The Project Gutenberg EBook of Streifzuege an der Riviera by Eduard
Strasburger



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Title: Streifzuege an der Riviera

Author: Eduard Strasburger

Release Date: 2009-09-20 [Ebook #30042]

Language: German

Character set encoding: US-ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STREIFZUeGE AN DER RIVIERA***





Streifzuege an der Riviera


by Eduard Strasburger




Project Gutenberg TEI edition , (2009-09-20)





                                Streifzuege

                              an der Riviera

                                   Von

                           Eduard Strasburger.

                                  Berlin

                        Verlag von Gebrueder Paetel

                                   1895





Meiner Tochter

                               Anna Tobold

                                                                  gewidmet





INHALT


Vorwort.
Fruehjahr 1891.
Fruehjahr 1894.
Fruehjahr 1895.
Inhaltsuebersicht.
Anmerkungen der Korrekturleser






VORWORT.


Waehrend graue Winternebel das Rheinthal fuellten, schrieb ich diese Zeilen
nieder. Welch' ein Glueck, dass auch an trueben Tagen die Phantasie uns ueber
die Wolken zu erheben vermag. Oft war es mir, als leuchte die Sonne hell
in meinem Innern, waehrend es draussen dunkel war. Dann sah ich vor mir die
blaue See, an ihren Ufern die steil abfallenden Felsen und in weiter Ferne
die hohe Alpenkette mit ihrem Diadem von Schnee. Sie spiegelten sich in
meinem Geiste wider die leuchtenden Ufer des Mittelmeeres und zauberten
mir goldigen Sonnenschein und wuerzigen Duft der Maquis in grauen Stunden
vor. So moegen denn diese Zeilen auch in fremder Seele
Fruehlingsempfindungen wecken, waehrend es draussen noch schneit und friert.

*Bonn* 1895.





FRUeHJAHR 1891.


                                    I.

Es war Mitte Maerz: Wir erwarteten sonniges Fruehlingswetter, und doch
regnete es an der Riviera. Unaufhoerlich schlugen die Regentropfen gegen
die Scheiben, heftig oder gelinde, doch ohne Ende, so dass auch die Tage
endlos erschienen.

Missmuthig hatte man das Buch aus der Hand gelegt, die Unterhaltungen
stockten. Bittere Klagen wurden ueber das Wetter laut. So Mancher war ueber
die Alpen geeilt in der sicheren Erwartung, jenseits derselben den viel
gepriesenen ewig blauen Himmel zu schauen; er hatte gehofft, den nahenden
Vollmond in den Fluthen des Mittelmeeres sich spiegeln zu sehen, und nun
wurde all' sein Sehnen und Trachten zu Wasser. - Ich selbst, der ich oft
schon den Fruehling in Italien zugebracht hatte, fasste die Sachlage weit
ruhiger auf. Wusste ich doch, dass auch in Italien die Regenzeit auf das
Fruehjahr faellt. Wuerden die Felder und Gaerten Italiens nicht im Spaetherbst
und Fruehling mit Regen getraenkt, wie sollten sie Fruechte tragen? Herrscht
doch in den uebrigen Jahreszeiten meist die groesste Duerre. Was mich
veranlasst, trotz dieser scheinbar wenig guenstigen Aussichten, doch immer
wieder gerade im Fruehjahr ueber die Alpen zu ziehen, das ist die Sehnsucht
nach gruenen Fluren und belaubten Baeumen, nach etwas Sonne und Waerme; die
Zuversicht, am Mittelmeer doch mildere Witterung als im Norden zu finden,
die Hoffnung, dort auch manchen sonnigen Tag, ja bei einigem Glueck eine
ganze Reihe solcher Tage zu erleben. Nach dem langen, kahlen, kalten
nordischen Winter wirkt der Contrast am staerksten; man freut sich ueber das
kaerglichste Gruen, nimmt dankbar jeden Sonnenstrahl entgegen, waehrend schon
Mancher zur Herbstzeit in der sonnverbrannten lombardischen Ebene sich
nach den saftreichen Matten und dem ueppigen Baumwuchs der Alpen
zuruecksehnte. Der Herbst pflegt auch in unseren Breiten schoen zu sein,
waehrend unser Maerz- und Aprilwetter mit Recht beruechtigt ist. So kam es
auch in diesem Fruehjahr; denn waehrend Briefe und Zeitungen uns Kunde von
Schnee und Kaelte von jenseits der Alpen brachten, hatten wir uns am
Mittelmeer alsbald des herrlichsten Sonnenscheins zu erfreuen. Ganz
besonders schoen wurde es um die Osterzeit. Himmel und Erde zogen ihr
Festkleid an, um sich in unsterbliche Pracht zu huellen. Der Ostersonntag
fand mich in Bordighera. Vor Tagesanfang brach ich auf, um den Monte Nero
zu besteigen. Doch blieb ich bald gefesselt am Cap d'Ampeglio stehen und
wartete dort den Sonnenaufgang ab. Geisterhaft verklaert tauchte Corsica in
weiter Ferne auf; vorn aber folgte das entzueckte Auge der
reichgegliederten Kueste, die im weiten Bogen das Meer umfasst, als wolle
sie es liebevoll an sich schliessen. Der Osten war stark geroethet, und
dieser purpurne Schein faerbte in gluehenden Toenen die Kaemme der stahlblauen
Wellen. Kein Woelkchen truebte das Himmelsgewoelbe, das aus tiefstem Blau
durch zartes Gruen sich gegen die Meeresflaeche senkte. Ploetzlich tauchte
der rothe Sonnenball am Horizont empor und sandte seine feurigen Strahlen
ueber das weite Meer, als wenn er es entzuenden sollte. Und tausend Lichter
drangen in die tiefen Buchten des Strandes, in die dunklen Thaeler der
Kueste ein, um aus denselben die Schatten der Nacht zu verscheuchen. Hell
blitzten in weiter Ferne, wie von Feuersbrunst erfasst, die Haeuser von
Monaco auf, und selbst das entfernte Antibes warf lange, goldige Strahlen
der Sonne als Morgengruss zurueck. Ueberall war es wie ein Aufflammen, ein
Erwachen, und gleich einem Jubelruf toente es durch die ganze Natur. So
feierten an jenem Morgen Himmel und Erde am blauen Mittelmeer das Fest der
Auferstehung! Ich war in dieses Schauspiel wie verloren und merkte nichts
von dem Schwinden der Zeit. So kam es, dass die Sonne schon hoch am Himmel
stand, als ich die Weiterwanderung antrat. Die ganze Meeresflaeche
glitzerte jetzt von unzaehligen Lichtern, als waere sie mit Diamanten
uebersaeet; das ferne Corsica loeste sich allmaelig in einem Nebelstreifen
auf, als waere es nur ein Traumbild gewesen. Vor mir, am Cap d'Ampeglio,
lag Alt-Bordighera, schon ganz in Sonnengluth getaucht.

Zwei Stunden sind noethig, um den Monte Nero zu besteigen. Diese Angabe
wurde mir freilich nur nach Hoerensagen gemacht, denn die Wenigsten sind
dort oben jemals gewesen. Ohne zwingenden Grund besteigt der Eingeborene
hier selten einen hohen Berg; nur eine Leidenschaft, die der Jagd, vermag
ihn in so hohe Regionen zu treiben, ungeachtet er auch dort oben nur
winzige Voegel findet, um seine Waidmannslust zu stillen.

Auf einen wirklich ortskundigen Mann war ich bei allen Nachforschungen
ueber den Monte Nero nicht gestossen, und so geschah es, dass ich eigene
Erfahrungen erst sammeln musste. Es zeigte sich, dass der ganze Gipfel des
Berges dicht bewaldet ist und weder die gepriesene Fernsicht noch irgend
welchen freien Ausblick gewaehrt. Reichliche Entschaedigung fand ich aber
fuer die Muehe an dem noerdlichen, vom Meere abgekehrten Abhang des Berges.
Als ich dort abzusteigen begann, gelangte ich alsbald auf einen Sattel,
der den Monte Nero von dem hoeheren Monte Caggio trennt. Hier konnte, von
einzelnen waldfreien Stellen aus, der Blick sich ungestoert in die
tiefeingeschnittenen Thaeler versenken, ueber sanfte Huegelketten schweifen,
den lang gedehnten Strand erreichen und sich in dem weiten Meer verlieren.
Jenseits des Grates, der das lange Dorf Colla di Rodi traegt, tauchte im
Osten ein Theil von San Remo hervor. Im Nordwesten wurde das Auge durch
die schneebedeckten Haeupter maechtiger Riesen der Seealpen gefesselt. In
wunderbarer Klarheit setzten die blendend weissen Schneemassen von dem
dunklen Blau des Himmels ab, waehrend nach abwaerts das dunkle Gruen der
Foehren, das dem Monte Nero seinen Namen gibt, sich durch helleres Gruen der
Oliven bis zum Blau des Meeres abtoente. Nur wenige Landschaften, auch in
Italien, gibt es, welche diese an Schoenheit uebertreffen. Vereinigt doch
dieses Bild Alles, was berufen scheint, unser Auge zu entzuecken, unseren
Verstand zu fesseln, unsere Einbildungskraft anzuregen. Der Anblick der
Schneefelder oben in den Alpen hatte dem Flug meiner Gedanken die Richtung
nach Norden gegeben. Jenseits dieser Berge mochte noch grimmige Kaelte
herrschen; hier, suedlich von den Alpen, war der Sieg des Fruehlings ueber
den Winter lange schon errungen, so dass der Klang der Osterglocken, der
aus den Thaelern zum Monte Nero emporstieg, nur der Freude zu gelten
schien.

Der schoene Garten vor dem Hotel Angst stand in voller Bluethe; die Beete
glichen grossen Blumenkoerben. Ueppige Straeucher des capischen Pelargoniums
hatten ueberall ihre zinnoberrothen Bluethen entfaltet. Der peruanische
Heliotrop kletterte am Hause empor und erfuellte die Luft mit
vanilleartigem Wohlgeruch. Es gesellten sich zu diesem die Duefte von
Nelken, Reseda und von gelben Theerosen. Die Blaetter immergruener Baeume
leuchteten im Garten von Licht ueberfluthet; sie warfen auf die Wege
dunkelblaue Schatten. Unter den Palmen sass ein junges Ehepaar, das ich bei
der Heimkehr begruesste. Ihm ward das Glueck zu Theil, seine Flitterwochen am
Mittelmeer zu feiern. Jener sonndurchgluehte, blumenreiche Ostersonntag, an
welchem die Natur alle ihre Schaetze so verschwenderisch ueber die Riviera
ausgeschuettet hatte, wird diesem Paar wohl einer der hoechsten Feiertage
des ganzen Lebens bleiben.

Nicht weniger als vier Thaeler muenden in die schmale Ebene, die sich laengs
des Meeres vom Cap von Ampeglio bis nach Ventimiglia hinzieht. Daher
lassen sich von Bordighera zahlreiche Ausfluege unternehmen, taeglich fast
mit neuer Abwechselung. Da man im Hotel Angst zugleich vorzueglich
aufgehoben ist, wird man seinen Aufenthalt in Bordighera gerne verlaengern.
Ob Bordighera auch eine geeignete Station fuer Brustkranke ist, vermag ich
nicht zu beurtheilen. Seiner ins Meer weit vorgeschobenen Lage wegen ist
der Ort den Winden stark ausgesetzt, doch streifen diese Winde ganz
vorwiegend ueber das Meer, sind daher weniger kalt und trocken als an
vielen anderen Plaetzen der Riviera. Es herrscht somit in Bordighera die
Seeluft vor, welche auf Reisende, die nur Erholung suchen - und deren Zahl
wird an der Riviera alljaehrlich groesser - sehr anregend und belebend wirkt.

Keinesfalls duerfte man, selbst bei kurzem Aufenthalt, in Bordighera es
versaeumen, einen Ausflug nach Sasso zu unternehmen. Sasso ist ein kleines
Dorf, auf dem Bergruecken gelegen, der die Thaeler von Sasso und von
Borghetto trennt. Der Ort liegt nur vier Kilometer von Bordighera
entfernt, und man erreicht ihn sowohl durch das Thal von Sasso, das
oestlich von Bordighera muendet, als auch dem Bergruecken folgend, auf dem
Alt-Bordighera steht. In dem Ort selbst ist nichts zu bewundern: schoen
erscheint er nur aus der Entfernung. Seine hohen, zu einer Masse
verschmolzenen, nach aussen nur von wenigen Fenstern durchbrochenen Haeuser
rufen den Eindruck einer einzigen gewaltigen Festung hervor. Besonders
malerisch ist der Blick auf Sasso von dem Wege aus, der zwischen alten
Olivenbaeumen oben dem Bergruecken entlang laeuft. Er ueberrascht uns ganz
ploetzlich an einer Strassenwendung, nachdem der steile Pfad die Hoehe
erklommen hat. Von zahlreichen Stellen des Weges ueberschaut der Wanderer
alsdann die beiden Thaeler von Sasso und von Borghetto; er kann mit dem
Blick auch weiter dringen bis in das Thal von Vallecrosia, waehrend ihm
gleichzeitig ueber den nahen Huegelreihen die schneebedeckten Haeupter der
Seealpen entgegenleuchten. - Wie oft habe ich mich stundenlang an diesem
Wege aufgehalten, von Zeit zu Zeit den Platz veraendernd, um das Bild in
anderer Umrahmung zu bewundern. Hier war es nur ein einziger
phantastischer Schneepalast, der in lichtes Gruen der Oliven gefasst, mir
entgegenstarrte; dort tauchte mein Blick tief in ein Thal hinab, um auf
den dichtgedraengten Haeusern einer buntscheckigen Ortschaft zu ruhen, oder
es folgte auch mein Auge dem Lauf eines Baches, der, zwischen
Oleanderbueschen versteckt, in zahlreichen Windungen dem Meer zueilte; oder
es war wieder Sasso, welches ueber Baumwipfeln, wie in einem gruenen Meer,
zu schweben schien, oder endlich die tiefeingeschnittene Kueste und das
weite Meer, auf welchem der ermattete Blick Rast machen konnte. Welche
Fuelle von Motiven fuer den Landschaftsmaler! Ich musste mich begnuegen, die
Bilder in mein Inneres aufzunehmen, wo sie freilich auch jetzt noch
farbig-sonnigen Widerschein finden.

                                   II.

Die Olivenhaine, durch welche man am Bergruecken entlang nach Sasso
wandert, sind von seltener Schoenheit: alte, knorrige Staemme, oft auf
mehreren Fuessen, wie auf Stelzen, in die Luefte ragend. Man bleibt gern
stehen, um einzelne dieser Baeume zu bewundern, erfreut sich dann auch des
Gegensatzes, den die dunkel beschatteten Staemme gegen das leuchtende Blau
des Himmels und des Meeres bilden. Zauberhaft schoen ist es aber in einem
solchen Olivenhain des Abends zu wandeln, wenn der Vollmond ueber dem Meere
steht. Da glaenzen so eigenartig die mattgrauen Blaetter der Baeume, und es
blitzt bei jedem Windhauch wie Silber aus den Zweigen. Auch der lange
Mondstreifen im Meere scheint sich zu beleben, er wiegt sich auf den
Wellen, folgt bebend ihrem Lauf und zerschellt mit ihnen am Strande zu
leuchtendem Schaum.

Die Bluethezeit des Oelbaumes faellt in den Mai oder Juni. Dann ist er dicht
bedeckt von kleinen, gelblichweissen Bluethen, die einen lieblichen Geruch
verbreiten. Diese Bluethen erinnern an diejenigen unserer Rainweide, des
_Ligustrum vulgare_, eines Strauches, der in Wirklichkeit auch dem Oelbaum
nahe verwandt ist. Die Fruechte des Oelbaums sind Steinfruechte von laenglich
runder Gestalt. Die unreifen Fruechte haben gruene Faerbung, verschwinden
daher im Laub; doch beim Reifen werden sie schwarzblau und treten dann
scharf hervor. Ein alter Brauch verlangt, dass die Ernte der Oliven am
21. November beginne; sie dauert im Dezember fort. Unguenstige
Witterungsverhaeltnisse koennen die Ernte an der Riviera freilich sehr
verzoegern. So kam es, dass im Fruehjahr 1891 die meisten Baeume um Bordighera
noch voll Oliven hingen. Manche Baeume waren mit Fruechten so stark beladen,
dass man das Laub kaum sehen konnte. Die Olivenernte war Anfang April in
vollem Gange. Arbeiter und Arbeiterinnen zogen mit Saecken und Koerben
bepackt in den Olivenhain. Dort sah man die Maenner auf die Baeume steigen
und mit Stangen gegen die Aeste schlagen. Frauen und Kinder hockten am
Boden, um die Fruechte aufzulesen. Von allen Seiten schallte dem Wanderer
der trockne Ton der Schlaege aus den Baeumen entgegen, und ueberall unter den
Baeumen ging die muehevolle Arbeit des Sammelns von statten. Stundenlang
verharren die Sammler in gebueckter Stellung, um die Oliven einzeln
aufzuheben, und doch waere es so einfach, sich einen grossen Theil der
Arbeit zu sparen. Westlich von Nizza legen die Olivenbauer grosse Tuecher
unter die Baeume und fangen die Oliven mit diesen auf. Freilich wird auch
dort noch mit Stangen gegen die Zweige geschlagen, ungeachtet schon
Plinius im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vor diesem rohen
Verfahren warnt, da es die Baeume schaedigt. Gegen althergebrachte Sitte ist
eben schwer anzukaempfen, sie setzt zaehen Widerstand jeder Neuerung
entgegen. In Bordighera warten die Olivenbauer meist, bis ihre Oliven ganz
reif sind. Ein grosser Theil der Fruechte ist dann schon von selbst vom Baum
gefallen. Alles das wird zusammen von dem Boden aufgelesen und liefert ein
entsprechend schlechtes Oel. Denn feine Tafeloele presst man aus solchen
Fruechten, die erst zu reifen beginnen. Diese muessen auch mit der Hand vom
Baume gepflueckt werden, um weder Quetschung noch Verwundung zu erleiden.
Aus solchen Fruechten gewinnt man jene Oele, die wir als Provencer Oele
bezeichnen. Der Provence entstammen sie freilich nur zum kleineren Theil,
zum groesseren Theil Italien. Dort ist es vornehmlich Apulien und zwar die
Gegend suedlich von Bari, welche diese feinen Sorten erzeugt. Sie liefert
jetzt sehr gute Oele, waehrend in der ersten Haelfte dieses Jahrhunderts das
apulische Oel noch ebenso schlecht und ranzig schmeckte, wie andere
sueditalienische Sorten. Auch in Apulien betrieb man die Ernte der Oliven
damals ganz laessig und verfuegte nur ueber sehr schlechte Oelpressen.
Charakteristisch genug, als das antike Modell einer Oelpresse in Pompeji
aufgefunden wurde, begruesste man es in Apulien als einen Fortschritt und
fuehrte es an verschiedenen Orten ein. - Von Bordighera bis zum Esterel
wird vorwiegend nur geringwerthiges Oel gewonnen, das als Maschinenoel
Verwendung findet oder der Seifenfabrikation dient; Nizza bezieht die
feinen Oele, die es vertreibt, vorwiegend aus der Ferne.

Die Fruechte, die man zum Zwecke feinster Oelgewinnung sorgsam pflueckte,
breitet man zunaechst in duennen Lagen auf Horden aus. Dort trocknen sie an
der Luft oder bei kuenstlicher Waerme, bis sie runzlich werden. Haben sie
einen Theil ihres Wassers in solcher Weise eingebuesst, so kommen sie in die
Oelmuehlen. Es sind das meist steinerne Behaelter, in welchen die Oliven
durch Muehlsteine zermalmt werden. Schon bei diesem Verfahren fliesst etwas
Oel ab, das als das feinste Tafeloel gilt, kaum aber in den Handel kommt.
Der in der Muehle hergestellte Brei wird in Bast- oder Jutesaecke gefuellt
und in einer Kelter gepresst. Bei schwachem Druck fliesst jetzt zunaechst das
beste, dann etwas weniger gutes Speiseoel ab. Dieses Oel wird als
Jungfernoel "_huile vierge_" bezeichnet. Dann gelangen die Trester in
hydraulische Pressen und liefern ein Oel, das der Seifenfabrikation oder
auch gewerblichen Zwecken dient. Dann werden die Trester mit warmem Wasser
angeruehrt und nochmals gepresst, wandern schliesslich oft noch in Fabriken,
wo man ihnen den Rest ihres Oeles durch chemische Mittel entzieht.

Das Speiseoel, das aus der Kelter fliesst, muss sorglich geklaert werden,
bevor es zum Verkauf gelangt. Man bringt es in dunkle kuehle Raeume, wo ueber
einander die noethigen Bottiche zur Aufnahme des Oels sich befinden. Das
unklare Oel gelangt in das oberste Gefaess, fliesst aus dem Spundloch
desselben durch einen durchloecherten Zinkkasten, der mit Watte
ausgekleidet ist, in einen zweiten Bottich und aus diesem nochmals durch
Watte in einen dritten. Die Watte muss am naemlichen Tage oft mehrfach
erneuert werden. Aus dem dritten Bottich gelangt das Oel in Cisternen, die
man in Nizza mit Porzellanplatten auszukleiden pflegt. Hier steht das Oel
wohl an die drei Monate, bevor es in Flaschen gefuellt und versandt wird.

So ueberreife, abgeschlagene und am Boden faulende Oliven, wie wir sie in
Bordighera hatten ernten sehen, koennen nur ranzige Oele ergeben. Die
kleinen Besitzer, welchen die Oelhaine hier gehoeren, liefern ihre Fruechte
an fremde Muehlen ab und pflegen fuer die Pressung in Oliven oder in Oel zu
zahlen. Aus den Oelpressen der Muehlen floss zur Zeit unseres Besuches eine
Fluessigkeit ab, welche alle Baeche von Bordighera in braunen Toenen faerbte.
Bei ruhigem Wetter zeichnete sich die Muendungsstelle jedes Fluesschens als
brauner Streifen ziemlich weit im Meere ab.

Im Alterthum hiess es allgemein, dass der Oelbaum nur in der Naehe des Meeres
gedeihe. Man rechnete aus, dass er sich von demselben nicht ueber
dreihundert Stadien, somit nicht ueber 7-1/2 geographische Meilen entferne.
Es ist nicht zu leugnen, dass der Oelbaum den Seestrand bevorzugt, doch
haengt das nicht mit dem unmittelbaren Einfluss der grossen Wasserflaeche,
vielmehr mit dem gleichmaessigen Klima zusammen, welches durch dieselbe
gefoerdert wird. Denn der Oelbaum kann anhaltenden Frost nur sehr schlecht
vertragen. Auch bevorzugt der Oelbaum den Kalkboden, den er hier an der
Riviera reichlich vorfindet. Ein besonders guenstiges Zusammenwirken von
Klima und Boden, verbunden mit sorglichster Behandlung der Fruechte, ist
aber erforderlich, damit der Oelbaum ein so feines Oel, wie etwa in Apulien,
erzeuge.

Die Muehlen, in welchen das Oel gepresst wird, sind fast immer alte
malerische Bauten. Sie suchen oft steile Stellen in den Schluchten auf, um
die Kraft des Baches, der dort abwaerts braust, zu nutzen. Wie
Schwalbennester kleben sie an den Felsen.

Wer zur Fruehjahrszeit durch die Olivenwaelder um Bordighera streift, muss
darauf bedacht sein, nicht in die Schusslinie der "Cacciatori" zu gerathen.
Denn um diese Zeit bewegen sich jene durch alle Haine, Gaerten und Fluren,
um als einziges Wild die kleinen Voegel zu erlegen. Fuer die italienische
Riviera, wie fuer Italien ueberhaupt, hat dieser Sport ganz bedenkliche
Folgen, da die Vernichtung der Voegel eine entsprechende Vermehrung der
Insekten nach sich zieht. Nicht nur verschwinden aus Italien die heiteren
Saenger, welche die Waelder und Gaerten in anderen Laendern in so lieblicher
Weise beleben, sondern es nimmt auch die Zahl schaedlicher Insekten in
bedenklicher Weise dort zu. Dem Oelbaum besonders nachtheilig ist _Decus
oleae_, der sich von dem Fruchtfleisch der Oliven naehrt. Er wird von den
Franzosen _la Mouche_, von den Italienern _Macha del Olivo_ genannt. Die
Fliege legt ihre Eier in ganz junge Fruchtanlagen, und die Maden, welche
diesen Eiern entschluepfen, leben dann auf Kosten der sich entwickelnden
Frucht. Sie verpuppen sich schliesslich in derselben und verlassen sie als
fliegende Brut. Gelangen sie mit den Oliven in die Muehle, so leidet der
Geschmack des Oels von denselben.

Von einer Wanderung durch die Olivenhaine kehrt man wohl stets, mit einem
Bluethenstrauss geschmueckt, nach Hause. Denn sie sind zu verlockend, diese
Fruehlingsgaben der Flora, zu lieblich, als dass man an ihnen so fluechtig
vorbeieilen sollte. Ueberall stehen unter den Baeumen die dunkelblauen
Traubenhyacinthen, die bisamartigen Duft verbreiten; besonders schoen ist
die eine Art (_Muscari comosum_), die einen amethystfarbigen Schopf ueber
dem sonst unscheinbaren Bluethenstande traegt. Hier und dort schaut aus dem
Rasen eine bluehende Orchidee hervor. Meist ist es eine Art der Gattung
Ophrys, jener merkwuerdigen Orchideen-Gattung, deren Bluethen ganz den
Insekten gleichen. Bei _Ophrys aranifera_ erinnern sie an Spinnen: man
meint die vorgestreckten Beine und den aufgedunsenen braunen Leib eines
solchen Thieres zu sehen. Auch _Ophrys Arachnites_ ist spinnenaehnlich und
zeigt einen purpurbraunen, gruen verzierten Leib. Die schoenste dieser
Ophryden scheint mir aber die _Ophrys Bertolonii_, mit dunkelrothen
Bluethen, zu sein. Doch Ophrys-Arten hat der Nordlaender vielleicht schon in
seiner Heimath gesehen und fesselt ihn daher mehr eine andere Orchidee von
ungewohnter Gestalt: die _Serapias Lingua_, vielleicht gar _Serapias
longipetala_, deren rothbraune Bluethen, von rothen Deckblaettern fast
verhuellt, nur ihre Lippen nach aussen vorstrecken. Mit Freuden begruesst er
eine wilde Tulpe (_Tulipa Celsiana_), deren hellgelbe Bluethen sich auf
langen Stielen wiegen. Die Siegwurz (_Gladiolus segetum_) mit rosenrothen,
einseitig aufgereihten Bluethen tritt ihm auch an zahlreichen Stellen
entgegen. In seinem Strauss nimmt er dann noch gern das weissbluethige
_Allium neapolitanum_ auf, denn gehoert jene Pflanze auch zu den
Laucharten, so duften doch ihre weissen Bluethenstaende in angenehmer Weise.
Hauptsaechlich sind es aber die gelben Tazetten, welche dem Strauss
Wohlgeruch verleihen, waehrend seine Farbenpracht gehoben wird durch eine
reiche Auswahl bunter Anemonen (_Anemone coronaria_ und _hortensis_).

Ebenso alt als Kulturpflanze wie der Oelbaum ist der Weinstock, die beide
daher von Alters her zusammen genannt werden. - "Zwei Fluessigkeiten thun
dem menschlichen Koerper besonders wohl," heisst es in der Naturgeschichte
des Plinius, "innerlich der Wein, aeusserlich das Oel; beide stammen aus dem
Pflanzenreiche und sind vorzueglich, doch das Oel ist das nothwendigere."
Das trifft fuer das Oel heut nicht mehr zu. Im Alterthum rieb man sich mit
demselben nach dem Bade den Koerper ein; jetzt wird es aeusserlich allenfalls
nur noch als Marseiller Oelseife angewandt. - Wie in dem Werke des Plinius
tritt uns auch an der Riviera der Weinstock vielfach neben dem Oelbaum
entgegen. Doch an der Kueste selbst herrscht der Oelbaum vor. Denn im
Gegensatz zum Oelbaum meidet der Weinstock die naechste Naehe des Meeres.
Andererseits vertraegt er viel staerkere Gegensaetze der Temperatur, so dass
seine Cultur selbst weit im Norden versucht werden konnte. Im vierzehnten
Jahrhundert drang der Weinbau bis in das preussische Ordensland, selbst bis
nach Tilsit vor, und wenn er sich heute, um so viel weiter, nach Westen
und Sueden zurueckgezogen hat, so geschah dies nur, weil er in noerdlicheren
Gegenden ertragsfaehigeren Producten weichen musste.

Der Oelbaum ist sicher am Mittelmeer einheimisch, andererseits muss
angenommen werden, dass seine Cultur im Orient begann, dass Culturformen des
Baumes sich von da aus verbreitet haben, und schon in vorhomerischer Zeit
nach Griechenland gelangten. Den Weinstock (_Vitis vinifera_) fanden die
Culturvoelker ebenfalls als wilde Pflanze auf europaeischem Boden vor. Ja
heut noch meint man suedlich und noerdlich von den Alpen stellenweise die
Pflanze im urspruenglichen Zustande anzutreffen, doch ist es meist schwer
zu entscheiden, dass sie nicht verwildert sei. Am ueppigsten gedeiht die
wilde Weinrebe heute um das schwarze Meer, und man hat an den suedlichen
Abhaengen der Krim Staemme bis zu anderthalb Meter Umfang gemessen. Die
Cultur des Weinstocks ging allem Anschein nach vom westlichen Kleinasien
aus und ist einem indogermanischen Volke zu verdanken.

Von den Weinen der westlichen Riviera waren im Alterthum schon die von
Massilia, also des heutigen Marseille, bekannt, zeichneten sich aber nicht
durch ihre Haltbarkeit aus, so dass man sie raeuchern musste. Es geschah das
in Rauchkammern nach orientalischer und griechischer Sitte. Im
Wesentlichen war das ein aehnliches Verfahren wie das heutige
Pasteurisiren. Ganz wie man heut den Wein bis auf mindestens 60 deg. C.
erwaermt, um die schaedlichen Keime in demselben zu toedten und so seine
Haltbarkeit zu erhoehen, wurde im Alterthum der Wein in wohl verschlossenen
Gefaessen durch heissen Rauch erhitzt. Das Feuer befand sich in einem unteren
Raume, und Rauch und Hitze stiegen, durch ein Rohr geleitet, in das obere
Geschoss, in dem der Wein sich befand. Der Rauch gelangte dort durch
angebrachte Oeffnungen ins Freie. Dieses Verfahren konnte den Geschmack des
Weines nicht wesentlich beeinflussen, wohl aber musste das geschehen bei
Zusatz von Seewasser zum Most, wie er in Kleinasien und Griechenland
haeufig geuebt wurde. Auch mit Gips, Kalk, Marmor, Thon, Pech oder Harz hat
man die Weine versetzt, um sie haltbarer zu machen und ihnen zugleich
einen bestimmten Geschmack zu verleihen. Es bemerkt aber bereits Plinius,
dass der bekoemmlichste Wein immer derjenige sei, dessen Most ohne
fremdartigen Zusatz bleibe; denn welcher noch so Gesunde, meint er, sollte
nicht Scheu haben vor Weinen, die Marmor, Gips oder Kalk enthalten?
Ueberhaupt klagt Plinius sehr ueber die Verfaelschung der Weine; es sei damit
so weit gekommen, dass nur der Name des Weinlagers den Preis der Weine
bestimme und dass man den Most schon in der Kelter verfaelsche. Daher seien,
so wunderlich dies auch klinge, die am wenigsten gekannten Weine oft die
unschaedlichsten. Das Anmachen des Weines mit Seewasser wird von Plinius
als fuer den Magen vorzueglich gepriesen. An eine bekannte neuere
Heilmethode erinnert seine Mahnung, dass wer hager werden will, waehrend der
Mahlzeit dursten oder doch nur wenig trinken soll. - Durch Einkochen und
durch Hinzufuegen von Kraeutern suchte man im Alterthum vielfach die
Haltbarkeit der Weine zu erhoehen, in aehnlicher Weise wie dies heute durch
Zusatz von Alkohol geschieht. Dass die Roemer Weinschmecker ersten Ranges
waren, geht genugsam aus den Angaben der alten Schriftsteller hervor. Die
Menge der zum Verkauf angebotenen Weinsorten verglich Virgil bereits mit
derjenigen des lybischen Sandes und der Meereswellen. Man trank in Rom
meist schon ungemischte Weine, das heisst ohne den einst ueblichen Zusatz
von Wasser; man kuehlte sie mit Eis, versetzte sie oefters mit Gewuerzen und
fing an, nach alten Jahrgaengen zu trachten. Guter Wein musste acht bis zehn
Jahre alt sein, um geschaetzt zu werden, und selbst von zweihundertjaehrigen
Weinen sind uns Berichte erhalten. So mundete dem Kaiser Caligula (37-41
n. Chr.) Wein vom Jahre 121 v. Chr., dem besten Weinjahre, dessen sich
Italien zu erinnern wusste. Es war Italien selbst, das zu Plinius' Zeiten
die geschaetztesten Weinsorten producirte, so dass Plinius wohl behaupten
durfte, Italien nehme mit seinen Weinen die erste Stelle unter allen
Laendern ein und sei nur in der Erzeugung von Wohlgeruechen von einigen
derselben uebertroffen: es gebe uebrigens, fuegt er hinzu, keinen Wohlgeruch,
der denjenigen des bluehenden Weinstocks uebertreffe. - Auch in der
roemischen Zeit wurde der Weinstock bereits in kunstgerechter Weise
zugeschnitten, doch liess man ihn je nach der Gegend in verschiedener Weise
wachsen. In Campanien schlang er sich empor an der Pappel, umfing sie wie
seine Gattin, streckte seine ueppigen Arme auf gewundenen Bahnen zwischen
ihre Aeste, bis er ihren Gipfel erreichte. Da pflegte der Winzer, zur
Arbeit gemiethet, sich ausser dem Lohne vom Gutsherrn einen Scheiterhaufen
und ein Grabmal auszubedingen, falls ihn bei der Weinernte ein Unfall
treffen sollte. Anderswo waren ganze Landhaeuser von den schmiegsamen
Aesten eines einzigen Weinstocks umflochten, und in Rom lustwandelte man
in den Saeulenhallen der Livia im Schatten eines Weinstocks, der zwoelf
Amphoren Wein lieferte. In manchen Theilen Italiens zog man den Weinstock
an Pfaehlen, in noch anderen liess man ihn auf dem Boden kriechen, in all'
jener Mannigfaltigkeit der Behandlung, die auch heut noch dem Wanderer in
Italien auffaellt. Hier, meint Plinius, schimmerten purpurne Trauben aus
dem gruenen Laub hervor, dort leuchteten sie in rosenrothem Glanz, dort
endlich in saftigem Gruen. An dem einen Orte sah man runde, an dem anderen
laengliche, hier kleine, dort grosse, hier harte und dickschalige, dort
saftige und duennschalige Beeren. Manche Trauben hing man im Zimmer an
einem Faden auf, um sie laenger zu erhalten, andere versenkte man in suessen
Wein und liess sie sich so im eigenen Safte berauschen. Auch gab es
Trauben, die man raeucherte, aehnlich wie es mit manchen Weinen geschah.
Plinius erzaehlt, dass Kaiser Tiberius geraeucherte afrikanische Trauben ganz
besonders liebte.

Nach dem Sturze Roms zerfiel auch der Weinbau in Italien. Nachlaessig
wurden die Trauben geerntet, sorglos gekeltert, und der Most lange auf den
Trestern gelassen, damit der Wein jene dunkle Farbe erlange, wie sie im
Lande beliebt war. Solche Weine konnten sich nicht lange halten, wurden
von fremden Laendern daher auch nicht begehrt. Doch in neuester Zeit
beginnt sich das zu aendern; Weinbau und Weinbereitung in Italien sind in
erfolgreichem Aufschwung begriffen.

Die alte Sitte, den Wein in Schlaeuchen zu befoerdern und dann in Amphoren
aufzubewahren, hat sich jetzt auch im Sueden verloren. Hoelzerne Tonnen, die
zur Roemerzeit bei den cisalpinischen Galliern und den Alpenvoelkern in
Gebrauch waren, fanden ihren Weg damals schon nach Italien.

                                   III.

Das Bild von Bordighera schwebt der Erinnerung stets umrahmt in Palmen
vor, so wie man sich einst die alte syrische Stadt Palmyra nicht anders
als im Palmenschmuck vorstellen konnte. In der That gedeihen nirgends an
der Riviera die Dattelpalmen besser als in Bordighera. An der Ostseite des
Cap d'Ampeglio sind wahre Palmenwaeldchen zu sehen. Diese oestliche Bucht
ist ganz besonders gegen die Nordwestwinde geschuetzt. Zwischen den Mauern
palmenreicher Gaerten, ueber welchen schlanke Staemme ihre Krone neigen,
empfangen wir ganz afrikanische Eindruecke und koennen vergessen, dass uns
die volle Breite des Mittelmeeres von dem Lande der Oasen trennt.
Pietaetvoll wandern deutsche Reisende zu jener malerischen Palmengruppe
hin, die in einer halben Stunde Entfernung, oestlich von Bordighera, zu
Madonna della Ruota den Meeresstrand schmueckt. Es sind das die Palmen, die
Scheffel in seinem Liede "Dem Tode nah" besang, und unter welchen er ein
Grab sich traeumte. Sie stehen, einige zwanzig an der Zahl (nicht zwoelf,
wie es in dem Liede heisst), um eine alte Cisterne und erwecken an dem
einsamen, wilden Orte, von Meereswellen umspuelt, in der That poetisches
Empfinden. Dass dieses hier nicht allein ein deutsches Gemueth ergreift,
geht aus der Schilderung hervor, welche Charles Garnier, der Erbauer der
Pariser Grossen Oper und des Casinos in Monte Carlo, von diesem Ort in
seinen "_motifs artistiques de Bordighera_" entwirft. Der Stil der
Schilderung ist freilich etwas ueberschwaenglich und erinnert an jene
Verzierungen, welche die Garnier'schen "Prachtbauten" ueberreich schmuecken:
"Das ist der Ort, wohin ihr ziehen muesst, ihr Kuenstler; das ist die Staette,
die ihr sehen muesst, ihr Poeten; das ist der Erdwinkel, der euch fesseln
muss, ihr Alle, die ihr nach lebendigen und maechtigen Eindruecken strebt,
und die ihr findet, dass unser Herz hoeher schlaegt im Anblick der Natur!
Werden Erinnerungen an den Orient in euch schon wachgerufen, wenn ihr das
alte Bordighera und seine Umgebung durchwandert, so steht ihr hier nicht
mehr vor dem Vergleich, nicht mehr vor Aehnlichkeiten, nein, ganz Judaea
findet sich in diesem Eindruck verkoerpert. Das ist der Brunnen der
Samariterin, der Brunnen der Rebecca; das sind die Juden, die Apostel, das
ist Jerusalem, Nazareth, Bethlehem, die sich euch offenbaren in jenem
bescheidenen Flecken bordigherischen Vorgebirges." - Die sturmgepeitschten
Palmen um diese alte Cisterne, mit dem unvergesslichen Hintergrund des
Meeres, haben zahlreichen Malern schon das Motiv zu stimmungsvollen
Bildern gegeben. Es verursachte daher in Kuenstlerkreisen einige Aufregung,
dass der Ort, vom deutschen Kunstgaertner Ludwig Winter angekauft, in einen
Garten verwandelt werden sollte. Die endliche Verwerthung des Grundstueckes
in so dicht bevoelkerter Gegend war aber nicht zu vermeiden; es muss noch
als ein besonders gluecklicher Zufall angesehen werden, dass dieser schoene
Flecken Erde in kunstsinnige Haende gelangte. Herr Winter hat dem aeussersten
Vorsprung des Vorgebirges, das die Scheffel-Palmen traegt, seinen
urspruenglichen Charakter gelassen und den Garten harmonisch zu der
Umgebung gestimmt. - Anemonen, Reseda, Nelken und ueppig bluehende
Rosenstraeucher decken jetzt den Abhang; grosse Palmen, die man hierher
verpflanzte, entspringen dem zuvor so kahlen Boden; um einen weiten
Wasserbehaelter, wie man sie an der Riviera oft sieht, ist eine Pergola
errichtet, zu deren Saeulen die Palme den architektonischen Gedanken gab.

Im alten Testament werden die Dattelpalmen mit stolzen Koenigstoechtern
verglichen. Nicht allen Dattelpalmen in den bordigherischen Gaerten kommt
aber so edle Gestalt zu. Es haengt das mit der Behandlung zusammen, welche
die meisten Dattelpalmen hier erfahren. Man nimmt ihnen alljaehrig einen
Theil ihrer Wedel. Die Familie Bresca in San Remo erhielt schon im
sechzehnten Jahrhundert vom Papst Sixtus V. das Privilegium, Palmenwedel
fuer den Palmsonntag nach Rom zu liefern, angeblich eine Belohnung fuer den
Schiffscapitaen Bresca, der im Jahr 1586, waehrend der Aufstellung des
Obelisken auf dem Sanct Petersplatz, als die trockenen Taue zu versagen
drohten, durch den rechtzeitigen Ruf: "Wasser auf die Taue!" dem
Baumeister Fontana aus schwerer Verlegenheit half. Die Familie Bresca liess
ihre Palmen in Bordighera ziehen, in dessen sandig-lehmigen Boden die
Dattelpalme besser als in dem schweren Lehmboden von San Remo gedeiht. So
reicht die Palmenindustrie Bordigheras bis in das Mittelalter zurueck, und
auch heute noch ist es dieser Ort, der die meisten Palmenwedel zur Feier
des Palmsonntags nach Rom entsendet. Den Palmenwedel hat die christliche
Kirche, wie so viele andere Symbole, der Bildersprache des Orients, des
Heidenthums und des Judenthums entnommen, und wie Palmenwedel bei den
Festen des Osiris in Aegypten, bei dem feierlichen Einzuge der Koenige und
der Koenigshelden in Jerusalem und bei den olympischen Spielen prangten, so
schmuecken sie heute noch am Palmsonntag die Altaere katholischer Kirchen.

Statt frei in den Lueften ihre Wedel zu schaukeln, muessen die meisten
Palmen zur Herbstzeit es erdulden, dass ihre Krone im Innern
pferdeschweifartig zusammengebunden werde. Diese Behandlung bezweckt eine
bestimmte Ausbildung der neu hervorwachsenden Wedel. Nicht alle Palmstaemme
sind fuer diese Behandlung gleich geeignet, und unter den geeigneten werden
noch solche unterschieden, die mehr fuer den katholischen und solche, die
mehr fuer den juedischen Ritus sich schicken. Denn auch die Juden brauchen
Palmenwedel bei dem Laubhuettenfest. Der Bordighese bezeichnet kurzweg die
eine Dattelpalme als "_Cattolica_", die andere als "_Ebrea_". - Die
Blaetter der katholischen Palme sind schlanker, die der juedischen kuerzer
und gedrungener. An der katholischen Palme bindet man die mittleren Wedel
fest zusammen, damit die neuen Wedel bei thunlichstem Lichtabschluss sich
entwickeln und so moeglichst farblos bleiben. Denn bei der Feier des
Palmsonntags sollen sie nicht allein ein Siegeszeichen, sie sollen auch
ein Bild himmlischer Reinheit sein. Im Dunklen werden solche Wedel auch
schlank und lang; sie laufen spitz an ihren Enden aus und bleiben biegsam
und weich, so dass sie leicht in beliebige Formen geflochten werden koennen.
An den juedischen Palmen werden die aelteren Blaetter weniger stark
verbunden, das Licht ist somit von den juengeren Blaettern nicht ganz
ausgeschlossen, diese koennen daher auch ergruenen. Sie bleiben zugleich
kuerzer, schliessen mit stumpfer Spitze ab und werden haerter. Mit dem
Palmenwedel verbinden die Juden beim Laubhuettenfest die Myrte und die
Bachweide zum Feststrauss und halten, waehrend dieser in der rechten Hand
geschwungen wird, einen "Paradiesapfel" in der Linken. Das Laubhuettenfest
ist urspruenglich das Erntefest der Juden. Es verlor aber in den fremden
Laendern diese seine Bedeutung und behielt nur die andere historische, die
ihm ebenfalls von Alters her zukam, eine Erinnerung an den goettlichen
Schutz waehrend der Wuestenwanderung zu sein. Die Wahl der vier "Arten" im
Feststrauss hat die mannigfaltigsten symbolischen Deutungen erfahren; sie
mochte vielleicht urspruenglich die Vegetation Palaestina's versinnbildlicht
haben. Durch religioese Vorschriften wurden die vier "Arten" spaeterhin in
starre Formen gefasst, und wie der Palmenwedel, so muessen auch die
Myrtenzweige und die Bachweide ganz bestimmte Gestalt besitzen. Die Myrten
im Besonderen werden fuer die rechtglaeubigen Juden in genau
vorgeschriebenen Formen gezogen. Der Zweig muss eine Hoehe haben, die drei
Handbreiten gleichkommt und die Blaetter in dreigliedrigen Wirteln tragen.
Sind die Wirtel aufgeloest, d. h. die Blaetter nicht zu dreien in gleicher
Hoehe befestigt, so ist der Zweig unbrauchbar. Eher geht es an, einen Zweig
zu benutzen, der die Blaetter nur zu zweien in gleicher Hoehe traegt. Ein
solcher Zweig ist im Nothfall zulaessig, steht aber im Preise weit hinter
der wahren "Hadassah" zurueck.

Die katholische Kirche hat sich in Betreff der Palmen, welche der
Palmsonntag verlangt, viel nachsichtiger gezeigt. In nordischen Laendern
hat der Buchsbaum, ja selbst der kaetzchentragende Weidenzweig, das
Palmenblatt ersetzt. An der Mosel wird der Buchsbaum geradezu als "Palm"
bezeichnet, und auch die aus Weiden gebundenen Festzweige heissen Palmen in
slawischen Laendern.

Die Palmen hatten im Winter 1890/91 eine schwere Probe an der Riviera zu
bestehen, als das Thermometer fuer mehrere Stunden auf 6 deg. C. unter 0
gesunken war. Besonders bewaehrten sich bis jetzt im bordighesischen Klima,
ausser den Dattelpalmen (_Phoenix dactylifera_), die canarische _Phoenix
canariensis_, die kalifornische _Pritchardia filifera_, die australische
_Livistona australis_ und die chinesische _Chamaerops excelsa_. Dass
ausserdem die Zwergpalme, _Chamaerops humilis_, gut in Bordighera gedeihe,
ist nicht wunderbar, da sie der Mittelmeerflora thatsaechlich angehoert; sie
ist unsere einzige europaeische Palme, in Sicilien heimisch. In Algier
deckt sie grosse Flaechen. Man suchte sie dort auszurotten, um den Boden fuer
neue Culturpflanzen zu gewinnen, jetzt sorgt man fuer ihre Verbreitung. Vom
laestigen Unkraut, als welches sie betrachtet wurde, ist sie zu einer
wichtigen Nutzpflanze avancirt. Entsprechend zubereitet, liefern naemlich
die Blaetter der Zwergpalme sehr elastische Fasern, die gleich Pferdehaaren
zum Ausstopfen der Moebel und Matratzen dienen koennen. Den Pferdehaaren
gegenueber zeichnen sie sich nicht nur durch ihre Billigkeit, sondern auch
dadurch aus, dass sie nicht von Motten befallen werden. Im Gegensatz zu den
Phoenix-Arten, die gefiederte Blaetter besitzen, sind die Pritchardien,
Coryphen, Chamaerops-Arten mit faecherfoermigen Blaettern versehen. Ihr
Aussehen weicht somit nicht unwesentlich von demjenigen der Dattelpalmen
ab, so dass ihre Acclimatisation an der Riviera auch in landschaftlicher
Beziehung als ein Gewinn betrachtet werden kann. Zu bedeutender Hoehe ist
in zahlreichen Gaerten die _Chamaerops excelsa_ bereits emporgewachsen. Sie
gehoert zu den haertesten der eingefuehrten Arten, so dass sie ohne Bedeckung
selbst das Klima der Insel Wight vertraegt. _Pritchardia filifera_ ist der
zahlreichen weissen Faeden wegen, die den Blattraendern entspringen, sehr
beliebt, verbreitet sich demgemaess auch rasch an der ganzen Riviera. Zu den
haeufigsten Palmen duerfte dort auch bald die _Phoenix canariensis_ gehoeren,
welche der Dattelpalme sehr aehnlich ist, sich aber vor ihr durch
gedraengteren ueppigeren Wuchs und kraeftigere Blattentwickelung auszeichnet.
- An geschuetzten Stellen der Riviera gedeihen auch verschiedene Arten der
Palmengattung Cocos, so _Cocos flexuosa_, und _Romanzoffiana_ mit aeusserer
eleganter Tracht, auch die blaugruene _Cocos australis_. Die echte
Cocospalme (_Cocos nucifera_), welche die Cocosnuesse liefert, kommt hier
hingegen, sowie auch an den Suedraendern des Mittelmeers, nicht fort. Ihre
Cultur ist nur innerhalb der Wendekreise moeglich. In der Form ihrer
Blaetter stimmen die Cocospalmen mit den Dattelpalmen ueberein. Aehnliche
Blaetter haben auch die Areca-Arten (_Areca sapida_, _Baueri_), welche an
der Riviera gut aushalten. Es sind das nahe Verwandte der Betelnusspalme
(_Areca catechu_), welcher die Betelnuesse entstammen, jene Nuesse, die mit
Kalkpulver bestreut, und in Blaetter des Betelpfefferstrauchs (_Piper
Betle_) gewickelt, von Jung und Alt in Suedasien gekaut werden. Zu den
Palmen mit faecherfoermigen Blaettern, welche die Gaerten der Riviera zieren,
gehoeren auch zwei Livistona-Arten, die _Livistona chinensis_ und
_australis_, mit maechtigen Blaettern, Palmen, die haeufig in unseren
Gewaechshaeusern anzutreffen sind. Schoen macht sich unter den anderen
Faecherpalmen der Riviera die blaugruene _Brahea Roezli_, dann die
stattlichen Sabal-Arten, deren zaehe Fasern fuer Seilerwaaren, Huete, Koerbe
und Saecke verwandt werden, auch die wichtige Carnaubapalme Brasiliens, die
_Copernicia cerifera_. Mit den Blaettern dieser Palme wird in der
brasilianischen Provinz Ceara ein grosser Theil der Huetten gedeckt, ihre
Fasern aehnlich wie Stroh verwandt, der harte Stamm liefert Bau- und
Tischlerholz, die Wurzeln ein Heilmittel, die bitteren Fruechte dienen als
Nahrung, aus dem Saft wird Sirup und Arrak bereitet, kurzum diese Palme
zeigt uns so recht ein Bild von dem Nutzen, den eine einzige Art dieser
segensreichen Pflanzenfamilie in den Tropen stiften kann. Ihren Artennamen
_cerifera_, sowie ihren deutschen Namen dankt aber die Wachspalme ihrem
wichtigsten Erzeugniss, dem vegetabilischen Wachs, das sie in Schuppenform
aus ihren Blaettern ausscheidet. Diese Schuppen werden von jungen,
getrockneten Blaettern abgeklopft und dann in Wasser gekocht, auf dessen
Oberflaeche das fluessige Wachs sich sammelt. Man versetzt es mit Talg und
formt es zu Kerzen, welchen beim Brennen ein angenehmer Duft entstroemt.

Bordighera begnuegte sich nicht damit, seine Palmwedel fuer Cultuszwecke zu
ziehen, es suchte sie auch im Kunsthandwerk zu verwerthen. So entstand die
Palmenflechterei, die in letzter Zeit Dank dem Winter'schen Einfluss, eine
ungeahnte Entwickelung nahm. In der Winter'schen Kunstgaertnerei wird jetzt
die Palmenflechterei im Grossen betrieben. Die Dattelpalme, die
Chamaerops-Arten, _Livistona australis_ und _Pritchardia filifera_ geben
im Besonderen das Material dazu her. Zur Verwendung kommen Blattspreiten,
Blattstiele und Blattscheiden dieser Pflanzen, und wo Behaelter noethig,
helfen auch wohl Flaschenkuerbisse aus. Alle Theile der Palmen werden
entsprechend gebogen und dann getrocknet, und hierauf zu Blumenvasen,
Ampeln, Koerbchen, Fruchtschalen, Lichtschirmen und anderen zierlichen
Gegenstaenden stilgerecht vereint.

Auch die Nachtigallen an der Riviera suchen Nutzen aus der neuen
Palmen-Cultur zu ziehen. Sie fanden heraus, dass die langen grossen Faeden am
Blattrand der Pritchardien fuer Nesterbau vortrefflich geeignet sind. Sie
zwicken sie ab und tragen sie zusammen, um sich aus denselben ihr
fluechtiges Heim zu flechten. -

                                   IV.

Die zahlreichen Ausfluege, die sich landeinwaerts von den Stationen der
Riviera unternehmen lassen, haben in den Reisehandbuechern bis jetzt eine
hoechst unvollkommene Behandlung erfahren. Meist findet man in denselben
nur eine Aufzaehlung der etwa zu besuchenden Orte, wobei die naechste, oft
lohnendste Umgebung vernachlaessigt ist, entferntere, beschwerliche, nicht
immer lohnende Touren besonders empfohlen werden. Da die Wirksamkeit der
Alpenvereine sich andererseits nicht bis zur Riviera erstreckt, die
Wegweiser dort fehlen, die Einheimischen nur selten Auskunft ueber den Weg
und niemals ueber die Schoenheit desselben zu ertheilen vermoegen, so waeren
grade fuer jene Gegenden gut orientirende Reisebuecher sehr erwuenscht. Unter
den gegebenen Umstaenden kann aber nur ein wiederholter Besuch der Riviera
denjenigen, der es gelegentlich nicht scheut, unnuetz umherzuirren, in all'
die Reize dieser zauberhaften Gegend einweihen.

So muesste jeder Reisende, der fuer Naturschoenheit empfaenglich ist und einige
Muehe nicht scheut, von Mentone ueber Gorbio nach Roccabruna wandern. Meist
begnuegt sich aber selbst der unternehmendste Tourist mit einem Ausflug
nach Castellar und kommt im Gorbiothal nicht ueber Gorbio hinaus, weil er
nicht weiss, dass er seinen Weg dort fortsetzen sollte. Und doch entfaltet
sich erst jenseits von Gorbio die volle Pracht der grossartigen Landschaft.
Der ganze Ausflug duerfte fuenf Stunden in Anspruch nehmen; es empfiehlt
sich, ihn am Nachmittag zu unternehmen. Bis nach Gorbio fuehrt jetzt eine
schoene Fahrstrasse. Sie beginnt zu steigen am Alexandra-Hotel und folgt in
zahlreichen Windungen dem Thale. Dieses Thal ist ueberaus fruchtbar; ein
ansehnlicher Bach durchstroemt dasselbe. Erst ist es breit, verengt sich,
indem es aufsteigt. Villengaerten stossen an die Strasse, dann bescheidene
Bauerngueter. Bluehende Pflanzen neigen sich ueber die Mauern vor. Erst die
vornehmen Pflanzen der Reichen; dann der Goldlack, die Levkoye, die
Pelargonie und die Anemonen, die auch der Aermere sich zieht. Einzelne
Cypressen, oft umrankt von Rosen, ragen hier und dort aus den Gaerten vor
und mahnen nicht selten an orientalische Landschaft. Citronen- und
Orangengaerten folgen aufeinander, dann Feigenbaeume. Hoeher hinauf beginnen
sich vereinzelt auch unsere Obstbaeume zu zeigen. Sie stehen im
Bluethenschmuck. Eigentlich ist ihnen auch in dieser Hoehe noch zu warm, sie
gedeihen gut erst bei Sant' Agnese, jenseits der Felsen, die das Thal im
Norden sperren. Im Thale von Gorbio lohnt es sich, Pflanzen zu sammeln.
Ardoino, der Verfasser der Flora der Seealpen, gibt fuer die Thaeler, die
bei Mentone muenden, mehr als tausend verschiedene, wild wachsende Arten
an. Man muesste fast ganz Irland und Schweden durchstreifen, um ebenso viel
verschiedene Pflanzen zu finden, als hier auf etwa fuenfzehn Quadratmeilen
beisammen wachsen. - Ungewoehnlich reich sind die Thaeler von Mentone an
Orchideen, und diese bluehen ja fast saemmtlich im Fruehjahr. Viele sonst
seltene Farne sind hier auch zu finden. Der Botaniker sucht mit Vorliebe
nach einem kleinen Nacktfarn, der zu derselben Gattung wie die Gold- und
Silberfarne unserer Gewaechshaeuser gehoert, der _Gymnogramme leptophylla_.
Der Pflanzenliebhaber freut sich mehr noch ueber das _Adiantum Capillus
Veneris_, das Venushaar, das mit seinen zarten Wedeln die feuchten
Vertiefungen der Felsen ziert. - Ein alter gepflasterter Weg kuerzt oben im
Thale die neue Strasse von Gorbio ab. Er steigt in Olivenhainen empor. An
einer seiner Windungen taucht ploetzlich Gorbio auf, ganz in der Naehe. Es
kroent einen steilen Huegel, der von Oliven bedeckt ist. Ein Amphitheater
maechtiger zackiger Felsen umrahmt dieses Bild von seltener malerischer
Schoenheit. - Wir steigen auf zu dem Orte, durchschreiten den Platz, dem
eine alte Ulme ihren Schatten spendet, wenden uns dann links und schlagen
den Fussweg ein, der, an einem offenen Brunnen vorbei, der Berglehne folgt.
Nach kaum halbstuendigem Aufstieg haben wir das weit sichtbare Kreuz
erreicht, das hoch oben, am vorspringenden Bergesrande dem Wetter trotzt.
Bei stark wehendem Mistral ist es kaum moeglich, an jener Stelle zu weilen;
das zersplitterte Kreuz, welches nur noch einen seiner Arme gegen den
Himmel streckt, zeugt von der Gewalt der Stuerme, die dort oben hausen.
Bereits von diesem Kreuze aus ist der Blick ueberwaeltigend schoen. Er umfasst
die saemmtlichen Thaeler, die bei Mentone muenden. Auf den Hoehen sieht man
jene wilden Ortschaften thronen, Burgen der Grimaldi und der Lascaris, die
einst diese Thaeler beherrschten; man umspannt mit dem Blicke den ganzen
Halbkreis steil aufsteigender Berge, welche die Thaeler maechtig umfassen
und eine undurchdringbare Schranke fuer das Auge bilden, das hingegen nach
Sueden zu unbegrenzt ueber dem blauen, endlosen Meere schweift. Eine weitere
Steigerung der Eindruecke haelt man nicht fuer moeglich, man kann sich schwer
von dieser Stelle trennen, und doch gewinnt das Bild noch an erhabener
Groesse, betrachtet von dem Bergruecken, der jetzt in suedlicher Richtung nach
Roccabruna fuehrt. Dann verschieben sich gegen einander, wie maechtige
Decorationen, die Felsriesen, die den Hintergrund der Thaeler schliessen,
und die Umrisse des Bildes werden immer reicher, immer bewegter. Bald
tritt im Mittelpunkte der Landschaft, am Nordabhange des maechtigsten
dieser Berge, Sant' Agnese hervor, ein ansehnliches Dorf, das in
schwindelnder Hoehe, wie ein Schwalbennest am Felsen, ueber dem Abgrund zu
haengen scheint. Wer konnte das Dasein dieses Ortes ahnen; ist er doch
gegen das Meer hin von dem Felsen ganz verdeckt, an den er sich klammert.
Dieser Felsen sollte ihn auch schuetzen und verbergen vor den spaehenden
Blicken der Saracenen, welche einst das tyrrhenische Meer durchkreuzten.
Und doch war es ein Saracenenhaeuptling Harun, der im zehnten Jahrhundert,
der Sage nach, die Burg erbaute, deren Ruinen den Bergesgipfel kroenen.
Doch nicht als Feind kam er hierher, sondern von der Liebe zu einer
Christin ueberwaeltigt, die er, selbst zum Christenthum bekehrt, zu seiner
Gattin machte.

Selbst wer den schoensten Theil Sueditaliens kennt, wird sicher die volle
Macht dieser herrlichen, so typisch italienischen Landschaft empfinden.
Und wie wird der Eindruck noch gesteigert, wenn gegen Sonnenuntergang sich
die Gipfel der Berge zu roethen anfangen, lange dunkle Schlagschatten in
die Thaeler fallen und Sant' Agnese in goldigem Licht auf dem grauen Fels
zu gluehen beginnt.

Doch die Zeit draengt, denn die Sonne im Westen ist lange schon hinter der
_Tete de chien_ verschwunden; die Nachtschatten senken sich hinab in die
Schluchten, waehrend ein langer steiniger Weg uns von Cabbe-Roquebrune, der
Eisenbahnstation, noch trennt.

In Cabbe-Roquebrune auf dem Bahnhof erwartet uns ein botanischer Genuss.
Ueber einer hohen Mauer am Abhang stehen maechtige Judasbaeume (_Cercis
siliquastrum_) und senken abwaerts ihre bluethenbeladenen, noch laubfreien
Zweige. Die schoenen, dicht gedraengten Bluethen entspringen auch dem alten
Holze, so dass die ganze Baumkrone wie ein einziges Blumengewinde
erscheint, von rosenrother Farbe. Dieser Baum ist in Suedeuropa zu Hause,
sehr haeufig sieht man ihn in Palaestina die Gaerten um Jerusalem schmuecken,
was wohl Veranlassung zu der Sage gab, Judas habe sich an demselben
erhaengt.

                                    V.

Bezaubernd schoen ist Mentone, wenn man es vom Pont St. Louis aus
betrachtet. Das Bild gehoert zu den eindrucksvollsten der ganzen Riviera.
Doch muss man es am Morgen betrachten, wenn die Sonne das alte Mentone von
Osten her bescheint. Man folgt von Mentone aus in oestlicher Richtung der
Landstrasse und waehlt ihren linken Arm, dort, wo sie sich gabelt. Man
steigt dann sanft in die Hoehe, zwischen Villen und Mauern. Gibt es nicht
zu viel Staub auf der Strasse, so ist diese Wanderung ein Genuss. Denn die
angrenzenden Gaerten strotzen von ueppigen Gewaechsen, und ueberall draengt
sich der Ueberfluss derselben bis auf die Strasse. Die Pflanzen finden keinen
Platz mehr in der eingeengten Umfriedung und streben hinaus ins Freie.
Rosenrothe und feuerfarbige Pelargonien neigen sich ueber das Gitter, dort
haengt ein Rosenstrauch ueber dasselbe hinaus und traegt unzaehlige Bluethen.
Weiter ist eine ganze Mauer bis unten hinab mit einem epheublaetterigen
Kranichschnabel, dem _Pelargonium peltatum_, bedeckt, welcher so ueppig
blueht, dass die Blaetter unter den blassrothen Bluethen verschwinden. Jener
Strauch, der im grazioesen Bogen ueber eine andere Mauer sich beugt und
aehrenfoermige Rispen gelber Bluethen traegt, ist eine chinesische Buddleia
(_Buddleia Lindleyana_). Die ganze Strasse duftet jetzt nach Heliotrop, der
an dem Gelaender emporklettert; weiter ist es wieder eine Pergola
safrangelber Rosen, welche der Strasse folgt. Mit ihren fleischig dicken
Stengeln und Blaettern und ihren grossen rothen oder gelben Bluethen schmueckt
dort die Mittagsblume (_Mesembryanthemum __ acinaciforme_) eine Mauer.
Dann schliessen Citronen- und Orangenbaeume sich an, die mit Fruechten reich
behangen, auch schon ihre duftigen Bluethen entfalten. Wir kommen an dem
kleinen franzoesischen Zollhaus vorbei und erreichen alsbald unser Ziel. In
kuehnem Bogen schwebt die Bruecke San Luigi ueber der Schlucht, welche
Frankreich von Italien trennt. Der Blick von hier auf Mentone ist in der
That von ergreifender Schoenheit. Die alte Stadt deckt einen schmalen Grat,
der sich bis zum Meere senkt. Dicht gedraengt steigen die Haeuser an ihm
auf, ueber- und nebeneinander. Alle sind sie im italienischen Style gebaut,
mit Loggien, Balkonen und Terrassen, trotzdem alle verschieden an Gestalt
und Groesse, scheinbar gesetzlos zu einer einzigen Masse vereint. Jedes
zeigt eine andere Faerbung; im hellen Glanz der Sonne verschmelzen aber die
Gegensaetze und die ganze Stadt leuchtet fast weiss in die Ferne. Aus der
Haeusermasse ragt die Kirche mit ihrem schlanken Glockenthurm hervor. Und
welch eine grossartige Einfassung zeigt dieses Bild! In weiter Ferne, kaum
noch sichtbar, profilirt sich im nebeligen Umriss das zackige Esterel. Dann
weicht die Kueste vor dem Meere zurueck und erst die _Tete de chien_ ueber
Monaco bietet ihm wieder Trotz. Sie scheint an der Kueste Wache zu halten.
Dann folgen maechtige, majestaetische Berge und ruecken immer naeher auf
Mentone zu. Das Cap Martin streckt sich wie ein gruensammetnes Band vor in
die blaue See, und hinter Mentone steigen die zackigen Felsenriesen auf
und leuchten in der Sonne im blaeulichen Grau. Dann folgen tiefer gruene
Schluchten, wo helle Olivenhaine mit dunklen Citronengaerten abwechseln und
an den Abhaengen weisse Doerfer verborgen im Laub. Kahle Bergruecken glaenzen
grell in der Naehe, von gruenen Kiefernwaeldern stellenweise wie von Oasen
bedeckt. Der Vordergrund entzueckt uns durch seine Farbenpracht, denn der
untere Theil der Schlucht, ueber der wir schweben, ist in einen Garten
verwandelt. In Stufen steigt er auf, und der Boden verschwindet ganz unter
Bluethen. Hell- und dunkelrothe Geranien, dicht aneinander gedraengt,
kugelige Chrysanthemum-Straeucher (_Chrysanthemum frutescens_) mit
tausenden von Bluethen wie mit weissen Sternen uebersaeet. Dann ein Judasbaum,
ganz in Bluethen gehuellt, der seine rosenrothen Aeste ueber die weissen
Chrysanthemen neigt. Ein gelbbluethiger Rosenstrauch, der den rosenrothen
Judasbaum erklimmt; schlanke Bambusen wie Federbuesche in die Luefte ragend;
daneben Faecherpalmen. Dunkelgruene, schlanke Cypressen; ein Pfefferbaum mit
hellgruenen, zartgefiederten Blaettern an den haengenden Aesten; dunkelrothe
Bougainvilleen an den aufsteigenden Waenden: ein wahres Kaleidoskop. Hohe
Dattelpalmen ragen aus der Schlucht hervor und umrahmen das Bild von
Mentone, phantastische Opuntien naechst der Bruecke bilden den ersten
Vordergrund. Und dieses ganze farbenreiche Bild taucht mit seinem Rande in
die dunkelblaue Fluth. Eine frische Brise weht uns vom Meer entgegen, der
Fruehling blickt mit allen seinen Blumenaugen aus der Schlucht empor. Es
stimmt so harmonisch und heiter dieses hehre Bild. Daher wir es auch
vergessen moechten, dass dort ueber Mentone, wo weisse Steine und dunkle
Cypressen zwischen grauen Mauern sich erheben, ein Ort der Trauer ist. Ein
Schloss der Grimaldi stand einst auf dieser Hoehe, zwischen seinen Truemmern
und Umfassungsmauern ist dann der Friedhof entstanden. Er beherrscht
diesen sonnigen Strand, wie einst die maechtige Burg ihn beherrschte: ein
Wahrzeichen des heutigen Mentone. Ich suche die Gedanken von dieser Stelle
abzuwenden, doch unablaessig kehren sie zu derselben zurueck. Denn trauriger
hat mich ein Friedhof nie gestimmt wie dieser dort, mit seinen in Blumen
ganz versteckten Graebern. Kaum kann es einen maechtigeren Widerspruch geben
zwischen der freudig sonnigen Natur und dem jaehen Tode. Dieser Gegensatz
presst Einem das Herz zusammen. Und aus allen Theilen der Welt eilten jene
zusammen, die auf diesem Friedhof ruhen. In der Bluethe der Jahre, fern von
ihrer Heimath, legten sie sich unter Jasmin und Rosen zu ewigem Schlaf. Ob
ihnen wohl die Erde leichter wird, weil die Blumen nie auf derselben
verwelken? Die Rosen im besondern draengen sich dort ueberall vor: weisse,
gelbe, blutigrothe, und sie verbreiten einen betaeubenden Duft. Als ich
einst diesen Friedhof besuchte, da strahlte die Welt in Fruehlingsglanz und
jauchzte es von Leben in den Lueften. Da war es besonders traurig zwischen
diesen blumenreichen Graebern. Auf einem frisch errichteten Denkmal sass ein
junger Bildhauer, meisselte das Antlitz eines zarten Maedchens in den Stein
und sang dazu ein froehliches Lied. Ich blieb vor dem Grabe lange stehen:
es war wie in einer Shakespeare'schen Tragoedie.

Hoch ragen ueber der Bruecke San Luigi die zackigen Felsen empor, welche die
Schlucht umfassen. Sie selber steigt hier ploetzlich auf, unvermittelt in
romantischer Wildniss. Ein einzelner Felsenkegel erhebt sich aus ihrer
Mitte und endet mit spitzem Gipfel. Zahlreiche Grotten versenken sich in
den Stein. Rosmarin und Wolfsmilch, Wachholder und grossbluethige Malven
(_Lavatera maritima_) klammern sich an jeden Vorsprung der Felsen an und
beleben ihre Eintoenigkeit. Unten gruent Alles von ueppigem Pflanzenwuchs.
Ein kleiner Bach rauscht abwaerts in den Felsenspalten und bildet dann
zierliche Wasserfaelle. Ein Theil des Wassers wird in einen kleinen
Aquaeduct gefasst, der in malerischen Windungen abwaerts laeuft, dann mit
gewoelbtem Bogen den Bach ueberschreitet. Wie effectvoll Alles vereint in
diesem engen Raume: es ist fast wie eine Theaterdecoration!

An jener so ueberaus warmen Stelle der Riviera bildet diese Felsenschlucht
wohl noch den waermsten Ort. Durch hohe Berge geschuetzt und umfasst, steht
sie den suedlichen Winden nur offen. In dieser Schlucht beginnen schon im
December die Veilchen zu bluehen. Die Schwalben verlassen sie nie. Die
Eidechsen sollen ihres Winterschlafs hier vergessen. An Nahrung ist stets
Ueberfluss. Insekten durchschwirren die Luft, und die Spinne spannt ihr
Netz auch im Winter, um sie zu fangen.

                                   VI.

Niemand sollte es versaeumen, von Bordighera oder von Mentone aus, einen
Ausflug nach La Mortola, dem Garten des Herrn Thomas Hanbury, zu
unternehmen. Der Eintritt wird Montag und Freitag Nachmittag gegen Zahlung
von je einem Franc gestattet. Dieses Geld dient zur Unterstuetzung des
Krankenhauses von Ventimiglia. Wer eingehende Studien im Garten machen
will, erhaelt hierzu vom Besitzer jederzeit Erlaubniss. Frueher Eigenthum der
Familie Orengo in Ventimiglia, traegt auch heute noch die schoene Villa im
Garten, welche Herr Thomas Hanbury bewohnt, den Namen des Palazzo Orengo.
Als Herr Hanbury diese Besitzung im Jahre 1866 erwarb, war sie von einem
mageren Olivenhain bedeckt. Ludwig Winter hat sie in den feenhaften Garten
verwandelt, der jetzt den Besucher entzueckt. Der Garten deckt eine Flaeche
von ungefaehr vierzig Hektaren und faellt von der Kunststrasse, welche das
Dorf Mortola in hundert Meter Hoehe durchzieht, bis zum Meere ab. Die in
dem Numullitenkalk tief gerissene Schlucht, an welche die Besitzung
anlehnt, gewaehrt ihr Schutz gegen die Winde und ermoeglicht die
Entwickelung einer so ueppigen Vegetation, wie sie auch an der Riviera kaum
ihres gleichen findet. Freilich musste durch kuenstliche Bewaesserung
vorgesorgt werden, dass die lange Duerre des Sommers nicht verhaengnissvoll
fuer die Pflanzen werde. Denn man rechnet in La Mortola ueber zweihundert
Tage im Jahr, an welchen der Himmel voellig wolkenlos bleibt, und auch
innerhalb des winterlichen Halbjahres gibt es nur etwa vierzig Regentage.

Es waere ein gewagtes Beginnen, wollte ich an dieser Stelle alle die
zahlreichen Pflanzenformen schildern, welche der Garten von La Mortola
birgt. Es kommt mir nur darauf an, die Reichhaltigkeit desselben
hervorzuheben. Was aber diesen Garten insbesondere belehrend macht, ist
der Umstand, dass alle Pflanzen Schilder tragen, auf welchen ihr Name, der
abgekuerzte Name des Autors, der sie benannte, ihre Heimath, sowie die
Familie, der sie angehoeren, angegeben ist. So kann jeder Besucher des
Gartens erfahren, wie die Pflanze heisst, die ihm durch ihre Schoenheit oder
ihren Wohlgeruch auffaellt, eine Pflanze, nach deren Namen er vielleicht
vergeblich schon in manchem anderen Garten der Riviera forschte. Herr
Hanbury ist bemueht, seinem Garten auch wissenschaftlichen Werth zu
verleihen und sucht unaufhoerlich neue, interessante, technisch wichtige
oder durch ihre Heilkraft ausgezeichnete Gewaechse fuer denselben zu
erwerben. Ein kenntnissreicher deutscher Gaertner, Gustav Cronemeyer,
stellte vor einigen Jahren ein wissenschaftliches Verzeichniss aller
Pflanzen des Gartens auf. Dieses Verzeichniss umfasst ueber 3600 Arten. Es
wurde an alle botanischen Anstalten der Welt versandt, mit der
Aufforderung, aus den Schaetzen des Gartens fuer wissenschaftliche Zwecke zu
schoepfen. Auch die Samen und Fruechte des Gartens erntet man alljaehrig, um
sie wissenschaftlichen Anstalten dienstbar zu machen. Da Herr Hanbury
gleichzeitig stattliche Schulgebaeude in La Mortola errichtet, da er
neuerdings auch ein schoenes botanisches Institut in Genua erbauen liess, um
es der dortigen Universitaet zu schenken, so laesst sich wohl behaupten, dass
er einen edlen, nachahmenswerthen Gebrauch von seinen Reichthuemern macht.
Leider ist der eifrige Leiter des Gartens, Gustav Cronemeyer, vor kurzem
gestorben, und gewaehrt es nur einen Trost, dass sein Nachfolger, ebenfalls
ein deutscher Gaertner, Herr Dinter, mit gleichem Eifer in seine Spuren
tritt.

Gerade im Fruehjahr ist es, wo der Garten von La Mortola in vollstem
Bluethenschmucke prangt. Besonders tragen die Akazien dazu bei, ihn um jene
Zeit so ueppig zu verzieren. Ueber neunzig Arten der Gattung _Acacia_
stehen da in Cultur, von den fein gefiederten, mimosenartigen an, deren
Blaettchen jeder Windhauch in Bewegung setzt, bis zu jenen starrend
stachlichen Arten, welche schon durch ihren botanischen Namen als
"bewaffnet" (_armata_), "struppig" und "schauerlich" (_horrida_)
hinreichend gekennzeichnet werden. Manche Akazien sind von gelben Bluethen
so ueberdeckt, dass das gruene Laub unter denselben fast verschwindet, und
die meisten verbreiten zur Bluethezeit ein liebliches Aroma. Benennungen
wie "lieblich", "angenehm" (_suaveolens_) zeichnen noch besonders einzelne
Arten aus. Der hoechste Preis des Wohlgeruchs gebuehrt aber unstreitig der
tropisch-amerikanischen _Acacia Farnesiana_, welche ihre veilchenduftenden
Bluethenkoepfchen den ganzen Winter ueber treibt. Diese Bluethenkoepfchen
dienen in Grasse und in Cannes unter dem Namen "_fleurs de cassie_" in
ausgiebiger Weise den Zwecken der Parfuemerie. Den Namen "_Farnesiana_"
erhielt diese schon lange in Suedeuropa bekannte Pflanze wohl daher, dass
sie in den farnesianischen Gaerten in Rom zuerst gezuechtet wurde. - Durch
ihr zartes, zierliches, doppeltgefiedertes Laub von blaeulich gruener Farbe,
faellt hier, wie auch an den anderen Stellen der Riviera, die _Acacia_ oder
_Albizzia Julibrissin_ auf, ein stattlicher Baum vom Aussehen einer
Mimose, dessen hellviolette Bluethenkoepfchen aber erst im Juli zur
Entfaltung kommen. Sie stammt von der Suedkueste des kaspischen Meeres, ihr
Arten-Name ist persisch und bedeutet Seidenblume. - Von der
suedafrikanischen steifen _Acacia horrida_ stammt eine geringe Gummisorte,
die als Capgummi bekannt ist. Das feinste Gummi arabicum tritt aus der
Rinde der senegambisch-kordofanischen _Acacia Senegal_, aehnlich wie bei
uns Kirschgummi aus der Rinde von Kirschbaeumen, hervor.

Durch ein ganz besonders feines Aroma zeichnet sich in dem Garten von La
Mortola ausser der _Acacia Farnesiana_ ein gelbbluehender Strauch, die
_Pteronia incana_ vom Cap aus, welche zu derselben Abtheilung der
Compositen wie unsere Astern gehoert, deren Bluethenkoepfchen aber einen, man
koennte fast sagen, vergeistigten Aprikosenduft verbreiten. Sehr
wohlriechend in allen seinen Theilen ist ein anderer Strauch vom Cap, die
Rutacee _Diosma fragrans_. Nicht umsonst hat sie, so wie ihre naechsten
Verwandten, die bei uns viel in Gewaechshaeusern cultivirt und als
Bouquetgruen benutzt werden, den Namen _Diosma_, d. h. "Goetterduft",
erhalten. Ein chilenischer Strauch mit kleinen gelben Bluethen, die
Flacourtiacee _Azara microphylla_, wird wegen seines vanillenartigen
Duftes in der Heimath "Aromo" genannt. Eine krautartige Salbeiart, die
_Salvia albocoerulea_, riecht wie feines Tafelobst. Verschiedene
Pelargonien, so namentlich das _Pelargonium roseum_ und _odoratissimum_,
verbreiten ein starkes rosenartiges Parfuem, wenn man ihre Blaetter
zerdrueckt. Geradezu betaeubt wird man an zahlreichen Stellen des Gartens
von dem Duft, der den kleinen weissen Bluethen vom _Pittosporum Tobira_
entstroemt. Diese Bluethen decken in grosser Zahl den baumartigen immergruenen
Strauch, der im Aussehen an den lorbeerartigen Schneeball (_Viburnum
Tinus_) unserer Gewaechshaeuser erinnert. Es gibt auch eine Art mit fast
schwarzen Bluethen, die fremdartig genug auf den Zuschauer einwirkt. -
Lieblich duftet, aehnlich wie unsere wohlriechende Platterbse, ein
zierlicher Baum mit ueberhaengenden Aesten, der aus der Ferne ganz weiss
erscheint von reicher Bluethenfuelle. Es ist eine west-mediterrane
Ginsterart, _Genista monosperma_, die zu den anmuthigsten Pflanzenformen
im Fruehjahr an der Riviera gehoert. Ist auch zu jener Zeit der
Bluethenreichthum noch so gross, Jedem faellt, unter allen anderen, diese
Pflanze auf, die den Namen Bluethenregen fuehren sollte. Erscheint es da
nicht wunderbar, dass zu derselben Gattung, wie dieses so zart erscheinende
Gewaechs, auch die _Genista acanthoclada_ gehoert, ein Strauch der
griechischen Berge, der so stachelig ist, dass er fuer die Pflanze des
Tartarus gelten konnte: _Aspalathus_, nach der Insel Aspalathe an der
Kueste von Lycien genannt, lieferte er, der Sage nach, jene Ruthen, mit
denen die Gottlosen in der Unterwelt gepeitscht wurden.

Eigenthuemlich beruehren den Besucher des Gartens die Casuarineen, die in
grossen Exemplaren gleich unterhalb der Eingangstreppe stehen. Die
graugruenen feinen Zweige dieser Baeume haengen wie die Federn eines
Casuarschweifes herab und verschafften dem Gewaechs auch seinen Namen. Die
Zweige sind blattlos; die Ernaehrung des Baumes, die sonst von den Blaettern
besorgt zu werden pflegt, faellt hier somit den Zweigen zu. Diese sind
demgemaess auch gruen gefaerbt, d. h. sie fuehren jenen Farbstoff, das
Chlorophyll, dessen Anwesenheit fuer die Bereitung von Nahrungsstoff durch
die Pflanze nothwendig ist. Die Casuarineen bilden in Australien
ausgedehnte Waelder von sehr eigenem Aussehen. Wie so viele andere
australische Baeume vermoegen sie dem Boden nur spaerlichen Schatten zu
spenden. Die Bluethen dieser Gewaechse sind so klein und unansehnlich, dass
nur das kundige Auge sie an den Zweigen zu erkennen vermag. Das Holz der
Casuarineen zeichnet sich durch seine Haerte und seine Schwere aus und hat
daher den Eingeborenen zur Anfertigung von Streitkolben gedient.

Ein australischer Baum, der in den letzten Decennien ungemein rasche
Verbreitung ueber die Riviera gefunden hat und den der Garten von La
Mortola in nicht weniger als vierundzwanzig Arten besitzt, ist der
Eucalyptus. Jeder, der Italien einmal besuchte, kennt die Eucalypten, wenn
auch wohl nur die eine, ueberall vertretene Art derselben, den _Eucalyptus
globulus_. Auch dieser australische Baum gibt im Verhaeltniss nur wenig
Schatten; seine Blaetter sind zwar von ansehnlicher Groesse, sie haengen aber
an langen Stielen von den Zweigen senkrecht herab und koennen daher selbst
bei dichter Belaubung den Sonnenstrahlen nicht allen Durchgang verwehren.
Da auch der leiseste Windhauch diese Blaetter in Bewegung setzt, so
herrscht unter den Eucalyptusbaeumen ein eigenes zitterndes Zwielicht, das
allerdings erst in Eucalyptus-Waeldern voll empfunden wird. Die Eucalypten
gehoeren zu den Riesen der Pflanzenwelt, zu denjenigen Baeumen, welche
ueberhaupt die bedeutendste Groesse erreichen. In Australien sind Staemme von
_Eucalyptus amygdalina_ gemessen worden, deren Hoehe 156 Meter betrug und
somit genau derjenigen der Thuerme des Koelner Doms entsprach, die Pyramide
des Cheops aber um fuenf Meter, die Peterskirche in Rom sogar um mehr als
zwanzig Meter ueberstieg. Die Eucalypten wachsen auch an der Riviera
aeusserst rasch und ragen schon ueber ihre Umgebung weit empor, ungeachtet
ihre Anpflanzung hauptsaechlich erst Ende der sechziger Jahre erfolgte. Im
Garten von La Mortola erreichte ein _Eucalyptus globulus_ in sieben Jahren
neunzehn Meter Hoehe und fast anderthalb Meter im Umfang. Kein in Europa
sonst bekannter Baum vermag Aehnliches zu leisten. Trotz so raschen
Wachsthums zeichnet sich das Eucalyptusholz durch grosse Haerte aus. An
vielen Orten hat man Eucalypten angepflanzt, weil man der Ausduenstung
derselben besondere heilsame Kraefte zuschrieb. Thatsaechlich kommt aber den
aeusserst geringen Mengen von aetherischen Oelen, die sich um die Eucalypten
verbreiten, kaum eine merklich desinficirende Wirkung zu. Dadurch
hingegen, dass die Eucalypten rasch auf sumpfigem Boden wachsen und als
immergruene Pflanzen Sommer und Winter Wasser aus ihren Blaettern
verdunsten, tragen sie zu dessen Trockenlegung bei. Die Hoffnung, dass die
Extracte aus Blaettern und Rinde der Eucalypten das Chinin ersetzen wuerden,
war gleichfalls uebertrieben. Kommt auch diesen Extracten eine gewisse
febrifuge Wirkung zu und sind dieselben auch seit undenklichen Zeiten von
den Eingeborenen Australiens gegen Malaria verwandt worden, so stehen sie
doch dem Chinin ganz bedeutend nach. Im April sieht man die aelteren
Eucalyptusstaemme an der Riviera sich mit grossen weissen Bluethen bedecken,
welche durch ihre aeusserst zahlreichen, feinen und langen Staubgefaesse
auffallen. Der Kundige erkennt an diesen Bluethen, dass der Baum zu den
myrtenartigen Gewaechsen gehoert. Eine Eigenthuemlichkeit der Eucalypten ist
es, dass deren Bluethenknospen sich mit einem runden Deckel oeffnen, der als
gruene, weissbereifte Muetze abgeworfen wird. Diese Deckel sieht man im
Fruehjahr in grossen Mengen unter den Eucalyptusbaeumen liegen; sie
verbreiten, wenn man sie zertritt, einen sehr durchdringenden Geruch.
Neuerdings hat sich die Industrie auch dieser Gebilde bemaechtigt, und in
Bordighera sah ich Kreuze und Rosenkraenze, die aus trockenen,
aufgefaedelten Eucalyptusbluethen-Deckeln hergestellt waren.

Ganz junge Eucalyptusbaeume, wie man sie auch bei uns, innerhalb der
Gewaechshaeuser, sehen kann, zeigen zunaechst ein von den aelteren Baeumen
durchaus verschiedenes Aussehen. Kaum glaubt man dieselben Pflanzen vor
Augen zu haben. Die Blaetter sind breit, stumpf, stengelumfassend,
wagerecht gestellt, und erst an aelteren Zweigen treten an deren Stelle die
schmalen, zugespitzten, langgestielten Blaetter auf, die senkrecht abwaerts
haengen. Damit veraendert sich auch ihr innerer Bau. Zuvor zeigten sie
verschiedene Structur auf ihren beiden Seiten, jetzt sind beide Seiten
gleich. Beide Blattflaechen werden ja an den haengenden Blaettern in gleicher
Weise von Lichtstrahlen getroffen. Sie brauchen aber gleichen Bau, um
gleiche Arbeit zu verrichten. Aehnliche Einrichtungen treten uns bei
vielen anderen Gewaechsen Neuhollands entgegen und bestimmen geradezu den
Charakter der dortigen Vegetation.

Der in Italien hauptsaechlich cultivirte _Eucalyptus globulus_ ist nicht
der widerstandfaehigste Vertreter seiner Gattung, wie er denn auch im
strengen Winter 1890-91 an exponirten Stellen der Riviera gelitten hatte.
Manche Arten trotzen besser der Kaelte, und der _Eucalyptus Gunnii_ gedeiht
selbst in Whittingham bei Edinburgh.

Der hohen Schutzmauer der Seealpen, welche die kalten Nordwinde abhaelt,
verdankt die Riviera di Ponente ihr mildes Klima. Diese Schutzmauer
bedingt es auch, dass dort die Cultur der Agrumi erfolgreich betrieben
werden kann. An zahlreichen Stellen der Kueste, zwischen Nizza und Savona,
gedeihen die Agrumi ebenso gut wie bei Neapel, waehrend der Reisende das
Innere von Ober- und Mittelitalien durchwandern kann, ohne sie zu
erblicken. Unter der Bezeichnung "Agrumi" werden die Vertreter der Gattung
_Citrus_ zusammengefasst. Das Verzeichniss von La Mortola weist ueber zwanzig
Arten oder Formen dieser Gattung auf. Man findet dort fast alle in Italien
cultivirten Agrumi in engem Raum beisammen. Diese Pflanzen scheinen so
fest mit dem italienischen Boden verwachsen zu sein, dass italienische
Bilder stets der Phantasie des Nordlaenders vom Bluethenduft der Citrone
durchweht und vom Glanze der Goldorange durchleuchtet erscheinen. Am
meisten hat diese Vorstellung wohl das Mignonlied verbreitet, jenes Lied,
das der Sehnsucht des Nordlaenders nach suedlicheren Gestaden so unendlichen
Ausdruck verlieh. So sehr die Agrumi aber auch in die italienische
Landschaft zu gehoeren scheinen, so sind sie doch erst verhaeltnissmaessig spaet
in dieselbe gelangt und nur auf ganz bestimmte Theile von Italien
beschraenkt geblieben. Ihre Heimath liegt im fernen Asien, in Ostindien und
Suedchina; ueber den Orient schlugen sie aber zunaechst ihren Weg nach Europa
ein. Wie aus dem alten "Traite du Citrus" von Gallesio, dem Werke Victor
Hehn's ueber "Culturpflanzen und Hausthiere", Alphonse de Candolle's
"Ursprung der Culturpflanzen", endlich Flueckiger's "Pharmacognosie" - von
aelteren Quellenwerken abgesehen - zu erfahren ist, war dasjenige, was im
Alterthum zunaechst "Citrum" hiess, das Holz von _Callitris quadrivalvis_.
Auch diese nordafrikanische Conifere ist in dem Hanbury'schen Garten in
vortrefflicher Entwickelung zu sehen. Ihr Holz liefert das Sandarac, ein
Harz, das in erstarrten, weissen Thraenen die Stammrinde deckt und aus der
Wunde heraustropft, wenn ein Zweig abgeschnitten wird. Das schoen
gemaserte, wohlriechende Holz dieses Baumes stand bei den Roemern in hohem
Ansehen und diente im Besonderen zur Anfertigung von Kisten, welche
wollene Kleider vor Motten schuetzen sollten. Als dann die Citrone den
Roemern bekannt wurde, und es sich zeigte, dass sie in aehnlich wirksamer
Weise die Motten abhaelt, wurde der Name Citrum auf dieselbe uebertragen.
Von dem Gewaechse, welches diese "_mala citria_" erzeugt, drang die erste
Kunde nach Griechenland waehrend der Kriegszuege Alexanders des Grossen.
Letztere waren es, welche den Orient und die Tropen der griechischen
Cultur erschlossen. Sie brachten den classischen Laendern eine solche Fuelle
neuer Naturanschauungen, wie dies zum zweiten Mal in gleichem Masse nur
durch die Entdeckung des tropischen Amerika wieder geschah. Ueber den
Citronenbaum wurde berichtet, dass er ein wunderbares Gewaechs der
persischen und medischen Lande sei, und voll goldener Fruechte haenge. Diese
sollten nicht nur gegen Motten schuetzen, sondern auch als Gegengifte
aeusserst wirksam sein. Ja, es bildete sich, wie man in einem Werke des
Athenaeos, eines Gelehrten, der zu Naukratis in Aegypten geboren wurde und
um 228 n. Chr. starb, lesen kann, der Aberglaube, dass, wer von diesen
Fruechten gekostet habe, den Biss giftiger Schlangen nicht zu fuerchten
brauche. Jenes durch seine Citate sehr werthvolle und merkwuerdige Werk des
Athenaeos schildert ein fingirtes Gastmahl, welches von einem roemischen
Schlemmer und Schoengeist, Kuenstlern, Dichtern und Gelehrten geboten wird,
und bei welchem an die dargereichten Speisen und Getraenke sich
entsprechende Unterhaltungen knuepfen. Da erzaehlt ein gewisser Demokritos,
sein Freund, der Statthalter von Aegypten, habe ihm mitgetheilt, dass zwei
Verbrecher, die zum Tode durch giftige Schlangen verurtheilt waren, dem
Biss derselben nicht erlagen, weil sie von einer Citrone zuvor assen. Der
Statthalter habe den Versuch absichtlich mit denselben Verbrechern zum
zweiten Male wiederholt, aber nur dem einen von beiden eine Citrone
dargereicht. Die Folge sei gewesen, dass dieser eine nur den Bissen der
giftigen Nattern zu widerstehen vermochte, waehrend der andere bald nach
der Verwundung starb. Als bestes Schutzmittel gegen Gift empfiehlt der
Erzaehler eine in Honig zerkochte Citrone. Man muesse von diesem Gegengift
frueh am Morgen eine kleine Menge zu sich nehmen und sei dann den ganzen
Tag ueber vor Vergiftung sicher. Dem Aberglauben, der solche Vorstellungen
naehrte, liegt wie auch sonst in aehnlichen Faellen, ein Fuenkchen Wahrheit zu
Grunde. Thatsaechlich ist die Citrone durch sehr starke faeulnisswidrige
Eigenschaften ausgezeichnet, Eigenschaften, die sie auch heute noch als
Antisepticum sehr schaetzbar machen. Schon im Alterthum hatte man richtig
erkannt, dass der Saft der Citrone den Athem verbessere. Ein Vergnuegen
konnte es damals nicht sein, Citronen zu geniessen, denn es waren
thatsaechlich nicht unsere jetzigen "Citronen", vielmehr Cedraten oder
Citronat-Citronen, die uns nur eingemacht schmecken. Diese Cedraten heissen
auch heute noch "Cedro" bei den Italienern. Saftiges Fruchtfleisch ist
ihnen nicht eigen; sie bestehen fast ausschliesslich nur aus Schale, und
diese ist es, die, in Zucker eingekocht, die Citronate liefert. Die
Cedraten erreichen meist bedeutendere Groesse als die Citronen, sind
letzteren im Uebrigen aehnlich. Ihre Form variirt aber bedeutend, und da
viele Abaenderungen durch Veredelung fixirt worden sind, so bekommt man
neben stark in die Laenge gezogenen auch fast runde Cedraten zu sehen. Das
gab sogar Veranlassung zur Aufstellung verschiedener Arten innerhalb
dieses Formenkreises, wie es denn ueberhaupt schwer faellt, zu
unterscheiden, was Art und was nur Abart in der Gattung Citrus ist. Eine
rundliche durch stark hoeckerige Schale und feinen Wohlgeruch
ausgezeichnete Frucht, die auch zu den Cedraten gehoert, wird als
Adamsapfel oder Paradiesapfel unterschieden. Sie galt als die Frucht vom
Baume der Erkenntniss und findet als solche beim Laubhuettenfest der Juden
heute noch Verwendung. Die gesuchtesten Fruechte zu diesem Fest werden aus
Corsica, Corfu, Marocco und Palaestina eingefuehrt und koennen bei
vorgeschriebener Form sehr hohen Geldwerth erreichen.

Der Cedratenbaum kam bei den Roemern sehr in Mode, und man sah ihn, in
Kuebeln gepflanzt, die Saeulenhallen der Villen und die Gaerten schmuecken.
Vom dritten Jahrhundert an wird er auch, als im freien Lande gedeihend,
beschrieben. Heut noch wird er in Italien viel gezogen und zeichnet sich
vor allen anderen Agrumi dadurch aus, dass er das ganze Jahr hindurch
Bluethen und Fruechte traegt.

Der Baum, der die Frucht zeitigt, welche wir als Citrone bezeichnen, die
aber richtiger auch bei uns Limone heissen muesste, kam durch Vermittlung der
Araber erst im zehnten Jahrhundert nach Sued-Europa, zunaechst nach Spanien,
dann wohl auch nach Sicilien. Er fehlte hingegen noch an der ligurischen
Kueste, wohin ihn erst gegen Ende des elften Jahrhunderts die Kreuzfahrer
aus Syrien und aus Palaestina brachten. Mit den Limonenbaeumen zugleich
gelangten die Pampelmusen und die bitterfruechtigen Pomeranzenbaeume an die
Riviera, und Ligurien blieb ueberhaupt lange Zeit das Land, in welchem die
Cultur der Agrumi am meisten betrieben wurde. Einen bedeutenderen
Aufschwung gewann die Cultur freilich auch dort erst im vierzehnten
Jahrhundert, als die Ansprueche an die Genuesse des Lebens sich zu steigern
begannen. Sie verbreitete sich in Italien zugleich mit der Limonade, deren
Zubereitung man von den Orientalen lernte. Unter dem Cardinal Mazarin war
es, dass auch in Paris die ersten "Limonadiers" auftraten, um bald eine
aehnliche Rolle wie heut die "Cafetiers" zu spielen. Die Limone, durch die
naemlichen, faeulnisswidrigen Eigenschaften wie die Cedrate ausgezeichnet,
lieferte in der That nicht nur ein erfrischendes, sondern zugleich auch
ein antiseptisches Getraenk. In den der zweiten Haelfte des sechzehnten
Jahrhunderts angehoerenden Kraeuterbuechern des Tabernaemontanus, "der Arzney
Doctoris und Chur-Fuerstlicher Pfaltz Medici zu Neuwhausen", heisst es, dass
der Citronensaft "nicht allein wider die innerliche Faeulung und das Gifft
sehr gut und kraeftig" sei, sondern auch "gegen alle Traurigkeit und
Schwermuethigkeit des Hertzens und die Melancholey". Die Rinde widerstehe
dem Gift: "Dann zur Zeit der Pest soll man sie im Mund halten, auch ein
Rauch damit machen." - Der Citronensaft gilt auch heute noch als eines der
wirksamsten Mittel gegen den Scorbut, die bekannte Mund- oder
Zahnfleischfaeule, der die Seefahrer besonders unterworfen sind. Daher
jetzt die englische Marine, und nach ihrem Beispiel auch andere,
Citronensaft in wohlverschlossenen Flaschen auf ihren Schiffen fuehren.

Ich bemuehte mich festzustellen, woher der jetzt noch ziemlich verbreitete,
frueher fast allgemeine Brauch stammt, dass die Leichentraeger bei
Begraebnissen eine Citrone in der Hand halten. Urspruenglich ist er durch
die faeulnisswidrigen Eigenschaften und den starken Geruch der Citrone
veranlasst worden, dann hat er symbolische Bedeutung gewonnen. Die Symbolik
hat sich in mannigfaltiger Weise der Citrone bemaechtigt. So heisst es in
J. B. Friedrich's Werke: "Die Symbolik der Mythologie der Natur": "Das
Aromatische, Erquickende und Belebende der Citrone hat sie zum Symbole des
Lebens und des Schutzes gegen das Lebensfeindliche gemacht. Daher schuetzt
nach altem Glauben die Citrone gegen Bezauberung, daher traegt das indische
Weib, welches sich nach dem Tode seines Gatten verbrennen laesst, auf seinem
Gange zum Scheiterhaufen eine Citrone in der Hand als Sinnbild ihres
zukuenftigen Zusammenlebens mit dem Gatten; daher die noch uebliche Sitte,
dass bei einem Leichenbegaengnisse die Leidtragenden die das neue Leben des
Abgeschiedenen symbolisirende Citrone in der Hand tragen; daher endlich
die Sitte des zum ersten Mal zur Communion gehenden Kindes, eine Citrone
zu tragen, weil es durch die Communion ein neues Leben durch seinen
erneuerten Bund mit Gott eingeht."

Der Pampelmusbaum (_Citrus decumana_) faellt durch die Groesse auf, die seine
Fruechte erreichen. Dieselben haben suess-saeuerlichen Geschmack und werden
mit Wein und Zucker gegessen. Einzelne Fruechte koennen unter Umstaenden bis
sechs Kilo Gewicht erlangen.

Der bittere Pomeranzenbaum ist durch besonders aromatische Blaetter und
Bluethen ausgezeichnet. Die Fruechte zeichnen sich durch ihre goldige
Faerbung aus. Sie werden frisch nicht genossen, wohl aber gelten die in
Zucker eingemachten Schalen derselben als besonders wohlschmeckend. Auch
dienen die Blaetter, Bluethen und die unreifen Fruechte zur Gewinnung
aetherischer Oele und spielen letztere ausserdem eine wichtige Rolle bei der
Liqueurfabrikation. Da der Stamm der bitterfruechtigen Pomeranze sich als
besonders widerstandsfaehig erwiesen hat, so verwendet man ihn auch haeufig
als Unterlage, auf welcher andere Citrus-Arten veredelt werden.

Der suessfruechtige Pomeranzenbaum gelangte wesentlich spaeter nach Europa als
die bisher genannten Agrumi. Man nahm ziemlich allgemein bis vor Kurzem
an, die Portugiesen haetten ihn erst gegen Mitte des sechzehnten
Jahrhunderts, und zwar angeblich im Jahre 1548, aus dem suedlichen China
mitgebracht; ja man zeigte im Garten des Grafen von St. Lorenzo zu
Lissabon einen Orangenbaum, der der eingefuehrte Urbaum sein sollte. Aus
den Schriften von Galesio, Targioni und Goeze scheint aber hervorzugehen,
dass die suesse Pomeranze schon wesentlich frueher die Gaerten Spaniens und
Italiens schmueckte; sie muss bereits im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts
nach Europa gelangt sein. Galesio sucht es wahrscheinlich zu machen, dass
die Cultur der suessen Orange auch an der Riviera bis ins fuenfzehnte
Jahrhundert zurueckreicht, doch ist seine Beweisfuehrung nicht ueberzeugend.
So berichtet Galesio ueber ein aus den Acten der Stadt Savona vom Jahre
1471 sich ergebendes Geschenk von eingemachten Citronen und Limonen und
frischen Citruli, welches die Stadt Savona ihrem Gesandten in Mailand
machte. Da nun die als "Citruli" bezeichneten Fruechte frisch gesandt
wurden, haelt sie Galesio fuer *suesse* Orangen, da der Gesandte in Mailand
wohl keine *bitteren* haette essen moegen. In dem Archiv eines Notars in
Savona ist andererseits ein Verkaufsact vom Jahre 1472 ueber eine
Schiffsladung von 15 000 Citranguli oder Cetroni aufgefunden worden, und
Galesio fraegt sich, was man wohl mit 15 000 bitteren Pomeranzen angefangen
haette. Auf diese Frage kann man ihm die Antwort schuldig bleiben, ohne dass
dadurch der Nachweis, dass es sich wirklich um suesse Orangen gehandelt habe,
beigebracht sei. Ja eine solche Annahme muesste um so gewagter erscheinen,
als thatsaechlich schon Matthaeus Silvaticus in Salerno, der Verfasser des
1317 beendigten _Opus pandectarum medicinae_ die *bittere* Pomeranze als
_Citrangulum_ bezeichnet und diese Bezeichnung auch von den Uebersetzern
arabischer Werke von ihm benutzt wurde, um den arabischen Namen _narindj_
wiederzugeben. Andererseits zeigt die heute noch in Italien uebliche
Anpreisung der suessen Pomeranze als "Portogallo" deutlich den Ursprung der
jetzt dort cultivirten Fruechte an. Moegen es somit auch nicht die
Portugiesen gewesen sein, welche die suesse Pomeranze in Europa einfuehrten,
so haben wir denselben doch die bessere, jetzt beliebte Sorte dieser
Frucht zu danken. Die chinesische Heimath der suessen Pomeranze dagegen
kommt in dem deutschen Namen "Apfelsine", urspruenglich "Sinaapfel" oder
"chinesischer Apfel", zur Geltung. Der deutsche Name wurde von den Russen,
den Grenznachbarn der Chinesen adoptirt; bezeichnend genug, meint Victor
Hehn, fuer die Umwaelzung im Weltverkehr, der seit Vasco de Gama nicht mehr
quer durch das Gebiet von Asien, von Ost nach West, vielmehr aus dem Ocean
in umgekehrter Richtung sich vollzog.

Der Name "Orange" stammt aus dem Sanskrit und ist auf _nagarunga_ oder
_nagrunga_ zurueckzufuehren. Die Araber hatten daraus _Narunj_ gebildet, die
Italiener _Naranzi_, _Aranci_, die Franzosen schliesslich Orange. Die
mittelalterliche Bezeichnung "_poma aurantia_" Goldaepfel, ist somit nur
dem Klange nach dem Worte "Orange" aehnlich. Aus "poma aurantia" ging dann
aber das deutsche "Pomeranze" und das polnische "_Pomara['n]cza_" hervor.

Dass unter den goldenen Aepfeln der Hesperiden, die Herakles, der Sage nach,
aus dem fernen Westen holte, nicht Orangen gemeint sein konnten, geht aus
der Geschichte jener Fruechte genugsam hervor. Die goldenen Aepfel der
Hesperiden waren vielmehr idealisirte Quitten. Der Aphrodite geweiht,
dienten sie dauernd in Hellas als Preise bei Liebesspielen und prangten
unter den braeutlichen Gaben.

Wie schoen ein Apfelsinenbaum bei voller Kraftentfaltung werden kann, wenn
ihn Tausende von goldenen Fruechten schmuecken, das laesst sich freilich kaum
an der Riviera, ja nicht einmal in Sorrent ermessen. Voellig ausgewachsene,
ueppig entfaltete Orangenbaeume von der Groesse unserer Apfelbaeume, sah ich
erst am Fusse des Aetna. Theobald Fischer gibt in seinen "Beitraegen zur
physischen Geographie der Mittelmeerlaender" an, dass ein ausgewachsener,
gut gehaltener Apfelsinenbaum in Sicilien sechs- bis siebenhundert, ein
Limonenbaum sogar tausend bis elfhundert Fruechte liefert. Im Durchschnitt
koenne man auf den Hektar Agrumen bei Palermo 3000 Lire Rohgewinn rechnen,
und was das sagen will, geht daraus hervor, dass die eintraeglichsten Gaerten
bei Paris es nur zu einem Rohgewinn von 2500 bis 2700 Francs auf den
Hektar bringen.

Es gibt eine Unzahl von Apfelsinensorten, von denen zu uns aber nur einige
wenige gelangen, darunter die jetzt immer beliebter werdende blutfarbige,
die "Orange von Jericho".

Auch die als besondere Art der Gattung Citrus geltenden Mandarinen
(_Citrus nobilis_) sind Gegenstand bedeutenden Exportes aus Italien
geworden. Der Mandarinenbaum gedeiht an der Riviera sogar besser, als der
Apfelsinenbaum. Er ist in allen Theilen kleiner, und an seinem
buschig-runden Wuchs unschwer zu erkennen. In China und Cochinchina steht
er seit undenklichen Zeiten schon in Cultur, in Europa hingegen tauchte er
erst im Jahre 1828 auf.

In dem Garten von La Mortola ist auch die _Citrus bergamia_ zu finden, aus
deren Fruchtschalen das aeusserst wohlriechende Bergamottoel gewonnen wird;
desgleichen steht dort die _Citrus myrtifolia_, deren sehr kleine Fruechte,
in Zucker eingesotten, die beliebten "Chinois" liefern. Es fehlt auch
nicht die suesse Limone oder Limette, die nur eine Abart der sauren Limone
ist und wie die suesse Orange gegessen wird.

Eigenartig sieht die _Citrus trifoliata_ aus, ein aus Japan stammender
Strauch, der dreitheilige Blaetter traegt und mit grossen scharfen Dornen
bewaffnet ist. An seinen Bluethen und Fruechten kann man ihn als Citrus-Art
erkennen, sonst macht er wirklich nicht diesen Eindruck. Er vertraegt die
Kaelte so gut, dass man ihn selbst in Paris im Freien sieht.

Besonders faellt in dem La Mortola-Garten eine monstroese Orangenform auf,
die der Katalog als "_Citrus Aurantium var. Buddhafingered_" bezeichnet.
Die Missbildung beruht darauf, dass die einzelnen Fruchtfaecher, aus welchen
die Orange aufgebaut ist, statt zu einer runden Frucht vereinigt zu
bleiben, an ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt diese Frucht
eine Anzahl von Fortsaetzen und erinnert entfernt an eine Hand mit
vorgestreckten Fingern. Diese Aehnlichkeit hat in Indien den Vergleich mit
"Buddha's Hand" veranlasst und aberglaeubische Vorstellungen erweckt. Ganz
aehnliche Missbildungen kommen auch, in mannigfacher Verschiedenheit, bei
den Citronen und Limonen vor und werden durch Veredlung festgehalten.

Weitaus der merkwuerdigste Baum in der Reihe der Agrumi ist die Bizzarria,
welche der La Mortola-Garten ebenfalls besitzt. Schoener entwickelt sah ich
diese Pflanze im botanischen Garten zu Neapel. Die Bizzarria traegt
zugleich Orangen, Citronen und Limonen. Sie weist auch Fruechte auf, welche
die Mitte zwischen jenen Fruchtformen halten, endlich auch Fruechte, an
welchen einzelne Faecher das Aussehen von Orangen, andere dasjenige von
Limonen oder Citronen besitzen. Es sind Bizzarrien beschrieben worden,
deren Fruechte die Bestandtheile von fuenf verschiedenen Fruchtformen der
Agrumi in sich vereinigten. Die Entstehung der Bizzarrien ist bis jetzt
nicht endgueltig aufgeklaert worden. Die Einen halten sie fuer Bastarde,
waehrend Andere meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufaellige
Vermischung der Eigenschaften der Unterlage und des Edelreises entstanden.
Letzteres waere sehr merkwuerdig, da die Erfahrung, die wir taeglich bei der
Veredelung unserer Obstbaeume, der Rosen und anderer Gewaechse machen, sonst
lehrt, dass die Unterlage ohne allen Einfluss auf das Edelreis bleibt, dass
beide ihre Eigenschaften unvermischt behalten. - Die Bizzarrien sind seit
der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bekannt. Sie mussten ja von Alters
her durch ihr merkwuerdiges Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich richten.
Zum ersten Mal wird ueber die Bizzarria im Jahre 1644 berichtet und
angegeben, dass sie im Garten Panciatichi in Florenz wachse. Im Jahre 1711
beschaeftigte sich die franzoesische Academie der Wissenschaften mit
derselben und kam zu dem eigenthuemlichen Schluss, sie sei eine
urspruengliche Pflanzenart eben so gut wie die Orange oder die Citrone.

In unserem nordischen Garten wird uebrigens auch ein kleiner Baum
cultivirt, der sich aehnlich wie die Bizzarria verhaelt. Es ist ein
Goldregen, der dem Gaertner zu Ehren, der ihn in den Handel einfuehrte,
_Cytisus Adami_ genannt wird. Sein Ursprung ist ebenso wenig wie derjenige
der Bizzarrien aufgeklaert. Dieser aeusserst zierliche und interessante Baum,
der sich leicht cultiviren laesst und bei keinem Gartenliebhaber fehlen
sollte, traegt zur Bluethezeit der Hauptsache nach Bluethentrauben, die ganz
so wie diejenigen des gewoehnlichen Goldregens (_Cytisus Laburnum_) gebaut,
aber nicht gelb, sondern mattroth sind. An einzelnen Zweigen sind aber
auch reingelbe Bluethentrauben, die sich dann von denjenigen des
gewoehnlichen Goldregens gar nicht mehr unterscheiden, zu sehen. Ausserdem
traegt der Baum an besonders gestalteten kleinblaetterigen Zweigen purpurne
Einzelbluethen, welche, so wie die Zweige selbst, einer anderen
Cytisus-Art, dem _Cytisus purpureus_ gleichen. Endlich kommen gemischte
Bluethentrauben mit gelben und rothen Bluethen und mit Bluethen, die zum
Theil gelb, zum Theil roth sind, vor. Nur die gelben Bluethen, die
denjenigen des _Cytisus Laburnum_, und die purpurnen Bluethen, die
denjenigen des _Cytisus purpureus_ gleichen, setzen Fruechte an, die
anderen verhalten sich wie haeufig sonst die Bluethen der Bastardpflanzen,
sie sind unfruchtbar. Es ist moeglich, dass es sich bei _Cytisus Adami_ um
einen eigenartigen Bastard zwischen _Cytisus Laburnum_ und _Cytisus
purpureus_ handelt; der Gaertner Adam zu Vitry bei Paris gab seinerseits
an, ihn durch Veredelung von _Cytisus purpureus_ auf _Cytisus Laburnum_
erhalten zu haben.

In den Gaerten von der Mortola wird Jeder gern auch den Namen und die
Heimath von zwei Pflanzen erfahren wollen, die ihm in den Gaerten der
Riviera sicher zuvor schon aufgefallen sind: naemlich der _Wigandia
Caracasana_ und des _Echium frutescens_ Die erstere ist eine stattliche,
aus Venezuela stammende Blattpflanze, die bis zwei Meter Hoehe erreicht.
Ihre sehr grossen Blaetter sind elliptisch, am Rande doppelt gezaehnt,
beiderseits behaart, an der Oberseite etwas rostfarbig. Die grossen
violetten, mit gelben Staubfaeden versehenen Bluethen bilden aehrenfoermige
Bluethenstaende. Wie bei anderen Vertretern derselben Familie, der
Hydrophyllaceen und der nah verwandten Familie der Boragineen oder der
Boretsch-Gewaechse, sind die Bluethenstaende von Wigandia in ihrem oberen
Theile schneckenfoermig eingerollt. Der eingerollte Theil ist noch unfertig
und rollt sich in dem Masse auf als seine Bluethenknospen reifen. Solche
Einrichtungen gewaehren den Vortheil einer sehr langen Bluethezeit. Da kann
die bluehende Pflanze schlechte Witterung, oder sonst wie unguenstige Zeiten
ueberdauern, ohne dass ihre Samenbildung ganz verhindert werde. Wie diese
verhaeltnissmaessig grosse Wigandia, so gehoerte zu derselben Familie der
Hydrophyllaceen das in unseren Gaerten haeufig cultivirte bescheidene
Hainschoenchen, die _Nemophila insignis_; zu den nah verwandten Boragineen
rechnen wir von unseren Gartengewaechsen unter anderen das als
Kuechengewaechs wohlbekannte Gurkenkraut (_Borago_), von wildwachsenden
Pflanzen unserer Flora den nicht minder verbreiteten Natterkopf (_Echium
vulgare_). Das in den Gaerten der Riviera so auffaellige, oft bis zwei Meter
hohe, mexikanische Echium frutescens, ist eigentlich nur eine
Riesenausgabe dieses letzteren. Wer unseren Natterkopf kennt, wird auch
jenes Riesen-Echium erkennen und unter den anderen Gewaechsen des Gartens
sicher herausfinden. Es traegt dieselbe blaue, kolbenfoermige Bluethenaehre
wie unser Echium, nur faellt dieselbe eben durch ihre Groesse auf.

Doch wir wenden uns nun einem Baume zu, dessen Zweige einst wie jetzt den
Sieger schmueckten, dessen Blaettern freilich auch die bescheidene Aufgabe
zufaellt, unsere Speisen zu wuerzen. Der edle Lorbeer, der mit italischen
Bildern ebenso wie die Agrumi verwebt erscheint, ist in Suedeuropa sicher
heimisch gewesen, sein Cultus pflanzte sich hingegen allem Anschein nach
von Kleinasien ueber das Mittelmeer fort. Er wurde dem Apoll geweiht und in
dem Masse, wie die Zahl apollinischer Heiligthuemer in Griechenland zunahm,
breiteten sich auch die aromatisch duftenden, immergruenen Lorbeerhaine
immer mehr ueber dieses Land aus. Mit den griechischen Gottheiten gelangte
der Lorbeerbaum auf italischen Boden, und es begleitete ihn dort zugleich
als Cultus-Gewaechs die der Aphrodite geweihte Myrte.

Allgemein war im Alterthum der Aberglaube, dass der Lorbeer gegen Daemonen,
gegen Zauber und auch gegen Ansteckung schuetze. So suchte, wie berichtet
wird, der furchtsame Commodus im Lorbeerhaine Rettung, wenn die Pest im
Anzug war. Kronen von Lorbeer legte man Wahnsinnigen um Schlaefe und Hals,
um sie zu heilen. Lorbeerfruechte oder -Blaetter genossen die Priester des
Apollo, wenn sie weissagen sollten; Lorbeer trugen Propheten, wenn sie
eine Stadt betraten. Der Lorbeer suehnte das vergossene Blut. Daher die
roemischen Legionen sich, ihre Feldzeichen und Waffen mit Lorbeer
reinigten, gleich nach dem Siege. Das hatte den Lorbeer folgerecht auch
zur Trophaee des Sieges und zum Zeichen der gluecklich vollbrachten
Waffenthat gemacht. Als eine Freude und als ein Glueck verheissendes
Augurium wurde verkuendet, es sei am Tage, an welchem Augustus das Licht
der Welt erblickte, ein Lorbeer vor dem Palatin entsprossen. Die
reinigende Kraft des Lorbeers veranlasste dessen Verwendung zu Aspergillen.
Der Strengglaeubige besprengte sich beim Eintritt wie beim Ausgang aus dem
Tempel mit dem Lorbeerzweig, den er in das Weihwasser tauchte, und gern
auch nahm er beim Herausgehen ein Lorbeerblatt vom Sprengwedel in den
Mund. Die roemisch-katholische Kirche hielt sich nicht an den Lorbeer als
Sprengwedel, uebernahm vielmehr den Ysop (_Origanum Smyrnaeum_) zu gleichem
Zwecke von den Juden.

Der Lorbeer brennt, nach Plinius, nur unwillig und zeigt dies durch sein
Knistern an. Der feuerabwehrenden Kraft des Lorbeers wurde es
zugeschrieben, dass bei dem grossen Brande Roms unter den Consuln Spurius
Postumius und Piso, als die Regia in Flammen stand, das Sacrarium
unversehrt blieb, da ein Lorbeer vor demselben stand. Andererseits war es
gerade das Lorbeerholz, das im Alterthum zur Erzeugung des Feuers diente;
doch fing es nicht selbst Feuer, es bildete vielmehr, wie uns Theophrast
und Plinius berichten, das Reibholz, waehrend die Unterlage, die durch
Reibung entzuendet wurde, meist aus Wegedorn (_Rhamnus_) oder aus Epheuholz
bestand. Ein reines Feuer zu den Sacra durfte nur der Reibung zweier
glueckbringender Hoelzer entstammen, oder den Sonnenstrahlen, die man mit
Huelfe von Brennglaesern oder von metallischen Hohlspiegeln sammelte. Der
Lorbeer sollte auch die Blitze abwehren. Daher auch der aberglaeubische
Tiberius, wie Suetonius berichtet, sich mit Lorbeer bekraenzte, wenn ein
Gewitter nahte. Gewisse Erfahrungen moegen die Vorstellung erweckt haben,
dass dem Lorbeer bei Gewittern besondere Kraefte innewohnen. Denn es werden
nicht alle Baeume gleich haeufig vom Blitze getroffen. Auch bei uns schlaegt
der Blitz fast niemals in Wallnussbaeume ein, am haeufigsten aber in Eichen.
Es haengt das mit der elektrischen Leitungsfaehigkeit des Holzkoerpers
zusammen, die bei den einzelnen Baumarten eine verschiedene ist. Aus den
angestellten Versuchen und dem statistischen Material scheint sich zu
ergeben, dass Baeume, die zur Jahreszeit der Gewitter verhaeltnissmaessig viel
fettes Oel in ihrem Holzkoerper fuehren, dem Blitzschlag am wenigsten
ausgesetzt sind. Abgestorbene Aeste an einem Baume erhoehen fuer denselben
die Blitzgefahr. Dass die Eichen am haeufigsten vom Blitze getroffen werden,
musste von jeher auffallen, daher die Eiche auch dem Donnergott geheiligt
war. Von dem Lorbeer ist die gegentheilige Erfahrung weniger sicher, zum
Mindesten ist sie in Zweifel gezogen worden.

Zu den Lorbeerarten gehoert auch der Campherbaum (_Laurus Camphora_), der
im westlichen China und in Japan zu Hause ist und im La Mortola-Garten
sehr gut gedeiht. Voellig ausgewachsen, kann er bis fuenfzig Meter hoch und
sechs Meter dick werden. Seine Blaetter verbreiten beim Zerreiben einen
merklichen Camphergeruch. Der Campher wird aber im Grossen nicht aus den
Blaettern, sondern aus dem Holzkoerper dieses Baumes durch Sublimation
gewonnen.

Die zu den Laurineen gehoerenden Zimmetbaeume sind in La Mortola ebenfalls
zu sehen, freilich nicht die wichtigste Art derselben, das in Ceylon
heimische _Cinnamomum ceylanicum_, sondern zwei chinesische und japanische
Arten. Der Zimmet des Handels besteht aus der Rinde junger Schoesslinge,
welche nach starken Regenguessen geschnitten und geschaelt werden.

Im schroffen Gegensatze zu diesen duftenden Pflanzen steht eine andere
Laurinee, ein hier praechtig gedeihender, immergruener Baum, dessen Name:
_Orcodaphne californica_, zugleich die Heimath angibt. Haeufig wird er in
den Gaerten als _Laurus regalis_ bezeichnet. Er gleicht in der That in
seinem Aussehen einem Lorbeer, zerreibt man aber eines seiner Blaetter
zwischen den Fingern, so stroemt ein aetherisches Oel aus, dessen geringste
Mengen schon in hohem Grade die Schleimhaut der Geruchsorgane angreifen.
In Californien verweilt man nicht gern in der Naehe eines solchen Baumes,
wenn der Wind von dessen Seite weht, denn die fluechtigen Oele, mit denen er
sich beladen. hat, reizen zum fortdauernden Niesen.

Man wird sich in La Mortola auch mit einer anderen Laurinee, der _Persea
gratissima_, bekannt machen koennen, welche in den Gaerten der Tropen viel
cultivirt wird und die Aguacatebirnen liefert. Die Krone dieses schoenen
Baumes breitet sich domartig aus, seine Blaetter gleichen denjenigen des
Lorbeers. Die birnfoermigen, doch oft auch sehr unregelmaessig gestalteten
Fruechte sind grosse Steinfruechte, mit einem Kern im Innern. Ihr Fleisch
schmilzt wie Butter auf der Zunge und erinnert im Duft an die feinsten
Moschusmelonen. Die Mexikaner essen die Aguacaten vornehmlich als Salat
und suchen sich in der schmackhaften Zubereitung derselben zu ueberbieten.

Auch noch einige andere tropische Fruechte reifen gut im La Mortola-Garten,
so die Guavas oder Guayaben, welche man von zwei Psidiumarten dort erntet.
Die Gattung Psidium gehoert zu den Myrten-Gewaechsen und wird in allen
Tropenlaendern cultivirt. Die Guavas vertreten dort in gewissem Sinne
unsere Stachelbeeren, denn sie sind eben so fruchtbar, beginnen rasch
Fruechte zu tragen und lassen sich leicht vermehren. Sie wachsen zu
Straeuchern oder kleinen Baeumen mit immergruenen Blaettern empor und tragen
Fruechte, die in ihrer Groesse zwischen der Wallnuss und dem Huehnerei
schwanken. Diese Fruechte werden ohne Zuthat oder mit Wein und Zucker
gegessen. Manche erinnern an Erdbeeren, andere besitzen einen
suesssaeuerlichen Geschmack, andere noch einen so durchdringenden Duft, dass
sie nicht Allen munden. Sehr geschaetzt werden auch die Guavas-Gelees in
den Tropen, und man beginnt dieselben auch nach Europa einzufuehren.

Eine andere in La Mortola cultivirte Myrtacee, die _Jambosa vulgaris_,
liefert "Rosenaepfel", welche den Geschmack reifer Aprikosen haben und nach
Rosenwasser duften. Der Baum selbst ist reich verzweigt und traegt
immergruene Blaetter, die in ihrer Gestalt den Pfirsichblaettern gleichen.

Wichtig sind, mehr noch ihres Holzes als ihrer Fruechte wegen, die zu den
Ebenholzbaeumen gehoerenden Diospyros-Arten. Der japanisch-chinesische
_Diospyros Kaki_, den man in La Mortola zieht, liefert die Kakis. Ein
kleiner Baum mit eirunden Blaettern, gelblichweissen Bluethen und runden,
etwa pfirsichgrossen, roethlichgelben Fruechten. Diese Fruechte muessen
ueberreif werden, um feinen Geschmack zu gewinnen, dann halten sie die
Mitte zwischen Pflaumen und Aprikosen. An der Riviera reifen die Kakis im
October. In Japan benutzt man auch das Holz dieser Baeume, das dem Holz
unserer Wallnussbaeume aehnelt. Doch weit uebertroffen wird das Kakiholz von
dem Holz der suedindischen und ceylonischen _Diospyros Ebenum_ und anderen
ihm nahe verwandten Arten, welche das Ebenholz liefern. Das schwarze
Kernholz dieser Baeume war schon im Alterthum bekannt. Es galt als das
geschaetzteste Holz jener Zeiten. Nicht nur Theophrast, sondern auch das
alte Testament sind seines Lobes voll. Seine Dichte und seine dunkle
Faerbung verleihen ihm so hohen Werth; durch seine Schwere ist es leicht
von anderen schwarz gebeizten Hoelzern zu unterscheiden.

Die zu den Anacardiaceen gehoerige ostindische _Mangifera indica_, den
Mango-Baum, der die koestlichste Frucht der Tropen liefert, gelang es bis
jetzt nicht in La Mortola zu erhalten. Wohl aber wird man zahlreiche
andere Anacardiaceen sehen. Zu diesen gehoert auch der mit hellgruenen
gefiederten Blaettern und mit rothen Fruchttrauben versehene Baum, dem man
so oft in den Gaerten und an den Strassen der Riviera begegnet und der
_Schinus Molle_ heisst. Dieser Baum wird als Pfefferbaum bezeichnet. Mit
dem echten Pfeffer haben seine pfefferkorngrossen Beeren aber nichts
gemein. Der echte Pfeffer stammt vielmehr von schlanken ostindischen
Lianen (_Piper nigrum_), die nach Art des Epheus klettern und mit
Luftwurzeln an der Unterlage haften. Die Fruchttrauben von _Schinus Molle_
sind aber denjenigen des Pfeffers wirklich aehnlich und naehern sich dem
Pfeffer auch im Geschmack. Ein Getraenk, das in Peru und Brasilien aus
diesen Beeren dargestellt wird, soll an Wein erinnern. Es liegt fuer uns
nahe, auch die in La Mortola cultivirten Vertreter der Gattung Zizyphus zu
beachten. Befindet sich doch unter denselben der in Suedeuropa und an der
nordafrikanischen Kueste einheimische _Zizyphus lotus_. Im Alterthum wurden
mehrere Pflanzen Lotus genannt, doch ist _Zizyphus lotus_ allem Anschein
nach jener Strauch, den Theophrast als Lotus bezeichnet. Von den Fruechten
dieses Strauches waere somit schon bei Homer die Rede. Sie bildeten ein
wichtiges Nahrungsmittel der Armen, und die Bewohner von Tunis und
Tripolis hiessen, weil sie sich vornehmlich von diesen Fruechten ernaehrten,
Lotophagen. Die Pflanzengattung Zizyphus gehoert zu den Kreuzdorn-Gewaechsen
(_Rhamneen_). Die Fruechte von _Zizyphus lotus_ sind so gross wie Schlehen;
ihr mehliges Gewebe, das den inneren Kern umgibt, kann zu Brod verbacken
werden und auch ein gaehrendes Getraenk liefern. Aus den Fruechten anderer
Arten, so vor Allem des _Zizyphus vulgaris_, eines in Syrien heimischen
Baeumchens, und von _Zizyphus jujuba_, einem Baeumchen, das in Ostindien
waechst, werden die frueher sehr beliebten Jujubapasten dargestellt. Von
_Zizyphus spina Christi_, einem im Thale des Jordan und am Todten Meere
verbreiteten dornigen Strauche, dem Nebeg oder Sfidr, geht die Sage, aus
ihm sei die Dornenkrone Christi geflochten worden. Man hat auch die in
unseren nordischen Gaerten cultivirten dornigen Gleditschien als
Christus-Akazien bezeichnet und mit ihnen die Vorstellung von Christi
Dornenkrone verknuepft, doch dies unter allen Umstaenden mit Unrecht, da die
Gleditschien erst im achtzehnten Jahrhundert aus Nordamerika eingefuehrt
wurden. Die Zizyphus-Arten werfen des Winters ihre Blaetter ab, treiben
aber zeitig im Fruehjahr und bedecken sich mit sehr dunklem Laub. Da sie
sehr duenne Zweige haben, haengen diese abwaerts und gewaehren mit den sich
roethenden Fruechten beladen, spaeter ein sehr zierliches Bild.

Unter den Anacardiaceen von La Mortola, die ein besonderes Interesse
bieten, befindet sich auch der echte Pistazienbaum (_Pistacia vera_), dann
die _Rhus succedanea_, welche das japanische Baumwachs liefert, sowie die
_Rhus vernicifera_, aus deren Milchsaft die Japaner den beruehmten
japanischen Lack bereiten. Das Ausfliessen dieses sehr giftigen Milchsaftes
wird durch Einschnitte in die Rinde veranlasst. Um den Lack aus ihm zu
machen, versetzt man ihn mit dem Oele von _Bignonia tomentosa_, oder von
_Perilla ocymoides_ und fuegt auch wohl Zinnober hinzu. Die _Rhus
vernicifera_ haelt im Freien selbst in den waermeren Theilen von Deutschland
aus.

Ein aeusserst niedlicher Strauch ist _Capparis spinosa_, welcher die echten
Kapern liefert. Im Bluethenschmuck sieht man ihn erst im Herbst, und wer
einmal um jene Zeit, am Comer See entlang, von Cadenabbia nach Tremezzo
wanderte, dem werden sicher vor dem Eingang in den letzten Ort die
dunkelgruenen Kapernstraeucher an der Mauer, wegen ihrer schoenen Bluethen,
aufgefallen sein. Lange violette Staubgefaesse in grosser Zahl strahlen aus
der schneeweissen zarten Bluethenhuelle hervor, freilich hier so hoch an der
Mauer, dass man sie nur schwer erreichen kann. An vielen Orten der Riviera
wird der Kapernstrauch im Grossen gezogen, seine Bluethenknospen sind es und
nicht die Fruechte, die als Kapern dienen. Man pflueckt sie im Sommer und
legt sie in Weinessig ein; viel Tausende von Kilogrammen Kapern werden so
in der Provence bereitet.

Staunend bleibt man wohl im La Mortola-Garten vor einer Nachtschattenart,
dem baumartigen _Solanum Warszewiczii_, stehen, an welchem Fruechte von
Groesse und Gestalt der Huehnereier haengen. Dann bemerkt man auch das
krautartige _Solanum Melongena_, dessen gurkenfoermige violette Fruechte
gekocht werden, und oft als Gemuese den Braten an italienischer Tafel
garniren.

Unter den krautartigen Gewaechsen fallen uns auch wohl manche
Doldenpflanzen (Umbelliferen) durch ihre Groesse auf. Sie sind bei weitem
maechtiger noch als die Meisterwurz, die _Imperatoria_, unserer Gaerten
entwickelt. Besonders imponirt _Ferula communis_, das Stecken- oder
Ruthenkraut, das auch eine eigene Geschichte besitzt. Dieses
Doldengewaechs, das am Mittelmeer zu Hause ist, kann eine Hoehe bis zu vier
Meter erreichen. Den Stengel benutzte man im Alterthum zu Spazierstoecken
und seiner Zaehigkeit wegen auch zum Zuechtigen von Sklaven und Kindern,
wozu man ihn zuvor im Wasser einzuweichen pflegte. Davon kommt der Name
_Ferula_, der von _ferire_ (geisseln) abgeleitet ist. Das Mark des Stengels
ist sehr locker und wird heute noch in Sicilien als Zunder benutzt. Das
Feuer glimmt in diesem Mark fort, und daher geht die Sage, Prometheus habe
in einem solchen Ferulastengel das Feuer zur Erde gebracht, das er dem
Zeus entwandte. - Der _Ferula communis_ steht sehr nah der Stink-Asand,
die _Ferula Scorodosma_ der persischen Steppen. Sie ist eine derjenigen
Umbelliferen, welche die _asa foetida_ liefern. Dieses Gummiharz entstammt
vornehmlich der Wurzel dieser Pflanzen. Sein Duft haelt die Mitte zwischen
Knoblauch und Benzoe. Die Pflanze war allem Anschein nach schon den Alten
bekannt und von ihnen als Silphium bezeichnet. Das Gummiharz hiess Laser.
Mit dem Laser wuerzte man die Speisen und die Perser benutzen es heute noch
als Gewuerz. Auch gab es eine Zeit, wo _asa foetida_ in Frankreich beliebt
war, und man mit derselben die Suppenteller einrieb, um die Suppe
"schmackhafter" zu machen.

Der graublaetterige, immergruene Baum, welcher "japanische Mispeln" traegt,
die "_Eriobotria_" oder _Photinia japonica_ ist in den Gaerten der Riviera
so verbreitet, dass man ihn in La Mortola schon als alten Bekannten
begruesst. Die lichtgelben, saeuerlich-suessen, pflaumengrossen Fruechte hat man
oft schon bei Mahlzeiten genossen, sie allenfalls auch schmackhaft
gefunden, wenn sie sehr reif und frisch waren. Der Baum stammt
urspruenglich wohl aus China. Rein's Angaben zufolge ist er 1787 mit
anderen Ziergewaechsen und Nutzpflanzen durch Sir Joseph Banks nach England
gebracht worden. Jetzt reicht er ueber ganz Italien und ist selbst am
Genfer See zu finden.

Diesem Baume nahe verwandt ist ein anderer von gleich geringer Hoehe, der
in den Gaerten der Riviera sehr viel cultivirt wird und jedem
Pflanzenfreund daher auffallen muss: die in Japan und China heimische
_Photinia serrulata_. Ihre grossen Blaetter sehen lorbeerartig aus, zwischen
denselben leuchten die flachen weissen Bluethenrispen hervor. Aus der Ferne
sehen sie fast so wie die Bluethenstaende unseres Holunders aus. Die
Photinien gehoeren zu den Rosifloren. Sie zeigen manche Uebereinstimmung mit
den Weissdornarten, der Gattung _Crataegus_, und werden mit denselben zum
Theil vereinigt. Im La Mortola-Garten ist die in der Naehe des Einganges
stehende _Photinia serrulata_ daher auch mit ihrem Synonym als _Crataegus
glabra_ bezeichnet.

Mit einigem Interesse sieht man sich im Garten von La Mortola einen
stattlichen, mit harten, kleinen Blaettern bedeckten Baum, die _Quillaja
Saponaria_ an, der, wie die japanische Mispel, zu den rosenbluethigen
Gewaechsen gehoert, merkwuerdig aber durch seine saponinreiche Rinde ist.
Diese Rinde, die als Panamaholz aus Chile importirt wird, schaeumt in
Wasser auf wie Seife, steht als solche in Chile allgemein im Gebrauch,
dient auch bei uns zum Waschen von Wolle und Seide und zu kosmetischen
Zwecken.

Als wohl bekannte Pflanzenform begruesst man den Johannisbrodbaum oder
Caroubier (_Ceratonia siliqua_). Man hat ihn schon in weit praechtigeren
Exemplaren in der Umgebung von Mentone gesehen. Alte Staemme erinnern in
der Form an unsere Eichen; an den paarig gefiederten lederartigen Blaettern
ist aber der Johannisbrodbaum als solcher sofort zu erkennen. Die Huelsen,
Leckerbissen, die auf keinem Jahrmarkt fehlen, und an denen sich Kinder
allgemein erfreuen, sind im Fruehjahr noch so klein, dass man sie an den
Zweigen suchen muss. Aus den reifen Huelsen wird ein suesser, honigaehnlicher
Saft gepresst, der als Keratameli im Orient genossen wird. Mit diesen
Huelsen soll, der Sage nach, Johannes der Taeufer sich in der Wueste ernaehrt
haben und der Baum nach dem Vorlaeufer des Messias seinen Namen fuehren. Die
reifen Samen innerhalb der Huelsen zeichnen sich durch auffallend
uebereinstimmende Groesse aus, woraus sich erklaert, dass sie einst als
Gewichte dienten und der kleinen Einheit im Gold- und Diamantengewicht den
Namen gaben. Denn Karat stammt von Kerateia, dem griechischen Wort fuer
diese Huelse. Um gute Fruechte zu tragen, muss der Baum veredelt werden, und
es waren jedenfalls die Araber, welche die bessere Fruchtform dieses
Baumes am Mittelmeer verbreiteten. Er ist in Sued-Arabien wohl zu Hause,
doch an vielen Orten der Riviera jetzt verwildert.

Im La Mortola-Garten werden auch der Theestrauch und Kaffeebaum im Freien
gezogen. Der Theestrauch, der baumfoermig bis zu fuenfzehn Meter Hoehe
emporwachsen kann, macht den Eindruck einer Camellie, und in der That
gehoert er auch wie diese zu der Familie der Ternstroemiaceen, ja er wird
jetzt sogar als _Camellia Thea_ mit dem Camellienbaum in derselben Gattung
vereinigt. Der Name Camellia, den diese Pflanzengattung fuehrt, klingt so
poetisch, vielleicht weil man an die "Camelien-Dame" bei demselben denkt;
thatsaechlich hat er aber einen viel prosaischeren Ursprung. Er entstand
naemlich aus Kamel, dem Familiennamen eines Jesuitenpaters, der vor mehr
als anderthalb Jahrhunderten die Camellie aus Manilla nach Spanien
brachte. Diesem Georg Kamel zu Ehren benannte Linne die Pflanze, er fuegte
_japonica_ hinzu, da die Camellie in Japan zu Hause ist, und von dort aus
auch nach Manilla gelangt war. - Die Bluethen des Theestrauches erinnern
sehr an die ungefuellten Camellien und haben zahlreiche Staubfaeden wie
diese. In La Mortola blueht der Theestrauch im September. Seine
porzellanweissen, rosa angehauchten Bluethen, die sich aus den Blattachseln
vordraengen, verbreiten einen nur schwachen Duft. Nach den Berichten des
Rev. B. C. Henry ist die _Camellia Thea_ wild in grossen Mengen noch im
Innern der suedchinesischen Insel Hainon zu finden. Die zahlreichen
Theesorten verdanken der verschiedenen Zeit des Einsammelns, dem
verschiedenen Alter der eingesammelten Blaetter und deren verschiedener
Behandlung ihre besonderen Eigenschaften.

Der arabische Kaffeebaum, die _Coffea arabica_, ist ein kleiner
pyramidaler Baum, der bis zu fuenf oder sechs Meter Hoehe emporwaechst. Er
traegt seine immergruenen dunklen Blaetter in gekreuzten Paaren. Die weissen,
nach Orangen duftenden Bluethen stehen gehaeuft in den Achseln der obersten
Blaetter. Die Fruechte, die aus diesen Bluethen hervorgehen, sind
kirschgrosse, dunkelrothe Beeren, die zwei Samen, die sogenannten
Kaffeebohnen, enthalten. Der Kaffeebaum fuehrt seinen Namen nach dem
Bergland Kafa im suedlichen Abyssinien. Man hat ueberhaupt die suedlichen
Provinzen von Hoch-Abyssinien fuer den Ursprungsort des arabischen
Kaffeebaumes gehalten, doch ist derselbe in neuerer Zeit wild am
Victoria-Nyansa und in Westafrika gefunden worden, so dass Centralafrika
wohl die eigentliche Heimath dieser Culturpflanze sein duerfte. Afrika hat
uns neuerdings auch noch eine zweite Art des Kaffeebaumes geliefert, die
_Coffea liberica_. Sie wird in den tiefer gelegenen Theilen der tropischen
Kuestendistricte gefunden, ist gegen Temperaturwechsel empfindlicher als
die _Coffea arabica_, vertraegt aber besser die Seewinde. Da sie durch
Groesse der Samen und feines Aroma derselben ausgezeichnet ist, so beginnt
ihre Cultur sich ueber die tropischen Laender bereits auszubreiten.

In den Kaffeegaerten Arabiens und Abyssiniens wird auch ein zu den
Celastrineen gehoerender Strauch cultivirt, mit gegliederten Aestchen,
lederartigen, lanzettfoermigen Blaettern, den man in La Mortola sehen kann
und der _Catha edulis_ heisst. Es ist das die Khatpflanze, deren
getrocknete Blaetter von den Arabern theils wie Tabak gekaut, theils auch
mit Wasser aufgebrueht und als Thee genossen werden. In Suedamerika dienen
andererseits ganz allgemein der Theebereitung die Blaetter des _Ilex
paraguayenses_ einer dem Khatstrauch ziemlich nah verwandten Aquifoliacee,
die in Paraguay und Brasilien zu Hause ist. Man bezeichnet diese Blaetter
dort als _Yerba_ oder als _Mate_. Dieser Strauch wird zwar im La
Mortola-Garten nicht cultivirt, doch sieht man dort andere immergruene
Ilex-Arten, die ihm sehr aehneln. - Die vorhandenen Arten der
Sterculiaceen-Gattung _Sterculia_ koennen andererseits auch das Bild der
_Sterculia acuminata_ oder _Cola acuminata_ ersetzen, welche den
afrikanischen Negern die "Kolanuesse" liefert. Diese Fruechte sehen wie
Kastanien aus und haben schwach bitteren Geschmack. Die Neger wissen sie
nicht genug zu preisen, denn sie sollen den Koerper staerken, schlechtes
Wasser trinkbar machen, gegen allerlei Krankheiten helfen, den Hunger
stillen und das Gemueth erheitern. Thatsaechlich enthalten auch die
Kolanuesse Thein, aehnlich wie die Thee- und Kaffeepflanzen und ausserdem
Theobromin wie die Chocolade. Der Genuss dieser Fruechte beginnt jetzt bis
nach England vorzudringen.

Es faellt im La Mortola-Garten wie in den anderen Gaerten der Riviera wohl
auf, dass die Camellien, Rhododendren und Azaleen so stark gegen andere
Pflanzen zuruecktreten. Man erblickt sie nur vereinzelt und bei weitem
weniger schoen und kraeftig wie etwa an den italienischen Seen entwickelt.
Das hat in der Zusammensetzung des Bodens seinen Grund. Der so ueberaus
kalkreiche Boden der Riviera sagt diesen Pflanzen nicht zu, die
ausgepraegte Humusbewohner sind, ausserdem reiche Bewaesserung verlangen.

Einen wichtigen Handelsartikel im Alterthum und Mittelalter haben auch
wohlriechende Balsame gebildet. Ein Baeumchen, das solchen Balsam lieferte,
tritt uns in La Mortola in dem _Styrax officinalis_ entgegen. Dieses
Gewaechs ist in der Belaubung einem Quittenbaum aeusserst aehnlich; es
entfaltet in La Mortola im Mai und Juni auch seine weissen, mit goldgelben
Staubfaeden versehenen, wohlriechenden Bluethen. Ein Haupterzeuger solcher
Balsame, die als Parfuem, als Raeucherwerk und zu Salben dienten, war der
Storax-Baum (_Liquidambar orientale_). Die duftende Myrrhe, die zu
gottesdienstlichen Zwecken auch den Griechen dient, stammt andererseits
von _Balsamodendron Myrrha_, der Weihrauch, oder das _Olibanum_, von
Boswellia-Arten, die im aeussersten Osten von Afrika und auf dem arabischen
Kuestenstriche wachsen.

In dem Garten von La Mortola kann man auch die zu den Huelsengewaechsen
gehoerende _Indigofera tinctoria_ sehen, eine Pflanze, die zu den
wichtigsten der Indigo liefernden Gewaechse zaehlt. Sie stellt einen kleinen
Strauch vor, der in Ostindien zu Hause ist, der aber jetzt in anderen
Laendern zwischen den Wendekreisen, ja selbst an einzelnen Stellen um
Neapel cultivirt wird. Sie traegt unpaarig gefiederte Blaetter und entsendet
aus den Achseln derselben ihre Bluethenstaende, die mit kleinen weissen oder
rosenrothen Bluethen besetzt sind. Ihre naechste Verwandte, die man auch in
La Mortola sehen kann, die zierliche _Indigofera Dosua_ aus dem Himalaya,
wird auch in unseren Gaerten gezogen. Wie in anderen Indigo liefernden
Pflanzen, zu denen auch unser Waid (_Isatis tinctoria_) und der
chinesische Faerber-Knoeterich (_Polygonum tinctorum_) gehoeren, ist in der
_Indigofera tinctoria_ der Indigo nicht schon als solcher vorhanden. Die
zerkleinerten Pflanzen muessen vielmehr erst einen Gaehrungsprocess im Wasser
durchmachen. Dieses wird abgegossen, wenn es sich stark gruengelb faerbt und
dann geruehrt und geschlagen, um mit dem Sauerstoff der Luft in moeglichst
reiche Beruehrung zu kommen. Dabei scheidet sich der Indigo als unloesliches
Pulver ab. Er bildet die "echteste" und geschaetzteste Pflanzenfarbe, die
auch schon den Alten bekannt war und bei ihnen als Indicum hoch im Werthe
stand. Wie in der Jetztzeit London, so bildete einst Bagdad den Weltmarkt
fuer diesen Artikel.

Aus den exotischen Pflanzenformen ragen allseitig Nadelhoelzer hervor. Sie
stechen eigenartig von denselben ab. Wir sind mit ihren Gestalten wohl
vertraut und selbst die so regelmaessig geformten Araucarien sehen wie etwas
gezierte Tannen aus. In den Gewaechshaeusern der Heimath sah auch jeder
schon die Cycadeen, die hier in einer Anzahl von Arten unter freiem Himmel
gedeihen. Dem Laien wird es schwer, sich vorzustellen, dass die Cycadeen
Verwandte der Nadelhoelzer sind. Scheinen sie doch mit ihrem unverzweigten
Stamm und mit ihrer einfachen Krone aus langen gefiederten Blaettern, weit
mehr den Palmen zu gleichen. Mit diesen haben sie aber thatsaechlich nur
eine gewisse Aehnlichkeit gemein. Diese aeussere Aehnlichkeit der Cycasblaetter
und der Palmenblaetter hat es aber bewirkt, dass sie oft faelschlich als
Palmenblaetter bezeichnet werden und als solche bei Begraebnissen Verwendung
finden. Thatsaechlich ist das aber eine arge Verwechselung. Denn
Palmblaetter und nicht Cycaswedel sollen es, der Tradition nach, sein, die
man den Todten auf den Sarg legt, sowie es Palmenblaetter sind, die
christliche Maertyrer in der Hand halten und die auf den Graebern in den
Katakomben dargestellt werden.

Den Palmen werfen wir in La Mortola nur fluechtige Blicke zu, da wir sie ja
in Bordighera schon eingehend betrachtet haben. Hingegen fesseln unsere
Aufmerksamkeit die zahlreichen Arten von Bambusen, die hier stellenweise
schon zu maechtiger Entwickelung gelangten. Dass diese Pflanzen, trotz ihrer
bedeutenden Hoehe, die beim gemeinen Bambus (_Bambusa arundinacea_) oft
dreissig Meter erreicht, zu den Graesern gehoeren, kann nur Denjenigen in
Erstaunen versetzen, der sich die Graeser ausschliesslich als Wiesenkraeuter
vorstellt. Thatsaechlich haben wir schon in unseren Schilfrohr-Arten
Vertreter der Gramineen-Familie vor Augen, die zu ansehnlicher Hoehe
emporwachsen. Die Bambusen sind unserem Schilfrohr in mancher Beziehung
aehnlich. Waehrend letzteres aber bei uns nur eine beschraenkte Verwendung
findet, gibt es in den heissen Laendern kaum eine Pflanze, die
mannigfaltigeren Nutzen als der gemeine Bambus stiftet. Die jungen
Wurzelsprosse dienen als Gemuese, vornehmlich verwenden sie aber die
Chinesen zur Bereitung eines beliebten Confectes, das dem Ingwer oft
zugesetzt wird. Aus juengeren Halmen stellt man in den heissen Laendern
Waende, Zaeune und anderes Flechtwerk her; aus den Blaettern macht man Matten
und Huete, verpackt auch oft den Thee in dieselben. Junge Blaetter dienen
als Viehfutter. Aus den Fasern der Halme bereiten die Chinesen ihr
beruehmtes Papier, das durch seinen Seidenglanz, seine Weichheit und seine
geringe Dicke ausgezeichnet ist. Die hohlen Staemme sind sehr leicht,
besitzen trotzdem einen ganz ausserordentlich hohen Grad von Festigkeit und
werden zu Bauten verwendet, die allen aeusseren Angriffen trotzen. Die ganze
Oberflaeche des Stammes ist verkieselt, und so kommt es, dass dieser nicht
allein in der Luft, sondern auch im Boden sich sehr lange haelt. Daher die
Staemme auch als Wasserleitungsroehren und Wasserrinnen dienen, nachdem man
zuvor die Scheidewaende durchbohrte, welche das Innere des hohlen Stammes
durchsetzen. Andererseits lassen sich die einzelnen Glieder des Stammes
als Wassereimer und als Blumentoepfe verwenden, wenn man die Scheidewaende
unversehrt laesst. Aus Bambus werden Bruecken und Floesse, aus Bambus Betten,
Stuehle und Tische gefertigt, mit Bambusfasern Matratzen gefuellt und Moebel
gepolstert. Leitern aus Bambus sind sehr beliebt. Aus Bambus stellt man
Ess- und Trinkgefaesse, chirurgische Instrumente und selbst Haarkaemme her,
und als ob gezeigt werden solle, dass der Bambus einer jeglichen Verwendung
faehig sei, verfertigen die Bewohner von Borneo und Sumatra aus demselben
sogar Lampen, in welchen Dammaraharz gebrannt wird, und mit Dammaraharz
gefuellte Kerzen, deren Huelle zugleich mit der Fuellung in Flamme aufgeht.
Bambusstoecke kennen auch wir: sie werden aus den zaehen, knotigen
Wurzelauslaeufern fabricirt, denen eine innere Hoehlung abgeht. Ebenso muss
zu Kriegszwecken der Bambus das Material hergeben: er liefert Lanzen und
Wurfspiesse von unuebertrefflicher Leichtigkeit und Haerte. Zu gleicher Zeit
ist der chinesische Soldat ausgeruestet mit einem Sonnenschirm aus Bambus,
dessen Ueberzug aus gefirnisstem Maulbeerpapier besteht. Desgleichen sollen
die hohlen Stengeltheile des Bambus als Musikinstrumente zur Verschoenerung
des Lebens beitragen. Sie werden zu Floeten und Clarinetten verarbeitet,
auch als Resonanzboeden und selbst in Gestalt von Saiten verwendet. Ja
C. Schroeter berichtet, dass die Atchinesen es sogar verstanden haben, aus
Bambus eine Art Telephon herzustellen, durch welche sie ihre Wachtposten
in Verbindung setzen. - Die Hoehlungen junger Stammtheile enthalten meist
klares Wasser, mit welchem in Indien und in den Bergen von Java der
Reisende seinen Durst stillen kann. - Die Bambusen bluehen selten; stellt
sich aber ein Bluethenjahr ein, so gibt es eine grosse Fruchternte. Die
Fruechte werden wie Reis gegessen oder in Brot verbacken, und wiederholt
schon, so 1812, ist durch das Bluehen der Bambusen eine Hungersnoth in
Indien abgewendet worden. Mit Recht konnte somit Wallace, einer der besten
Kenner der Tropen, aussprechen, dass der Bambus eines ihrer herrlichsten
Producte sei. - Am vollkommensten haben Chinesen, Japaner und die Bewohner
Indiens und des indischen Archipels ihn auszunutzen gewusst. In China gibt
es ganze Doerfer, die nur aus Bambus aufgebaut sind. Einen merkwuerdigen
Eindruck soll es machen, wenn ein solches Dorf in Brand geraeth. Die Luft
erhitzt sich alsdann in den abgeschlossenen Gliedern der Bambusstaemme und
sprengt dieselben mit gewaltigem Knall. Man hoert aus der Ferne wie
Kanonendonner, in welchem die Eingeborenen der Molukken deutlich den Ruf
"Bambu, Bambu" zu vernehmen glauben.

In einer Pflanze, die so viel Nutzen stiftet, lag es dem Naturmenschen
nahe, auch nach verborgenen Heilkraeften zu suchen. In China werden die
Wurzelstoecke, die jungen Sprosse, der Saft, der Samen, bestimmte Auswuechse
der Pflanze, als Medicamente verwendet. Zu besonderer Beruehmtheit gelangte
aber als Heilmittel ein eigenthuemlicher Koerper, der sich in den hohlen
Gliedern der Staemme findet und Tabaschier genannt wird. Schon die
Mediciner der roemischen Kaiserzeit wandten denselben viel an, gestuetzt auf
orientalische Traditionen. Einen Weltruf gewann der Tabaschier aber erst
durch die arabischen Aerzte im zehnten und elften Jahrhundert, und er gilt
immer noch als ganz hervorragendes Medicament in der ganzen orientalischen
Welt. - Das frische, dem Bambusstengel entnommene Tabaschier bildet
schmutzig weisse, braune bis schwarze Stuecke. Beim Gluehen werden diese weiss
calcinirt und in einen Chalcedon-aehnlichen Koerper verwandelt, der bald
weiss und undurchsichtig, bald blaeulich weiss, durchscheinend und
farbenschillernd aussieht. Thatsaechlich ist der Tabaschier nichts Anderes
als gemeine Kieselerde, die, durch etwas vegetabilische Substanz
verunreinigt, beim Gluehen von derselben befreit wird. Statt kostspieligen
Tabaschiers, den er in den Bazaren theuer bezahlen muss, koennte der Patient
somit auch reinen Kieselsand zu sich nehmen. Den rechten Glauben
vorausgesetzt, muesste die Wirkung dieselbe sein.

Sehr belehrend ist es im Fruehjahr zu verfolgen, wie die jungen Knospen
maechtiger Bambusen als ueberarmdicke, mit scheidenartigen Blaettern
dichtbedeckte Kegel die Erde durchbrechen. Sie pressen Wasser zwischen
ihren Blattscheiden hervor, befeuchten und erweichen damit den umgebenden
Boden und wachsen mit solcher Schnelligkeit, dass sich die unmoeglich
scheinende Vorstellung Gras wachsen zu sehen, bei ihnen fast in greifbare
Wirklichkeit verwandelt. Dieses Wachsthum kann naemlich unter guenstigen
Verhaeltnissen einen Meter taeglich betragen und ein zwanzig Meter hoher
Spross in wenigen Wochen somit diese Hoehe erreicht haben. - Schoene Gruppen
von Bambuspflanzen gehoeren zu den zierlichsten Erscheinungen des
Pflanzenreiches; freilich kann man diese Pflanzen in voller
Prachtentfaltung erst in den Tropen sehen und im La-Mortola-Garten nur
eine annaehernde Vorstellung davon gewinnen, welche Bedeutung ihnen in der
tropischen Landschaft zukommt.

Aus den werthvollen Angaben des Geographen Ritter und den nicht minder
werthvollen Untersuchungen des Botanikers Ferdinand Cohn geht wohl sicher
hervor, dass diejenige Substanz, welche die Alten als Saccharum bezeichnet
haben, nicht Rohrzucker, sondern Tabaschier gewesen sei. Nach Bopp
bedeutet das Sanskrit-Stammwort "_carkara_" nicht etwas Suesses, sondern
etwas Zerbrechliches und Steinartiges. Im alten Indien wurde das
Tabaschier als Sakkar Mambu oder Bambusstein bezeichnet, und erst die
Araber haben dieses Wort auf den spaeter dargestellten, dem Tabaschier
aehnlichen, krystallinischen Rohrzucker uebertragen. Edmund O. von Lippmann
kommt ebenfalls in seiner ueberaus gruendlichen und erschoepfenden
"Geschichte des Zuckers" zu dem Ergebniss, dass der Sakcharon der antiken
Welt nicht unser Zucker gewesen sei; er weist nach, dass der *feste* Zucker
auch in Indien erst in der Zeit zwischen dem dritten und sechsten
Jahrhundert n. Chr. bekannt wurde.

Das Zuckerrohr (_Saccharum officinarum_) ist unserem Schilfrohr sehr
aehnlich und wie dieses eine Grasart. Man sieht es im La Mortola-Garten in
voller Entfaltung. Das Zuckerrohr ist eine sehr alte Culturpflanze. Da es
ausschliesslich aus Stecklingen gezogen wurde, hat es die Faehigkeit, Samen
zu erzeugen, fast eingebuesst. Man hat bis vor Kurzem ueberhaupt geglaubt,
dass das Zuckerrohr nicht fructificire; doch ergaben sorgfaeltige
Beobachtungen, vornehmlich aus Java, dass diese Unfruchtbarkeit nur eine
relative sei. Die Heimath des Zuckerrohrs ist wahrscheinlich Bengalen,
jene Provinz, die, ihrer unerschoepflichen Fruchtbarkeit wegen, seit jeher
als der Garten Indiens gepriesen wurde. Wohl gegen das Ende des dritten
Jahrhunderts ist das Zuckerrohr aus Indien nach China gelangt und
zweihundert Jahre spaeter westlich bis Gondisapur vorgedrungen. Diese Stadt
lag am Flusse Karon, der unweit davon sich zum Theil in den Tigris, zum
Theil nach dem Nordrand des Persischen Meerbusens ergoss. Dorthin hatten
sich die Nestorianer gefluechtet, als das Concil zu Ephesus 431 n. Chr.
ihre Lehre fuer ketzerisch erklaerte. Sie fuehrten dem Orient die Keime
klassisch-litterarischer und wissenschaftlich-medicinischer Bildung zu,
namentlich auch die Anfangsgruende chemischer Kenntnisse. Die Beziehungen
Gondisapurs zu Indien bewirkten zugleich, dass sich der Einfluss der
indischen Arzneilehre dort geltend machte und eine Akademie erbluehte, die
nicht nur die Traditionen der griechischen Medicin und Naturwissenschaften
in sich aufnahm, sondern dieselben auch wesentlich foerderte. Hier wurde
allem Anschein nach die Kunst der Zuckerraffinerie erfunden, daher auch
"Kand" der persische Name fuer den gereinigten Zucker ist.

Durch die Araber kam das Zuckerrohr im achten Jahrhundert nach Spanien, im
neunten nach Sicilien. In Venedig lassen sich 1150 bereits Zuckerbaecker
nachweisen. Die drei wichtigsten Productionsstellen des Zuckers im
Mittelalter waren Syrien, Aegypten und Cypern. Ihre Bedeutung schwand, als
Vasco de Gama 1498 den directen Weg nach Ostindien um das Cap der guten
Hoffnung fand und der Handel mit indischem Zucker so in die Haende der
Portugiesen fiel. Damit war der dominirende handelspolitische Einfluss
Venedigs und seine Macht fuer immer gebrochen; an Stelle des Mittelmeers
wurde der atlantische Ocean der Schauplatz des Weltverkehrs. Um 1580
begann Sicilien seine Zuckerproduction einzustellen, da diese gegen die
ueberseeische Concurrenz nicht mehr ankaempfen konnte. Denn um jene Zeit
hatte auch schon der amerikanische Zucker, besonders der brasilianische,
die Bedeutung eines Weltproductes gewonnen und gelangte bis nach Palermo.
Der Zuckerverbrauch stieg ganz enorm in Europa, und im Jahre 1600 hatte
auch Deutschland, nach v. Lippmann, schon mehrere Zuckerraffinerien
aufzuweisen. Freilich scheinen dieselben nach dem dreissigjaehrigen Kriege
sich nur noch in Hamburg gehalten zu haben. Unter Friedrich dem Grossen
entstanden zahlreiche Zuckerraffinerien in Preussen und wurden durch
Prohibitivzoelle geschuetzt.

Die Suessigkeit des Ruebensaftes hatte den Chemiker Markgraf veranlasst,
Zucker aus demselben darzustellen, was ihm um 1747 gelang. Doch fand das
gewonnene Product keine Verwerthung, zum Theil schon deshalb nicht, weil
es an genuegend zuckerreichen Rueben damals noch fehlte. Diesem Mangel wusste
erst Achard aus seinen Guetern bei Berlin um 1786 in groesserem Massstab
abzuhelfen. Die erste wirkliche Ruebenzuckerfabrik errichtete derselbe
Achard, mit Unterstuetzung Friedrich Wilhelms III., zu Cunern in Schlesien.
Es folgten alsbald andere Fabriken in Preussen und Frankreich, wo besonders
Delessert das Darstellungsverfahren vervollkommnete. Nach Aufhebung der
Continentalsperre gingen trotzdem die meisten Ruebenzuckerfabriken sowohl
in Deutschland als auch in Frankreich wieder ein, und erst von 1820 etwa
an datirt der neue Aufschwung und der schliesslich grossartige Erfolg dieser
Industrie.

Der Palazzo Orengo wird von phantastischen Pflanzenformen: saeulenfoermigen
Opuntien, candelaberfoermigen Euphorbien, sowie von zahlreichen bluehenden
Aloe- und Agave-Arten umgeben. Auf der Mauer oestlich vom Hause faellt eine
kleine, mit langen weissen Dornen bewaffnete Opuntie (_Opuntia tunicata_)
in die Augen. Ihre Dornen sind mit zarten Scheiden umhuellt und verdanken
diesen ihre Faerbung. Man kann die Scheiden von den Dornen abziehen; doch
gilt es vorsichtig zu sein, denn die Dornen sind aeusserst scharf und
verwunden leicht die Hand: Sie schuetzen wirksam die Pflanze gegen den
Angriff der Thiere. Dieser Schutz ist aber auch noethig in den duerren
Gegenden Mexikos, in welchen die Pflanze zu Hause ist, und wo es den
Thieren oft an pflanzlicher Nahrung fehlt. In solchen Gegenden sind
dornige Pflanzen sehr haeufig, Pflanzen, deren Blaetter sich zum besseren
Schutz in Dornen verwandelt haben, waehrend der Stengel sich gruen faerbte,
so in die Functionen der Blaetter trat, zugleich anschwoll und fuer die Zeit
der Duerre mit Wasser versorgte. Durch Hunger getrieben, pflegen wohl
Pferde mit den Hufen die Dornen von solchen Cactusgewaechsen abzuschlagen,
um zu dem saftigen Fleisch zu gelangen, waehrend das Rindvieh sich an
denselben schwer verwundet. Der Angriff auf diese weissdornige _Opuntia
tunicata_ duerfte den Thieren unter allen Umstaenden schwer fallen, sie ist
so stark bewaffnet, dass sie ausser dem Namen _Opuntia tunicata_ auch
denjenigen _Opuntia furiosa_ erhielt.

Doch am Palazzo Orengo fesselt unseren Blick vor allem die wunderbare
Aussicht, die sich dort entfaltet. Gewiss ein herrliches Stueck Erde, fast
zu schoen, um dasselbe dauernd zu bewohnen! Denn wonach soll man sich dann
noch sehnen, wo eine Steigerung des Eindrucks erhoffen? - Von ueppigem Gruen
und buntem Bluethenschmuck sind die Bilder eingerahmt, die hier den
Beschauer fesseln. Sein Auge folgt entzueckt der zackigen Kueste, oder es
ruht traeumend aus der tiefen Schlucht, in der sich der Garten aufwaerts,
ohne Ende, bis zu den Gipfeln der Berge fortzusetzen scheint. Eine hohe
Palme neigt sich wie sinnend ueber diesem Bilde und gibt ihm ein
maerchenhaftes Gepraege. Nach Osten decken dunkle Baummassen die Aussicht,
doch durch eine blumenreiche Pergola gelangt man bald bis auf den freien
Bergrand. Der Tag geht zur Neige, und es beginnt Altbordighera im rosigen
Abendlicht zu gluehen. Welch' ein Anblick! Ich weiss ein krankes Maedchen,
eine zu frueh aufgebluehte Knospe, das Rettung vor dem Tode in Mentone
suchte; dem schwebte jenes goldige Bild bis zuletzt in den Fiebertraeumen
vor. Es war wie die Verheissung einer gluecklicheren Welt! Sehnsuchtsvoll
streckte die Sterbende ihre Arme in der nordischen Heimath aus, um es zu
fassen, und ein seliges Laecheln verklaerte dann ihr blasses Antlitz.

Die Pergola, die nach jenem Aussichtspunkt im Garten von La Mortola fuehrt,
ist von Banksia-Rosen und anderen Schlinggewaechsen ueberwuchert, deren
Bluethen in den Abendstunden suessen Duft verbreiten. Die _Rosa Banksiae_
koennen wir hier in ihrer vollen Prachtentfaltung bewundern. Ueberall
leuchten aus dem gruenen, dornenfreien Laub die zierlichen Trugdolden ihrer
halbgefuellten, hellgelben und weissen Bluethen hervor. Um diese schoene Rose
ist die Riviera zu beneiden; bei uns im Freien will sie nicht gedeihen.
Auch ist es in Gewaechshaeusern nicht moeglich, sie zu ueppiger Entwickelung
zu bewegen, ebensowenig als dies fuer die _Bougainvillea_ gelingt, jene
praechtige Liane der Tropen, die mit ihren carmoisinrothen Hochblaettern
ganze Gebaeude an der Riviera deckt.

Die Sonne war inzwischen untergegangen, und fahle Lichter streiften die
Kueste. Altbordighera erschien so todtenblass, als waere es inzwischen
ausgestorben; der Rahmen aus weissen Rosen umschlang es fast wie ein
Todtenkranz. Die bunten Bluethen im dunklen Laube begannen unsichtbar zu
werden, und scharf stachen nur vom hellen Abendhimmel die uralten
Cypressen ab, die, dicht aneinander gereiht, im unteren Theile des Gartens
zum Meere absteigen. Hat dieser dunkelfarbige Baum, der in so feierlichem
Ernst zum Himmel emporragt, wirklich ein trauriges Aussehen, oder weckt er
in uns nur traurige Empfindungen, weil er von jeher ein Symbol der
Todtentrauer war, und wir ihn so oft neben Graebern sehen? Hier haette er
wohl allen Grund, duester in die Landschaft zu schauen, denn er schmueckte,
so heisst es, vor Zeiten einen Friedhof, nach welchem der Ort heute noch
seinen Namen "La Mortola" fuehren soll. Blumenbeete haben seitdem die
Graeber verdeckt, ueppiger Pflanzenwuchs die Staetten verwischt, an welchen
Menschen einst ihre Lieben beweinten, die Cypressen allein trauern noch
ueber den Todten.

                                   VII.

Die Strada nazionale, die am Garten vorbei nach Mentone fuehrt, steigt
zunaechst in der Schlucht empor und beginnt erst jenseits der Croce della
Mortola sich langsam zu senken. Es ist ein unendlich schoener Weg, der im
weiten Bogen, am Abhang der Berge, langsam gegen Mentone absteigt. Bald
ist man in einen Olivenhain gedrungen, in dem sich das Dorf Grimaldi
verbirgt; jenseits des Ortes steigt ueber der Strasse ein alter Thurm duester
in die Luefte empor, neben ihm draengt ein modernes Schloss in englisch
gothischem Geschmack sich auf. Ein schoener Garten steigt bis zum Thurm
empor. Es war das einst die Besitzung des englischen Arztes Bennet, dessen
Name einen ruhmvollen Klang an der Riviera besitzt. Nach dessen Tode haben
neue Besitzer das gothische Haus erbaut. Wir erreichen das italienische
Zollhaus. Es dunkelt schon; in Mentone, das in geringer Ferne vor unseren
Augen aufsteigt, beginnen auf den Strassen und in den Haeusern die Lichter
sich zu entzuenden. Eine lange Reihe flammender Punkte folgt bald dem
Strande, als haette sich das Meer mit einer Schnur feuriger Perlen
geschmueckt. Mir zogen die Strophen des Mignonliedes durch den Sinn, und
das Rauschen des Meeres schien sie in den Toenen der Beethoven'schen Musik
zu begleiten. Wie bezeichnend fuer diesen Boden mehr als
zweitausendjaehriger Cultur, dass jene Gewaechse in dem Liede, welche das
Bild Italiens uns so lebendig vor die Seele zaubern, diesem Lande nicht
ureigen sind. Sie kamen aus dem Orient, wie alle die grossen Gedanken, auf
welchen unsere Bildung ruht, entfalteten und veredelten sich aber auf
diesem Boden. Die Citronen und Orangen erhielten die klassischen Lande von
den Semiten, welche dieselben ihrerseits von den Indiern uebernommen
hatten. Der Oel- und Feigenbaum, der Weinstock und die Palme standen bei
den Semiten in Pflege, lange bevor sie als Culturpflanzen siegreich nach
dem Westen vordrangen. Der Cultus des Lorbeers und der Myrte gelangte von
Osten her ueber das Mittelmeer. Die Cypresse hat nicht ihre Heimath in
Italien, sondern auf den griechischen Inseln und auf dem Libanon; ja,
selbst von der schirmfoermig ausgebreiteten Pinie, der die Rauchwolke des
Vesuvs wie zum Vorbild dient, hat man, doch dieses Mal mit Unrecht,
bezweifelt, dass sie eine echt italienische Pflanze sei. Und als wenn
andererseits auch der grosse Culturimpuls, welcher von der Entdeckung der
neuen Welt ausging, auf italienischem Boden in typischen Pflanzenformen
verkoerpert werden sollte, brachte er diesem die Agave und die Opuntie. Die
dornigen, blaugruenen Agaven, die stachligen, hellgruenen Opuntien, die so
gut zu dem felsigen Strande Italiens passen, als waeren sie fuer ihn von
jeher bestimmt gewesen, sind thatsaechlich erst im vierzehnten Jahrhundert
von Amerika an denselben gelangt. Capri vermag man sich ohne die "_Fichi
d'India_", deren abgeflachte Glieder sich in wunderbaren Kruemmungen ueber
die Mauern draengen, kaum vorzustellen, und doch sind diese Opuntien hier
eine moderne Erscheinung. Daher ist es ein Anachronismus, wenn die Agaven
und Opuntien in den Preller'schen Odysseebildern den Vordergrund der
Landschaft schmuecken. Die Schoenheit jener Bilder wird dadurch nicht
beeintraechtigt, und doch kann man sich bei der Betrachtung derselben einer
gewissen fremdartigen Empfindung nicht erwehren. Das historische
Rechtsgefuehl fuehlt sich verletzt und muss erst durch das aesthetische
Wohlgefallen beschwichtigt werden, welches diese so bedeutenden
Kunstschoepfungen erwecken.

Wie mag die Riviera ausgesehen haben, bevor die Cultur des Oelbaumes
begann, als noch Palmen und Cypressen fehlten und der Wohlgeruch der
Agrumi die Luft nicht erfuellte? - Sie war bedeckt mit immergruenen
Straeuchern, waehrend dichter Nadelwald die Hoehen kroente. Das Bild der
Vegetation musste ein ganz anderes sein; denn sein Aussehen war bestimmt
durch Gesammteffecte, waehrend der Charakter jener Landschaft, die wir
jetzt fuer die typisch italienische halten, auf dem wirksamen Hervortreten
einzelner ausgepraegter Pflanzenformen und deren plastischer Sonderung
beruht.

Waehrend noch in den Zeiten Alexander des Grossen, also im vierten
Jahrhundert vor Christus, die Griechen Italien als ein Land kannten, das
im Vergleich zu ihrem eigenen Lande und dem Orient einen ganz
urspruenglichen Charakter trug, konnte bereits Marcus Terentius Varro im
ersten Jahrhundert vor Christus, Italien mit einem grossen Garten
vergleichen. Plinius klagt ein Jahrhundert spaeter ueber den Luxus, der auch
im Gartenbau eingerissen sei. Die Gemuese wurden so gross gezogen, dass sie
der Tisch des Armen nicht mehr zu fassen vermochte. Er fuehrt als Beispiel
die Spargeln an, von denen in Ravenna oft nur drei auf das roemische Pfund
(ca. 300 Gramm) gingen.

Dass in jenem Garten, in welchen Italien verwandelt worden war und der
orientalische Culturpflanzen vorwiegend barg, das roemische Volk sich
verweichlichen musste, ist nur zu klar. Es war das die Schattenseite jener
zu ueppig entwickelten Cultur, die in dem Uebermasse ihrer Entfaltung auch
die Keime ihres Untergangs trug.

Als ich Mentone naeher kam, begann der Mistral zu wehen und fegte maechtige
Staubwolken ueber die Strasse. In Garavan, im Schutze der Altstadt, wurde es
trotzdem fast windstill, so dass ich dort am spaeten Abend im anmuthigen
Garten des Hotel d'Italie noch sitzen konnte. Garavan wird eben durch den
Bergruecken, auf dem das alte Mentone steht, und durch die dichten
Haeusermassen dieser Stadt gegen den Westwind vollstaendig gedeckt und mit
Recht daher von Brustkranken bevorzugt. Seit vorigem Winter erhielt
Garavan einen eigenen Bahnhof, der fast eine zu grosse Erleichterung des
Verkehrs fuer diejenigen Wintergaeste schafft, die in Monte Carlo durch
schaedliche Aufregung beim Spiel, den Rest ihrer Gesundheit gefaehrden.

                                  VIII.

Fast alle wichtigen Reiz- und Genussmittel des Pflanzenreichs dankt der
Culturmensch den wilden Voelkern. Da bei ihm selbst die Cultur das
instinctive Empfinden ganz zurueckdraengte, so kann er sich kaum noch
vorstellen, welche Eindruecke den Wilden bei der Wahl seiner Nahrungsmittel
geleitet haben. Er staunt, wenn ihn die Chemie belehrt, dass der Thee der
Chinesen, der Mate der Brasilianer, der Kaffee und die Khatpflanze der
Araber, die Chocolade der Azteken, die Kolanuesse der Neger im wesentlichen
dieselben Stoffe enthalten. Im La Mortola-Garten, bei Betrachtung der
Pflanzen, die jene Stoffe liefern, konnten wir die Verschiedenheit ihres
Aussehens feststellen. Irgend welches aeussere Abzeichen, das ihnen
gemeinsam waere, haben wir nicht entdeckt. Ein solches Abzeichen konnte
somit die Wahl des Wilden nicht leiten, als er diese traf. Er verfuhr
nicht anders wie das wilde Thier, das in Wald und Flur seiner Nahrung
nachgeht. Er war sich der Ursache seiner Wahl ebenso wenig bewusst.

Meist vor langer Zeit schon den Wilden abgewonnen, haben unsere Reiz- und
Genussmittel eine interessante Geschichte aufzuweisen.

In China ist der Theegenuss so alt, dass ein im zwoelften Jahrhundert
verfasstes Buch "Rhya" von demselben als von etwas laengst Bekanntem
spricht.

In Europa begann sich der Theegenuss erst um 1630 zu verbreiten, unter dem
Einfluss der hollaendisch-ostindischen Gesellschaft und der Lobpreisungen,
welche einige hollaendischen Aerzte diesem Getraenk zu Theil werden liessen.
Der Thee sollte die Lebenskraft steigern, das Gedaechtniss staerken, alle
seelischen Faehigkeiten erhoehen, das Blut in willkommenster Weise
verduennen. Gegen Fieber wurde vorgeschrieben, nicht weniger als vierzig
bis fuenfzig Tassen hintereinander zu trinken. Zu dem interessanten Werke
von Le Grand d'Aussy, welches 1782 zuerst erschien und die Geschichte des
Privatlebens der Franzosen (_Histoire de la vie privee des Francois_)
erzaehlt, ist zu lesen, dass der Thee in Paris 1636 bekannt wurde und bald
zu Ansehen gelangte, weil ihn der Chancelier Seguier unter seine
Protection nahm. Es scheint, dass sich in Paris einzelne Personen auch auf
das Rauchen des Thees verlegten, so wie man Tabak raucht, und der Arzt
Bligny ruehmt sich, aus dem Thee eine Conserve, ein destillirtes Wasser und
zwei Arten von Syrup dargestellt zu haben. In England war das Theetrinken
um 1700 schon allgemein verbreitet und der Thee besteuert. Deutschland
verdankt die Bekanntschaft mit dem Thee den hollaendischen Aerzten des
Grossen Kurfuersten. Im Jahre 1662 kostete, nach den von Flueckiger
veroeffentlichten Documenten, eine Hand voll Thee in den Apotheken der
Stadt Nordhausen noch fuenfzehn Gulden, doch im Jahre 1689 in Leipzig nur
noch vier Groschen. Nach Russland gelangte der Thee nicht ueber das
westliche Europa, sondern direct mit einer asiatischen Gesandtschaft, und
schon in der zweiten Haelfte des siebzehnten Jahrhunderts wurde der Thee
dort zu einem allgemein verbreiteten Getraenk. Der Thee heisst demgemaess dort
Tschai, entsprechend der Benennung wie wir sie auch bei den Arabern im
achten Jahrhundert schon finden, waehrend in Polen aus _herba Theae_
"_Herbata_" gebildet worden ist.

Der wichtigste Bestandtheil der Theeblaetter ist das Coffein, derselbe
Koerper, den die Kaffeebohnen fuehren und der auch dem Theobromin der
Cacaobohnen aeusserst nahe steht. Ebenso ist der Paraguay-Thee oder Mate
coffeinhaltig, und denselben Stoff fuehren auch die Kola-"Nuesse".

Die Kultur des Kaffeebaumes haben die Araber zuerst in grossem Massstaebe
betrieben, waehrend Europa, die Tuerkei ausgenommen, vor Mitte des
siebzehnten Jahrhunderts nur wenig von dem Bestehen dieses Genussmittels
wusste. Nach Constantinopel hatte Selim I. 1517 aus Aegypten den ersten
Kaffee gebracht, und zwanzig Jahre spaeter gab es dort bereits viele
Kaffeehaeuser. Nach dem Westen Europas gelangte der Kaffee durch die
Venetianer. Prosper Alpinus, der als Arzt des venetianischen Consuls in
Aegypten lebte und von 1591 bis 1593 sein Werk ueber aegyptische Pflanzen
veroeffentlichte, gab die erste, wenn auch wenig vollkommene botanische
Beschreibung des Kaffeebaumes. Von Venedig aus, wo im Jahre 1645 das erste
Kaffeehaus eroeffnet wurde, verbreitete sich die Sitte des Kaffeetrinkens
rasch ueber ganz Italien. Wie Le Grand d'Aussy eingehend beschreibt, war es
Marseille, das in Frankreich im Jahre 1644 mit der Errichtung von
Kaffeehaeusern den Anfang machte. In Paris kam das Kaffeetrinken erst unter
Ludwig XIV. auf, und zwar vornehmlich durch Soliman Aga, den Gesandten
Mohammeds III., der, wie Le Grand d'Aussy berichtet, sich die Gunst der
Pariserinnen in solchem Masse zu erwerben wusste, dass es Mode ward, ihm
Besuche abzustatten. Er liess den Damen, nach orientalischer Sitte, den
Kaffee serviren; es reichten ihn Sklaven in glaenzenden Porzellantassen auf
goldbefranzten Servietten. Die fremdartige Einrichtung der Zimmer, das
Sitzen auf dem Boden, die Unterhaltung, die mit Huelfe eines Dolmetschers
gefuehrt wurde, alles das, meint Le Grand d'Aussy, musste den Kopf der
Franzoesinnen verdrehen. Ueberall hoerte man von dem Soliman'schen Kaffee
sprechen, und Jeder wollte davon gekostet haben. Sich Kaffeebohnen zu
verschaffen, war bei alledem damals noch schwer: das Pfund kostete bis zu
vierzig Thalern. Im Jahre 1672 eroeffnete ein Armenier, Namens Pascal, auf
dem Quai de l'Ecole das erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem Getraenk,
welches in demselben geboten wurde, "Cafe" genannt ward. Es war eine
"Boutique" nach Art der orientalischen und machte schlechte Geschaefte, da
es fuer das feinere Publicum, welches allein den Kaffee damals trank, nicht
geeignet war. Das erkannte richtig der Florentiner Procope, derselbe, der
sich um Paris durch die Einfuehrung des Gefrorenen verdient gemacht hat; er
richtete gegenueber der alten Comedie Francaise ein Cafe ein, welches ausser
dem urspruenglichen Getraenk, auch Thee, Chocolade, Eis und verschiedene
Liqueure fuehrte, und, geschmackvoll decorirt, sich alsbald des groessten
"Succes" erfreute. Die Zahl der Nachahmer war gross, und 1676 hatte Paris
schon eine Unmasse Cafes aufzuweisen, deren Einfluss sich als ein sehr
guenstiger erwies, indem er der Trunksucht steuerte, und was Ludwig XIV.,
"_ce Roi si decent_", wie sich Le Grand d'Aussy ausdrueckt, durch harte
Strafen nicht zu erreichen vermochte, hatte man dem Florentiner Procope zu
verdanken. Als ganz ungefaehrlich galt jedoch der Kaffee nicht, und die
Marquise de Sevigne raeth darum ihrer Tochter in einem Brief aus dem Jahre
1680, dem Kaffee etwas Milch zuzusetzen, "_pour en temperer le danger_".
In England wurde der Kaffee durch Baco von Verulam schon 1624 erwaehnt. Das
erste Kaffeehaus errichtete in London 1652 der Armenier Pasqua, Diener
eines tuerkischen Arztes. Berlin folgte erst weit spaeter nach, denn Volz
gibt an, dass dort das erste Kaffeehaus im Jahre 1721 eroeffnet wurde. Eine
Anzahl deutscher Staedte war in dieser Beziehung Berlin vorangeeilt; in
Hamburg gab es schon 1679, in Nuernberg und Regensburg 1686, in Koeln 1687
Kaffeehaeuser. In Wien erhielt 1683 ein gewisser Kolschitzky die Erlaubniss
zur Eroeffnung des ersten Kaffeehauses und zwar als Belohnung fuer den Muth,
durch welchen er sich in dem gleichen Jahre, bei der Befreiung der Stadt
von den Tuerken, ausgezeichnet hatte. Um die Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts war der Kaffeegenuss ueber ganz Deutschland verbreitet, und der
Kaffee bildete einen wichtigen Handelsartikel fuer Hamburg und Bremen.
Friedrich der Grosse versuchte es vergeblich, den Verbrauch einzuschraenken.
In dem Bestreben, Preussen wirthschaftlich abzuschliessen und "das Geld im
Lande zu behalten", hatte er besonders die theueren Colonialwaaren mit
hohen Zoellen belegt; zum Theil verbot er sogar deren Einfuhr oder suchte
sie zum Mindesten zu monopolisiren. Markgraf und andere Chemiker wurden
beauftragt, Surrogate an Stelle des Kaffees zu schaffen, was zur
Entstehung von Eichelkaffee, von Kaffee aus Gerste und Roggen, ja selbst
aus Rueben und Rosskastanien fuehrte. Der Cichorienkaffee jedoch wurde um
jene Zeit noch nicht hergestellt, vielmehr, wie ich den Angaben
E. v. Lippmanns entnehme, erst gegen 1790. Die gebotenen Kaffeesurrogate
erfreuten sich nicht des Beifalls beim Publicum, daher 1781 ein
Kaffeemonopol eingefuehrt ward, das die gewoehnlichen Consumenten zwang, den
Kaffee schon gebrannt vom Staate, vierundzwanzig Loth zu einem Thaler, zu
kaufen, waehrend an Adlige, Geistliche und Beamten sogenannte
"Brennscheine" abgegeben wurden.

An den Thee und den Kaffee schliesst sich der Cacao fast gleichberechtigt
an. Sein Anbau ist schwieriger als derjenige vieler anderer tropischer
Pflanzen, da er eine sehr bestaendige, relativ hohe Temperatur neben einer
grossen und gleichmaessigen Feuchtigkeit verlangt. Seine Heimath duerfte in
den Laendern um den mexikanischen Meerbusen liegen, jetzt wird er ueberall
in den Tropen, soweit es die sonstigen Bedingungen gestatten, gebaut. Die
Cacaopflanze gehoert einer Unterabtheilung der Malvaceen an; fast aller
Cacao des Handels stammt von der _Theobroma Cacao_ ab. Es ist ein
dunkelbelaubter Baum, mit knorrigem Stamm und breiter Krone, der fuer
gewoehnlich acht bis zehn Meter Hoehe erreicht. Das Charakteristische fuer
die Pflanze ist, dass sie ihre Bluethenstaende vorwiegend am alten Holze
traegt, so dass der Stamm und die dicken Aeste sich weiterhin mit Fruechten
behangen zeigen. Die Bluethen sind weisslich bis roth und liefern je nachdem
gelbe oder dunkelrothe Fruechte. Waehrend die Bluethen nur klein sind, koennen
die cylindrischen Fruechte bis fuenfundzwanzig Centimeter Laenge erreichen.
Der Baum blueht und fructificirt fast ohne Unterbrechung, liefert aber im
Jahr meist nur zwei Haupternten. Die Samen sind in einem suesssaeuerlichen
Fruchtfleisch eingebettet und bilden in der reifen Frucht fuenf
Laengsreihen. Ihr bitterer Geschmack wird durch das sogenannte "Rotten"
gemildert, einen Gaehrungsprocess, dem die aus der Frucht befreiten Samen
unterworfen werden. Der Cacao war in Mexiko schon den Azteken und selbst
den von diesen verdraengten Tolteken bekannt, und als die Spanier 1519 das
Land eroberten, fanden sie die Cultur des Baumes vor. Aehnlich wie der
Pfeffer einst in Europa, dienten in Mexico, ja in ganz Mittelamerika die
Cacaobohnen als Muenze. Die Spanier sollen bei der Eroberung Mexico's im
dortigen Staatsschatze nicht weniger als zweiundeinhalb Millionen Pfund
solcher Bohnen vorgefunden haben. In Mexico wurden die geroesteten
Cacaobohnen geschaelt und gestossen, mit kaltem Wasser zu Brei angeruehrt und
mit Maismehl oder bei Vornehmeren mit Gewuerzen, Vanille, duftenden Blumen
und Honig versetzt. Dieser Brei "_bouillie assez degoutante_", sagt Le
Grand d'Aussy, hiess Chocolatl. Ob diese Bezeichnung von dem mexikanischen
Namen der Pflanze Cacao oder Cacagnate, oder Choco (Schaum) und Atl
(Wasser) abzuleiten sei, ist wohl unentschieden. Die Spanier, welche die
Chocolade am Hofe des Montezuma kennen gelernt hatten, brachten sie bald
nach Europa, und auch heute noch ist es Spanien, welches die groessten
Mengen Chocolade verzehrt. Nach Florenz brachte Carletti die Chocolade
mit, als er 1606 von weiten Reisen, die sich bis nach Westindien
erstreckten, heimkehrte. Das warme Getraenk, das in Florenz aus Cacaomehl
hergestellt wurde, verbreitete sich rasch ueber ganz Italien. Nach
Frankreich kam die Chocolade 1615 mit Anna von Oesterreich, Gemahlin
Ludwig's XIII. Zu einiger Geltung gelangte sie aber erst 1661, unter dem
Einfluss von Maria Theresia von Spanien, Gemahlin Ludwig's XIV., die sich
aber noch versteckte (wie die Duchesse de Montpensier in ihren Memoiren
angibt), um ihre Chocolade zu trinken; der Genuss derselben musste somit als
etwas Ungewohntes oder gar Verpoentes angesehen werden. Indessen schon 1671
konnte Frau von Sevigne an ihre Tochter schreiben: "_Vous ne vous portez
pas bien, le chocolat vous remettra._" Freilich muss die Chocolade als
Heilmittel ihre Wirkung versagt haben, denn in einem spaeteren Briefe wird
sie als "_source de vapeurs et de palpitations_" angegeben. Andererseits
vertheidigte ein Pariser Arzt, Namens Bachot, 1684 vor der Fakultaet eine
These, in welcher er gutgemachte Chocolade als eine der edelsten
Erfindungen pries, weit mehr wuerdig, als Nectar und Ambrosia, die Speise
der Goetter zu sein. Derselben Ansicht muss auch Linne gewesen sein, der die
Chocolade 1769 in den "_Amoenitates academicae_" behandelte und dem
Cacaobaum den botanischen Namen "_Theobroma_", d. h. "Goetterspeise" gab.
In England begann sich die Chocolade um 1625, annaehernd gleichzeitig auch
in Holland, einzubuergern. Nach Berlin brachte Bontekoe, der Leibarzt des
Grossen Kurfuersten, den Cacao mit. Friedrich der Grosse verbot die Einfuhr
der Chocolade und beauftragte den Chemiker Markgraf, denselben, der
Aehnliches fuer den Kaffee schon versucht, ein Surrogat aus Lindenbluethen an
Stelle von Chocolade herzustellen, was aber nur schlecht gelang.

Als die Spanier im sechzehnten Jahrhundert nach Peru kamen, war dort ein
anderes Reizmittel in Gebrauch, das der Instinct der Eingeborenen
herausgefunden hatte, naemlich das Cocain. Dieser Koerper gehoert ebenso wie
das Coffein und das Theobromin zu den pflanzlichen Alcaloiden. Die
Bewohner des Inkareiches kauten die Cocablaetter ganz so wie die Hindus die
Betelnuss kauen und wuerzten diese Blaetter auch mit Asche der Quinoapflanze
(_Chenopodium quinoa_) oder mit geloeschtem Kalk, so wie es fuer die
Betelnuesse in Indien geschieht. Bei maessigem Genuss wirken die Cocablaetter
anregend auf das Nervensystem ein, in zu grossen Mengen und fortdauernd
gebraucht, werden sie verderblich. Es stellt sich dann ein Verfall aller
koerperlichen und geistigen Faehigkeiten bei dem "Coquero" ein, der zu einem
Vergleich desselben mit unseren Alkoholikern gefuehrt hat. Den Spaniern
fielen zunaechst nur die ueblen Folgen des Cocakauens auf, sie suchten
dasselbe durch Verordnungen und kirchliche Verbote in Peru einzuschraenken.
Daher wohl die Cocablaetter nicht wie andere aehnliche Reizmittel ihren
Einzug in die alte Welt hielten. Erst die 1884 von Koller in Wien gemachte
Entdeckung, dass eine Aufloesung von Cocain ohne ueble Folgen die Hornhaut
und Bindehaut der Augen eine Zeitlang unempfindlich macht, richtete die
allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Alcaloid. Die Anwendung desselben bei
Augenoperationen wurde allgemein; sie verbreitete sich auf andere Gebiete
der Heilkunde als auch seine Faehigkeit, leicht zugaengliche sensible Nerven
unseres Koerpers unempfindlich zu machen, erkannt wurde.

Die Cocablaetter gehoeren einem Strauche an, der unserer Schlehe aehnlich
ist, aber bedeutendere Groesse erreicht. Diese Blaetter sind lebhaft gruen
gefaerbt und sehr duenn; sie haben eifoermige Gestalt und laufen spitz an
ihrem Ende aus. Die gelblich weissen Bluethen fallen wenig in die Augen, da
sie nur geringe Groesse besitzen. Die rothen, unseren Cornelkirschen nicht
unaehnlichen Fruechte, leuchten hingegen aus dem Laub hervor. Der botanische
Name der Pflanze ist _Erythroxylon coca_, sie bildet eine eigene kleine
Pflanzenfamilie, die im Wesentlichen auf die artenreiche Gattung
_Erythroxylon_ beschraenkt ist. Die Blaetter sind schwach aromatisch und
besitzen einen angenehm bitterlichen Geschmack. Das Alcaloid, welches man
aus denselben gewinnt, bildet farblose Krystalle, die sich nur wenig in
Wasser, dagegen leicht in Alcohol und noch leichter in Aether loesen.

Ein ganz besonderes culturhistorisches Interesse ist an den
Gewuerznelkenbaum geknuepft, da er eine aeusserst markirte Rolle in der
Geschichte des Gewuerzhandels gespielt hat. Der Gewuerznelkenbaum (_Eugenia
caryophyllata_) gehoert zu den Myrtaceen wie die Myrten, Eucalypten,
Guaiaven und Rosenaepfel, die wir in La Mortola sahen. Er ist ein
immergruener Baum mit wohlgeformter Krone, der ueber zehn Meter Hoehe
erreichen kann und lederartige, glaenzende, durchscheinend punctirte
Blaetter besitzt. Die Bluethen stehen an den Enden der Zweige in
doldenfoermigen Bluethenstaenden. Der vierkantige Bluethenstiel breitet sich
am oberen Rande in vier dicke, kurze Kelchlappen aus. An der
Ursprungsstelle derselben sind die Blumenkronenblaetter und die Staubfaeden
befestigt. Erstere werden aehnlich wie bei Eucalyptus als Kappe abgeworfen,
wenn sich die Bluethe oeffnet. Diesen Zeitpunkt wartet man aber nicht ab,
sammelt vielmehr kurz zuvor schon die "Gewuerznelken", indem man sie mit
den Haenden vom Baume pflueckt oder mit Bambusstaeben abschlaegt. Sie sind
somit noch ungeoeffnete Bluethen eines myrtenartigen Gewaechses und haben mit
den nur aehnlich duftenden Bluethen unserer Gaerten, die wir als Nelken
bezeichnen, den Dianthus-Arten, sonst nichts gemein. Beim Trocknen
veraendert sich die dunkelrothe Farbe in das bekannte Braun. - Die
Gewuerznelken waren den Chinesen schon vor unserer Zeitrechnung bekannt. Im
vierten Jahrhundert vor Christus gelangten sie nach Europa. Man glaubte
bis zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, dass Java oder Ceylon ihre
Heimath sei; thatsaechlich aber waren diese Inseln nur Stationen auf dem
Wege des Gewuerznelkenhandels. Erst die Entdeckung der Molukken durch
Varthema 1504 klaerte Europa ueber den Ursprung der Gewuerznelken auf. Mit
den Molukken zugleich gelangte der Gewuerzhandel jener Inseln in die Haende
der Portugiesen, dann ein Jahrhundert spaeter an die
hollaendisch-ostindische Compagnie, welche die Production von Gewuerznelken
und Muskatnuessen auf jede Weise zu monopolisiren suchte, ja sogar
dieselbe, um sie besser ueberwachen zu koennen, auf nur wenige Inseln
einschraenkte. Auf den uebrigen Inseln liess sie die Gewuerzbaeume ausrotten.
Um die hohen Preise zu halten, brachte die Compagnie nur begrenzte Mengen
des Gewuerzes auf den Markt, und als in Folge guter Ernten der Vorrath
einmal, im Jahre 1760, zu stark anwuchs, wurde ein Theil desselben bei der
Admiralitaet in Amsterdam verbrannt. Trotz strengster Ueberwachung von
Seiten der Hollaender gelang es dem franzoesischen Gouverneur von Mauritius
und Bourbon 1769 in den Besitz von Gewuerznelken- und Muskatbaeumen zu
gelangen und sie auf seiner Insel anzupflanzen. Zwischen 1795 und 1802,
als die Englaender die Molukken besetzt hielten, sorgten sie auch dafuer,
dass die Cultur der Gewuerzbaeume sich ueber die Grenzen dieser Inseln hinaus
verbreite. Jetzt hat sich ihre Cultur ueber die tropischen Laender weit
ausgedehnt, auf den Molukken selbst ging der Anbau der Gewuerznelkenbaeume
ganz zurueck, und nur die Muskatbaeume werden dort noch im grossen Massstab
gepflegt.

Die Muskatbaeume, die mit den Gewuerznelkenbaeumen stets zusammen genannt
werden, gehoeren zu der Gattung _Myristica_, die den Lorbeergewaechsen sehr
nahe steht. Der wichtigste Muskatbaum ist _Myristica fragrans_, der in
seinem Aussehen an unsere Birnbaeume erinnert. Er besitzt eine rundliche
Krone und dichte Belaubung. Seine Bluethen sind weiss oder gelblich und
gleichen auffallend denjenigen unserer Maiblumen. Da sie klein sind, so
fallen sie freilich nicht in die Augen. Das thun hingegen die hellgelben,
aprikosenaehnlichen Fruechte, die der Baum gleichzeitig traegt. Diese Fruechte
springen bei voller Reife auf und dann leuchtet ein carmoisinrother
Samenmantel aus ihrem Innern hervor. In Gestalt einer zerschlitzten Huelle
umgibt er den schwarzbraunen, als Muskatnuss bekannten Samen. Er selbst
wird faelschlich als Muskatbluethe bezeichnet.

Auch der Zimmet war einst ein Monopol der Portugiesen, hierauf der
niederlaendisch-ostindischen Compagnie und ging auf die
englisch-ostindische ueber, als England 1796 Besitz von Ceylon ergriff.

Wie Zimmet, Gewuerznelken und Muskatnuss in der niederlaendischen Geschichte,
so spielte der ostindische Pfeffer einst eine nicht unbedeutende Rolle in
der Geschichte Venedigs. Namentlich aus Ruecksicht auf diesen Pfeffer lag
Venedig daran, das rothe Meer und Aegypten sich offen zu halten. Unmengen
von Pfeffer wurden in Venedig, in dem Fondaco de' Tedeschi, an die
Deutschen verhandelt. Im Mittelalter herrschte, wie Flueckiger besonders
hervorhebt, eine kaum mehr verstaendliche Gier nach Pfeffer, der
schliesslich fast die Bedeutung eines ueberall gangbaren Zahlmittels
erlangte. Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert nahm er entschieden
den ersten Rang unter den Gewuerzen ein; er stand so hoch im Preise, dass
aermere Klassen von dem regelmaessigen Gebrauch desselben absehen mussten und
"_cher comme poivre_" sprichwoertlich wurde. Diese Sucht nach Gewuerzen kam,
wie Le Grand d'Aussy erzaehlt, von den vielen schwer verdaulichen Speisen,
welche man damals zu geniessen pflegte. Es gab raffinirte Gourmands, welche
Gewuerze bei sich fuehrten, um nach eigenem Geschmack die Speisen bei Tische
sich mundgerecht zu machen. Regnard bezeichnet solche Esskuenstler als
"_Docteurs en Soupers_".

Aus der Geschichte des Levantehandels im Mittelalter von Wilhelm Heyd geht
hervor, dass zu den verbreitetesten Specereien damals auch der Ingwer
gehoerte, und dass er fast eben so stark begehrt war wie der Pfeffer. Diese
Pflanze, deren Heimath in Ostindien liegt, kann man im Garten von La
Mortola sehen. Ihre bis zu einem Meter hohen gruenen Sprosse entspringen
dem wohlriechenden Wurzelstock, der im Boden versteckt ist. Die Sprosse
erinnern an die in unseren Gaerten cultivirten Canna-Arten und tragen wie
diese, in zwei Reihen angeordnete, doch wesentlich schmaelere Blaetter. Am
Gipfel schliessen sie, falls sie zur Bluethe kommen, mit dichtgedraengten
Hochblaettern ab, aus deren Achseln gelb- und violettgefaerbte Bluethen
entspringen. In La Mortola blueht freilich der Ingwer nicht, und auch in
Asien kommen nur selten bluehbare Stengel zur Entwickelung. Stuecke des
Wurzelstockes sind es, die, geschaelt oder ungeschaelt, als Ingwer in den
Handel gelangen. Der aus China eingefuehrte in Zucker gekochte Ingwer
stammt von zarten, sorgfaeltig geschaelten Wurzelstoecken. Eingemachter
Ingwer wurde schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in irdenen
Toepfen nach Italien eingefuehrt, doch war Marco Polo der erste Europaeer,
der auf seinen Reisen in China und Indien von 1280-1290 die Pflanzen zu
sehen bekam. Dieser mit Recht hochberuehmte Reisende des Mittelalters
erwarb sich ueberhaupt sehr grosse Verdienste um die Erforschung von China,
weshalb ihm der Besitzer von La Mortola, der selbst laengere Zeit im "Reich
der Mitte" lebte, in der Eingangshalle seiner Villa ein glaenzendes, von
Salviati in Venedig als Glasmosaik auf Goldgrund ausgefuehrtes Brustbild
widmete. Da freilich von Marco Polo ein authentisches Bildniss nicht
bekannt ist, blieb es der Phantasie des Kuenstlers ueberlassen, wie er sich
ihn vorstellen wollte.

                                   IX.

Wer den Weg von Mentone nach Nizza auf der vielgeruehmten Route de la
Corniche zuruecklegen will, sollte dies nur bei voellig klarem Wetter thun.
Denn unter den grossen Eindruecken dieser Bergstrasse darf die Aussicht
landeinwaerts in die schneebedeckten Seealpen nicht fehlen. Im Fruehjahr
sind die Berge meist von Wolken bedeckt und so dem spaehenden Auge
verborgen. Die Route de la Corniche ist an schoenen Fruehlingstagen von
unvergleichlicher Wirkung. Sie faengt an bei Roccabruna zu steigen und
folgt dann in unzaehligen Windungen dem Abhang. Das eine Mal wendet sie
sich landeinwaerts, als wolle sie den Berg durchbohren, das andere Mal
schlaegt sie die Richtung nach dem Meere ein, als stuerze sie sich in die
Fluthen. Fort und fort wechseln die Bilder. Abwaerts taucht der Blick in
die gruenen Thaeler und trifft immer neue Einschnitte der Kueste; aufwaerts
wird er begrenzt durch die maechtigen Kuppen der Berge. Wo diese
auseinandertreten, da tauchen, wie mit einem Zauberschlag, die
schneebedeckten Haeupter der Seealpen in der Ferne auf. - Den hoechsten
Punkt hat die Corniche bei La Tourbie, der alten _Trophea_ oder _Turris in
via_, etwa 500 Meter ueber dem Meere erreicht. Die Corniche folgt der alten
roemischen Strasse; Napoleon I. war es, der sie im Jahre 1805, so wie sie
heute ist, ausbauen liess. Jetzt ist die Tourbie sogar durch eine
Zahnradbahn mit Monte Carlo verbunden. Einst lief hier die Grenze, welche
Gallien von Italien schied. Der weit sichtbare, aus maechtigen Truemmern
aufsteigende Thurm, der als Thurm des Augustus bekannt ist, trotzt noch
immer der Zeit. Mit seinen zackigen Zinnen, erst im vierzehnten
Jahrhundert erbaut, ging er aus den Quadern des gewaltigen Denkmals
hervor, das hier der Senat und das roemische Volk dem Octavian errichten
liessen, als die Schlacht bei Actium ihn zum Herrn der Welt machte. Plinius
hat uns die Inschrift bewahrt, welche das Denkmal auf seinen vier Seiten
trug. Ausser der Widmung an den _Caesar Imperator_ standen da die Namen von
vierundvierzig Alpenvoelkern verzeichnet, welche unter roemisches Joch
gebeugt worden waren. Ein Standbild des Kaisers kroente das Denkmal, das,
alter Schilderung nach zu urtheilen, grossartig gewesen sein musste.
Trotzdem schonten es die spaeteren Zeiten nicht. Die Longobarden begannen
seine Zerstoerung. Die Saracenen gestalteten es zur Festung. Dann schoepften
Jahrhunderte lang die Bewohner von La Tourbie aus den Truemmern, wie aus
einem Steinbruch, die Steine zum Bau ihrer Kirche und ihrer Haeuser. Im
zwoelften Jahrhundert holten die Genueser hier Marmor zum Schmucke ihrer
Bauten, und was dann noch verblieb, wurde am Hochaltar in der alten
Kathedrale von Nizza verwandt. - Von La Tourbie aus sieht Monte Carlo mit
all seinem Glanz und Elend nur wie ein unschuldiges Kinderspielzeug aus.
An den Ernst des Lebens wird man aber auch in dieser Hoehe durch alle die
Festungswerke gemahnt, welche Frankreich auf den Berggipfeln errichtet
hat. Selbst der hoechste Berg ueber Monte Carlo, der 1150 Meter hohe
Mont-Agel, dessen Gipfel weithin das ganze Land beherrscht, hat jetzt
einen Kranz von Redouten erhalten.

Als Glanzpunkt der Corniche erscheint mir die Stelle, an welcher Eza auf
schroffem Fels, mitten in der Landschaft, emportaucht. Welche gewaltige
Kraft war noethig, um in so schwindelnder Hoehe, so unvermittelt zwischen
Himmel und Erde, aus maechtigen Quadern Burgen zu erbauen! Von Abgruenden
umgeben, vor jeder Ueberraschung sicher, haben nach einander nizzardische
und piemontesische Geschlechter in dieser Burg geherrscht. Armselige
Haeuser suchten Schutz an den befestigten Mauern, und auch heut noch stehen
sie da und draengen sich um die zerfallenen Ruinen. Die alte Pracht
verschwand von dieser Staette: das Elend ist geblieben. Von aussen aber
vergoldet es die strahlende Sonne des Suedens und hebt den stolzen Felsen
majestaetisch ab gegen den blauen Hintergrund des Meeres.

Nizza wird immer groesser, verliert den urspruenglichen, italienischen
Charakter, nimmt ganz denjenigen einer eleganten, cosmopolitischen Stadt
an und amuesirt sich ohne Unterbrechung. Endlos folgen im Winter Redouten,
Blumenschlachten, Regatten, Pferderennen auf einander. Wie eigen dieser
Trieb zum Vergnuegen, der sich hier auch der einheimischen Bevoelkerung
bemaechtigt hat! Denn kaum hat ein Ort gleich schwere Schicksale im Laufe
der Zeiten erlebt. Unzaehlige Male wurde die Stadt gepluendert und verwuestet
durch Gothen, Longobarden, Saracenen und Provencalen. Frankreich eroberte
sie wiederholt, um sie zu verlieren und wieder zu gewinnen. Sie wurde von
der Pest heimgesucht, durch starke Kaelte ihrer Oliven- und Orangenbaeume
mehrfach beraubt, von afrikanischen Heuschrecken haeufig ueberfallen. Daher
vielleicht der Leichtsinn, der sich seiner Bevoelkerung bemaechtigt hat und
der den Grund dazu legte, dass Nizza zu einer Metropole der schalen
Vergnuegungen aufwuchs. Mein Ziel war Nizza nicht, vielmehr das Cap
d'Antibes, ein Ort, den ich schon vor vielen Jahren liebgewonnen hatte.
Ein Aufsatz von George Sand, in der "_Revue des deux mondes_" vom Jahre
1868, machte mich mit den Schoenheiten dieses Vorgebirges zuerst bekannt.
George Sand besuchte auf demselben den schoenen Garten des hervorragenden
franzoesischen Botanikers Thuret und war von der Aussicht ganz hingerissen,
die man von dort genoss. Dass das Cap trotzdem so unbeachtet blieb, haengt
mit seiner exponirten Lage zusammen, die es zum Aufenthaltsorte fuer
Lungenleidende wenig geeignet macht. Das Cap ist in das Meer weit
vorgeschoben und daher den Winden ausgesetzt; auch sieht man von demselben
die Schneealpen, und ist demgemaess auch nicht gegen den kalten Luftstrom
geschuetzt, der von denselben kommt. Auch fehlte es am Cap bis vor Kurzem
an einem guten Unterkommen, das den Reisenden zum laengeren Bleiben haette
einladen koennen. - Ich halte das Cap d'Antibes fuer einen der Glanzpunkte
der Riviera. Wer dessen Herrlichkeit in ganzer Fuelle gleich geniessen will,
der besteige den Huegelruecken, der die Seelaterne und das bescheidene
Kirchlein _Notre-Dame de Bon-Port_ traegt. Der Anblick, den man dort bei
klarem, sonnigem Wetter geniesst, ist geradezu ueberwaeltigend. Das Cap
d'Antibes setzt sich so weit fort in das offene Meer, dass man von ihm aus,
wie von einem Schiffe, das Land ueberblickt. Es trennt den Golf Jouan von
der Baie des Anges und beherrscht so gleichzeitig die beiden Buchten. Im
Westen wird das Bild von dem Esterel-Gebirge abgeschlossen, das in reicher
Gliederung ganz unvermittelt aus dem Meere aufsteigt. Das Esterel erinnert
in seinen Umrissen an das Siebengebirge, den Stolz unseres Rheinlandes,
was sich aus dem vulkanischen Ursprung beider Gebirgszuege erklaert. Das vom
Cap d'Antibes eine Stunde weit entfernte Cannes wird durch die Landenge
der Croisette verdeckt, frei liegt hingegen vor ihm im Meere die
Lerinische Insel St. Marguerite. Deutlich erkennt man auf ihr das Fort, in
welchem einst der mysterioese "_homme au masque de fer_" und neuerdings
Bazaine eingekerkert waren. Es folgt an der Kueste ein Ort auf den andern.
Zunaechst das Staedtchen Golfe Jouan, in dessen wohlgeschuetztem Hafen das
franzoesische Mittelmeer-Geschwader liegt. Zahlreiche Villen und Gaerten
decken die gruenen Huegel, die sanft gegen das Meer abfallen. Nach Suedwesten
hin streckt das Cap d'Antibes noch einen Seitenarm in die Fluthen, und
dieser traegt ein kleines Fort und das Grand Hotel. Gegen Sueden verliert
sich der Blick in dem weiten Meer; gegen Osten kann er der Kueste bis
jenseits Bordighera folgen, wo diese endlich in dem Blau der Ferne
schwindet. Im Halbkreis reihen sich an der Bai des Anges die Haeuser von
Nizza aneinander und versuchen es auch, die angrenzenden Huegel zu
erklimmen. Im Vordergrund zeichnet sich grell das alte Antipolis, noch im
mittelalterlichen Gewande, von steilen Mauern und Laufgraeben umgeben und
von dem malerischen Fort Carre beherrscht, das es zu Vaubans Zeiten
erhielt. Nach Norden thuermen sich Berge auf Berge, um endlich in den
schneebedeckten Alpen ihren verklaerten Abschluss zu finden. So zeigt dieses
Bild all das Erhabenste wieder vereinigt, was die Natur uns zu bieten
vermag. Und wie wirkungsvoll zugleich ist der Gegensatz zwischen der
unbegrenzten Flaeche des Meeres und den bewegten Umrissen der
himmelstuermenden Bergriesen; wie zart vermittelt die azurne Farbe des
Wassers und das matte Gruen der Kueste, wie schroff abgesetzt das glaenzende
Weiss der Schneefelder von dem dunkeln Blau des Himmels! Wie athmet man
frei in dem weiten Raum, welchen der Blick hier umfasst; wie fuehlt man sich
gelaeutert durch die hehren Bilder, die sich in der Seele spiegeln!

Das kleine Kirchlein Notre-Dame de Bon-Port ist mit manchem _ex voto_
geschmueckt. Ringe und Ketten von Schiffen, kleine aus Holz geschnitzte
Kaehne, die an den Waenden haengen, deuten den Dank Jener an, denen es
gelang, sich aus stuermischer See zu erretten. Am 8. Juli eines jeden
Jahres ziehen die Schiffer von Antibes barfuss den Huegel hinauf und holen
das Standbild der Mutter Gottes herab, um es in gleichem Aufzuge am
naechsten Sonntag von Antibes wieder hinauf zu tragen.

Ueber das Grand Hotel du Cap d'Antibes bildete sich ein ganz eigener
Mythos. Es hiess, de Villemessant, der einst so bekannte Redacteur des
"Figaro", haette den Bau veranlasst, um ein Heim fuer Schriftsteller und
Kuenstler zu schaffen. Dieselben sollten dort vereint ihren Arbeiten
obliegen und durch die herrliche Umgebung zu bedeutendem Schaffen angeregt
werden. Dieser Mythos war aber nur eine "_Blague_", durch entsprechende
Zeitungsartikel veranlasst und durch eine "Expedition" grossgezogen, die die
Redaction des "Figaro" in diese Gegend unternahm. Auch scheint das
treibende Motiv nur das gewesen zu sein, eine neue Station an der Riviera
zu entdecken, von gleicher Rentabilitaet wie das rasch aufbluehende Cannes.
Man wollte es Lord Brougham nachmachen, von welchem der Reisebericht des
"Figaro" vom 25. April 1867 erzaehlt, dass er die Stadt Cannes entdeckt habe
- entdeckt insofern, als er dort Grundstuecke zu 5 Sous den Meter vorfand,
die sich bald zu 60 Francs verkauften. Der "Figaro" liess es aber bei den
schoenen Plaenen bewenden, und die projectirte "Villa Soleil" kam nicht zu
Stande; wohl aber liess ein Russe, der das Cap d'Antibes schon bewohnte,
sich bestimmen, das grosse Hotel du Cap zu erbauen. Das Unternehmen
missglueckte, ein Paechter folgte dem andern, bis endlich das Haus
geschlossen wurde. Erst jetzt, wo die Zahl der Reiselustigen so bedeutend
zugenommen hat, stellen sich guenstigere Bedingungen fuer das Unternehmen
ein. Das Hotel kam in sorgsame und geschickte Haende und wird sich
voraussichtlich weiter gut entwickeln. Seine Lage ist einzig schoen. Aus
den Fenstern der Vorderseite hat man den vollen Blick auf den Golfe Jouan
und das Esterel-Gebirge, waehrend die Fenster der Rueckseite nach den
schneebedeckten Alpen schauen. Ein grosser Garten umgibt das Gebaeude und
reicht bis zum Meer hinab. Er verliert sich in dem duftigen mediterranen
Gestruepp, und wo dieses aufhoert, setzen nackte, zerrissene Felsen die
schmale Landzunge fort. Unaufhoerlich waelzt das Meer seine Wogen gegen
diese Felsen, und heftiger Sturm jagt den Schaum der Wellen ueber dieselben
hinweg. In tausend Klippen sind die steilen Abhaenge des Caps zerrissen,
bilden phantastische Stufen, Grotten, Buchten und Verstecke, und zu jeder
Tagesstunde laesst sich an dem jaehen Absturz eine Stelle finden, an der man,
vor der Sonne und meist auch vor dem Winde geschuetzt, mit einem Buche in
der Hand, sich niederlassen kann. Gelesen wird freilich kaum, denn die
blauen Wellen schlagen fort und fort gegen die Steine und stoeren durch ihr
Plaetschern. Einmal beruehren sie den Fels nur sacht, so dass man sie kaum
hoert, dann wieder schwellen sie an und plaudern so laut, als wollten sie
vernommen werden. Zuweilen rollt die schwellende Fluth dicht heran, dann
flieht sie wieder, und unwillkuerlich folgt das Auge ihr nach. So lassen
sich Stunden auf Stunden vertraeumen an dem steinigen Strande von Antibes,
und unbemerkt verfliegt ein Tag nach dem andern. Die Nerven ruhen aus und
sammeln neue Spannkraft fuer die gesteigerten Anforderungen der Zeit. -
Ebenso wonnig wie auf seeumspuelten Felsen lagert es sich zwischen den
duftenden Straeuchern des Strandes mit dem blauen Zeltdach des Himmels ueber
dem Haupte und einem begrenzten Stuecke azurnen Meeres zur Seite. Man hat
eine Decke ueber Myrten oder Rosmarinstraeucher ausgebreitet und ruht nun
wie auf einem Polster. Gewiss gehoert es mit zu den hohen Reizen dieses
bevorzugten Ortes, dass man aus dem Garten unmittelbar in die volle, reine,
unverfaelschte Natur gelangen kann. Denn die wohlriechenden Straeucher, die
hier den Strand bedecken, sind nicht von Menschenhand gepflanzt. Sie
bilden einen Vegetationstypus, der fuer das Mittelmeergebiet bezeichnend
ist und den Namen _Maquis_ fuehrt. Immer mehr weichen diese Maquis der
Cultur, namentlich an dieser stark bevoelkerten Kueste. Ueber groessere
Flaechen ausgedehnt, findet man sie hier noch im Esterelgebirge. In voller
Prachtentfaltung treten sie dem Reisenden erst auf Corsica entgegen.

Der Charakter dieser Maquis wird durch immergruene Straeucher bestimmt.
Selbst eine Anzahl baumartiger Gewaechse nimmt in den Maquis Strauchform
an. Bei der grossen Mehrzahl dieser Straeucher ist die Laubentwickelung
eingeschraenkt worden, ja zum Theil geschwunden. Das Alles befaehigt diese
Pflanzen, langanhaltende Duerre auszuhalten. Im Fruehjahr, wenn die noethige
Bodenfeuchtigkeit zur Verfuegung steht, kommen sie gleichzeitig zur Bluethe
und zaubern dann, auf sonst duerrem Boden, ueppige Gaerten hervor. Es walten
in den Maquis die aromatischen Gewaechsarten vor. Aus jedem Strauch, den
man streift, befreit man ganze Stroeme von Wohlgeruechen. Dem Boden, den man
tritt, entlockt man eine Fuelle fluechtiger Essenzen: Rosmarin, Thymian,
Lavendel, Cistusrose, Myrte und Pistacie mischen ihre Duefte und erfuellen
mit ihnen die Luft. Die Faerbung der Maquis ist eine braeunlich-gruene, und
erst die Bluethen beleben den einfoermigen Ton. Sie treten auf in
massenhafter Fuelle. Das zarte Blau der Rosmarinbluethe gesellt sich dann
dem grellen Gelb der Ginster, die helle Farbe der Cistroeschen dem dunkeln
Violett der Lavendel. Auf Corsica scheinen die Abhaenge ein einziger
Bluethenstrauss um jene Zeit zu sein, und der Wanderer wird von dem Duft
berauscht, der diesem Bluethenmeer entstroemt. Nicht ohne Grund behaupten
die Schiffer, dass man Corsica im offenen Meere schon aus weiter Ferne
*riechen* koenne, und nach jenem wuerzigen Duft seiner Heimathsinsel sehnte
sich auch Napoleon zurueck auf St. Helena, vor seinem Ende.

Was noch von den Maquis am Cap d'Antibes erhalten blieb, ist freilich
wenig, und doch kann man selbst auf jener kleinen Landzunge vor dem Garten
des Grand Hotel fast alle die Arten zusammenlesen, welche den Typus der
Maquis bestimmen. Unter den strauchartigen Formen faellt zunaechst der
Rosmarin durch seinen Duft, seine blauen Lippenbluethen und seine steif
linealen, unterseits weiss-filzigen Blaetter auf. Man begegnet ihm dort
ueberall. Das wohlriechende Oel verfluechtigt sich, wenn man seine Blaetter
zerreibt. Diese Pflanze zieht man auch bei uns in den Gaerten, besonders
fuer die Bienen, deren Honig sie ein feines Aroma verleiht. Ihre
Verbreitung noerdlich von den Alpen wurde durch das Capitulare Karl's des
Grossen 812 gefoerdert, welcher die Anpflanzung des "_ros marinus_" in den
kaiserlichen Gaerten befahl. Im Alterthum hat man den Rosmarin viel zum
Winden von Kraenzen benutzt und schmueckte mit diesen die Bildsaeulen der
Laren. Im Mittelalter bemaechtigte sich die Symbolik dieses immergruenen,
duftigen Gewaechses, und es wurde zum Sinnbild der Liebe, der Treue und des
Todes. Als Sinnbild der Treue gilt es auch bei Shakespeare, der die
wahnsinnig gewordene Ophelia sagen laesst: "Da ist Vergissmeinnicht, das ist
zum Andenken: ich bitte Euch, lieber Herr, gedenket meiner - und da ist
Rosmarin, das ist fuer die Treue."

Neben dem Rosmarin steht am Strande von Antibes ueberall der Thymian. Er
haelt sich am Boden, ueber und ueber bedeckt mit kleinen rosafarbigen
Bluethen. Etwas hoeher steigt an reich verzweigten Staemmchen ein anderer
Lippenbluethler auf, die _Lavandula Stoechas_, und streckt ihre violetten
Bluethenaehren zwischen den schmalen, weichfilzigen Blaettern empor. -
Zahlreich draengen sich aneinander die Ciststraeucher. Sie erreichen hier
kaum ueber einen halben Meter Hoehe und tragen an reich verzweigten Aesten
ihre braeunlich-gruenen, klebrigen Blaetter. Die Art mit kleineren weissen
Bluethen ist _Cistus monspeliensis_; die andere mit weit groesseren
rosenrothen Bluethen, _Cistus albidus_. Die weissen wie die rosenrothen
Cistroeschen sind aeusserst zart, in der Knospe zusammengeknittert, mit
zahlreichen gelben Staubfaeden in der Mitte verziert. Sie welken aeusserst
rasch, wenn man sie pflueckt, doch entfalten sich an Zweigen, die man in
Wasser stellt, alsobald neue Bluethen. Die Ciststraeucher tragen nicht wenig
dazu bei, den Maquis von Antibes einen charakteristischen Geruch zu
verleihen. Das Gummiharz, welches einige suedeuropaeische Cistus-Arten
ausschwitzen, war unter dem Namen Ladanum oder Labdanum frueher ein
beruehmtes, von griechischen Aerzten viel benutztes Heilmittel. Heute wird
es nur noch zum Raeuchern verwendet. - Wer aufmerksam den Boden zwischen
den Cistroeschen durchsucht, kann ein eigenthuemliches Gewaechs dort finden,
einen Parasiten, der aus den Wurzeln der Cistroeschen seine Nahrung zieht.
Er faellt durch seine brennend gelb-rothe Faerbung auf und heisst _Cytinus
hypocistis_. Gruene Blaetter fehlen ihm; er hat sie eingebuesst, da er sich
nicht mehr selbstaendig zu ernaehren braucht. Die Rafflesiaceen, zu denen
dieser Cytinus gehoert, sind im Uebrigen Tropenbewohner. Sie leben
parasitisch und entwickeln dabei zum Theil riesig grosse Bluethen. Die
groesste Bluethe der Welt wird von einer solchen Rafflesiacee, der _Rafflesia
Arnoldi_, erzeugt, welche auf Sumatra den Wurzeln gewisser Cistus-Arten
aufsitzt. Diese Bluethen koennen einen Meter im Durchmesser erreichen. - Den
Cistroeschen nahe verwandt sind die Sonnenroeschen, Helianthemum-Arten, die
auch unserer Flora nicht fehlen und in den Maquis hier und dort mit ihren
zarten schwefelgelben Bluethen am Boden hervorschauen. - Wesentlich hoeher
als selbst die Cistroeschen wird ein stark bewaffneter Strauch mit gelben
Schmetterlingsbluethen, die _Calycotome spinosa_. Diese verdient es wohl,
eine nahe Verwandte der _Genista acantoclada_, jener Tartarusgeissel zu
sein, deren wir frueher erwaehnten. Sie ist mit dornartigen, scharfen
Seitenaesten so dicht besetzt, dass man sie sorgfaeltig in den Maquis meiden
muss. Weniger unzugaenglich ist die nah verwandte Besenpfrieme (_Spartium
junceum_), ein fast blattloser Strauch mit rutenfoermigen gruenen Aesten und
grossen gelben Bluethen. Aus diesen Binsenpfriemen werden Koerbe, Netze, ja
selbst Schuhe geflochten, der Bast wird zum Binden benutzt, auch eine Art
Leinwand aus ihm dargestellt.

Sehr haeufig in den Maquis ist die Mastix-Pistazie (_Pistacia Lentiscus_).
Hier tritt sie nur als Strauch auf, waehrend sie unter anderen Bedingungen
auch zum Baume emporwachsen kann. Einen solchen schoenen Lentiskenbaum, mit
dichter, schirmfoermiger Krone, kann man unweit vom Hotel, im Garten einer
Villa von der Strasse aus bewundern, die nach Golfe Jouan fuehrt. Die
dunkelgruenen, paarig gefiederten, lederartig zaehen, oberseits glaenzenden
Blaetter sind fuer _Pistacia Lentiscus_ charakteristisch; es zeichnet sie
ausserdem ein besonderer harziger Geruch aus. Die an sich sehr kleinen
Bluethen fallen schon aus der Ferne auf, weil sie in dunkelrothen Trauben
bei einander stehen. Dieses Gewaechs liefert den altberuehmten Mastix, doch
kann derselbe nicht aus dem Strauchwerk der Maquis, sondern nur aus
sorgsam cultivirten Mastixbaeumen gewonnen werden. Diese gedeihen am Besten
auf der Insel Chios und haben dieser Insel sogar den Namen der
Mastix-Insel verschafft. Das Harz, welches aus kuenstlich ausgefuehrten
Einschnitten, doch auch von selbst aus den Zweigen hervortritt, findet
seine hauptsaechliche Verwendung im Orient, wo es gekaut wird, aehnlich wie
die Blaetter des Betelpfeffers in Indien. Es heisst, dass Mastix das
Zahnfleisch festige und den Athem parfuemiere. Vornehme tuerkische Frauen
bringen den ganzen Tag mit Mastixkauen zu. Bei uns wird wohl auch
Zahnpulver aus dem Mastix bereitet, vornehmlich aber dient er zum Raeuchern
und zur Firnissbereitung.

Fremdartig muthet den Nordlaender das Wolfsmilchbaeumchen, _Euphorbia
dendroides_, an, da wir doch unsere Wolfsmilcharten nur zu sehr
bescheidener Hoehe emporwachsen sehen. Diese Euphorbia-Baeumchen koennen an
der Riviera zwei Meter Hoehe erreichen und Staemme bilden, die man mit
beiden Haenden kaum zu umfassen vermag. Die Pflanze gabelt sich fort und
fort waehrend ihres Wachsthums und bildet eine gewoelbte Scheindolde, die
durch ihre gelbe Faerbung von Weitem schon in die Augen faellt. Sie ist eine
der eigenartigsten Pflanzenformen der Riviera. Man findet sie in den
Maquis und auch sonst durch das Land zerstreut. Schon Dioskorides und
Plinius war sie aufgefallen. Zur Zeit der Sommerduerre wirft sie ihre
Blaetter ab und steht kahl da, wie unsere Gewaechse im Winter. Das Volk an
der Riviera streut diese Wolfsmilchart ins Wasser, um die Fische zu
betaeuben, und ueber einen aehnlichen Brauch wird auch aus Griechenland
berichtet. - Bedeutend steht diesem Wolfsmilchbaeumchen an Groesse eine
andere Wolfsmilchart nach, die in den Maquis sich als niedriger Busch am
Boden haelt, die _Euphorbia spinosa_. Sie ist gelb gefaerbt, wie die grosse
Art und fuehrt den Namen nach den abgestorbenen Zweigen, die in harte
Spitzen auslaufen. - An ihren fleischigen, kleinen, dicht gedraengten
Blaettern, ihren weissbehaarten, ueberhaengenden Zweigen, den kleinen, gelben,
unscheinbaren Bluethen ist eine sonst seltene Thymelaeacee, die _Passerina
hirsuta_, kenntlich. Auch die baumartige Heide, _Erica arborea_, fehlt
nicht in den Maquis am Cap. Sie schmueckt im Fruehjahr ihre Zweige so dicht
mit den kleinen glockenfoermigen Bluethen, dass sie aus der Ferne ganz weiss
erscheint. Der Erdbeerbaum (_Arbutus Unedo_) ist hier auch, doch nicht
zahlreich, vertreten; seine erdbeerartigen Fruechte werden auf den Maerkten
der Riviera feil geboten. Im Aussehen gleicht er der Heide kaum, entstammt
aber doch derselben Familie. Die Uebereinstimmung liegt nicht im Laub, wohl
aber in den glockenfoermigen Bluethen, die im Uebrigen groesser sind und in
roethlich weissen Rispen abwaerts haengen. Die immergruenen Blaetter sind
eifoermig, am Rande stark gezaehnt; sie sehen wie Lorbeerblaetter aus. Die
Fruechte reifen sehr langsam; man findet sie oft, mit neuen Bluethen
zusammen, noch am Baume. Sie schmecken suesssaeuerlich, doch fade, daher auch
Plinius ihren Namen "_Unedo_" von "_unum tantum edo_" (nur eine esse ich)
ableitete. Dem roemischen Volke dienten Arbutuszweige als Zaubermittel. Mit
ihnen wurden dreimal die Pfosten und Schwellen der Thueren beruehrt, um
vampyraehnlichen Geschoepfen den Eingang zu wehren, die des Nachts den
Kindern in der Wiege das Herzblut aussaugen sollten. Ein Zweig des
glueckverheissenden Weissdorns im Fenster des Schlafgemachs hielt auch die
Unholde ab.

Ueberall draengt sich in die Maquis die immergruene Steineiche, _Quercus
Ilex_, ein. Sie bleibt dort strauchartig. Ihre eifoermigen, vorn
zugespitzten Blaetter sind an der Unterseite grau und an diesem Merkmal von
den benachbarten Straeuchern zu unterscheiden. Die scharfe Zaehnelung des
Blattrandes kann auch fehlen. Ausserhalb der Maquis ist die immergruene
Steineiche ein maechtiger Baum. Aus ihrem Laube wurde im alten Rom die
Buergerkrone geflochten, von der Plinius sagt, sie ueberstrahle alle anderen
Kraenze, selbst die kostbarsten, an Wuerde. An einzelnen Straeuchern der
Maquis klettert eine zarte Spargelart (_Asparagus acutifolius_). Der
holzige, biegsame Stengel, der an abstehenden blattlosen Seitenaestchen
kleine nadelfoermige Zweige traegt, welche die Stelle der Blaetter vertreten,
wird viel zu Guirlanden benutzt, und oefters findet man an der Riviera
Spiegel und Kronleuchter der Wohnraeume von solchem Spargelkraut umwunden.
Die jungen Triebe dieser Asparagus-Art geniesst man wie unseren Spargel. In
Sicilien werden in aehnlicher Weise als "Spargel" die jungen,
wohlschmeckenden, schon im Alterthum geschaetzten Triebe des stechenden
Maeusedorns (_Ruscus aculeatus_) verzehrt.

Zu den Charakterpflanzen der Maquis gehoert ferner der Phillyreastrauch
(_Phillyrea angustiflora_), daher ich ihn nicht uebergehen darf. Er
erreicht ein bis zwei Meter Hoehe und ist durch seine auswaerts gerichteten,
lineal-lanzettlichen, lederartigen Blaetter und die kleinen, weisslichen, in
sehr kurzen Trauben zusammengedraengten Bluethen ausgezeichnet. Dieser
Strauch gehoert zu derselben Familie wie der Oelbaum, dem er auch ein wenig
aehnelt. - Botanisch sehr interessant als Vertreter der Cneoraceen, ist ein
Strauch mit glaenzenden gruenen, lanzettfoermigen Blaettern und kleinen,
gelben Bluethen, die zu zwei bis drei an den Enden der Zweige stehen:
_Cneorum tricoccum_. Seiner eleganten Tracht wegen wird er auch in den
Gaerten der Riviera vielfach cultivirt; man sieht ihn sogar in den so
raffinirt gehaltenen Casinogaerten von Monte Carlo einen, wenn auch
bescheidenen, Platz einnehmen.

Die mit grossen, rothfarbigen Scheinbeeren beladene Wachholderart der
Maquis ist _Juniperus oxycedrus_. Ihre Scheinbeeren werden im Orient und
in Griechenland ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt.
Das Holz widersteht sehr gut der Luft und den Wuermern und diente im
Alterthum vielfach zur Darstellung von Goetterbildern. - An offenen Stellen
strebt vom Boden empor _Globularia Alypum_ und traegt an den Enden der
Zweige schoene blaue Bluethenkoepfchen. - Wird der Boden so unfruchtbar, dass
er andere Gewaechse nicht zu ernaehren vermag, so deckt ihn in dichtem Rasen
die _Caldonia alciornis_, eine graue Flechte, die auch sonst ueber Europa,
ueber Nordafrika, Nordamerika und einen Theil von Asien verbreitet ist.

Ueberall in den Maquis von Antibes begegnen wir der Myrte und der
Strauchform des Oelbaums. Der Oelbaum passte sich wie die Steineiche den
Maquis an und wurde zum Strauch. Er veraenderte sich so stark, dass ihn
schon die Alten in dieser Form als Oleaster unterschieden. Der Oleaster
wie die Myrte wagen sich ganz besonders weit an dem Strande vor. Sie
trotzen dem heftigsten Seewind und werden von ihm so abgerundet, als haette
sie Menschenhand geformt. Ein Theil ihrer Zweige ist an der Seeseite kahl,
zuweilen wirklich abgestorben. Die Zweige des Oelbaums, ein Sinnbild des
Friedens, nehmen am Oleaster, in so exponirter Lage, dornartige Gestalten
an. Sie spitzen sich zu, ragen so als scharfe Waffen an der Seeseite vor
und machen den Strand dort unzugaenglich. An der Landseite bewahrt die
Pflanze gleichzeitig ihren friedlichen Charakter. Dieser unmittelbare
Einfluss der Medien kommt auch in der Ausbildung der Blaetter zum Ausdruck,
die an der Seeseite sehr klein bleiben, an der Landseite weit bedeutendere
Groesse erreichen. - Bis zuletzt begleitet die Straeucher der Maquis am
Strande die "italienische Stechwinde" (_Smilax aspera_) und findet Schutz
zwischen ihren Zweigen. Blaetter und Stengel dieser Schlingpflanze sind mit
Stacheln besetzt, die ihr das Klettern erleichtern. Im Fruehjahr ist die
Stechwinde mit rothen Fruchttrauben geschmueckt. Nach Bluethen muss man im
Herbst suchen. Diese duften sehr lieblich; daher wurde bluehende Stechwinde
im Alterthum, mit Epheu in Kraenze gewunden, oft bei Bacchusfesten
verwendet.

Diese Aufzaehlung mag genuegen, um Denjenigen, der Freude hat an den
Erscheinungen der Pflanzenwelt, in das Leben der Maquis einzufuehren. Er
wird bald die einzelnen Pflanzenformen unterscheiden lernen, sie beim
Wiedersehen als alte Bekannte begruessen und innerhalb dieser duftigen
Umgebung sich um so heimischer fuehlen.

Auf dem schmalen Vorsprung, der, den Stuermen preisgegeben, hier noch
einige hundert Meter weit das Cap fortsetzt, sieht man schliesslich alles
Pflanzenleben schwinden. Immer haerter wird der Kampf, den die Gewaechse in
so exponirter Lage zu bestehen haben, und sein Einfluss macht sich in ihrem
Aussehen kenntlich. Da alle ueber die Bodenflaeche sich erhebenden Theile
der Pflanze der Zerstoerung ausgesetzt sind, sucht diese aus jeder
Vertiefung des Bodens Vortheil zu ziehen. Sie breitet sich flach an der
Erde aus, erhaelt knorrige, kriechende Stengel, eine ganz abenteuerliche
Gestalt. Auffallend aehnlich wird das Aussehen solcher Gewaechse demjenigen
der Alpenpflanzen. Wir koennten, dem Vegetationsbilde nach, uns einige
tausend Meter hoch ueber dem Meeresspiegel denken, reichten die blauen
Wellen nicht fast bis an unsere Fuesse. Die verkrueppelten Gewaechse der
Maquis weichen allmaelig den Strandpflanzen. Auch diese finden alsbald nur
noch Schutz in Spalten oder hinter den Steinen. Dem nackten Felsen haftet
aber noch an vielen Stellen, in Gestalt runder Flecke, eine gelbe Flechte,
die _Lecidea_, an. Zuletzt dringt das Meer von allen Seiten zwischen die
zerrissenen Felsen ein, und wir stehen ganz anderen Vertretern des
Pflanzenreichs gegenueber, den form- und farbenreichen Seealgen, den
Bewohnern des Meeres.

In vollem Contrast tritt uns dann bei der Rueckkehr die Fuelle suedlicher
Pflanzenformen in dem Garten des Hotels entgegen. Vor dem Hause stehen
Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) von ganz seltener Schoenheit.
Sie bilden kugelige Straeucher von fast zwei Meter Hoehe und sind mit
Tausenden strahliger Bluethenkoepfchen, wie mit weissen Sternen besetzt. Ueber
die Mauern herab haengt mit ihren dicken, fleischigen Stengeln und Blaettern
die suedafrikanische Mittagsblume (_Mesembryanthemum acinaciforme_), die
ihre grossen rothen Bluethen nur bei Sonnenschein entfaltet. In
unmittelbarer Naehe des Hauses ist der so ueberaus grosse Garten wohl
gepflegt, weiterhin aber sich selbst ueberlassen. Da entwickelt sich denn
ein merkwuerdiger Kampf um Raum, um Licht und Nahrung zwischen den
Gewaechsen aller Zonen, welche der Zufall hier zusammenfuehrte. Die
australischen Casuarineen werden von dem amerikanischen Pfefferbaum
bedraengt, das japanische Pittosporum wehrt sich gegen die mediterrane
Tamariske. Siegreich dringen aber gegen sie alle die beiden Kieferarten
vor, denen wir ueberall an der Riviera begegnen, die zartnadelige
Aleppokiefer (_Pinus halepensis_) und die derbnadelige Strandkiefer
(_Pinus Pinaster_) und vermitteln den Uebergang zu den Maquis.

Zwischen den Kiefern am Cap begegnet man, wie auch sonst an der Riviera,
nur zu haeufig einer Processionsraupe, der Raupe des
Pinien-Processionsspinners, _Cnethocampa Pityocampa_. Diese schwarzen,
braun gestreiften Raupen ziehen im Gaensemarsch zu Hunderten ueber die Wege.
Die eine beruehrt die andere, und sie bilden so zusammen eine lange Schnur,
eine lebendige Kette, die sich als Ganzes vorwaerts bewegt. Unterbricht man
die Kette, so bleibt der vordere Abschnitt derselben stehen, der hintere
Abschnitt rueckt nach. Hin und her tastend sucht die erste Raupe dieses
hinteren Abschnittes wieder nach dem Anschluss. Gelang es ihr, die hintere
Raupe des vorderen Abschnittes zu erreichen, so setzt sich die ganze Kette
wieder in Bewegung. Diese Raupen richten grossen Schaden an Kiefern und
auch Pinien an, sie berauben sie oft vollstaendig ihrer Nadeln. Des Tags
halten sie sich in jenen grossen grauen Gespinnsbeuteln auf, die an Kiefern
und Pinien so in die Augen fallen, und in der Sonne seidig glaenzen. Des
Nachts verlassen sie das Nest, um auf Futter auszugehen. Jene Raupen,
denen man am Boden begegnet, suchen nach einer passenden Stelle, um sich
in der Erde zu verpuppen. Man darf weder die Raupen noch ihre Nester
beruehren, da die in die Haut eindringenden Haare derselben gefaehrliche
Entzuendungen veranlassen. Daher auch Leute, welche die Nester von den
Baeumen entfernen, um sie zu verbrennen, sich gegen den Wind stellen und
auch sonst sehr vorsichtig zu Werke gehen. Als bestes Verfahren gilt,
Petroleum in die Nester zu giessen, ohne sie zu entfernen. - Die haengenden
Nester dieser Raupen und ihre langen Zuege sind so auffaellig, dass sie wohl
jeder Reisende an der Riviera bemerkte. Nur wenige werden hingegen
Gelegenheit haben, die Spinner kennen zu lernen, die sich aus den
verpuppten Raupen entwickeln. Sie sind auch weder auffaellig noch schoen,
grau, mit einigen dunkleren Flecken und Streifen. Sie fliegen im
Hochsommer, legen ihre Eier an die Unterseite der Kiefernadeln und
bedecken sie mit duennen silbergrauen Schuppen.

                                    X.

Ein Stueck unverfaelschte Maquis bietet uns auch das weite Grundstueck,
oestlich neben dem Hotel. An Sonntagen steht das Thor den ganzen Tag offen,
um den Zugang zu der englischen Kapelle zu ermoeglichen, die sich innerhalb
dieses Grundstuecks befindet. Auch sonst gestattet die Besitzerin gern den
Besuch. Der schoene Garten, der das Wohnhaus umgibt, ist nur wenig
ausgedehnt, der meiste Boden noch in seinem frueheren Zustand. So gelangt
man nach Eintritt in die Besitzung durch immergruene Straeucher, ueppige
Erica-Buesche und maechtige Euphorbien, bis zum Meeresstrande. Dieser ist
hier besonders schoen gestaltet und hat schon manchem Maler als Vorwurf
gedient: Steil aufsteigende und zerrissene Felsen, vom Meere umspuelt,
vielfach an die Faraglioni von Capri erinnernd. Der Besitzer James Close
liebte dieses Stueck Erde so sehr, dass er sich hier begraben liess. Der
Ausblick zwischen den Felsen nach dem Esterel und ins weite Meer ist
grossartig und entzueckend. Auch lauscht man gern dem Rauschen des Wassers,
das sich in den tiefen Felsenspalten hebt und senkt und forscht dem bunten
Leben nach, das hier im Schatten der Steine aus den Tiefen des Meeres zum
Lichte emporsteigt.

                                   XI.

Wer am Cap d'Antibes einen Seesturm erlebte, wird den Eindruck nie
vergessen. Fuer das schlechte Wetter, welches er zuvor erleiden musste, wird
er bald durch den Anblick des entfesselten Elements entschaedigt. Ein
starker Wind blaest zunaechst vom Meere aus; das ist Scirocco. Die Luft wird
unendlich klar, und alle Gegenstaende ruecken in die Naehe. Die Umrisse der
Berge sind wie mit Bleistift am Himmel gezogen. Sucht man sich vor dem
Wind zu decken, so empfindet man beklemmende Schwuele. Dann beginnt der
Horizont sich in rothgrauen Dunst zu huellen. Die Macht des Windes laesst
nach, und es truebt sich der ganze Himmel. Bald hoert man grosse Regentropfen
gegen die Scheiben schlagen. Das haelt wohl einige Tage an. Die Temperatur
ist stark gesunken, die Luft bleibt trotzdem drueckend. In den Zimmern
sehnt man sich nach dem warmen Ofen seiner Haeuslichkeit zurueck. Doch schon
am naechsten Morgen wacht man auf, geblendet von dem leuchtenden Blau des
Himmels. Man eilt hinaus und athmet mit voller Brust die erquickende Luft
ein. Noch glaenzen alle Pflanzen von dem frischen Regen, und wie Diamanten
fliessen funkelnde Tropfen von den Blaettern ab. Die Brandung aber stuermt
mit Gewalt gegen die Felsen der Kueste, als wenn sie dieselben
zerschmettern wollte. Weithin vernimmt man das donnerartige Getoese des
Angriffs. Die Spitze des Caps ist nicht zu erreichen, denn die Wellen
fegen darueber hinweg. Fern am Horizont steigt die Welle auf wie eine
geschlossene Mauer; auf ihrem Wege schwellend und wachsend, waelzt sie sich
gegen das Land, um zerschmettert und von weissem Schaum ganz bedeckt wieder
zurueckzurollen. Sie trifft auf eine andere Welle, die ebenso drohend
nahte, und beide sieht man verschwinden. Da wird es ploetzlich still. Ein
Wellenberg ist auf ein Wellenthal gestossen, beide glichen sich aus. Doch
wenn Wellenberge zusammentreffen, dann schwillt die stuermende Woge so
maechtig an, dass sie aechzend sich ueberschlaegt und mit gewoelbtem Ruecken auf
die Felsen wirft. Ungeheuere Wassermengen werden dann in die Luft
geschleudert, und See und Himmel scheinen in demselben Chaos zu
verschmelzen. Mit dumpfem Knall, wie von schwerem Geschuetz, fangen sich
die Wellen in den Grotten, die sie selbst in den Stein sich gruben; wie
ein Jammern und Stoehnen klingt es durch das Cap von den vielen
Wasserfaeden, die sich in den Gaengen zwischen den Felsen verirrten und, in
hastigem Lauf ueber die Steine stuerzend, ihren Weg nach dem Meere suchen.
Von dem anstuermenden Element allseitig umgeben, glaubt man sich fast ins
offene Meer versetzt und ist ganz von dem Schauder des Sturmes ergriffen.
Wie wohlthuend wirkt da zugleich der feste Boden unter den Fuessen!

Tage vergehen, bevor die Erregung des Meeres sich legt und die weite
Wasserflaeche wieder Ruhe und Frieden athmet. Und taeglich ist es ein
anderes, wenn auch immer das gleiche, und taeglich fesselt es uns von Neuem
und entzueckt unser Auge, dieses goettliche Meer.

                                   XII.

Wer am Cap d'Antibes im Bergsteigen sich ueben moechte, bleibt auf den nur
hundert Meter hohen Bergruecken angewiesen, der die Seelaterne und die
_Notre-Dame de Bon-Port_ traegt. Doch sind die Spaziergaenge laengs der
Buchten, an den Abhaengen der Huegel und zwischen den Gaerten so
mannigfaltig, dass man sie taeglich aendern kann. Stets wird man durch eine
neue Aussicht auf die Kueste, das Gebirge, die Schneegipfel der Alpen,
durch malerische Felsgruppen am Strande oder durch besonders schoene
Vegetationsbilder ueberrascht. Selbst die sonst so eintoenige Wanderung auf
einer Landstrasse wird hier zum Genuss. So wenigstens auf der Landstrasse,
die das Cap durchschneidet. Denn diese fuehrt an endlosen Pflanzungen von
Anemonen, Ranunkeln, Goldlack, Levkojen, Tazzetten und Reseda vorbei.
Besonders fesselt das Auge die Pracht der Ranunkeln und Anemonen, die man
schoener und farbenreicher nirgends sehen kann, waehrend der Geruchssinn
zugleich umfangen wird von dem Dufte, der dem uebrigen Bluethenmeer
entstroemt. Zu jenen Bluethen im Felde gesellen sich hier in grosser Zahl
auch die Bluethen der Luefte, die Schmetterlinge. Rothgefleckte Aurorafalter
fliegen rasch vorueber; langsam wiegt sich hin und her der schwarz
gestreifte, gelbe Segelfalter; am meisten faellt aber durch ihre Schoenheit
die Cleopatra auf, ein suedeuropaeischer, schwefelgelber Citronenfalter mit
orangeroth abgetoenten Vorderfluegeln.

Das Cap von Antibes versorgt jetzt mit seinen Blumen die naechsten Maerkte
der Riviera und versendet sie auch in grossen Mengen taeglich nach dem
Norden. Wie gross der Verbrauch an Blumen an der Riviera selbst geworden
ist, wird Jeder beurtheilen koennen, der die Blumenmaerkte der Staedte dort
besuchte und einigen Blumenfesten beigewohnt hat. Die Blumenausfuhr nach
dem Norden hat andererseits riesige Ausdehnung angenommen. Thatsaechlich
reicht diese Art Blumencultur an der Riviera nicht ueber 1850 zurueck,
frueher wurden die Bluethen nur zum Zwecke der Parfuemerie gezogen. In der
naechsten Naehe von Toulon beginnen die Pflanzungen und reichen bis nach
Genua; die franzoesische Seite der Riviera ist in einen einzigen
Blumengarten schon verwandelt. In Ollioules bei Toulon werden Unmengen
roemischer Hyacinthen gezogen und wandern abgeschnitten nach den nordischen
Staedten, bevor die hollaendische Hyacinthe dort erscheint. In Ollioules
gibt es auch Narcissen, Jonquillen, Tazzetten, weisse und rothe Nelken. In
der Gegend von Cannes und Grasse herrschen die Anemonen und Ranunkeln vor.
Sie zeigen ungeahnte Groesse und seltene Farbenpracht. Nicht minder staunt
man ueber den Umfang, den Nelken, wie der _Dianthus Caryophyllus flore
pleno, var. Marguerite_, hier erreichen koennen: manche Bluethe sieht aus,
als wenn sie ein kleiner Blumenstrauss waere. Zu diesen Pflanzen gesellen
sich die Theerosen. Unter ihnen herrscht die sattgelbe _Safrano_ vor, die
auch rauhe Witterung gut vertraegt und selbst im December ihre
Bluethenknospen treibt. Gleich genuegsam sind manche Monatsrosen, die weisse
_Bengal-Ducher_ und die rothe _Bengal-Sanglant_, die demgemaess auch
bevorzugt werden; doch an stark besonnten Mauern und unter Glasdaechern,
die in Cannes und Antibes grosse Bodenflaechen decken, gedeihen die
empfindlicheren Rosen, so auch _Marechal Niel_, _Marie van Houtte_,
_Gloire de Dijon_, _Souvenir de la Malmaison_, _Paul Nabonnand_, _La
France_ und wie sie sonst heissen, jene Rosen, die auch unsere Blumengaerten
im Sommer zieren. Hunderttausende solcher Bluethen entfalten sich im
Fruehjahr an einem und demselben Tage in Cannes und Antibes, oft ohne dass
noch eine Moeglichkeit vorhanden waere, sie alle zu verwerthen. - In Cannes
steht jetzt auch die _Acacia dealbata_ in schwungvoller Cultur und wandert
nach dem Norden. Ihre runden Bluethenknaeuel, in Traubenform vereint, und
die zart gefiederten Blaetter haben ihr im Handel den Namen Mimose
verschafft. Der Baum waechst erstaunlich rasch, so dass er in fuenf bis sechs
Jahren wohl zehn Meter Hoehe erreicht. Er ist dann schon im Januar mit
gelben Bluethen ueber und ueber bedeckt. Nach Deutschland gelangt viel
_Acacia retinoides_, die runde Bluethenknaeuel wie die andere Art besitzt,
doch einfache lederartige lancettfoermige Blaetter traegt. Eigentlich sind
jene Blattgebilde nicht ganze Blaetter, vielmehr hat der wissenschaftliche
Vergleich gelehrt, dass die Blattflaeche bei diesen Acazien schwand und der
Blattstiel sich spreitenartig erweiterte. Wir nennen solche Gebilde
Phyllodien. Auch _Acacia longifolia_, die man viel in nordischen
Blumenlaeden sieht, ist mit solchen Phyllodien versehen. Man erkennt sie
leicht daran, dass ihre Bluethen nicht zu runden Knaeueln, sondern zu
raupenfoermigen Kaetzchen vereinigt sind. Alle diese Acazien bluehen gelb,
sie folgen in der Jahreszeit auf einander, zuletzt kommt _Acacia
cultriformis_, die erst im Maerz an der Riviera im Bluethenschmuck prangt.
Ihre Bluethenstaende sind wiederum rund, die Phyllodien aber kurz und breit,
zugleich rautenfoermig. - Allen Blumensendungen nach dem Norden pflegt man
die ueberall beliebte Reseda beizulegen. Veilchen vertragen schlecht eine
weite Reise, werden aber an der Riviera selbst in Unmengen verbraucht,
dort auch mit Syrup getraenkt und zu Dragee's verarbeitet. Dann versendet
man auch blaue Kornblumen, Tuberosen, Goldlack und Levkojen, Gladiolen und
weissbluehendes Allium, Ixien und die duftenden Freesien. An der Riviera
selbst faellt dem Fremden in den Schaufenstern der Blumenlaeden eine grosse
graue Iris auf, die ganz fein purpurn gesprenkelt ist, eine wahre
Trauerblume, die _Iris Susiana_. Von den grossen weissen oder gelben
Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) werden die Bluethen auch viel
verwandt, besonders die gelben, die als _Etoile d'Or_ bekannt sind. Sie
wandern vornehmlich nach England. Die Expedition dieser Blume reicht bis
in den Juni hinein, so lange, als in London die Saison dauert. Man hat
berechnet, dass von allen diesen Blumen Cannes und Antibes zusammen in
einem Winter fuer mehr als eine Million Francs nach dem Norden versenden;
viel mehr noch wird an der Riviera selbst verkauft.

Die ueberaus starke Concurrenz veranlasst strebsame Geister, nach immer
neuen "Schoepfungen" fuer den Blumenmarkt zu sinnen. So erschienen ploetzlich
in den Centralhallen von Paris als "Neuheit" *gruene* Nelken. Solche hatte
man in der That bisher nicht gesehen, es sei denn auf den Bildern der
Impressionnisten. Es ergab sich, dass auch diese gruenen Nelken nicht ganz
unverfaelschte Naturproducte waren. Man erhaelt sie, indem man
abgeschnittene weisse Nelken einen ganzen Tag lang, ja selbst laenger, in
eine gruene Farbstoffloesung stellt. Soll der Versuch gut gelingen, so muss
der Stengel innerhalb der Loesung frisch durchschnitten werden. Man kann in
gleicher Weise die eine oder die andere Faerbung erlangen, nur gilt es,
Farbstoffe zu waehlen, welche gut in der Pflanze aufsteigen. Am leichtesten
gelingen Rothfaerbungen weisser Bluethen mit Eosin.

Am Freitag Nachmittag beleben sich ploetzlich die Strassen am Cap. Da kommen
von allen Seiten Equipagen und bringen Besucher nach Elen Rock, dessen
Garten an jenem Tage geoeffnet ist. Dieser Garten nimmt einen Vorsprung ein
oestlich vom Cap. Er liegt zum Theil auf schroffen Felsen, die senkrecht
gegen das Meer abfallen. Stufen und Gaenge innerhalb dieser Felsen fuehren
hinunter bis zur Meeresflaeche. Der Garten bietet herrliche Aussichtspunkte
und ist auch reich an schoenen Pflanzen, doch macht er einen etwas
gekuenstelten Eindruck innerhalb der so grossartigen Umgebung.

Am Dienstag ist vom fruehen Morgen an der Thuret'sche Garten geoeffnet,
derselbe, der einst George Sand so sehr entzueckte. Er dient jetzt der
franzoesischen Regierung als Acclimatisationsgarten und enthaelt sehr viele
werthvolle Pflanzen. Manche Arten, die wir in La Mortola schon bewundert
haben, finden wir hier in noch groesseren Exemplaren wieder. Die beruehmte,
von George Sand gefeierte Aussicht ist leider geschwunden, verdeckt von
den heranwachsenden Baeumen.

Von dem Thuret'schen Garten laesst sich gleich abwaerts, in westlicher
Richtung, der Weg nach dem Golfe Jouan einschlagen, und so kann man in den
Pinienwald gelangen, der sich laengs der Kueste dort hinzieht. Dieser
Pinienwald war einst der Stolz des Caps, jetzt ist er nur noch in
Ueberresten vorhanden. Eine Actiengesellschaft hat die ganze Landstrecke
angekauft, eine breite Strasse, die Cannes mit dem Cap d'Antibes verbindet,
durch den Pinienwald gelegt, diesen selbst parcellirt und mit Eisendraht
umzogen. Doch steht manche maechtige Pinie noch da, und in ihrem Schatten
gelingt es wohl, sich in die alte Herrlichkeit zurueckzutraeumen.

                                  XIII.

Die zweite Aprilhaelfte war inzwischen angebrochen, und die Pflicht rief
mich wieder heim. Ein klarer, wundervoller Fruehlingstag ging zur Neige,
und ich beschloss, vor Sonnenuntergang noch einmal den Leuchtthurm
aufzusuchen. Die Sonne schickte sich an, hinter dem Esterelgebirge zu
verschwinden und tauchte dessen dunkelblaue Gipfel in Gold und Purpur.
Bald deuteten nur noch lange Lichtstreifen den Weg an, den sie genommen.
Trotz seines hehren Glanzes konnte mich dieses Bild nur wehmuethig stimmen:
es steigerte die Empfindung des Abschiedes. Ich wandte meine Blicke den
Bergriesen zu, die mit phantastischem Umriss sich von dem oestlichen Himmel
abhoben. Sie begannen im Abendroth zu gluehen. Es war ein Anblick, so
erhaben, dass man sich in demselben ganz verlieren konnte, von jener
weltumfassenden Sehnsucht ergriffen, die uns mit dem All verbindet. Jedes
persoenliche Empfinden war gewichen vor dem maechtigen Gefuehl, sich Eins mit
dieser goettlichen Natur zu fuehlen. - Immer weiter und weiter dehnten sich
die Schatten aus ueber das Land: sie begannen emporzusteigen an den Huegeln,
an den Bergen, sie drangen ein in die Tiefe der Thaeler und loeschten die
gluehenden Lichter aus an den Huetten und Palaesten. Die ganze Natur schien
sich in tiefen Schlaf zu versenken. Bald waren es nur noch einzelne Segel
im weiten Meere und die schneebedeckten Gipfel der Alpen, die im rosigen
Schimmer gluehten. Dann legte sich ein schwarzer Schatten auch ueber das
Meer, und nur den Riesen da oben war es vergoennt, die Koenigin des Lichtes
noch zu schauen. Wie von innerem Feuer entbrannt, schwebten sie jetzt in
ueberirdischer Glorie.

Dieses Bild wollte ich in meinem Innern festhalten als letzten Eindruck
von der Riviera, und mit geschlossenen Augen trat ich den Rueckweg an. Als
ich mich endlich umsah, hatten die Schatten der Nacht sich bereits ueber
die Huegel gelagert und die Umrisse der Dinge in geisterhaften Schemen
verwischt. - Hoch oben aber ragte der Leuchtthurm in die Luefte. Vom
Waechter entzuendet, strahlte er jetzt wie ein grosser Stern weit ueber Land
und Meer, ein Ziel der Sehnsucht fuer Alle, die jenes herrliche Stueck Erde
einmal gesehen.

                            ------------------





FRUeHJAHR 1894.


                                    I.

Der Fruehlingsanfang des Jahres 1894, den ich an der Riviera verlebte,
praegte sich meiner Erinnerung in besonders glaenzenden Farben ein.
Wochenlang blieb der Himmel ohne Wolken, so dass einzelne Regentage, wenn
sie kamen, fast willkommen erschienen. Da es an Schnee in den Bergen
fehlte, wehte fast nie der Mistral, den sonst die eisigen Flaechen der
Alpen und Cevennen gebaeren. Das Meer blieb meist ruhig, und wenn die Nacht
kam, dann funkelte der Himmel und spiegelte sich so hell in der stillen
See, als waere in deren Tiefen eine Saat von Sternen aufgegangen.

Mitte Maerz fanden wir uns in Hyeres ein mit der Absicht, unseren Weg bald
ostwaerts in die Berge der Mauren fortzusetzen. Es war uns, als haetten wir
eine Entdeckungsreise angetreten, so unbekannt ist dieser westliche Theil
der Riviera. Und doch konnte Hyeres, neben Montpellier und
Aix-en-Provence, sich einst ruehmen, der beruehmteste Kurort des suedlichen
Frankreichs zu sein. Weiter gegen Osten an der Riviera vorzudringen,
schien damals kaum moeglich, und erst in diesem Jahrhundert aenderten sich
die Verhaeltnisse, begannen zuerst Nizza, dann Mentone und Cannes als
klimatische Stationen aufzubluehen. In dem Wettstreit, der sich nunmehr
entspann, musste Hyeres unterliegen, denn es ist weniger gut gegen den
Nordwind als seine Rivalinnen geschuetzt. Auch steht es ihnen nach an
Schoenheit der Lage und ist zu weit vom Meere entfernt. - "Die Huegel sind
hier zu klein und zu nah, das Ufer ist zu flach und das Meer zu fern,"
rief einst George Sand aus, als sie Hyeres besuchte. Von dem Huegel, an den
Hyeres sich lehnt, kann der Blick erst ueber eine weite Ebene das Meer
erreichen. Auf dieser stechen aber rothbraune, eckige Felder grell und
unvermittelt gegen gelbe und gruene ab. Die rothbraunen Felder sind mit
Rosen bedeckt; doch das bringt keine Harmonie in die Farben. Auch danken
diese Felder thatsaechlich ihre Faerbung nicht der Pracht der Bluethen,
sondern den jungen Trieben, die ihr zartes Gruen vor der Gluth der
suedlichen Sonne durch rothen Farbstoff schuetzen. In frueheren Zeiten mag
der Blick auf diese Ebene lieblicher gewesen sein; vermochte sie doch das
Auge Horace Benedict de Saussure's zu entzuecken, als er 1787 nach Hyeres
kam. Dieser hervorragende Geologe, Vater des noch beruehmteren
Pflanzenphysiologen Theodore de Saussure, langte hier an einem schoenen
Aprilabend an und war von der Lage des Ortes gefesselt. Von den Fenstern
der "Auberge du St. Esprit" blickte er hinab auf Orangengaerten, deren
Baeume mit Fruechten und Bluethen beladen und durch unzaehlige Nachtigallen
belebt waren. Sanft fiel, so schrieb er, das Land bis zum Meer ab, und den
Abhang schmueckten vorne Gaerten, weiterhin Olivenhaine und in der Ferne
Pappeln. Bewaldete Hoehen bildeten den Rahmen zu dem schoenen Bilde.

Hyeres ist fuenf Kilometer vom Strande entfernt. An diesem selbst lag einst
Olbia, das Hyeres den Ursprung gab. Von Massiliern gegruendet, ward Olbia
von Saracenen zerstoert und baute sich dann, entfernter vom Meere, an der
Anhoehe auf, um den Angriffen der Corsaren nicht so unmittelbar ausgesetzt
zu sein. Der Strand, der einst Olbia trug, zeigt sich jetzt in Quadrate,
wie ein Schachbrett getheilt. Das Seewasser fuellt diese Quadrate. Es wird
in dieselben geleitet, um zur heissen Sommerzeit dort zu verdunsten und so
der Salzgewinnung zu dienen. Dem Strand gegenueber tauchen aus dem Meere
die Hyerischen Inseln empor. Sie strecken sich so lang dahin, als haetten
sie sich in die See zu ewigem Schlaf gelegt. Einst haben die Ligurer an
diesen Inseln die rothen Korallen gefischt, mit denen sie den Hals ihrer
Frauen und das Wehrgehaenge ihrer Schwerter schmueckten. Weil die Inseln in
einer Reihe angeordnet sind, hiessen sie bei den Roemern Stoechaden. Diesen
Namen vertauschten sie im Mittelalter gegen den weit vornehmeren der
goldenen Inseln. Waren es die goldenen Aepfel der Hesperiden, welche ihnen
die Benennung "_Iles d'or_" verschafften, oder der goldige Schimmer ihres
glimmerreichen Bodens - das laesst sich heute nicht sagen. Zum Marquisat der
_Iles d'or_ von Franz I. erhoben, sahen sie einst glaenzende Zeiten. Heute
werden sie nur von aermlichen Fischern und Gaertnern bewohnt.

Jene Fruechte, nach welchen die goldenen Inseln ihren Namen fuehren sollen,
sind jetzt hier fast voellig verschwunden. Einst aber stand die
Orangenzucht von Hyeres in hoher Bluethe. Mehr denn zweimalhunderttausend
Orangenbaeume deckten das Land und konnten die Bewunderung der Reisenden
erwecken. Wie die Chronisten erzaehlen, blieb Carl IX. von Frankreich
staunend vor dem maechtigsten dieser Baeume stehen und forderte seine beiden
Begleiter, den Koenig von Navarra und den Herzog von Anjou auf, mit ihm den
Stamm zu umfassen. Doch hierzu reichten, so wird weiter berichtet, die
sechs fuerstlichen Arme nicht aus. Zur Erinnerung an diese erlauchte
Umarmung schnitt man in die Rinde des Baumes: "_Caroli regis amplexu
glorior_", und jene Inschrift wuchs und vergroesserte sich mit den Jahren. -
Liegt dieser Angabe eine wirkliche Begebenheit zu Grunde? Wer kann das
heute wissen! Sicher aber ist, dass die provencalische Phantasie der
Chronisten sie die Masse des Stammes uebertreiben liess. Die staerksten
Orangenbaeume, welche Europa jetzt kennt, befinden sich auf Sardinien;
manche derselben werden auf mehr denn siebenhundert Jahre geschaetzt; ein
einzelner Mann vermag sie alsdann nicht mehr zu umspannen. Im Jahre 1564,
da Carl IX. in Hyeres weilte, konnte er dort schwerlich selbst so starke
Staemme sehen, da die Orangenbaeume erst durch die Kreuzfahrer, gegen Ende
des elften Jahrhunderts, nach Hyeres gebracht wurden. Zunaechst muss es der
bitterfruechtige Orangenbaum gewesen sein, der zwar kaum essbare Fruechte,
aber sehr wohlriechende Essenzen liefert. Daher der Dichter Malherbe sich
in Hyeres mit jenem "_huile de fleurs d'orange_" versorgen konnte, "das
sich die Frauen in die Haare einreiben und mit dem sie dort den Puder
festhalten." Die Orangenkultur von Hyeres litt sehr stark durch die
strenge Kaelte des Winters 1709 und durch aehnliche harte Winter, die um die
Mitte des vorigen Jahrhunderts aufeinander folgten. Die Pflanzungen wurden
von nun an eingeschraenkt, die bitterfruechtigen Orangenbaeume dann durch
suessfruechtige ersetzt, da der Transport der Orangen von Hyeres aus nach dem
Norden sich rascher vollziehen liess, als von suedlicher gelegenen Orten.
Das kam bei den mangelhaften Verkehrsmitteln jener Zeit wohl in Betracht.
Die Orangen mussten damals in Hyeres im Herbst gepflueckt werden, sobald an
ihrer noch gruenen Schale sich die ersten gelben Punkte zeigten. Sorglich
in Papier gewickelt, traten sie die Reise auf dem Landwege oder dem
Seewege an. Sie reiften unterwegs langsam nach und wurden erst nach
vierzig Tagen geniessbar. Jetzt sind die Orangenbaeume fast vollstaendig aus
Hyeres verschwunden. Sie konnten den Mitbewerb geschuetzterer Orte der
Riviera, vor Allem aber von Sicilien und Algier, nicht ertragen. Es erging
Hyeres mit den Orangenbaeumen nicht anders, als zuvor mit dem Zuckerrohr,
das im fuenfzehnten Jahrhundert weite Strecken des Landes deckte, dann aber
verschwand, als der indische und der brasilianische Zucker in den
Wettstreit eintraten.

Mit berechtigtem Stolz kann sich hingegen Hyeres noch immer
_Hyeres-les-Palmiers_ nennen! Zwar sind die Palmen heute ueber die ganze
Riviera verbreitet, doch sieht man es den hohen Staemmen von Hyeres wohl
an, dass in diesem alten Kurorte ihre sorgsame Pflege besonders weit
zurueckreicht. Da streben in der _Avenue des Palmiers_ die schlanken Staemme
besonders maechtig zu beiden Seiten der Strasse empor, gleich einer hehren
Saeulenhalle, und wiegen ihre stolzen Kronen hoch oben in der blauen Luft.
- Doch hat sich Hyeres schon seit langer Zeit auch einer zwar weniger
vornehmen, aber eintraeglicheren Cultur zugewandt. Wir fanden dort Mitte
Maerz ganze Felder von Veilchen in Bluethe. Das waren auch freilich nicht
die bescheidenen, kleinbluethigen, die bei uns ihre Kronen zwischen den
Blaettern verbergen, sondern eine grossbluethige Form, das Veilchen _le
Czar_, das an langen Stielen seine Bluethen keck ueber die Blaetter erhebt.
Es duftet sehr stark, und gerne liessen wir uns von den Lueften anwehen, die
ueber Veilchenfelder gestreift waren. Andere Felder sind mit "_Primeurs_"
bedeckt. Die Artischocken von Hyeres standen schon zu Anfang dieses
Jahrhunderts in hohem Ruf; jetzt sind es auch die gruenen Erbsen und vor
Allem die Erdbeeren, mit welchen Paris von hier aus versorgt wird. Taeglich
geht ein ganzer Eisenbahnzug solcher Erzeugnisse von Hyeres ab und wird
scherzhaft als "_Train de primeurs_" bezeichnet. Doch soll man sich nicht
etwa denken, dass unter dem Himmel von Hyeres alle diese Culturen muehelos
gedeihen. Auch hier verlangen sie viel Umsicht und angestrengten Fleiss.
Den Furchen der Felder folgen niedrige Hecken, die deutlich anzeigen, von
welcher Seite Gefahr droht. Denn, trotz gegentheiliger Versicherungen, ist
Hyeres nicht voellig vor dem Mistral gedeckt, und mit elementarer Gewalt
stuerzt er durch die Luecke ein, welche die Berge nach Toulon hin offen
lassen. Anhaltende Duerre ist auch eine schwere Plage, welcher durch
kuenstliche Bewaesserung nicht immer abgeholfen werden kann. - Immerhin
besteht ein grosser klimatischer Unterschied zwischen Hyeres und der
uebrigen Provence, ja selbst dem nahen Toulon, weil diese dem Mistral weit
staerker ausgesetzt sind. Daher der Reisende, der von Westen kommend, hier
in frueheren Zeiten zum ersten Mal Palmen und goldfruechtige Orangenbaeume
sah, sich an die Pforten des Paradieses versetzt waehnte. Alte Reisewerke
sind voll des Lobes von Hyeres. So das Werk von Aubin-Louis Millin,
"_Conservateur des medailles, des pierres gravees et des antiques de la
Bibliotheque imperiale_", der im Auftrage des Ministers Chastal 1804
Suedfrankreich bereiste. "Ich besuchte heute", schreibt Millin, "den Garten
des Herrn Fille. Tausende von Blumen umgeben dessen Haus. Tuberosen
(_Polyanthes tuberosa_), Cassie (_Mimosa Farnesiana_), und Jasmin
(_Jasminum sambac_) wuerzen die Luft mit himmlischen Dueften. Was Saenger und
Poeten einst gepriesen, jene Gaerten der Alcine und Armide, welche der
fruchtbare Genius des Ariost und des Tasso schuf, so glaenzend sie auch
unserer Einbildungskraft vorgefuehrt werden, sie treten zurueck vor dem
Garten, den wir hier vor den Augen haben. Man glaubt nicht mehr auf Erden
zu wandeln, vielmehr in jene Laubgaenge versetzt zu sein, in welchen die
Seelen der Gerechten ein ewiges Glueck geniessen. Die Baeume stehen so dicht
an einander, dass man nur auf kuenstlich angebrachten Pfaden zwischen
denselben durchdringen kann. Achtzehntausend Orangenbaeume, beladen mit
Bluethen und Fruechten, bergen in ihrem Laube unzaehlige Nachtigallen, und
Nachtigallengesang erschallt wie ein Hymnus an die Natur, um ihre Guete zu
preisen, ihr fuer einen so freudigen und duftigen Schatten zu danken.
Andere Vogelstimmen greifen in dieses glaenzende Concert ein, waehrend die
fleissigen Bienen summend die Bluethen umschwaermen, um reiche Nahrung zu
schoepfen aus so verschwenderischer Fuelle."

Ein aehnliches Gefuehl des sinnlichen Behagens, welches ein milderes Klima
erweckt, mag es auch gewesen sein, das einst die Massilier bestimmte, ihre
Niederlassung an diesem Strande "Olbia", die Glueckliche, zu nennen.

Mit Vorliebe schweiften wir an sonnigen Nachmittagen auf den Maurettes
umher, jenen Hoehenzuegen, an welche Hyeres sich anlehnt. Wir suchten uns
dort solche Orte aus, von welchen die alte Burg von Hyeres sich in schoener
Umrahmung zeigte. Ein Stueck blaues Meer bildete den Hintergrund, waehrend
gruene Huegel die scheckige Ebene deckten. Da lagerten wir uns auf Rosmarin,
Myrten und Lavendel und vergassen der fliehenden Stunden. Wir suchten im
Geiste jene Truemmer zu beleben, die so maechtig drueben auf den Felsen
thronen. Auch heute noch werden diese Truemmer von Wachtthuermen und Mauern
beschuetzt, die in bewegtem Umriss allen Vertiefungen des Berges folgen. -
In dem "Chastel d'Yeres" herrschten seit dem zwoelften Jahrhundert die
Herren de Foz, eine Nebenlinie der Vicomtes de Marseille. Manchen blutigen
Strauss mussten sie pfluecken, um ihre Burg zu behaupten und oft rauchte aus
den Wachtthuermen angesichts der Feinde die Lunte der Arkebusen. In
friedlichen Zeiten, da fuellten hingegen dieses Chastel die Gesaenge des
Troubadours, und es erklang in ihnen die sechsseitige Viola. War doch
Mabille de Foz Praesidentin des Minnehofs von Pierrefeu, jenes Minnehofes,
der mit Romani, Avignon und Signe, die vier vornehmsten "_cours d'amour_"
der Provence bildete! - Im Juni 1254 gab es hohen Besuch auf der Burg; da
kam Ludwig der Heilige, den aus Palaestina der Tod seiner Mutter nach
Frankreich zurueckgerufen hatte. Einige Jahrhunderte spaeter wurde hier oben
auch Franz I. empfangen, waehrend Ludwig XIII. nur noch die Ruinen der
Veste sah: Heinrich IV. hatte deren Zerstoerung beschlossen. Heute ist das
alte Gemaeuer in ueppiges Gruen gehuellt, und bunte Fruehlingsblumen erklimmen
selbst die Zinnen der Thuerme. - Scharf hebt sich der dunkle Berg vom
hellen Abendhimmel ab, wenn die provencalische Sonne sich hinter seinen
Truemmern zur Ruhe senkt. Dann traenkt sie mit ihrem Glanze das Land und das
Meer, umstrahlt die dunklen Felsen und bildet um die Burg einen goldenen
Glorienschein. - Geisterhaft aber mutheten uns die Truemmer zur Nachtzeit
an, da zur spaeten Abendstunde der Vollmond uns in die Berge gelockt hatte.
Tief drang sein Silberschein in die Fugen und Spalten des zerkluefteten
Gesteins und warf unheimliche Lichter in die Ruinen. Da belebten sich die
alten Mauern und Thuerme, nahmen menschliche Form an, schienen ihre Glieder
zu bewegen und stierten mit unheimlichen Augen in die Ferne. Ploetzlich war
dann Alles wieder todt; eine dunkle Wolke breitete ihre Schatten ueber den
Berg aus. Doch als der Mond wieder vortrat, da war es, als haetten die
Thuerme in der Runde sich die Arme gereicht, und als fuehrten sie um die
Truemmer einen infernalen Reigen aus. Da ging es bergauf, bergab ueber die
steilen Felsen und stoehnte und pfiff es dabei durch die Luft in
unheildrohender Begleitung. Fuer Augenblicke leuchtete die Burg so auf, als
stuende sie in Flammen, dann wieder versank sie in das Dunkel der Nacht.
Mit Wirbelwind und Sturm, mit Blitz und Donner zog ein Gewitter von Westen
heran: das mochte uns diese phantastischen Bilder vorgezaubert haben.
Rasch breitete sich Finsterniss ueber das Land aus, nur das Meer dort hinten
war noch in Silberglanz getaucht. Ein greller Lichtstrahl durchzuckte die
Luft, ihm folgte ein betaeubender Schlag, der die Grundvesten der Erde zu
erschuettern schien. Wie geblendet standen wir da, waehrend das Rollen des
Donners sich entfernte. Dumpf toente es noch fort in den nahen Bergen,
prallte dort mit immer schwaecherem Echo von den Felsen ab, kam dann wieder
naeher, um endlich in der Ferne zu verhallen. Hatte dieser grelle Blitz
nicht die Burg getroffen, nicht jene schlanke Cypresse zertruemmert, die so
stolz aus den Ruinen dem Himmel entgegenragte, als wolle sie ihm trotzen?
- Doch dicke Regentropfen begannen zu fallen; es war hohe Zeit, den
Rueckzug anzutreten.

                                   II.

Jenes Gebirge, das sich im Osten von Hyeres erhebt, bildete im neunten und
zehnten Jahrhundert ein Bollwerk der Mauren. Nach ihnen fuehrt es mit Recht
den Namen; von seinen Hoehen aus beherrschten sie die weite Kueste. In
orographischer Beziehung bietet das Maurengebirge ein hohes Interesse. Es
stellt ein in sich abgeschlossenes Gebirgssystem dar, dessen Granite,
Gneisse und Schiefer von dem umgebenden Kalkgebirge durch tiefe Thaeler
getrennt sind. Wie etwa die Alpen oder die Pyrenaeen, besitzt das
Maurengebirge sein eigenes, wenn auch nur kleines Flusssystem, seine
eigenen Schluchten und Thaeler. Es ist von der uebrigen Provence so
geschieden, dass es auch, ferne von derselben, eine eigene Insel im Meere
bilden koennte. Seit Kurzem folgt eine Eisenbahn (_Chemin de fer du Sud de
la France_) der Kueste, an dem Gebirge entlang. Diese Bahn muendet in
St. Raphael und schliesst dort an die grosse Linie an, die Marseille mit
Genua verbindet. Von den Stationen der Suedbahn aus dringt man leicht in
das Gebirge ein, und solche Ausfluege waren es, die uns in Hyeres
festhielten. Wir wurden nicht muede, wiederholt dieselben Strecken der
Kueste mit der Eisenbahn zu befahren; denn der Weg ist anmuthig und fuehrt
entweder durch schoenen Wald oder am Meeresstrande entlang, mit
fortwaehrendem Wechsel der Bilder. Der Anblick der Berge selbst bietet
hingegen geringe Mannigfaltigkeit, da alle Kuppen abgerundet sind, nur
wenig in ihrer Hoehe schwanken und vierhundert Meter nicht uebersteigen. Und
doch ladet der ueppige Wald auch da zu immer neuen Ausfluegen ein. Wer
Korkeichen zuvor nicht sah, wird freilich zunaechst ueber diese Waelder
staunen. Er erkennt wohl die immergruene Eiche, doch ihre geschaelten Staemme
und Aeste bieten einen ungewohnten Anblick. Die Krone der Korkeiche
gleicht derjenigen immergruener Eichen, auch die Blaetter sind wie bei
diesen lederartig und nur durch ihre eifoermige Gestalt und geringe
Zaehnelung ausgezeichnet. Befremdend ist aber die rothbraune Farbe der
abgeschaelten Theile, die fast blutroth erscheinen, dort, wo die Sonne sie
trifft.

Die ganze Bevoelkerung des Maurengebirges lebt von der Korkgewinnung. Steht
auch der Kork, der an dieser Kueste waechst, dem spanischen und algerischen
an Guete nach, so bleibt er doch ein geschaetzter Handelsartikel und bildet
eine eintraegliche Quelle des Erwerbes. Die Korkeiche muss, bevor sie
geschaelt werden kann, eine bestimmte Dicke besitzen, die sie mit fuenfzehn
bis zwanzig Jahren erlangt. Der erste Kork ist rissig, sproede und wandert
vorwiegend in die Gerbereien. Er wird, weil rauher und haerter, als
maennlicher Kork bezeichnet. Dann erst bildet sich der glatte, weniger
harte, brauchbare Kork, den man weiblichen nennt. Er wird alle acht bis
sechzehn Jahre entfernt, je nach der Dicke, welche die Korkplatten
erreichen sollen. Fuer gewoehnliche Stopfen reichen achtjaehrige Platten
schon aus, waehrend noble Champagnerpfropfen weit staerkere, bis 5
Centimeter dicke verlangen; die Schaelungen werden so lange wiederholt, bis
der Baum ein Alter von hundertundfuenfzig, ja selbst zweihundert Jahren
erreicht hat. Dann sinkt der Werth seiner Produkte; es gilt, ihn durch
juengeren Nachwuchs zu ersetzen. - Hundertjaehrige Korkeichen sehen schon
majestaetisch aus und treten mit ihren maechtigen Kronen und knorrigen
Staemmen eindrucksvoll aus der Umgebung hervor. Besonders gerne ruht auf
ihnen das Auge, wenn sie am Bergesabhang stehen, oft malerisch um einzelne
Felsbloecke gruppirt. Die Korkeiche waechst mit Vorliebe auf einem Boden,
der aus verwittertem Granit und Schiefer entstand, waehrend sie den
Kalkstein meidet. Daher die Korkeichenwaelder des Maurengebirges eine
Culturinsel in der Provence bilden, aehnlich wie das Gebirge selbst eine
orographische Insel dort darstellt. In den umgebenden Kalkalpen wird man
die Korkeiche nicht finden, nach ihr vergeblich in Mentone und in Nizza
suchen, nur um Cannes trifft man sie noch stellenweise. Wie die
Korkeichenwaelder des Maurengebirges das Urgestein seiner Berge verrathen,
so zeigen Kalkpflanzen den Kalk der angrenzenden Alpen an. Unter Umstaenden
wird ganz vereinzelt eingestreutes Gestein in solcher Weise aeusserlich
durch den Pflanzenwuchs kenntlich. So fiel vor einigen Jahren dem
Forstinspector de Saint-Venant in dem Walde von Orleans ein schmaler,
kilometerlanger Streifen kalkholder Pflanzen auf, waehrend die uebrige Flora
im Walde auf Kieselboden hinwies. Das regte ihn zu Ausgrabungen an, die in
wechselnder Tiefe das Vorhandensein einer alten, mit Kalksteinen
gepflasterten roemischen Strasse ergaben.

Die Korkeichen werden im Maurengebirge waehrend des Sommers geschaelt. Es
geschieht das sowohl an den Staemmen wie an dicken Aesten, doch hier wie
dort gleichzeitig nur an einzelnen Theilen; denn es gilt als schaedlich,
den ganzen Baum auf einmal zu entbloessen. Besonders eigenartig sehen die
entbloessten Theile gleich nach geschehener Schaelung aus; sie zeigen die
Farbe des menschlichen Koerpers. Erst allmaelig dunkeln sie nach. Zur
Vornahme der Schaelung, die als "_demaclage_" bezeichnet wird, fuehrt der
Arbeiter zunaechst zwei Schnitte rings um den Baum durch die ganze Tiefe
der Korkschicht aus und verbindet diese Kreisschnitte durch Laengsschnitte,
deren Zahl sich nach der Dicke des Baumes richtet. Diese Operation fuehrt
er mit einer Axt aus, die einen keilfoermig zugeschaerften Stiel besitzt.
Mit letzterem faehrt er dann von den Einschnitten aus unter die Korkschicht
und hebt sie ab. Dann beschwert er die Korkplatten mit Steinen, damit sie
ihre Rundung verlieren, haelt sie auch wohl ueber Feuer und kohlt ihre
Oberflaeche ein wenig an. Unter allen Umstaenden muessen die Korkplatten
trocken werden, bevor man sie versendet.

Der Kork ist das natuerliche Schutzmittel der Pflanzen: sie schliessen sich
damit gegen die Umgebung ab. Die aeltere Rinde aller unserer Straeucher und
Baeume ist mit Kork bedeckt und dankt ihm ihre Faerbung. Der Kork laesst Gase
und Fluessigkeiten nicht durch, ist elastisch und sehr widerstandskraeftig;
das befaehigt ihn nicht nur zu seiner Aufgabe an der lebenden Pflanze,
sondern bedingt auch seine technische Brauchbarkeit. Wird eine Pflanze
verletzt, so bildet sich Kork an der Wunde und schliesst dieselbe ab: daher
auch der neue Kork an der geschaelten Korkeiche. Wie jedes andere Gewebe
besteht der Kork aus Zellen. Ja, ein Korkstueck war es, in welchem Robert
Hooke im Jahre 1667 jene Kammern entdeckte, die er Zellen nannte, weil sie
ihm den Zellen der Bienenwaben zu entsprechen schienen. Den Zellen eines
fertigen Korkes fehlt freilich der lebendige Zellleib, jener Inhalt, der
das Wesen einer Zelle ausmacht. Den buesst die Korkzelle bald nach ihrer
Entstehung ein, um nur noch mit ihrer verkorkten Wandung als Schutzmittel
der Pflanze zu dienen. Eine bestimmte lebendige Gewebeschicht innerhalb
der Rinde, das sogenannte Korkcambium, bildet durch fortgesetzte
Vermehrung ihrer Zellen den Kork. Juengere Korkzellen folgen in geraden
Reihen nach innen zu auf die aelteren. Ihre Gestalt ist bei der Korkeiche
annaehernd wuerfelfoermig: gegen Schluss jeder Vegetationsperiode flachen sie
sich tafelfoermig ab. Der "weibliche" Kork der Korkeiche zeichnet sich
durch die Duennwandigkeit seiner Zellen und grosse Gleichfoermigkeit in
seinem Bau aus; nur am Schluss jeder Vegetationszeit entstehen wenige Lagen
staerker verdickter, abgeflachter Zellen. Diese letzteren sind es, welche
die dunklen Streifen bilden, die man in jedem Flaschenstopfen erkennen
kann. Da die dunkleren Lagen die Grenzen des jaehrlichen Zuwachses
anzeigen, so kann man das Alter einer jeden Korkplatte an ihnen abzaehlen,
ganz ebenso wie sich aus der Zahl der Jahresringe im Holz dessen Alter
bestimmen laesst.

Ist eine Korkeiche geschaelt worden, so bildet sich ein neues Korkcambium
unter den freigelegten Flaechen und hebt mit neuer Korkbildung an. Freilich
darf die Schaelung nur den Kork entfernen, nicht den Bast oder gar den
Holzkoerper erreichen, weil das schwere Wunden gibt, die sich nur langsam
schliessen und lange die Korkproduction an der beschaedigten Stelle
beeintraechtigen. Ist ein Stamm niemals geschaelt worden, so zeigt er gleich
anderen Eichenarten eine rissige Rinde, deren aeusserste Schichten er nach
und nach als Borke abwirft. Auch der am geschaelten Baum erzeugte Kork darf
nicht ein gewisses Alter uebersteigen, da er sonst an der Aussenseite rissig
und unbrauchbar wird.

In den westlichen Theilen des Maurengebirges gibt es keinen schoeneren Ort
als Bormes, von Hyeres aus mit der Bahn in einer Stunde zu erreichen. Man
steigt dort vom Strande aus zum Huegel empor, an den das kleine Staedtchen
amphitheatralisch sich lehnt. Seine Haeuser sind in verschiedener Hoehe
verstreut, hier einzeln, dort in Gruppen, als haetten sie um die Wette den
Berg zu erklimmen versucht. Den Ort beherrscht eine alte Burg, deren graue
Ruinen sich eindrucksvoll abheben von dem dunklen Gruen des hinterliegenden
Waldes. Der Abhang ist mit aromatischen Kraeutern bewachsen, und jeder
Schritt befreit aus ihnen duftende Oele. Ganze Flaechen werden violett
gefaerbt durch die wilde Lavendel (_Lavandula Stoechas_). Sie tritt hier so
massenhaft auf, dass ein benachbarter Ort den Namen Lavandou nach ihr
fuehrt. - Wir steigen weiter hinauf in den Wald, in Korkeichen, Kiefern und
immergruene Straeucher. Auch da steht jetzt Alles in Bluethe. Die Luft ist
erfuellt mit Wohlgeruechen, und den Kiefern, die man beruehrt, werden dichte
Wolken von Bluethenstaub entlockt. - Immer grossartiger entfaltet sich die
Aussicht auf die dunklen Ruinen, das hellglaenzende Staedtchen und das blaue
Meer, in das eine Landzunge sich weit vor uns fortsetzt; gegen Osten
blicken wir in die Rhede von Bormes hinein; gegen Westen zeigt sich die
Rhede von Hyeres, und ueber eine schmale Halbinsel hinweg erreicht das Auge
auch den Golf von Giens. In glaenzender Faerbung leuchten uns diese Buchten
entgegen. Die oestliche Bucht toent sich jetzt ab in hellem Blau, die Rhede
von Hyeres scheint von fluessigem Silber zu sein, waehrend die Fluthen des
Golfs von Giens den rothen Abendhimmel widerspiegeln. Wir saettigen uns an
dieser Farbenpracht und lassen das geblendete Auge dann auf dem dunklen
Gruen der fernen Waelder ruhen. Sanft breitet der purpurne Schein sich aus
ueber das ganze Meer, und in dem Glanz der Abendsonne schimmern jetzt die
goldenen Inseln von Hyeres wirklich so, als waeren sie von Gold.

In Bormes sind vor den Haeusern grosse Mengen von Kork aufgeschichtet. Wir
treten in ein Haus ein, in dem Kork geschnitten wird, und sehen uns,
freundlich empfangen, die Arbeit an. Der Mann macht Stopfen mit Huelfe
einer Drehbank. Er fuegt eckige Korkstuecke in dieselbe ein, versetzt sie in
Drehung und rueckt eine Art Hobel heran, der das Korkstueck schneidet. Grosse
Uebung verlangt das sichere und rasche Einfuegen der Korkstuecke in die
Drehbank, so dass sie gleich richtig centrirt sind. Ist der Arbeiter
geschickt, so macht er Hunderte von Stopfen in der Stunde, waehrend er es
frueher beim Schneiden aus freier Hand kaum auf tausend Stueck im ganzen Tag
bringen konnte. Die Korkplatten muessen mit Wasser gebrueht werden, ehe man
sie in die eckigen Stuecke zerlegt. Sie schwellen dabei nicht unwesentlich
an. Die Laengsachse der Stopfen entspricht der Laengsrichtung der Platten;
man muss sich somit die Stopfen in der Rinde des Baumes aufrecht stehend
denken.

Die Abfaelle beim Schneiden der Stopfen sind durchaus nicht werthlos. Sie
koennen zum Polstern dienen und werden auch wohl verkohlt, um eine schwarze
Farbe, das _nigrum hispanicum_, oder um Zahnpulver zu liefern. Gepulverter
Kork, mit verdicktem Leinoel angeruehrt und auf wasserdichtes Segeltuch
aufgetragen, gibt den als Linoleum bezeichneten Korkteppich, mit dem man
die Fussboeden deckt.

Die allgemeine Verwendung des Korkes fuer Flaschenverschluss greift nicht
weiter als in das siebzehnte Jahrhundert zurueck. Sie faellt zusammen mit
der Verbreitung unserer enghalsigen Glasflaschen, die man kaum vor dem
fuenfzehnten Jahrhundert herzustellen begann. Im Mittelalter wurden kleine
Gefaesse aus Holz, Thon oder Metall verfertigt und mit Zapfen von gleichem
Stoff verschlossen oder auch nur mit Wachs verklebt. Die Faesser
verspundete man mit Holzpfloecken. Die Alten benuetzten zum Verschluss ihrer
Amphoren sowohl Holz- als auch Korkstopfen, die sie mit einem Kitt aus
Harz, Kreide und Oel oder auch mit Pech umgaben. Haeufiger noch wurde die
Oeffnung dieser Gefaesse nur mit Gyps, mit Harz, Pech oder Wachs
zugeschmiert. Auf den Wein gossen sie Oel, so wie das heute noch in
Italien geschieht, und suchten ihn so vor Luftzutritt zu schuetzen. Nach
Plinius dienten den Roemern Korkstuecke auch schon als Schwimmer an den
Fischnetzen und als Bojen an den Ankern; nicht minder wurden die
Schuhsohlen fuer Frauen aus diesem Stoffe bereits hergestellt.

                                   III.

Tief in das Maurengebirge schneidet der Golf von St. Tropez, der Sinus
Sambracitanus der Alten, ein. An seinem Ufer sieht man schon aus der Ferne
die Haeuser von St. Tropez in bunten Farben schimmern. Von dort aus
erscheint die Meeresbucht wie ein geschlossener See. Ihre azurnen Fluthen
haben die Klarheit und den Schmelz eines dunklen Saphirs. Man blickt ueber
dieselbe ins Maurengebirge hinein. Scharf stechen seine Hoehen vom
noerdlichen Himmel ab. Im Osten wird das Bild in duftiger Ferne durch die
zackigen Gipfel des Esterels begrenzt. Ueber diesen, hoch in den Wolken,
glaenzt der Schnee der Alpen. Hier an dem blauen Golf hat einst die
Heraclea Cacabaria gestanden. Ein Herculestempel, so heisst es, gab der
Stadt den Namen. Das Land war von Camatullikern bewohnt. - Dann schildert
die Sage, wie im Jahre 66 n. Chr. an jenen Strand der Koerper des heiligen
Tropez gelangte. Dieser hatte unter Nero hohe Wuerden bekleidet; sein
Vetter, Salvius Otho, wurde im Jahre 69 n. Chr. zum Kaiser proclamirt. Er
selbst legte alle seine Aemter nieder, nachdem ihn der Apostel Paulus zum
Christenthum bekehrt hatte, und zog sich nach Pisa zurueck. Dort liess eines
Tages Nero unter einer ehernen Himmelsdecke mit grossem theatralischem Pomp
Diana und Apollo anbeten. St. Tropez weigerte sich dessen, er wurde
ergriffen, auf Befehl von Nero gemartert, enthauptet und sein Koerper dann
auf einem schlechten Nachen in das Meer gestossen. Ein Hund und ein Hahn,
die man zugleich in den Nachen setzte, sollten sich an dem Koerper weiden.
Doch weder der Hund noch der Hahn beruehrten den Heiligen, sie stellten
sich als Waechter an dessen Koerper auf. Ein Engel liess sich am Steuer
nieder und fuehrte den Nachen sicher durch die Fluth bis nach Heraclea.
Durch das Kraehen des Hahnes gerufen, sammelten sich dort die Christen am
Strande und nahmen den Koerper des Heiligen mit hohen Ehren auf.

Im neunten Jahrhundert wurde das alte Heraclea von den Saracenen zerstoert,
und nur antike Mauern und Graeber zeigen den Ort noch an, auf dem es einst
gestanden. Das heutige St. Tropez reicht nicht weiter als bis in das
fuenfzehnte Jahrhundert zurueck. Es verdankte sein Aufbluehen genuesischen
Familien, die sich hier niederliessen. Zahlreiche Wachtthuerme um die Stadt,
sowie die Festungswerke ueber derselben zeigen an, dass St. Tropez sich oft
noch gegen Seeraeuber und andere Feinde zu vertheidigen hatte. Heute wird
es nur noch durch Zollwaechter geschuetzt, die von den Hoehen aus den Strand
ueberwachen. So veraendern sich die Zeiten; frueher musste der Ort die
Corsaren abwehren, die ihn berauben wollten, heute sich gegen die
Schmuggler schuetzen, die ihn gern versorgen moechten.

St. Tropez ist ein Hauptort des Korkhandels geworden; zahlreiche Schiffe
werden mit dieser Waare beladen, die aus allen Theilen des Maurengebirges
hier zusammenstroemt.

Zum klimatischen Kurort duerfte St. Tropez wohl schwerlich jemals erhoben
werden, denn es ist zu sehr den Winden ausgesetzt. Gegen das offene Meer
deckt das vorspringende Cap den Hafen, doch der Mistral und der Ostwind
treiben die Fluthen des Golfes in denselben hinein. Dass bei heftigem Sturm
die Wellen bis auf den Uferdamm vordringen, das zeigt der eigenartige Bau
mancher dort stehender Haeuser an. Sie sind unten ohne Fenster, nur mit
kleinen, dicht schliessenden Thueren versehen, zugleich ausgehoehlt, so wie
der Fuss eines Leuchtthurmes, der dem Meere trotzt. - Von den Winden
abgesehen, besitzt das meerumspuelte Vorgebirge ein sehr mildes Klima. Der
bekannte Geologe Elie de Baumont hat dieses Stueck Land als die Provence
der Provence bezeichnet. Seine Vegetation ist ueppig. Kiefern und
immergruene Eichen decken die Hoehen; die Abhaenge werden von maechtigen
Kastanienbaeumen beschattet, deren Fruechte in ganz Frankreich als "_Marrons
de Lyon_" beliebt sind. Hier und dort streckt auch eine Palme ihr
schlankes Haupt ueber eine Mauer hervor; doch man sieht es ihr an, dass sie
oft vom Winde gepeitscht wird. Den Ufern der Baeche folgen
Oleanderstraeucher und Vitexbuesche. Mit den schoenen Bluethen des Oleanders
schmueckten sich und schmuecken sich heute noch in Griechenland auf dem
Lande die Frauen, auch benutzt man bei uns Oleanderblaetter zur Verzierung
der Speisen, waehrend thatsaechlich der Milchsaft dieser Pflanze ziemlich
giftig ist. Von dem schmalblaetterigen Vitexstrauch hiess es einst, dass er
die Sinnlichkeit unterdruecke, daher erhielt er seinen keuschen Namen:
_Vitex agnus castus_. Die atheniensischen Frauen bestreuten mit
Vitexblaettern ihre Ruhelager zur Zeit der Thesmophorien, jenen mysterioesen
Festen zu Ehren der Goettin Demeter, von denen alle Maenner ausgeschlossen
waren. Heute scheint der _Vitex agnus castus_ seine frueheren Kraefte
eingebuesst zu haben; nur seine scharf gewuerzhaften Steinfruechte gebraucht
man im Sueden noch haeufig als Pfeffer. Der Oleander hat sich sogar einem
noch weniger poetischen Verlangen anbequemen muessen, denn die Landleute um
Nizza benuetzen seine gepulverte Rinde, um Ratten und Maeuse zu vertreiben.

Im Hotel Continental zu St. Tropez wird noch nach alter Art gelebt. Guter
Tischwein steht zu gemeinsamer Benutzung auf der Tafel. Man fragt den
Nachbar erst, ob er zu trinken wuenscht, bevor man sich selbst einschenkt.
Das Dienstpersonal wird in einige Verwirrung versetzt, wenn man nach der
Weinkarte verlangt. - Da figurirten als Vorspeisen bei der Mahlzeit ausser
Salami, Oliven, Sardinen und anderen allgemein europaeisch gewordenen
Dingen, auch Seeigel, ein Leckerbissen, den ich bisher an keiner
regelrechten "_table d'hote_" gesehen hatte, und den ich auch gerne
Anderen ueberlasse; er dient mir nur als Beweis, dass der Mensch das aergste
aller Raubthiere ist. Da werden Tausende weiblicher Seeigel gefangen,
aufgebrochen und im Grunde genommen vergeudet: man wirft den ganzen Koerper
fort und verzehrt nur das Bisschen Eierstoecke. Dabei wird eine ungezaehlte
Brut zerstoert. Diesen orangerothen, faden Schleimmassen konnten wir keinen
Geschmack abgewinnen; doch darueber laesst sich ja streiten. - In wahres
Entzuecken wurden unsere Tischgenossen stets versetzt durch
"_Bouillabaise_". - Nach dieser Speise sehnt sich stets der Provencale,
auch wenn er einen anderen Theil von Frankreich bewohnt. - Die Wirthin
suchte es ihren Gaesten an den Augen abzusehen, ob ihnen die _Bouillabaise_
schmecke; kann diese doch allein das Renommee eines Hauses begruenden. Wie
sie uns servirt wurde, bestand sie aus Langusten und Seefischen. Die
Wirthin machte aus deren Zubereitung auch kein Geheimniss. Sie habe, sagte
sie, zunaechst etwas Knoblauch, Lorbeerblaetter und weissen Pfeffer in
Olivenoel in einer Casserolle geroestet, dann ein Glas Weisswein darauf
gegossen, die Langusten, Fische und soviel Wasser, dass sie bedeckt waren,
dazu gethan, Alles mit Salz und Pfeffer weiter gewuerzt, hierauf zwanzig
Minuten lang kochen lassen und mit einer Messerspitze Safran den Schluss
gemacht. Ihre _Bouillabaise_ war dann fertig. Die Langusten und Fische
kamen in eine tiefe Terrine und wurden mit der Bruehe, in welcher auch
Weissbrodschnitte geweicht hatten, uebergossen. - Die _Bouillabaise_ fand
ungetheilten Beifall. Die Wirthin meinte, fuer Franzosen allein lohne es
sich zu kochen, waehrend Auslaender mit demselben Gleichmuth gute und
schlechte Speisen verschlaengen: Das sei fuer eine sorgsame Wirthin
entmuthigend. Darauf mein Tischnachbar in laengerer Rede entwickelte, dass
er nicht einsehen koenne, weswegen man ein Sinnesorgan gegen die anderen
zuruecksetzen solle. Man koenne eine dumme Zunge haben, ebenso wie ein
dummes Auge oder ein dummes Ohr. Ein Mensch, der Karpfen von Steinbutte
nicht zu unterscheiden wisse, floesse ihm nicht mehr Ehrfurcht, als ein
solcher ein, der Van Dyck mit Raphael oder Gounod mit Wagner verwechsle.

War das Essen auch gut, der uebrige Comfort des Hauses liess doch etwas zu
wuenschen uebrig, so dass wir, trotz solcher culinarischer Genuesse, uns
zeitweise nach einem anderen Unterkommen sehnten.

Eine Strassenbahn verbindet jetzt St. Tropez mit La Foux, einer Station der
suedfranzoesischen Bahn. Der Weg fuehrt an dem Schlosse von Bertaud und vor
dessen Thoren an einer maechtigen Pinie vorbei, deren Stamm wohl sechs
Meter im Umfang misst. Es duerfte eine der groessten Pinien sein, die jetzt
existiren, und wohl mancher Saracene hat schon in ihrem Schatten gelagert.
Der Baum steht mitten auf der Strasse, der "_route nationale_", und es ist
zu loben, dass ihn die Ingenieure schonten. Die Strassenbahn setzt sich ueber
La Foux noerdlich bis Cogolin fort, und von da aus kann man auf der
Chaussee La Garde Freinet erreichen. Dort hatten einst schon die Roemer
einen Militaerposten errichtet, der die Verbindung zwischen dem Sinus
Sambracitanus und der etwas noerdlicher durchs Gebirge ziehenden Via
Aureliana ueberwachen sollte. Der Ort liegt in einem Engpass zwischen zwei
Bergen, und dort setzten sich auch die Mauren im Jahre 850 fest, nachdem
sie St. Tropez zerstoert hatten. Sie sicherten sich so den Zugang zum Meere
und beherrschten zugleich das Gebirge. Die Festung, die sie erbauten,
wurde Fraxinetum genannt, und dieser Name dann auf alle aehnlichen
maurischen Festungen uebertragen. Hier haeuften sie die geraubten Schaetze
an, um sie spaeter uebers Meer nach Afrika zu schaffen. Wilhelm I., Graf von
Arles, unterstuetzt von zwei provencalischen Edelleuten, Bavon und
Grimaldi, stuermte und eroberte im Jahre 973 die Veste. Alle Mauren, die
dem Schwert entgingen, wurden nebst Weibern und Kindern zu Sclaven
gemacht. Die Veste schwand von der Erde, und nur einige Mauerreste, die
Epheu heute deckt, sowie eine tiefe, in Fels gehauene Cisterne, zeugen
dafuer, dass sie einst gewesen.

Als Preis der Tapferkeit und Lohn fuer die erwiesenen Dienste erhielt
Grimaldi von Wilhelm I. das ganze Land, welches die Mauren am Sinus
Sambracitanus besassen. Da ragen denn noch heute, als Wahrzeichen aus jener
Zeit, auf dem Berge, der die Thalmuendung beherrscht, die Truemmer der Burg
Grimaud in den Himmel. Zwei Thuerme auf steilem Abhang, durch Mauerreste
verbunden, scheinen ueber dem Abgrunde zu schweben, die uebrige Burg ist
zerstoert; doch unter ihr, wenn auch ihres Schutzes beraubt, in ueppiges
Gruen gehuellt, klammert sich der kleine Ort Grimaud noch immer an den
Felsen.

Von La Foux aus oestlich folgt die Suedbahn weiter allen Ausbuchtungen der
Kueste. Jetzt eilt sie dem Meere zu, und St. Tropez am jenseitigen Ufer
scheint immer naeher zu ruecken; dann wendet sie sich landwaerts, und das
Esterel taucht ploetzlich am Horizonte auf. Das Maurengebirge rueckt dicht
ans Meer heran, der Wald erreicht die Kueste. Immer schwelgerischer
entwickelt sich hier seine Pracht. Aus den immergruenen Eichen und
Seestrandkiefern leuchtet die baumartige Erica mit ihren weissen
Bluethenmassen hervor. Ueberall sieht man den Erdbeerbaum seine
lorbeerartigen Blaetter ausbreiten. Dunkler Epheu rankt an den Staemmen in
die Hoehe, und ueppige Waldreben verbinden die Baumkronen durch helle
Laubguirlanden. Dieses herrliche Bild verlockt uns, die Fahrt zu
unterbrechen; wir steigen in La Gaillarde aus und setzen unseren Weg zu
Fuss fort. Wir folgen dem Ufer. Die Strandkiefer taucht ihre Wurzeln fast
in die Wellen; oft neigt sie sich ueber die Fluth, als wollte sie ihr Bild
in der spiegelnden Flaeche betrachten. Das Land wird hier geschmueckt von
der See mit einem Saum silberschaeumender Wogen, dafuer flicht ihr das Land
einen Kranz aus immergruenem Walde. Zerrissene Felsen springen am Strande
vor und verlieren sich weit in den Fluthen. Das Esterel ist uns ganz nahe
gerueckt. Es zeigt denselben reich bewegten Umriss, dem wir so gerne von
Antibes aus folgten. Dieser Gebirgszug ist so schmal, dass die naemlichen
Hoehen von Osten wie von Westen das Bild bestimmen. In Antibes sieht man am
Abend die Sonne hinter dem Esterel verschwinden; dann huellen sich seine
Gipfel in dunkelblaue Schatten und stechen mit scharfen Umrissen gegen den
Abendhimmel ab. Hier sind sie jetzt mit Licht uebergossen; die schwindende
Sonne senkt ihre Strahlen in die Thaeler hinein, sie gestaltet und modelt
die einzelnen Berge, vergoldet die Gipfel, spart blaue Schlagschatten in
den Tiefen aus, entzuendet ganze Doerfer, wirft Irrlichter in die einzelnen
Haeuser hinein und taucht schliesslich Alles in purpurne Gluth. - Hier bei
St. Aigulf am Strande liess sich Carolus Duran nieder, und der Ort ist wohl
angethan, eines Malers Seele mit farbigem Glanz zu erfuellen! - Ploetzlich
oeffnet sich vor uns das weite, von dem Fluss Argens in zahlreichen
Windungen durchstroemte Thal, durch welches das Maurengebirge von dem
Esterel geschieden wird. Der Teich von Villepey und die Windungen des
Flusses glaenzen wie metallene Spiegel. In Frejus ertoenen die Abendglocken;
vom jenseitigen Ufer des Golfs sendet uns der Leuchtthurm von St. Raphael
einen ersten noch blassen Strahl entgegen.

                                   IV.

Wir wandern jetzt auf classischem Boden. Ist doch Frejus das alte Forum
Julii, dem Julius Caesar den Namen gab. Augustus vollendete den Hafen, der
die Stelle von Lagunen einnahm, und gab dem Orte einen Pharus. Agrippa
liess einen Aquaeduct und ein Amphitheater erbauen; siedelte hier auch
Soldaten der achten Legion an, was zu der spaeteren Benennung Colonia
Octavanorum fuehrte. Die Stadt wuchs rasch in Groesse und Bedeutung; sie mass
fuenftausend Schritte im Umfang. Der Hafen war so ausgedehnt, dass er im
Jahre 31 v. Chr. die zweihundert Galeeren aufnehmen konnte, die Octavian
in der Schlacht bei Actium Antonius abgenommen hatte. Was fuer ein
farbenpraechtiges Bild mag das gewesen sein, als die Flotte des Antonius
diesen Hafen fuellte, als maechtige roemische Bauten sich in seinen Wellen
spiegelten, und weithin sichtbar durch das Thal der Aquaeduct in kuehnen
Boegen den fernen Bergen zueilte. - Frejus blieb unter den Kaisern die
wichtigste Flottenstation an diesem Gestade, dann aber begannen traurige
Zeiten. Der _Amnis argenteus_, der heutige Argens, fuellte langsam den
Hafen mit Schlamm und Erde an. Im zehnten Jahrhundert konnten nur noch
kleine Schiffe Zuflucht in demselben finden. Dann kamen die Saracenen und
schleiften 940 die Befestigungen der Stadt. Im fuenfzehnten Jahrhundert
wurde Frejus von Corsaren verbrannt, dann im sechzehnten Jahrhundert
nochmals unter Carl V. gepluendert. Der Hafen schwand allmaelig, und an
seiner Stelle bildeten sich weite Suempfe aus, welche mit toedtlichen
Miasmen die Gegend erfuellten. Ein Bild solchen Elends fand Aubin-Louis
Millin im Beginn dieses Jahrhunderts hier vor. Die Strassen waren leer, die
Haeuser unbewohnt, die wenigen Menschen, die man sah, gingen mit blassen
fahlen Gesichtern, hohlen Wangen, eingefallenen Augen umher. Man meinte,
in einem grossen Krankenhaus zu sein. "Wir nahmen Wohnung", schreibt
Millin, "in der besten Herberge: es war ein verpestetes und ekelerregendes
Haus, in dem man den Aufenthalt als Strafe betrachten musste. Schrecklicher
Schmutz herrschte in ihm. In schlecht gespuelten Gefaessen wurde uns fauliges
Wasser dargereicht; ganze Schwaerme von Fliegen belagerten die mit ranzigem
Oel bereiteten Speisen. Den Suempfen entstiegene Muecken und Schnacken
peinigten uns mit ihren Stichen; des Nachts wurden wir von nicht minder
zudringlichen, aber noch ekelhafteren Thieren aufgezehrt. Unser Blut war
in fortwaehrender Wallung. Es koennen hier wirklich nur solche Menschen
leben, die an derartige Plagen gewoehnt sind; uns erschienen sie als das
groesste Unheil, das einem menschlichen Wesen begegnen kann. Wir bedauerten,
dass der Wissensdrang, der uns trieb, historisch beruehmte Staetten
aufzusuchen, uns an diesen elenden Ort gefuehrt hatte, und wir wuenschten
denselben so bald als moeglich verlassen zu koennen." - Seitdem haben sich
die Zustaende in Frejus gebessert. Abzugscanaele sind entstanden, welche die
Umgegend entwaessern und dadurch gesuender machen; der Ort selbst ist zwar
auf ein Fuenftel seiner frueheren Groesse zusammengeschmolzen, sieht aber
ziemlich freundlich aus. Wer freilich tieferen Eindruck von den
Ueberresten aus der classischen Zeit erwartet, der wird enttaeuscht sein.
Es blieb nur wenig davon zurueck, zu wenig, um Achtung zu gebieten oder gar
kuenstlerisch anzuregen. Nur die zerrissenen Bogen des Aquaeducts draussen in
den Feldern, mit ihrem Schmuck von kletternden Pflanzen, sind aesthetisch
wirksam. Der Argens war so fleissig bei der Arbeit, dass heute eine weite
sandige Flaeche Frejus vom Meere trennt; die Truemmer des alten roemischen
Leuchtthurms ragen jetzt anderthalb Kilometer vom Strande entfernt aus dem
Boden hervor. So ist der alte Glanz von Frejus fuer immer geschwunden, und
was von demselben zurueckblieb, vermag solchen Eindruck wie die Denkmaeler
von Nimes und von Arles auf uns nicht zu machen. Doch erhebt uns auch hier
das Gefuehl, classischen Boden unter den Fuessen zu haben. Wir schauen dann
hinaus in das blaue Mittelmeer, an dessen Ufern jene maechtige Cultur
erstarkte, welche die Welt erobert hat. Wir suchen das Band mit der
Vergangenheit enger zu knuepfen und werden uns im Geiste wieder bewusst, dass
jene allgemein menschlichen Gedanken und Gefuehle, die hier zum ersten Mal
zur bewussten Empfindung und Gestaltung gelangten, auch heute noch unser
Denken und Fuehlen beherrschen.

Roemische Villen fuellten jenen Strand, an dem heut St. Raphael sich erhebt.
Die roemischen Patricier bevorzugten ueberhaupt dieses schoene Land. Es war
das ihre Provincia Romana par excellence, diejenige, die sie meinten, wenn
sie kurzweg von Provincia sprachen, und sie behielt den Namen der
Provence. Am Strande von St. Raphael liessen sich nach den Roemern die
Tempelritter nieder und bauten jenen viereckigen Thurm, der auch heute
noch die alte Kirche zu schuetzen scheint. Im Jahre 1799 landete hier
Bonaparte, als er von Aegypten kam, und hier auch verliess er das Land, um
1814 nach Elba zu gehen. Es trifft somit nicht ganz zu, wenn behauptet
wird, Alphonse Karr habe St. Raphael entdeckt: richtig aber ist, dass er
unter den franzoesischen Schriftstellern der erste war, der sich hier
niederliess, dass ihm bald andere Celebritaeten der Litteratur und Kunst
folgten, und dass der neue Aufschwung von St. Raphael mit jener Zeit
begann. Was aber alle jene Kuenstler und Schriftsteller hier suchten, das
war der stille abgelegene Ort, an dem man Blumen, Sonne und Meer geniessen
kann, ohne von anderen Menschen gestoert zu werden. Sie alle flohen den
Laerm des grossstaedtischen Nizza und des uebereleganten Cannes. "Wenn ich
eine grosse Stadt lieben moechte," pflegte Alphonse Karr zu sagen, "zoege ich
zurueck nach Paris." Auch ist es im Sommer hier kuehler als jenseits des
Esterel, und der sandige Strand ladet dann zum erfrischenden Bade ein;
daher sich St. Raphael immer mehr zum sommerlichen Seebad entwickelt. Im
Winter ist es zu sehr den Winden ausgesetzt. Das sollten auch wir noch
erfahren. Schon am Abend bei unserer Ankunft begann sich Ostwind zu
erheben, am naechsten Tage wehte er mit Macht und war von heftigem Regen
begleitet. Gegen dieses Unwetter liess sich im Freien nicht ankaempfen. Der
Wind trieb die Regentropfen fast wagrecht durch die Luft. Das dauerte so
zwei Tage. Starker Ostwind ist hier meist mit Regen gepaart, somit
traurig. Ganz verschieden gebaerdet sich sein Widersacher, der noerdliche
Mistral. Er ist trocken und daher weit heiterer. Er fegt den Himmel rein
und pfeift bei Sonnenschein. Er blaest nicht in langen Zuegen, sondern in
abrupten Stoessen, er klingt donnerartig und ruettelt an den Gebaeuden. Der
Ostwind hingegen blaest staerker oder schwaecher, doch ohne Unterbrechung
fort; seine Stimme ist mehr ein Klagen, so dass man bei Nacht langgedehnte
Schluchzer zu hoeren meint. In der zweiten Nacht, die auf unsere Ankunft
folgte, entlud sich ein polterndes Gewitter, das mit dumpfem Droehnen die
Thaeler erfuellte und zuckende Flammen auf die Meeresflaeche warf; als der
Morgen aber kam, da strahlte die Sonne wieder hell in unser Zimmer hinein.
Das Meer tobte weiter, und wir zogen hinaus, um seinen Anprall gegen die
Felsen des Strandes zu sehen. - Zu den Wahrzeichen von St. Raphael gehoeren
seine beiden Loewen: "_le lion de terre_" und "_le lion de mer_", zwei
rothe Porphyrfelsen, die gleichsam Wache an dem Strande halten. Der
Seeloewe hat sich weiter in das Wasser hinausgewagt, der Landloewe dicht am
Ufer gelagert. Sie lauern da wie apokalyptische Thiere und trotzen seit
Ewigkeit der nagenden Kraft der Wellen. Jetzt stuermt das Meer mit Macht
gegen diese Felsen an, waelzt seine Wogen ueber sie hinweg und wirft mit
Getoese schaeumenden Gischt hoch an ihnen empor. Ueber den Porphyrloewen im
blauen Himmelsraum, da wiegen sich aber die Moeven. Wie gerne folgt ihnen
das Auge, diesen muthigen Voegeln, wenn sie mit breitem und maechtigem
Fluegelschlag die Luft durchschneiden. Jetzt segeln sie gegen den Wind,
jetzt wiegen sie sich an der Stelle, jetzt schiessen sie herab in die
Fluth, um ihre Beute zu fassen; mit ihr schwinden sie in der Ferne, oder
sie lassen sich nieder auf der schaukelnden Welle, ein weisser Punkt mehr
inmitten der weissen Kaemme. Da hinten in der See taucht ploetzlich eine
Herde von Delphinen aus den Wellen hervor. Sie zeigen zuerst ihren Kopf,
ueberschlagen sich fast in der Luft und schiessen hinunter in die Tiefe. Sie
bringen Humor in das grossartige Schauspiel: sie sind die Clowns des
Meeres.

Die Strasse, die von St. Raphael in oestlicher Richtung dem Meeresstrande
folgt, fuehrt an Landhaeusern vorueber, die manchen bekannten Namen tragen.
Da ist die "_maison close_", das geschlossene Haus, welches Alphonse Karr
sich schuf, um der aufdringlichen Welt zu entgehen. Hier in "_Oustalet dou
Capelan_" hat Charles Gounod sich abgesondert, und ueber der Eingangsthuer
liest man: "_L'illustre maitre, Charles Gounod composa Romeo et Juliette a
l'Oustalet dou Capelan, au printemps de 1866_", und Jules Barbier, sein
Librettist, der nebenan ein Landhaus besitzt, fuegte darunter hinzu: _Hic
Divum Romeo scripsit Gounod meus 1866. Ingenio haut amicitia impar_."
Gounod weilte mit Vorliebe in St. Raphael; "ich finde hier," meinte er
oft, "den Golf von Neapel vor, mit der Campagna von Rom im Hintergrunde."

Ist die Lage von St. Raphael wirklich so schoen, als es Gounod empfand? Ich
kann das nicht behaupten, so wenig ich auch sonst diesem Ort den ihm
zukommenden Reiz absprechen moechte. Mir fehlt hier der volle Blick auf das
Esterel, und ich fuehle mich nicht hinlaenglich dafuer entschaedigt durch die
Aussicht auf das Maurengebirge und jenes Thal des Argens, das Gounod mit
der Campagna von Rom vergleicht. Lieber wuerde ich doch dem Beispiel von
Carolus Duran folgen und mich dort drueben in St. Aigulf niederlassen, an
dem waldigen Strande, von dem aus man am Abend das zackige Esterel in
Purpur leuchten sieht.

                                    V.

Hingegen bildet St. Raphael einen vorzueglichen Standort fuer Ausfluege in
das Esterel-Gebirge. Und dieses Gebirge ist sicher des Besuches werth; es
gehoert zu den Juwelen der Riviera: sein malerischer Reiz wird durch die
Porphyre bedingt, die als nackte Felsenmassen dem Boden entsteigen. Um
diese Porphyre und anderes eruptives Gestein sind Schiefer emporgerichtet.
Allseitig wird das Esterel durch tiefe Thaeler von den Alpen und durch das
Thal des Argens auch von dem Maurengebirge getrennt. Noch zu Anfang dieses
Jahrhunderts wagte man sich nur mit Schrecken in das Esterel hinein, jetzt
wandelt man in demselben sicherer als in den Anlagen mancher grossen Stadt.
- Unser erster Besuch sollte dem hoechsten Punkt des Gebirges, dem Mont
Vinaigre gelten, dessen Gipfel sich 616 Meter hoch ueber den Meeresspiegel
erhebt. Wir hofften von dieser Hoehe das ganze Esterel zu ueberblicken und
wollten dort unseren Plan fuer weitere Ausfluege entwerfen. - Wir brachen
von St. Raphael auf, als der Morgen graute. Der Weg fuehrte gegen Norden
zunaechst nach Valescure. Dort am Abhang der Berge, in dem kuehlen Walde,
pflegten schon roemische Familien den Sommer zu verbringen, wenn die Hitze
des Tages in Forum Julii unertraeglich wurde. _Vallis curans_, das Thal,
welches Genesung bringt, muss, wie sein Name sagt, als besonders gesunder
Aufenthaltsort gegolten haben. Diesen alten Ruf moechte man auch heute noch
ausnutzen und durch den verheissungsvollen Klang des Namens neue Bewohner
hier anlocken. Man wandert in Valescure auf fertig angelegten Strassen,
"_Grands Boulevards_" mit hochtoenenden Namen; der Wald ist in Parkanlagen
verwandelt; grosse Hotels hoffen auf Gaeste, Musikpavillons warten auf
Musikanten. Doch die Besucher bleiben noch aus. Woher auch sollen sie
kommen, diese Millionaere, um allen Grundstueckspeculanten zu Gefallen die
ganze Riviera von Toulon bis Ventimiglia mit Villen zu bedecken? Mit dem
Augenblick, wo der Bau der Suedbahn beschlossen war, bemaechtigten sich
Actiengesellschaften aller Punkte am Strande, die durch schoene Aussicht
aller Punkte auf der Hoehe, die durch gesunde Lage, Kiefernadelduft, oder
sonst welche Vorzuege sich auszeichnen. Auch in St. Aigulf drueben im
Maurengebirge ist der Wald schon parcellirt, laufen "_Grands Boulevards_"
durch denselben und sind nicht allein mit schoenen Namen, sondern auch mit
Laternen versehen. Den Laternen freilich fehlen die Scheiben; gebrannt hat
noch keine; manche warf der Sturm, manche auch Menschenhand schon um; nun
liegen sie da und rosten, ein trauriges Bild des Todes dort, wo niemals
Leben war. Dazwischen in moeglichst auffaelliger Stellung grosse Tafeln mit
bunten Inschriften und Plaenen, die zum Ankauf der Grundstuecke verlocken
sollen. - Wird Valescure jemals gedeihen? Es ist wohl moeglich - einen
Anfang von Erfolg hat es schon zu verzeichnen: "_La nature severe et
riante, l'odeur des pins agreable et salutaire_", wie Stephen Liegeard den
Ort preist, hat bereits die Kuenstlerin der "_Comedie francaise_" Suzanne
Reichemberg und die nicht minder beruehmte Saengerin der Pariser komischen
Oper Miolan Carvalho veranlasst, sich hier anzusiedeln. Der Ort ist
anmuthig, dicht von immergruenem Wald umhuellt, mit heiteren Ausblicken in
das Meer und das Gebirge: trotzdem athmeten wir freier auf, als wir die
"_Grands Boulevards_" verlassen hatten und uns in einer von der
Speculation weniger uebertuenchten Natur bewegten. - Die Sonne ging in
blaugrauem Nebel als rothe strahlenlose Scheibe auf; dann tauchte sie aus
dem Nebel hervor und strahlte hell an wolkenlosem Himmel. Die Erde schien
jetzt von Licht ueberstroemt. Bald betraten wir jene ausgedehnten Waelder,
welche das Esterel fast ganz bedecken. Einst hatten sie oft vom Feuer zu
leiden; statt gruener Laubkronen starrten verkohlte Skelete den Wandrer an.
Jetzt sind die Waelder Staatseigenthum geworden und erfreuen sich so
sorgsamer Pflege, dass sie fast den Eindruck grosser Parkanlagen machen. Die
dunklen Strandkiefern (_Pinus Pinaster_) wiegen bei Weitem vor: sie
schliessen ihre Kronen oft so dicht zusammen, dass kaum ein Sonnenstrahl
durch das Dickicht dringt. Vorzuegliche Kunststrassen fuehren durch den Wald,
und bis auf den Gipfel der Berge gelangt man auf gut gehaltenen Wegen.
Auffallend genug sieht man eine weite Kunststrasse oft ganz ploetzlich
enden, wenn sie die Grenzen des Gebirges erreicht. Da hoert das Departement
der Forste naemlich auf, und es beginnt dasjenige der Bruecken und
Chausseen. Die beiden Ministerien arbeiten sich, wie es scheint, nicht
immer in die Haende. Nach Wegweisern sieht man sich leider vergebens im
Esterel um, und wo mehrere Strassen sich schneiden, bleibt man auf seine
Orientirungsgabe ganz angewiesen. Die besten Karten der Gegend, die wir
uns zu verschaffen vermocht, Karten, welche das Ministerium des Inneren im
Jahre 1889 veroeffentlicht hatte, reichten eben nur aus, um uns irre zu
fuehren. Der Weg zum Mont Vinaigre war uebrigens nicht schwer zu entdecken.
Zunaechst sahen wir ihn vor uns, dann brauchten wir im Walde nur der
breiten Strasse zu folgen und uns nordwestlich zu halten, dort wo sich
dieselbe mit anderen gleich breiten Strassen schnitt. Sie stieg in
Windungen zwischen den Bergen empor. Meist war sie im Walde versteckt, und
wir wanderten im Schatten hoher Baeume, oder sie erreichte einen steilen
Abhang, und ueber den Gipfel der Baeume hinweg konnte der Blick dann ueber
gruene Thaeler und Berge weithin sich verlieren. Doch kein Haus war zu
entdecken, nirgends verrieth aufsteigender Rauch eine verborgene Huette:
nichts als Waelder, Thaeler und Berge in endloser Einsamkeit. Seitdem wir
das Gebirge betreten hatten, war uns kein Mensch begegnet. Wir fuehlten uns
ganz allein: es war fast unheimlich. Nach zwei Stunden erreichten wir eine
menschliche Behausung, das Forsthaus zu Malpay: "_M[=a]ou pays_",
schlechte Gegend, wie es provencalisch heisst, in Erinnerung an jene Zeit,
wo es hier nicht geheuer war, zu reisen.

Die Frau Foersterin schien sichtlich erfreut, sich wieder einmal
aussprechen zu koennen, und gab uns, waehrend wir fruehstueckten, genaue
Auskunft ueber die Gegend. Sie zeigte uns auch in oestlicher Richtung ein
Stueck der roemischen Strasse, die man von hier aus auf eine laengere Strecke
hin ueberblicken kann. Rom mit Gallien verbindend, endete sie in Arelate,
dem heutigen Arles, von wo die "_via Domitia_" nach Spanien fuehrte. Zwei
roemische Strassen, die als aurelianische bezeichnet wurden, fuehrten durch
das Esterel. Die aeltere folgte von Cannes aus der Kueste und erst vor der
suedlichsten Felsengruppe des Esterel drang sie landeinwaerts, in ein Thal,
um in westlicher Richtung Frejus zu erreichen. Spaeter legten die Roemer die
zweite Strasse an, die, in gerader Richtung ueber die Berge laufend,
ungefaehr der heutigen zwischen Frejus und Cannes entspricht und von der
wir hier ein Stueck vor Augen hatten. In einer verborgenen Schlucht unfern
derselben liegen in Malpay noch Porphyrsaeulen aus alter Zeit, unvollendete
Arbeit der Roemer. Der violettrothe Stein hat sich seitdem freilich mit
einer dicken schwarzen Kruste bedeckt. An die Benennung jener roemischen
Strassen erinnern hier noch die Namen der Ufer und Berge. Dort, wo die
aeltere der beiden Strassen das Meer verliess, heisst immer noch das Ufer
"Plage d'Aurel", und "Pic d'Aurel" heissen die Porphyrmassen, denen sie
dann folgte. Dieses Gebirge war spaeter von aller Cultur so abgeschnitten,
neuen Einfluessen so entzogen, dass das Volk bis auf den heutigen Tag eine
noch benutzte Strecke der aelteren Strasse "_lou camin Aurelian_" nennt.

Man verlaesst in Malpay die breite Strasse und folgt in oestlicher Richtung
dem Fussweg, der in zahlreichen Windungen am suedlichen Abhang des Mont
Vinaigre aufwaerts steigt. - Wie kommt der Berg zu seinem merkwuerdigen
Namen? Es heisst der saure Wein, der an seinen Flanken wuchs, haette ihm
denselben verschafft. Spuren einstiger Weincultur sind freilich nicht mehr
zu entdecken, hingegen tritt man am Abhang in die herrlichsten Maquis ein.
Baumartige Heide, Ginster, Pistacien, Euphorbien, Asphodelen, sie alle
bluehen zu gleicher Zeit und erfuellen die Luft mit wuerzigem Duft. Denn er
ist kurz, der provencalische Fruehling, und die Pflanzen muessen sich
beeilen, bevor die Duerre naht; es ist als wenn die Natur ein Fruehlingsfest
hier feiern wollte, und unbewusst dringt etwas von diesem Fruehling auch in
die Seele des Wandrers ein. Er vergisst alles Vergangene, ihm ist, als
koenne er das Leben von Neuem beginnen. Warum auch nicht? Ist doch die Welt
so alt und erwacht sie dennoch in jedem Fruehjahr zu neuem Leben. - Was
duften nur die Heiden so schoen nach bittren Mandeln? Jeder Windhauch traegt
uns ganze Fluthen dieses Aromas entgegen. Dieser Duft war uns frueher kaum
aufgefallen, doch eine gleiche Fuelle von Ericabluethen hatten wir auch noch
nie gesehen. Ein suesser Honiggeruch erfuellt jetzt die Luft: eine
unscheinbare kleine Wolfsmilch (_Euphorbia spinosa_) ist es, die ihn
verbreitet. Ihr fehlen auffaellige Bluethen, und da muss sie sich besonders
bemuehen, um in so farbenreicher Umgebung nicht unbeachtet zu bleiben. Sie
wird auch von zahlreichen Bienen besucht, waehrend die bunten
Schmetterlinge um andere praechtigere Bluethen flattern. Hier lohnt es sich,
Biene und Schmetterling zu sein! Aus dieser Bluethenmasse ragen dunkle
Erdbeerbaeume, zwerghafte Kiefern, immergruene Eichen, stachelige
Wachholderstraeucher (_Juniperus oxycedrus_) hervor. Und wo ein noch so
kleiner Platz unbesetzt geblieben an dieser reichen Tafel der Natur, da
draengen sich die Asphodelen (_Asphodelus cerasifer_) mit ihren weissen
Bluethenrispen ein. Auch sie wollen ihren Antheil an Licht und Waerme haben,
an jener Nahrung, die hier in solchem Uebermass gespendet wird.

Wir steigen nur langsam in die Hoehe, bleiben vor jeder einzelnen Bluethe
stehen, belauschen die Bienen bei der Arbeit. Erst nach einer Stunde sind
wir oben; da liegt eine ganze Welt zu unseren Fuessen. Vor uns das gruene
Esterel mit seinen tief eingeschnittenen Thaelern und seinen steilen Hoehen,
wo aus dem Laub der Baeume die zackigen Porphyrfelsen in den Himmel ragen.
Im Westen die Ebene von Frejus von ihrem Silberfluss durchstroemt; ueber
dieser das Maurengebirge mit seinen dunklen Waeldern, und dann alle Buchten
der Kueste, weit hin bis nach St. Tropez. Im Norden die Kalkalpen in
perlgrauem Ton; im Osten die Seealpen mit schneebedeckten Haeuptern; davor
ueppig gruenes Land, mit leuchtenden Staedten und Doerfern und wieder die
Kueste, erst bei Bordighera in duftigen Nebel sich huellend. Ganz in der
Naehe Cannes, vor ihm die Inseln von Lerins; weit vorspringend in die See
das schmale Cap von Antibes; endlich im Sueden, scheinbar dem Himmel
entgegenstrebend, das unbegrenzte Meer.

Heute war es hier oben so windstill, dass auch die einsame Korkeiche, die
am Gipfel steht, sich in der Sonne *waermen* konnte. Auch sie, die
bedauernswerthe, war ihrer schuetzenden Korkhuelle beraubt worden. Zum
grossen Theil entbloesst, musste sie an schlimmen Tagen dem Mistral hier
trotzen. In dem friedlichen Bilde, das uns umgab, stoerte diese nackte
Eiche wie ein Misston die Harmonie.

Der Weg, den wir bei Malpay verlassen hatten, setzt sich in gerader
Richtung am Fusse des Mont Vinaigre fort und trifft bald auf die grosse
Strasse von Frejus und Cannes. Folgt man ihr in oestlicher Richtung, so
gelangt man bald zu einer Haeusergruppe, der Auberge des Adrets und dem
Gensdarmerieposten. Der Name, den das Wirthshaus fuehrt, war in Paris einst
in Jedermanns Mund, als der beruehmte Schauspieler Frederic Lamaitre im
Ambigu-Theater die Hauptrolle in einem Schauerdrama gab, das in einer
"Auberge des Adrets" spielte. Das war in den vierziger Jahren, und alle
sensationsbeduerftigen Besucher von Cannes machten Ausfluege ins Esterel, um
in der "Auberge des Adrets" die Raeume zu sehen, in denen ein Herr Germeuil
ermordet oder vielmehr *nicht* ermordet worden war. Denn abgesehen davon,
ob die ganze Geschichte sich jemals zugetragen, oder ob sie nur erfunden
war, handelte es sich thatsaechlich in dem Drama nicht um diese, sondern,
wie das Textbuch deutlich angab, um eine Herberge gleichen Namens auf dem
Wege von Grenoble nach Chambery. - Unter den Besuchern, die in froehlicher
Laune von Cannes aus hierher gekommen waren, befand sich im Jahre 1868
auch Georges Sand. Die Bewohner des Hauses wurden damals schon sehr
ungehalten, wenn man sie ueber jenen Herrn Germeuil ausfragen wollte; sie
glaubten, man bezichtige sie des Mordes. Richtig ist, dass vor Jahren die
Gegend um jene "Auberge des Adrets" besonders beruechtigt war. In den
unzugaenglichen Thaelern und Schluchten des Esterel suchten alle jene
Verbrecher ihre Zuflucht, denen es gelungen war, aus den Galeeren von
Toulon zu entfliehen. Sie pflegten die Reisenden unfern von diesem
Wirthshaus anzufallen, an einer Stelle, wo die Strasse von angrenzenden
Hoehen beherrscht ist. "Als wir vorbeifuhren," schreibt Horace Benedict de
Saussure, "zeigte uns der Courier von Rom, der mit uns reiste, einen
zertruemmerten Reisekoffer, der noch am Wege lag und einem Courier gehoert
hatte, der vor einigen Tagen ausgepluendert worden war." Als hingegen der
Erlanger Professor der Naturwissenschaften Gotthilf Heinrich Schubert 1822
"mit der Hausfrau, die, wie gewoehnlich, als Haushofmeister und Adjutant,
ihren alten Traeumer begleitete", die naemliche Stelle ueberschritt, hatten
sich die Zustaende bereits geaendert. In dem Wirthshaus war ein
Gensdarmerieposten errichtet. Doch fand er dort nur eine alte Frau und
zwei kleine Kinder vor. Waehrend die Reisenden sich staerkten, kam die Alte
auf die verschollenen Raeubergeschichten zu sprechen. "Wenn sich so ein
Raeuber doch hier wieder sehen liesse," meinte die Frau, "damit unsere
Gensdarmen zeigen koennen, dass sie ihr Brot nicht umsonst essen." - Seitdem
die Eisenbahn Frejus mit Cannes verbindet, ist diese Strasse wie
ausgestorben, und Raeuber wuerden ihr Auskommen da nicht mehr finden. Das
Wirthshaus zeigt aber noch deutlich an, dass es einst darauf eingerichtet
war, sich zu vertheidigen. Die Mauern sind ungewoehnlich dick, die Fenster
des unteren Stockwerks mit eisernem Gitter versehen. Durch eine Oeffnung
in der eichenen Thuer wurde der Reisende erst genau betrachtet, bevor er
Einlass erhielt, schraege Schiessscharten in den Waenden sind gegen die Thuer
gerichtet: das Haus gleicht einer Festung, die nur durch regelrechte
Belagerung genommen werden konnte. Jetzt steht seine Thuer weit offen, und
kleine Kinder spielen vor dem Hause.

Wir kehrten nach Malpay zurueck und waehlten von dort einen Weg, der in
suedoestlicher Richtung uns nach Agay fuehrte. Bald waren wir in den _Vallon
de la Cabre_ gelangt. Dort breitete ueberall am Abhang der lorbeerartige
Schneeball (_Viburnum Tinus_) seine weissen Bluethendolden aus. Bis auf die
betretenen Wege wagten sich die blauen Schwertlilien (_Iris germanica_)
hervor. Die Dichternarcisse (_Narcissus poeticus_) schaute uns aus dem
Gebuesch mit ihren leuchtenden Blumenaugen an. Hochstengelige Tulpen
(_Tulipa Celsiana_) gruessten uns aus der Ferne mit ihren gelben Bluethen.
Die violetten Bluethenstaende der doldenbluethigen Schleifenblume (_Iberis
umbellata_) ueberraschten uns durch ihre Pracht; hatten wir doch dieses
schoene Gewaechs bisher nur in Gaerten gesehen. Bald war in unseren Haenden
_Ophrys aranifera_, die merkwuerdige Orchidee, mit ihren spinnenartigen
Bluethen, und zu dieser konnten wir dann auch ihre bienenaehnliche Schwester
(_Ophrys apifera_) gesellen. Am meisten aber erfreute uns das seltene
_Limodorum abortivum_, eine blattlose Orchidee, die in allen Theilen
hellviolett gefaerbt, auch hellviolette Bluethen traegt. So wandelten wir im
Thale mit grossen Blumenstraeussen in den Haenden. Da ploetzlich tauchte vor
uns ein grosser Porphyrblock auf. Er steht auf schwachen Fuessen und neigt
sich ueber den Bach, als wollte er stuerzen. Das Volk hat ihn den
Taubenschlag, "_Pigeonnier_", genannt. Dann fuehrte unser Weg weiter an
anderen phantastischen Felsen vorbei; oft schienen sie das Thal zu
versperren und traten erst weit im Halbkreis auseinander, als wir den Fluss
von Agay erreichten. Dem folgten wir bis an das Meer. Zackig zerrissen, in
rothem Lichte gluehend, schaut dort das Castel d'Agay in die See hinab. Wie
Zaehne einer Riesensaege ragen in langgedehnter Reihe die steinernen Zacken
gegen den Himmel vor. Wir rasteten an der lieblichen Bucht von Agay, die
der rothe Porphyr in einen farbigen Rahmen fasst. Wir sind hier zehn
Kilometer von St. Raphael entfernt, an der Station der Mittelmeerbahn, die
dem Seestrande folgt, um dem Gebirge auszuweichen.

Unfern von Agay, am Wege nach St. Raphael, wird blauer Porphyr gebrochen.
Grosse Bloecke sprengt man aus dem Berge heraus, schneidet sie in Platten
und Wuerfel und verwerthet den Rest fuer Strassenbau. Der ganze Strand ist
mit blauem Porphyr bedeckt, und zahlreiche Arbeiter sind beschaeftigt, ihn
auf Schiffe zu laden. Der Porphyr des Esterel ist ein Quarzporphyr, der in
dichter, mit blossem Auge nicht unterscheidbarer Grundmasse, die aus Quarz
und Feldspath besteht, Krystalle oder crystallinische Koerner aus Quarz
oder Feldspath fuehrt. Der Feldspath ist meist fleischroth, doch wird die
rothe Faerbung des ganzen Gesteins vornehmlich durch Eisenoxyd bedingt, das
als ein feiner Staub in der Grundmasse vertheilt ist. In den blauen und
andern hellgefaerbten Porphyren tritt das Eisenoxyd gegen
Eisenoxydulverbindungen zurueck. Der blaue Porphyr wird fuer Strassenbauten
besonders geschaetzt und seine Gewinnung hier in grossem Massstab betrieben.
- Dem Steinbruch gegenueber springt eine Landzunge, "_Le Piton de
Dramont_", vor in die See und traegt auf steil abfallenden Felsen einen
hohen Leuchtthurm. Er warnt den Schiffer schon aus der Ferne vor der
Gefahr, die ihn an dieser felsigen Kueste bedroht. Die Bucht von Agay, die
bei ruhigem Wetter still ist und leer, fuellt sich bei stuermischer See oft
mit vielen Schiffen. Sie warten hier, im sicheren Schutze der Berge, auf
guenstigeres Wetter, und schon zur roemischen Zeit hat der Agathon Portus
manches Schiff vor Untergang gerettet.

                                   VI.

Als ein Wunder des Esterels gilt das Malinfernet, ein versteinertes
Felsenmaerchen. Eine Strasse fuehrt jetzt von Agay dahin, und drei Stunden
Wagenfahrt genuegen, um es von St. Raphael zu erreichen. Wir ziehen die
Fusswanderung vor und brechen von le Trayas auf, wohin wir mit der Bahn in
einer halben Stunde gelangen. Dort kreuzen wir sogleich die Schienen und
steigen am westlichen Abhang des vor uns sich erhebenden Berges in die
Hoehe. Wir wandern in Maquis, noch ueppiger als wir sie an andern Stellen
des Esterels gesehen. Vom suessen Honigduft der Euphorbien sind wir fast
betaeubt. Weite Flaechen werden gelb gefaerbt von grossbluethigen
Pfriemenstraeuchern (_Calycotome spinosa_). Cistusrosen (_Cistus albidus_)
beginnen eben ihre grossen rothen Bluethen zu entfalten. Zunaechst sind sie
zerknittert, so wie sie es in dem engen Raum der Knospenhuelle waren, doch
breiten sie sich aus, verlieren bald alle Falten und locken nun die
Schmetterlinge durch ihren zarten Farbenreiz. Wir pfluecken keine dieser
Bluethen, da sie zu vergaenglich sind, der leiseste Windhauch traegt ihre
Kronenblaetter davon. - Welche Fuelle bunter Schmetterlinge belebt hier den
Abhang. Bluethen und Schmetterlinge gehoeren ja zusammen. Der sonst seltene
Falter _Anthocharis Eupheno_ ist hier fast gemein. Er gleicht unserem
Aurorafalter, ist aber schwefelgelb, nicht weiss wie jener. Dieselben
rothen Flecken zieren seine Vorderfluegel. Unruhig und rasch fliegt er
durch die Luefte. Ebenso behend ist der Osterluzeifalter (_Thais
Polyxena_), dessen braeunlich gelbe Fluegel mit schwarzen Zacken sich
umrandet zeigen und rothe und blaue Flecken tragen. Er gleicht einem
Harlekin, so bunt und befranzt ist seine Tracht. Langsam schweben in allen
Richtungen die Segelfalter an uns vorueber. - Bald haben wir einen Kamm,
den Col Lentisque erreicht, den zahlreiche Korkeichen schmuecken. Hier
schneiden sich mehrere Wege. Wir waehlen denjenigen, der zur Rechten
abzweigt, ueberschreiten alsbald die Passhoehe und beginnen in einem waldigen
Thale, dem "Ravin" des Baches Escalle, der hier abwaerts fliesst, langsam
abzusteigen. Schoene Stecheichen (_Ilex aquifolium_) ragen stellenweise aus
dem ueppigen Dickicht hervor. Es sind das hier stattliche Baeume, waehrend
wir sie in unseren Waeldern nur in Strauchform finden. Da faellt uns dann
wieder auf, was einst schon Chamisso bemerkte, dass die glaenzenden,
lederartig starren Blaetter nur in den unteren Theilen des Baumes mit
scharfen Zaehnen besetzt sind, an den hoeher entspringenden Aesten aber
einen fast glatten Rand haben. Nur an denjenigen Blaettern, die von den
weidenden Thieren erreicht werden koennen, bildet zum Schutz gegen
dieselben diese Pflanze Stacheln aus. Der Weg wendet sich ploetzlich nach
Westen, und ganz unvermittelt stehen wir am Ausgang des Malinfernet. Da
ragen sie nun hervor aus dem dunklen Wald, alle die rothen Felsen hier in
der Sonne gluehend, dort in den Schatten der Berge getaucht. Sie
verschieben sich gegeneinander bei jedem Schritt, den wir vorwaerts
schreiten; die einen schwinden, die andern treten hervor, fast endlos. Und
der klare Bach, der das Thal durchstroemt, rauscht entweder stark, oder
murmelt schwach, oder donnert laut in Wasserfaellen. Einmal verbirgt er
sich ganz im gruenen Laub der Baeume, dann tritt er wieder weit sichtbar vor
und spiegelt mit hellem Glanze den Himmel. Und erst die Felsen! Hier
glaubt man einen spitzen Thurm zu sehen, wie den Thurm eines gothischen
Domes, mit steinernen Blumen und Thieren und allerhand Schnoerkeln
verziert; dort eine Burg mit ihren Schanzen und Zinnen, dort eine Orgel
mit riesigen Pfeifen, hier einen schlanken Kegel, dort einen kantigen
Crystall, hier wieder ein Standbild auf hohem Postament. Ist das nicht der
Gott Osiris, der auf diesen Felsen thront? Er traegt zwei junge Kiefern wie
Scepter in den Haenden. Am Eingang jener Schlucht kauert eine Sphinx und
holt aus zum Sprunge. Und dort am fernen Abhang scheint eine wilde Jagd
den Berg hinabzurasen. Die phantastischen Thiere ragen hoch aus dem Wald
hervor, in letztem Todeskampf zu Stein erstarrt. Da hat die Natur ihrem
ungezuegelten Gestaltungsdrang freien Lauf gelassen; sie schuf in
uebermuethiger Laune. Und als bereue sie nachtraeglich diesen Uebermuth,
verbarg sie sorgsam das Thal zwischen hohen Bergen. Das Malinfernet musste
thatsaechlich erst entdeckt werden, und noch im December 1851, nach dem
napoleonischen Staatsstreich konnten politische Fluechtlinge sich dort
lange Zeit verborgen halten und den Nachforschungen der Gensdarmen
entgehen.

                                   VII.

Gegen Abend zogen wir wieder hinaus zum Strande von St. Aigulf. Wir
wollten das Esterel noch einmal im Glanze der untergehenden Sonne gluehen
sehen. Es war ein farbenpraechtiger Abend, still und mild, einer jener
Abende, die das Gefuehl des Glueckes in der menschlichen Seele erwecken.
Kein Luftzug bewegte die Blaetter der Baeume. Im See von Villepey spiegelten
sich dunkle, goldumstrahlte Wolken. Durch unser Nahen aufgeschreckte Voegel
flohen aus dem Dickicht des Ufers empor. Sie stiegen in die Luefte und
schienen schwarze Furchen zu ziehen am hellen Abendhimmel. Die Wolken im
Westen nahmen Purpurfarben an, und in ihrem Widerschein roethete sich auch
der See. Er sah jetzt unheimlich aus, wie eine Lache von Blut; das dunkle
Dickicht aus Rohr umfasste ihn mit schwarzem Trauerrand. Wir setzten unsern
Weg fort zum Strande. Bald stand der Westen in voller Gluth, und das
Maurengebirge glich einem Riesen in der Feuersbrunst. Die Baeume des Waldes
zeichneten sich schwarz auf hellem Grund, als waere ihr Umriss mit Kohle
gezogen. Allmaelig verblasste der Himmel. Auf den spiegelnden Wellen des
Meeres begannen sich die weissen Strahlen der ersten Sterne mit dem rothen
Abglanz der letzten Abendlichter zu mischen. Als wir den Strand
erreichten, war es bereits so dunkel, dass wir den Umrissen des Meeres
nicht mehr folgen konnten. Der Himmel spruehte von Sternen und schien auch
ungezaehlte Lichter im Meere auszusaeen. Wir lauschten dem Stoehnen und
Rollen der Brandung und frugen uns, warum es ewig klagt und grollt, dieses
laenderumspuelende Meer; ist es der Schmerz ueber all' das Leid, das sich an
seinen Ufern zugetragen? Ist doch auch dieser Ort nach jenem Heiligen
benannt, der auf den Lerinischen Inseln gemartert ward. Manchmal glaubten
wir nahende Schritte zu hoeren; doch nein, es war nur ein reifer
Kieferzapfen, der vom Baum zu Boden fiel, oder eine groessere Welle, die
sich ueber das Ufer ergoss und zischend dem Meer wieder zueilte. Die
silberne Mondsichel, ganz schmal, tauchte hinab in die Baeume. Starr
leuchteten uns von Osten her die Leuchtthuerme von St. Raphael und von
Drammont entgegen; der Phar von Camarat im Westen flammte auf und nieder:
es war, als oeffnete und schloesse er abwechselnd sein grosses Feuerauge. Im
Meere tauchten Barken auf in gelbem Fackelschein. Das waren Fischer,
welche mit Feuer die Tiefen erhellten, um Fische zu erspaehen. Die
flackernden Flammen warfen lange zitternde Streifen auf die Wellen.
Ploetzlich tauchte dicht vor unseren Augen, gespensterhaft gross, eine
riesige Barke auf, mit ausgespannten Segeln. Sie deckte uns die Sterne und
warf einen schwarzen Fleck ueber den funkelnden Himmel. Eben so rasch, wie
sie kam, war sie auch verschwunden, lautlos, unvermittelt, wie ein
Geisterschiff.

                                  VIII.

Unfern vom Bahnhofe bei le Trayas schaut aus dem dunklen Gruen der Baeume
ein helles Haeuschen hervor. Schilder an der Station preisen es als "_Hotel
du Trayas et restaurant de la Reserve_" an. Der Ort liegt so schoen am
Wald, zwischen rothen Felsen, dass wir den Entschluss fassten, dort einige
Zeit zu weilen. So fanden wir uns am naechsten Tage auf der Station von le
Trayas mit unserem Gepaeck wieder ein. Wir frugen nach dem Wege zum
"Hotel", und wurden auf einen Hund verwiesen, der sich in unserer Naehe
befand. "Sie brauchen ihm nur zu folgen, er wartet auf die Gaeste". Der
Hund hatte sich uns genaehert, als wir mit Handgepaeck beladen, aus dem
Eisenbahnwagen stiegen und sah uns verstaendnissvoll an. Es war ein grosser
schwarzer Vorstehhund, mit langem seidigem Haar. Wir schritten zum
Ausgang; der Hund eilte uns voran, blickte oft sich um und wedelte dann
mit dem Schweife. Er fuehrte uns den Weg an der Bahn entlang, hierauf in
den Wald. Einen Augenblick war er verschwunden: es galt einen kleinen
Pintscher im nahen Foersterhause zu besuchen, vielleicht ihm mitzutheilen,
dass Fremde angelangt seien. Der kleine Freund kam mit bis auf den Weg, um
uns zu betrachten, dann zog er sich zurueck. In einer Viertelstunde
erreichten wir das Gasthaus, einen bescheidenen Bau, doch mit ziemlich
weiter Glashalle. Augenscheinlich wurde die Restauration des "Hotels" mehr
als seine Wohnraeume in Anspruch genommen und somit wohl die Glashalle am
meisten benuetzt. Der Hund stellte sich vor die Eingangsthuer und bellte. Es
war das aber nicht ein gewoehnliches Bellen, er stiess vielmehr gedaempfte,
rasch hinter einander gedehnte Toene aus, welche die Mitte zwischen Bellen
und Heulen hielten. Da stuerzte der geschaeftige Wirth mit seiner ganzen
Familie aus dem Hause und bot uns seine Dienste an. Die Zimmer im Hause
sind zwar aeusserst klein, doch ertraeglich, der Aufenthalt auf der Terrasse,
bei so schoenem warmem Wetter, wie wir es trafen, war aber geradezu
entzueckend. Steht doch das Haus dicht am Meere, auf einem Porphyrfelsen,
und kann der Blick weithin der Kueste folgen, an rothen Porphyrmassen, dann
dunkelgruenen Hoehen vorbei Cannes erreichen und auf den Lerinischen Inseln
im Meere, oder dem weissen Schnee der Alpen ueber den Bergen, endlich ruhen.
Vorn ist der rothe Strand in scharfe Buchten zerschnitten und zu tiefen
Grotten ausgehoehlt; im Norden steigt, dicht ueber dem Hause, der Pic
d'Aurelle empor, im Westen schliesst die maechtige Felsenmasse des Cap Roux
die Landschaft ab.

Viele Fremde kommen aus Cannes hierher, verweilen aber nur wenige Stunden,
um sich in der Glasveranda an "_Bouillabaisse_", oder an den Austern und
Hummern der "Reserve" zu laben. Hin und wieder findet sich zu mehrtaegigem
Aufenthalt ein leidenschaftlicher Liebhaber des Fischfangs ein. Denn das
Meer gilt fuer besonders fischreich an diesem felsigen Strande, und der
Fischer findet vollauf Gelegenheit, seine List und seine Gewandtheit zu
ueben. Als besonders spannend gilt der Fischfang des Nachts bei Feuer und
verlangt, so wie er hier geuebt wird, sehr viel Geschick. Eine solche Fahrt
muss man einmal mitgemacht haben!

Das Meer war so ruhig, so einladend, dass wir einen Fischer veranlassten,
uns am Abend zu solchem Fischfang mitzunehmen. Es dunkelte schon, als wir
das Land verliessen. Kein Mond am Himmel, doch unendlich viel leuchtende
Sterne, deren Zahl noch immer zu wachsen schien. Sie spiegelten sich in
den Wellen, die wir durchschnitten. Die Umrisse der Berge schwanden immer
mehr; bald bildeten sie nur noch einen dunklen sternenlosen Schatten am
Himmelssaum. Im Meere war es still; wir hoerten nur den leisen Anprall der
Wellen gegen das Boot und den regelmaessigen Schlag der Ruder ins Wasser.
Die Brise aber, die des Nachts von den Bergen weht, trug die Stimmen des
Landes ueber das Meer. Wir hoerten aus der Ferne die lauten Concerte der
Laubfroschscharen, das schrille Zirpen der Heuschrecken. Zugleich brachte
uns diese Brise alle die Wohlgerueche, welche den harzigen Kieferwaeldern
und den wuerzigen Maquis entstroemen. Nah und fern glaenzten am Ufer, wie
grosse Sterne, die Leuchtthuerme uns entgegen. Wir gaben uns diesen
Eindruecken ganz hin und athmeten mit Wonne die balsamische Luft. Der eine
Fischer beugte sich dann ueber das Boot, um das Feuer zu entzuenden. Vorn an
einem Haken war der eiserne Gitterkorb befestigt, den er mit harzigem Holz
der Aleppokiefer gefuellt hatte. Knisternd entflammte dasselbe und
verbreitete ein grelleres Licht, wie Fackelschein. Dieses Licht drang in
die Tiefen des Meeres ein, waehrend der Himmel ueber uns jetzt fast schwarz
erschien. Wir glitten ueber Felsenmassen, auf welchen Meeresalgen wahre
Zaubergaerten bilden. Da mischen und durchdringen sich alle Farben, von
lebhaftestem Gruen bis zu dunklem Braun und zu leuchtendem Roth. Hier
breite Blaetter zu Rosetten aneinander gedraengt, dort lange fluthende
Faeden, wie aufgeloestes Haar, dort wieder rundliche Gebilde wie Muscheln.
Dazwischen schillernde Seeanemonen mit vorgestreckten Fuehlern, rothe
Seesterne mit ausgebreiteten Armen und stachelige Seeigel, die dunkle
Flecke in einem bunten Teppich zu bilden scheinen. Kleine Fische fliehen
erschreckt nach allen Seiten, groessere folgen in Scharen, wie durch das
Licht fascinirt, unserem Boot. Spaehend steht am Vordertheil des Schiffes
der Fischer und schaut in die Tiefe. Er haelt eine dreizinkige, an langer
Schnur befestigte Harpune in der Hand, bereit sie abwaerts zu stossen. Jetzt
giesst er einige Tropfen Oel auf das Wasser, um die Fluth, die der Luftzug
kraeuselt, zu glaetten. Die Ruderschlaege verstummen. Ploetzlich faehrt der
Wurfspeer in die Tiefe, sein mit Widerhaken versehener Dreizack durchbohrt
einen Fisch, und zappelnd wird dieser emporgezogen, um im Boote bald zu
verenden. - Es gehoert viel Uebung und Geschick zu einer solchen Jagd.
Nicht nur gilt es beim Wurf die Bewegung des Fisches, sondern auch jene
Lichtbrechung im Wasser zu beruecksichtigen, welche den Fisch an einer
anderen Stelle zeigt, als die, an der er sich wirklich befindet. Wir gaben
die Jagd auf, es genuegte uns dieses eine Opfer; langsam erlosch unser
Feuer und wieder glitten wir friedlich auf der weiten See, beschienen von
silbernen Sternen.

Gegen den Mistral ist le Trayas vollstaendig gedeckt, der Cap Roux faengt
ihn mit seinem breiten Ruecken auf. Zu gleicher Zeit, da in Cannes und
Nizza dichte Staubwolken von den Strassen aufsteigen, merkt man hier kaum
einen Luftzug und kann sich behaglich im Freien vor dem Hause sonnen. Doch
darf der Ostwind nicht kommen; der rueckt hier an, mit voller Gewalt; er
stuermt das Gebirge, das ihm Halt gebietet, prallt zurueck von den hohen
Felsen und umwirbelt sie mit wuethendem Geheul. Das geaengstigte Meer
scheint dann auf das feste Land sich fluechten zu wollen; mit Schaum
bedeckt versuchen es seine Wellen, die Felsen zu erklimmen, doch sie
zerschellen an dem harten Stein und sinken gebrochen zurueck in die Tiefe.
In der Hoehlung der Grotten fangen sie sich aber ein, suchen dort einen
Ausweg nach oben und schlagen mit solcher Gewalt gegen die Woelbungen an,
dass das ganze Ufer erdroehnt. Da ist von Schlaf kaum die Rede des Nachts in
dem kleinen Hause, - schlummert man endlich auch ein, so traeumt man
Schauergeschichten und wacht dann ploetzlich auf mit Schrecken und
Beklemmung. Staub gibt es freilich selbst dann nicht auf den
Porphyrstrassen des Esterel, und in einem vom Strande entfernteren, mehr
geschuetztem Hause, koennte daher wohl mancher Lungenkranke im Fruehjahr
besser aufgehoben sein, als in den von Kalkstaub erfuellten Kurorten. Im
Winter selbst wird es hier zu kalt und fehlen demgemaess auch die
empfindlicheren Pflanzen in der Flora.

                                   IX.

Vor Allem galt es uns von hier aus den Gipfel des Cap Roux, den "Grand
Pic" des Esterel, zu besteigen. Gleichzeitig wollten wir die Grotte Sainte
Beaume d'Honorat besuchen und frugen nach dem Wege zu derselben. Der Wirth
bot uns den Hund als Fuehrer an, denselben Hund, der uns am Bahnhof
empfangen hatte. "Castor" wurde herbeigerufen. Wir hatten schon naehere
Bekanntschaft mit ihm geschlossen, bei den Mahlzeiten seiner gedacht und
so seine Zuneigung gewonnen. Dieser Hund hatte merkwuerdig viel Ausdruck im
Gesicht; seine Augen blickten so klar und treu, und wenn er uns von der
Seite ansah und das Weiss seiner Augen sichtbar wurde, da erschienen diese
so verstaendig und nachdenklich, so ueberlegt und klug, fast wie
Menschenaugen. Allem Anschein nach verstand Castor den Sinn vieler Worte
und staunten wir daher auch nicht, als der Wirth den Auftrag ihm
ertheilte, uns nach der Beaume zu fuehren und zu diesem Zwecke das Wort
"Beaume" drei Mal mit Nachdruck wiederholte. Castor wedelte mit dem
Schwanze zum Zeichen des Verstaendnisses, doch blieb er zunaechst noch
stehen. Ah! sagte der Wirth, ich habe den Lohn vergessen, den er gewohnt
ist zu erhalten: die eine Haelfte hier, die andere an der Beaume. So wurden
denn Cakes geholt, fuer welche Castor eine besondere Vorliebe hatte. Die
eine Haelfte verzehrte er sogleich mit sichtlichem Behagen, die andere
Haelfte nahmen wir mit auf den Weg. Wir brachen jetzt auf, Castor voran,
die Schnelligkeit seines Ganges nach der unserigen richtend, haeufig nach
rueckwaerts schauend, ob wir ihm auch folgen. Wir streiften den
Eisenbahndamm in westlicher Richtung und waren bald an die Muendung des
Thales gelangt, das den Pic d'Aurelle von der Bergwand des Cap Roux
scheidet. Das Meer dringt vor in dieses Thal, um eine der vielen Buchten
zu bilden, die hier Calanques heissen. Eine Eisenbahnbruecke ueberspannt im
Bogen die Bucht. Wir glaubten den Weg unter derselben einschlagen zu
muessen, doch Castor fuehrt uns aufwaerts, und ohne auf die Eisendraehte zu
achten, durchkreuzt er die Bahn. Wir glaubten seinem Beispiel folgen zu
muessen, und in der That schliesst ja auch beiderseits der Weg an den
Bahndamm an. Die Draehte scheinen nur da zu sein, um ueberstiegen zu werden,
nur um die Bahn im Falle eines Ungluecks vor der Verantwortung zu schuetzen.
Diese Einrichtung wiederholt sich hier laengs der ganzen Bahnstrecke,
zahlreiche Wege muenden beiderseits an dieselbe, und man wird zum
Uebersteigen der Draehte vom Bahnwaerter selbst ermuthigt, wenn man ihn nach
dem Wege fraegt. - Castor fuehrte uns am Abhang des Cap Roux in
nordwestlicher Richtung weiter; er kehrte sich nicht an die vielen Wege,
die steiler am Berge aufstiegen, ging ruhig und sicher in gerader Richtung
vor sich hin. Das Thal wendet sich dann nach Westen, und wir folgten dem
noerdlichen Abhang des Berges. Ein gemauertes Schutzhaus steht am Wege, das
den Forstbeamten als Zufluchtsstaette dient; nebenan entspringt am Berg
eine Quelle. Hier bog Castor seitlich ab, waehlte den rechts aufsteigenden
Pfad und fuehrte uns jetzt steil in die Hoehe. Zunaechst war der Weg noch
gut, doch nach einiger Zeit gelangten wir in Geroell und Felsen. Dann
folgten Stufen im Stein; stellenweise schwebten wir ueber dem Abgrund, doch
da waren eiserne Staebe in den Fels geschlagen, an denen wir uns stuetzen
konnten. Castor war augenscheinlich nicht schwindlig; er kletterte behende
aufwaerts, schaute oft an schwierigen Stellen sich um, als wenn er unserem
Geschicke nicht ganz traute. Vor uns auf der Felsenkante steigen die
Truemmer eines Thurmes auf, die Reste der frueheren Einsiedelei. Ein Thorweg
durchsetzt den Thurm; wir bleiben an dessen Eingang stehen. Der Blick
taucht hier ueber die steilen Felsen in das ueppige Thal hinab. Gruene Berge,
von zackigen Porphyrmassen gekroent, steigen jenseits auf; ueber dem Col
Leveque im Osten glaenzen die Schneehaeupter der Alpen. Und im Westen, in
blaeulichem Dunst getaucht, begrenzt das Maurengebirge den Horizont. -
Jenseits des Thurmes ist der Eingang zur Grotte. Castor hatte sich vor
denselben gelagert. Nicht ohne Selbstgefuehl schaute er uns an. Er hielt es
nicht einmal fuer noethig mit dem Schweife zu wedeln, als wir ihm die Cakes
ueberreichten. Er hatte sie verdient; Demuth war nicht am Platze. Wir
traten in die Grotte ein. Rechts birgt sie eine Cisterne. Im Hintergrunde
ist ein bescheidener Altar errichtet, und noch bescheidenere Standbilder
der Heiligen zieren die Waende. Hier soll einst als Einsiedler der heilige
Honoratus gelebt haben, jener Heilige, der um das Jahr 408 auf den
Lerinischen Inseln ein beruehmt gewordenes Kloster gruendete. Zahlreiche
Pilger zogen Jahrhunderte lang und ziehen auch jetzt noch am ersten
Donnerstag im Mai den steilen Berg hinauf, um den Heiligen zu verehren.
Eine Nische in der Grotte soll des Heiligen Lager gebildet haben. Die
Pilger betrachten mit Andacht die Vertiefungen im Stein, die sie als
Spuren deuten, welche der Koerper des Heiligen hinterliess.

St. Honoratus stammte aus dem noerdlichen Gallien, wie es heisst aus einer
vornehmen Familie. Noch jung zog er sich in diese Einoede zurueck. Sein
Beispiel regte zur Nachahmung an. Es folgte ihm der heilige Eucharius, ein
provencalischer Edelmann, Seigneur de Theol et de Mandelieu, der aber
spaeter als der heilige Honoratus der Welt entsagte. Er mag manchen
bitteren Kummer und manche Enttaeuschung zuvor erlebt haben. Denn, wie ich
der Geschichte der Dioecese Frejus, die der Abbe Disdier veroeffentlicht
hat, entnehme, war der heilige Eucharius zuvor verheirathet gewesen und
besass zwei Soehne und zwei Toechter. Als ihm seine Frau durch den Tod
entrissen wurde, uebergab er die Erziehung der Soehne dem heiligen Hilarius
und zog sich zunaechst auf eine der Lerinischen Inseln und dann in die
Einsiedelei des Cap Roux zurueck. Er bewohnte hier eine Grotte, die noch
unzugaenglicher, noch abgeschlossener als diejenige des heiligen Honoratus
war. Hier "von Allen getrennt, der Ruhe und der Schweigsamkeit sich
weihend, hatte er weder den Willen noch die Gelegenheit zu suendigen". Hier
verfasste er auch einen begeisterten Tractat zum Lob der Einsamkeit. Doch
sollte er sein Leben nicht in dieser Einoede beschliessen. Abgesandte der
Lyoner Gemeinde entfuehrten ihn, um ihn als Erzbischof an ihre Spitze zu
stellen. - Schwer faellt es heute, sich in den Geist jener begeisterten
Asketen zu versetzen, denen als Ideal der Vollkommenheit nicht die
Erfuellung der sittlichen Pflichten des Lebens, sondern der Ertoedtung aller
sinnlichen Gelueste vorschwebte. Doch damals waren die Zeiten anders, und
es sah so traurig aus in der Welt, dass mancher an ihr verzweifeln konnte.
Manch' edel angelegter Mensch mochte glauben, dass sein ethisches Ideal
innerhalb einer solchen Welt nicht zu verwirklichen sei, und suchte es
darum in der Weltentsagung. Solches ideale Streben, das mit dem Opfer der
eigenen Person verbunden ist, zwingt uns Bewunderung ab; menschlicher
muthet uns ein spaeterer Einsiedler vom Berge des Cap Roux an, Namens
Laurentius Bonhomme, der dort die zweite Haelfte des siebenten Jahrhunderts
verlebte. Er betrieb allerhand kleines Gewerbe, war immer fleissig bei der
Arbeit, zuechtete Bienen, verwerthete deren Wachs und Honig, und das Geld,
das er verdiente, vertheilte er unter die Armen. Er schloss sich von den
Menschen nicht ab, wanderte auch nicht selten nach Frejus, gefolgt von
einem Reh. Der Bischof liess sich das Reh von ihm schenken; es blieb in
Frejus zurueck. Spaeter nun, als Laurentius wieder einmal in Frejus war und
vor dem bischoeflichen Palaste sich laut unterhielt, hoerte das Reh seine
Stimme, sprang aus einem Fenster des Palastes zu ihm hinab und leckte
seine Haende. Da fuehlte der Mann sich gluecklich; er empfand "_le bonheur du
parfait solitaire_", wie es in der Erzaehlung heisst. So auch war seine
Einsiedelei stets von zahlreichen Voegeln umgeben, die er zu Zeiten der
Duerre in den Vertiefungen der Felsen mit Wasser traenkte. Eines Tages
ueberraschte er Diebe, die ihm seine Bienenstoecke geraubt hatten.
Erschrocken sahen die Missethaeter ihn nahen. Er aber trug ihnen auch noch
die uebrigen Bienenstoecke zu und rief ihnen nach, sie haetten die besten
vergessen. Solche unerschoepfliche Guete ruehrte das Gemueth der Missethaeter:
sie besserten sich, so heisst es, von dieser Stunde.

Wir blieben nochmals vor der Grotte stehen und verloren uns im Anblick
dieser schoenen Gegend. So mag sie auch ausgesehen haben vor anderthalb
tausend Jahren, als der heilige Honoratus in dieselbe blickte. Auch damals
schon glaenzten die rothen Porphyrfelsen so feurig im Sonnenschein, und
damals schon leuchtete der ewige Schnee so blendend weiss dort jenseits auf
den Alpen. Auch dasselbe Beduerfniss nach Idealen ist dem menschlichen
Geiste geblieben, nur hat sich die Form derselben veraendert.

Wir stiegen hinab bis zur Quelle und schlugen einen anderen Weg dann ein,
um von Westen her den Gipfel des Berges zu erreichen. Wir suchten Castor
zur Heimkehr zu bewegen, doch zog er es vor, bei uns zu bleiben. Freilich
fuehlte er sich nicht mehr verpflichtet, uns den Weg zu weisen, er ging
nicht mehr vor uns her, schweifte vielmehr ab nach allen Seiten. Oft sah
man ihn nicht, da war er im Gebuesch, um Voegel aufzuscheuchen; er schaute
ihnen in den Lueften nach. Einmal schien er einem groesseren Thier
nachzujagen, vielleicht einem der vielen Fuechse, die das Esterel bewohnen.

Auf dem Gipfel des Cap Roux, dem Grand Pic, der einst Vigie de Peyssarin
genannt wurde, entfaltete sich vor uns ein Bild so herrlich, wie wir es
kaum je gesehen. Der Eindruck, den wir empfingen, war erhaben und lieblich
zugleich, malerisch und von maechtiger Wirkung. Waehrend vom Mont Vinaigre
aus unser Auge erst in der Ferne ueber gruene Berge das Meer erreichen
konnte, hatten wir hier die blauen Fluthen zu unseren Fuessen. Die gruenen
Abhaenge des Cap Roux fallen langsam zum Meere ab; sie endigen in schroffen
Felsen, die sich senkrecht in die Wellen stuerzen. Dort setzen sie sich
fort mit Zacken und Rissen, schneiden ein in das Meer mit scharfem Grat,
fassen es in ausgehoehlte Mulden, tauchen dann wieder wie steinerne Riesen
aus der Fluth empor. Das Wasser nimmt violette Toene an auf dem purpurnen
Grunde: es scheint fluessiger Amethyst zu sein in einem Becken von Rosso
antico. Um uns herum gluehen die Felsen in hellem Sonnenschein. Gelbe und
graue Anfluege, von Flechten erzeugt, toenen das satte Roth ab in unzaehligen
Schattirungen. Gegen diesen Vordergrund hebt sich die Ferne mit ganz
eigenem Colorit ab; man wird voellig berauscht von dieser Pracht, sie
klingt einem wie Musik in der Seele. Zunaechst beachtet man kaum die Form
der Gegenstaende und laesst nur ihre Farben auf sich wirken: wie sich die
Toene mischen und wie sie einander durchdringen, wie sie hier verschmelzen,
dort in effectvollem Contrast von einander absetzen. Wie wunderbar glueht
dieser braunrothe Coloss auf dem blauen Hintergrunde des Meeres, das hoch
hinter ihm am Horizonte aufzusteigen scheint! Wie hebt sich dieser andere
Porphyrfelsen von dem perlgrauen Grunde der Kalkalpen ab; dort springen
wieder rothe Zacken vor gegen den leuchtenden Himmel, im Osten ueber Nizza
kroent der blendend weisse Schnee der Alpen wie ein silbernes Diadem das
gruene Vorgebirge. Ihm wenden sich immer wieder von Neuem unsere Blicke zu.
Unten aber schillert am Strande das blaue Meer in purpurnen Toenen auf dem
rothen Grunde; fern im Sueden spiegelt es die Sonne wider und strahlt
unermessliches Licht zurueck. Eine maechtige Felsenmasse im Westen deckt uns
das Thal von Frejus, hinter ihm thuermt sich das Maurengebirge in
sammetgruenen Farben auf. Das Auge folgt der Kueste bis zu den goldenen
Inseln. Im Osten liegt vor uns der Golf de la Napoule und Cannes fast in
greifbarer Naehe. Die Inseln von Lerin tauchen gruen wie Smaragde hervor aus
der goldigen Fluth. Wir sehen sie jetzt alle zu einer leuchtenden Gruppe
vereinigt, voran die Insel St. Honorat, dann St. Marguerite, und neben
St. Honorat im Osten, nur als dunkler Streifen, die kleine St. Fereol;
dahinter taucht das Cap d'Antibes seine belaubten Ufer in die Fluthen; es
springt so weit vor in die See, als wollte es dieses eine Meer in zwei
Meere theilen. Jenseits der Baie des Anges, der breiten Engelsbucht,
glaenzt das weisse Nizza im Halbkreis an gruenen Huegelketten, und dann
erheben sich Berge hinter Bergen, bis jenseits Bordighera die Umrisse der
Kueste verschwimmen.

Auf Castor machte dieses Bild keinen Eindruck. Er beschnueffelt sorgsam die
Steine, auf welchen, den Ueberresten nach zu schliessen, von frueheren
Touristen manches Fruehstueck verzehrt worden ist. Sicherlich strengt er
seine Einbildungskraft an, um die einzelnen "Menus" zu reconstruiren, -
dann gaehnt er zu wiederholten Malen, streckt sich aus und schlaeft. -
Stunden vergingen, bevor wir uns entschlossen, den Abstieg anzutreten.

                                    X.

Den Pic d'Aurelle durften wir nicht unbeachtet lassen, ihn, unseren
naechsten Nachbar. Wir mussten denselben besteigen, waere es auch nur jenem
Aurelius zu Ehren, nach welchem er den Namen fuehrt. Was fuer ein Aurelius
das ist, dessen Name durch jenen Fels wie durch die alte roemische Strasse
verewigt wird, das laesst sich freilich nicht mit Sicherheit sagen. Die
Wahrscheinlichkeit spricht fuer Cajus Aurelius Cotta, weil er den Plan zu
dieser grossen Strasse entwarf und deren Bau auch, von Rom aus, im Jahre 241
vor Christus begann. Die Strasse soll er aber nur eine kurze Strecke weit
ausgebaut haben; sie wurde dann von Aurelius Scaurus ueber Pisa und Savona
fortgesetzt, von Julius Caesar endlich bis zum heutigen Arles gefuehrt.

Wir stiegen vom Hotel geradeaus in die Hoehe, ueberschritten in gewohnter
Weise den Bahnkoerper und erreichten bald einen breiten Weg, der in
westlicher Richtung den Berg umkreist. Diesem Weg mussten wir laengere Zeit
folgen, immer das gruene Thal vor Augen, das den Pic d'Aurelle vom Cap Roux
trennt. An dem noerdlichen Abhang des Cap Roux profiliren sich scharf die
dunkelrothen Felsen, und deutlich ragt aus denselben der Thurm hervor, der
vor der Grotte des heiligen Honoratus wacht. - Wir waehlen den ersten
Fussweg, der jetzt bergauf am Pic d'Aurelle sich wendet. Der Berg ist nur
etwa 300 Meter hoch, laesst sich somit ohne Anstrengung besteigen. Der Blick
von demselben ist jenem vom Gipfel des Cap Roux aehnlich, doch entsprechend
eingeschraenkt. Denn das Cap Roux deckt die ganze Kueste im Westen, und nur
das Thal an seinem noerdlichen Abhang gestattet einen Durchblick bis zum
Maurengebirge. Da sieht man im Thale des Argens auch Frejus liegen und
begreift es nun wohl, warum die Roemer zunaechst dieses Thal erwaehlten, um
ihre Strasse von der Kueste nach Forum Julii zu fuehren. In oestlicher
Richtung schweift auch vom Pic d'Aurelle das Auge unbegrenzt ueber die
schneebedeckten Alpen und die weite Kueste. Die nackten Porphyrfelsen, die
den Gipfel des Berges bilden, tief zerklueftet, gleichen den Ruinen einer
Titanenburg. Mit Vorsicht nur darf man den Felsenraendern sich naehern, denn
ganz unvermittelt fallen sie ab in die Tiefe.

Jede Wanderung im Esterel bot uns neue Reize. Mit seinem gepflegten Walde
und seinen sorgsam unterhaltenen Wegen gleicht dieses Gebirge einem grossen
Parke, in welchem mit Kunstsinn, Geschmack und unerhoerter Kraft die Natur
maechtige Felsmassen zum Schmuck vertheilt haette.

Castor ist unser Freund, und ungeachtet ihn Fernsichten nicht fesseln,
begleitet er uns doch auf allen unseren Ausfluegen; auch den Pic d'Aurelle
hatte er mit uns bestiegen.

Ein Weg fuehrt an unserem Hotel vorbei und setzt sich in westlicher
Richtung fort bis nach Agay. Auf ihm pflegen wir oft zu wandern. Er folgt
allen Windungen der Kueste. Zerfallene Haeuser stehen an demselben. Sie
bargen einst die Arbeiter, die beim Bau der Bahn beschaeftigt waren. Ein
hartes Stueck Arbeit, da die ganze Strecke hier aus dem Porphyr gesprengt
werden musste. Die verlassenen Haeuser liess man in Wind und Wetter
zusammenstuerzen. Der an das Hotel zunaechst grenzende Strand ist wiederum
Aurelius zu Ehren, "plage d'Aurelle" benannt. Hier war es, wo die alte
roemische Strasse den Strand verliess, um landeinwaerts hinter dem Cap Roux im
Thale aufzusteigen. Jenseits der Bucht, in welche dieses Thal muendet, kann
man vom Wege aus nach Agay schon die ganze Schneekette der Alpen
ueberblicken. Hier verlassen wir den betretenen Weg, um an dem Ufer selbst
unsere Wanderung fortzusetzen. Da geht es bergauf und bergab nicht ohne
Hindernisse. Einmal erklimmen wir einen steilen Fels, dann steigen wir
wieder bis zum Meer hinab. Leise Wellen schlagen an das Ufer, kaum
umfranst von leichtem Schaum. Durch die krystallhelle Fluth dringt unser
Auge bis auf den tiefen Grund. Es sieht dort in purpurnen Mulden
raethselhafte Dinge liegen, die in bunten Farben gleich Edelsteinen
funkeln. Die provencalische Sonne uebergiesst uns mit ihrem Glanz; auch das
Meer und die Felsen strahlen uns Licht entgegen. Die ganze Luft zittert
ueber dem erhitzten Boden. Alles leuchtet und flimmert um uns her; die
Ferne schwindet in goldigem Nebel, und der weisse Schnee der Alpen scheint
wie ueber Abgruenden zu schweben.

Wie kommt es nur, dass sie so rein und so klar sind, diese herrlichen
Fluthen des Mittelmeeres? tragen doch Fluesse und Baeche fort und fort
Schlamm und Erde dem Meere zu; nagen doch seine Wellen unaufhoerlich an dem
weit ausgedehnten Ufer. Die Klarheit des Seewassers wird durch seinen
Salzgehalt bedingt. Truebes Flusswasser, sich selbst ueberlassen, braucht
sehr lange Zeit, um sich zu klaeren, doch genuegt es, eine Spur Kochsalz
hinzuzufuegen, damit diese Klaerung aeusserst rasch erfolge. Je mehr Salz das
Seewasser enthaelt, um so blauer pflegt es auch zu erscheinen, daher das
salzreiche Mittelmeer durch die Intensitaet seiner Faerbung ausgezeichnet
ist. In vierhundert Meter Tiefe erloeschen die letzten Strahlen des
Lichtes, welches in das Seewasser dringt. Weiter hinab herrscht ewige
Dunkelheit. Die verschiedenartigen Strahlen, welche das weisse Sonnenlicht
zusammensetzen, und die unser Auge als verschiedene Farben empfindet,
werden nicht gleich schnell im Meere resorbirt. In zwei Meter Tiefe ist
schon die Haelfte der rothen und ein Drittel der orangegelben Strahlen
verschwunden; das Licht, das tiefer dringt, ist jetzt nicht mehr weiss, es
ist vorherrschend gruen und blau geworden. Das bedingt die Faerbung des
Meeres. Da der Salzgehalt des Wassers auf den Vorgang der
Strahlenabsorption einen Einfluss uebt, so beeinflusst er auch die
Farbeneffecte. Die glatte Meeresflaeche wirft das meiste Licht unveraendert
zurueck. Spiegelt sich in ihr die Sonne, so leuchtet sie daher in deren
Glanz, waehrend sie der Abendhimmel in Purpurtoenen faerbt. Von den
aufsteigenden Wellen der bewegten See wird dagegen nur wenig Licht
zurueckgeworfen, daher uns das Meer dann besonders dunkel erscheint.

Doch es gilt Abschied von Le Trayas zu nehmen. Castor begleitet uns zur
Bahn. Wir streicheln ihn vor der Trennung. Er sieht lange dem
Eisenbahnzuge nach, der uns davontraegt. Sein Blick truebt sich - fast
scheint es uns, er habe Thraenen in den Augen.

                                   XI.

Bald lag das Esterelgebirge hinter uns im Westen, und wir fuhren in
sanftem Aufstieg dem Norden zu. Der Schienenweg fuehrte im Thal der Siagne
an Feldern von Rosen und Jonquillen, von Veilchen und von Jasmin vorbei;
dann folgte er wieder grauen Olivenhainen. So erreichten wir Grasse, eine
Stadt in mittelalterlichem Gewande. Sie klettert empor an den letzten
Auslaeufern der Alpen. In Windungen fuehren die Strassen in die Hoehe; steile
Treppen kuerzen die Wege ab, Gewoelbpfeiler verbinden in engen Gassen die
gegenueberliegenden Haeuser, damit sie den steilen Abhang nicht abwaerts
gleiten. Es draengen sich in solchen Gassen die Menschen an einander
vorbei; stellenweise stockt der Verkehr. Der moderne Inhalt der
Schaufenster an den Laeden passt nicht zu der alten Umrahmung. Manchem
Hausgang entweicht ein fettiger Dampf, gewuerzt mit Zwiebel und Knoblauch.
Da gibt es Fritturen, unverfaelschte mediterrane Wohlgerueche. Doch mit
jenem Oelduft mischt sich ein anderes durchdringendes Parfuem, das an
freieren Orten allein zur Geltung gelangt; es kommt vom Santalholz, das
aufgeschichtet in den Parfuemfabriken liegt. Seine Verarbeitung hat jetzt
begonnen.

Grasse ist sehr alten Ursprungs, wurde aber zu wiederholten Malen
vollstaendig zerstoert. Sein Wiederaufbau im sechsten Jahrhundert soll
eigenartiger Weise erfolgt sein durch Juden. Es waren, so heisst es,
Nachkommen jener Juden, die Tiberius gegen das Jahr 19 unserer
Zeitrechnung aus Rom vertrieb. Waehrend der Judenverfolgung, die im
sechsten Jahrhundert in der Provence ausbrach, gingen diese Juden zum
Christenthum ueber und erhielten die Ruinen der alten roemischen Stadt dafuer
zum Lohn. Sie sind es, die ihr den Namen "Gratia" gaben. Das Stadtwappen
von Grasse fuehrt ein silbernes Osterlamm in azurnem Feld; man sucht dies
in Verbindung zu bringen mit der einstigen Bekehrung seiner Wiedererbauer.

Wir finden Grasse nicht schoen, und auch der Ausblick von seinen Plaetzen
und Gaerten in das ferne Meer entzueckt uns nicht. Bilden doch den
Vordergrund jenseits der Huegel steife und nuechterne Kasernen, die jedes
aesthetische Empfinden stoeren. Doch anmuthig ist der Blick auf Grasse
selbst, vom Garten des Grand Hotel, den man auf der neuen Avenue Thiers,
oberhalb der Stadt, in zwanzig Minuten erreicht. Die Agaven und Palmen des
Gartens rahmen da die alte Stadt in wirksamer Weise ein; sie verdecken die
unschoenen neuen Gebaeude und zeigen nur die eckigen alten Thuerme und
Haeuser, die sich ueber und durch einander an den Abhang draengen.

Das, was uns nach Grasse gefuehrt hatte, war aber auch nicht die Hoffnung,
die zuvor empfangenen Natureindruecke zu steigern, vielmehr der Wunsch,
einen Einblick in die hier bluehende Parfuemherstellung zu gewinnen. Seit
mehr als hundertundfuenfzig Jahren ist Grasse in dieser Richtung beruehmt,
und selbst weiter noch reichen seine Erfolge auf diesem Gebiete zurueck.
Man zeigt uns das Haus, in welchem ein Sieur Tombarelli aus Florenz schon
in der zweiten Haelfte des sechzehnten Jahrhunderts ein Laboratorium fuer
Parfuemerien eingerichtet hatte. Heute ist Grasse zu einem der Hauptorte
europaeischer Parfuemfabrikation geworden. Es stellt aber nicht die fertigen
Parfuems her, so wie sie schliesslich als sogenannte "Bouquets" zur
Verwendung kommen, sondern die ersten Erzeugnisse fuer dieselben. Aus
diesen einfachen Bestandtheilen mischen die eigentlichen Parfuemisten erst
jene verschiedenen Bouquets zusammen, wie sie eben die Mode vorschreibt
oder der Geschmack der Zeit verlangt. Grasse entnimmt seine Wohlgerueche
fast ausschliesslich dem Pflanzenreich. Thatsaechlich sind auch die meisten
natuerlichen Parfuems pflanzlichen Ursprungs, nur Moschus, Ambra, Bibergeil
und Zibeth entstammen dem Thierreich. Neuerdings beginnt jedoch die
chemische Industrie wirksam in das Parfuemgeschaeft einzugreifen, indem sie
die wohlriechenden Stoffe in chemisch reinem Zustande darstellt. Im
Besonderen ist es gelungen, das Cumarin, jenen Stoff, der den Geruch des
frischen Heues bestimmt, aus Salicylaldehyd zu erzeugen. Das Verfahren ist
ziemlich umstaendlich, der aromatisch riechende Koerper, den man in
farblosen, glaenzenden Krystallen erhaelt, aber durchaus uebereinstimmend mit
demjenigen, den die Tonkabohnen, die Samen des Tonkabaumes (_Dipterix
odorata_) von Guyana und auch die Stengel der _Liatris odoratissima_,
einer in Florida wachsenden Composite, die zum Parfuemiren des Tabaks und
der Cigarren benutzt wird, enthalten. Mit etwa zwanzig Gramm kuenstlichen
Cumarins erreicht man heute in der Parfuemerie ebenso viel, wie mit einem
Kilogramm Tonkabohnen. Ebenso verhaelt es sich mit dem natuerlichen
Wintergruenoel, das aus dem nordamerikanischen, zu den Heidengewaechsen
gehoerenden Theebeerenstrauch (_Gaultheria procumbens_) gewonnen wird, und
das jetzt vollstaendig durch kuenstlich erzeugten Salicylsaeure-Methylester
ersetzt ist. Nur unvollkommen gelang es hingegen bis jetzt, das in der
Parfuemerie vielbenutzte Bittermandeloel durch das kuenstliche Benzaldehyd zu
verdraengen. Sehr grossen Erfolg hat die Chemie mit dem Vanillin erzielt,
das aus dem Saft des jungen, noch in Entwickelung begriffenen Holzes der
Nadelbaeume (Coniferen), doch auch aus dem im Nelkenoel enthaltenen Eugenol
und verschiedenen anderen Koerpern dargestellt wird. Da die Fruechte der
Vanille im besten Falle anderthalb bis zwei Procent Vanillin enthalten, so
ist mit zwanzig bis fuenfundzwanzig Gramm Vanillin in der Parfuemerie
reichlich derselbe Effect wie mit einem Kilo Vanille zu erreichen.
Kuenstliches Heliotropin wird jetzt aus Safrol, dieses selbst aus
japanischem Camphoroel dargestellt, ausserdem aus
Steinkohlentheer-Derivaten. Da aus den Bluethen des Heliotrops
(_Heliotropium peruvianum_ und _grandiflorum_) nur aeusserst wenig Parfuem
sich gewinnen laesst, so ist dieser Ersatz sehr willkommen. Den Maigloeckchen
ist ihr zarter Duft ueberhaupt nicht abzugewinnen, daher fuer die Parfuemerie
sehr wichtig, dass jetzt ein aehnlich riechender Koerper sich aus dem
Terpineol gewinnen laesst. Allgemein kommt jetzt auch krystallinisches
Thymol, das aber nicht aus dem Thymian, sondern aus dem Samen des
ostindischen Doldengewaechses _Ptychotis Ajowan_ abdestillirt wird, zur
Verwendung, desgleichen Menthol, welches zwar in der eigentlichen
Parfuemerie keine Rolle spielt, doch zur Darstellung von Migraenestiften und
auch von Schnupfpulver dient. Neuerdings werden zwei gleich
zusammengesetzte Koerper: das _Iron_ und _Jonon_, deren Aroma mit
demjenigen der Veilchenbluethen fast voellig uebereinstimmt, kuenstlich
erzeugt. Es genuegt, ein mit diesen Koerpern erfuelltes Proberoehrchen zu
oeffnen, damit ein ganzes Zimmer mit Veilchenduft erfuellt werde.
Merkwuerdiger Weise riechen diese Koerper nicht zu allen Zeiten gleich
stark, und aehnliche Schwankungen im Duft zeigen auch frische Veilchen. Das
Iron gewinnt man aus der sogenannten Veilchenwurzel, das heisst aus dem
Wurzelstock von _Iris florentina_, doch es kommt sehr theuer zu stehen, da
100 Kilo Iris-Wurzelstock nur 8 bis 30 Gramm Iron ergeben. Um so
werthvoller fuer die Parfuemerie ist es, dass die Darstellung des Jonons aus
Citral, einem im Citronenoel enthaltenen Koerper gelang. - Vor Kurzem kam zu
diesem Allen noch die kuenstliche Darstellung des Orangenbluethenoels hinzu.
Auch den Moschus, der von den maennlichen Moschusthieren stammt, hat man
versucht, durch das kuenstlich erzeugte _Musc Baur_ oder _Tonquinol_ zu
ersetzen, und es verbreitet sich dieses Product immer mehr.

Sehr werthvolle Parfuems werden uns auch aus waermeren Himmelsstrichen
zugefuehrt, so von Alters her die Balsame und in neuerer Zeit das
Ylang-Ylang, welches aus den Bluethen eines zu den Anonaceen gehoerenden, in
Suedasien cultivirten Baumes, _Cananga odorata_, gewonnen wird. Der
Hauptsache nach bleibt es aber Suedeuropa, dem die Parfuemisten ihre besten
Wohlgerueche verdanken. - Die meisten pflanzlichen Parfuems werden als
aetherische Oele gewonnen, Oele, die im Gegensatz zu den fetten Oelen
fluechtig sind und auf Papier einen durchscheinenden Fleck bilden, der bald
wieder schwindet. Aetherische Oele werden von den Thieren nicht erzeugt.
Bei den Pflanzen sind es ganz vornehmlich die Bluethen, welche den
Riechstoff enthalten. Dort wirken ja Wohlgeruch und Farbe zusammen, um
jene Thiere anzulocken, die den Bluethenstaub von Bluethe zu Bluethe
uebertragen sollen. Doch kann die duftende Substanz auch in der Wurzel der
Pflanze angesammelt sein, so das Opoponax, ein Gummiharz des
kleinasiatischen Doldengewaechses _Opoponax Chironium_, oder es ist in dem
Wurzelstock der Pflanze vertreten, so bei der "Veilchenwurzel" und dem
Vetiver, welches letztere den Wurzelstock des ostindischen Grases
_Andropogon muricatus_ bildet. Auch das Holz der Staemme kann mit Parfuem
beladen sein, so das Holz der balsamliefernden Baeume, oder das des
ostindischen Santalbaumes (_Santalum album_). Die Stammrinde fuehrt das
Parfuem beim Zimmtbaum (_Cinnamomum ceylanicum_). In anderen Faellen sind es
wieder die Blaetter, die am staerksten duften, so bei unserer Pfeffermuenze
(_Mentha piperita_) oder Melisse (_Melissa officinalis_) und dem
indisch-malayischen Patchuli (_Pogostemon Patchuly_); endlich koennen auch
Fruechte und Samen den Riechstoff enthalten, so bei der Vanille oder dem
Kuemmel.

                                   XII.

Wir hatten uns mit den noethigen Empfehlungen versehen und durften einige
der groessten Parfuemfabriken von Grasse besichtigen. Das angewandte
Verfahren blieb in der Hauptsache ueberall dasselbe. Ist der wohlriechende
Stoff in bedeutender Menge in einem Pflanzentheil vertreten und in
groesseren Druesen dort eingeschlossen, so kann er durch Auspressen befreit
werden. In anderen Faellen wird er durch Destillation aus den
Pflanzentheilen gewonnen, vorausgesetzt freilich, dass er bei der Erwaermung
nicht leidet. Wo er in sehr geringen Mengen vorhanden ist, wird er von
warmen oder kalten Fetten, in denen er loeslich ist, aufgenommen und dann
mit Alkohol denselben entzogen.

Als wir in Grasse eintrafen, ging dort die Veilchenernte zu Ende, waehrend
die Jonquillen in voller Bluethe standen. Die Veilchen enthalten nur Spuren
des wohlriechenden Stoffes, so wenig, dass man auf die Behandlung der
Bluethen mit Fett angewiesen ist. Im Allgemeinen wird dabei das
Macerationsverfahren angewandt. Das Fett muss sehr rein sein, und wir
konnten feststellen, dass die Fabriken selbst es aus frisch geschlachteten
Thieren gewinnen. Dann wird es geschmolzen und durch entsprechende
Behandlung mit Kochsalz und Alaun, durch Waschen, Abschaeumen und Seihen
durch feine Leinwand gereinigt. So nur bleibt es geruchlos und gewinnt
eine Haltbarkeit, die man oft durch Zusatz von Benzoe, auch wohl von
Borsaeure zu erhoehen sucht. Fuer Salben kommen auch feine Oele, besonders
Olivenoel und Mandeloel, seltener Ricinusoel, in Betracht.

Die Veilchen, die fuer die Parfuemfabrik bestimmt sind, duerfen nicht nass
sein, wenn man sie sammelt. Diese Regel gilt auch fuer alle anderen
Pflanzen, die mit Fett behandelt werden sollen. Man pflueckt die Veilchen
frueh am Morgen, sobald der Thau verschwunden ist, bevor die Sonne Zeit
hatte, staerker einzuwirken. Gleich nach dem Einsammeln gelangen sie in die
Fabrik und werden in erwaermtes Fett geschuettet, das man fluessig bei 40-50
Grad Celsius erhaelt. Nach einer entsprechend langen Einwirkung filtrirt
man es von den Veilchen ab und versetzt es mit frischen Blumen. Das
wiederholt man so lange, bis das Fett mit Veilchenduft gesaettigt ist. So
erhaelt man Veilchenpomade, deren Geruch voellig dem der Veilchen gleicht,
und der man den duftenden Stoff durch Weingeist oder durch sehr gut
gereinigten, geruchlosen Kornbranntwein entzieht, mit dem man sie
schuettelt. Da sehr grosse Mengen Veilchen noethig sind, um eine stark
riechende Essenz zu gewinnen, so hat man von jeher schon nach einem Ersatz
fuer Veilchen gesucht. Daher die "Veilchenwurz" statt Veilchen in Sachets
so allgemeine Verwendung findet. Geschaelte und getrocknete Stuecke des
naemlichen Wurzelstockes von Iris wurden auch, wie Plinius erzaehlt, schon
zu roemischen Zeiten den zahnenden Kindern um den Hals gehaengt, so wie es
noch heute geschieht.

Jetzt wo das Jonon entdeckt ist, duerften aus der Gegend von Grasse die
Veilchenfelder verschwinden.

Der stark duftenden gelben Jonquille (_Narcissus Jonquilla_) wird das
Aroma ebenfalls durch Fett entzogen, doch in anderer Weise, nach einem
Verfahren, das man als "Enfleurage" bezeichnet. Wir fanden ganze Raeume in
den Fabriken mit aufeinander gelagerten viereckigen Holzrahmen erfuellt. In
jeden derselben ist eine Glasscheibe gefasst, die einseitig mit Fett
ueberzogen wird, doch so, dass es nur eine ganz duenne Schicht auf dem Glase
bildet. Auf dieses Fett legt man die Jonquillen und laesst sie so lange mit
ihm in Beruehrung, bis aller Duft extrahirt ist. Das dichte
Zusammenschliessen der aufeinander gelegten Rahmen verhindert ein
Entweichen desselben in die Umgebung. Die Bluethen werden auch hier
wiederholt erneuert, bis schliesslich die Pomade fertig ist, aus der man
dann mit Weingeist den Jonquillen-Extract herstellt.

Da die Jonquillen nicht in groesseren Mengen bei Grasse angepflanzt werden,
stockte die Arbeit mit frischen Blumen zur Zeit in den Fabriken. Die
Orangenbluethen, die Rosen, Heliotrop und Reseda kommen erst im Mai, daher
man jetzt das Santalholz in Angriff genommen hatte. Wir sahen grosse Massen
dieses kostbaren braunen Holzes in den Lagerraeumen aufgespeichert. Es
steht hoch im Preise, denn auch in seiner ostindischen Heimath wird es
sehr geschaetzt. Man verfertigt dort kunstvoll geschnitzte Moebel, vor Allem
aber Schreine aus Santalholz. Denn sein Duft haelt die Insekten fern und
verscheucht selbst die weisse, Alles zerstoerende Ameise. Die Buddhisten
verbrennen grosse Mengen Santalholz als Raeucherwerk, und stellenweise sind
die Santalbaeume in Folge dessen ganz ausgerottet worden. In den Fabriken
wird das Santaloel durch die Destillation des zerkleinerten Holzes mit
Wasser gewonnen. Das Oel geht mit dem Wasserdampf aus der Blase des
Destillationsapparates in den Kuehler ueber und fliesst mit dem Wasser
zusammen in die Vorlage. Aus fuenfzig Kilogramm Holz wird annaehernd ein
Kilogramm Oel gewonnen, das dementsprechend theuer ist und nur fuer feine
Parfuems Verwendung findet.

Im Mai fuellen Orangenbluethen die Stadt Grasse mit ihrem betaeubenden Dufte.
Zwei bis dreimal hunderttausend Kilogramm Bluethen des bitterfruechtigen
Orangenbaumes werden hier fuer Parfuems verarbeitet. Die Bluethen riechen
lieblicher und staerker als die der suessfruechtigen Art und werden daher fast
ausschliesslich verwandt. Ein Baum von zwanzig bis dreissig Jahren liefert
fuenfzehn bis zwanzig Kilogramm Bluethen. Aus hundert Kilogramm werden durch
Destillation etwa vierzig Kilogramm Orangenbluethenwasser und etwa hundert
Gramm Orangenbluethenoel oder Nerolioel gewonnen. Voellig unveraendert gibt die
Orangenbluethe bei dem Macerationsverfahren oder bei der Enfleurage ihren
Duft an das Fett ab. So erhaelt man die Orangenbluethenpomade und, nach
Behandlung derselben mit Weingeist, die Orangenbluethenessenz. Das
Orangenbluethenoel, sowie die Orangenbluethenessenz, sind immer noch theuer,
weil ihre Herstellung grosse Mengen von Bluethen verlangt. Die Preise werden
freilich jetzt auch auf diesem Gebiete, wie auf so vielen anderen, durch
Ueberproduction gedrueckt. Es stellen sich daher Zeichen der Entmuthigung
unter den Producenten ein, welche die Parfuemfabriken versorgen. Wie wird
es jetzt erst werden, wo das kuenstliche Nerolioel angekuendigt ist. Wohl
moeglich, dass ueberhaupt an manchen Orten der Riviera mit der Zeit die
Cultur der Parfuemerie-Pflanzen ganz aufgegeben wird. Doch auch die Zucht
von Blumen fuer den Versand weist schon Ueberfluss der Erzeugung auf. Als
der Bedarf nach solchen Blumen stieg, beeilten sich die Landbesitzer, ihre
Olivenbaeume zu faellen und Bluethenpflanzungen an deren Stelle anzulegen;
jetzt wissen sie kaum, wo sie ihre Bluethen unterbringen sollen. Die hohe
Temperatur foerderte zudem im letzten Fruehjahr die rasche Entwickelung der
Pflanzen, und so kam es, dass man auf den Maerkten der Staedte zu einem kaum
nennenswerthen Preise, sich mit grossen Straeussen der herrlichsten Blumen
beladen konnte.

Wesentlich billiger als Nerolioel ist begreiflicher Weise das durch
Destillation der Blaetter oder unreifen Fruechte des bitterfruechtigen
Orangenbaumes gewonnene Petitgrainoel. Es steht an Zartheit des Duftes dem
Nerolioel aber bedeutend nach. Das aus den Bluethen der *suessen* Orange
hergestellte Parfuem zeichnet sich wiederum durch besondere Eigenschaften
aus und wird als Neroli-Portugaloel bezeichnet. - Das den frischen Schalen
reifer Fruechte des suessfruechtigen Orangenbaumes entstammende Pomeranzenoel
wird im Winter gewonnen. Wie viel aetherisches Oel in den Orangenschalen
vorhanden ist, davon kann man sich ueberzeugen, wenn man eine solche Schale
in der Naehe einer Flamme zusammendrueckt. Das leicht entzuendliche Oel
sprueht dann entbrennend aus den Druesen hervor. Die Oeldruesen in der Schale
erkennt man schon mit dem blossen Auge.

In der Parfuemerie findet nur das Oel der suessen, nicht der bitteren
Orangenschalen Verwendung. Das Verfahren bei der Gewinnung im Grossen ist
das der Pressung. Entweder kommt die Schwammmethode in Anwendung, wobei
der Arbeiter die Schalen, die er langsam unter Druck zwischen den Fingern
durchrollt, gegen einen Schwamm presst; oder das Verfahren der sogenannten
Ecuelle, wobei die Frucht unter bestaendigem Drehen gegen die Innenflaeche
eines flachen Trichters, der zahlreiche Nadeln entspringen, gedrueckt wird.
Das gewonnene Oel presst man im ersten Falle aus dem Schwamme heraus, im
zweiten fliesst es von selbst durch die Oeffnung des Trichters ab. In ganz
entsprechender Weise gewinnt man auch feines Bergamottoel aus den reifen
Fruechten des Bergamottcitronenbaumes (_Citrus Bergamia_). Das weniger
feine Bergamottoel befreit man hingegen aus den Fruechten durch
Destillation. Feines Bergamottoel wird in der Parfuemerie sehr geschaetzt;
die Riviera erzeugt es nur in geringer Menge; es kommt vornehmlich aus
Reggio und Messina.

Dies sind im Allgemeinen die Darstellungsarten, die bei der Gewinnung der
Riechstoffe in Anwendung kommen. Das Verfahren wird freilich im Einzelnen
abgeaendert. So schuettet man oft die Blumen nicht unmittelbar in das
geschmolzene Fett, haengt sie vielmehr in Drahtkoerben in die Gefaesse, durch
die man warmes Fett fliessen laesst. Es kann andererseits auch erwuenscht
sein, dass die Bluethen nicht unmittelbar mit dem Fett in Beruehrung kommen,
weil Letzteres nicht allein den Riechstoff, sondern auch andere Substanzen
aus den Bluethen aufnimmt. Dann werden die Glasscheiben durch verzinnte
Drahtnetze in den Holzrahmen ersetzt. Auf ein solches Drahtnetz werden die
Bluethen gestreut, das naechste erhaelt das Fett, und so immer abwechselnd.
Das Fett wird in diesem Fall zu nudelartigen Faeden ausgearbeitet, um
moeglichst viel Oberflaeche zu gewinnen. Die Rahmen schiebt man in einen
Schrank, in welchem Blasebaelge die Luft in langsamer Bewegung erhalten. So
streicht der Duft an den feinen Fettfaeden vorueber und wird von ihnen
absorbirt. Die Bluethen auf den Rahmen ersetzt man nach Bedarf durch neue.
- Soll der wohlriechende Stoff durch ein Oel aufgenommen werden, so wirft
man die Pflanzentheile in dasselbe hinein oder haengt sie in Tuechern in das
Oel, oder breitet sie endlich auf Tuechern aus, die mit Oel getraenkt sind:
so erhaelt man die "_huiles antiques_". Von grosser Bedeutung ist fuer die
Parfuemindustrie das nachtraegliche Reinigen ihrer Essenzen, was meist durch
wiederholte Destillation geschieht. Viel Umsicht und Erfahrung sind
noethig, damit der Duft bei der Reinigung nicht leide.

Es sieht uebrigens aus, als wenn der bisherigen Gewinnungsweise des Parfuems
eine Umwandlung oder doch zum Mindesten eine Erweiterung bevorstehen
sollte. Der Petroleumaether scheint berufen, mehr oder weniger die Fette zu
verdraengen. Neue Fabriken werden auf dieses Verfahren bereits
eingerichtet. Der Petroleumaether entzieht der Pflanze im Wesentlichen nur
das Parfuem. Da er leicht siedet, laesst er sich ausserdem unschwer von dem
Parfuem dann trennen. Ein Kilo Essenz bedeutet aber mehr als hundert Kilo
der jetzigen Pomade. Die Zukunft muss zeigen, ob die Benutzung des
Petroleumaethers wirklich in allen Faellen zulaessig ist.

Die Moeglichkeit, den Pflanzen ihren Wohlgeruch durch Fett zu entziehen,
gestattet es auch im Kleinen, die feinste Pomade aus Pflanzen, die sonst
vielleicht nutzlos im Garten verbluehen wuerden, herzustellen. Moeglichst
reines Fett, das man auf eine Scheibe streicht, und ein gut
verschliessbarer Kasten, in den man die Scheibe legt, reichen aus, um den
Erfolg zu sichern. Man muss die Bluethen, mit den Kronen abwaerts gekehrt,
auf das Fett lagern, den Kasten dann verschliessen und die Bluethen
erneuern, bevor sie welk geworden. Der Name Pomade oder vielmehr Pommade
ruehrt von Apfel "_pomme_" her und war dadurch veranlasst, dass man frueher
Aepfel zur Herstellung solcher duftender Fette verwandte. Ein Apfel wurde
mit wohlriechenden Gewuerzen, vornehmlich mit Nelken, gespickt und, nachdem
er einige Tage an der Luft gelegen, in Fett eingeschmolzen. Erschien das
Fett durch den ersten Apfel nicht ausreichend parfuemirt, so liess man ihm
einen zweiten folgen.

Man sieht um Grasse viel Rosen, die fuer die Parfuemfabriken gezogen werden.
Es sind das nicht solche, wie sie im Winter versandt, die Blumenlaeden ganz
Europas jetzt schmuecken, vielmehr Centifolien und Damascenerrosen. Man
pflueckt die im Oeffnen begriffenen Bluethen am Morgen, sobald der Thau
verschwindet. Die Erntezeit faellt in den Mai und Juni. Jeder Rosenstock
liefert in Grasse durchschnittlich zwei bis dreihundert Gramm Bluethen,
doch tausend Kilogramm ergeben kaum hundertundfuenfzig Gramm Rosenoel. Da
darf man sich nicht wundern, dass ein Kilogramm Rosenoel ueber tausend Francs
kostet. Das Rosenoel wird durch Destillation der Blumenblaetter der Rose mit
Wasser oder Wasserdampf gewonnen; es sammelt sich auf der Oberflaeche des
Destillates allmaelig an. Das Rosenwasser ist das unmittelbare Product der
Destillation einer bestimmten Menge von Rosenblumenblaettern mit Wasser.
Die aetherischen Oele sind zwar fast unloeslich in Wasser, immerhin nimmt
dieses hinlaenglich viel von den Oelen auf, um nach ihnen zu duften. So
verhaelt es sich beim Rosenwasser, dem Orangenbluethenwasser und sonstigen
aromatischen Waessern. Die Rosen von Grasse werden mehr zur Herstellung von
Rosenpomade, als von Rosenoel und Rosenwasser verwandt. Die durch
Maceration von Rosenblumenblaettern in Fett erhaltene Pomade besitzt den
unveraenderten Duft der Rose, waehrend der Wohlgeruch des Rosenoels von
demjenigen der frischen Blumen etwas abweicht. Aus der Pomade wird mit
Alkohol das "_Esprit de Rose_" extrahirt, wohl unstreitig eines der
feinsten Parfueme, welche existiren. Kaum ein Wohlgeruch der Welt ist so
beliebt wie derjenige der Rosen, und wer einmal den Orient bereiste, wird
sich des aus Rosen und Verwesung gemischten Duftes erinnern, den die
Strassen im Sonnenlichte aushauchen. Wer da freilich meint, in den Bazaren
des Orients reines Rosenoel in jenen langgezogenen goldverzierten
Flaeschchen, die dort feilgeboten werden, mit nach Hause gebracht zu haben,
der ist einer argen Taeuschung unterworfen. Tuerkisches Rosenoel ist fast
immer verfaelscht, und zwar fuer gewoehnlich mit Palmarosaoel oder indischem
Geraniumoel, das in Ostindien aus dem Geranium- oder Kusagras (_Andropogon
Schoenanthus_) durch Destillation erhalten wird. Der indische Destillateur
sorgt andererseits meist dafuer, dass auch sein Palmarosaoel schon mit einem
anderen Oel, besonders Cocosoel, gefaelscht sei. So duerfte es in Deutschland
zu empfehlen sein, das Flaeschchen aus dem Orient daheim erst mit echtem
Rosenoel zu fuellen. Werden doch Rosen zum Zweck der Rosenoelgewinnung nicht
allein in Deutschland, sondern auch in England in grossem Massstabe gezogen.
Die um die Darstellung aetherischer Oele und Essenzen so hoch verdienten
Gebrueder Fritzsche, Inhaber der Leipziger Firma Schimmel & Co. hatten, wie
Georg Bornemann in seinem Werk ueber die fluechtigen Oele angibt, im Jahre
1884 zum ersten Mal aus deutschen Rosen drei Kilogramm Rosenoel gewonnen.
Sie legten ausgedehnte Rosenpflanzungen in Gross-Miltitz bei Leipzig an,
und diese lieferten, ausser anderen Erzeugnissen, im letzten Jahre (1894)
42 Kilogramm Rosenoel. Ich entnehme diese Angabe den Berichten, welche die
genannte Firma alljaehrlich veroeffentlicht und aus denen man nicht allein
einen Begriff von der Grossartigkeit des Betriebes in dieser Fabrik
gewinnt, sondern auch ueber den rationellen Geist und das wissenschaftliche
Streben, das sie bei ihren Unternehmungen leitet. Im Jahre 1893 erstreckte
sich das Rosenfeld der Fabrik ueber zwanzig Hectare, an die sich weite
Reseda- und Pfeffermuenzculturen anschlossen. Zu diesen haben sich seitdem
Estragon, Wermuth, Liebstock und Angelica gesellt. Aus je hundert
Kilogramm frischer Rosen lassen sich zwanzig Gramm Rosenoel darstellen. Es
wurden im letzten Jahre somit nicht weniger als 200 000 Kilogramm Rosen
auf Rosenoel verarbeitet. Das ist fuer eine einzige Fabrik schon eine sehr
erhebliche Leistung, welche freilich gegen die Gesammtproduction des
Rosenoels noch wenig in die Wagschale faellt. Denn das Hauptland dafuer,
Bulgarien, liefert jaehrlich allein gegen zweitausend Kilogramm Rosenoel.

Das Palmarosaoel riecht nicht rein nach Rosen, es duftet vielmehr wie ein
Gemisch von Rosen und Citronen. Fast rein rosenartig ist hingegen der Duft
des Geraniumoels, das aus den Blaettern des Rosen-Geraniums gewonnen wird.
Davon kann man sich schon ueberzeugen, wenn man ein Blatt dieser Pflanze,
die auch bei uns nicht selten in Toepfen cultivirt wird, zwischen den
Fingern zerdrueckt. Streng genommen hat man es nicht mit Geranien, sondern
mit Pelargonien dabei zu thun, und zwar mit mehreren Arten derselben,
hauptsaechlich mit _Pelargonium capitatum_, _odoratissimum_ und _radula_.
Die Art, welche an der Riviera gezogen wird, ist _Pelargonium capitatum_.
Gegen frueher hat dort freilich diese Cultur jetzt sehr abgenommen, da der
Wettbewerb mit Algier nicht auszuhalten ist. Man maeht an der Riviera die
Pflanzen von Mitte August an bis Mitte September und liefert sie so frisch
als moeglich den Fabriken ab. Die Firma Schimmel & Co. erzielt jetzt
bedeutende Erfolge mit Rosen-Geraniol. Sie destillirt reines Geraniol, das
sie aus Citronella-Grasoel gewinnt, so lange ueber frisch gepflueckten Rosen,
bis es mit Rosenoel gesaettigt ist und dann in der That dem Rosenoel fast
entspricht.

In den Gaerten der Riviera begegnet man oft einer Verbene, der _Verbena
triphylla_ oder _Lippia citriodora_, die auch als Citronelle oder
Citronenkraut bezeichnet wird. Man findet diesen schoenen Strauch schon in
den Gaerten an den italienischen Seen und hat wohl Gelegenheit, im Herbst
die Rispen seiner violett angehauchten kleinen Bluethen zu sehen. Zerreibt
man seine Blaetter zwischen den Fingern, so verbreiten sie einen feinen
Duft, der die Mitte zwischen Citronen, Melissen und Verbenen haelt. Dieser
aus Persien stammende Strauch wird auch in groesserem Massstab an manchen
Orten der Riviera gezogen und aus seinen Blaettern das echte Verbenaoel
destillirt, das die Parfuemisten sehr schaetzen. Echtes Verbenaoel ist
freilich sonst schwer zu haben und wird im Allgemeinen durch das
Citronen-Grasoel ersetzt, das wir jener Grasgattung, _Andropogon_, danken,
deren Arten so viele wohlriechende Oele liefern. Das Citronen-Grasoel wird
von _Andropogon citratus_ gewonnen, der jetzt besonders auf Ceylon und in
Singapore angebaut wird. Weit ausgedehnter betreibt man an denselben Orten
die Cultur des _Andropogon nardus_, von dem das melissenartig riechende
Citronella-Grasoel abstammt. Dieses findet fuer das Parfuemiren der Seifen
jetzt sehr starke Verwendung und bildet den Hauptbestandtheil des Parfuems
der Honigseifen. Von dem Umfang der Citronella-Grasoel-Production geben die
Berichte von Schimmel & Co. eine Vorstellung, da diese Firma auf einmal
Sendungen von 10 000 Kilogramm dieses Oeles aus Ceylon erhaelt.

Der Reseda entzieht man den Duft durch Enfleurage, dem Thymian, der
Salbei, dem Rosmarin, dem Lavendel und der Melisse durch Destillation.
Salbei, Thymian, Rosmarin und Lavendel werden an der Riviera kaum
cultivirt; man pflueckt sie an ihrem natuerlichen Standort, besonders am
Fusse der Berge. In der Gegend von Agay zogen eines Tages vor uns Frauen
auf der Strasse mit grossen Ladungen Thymian auf den Koepfen. Sie hatten ihn
an den Abhaengen des Esterel gesammelt. Der Wind blies in unserer Richtung
und bildete einen Streifen von Duft, der sich ueber Hunderte von Schritten
ausdehnte. Diese wild gewachsenen Pflanzen werden zwar auch vorwiegend in
den Fabriken verarbeitet, zum Theil aber schon im Freien, gleich beim
Einsammeln destillirt, in Apparaten, die man von Ort zu Ort befoerdert.
Viel Rosmarinoel wandert von hier aus nach Koeln, um bei der Darstellung von
Koelnischem Wasser benutzt zu werden. Das _Eau de Cologne_ enthaelt geloest
in 85 % Weinspiritus gleiche Mengen gepresstes Orangen- und
Citronenschalenoel, fast ebenso viel Nerolioel, dann etwa halb so viel
Bergamottoel, endlich, nochmals um die Haelfte weniger, Rosmarinoel. Man wird
freilich nicht sofort gutes Koelnisches Wasser erhalten, auch dann nicht,
wenn man nach bester Vorschrift die feinsten Oele in vorzueglichem
Weinspiritus aufloest. Der Schmelz des Duftes stellt sich erst nach
laengerer Zeit ein. Praktische Erfahrungen hatte man in dieser Richtung
schon lange gesammelt, in wissenschaftliche Eroerterung wurde die Wirkung
der Lagerung erst in den letzten Zeiten gezogen. Am Einfachsten zeigt sie
sich zum Beispiel bei einem Schenkbranntwein, der durch Verduennung von
achtzigprocentigem Spiritus auf dreissigprocentigen gewonnen wurde. Solcher
Schenkbranntwein, frisch dargestellt, mundet dem Trinkenden nicht, selbst
wenn dieser nicht zu den groessten Feinschmeckern gehoert. Auch der
Schenkbranntwein muss erst gelagert haben. Dass der Wein durch Lagerung
seine "Blume" erhaelt, ist allgemein bekannt. Es findet also sicher bei der
Lagerung eine gegenseitige chemische Einwirkung der geloesten Bestandtheile
auf einander statt, und es muessen neue Verbindungen entstehen. Ihre
Bildung erfordert voellige Ruhe und kann durch anhaltende Bewegung
verhindert werden, ja es kommt vor, dass schon erzeugte Verbindungen
dadurch voruebergehend oder dauernd wieder zerstoert werden. Nach der
Ansicht von Prof. Knapp schliessen diese Vorgaenge an solche an, welche die
organische Chemie als Addition, Substitution, Spaltung und dergleichen
bezeichnet. Es muessen somit auch in gemischten Parfuems durch Lagerung erst
diejenigen Verbindungen entstehen, welche das erwuenschte Zusammenwirken
der einzelnen Duefte bedingen. Der Ursprung des Koelnischen Wassers ist
etwas fraglich; meist wird seine Erfindung Johann Maria Farina, einem
Italiener aus Sancta Maria Maggiore bei Domo d'Ossola, zugeschrieben, der
zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in Koeln einen Handel mit Parfuems und
Colonialwaaren betrieb. Erst gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts gelangte
das Koelnische Wasser zu allgemeiner Verbreitung und verdraengte das "_Eau
de la reine de Hongrie_" oder Ungarwasser, welches aehnlich zusammengesetzt
war, aber auch Rosenoel, Citronenoel, Citronellaoel und eine Spur
Pfeffermuenzoel enthielt.

Bei unseren Wanderungen um Grasse sind wir Jasminpflanzungen am Haeufigsten
begegnet. Das zeigt, welche hohe Bedeutung dieser Pflanze fuer die dortigen
Parfuemfabriken zukommt. Meist waren die Jasminfelder an suedlichen Abhaengen
terrassenfoermig angelegt. Die gegen zwei Meter hohen, reich verzweigten,
mit zusammengesetzten, immergruenen Blaettern bedeckten Straeucher hatten
auch vereinzelte Bluethen aufzuweisen und liessen sich als die aus Ostindien
stammende Art _Jasminum grandiflorum_ bestimmen. Die Bluethen duften
lieblich, sind ziemlich gross, rein weiss auf ihrer Innenseite, von Aussen
etwas roth angehaucht. Die eigentliche Bluethenzeit beginnt erst im Juli
und dauert bis in den Oktober. Je tausend Stoecke liefern bis fuenfzig
Kilogramm Bluethen. Verarbeitet werden in Grasse davon bis 80 000
Kilogramm, die einen Werth von 140 000 Francs darstellen. Man entzieht den
Bluethen ihren Duft durch Enfleurage; die Menge des Riechstoffes, den sie
enthalten, ist aber so gering, dass man dieselbe Fettschicht bis fuenfzig
Mal mit neuen Bluethen bestreuen muss. Aus der Jasminpomade wird mit
feinstem Weingeist Jasminextract gewonnen. Die geschaetztesten
Taschentuchparfuems enthalten solchen Extract. Man stellt auch ein "_huile
antique au Jasmin_" dar, indem man auf wollene, mit Olivenoel getraenkte
Zeuglappen zu wiederholten Malen frische Jasminbluethen streut und dann das
Oel aus ihnen ausdrueckt. Dieses Jasminoel ist in Frankreich sehr beliebt.

Eine wichtige Rolle in der Parfuemerie spielen auch die Bluethen der _Acacia
Farnesiana_, eines Baeumchens, das zu bewundern wir im La Mortola-Garten
schon Gelegenheit hatten. _Acacia Farnesiana_ wird in Grasse nur in
beschraenktem Masse angebaut, liefert aber immerhin 30-40 000 Kilogramm
Bluethen im Jahre; grosse Pflanzungen dieser Art finden wir in Algerien. Die
kugeligen, dunkelgelben Bluethenkoepfchen, die "_Cassie_", werden vom
September bis in den December gepflueckt, wozu jedoch viel Uebung und
Geschick gehoert, da die Pflanzen sehr dornig sind. Der zarte,
veilchenartige Duft dieser Bluethen wird durch Enfleurage fixirt. Die
gewonnene Essenz hat fuer die Zusammensetzung der "Bouquets" einen sehr
hohen Werth.

Endlich darf auch die Tuberose (_Polyanthes tuberosa_) nicht unerwaehnt
bleiben, dieses zu der Familie der Amaryllideen gehoerende Knollengewaechs,
das man bei uns wegen seines starken Duftes und seiner schoenen weissen
Bluethen so gerne auf Blumentischen und in Blumenstraeussen sieht. Die
Pflanze stammt aus Centralamerika; wir bekommen sie meist nur mit den
gefuellten weissen Bluethen zu sehen, die besonders kraeftig am Abend duften,
wie es denn ueberhaupt eine weit verbreitete Erscheinung ist, dass Bluethen
nicht um alle Tageszeiten gleich starken Duft verbreiten. Wer wird nicht
bemerkt haben, dass die Daturen und Nicotianen, die Nachtviolen (_Hesperis
matronalis_), die langblumige Wunderblume (_Mirabilis longiflora_) unserer
Gaerten am Tage fast gar nicht riechen, am Abend aber einen durchdringenden
Duft aushauchen. Umgekehrt duften Seerose (_Nymphaea alba_), die
Kuerbisbluethe (_Cucurbita Pepo_), die Ackerwinde (_Convolvulus arvensis_)
nur am Tage. Ein solches Verhalten hat fuer diese Pflanzen Bedeutung, sie
duften bei Nacht oder am Tage, je nachdem sie Nacht- oder Tagesinsecten
zur Uebertragung ihres Bluethenstaubes brauchen. Sehr viele Tuberosebluethen
gehoeren dazu, um ein wenig Fett mit ihrem Duft zu saettigen; daher auch
dieser Extract, wie so viele andere feine Parfuems, hoch im Preise steht.
Bei uns koennte man den spanischen Flieder (_Syringa vulgaris_), statt der
Tuberose verwenden, um ein sehr aehnliches Parfuem zu gewinnen, denn das
Fett entzieht dem Flieder einen ganz entsprechenden Wohlgeruch.

Es sind nicht die als Parfueme anerkannten Pflanzenduefte allein, deren sich
die Parfuemerie zu ihren Zwecken bedient. So kommt fuer manche Erzeugnisse
auffaelliger Weise der Gurkengeruch in Betracht. Man stellt zu diesem
Zwecke eine Essenz her, und zwar indem man ueber frisch geschnittenen
Gurkenscheiben mehrmals denselben Alkohol destillirt. Mit solcher Essenz
wird Coldcream parfuemirt und erhaelt durch dieselbe das frische Aroma,
welches man an dieser Salbe schaetzt.

Nicht unerwaehnt moechte ich lassen, dass ein aetherisches Oel auch aus dem
Knoblauch durch Destillation gewonnen wird. Dieses Oel dient nun freilich
nicht zum Parfuemiren, so sehr man das auch manchmal in Suedeuropa oder im
Orient glauben koennte; wohl aber wird es innerlich als Mittel gegen Wuermer
eingenommen. Die Firma Schimmel & Co., welche dieses, sowie ueberhaupt fast
alle fluechtigen Oele, die irgend welche Anwendung gefunden haben,
herstellt, empfiehlt das Knoblauchoel auch als Kuechengewuerz. Von dem
concentrirten Duft dieses lieblichen Oeles wird man sich eine Vorstellung
machen, wenn man sein Verhaeltniss zum Knoblauch selber erwaegt: aus sechzehn
Kilogramm Knoblauch werden nur zehn Gramm Oel gewonnen!

Hingegen spielen Aetzammoniak, der sogenannte Salmiakgeist, und
kohlensaures Ammoniak, trotz ihres aetzenden Geruchs in der Parfuemerie eine
nicht unwichtige Rolle. Sie dienen zur Herstellung der parfuemirten
Riechsalze. Auch der Geruch des Schnupftabaks ruehrt vornehmlich vom
Ammoniak her, ausserdem werden die Schnupftabake haeufig noch mit anderen
wohlriechenden Koerpern aromatisirt. Nicht minder wird Essigsaeure in der
Parfuemerie verwendet, und ihre Eigenschaft, aetherische Oele zu loesen,
benutzt, um parfuemirte Essige darzustellen.

                                  XIII.

Die aetherischen Oele wirken wie Gifte auf unseren Koerper ein, wenn sie
innerlich in grossen Dosen oder zu haeufig eingenommen werden. Daher auch
der Missbrauch mancher Liqueure nicht allein durch den Alcohol, den sie
enthalten, sondern auch durch die fluechtigen Oele, mit denen sie parfuemirt
sind, nachtheilige Folgen bringt. Geradezu gefaehrlich kann das Koelnische
Wasser werden, wenn es getrunken wird. Der Arzt kommt oft nur durch Zufall
dahinter, dass eine solche stille, geheim gehaltene Neigung bei seiner
Patientin die Ursache der raethselhaften Krankheitserscheinungen ist. -
Viele, doch bei Weitem nicht alle fluechtigen Oele wirken, innerlich
verordnet, antiseptisch, und werden besser von unserem Koerper als von den
niederen Organismen ertragen, die es oft in unserem Koerper zu bekaempfen
gilt. Daher die Benutzung mancher fluechtigen Oele zu aerztlichen Zwecken. -
Die fluechtigen Oele nehmen Sauerstoff aus der Luft auf und erfahren dabei
eine Oxydation. Bei manchen dieser Oele verlaeuft der Oxydationsvorgang
sehr rasch und zwar um so rascher, je feiner sie in der Luft vertheilt
werden. Licht und Feuchtigkeit foerdern diesen Vorgang, bei welchem in der
Luft das gasfoermige Ozon oder das gleich wirksame fluessige
Wasserstoffsuperoxyd entstehen. Ihnen ist der belebende Einfluss
zuzuschreiben, den weingeistige Loesungen von fluechtigen Oelen, im Zimmer
verstaeubt auf die Athmenden ausueben. Besonders stellt sich diese Wirkung
ein beim Verstaeuben jener fluechtigen Oele, welche die Chemie als Terpene
zusammenfasst, weil sich diese an der Luft am schnellsten oxydiren.

Physiologisch interessant ist es, an Parfuems die hohe Leistungsfaehigkeit
unseres Geruchssinns zu erproben. Einige Milligramm Moschus reichen aus,
um einen Raum, der haeufig gelueftet wird, Jahre lang mit Moschusduft zu
erfuellen. Wir riechen diesen Moschus, und doch kann er in jener Luft, die
uns umgibt, nur in unnennbar geringen Mengen vorhanden sein. Directe
Versuche, die Passy mit alkoholischen Loesungen stark riechender Substanzen
anstellte, haben ergeben, dass fuenfhundert Tausendstel eines Milligramms
Vanillin ausreichen, um ein Liter Luft merklich zu parfuemiren. Derselbe
Effect wird schon mit fuenf Tausendstel Milligramm Camphor erreicht; von
dem kuenstlichen Moschus reichten gar fuenf Millionstel eines Tausendstels
Milligramm aus, um wahrgenommen zu werden. Will man diese Menge in Zahlen
ausdruecken, so ergibt das 0,000 000 000 005 Gramm. Dabei steht die
Leistungsfaehigkeit des Geruchssinns beim Menschen gegen diejenige vieler
Thiere noch bedeutend nach.

                                   XIV.

"_Die Toiletten-Chemie_" von Heinrich Hirzel, ein Buch, dem ich auch sonst
noch manche Belehrung verdanke, enthaelt die Angabe, dass Europa an
fluessigen Parfuems allein jaehrlich ueber eine Million Liter verbraucht. An
der Deckung dieses Bedarfs ist Grasse mit etwa 100 000 Kilogramm
Lavendeloel, halb so viel Thymianoel, 25 000 Kilogramm Rosmarinoel, 2000
Kilogramm Nerolioel und sehr betraechtlichen Mengen anderer Oele und
Extracte betheiligt. Nicht wenig wird Grasse in der Parfuem-Erzeugung durch
das benachbarte Cannes unterstuetzt, das mehrere Parfuemfabriken besitzt und
Hunderte von Arbeitern in ihnen beschaeftigt. Der Verbrauch an Parfuems in
Europa, wiewohl immer noch gross, ist doch betraechtlich zurueckgegangen und
wird, wenn ueberhaupt, nur in discretester Weise geuebt. So verhaelt es sich
auch in anderen kuehlen Laendern, waehrend die heissen Erdstriche noch immer
ein hohes Beduerfniss nach persoenlichem Parfuem bekunden. Obenan in dieser
Beziehung steht der Orient, dessen Leistungen trotzdem noch gegen
diejenigen des classischen Alterthums bedeutend zurueckstehen. Bezeichnend
fuer jene Zeit ist die Erzaehlung des Plinius, dass an Lucius Plocius der
Duft zum Verraether geworden sei. Dieser Lucius Plocius, dessen Bruder
Lucius Plancus zweimal das Consulat bekleidet hatte, wurde von den
Triumvirn geaechtet und musste fliehen. Er verbarg sich im Salernitanischen,
wo man ihn entdeckte, weil er so stark nach Salben roch. Er musste den Tod
erleiden, was Plinius nicht ohne einige Genugthuung erzaehlt, so empoerte
ihn der Missbrauch, den man mit Parfuems damals trieb. Dass heute Jemand von
wohlriechenden Salben und Oelen triefen sollte, wie es im Orient und in
Griechenland zu alten Zeiten oft der Fall war, koennen wir uns kaum
vorstellen. Wir empfinden eine entschiedene Abneigung selbst gegen fettige
Haende und suchen solche moeglichst rasch zu saeubern. Oel oder Pomade werden
allenfalls noch im *Haar* geduldet, sonst nur alkoholische Extracte
benutzt. Im Alterthum parfuemirte man sich hingegen ausschliesslich mit
duftenden Oelen. Das erste fluessige Parfuem, wie wir es jetzt benutzen,
soll Mercutio Frangipani dargestellt haben, der ein von seinen Vorfahren
erfundenes, aus Gewuerzen und Moschus zusammengesetztes Riechpulver mit
starkem Weingeist extrahirte. Dieser Frangipani gehoerte einem roemischen
Adelsgeschlecht an, das sich im zwoelften und dreizehnten Jahrhundert in
den Kaempfen der Guelfen und Ghibellinen ausgezeichnet hatte. Dass die
Neigung, sich mit Wohlgeruechen zu beschaeftigen, in diesem Geschlechte
fortlebte, geht aus der Angabe hervor, dass ein spaeterer Nachkomme der
Frangipani in Frankreich, der Marquis de Frangipani, Feldmarschall unter
Ludwig XIII., eine Art parfuemirter Handschuhe einfuehrte, die "_Gants a la
Fragipane_" genannt wurden.

Die Griechen lernten es von den Orientalen, ihren Koerper mit duftenden
Oelen einzusalben. Plinius moechte ohne Weiteres die Erfindung der
wohlriechenden Salben den Persern zuschreiben. Ihr Koenig Darius soll in
seinem Trosse nicht weniger als vierzig Salbenbereiter gefuehrt haben; sie
geriethen in die Gewalt Alexanders. Aus der Beute, welche dieser damals
machte, stammte, nach Plinius, auch jener mit Gold, Perlen und Edelsteinen
besetzte Salbenschrein, in welchem Alexander die Werke Homers aufbewahren
liess, damit, so sagte er, das werthvollste Werk des menschlichen Geistes
auch die kostbarste Huelle erhalte. In Griechenland galt die Benutzung
wohlriechender Salben immerhin als Verweichlichung; der echte Mann
verpoente sie und rieb sich in den Gymnasien mit reinem Oele ein.

Theophrast, Plinius und Dioscorides haben uns erzaehlt, wie die
wohlriechenden Salben im Alterthum hergestellt wurden. Man mischte die
Aromata mit den Oelen und erwaermte sie zusammen. Theophrast gab schon im
dritten Jahrhundert v. Chr. an, man solle die Operation im Wasserbade
vornehmen, um ein Anbrennen der Aromata zu verhindern. Als Oel diente vor
Allem das der Olive, das man kunstvoll reinigte und bleichte, auch aus
noch unreifen Fruechten presste, um es moeglichst farblos zu erhalten.
Ausserdem wurde das Oel aus suessen und bitteren Mandeln, Sesamoel, Ricinusoel
und Behenoel benutzt. Das letztere schaetzte man ganz besonders, weil es
geruchlos ist und nicht leicht ranzig wird. Auch heute wuerde man es zu
Haaroelen gern verwenden, waere es nicht aus dem Handel so gut wie
verschwunden. Der Baum, von dem man das Behenoel gewann, hiess im Alterthum
_Balanos_ oder _Myrobalanon_, somit Salbeneichel. Es ist die in Arabien
und Aegypten einheimische _Moringa aptera_, deren Fruechte, die Behennuesse,
durch Auspressen das Oel liefern.

Dioscorides warnt in seiner "_Materia medica_", einem Werk, das wohl um
die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. erschien, vor jeder Spur Wasser,
die im Oel zurueckbleibt, und raeth an, das Oel oefter umzugiessen in Gefaesse,
die mit Honig und Salz bestrichen sind. Durch das Salz werde dann alles
Waesserige dem Oele entzogen. - Myrrha und andere Balsame, Cardamomen,
Calamus, Wurzelstock der Iris, duftende Bluethen und Fruechte, wohlriechende
Kraeuter mussten ihre Aromata an die Oele abgeben. Auch war die Eigenschaft
thierischer Fette, sich mit Wohlgeruechen zu beladen, schon bekannt.
Allgemeiner Verbreitung erfreute sich namentlich die Rosensalbe, deren
Bereitung Dioscorides eingehend schildert. Man setzte den Salben meist
Gummi und Harz hinzu, um sie zu faerben und auch, wie es hiess, ihren Duft
zu binden. Manche Salbe faerbte man mit Drachenblut, dem blutrothen Harz
des Drachenbaumes (_Dracaena Draco_) oder mit _Anchusa_, wohl dem
Farbstoff, den wir aus der Wurzel der _Anchusa tinctoria_, unserer
Alkannawurzel, gewinnen. Letzterer wurde auch zum Faerben des Rosenoels
empfohlen. - Die Zahl der benutzten Salben wuchs ganz ausserordentlich, oft
mischte man sehr viele Substanzen in einer einzigen Salbe zusammen. Die
aegyptische Salbe "_Metopium_" stellte man aus Bittermandeloel her und
setzte "_omphalium_, _cardamomum_, _juncum_, _calamum_, _mel_, _vinum_,
_myrrham_, _semen balsami_, _galbanum_, _resinam terebinthinam_" hinzu.
Soweit die Bedeutung der Namen heute klar gelegt ist, enthielt somit diese
Salbe, ausser dem Bittermandeloel, das Oel unreifer Oliven, die fluechtigen
Oele der Cardamomen, des wohlriechenden Geraniumgrases und des Kalmus,
dann Honig, Wein, den Balsam des nordafrikanischen Baumes _Balsamodendron
myrrha_, Balsamkoerner, d. h. den Balsam der erbsengrossen Fruechte des
arabischen Balsamstrauches _Balsamodendron giliadense_, das Gummiharz
eines persischen Doldengewaechses, _Ferula galbaniflua_, endlich das
Terpentin der _Terpentin-Pistazie_. Von dem Duft dieser Salbe kann man
sich annaehernd eine Vorstellung machen, sie muss vorwiegend nach bitteren
Mandeln und Balsam gerochen haben. - Man bezog die Salben von den
verschiedensten Orten, aus Aegypten, Delos, Mendesium, Corinth, Kilikia,
Rhodos, Kypros, spaeter auch aus Neapolis, Capua, Praeneste. Das wechselte
je nach Geschmack und Mode. Die Salben waren zum Theil sehr theuer und
beschaeftigten ein ganzes Heer von Verfertigern und Verkaeufern. In den
Laeden der Salbenhaendler hielten sich die Muessiggaenger auf. Man waehlte
beschattete Orte zur Anlage solcher Laeden, damit die Salben, die in Gefaesse
von Blei oder Stein eingeschlossen waren, von der Sonnengluth nicht
litten. Der Stein, den wir Alabaster nennen, wurde viel fuer diese Gefaesse
verarbeitet, doch scheint die antike Bezeichnung _Alabastron_, wie
Reinhold Sigismund in seinem Buch ueber die Aromata nachzuweisen sucht,
sich mehr auf die Gestalt, als auf das Material der Salbengefaesse bezogen
zu haben.

Bezeichnend fuer den Missbrauch, der mit wohlriechenden Salben in
Griechenland getrieben wurde, sind die zahlreichen, uns von Athenaeus
ueberlieferten Berichte. Er erzaehlt, dass die Schwelger in Athen jeden Theil
ihres Koerpers mit einer anderen Salbe einrieben. Aegyptische Salbe diente
fuer Fuesse und Schenkel, phoenikische Salbe fuer Kinnbacken und Brust,
_Sisymbrion_-Salbe fuer die Arme, _Armaracon_-Salbe fuer Haar und
Augenbrauen, _Serpyllos_-Salbe fuer Kinn und Nacken. Man kann sich
vorstellen, wie so ein menschliches Wesen nach vollzogener Einsalbung
geduftet haben mag. Denn die _Amaracon_-Salbe roch nach Majoran, die
_Serpyllos_-Salbe nach Thymian, die _Sisymbrion_-Salbe wohl nach einer
Minze, die aegyptische und phoenikische nach Bittermandeloel und Balsamen.
Das war ein ganzer Parfuemladen! Dabei glaenzte ein solcher Mensch von Fett
an seinem ganzen Koerper. - Ueber Demetrius Phalereus wird bei dem
Symposion des Athenaeus berichtet, er habe sich nicht nur den ganzen Koerper
gesalbt, sondern auch das Haupthaar noch gelb gefaerbt, um verfuehrerischer
auszusehen. - Bei Trinkgelagen salbte man den Kopf, damit der Wein nicht
in die Hoehe steige; denn wenn der Kopf trocken ist, hatte Myronides
gesagt, wandern die Duenste nach oben. Dazu kamen noch die Kraenze, welche
den Rausch verhindern, den Kopf kuehl erhalten und den Kopfschmerz abwehren
sollten. Das moegen die urspruenglichen Epheukraenze gethan haben, schwerlich
die spaeter benutzten aus duftenden Blumen. Denn diese wurden aus Rosen,
Lilien oder Violen (Goldlack und Levkoien) gewunden und von aufwartenden
Dienern vielfach mit duftenden Salben noch besprengt. In dem Symposion des
Athenaeus wird berichtet, dass bei den prunkvollen Aufzuegen des Koenigs
Antiochus Epiphanes auf Daphne zahlreiche Frauen mit goldenen Gefaessen
einherschritten und aus diesen duftende Salben auf die Menge verspritzten.
Derselbe Koenig, den man spaeter spottweise auch Epimanes, das heisst den
Verrueckten nannte, pflegte in oeffentlichen Baedern zu erscheinen, wenn das
ganze Volk dort versammelt war. Er salbte sich mit den koestlichsten Oelen.
Da sagte denn Einer: "Wie gluecklich bist Du, o Koenig, dass Du so
wohlriechende Parfuems benutzen und ueberall einen so angenehmen Duft
verbreiten kannst." Antiochus antwortete ihm nicht, liess ihm aber am
naechsten Tage nach dem Bade ein grosses Gefaess mit Myrrhensalbe ueber den
Kopf giessen. Nun waelzten sich auch Andere in dem verschuetteten Oele, viele
glitten aus und fielen zu Boden, sogar der Koenig, was allgemeine
Heiterkeit erregte. Dieser Antiochus muss allerdings recht excentrisch
gewesen sein, denn auch die Geschenke, die er vertheilte, waren mehr als
sonderbar. Dem Einen drueckte er Knoechel, dem Anderen Datteln, noch Anderen
Gold in die Haende.

Die Lacedaemonier, heisst es, haetten die Salbenhaendler und die Faerber aus
Sparta verjagt, weil die Ersteren das Oel verdarben, die Letzteren die
Wolle ihrer urspruenglichen Reinheit beraubten. Lykurg und Sokrates traten
gegen den Missbrauch wohlriechender Salben auf, erreichten aber eben so
wenig, wie spaeter in Rom die beiden Censoren Publius Licinius Crassus und
Lucius Julius Caesar, die, wie Plinius mittheilt, im Jahre 189 v. Chr. ein
Edict erliessen, dass Niemand "exotische" Salben verkaufen solle.

Die Haare und Kleider der Roemerinnen verbreiteten, nach Plinius, so starke
Duefte, dass sie schon aus der Ferne die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Dass
sei um so thoerichter, meint er, als dieser theuer erkaufte Genuss weit mehr
Anderen zu Gute komme, als dem, der ihn bezahlt hat. Nicht minder beklagt
auch Plutarch diese Salbenverschwendung. Er erzaehlt, wie bei einem
Gastmahl, das Salvius Otto dem Nero gab, von allen Seiten her kostbare
Salben aus goldenen und silbernen Roehren flossen und die Gaeste ganz
durchnaessten. Juvenal spottet in seinen Satiren ueber Crispinus, den
Guenstling Domitians, dass er schon am Morgen mehr Amomumduft als zwei
Leichenbegaengnisse von sich aushauche. - Ein besonders lebendiges Bild aus
Neronischer Zeit, das auch den Salbenluxus und die Vorliebe fuer
Wohlgerueche zeigt, hat Petronius in dem Gastmahl des Trimalchio entworfen.
Sind die Farben auch stark aufgetragen, so entspricht die Schilderung doch
den damaligen Sitten, wie sie bei prahlerischen Emporkoemmlingen sich
besonders geltend machten. Waehrend des ueppigen, nicht endenwollenden
Mahles, bei welchem die seltensten Speisen in kunstvoller Zubereitung
aufgetragen werden, folgen die mannigfaltigsten Ueberraschungen
aufeinander. Da ploetzlich senkt sich von der Decke ein gewaltiger Reifen,
an dem rund herum goldene Kraenze nebst Flaschen wohlriechender Essenzen
haengen. Sie sind als Geschenke fuer die Gaeste bestimmt. Gegen Ende des
Mahles wird die Ausgelassenheit gross, bis der trunkene Trimalchio auf den
Einfall kommt, sich die Todtenkleider bringen zu lassen, in denen er
wuenscht, dass man ihn einst begrabe. Er befiehlt auch, wohlriechendes
Wasser zu holen und eine Probe zum Kosten von jenem Wein, mit dem seine
Gebeine gewaschen werden sollen. Er oeffnet eine Flasche Nardenessenz,
bestrich mit derselben seine Gaeste und spricht die Hoffnung aus, dieser
Wohlgeruch werde ihm nach dem Tode eben so gut thun, wie im Leben. -
Petronius gehoerte zu den Lieblingsautoren des vorigen Jahrhunderts; um die
Mitte desselben hatte das "Gastmahl des Trimalchio", wie ich Friedlaenders
Einleitung zum Petronius entnehme, schon sechs franzoesische Uebersetzungen
aufzuweisen. Am Hofe von Hannover, im Carneval des Jahres 1702, wurde es
sogar von fuerstlichen Darstellern aufgefuehrt. Auf Wunsch der Koenigin
Sophie Charlotte von Preussen musste Leibniz der Fuerstin von
Hohenzollern-Hechingen diese Auffuehrung schildern, was in einem
franzoesisch geschriebenen Brief vom 25. Februar 1702 geschah.

Gleicher Luxus mit Parfuems wie im Alterthum ist wohl zu keiner Zeit wieder
getrieben worden, doch kamen sie an den Hoefen von Frankreich und England
zeitweise in hohe Gunst. In Frankreich geschah das zur Zeit der
Renaissance unter dem Einfluss der italienischen Kuenstler, die Franz I. und
Katharina von Medicis an ihren Hof zogen. Da wurde in parfuemirten Pasten,
Pomaden und duftenden Handschuhen vollauf geschwelgt. Die Cosmetiques
kamen zu jener Zeit als Schoenheitsmittel auf und riefen eine besondere
cosmetische Literatur ins Leben. Dass Diana von Poitiers bis in das hohe
Alter sich den Reiz der Jugend zu bewahren wusste, ungeachtet sie schon mit
dreizehn Jahren an Ludwig von Breze, Grossseneschal der Normandie, vermaehlt
worden war, schrieb man cosmetischen Geheimmitteln zu, die ihr Paracelsus
verrathen habe. Der Missbrauch, der unter den Valois mit cosmetischen
Mitteln getrieben wurde, rief eine Reaction gegen dieselben hervor; erst
unter Ludwig XIII. wusste die schoene Anna von Oesterreich sie wieder in die
Gunst des Hofes zu bringen. Da kamen die Pates d'Amandes, die
verschiedenen Cremes und Schminken auf, welche der Haut der Damen eine
kuenstliche Faerbung verliehen. Ludwig XIV. liebte die Cosmetiques nicht:
ihr Gebrauch nahm ab, doch nur, um unter der Regence einen besonderen
Aufschwung zu erfahren. Jetzt bluehten Geheimmittel, welche die Jugend und
Schoenheit dauernd sichern sollten. Der beruechtigte Cagliostro nahm von der
eben so beruechtigten Dubarry und von anderen Schoenen nicht geringe Summen
fuer solche Geheimmittel ein. Trotzdem schminkte man sich unter Ludwig XV.
wieder weniger als zuvor und das "_rouge de Portugal en tasse_" roethete
nicht so stark die Gesichter. Der Absatz an Schminke hielt sich immerhin
auf bedeutender Hoehe, so dass im Jahre 1780 eine Gesellschaft fuenf
Millionen Francs der Regierung fuer das Privilegium bot, ein Roth
besonderer Guete allein verkaufen zu duerfen. Selbst mit violetter Schminke
versuchte man es in den Gaerten des Palais Royal und hielt ganz Paris
dadurch acht Tage lang in Aufregung. - Das hoerte gegen Ende des
Jahrhunderts, unter dem Einfluss von Marie Antoinette auf; die schreienden
Farben verschwanden aus den Gesichtern, und zugleich verlor sich auch der
Geschmack an starken Wohlgeruechen; das Zarte musste sich jetzt mit dem
Schwermuethigen, das Keusche mit dem Gefuehlvollen im Aussehen der Frauen
paaren: so gewann die Parfuemerie jenes discrete Gepraege, welches ihr auch
heute noch geblieben ist. Nur voruebergehend machte sich ein
entgegengesetzter Einfluss der Kaiserin Josephine geltend, die als Creolin
die starken Parfuems liebte. Napoleon I. selbst bediente sich nur des
Koelnischen Wassers, das er sich jeden Morgen ueber Kopf und Schultern goss.

Seit dem sechzehnten Jahrhundert war Frankreichs Geschmacksrichtung in der
Parfuemerie massgebend fuer die anderen Voelker, im siebzehnten Jahrhundert
gelangte sie zur Alleinherrschaft zugleich mit den franzoesischen Moden.

Frankreich und England waren es vorwiegend, welche die Welt mit ihren
Parfuemerien versorgten. Nur dem Koelnischen Wasser gelang es, als
Weltparfuem gegen die Producte dieser Laender aufzukommen. Jetzt erst
beginnt Deutschland, wenn auch noch nicht in den "Bouquets", so doch in
den ungemischten Parfuems in die erste Stelle zu ruecken. Die Leipziger
Erzeugnisse haben in dieser Richtung einen ungeahnten Erfolg erreicht.
Ausserdem steht Deutschland obenan mit seinen chemischen Producten, die
heute in so entscheidender Weise in die Parfuemerie eingreifen. Ebenso
liefert es vornehmlich der Welt jene antiseptisch wirksamen Stoffe, welche
die Cosmetiques verdraengt haben und allein berufen sind, die Gesundheit
des Koerpers und damit auch die Schoenheit des "Teint" in Zukunft zu wahren.

Die Berge strahlten von allen Seiten Licht und Waerme auf die
Blumenpflanzungen von Grasse zurueck. Es wurde heiss in der Stadt: feiner
Staub stieg bei jedem Windhauch in dichten Wolken auf: es roch zu stark
nach Santalholz in den Strassen, wir fuehlten uns ploetzlich reisemuede und
traten den Heimweg nach dem Norden an.

                            ------------------





FRUeHJAHR 1895.


                                    I.

Der Winter war so lang und so traurig im Norden gewesen, wir sehnten uns
nach Waerme und nach Sonne. Doch auch vom Mittelmeer trafen unaufhoerlich
Hiobsposten ein: die Kaelte hielt dort an, die Vegetation hatte gelitten,
noch zu Anfang Maerz fiel Schnee, der viele Orte der Riviera mit einem
weissen Gewand bedeckte. Da, endlich, siegte die Fruehlingssonne: wir
erhielten guenstige Nachricht, und waren einige Tage spaeter in Cannes.
Schon oben in den Alpen begruesste uns der Fruehling, mit leuchtendem
Antlitz, mit einer Strahlenkrone ums Haupt. Die Fahrt in dieser sonnigen,
zu neuem Leben erwachenden Natur, glich jetzt einem wahren Triumphzug. So
kamen wir ans Mittelmeer.

Im Norden schneit es noch immer, und dunkle Wolken decken dort den Himmel,
hier aber glaenzt die Sonne am blauen Firmament, sie spiegelt sich im
Meere, und ihre Strahlen dringen in unser Inneres ein und loesen die grauen
Nebel auf, die sich an dunklen Tagen dort angesammelt haben. Auch an der
Riviera di Ponente mussten Pflanzen und Menschen von der ungewohnten
Strenge dieses Winters leiden. Die meisten Pflanzen erholen sich wieder.
Die gebraeunten Bougainvilleen an den Haeusermauern beginnen stellenweise
auszutreiben, sie bilden carmoisinrothe Hochblaetter in Buescheln an dem
todten Laub. Der Heliotrop durchbricht mit seinen Sprossen den Boden, bald
werden frische lebhaft gruene Blaetter an den Faecherpalmen die braun
gefleckten alten ersetzen. - Auffaellig gut haben die Acacien dem Schnee
und der Kaelte getrotzt, sie sind mit gelben Bluethen ueber und ueber bedeckt,
wahre Blumenstraeusse in der sonst noch blumenarmen Landschaft. Denn die
Vegetation ist gegen sonst sehr weit zurueck, die Rosenstoecke weisen nur
geschlossene Knospen auf, waehrend sie sonst von Mitte Winter an hier im
Bluethenschmuck prangen. Eine Rose ist in keinem der vielen Blumenlaeden von
Cannes zu erblicken; man muesste sie wohl in den Gewaechshaeusern des Nordens
bestellen; Weniger gut als so viele Pflanzen erholt sich der leidende
Mensch, der hier in diesem letzten Winter Linderung, ja Genesung suchte.
Tage lang musste er in Raeumen verweilen, die nur duerftig zu erheizen waren.
Wie Manchem hat dieser Aufenthalt das Leben gekuerzt. Schwerkranke sollten
hierher ueberhaupt nicht geschickt werden.

                                   II.

Wir wollten nicht unten am Meere wohnen in den staubigen Theilen von
Cannes; wir zogen den Abhang hinauf, der im Osten die Stadt beherrscht,
zur Californie. Ueber den schoenen Garten des Hotel Californien hinweg
blicken wir auf die Croisette, jene schmale Landzunge, welche den Golfe de
la Nopoule vom Golfe Jouan scheidet. Weiter trifft unser Auge die Ile
St. Marguerite, und bei Morgenbeleuchtung zeichnet sich jedes Haus in dem
Fort ab, das diese Insel kroent. Von der Ile St. Honorat ist nur die Kirche
sichtbar, im uebrigen wird sie von ihrer Schwesterinsel verdeckt. Im Osten,
ueber den bluehenden Acacien, steigt an einem Huegel die alte Stadt Cannes
empor. Sie gipfelt in ihrem alten Schlosse und bietet dem Auge ein
malerisch bewegtes Profil. In weniger schoener Linie folgen die neuen
Stadttheile der Bucht, doch diese Linie wird, von hier oben aus
betrachtet, durch ueppige Gaerten der Huegel gebrochen und belebt. Besonders
gerne ruht aber unser Blick auf den zackigen Umrissen des Esterel. Dorthin
wendet sich unser Auge stets zuerst am Morgen, wenn die Sonne die Gipfel
der Berge vergoldet und jede Ortschaft sich blendend weiss am Fusse
derselben zeichnet; dorthin schauen wir auch zuletzt am Abend, wenn die
Sonne jenseits der langen Kette verschwindet, und ihre Strahlen sich wie
ein leuchtender Faecher am Abendhimmel ausbreiten. Dann entzuenden sich auch
bald die Leuchtthuerme laengs der Kueste, und schon in der Daemmerstunde
flammt Cannes mit Tausend Lichtern auf. Dieses Schauspiel wiederholt sich
jeden Abend, und wir wurden nicht muede, es zu betrachten.

Zugleich beginnt das Concert der Laubfroesche rings um das Hotel, jenes
Concert, das Jeder kennt, der im Fruehjahr die Riviera besuchte. In allen
Wasserbehaeltern versammeln sich um diese Zeit jene Thierchen und locken
sich aus der Ferne mit lauten Rufen an. Die auffallende Kraft des Tones
wird dadurch ermoeglicht, dass das Maennchen die schwaerzliche Haut seiner
Kehle zu einer grossen Schallblase auftreibt. Im Uebrigen leben diese
zierlichen, lebhaft gruen gefaerbten Geschoepfe auf den Straeuchern und
Baeumen. Es unterhielt uns, ihnen am Tage in dem Garten des Hotels
nachzuspueren, und dann auch festzustellen, wie sehr der Ton ihrer Faerbung
sich nach ihrer jeweiligen Umgebung richtet. Auf hellen Blaettern sind sie
hell, auf dunklen dunkel gefaerbt und daher stets schwer zu erblicken. Es
handelt sich auch thatsaechlich bei diesem Farbenwechsel um eine
Schutzvorrichtung, die sie den Augen ihrer Feinde entziehen soll.
Andererseits werden sie auch nicht von der Beute bemerkt, auf die sie
lauern. Es ist belustigend zu sehen, wie der Laubfrosch auf Insecten jagt,
mit welchem Geschick er sie faengt und wie hoch er springt, um sie zu
erfassen.

Ungeachtet des Regens, der vor Kurzem reichlich gefallen war und trotz des
taeglichen Begiessens, zeichnet sich die Strasse, die von Cannes nach Antibes
fuehrt, von hier oben gesehen, meist wie ein langer Streifen von Staub
zwischen den gruenen Gaerten aus. Besonders hoch steigt dieser Staub an den
Nachmittagen auf, wenn eine Equipage der anderen folgt und neue
Staubwolken aufwirbelt. Dieser Staub, von zermalmtem Kalkstein stammend,
ist wie Mehl so fein. Ueberall dringt er ein, er erhebt sich zu so
bedeutender Hoehe, dass er die angrenzenden Baeume bis in ihre Gipfel grau
faerbt. Diesen Staub athmen nun tagtaeglich die vornehmen Gaeste von Cannes
ein, die meist nach dem Sueden reisten, um ihre Lungen zu schonen. Derselbe
Staub herrscht nun leider an vielen Orten der Riviera, ueberall dort, wo
das Kalkgebirge bis an die Kueste reicht. Doch wer zwingt auch den Kranken,
sich auf den Landstrassen zu bewegen oder an denselben zu wohnen! - Ich
kann den Staub nicht leiden, wenn ihn auch meine Lunge vertraegt;
gluecklicher Weise ermuede ich aber auch nicht leicht beim Gehen und fuehle
mich wohler zu Fuss, als im Wagen. So war das Hotel sehr guenstig fuer mich
gelegen. Auf Fusswegen lassen sich von demselben schon in kurzer Zeit
Waelder und Maquis erreichen. Dort, auf den mit Kiefern bedeckten Gipfeln
von "_la Maure_", 250 Meter hoch ueber dem Meere, eroeffneten sich die
herrlichsten, ueberraschendsten Blicke in ueppig gruene Thaeler, nach den
schneebedeckten Alpen und ueber die blaue Kueste. Ganz besonders grossartig
erschienen in diesem Fruehjahr die Seealpen. Der Schnee reichte tief an
denselben hinab. Man waehnte oft Bilder aus dem Berner Oberland vor Augen
zu haben, doch leuchtender, getaucht in den Glanz der italienischen Sonne.
So weilte ich denn mit Vorliebe unter den Aleppo-Kiefern oben auf den
Hoehen von "_la Maure_"; doch mied ich grundsaetzlich das "_Observatoire_",
den officiellen Aussichtspunkt, auf welchen am Nachmittag, auf staubiger
Strasse, die Wagen durch muede Pferde muehsam aufwaerts gezogen werden. Dort
ist ein Aussichtsthurm errichtet, von dem aus, gegen Zahlung, man die
Natur bewundern kann. Meist ist man im Gedraenge, und die Musik aus einer
nahen Wirthschaft traegt dazu bei, die Stimmung zu erhoehen.

                                   III.

Beim Aufstieg zum "_Observatoire_" schneidet man einen Kanal, der Cannes,
Golfe Jouan und Antibes mit Wasser versorgt. Er fuehrt das naemliche Wasser,
das die Roemer einst in Forum Julii tranken. Sie hatten oberhalb Grasse
eine Quelle der Siagne gefasst und fuehrten das Wasser nach Frejus in einem
gedeckten Aquaeduct, der auf seinem Wege einen 50 Meter langen Tunnel, den
Tunnel von Roquetaillado, zu durchsetzen hatte. Der moderne Wasserkanal,
der in der Richtung von Cannes laeuft, steht der roemischen Wasserleitung
entschieden nach, denn er ist unbedeckt und vor Verunreinigungen somit
nicht geschuetzt. Man kann von La Maure aus diesem Kanal in nordwestlicher
Richtung meilenweit folgen. Ein Fussweg fuehrt an demselben entlang. Er
steigt ganz unmerklich auf, so dass man fast eben zu gehen meint. In weiten
Bogenlinien zieht er sich laengs der Berge hin und bietet wechselvolle
Ausblicke auf Cannes und das Esterel. Alsbald befindet man sich ueber Le
Cannet, einem Dorfe, das noerdlich von Cannes, drei Kilometer entfernt vom
Meere liegt und durch nahe Huegel ganz besonders gut gegen Winde geschuetzt
wird. Man schaut da auf grosse Hotels hinab, denn Le Cannet ist Station fuer
solche Kranke, die nicht am Meere weilen sollen, weil ihnen die Seebrise
angeblich Schaden bringt. Noch weiter gen Norden kroent Mougins einen 260
Meter hohen, isolirten Huegel; ein malerischer Ort, dessen compacte
Haeusermasse nur von spaerlichen Fenstern nach aussen durchbrochen wird.
Dorthin sollen sich einst die Oxybier zurueckgezogen haben, als die Roemer
die Kueste besetzten. Nur eine halbe Stunde Weges trennt Mougins von dem
Thurme von Castellaras, der die umfassendste Aussicht auf die Alpenkette
bietet.

Von dem Wege am Wasserkanal kann man alle jene Huegel ersteigen, welche Le
Cannet von Vallauris trennen. Von da oben sieht man jenseits von Mougins,
am Fuss der grauen Kalkalpen, Grasse im Sonnenlichte glaenzen; unten im
Kessel, nach Osten zu, breitet sich Vallauris aus. Weiter sieht man Golfe
Jouan, Antibes, Nizza, die Kueste bis in neblige Fernen und oberhalb der
Berge die Vallauris schuetzen, als herrlichsten Abschluss des Bildes, die
Schneemassen um den Col di Tenda. Dort baut Italien seit Jahren eine
Eisenbahn, welche Turin mit Ventimiglia verbinden soll. Die Bahn ist
fertig von Turin bis zum noerdlichen Abhang des Passes, dem Orte Limone.
Unter dem Col di Tenda laeuft jetzt schon ein langer Tunnel, der den
Verkehr der Wagen erleichtert. Dann beginnt das Thal der Roja, das bei
Ventimiglia das Meer erreicht. Der mittlere Theil dieses Thales ist im
Besitze Frankreichs. Ihn soll die Bahn umgehen, und das verursacht
bedeutende Kosten. Daher die Arbeiten langsam fortschreiten und die
Vollendung der Bahn sich noch kaum absehen laesst. Einst wird diese Bahn ein
herrliches Stueck Land dem Verkehr eroeffnen; denn die Gola di Gandarena, in
welcher die Roja zwischen himmelstuermenden Felsenmauern fliesst, ist nicht
minder grossartig wie die Via mala. Bis jetzt war dieser gewaltige Engpass,
einer der imposantesten der Alpen, nur Jenen bekannt, welche den kleinen
Badeort St. Dalmazzo di Tenda zur warmen Jahreszeit besuchten, oder die es
gar unternahmen, allen Schneemassen zum Trotz, schon im Fruehjahr die Fahrt
ueber den Col di Tenda zu unternehmen. Das haben wir einmal gethan und
einen unvergesslichen Eindruck davon getragen. Ist einmal die Bahn von
Cuneo bis Ventimiglia in Betrieb, dann bildet sie zugleich die kuerzeste
Verbindung zwischen der suedlichen Schweiz und den Kurorten der Riviera di
Ponente. Die Strasse ueber den Col di Tenda ist aber die aelteste, die jemals
den Gallischen Strand mit den Ebenen des noerdlichen Italien verband. Sie
existirte schon tausend Jahre vor Christus, zaehlt somit jetzt
achtundzwanzig Jahrhunderte und hiess die tyrrhenische Strasse.

Der Ort Vallauris, so unscheinbar er auch ist, hat es verstanden, jetzt
eine gewisse Beruehmtheit zu erlangen. Er dankt sie seinem farbigen
Halbporzellan, seinen "_Faiences d'art_", die nicht nur an der Riviera,
sondern in allen groesseren europaeischen Staedten jetzt die Schaufenster der
Laeden zieren. Es sind das Thonwaaren mit Zinnglasur, die im starken Feuer
gebrannt werden. Die Familie Massier beherrscht diese Industrie. Ueberall
liest man diesen Namen ueber den Lagern und ueber den Fabriken. Den Fremden,
die auf der staubigen Landstrasse zwischen Cannes und Antibes umherfahren,
faellt das grosse Lager im Orte Golfe Jouan am meisten in die Augen durch
seinen mit bunter Fayence verzierten oder verunzierten Garten.

Bietet Vallauris als Ort auch nur wenig, so bleiben doch die Ausfluege
anziehend, die man ueber die Hoehen in dieser Richtung unternehmen kann. Von
Vallauris geht man durch eine anmuthige Schlucht hinab nach Golfe Jouan
oder durch den Wald, am Abhang der Berge, ueber Cannes-Eden, unmittelbar
nach Cannes. Vielfach begegnet man hier in den Waeldern noch Korkeichen,
die weiter nach Osten ganz fehlen. Es haengt das mit den Bodenverhaeltnissen
zusammen, da Glimmerschiefer und Gneis stellenweise bei Cannes noch an die
Oberflaeche treten und dann die gleichen Vegetationsbedingungen schaffen,
wie sie im Maurengebirge gegeben sind.

                                   IV.

Von der aeussersten Spitze der Croisette ist die Insel St. Marguerite kaum
anderthalb Kilometer entfernt. In zwanzig Minuten kann man sie mit dem
Boote erreichen. Zweimal am Tage verkehrt auch ein kleiner Dampfer
zwischen dem Hafen von Cannes und den Lerinischen Inseln. Er beruehrt sie
beide, und man kann den Ausflug ueber die Mittagsstunden ausdehnen, wenn
man den ersten Dampfer zur Hinfahrt, den zweiten zur Rueckfahrt benutzt. -
Wir wollten die Abendbeleuchtung der Kueste von den Lerinischen Inseln aus
bewundern und nahmen am Nachmittag ein Boot an der Croisette. Voller
Sonnenschein fuellte den Himmel mit einem Uebermass von Licht und liess das
glatte Meer gleich einer metallenen Platte erglaenzen. Ein blaeulicher Dunst
lag auf der Wasserflaeche. Die gegenueberliegende Insel rueckte immer naeher.
Scharf zeichneten sich auf ihr die Mauern, die das Fort umgeben, welches
einst Richelieu erbaute. Oestlich ueber den Felsen blicken aus der Mauer
die Fenster jenes beruechtigten Gefaengnisses hervor, das sonderbarer Weise
so oft schon die Gedanken der Menschen auf sich zu lenken wusste. Da war
der mysterioese Gefangene eingeschlossen, der als "Mann mit der eisernen
Maske" die Historiker und Romanschreiber oft beschaeftigt hat. Man nimmt
jetzt meist an, es sei das Hercules Anthony Matthioli gewesen, ein
Bologneser vom alten Geschlecht, der den Hass Ludwig XIV. sich zugezogen
hatte. Matthioli sollte bei Ferdinand Carl IV. von Mantua, dem letzten
Herzog aus dem Hause Gonzaga, den Verkauf der Festung Casale Monferrato an
Frankreich vermitteln. Nach der Eroberung der Festung Pinerolo
beherrschten die Franzosen den Zugang zum Piemont; ihnen haette der Besitz
von Casale auch die fruchtbare Ebene von Mailand eroeffnet. Matthioli, der
Senator von Mantua war und das Vertrauen seines Fuersten besass, liess sich
fuer den Plan gewinnen. Ludwig XIV. empfing ihn an seinem Hofe mit grossen
Ehren und zeichnete ihn durch ein kostbares Geschenk aus. Dessen
ungeachtet verrieth Matthioli die franzoesischen Plaene an Oesterreich und
brachte sie so zum Scheitern. Ludwig XIV. erfuellte das mit Zorn. Es gelang
ihm, Matthioli ueber die Grenzen von Turin zu locken. Er wurde dort
ueberfallen, gefangen genommen und in Fesseln gelegt. Man kerkerte ihn ein,
zunaechst in Pinerolo, dann in jenem Gefaengniss auf St. Marguerite. Da der
internationale Rechtsbruch geheim bleiben musste, war es dem Gefangenen
unter Androhung des Todes verboten, sein Gesicht zu zeigen: er trug eine
Maske, die thatsaechlich aber nicht von Eisen, sondern von schwarzem Sammet
war. Im Jahre 1687 kam Matthioli auf die Insel, um zehn Jahre spaeter dem
Gouverneur der Festung, dem beruechtigten St. Mars, nach der Bastille zu
folgen. Dort starb er am 19. November 1703. - Es heisst, dass nach der
Revocation des Edictes von Nantes durch Ludwig XIV. auch protestantische
Geistliche in diesem Gefaengniss geschmachtet haetten. Napoleon I. setzte
umgekehrt einen katholischen Geistlichen, de Broglie, Bischof von Gent,
hier ein. Dann gab es weniger vornehme Gefangene, Mamelucken und
dergleichen, erst die Einkerkerung Bazaines an dieser Stelle zog wieder
die Blicke der Welt auf St. Marguerite. Bazaine gelang es zu entkommen.
Seine Frau, eine noch junge Spanierin, und sein frueherer Adjutant
Willette, der ihn nach St. Marguerite begleitet hatte, ermoeglichten seine
Flucht. Er liess sich des Nachts am Seil laengs der Felsen nieder und
erwartete unten in zerfetzten Kleidern, mit wunden Haenden und blutigem
Gesicht, seine Frau. Das stuermende Meer verhinderte die Landung des
Bootes, das ihn abholen sollte; er musste sich in das Meer werfen, um es zu
erreichen. - Heut war es an diesen Felsen so still, wie auf einem See, und
wir landeten ohne Muehe an dem steinigen Ufer. - Der Besuch der Festung
lohnt kaum, will man sich nicht etwa an der ausserordentlichen Dicke der
Mauern und an dem dreifachen Gitter des einzigen Gefaengnissfensters
erbauen. Durch dieses Fenster haette Bazaine nicht entkommen koennen. Er
benutzte die mangelhafte Aufsicht, um gegen Abend seine noch offene Zelle
zu verlassen. Er verbarg sich im Gefaengnisshofe, waehrend seine Zelle zur
Nacht leer verschlossen wurde.

Wir zogen in den schoenen Kiefernwald, der den groessten Theil der Insel
deckt, und lagerten dort unter den Baeumen. Die Aussicht landeinwaerts ist
derjenigen aehnlich, die man von Antibes aus geniesst. Nur steigt das
Vorgebirge in groesserer Naehe auf, und das Bild wirkt heiterer durch die
grosse Naehe von Cannes. Die Schneemassen der Alpen scheinen in der Ferne
fast in der Luft zu schweben, gehuellt in jenen leuchtend azurenen Nebel,
der dem provencalischen Himmel eigen ist. Von der blauen Flaeche des Meeres
und den gruenen Huegeln der Kueste steigt so das Bild in Stufen, bis zu den
schneebedeckten Riesen der Alpenwelt empor, in grossartig eindrucksvollem
Contrast.

Wir ziehen nun quer durch den Wald, nach der entgegengesetzten Seite der
Insel, wo uns das Boot erwartet. Jetzt liegt dicht vor uns die Ile
St. Honorat. Es ist nur ein enger Meeresarm, der beide Inseln trennt, doch
ein Meeresarm, erfuellt mit gefahrbringenden Felsen, die kaum von den
Wellen des Meeres gedeckt werden.

Die Ile St. Honorat hiess bei den Roemern Lerina. Der heilige Honoratus zog
von seiner Einsiedelei im Esterel zu Anfang des fuenften Jahrhunderts nach
dieser Insel hin. Er fand sie, so berichtet die Sage, mit giftigen
Schlangen erfuellt, unter denen zu leben fast unmoeglich schien. Doch der
Heilige bestieg eine Palme und vertrieb die Schlangen durch den grossen
Bannfluch, den er ueber sie aussprach. Zu St. Honoratus gesellte sich bald
der greise Caprasius, den spaetere Zeiten auch als Heiligen anerkannten. Es
stroemten von allen Seiten Anhaenger herbei, und das errichtete Kloster
hatte bald bedeutenden Ruhm erlangt. Der heilige Vincenz, einer der
hervorragendsten Moenche von Lerin, verfasste dort das Commonitorium gegen
die Irrlehre, ein Werk, das man auch in unserer Zeit im Streit um das
Unfehlbarkeitsdogma oefters citirte, im Besonderen den Satz: "Was immer,
was ueberall, was von Allen geglaubt worden ist, das ist wahrhaft
katholisch." Dem Kloster gehoerten auch an: St. Hilarius, der wie
St. Honoratus spaeter Bischof von Arles wurde, ebenso St. Maximus, der den
Bischofssitz von Frejus bestieg, dann Faustus, Bischof von Reji, der zu
den Heiligen zwar gezaehlt, dessen Rechtglaeubigkeit aber vielfach
angezweifelt wurde; dann St. Salvian, St. Valerian, auch die beiden Soehne
des heiligen Eucharius: St. Veranius und St. Salonius und viele Andere.
Von der kleinen Insel Lerina, die St. Honore nach dem Begruender ihres
Klosters benannt wurde, gingen nicht weniger als zwoelf heilige
Erzbischoefe, zwoelf heilige Bischoefe, zwoelf heilige Aebte und vier heilige
Moenche hervor. "O gesegnete Einsiedelei, o dreimal glueckliche Insel, die
du so viel Sproesslinge des Himmels erzogen hast!" _Beata et felix insula
Lyrinensis {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}!_ rief daher schon im Jahre 542 der Erzbischof von Arles,
Caesarius, der Sohn des Grafen von Chalon, bei seinem Tode aus. Zu Ehren
aller dieser Heiligen wurde am 15. Mai ein eigenes Fest, das der
Allerheiligen von Lerina, gefeiert. Um das Jahr 690 zaehlte das Kloster
ueber 3700 Moenche. Wie moegen sie nur alle Platz gefunden haben auf der
kleinen Insel, die nur etwa tausend Schritte lang und vierhundert Schritte
breit ist! Dieses rasche Aufbluehen des Klosters trug die Keime des
Verfalles auch in sich; die asketische Lebensweise schwand immer mehr. -
Zur Zeit, da der heilige Caesarius dem Kloster als Moench angehoerte, waren
die Ordensregeln aeusserst streng. Jeder Moench bewohnte getrennt seine
Zelle: es gab weder ein Schlafgemach noch eine Kueche. St. Caesarius
ernaehrte sich von Kraeutern und von Bruehen, die er sich am Sonntag fuer den
Bedarf der ganzen Woche kochte. Das aenderte sich spaeter, und schon zu Ende
des siebenten Jahrhunderts mussten, wie der Abt Disdier erzaehlt, die Paepste
eingreifen, um der Zuegellosigkeit der Sitten unter den Moenchen zu steuern.
- Der heilige Aigulf, hieher gesandt, um strenge Zucht im Kloster
einzufuehren und die Moenche zu besserem Lebenswandel zu bekehren, wurde von
ihnen verstuemmelt und Seeraeubern uebergeben. - Dann aber kamen die
Saracenen. Sie pluenderten im Jahre 732 das Kloster und mordeten alle seine
Bewohner. Nur St. Eleutherius blieb am Leben, verborgen in einem
unzugaenglichen Felsenspalt, in dem er acht Tage lang von Wurzeln und
Seethieren sich naehrte. Das Kloster bluehte noch mehrfach auf, doch die
alte Sicherheit und Ruhe waren von der Insel geschwunden, so dass der Abt
Adalbert im Jahre 1073 einen starken viereckigen Thurm erbauen liess, der
vom Strande aus gegen Afrika schaut und dauernd das Meer ueberwachte. Der
Thurm war geraeumig genug, um alle Moenche aufzunehmen; sie konnten die
Klosterschaetze darin bergen, dort auch sich wirksam gegen die alten
Feinde, Seeraeuber und Saracenen, vertheidigen. So kam es, dass das Kloster
nicht nur fortbestehen, sondern auch glaenzende Zeiten erleben konnte: es
hatte noch manchen geistig hochstehenden Abt aufzuweisen. Im sechzehnten
Jahrhundert besass es eines der reichsten Sanctuarien, und seine Bibliothek
war weit beruehmt. Im siebzehnten Jahrhundert, unter dem Pontificat
Gregor XV. begann es endgueltig zu verfallen. Als es im Jahre 1788
saecularisirt wurde, zaehlte es nur noch vier Moenche. Man vertheilte die
Klosterschaetze an die Kirchen der benachbarten Regionen. Viele
Kostbarkeiten verschwanden waehrend der franzoesischen Revolution, so ein
silberner Reliquienschrein, der die Ueberreste des heiligen Honoratus
enthielt und nach Cannes gekommen war. Dieser kunstvoll gearbeitete
Reliquienschrein stammte von Franz I., der nach der Schlacht von Pavia als
Gefangener die Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1525 im Kloster zugebracht
hatte. Im Jahre 1791 wurde das Kloster versteigert und ging, eigen genug,
in den Besitz einer Schauspielerin ueber. Es war das Fraeulein Alziary de
Roquefort, die unter dem Namen Sainval an der _Comedie francaise_
glaenzende Triumphe gefeiert hatte.

Die Insel St. Marguerite hiess bei den Roemern Lero. Strabon erzaehlt, dass
ein Heroentempel diese Insel schmueckte und dass die Ligurischen Piraten
dort Opfer darbrachten. Den Namen St. Marguerite, den jetzt die Insel
fuehrt, sucht eine Sage mit dem Namen der Schwester des heiligen Honoratus
zu verknuepfen. Von Sehnsucht getrieben, so wird erzaehlt, kam Margarethe
nach Lerina und fiel dem Bruder zu Fuessen. Die Ordensregel schloss die
Anwesenheit von Frauen auf Lerina aus. Daher St. Honoratus die Schwester
nach der Insel Lero brachte, wo sie verblieb und Aebtissin wurde.
Margarethe nahm unter einem bluehenden Kirschbaum von dem Bruder Abschied,
und er musste ihr versprechen, dass er sie besuchen wuerde, so oft dieser
Kirschbaum bluehe. Die Heilige erwirkte dann durch ihr Gebet, dass der
Kirschbaum allmonatlich in Bluethenschmuck prangte.

Jetzt gibt es wieder Moenche im Kloster St. Honorat. Das Bisthum von Frejus
hat das Kloster im Jahre 1859 erworben, und zehn Jahre spaeter zogen die
Cistercienser hierher. Im weissen Gewande, mit schwarzer Kapuze, schwarzem
Gurt und Scapulier schreiten sie in dem Kloster einher. Frauen ist der
Zutritt untersagt, doch viel verlieren sie nicht durch dieses Verbot, denn
von den aelteren Theilen des Klosters blieb fast nichts erhalten, und die
Kirche in demselben ist ganz neuen Ursprungs. Weit hoeheres Interesse
beansprucht das ausserhalb des Klosters am Meeresstrande aufgebaute, auch
den Frauen zugaengliche Kastell. Ein maechtiger Bau aus Quadersteinen, der
den Angriffen der Zeit getrotzt hat. Nur von wenigen Fenstern nach aussen
durchbrochen, mit Zinnen besetzt, traegt es deutlich seine einstige
Bestimmung zur Schau. Besonders stimmungsvoll hebt sich dieses dunkle
Kastell von dem blauen Hintergrund des Meeres ab, wenn es aus einiger
Entfernung betrachtet wird, und dunkelgruene, ueber den Strand geneigte
Kiefern dasselbe umrahmen. Im Innern birgt das Kastell alle jene Raeume,
die zu einem laengeren Aufenthalt der Moenche nothwendig waren: zahlreiche
Zellen und ein Refectorium, eine Capelle und eine Bibliothek, vor allem
auch eine Cisterne. Diese Cisterne, ganz alter Construction, nimmt die
Mitte des offenen Hofes ein; Saeulengaenge, in mehreren Stockwerken, steigen
im Umkreis auf. Eingestuerzte Gewoelbe, halbverschuettete Raeume, verborgene
Treppen, die in unterirdische Raeume fuehren, folgen aufeinander und
durchschneiden sich in sinnverwirrender Weise. Die Burg ist Kloster und
Festung zugleich, so recht ein Product jener Zeit, wo das Kreuz und das
Schwert oft von derselben Hand gefuehrt wurden, einer leidenschaftlich
erregten Zeit, stark und starr in ihrer Ueberzeugungskraft, der es an
schoepferischer That und eigenartiger Poesie nicht fehlte. Auf einer
Wendeltreppe besteigt man den Thurm, von dem aus sich eine herrliche
Aussicht entfaltet. Man sieht hinab auf die Lerinischen Inseln, die wie
gruene Floesse auf dem Meere schwimmen, und ueberblickt die ganze weite Kueste
von St. Tropez bis zu den Bergen von Bordighera. Die Insel St. Honorat ist
viel kleiner als ihre Schwester; dass der heilige Honoratus sie
dessenungeachtet zur Anlage seines Klosters erwaehlte, war durch die Quelle
bedingt, die sie birgt.

Zerklueftete Felsen ragen in der Naehe des Kastells aus dem Meer hervor. Sie
heissen die Moenche und bilden einen natuerlichen Schutz fuer die Insel. An
ihnen bricht sich die Macht der Wellen, wenn der Suedsturm das Meer gegen
die Insel treibt. Einige Capellen schmuecken den Strand, Ueberreste aus
alter Zeit; Marmorfragmente von Saeulen und Capitaelen sind zwischen Myrten
und Lentisken aufzufinden und mahnen an fruehere Pracht. Fuenfzehn
Jahrhunderte lang beherrschten die Moenche diese Inseln sowie auch das
gegenueberliegende Festland, jetzt gilt ihre Fuersorge vor allem einem
Waisenhaus, das in dem Kloster errichtet wurde und in welchem die Knaben
verschiedene Gewerbe erlernen. In diesem Waisenhause befindet sich auch
eine Druckerei, in welcher alte kirchliche Werke neu edirt werden. So hat
die Druckerei von Lerin dem Papst Leo XIII. zu seinem Jubilaeum ein reich
verziertes Werk ueberreicht, welches das Magnificat in "hundertfuenfzig"
Sprachen enthielt.

Oestlich von der Insel St. Honorat liegt die kleine Felseninsel
St. Fereol. Waehrend die beiden groesseren Lerinischen Inseln durch Legende
und Geschichte wie mit einem Heiligenschein umgeben werden, bildete sich
eine seltsame, fast daemonische Mythe um St. Fereol aus. Es hiess, und heisst
noch vielfach, dass auf St. Fereol das Grab von Paganini sich befunden
habe. Diese Angabe ist in franzoesischen Werken verbreitet. Sie fuehren an,
Paganini sei in Nizza, im Mai 1840, an der Cholera verschieden; sein Sohn
Achille habe die Leiche auf einem Schiffe nach Genua gefuehrt, um den Vater
an dessen Geburtsorte zu bestatten. Die Geistlichkeit verweigerte aber das
Begraebniss dem Manne, von dem es hiess, er habe sich dem Satan verschrieben.
Auch das Municipio liess die Ausschiffung des Koerpers wegen Choleragefahr
nicht zu. So versuchte der Sohn in Marseille zu landen, doch wieder ohne
Erfolg. Als er auch in Cannes abgewiesen wurde, entschloss er sich, den
Sarg des Nachts auf die kleine unbewohnte Insel zu bringen und dort, von
Stuermen oft umbraust, hat der Todte fuenf Jahre lang gelegen. Erst im Mai
1845 kehrte der Sohn wieder, nachdem es ihm gestattet worden war, den
Vater zu begraben an der Kirche von Gajona bei Parma, unfern der Villa,
die Paganini dort erworben hatte. Diese Erzaehlung kam mir schon einmal in
den Sinn, als ich in dem herrlichen _Pallazzo Doria Tursi_, dem jetzigen
_Palazzo del Municipio_ in Genua, die Geige Paganinis sah. Das war in den
Tagen der Columbianischen Feste, wo die Mitglieder der wissenschaftlichen
Congresse im Municipio durch den Sindaco empfangen wurden. Die Geige, eine
Guarneri, der einst Paganini daemonische Toene zu entlocken gewusst, bewahrt
man wie eine Reliquie in einem kostbaren Schrein; man hatte sie zu dem
Feste mit seidenen Baendern in den italienischen Farben geschmueckt. Daran
dachte ich jetzt, da ich die kleine Insel St. Fereol vor mir im Meere
liegen sah. Die heitere Landschaft stimmte freilich nicht zu dem
unheimlichen Geiste Paganinis. Wohl aber konnte es ihm behagen auf jenem
einsamen Riff, wenn die entfesselten Elemente die brandenden Wogen ueber
die Felsen trieben und der Wind klagend ueber der Meeresflaeche pfiff. Da
war es die Natur, welche Schaudergeschichten auf ihrer _G_-Saite spielt,
so wie er sie einst auf jener Saite seinen erregten Zuhoerern zu erzaehlen
wusste. Ja, das Grab Paganinis passt sicherlich besser in die wilde
Brandung, als auf einen stillen Friedhof, das ist voellig klar! - Wie
schade, dass die Geschichte nur erdichtet ist! - In Wirklichkeit starb
Paganini in der _Via Santa Reparata_ zu Nizza an der Kehlkopfschwindsucht
und nicht an der Cholera. Er hatte lange zuvor schon, in Folge seines
Leidens, die Stimme eingebuesst. Da er die Sterbesacramente nicht empfangen
hatte, verweigerte die Geistlichkeit seine kirchliche Bestattung, und
diese konnte erst einige Jahre spaeter erfolgen. Der Sohn Paganinis, der
heute noch in Parma lebt, theilt mir mit, dass sein Vater dort auf dem
grossen Friedhof _della Villetta_, nachdem er, auch im Tode unstaet, erst
nach Villa-Franca, dann nach Genua gewandert, seit 1876 seine endliche
Ruhe gefunden und er - der Sohn - ihm auf seinem Grabe ein wuerdiges
Denkmal habe errichten lassen, fuer welches in Genua kein geeigneter Platz
gewesen sei. Ueber Paganinis Leben hatten sich die merkwuerdigsten Mythen
ausgebildet, die durch sein ungewoehnliches Aussehen, seine fast
gespensterhafte Magerkeit und sein blasses Gesicht, auf welchem, wie Heine
schreibt, Kummer, Genie und Hoelle ihre unverwuestlichen Zeichen eingegraben
hatten, gefoerdert wurden. Paganini trug uebrigens durch sein excentrisches
Benehmen selber nicht wenig zur Verbreitung dieser Mythen bei. Nur einmal,
in Paris, fuehlte er sich veranlasst, den Fabeln, die in den Zeitungen ueber
ihn berichtet wurden, entgegenzutreten. In einem Briefe, den er in der
"_Revue musicale_" veroeffentlichen liess, schilderte er selbst sein Leben
und fuehrte dort den Nachweis, dass er weder seine Geliebte ermordet noch im
Gefaengniss gesessen, noch sich dem Teufel verschrieben habe. Er schloss mit
der Hoffnung, man werde wohl seiner Asche einst die verdiente Ruhe goennen.
Doch auch diese Hoffnung sollte sich nicht erfuellen! Selbst eine
Marmorbueste, die man Paganini in der _Villetta di Negro_ zu Genua geweiht
hatte, verschwand spurlos von jener Staette.

Wir kehrten nach der Insel St. Marguerite zurueck und verweilten dort bis
zum Untergang der Sonne. Strahlend verschwand der feurige Ball hinter dem
Esterelgebirge. An den hohen Bergen im Norden trieben sich langgedehnte
Nebelstreifen umher. Sie deckten die Einschnitte der Thaeler, stiegen dann
empor bis zum Schnee der Alpen, wurden violett und rosenroth und schwanden
spurlos. Scharf zeichneten sich jetzt die riesigen Gipfel in langer Kette
an dem blauen Himmel. Bald roetheten sie sich auch, ergluehten in Purpur,
erloschen allmaelig und wurden dann leichenblass. Des Tages Gluth lastete
noch auf dem Meere; seine glatte Oberflaeche zeigte jene matten Reflexe,
wie sie alten venetianischen Spiegeln eigen sind: dann begann sie die
Farbe zu wechseln und schillerte wie Opal. Der Purpur, der von den Bergen
schwand, legte sich ueber den Abendhimmel und ueberfluthete bald auch das
Meer. Geheimnissvoll klagend schlugen seine scharlachrothen Wellen jetzt an
die Felsen des Ufers. Der Himmel ueber den Alpen nahm fahlgruene Faerbung an,
und dann wurde es dunkel. Ungezaehlte Sterne tauchten am Himmel auf, und
ungezaehlte Lichter entflammten laengs der Kueste. Wir bestiegen jetzt wieder
die Barke und glitten still ueber der Wasserflaeche. Eine erfrischende Luft
umfloss unseren Koerper, drang in unsere Lungen ein und erweckte jenes
Gefuehl inneren Wohlbehagens, dem man so gern sich hingibt. Wir wechselten
kaum ein Wort und brachen erst unser Schweigen, als wir an der Croisette
gelandet waren.

                                    V.

Cannes stand unter der Herrschaft der Aebte von Lerin. Sie hatten dasselbe
im zehnten Jahrhundert von Wilhelm von Gruetta, einem Sohne von Redouard,
Grafen von Antibes, erhalten. Im Jahre 1080 begann der Abt Adalbert die
Burg auf dem Huegel, der jetzt die Altstadt traegt, dem heutigen Mont
Chevalier, zu erbauen. Im Kloster von Lerin wurden die geistigen Gueter vor
Allem gepflegt, daher wohl seine Herrschaft mild gewesen ist. Das
beeinflusste die Sitten und Braeuche der Uferbewohner. Waehrend jenseits des
Esterels, wo rohe Burgherren herrschten, die Volksbelustigungen in
Scheinkaempfen, den sogenannten "_bravades_" bestanden, waren es in Cannes,
Vallauris und Antibes die "_romerages_", das heisst Taenze und aehnliche
Spiele, welche die Feste belebten. Bis auf den heutigen Tag haben sich die
_bravades_ in St. Tropez, die _romerages_ in Vallauris erhalten.
Wachtthuerme laengs der Kueste waren zum Schutz gegen die Saracenen
aufgerichtet. Feuerzeichen des Nachts, weisse Fahnen am Tage, warnten, von
den Lerinischen Inseln aus, die Uferbewohner vor den nahenden Feinden.
Cannes fuehrte, gedeckt durch das Kloster, dem die Angriffe der Feinde
stets vor Allem galten, ein ziemlich ruhiges Dasein, und hatte erst
waehrend der Kaempfe Franz I. mit Karl V. schwere Verluste zu tragen. Im
Jahre 1580 wurde durch ein Schiff aus dem Orient die schwarze Pest nach
Cannes eingeschleppt und verbreitete sich dann ueber die ganze Provence.
Dann gab es noch manches Ungemach im Laufe der Zeiten, so im siebzehnten
Jahrhundert, als die Lerinischen Inseln zeitweise in spanische Gewalt
geriethen, dann im achtzehnten waehrend der Invasion der Provence durch
oesterreichische und piemontesische Truppen, besonders aber im
oesterreichischen Erbfolgekriege, waehrend des missglueckten Angriffs der
Oesterreicher auf die Provence. - Uebrigens fehlte es auch nicht ganz an
komischer Tragik in der Geschichte von Cannes. So berichten die
Stadtarchive von einem wilden Thiere, das 1785 das Land und die Stadt mit
Schrecken erfuellte. Kein Bewohner der Stadt wagte sich mehr ins Freie.
Schliesslich wurde eine Schar muthiger Maenner bewaffnet, und es gelang
ihnen auch an der Grenze der Gemeinde das Thier zu erlegen. Ein solches
Thier hatte noch Niemand gesehen; man wusste es nicht zu benennen. Ein
heftiger Streit entspann sich nun um das Fell, zwischen den Gemeinden von
Cannes, Grasse und Mougin, an deren gemeinsamen Grenzen das Thier gefallen
war; es drohte ein ernster Conflict, gluecklicher Weise machte der Marquis
de Caraman, commandirender General der Provence, demselben ein Ende, indem
er das Fell fuer sich nahm. Nunmehr wurde festgestellt, dass dieses Fell von
einer Hyaene stamme; wie jenes Thier sich nach Cannes verirrt hat, ist
unaufgeklaert geblieben.

Am Ende des vorigen Jahrhunderts war Cannes zu einer ganz unbedeutenden
Ortschaft herabgesunken. Als Horace Benedict de Saussure sie 1787
besuchte, fand er nur ein paar Strassen vor, die fast ausschliesslich von
Matrosen und Fischern bewohnt waren. Die Schoenheit der Lage fiel ihm auf:
"_C'est un site vraiment delicieux_" rief er auf dem Huegel von St. Cassien
aus, als er den blauen Golf und die gruenen Inseln vor sich liegen sah,
dann ueber das ueppige Thal der Siagne, gegen Grasse und die grauen
Kalkalpen schaute. Auch die Hotels in Cannes waren damals einfacher als
jetzt, dessen ungeachtet es dem Erlanger Professor Heinrich Schubert im
Jahre 1822 in einem derselben sehr behagte. Er und "die gute Hausfrau"
waren zu Fuss ueber das Esterel acht Stunden lang bis nach Cannes gewandert
und kamen dort recht ermuedet in den heissen Mittagsstunden an. Darauf hin
schreibt Schubert: "Wohler und erquicklicher zu Muthe ist es wohl der
guten Hausfrau, auf dieser ganzen Reise, bei keinem anderen Mittagessen
und in keinem anderen Wirthshause gewesen, als in dem buergerlichen, fuer
uns daher sehr passenden Wirthshause zu Cannes. Es war das Haeuslein gleich
eins der ersten in der Haeuserreihe am Meeresstrande hin. Zwar zu der
oberen Etage, welche fast nur aus dem Zimmer bestand, in welchem wir assen,
fuehrte keine Marmorstiege, sondern eine hoelzerne Treppe von aussen empor,
es stieg sich aber eben so schnell daran hinauf, als auf einer steinernen;
der Balcon, an dessen geoeffnete Thuer wir uns hinsetzten, hatte zwar weder
eiserne noch bronzene Umzaeunung, sondern nur bretterne, die Aussicht von
ihm hinaus auf das unter uns brandende Meer war aber eben so weit und
lieblich als von einem steinernen." "Junge Huehnlein, seit wenigen Tagen
erst aus dem Ei gekrochen, die mit ihrer Alten da im Speisesaal und auf
dem Balcon herumliefen, pickten die Kruemlein von Weissbrod zusammen, die
ihnen die Hausfrau auf den Boden streute." Dann aber, nachdem wir uns an
einem trefflichen Mahl gesaettigt und ausgeruht, "verliessen wir -
Strickbeutel und Pflanzenmappe unter dem Arme - unseren Balcon mit der
lieblichen Meeresaussicht und die gutmuethigen, billigen Wirthsleute und
zogen unter den schattigen Baeumen der Allee, neben dem anbrandenden Meere
hinaus auf die Strasse nach Antibes."

Da war es in der That anders in Cannes als jetzt! Den Anfang zu seiner
jetzigen Groesse verdankt Cannes einem Zufall. Im Jahre 1834, als die
Cholera im ganzen Norden von Europa herrschte, sperrte sich Italien gegen
dieselbe durch einen Grenzcordon ab. Reisende, die aus Frankreich an diese
Kueste kamen, mussten mehrere Tage in dem seuchenfreien Cannes verweilen,
bevor sie die Grenze am Var ueberschreiten durften. Unter den Reisenden
befand sich auch Lord Brougham, der das Amt eines Lord-Kanzlers von
England vor Kurzem niedergelegt hatte und durch den Tod seiner geliebten
Tochter tief gebeugt, nach Italien eilte. Ihm gefiel dieser Ort, an dem er
nun unfreiwillig verweilen musste, so sehr, dass er sich entschloss, an
demselben zu bleiben. Er liess sich in Cannes nieder und erbaute auf seiner
Besitzung das Schloss Eleonore Louise, das den Namen seiner Tochter traegt.
Seinem Beispiel folgten zahlreiche seiner Landsleute, und die vornehme
englische Gesellschaft zog sich allmaelig von Nizza nach Cannes zurueck. Ihr
folgte die franzoesische Aristokratie, und allmaelig wuchs Cannes zu einem
der vornehmsten Kurorte der Riviera an.

                                   VI.

Den Bewohnern des westlichen Cannes koennen die Ausfluege auf den Hoehen der
Croix-des-Gardes diejenigen von "La Maure" zum Theil ersetzen. Die
Aussichten sind aehnlich, doch gilt es meist so viel Staub zu schlucken,
ehe man sie erreicht! Die Abhaenge dieses 150 Meter hohen Huegels sind mit
den aeltesten Villen des neuen Cannes bedeckt; da lehnt sich auch jener
Chateau d'Eleonore Louise an, der den Grund zu dem modernen Kurort legte.
- Man darf es auch nicht unterlassen, den Garten der Villa Larochefoucauld
zu besuchen, dessen Zutritt Fremden stets gestattet wird. Man erreicht ihn
bald auf der Strasse von Frejus. Die Ausblicke auf das nahe Esterel
zwischen den Palmen, Pinien und sonstigen ueppigen Gewaechsen des Gartens
sind zum Theil von hoher malerischer Wirkung.

Ueber alle moeglichen, wenn auch nicht immer empfehlenswerthen Ausfluege an
den Kurorten der Riviera orientiren jetzt vollstaendiger wie zuvor die in
allerletzter Zeit erschienenen "_Guides Joanne_". Es gibt jetzt solche
"Fuehrer" fuer Cannes, fuer Nizza, Mentone, ja selbst fuer das Esterel, und
sie sind einzeln fuer 50 Centimes oder einen Franc zu haben. Leider sind
aber auch in diesen Fuehrern die Angaben ueber die Wege, die man bei den
einzelnen Ausfluegen einzuschlagen hat, so mangelhaft und die beigefuegten
Karten so unvollkommen, dass man sich nur selten zurechtfinden kann.

Ich plante noch einen Ausflug nach dem Cap d'Antibes und stand mit
Tagesanbruch auf, um moeglichst viel Zeit vor mir zu haben. Ich trat ans
Fenster und oeffnete die Laeden: Der Himmel war mit Wolken ganz bedeckt.
Hinter denselben im Osten musste die Sonne soeben aufgegangen sein.
Unentschlossen blieb ich am Fenster stehen. Wird es der Sonne gelingen,
die Wolken zu zerstreuen? Leuchtende Stellen tauchten in der Wolkenmasse
nach einiger Zeit auf und erweckten freudige Hoffnung. Bald schwanden sie
aber wieder, und beklommen blickte ich empor, gedrueckt von dem Gefuehl, dass
es so trueb und traurig den ganzen Tag ueber bleiben koenne. Doch wieder
lichten sich hier und dort die Wolken, sie wogen in schweren Massen wie
ein bewegtes Meer; ploetzlich zerreissen sie an mehreren Stellen, und aus
gluehendem Rahmen blickt dort der leuchtende Himmel hervor. Es ist, als
waere in den Hoehen eine Feuersbrunst ausgebrochen, und als draengen lange
Feuerstrahlen aus den Oeffnungen der Wolken hervor, um die See und das
Land zu entzuenden. Jetzt sind es Stellen im Meer, welche in Flammen
aufgehen, dann leuchten die Lerinischen Inseln im rosigen Lichte auf
dunkler Woge, dann wieder entzuenden sich die Gipfel des Esterel, dann das
alte Cannes. Allmaelig erblassen die Wolken, sie weichen vor der
siegreichen Sonne; sie loesen sich auf im goldigen Nebel und schwinden. Der
ganze Himmel erstrahlt in glaenzendem Licht.

Wir folgen der Strasse von Antibes, von Licht ueberfluthet. Solche
Lichtfuelle stimmt den Menschen freudig, erweckt neue Hoffnungen und traegt
so sicherlich nicht wenig zur Heilung der hier weilenden Kranken bei. Es
ist das der suggestive Einfluss des Sonnenlichtes; andererseits kommen
demselben thatsaechlich auch antiseptische Wirkungen zu. Intensives
Sonnenlicht toedtet die Keime jener niederen Organismen, welche Faeulniss und
Zersetzung bewirken. Entsprechende Versuche haben gelehrt, dass eine
Aussaat von Bacterien durch Licht sterilisirt werden kann. Setzt man eine
solche Aussaat dem Sonnenlichte aus, haelt eine andere im Schatten, so
werden die Keime der ersteren getoedtet und die der letzteren entwickeln
sich weiter. Intensives Sonnenlicht sterilisirt demgemaess auch die Waesche
und die Kleider von Kranken. Es sterilisirt auch Seen und Fluesse, falls
ihr Wasser nicht zu trueb ist und den Lichtstrahlen das Eindringen nicht
verwaehrt. Die in der Luft schwebenden Keime werden meist von dem
Sonnenlicht getoedtet. Mit Recht sagt somit ein italienisches Spruechwort:
"_Dove non entra il sole, entra il medico._" Waere jenes Spruechwort nicht
begruendet, da muessten unausstehliche Miasmen manches suedliche Land erfuellen
und Infectionskrankheiten ununterbrochen es verheeren. Wie wenig geschieht
da meist fuer die Desinfection. Die moderne Hygiene ist ein Kind nordischer
Himmelsstriche, und die peinlichsten Ansprueche an Reinlichkeit und Comfort
sind in Laendern erwachsen, in welchen der Nebel meist das Sonnenlicht
verhuellt. Waehrend wir unsere Wohnraeume nach Moeglichkeit saeubern, fuer
Desinfection allerorts sorgen, oeffnet der Suedlaender weit seine Fenster und
laesst sein ganzes Haus vom Sonnenlicht durchstrahlen. Dazu ist aber dauernd
klarer Himmel noethig. - Bacterienkeime, die vom intensiven Sonnenlichte
getroffen werden, halten die Wirkung desselben nur kurze Zeit aus. Die
Keime des _Bacillus anthracis_, jenes gefaehrlichen Bacteriums, das den
Milzbrand bei Schafen und Rindern veranlasst, sind dann schon todt nach
wenigen Stunden. Ein englischer Botaniker, Marshall Ward, hatte den
Einfall, diese Wirkung des Lichtes auf Bacterienkeime gewissermassen
photographisch zu veranschaulichen. Er breitete Gelatine, die mit
Bacterienkeimen versetzt war, auf einer Glastafel aus, stellte vor
dieselbe eine durchbrochene Zinnplatte und liess letztere vom Sonnenlicht
bescheinen. Nach wenigen Stunden wurde die Glastafel in einen dunklen,
warmen Raum gelegt und dort laengere Zeit gelassen. Ueberall da, wo das
Sonnenlicht durch die Oeffnungen der Zinnplatte die Gelatine erreicht
hatte, blieb letztere klar, weil die Keime in derselben getoedtet waren,
sie truebte sich an den uebrigen Stellen, weil die Keime dort unversehrt
blieben und sich zu trueben Bacterienmassen vermehrten. So war das in die
Zinnplatte geschnittene Bild deutlich auf der Gelatineplatte zu erkennen.
Selbst die Negative gewoehnlicher Photographien konnten benutzt werden, um
positive Bacterienbilder zu erhalten, wenn mit besonders empfindlichen
Keimen operirt wurde. Ein purpurfarbiges Bacterium der Themse lieferte so
hinter den Glas-Negativen englischer Landschaften zwar nicht scharfe, aber
doch kenntliche Bilder derselben.

Die ganze Strasse von Antibes war jetzt blendend hell von Licht, von jenem
grellen Licht, in welches alle Dinge tauchen, wenn die Sonne hoch am
Himmel steht. Auf der kreideweissen Strasse wurden die Schatten immer kuerzer
und dunkler, die Halbschatten nahmen blaue Toene an. Die Palmengruppen in
den Gaerten glaenzten so stark, dass sie fast wie fabelhafte Decorationen zu
einem Zauberstueck erschienen. Es war Fest der Sonne ueberall in der Natur,
und diese festliche froehliche Stimmung theilte sich uns auch mit. - Wenig
Orte in Europa gibt es, die ueber eine gleich grosse Lichtfuelle verfuegen. An
dieser goldigen Kueste darf sich das Mittelmeer ruehmen, Spiegel der Sonne
zu sein. An Klarheit der Luft koennen mit der Gegend um Nizza sich nur
Valencia und Alicante messen. Waehrend von dem Eifelthurm in Paris die
Aussicht im guenstigsten Falle bis auf hundert Kilometer reicht, zeigt hier
nicht selten Corsica dem erstaunten Auge seine zackigen Gipfel, die um
mehr als 200 Kilometer von dieser Kueste entfernt sind. Daher mit vollem
Recht der Mont Gros bei Nizza zum Bau eines astronomischen Observatoriums
gewaehlt wurde. Auch regnet es in Nizza durchschnittlich im Jahre nur an
67 Tagen. Der Regen dauert nicht lange, ist dafuer oft so heftig, wie in
den Tropen. Auch in diesem Fruehjahr hatten wir waehrend unseres
fuenfwoechentlichen Aufenthalts, von Mitte Maerz bis zur zweiten Haelfte des
April, nur drei Tage mit anhaltendem Regen hier zu verzeichnen. Wir waren
thatsaechlich die ganze Zeit ueber wie in ein Lichtbad getaucht.

Die Strasse fuehrte uns an dem Orte Golfe Jouan vorbei nach Jouan les Pins.
Nun folgten wir unter Pinien im weiten Bogen dem Meeresstrande. Unser
Blick verlor sich im endlosen Meer oder er ruhte auf dem Esterel und den
Lerinischen Inseln. Es waren das die alten, liebgewonnenen Bilder in immer
neuer Umrahmung. Bald begruessten wir das Cap und traten in den Garten des
Caphotels ein. Da ist Alles noch so wie es war, derselbe ueppige
Pflanzenwuchs, derselbe Duft der Maquis. Doch fremdartig blicken uns
merkwuerdige Bauten von der aeussersten Spitze der Landzunge an. Haben die
Saracenen wieder das Land erobert und sich am Cap niedergelassen? Das sind
doch maurische Bauten, die sich dort erheben, eine Moschee, die mit ihrer
schlanken Kuppel in die Luefte ragt! Eine Mauer sperrt die Spitze des Caps
vom Hotelgarten ab, doch gluecklicherweise ist sie schon durchbrochen und
nichts hindert uns, weiter vorzudringen.

Es war nicht ein Saracene, sondern ein Pariser, der diese Bauten errichten
liess. Er starb ohne das Ende seiner Werke zu sehen. Sein Wunsch, hier
begraben zu werden, konnte nicht in Erfuellung gehen. Die franzoesische
Regierung verbot die Bestattung am Cap; die Familie gab daher die
Besitzung auf.

So wird denn dieses Stueck Orient hier wieder verschwinden, vielleicht
Ruinen bilden, die man dermalen als saracenische deuten wird. Der Fischer
aber, dem ein Stueck Strand nach dem andern entzogen wird, hat vom Cap
wieder Besitz ergriffen. Mit sichtlicher Schadenfreude zerstoert er die
Mauer, die ihm den Zugang zu den Felsen sperrte, auf denen er gewohnt war,
von Kind auf zu fischen. Und auch der Fremde, der das Cap besucht, kann
wieder ungehindert auf diesen zerrissenen Felsenklippen streifen und dem
geheimnissvollen Rauschen der Wogen in den tiefen Spalten des Gesteines
lauschen.

                                   VII.

Einige Tage spaeter verliessen wir Cannes und siedelten nach dem Cap Martin
ueber. Eine englische Gesellschaft hat vor einiger Zeit dieses ganze Cap
erworben und ein Hotel auf demselben errichtet, das zu den comfortabelsten
der ganzen Riviera gehoert. Hat man es sonst zu bedauern, dass die schoensten
Punkte dieser Kueste der Speculation zum Opfer fallen, so ist dies beim Cap
Martin nicht der Fall. Denn mit viel Geschick und Geschmack verstand es
die englische Gesellschaft, dem Cap seinen urspruenglichen Charakter zu
wahren und den schoenen Wald von Aleppokiefern, mit dem das Cap bedeckt
ist, in einen nicht minder schoenen englischen Park zu verwandeln. Sie
schonte jeden einzelnen Baum; die Maquis am westlichen Strande hat sie in
ihrem urspruenglichen Zustand belassen, fremdartige Gewaechse nur in
discretester Weise angebracht. Das Hotel steht auf der Hoehe, am suedlichen
Ende des Caps, noch in den Wald eingeschlossen, von welchem man nur so
viel entfernte, als zum Bau des Hauses durchaus nothwendig schien. Auch
werden die Grundstuecke am Cap von der Gesellschaft nur unter Bedingungen
verkauft, die den neuen Besitzer zur Schonung des Waldes verpflichten. So
merkt man nicht viel von den entstehenden Villen im Walde, und man muss auf
die Hoehen steigen, die das Cap beherrschen, um sie zu entdecken. Der
Strand sollte frei bleiben, daher keines der verkauften Grundstuecke bis zu
demselben reicht. Man kann vom Hotel aus jetzt ungehindert den Wegen
folgen, die sich um das ganze Cap ziehen. An dem oestlichen Ufer des Caps
laeuft die Landstrasse, die nach Mentone fuehrt; sie ist staubig, und sucht
man sie daher nach Moeglichkeit auf den Spaziergaengen zu meiden. Das kann
man auch, wenn man die Strassen einschlaegt, die im Walde, am Ruecken des
Caps, verlaufen. Besonders anziehend und von Staub ganz frei ist aber der
Fussweg, der in westlicher Richtung am Cap sich hinzieht. Er folgt auf
langer Strecke zwischen Kiefern und wuerzigen Straeuchern dem Strande. Er
ist so schoen, bietet so mannigfaltige Ausblicke, dass man nicht muede wird,
auf ihm zu wandern. Der Weg steigt auf und ab, immer in unmittelbarer Naehe
des Meeres, dicht ueber zerrissene Felsenmassen. Myrten, Pistacien,
Rosmarin umranden ihn, haeufig waechst da ausserdem der immergruene Wegedorn
mit dunklen Beeren, der _Rhamnus alaternus_, auch das interessante
_Cneorum tricoccum_ mit kleinen gelben Bluethen, das uns schon aus den
Maquis von Antibes bekannt ist, und die wuerzige Weinraute (_Ruta
bracteosa_), die um diese Zeit schon ihre gelbgruenen Bluethendolden
entfaltet. Bei jeder Windung des Weges ragen neue Felsen aus dem Meer
hervor, immer anders geformt, in unerschoepflichem Wechsel. Ueberall die
anbrausenden Wogen mit ihrem Silberrand, hier von tiefem Blau, dort von
hellem Gruen, dort wieder in violetten Toenen; dann ploetzlich voruebereilende
Fischerbarken, grell beleuchtet im lichten Schein der Sonne. Die Ruder
tauchen wie in fluessiges Metall, und funkelnde Tropfen fallen von ihnen in
das Meer zurueck. Weite Blicke oeffnen sich ueber die Kueste: hier Monte
Carlo, sanft vom Meere aufsteigend, dort Monaco auf seinem steilen Fels,
darueber, wie auf Wache, die riesige "Tete de Chien". Ganz in der Naehe
liegt am Bergesabhang das Felsennest Roccabruna, in Orangenhaine gehuellt,
umrahmt von Cypressen und Carouben. So laesst sich hier genussreich am fruehen
Morgen wandern, da die Sonne noch im Osten steht, im Schatten der Baeume
und des steil aufsteigenden Caps; felsauf, felsab, einmal dicht am Meere,
dann ueber demselben, dann wieder am Strand, wo die Welle bis zu den Fuessen
rollt. Doch gilt es frueh aufzubrechen, denn das Cap ist nicht rein
suedlich, sondern suedwestlich gerichtet, und bald beginnen die Strahlen der
Sonne auch den westlichen Abhang zu streifen. Da stellt sich aber der
erwuenschte Schatten am oestlichen Strande ein. Zwischen der staubigen
Strasse und dem Meere liegt ein Felsenstreifen, auf dem Kiefern wachsen,
und wo man, von Staub nicht belaestigt, ruhen kann. Auch hier ist der
Strand tief zerklueftet und bildet einen bewegten Vordergrund fuer das Bild,
das sich jenseits der Bucht entfaltet. Die Kiefern neigen sich vor ueber
die Felsen, strecken ihre Kronen dem Meer entgegen und fassen hier das
weisse Mentone, dort die hohen Gipfel ueber demselben, dort wieder La
Mortola oder Bordighera ein in ihr gruenes Laub. Oft stundenlang sassen wir
auf diesen Felsen, ein Buch in der Hand, blickten auch haeufig ueber
dasselbe hinweg, hinaus in die blaue Fluth. Zeitweise waren es auch
Fischer, die unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Sie spaeheten in der
Naehe den Fischen nach. Einer sass oben ueber dem Felsen auf einem Gestell
aus drei verbundenen Stangen und schaute unablaessig in die Tiefe. Andere
lagerten in einem Boot, bereit auf ein gegebenes Zeichen die Netze zu
heben. Die Netze waren an einem leeren, quergestellten Boote befestigt und
bildeten ein Dreieck, das an einer Seite offen stand. Erblickte der Spaeher
Fische, die in das Dreieck eingeschwommen waren, so zog er an einem Seil
und dass Netz schloss sich nun auch an der freigehaltenen Seite. Rasch
naeherte sich dass Boot dem Ufer, schnitt den Fischen jeden Rueckweg ab; die
Netze wurden emporgezogen, und meist einige nicht eben grosse Fische, oft
auch nur ein einziges solches zappelndes Geschoepf erkapert. Die Geduld
dieser Menschen erweckte in mir besondere Bewunderung. Stundenlang lagen
sie da unbeweglich im Boote; den ganzen Tag ueber hockte der Spaeher oben
auf seiner Stangenpyramide, und die Zeit wurde ihm, wie es schien, nicht
lang. Was fuer ein Gegensatz zu solchen Menschen wie wir, die wir uns den
ganzen Tag ueber hetzen und aufreiben, keine Viertelstunde unbenutzt lassen
und nun hierher kommen muessen, damit unsere Nerven sich wieder etwas
beruhigen. Der Mann da oben auf seiner Pyramide erinnerte mich aber
lebhaft an einen Seeadler, den ich auf einem hohen Felsen von Antibes, an
einer einsamen Stelle des Strandes, einst sitzen sah. Auch er blickte
starr in das Wasser, blickte lange und geduldig, ohne auch nur den Kopf zu
bewegen, stuerzte sich dann wie ein Pfeil hinab in die Fluth und stieg auf
in die Wolken mit einem Fisch in den Krallen.

Das Hotel am Cap Martin ragt ueber die Baeume des Waldes empor. Suedwaerts
eroeffnet es die Aussicht auf das weite Meer. Nordwaerts gestattet es, ueber
den gewoelbten Kuppeln des Waldes, der ganzen Bergkette zu folgen, welche
diese Kueste schuetzt. Da reihen sie sich an einander diese gewaltigen Berge
vom Mont Agel im Osten, bis zum Berceau im Westen; die maechtigsten
Kalkriesen liegen in der Mitte und schneiden mit scharfem Grat in den
blauen Himmel ein. Jeden Abend waren unsere Blicke auf sie gerichtet, wenn
die schwindende Sonne ihre Gipfel roethete, ein Gipfel nach dem andern dann
langsam erlosch. Oefters stiegen wir auch gegen Abend zum oestlichen
Strande hinab, um die Beleuchtung der Kueste zu schauen. Waehrend tiefer
Schatten schon Mentone deckte, flammte im purpurnen Lichte noch
Alt-Bordighera. Ein Liebling der Sonne an dieser goldigen Kueste, empfaengt
es am Abend ihren letzten Gruss.

Wenn es dann ganz dunkel war, zogen wir nochmals ans Meer. Es galt Mentone
und Monte Carlo in ihrem Lichterschmuck zu betrachten. Monte Carlo im
Besonderen sieht dann ganz feenhaft aus. Tausende von Lichtern draengen
sich am Fusse des Berges zusammen, der einen dunklen Schatten auf den
bestirnten Himmel wirft. Ich schaute oft in dieses Bild, und es war mir
wohl, als haette ich es lange zuvor schon gesehen. Doch wo und wann? das
wusste ich nicht mehr zu finden. Da ploetzlich, sah ich es ganz lebhaft
wieder vor mir, das alte Bild, so wie ich es mit Kinderaugen geschaut
hatte. Es war ein gemaltes Bild von Neapel in einem kleinen Panorama, das
ich am Weihnachtsabend einst bekommen hatte. Hielt ich es gegen ein Licht,
dann leuchteten unzaehlige Flammen in Neapel auf und erregten meine
kindliche Phantasie. Es waren Nadelstiche, welche das Bild durchsetzten.
Wie in jenem Bilde Camaldoli ueber Neapel, so ragte hier die Tete de Chien
ueber Monte Carlo hervor; und wie die Lichter am Posilip, so stiegen hier
die leuchtenden Punkte am Felsen von Monaco in die Hoehe. Wie stark sind
doch solche Eindruecke der Kindheit! Was hat nicht Alles dieses geplagte
Hirn seitdem in sich aufnehmen muessen, und doch war das alte Bild nur
verdeckt, nicht ausgeloescht, und tauchte wieder auf, als ein aeusserer
Anstoss es zum Bewusstsein brachte.

Dort, wo das Cap Martin die breite Kueste erreicht, ist es mit schoenen
alten Oelbaeumen bedeckt. Da sind sie wieder da, diese phantastisch
verschnoerkelten Staemme, von denen keiner dem andern gleicht. Sie werden um
so maechtiger und schoener an dieser Kueste, je weiter man sich vom Esterel
entfernt. Welch ein Unterschied zwischen den armseligen Baeumen der
Rhonemuendung und jenen Riesen hier, die ihre Kronen stolz in die Luefte
erheben. So muss man sie gesehen haben, um sie zu wuerdigen und sie zu
lieben; auch ist die Lichtfuelle dieser sonnigen Gegenden noethig, damit ihr
Laub nicht grau und traurig, sondern silbern und leuchtend erscheine.
Daher der Olivenwald ein hoechst stimmungsvolles Element dieser Landschaft
bildet. Da die Blaetter des Oelbaumes nicht gross sind und seine Belaubung
nie dicht wird, so herrscht im Olivenwalde ein Zwielicht von ganz eigenem
Zauber. Jeder Windhauch bewegt dieses Laub, und dann zittern die einzelnen
Lichter auf den Baeumen, sie huschen wie Leuchtkaefer ueber den Boden, und es
belebt sich ploetzlich die Einsamkeit.

Trotz seiner scheinbar exponirten Lage ist das Cap Martin gegen die
Nordwinde und den Mistral sehr gut gedeckt und nur den Ostwinden
preisgegeben. Dass die hohen Berge im Norden und im Westen das Cap
erfolgreich gegen Kaelte schuetzen, hat der letzte strenge Winter gelehrt.
Es lag fast kein Schnee auf dem Cap, waehrend er Mentone deckte, und weder
Bougainvillea noch Heliotrop haben an dem Hotel du Cap gelitten. Die
Pflanzen sind aber die sichersten Weiser fuer das Klima. Die Bougainvilleen
und der Heliotrop sind an den meisten Orten der Riviera im letzten Winter
erfroren oder buessten ihr Laub doch ein. Auch die strauchartige Wolfsmilch
(_Euphorbia dendroides_), die ueberall am westlichen Abhange des Cap Martin
waechst, zeigt durch ihre kraeftige Entwickelung an, wie guenstig die
klimatischen Verhaeltnisse hier fuer sie sind. Man muss nach dem suedlichen
Sardinien gehen, will man noch groessere Exemplare dieser Pflanze sehen. In
dem nahen Mentone zeugen fuer das milde Klima dieser Region vor allem die
ueppigen Citronenwaelder. Der Citronenbaum kann Temperaturen unter -5 deg. C.
nicht vertragen. Seine Fruechte erfrieren schon bei -3 deg. C. Man denke sich
die Aufregung der Leute in diesem letzten Winter, wo das Thermometer
wiederholt unter 0 deg. sank. Der Besitzer eines groesseren Citronengartens
erzaehlte mir, er habe in den kalten Naechten viele Stunden am Thermometer
gestanden und mit Angst auf die Quecksilbersaeule gestarrt, ob sie nicht
noch weiter falle. Noch einen halben Grad tiefer und die Einnahme des
ganzen Jahres war verloren. Thatsaechlich sind an vielen Stellen bei
Mentone im letzten Winter die Citronen, nicht die Baeume, wohl aber die
Fruechte erfroren. Es geschah das besonders am Ausgang der Thaeler, wo der
Schutz gegen Norden unvollkommen ist. Dort sollten Citronen ueberhaupt
nicht gebaut werden; doch die Leute vergessen die Vorsicht, wenn viele
aufeinander folgende Winter mild gewesen sind. Fuer gewoehnlich beruehren ja
die kalten Nordwinde die Kueste nicht, sie erreichen erst in einigen
Kilometern Entfernung das Meer, und ist es eine haeufige Erscheinung, dass
das Meer dort stuermisch ist, waehrend volle Windstille an der Kueste
herrscht. - Die Orangen haben bei Mentone auch in diesem Winter nicht
gelitten. Diese Frucht kann bei bedecktem Himmel -4 deg. C. aushalten, und die
Kaelte muss laengere Zeit -6 deg. C. betragen, damit der Baum getoedtet werde.
Daher bei Cannes wohl Orangenbaeume, nicht aber Citronenbaeume zu sehen
sind, und selbst an den Orangenbaeumen war bei Golfe Jouan das Laub zum
Theil erfroren. Auch der Johannisbrotbaum ist gegen niedere Temperaturen
sehr empfindlich, und zeugt somit, wenn stattlich entwickelt, fuer ein
mildes Klima. Schoener und ueppiger kann man ihn aber an der Riviera nicht
sehen, als auf der Strecke, die von Villefranche bis San Remo reicht.

An schoenen, sonnenklaren Tagen pflegt an der Riviera gegen acht Uhr
Morgens die Seebrise sich zu erheben. Dann wird es meist kuehler als zuvor.
Nach Anbruch der Nacht faellt dann die Luft von den Bergen ab, der Landwind
stellt sich ein. Zwischen den Zeiten der beiden Winde herrscht oft voellige
Ruhe. Die italienischen Fischer bezeichnen sie als "_bonaccia_", weil sie
die wenigste Gefahr in sich birgt. - Auffaellig ist es dem Fremden, wenn
gegen das Fruehjahr der sonst so heisse Scirocco an der Riviera von Schnee
begleitet ist. Es geschieht das freilich selten, kann aber erfolgen, wenn
auf den hohen corsicanischen Bergen sich grosse Schneemassen anhaeuften.

Auf der ganzen Strecke von Villefranche bis San Remo sieht man fast keine
laubwerfenden Baeume. Daher man hier weit weniger an den Winter gemahnt
wird, als weiter im Sueden, ja selbst in Neapel. Dort dominirt der
Feigenbaum und der Weinstock, so dass der Posilip uns einmal im Maerz fast
kahler erschien, als das Rheinthal, das wir kurz zuvor verlassen hatten.

Die Naechte waren jetzt vom Mondschein erhellt, und die Berge glaenzten in
magischer Beleuchtung: Ein maechtiges Amphitheater, dessen scharf gezaehnte
Gipfel sich wie feine Spitzenarbeit vom Himmel abhoben, in welchem tief
unten die Lichter von Mentone funkelten.

Dieser Vollmond sollte uns Ostern bringen. Wir gingen des Abends an den
Strand, um ihn zu erwarten. Es war ganz dunkel auf den Felsen am Meere,
einsam und still. Flach ausgebreitet lag vor uns die weite See und schien
fast zu schlafen. Oben breitete sich das Himmelsgewoelbe aus, fast schwarz,
doch besaeet mit ungezaehlten Sternen, die sich mit silbernen Streifen auch
im Meere spiegelten. Es schien, als sei die Natur gespannt auf ein
Ereigniss, das da kommen sollte: so still und feierlich war es rings umher.
Kein Grashalm erzitterte. Die Kiefern streckten aber ihre Kronen vor nach
der See, als wollten sie weit ueber die Fluthen hinaus in die Ferne
lauschen. Die wuerzigen Duefte der Maquis senkten sich langsam zur See
hinab, wohl um ihr duftigen Weihrauch zu streuen. Vielleicht war aber nur
unsere Seele von Erwartung voll, und wir trugen diese Empfindung hinaus in
die weite Welt. - Ploetzlich tauchte ein rother Streifen im Osten ueber dem
Wasser empor. Er nahm an Breite zu und bald warf er den ersten leuchtenden
Strahl ueber die schwarze Fluth: es war, als wolle er sie liebkosen. Die
Fluth erzitterte unter diesem Strahl und legte sich in sanfte Wellen, wohl
um ihn einzuwiegen. Der Mond tauchte ganz aus dem Meere hervor, mit
geroethetem Antlitz, wie verschlafen. Quer gedehnt, mit geschwollener Backe
sah er fast laecherlich aus. Doch rasch rundete sich sein Antlitz ab, nahm
leuchtende Silberfarbe an und schuettete Licht in Fuelle ueber die
Meereswellen aus. Und waehrend er hoeher stieg, erblassten die Sterne. Nur
die Groessten vermochten ihm noch ins Antlitz zu schauen, die anderen
verloren sich in den Tiefen des Himmelsgewoelbes. Am Strand, wo sich die
Wellen an den Felsen brachen, da funkelte und blitzte es von unendlichen
Lichtern, als haetten alle die Sterne, die am Himmel schwanden, sich hier
gestuerzt in die Tiefe. Ein breiter silberner Fluss zog sich vom Strande bis
an die aeussersten Schranken des Meeres. Stellenweise war er von glatten
Streifen unterbrochen, die wie Opal ihre Farbe wechselten. Voruebergehend
tauchten duestere Barken in das Mondlicht ein, wie dunkle Silhouetten auf
Silbergrund. Der Mond stieg immer hoeher ueber die Fluthen und setzte in
weitem Bogen seinen Siegeszug am Himmelsgewoelbe fort. Bald begann sein
Licht auch in die tiefsten Spalten des Strandes einzudringen und die
zerrissenen Felsen traumhaft zu beleuchten. Da sah es denn aus, als waeren
die schaumgekroenten Wellen eines erregten Meeres versteinert stehen
geblieben, oder man meinte in einen zerkluefteten Gletscher der Alpen zu
blicken; dort zauberten schmale Felsengrotten der Phantasie einen
arabischen Friedhof vor, dort endlich eine Schar von Pilgern, die im
weissen Gewande von den waldigen Hoehen gegen das Meer zu wanderten. In
allen Buchten sprueht es aber Funken, die Lichter schwimmen an der
Oberflaeche oder sie sinken unter; bald verschmelzen sie mit einander, bald
trennen sie sich wieder, in endlosem Spiel.

In den Ostertagen rueckte ein Nordsturm heran. Mit ungewohnter Gewalt
stuerzte er sich auf die Felsenriesen, die Mentone schuetzen und suchte
ihren Widerstand zu brechen. Da entspann sich ein gewaltiger Kampf
zwischen diesen Titanen und den entfesselten Elementen: es heulte und
zischte in den Lueften. Wir sahen den rauhen Winter ueber unseren Koepfen
schweben, waehrend wir uns noch im milden Fruehling befanden. Der Norden
warf seinen kalten Schnee den Felsenriesen gegen das Haupt. Sie schienen
zeitweise zu weichen. Ein kalter Luftstrom ergoss sich ueber das Cap. Die
aleppischen Kiefern schuettelten bedenklich ihre Haeupter, die Wellen des
Meeres flohen wie entsetzt mit schaeumender Maehne von dem Lande. Bis in die
Nacht hinein zitterte und bebte das Cap. Dann wurde es still, bald
leuchteten die Sterne und am naechsten Morgen standen sie wieder da im
goldigen Sonnenschein, die Riesen ueber Mentone, zwar mit Schnee noch
bedeckt, doch siegesbewusst, stolz ihre Felsenhaeupter zum Himmel erhebend.

Dieser Sonnenschein sollte leider nicht dauern; das Gleichgewicht in den
Lueften war gestoert. Bald zog der Ostwind heran, und das Wetter verdarb
sich. Das erleichterte uns die Trennung von der Riviera. Dicke
Regentropfen fielen vom Himmel und traenkten die durstige Erde. Wir aber
konnten von hier in dem suessen Wahne scheiden, es weine uns dieser Himmel,
den wir so liebgewonnen, einige Thraenen zum Abschied nach.

                            ------------------





INHALTSUeBERSICHT.


*Vorwort   **VII*

*Fruehjahr 1891   **1*

  Bordighera   2

  Monte Nero   3

  Sasso   5

  Oelbaeume   6

  Fruehlingsblumen   11

  Weinstock   11

  Palmen   15

  Gorbio   23

  Pont St. Louis   26

  Garten von La Mortola   30

  Weg nach Mentone   69

  Charakterpflanzen der italienischen Landschaft   70

  Reiz- und Genussmittel aus dem Pflanzenreich   72

  Route de la Corniche   83

  Nizza   85

  Cap d'Antibes   85

  Maquis   89

  Garten Close   99

  Seesturm am Cap   99

  Blumencultur an der Riviera   101

  Sonnenuntergang am Cap   105

*Fruehjahr 1894   **107*

  Hyeres   107

  Maurengebirge   114

  Korkeichen   115

  St. Tropez   121

  La Gaillarde   126

  St. Aigulf   127

  Frejus   127

  St. Raphael   129

  Esterel-Gebirge   132

  Malinfernet   141

  Abend in St. Aigulf, Le Trayas   144

  Cap Roux   148

  Pic d'Aurelle   154

  Klarheit des Seewassers   157

  Grasse   158

  Ursprung der Parfueme   159

  Gewinnung der Parfueme   162

  Wirkungen aetherischer Oele   176

  Geschichte der Parfueme   177

*Fruehjahr 1895   **187*

  Cannes   187

  La Californie   188

  La Maure   191

  Lerinische Inseln   193

  Geschichte von Cannes   203

  Ausflug nach Antibes   207

  Wirkungen des Lichtes   208

  Klarheit der Luft   209

  Cap Martin   211






ANMERKUNGEN DER KORREKTURLESER


Von den Korrekturlesern des _Project Gutenberg_ wurden mehrere Aenderungen
am Originaltext vorgenommen. Es folgen paarweise Textzeilen im Original
und in der vorliegenden geaenderten Fassung.



      Blaettern in gleicher Weise von Lichtstahlen getroffen.
      Blaettern in gleicher Weise von Lichtstrahlen getroffen.

      mit Bambusfasern Matratzen gegefuellt und Moebel gepolstert.
      mit Bambusfasern Matratzen gefuellt und Moebel gepolstert.

      ganz wie die Scheinbeeren unsers Wachholders verwandt.
      ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt.

      Die Geige, ein Guarneri, der einst Paganini daemonische Toene
      Die Geige, eine Guarneri, der einst Paganini daemonische Toene






***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STREIFZUeGE AN DER RIVIERA***




CREDITS


September 29,  2009

            Project Gutenberg TEI edition 1
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they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
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Section 3.


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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
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S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org



Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
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***FINIS***
