The Project Gutenberg EBook of Erinnerungen by Ludwig Thoma



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Title: Erinnerungen

Author: Ludwig Thoma

Release Date: September 26, 2009 [Ebook #30097]

Language: German

Character set encoding: US-ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ERINNERUNGEN***





                      _Ludwig Thoma / Erinnerungen_





                               Ludwig Thoma

*Erinnerungen*


Mit 8 Zeichnungen
von Olaf Gulbransson


Einmalige Ausgabe

Deutsche Hausbuecherei Hamburg





                               _Band 588_
   Diese Buch erscheint hiermit in Einmaliger Ausgabe fuer die _Deutsche
Hausbuecherei, Hamburg 36, Schliessfach 233_, und wird nur an Mitglieder der
 Deutschen Hausbuecherei abgegeben. Einzeln ist es in der Originalausgabe
  des Albert Langen / Georg Mueller Verlag, Muenchen, nur im Buchhandel zu
    haben. Der Einbandentwurf stammt von Hans Bohn. Der Druck und das
Einbinden erfolgten in der Hanseatischen Verlagsanstalt, Hamburg-Wandsbek.
    _Copyright 1919 by_ Albert Langen / Georg Mueller Verlag G.m.b.H.,
                                Muenchen.
                           _Printed in Germany_





                            INHALTSVERZEICHNIS


Kinderzeit
Schuljahre
Im Berufe





                          ABBILDUNGSVERZEICHNIS


Thoma mit dem Wilderer
Bismarck auf der Durchreise in Prien
Thoma als Anwalt in Dachau
Auf der Jagd
Thoma beim Tarock
Thoma und Ganghofer
Thoma mit Taschner, Peter Thoma und Schauspieler Deng
"UM MICH IST HEIMAT. UND DIE ERDE KANN EINMAL DEN, DER SIE HERZLICH
LIEBTE, NICHT DRUeCKEN"
Handschriftenfaksimile






                                KINDERZEIT


Die Vorfahren meines Urgrossvaters waren Klosterjaeger bei den
Zisterziensern in Waldsassen; einer von ihnen wird um 1618 im Pfarrbuche
als _Venator regius_ aufgefuehrt und war demnach ein Jagdknecht des
boehmischen Winterkoenigs Friedrich, der als Kurfuerst von der Pfalz das
schon im Jahre 1560 saekularisierte Kloster Waldsassen mit seinem riesigen
Waldbesitze von seinen Vorgaengern uebernommen hatte. Erst nach einem vollen
Jahrhundert, um 1669, wurden die Zisterzienser wieder in ihre Rechte
eingesetzt, und die Klosterjaeger Thoma fanden wohl genug Ursache zu
Verdruss und Streit mit den rauhhaarigen Hintersassen, die sich nur langsam
an Gesetz und Recht gewoehnten. Schon 1525 hatte der Pfaelzer Kurfuerst mit
grobem Eingriff in die Machtsphaere der Abtei den Bauern die Jagd
freigegeben, die sie wie ueberall und immer missbraeuchlich ausnuetzten.

"Die Aecker lagen brach, auf den Wiesen flog der Wald an, und die Bauern
taten nichts mehr als jagen", erzaehlt der Chronist.

Allmaehlich mag's wieder besser geworden sein, denn als am 4. September
1786 Herr Wolfgang von Goethe auf seiner Fahrt nach Italien von Karlsbad
her durchreiste, fand er in dem Stifte Waldsassen ein "koestliches
Besitztum der geistlichen Herren, die frueher als andere Menschen klug
waren". Vielleicht stand unter irgendeinem Torbogen der noch nicht
zwanzigjaehrige Sohn des Joseph Adam Thoma und sah die Eilkutsche
vorueberrollen, in der der Olympier sass und sich freute, dass ihm die
heimliche Abreise so wohl gelungen war.

Die Begegnung liesse sich einbilden, denn mein Urgrossvater hielt sich
dazumal in Waldsassen auf.

Ueber ihn, den Geheimen Oberforstrat _Joseph Ritter von Thoma_, besitze ich
genauere Nachrichten aus Familienpapieren und aus dem Buche von Dr. _Hess_:
"Lebensbilder hervorragender Forstmaenner."

Er wurde in Waldsassen im Januar 1767 geboren - genau hundert Jahre vor
mir -, trat 1791 in kurbayrische Dienste, kam 1799 nach Muenchen als Rat
der Landesdirektion Bayerns und trat 1817 an die Spitze der bayrischen
Forstverwaltung.

In dieser Stellung verblieb er bis 1849.

Er heiratete _Sabina Freyin von Heppenstein_ und fuehrte mit ihr eine
glueckliche, mit Kindern gesegnete Ehe.

"Er starb", heisst es bei _Hess_, "an demselben Tage, an welchem der Koenig
das Dekret ueber die von ihm erbetene Versetzung in den Ruhestand unter
Anerkennung seiner grossen Verdienste durch Verleihung des Komturkreuzes
des Verdienstordens der bayrischen Krone unterzeichnete.

Am 7. Mai 1841 hatte er unter grosser und freudiger Teilnahme der
Forstbeamten im ganzen Koenigreiche sein 50jaehriges Jubilaeum begangen."

Als sein hervorragendes Werk wird ihm die Forstorganisation von 1822
nachgeruehmt, durch welche erst die Einheit der bayrischen Forstverwaltung
geschaffen wurde, und die in ihren Grundzuegen bis 1885 erhalten blieb.
Auch als Jaeger genoss er ein hohes Ansehen, und als um 1841 die
Verhaeltnisse in der Leibgehegsjagd zu starken Klagen Veranlassung gaben,
wandten sich die Revierfoerster und Jagdgehilfen vertrauensvoll an meinen
Urgrossvater, der Abhilfe schuf.

Der Koenig verlangte von ihm ein Gutachten ueber einen passenden Vorstand
der Hofjagd-Intendanz. Es handelte sich um zwei Bewerber, Forstmeister
Kaltenborn von Freising und Forstmeister Reverdys von Berchtesgaden, die
beide ihre Laufbahn als koenigliche Leibjaeger begonnen hatten, dann
Revierfoerster und Forstmeister geworden waren.

Nach der in unserer Familie erhaltenen Ueberlieferung war mein Urgrossvater
ein stattlicher Mann von wuerdevollem Wesen, guetig, wortkarg, doch
geselligen Freuden nicht abgeneigt, ein eifriger Jaeger bis ins hohe Alter
und ein geschaetzter Musiker.

Ich besitze eine nach der Natur gezeichnete Lithographie von ihm, die von
der hohen Portraetkunst jener Zeit ein sprechendes Zeugnis ablegt.

Das kraeftig geschnittene Gesicht, an dem die hohe Stirn und ein Paar
kluge, versonnene Augen auffallen, zeigt keinen buerokratischen Zug und
liesse in ihm, wenn die Unterschrift fehlte, einen Kuenstler vermuten.

Sein aeltester Sohn, mein Grossvater _Franz Thoma_, war viele Jahre
Forstmeister in Schongau und hatte ausgedehnte Jagdreviere, die vor dem
Jahre 1848 sehr wildreich waren; ein alter Jagdgehilfe von ihm, der in
Oberammergau im Ruhestand lebte, erzaehlte mir davon Wunderdinge, und wenn
auch einiges Latein gewesen sein mag, so blieb noch genug Wahrheit uebrig,
um mir zu zeigen, dass damals das goldene Zeitalter der Jaeger war. Bei den
Treibjagden mussten die Bauern noch Dienste leisten, und die Beute war so
gross, dass man etliche Leiterwagen zum Heimschaffen brauchte. Das beruehmte
Freiheitsjahr brachte das grosse Schinden und die Vernichtung des
Wildstandes auf lange Zeit hinaus; es war kaum mehr Uebertreibung, wenn die
"Fliegenden Blaetter" einen Foerster zeigten, der im Tiergarten den letzten
Rehbock im Kaefig betrachtete.

Die Verwuestung seiner Jagd griff meinem Grossvater ans Herz, und er mochte
nicht mehr in den ausgeschossenen Revieren bleiben.

Er gab um Versetzung ein und kam nach _Kaufbeuren_, wo der spaetere
Ministerialrat _August von Ganghofer_, der Vater Ludwig Ganghofers, sein
Aktuar wurde.

Meine Mutter wusste mir viel Freundliches von ihrem Schwiegervater, der sie
sehr geschaetzt haben muss, zu erzaehlen. Er war ein temperamentvoller Herr,
und meine Neigung zum Jaehzorn soll ich von ihm geerbt haben, aber fuer
gewoehnlich zeigte er eine gewinnende Froehlichkeit, und ein Schreiben der
Buerger Schongaus, die ihrem Forstmeister zum 25jaehrigen Jubilaeum
gratulierten, ruehmt ihm besonders Herzensguete gegen Arme nach.

Meine Mutter hiess ihn einen Kavalier von der alten Schule, ohne mir den
Unterschied zu der neueren zu erklaeren, und meine Tante Friederike, die
als "koenigliche Forstmeisterstochter aelterer Ordnung" erst vor einigen
Jahren im Damenstifte Neuberghausen starb, ruehmte ihrem Vater peinliche
Akkuratesse in der aeusseren Erscheinung nach.

Im Jahre 1862 starb er. Seine Witwe, _Henriette Thoma_, lebte bis 1871 in
Lenggries, treu und liebevoll behuetet von ihrem aeltesten Sohne Max, der in
der nahen _Vorder-Riss_ als Oberfoerster hauste.

Er war mein Vater.

Aus seinen Zeugnissen und Briefen entnehme ich, dass er im November 1842
die Universitaet Muenchen bezog. Dort hat sich der "lange Thoma" einen guten
Namen als Schlaeger gemacht und Proben einer ungewoehnlichen Koerperkraft
abgelegt, sonst aber sich so gefuehrt, dass ihm Anno 1845 der Rektor Dr.
_Doellinger_ urkundlich bestaetigen konnte, "es liege hierorts nichts
Nachteiliges gegen ihn vor".

Er bestand die theoretische Pruefung der Forstkandidaten und wurde zur
praktischen Vorbereitung auf den hoeheren Forstdienst zugelassen. Drei
Wochen spaeter wurde ihm von seinem Forstmeister und Vater Franz Thoma
eroeffnet, dass ihm die "Praxisnahme auf dem Forstrevier Hohenschwangau"
gestattet sei, und dass er fuer diese Eroeffnung einen Taxbetrag von 34
Kreuzern zu erlegen habe.

Im Januar 1846 wurde er zum Verweser des Gehilfsposten beim Reviere Wies
mit einer "Remuneration von taeglich 15 Kreuzern" gnaedigst bestimmt und
avancierte dann zum wirklichen Forstgehilfen in Thierhaupten, spaeter in
Peissenberg.

Als Aktuarsverweser in Ettal bezog er bereits im Jahre 1847 eine Taggebuehr
von 45 Kreuzern und bewies alle Zeit die Wahrheit des Sprichwortes: Mit
wenigem lebt man wohl.

Er galt als guter Jaeger und Kugelschuetze. Dagegen scheint er beim Trinken
Zurueckhaltung beobachtet zu haben. Ein Freund macht ihm brieflich diesen
Vorwurf, woraus ich schliesse, dass man damals den Fehler als ungewoehnlich
ruegen durfte.

In _Toelz_, wo der Forstgehilfe Max Thoma zu Forsteinrichtungsarbeiten im
Jahre 1852 weilte, zeigte man mir in einer Weinstube noch zu Anfang der
achtziger Jahre eine Kneipzeitung, die er mit Text und Karikaturen
ausgestattet hatte.

Er lachte gerne und liess sich keine Muehe verdriessen, um einen Spass von
langer Hand her vorzubereiten und sorgfaeltig durchzufuehren.

Man war damals harmlos und froehlich in Altbayern, gemessener im Ernste,
derber im Scherze als heute. Bei Scheibenschiessen und Jagden war lustige
Neckerei nicht bloss gern gesehen, sie galt als notwendige Wuerze der
Geselligkeit.

Der Liebreiz jener Zeit ist uns erhalten geblieben in den klassischen
Zeichnungen _Max Haiders_, der Hofjagdgehilfe war, bevor ihm Koenig Max die
Mittel zur kuenstlerischen Ausbildung gewaehrte.

Das Sturmjahr 1848 ist, wie es mir scheinen will, an meinem Vater
voruebergegangen, ohne ihn in seinen Tiefen aufzuwuehlen.

Er war stark angefaerbt von dem Humor, der damals die Gestalten des
Barnabas Wuehlhuber und des Kasimir Heulmaier in den "Fliegenden Blaettern"
schuf, und seiner ruhigen, festen Art sagten die Auflaeufe der Philister
vor dem Hause der Lola Montez so wenig zu wie die mit Tiraden gespickten
Flugblaetter.

Im uebrigen konnte dem jungen Forstmanne das, was er zunaechst vor Augen
hatte, nicht als neuer Segen erscheinen.

Anno 1857 wurde er zum Revierfoerster in _Piesenhausen_, Forstamt
Marquartstein, ernannt und heiratete _Katharina Pfeiffer_, eine Tochter
der Schwabenwirtseheleute von Oberammergau.

Die Familie Pfeiffer, frueher in Oberau ansaessig und beguetert, stand in
gutem Ansehen. Damals waren Gastwirte Respektspersonen in der Gemeinde,
die ihr Gewerbe neben der Landwirtschaft trieben und sich um des
Fremdenverkehrs willen nichts vergaben.

Sie hielten scharfes Regiment im Hause aufrecht und litten keine
Unordnung.

Der Schwabenwirt, ein kurz angebundener Mann, galt etwas und brachte sich
vorwaerts, unterstuetzt von einer braven Frau, die zuweilen bei so hohen
Gaesten wie Koenig Max Ehre mit ihrer Kochkunst einlegte.

Es war selbstverstaendlich, dass die Toechter bei jeder haeuslichen Arbeit
mithelfen mussten, in Kueche und Keller, wie in der Gaststube.

Die Kinder sagten zu jener Zeit "Sie" zu den Eltern, und der Verkehr in
der Familie bewegte sich in gemessenen Formen, die keine unziemliche
Vertraulichkeit oder Unbescheidenheit aufkommen liessen.

Ein Brief, in dem meine Mutter als sechzehnjaehriges Maedchen ihre Eltern um
Beisteuer zu einem Sommerkleide bittet, zeigt nach Stil und Inhalt so viel
altvaeterliche, strenge Zucht, dass man versucht ist, ihn sehr viel weiter
zurueckzudatieren.

Sie hielt sich damals in Muenchen auf, um sich nach gutem Brauche in einem
renommierten Gasthause in der Kochkunst zu vervollkommnen. Es galt als
Vorzug, dass sie diese Lernzeit bei _Grodemange_ verbringen durfte.

Was sie hier sah und lernte, trug sie saeuberlich in ein dickes Heft ein.
Gedruckte Kochbuecher hatten damals wenig Geltung, und ich habe heute noch
das staerkere Vertrauen zu jenen geschriebenen Rezepten, die ich als
Erinnerungen aufbewahre.

Nach einem halben Jahre kehrte meine Mutter freudig zurueck. Sie hing
zeitlebens mit allen Fasern an ihrem Heimatdorfe und an ihrer aelteren
Schwester Marie, die in jungen Jahren den k. Posthalter und Verleger
_Eduard Lang_ heiratete, frueh Witwe wurde und die auf uns Kinder durch
ihre vornehme, stille Art einen unvergesslichen Eindruck machte.

Die Schwabenwirtstoechter, deren jugendliche Anmut mir eine Daguerreotypie
zeigt, fanden neben ihrer Arbeit immer noch Zeit, ihren Geist zu bilden,
und wenn sie nicht allzuviel lasen, so lasen sie ganz gewiss nie einen
seichten Roman.

Man ergoetzte sich gemeinsam mit Gleichstrebenden an einem guten Buche, und
ein studierender Juengling konnte sich in den Ferien hohe Anerkennung
erwerben, wenn er seine erst kuerzlich erworbenen Kenntnisse in
literarhistorischen Bemerkungen zu "Werthers Leiden" oder zu "Hermann und
Dorothea" zeigte. Man las neben einigen Klassikern auch Stifters Studien,
dies und jenes von Jean Paul, und man fuehrte darueber empfindsame
Gespraeche, bei denen die Maedchen wohl nur die Zuhoererinnen abgaben.

Dies alles bewegte sich in bescheidenen Grenzen, fuehrte nicht zu
Ueberklugheit und foerderte eine wirkliche Herzensbildung.

Wie das im lieben Deutschland ueblich ist und war, mussten auch in
Oberammergau gleichgestimmte Naturen einen Verein gruenden zur Pflege ihrer
Ideale, oder der Liebe zum "Guten, Wahren und Schoenen", wie man damals
sagte.

Der Verein erhielt den Namen "Ambronia" mit Beziehung auf den lieblichen
Fluss, der sich durch das Tal schlaengelt.

Hochstrebende Juenglinge, die spaeter als Notare, Aerzte und geistliche Raete
im Vaterlande wirkten, schlossen den Bund, dem auch bildungsfrohe Maedchen
beitreten durften.

Wer sich geneigt fuehlt, darueber zu laecheln, der lege sich die Frage vor,
wo heute noch in einem kleinen, abgelegenen Dorfe eine solche Vereinigung
zustande kommen koennte, und ob in diesem Streben nicht ein gesunderer Kern
steckte als im Literaturklatsch und in den Moderichtungen unserer groesseren
Staedte.

Im uebrigen war Oberammergau in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein
geeigneter Platz fuer solche Neigungen und Ziele.

Es sassen weitgereiste Leute dort, denn ein reger Handel mit Schnitzereien,
nicht zuletzt mit den reizvollen Spielwaren, ging durch ganz Europa und
auch ueber See. Mancher hatte sich tuechtig in der Welt umgetan und den Wert
gediegener Bildung schaetzen gelernt, aber jeder fuehlte sich erst wieder
gluecklich, wenn er heimgekehrt war und behaglich im Ampergrunde zu Fuessen
des Kofels sass.

Unter den Schnitzern gab es vortreffliche Kuenstler, die, weil sie sich zu
bescheiden wussten, Vollendetes leisteten. Sie alle haben ihr Koennen der
gemeinsamen Aufgabe, dem Passionsspiele, gewidmet, und dieses stand damals
in seiner schoensten Bluete, denn im ganzen und in jeder Einzelheit zeigte
es die aus traditioneller Kunstfertigkeit hervorgegangene Eigenart, die es
spaeter im Grossbetriebe mit den von auswaerts bezogenen echten Dekorationen
und Kostuemen verloren hat.

Die Hingabe der Gemeinde an den "Passion", den Ruhm der Heimat, war damals
frei von ungesunden Spekulationen, von Hoffnungen auf unmaessigen und
leichten Gewinn.

Erst der Zustrom des englischen und des noch schlimmeren amerikanischen
Sensationspoebels hat das Bild veraendert.

Aber jene aelteren Generationen von Aposteln und Juengern des Herrn
richteten ihr Leben ein wenig nach dem Stile ihres heiligen Spieles ein
und zeichneten sich durch Wohlanstaendigkeit aus. Sie handelten und redeten
mit einiger Getragenheit und liessen sich von dem Bewusstsein leiten, dass
sie auf einem Podium stuenden und von vielen beachtet wuerden.

Im Glauben an den besonderen Beruf des Ammergauers, der das Gefuehl einer
engen Zusammengehoerigkeit staerkte, war man gluecklich und zufrieden.

Mit den kleinen, typischen Haeusern, die im Erdgeschosse eine Stube hatten,
von der aus hinterm Ofen eine Stiege in die obere Kammer fuehrte, ist auch
anderes verschwunden.

Ich darf einer edlen Persoenlichkeit nicht vergessen, die von groesstem
Einflusse auf das patriarchalische Leben in der Gemeinde war und ihm ein
besonderes Gepraege gab.

Ich meine den geistlichen Rat _Joseph Aloys Daisenberger_, der manches
Jahrzehnt Pfarrer in Oberammergau war und als hoher Achtziger dort starb.
Von ihm ist die gegenwaertige Fassung des Passionsspieltextes sowie eine
vortreffliche Geschichte des Dorfes, die man im 20. Bande des
Oberbayrischen Archives findet. Ausserdem hat der wuerdige Herr einige
vaterlaendische Schauspiele verfasst, die seinen Ammergauern Gelegenheit
boten, ihre schauspielerischen Talente zu ueben.

Ich habe noch eines gesehen und dabei meinen Onkel Hans Lang als
ritterlichen Herzog von Bayern ziemlich lange Saetze sprechen hoeren.

Daisenberger war das Urbild eines guetigen Priesters, ueber dessen Lippen
nie ein hartes Wort kam, nie ein unduldsames, und der mit einem stillen
Laecheln es ruhig dem Leben ueberliess, stuermische Meinungen zu glaetten.

Er kuemmerte sich nicht um Ansichten, sondern um das Schicksal eines jeden,
er war Freund und Vater in jedem Hause, immer bereit, zu helfen.

Die Gemeinde hat ihm auf dem Friedhofe ein Denkmal errichtet.

Die wohlgetroffene Bueste ist von dem Bildhauer Otto Lang modelliert, der
als Sohn des Muehlbartl Sebastian aus einer alten Ammergauer
Schnitzerfamilie stammt.

Mehr noch als das Denkmal ehrt den edlen Daisenberger die Erinnerung an
ihn als den Schutzgeist Ammergaus, eine Erinnerung, die manches wohltaetige
Beginnen veranlasste und ihm die rechte Weihe gab.

Ich habe den alten Herrn noch gut gekannt.

Wenn meine Mutter zu Besuch im Verlegerhause weilte, durfte ich ihm die
"Augsburger Abendzeitung" bringen, die er taeglich von meinen Verwandten
erhielt.

Er hatte stets ein gutes Wort fuer mich, den er getauft hat; ein Umstand,
der meiner Mutter zur Hoffnung und Beruhigung diente, wenn es bei mir im
Aufwachsen nicht immer schnurgerade nach oben ging.

Weil ich nun das Denkmal Daisenbergers erwaehnte, will ich beifuegen, dass
auch dem Altbuergermeister Oberammergaus, meinem Oheim _Hans Lang_, dem
viel geruehmten Kaiphas des Passionsspieles, ein solches errichtet werden
soll, das wiederum _Otto Lang_ modelliert und in Muenchen zur Ausstellung
gebracht hat.

Es wird ausgefuehrt werden, wenn es wieder Bronze fuer diese Zwecke geben
wird.

Der Buergermeister Lang hat es wohl verdient um sein Heimatdorf, das fuer
ihn die grosse und kleine Welt gewesen ist. Ich glaube nicht, dass irgendein
Ereignis auf dem _Theatro mundi_, ueber das er sich weltklug zu verbreiten
wusste, sein Inneres je so gewaltig aufregte, wie etwa die Besetzung der
Rollen im Passion, und kein Eingriff in die Menschenrechte konnte ihm so
verbrecherisch erscheinen wie der Versuch, den Text des Spieles zu aendern
und dem modernen Empfinden anzupassen.

Ein Versuch, den eingewanderte Schoengeister mehrmals unternehmen wollten.

Aber dagegen erhob sich immer der Zorn des Volkes, und Kaiphas fuehrte eine
so drohende Sprache wie vor dem Statthalter Pontius Pilatus.

Er war ein behaglicher und braver Mann, mit einem lebhaften Temperament
begabt, gescheit und bildungsbeflissen, der als Juengling in der Ambronia
aus dem Wissensquell schoepfte, als Mann jedem toerichten Zwange abhold
blieb und sich, waehrend er sich gerne unterrichtete, doch nach dem
Goetheschen Rezept auf das Naechste beschraenkte und Tuechtiges leistete.

Ammergau darf sich gluecklich schaetzen, wenn es auch kuenftig Maenner findet,
denen die Heimat so viel und alles gilt wie ihm.

Den Mittelpunkt im Dorfe, wie den Mittelpunkt im Leben vieler mir teurer
Menschen bildete das Verlegerhaus von Georg Langs sel. Erben.

Wie ich schon oben erwaehnte, ging frueher, besonders im 18. Jahrhundert,
der Handel mit Ammergauer Waren durch ganz Europa, wie auch nach Nord- und
Suedamerika. In vielen Staedten des Auslandes bestanden Handelshaeuser und
Niederlagen der Ammergauer, so in Kopenhagen, Petersburg, Moskau,
Amsterdam, Cadix, Lima u. a., und der Ammergauer Kraxentraeger ging seine
Wege durch vieler Herren Laender.

Das Sterbebuch der Gemeinde weist nach, dass ueberall in der Welt Leute aus
dem Dorf taetig waren, bis sie ferne von der Heimat starben. Zur Zeit der
Napoleonischen Kriege stockte der Handel, die Niederlagen im Auslande
wurden groesstenteils aufgegeben. Dafuer wurden in Ammergau selbst
Verlagshaeuser gegruendet, das bedeutendste von _Georg Lang_.

Dessen Sohn _Johann Lang_ hat nach 1815 als ruehriger und umsichtiger
Geschaeftsmann den Handel wieder in Flor gebracht, sich selber einen grossen
Wirkungskreis geschaffen und eine sichere Existenz gegruendet.

Das haette auch dem Fremden und Uneingeweihten das stattliche Haus
verraten. Wie es dastand mit weit ausladendem Schindeldache, darauf die
grossen Steine, nur zwei Stockwerke hoch, aber in die Laenge gedehnt, glich
es einem behaebigen Bauernhofe, und dem Eintretenden sagten schon die
prachtvolle geschnitzte Tuer mit Handelsemblemen, der gewoelbte Gang, die
breite Treppe, dass er sich in einem ansehnlichen Buergerhause befinde.

Gute Stiche schmueckten die Waende des Treppenhauses und der in schoenen
Verhaeltnissen angelegten Zimmer und vermittelten den Eindruck, dass sich
einige Generationen hier mit Geschmack wohnlich eingerichtet hatten. Zu
ebener Erde waren ineinandergehend vier geraeumige Laeden, in denen mit
Rokokoornamenten verzierte Glaskaesten standen, die manches wertvolle Stueck
der Ammergauer Kunst enthielten.

Zwei Laeden waren angefuellt mit Spielwaren, Puppen, Pferden,
Botenfuhrwerken, Bogen und Pfeilen, Armbrusten, Hampelmaennern und vielem
anderen.

Man stelle sich einen Knaben vor, der aus der Risser Einsamkeit kommend
ploetzlich vor diesen angehaeuften Herrlichkeiten stand, und man wird
verstehen, wie heute noch der Eindruck in mir so stark nachlebt, dass fuer
mich das Verlegerhaus der Inbegriff einer schoenen Behaglichkeit geblieben
ist.

Zu Anfang der fuenfziger Jahre hatte Eduard Lang, der Sohn von Johann Lang,
Anwesen und Geschaeft uebernommen und die Schwester meiner Mutter
geheiratet.

Er muss ein edler, liebenswerter Mensch gewesen sein, denn noch viele Jahre
nach seinem Tode - er starb schon 1859 - war die Erinnerung an ihn im
Dorfe wie in der Familie lebendig. Meine Mutter hat mir oft die
Redlichkeit seines Charakters und seinen feurigen, begeisterungsfaehigen
Sinn geruehmt.

Seine Witwe, der die Sorge fuer sechs Kinder oblag, blieb zeitlebens eine
stille Frau, die ich immer ernst sah; sie genoss in ungewoehnlichem Grade
Liebe und Verehrung, nicht zuletzt von seiten meiner Mutter. Ein
verhaltener, gedaempfter Ton von Trauer blieb an dem Hause haften; nicht
so, dass er stoerend gewirkt haette, aber doch so, dass kein lautes Wesen
aufkommen konnte.

Behaglich blieb es bei alledem, und wenn der Herr Oberfoerster aus der Riss
zu Besuch kam und im Kreise der vielen aelteren und juengeren Damen seine
lange Pfeife rauchte - eine bemerkenswerte Verguenstigung -, dann gab es
auch lebhafte Froehlichkeit.

Mein Bruder und ich haben als junge Holzfuechse erfahren, wie viele
erzieherische Talente in erwachsenen Kusinen stecken, denn sie verwandten
einige Muehe auf die Glaettung unserer Manieren.



Aus einem anregenden Kreise, in dem sie wohl gelitten war und herzliche
Freundschaft gefunden hatte, trat meine Mutter im Jahre 1857, um ihrem
Ehemanne nach _Piesenhausen_ bei Marquartstein zu folgen.

Mein Vater hatte nach Pflicht und Brauch beim Koenig Max um eine Audienz
nachgesucht, und meine Mutter erzaehlte mir noch viele Jahre spaeter mit
Laecheln und Erroeten, dass der Koenig ihm zur Wahl der Gattin Glueck gewuenscht
und gesagt habe, er sehe wohl, dass seine Revierfoerster einen
ausgezeichneten Geschmack verrieten.

Der Koenig kam fast alljaehrlich nach Ammergau, und da mochte es wohl
geschehen sein, dass ihm beim festlichen Willkommen die Toechter des
Schwabenwirtes Blumenstraeusse ueberreicht hatten.

Dass er sich daran erinnerte und dem jungen Forstmanne diese herzliche
Freude bereitete, zeigt seine Guete und seinen Takt, die ihn, wie der alte
_Riehl_ erzaehlt, ganz besonders auszeichneten und ihm alle Herzen
gewannen.

In Piesenhausen wohnten meine Eltern mehrere Jahre in gluecklicher Ehe, der
zwei Kinder, mein Bruder Max und meine Schwester Marie, entsprossen.

Mein Vater fand alles Behagen am haeuslichen Herd; es ist ihm treu
geblieben, und er hat es wohl zu wuerdigen gewusst.

Ein wertgeschaetzter Freund wurde ihm der Pfarrer von _Grassau_, der ein
passionierter Jaeger war und einer von den praechtigen geistlichen Herren,
die _Max Haider_ verewigt hat. Man erzaehlte von ihm, dass er einmal beim
Messelesen die Wandlung vergessen habe, weil vor der Kirche das Jagdhorn
zum Aufbruch blies. Ich habe aber die Geschichte so oft ueber den und jenen
Pfarrer erzaehlen hoeren, dass ich sie fuer erfunden halte. Sie war wohl
bezeichnend fuer den Jagdeifer der Herren.

Die schaerfere Richtung, die spaeter kam, hat den harmlosen Freuden ein Ende
gemacht, und sie hat, wie mir erzaehlt wurde, dem geistlichen Rat in
Grassau weh genug getan.

Als er schon hochbetagt war, hetzte ein junger Kooperator die Bauern gegen
ihn auf, indem er seinen Eifer oder gar seine Rechtglaeubigkeit in Zweifel
zog, und es fanden sich wirklich Leute, die dem guetigen Manne bei einer
Katzenmusik die Fenster einwarfen zum Danke fuer viele Wohltaten, die er
den Armen erwiesen hatte.

Damals aber, in den fuenfziger und sechziger Jahren, freute man sich an den
Pfarrern, die froehliche Junggesellen waren, jeden Spass in Ehren gelten
liessen und sich beim Scheibenschiessen und Jagen offenbar tuechtig zeigten.

Denn in allen Darstellungen spielt der Hochwuerdige niemals etwa so wie der
Landrichter, Assessor oder Lehrer eine komische Figur.

Im Jahre 1861 wurde mein Vater als Revierfoerster nach _Partenkirchen_
versetzt.

Er hatte darum nachgesucht, wohl auch auf Bitten meiner Mutter, die sich
gluecklich fuehlte, als sie wieder ins Werdenfelser Land und in die Naehe der
Ammergauer Heimat kam.

Waehrend der vier Jahre, die meine Eltern in Partenkirchen blieben, gab es
vornehmlich zwei Ereignisse, von denen uns spaeter erzaehlt wurde. Das eine
war der grosse Brand, bei dem die Haelfte des enggebauten Dorfes in Asche
gelegt wurde, und das andere die beruehmte letzte Baerenjagd im
Wettersteingebirge.

Sie ist mehrmals in Zeitschriften geschildert worden, obwohl sie ohne
rechten Schluss blieb. Denn Meister Petz entkam, wenn auch schwer
angeschossen, und verendete vermutlich in irgendeiner unzugaenglichen
Schlucht.

Einem alten Foerster, der mit dabei war, kam der Baer auf dreissig Schritte,
aber es versagten ihm die beiden Schuesse seines Kugelzwillings; die
Kapseln brannten leer ab.

Dass er Ruhm und Schussgeld verlieren musste, verdross den Alten so schwer,
dass er wochenlang gemuetskrank war und kein anderes Wort als laesterliche
Flueche ueber die Lippen brachte.

Sobald ihm ein Bekannter begegnete, schrie er ihm von weitem zu: "Brauchst
nix red'n ... woass scho ... woass scho ... Himmel ... Herrgott ..." Nur
durch Anwendung von Alkohol gelang es ihm nach und nach, sein seelisches
Gleichgewicht wieder zu erlangen.

In Partenkirchen lernte mein Vater den Muenchner Kunstmaler _Julius Noerr_
kennen, der ihm in der Folgezeit ein lieber Freund geworden ist.

Noerrs Landschaften erregen neuerdings Aufsehen bei Kritikern, die jetzt
die Muenchner Kunst der sechziger Jahre entdecken und erstaunt ueber die
hohen Werte sind, die sich ihnen darbieten; vielleicht koennen ihnen die
Landschaften wie die Tierbilder Noerrs, seine reizvollen Aquarelle und
Zeichnungen, seine Genrebilder zeigen, wie vielseitig dieser Kuenstler war,
der wie kaum ein anderer die Alpenwelt kannte und in nie versiegender
Freude am Malerischen jeder Spezialitaet abhold blieb.

Von seinen Wanderungen durch Tirol und Oberbayern brachte er Mappen voll
kostbarer Studien heim. Wie er mit einfachen Mitteln in Bleistiftskizzen
Stimmungen festhielt, ist bewundernswert, und keiner hat so treu und so
liebenswuerdig wie er Jagd und Jaeger im bayrischen Gebirge geschildert.

Sein Lebenswerk kann in der Heimat kaum voll gewuerdigt werden, da die
meisten seiner Bilder nach England verkauft worden sind, doch vermag das,
was sich bei einheimischen Sammlern vorfindet, immerhin das hohe Koennen
Noerrs darzutun.

Ein Koennen, das freilich in jener Zeit mehr verbreitet und notwendige
Vorbedingung war. Mit billiger Genialitaet durfte man sich damals nicht
hervorwagen; um das zu ermoeglichen, war lange Vorarbeit der segensreichen
Kritik notwendig. In dem alten, noblen Muenchen, dem _Pocci_, _Schwind_,
_Spitzweg_, _Schleich_, _Lier_, _Riehl_, _Kobell_, _Lachner_ und manche
andere das Gepraege gaben, musste einer was koennen, der aus der Reihe
hervortreten wollte, und sie alle, die etwas konnten, waren vornehm und
haetten sich das laute Geschrei der Markthelfer verbeten.

Noerr war spaeterhin ein regelrechter Sommergast in der Vorder-Riss, und
obgleich er sich nicht viel mit uns abgab, wurden wir Kinder ihm besonders
anhaenglich.

Es war eine vielbegehrte Gunst, ihm beim Malen zuschauen zu duerfen.

Seine Freundschaft hat meinem Vater viel gegolten, und seine Kunst hat ihn
in bescheidenen Massen selber zum Schaffen angeregt.

Zu einigen Zeichnungen Noerrs, die in "Ueber Land und Meer" erschienen
sind, hat er die Texte verfasst.

In Partenkirchen blieb mein Vater, bis er im Jahre 1865 als Oberfoerster -
der Titel war geaendert worden - in die Vorder-Riss kam.

Die Familie war auf vier Kinder angewachsen, und der Umstand liess meine
Eltern wuenschen, jene Oberfoersterei, mit der Oekonomie und Wirtschaft
verbunden waren, zu erhalten.

Der Posten war wegen seiner Einsamkeit nicht uebermaessig begehrt, und doch
wurde diese Einoede meiner Mutter wie uns Kindern zur liebsten Heimat, die
wir in der Rueckerinnerung erst recht mit allen Vorzuegen ausschmueckten.

Im Januar 1867 besuchte meine Mutter ihre Schwester Marie Lang in
Oberammergau, um im Verlegerhause ihre Niederkunft abzuwarten, denn sie
getraute sich nicht, in der Riss zu bleiben, weit ab von jeder Hilfe, die
bei starkem Schneefalle ueberhaupt nicht erreichbar gewesen waere.

Am 21. Januar gegen Mittag kam ich zur Welt, und meine Verwandten erzaehlen
mir, ich haette gerade, als sie von der Schule heimkamen, so laut
geschrien, dass sie mich schon auf der Strasse hoerten.

Meine ersten Erinnerungen knuepfen sich an das einsame Forsthaus, an den
geheimnisreichen Wald, der dicht danebenlag, an die kleine Kapelle, deren
Decke ein blauer, mit vergoldeten Sternen uebersaeter Himmel war.

Wenn man an heissen Tagen dort eintrat, umfing einen erfrischende Kuehle und
eine Stille, die noch staerker wirkte, weil das gleichmaessige Rauschen der
Isar deutlich herauftoente.

Hinterm Hause war unter einem schattigen Ahorn der lustig plaetschernde
Brunnen ganz besonders merkwuerdig und anziehend fuer uns, weil in seinem
Granter gefangene Aschen und Forellen herumschwammen, die sich nie
erwischen liessen, so oft man auch nach ihnen haschte.

Drunten am Flusse kreischte eine Holzsaege, biss sich gellend in dicke
Staemme ein und frass sich durch oder ging im gleichen Takte auf und ab.

Ich betrachtete das Haus und die hoch aufgeschichteten Bretterlager von
oben herab mit scheuer Angst, denn es war uns Kindern strenge verboten,
hinunterzugehen, und als ich doch einmal neugierig ueber den Bachsteg
geschritten war, kriegte ich vom Vater, der mich erblickt hatte, die
ersten Hiebe.

Noch etwas Merkwuerdiges und die Phantasie Erregendes waren die rauchenden
Kohlenmeiler, gerade unterm Hause, an denen russige Maenner auf und ab
kletterten und mit langen Stangen herumhantierten. Hinter Rauch und Qualm
leuchtete oft eine feurige Glut auf, aber trotz der Scheu, die uns der
Anblick einfloesste, trieben wir uns gerne bei den Kohlenbrennern herum, die
in kleinen Blockhuetten hausten, auf offenem Herde ueber prasselndem Feuer
ihren Schmarren kochten und die Kleinen, die mit neugierigen Augen in den
dunklen Raum starrten, davon versuchen liessen.

Wieder andere gefaehrlich aussehende Riesen, die grosse Wasserstiefel an den
Fuessen trugen, fuegten Baumstaemme mit eisernen Klammern aneinander; wenn
sie, ihre Aexte geschultert, dicke Seile darum geschlungen, in unser Haus
kamen und sich im Hausfloez an die Tische setzten, hielt ich die baertigen
Floesser fuer wilde Maenner und traute ihnen schreckliche Dinge zu.

Sie waren aber recht zutunlich und boten uns Kindern Brotbrocken an, die
sie zuerst ins Bier eingetaucht hatten; allmaehlich gewoehnten wir uns an
sie, und es musste uns sehr streng verboten werden, im Floez bei den Tischen
herumzustehen.

Unsere besonderen Freunde waren die Jaeger. Fast alle gaben sich mit uns
ab, keiner aber verstand es besser, unsere Herzen zu gewinnen wie der
Lenggrieser _Thomas Bauer_, der immer helfen konnte, wenn ein Spielzeug
zerbrochen war, und der nie ungeduldig wurde, sooft wir auch mit Bitten zu
ihm kamen. Gewiss waren die Geschichten, die uns Viktor erzaehlte,
wunderschoen, aber was waren sie gegen die Erlebnisse, die unser Bauer
droben im Walde mit Zwergen und Berggeistern gehabt hatte! Wenn er vom
Puerschgang heimkam, sprangen wir ihm entgegen und staunten ihn an, wenn er
einen erlegten Hirsch oder einen Gamsbock brachte, und immer hatte er was
fuer uns, eine seltsam geformte Wurzel, einen Baumschwamm oder eine Pfeife,
die er unterwegs aus einer Rinde zurechtgemacht hatte.

In seinem Jaegerstuebchen war er nie vor uns sicher; kaum hatte er es sich
auf seinem Kanapee gemuetlich gemacht und seine Pfeife angebrannt, dann
trippelten kleine Fuesse ueber die Stiege herauf und polterten gegen die
Tuere, deren Klinke nicht zu erreichen war.

Es half ihm nichts, er musste die Quaelgeister einlassen und viele Fragen
beantworten, ob er den Zwergkoenig mit dem langen Bart und dem spitzen Hut
gesehen habe, und ob die Gams mit den goldenen Krickeln noch auf dem
Scharfreiter herumspringe.

Er muss uns vormachen, wie die Gamsboecke blaedern, und auf dem Schnecken,
wie die Hirsche im Herbst schreien, und wenn er sein Gewehr zerlegte oder
eine Uhr reparierte oder einen Gamsbart fasste, schauten neugierige
Kinderaugen dem Tausendkuenstler zu.

Vertrauen und Neigung hingen sich so fest an den Mann, dass er uns allen
als Sinnbild und Verkoerperung des stillen Glueckes galt, das wir in der Riss
gefunden hatten.

Ein gern gesehener Mann war der Lenggrieser Bote. Die allgemeine Freude
ueber diese Verbindung mit der Aussenwelt ging auch auf uns Kinder ueber, und
der mit allerlei Gaben gefuellte Plachenwagen uebte grossen Reiz auf uns aus.

Man lernt nur in einer solchen Abgeschiedenheit das Vergnuegen am Kleinsten
kennen, und Staedter vermoegen es sich kaum vorzustellen, wie Zeitungen,
Briefe und Pakete erwartungsvolle Spannung verursachen, oder was frisch
gebackene Semmeln einmal die Woche bedeuten koennen.

Wieviel Freude brachten damals die illustrierten Wochenschriften "Ueber
Land und Meer" und die "Gartenlaube" in das Forsthaus!

Dazu gehoerten Pfeife und duftender Kaffee und ein Kreis von Menschen, die
gewillt waren, alles wohlwollend anzunehmen, was ihnen geboten wurde, die
Nachrichten aus einer fernen Welt mit Interesse zu hoeren und sich dabei in
ihrem Winkel erst recht wohl zu fuehlen.

Wie waren aber jene Zeitschriften damals im besten Sinne weltbuergerlich
und wussten Eigenart und Verschiedenheit der Voelker so zu schildern, dass es
Teilnahme, nicht aber feindselige Gefuehle erregte!

Ich blaettere zuweilen noch in den alten Baenden und finde die Stimmung
jener Tage wieder.

Zu den vielen gescheiten Kindern, die den Kreis ihrer Angehoerigen durch
tiefsinnige Fragen und Antworten immer wieder in Erstaunen versetzten,
werde ich wohl auch gehoert haben, doch sind mir keine erwaehnenswerten
Aussprueche ueberliefert worden; dafuer etliche Schrecknisse, die ich
bestand.

Ein Hafen voll heisser Milch, der mir ueber die Brust geschuettet wurde,
spielte in der Chronik Viktors eine wichtige Rolle, daneben eine Axt, die
ich mir ins Bein hackte, und ein Rausch.

Ich kam als kleiner Kerl hinter einen halben Liter Rotwein, den mein Vater
eben mit einem Freunde hatte trinken wollen, als sie beide aus irgendeinem
Grunde rasch aus dem Zimmer eilten. Gleich darauf ass man zu Mittag, und
ich fiel vom Stuhl, sooft man mich darauf setzte; es liess sich nicht mehr
leugnen, dass ich betrunken war, und die Folgen blieben nicht aus. Mein
Vater hielt mich durch sie fuer genuegend bestraft, wie er ueberhaupt kein
Freund von Pruegeln war, und er fragte mich am andern Morgen teilnehmend,
ob ich wieder Rotwein moechte; als ich die Frage bejahte, sagte er, das sei
ein gutes Zeugnis fuer den Wein.

Fuer mich mag es ein Besseres sein, dass jenem ersten Rausche kaum wieder
einer gefolgt ist.

Mein Interesse an Buechern soll sich sehr frueh gezeigt haben, insofern ich
stundenlang ueber Bildern sitzen und unerbittlich auf genaue Erklaerung
dringen konnte.

Bei Wiederholung von Erzaehlungen musste sich Viktor vor Gedaechtnisfehlern
hueten, denn ich duldete keine Schwankungen und verlangte Genauigkeit; ich
selber hielt mich nicht daran und liebte schmueckende Uebertreibung, wenn
ich mein Wissen an unsern Jaeger weitergab.

Die groesste Freude bereitete man mir mit Muenchner Bilderbogen, und der
Eindruck, den "Max und Moritz" von Wilhelm Busch auf mich machte, war so
stark, dass meine besorgte Mutter das Buch in Verwahrung nahm.

Nur zuweilen an besonderen Tagen oder zur Belohnung fuer gutes Betragen
durfte ich es anschauen und war schon gleich von der Umschlagzeichnung
freudig erregt.

Wenn ich heute die zwei Bubenkoepfe sehe, ueberkommt mich noch immer ein
stilles Behagen, und sie wirken auf mich wie ein Gruss aus der lieben
Kinderzeit.

Tante Theres, eine Schwester meines Vaters, die mir das Buch geschenkt
hatte, war mir dafuer besonders lieb, und als sie nun gar eines Tages ein
kleines Marionettentheater mitbrachte und darauf den "Freischuetz" spielte,
hegte ich fuer sie die groesste Zuneigung und Bewunderung.

Manches wichtige Ereignis ist in meiner Erinnerung verblasst, manches ganz
daraus entschwunden; aber der Abend, an dem ich voll Erwartung vor dem
Kunsttempel aus Pappendeckeln sass und die Schicksale des braven Jaegers Max
miterlebte, steht immer noch lebendig vor mir.

Freilich gab sich Tante Theres, ein stattliches aelteres Maedchen, grosse
Muehe, um mit tiefer Stimme, mit bengalischen Feuern und mit
Pistolenschuessen Grauen in uns wachzurufen.

Wie solche Eindruecke haften bleiben, erfuhr ich viele Jahre spaeter, als
ich zu Proben hinter die Buehne des Hoftheaters kam; in dieser Welt von
Pappe und Leinwand roch es aehnlich, vielleicht recht entfernt aehnlich, so
wie im Marionettentheater, und gleich stand die Auffuehrung des
"Freischuetz" vor meinen Augen.

Die Talente der Tante Theres fanden in der Riss nicht bei allen so viel
Anklang wie bei mir, und ihr Zug ins Kuenstlerische, Geniale oder
Theatralische wurde auch spaeterhin, als ich den Tadel verstehen konnte,
mit Bedauern festgestellt; sie machte keine sehr gute Heirat, lebte in
aermlichen Verhaeltnissen, und das kam eben davon, wie selbst die gutmuetige
Viktor sagen konnte.

Erleben eigentlich Stadtkinder Weihnachtsfreuden? Erlebt man sie heute
noch?

Ich will es allen wuenschen, aber ich kann nicht glauben, dass das Fest in
den engen Gassen der Stadt, in der wochenlang die Ausstellungen der
Spielwarenhaendler die Freude vorwegnehmen, Vergleiche veranlassen oder
schmerzliche Verzichte zum Bewusstsein bringen, das sein kann, was es uns
Kindern im Walde gewesen ist.

Der erste Schnee erregte schon liebliche Ahnungen, die bald verstaerkt
wurden, wenn es im Hause nach Pfeffernuessen, Makronen und Kaffeekuchen zu
riechen begann, wenn am langen Tische der Herr Oberfoerster und seine Jaeger
mit den Marzipanmodeln ganz zahme, haeusliche Dienste verrichteten, wenn an
den langen Abenden sich das wohlige Gefuehl der Zusammengehoerigkeit auf
dieser Insel, die Tag um Tag stiller wurde, verbreitete.

In der Stadt kam das Christkind nur einmal, aber in der Riss wurde es schon
Wochen vorher im Walde gesehen; bald kam der, bald jener Jagdgehilfe mit
der Meldung herein, dass er es auf der Jachenauer Seite oder hinterm
Ochsensitzer habe fliegen sehen.

In klaren Naechten musste man bloss vor die Tuere gehen, dann hoerte man vom
Walde herueber ein feines Klingeln und sah in den Bueschen ein Licht
aufblitzen. Da roeteten sich die Backen vor Aufregung, und die Augen
blitzten vor freudiger Erwartung. Je naeher aber der Heilige Abend kam,
desto naeher kam auch das Christkind ans Haus, ein Licht huschte an den
Fenstern des Schlafzimmers vorueber, und es klang wie von leise geruettelten
Schlittenschellen.

Da setzten wir uns in den Betten auf und schauten sehnsuechtig ins Dunkel
hinaus; die grossen Kinder aber, die unten standen und auf einer Stange
Lichter befestigt hatten, der Jagdgehilfe Bauer und sein Oberfoerster,
freuten sich kaum weniger.

Es gab natuerlich in den kleinen Verhaeltnissen kein Uebermass an Geschenken,
aber was gegeben wurde, war mit aufmerksamer Beachtung eines Wunsches
gewaehlt und erregte Freude.

Als meine Mutter an einem Morgen nach der Bescherung in das Zimmer
eintrat, wo der Christbaum stand, sah sie mich stolz mit meinem Saebel
herumspazieren, aber ebenso froh bewegt schritt mein Vater im Hemde auf
und ab und hatte den neuen Werderstutzen umgehaengt, den ihm das Christkind
gebracht hatte.

Wenn der Weg offen war, fuhren meine Eltern nach den Feiertagen auf kurze
Zeit zu den Verwandten nach Ammergau.

Ich mag an fuenf Jahre alt gewesen sein, als ich zum erstenmal mitkommen
durfte; und wie der Schlitten die Hoehe oberhalb Wallgau erreichte, von wo
aus sich der Blick auf das Dorf oeffnet, war ich ausser mir vor Erstaunen
ueber die vielen Haeuser, die Dach an Dach nebeneinander standen.

Fuer mich hatte es bis dahin bloss drei Haeuser in der Welt gegeben.



Auch mein Vater war gerne in der Riss. Die schoene Jagd, das gute
Fischwasser und die Selbstaendigkeit im Dienste konnten ihm wohl gefallen.

Freilich gab es auch Unannehmlichkeiten, die nicht ausbleiben konnten,
nach der Erfahrung, dass mit grossen Herren nicht gut Kirschen essen ist.

Koenig Ludwig II., der sich alljaehrlich mehrere Wochen in der Riss aufhielt,
war immer guetig, dankbar fuer die bescheidenste Aufmerksamkeit, und er
hatte oder zeigte doch niemals Launen.

Aber im Gefolge eines Koenigs gibt es immer Leute, die staerker auftreten
als der Herr.

Ueberdies lagen als Nachbarn der _Herzog von Koburg_ und der _Herzog von
Nassau_ an, die wieder Hofmarschaelle und Jaegermeister hatten, die sich
aufzublasen wussten und ihre Sorge um die eigene Liebhaberei hinter der um
ihre Hoheiten versteckten.

Grosse Herren lassen sich die Muecken abwehren, aber nicht die Ohrenblaeser,
sagt ein deutsches Sprichwort, und so musste sich hie und da ein bayrisches
Ministerium mit Beschwerden der Hoheiten befassen, die offensichtlich nur
Beschwerden ihrer Kaemmerlinge waren.

Einmal wurde mein Vater zur Rechenschaft gezogen, weil er zugegeben hatte,
dass Pferde des Herzogs von Nassau in der leerstehenden Stallung des Koenigs
untergebracht wurden, und er hatte dazu ausdruecklich die Erlaubnis des
Oberstallmeisters Grafen Holnstein verlangt, die um so bereitwilliger
gegeben wurde, als Holnstein auch auf den Jagden des Nassauer Herzogs
oefter zu Gaste war.

Irgendein Hofstaller bemerkte den Vorfall, witterte dahinter einen
Eingriff in die koeniglichen Rechte und machte diensteifrig Meldung.

Graf Holnstein, dem die Sache peinlich war, erinnerte sich nicht mehr an
seine Einwilligung, und der Toelzer Forstmeister musste auf Anordnung des
Ministeriums meinem Vater einen Verweis erteilen. Er wehrte sich dagegen,
wies aus seinen Notizen nach, dass der Oberstallmeister ohne Zoegern den
Wunsch des Herzogs erfuellt habe und dass er damit zu einer Weigerung weder
Anlass noch Recht gehabt habe; allein da das unbedeutende Ereignis dem
Grafen Holnstein gaenzlich aus dem Gedaechtnisse entschwunden war, verfuegte
das Ministerium, es habe bei dem Verweise zu bleiben.

Die Ungerechtigkeit aergerte meinen Vater so sehr, dass er um Versetzung
eingeben wollte, und erst nach einigem Zureden gelang es meiner Mutter,
ihn zu beruhigen.

Er schaetzte nun die etwas hysterische Dienstbeflissenheit der hoeheren
Stellen gebuehrend ein und wurde vorsichtiger im Verkehr mit Hoeflingen,
zuweilen auch deutlich, wenn sich ihr Eifer zu weit vorwagte.

Der Herzog von Nassau - vielleicht noch lebhafter sein Hofmarschall -
wollte den zum koeniglichen Leibgehege gehoerenden Fernerskopf an seine Jagd
angliedern.

Mein Vater musste als Verwalter des Reviers sein Gutachten abgeben.

Nun schickte, um ihn zu gewinnen, der Hofmarschall einen Hofkammerrat in
die Riss, der meinem Vater nahelegte, die Oberleitung ueber die herzogliche
Jagd am Fernerskopf und eine entsprechende Gratifikation anzunehmen.

Das Anerbieten wurde mit der Bemerkung gemacht, die bayrische Regierung
brauche ja davon nichts zu erfahren.

Mein Vater wies dem Hofkammerrat die Tuere und schrieb dem Hofmarschall
Grafen C., er moege ihn "fuer alle Zukunft mit derartigen Zudringlichkeiten
verschonen".

Ich erwaehne den Vorfall mit einem woertlichen Zitate aus dem Briefwechsel,
weil er ein Bild von der Situation wie von dem Wesen meines Vaters gibt.

Heute, unter so veraenderten Umstaenden, koennen den Leser die damaligen
Verhaeltnisse interessieren, und so will ich bemerken, dass der Oberfoerster
in der Vorder-Riss zu Anfang ein Jahresgehalt von 800 Gulden bezog, das
nach und nach auf 1100 Gulden stieg.

Dazu kamen als Nebenbezuege: freie Wohnung, Dienstgruende, ein "Holzdeputat
von 15 Klaftern Hartholz", "Funktionsaversen und Bauexigenzaversen" von
200 Gulden und eine "Hochgebirgs-Leib-Reserve-Gehegsjagdetatremuneration"
von 30 Gulden.

Man sieht, es war damals alles wohl geordnet und mit dem rechten Namen
versehen.

Einen sehr erheblichen Dienst leistete mein Vater dem bayrischen Staate
dadurch, dass er ihn im Jahre 1871 veranlasste, vom Bankier _La Roche_ in
Basel das _Jaegerbauerngut in Fall_ um den Preis von 50 000 Gulden zu
erwerben.

Der Staat liess sich zoegernd auf das Geschaeft ein, ist aber heute wohl
zufrieden damit, denn die Waldungen repraesentieren einen Millionenwert.

In der Vorder-Riss gab es damals vier Hauptgebaeulichkeiten. Drei auf der
Anhoehe ueber der Isar: das von Max II. erbaute "Koenigshaus", das Forsthaus
und neben diesem eine Kapelle.

Dazu kamen Nebengebaeude fuer Jagdgehilfen und Stallungen.

Im Tale, nahe dem Einflusse des Rissbaches in die Isar, lag eine
Schneidsaege.

Das dazu gehoerende uralte, mit Freskomalereien gezierte Bauernhaus fehlt
in keiner Sammlung von Abbildungen altbayrischer Haeuser.

Etliche Buechsenschuesse entfernt lag isaraufwaerts ein Bauernhof, der
"_Ochsensitzer_", und sein Eigentuemer, der Danner Toni, schaetzte meinen
Vater und war ihm auf seine Art zugetan, aber das hielt ihn nie ab, einem
Wilderer Unterschlupf zu geben, und wenn er von unseren Jaegern etwas
erfahren haette, waere die Botschaft heimlich weitergegeben worden.

Auch die Jaeger waren Isarwinkler und nicht minder schlau wie der Toni; sie
konnten geradeso unbefangen dreinschauen, jedes Wort abwaegen, sich taub
stellen, indes sie den braven Ochsensitzer von weitem gehen hoerten, wenn
er auch noch so leise auftrat.

Von dem heimlichen Kriege, der nie zum Ende kam, liess man nichts merken;
man sass bei Gelegenheit freundlich zusammen hinterm Bierkrug und kannte
einander, ohne Worte zu verlieren.

Zuweilen hat Bauer, der Glaslthomae von Lenggries, sogar dem schlauen Toni
die Wuermer aus der Nase gezogen.

Die Wilderer trieben in jener Zeit ein arges Unwesen im Isartal. Manches
Ereignis ist von den Zeitungen berichtet, auch romantisch aufgeputzt
worden, und der "Dammei" in Toelz, der die Kaempfe der Wildbretschuetzen
besang, hatte reichliche Arbeit.

Die Verwegensten waren die Lenggrieser, Wackersberger und Jachenauer; als
besonders reich an Listen galten die Tiroler aus der Scharnitz.

Es mussten schneidige Jaeger sein, die gegen sie aufkommen wollten, und man
fand sie unter den Einheimischen, die selber gewildert hatten, bevor sie
in den Dienst traten.

Ich habe nie gehoert, dass einer untreu gewesen waere, wohl aber weiss ich,
dass der eine und andere beim Zusammentreffen mit den alten Kameraden sein
Leben lassen musste.

Diese Dinge entbehrten fuer die Beteiligten ganz und gar des Reizes, den
sie fuer Fernstehende hatten; es ging dabei rauher zu, als es sich ein
freundlicher, vom Schimmer der Romantik angeregter Leser vorstellen
mochte.

Einer von meines Vaters Jagdgehilfen, der _Bartl_, ein braver, bildschoener
Bursche, wurde aus dem Hinterhalt auf wenige Schritte Entfernung
niedergeschossen.

Ein Jachenauer, der unter den Wilderern war und die Tat, wie man erzaehlte,
verhindern wollte, wurde spaeter Jagdgehilfe und fand einen schlimmen Tod
auf der Benediktenwand; er wurde schwer verwundet mit Steinen zugedeckt
und kam so jaemmerlich um.

Ein Sagknecht aus der Jachenau, der den Bartl erschossen haben soll -
bewiesen konnte es nicht werden -, traf nicht lange nachher wieder mit den
Jaegern zusammen und wurde schwer verwundet. Er kam mit dem Leben davon,
verlor aber das Gehoer.

In ihrer Art beruehmt geworden ist die Flossfahrt der Wilderer im Jahre
1869, von der man sich heute noch im Oberland viel erzaehlt.

Die zwei Soehne des Halsenbauern von Lenggries und mit ihnen einige
Kameraden hatten bei Mittenwald gewildert und wollten ihre Jagdbeute auf
einem Flosse isarabwaerts nach Lenggries oder Toelz bringen.

Sie kamen in der hellen Mondnacht in schneller Fahrt den Fluss herunter;
die Ruder hatten sie mit Tuechern umwickelt.

  [Illustration: Thoma mit dem Wilderer]

Vor der Risser Bruecke, unweit vom Ochsensitzer, wurden sie angerufen. Es
kam zum Feuern heraus und hinein.

Der Mann am Steuer, der Halsen Blasi, wurde erschossen, zwei andere wurden
verwundet. Der Halsen Toni erhielt einen Schuss mitten auf den Taler seiner
Uhrkette, und dieser glueckliche Zufall rettete ihm das Leben. Ein Fuenfter
versteckte sich unter das Wildbret, das auf dem Flosse lag, und kam heil
davon.

Sie hielten an der Schneidsaege an und schafften den Toten wie die
Verwundeten ins Haus.

Die gerichtliche Untersuchung fuehrte zu keinem Ergebnisse.

Der Vorfall kann heute, wie damals, Verwunderung ueber "rechtlose Zustaende"
erregen, die in den Zeitungen ausfuehrlich besprochen wurden.

Rechtlos schlechthin waren die Zustaende nicht, aber schwierig genug.

Anzeigen hatten keinen Erfolg, denn die Strafen waren vor Einfuehrung des
Reichsstrafgesetzbuches so gelind, dass sie keinen abschrecken konnten;
trotzdem haben die unbaendigen Isarwinkler sich fast immer mit der Waffe
gegen die Gefangennahme gewehrt.

Die drei oder vier Jaeger hatten gegen die zahlreichen Schuetzen einen
harten Stand in dem grossen Revier; selten stand einer gegen einen, und so
war rasche Selbsthilfe beinahe notwendig.

Wie unbeugsam die Leute waren, mag die Tatsache beweisen, dass der Halsen
Toni, der bei der Flossfahrt wie durch ein Wunder gerettet worden war, bald
darauf wieder ins Revier ging und etliche Jahre spaeter doch erschossen
wurde.

Seinem Bruder Blasi hat man uebrigens in Lenggries nicht nachgetrauert,
denn er war als gewalttaetiger Mensch gefuerchtet.

Meinem Vater aber rechnete man es hoch an, dass er die Verwundeten
freundlich behandelt und mit Imbiss gestaerkt hatte, bevor er sie auf einem
mit Betten belegten Leiterwagen nach Toelz fahren liess.

Der "Dammei" hat es nicht unterlassen, diese Guttat in seinem Liede
hervorzuheben.

An derartige Geschehnisse habe ich kaum eine andere Erinnerung, als dass
ich auch spaeter noch unsere Jaeger wie sagenhafte Helden bewunderte und ihr
Tun und Wesen anstaunte.

Doch steht mir noch lebhaft im Gedaechtnis, dass einmal an meinem Namenstag
ein Wilderer gefangen eingebracht wurde; er sass im Hausfloez und liess mich,
als ich neugierig vor ihm stand, von der Mass Bier trinken, die man ihm
gegeben hatte. Vielleicht bin ich dadurch zutraulicher geworden,
jedenfalls schenkte er mir die geweihte Muenze, die er an einer Schnur um
den Hals trug.

Er hatte sie vermutlich von den Franziskanern in der Hinter-Riss erhalten.

In diesem zutiefst ins Karwendelgebirge eingebetteten tirolischen Kloster
versahen die Herren Patres ihr Amt noch in einer Art, die von jedem
Zeitgeist unberuehrt geblieben war.

Der Bauer und der Hirte bewarben sich dort um einen wirksamen Viehsegen,
um Schutz gegen Gefahr im Stall und auf den Almen, die Weiber kamen um
Amulette, die sie vor haeuslichen Unfaellen und Krankheiten bewahren oder
Gebresten heilen sollten; wo immer eine Bedraengnis des Lebens sich
einstellte, suchte das Volk Rat und Hilfe bei den Juengern des heiligen
Franziskus.

Ihr unleugbares Verdienst, in dieser Einsamkeit, losgeloest von allen
Freuden der Welt, ohne Scheu vor Beschwerden die Werke der Naechstenliebe
zu pflegen, wird jeder gerne anerkennen.

Und etwas Ruehrendes hat es, eine Bevoelkerung zu sehen, die in urzeitlichen
Zustaenden, abgeschieden von den Hilfsmitteln, die moderne Einrichtungen
gewaehren, lebt und nur des einen Beistandes sicher ist, dem auch die
Voreltern herzlich vertrauten.

So mag man es gelten lassen, dass auch der fromme Wildbretschuetze sich in
der Hinter-Riss den Kugelsegen holte, der ihn vor einem jaehen Tod im
Hochwald oder im Kar behueten musste.

Das Kloster liegt zwei Wegstunden von dem Forsthause in Vorder-Riss
entfernt.

An Sonntagen kam der Pater heraus und las in der Kapelle fuer Floesser,
Jaeger, Holzknechte und alle, die zu unserm Hause gehoerten, die Messe.

Da geschah es zuweilen, dass vorne auf einem mit Samt ausgeschlagenen
Betstuhle ein hochgewachsener Mann kniete, der sein Kreuz schlug und der
Zeremonie andaechtig folgte, wie der Sagknecht oder Kohlenbrenner, der
durch ein paar Baenke von ihm getrennt war.

Wenn der Mann aufstand und die Kapelle verliess, ragte er ueber alle hinweg,
auch ueber den langen Herrn Oberfoerster, der doch sechs Schuh und etliche
Zoll mass.

Sein reiches, gewelltes Haar und ein Paar merkwuerdige, schoene Augen fielen
so auf, dass sie dem kleinen Buben, den man zu einem ehrerbietigen Gruss
anhielt, in Erinnerung blieben.

Der Mann war Koenig Ludwig II.

Er weilte allsommerlich sechs bis acht Wochen in der Vorder-Riss, und erst
nach Erbauung des Schlosses Linderhof hat er darin eine Aenderung
getroffen.

Damals fuehlte er sich wohl in dem bescheidenen Jagdhause, das sein Vater
hatte errichten lassen, und er suchte nichts als Stille und
Abgeschiedenheit.

Seine Freude an der Natur galt in meinem Elternhause wie bei allen Leuten
in den Bergen als besonderer Beweis seines edlen Charakters, und niemandem
fiel es ein, an krankhafte Erscheinungen zu glauben.

Der Koenig schloss sich auch keineswegs auffallend vor jeder Begegnung mit
Menschen ab, wenn er schon gegen manches empfindlich war.

Bei seinen kurzen Spaziergaengen hatte er nichts dagegen, Leuten zu
begegnen, die in den Wald gehoerten, und zuweilen redete er einen Jaeger an.

Jedenfalls hat er alle bei Namen gekannt und sich zuweilen nach ihnen
erkundigt.

Aus spaeteren Erzaehlungen weiss ich, dass waehrend seiner Anwesenheit in
Hoerweite kein Schuss fallen durfte; er wollte sich Tod und Vernichtung
nicht in diesen Frieden hineindenken.

Dass er selten Besuche von hochstehenden oder offiziellen Persoenlichkeiten
empfing, ist bekannt, ebenso, dass er sich solchen Begegnungen durch
schleunige Fahrten in die Berge entzog.

Hohenlohe vermerkt in seinen Denkwuerdigkeiten haeufig derartige Verstoesse
gegen die Etikette und schuettelt den Kopf darueber, wenn der Koenig dem
Prinzen Napoleon, dem Kronprinzen von Preussen und anderen ausweicht mit
der schlichten Erklaerung, er muesse Gebirgsluft atmen. Unterm 3. Juli 1869
schreibt Hohenlohe ins Tagebuch, der Koenig sei "in die Riss entflohen, um
der Ankunft des Kaisers von Oesterreich zu entgehen".

Wenn es dabei diplomatische Schwierigkeiten ergab, dann wusste man
jedenfalls in der Riss nichts davon; diese kleine Welt freute sich, wenn
der Koenig kam. Seine Ankunft erfolgte oft unvermutet und war erst wenige
Stunden vorher durch einen Vorreiter angesagt.

Die Vorbereitungen mussten dann schnell geschehen. Der mit Kies belegte
Platz vor dem Koenigshause wurde gesaeubert, Girlanden und Kraenze wurden
gebunden, alles lief hin und her, war emsig und in Aufregung.

Es gab fuer uns Kinder viel zu schauen, wenn Kuechen- und Proviantwagen und
Hofequipagen vorauskamen, wenn Reiter, Koeche, Lakaien diensteifrig und
laermend herumeilten, Befehle riefen und entgegennahmen, wenn so ploetzlich
ein fremdartiges Treiben die gewohnte Stille unterbrach.

Die Forstgehilfen und Jaeger mit meinem Vater an der Spitze stellten sich
auf; meine Mutter kam festtaeglich gekleidet mit ihrem weiblichen Gefolge,
und auch wir Kinder durften an dem Ereignis teilnehmen.

Das Gattertor flog auf, Vorreiter sprengten aus dem Walde heran, und dann
kam in rascher Fahrt der Wagen, in dem der Koenig sass, der freundlich
gruesste und seine mit Baendern verzierte schottische Muetze abnahm.

Meine Mutter ueberreichte ihm einen Strauss Gartenblumen oder Alpenrosen,
mein Vater trat neben sie, und in der lautlosen Stille hoerte man ein leise
gefuehrtes Gespraech, kurze Fragen und kurze Antworten.

Dann fuhr der Wagen im Schritt am Hause vor, der Koenig stieg aus und war
bald, gefolgt von diensteifrigen Maennern in blauen Uniformen,
verschwunden.

In uns Kindern erregte die Ankunft des Koenigs stets die Hoffnung auf
besondere Freuden, denn der freundliche Kuechenmeister versaeumte es nie,
uns Zuckerbaeckereien und Gefrorenes zu schenken, und das waren so seltene
Dinge, dass sie uns lange als die Sinnbilder der koeniglichen Macht und
Herrlichkeit galten.

Aus Erzaehlungen weiss ich, dass Ludwig II. schon damals an Schlaflosigkeit
litt und oft die Nacht zum Tage machte.

Es konnte vorkommen, dass mein Vater aus dem Schlafe geweckt und zum Koenig
gerufen wurde, der sich bis in den fruehen Morgen hinein mit ihm unterhielt
und ihn nach allem Moeglichen fragte, vermutlich weniger, um sich zu
unterrichten, als um die Stunden herumzubringen.

Wenn wir zu Bett gebracht wurden, zeigte uns die alte Viktor wohl auch die
hell erleuchteten Fenster des Koenigshauses und erzaehlte uns, dass der arme
Koenig noch lange regieren muesse und sich nicht niederlegen duerfe.

Etliche Male wurden wir aufgeweckt und durften im dunkeln Zimmer am
Fenster stehen und schauen, wie drueben Fackeln aufloderten, ein Wagen
vorfuhr und bald wie ein geheimnisvoller Spuk im Walde verschwand.



Die Zeit der sechziger Jahre war politisch so bewegt, dass sie auch auf das
Risser Stilleben einwirken musste.

Mein Vater stand mit seinen Ansichten auf Seite jener Altliberalen, die
sich nach der Einigung Deutschlands sehnten, ohne sich ueber Ziele und
Mittel voellig klar zu sein; ihre Abneigung gegen klerikale Forderungen und
gegen Unduldsamkeit in jeder Form war bestimmter gerichtet. Seine
politischen Meinungen fanden ihren Ausdruck in der Wahl der Zeitungen, die
er las, in ein paar Briefen und in Bemerkungen, die ich von seiner Hand
geschrieben in "_Rotteck's Weltgeschichte_" finde.

Leidenschaftlichkeit war ihm fremd.

Vielleicht war sie es ueberhaupt jener Zeit, wenigstens in den Massen, die
wir kennen.

Ich besitze Briefe, die ein kluger und hochstehender Mann an meinen Vater
geschrieben hat, und das Hervorstechendste ist der massvolle Ton und die
Art, den Gegner noch immer gelten zu lassen.

Auch als der Krieg gegen Preussen ausgebrochen war, fuehrte die Erregung
nicht zu haltlosen und wuesten Schimpfereien.

Wer sich davon ueberzeugen will, der nehme alte Zeitschriften zur Hand, und
er wird staunen, wie darin jede Eisenfresserei gluecklich vermieden ist.

Die Philister allerdings, die Hohenlohe mit viel Unbehagen in Bierkellern
beobachtete, moegen sich wuetend gebaerdet haben, aber in der Familie war der
Ton nicht auf Mord und Tod gestimmt.

In der Vorder-Riss pflegte man in dem ereignisreichen Sommer 1866 einen
regen Verkehr mit den bundesbruederlichen Grenzern und Jaegern aus Tirol,
und man stellte dabei mit wuerdigem Ernste als unausbleibliche Folge den
Untergang Preussens fest.

Ein bayrischer Oberkontrolleur, der zuweilen zur Visitation kam,
schuettelte zu diesen Prophezeiungen den Kopf. Er hatte sich im Dienste des
Zollvereins laengere Zeit in Norddeutschland aufgehalten und versicherte
auf Grund seiner Erfahrungen, dass die Geschichte auch anders kommen koenne.

Man nahm dem liebenswuerdigen Manne diese schrullenhafte Ansicht nicht uebel
und laechelte darueber.

Wie es dann sehr bald wirklich anders kam, wurde der Oberkontrolleur als
einsichtiger Politiker betrachtet.

Nach dem Kriege war der deutsche Fruehling, den Voelk im Zollparlament
begruesste, nicht durchaus hell und sonnenwarm.

Am Himmel hing als finstere Wolke die Angst vor dem Verluste der
bayrischen Selbstaendigkeit, und sehr hohe Herren, auch der Koenig, schauten
bedenklich nach ihr und befuerchteten schlimmes Wetter.

In manchen Kreisen war das ja lange noch ein anregendes Gespraechsthema;
wer sich aber in den Geist jener Zeit versetzt, wird feststellen, dass der
von Ludwig II. niedergelegte Wunsch, "es moege Bayern, nicht mehr als
noetig, mit Preussen verknuepft werden", jeden politischen Gedanken, zum
mindesten an offizieller Stelle, beherrschte.

Der Entwurf zu einer Gruendung "_der Vereinigten Staaten von
Sueddeutschland_", den Herr _von Voelderndorff_ anfertigte, liest sich fuer
uns wie die Vereinsstatuten einer Harmonie und Buergereintracht; damals
wurde er mit feierlichem Ernste gewuerdigt.

Ueber die moegliche nationale Verbindung der sueddeutschen Staaten, ueber ihr
selbstaendiges und nicht zu nahes Verhaeltnis zum Norddeutschen Bunde
unterhielt man sich in den Salons der Gesandten, in den Zimmern der
Minister und in den Bierstuben, vielleicht nicht mit wesentlich
abgestufter Einsicht.

Dass mein Vater von dieser Angstmeierei nicht angesteckt war und die
deutsche Zukunft in den Haenden des Fuersten Bismarck fuer gut aufgehoben
hielt, beweist mir ein Brief, den er im Februar 1870 an seinen Freund, den
Oberst Graf Tattenbach, geschrieben hat.

Darin drueckte er seine Sorge aus, es koenne das "weibsmaessige Getue und
Sichsperren" noch einmal zu Dummheiten fuehren.

Das Misstrauensvotum, das beide Kammern gegen den Ministerpraesidenten von
Hohenlohe abgaben, indem sie ihm "die Faehigkeit zur Wahrung der bayrischen
Selbstaendigkeit" absprachen, beunruhigte meinen Vater.

Ganz besonders aber die Tatsache, dass alle bayrischen Prinzen, mit
Ausnahme des immer fuer ein einiges Deutschland eintretenden _Herzogs Karl
Theodor_, dem Misstrauensvotum zugestimmt hatten.

Nicht nur aus Zeitungsberichten, auch aus unmittelbarer Anschauung konnte
mein Vater die Erkenntnis gewinnen, wie die Sorge um die
Selbstherrlichkeit massgebende Persoenlichkeiten beherrschte. Der
wuerttembergische Minister _Baron Varnbueler_ weilte oefters als Jagdgast in
der Vorder-Riss. Der war ein Partikularist von besonderen Gnaden, und in
seiner gut schwaebischen Offenherzigkeit machte er kein Hehl daraus. Er war
uebrigens kein Buerokrat, und seine Ansichten waren nicht in der Luft der
Kanzleien gediehen, vielmehr hatte er eine fuer damalige Zeiten sehr
ungewoehnliche Laufbahn durchmessen.

Er war Direktor einer Wiener Maschinenfabrik gewesen und hatte grosse
Reisen unternommen, ehe er ins Schwaebische heimkehrte und am Nesenbach
Weltgeschichte machte.

Der Krieg von 1870 verscheuchte die Kuemmernisse oder brachte sie doch zum
Schweigen.

Mein Vater erlebte ihn mit freudiger Anteilnahme, und er mag oft
ungeduldig auf Nachrichten gewartet haben.

Die Riss war in dem harten Winter schon im Dezember zugeschneit, und damit
war der Postdienst eingestellt.

Da taten unsere Jaeger ein uebriges fuer ihren Oberfoerster. Sie stapften auf
Schneereifen zum Forsthaus _Fall_ hinaus und holten die Post, die von
Lenggries aus dorthin gebracht worden war.

Eines Abends, als wir schon bei Lampenlicht in der Stube sassen, trat der
Jaeger Bauer, den Bart bereift und vereisten Schnee an den Schuhen, ein.

Er brachte die Nachricht, dass Paris gefallen sei. Daran wuerde ich mich
vielleicht nicht mehr erinnern, aber dass mein Vater und die Jagdgehilfen
hinauseilten und Schuss auf Schuss vor den Fenstern abfeuerten, machte einen
so starken Eindruck auf mich, dass es mir im Gedaechtnis blieb.

Und daran erinnere ich mich auch, wie voellig ich im Banne der bei _Gustav
Weise_ in Stuttgart erschienenen Kriegszeitung stand, die, zerlesen und
vergilbt, mir heute noch das Andenken an meine Kinderzeit wachruft.

Ich kannte jedes Bild, und ein Gedicht, das ich damals lernte, kann ich
heute noch zum Teil auswendig.

Die Hauptperson fuer mich war aber keiner der Herrscher oder Heerfuehrer,
sondern "der Bismarck", den ich zur Verwunderung unserer Jaeger auch aus
figurenreichen Bildern sogleich herausfand.

Die leidenschaftliche Anhaenglichkeit an ihn schlug Wurzeln im
Kinderherzen, die mit meinem Aufwachsen erstarkten, zaeher wurden und sich
niemals lockern liessen.

Kluge Leute haben mir spaeterhin ihr Mitleid zugewandt wegen meiner
unbekuemmerten Hingabe an den Alten; ich habe daran festgehalten und nichts
davon hergelassen bis auf heute.

Eine besondere Freude war es fuer meinen Vater, wenn er Nachrichten von
seinem Forstgehilfen _Mailer_ erhielt, der als Artillerieleutnant gegen
Frankreich gezogen war.

Er ist nach Jahren Foerster in der Valepp geworden und war dort so lange im
Amt, dass ihn wohl die meisten Muenchner Touristen kennen.

Nach dem Feldzuge kam er wieder in die Vorder-Riss und brachte als Trophaeen
einen franzoesischen Kuerass und mehrere Chassepotgewehre mit.

Der Kuerass regte meine kindliche Phantasie an, weil er eine tiefe
Schussbeule trug.

Mit den Chassepots aber machte mein Vater gruendliche Schiessproben, wie er
ueberhaupt fuer Gewehre ein eingefleischtes Interesse zeigte. Jede
Schusswaffe, die ein Jaeger fuehrte, wurde von ihm genau untersucht, zerlegt
und ausprobiert. Das Werdergewehr, das den bayrischen Jaegerbataillonen
gute Dienste geleistet hatte, fand seine besondere Bewunderung, und eine
Werder-Puerschbuechse, die er zu Weihnachten erhielt, machte ihm die groesste
Freude. Er schoss sie auf jede Entfernung ein, und als er dabei eine Henne,
die sich an die Isar hinunter verlaufen hatte, auf sehr weite Distanz
hinlegte, erhielt er von der Hausmutter eine eindringliche Vorlesung ueber
Sparsamkeit und Besonnenheit in reiferen Jahren.

Zu Anfang der siebziger Jahre erregte die Welt jener Streit um das
Unfehlbarkeitsdogma.

In Staedten und Doerfern kam es zu heftigen Wortkaempfen und zum Eintritt in
die altkatholische Kirche.

Mein Vater stand auf der Seite seines alten Rektors _Doellinger_ und sah
kopfschuettelnd, wie sich so ploetzlich Gewissensfragen erheben konnten.

Allein als Forstmann und Jaeger befasste er sich nicht heftig mit den
Fragen, und er bedurfte auf seiner gruenen Insel keines Vereins und keiner
Partei, um fuer sich ein Gegner des unduldsamen Wesens zu bleiben.

Meine Mutter aber hing zu sehr an der alten Sitte und den alten Formen,
als dass sie sich ein Urteil angemasst haette.

Sie hatte sich den Grundsatz zurechtgelegt, dass man sich aus den Lehren
der Kirche das viele Gute und Schoene entnehmen und sonst nicht nachgruebeln
und kritisieren solle.

Wenn sie das in spaeteren Jahren zu mir sagte, nickte sie bekraeftigend mit
dem Kopfe dazu, und ich sah ihr an, dass sie zufrieden war, einen so
sicheren Standpunkt gewonnen zu haben. Sie hat nach ihrer Religion gelebt
und fasste - tiefer als manche theologische Abhandlung - das Wesen des
Christentums in dem Satze zusammen, "dass man niemandem wehe tun duerfe". Um
religioese Meinungen anderer hat sie sich ihr Leben lang nicht gekuemmert.

Eine sich mehr gegen Zwang auflehnende Natur war unsere "_alte Viktor_".

Ich bin um einen Titel verlegen, der ihre Wirksamkeit richtig bezeichnen
koennte.

"Stuetze der Hausfrau" sagte man damals nicht, und es klaenge mir zu
fremdartig; "Kinderfraeulein" passte nicht zur Bescheidenheit unseres Hauses
und wuerde ihrer Taetigkeit nicht gerecht. So will ich sie, wie ehedem im
Leben, die alte Viktor heissen.

Sie war die Tochter eines Handelsgaertners und Buergermeisters von Schongau,
kam zu meinen Eltern, als ich zwei Jahre alt war, und starb vierunddreissig
Jahre spaeter in meinem Hause.

Sie war eine angehende Dreissigerin, als sie kam, nicht ganz frei von
altmaedchenhafter Empfindlichkeit, aber so lebenstuechtig, dass sie bald die
unentbehrliche Beraterin und Helferin war.

In schweren Stunden zeigte sie ihre resolute Art, tat immer das Richtige
und Notwendige, und kein Schmerz konnte sie verhindern, an alles zu denken
und fuer alles zu sorgen.

Nur in ruhigen Zeiten und ganz besonders, wenn lebhaftere Heiterkeit
vorherrschte, konnte sie in weltschmerzliches Mitleid mit sich selber
verfallen und in ihr Tagebuch ein gefuehlvolles Gedicht aus Zeitschriften
oder Buechern abschreiben. Sie besass eine ausgesprochene Neigung fuer die
schoene Literatur und eine Neigung, sich darueber zu unterhalten.

Dabei war sie eine gruendlich geschulte Kennerin aller Pflanzen, Kraeuter
und Blumen, sie botanisierte auf jedem Spaziergange und klebte die
gepressten Herbarien in ein Buch ein.

Ihr Vater war in den vierziger Jahren Landtagsabgeordneter gewesen und
hatte seiner Tochter eine gruendliche Abneigung gegen jede Art von
Rueckschritt und Tyrannei vererbt.

Sie blieb zeitlebens misstrauisch gegen zukuenftige Moeglichkeiten, und sie
war ueberzeugt, dass von irgendwoher und von irgendwem Unterdrueckung drohe.

So frommglaeubig sie war, nahm sie doch "eine gewisse Art von Geistlichen"
von diesem Verdacht nicht aus.

Sie sah in dem Dogma und in der Art, wie es durchgesetzt wurde, nur die
Bestaetigung ihrer schlimmen Ahnungen und den Beweis dafuer, dass es
allgemach wieder finsterer werde.

Sie war gluecklich, wenn sie sich darueber aussprechen konnte oder wenn gar
der Herr Oberfoerster ihr beipflichtend sagte, dass die "Viktor wieder
einmal durchaus recht habe".

Fuer die kleinen Leute trat sie immer ein, auch wenn ihnen niemand zu nahe
trat; sie stellte den unwirklichen Gefahren ebenso nachdruecklich ihre
Prinzipien entgegen.

Alle im Hause schaetzten ihre brave Art, und der Jagdgehilfe Thomas Bauer,
der ein Paar gute Augen hatte und ein sicheres Urteil, schloss mit ihr
dauerhafte Freundschaft.

Wenn sich der Fruehling auf den Bergen einstellte und Bauer meinen Eltern
einen Strauss der fruehesten Blumen brachte, vergass er auch die "Viktori"
nicht.

Sie blieb ihm dankbar und anhaenglich, wie allem und jedem, was im
Zusammenhange mit der schoenen Vorder-Risser Zeit stand.

Eine nicht unwichtige Rolle spielten in diesem kleinen Kreise auch die
Jagdgaeste oder Jagdkavaliere, wie man sie nannte.

Es lag in der Abneigung des Koenigs gegen alles, was Verpflichtungen mit
sich brachte, begruendet, dass keine Mitglieder des koeniglichen Hauses in
die Riss kamen.

Eine Ausnahme bildete nur _Herzog Ludwig_, der jedes Jahr zur Puersche -
Treibjagden gab es damals nicht - eingeladen war. Den wuerttembergischen
Minister _von Varnbueler_ habe ich schon genannt. Andere Herren gab es, die
nur fuer ein Jahr oder eine Jagdzeit Erlaubnis erhielten.

Ein regelmaessiger Gast war ein Graf _Pappenheim_, den die Jaeger wegen
seines Jagdfiebers den Grafen "Nackelheim" hiessen.

Aber _der_ Jagdkavalier fuer meine Eltern und fuer alles, was in der Riss
lebte, war der Oberst _Graf Tattenbach_, der in der Amberger Gewehrfabrik
Dienst tat.

Sein Kommen war jedesmal ein Fest.

Wir Kinder liebten den kleinen Mann, der unter den buschigsten
Augenbrauen, die ich je gesehen habe, klug in die Welt schaute, und wenn
wir uns auch keine Rechenschaft darueber geben konnten, so fuehlten wir doch
das Behagen, das er um sich verbreitete.

Er machte nicht viel Worte, aber aus seinen gutmuetigen Neckereien sprach
seine Zuneigung zu meinen Eltern. Er ist meinem Vater ein treuer Freund
geworden und geblieben; meiner Mutter hat er nach dessen Tode Beistand und
freundliche Dienste geleistet, wo er konnte.

Die Jaeger schaetzten ihn wegen seiner weidmaennischen Faehigkeiten und wegen
seines sachverstaendigen Urteils ueber Gewehre.

Seine Jagdpassion gab Anlass zu vielen Spaessen, denn in ihr ging er ganz
auf, und jedes Jagdglueck genoss er zweimal.

Wenn er es erlebte und wenn er es am Kaffeetisch erzaehlte.

Dabei wurde er gespraechig und schilderte - nicht in fliessender Rede,
sondern in haeufig abgebrochenen Saetzen mit Pausen - jeden Umstand, der
sich beim Puerschen, beim Schusse und bei der Nachsuche zugetragen hatte.
Der Pausen bedurfte er, um am langen Pfeifenrohre zu saugen und mit dem
Rauche die herrliche Erinnerung einzuschluerfen. Zuweilen dauerte eine
Pause so lange, dass sich jemand mit einer Frage oder dem Glueckwunsche zu
frueh einstellte, dann hob er beschwoerend die Hand und sagte lachend: "Nur
warten! Ich bin noch lang net fertig."

Er war ein vornehmer Mann, dessen schlichter Charakter sich mit keiner
Phrase vertrug, harmlos, von guter, altbayrischer Praegung.

Wenn er nach der Hirschbrunft Abschied nahm und das Gattertor hinter
seinem davonrollenden Wagen zufiel, dann waren wir allein auf viele
Monate.

Es bedurfte eines guten Willens und eines tuechtigen Verstandes, um diese
Einsamkeit nicht als drueckend zu empfinden.

Daran fehlte es nicht, und zeitlebens haben meine Angehoerigen sich gerne
jener Zeit erinnert.

Und so will ich Abschied nehmen von den schlichten Menschen, die "taetig
treu in ihrem Kreise nie vom geraden Wege wichen".

Die meisten von ihnen sind tot und haben mir das Heimweh hinterlassen nach
ihrer redlichen Art und nach dem Fleck Erde, der mir durch sie so teuer
geworden ist.





                                SCHULJAHRE


Es ist mir nicht bekannt, ob der Wortlaut der Disziplinarsatzungen unserer
bayrischen Gymnasien heute ein anderer ist als vor dreissig Jahren; die
Ansichten der Lehrer wie der Schueler haben sich jedenfalls geaendert, und
darum ist trotz aller Widerstaende ein vielbegehrter und viel angefeindeter
Fortschritt erzielt worden. Als ich Schueler der oberen Gymnasialklasse
war, galt uns Jungen koerperliche Ausbildung nicht viel mehr als unseren
Professoren. Sie nannten alles, was sie foerdern konnte, Allotria treiben,
und sie waren immer besorgt, dass die Jugend nicht vom Studium abgelenkt
wurde.

Wenn ich heute die Scharen junger Leute in die Berge laufen sehe,
Backfische mitten unter heranwachsenden Juenglingen, stelle ich mir vor,
was die Rektoren aelterer Ordnung dagegen zu sagen gehabt haetten oder wie
die Eltern vor so etwas zurueckgeschreckt waeren.

Wie sauertoepfisch stellten sich viele Lehrer gegen den einen herkoemmlichen
Maispaziergang! Einige mussten immer wieder daran erinnert werden, und wie
oft schrieben wir an die Tafel: "_Oramus dominum professorem, ut
ambulemus!_" Endlich liess sich der Gestrenge herbei, das Unvermeidliche zu
gewaehren. Man fuhr etwa nach Bruck, ging zum Maisacher Keller und zurueck,
und der forsche Schueler trank dann mehr, als er vertragen konnte. Es
gingen Heldensagen in der Klasse herum, dass der und jener vierzehn Halbe
Bier hineingeschuettet habe, und alle staunten das an.

Jungen haben immer Ehrgeiz. Wenn er sich auf Dummheiten schlaegt, ist die
Erziehung schuld.

Das toerichte Froschverbindungswesen zum Beispiel war aus einem Punkte
leicht zu kurieren. Haette man die Jugend angehalten, in Mut und
koerperlicher Gewandtheit zu wetteifern, so waeren ihr sogleich die Folgen
heimlicher Saufgelage veraechtlich erschienen. Durch strenge Verbote reizte
man gerade die Tuechtigsten zur Uebertretung, die nun Auszeichnung im Kampfe
gegen drakonische Massregeln suchten. Dazu kam, dass Philister dieser
Verbindungen, Faehnriche, Studenten, Praktikanten, zuweilen sogar aeltere
Esel, mit kommersierten und mit den darueber hocherfreuten Pennaelern die
Burschenhuete durchstachen.

Das leuchtende Vorbild fuer frische Jungen konnte damals ein
aufgeschwemmter Student sein, der sich in ein paar Semestern um Gesundheit
und Tatkraft soff. Heute verachtet jeder Schueler einen Mann, der in den
zwanziger Jahren schon an Folgen des Trinkens leidet, heute ruehmt er den
besten Bergsteiger, Schneeschuhlaeufer, Ballspieler, kennt hervorragende
Leistungen und traeumt davon, sie zu uebertreffen.

Und es gibt Lehrer, die diesen Geist foerdern und nicht entsetzt daran
denken, dass ein Tag im Freien die Lust am Praeparieren trueben koennte. Sie
stellen sich, wie ich hoere, auch auf einen andern Fuss zu den Schuelern.
Wenn ich eine stattliche Reihe von Professoren in der Erinnerung an mir
vorueberziehen lasse, finde ich kaum einen darunter, der uns ein
wohlwollender Freund oder gar ein Kamerad gewesen waere. Sonderlinge,
Tyrannen, die Aufruhr witterten, gute Kerle, die seufzend ihren Dienst
taten, waren sie Lenker unserer Geschicke, misstrauische Vorgesetzte, aber
niemals Kameraden. Es wurde ungeheuer viel Respekt verlangt und recht
wenig eingefloesst. Leichte Dinge wurden unmaessig schwer genommen, und man
dachte wohl gar nicht daran, wie empfindlich die Jugend gegen die
Unwahrheit ist, die in jeder Uebertreibung steckt.

Ich halte fuer die beste Erziehung die, die jungen Menschen Widerwillen
gegen Taktlosigkeit und Unbescheidenheit einfloesst. Da ist Vorbedingung ein
herzliches Verhaeltnis zu den Lehrern. Das unsere war so, dass wir alle,
auch da, wo wir das Recht auf seiten der Lehrer sahen, Partei gegen sie
nahmen. Das natuerliche Empfinden der Jugend entscheidet sich aber, wenn es
nicht durch schaedigende Einfluesse beirrt wird, immer fuer das Recht. Der
schaedliche Einfluss war das ganze System. Heute ist, wie ich sehen kann,
vieles besser geworden. Und ich glaube, die Schueler von heute werden sich
dereinst nicht mehr als Graubaerte mit Entruestung ueber ihre Schulzeit
unterhalten.

Wenn einmal die Rede darauf kommt, breche ich heute noch eine Lanze fuer
die humanistische Schulbildung. Ich habe Gruende dagegen anfuehren hoeren,
die mir sehr vernuenftig, aber nie ueberzeugend vorkamen. Dass die
Naturwissenschaften heute einen ganz andern Rang einnehmen als zu der
Zeit, da der Lehrplan fuer humanistische Gymnasien festgesetzt wurde, kann
wohl nicht bestritten werden, aber immer gewinnen mich gleich wieder die
fuer sich, die Zweckmaessigkeit nicht als ausschlaggebend fuer die Bildung des
Geistes gelten lassen. Wenn ich nachdenke, was in meinem Schulranzen von
frueher her geblieben ist, so finde ich wenig an positiven Kenntnissen,
wohl aber manches an Gesamteindruecken, Anregungen und Stimmungen, die mir
foerderlich waren.

Immer bleibt es mir ein Gewinn, dass ich Homer in der Ursprache gelesen
habe. Keine andere Dichtung kann empfaengliche Jugend, waehrend sie ihre
Phantasie anregt, so in das eigentliche Wesen der Dichtkunst einfuehren wie
die Odyssee. Ehrwuerdig durch ihr Alter, durch ihre Wirkung auf viele
Geschlechter der Menschen, zeigt sie ihr in herrlicher Sprache die
Unwandelbarkeit natuerlichen Empfindens. Die Wirkung dieser Einfachheit und
Wahrheit auf ein junges Gemuet laesst sich nicht scharf umgrenzen; sie bleibt
haften und vermag uns nach manchen Irrgaengen zum Verstaendnisse echter
Groesse zurueckzufuehren.

Heute noch steht mir die Schilderung, wie die Schaffnerin Eurykleia den
Herrn an der Narbe wiedererkennt, oder jene, wie Argos, der Hund, von
Ungeziefer zerfressen, auf dem Lager das Haupt und die Ohren hebt, da ihm
nach zwanzig Jahren Odysseus naht, weit ueber allem. Und weil sie mich
damals tief ergriffen, glaube ich fest daran, dass sie mir den Weg zum
rechten Verstaendnisse wiesen. Ich habe ueber die Lektuere Homers manches
andere vernachlaessigt, wie ich ueberhaupt mein Interesse fuer bestimmte
Faecher gerne uebertrieb.

Ich konnte mich nur schwer in gleichmaessige Ordnung fuegen, und noch weniger
gelang es mir, in der Schule aufmerksam zu bleiben. Dazu kam, dass ich
vieles begann, eine Zeitlang mit Freude betrieb und dann wieder achtlos
liegenliess. So erinnere ich mich, dass ich einige Monate hindurch eifrigst
Zeichnungen zur Odyssee machte, zu denen ich in verschiedenen Buechern
Unterlagen fand; ich kolorierte sie saeuberlich, erwarb mir damit auch die
Anerkennung eines noch ziemlich jungen Professors, der in mir
kuenstlerische Begabung entdeckte und mir hinterher sein Wohlwollen entzog,
als mein Eifer nachliess und zuletzt ganz einschlief. Es war klar, dass ich
bei dieser Veranlagung wenig Neigung zur Mathematik fassen konnte, die
systematisches Fortschreiten verlangt und keiner Draufgaengerei Vorschub
leistet.

Dagegen betrieb ich mit Eifer Geschichte, und die Neigung dafuer ist mir
geblieben. Nach meiner Gewohnheit hielt ich mich weder an das Schulpensum
noch an die Schulbuecher. Ich las die baendereichen Werke von Schlosser,
Weber und Annegarn, der heute nicht mehr vielen bekannt ist. Annegarn mit
Abneigung und innerlichem Widerspruche, denn ich hatte seiner ultramontan
gefaerbten Darstellung eine waschechte liberale Gesinnung
entgegenzustellen.

Ich kann heute darueber laecheln, wie ich mit einer der Gegenwart, nicht
aber dem Geist der Zeiten angepassten Leidenschaft fuer und gegen laengst
vergangene Ereignisse und Zustaende Partei nahm. Aber ich habe spaeterhin
gereifte Maenner gesehen, die sich in die Haare gerieten ueber den Gang nach
Canossa oder die Schuld Maria Stuarts, und so kann ich es mir selber
verzeihen, dass ich als Gymnasiast von der Maximilianstrasse bis zum Isartor
unter heftigen Reden gegen Anjou oder Rom oder die Welfen dahinschritt.

Mein Widerpart war ein kluger Junge, der vom Papa altbayrische Skepsis
angenommen hatte und meine wortreiche Heftigkeit belaechelte. Groeblicher
wurde der Kampf, wenn ich auf den Fahrten in die Vakanz mit meinen
Chiemgauer Kommilitonen beisammensass. Sie studierten fast alle in Freising
und zerzausten mir meinen Grossen Kurfuersten mitsamt dem Alten Fritz, dass
es eine Art hatte.

Geschichte wurde auf den Muenchner Gymnasien sehr vorsichtig traktiert. Mit
1815 hoerte man auf, wenn es ueberhaupt so weit ging; was nachher kam, war
zu gefaehrlich, zu aktuell und nicht reif fuer abgeklaerte Darstellung. Ob es
auf einen Wink von oben unterlassen wurde, weiss ich nicht.

Was fuer Absonderlichkeiten damals noch moeglich waren, mag ein Beispiel
zeigen. Wir hatten in der zweiten Gymnasialklasse, der heutigen siebenten
oder Obersekunda, einen Professor, der nur Katholiken in seiner Klasse
haben wollte. Man sah dem alten Herrn die Schrulle nach, und da es eine
Parallelklasse gab, wurde in sie alles, was Protestant und Jude war,
gestopft. Erst das Jahr darauf wurden wir wieder simultan.

Einiges von unseren deutschen Klassikern, mit denen ich fruehzeitig
vertraut geworden war, lasen wir auch in der Schule, in einer Art, die
wirklich Tadel verdiente. Haette ich zum Beispiel Hermann und Dorothea
nicht vorher gekannt, so waere mir vielleicht auf lange Zeit der Geschmack
daran verdorben gewesen durch die unbeschreiblich langweilige Behandlung,
die sich monatelang duerftig und duerr hinschleppte.

Am Ende waren unsere Lehrer auch da wieder in einer Zwickmuehle. In den
Werken unserer Dichter ist allerlei enthalten, zu dem man sich als
Erzieher nicht freudig bekennen durfte; davor warnen, hiess darauf
hinweisen, und so tat man so, als glaubte man uns, dass wir selber alles
Gefaehrdende scheu von uns abweisen wuerden. Aus einem so verdruckten Getue
kommt nie was Gescheites heraus. Natuerlich hatten wir Leute unter uns, die
wahre Entdecker von Verfaenglichkeiten waren und besonders bei Shakespeare
Stellen fanden, die sie kichernd vor dem Unterrichte und in den Pausen
ihren Vertrauten mitteilten. Vor so was schuetzt kein Verhuetungssystem,
bloss eine Erziehung zum frischen und gesunden Sinn.

Wir hatten einen Lehrer, den alten Eilles, einen Grobianus, der trotz
seines rauhen Wesens unser Liebling war und dem wir alle ueber die Schule
hinaus Verehrung bewahrten. Wenn der im Homer an eine Stelle kam, wo etwa
Odysseus sich mit Kalypso zurueckzog, dann strich er lachend seinen roten
Bart und schrie er uns zu: "Nur laut reden und nicht murmeln! Hinterher
tuschelt ihr euch doch das duemmste Zeug in die Ohren! Und er schlief bei
ihr ... jawoll! Ihr Lausbuben und Duckmaeuser!"

Mein Interesse an der deutschen Literatur bewies ich nicht bloss durch
reichlichen Ankauf von Reclambuechern und Gesamtausgaben, deren Kosten
meine gute Mutter oft mit Kopfschuetteln bestritt, sondern neben dem
uebrigens verbotenen Theaterbesuch auch dadurch, dass ich mich in die
Universitaet einschlich. Damals las Bernays ein Kolleg ueber Schiller; es
begann eine Viertelstunde nach vier Uhr, also nach Klassenschluss. Ich lief
mit zwei Freunden Trab durchs Lehel, den Hofgarten und die Ludwigstrasse
und sass dann keuchend und erhitzt auf der hintersten Bank. Dass es _per
nefas_ geschah und uns das Aussehen akademischer Buerger verlieh, war
vielleicht der staerkere Ansporn zu dem anstrengenden Hospitieren.

Bernays wirkte mit schauspielerischen Mitteln; wenn er bald fluesterte,
bald die Stimme erhob, wenn er Pausen machte und dann ein bedeutendes Wort
in die Zuhoerer schleuderte, machte er starken Eindruck und wollte ihn
machen. Wir bewunderten ihn und bewunderten uns auch ein wenig selber, dass
wir uns die Bildung so sauer verdienten.

Der Theaterbesuch! Natuerlich war er verboten, oder richtiger gesagt, nur
"nach vorgaengiger Erlaubnis des Rektors gestattet". Heute bin ich froh
darueber, dass ich mich auch hierin nicht an die Satzungen hielt, denn die
allerschoensten Stunden verlebte ich auf der Galerie des Hoftheaters, wo
ich mit Herzklopfen sass und beim freundlichen Anschlag der Glocke mich
sogleich in eine Maerchenwelt versetzt fand. Wenn ich ihren Klang hoere und
sich der Vorhang feierlich hebt, fuehle ich mich immer wieder
zurueckversetzt in jene Zeit, Jahre versinken, und ich bin wieder jung wie
damals. Das Hoftheater hatte ein Ensemble, dessen sich heute die Berliner
und Wiener Buehnen nicht ruehmen koennen. Vorstellungen mit Ruethling, Herz,
Richter, Kainz, Haeusser, Schneider, Possart, Keppler, mit der Heese, Bland
und Ramlo bleiben im Gedaechtnisse.

Draussen am Gaertnertheater war auch eine Kuenstlerschar taetig, die, wie
heute keine mehr, Volksstuecke und Possen herausbringen konnte. Der alte
Lang, Albert, Hofpauer, Neuert, Dreher, Brummer, die Schoenchen, Kopp,
Hartl-Mitius.

So gab mir das Theater schoene Feste, und eine brave Tante und
Theaterfreundin gab mir die dreissig Pfennig fuer den Platz auf der Galerie.
Mit einem Stueck Brot und einer Hartwurst in der Tasche wartete ich gerne
eine Stunde lang vor den geschlossenen Toren, um dann die engen Treppen
hinaufzustuermen und mir den besten Platz zu erobern.

Einen sehr starken Eindruck machte auf mich das Gastspiel der Meininger.
Es ist bekannt, wie ihre Regie mit aeusseren Mitteln, mit wildbewegten
Volksmassen, mit echten Kostuemen Wirkungen hervorbrachte, und ich erinnere
mich heute noch an die hereinstuermenden Pappenheimer Kuerassiere oder an
das Geschrei des Volkes auf dem roemischen Forum. Aber auch die
schauspielerischen Leistungen waren gross, und Teller, Nesper, Drach sind
Namen, die sich ins Gedaechtnis gepraegt haben. Dass die Meininger sich
ausschliesslich mit der Darstellung klassischer Werke Ansehen erwarben,
darf man im Zeitalter der Operette und des gemeinen Filmdramas besonders
hervorheben.



Ich war der Obhut zweier Onkel anvertraut, die, so entfernt verwandt sie
auch mit uns waren, doch nach Sitte und Brauch so genannt wurden. Sie
hatten zusammen eine kleine Wohnung in der Frauenstrasse inne; der eine,
pensionierter Postsekretaer, war mit der Schwester des andern, eines
pensionierten Premierleutnants, verheiratet. Diese, die gute alte Tante
Minna, war der Mittelpunkt des Hausstandes, die Friedensbringerin bei
allen auftauchenden Differenzen zwischen den Herren und nebenher eine
altbayrische Chronik. Ihre Geschichten gingen zurueck in die zwanziger und
dreissiger Jahre und spielten in Freising und Altmuenchen. Sie erzaehlte
gerne und sehr anschaulich und kannte die staedtischen Familien, dazu auch
eine erkleckliche Zahl bayrischer Staatsdiener, von denen sie allerlei
Menschliches wusste, das im Gegensatze zu etwa vorhandenem Staatshochmute
stehen durfte.

Wenn der Onkel Postsekretaer abends, wie es seine Gewohnheit war, den
"Muenchner Boten" vorlas und mit einem Blaustift aergerliche Nachrichten
zornig anstrich, dann unterbrach Tante Minna nicht selten die Vorlesung
mit einer Anekdote ueber einen Gewaltigen in Bayern. "Der brauchet sich
auch net so aufmanndeln ..." Damit begann sie gewoehnlich die Erzaehlung,
und dann folgte die Geschichte eines Begebnisses, in dem der hohe Herr
schlecht abgeschnitten hatte.

Das konnte oft bis in die fruehe Jugend des Getadelten zurueckreichen, denn
die Tante hatte ein unerbittliches Gedaechtnis. Dabei war sie heiter,
wohlwollend und herzensgut und sah aus wie ein altes Muenchner Bild, mit
ihren in der Mitte gescheitelten Haaren, auf denen eine kleine Florhaube
sass. Sie hielt den kleinen, aber behaebigen Haushalt in bester Ordnung und
liess in ihrer heiteren und doch resoluten Art keine Verstimmung andauern,
die sich zuweilen einstellte, denn die zwei Onkels repraesentierten zwei
verschiedene Welten. Der Postsekretaer hatte - schon anfangs der dreissiger
Jahre - in Muenchen Jura studiert, war aber vor dem Examen zur Post
gegangen und hatte zuletzt als Sekretaer in Regensburg amtiert. Der
Premierleutnant hatte die Feldzuege mitgemacht, war nach siebzig krank
geworden und hatte den Dienst quittiert.

Vorne, wo Onkel Joseph, der Sekretaer, sein Zimmer hatte, war's ganz
altbayrisch, partikularistisch, katholisch. Sechsundsechzig und was
nachher kam, Reichsgruendung, Liberalismus um und um, Kulturkampf, alles
wurde als Untergang der guten, alten Zeit betrachtet. Hier bildeten
Kindererinnerungen an Max Joseph, der das Soehnchen des Burghauser
Landrichters getaetschelt hatte, das Allerheiligste, und eine
Studentenerinnerung an Ludwig I., der den Kandidaten Joseph Maier im
Englischen Garten angesprochen hatte, konnte durch keine neudeutsche
Grosstat in den Schatten gestellt werden.

Wenn aber das "Regensburger Morgenblatt", das auch abends vorgelesen
wurde, einen schmerzlichen Seufzer ueber Falk, Lutz oder Bismarck brachte,
fuhr der angenetzte Blaustift groeblich uebers Papier. Da konnte es dann
auch Pausen geben, und zwischen zwei Schlucken aus der Sternecker Mass
setzte es ingrimmige Worte ueber respektabelste Persoenlichkeiten ab, bis
Tante Minna fand, dass es nun genug waere und dass man weiterlesen sollte.

Im Zimmer rueckwaerts, wo Onkel Wilhelm hauste, lebten die Erinnerungen an
Woerth, Sedan und Orleans, hier herrschten Freude am neuen Reiche und
temperierter Liberalismus.

Freilich war's auch recht gut altbayrisch, und in heroische Toene vom
wiedererstandenen Kaisertum mischten sich die anheimelnden Klaenge aus dem
alten Bockkeller, aus lustigen Muenchner Tagen, wo der Herr Leutnant Paulus
mit dem Maler Schleich und anderen Kuenstlern selig und froehlich war. Im
allgemeinen vermieden es die zwei Antipoden, besonders in meiner
Anwesenheit, auf strittige Fragen zu kommen; wenn's doch geschah, war der
Angreifer immer der Herr Postsekretaer, der auch vor mir weder seine noch
seines Gegners Wuerde zu wahren beflissen war.

Zuweilen streckte er, wenn ihm etwas missfiel, heimlich, aber unmenschlich
lang seine Zunge hinterm Masskrug heraus und schnitt Gesichter.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ihn der alte Offizier einmal bei der
Kinderei ertappt haette, und ich huetete mich wohl, den praechtigen Onkel,
der so wundervolle Grimassen machen konnte, durch dummes Lachen zu
verraten.

Trotz des Kleinkrieges vertrugen sich die beiden Herren recht gut, und
wenn die Sprache auf vergangene Zeiten kam, fingen sie miteinander zu
schwaermen an vom Schleibinger Braeu und vom Schwaigertheater, vom sagenhaft
guten Bier und von billigen Kalbshaxen, und sie waren sich darueber einig,
dass im Kulinarischen und im Trinkbaren das goldene Zeitalter doch vor der
Kapitulation von Sedan geherrscht hatte. Und das versoehnte die Gegensaetze.

Waren damals eigentlich andere, mildere Sommertage als jetzt? Mir kommt's
so vor, als haette es bei weitem nicht so oft geregnet, denn viele Tage
hintereinander gab es Hitzvakanzen, und wochenlang gingen wir jeden Abend
auf den Bierkeller.

Onkel Wilhelm war nicht dabei; er blieb entweder zu Hause, oder er war um
die Zeit schon in Prien zur Erholung. Reisen war nicht Sache des Herrn
Postsekretaers. Noerdlich ist er nicht ueber Regensburg hinausgekommen, aber
auch nach Sueden zog ihn sein Herz nicht, und es genuegte ihm, wenn er an
foehnigen Tagen vom Fenster aus die Kette der Alpen sah.

Das ging damals noch.

Vom rueckwaerts gelegenen Zimmer aus sah man ueber einen breiten Bach hinweg
die Hoehen am rechten Isarufer, darueber hinaus aber die Salzburger und
Chiemgauer Berge.

Am Bache unten lag das freundliche Haeuschen eines bekannten Musikers,
mitten in einem huebschen Garten. Jetzt ist der Bach ueberwoelbt, die
Aussicht von einer oeden Reihe hoher Mietskasernen versperrt, und wo die
gepflegten Rosen des Musikers bluehten, sind gepflasterte Hoefe, darueber
Kuechenaltanen, auf denen man Teppiche ausklopft. Ein Stueck Altmuenchen nach
dem andern wurde dem Verkehr, dem grossstaedtischen Beduerfnisse, dem
Zeitgeist oder richtiger der Spekulation geopfert.

Seit Mitte der achtziger Jahre haben Gruender und Bauschwindler ihr Unwesen
treiben duerfen, haben ganze Stadtviertel von schlecht gebauten, haesslichen
Haeusern errichtet, und keine vorausschauende Politik hat sie daran
gehindert. In meiner Schulzeit lag vor dem Siegestor ein behaebiges Dorf
mit einer netten Kirche; heute dehnen sich dort fade Strassen in die Laenge,
die genau so aussehen wie ueberall, wo sich das Emporbluehen in
Geschmacklosigkeit ausdrueckt.

Damals lagen noch die Floesse vor dem "Gruenen Baum", der behaglichsten
Wirtschaft Muenchens, und weiter unten an der Bruecke lag die Klarermuehle,
in der die Saege kreischte, wie irgendwo im Oberland. Jetzt gaehnt uns eine
Steinwueste an, Haus neben Haus und eine Kirche aus dem
Anker-Steinbaukasten. Die Klarermuehle musste verschwinden, denn sie passte
so gar nicht ins Grossstadtbild; sie hatte, und das ist nun einmal das
Schlimmste, Eigenart, erinnerte an bescheidene Zeiten, wo Muenchen in
seiner aeusseren Erscheinung, wie in Handel und Gewerbe, zu dem rassigen
Landesteile gehoerte, dessen Mittelpunkt es war.

Dem Manne, der Muenchen zur schoensten Stadt Deutschlands gemacht hat, ist
das Saegewerk vor der Bruecke nicht peinlich aufgefallen, und im "Gruenen
Baum" hat Ludwig I. oefters zugesprochen, aber die neue Zeit, die fuer
amerikanische Snobs Jahrmaerkte abhielt, ihnen eine Originalitaet
vorschwindelte, von der sie sich losgesagt hatte, die konnte es nicht
weltstaedtisch genug kriegen. Ich habe in meiner Jugend noch so viel von
der lieben, alten Zeit gesehen, dass ich mich aergern darf ueber die
protzigen Kaffee- und Bierpalaeste, ueber die Gotik des Rathauses und die
Niedlichkeit des Glockenspiels und ueber so vieles andere, was unserem
Muenchen seine Eigenart genommen hat, um es als Schablonengrossstadt
herzurichten.

Wenn ich Onkel Joseph an einem Sonntagvormittag auf seinem Spaziergang
durch die Stadt begleiten durfte, machte er mich ueberall auf verschwundene
Herrlichkeiten aufmerksam.

Da war einmal dies, und da war einmal das gewesen, und es klang immer
wehmuetig, wie der Anfang eines Maerchens.

Selten oder vielleicht nie handelte es sich um die grossen Erinnerungen,
sondern um die kleinen, die wirklich Beziehungen zum Leben des einzelnen
haben. Da war einmal die Schranne abgehalten worden, und was hatte sich
fuer ein Leben geruehrt, wenn die Bauern anfuhren, Wagen an Wagen, und ihre
Saecke aufstellten, wenn Markthelfer und Haendler durcheinander liefen, wenn
geboten und gefeilscht und zuletzt im Ewigen Licht oder beim Donisl oder
im Goldenen Lamm neben der Hauptwache der Handel bei einem guten Trunk
abgeschlossen wurde.

Kaffee tranken die Schrannenleute beim Kreckel; die Frauenzimmer aber, die
auf dem Kraeutelmarkt oder, wie es bald vornehmer geheissen hat, auf dem
Viktualienmarkt ihre Einkaeufe machten, kehrten beim Greiderer oder beim
Goldner ein.

Wer es nobel geben wollte und gerne ein gutes Glas Wein trank, ging zum
Schimon in die Kaufingergasse, der in dem Durchhause seine grosse Lokalitaet
hatte.

Ja, wie gemuetlich und lebhaft es dort zugegangen war! Offiziere, Kuenstler,
Beamte, Buerger, auch Frauen aller Staende, alles durcheinander im schoenen
Verein, und ueberall ruhige Heiterkeit, wie es unter anstaendigen Leuten
sein musste, die einen edlen Tropfen liebten und das wueste Geplaerr nicht
brauchten und nicht machten. Wie viele anheimelnde Namen sagte mir der
Onkel, der fast jeden mit einem Seufzer begleitete! Da waren der
Mohrenkoepflwirt am Saumarkt, der Melber in der Weinstrasse, der Krapfenbraeu
am Faerbergraben, der Fischerwirt neben der Synagoge, der Haarpuderwirt in
der Sendlinger Strasse und dort auch der Stiefelwirt, der Rosenwirt am
Rindermarkt, der Schwarze Adler, der Goldne Hirsch und der Goldne Baer und
in der Neuhauserstrasse der Goldne Storch, wo Stellwagen und Boten von
ueberall her gerne einkehrten.

Das klang anders als die armselige Internationalitaet der heutigen Firmen,
die dem Snob sagt, dass er auch in Muenchen den huebschen Zug der Nachaefferei
und des Aufgebens aller Bodenstaendigkeit findet.

Dagegen sicher nicht mehr die schmackhafte Spezialitaet der guten Dinge,
die klug verteilt hier im Derberen, dort im Feineren zu finden war.

Aber die schoenste Entwicklung hat der brave Herr Postsekretaer nicht mehr
erlebt; er sah nur die Anfaenge dazu und starb noch, bevor man zwischen
Marmorsaeulen unter ueberladenen Stuckdecken eine Tasse Kaffee trank und
sich einbilden konnte, in einem Bahnhofe oder in einem Tempel zu hocken.

Das blieb dem eingefleischten Altmuenchner erspart.

Wenn Maibock ausgeschenkt wurde, nahm er mich zuweilen mit, und da konnte
es geschehen, dass er in eine bedenkliche Froehlichkeit geriet und beim
Heimweg den Hut sehr schief aufsetzte.

Bei einem dieser Fruehschoppen zeigte er mir einmal einen alten Herrn, der
aussah wie ein Oberfoerster aus der Jachenau oder vom Koenigssee.

"Das ist der Kobell", sagte mein Onkel. "Und jetzt hast amal an bayrischen
Dichter g'sehn." Ich bewunderte ihn von weitem, und ich weiss nicht, was
mich mehr freute, dass ich den beruehmten Mann sah oder dass er so
berglerisch und jaegermaessig ausschaute. Hermann Lingg und der Olympier
Heyse wurden mir auf der Strasse gezeigt.

Auch den alten Doellinger habe ich mehrmals gesehen, und Tante Minna, mit
der ich ging, gab mir von ihm und seinem Wirken eine Schilderung, die sich
in Persoenliches verlor und geschichtlich nicht unanfechtbar war.

Von den bayrischen Staatsmaennern kannte ich von Angesicht zu Angesicht die
Herren von Lutz und Faeustle.

Es laesst sich denken, was der Herr Postsekretaer dem Erfinder des
Kanzelparagraphen nachmurmelte; ueber Faeustle wurde milder geurteilt. Dass
er Europens uebertuenchte Hoeflichkeit nicht kannte und als Gelegenheitsjaeger
mehr Eifer als Talent verriet, wurde aber doch festgestellt.

Den Doktor Johann Baptist Sigl, der damals im Zenit seines Rufes stand und
seine lebhaftesten Artikel schrieb, konnte man oft genug sehen.

Es war von ihm mehr die Rede als von irgendeinem sueddeutschen Publizisten
oder Politiker, und die schmueckenden Beinamen, die er Personen und Dingen
beilegte, fuegten sich dem Muenchner Wortschatz ein.

Ereignisse, die die Meinung lebhaft erregten, gab es nicht; mit Murren
ueber die Neuordnung der Dinge, die auch schon das erste Jahrzehnt hinter
sich hatte, mit Murren ueber den Koenig und seine Bauten wurde so ziemlich
der Bedarf an Kritik gedeckt.

Es war eine stille Zeit; auch in literarischen und kuenstlerischen Dingen
gab es keine Aufregungen; wenigstens keine so lauten, dass hellhoerige
Gymnasiasten was davon vernommen haetten.

Zur Weihnachtsbuecherzeit lag ein Band Ebers in der Auslage, daneben was
Germanisches von Dahn.

Von ihnen hoerte man in der Entfernung, die fuer einen Schueler abgesteckt
war, am meisten.

Freytags "Ahnen" und Scheffels Werke standen in Ansehen bei uns. Nur
wenige kannten Storm, Keller, Raabe, Fontane, Konrad Ferdinand Meyer, aber
dass auch damals die Jungen schon gescheit zu reden wussten, beweist mir die
Erinnerung an ein Gespraech mit einem Mitschueler, der mir bei der Nachricht
vom Tode Auerbachs klarmachte, dass dieser Schriftsteller bedeutend
ueberschaetzt worden sei.

Ich glaube, dass ich den klugen Altersgenossen bewundert habe, denn ich
hatte keine Anlagen zur Zweifelsucht; auch was mir nicht gefiel, war mir
schon fast durch die Tatsache, dass es gedruckt war, dem Urteil entrueckt.

Einen eigenartigen Eindruck machte auf mich ein kleines Buch, das ich als
Siebzehnjaehriger in der dritten Gymnasialklasse in die Haende bekam.

Es war Fritz Mauthners "Nach beruehmten Mustern", worin Auerbach, Freytag,
Scheffel u. a. parodiert waren. Die scharfen Karikaturen wirkten nicht
bloss erheiternd auf mich; sie quaelten mich geradezu, weil sie mir mit
einem Schlage den unbefangenen Glauben an eine Vollkommenheit nahmen, die
mir unantastbar erschienen war.

Ich liess mich eine Zeitlang mit Zoegern auf Enthusiasmus ein; denn was
waren Illusionen, die mit einer Zeile zerstoert werden konnten? "'ktober
war's; der Wein geraten ...", diese Parodie auf Scheffelsche Verse blieb
mir lange im Gedaechtnis.



Ich hatte einen wachen Sinn fuer bildende Kunst, und vor den Schaufenstern
der Kunsthandlungen konnte ich lange stehen. Den Historienbildern im alten
Nationalmuseum, den Ausstellungen im Kunstverein widmete ich lebhaftes
Interesse; und wenn ich an die Eindruecke, die ich empfing, zurueckdenke,
sehe ich eine bestimmte Entwicklung des Geschmackes.

Ich hatte kein fruehreifes Urteil und musste immer gegen einen
festgewurzelten Respekt kaempfen, bevor ich mich von einer Sache abwandte,
die Geltung und Ansehen hatte. Ja, ich erinnere mich wohl, dass ich mich
zur Bewunderung zwingen wollte und den Fehler bei mir suchte, wenn es mir
nicht gelang. Aber auf die Dauer lassen sich Zweifel, die auf innerlichem
Erleben und auf unbewusstem Wachsen beruhen, nicht unterkriegen. So weiss
ich, wie ich mich geradezu danach sehnte, den Glauben an die Schoenheit
historischer Bilder wiederzufinden, und wie mir's nicht mehr gelingen
wollte.

Ich sah nur mehr kostuemierte Personen. Groesse, Tragik des Geschehens hatten
ihre starke Wirkung verloren.

Ich brachte den ketzerischen Gedanken nicht los, dass unter den meisten
dieser Bilder auch irgend was anderes stehen koennte, denn ob man bei
Giengen, Ampfing oder sonstwo Schwerter schwang und Spiesse vorstreckte,
das machte doch keinen Unterschied. Ich ging nun durch das Nationalmuseum,
das ich haeufig aufsuchte, ohne den Wandgemaelden Beachtung zu schenken,
desto mehr aber der Sache selbst. Ruestungen, Waffen, Trachten,
handwerklichen, kuenstlerischen Erzeugnissen, die mir die Vergangenheit
wirklich lebendig machten.

Ich bedauere es noch heute, dass mir jede Fuehrung fehlte, die mir Wissen
und Verstaendnis, die ich mir muehsam und stueckweise errang, ganz anders
haette beibringen koennen. Aber ich hatte niemand, und in der Schule fehlte
schon gar jede Anregung, die mich gefoerdert haette.

Nichts wurde so trocken gelehrt wie bayrische Geschichte, und ich glaube,
dass man das heute in jeder Dorfschule besser macht. Ist es die
Vaterlandsliebe weckende Geschichte, die nichts zu erzaehlen weiss als
Erbschaftsstreitigkeiten der Wittelsbacher, die Spaltung und
Wiedervereinigung von Bayern-Ingolstadt, Bayern-Landshut, Bayern-Straubing
und Bayern-Muenchen?

Vom Volke hoerte man nichts, von seinem Leben, von Bauart, Kunst und
Handwerk, von Handel und Wandel im Lande, ja kaum etwas von den
kunstreichen und klugen Maennern, die unser Stamm hervorgebracht hat.

Der Gymnasiast lief in Muenchen an Kirchen, Palaesten, Brunnen und
Denkmaelern vorbei, und sie waren ihm nichts als totes Gestein und Erz.

Sustris, Frey, Hans Krumper, Muelich, Peter Candid und Christoph
Angermaier und viele andere waren leere Namen, wenn sie schon wirklich in
Pregers Lehrbuch standen, und doch waere es moeglich gewesen, mit ein paar
Hinweisen, am Ende gar auf einem Gange durch die Stadt, dem Schueler
bleibendes Wissen beizubringen.

Man lernte in zwei Zeilen auswendig, dass Johann Turmair, genannt
Aventinus, der grosse Geschichtsschreiber Bayerns war, aber auch nur eine
Seite von ihm zu lesen, passte nicht in den Rahmen des bayrischen
Geschichtsunterrichtes. Es ist nicht bloss mir, es ist am Ende allen so
gegangen: wenn man das Gymnasium verliess, hatte man nichts gelernt und
erfahren, was einem die Heimat wertvoller machen konnte.

Im Gegenteil, es war einem die Meinung anerzogen, als stuenden wir arg im
Schatten neben dem grossen Geschehen und Emporbluehen anderswo.

Wir hatten kein Fehrbellin, kein Rossbach, Leuthen und Belle-Alliance;
unser Schlachtenruhm konnte einem warmherzigen Jungen wohl anfechtbar
erscheinen, wenn er auf seiten der Feinde Deutschlands errungen war.

Dass es anderes gab, was uns auf die Heimat stolz machen durfte, davon
erfuhr der Gymnasiast wenig oder nichts.



Die Pflicht zu meiner Erziehung nahm Onkel Wilhelm wie etwas
Selbstverstaendliches oder seinem militaerischen Charakter Zukommendes auf
sich, und meine Mutter, die sich vom soldatischen Wesen die besten Erfolge
versprechen mochte, war damit sehr einverstanden. Ich glaube nicht, dass
der Herr Postsekretaer eifersuechtig oder gekraenkt war, aber er zeigte
zuweilen mit Zitaten aus Klassikern, dass seine Kenntnisse solider waren
als die "des Soldatenschaedels".

Der Oberleutnant wiederum wollte den Schein wahren, als ob er alle Gebiete
des Wissens beherrschte, und liess im Gespraeche mit seinem Schwager
Bemerkungen ueber Unterrichtsgegenstaende fallen, die sein Vertrautsein mit
ihnen beweisen sollten.

Das fuehrte bloss dazu, dass Onkel Joseph heimlich die Augen rollte und
hinterm Masskrug die Zunge herausstreckte, wenn der Krieger, der nach
einigen Jahren Lateinschule Regimentskadett geworden war, bedenkliche
Bloessen zeigte.

Mein Onkel Wilhelm war das Urbild des altbayrischen Offiziers von Anno
dazumal, als es noch keinen preussischen Einschlag gab.

Ritterlich und ehrenhaft, bescheiden nach den recht kleinen Verhaeltnissen
lebend, aber doch gesellig und ganz und gar nicht auf Kasinoton gestimmt,
rauhschalig und stets bemueht, die angeborene Gutmuetigkeit hinter Derbheit
zu verstecken, freimuetig und nicht gerade sehr ehrgeizig. Dazu mit einem
wachen Sinn fuer gutes Essen und gutes Bier begabt, natuerlich ein
leidenschaftlicher Vorkaempfer des Altbayerntums gegen fraenkische und
pfaelzische Fadessen und Anmassungen. Wenn der dicke Bader Maier aus der
Zweibrueckenstrasse kam, um meinen Onkel zu rasieren, hoerte ich vieles, was
mir ein Bild von der alten Zeit gab.

Die beiden duzten sich, da sie, der eine als Korporal und Feldwebel, der
andere als Kadett im gleichen Regiment gedient hatten. Da gab es
Erinnerungen an Erlebnisse und an alte Kameraden, von denen manche etliche
Sprossen hoeher auf der militaerischen Leiter gestiegen waren, da gab es
Erinnerungen an kriegerische Abenteuer, denn auch der schnaufende und
schwitzende Bader Maier war Anno 66 in der Gegend von Wuerzburg in
Weindoerfern gelegen, und immer gab es ein seliges Erinnern an Ess- und
Trinkbares, an sagenhafte Leberknoedel, die ein Feldwebel besser als jede
Koechin zubereitet hatte, an Kartoffelsalate oder an Schweinernes mit
bayrischen Rueben, fuer die ein jetziger Major das feinste Rezept besessen
hatte.

Der Bader besonders war nur mit kulinarischen Andenken an den Bruderkrieg
behaftet, und wenn er auch sonst nicht viel Gutes an den Franken gefunden
hatte, ihre Presssaecke und Schwartenmaegen hatten ihm doch Ehrfurcht
eingefloesst.

Ich sass am Tisch, und indes ich zu arbeiten schien, horchte ich aufmerksam
zu, voll Erwartung, von diesen lebenden Zeugen etwas ueber Schlachtenlaerm
und Getuemmel zu hoeren, aber es kam nichts als Berichte ueber Zutaten zu
geraeucherten Blut- und Leberwuersten, in denen auch die Rheinpfalz Grosses
geleistet hatte, als der Gefreite Maier unter General Taxis als Strafbayer
dort geweilt hatte. Ich konnte also meinen Hunger nach lebendiger
Geschichte nicht stillen, allein vielleicht wuchs in mir heimlich das
Verstaendnis fuer altbayrische Lebensfreude.

Wie man es von ihm erhofft hatte, verhielt sich Onkel Wilhelm gegen mich
als soldatischer Vorgesetzter, der keine Respektlosigkeit und nichts
Saloppes duldete und, wenn er schon einmal lobte, auf die Anerkennung
stets eine scharfe Mahnung folgen liess.

Die Ueberwachung meiner Arbeit, die zu seinem Pflichtenkreise gehoerte,
bereitete ihm Schwierigkeiten, ueber die er sich nicht ganz ehrlich
wegsetzte.

Da ich seine Schwaeche schnell durchschaut hatte, legte ich ihm manches
Problem vor und hatte meinen Spass daran, wie er den Zwicker aufsetzte und
sich in den Text einer Stelle in Cornelius Nepos oder Caesar zu vertiefen
schien, um zuletzt zu entscheiden, sie sei gar nicht so schwer, ich solle
nur ordentlich nachdenken und selber die Loesung finden.

Nicht selten hielt er Ansprachen an mich, in denen er mich als beinahe
reif gelten liess und mir die Ehrenstandpunkte klarmachte.

So sehr mir das gefiel, war meine Neigung zu Kindereien doch viel zu
lebhaft, als dass ich mich als werdender Mann benommen haette, und das nahm
er stets uebel, sah eine Woche lang ueber mich weg und erwiderte meinen Gruss
mit abweisender Kaelte.

Ich wartete meine Zeit ab und fand das Mittel, ihn zu beschwichtigen,
indem ich ihn ueber gelehrte Dinge respektvollst zu Rate zog.

Sein Kopfleiden fesselte ihn den ganzen Winter ueber ans Zimmer, und ich
musste fuer ihn aus der Lindauerschen Leihbibliothek haeufig Buecher holen.

Das kleine Fraeulein hinter dem Ladentische, ich glaube eine Irlaenderin,
besass meine ganze Bewunderung, wenn es in gebrochenem Deutsch ueber jedes
verlangte Buch Urteile abgab. Es schien wirklich alles gelesen zu haben.

Ich selber war lesewuetig und benutzte jede Gelegenheit, Romane zu
verschlingen.

Ich las auf der Strasse und hatte daheim oft unterm Schulbuche einen
Schmoeker liegen.

Ich habe Gutes und Schlechtes wahllos gelesen, neben Dickens, Gotthelf,
Keller auch ganz seichtes Zeug, und es ist mir wie den Konditorlehrlingen
ergangen, die sich am Ueberflusse das Naschen abgewoehnen.

Ich hoerte nach und nach auf, an suesslichen und gespreizten Romanen Gefallen
zu finden, und wurde mit der Zeit sogar recht empfindlich gegen gedruckte
Unwahrheit.

Aber ich moechte doch die Kur nicht allen empfehlen.

Im Mai oder zu Anfang Juni ging Onkel Wilhelm aufs Land, und dann begann
fuer mich eine Zeit genussreicher Ungebundenheit.

Der Herr Postsekretaer war kein strenger Stellvertreter; uebrigens starb er
bald so ruhig und gelassen, wie er gelebt hatte.

Tante Minna aber konnte kaum Aufsicht ueben, und so musste man schon das
meiste meinem eigenen Ernste ueberlassen.

Es ging schlecht und recht.

Der beste Antrieb war die Aussicht auf die selige Vakanz, die damals
merkwuerdigerweise, und weil Zopfigkeit immer hartnaeckig ist, nach den
heissesten Tagen am 8. August begann.

Es bedeutete offenbar eine ungeheure Umwaelzung, die noch jahrelang
vorbereitet und erwogen werden musste, sie schon am 15. Juli anfangen zu
lassen. Aber auch so, wie sie waren, brachten mir die Ferien eine Fuelle
ungetruebter Freuden. In Prien am Chiemsee hatte meine Mutter ein Gasthaus
gepachtet, die "Kampenwand", und ich durfte die Knabenjahre, wie ehedem
die Kinderzeit, auf dem Lande verbringen.

Der Chiemsee! Wenn ich die Augen schliesse, und sei es, wo immer, Wasser an
Schiffsplanken plaetschern hoere, erwacht in mir die Erinnerung an die
Jugendzeit, an Stunden, die ich im Kahn vertraeumte, den See rundum und den
Himmel ueber mir.

Ich sehe die stille Insel, von der die feierlichen Glockenklaenge
herueberklingen, ich hoere den Kahn auf feinem Kiese knirschen, springe
heraus und stehe wieder unter den alten Linden, von wo aus der Blick ueber
die blaue Flut hinunter nach den Chiemgauer und Salzburger Bergen
schweift. Ich gehe an der Klostermauer entlang und sitze am Ufer, wo
Frieden und Feierabend sich tiefer ins Herz senken als irgendwo in der
Welt, ich gehe zu den niederen Fischerhuetten und sehe zu, wie man die
Netze aufhaengt und die Arbeit fuer den kommenden Tag bereitet.

Ein abgeschiedenes Stueck Erde und ein versunkenes Glueck in Jugend und
Sorglosigkeit!

Aber doch! Dieses Glueck gab es einmal, es erfuellte das Herz des Knaben mit
Heimatliebe und wirkte lange nach.

In der efeuumrankten Wirtsstube auf der Fraueninsel habe ich oft
ehrfuerchtig die Baende der Kuenstlerchronik durchgeblaettert und gesehen, wie
diese friedliche Schoenheit um mich herum auf bedeutende Menschen Eindruck
gemacht hatte.

In den Gedichten war viel die Rede vom Chieminseeo, von Werinher und
Irmingard, und diese Romantik der Scheffel- und Stielerzeit begeisterte
mich zu den ersten Versen, die ich, allerdings viel spaeter, auf blaue Flut
und Klosterfrieden dichtete.

Die Mitglieder der Kuenstlerkolonie betrachtete ich mit respektvoller
Bewunderung, in die sich etwas Neid mischte; denn Maler zu sein, erschien
mir als das schoenste Los, und heute noch, wenn ich Oelfarbe rieche und
Farben mischen sehe, ueberkommen mich alte Wuensche.

Haushofer, Raupp, Wopfner und etliche mehr waren die Herrscher auf der
Insel, die von Kuenstlern entdeckt und in Besitz genommen worden war.

Laienbesucher hielten sich nur etliche Stunden auf und strichen scheu um
die Groessen herum, die nach der Abfahrt des letzten Dampfschiffes unter
sich blieben. Der dicken, alten Julie standen sie weniger als Gaeste, denn
als Hueter ihrer Rechte und der alten Ordnung gegenueber, und wenn meine
Mutter, wie sie es jeden Sommer einmal tat, zu Besuch kam, musste sie
Seufzer und Klagen ueber die Maler hoeren.

Die jungen Kuenstler, Soehne oder auch Schueler der Herren Professoren,
hatten fuer Froehlichkeit und die herkoemmliche Ungebundenheit zu sorgen. Sie
veranstalteten Feste an Geburtstagen der Groessen, Kahnfahrten, Ausfluege,
die dann im Chronikstil ausfuehrlich beschrieben wurden.

Es war eine andere Zeit, und wenn ich mich daran erinnere, wie damals eine
absprechende Kritik ueber einen der Koenige der Fraueninsel die ganze
Kolonie in Aufregung versetzte, wie sich die Entruestung uebers Wasser gegen
Prien hin fortschwang und viele Gemueter beschaeftigte, dann darf ich wohl
sagen, es war eine harmlose Zeit.

Im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses stand der Bau des
Koenigsschlosses auf Herrenchiemsee, der als Symptom der beginnenden
Erkrankung Ludwigs II. gelten darf.

Vielleicht ist noch kein Platz unpassender fuer eine Geschmacklosigkeit
gewaehlt worden als der einstmals wunderschoene Hochwald auf Herrenwoerth.

Um ihn zu retten, hatte der Koenig die Insel gekauft, als im Jahre 1874
wuerttembergische Haendler den Besitz vom Grafen Hunoldstein erworben und
mit dem Abholzen begonnen hatten.

Nunmehr, Ende der siebziger Jahre, zerstoerte er selber den Wald und das
reizvollste Landschaftsbild, indem er den ungluecklichen Abklatsch des
Versailler Schlosses errichten liess.

Der Bau ist nicht fertig geworden, und der viereckige Kasten, der patzig
die Insel beherrscht und der von weit und breit die Blicke auf sich zieht,
schaut aus wie ein Gefaengnis.

Tritt man naeher hinzu oder besucht man den Prachtbau, so friert einen vor
dem ueberladenen, planlos angehaeuften Prunk.

Damals freilich kritisierte man nicht; im Lande galt auch dieser Plan des
Koenigs als Beweis seiner kunstfreudigen, vom Grossvater ererbten Art, und
am Chiemsee war man wohl zufrieden mit dem regen Leben, das sich nunmehr
entwickelte.

Laerm gab es genug.

Scharen von Arbeitern siedelten sich auf der Insel, aber auch auf den
naechsten Ufern an; Baufuehrer und Poliere mieteten sich in Prien ein, die
Zufuhr des Materials brachte Fuhrleuten und Schiffern guten Verdienst, und
der grosse Mann in diesem frueher so stillen Winkel war der Erbauer des
Schlosses, Ritter von Brandl.

Der Bau waehrte bis zum Fruehjahr 1886 und gab Anlass zu vielen Geschichten
und Geruechten.

Dem Koenig dauerte er zu lange, und es soll ihm bei Besuchen manches
vorgetaeuscht worden sein, was nach seiner Abreise wieder verschwand;
zuweilen wurde die Zahl der Arbeiter stark verringert, und am Chiemsee
erzaehlte man sich dann mit Augenblinzeln die seltsame Maer, dass auch einem
Koenig das Kleingeld ausgehen koenne.

Eine barbarische Massregel war der Abschuss des Damwildes, das bis dahin
ungestoert auf der Insel gehegt worden war. Wenn man an stillen Abenden an
der Suedspitze der Herreninsel vorueberfuhr, sah man stets etliche Hirsche
und Tiere, die ganz vertraut waren; auch von der Klosterwirtschaft aus
hatte man oft den Anblick, wie Damwild auf die Wiesen austrat und aeste.

Jetzt sollte es wegen der neuen Gartenanlagen ausgerottet werden. Alle
Jaeger und Schiesser und Schinder im Chiemgau wurden zu dieser Jagd
eingeladen; mit grobem und leichtem Schrot, mit gehacktem Blei und ganz
vereinzelt nur mit der Kugel wurde auf das gehetzte Wild geschossen.
Angepatzt und immer wieder aufgestoert, wurden viele davon erst nach Tagen
zur Strecke gebracht, und endlich war kein Stueck mehr am Leben, das die
uebrigens nie ausgefuehrten Gartenanlagen haette beschaedigen koennen.

Wenn der Koenig kam, wurden vorher viele Tausende von Blumen in Toepfen
herbeigeschafft; man grub sie in den Boden ein und taeuschte dem
Schlossherrn einen herrlich gepflegten Garten vor.

Im Fruehjahr 1886 wurde die Arbeit, die schon vorher gestockt hatte, ganz
eingestellt; es war so was wie ein Bankerott, dem bald die Absetzung
folgte.

Spaeterhin fuehrte die Neugierde viele Besucher herbei, und es gehoerte auch
zu der weit verbreiteten Geschmacklosigkeit, dass diese leblose ueberladene
Pracht bewundert wurde. Die Vorstellung, dass ein einzelner Mensch mit ein
paar Dienern in diesen Raeumen, langgestreckten Gaengen und Spiegelgalerien
auch nur etliche Stunden zubringen, hinter diesen von Gold starrenden
Brokatvorhaengen schlafen sollte, ist unmoeglich.

Meine Mutter liess sich nach dem Tode des Koenigs nicht zu einem Besuche des
Schlosses ueberreden; sie wollte sich teure und in Ehren gehaltene
Erinnerungen an den ungluecklichen Mann und an schoene Tage in der stillen
Vorder-Riss nicht zerstoeren lassen. Wenn sie enthusiastische Berichte von
der Pracht und Herrlichkeit hoerte, erzaehlte sie, wie sich der Koenig
einstmals in seinem Jagdhause so wohl gefuehlt hatte und wie schlicht und
einfach er gewesen war.

Die Erinnerung an vergangene Tage wachte besonders lebhaft auf, wenn die
alten Freunde, _Graf Tattenbach_, _Julius Noerr_ oder der _Jagdgehilfe
Bauer_, zu Besuch kamen.

Sie liessen es sich nicht nehmen, von Zeit zu Zeit Nachschau zu halten, und
mochten wohl fuehlen, wieviel Freude sie damit erregten.

Auch fuer sie war mit dem Wegzuge meiner Eltern die Risser Gemuetlichkeit zu
Ende gegangen; Graf Tattenbach konnte es ebensowenig wie Noerr uebers Herz
bringen, unter den veraenderten Umstaenden den Isarwinkel aufzusuchen, und
Bauer hatte seine Versetzung ins Loisachtal erbeten und erhalten.

So sprach man von dem stillen Forsthause wie von einer verlorenen Heimat,
an die sich alle mit Wehmut zurueckerinnerten.

Wenn ich diese Maenner, die sich in ihrer wortkargen, zurueckhaltenden Art
aehnelten, warm werden sah beim Lobe des alten Oberfoersters, dann wurde mir
der Vater wieder lebendig vor Augen gestellt und er selbst sowie seine
Umgebung mit einem romantischen Schimmer umkleidet, der fuer mich daran
haften blieb. Bauer sprach von ihm mit einer fast kindlichen
Anhaenglichkeit, liess keinen andern Jaeger und Schuetzen neben ihm was
gelten, und es kam ihm dabei auch nicht auf Uebertreibungen an.

Das stach so sehr von dem Wesen dieses harten Lenggriesers ab, dass es viel
staerker wirkte wie lange Reden und schoene Worte.

Er kam spaeter auf einen ruhigen Posten in die Naehe Muenchens, diente unter
verschiedenen Vorgesetzten, heiratete, hatte Kinder und stand neben der
Jagd einem kleinen Anwesen vor, aber wie sich sein Leben auch aenderte, in
der Anhaenglichkeit an seinen ersten Oberfoerster blieb er sich die
Jahrzehnte hindurch gleich. Wenn ich ihn besuchte, als Student, als Anwalt
und spaeter, als ich laengst Schriftsteller geworden war, sass er mir zuerst
schweigsam gegenueber, fragte mich kaum nach meinen Schicksalen und wurde
erst vertraut, wenn er die Rede auf meinen Vater gebracht hatte. Dazu bot
ihm jedes Ding Anlass. Eine Pfeife, die er vom Rahmen holte und die noch
von meinem Vater her stammte, der oesterreichische Landtabak, den auch mein
Vater geraucht hatte, ein Hirschgeweih aus der Riss, eine alte Buechse, die
natuerlich viel besser hingegangen war als die neuen, eine gemalte Scheibe,
auf die mein Vater geschossen hatte, kurz alles, was ehrwuerdige Beziehung
zur Riss und ihrem Oberfoerster hatte.

Dass ein Sohn des verehrten Mannes ihm gegenueber sass, machte ihn sogar
mitteilsam, und er erzaehlte in seiner trockenen Art von Zusammenstoessen mit
Wilderern oder Lumpen, wie man im Isarwinkel sagte, bei denen es sich
recht selbstverstaendlich um Tod und Leben gehandelt hatte.

Trat seine Frau, die allerhand Gutes auftragen musste, in die Stube, dann
hoerte er sogleich zu reden auf und rauchte bedaechtig vor sich hin, und er
fuhr in seiner Erzaehlung erst wieder fort, wenn sie hinausgegangen war.

"Sie braucht's net z' wissen", sagte er. Bei den Herbstjagden, die der
Regent im Gebirge abhielt, musste Bauer alljaehrlich Dienst leisten. Dabei
erregte er das Missfallen des Jagdpersonals, weil er das Verstaendnis der
Lebenden fuer gar nichts achtete und hartnaeckig darauf stehenblieb, dass man
bloss frueher, wie noch der Max Thoma Oberfoerster in der Riss war, die Jagd
richtig und weidmaennisch betrieben habe.

Mein aeltester Bruder durfte in Prien ein Festschiessen mitmachen, und Bauer
fand sich dabei ein, um zu sehen, ob der Sohn dem Vater nachschlage. Am
Schiessstand stellte er sich hinter ihn und beobachtete ihn, gab ihm gute
Lehren beim Laden und Kapselaufsetzen - damals schoss man noch mit
Vorderladern -, pruefte Wind und Licht, und wie es dann ganz anstaendig
ging, lachte er freundlich und sagte: "Er werd scho."

Aber auch in ernsteren Dingen, wenn es sich um wichtige Entschluesse
handelte, wurde der alte Jagdgehilfe um Rat gefragt, und Viktor wollte
ihre Ersparnisse nur so anlegen, wie er es fuer gut und nuetzlich hielt.

Als er ans Heiraten dachte, zog er sie in sein Vertrauen und schrieb ihr
einen Brief, worin er ihr ueber die Eigenschaften und die
Vermoegensverhaeltnisse seiner Zukuenftigen genauen Bericht erstattete.

Sie erwog seine Angaben gewissenhaft und gab ihr Gutachten fuer das brave
Frauenzimmer ab, das auch eine tuechtige Hauserin wurde, und ich glaube,
dass sich Viktor immer mit Stolz fuer die Stifterin dieses Glueckes hielt.

Spaeterhin uebernahm sie die Patenstelle bei einer Tochter und blieb ihr
Leben lang eine sorgsame Goedin, die sich an Geburts- und Namenstagen
vernehmen liess.

Der Eindruck, den Bauer auf mich als heranwachsenden Knaben machte, war
nachhaltig, und ich habe an diesem gescheiten und ehrlichen Manne manches
von der wertvollen Art unserer Oberlandler kennen und verstehen gelernt.

Er gilt mir als Vertreter der germanischen Bauernrasse, die sich im
Gebirge rein erhalten hat; bedaechtig im Reden, kuehn im Handeln, trotzig
und unbeugsam, taktvoll und klug, auch mit manchen Talenten und mit einem
schlagfertigen Witze begabt.

Und die verschmitzte Schlauheit fehlte ihm nicht, die den Isarwinkler zum
guten Jaeger oder zum gefaehrlichen Wilderer macht.

_Graf Tattenbach_ zeigte bei seinen Besuchen in Prien, spaeterhin in
Traunstein, immer das gleiche, stillvergnuegte Verstaendnis fuer das Behagen,
das er vom ersten Tage an in meinem Elternhause gefunden hatte.

Seine Anwesenheit in der "Kampenwand" haette man mir gar nicht erst
bekanntgeben muessen, sie verriet sich sofort durch einen wundervollen
Tabakgeruch, der das Haus durchzog.

Der Herr Oberst rauchte immer noch aus einem Tschibuk, dessen Rohr
bedeutend laenger war als er selber, eine Herzegowinermischung, deren Aroma
mir unvergesslich geblieben ist.

Und noch immer schaute der Herr Oberst hinter buschigen Augenbrauen
scheinbar sehr streng und grimmig in die Welt, und dabei sass doch das
gutmuetigste Lachen in seinen Augen, wenn eine froehliche Erinnerung
aufgefrischt wurde.

Seine Jagdgeschichten wurden immer breiter ausgemalt; eine reichte fuer die
Kaffeestunde. Er bewohnte als Pensionist in Muenchen mit seinem Bruder, der
gleich ihm Hagestolz geblieben war, ein reizendes Haeuschen in der
Gartenstrasse, jetzt Kaulbachstrasse, wo ich ihn oefter besuchen durfte.

Die beiden Brueder waren sich herzlich zugetan und lebten in einer Harmonie
zusammen, die nur durch den Tod gestoert werden konnte. Als der Aeltere, der
General ausser Dienst war, die Augen schloss, hatte auch fuer unsern Risser
Jagdkavalier das Leben keinen rechten Sinn mehr. Er folgte bald dem Bruder
nach.

Als Gast meiner Mutter erkrankte er in Traunstein just in der
Kaffeestunde, als er, die lange Pfeife in der Hand, eine ausgiebige
Geschichte von einem erlegten Hirsch begonnen hatte.

Ganz ploetzlich ueberfiel ihn ein Schuettelfrost, der ihn zwang, mit Rauchen
und Erzaehlen aufzuhoeren und sich ins Bett zu legen.

Ein paar Tage blieb er noch in Traunstein. "Jetzt blasen wir Halali",
sagte er zu meiner Mutter kurz vor dem Abschied, und er hoerte laechelnd
ihren zuversichtlichen Troestungen zu.

"Nein, nein, Frau Oberfoerster", erwiderte er. "Diesmal is es Ernst und
macht auch nix. Ich kann jeden Tag abmarschieren, mein Rucksack is schon
gepackt."

Verwandte holten ihn ab und brachten ihn nach Muenchen, wo er gelassen und
vornehm die letzten Dinge abmachte.

_Julius Noerr_ kam in den ersten Jahren zu laengerem Aufenthalt und malte
in Prien, Uebersee, Bernau Studien, aber vielleicht war ihm der Chiemsee zu
sehr Domaene einzelner, oder er fand nicht, was er suchte, jedenfalls
beschraenkte er sich spaeter auf voruebergehende Besuche, die nur der Pflege
alter Freundschaft galten.

Ich durfte ihn zuweilen in seinem Atelier in der Schillerstrasse aufsuchen,
und was ich bei ihm an Zeichnungen, Portraetskizzen, Landschaftsstudien, an
Vorarbeiten fuer jedes Bild gesehen habe, gibt mir heute noch, so weit das
auch zurueckliegt, einen Massstab fuer das ehrliche, grosse Koennen Noerrs und
manches Zeitgenossen von ihm, und ich bin ueberzeugt, dass mich diese
Jugendeindruecke gefeit haben gegen allen Schwindel, der seitdem getrieben
worden ist. Ich lernte verstehen, warum nur ehrliche Arbeit wirkliche
Werte schaffen kann.

Und gewiss schlug damals meine Liebe fuer diese von aller Manie, Methode und
Mode freie Kunst die ersten Wurzeln.

Sie ist mit den Jahren immer staerker geworden, und heute, wo galizische
Schwindler alle Begriffe umfaelschen duerfen, betrachte ich es als Glueck, zu
Noerr, Spitzweg, Steub und manchem anderen Altmuenchner zu fliehen.

Der See war der schoenste Tummelplatz fuer einen gesunden Buben, und ich
brachte jeden Tag, den ich loskam, darauf zu. Die aengstlichen Bedenken
meiner Mutter wurden durch den Westernacher Franz, der meinem Rudern das
beste Zeugnis ausstellte, beseitigt.

Allerdings, andere Befuerchtungen schwanden nie ganz, und besonders meine
aeltere Schwester sah mir immer mit Sorge nach und empfing mich mit
Misstrauen.

Sie ahnte, dass die schoenen Obstanlagen auf der Herreninsel einen starken
Reiz auf mich ausueben mussten und dass ein Pirat immer in Versuchung war,
sich auf der Krautinsel Rettiche zum Brot zu holen.

An der Hachel, einer Stelle, die man nach Kirchturm und Baumwipfeln
bestimmen konnte, wenn man das Geheimnis wusste, gab es schwere
Buerschlinge, die an regnerischen Tagen gut bissen, und die Fischerei war
um so praechtiger, weil sie verboten war.

Dies und noch mehr hatte meine Schwester vor Augen, und als heiratsfaehiges
Maedchen kuemmerte sie sich um die Reputation der Familie.

Ich ersparte ihr die Schande des Ertapptwerdens, obwohl mancher Verdacht
auf mich fiel.

Dass mir der Westernacher als fuenfzehnjaehrigem Buben Passagiere zur
Ueberfahrt auf die Inseln anvertraute, galt mir als hohe Auszeichnung, und
wenn mich die fremden Gaeste fuer einen Schifferjungen hielten, war mein
Glueck vollstaendig, und ich war bemueht, den Eindruck zu befestigen.

Ab und zu hielt sich auch eine Dame zu meiner grossen Befriedigung darueber
auf, dass mir eine Pfeife im Maul baumelte.

Daran war vornehmlich der alte Bosch schuld, der mein Lehrmeister im
Rauchen war.

Ich musste fuer ihn Zigarrenstummel in unserer Wirtschaft sammeln, die er
auf dem Herd doerrte und dann in einer Kaffeemuehle zerrieb. So gewannen wir
unseren Tabak. Daneben rauchten wir ungarischen in blauen Paketen, Varinas
mit den drei griechischen Palikaren als Warenzeichen, und den schwarzen
Reiter, Kornaehrentabak, der aus der Pfeife herauswuchs, zischte und
lieblich roch. Ich sass oft beim Bosch; an schlechten Tagen in der niederen
Stube, an schoenen Abenden auf der Bank vorm Haus, und er teilte mir seine
Ansichten ueber alles Geschehen auf dieser Welt mit.

Sie waren recht verschieden von den allgemein gueltigen, und wenn sie nicht
samt und sonders richtig waren, so waren sie doch auf Grund eigenen
Nachdenkens und tueftelnder Bauernschlauheit gefunden, und darum ganz gewiss
anregender als alle gedruckten Zeitungsmeinungen.

Zu mir hatte der Alte Zuneigung gefasst, die auf innigem Vertrauen beruhte.

Er lebte in dauernder Feindschaft mit dem Bauern, der ihm den Austrag
reichen musste, und da seine eigene Kraft nicht mehr ausreichte, musste ich
die Bosheiten ausueben, die zum Wachhalten eines gediegenen Aergers
notwendig waren.

Ich erledigte die Aufgaben mit Geschick und erwarb mir die Zufriedenheit
des braven Bosch.

Manchmal besuchten ihn zwei Leidensgenossen, Austraegler, die in
benachbarten Haeusern lebten, und dann sangen sie zu dritt mit duennen
Kopfstimmen alte Lieder.

Eines handelt vom Rueckzug aus Russland.

Ich habe spaeter den Versuch gemacht, den Text zu erhalten, aber von den
Alten lebte laengst keiner mehr, und so blieben meine Nachforschungen
vergeblich.

Tuer an Tuer mit dem alten Bosch wohnte ein ausgedienter Zimmermann, der
Martin, der Leitern machte, Saegen feilte, die Bauern rasierte, Uhren
richtete und als Viehdoktor in Ansehen stand.

Er hatte einem Hausierer eine Bibel abgekauft, vermutlich aus keinem
andern Grunde, als weil die Geistlichkeit vor dem heiligen Buche warnte
und es nicht dulden wollte.

Martin sass oft mit einer grossen Hornbrille auf der Nase vor dem
dickleibigen Exemplar und versuchte herauszufinden, wo denn eigentlich die
geistliche Obrigkeit der Schuh drueckte. Ich glaube nicht, dass er darauf
gekommen ist, aber es passte ihm gut, dass er infolge seiner verbotenen
Studien bei den Bauern fuer einen Mann galt, der geheimes Wissen besaesse.

Im Pfarrhof erhielt man natuerlich auch Kenntnis davon, aber der alte
Geistliche Rat Hefter kannte seine Pappenheimer und wusste, dass Zureden
nichts helfen und das Aergernis nur vergroessern konnte.

Wenn er dem Bibelforscher auf der Strasse begegnete, sagte er bloss: "O mei
Martin, du werst aa alle Tag duemmer ..." Das sprach sich herum und nuetzte
mehr als Eifer und heftiges Schelten.

Der Geistliche Rat war noch aus der alten Schule; ein gemuetlicher,
behaebiger Mann, Verehrer einer trefflichen Kueche, eines guten Trunkes und
Freund aller Menschen, die ihre Ruhe haben wollten und ihn selber in Ruhe
liessen.

Seine volkstuemlichen Predigten waren beruehmt, und mancher Sommergast ging
in die Kirche, um zu hoeren, wie der alte Herr im breitesten Dialekt, mit
fetter Stimme seinen Bauern das Evangelium auslegte.

Damals war es guter Brauch, dass die Studenten nach beendetem Schuljahre im
Pfarrhofe ihre Aufwartung machten und die Zeugnisse vorwiesen.

Am ersten Feriensonntag traten wir zu fuenf oder sechs vor den Geistlichen
Rat, der uns froehlich begruesste und ein mildes Wort fuer minder gute Noten
hatte.

"Macht nichts", sagte er. "Fuer an Dreier muss ma auch was leist'n, wenn's
nur koa Vierer net is. Es is allaweil um an Grad bessa, und ueberhaupts
koane Gelehrt'n wollt's ja ihr gar net wer'n ..."

Wir hatten einen unter uns, einen Haeuslerssohn aus der Umgegend, der immer
glanzvolle Zeugnisse mitbrachte, und es wollte den andern wie mir
scheinen, dass ihn der Herr Rat mit Misstrauen, ja mit einer gewissen
Abneigung betrachtete. Seine Laufbahn ist uebrigens weder so glaenzend, wie
seine Lehrer vermuteten, noch so schlimm, wie vielleicht der alte Herr
besorgte, verlaufen; er ist Landpfarrer geworden und hat seine Talente
vergraben.

Ein anderer, der aelteste von uns Studenten, hat nach den Weihen noch dem
geistlichen Stande Valet gesagt und als Kunstmaler einen harten Kampf mit
dem Leben gefuehrt, den ihm seine Verwandten, lauter reiche Bauern, nie mit
der geringsten Unterstuetzung erleichterten.

Vielleicht haette der brave Herr Rat Hefter die Leute zu seinen Gunsten
gestimmt, aber der war laengst tot, als sich das Unglueck ereignete, und
sein Nachfolger war ein scharfer Herr, der die Entruestung aller Frommen in
Prien teilte und sicherlich nicht daempfte.

So musste der gute Franzl fuer seine Gewissenhaftigkeit und
Ueberzeugungstreue Hunger leiden und ein Kuenstlerelend kennenlernen, wie es
schlimmer kaum in Romanen geschildert worden ist. Erst nach langen Jahren
ist es ihm besser ergangen.

Damals stand er mit uns im Zimmer des Priener Pfarrherrn und wies sein
Primanerzeugnis vor, wie wir Lateinschueler die unsrigen.

Fuer den zweiten oder dritten Sonntag wurden wir dann zu Tisch geladen,
eine Ehre, die wir sehr hoch schaetzten, denn es gab nicht bloss reichliches
und gutes Essen, sondern auch lustige Unterhaltung; wenn die Mehlspeise
aufgetragen wurde, kam die dicke, alte Koechin ins Zimmer, noch geroetet vom
Herdfeuer und den Anstrengungen des Tages, um die Lobsprueche des Herrn
Rates in Empfang zu nehmen.

Kaum sass sie, den Stuhl bescheiden etwas zurueckgerueckt, so fing Herr
Hefter an, Geschichten zu erzaehlen von dem Bauerndirndl, das im
Beichtstuhl den Finger in ein Astloch gesteckt hatte und nicht mehr
loskam, und dann auf die Frage des Geistlichen, warum es nicht gehe, eine
undeutliche Antwort gab, die zum Missverstaendnisse fuehrte.

Jedesmal kam Fraeulein Marie in schamvolle Verlegenheit, und jedesmal
lachte der joviale Pfarrherr und erklaerte umstaendlich, dass es die
allerunschuldigste Geschichte sei.

Wir freuten uns darueber, aber einer sass am Tische, der eine saeuerliche
Miene aufsetzte, ein Kooperator aus dem Koelnischen, den die Folgen des
Kulturkampfes nach Altbayern verschlagen hatten, ein eifriger Kaempfer und
ein heimlicher Feind des gutmuetigen Pfarrers, der uebrigens die Abneigung
kraeftig erwiderte.

Ein seltsames Vorkommnis befreite ihn bald von dem unangenehmen Streiter,
aber den Prienern trug es einen Spitznamen ein, den sie heute noch nicht
angebracht haben.

Sie hatten als Denkmal fuer die gefallenen Krieger einen Friedensengel
bestellt, dessen linke Brust dem Herrn Kooperator zu gross und zu sehr
entbloesst erschien. Am Tage vor der Enthuellung ueberredete er einen
Schlosser, nachts die Brust abzufeilen. Er wurde ueber der Tat ertappt, das
Fest konnte noch verschoben und ein neuer Engel bestellt werden, aber wer
in der Umgegend einen Priener aergern will, heisst ihn heute noch
"Duttenfeiler".

Der Streit, der damals im Nachklingen noch in ganz Deutschland die Gemueter
erregte, und der spaeter selbst von den Liberalen, die ihn mit Feuereifer
betrieben hatten, als "unseliger Kulturkampf" bezeichnet wurde, teilte
auch den guten Markt Prien in zwei Lager.

Was baeuerlich war, und was am Alten hing, und was insbesondere auch noch
ueber die Verpreussung grimmige Bedenken naehrte, wandte sich mit
leidenschaftlichem Zorn gegen die neu-diokletianische Verfolgung.

Haarstraeubende Geschichten wurden gedruckt, noch haarstraeubendere erzaehlt,
und mehr als ein braver Mann im Altbayrischen glaubte, was mir der Herr
Aufschlaeger in Prien ernsthaft erzaehlte, dass Bismarck nur deshalb so
unmenschlich wuete, weil er taeglich einen Schnapsrausch habe.

Ich war gefeit gegen diese Angriffe auf meinen Helden und liess nichts auf
ihn kommen, aber ich erinnere mich wohl, mit welchem Ernste auch diese
Tatsache im Gastzimmer unserer Kampenwand besprochen wurde. Im anderen
Lager standen liberale Kaufherren und ein paar aufgeklaerte
Handwerksmeister, die sich den Rationalismus und die gemuetliche
Kirchenfeindlichkeit der "Gartenlaube" zu eigen gemacht hatten, und die
eine aus Zeitungen zusammengelesene Freigeistigkeit gegen Altoettinger
Kalendergeschichten ins Feld fuehrten.

Sie waren die wortreichen Dialektiker, die anderen die haerteren Koepfe; bei
den nicht seltenen Wortgefechten behielten jene mit ehrlichen und
geschwindelten Zitaten recht oder schienen es zu behalten, denn im Laufe
der Zeit siegten doch die Hartkoepfigen und Konsequenten.

Die Priener Diskussionen wurden pompoes eingeleitet mit tiefgruendigen
historischen Kenntnissen und wurden verbraemt mit Schlagworten aus
Klassikern, aber sie endeten gewoehnlich mit landesueblichen Derbheiten und
Grobheiten, ja zuweilen mit Hinauswurf und Schlaegen. Ein
Buchbindermeister, dessen droehnender Bass mir unvergesslich ist, musste fast
allwoechentlich Pflaster auf seine liberale Schaedeldecke legen, denn seine
Hitze fuehrte ihn zur Betrunkenheit und seine Betrunkenheit zu aetzenden
Bemerkungen, die weniger gewandte Streiter mit Schlaegen und
Hinausschmeissen erwiderten.

Das erregte aber keinen bitteren Hass. Der Herr Buchbindermeister sass ein
paar Tage darauf, zuweilen noch mit den Spuren des Kampfes, wieder
gemuetlich bei seinen Mitbuergern und Honoratioren, die ihn misshandelt
hatten, und trank und stritt und hatte von Glueck zu sagen, wenn er zu
alten Pflastern nicht gleich neue erhielt.

So litt und stritt man in Prien noch manches Jahr nach dem unseligen
Kulturkampf.

Von seinen Gegnern merkte uebrigens der eiserne Kanzler nichts, als er auf
der Fahrt nach Gastein einige Minuten in Prien verweilen musste.

Der Bahnsteig war dicht besetzt von Einheimischen und Fremden, da der
Expeditor bekanntgegeben hatte, dass der Zug in der Station halten werde.

Der Buergermeister war mit einigen Maennern vom Gemeindeausschuss erschienen
und stand eingepresst in seinem Gehrock und schwitzend vor Aufregung in der
vordersten Reihe. Ich harrte mit Herzklopfen auf den Moment, wo ich den
grossen Mann nun wirklich sehen sollte, und als die Lokomotive, weisse
Rauchwolken auspustend, sichtbar wurde, wollte mir das Ereignis ganz
unwahrscheinlich vorkommen. Aber der Zug hielt, und Bismarck stand
wirklich am offenen Fenster.

"Ist das Prien?" fragte er den Buergermeister.

"Na, Prean", antwortete der verzagte Mann, und ein unterdruecktes Lachen
ging durch die Menge, die sich eilig vorwaerts gedraengt hatte.

Es kamen noch ein paar Fragen nach der Zahl und der Beschaeftigung der
Einwohner, die ein Ausschussmitglied beantwortete, denn der Vorsteher
unseres Marktes war ganz vernichtet und machte nur eine tiefe Verbeugung
nach der andern. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, Huete und Tuecher
wurden geschwenkt, stuermische Hochrufe ertoenten, und mir war's zumute, als
waere ein nachklingendes Maerchen zu Ende erzaehlt.

Ich hatte keinen Blick von dem Manne abgewandt, der mir ein koerperliches
Sinnbild deutscher Groesse war und nun fast greifbar nahe stand und genau so
aussah, wie ich ihn aus vielen Bildern kannte.

Das Verhalten des Herrn Buergermeisters bei diesem historischen Vorgange
wurde lange Zeit besprochen mit Behagen an dem Spasse, aber auch mit
Unwillen ueber den Mangel an gebuehrender Repraesentation. Wir hatten im Orte
Kaufherren, die sich staedtisch und weltgewandt fuehlten und immer der
Meinung waren, dass sich Prien zum Feineren entwickeln muesse, aber da war
eben die erste Bedingung, dass an der Spitze der Gemeinde ein Mann von
hoeherem Streben stand. Es war, wie man mit bedauerndem Achselzucken
feststellte, nicht moeglich, denn die Mehrheit liess sich nicht von hoeheren
Gesichtspunkten leiten.

Aber doch regte sich in jener behaglichen Zeit auch in diesem Winkel ein
reges Bildungsbeduerfnis, vielleicht noch mehr das Verlangen, gebildet zu
scheinen, ueber vieles zu reden und ueber veraltete Anschauungen erhaben zu
sein.

Wie sich das Reich ins Grosse reckte und streckte, ueberkam bei Wachstum und
Gedeihen den Kleinbuerger eine Ahnung von seiner Bedeutung und von der
Pflicht, sich ihrer wuerdig zu zeigen. Das fuehrte nicht zu einem
vertieften, wohl aber zu einem gespraechigen Interesse am geistigen Leben,
das vornehmlich durch Zeitungen angeregt und gestillt wurde.

  [Illustration: Bismarck auf der Durchreise in Prien]

Zugleich fing man an, sich mehr Buecher zu kaufen, billige
Klassikerausgaben und daneben das Konversationslexikon, aus dem sich fuer
anzuschlagende Themata viel Stoff holen liess. In Prien gab es einen
Schreinermeister, dem es nicht darauf ankam, eines Abends Urteile ueber
Richelieu und seine Politik abzugeben und ein andermal gruendliche
Kenntnisse ueber chinesische Seidenraupen zu verraten.

Er stand in hohem Ansehen, bis auch andere seine Quellen entdeckten.

Aber es war doch schon etwas, dass sich eine Tafelrunde von Buergern
zusammenfand, die an bildungsfoerdernden Gespraechen Freude hatte, und meine
Mutter sah darin arglos ein Fortschreiten der Welt zum Guten und Schoenen,
ohne an das Konversationslexikon und an kleine Eitelkeiten der Redner zu
denken.

Sie sah es gerne, wenn ich an solchen Abenden am Tische sass, und indes sie
unermuedlich strickend zuhoerte, mahnte sie mich mit Blicken, ja aufmerksam
zu sein und von schlichten Buergern zu lernen, wie man sein Wissen
bereichern muesse.

Weniger befriedigt war sie, wenn die alte Viktor, die natuerlich bei diesen
Bildungskonventikeln nicht fehlen durfte, durch Fragen, die ihr eigenes
Interesse geschickt verrieten, das Gespraech belebte, denn darin bestand
zwischen den herzensguten Frauen eine gruendliche Meinungsverschiedenheit,
dass meine Mutter dem weiblichen Wesen nur ein aufnehmendes, Viktor aber
ein moeglichst taetiges Verhalten zubilligte.

Die Stricknadeln klapperten lauter, und Blicke richteten sich nach oben
gegen die Decke, wenn die alte Viktor das Wort ergriff und nicht allzu
schnell losliess.

Grosses Ansehen erwarb sich damals ein Maurermeister, der nach Palaestina
gereist war und nun an manchen Winterabenden seine Erlebnisse zum besten
gab; dass er dabei einen roten Fes auf hatte und aus einem Tschibuk
rauchte, uebermittelte den Eindruck einer orientalischen Welt. Bald wurde
er aber durch meinen aeltesten Bruder in den Hintergrund gedraengt, denn der
fuhr nach Australien, und seine brieflichen Reiseberichte, vorgelesen und
erlaeutert von jenem bildungsreichen Schreinermeister, ueberstrahlten die
Abenteuer eines Jerusalempilgers. Meine Mutter erlebte trotz allen
Trennungsschmerzes, der in ihr wach blieb, doch manchen stolzen
Augenblick, wenn sich in den frisch geschriebenen Briefen gesundes Urteil
und tapferer Sinn offenbarten. Sie hat ihren Aeltesten, der ein zaertlicher
Sohn und das Ebenbild des Vaters war, klug, ernsthaft und weit ueber seine
Jahre maennlich, nicht mehr gesehen. Als er nach zwei Dezennien heimkehrte,
lag sie schon lange auf dem stillen Friedhofe in Seebruck am Chiemsee.

Die Priener, die literarische Neigungen hatten oder zeigten, fanden
zuweilen Gelegenheit, einen beruehmten Vertreter des Schrifttums leibhaftig
zu sehen.

Ich erinnere mich wohl, wie der Schreinermeister aufgeregt in unsere Kueche
kam und meine Mutter fragte, ob sie denn auch wisse, dass der Herr, der im
Garten draussen Kaffee trinke, kein Geringerer sei, als der Volksdichter
Hermann von Schmid, und wie meine Mutter dann respektvoll zu dem
gefeierten Gaste trat und ihn fragte, ob er mit allem zufrieden waere, und
wie Viktor, etwas aergerlich, weil sie zurueckstehen musste, den Dichter vom
Fenster aus sehr kritisch betrachtete und sagte, er saehe eigentlich nach
nichts Besonderem aus.

Und dabei hatte der Dichter doch keine aufrichtigere Verehrerin seines
"Kanzlers von Tirol" als die brave Alte, die ihn nunmehr in ihrem Unmute
verleugnete.

Felix Dahn, den Dichter des Kampfes um Rom, sah man ab und zu in Prien,
wenn er seine Verwandten im nahen Ernstdorf besuchte. Und zwei Sommer
weilte der Tuebinger Aesthetiker und Poet F. Th. Vischer als Gast in der
"Kampenwand".

Der kleine, etwas cholerische Herr liess sich von mir haeufig nach den
Inseln rudern und war mit meiner Geschicklichkeit ebenso zufrieden wie mit
der Billigkeit dieser Fahrten. Er entlohnte mich stets mit einer Halben
Bier und einem Stueckchen Kaese.

Er sprach sehr wenig und machte mir deutlich klar, dass ich nur auf Fragen
zu antworten, sonst aber das Maul zu halten haette.

Einmal fand ich ihn redselig.

Er hatte sich im Wirtshaus auf der Fraueninsel Kaffee bestellt und die
Kellnerin eindringlich ermahnt, dass ja keine Zichorienmischung darin sein
duerfe. Hernach merkte er doch den fatalen Geschmack heraus und schritt
zornig in die Kueche, wo er den erschrockenen Weibern im breitesten
Schwaebisch ihre saumaessige Frechheit und viechsmaessige Dummheit vorhielt, so
dass sie noch lange an sein aesthetisches Wesen denken mussten.

Leider wollte Viktor eines Tages an dem beruehmten Manne ihre Liebhaberei
fuer die schoene Literatur auslassen, was ihr sehr uebel bekam. Nur ganz
allmaehlich versoehnte sich Vischer wieder mit ihr, und es bedurfte
prachtvoller Strauben und duftenden Kaffees, um ihn zu ueberzeugen, dass sie
trotz allem ein ertraegliches Weibsbild waere.

So gut es ihm in der "Kampenwand" gefallen hatte, blieb er doch weg, als
ein anderer Schwabe, der Bruder eines wuerttembergischen Ministers,
auftauchte.

Es war ein pensionierter Hauptmann, der sich in der Welt als Kriegsmann
umgetan hatte.

Reiterleutnant in oesterreichischen Diensten, Freiwilliger bei den
Nordstaaten von Amerika, zuletzt Offizier in der wuerttembergischen Armee,
hatte er verschiedene Feldzuege mitgemacht und lebte nun von einem maessigen
Kapital und einer bescheidenen Pension auf groesserem Fusse, als es sich
machen liess.

Als er mit seinem Vermoegen fertig war, erschoss er sich.

Es war schade um den gebildeten, gescheiten Mann, der sich, wie ich heute
glaube, als Schriftsteller Ansehen und Einkommen haette verschaffen koennen.

Im nuechternen Zustande befasste er sich eifrig mit geschichtlichen Studien,
aber immer wieder kam er ins Trinken, beging Verschwendungen und verlor
jegliche Willenskraft, die zu ernsthafter Arbeit gehoert.

Sonst schweigsam und zurueckhaltend, wurde er sehr gespraechig, wenn das
nasse Viertel eintrat, und dann erzaehlte er aus seinem abwechslungsreichen
Leben Abenteuer und Begegnungen mit beruehmten Persoenlichkeiten.

Wie weit das alles zuruecklag!

Oesterreichisches Militaerleben im Frieden mit Fusseisen und Fuchtelhieben,
seltsame Zustaende in galizischen Garnisonen, dann kriegerische Erlebnisse
in der Lombardei, im Stabe Gyulais, Begegnung mit Hacklaender,
Kriegsdienste in Amerika in einem Regiment, das sich selbst _les enfants
perdus_ nannte, weil sich Schiffbruechige aus aller Herren Laender darin
zusammengefunden hatten, dann Tauberbischofsheim und Champigny.

Es laesst sich denken, dass ich begierig zuhorchte, und ich war nicht nur ein
aufmerksamer, sondern haeufig auch der einzige Gesellschafter des
Hauptmanns, von dem sich seine Bekannten meist zurueckzogen, wenn er zu
trinken anfing.

Einer hielt zuweilen bei ihm aus, ein Fuerst W., der als Baron Altenburg in
bescheidenen Verhaeltnissen in Prien lebte. Er war ein gutmuetiger Herr, der
gerne vom Glanze frueherer Tage redete, als er noch Kavallerieoffizier war,
und der sich doch in diesem Exil ganz wohl fuehlte und regelmaessig mit den
Buergern beim Abendtrunke zusammensass.

Sie machten es ihm nicht immer leicht, die Kontenance zu bewahren, denn
als Fuerst ohne Mittel, als Preusse und als alter Offizier stiess er ueberall
an den kantigen Ecken der Priener Ansichten und Manieren an.

In der "Kampenwand" kehrte er mit Vorliebe ein, und die Hoeflichkeit meiner
Mutter, die ihn trotz seines Inkognitos immer als Durchlaucht anredete,
erwiderte er mit ritterlichen Komplimenten gegen das Haus, die Familie und
die Persoenlichkeit der Frau Oberfoerster. Wenn sie von der Vorder-Riss und
dem Koenig erzaehlte, hoerte er mit der Teilnahme zu, die man dem Treiben und
Befinden eines Gleichgestellten entgegenbringt, und er warf Bemerkungen
ein, die seine intime Kenntnis des Hofes verraten sollten.

Er hatte immer eine Liebenswuerdigkeit im Vorrat.

Meiner juengsten Schwester, die als Kind eine auffaellig tiefe Stimme hatte,
prophezeite er eine glaenzende Laufbahn als Saengerin, da irgendeine Dame
auf oni oder eine Lucca, wie er als alter Theaterhabitue wusste,
gleichfalls mit einem Basse behaftet gewesen war.

Auch an mir entdeckte er Ansaetze zu glaenzenden Eigenschaften, und wenn
meine Mutter auch nicht ganz davon ueberzeugt war, so hoerte sie es doch
gerne und schaetzte die gute Absicht. Er sah gut aus, und selbst in dem
Anzuge eines Priener Schneiders wirkte er als vornehmer Herr, und wenn er
hoechst eigenhaendig ein Paar neubesohlte Stiefel vom Schuster heimtrug, sah
er immer noch wie ein Grandseigneur aus. Ueber die unfreiwillige
Bescheidenheit seines Lebens verlor er nie ein Wort und uebersah die
Ungeschlachtheit der Ortsbuerger, die sich anblinzelten und anstiessen, wenn
Seine Durchlaucht dreissig Pfennig als Ausgabenetat fuer zwei Halbe Bier
zurechtlegte.

Eine Bemerkung, die ich darueber machte, wies meine Mutter mit ungewohnter
Schaerfe zurueck, und sie erklaerte mir, wie ehrenwert diese Selbstzucht
eines Mannes war, der einmal in ganz anderen Verhaeltnissen gelebt hatte.

Wenn der Fuerst mit dem Hauptmann zusammensass und die alten Kavaliere
Erinnerungen austauschten, gab mir meine Mutter deutlich zu verstehen, dass
ich meinen Platz zu raeumen haette.

Wahrscheinlich vermutete sie, dass die Herren Reiteroffiziere auch einmal
auf ein paar Kapitel kommen koennten, die sich nicht fuer die reifere Jugend
eigneten.



Immer war mir der letzte Tag im September, und mochte auch die schoenste
Herbstsonne leuchten, mit grauen Nebeln verhaengt.

Fruehmorgens gab es die letzten Vorbereitungen zur Abreise; Mahnungen von
Viktor, auf meine Waesche zu achten, da schon wieder Taschentuecher und dies
und das gefehlt haetten, Mahnungen meiner Mutter, allen Fleiss daran zu
setzen; dann das letzte Fruehstueck in der Kueche, die mir nie anheimelnder
vorkam als im Augenblick des Scheidens, und der Gang zur Bahn.

Wer mir begegnete, auch wenn ich ihn sonst nicht ehrte, erschien mir als
ehrwuerdiges und liebenswertes Stueck Heimat und empfing meinen wehmuetigen
Gruss.

Der Herr Maurermeister stand unter der Tuer, weil auch seine Buben
abreisten, und lueftete seinen Fez, und ich beneidete ihn, dass er so Tabak
rauchend alle Tage in dem lieben Ort bleiben durfte.

Ich beneidete den Schreinerlehrling, der pfeifend einen Karren auf die
Strasse zog, und den Stationsdiener, der auch dableiben durfte, und wenn
mich der Expeditor vaeterlich auf die Schulter klopfte und Glueckauf zum
Studium wuenschte, dachte ich, er habe leicht reden und unbekuemmert sein,
wenn er doch nicht in die weite Welt hinaus muesse. Pfiff nicht die
Lokomotive jaemmerlicher als sonst, und schlich nicht der Zug truebseliger
von Bernau herein?

Was fuer rohe Menschen waren die Kondukteure, die hinter einem die Tuere
zuwarfen und das verhaengnisvolle Billet mit gleichgueltiger Miene zwickten!
Dann ging es im weiten Bogen herum ums Dorf. Dort sahen noch Bauernhaeuser
hinter Baeumen hervor, dann kam der Blick auf den See und die Inseln.

Ich habe auch spaeter noch an Heimweh gelitten, damals aber kam es wie
Krankheit ueber mich.

Das Oktoberfest war mir verhasst, weil das Ende der Ferien mit ihm
zusammenfiel, und ich habe lange Zeit nachher den Laerm von Karussellorgeln
und den Duft gebratener Heringe in Verbindung mit bitteren und
schmerzlichen Gefuehlen gebracht.

Der gutmuetige Onkel Joseph nahm mich auf die Theresienwiese mit in der
Meinung, dass diese Freuden meinen Truebsinn verscheuchen muessten, aber der
Anblick von Oberlandler Bauern oder von Schuetzen aus dem Gebirge war nur
angetan, mir mein Elend erst recht fuehlbar zu machen. Daran aenderten auch
die scharfen Vermahnungen des Herrn Premierleutnants nichts, der mir
sagte, er habe das sogenannte Heimweh der Rekruten stets als Scheu vor
Disziplin und Pflichterfuellung betrachtet, und er muesse leider annehmen,
dass auch meine Wehleidigkeit darauf hinausgehe.

Ich aber legte mir ein Verzeichnis der Tage meiner babylonischen
Gefangenschaft an und strich jeden Abend einen aus; nach ein paar Wochen
vergass ich darauf und war geheilt.

Spaeterhin, als ich ueber die Flegeljahre hinausgewachsen war, halfen mir
ein paar Verliebtheiten, am Aufenthalt in Muenchen mehr Gefallen zu finden.

Denn natuerlich fehlte es auch an der Jugendeselei nicht; aber ich muss
bekennen, dass es nie zu Erklaerungen kam.

Ich bewunderte einige Mitschueler, die auf dem Eise oder sonstwo mit
Backfischen verkehrten, sprachen, Arm in Arm mit ihnen gingen.

Ich selber verehrte sie nur aus der Entfernung, und sogar vor ihrem
Entgegenkommen versteckte sich meine Bloedigkeit hinter Trotz.

Machte ich den Versuch, eine junge Dame, die im gleichen Hause wohnte,
anzureden, dann war mir die Kehle wie zugeschnuert. Einmal setzte ich an,
aber heiser vor Aufregung stotterte ich ein paar nichtssagende
Entschuldigungen und floh eilig die Treppe hinunter. Und doch brachte mich
ein Jugenderzieher, Schulmann und Rektor in ernstliche Gefahr, indem er
mich als Verlorenen behandelte und in einer Weise blossstellte, die sich
nicht fuer ihn ziemte.

Ich trug wochenlang einen herzlich dummen Brief an jenen Backfisch in
einem Schulbuche herum, immer mit der Absicht, ihn zu ueberreichen, wozu
mir stets wieder der Mut fehlte.

Eines Tages erwischte mein Ordinarius den Brief, uebergab ihn dem Rektor,
und dieser sonderbare Freund der Jugend, der zufaellig wusste, dass ich von
einer angesehenen Familie zuweilen eingeladen wurde, schrieb an sie und
behauptete, ich haette an die juengere Tochter des Hauses diesen
unziemlichen Brief gerichtet.

Es war unwahr, und ich wehrte mich leidenschaftlich gegen die Anklage,
aber es half mir nichts; die Mama war indigniert, und der Papa gab mir
jovial zu verstehen, dass man mich nicht mehr einladen koenne.

Damals habe ich mich ein paar Tage lang mit Selbstmordgedanken getragen,
und ich glaube, dass ich nahe genug daran war, die Torheit zu begehen.

Ein erfahrener Mann haette wahrhaftig in der Unbeholfenheit des Briefes
knabenhafte Bloedigkeit erblicken muessen und alles andere eher als Routine
und Verdorbenheit.

Der einzige, der damals fuer mich eintrat, war der Religionslehrer, der
ueber die gedrechselten Phrasen, die ich an das sehr geehrte Fraeulein
gerichtet hatte, gelaechelt haben soll. Er merkte, wie verstoert ich war,
und sprach mich daraufhin an; schon das wirkte als etwas Ungewoehnliches
auf mich, und als mir der strenge und zurueckhaltende Mann mit freundlichen
Worten zu verstehen gab, dass er mir glaubte, kam ich darueber weg.

Das Erlebnis gilt mir heute noch als Beweis dafuer, wie schwer sich
Unverstaendnis und Uebelwollen an der Jugend versuendigen koennen.

Ich habe spaeter aus Ferne und Naehe Schuelerselbstmorde erlebt und
gewoehnlich recht toerichte Urteile darueber gehoert; selten fand ich
Verstaendnis fuer die Wahrheit, dass roher Eingriff und grobes Unrecht gerade
jugendlichen Gemuetern unertraeglich erscheinen koennen.

Sehr drueckend empfand ich es damals, dass ich bei den Mitschuelern wenig
oder kein Verstaendnis fuer meinen Schmerz fand; eher beifaellige Zustimmung
zu der Verfehlung, die ich gar nicht begangen hatte, schlaues Misstrauen
gegen meine Verteidigung, aber kaum Billigung des leidenschaftlichen
Zornes, mit dem ich mich gegen das Unrecht wehrte.

Ich darf sagen, dass lauter halb und ganz fertige, ihr eigenes Heil und
ihren Nutzen kennende Spiessbuerger um mich herum auf den Schulbaenken sassen.

Schwaermen und rueckhaltloses, uebertreibendes Sichhingeben an irgendeine
Sache konnten sie mit ueberlegenem Laecheln beantworten.

Die meisten wussten ja auch schon, was sie werden wollten oder sollten.

Diese praedestinierten Amtsrichter, Aerzte, Assessoren, Intendanturbeamten
und Offiziere kannten Vorteile und Nachteile der Berufe, und es sollte
mich wundern, wenn sie sich nicht ueber kuenftige Pensionsbezuege
unterrichtet haetten.

  _Nunc est bibendum,_
  _Nunc pede libero pulsanda tellus!_

war ein gern zitierter Vers Horazens.

Jetzt wollen wir trinken, jetzt befreit mit dem Fuss auf die Erde stampfen.

Aber die Ausgelassenheit war bei den meisten schon klug gedaempft; nach ein
bisschen konventionellem Saufen trat der freie Fuss in die herkoemmliche
Laufbahn, und der ordentliche junge Mensch erwarb nicht erst, sondern
behielt die vom Vater ueberkommene Klugheit, innerhalb der Schranken im
sachten Trabe zu gehen.

Ich war dazu bestimmt und gewillt, Forstmann zu werden, und mein Vormund,
auch einer vom gruenen Tuche, hielt mir zuweilen vor Augen, dass
Pflichttreue und Wahrheitsliebe gerade die Maenner zieren muessten, denen der
Staat den hohen Wert der Waldungen anvertraue.

Ich nickte beifaellig zu der hohen Auffassung, aber mit meinen Wuenschen
verband sich doch eher die Vorstellung von einem Hause im Gruenen, von
Puerschgaengen und Tabakrauchen.

Ich hatte das reizvolle Bild meiner Zukunft vor Augen, wenn ich den Bruder
meines Vaters, den Oberfoerster von Woernbrunn bei Gruenwald, besuchte.

Er sass dort unter Foerstern und Jagdgehilfen in einem ansehnlichen, von den
Muenchnern gern besuchten Wirtshause.

Sohn, Enkel und Urenkel schwerer Altbayern und Pfeifen rauchender Jaeger,
hatte ich natuerlich das vollste Verstaendnis fuer diese Freuden, und wenn
ich an Sonntagen bei den derben und nicht durchaus wahrheitsliebenden
Maennern sass, wollte ich ihnen aehnlich sein und werden.

Einer davon, der Foerster Holderied, war noch ein Vertreter der
aussterbenden Rasse von Wildlingen, die einen unaufhoerlichen Kampf mit
Lumpen fuehrten. Man erzaehlte von ihm Schauermaeren, lauter echte
altbayrische Geschichten, voll Jaegerromantik des Hinaufschiessens oder
Hinaufgeschossenwerdens.

Ein Prachtkerl war der Jagdgehilfe Schroeder, der in der Sauschuette das
Schwarzwild zu fuettern hatte.

Er konnte luegen, wie ich es nie mehr gehoert habe, und ich glaube, dass die
Pflege des Jaegerlateins in ihm ihren letzten ehrwuerdigen Meister gehabt
hat.

Er log immer und verzog keine Miene dabei; mit steinerner Ruhe brachte er
die ungeheuerlichsten Geschichten vor und schien in Zorn zu geraten, wenn
jemand Bedenken oder Zweifel zeigte.

Fuer mich waren die Besuche in Woernbrunn nicht ungefaehrlich. Ich gab mich
der Herrlichkeit rueckhaltlos, wie immer, hin und wollte auf allen Glanz
der Welt verzichten, um in die Lodenjoppe und dieses bajuvarische Behagen
zu schliefen. Ich setzte meiner Mutter mit Bitten zu, mich zum niederen
Forstdienst gehen zu lassen, aber zu meinem Gluecke erkannte sie die
Ursache meiner Resignation auf die hoehere Laufbahn. Ich durfte nicht mehr
so haeufig zum Forsthause wandern, und da mir Onkel Franz das selber und,
wie ich merkte, mit Bedauern eroeffnen musste, blieb ich ganz weg.



Die Oberklasse des Gymnasiums besuchte ich in Landshut; ich wollte das
Wohlwollen jenes Muenchner Rektors nicht noch mehr herausfordern.

Die wohlhaebige Stadt, Mittelpunkt der reichsten Bauerngegend, in der eine
starke Garnison lag und die ihre Tradition als ehemaliger Sitz der
Landesuniversitaet noch bewahrte, gefiel mir sehr gut.

Die breite Altstadt mit ihren hochgiebligen Haeusern und der maechtigen
Martinskirche als Abschluss war die Hauptstrasse, auf der nachmittags die
Herren Offiziere, Beamten, Faehnriche und Gymnasiasten bummelten, um den
zahlreichen huebschen Buergertoechtern Beachtung zu schenken.

Vom Kollerbraeu zum Dome hinauf, vom Dome zum Kollerbraeu hinunter flanierte
die Jugend, die in Uniform schon etwas vorstellte, und die andere, die mit
Band und Muetze bald etwas vorstellen wollte, und sie gruessten, hier
verwegen, dort schuechtern, die Weiblichkeit.

Ich war bei einer angesehenen Buergerfamilie untergebracht und genoss zum
ersten Male volle Freiheit in meinem Tun und Lassen.

Dass ich sie nicht missbrauchte, rechnete mir der wohlwollende Rektor des
Gymnasiums hoch an; er hatte mich mit einigem Misstrauen empfangen und im
Auge behalten, weil ihn der Muenchner Kollege brieflich vor mir gewarnt
hatte.

Nach Ablauf einiger Monate rief er mich zu sich und fragte mich, was ich
denn eigentlich an meinem frueheren Gymnasium pekziert haette. Ich erzaehlte
ihm frischweg das Schicksal meines verhinderten Liebesbriefes. Laechelnd
hoerte er mich an, und dann las er mir einige kraeftige Stellen aus dem
Briefe seines Kollegen vor.

"Was sagen Sie dazu?" fragte er mich.

Ohne langes Besinnen gab ich zur Antwort: "Wenn ich Rektor waere, wuerde ich
ueber einen Schueler keinen Brief schreiben."

Er bewahrte mir sein Wohlwollen waehrend des ganzen Jahres wie in der
Schlusspruefung, und ich blieb ihm ueber das Gymnasium hinaus dankbar dafuer;
als Universitaetsstudent besuchte ich ihn mehrmals, und er brachte das
Gespraech gerne auf die resolute Antwort, die ich ihm damals gegeben hatte.

Im Juni meines letzten Schuljahres starb Koenig Ludwig II.

Das Ereignis machte tiefen Eindruck, und er war echt, wie er sich in
Schweigen und Niedergeschlagenheit zeigte.

Was spaeter folgte, das Herumerzaehlen von Schauergeschichten, Tuscheln,
Fluestern und Kokettieren mit Frondeurgeluesten, die doch nicht ernst
gemeint waren, erregte in mir schon damals Zweifel in die Staerke populaerer
Stimmungen. Den gepressten Buergerherzen in Landshut tat die Kunde wohl, dass
man aus irgendeinem Braeuhause einen vorher ordnungsmaessig verdroschenen
preussischen Unteroffizier der schweren Reiter hinausgeschmissen habe, weil
er in unehrerbietigen Zweifeln befangen gewesen waere.

Wenn nicht wahr, so gut erfunden. Denn wie ich an meinem Hausherrn sehen
konnte, herrschte Befriedigung, dass sich die allgemeine Erregung, und zwar
gegen Norden hin, Luft gemacht hatte.

Im August bestand ich die Schlusspruefung, die von Kennern fuer leichter als
gewoehnlich erklaert wurde. Ich moechte nicht entscheiden, ob das stimmt;
jedenfalls war man auch mit der Begruendung bei der Hand.

In Muenchen hatte ein Prinz das Absolutorium zu bestehen, und dem haette man
es nicht schwer machen wollen.

Meinen Anspruechen genuegte die Pruefung, und zu meiner Freude genuegte ich
den Anspruechen.

Ein seliger Vormittag, als wir unter dem Tore des Gymnasiums die Huellen
von den farbigen Muetzen entfernten und nun mit leuchtenden Rotkappen durch
die Stadt gingen.

Beim Abschiedskommerse hatte ich die Rede zu halten.

Meine Kommilitonen trauten mir nach etlichen dichterischen Versuchen, die
ich hinter mir hatte, Erkleckliches zu, und an tuechtigen Redensarten von
der Sonne der akademischen Freiheit haette es auch nicht gefehlt, wenn ich
nicht beim zweiten Satze steckengeblieben waere.

Ich rang nach Worten, fand kein einziges und setzte mich unter peinvollem
Schweigen hilflos nieder.

Aehnliches war nie geschehen, und ich glaube, dass es mir der Jahrgang lange
nachgetragen hat.

Die Situation rettete aber mein verehrter Studiendirektor, der sogleich
aufstand und eine wohl gegliederte und durchdachte Rede an die abziehende
Jugend hielt.

Manches kluge und manches schoene Wort aus den nun abgetanen Klassikern war
darin verflochten, und ich sah freilich, wie man's haette machen sollen.

Die Befriedigung ueber das ungewoehnliche Hervortreten des Rektors, die
Freude an seinen Worten schwaechten einigermassen das Unbehagen, das ich
verursacht hatte, ab.

Etliche Tage sangen und tranken wir noch in Landshut herum und kamen uns
bedeutender und freier vor, wie jemals wieder im Leben.

  _Nunc est bibendum,_
  _Nunc pede libero pulsanda tellus!_

Damit ging es heim.

Meine Mutter war etliche Jahre vorher nach Traunstein uebergesiedelt und
hatte den Gasthof "Zur Post" in Pacht genommen. So hatten nun die Buerger
dieser Stadt Gelegenheit, mich in Farbenpracht mit dem _pede libero_
stolzieren zu sehen und der braven Frau Oberfoerster zu dem Erfolge ihres
Sohnes Glueck zu wuenschen.

Sie holte mich mit den Schwestern von der Bahn ab und war geruehrt, mich an
einem unter manchen Seufzern herbeigesehnten Ziele zu sehen.

Allzuviel konnte ich nicht erwidern, da ich vom _bibendo_ stockheiser
geworden war.

Die alte Viktor war etwas gekraenkt, weil man sie als Hueterin des Hauses
daheim gelassen hatte, und so draengte sie zuerst ihre Gefuehle zurueck, um
brummig zu sagen, ich saehe doch sehr versoffen aus.

Sie rang sich aber zur Freude durch und meinte, nun sei ich auf dem Wege
zum Berufe meines Vaters und koenne wohl gar noch Oberfoerster in der
Vorder-Riss werden.





                                IM BERUFE


Zwei Semester war ich an der Forstakademie in Aschaffenburg, dann ging ich
zur Rechtswissenschaft ueber, studierte in Muenchen und Erlangen, wo ich
nach Ablauf der vorgeschriebenen Zeit das Examen bestand.

Meine Erlebnisse auf der Hochschule waren die herkoemmlichen, so sehr, dass
ich sie nicht zu schildern brauche.

Damals, als ich die Schlusspruefung ablegte, war es noch Sitte, dem
erfolgreichen Kandidaten den Zylinder einzutreiben.

Meine Freunde harrten vor der Tuere auf mich und schlugen mir den Hut bis
zu den Ohren hinunter.

Da wussten die Buerger, die uns begegneten, dass aus dem Studenten ein
Rechtspraktikant geworden war, und nickten mir beifaellig zu.

Am Abend zogen wir zum Bahnhofe hinaus, und ich fuhr heim ins Berufsleben,
das mit der Praxis beim Amtsgerichte Traunstein anfing.

Rueckblickend auf mein Studium, kann ich sagen, dass ich das meiste aus
Buechern lernte und vom bestimmenden Einflusse eines Lehrers nichts zu
fuehlen bekam.

Wenn ich lese, dass jemand durch eine fuehrende Persoenlichkeit aus dem
Dunkel ins Licht geleitet wurde, kann ich mir keine Vorstellung davon
machen, denn was ich vom Katheder herunter vortragen hoerte, war trockene
Wissenschaft, die man nachschrieb, um dann zu finden, dass es gedruckt
nicht anders zu lesen war. Dagegen habe ich mir persoenliche Erinnerungen
an etliche Professoren bewahrt.

Sie waren ziemlich alte Herren und wirkten auf mich wie Ueberbleibsel aus
der Uhlandzeit, passten auch in das Bild der kleinen Universitaetsstadt, in
der man so viele Erinnerungstafeln an beruehmte Theologen, Mediziner und
Juristen sieht.

Sie waren Sonderlinge von einer Art, nach der man Heimweh haben darf.

Der alte _Gengler_ mit seinen langen, weissen Haaren und den blanken
Kinderaugen war der Gelehrte aus der Biedermeierzeit, weltfremd, verloren
und vertraeumt, ganz in seine Welt der Deutschen Rechtsgeschichte
eingesponnen, und doch recht lebhaft, fast leidenschaftlich, wenn er von
Freiheiten sprach, die es einmal gegeben hatte. Man belegte damals die
_Collegia_ persoenlich bei den Professoren. Als ich Gengler besuchte, war
er schuechtern wie ein Kandidat, sass ganz vorne auf dem Stuhlrande und
hielt das Gespraech mit Muehe im Gange.

Vom alten _Makowitzka_, dem Nationaloekonomen, ging die Sage, er sei Anno
48 zum Tode verurteilt und begnadigt worden.

Das stimmte nicht, wie ich spaeter hoerte, vielmehr hatte er eine geringe
Freiheitsstrafe erhalten, aber in Erlangen, wo man noch Erinnerungen an
_Sand_ hochhielt, liess man nicht ab vom Glauben an das Henkerschwert, das
ueber dem braven Herrn geschwebt haben sollte.

Er empfing mich im Lehnstuhl sitzend, die fast erblindeten Augen durch
einen Schirm geschuetzt.

Mehrmals wiederholte er die Frage, ob es mein ernster Vorsatz und Wille
sei, bei ihm zu belegen, und als ich hoeflich darauf bestand, sagte er:
"Ja, also dann lese ich ... es war naemlich noch ein Herr da, und da Sie
nun zu zweit sind, werde ich die Vorlesung abhalten."

Der andere und ich, wir sahen uns im ersten Kolleg etwas suess-saeuerlich an,
denn da gab es nun einmal kein Schwaenzen, wenn wir nicht unsern Lehrer
kraenken wollten.

Professor _Lueders_, Philister der Hannovera und Korpsbruder Bismarcks, war
ein distinguiert aussehender, sehr wohlhabender Herr bei hohen Jahren.

Er lehrte Strafrecht, sprach sehr gemessen, mit hannoeverschem Akzente, und
wenn sich Unruhe bemerkbar machte, konnte er wuerdevoll sagen: "Meine
Herren, ich muss um Ruhe bitten ... uebrigens, mein Name ist Lueders, ich
wohne in der Friedrichstrasse Nr. 2 ..."

Von seinem einzigen Leibeserben sprach er als von seinem Sohne und
Korpsbruder Karl ...

Zu den Originalen, an denen es in Erlangen nicht fehlte, gehoerte der
Anatomiediener, ein alter Student und Korpsphilister; dann waren sehr hohe
Semester vertreten, verbummelte Herren von vierzig und mehr Jahren,
darunter ein Grieche, der Papadakis oder so aehnlich hiess und, als
obdachlos aus der Stadt verwiesen, sich in den Bierdoerfern herumtrieb, bis
er eines Tages erschlagen wurde.

Von besonderer Art waren auch die Buerger, die sich ueber Mensuren und
Abfuhren unterhielten; die Handlungsdiener und Friseurgehilfen, die
Verbindungen gruendeten, Wein- und Bierzipfel trugen und sich studentisch
gebaerdeten, und die jungen Damen, die fuer Burschenschaft oder Korps
eintraten, kurz diese kleine Welt, die ich nun verliess, um sie nirgends
mehr zu finden.

In mein letztes Semester fiel die Erregung ueber die Entlassung Bismarcks,
vielmehr der Mangel an Erregung darueber, und gerade der blieb nicht ohne
Einfluss auf meine Entwicklung. Ich war nicht naseweis, und ich harrte auf
die bedeutenden Worte der Aelteren.

Da sah ich mit Erstaunen, wie ein ganzes Volk den Verlust seines groessten
Staatsmannes und seines Kredits im Auslande wie eine Schicksalsfuegung
hinnahm, ich sah, wie man hausbackene Erklaerungen dafuer, dass ein junger
Kaiser keinen alten Kanzler wollte, suchte und fand, wie man die Willkuer
eines Dilettanten zufrieden oder unzufrieden, aber jedenfalls ergeben
trug.

Nicht der Triumph der Gegner Bismarcks, die Geduld seiner ehemaligen
Anhaenger brachte mich um alles glaeubige Vertrauen und schaerfte mir den
Blick fuer die Knechtseligkeit des deutschen Spiessbuergers.

Ein englisches Witzblatt brachte damals ein Bild, wie der Lotse das
deutsche Schiff verlaesst. Es traf den Nagel auf den Kopf; aber in
Deutschland sah man schweigend zu, wie unberufene Haende das Steuer
ergriffen, und wie im gefaehrlichsten Fahrwasser der Zickzackkurs begann.

Manches Mal noch hoerte ich in der folgenden Zeit jeder Taktlosigkeit
gemuetvoll und loyal Beifall spenden, und ich fragte mich bescheiden, ob
diese erfahrenen Maenner nicht am Ende besser saehen als ich.

Nur allmaehlich loeste sich aus Zweifeln der gruendlichste Abscheu vor dem
Treiben los, dem ich spaeter, so oft ich konnte und so scharf ich konnte,
Ausdruck gab.

Ein Vorfall, den ich bald nach der Heimkehr erlebte, zeigte mir, dass es
nicht lauter Gleichgueltige und Aengstliche gab.

Ich sass mit den Forstmeistern der Traunsteiner Gegend in einem Bierkeller,
und das Gespraech kam selbstverstaendlich auf die Entlassung des
Reichsgruenders, auf Undank und Jaemmerlichkeit, und es wurde mit Schaerfe
gefuehrt.

Schweigend sass ein alter Forstmann aus Marquartstein am Tische, der sich,
wie man mir erzaehlte, im Kriege von 1870 oft bewaehrt und ausgezeichnet
hatte; er trank still, aber grimmig und reichlich Bier, und ploetzlich
sprang er auf seinen Stuhl und schrie saftige Majestaetsbeleidigungen uebers
Publikum hinweg.

Erschrocken fassten ihn die andern am Rockschoss und wollten ihn
herunterziehen, aber der alte Krieger war in Feuer geraten und wiederholte
hartnaeckig seine Worte, bis man ihn endlich in die Versenkung brachte.

"Und von mir aus passiert mir, was mag!" schrie er. "Das is mir wurscht
..." Es passierte ihm nichts, und es war schoen, dass sich unter den
Hunderten nicht einer fand, der den Alten denunzierte oder ihn durch
leichtfertiges Erzaehlen des Vorfalls in Verlegenheit brachte.

Fuer gewoehnlich aber und besonders im Kreise von Juristen hoerte ich nur
lederne Unterhaltungen ueber das Geschehnis, als haette sich's irgendwo in
der Fremde zugetragen, ausserhalb der Interessensphaere dieser wackeren
Beamten, und der immer wiederkehrende Refrain vom neuen Herrn und alten
Faktotum wirkte beschwichtigend auf alle.



Fuer meine Mutter hatte es den Verzicht auf liebgewordene Vorstellungen
bedeutet, als ich dem Forstwesen den Ruecken kehrte; meine Ausfuehrungen,
gegen die sie etwas misstrauisch war, wurden jedoch unterstuetzt durch die
Klagen aller in der "Post" einkehrenden Forstleute ueber das neue
Schreibwesen und die miserablen Gehaelter.

So fand sie sich darein; leichter als die alte Viktor, die sich ihre
Hoffnungen auf einen Lebensabend in der Vorder-Riss schon allzu schoen
ausgeschmueckt hatte, um sich mit einem Male davon trennen zu koennen.

Als ich aber im Frack vor ihr stand und zur Ablegung des Staatsdienereides
ins Amtsgericht schreiten musste, verzog sich ihr Gesicht zu einem
zufriedenen Laecheln, und sie erinnerte sich, dass mein Vater nach einem
lebhaften Streite, den ich als Kind mit meinen Geschwistern durchgefochten
hatte, der Meinung gewesen war, es koenne ein Advokat aus mir werden.

Ich selber nahm den Eintritt in die Praxis sehr ernst, und ich kam mir
wohl bedeutend vor, als ich, den Baecker Jaeger gruessend und dem Kaufmann
Fritsch dankend, dahinschritt, um eidlich Wahrung der Dienstgeheimnisse
und Fernbleiben von geheimen Verbindungen zu geloben.

Dem Amtsvorstande stellte ich mich freudig zur Verfuegung, und ich wollte
ein unbeugsamer Hueter der Gerechtigkeit sein.

Von da ab brachte mir fast jeder Tag Enttaeuschungen, bis ich von allen
Illusionen geheilt war.

Der Chef des Amtsgerichtes war nicht bloss ein trockener, unbedeutender
Mensch, sondern auch ein Buerokrat von der Schadenfreude, die sich vor 48
mit Pruegelstrafen hatte ausleben duerfen und nun zurueckgedaemmt das Gemuet
verfinstern musste. Mitleidlos und sackgrob gegen die kleinen Leute,
misstrauisch gegen jedermann, selbstgefaellig, unwissend und geschwaetzig, so
war der Mann, der mich bei den ersten Schritten in eine mit viel Respekt
betrachtete Welt leiten sollte.

Von der Geistlosigkeit und dem Unwerte der Praxis bei einem solchen
Gerichte macht sich der Aussenstehende doch wohl keinen Begriff.

Ich lernte nichts von allem, was ich fuer spaeter haette lernen muessen.

Zuerst nahm mich der Chef in Beschlag.

Ich musste bei den Pflegschaftsverhandlungen Protokolle schreiben und
durfte zuhoeren, wie die Kindsvaeter sich sperrten, die ueblichen acht bis
zehn Mark monatlich fuer das illegitime Kind zu bezahlen.

Bei den Schoeffengerichtsverhandlungen war ich stellvertretender
Gerichtsschreiber, und das war immerhin noch unterhaltender als das
Nachschreiben der Urteile, die mir mein Vorgesetzter diktierte.

Er tat sich was darauf zugut, ellenlange Saetze zu bilden, und schwelgte
wie ein alter Gendarm in eingeschachtelten, zusammengestopselten Perioden.

Was sich alles ueber die verbrecherischen Absichten eines Landstreichers
sagen liess, der ein Hufeisen gefunden, selbiges aber nicht abgeliefert
hatte, das erfuhr ich damals mit Unbehagen. Mein Chef aber wiegte sich in
den Hueften, hing noch ein paar Relativsaetze, schlauen Verdachtes voll, an
die Hauptwoerter, und wenn die lange Periode hinkend und muehsam bis an den
Schluss gelangt war, forderte er meine Bewunderung heraus: "Han, was sag'n
Sie jetzt?"

Mein Ersuchen, selber einmal ein Urteil anfertigen zu duerfen, wies er
barsch zurueck.

Nach ein paar auf die Art zugebrachten Monaten musste ich im Hypothekenamt
unter aengstlicher Aufsicht des Amtsrichters und des Aktuars ein paar
Eintraege in die heiligen Buecher machen.

Meine respektlose Art zu schreiben erregte ihr Entsetzen, und sie waren
beide froh, wenn ich ausblieb.

In den Zivilverhandlungen lernte ich die Dehnung der Bagatellsachen durch
Advokaten kennen. Wie lange konnte sich ein Prozess um zwanzig Mark
hinschleppen! Wie bald verschwand die Streitsumme neben den Kosten der
Zeugen, Sachverstaendigen und Anwaelte, womoeglich gar eines Augenscheines!
War man endlich ans Ziel gelangt, naemlich dahin, dass es den Streitenden zu
dumm wurde, dann stellte sich heraus, dass die Bruehe viel teurer geworden
war als der Fisch, und aus Scheu vor den Kosten prozessierte man weiter,
bis es den Streitteilen abermalen zu dumm wurde. Wenn zuletzt der
Amtsrichter und die beiden Anwaelte gemeinsam den Geist der Versoehnlichkeit
heraufbeschworen, kam er mit einer langen Rechnung, und die Parteien
mussten sein verspaetetes Eintreffen beklagen. Es gab damals in Traunstein
ein paar Advokaten, die sich an Saftigkeit ueberboten und dafuer sorgten,
dass ihre bajuvarischen Bonmots die Runde machten.

Keiner wollte leiden, dass der andere der Groebere war, und ich hegte
manchmal den Verdacht, dass ihre Derbheiten nicht frisch aus dem Gemuete
sprudelten, sondern sorgsam vorbereitet waren.

Dem Publikum gefielen sie.

Als die Herren aelter, kraenklich und sanfter wurden, konnte man oft mit
Bedauern sagen hoeren: "Ja ... frueher! Wie die Herren noch beim Zeug waren,
da hat ma was hoeren koennen ... aba jetzt is ja gar nix mehr ..."

Zuweilen erhielt ich vom Landgerichte den Auftrag, vor der Strafkammer
eine Verteidigung zu fuehren.

Ich ging das erstemal mit Eifer an, konferierte mit dem gefangenen
Klienten, suchte nach juristischen Finessen und nach Mitleid erregenden
Momenten, setzte eine wohlgeformte Rede auf und nahm mir vor, Pathos zu
entwickeln, bis ich merkte, dass alles, was ich sagte, den fuenf Herren oben
am langen Tisch wurscht und egal war.

Auch der Klient, der dem Verteidiger geruehrt die Hand drueckt, blieb ein
schoener Traum, und der einzige Mensch, auf den ich als forensischer Redner
Eindruck machte, war der alte trinkfeste Foerster Schwab, den die
Freundschaft zu mir in den Gerichtssaal gefuehrt hatte. Er fasste die Sache
als grossartigen Spass auf, denn fuer ihn war ein Angeklagter ein Lump und
damit fertig. Er verzog seinen Mund zu einem breiten Lachen, zwickte die
Augen zu und sagte: "De hast amal schoe ang'logen ... Herrschaftsaggera ...
wia's d'as no so daherbracht host ..."

Ich habe die fuenf Herren noch oefter anluegen muessen, aber der Eifer flaute
ab, und ich lernte verstehen, dass Gewohnheit alle Feuer loescht.

Als Praktikant am Landgerichte musste ich den geheimen Beratungen, in denen
die Urteile gefaellt wurden, beiwohnen. Es sollte dem jungen Manne einen
Begriff davon geben, wie man's mache. Ich sah noch einiges andere und
dachte darueber nach.

Draussen im Saale sass ein Angeklagter, der angstvoll seinem Schicksale
entgegensah, denn mehr als einmal handelte es sich um Reputation und
Existenz. Es waere unnatuerlich gewesen, wenn ein junger Mann sich nicht
staerkeren Empfindungen hingegeben und Partei fuer den armen Teufel genommen
haette. Ich wartete ungeduldig auf das erste Votum des juengsten Beisitzers
und hoffte, er moechte sich auf meine Seite schlagen. Das ging aber nicht
so rasch mit dem Beraten.

Die Herren hatten ueber der Tragik des Falles nicht den Appetit verloren,
holten sich die Gaben der Hausfrauen aus den Taschen und assen erst einmal.
Oefters hoerte ich mit gleichmuetigen Worten auf Strafen erkennen, deren
Folgen ich mir vielleicht uebertrieben vorstellte, und ich konnte auf die
scharfen wie auf die pomadigen Richter einen starken Groll werfen.

Um so mehr begeisterten mich andere, die bei gerechtem Abwaegen immer noch
Guete zeigten, und wenn sie gar dem Vorsitzenden mit hoeflicher Bestimmtheit
entgegentraten, war ich gerne bereit, sie zu bewundern. In solchen Dingen
sah der gruene Praktikant scharf genug, und er machte sich Begriffe, die
von ihm nicht verlangt wurden.

Wenn ich der Wahrheit streng die Ehre gebe, muss ich sagen, dass ich nie
boeswillige Haerte sah, wohl aber Engherzigkeit und Mangel an Verstaendnis
fuer die Motive strafbarer Handlungen.

Leidenschaften, denen eine Tat entsprungen war, wurde man selten gerecht,
und oft sah man abschreckende Roheit, wo sich ein starkes Temperament
hatte hinreissen lassen. Gefaehrlich waren erzieherische Gesichtspunkte;
denn durch Strenge gegen den einzelnen bessernd auf die Allgemeinheit
wirken zu wollen, fuehrt von gerechten Massen ab.

Befremdend und manchmal komisch war es, wie wenig ein verbeinter Jurist
von dem Volke wusste, in dessen Mitte er lebte. Sitten, Gebraeuche und
Missbraeuche, die Art zu denken und zu reden, das alles konnte groeblich
missverstanden werden, und es kam vor, dass der Praktikant im
Beratungszimmer, durch Raeuspern die Aufmerksamkeit auf sich lenkend,
Auskunft ueber dies und das erteilen durfte.

Natuerlich gab man ihm zu verstehen, dass die andere Ansicht auch richtig,
ja, wenn man logisches Denken beim kleinen Volke voraussetzen koennte,
allein richtig waere.

Von ungewoehnlicher und ueberragender Begabung war unter den Herren
eigentlich nur einer, der Erste Staatsanwalt v. A.

Der schweigsame, in sich gekehrte Junggeselle konnte aber zuweilen
bedenklich ueber die Schnur hauen, wenn er alle Quartale - hier und da
oefter - sich einen gewaltigen Haarbeutel anschnallte.

Er wurde groelend in einer Wirtschaft sitzend von den Buergern angestaunt,
ja einmal hantelte er sich am hellen Morgen an der eisernen Barriere
entlang, die um die Hauptkirche angebracht war. Ein anderes Mal retteten
ihn ein Bierbrauer und ich vor dem Angriffe, den hitzige Bauernburschen
auf ihn unternahmen. Kurz vorher waren Leute aus dem Dorfe, wo der Herr
Staatsanwalt zechte, zu empfindlichen Strafen verurteilt worden, und da
schien den Krakeelern, die auch nicht mehr nuechtern waren, eine guenstige
Gelegenheit zur Rache gegeben. Er sprach nie darueber, aber eines Tages lud
er mich ein, ihm einige Arbeiten vorzulegen, ueber die er sich dann auf
Spaziergaengen eingehend mit mir unterhielt.

Das war sein Dank fuer meine Hilfe an jenem unangenehmen Abend.

Nach der landgerichtlichen Praxis trat ich beim Bezirksamte ein.

Obwohl oder vielleicht weil ich einiges von den Wuenschen und Beduerfnissen
der Landbevoelkerung kannte, blieben mir Zweck und Nutzen der
Verwaltungstaetigkeit ein Raetsel.

Da sass in Traunstein ein Herr, ohne dessen Genehmigung kein Anbau an einen
Schweinestall, kein Neubau einer Waschkueche erfolgen durfte, der die
Gemeindeverwaltung ueberwachte und die Schulen ueberwachte, der ueberall
dreinzureden und zu befehlen hatte, meist in Dinge, von denen er
sicherlich weniger verstand als die Interessenten, und ueber die er immer
Sachverstaendige das eigentliche Urteil abgeben lassen musste.

Er war recht eigentlich der Repraesentant einer anfechtbaren staatlichen
Bevormundung.

Waehrend meiner Praxis erlebte ich einen mich persoenlich schmerzenden
Beweis von der Schaedlichkeit des Systems, das einem Juristen die letzte
Entscheidung ueberwies, wo nur sehr geschulte Fachleute haetten zum Worte
kommen duerfen.

Eine sehr populaere Forderung ging seit Jahren auf die Tieferlegung des
Chiemsees.

Das Populaere ist nicht immer das Kluge oder das Nuetzliche. Am Suedufer des
Sees sahen die Bauern einen grossen Gewinn in der Trockenlegung ihrer
Streuwiesen; Landtagskandidaten hatten ihre Gunst mit Versprechungen
erworben, viel Papier war verschrieben worden, Projekte lagen vor, aber
der alte Bezirksamtmann ging nicht mehr an das schwierige Werk heran.

Der neue sah darin die Gelegenheit, sich hervorzutun; er betrieb die Sache
mit Eifer, und der Chiemsee wurde tiefer gelegt.

Auf Jahre hinaus waren die Inseln und die Nordufer verunstaltet; lange
Sandbaenke, Schilffelder zerstoerten das schoene Bild, und eine rechte
Fliegenplage kam dazu.

Die erhofften Vorteile blieben grossenteils aus, die Nachteile uebertrafen
die Erwartungen.

Freilich haetten sich die Anwohner staerker gegen den Plan auflehnen muessen,
aber auch an der Teilnahmlosigkeit war das System schuld.

Wer unter Vormundschaft gehalten wird, bleibt unmuendig.

Ich brachte der Verwaltung weder Verstaendnis noch Neigung entgegen; nur
einmal erwarb ich mir Anerkennung, als ich die eben in Kraft tretende
Alters- und Invaliditaetsversicherung im Amtsblatte in gemeinverstaendlicher
Sprache erlaeuterte.

Die treuherzigsten Stellen strich mir der Assessor, aber das Ganze klang
immer noch unjuristisch genug, um Aufsehen zu erregen. Mit mir war ein
Freiherr von G. als Praktikant eingetreten, dem ich zu viele Baeren
aufband, als dass ich ihn fuer sehr klug haette halten koennen.

Aber er besass eine hereditaere Anpassungsfaehigkeit an das seltsame Geschaeft
im Bezirksamte.

Die Kunst, Akten zu erledigen und den Schein einer umfassenden Taetigkeit
fuer sich und das Amt zu erregen, hatte er sofort heraus.

Jeder Antrag wurde _brevi manu_ an den Buergermeister, den
Distriktstechniker, die Gendarmerie usw. geschickt zur naeheren
Berichterstattung, oder ergebenst an Behoerden mit dem Ersuchen um
Auskunft. Wenn sie zurueckkamen mit den eingeforderten oder erbetenen
Berichten, fand sich gleich wieder ein Haekchen, ueber das erneute Auskunft
verlangt werden konnte. So waren die Akten immer auf der Reise, und immer
schien was zu geschehen, und nie geschah was.

Herr v. G. betrieb das Rotierungssystem so eifrig und auffaellig, dass ihm
der Chef sein Erstaunen ueber diese Geschaeftsgewandtheit mit
schmeichelhaften Worten ausdrueckte.

Zu den Baeren, die ich dem gutmuetigen Baron aufband, gehoerte auch die
Geschichte von unserm wackern Gendarmeriewachtmeister in Traunstein, einem
fidelen Rheinpfaelzer, mit dem wir Rechtspraktikanten gerne zusammensassen.

Herr v. G. hatte wenig Verstaendnis fuer diesen Verkehr und sprach mich
daraufhin an.

Ich erzaehlte ihm, dass der Wachtmeister ein hochgebildeter Mann sei, der
sechs Sprachen, darunter alle slawischen, beherrschte; er habe ein grosses
Vermoegen verloren und sei zur Gendarmerie gegangen, um sein Leben fristen
zu koennen.

Der Roman machte Eindruck.

Eines Tages wurde ein boehmischer Landstreicher eingeliefert, der kein Wort
Deutsch verstand, und unser Assessor, der Amtsanwalt war, aeusserte sich
verdriesslich ueber die Schwierigkeit, einen Dolmetscher aufzutreiben.

Da konnte Herr v. G. wieder einmal hilfreich einspringen, und er meldete,
dass der Wachtmeister alle slawischen Sprachen beherrsche.

Der Assessor war freudig ueberrascht und wollte unsern Pfaelzer Krischer
vors Amtsgericht laden; hinterher kam ihm die Sache verdaechtig vor; er
schickte nach dem Wachtmeister, der dem Schwindel gleich ein Ende machte.

"Das hawwe mer wieder die Praktikante eingebrockt", sagte er. "Das
G'sindel kann doch kein Ruh gewwe ..."

Herr v. G. wurde von da ab vorsichtiger gegen meine Erzaehlungen.



Was werden?

Gewoehnlich entschied sich darueber der Rechtspraktikant erst nach dem
Staatskonkurse und der Bekanntgabe der Note, die den Pegelstrich seiner
Faehigkeiten und Aussichten bildete.

Einem Zweier stand alles offen, einem Dreier war beinahe alles
verschlossen.

Sogar die Post und Eisenbahn kaprizierte sich auf intelligente Juristen;
beim Notariat, beim Auditoriat, bei der Intendantur, von Justiz und
Verwaltung nicht zu reden, ueberall begehrte man die Marke "zwei".

In vergangenen Zeiten brannte man Galeerenstraeflingen ein entehrendes
Zeichen auf die Schultern; sie trugen nicht schwerer daran, als gepruefte
Juristen an einem Dreier.

Ich brauchte nicht erst das Ergebnis des letzten Examens abzuwarten, um zu
wissen, dass ich weder Richter noch Verwaltungsbeamter werden mochte.

In beiden Berufen sah ich Beschraenkungen der persoenlichen Freiheit, gegen
die ich mich auflehnte; die Vorstellung, dass ich mir den Aufenthaltsort
nicht selbst sollte waehlen koennen, haette allein genuegt, mich
abzuschrecken.

Und dies und das im Leben der Richter und Beamten, das ich taeglich
beobachten konnte, sagte mir nicht zu; es schien sich doch in einem engen
Kreise zu drehen, von einer Befoerderung und Versetzung zur andern, und
alles Interesse, das sich ueber den Beruf hinaus erstreckte, starb von
selber ab.

Ich floh, wenn ich irgend konnte, die Gesellschaft der Juristen.

Jede Unterhaltung mit Buergern, Handwerksgesellen oder Bauern war
unvergleichlich anregender als ein Gespraech mit trefflichen Raeten. Wie
Schueler von ihren Aufgaben unterhielten sich die Herren von ihren Faellen,
die aelteren mit Genugtuung, weil sie _noch_, die juengeren, weil sie
_schon_ so klug waren.

Die Medisance, die auch in diesem Kreise bluehte, bestand immer darin, dass
einem Abwesenden nachgesagt wurde, er habe oberstrichterliche
Entscheidungen nicht gekannt oder falsch verstanden.

Nachmittags gegen fuenf verliess der Staatshaemorrhoidarius die Kanzlei,
schloss sich einem Gleichgesinnten an und spazierte auf dem Buergersteige
auf und ab, Faelle erwaegend, Saetze abrundend, Deduktionen zum logischen
Ende fuehrend.

Eine Karawane von Paragraphenkennern pilgerte so zum Bahnhofe, gruesste
sich, verlaesterte sich, sagte sich Unkenntnis einer Bestimmung und
Verkalkung nach und wartete auf den grossen Schnellzug Paris-Wien, der hier
eine halbe Minute lang hielt.

Man sah veraechtlich auf die fremdartigen Menschen, die keine Ahnung von
Einfuehrungs- und Ausfuehrungsgesetzen hatten, und die Fremden sahen
veraechtlich auf die Havelocks und abgelatschten Schuhe der
Schriftgelehrten.

Man stiess sich gegenseitig ab, bis der Zug weiterfuhr.

Die Fremden zogen gen Wien, die Raete gen ein Braeuhaus, wo neue Gedanken
ueber alte Entscheidungen aufblitzten.

Ich wusste, dass ich dieses Leben nicht fuehren wuerde, und so malte ich mir
meine Zukunft als Rechtsanwalt aus, bescheiden, mit gemuetlichem Einschlag.

Eine auskoemmliche Praxis in Traunstein, die mir Musse liess zu kleinen
schriftstellerischen Versuchen, denn an die dachte ich damals schon.

Wenn ich mit meiner Mutter ueber kommende Zeiten sprach, ueberlegten wir
uns, wo ich etwa einmieten und wieviel Zimmer ich brauchen wuerde, denn es
galt mir als ausgemacht, dass sie dann die Wirtschaft aufgeben und zu mir
ziehen sollte.

Der Kupferstecher Professor Hecht aus Wien, der in der "Post" ein paar
Sommermonate wohnte, laechelte zu meinen Plaenen und sagte: "Sie werden sich
nicht als Advokat in das kleine Nest verkriechen! Sie gehoeren in die Welt
hinaus, und ich weiss gewiss, dass Sie in Muenchen als Schriftsteller oder
Leiter einer Zeitung einen Namen haben werden."

Ich hoerte die Prophezeiung gerne, wenn ich auch nicht zuversichtlich daran
glaubte.

Ein anderer staendiger Gast in der "Post" und Freund der Familie, Assessor
F., musste wohl eine aehnliche Meinung haben, denn er redete mir zu, das
letzte Jahr meiner Praktikantenzeit in der Hauptstadt zu verbringen, und
gab mir die Mittel dazu.

Ich glaube nicht, dass irgendein Ereignis so bestimmenden Einfluss auf mein
Leben gewonnen hat wie die Uebersiedlung nach Muenchen; ich fand dort
Anschluss an Maenner, die mich zur Schriftstellerei ermunterten, und vor
allem, ich fand selber den Mut, zu wollen, und verlor den Geschmack daran,
mich unter die Decke eines behaglichen Philisterlebens zu verschliefen.

Ein anderes Ereignis mit seinen Folgen trug auch etwas dazu bei.

Mein zweiter Bruder war nach zehnjaehriger Abwesenheit aus Australien
zurueckgekehrt; er war als junger Kaufmann hinuebergegangen, musste sich aber
spaeter als Matrose, Fischer und Jaeger durchschlagen.

Um ihn daheim zu halten, erwarb meine Mutter das Postanwesen in Seebruck
am Chiemsee und zog selber mit meinen zwei juengeren Schwestern dorthin.

Ich war viel bei ihnen draussen und verlor etwas den Zusammenhang mit
Traunstein.

Das Seebrucker Anwesen war vom Vorbesitzer vernachlaessigt worden; es gab
Sorgen genug, die mich deshalb bedrueckten, weil ich mir die alten Tage
meiner Mutter ruhevoller und heiterer gedacht hatte.

Darueber verblassten die Bilder eigener Behaglichkeit, die vielleicht am
Ende, nicht aber am Anfange eines taetigen Lebens ihren Platz finden
durften.

Ich dachte ernsthafter ans Vorwaertskommen und ergriff dankbar die
Gelegenheit dazu, die mir Assessor F. bot, der damals Junggeselle war und,
wie ich sagte, mich vorm Versauern in den kleinen Verhaeltnissen bewahren
wollte.

Klein und eng war es in Traunstein und von einer Gemuetlichkeit, die einen
jungen Mann verleiten konnte, hier sein Genuege zu finden und auf Kaempfe zu
verzichten. Es ist altbayrische Art, sich im Winkel wohl zu fuehlen, und
aus Freude an bescheidener Geselligkeit hat schon mancher, um den es schad
war, Resignation geschoepft.

In dem Landstaedtchen schien es sich vornehmlich um Essen und Trinken zu
handeln, und alle Taetigkeit war auf diesen Teil der Produktion und des
Handels gerichtet. Am Hauptplatz stand ein Wirtshaus neben dem andern,
Brauerei neben Brauerei, und wenn man von der Weinleite herabsah, wie es
aus maechtigen Schloten qualmte, wusste man, dass bloss Bier gesotten wurde.

Durch die Gassen zog vielversprechend der Geruch von gedoerrtem Malz, aus
maechtigen Toren rollten leere Bierbanzen, und am Quieken der Schweine
erfreute sich der Spaziergaenger in Erwartung solider Genuesse.

Der Holzreichtum der Umgegend hatte schon vor Jahrhunderten die Anlage
einer grossen Saline, wohin die Sole von Reichenhall aus geleitet wurde,
veranlasst.

Sie foerderte das Emporbluehen der Stadt, die auch jetzt im Wohlstand
gedieh. Als Sitz vieler Behoerden, sehr guenstig zwischen Gebirg und
fruchtbarem Huegellande gelegen, bildete sie den Mittelpunkt einer
volkreichen Gegend.

Zur allwoechentlichen Schranne und zu den Maerkten stroemten die Bauern
herein, und dazu herrschte ein starker Verkehr von Musterreisenden, die
von hier aus die Chiemgauer Orte besuchten.

Ein anheimelndes Bild der alten Zeit boten die zahlreichen Omnibusse, die
von blasenden Postillonen durch die Stadt gelenkt wurden, denn damals
waren die Kleinbahnen nach Trostberg, Tittmoning, Ruhpolding noch nicht
gebaut.

Hier sass nun ein besitz- und genussfrohes Buergertum, das sich den Grundsatz
vom Leben und Lebenlassen angeeignet hatte. Genauigkeit und aengstliches
Sparen erfreuten sich keines Ansehens, und war man stolz auf den Wohlstand
eines Mitbuergers, so verlangte man auch, dass er nicht kleinlich war.

Rentamtmann Peetz, der Chronist Traunsteins, erzaehlt eine Geschichte, die
fuer altbayrische Lebensauffassung bezeichnend ist.

In den siebziger Jahren spielten zwei gutsituierte Buerger, der
Mittermueller und der Untermueller, regelmaessig Tarock mit einem jungen
Advokaten. Sie fuehlten sich verpflichtet, fuer den Mann ein uebriges zu tun,
und fingen in Frieden und Eintracht miteinander einen Prozess ueber
Wasserrechte an.

Die Geschichte haette sich auch spaeter genau so zutragen koennen, denn die
Lust, etwas springen zu lassen, und die gewisse unbekuemmerte Art lagen in
der Rasse begruendet.

Zum Oktoberfestschiessen meldete sich beim Hoellbraeu alljaehrlich ein
Traunsteiner Buerger, denn da es Brauch war, dass ein Leibjaeger fuer den
Koenig etliche Schuesse abgab, machte es sich gut, wenn auch der Hoellbraeu
einen Vertreter dort hatte.

Wenn dieser, der Eigentuemer der groessten Brauerei, zum "Bierletzt", das ist
zum letzten Sommerbier, in ein Dorf fuhr, wo er einen Kunden hatte, musste
ich oefter mithalten. Es wurden riesige Platten, angehaeuft mit Gans- und
Entenvierteln, Huehnern, Schweinernem und Geraeuchertem aufgetragen, und die
Honoratioren des Ortes, Pfarrer, Lehrer und Gendarm, waren eingeladen.

Der Hoellbraeu hatte weder zu bestellen noch nachzurechnen, wenn am Schlusse
der Betrag von ein paar hundert Mark verlangt wurde. Gewoehnlich hingen
etliche Pfennig daran, damit es nach Gewissenhaftigkeit aussah.

In kleineren Massen hielt es jeder so, dass er im angenehmen Wechsel von
Geben und Nehmen der Kundschaft Gelegenheit bot, ihn zu schroepfen.

Mit den Beamten hatte man sich in frueheren Jahren besser verstanden;
nunmehr schlossen sich die Herren Juristen ab, und die Buerger erwiderten
die Zurueckhaltung mit herzlicher Abneigung gegen die Hungerleider.

So hiess der koenigliche Beamte. Fuer die pensionierten Offiziere, an denen
kein Mangel war, hatte man den Namen Schwammerlbrocker erfunden.

In ihren politischen Meinungen unterschieden sich die Traunsteiner nicht
von den uebrigen Oberbayern. Tiefe Abneigung gegen alles Leidenschaftliche
in diesen Dingen vereinigte sich mit dem ueblichen Masse von Wurstigkeit und
Partikularismus, und das ergab bei Wahlen eine sichere ultramontane
Mehrheit.

Daneben konnte sich der mit Beamten, Pensionisten und etlichen Rentnern
eingewanderte Liberalismus nicht sehen lassen.

Er gab nur einige Lebenszeichen von sich, und man verzichtete schmerzlich
laechelnd im vorhinein auf jeden Erfolg, agitierte nicht und stellte
Kandidaten auf, denen die bescheidenste Rolle in der Oeffentlichkeit Ersatz
fuer den Durchfall bot.

Mehr Laerm erregte der damals neu auftauchende Waldbauernbund, der sich
bald darauf mit dem niederbayrischen Bauernbund in den Zielen
zusammenfand. Professor Kleitner, Eisenberger, der Hutzenauer Bauer von
Ruhpolding und ein kleiner Geschaeftsmann, der Melber Jehl von Traunstein,
waren die Fuehrer der gleich mit grobgenagelten Schuhen auftretenden
Partei.

Durch sie wurde das politische Phlegma etwas aufgeruettelt.

An Respektlosigkeiten, Kraftspruechen und Widerhaarigkeiten hatte man doch
seine landsmaennische Freude.

Von einem Schreinermeister, einem braven Familienvater und fleissigen
Handwerker, wurde mit einer gewissen Scheu erzaehlt, er sei Sozialdemokrat,
der einzige in der Stadt, die Koenig Ludwig I. als treu gesinnt vor allen
andern belobt hatte, weil eine Traunsteiner Deputation zu ihm nach seiner
Abdankung gekommen war.

An Koenig Max bewahrte man freundliche Erinnerungen.

Nach dem grossen Brande im Jahre 1851 war er in die Stadt gekommen und
hatte den Ungluecklichen Trost zugesprochen.

In den neunziger Jahren, als man allerorts nach Motiven fuer Feste suchte,
kam ein Plaene ersinnender Mann auf die Idee, dem guetigen Landesherrn ein
Denkmal zu errichten.

Das Denkmal fiel sehr klein aus, das Einweihungsfest sehr gross.

In der Zeit des allgemeinen Aufschwungs gab es natuerlich Leute, die den
Fremdenverkehr auf alle moegliche Weise heben wollten.

Er hielt sich jedoch in maessigen Grenzen, obwohl man Reunions
veranstaltete, bei denen wir Rechtspraktikanten das Ballkomitee bilden
mussten.

Wenn es herbstelte, versank die Stadt wieder in stillen Frieden, in dem es
nichts Fremdes und Neuzeitliches gab, und von dem umfangen man zwischen
Tarockrennen und Kegelschieben vergessen konnte, dass ihm der Kampf
vorangehen muesse.

Im Februar 1893 trat ich beim Stadtmagistrat in Muenchen, zwei Monate
spaeter bei Rechtsanwalt Loewenfeld als Praktikant ein.

Da waren also nun die groesseren Verhaeltnisse, die ich kennenlernen sollte,
allein bei Amt und Gericht merkte ich wenig davon.

Der Fabrikbetrieb im Labyrinth des Augustinerstockes, wo die Gerichte
untergebracht waren, verwirrte mich wohl anfangs, allein ich merkte bald,
dass die Herren auch mit Wasser kochten, und die erste Zeugenvernehmung,
die ein buchgelehrter Konkurseinser in meinem Beisein vornahm, erregte in
mir den Verdacht, dass es jeder Dreier besser gemacht haette.

Der Verdacht hat sich spaeterhin gefestigt und ist zur sicheren Ueberzeugung
geworden.

Vielbeschaeftigte und beruehmte Anwaelte gab es zu bewundern, darunter
manchen, dessen Gewandtheit und Wissen exemplarisch waren.

Unter den Verteidigern ragten Wimmer und Angstwurm hervor und wurden in
Aufsehen erregenden Prozessen viel genannt.

Der beste forensische Redner, den ich kennengelernt habe, war der joviale
Justizrat _Wimmer_, dem die gluecklichste Mischung von Sachlichkeit und
Pathos eigen war.

Ein ganz oeliges Pathos hatte _Angstwurm_, der einen Komoedianten und einen
Pfarrer haette lehren koennen, ein Mann, der in Bildern schwelgte, bis ein
anderer kam, der ihn darin weit uebertraf.

Gerade damals ging der Stern des _Moessmer Franzl_ auf, des Vaters der
Gerichtshofblueten.

Unzaehlig sind die gewagten Vergleiche, Bilder und Parabeln, die von ihm
erzaehlt werden, aber die Art, wie er sie mit feierlichem Ernste,
losbrechender Heftigkeit und wieder mit dumpfer Resignation vorbrachte,
machte sie erst zu den Ereignissen, von denen sich die Herren Kollegen
vormittagelang unterhielten.

Am Stammtisch im "Herzl", wo ich einen Kreis alter und neuer Freunde
gefunden hatte, verkehrte der Vertreter der "Augsburger Abendzeitung"
_Joseph Ritter_.

Er fand Gefallen an meiner Art, ueber allerhand Dinge zu urteilen, und
forderte mich auf, ganz so wie ich redete, auch einmal zu schreiben und es
ihm fuer seine Zeitung zu geben.

Ich versuchte mich in Plaudereien ueber Zustaende, die ich kannte, und die
Artikel erschienen zu meiner grossen Genugtuung in der "Abendzeitung". Der
Redaktion sagten sie zu, und damit war eine Verbindung hergestellt, die
fuer mich wichtig wurde.

In Freundeskreisen machten zuweilen Gedichte von mir die Runde, die,
meistens im Dialekt, bald derb, bald hanebuechen lustig waren, und von
denen mir das eine und andere nach langen Jahren wieder unterkam, wenn es
jemand vortrug.

So waren sie ungedruckt erhalten geblieben, und ihren Vater kannte nur
ich, der ich schweigend zuhoerte.

Die literarische Bewegung, die damals in Deutschland einsetzte, erregte
mein lebhaftes Interesse.

Von Hauptmann hatte ich "Vor Sonnenaufgang" und "Einsame Menschen"
gelesen, von Sudermann "Die Ehre" gesehen. "Vor Sonnenaufgang" packte mich
stark, gegen "Die Ehre" lehnte ich mich auf; und ich erregte Widerspruch,
wenn ich etwas schroff erklaerte, der Graf Trast sei eine ausgestopfte
Marlittfigur; die hausbackenen Halbwahrheiten, die er deklamiere, seien
unertraeglicher als ganze Dummheiten.

Den staerksten Eindruck machte Fontanes "Jenny Treibel" auf mich; in dieser
abgeklaerten, laechelnden Schilderung sah ich, was Goethe als das
Reizvollste und Wichtigste hervorhebt, die Persoenlichkeit, und zwar eine
recht ueberlegene und sympathische zugleich. "Jenny Treibel" ist mir ein
Lieblingsbuch geblieben, auch deswegen, weil es mich zuerst und auf die
angenehmste Art lehrte, wie nur eine souveraene Darstellung wirklichen
Lebens wertvoll sei, und wie langweilig und gleichgueltig sich daneben
Stimmungen und Gefuehle ausnehmen.

Je weiter wir uns von jener Zeit entfernen, und je mehr und Groesseres sich
zwischen sie und uns stellt, desto klarer sehen wir, dass in der scheinbar
so leicht hingeworfenen Schilderung mehr Kulturgeschichte steckt als in
gelehrten Werken.

Darum werden solche Buecher fuer spaeter Lebende noch erhoehten Wert haben,
wenn man laengst nichts mehr weiss und wissen will von den tiefen Gedanken
und Schmerzen eines Aestheten.

Von Berlin her klangen damals Namen, die einen aufhorchen machten.

Neben den Eroberern der Buehne, Hauptmann und Sudermann, neben Liliencron
die Dehmel, Hartleben, Schlaf, Holz; und von der freien Buehne las man von
Schlenther und Brahm.

M. G. Conrad, dem es nie am Brustton fehlte, war in seiner "Gesellschaft"
bemueht, in Muenchen die Schlaefer zu wecken.

Es war damals sehr viel die Rede vom Naturalismus und Realismus im
Gegensatze zum Idealismus, der dahinsiechte.

Auch an Stammtischen sprach man darueber und aeusserte Gram ueber das
"Aufsuchen des Schmutzes", wie ueber das Schwinden idealer Anschauungen,
und da im "Herzl" etliche Maler einkehrten, setzte man Seufzer ueber den
Impressionismus drauf.

Ich trat keck fuer das Neue ein, und wenn der Streit lichterloh brannte,
war ich sehr unzweideutig und liess Worte fahren, die Staunen und Unbehagen
erregten.

Das Bemerkenswerteste an den Diskussionen war das Interesse, das man in
Muenchen auch in Kreisen fand, die sich anderswo sicherlich nicht um
kuenstlerische Streitfragen kuemmerten.

Im Dezember begann die letzte Pruefung, die ich abzulegen hatte, der
gefuerchtete Staatskonkurs.

Ich eilte jeden Morgen, noch bevor es hell wurde, in die Schrannenhalle,
half andern und liess mir helfen, schrieb Kommentarstellen ab und fand, dass
auch diesmal das Wetter nicht so schlecht war, wie es von weitem
ausgesehen hatte.

Ich habe mich damals zum ersten, aber auch zum letzten Male ueber
Rechtslagen mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit verbreitet, wenn ich
in der Mittagspause das Pruefungslokal verliess.

Die Aufsicht wurde milde gehandhabt; man konnte sich fast ungestoert
unterhalten, sich Mitteilungen zukommen lassen, ja, wenn es die Zeit
erlaubte, auch einmal die Arbeiten zum Vergleiche zuschieben.

Unvergesslich bleibt mir ein phlegmatischer Kollege, der mit einem
stumpfsinnigen Laecheln unserm Eifer zusah und selber kaum etliche Worte
hinmalte. Ich bot ihm mitleidig einen Bogen an, den ich schon hastig
vollgeschrieben hatte. Er schob ihn mir zurueck und sagte: "Does hilft mir
aa nix." Ich verstand seine Resignation, als ich erfuhr, dass er der
einzige Sohn eines reichen Muenchner Hausherrn waere und keinen Wert auf
eine glaenzende Laufbahn legte.

Nach etlichen Wochen war die Pruefung beendet, und ich fuhr heim.

Mit tiefem Schmerze musste ich sehen, wie meine Mutter, die seit dem Sommer
kraenkelte, in ihren verfallenen Zuegen die Spuren eines nahen Endes zeigte.

Ich blieb in Seebruck, und es folgten bittere Monate, in denen ich mir
Gewalt antun musste, um eine Zuversicht zur Schau zu tragen, die ich
aufgegeben hatte.

Im darauffolgenden Juni ging ich hinter dem Sarge meiner Mutter her.

Lange Zeit klang mir ihre muede Stimme in den Ohren, mit der sie mich
fragte, was der Arzt nach dem Besuche gesagt habe, lange Zeit sah ich ihr
Laecheln, mit dem sie meinen troestenden Bericht anhoerte, und eigentlich bin
ich heute noch nicht darueber weggekommen, dass sie sterben musste, bevor sie
irgendeinen Erfolg gesehen hatte.

In ihren letzten Tagen konnte ich ihr noch eine Zuschrift der "Augsburger
Zeitung" und einige Artikel vorlesen, und sie legte ihre abgemagerte Hand
in die meine. "Es wird alles recht werden", sagte sie und nickte mir
freundlich zu.

Ich kehrte nach Muenchen zurueck, wo ich eine Konzipientenstelle bei einem
Rechtsanwalt angenommen hatte.

Zweifel ueber das, was ich nun eigentlich tun sollte, drueckten mich schwer;
unselbstaendig bleiben, hiess Zeit verlieren, in der Hauptstadt eine Praxis
eroeffnen, war aussichtslos, und mir fehlten zum Abwarten alle Mittel; in
Traunstein anzufangen, sagte mir auch nicht zu. So dachte ich bald an
dies, bald an jenes, kam zu keinem Entschlusse und fuehlte mich
ungluecklich.

An einem Augustabende fuhr ich mit einem Freunde nach Dachau, um von da
weiter nach Schwabhausen zu gehen.

Wie wir den Berg hinaufkamen und der Marktplatz mit seinen Giebelhaeusern
recht feierabendlich vor mir lag, ueberkam mich eine starke Sehnsucht, in
dieser Stille zu leben.

Und das Gefuehl verstaerkte sich, als ich andern Tags auf der Rueckkehr
wieder durch den Ort kam.

Ich besann mich nicht lange und kam um die Zulassung in Dachau ein.

Alte Herren und besorgte Freunde rieten mir ab, allein ich folgte dem
ploetzlichen Einfalle, und ich hatte es nicht zu bereuen.

Mit nicht ganz hundert Mark im Vermoegen zog ich zwei Monate spaeter im
Hause eines Dachauer Schneidermeisters ein und war fuer den Ort und die
Umgebung das sonderbare Exemplar des ersten ansaessigen Advokaten.

Als ich beim Vorstande des Amtsgerichtes meinen Besuch machte, strich der
alte Herr seinen langen, grauen Schnauzbart und sagte brummig: "So? Sie
san der?"

Er versprach sich offenbar weder Nutzen noch Annehmlichkeit von der neuen
Erscheinung, und als echter Oberpfaelzer hielt er mit seiner Meinung nicht
hinterm Berge.

Wir haben uns spaeter gut vertragen und verstanden.

  [Illustration: Thoma als Anwalt in Dachau]

In den ersten Tagen wartete ich mit Beklemmung auf Klienten. Auf den
Schrannentag hatte ich meine Hoffnungen gesetzt, und es kam auch ein
stattlicher, wohlgenaehrter Bauer in die Kanzlei, setzte sich auf mein
Ersuchen und erzaehlte irgendwas von einem alten Kirchenweg.

Als ich zur Feder griff, legte er seine Hand auf meinen Arm und sagte:
"Net schreib'n! Na ... na ... net schreib'n!"

Ich verstand, dass er bloss gekommen war, um den neuen Advokaten kostenlos
anzuschauen; nach seiner Meinung war die Sache erst brenzlig, wenn was
geschrieben wurde.

Er ging und versprach wiederzukommen.

Die Tage schwanden, die Mittel auch, und ich wurde aengstlich.

Noch dazu hatte ich Schulden gemacht, als der Vertreter einer Buchhandlung
zu mir gekommen war und mich bestimmt hatte, eine Bibliothek anzulegen.

Als ich schon recht verzagt wurde, kam ein Lehrer aus der Pfaffenhofener
Gegend und uebertrug mir seine Verteidigung in einem Beleidigungsprozesse,
den ihm Buergermeister und Bezirksamtmann aufgehaengt hatten.

Ich erfuhr bald, warum der Mann aus einem andern Bezirke just mich
ausgesucht hatte; in der Bahn war ihm von dem Reisenden der Buchhandlung
der junge Dachauer Anwalt so geruehmt worden, dass er seine Fahrt nach
Muenchen unterbrach und in Dachau ausstieg.

Von nun an ging's, wenn auch nicht ueber alle Massen gut, doch ordentlich
und so, dass ich nach einer Weile die alte Viktor einladen konnte, mir den
Haushalt zu fuehren. Sie kam mit Freuden, und wenn's auch nicht beim
Oberfoerster in der Vorder-Riss war, so war es doch im ersten selbstaendigen
Hauswesen des Herrn Anwalts, den sie als Kind auf dem Arm getragen hatte.

Als "d' Frau Mutter" genoss sie Ansehen und Vertrauen bei allen
Bauernweibern, die ein Anliegen zu mir fuehrte und die nach der Aussprache
mit mir erst noch die richtige und ausgiebige mit ihr in der Kueche
abhielten.

Und jede brachte, wie es damals schoener Brauch war, etwas im Korbe mit,
einen Gockel oder eine fette Ente oder, in Blaetter eingeschlagen, frische
Butter.

Ihre alte Tugend, taetigen Anteil am Leben zu nehmen, hatte Viktor nicht
abgelegt, und sie kuemmerte sich um Gang und Stand der Prozesse, besonders,
wenn es eine ihrer Schutzbefohlenen recht dringlich gemacht hatte.

Eine besondere Freude war es ihr, wenn sie Klagen oder Erwiderungen
abschreiben durfte.

Dann sass die Alte stundenlang an ihrem Schreibtische, ganz eingenommen von
der Wichtigkeit ihrer Aufgabe und ihrem Anteile an meinen Erfolgen.

War ich bei Gericht und kam in meiner Abwesenheit ein Klient, so brauchte
er nicht ohne Bescheid wegzugehen, denn Viktor nahm ihn ins Gebet, liess
sich seine Schmerzen vortragen und floesste ihm das Vertrauen ein, dass er an
die rechte Schmiede gekommen sei. Wenn's irgend zu machen waere, dann wuerde
es der Herr Doktor machen, und meine Dachauer fassten schon gleich
Zuversicht, weil "d' Frau Mutter" sie so gut angehoert hatte.

Es war eine stille, liebe Zeit, ganz so, wie ich sie mir vorgestellt hatte
an jenem ersten Abend, als ich die gepflasterte Gasse hinuntergegangen war
an den Buergern vorbei, die ausruhend vor den Haustueren sassen.

Hinter Dachau, dem das grosse Moos vorgelegen ist, dehnt sich ein welliges
Huegelland von grosser Fruchtbarkeit aus, in dem Dorf an Dorf bald zwischen
Hoehen, bald hinter Waeldern versteckt liegt.

Hier lebt ein tuechtiges Volk, das sich Rasse und Eigenart fast unberuehrt
erhalten hat, und ich lernte verstehen, wie sein ganzes Denken und
Handeln, wie alle seine Vorzuege begruendet liegen in der Liebe zur Arbeit
und in ihrer Wertschaetzung.

Arbeit gibt ihrem Leben ausschliesslich Inhalt, weiht ihre Gebraeuche und
Sitten, bestimmt einzig ihre Anschauungen ueber Menschen und Dinge.

Es liegt eine so tiefe, gesunde, verstaendige Sittlichkeit in dieser
Lebensfuehrung eines ganzen zahlreichen Standes, in dieser Auffassung von
Recht und Unrecht, von Pflicht und Ehre, dass mir daneben die hoehere Moral
der Gebildeten recht verwaschen vorkam.

In dem, was Leute, die Redensarten und Empfindelei schaetzen, als Rauheit,
Derbheit, als Mangel an Kultur und Feinnervigkeit, als Urzustaendliches
betrachten wollten, trat mir ungeschriebene Gesetzmaessigkeit eines
tuechtigen Sinnes entgegen. So, wie das Bauernvolk natuerliches Geschehen
hinnimmt, wie ruhig es sich ueber Krankheit und Sterben wegsetzt, wie es
nur die Nuetzlichkeit des Daseins schaetzt, zeigt es wahre Groesse.

Und Klugheit darin, dass ihm nie Worte fuer Begriffe gelten.

Derb zugreifende altbayrische Lebensfreude, aufgeweckter Sinn,
schlagfertiger Witz und eine Fuelle von Talenten vervollstaendigen das Bild.

Im Verstehenlernen fasste ich Lust, dieses Leben zu schildern.

Auf einer Fahrt nach Muenchen kam mir ganz ploetzlich der Gedanke, es liesse
sich am Ende versuchen, etwas ueber die Bauern zu schreiben.

Daraus entstanden die Erzaehlungen, die zuerst im "Sammler", spaeter in
einem Buche unter dem Titel "Agricola" erschienen sind. Im Kreise der
Dachauer Freunde fanden sie beifaellige Aufnahme, aber der Ton war nicht
auf Enthusiasmus gestimmt, den sie am Ende auch nicht erregen mussten. Eher
machte sich im "Stellwagen" - so nannte sich unsere Gesellschaft, die sich
allabendlich beim Zieglerbraeu versammelte - sachliche Kritik geltend, denn
jeder der Beamten kannte doch die Bauern oder wollte sie kennen. Natuerlich
waren die Herren vom Bezirksamt geneigt, mich zurechtzuweisen, wenn ich
ihren widerspenstigen Untertanen im lebhaften Wortwechsel zuviel Ehre
erwies.

So konnte nur der Laie urteilen, der keine Ahnung davon hatte, wie viele
Hindernisse der Bauer einer wohlmeinenden Erziehung entgegenstellte, wie
bockbeinig und hintersinnig er war, wie misstrauisch gegen die wohlwollende
Regierung.

Der Bezirksamtmann war Buerokrat, wie aus den "Fliegenden Blaettern" von
1850 herausgeschnitten, lieblos und ganz Herrscher. Der Assessor sehnte
sich nach der Stadt unter Menschen. Was ihn hierorts mit kleinlichen
Anliegen plagte, war Untertan und konnte gerade noch fuer zweibeinig
gelten. Die Sprache war schauderhaft, der Begriffsmangel erschreckend.

Gehorchen und Zahlen konnte man von den Leuten verlangen, und dann kam die
Scheidewand, diesseits derer die Intelligenz thronte.

Der Assessor verdiente sich einen Spitznamen, den wir ihm verliehen. Er
hiess "der Durrasch".

Und wie er dazu kam, das verriet sein herzliches Verstaendnis fuer das Volk
und seine Sprache.

In einer Strafsache, bei der unser Assessor als Amtsanwalt den Staat
vertrat, erzaehlte ein Bauernbursche, er habe von einer Rauferei nichts
gesehen, weil er immer hinausgelaufen sei. Er habe den Durchmarsch gehabt.

Nach seiner Vernehmung erhob sich der Assessor und verlangte zu wissen,
was dieser Zeuge unter einem "Durrasch" verstehe. Es handle sich offenbar
um eine faule Ausrede.

Vergeblich bemuehte sich unser alter Oberamtsrichter klarzulegen, dass der
Zeuge Durchmarsch gesagt und Diarrhoee gemeint habe. Er waehlte bei der
Wiederholung sogar ein deutsches Wort, das der Sache ganz auf den Grund
ging. Half nichts. Der Herr Assessor hatte deutlich "Durrasch" verstanden
und verlangte unter drohendem Hinweis auf den geleisteten Eid genaue
Auskunft ueber das seltsame Wort.

Ein tiefes Misstrauen gegen den hinterlistigen Burschen blieb in ihm
zurueck.

Von ganz anderem Schlage war der praechtige Vorstand des Amtsgerichtes, in
dem ich den letzten einer aussterbenden Rasse, der urbayrischen
Landrichter aelterer Ordnung, kennen und schaetzen lernte.

Er stand gut mit den Bauern. Seine Derbheit verletzte sie nicht, ja ich
glaube, sie hatten Spass an seiner Art, alle Dinge beim rechten Namen zu
nennen, und an Schrannentagen hatte er viel Zuhoerer.

Immer hatte man den Eindruck, dass er es gut meinte; am besten, wenn er
Leute, die wegen eines Schimpfwortes Prozesse anfingen, so
zusammenstauchte, dass sie aus dem Gerichtssaal verletzter herauskamen, als
sie hineingegangen waren.

Von der einmal sprichwoertlichen Prozesswut der Bauern merkte ich kaum mehr
etwas; insbesondere waren die Grundstreitigkeiten fast ganz verschwunden.

Gerade die Wohlhabenden und Angesehenen in den Gemeinden redeten immer zum
Frieden, wenn Zwistigkeiten ueber Wege und Fahrtrechte entstehen wollten.
Auch von dem grossen Einflusse der Geistlichkeit wurde und wird mehr
erzaehlt, als wahr ist.

Ich fand, dass sich die Bauern in Gemeindeangelegenheiten recht ungern
dareinreden liessen und dass sich eifrige Pfarrer damit schnell missliebig
machten. Hier wusste jeder einzelne, was er wollte, und konnte sich ueber
die Folgen eines Beschlusses ein Urteil bilden; sich zu beugen und gegen
die eigene Meinung Gehorsam zu leisten, lag den Leuten ganz und gar nicht
im Sinne.

Gewiss waehlten sie, bevor die Caprivischen Handelsvertraege abgeschlossen
wurden, fast ausnahmslos die klerikalen Kandidaten in den Landtag und in
den Reichstag. Weil sie sich mit Politik nicht befassten, weil sie bei
keiner andern Partei die Interessen ihres Standes beruecksichtigt sahen und
weil Pfarrer wie ultramontane Kandidaten immer noch die einzigen waren,
mit denen sie Fuehlung hatten.

Das wurde anders, als infolge jener Handelsvertraege die Getreidepreise
stark zurueckgingen und der Bauernbund gegruendet wurde.

Der eingewurzelte Respekt vor der Geistlichkeit, ueber den man so viel
hoeren konnte, war wie weggeblasen, und der Zorn wurde nicht im mindesten
durch Ruecksichten in Schranken gehalten.

Geistliche, die damals in Versammlungen auftraten, mussten mit Staunen
wahrnehmen, wie ihnen ein grimmiger Hass entgegengebracht wurde.

Sie kannten dieses Volk nicht mehr.

Sie hatten es unterschaetzt, hatten an eine Fuegsamkeit geglaubt, die dem
Stamme fremd war, und die Erfahrungen, die man nunmehr machte, uebten einen
starken, nachhaltigen Einfluss auf die Haltung des Zentrums aus. Auffaellig
war, wie viele schlagfertige, wirksame Redner sogleich aus dem
Bauernstande hervorgingen. Wenn man auf der gegnerischen Seite, durch
einen gewissen Bildungsduenkel verleitet, glaubte, leichtes Spiel mit den
unwissenden Leuten zu haben, so wurde man schnell eines Bessern belehrt.
Auch ein Dachauer Herr musste daran glauben.

Ein ultramontaner Rheinpfaelzer, sonst ein umgaenglicher Mann, aber
sprudelnd vor Eifer, in Ausdruecken und Gebaerden sich gehen lassend, meinte
er, den aufgebrachten Bauern einmal die Leviten lesen zu muessen. Ein
Buergermeister aus der Umgegend deckte ihn aber unter dem schallenden
Gelaechter der Hoererschaft so zu, dass man ihm hinterher nahelegte, er moege
im Interesse der Autoritaet und des Ansehens der Beamtenschaft nicht mehr
auftreten.

Und da ich nun gerade von Reden und Rednern erzaehle, will ich anfuegen, dass
ich mich auch einmal hoeren liess.

Zur Feier des 25. Jahrtages des Frankfurter Friedens hielt ich auf dem
Marktplatze eine Ansprache an die Veteranen.

Den groessten Erfolg hatte ich damit bei der alten Viktor, die an einem
Fenster des Zieglerhauses stand und Traenen der Ruehrung vergoss und zu den
Umstehenden sagte, nur das haette meine Mutter noch erleben muessen.

Nach dem Umzug und der Pflanzung einer Friedenseiche war Festessen.

Als ich etwas verspaetet den Saal betrat, standen alle Veteranen auf, um
den Redner zu ehren.

Den Bezirksamtmann, der schon anwesend war, verdross das, und er erhob
sich, um von seinem hoeheren Standpunkte aus den Tag zu beleuchten.

Zuerst war es still, aber wie der Mann im trockensten Amtsstil ueber den
Krieg sprach, als haette das Koenigliche Bezirksamt Dachau nachtraeglich
seine Billigung auszudruecken, fingen alle Veteranen wie auf ein gegebenes
Zeichen an, mit klappernden Loeffeln die Suppe zu essen. Und in dem Laerm
ging die obrigkeitliche Meinung unter.



In Dachau waren damals zahlreiche Maler, darunter Dill, Hoelzel,
Langhammer, Keller-Reutlingen, Flad, Weissgerber, Klimsch.

Bei Hoelzel verkehrte ich haeufig. Er malte damals pointillistisch, trug die
Farben mit der Spachtel auf, und man musste etliche Schritte zuruecktreten,
um zu erkennen, was ein Bild darstellte.

Spaeter ging er unter dem Einflusse Dills zur Malweise des Schotten
Brangwyn ueber.

In abgetoenten Farben, meist in Gruen und Grau, wurden ueberhaengende Baeume an
Graeben und Baechen dargestellt, und die Bilder wirkten wie Gobelins.

Mir wollte es scheinen, als haette sich die Gegend recht wohl so malen
lassen, wie sie war, und jede Stimmung so, wie sie der Kuenstler erlebte
und empfand, aber es gab auch damals einzig richtige Methoden, hinter die
die Persoenlichkeit zuruecktrat.

Ein Sonderling war Flad, dem es nicht zum besten ging. Mit einem dicken
Knueppel bewaffnet, den er nach klaeffenden Hunden warf, lief er tagelang im
Moos herum und sprach eifrig vor sich hin. Zuweilen schloss er sich mir auf
einem Spaziergange an und trug Stellen aus Scherrs "Bluecher und seine
Zeit" vor. Er schien das Buch auswendig zu koennen.

Bei Hoelzel, einem liebenswuerdigen Oesterreicher, der Kenntnisse und
Interesse und ein lehrhaftes Wesen hatte, gab es immer anregende
Unterhaltung, und ich verdankte ihm manchen Hinweis auf gute Buecher.

Besonders die Russen und einige Skandinavier lernte ich durch ihn kennen;
ich bereute es nicht, ihnen erst spaeter und mit gereifterem Urteil
begegnet zu sein.

Anna Karenina wurde und blieb ein Lieblingsbuch von mir; aber Raskolnikow
konnte ich nicht zu Ende lesen. Die unheimliche Schilderung jeder Regung
einer Seele, die zum Verbrechen wie zu etwas Notwendigem und fast
Selbstverstaendlichem hingedraengt wird, erschuetterte mich so, dass ich das
Buch immer wieder weglegte, so oft ich danach griff.

Mit geteilten Empfindungen nahm ich Ibsens "Baumeister Solness" auf; da
schien mir zuviel mit Absicht hineingeheimnist zu sein, und die Menschen
gingen auf Stelzen.

Ich glaube, solche Gedanken waren damals sehr ketzerisch, denn etliche
Paepste zu Berlin hatten laengst die Infallibilitaet des grossen Norwegers
verkuendigt. Aber mir fehlte stets die Fuehrung durch den literarischen
Zirkel, und ich musste alles unmittelbar auf mich wirken lassen, ohne
vorher zu wissen, was die Mode verlangte.

Denke ich zurueck, so meine ich fast, ich haette damals unbewusst schon den
Reiz empfunden, den, wie Gottfried Keller sagt, das Verfolgen der
Kompositionsgeheimnisse und des Stils gewaehrt. Heute erblicke ich
jedenfalls darin das Anziehendste, hinter den Zeilen den Autor beim
Schaffen zu sehen und aus dem Worte die Stimmung und aus der Stimmung
Gedanken, die sich schufen, zu erraten. Wenn man das recht genossen hat,
ist man gefeit gegen Literaturzirkel und ihre Dogmen.

Am 1. Januar 1896 erschien die erste Nummer der "Jugend".

Ich kann noch heute das Titelbild dieses Heftes nicht sehen, ohne mich
ergriffen zu fuehlen von der Erinnerung an jene Zeit und von der Sehnsucht
nach ihr, die voll Froehlichkeit, voll Streben, voll Hoffen war. Bald
darauf sah man in Muenchen ueberall ein auffallendes Plakat, ein junges
Maedel an der Seite eines Teufels.

Es war die Ankuendigung des "Simplicissimus".

Was regte sich damals fuer eine Fuelle von Talent und Koennen, und vor allem
von Teilnahme an diesen Dingen!

Mag die Bedeutung beider Wochenschriften beurteilt werden, wie immer; auch
ein Gegner kann es nicht leugnen, dass sie frisches, neues Leben brachten.

Wer erschrak und widerstrebte, war doch mit hineingezogen in den Kreis
dieser neuen Interessen, die Muenchen aus dem Schlafe aufweckten.

Mit welcher Aufmerksamkeit betrachtete man die Zeichnungen, pruefte man die
Beitraege, las man die Namen der Kuenstler und Schriftsteller!

Sie waren Ereignisse, ueber die man diskutierte, nicht Kaffeehauslektuere,
die man durchblaetterte und weglegte; sie gaben mannigfaltigste Anregung
und oeffneten die Bahn fuer die Jungen, die sich mit den Aelteren messen
wollten.

Ich schickte zoegernd und ohne rechtes Vertrauen ein politisches Gedicht an
die "Jugend" und war nicht wenig stolz, als es schon in der zweiten Nummer
erschien.

Ein paar andere folgten, und meine Zuversicht wuchs.

Damals war das "Gasthaus zur Post" in Traunstein verkauft und der
Pachtvertrag geloest worden; meine aelteste Schwester erwarb eine
Fremdenpension in Muenchen, die Zuspruch fand, und wir vereinbarten, dass
ich mich nach einiger Zeit in der Stadt als Anwalt niederlassen sollte.

Ein Herr, der Gast in der Pension war, fragte mich eines Tages, ob ich der
Verfasser der Gedichte in der "Jugend" waere, und als ich es bejahte,
meinte er, ich sollte nicht abseits von der aufstrebenden Bewegung bleiben
und mich nicht bloss gelegentlich und so von aussen her daran beteiligen.

Es war _Graf Eduard Keyserling_, der als Verfasser feiner, von leiser
Ironie durchdrungener Werke bekannt geworden ist; recht bewundern lernte
ich ihn viele Jahre spaeter, als er in seiner schweren Krankheit, die zur
Erblindung fuehrte, eine Heiterkeit bewahrte, die nur aus Ueberlegenheit und
Groesse kommen konnte.

Die Stunden, die ich in anregenden Gespraechen mit dem geistreichen, im
besten Sinne vornehmen Manne verbringen durfte, sind mir in lieber
Erinnerung geblieben.

Den Umzug nach Muenchen wollte ich aber nicht uebereilen; es war besser, in
der Landpraxis noch fester Fuss zu fassen, und zudem hatte ich mit einem
Universitaetsfreunde die Verabredung getroffen, mit ihm gemeinsam die
Kanzlei zu eroeffnen.

So blieb ich noch ein Jahr in Dachau.

Eines Tages, im Fruehjahr 1896, besuchte mich Redakteur Ritter und zeigte
mir ziemlich aufgeregt ein illustriertes Blatt.

Das sei denn doch zu stark! Zu solchen Dingen solle man nicht schweigen,
und wenn er auch nicht nach Polizei und Zensur schreie, so meine er doch,
man muesse dagegen Stellung nehmen, und ich solle ihm den Gefallen tun,
einen kraeftigen Artikel gegen dieses neuzeitliche Gebilde zu schreiben.

Ich sah mir das Blatt an. Es war die Nummer 1 des "Simplicissimus". Eine
Erzaehlung, "Die Fuerstin Russalka" von Frank Wedekind, hatte den guten
Ritter in Harnisch gebracht.

Er war etwas gekraenkt, als ich ihm sagte, dass ich seine Ansicht nicht
teilen koennte.



Im Fruehjahr 1897 kam der Abschied von Dachau; ich hatte doch das Gefuehl,
aus sicheren, wenn auch kleinen Verhaeltnissen heraus ins Ungewisse zu
gehen, und so fiel es mir nicht leicht; noch schwerer freilich bedrueckte
es die alte Viktor, die es nicht verstehen wollte, warum ich mit meinem
sorglosen, gluecklichen Zustande nicht zufrieden war.

Es lag nicht in ihrer Art, darueber viele Worte zu machen, aber von ihren
Spaziergaengen im Hofgarten kehrte sie immer traurig zurueck, und manchmal
sah ich an ihren verweinten Augen, wie schwer ihr das Ende dieses
bescheidenen Glueckes fiel.

Noch dazu erlitten meine Muenchner Plaene eine arge Stoerung durch die
ploetzliche Erkrankung und den Tod meiner Schwester, aber zurueck konnte ich
nicht mehr, und so begann ich recht freudlos und sorgenvoll die Taetigkeit
in meiner Kanzlei am Marienplatze.

Ich musste bald erkennen, wie schwer es fuer einen jungen Anfaenger ist, in
der grossen Stadt durchzudringen; am Ende ist es unerlaessliche
Notwendigkeit, auf irgendeine Art aufzufallen.

Wenn das Los der vielen, die es versuchen, nicht doch sehr bitter waere,
koennten die angewandten Mittel, die erfolgreichen wie die vergeblichen,
komisch wirken.

Die marktschreierischen Volkstribunen, die sich um den Beifall im
Zuschauerraum bemuehten und das unwahrste Pathos in Bagatellsachen
anwandten, waren arme Teufel, schon weil sie das tun mussten.

Mir bot die Praxis, die ich vom Lande hereingebracht hatte, einigen Halt,
aber der Entschluss, sobald als moeglich diese Taetigkeit aufzugeben, stand
in mir fest.

Ein Freund vom Stammtische im "Herzl", Rohrmueller, hatte mit zwei anderen
Herren die Waldbauersche Buchhandlung in Passau gekauft und erklaerte sich
im Sommer 1897 bereit, meine Bauerngeschichten gesammelt herauszugeben und
sie illustrieren zu lassen.

Ich wandte mich brieflich an Bruno Paul, dessen Zeichnungen im
"Simplicissimus" mir aufgefallen waren, und nach einer kurzen Unterredung
sicherte er mir seine Mitarbeit zu.

Fuers Landschaftliche war Adolf Hoelzel sogleich gewonnen, und nun begann
fuer mich die sehr anregende Taetigkeit, die beiden Kuenstler zur Ausfuehrung
des Versprochenen anzuhalten.

Bei Bruno Paul stiess ich dabei auf groessere Schwierigkeiten, denn er war
von Korfiz Holm, dem damaligen Chefredakteur des "Simplicissimus", stark
in Anspruch genommen.

Im Spaetsommer setzte sich Paul nach Lauterbach bei Dachau, wo er im
Oktober mit seinen Zeichnungen fertig wurde, so dass wir endlich darangehen
konnten, das Buch zusammenzustellen. Dabei leistete uns Rudolf Wilke, den
ich nicht lange vorher kennengelernt hatte, sachverstaendige Hilfe, und der
Sonntag, an dem wir von frueh bis abends Text und Bilder zusammenklebten,
bleibt mir in froehlichster Erinnerung.

Im Dezember war der "Agricola" gedruckt, und ich konnte das erste Exemplar
dem Fraeulein Viktor Proebstl widmen und ueberreichen, die es zeitlebens fuer
das beste und vollkommenste Buch hielt trotz ihrer Hinneigung zu den
Klassikern.

Ich gestehe, dass es fuer mich ein recht erhebendes und die Brust
schwellendes Gefuehl war, als ich bei Littauer am Odeonsplatze zum ersten
Male mein Werk in der Auslage liegen sah.

Ich bin damals nicht ganz zufaellig an allen groesseren Buchhandlungen
Muenchens vorbeigebummelt, und meine Wertschaetzung der Sortimenter richtete
sich danach, ob sie den Agricola ausgestellt hatten.

Es kamen auch bald Kritiken, und merkwuerdigerweise die anerkennendsten in
norddeutschen Zeitungen; doch fehlte es in Muenchen keineswegs an
freundlichem Beifalle, und M. G. Conrad sang mir in der "Gesellschaft" ein
klingendes Loblied.

Die nachhaltigsten Folgen hatte es fuer mich, dass ich durch die Arbeit am
"Agricola" mit dem "Simplicissimus"-Kreise bekannt wurde.

Der Verleger _Albert Langen_ lud mich eines Tages zu einer Unterredung
ein.

Dass wir uns bei dieser ersten Begegnung gleich gefallen haetten, moechte ich
nicht behaupten.

Der elegant gekleidete, mit dem gepflegten Vollbart recht pariserisch
aussehende junge Herr war mir zu beweglich, sprang von einer Frage zur
andern ueber, ohne recht auf Antwort zu warten, und leitete mir das
Gespraech zu sehr von oben herab. Dabei prueften mich seine flinken Augen
halb neugierig, halb misstrauisch, und ich glaubte deutlich zu merken, dass
er mich nach bekannter Manier ein bisschen unterwertig sueddeutsch fand.

Weil ich das merkte, war ich schroffer und kratziger und kuerzer
angebunden, als es sonst meine Art war, und dieses erste Zusammentreffen
endete, wenn auch nicht mit einem Missklange, so doch mit dem Eindrucke,
dass wir einander nicht viel zu sagen haetten.

Ich habe spaeterhin meine Ansicht ueber den gescheiten, heiteren und
lebhaften Mann gruendlich geaendert, und mehr als einmal unterhielten wir
uns ueber jene erste Begegnung, bei der ich ihn zu sehr als feinen Hund und
reichen Juengling betrachtet hatte.

Vielleicht haben aehnliche Urteile ueber ihn manche Verstimmung
hervorgerufen; Frank Wedekind hat seinem Aerger bekanntlich in mehreren
Theaterstuecken Luft verschafft, aber er hat stark danebengegriffen und ist
am Aeusserlichen haengengeblieben.

Ueber den Reichtum Langens war man sich in Muenchen einig, und Doktor Sigl
schrieb in seinem "Bayrischen Vaterlande" mehr bestimmt als unterrichtet
von den Millionen des jungen Verlegers. In Wirklichkeit hat dieser den
"Simplicissimus" wie seinen Buchverlag mit den sehr bescheidenen Resten
seines vaeterlichen Vermoegens gegruendet, und als die einen von seinen
reichen Mitteln fabelten, andere wieder seine Zurueckhaltung gegenueber
kuehnen Plaenen oder hochgespannten Erwartungen fuer knauseriges Wesen
hielten, war Langen mehr als einmal vor die Frage gestellt, ob er das
Unternehmen noch laenger halten koenne.

Im Cafe Heck am Odeonsplatze trafen sich damals fast alle Kuenstler, die am
"Simplicissimus" und an der "Jugend" mitarbeiteten: zuweilen Heine,
regelmaessig aber Paul, Wilke, Thoeny, Reznicek, Jank, Erler, Putz, Groeber,
Eichler, Georgi, Feldbauer u. a.

Den staerksten Eindruck machte der damals vierundzwanzigjaehrige Rudolf
Wilke aus Braunschweig auf mich. Er war von einer Unbekuemmertheit, die
beim Fehlen jeglicher Pose, bei gruendlichen Kenntnissen und beim tiefsten
Ernste in kuenstlerischen Dingen viel ansprechender wirkte als die von
Murger geschilderte Sorglosigkeit der Pariser Bohemiens.

Er haette ins elterliche Geschaeft - sein Vater war Baumeister gewesen -
eintreten sollen, war aber bald nach Muenchen gezogen, wo er bei Holossy
studierte.

Er arbeitete zuerst fuer kleine illustrierte Muenchner Blaetter, bis ihn das
Ergebnis des ersten Preisausschreibens der "Jugend" mit einem Schlage
bekannt machte.

  [Illustration: Auf der Jagd]

Charakteristisch fuer ihn war die Art, wie er sich an dem Wettbewerbe
beteiligte. Er hatte das Ausschreiben uebersehen oder den Termin
verbummelt, setzte sich am letzten Tage hin und machte etwas ganz anderes,
als vorgeschrieben war, aber seine Zeichnung war so verblueffend gut, dass
Georg Hirth mit Zustimmung des Preisgerichtes einen weiteren ersten Preis
stiftete, der ihm zugesprochen wurde.

Von da ab war er regelmaessiger Mitarbeiter der "Jugend", bis er zum
"Simplicissimus" uebertrat.

Er war von allen, die sich damals durchsetzten, sicher das staerkste Talent
und uebte einen sehr bemerkbaren Einfluss auf die ganze Richtung aus; er
wurde nachempfunden und nachgeahmt, und am Ende haetten nur wenige
bestreiten koennen, dass sie beim jungen Meister Rudolf Wilke in die Schule
gegangen waren.

Er selber machte kein Wesen daraus, denn er wusste, dass er noch ganz
anderes zu geben hatte; mochte er andern fuer fertig gelten, er selber
arbeitete an sich weiter und reifte langsam heran, um dann von Reichtum
ueberzuquellen.

Als er muehelos und selbstsicher das Beste schuf, musste er sterben.

Mit ihm hat Deutschland einen grossen Humoristen verloren; wer in dem Werke
seines kurzen Lebens den ueberraschenden Aufstieg bemerkt und sich
Rechenschaft darueber geben kann, wie diese liebevolle Schilderung des
Komischen sich immer mehr vertiefte und immer mehr die gute Art der
niederdeutschen Rasse zeigte, wer dieses stille, so gar nicht laermende,
aber doch erschuetternde Lachen ueber die Schwaechen der lieben Menschheit
versteht, der weiss, welche Hoffnungen der Tod Rudolf Wilkes zerstoert hat.

Auch als Persoenlichkeit war er prachtvoll. Von der Gewandtheit und Kraft
des hochgewachsenen Mannes wurde vieles erzaehlt, und kaum etwas war
uebertrieben; auf grossen Radtouren, die wir zusammen machten, hatte ich oft
Gelegenheit, mich ueber seine Tollkuehnheit zu aergern, aber auch immer
wieder zu sehen, wie kaltbluetig und selbstverstaendlich er jede gefaehrliche
Situation ueberwand.

Schon wie er sich zu groesseren Reisen anschickte, war bezeichnend fuer ihn;
sogleich entschlossen, unbeschwert durch irgendwelche Ruecksichten oder
Verpflichtungen, unbekuemmert um Laenge der Fahrt und Dauer der Reise,
setzte er sich mit in den Zug, und dann durfte es gehen, wohin es wollte.

Freilich konnte er einem dann beim ersten Fruehstueck in Mailand so nebenbei
mitteilen, dass er ganz vergessen habe, Geld einzustecken. Einmal radelten
er, Thoeny und ich durch die Provence nach Marseille, setzten nach Algier
ueber und fuhren ueber Constantine nach Biskra und Tunis.

Da war Wilke in seinem Element; seinetwegen haette die Reise noch viele
Monate dauern duerfen, und er haette sicherlich nie gefragt, ob uns das Geld
lange; waer's ausgegangen, haette man sich schon auf irgendeine Weise
geholfen.

Unvergesslich bleibt mir sein Entzuecken ueber einen alten Araber, dem wir in
der Naehe von Bougie begegneten; er ritt auf einem Maultiere, links und
rechts neben sich einen Korb mit Orangen gefuellt, ueber sich einen grossen
Sonnenschirm aufgespannt, der kunstreich am Sattel befestigt war, und so
sass der alte Herr vergnuegt im Schatten, las in einem kleinen Buche und ass
Orangen.

So was von kluger Art, zu reisen, so selbstaendig ausgedacht und frei von
herkoemmlichen Zwangszustaenden, gefiel unserm Wilke derart, dass er vom Rad
herunterstieg und eine Weile neben dem alten Kerl herlief, nur um ihn
recht zu beobachten.

Er wusste ueberhaupt den wuerdevollen Gleichmut der Araber, von dem wir immer
wieder Beweise erlebten, nicht genug zu ruehmen, und das war leicht
erklaerlich, denn er war darin selbst ein Stueck von ihnen.

Sein unbaendiger Wandertrieb liess ihn daheim besonderen Gefallen an
landstreichenden Handwerksburschen finden.

An einem warmen Maerztage, wo einen Ahnungen von wundervollem Sonnenschein
und blauem Himmel zum Reisen verlocken, fuhr ich mit ihm auf der
Landstrasse nach Dachau an zwei walzenden Kunden vorbei, die, ihre
schmutzigen Buendel umgehaengt, ins Weite hineinmarschierten.

Wir setzten uns auf einen Schotterhaufen und liessen sie noch einmal an uns
vorbeistapfen.

"Die Kerle haben es doch am schoensten", sagte Wilke mit ehrlichem Neide,
und dann setzte er mir auseinander, wie es einzig weise sei, in den Tag
hineinzuleben und von aller Konvention frei zu sein.

Jede Pose war ihm verhasst, und jede sah er mit unbestechlichen Augen, auch
wenn sie Leute von klingendem Namen zu verstecken suchten.

Damit war einer bei ihm sofort unten durch, und zuweilen, wenn sich uns
gegenueber eine Beruehmtheit wohlwollend gehen liess, sagte Wilke, der Kerl
sei doch bloss ein Hanswurst; zu dem Urteil genuegte ihm irgendeine
Selbstgefaelligkeit im Ton oder in der Gebaerde.

Das literarische Jung-Muenchen, das sich auch damals absurd gebaerdete und
sich bedeutender gab, als es war, bot ihm reichliche Gelegenheit zum
Spotte; wenn er sich zuweilen mit uebertriebener Bescheidenheit in der
Torggelstube zu den Unsterblichen setzte, mit schuechternen Fragen
Belehrungen anregte, ahnten die Gecken nicht, wie sehr sie die Gefoppten
waren. Auch nicht, wie gruendlich sie der harmlose Kuenstler durchschaute,
und wie er ihre unmaennliche Art verabscheute.

Sein ernsthaftes Wesen, das sich frei von Vorurteilen und Schulmeinungen
in selbstgedachten Gedanken zeigte, trat sogleich hervor, wenn er ueber
wirkliches Koennen urteilte.

Er ging immer auf das Wesentliche ein und vermied auch Grossem gegenueber
die Banalitaet des Superlatives.

Ein hoher Genuss, der bleibende Erinnerungen zurueckliess, war es, ihn ueber
ein gutes Bild reden zu hoeren; es war nichts von Schulmeisterei, die
klassifiziert und Zusammenhaenge beweist, darin, es war bei aller
Zurueckhaltung die Meinung des grossen Koenners, dem tief verborgene,
unbewusste Vorgaenge des Schaffens klar vor Augen standen.

Auch ueber Buecher habe ich nicht leicht jemand so gut urteilen hoeren wie
Rudolf Wilke; er las gerne und mit Auswahl, am liebsten gute Memoiren, die
eine vergangene Zeit zum Leben erweckten; an die Freude, die er ueber
Platons "Laches" empfand, erinnere ich mich gerne.

Die ehrliche Gescheitheit des Sokrates, der jeden Begriff ins kleinste
zerlegt und sein Eigentliches herausschaelt, der nie blosse Worte gelten
laesst, keiner Schwierigkeit ausweicht, der nichts sich in den Nebel der
Redensarten verlieren laesst, entzueckte ihn, und gleich stand ihm der kluge
Athenienser plastisch vor Augen, der sich von braven Spiessbuergern zuerst
hergebrachte Meinungen vortragen laesst, um sie dann bloss durch Fragen zu
der unerquicklichen Erkenntnis zu bringen, dass sie weder etwas wirklich
geglaubt, noch sich etwas gedacht hatten.

Er stellte Betrachtungen darueber an, wie uns heute die Kunst des geraden
Denkens, aber auch das Verlangen danach durch die verfluchte Phrase
verlorengegangen sei, und eifrig las er mir nach ein paar Seiten aus
"Laches" Proben aus dem Zarathustra vor, um daran zu zeigen, wie hoch wir
das Spielen mit Worten und Stimmungen einschaetzen. Natuerlich sah Wilke als
Maler nur in der echten Schilderung menschlicher Charaktere und der sich
daraus folgerichtig aufbauenden Geschehnisse schriftstellerische Werte,
und das Kokettieren mit hintersinnigen Gedanken und Weltschmerzen fuehrte
er auf kuenstlerische Impotenz zurueck.

Ich erwaehne das, um seine Stellung und damit wohl auch die andern Kuenstler
zu den neuen Goettern zu kennzeichnen. Eigentlich bestand wenig oder kein
Zusammenhang zwischen den literarischen und den kuenstlerischen
Mitarbeitern der "Jugend" und des "Simplicissimus". Hirth versuchte ihn,
wie mir erzaehlt wurde, in geselligen Zusammenkuenften anzuregen, aber man
fand aneinander kein uebermaessiges Gefallen.

Die Herren Dichter fuehlten sich wohler, wenn sie unter sich waren und sich
mit ein bisschen Medisance und recht viel gegenseitiger Bewunderung die
Zeit vertreiben konnten; natuerlich gehoerte dazu ein Auditorium von Juengern
und Juengerinnen, die mit aufgerissenen Augen dasassen und den Fluegelschlag
der neuen Zeit rauschen hoerten.

In Schwabing trieb, wie erzaehlt wurde, der Kultus des Stephan George
seltsame Blueten, und man sagte, der Dichter habe sich's bei gelegentlicher
Anwesenheit gefallen lassen, dass die Schwabinger Laemmer um ihn
herumhuepften und ihn auf violetten Abendfesten anbloekten. Andere
vereinigten sich zu andern Gemeinden, und es wurden viele Altaere
errichtet, auf denen genuegend Weihrauch verbrannt wurde.

Das neue genialische Wesen brachte immerhin Leben und Bewegung nach
Muenchen, und am Ende hatte es doch mehr Gehalt als das marktschreierische
Getue der heutigen Talente, die jede Form verachten, die sie nicht
beherrschen.

Viel Aufsehen erregte damals Frank Wedekind mit seinen Gedichten im
"Simplicissimus"; sein "Fruehlings Erwachen" hatte ihm in literarischen
Kreisen schon Geltung verschafft, aber das groessere Publikum wurde erst
durch seine geistreichen, zuweilen recht gepfefferten Verse auf ihn
aufmerksam. Ein Gedicht auf die Palaestinareise des Kaisers ist wegen
seiner Folgen beruehmt geworden, und Wedekind hat spaeterhin fuer die Bildung
einer Legende gesorgt, die schmerzhaft klang, aber der Wahrheit nicht
entsprach.

Ich kam damals taeglich mit Wilke, Thoeny und Paul zusammen und erlebte als
Unbeteiligter die Geschichte der oft erzaehlten und auch fuer die Buehne
bearbeiteten Majestaetsbeleidigung.

Eines Mittags im Oktober 1898 suchte Korfiz Holm die Kuenstler des
"Simplicissimus" und mich im Parkhotel auf und zeigte mir den
Korrekturabzug der spaeterhin vielgenannten Palaestinanummer, weil ich den
Text zu einer Zeichnung Pauls gemacht hatte. Wir lachten ueber das
Titelbild Heines, das Gottfried von Bouillon und Barbarossa mit dem
Tropenhelm Wilhelms zeigte, und dann las ich das Gedicht Wedekinds.

Darin war der Kaiser so direkt angegriffen, dass ich sagte, wenn die Verse
nicht in letzter Stunde noch entfernt wuerden, sei die Beschlagnahme der
Nummer und eine Verfolgung wegen Majestaetsbeleidigung unausbleiblich.

Holm erklaerte aber, das Gedicht sei von einer juristischen Autoritaet
geprueft worden, und ausserdem sei die Nummer schon im Drucke, so dass
Aenderungen nicht mehr moeglich seien. Ich blieb auf meiner Ansicht stehen,
aber am Ende war es Sache der Redaktion, ob sie die Strafverfolgung
riskieren wollte oder nicht.

Die Nummer wurde sofort nach Erscheinen konfisziert; Albert Langen floh
nach Zuerich, Heine wurde nach Leipzig vorgeladen und dort in
Untersuchungshaft genommen, spaeterhin auch zu sechs Monaten Gefaengnis
verurteilt.

Obwohl Wedekind das Gedicht unter einem Pseudonym hatte erscheinen lassen,
konnte er sich doch nicht fuer gesichert halten, denn zu viele Leute
kannten ihn als Verfasser. Eine andere Frage ist, ob er ehrenhalber nicht
haette hervortreten muessen, aber die Entscheidung darueber wurde ihm
erspart, da die Polizei durch einen Uebergriff des Leipziger Gerichtes
hinter das Geheimnis kam. Wedekind wurde rechtzeitig gewarnt und floh von
der Premiere seines "Erdgeistes" weg in die Schweiz zu Langen.

Dass er ueber die Aufdeckung seiner Autorschaft ungehalten war, laesst sich
begreifen, aber ganz unverstaendlich bleibt der Vorwurf, den er spaeter
gegen Langen erhob: der habe ihn gezwungen, eine Majestaetsbeleidigung zu
dichten, indem er seine Notlage ausgenuetzt habe.

Wedekind war regelmaessiger Mitarbeiter des "Simplicissimus" und konnte
darauf rechnen, dass jeder Beitrag von ihm angenommen und anstaendig
honoriert wurde. Von einem Zwange, ein bestimmtes Gedicht zu machen,
konnte schon darum ebensowenig die Rede sein wie von einer Notlage. Der
Hergang war auch ein anderer. Das Gedicht auf die Palaestinafahrt war in
seiner ersten Fassung so scharf, dass Albert Langen Bedenken trug, es
aufzunehmen, und Aenderungen verlangte. Wedekind, der es in der Redaktion
mit Vaterfreuden vorgelesen hatte, wollte an die Milderung zuerst nicht
heran und verstand sich nur mit Widerstreben dazu. Darum blieb auch die
zweite Fassung noch so gepfeffert, dass Langen die Aufnahme vom Gutachten
des Herrn Justizrat Rosenthal abhaengig machte.

Der gab seinen Segen dazu, vielleicht etwas zu sehr beeinflusst durch das
Vergnuegen an der famosen Satire und dem formvollendeten Gedichte. Damit
war das Unheil im Zuge und nahm seinen Lauf.

Die Gegner, an denen es dem "Simplicissimus" nicht fehlen konnte, haben
sich hinterher stark ueber planmaessige Majestaetsbeleidigungen und
geschaeftliche Spekulationen aufzuregen gewusst. Dass ein aus kuenstlerischen
Gesichtspunkten geleitetes Witzblatt sich aufs Geschaeftemachen nicht
einlassen konnte, war am Ende leicht einzusehen; schwieriger musste auch
fuer kluge Leute in Deutschland die Erkenntnis sein, dass ein sich so sehr
und in solchen Formen in den Vordergrund draengendes persoenliches Regime
ganz von selber die Satire herausforderte. Die unnahbare Hoehe des Thrones
musste zu allererst von dem Herrscher selbst gewahrt werden. Wenn er in die
Niederungen der Tagesstreitigkeiten bei jeder moeglichen Gelegenheit
herunterstieg, rief natuerlicherweise dieser Widerspruch zwischen der
eigenen Unverletzlichkeit und dem Vorbringen von anfechtbaren und
verletzenden und sehr konventionellen Meinungen scharfe Entgegnungen
hervor.

Als Repraesentant eines grossen Volkes Polemik zu treiben, in alles und
jedes dreinzureden, ging nicht an. Die aufdringliche Bewunderung, die auch
groben Verstoessen und Fehlern gegenueber an den Tag gelegt wurde, die
Manier, jeden ehrlichen Unwillen ueber das gefaehrliche, vorlaute Wesen als
vaterlandslose Gesinnung zu brandmarken, verschaerften den Widerspruch und
mehrten den Zorn, der sich - heute duerfen wir sagen _leider_ - viel zu
wenig Luft machte. Waere das Ersuchen um geneigteste Zurueckhaltung, das
1908 zu sehr in Moll gestellt wurde, zehn Jahre vorher von Parlament und
Presse mit ruecksichtsloser Entschiedenheit vertreten worden, dann haette
vieles anders und besser werden muessen.

Es ist heute schwer, gerade weil es leicht ist, darueber grosse Reden zu
halten; aber das wollte ich in diesem Zusammenhange sagen, dass jene
angeblich planmaessigen Majestaetsbeleidigungen bloss die Antworten auf
planmaessige Herausforderungen waren. Dazu kam, dass der Ton, mit dem damals
die Musik gemacht wurde, auf Kuenstler, denen die Persoenlichkeit viel oder
alles gilt, hoechst aufreizend wirkte.

Die unechte Heldenpose, die einem so haeufig vor Augen gestellt wurde,
konnte nicht immer einem schweigenden Missbehagen begegnen; es musste sich
aeussern, und die Form des Spottes wirkte erloesender als schwerbluetiger
Tadel, denn er zeigte blitzartig, mit unwiderleglicher Schaerfe das, worauf
es ankam, und die aergerliche Erkenntnis milderte sich durch die
Moeglichkeit, darueber herzhaft lachen zu koennen.

Spott untergraebt keine echte Autoritaet, weil er sie nicht treffen kann,
aber dem auf Aeusserlichkeiten ruhenden, konventionell festgehaltenen, dem
uebertriebenen und angemassten Ansehen tut er Abbruch, und das ist nicht
schaedlich, denn treffender Spott heilt unklare Verstimmungen, indem er mit
einem Worte, mit einer Geste die Ursachen des Unbehagens aufdeckt.

Im uebrigen haette ein von politischen Gehaessigkeiten unangekraenkeltes
Empfinden sich wirklich darueber empoeren muessen, dass ein Kuenstler des
"Simplicissimus" fuer ein gutes Bild und ein Witzwort ueber die pompoese
Reise nach Jerusalem zur Gefaengnisstrafe von sechs Monaten verurteilt
werden konnte. Diese brutale Vergewaltigung als Antwort auf einen mit
geistigen Waffen gefuehrten Angriff war abscheulich.

Aber man nahm damals sogar einen Rechtsbruch und eine Verletzung der
bayrischen Staatshoheit geduldig hin, weil es sich um Suehne fuer eine
Majestaetsbeleidigung, und auch, weil es sich um den "Simplicissimus"
handelte.

Der saechsische Untersuchungsrichter wollte noch mehr Schuldbeweise gegen
den Kuenstler zusammenbringen und glaubte, dass eine gruendliche Haussuchung
in der Redaktion des "Simplicissimus" Erfolg verspraeche; allein, den
bayrischen Behoerden traute er nicht genug Eifer zu, und darum suchte er um
die durch das Gesetz nachdruecklich verwehrte Erlaubnis nach, selber die
Haussuchung vornehmen zu duerfen.

Der bayrische Justizminister liess sich verblueffen und gab dem
unverschaemten Ansinnen nach; der saechsische Richter kam nach Muenchen,
schnueffelte in allen Schraenken und Schubladen herum und fand auch einen
Brief, den er brauchen konnte.

Dass weder der Landtag noch die Presse gegen diese Gesetzwidrigkeit
entschieden Stellung nahm, dass das Ministerium sich feige auf einen nicht
anwendbaren Paragraphen berief, das alles war wirklich veraechtlicher
Byzantinismus.

Das Recht missachtet, die Wuerde des Staates preisgegeben, um das Ansehen
eines Monarchen gegen ein Witzwort zu wahren.

Je intensiver mein Verkehr mit den Kuenstlern wurde, desto lebhafter wurde
in mir der Wunsch, mit ihnen zusammenzuarbeiten, alle meine Interessen
gingen darin auf, und eine immer staerkere Unlust am anwaltschaftlichen
Berufe drueckte schwer auf mich.

Aber noch sah ich keinen Weg, der ins Freie fuehrte. Das Heim, das ich der
alten Viktor und meiner juengsten Schwester geboten hatte, musste ich
erhalten, und ich konnte nicht darauf rechnen, dass schriftstellerische
Arbeit mir diese Moeglichkeit gewaehrte. Ich schrieb wohl einige Erzaehlungen
fuer den "Simplicissimus", die gefielen, aber das gab mir, wie ich mir
selbst gestehen musste, noch lange nicht das Recht, darin Sicherheiten fuer
die Zukunft zu sehen.

Fruehling und Sommer 1899 waren darum recht unerquicklich fuer mich; ich
plagte mich ab mit der Sehnsucht nach einem anderen, so viel reicheren
Leben und mit den Bedenken, die gegen einen raschen Schritt sprachen.

Ich ging daran, ein Lustspiel zu schreiben, das auch im Laufe des Jahres
fertig wurde, den Titel "Witwen" fuehrte und gottlob nicht aufgefuehrt
wurde.

Die Genugtuung darueber empfinde ich heute nicht deshalb, weil das
Lustspiel nach alten Mustern auf Verwechslungen aufgebaut war, sondern
weil die Ablehnung heilsam fuer mich wurde.

Der Oberregisseur Savits, der mir von einem Ferienaufenthalte in Seebruck
her befreundet war, las die Komoedie und erklaerte mir bei der Unterredung
im Regiezimmer des Hoftheaters, das ich mit Herzklopfen und auch mit
frohen Erwartungen betrat, dass dieses Ei keinen Dotter habe.

Es seien ganz nette Sachen darin, sogar eine famose Szene zwischen einem
Bauern und dem Anwaltsbuchhalter, aber das lange nicht, und kurz und gut,
das Ei habe keinen Dotter, und er rate mir, es zurueckzuziehen.

Ich erlebte ein paar bittere Tage, grollte ueber Verkennung und fand nach
reiflichem Nachdenken, dass Savits recht hatte.

Ich war zu tief im Milieu gesteckt, hatte nach eigenen Erlebnissen und
Stimmungen und nach Modellen gearbeitet. Dabei blieb ich im Gestruepp.

Damals aber, im Sommer 1899, sass ich glaeubig am Schreibtische, freute
mich, wenn die Handlung vorwaerts schritt, und sah hinter grauen Wolken ein
Stueck blauen Himmel. Wenn der Laerm unter meiner Kanzlei am
Promenadenplatze allmaehlich verstummte, legte ich die mich immer mehr
langweilenden Akten beiseite und holte aus der Schublade das Manuskript
der "Witwen" hervor, um bis in die tiefe Nacht hinein zu sinnieren und zu
schreiben. Dann traten mir aus den sich kraeuselnden Tabakwolken Bilder
einer freundlichen Zukunft entgegen, und oft ueberwaeltigten sie mich so,
dass ich aufsprang und im Zimmer auf und ab lief und laute Selbstgespraeche
fuehrte.

Die alte Viktor sass im Zimmer daneben, hoerte das Gemurmel mit sorglichen
und von Hochachtung erfuellten Empfindungen an, denn sie wusste, dass ich ein
Lustspiel dichtete, und fuer sie gab es keinen Zweifel, dass es prachtvoll
werden muesse.

Vielleicht knuepfte auch sie einige Hoffnungen daran auf Rueckkehr zum
Landleben, aus dem Laerm heraus zur Stille.

Oft hoere ich noch heute die tiefen Schlaege der Domuhr, die von den
Frauentuermen herunter ueber den Platz droehnten, und ich erinnere mich
daran, wie oft ich mit heissem Kopfe am offenen Fenster stand und in die
Nacht hinaussah.

Wieder war eine Szene fertig, es wollte sich runden und wollte werden, und
vor mir lag die ersehnte Freiheit.

Dann klang aus der Ferne die leise Stimme meiner Mutter herueber: "Es wird
noch alles recht werden."



Die Erloesung kam unerwartet und auf andere Weise, als ich getraeumt hatte.
Eines Tages, es war im September 1899, sprach mich ein Rechtsanwalt, der
meine geheimen Wuensche erraten hatte, daraufhin an und erbot sich, meine
Praxis gegen eine runde Summe zu uebernehmen.

Ich konnte nicht sofort zusagen und sprach darueber mit meinem
Rechtskonzipienten, der mir nachdenklich schweigend zuhoerte und mich am
folgenden Tag um eine Unterredung ersuchte.

Er bat mich dabei, nicht jenem Anwalt, sondern ihm unter den gleichen
Bedingungen die Praxis abzutreten.

Jetzt besann ich mich nicht mehr lange, und schon am naechsten Tage
schlossen wir den Vertrag ab, der mir ueberraschend schnell die Freiheit
verschaffte.

Gleichzeitig traf es sich, dass in Allershausen bei Freising, wo sich eine
Schwester von mir kuerzlich verheiratet hatte, ein kleines Haus um billiges
Geld zu mieten war.

Ich machte Viktor den Vorschlag, mit meiner andern Schwester dorthin zu
ziehen, und versprach, moeglichst oft hinauszukommen; die bescheidenen
Mittel, die beide zum Leben brauchten, getraute ich mich aufzubringen, da
mir nunmehr auch Langen ein monatliches Fixum fuer regelmaessige Mitarbeit am
"Simplicissimus" zugesagt hatte.

Ich selber mietete ein paar unmoeblierte Zimmer in der Lerchenfeldstrasse
und war nun auf wenig gestellt, aber frei wie ein Vogel, und wohl nie mehr
habe ich mich so gluecklich gefuehlt wie in jenen ersten Wochen, als ich
eifrig an meinem Lustspiele schrieb, an keine Zeit und keine Pflicht
gebunden war und mir auf Spaziergaengen im Englischen Garten ausmalte, wie
unbaendig schoen es erst nach einem Erfolge werden wuerde.

Dann kam freilich die betruebliche Erkenntnis, dass das Ei keinen Dotter
hatte, aber bald trug ich den Kopf wieder hoch, und nach dem tiefen
Eindrucke, den eine Bauernhochzeit in Allershausen auf mich gemacht hatte,
schrieb ich "Die Hochzeit" und daran anschliessend ein Lustspiel "Die
Medaille".

In der Zwischenzeit war ich auch in die Redaktion des "Simplicissimus"
eingetreten.

Der Kongress der Mitarbeiter, auf dem der Beschluss gefasst wurde, fand in
der Schweiz statt, in Rorschach am Bodensee, weil Langen deutschen Boden
nicht betreten durfte.

Fuenf Jahre lang musste er im Ausland bleiben, bis er 1903 durch Vermittlung
eines maechtigen Herrn in Sachsen nach Hinterlegung einer betraechtlichen
Summe ausser Verfolgung gesetzt wurde.

Was es fuer den ruehrigen, etwas zappeligen Mann bedeutete, sein junges
Unternehmen im Stiche lassen zu muessen, kann man sich denken, und schon
darum kennzeichnet sich die Behauptung, dass er zu geschaeftlicher Foerderung
eine Majestaetsbeleidigung von Wedekind erzwungen habe, als sinnloses
Geschwaetz.

Es ist ihm ein Vorwurf daraus gemacht worden, dass er sich nicht dem
Strafrichter gestellt habe, und es gab dafuer eine klingende Redensart, dass
er nicht den Mut gehabt habe, die Folgen seiner Handlung zu tragen.

Es gehoert aber neben Mut auch kraeftige Gesundheit dazu, sich ein halbes
Jahr einsperren zu lassen, und die fehlte Langen, der damals an starken
nervoesen Kopfschmerzen litt.

Wir haben in den folgenden Jahren noch manche Zusammenkunft in Zuerich
gehabt, und es war unschwer zu sehen, wie sehr die Trennung von Geschaeft
und Taetigkeit Langen bedrueckte.

In der Redaktion des "Simplicissimus" hatte ich neben _Reinhold Geheeb_
eine anregende Taetigkeit, die mir zusagte und die mir stets Zeit zu
eigenen Arbeiten liess.

Von massgebendem Einflusse auf den Inhalt der einzelnen Nummern war von den
Kuenstlern immer _Th. Th. Heine_, der haeufig in die Redaktion kam, sich mit
uns beriet und Anregungen gab.

Die andern, _Paul_, _Thoeny_, _Wilke_, _Reznicek_ zeichneten entweder nach
Laune und Einfall, was ihnen gerade zusagte, oder sie uebernahmen es, einen
vereinbarten Text zu illustrieren. Redaktionssitzungen, an denen alle
Kuenstler teilnahmen, wurden erst spaeter nach Langens Rueckkehr abgehalten.

_Wilhelm Schulz_ hielt sich noch in Berlin auf, und der Verkehr mit ihm
blieb aufs Schriftliche beschraenkt; _J. B. Engl_ machte selber die Texte
zu seinen Zeichnungen.

Von literarischen Mitarbeitern sah man zuweilen _Bierbaum_, _Falkenberg_,
_Gumppenberg_, _Greiner_, ziemlich haeufig _Holitscher_.

Hier und da kam ein junger Mann in der Uniform eines bayrischen
Infanteristen, trug einen Stoss Manuskripte, die er fuer den Verlag geprueft
hatte, bei sich und uebergab der Redaktion ab und zu Beitraege; er war sehr
zurueckhaltend, sehr gemessen im Ton, und man erzaehlte von ihm, dass er an
einem Roman arbeite. Der Infanterist hiess _Thomas Mann_, und der Roman
erschien spaeter unter dem Titel "Buddenbrooks".

Mit den literarischen Vereinen kam ich nicht in Fuehlung, ebensowenig mit
den engeren Zirkeln um _Halbe_, _Ruederer_ u. a.

_Otto Erich Hartleben_ lernte ich in einer Gesellschaft kennen; er gab von
Zeit zu Zeit Gastrollen in Muenchen, und man hoerte nach seiner Abreise
Erzaehlungen von endlosen Kneipgelagen, die von froehlichen Philistern, die
sich was darauf zugute taten, noch gehoerig uebertrieben wurden.

Er hatte was vom alten Studenten an sich, auch ein bisschen was vom
gefeierten Genie, um das sich Kreise bilden, aber wenn er nach einer Weile
die Geste beiseite liess, konnte man sich an dem Frohsinn des hochbegabten,
warmherzigen Menschen erfreuen. Zuletzt traf ich ihn in Florenz, im
Fruehjahr 1903, aufgelegt wie immer zum Schwaermen und Pokulieren, aber jede
froehliche Stunde musste er mit koerperlichen Schmerzen bezahlen, und er sah
recht verfallen aus.

Bald nach meinem Eintritt in die Redaktion des "Simplicissimus" lernte ich
_Bjoernstjerne Bjoernson_ kennen.

Das heisst, um es respektvoller auszudruecken, ich wurde ihm vorgestellt,
und er hatte die Guete, mir etwas Wohlwollendes ueber ein paar Gedichte zu
sagen.

Er gehoerte zu den Maennern, die koerperlich groesser aussehen, als sie sind,
und die man stets ueber andere wegragen sieht; in der groessten Gesellschaft
musste sogleich der Blick auf ihn fallen, und das wusste er und hielt was
darauf. Er sah imponierend aus mit seiner geraden Haltung, mit den
blitzenden Augen unter buschigen Brauen, die ein bisschen ueber die kleinere
Menschheit wegsahen, mit den schlohweissen Haaren auf dem stolz getragenen
Haupte. Im Gespraeche mit uns war er so was wie wohlaffektionierter Koenig,
aber er konnte auch aus sich herausgehen und derb und herzlich lachen.

Wer bei ihm zu Besuch in Aulestad gewesen war, ruehmte seine zwanglose
Gastfreundschaft; hier in Muenchen war er schon etwas Vertreter einer
fremden Grossmacht und kritisch und misstrauisch gegen den
Unteroffiziersgeist, den er diesseits der schwarzweissroten Pfaehle
witterte. Damals war er auf Deutschland gut zu sprechen und hielt uns fuer
bildungs- und besserungsfaehig. "Ueber unsere Kraft" hatte in Berlin volles
Verstaendnis gefunden, und viele Angehoerige der preussischen Nation
schrieben sich die Finger schwarz ueber die tiefen Probleme des ersten wie
des zweiten Teiles, und so sah Bjoernson, dass sie auf dem rechten Wege
waren und sich zu einigem Werte durchringen konnten.

Immer leidenschaftlich, setzte er sich ganz fuer eine Sache ein und liess am
Widerparte gar nichts gelten; er besass im hoechsten Mass die Gabe, nur die
eine Seite zu sehen, und war darum ein erfolgreicher Parteifuehrer und
nebenher ein glaenzender Journalist; alles sah er aus bestimmten
Gesichtswinkeln und ordnete es seinem Systeme ein.

Ich besuchte einmal um Ostern 1904 mit ihm das Forum in Rom.

_Professor Boni_ begruesste den illustren Gast aus Norwegen mit romanischer
Hoeflichkeit und wuerdevoller Devotion und machte selbst den Fuehrer.

Wilke und ich gingen hinterdrein.

Als Boni, den die vom preussischen Unteroffiziersgeist angekraenkelten
deutschen Gelehrten fuer einen Scharlatan halten, unter anderem sagte, die
Auffindung eines Altars haette ihn zu der Ueberzeugung gebracht, dass die
Plebejer eine andere Religion als die Patrizier gehabt haetten, dass sie
ueberhaupt eine fremde, von den Roemern unterjochte Nation gewesen seien,
war Bjoernson ueber diese neuen, grossen Gesichtspunkte begeistert, denn mit
unterdrueckten Voelkern hielt er es immer.

Auf dem Heimwege fragte er mich, ob ich ihm kein gutes Buch ueber roemische
Geschichte nennen koenne, "aber", fuegte er bei, "bleiben Sie mir weg mit
diesen deutschen Gelehrten, mit Ihrem Mommsen! Es muss so sein, wie es Boni
darstellte."

Ich erwiderte etwas schnoddrig, dass meines Wissens in Deutschland kein
derartiger Bockmist gedruckt worden sei.

Einen Augenblick war er verdutzt, dann brach er in ein schallendes
Gelaechter aus, und daheim rief er gleich seine herzensgute Frau Karoline
herbei und erzaehlte ihr, dass der "onverschaemte Kaerl" die Erklaerungen des
praechtigen Professors Boni einen Bockmist genannt habe.

Einmal, als ich ihn in der Via Gregoriana besuchte, kam sein Enkel Arne
Langen ins Zimmer und stellte sich ans Fenster. Man hatte von da aus einen
wundervollen Blick auf die Peterskirche, und ploetzlich rief der kleine
Arne, auf die maechtige Kuppel deutend: "Grosspapa, wer wohnt dort?"

"Da wohnt niemand", erwiderte Bjoernson sehr ernst.

"O ja! Da wohnt der liebe Gott!"

"Onsinn! Wer hat dir das gesagt? Das war wieder dieser preussische
Unteroffizier ..." Bjoernson wurde ernstlich boese auf die deutsche
Erzieherin, die seinen beiden Enkeln solche Maerchen erzaehlte und die ihm
ueberhaupt viel zu korrekt und, wie er es nannte, zu preussisch war.

Bekannt ist seine leidenschaftliche Anteilnahme am Schicksale von Dreyfus;
ihm teilte sich die Menschheit eine Zeitlang nur in edle, lichte Freunde
des Unschuldigen und in pechrabenschwarze Anti-Dreyfusards. Bjoernson
weilte in Paris bei Langen, als Dreyfus auf freien Fuss gesetzt wurde, und
er beeilte sich, dem Maertyrer seine Sympathien muendlich kundzugeben.

Wie mir erzaehlt wurde, war er von der Zusammenkunft stark enttaeuscht; der
beruehmteste Prozessmann Europas soll sich als recht trockener Spiessbuerger
gezeigt haben, der fuer die Opfer, die ihm von einzelnen, insbesondere von
_Picquart_, gebracht worden waren, kaum Verstaendnis bewies.

Jedenfalls hat er durch seine duerftige Art dem grossen skandinavischen
Goenner die weltgeschichtliche Szene verdorben.

Mir hat Bjoernson im Laufe der Jahre seine freundliche Gesinnung bewahrt
und zuweilen bewiesen. Als ich vom Landgerichte Stuttgart wegen
Beleidigung einiger Sittlichkeitsapostel verurteilt worden war, legte er
beim Koenig von Wuerttemberg Protest gegen die Strafe ein.

Um aber begnadigt zu werden, haette ich selber ein Gesuch einreichen
muessen, und das konnte ich aus begreiflichen Gruenden nicht tun.



In der neuen Taetigkeit, die mir immer als begehrenswert erschienen war,
fuehlte ich mich gluecklich.

Sehr viel trug dazu die freie Art bei, in der jeder einzelne seiner
Verpflichtung nachkam und in der alle die gemeinsame Aufgabe erfuellten.

Wir standen als angehende Dreissiger fast alle im gleichen Alter, hatten
keinen Willen als den eigenen zur Richtschnur und handelten nur nach
Gesetzen, die wir uns selbst im Interesse der Sache auferlegten.

Es gab keinen Chef, dessen Meinungen oder Wuensche zu beruecksichtigen
waren; es gab keine aeusserliche, ausserhalb des Koennens und der Foerderung
des Ganzen liegende Autoritaet; die ruhte auf Persoenlichkeit und Leistung.

Der kameradschaftliche Ton, in dem wir miteinander verkehrten, fuehrte
keineswegs zur nachsichtigen Beurteilung eines Beitrages; Duldung auf
Gegenseitigkeit gab es nicht, und wir blieben freimuetig im Urteile
gegeneinander. Anerkennung drueckte sich am besten in herzhaftem Lachen
aus, Bewundern und Anhimmeln unterblieben. Es war eine reizvolle Arbeit,
die wir zwanglos, fast spielend erledigten, und bei dieser unbekuemmerten
Beschaeftigung mit den Zeitereignissen, die wir, allen Parteidoktrinen
abgeneigt, vom gemeinsamen kuenstlerischen Standpunkte aus beurteilten,
hielten wir uns frei von Pathos und duenkelhafter Theorie.

Natuerlich war uns die ziemlich weitgreifende Wirkung unserer Aeusserungen
nicht gleichgueltig, aber dabei machte uns die sich in Phrasen austobende
Entruestung der Gegner viel mehr Spass als die Zustimmung der Anhaenger. Die
aufgestoerten Philister wollten den Kampf gegen Spott mit sehr plumpen
Mitteln gefuehrt haben, mit Einsperren, mit Boykott, mit Konfiskation, mit
Bahnhofsverboten usw.

Katholische und protestantische Geistliche gingen in die Buchhaendlerlaeden,
verlangten Entfernung des "Simplicissimus" aus den Schaufenstern oder
wollten den Vertrieb verbieten; Ministern, Polizeipraesidenten,
Staatsanwaelten, sogar Richtern kam es nicht darauf an, gesetzliche
Bestimmungen zu umgehen oder zu verletzen, um das gehasste, zum mindesten
fuer verderblich gehaltene Witzblatt zu unterdruecken oder zu schaedigen.

Ich sah in der stets in Superlativen schwelgenden Entruestung den Beweis
dafuer, wie aus Phrasen sehr bald verlogene Empfindungen werden, und wie
sie gesundes Denken und Selbstsicherheit vernichten.

Es war ein Krankheitsprozess.

Das deutsche Volk hat in seiner gelassenen Art immer Selbstkritik geuebt
und ertragen, damals aber versuchten die Uebereifrigen es zur gereizten
Empfindlichkeit aufzustacheln.

Einrichtungen, deren Nutzen und Wert kein vernuenftiger Mensch bestritt,
wurden gemeinsam mit Missbraeuchen als heiligste Gueter fuer unantastbar
erklaert, ganze Staende waren erhaben ueber Kritik und noch erhabener ueber
den Witz.

Von Umsturzgedanken und fanatischen Theorien war im Kreise der jungen
lebensfrohen Kuenstler nichts zu finden, aber auch nichts von aengstlicher
Zurueckhaltung, wenn es galt, einem Unfug oder einer Anmassung
entgegenzutreten.

Der Satire bot sich damals ein besonderes Angriffsziel in einer Bewegung,
die angeblich auf Hebung der Sittlichkeit gerichtet war.

Man erklaerte das deutsche Volk fuer im sittlichen Niedergange begriffen,
donnerte ueber koerperliche und moralische Verderbnis und sah vor lauter
germanischen Idealen die Tatsache nicht, dass diese heranwachsende Jugend
ernster, strebsamer, tuechtiger war als die einer frueheren Zeit, dass sie
sich von alten Missstaenden, vom hochmuetigen Kastengeiste wie vom
verderblichen Saufen abgewandt hatte und koerperliche Tuechtigkeit in viel
hoeherem Masse zu schaetzen begann.

Und in der Freude an toenenden Redensarten schenkte man sich die haertere
und doch allein Erfolg versprechende Arbeit, gegen die Ursachen sittlicher
Schaeden vorzugehen.

Die lagen in sozialen Missstaenden, in Armut, in Ausbeutung, in der
Wohnungsnot u. a. viel tiefer begruendet als etwa in der Ausstellung einer
Nuditaet im Schaufenster.

Es war selbstverstaendlich, dass die Orthodoxen beider Konfessionen mit
Begeisterung an der Bewegung teilnahmen und sie gehoerig ausnutzten.

Die Regierung ging taeppisch, wie so oft, auf die moralischen und
staatserhaltenden Bestrebungen ein, und es kam zur Vorlage der
beruechtigten Lex Heinze.

Den Namen leitete sie von einem Berliner Kupplerprozesse her, aber ihre
Tendenz richtete sich weniger gegen grossstaedtische Uebelstaende als gegen
eine unbequeme Freiheit der Presse.

In Sueddeutschland waren es nicht zuletzt die beiden jungen Wochenschriften
"Jugend" und "Simplicissimus", die den ultramontanen Eifer fuer scharfe
Gesetze wachriefen und naehrten.

So war es auch ein Kampf um die eigene Existenz, wenn sie gegen die
offenen und noch mehr gegen die heimlichen Bestrebungen der reaktionaeren
Parteien losschlugen.

_Diffizile non erat, satiram scribere._

Wie da zarteste Dinge vor die Oeffentlichkeit gezerrt und angegrinst
wurden, wie sich wohllebige Maenner als Tugendhelden aufs Podium stellten,
wie man in schmalzigen Redensarten schwelgte und wiederum mit rohem
Unverstande auf kuenstlerischem Empfinden herumtrampelte, das alles
forderte den schaerfsten Spott heraus.

Es kam dann auch zu grossen organisierten Widerstaenden, und in Muenchen
wurde auf Anregung Max Halbes der Goethe-Bund aller Freunde kuenstlerischer
Freiheit gegruendet.

Es ging ein frischer Zug, an den man sich gerne erinnern darf, durch jene
Versammlung im Muenchner Kindl-Keller, in der die Gruendung beschlossen
wurde.

Und wo _Georg Hirth_ und _M. G. Conrad_ gegen Muckerei und Schnueffelei vom
Leder zogen, da durfte man sicher sein, dass es scharfe Hiebe absetzte.

Die Lex Heinze fiel, aber das Beduerfnis nach uebersteigerter "Sittlichkeit"
blieb erhalten, ebenso wie die Sehnsucht nach Unterdrueckung unangenehmer
Geister.

Von dem Hasse, den dieses Sehnen wachrief, richtete sich ein herzhafter
Teil gegen den "Simplicissimus", dessen Mitarbeiter sich nicht zum
wehleidigen Dulden verstanden.

Zwischen damals und heute, 1919, liegen Ereignisse, die
Kaffeehausliteraten zu Leitern des Staatswesens machten und die es vielen
Bewunderern und Verfechtern des frueheren Systems ratsam erscheinen liessen,
es nunmehr zu verdammen.

Glueckselig pries sich, wer waehrend des Krieges den Opfermut des eigenen
Volkes nicht allzu laut bewundert hatte, Gott aehnlich war, wer ein paar
internationale Seufzer losgelassen hatte.

Jaemmerliche Hanswurste stellten sich im Niedergange des Vaterlandes
entzueckt von Freiheit und Menschlichkeit, und niemand hatte mehr Anspruch
auf Bewunderung des Volkes als der grosse Pessimist, der als erster vor
allen andern am gluecklichen Ausgange gezweifelt hatte.

Wie schnell hat sich das Buergertum in den Untergang der heiligsten Gueter
gefunden, wie hat es sie widerstandslos aufgegeben!

Selbstgeschaffene, mit nuechternem Sinne fuer notwendig erkannte
Einrichtungen, an denen man taetigen Anteil gehabt haette, waeren wohl anders
verteidigt worden; so aber gerieten durch den im Kriege uebermaechtig
gewordenen Hass gegen die Verlogenheit gezuechteter Begriffe die inneren
Lebenskraefte miteinander in Kampf.

Ein wohlgegliederter, gewordener Organismus, in dem eines das andere
unterstuetzte, wurde durch die Theorie zerstoert.

Moegen Schwaetzer ein System, das allerdings noch auszubauen war, verdammen,
wir waren maechtig unter ihm und waeren gluecklich geworden, wenn man es auf
breite Fundamente gestellt haette.

Deutschland war in den Sattel gesetzt, aber reiten hat es nicht koennen; es
ueberliess die Fuehrung unsicheren Haenden.

Duenkelhafter Dilettantismus hat die Moeglichkeit unseres Unterganges
geschaffen.

Keiner von uns war so weitblickend, die letzten Folgen der operettenhaft
gefuehrten Politik vorauszusehen, aber ihre Laecherlichkeit erkannten wir,
und hinter dem Spotte ueber grosse Worte und Gesten steckte ein lebhafter
Unmut. War es nicht natuerlich, dass sich gerade Kuenstler am schaerfsten
gegen die Stillosigkeit der pompoesen Aufmachung wandten?



Die alte Viktor konnte mein ferneres Wirken nur aus der Ferne betrachten,
und zuweilen meinte sie seufzend, dass ich zu uebermuetig waere, aber, wenn
sie aengstlich darueber sprach, troestete sie der gute Pfarrherr von
Allershausen, der lustig auffasste, was lustig gemeint war.

Oft suchte ich das kleine Haus an der Amper auf und nahm teil an dem
stillen Glueck, das die Alte hier gefunden hatte.

Ein Garten, dem sie Sorgfalt erwies, ein paar kleine Zimmer, deren
schoenster Schmuck ihre peinliche Sauberkeit war, das war die Welt, in der
sie sich wohl fuehlte und von der aus auch auf mich eine Fuelle von Behagen
ueberging.

Kam ich unangemeldet, so schmollte sie ein wenig, denn sie wollte, dass
mein Besuch mit guten Dingen gefeiert wuerde. Ein frisch gebackener
Kaffeezopf gehoerte auf den Tisch, und in der Kueche musste sie geheimnisvoll
rumoren, um froehlich laechelnd eine Lieblingsspeise aufzutragen. Dann sass
sie mir gegenueber und hoerte aufmerksam zu, wenn ich von meinem Leben
berichtete. Es schien sich zum Guten zu wenden, aber - aber.

Da waren doch neulich recht unehrerbietige Verse im "Simplicissimus"
gestanden, und wenn sie auch wusste, dass es nicht so schlimm gemeint war,
was sollten die Leute von mir denken, die mich nicht kannten?

In solchen Faellen ergriff der Herr Pfarrer, der als lieber Gast dabei sass,
meine Partei und fuehrte aus, dass man nicht immer fein sein koenne. Er war
noch aus der alten Schule, die keine Zeloten erzog; er stand nicht
ausserhalb der Welt, in der er wirkte, sondern mit tuechtigem Verstande
mitten drin. Er kannte die Bauern und verstand seine Aufgabe, in ihnen den
ererbten Sinn fuer taetiges Leben und ehrbare Sitte wach zu erhalten. Wie
sie, mochte er kein uebertriebenes Wesen leiden, er war froehlich mit ihnen,
ohne seinem Stande etwas zu vergeben, er hatte volles Verstaendnis fuer ihre
Vorzuege und Fehler und zeigte sich nie empoert ueber natuerliches Geschehen.
In ernsten Dingen bewahrte er Ruhe, und kleine Schmerzen heilte er am
liebsten mit einem Scherzworte.

Viktor schaetzte ihn sehr hoch, und auch er hatte seine Freude an ihrer
braven Art.

Immer bezeigte er ihr freundschaftliche Anteilnahme und holte sie, wenn es
irgend ging, zum Spaziergange ab.

Er neckte sie gerne mit ihrer Zuneigung zu mir, und als ich das erstemal
nach Allershausen kam, erklaerte er mir lachend, dass die Vorstellung
eigentlich ueberfluessig waere, denn er haette mich in- und auswendig
kennengelernt aus den erschoepfenden Mitteilungen des Fraeuleins Viktor
Proebstl.

Eine Unterbrechung des Stillebens wurde durch die Heimkehr meines aeltesten
Bruders herbeigefuehrt.

Er kam mit seiner Frau und seinen vier Buben von Australien herueber; und
regte schon das Wiedersehen nach der langen Zeit die Gemueter auf, so
brachte die fremde Art der Frau wie der Kinder allerlei Unruhe in das
kleine Haus.

Die Buben, der aelteste zwoelf, der juengste ueber drei Jahre alt, hatten sich
in Katoomba in den blauen Bergen nicht das geringste Verstaendnis fuer
europaeisches Ruhebeduerfnis angeeignet.

Ich glaube nicht, dass sie eine Viertelstunde am Tage still waren, und Frau
Jenny schien nur dann an die volle Gesundheit der Kinder zu glauben, wenn
sich die Stimmen von allen vier laut und deutlich vernehmbar machten. Sie
selbst, eine Englaenderin aus der Kolonie, war eine sympathische, stille
Frau, und es war unschwer zu sehen, dass sie in gluecklicher Harmonie mit
meinem Bruder lebte. Aber wenn sich Frauen schon ueberhaupt nicht allzu
leicht verstehen, so konnte sich eine herzliche Neigung zwischen
hausbackener Schongauer Art und Australiertum erst recht nicht entwickeln.

Es war zwischen ihnen ein kleiner, stiller Krieg, den zwar Gutherzigkeit
und Takt auf beiden Seiten nicht zum Ausbruche kommen liessen, aber der
eben doch da war, der in der Luft lag und die Temperatur herunterdrueckte.

Meine Schwaegerin gehoerte einer strengen protestantischen Sekte an, die
jeglichen Bilderdienst verabscheut, und als sie in ihrem Zimmer ein
Ammergauer Kruzifix bemerken musste, schlug sie zwar keinen Laerm, aber sie
verhuellte den Heiland mit einer Nachtjacke.

Viktor war nicht unduldsam, ihr Katholizismus vertrug sich schlecht und
recht mit liberalen Neigungen, aber diese Lieblosigkeit gegen ein
Kruzifix, das jahrelang im Risser Forsthause gehangen hatte, ertrug sie
nicht; sie befreite es schweigend von der Huelle, nahm es an sich und trug
es in ihr Zimmer.

Dabei mochten ihre Blicke und der Auftakt ihrer Schritte Empoerung verraten
haben, jedenfalls hatte diese Szene so etwas vom Zerschneiden des
Tischtuches zwischen den beiden Weiblichkeiten an sich.

Die Neigung Jennys fuer laermende Kinderstimmen teilte die Alte nicht;
vermutlich hatte sie mein Geschrei dereinst liebevoll ertragen, und die
Wiederholung von Bruellen und Quaeken waere ihr nach der langen Pause
ertraeglich und nett vorgekommen, wenn es sich um Kinder von mir gehandelt
haette, aber der Milderungsgrund lag nicht vor. Sie sah und hoerte die
australischen Spiele ohne die Nachsicht, deren sie dringend bedurft
haetten, und am Ende war die gute Alte wirklich zu jaeh aus einer schoenen
Ruhe gestoert worden. Sie beklagte sich nicht, wenn ich hinauskam, aber ich
las in ihren Augen die stumme Frage, ob es denn wirklich fuer immer zu Ende
sei mit den stillen, schoenen Tagen.

Das und ein paar andere Beobachtungen liessen mir eine schleunige Aenderung
wuenschenswert erscheinen.

Denn auch an meinem Bruder bemerkte ich ein seltsames Unbehagen.

Seit Jahren war es sein brennender Wunsch gewesen, wieder nach Deutschland
zurueckkehren zu duerfen.

Nun war er ihm erfuellt, und er musste die schmerzliche Erfahrung an sich
selber machen, dass ihm die Heimat fremd geworden war.

Haette er gleich befriedigende Taetigkeit gefunden, so waere alles anders und
besser gewesen, aber die Erkenntnis, wie schwer es in den festgefuegten,
ihm gar zu systematisch geordneten Verhaeltnissen sei, als Mann von
zweiundvierzig Jahren von vorne anzufangen, fiel ihm schon gleich schwer
aufs Herz. Dazu kam eine Frage, die in den Kolonien kaum aufgetaucht waere:
Was sollte aus den Buben werden?

Drueben war Platz fuer kraeftige Jugend, und es haette keiner weit
ausschauenden Vorbereitung bedurft, um vier gesunden Buben ein Auskommen
zu verschaffen.

Drueben gab es keine konventionelle Verpflichtung, die schon in
Knabenjahren zur Wahl zwischen hoeheren und niederen Berufen zwang.

Drueben gab es Arbeit fuer starke Arme; und langte es weiter, dann ging es
auch weiter.

In Deutschland aber stand schon vor dem Abcschuetzen die grosse Frage: Was
willst du werden?

Studieren oder dich gleich mit Geringerem bescheiden?

Private Stellung oder den sicheren Staatsdienst waehlen?

Beim Aeltesten, der zwoelf Jahre alt war, brannte es eigentlich schon auf
den Naegeln.

Wer immer in dem sich gleichmaessig drehenden Kreise blieb, dessen Leben
drehte sich mit, wer aber hinausgetreten war, kam kaum mehr hinein.

Diese Erkenntnis stimmte meinen Bruder bitter und liess ihm vieles
kleinlicher und widerwaertiger erscheinen, als es war.

Ich hoffte, dass seine Sprachkenntnisse, seine Tuechtigkeit ihm zum
Erreichen eines Postens foerderlich sein koennten, aber die ersten Versuche
schlugen fehl, und man gab ihm und mir zu verstehen, dass man in
Deutschland langsam und ordnungsmaessig vorruecke. Und das muss man in der
Jugend beginnen. Zu diesen Enttaeuschungen kam schmerzliche Reue darueber,
dass er nicht frueher heimgekehrt war und unsere Mutter noch am Leben
angetroffen hatte.

Meine troestenden Worte nuetzten nicht viel. Oft sassen wir irgendwo im
Freien, am Rande eines Waldes, und sprachen von alten Zeiten und
Erinnerungen, und ich sah wohl, wie sein Herz daran hing, aber auch, wie
vergeblich er sich muehte, sich das, was einmal gewesen war, wieder
lebendig zu machen. Redete ich von Gegenwart und Zukunft und von
Hoffnungen, die sich erfuellen sollten, dann wurde er still und blies
staerkere Rauchwolken aus der Pfeife vor sich hin.

Es war einmal.

Die Art, wie er seinem Aerger ueber Ungewohntes, was verschieden von
australischen Dingen war, Ausdruck gab, zeigte mir deutlich, dass keine
Freude in ihm aufkommen wollte. Und auch, dass die Worte Jennys, die sich
oft genug ueber die Verhaeltnisse in dem ihr so fremden Lande beklagen
mochte, tiefer Fuss fassten als meine Troestungen. Da ihm die Untaetigkeit
immer weniger zusagte, war ich froh, als ihm unsere Verwandten in
Oberammergau einstweilen eine Stellung anboten.

Es war eine kleine Bosheit des Schicksals, dass meine Schwaegerin dorthin
uebersiedeln musste, wo man die Kruzifixe schnitzte.

Die Stellung war nur eine voruebergehende; nach einiger Zeit erklaerte mir
mein Bruder, dass Berichte, die er von seinen Schwaegern erhalten habe, ihm
fuer sich und seine Familie die Auswanderung nach Kanada als das Beste
erscheinen liessen.

Es war mir moeglich, ihm dazu behilflich zu sein, und so machte er sich im
August 1902 auf die Reise; er traf Verhaeltnisse an, die ihm weitaus besser
zusagten, und in seinen Briefen ruehmte er das Entgegenkommen, das er
gerade als Deutscher in Winnepeg gefunden hatte.

Spaeter siedelte er nach S. Diego in Kalifornien ueber und starb dort an den
Folgen eines Sonnenstiches.

Seine Buben wuchsen zu tuechtigen Maennern heran, wie Jenny schrieb; sie
waren ihr nach des Vaters Tode treue Helfer.

Viktor zeigte sich immer besorgt um das Schicksal meines Bruders, aber ich
glaube, sie atmete doch auf, als in dem kleinen Hause an der Amper keine
australischen Kaengeruhs mehr nachgeahmt wurden, und als die Zimmer wieder
still und fein saeuberlich, recht sonntagsnachmittaeglich dalagen.

Fuer manche Plage und Verdriesslichkeit konnte ich sie entschaedigen, als ich
mit ihr im Sommer 1902 beim Sixbauern in Finsterwald am Tegernsee Wohnung
nahm; da gefiel es ihr.

Ueber die Vorberge schauten die Gipfel des Rossstein und Buchstein herueber,
unter denen die Rauchalm lag, und die gehoerte Lenggrieser Bauern; wenn man
sich da hinueberdachte, kam man an die Isar, und etliche Stunden
flussaufwaerts lag das Paradies, die Vorder-Riss.

Der Six war selber ein halber Lenggrieser - aus Fischbach - und kannte
vertraute Namen und Menschen; den Glasl Thomas, der als Jagdgehilfe die
dauernde Freundschaft des Fraeulein Proebstl errungen hatte, und andere
Jagdgehilfen und Foerster, die Riesch, Sachenbacher, Murbeck,
Rauchenberger, Heiss, lauter Namen, die durch ihre Verbindung mit schoenen
Zeiten und geliebten Persoenlichkeiten ehrwuerdig waren.

Der Six erzaehlte auch Risser Wilderergeschichten, und noch lieber hoerte er
sie an, wenn wir auf der Bank vor dem Hause sassen und Viktor ein langes
Garn spann.

Das war wirklich wie Heimkehr in die alte, so lang entbehrte Welt.

  [Illustration: Thoma beim Tarock]

Auch die Leute waren die gleichen wie die in der Jachenau, am Fall, in
Wackersberg und Lenggries, hochgewachsene, staemmige Bauern, verwegene
Burschen und frische Maedel.

Am gemuetlichsten sass es sich in der kleinen Kueche, wenn ein paar Nachbarn
zum Heimgarten kamen und die Pfeifen zu breit ausgesponnenen Reden
brannten, oder wenn die Sixbaeuerin mit der Viktor uralte Kochrezepte
austauschte.

Wenn ich aber droben in meinem Zimmer sass und an der "Lokalbahn"
herumbastelte, wurde unten mein Lebenslauf mit liebevoller Gruendlichkeit
geschildert, was ich darin merken konnte, dass die Sixin ueber alle
Einzelheiten trefflich unterrichtet war.

Beim Unterbuchberger oberhalb Gmund hatte sich Georg Hirth mit seiner Frau
Wally festgesetzt, und er unterhielt einen regen Verkehr mit uns, der bald
zur herzlichen Freundschaft fuehrte.

In dem temperamentvollen, sich immer mit seiner ganzen Persoenlichkeit
einsetzenden _Georg Hirth_ war ein gutes Stueck deutscher Vergangenheit und
Muenchner Entwicklung verkoerpert.

Als sehr junger Mann hatte er anfangs der sechziger Jahre die
Aufmerksamkeit Ernst Keils, des Begruenders der "Gartenlaube", auf sich
gezogen, war mit Feuereifer fuer freiheitliche Ideen und die deutschen
Einigungsbestrebungen eingetreten und hatte dann 1866 bei Langensalza als
Kaempfer auf preussischer Seite eine schwere Verwundung erlitten. Immer
taetig und voll Unternehmungslust, gruendete er in Berlin die Annalen des
Deutschen Reiches und trat mit vielen hervorragenden Maennern in Beziehung,
siedelte dann nach Muenchen ueber und stand hier ueber vierzig Jahre lang im
Mittelpunkte literarischer, kuenstlerischer, journalistischer und
politischer Interessen als Mitbesitzer und Leiter der groessten Zeitung, als
Begruender der "Jugend", als kunstverstaendiger Sammler und vor allem auch
als Hueter und Foerderer freier Gesinnung.

Als ich ihn damals an seinem geliebten Tegernsee kennenlernte, war er
nicht mehr der kampflustige Streiter von ehedem, wenngleich sein Gemuet
immer noch gegen Dummheit und Unterdrueckung aufflammen konnte, aber er war
abgeklaert, voll verstehender Guete und gerecht gegen Widersacher und
gegnerische Meinungen.

Auch im Aeussern eine fesselnde Erscheinung, mit dem energisch geformten
Gesichte unter weissen Haaren, mit den ausdrucksvollen Augen, gewann er
einen sogleich mit seinem milden Urteile ueber Menschen und Dinge und mit
seiner lebhaften Anteilnahme an allen die Zeit bewegenden Fragen. Er
verstand es prachtvoll, von seinen Erlebnissen zu erzaehlen, von
bedeutenden Menschen, mit denen ihn das Leben zusammengefuehrt hatte, von
Kaempfen, die ueberwunden waren, von politischen und kulturellen
Streitfragen.

Da sah sich nun Viktor in Beziehungen zu einem von ihr stets bewunderten
geistigen Leben gebracht und fuehlte Interessen in die Naehe gerueckt, die
sie bisher ehrfuerchtig von weitem angestaunt hatte. Oft sagte sie, dass
diese Tage ihre gluecklichsten waeren.

Und es waren ihre letzten.

Mitte Oktober wurde im Muenchner Residenztheater meine "Lokalbahn" zum
ersten Male aufgefuehrt.

Es war die zweite Premiere, die die Alte mitmachte; im Sommer vorher, am
Vorabende meines Namenstages, war sie mit Herzklopfen in der
Erstauffuehrung meiner "Medaille" gesessen. Als sich der Vorhang etliche
Male hob und der Verfasser sich dankend vor dem Publikum verneigen musste
oder durfte, wie die Kritiker schreiben, da gingen ihr die Augen ueber, und
sie sah nicht einmal, was lieblosere Menschen bemerkten, dass ich mit
staubbedeckten Lackschuhen oben auf der Buehne stand.

Ich war zur Auffuehrung gedankenverloren und Traeumen nachhaengend durch den
Englischen Garten gegangen und hatte nicht darauf geachtet, wieviel Staub
sich auf meine Schuhe gelegt hatte. Viktor erwartete mich neben meinen
Bruedern und Schwestern vor dem Theater und konnte mir kaum die Hand zum
Glueckwunsch geben, so beschaeftigt war sie, die Nase zu putzen und die
Traenen abzuwischen.

Nunmehr kam die Premiere der "Lokalbahn", und im dichtgefuellten Parkett
sass sie neben festlich gekleideten Menschen, von denen nur wenige wussten,
wieviel Anteil sie am Schicksale des Stueckes nahm. Es ging wieder gut, und
nach der Auffuehrung fand sich eine zahlreiche Gesellschaft in den "Vier
Jahreszeiten" zusammen. Hirth hielt eine freundliche Rede, und wir blieben
so lange beisammen, dass ich fuer Viktor, die sich nicht ganz wohl fuehlte,
keinen Wagen mehr bekam.

Auf dem Heimwege erkaeltete sie sich gruendlich, fuhr aber trotz Abmahnens
am andern Tage nach Allershausen, wo sie gleich von einer schweren
Influenza befallen wurde.

Ihr Herz, das ohnehin nicht fest war, wurde in Mitleidenschaft gezogen,
und nach einer Woche erhielt ich die telegraphische Nachricht, dass sie
sehr schlecht daran sei.

Als ich hinausfuhr, kam mir im Dorfeingange der Pfarrer entgegen und sagte
mir, dass es mit Viktor zu Ende gehe. Doch wuerde ich sie noch lebend
antreffen, denn sie habe erklaert, dass sie erst sterben wolle, wenn sie von
mir Abschied genommen habe.

Ich eilte ins Haus und stand erschuettert vor meiner alten Viktor, deren
verfallene Zuege mir jede Hoffnung nahmen.

Sie laechelte freundlich und streckte mir die Hand entgegen; fast unwillig
wies sie meine weinende Schwester zurecht, da Klagen doch keinen Sinn
haetten und mir weh tun koennten.

Ich setzte mich an den Bettrand, und sie bestand darauf, dass uns Kaffee
gebracht wuerde.

Dann versuchte sie, sich ein wenig aufzurichten, stiess mit mir an und sah
mich aus mueden, halb erloschenen Augen noch einmal freundlich und voll
Guete an.

Sie nickte zufrieden mit dem Kopfe, denn nun war's in Ordnung, und das
Letzte, was sie gewollt hatte, war geschehen.

Bald darauf verlor sie das Bewusstsein und phantasierte.

Am Abend starb sie; die Geschichte von den Vorder-Risser Tagen war zu Ende
erzaehlt.



Im Fruehjahr 1901 war ich zu kurzem Aufenthalte in Berlin und verlebte in
froehlicher Kuenstlergesellschaft ein paar genussreiche Wochen. Die
Reichshauptstadt, die ich zum ersten Male sah, gefiel mir ausserordentlich,
und es schien mir hier alles ins Grosse und Bedeutende zu gehen.

Ganz gewiss war vieles dazu angetan, diese Meinung hervorzurufen, aber es
lag auch in meiner Art, mich neuen Eindruecken stark hinzugeben und keine
Maengel zu bemerken, wo ich nur Vorzuege sehen wollte.

Ich war als eifriger Leser von Treitschke, Haeusser, Foerster, Kugler, Onken,
Archenholtz u. a. ziemlich vertraut mit preussischer Geschichte, und es
hatte fuer mich einen besonderen Reiz, nunmehr an Staetten zu kommen, mit
deren Namen sich mir so oft bestimmte Vorstellungen verbunden hatten.

Als eingefleischter Friderizianer erlebte ich einen eindrucksvollen Tag in
Potsdam, wo, wie kaum an einem andern Ort, noch vieles auf Geist, Wissen
und Art eines grossen Mannes hinweist.

Ich moechte hier sagen, dass ich mir kein duemmeres Wort als das vom
Potsdamismus denken kann, mit dem man die Zeit Wilhelms II. missbilligend
oder veraechtlich bezeichnet hat. Das Wort trifft in gar nichts den
Charakter der Zeit und der Maenner, die nach 1890 die Geschichte Preussens
lenkten. Da herrschte das gerade Gegenteil vom Potsdamismus, unter dem ich
mir die gluecklichste Verbindung von Klugheit und festem Willen vorstelle,
die aus einem armen kleinen Lande einen maechtigen Staat geschaffen hat.

Wenn Aeusserliches das Wesen eines grossen Mannes widerzuspiegeln vermag, so
tut das Sanssouci. Alles in dem kleinen Schlosse, und nicht weniger das,
was _nicht_ darin ist, zeigt kuenstlerischen Takt, sich bescheidende
Weisheit, Eigenschaften, die zur wahren Groesse gehoeren.

Und es ist auch kein Zufall, dass das schoene Bild der aufsteigenden, von
dem niedern Schlosse gekroenten Terrasse durch die in Marmor ausgefuehrte
Kopie des Rauchschen Denkmals stark beeintraechtigt wurde.

Wilhelm II. hat sie dort aufstellen lassen, und sie passt wieder einmal gar
nicht hin.

Der Gefallen, den ich an Berlin gefunden hatte, blieb in mir wach, und als
sich mir im folgenden Herbste die Moeglichkeit bot, auf laengere Zeit
dorthin zu uebersiedeln, besann ich mich nicht lange und entschloss mich,
Muenchen auf einige Zeit zu verlassen.

Freiherr von Wolzogen hatte im Januar 1901 sein Ueberbrettl eroeffnet, und
der Erfolg des Unternehmens hatte ihn veranlasst, in der Koepenicker Strasse
ein eigenes Theater zu erbauen.

Wolzogen machte mir den Vorschlag, ich sollte gegen ein Fixum die
Verpflichtung uebernehmen, jedes geeignete Gedicht zuerst dem Ueberbrettl
zur Verfuegung zu stellen und den kommenden Winter in Berlin zu bleiben.
Ausserdem sollte ich ihm zur Eroeffnung des Theaters das Auffuehrungsrecht
der "Medaille" ueberlassen.

Nach Einigung mit der Redaktion des "Simplicissimus" nahm ich das
Anerbieten an, und schon Ende September 1901 bezog ich ein paar moeblierte
Zimmer in der Lessingstrasse in Berlin, ein wenig aengstlich vor der
eingebildeten Groesse meiner Aufgabe in der gewaltigen Stadt und ein wenig
stolz, ihr anzugehoeren.

Es war wieder einmal nicht ganz so, wie ich es mir ausgemalt hatte.

Das Theater in der Koepenicker Strasse war noch nicht ausgebaut, gute Zeit
wurde versaeumt, und als es im November eroeffnet wurde, war Ueberbrettl
schon nicht mehr Mode, hatte Konkurrenten, und ueberdies hatte das Theater
in dem Armenviertel die unguenstigste Lage.

Es musste aufreizend wirken, wenn in dieser Strasse Equipagen vorfuhren und
Daemchen mit Einglastraegern ausstiegen.

Was auf der Buehne geboten wurde, war nett, aber unzulaenglich und haette
einer heiter gestimmten Gesellschaft einen Polterabend sehr vergnueglich
gestaltet, doch Berlin _W_ war nicht so harmlos, und es hatte seine
Neigung fuer gehobene Varietekunst bereits wieder abgelegt.

Die Konkurrenz versuchte es mit Attraktionen, und Liliencron las vor einem
Parkettpoebel seine Novellen und Gedichte vor.

Mich befiel ein schwerer Katzenjammer, als ich das hoerte, und schon vor
der Eroeffnungsvorstellung im Wolzogenschen Theater war ich mit allen
Illusionen fertig.

Meiner "Medaille" ging es nicht zum besten; sie fiel nicht durch, aber sie
erregte sichtlich wenig Freude, und vor allem passte sie nicht auf diese
Buehne.

Es war fuer mich nicht angenehm, den Kampf mit ansehen zu muessen, den
Wolzogen mit der Ungunst des Publikums einige Monate hindurch fuehrte, bis
er mit einer Niederlage endete.

Ganz Berlin gab sich damals dem maechtigen Eindrucke hin, den das Lied
"Haben Sie nicht den kleinen Cohn gesehn?" machte, und es war aus mit den
vertonten Liedern Bierbaums und Liliencrons.

Von meiner Freude an der lauten Grossstadt kam ich bald zurueck.

Zwar das Berlin, wie es geschaeftig war, arbeitete und bei aller Hast und
Hetze Ordnung hielt, imponierte mir noch immer; erst in spaeteren Jahren
wurde ich misstrauisch gegen die fixen Leute, die so viel Spektakel mit
ihrer Arbeit machten und immer neue, unmoegliche Plaene und Ideen am
Telephon hatten und sich in der Pose der unter fuerchterlicher Arbeitslast
Zusammenbrechenden wohl fuehlten.

Aber auch schon damals sah ich Berlin, wie es sich unterhielt, mit
kritischen Augen an, und es gefiel mir nicht mehr.

Selbst in Abendgesellschaften merkte ich bei den geladenen Gaesten, dass sie
einander weder Ernst noch Heiterkeit glaubten und sich kuehl beobachteten.

Diese Leute waren einander fremd, kaum aneinander gewoehnt und ganz und gar
nicht miteinander verwachsen; sie konnten nur nach Aeusserlichkeiten
urteilen und waren veranlasst, ihre Art nach aussen zu wenden, da sie keinen
innerlichen Zusammenhang hatten. Vom Berliner Nachtbetrieb wurde oft mit
einem gewissen Stolze gesprochen, als waere in ihm der weltstaedtische
Charakter sichergestellt und deutlich zur Erscheinung gebracht.

Ich weiss nicht, ob dieses Ziel erreicht wurde, noch weniger, ob es
irgendeinen Wert hatte.

Ich sah nur dichtgedraengte Haufen von Menschen, die das eine gemeinsam
hatten, dass sie sich froehlicher gaben, als sie waren.

Dass der eigentliche, echte, alte Berliner viele Vorzuege habe, wurde mir
eindringlich versichert, und ich zweifelte nicht daran, weil ich es durch
den verehrten Theodor Fontane schon erfahren hatte, aber in der
Voelkerwanderung, die nach 1870 von Osten her einsetzte, wurden die Modelle
Glasbrenners stark in den Hintergrund gedraengt. Mir schien es, als lebten
die Massen neben, nicht miteinander, und das Auffaelligste war gerade das
Fehlen alles Charakteristischen.

Die Tunnelzeit war auch ueberwunden.

Dass sich die Schriftsteller regelmaessig haetten zusammenfinden koennen, waere
nicht mehr denkbar gewesen, und nichts war bezeichnender fuer die neue
Zeit, als dass die Kritiker praeponderierten. Sie waren die Beruehmtheiten,
auf die sich die Aufmerksamkeit des Publikums richtete, von ihnen war am
meisten die Rede, ihr Ruhm ueberdauerte - was wenigen Autoren oder
Kuenstlern beschieden war - mehr als eine Saison. Ihre Geltung stand fest,
die der Dichter blieb schwankend zwischen den Erfolgen, konnte abflauen
und stuerzen, und nach einer Niederlage sanken auch die alten Werte.

In der Premiere von Gerhart Hauptmanns "Rotem Hahn" sass ich neben einem
literarisch "versierten" Herrn, der mir in den Zwischenakten Anhaenger und
Gegner des Dichters zeigte und zweifelnd, nach aeusserlichen Merkmalen, den
Ausgang abschaetzte. Die feindlichen Maechte errangen den Sieg, und das
Stueck fiel durch.

Dass die Fortsetzung des "Biberpelzes" nicht gefiel, verstand ich, aber fuer
die feindselige Wut, die sich um mich herum austobte, hatte ich keine
Erklaerung.

Es war so, als haetten sich die Theaterbesucher fuer irgendeine Kraenkung zu
raechen, als muessten sie einem lange zurueckgehaltenen Hasse gegen den
Dichter endlich Luft verschaffen. Und doch hatten sie ihm schon oft im
gleichen Theater zugejubelt.

Gute Auffuehrungen konnte man damals in Berlin oft sehen, aber ich glaubte
damals wie heute, dass die Kunst, mit tuechtigen Schauspielern Stuecke, die
was taugen und sich fuer die Buehne eignen, gut herauszubringen, fuer einen
geschmackvollen und klugen Mann nicht allzu schwer ist.

Spaeter ist das ja anders geworden.

Hinter Regie- und Dekorationskuensten, hinter Turn- und Tanzleistungen
musste sogar der alte William Shakespeare mit seinem Texte zurueckstehen.
Von Schriftstellern, deren Erfolge ich einmal als Gipfel des Glueckes
betrachtet hatte, sah ich nun auch etliche. Das Wetter ist nie so
schlecht, wie es sich vom Fenster aus ansieht, und die Beruehmtheiten sind
nie so erhaben, wie man von weitem glaubt.

Damals stand allerdings in Berlin kein Dichter im Zenit; Hauptmann hatte
Misserfolge gehabt, Sudermann war mit einem Schlager im Rueckstande, neue
Goetter gab es nicht, die Saison war flau, und Zugkraft hatte das
Unliterarische.

Der kleine Cohn - und ein Studentenstueck "Alt-Heidelberg", das verschaemt
zurueckgestellt worden war und nun, da man es endlich gab, in Berlin wie in
ganz Deutschland einen vollen Sieg errang.

Die Kritiker zuckten die Achseln, schuettelten die Koepfe, und zuletzt
laechelten sie wohlwollend.

_Sudermann_ lernte ich in einer Abendgesellschaft kennen. Er wollte mir
anfangs etwas zu dekorativ vorkommen, wie jener Mann in den "Fliegenden
Blaettern", den die Hausfrau stets unter ein Makartbukett setzte, aber im
Gespraeche zeigte er gewinnende Natuerlichkeit, und ich bat ihm heimlich das
Vorurteil ab.

Mit seinem Koaetanen, dem alten Feuilletonisten _Pietsch_, trieb die
Berliner Damenwelt einen seltsamen Kultus.

Er schrieb Plaudereien ueber gesellschaftliches Leben, berichtete ueber
Baelle und Toiletten und konnte einer Schoenen die begehrte Sensation
verschaffen, in der Zeitung mit einigen schmueckenden Beiworten genannt zu
werden.

Das reichte hin, um ihn zum Loewen der Ballabende zu machen.

Wenn er im Saale auftauchte und mit den lustig zwinkernden Aeuglein
Ausschau hielt, umringte ihn sogleich die weibliche Jugend, die zarte wie
die reifere, und schnullte den vergnuegten Greis ab, nur um ja bemerkt und
genannt zu werden.

Als Zeitbild war es erwaehnenswert, wegen seiner Lieblichkeit brauchte man
sich den Anblick nicht zu merken.

Wie in Muenchen, hatte ich auch in Berlin regeren Verkehr mit Kuenstlern als
mit Schriftstellern.

Man kam allwoechentlich im kleinen Kreise zusammen und unterhielt sich aufs
beste. Gearbeitet wurde viel, und ich konnte wohl sehen, dass man sich hier
leichter und in groesseren Massen durchsetzen konnte als in Muenchen.

Die Sezession hatte neben ihrer kuenstlerischen auch noch die gewisse
oppositionelle Bedeutung, da der Hof in Kunstfragen so bestimmt wie
unpassend eingriff.

Berlin _W_ trat, wie es ihm zusagte, fuer das Neue ein und empfand
sicherlich einigen Reiz in diesem ungefaehrlichen Frondieren. Ueberdies
glaubte man an der Spitze einer vorwaertsdraengenden Bewegung zu stehen und
tat sich was darauf zugut, Berlin als Mittelpunkt geistiger und
kuenstlerischer Bestrebungen zu preisen. Muenchen sollte seinen Rang als
Kunststadt verloren haben.

Das wurde freilich von Kritikern und Kunsthaendlern eifriger behauptet als
von den Kuenstlern, die zum groesseren Teile aus Sueddeutschland stammten,
aber auch diese gaben sich nicht ungern der Ansicht hin.

Vielleicht entschaedigte es sie fuer allerlei Unannehmlichkeiten ihres
Aufenthaltes, ueber die sie trotz allem seufzten, und die Entwicklung hat
gezeigt, dass zum Gedeihen der Kunst das Maezenatentum allein nicht genuegt,
besonders nicht eines, das so unselbstaendig und lenkbar ist wie das
Berlinische.

Auch da gab es Mode und Saisongeltung, und die Goetter von gestern wurden
gestuerzt, wenn die Goetter von heute auf den Altar gehoben wurden.

Immer war eines nicht bloss das Beste, sondern das allein Gute, und der
Herr Kommerzienrat ging willig von Manet zu Cezanne, von Cezanne zu
Picasso ueber, nach den Dogmen, die von Kunsthaendlern und Kunsthistorikern
aufgestellt wurden.

Waehrend des Krieges, und erst recht nach seinem ungluecklichen Ausgange
unter dem Eindrucke des Zusammenbruches, war viel die Rede von
Verfallserscheinungen, die verspaetete Propheten in der Weltstadt Berlin
bemerkt haben wollen; davon habe ich nichts gesehen, und auch was mir
nicht gefiel, hat in mir darum noch keine duesteren Ahnungen erregt.

Ich sah in allem nur die natuerlichen Folgen eines grossen, schnell
angehaeuften Reichtums, des Zusammenstroemens aller Kraefte des Reiches in
diese Stadt, des ungeheuren Wachstums, bei dem es zur natuerlichen
Entwicklung einer bodenstaendigen Kultur nicht kommen konnte, und obwohl es
mir in dem Treiben immer unbehaglicher wurde, uebersah ich doch nicht,
wieviel guter Wille am Werke war, und wie trotz allem in diesem rastlosen
Vorwaertsdraengen und Sichausbreiten kraeftiges Leben steckte.

In dieser Riesenstadt, in der alles wie am Schnuerchen ging, in deren
Strassen es keine Bettler gab, keine Unordnung, keine Unreinlichkeit, die
unvergleichlich besser verwaltet war als das so viel kleinere Muenchen,
konnte man eher Hochachtung vor preussischer Tuechtigkeit empfinden als
Angst vor baldigem Verfalle.

Aber was sich nachtraeglich dozieren laesst, ist, dass man sich gerade in
Berlin haette klar werden koennen, wie unfruchtbar Opposition ist, die sich
ausschliesslich auf Kritik beschraenkt.

Eine intelligente Buergerschaft, die ihrer freisinnigen Tradition anhing,
wirtschaftlich grosse Erfolge errang, in der Verwaltung Mustergueltiges
leistete, brachte, von jedem Einflusse auf die Geschicke des Staates
ferngehalten, gegen diese schaedlichste Bevormundung und ihre verderblichen
Folgen lange nicht den Widerstand auf, den die vorhergehende Generation
einer erfolgreichen Regierung entgegengesetzt hatte.

Ja, in dem Laecheln ueber die zahlreichen, sehr starken Entgleisungen des
persoenlichen Regiments lag verzeihendes Wohlwollen und wirklich nicht die
Erbitterung, die zur Befreiung von diesen unheilvollsten Dingen haette
fuehren koennen.

Der gutmuetige Spott, mit dem man die Aufstellung der das Stadtbild
verunzierenden Denkmaeler hinnahm, wandte sich schonend gegen die
Planlosigkeit der inneren wie der aeusseren Politik und verkehrte sich nicht
selten in ein beifaelliges Schmunzeln ueber toenende Phrasen.

Welche aengstlichen, unschoenen Ruecksichten selbst solche Maenner im Bann
halten konnten, die mit ihrer Opposition ein bisschen kokettierten, hatte
ich schon im Fruehjahr 1901 gesehen.

Die Eroeffnung einer Ausstellung der Sezession wurde durch ein Festbankett
gefeiert, und es waren schon etliche Worte gegen hoefische Kunst gefallen,
als sich aus der Mitte der Gaeste unser Muenchner _Georg von Vollmar_ erhob
und eine kluge, sehr gemaessigte Rede hielt.

Die Aufnahme war freundlich, aber es gab bei allen naeher oder offiziell
Beteiligten derart betretene Mienen, dass es auffallen musste.

Vollmar sagte zu mir: "Sehen S', denen is mit ihren geschmerzten
Redensarten ueber freie Kunst nicht ernst; denen waer nix lieber, als wenn
der Kaiser kommet, und waer er da, koennt er ueber die Rinnsteinkunst sagen,
was er moecht, sie haetten alle miteinander die groesste Freud drueber ..."

Es zeigte sich, dass er noch mehr recht hatte, als er vielleicht selbst
glaubte. Gleich nach der Rede sah man Herren, die von einem Tisch zum
andern gingen, eifrig einander in die Ohren tuschelten - und am Abend, als
ich noch mit einigen Haeuptern der Sezession in einem Kaffeehause sass,
griffen diese begierig nach den Abendzeitungen und stellten aufatmend
fest, dass in den ausfuehrlichen Berichten ueber die glaenzende Eroeffnung der
Ausstellung die Anwesenheit des sozialdemokratischen Fuehrers und seine
Rede mit keinem Worte erwaehnt waren.

Man hatte die Berichterstatter oder Redaktionen durch Bitten dazu
gebracht, dass sie das kompromittierende Ereignis totschwiegen.

Dabei hatten sich die Herren seit Jahren darin gefallen, die allerhoechste
Abneigung gegen die moderne Kunst als Aushaengeschild zu gebrauchen, und
die groesseren wie die kleinen Kapazitaeten hatten gerne gezeigt, wie sie
ihre Unbeliebtheit laechelnd und stark zu ertragen wuessten.

War es auch kein erschuetterndes Ereignis, so zeigte es doch als Beispiel
aus vielen, und auch darin, dass sehr ernsthafte und bedeutende Maenner die
Schwaeche bewiesen, wie sehr die Ausartung des persoenlichen Regimentes in
den Fehlern der Regierten begruendet war.

Gegen eines lehnte ich mich auch damals schon auf: dass immer wieder betont
wurde, der Kaiser habe den besten Willen, meine es gut und vergreife sich
nur in den Mitteln.

Es gab in Berlin sehr viel gut Unterrichtete und Eingeweihte, die ihren
Herrscher zu ehren glaubten, wenn sie mit Bonhomie versicherten, er moechte
wohl, aber er koenne nicht.

Maenner, die in ihrem Wirkungskreise das Beste leisteten und die bei keinem
ihrer Angestellten den Willen fuer die Tat haetten gelten lassen, hegten
keine Bedenken ueber das Schicksal des Landes, wenn die groessten politischen
Fehler nicht aus Boeswilligkeit begangen worden waren.

Das wurde zum ueblen Schlagworte, bei dem sich allzu viele beruhigten.

In Wirklichkeit stammte die Zufriedenheit oder dieser Mangel an Auflehnung
aus Saturierung durch guten Verdienst und glaenzende Geschaefte.

Die Sozialdemokratie aber - das habe ich damals geglaubt, und heute bin
ich erst recht davon ueberzeugt - hat den Angriff gegen die gefaehrlichen
Schadenstifter abgeschwaecht, von ihnen abgelenkt durch masslose und
doktrinaere Polemik gegen den Kapitalismus.

Das alles liess sich um das Jahr 1902 in Berlin schon sehr eingehend
beobachten. Ich will nicht behaupten, dass ich mich hellseherisch argen
Befuerchtungen hingab, doch habe ich mich darueber zuweilen geaergert und
meinem Aerger auch unbekuemmert Ausdruck verliehen.



Fuer die ersten Tage des Maerz 1902 hatte Langen eine Zusammenkunft in
Zuerich anberaumt, und ich folgte gerne der Einladung, die meinem Berliner
Aufenthalte ein Ende bereitete.

Von meiner heftigen Neigung fuer die Weltstadt war ich abgekommen, und ich
sass recht undankbar vergnuegt in dem Zuge, der mich an Kiefernwaeldern und
Windmuehlen vorbei nach dem Sueden fuehrte.

Von Zuerich aus reiste ich mit Langen nach Paris, wo ich zwei schoene
Fruehlingsmonate verlebte. Hier, wo jede Einzelheit zum Ganzen gehoerte, wo
zwischen allen Menschen unsichtbare und doch starke Zusammenhaenge
bestanden, begriff ich erst recht, wie erkaeltend gerade der Mangel daran
in Berlin auf mich gewirkt hatte.

Bei Langen lernte ich _Rodin_, _Carriere_, _Besnard_, _Steinlen_ und den
froehlichen Norweger _Thaulow_ kennen; die Stunden, die ich mit ihnen
verleben durfte, werden mir unvergesslich bleiben.

Besonders gern rufe ich mir einen Besuch in Rodins Atelier in Erinnerung,
und nicht bloss wegen der Kunstwerke, die ich sah, fast noch mehr wegen der
Art, wie der Meister alles zeigte und erklaerte, wie er mit einem stillen
Laecheln ueber den Enthusiasmus Langens wegsah und ruhig und verbindlich auf
das Wesentliche zurueckkam.

Ein Denkmal Victor Hugos, der dargestellt war, wie er nackt an einer
Quelle liegt und traeumend auf ihr Murmeln horcht, erregte die laute
Bewunderung Langens. Er sprach seine Empoerung darueber aus, dass die Stadt
Paris dieses Monument abgelehnt und statt seiner einen schauderhaften
Kitsch aufgestellt habe.

Rodin laechelte nur und zog die Achseln hoch.

Zu den taeglichen Gaesten in Langens Haus gehoerte der entlassene
Oberstleutnant _Picquart_, der im Dreyfus-Prozess beruehmt geworden war.

Ein stiller Mann von zurueckhaltendem Wesen und verbindlichen Manieren, der
nicht gerade typisch franzoesisch aussah; der Eindruck verstaerkte sich,
wenn er tadellos Deutsch ohne jeden Akzent, und noch mehr, wenn er
elsaessisch Duetsch sprach.

Er beobachtete viel und sprach wenig, und er war mir mit seiner
schweigsamen, nachdenklichen Art fast unheimlich; er muss, wenn er dazu
gebraucht worden ist, als Spion in Deutschland die besten Dienste
geleistet haben.

Langen sagte einmal zu ihm: "Sie haben sicher bei uns mehr gesehen, als
Sie sehen durften."

"Man sieht nie genug", antwortete Picquart ruhig.

Von der deutschen Armee sprach er immer mit grosser Hochachtung.

Als aus irgendeinem Anlasse die Rede auf 1870 kam, sagte er, man duerfe
froh sein, dass die franzoesischen Truppen nicht ueber den Rhein gekommen
seien; sie waeren nicht zu halten gewesen, denn von deutscher Zucht und
Disziplin sei bei ihnen kaum etwas zu finden gewesen.

Damals war gerade der englische General Methuen von Delarey
gefangengenommen worden, aber als man bei Tische Befriedigung ueber diesen
Erfolg der Buren aeusserte, sagte Picquart kurz und bestimmt: "In sechs
Wochen ist die Sache trotzdem zu Ende."

Es hat fast auf den Tag gestimmt.

Ueber den Dreyfus-Prozess wurde noch immer viel gesprochen, besonders wenn
_Paul Clemenceau_, ein Bruder des Tigers, anwesend war.

Picquart beteiligte sich selten an dem Gespraeche, doch einmal sagte er:
"Man wollte mich im Gefaengnisse umbringen, und man haette es auch sicher
getan, wenn ich nicht kurz vor meiner Verhaftung die Erklaerung
veroeffentlicht haette, dass ich unter keinen Umstaenden, geschehe was wolle,
Selbstmord verueben wuerde. So konnte man keinen Selbstmord vortaeuschen, wie
bei Henry, und scheute sich, mich um die Ecke zu bringen."

_Georges Clemenceau_, der damals ohne Mandat war und fuer den Senat
kandidierte, sagte, wie uns sein Bruder erzaehlte: an dem Tage, wo er
Ministerpraesident werde, erhalte Picquart das Portefeuille des
Kriegsministers.

Es klang nach wenn und aber, und war zwei Jahre spaeter Tatsache.

Picquart ist ziemlich lange vor dem Kriege gestorben; gab es franzoesische
Heerfuehrer, die Deutschland und seine Armee so gut kannten wie er, dann
waren sie gefaehrliche Gegner.

Bald nach meiner Ankunft in Paris kam auch der daenische Maler _Kroeyer_ zu
Langen.

Der rotblonde Skandinave, ein trinkfester, gemuetlicher Herr, schloss sich
mir an, und wir wurden gute Kameraden, besonders als Langen mit seiner
Familie eine laenger waehrende Automobilfahrt nach Spanien unternahm. Wie
wir allein waren, hielt Kroeyer in seiner umstaendlichen und feierlichen Art
eine Rede an mich: "Thoema, ich kann nicht allein hier essen, und du kannst
nicht allein hier essen. Ich glaube aber, wir finden in ganz Paris kein so
gotes Wirtshaus und kein so gotes Essen, und jedenfalls kein so billiges.
Wir wollen uns also jeden Tag puenktlich hier treffen, Mittag und Abend und
zusammen essen, und dann kann jeder gehen, wohin er mag ..."

So hielten wir es auch, und wir sassen jeden Tag bei Langen und gaben dem
Diener Josephe unsere Wuensche fuer die naechste Mahlzeit bekannt.

Zu einem Glase guten Bordeaux rauchten wir Importen, die auch nirgends so
gut und billig waren wie in der _Rue de la Pompe_.

Langen kam nicht aus dem Lachen heraus, als ich ihm nach seiner Rueckkehr
von unseren puenktlich eingehaltenen Zusammenkuenften erzaehlte.

Die Schilderungen Josephes und ein paar leere Zigarrenkisten gaben die
Illustrationen dazu ab.

Mein Weg fuehrte mich fast taeglich ins nahe Bois de Boulogne.

Ich wusste nichts Schoeneres, als ein paar Stunden unter den gruenenden
Baeumen zu sitzen, in dieser Mischung von lauen Fruehlingslueften und zartem
Parfuem.

Die grosse Welt und die Halbwelt rollten in eleganten Equipagen an mir
vorueber, Wagen an Wagen, aber man sah nichts gewollt Auffaelliges, hoerte
keinen Aufsehen erregenden Laerm, es war ueberall wirkliche Heiterkeit, die
nicht auf Zuschauer berechnet war, und wie Gelaeute von kleinen silbernen
Glocken drang aus den Kaffeegaerten das Lachen der Frauen herueber.

Aber wenn ich an stillen Fruehlingsabenden auf den gepflegten Wegen
spazierenging und die Amseln pfeifen hoerte, ueberkam mich doch das Heimweh.

Es war mir erst recht wohl, als ich etliche Wochen spaeter in Finsterwald
vor dem Sixbauernhause sass. Und roch es auch nicht nach zartem Parfuem und
klang es auch nicht nach silbernen Gloeckchen, die Fruehlingsluft wehte
staerker, derber und gesuender um mich.

_Schlenther_, damals Direktor des Burgtheaters, hatte meine "Lokalbahn"
zur Auffuehrung angenommen, und so stand ich eines Abends im Januar 1903
vor dem Wiener Prachtbau, sah Equipagen heranrollen, geputzte Damen und
festlich gekleidete Herren aussteigen und ins Theater eilen, um meiner
Premiere beizuwohnen.

Ich stand hinter einer Saeule und schaute ihnen zu.

Ein in diesem Augenblicke vielleicht seltsames Gefuehl von Gleichgueltigkeit
und Verlassenheit kam ueber mich.

Ging's gut oder schlecht, was konnte es mich viel kuemmern?

Die liebsten Menschen, denen dieser Abend bedeutsam gewesen waere, lebten
nicht mehr, und ich hatte recht eigentlich niemand, der ein tieferes
Interesse am Ausgange genommen haette.

Ich dachte daran, wie es wohl meiner Mutter zumut gewesen waere, wenn sie
mich vor dem beruehmten Theater der alten Kaiserstadt unmittelbar vor der
Auffuehrung meines Stueckes gesehen haette.

Wie ein unglaubwuerdiges Glueck waer's ihr vorgekommen, wie eine maerchenhafte
Fuegung des Schicksals, das den Buben aus der Vorder-Riss in dieses marmorne
Prachtschloss gefuehrt hatte.

Und war's auch nicht so ganz wundersam, wie sie es empfunden haette,
merkwuerdig war es doch, und das Erreichen eines Zieles war es doch, und
darum zog es mir das Herz zusammen, dass ich mich nicht darueber freuen
konnte.

Es schneite in dichten Flocken, und ich stand immer noch hinter der Saeule
und traeumte vor mich hin. Die letzte Equipage war laengst weggefahren, ein
paar verspaetete Fussgaenger eilten noch ins Theater, als ich mich aufmachte
und hinter die Buehne ging.

Man fuehrte mich in die Direktionsloge, da der Autor im Burgtheater erst
nach dem zweiten Akte erscheinen durfte. Schlenther war ueber meinen
Gleichmut erstaunt und sagte mir hinterher beim herkoemmlichen Glase
Pilsner, Kaltbluetigkeit in Ehren, aber so was von Wurstigkeit sei ihm doch
noch nicht vorgekommen.

Ich mochte ihm die Gruende nicht sagen, warum ich still war, und liess ihn
bei seiner Ansicht.

Die "Lokalbahn" hatte Erfolg und wurde ziemlich oft aufgefuehrt; aus den
Kritiken erfuhr ich, dass das Lustspiel nicht von ueberwaeltigender Bedeutung
waere.

Ich hatte es schon vorher gewusst, und recht eigentlich wollte ich auch gar
nicht ueberwaeltigen.

Ich lernte in Wien _Schoenherr_ und _Pernerstorfer_ kennen, _Busson_ war
mir schon befreundet.

_Schoenherr_, in Art und Sprache ein echter Nordtiroler, redet nicht mehr,
als man um Imst und Stams und Telfs herum zu reden pflegt, hie und da ein
bedaechtiges Wort.

Sehr lebhaft war der alte _Pernerstorfer_, der merkwuerdigste
Sozialdemokrat, den ich gesehen habe. Denn er war ganz und gar voelkisch
bajuvarisch und sagte mir einmal ums andremal, dass die Ober- und
Niederoesterreicher, Steirer und Oberkaerntner waschechte Bajuvaren waeren,
genau so vollgueltig wie wir hinter unsern weiss-blauen Grenzpfaehlen.

Ich musste mit ihm das Parlamentsgebaeude ansehen, und er zeigte mir die
historischen Staetten, wo zappelnde Volksboten an Haenden und Fuessen
ergriffen und hinausgetragen worden waren und wo der Bahoell immer zum
Staatsereignisse wurde.

Als ich neben ihm durch die Gaenge schritt, merkte ich was von der
Krakeelstimmung, die hier herrschte. Man wurde so grimmig fixiert wie an
scharfen Ecken in kleinen Universitaetsstaedten, drohende Blicke richteten
sich auf mich, und ich haette gleich ein paar Kontrahagen haben koennen,
weil ich mit Pernerstorfer ging.

Als mein Mentor fuehrte er mich in eine Fruehschoppengesellschaft, die mich
kennenzulernen wuenschte; darunter war auch ein Benediktiner, der von
seinem Kloster beurlaubt war und an der Universitaet Geschichte lehrte.

Ich fuehlte mich damals wie spaeter heimisch in dieser Atmosphaere herzlicher
und jovialer Teilnahme.

Was waren _Poetzl_, _Chiavacci_ und andere Altwiener fuer schlichte,
natuerliche Menschen!

Sie stammten aus einer andern Zeit, in der man sich gemeinsamen Strebens
bewusst geblieben war, und in der einer den andern hatte gelten lassen.

Das Theaterwesen in Wien war, wie ich damals und spaeter bemerken konnte,
recht verschieden von dem Berlinischen. Das Ausleihen der Schauspieler,
das Starsystem, das Setzen auf Saisonschlager und Serienspiel gab es
nicht; um illustre Direktoren und Regietalente kuemmerte man sich weniger
als um die Kuenstler, von denen jeder bekanntere eine grosse Gemeinde hatte.

Die hoechste Verehrung genoss neben Girardi mit Recht der alte _Baumeister_
am Burgtheater, der mich als Richter von Zalamea verstehen lehrte, wie
hoch die feine, diskrete Schauspielkunst einer frueheren Zeit gestanden
hatte.

_Schlenther_, einst Bahnbrecher der Moderne und strenger Kritiker,
Ostpreusse und gar nicht auf Wien zugeschnitten, war als
Burgtheater-Direktor in einer falschen Lage, was ihm auch haeufig von den
Zeitungen bestaetigt wurde.

Die einst nachdruecklich betonten Prinzipien und Lehrsaetze konnte er nicht
verwirklichen; kaum etwas von dem, was er verlangt hatte, konnte er selbst
erfuellen.

Zwischen Untunlichkeiten und Ruecksichten war er eingeklemmt. Dabei musste
er die Empfindung haben, dass er Usurpator war oder Platzhalter. Denn der
richtige, echte Burgtheater-Direktor sass in Hamburg, Herr von _Berger_,
und es war bloss eine Frage der Zeit, wann er seinen Einzug halten und den
falschen Waldemar entthronen wuerde.

Ich glaube, dass Schlenther herzlich froh war, als er wieder als P. S. mit
Strenge seines Amtes walten und als Kritiker den Direktoren zeigen konnte,
was der Direktor den Kritikern nicht hatte zeigen duerfen. Damals aber
musste er immer wieder die duestere Frage anhoeren, was er mit dem Geiste des
alten Burgtheaters angefangen habe.

Er hat ihn wirklich nicht verscheucht, allerdings er hat ihn auch nicht
herzitiert.

Der Gute blieb verschwunden; irgendwas im neuen Wien missfiel ihm so, dass
er nicht mehr darin umgehen mochte. Vielleicht hat ihn das neue Haus
vertrieben, vielleicht der Operettenbloedsinn; jedenfalls, er kam nicht
wieder, und auch an die Nachfolger Schlenthers, den echten Thronerben
nicht ausgenommen, musste die peinliche Frage gestellt werden.

Wien war fuer uns Sueddeutsche noch immer die Hauptstadt geblieben, der Sitz
der Freude, des Reichtums, des Wohllebens, das Ziel der Wuensche.

Auch meine Phantasie hatte die Stadt mit Reizen geschmueckt, und oft hatte
ich mich hingetraeumt, wenn ich als Rechtspraktikant auf dem Traunsteiner
Bahnhof stand und in den eleganten Kupees Reisende auf schwellenden
Polstern sitzen sah. Wenn ich jetzt in der Daemmerstunde die
Rothenthurmstrasse und den Graben entlangschritt, konnte ich mir gestehen,
dass mir das Leben mehr gehalten als versprochen hatte.

Von dem alten Wien, das ich aus vergilbten Baenden von "Ueber Land und Meer"
und aus Beschreibungen Hacklaenders kannte und liebte, fand ich nicht mehr
vieles, aber ich stiess doch auf einige Kneipen, die gemuetliche Namen
trugen, und in denen man sich in die Nestroyzeit zurueckversetzt fuehlen
konnte.

Und der schoenen Stadt, die zwischen Waldhuegeln und Weinbergen gebettet
liegt, ist eine Eigenart geblieben, die ihr auch moderne Architekten nicht
nehmen koennen.



Der Premiere in Wien war die in Stuttgart vorausgegangen. Im Spaetherbste
1902 besuchte ich zum erstenmal die schwaebische Residenz, in die mich der
Staatsanwalt spaeterhin oefter als Angeklagten holte.

Ich lernte dabei _Friedrich_ und _Conrad Haussmann_ kennen und durch sie
einige andere Fuehrer der demokratischen Partei, _von Payer_, _Liesching_
u. a. Und ich trat in Beziehungen zu einem regen politischen Leben, das
fuer mich als Altbayern neu und ungewohnt war, denn bei uns drehte sich
doch viel oder alles um ausgeleierte Gegensaetze. Wenn ich es vermeide,
ueber Lebende ein Urteil abzugeben, darf ich doch von dem nachhaltigen
Eindruck sprechen, den _Friedrich Haussmann_, der vor mehr als zehn Jahren
gestorben ist, auf mich gemacht hat.

Er war der stillere von den beiden Zwillingsbruedern, die in ihrem Aeusseren
wie in ihren Meinungen, in ihrer beruflichen wie in ihrer politischen
Taetigkeit die auffaelligste Aehnlichkeit miteinander hatten.

Friedrich war minder lebhaft, und wenn sein Bruder meinen oft zu bestimmt
vorgebrachten Ansichten widersprach oder beipflichtete, hoerte er laechelnd
zu.

Meine Laufbahn vom Anwalt herueber zum Schriftsteller sprach ihn an, da er
selbst Neigung und Beruf zum literarischen Schaffen in sich fuehlte.

An der Art, wie ich ueber die Schnur zu hauen pflegte und nicht leicht
einem Dinge seine zwei Seiten liess, hatte er Vergnuegen, wenn er sie auch
nicht als die einzig richtige gelten liess. Ein gradsinniger und guetiger
Mann, hielt er sich selbst vom raschen Urteil zurueck, aber er war dabei in
seinen Ansichten unverrueckbar fest gerichtet; und gegen alles, was einer
Ueberheblichkeit und dem Willen zur Unterdrueckung aehnlich sah, konnte er
trotz der Milde seines Wesens eine Schaerfe zeigen, die jedes Paktieren
ausschloss. Er erschien mir als der geborene Fuehrer, als ein Mann, der den
Willen vieler zu leiten berufen war und dem viele unbedenklich ueberall hin
folgen durften.

Weder Eiferer noch Phantast, zeigte er im Angriffe wie in der Abwehr den
schalkhaften Humor, der aus tiefem, guetigem Verstehen kommt und immer
Ueberlegenheit gewaehrt.

Dass ein Mann wie er zeitlebens in Opposition gegen die Reichsregierung und
ihre Politik stehen musste, beweist deutlich, wie verfehlt das System war.

In Stuttgart hatte der "Simplicissimus" vom ersten Tage seines Bestehens
an eifrige Freunde, und es lag in der schwaebischen Freimuetigkeit
begruendet, dass Saftigkeit des Ausdruckes und Schaerfe des Angriffs hier
keine Schauer des Entsetzens erregten.

Man verstand hier besser als manchenorts, dass sich hinter dem Spotte ein
ernster Unwille, den man teilte, verbarg.

Schon darum war die gerichtliche Entscheidung, dass Stuttgart, wo der
"Simplicissimus" gedruckt wurde, zustaendig sei, fuer die Redaktion guenstig.

Ein Verfahren mit solchen Mitteln, wie man sie in Leipzig fuer zulaessig
gehalten hatte, war hier ausgeschlossen. Es kam allerdings zu einer Reihe
von Strafverfolgungen, aber die Verhandlungen wurden sachlich gefuehrt, und
sie blieben frei von dem behoerdlichen Entsetzen ueber die ganze Richtung.

Es handelte sich immer um den gegebenen Fall, und war Anlass zu Strafen
gegeben, so griffen die Richter nicht zimperlich ein. Freilich, auf sechs
und sieben Monate Gefaengnis erkannten sie nicht; es fehlte ihnen an der
Schadenfreude, mit der man in Sachsen beschwingten Meinungen die Federn
ausrupfte.

Man war ruhig, manchmal ein wenig nuechtern.

Ich erinnere mich eines Vorsitzenden, der seine liebe Not hatte mit den
getragenen, in die Hoehe strebenden Ausfuehrungen literarischer
Sachverstaendiger; er zog sie immer wieder aus der Region freiheitlicher
Gedanken auf den Boden der Tatbestandsmerkmale nieder.

Es handelte sich um eine Beleidigung der Sittlichkeitsprediger, und bei
dem Thema konnte man warm werden.

_Ludwig Ganghofer_, der als sachverstaendiger Zeuge vor den Schranken
stand, wurde warm und schlug mit der Faust auf den Richtertisch, dass die
Tintenfaesser klirrten; die Richter waren erstaunt, aber nicht geruehrt, und
brummten mir sechs Wochen auf.

Meine Stellung als Angeklagter konnte mir sonderbar scheinen in Erinnerung
an vergangene Jahre, wo ich als Protokollfuehrer oben auf dem Plateau der
Erkenntnis oder unten im Anwaltstalar gesessen hatte.

Nach einer Stuttgarter Verhandlung, in der die Rede war von Ludwig Pfau,
vom Rechte der politischen Satire und von ihren Aufgaben, vom Kampfe fuer
die Freiheit der Meinungen, war die Begruendung des Freispruches noch nicht
beendet, als ein junger Landstreicher hereingefuehrt wurde und meinen Platz
einnahm.

Haussmann sah mich laechelnd an, das Publikum kicherte, und ich dachte an
den Wandel des Schicksals.



Meine Erlebnisse im Gerichtssaale liegen nach der Zeit, von der ich
erzaehle.

Vom Herbste 1902 ab war ich wieder eifriger in der Redaktion des
"Simplicissimus" taetig.

Obwohl ich als Anfaenger mit dem Erfolge der "Lokalbahn" zufrieden sein
konnte, fuehlte ich keinen Drang in mir, festen Fuss auf der Buehne zu
fassen. Erst sechs Jahre spaeter versuchte ich es wieder mit der "Moral".

Ich kam bis zum Herbste 1904, wo ich meinen "Andreas Voest" begann,
ueberhaupt nicht zu groesseren Arbeiten, schrieb kleinere Erzaehlungen, die
Erlebnisse eines Lausbuben, spaeter den "Heiligen Hies".

Der Tod der alten Viktor wirkte lange auf mich nach, um so mehr, als er
fuer mich den Verlust des letzten Stueckes von Heim und Haeuslichkeit
bedeutet hatte.

Ich war nicht gerne allein und suchte Zerstreuung, ging auch mehr in
Gesellschaft als frueher.

Gerne schloss ich mich an _Ludwig Ganghofer_ an; eigentlich war es
sonderbar, dass wir uns nicht frueher gefunden hatten, denn schon von
Grossvaters Zeiten her hatte es zwischen unsern Familien Beziehungen
gegeben, und beide Schriftsteller, beide Jaeger, beide aus sehr aehnlicher
Umgebung stammend, haetten wir uns in Wien sicherlich sofort, in Berlin
bald einander genaehert. In Muenchen lebt aber jeder auf seiner Insel.

Er lud mich in sein Jagdhaus Hubertus ein, wo ich schoene Wochen verbrachte
und wo mir Umgebung und Leben alte Kindererinnerungen an weltverlorene
Bergtaeler wachriefen.



Im Fruehjahr 1903 machte ich mit _Wilke_ und _Thoeny_ eine Radtour ueber
Mailand, Genua, die Riviera entlang, dann zurueck ueber Pisa nach Florenz,
wo wir etwa sechs Wochen blieben. Ich bin die folgenden elf Jahre bis zum
Ausbruche des Krieges in jedem Fruehling nach Italien gereist, habe manche
Freude dort gefunden, aber nie mehr habe ich sie mit der sorglosen
Froehlichkeit ausgenossen wie bei jenem ersten Male.

  [Illustration: Thoma und Ganghofer]

Von der Riviera allerdings war ich nicht in dem ueblichen Masse entzueckt;
das schoenste war die Fahrt bergauf, bergab die Kueste entlang durch die
kleinen Nester. Am lauen Abend, nachdem einen tagsueber die Sonne tuechtig
verbrannt hatte, durch Pinienwaelder zu fahren, tief unten das Meer gegen
die Felsen branden zu hoeren, das war wundervoll.

Und wie war man in eine andere Welt versetzt, wenn man durch die engen
Gassen der Fischerdoerfer schritt, an den Gruppen schwatzender Menschen
vorbei, die einen neugierig betrachteten.

Bunte Farben, das Traellern eines Liedes und immer wieder der Laerm eines
Orgelklaviers, der einem lange nachfolgte, das alles mutete einen fremd
und wieder vertraut an, wie etwas, das man sich in Sehnsucht so ausgemalt
hatte.

Weiterhin, etwa nach _Albenga_, wurde es schon zu sehr Hotelpepiniere, um
anzusprechen, und die Landschaft, immer tiefes Blau und grelles Weiss,
ermuedete den Blick; am wenigsten gefielen mir die vielgeruehmten Palmen.

In Bordighera, das damals noch nicht auf grossen Fremdenverkehr
eingerichtet war, fanden wir in einer deutschen Pension gutes Unterkommen,
blieben etwa eine Woche und besuchten das Paradies der Faulenzer und
Gauner, Monte Carlo, das mich nicht bloss enttaeuschte, sondern auch
gruendlich anwiderte.

Ich hatte ein recht unangenehmes Gefuehl, weil ich nicht von dem Eindrucke
loskam, dass diese aufdringliche Eleganz um mich herum zum grossen Teil mit
gestohlenem und unterschlagenem Gelde bestritten war; und wenn ich auch
nicht an Pruederie kraenkelte, so fand ich es keineswegs erhebend, von einer
Gesellschaft umgeben zu sein, in der man die Diebe laengst nicht mehr an
den Fingern zaehlen konnte. Als ich das in einem Feuilleton so schilderte,
wie ich es empfunden hatte, und die Meinung vertrat, der erhabene Fuerst
von Monaco, der von der Spielbank ausgehalten wird, lebe von recht
unschoenen Mitteln, kanzelte mich ein Journalist in einer Berliner Zeitung
ab. Es sei unertraeglich spiessbuergerlich, sich als deutscher Moralphilister
dagegen aufzulehnen, dass die amerikanischen Milliardaere in diesem
Paradiese ihre Dollars sitzen liessen. Vielleicht kamen die Yankees
zuweilen nach Monte Carlo; ihre Anwesenheit machte nichts besser, aber
jedenfalls gaben sie dem Leben dort nicht das Gepraege. Ganz gewiss stellten
das groesste Kontingent Betrueger und Leichtsinnige, und auf sie war auch der
ganze Betrieb zugeschnitten, auf sie machten die kostuemierten Kokotten und
die Haendler mit Schwindelwaren Jagd. Gewiss auch auf zahlreiche Neugierige
und Dumme, die sich Romane zusammengetraeumt hatten vom grossen Leben, das
in Monaco berueckend schoen und angenehm gruselig anzustaunen sei. Am Ende
war es nichts als ein Markt der Gemeinheit, und ein recht langweiliger
obendrein.

Es kam mir auch so vor, als haette _tout Berlin_, das sich im Vorsaale
draengte, den eigentlichen prickelnden teuflischen Reiz vermisst.

Wenigstens versicherte mir das Herr _Alfred Holzbock_, der ploetzlich vor
mir auftauchte, ganz so wie auf einem Berliner Balle, wo er den
ausgelassenen Champagnergeist im ganzen Saale wie eine Stecknadel suchte
und nicht fand.

Die Fahrt nach Florenz fuehrte uns ueber Sestri Levante aufwaerts durch
entlegene Apenninendoerfer, in denen wir manches anmutige und wieder
belustigende Erlebnis mit dem neugierigen und naiven Volke hatten. Wilke
hatte eine Kurbel abgetreten, und wir mussten in einem kleinen Dorfe
haltmachen und versuchen, den Schaden reparieren zu lassen. Unsere
Zweifel, ob das wohl in diesem Neste moeglich waere, zerstreute der Wirt,
der uns mit grossen, ausholenden Gesten und in feuriger Rede versicherte,
es waere der beste Mechaniker des Landes im Orte.

Wir brachten das Rad zu dem beruehmten Kuenstler und liessen es uns in der
Wartezeit wohl sein bei den trefflichen Makkaronis, die uns der
Herbergsvater vorsetzte.

Wir mussten ihm viele Fragen nach unserer Herkunft, unserem Berufe, unseren
Reiseplaenen, auch nach dem Leben, das man in dem hyperboraeischen
Deutschland fuehre, beantworten; er hatte gehoert, dass es auch dort trotz
unwirtlicher Kaelte viele Menschen, grosse Staedte und sonderbarerweise
ungemessenen Reichtum gebe.

Wir erzaehlten ihm Wahres und Unwahres und mehrten seinen Respekt vor den
Nordmaennern, die im Gelde schwimmen und trotzdem in der frostigen Gegend
wohnen bleiben.

Ein paar Stunden spaeter kam die ganze Einwohnerschaft die enge Gasse
herunter zum Wirtshaus gezogen, Maenner, Weiber, Kinder, alles was gehen
konnte und Zeit hatte, und Zeit hatten sichtlich alle.

Voran schob triumphierend der Mechaniker das Rad Wilkes und uebergab es
feierlich dem Wirte, der es uns mit sichtlichem Stolze vorwies. Hatte er
zuviel gesagt, dass der trefflichste Kuenstler des Landes in seinem
Heimatorte zu finden sei?

Dann hielt er von der Freitreppe herunter eine Ansprache an die Einwohner,
sagte ihnen, dass wir von weit her, aus dem grossen Monaco di Baviera, nach
dem schoenen Italien gefahren waeren, um uns an den Reizen dieses einzigen
Landes zu erfreuen, dass wir nach dem altberuehmten Florenz reisen wollten,
wo reiche Menschen aus allen Laendern der Erde zusammenkaemen, um die
Kunstschaetze zu bewundern. Er wuenschte uns Glueck zur Fahrt, schoene Tage
und froehliche Heimkehr. Die ganze Dorfschaft hoerte andaechtig zu und
klatschte am Schlusse lebhaft Beifall, winkte uns zu und rief uns
glueckliche Reise nach, als wir aufstiegen und weiterfuhren.

Diese Leute waren so unverbildet, gutmuetig und neugierig wie Kinder; und
wie sie fand ich noch viele, ja eigentlich alle, besonders auf dem Lande.

Wie leicht haette es sein muessen, mit ihnen stets im Frieden zu leben -
wenn es in Italien keine abgefeimten Advokaten und in Deutschland keine
Diplomaten und Esel gegeben haette.

Wie sonderbar aber die Ansichten ueber Volk und Land verbildet waren, das
sah ich ein paar Wochen spaeter in Florenz, als ein Tiroler Arzt uns mit
sichtlichem Entsetzen fragte, ob es denn wahr sei, dass wir zu Rad durch
die Apenninentaeler gefahren waeren.

Und er wollte es kaum glauben, dass wir das Wagnis ohne Abenteuer, ohne
gefaehrliche Begegnungen mit Raeubern bestanden haetten.

Ein Jahr spaeter beschwor mich ein roemischer Hotelier, ein geborener
Italiener, ich moechte doch um Gottes willen von dem Plane abstehen, allein
durch die Campagna gegen Amelia hin zu fahren, da ich sonst bestimmt
Raeubern in die Haende fiele.

So gluecklich wirken die Zeitungen, und so bringen sie die Menschen
einander naeher.

Ich habe gerade auf jener Fahrt durch Umbrien und Toskana unter dem
Landvolke die hoeflichsten, gastfreundlichsten Menschen gefunden, die
kennenzulernen ebenso angenehm wie lehrreich war.

Denn Abkoemmlingen Fra Diavolos bin ich nirgends begegnet.

Nach einer heiteren, durch ihre Sorglosigkeit beglueckenden Fahrt ins
Unbekannte hinein, die uns auf Schritt und Tritt noch mehr als die mit
Sternen versehenen Baedekerwunder bot, ueberliessen wir uns in Florenz mit
freudigem Verstaendnisse dem Faulenzen und Schlendern, das sich in dieser
Stadt zur wirklichen Kunst ausgebildet hat.

Wir suchten nicht mit unschoener Hast die Museen ab, wir besorgten das mit
gelassener Ruhe, ohne Gewissensbisse, wenn wir es einmal an einem
Vormittage versaeumt hatten; wir lernten auf gut florentinisch, mit den
Haenden in den Hosentaschen, an einer schwaerzlichen Toskana schnullend,
durch die engen Gassen bummeln, an den Ecken stehen, wir spielten Boccia
mit kleinen Handwerkern, wir schuetteten gewandt wie die Ureinwohner das Oel
aus den langhalsigen Fiaschis ab, um uns den trefflichen Chianti
einzuschenken, wir wurden Kenner der Tortellini und Spaghetti und lernten
diese widerspenstigen Nudeln elegant um die Gabel wickeln.

An einigen Mitgliedern der deutschen Kuenstlerkolonie fanden wir gute
Berater und Wegweiser im suessen Nichtstun, und fast jeden Abend sassen wir
im Keller des Palazzo Antinori, wo man zur Weltweisheit und
Kunstgeschichte ziemlich viel Rotwein trank.

Wir waren bald Stammgaeste und konnten uns an dem Empfange beteiligen, den
man dem _General von Mussinan_ bereitete, als er auf seiner Hochzeitsreise
nach Florenz gekommen war und der Einladung der wuerdigen Kuenstlerkolonie
folgend in unseren Keller hinunterstieg. Leere Faesser dienten als
Trommeln, Giesskannen als Trompeten, als sofort bei seinem Erscheinen der
Mussinanmarsch intoniert wurde; alle bemuehten sich, dem alten Soldaten
einen guten Begriff von deutscher Kuenstlerfroehlichkeit zu verschaffen, als
sich Wilke erhob und ganz in der Manier eines Oberlehrers mit
unerschuetterlichem Ernste einen Vortrag ueber die Entstehung Fiesoles
hielt. Der General hoerte mit Aufmerksamkeit zu, bis man ihm ins Ohr
fluesterte, dass dieser sich als Gelehrter gehabende Herr ein Mitarbeiter
des "Simplicissimus" sei und den groessten Bloedsinn auftische.

Unter den Kuenstlern, mit denen wir taeglich verkehrten, war einer, der bei
knappen Mitteln unbekuemmert in den Tag hineinlebte und im Genusse einer
frohen Stunde sich nie um die kommende sorgte. Wilke hatte ihn gleich am
ersten Tage ins Herz geschlossen, weil ihm ein Vorfall gezeigt hatte, dass
er hier eine verwandte Natur getroffen habe. Wir gingen nach San Miniato
hinauf, und ein Herr der Gesellschaft, der mit jenem Maler befreundet war,
machte ihn darauf aufmerksam, dass der Sommerueberzieher, den er anhatte,
doch eigentlich zu abgetragen und schaebig waere. Der Maler laechelte zu dem
Vorhalte, zog den Mantel aus und warf ihn seelenruhig in den
Strassengraben.

Von der Stunde an hatte er in Wilke einen Freund.

Unser besonderes Vergnuegen hatten wir an den deutschen Reisenden, die nach
Florenz gekommen waren, um eine unumgaengliche Pflicht zu erfuellen, die
immer Vergleiche mit den soviel besseren Zustaenden daheim, die sie leider
auf Wochen entbehren mussten, anstellten, und die gewissermassen unter der
Aufsicht eines sie unsichtbar begleitenden Bildungsueberwachungsorganes
alle Museen rastlos durchjagten. Man konnte jedoch feststellen, dass sich
die englischen Besucher, die stets in zahlreichen Trupps in die
Kunststaetten einfielen, noch unberuehrter und daemlicher zeigten. Die hatten
immer einen Fuehrer dabei, gewoehnlich einen, der vom vielen Laufen und
Reden schwindsuechtig geworden war und dem sie mit Hilfe ihrer Baedeker
genau aufpassten, ob er auch alle besonders angemerkten Bilder und
Plastiken in seinem monoton abgeleierten Vortrag erwaehnte.

Wirkliches Interesse sah man nur im Kloster San Marco, wenn die Ladies und
Gentlemen die verkohlten Reste des Hemdes anstarrten, das Girolamo
Savonarola bei seiner Hinrichtung angehabt hatte.

Da umwehte sie nervenkitzelnd der Geist vergangener Zeiten, den der
schwindsuechtige Fuehrer vor den Mediceergraebern mit dem laengsten Vortrag
nicht herbeizitieren konnte.

Es war bei uns Sitte - und wenn es zur Besserung beitrug, war's auch recht
-, dass man sich ueber die deutschen Touristen im Auslande aufregte, aber
wer die amerikanischen und englischen besser fand, hatte schlechte Augen.

Sie waren geschmackvoller angezogen, aber sonst boten diese
zusammengetriebenen Herden von Gewohnheitsmenschen, die sich keiner Sitte
des Landes anpassten, nirgends dem Volke und seinem Leben naehertraten und
wie Straeflinge die von Hoteliers vorgeschriebenen Dinner- und
Supperstunden einhielten, begieriger nach ihren gewohnten _jams_ als nach
allen Kunstschaetzen, wirklich kein Bild, das man den Deutschen
vorenthalten konnte.

Unter denen gab es immer noch viele kunstfrohe, kenntnisreiche Leute, die
abseits vom Haufen stille Freuden und wirklichen Gewinn fanden, und mit
Bemerkungen ueber Jaegerwaesche war es nicht abzutun, dass am Ende doch der
deutsche Professor vieles in Italien fuer die Italiener zu neuem Leben
erweckt hatte.

Mir war lange Jahre, bevor sich der Wunsch verwirklichen liess, eine
Wanderung durch Italien in Aussicht gestellt worden, und ich hatte mich,
glueckselig ueber das Versprechen, monatelang auf die Reise vorbereitet, die
zuletzt unterbleiben musste.

Was ich damals und spaeter lernte, blieb nicht ohne Fruechte. Besonders
_Victor Hehn_ hatte mich zur Vorliebe fuer Italien erzogen und mich schon
im vornhinein von Vorurteilen kuriert, durch die sich viele Freude und
Genuss verkuemmern lassen. Ich sah mich nicht auf Schritt und Tritt
enttaeuscht, brachte nicht jedem Einheimischen Misstrauen entgegen und
konnte mich ueber bodenechte Laessigkeit und Unordnung freuen; die
einfoermige, alle Eindruecke verwischende Hotelkur vermisste ich gerne.

Wer Italien wie ein Museum durcheilt, in dem er nur die Kostbarkeiten
einer vergangenen Zeit findet, indes er sich von allem Lebendigen
abgestossen fuehlt, beraubt sich der Moeglichkeit, die Eigenart des Landes
wie des Volkes, die tiefen Zusammenhaenge zwischen ihr und der einstigen
Groesse und so aus der Gegenwart die Vergangenheit verstehen zu lernen.

In den Museen waren mir meine Freunde die besten Fuehrer, da sie
unbeschwert durch Baedeker und gueltige Anschauungen das Rassigste zu
finden wussten, und ich erinnere mich gerne daran, wie mich Heine in die
Uffizien aus den Saelen der toskanischen Meister holte, um mir die
wundervolle Anbetung der Hirten von van der Goes zu zeigen. Neben den
disziplinierten Leuten, die sich unverbruechlich an die Sterne Baedekers
hielten, waren nicht wenige Juenger der Kunstgeschichte zu bemerken, die es
sich vorgenommen hatten, durch eine Entdeckung bekannt zu werden, und die
in unbeachteten, irgendwo in einer Kapelle verborgenen Kunstwerken die
eigentlichen Wunder des Quattrocento auffanden. Darueber liessen sich dann
beachtenswerte Artikel schreiben.

Wenn man darueber laechelt, ueberkommt einen doch die unbaendige Sehnsucht
nach jener schoenen Zeit, in der diese Dinge etwas bedeutet haben.

Auch strengen Richtern begegnete man, die misstrauisch die Bilder
musterten, und als ich wieder einmal vor dem grossen Bilde des van der Goes
stand, klopfte mir _Karl Voll_ auf die Schulter und sagte im brunnentiefen
Basse: "Ja, ja, Sie haben es schoen; Sie duerfen hier alles bewundern,
unsereiner aber muss die Bilder auf ihre Echtheit untersuchen." Und dann
ging er gleich daran, seinem Verdachte gegen einen Memling neue Nahrung zu
geben.

Durch Zufall fand ich in Florenz bei einem Antiquar etliche Baende Vasaris
in deutscher Uebersetzung und ging nun daran, mit der Lebensgeschichte
alter toskanischer Meister ihre Werke an den von Vasari angegebenen
Staetten kennenzulernen und sie aufzusuchen, wenn sie dort nicht mehr zu
finden waren. Dieser Anschauungsunterricht verschaffte mir schoene Stunden,
dabei auch die bleibende Ueberzeugung, dass die erzaehlende, von Kritik und
vordringlicher Klugheit freie Kunstgeschichte Vasaris unendlich
lehrreicher, vornehmer und verdienstlicher ist als alles, was moderne
Weisheit ueber Kunst zusammengeschrieben hat.

Von den Werken der in Florenz lebenden deutschen Kuenstler sah ich nicht
viel, und mancher der trefflichen Meister erinnerte mich an Gottfried
Kellers Bildhauer, der in Rom viele Jahre an einer Statue arbeitete und
immer italienischer und dolcefarnienter wurde.

Es musste sehr schwer sein, sich an sonnigen toskanischen Tagen in ein
Atelier gebannt zu sehen.

Auch wir seufzten ueber die Beitraege, die wir doch fuer die Muenchner
Redaktion zu machen hatten, und Mama Frattigiani, bei der wir wohnten,
hatte das ganz echte florentinische Mitleid mit den armen Menschen, die
arbeiten mussten. Der faulste war ihr Liebling, und diesen Rang nahm
unbestritten Rudolf Wilke ein, den man nur durch furchtbare Drohungen mit
Entziehung von Geld, Nahrung und Chianti dazu brachte, eine Zeichnung
anzufangen oder gar zu vollenden.

Fuer Thoeny war die gegenueberliegende Kaserne eines Kavallerieregimentes
eine wahre Fundgrube der Unterhaltung und Belehrung.

Was man sah, war in allem das Gegenteil vom deutschen Drill; eigentlich
geschah nie etwas, und immer schien das Wichtigste zu geschehen. Wenn ein
Heuwagen einfuhr, schmetterten die Trompeten, Soldaten liefen
durcheinander, Offiziere kommandierten, Signal auf Signal ertoente, bis
endlich der Wagen in der Remise war. Dann breitete sich wieder unendliche
Ruhe ueber dem Kasernenhofe aus.

_Carlo Boecklin_, der Sohn des Maestro Arnoldo, und _Peter Bruckmann_, sein
Schwiegersohn, bereiteten uns eines Abends ein Fest in Fiesole, wozu sie
die Liedertafel des Ortes eingeladen hatten.

Lauter Handwerker, Maurer, Schuster, Schneider, zeigten uns die Leute
soviel vornehme Hoeflichkeit, wie sie wohl in keinem anderen Lande bei
ihresgleichen anzutreffen sind. Sie sangen wundervoll und nahmen unsere
Begeisterung darueber gelassen auf, nippten nur ein wenig an dem Wein, der
ihnen vorgesetzt wurde, um uns freundlich Bescheid zu geben, und als ein
Deutscher die unvermeidliche Rede auf Buendnis, Freundschaft und Garibaldi
gehalten hatte, erwiderte ein Maurerpolier, mit edler Gebaerde aus der
Schar vortretend, mit einer Rede von Sonne und Mond, die ueber allen
Laendern schienen, und vom Gesang, der aller Menschen Herz erfreue.

Alles, was wir kennen und besser verstehen lernten, war dazu angetan, uns
Liebe zu Land und Leuten einzufloessen und in uns, als wir scheiden mussten,
den Wunsch nach baldiger Wiederkehr wachzuhalten.

Wir durften ihn auch gemeinsam erfuellt sehen, aber so froehlich haben wir
den Aufenthalt nie mehr genossen wie bei jenem ersten Male.



Wir waren noch in Florenz, als wir die Nachricht erhielten, dass _Albert
Langen_ nach Muenchen zurueckgekehrt sei. Er war zwei Monate vorher zu uns
nach Bordighera gekommen und hatte damals Andeutungen gemacht, dass
vielleicht die Strafverfolgung gegen ihn eingestellt und ihm die Heimkehr
gestattet werde.

Ich glaubte nicht daran, weil ich keine Ahnung davon hatte, dass dem Koenig
von Sachsen ein Recht zustand, im Gnadenwege Prozesse niederzuschlagen.
Auf Verwendung Bjoernsons und eines einflussreichen saechsischen Herrn wurde
von diesem Rechte Gebrauch gemacht, und gegen Bezahlung einer ziemlich
hohen Summe durfte Langen nach fuenf Jahren wieder nach Deutschland kommen.

Er lebte wieder auf, und wer ihn nunmehr geschaeftig, voll von Plaenen,
rastlos und gluecklich zugleich sah und die voellige Veraenderung in seinem
Wesen bemerkte, der konnte wirklich die Anschuldigung, er habe absichtlich
durch eine Majestaetsbeleidigung Geschaefte machen wollen, rechtschaffen
dumm finden.

Die lange Abwesenheit haette das Bestehen seines Unternehmens gefaehrden
koennen, wenn nicht der Konzern der Mitarbeiter den "Simplicissimus"
unabhaengig von geschaeftlicher Leitung erhalten haette.

Als das Blatt drei Jahre spaeter in die Haende der aus Langen und den
Mitarbeitern bestehenden Gesellschaft ueberging, fehlte es nicht an Leuten,
die in dieser Transaktion eine Vergewaltigung sehen wollten, und Wedekind
hat diese Meinung zu einem Stuecke verwendet.

Wer gerecht urteilen will, mag sich sagen, dass wir, wenn wir von Langen
schon etwas erzwingen wollten, nie eine bequemere Gelegenheit dazu gehabt
hatten als in der Zeit, wo er in Paris weilte und alles von unserem guten
Willen abhing.

Der Anspruch auf Beteiligung war vollauf begruendet, als Langen den Preis
des "Simplicissimus" erhoehte. Darin lag ein Risiko, das wir mitzutragen
hatten, und so konnten wir auch ein Recht auf den Vorteil beanspruchen.

Damals, also nach der Rueckkehr aus Italien, fand ich Langen glueckselig in
neu erwachter Unternehmungslust vor; auch aeusserlich hatte er sich voellig
veraendert, da er den gepflegten, etwas pariserisch anmutenden Vollbart
abgetan hatte und glattrasiert eher einem amerikanischen Geschaeftsmanne
glich.

Er war mit Elektrizitaet geladen, brachte jeden Vormittag neue Vorschlaege
ins Buero, hielt Conseils ab und fuehlte sich pudelwohl, wenn er mit
sprunghaften Ideen Redaktion und Verlag in Bewegung erhielt.

Der Kreis der Mitarbeiter hatte in _Olaf Gulbransson_ Zuwachs erhalten.

Im Maerz 1902 hatte mir Langen in Paris ein von Gulbransson illustriertes
Buch gezeigt und schon damals die Absicht geaeussert, den Kuenstler fuer den
"Simplicissimus" zu gewinnen; im Sommer darauf lud er ihn nach Aulestad
ein und ueberredete ihn, schon im Herbste nach Deutschland zu uebersiedeln.

Gulbransson kam im November nach Berlin, wo er nach Langens Meinung zuerst
einmal Studien machen sollte, aber der Aufenthalt behagte ihm so wenig,
dass ihn die uebernommene Verpflichtung beinahe reute.

Kaum war er im Januar 1903 in Muenchen angelangt, fuehlte er sich, obwohl er
kein Wort deutsch sprach und verstand, heimisch und zeigte auch gleich das
lebhafteste Verstaendnis fuer die Freuden des Karnevals, der damals
reizvoller war als spaeterhin, wo er fuer die herbeieilenden Fremden
originell werden musste.

Ich erinnere mich an sehr ernsthaft ausgesponnene Beratungen, die von
namhaften Maennern ueber einen Kuenstler- und Schriftstellerball abgehalten
wurden, und die ein solches Fest als wichtige Haupt- und Staatsaktion
erscheinen liessen.

Die Vorbereitungen dazu fuehrten mich mit _Ignatius Taschner_ zusammen, mit
dem mich bald eine Freundschaft verband, die fuer mich zum Lebensereignisse
und wertvollsten Besitztume geworden ist.

Als er damals mit dem Bildhauer _August Heer_ zu einer Besprechung kam,
war's mir nach den ersten Worten, als haetten wir uns zeitlebens gekannt
und waeren als Nachbarkinder mitsammen aufgewachsen.

In einer entbehrungsreichen Jugend und in den haertesten Kaempfen hatte er
sich eine Froehlichkeit bewahrt, die jedes Zusammensein zum Feste machte.

Sein Vater stammte aus Niederbayern, seine Mutter war Fraenkin, und die
Eigenschaften der beiden Rassen waren in ihm auf das gluecklichste vereint.

Uebermuetig, derb, ungemein taetig und arbeitsfroh, und wieder so ernsthaft,
pflichttreu, aufs Kleinste bedacht, schien er in seinem Charakter, wie in
seiner Kunst aus einer vergangenen, so viel schoeneren Zeit zu stammen.

Wenn er von seiner Lehrlings- und Gesellenzeit erzaehlte, war's wie eine
Dreingabe zu Kellers Gerechten Kammachern, und wie klang es dann wieder
ernsthaft und zum Herzen dringend, wenn er ueber kuenstlerische Dinge
sprach!

Keiner hat wie er die heimlichen Zusammenhaenge von Heimat und Rasse mit
der Kunst gekannt, keiner so verstanden, wie sie ueber tuechtiges Handwerk
hinaus zur hoechsten Kunst fuehren, und das war bei ihm angeborenes oder
durch Arbeit errungenes Wissen, weit weg von angelernter Doktrin.

  [Illustration: Thoma mit Taschner, Peter Thoma und Schauspieler Deng]

Darum war er unbeirrbar durch alles, was Mode oder Richtung heissen mag,
und zeigte in seinem Leben wie in seinem Schaffen die Art der hohen
fraenkischen Meister, deren Geist in ihm wieder lebendig geworden war. Ich
verdanke ihm viel.

Anregung, Belehrung, Freude, die froehlichsten, wie die inhaltsreichsten
Stunden, Verstaendnis fuer die Kunst und ihre Wirkungen auf alle
Erscheinungen des Lebens.

Im Umgange mit ihm fand ich Sicherheit; er lehrte mich durch Wort und
Beispiel, strenger gegen mich sein.

Er nahm einige Monate, nachdem wir uns kennengelernt hatten, einen Ruf
nach Breslau an; zwei Jahre spaeter ging er nach Berlin, wo er die
fruchtbarste Taetigkeit entfaltete. Aber wenn er nur irgend konnte, kehrte
er nach Sueddeutschland zurueck, und immer war mir ein Heimweh gestillt,
wenn er bei mir war.

Viele Plaene hatten wir gefasst; sie sollten ausgefuehrt werden, wenn er,
aller Verpflichtungen ledig, in seinem Hause in Mitterndorf endlich zu
freier, durch keine Auftraege festgelegter Arbeit gekommen waere. Die
Erfuellung unserer Wuensche war nahegerueckt, als er starb.

Mit ihm ging mir manche lieb gewordene Hoffnung zu Grabe, doch am
haertesten traf es mich, dass ich seine ehrliche, kluge Freundschaft
verlieren musste.

Damals im Januar 1903 half er froh und ausgelassen an den
Karnevalsunterhaltungen mit.

Auf seine Anregung veranstalteten wir einen Veteranenball, bei dem es wie
in einem altbayrischen Dorfe hergehen musste; wir stellten lebende Bilder
aus dem Jahre 1870, und das Fest gefiel so, dass wir es die folgenden drei
Jahre wiederholten.

Derartige Dinge wurden ja in Muenchen sehr ernst genommen, und zu ihrem
Gelingen wurden Muehe und Fleiss und sehr viel Koennen aufgewandt.

Ich erinnere mich an ein antikes Fest im Hoftheater, das _Lenbach_ und
_Stuck_ und alle bekannten Kuenstler wochenlang vorbereiteten.

Natuerlich hat man das in der Hauptstadt der Kritik ein bisschen ironisch
beurteilt, aber wo immer Kuenstler die Bedingungen froehlichen
Zusammenlebens gefunden haben, sind Feste gefeiert worden, und wo das
unterblieben ist, hat es nicht der Ernst der Arbeit verhindert.

In Muenchen ist auch mehr und mehr die Lust zu groesseren Veranstaltungen
geschwunden; die Zerwuerfnisse in der Kuenstlerschaft, die Spaltung in
zahlreiche Gruppen trugen viel dazu bei, und ich glaube nicht, dass sich
bei den juengeren Leuten soviel Phantasie finden liesse, wie ehedem zu
Festen aufgewandt wurde; uebersprudelndes Talent und Humor wird niemand von
den Kuemmerlingen erwarten, die sich heute gegenseitig ihre
expressionistische Bedeutung aufschwaetzen.



Langen konnte sich ein halbes Jahr nach seiner Rueckkehr recht in sein
Element, in das bewegteste Leben, versetzt fuehlen, da wir mit einer gegen
die Zentrumsherrschaft gerichteten Nummer grossen Aufruhr erregten.

Ich hatte mit einer im Stile Abrahams a Santa Clara gehaltenen Predigt
gegen die Dunkelmaenner Veranlassung zur Konfiskation gegeben. Eine heftige
Polemik setzte in den Zeitungen ein, der Minister von Feilitzsch wurde in
der Kammer interpelliert, ein Abgeordneter las im Landtag Bruchteile der
Predigt vor, und als der Praesident von Walther dagegen einschritt, liess er
sich irgendwelche Verstoesse gegen die Geschaeftsordnung zuschulden kommen
und musste abtreten; die Frage, ob Muenchen oder Stuttgart zustaendig sei,
fuehrte zu lebhaften Kontroversen, der Generalstaatsanwalt lud mich sogar
zu einer Besprechung ein, die er mit den Worten schloss: _Vive la guerre!_

Ich beteiligte mich ausgiebig an der Zeitungspolemik und handelte nach dem
Grundsatze, dass die beste Abwehr der Hieb sei.

So griff ich auch ohne Federlesen den Richter an, der im
Ermittelungsverfahren taetig gewesen war und, als Sohn eines ultramontanen
Abgeordneten selbst mit einem Zentrumsmandat behaftet, seine politische
Abneigung deutlich genug ins Amtliche uebersetzt hatte.

Das loeste natuerlich erneutes Zetergeschrei aus, und wochenlang blieb das
Feuerchen angefacht, bis die Sache zuletzt wie das Hornberger Schiessen
ausging.

Langen glaenzte vor Vergnuegen.

Wenn unsere Feinde, die sich gewiss herzliche Muehe gaben, aeusserst bittere
Saetze gegen uns zu konstruieren, gehoert haetten, wie ihre saftigsten
Artikel unter schallendem Gelaechter vorgelesen wurden, dann haetten sie
wahrscheinlich den Kampf aufgegeben.

Aber die Herren vom Zentrum waren selber so empfindlich, dass sie sich jene
Wirkung ihrer Angriffe niemals haetten vorstellen koennen.

Gute Hasser waren sie. Als ich ein Jahr spaeter wegen Beleidigung einiger
Sittlichkeitswaechter unter den Pastoren verurteilt wurde, rauschte Beifall
durch die Zentrumspresse, und manches Blatt stellte sich entsetzt ueber
mein Vergehen, wenn es auch anderen Tages wieder die ausgiebigsten
Beschimpfungen gegen den Protestantismus brachte.

Mir aber war das ganz und gar nicht in den Sinn gekommen; ich hatte mich
nur gegen die unverschaemte Rede eines einzelnen gewandt, der sich als
Tugendbeispiel und ganz Deutschland als sittlich verkommen bezeichnet
hatte.

Nach meiner Verurteilung beschaeftigte sich ein Sittlichkeitskongress in
Magdeburg mit mir, und ein Berliner Hofprediger sprach der Vorsehung, die
meine Bestrafung herbeigefuehrt hatte, seine wohlwollende Anerkennung aus.
Ich wollte dazu nicht schweigen und brachte in einem von Gulbransson
illustrierten Flugblatte jener Magdeburger Versammlung einen groesseren
Mangel an Ehrerbietung entgegen.

Das Blatt war in Muenchen gedruckt, und ich musste mich vor dem
Schwurgericht verantworten. Von einer erhoehten Bank aus, auf der sonst
Moerder und Diebe sassen, blickte ich hinueber zu den Geschworenen, unter
denen ich recht behaebige, einem derben Spass wohlgeneigte Landsleute
bemerkte. Ich waere als dreizehnter unter ihnen vielleicht der gewesen, dem
eine saftige Geschichte das geringste Vergnuegen bereitet haette.

Als mein Gedicht vom Protokollfuehrer im trockensten Tone vorgelesen wurde,
schlugen sogleich einige hanebuechene Stellen ein; verschiedene Geschworene
hatten Muehe, ernst zu bleiben, und kaempften mit blauroten Gesichtern gegen
den Lachreiz an; die ehrbaren Volksrichter waren wie Schulkinder, die
heimlich kichern.

Die Verhandlung, welche uebrigens mit einem Freispruche endete, wurde im
Landtag und bei ultramontanen Parteitagungen recht abfaellig kritisiert,
weil zwoelf Sachverstaendige, darunter _Professor Forel_ aus Zuerich,
Dr. _Hirth_, _Ganghofer_ u. a., Stellung gegen die Anklage genommen
hatten.

Ausserdem kam es zu einer Beschwerde beim Justizminister, da der
Staatsanwalt einige Sachverstaendige angeflegelt hatte.

Das Bezeichnendste dafuer, wie toericht damals Parteipolitik getrieben
wurde, ist, dass man, wuetend ueber den Ausgang des Prozesses, die in Bayern
gesetzlich festgelegte Zustaendigkeit der Schwurgerichte fuer Pressvergehen
am liebsten aufgehoben haette. In einer veraergerten Stimmung wollte man ein
wichtiges Volksrecht aufgeben und vergass voellig, dass ihm die ultramontane
Presse in der Aera Lutz sehr viel zu verdanken gehabt hatte.

Damals schrieb ein klerikales Provinzblatt, dass Religion und Sitte in
Bayern durch meine Freisprechung fuer vogelfrei erklaert worden seien; so
dick trug die Partei auf, als es sich nicht einmal um eine sie nahe
beruehrende Sache handelte.

Freilich hatte man etliche Monate vorher vergeblich die Laermtrommel gegen
den Verfasser des "Andreas Voest" geruehrt, und der "Bayrische Kurier" hatte
das Ministerium erfolglos aufgefordert, die Kirche und ihre Diener
pflichtgemaess gegen die Veroeffentlichung des Romans zu schuetzen.

Die Feindseligkeiten verschaerften sich, und der Ton wurde grob und groeber,
als ich die Briefe eines ultramontanen Abgeordneten veroeffentlichte. Ich
war nicht wehleidig und konnte es verstehen, dass mir aus dem Zentrumswalde
kein liebreiches Echo entgegenschallte, aber imposant fand ich die
maechtigen Gebieter des Landes nicht, die so wenig innerliche Staerke bei so
viel aeusserlicher zeigten.

Wenn wir im Januar 1906 bei Gruendung der Gesellschaft geglaubt hatten, dass
nunmehr ein lange dauerndes gemeinsames Schaffen gesichert waere, so zeigte
uns das Schicksal wenige Jahre spaeter, dass sich auf die Zukunft nicht
bauen laesst.

Seit 1907 kraenkelte _Wilke_, im November 1908 starb er an einer
Lungenentzuendung.

J. B. _Engl_ war ihm vorausgegangen, und Ende April 1909 folgte ihm
_Albert Langen_, dessen Leiche Ferdinand von _Reznicek_ nach Koeln
ueberfuehrte. Vierzehn Tage darauf starb auch er in einer Muenchner Klinik an
Magenblutung.

Wilke war vierunddreissig Jahre alt, Langen neununddreissig, Reznicek
vierzig; allen dreien schien nicht nur das bluehende Alter, sondern auch
Kraft und Gesundheit langes Leben zu verbuergen. Wilke allerdings, dessen
Staerke und Gewandtheit einmal vorbildlich waren, hatte uns schon ein Jahr
vor seinem Tode Grund zu Befuerchtungen gegeben, aber ganz unvermutet kam
das Ableben Langens und Rezniceks.

Dieser war der typische Oesterreicher von guter Familie; taktvoll,
liebenswuerdig, heiter, in Manieren wie im Charakter vornehm. Ich habe ihn
nie laut oder heftig gesehen, und ich glaube, er waere gegen Brutalitaet
voellig hilflos gewesen. Die Grazie, die seine Zeichnungen auch denen, die
herbere Kunst schaetzen, wertvoll machte, lag in seinem Wesen.

Von den Kuenstlern, die durch den "Simplicissimus" und die "Jugend" bekannt
wurden, war er sogleich der populaerste, und er ist es geblieben.

Dass er, verhaetschelt und umworben, von Eitelkeit voellig frei blieb und
ganz und gar nicht zuegellos lebte, bewies seinen wirklichen Wert, den nur
die anzweifelten, die ihn nicht persoenlich kannten. Die Art und das
Gegenstaendliche seiner Kunst veranlassten manchen Sittenrichter, der sehr
unangefochten leben konnte, in dem guten Ferdinand von Reznicek einen
Wuestling zu vermuten, und zuweilen wurde ihm das auch gedruckt
unterbreitet.

Derlei Vorwuerfe verletzen die Ehre der Maenner nicht, vielen erscheinen sie
so schmeichelhaft, dass sie sie mit diskretem Laecheln entgegennehmen,
Reznicek aber blieb davon unberuehrt. Er war weder der "verfluchte Kerl",
noch wollte er es zu sein scheinen.

Ohne Launen, immer aus dem Herzen heraus liebenswuerdig, hilfsbereit und
empfaenglich fuer jede heitere Stimmung, war er der beste Kamerad, in dessen
Gegenwart Missmut nie aufkommen konnte.

Krankheit und Tod lassen den Charakter eines Menschen erst recht erkennen.

Alle drei, Wilke, Langen und Reznicek, haben die haerteste Pruefung wuerdig
bestanden, und sie sind ohne zweckloses Klagen tapfer gestorben, und die
letzten Dinge waren fuer die Art eines jeden von ihnen bezeichnend.

Wilke lehnte sich mit einer unmutigen Gebaerde gegen den Tod auf; als er
auf dem Krankenlager in seiner Heimatstadt Braunschweig fuehlte, dass es zu
Ende gehe, sagte er nur: "Das ist dumm."

Und es war toericht, dass ein genialer Mensch, als er sein Bestes erst noch
zu geben hatte, weg musste.

Langen traf ruhig Anordnungen ueber seinen Nachlass, und von dieser Sorge
befreit, dankte er hoeflich laechelnd dem Anwalte, der das Testament
aufgesetzt hatte; keine Klage, kein wehleidiges Wort entschluepfte ihm.

Reznicek, der sich in einer Klinik operieren lassen wollte, schrieb mir
zwei Tage vor seinem Tode, dass er der Sache mit der ueblichen Fassung
entgegensehe; als dann ein heftiger Blutsturz jede Hoffnung vereitelte,
bat er den Arzt, dass er ihm nach dem Ableben das Herz mit einer Nadel
durchstechen solle, und bestellte Gruesse an uns alle.

Der Tod dieser drei Maenner, wie der von J. B. Engl, war ein harter Schlag
fuer den "Simplicissimus", und wenn er auch ueberwunden wurde, so bleibt es
doch wahr, dass Kuenstler wie Wilke und Reznicek unersetzlich waren.

Mit der Erinnerung an sie soll das Buch enden; durch ihr Hinscheiden waren
Luecken in den einst so froehlichen Kreis gerissen, die nichts mehr
schliessen konnte, und manche Aenderung, die eintrat, laesst mich in jenen
Ereignissen den Abschluss einer heiteren, erfolgreichen Zeit sehen.

Spaetere Erlebnisse haben kaum mehr Einfluss auf mein Schaffen gehabt; was
nun kam, war Arbeit und Ernte, kein Kampf mehr ums Werden.

Das Schicksal des Vaterlandes hat fast alle Zusammenhaenge zwischen damals
und heute zerrissen; es fuehrt keine Entwicklung aus jener nahen
Vergangenheit, die uns doch so weit entrueckt wurde, herueber.

Ich fuehle mich um so mehr vereinsamt, als ich alles, was sich heute in der
Literatur, in der Kunst, in der Politik laermend vordraengt, verabscheue.

In dieser Zeit, in der das Ungeheuerlichste alltaeglich wurde, haben
unbeschaeftigte Gemueter Musse gefunden, dem "Simplicissimus" wie mir
persoenlich vorzuwerfen, dass wir im Kriege unsere Ansichten geaendert,
unsere einmal heftig verfochtenen Grundsaetze aufgegeben haetten.

Es ist ein Laster politisierender Spiessbuerger, im Festhalten an einer
Meinung ein Verdienst zu erblicken.

Es liegt im Lernen und im Bekennen.

Und zudem ist der Vorwurf unbegruendet.

Im "Simplicissimus" sind wir alle - ich weder allein, noch vorzugsweise -
fuer die Erhaltung des Friedens eingetreten, wir haben ohne aengstliche
Ruecksichten das persoenliche Regiment mit seinen schaedlichsten
Begleiterscheinungen, dem aufdringlichen Reden, der Heldenpose, der
Gottaehnlichkeit, der Operettenpolitik, dem Mangel an
Verantwortlichkeitsgefuehl, angegriffen, wir haben das rueckgratlose
Philistertum, die verlogene Phrase, wir haben jede Schnodderigkeit und
Selbstgefaelligkeit bekaempft, aber als der Krieg da war, gab es nichts mehr
als das Schicksal des eigenen Landes.

War es ein Fehler, dass wir ebensowenig blind waren gegen das Heldentum des
deutschen Volkes wie gegen den giftigen Hass der Feinde?

Oder war es ein Verbrechen, Vertrauen zu haben, wenn Misstrauen und Zweifel
nur Verwirrung anrichten konnten?

Wer das heute behauptet und alle Meinungen hinterher nach dem endlichen
Ausgange korrigiert haben will, ist doch nur ein Schwaetzer, und sein Tadel
trifft nicht hart. Ich glaube heute, was ich immer geglaubt habe, dass auf
dem Boden der alten Gesellschaftsordnung recht wohl die Reformen zu
erreichen waren, die das Glueck und die Groesse Deutschlands sichergestellt
haetten.

  [Illustration: "UM MICH IST HEIMAT.
  UND DIE ERDE KANN EINMAL DEN, DER SIE HERZLICH LIEBTE, NICHT DRUeCKEN"]

Der Kampf fuer sie musste am 1. August 1914 nicht aufgegeben werden, aber er
musste aussetzen, und Schweigen war Pflicht.

International zu empfinden, gerecht gegen die verderblichsten Feinde zu
sein, war nie in meiner Natur gelegen, und es fiel mir wirklich nicht
schwer, ihnen den Untergang, Deutschland aber den vollen Sieg zu wuenschen.

So mag sich, wer will, ueber meine Wandlungen und meine Wandlungsfaehigkeit
aufregen.

Von dem Drucke, den ich wie alle nach dem Zusammenbruche des Vaterlandes
auf mir lasten fuehle, suchte ich und fand ich zeitweilige Befreiung in der
Erinnerung an die Vergangenheit.

Ich habe dem Schicksal fuer vieles dankbar zu sein, am meisten fuer eine
Jugend, in der ich wie in frischen Quellen Erquickung finde und die mir
durch das Andenken an die Eltern verschoent bleibt.

In dem schlichten Wesen meines redlichen Vaters zeigt mir jeder Zug die
staubfreie, aller Engherzigkeit abholde Art des Forstmannes vom alten
Schlage.

Ich war noch ein Kind, als er starb, und ich lernte ihn lieben aus der
Schilderung, die mir meine Mutter von ihm gab; sie hatte seinen guetigen,
alles exaltierte Empfinden ausschliessenden Humor um so besser wuerdigen
koennen, als er in ihrer heiteren Natur den schoensten Widerklang gefunden
hatte.

Ihr Leben ist Muehe und Arbeit und Freude daran gewesen. Als ihr nach dem
Tode meines Vaters die Sorge fuer sieben unmuendige Kinder ueberlassen blieb,
bei einer Witwenpension von nicht ganz hundert Mark im Monat, griff sie
tapfer zu und pachtete den Gasthof "Zur Kampenwand" in Prien.

Zu unserer Erziehung hatte sie kein anderes Mittel als ihre Herzensguete;
Schaerfe lag nicht in ihrem Wesen, aber ebensowenig blinde Liebe, die sich
an Fehlern ergoetzt oder darueber wegsieht.

Ihr ueberlegener, ganz auf Tuechtigkeit gerichteter Verstand liess sie
manches heitere, treffende Wort finden, das einen jungen Menschen von
verstiegenen Ansichten heilen musste. Wie wertvoll ihr gesundes Urteil war
und was es bedeutete, dass sie nie landlaeufige Meinungen nachsprach und nie
Redensarten gebrauchte, das lehrte mich erst das Leben verstehen.

Ich habe spaeterhin zuweilen gehoert, wie dieser und jener Wunsch nach
Zerstreuung und Vergnuegen berechtigt sei, ich habe erfahren, dass eine
gewisse Bildung verschiedene Ansprueche erfuellt sehen muesse, um fortdauern
zu koennen; meine Mutter hat nie Ansprueche gestellt, und doch besass sie
eine Herzensbildung, die ihr Leben wie das ihrer Kinder verschoente. Ich
durfte in meiner Jugend das hohe und bleibende Glueck geniessen, an ihrem
Beispiele den Segen eines bescheidenen Sinnes kennenzulernen.

Den Schatz, der in der Erinnerung an edle Eltern liegt, hat mir ein
guetiges Geschick verliehen.

Und auch dafuer bin ich ihm dankbar, dass es mich in die engste Heimat
zurueckgefuehrt hat.

Aus den Fenstern meines Tegernseer Hauses sehe ich zu den Bergen hinueber,
die das Lenggrieser Tal einschliessen, und sie tragen vertraute Namen; in
den Waeldern, die sich an ihren Haengen hinaufziehen, lief ich neben meinem
Vater her, und das stille Forsthaus, in dem ich die Kinderzeit verlebte,
liegt nicht allzu weit von hier. Wo ich auch war, und was mir das Leben
auch gab, immer hatte ich Heimweh danach, immer regten sich in mir
Neigungen, die aus jenen fruehesten Eindruecken herstammen.

Viele Wuensche gingen mir in Erfuellung, anders und schoener, als ich
erwartet hatte, auch der Wunsch, der am tiefsten in mir wurzelt, hier
leben und schaffen zu duerfen.

Je enger sich der Kreis von Ausgang und Ende schliesst, desto staerker
empfinde ich es, wie darin das beste Glueck enthalten ist.

Um mich ist Heimat.

Und ihre Erde kann einmal den, der sie herzlich liebte, nicht druecken.

  [Handschriftenfaksimile]

  [Transkription:]

          _Am San_

  Wo ist die Heimath? Ach so weit!
  Wer ueber hundert Huegel geht,
  Wer auf dem hoechsten Berge steht,
  Kann sie noch nicht erschauen.

  Wir hoeren's wohl im frohen Mai,
  Es gruene in der gleichen Welt
  Der deutsche Wald, das deutsche Feld,
  Und wollen schier nicht trauen.

  Wo liegt die Heimath? Ach so nah!
  Ich weiss mit jedem Herzensschlag,
  Dass nichts von ihr mich scheiden mag,
  Nicht Berg und Fluss und Auen.

          Ludwig Thoma
          z. Zt. im Feld






                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Inhaltsverzeichnis, Abbildungsverzeichnis und Transkription des
Handschriftenfaksimiles wurden in der elektronischen Ausgabe hinzugefuegt.

Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
roemische Zahlen (in der elektronischen Ausgabe ohne Hervorhebung
wiedergegeben, ebenso die Abkuerzung "Dr.") und einzelne Woerter aus fremden
Sprachen (hier durch Unterstrich [_] gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt
gesetzte Passagen).

Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:

      Seite 178: "Verhaeltnisse" in "Verhaeltnissen" geaendert;
      Seite 180: "leistetete" in "leistete" geaendert;
      Seite 237: "leistetete" in "leistete" geaendert;
      Seite 245: "Thater" in "Theater" geaendert.





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ERINNERUNGEN***



                                 CREDITS


September 26, 2009

            Project Gutenberg TEI edition 1
            Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
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