr Runzeln im
Gesicht, als sie im Frhjahr gehabt hatte, und sein Vater war ganz grau
geworden; die Mutter versuchte eben den Vater zu berreden, von seinem
Bruder Geld zu entlehnen.

Nein, ich will nicht noch mehr Geld entlehnen, sagte der Vater gerade in
dem Augenblick, wo die beiden am Stall vorbergingen. Schulden haben ist
das allerschlimmste, dann lieber noch den Hof verkaufen.

Ich htte auch nicht so sehr viel gegen den Verkauf, wenn es nicht des
Jungen wegen wre, erwiderte die Mutter. Aber wo soll er sich hinwenden,
wenn er nun, wie man sich denken kann, eines Tages arm und elend
zurckkehrt und wir dann nicht mehr da sind?

Ja, da hast du recht, sagte der Vater. Aber wir mten eben den neuen
Besitzer bitten, ihn freundlich aufzunehmen und ihm zu sagen, da wir ihn
erwarten. Und wir werden ihm kein bses Wort geben, wie er auch sein mag,
nicht wahr, Mutter?

Ach nein, nein! Wenn ich ihn nur wieder htte, dann wte ich doch, da er
nicht auf der Landstrae hungern und frieren mu; das andre wre dann ganz
einerlei.

Nach diesen Worten gingen die beiden ins Haus hinein, und der Junge hrte
nichts mehr von ihrer Unterhaltung. Die Worte der Eltern hatten ihn
beglckt und gerhrt; er erkannte daraus, wie innig lieb sie ihn hatten,
obwohl sie glaubten, er sei ganz verkommen. Er hatte die grte Lust,
hinter ihnen herzulaufen. Aber ach, wenn sie mich so shen, wie ich jetzt
bin, wrden sie vielleicht noch viel betrbter! dachte er.

Whrend er noch berlegte, was er tun solle, kam ein Wagen dahergefahren
und hielt gerade vor dem Hoftor. Beinahe htte der Junge vor lauter
berraschung laut hinausgeschrien; denn die Reisenden, die ausstiegen und
in den Hof hereinkamen, waren niemand anders, als das Gnsemdchen sa mit
ihrem Vater. Hand in Hand gingen sie auf das Haus zu; sie schritten ganz
still und ernst vorwrts, aber ein schner, glcklicher Glanz strahlte aus
ihren Augen. Als sie ungefhr mitten auf dem Hofe angekommen waren, hielt
sa ihren Vater zurck und sagte: Vergi es ja nicht, Vater, du darfst
weder von dem Holzschuh ein Wort erwhnen, noch von den Wildgnsen, noch
von dem kleinen Knirps, der Nils Holgersson so aufs Haar geglichen hat, da
er, wenn es nicht Nils selbst gewesen ist, doch in irgendeinem Zusammenhang
mit ihm gestanden haben mu.

Nein, nein, ich will gewi nichts davon sagen, erwiderte Jon Assarsson.
Ich werde nur sagen, ihr Sohn sei dir mehrere Male eine groe Hilfe
gewesen, und wir kmen deshalb, zu fragen, ob wir ihnen dafr nicht auch
eine Geflligkeit erweisen knnten. Seit ich die Grube da droben entdeckt
habe, bin ich ja ein wohlhabender Mann geworden und habe mehr, als ich
brauche.

Ja, ich wei wohl, da du deine Worte gut zu setzen verstehst, sagte sa,
und ich meinte auch nur, du solltest dieses eine verschweigen.

Sie traten ins Haus hinein, und der Junge wre schrecklich gerne
mitgegangen, um zu hren, was drinnen gesprochen wurde. Aber er wagte sich
nicht ber den Hofplatz hinber. Schon nach ganz kurzer Zeit kamen die
beiden wieder heraus, und Vater und Mutter begleiteten sie bis ans
Gittertor.

Als die beiden Besuche wieder weggefahren waren, blieben die Eltern an der
Pforte stehen und sahen ihnen nach.

Nun will ich nicht mehr so betrbt sein, sagte die Mutter. Jetzt, wo ich
so viel Gutes von Nils gehrt habe.

Eigentlich haben sie uns aber gar nicht so viel von ihm erzhlt,
erwiderte der Vater nachdenklich.

Wie, ist es nicht genug, wenn sie einzig und allein deshalb hergereist
sind, uns ihre Hilfe anzubieten, nur weil unser Nils ihnen so groe Dienste
geleistet hat? Ich meine brigens, du httest ihr Anerbieten annehmen
sollen, Vater!

Nein, Mutter, ich will von niemand Geld annehmen, weder als Geschenk noch
als Darlehen. In erster Linie will ich jetzt meine Schulden los werden, und
dann wollen wir uns wieder heraufbringen. Beim Licht besehen sind wir doch
eigentlich noch gar nicht so steinalt, wie, Mutter? rief der Vater, und
als er dies sagte, lachte er herzlich.

Ich glaube wahrhaftig, du meinst, es sei ein Spa, den Hof zu verkaufen,
auf den wir doch so viel Mhe und Arbeit verwendet haben! versetzte die
Mutter.

Ach, du weit wohl, warum ich lache, Mutter. Was mich so schwer bedrckt
hat, da ich zu nichts mehr Lust und Kraft hatte, war ja der Gedanke, der
Junge sei ein Taugenichts geworden. Nun ich aber wei, da er sich gut
gemacht hat, jetzt sollst du sehen: Holger Nilsson ist noch etwas wert!

Die Mutter ging ins Haus hinein, Nils Holgersson aber versteckte sich rasch
in einen Winkel, denn der Vater trat in den Stall, um nach dem Pferd zu
sehen. Er ging in den Stand zu ihm hinein und hob wie gewhnlich dessen
kranken Fu in die Hhe, um zu sehen, ob er denn nicht entdecken knnte,
was ihm fehle.

Aber was ist denn das? sagte der Vater. Auf dem Huf waren einige
Buchstaben eingeritzt. Nimm das Eisen ab! las er und sah sich verwundert
und berrascht nach allen Seiten um. Schlielich befhlte und betrachtete
er die untere Seite des Hufes sehr genau. Ich glaube wahrhaftig, es sitzt
etwas Spitziges drin, murmelte er.

Whrend der Vater mit dem Pferd beschftigt war und der Junge in dem Winkel
verborgen sa, kamen noch mehr Besuche auf den Hof. Mit diesen verhielt es
sich aber folgendermaen. Als der Gnserich Martin seiner alten Heimat so
nahe war, hatte er der Lust nicht widerstehen knnen, seine Frau und seine
Kinder den frhern Gefhrten auf dem Gtchen vorzustellen; und so hatte er
Daunenfein und die jungen Gnse einfach mitgenommen und war mit ihnen
hierhergeflogen.

Als nun der Gnserich durch die Luft daherkam, war auf dem ganzen Hofe kein
Mensch zu sehen; er lie sich deshalb ruhig nieder und zeigte Daunenfein,
wie herrlich er es als zahme Gans gehabt hatte. Nachdem sie sich den
Hofplatz besehen hatten, bemerkte er, da die Kuhstalltr offen stand.

Kommt einen Augenblick mit herein, sagte er, dann knnt ihr sehen, wo
ich frher gewohnt habe. Das war etwas andres, als sich in Teichen und
Smpfen aufzuhalten, wie wir es jetzt tun.

Der Gnserich stand auf der Schwelle und schaute in den Kuhstall hinein.
Es ist kein Mensch da, sagte er. Komm, Daunenfein, ich zeige dir den
Gnsestall. Hab keine Angst, es ist nicht die geringste Gefahr dabei.

Und so gingen der Gnserich, Daunenfein und alle sechs Jungen in den
Gnsestall hinein, um sich anzusehen, in welchem Glanz und berflu der
groe Weie gelebt hatte, ehe er sich der Schar der Wildgnse anschlo.

Ja, seht, so hatten wir es. Hier war mein Platz, und dort stand der
Fretrog, der immer mit Hafer und Wasser gefllt war, sagte der Gnserich.
Ei der Tausend, es ist wahrhaftig auch jetzt noch etwas drin! Damit scho
er zum Troge hin und fra Hafer in sich hinein.

Aber Daunenfein war unruhig. La uns jetzt wieder gehen! sagte sie.

Nur noch ein paar Krner! erwiderte der Gnserich. In demselben
Augenblick jedoch stie er einen Schrei aus und eilte dem Ausgang zu. Aber
es war zu spt, die Tr fiel ins Schlo, Holger Nilssons Frau stand drauen
und schob den Riegel vor; sie waren eingesperrt.

Holger Nilsson hatte ein spitziges Stck Eisen aus dem Fu des Rappens
herausgezogen und streichelte das Tier nun ganz erfreut, als seine Frau
eilig in den Pferdestall hereintrat. Komm, Vater! rief sie. Dann sollst
du sehen, was ich fr einen Fang gemacht habe!

Nein, wart ein wenig, Mutter, und sieh erst hierher! sagte Holger
Nilsson. Ich hab entdeckt, was dem Pferde gefehlt hat.

Ich glaube, das Glck hat sich gewendet und kehrt wieder bei uns ein!
rief die Frau. Denk dir nur, der groe Gnserich, der im Frhjahr
verschwunden ist, mu mit den Wildgnsen davongeflogen sein! Er ist
zurckgekommen und hat sieben Wildgnse bei sich. Sie gingen in den
Gnsestall hinein, und ich habe sie alle miteinander darin eingeschlossen.

Das ist doch merkwrdig, sagte Holger Nilsson. Aber weit du, was das
beste an der Sache ist, Mutter? Da wir nun nicht mehr zu glauben brauchen,
unser Junge habe die Gans mitgenommen, als er von daheim fortgelaufen ist.

Ja, da hast du recht, Vater. Aber ich glaube, wir mssen die Gnse heute
abend noch schlachten. In ein paar Tagen ist der Martinstag, und wenn wir
die Gnse dazu noch in die Stadt bringen wollen, mssen wir uns beeilen.

Es kommt mir geradezu wie ein Unrecht vor, wenn wir den Gnserich
schlachten, da er doch mit so einer groen Gesellschaft zu uns
zurckgekehrt ist, sagte Holger Nilsson.

Wenn die Zeiten besser wren, wrde ich ihn gern am Leben lassen, aber
wenn wir doch vom Hofe fort mssen, knnen wir die Gnse ja nicht
behalten, entgegnete die Frau.

Ja, das ist allerdings wahr.

Komm und hilf mir, sie ins Haus hineinzutragen! sagte die Mutter.

Sie verlieen miteinander den Hof, und einen Augenblick spter sah der
Junge seinen Vater mit Daunenfein unter dem einen Arm und dem Gnserich
unter dem andern in Gesellschaft der Mutter ber den Hof kommen. Der
Gnserich schrie: Dumling, komm und hilf mir! wie immer, wenn ihm eine
Gefahr drohte, obgleich er ja nicht wissen konnte, da der Junge in der
Nhe war.

Nils Holgersson hrte ihn wohl schreien, blieb aber trotzdem vor dem Stalle
stehen, nicht weil er wute, da es fr ihn selbst gut wre, wenn der
Gnserich geschlachtet wrde-- daran dachte er in diesem Augenblick nicht
einmal--, sondern weil er sich, wenn er die Gans retten wollte, vor seinen
Eltern sehen lassen mute, und dazu konnte er sich nicht entschlieen. Sie
haben es ohnedies schon schwer genug, dachte er. Sollte ich wirklich dazu
verurteilt sein, ihnen auch noch diesen Kummer zu bereiten?

Aber als sich die Tr hinter dem Gnserich geschlossen hatte, kam Leben in
den Jungen. Schnell wie der Blitz lief er ber den Hofplatz, sprang auf die
eichene Schwelle vor der Haustr und von da in den Flur hinein. Aus alter
Gewohnheit zog er die Holzschuhe aus und nherte sich der Stubentr. Aber
er empfand noch immer den grten Widerwillen, sich so vor seinen Eltern
sehen zu lassen, und hatte nicht die Kraft, die Hand aufzuheben und
anzuklopfen.

Aber es handelt sich doch um den Gnserich Martin, dachte er. Seit du
zum letzten Male hier gestanden hast, ist er immer dein bester Freund
gewesen.

In einem Nu durchlebte Nils Holgersson in Gedanken alles wieder, was er und
der Gnserich auf gefrorenen Seen und strmischen Meeren und zwischen
gefhrlichen Raubtieren miteinander durchgemacht hatten. Sein Herz flo
ber vor Dankbarkeit und Liebe; er berwand sich und klopfte an die Tr.

Ist jemand da? fragte der Vater, indem er die Tr ffnete.

Mutter, du darfst der Gans nichts tun! rief der Junge; und zugleich
stieen der Gnserich Martin und Daunenfein einen Freudenschrei aus; sie
lagen gebunden auf einer Bank, und an dem Schreien hrte man, da sie noch
am Leben waren.

Wer aber auch einen Freudenschrei ausstie, das war die Mutter. Nein, wie
gro und schn du geworden bist! rief sie.

Der Junge war nicht eingetreten, sondern auf der Schwelle stehen geblieben,
wie jemand, der seines Empfangs nicht ganz sicher ist.

Gott sei Lob und Dank, da ich dich wieder habe! rief die Mutter. Komm
herein! Komm herein!

Ja, Gott sei Lob und Dank! sagte auch der Vater; mehr konnte er nicht
herausbringen.

Aber der Junge zgerte noch immer auf der Schwelle. Wie war es nur mglich,
da sich die Eltern ber das Wiedersehen freuten, wo er doch so aussah!
Aber da kam die Mutter herbei, schlang ihre Arme um ihn und zog ihn in die
Stube herein; und nun merkte der Junge, wie die Sache sich verhielt.

Vater! Mutter! Ich bin gro! Ich bin wieder ein Mensch! rief er.

[Illustration]




55

Der Abschied von den Wildgnsen


                                                  Mittwoch, 9. November

Am nchsten Morgen war Nils Holgersson vor Tagesgrauen auf und wanderte an
den Strand hinunter. Ehe es richtig hell war, stand er eine kleine Strecke
stlich von dem Fischerdorf Smyge am Ufer. Er war ganz allein; vor dem
Weggehen war er im Gnsestall bei dem Gnserich Martin gewesen und hatte
versucht, ihn zu wecken. Aber der groe Weie hatte sich nicht von der
Stelle gerhrt. Ohne ein Wort zu sagen, steckte er den Kopf wieder unter
den Flgel und schlief weiter.

Der Tag versprach wunderschn zu werden, fast so schn wie jener
Frhlingstag, wo die Wildgnse nach Schonen gekommen waren. Still und
unbeweglich breitete sich das Meer aus; kein Lftchen rhrte sich, und der
Junge dachte daran, welch eine schne Reise bers Meer die Wildgnse
bekommen wrden!

Er selbst ging noch immer wie im Traum umher. Bald fhlte er sich als
Wichtelmnnchen, bald als Mensch. Wenn er ein Steinmuerchen am Wege sah,
wagte er kaum weiterzugehen, ehe er sich berzeugt hatte, da kein Raubtier
dahinter auf der Lauer lag. Und gleich darauf lachte er ber sich selbst
und freute sich, da er nun gro und stark war und sich vor nichts mehr zu
frchten brauchte.

Als er am Ufer angekommen war, stellte er sich in seiner ganzen Gre weit
drauen auf den Strand, damit ihn die Wildgnse gut sehen knnten.

Heute war groer Reisetag! Unaufhrlich tnten die Lockrufe durch die
Luft. Der Junge lchelte vor sich hin: er war ja der einzige, der verstand,
was die Vgel einander zuriefen.

Jetzt kamen auch Wildgnse dahergeflogen, eine groe Schar hinter der
andern. Wenn das nur nicht meine Gnse sind, die da davonfliegen, ohne mir
Lebewohl gesagt zu haben! dachte er. Er htte ihnen doch gar zu gerne
erzhlt, wie alles zugegangen war, und sich ihnen nun auch als Mensch
gezeigt.

Jetzt kam eine Schar, die flog schneller und schrie lauter als alle andern,
und etwas in seinem Herzen sagte Nils Holgersson, da es seine Schar sei;
aber er war seiner Sache doch nicht so gewi, wie er es am vorhergehenden
Tage gewesen wre.

Die Schar flog jetzt langsamer und schwebte ber dem Strand hin und her. Da
wute der Junge, da seine Ahnung ihn nicht betrogen hatte. Er konnte nur
nicht begreifen, warum sich die Wildgnse nicht neben ihm niederlieen. Da,
wo er stand, muten sie ihn sehen, es war nicht anders mglich.

Er versuchte, einen Lockton auszustoen, der sie zu ihm herrufen wrde.
Aber was war denn das? Seine Zunge wollte nicht; er konnte den rechten Ton
nicht herausbringen.

Jetzt hrte er Akka in der Luft droben rufen; aber er verstand nicht, was
sie sagte. Was ist denn das? Haben die Wildgnse ihre Sprache verndert?
dachte er.

Er winkte ihnen mit seiner Mtze, lief am Strande hin und her und rief:
Hier bin ich! Wo bist du?

Aber es schien, als erschrecke er die Gnse. Sie flogen auf und aufs Meer
hinaus. Da begriff der Junge endlich: sie wuten nicht, da er wieder ein
Mensch war, und erkannten ihn nicht wieder.

Und er konnte sie nicht zu sich rufen, weil ein Mensch die Sprache der
Vgel nicht sprechen kann. Er konnte sie nicht allein nicht sprechen, nein,
er konnte sie auch nicht verstehen.

Obgleich Nils Holgersson ber seine Befreiung von der Verzauberung
hochbeglckt war, tat es ihm doch recht bitter weh, da er nun von seinen
guten Kameraden ganz getrennt sein sollte. Er legte sich in den Sand und
vergrub das Gesicht in den Hnden. Was hatte es fr einen Wert, den Gnsen
nachzuschauen?

Aber gleich darauf hrte er Flgelrauschen. Der alten Mutter Akka war es
schwer gefallen, von dem Dumling wegzureisen, und so hatte sie noch einmal
umgedreht. Und jetzt, wo der Junge still dasa, wagte sie sich nher an ihn
heran. Und da war es ihr pltzlich, als seien ihre Augen aufgetan, sie
erkannte den Dasitzenden und lie sich am Ufer neben ihm nieder.

Der Junge stie einen Freudenschrei aus und umschlang die alte Akka mit
beiden Armen. Die andern Wildgnse rieben ihre Schnbel an ihm auf und ab
und drngten sich um ihn zusammen. Sie schnatterten und plauderten und
wnschten ihm auf alle mgliche Weise Glck; und er sprach auch mit ihnen
und dankte ihnen fr die herrliche Reise, die er in ihrer Gesellschaft
gemacht hatte. Aber pltzlich wurden die Wildgnse merkwrdig still, als
wenn sie sagen wollten: Ach, er ist ja ein Mensch! Er versteht uns nicht,
und wir verstehen ihn nicht.

Da stand der Junge auf und trat dicht an Akka heran. Er liebkoste und
streichelte sie. Dasselbe tat er Yksi und Kaksi, Kolme und Nelj, Viisi und
Kuusi, allen den alten, die von Anfang an dabei gewesen waren.

Hierauf ging er vom Ufer weg landeinwrts; er wute, der Schmerz der Tiere
dauert nie lange, und so wollte er lieber von ihnen scheiden, solange sie
noch betrbt darber waren, da sie ihn verloren hatten.

Als er den Uferrain erreicht hatte, wendete er sich um und sah den vielen
Vogelscharen nach, die bers Meer hinflogen. Alle stieen ihre Locktne
aus, nur eine Schar Wildgnse zog schweigend ihres Weges, solange er ihnen
mit den Augen folgen konnte.

Aber die Schar zog in regelmiger, schner Ordnung mit starken und
krftigen Flgelschlgen bers Meer. Da ergriff den Jungen eine
schmerzliche Sehnsucht nach den Davonziehenden, und es htte nicht viel
gefehlt, so htte er sich gewnscht, wieder der Dumling zu sein, um mit
einer Schar Wildgnse ber Land und Meer hinfliegen zu knnen.

[Illustration]

[Illustration: bersichtskarte von Schweden zu der Wunderbaren Reise des
kleinen Nils Holgersson mit den Wildgnsen]




Im Verlag von Albert Langen erschien frher

  Selma Lagerlf

  Gesammelte Werke

  Einzige berechtigte deutsche Originalausgabe

  In zehn Bnden gebunden 50 Mark

  Erster Band: Gsta Berling I
  Zweiter Band: Gsta Berling II
  Dritter Band: Die Wunder des Antichrist
  Vierter Band: Jerusalem I
  Fnfter Band: Jerusalem II
  Sechster Band: Liljecronas Heimat
  Siebenter Band: Eine Herrenhofsage
  Achter Band: Unsichtbare Bande
  Neunter Band: Ein Stck Lebensgeschichte
  Zehnter Band: Christuslegenden

  In Einzelausgaben erschienen von Selma Lagerlf

  Jerusalem I (In Dalarne), Roman, 19. Auflage
  Jerusalem II (Im heiligen Land), Roman, 18. Auflage
  Gsta Berling, Roman, 22. Auflage
  Eine Herrenhofsage, Roman, 12. Auflage
  Die Wunder des Antichrist, Roman, 8. Auflage
  Liljecronas Heimat, Roman, 14. Auflage
  Jans Heimweh, Roman, 19. Auflage
  Herrn Arnes Schatz, Erzhlung, 6. Auflage
  Der Fuhrmann des Todes, Erzhlung, 10. Auflage
  Christuslegenden, 27. Auflage
  Legenden und Erzhlungen, 6. Auflage
  Die Kniginnen von Kungahlla, Erzhlungen, 8. Auflage
  Unsichtbare Bande, Erzhlungen, 4. Auflage
  Ein Stck Lebensgeschichte, Erzhlungen, 10. Auflage
  Trolle und Menschen, Erzhlungen, 7. Auflage
  Die sieben Todsnden, Ausgew. Erzhlungen, 13. Auflage
  Wunderbare Reise, Ein Kinderbuch, Volksausgabe, 18. Auflage
  Das heilige Leben, Roman, 15. Auflage
  Die schnsten Geschichten, Ausgewhlt und eingeleitet von Walter
  von Molo, 35. Auflage

Verlag von Albert Langen in Mnchen




Anmerkungen zur Transkription:

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Anfang verlegt.

Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten. An einigen
Stellen wurde die Zeichensetzung gendert.

Die unterschiedlichen Schreibweisen Schonen/Skne, Vnersee/Wenersee und
Vrmland/Wrmland wurden vereinheitlicht zu den in der bersichtskarte
verwendeten Schreibweisen Schonen, Wenersee und Wrmland. Die an wenigen
Stellen verwendete Schreibweise Klein-Matts wurde in die mehrheitlich
verwendete Schreibweise Klein-Mats gendert.

  Inhaltsverzeichnis: "Die kleine Karlsinsel" wurde gendert in
                      "Die Kleine Karlsinsel"
  S. 8: "mit weitaufgesperrten Maul" wurde gendert in
        "mit weitaufgesperrtem Maul"
  S. 13: "Jordeberga" wurde gendert in "Jordberga" (3x)
  S. 19: "Westvmmenhg" wurde gendert in "Westvemmenhg"
  S. 29, 32, 36: "vedkloster" wurde gendert in "vedskloster"
  S. 36: "wie das Weibchen des Eichhrnchen" wurde gendert in
         "wie das Weibchen des Eichhrnchens"
  S. 45: "Westvmmenhg" wurde gendert in "Westvemmenhg"
  S. 48: "Den einzigen Ort, an den sie nicht dachten" wurde gendert in
         "Der einzige Ort, an den sie nicht dachten"
  S. 56: "Schaum flog ihnen am Bug hinunter." wurde gendert in
         "Schaum flo ihnen am Bug hinunter."
  S. 62: "aber im Schonen ist ein Junge" wurde gendert in
         "aber in Schonen ist ein Junge"
  S. 81: "Gallionsfiguren" wurde gendert in
         "Galionsfiguren"
  S. 84: "jetzt vorbeugte und dahinsah" wurde gendert in
         "jetzt vorbeugte und dahin sah"
  S. 99: "Sie waren jetzt alle totmde" wurde gendert in
         "Sie waren jetzt alle todmde"
  S. 115: "am allerniedergeschlagendsten" wurde gendert in
          "am allerniedergeschlagensten"
  S. 124: "Wo der Sunneboer Bezirk" wurde gendert in
          "Wo der Sunnerboer Bezirk"
  S. 138: und S. 141: "Vest-Vemmenhg" wurde gendert in "Westvemmenhg"
  S. 159: "sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen" wurde gendert in
         "sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen."
  S. 173: "vedkloster" wurde gendert in "vedskloster"
  S. 177: "noch Fhren ber die Seen" wurde gendert in
          "noch Fhren ber die Seen"
  S. 179: "und so hatteu" wurde gendert in "und so hatten"
  S. 182: "Augen des Klchens" wurde gendert in "Augen des Klbchens"
  S. 185: "von einem Ufer zum andern hinberzuschimmen" wurde gendert in
          "von einem Ufer zum andern hinberzuschwimmen"
  S. 195: "des Waldes Schuld" wurde gendert in
          "des Waldes schuld"
  S. 208: "Mutter ist mde geworden war" wurde gendert in
          "Mutter ist mde geworden"
  S. 209: "antwortete der Grtner" wurde gendert in
          "antwortet der Grtner"
  S. 210: "Sofa und Sessel" wurde gendert in
          "Sofas und Sessel"
  S. 211: "sagte er" wurde gendert in "sagt er"
  S. 212: "sagte er" wurde gendert in "sagt er"
  S. 221: "noch schimmer als am Tage" wurde gendert in
          "noch schlimmer als am Tage"
  S. 235: "Fellingbroer Kirchspiel" wurde gendert in
          "Fellingsbroer Kirchspiel"
  S. 239: "und trieb sie anstatt ostwrts" wurde gendert in
          "und trieb sie anstatt nordwrts"
  S. 258: "wenn der erst Zulauf kam" wurde gendert in
          "wenn der erste Zulauf kam"
  S. 252: "und ich mu ordentlich Zeit zum berlegen haben" wurde gendert in
          "und ich mu ordentlich Zeit zum berlegen haben"
  S. 265: "der kleine Tiskansee" wurde gendert in "der kleine Tiskensee"
  S. 274: "ein junger faluner Bergmann" wurde gendert in
          "ein junger Faluner Bergmann"
  S. 276: "wie dieses hier" wurde gendert in
          "wie diesem hier"
  S. 287: "dahergepflogen kamen" wurde gendert in "dahergeflogen kamen"
  S. 290: "sturmgepeischten Flchen" wurde gendert in
          "sturmgepeitschten Flchen"
  S. 306: "Dcher und und Hfe" wurde gendert in "Dcher und Hfe"
  S. 308: "bis ganz es dunkel war" wurde gendert in
          "bis es ganz dunkel war"
  S. 324: "Sie meinen es sich nicht gut mit dir" wurde gendert in
          "Sie meinen es nicht gut mit dir"
  S. 330: "den vornehmen alten Heren" wurde gendert in
          "den vornehmen alten Herrn"
  S. 350: "glnzenden Seeen" wurde gendert in "glnzenden Seen"
  S. 356: "Tal voller Seeen" wurde gendert in "Tal voller Seen"
  S. 356: "sah solche frhliche Zge" wurde gendert in
          "sah solche Frhliche Zge"
  S. 358: "ein Probst von Delsbo" wurde gendert in "ein Propst von Delsbo"
  S. 360: "Er ergiff die Zgel" wurde gendert in "Er ergriff die Zgel"
  S. 361: "wo es sich in den Sattel schwingen konnte" wurde gendert in
          "wo er sich in den Sattel schwingen konnte"
  S. 367: "im letzen Winter" wurde gendert in "im letzten Winter"
  S. 371: "im kalten Norden lag Sundswall" wurde gendert in
          "im kalten Norden lag Sundsvall"
  S. 374: "groe Frachtschiffe geladen" wurde gendert in
          "groe Frachtschiffe beladen"
  S. 388: "auf der Insel Gottland" wurde gendert in
          "auf der Insel Gotland"
  S. 388: "vedkloster" wurde gendert in "vedskloster"
  S. 444: "es handelt sich nun darum" wurde gendert in
          "es handelt sich nur darum"
  S. 463: "ich wei ja, das" wurde gendert in "ich wei ja, da"
  S. 469: "einige Bauerhfe" wurde gendert in "einige Bauernhfe"
  S. 480: "diese Begegnung mit Landsleuten fhrten" wurde gendert in
          "diese Begegnung mit Landsleuten fhrte"
  S. 481: "um den Riesen zu zeigen" wurde gendert in
          "um dem Riesen zu zeigen"
  S. 481: "Felskuppe am Wernersee" wurde gendert in
          "Felskuppe am Wenersee"
  S. 481: "seine steinerne Keule schicke er" wurde gendert in
          "seine steinerne Keule schickte er"
  S. 482: "von denen die Leute soviel Respekt haben" wurde gendert in
          "vor denen die Leute soviel Respekt haben"
  S. 491: "schlanker Fabrikschlte" wurde gendert in
          "schlanker Fabrikschlote"






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Holgersson mit den Wildgnsen, by Selma Lagerlf

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*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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works.  See paragraph 1.E below.

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law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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