The Project Gutenberg EBook of Streifzge an der Riviera by Eduard
Strasburger



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Title: Streifzge an der Riviera

Author: Eduard Strasburger

Release Date: 2009-09-20 [Ebook #30042]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STREIFZGE AN DER RIVIERA***





Streifzge an der Riviera


by Eduard Strasburger




Project Gutenberg TEI edition , (2009-09-20)





                                Streifzge

                              an der Riviera

                                   Von

                           Eduard Strasburger.

                                  Berlin

                        Verlag von Gebrder Paetel

                                   1895





Meiner Tochter

                               Anna Tobold

                                                                  gewidmet





INHALT


Vorwort.
Frhjahr 1891.
Frhjahr 1894.
Frhjahr 1895.
Inhaltsbersicht.
Anmerkungen der Korrekturleser






VORWORT.


Whrend graue Winternebel das Rheinthal fllten, schrieb ich diese Zeilen
nieder. Welch' ein Glck, da auch an trben Tagen die Phantasie uns ber
die Wolken zu erheben vermag. Oft war es mir, als leuchte die Sonne hell
in meinem Innern, whrend es drauen dunkel war. Dann sah ich vor mir die
blaue See, an ihren Ufern die steil abfallenden Felsen und in weiter Ferne
die hohe Alpenkette mit ihrem Diadem von Schnee. Sie spiegelten sich in
meinem Geiste wider die leuchtenden Ufer des Mittelmeeres und zauberten
mir goldigen Sonnenschein und wrzigen Duft der Maquis in grauen Stunden
vor. So mgen denn diese Zeilen auch in fremder Seele
Frhlingsempfindungen wecken, whrend es drauen noch schneit und friert.

*Bonn* 1895.





FRHJAHR 1891.


                                    I.

Es war Mitte Mrz: Wir erwarteten sonniges Frhlingswetter, und doch
regnete es an der Riviera. Unaufhrlich schlugen die Regentropfen gegen
die Scheiben, heftig oder gelinde, doch ohne Ende, so da auch die Tage
endlos erschienen.

Mimuthig hatte man das Buch aus der Hand gelegt, die Unterhaltungen
stockten. Bittere Klagen wurden ber das Wetter laut. So Mancher war ber
die Alpen geeilt in der sicheren Erwartung, jenseits derselben den viel
gepriesenen ewig blauen Himmel zu schauen; er hatte gehofft, den nahenden
Vollmond in den Fluthen des Mittelmeeres sich spiegeln zu sehen, und nun
wurde all' sein Sehnen und Trachten zu Wasser. - Ich selbst, der ich oft
schon den Frhling in Italien zugebracht hatte, fate die Sachlage weit
ruhiger auf. Wute ich doch, da auch in Italien die Regenzeit auf das
Frhjahr fllt. Wrden die Felder und Grten Italiens nicht im Sptherbst
und Frhling mit Regen getrnkt, wie sollten sie Frchte tragen? Herrscht
doch in den brigen Jahreszeiten meist die grte Drre. Was mich
veranlat, trotz dieser scheinbar wenig gnstigen Aussichten, doch immer
wieder gerade im Frhjahr ber die Alpen zu ziehen, das ist die Sehnsucht
nach grnen Fluren und belaubten Bumen, nach etwas Sonne und Wrme; die
Zuversicht, am Mittelmeer doch mildere Witterung als im Norden zu finden,
die Hoffnung, dort auch manchen sonnigen Tag, ja bei einigem Glck eine
ganze Reihe solcher Tage zu erleben. Nach dem langen, kahlen, kalten
nordischen Winter wirkt der Contrast am strksten; man freut sich ber das
krglichste Grn, nimmt dankbar jeden Sonnenstrahl entgegen, whrend schon
Mancher zur Herbstzeit in der sonnverbrannten lombardischen Ebene sich
nach den saftreichen Matten und dem ppigen Baumwuchs der Alpen
zurcksehnte. Der Herbst pflegt auch in unseren Breiten schn zu sein,
whrend unser Mrz- und Aprilwetter mit Recht berchtigt ist. So kam es
auch in diesem Frhjahr; denn whrend Briefe und Zeitungen uns Kunde von
Schnee und Klte von jenseits der Alpen brachten, hatten wir uns am
Mittelmeer alsbald des herrlichsten Sonnenscheins zu erfreuen. Ganz
besonders schn wurde es um die Osterzeit. Himmel und Erde zogen ihr
Festkleid an, um sich in unsterbliche Pracht zu hllen. Der Ostersonntag
fand mich in Bordighera. Vor Tagesanfang brach ich auf, um den Monte Nero
zu besteigen. Doch blieb ich bald gefesselt am Cap d'Ampeglio stehen und
wartete dort den Sonnenaufgang ab. Geisterhaft verklrt tauchte Corsica in
weiter Ferne auf; vorn aber folgte das entzckte Auge der
reichgegliederten Kste, die im weiten Bogen das Meer umfat, als wolle
sie es liebevoll an sich schlieen. Der Osten war stark gerthet, und
dieser purpurne Schein frbte in glhenden Tnen die Kmme der stahlblauen
Wellen. Kein Wlkchen trbte das Himmelsgewlbe, das aus tiefstem Blau
durch zartes Grn sich gegen die Meeresflche senkte. Pltzlich tauchte
der rothe Sonnenball am Horizont empor und sandte seine feurigen Strahlen
ber das weite Meer, als wenn er es entznden sollte. Und tausend Lichter
drangen in die tiefen Buchten des Strandes, in die dunklen Thler der
Kste ein, um aus denselben die Schatten der Nacht zu verscheuchen. Hell
blitzten in weiter Ferne, wie von Feuersbrunst erfat, die Huser von
Monaco auf, und selbst das entfernte Antibes warf lange, goldige Strahlen
der Sonne als Morgengru zurck. Ueberall war es wie ein Aufflammen, ein
Erwachen, und gleich einem Jubelruf tnte es durch die ganze Natur. So
feierten an jenem Morgen Himmel und Erde am blauen Mittelmeer das Fest der
Auferstehung! Ich war in dieses Schauspiel wie verloren und merkte nichts
von dem Schwinden der Zeit. So kam es, da die Sonne schon hoch am Himmel
stand, als ich die Weiterwanderung antrat. Die ganze Meeresflche
glitzerte jetzt von unzhligen Lichtern, als wre sie mit Diamanten
berset; das ferne Corsica lste sich allmlig in einem Nebelstreifen
auf, als wre es nur ein Traumbild gewesen. Vor mir, am Cap d'Ampeglio,
lag Alt-Bordighera, schon ganz in Sonnengluth getaucht.

Zwei Stunden sind nthig, um den Monte Nero zu besteigen. Diese Angabe
wurde mir freilich nur nach Hrensagen gemacht, denn die Wenigsten sind
dort oben jemals gewesen. Ohne zwingenden Grund besteigt der Eingeborene
hier selten einen hohen Berg; nur eine Leidenschaft, die der Jagd, vermag
ihn in so hohe Regionen zu treiben, ungeachtet er auch dort oben nur
winzige Vgel findet, um seine Waidmannslust zu stillen.

Auf einen wirklich ortskundigen Mann war ich bei allen Nachforschungen
ber den Monte Nero nicht gestoen, und so geschah es, da ich eigene
Erfahrungen erst sammeln mute. Es zeigte sich, da der ganze Gipfel des
Berges dicht bewaldet ist und weder die gepriesene Fernsicht noch irgend
welchen freien Ausblick gewhrt. Reichliche Entschdigung fand ich aber
fr die Mhe an dem nrdlichen, vom Meere abgekehrten Abhang des Berges.
Als ich dort abzusteigen begann, gelangte ich alsbald auf einen Sattel,
der den Monte Nero von dem hheren Monte Caggio trennt. Hier konnte, von
einzelnen waldfreien Stellen aus, der Blick sich ungestrt in die
tiefeingeschnittenen Thler versenken, ber sanfte Hgelketten schweifen,
den lang gedehnten Strand erreichen und sich in dem weiten Meer verlieren.
Jenseits des Grates, der das lange Dorf Colla di Rodi trgt, tauchte im
Osten ein Theil von San Remo hervor. Im Nordwesten wurde das Auge durch
die schneebedeckten Hupter mchtiger Riesen der Seealpen gefesselt. In
wunderbarer Klarheit setzten die blendend weien Schneemassen von dem
dunklen Blau des Himmels ab, whrend nach abwrts das dunkle Grn der
Fhren, das dem Monte Nero seinen Namen gibt, sich durch helleres Grn der
Oliven bis zum Blau des Meeres abtnte. Nur wenige Landschaften, auch in
Italien, gibt es, welche diese an Schnheit bertreffen. Vereinigt doch
dieses Bild Alles, was berufen scheint, unser Auge zu entzcken, unseren
Verstand zu fesseln, unsere Einbildungskraft anzuregen. Der Anblick der
Schneefelder oben in den Alpen hatte dem Flug meiner Gedanken die Richtung
nach Norden gegeben. Jenseits dieser Berge mochte noch grimmige Klte
herrschen; hier, sdlich von den Alpen, war der Sieg des Frhlings ber
den Winter lange schon errungen, so da der Klang der Osterglocken, der
aus den Thlern zum Monte Nero emporstieg, nur der Freude zu gelten
schien.

Der schne Garten vor dem Htel Angst stand in voller Blthe; die Beete
glichen groen Blumenkrben. Ueppige Strucher des capischen Pelargoniums
hatten berall ihre zinnoberrothen Blthen entfaltet. Der peruanische
Heliotrop kletterte am Hause empor und erfllte die Luft mit
vanilleartigem Wohlgeruch. Es gesellten sich zu diesem die Dfte von
Nelken, Reseda und von gelben Theerosen. Die Bltter immergrner Bume
leuchteten im Garten von Licht berfluthet; sie warfen auf die Wege
dunkelblaue Schatten. Unter den Palmen sa ein junges Ehepaar, das ich bei
der Heimkehr begrte. Ihm ward das Glck zu Theil, seine Flitterwochen am
Mittelmeer zu feiern. Jener sonndurchglhte, blumenreiche Ostersonntag, an
welchem die Natur alle ihre Schtze so verschwenderisch ber die Riviera
ausgeschttet hatte, wird diesem Paar wohl einer der hchsten Feiertage
des ganzen Lebens bleiben.

Nicht weniger als vier Thler mnden in die schmale Ebene, die sich lngs
des Meeres vom Cap von Ampeglio bis nach Ventimiglia hinzieht. Daher
lassen sich von Bordighera zahlreiche Ausflge unternehmen, tglich fast
mit neuer Abwechselung. Da man im Htel Angst zugleich vorzglich
aufgehoben ist, wird man seinen Aufenthalt in Bordighera gerne verlngern.
Ob Bordighera auch eine geeignete Station fr Brustkranke ist, vermag ich
nicht zu beurtheilen. Seiner ins Meer weit vorgeschobenen Lage wegen ist
der Ort den Winden stark ausgesetzt, doch streifen diese Winde ganz
vorwiegend ber das Meer, sind daher weniger kalt und trocken als an
vielen anderen Pltzen der Riviera. Es herrscht somit in Bordighera die
Seeluft vor, welche auf Reisende, die nur Erholung suchen - und deren Zahl
wird an der Riviera alljhrlich grer - sehr anregend und belebend wirkt.

Keinesfalls drfte man, selbst bei kurzem Aufenthalt, in Bordighera es
versumen, einen Ausflug nach Sasso zu unternehmen. Sasso ist ein kleines
Dorf, auf dem Bergrcken gelegen, der die Thler von Sasso und von
Borghetto trennt. Der Ort liegt nur vier Kilometer von Bordighera
entfernt, und man erreicht ihn sowohl durch das Thal von Sasso, das
stlich von Bordighera mndet, als auch dem Bergrcken folgend, auf dem
Alt-Bordighera steht. In dem Ort selbst ist nichts zu bewundern: schn
erscheint er nur aus der Entfernung. Seine hohen, zu einer Masse
verschmolzenen, nach auen nur von wenigen Fenstern durchbrochenen Huser
rufen den Eindruck einer einzigen gewaltigen Festung hervor. Besonders
malerisch ist der Blick auf Sasso von dem Wege aus, der zwischen alten
Olivenbumen oben dem Bergrcken entlang luft. Er berrascht uns ganz
pltzlich an einer Straenwendung, nachdem der steile Pfad die Hhe
erklommen hat. Von zahlreichen Stellen des Weges berschaut der Wanderer
alsdann die beiden Thler von Sasso und von Borghetto; er kann mit dem
Blick auch weiter dringen bis in das Thal von Vallecrosia, whrend ihm
gleichzeitig ber den nahen Hgelreihen die schneebedeckten Hupter der
Seealpen entgegenleuchten. - Wie oft habe ich mich stundenlang an diesem
Wege aufgehalten, von Zeit zu Zeit den Platz verndernd, um das Bild in
anderer Umrahmung zu bewundern. Hier war es nur ein einziger
phantastischer Schneepalast, der in lichtes Grn der Oliven gefat, mir
entgegenstarrte; dort tauchte mein Blick tief in ein Thal hinab, um auf
den dichtgedrngten Husern einer buntscheckigen Ortschaft zu ruhen, oder
es folgte auch mein Auge dem Lauf eines Baches, der, zwischen
Oleanderbschen versteckt, in zahlreichen Windungen dem Meer zueilte; oder
es war wieder Sasso, welches ber Baumwipfeln, wie in einem grnen Meer,
zu schweben schien, oder endlich die tiefeingeschnittene Kste und das
weite Meer, auf welchem der ermattete Blick Rast machen konnte. Welche
Flle von Motiven fr den Landschaftsmaler! Ich mute mich begngen, die
Bilder in mein Inneres aufzunehmen, wo sie freilich auch jetzt noch
farbig-sonnigen Widerschein finden.

                                   II.

Die Olivenhaine, durch welche man am Bergrcken entlang nach Sasso
wandert, sind von seltener Schnheit: alte, knorrige Stmme, oft auf
mehreren Fen, wie auf Stelzen, in die Lfte ragend. Man bleibt gern
stehen, um einzelne dieser Bume zu bewundern, erfreut sich dann auch des
Gegensatzes, den die dunkel beschatteten Stmme gegen das leuchtende Blau
des Himmels und des Meeres bilden. Zauberhaft schn ist es aber in einem
solchen Olivenhain des Abends zu wandeln, wenn der Vollmond ber dem Meere
steht. Da glnzen so eigenartig die mattgrauen Bltter der Bume, und es
blitzt bei jedem Windhauch wie Silber aus den Zweigen. Auch der lange
Mondstreifen im Meere scheint sich zu beleben, er wiegt sich auf den
Wellen, folgt bebend ihrem Lauf und zerschellt mit ihnen am Strande zu
leuchtendem Schaum.

Die Blthezeit des Oelbaumes fllt in den Mai oder Juni. Dann ist er dicht
bedeckt von kleinen, gelblichweien Blthen, die einen lieblichen Geruch
verbreiten. Diese Blthen erinnern an diejenigen unserer Rainweide, des
_Ligustrum vulgare_, eines Strauches, der in Wirklichkeit auch dem Oelbaum
nahe verwandt ist. Die Frchte des Oelbaums sind Steinfrchte von lnglich
runder Gestalt. Die unreifen Frchte haben grne Frbung, verschwinden
daher im Laub; doch beim Reifen werden sie schwarzblau und treten dann
scharf hervor. Ein alter Brauch verlangt, da die Ernte der Oliven am
21. November beginne; sie dauert im Dezember fort. Ungnstige
Witterungsverhltnisse knnen die Ernte an der Riviera freilich sehr
verzgern. So kam es, da im Frhjahr 1891 die meisten Bume um Bordighera
noch voll Oliven hingen. Manche Bume waren mit Frchten so stark beladen,
da man das Laub kaum sehen konnte. Die Olivenernte war Anfang April in
vollem Gange. Arbeiter und Arbeiterinnen zogen mit Scken und Krben
bepackt in den Olivenhain. Dort sah man die Mnner auf die Bume steigen
und mit Stangen gegen die Aeste schlagen. Frauen und Kinder hockten am
Boden, um die Frchte aufzulesen. Von allen Seiten schallte dem Wanderer
der trockne Ton der Schlge aus den Bumen entgegen, und berall unter den
Bumen ging die mhevolle Arbeit des Sammelns von statten. Stundenlang
verharren die Sammler in gebckter Stellung, um die Oliven einzeln
aufzuheben, und doch wre es so einfach, sich einen groen Theil der
Arbeit zu sparen. Westlich von Nizza legen die Olivenbauer groe Tcher
unter die Bume und fangen die Oliven mit diesen auf. Freilich wird auch
dort noch mit Stangen gegen die Zweige geschlagen, ungeachtet schon
Plinius im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vor diesem rohen
Verfahren warnt, da es die Bume schdigt. Gegen althergebrachte Sitte ist
eben schwer anzukmpfen, sie setzt zhen Widerstand jeder Neuerung
entgegen. In Bordighera warten die Olivenbauer meist, bis ihre Oliven ganz
reif sind. Ein groer Theil der Frchte ist dann schon von selbst vom Baum
gefallen. Alles das wird zusammen von dem Boden aufgelesen und liefert ein
entsprechend schlechtes l. Denn feine Tafelle pret man aus solchen
Frchten, die erst zu reifen beginnen. Diese mssen auch mit der Hand vom
Baume gepflckt werden, um weder Quetschung noch Verwundung zu erleiden.
Aus solchen Frchten gewinnt man jene le, die wir als Provencer le
bezeichnen. Der Provence entstammen sie freilich nur zum kleineren Theil,
zum greren Theil Italien. Dort ist es vornehmlich Apulien und zwar die
Gegend sdlich von Bari, welche diese feinen Sorten erzeugt. Sie liefert
jetzt sehr gute le, whrend in der ersten Hlfte dieses Jahrhunderts das
apulische l noch ebenso schlecht und ranzig schmeckte, wie andere
sditalienische Sorten. Auch in Apulien betrieb man die Ernte der Oliven
damals ganz lssig und verfgte nur ber sehr schlechte lpressen.
Charakteristisch genug, als das antike Modell einer lpresse in Pompeji
aufgefunden wurde, begrte man es in Apulien als einen Fortschritt und
fhrte es an verschiedenen Orten ein. - Von Bordighera bis zum Esterel
wird vorwiegend nur geringwerthiges l gewonnen, das als Maschinenl
Verwendung findet oder der Seifenfabrikation dient; Nizza bezieht die
feinen le, die es vertreibt, vorwiegend aus der Ferne.

Die Frchte, die man zum Zwecke feinster lgewinnung sorgsam pflckte,
breitet man zunchst in dnnen Lagen auf Horden aus. Dort trocknen sie an
der Luft oder bei knstlicher Wrme, bis sie runzlich werden. Haben sie
einen Theil ihres Wassers in solcher Weise eingebt, so kommen sie in die
lmhlen. Es sind das meist steinerne Behlter, in welchen die Oliven
durch Mhlsteine zermalmt werden. Schon bei diesem Verfahren fliet etwas
l ab, das als das feinste Tafell gilt, kaum aber in den Handel kommt.
Der in der Mhle hergestellte Brei wird in Bast- oder Jutescke gefllt
und in einer Kelter gepret. Bei schwachem Druck fliet jetzt zunchst das
beste, dann etwas weniger gutes Speisel ab. Dieses Oel wird als
Jungfernl _huile vierge_ bezeichnet. Dann gelangen die Trester in
hydraulische Pressen und liefern ein l, das der Seifenfabrikation oder
auch gewerblichen Zwecken dient. Dann werden die Trester mit warmem Wasser
angerhrt und nochmals gepret, wandern schlielich oft noch in Fabriken,
wo man ihnen den Rest ihres les durch chemische Mittel entzieht.

Das Speisel, das aus der Kelter fliet, mu sorglich geklrt werden,
bevor es zum Verkauf gelangt. Man bringt es in dunkle khle Rume, wo ber
einander die nthigen Bottiche zur Aufnahme des ls sich befinden. Das
unklare l gelangt in das oberste Gef, fliet aus dem Spundloch
desselben durch einen durchlcherten Zinkkasten, der mit Watte
ausgekleidet ist, in einen zweiten Bottich und aus diesem nochmals durch
Watte in einen dritten. Die Watte mu am nmlichen Tage oft mehrfach
erneuert werden. Aus dem dritten Bottich gelangt das l in Cisternen, die
man in Nizza mit Porzellanplatten auszukleiden pflegt. Hier steht das l
wohl an die drei Monate, bevor es in Flaschen gefllt und versandt wird.

So berreife, abgeschlagene und am Boden faulende Oliven, wie wir sie in
Bordighera hatten ernten sehen, knnen nur ranzige le ergeben. Die
kleinen Besitzer, welchen die lhaine hier gehren, liefern ihre Frchte
an fremde Mhlen ab und pflegen fr die Pressung in Oliven oder in l zu
zahlen. Aus den lpressen der Mhlen flo zur Zeit unseres Besuches eine
Flssigkeit ab, welche alle Bche von Bordighera in braunen Tnen frbte.
Bei ruhigem Wetter zeichnete sich die Mndungsstelle jedes Flchens als
brauner Streifen ziemlich weit im Meere ab.

Im Alterthum hie es allgemein, da der lbaum nur in der Nhe des Meeres
gedeihe. Man rechnete aus, da er sich von demselben nicht ber
dreihundert Stadien, somit nicht ber 7-1/2 geographische Meilen entferne.
Es ist nicht zu leugnen, da der lbaum den Seestrand bevorzugt, doch
hngt das nicht mit dem unmittelbaren Einflu der groen Wasserflche,
vielmehr mit dem gleichmigen Klima zusammen, welches durch dieselbe
gefrdert wird. Denn der lbaum kann anhaltenden Frost nur sehr schlecht
vertragen. Auch bevorzugt der lbaum den Kalkboden, den er hier an der
Riviera reichlich vorfindet. Ein besonders gnstiges Zusammenwirken von
Klima und Boden, verbunden mit sorglichster Behandlung der Frchte, ist
aber erforderlich, damit der lbaum ein so feines l, wie etwa in Apulien,
erzeuge.

Die Mhlen, in welchen das l gepret wird, sind fast immer alte
malerische Bauten. Sie suchen oft steile Stellen in den Schluchten auf, um
die Kraft des Baches, der dort abwrts braust, zu nutzen. Wie
Schwalbennester kleben sie an den Felsen.

Wer zur Frhjahrszeit durch die Olivenwlder um Bordighera streift, mu
darauf bedacht sein, nicht in die Schulinie der Cacciatori zu gerathen.
Denn um diese Zeit bewegen sich jene durch alle Haine, Grten und Fluren,
um als einziges Wild die kleinen Vgel zu erlegen. Fr die italienische
Riviera, wie fr Italien berhaupt, hat dieser Sport ganz bedenkliche
Folgen, da die Vernichtung der Vgel eine entsprechende Vermehrung der
Insekten nach sich zieht. Nicht nur verschwinden aus Italien die heiteren
Snger, welche die Wlder und Grten in anderen Lndern in so lieblicher
Weise beleben, sondern es nimmt auch die Zahl schdlicher Insekten in
bedenklicher Weise dort zu. Dem lbaum besonders nachtheilig ist _Decus
oleae_, der sich von dem Fruchtfleisch der Oliven nhrt. Er wird von den
Franzosen _la Mouche_, von den Italienern _Macha del Olivo_ genannt. Die
Fliege legt ihre Eier in ganz junge Fruchtanlagen, und die Maden, welche
diesen Eiern entschlpfen, leben dann auf Kosten der sich entwickelnden
Frucht. Sie verpuppen sich schlielich in derselben und verlassen sie als
fliegende Brut. Gelangen sie mit den Oliven in die Mhle, so leidet der
Geschmack des ls von denselben.

Von einer Wanderung durch die Olivenhaine kehrt man wohl stets, mit einem
Blthenstrau geschmckt, nach Hause. Denn sie sind zu verlockend, diese
Frhlingsgaben der Flora, zu lieblich, als da man an ihnen so flchtig
vorbeieilen sollte. Ueberall stehen unter den Bumen die dunkelblauen
Traubenhyacinthen, die bisamartigen Duft verbreiten; besonders schn ist
die eine Art (_Muscari comosum_), die einen amethystfarbigen Schopf ber
dem sonst unscheinbaren Blthenstande trgt. Hier und dort schaut aus dem
Rasen eine blhende Orchidee hervor. Meist ist es eine Art der Gattung
Ophrys, jener merkwrdigen Orchideen-Gattung, deren Blthen ganz den
Insekten gleichen. Bei _Ophrys aranifera_ erinnern sie an Spinnen: man
meint die vorgestreckten Beine und den aufgedunsenen braunen Leib eines
solchen Thieres zu sehen. Auch _Ophrys Arachnites_ ist spinnenhnlich und
zeigt einen purpurbraunen, grn verzierten Leib. Die schnste dieser
Ophryden scheint mir aber die _Ophrys Bertolonii_, mit dunkelrothen
Blthen, zu sein. Doch Ophrys-Arten hat der Nordlnder vielleicht schon in
seiner Heimath gesehen und fesselt ihn daher mehr eine andere Orchidee von
ungewohnter Gestalt: die _Serapias Lingua_, vielleicht gar _Serapias
longipetala_, deren rothbraune Blthen, von rothen Deckblttern fast
verhllt, nur ihre Lippen nach auen vorstrecken. Mit Freuden begrt er
eine wilde Tulpe (_Tulipa Celsiana_), deren hellgelbe Blthen sich auf
langen Stielen wiegen. Die Siegwurz (_Gladiolus segetum_) mit rosenrothen,
einseitig aufgereihten Blthen tritt ihm auch an zahlreichen Stellen
entgegen. In seinem Strau nimmt er dann noch gern das weiblthige
_Allium neapolitanum_ auf, denn gehrt jene Pflanze auch zu den
Laucharten, so duften doch ihre weien Blthenstnde in angenehmer Weise.
Hauptschlich sind es aber die gelben Tazetten, welche dem Strau
Wohlgeruch verleihen, whrend seine Farbenpracht gehoben wird durch eine
reiche Auswahl bunter Anemonen (_Anemone coronaria_ und _hortensis_).

Ebenso alt als Kulturpflanze wie der lbaum ist der Weinstock, die beide
daher von Alters her zusammen genannt werden. - Zwei Flssigkeiten thun
dem menschlichen Krper besonders wohl, heit es in der Naturgeschichte
des Plinius, innerlich der Wein, uerlich das l; beide stammen aus dem
Pflanzenreiche und sind vorzglich, doch das l ist das nothwendigere.
Das trifft fr das l heut nicht mehr zu. Im Alterthum rieb man sich mit
demselben nach dem Bade den Krper ein; jetzt wird es uerlich allenfalls
nur noch als Marseiller lseife angewandt. - Wie in dem Werke des Plinius
tritt uns auch an der Riviera der Weinstock vielfach neben dem lbaum
entgegen. Doch an der Kste selbst herrscht der lbaum vor. Denn im
Gegensatz zum lbaum meidet der Weinstock die nchste Nhe des Meeres.
Andererseits vertrgt er viel strkere Gegenstze der Temperatur, so da
seine Cultur selbst weit im Norden versucht werden konnte. Im vierzehnten
Jahrhundert drang der Weinbau bis in das preuische Ordensland, selbst bis
nach Tilsit vor, und wenn er sich heute, um so viel weiter, nach Westen
und Sden zurckgezogen hat, so geschah dies nur, weil er in nrdlicheren
Gegenden ertragsfhigeren Producten weichen mute.

Der lbaum ist sicher am Mittelmeer einheimisch, andererseits mu
angenommen werden, da seine Cultur im Orient begann, da Culturformen des
Baumes sich von da aus verbreitet haben, und schon in vorhomerischer Zeit
nach Griechenland gelangten. Den Weinstock (_Vitis vinifera_) fanden die
Culturvlker ebenfalls als wilde Pflanze auf europischem Boden vor. Ja
heut noch meint man sdlich und nrdlich von den Alpen stellenweise die
Pflanze im ursprnglichen Zustande anzutreffen, doch ist es meist schwer
zu entscheiden, da sie nicht verwildert sei. Am ppigsten gedeiht die
wilde Weinrebe heute um das schwarze Meer, und man hat an den sdlichen
Abhngen der Krim Stmme bis zu anderthalb Meter Umfang gemessen. Die
Cultur des Weinstocks ging allem Anschein nach vom westlichen Kleinasien
aus und ist einem indogermanischen Volke zu verdanken.

Von den Weinen der westlichen Riviera waren im Alterthum schon die von
Massilia, also des heutigen Marseille, bekannt, zeichneten sich aber nicht
durch ihre Haltbarkeit aus, so da man sie ruchern mute. Es geschah das
in Rauchkammern nach orientalischer und griechischer Sitte. Im
Wesentlichen war das ein hnliches Verfahren wie das heutige
Pasteurisiren. Ganz wie man heut den Wein bis auf mindestens 60 C.
erwrmt, um die schdlichen Keime in demselben zu tdten und so seine
Haltbarkeit zu erhhen, wurde im Alterthum der Wein in wohl verschlossenen
Gefen durch heien Rauch erhitzt. Das Feuer befand sich in einem unteren
Raume, und Rauch und Hitze stiegen, durch ein Rohr geleitet, in das obere
Gescho, in dem der Wein sich befand. Der Rauch gelangte dort durch
angebrachte ffnungen ins Freie. Dieses Verfahren konnte den Geschmack des
Weines nicht wesentlich beeinflussen, wohl aber mute das geschehen bei
Zusatz von Seewasser zum Most, wie er in Kleinasien und Griechenland
hufig gebt wurde. Auch mit Gips, Kalk, Marmor, Thon, Pech oder Harz hat
man die Weine versetzt, um sie haltbarer zu machen und ihnen zugleich
einen bestimmten Geschmack zu verleihen. Es bemerkt aber bereits Plinius,
da der bekmmlichste Wein immer derjenige sei, dessen Most ohne
fremdartigen Zusatz bleibe; denn welcher noch so Gesunde, meint er, sollte
nicht Scheu haben vor Weinen, die Marmor, Gips oder Kalk enthalten?
berhaupt klagt Plinius sehr ber die Verflschung der Weine; es sei damit
so weit gekommen, da nur der Name des Weinlagers den Preis der Weine
bestimme und da man den Most schon in der Kelter verflsche. Daher seien,
so wunderlich dies auch klinge, die am wenigsten gekannten Weine oft die
unschdlichsten. Das Anmachen des Weines mit Seewasser wird von Plinius
als fr den Magen vorzglich gepriesen. An eine bekannte neuere
Heilmethode erinnert seine Mahnung, da wer hager werden will, whrend der
Mahlzeit dursten oder doch nur wenig trinken soll. - Durch Einkochen und
durch Hinzufgen von Krutern suchte man im Alterthum vielfach die
Haltbarkeit der Weine zu erhhen, in hnlicher Weise wie dies heute durch
Zusatz von Alkohol geschieht. Da die Rmer Weinschmecker ersten Ranges
waren, geht genugsam aus den Angaben der alten Schriftsteller hervor. Die
Menge der zum Verkauf angebotenen Weinsorten verglich Virgil bereits mit
derjenigen des lybischen Sandes und der Meereswellen. Man trank in Rom
meist schon ungemischte Weine, das heit ohne den einst blichen Zusatz
von Wasser; man khlte sie mit Eis, versetzte sie fters mit Gewrzen und
fing an, nach alten Jahrgngen zu trachten. Guter Wein mute acht bis zehn
Jahre alt sein, um geschtzt zu werden, und selbst von zweihundertjhrigen
Weinen sind uns Berichte erhalten. So mundete dem Kaiser Caligula (37-41
n. Chr.) Wein vom Jahre 121 v. Chr., dem besten Weinjahre, dessen sich
Italien zu erinnern wute. Es war Italien selbst, das zu Plinius' Zeiten
die geschtztesten Weinsorten producirte, so da Plinius wohl behaupten
durfte, Italien nehme mit seinen Weinen die erste Stelle unter allen
Lndern ein und sei nur in der Erzeugung von Wohlgerchen von einigen
derselben bertroffen: es gebe brigens, fgt er hinzu, keinen Wohlgeruch,
der denjenigen des blhenden Weinstocks bertreffe. - Auch in der
rmischen Zeit wurde der Weinstock bereits in kunstgerechter Weise
zugeschnitten, doch lie man ihn je nach der Gegend in verschiedener Weise
wachsen. In Campanien schlang er sich empor an der Pappel, umfing sie wie
seine Gattin, streckte seine ppigen Arme auf gewundenen Bahnen zwischen
ihre Aeste, bis er ihren Gipfel erreichte. Da pflegte der Winzer, zur
Arbeit gemiethet, sich auer dem Lohne vom Gutsherrn einen Scheiterhaufen
und ein Grabmal auszubedingen, falls ihn bei der Weinernte ein Unfall
treffen sollte. Anderswo waren ganze Landhuser von den schmiegsamen
Aesten eines einzigen Weinstocks umflochten, und in Rom lustwandelte man
in den Sulenhallen der Livia im Schatten eines Weinstocks, der zwlf
Amphoren Wein lieferte. In manchen Theilen Italiens zog man den Weinstock
an Pfhlen, in noch anderen lie man ihn auf dem Boden kriechen, in all'
jener Mannigfaltigkeit der Behandlung, die auch heut noch dem Wanderer in
Italien auffllt. Hier, meint Plinius, schimmerten purpurne Trauben aus
dem grnen Laub hervor, dort leuchteten sie in rosenrothem Glanz, dort
endlich in saftigem Grn. An dem einen Orte sah man runde, an dem anderen
lngliche, hier kleine, dort groe, hier harte und dickschalige, dort
saftige und dnnschalige Beeren. Manche Trauben hing man im Zimmer an
einem Faden auf, um sie lnger zu erhalten, andere versenkte man in sen
Wein und lie sie sich so im eigenen Safte berauschen. Auch gab es
Trauben, die man rucherte, hnlich wie es mit manchen Weinen geschah.
Plinius erzhlt, da Kaiser Tiberius gerucherte afrikanische Trauben ganz
besonders liebte.

Nach dem Sturze Roms zerfiel auch der Weinbau in Italien. Nachlssig
wurden die Trauben geerntet, sorglos gekeltert, und der Most lange auf den
Trestern gelassen, damit der Wein jene dunkle Farbe erlange, wie sie im
Lande beliebt war. Solche Weine konnten sich nicht lange halten, wurden
von fremden Lndern daher auch nicht begehrt. Doch in neuester Zeit
beginnt sich das zu ndern; Weinbau und Weinbereitung in Italien sind in
erfolgreichem Aufschwung begriffen.

Die alte Sitte, den Wein in Schluchen zu befrdern und dann in Amphoren
aufzubewahren, hat sich jetzt auch im Sden verloren. Hlzerne Tonnen, die
zur Rmerzeit bei den cisalpinischen Galliern und den Alpenvlkern in
Gebrauch waren, fanden ihren Weg damals schon nach Italien.

                                   III.

Das Bild von Bordighera schwebt der Erinnerung stets umrahmt in Palmen
vor, so wie man sich einst die alte syrische Stadt Palmyra nicht anders
als im Palmenschmuck vorstellen konnte. In der That gedeihen nirgends an
der Riviera die Dattelpalmen besser als in Bordighera. An der Ostseite des
Cap d'Ampeglio sind wahre Palmenwldchen zu sehen. Diese stliche Bucht
ist ganz besonders gegen die Nordwestwinde geschtzt. Zwischen den Mauern
palmenreicher Grten, ber welchen schlanke Stmme ihre Krone neigen,
empfangen wir ganz afrikanische Eindrcke und knnen vergessen, da uns
die volle Breite des Mittelmeeres von dem Lande der Oasen trennt.
Piettvoll wandern deutsche Reisende zu jener malerischen Palmengruppe
hin, die in einer halben Stunde Entfernung, stlich von Bordighera, zu
Madonna della Ruota den Meeresstrand schmckt. Es sind das die Palmen, die
Scheffel in seinem Liede Dem Tode nah besang, und unter welchen er ein
Grab sich trumte. Sie stehen, einige zwanzig an der Zahl (nicht zwlf,
wie es in dem Liede heit), um eine alte Cisterne und erwecken an dem
einsamen, wilden Orte, von Meereswellen umsplt, in der That poetisches
Empfinden. Da dieses hier nicht allein ein deutsches Gemth ergreift,
geht aus der Schilderung hervor, welche Charles Garnier, der Erbauer der
Pariser Groen Oper und des Casinos in Monte Carlo, von diesem Ort in
seinen _motifs artistiques de Bordighera_ entwirft. Der Stil der
Schilderung ist freilich etwas berschwnglich und erinnert an jene
Verzierungen, welche die Garnier'schen Prachtbauten berreich schmcken:
Das ist der Ort, wohin ihr ziehen mt, ihr Knstler; das ist die Sttte,
die ihr sehen mt, ihr Poeten; das ist der Erdwinkel, der euch fesseln
mu, ihr Alle, die ihr nach lebendigen und mchtigen Eindrcken strebt,
und die ihr findet, da unser Herz hher schlgt im Anblick der Natur!
Werden Erinnerungen an den Orient in euch schon wachgerufen, wenn ihr das
alte Bordighera und seine Umgebung durchwandert, so steht ihr hier nicht
mehr vor dem Vergleich, nicht mehr vor hnlichkeiten, nein, ganz Juda
findet sich in diesem Eindruck verkrpert. Das ist der Brunnen der
Samariterin, der Brunnen der Rebecca; das sind die Juden, die Apostel, das
ist Jerusalem, Nazareth, Bethlehem, die sich euch offenbaren in jenem
bescheidenen Flecken bordigherischen Vorgebirges. - Die sturmgepeitschten
Palmen um diese alte Cisterne, mit dem unvergelichen Hintergrund des
Meeres, haben zahlreichen Malern schon das Motiv zu stimmungsvollen
Bildern gegeben. Es verursachte daher in Knstlerkreisen einige Aufregung,
da der Ort, vom deutschen Kunstgrtner Ludwig Winter angekauft, in einen
Garten verwandelt werden sollte. Die endliche Verwerthung des Grundstckes
in so dicht bevlkerter Gegend war aber nicht zu vermeiden; es mu noch
als ein besonders glcklicher Zufall angesehen werden, da dieser schne
Flecken Erde in kunstsinnige Hnde gelangte. Herr Winter hat dem uersten
Vorsprung des Vorgebirges, das die Scheffel-Palmen trgt, seinen
ursprnglichen Charakter gelassen und den Garten harmonisch zu der
Umgebung gestimmt. - Anemonen, Reseda, Nelken und ppig blhende
Rosenstrucher decken jetzt den Abhang; groe Palmen, die man hierher
verpflanzte, entspringen dem zuvor so kahlen Boden; um einen weiten
Wasserbehlter, wie man sie an der Riviera oft sieht, ist eine Pergola
errichtet, zu deren Sulen die Palme den architektonischen Gedanken gab.

Im alten Testament werden die Dattelpalmen mit stolzen Knigstchtern
verglichen. Nicht allen Dattelpalmen in den bordigherischen Grten kommt
aber so edle Gestalt zu. Es hngt das mit der Behandlung zusammen, welche
die meisten Dattelpalmen hier erfahren. Man nimmt ihnen alljhrig einen
Theil ihrer Wedel. Die Familie Bresca in San Remo erhielt schon im
sechzehnten Jahrhundert vom Papst Sixtus V. das Privilegium, Palmenwedel
fr den Palmsonntag nach Rom zu liefern, angeblich eine Belohnung fr den
Schiffscapitn Bresca, der im Jahr 1586, whrend der Aufstellung des
Obelisken auf dem Sanct Petersplatz, als die trockenen Taue zu versagen
drohten, durch den rechtzeitigen Ruf: Wasser auf die Taue! dem
Baumeister Fontana aus schwerer Verlegenheit half. Die Familie Bresca lie
ihre Palmen in Bordighera ziehen, in dessen sandig-lehmigen Boden die
Dattelpalme besser als in dem schweren Lehmboden von San Remo gedeiht. So
reicht die Palmenindustrie Bordigheras bis in das Mittelalter zurck, und
auch heute noch ist es dieser Ort, der die meisten Palmenwedel zur Feier
des Palmsonntags nach Rom entsendet. Den Palmenwedel hat die christliche
Kirche, wie so viele andere Symbole, der Bildersprache des Orients, des
Heidenthums und des Judenthums entnommen, und wie Palmenwedel bei den
Festen des Osiris in gypten, bei dem feierlichen Einzuge der Knige und
der Knigshelden in Jerusalem und bei den olympischen Spielen prangten, so
schmcken sie heute noch am Palmsonntag die Altre katholischer Kirchen.

Statt frei in den Lften ihre Wedel zu schaukeln, mssen die meisten
Palmen zur Herbstzeit es erdulden, da ihre Krone im Innern
pferdeschweifartig zusammengebunden werde. Diese Behandlung bezweckt eine
bestimmte Ausbildung der neu hervorwachsenden Wedel. Nicht alle Palmstmme
sind fr diese Behandlung gleich geeignet, und unter den geeigneten werden
noch solche unterschieden, die mehr fr den katholischen und solche, die
mehr fr den jdischen Ritus sich schicken. Denn auch die Juden brauchen
Palmenwedel bei dem Laubhttenfest. Der Bordighese bezeichnet kurzweg die
eine Dattelpalme als _Cattolica_, die andere als _Ebrea_. - Die
Bltter der katholischen Palme sind schlanker, die der jdischen krzer
und gedrungener. An der katholischen Palme bindet man die mittleren Wedel
fest zusammen, damit die neuen Wedel bei thunlichstem Lichtabschlu sich
entwickeln und so mglichst farblos bleiben. Denn bei der Feier des
Palmsonntags sollen sie nicht allein ein Siegeszeichen, sie sollen auch
ein Bild himmlischer Reinheit sein. Im Dunklen werden solche Wedel auch
schlank und lang; sie laufen spitz an ihren Enden aus und bleiben biegsam
und weich, so da sie leicht in beliebige Formen geflochten werden knnen.
An den jdischen Palmen werden die lteren Bltter weniger stark
verbunden, das Licht ist somit von den jngeren Blttern nicht ganz
ausgeschlossen, diese knnen daher auch ergrnen. Sie bleiben zugleich
krzer, schlieen mit stumpfer Spitze ab und werden hrter. Mit dem
Palmenwedel verbinden die Juden beim Laubhttenfest die Myrte und die
Bachweide zum Feststrau und halten, whrend dieser in der rechten Hand
geschwungen wird, einen Paradiesapfel in der Linken. Das Laubhttenfest
ist ursprnglich das Erntefest der Juden. Es verlor aber in den fremden
Lndern diese seine Bedeutung und behielt nur die andere historische, die
ihm ebenfalls von Alters her zukam, eine Erinnerung an den gttlichen
Schutz whrend der Wstenwanderung zu sein. Die Wahl der vier Arten im
Feststrau hat die mannigfaltigsten symbolischen Deutungen erfahren; sie
mochte vielleicht ursprnglich die Vegetation Palstina's versinnbildlicht
haben. Durch religise Vorschriften wurden die vier Arten spterhin in
starre Formen gefat, und wie der Palmenwedel, so mssen auch die
Myrtenzweige und die Bachweide ganz bestimmte Gestalt besitzen. Die Myrten
im Besonderen werden fr die rechtglubigen Juden in genau
vorgeschriebenen Formen gezogen. Der Zweig mu eine Hhe haben, die drei
Handbreiten gleichkommt und die Bltter in dreigliedrigen Wirteln tragen.
Sind die Wirtel aufgelst, d. h. die Bltter nicht zu dreien in gleicher
Hhe befestigt, so ist der Zweig unbrauchbar. Eher geht es an, einen Zweig
zu benutzen, der die Bltter nur zu zweien in gleicher Hhe trgt. Ein
solcher Zweig ist im Nothfall zulssig, steht aber im Preise weit hinter
der wahren Hadassah zurck.

Die katholische Kirche hat sich in Betreff der Palmen, welche der
Palmsonntag verlangt, viel nachsichtiger gezeigt. In nordischen Lndern
hat der Buchsbaum, ja selbst der ktzchentragende Weidenzweig, das
Palmenblatt ersetzt. An der Mosel wird der Buchsbaum geradezu als Palm
bezeichnet, und auch die aus Weiden gebundenen Festzweige heien Palmen in
slawischen Lndern.

Die Palmen hatten im Winter 1890/91 eine schwere Probe an der Riviera zu
bestehen, als das Thermometer fr mehrere Stunden auf 6 C. unter 0
gesunken war. Besonders bewhrten sich bis jetzt im bordighesischen Klima,
auer den Dattelpalmen (_Phoenix dactylifera_), die canarische _Phoenix
canariensis_, die kalifornische _Pritchardia filifera_, die australische
_Livistona australis_ und die chinesische _Chamaerops excelsa_. Da
auerdem die Zwergpalme, _Chamaerops humilis_, gut in Bordighera gedeihe,
ist nicht wunderbar, da sie der Mittelmeerflora thatschlich angehrt; sie
ist unsere einzige europische Palme, in Sicilien heimisch. In Algier
deckt sie groe Flchen. Man suchte sie dort auszurotten, um den Boden fr
neue Culturpflanzen zu gewinnen, jetzt sorgt man fr ihre Verbreitung. Vom
lstigen Unkraut, als welches sie betrachtet wurde, ist sie zu einer
wichtigen Nutzpflanze avancirt. Entsprechend zubereitet, liefern nmlich
die Bltter der Zwergpalme sehr elastische Fasern, die gleich Pferdehaaren
zum Ausstopfen der Mbel und Matratzen dienen knnen. Den Pferdehaaren
gegenber zeichnen sie sich nicht nur durch ihre Billigkeit, sondern auch
dadurch aus, da sie nicht von Motten befallen werden. Im Gegensatz zu den
Phoenix-Arten, die gefiederte Bltter besitzen, sind die Pritchardien,
Coryphen, Chamaerops-Arten mit fcherfrmigen Blttern versehen. Ihr
Aussehen weicht somit nicht unwesentlich von demjenigen der Dattelpalmen
ab, so da ihre Acclimatisation an der Riviera auch in landschaftlicher
Beziehung als ein Gewinn betrachtet werden kann. Zu bedeutender Hhe ist
in zahlreichen Grten die _Chamaerops excelsa_ bereits emporgewachsen. Sie
gehrt zu den hrtesten der eingefhrten Arten, so da sie ohne Bedeckung
selbst das Klima der Insel Wight vertrgt. _Pritchardia filifera_ ist der
zahlreichen weien Fden wegen, die den Blattrndern entspringen, sehr
beliebt, verbreitet sich demgem auch rasch an der ganzen Riviera. Zu den
hufigsten Palmen drfte dort auch bald die _Phoenix canariensis_ gehren,
welche der Dattelpalme sehr hnlich ist, sich aber vor ihr durch
gedrngteren ppigeren Wuchs und krftigere Blattentwickelung auszeichnet.
- An geschtzten Stellen der Riviera gedeihen auch verschiedene Arten der
Palmengattung Cocos, so _Cocos flexuosa_, und _Romanzoffiana_ mit uerer
eleganter Tracht, auch die blaugrne _Cocos australis_. Die echte
Cocospalme (_Cocos nucifera_), welche die Cocosnsse liefert, kommt hier
hingegen, sowie auch an den Sdrndern des Mittelmeers, nicht fort. Ihre
Cultur ist nur innerhalb der Wendekreise mglich. In der Form ihrer
Bltter stimmen die Cocospalmen mit den Dattelpalmen berein. hnliche
Bltter haben auch die Areca-Arten (_Areca sapida_, _Baueri_), welche an
der Riviera gut aushalten. Es sind das nahe Verwandte der Betelnupalme
(_Areca catechu_), welcher die Betelnsse entstammen, jene Nsse, die mit
Kalkpulver bestreut, und in Bltter des Betelpfefferstrauchs (_Piper
Betle_) gewickelt, von Jung und Alt in Sdasien gekaut werden. Zu den
Palmen mit fcherfrmigen Blttern, welche die Grten der Riviera zieren,
gehren auch zwei Livistona-Arten, die _Livistona chinensis_ und
_australis_, mit mchtigen Blttern, Palmen, die hufig in unseren
Gewchshusern anzutreffen sind. Schn macht sich unter den anderen
Fcherpalmen der Riviera die blaugrne _Brahea Roezli_, dann die
stattlichen Sabal-Arten, deren zhe Fasern fr Seilerwaaren, Hte, Krbe
und Scke verwandt werden, auch die wichtige Carnaubapalme Brasiliens, die
_Copernicia cerifera_. Mit den Blttern dieser Palme wird in der
brasilianischen Provinz Ceara ein groer Theil der Htten gedeckt, ihre
Fasern hnlich wie Stroh verwandt, der harte Stamm liefert Bau- und
Tischlerholz, die Wurzeln ein Heilmittel, die bitteren Frchte dienen als
Nahrung, aus dem Saft wird Sirup und Arrak bereitet, kurzum diese Palme
zeigt uns so recht ein Bild von dem Nutzen, den eine einzige Art dieser
segensreichen Pflanzenfamilie in den Tropen stiften kann. Ihren Artennamen
_cerifera_, sowie ihren deutschen Namen dankt aber die Wachspalme ihrem
wichtigsten Erzeugni, dem vegetabilischen Wachs, das sie in Schuppenform
aus ihren Blttern ausscheidet. Diese Schuppen werden von jungen,
getrockneten Blttern abgeklopft und dann in Wasser gekocht, auf dessen
Oberflche das flssige Wachs sich sammelt. Man versetzt es mit Talg und
formt es zu Kerzen, welchen beim Brennen ein angenehmer Duft entstrmt.

Bordighera begngte sich nicht damit, seine Palmwedel fr Cultuszwecke zu
ziehen, es suchte sie auch im Kunsthandwerk zu verwerthen. So entstand die
Palmenflechterei, die in letzter Zeit Dank dem Winter'schen Einflu, eine
ungeahnte Entwickelung nahm. In der Winter'schen Kunstgrtnerei wird jetzt
die Palmenflechterei im Groen betrieben. Die Dattelpalme, die
Chamaerops-Arten, _Livistona australis_ und _Pritchardia filifera_ geben
im Besonderen das Material dazu her. Zur Verwendung kommen Blattspreiten,
Blattstiele und Blattscheiden dieser Pflanzen, und wo Behlter nthig,
helfen auch wohl Flaschenkrbisse aus. Alle Theile der Palmen werden
entsprechend gebogen und dann getrocknet, und hierauf zu Blumenvasen,
Ampeln, Krbchen, Fruchtschalen, Lichtschirmen und anderen zierlichen
Gegenstnden stilgerecht vereint.

Auch die Nachtigallen an der Riviera suchen Nutzen aus der neuen
Palmen-Cultur zu ziehen. Sie fanden heraus, da die langen groen Fden am
Blattrand der Pritchardien fr Nesterbau vortrefflich geeignet sind. Sie
zwicken sie ab und tragen sie zusammen, um sich aus denselben ihr
flchtiges Heim zu flechten. -

                                   IV.

Die zahlreichen Ausflge, die sich landeinwrts von den Stationen der
Riviera unternehmen lassen, haben in den Reisehandbchern bis jetzt eine
hchst unvollkommene Behandlung erfahren. Meist findet man in denselben
nur eine Aufzhlung der etwa zu besuchenden Orte, wobei die nchste, oft
lohnendste Umgebung vernachlssigt ist, entferntere, beschwerliche, nicht
immer lohnende Touren besonders empfohlen werden. Da die Wirksamkeit der
Alpenvereine sich andererseits nicht bis zur Riviera erstreckt, die
Wegweiser dort fehlen, die Einheimischen nur selten Auskunft ber den Weg
und niemals ber die Schnheit desselben zu ertheilen vermgen, so wren
grade fr jene Gegenden gut orientirende Reisebcher sehr erwnscht. Unter
den gegebenen Umstnden kann aber nur ein wiederholter Besuch der Riviera
denjenigen, der es gelegentlich nicht scheut, unntz umherzuirren, in all'
die Reize dieser zauberhaften Gegend einweihen.

So mte jeder Reisende, der fr Naturschnheit empfnglich ist und einige
Mhe nicht scheut, von Mentone ber Gorbio nach Roccabruna wandern. Meist
begngt sich aber selbst der unternehmendste Tourist mit einem Ausflug
nach Castellar und kommt im Gorbiothal nicht ber Gorbio hinaus, weil er
nicht wei, da er seinen Weg dort fortsetzen sollte. Und doch entfaltet
sich erst jenseits von Gorbio die volle Pracht der groartigen Landschaft.
Der ganze Ausflug drfte fnf Stunden in Anspruch nehmen; es empfiehlt
sich, ihn am Nachmittag zu unternehmen. Bis nach Gorbio fhrt jetzt eine
schne Fahrstrae. Sie beginnt zu steigen am Alexandra-Htel und folgt in
zahlreichen Windungen dem Thale. Dieses Thal ist beraus fruchtbar; ein
ansehnlicher Bach durchstrmt dasselbe. Erst ist es breit, verengt sich,
indem es aufsteigt. Villengrten stoen an die Strae, dann bescheidene
Bauerngter. Blhende Pflanzen neigen sich ber die Mauern vor. Erst die
vornehmen Pflanzen der Reichen; dann der Goldlack, die Levkoye, die
Pelargonie und die Anemonen, die auch der rmere sich zieht. Einzelne
Cypressen, oft umrankt von Rosen, ragen hier und dort aus den Grten vor
und mahnen nicht selten an orientalische Landschaft. Citronen- und
Orangengrten folgen aufeinander, dann Feigenbume. Hher hinauf beginnen
sich vereinzelt auch unsere Obstbume zu zeigen. Sie stehen im
Blthenschmuck. Eigentlich ist ihnen auch in dieser Hhe noch zu warm, sie
gedeihen gut erst bei Sant' Agnese, jenseits der Felsen, die das Thal im
Norden sperren. Im Thale von Gorbio lohnt es sich, Pflanzen zu sammeln.
Ardoino, der Verfasser der Flora der Seealpen, gibt fr die Thler, die
bei Mentone mnden, mehr als tausend verschiedene, wild wachsende Arten
an. Man mte fast ganz Irland und Schweden durchstreifen, um ebenso viel
verschiedene Pflanzen zu finden, als hier auf etwa fnfzehn Quadratmeilen
beisammen wachsen. - Ungewhnlich reich sind die Thler von Mentone an
Orchideen, und diese blhen ja fast smmtlich im Frhjahr. Viele sonst
seltene Farne sind hier auch zu finden. Der Botaniker sucht mit Vorliebe
nach einem kleinen Nacktfarn, der zu derselben Gattung wie die Gold- und
Silberfarne unserer Gewchshuser gehrt, der _Gymnogramme leptophylla_.
Der Pflanzenliebhaber freut sich mehr noch ber das _Adiantum Capillus
Veneris_, das Venushaar, das mit seinen zarten Wedeln die feuchten
Vertiefungen der Felsen ziert. - Ein alter gepflasterter Weg krzt oben im
Thale die neue Strae von Gorbio ab. Er steigt in Olivenhainen empor. An
einer seiner Windungen taucht pltzlich Gorbio auf, ganz in der Nhe. Es
krnt einen steilen Hgel, der von Oliven bedeckt ist. Ein Amphitheater
mchtiger zackiger Felsen umrahmt dieses Bild von seltener malerischer
Schnheit. - Wir steigen auf zu dem Orte, durchschreiten den Platz, dem
eine alte Ulme ihren Schatten spendet, wenden uns dann links und schlagen
den Fuweg ein, der, an einem offenen Brunnen vorbei, der Berglehne folgt.
Nach kaum halbstndigem Aufstieg haben wir das weit sichtbare Kreuz
erreicht, das hoch oben, am vorspringenden Bergesrande dem Wetter trotzt.
Bei stark wehendem Mistral ist es kaum mglich, an jener Stelle zu weilen;
das zersplitterte Kreuz, welches nur noch einen seiner Arme gegen den
Himmel streckt, zeugt von der Gewalt der Strme, die dort oben hausen.
Bereits von diesem Kreuze aus ist der Blick berwltigend schn. Er umfat
die smmtlichen Thler, die bei Mentone mnden. Auf den Hhen sieht man
jene wilden Ortschaften thronen, Burgen der Grimaldi und der Lascaris, die
einst diese Thler beherrschten; man umspannt mit dem Blicke den ganzen
Halbkreis steil aufsteigender Berge, welche die Thler mchtig umfassen
und eine undurchdringbare Schranke fr das Auge bilden, das hingegen nach
Sden zu unbegrenzt ber dem blauen, endlosen Meere schweift. Eine weitere
Steigerung der Eindrcke hlt man nicht fr mglich, man kann sich schwer
von dieser Stelle trennen, und doch gewinnt das Bild noch an erhabener
Gre, betrachtet von dem Bergrcken, der jetzt in sdlicher Richtung nach
Roccabruna fhrt. Dann verschieben sich gegen einander, wie mchtige
Decorationen, die Felsriesen, die den Hintergrund der Thler schlieen,
und die Umrisse des Bildes werden immer reicher, immer bewegter. Bald
tritt im Mittelpunkte der Landschaft, am Nordabhange des mchtigsten
dieser Berge, Sant' Agnese hervor, ein ansehnliches Dorf, das in
schwindelnder Hhe, wie ein Schwalbennest am Felsen, ber dem Abgrund zu
hngen scheint. Wer konnte das Dasein dieses Ortes ahnen; ist er doch
gegen das Meer hin von dem Felsen ganz verdeckt, an den er sich klammert.
Dieser Felsen sollte ihn auch schtzen und verbergen vor den sphenden
Blicken der Saracenen, welche einst das tyrrhenische Meer durchkreuzten.
Und doch war es ein Saracenenhuptling Harun, der im zehnten Jahrhundert,
der Sage nach, die Burg erbaute, deren Ruinen den Bergesgipfel krnen.
Doch nicht als Feind kam er hierher, sondern von der Liebe zu einer
Christin berwltigt, die er, selbst zum Christenthum bekehrt, zu seiner
Gattin machte.

Selbst wer den schnsten Theil Sditaliens kennt, wird sicher die volle
Macht dieser herrlichen, so typisch italienischen Landschaft empfinden.
Und wie wird der Eindruck noch gesteigert, wenn gegen Sonnenuntergang sich
die Gipfel der Berge zu rthen anfangen, lange dunkle Schlagschatten in
die Thler fallen und Sant' Agnese in goldigem Licht auf dem grauen Fels
zu glhen beginnt.

Doch die Zeit drngt, denn die Sonne im Westen ist lange schon hinter der
_Tte de chien_ verschwunden; die Nachtschatten senken sich hinab in die
Schluchten, whrend ein langer steiniger Weg uns von Cabbe-Roquebrune, der
Eisenbahnstation, noch trennt.

In Cabbe-Roquebrune auf dem Bahnhof erwartet uns ein botanischer Genu.
ber einer hohen Mauer am Abhang stehen mchtige Judasbume (_Cercis
siliquastrum_) und senken abwrts ihre blthenbeladenen, noch laubfreien
Zweige. Die schnen, dicht gedrngten Blthen entspringen auch dem alten
Holze, so da die ganze Baumkrone wie ein einziges Blumengewinde
erscheint, von rosenrother Farbe. Dieser Baum ist in Sdeuropa zu Hause,
sehr hufig sieht man ihn in Palstina die Grten um Jerusalem schmcken,
was wohl Veranlassung zu der Sage gab, Judas habe sich an demselben
erhngt.

                                    V.

Bezaubernd schn ist Mentone, wenn man es vom Pont St. Louis aus
betrachtet. Das Bild gehrt zu den eindrucksvollsten der ganzen Riviera.
Doch mu man es am Morgen betrachten, wenn die Sonne das alte Mentone von
Osten her bescheint. Man folgt von Mentone aus in stlicher Richtung der
Landstrae und whlt ihren linken Arm, dort, wo sie sich gabelt. Man
steigt dann sanft in die Hhe, zwischen Villen und Mauern. Gibt es nicht
zu viel Staub auf der Strae, so ist diese Wanderung ein Genu. Denn die
angrenzenden Grten strotzen von ppigen Gewchsen, und berall drngt
sich der berflu derselben bis auf die Strae. Die Pflanzen finden keinen
Platz mehr in der eingeengten Umfriedung und streben hinaus ins Freie.
Rosenrothe und feuerfarbige Pelargonien neigen sich ber das Gitter, dort
hngt ein Rosenstrauch ber dasselbe hinaus und trgt unzhlige Blthen.
Weiter ist eine ganze Mauer bis unten hinab mit einem epheubltterigen
Kranichschnabel, dem _Pelargonium peltatum_, bedeckt, welcher so ppig
blht, da die Bltter unter den blarothen Blthen verschwinden. Jener
Strauch, der im grazisen Bogen ber eine andere Mauer sich beugt und
hrenfrmige Rispen gelber Blthen trgt, ist eine chinesische Buddleia
(_Buddleia Lindleyana_). Die ganze Strae duftet jetzt nach Heliotrop, der
an dem Gelnder emporklettert; weiter ist es wieder eine Pergola
safrangelber Rosen, welche der Strae folgt. Mit ihren fleischig dicken
Stengeln und Blttern und ihren groen rothen oder gelben Blthen schmckt
dort die Mittagsblume (_Mesembryanthemum __ acinaciforme_) eine Mauer.
Dann schlieen Citronen- und Orangenbume sich an, die mit Frchten reich
behangen, auch schon ihre duftigen Blthen entfalten. Wir kommen an dem
kleinen franzsischen Zollhaus vorbei und erreichen alsbald unser Ziel. In
khnem Bogen schwebt die Brcke San Luigi ber der Schlucht, welche
Frankreich von Italien trennt. Der Blick von hier auf Mentone ist in der
That von ergreifender Schnheit. Die alte Stadt deckt einen schmalen Grat,
der sich bis zum Meere senkt. Dicht gedrngt steigen die Huser an ihm
auf, ber- und nebeneinander. Alle sind sie im italienischen Style gebaut,
mit Loggien, Balkonen und Terrassen, trotzdem alle verschieden an Gestalt
und Gre, scheinbar gesetzlos zu einer einzigen Masse vereint. Jedes
zeigt eine andere Frbung; im hellen Glanz der Sonne verschmelzen aber die
Gegenstze und die ganze Stadt leuchtet fast wei in die Ferne. Aus der
Husermasse ragt die Kirche mit ihrem schlanken Glockenthurm hervor. Und
welch eine groartige Einfassung zeigt dieses Bild! In weiter Ferne, kaum
noch sichtbar, profilirt sich im nebeligen Umri das zackige Esterel. Dann
weicht die Kste vor dem Meere zurck und erst die _Tte de chien_ ber
Monaco bietet ihm wieder Trotz. Sie scheint an der Kste Wache zu halten.
Dann folgen mchtige, majesttische Berge und rcken immer nher auf
Mentone zu. Das Cap Martin streckt sich wie ein grnsammetnes Band vor in
die blaue See, und hinter Mentone steigen die zackigen Felsenriesen auf
und leuchten in der Sonne im blulichen Grau. Dann folgen tiefer grne
Schluchten, wo helle Olivenhaine mit dunklen Citronengrten abwechseln und
an den Abhngen weie Drfer verborgen im Laub. Kahle Bergrcken glnzen
grell in der Nhe, von grnen Kiefernwldern stellenweise wie von Oasen
bedeckt. Der Vordergrund entzckt uns durch seine Farbenpracht, denn der
untere Theil der Schlucht, ber der wir schweben, ist in einen Garten
verwandelt. In Stufen steigt er auf, und der Boden verschwindet ganz unter
Blthen. Hell- und dunkelrothe Geranien, dicht aneinander gedrngt,
kugelige Chrysanthemum-Strucher (_Chrysanthemum frutescens_) mit
tausenden von Blthen wie mit weien Sternen berset. Dann ein Judasbaum,
ganz in Blthen gehllt, der seine rosenrothen Aeste ber die weien
Chrysanthemen neigt. Ein gelbblthiger Rosenstrauch, der den rosenrothen
Judasbaum erklimmt; schlanke Bambusen wie Federbsche in die Lfte ragend;
daneben Fcherpalmen. Dunkelgrne, schlanke Cypressen; ein Pfefferbaum mit
hellgrnen, zartgefiederten Blttern an den hngenden Aesten; dunkelrothe
Bougainvilleen an den aufsteigenden Wnden: ein wahres Kaleidoskop. Hohe
Dattelpalmen ragen aus der Schlucht hervor und umrahmen das Bild von
Mentone, phantastische Opuntien nchst der Brcke bilden den ersten
Vordergrund. Und dieses ganze farbenreiche Bild taucht mit seinem Rande in
die dunkelblaue Fluth. Eine frische Brise weht uns vom Meer entgegen, der
Frhling blickt mit allen seinen Blumenaugen aus der Schlucht empor. Es
stimmt so harmonisch und heiter dieses hehre Bild. Daher wir es auch
vergessen mchten, da dort ber Mentone, wo weie Steine und dunkle
Cypressen zwischen grauen Mauern sich erheben, ein Ort der Trauer ist. Ein
Schlo der Grimaldi stand einst auf dieser Hhe, zwischen seinen Trmmern
und Umfassungsmauern ist dann der Friedhof entstanden. Er beherrscht
diesen sonnigen Strand, wie einst die mchtige Burg ihn beherrschte: ein
Wahrzeichen des heutigen Mentone. Ich suche die Gedanken von dieser Stelle
abzuwenden, doch unablssig kehren sie zu derselben zurck. Denn trauriger
hat mich ein Friedhof nie gestimmt wie dieser dort, mit seinen in Blumen
ganz versteckten Grbern. Kaum kann es einen mchtigeren Widerspruch geben
zwischen der freudig sonnigen Natur und dem jhen Tode. Dieser Gegensatz
pret Einem das Herz zusammen. Und aus allen Theilen der Welt eilten jene
zusammen, die auf diesem Friedhof ruhen. In der Blthe der Jahre, fern von
ihrer Heimath, legten sie sich unter Jasmin und Rosen zu ewigem Schlaf. Ob
ihnen wohl die Erde leichter wird, weil die Blumen nie auf derselben
verwelken? Die Rosen im besondern drngen sich dort berall vor: weie,
gelbe, blutigrothe, und sie verbreiten einen betubenden Duft. Als ich
einst diesen Friedhof besuchte, da strahlte die Welt in Frhlingsglanz und
jauchzte es von Leben in den Lften. Da war es besonders traurig zwischen
diesen blumenreichen Grbern. Auf einem frisch errichteten Denkmal sa ein
junger Bildhauer, meielte das Antlitz eines zarten Mdchens in den Stein
und sang dazu ein frhliches Lied. Ich blieb vor dem Grabe lange stehen:
es war wie in einer Shakespeare'schen Tragdie.

Hoch ragen ber der Brcke San Luigi die zackigen Felsen empor, welche die
Schlucht umfassen. Sie selber steigt hier pltzlich auf, unvermittelt in
romantischer Wildni. Ein einzelner Felsenkegel erhebt sich aus ihrer
Mitte und endet mit spitzem Gipfel. Zahlreiche Grotten versenken sich in
den Stein. Rosmarin und Wolfsmilch, Wachholder und groblthige Malven
(_Lavatera maritima_) klammern sich an jeden Vorsprung der Felsen an und
beleben ihre Eintnigkeit. Unten grnt Alles von ppigem Pflanzenwuchs.
Ein kleiner Bach rauscht abwrts in den Felsenspalten und bildet dann
zierliche Wasserflle. Ein Theil des Wassers wird in einen kleinen
Aquduct gefat, der in malerischen Windungen abwrts luft, dann mit
gewlbtem Bogen den Bach berschreitet. Wie effectvoll Alles vereint in
diesem engen Raume: es ist fast wie eine Theaterdecoration!

An jener so beraus warmen Stelle der Riviera bildet diese Felsenschlucht
wohl noch den wrmsten Ort. Durch hohe Berge geschtzt und umfat, steht
sie den sdlichen Winden nur offen. In dieser Schlucht beginnen schon im
December die Veilchen zu blhen. Die Schwalben verlassen sie nie. Die
Eidechsen sollen ihres Winterschlafs hier vergessen. An Nahrung ist stets
Ueberflu. Insekten durchschwirren die Luft, und die Spinne spannt ihr
Netz auch im Winter, um sie zu fangen.

                                   VI.

Niemand sollte es versumen, von Bordighera oder von Mentone aus, einen
Ausflug nach La Mortola, dem Garten des Herrn Thomas Hanbury, zu
unternehmen. Der Eintritt wird Montag und Freitag Nachmittag gegen Zahlung
von je einem Franc gestattet. Dieses Geld dient zur Untersttzung des
Krankenhauses von Ventimiglia. Wer eingehende Studien im Garten machen
will, erhlt hierzu vom Besitzer jederzeit Erlaubni. Frher Eigenthum der
Familie Orengo in Ventimiglia, trgt auch heute noch die schne Villa im
Garten, welche Herr Thomas Hanbury bewohnt, den Namen des Palazzo Orengo.
Als Herr Hanbury diese Besitzung im Jahre 1866 erwarb, war sie von einem
mageren Olivenhain bedeckt. Ludwig Winter hat sie in den feenhaften Garten
verwandelt, der jetzt den Besucher entzckt. Der Garten deckt eine Flche
von ungefhr vierzig Hektaren und fllt von der Kunststrae, welche das
Dorf Mortola in hundert Meter Hhe durchzieht, bis zum Meere ab. Die in
dem Numullitenkalk tief gerissene Schlucht, an welche die Besitzung
anlehnt, gewhrt ihr Schutz gegen die Winde und ermglicht die
Entwickelung einer so ppigen Vegetation, wie sie auch an der Riviera kaum
ihres gleichen findet. Freilich mute durch knstliche Bewsserung
vorgesorgt werden, da die lange Drre des Sommers nicht verhngnivoll
fr die Pflanzen werde. Denn man rechnet in La Mortola ber zweihundert
Tage im Jahr, an welchen der Himmel vllig wolkenlos bleibt, und auch
innerhalb des winterlichen Halbjahres gibt es nur etwa vierzig Regentage.

Es wre ein gewagtes Beginnen, wollte ich an dieser Stelle alle die
zahlreichen Pflanzenformen schildern, welche der Garten von La Mortola
birgt. Es kommt mir nur darauf an, die Reichhaltigkeit desselben
hervorzuheben. Was aber diesen Garten insbesondere belehrend macht, ist
der Umstand, da alle Pflanzen Schilder tragen, auf welchen ihr Name, der
abgekrzte Name des Autors, der sie benannte, ihre Heimath, sowie die
Familie, der sie angehren, angegeben ist. So kann jeder Besucher des
Gartens erfahren, wie die Pflanze heit, die ihm durch ihre Schnheit oder
ihren Wohlgeruch auffllt, eine Pflanze, nach deren Namen er vielleicht
vergeblich schon in manchem anderen Garten der Riviera forschte. Herr
Hanbury ist bemht, seinem Garten auch wissenschaftlichen Werth zu
verleihen und sucht unaufhrlich neue, interessante, technisch wichtige
oder durch ihre Heilkraft ausgezeichnete Gewchse fr denselben zu
erwerben. Ein kenntnireicher deutscher Grtner, Gustav Cronemeyer,
stellte vor einigen Jahren ein wissenschaftliches Verzeichni aller
Pflanzen des Gartens auf. Dieses Verzeichni umfat ber 3600 Arten. Es
wurde an alle botanischen Anstalten der Welt versandt, mit der
Aufforderung, aus den Schtzen des Gartens fr wissenschaftliche Zwecke zu
schpfen. Auch die Samen und Frchte des Gartens erntet man alljhrig, um
sie wissenschaftlichen Anstalten dienstbar zu machen. Da Herr Hanbury
gleichzeitig stattliche Schulgebude in La Mortola errichtet, da er
neuerdings auch ein schnes botanisches Institut in Genua erbauen lie, um
es der dortigen Universitt zu schenken, so lt sich wohl behaupten, da
er einen edlen, nachahmenswerthen Gebrauch von seinen Reichthmern macht.
Leider ist der eifrige Leiter des Gartens, Gustav Cronemeyer, vor kurzem
gestorben, und gewhrt es nur einen Trost, da sein Nachfolger, ebenfalls
ein deutscher Grtner, Herr Dinter, mit gleichem Eifer in seine Spuren
tritt.

Gerade im Frhjahr ist es, wo der Garten von La Mortola in vollstem
Blthenschmucke prangt. Besonders tragen die Akazien dazu bei, ihn um jene
Zeit so ppig zu verzieren. Ueber neunzig Arten der Gattung _Acacia_
stehen da in Cultur, von den fein gefiederten, mimosenartigen an, deren
Blttchen jeder Windhauch in Bewegung setzt, bis zu jenen starrend
stachlichen Arten, welche schon durch ihren botanischen Namen als
bewaffnet (_armata_), struppig und schauerlich (_horrida_)
hinreichend gekennzeichnet werden. Manche Akazien sind von gelben Blthen
so berdeckt, da das grne Laub unter denselben fast verschwindet, und
die meisten verbreiten zur Blthezeit ein liebliches Aroma. Benennungen
wie lieblich, angenehm (_suaveolens_) zeichnen noch besonders einzelne
Arten aus. Der hchste Preis des Wohlgeruchs gebhrt aber unstreitig der
tropisch-amerikanischen _Acacia Farnesiana_, welche ihre veilchenduftenden
Blthenkpfchen den ganzen Winter ber treibt. Diese Blthenkpfchen
dienen in Grasse und in Cannes unter dem Namen _fleurs de cassie_ in
ausgiebiger Weise den Zwecken der Parfmerie. Den Namen _Farnesiana_
erhielt diese schon lange in Sdeuropa bekannte Pflanze wohl daher, da
sie in den farnesianischen Grten in Rom zuerst gezchtet wurde. - Durch
ihr zartes, zierliches, doppeltgefiedertes Laub von blulich grner Farbe,
fllt hier, wie auch an den anderen Stellen der Riviera, die _Acacia_ oder
_Albizzia Julibrissin_ auf, ein stattlicher Baum vom Aussehen einer
Mimose, dessen hellviolette Blthenkpfchen aber erst im Juli zur
Entfaltung kommen. Sie stammt von der Sdkste des kaspischen Meeres, ihr
Arten-Name ist persisch und bedeutet Seidenblume. - Von der
sdafrikanischen steifen _Acacia horrida_ stammt eine geringe Gummisorte,
die als Capgummi bekannt ist. Das feinste Gummi arabicum tritt aus der
Rinde der senegambisch-kordofanischen _Acacia Senegal_, hnlich wie bei
uns Kirschgummi aus der Rinde von Kirschbumen, hervor.

Durch ein ganz besonders feines Aroma zeichnet sich in dem Garten von La
Mortola auer der _Acacia Farnesiana_ ein gelbblhender Strauch, die
_Pteronia incana_ vom Cap aus, welche zu derselben Abtheilung der
Compositen wie unsere Astern gehrt, deren Blthenkpfchen aber einen, man
knnte fast sagen, vergeistigten Aprikosenduft verbreiten. Sehr
wohlriechend in allen seinen Theilen ist ein anderer Strauch vom Cap, die
Rutacee _Diosma fragrans_. Nicht umsonst hat sie, so wie ihre nchsten
Verwandten, die bei uns viel in Gewchshusern cultivirt und als
Bouquetgrn benutzt werden, den Namen _Diosma_, d. h. Gtterduft,
erhalten. Ein chilenischer Strauch mit kleinen gelben Blthen, die
Flacourtiacee _Azara microphylla_, wird wegen seines vanillenartigen
Duftes in der Heimath Aromo genannt. Eine krautartige Salbeiart, die
_Salvia albocoerulea_, riecht wie feines Tafelobst. Verschiedene
Pelargonien, so namentlich das _Pelargonium roseum_ und _odoratissimum_,
verbreiten ein starkes rosenartiges Parfm, wenn man ihre Bltter
zerdrckt. Geradezu betubt wird man an zahlreichen Stellen des Gartens
von dem Duft, der den kleinen weien Blthen vom _Pittosporum Tobira_
entstrmt. Diese Blthen decken in groer Zahl den baumartigen immergrnen
Strauch, der im Aussehen an den lorbeerartigen Schneeball (_Viburnum
Tinus_) unserer Gewchshuser erinnert. Es gibt auch eine Art mit fast
schwarzen Blthen, die fremdartig genug auf den Zuschauer einwirkt. -
Lieblich duftet, hnlich wie unsere wohlriechende Platterbse, ein
zierlicher Baum mit berhngenden Aesten, der aus der Ferne ganz wei
erscheint von reicher Blthenflle. Es ist eine west-mediterrane
Ginsterart, _Genista monosperma_, die zu den anmuthigsten Pflanzenformen
im Frhjahr an der Riviera gehrt. Ist auch zu jener Zeit der
Blthenreichthum noch so gro, Jedem fllt, unter allen anderen, diese
Pflanze auf, die den Namen Blthenregen fhren sollte. Erscheint es da
nicht wunderbar, da zu derselben Gattung, wie dieses so zart erscheinende
Gewchs, auch die _Genista acanthoclada_ gehrt, ein Strauch der
griechischen Berge, der so stachelig ist, da er fr die Pflanze des
Tartarus gelten konnte: _Aspalathus_, nach der Insel Aspalathe an der
Kste von Lycien genannt, lieferte er, der Sage nach, jene Ruthen, mit
denen die Gottlosen in der Unterwelt gepeitscht wurden.

Eigenthmlich berhren den Besucher des Gartens die Casuarineen, die in
groen Exemplaren gleich unterhalb der Eingangstreppe stehen. Die
graugrnen feinen Zweige dieser Bume hngen wie die Federn eines
Casuarschweifes herab und verschafften dem Gewchs auch seinen Namen. Die
Zweige sind blattlos; die Ernhrung des Baumes, die sonst von den Blttern
besorgt zu werden pflegt, fllt hier somit den Zweigen zu. Diese sind
demgem auch grn gefrbt, d. h. sie fhren jenen Farbstoff, das
Chlorophyll, dessen Anwesenheit fr die Bereitung von Nahrungsstoff durch
die Pflanze nothwendig ist. Die Casuarineen bilden in Australien
ausgedehnte Wlder von sehr eigenem Aussehen. Wie so viele andere
australische Bume vermgen sie dem Boden nur sprlichen Schatten zu
spenden. Die Blthen dieser Gewchse sind so klein und unansehnlich, da
nur das kundige Auge sie an den Zweigen zu erkennen vermag. Das Holz der
Casuarineen zeichnet sich durch seine Hrte und seine Schwere aus und hat
daher den Eingeborenen zur Anfertigung von Streitkolben gedient.

Ein australischer Baum, der in den letzten Decennien ungemein rasche
Verbreitung ber die Riviera gefunden hat und den der Garten von La
Mortola in nicht weniger als vierundzwanzig Arten besitzt, ist der
Eucalyptus. Jeder, der Italien einmal besuchte, kennt die Eucalypten, wenn
auch wohl nur die eine, berall vertretene Art derselben, den _Eucalyptus
globulus_. Auch dieser australische Baum gibt im Verhltni nur wenig
Schatten; seine Bltter sind zwar von ansehnlicher Gre, sie hngen aber
an langen Stielen von den Zweigen senkrecht herab und knnen daher selbst
bei dichter Belaubung den Sonnenstrahlen nicht allen Durchgang verwehren.
Da auch der leiseste Windhauch diese Bltter in Bewegung setzt, so
herrscht unter den Eucalyptusbumen ein eigenes zitterndes Zwielicht, das
allerdings erst in Eucalyptus-Wldern voll empfunden wird. Die Eucalypten
gehren zu den Riesen der Pflanzenwelt, zu denjenigen Bumen, welche
berhaupt die bedeutendste Gre erreichen. In Australien sind Stmme von
_Eucalyptus amygdalina_ gemessen worden, deren Hhe 156 Meter betrug und
somit genau derjenigen der Thrme des Klner Doms entsprach, die Pyramide
des Cheops aber um fnf Meter, die Peterskirche in Rom sogar um mehr als
zwanzig Meter berstieg. Die Eucalypten wachsen auch an der Riviera
uerst rasch und ragen schon ber ihre Umgebung weit empor, ungeachtet
ihre Anpflanzung hauptschlich erst Ende der sechziger Jahre erfolgte. Im
Garten von La Mortola erreichte ein _Eucalyptus globulus_ in sieben Jahren
neunzehn Meter Hhe und fast anderthalb Meter im Umfang. Kein in Europa
sonst bekannter Baum vermag hnliches zu leisten. Trotz so raschen
Wachsthums zeichnet sich das Eucalyptusholz durch groe Hrte aus. An
vielen Orten hat man Eucalypten angepflanzt, weil man der Ausdnstung
derselben besondere heilsame Krfte zuschrieb. Thatschlich kommt aber den
uerst geringen Mengen von therischen len, die sich um die Eucalypten
verbreiten, kaum eine merklich desinficirende Wirkung zu. Dadurch
hingegen, da die Eucalypten rasch auf sumpfigem Boden wachsen und als
immergrne Pflanzen Sommer und Winter Wasser aus ihren Blttern
verdunsten, tragen sie zu dessen Trockenlegung bei. Die Hoffnung, da die
Extracte aus Blttern und Rinde der Eucalypten das Chinin ersetzen wrden,
war gleichfalls bertrieben. Kommt auch diesen Extracten eine gewisse
febrifuge Wirkung zu und sind dieselben auch seit undenklichen Zeiten von
den Eingeborenen Australiens gegen Malaria verwandt worden, so stehen sie
doch dem Chinin ganz bedeutend nach. Im April sieht man die lteren
Eucalyptusstmme an der Riviera sich mit groen weien Blthen bedecken,
welche durch ihre uerst zahlreichen, feinen und langen Staubgefe
auffallen. Der Kundige erkennt an diesen Blthen, da der Baum zu den
myrtenartigen Gewchsen gehrt. Eine Eigenthmlichkeit der Eucalypten ist
es, da deren Blthenknospen sich mit einem runden Deckel ffnen, der als
grne, weibereifte Mtze abgeworfen wird. Diese Deckel sieht man im
Frhjahr in groen Mengen unter den Eucalyptusbumen liegen; sie
verbreiten, wenn man sie zertritt, einen sehr durchdringenden Geruch.
Neuerdings hat sich die Industrie auch dieser Gebilde bemchtigt, und in
Bordighera sah ich Kreuze und Rosenkrnze, die aus trockenen,
aufgefdelten Eucalyptusblthen-Deckeln hergestellt waren.

Ganz junge Eucalyptusbume, wie man sie auch bei uns, innerhalb der
Gewchshuser, sehen kann, zeigen zunchst ein von den lteren Bumen
durchaus verschiedenes Aussehen. Kaum glaubt man dieselben Pflanzen vor
Augen zu haben. Die Bltter sind breit, stumpf, stengelumfassend,
wagerecht gestellt, und erst an lteren Zweigen treten an deren Stelle die
schmalen, zugespitzten, langgestielten Bltter auf, die senkrecht abwrts
hngen. Damit verndert sich auch ihr innerer Bau. Zuvor zeigten sie
verschiedene Structur auf ihren beiden Seiten, jetzt sind beide Seiten
gleich. Beide Blattflchen werden ja an den hngenden Blttern in gleicher
Weise von Lichtstrahlen getroffen. Sie brauchen aber gleichen Bau, um
gleiche Arbeit zu verrichten. Aehnliche Einrichtungen treten uns bei
vielen anderen Gewchsen Neuhollands entgegen und bestimmen geradezu den
Charakter der dortigen Vegetation.

Der in Italien hauptschlich cultivirte _Eucalyptus globulus_ ist nicht
der widerstandfhigste Vertreter seiner Gattung, wie er denn auch im
strengen Winter 1890-91 an exponirten Stellen der Riviera gelitten hatte.
Manche Arten trotzen besser der Klte, und der _Eucalyptus Gunnii_ gedeiht
selbst in Whittingham bei Edinburgh.

Der hohen Schutzmauer der Seealpen, welche die kalten Nordwinde abhlt,
verdankt die Riviera di Ponente ihr mildes Klima. Diese Schutzmauer
bedingt es auch, da dort die Cultur der Agrumi erfolgreich betrieben
werden kann. An zahlreichen Stellen der Kste, zwischen Nizza und Savona,
gedeihen die Agrumi ebenso gut wie bei Neapel, whrend der Reisende das
Innere von Ober- und Mittelitalien durchwandern kann, ohne sie zu
erblicken. Unter der Bezeichnung Agrumi werden die Vertreter der Gattung
_Citrus_ zusammengefat. Das Verzeichni von La Mortola weist ber zwanzig
Arten oder Formen dieser Gattung auf. Man findet dort fast alle in Italien
cultivirten Agrumi in engem Raum beisammen. Diese Pflanzen scheinen so
fest mit dem italienischen Boden verwachsen zu sein, da italienische
Bilder stets der Phantasie des Nordlnders vom Blthenduft der Citrone
durchweht und vom Glanze der Goldorange durchleuchtet erscheinen. Am
meisten hat diese Vorstellung wohl das Mignonlied verbreitet, jenes Lied,
das der Sehnsucht des Nordlnders nach sdlicheren Gestaden so unendlichen
Ausdruck verlieh. So sehr die Agrumi aber auch in die italienische
Landschaft zu gehren scheinen, so sind sie doch erst verhltnimig spt
in dieselbe gelangt und nur auf ganz bestimmte Theile von Italien
beschrnkt geblieben. Ihre Heimath liegt im fernen Asien, in Ostindien und
Sdchina; ber den Orient schlugen sie aber zunchst ihren Weg nach Europa
ein. Wie aus dem alten Trait du Citrus von Gallesio, dem Werke Victor
Hehn's ber Culturpflanzen und Hausthiere, Alphonse de Candolle's
Ursprung der Culturpflanzen, endlich Flckiger's Pharmacognosie - von
lteren Quellenwerken abgesehen - zu erfahren ist, war dasjenige, was im
Alterthum zunchst Citrum hie, das Holz von _Callitris quadrivalvis_.
Auch diese nordafrikanische Conifere ist in dem Hanbury'schen Garten in
vortrefflicher Entwickelung zu sehen. Ihr Holz liefert das Sandarac, ein
Harz, das in erstarrten, weien Thrnen die Stammrinde deckt und aus der
Wunde heraustropft, wenn ein Zweig abgeschnitten wird. Das schn
gemaserte, wohlriechende Holz dieses Baumes stand bei den Rmern in hohem
Ansehen und diente im Besonderen zur Anfertigung von Kisten, welche
wollene Kleider vor Motten schtzen sollten. Als dann die Citrone den
Rmern bekannt wurde, und es sich zeigte, da sie in hnlich wirksamer
Weise die Motten abhlt, wurde der Name Citrum auf dieselbe bertragen.
Von dem Gewchse, welches diese _mala citria_ erzeugt, drang die erste
Kunde nach Griechenland whrend der Kriegszge Alexanders des Groen.
Letztere waren es, welche den Orient und die Tropen der griechischen
Cultur erschlossen. Sie brachten den classischen Lndern eine solche Flle
neuer Naturanschauungen, wie dies zum zweiten Mal in gleichem Mae nur
durch die Entdeckung des tropischen Amerika wieder geschah. Ueber den
Citronenbaum wurde berichtet, da er ein wunderbares Gewchs der
persischen und medischen Lande sei, und voll goldener Frchte hnge. Diese
sollten nicht nur gegen Motten schtzen, sondern auch als Gegengifte
uerst wirksam sein. Ja, es bildete sich, wie man in einem Werke des
Athenaeos, eines Gelehrten, der zu Naukratis in gypten geboren wurde und
um 228 n. Chr. starb, lesen kann, der Aberglaube, da, wer von diesen
Frchten gekostet habe, den Bi giftiger Schlangen nicht zu frchten
brauche. Jenes durch seine Citate sehr werthvolle und merkwrdige Werk des
Athenaeos schildert ein fingirtes Gastmahl, welches von einem rmischen
Schlemmer und Schngeist, Knstlern, Dichtern und Gelehrten geboten wird,
und bei welchem an die dargereichten Speisen und Getrnke sich
entsprechende Unterhaltungen knpfen. Da erzhlt ein gewisser Demokritos,
sein Freund, der Statthalter von gypten, habe ihm mitgetheilt, da zwei
Verbrecher, die zum Tode durch giftige Schlangen verurtheilt waren, dem
Bi derselben nicht erlagen, weil sie von einer Citrone zuvor aen. Der
Statthalter habe den Versuch absichtlich mit denselben Verbrechern zum
zweiten Male wiederholt, aber nur dem einen von beiden eine Citrone
dargereicht. Die Folge sei gewesen, da dieser eine nur den Bissen der
giftigen Nattern zu widerstehen vermochte, whrend der andere bald nach
der Verwundung starb. Als bestes Schutzmittel gegen Gift empfiehlt der
Erzhler eine in Honig zerkochte Citrone. Man msse von diesem Gegengift
frh am Morgen eine kleine Menge zu sich nehmen und sei dann den ganzen
Tag ber vor Vergiftung sicher. Dem Aberglauben, der solche Vorstellungen
nhrte, liegt wie auch sonst in hnlichen Fllen, ein Fnkchen Wahrheit zu
Grunde. Thatschlich ist die Citrone durch sehr starke fulniwidrige
Eigenschaften ausgezeichnet, Eigenschaften, die sie auch heute noch als
Antisepticum sehr schtzbar machen. Schon im Alterthum hatte man richtig
erkannt, da der Saft der Citrone den Athem verbessere. Ein Vergngen
konnte es damals nicht sein, Citronen zu genieen, denn es waren
thatschlich nicht unsere jetzigen Citronen, vielmehr Cedraten oder
Citronat-Citronen, die uns nur eingemacht schmecken. Diese Cedraten heien
auch heute noch Cedro bei den Italienern. Saftiges Fruchtfleisch ist
ihnen nicht eigen; sie bestehen fast ausschlielich nur aus Schale, und
diese ist es, die, in Zucker eingekocht, die Citronate liefert. Die
Cedraten erreichen meist bedeutendere Gre als die Citronen, sind
letzteren im brigen hnlich. Ihre Form variirt aber bedeutend, und da
viele Abnderungen durch Veredelung fixirt worden sind, so bekommt man
neben stark in die Lnge gezogenen auch fast runde Cedraten zu sehen. Das
gab sogar Veranlassung zur Aufstellung verschiedener Arten innerhalb
dieses Formenkreises, wie es denn berhaupt schwer fllt, zu
unterscheiden, was Art und was nur Abart in der Gattung Citrus ist. Eine
rundliche durch stark hckerige Schale und feinen Wohlgeruch
ausgezeichnete Frucht, die auch zu den Cedraten gehrt, wird als
Adamsapfel oder Paradiesapfel unterschieden. Sie galt als die Frucht vom
Baume der Erkenntni und findet als solche beim Laubhttenfest der Juden
heute noch Verwendung. Die gesuchtesten Frchte zu diesem Fest werden aus
Corsica, Corfu, Marocco und Palstina eingefhrt und knnen bei
vorgeschriebener Form sehr hohen Geldwerth erreichen.

Der Cedratenbaum kam bei den Rmern sehr in Mode, und man sah ihn, in
Kbeln gepflanzt, die Sulenhallen der Villen und die Grten schmcken.
Vom dritten Jahrhundert an wird er auch, als im freien Lande gedeihend,
beschrieben. Heut noch wird er in Italien viel gezogen und zeichnet sich
vor allen anderen Agrumi dadurch aus, da er das ganze Jahr hindurch
Blthen und Frchte trgt.

Der Baum, der die Frucht zeitigt, welche wir als Citrone bezeichnen, die
aber richtiger auch bei uns Limone heien mte, kam durch Vermittlung der
Araber erst im zehnten Jahrhundert nach Sd-Europa, zunchst nach Spanien,
dann wohl auch nach Sicilien. Er fehlte hingegen noch an der ligurischen
Kste, wohin ihn erst gegen Ende des elften Jahrhunderts die Kreuzfahrer
aus Syrien und aus Palstina brachten. Mit den Limonenbumen zugleich
gelangten die Pampelmusen und die bitterfrchtigen Pomeranzenbume an die
Riviera, und Ligurien blieb berhaupt lange Zeit das Land, in welchem die
Cultur der Agrumi am meisten betrieben wurde. Einen bedeutenderen
Aufschwung gewann die Cultur freilich auch dort erst im vierzehnten
Jahrhundert, als die Ansprche an die Gensse des Lebens sich zu steigern
begannen. Sie verbreitete sich in Italien zugleich mit der Limonade, deren
Zubereitung man von den Orientalen lernte. Unter dem Cardinal Mazarin war
es, da auch in Paris die ersten Limonadiers auftraten, um bald eine
hnliche Rolle wie heut die Cafetiers zu spielen. Die Limone, durch die
nmlichen, fulniwidrigen Eigenschaften wie die Cedrate ausgezeichnet,
lieferte in der That nicht nur ein erfrischendes, sondern zugleich auch
ein antiseptisches Getrnk. In den der zweiten Hlfte des sechzehnten
Jahrhunderts angehrenden Kruterbchern des Tabernaemontanus, der Arzney
Doctoris und Chur-Frstlicher Pfaltz Medici zu Neuwhausen, heit es, da
der Citronensaft nicht allein wider die innerliche Fulung und das Gifft
sehr gut und krftig sei, sondern auch gegen alle Traurigkeit und
Schwermthigkeit des Hertzens und die Melancholey. Die Rinde widerstehe
dem Gift: Dann zur Zeit der Pest soll man sie im Mund halten, auch ein
Rauch damit machen. - Der Citronensaft gilt auch heute noch als eines der
wirksamsten Mittel gegen den Scorbut, die bekannte Mund- oder
Zahnfleischfule, der die Seefahrer besonders unterworfen sind. Daher
jetzt die englische Marine, und nach ihrem Beispiel auch andere,
Citronensaft in wohlverschlossenen Flaschen auf ihren Schiffen fhren.

Ich bemhte mich festzustellen, woher der jetzt noch ziemlich verbreitete,
frher fast allgemeine Brauch stammt, da die Leichentrger bei
Begrbnissen eine Citrone in der Hand halten. Ursprnglich ist er durch
die fulniwidrigen Eigenschaften und den starken Geruch der Citrone
veranlat worden, dann hat er symbolische Bedeutung gewonnen. Die Symbolik
hat sich in mannigfaltiger Weise der Citrone bemchtigt. So heit es in
J. B. Friedrich's Werke: Die Symbolik der Mythologie der Natur: Das
Aromatische, Erquickende und Belebende der Citrone hat sie zum Symbole des
Lebens und des Schutzes gegen das Lebensfeindliche gemacht. Daher schtzt
nach altem Glauben die Citrone gegen Bezauberung, daher trgt das indische
Weib, welches sich nach dem Tode seines Gatten verbrennen lt, auf seinem
Gange zum Scheiterhaufen eine Citrone in der Hand als Sinnbild ihres
zuknftigen Zusammenlebens mit dem Gatten; daher die noch bliche Sitte,
da bei einem Leichenbegngnisse die Leidtragenden die das neue Leben des
Abgeschiedenen symbolisirende Citrone in der Hand tragen; daher endlich
die Sitte des zum ersten Mal zur Communion gehenden Kindes, eine Citrone
zu tragen, weil es durch die Communion ein neues Leben durch seinen
erneuerten Bund mit Gott eingeht.

Der Pampelmusbaum (_Citrus decumana_) fllt durch die Gre auf, die seine
Frchte erreichen. Dieselben haben s-suerlichen Geschmack und werden
mit Wein und Zucker gegessen. Einzelne Frchte knnen unter Umstnden bis
sechs Kilo Gewicht erlangen.

Der bittere Pomeranzenbaum ist durch besonders aromatische Bltter und
Blthen ausgezeichnet. Die Frchte zeichnen sich durch ihre goldige
Frbung aus. Sie werden frisch nicht genossen, wohl aber gelten die in
Zucker eingemachten Schalen derselben als besonders wohlschmeckend. Auch
dienen die Bltter, Blthen und die unreifen Frchte zur Gewinnung
therischer le und spielen letztere auerdem eine wichtige Rolle bei der
Liqueurfabrikation. Da der Stamm der bitterfrchtigen Pomeranze sich als
besonders widerstandsfhig erwiesen hat, so verwendet man ihn auch hufig
als Unterlage, auf welcher andere Citrus-Arten veredelt werden.

Der sfrchtige Pomeranzenbaum gelangte wesentlich spter nach Europa als
die bisher genannten Agrumi. Man nahm ziemlich allgemein bis vor Kurzem
an, die Portugiesen htten ihn erst gegen Mitte des sechzehnten
Jahrhunderts, und zwar angeblich im Jahre 1548, aus dem sdlichen China
mitgebracht; ja man zeigte im Garten des Grafen von St. Lorenzo zu
Lissabon einen Orangenbaum, der der eingefhrte Urbaum sein sollte. Aus
den Schriften von Galesio, Targioni und Goeze scheint aber hervorzugehen,
da die se Pomeranze schon wesentlich frher die Grten Spaniens und
Italiens schmckte; sie mu bereits im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts
nach Europa gelangt sein. Galesio sucht es wahrscheinlich zu machen, da
die Cultur der sen Orange auch an der Riviera bis ins fnfzehnte
Jahrhundert zurckreicht, doch ist seine Beweisfhrung nicht berzeugend.
So berichtet Galesio ber ein aus den Acten der Stadt Savona vom Jahre
1471 sich ergebendes Geschenk von eingemachten Citronen und Limonen und
frischen Citruli, welches die Stadt Savona ihrem Gesandten in Mailand
machte. Da nun die als Citruli bezeichneten Frchte frisch gesandt
wurden, hlt sie Galesio fr *se* Orangen, da der Gesandte in Mailand
wohl keine *bitteren* htte essen mgen. In dem Archiv eines Notars in
Savona ist andererseits ein Verkaufsact vom Jahre 1472 ber eine
Schiffsladung von 15 000 Citranguli oder Cetroni aufgefunden worden, und
Galesio frgt sich, was man wohl mit 15 000 bitteren Pomeranzen angefangen
htte. Auf diese Frage kann man ihm die Antwort schuldig bleiben, ohne da
dadurch der Nachweis, da es sich wirklich um se Orangen gehandelt habe,
beigebracht sei. Ja eine solche Annahme mte um so gewagter erscheinen,
als thatschlich schon Matthaeus Silvaticus in Salerno, der Verfasser des
1317 beendigten _Opus pandectarum medicinae_ die *bittere* Pomeranze als
_Citrangulum_ bezeichnet und diese Bezeichnung auch von den bersetzern
arabischer Werke von ihm benutzt wurde, um den arabischen Namen _narindj_
wiederzugeben. Andererseits zeigt die heute noch in Italien bliche
Anpreisung der sen Pomeranze als Portogallo deutlich den Ursprung der
jetzt dort cultivirten Frchte an. Mgen es somit auch nicht die
Portugiesen gewesen sein, welche die se Pomeranze in Europa einfhrten,
so haben wir denselben doch die bessere, jetzt beliebte Sorte dieser
Frucht zu danken. Die chinesische Heimath der sen Pomeranze dagegen
kommt in dem deutschen Namen Apfelsine, ursprnglich Sinaapfel oder
chinesischer Apfel, zur Geltung. Der deutsche Name wurde von den Russen,
den Grenznachbarn der Chinesen adoptirt; bezeichnend genug, meint Victor
Hehn, fr die Umwlzung im Weltverkehr, der seit Vasco de Gama nicht mehr
quer durch das Gebiet von Asien, von Ost nach West, vielmehr aus dem Ocean
in umgekehrter Richtung sich vollzog.

Der Name Orange stammt aus dem Sanskrit und ist auf _nagarunga_ oder
_nagrunga_ zurckzufhren. Die Araber hatten daraus _Narunj_ gebildet, die
Italiener _Naranzi_, _Aranci_, die Franzosen schlielich Orange. Die
mittelalterliche Bezeichnung _poma aurantia_ Goldpfel, ist somit nur
dem Klange nach dem Worte Orange hnlich. Aus poma aurantia ging dann
aber das deutsche Pomeranze und das polnische _Pomara['n]cza_ hervor.

Da unter den goldenen pfeln der Hesperiden, die Herakles, der Sage nach,
aus dem fernen Westen holte, nicht Orangen gemeint sein konnten, geht aus
der Geschichte jener Frchte genugsam hervor. Die goldenen pfel der
Hesperiden waren vielmehr idealisirte Quitten. Der Aphrodite geweiht,
dienten sie dauernd in Hellas als Preise bei Liebesspielen und prangten
unter den brutlichen Gaben.

Wie schn ein Apfelsinenbaum bei voller Kraftentfaltung werden kann, wenn
ihn Tausende von goldenen Frchten schmcken, das lt sich freilich kaum
an der Riviera, ja nicht einmal in Sorrent ermessen. Vllig ausgewachsene,
ppig entfaltete Orangenbume von der Gre unserer Apfelbume, sah ich
erst am Fue des tna. Theobald Fischer gibt in seinen Beitrgen zur
physischen Geographie der Mittelmeerlnder an, da ein ausgewachsener,
gut gehaltener Apfelsinenbaum in Sicilien sechs- bis siebenhundert, ein
Limonenbaum sogar tausend bis elfhundert Frchte liefert. Im Durchschnitt
knne man auf den Hektar Agrumen bei Palermo 3000 Lire Rohgewinn rechnen,
und was das sagen will, geht daraus hervor, da die eintrglichsten Grten
bei Paris es nur zu einem Rohgewinn von 2500 bis 2700 Francs auf den
Hektar bringen.

Es gibt eine Unzahl von Apfelsinensorten, von denen zu uns aber nur einige
wenige gelangen, darunter die jetzt immer beliebter werdende blutfarbige,
die Orange von Jericho.

Auch die als besondere Art der Gattung Citrus geltenden Mandarinen
(_Citrus nobilis_) sind Gegenstand bedeutenden Exportes aus Italien
geworden. Der Mandarinenbaum gedeiht an der Riviera sogar besser, als der
Apfelsinenbaum. Er ist in allen Theilen kleiner, und an seinem
buschig-runden Wuchs unschwer zu erkennen. In China und Cochinchina steht
er seit undenklichen Zeiten schon in Cultur, in Europa hingegen tauchte er
erst im Jahre 1828 auf.

In dem Garten von La Mortola ist auch die _Citrus bergamia_ zu finden, aus
deren Fruchtschalen das uerst wohlriechende Bergamottl gewonnen wird;
desgleichen steht dort die _Citrus myrtifolia_, deren sehr kleine Frchte,
in Zucker eingesotten, die beliebten Chinois liefern. Es fehlt auch
nicht die se Limone oder Limette, die nur eine Abart der sauren Limone
ist und wie die se Orange gegessen wird.

Eigenartig sieht die _Citrus trifoliata_ aus, ein aus Japan stammender
Strauch, der dreitheilige Bltter trgt und mit groen scharfen Dornen
bewaffnet ist. An seinen Blthen und Frchten kann man ihn als Citrus-Art
erkennen, sonst macht er wirklich nicht diesen Eindruck. Er vertrgt die
Klte so gut, da man ihn selbst in Paris im Freien sieht.

Besonders fllt in dem La Mortola-Garten eine monstrse Orangenform auf,
die der Katalog als _Citrus Aurantium var. Buddhafingered_ bezeichnet.
Die Mibildung beruht darauf, da die einzelnen Fruchtfcher, aus welchen
die Orange aufgebaut ist, statt zu einer runden Frucht vereinigt zu
bleiben, an ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt diese Frucht
eine Anzahl von Fortstzen und erinnert entfernt an eine Hand mit
vorgestreckten Fingern. Diese hnlichkeit hat in Indien den Vergleich mit
Buddha's Hand veranlat und aberglubische Vorstellungen erweckt. Ganz
hnliche Mibildungen kommen auch, in mannigfacher Verschiedenheit, bei
den Citronen und Limonen vor und werden durch Veredlung festgehalten.

Weitaus der merkwrdigste Baum in der Reihe der Agrumi ist die Bizzarria,
welche der La Mortola-Garten ebenfalls besitzt. Schner entwickelt sah ich
diese Pflanze im botanischen Garten zu Neapel. Die Bizzarria trgt
zugleich Orangen, Citronen und Limonen. Sie weist auch Frchte auf, welche
die Mitte zwischen jenen Fruchtformen halten, endlich auch Frchte, an
welchen einzelne Fcher das Aussehen von Orangen, andere dasjenige von
Limonen oder Citronen besitzen. Es sind Bizzarrien beschrieben worden,
deren Frchte die Bestandtheile von fnf verschiedenen Fruchtformen der
Agrumi in sich vereinigten. Die Entstehung der Bizzarrien ist bis jetzt
nicht endgltig aufgeklrt worden. Die Einen halten sie fr Bastarde,
whrend Andere meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufllige
Vermischung der Eigenschaften der Unterlage und des Edelreises entstanden.
Letzteres wre sehr merkwrdig, da die Erfahrung, die wir tglich bei der
Veredelung unserer Obstbume, der Rosen und anderer Gewchse machen, sonst
lehrt, da die Unterlage ohne allen Einflu auf das Edelreis bleibt, da
beide ihre Eigenschaften unvermischt behalten. - Die Bizzarrien sind seit
der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bekannt. Sie muten ja von Alters
her durch ihr merkwrdiges Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich richten.
Zum ersten Mal wird ber die Bizzarria im Jahre 1644 berichtet und
angegeben, da sie im Garten Panciatichi in Florenz wachse. Im Jahre 1711
beschftigte sich die franzsische Academie der Wissenschaften mit
derselben und kam zu dem eigenthmlichen Schlu, sie sei eine
ursprngliche Pflanzenart eben so gut wie die Orange oder die Citrone.

In unserem nordischen Garten wird brigens auch ein kleiner Baum
cultivirt, der sich hnlich wie die Bizzarria verhlt. Es ist ein
Goldregen, der dem Grtner zu Ehren, der ihn in den Handel einfhrte,
_Cytisus Adami_ genannt wird. Sein Ursprung ist ebenso wenig wie derjenige
der Bizzarrien aufgeklrt. Dieser uerst zierliche und interessante Baum,
der sich leicht cultiviren lt und bei keinem Gartenliebhaber fehlen
sollte, trgt zur Blthezeit der Hauptsache nach Blthentrauben, die ganz
so wie diejenigen des gewhnlichen Goldregens (_Cytisus Laburnum_) gebaut,
aber nicht gelb, sondern mattroth sind. An einzelnen Zweigen sind aber
auch reingelbe Blthentrauben, die sich dann von denjenigen des
gewhnlichen Goldregens gar nicht mehr unterscheiden, zu sehen. Auerdem
trgt der Baum an besonders gestalteten kleinbltterigen Zweigen purpurne
Einzelblthen, welche, so wie die Zweige selbst, einer anderen
Cytisus-Art, dem _Cytisus purpureus_ gleichen. Endlich kommen gemischte
Blthentrauben mit gelben und rothen Blthen und mit Blthen, die zum
Theil gelb, zum Theil roth sind, vor. Nur die gelben Blthen, die
denjenigen des _Cytisus Laburnum_, und die purpurnen Blthen, die
denjenigen des _Cytisus purpureus_ gleichen, setzen Frchte an, die
anderen verhalten sich wie hufig sonst die Blthen der Bastardpflanzen,
sie sind unfruchtbar. Es ist mglich, da es sich bei _Cytisus Adami_ um
einen eigenartigen Bastard zwischen _Cytisus Laburnum_ und _Cytisus
purpureus_ handelt; der Grtner Adam zu Vitry bei Paris gab seinerseits
an, ihn durch Veredelung von _Cytisus purpureus_ auf _Cytisus Laburnum_
erhalten zu haben.

In den Grten von der Mortola wird Jeder gern auch den Namen und die
Heimath von zwei Pflanzen erfahren wollen, die ihm in den Grten der
Riviera sicher zuvor schon aufgefallen sind: nmlich der _Wigandia
Caracasana_ und des _Echium frutescens_ Die erstere ist eine stattliche,
aus Venezuela stammende Blattpflanze, die bis zwei Meter Hhe erreicht.
Ihre sehr groen Bltter sind elliptisch, am Rande doppelt gezhnt,
beiderseits behaart, an der Oberseite etwas rostfarbig. Die groen
violetten, mit gelben Staubfden versehenen Blthen bilden hrenfrmige
Blthenstnde. Wie bei anderen Vertretern derselben Familie, der
Hydrophyllaceen und der nah verwandten Familie der Boragineen oder der
Boretsch-Gewchse, sind die Blthenstnde von Wigandia in ihrem oberen
Theile schneckenfrmig eingerollt. Der eingerollte Theil ist noch unfertig
und rollt sich in dem Mae auf als seine Blthenknospen reifen. Solche
Einrichtungen gewhren den Vortheil einer sehr langen Blthezeit. Da kann
die blhende Pflanze schlechte Witterung, oder sonst wie ungnstige Zeiten
berdauern, ohne da ihre Samenbildung ganz verhindert werde. Wie diese
verhltnimig groe Wigandia, so gehrte zu derselben Familie der
Hydrophyllaceen das in unseren Grten hufig cultivirte bescheidene
Hainschnchen, die _Nemophila insignis_; zu den nah verwandten Boragineen
rechnen wir von unseren Gartengewchsen unter anderen das als
Kchengewchs wohlbekannte Gurkenkraut (_Borago_), von wildwachsenden
Pflanzen unserer Flora den nicht minder verbreiteten Natterkopf (_Echium
vulgare_). Das in den Grten der Riviera so auffllige, oft bis zwei Meter
hohe, mexikanische Echium frutescens, ist eigentlich nur eine
Riesenausgabe dieses letzteren. Wer unseren Natterkopf kennt, wird auch
jenes Riesen-Echium erkennen und unter den anderen Gewchsen des Gartens
sicher herausfinden. Es trgt dieselbe blaue, kolbenfrmige Blthenhre
wie unser Echium, nur fllt dieselbe eben durch ihre Gre auf.

Doch wir wenden uns nun einem Baume zu, dessen Zweige einst wie jetzt den
Sieger schmckten, dessen Blttern freilich auch die bescheidene Aufgabe
zufllt, unsere Speisen zu wrzen. Der edle Lorbeer, der mit italischen
Bildern ebenso wie die Agrumi verwebt erscheint, ist in Sdeuropa sicher
heimisch gewesen, sein Cultus pflanzte sich hingegen allem Anschein nach
von Kleinasien ber das Mittelmeer fort. Er wurde dem Apoll geweiht und in
dem Mae, wie die Zahl apollinischer Heiligthmer in Griechenland zunahm,
breiteten sich auch die aromatisch duftenden, immergrnen Lorbeerhaine
immer mehr ber dieses Land aus. Mit den griechischen Gottheiten gelangte
der Lorbeerbaum auf italischen Boden, und es begleitete ihn dort zugleich
als Cultus-Gewchs die der Aphrodite geweihte Myrte.

Allgemein war im Alterthum der Aberglaube, da der Lorbeer gegen Dmonen,
gegen Zauber und auch gegen Ansteckung schtze. So suchte, wie berichtet
wird, der furchtsame Commodus im Lorbeerhaine Rettung, wenn die Pest im
Anzug war. Kronen von Lorbeer legte man Wahnsinnigen um Schlfe und Hals,
um sie zu heilen. Lorbeerfrchte oder -Bltter genossen die Priester des
Apollo, wenn sie weissagen sollten; Lorbeer trugen Propheten, wenn sie
eine Stadt betraten. Der Lorbeer shnte das vergossene Blut. Daher die
rmischen Legionen sich, ihre Feldzeichen und Waffen mit Lorbeer
reinigten, gleich nach dem Siege. Das hatte den Lorbeer folgerecht auch
zur Trophe des Sieges und zum Zeichen der glcklich vollbrachten
Waffenthat gemacht. Als eine Freude und als ein Glck verheiendes
Augurium wurde verkndet, es sei am Tage, an welchem Augustus das Licht
der Welt erblickte, ein Lorbeer vor dem Palatin entsprossen. Die
reinigende Kraft des Lorbeers veranlate dessen Verwendung zu Aspergillen.
Der Strengglubige besprengte sich beim Eintritt wie beim Ausgang aus dem
Tempel mit dem Lorbeerzweig, den er in das Weihwasser tauchte, und gern
auch nahm er beim Herausgehen ein Lorbeerblatt vom Sprengwedel in den
Mund. Die rmisch-katholische Kirche hielt sich nicht an den Lorbeer als
Sprengwedel, bernahm vielmehr den Ysop (_Origanum Smyrnaeum_) zu gleichem
Zwecke von den Juden.

Der Lorbeer brennt, nach Plinius, nur unwillig und zeigt dies durch sein
Knistern an. Der feuerabwehrenden Kraft des Lorbeers wurde es
zugeschrieben, da bei dem groen Brande Roms unter den Consuln Spurius
Postumius und Piso, als die Regia in Flammen stand, das Sacrarium
unversehrt blieb, da ein Lorbeer vor demselben stand. Andererseits war es
gerade das Lorbeerholz, das im Alterthum zur Erzeugung des Feuers diente;
doch fing es nicht selbst Feuer, es bildete vielmehr, wie uns Theophrast
und Plinius berichten, das Reibholz, whrend die Unterlage, die durch
Reibung entzndet wurde, meist aus Wegedorn (_Rhamnus_) oder aus Epheuholz
bestand. Ein reines Feuer zu den Sacra durfte nur der Reibung zweier
glckbringender Hlzer entstammen, oder den Sonnenstrahlen, die man mit
Hlfe von Brennglsern oder von metallischen Hohlspiegeln sammelte. Der
Lorbeer sollte auch die Blitze abwehren. Daher auch der aberglubische
Tiberius, wie Suetonius berichtet, sich mit Lorbeer bekrnzte, wenn ein
Gewitter nahte. Gewisse Erfahrungen mgen die Vorstellung erweckt haben,
da dem Lorbeer bei Gewittern besondere Krfte innewohnen. Denn es werden
nicht alle Bume gleich hufig vom Blitze getroffen. Auch bei uns schlgt
der Blitz fast niemals in Wallnubume ein, am hufigsten aber in Eichen.
Es hngt das mit der elektrischen Leitungsfhigkeit des Holzkrpers
zusammen, die bei den einzelnen Baumarten eine verschiedene ist. Aus den
angestellten Versuchen und dem statistischen Material scheint sich zu
ergeben, da Bume, die zur Jahreszeit der Gewitter verhltnimig viel
fettes Oel in ihrem Holzkrper fhren, dem Blitzschlag am wenigsten
ausgesetzt sind. Abgestorbene Aeste an einem Baume erhhen fr denselben
die Blitzgefahr. Da die Eichen am hufigsten vom Blitze getroffen werden,
mute von jeher auffallen, daher die Eiche auch dem Donnergott geheiligt
war. Von dem Lorbeer ist die gegentheilige Erfahrung weniger sicher, zum
Mindesten ist sie in Zweifel gezogen worden.

Zu den Lorbeerarten gehrt auch der Campherbaum (_Laurus Camphora_), der
im westlichen China und in Japan zu Hause ist und im La Mortola-Garten
sehr gut gedeiht. Vllig ausgewachsen, kann er bis fnfzig Meter hoch und
sechs Meter dick werden. Seine Bltter verbreiten beim Zerreiben einen
merklichen Camphergeruch. Der Campher wird aber im Groen nicht aus den
Blttern, sondern aus dem Holzkrper dieses Baumes durch Sublimation
gewonnen.

Die zu den Laurineen gehrenden Zimmetbume sind in La Mortola ebenfalls
zu sehen, freilich nicht die wichtigste Art derselben, das in Ceylon
heimische _Cinnamomum ceylanicum_, sondern zwei chinesische und japanische
Arten. Der Zimmet des Handels besteht aus der Rinde junger Schlinge,
welche nach starken Regengssen geschnitten und geschlt werden.

Im schroffen Gegensatze zu diesen duftenden Pflanzen steht eine andere
Laurinee, ein hier prchtig gedeihender, immergrner Baum, dessen Name:
_Orcodaphne californica_, zugleich die Heimath angibt. Hufig wird er in
den Grten als _Laurus regalis_ bezeichnet. Er gleicht in der That in
seinem Aussehen einem Lorbeer, zerreibt man aber eines seiner Bltter
zwischen den Fingern, so strmt ein therisches l aus, dessen geringste
Mengen schon in hohem Grade die Schleimhaut der Geruchsorgane angreifen.
In Californien verweilt man nicht gern in der Nhe eines solchen Baumes,
wenn der Wind von dessen Seite weht, denn die flchtigen le, mit denen er
sich beladen. hat, reizen zum fortdauernden Niesen.

Man wird sich in La Mortola auch mit einer anderen Laurinee, der _Persea
gratissima_, bekannt machen knnen, welche in den Grten der Tropen viel
cultivirt wird und die Aguacatebirnen liefert. Die Krone dieses schnen
Baumes breitet sich domartig aus, seine Bltter gleichen denjenigen des
Lorbeers. Die birnfrmigen, doch oft auch sehr unregelmig gestalteten
Frchte sind groe Steinfrchte, mit einem Kern im Innern. Ihr Fleisch
schmilzt wie Butter auf der Zunge und erinnert im Duft an die feinsten
Moschusmelonen. Die Mexikaner essen die Aguacaten vornehmlich als Salat
und suchen sich in der schmackhaften Zubereitung derselben zu berbieten.

Auch noch einige andere tropische Frchte reifen gut im La Mortola-Garten,
so die Guavas oder Guayaben, welche man von zwei Psidiumarten dort erntet.
Die Gattung Psidium gehrt zu den Myrten-Gewchsen und wird in allen
Tropenlndern cultivirt. Die Guavas vertreten dort in gewissem Sinne
unsere Stachelbeeren, denn sie sind eben so fruchtbar, beginnen rasch
Frchte zu tragen und lassen sich leicht vermehren. Sie wachsen zu
Struchern oder kleinen Bumen mit immergrnen Blttern empor und tragen
Frchte, die in ihrer Gre zwischen der Wallnu und dem Hhnerei
schwanken. Diese Frchte werden ohne Zuthat oder mit Wein und Zucker
gegessen. Manche erinnern an Erdbeeren, andere besitzen einen
ssuerlichen Geschmack, andere noch einen so durchdringenden Duft, da
sie nicht Allen munden. Sehr geschtzt werden auch die Guavas-Geles in
den Tropen, und man beginnt dieselben auch nach Europa einzufhren.

Eine andere in La Mortola cultivirte Myrtacee, die _Jambosa vulgaris_,
liefert Rosenpfel, welche den Geschmack reifer Aprikosen haben und nach
Rosenwasser duften. Der Baum selbst ist reich verzweigt und trgt
immergrne Bltter, die in ihrer Gestalt den Pfirsichblttern gleichen.

Wichtig sind, mehr noch ihres Holzes als ihrer Frchte wegen, die zu den
Ebenholzbumen gehrenden Diospyros-Arten. Der japanisch-chinesische
_Diospyros Kaki_, den man in La Mortola zieht, liefert die Kakis. Ein
kleiner Baum mit eirunden Blttern, gelblichweien Blthen und runden,
etwa pfirsichgroen, rthlichgelben Frchten. Diese Frchte mssen
berreif werden, um feinen Geschmack zu gewinnen, dann halten sie die
Mitte zwischen Pflaumen und Aprikosen. An der Riviera reifen die Kakis im
October. In Japan benutzt man auch das Holz dieser Bume, das dem Holz
unserer Wallnubume hnelt. Doch weit bertroffen wird das Kakiholz von
dem Holz der sdindischen und ceylonischen _Diospyros Ebenum_ und anderen
ihm nahe verwandten Arten, welche das Ebenholz liefern. Das schwarze
Kernholz dieser Bume war schon im Alterthum bekannt. Es galt als das
geschtzteste Holz jener Zeiten. Nicht nur Theophrast, sondern auch das
alte Testament sind seines Lobes voll. Seine Dichte und seine dunkle
Frbung verleihen ihm so hohen Werth; durch seine Schwere ist es leicht
von anderen schwarz gebeizten Hlzern zu unterscheiden.

Die zu den Anacardiaceen gehrige ostindische _Mangifera indica_, den
Mango-Baum, der die kstlichste Frucht der Tropen liefert, gelang es bis
jetzt nicht in La Mortola zu erhalten. Wohl aber wird man zahlreiche
andere Anacardiaceen sehen. Zu diesen gehrt auch der mit hellgrnen
gefiederten Blttern und mit rothen Fruchttrauben versehene Baum, dem man
so oft in den Grten und an den Straen der Riviera begegnet und der
_Schinus Molle_ heit. Dieser Baum wird als Pfefferbaum bezeichnet. Mit
dem echten Pfeffer haben seine pfefferkorngroen Beeren aber nichts
gemein. Der echte Pfeffer stammt vielmehr von schlanken ostindischen
Lianen (_Piper nigrum_), die nach Art des Epheus klettern und mit
Luftwurzeln an der Unterlage haften. Die Fruchttrauben von _Schinus Molle_
sind aber denjenigen des Pfeffers wirklich hnlich und nhern sich dem
Pfeffer auch im Geschmack. Ein Getrnk, das in Peru und Brasilien aus
diesen Beeren dargestellt wird, soll an Wein erinnern. Es liegt fr uns
nahe, auch die in La Mortola cultivirten Vertreter der Gattung Zizyphus zu
beachten. Befindet sich doch unter denselben der in Sdeuropa und an der
nordafrikanischen Kste einheimische _Zizyphus lotus_. Im Alterthum wurden
mehrere Pflanzen Lotus genannt, doch ist _Zizyphus lotus_ allem Anschein
nach jener Strauch, den Theophrast als Lotus bezeichnet. Von den Frchten
dieses Strauches wre somit schon bei Homer die Rede. Sie bildeten ein
wichtiges Nahrungsmittel der Armen, und die Bewohner von Tunis und
Tripolis hieen, weil sie sich vornehmlich von diesen Frchten ernhrten,
Lotophagen. Die Pflanzengattung Zizyphus gehrt zu den Kreuzdorn-Gewchsen
(_Rhamneen_). Die Frchte von _Zizyphus lotus_ sind so gro wie Schlehen;
ihr mehliges Gewebe, das den inneren Kern umgibt, kann zu Brod verbacken
werden und auch ein ghrendes Getrnk liefern. Aus den Frchten anderer
Arten, so vor Allem des _Zizyphus vulgaris_, eines in Syrien heimischen
Bumchens, und von _Zizyphus jujuba_, einem Bumchen, das in Ostindien
wchst, werden die frher sehr beliebten Jujubapasten dargestellt. Von
_Zizyphus spina Christi_, einem im Thale des Jordan und am Todten Meere
verbreiteten dornigen Strauche, dem Nebeg oder Sfidr, geht die Sage, aus
ihm sei die Dornenkrone Christi geflochten worden. Man hat auch die in
unseren nordischen Grten cultivirten dornigen Gleditschien als
Christus-Akazien bezeichnet und mit ihnen die Vorstellung von Christi
Dornenkrone verknpft, doch dies unter allen Umstnden mit Unrecht, da die
Gleditschien erst im achtzehnten Jahrhundert aus Nordamerika eingefhrt
wurden. Die Zizyphus-Arten werfen des Winters ihre Bltter ab, treiben
aber zeitig im Frhjahr und bedecken sich mit sehr dunklem Laub. Da sie
sehr dnne Zweige haben, hngen diese abwrts und gewhren mit den sich
rthenden Frchten beladen, spter ein sehr zierliches Bild.

Unter den Anacardiaceen von La Mortola, die ein besonderes Interesse
bieten, befindet sich auch der echte Pistazienbaum (_Pistacia vera_), dann
die _Rhus succedanea_, welche das japanische Baumwachs liefert, sowie die
_Rhus vernicifera_, aus deren Milchsaft die Japaner den berhmten
japanischen Lack bereiten. Das Ausflieen dieses sehr giftigen Milchsaftes
wird durch Einschnitte in die Rinde veranlat. Um den Lack aus ihm zu
machen, versetzt man ihn mit dem le von _Bignonia tomentosa_, oder von
_Perilla ocymoides_ und fgt auch wohl Zinnober hinzu. Die _Rhus
vernicifera_ hlt im Freien selbst in den wrmeren Theilen von Deutschland
aus.

Ein uerst niedlicher Strauch ist _Capparis spinosa_, welcher die echten
Kapern liefert. Im Blthenschmuck sieht man ihn erst im Herbst, und wer
einmal um jene Zeit, am Comer See entlang, von Cadenabbia nach Tremezzo
wanderte, dem werden sicher vor dem Eingang in den letzten Ort die
dunkelgrnen Kapernstrucher an der Mauer, wegen ihrer schnen Blthen,
aufgefallen sein. Lange violette Staubgefe in groer Zahl strahlen aus
der schneeweien zarten Blthenhlle hervor, freilich hier so hoch an der
Mauer, da man sie nur schwer erreichen kann. An vielen Orten der Riviera
wird der Kapernstrauch im Groen gezogen, seine Blthenknospen sind es und
nicht die Frchte, die als Kapern dienen. Man pflckt sie im Sommer und
legt sie in Weinessig ein; viel Tausende von Kilogrammen Kapern werden so
in der Provene bereitet.

Staunend bleibt man wohl im La Mortola-Garten vor einer Nachtschattenart,
dem baumartigen _Solanum Warszewiczii_, stehen, an welchem Frchte von
Gre und Gestalt der Hhnereier hngen. Dann bemerkt man auch das
krautartige _Solanum Melongena_, dessen gurkenfrmige violette Frchte
gekocht werden, und oft als Gemse den Braten an italienischer Tafel
garniren.

Unter den krautartigen Gewchsen fallen uns auch wohl manche
Doldenpflanzen (Umbelliferen) durch ihre Gre auf. Sie sind bei weitem
mchtiger noch als die Meisterwurz, die _Imperatoria_, unserer Grten
entwickelt. Besonders imponirt _Ferula communis_, das Stecken- oder
Ruthenkraut, das auch eine eigene Geschichte besitzt. Dieses
Doldengewchs, das am Mittelmeer zu Hause ist, kann eine Hhe bis zu vier
Meter erreichen. Den Stengel benutzte man im Alterthum zu Spazierstcken
und seiner Zhigkeit wegen auch zum Zchtigen von Sklaven und Kindern,
wozu man ihn zuvor im Wasser einzuweichen pflegte. Davon kommt der Name
_Ferula_, der von _ferire_ (geieln) abgeleitet ist. Das Mark des Stengels
ist sehr locker und wird heute noch in Sicilien als Zunder benutzt. Das
Feuer glimmt in diesem Mark fort, und daher geht die Sage, Prometheus habe
in einem solchen Ferulastengel das Feuer zur Erde gebracht, das er dem
Zeus entwandte. - Der _Ferula communis_ steht sehr nah der Stink-Asand,
die _Ferula Scorodosma_ der persischen Steppen. Sie ist eine derjenigen
Umbelliferen, welche die _asa foetida_ liefern. Dieses Gummiharz entstammt
vornehmlich der Wurzel dieser Pflanzen. Sein Duft hlt die Mitte zwischen
Knoblauch und Benzo. Die Pflanze war allem Anschein nach schon den Alten
bekannt und von ihnen als Silphium bezeichnet. Das Gummiharz hie Laser.
Mit dem Laser wrzte man die Speisen und die Perser benutzen es heute noch
als Gewrz. Auch gab es eine Zeit, wo _asa foetida_ in Frankreich beliebt
war, und man mit derselben die Suppenteller einrieb, um die Suppe
schmackhafter zu machen.

Der graubltterige, immergrne Baum, welcher japanische Mispeln trgt,
die _Eriobotria_ oder _Photinia japonica_ ist in den Grten der Riviera
so verbreitet, da man ihn in La Mortola schon als alten Bekannten
begrt. Die lichtgelben, suerlich-sen, pflaumengroen Frchte hat man
oft schon bei Mahlzeiten genossen, sie allenfalls auch schmackhaft
gefunden, wenn sie sehr reif und frisch waren. Der Baum stammt
ursprnglich wohl aus China. Rein's Angaben zufolge ist er 1787 mit
anderen Ziergewchsen und Nutzpflanzen durch Sir Joseph Banks nach England
gebracht worden. Jetzt reicht er ber ganz Italien und ist selbst am
Genfer See zu finden.

Diesem Baume nahe verwandt ist ein anderer von gleich geringer Hhe, der
in den Grten der Riviera sehr viel cultivirt wird und jedem
Pflanzenfreund daher auffallen mu: die in Japan und China heimische
_Photinia serrulata_. Ihre groen Bltter sehen lorbeerartig aus, zwischen
denselben leuchten die flachen weien Blthenrispen hervor. Aus der Ferne
sehen sie fast so wie die Blthenstnde unseres Holunders aus. Die
Photinien gehren zu den Rosifloren. Sie zeigen manche bereinstimmung mit
den Weidornarten, der Gattung _Crataegus_, und werden mit denselben zum
Theil vereinigt. Im La Mortola-Garten ist die in der Nhe des Einganges
stehende _Photinia serrulata_ daher auch mit ihrem Synonym als _Crataegus
glabra_ bezeichnet.

Mit einigem Interesse sieht man sich im Garten von La Mortola einen
stattlichen, mit harten, kleinen Blttern bedeckten Baum, die _Quillaja
Saponaria_ an, der, wie die japanische Mispel, zu den rosenblthigen
Gewchsen gehrt, merkwrdig aber durch seine saponinreiche Rinde ist.
Diese Rinde, die als Panamaholz aus Chile importirt wird, schumt in
Wasser auf wie Seife, steht als solche in Chile allgemein im Gebrauch,
dient auch bei uns zum Waschen von Wolle und Seide und zu kosmetischen
Zwecken.

Als wohl bekannte Pflanzenform begrt man den Johannisbrodbaum oder
Caroubier (_Ceratonia siliqua_). Man hat ihn schon in weit prchtigeren
Exemplaren in der Umgebung von Mentone gesehen. Alte Stmme erinnern in
der Form an unsere Eichen; an den paarig gefiederten lederartigen Blttern
ist aber der Johannisbrodbaum als solcher sofort zu erkennen. Die Hlsen,
Leckerbissen, die auf keinem Jahrmarkt fehlen, und an denen sich Kinder
allgemein erfreuen, sind im Frhjahr noch so klein, da man sie an den
Zweigen suchen mu. Aus den reifen Hlsen wird ein ser, honighnlicher
Saft gepret, der als Keratameli im Orient genossen wird. Mit diesen
Hlsen soll, der Sage nach, Johannes der Tufer sich in der Wste ernhrt
haben und der Baum nach dem Vorlufer des Messias seinen Namen fhren. Die
reifen Samen innerhalb der Hlsen zeichnen sich durch auffallend
bereinstimmende Gre aus, woraus sich erklrt, da sie einst als
Gewichte dienten und der kleinen Einheit im Gold- und Diamantengewicht den
Namen gaben. Denn Karat stammt von Kerateia, dem griechischen Wort fr
diese Hlse. Um gute Frchte zu tragen, mu der Baum veredelt werden, und
es waren jedenfalls die Araber, welche die bessere Fruchtform dieses
Baumes am Mittelmeer verbreiteten. Er ist in Sd-Arabien wohl zu Hause,
doch an vielen Orten der Riviera jetzt verwildert.

Im La Mortola-Garten werden auch der Theestrauch und Kaffeebaum im Freien
gezogen. Der Theestrauch, der baumfrmig bis zu fnfzehn Meter Hhe
emporwachsen kann, macht den Eindruck einer Camellie, und in der That
gehrt er auch wie diese zu der Familie der Ternstrmiaceen, ja er wird
jetzt sogar als _Camellia Thea_ mit dem Camellienbaum in derselben Gattung
vereinigt. Der Name Camellia, den diese Pflanzengattung fhrt, klingt so
poetisch, vielleicht weil man an die Camelien-Dame bei demselben denkt;
thatschlich hat er aber einen viel prosaischeren Ursprung. Er entstand
nmlich aus Kamel, dem Familiennamen eines Jesuitenpaters, der vor mehr
als anderthalb Jahrhunderten die Camellie aus Manilla nach Spanien
brachte. Diesem Georg Kamel zu Ehren benannte Linn die Pflanze, er fgte
_japonica_ hinzu, da die Camellie in Japan zu Hause ist, und von dort aus
auch nach Manilla gelangt war. - Die Blthen des Theestrauches erinnern
sehr an die ungefllten Camellien und haben zahlreiche Staubfden wie
diese. In La Mortola blht der Theestrauch im September. Seine
porzellanweien, rosa angehauchten Blthen, die sich aus den Blattachseln
vordrngen, verbreiten einen nur schwachen Duft. Nach den Berichten des
Rev. B. C. Henry ist die _Camellia Thea_ wild in groen Mengen noch im
Innern der sdchinesischen Insel Hainon zu finden. Die zahlreichen
Theesorten verdanken der verschiedenen Zeit des Einsammelns, dem
verschiedenen Alter der eingesammelten Bltter und deren verschiedener
Behandlung ihre besonderen Eigenschaften.

Der arabische Kaffeebaum, die _Coffea arabica_, ist ein kleiner
pyramidaler Baum, der bis zu fnf oder sechs Meter Hhe emporwchst. Er
trgt seine immergrnen dunklen Bltter in gekreuzten Paaren. Die weien,
nach Orangen duftenden Blthen stehen gehuft in den Achseln der obersten
Bltter. Die Frchte, die aus diesen Blthen hervorgehen, sind
kirschgroe, dunkelrothe Beeren, die zwei Samen, die sogenannten
Kaffeebohnen, enthalten. Der Kaffeebaum fhrt seinen Namen nach dem
Bergland Kfa im sdlichen Abyssinien. Man hat berhaupt die sdlichen
Provinzen von Hoch-Abyssinien fr den Ursprungsort des arabischen
Kaffeebaumes gehalten, doch ist derselbe in neuerer Zeit wild am
Victoria-Nyansa und in Westafrika gefunden worden, so da Centralafrika
wohl die eigentliche Heimath dieser Culturpflanze sein drfte. Afrika hat
uns neuerdings auch noch eine zweite Art des Kaffeebaumes geliefert, die
_Coffea liberica_. Sie wird in den tiefer gelegenen Theilen der tropischen
Kstendistricte gefunden, ist gegen Temperaturwechsel empfindlicher als
die _Coffea arabica_, vertrgt aber besser die Seewinde. Da sie durch
Gre der Samen und feines Aroma derselben ausgezeichnet ist, so beginnt
ihre Cultur sich ber die tropischen Lnder bereits auszubreiten.

In den Kaffeegrten Arabiens und Abyssiniens wird auch ein zu den
Celastrineen gehrender Strauch cultivirt, mit gegliederten stchen,
lederartigen, lanzettfrmigen Blttern, den man in La Mortola sehen kann
und der _Catha edulis_ heit. Es ist das die Khatpflanze, deren
getrocknete Bltter von den Arabern theils wie Tabak gekaut, theils auch
mit Wasser aufgebrht und als Thee genossen werden. In Sdamerika dienen
andererseits ganz allgemein der Theebereitung die Bltter des _Ilex
paraguayenses_ einer dem Khatstrauch ziemlich nah verwandten Aquifoliacee,
die in Paraguay und Brasilien zu Hause ist. Man bezeichnet diese Bltter
dort als _Yerba_ oder als _Mate_. Dieser Strauch wird zwar im La
Mortola-Garten nicht cultivirt, doch sieht man dort andere immergrne
Ilex-Arten, die ihm sehr hneln. - Die vorhandenen Arten der
Sterculiaceen-Gattung _Sterculia_ knnen andererseits auch das Bild der
_Sterculia acuminata_ oder _Cola acuminata_ ersetzen, welche den
afrikanischen Negern die Kolansse liefert. Diese Frchte sehen wie
Kastanien aus und haben schwach bitteren Geschmack. Die Neger wissen sie
nicht genug zu preisen, denn sie sollen den Krper strken, schlechtes
Wasser trinkbar machen, gegen allerlei Krankheiten helfen, den Hunger
stillen und das Gemth erheitern. Thatschlich enthalten auch die
Kolansse Then, hnlich wie die Thee- und Kaffeepflanzen und auerdem
Theobromin wie die Chocolade. Der Genu dieser Frchte beginnt jetzt bis
nach England vorzudringen.

Es fllt im La Mortola-Garten wie in den anderen Grten der Riviera wohl
auf, da die Camellien, Rhododendren und Azaleen so stark gegen andere
Pflanzen zurcktreten. Man erblickt sie nur vereinzelt und bei weitem
weniger schn und krftig wie etwa an den italienischen Seen entwickelt.
Das hat in der Zusammensetzung des Bodens seinen Grund. Der so beraus
kalkreiche Boden der Riviera sagt diesen Pflanzen nicht zu, die
ausgeprgte Humusbewohner sind, auerdem reiche Bewsserung verlangen.

Einen wichtigen Handelsartikel im Alterthum und Mittelalter haben auch
wohlriechende Balsame gebildet. Ein Bumchen, das solchen Balsam lieferte,
tritt uns in La Mortola in dem _Styrax officinalis_ entgegen. Dieses
Gewchs ist in der Belaubung einem Quittenbaum uerst hnlich; es
entfaltet in La Mortola im Mai und Juni auch seine weien, mit goldgelben
Staubfden versehenen, wohlriechenden Blthen. Ein Haupterzeuger solcher
Balsame, die als Parfm, als Rucherwerk und zu Salben dienten, war der
Storax-Baum (_Liquidambar orientale_). Die duftende Myrrhe, die zu
gottesdienstlichen Zwecken auch den Griechen dient, stammt andererseits
von _Balsamodendron Myrrha_, der Weihrauch, oder das _Olibanum_, von
Boswellia-Arten, die im uersten Osten von Afrika und auf dem arabischen
Kstenstriche wachsen.

In dem Garten von La Mortola kann man auch die zu den Hlsengewchsen
gehrende _Indigofera tinctoria_ sehen, eine Pflanze, die zu den
wichtigsten der Indigo liefernden Gewchse zhlt. Sie stellt einen kleinen
Strauch vor, der in Ostindien zu Hause ist, der aber jetzt in anderen
Lndern zwischen den Wendekreisen, ja selbst an einzelnen Stellen um
Neapel cultivirt wird. Sie trgt unpaarig gefiederte Bltter und entsendet
aus den Achseln derselben ihre Blthenstnde, die mit kleinen weien oder
rosenrothen Blthen besetzt sind. Ihre nchste Verwandte, die man auch in
La Mortola sehen kann, die zierliche _Indigofera Dosua_ aus dem Himalaya,
wird auch in unseren Grten gezogen. Wie in anderen Indigo liefernden
Pflanzen, zu denen auch unser Waid (_Isatis tinctoria_) und der
chinesische Frber-Knterich (_Polygonum tinctorum_) gehren, ist in der
_Indigofera tinctoria_ der Indigo nicht schon als solcher vorhanden. Die
zerkleinerten Pflanzen mssen vielmehr erst einen Ghrungsproce im Wasser
durchmachen. Dieses wird abgegossen, wenn es sich stark grngelb frbt und
dann gerhrt und geschlagen, um mit dem Sauerstoff der Luft in mglichst
reiche Berhrung zu kommen. Dabei scheidet sich der Indigo als unlsliches
Pulver ab. Er bildet die echteste und geschtzteste Pflanzenfarbe, die
auch schon den Alten bekannt war und bei ihnen als Indicum hoch im Werthe
stand. Wie in der Jetztzeit London, so bildete einst Bagdad den Weltmarkt
fr diesen Artikel.

Aus den exotischen Pflanzenformen ragen allseitig Nadelhlzer hervor. Sie
stechen eigenartig von denselben ab. Wir sind mit ihren Gestalten wohl
vertraut und selbst die so regelmig geformten Araucarien sehen wie etwas
gezierte Tannen aus. In den Gewchshusern der Heimath sah auch jeder
schon die Cycadeen, die hier in einer Anzahl von Arten unter freiem Himmel
gedeihen. Dem Laien wird es schwer, sich vorzustellen, da die Cycadeen
Verwandte der Nadelhlzer sind. Scheinen sie doch mit ihrem unverzweigten
Stamm und mit ihrer einfachen Krone aus langen gefiederten Blttern, weit
mehr den Palmen zu gleichen. Mit diesen haben sie aber thatschlich nur
eine gewisse hnlichkeit gemein. Diese uere hnlichkeit der Cycasbltter
und der Palmenbltter hat es aber bewirkt, da sie oft flschlich als
Palmenbltter bezeichnet werden und als solche bei Begrbnissen Verwendung
finden. Thatschlich ist das aber eine arge Verwechselung. Denn
Palmbltter und nicht Cycaswedel sollen es, der Tradition nach, sein, die
man den Todten auf den Sarg legt, sowie es Palmenbltter sind, die
christliche Mrtyrer in der Hand halten und die auf den Grbern in den
Katakomben dargestellt werden.

Den Palmen werfen wir in La Mortola nur flchtige Blicke zu, da wir sie ja
in Bordighera schon eingehend betrachtet haben. Hingegen fesseln unsere
Aufmerksamkeit die zahlreichen Arten von Bambusen, die hier stellenweise
schon zu mchtiger Entwickelung gelangten. Da diese Pflanzen, trotz ihrer
bedeutenden Hhe, die beim gemeinen Bambus (_Bambusa arundinacea_) oft
dreiig Meter erreicht, zu den Grsern gehren, kann nur Denjenigen in
Erstaunen versetzen, der sich die Grser ausschlielich als Wiesenkruter
vorstellt. Thatschlich haben wir schon in unseren Schilfrohr-Arten
Vertreter der Gramineen-Familie vor Augen, die zu ansehnlicher Hhe
emporwachsen. Die Bambusen sind unserem Schilfrohr in mancher Beziehung
hnlich. Whrend letzteres aber bei uns nur eine beschrnkte Verwendung
findet, gibt es in den heien Lndern kaum eine Pflanze, die
mannigfaltigeren Nutzen als der gemeine Bambus stiftet. Die jungen
Wurzelsprosse dienen als Gemse, vornehmlich verwenden sie aber die
Chinesen zur Bereitung eines beliebten Confectes, das dem Ingwer oft
zugesetzt wird. Aus jngeren Halmen stellt man in den heien Lndern
Wnde, Zune und anderes Flechtwerk her; aus den Blttern macht man Matten
und Hte, verpackt auch oft den Thee in dieselben. Junge Bltter dienen
als Viehfutter. Aus den Fasern der Halme bereiten die Chinesen ihr
berhmtes Papier, das durch seinen Seidenglanz, seine Weichheit und seine
geringe Dicke ausgezeichnet ist. Die hohlen Stmme sind sehr leicht,
besitzen trotzdem einen ganz auerordentlich hohen Grad von Festigkeit und
werden zu Bauten verwendet, die allen ueren Angriffen trotzen. Die ganze
Oberflche des Stammes ist verkieselt, und so kommt es, da dieser nicht
allein in der Luft, sondern auch im Boden sich sehr lange hlt. Daher die
Stmme auch als Wasserleitungsrhren und Wasserrinnen dienen, nachdem man
zuvor die Scheidewnde durchbohrte, welche das Innere des hohlen Stammes
durchsetzen. Andererseits lassen sich die einzelnen Glieder des Stammes
als Wassereimer und als Blumentpfe verwenden, wenn man die Scheidewnde
unversehrt lt. Aus Bambus werden Brcken und Flsse, aus Bambus Betten,
Sthle und Tische gefertigt, mit Bambusfasern Matratzen gefllt und Mbel
gepolstert. Leitern aus Bambus sind sehr beliebt. Aus Bambus stellt man
E- und Trinkgefe, chirurgische Instrumente und selbst Haarkmme her,
und als ob gezeigt werden solle, da der Bambus einer jeglichen Verwendung
fhig sei, verfertigen die Bewohner von Borneo und Sumatra aus demselben
sogar Lampen, in welchen Dammaraharz gebrannt wird, und mit Dammaraharz
gefllte Kerzen, deren Hlle zugleich mit der Fllung in Flamme aufgeht.
Bambusstcke kennen auch wir: sie werden aus den zhen, knotigen
Wurzelauslufern fabricirt, denen eine innere Hhlung abgeht. Ebenso mu
zu Kriegszwecken der Bambus das Material hergeben: er liefert Lanzen und
Wurfspiee von unbertrefflicher Leichtigkeit und Hrte. Zu gleicher Zeit
ist der chinesische Soldat ausgerstet mit einem Sonnenschirm aus Bambus,
dessen berzug aus gefirnitem Maulbeerpapier besteht. Desgleichen sollen
die hohlen Stengeltheile des Bambus als Musikinstrumente zur Verschnerung
des Lebens beitragen. Sie werden zu Flten und Clarinetten verarbeitet,
auch als Resonanzbden und selbst in Gestalt von Saiten verwendet. Ja
C. Schrter berichtet, da die Atchinesen es sogar verstanden haben, aus
Bambus eine Art Telephon herzustellen, durch welche sie ihre Wachtposten
in Verbindung setzen. - Die Hhlungen junger Stammtheile enthalten meist
klares Wasser, mit welchem in Indien und in den Bergen von Java der
Reisende seinen Durst stillen kann. - Die Bambusen blhen selten; stellt
sich aber ein Blthenjahr ein, so gibt es eine groe Fruchternte. Die
Frchte werden wie Reis gegessen oder in Brot verbacken, und wiederholt
schon, so 1812, ist durch das Blhen der Bambusen eine Hungersnoth in
Indien abgewendet worden. Mit Recht konnte somit Wallace, einer der besten
Kenner der Tropen, aussprechen, da der Bambus eines ihrer herrlichsten
Producte sei. - Am vollkommensten haben Chinesen, Japaner und die Bewohner
Indiens und des indischen Archipels ihn auszunutzen gewut. In China gibt
es ganze Drfer, die nur aus Bambus aufgebaut sind. Einen merkwrdigen
Eindruck soll es machen, wenn ein solches Dorf in Brand gerth. Die Luft
erhitzt sich alsdann in den abgeschlossenen Gliedern der Bambusstmme und
sprengt dieselben mit gewaltigem Knall. Man hrt aus der Ferne wie
Kanonendonner, in welchem die Eingeborenen der Molukken deutlich den Ruf
Bambu, Bambu zu vernehmen glauben.

In einer Pflanze, die so viel Nutzen stiftet, lag es dem Naturmenschen
nahe, auch nach verborgenen Heilkrften zu suchen. In China werden die
Wurzelstcke, die jungen Sprosse, der Saft, der Samen, bestimmte Auswchse
der Pflanze, als Medicamente verwendet. Zu besonderer Berhmtheit gelangte
aber als Heilmittel ein eigenthmlicher Krper, der sich in den hohlen
Gliedern der Stmme findet und Tabaschier genannt wird. Schon die
Mediciner der rmischen Kaiserzeit wandten denselben viel an, gesttzt auf
orientalische Traditionen. Einen Weltruf gewann der Tabaschier aber erst
durch die arabischen rzte im zehnten und elften Jahrhundert, und er gilt
immer noch als ganz hervorragendes Medicament in der ganzen orientalischen
Welt. - Das frische, dem Bambusstengel entnommene Tabaschier bildet
schmutzig weie, braune bis schwarze Stcke. Beim Glhen werden diese wei
calcinirt und in einen Chalcedon-hnlichen Krper verwandelt, der bald
wei und undurchsichtig, bald blulich wei, durchscheinend und
farbenschillernd aussieht. Thatschlich ist der Tabaschier nichts Anderes
als gemeine Kieselerde, die, durch etwas vegetabilische Substanz
verunreinigt, beim Glhen von derselben befreit wird. Statt kostspieligen
Tabaschiers, den er in den Bazaren theuer bezahlen mu, knnte der Patient
somit auch reinen Kieselsand zu sich nehmen. Den rechten Glauben
vorausgesetzt, mte die Wirkung dieselbe sein.

Sehr belehrend ist es im Frhjahr zu verfolgen, wie die jungen Knospen
mchtiger Bambusen als berarmdicke, mit scheidenartigen Blttern
dichtbedeckte Kegel die Erde durchbrechen. Sie pressen Wasser zwischen
ihren Blattscheiden hervor, befeuchten und erweichen damit den umgebenden
Boden und wachsen mit solcher Schnelligkeit, da sich die unmglich
scheinende Vorstellung Gras wachsen zu sehen, bei ihnen fast in greifbare
Wirklichkeit verwandelt. Dieses Wachsthum kann nmlich unter gnstigen
Verhltnissen einen Meter tglich betragen und ein zwanzig Meter hoher
Spro in wenigen Wochen somit diese Hhe erreicht haben. - Schne Gruppen
von Bambuspflanzen gehren zu den zierlichsten Erscheinungen des
Pflanzenreiches; freilich kann man diese Pflanzen in voller
Prachtentfaltung erst in den Tropen sehen und im La-Mortola-Garten nur
eine annhernde Vorstellung davon gewinnen, welche Bedeutung ihnen in der
tropischen Landschaft zukommt.

Aus den werthvollen Angaben des Geographen Ritter und den nicht minder
werthvollen Untersuchungen des Botanikers Ferdinand Cohn geht wohl sicher
hervor, da diejenige Substanz, welche die Alten als Saccharum bezeichnet
haben, nicht Rohrzucker, sondern Tabaschier gewesen sei. Nach Bopp
bedeutet das Sanskrit-Stammwort _arkara_ nicht etwas Ses, sondern
etwas Zerbrechliches und Steinartiges. Im alten Indien wurde das
Tabaschier als Sakkar Mambu oder Bambusstein bezeichnet, und erst die
Araber haben dieses Wort auf den spter dargestellten, dem Tabaschier
hnlichen, krystallinischen Rohrzucker bertragen. Edmund O. von Lippmann
kommt ebenfalls in seiner beraus grndlichen und erschpfenden
Geschichte des Zuckers zu dem Ergebni, da der Sakcharon der antiken
Welt nicht unser Zucker gewesen sei; er weist nach, da der *feste* Zucker
auch in Indien erst in der Zeit zwischen dem dritten und sechsten
Jahrhundert n. Chr. bekannt wurde.

Das Zuckerrohr (_Saccharum officinarum_) ist unserem Schilfrohr sehr
hnlich und wie dieses eine Grasart. Man sieht es im La Mortola-Garten in
voller Entfaltung. Das Zuckerrohr ist eine sehr alte Culturpflanze. Da es
ausschlielich aus Stecklingen gezogen wurde, hat es die Fhigkeit, Samen
zu erzeugen, fast eingebt. Man hat bis vor Kurzem berhaupt geglaubt,
da das Zuckerrohr nicht fructificire; doch ergaben sorgfltige
Beobachtungen, vornehmlich aus Java, da diese Unfruchtbarkeit nur eine
relative sei. Die Heimath des Zuckerrohrs ist wahrscheinlich Bengalen,
jene Provinz, die, ihrer unerschpflichen Fruchtbarkeit wegen, seit jeher
als der Garten Indiens gepriesen wurde. Wohl gegen das Ende des dritten
Jahrhunderts ist das Zuckerrohr aus Indien nach China gelangt und
zweihundert Jahre spter westlich bis Gondisapur vorgedrungen. Diese Stadt
lag am Flusse Karon, der unweit davon sich zum Theil in den Tigris, zum
Theil nach dem Nordrand des Persischen Meerbusens ergo. Dorthin hatten
sich die Nestorianer geflchtet, als das Concil zu Ephesus 431 n. Chr.
ihre Lehre fr ketzerisch erklrte. Sie fhrten dem Orient die Keime
klassisch-litterarischer und wissenschaftlich-medicinischer Bildung zu,
namentlich auch die Anfangsgrnde chemischer Kenntnisse. Die Beziehungen
Gondisapurs zu Indien bewirkten zugleich, da sich der Einflu der
indischen Arzneilehre dort geltend machte und eine Akademie erblhte, die
nicht nur die Traditionen der griechischen Medicin und Naturwissenschaften
in sich aufnahm, sondern dieselben auch wesentlich frderte. Hier wurde
allem Anschein nach die Kunst der Zuckerraffinerie erfunden, daher auch
Kand der persische Name fr den gereinigten Zucker ist.

Durch die Araber kam das Zuckerrohr im achten Jahrhundert nach Spanien, im
neunten nach Sicilien. In Venedig lassen sich 1150 bereits Zuckerbcker
nachweisen. Die drei wichtigsten Productionsstellen des Zuckers im
Mittelalter waren Syrien, Aegypten und Cypern. Ihre Bedeutung schwand, als
Vasco de Gama 1498 den directen Weg nach Ostindien um das Cap der guten
Hoffnung fand und der Handel mit indischem Zucker so in die Hnde der
Portugiesen fiel. Damit war der dominirende handelspolitische Einflu
Venedigs und seine Macht fr immer gebrochen; an Stelle des Mittelmeers
wurde der atlantische Ocean der Schauplatz des Weltverkehrs. Um 1580
begann Sicilien seine Zuckerproduction einzustellen, da diese gegen die
berseeische Concurrenz nicht mehr ankmpfen konnte. Denn um jene Zeit
hatte auch schon der amerikanische Zucker, besonders der brasilianische,
die Bedeutung eines Weltproductes gewonnen und gelangte bis nach Palermo.
Der Zuckerverbrauch stieg ganz enorm in Europa, und im Jahre 1600 hatte
auch Deutschland, nach v. Lippmann, schon mehrere Zuckerraffinerien
aufzuweisen. Freilich scheinen dieselben nach dem dreiigjhrigen Kriege
sich nur noch in Hamburg gehalten zu haben. Unter Friedrich dem Groen
entstanden zahlreiche Zuckerraffinerien in Preuen und wurden durch
Prohibitivzlle geschtzt.

Die Sigkeit des Rbensaftes hatte den Chemiker Markgraf veranlat,
Zucker aus demselben darzustellen, was ihm um 1747 gelang. Doch fand das
gewonnene Product keine Verwerthung, zum Theil schon deshalb nicht, weil
es an gengend zuckerreichen Rben damals noch fehlte. Diesem Mangel wute
erst Achard aus seinen Gtern bei Berlin um 1786 in grerem Mastab
abzuhelfen. Die erste wirkliche Rbenzuckerfabrik errichtete derselbe
Achard, mit Untersttzung Friedrich Wilhelms III., zu Cunern in Schlesien.
Es folgten alsbald andere Fabriken in Preuen und Frankreich, wo besonders
Delessert das Darstellungsverfahren vervollkommnete. Nach Aufhebung der
Continentalsperre gingen trotzdem die meisten Rbenzuckerfabriken sowohl
in Deutschland als auch in Frankreich wieder ein, und erst von 1820 etwa
an datirt der neue Aufschwung und der schlielich groartige Erfolg dieser
Industrie.

Der Palazzo Orengo wird von phantastischen Pflanzenformen: sulenfrmigen
Opuntien, candelaberfrmigen Euphorbien, sowie von zahlreichen blhenden
Aloe- und Agave-Arten umgeben. Auf der Mauer stlich vom Hause fllt eine
kleine, mit langen weien Dornen bewaffnete Opuntie (_Opuntia tunicata_)
in die Augen. Ihre Dornen sind mit zarten Scheiden umhllt und verdanken
diesen ihre Frbung. Man kann die Scheiden von den Dornen abziehen; doch
gilt es vorsichtig zu sein, denn die Dornen sind uerst scharf und
verwunden leicht die Hand: Sie schtzen wirksam die Pflanze gegen den
Angriff der Thiere. Dieser Schutz ist aber auch nthig in den drren
Gegenden Mexikos, in welchen die Pflanze zu Hause ist, und wo es den
Thieren oft an pflanzlicher Nahrung fehlt. In solchen Gegenden sind
dornige Pflanzen sehr hufig, Pflanzen, deren Bltter sich zum besseren
Schutz in Dornen verwandelt haben, whrend der Stengel sich grn frbte,
so in die Functionen der Bltter trat, zugleich anschwoll und fr die Zeit
der Drre mit Wasser versorgte. Durch Hunger getrieben, pflegen wohl
Pferde mit den Hufen die Dornen von solchen Cactusgewchsen abzuschlagen,
um zu dem saftigen Fleisch zu gelangen, whrend das Rindvieh sich an
denselben schwer verwundet. Der Angriff auf diese weidornige _Opuntia
tunicata_ drfte den Thieren unter allen Umstnden schwer fallen, sie ist
so stark bewaffnet, da sie auer dem Namen _Opuntia tunicata_ auch
denjenigen _Opuntia furiosa_ erhielt.

Doch am Palazzo Orengo fesselt unseren Blick vor allem die wunderbare
Aussicht, die sich dort entfaltet. Gewi ein herrliches Stck Erde, fast
zu schn, um dasselbe dauernd zu bewohnen! Denn wonach soll man sich dann
noch sehnen, wo eine Steigerung des Eindrucks erhoffen? - Von ppigem Grn
und buntem Blthenschmuck sind die Bilder eingerahmt, die hier den
Beschauer fesseln. Sein Auge folgt entzckt der zackigen Kste, oder es
ruht trumend aus der tiefen Schlucht, in der sich der Garten aufwrts,
ohne Ende, bis zu den Gipfeln der Berge fortzusetzen scheint. Eine hohe
Palme neigt sich wie sinnend ber diesem Bilde und gibt ihm ein
mrchenhaftes Geprge. Nach Osten decken dunkle Baummassen die Aussicht,
doch durch eine blumenreiche Pergola gelangt man bald bis auf den freien
Bergrand. Der Tag geht zur Neige, und es beginnt Altbordighera im rosigen
Abendlicht zu glhen. Welch' ein Anblick! Ich wei ein krankes Mdchen,
eine zu frh aufgeblhte Knospe, das Rettung vor dem Tode in Mentone
suchte; dem schwebte jenes goldige Bild bis zuletzt in den Fiebertrumen
vor. Es war wie die Verheiung einer glcklicheren Welt! Sehnsuchtsvoll
streckte die Sterbende ihre Arme in der nordischen Heimath aus, um es zu
fassen, und ein seliges Lcheln verklrte dann ihr blasses Antlitz.

Die Pergola, die nach jenem Aussichtspunkt im Garten von La Mortola fhrt,
ist von Banksia-Rosen und anderen Schlinggewchsen berwuchert, deren
Blthen in den Abendstunden sen Duft verbreiten. Die _Rosa Banksiae_
knnen wir hier in ihrer vollen Prachtentfaltung bewundern. berall
leuchten aus dem grnen, dornenfreien Laub die zierlichen Trugdolden ihrer
halbgefllten, hellgelben und weien Blthen hervor. Um diese schne Rose
ist die Riviera zu beneiden; bei uns im Freien will sie nicht gedeihen.
Auch ist es in Gewchshusern nicht mglich, sie zu ppiger Entwickelung
zu bewegen, ebensowenig als dies fr die _Bougainvillea_ gelingt, jene
prchtige Liane der Tropen, die mit ihren carmoisinrothen Hochblttern
ganze Gebude an der Riviera deckt.

Die Sonne war inzwischen untergegangen, und fahle Lichter streiften die
Kste. Altbordighera erschien so todtenbla, als wre es inzwischen
ausgestorben; der Rahmen aus weien Rosen umschlang es fast wie ein
Todtenkranz. Die bunten Blthen im dunklen Laube begannen unsichtbar zu
werden, und scharf stachen nur vom hellen Abendhimmel die uralten
Cypressen ab, die, dicht aneinander gereiht, im unteren Theile des Gartens
zum Meere absteigen. Hat dieser dunkelfarbige Baum, der in so feierlichem
Ernst zum Himmel emporragt, wirklich ein trauriges Aussehen, oder weckt er
in uns nur traurige Empfindungen, weil er von jeher ein Symbol der
Todtentrauer war, und wir ihn so oft neben Grbern sehen? Hier htte er
wohl allen Grund, dster in die Landschaft zu schauen, denn er schmckte,
so heit es, vor Zeiten einen Friedhof, nach welchem der Ort heute noch
seinen Namen La Mortola fhren soll. Blumenbeete haben seitdem die
Grber verdeckt, ppiger Pflanzenwuchs die Sttten verwischt, an welchen
Menschen einst ihre Lieben beweinten, die Cypressen allein trauern noch
ber den Todten.

                                   VII.

Die Strada nazionale, die am Garten vorbei nach Mentone fhrt, steigt
zunchst in der Schlucht empor und beginnt erst jenseits der Croce della
Mortola sich langsam zu senken. Es ist ein unendlich schner Weg, der im
weiten Bogen, am Abhang der Berge, langsam gegen Mentone absteigt. Bald
ist man in einen Olivenhain gedrungen, in dem sich das Dorf Grimaldi
verbirgt; jenseits des Ortes steigt ber der Strae ein alter Thurm dster
in die Lfte empor, neben ihm drngt ein modernes Schlo in englisch
gothischem Geschmack sich auf. Ein schner Garten steigt bis zum Thurm
empor. Es war das einst die Besitzung des englischen Arztes Bennet, dessen
Name einen ruhmvollen Klang an der Riviera besitzt. Nach dessen Tode haben
neue Besitzer das gothische Haus erbaut. Wir erreichen das italienische
Zollhaus. Es dunkelt schon; in Mentone, das in geringer Ferne vor unseren
Augen aufsteigt, beginnen auf den Straen und in den Husern die Lichter
sich zu entznden. Eine lange Reihe flammender Punkte folgt bald dem
Strande, als htte sich das Meer mit einer Schnur feuriger Perlen
geschmckt. Mir zogen die Strophen des Mignonliedes durch den Sinn, und
das Rauschen des Meeres schien sie in den Tnen der Beethoven'schen Musik
zu begleiten. Wie bezeichnend fr diesen Boden mehr als
zweitausendjhriger Cultur, da jene Gewchse in dem Liede, welche das
Bild Italiens uns so lebendig vor die Seele zaubern, diesem Lande nicht
ureigen sind. Sie kamen aus dem Orient, wie alle die groen Gedanken, auf
welchen unsere Bildung ruht, entfalteten und veredelten sich aber auf
diesem Boden. Die Citronen und Orangen erhielten die klassischen Lande von
den Semiten, welche dieselben ihrerseits von den Indiern bernommen
hatten. Der l- und Feigenbaum, der Weinstock und die Palme standen bei
den Semiten in Pflege, lange bevor sie als Culturpflanzen siegreich nach
dem Westen vordrangen. Der Cultus des Lorbeers und der Myrte gelangte von
Osten her ber das Mittelmeer. Die Cypresse hat nicht ihre Heimath in
Italien, sondern auf den griechischen Inseln und auf dem Libanon; ja,
selbst von der schirmfrmig ausgebreiteten Pinie, der die Rauchwolke des
Vesuvs wie zum Vorbild dient, hat man, doch dieses Mal mit Unrecht,
bezweifelt, da sie eine echt italienische Pflanze sei. Und als wenn
andererseits auch der groe Culturimpuls, welcher von der Entdeckung der
neuen Welt ausging, auf italienischem Boden in typischen Pflanzenformen
verkrpert werden sollte, brachte er diesem die Agave und die Opuntie. Die
dornigen, blaugrnen Agaven, die stachligen, hellgrnen Opuntien, die so
gut zu dem felsigen Strande Italiens passen, als wren sie fr ihn von
jeher bestimmt gewesen, sind thatschlich erst im vierzehnten Jahrhundert
von Amerika an denselben gelangt. Capri vermag man sich ohne die _Fichi
d'India_, deren abgeflachte Glieder sich in wunderbaren Krmmungen ber
die Mauern drngen, kaum vorzustellen, und doch sind diese Opuntien hier
eine moderne Erscheinung. Daher ist es ein Anachronismus, wenn die Agaven
und Opuntien in den Preller'schen Odysseebildern den Vordergrund der
Landschaft schmcken. Die Schnheit jener Bilder wird dadurch nicht
beeintrchtigt, und doch kann man sich bei der Betrachtung derselben einer
gewissen fremdartigen Empfindung nicht erwehren. Das historische
Rechtsgefhl fhlt sich verletzt und mu erst durch das sthetische
Wohlgefallen beschwichtigt werden, welches diese so bedeutenden
Kunstschpfungen erwecken.

Wie mag die Riviera ausgesehen haben, bevor die Cultur des lbaumes
begann, als noch Palmen und Cypressen fehlten und der Wohlgeruch der
Agrumi die Luft nicht erfllte? - Sie war bedeckt mit immergrnen
Struchern, whrend dichter Nadelwald die Hhen krnte. Das Bild der
Vegetation mute ein ganz anderes sein; denn sein Aussehen war bestimmt
durch Gesammteffecte, whrend der Charakter jener Landschaft, die wir
jetzt fr die typisch italienische halten, auf dem wirksamen Hervortreten
einzelner ausgeprgter Pflanzenformen und deren plastischer Sonderung
beruht.

Whrend noch in den Zeiten Alexander des Groen, also im vierten
Jahrhundert vor Christus, die Griechen Italien als ein Land kannten, das
im Vergleich zu ihrem eigenen Lande und dem Orient einen ganz
ursprnglichen Charakter trug, konnte bereits Marcus Terentius Varro im
ersten Jahrhundert vor Christus, Italien mit einem groen Garten
vergleichen. Plinius klagt ein Jahrhundert spter ber den Luxus, der auch
im Gartenbau eingerissen sei. Die Gemse wurden so gro gezogen, da sie
der Tisch des Armen nicht mehr zu fassen vermochte. Er fhrt als Beispiel
die Spargeln an, von denen in Ravenna oft nur drei auf das rmische Pfund
(ca. 300 Gramm) gingen.

Da in jenem Garten, in welchen Italien verwandelt worden war und der
orientalische Culturpflanzen vorwiegend barg, das rmische Volk sich
verweichlichen mute, ist nur zu klar. Es war das die Schattenseite jener
zu ppig entwickelten Cultur, die in dem bermae ihrer Entfaltung auch
die Keime ihres Untergangs trug.

Als ich Mentone nher kam, begann der Mistral zu wehen und fegte mchtige
Staubwolken ber die Strae. In Garavan, im Schutze der Altstadt, wurde es
trotzdem fast windstill, so da ich dort am spten Abend im anmuthigen
Garten des Htel d'Italie noch sitzen konnte. Garavan wird eben durch den
Bergrcken, auf dem das alte Mentone steht, und durch die dichten
Husermassen dieser Stadt gegen den Westwind vollstndig gedeckt und mit
Recht daher von Brustkranken bevorzugt. Seit vorigem Winter erhielt
Garavan einen eigenen Bahnhof, der fast eine zu groe Erleichterung des
Verkehrs fr diejenigen Wintergste schafft, die in Monte Carlo durch
schdliche Aufregung beim Spiel, den Rest ihrer Gesundheit gefhrden.

                                  VIII.

Fast alle wichtigen Reiz- und Genumittel des Pflanzenreichs dankt der
Culturmensch den wilden Vlkern. Da bei ihm selbst die Cultur das
instinctive Empfinden ganz zurckdrngte, so kann er sich kaum noch
vorstellen, welche Eindrcke den Wilden bei der Wahl seiner Nahrungsmittel
geleitet haben. Er staunt, wenn ihn die Chemie belehrt, da der Thee der
Chinesen, der Mate der Brasilianer, der Kaffee und die Khatpflanze der
Araber, die Chocolade der Azteken, die Kolansse der Neger im wesentlichen
dieselben Stoffe enthalten. Im La Mortola-Garten, bei Betrachtung der
Pflanzen, die jene Stoffe liefern, konnten wir die Verschiedenheit ihres
Aussehens feststellen. Irgend welches uere Abzeichen, das ihnen
gemeinsam wre, haben wir nicht entdeckt. Ein solches Abzeichen konnte
somit die Wahl des Wilden nicht leiten, als er diese traf. Er verfuhr
nicht anders wie das wilde Thier, das in Wald und Flur seiner Nahrung
nachgeht. Er war sich der Ursache seiner Wahl ebenso wenig bewut.

Meist vor langer Zeit schon den Wilden abgewonnen, haben unsere Reiz- und
Genumittel eine interessante Geschichte aufzuweisen.

In China ist der Theegenu so alt, da ein im zwlften Jahrhundert
verfates Buch Rhya von demselben als von etwas lngst Bekanntem
spricht.

In Europa begann sich der Theegenu erst um 1630 zu verbreiten, unter dem
Einflu der hollndisch-ostindischen Gesellschaft und der Lobpreisungen,
welche einige hollndischen rzte diesem Getrnk zu Theil werden lieen.
Der Thee sollte die Lebenskraft steigern, das Gedchtni strken, alle
seelischen Fhigkeiten erhhen, das Blut in willkommenster Weise
verdnnen. Gegen Fieber wurde vorgeschrieben, nicht weniger als vierzig
bis fnfzig Tassen hintereinander zu trinken. Zu dem interessanten Werke
von Le Grand d'Aussy, welches 1782 zuerst erschien und die Geschichte des
Privatlebens der Franzosen (_Histoire de la vie prive des Franois_)
erzhlt, ist zu lesen, da der Thee in Paris 1636 bekannt wurde und bald
zu Ansehen gelangte, weil ihn der Chancelier Sguier unter seine
Protection nahm. Es scheint, da sich in Paris einzelne Personen auch auf
das Rauchen des Thees verlegten, so wie man Tabak raucht, und der Arzt
Bligny rhmt sich, aus dem Thee eine Conserve, ein destillirtes Wasser und
zwei Arten von Syrup dargestellt zu haben. In England war das Theetrinken
um 1700 schon allgemein verbreitet und der Thee besteuert. Deutschland
verdankt die Bekanntschaft mit dem Thee den hollndischen rzten des
Groen Kurfrsten. Im Jahre 1662 kostete, nach den von Flckiger
verffentlichten Documenten, eine Hand voll Thee in den Apotheken der
Stadt Nordhausen noch fnfzehn Gulden, doch im Jahre 1689 in Leipzig nur
noch vier Groschen. Nach Ruland gelangte der Thee nicht ber das
westliche Europa, sondern direct mit einer asiatischen Gesandtschaft, und
schon in der zweiten Hlfte des siebzehnten Jahrhunderts wurde der Thee
dort zu einem allgemein verbreiteten Getrnk. Der Thee heit demgem dort
Tschai, entsprechend der Benennung wie wir sie auch bei den Arabern im
achten Jahrhundert schon finden, whrend in Polen aus _herba Theae_
_Herbata_ gebildet worden ist.

Der wichtigste Bestandtheil der Theebltter ist das Coffen, derselbe
Krper, den die Kaffeebohnen fhren und der auch dem Theobromin der
Cacaobohnen uerst nahe steht. Ebenso ist der Paraguay-Thee oder Mate
coffeinhaltig, und denselben Stoff fhren auch die Kola-Nsse.

Die Kultur des Kaffeebaumes haben die Araber zuerst in groem Mastbe
betrieben, whrend Europa, die Trkei ausgenommen, vor Mitte des
siebzehnten Jahrhunderts nur wenig von dem Bestehen dieses Genumittels
wute. Nach Constantinopel hatte Selim I. 1517 aus Aegypten den ersten
Kaffee gebracht, und zwanzig Jahre spter gab es dort bereits viele
Kaffeehuser. Nach dem Westen Europas gelangte der Kaffee durch die
Venetianer. Prosper Alpinus, der als Arzt des venetianischen Consuls in
gypten lebte und von 1591 bis 1593 sein Werk ber gyptische Pflanzen
verffentlichte, gab die erste, wenn auch wenig vollkommene botanische
Beschreibung des Kaffeebaumes. Von Venedig aus, wo im Jahre 1645 das erste
Kaffeehaus erffnet wurde, verbreitete sich die Sitte des Kaffeetrinkens
rasch ber ganz Italien. Wie Le Grand d'Aussy eingehend beschreibt, war es
Marseille, das in Frankreich im Jahre 1644 mit der Errichtung von
Kaffeehusern den Anfang machte. In Paris kam das Kaffeetrinken erst unter
Ludwig XIV. auf, und zwar vornehmlich durch Soliman Aga, den Gesandten
Mohammeds III., der, wie Le Grand d'Aussy berichtet, sich die Gunst der
Pariserinnen in solchem Mae zu erwerben wute, da es Mode ward, ihm
Besuche abzustatten. Er lie den Damen, nach orientalischer Sitte, den
Kaffee serviren; es reichten ihn Sklaven in glnzenden Porzellantassen auf
goldbefranzten Servietten. Die fremdartige Einrichtung der Zimmer, das
Sitzen auf dem Boden, die Unterhaltung, die mit Hlfe eines Dolmetschers
gefhrt wurde, alles das, meint Le Grand d'Aussy, mute den Kopf der
Franzsinnen verdrehen. berall hrte man von dem Soliman'schen Kaffee
sprechen, und Jeder wollte davon gekostet haben. Sich Kaffeebohnen zu
verschaffen, war bei alledem damals noch schwer: das Pfund kostete bis zu
vierzig Thalern. Im Jahre 1672 erffnete ein Armenier, Namens Pascal, auf
dem Quai de l'cole das erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem Getrnk,
welches in demselben geboten wurde, Caf genannt ward. Es war eine
Boutique nach Art der orientalischen und machte schlechte Geschfte, da
es fr das feinere Publicum, welches allein den Kaffee damals trank, nicht
geeignet war. Das erkannte richtig der Florentiner Procope, derselbe, der
sich um Paris durch die Einfhrung des Gefrorenen verdient gemacht hat; er
richtete gegenber der alten Comdie Franaise ein Caf ein, welches auer
dem ursprnglichen Getrnk, auch Thee, Chocolade, Eis und verschiedene
Liqueure fhrte, und, geschmackvoll decorirt, sich alsbald des grten
Succs erfreute. Die Zahl der Nachahmer war gro, und 1676 hatte Paris
schon eine Unmasse Cafs aufzuweisen, deren Einflu sich als ein sehr
gnstiger erwies, indem er der Trunksucht steuerte, und was Ludwig XIV.,
_ce Roi si dcent_, wie sich Le Grand d'Aussy ausdrckt, durch harte
Strafen nicht zu erreichen vermochte, hatte man dem Florentiner Procope zu
verdanken. Als ganz ungefhrlich galt jedoch der Kaffee nicht, und die
Marquise de Svign rth darum ihrer Tochter in einem Brief aus dem Jahre
1680, dem Kaffee etwas Milch zuzusetzen, _pour en temprer le danger_.
In England wurde der Kaffee durch Baco von Verulam schon 1624 erwhnt. Das
erste Kaffeehaus errichtete in London 1652 der Armenier Pasqua, Diener
eines trkischen Arztes. Berlin folgte erst weit spter nach, denn Volz
gibt an, da dort das erste Kaffeehaus im Jahre 1721 erffnet wurde. Eine
Anzahl deutscher Stdte war in dieser Beziehung Berlin vorangeeilt; in
Hamburg gab es schon 1679, in Nrnberg und Regensburg 1686, in Kln 1687
Kaffeehuser. In Wien erhielt 1683 ein gewisser Kolschitzky die Erlaubni
zur Erffnung des ersten Kaffeehauses und zwar als Belohnung fr den Muth,
durch welchen er sich in dem gleichen Jahre, bei der Befreiung der Stadt
von den Trken, ausgezeichnet hatte. Um die Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts war der Kaffeegenu ber ganz Deutschland verbreitet, und der
Kaffee bildete einen wichtigen Handelsartikel fr Hamburg und Bremen.
Friedrich der Groe versuchte es vergeblich, den Verbrauch einzuschrnken.
In dem Bestreben, Preuen wirthschaftlich abzuschlieen und das Geld im
Lande zu behalten, hatte er besonders die theueren Colonialwaaren mit
hohen Zllen belegt; zum Theil verbot er sogar deren Einfuhr oder suchte
sie zum Mindesten zu monopolisiren. Markgraf und andere Chemiker wurden
beauftragt, Surrogate an Stelle des Kaffees zu schaffen, was zur
Entstehung von Eichelkaffee, von Kaffee aus Gerste und Roggen, ja selbst
aus Rben und Rokastanien fhrte. Der Cichorienkaffee jedoch wurde um
jene Zeit noch nicht hergestellt, vielmehr, wie ich den Angaben
E. v. Lippmanns entnehme, erst gegen 1790. Die gebotenen Kaffeesurrogate
erfreuten sich nicht des Beifalls beim Publicum, daher 1781 ein
Kaffeemonopol eingefhrt ward, das die gewhnlichen Consumenten zwang, den
Kaffee schon gebrannt vom Staate, vierundzwanzig Loth zu einem Thaler, zu
kaufen, whrend an Adlige, Geistliche und Beamten sogenannte
Brennscheine abgegeben wurden.

An den Thee und den Kaffee schliet sich der Cacao fast gleichberechtigt
an. Sein Anbau ist schwieriger als derjenige vieler anderer tropischer
Pflanzen, da er eine sehr bestndige, relativ hohe Temperatur neben einer
groen und gleichmigen Feuchtigkeit verlangt. Seine Heimath drfte in
den Lndern um den mexikanischen Meerbusen liegen, jetzt wird er berall
in den Tropen, soweit es die sonstigen Bedingungen gestatten, gebaut. Die
Cacaopflanze gehrt einer Unterabtheilung der Malvaceen an; fast aller
Cacao des Handels stammt von der _Theobroma Cacao_ ab. Es ist ein
dunkelbelaubter Baum, mit knorrigem Stamm und breiter Krone, der fr
gewhnlich acht bis zehn Meter Hhe erreicht. Das Charakteristische fr
die Pflanze ist, da sie ihre Blthenstnde vorwiegend am alten Holze
trgt, so da der Stamm und die dicken ste sich weiterhin mit Frchten
behangen zeigen. Die Blthen sind weilich bis roth und liefern je nachdem
gelbe oder dunkelrothe Frchte. Whrend die Blthen nur klein sind, knnen
die cylindrischen Frchte bis fnfundzwanzig Centimeter Lnge erreichen.
Der Baum blht und fructificirt fast ohne Unterbrechung, liefert aber im
Jahr meist nur zwei Haupternten. Die Samen sind in einem ssuerlichen
Fruchtfleisch eingebettet und bilden in der reifen Frucht fnf
Lngsreihen. Ihr bitterer Geschmack wird durch das sogenannte Rotten
gemildert, einen Ghrungsproce, dem die aus der Frucht befreiten Samen
unterworfen werden. Der Cacao war in Mexiko schon den Azteken und selbst
den von diesen verdrngten Tolteken bekannt, und als die Spanier 1519 das
Land eroberten, fanden sie die Cultur des Baumes vor. hnlich wie der
Pfeffer einst in Europa, dienten in Mexico, ja in ganz Mittelamerika die
Cacaobohnen als Mnze. Die Spanier sollen bei der Eroberung Mexico's im
dortigen Staatsschatze nicht weniger als zweiundeinhalb Millionen Pfund
solcher Bohnen vorgefunden haben. In Mexico wurden die gersteten
Cacaobohnen geschlt und gestoen, mit kaltem Wasser zu Brei angerhrt und
mit Maismehl oder bei Vornehmeren mit Gewrzen, Vanille, duftenden Blumen
und Honig versetzt. Dieser Brei _bouillie assez dgoutante_, sagt Le
Grand d'Aussy, hie Chocolatl. Ob diese Bezeichnung von dem mexikanischen
Namen der Pflanze Cacao oder Cacagnate, oder Choco (Schaum) und Atl
(Wasser) abzuleiten sei, ist wohl unentschieden. Die Spanier, welche die
Chocolade am Hofe des Montezuma kennen gelernt hatten, brachten sie bald
nach Europa, und auch heute noch ist es Spanien, welches die grten
Mengen Chocolade verzehrt. Nach Florenz brachte Carletti die Chocolade
mit, als er 1606 von weiten Reisen, die sich bis nach Westindien
erstreckten, heimkehrte. Das warme Getrnk, das in Florenz aus Cacaomehl
hergestellt wurde, verbreitete sich rasch ber ganz Italien. Nach
Frankreich kam die Chocolade 1615 mit Anna von sterreich, Gemahlin
Ludwig's XIII. Zu einiger Geltung gelangte sie aber erst 1661, unter dem
Einflu von Maria Theresia von Spanien, Gemahlin Ludwig's XIV., die sich
aber noch versteckte (wie die Duchesse de Montpensier in ihren Memoiren
angibt), um ihre Chocolade zu trinken; der Genu derselben mute somit als
etwas Ungewohntes oder gar Verpntes angesehen werden. Indessen schon 1671
konnte Frau von Svign an ihre Tochter schreiben: _Vous ne vous portez
pas bien, le chocolat vous remettra._ Freilich mu die Chocolade als
Heilmittel ihre Wirkung versagt haben, denn in einem spteren Briefe wird
sie als _source de vapeurs et de palpitations_ angegeben. Andererseits
vertheidigte ein Pariser Arzt, Namens Bachot, 1684 vor der Fakultt eine
These, in welcher er gutgemachte Chocolade als eine der edelsten
Erfindungen pries, weit mehr wrdig, als Nectar und Ambrosia, die Speise
der Gtter zu sein. Derselben Ansicht mu auch Linn gewesen sein, der die
Chocolade 1769 in den _Amoenitates academicae_ behandelte und dem
Cacaobaum den botanischen Namen _Theobroma_, d. h. Gtterspeise gab.
In England begann sich die Chocolade um 1625, annhernd gleichzeitig auch
in Holland, einzubrgern. Nach Berlin brachte Bontekoe, der Leibarzt des
Groen Kurfrsten, den Cacao mit. Friedrich der Groe verbot die Einfuhr
der Chocolade und beauftragte den Chemiker Markgraf, denselben, der
hnliches fr den Kaffee schon versucht, ein Surrogat aus Lindenblthen an
Stelle von Chocolade herzustellen, was aber nur schlecht gelang.

Als die Spanier im sechzehnten Jahrhundert nach Peru kamen, war dort ein
anderes Reizmittel in Gebrauch, das der Instinct der Eingeborenen
herausgefunden hatte, nmlich das Cocan. Dieser Krper gehrt ebenso wie
das Coffen und das Theobromin zu den pflanzlichen Alcaloiden. Die
Bewohner des Inkareiches kauten die Cocabltter ganz so wie die Hindus die
Betelnu kauen und wrzten diese Bltter auch mit Asche der Quinoapflanze
(_Chenopodium quinoa_) oder mit gelschtem Kalk, so wie es fr die
Betelnsse in Indien geschieht. Bei migem Genu wirken die Cocabltter
anregend auf das Nervensystem ein, in zu groen Mengen und fortdauernd
gebraucht, werden sie verderblich. Es stellt sich dann ein Verfall aller
krperlichen und geistigen Fhigkeiten bei dem Coquero ein, der zu einem
Vergleich desselben mit unseren Alkoholikern gefhrt hat. Den Spaniern
fielen zunchst nur die blen Folgen des Cocakauens auf, sie suchten
dasselbe durch Verordnungen und kirchliche Verbote in Peru einzuschrnken.
Daher wohl die Cocabltter nicht wie andere hnliche Reizmittel ihren
Einzug in die alte Welt hielten. Erst die 1884 von Koller in Wien gemachte
Entdeckung, da eine Auflsung von Cocan ohne ble Folgen die Hornhaut
und Bindehaut der Augen eine Zeitlang unempfindlich macht, richtete die
allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Alcaloid. Die Anwendung desselben bei
Augenoperationen wurde allgemein; sie verbreitete sich auf andere Gebiete
der Heilkunde als auch seine Fhigkeit, leicht zugngliche sensible Nerven
unseres Krpers unempfindlich zu machen, erkannt wurde.

Die Cocabltter gehren einem Strauche an, der unserer Schlehe hnlich
ist, aber bedeutendere Gre erreicht. Diese Bltter sind lebhaft grn
gefrbt und sehr dnn; sie haben eifrmige Gestalt und laufen spitz an
ihrem Ende aus. Die gelblich weien Blthen fallen wenig in die Augen, da
sie nur geringe Gre besitzen. Die rothen, unseren Cornelkirschen nicht
unhnlichen Frchte, leuchten hingegen aus dem Laub hervor. Der botanische
Name der Pflanze ist _Erythroxylon coca_, sie bildet eine eigene kleine
Pflanzenfamilie, die im Wesentlichen auf die artenreiche Gattung
_Erythroxylon_ beschrnkt ist. Die Bltter sind schwach aromatisch und
besitzen einen angenehm bitterlichen Geschmack. Das Alcaloid, welches man
aus denselben gewinnt, bildet farblose Krystalle, die sich nur wenig in
Wasser, dagegen leicht in Alcohol und noch leichter in ther lsen.

Ein ganz besonderes culturhistorisches Interesse ist an den
Gewrznelkenbaum geknpft, da er eine uerst markirte Rolle in der
Geschichte des Gewrzhandels gespielt hat. Der Gewrznelkenbaum (_Eugenia
caryophyllata_) gehrt zu den Myrtaceen wie die Myrten, Eucalypten,
Guaiaven und Rosenpfel, die wir in La Mortola sahen. Er ist ein
immergrner Baum mit wohlgeformter Krone, der ber zehn Meter Hhe
erreichen kann und lederartige, glnzende, durchscheinend punctirte
Bltter besitzt. Die Blthen stehen an den Enden der Zweige in
doldenfrmigen Blthenstnden. Der vierkantige Blthenstiel breitet sich
am oberen Rande in vier dicke, kurze Kelchlappen aus. An der
Ursprungsstelle derselben sind die Blumenkronenbltter und die Staubfden
befestigt. Erstere werden hnlich wie bei Eucalyptus als Kappe abgeworfen,
wenn sich die Blthe ffnet. Diesen Zeitpunkt wartet man aber nicht ab,
sammelt vielmehr kurz zuvor schon die Gewrznelken, indem man sie mit
den Hnden vom Baume pflckt oder mit Bambusstben abschlgt. Sie sind
somit noch ungeffnete Blthen eines myrtenartigen Gewchses und haben mit
den nur hnlich duftenden Blthen unserer Grten, die wir als Nelken
bezeichnen, den Dianthus-Arten, sonst nichts gemein. Beim Trocknen
verndert sich die dunkelrothe Farbe in das bekannte Braun. - Die
Gewrznelken waren den Chinesen schon vor unserer Zeitrechnung bekannt. Im
vierten Jahrhundert vor Christus gelangten sie nach Europa. Man glaubte
bis zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, da Java oder Ceylon ihre
Heimath sei; thatschlich aber waren diese Inseln nur Stationen auf dem
Wege des Gewrznelkenhandels. Erst die Entdeckung der Molukken durch
Varthema 1504 klrte Europa ber den Ursprung der Gewrznelken auf. Mit
den Molukken zugleich gelangte der Gewrzhandel jener Inseln in die Hnde
der Portugiesen, dann ein Jahrhundert spter an die
hollndisch-ostindische Compagnie, welche die Production von Gewrznelken
und Muskatnssen auf jede Weise zu monopolisiren suchte, ja sogar
dieselbe, um sie besser berwachen zu knnen, auf nur wenige Inseln
einschrnkte. Auf den brigen Inseln lie sie die Gewrzbume ausrotten.
Um die hohen Preise zu halten, brachte die Compagnie nur begrenzte Mengen
des Gewrzes auf den Markt, und als in Folge guter Ernten der Vorrath
einmal, im Jahre 1760, zu stark anwuchs, wurde ein Theil desselben bei der
Admiralitt in Amsterdam verbrannt. Trotz strengster berwachung von
Seiten der Hollnder gelang es dem franzsischen Gouverneur von Mauritius
und Bourbon 1769 in den Besitz von Gewrznelken- und Muskatbumen zu
gelangen und sie auf seiner Insel anzupflanzen. Zwischen 1795 und 1802,
als die Englnder die Molukken besetzt hielten, sorgten sie auch dafr,
da die Cultur der Gewrzbume sich ber die Grenzen dieser Inseln hinaus
verbreite. Jetzt hat sich ihre Cultur ber die tropischen Lnder weit
ausgedehnt, auf den Molukken selbst ging der Anbau der Gewrznelkenbume
ganz zurck, und nur die Muskatbume werden dort noch im groen Mastab
gepflegt.

Die Muskatbume, die mit den Gewrznelkenbumen stets zusammen genannt
werden, gehren zu der Gattung _Myristica_, die den Lorbeergewchsen sehr
nahe steht. Der wichtigste Muskatbaum ist _Myristica fragrans_, der in
seinem Aussehen an unsere Birnbume erinnert. Er besitzt eine rundliche
Krone und dichte Belaubung. Seine Blthen sind wei oder gelblich und
gleichen auffallend denjenigen unserer Maiblumen. Da sie klein sind, so
fallen sie freilich nicht in die Augen. Das thun hingegen die hellgelben,
aprikosenhnlichen Frchte, die der Baum gleichzeitig trgt. Diese Frchte
springen bei voller Reife auf und dann leuchtet ein carmoisinrother
Samenmantel aus ihrem Innern hervor. In Gestalt einer zerschlitzten Hlle
umgibt er den schwarzbraunen, als Muskatnu bekannten Samen. Er selbst
wird flschlich als Muskatblthe bezeichnet.

Auch der Zimmet war einst ein Monopol der Portugiesen, hierauf der
niederlndisch-ostindischen Compagnie und ging auf die
englisch-ostindische ber, als England 1796 Besitz von Ceylon ergriff.

Wie Zimmet, Gewrznelken und Muskatnu in der niederlndischen Geschichte,
so spielte der ostindische Pfeffer einst eine nicht unbedeutende Rolle in
der Geschichte Venedigs. Namentlich aus Rcksicht auf diesen Pfeffer lag
Venedig daran, das rothe Meer und gypten sich offen zu halten. Unmengen
von Pfeffer wurden in Venedig, in dem Fondaco de' Tedeschi, an die
Deutschen verhandelt. Im Mittelalter herrschte, wie Flckiger besonders
hervorhebt, eine kaum mehr verstndliche Gier nach Pfeffer, der
schlielich fast die Bedeutung eines berall gangbaren Zahlmittels
erlangte. Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert nahm er entschieden
den ersten Rang unter den Gewrzen ein; er stand so hoch im Preise, da
rmere Klassen von dem regelmigen Gebrauch desselben absehen muten und
_cher comme poivre_ sprichwrtlich wurde. Diese Sucht nach Gewrzen kam,
wie Le Grand d'Aussy erzhlt, von den vielen schwer verdaulichen Speisen,
welche man damals zu genieen pflegte. Es gab raffinirte Gourmands, welche
Gewrze bei sich fhrten, um nach eigenem Geschmack die Speisen bei Tische
sich mundgerecht zu machen. Rgnard bezeichnet solche Eknstler als
_Docteurs en Soupers_.

Aus der Geschichte des Levantehandels im Mittelalter von Wilhelm Heyd geht
hervor, da zu den verbreitetesten Specereien damals auch der Ingwer
gehrte, und da er fast eben so stark begehrt war wie der Pfeffer. Diese
Pflanze, deren Heimath in Ostindien liegt, kann man im Garten von La
Mortola sehen. Ihre bis zu einem Meter hohen grnen Sprosse entspringen
dem wohlriechenden Wurzelstock, der im Boden versteckt ist. Die Sprosse
erinnern an die in unseren Grten cultivirten Canna-Arten und tragen wie
diese, in zwei Reihen angeordnete, doch wesentlich schmlere Bltter. Am
Gipfel schlieen sie, falls sie zur Blthe kommen, mit dichtgedrngten
Hochblttern ab, aus deren Achseln gelb- und violettgefrbte Blthen
entspringen. In La Mortola blht freilich der Ingwer nicht, und auch in
Asien kommen nur selten blhbare Stengel zur Entwickelung. Stcke des
Wurzelstockes sind es, die, geschlt oder ungeschlt, als Ingwer in den
Handel gelangen. Der aus China eingefhrte in Zucker gekochte Ingwer
stammt von zarten, sorgfltig geschlten Wurzelstcken. Eingemachter
Ingwer wurde schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in irdenen
Tpfen nach Italien eingefhrt, doch war Marco Polo der erste Europer,
der auf seinen Reisen in China und Indien von 1280-1290 die Pflanzen zu
sehen bekam. Dieser mit Recht hochberhmte Reisende des Mittelalters
erwarb sich berhaupt sehr groe Verdienste um die Erforschung von China,
weshalb ihm der Besitzer von La Mortola, der selbst lngere Zeit im Reich
der Mitte lebte, in der Eingangshalle seiner Villa ein glnzendes, von
Salviati in Venedig als Glasmosaik auf Goldgrund ausgefhrtes Brustbild
widmete. Da freilich von Marco Polo ein authentisches Bildni nicht
bekannt ist, blieb es der Phantasie des Knstlers berlassen, wie er sich
ihn vorstellen wollte.

                                   IX.

Wer den Weg von Mentone nach Nizza auf der vielgerhmten Route de la
Corniche zurcklegen will, sollte dies nur bei vllig klarem Wetter thun.
Denn unter den groen Eindrcken dieser Bergstrae darf die Aussicht
landeinwrts in die schneebedeckten Seealpen nicht fehlen. Im Frhjahr
sind die Berge meist von Wolken bedeckt und so dem sphenden Auge
verborgen. Die Route de la Corniche ist an schnen Frhlingstagen von
unvergleichlicher Wirkung. Sie fngt an bei Roccabruna zu steigen und
folgt dann in unzhligen Windungen dem Abhang. Das eine Mal wendet sie
sich landeinwrts, als wolle sie den Berg durchbohren, das andere Mal
schlgt sie die Richtung nach dem Meere ein, als strze sie sich in die
Fluthen. Fort und fort wechseln die Bilder. Abwrts taucht der Blick in
die grnen Thler und trifft immer neue Einschnitte der Kste; aufwrts
wird er begrenzt durch die mchtigen Kuppen der Berge. Wo diese
auseinandertreten, da tauchen, wie mit einem Zauberschlag, die
schneebedeckten Hupter der Seealpen in der Ferne auf. - Den hchsten
Punkt hat die Corniche bei La Tourbie, der alten _Trophea_ oder _Turris in
via_, etwa 500 Meter ber dem Meere erreicht. Die Corniche folgt der alten
rmischen Strae; Napoleon I. war es, der sie im Jahre 1805, so wie sie
heute ist, ausbauen lie. Jetzt ist die Tourbie sogar durch eine
Zahnradbahn mit Monte Carlo verbunden. Einst lief hier die Grenze, welche
Gallien von Italien schied. Der weit sichtbare, aus mchtigen Trmmern
aufsteigende Thurm, der als Thurm des Augustus bekannt ist, trotzt noch
immer der Zeit. Mit seinen zackigen Zinnen, erst im vierzehnten
Jahrhundert erbaut, ging er aus den Quadern des gewaltigen Denkmals
hervor, das hier der Senat und das rmische Volk dem Octavian errichten
lieen, als die Schlacht bei Actium ihn zum Herrn der Welt machte. Plinius
hat uns die Inschrift bewahrt, welche das Denkmal auf seinen vier Seiten
trug. Auer der Widmung an den _Caesar Imperator_ standen da die Namen von
vierundvierzig Alpenvlkern verzeichnet, welche unter rmisches Joch
gebeugt worden waren. Ein Standbild des Kaisers krnte das Denkmal, das,
alter Schilderung nach zu urtheilen, groartig gewesen sein mute.
Trotzdem schonten es die spteren Zeiten nicht. Die Longobarden begannen
seine Zerstrung. Die Saracenen gestalteten es zur Festung. Dann schpften
Jahrhunderte lang die Bewohner von La Tourbie aus den Trmmern, wie aus
einem Steinbruch, die Steine zum Bau ihrer Kirche und ihrer Huser. Im
zwlften Jahrhundert holten die Genueser hier Marmor zum Schmucke ihrer
Bauten, und was dann noch verblieb, wurde am Hochaltar in der alten
Kathedrale von Nizza verwandt. - Von La Tourbie aus sieht Monte Carlo mit
all seinem Glanz und Elend nur wie ein unschuldiges Kinderspielzeug aus.
An den Ernst des Lebens wird man aber auch in dieser Hhe durch alle die
Festungswerke gemahnt, welche Frankreich auf den Berggipfeln errichtet
hat. Selbst der hchste Berg ber Monte Carlo, der 1150 Meter hohe
Mont-Agel, dessen Gipfel weithin das ganze Land beherrscht, hat jetzt
einen Kranz von Redouten erhalten.

Als Glanzpunkt der Corniche erscheint mir die Stelle, an welcher Eza auf
schroffem Fels, mitten in der Landschaft, emportaucht. Welche gewaltige
Kraft war nthig, um in so schwindelnder Hhe, so unvermittelt zwischen
Himmel und Erde, aus mchtigen Quadern Burgen zu erbauen! Von Abgrnden
umgeben, vor jeder berraschung sicher, haben nach einander nizzardische
und piemontesische Geschlechter in dieser Burg geherrscht. Armselige
Huser suchten Schutz an den befestigten Mauern, und auch heut noch stehen
sie da und drngen sich um die zerfallenen Ruinen. Die alte Pracht
verschwand von dieser Sttte: das Elend ist geblieben. Von auen aber
vergoldet es die strahlende Sonne des Sdens und hebt den stolzen Felsen
majesttisch ab gegen den blauen Hintergrund des Meeres.

Nizza wird immer grer, verliert den ursprnglichen, italienischen
Charakter, nimmt ganz denjenigen einer eleganten, cosmopolitischen Stadt
an und amsirt sich ohne Unterbrechung. Endlos folgen im Winter Redouten,
Blumenschlachten, Regatten, Pferderennen auf einander. Wie eigen dieser
Trieb zum Vergngen, der sich hier auch der einheimischen Bevlkerung
bemchtigt hat! Denn kaum hat ein Ort gleich schwere Schicksale im Laufe
der Zeiten erlebt. Unzhlige Male wurde die Stadt geplndert und verwstet
durch Gothen, Longobarden, Saracenen und Provenalen. Frankreich eroberte
sie wiederholt, um sie zu verlieren und wieder zu gewinnen. Sie wurde von
der Pest heimgesucht, durch starke Klte ihrer Oliven- und Orangenbume
mehrfach beraubt, von afrikanischen Heuschrecken hufig berfallen. Daher
vielleicht der Leichtsinn, der sich seiner Bevlkerung bemchtigt hat und
der den Grund dazu legte, da Nizza zu einer Metropole der schalen
Vergngungen aufwuchs. Mein Ziel war Nizza nicht, vielmehr das Cap
d'Antibes, ein Ort, den ich schon vor vielen Jahren liebgewonnen hatte.
Ein Aufsatz von George Sand, in der _Revue des deux mondes_ vom Jahre
1868, machte mich mit den Schnheiten dieses Vorgebirges zuerst bekannt.
George Sand besuchte auf demselben den schnen Garten des hervorragenden
franzsischen Botanikers Thuret und war von der Aussicht ganz hingerissen,
die man von dort geno. Da das Cap trotzdem so unbeachtet blieb, hngt
mit seiner exponirten Lage zusammen, die es zum Aufenthaltsorte fr
Lungenleidende wenig geeignet macht. Das Cap ist in das Meer weit
vorgeschoben und daher den Winden ausgesetzt; auch sieht man von demselben
die Schneealpen, und ist demgem auch nicht gegen den kalten Luftstrom
geschtzt, der von denselben kommt. Auch fehlte es am Cap bis vor Kurzem
an einem guten Unterkommen, das den Reisenden zum lngeren Bleiben htte
einladen knnen. - Ich halte das Cap d'Antibes fr einen der Glanzpunkte
der Riviera. Wer dessen Herrlichkeit in ganzer Flle gleich genieen will,
der besteige den Hgelrcken, der die Seelaterne und das bescheidene
Kirchlein _Notre-Dame de Bon-Port_ trgt. Der Anblick, den man dort bei
klarem, sonnigem Wetter geniet, ist geradezu berwltigend. Das Cap
d'Antibes setzt sich so weit fort in das offene Meer, da man von ihm aus,
wie von einem Schiffe, das Land berblickt. Es trennt den Golf Jouan von
der Baie des Anges und beherrscht so gleichzeitig die beiden Buchten. Im
Westen wird das Bild von dem Esterel-Gebirge abgeschlossen, das in reicher
Gliederung ganz unvermittelt aus dem Meere aufsteigt. Das Esterel erinnert
in seinen Umrissen an das Siebengebirge, den Stolz unseres Rheinlandes,
was sich aus dem vulkanischen Ursprung beider Gebirgszge erklrt. Das vom
Cap d'Antibes eine Stunde weit entfernte Cannes wird durch die Landenge
der Croisette verdeckt, frei liegt hingegen vor ihm im Meere die
Lerinische Insel St. Marguerite. Deutlich erkennt man auf ihr das Fort, in
welchem einst der mysterise _homme au masque de fer_ und neuerdings
Bazaine eingekerkert waren. Es folgt an der Kste ein Ort auf den andern.
Zunchst das Stdtchen Golfe Jouan, in dessen wohlgeschtztem Hafen das
franzsische Mittelmeer-Geschwader liegt. Zahlreiche Villen und Grten
decken die grnen Hgel, die sanft gegen das Meer abfallen. Nach Sdwesten
hin streckt das Cap d'Antibes noch einen Seitenarm in die Fluthen, und
dieser trgt ein kleines Fort und das Grand Htel. Gegen Sden verliert
sich der Blick in dem weiten Meer; gegen Osten kann er der Kste bis
jenseits Bordighera folgen, wo diese endlich in dem Blau der Ferne
schwindet. Im Halbkreis reihen sich an der Bai des Anges die Huser von
Nizza aneinander und versuchen es auch, die angrenzenden Hgel zu
erklimmen. Im Vordergrund zeichnet sich grell das alte Antipolis, noch im
mittelalterlichen Gewande, von steilen Mauern und Laufgrben umgeben und
von dem malerischen Fort Carr beherrscht, das es zu Vaubans Zeiten
erhielt. Nach Norden thrmen sich Berge auf Berge, um endlich in den
schneebedeckten Alpen ihren verklrten Abschlu zu finden. So zeigt dieses
Bild all das Erhabenste wieder vereinigt, was die Natur uns zu bieten
vermag. Und wie wirkungsvoll zugleich ist der Gegensatz zwischen der
unbegrenzten Flche des Meeres und den bewegten Umrissen der
himmelstrmenden Bergriesen; wie zart vermittelt die azurne Farbe des
Wassers und das matte Grn der Kste, wie schroff abgesetzt das glnzende
Wei der Schneefelder von dem dunkeln Blau des Himmels! Wie athmet man
frei in dem weiten Raum, welchen der Blick hier umfat; wie fhlt man sich
gelutert durch die hehren Bilder, die sich in der Seele spiegeln!

Das kleine Kirchlein Notre-Dame de Bon-Port ist mit manchem _ex voto_
geschmckt. Ringe und Ketten von Schiffen, kleine aus Holz geschnitzte
Khne, die an den Wnden hngen, deuten den Dank Jener an, denen es
gelang, sich aus strmischer See zu erretten. Am 8. Juli eines jeden
Jahres ziehen die Schiffer von Antibes barfu den Hgel hinauf und holen
das Standbild der Mutter Gottes herab, um es in gleichem Aufzuge am
nchsten Sonntag von Antibes wieder hinauf zu tragen.

ber das Grand Htel du Cap d'Antibes bildete sich ein ganz eigener
Mythos. Es hie, de Villemessant, der einst so bekannte Redacteur des
Figaro, htte den Bau veranlat, um ein Heim fr Schriftsteller und
Knstler zu schaffen. Dieselben sollten dort vereint ihren Arbeiten
obliegen und durch die herrliche Umgebung zu bedeutendem Schaffen angeregt
werden. Dieser Mythos war aber nur eine _Blague_, durch entsprechende
Zeitungsartikel veranlat und durch eine Expedition grogezogen, die die
Redaction des Figaro in diese Gegend unternahm. Auch scheint das
treibende Motiv nur das gewesen zu sein, eine neue Station an der Riviera
zu entdecken, von gleicher Rentabilitt wie das rasch aufblhende Cannes.
Man wollte es Lord Brougham nachmachen, von welchem der Reisebericht des
Figaro vom 25. April 1867 erzhlt, da er die Stadt Cannes entdeckt habe
- entdeckt insofern, als er dort Grundstcke zu 5 Sous den Meter vorfand,
die sich bald zu 60 Francs verkauften. Der Figaro lie es aber bei den
schnen Plnen bewenden, und die projectirte Villa Soleil kam nicht zu
Stande; wohl aber lie ein Russe, der das Cap d'Antibes schon bewohnte,
sich bestimmen, das groe Htel du Cap zu erbauen. Das Unternehmen
miglckte, ein Pchter folgte dem andern, bis endlich das Haus
geschlossen wurde. Erst jetzt, wo die Zahl der Reiselustigen so bedeutend
zugenommen hat, stellen sich gnstigere Bedingungen fr das Unternehmen
ein. Das Htel kam in sorgsame und geschickte Hnde und wird sich
voraussichtlich weiter gut entwickeln. Seine Lage ist einzig schn. Aus
den Fenstern der Vorderseite hat man den vollen Blick auf den Golfe Jouan
und das Esterel-Gebirge, whrend die Fenster der Rckseite nach den
schneebedeckten Alpen schauen. Ein groer Garten umgibt das Gebude und
reicht bis zum Meer hinab. Er verliert sich in dem duftigen mediterranen
Gestrpp, und wo dieses aufhrt, setzen nackte, zerrissene Felsen die
schmale Landzunge fort. Unaufhrlich wlzt das Meer seine Wogen gegen
diese Felsen, und heftiger Sturm jagt den Schaum der Wellen ber dieselben
hinweg. In tausend Klippen sind die steilen Abhnge des Caps zerrissen,
bilden phantastische Stufen, Grotten, Buchten und Verstecke, und zu jeder
Tagesstunde lt sich an dem jhen Absturz eine Stelle finden, an der man,
vor der Sonne und meist auch vor dem Winde geschtzt, mit einem Buche in
der Hand, sich niederlassen kann. Gelesen wird freilich kaum, denn die
blauen Wellen schlagen fort und fort gegen die Steine und stren durch ihr
Pltschern. Einmal berhren sie den Fels nur sacht, so da man sie kaum
hrt, dann wieder schwellen sie an und plaudern so laut, als wollten sie
vernommen werden. Zuweilen rollt die schwellende Fluth dicht heran, dann
flieht sie wieder, und unwillkrlich folgt das Auge ihr nach. So lassen
sich Stunden auf Stunden vertrumen an dem steinigen Strande von Antibes,
und unbemerkt verfliegt ein Tag nach dem andern. Die Nerven ruhen aus und
sammeln neue Spannkraft fr die gesteigerten Anforderungen der Zeit. -
Ebenso wonnig wie auf seeumsplten Felsen lagert es sich zwischen den
duftenden Struchern des Strandes mit dem blauen Zeltdach des Himmels ber
dem Haupte und einem begrenzten Stcke azurnen Meeres zur Seite. Man hat
eine Decke ber Myrten oder Rosmarinstrucher ausgebreitet und ruht nun
wie auf einem Polster. Gewi gehrt es mit zu den hohen Reizen dieses
bevorzugten Ortes, da man aus dem Garten unmittelbar in die volle, reine,
unverflschte Natur gelangen kann. Denn die wohlriechenden Strucher, die
hier den Strand bedecken, sind nicht von Menschenhand gepflanzt. Sie
bilden einen Vegetationstypus, der fr das Mittelmeergebiet bezeichnend
ist und den Namen _Maquis_ fhrt. Immer mehr weichen diese Maquis der
Cultur, namentlich an dieser stark bevlkerten Kste. Ueber grere
Flchen ausgedehnt, findet man sie hier noch im Esterelgebirge. In voller
Prachtentfaltung treten sie dem Reisenden erst auf Corsica entgegen.

Der Charakter dieser Maquis wird durch immergrne Strucher bestimmt.
Selbst eine Anzahl baumartiger Gewchse nimmt in den Maquis Strauchform
an. Bei der groen Mehrzahl dieser Strucher ist die Laubentwickelung
eingeschrnkt worden, ja zum Theil geschwunden. Das Alles befhigt diese
Pflanzen, langanhaltende Drre auszuhalten. Im Frhjahr, wenn die nthige
Bodenfeuchtigkeit zur Verfgung steht, kommen sie gleichzeitig zur Blthe
und zaubern dann, auf sonst drrem Boden, ppige Grten hervor. Es walten
in den Maquis die aromatischen Gewchsarten vor. Aus jedem Strauch, den
man streift, befreit man ganze Strme von Wohlgerchen. Dem Boden, den man
tritt, entlockt man eine Flle flchtiger Essenzen: Rosmarin, Thymian,
Lavendel, Cistusrose, Myrte und Pistacie mischen ihre Dfte und erfllen
mit ihnen die Luft. Die Frbung der Maquis ist eine brunlich-grne, und
erst die Blthen beleben den einfrmigen Ton. Sie treten auf in
massenhafter Flle. Das zarte Blau der Rosmarinblthe gesellt sich dann
dem grellen Gelb der Ginster, die helle Farbe der Cistrschen dem dunkeln
Violett der Lavendel. Auf Corsica scheinen die Abhnge ein einziger
Blthenstrau um jene Zeit zu sein, und der Wanderer wird von dem Duft
berauscht, der diesem Blthenmeer entstrmt. Nicht ohne Grund behaupten
die Schiffer, da man Corsica im offenen Meere schon aus weiter Ferne
*riechen* knne, und nach jenem wrzigen Duft seiner Heimathsinsel sehnte
sich auch Napoleon zurck auf St. Helena, vor seinem Ende.

Was noch von den Maquis am Cap d'Antibes erhalten blieb, ist freilich
wenig, und doch kann man selbst auf jener kleinen Landzunge vor dem Garten
des Grand Htel fast alle die Arten zusammenlesen, welche den Typus der
Maquis bestimmen. Unter den strauchartigen Formen fllt zunchst der
Rosmarin durch seinen Duft, seine blauen Lippenblthen und seine steif
linealen, unterseits wei-filzigen Bltter auf. Man begegnet ihm dort
berall. Das wohlriechende l verflchtigt sich, wenn man seine Bltter
zerreibt. Diese Pflanze zieht man auch bei uns in den Grten, besonders
fr die Bienen, deren Honig sie ein feines Aroma verleiht. Ihre
Verbreitung nrdlich von den Alpen wurde durch das Capitulare Karl's des
Groen 812 gefrdert, welcher die Anpflanzung des _ros marinus_ in den
kaiserlichen Grten befahl. Im Alterthum hat man den Rosmarin viel zum
Winden von Krnzen benutzt und schmckte mit diesen die Bildsulen der
Laren. Im Mittelalter bemchtigte sich die Symbolik dieses immergrnen,
duftigen Gewchses, und es wurde zum Sinnbild der Liebe, der Treue und des
Todes. Als Sinnbild der Treue gilt es auch bei Shakespeare, der die
wahnsinnig gewordene Ophelia sagen lt: Da ist Vergimeinnicht, das ist
zum Andenken: ich bitte Euch, lieber Herr, gedenket meiner - und da ist
Rosmarin, das ist fr die Treue.

Neben dem Rosmarin steht am Strande von Antibes berall der Thymian. Er
hlt sich am Boden, ber und ber bedeckt mit kleinen rosafarbigen
Blthen. Etwas hher steigt an reich verzweigten Stmmchen ein anderer
Lippenblthler auf, die _Lavandula Stoechas_, und streckt ihre violetten
Blthenhren zwischen den schmalen, weichfilzigen Blttern empor. -
Zahlreich drngen sich aneinander die Ciststrucher. Sie erreichen hier
kaum ber einen halben Meter Hhe und tragen an reich verzweigten sten
ihre brunlich-grnen, klebrigen Bltter. Die Art mit kleineren weien
Blthen ist _Cistus monspeliensis_; die andere mit weit greren
rosenrothen Blthen, _Cistus albidus_. Die weien wie die rosenrothen
Cistrschen sind uerst zart, in der Knospe zusammengeknittert, mit
zahlreichen gelben Staubfden in der Mitte verziert. Sie welken uerst
rasch, wenn man sie pflckt, doch entfalten sich an Zweigen, die man in
Wasser stellt, alsobald neue Blthen. Die Ciststrucher tragen nicht wenig
dazu bei, den Maquis von Antibes einen charakteristischen Geruch zu
verleihen. Das Gummiharz, welches einige sdeuropische Cistus-Arten
ausschwitzen, war unter dem Namen Ladanum oder Labdanum frher ein
berhmtes, von griechischen Aerzten viel benutztes Heilmittel. Heute wird
es nur noch zum Ruchern verwendet. - Wer aufmerksam den Boden zwischen
den Cistrschen durchsucht, kann ein eigenthmliches Gewchs dort finden,
einen Parasiten, der aus den Wurzeln der Cistrschen seine Nahrung zieht.
Er fllt durch seine brennend gelb-rothe Frbung auf und heit _Cytinus
hypocistis_. Grne Bltter fehlen ihm; er hat sie eingebt, da er sich
nicht mehr selbstndig zu ernhren braucht. Die Rafflesiaceen, zu denen
dieser Cytinus gehrt, sind im brigen Tropenbewohner. Sie leben
parasitisch und entwickeln dabei zum Theil riesig groe Blthen. Die
grte Blthe der Welt wird von einer solchen Rafflesiacee, der _Rafflesia
Arnoldi_, erzeugt, welche auf Sumatra den Wurzeln gewisser Cistus-Arten
aufsitzt. Diese Blthen knnen einen Meter im Durchmesser erreichen. - Den
Cistrschen nahe verwandt sind die Sonnenrschen, Helianthemum-Arten, die
auch unserer Flora nicht fehlen und in den Maquis hier und dort mit ihren
zarten schwefelgelben Blthen am Boden hervorschauen. - Wesentlich hher
als selbst die Cistrschen wird ein stark bewaffneter Strauch mit gelben
Schmetterlingsblthen, die _Calycotome spinosa_. Diese verdient es wohl,
eine nahe Verwandte der _Genista acantoclada_, jener Tartarusgeiel zu
sein, deren wir frher erwhnten. Sie ist mit dornartigen, scharfen
Seitensten so dicht besetzt, da man sie sorgfltig in den Maquis meiden
mu. Weniger unzugnglich ist die nah verwandte Besenpfrieme (_Spartium
junceum_), ein fast blattloser Strauch mit rutenfrmigen grnen sten und
groen gelben Blthen. Aus diesen Binsenpfriemen werden Krbe, Netze, ja
selbst Schuhe geflochten, der Bast wird zum Binden benutzt, auch eine Art
Leinwand aus ihm dargestellt.

Sehr hufig in den Maquis ist die Mastix-Pistazie (_Pistacia Lentiscus_).
Hier tritt sie nur als Strauch auf, whrend sie unter anderen Bedingungen
auch zum Baume emporwachsen kann. Einen solchen schnen Lentiskenbaum, mit
dichter, schirmfrmiger Krone, kann man unweit vom Htel, im Garten einer
Villa von der Strae aus bewundern, die nach Golfe Jouan fhrt. Die
dunkelgrnen, paarig gefiederten, lederartig zhen, oberseits glnzenden
Bltter sind fr _Pistacia Lentiscus_ charakteristisch; es zeichnet sie
auerdem ein besonderer harziger Geruch aus. Die an sich sehr kleinen
Blthen fallen schon aus der Ferne auf, weil sie in dunkelrothen Trauben
bei einander stehen. Dieses Gewchs liefert den altberhmten Mastix, doch
kann derselbe nicht aus dem Strauchwerk der Maquis, sondern nur aus
sorgsam cultivirten Mastixbumen gewonnen werden. Diese gedeihen am Besten
auf der Insel Chios und haben dieser Insel sogar den Namen der
Mastix-Insel verschafft. Das Harz, welches aus knstlich ausgefhrten
Einschnitten, doch auch von selbst aus den Zweigen hervortritt, findet
seine hauptschliche Verwendung im Orient, wo es gekaut wird, hnlich wie
die Bltter des Betelpfeffers in Indien. Es heit, da Mastix das
Zahnfleisch festige und den Athem parfmiere. Vornehme trkische Frauen
bringen den ganzen Tag mit Mastixkauen zu. Bei uns wird wohl auch
Zahnpulver aus dem Mastix bereitet, vornehmlich aber dient er zum Ruchern
und zur Firnibereitung.

Fremdartig muthet den Nordlnder das Wolfsmilchbumchen, _Euphorbia
dendroides_, an, da wir doch unsere Wolfsmilcharten nur zu sehr
bescheidener Hhe emporwachsen sehen. Diese Euphorbia-Bumchen knnen an
der Riviera zwei Meter Hhe erreichen und Stmme bilden, die man mit
beiden Hnden kaum zu umfassen vermag. Die Pflanze gabelt sich fort und
fort whrend ihres Wachsthums und bildet eine gewlbte Scheindolde, die
durch ihre gelbe Frbung von Weitem schon in die Augen fllt. Sie ist eine
der eigenartigsten Pflanzenformen der Riviera. Man findet sie in den
Maquis und auch sonst durch das Land zerstreut. Schon Dioskorides und
Plinius war sie aufgefallen. Zur Zeit der Sommerdrre wirft sie ihre
Bltter ab und steht kahl da, wie unsere Gewchse im Winter. Das Volk an
der Riviera streut diese Wolfsmilchart ins Wasser, um die Fische zu
betuben, und ber einen hnlichen Brauch wird auch aus Griechenland
berichtet. - Bedeutend steht diesem Wolfsmilchbumchen an Gre eine
andere Wolfsmilchart nach, die in den Maquis sich als niedriger Busch am
Boden hlt, die _Euphorbia spinosa_. Sie ist gelb gefrbt, wie die groe
Art und fhrt den Namen nach den abgestorbenen Zweigen, die in harte
Spitzen auslaufen. - An ihren fleischigen, kleinen, dicht gedrngten
Blttern, ihren weibehaarten, berhngenden Zweigen, den kleinen, gelben,
unscheinbaren Blthen ist eine sonst seltene Thymelaeacee, die _Passerina
hirsuta_, kenntlich. Auch die baumartige Heide, _Erica arborea_, fehlt
nicht in den Maquis am Cap. Sie schmckt im Frhjahr ihre Zweige so dicht
mit den kleinen glockenfrmigen Blthen, da sie aus der Ferne ganz wei
erscheint. Der Erdbeerbaum (_Arbutus Unedo_) ist hier auch, doch nicht
zahlreich, vertreten; seine erdbeerartigen Frchte werden auf den Mrkten
der Riviera feil geboten. Im Aussehen gleicht er der Heide kaum, entstammt
aber doch derselben Familie. Die bereinstimmung liegt nicht im Laub, wohl
aber in den glockenfrmigen Blthen, die im brigen grer sind und in
rthlich weien Rispen abwrts hngen. Die immergrnen Bltter sind
eifrmig, am Rande stark gezhnt; sie sehen wie Lorbeerbltter aus. Die
Frchte reifen sehr langsam; man findet sie oft, mit neuen Blthen
zusammen, noch am Baume. Sie schmecken ssuerlich, doch fade, daher auch
Plinius ihren Namen _Unedo_ von _unum tantum edo_ (nur eine esse ich)
ableitete. Dem rmischen Volke dienten Arbutuszweige als Zaubermittel. Mit
ihnen wurden dreimal die Pfosten und Schwellen der Thren berhrt, um
vampyrhnlichen Geschpfen den Eingang zu wehren, die des Nachts den
Kindern in der Wiege das Herzblut aussaugen sollten. Ein Zweig des
glckverheienden Weidorns im Fenster des Schlafgemachs hielt auch die
Unholde ab.

berall drngt sich in die Maquis die immergrne Steineiche, _Quercus
Ilex_, ein. Sie bleibt dort strauchartig. Ihre eifrmigen, vorn
zugespitzten Bltter sind an der Unterseite grau und an diesem Merkmal von
den benachbarten Struchern zu unterscheiden. Die scharfe Zhnelung des
Blattrandes kann auch fehlen. Auerhalb der Maquis ist die immergrne
Steineiche ein mchtiger Baum. Aus ihrem Laube wurde im alten Rom die
Brgerkrone geflochten, von der Plinius sagt, sie berstrahle alle anderen
Krnze, selbst die kostbarsten, an Wrde. An einzelnen Struchern der
Maquis klettert eine zarte Spargelart (_Asparagus acutifolius_). Der
holzige, biegsame Stengel, der an abstehenden blattlosen Seitenstchen
kleine nadelfrmige Zweige trgt, welche die Stelle der Bltter vertreten,
wird viel zu Guirlanden benutzt, und fters findet man an der Riviera
Spiegel und Kronleuchter der Wohnrume von solchem Spargelkraut umwunden.
Die jungen Triebe dieser Asparagus-Art geniet man wie unseren Spargel. In
Sicilien werden in hnlicher Weise als Spargel die jungen,
wohlschmeckenden, schon im Alterthum geschtzten Triebe des stechenden
Musedorns (_Ruscus aculeatus_) verzehrt.

Zu den Charakterpflanzen der Maquis gehrt ferner der Phillyreastrauch
(_Phillyrea angustiflora_), daher ich ihn nicht bergehen darf. Er
erreicht ein bis zwei Meter Hhe und ist durch seine auswrts gerichteten,
lineal-lanzettlichen, lederartigen Bltter und die kleinen, weilichen, in
sehr kurzen Trauben zusammengedrngten Blthen ausgezeichnet. Dieser
Strauch gehrt zu derselben Familie wie der lbaum, dem er auch ein wenig
hnelt. - Botanisch sehr interessant als Vertreter der Cneoraceen, ist ein
Strauch mit glnzenden grnen, lanzettfrmigen Blttern und kleinen,
gelben Blthen, die zu zwei bis drei an den Enden der Zweige stehen:
_Cneorum tricoccum_. Seiner eleganten Tracht wegen wird er auch in den
Grten der Riviera vielfach cultivirt; man sieht ihn sogar in den so
raffinirt gehaltenen Casinogrten von Monte Carlo einen, wenn auch
bescheidenen, Platz einnehmen.

Die mit groen, rothfarbigen Scheinbeeren beladene Wachholderart der
Maquis ist _Juniperus oxycedrus_. Ihre Scheinbeeren werden im Orient und
in Griechenland ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt.
Das Holz widersteht sehr gut der Luft und den Wrmern und diente im
Alterthum vielfach zur Darstellung von Gtterbildern. - An offenen Stellen
strebt vom Boden empor _Globularia Alypum_ und trgt an den Enden der
Zweige schne blaue Blthenkpfchen. - Wird der Boden so unfruchtbar, da
er andere Gewchse nicht zu ernhren vermag, so deckt ihn in dichtem Rasen
die _Caldonia alciornis_, eine graue Flechte, die auch sonst ber Europa,
ber Nordafrika, Nordamerika und einen Theil von Asien verbreitet ist.

berall in den Maquis von Antibes begegnen wir der Myrte und der
Strauchform des lbaums. Der lbaum pate sich wie die Steineiche den
Maquis an und wurde zum Strauch. Er vernderte sich so stark, da ihn
schon die Alten in dieser Form als Oleaster unterschieden. Der Oleaster
wie die Myrte wagen sich ganz besonders weit an dem Strande vor. Sie
trotzen dem heftigsten Seewind und werden von ihm so abgerundet, als htte
sie Menschenhand geformt. Ein Theil ihrer Zweige ist an der Seeseite kahl,
zuweilen wirklich abgestorben. Die Zweige des lbaums, ein Sinnbild des
Friedens, nehmen am Oleaster, in so exponirter Lage, dornartige Gestalten
an. Sie spitzen sich zu, ragen so als scharfe Waffen an der Seeseite vor
und machen den Strand dort unzugnglich. An der Landseite bewahrt die
Pflanze gleichzeitig ihren friedlichen Charakter. Dieser unmittelbare
Einflu der Medien kommt auch in der Ausbildung der Bltter zum Ausdruck,
die an der Seeseite sehr klein bleiben, an der Landseite weit bedeutendere
Gre erreichen. - Bis zuletzt begleitet die Strucher der Maquis am
Strande die italienische Stechwinde (_Smilax aspera_) und findet Schutz
zwischen ihren Zweigen. Bltter und Stengel dieser Schlingpflanze sind mit
Stacheln besetzt, die ihr das Klettern erleichtern. Im Frhjahr ist die
Stechwinde mit rothen Fruchttrauben geschmckt. Nach Blthen mu man im
Herbst suchen. Diese duften sehr lieblich; daher wurde blhende Stechwinde
im Alterthum, mit Epheu in Krnze gewunden, oft bei Bacchusfesten
verwendet.

Diese Aufzhlung mag gengen, um Denjenigen, der Freude hat an den
Erscheinungen der Pflanzenwelt, in das Leben der Maquis einzufhren. Er
wird bald die einzelnen Pflanzenformen unterscheiden lernen, sie beim
Wiedersehen als alte Bekannte begren und innerhalb dieser duftigen
Umgebung sich um so heimischer fhlen.

Auf dem schmalen Vorsprung, der, den Strmen preisgegeben, hier noch
einige hundert Meter weit das Cap fortsetzt, sieht man schlielich alles
Pflanzenleben schwinden. Immer hrter wird der Kampf, den die Gewchse in
so exponirter Lage zu bestehen haben, und sein Einflu macht sich in ihrem
Aussehen kenntlich. Da alle ber die Bodenflche sich erhebenden Theile
der Pflanze der Zerstrung ausgesetzt sind, sucht diese aus jeder
Vertiefung des Bodens Vortheil zu ziehen. Sie breitet sich flach an der
Erde aus, erhlt knorrige, kriechende Stengel, eine ganz abenteuerliche
Gestalt. Auffallend hnlich wird das Aussehen solcher Gewchse demjenigen
der Alpenpflanzen. Wir knnten, dem Vegetationsbilde nach, uns einige
tausend Meter hoch ber dem Meeresspiegel denken, reichten die blauen
Wellen nicht fast bis an unsere Fe. Die verkrppelten Gewchse der
Maquis weichen allmlig den Strandpflanzen. Auch diese finden alsbald nur
noch Schutz in Spalten oder hinter den Steinen. Dem nackten Felsen haftet
aber noch an vielen Stellen, in Gestalt runder Flecke, eine gelbe Flechte,
die _Lecidea_, an. Zuletzt dringt das Meer von allen Seiten zwischen die
zerrissenen Felsen ein, und wir stehen ganz anderen Vertretern des
Pflanzenreichs gegenber, den form- und farbenreichen Seealgen, den
Bewohnern des Meeres.

In vollem Contrast tritt uns dann bei der Rckkehr die Flle sdlicher
Pflanzenformen in dem Garten des Htels entgegen. Vor dem Hause stehen
Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) von ganz seltener Schnheit.
Sie bilden kugelige Strucher von fast zwei Meter Hhe und sind mit
Tausenden strahliger Blthenkpfchen, wie mit weien Sternen besetzt. ber
die Mauern herab hngt mit ihren dicken, fleischigen Stengeln und Blttern
die sdafrikanische Mittagsblume (_Mesembryanthemum acinaciforme_), die
ihre groen rothen Blthen nur bei Sonnenschein entfaltet. In
unmittelbarer Nhe des Hauses ist der so beraus groe Garten wohl
gepflegt, weiterhin aber sich selbst berlassen. Da entwickelt sich denn
ein merkwrdiger Kampf um Raum, um Licht und Nahrung zwischen den
Gewchsen aller Zonen, welche der Zufall hier zusammenfhrte. Die
australischen Casuarineen werden von dem amerikanischen Pfefferbaum
bedrngt, das japanische Pittosporum wehrt sich gegen die mediterrane
Tamariske. Siegreich dringen aber gegen sie alle die beiden Kieferarten
vor, denen wir berall an der Riviera begegnen, die zartnadelige
Aleppokiefer (_Pinus halepensis_) und die derbnadelige Strandkiefer
(_Pinus Pinaster_) und vermitteln den bergang zu den Maquis.

Zwischen den Kiefern am Cap begegnet man, wie auch sonst an der Riviera,
nur zu hufig einer Processionsraupe, der Raupe des
Pinien-Processionsspinners, _Cnethocampa Pityocampa_. Diese schwarzen,
braun gestreiften Raupen ziehen im Gnsemarsch zu Hunderten ber die Wege.
Die eine berhrt die andere, und sie bilden so zusammen eine lange Schnur,
eine lebendige Kette, die sich als Ganzes vorwrts bewegt. Unterbricht man
die Kette, so bleibt der vordere Abschnitt derselben stehen, der hintere
Abschnitt rckt nach. Hin und her tastend sucht die erste Raupe dieses
hinteren Abschnittes wieder nach dem Anschlu. Gelang es ihr, die hintere
Raupe des vorderen Abschnittes zu erreichen, so setzt sich die ganze Kette
wieder in Bewegung. Diese Raupen richten groen Schaden an Kiefern und
auch Pinien an, sie berauben sie oft vollstndig ihrer Nadeln. Des Tags
halten sie sich in jenen groen grauen Gespinnsbeuteln auf, die an Kiefern
und Pinien so in die Augen fallen, und in der Sonne seidig glnzen. Des
Nachts verlassen sie das Nest, um auf Futter auszugehen. Jene Raupen,
denen man am Boden begegnet, suchen nach einer passenden Stelle, um sich
in der Erde zu verpuppen. Man darf weder die Raupen noch ihre Nester
berhren, da die in die Haut eindringenden Haare derselben gefhrliche
Entzndungen veranlassen. Daher auch Leute, welche die Nester von den
Bumen entfernen, um sie zu verbrennen, sich gegen den Wind stellen und
auch sonst sehr vorsichtig zu Werke gehen. Als bestes Verfahren gilt,
Petroleum in die Nester zu gieen, ohne sie zu entfernen. - Die hngenden
Nester dieser Raupen und ihre langen Zge sind so auffllig, da sie wohl
jeder Reisende an der Riviera bemerkte. Nur wenige werden hingegen
Gelegenheit haben, die Spinner kennen zu lernen, die sich aus den
verpuppten Raupen entwickeln. Sie sind auch weder auffllig noch schn,
grau, mit einigen dunkleren Flecken und Streifen. Sie fliegen im
Hochsommer, legen ihre Eier an die Unterseite der Kiefernadeln und
bedecken sie mit dnnen silbergrauen Schuppen.

                                    X.

Ein Stck unverflschte Maquis bietet uns auch das weite Grundstck,
stlich neben dem Htel. An Sonntagen steht das Thor den ganzen Tag offen,
um den Zugang zu der englischen Kapelle zu ermglichen, die sich innerhalb
dieses Grundstcks befindet. Auch sonst gestattet die Besitzerin gern den
Besuch. Der schne Garten, der das Wohnhaus umgibt, ist nur wenig
ausgedehnt, der meiste Boden noch in seinem frheren Zustand. So gelangt
man nach Eintritt in die Besitzung durch immergrne Strucher, ppige
Erica-Bsche und mchtige Euphorbien, bis zum Meeresstrande. Dieser ist
hier besonders schn gestaltet und hat schon manchem Maler als Vorwurf
gedient: Steil aufsteigende und zerrissene Felsen, vom Meere umsplt,
vielfach an die Faraglioni von Capri erinnernd. Der Besitzer James Close
liebte dieses Stck Erde so sehr, da er sich hier begraben lie. Der
Ausblick zwischen den Felsen nach dem Esterel und ins weite Meer ist
groartig und entzckend. Auch lauscht man gern dem Rauschen des Wassers,
das sich in den tiefen Felsenspalten hebt und senkt und forscht dem bunten
Leben nach, das hier im Schatten der Steine aus den Tiefen des Meeres zum
Lichte emporsteigt.

                                   XI.

Wer am Cap d'Antibes einen Seesturm erlebte, wird den Eindruck nie
vergessen. Fr das schlechte Wetter, welches er zuvor erleiden mute, wird
er bald durch den Anblick des entfesselten Elements entschdigt. Ein
starker Wind blst zunchst vom Meere aus; das ist Scirocco. Die Luft wird
unendlich klar, und alle Gegenstnde rcken in die Nhe. Die Umrisse der
Berge sind wie mit Bleistift am Himmel gezogen. Sucht man sich vor dem
Wind zu decken, so empfindet man beklemmende Schwle. Dann beginnt der
Horizont sich in rothgrauen Dunst zu hllen. Die Macht des Windes lt
nach, und es trbt sich der ganze Himmel. Bald hrt man groe Regentropfen
gegen die Scheiben schlagen. Das hlt wohl einige Tage an. Die Temperatur
ist stark gesunken, die Luft bleibt trotzdem drckend. In den Zimmern
sehnt man sich nach dem warmen Ofen seiner Huslichkeit zurck. Doch schon
am nchsten Morgen wacht man auf, geblendet von dem leuchtenden Blau des
Himmels. Man eilt hinaus und athmet mit voller Brust die erquickende Luft
ein. Noch glnzen alle Pflanzen von dem frischen Regen, und wie Diamanten
flieen funkelnde Tropfen von den Blttern ab. Die Brandung aber strmt
mit Gewalt gegen die Felsen der Kste, als wenn sie dieselben
zerschmettern wollte. Weithin vernimmt man das donnerartige Getse des
Angriffs. Die Spitze des Caps ist nicht zu erreichen, denn die Wellen
fegen darber hinweg. Fern am Horizont steigt die Welle auf wie eine
geschlossene Mauer; auf ihrem Wege schwellend und wachsend, wlzt sie sich
gegen das Land, um zerschmettert und von weiem Schaum ganz bedeckt wieder
zurckzurollen. Sie trifft auf eine andere Welle, die ebenso drohend
nahte, und beide sieht man verschwinden. Da wird es pltzlich still. Ein
Wellenberg ist auf ein Wellenthal gestoen, beide glichen sich aus. Doch
wenn Wellenberge zusammentreffen, dann schwillt die strmende Woge so
mchtig an, da sie chzend sich berschlgt und mit gewlbtem Rcken auf
die Felsen wirft. Ungeheuere Wassermengen werden dann in die Luft
geschleudert, und See und Himmel scheinen in demselben Chaos zu
verschmelzen. Mit dumpfem Knall, wie von schwerem Geschtz, fangen sich
die Wellen in den Grotten, die sie selbst in den Stein sich gruben; wie
ein Jammern und Sthnen klingt es durch das Cap von den vielen
Wasserfden, die sich in den Gngen zwischen den Felsen verirrten und, in
hastigem Lauf ber die Steine strzend, ihren Weg nach dem Meere suchen.
Von dem anstrmenden Element allseitig umgeben, glaubt man sich fast ins
offene Meer versetzt und ist ganz von dem Schauder des Sturmes ergriffen.
Wie wohlthuend wirkt da zugleich der feste Boden unter den Fen!

Tage vergehen, bevor die Erregung des Meeres sich legt und die weite
Wasserflche wieder Ruhe und Frieden athmet. Und tglich ist es ein
anderes, wenn auch immer das gleiche, und tglich fesselt es uns von Neuem
und entzckt unser Auge, dieses gttliche Meer.

                                   XII.

Wer am Cap d'Antibes im Bergsteigen sich ben mchte, bleibt auf den nur
hundert Meter hohen Bergrcken angewiesen, der die Seelaterne und die
_Notre-Dame de Bon-Port_ trgt. Doch sind die Spaziergnge lngs der
Buchten, an den Abhngen der Hgel und zwischen den Grten so
mannigfaltig, da man sie tglich ndern kann. Stets wird man durch eine
neue Aussicht auf die Kste, das Gebirge, die Schneegipfel der Alpen,
durch malerische Felsgruppen am Strande oder durch besonders schne
Vegetationsbilder berrascht. Selbst die sonst so eintnige Wanderung auf
einer Landstrae wird hier zum Genu. So wenigstens auf der Landstrae,
die das Cap durchschneidet. Denn diese fhrt an endlosen Pflanzungen von
Anemonen, Ranunkeln, Goldlack, Levkojen, Tazzetten und Reseda vorbei.
Besonders fesselt das Auge die Pracht der Ranunkeln und Anemonen, die man
schner und farbenreicher nirgends sehen kann, whrend der Geruchssinn
zugleich umfangen wird von dem Dufte, der dem brigen Blthenmeer
entstrmt. Zu jenen Blthen im Felde gesellen sich hier in groer Zahl
auch die Blthen der Lfte, die Schmetterlinge. Rothgefleckte Aurorafalter
fliegen rasch vorber; langsam wiegt sich hin und her der schwarz
gestreifte, gelbe Segelfalter; am meisten fllt aber durch ihre Schnheit
die Cleopatra auf, ein sdeuropischer, schwefelgelber Citronenfalter mit
orangeroth abgetnten Vorderflgeln.

Das Cap von Antibes versorgt jetzt mit seinen Blumen die nchsten Mrkte
der Riviera und versendet sie auch in groen Mengen tglich nach dem
Norden. Wie gro der Verbrauch an Blumen an der Riviera selbst geworden
ist, wird Jeder beurtheilen knnen, der die Blumenmrkte der Stdte dort
besuchte und einigen Blumenfesten beigewohnt hat. Die Blumenausfuhr nach
dem Norden hat andererseits riesige Ausdehnung angenommen. Thatschlich
reicht diese Art Blumencultur an der Riviera nicht ber 1850 zurck,
frher wurden die Blthen nur zum Zwecke der Parfmerie gezogen. In der
nchsten Nhe von Toulon beginnen die Pflanzungen und reichen bis nach
Genua; die franzsische Seite der Riviera ist in einen einzigen
Blumengarten schon verwandelt. In Ollioules bei Toulon werden Unmengen
rmischer Hyacinthen gezogen und wandern abgeschnitten nach den nordischen
Stdten, bevor die hollndische Hyacinthe dort erscheint. In Ollioules
gibt es auch Narcissen, Jonquillen, Tazzetten, weie und rothe Nelken. In
der Gegend von Cannes und Grasse herrschen die Anemonen und Ranunkeln vor.
Sie zeigen ungeahnte Gre und seltene Farbenpracht. Nicht minder staunt
man ber den Umfang, den Nelken, wie der _Dianthus Caryophyllus flore
pleno, var. Marguerite_, hier erreichen knnen: manche Blthe sieht aus,
als wenn sie ein kleiner Blumenstrau wre. Zu diesen Pflanzen gesellen
sich die Theerosen. Unter ihnen herrscht die sattgelbe _Safrano_ vor, die
auch rauhe Witterung gut vertrgt und selbst im December ihre
Blthenknospen treibt. Gleich gengsam sind manche Monatsrosen, die weie
_Bengal-Ducher_ und die rothe _Bengal-Sanglant_, die demgem auch
bevorzugt werden; doch an stark besonnten Mauern und unter Glasdchern,
die in Cannes und Antibes groe Bodenflchen decken, gedeihen die
empfindlicheren Rosen, so auch _Marchal Niel_, _Marie van Houtte_,
_Gloire de Dijon_, _Souvenir de la Malmaison_, _Paul Nabonnand_, _La
France_ und wie sie sonst heien, jene Rosen, die auch unsere Blumengrten
im Sommer zieren. Hunderttausende solcher Blthen entfalten sich im
Frhjahr an einem und demselben Tage in Cannes und Antibes, oft ohne da
noch eine Mglichkeit vorhanden wre, sie alle zu verwerthen. - In Cannes
steht jetzt auch die _Acacia dealbata_ in schwungvoller Cultur und wandert
nach dem Norden. Ihre runden Blthenknuel, in Traubenform vereint, und
die zart gefiederten Bltter haben ihr im Handel den Namen Mimose
verschafft. Der Baum wchst erstaunlich rasch, so da er in fnf bis sechs
Jahren wohl zehn Meter Hhe erreicht. Er ist dann schon im Januar mit
gelben Blthen ber und ber bedeckt. Nach Deutschland gelangt viel
_Acacia retinoides_, die runde Blthenknuel wie die andere Art besitzt,
doch einfache lederartige lancettfrmige Bltter trgt. Eigentlich sind
jene Blattgebilde nicht ganze Bltter, vielmehr hat der wissenschaftliche
Vergleich gelehrt, da die Blattflche bei diesen Acazien schwand und der
Blattstiel sich spreitenartig erweiterte. Wir nennen solche Gebilde
Phyllodien. Auch _Acacia longifolia_, die man viel in nordischen
Blumenlden sieht, ist mit solchen Phyllodien versehen. Man erkennt sie
leicht daran, da ihre Blthen nicht zu runden Knueln, sondern zu
raupenfrmigen Ktzchen vereinigt sind. Alle diese Acazien blhen gelb,
sie folgen in der Jahreszeit auf einander, zuletzt kommt _Acacia
cultriformis_, die erst im Mrz an der Riviera im Blthenschmuck prangt.
Ihre Blthenstnde sind wiederum rund, die Phyllodien aber kurz und breit,
zugleich rautenfrmig. - Allen Blumensendungen nach dem Norden pflegt man
die berall beliebte Reseda beizulegen. Veilchen vertragen schlecht eine
weite Reise, werden aber an der Riviera selbst in Unmengen verbraucht,
dort auch mit Syrup getrnkt und zu Drage's verarbeitet. Dann versendet
man auch blaue Kornblumen, Tuberosen, Goldlack und Levkojen, Gladiolen und
weiblhendes Allium, Ixien und die duftenden Freesien. An der Riviera
selbst fllt dem Fremden in den Schaufenstern der Blumenlden eine groe
graue Iris auf, die ganz fein purpurn gesprenkelt ist, eine wahre
Trauerblume, die _Iris Susiana_. Von den groen weien oder gelben
Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) werden die Blthen auch viel
verwandt, besonders die gelben, die als _toile d'Or_ bekannt sind. Sie
wandern vornehmlich nach England. Die Expedition dieser Blume reicht bis
in den Juni hinein, so lange, als in London die Saison dauert. Man hat
berechnet, da von allen diesen Blumen Cannes und Antibes zusammen in
einem Winter fr mehr als eine Million Francs nach dem Norden versenden;
viel mehr noch wird an der Riviera selbst verkauft.

Die beraus starke Concurrenz veranlat strebsame Geister, nach immer
neuen Schpfungen fr den Blumenmarkt zu sinnen. So erschienen pltzlich
in den Centralhallen von Paris als Neuheit *grne* Nelken. Solche hatte
man in der That bisher nicht gesehen, es sei denn auf den Bildern der
Impressionnisten. Es ergab sich, da auch diese grnen Nelken nicht ganz
unverflschte Naturproducte waren. Man erhlt sie, indem man
abgeschnittene weie Nelken einen ganzen Tag lang, ja selbst lnger, in
eine grne Farbstofflsung stellt. Soll der Versuch gut gelingen, so mu
der Stengel innerhalb der Lsung frisch durchschnitten werden. Man kann in
gleicher Weise die eine oder die andere Frbung erlangen, nur gilt es,
Farbstoffe zu whlen, welche gut in der Pflanze aufsteigen. Am leichtesten
gelingen Rothfrbungen weier Blthen mit Eosin.

Am Freitag Nachmittag beleben sich pltzlich die Straen am Cap. Da kommen
von allen Seiten Equipagen und bringen Besucher nach Elen Rock, dessen
Garten an jenem Tage geffnet ist. Dieser Garten nimmt einen Vorsprung ein
stlich vom Cap. Er liegt zum Theil auf schroffen Felsen, die senkrecht
gegen das Meer abfallen. Stufen und Gnge innerhalb dieser Felsen fhren
hinunter bis zur Meeresflche. Der Garten bietet herrliche Aussichtspunkte
und ist auch reich an schnen Pflanzen, doch macht er einen etwas
geknstelten Eindruck innerhalb der so groartigen Umgebung.

Am Dienstag ist vom frhen Morgen an der Thuret'sche Garten geffnet,
derselbe, der einst George Sand so sehr entzckte. Er dient jetzt der
franzsischen Regierung als Acclimatisationsgarten und enthlt sehr viele
werthvolle Pflanzen. Manche Arten, die wir in La Mortola schon bewundert
haben, finden wir hier in noch greren Exemplaren wieder. Die berhmte,
von George Sand gefeierte Aussicht ist leider geschwunden, verdeckt von
den heranwachsenden Bumen.

Von dem Thuret'schen Garten lt sich gleich abwrts, in westlicher
Richtung, der Weg nach dem Golfe Jouan einschlagen, und so kann man in den
Pinienwald gelangen, der sich lngs der Kste dort hinzieht. Dieser
Pinienwald war einst der Stolz des Caps, jetzt ist er nur noch in
berresten vorhanden. Eine Actiengesellschaft hat die ganze Landstrecke
angekauft, eine breite Strae, die Cannes mit dem Cap d'Antibes verbindet,
durch den Pinienwald gelegt, diesen selbst parcellirt und mit Eisendraht
umzogen. Doch steht manche mchtige Pinie noch da, und in ihrem Schatten
gelingt es wohl, sich in die alte Herrlichkeit zurckzutrumen.

                                  XIII.

Die zweite Aprilhlfte war inzwischen angebrochen, und die Pflicht rief
mich wieder heim. Ein klarer, wundervoller Frhlingstag ging zur Neige,
und ich beschlo, vor Sonnenuntergang noch einmal den Leuchtthurm
aufzusuchen. Die Sonne schickte sich an, hinter dem Esterelgebirge zu
verschwinden und tauchte dessen dunkelblaue Gipfel in Gold und Purpur.
Bald deuteten nur noch lange Lichtstreifen den Weg an, den sie genommen.
Trotz seines hehren Glanzes konnte mich dieses Bild nur wehmthig stimmen:
es steigerte die Empfindung des Abschiedes. Ich wandte meine Blicke den
Bergriesen zu, die mit phantastischem Umri sich von dem stlichen Himmel
abhoben. Sie begannen im Abendroth zu glhen. Es war ein Anblick, so
erhaben, da man sich in demselben ganz verlieren konnte, von jener
weltumfassenden Sehnsucht ergriffen, die uns mit dem All verbindet. Jedes
persnliche Empfinden war gewichen vor dem mchtigen Gefhl, sich Eins mit
dieser gttlichen Natur zu fhlen. - Immer weiter und weiter dehnten sich
die Schatten aus ber das Land: sie begannen emporzusteigen an den Hgeln,
an den Bergen, sie drangen ein in die Tiefe der Thler und lschten die
glhenden Lichter aus an den Htten und Palsten. Die ganze Natur schien
sich in tiefen Schlaf zu versenken. Bald waren es nur noch einzelne Segel
im weiten Meere und die schneebedeckten Gipfel der Alpen, die im rosigen
Schimmer glhten. Dann legte sich ein schwarzer Schatten auch ber das
Meer, und nur den Riesen da oben war es vergnnt, die Knigin des Lichtes
noch zu schauen. Wie von innerem Feuer entbrannt, schwebten sie jetzt in
berirdischer Glorie.

Dieses Bild wollte ich in meinem Innern festhalten als letzten Eindruck
von der Riviera, und mit geschlossenen Augen trat ich den Rckweg an. Als
ich mich endlich umsah, hatten die Schatten der Nacht sich bereits ber
die Hgel gelagert und die Umrisse der Dinge in geisterhaften Schemen
verwischt. - Hoch oben aber ragte der Leuchtthurm in die Lfte. Vom
Wchter entzndet, strahlte er jetzt wie ein groer Stern weit ber Land
und Meer, ein Ziel der Sehnsucht fr Alle, die jenes herrliche Stck Erde
einmal gesehen.

                            ------------------





FRHJAHR 1894.


                                    I.

Der Frhlingsanfang des Jahres 1894, den ich an der Riviera verlebte,
prgte sich meiner Erinnerung in besonders glnzenden Farben ein.
Wochenlang blieb der Himmel ohne Wolken, so da einzelne Regentage, wenn
sie kamen, fast willkommen erschienen. Da es an Schnee in den Bergen
fehlte, wehte fast nie der Mistral, den sonst die eisigen Flchen der
Alpen und Cevennen gebren. Das Meer blieb meist ruhig, und wenn die Nacht
kam, dann funkelte der Himmel und spiegelte sich so hell in der stillen
See, als wre in deren Tiefen eine Saat von Sternen aufgegangen.

Mitte Mrz fanden wir uns in Hyres ein mit der Absicht, unseren Weg bald
ostwrts in die Berge der Mauren fortzusetzen. Es war uns, als htten wir
eine Entdeckungsreise angetreten, so unbekannt ist dieser westliche Theil
der Riviera. Und doch konnte Hyres, neben Montpellier und
Aix-en-Provence, sich einst rhmen, der berhmteste Kurort des sdlichen
Frankreichs zu sein. Weiter gegen Osten an der Riviera vorzudringen,
schien damals kaum mglich, und erst in diesem Jahrhundert nderten sich
die Verhltnisse, begannen zuerst Nizza, dann Mentone und Cannes als
klimatische Stationen aufzublhen. In dem Wettstreit, der sich nunmehr
entspann, mute Hyres unterliegen, denn es ist weniger gut gegen den
Nordwind als seine Rivalinnen geschtzt. Auch steht es ihnen nach an
Schnheit der Lage und ist zu weit vom Meere entfernt. - Die Hgel sind
hier zu klein und zu nah, das Ufer ist zu flach und das Meer zu fern,
rief einst George Sand aus, als sie Hyres besuchte. Von dem Hgel, an den
Hyres sich lehnt, kann der Blick erst ber eine weite Ebene das Meer
erreichen. Auf dieser stechen aber rothbraune, eckige Felder grell und
unvermittelt gegen gelbe und grne ab. Die rothbraunen Felder sind mit
Rosen bedeckt; doch das bringt keine Harmonie in die Farben. Auch danken
diese Felder thatschlich ihre Frbung nicht der Pracht der Blthen,
sondern den jungen Trieben, die ihr zartes Grn vor der Gluth der
sdlichen Sonne durch rothen Farbstoff schtzen. In frheren Zeiten mag
der Blick auf diese Ebene lieblicher gewesen sein; vermochte sie doch das
Auge Horace Benedict de Saussure's zu entzcken, als er 1787 nach Hyres
kam. Dieser hervorragende Geologe, Vater des noch berhmteren
Pflanzenphysiologen Thodore de Saussure, langte hier an einem schnen
Aprilabend an und war von der Lage des Ortes gefesselt. Von den Fenstern
der Auberge du St. Esprit blickte er hinab auf Orangengrten, deren
Bume mit Frchten und Blthen beladen und durch unzhlige Nachtigallen
belebt waren. Sanft fiel, so schrieb er, das Land bis zum Meer ab, und den
Abhang schmckten vorne Grten, weiterhin Olivenhaine und in der Ferne
Pappeln. Bewaldete Hhen bildeten den Rahmen zu dem schnen Bilde.

Hyres ist fnf Kilometer vom Strande entfernt. An diesem selbst lag einst
Olbia, das Hyres den Ursprung gab. Von Massiliern gegrndet, ward Olbia
von Saracenen zerstrt und baute sich dann, entfernter vom Meere, an der
Anhhe auf, um den Angriffen der Corsaren nicht so unmittelbar ausgesetzt
zu sein. Der Strand, der einst Olbia trug, zeigt sich jetzt in Quadrate,
wie ein Schachbrett getheilt. Das Seewasser fllt diese Quadrate. Es wird
in dieselben geleitet, um zur heien Sommerzeit dort zu verdunsten und so
der Salzgewinnung zu dienen. Dem Strand gegenber tauchen aus dem Meere
die Hyrischen Inseln empor. Sie strecken sich so lang dahin, als htten
sie sich in die See zu ewigem Schlaf gelegt. Einst haben die Ligurer an
diesen Inseln die rothen Korallen gefischt, mit denen sie den Hals ihrer
Frauen und das Wehrgehnge ihrer Schwerter schmckten. Weil die Inseln in
einer Reihe angeordnet sind, hieen sie bei den Rmern Stoechaden. Diesen
Namen vertauschten sie im Mittelalter gegen den weit vornehmeren der
goldenen Inseln. Waren es die goldenen pfel der Hesperiden, welche ihnen
die Benennung _Iles d'or_ verschafften, oder der goldige Schimmer ihres
glimmerreichen Bodens - das lt sich heute nicht sagen. Zum Marquisat der
_Iles d'or_ von Franz I. erhoben, sahen sie einst glnzende Zeiten. Heute
werden sie nur von rmlichen Fischern und Grtnern bewohnt.

Jene Frchte, nach welchen die goldenen Inseln ihren Namen fhren sollen,
sind jetzt hier fast vllig verschwunden. Einst aber stand die
Orangenzucht von Hyres in hoher Blthe. Mehr denn zweimalhunderttausend
Orangenbume deckten das Land und konnten die Bewunderung der Reisenden
erwecken. Wie die Chronisten erzhlen, blieb Carl IX. von Frankreich
staunend vor dem mchtigsten dieser Bume stehen und forderte seine beiden
Begleiter, den Knig von Navarra und den Herzog von Anjou auf, mit ihm den
Stamm zu umfassen. Doch hierzu reichten, so wird weiter berichtet, die
sechs frstlichen Arme nicht aus. Zur Erinnerung an diese erlauchte
Umarmung schnitt man in die Rinde des Baumes: _Caroli regis amplexu
glorior_, und jene Inschrift wuchs und vergrerte sich mit den Jahren. -
Liegt dieser Angabe eine wirkliche Begebenheit zu Grunde? Wer kann das
heute wissen! Sicher aber ist, da die provenalische Phantasie der
Chronisten sie die Mae des Stammes bertreiben lie. Die strksten
Orangenbume, welche Europa jetzt kennt, befinden sich auf Sardinien;
manche derselben werden auf mehr denn siebenhundert Jahre geschtzt; ein
einzelner Mann vermag sie alsdann nicht mehr zu umspannen. Im Jahre 1564,
da Carl IX. in Hyres weilte, konnte er dort schwerlich selbst so starke
Stmme sehen, da die Orangenbume erst durch die Kreuzfahrer, gegen Ende
des elften Jahrhunderts, nach Hyres gebracht wurden. Zunchst mu es der
bitterfrchtige Orangenbaum gewesen sein, der zwar kaum ebare Frchte,
aber sehr wohlriechende Essenzen liefert. Daher der Dichter Malherbe sich
in Hyres mit jenem _huile de fleurs d'orange_ versorgen konnte, das
sich die Frauen in die Haare einreiben und mit dem sie dort den Puder
festhalten. Die Orangenkultur von Hyres litt sehr stark durch die
strenge Klte des Winters 1709 und durch hnliche harte Winter, die um die
Mitte des vorigen Jahrhunderts aufeinander folgten. Die Pflanzungen wurden
von nun an eingeschrnkt, die bitterfrchtigen Orangenbume dann durch
sfrchtige ersetzt, da der Transport der Orangen von Hyres aus nach dem
Norden sich rascher vollziehen lie, als von sdlicher gelegenen Orten.
Das kam bei den mangelhaften Verkehrsmitteln jener Zeit wohl in Betracht.
Die Orangen muten damals in Hyres im Herbst gepflckt werden, sobald an
ihrer noch grnen Schale sich die ersten gelben Punkte zeigten. Sorglich
in Papier gewickelt, traten sie die Reise auf dem Landwege oder dem
Seewege an. Sie reiften unterwegs langsam nach und wurden erst nach
vierzig Tagen geniebar. Jetzt sind die Orangenbume fast vollstndig aus
Hyres verschwunden. Sie konnten den Mitbewerb geschtzterer Orte der
Riviera, vor Allem aber von Sicilien und Algier, nicht ertragen. Es erging
Hyres mit den Orangenbumen nicht anders, als zuvor mit dem Zuckerrohr,
das im fnfzehnten Jahrhundert weite Strecken des Landes deckte, dann aber
verschwand, als der indische und der brasilianische Zucker in den
Wettstreit eintraten.

Mit berechtigtem Stolz kann sich hingegen Hyres noch immer
_Hyres-les-Palmiers_ nennen! Zwar sind die Palmen heute ber die ganze
Riviera verbreitet, doch sieht man es den hohen Stmmen von Hyres wohl
an, da in diesem alten Kurorte ihre sorgsame Pflege besonders weit
zurckreicht. Da streben in der _Avenue des Palmiers_ die schlanken Stmme
besonders mchtig zu beiden Seiten der Strae empor, gleich einer hehren
Sulenhalle, und wiegen ihre stolzen Kronen hoch oben in der blauen Luft.
- Doch hat sich Hyres schon seit langer Zeit auch einer zwar weniger
vornehmen, aber eintrglicheren Cultur zugewandt. Wir fanden dort Mitte
Mrz ganze Felder von Veilchen in Blthe. Das waren auch freilich nicht
die bescheidenen, kleinblthigen, die bei uns ihre Kronen zwischen den
Blttern verbergen, sondern eine groblthige Form, das Veilchen _le
Czar_, das an langen Stielen seine Blthen keck ber die Bltter erhebt.
Es duftet sehr stark, und gerne lieen wir uns von den Lften anwehen, die
ber Veilchenfelder gestreift waren. Andere Felder sind mit _Primeurs_
bedeckt. Die Artischocken von Hyres standen schon zu Anfang dieses
Jahrhunderts in hohem Ruf; jetzt sind es auch die grnen Erbsen und vor
Allem die Erdbeeren, mit welchen Paris von hier aus versorgt wird. Tglich
geht ein ganzer Eisenbahnzug solcher Erzeugnisse von Hyres ab und wird
scherzhaft als _Train de primeurs_ bezeichnet. Doch soll man sich nicht
etwa denken, da unter dem Himmel von Hyres alle diese Culturen mhelos
gedeihen. Auch hier verlangen sie viel Umsicht und angestrengten Flei.
Den Furchen der Felder folgen niedrige Hecken, die deutlich anzeigen, von
welcher Seite Gefahr droht. Denn, trotz gegentheiliger Versicherungen, ist
Hyres nicht vllig vor dem Mistral gedeckt, und mit elementarer Gewalt
strzt er durch die Lcke ein, welche die Berge nach Toulon hin offen
lassen. Anhaltende Drre ist auch eine schwere Plage, welcher durch
knstliche Bewsserung nicht immer abgeholfen werden kann. - Immerhin
besteht ein groer klimatischer Unterschied zwischen Hyres und der
brigen Provence, ja selbst dem nahen Toulon, weil diese dem Mistral weit
strker ausgesetzt sind. Daher der Reisende, der von Westen kommend, hier
in frheren Zeiten zum ersten Mal Palmen und goldfrchtige Orangenbume
sah, sich an die Pforten des Paradieses versetzt whnte. Alte Reisewerke
sind voll des Lobes von Hyres. So das Werk von Aubin-Louis Millin,
_Conservateur des mdailles, des pierres graves et des antiques de la
Bibliothque impriale_, der im Auftrage des Ministers Chastal 1804
Sdfrankreich bereiste. Ich besuchte heute, schreibt Millin, den Garten
des Herrn Fille. Tausende von Blumen umgeben dessen Haus. Tuberosen
(_Polyanthes tuberosa_), Cassie (_Mimosa Farnesiana_), und Jasmin
(_Jasminum sambac_) wrzen die Luft mit himmlischen Dften. Was Snger und
Poeten einst gepriesen, jene Grten der Alcine und Armide, welche der
fruchtbare Genius des Ariost und des Tasso schuf, so glnzend sie auch
unserer Einbildungskraft vorgefhrt werden, sie treten zurck vor dem
Garten, den wir hier vor den Augen haben. Man glaubt nicht mehr auf Erden
zu wandeln, vielmehr in jene Laubgnge versetzt zu sein, in welchen die
Seelen der Gerechten ein ewiges Glck genieen. Die Bume stehen so dicht
an einander, da man nur auf knstlich angebrachten Pfaden zwischen
denselben durchdringen kann. Achtzehntausend Orangenbume, beladen mit
Blthen und Frchten, bergen in ihrem Laube unzhlige Nachtigallen, und
Nachtigallengesang erschallt wie ein Hymnus an die Natur, um ihre Gte zu
preisen, ihr fr einen so freudigen und duftigen Schatten zu danken.
Andere Vogelstimmen greifen in dieses glnzende Concert ein, whrend die
fleiigen Bienen summend die Blthen umschwrmen, um reiche Nahrung zu
schpfen aus so verschwenderischer Flle.

Ein hnliches Gefhl des sinnlichen Behagens, welches ein milderes Klima
erweckt, mag es auch gewesen sein, das einst die Massilier bestimmte, ihre
Niederlassung an diesem Strande Olbia, die Glckliche, zu nennen.

Mit Vorliebe schweiften wir an sonnigen Nachmittagen auf den Maurettes
umher, jenen Hhenzgen, an welche Hyres sich anlehnt. Wir suchten uns
dort solche Orte aus, von welchen die alte Burg von Hyres sich in schner
Umrahmung zeigte. Ein Stck blaues Meer bildete den Hintergrund, whrend
grne Hgel die scheckige Ebene deckten. Da lagerten wir uns auf Rosmarin,
Myrten und Lavendel und vergaen der fliehenden Stunden. Wir suchten im
Geiste jene Trmmer zu beleben, die so mchtig drben auf den Felsen
thronen. Auch heute noch werden diese Trmmer von Wachtthrmen und Mauern
beschtzt, die in bewegtem Umri allen Vertiefungen des Berges folgen. -
In dem Chastel d'Yres herrschten seit dem zwlften Jahrhundert die
Herren de Foz, eine Nebenlinie der Vicomtes de Marseille. Manchen blutigen
Strau muten sie pflcken, um ihre Burg zu behaupten und oft rauchte aus
den Wachtthrmen angesichts der Feinde die Lunte der Arkebusen. In
friedlichen Zeiten, da fllten hingegen dieses Chastel die Gesnge des
Troubadours, und es erklang in ihnen die sechsseitige Viola. War doch
Mabille de Foz Prsidentin des Minnehofs von Pierrefeu, jenes Minnehofes,
der mit Romani, Avignon und Signe, die vier vornehmsten _cours d'amour_
der Provene bildete! - Im Juni 1254 gab es hohen Besuch auf der Burg; da
kam Ludwig der Heilige, den aus Palstina der Tod seiner Mutter nach
Frankreich zurckgerufen hatte. Einige Jahrhunderte spter wurde hier oben
auch Franz I. empfangen, whrend Ludwig XIII. nur noch die Ruinen der
Veste sah: Heinrich IV. hatte deren Zerstrung beschlossen. Heute ist das
alte Gemuer in ppiges Grn gehllt, und bunte Frhlingsblumen erklimmen
selbst die Zinnen der Thrme. - Scharf hebt sich der dunkle Berg vom
hellen Abendhimmel ab, wenn die provenalische Sonne sich hinter seinen
Trmmern zur Ruhe senkt. Dann trnkt sie mit ihrem Glanze das Land und das
Meer, umstrahlt die dunklen Felsen und bildet um die Burg einen goldenen
Glorienschein. - Geisterhaft aber mutheten uns die Trmmer zur Nachtzeit
an, da zur spten Abendstunde der Vollmond uns in die Berge gelockt hatte.
Tief drang sein Silberschein in die Fugen und Spalten des zerklfteten
Gesteins und warf unheimliche Lichter in die Ruinen. Da belebten sich die
alten Mauern und Thrme, nahmen menschliche Form an, schienen ihre Glieder
zu bewegen und stierten mit unheimlichen Augen in die Ferne. Pltzlich war
dann Alles wieder todt; eine dunkle Wolke breitete ihre Schatten ber den
Berg aus. Doch als der Mond wieder vortrat, da war es, als htten die
Thrme in der Runde sich die Arme gereicht, und als fhrten sie um die
Trmmer einen infernalen Reigen aus. Da ging es bergauf, bergab ber die
steilen Felsen und sthnte und pfiff es dabei durch die Luft in
unheildrohender Begleitung. Fr Augenblicke leuchtete die Burg so auf, als
stnde sie in Flammen, dann wieder versank sie in das Dunkel der Nacht.
Mit Wirbelwind und Sturm, mit Blitz und Donner zog ein Gewitter von Westen
heran: das mochte uns diese phantastischen Bilder vorgezaubert haben.
Rasch breitete sich Finsterni ber das Land aus, nur das Meer dort hinten
war noch in Silberglanz getaucht. Ein greller Lichtstrahl durchzuckte die
Luft, ihm folgte ein betubender Schlag, der die Grundvesten der Erde zu
erschttern schien. Wie geblendet standen wir da, whrend das Rollen des
Donners sich entfernte. Dumpf tnte es noch fort in den nahen Bergen,
prallte dort mit immer schwcherem Echo von den Felsen ab, kam dann wieder
nher, um endlich in der Ferne zu verhallen. Hatte dieser grelle Blitz
nicht die Burg getroffen, nicht jene schlanke Cypresse zertrmmert, die so
stolz aus den Ruinen dem Himmel entgegenragte, als wolle sie ihm trotzen?
- Doch dicke Regentropfen begannen zu fallen; es war hohe Zeit, den
Rckzug anzutreten.

                                   II.

Jenes Gebirge, das sich im Osten von Hyres erhebt, bildete im neunten und
zehnten Jahrhundert ein Bollwerk der Mauren. Nach ihnen fhrt es mit Recht
den Namen; von seinen Hhen aus beherrschten sie die weite Kste. In
orographischer Beziehung bietet das Maurengebirge ein hohes Interesse. Es
stellt ein in sich abgeschlossenes Gebirgssystem dar, dessen Granite,
Gneie und Schiefer von dem umgebenden Kalkgebirge durch tiefe Thler
getrennt sind. Wie etwa die Alpen oder die Pyrenen, besitzt das
Maurengebirge sein eigenes, wenn auch nur kleines Flusystem, seine
eigenen Schluchten und Thler. Es ist von der brigen Provene so
geschieden, da es auch, ferne von derselben, eine eigene Insel im Meere
bilden knnte. Seit Kurzem folgt eine Eisenbahn (_Chemin de fer du Sud de
la France_) der Kste, an dem Gebirge entlang. Diese Bahn mndet in
St. Raphal und schliet dort an die groe Linie an, die Marseille mit
Genua verbindet. Von den Stationen der Sdbahn aus dringt man leicht in
das Gebirge ein, und solche Ausflge waren es, die uns in Hyres
festhielten. Wir wurden nicht mde, wiederholt dieselben Strecken der
Kste mit der Eisenbahn zu befahren; denn der Weg ist anmuthig und fhrt
entweder durch schnen Wald oder am Meeresstrande entlang, mit
fortwhrendem Wechsel der Bilder. Der Anblick der Berge selbst bietet
hingegen geringe Mannigfaltigkeit, da alle Kuppen abgerundet sind, nur
wenig in ihrer Hhe schwanken und vierhundert Meter nicht bersteigen. Und
doch ladet der ppige Wald auch da zu immer neuen Ausflgen ein. Wer
Korkeichen zuvor nicht sah, wird freilich zunchst ber diese Wlder
staunen. Er erkennt wohl die immergrne Eiche, doch ihre geschlten Stmme
und Aeste bieten einen ungewohnten Anblick. Die Krone der Korkeiche
gleicht derjenigen immergrner Eichen, auch die Bltter sind wie bei
diesen lederartig und nur durch ihre eifrmige Gestalt und geringe
Zhnelung ausgezeichnet. Befremdend ist aber die rothbraune Farbe der
abgeschlten Theile, die fast blutroth erscheinen, dort, wo die Sonne sie
trifft.

Die ganze Bevlkerung des Maurengebirges lebt von der Korkgewinnung. Steht
auch der Kork, der an dieser Kste wchst, dem spanischen und algerischen
an Gte nach, so bleibt er doch ein geschtzter Handelsartikel und bildet
eine eintrgliche Quelle des Erwerbes. Die Korkeiche mu, bevor sie
geschlt werden kann, eine bestimmte Dicke besitzen, die sie mit fnfzehn
bis zwanzig Jahren erlangt. Der erste Kork ist rissig, sprde und wandert
vorwiegend in die Gerbereien. Er wird, weil rauher und hrter, als
mnnlicher Kork bezeichnet. Dann erst bildet sich der glatte, weniger
harte, brauchbare Kork, den man weiblichen nennt. Er wird alle acht bis
sechzehn Jahre entfernt, je nach der Dicke, welche die Korkplatten
erreichen sollen. Fr gewhnliche Stopfen reichen achtjhrige Platten
schon aus, whrend noble Champagnerpfropfen weit strkere, bis 5
Centimeter dicke verlangen; die Schlungen werden so lange wiederholt, bis
der Baum ein Alter von hundertundfnfzig, ja selbst zweihundert Jahren
erreicht hat. Dann sinkt der Werth seiner Produkte; es gilt, ihn durch
jngeren Nachwuchs zu ersetzen. - Hundertjhrige Korkeichen sehen schon
majesttisch aus und treten mit ihren mchtigen Kronen und knorrigen
Stmmen eindrucksvoll aus der Umgebung hervor. Besonders gerne ruht auf
ihnen das Auge, wenn sie am Bergesabhang stehen, oft malerisch um einzelne
Felsblcke gruppirt. Die Korkeiche wchst mit Vorliebe auf einem Boden,
der aus verwittertem Granit und Schiefer entstand, whrend sie den
Kalkstein meidet. Daher die Korkeichenwlder des Maurengebirges eine
Culturinsel in der Provene bilden, hnlich wie das Gebirge selbst eine
orographische Insel dort darstellt. In den umgebenden Kalkalpen wird man
die Korkeiche nicht finden, nach ihr vergeblich in Mentone und in Nizza
suchen, nur um Cannes trifft man sie noch stellenweise. Wie die
Korkeichenwlder des Maurengebirges das Urgestein seiner Berge verrathen,
so zeigen Kalkpflanzen den Kalk der angrenzenden Alpen an. Unter Umstnden
wird ganz vereinzelt eingestreutes Gestein in solcher Weise uerlich
durch den Pflanzenwuchs kenntlich. So fiel vor einigen Jahren dem
Forstinspector de Saint-Venant in dem Walde von Orlans ein schmaler,
kilometerlanger Streifen kalkholder Pflanzen auf, whrend die brige Flora
im Walde auf Kieselboden hinwies. Das regte ihn zu Ausgrabungen an, die in
wechselnder Tiefe das Vorhandensein einer alten, mit Kalksteinen
gepflasterten rmischen Strae ergaben.

Die Korkeichen werden im Maurengebirge whrend des Sommers geschlt. Es
geschieht das sowohl an den Stmmen wie an dicken Aesten, doch hier wie
dort gleichzeitig nur an einzelnen Theilen; denn es gilt als schdlich,
den ganzen Baum auf einmal zu entblen. Besonders eigenartig sehen die
entblten Theile gleich nach geschehener Schlung aus; sie zeigen die
Farbe des menschlichen Krpers. Erst allmlig dunkeln sie nach. Zur
Vornahme der Schlung, die als _dmaclage_ bezeichnet wird, fhrt der
Arbeiter zunchst zwei Schnitte rings um den Baum durch die ganze Tiefe
der Korkschicht aus und verbindet diese Kreisschnitte durch Lngsschnitte,
deren Zahl sich nach der Dicke des Baumes richtet. Diese Operation fhrt
er mit einer Axt aus, die einen keilfrmig zugeschrften Stiel besitzt.
Mit letzterem fhrt er dann von den Einschnitten aus unter die Korkschicht
und hebt sie ab. Dann beschwert er die Korkplatten mit Steinen, damit sie
ihre Rundung verlieren, hlt sie auch wohl ber Feuer und kohlt ihre
Oberflche ein wenig an. Unter allen Umstnden mssen die Korkplatten
trocken werden, bevor man sie versendet.

Der Kork ist das natrliche Schutzmittel der Pflanzen: sie schlieen sich
damit gegen die Umgebung ab. Die ltere Rinde aller unserer Strucher und
Bume ist mit Kork bedeckt und dankt ihm ihre Frbung. Der Kork lt Gase
und Flssigkeiten nicht durch, ist elastisch und sehr widerstandskrftig;
das befhigt ihn nicht nur zu seiner Aufgabe an der lebenden Pflanze,
sondern bedingt auch seine technische Brauchbarkeit. Wird eine Pflanze
verletzt, so bildet sich Kork an der Wunde und schliet dieselbe ab: daher
auch der neue Kork an der geschlten Korkeiche. Wie jedes andere Gewebe
besteht der Kork aus Zellen. Ja, ein Korkstck war es, in welchem Robert
Hooke im Jahre 1667 jene Kammern entdeckte, die er Zellen nannte, weil sie
ihm den Zellen der Bienenwaben zu entsprechen schienen. Den Zellen eines
fertigen Korkes fehlt freilich der lebendige Zellleib, jener Inhalt, der
das Wesen einer Zelle ausmacht. Den bt die Korkzelle bald nach ihrer
Entstehung ein, um nur noch mit ihrer verkorkten Wandung als Schutzmittel
der Pflanze zu dienen. Eine bestimmte lebendige Gewebeschicht innerhalb
der Rinde, das sogenannte Korkcambium, bildet durch fortgesetzte
Vermehrung ihrer Zellen den Kork. Jngere Korkzellen folgen in geraden
Reihen nach innen zu auf die lteren. Ihre Gestalt ist bei der Korkeiche
annhernd wrfelfrmig: gegen Schlu jeder Vegetationsperiode flachen sie
sich tafelfrmig ab. Der weibliche Kork der Korkeiche zeichnet sich
durch die Dnnwandigkeit seiner Zellen und groe Gleichfrmigkeit in
seinem Bau aus; nur am Schlu jeder Vegetationszeit entstehen wenige Lagen
strker verdickter, abgeflachter Zellen. Diese letzteren sind es, welche
die dunklen Streifen bilden, die man in jedem Flaschenstopfen erkennen
kann. Da die dunkleren Lagen die Grenzen des jhrlichen Zuwachses
anzeigen, so kann man das Alter einer jeden Korkplatte an ihnen abzhlen,
ganz ebenso wie sich aus der Zahl der Jahresringe im Holz dessen Alter
bestimmen lt.

Ist eine Korkeiche geschlt worden, so bildet sich ein neues Korkcambium
unter den freigelegten Flchen und hebt mit neuer Korkbildung an. Freilich
darf die Schlung nur den Kork entfernen, nicht den Bast oder gar den
Holzkrper erreichen, weil das schwere Wunden gibt, die sich nur langsam
schlieen und lange die Korkproduction an der beschdigten Stelle
beeintrchtigen. Ist ein Stamm niemals geschlt worden, so zeigt er gleich
anderen Eichenarten eine rissige Rinde, deren uerste Schichten er nach
und nach als Borke abwirft. Auch der am geschlten Baum erzeugte Kork darf
nicht ein gewisses Alter bersteigen, da er sonst an der Auenseite rissig
und unbrauchbar wird.

In den westlichen Theilen des Maurengebirges gibt es keinen schneren Ort
als Bormes, von Hyres aus mit der Bahn in einer Stunde zu erreichen. Man
steigt dort vom Strande aus zum Hgel empor, an den das kleine Stdtchen
amphitheatralisch sich lehnt. Seine Huser sind in verschiedener Hhe
verstreut, hier einzeln, dort in Gruppen, als htten sie um die Wette den
Berg zu erklimmen versucht. Den Ort beherrscht eine alte Burg, deren graue
Ruinen sich eindrucksvoll abheben von dem dunklen Grn des hinterliegenden
Waldes. Der Abhang ist mit aromatischen Krutern bewachsen, und jeder
Schritt befreit aus ihnen duftende Oele. Ganze Flchen werden violett
gefrbt durch die wilde Lavendel (_Lavandula Stoechas_). Sie tritt hier so
massenhaft auf, da ein benachbarter Ort den Namen Lavandou nach ihr
fhrt. - Wir steigen weiter hinauf in den Wald, in Korkeichen, Kiefern und
immergrne Strucher. Auch da steht jetzt Alles in Blthe. Die Luft ist
erfllt mit Wohlgerchen, und den Kiefern, die man berhrt, werden dichte
Wolken von Blthenstaub entlockt. - Immer groartiger entfaltet sich die
Aussicht auf die dunklen Ruinen, das hellglnzende Stdtchen und das blaue
Meer, in das eine Landzunge sich weit vor uns fortsetzt; gegen Osten
blicken wir in die Rhede von Bormes hinein; gegen Westen zeigt sich die
Rhede von Hyres, und ber eine schmale Halbinsel hinweg erreicht das Auge
auch den Golf von Giens. In glnzender Frbung leuchten uns diese Buchten
entgegen. Die stliche Bucht tnt sich jetzt ab in hellem Blau, die Rhede
von Hyres scheint von flssigem Silber zu sein, whrend die Fluthen des
Golfs von Giens den rothen Abendhimmel widerspiegeln. Wir sttigen uns an
dieser Farbenpracht und lassen das geblendete Auge dann auf dem dunklen
Grn der fernen Wlder ruhen. Sanft breitet der purpurne Schein sich aus
ber das ganze Meer, und in dem Glanz der Abendsonne schimmern jetzt die
goldenen Inseln von Hyres wirklich so, als wren sie von Gold.

In Bormes sind vor den Husern groe Mengen von Kork aufgeschichtet. Wir
treten in ein Haus ein, in dem Kork geschnitten wird, und sehen uns,
freundlich empfangen, die Arbeit an. Der Mann macht Stopfen mit Hlfe
einer Drehbank. Er fgt eckige Korkstcke in dieselbe ein, versetzt sie in
Drehung und rckt eine Art Hobel heran, der das Korkstck schneidet. Groe
Uebung verlangt das sichere und rasche Einfgen der Korkstcke in die
Drehbank, so da sie gleich richtig centrirt sind. Ist der Arbeiter
geschickt, so macht er Hunderte von Stopfen in der Stunde, whrend er es
frher beim Schneiden aus freier Hand kaum auf tausend Stck im ganzen Tag
bringen konnte. Die Korkplatten mssen mit Wasser gebrht werden, ehe man
sie in die eckigen Stcke zerlegt. Sie schwellen dabei nicht unwesentlich
an. Die Lngsachse der Stopfen entspricht der Lngsrichtung der Platten;
man mu sich somit die Stopfen in der Rinde des Baumes aufrecht stehend
denken.

Die Abflle beim Schneiden der Stopfen sind durchaus nicht werthlos. Sie
knnen zum Polstern dienen und werden auch wohl verkohlt, um eine schwarze
Farbe, das _nigrum hispanicum_, oder um Zahnpulver zu liefern. Gepulverter
Kork, mit verdicktem Leinl angerhrt und auf wasserdichtes Segeltuch
aufgetragen, gibt den als Linoleum bezeichneten Korkteppich, mit dem man
die Fubden deckt.

Die allgemeine Verwendung des Korkes fr Flaschenverschlu greift nicht
weiter als in das siebzehnte Jahrhundert zurck. Sie fllt zusammen mit
der Verbreitung unserer enghalsigen Glasflaschen, die man kaum vor dem
fnfzehnten Jahrhundert herzustellen begann. Im Mittelalter wurden kleine
Gefe aus Holz, Thon oder Metall verfertigt und mit Zapfen von gleichem
Stoff verschlossen oder auch nur mit Wachs verklebt. Die Fsser
verspundete man mit Holzpflcken. Die Alten bentzten zum Verschlu ihrer
Amphoren sowohl Holz- als auch Korkstopfen, die sie mit einem Kitt aus
Harz, Kreide und Oel oder auch mit Pech umgaben. Hufiger noch wurde die
Oeffnung dieser Gefe nur mit Gyps, mit Harz, Pech oder Wachs
zugeschmiert. Auf den Wein gossen sie Oel, so wie das heute noch in
Italien geschieht, und suchten ihn so vor Luftzutritt zu schtzen. Nach
Plinius dienten den Rmern Korkstcke auch schon als Schwimmer an den
Fischnetzen und als Bojen an den Ankern; nicht minder wurden die
Schuhsohlen fr Frauen aus diesem Stoffe bereits hergestellt.

                                   III.

Tief in das Maurengebirge schneidet der Golf von St. Tropez, der Sinus
Sambracitanus der Alten, ein. An seinem Ufer sieht man schon aus der Ferne
die Huser von St. Tropez in bunten Farben schimmern. Von dort aus
erscheint die Meeresbucht wie ein geschlossener See. Ihre azurnen Fluthen
haben die Klarheit und den Schmelz eines dunklen Saphirs. Man blickt ber
dieselbe ins Maurengebirge hinein. Scharf stechen seine Hhen vom
nrdlichen Himmel ab. Im Osten wird das Bild in duftiger Ferne durch die
zackigen Gipfel des Esterels begrenzt. Ueber diesen, hoch in den Wolken,
glnzt der Schnee der Alpen. Hier an dem blauen Golf hat einst die
Heraclea Cacabaria gestanden. Ein Herculestempel, so heit es, gab der
Stadt den Namen. Das Land war von Camatullikern bewohnt. - Dann schildert
die Sage, wie im Jahre 66 n. Chr. an jenen Strand der Krper des heiligen
Tropez gelangte. Dieser hatte unter Nero hohe Wrden bekleidet; sein
Vetter, Salvius Otho, wurde im Jahre 69 n. Chr. zum Kaiser proclamirt. Er
selbst legte alle seine Aemter nieder, nachdem ihn der Apostel Paulus zum
Christenthum bekehrt hatte, und zog sich nach Pisa zurck. Dort lie eines
Tages Nero unter einer ehernen Himmelsdecke mit groem theatralischem Pomp
Diana und Apollo anbeten. St. Tropez weigerte sich dessen, er wurde
ergriffen, auf Befehl von Nero gemartert, enthauptet und sein Krper dann
auf einem schlechten Nachen in das Meer gestoen. Ein Hund und ein Hahn,
die man zugleich in den Nachen setzte, sollten sich an dem Krper weiden.
Doch weder der Hund noch der Hahn berhrten den Heiligen, sie stellten
sich als Wchter an dessen Krper auf. Ein Engel lie sich am Steuer
nieder und fhrte den Nachen sicher durch die Fluth bis nach Heraclea.
Durch das Krhen des Hahnes gerufen, sammelten sich dort die Christen am
Strande und nahmen den Krper des Heiligen mit hohen Ehren auf.

Im neunten Jahrhundert wurde das alte Heraclea von den Saracenen zerstrt,
und nur antike Mauern und Grber zeigen den Ort noch an, auf dem es einst
gestanden. Das heutige St. Tropez reicht nicht weiter als bis in das
fnfzehnte Jahrhundert zurck. Es verdankte sein Aufblhen genuesischen
Familien, die sich hier niederlieen. Zahlreiche Wachtthrme um die Stadt,
sowie die Festungswerke ber derselben zeigen an, da St. Tropez sich oft
noch gegen Seeruber und andere Feinde zu vertheidigen hatte. Heute wird
es nur noch durch Zollwchter geschtzt, die von den Hhen aus den Strand
berwachen. So verndern sich die Zeiten; frher mute der Ort die
Corsaren abwehren, die ihn berauben wollten, heute sich gegen die
Schmuggler schtzen, die ihn gern versorgen mchten.

St. Tropez ist ein Hauptort des Korkhandels geworden; zahlreiche Schiffe
werden mit dieser Waare beladen, die aus allen Theilen des Maurengebirges
hier zusammenstrmt.

Zum klimatischen Kurort drfte St. Tropez wohl schwerlich jemals erhoben
werden, denn es ist zu sehr den Winden ausgesetzt. Gegen das offene Meer
deckt das vorspringende Cap den Hafen, doch der Mistral und der Ostwind
treiben die Fluthen des Golfes in denselben hinein. Da bei heftigem Sturm
die Wellen bis auf den Uferdamm vordringen, das zeigt der eigenartige Bau
mancher dort stehender Huser an. Sie sind unten ohne Fenster, nur mit
kleinen, dicht schlieenden Thren versehen, zugleich ausgehhlt, so wie
der Fu eines Leuchtthurmes, der dem Meere trotzt. - Von den Winden
abgesehen, besitzt das meerumsplte Vorgebirge ein sehr mildes Klima. Der
bekannte Geologe Elie de Baumont hat dieses Stck Land als die Provene
der Provene bezeichnet. Seine Vegetation ist ppig. Kiefern und
immergrne Eichen decken die Hhen; die Abhnge werden von mchtigen
Kastanienbumen beschattet, deren Frchte in ganz Frankreich als _Marrons
de Lyon_ beliebt sind. Hier und dort streckt auch eine Palme ihr
schlankes Haupt ber eine Mauer hervor; doch man sieht es ihr an, da sie
oft vom Winde gepeitscht wird. Den Ufern der Bche folgen
Oleanderstrucher und Vitexbsche. Mit den schnen Blthen des Oleanders
schmckten sich und schmcken sich heute noch in Griechenland auf dem
Lande die Frauen, auch benutzt man bei uns Oleanderbltter zur Verzierung
der Speisen, whrend thatschlich der Milchsaft dieser Pflanze ziemlich
giftig ist. Von dem schmalbltterigen Vitexstrauch hie es einst, da er
die Sinnlichkeit unterdrcke, daher erhielt er seinen keuschen Namen:
_Vitex agnus castus_. Die atheniensischen Frauen bestreuten mit
Vitexblttern ihre Ruhelager zur Zeit der Thesmophorien, jenen mysterisen
Festen zu Ehren der Gttin Demeter, von denen alle Mnner ausgeschlossen
waren. Heute scheint der _Vitex agnus castus_ seine frheren Krfte
eingebt zu haben; nur seine scharf gewrzhaften Steinfrchte gebraucht
man im Sden noch hufig als Pfeffer. Der Oleander hat sich sogar einem
noch weniger poetischen Verlangen anbequemen mssen, denn die Landleute um
Nizza bentzen seine gepulverte Rinde, um Ratten und Muse zu vertreiben.

Im Htel Continental zu St. Tropez wird noch nach alter Art gelebt. Guter
Tischwein steht zu gemeinsamer Benutzung auf der Tafel. Man fragt den
Nachbar erst, ob er zu trinken wnscht, bevor man sich selbst einschenkt.
Das Dienstpersonal wird in einige Verwirrung versetzt, wenn man nach der
Weinkarte verlangt. - Da figurirten als Vorspeisen bei der Mahlzeit auer
Salami, Oliven, Sardinen und anderen allgemein europisch gewordenen
Dingen, auch Seeigel, ein Leckerbissen, den ich bisher an keiner
regelrechten _table d'hte_ gesehen hatte, und den ich auch gerne
Anderen berlasse; er dient mir nur als Beweis, da der Mensch das rgste
aller Raubthiere ist. Da werden Tausende weiblicher Seeigel gefangen,
aufgebrochen und im Grunde genommen vergeudet: man wirft den ganzen Krper
fort und verzehrt nur das Bichen Eierstcke. Dabei wird eine ungezhlte
Brut zerstrt. Diesen orangerothen, faden Schleimmassen konnten wir keinen
Geschmack abgewinnen; doch darber lt sich ja streiten. - In wahres
Entzcken wurden unsere Tischgenossen stets versetzt durch
_Bouillabaise_. - Nach dieser Speise sehnt sich stets der Provenale,
auch wenn er einen anderen Theil von Frankreich bewohnt. - Die Wirthin
suchte es ihren Gsten an den Augen abzusehen, ob ihnen die _Bouillabaise_
schmecke; kann diese doch allein das Renomme eines Hauses begrnden. Wie
sie uns servirt wurde, bestand sie aus Langusten und Seefischen. Die
Wirthin machte aus deren Zubereitung auch kein Geheimni. Sie habe, sagte
sie, zunchst etwas Knoblauch, Lorbeerbltter und weien Pfeffer in
Olivenl in einer Casserolle gerstet, dann ein Glas Weiwein darauf
gegossen, die Langusten, Fische und soviel Wasser, da sie bedeckt waren,
dazu gethan, Alles mit Salz und Pfeffer weiter gewrzt, hierauf zwanzig
Minuten lang kochen lassen und mit einer Messerspitze Safran den Schlu
gemacht. Ihre _Bouillabaise_ war dann fertig. Die Langusten und Fische
kamen in eine tiefe Terrine und wurden mit der Brhe, in welcher auch
Weibrodschnitte geweicht hatten, bergossen. - Die _Bouillabaise_ fand
ungetheilten Beifall. Die Wirthin meinte, fr Franzosen allein lohne es
sich zu kochen, whrend Auslnder mit demselben Gleichmuth gute und
schlechte Speisen verschlngen: Das sei fr eine sorgsame Wirthin
entmuthigend. Darauf mein Tischnachbar in lngerer Rede entwickelte, da
er nicht einsehen knne, weswegen man ein Sinnesorgan gegen die anderen
zurcksetzen solle. Man knne eine dumme Zunge haben, ebenso wie ein
dummes Auge oder ein dummes Ohr. Ein Mensch, der Karpfen von Steinbutte
nicht zu unterscheiden wisse, fle ihm nicht mehr Ehrfurcht, als ein
solcher ein, der Van Dyck mit Raphael oder Gounod mit Wagner verwechsle.

War das Essen auch gut, der brige Comfort des Hauses lie doch etwas zu
wnschen brig, so da wir, trotz solcher culinarischer Gensse, uns
zeitweise nach einem anderen Unterkommen sehnten.

Eine Straenbahn verbindet jetzt St. Tropez mit La Foux, einer Station der
sdfranzsischen Bahn. Der Weg fhrt an dem Schlosse von Bertaud und vor
dessen Thoren an einer mchtigen Pinie vorbei, deren Stamm wohl sechs
Meter im Umfang mit. Es drfte eine der grten Pinien sein, die jetzt
existiren, und wohl mancher Saracene hat schon in ihrem Schatten gelagert.
Der Baum steht mitten auf der Strae, der _route nationale_, und es ist
zu loben, da ihn die Ingenieure schonten. Die Straenbahn setzt sich ber
La Foux nrdlich bis Cogolin fort, und von da aus kann man auf der
Chaussee La Garde Freinet erreichen. Dort hatten einst schon die Rmer
einen Militrposten errichtet, der die Verbindung zwischen dem Sinus
Sambracitanus und der etwas nrdlicher durchs Gebirge ziehenden Via
Aureliana berwachen sollte. Der Ort liegt in einem Engpa zwischen zwei
Bergen, und dort setzten sich auch die Mauren im Jahre 850 fest, nachdem
sie St. Tropez zerstrt hatten. Sie sicherten sich so den Zugang zum Meere
und beherrschten zugleich das Gebirge. Die Festung, die sie erbauten,
wurde Fraxinetum genannt, und dieser Name dann auf alle hnlichen
maurischen Festungen bertragen. Hier huften sie die geraubten Schtze
an, um sie spter bers Meer nach Afrika zu schaffen. Wilhelm I., Graf von
Arles, untersttzt von zwei provenalischen Edelleuten, Bavon und
Grimaldi, strmte und eroberte im Jahre 973 die Veste. Alle Mauren, die
dem Schwert entgingen, wurden nebst Weibern und Kindern zu Sclaven
gemacht. Die Veste schwand von der Erde, und nur einige Mauerreste, die
Epheu heute deckt, sowie eine tiefe, in Fels gehauene Cisterne, zeugen
dafr, da sie einst gewesen.

Als Preis der Tapferkeit und Lohn fr die erwiesenen Dienste erhielt
Grimaldi von Wilhelm I. das ganze Land, welches die Mauren am Sinus
Sambracitanus besaen. Da ragen denn noch heute, als Wahrzeichen aus jener
Zeit, auf dem Berge, der die Thalmndung beherrscht, die Trmmer der Burg
Grimaud in den Himmel. Zwei Thrme auf steilem Abhang, durch Mauerreste
verbunden, scheinen ber dem Abgrunde zu schweben, die brige Burg ist
zerstrt; doch unter ihr, wenn auch ihres Schutzes beraubt, in ppiges
Grn gehllt, klammert sich der kleine Ort Grimaud noch immer an den
Felsen.

Von La Foux aus stlich folgt die Sdbahn weiter allen Ausbuchtungen der
Kste. Jetzt eilt sie dem Meere zu, und St. Tropez am jenseitigen Ufer
scheint immer nher zu rcken; dann wendet sie sich landwrts, und das
Esterel taucht pltzlich am Horizonte auf. Das Maurengebirge rckt dicht
ans Meer heran, der Wald erreicht die Kste. Immer schwelgerischer
entwickelt sich hier seine Pracht. Aus den immergrnen Eichen und
Seestrandkiefern leuchtet die baumartige Erica mit ihren weien
Blthenmassen hervor. Ueberall sieht man den Erdbeerbaum seine
lorbeerartigen Bltter ausbreiten. Dunkler Epheu rankt an den Stmmen in
die Hhe, und ppige Waldreben verbinden die Baumkronen durch helle
Laubguirlanden. Dieses herrliche Bild verlockt uns, die Fahrt zu
unterbrechen; wir steigen in La Gaillarde aus und setzen unseren Weg zu
Fu fort. Wir folgen dem Ufer. Die Strandkiefer taucht ihre Wurzeln fast
in die Wellen; oft neigt sie sich ber die Fluth, als wollte sie ihr Bild
in der spiegelnden Flche betrachten. Das Land wird hier geschmckt von
der See mit einem Saum silberschumender Wogen, dafr flicht ihr das Land
einen Kranz aus immergrnem Walde. Zerrissene Felsen springen am Strande
vor und verlieren sich weit in den Fluthen. Das Esterel ist uns ganz nahe
gerckt. Es zeigt denselben reich bewegten Umri, dem wir so gerne von
Antibes aus folgten. Dieser Gebirgszug ist so schmal, da die nmlichen
Hhen von Osten wie von Westen das Bild bestimmen. In Antibes sieht man am
Abend die Sonne hinter dem Esterel verschwinden; dann hllen sich seine
Gipfel in dunkelblaue Schatten und stechen mit scharfen Umrissen gegen den
Abendhimmel ab. Hier sind sie jetzt mit Licht bergossen; die schwindende
Sonne senkt ihre Strahlen in die Thler hinein, sie gestaltet und modelt
die einzelnen Berge, vergoldet die Gipfel, spart blaue Schlagschatten in
den Tiefen aus, entzndet ganze Drfer, wirft Irrlichter in die einzelnen
Huser hinein und taucht schlielich Alles in purpurne Gluth. - Hier bei
St. Aigulf am Strande lie sich Carolus Duran nieder, und der Ort ist wohl
angethan, eines Malers Seele mit farbigem Glanz zu erfllen! - Pltzlich
ffnet sich vor uns das weite, von dem Flu Argens in zahlreichen
Windungen durchstrmte Thal, durch welches das Maurengebirge von dem
Esterel geschieden wird. Der Teich von Villepey und die Windungen des
Flusses glnzen wie metallene Spiegel. In Frjus ertnen die Abendglocken;
vom jenseitigen Ufer des Golfs sendet uns der Leuchtthurm von St. Raphal
einen ersten noch blassen Strahl entgegen.

                                   IV.

Wir wandern jetzt auf classischem Boden. Ist doch Frjus das alte Forum
Julii, dem Julius Caesar den Namen gab. Augustus vollendete den Hafen, der
die Stelle von Lagunen einnahm, und gab dem Orte einen Pharus. Agrippa
lie einen Aquduct und ein Amphitheater erbauen; siedelte hier auch
Soldaten der achten Legion an, was zu der spteren Benennung Colonia
Octavanorum fhrte. Die Stadt wuchs rasch in Gre und Bedeutung; sie ma
fnftausend Schritte im Umfang. Der Hafen war so ausgedehnt, da er im
Jahre 31 v. Chr. die zweihundert Galeeren aufnehmen konnte, die Octavian
in der Schlacht bei Actium Antonius abgenommen hatte. Was fr ein
farbenprchtiges Bild mag das gewesen sein, als die Flotte des Antonius
diesen Hafen fllte, als mchtige rmische Bauten sich in seinen Wellen
spiegelten, und weithin sichtbar durch das Thal der Aquaeduct in khnen
Bgen den fernen Bergen zueilte. - Frjus blieb unter den Kaisern die
wichtigste Flottenstation an diesem Gestade, dann aber begannen traurige
Zeiten. Der _Amnis argenteus_, der heutige Argens, fllte langsam den
Hafen mit Schlamm und Erde an. Im zehnten Jahrhundert konnten nur noch
kleine Schiffe Zuflucht in demselben finden. Dann kamen die Saracenen und
schleiften 940 die Befestigungen der Stadt. Im fnfzehnten Jahrhundert
wurde Frjus von Corsaren verbrannt, dann im sechzehnten Jahrhundert
nochmals unter Carl V. geplndert. Der Hafen schwand allmlig, und an
seiner Stelle bildeten sich weite Smpfe aus, welche mit tdtlichen
Miasmen die Gegend erfllten. Ein Bild solchen Elends fand Aubin-Louis
Millin im Beginn dieses Jahrhunderts hier vor. Die Straen waren leer, die
Huser unbewohnt, die wenigen Menschen, die man sah, gingen mit blassen
fahlen Gesichtern, hohlen Wangen, eingefallenen Augen umher. Man meinte,
in einem groen Krankenhaus zu sein. Wir nahmen Wohnung, schreibt
Millin, in der besten Herberge: es war ein verpestetes und ekelerregendes
Haus, in dem man den Aufenthalt als Strafe betrachten mute. Schrecklicher
Schmutz herrschte in ihm. In schlecht gesplten Gefen wurde uns fauliges
Wasser dargereicht; ganze Schwrme von Fliegen belagerten die mit ranzigem
Oel bereiteten Speisen. Den Smpfen entstiegene Mcken und Schnacken
peinigten uns mit ihren Stichen; des Nachts wurden wir von nicht minder
zudringlichen, aber noch ekelhafteren Thieren aufgezehrt. Unser Blut war
in fortwhrender Wallung. Es knnen hier wirklich nur solche Menschen
leben, die an derartige Plagen gewhnt sind; uns erschienen sie als das
grte Unheil, das einem menschlichen Wesen begegnen kann. Wir bedauerten,
da der Wissensdrang, der uns trieb, historisch berhmte Sttten
aufzusuchen, uns an diesen elenden Ort gefhrt hatte, und wir wnschten
denselben so bald als mglich verlassen zu knnen. - Seitdem haben sich
die Zustnde in Frjus gebessert. Abzugscanle sind entstanden, welche die
Umgegend entwssern und dadurch gesnder machen; der Ort selbst ist zwar
auf ein Fnftel seiner frheren Gre zusammengeschmolzen, sieht aber
ziemlich freundlich aus. Wer freilich tieferen Eindruck von den
Ueberresten aus der classischen Zeit erwartet, der wird enttuscht sein.
Es blieb nur wenig davon zurck, zu wenig, um Achtung zu gebieten oder gar
knstlerisch anzuregen. Nur die zerrissenen Bogen des Aquducts drauen in
den Feldern, mit ihrem Schmuck von kletternden Pflanzen, sind sthetisch
wirksam. Der Argens war so fleiig bei der Arbeit, da heute eine weite
sandige Flche Frjus vom Meere trennt; die Trmmer des alten rmischen
Leuchtthurms ragen jetzt anderthalb Kilometer vom Strande entfernt aus dem
Boden hervor. So ist der alte Glanz von Frjus fr immer geschwunden, und
was von demselben zurckblieb, vermag solchen Eindruck wie die Denkmler
von Nmes und von Arles auf uns nicht zu machen. Doch erhebt uns auch hier
das Gefhl, classischen Boden unter den Fen zu haben. Wir schauen dann
hinaus in das blaue Mittelmeer, an dessen Ufern jene mchtige Cultur
erstarkte, welche die Welt erobert hat. Wir suchen das Band mit der
Vergangenheit enger zu knpfen und werden uns im Geiste wieder bewut, da
jene allgemein menschlichen Gedanken und Gefhle, die hier zum ersten Mal
zur bewuten Empfindung und Gestaltung gelangten, auch heute noch unser
Denken und Fhlen beherrschen.

Rmische Villen fllten jenen Strand, an dem heut St. Raphal sich erhebt.
Die rmischen Patricier bevorzugten berhaupt dieses schne Land. Es war
das ihre Provincia Romana par excellence, diejenige, die sie meinten, wenn
sie kurzweg von Provincia sprachen, und sie behielt den Namen der
Provence. Am Strande von St. Raphal lieen sich nach den Rmern die
Tempelritter nieder und bauten jenen viereckigen Thurm, der auch heute
noch die alte Kirche zu schtzen scheint. Im Jahre 1799 landete hier
Bonaparte, als er von Aegypten kam, und hier auch verlie er das Land, um
1814 nach Elba zu gehen. Es trifft somit nicht ganz zu, wenn behauptet
wird, Alphonse Karr habe St. Raphal entdeckt: richtig aber ist, da er
unter den franzsischen Schriftstellern der erste war, der sich hier
niederlie, da ihm bald andere Celebritten der Litteratur und Kunst
folgten, und da der neue Aufschwung von St. Raphal mit jener Zeit
begann. Was aber alle jene Knstler und Schriftsteller hier suchten, das
war der stille abgelegene Ort, an dem man Blumen, Sonne und Meer genieen
kann, ohne von anderen Menschen gestrt zu werden. Sie alle flohen den
Lrm des grostdtischen Nizza und des bereleganten Cannes. Wenn ich
eine groe Stadt lieben mchte, pflegte Alphonse Karr zu sagen, zge ich
zurck nach Paris. Auch ist es im Sommer hier khler als jenseits des
Esterel, und der sandige Strand ladet dann zum erfrischenden Bade ein;
daher sich St. Raphal immer mehr zum sommerlichen Seebad entwickelt. Im
Winter ist es zu sehr den Winden ausgesetzt. Das sollten auch wir noch
erfahren. Schon am Abend bei unserer Ankunft begann sich Ostwind zu
erheben, am nchsten Tage wehte er mit Macht und war von heftigem Regen
begleitet. Gegen dieses Unwetter lie sich im Freien nicht ankmpfen. Der
Wind trieb die Regentropfen fast wagrecht durch die Luft. Das dauerte so
zwei Tage. Starker Ostwind ist hier meist mit Regen gepaart, somit
traurig. Ganz verschieden gebrdet sich sein Widersacher, der nrdliche
Mistral. Er ist trocken und daher weit heiterer. Er fegt den Himmel rein
und pfeift bei Sonnenschein. Er blst nicht in langen Zgen, sondern in
abrupten Sten, er klingt donnerartig und rttelt an den Gebuden. Der
Ostwind hingegen blst strker oder schwcher, doch ohne Unterbrechung
fort; seine Stimme ist mehr ein Klagen, so da man bei Nacht langgedehnte
Schluchzer zu hren meint. In der zweiten Nacht, die auf unsere Ankunft
folgte, entlud sich ein polterndes Gewitter, das mit dumpfem Drhnen die
Thler erfllte und zuckende Flammen auf die Meeresflche warf; als der
Morgen aber kam, da strahlte die Sonne wieder hell in unser Zimmer hinein.
Das Meer tobte weiter, und wir zogen hinaus, um seinen Anprall gegen die
Felsen des Strandes zu sehen. - Zu den Wahrzeichen von St. Raphal gehren
seine beiden Lwen: _le lion de terre_ und _le lion de mer_, zwei
rothe Porphyrfelsen, die gleichsam Wache an dem Strande halten. Der
Seelwe hat sich weiter in das Wasser hinausgewagt, der Landlwe dicht am
Ufer gelagert. Sie lauern da wie apokalyptische Thiere und trotzen seit
Ewigkeit der nagenden Kraft der Wellen. Jetzt strmt das Meer mit Macht
gegen diese Felsen an, wlzt seine Wogen ber sie hinweg und wirft mit
Getse schumenden Gischt hoch an ihnen empor. Ueber den Porphyrlwen im
blauen Himmelsraum, da wiegen sich aber die Mven. Wie gerne folgt ihnen
das Auge, diesen muthigen Vgeln, wenn sie mit breitem und mchtigem
Flgelschlag die Luft durchschneiden. Jetzt segeln sie gegen den Wind,
jetzt wiegen sie sich an der Stelle, jetzt schieen sie herab in die
Fluth, um ihre Beute zu fassen; mit ihr schwinden sie in der Ferne, oder
sie lassen sich nieder auf der schaukelnden Welle, ein weier Punkt mehr
inmitten der weien Kmme. Da hinten in der See taucht pltzlich eine
Herde von Delphinen aus den Wellen hervor. Sie zeigen zuerst ihren Kopf,
berschlagen sich fast in der Luft und schieen hinunter in die Tiefe. Sie
bringen Humor in das groartige Schauspiel: sie sind die Clowns des
Meeres.

Die Strae, die von St. Raphal in stlicher Richtung dem Meeresstrande
folgt, fhrt an Landhusern vorber, die manchen bekannten Namen tragen.
Da ist die _maison close_, das geschlossene Haus, welches Alphonse Karr
sich schuf, um der aufdringlichen Welt zu entgehen. Hier in _Oustalet dou
Capelan_ hat Charles Gounod sich abgesondert, und ber der Eingangsthr
liest man: _L'illustre matre, Charles Gounod composa Romo et Juliette 
l'Oustalet dou Capelan, au printemps de 1866_, und Jules Barbier, sein
Librettist, der nebenan ein Landhaus besitzt, fgte darunter hinzu: _Hic
Divum Romeo scripsit Gounod meus 1866. Ingenio haut amicitia impar_.
Gounod weilte mit Vorliebe in St. Raphal; ich finde hier, meinte er
oft, den Golf von Neapel vor, mit der Campagna von Rom im Hintergrunde.

Ist die Lage von St. Raphal wirklich so schn, als es Gounod empfand? Ich
kann das nicht behaupten, so wenig ich auch sonst diesem Ort den ihm
zukommenden Reiz absprechen mchte. Mir fehlt hier der volle Blick auf das
Esterel, und ich fhle mich nicht hinlnglich dafr entschdigt durch die
Aussicht auf das Maurengebirge und jenes Thal des Argens, das Gounod mit
der Campagna von Rom vergleicht. Lieber wrde ich doch dem Beispiel von
Carolus Duran folgen und mich dort drben in St. Aigulf niederlassen, an
dem waldigen Strande, von dem aus man am Abend das zackige Esterel in
Purpur leuchten sieht.

                                    V.

Hingegen bildet St. Raphal einen vorzglichen Standort fr Ausflge in
das Esterel-Gebirge. Und dieses Gebirge ist sicher des Besuches werth; es
gehrt zu den Juwelen der Riviera: sein malerischer Reiz wird durch die
Porphyre bedingt, die als nackte Felsenmassen dem Boden entsteigen. Um
diese Porphyre und anderes eruptives Gestein sind Schiefer emporgerichtet.
Allseitig wird das Esterel durch tiefe Thler von den Alpen und durch das
Thal des Argens auch von dem Maurengebirge getrennt. Noch zu Anfang dieses
Jahrhunderts wagte man sich nur mit Schrecken in das Esterel hinein, jetzt
wandelt man in demselben sicherer als in den Anlagen mancher groen Stadt.
- Unser erster Besuch sollte dem hchsten Punkt des Gebirges, dem Mont
Vinaigre gelten, dessen Gipfel sich 616 Meter hoch ber den Meeresspiegel
erhebt. Wir hofften von dieser Hhe das ganze Esterel zu berblicken und
wollten dort unseren Plan fr weitere Ausflge entwerfen. - Wir brachen
von St. Raphal auf, als der Morgen graute. Der Weg fhrte gegen Norden
zunchst nach Valescure. Dort am Abhang der Berge, in dem khlen Walde,
pflegten schon rmische Familien den Sommer zu verbringen, wenn die Hitze
des Tages in Forum Julii unertrglich wurde. _Vallis curans_, das Thal,
welches Genesung bringt, mu, wie sein Name sagt, als besonders gesunder
Aufenthaltsort gegolten haben. Diesen alten Ruf mchte man auch heute noch
ausnutzen und durch den verheiungsvollen Klang des Namens neue Bewohner
hier anlocken. Man wandert in Valescure auf fertig angelegten Straen,
_Grands Boulevards_ mit hochtnenden Namen; der Wald ist in Parkanlagen
verwandelt; groe Htels hoffen auf Gste, Musikpavillons warten auf
Musikanten. Doch die Besucher bleiben noch aus. Woher auch sollen sie
kommen, diese Millionre, um allen Grundstckspeculanten zu Gefallen die
ganze Riviera von Toulon bis Ventimiglia mit Villen zu bedecken? Mit dem
Augenblick, wo der Bau der Sdbahn beschlossen war, bemchtigten sich
Actiengesellschaften aller Punkte am Strande, die durch schne Aussicht
aller Punkte auf der Hhe, die durch gesunde Lage, Kiefernadelduft, oder
sonst welche Vorzge sich auszeichnen. Auch in St. Aigulf drben im
Maurengebirge ist der Wald schon parcellirt, laufen _Grands Boulevards_
durch denselben und sind nicht allein mit schnen Namen, sondern auch mit
Laternen versehen. Den Laternen freilich fehlen die Scheiben; gebrannt hat
noch keine; manche warf der Sturm, manche auch Menschenhand schon um; nun
liegen sie da und rosten, ein trauriges Bild des Todes dort, wo niemals
Leben war. Dazwischen in mglichst aufflliger Stellung groe Tafeln mit
bunten Inschriften und Plnen, die zum Ankauf der Grundstcke verlocken
sollen. - Wird Valescure jemals gedeihen? Es ist wohl mglich - einen
Anfang von Erfolg hat es schon zu verzeichnen: _La nature svre et
riante, l'odeur des pins agrable et salutaire_, wie Stphen Liegeard den
Ort preist, hat bereits die Knstlerin der _Comdie franaise_ Suzanne
Reichemberg und die nicht minder berhmte Sngerin der Pariser komischen
Oper Miolan Carvalho veranlat, sich hier anzusiedeln. Der Ort ist
anmuthig, dicht von immergrnem Wald umhllt, mit heiteren Ausblicken in
das Meer und das Gebirge: trotzdem athmeten wir freier auf, als wir die
_Grands Boulevards_ verlassen hatten und uns in einer von der
Speculation weniger bertnchten Natur bewegten. - Die Sonne ging in
blaugrauem Nebel als rothe strahlenlose Scheibe auf; dann tauchte sie aus
dem Nebel hervor und strahlte hell an wolkenlosem Himmel. Die Erde schien
jetzt von Licht berstrmt. Bald betraten wir jene ausgedehnten Wlder,
welche das Esterel fast ganz bedecken. Einst hatten sie oft vom Feuer zu
leiden; statt grner Laubkronen starrten verkohlte Skelete den Wandrer an.
Jetzt sind die Wlder Staatseigenthum geworden und erfreuen sich so
sorgsamer Pflege, da sie fast den Eindruck groer Parkanlagen machen. Die
dunklen Strandkiefern (_Pinus Pinaster_) wiegen bei Weitem vor: sie
schlieen ihre Kronen oft so dicht zusammen, da kaum ein Sonnenstrahl
durch das Dickicht dringt. Vorzgliche Kunststraen fhren durch den Wald,
und bis auf den Gipfel der Berge gelangt man auf gut gehaltenen Wegen.
Auffallend genug sieht man eine weite Kunststrae oft ganz pltzlich
enden, wenn sie die Grenzen des Gebirges erreicht. Da hrt das Departement
der Forste nmlich auf, und es beginnt dasjenige der Brcken und
Chausseen. Die beiden Ministerien arbeiten sich, wie es scheint, nicht
immer in die Hnde. Nach Wegweisern sieht man sich leider vergebens im
Esterel um, und wo mehrere Straen sich schneiden, bleibt man auf seine
Orientirungsgabe ganz angewiesen. Die besten Karten der Gegend, die wir
uns zu verschaffen vermocht, Karten, welche das Ministerium des Inneren im
Jahre 1889 verffentlicht hatte, reichten eben nur aus, um uns irre zu
fhren. Der Weg zum Mont Vinaigre war brigens nicht schwer zu entdecken.
Zunchst sahen wir ihn vor uns, dann brauchten wir im Walde nur der
breiten Strae zu folgen und uns nordwestlich zu halten, dort wo sich
dieselbe mit anderen gleich breiten Straen schnitt. Sie stieg in
Windungen zwischen den Bergen empor. Meist war sie im Walde versteckt, und
wir wanderten im Schatten hoher Bume, oder sie erreichte einen steilen
Abhang, und ber den Gipfel der Bume hinweg konnte der Blick dann ber
grne Thler und Berge weithin sich verlieren. Doch kein Haus war zu
entdecken, nirgends verrieth aufsteigender Rauch eine verborgene Htte:
nichts als Wlder, Thler und Berge in endloser Einsamkeit. Seitdem wir
das Gebirge betreten hatten, war uns kein Mensch begegnet. Wir fhlten uns
ganz allein: es war fast unheimlich. Nach zwei Stunden erreichten wir eine
menschliche Behausung, das Forsthaus zu Malpay: _M[=a]ou pays_,
schlechte Gegend, wie es provenalisch heit, in Erinnerung an jene Zeit,
wo es hier nicht geheuer war, zu reisen.

Die Frau Frsterin schien sichtlich erfreut, sich wieder einmal
aussprechen zu knnen, und gab uns, whrend wir frhstckten, genaue
Auskunft ber die Gegend. Sie zeigte uns auch in stlicher Richtung ein
Stck der rmischen Strae, die man von hier aus auf eine lngere Strecke
hin berblicken kann. Rom mit Gallien verbindend, endete sie in Arelate,
dem heutigen Arles, von wo die _via Domitia_ nach Spanien fhrte. Zwei
rmische Straen, die als aurelianische bezeichnet wurden, fhrten durch
das Esterel. Die ltere folgte von Cannes aus der Kste und erst vor der
sdlichsten Felsengruppe des Esterel drang sie landeinwrts, in ein Thal,
um in westlicher Richtung Frjus zu erreichen. Spter legten die Rmer die
zweite Strae an, die, in gerader Richtung ber die Berge laufend,
ungefhr der heutigen zwischen Frjus und Cannes entspricht und von der
wir hier ein Stck vor Augen hatten. In einer verborgenen Schlucht unfern
derselben liegen in Malpay noch Porphyrsulen aus alter Zeit, unvollendete
Arbeit der Rmer. Der violettrothe Stein hat sich seitdem freilich mit
einer dicken schwarzen Kruste bedeckt. An die Benennung jener rmischen
Straen erinnern hier noch die Namen der Ufer und Berge. Dort, wo die
ltere der beiden Straen das Meer verlie, heit immer noch das Ufer
Plage d'Aurel, und Pic d'Aurel heien die Porphyrmassen, denen sie
dann folgte. Dieses Gebirge war spter von aller Cultur so abgeschnitten,
neuen Einflssen so entzogen, da das Volk bis auf den heutigen Tag eine
noch benutzte Strecke der lteren Strae _lou camin Aurelian_ nennt.

Man verlt in Malpay die breite Strae und folgt in stlicher Richtung
dem Fuweg, der in zahlreichen Windungen am sdlichen Abhang des Mont
Vinaigre aufwrts steigt. - Wie kommt der Berg zu seinem merkwrdigen
Namen? Es heit der saure Wein, der an seinen Flanken wuchs, htte ihm
denselben verschafft. Spuren einstiger Weincultur sind freilich nicht mehr
zu entdecken, hingegen tritt man am Abhang in die herrlichsten Maquis ein.
Baumartige Heide, Ginster, Pistacien, Euphorbien, Asphodelen, sie alle
blhen zu gleicher Zeit und erfllen die Luft mit wrzigem Duft. Denn er
ist kurz, der provenalische Frhling, und die Pflanzen mssen sich
beeilen, bevor die Drre naht; es ist als wenn die Natur ein Frhlingsfest
hier feiern wollte, und unbewut dringt etwas von diesem Frhling auch in
die Seele des Wandrers ein. Er vergit alles Vergangene, ihm ist, als
knne er das Leben von Neuem beginnen. Warum auch nicht? Ist doch die Welt
so alt und erwacht sie dennoch in jedem Frhjahr zu neuem Leben. - Was
duften nur die Heiden so schn nach bittren Mandeln? Jeder Windhauch trgt
uns ganze Fluthen dieses Aromas entgegen. Dieser Duft war uns frher kaum
aufgefallen, doch eine gleiche Flle von Ericablthen hatten wir auch noch
nie gesehen. Ein ser Honiggeruch erfllt jetzt die Luft: eine
unscheinbare kleine Wolfsmilch (_Euphorbia spinosa_) ist es, die ihn
verbreitet. Ihr fehlen auffllige Blthen, und da mu sie sich besonders
bemhen, um in so farbenreicher Umgebung nicht unbeachtet zu bleiben. Sie
wird auch von zahlreichen Bienen besucht, whrend die bunten
Schmetterlinge um andere prchtigere Blthen flattern. Hier lohnt es sich,
Biene und Schmetterling zu sein! Aus dieser Blthenmasse ragen dunkle
Erdbeerbume, zwerghafte Kiefern, immergrne Eichen, stachelige
Wachholderstrucher (_Juniperus oxycedrus_) hervor. Und wo ein noch so
kleiner Platz unbesetzt geblieben an dieser reichen Tafel der Natur, da
drngen sich die Asphodelen (_Asphodelus cerasifer_) mit ihren weien
Blthenrispen ein. Auch sie wollen ihren Antheil an Licht und Wrme haben,
an jener Nahrung, die hier in solchem Ueberma gespendet wird.

Wir steigen nur langsam in die Hhe, bleiben vor jeder einzelnen Blthe
stehen, belauschen die Bienen bei der Arbeit. Erst nach einer Stunde sind
wir oben; da liegt eine ganze Welt zu unseren Fen. Vor uns das grne
Esterel mit seinen tief eingeschnittenen Thlern und seinen steilen Hhen,
wo aus dem Laub der Bume die zackigen Porphyrfelsen in den Himmel ragen.
Im Westen die Ebene von Frjus von ihrem Silberflu durchstrmt; ber
dieser das Maurengebirge mit seinen dunklen Wldern, und dann alle Buchten
der Kste, weit hin bis nach St. Tropez. Im Norden die Kalkalpen in
perlgrauem Ton; im Osten die Seealpen mit schneebedeckten Huptern; davor
ppig grnes Land, mit leuchtenden Stdten und Drfern und wieder die
Kste, erst bei Bordighera in duftigen Nebel sich hllend. Ganz in der
Nhe Cannes, vor ihm die Inseln von Lerins; weit vorspringend in die See
das schmale Cap von Antibes; endlich im Sden, scheinbar dem Himmel
entgegenstrebend, das unbegrenzte Meer.

Heute war es hier oben so windstill, da auch die einsame Korkeiche, die
am Gipfel steht, sich in der Sonne *wrmen* konnte. Auch sie, die
bedauernswerthe, war ihrer schtzenden Korkhlle beraubt worden. Zum
groen Theil entblt, mute sie an schlimmen Tagen dem Mistral hier
trotzen. In dem friedlichen Bilde, das uns umgab, strte diese nackte
Eiche wie ein Miton die Harmonie.

Der Weg, den wir bei Malpay verlassen hatten, setzt sich in gerader
Richtung am Fue des Mont Vinaigre fort und trifft bald auf die groe
Strae von Frjus und Cannes. Folgt man ihr in stlicher Richtung, so
gelangt man bald zu einer Husergruppe, der Auberge des Adrets und dem
Gensdarmerieposten. Der Name, den das Wirthshaus fhrt, war in Paris einst
in Jedermanns Mund, als der berhmte Schauspieler Frderic Lamatre im
Ambigu-Theater die Hauptrolle in einem Schauerdrama gab, das in einer
Auberge des Adrets spielte. Das war in den vierziger Jahren, und alle
sensationsbedrftigen Besucher von Cannes machten Ausflge ins Esterel, um
in der Auberge des Adrets die Rume zu sehen, in denen ein Herr Germeuil
ermordet oder vielmehr *nicht* ermordet worden war. Denn abgesehen davon,
ob die ganze Geschichte sich jemals zugetragen, oder ob sie nur erfunden
war, handelte es sich thatschlich in dem Drama nicht um diese, sondern,
wie das Textbuch deutlich angab, um eine Herberge gleichen Namens auf dem
Wege von Grenoble nach Chambry. - Unter den Besuchern, die in frhlicher
Laune von Cannes aus hierher gekommen waren, befand sich im Jahre 1868
auch Georges Sand. Die Bewohner des Hauses wurden damals schon sehr
ungehalten, wenn man sie ber jenen Herrn Germeuil ausfragen wollte; sie
glaubten, man bezichtige sie des Mordes. Richtig ist, da vor Jahren die
Gegend um jene Auberge des Adrets besonders berchtigt war. In den
unzugnglichen Thlern und Schluchten des Esterel suchten alle jene
Verbrecher ihre Zuflucht, denen es gelungen war, aus den Galeeren von
Toulon zu entfliehen. Sie pflegten die Reisenden unfern von diesem
Wirthshaus anzufallen, an einer Stelle, wo die Strae von angrenzenden
Hhen beherrscht ist. Als wir vorbeifuhren, schreibt Horace Benedict de
Saussure, zeigte uns der Courier von Rom, der mit uns reiste, einen
zertrmmerten Reisekoffer, der noch am Wege lag und einem Courier gehrt
hatte, der vor einigen Tagen ausgeplndert worden war. Als hingegen der
Erlanger Professor der Naturwissenschaften Gotthilf Heinrich Schubert 1822
mit der Hausfrau, die, wie gewhnlich, als Haushofmeister und Adjutant,
ihren alten Trumer begleitete, die nmliche Stelle berschritt, hatten
sich die Zustnde bereits gendert. In dem Wirthshaus war ein
Gensdarmerieposten errichtet. Doch fand er dort nur eine alte Frau und
zwei kleine Kinder vor. Whrend die Reisenden sich strkten, kam die Alte
auf die verschollenen Rubergeschichten zu sprechen. Wenn sich so ein
Ruber doch hier wieder sehen liee, meinte die Frau, damit unsere
Gensdarmen zeigen knnen, da sie ihr Brot nicht umsonst essen. - Seitdem
die Eisenbahn Frjus mit Cannes verbindet, ist diese Strae wie
ausgestorben, und Ruber wrden ihr Auskommen da nicht mehr finden. Das
Wirthshaus zeigt aber noch deutlich an, da es einst darauf eingerichtet
war, sich zu vertheidigen. Die Mauern sind ungewhnlich dick, die Fenster
des unteren Stockwerks mit eisernem Gitter versehen. Durch eine Oeffnung
in der eichenen Thr wurde der Reisende erst genau betrachtet, bevor er
Einla erhielt, schrge Schiescharten in den Wnden sind gegen die Thr
gerichtet: das Haus gleicht einer Festung, die nur durch regelrechte
Belagerung genommen werden konnte. Jetzt steht seine Thr weit offen, und
kleine Kinder spielen vor dem Hause.

Wir kehrten nach Malpay zurck und whlten von dort einen Weg, der in
sdstlicher Richtung uns nach Agay fhrte. Bald waren wir in den _Vallon
de la Cabre_ gelangt. Dort breitete berall am Abhang der lorbeerartige
Schneeball (_Viburnum Tinus_) seine weien Blthendolden aus. Bis auf die
betretenen Wege wagten sich die blauen Schwertlilien (_Iris germanica_)
hervor. Die Dichternarcisse (_Narcissus poticus_) schaute uns aus dem
Gebsch mit ihren leuchtenden Blumenaugen an. Hochstengelige Tulpen
(_Tulipa Celsiana_) grten uns aus der Ferne mit ihren gelben Blthen.
Die violetten Blthenstnde der doldenblthigen Schleifenblume (_Iberis
umbellata_) berraschten uns durch ihre Pracht; hatten wir doch dieses
schne Gewchs bisher nur in Grten gesehen. Bald war in unseren Hnden
_Ophrys aranifera_, die merkwrdige Orchidee, mit ihren spinnenartigen
Blthen, und zu dieser konnten wir dann auch ihre bienenhnliche Schwester
(_Ophrys apifera_) gesellen. Am meisten aber erfreute uns das seltene
_Limodorum abortivum_, eine blattlose Orchidee, die in allen Theilen
hellviolett gefrbt, auch hellviolette Blthen trgt. So wandelten wir im
Thale mit groen Blumenstruen in den Hnden. Da pltzlich tauchte vor
uns ein groer Porphyrblock auf. Er steht auf schwachen Fen und neigt
sich ber den Bach, als wollte er strzen. Das Volk hat ihn den
Taubenschlag, _Pigeonnier_, genannt. Dann fhrte unser Weg weiter an
anderen phantastischen Felsen vorbei; oft schienen sie das Thal zu
versperren und traten erst weit im Halbkreis auseinander, als wir den Flu
von Agay erreichten. Dem folgten wir bis an das Meer. Zackig zerrissen, in
rothem Lichte glhend, schaut dort das Castel d'Agay in die See hinab. Wie
Zhne einer Riesensge ragen in langgedehnter Reihe die steinernen Zacken
gegen den Himmel vor. Wir rasteten an der lieblichen Bucht von Agay, die
der rothe Porphyr in einen farbigen Rahmen fat. Wir sind hier zehn
Kilometer von St. Raphal entfernt, an der Station der Mittelmeerbahn, die
dem Seestrande folgt, um dem Gebirge auszuweichen.

Unfern von Agay, am Wege nach St. Raphal, wird blauer Porphyr gebrochen.
Groe Blcke sprengt man aus dem Berge heraus, schneidet sie in Platten
und Wrfel und verwerthet den Rest fr Straenbau. Der ganze Strand ist
mit blauem Porphyr bedeckt, und zahlreiche Arbeiter sind beschftigt, ihn
auf Schiffe zu laden. Der Porphyr des Esterel ist ein Quarzporphyr, der in
dichter, mit bloem Auge nicht unterscheidbarer Grundmasse, die aus Quarz
und Feldspath besteht, Krystalle oder crystallinische Krner aus Quarz
oder Feldspath fhrt. Der Feldspath ist meist fleischroth, doch wird die
rothe Frbung des ganzen Gesteins vornehmlich durch Eisenoxyd bedingt, das
als ein feiner Staub in der Grundmasse vertheilt ist. In den blauen und
andern hellgefrbten Porphyren tritt das Eisenoxyd gegen
Eisenoxydulverbindungen zurck. Der blaue Porphyr wird fr Straenbauten
besonders geschtzt und seine Gewinnung hier in groem Mastab betrieben.
- Dem Steinbruch gegenber springt eine Landzunge, _Le Piton de
Dramont_, vor in die See und trgt auf steil abfallenden Felsen einen
hohen Leuchtthurm. Er warnt den Schiffer schon aus der Ferne vor der
Gefahr, die ihn an dieser felsigen Kste bedroht. Die Bucht von Agay, die
bei ruhigem Wetter still ist und leer, fllt sich bei strmischer See oft
mit vielen Schiffen. Sie warten hier, im sicheren Schutze der Berge, auf
gnstigeres Wetter, und schon zur rmischen Zeit hat der Agathon Portus
manches Schiff vor Untergang gerettet.

                                   VI.

Als ein Wunder des Esterels gilt das Malinfernet, ein versteinertes
Felsenmrchen. Eine Strae fhrt jetzt von Agay dahin, und drei Stunden
Wagenfahrt gengen, um es von St. Raphal zu erreichen. Wir ziehen die
Fuwanderung vor und brechen von le Trayas auf, wohin wir mit der Bahn in
einer halben Stunde gelangen. Dort kreuzen wir sogleich die Schienen und
steigen am westlichen Abhang des vor uns sich erhebenden Berges in die
Hhe. Wir wandern in Maquis, noch ppiger als wir sie an andern Stellen
des Esterels gesehen. Vom sen Honigduft der Euphorbien sind wir fast
betubt. Weite Flchen werden gelb gefrbt von groblthigen
Pfriemenstruchern (_Calycotome spinosa_). Cistusrosen (_Cistus albidus_)
beginnen eben ihre groen rothen Blthen zu entfalten. Zunchst sind sie
zerknittert, so wie sie es in dem engen Raum der Knospenhlle waren, doch
breiten sie sich aus, verlieren bald alle Falten und locken nun die
Schmetterlinge durch ihren zarten Farbenreiz. Wir pflcken keine dieser
Blthen, da sie zu vergnglich sind, der leiseste Windhauch trgt ihre
Kronenbltter davon. - Welche Flle bunter Schmetterlinge belebt hier den
Abhang. Blthen und Schmetterlinge gehren ja zusammen. Der sonst seltene
Falter _Anthocharis Eupheno_ ist hier fast gemein. Er gleicht unserem
Aurorafalter, ist aber schwefelgelb, nicht wei wie jener. Dieselben
rothen Flecken zieren seine Vorderflgel. Unruhig und rasch fliegt er
durch die Lfte. Ebenso behend ist der Osterluzeifalter (_Thas
Polyxena_), dessen brunlich gelbe Flgel mit schwarzen Zacken sich
umrandet zeigen und rothe und blaue Flecken tragen. Er gleicht einem
Harlekin, so bunt und befranzt ist seine Tracht. Langsam schweben in allen
Richtungen die Segelfalter an uns vorber. - Bald haben wir einen Kamm,
den Col Lentisque erreicht, den zahlreiche Korkeichen schmcken. Hier
schneiden sich mehrere Wege. Wir whlen denjenigen, der zur Rechten
abzweigt, berschreiten alsbald die Pahhe und beginnen in einem waldigen
Thale, dem Ravin des Baches Escalle, der hier abwrts fliet, langsam
abzusteigen. Schne Stecheichen (_Ilex aquifolium_) ragen stellenweise aus
dem ppigen Dickicht hervor. Es sind das hier stattliche Bume, whrend
wir sie in unseren Wldern nur in Strauchform finden. Da fllt uns dann
wieder auf, was einst schon Chamisso bemerkte, da die glnzenden,
lederartig starren Bltter nur in den unteren Theilen des Baumes mit
scharfen Zhnen besetzt sind, an den hher entspringenden Aesten aber
einen fast glatten Rand haben. Nur an denjenigen Blttern, die von den
weidenden Thieren erreicht werden knnen, bildet zum Schutz gegen
dieselben diese Pflanze Stacheln aus. Der Weg wendet sich pltzlich nach
Westen, und ganz unvermittelt stehen wir am Ausgang des Malinfernet. Da
ragen sie nun hervor aus dem dunklen Wald, alle die rothen Felsen hier in
der Sonne glhend, dort in den Schatten der Berge getaucht. Sie
verschieben sich gegeneinander bei jedem Schritt, den wir vorwrts
schreiten; die einen schwinden, die andern treten hervor, fast endlos. Und
der klare Bach, der das Thal durchstrmt, rauscht entweder stark, oder
murmelt schwach, oder donnert laut in Wasserfllen. Einmal verbirgt er
sich ganz im grnen Laub der Bume, dann tritt er wieder weit sichtbar vor
und spiegelt mit hellem Glanze den Himmel. Und erst die Felsen! Hier
glaubt man einen spitzen Thurm zu sehen, wie den Thurm eines gothischen
Domes, mit steinernen Blumen und Thieren und allerhand Schnrkeln
verziert; dort eine Burg mit ihren Schanzen und Zinnen, dort eine Orgel
mit riesigen Pfeifen, hier einen schlanken Kegel, dort einen kantigen
Crystall, hier wieder ein Standbild auf hohem Postament. Ist das nicht der
Gott Osiris, der auf diesen Felsen thront? Er trgt zwei junge Kiefern wie
Scepter in den Hnden. Am Eingang jener Schlucht kauert eine Sphinx und
holt aus zum Sprunge. Und dort am fernen Abhang scheint eine wilde Jagd
den Berg hinabzurasen. Die phantastischen Thiere ragen hoch aus dem Wald
hervor, in letztem Todeskampf zu Stein erstarrt. Da hat die Natur ihrem
ungezgelten Gestaltungsdrang freien Lauf gelassen; sie schuf in
bermthiger Laune. Und als bereue sie nachtrglich diesen Uebermuth,
verbarg sie sorgsam das Thal zwischen hohen Bergen. Das Malinfernet mute
thatschlich erst entdeckt werden, und noch im December 1851, nach dem
napoleonischen Staatsstreich konnten politische Flchtlinge sich dort
lange Zeit verborgen halten und den Nachforschungen der Gensdarmen
entgehen.

                                   VII.

Gegen Abend zogen wir wieder hinaus zum Strande von St. Aigulf. Wir
wollten das Esterel noch einmal im Glanze der untergehenden Sonne glhen
sehen. Es war ein farbenprchtiger Abend, still und mild, einer jener
Abende, die das Gefhl des Glckes in der menschlichen Seele erwecken.
Kein Luftzug bewegte die Bltter der Bume. Im See von Villepey spiegelten
sich dunkle, goldumstrahlte Wolken. Durch unser Nahen aufgeschreckte Vgel
flohen aus dem Dickicht des Ufers empor. Sie stiegen in die Lfte und
schienen schwarze Furchen zu ziehen am hellen Abendhimmel. Die Wolken im
Westen nahmen Purpurfarben an, und in ihrem Widerschein rthete sich auch
der See. Er sah jetzt unheimlich aus, wie eine Lache von Blut; das dunkle
Dickicht aus Rohr umfate ihn mit schwarzem Trauerrand. Wir setzten unsern
Weg fort zum Strande. Bald stand der Westen in voller Gluth, und das
Maurengebirge glich einem Riesen in der Feuersbrunst. Die Bume des Waldes
zeichneten sich schwarz auf hellem Grund, als wre ihr Umri mit Kohle
gezogen. Allmlig verblate der Himmel. Auf den spiegelnden Wellen des
Meeres begannen sich die weien Strahlen der ersten Sterne mit dem rothen
Abglanz der letzten Abendlichter zu mischen. Als wir den Strand
erreichten, war es bereits so dunkel, da wir den Umrissen des Meeres
nicht mehr folgen konnten. Der Himmel sprhte von Sternen und schien auch
ungezhlte Lichter im Meere auszusen. Wir lauschten dem Sthnen und
Rollen der Brandung und frugen uns, warum es ewig klagt und grollt, dieses
lnderumsplende Meer; ist es der Schmerz ber all' das Leid, das sich an
seinen Ufern zugetragen? Ist doch auch dieser Ort nach jenem Heiligen
benannt, der auf den Lerinischen Inseln gemartert ward. Manchmal glaubten
wir nahende Schritte zu hren; doch nein, es war nur ein reifer
Kieferzapfen, der vom Baum zu Boden fiel, oder eine grere Welle, die
sich ber das Ufer ergo und zischend dem Meer wieder zueilte. Die
silberne Mondsichel, ganz schmal, tauchte hinab in die Bume. Starr
leuchteten uns von Osten her die Leuchtthrme von St. Raphal und von
Drammont entgegen; der Phar von Camarat im Westen flammte auf und nieder:
es war, als ffnete und schlsse er abwechselnd sein groes Feuerauge. Im
Meere tauchten Barken auf in gelbem Fackelschein. Das waren Fischer,
welche mit Feuer die Tiefen erhellten, um Fische zu ersphen. Die
flackernden Flammen warfen lange zitternde Streifen auf die Wellen.
Pltzlich tauchte dicht vor unseren Augen, gespensterhaft gro, eine
riesige Barke auf, mit ausgespannten Segeln. Sie deckte uns die Sterne und
warf einen schwarzen Fleck ber den funkelnden Himmel. Eben so rasch, wie
sie kam, war sie auch verschwunden, lautlos, unvermittelt, wie ein
Geisterschiff.

                                  VIII.

Unfern vom Bahnhofe bei le Trayas schaut aus dem dunklen Grn der Bume
ein helles Huschen hervor. Schilder an der Station preisen es als _Htel
du Trayas et restaurant de la Rserve_ an. Der Ort liegt so schn am
Wald, zwischen rothen Felsen, da wir den Entschlu faten, dort einige
Zeit zu weilen. So fanden wir uns am nchsten Tage auf der Station von le
Trayas mit unserem Gepck wieder ein. Wir frugen nach dem Wege zum
Htel, und wurden auf einen Hund verwiesen, der sich in unserer Nhe
befand. Sie brauchen ihm nur zu folgen, er wartet auf die Gste. Der
Hund hatte sich uns genhert, als wir mit Handgepck beladen, aus dem
Eisenbahnwagen stiegen und sah uns verstndnivoll an. Es war ein groer
schwarzer Vorstehhund, mit langem seidigem Haar. Wir schritten zum
Ausgang; der Hund eilte uns voran, blickte oft sich um und wedelte dann
mit dem Schweife. Er fhrte uns den Weg an der Bahn entlang, hierauf in
den Wald. Einen Augenblick war er verschwunden: es galt einen kleinen
Pintscher im nahen Frsterhause zu besuchen, vielleicht ihm mitzutheilen,
da Fremde angelangt seien. Der kleine Freund kam mit bis auf den Weg, um
uns zu betrachten, dann zog er sich zurck. In einer Viertelstunde
erreichten wir das Gasthaus, einen bescheidenen Bau, doch mit ziemlich
weiter Glashalle. Augenscheinlich wurde die Restauration des Htels mehr
als seine Wohnrume in Anspruch genommen und somit wohl die Glashalle am
meisten bentzt. Der Hund stellte sich vor die Eingangsthr und bellte. Es
war das aber nicht ein gewhnliches Bellen, er stie vielmehr gedmpfte,
rasch hinter einander gedehnte Tne aus, welche die Mitte zwischen Bellen
und Heulen hielten. Da strzte der geschftige Wirth mit seiner ganzen
Familie aus dem Hause und bot uns seine Dienste an. Die Zimmer im Hause
sind zwar uerst klein, doch ertrglich, der Aufenthalt auf der Terrasse,
bei so schnem warmem Wetter, wie wir es trafen, war aber geradezu
entzckend. Steht doch das Haus dicht am Meere, auf einem Porphyrfelsen,
und kann der Blick weithin der Kste folgen, an rothen Porphyrmassen, dann
dunkelgrnen Hhen vorbei Cannes erreichen und auf den Lerinischen Inseln
im Meere, oder dem weien Schnee der Alpen ber den Bergen, endlich ruhen.
Vorn ist der rothe Strand in scharfe Buchten zerschnitten und zu tiefen
Grotten ausgehhlt; im Norden steigt, dicht ber dem Hause, der Pic
d'Aurelle empor, im Westen schliet die mchtige Felsenmasse des Cap Roux
die Landschaft ab.

Viele Fremde kommen aus Cannes hierher, verweilen aber nur wenige Stunden,
um sich in der Glasveranda an _Bouillabaisse_, oder an den Austern und
Hummern der Reserve zu laben. Hin und wieder findet sich zu mehrtgigem
Aufenthalt ein leidenschaftlicher Liebhaber des Fischfangs ein. Denn das
Meer gilt fr besonders fischreich an diesem felsigen Strande, und der
Fischer findet vollauf Gelegenheit, seine List und seine Gewandtheit zu
ben. Als besonders spannend gilt der Fischfang des Nachts bei Feuer und
verlangt, so wie er hier gebt wird, sehr viel Geschick. Eine solche Fahrt
mu man einmal mitgemacht haben!

Das Meer war so ruhig, so einladend, da wir einen Fischer veranlaten,
uns am Abend zu solchem Fischfang mitzunehmen. Es dunkelte schon, als wir
das Land verlieen. Kein Mond am Himmel, doch unendlich viel leuchtende
Sterne, deren Zahl noch immer zu wachsen schien. Sie spiegelten sich in
den Wellen, die wir durchschnitten. Die Umrisse der Berge schwanden immer
mehr; bald bildeten sie nur noch einen dunklen sternenlosen Schatten am
Himmelssaum. Im Meere war es still; wir hrten nur den leisen Anprall der
Wellen gegen das Boot und den regelmigen Schlag der Ruder ins Wasser.
Die Brise aber, die des Nachts von den Bergen weht, trug die Stimmen des
Landes ber das Meer. Wir hrten aus der Ferne die lauten Concerte der
Laubfroschscharen, das schrille Zirpen der Heuschrecken. Zugleich brachte
uns diese Brise alle die Wohlgerche, welche den harzigen Kieferwldern
und den wrzigen Maquis entstrmen. Nah und fern glnzten am Ufer, wie
groe Sterne, die Leuchtthrme uns entgegen. Wir gaben uns diesen
Eindrcken ganz hin und athmeten mit Wonne die balsamische Luft. Der eine
Fischer beugte sich dann ber das Boot, um das Feuer zu entznden. Vorn an
einem Haken war der eiserne Gitterkorb befestigt, den er mit harzigem Holz
der Aleppokiefer gefllt hatte. Knisternd entflammte dasselbe und
verbreitete ein grelleres Licht, wie Fackelschein. Dieses Licht drang in
die Tiefen des Meeres ein, whrend der Himmel ber uns jetzt fast schwarz
erschien. Wir glitten ber Felsenmassen, auf welchen Meeresalgen wahre
Zaubergrten bilden. Da mischen und durchdringen sich alle Farben, von
lebhaftestem Grn bis zu dunklem Braun und zu leuchtendem Roth. Hier
breite Bltter zu Rosetten aneinander gedrngt, dort lange fluthende
Fden, wie aufgelstes Haar, dort wieder rundliche Gebilde wie Muscheln.
Dazwischen schillernde Seeanemonen mit vorgestreckten Fhlern, rothe
Seesterne mit ausgebreiteten Armen und stachelige Seeigel, die dunkle
Flecke in einem bunten Teppich zu bilden scheinen. Kleine Fische fliehen
erschreckt nach allen Seiten, grere folgen in Scharen, wie durch das
Licht fascinirt, unserem Boot. Sphend steht am Vordertheil des Schiffes
der Fischer und schaut in die Tiefe. Er hlt eine dreizinkige, an langer
Schnur befestigte Harpune in der Hand, bereit sie abwrts zu stoen. Jetzt
giet er einige Tropfen Oel auf das Wasser, um die Fluth, die der Luftzug
kruselt, zu gltten. Die Ruderschlge verstummen. Pltzlich fhrt der
Wurfspeer in die Tiefe, sein mit Widerhaken versehener Dreizack durchbohrt
einen Fisch, und zappelnd wird dieser emporgezogen, um im Boote bald zu
verenden. - Es gehrt viel Uebung und Geschick zu einer solchen Jagd.
Nicht nur gilt es beim Wurf die Bewegung des Fisches, sondern auch jene
Lichtbrechung im Wasser zu bercksichtigen, welche den Fisch an einer
anderen Stelle zeigt, als die, an der er sich wirklich befindet. Wir gaben
die Jagd auf, es gengte uns dieses eine Opfer; langsam erlosch unser
Feuer und wieder glitten wir friedlich auf der weiten See, beschienen von
silbernen Sternen.

Gegen den Mistral ist le Trayas vollstndig gedeckt, der Cap Roux fngt
ihn mit seinem breiten Rcken auf. Zu gleicher Zeit, da in Cannes und
Nizza dichte Staubwolken von den Straen aufsteigen, merkt man hier kaum
einen Luftzug und kann sich behaglich im Freien vor dem Hause sonnen. Doch
darf der Ostwind nicht kommen; der rckt hier an, mit voller Gewalt; er
strmt das Gebirge, das ihm Halt gebietet, prallt zurck von den hohen
Felsen und umwirbelt sie mit wthendem Geheul. Das gengstigte Meer
scheint dann auf das feste Land sich flchten zu wollen; mit Schaum
bedeckt versuchen es seine Wellen, die Felsen zu erklimmen, doch sie
zerschellen an dem harten Stein und sinken gebrochen zurck in die Tiefe.
In der Hhlung der Grotten fangen sie sich aber ein, suchen dort einen
Ausweg nach oben und schlagen mit solcher Gewalt gegen die Wlbungen an,
da das ganze Ufer erdrhnt. Da ist von Schlaf kaum die Rede des Nachts in
dem kleinen Hause, - schlummert man endlich auch ein, so trumt man
Schauergeschichten und wacht dann pltzlich auf mit Schrecken und
Beklemmung. Staub gibt es freilich selbst dann nicht auf den
Porphyrstraen des Esterel, und in einem vom Strande entfernteren, mehr
geschtztem Hause, knnte daher wohl mancher Lungenkranke im Frhjahr
besser aufgehoben sein, als in den von Kalkstaub erfllten Kurorten. Im
Winter selbst wird es hier zu kalt und fehlen demgem auch die
empfindlicheren Pflanzen in der Flora.

                                   IX.

Vor Allem galt es uns von hier aus den Gipfel des Cap Roux, den Grand
Pic des Esterel, zu besteigen. Gleichzeitig wollten wir die Grotte Sainte
Beaume d'Honorat besuchen und frugen nach dem Wege zu derselben. Der Wirth
bot uns den Hund als Fhrer an, denselben Hund, der uns am Bahnhof
empfangen hatte. Castor wurde herbeigerufen. Wir hatten schon nhere
Bekanntschaft mit ihm geschlossen, bei den Mahlzeiten seiner gedacht und
so seine Zuneigung gewonnen. Dieser Hund hatte merkwrdig viel Ausdruck im
Gesicht; seine Augen blickten so klar und treu, und wenn er uns von der
Seite ansah und das Wei seiner Augen sichtbar wurde, da erschienen diese
so verstndig und nachdenklich, so berlegt und klug, fast wie
Menschenaugen. Allem Anschein nach verstand Castor den Sinn vieler Worte
und staunten wir daher auch nicht, als der Wirth den Auftrag ihm
ertheilte, uns nach der Beaume zu fhren und zu diesem Zwecke das Wort
Beaume drei Mal mit Nachdruck wiederholte. Castor wedelte mit dem
Schwanze zum Zeichen des Verstndnisses, doch blieb er zunchst noch
stehen. Ah! sagte der Wirth, ich habe den Lohn vergessen, den er gewohnt
ist zu erhalten: die eine Hlfte hier, die andere an der Beaume. So wurden
denn Cakes geholt, fr welche Castor eine besondere Vorliebe hatte. Die
eine Hlfte verzehrte er sogleich mit sichtlichem Behagen, die andere
Hlfte nahmen wir mit auf den Weg. Wir brachen jetzt auf, Castor voran,
die Schnelligkeit seines Ganges nach der unserigen richtend, hufig nach
rckwrts schauend, ob wir ihm auch folgen. Wir streiften den
Eisenbahndamm in westlicher Richtung und waren bald an die Mndung des
Thales gelangt, das den Pic d'Aurelle von der Bergwand des Cap Roux
scheidet. Das Meer dringt vor in dieses Thal, um eine der vielen Buchten
zu bilden, die hier Calanques heien. Eine Eisenbahnbrcke berspannt im
Bogen die Bucht. Wir glaubten den Weg unter derselben einschlagen zu
mssen, doch Castor fhrt uns aufwrts, und ohne auf die Eisendrhte zu
achten, durchkreuzt er die Bahn. Wir glaubten seinem Beispiel folgen zu
mssen, und in der That schliet ja auch beiderseits der Weg an den
Bahndamm an. Die Drhte scheinen nur da zu sein, um berstiegen zu werden,
nur um die Bahn im Falle eines Unglcks vor der Verantwortung zu schtzen.
Diese Einrichtung wiederholt sich hier lngs der ganzen Bahnstrecke,
zahlreiche Wege mnden beiderseits an dieselbe, und man wird zum
Uebersteigen der Drhte vom Bahnwrter selbst ermuthigt, wenn man ihn nach
dem Wege frgt. - Castor fhrte uns am Abhang des Cap Roux in
nordwestlicher Richtung weiter; er kehrte sich nicht an die vielen Wege,
die steiler am Berge aufstiegen, ging ruhig und sicher in gerader Richtung
vor sich hin. Das Thal wendet sich dann nach Westen, und wir folgten dem
nrdlichen Abhang des Berges. Ein gemauertes Schutzhaus steht am Wege, das
den Forstbeamten als Zufluchtssttte dient; nebenan entspringt am Berg
eine Quelle. Hier bog Castor seitlich ab, whlte den rechts aufsteigenden
Pfad und fhrte uns jetzt steil in die Hhe. Zunchst war der Weg noch
gut, doch nach einiger Zeit gelangten wir in Gerll und Felsen. Dann
folgten Stufen im Stein; stellenweise schwebten wir ber dem Abgrund, doch
da waren eiserne Stbe in den Fels geschlagen, an denen wir uns sttzen
konnten. Castor war augenscheinlich nicht schwindlig; er kletterte behende
aufwrts, schaute oft an schwierigen Stellen sich um, als wenn er unserem
Geschicke nicht ganz traute. Vor uns auf der Felsenkante steigen die
Trmmer eines Thurmes auf, die Reste der frheren Einsiedelei. Ein Thorweg
durchsetzt den Thurm; wir bleiben an dessen Eingang stehen. Der Blick
taucht hier ber die steilen Felsen in das ppige Thal hinab. Grne Berge,
von zackigen Porphyrmassen gekrnt, steigen jenseits auf; ber dem Col
Lveque im Osten glnzen die Schneehupter der Alpen. Und im Westen, in
blulichem Dunst getaucht, begrenzt das Maurengebirge den Horizont. -
Jenseits des Thurmes ist der Eingang zur Grotte. Castor hatte sich vor
denselben gelagert. Nicht ohne Selbstgefhl schaute er uns an. Er hielt es
nicht einmal fr nthig mit dem Schweife zu wedeln, als wir ihm die Cakes
berreichten. Er hatte sie verdient; Demuth war nicht am Platze. Wir
traten in die Grotte ein. Rechts birgt sie eine Cisterne. Im Hintergrunde
ist ein bescheidener Altar errichtet, und noch bescheidenere Standbilder
der Heiligen zieren die Wnde. Hier soll einst als Einsiedler der heilige
Honoratus gelebt haben, jener Heilige, der um das Jahr 408 auf den
Lerinischen Inseln ein berhmt gewordenes Kloster grndete. Zahlreiche
Pilger zogen Jahrhunderte lang und ziehen auch jetzt noch am ersten
Donnerstag im Mai den steilen Berg hinauf, um den Heiligen zu verehren.
Eine Nische in der Grotte soll des Heiligen Lager gebildet haben. Die
Pilger betrachten mit Andacht die Vertiefungen im Stein, die sie als
Spuren deuten, welche der Krper des Heiligen hinterlie.

St. Honoratus stammte aus dem nrdlichen Gallien, wie es heit aus einer
vornehmen Familie. Noch jung zog er sich in diese Einde zurck. Sein
Beispiel regte zur Nachahmung an. Es folgte ihm der heilige Eucharius, ein
provenalischer Edelmann, Seigneur de Thol et de Mandelieu, der aber
spter als der heilige Honoratus der Welt entsagte. Er mag manchen
bitteren Kummer und manche Enttuschung zuvor erlebt haben. Denn, wie ich
der Geschichte der Dicese Frjus, die der Abb Disdier verffentlicht
hat, entnehme, war der heilige Eucharius zuvor verheirathet gewesen und
besa zwei Shne und zwei Tchter. Als ihm seine Frau durch den Tod
entrissen wurde, bergab er die Erziehung der Shne dem heiligen Hilarius
und zog sich zunchst auf eine der Lerinischen Inseln und dann in die
Einsiedelei des Cap Roux zurck. Er bewohnte hier eine Grotte, die noch
unzugnglicher, noch abgeschlossener als diejenige des heiligen Honoratus
war. Hier von Allen getrennt, der Ruhe und der Schweigsamkeit sich
weihend, hatte er weder den Willen noch die Gelegenheit zu sndigen. Hier
verfate er auch einen begeisterten Tractat zum Lob der Einsamkeit. Doch
sollte er sein Leben nicht in dieser Einde beschlieen. Abgesandte der
Lyoner Gemeinde entfhrten ihn, um ihn als Erzbischof an ihre Spitze zu
stellen. - Schwer fllt es heute, sich in den Geist jener begeisterten
Asketen zu versetzen, denen als Ideal der Vollkommenheit nicht die
Erfllung der sittlichen Pflichten des Lebens, sondern der Ertdtung aller
sinnlichen Gelste vorschwebte. Doch damals waren die Zeiten anders, und
es sah so traurig aus in der Welt, da mancher an ihr verzweifeln konnte.
Manch' edel angelegter Mensch mochte glauben, da sein ethisches Ideal
innerhalb einer solchen Welt nicht zu verwirklichen sei, und suchte es
darum in der Weltentsagung. Solches ideale Streben, das mit dem Opfer der
eigenen Person verbunden ist, zwingt uns Bewunderung ab; menschlicher
muthet uns ein spterer Einsiedler vom Berge des Cap Roux an, Namens
Laurentius Bonhomme, der dort die zweite Hlfte des siebenten Jahrhunderts
verlebte. Er betrieb allerhand kleines Gewerbe, war immer fleiig bei der
Arbeit, zchtete Bienen, verwerthete deren Wachs und Honig, und das Geld,
das er verdiente, vertheilte er unter die Armen. Er schlo sich von den
Menschen nicht ab, wanderte auch nicht selten nach Frjus, gefolgt von
einem Reh. Der Bischof lie sich das Reh von ihm schenken; es blieb in
Frjus zurck. Spter nun, als Laurentius wieder einmal in Frjus war und
vor dem bischflichen Palaste sich laut unterhielt, hrte das Reh seine
Stimme, sprang aus einem Fenster des Palastes zu ihm hinab und leckte
seine Hnde. Da fhlte der Mann sich glcklich; er empfand _le bonheur du
parfait solitaire_, wie es in der Erzhlung heit. So auch war seine
Einsiedelei stets von zahlreichen Vgeln umgeben, die er zu Zeiten der
Drre in den Vertiefungen der Felsen mit Wasser trnkte. Eines Tages
berraschte er Diebe, die ihm seine Bienenstcke geraubt hatten.
Erschrocken sahen die Missethter ihn nahen. Er aber trug ihnen auch noch
die brigen Bienenstcke zu und rief ihnen nach, sie htten die besten
vergessen. Solche unerschpfliche Gte rhrte das Gemth der Missethter:
sie besserten sich, so heit es, von dieser Stunde.

Wir blieben nochmals vor der Grotte stehen und verloren uns im Anblick
dieser schnen Gegend. So mag sie auch ausgesehen haben vor anderthalb
tausend Jahren, als der heilige Honoratus in dieselbe blickte. Auch damals
schon glnzten die rothen Porphyrfelsen so feurig im Sonnenschein, und
damals schon leuchtete der ewige Schnee so blendend wei dort jenseits auf
den Alpen. Auch dasselbe Bedrfni nach Idealen ist dem menschlichen
Geiste geblieben, nur hat sich die Form derselben verndert.

Wir stiegen hinab bis zur Quelle und schlugen einen anderen Weg dann ein,
um von Westen her den Gipfel des Berges zu erreichen. Wir suchten Castor
zur Heimkehr zu bewegen, doch zog er es vor, bei uns zu bleiben. Freilich
fhlte er sich nicht mehr verpflichtet, uns den Weg zu weisen, er ging
nicht mehr vor uns her, schweifte vielmehr ab nach allen Seiten. Oft sah
man ihn nicht, da war er im Gebsch, um Vgel aufzuscheuchen; er schaute
ihnen in den Lften nach. Einmal schien er einem greren Thier
nachzujagen, vielleicht einem der vielen Fchse, die das Esterel bewohnen.

Auf dem Gipfel des Cap Roux, dem Grand Pic, der einst Vigie de Peyssarin
genannt wurde, entfaltete sich vor uns ein Bild so herrlich, wie wir es
kaum je gesehen. Der Eindruck, den wir empfingen, war erhaben und lieblich
zugleich, malerisch und von mchtiger Wirkung. Whrend vom Mont Vinaigre
aus unser Auge erst in der Ferne ber grne Berge das Meer erreichen
konnte, hatten wir hier die blauen Fluthen zu unseren Fen. Die grnen
Abhnge des Cap Roux fallen langsam zum Meere ab; sie endigen in schroffen
Felsen, die sich senkrecht in die Wellen strzen. Dort setzen sie sich
fort mit Zacken und Rissen, schneiden ein in das Meer mit scharfem Grat,
fassen es in ausgehhlte Mulden, tauchen dann wieder wie steinerne Riesen
aus der Fluth empor. Das Wasser nimmt violette Tne an auf dem purpurnen
Grunde: es scheint flssiger Amethyst zu sein in einem Becken von Rosso
antico. Um uns herum glhen die Felsen in hellem Sonnenschein. Gelbe und
graue Anflge, von Flechten erzeugt, tnen das satte Roth ab in unzhligen
Schattirungen. Gegen diesen Vordergrund hebt sich die Ferne mit ganz
eigenem Colorit ab; man wird vllig berauscht von dieser Pracht, sie
klingt einem wie Musik in der Seele. Zunchst beachtet man kaum die Form
der Gegenstnde und lt nur ihre Farben auf sich wirken: wie sich die
Tne mischen und wie sie einander durchdringen, wie sie hier verschmelzen,
dort in effectvollem Contrast von einander absetzen. Wie wunderbar glht
dieser braunrothe Colo auf dem blauen Hintergrunde des Meeres, das hoch
hinter ihm am Horizonte aufzusteigen scheint! Wie hebt sich dieser andere
Porphyrfelsen von dem perlgrauen Grunde der Kalkalpen ab; dort springen
wieder rothe Zacken vor gegen den leuchtenden Himmel, im Osten ber Nizza
krnt der blendend weie Schnee der Alpen wie ein silbernes Diadem das
grne Vorgebirge. Ihm wenden sich immer wieder von Neuem unsere Blicke zu.
Unten aber schillert am Strande das blaue Meer in purpurnen Tnen auf dem
rothen Grunde; fern im Sden spiegelt es die Sonne wider und strahlt
unermeliches Licht zurck. Eine mchtige Felsenmasse im Westen deckt uns
das Thal von Frjus, hinter ihm thrmt sich das Maurengebirge in
sammetgrnen Farben auf. Das Auge folgt der Kste bis zu den goldenen
Inseln. Im Osten liegt vor uns der Golf de la Napoule und Cannes fast in
greifbarer Nhe. Die Inseln von Lerin tauchen grn wie Smaragde hervor aus
der goldigen Fluth. Wir sehen sie jetzt alle zu einer leuchtenden Gruppe
vereinigt, voran die Insel St. Honorat, dann St. Margurite, und neben
St. Honorat im Osten, nur als dunkler Streifen, die kleine St. Frol;
dahinter taucht das Cap d'Antibes seine belaubten Ufer in die Fluthen; es
springt so weit vor in die See, als wollte es dieses eine Meer in zwei
Meere theilen. Jenseits der Baie des Anges, der breiten Engelsbucht,
glnzt das weie Nizza im Halbkreis an grnen Hgelketten, und dann
erheben sich Berge hinter Bergen, bis jenseits Bordighera die Umrisse der
Kste verschwimmen.

Auf Castor machte dieses Bild keinen Eindruck. Er beschnffelt sorgsam die
Steine, auf welchen, den Ueberresten nach zu schlieen, von frheren
Touristen manches Frhstck verzehrt worden ist. Sicherlich strengt er
seine Einbildungskraft an, um die einzelnen Menus zu reconstruiren, -
dann ghnt er zu wiederholten Malen, streckt sich aus und schlft. -
Stunden vergingen, bevor wir uns entschlossen, den Abstieg anzutreten.

                                    X.

Den Pic d'Aurelle durften wir nicht unbeachtet lassen, ihn, unseren
nchsten Nachbar. Wir muten denselben besteigen, wre es auch nur jenem
Aurelius zu Ehren, nach welchem er den Namen fhrt. Was fr ein Aurelius
das ist, dessen Name durch jenen Fels wie durch die alte rmische Strae
verewigt wird, das lt sich freilich nicht mit Sicherheit sagen. Die
Wahrscheinlichkeit spricht fr Cajus Aurelius Cotta, weil er den Plan zu
dieser groen Strae entwarf und deren Bau auch, von Rom aus, im Jahre 241
vor Christus begann. Die Strae soll er aber nur eine kurze Strecke weit
ausgebaut haben; sie wurde dann von Aurelius Scaurus ber Pisa und Savona
fortgesetzt, von Julius Caesar endlich bis zum heutigen Arles gefhrt.

Wir stiegen vom Htel geradeaus in die Hhe, berschritten in gewohnter
Weise den Bahnkrper und erreichten bald einen breiten Weg, der in
westlicher Richtung den Berg umkreist. Diesem Weg muten wir lngere Zeit
folgen, immer das grne Thal vor Augen, das den Pic d'Aurelle vom Cap Roux
trennt. An dem nrdlichen Abhang des Cap Roux profiliren sich scharf die
dunkelrothen Felsen, und deutlich ragt aus denselben der Thurm hervor, der
vor der Grotte des heiligen Honoratus wacht. - Wir whlen den ersten
Fuweg, der jetzt bergauf am Pic d'Aurelle sich wendet. Der Berg ist nur
etwa 300 Meter hoch, lt sich somit ohne Anstrengung besteigen. Der Blick
von demselben ist jenem vom Gipfel des Cap Roux hnlich, doch entsprechend
eingeschrnkt. Denn das Cap Roux deckt die ganze Kste im Westen, und nur
das Thal an seinem nrdlichen Abhang gestattet einen Durchblick bis zum
Maurengebirge. Da sieht man im Thale des Argens auch Frjus liegen und
begreift es nun wohl, warum die Rmer zunchst dieses Thal erwhlten, um
ihre Strae von der Kste nach Forum Julii zu fhren. In stlicher
Richtung schweift auch vom Pic d'Aurelle das Auge unbegrenzt ber die
schneebedeckten Alpen und die weite Kste. Die nackten Porphyrfelsen, die
den Gipfel des Berges bilden, tief zerklftet, gleichen den Ruinen einer
Titanenburg. Mit Vorsicht nur darf man den Felsenrndern sich nhern, denn
ganz unvermittelt fallen sie ab in die Tiefe.

Jede Wanderung im Esterel bot uns neue Reize. Mit seinem gepflegten Walde
und seinen sorgsam unterhaltenen Wegen gleicht dieses Gebirge einem groen
Parke, in welchem mit Kunstsinn, Geschmack und unerhrter Kraft die Natur
mchtige Felsmassen zum Schmuck vertheilt htte.

Castor ist unser Freund, und ungeachtet ihn Fernsichten nicht fesseln,
begleitet er uns doch auf allen unseren Ausflgen; auch den Pic d'Aurelle
hatte er mit uns bestiegen.

Ein Weg fhrt an unserem Htel vorbei und setzt sich in westlicher
Richtung fort bis nach Agay. Auf ihm pflegen wir oft zu wandern. Er folgt
allen Windungen der Kste. Zerfallene Huser stehen an demselben. Sie
bargen einst die Arbeiter, die beim Bau der Bahn beschftigt waren. Ein
hartes Stck Arbeit, da die ganze Strecke hier aus dem Porphyr gesprengt
werden mute. Die verlassenen Huser lie man in Wind und Wetter
zusammenstrzen. Der an das Htel zunchst grenzende Strand ist wiederum
Aurelius zu Ehren, plage d'Aurelle benannt. Hier war es, wo die alte
rmische Strae den Strand verlie, um landeinwrts hinter dem Cap Roux im
Thale aufzusteigen. Jenseits der Bucht, in welche dieses Thal mndet, kann
man vom Wege aus nach Agay schon die ganze Schneekette der Alpen
berblicken. Hier verlassen wir den betretenen Weg, um an dem Ufer selbst
unsere Wanderung fortzusetzen. Da geht es bergauf und bergab nicht ohne
Hindernisse. Einmal erklimmen wir einen steilen Fels, dann steigen wir
wieder bis zum Meer hinab. Leise Wellen schlagen an das Ufer, kaum
umfranst von leichtem Schaum. Durch die krystallhelle Fluth dringt unser
Auge bis auf den tiefen Grund. Es sieht dort in purpurnen Mulden
rthselhafte Dinge liegen, die in bunten Farben gleich Edelsteinen
funkeln. Die provenalische Sonne bergiet uns mit ihrem Glanz; auch das
Meer und die Felsen strahlen uns Licht entgegen. Die ganze Luft zittert
ber dem erhitzten Boden. Alles leuchtet und flimmert um uns her; die
Ferne schwindet in goldigem Nebel, und der weie Schnee der Alpen scheint
wie ber Abgrnden zu schweben.

Wie kommt es nur, da sie so rein und so klar sind, diese herrlichen
Fluthen des Mittelmeeres? tragen doch Flsse und Bche fort und fort
Schlamm und Erde dem Meere zu; nagen doch seine Wellen unaufhrlich an dem
weit ausgedehnten Ufer. Die Klarheit des Seewassers wird durch seinen
Salzgehalt bedingt. Trbes Fluwasser, sich selbst berlassen, braucht
sehr lange Zeit, um sich zu klren, doch gengt es, eine Spur Kochsalz
hinzuzufgen, damit diese Klrung uerst rasch erfolge. Je mehr Salz das
Seewasser enthlt, um so blauer pflegt es auch zu erscheinen, daher das
salzreiche Mittelmeer durch die Intensitt seiner Frbung ausgezeichnet
ist. In vierhundert Meter Tiefe erlschen die letzten Strahlen des
Lichtes, welches in das Seewasser dringt. Weiter hinab herrscht ewige
Dunkelheit. Die verschiedenartigen Strahlen, welche das weie Sonnenlicht
zusammensetzen, und die unser Auge als verschiedene Farben empfindet,
werden nicht gleich schnell im Meere resorbirt. In zwei Meter Tiefe ist
schon die Hlfte der rothen und ein Drittel der orangegelben Strahlen
verschwunden; das Licht, das tiefer dringt, ist jetzt nicht mehr wei, es
ist vorherrschend grn und blau geworden. Das bedingt die Frbung des
Meeres. Da der Salzgehalt des Wassers auf den Vorgang der
Strahlenabsorption einen Einflu bt, so beeinflut er auch die
Farbeneffecte. Die glatte Meeresflche wirft das meiste Licht unverndert
zurck. Spiegelt sich in ihr die Sonne, so leuchtet sie daher in deren
Glanz, whrend sie der Abendhimmel in Purpurtnen frbt. Von den
aufsteigenden Wellen der bewegten See wird dagegen nur wenig Licht
zurckgeworfen, daher uns das Meer dann besonders dunkel erscheint.

Doch es gilt Abschied von Le Trayas zu nehmen. Castor begleitet uns zur
Bahn. Wir streicheln ihn vor der Trennung. Er sieht lange dem
Eisenbahnzuge nach, der uns davontrgt. Sein Blick trbt sich - fast
scheint es uns, er habe Thrnen in den Augen.

                                   XI.

Bald lag das Esterelgebirge hinter uns im Westen, und wir fuhren in
sanftem Aufstieg dem Norden zu. Der Schienenweg fhrte im Thal der Siagne
an Feldern von Rosen und Jonquillen, von Veilchen und von Jasmin vorbei;
dann folgte er wieder grauen Olivenhainen. So erreichten wir Grasse, eine
Stadt in mittelalterlichem Gewande. Sie klettert empor an den letzten
Auslufern der Alpen. In Windungen fhren die Straen in die Hhe; steile
Treppen krzen die Wege ab, Gewlbpfeiler verbinden in engen Gassen die
gegenberliegenden Huser, damit sie den steilen Abhang nicht abwrts
gleiten. Es drngen sich in solchen Gassen die Menschen an einander
vorbei; stellenweise stockt der Verkehr. Der moderne Inhalt der
Schaufenster an den Lden pat nicht zu der alten Umrahmung. Manchem
Hausgang entweicht ein fettiger Dampf, gewrzt mit Zwiebel und Knoblauch.
Da gibt es Fritturen, unverflschte mediterrane Wohlgerche. Doch mit
jenem Oelduft mischt sich ein anderes durchdringendes Parfm, das an
freieren Orten allein zur Geltung gelangt; es kommt vom Santalholz, das
aufgeschichtet in den Parfmfabriken liegt. Seine Verarbeitung hat jetzt
begonnen.

Grasse ist sehr alten Ursprungs, wurde aber zu wiederholten Malen
vollstndig zerstrt. Sein Wiederaufbau im sechsten Jahrhundert soll
eigenartiger Weise erfolgt sein durch Juden. Es waren, so heit es,
Nachkommen jener Juden, die Tiberius gegen das Jahr 19 unserer
Zeitrechnung aus Rom vertrieb. Whrend der Judenverfolgung, die im
sechsten Jahrhundert in der Provence ausbrach, gingen diese Juden zum
Christenthum ber und erhielten die Ruinen der alten rmischen Stadt dafr
zum Lohn. Sie sind es, die ihr den Namen Gratia gaben. Das Stadtwappen
von Grasse fhrt ein silbernes Osterlamm in azurnem Feld; man sucht dies
in Verbindung zu bringen mit der einstigen Bekehrung seiner Wiedererbauer.

Wir finden Grasse nicht schn, und auch der Ausblick von seinen Pltzen
und Grten in das ferne Meer entzckt uns nicht. Bilden doch den
Vordergrund jenseits der Hgel steife und nchterne Kasernen, die jedes
sthetische Empfinden stren. Doch anmuthig ist der Blick auf Grasse
selbst, vom Garten des Grand Htel, den man auf der neuen Avenue Thiers,
oberhalb der Stadt, in zwanzig Minuten erreicht. Die Agaven und Palmen des
Gartens rahmen da die alte Stadt in wirksamer Weise ein; sie verdecken die
unschnen neuen Gebude und zeigen nur die eckigen alten Thrme und
Huser, die sich ber und durch einander an den Abhang drngen.

Das, was uns nach Grasse gefhrt hatte, war aber auch nicht die Hoffnung,
die zuvor empfangenen Natureindrcke zu steigern, vielmehr der Wunsch,
einen Einblick in die hier blhende Parfmherstellung zu gewinnen. Seit
mehr als hundertundfnfzig Jahren ist Grasse in dieser Richtung berhmt,
und selbst weiter noch reichen seine Erfolge auf diesem Gebiete zurck.
Man zeigt uns das Haus, in welchem ein Sieur Tombarelli aus Florenz schon
in der zweiten Hlfte des sechzehnten Jahrhunderts ein Laboratorium fr
Parfmerien eingerichtet hatte. Heute ist Grasse zu einem der Hauptorte
europischer Parfmfabrikation geworden. Es stellt aber nicht die fertigen
Parfms her, so wie sie schlielich als sogenannte Bouquets zur
Verwendung kommen, sondern die ersten Erzeugnisse fr dieselben. Aus
diesen einfachen Bestandtheilen mischen die eigentlichen Parfmisten erst
jene verschiedenen Bouquets zusammen, wie sie eben die Mode vorschreibt
oder der Geschmack der Zeit verlangt. Grasse entnimmt seine Wohlgerche
fast ausschlielich dem Pflanzenreich. Thatschlich sind auch die meisten
natrlichen Parfms pflanzlichen Ursprungs, nur Moschus, Ambra, Bibergeil
und Zibeth entstammen dem Thierreich. Neuerdings beginnt jedoch die
chemische Industrie wirksam in das Parfmgeschft einzugreifen, indem sie
die wohlriechenden Stoffe in chemisch reinem Zustande darstellt. Im
Besonderen ist es gelungen, das Cumarin, jenen Stoff, der den Geruch des
frischen Heues bestimmt, aus Salicylaldehyd zu erzeugen. Das Verfahren ist
ziemlich umstndlich, der aromatisch riechende Krper, den man in
farblosen, glnzenden Krystallen erhlt, aber durchaus bereinstimmend mit
demjenigen, den die Tonkabohnen, die Samen des Tonkabaumes (_Dipterix
odorata_) von Guyana und auch die Stengel der _Liatris odoratissima_,
einer in Florida wachsenden Composite, die zum Parfmiren des Tabaks und
der Cigarren benutzt wird, enthalten. Mit etwa zwanzig Gramm knstlichen
Cumarins erreicht man heute in der Parfmerie ebenso viel, wie mit einem
Kilogramm Tonkabohnen. Ebenso verhlt es sich mit dem natrlichen
Wintergrnl, das aus dem nordamerikanischen, zu den Heidengewchsen
gehrenden Theebeerenstrauch (_Gaultheria procumbens_) gewonnen wird, und
das jetzt vollstndig durch knstlich erzeugten Salicylsure-Methylester
ersetzt ist. Nur unvollkommen gelang es hingegen bis jetzt, das in der
Parfmerie vielbenutzte Bittermandell durch das knstliche Benzaldehyd zu
verdrngen. Sehr groen Erfolg hat die Chemie mit dem Vanillin erzielt,
das aus dem Saft des jungen, noch in Entwickelung begriffenen Holzes der
Nadelbume (Coniferen), doch auch aus dem im Nelkenl enthaltenen Eugenol
und verschiedenen anderen Krpern dargestellt wird. Da die Frchte der
Vanille im besten Falle anderthalb bis zwei Procent Vanillin enthalten, so
ist mit zwanzig bis fnfundzwanzig Gramm Vanillin in der Parfmerie
reichlich derselbe Effect wie mit einem Kilo Vanille zu erreichen.
Knstliches Heliotropin wird jetzt aus Safrol, dieses selbst aus
japanischem Camphorl dargestellt, auerdem aus
Steinkohlentheer-Derivaten. Da aus den Blthen des Heliotrops
(_Heliotropium peruvianum_ und _grandiflorum_) nur uerst wenig Parfm
sich gewinnen lt, so ist dieser Ersatz sehr willkommen. Den Maiglckchen
ist ihr zarter Duft berhaupt nicht abzugewinnen, daher fr die Parfmerie
sehr wichtig, da jetzt ein hnlich riechender Krper sich aus dem
Terpineol gewinnen lt. Allgemein kommt jetzt auch krystallinisches
Thymol, das aber nicht aus dem Thymian, sondern aus dem Samen des
ostindischen Doldengewchses _Ptychotis Ajowan_ abdestillirt wird, zur
Verwendung, desgleichen Menthol, welches zwar in der eigentlichen
Parfmerie keine Rolle spielt, doch zur Darstellung von Migrnestiften und
auch von Schnupfpulver dient. Neuerdings werden zwei gleich
zusammengesetzte Krper: das _Iron_ und _Jonon_, deren Aroma mit
demjenigen der Veilchenblthen fast vllig bereinstimmt, knstlich
erzeugt. Es gengt, ein mit diesen Krpern erflltes Proberhrchen zu
ffnen, damit ein ganzes Zimmer mit Veilchenduft erfllt werde.
Merkwrdiger Weise riechen diese Krper nicht zu allen Zeiten gleich
stark, und hnliche Schwankungen im Duft zeigen auch frische Veilchen. Das
Iron gewinnt man aus der sogenannten Veilchenwurzel, das heit aus dem
Wurzelstock von _Iris florentina_, doch es kommt sehr theuer zu stehen, da
100 Kilo Iris-Wurzelstock nur 8 bis 30 Gramm Iron ergeben. Um so
werthvoller fr die Parfmerie ist es, da die Darstellung des Jonons aus
Citral, einem im Citronenl enthaltenen Krper gelang. - Vor Kurzem kam zu
diesem Allen noch die knstliche Darstellung des Orangenblthenls hinzu.
Auch den Moschus, der von den mnnlichen Moschusthieren stammt, hat man
versucht, durch das knstlich erzeugte _Musc Baur_ oder _Tonquinol_ zu
ersetzen, und es verbreitet sich dieses Product immer mehr.

Sehr werthvolle Parfms werden uns auch aus wrmeren Himmelsstrichen
zugefhrt, so von Alters her die Balsame und in neuerer Zeit das
Ylang-Ylang, welches aus den Blthen eines zu den Anonaceen gehrenden, in
Sdasien cultivirten Baumes, _Cananga odorata_, gewonnen wird. Der
Hauptsache nach bleibt es aber Sdeuropa, dem die Parfmisten ihre besten
Wohlgerche verdanken. - Die meisten pflanzlichen Parfms werden als
therische Oele gewonnen, Oele, die im Gegensatz zu den fetten Oelen
flchtig sind und auf Papier einen durchscheinenden Fleck bilden, der bald
wieder schwindet. Aetherische Oele werden von den Thieren nicht erzeugt.
Bei den Pflanzen sind es ganz vornehmlich die Blthen, welche den
Riechstoff enthalten. Dort wirken ja Wohlgeruch und Farbe zusammen, um
jene Thiere anzulocken, die den Blthenstaub von Blthe zu Blthe
bertragen sollen. Doch kann die duftende Substanz auch in der Wurzel der
Pflanze angesammelt sein, so das Opoponax, ein Gummiharz des
kleinasiatischen Doldengewchses _Opoponax Chironium_, oder es ist in dem
Wurzelstock der Pflanze vertreten, so bei der Veilchenwurzel und dem
Vetiver, welches letztere den Wurzelstock des ostindischen Grases
_Andropogon muricatus_ bildet. Auch das Holz der Stmme kann mit Parfm
beladen sein, so das Holz der balsamliefernden Bume, oder das des
ostindischen Santalbaumes (_Santalum album_). Die Stammrinde fhrt das
Parfm beim Zimmtbaum (_Cinnamomum ceylanicum_). In anderen Fllen sind es
wieder die Bltter, die am strksten duften, so bei unserer Pfeffermnze
(_Mentha piperita_) oder Melisse (_Melissa officinalis_) und dem
indisch-malayischen Patchuli (_Pogostemon Patchuly_); endlich knnen auch
Frchte und Samen den Riechstoff enthalten, so bei der Vanille oder dem
Kmmel.

                                   XII.

Wir hatten uns mit den nthigen Empfehlungen versehen und durften einige
der grten Parfmfabriken von Grasse besichtigen. Das angewandte
Verfahren blieb in der Hauptsache berall dasselbe. Ist der wohlriechende
Stoff in bedeutender Menge in einem Pflanzentheil vertreten und in
greren Drsen dort eingeschlossen, so kann er durch Auspressen befreit
werden. In anderen Fllen wird er durch Destillation aus den
Pflanzentheilen gewonnen, vorausgesetzt freilich, da er bei der Erwrmung
nicht leidet. Wo er in sehr geringen Mengen vorhanden ist, wird er von
warmen oder kalten Fetten, in denen er lslich ist, aufgenommen und dann
mit Alkohol denselben entzogen.

Als wir in Grasse eintrafen, ging dort die Veilchenernte zu Ende, whrend
die Jonquillen in voller Blthe standen. Die Veilchen enthalten nur Spuren
des wohlriechenden Stoffes, so wenig, da man auf die Behandlung der
Blthen mit Fett angewiesen ist. Im Allgemeinen wird dabei das
Macerationsverfahren angewandt. Das Fett mu sehr rein sein, und wir
konnten feststellen, da die Fabriken selbst es aus frisch geschlachteten
Thieren gewinnen. Dann wird es geschmolzen und durch entsprechende
Behandlung mit Kochsalz und Alaun, durch Waschen, Abschumen und Seihen
durch feine Leinwand gereinigt. So nur bleibt es geruchlos und gewinnt
eine Haltbarkeit, die man oft durch Zusatz von Benzo, auch wohl von
Borsure zu erhhen sucht. Fr Salben kommen auch feine Oele, besonders
Olivenl und Mandell, seltener Ricinusl, in Betracht.

Die Veilchen, die fr die Parfmfabrik bestimmt sind, drfen nicht na
sein, wenn man sie sammelt. Diese Regel gilt auch fr alle anderen
Pflanzen, die mit Fett behandelt werden sollen. Man pflckt die Veilchen
frh am Morgen, sobald der Thau verschwunden ist, bevor die Sonne Zeit
hatte, strker einzuwirken. Gleich nach dem Einsammeln gelangen sie in die
Fabrik und werden in erwrmtes Fett geschttet, das man flssig bei 40-50
Grad Celsius erhlt. Nach einer entsprechend langen Einwirkung filtrirt
man es von den Veilchen ab und versetzt es mit frischen Blumen. Das
wiederholt man so lange, bis das Fett mit Veilchenduft gesttigt ist. So
erhlt man Veilchenpomade, deren Geruch vllig dem der Veilchen gleicht,
und der man den duftenden Stoff durch Weingeist oder durch sehr gut
gereinigten, geruchlosen Kornbranntwein entzieht, mit dem man sie
schttelt. Da sehr groe Mengen Veilchen nthig sind, um eine stark
riechende Essenz zu gewinnen, so hat man von jeher schon nach einem Ersatz
fr Veilchen gesucht. Daher die Veilchenwurz statt Veilchen in Sachets
so allgemeine Verwendung findet. Geschlte und getrocknete Stcke des
nmlichen Wurzelstockes von Iris wurden auch, wie Plinius erzhlt, schon
zu rmischen Zeiten den zahnenden Kindern um den Hals gehngt, so wie es
noch heute geschieht.

Jetzt wo das Jonon entdeckt ist, drften aus der Gegend von Grasse die
Veilchenfelder verschwinden.

Der stark duftenden gelben Jonquille (_Narcissus Jonquilla_) wird das
Aroma ebenfalls durch Fett entzogen, doch in anderer Weise, nach einem
Verfahren, das man als Enfleurage bezeichnet. Wir fanden ganze Rume in
den Fabriken mit aufeinander gelagerten viereckigen Holzrahmen erfllt. In
jeden derselben ist eine Glasscheibe gefat, die einseitig mit Fett
berzogen wird, doch so, da es nur eine ganz dnne Schicht auf dem Glase
bildet. Auf dieses Fett legt man die Jonquillen und lt sie so lange mit
ihm in Berhrung, bis aller Duft extrahirt ist. Das dichte
Zusammenschlieen der aufeinander gelegten Rahmen verhindert ein
Entweichen desselben in die Umgebung. Die Blthen werden auch hier
wiederholt erneuert, bis schlielich die Pomade fertig ist, aus der man
dann mit Weingeist den Jonquillen-Extract herstellt.

Da die Jonquillen nicht in greren Mengen bei Grasse angepflanzt werden,
stockte die Arbeit mit frischen Blumen zur Zeit in den Fabriken. Die
Orangenblthen, die Rosen, Heliotrop und Reseda kommen erst im Mai, daher
man jetzt das Santalholz in Angriff genommen hatte. Wir sahen groe Massen
dieses kostbaren braunen Holzes in den Lagerrumen aufgespeichert. Es
steht hoch im Preise, denn auch in seiner ostindischen Heimath wird es
sehr geschtzt. Man verfertigt dort kunstvoll geschnitzte Mbel, vor Allem
aber Schreine aus Santalholz. Denn sein Duft hlt die Insekten fern und
verscheucht selbst die weie, Alles zerstrende Ameise. Die Buddhisten
verbrennen groe Mengen Santalholz als Rucherwerk, und stellenweise sind
die Santalbume in Folge dessen ganz ausgerottet worden. In den Fabriken
wird das Santall durch die Destillation des zerkleinerten Holzes mit
Wasser gewonnen. Das Oel geht mit dem Wasserdampf aus der Blase des
Destillationsapparates in den Khler ber und fliet mit dem Wasser
zusammen in die Vorlage. Aus fnfzig Kilogramm Holz wird annhernd ein
Kilogramm Oel gewonnen, das dementsprechend theuer ist und nur fr feine
Parfms Verwendung findet.

Im Mai fllen Orangenblthen die Stadt Grasse mit ihrem betubenden Dufte.
Zwei bis dreimal hunderttausend Kilogramm Blthen des bitterfrchtigen
Orangenbaumes werden hier fr Parfms verarbeitet. Die Blthen riechen
lieblicher und strker als die der sfrchtigen Art und werden daher fast
ausschlielich verwandt. Ein Baum von zwanzig bis dreiig Jahren liefert
fnfzehn bis zwanzig Kilogramm Blthen. Aus hundert Kilogramm werden durch
Destillation etwa vierzig Kilogramm Orangenblthenwasser und etwa hundert
Gramm Orangenblthenl oder Nerolil gewonnen. Vllig unverndert gibt die
Orangenblthe bei dem Macerationsverfahren oder bei der Enfleurage ihren
Duft an das Fett ab. So erhlt man die Orangenblthenpomade und, nach
Behandlung derselben mit Weingeist, die Orangenblthenessenz. Das
Orangenblthenl, sowie die Orangenblthenessenz, sind immer noch theuer,
weil ihre Herstellung groe Mengen von Blthen verlangt. Die Preise werden
freilich jetzt auch auf diesem Gebiete, wie auf so vielen anderen, durch
Ueberproduction gedrckt. Es stellen sich daher Zeichen der Entmuthigung
unter den Producenten ein, welche die Parfmfabriken versorgen. Wie wird
es jetzt erst werden, wo das knstliche Nerolil angekndigt ist. Wohl
mglich, da berhaupt an manchen Orten der Riviera mit der Zeit die
Cultur der Parfmerie-Pflanzen ganz aufgegeben wird. Doch auch die Zucht
von Blumen fr den Versand weist schon Ueberflu der Erzeugung auf. Als
der Bedarf nach solchen Blumen stieg, beeilten sich die Landbesitzer, ihre
Olivenbume zu fllen und Blthenpflanzungen an deren Stelle anzulegen;
jetzt wissen sie kaum, wo sie ihre Blthen unterbringen sollen. Die hohe
Temperatur frderte zudem im letzten Frhjahr die rasche Entwickelung der
Pflanzen, und so kam es, da man auf den Mrkten der Stdte zu einem kaum
nennenswerthen Preise, sich mit groen Struen der herrlichsten Blumen
beladen konnte.

Wesentlich billiger als Nerolil ist begreiflicher Weise das durch
Destillation der Bltter oder unreifen Frchte des bitterfrchtigen
Orangenbaumes gewonnene Petitgrainl. Es steht an Zartheit des Duftes dem
Nerolil aber bedeutend nach. Das aus den Blthen der *sen* Orange
hergestellte Parfm zeichnet sich wiederum durch besondere Eigenschaften
aus und wird als Neroli-Portugall bezeichnet. - Das den frischen Schalen
reifer Frchte des sfrchtigen Orangenbaumes entstammende Pomeranzenl
wird im Winter gewonnen. Wie viel therisches Oel in den Orangenschalen
vorhanden ist, davon kann man sich berzeugen, wenn man eine solche Schale
in der Nhe einer Flamme zusammendrckt. Das leicht entzndliche Oel
sprht dann entbrennend aus den Drsen hervor. Die Oeldrsen in der Schale
erkennt man schon mit dem bloen Auge.

In der Parfmerie findet nur das Oel der sen, nicht der bitteren
Orangenschalen Verwendung. Das Verfahren bei der Gewinnung im Groen ist
das der Pressung. Entweder kommt die Schwammmethode in Anwendung, wobei
der Arbeiter die Schalen, die er langsam unter Druck zwischen den Fingern
durchrollt, gegen einen Schwamm pret; oder das Verfahren der sogenannten
Ecuelle, wobei die Frucht unter bestndigem Drehen gegen die Innenflche
eines flachen Trichters, der zahlreiche Nadeln entspringen, gedrckt wird.
Das gewonnene Oel pret man im ersten Falle aus dem Schwamme heraus, im
zweiten fliet es von selbst durch die Oeffnung des Trichters ab. In ganz
entsprechender Weise gewinnt man auch feines Bergamottl aus den reifen
Frchten des Bergamottcitronenbaumes (_Citrus Bergamia_). Das weniger
feine Bergamottl befreit man hingegen aus den Frchten durch
Destillation. Feines Bergamottl wird in der Parfmerie sehr geschtzt;
die Riviera erzeugt es nur in geringer Menge; es kommt vornehmlich aus
Reggio und Messina.

Dies sind im Allgemeinen die Darstellungsarten, die bei der Gewinnung der
Riechstoffe in Anwendung kommen. Das Verfahren wird freilich im Einzelnen
abgendert. So schttet man oft die Blumen nicht unmittelbar in das
geschmolzene Fett, hngt sie vielmehr in Drahtkrben in die Gefe, durch
die man warmes Fett flieen lt. Es kann andererseits auch erwnscht
sein, da die Blthen nicht unmittelbar mit dem Fett in Berhrung kommen,
weil Letzteres nicht allein den Riechstoff, sondern auch andere Substanzen
aus den Blthen aufnimmt. Dann werden die Glasscheiben durch verzinnte
Drahtnetze in den Holzrahmen ersetzt. Auf ein solches Drahtnetz werden die
Blthen gestreut, das nchste erhlt das Fett, und so immer abwechselnd.
Das Fett wird in diesem Fall zu nudelartigen Fden ausgearbeitet, um
mglichst viel Oberflche zu gewinnen. Die Rahmen schiebt man in einen
Schrank, in welchem Blaseblge die Luft in langsamer Bewegung erhalten. So
streicht der Duft an den feinen Fettfden vorber und wird von ihnen
absorbirt. Die Blthen auf den Rahmen ersetzt man nach Bedarf durch neue.
- Soll der wohlriechende Stoff durch ein Oel aufgenommen werden, so wirft
man die Pflanzentheile in dasselbe hinein oder hngt sie in Tchern in das
Oel, oder breitet sie endlich auf Tchern aus, die mit Oel getrnkt sind:
so erhlt man die _huiles antiques_. Von groer Bedeutung ist fr die
Parfmindustrie das nachtrgliche Reinigen ihrer Essenzen, was meist durch
wiederholte Destillation geschieht. Viel Umsicht und Erfahrung sind
nthig, damit der Duft bei der Reinigung nicht leide.

Es sieht brigens aus, als wenn der bisherigen Gewinnungsweise des Parfms
eine Umwandlung oder doch zum Mindesten eine Erweiterung bevorstehen
sollte. Der Petroleumther scheint berufen, mehr oder weniger die Fette zu
verdrngen. Neue Fabriken werden auf dieses Verfahren bereits
eingerichtet. Der Petroleumther entzieht der Pflanze im Wesentlichen nur
das Parfm. Da er leicht siedet, lt er sich auerdem unschwer von dem
Parfm dann trennen. Ein Kilo Essenz bedeutet aber mehr als hundert Kilo
der jetzigen Pomade. Die Zukunft mu zeigen, ob die Benutzung des
Petroleumthers wirklich in allen Fllen zulssig ist.

Die Mglichkeit, den Pflanzen ihren Wohlgeruch durch Fett zu entziehen,
gestattet es auch im Kleinen, die feinste Pomade aus Pflanzen, die sonst
vielleicht nutzlos im Garten verblhen wrden, herzustellen. Mglichst
reines Fett, das man auf eine Scheibe streicht, und ein gut
verschliebarer Kasten, in den man die Scheibe legt, reichen aus, um den
Erfolg zu sichern. Man mu die Blthen, mit den Kronen abwrts gekehrt,
auf das Fett lagern, den Kasten dann verschlieen und die Blthen
erneuern, bevor sie welk geworden. Der Name Pomade oder vielmehr Pommade
rhrt von Apfel _pomme_ her und war dadurch veranlat, da man frher
Aepfel zur Herstellung solcher duftender Fette verwandte. Ein Apfel wurde
mit wohlriechenden Gewrzen, vornehmlich mit Nelken, gespickt und, nachdem
er einige Tage an der Luft gelegen, in Fett eingeschmolzen. Erschien das
Fett durch den ersten Apfel nicht ausreichend parfmirt, so lie man ihm
einen zweiten folgen.

Man sieht um Grasse viel Rosen, die fr die Parfmfabriken gezogen werden.
Es sind das nicht solche, wie sie im Winter versandt, die Blumenlden ganz
Europas jetzt schmcken, vielmehr Centifolien und Damascenerrosen. Man
pflckt die im Oeffnen begriffenen Blthen am Morgen, sobald der Thau
verschwindet. Die Erntezeit fllt in den Mai und Juni. Jeder Rosenstock
liefert in Grasse durchschnittlich zwei bis dreihundert Gramm Blthen,
doch tausend Kilogramm ergeben kaum hundertundfnfzig Gramm Rosenl. Da
darf man sich nicht wundern, da ein Kilogramm Rosenl ber tausend Francs
kostet. Das Rosenl wird durch Destillation der Blumenbltter der Rose mit
Wasser oder Wasserdampf gewonnen; es sammelt sich auf der Oberflche des
Destillates allmlig an. Das Rosenwasser ist das unmittelbare Product der
Destillation einer bestimmten Menge von Rosenblumenblttern mit Wasser.
Die therischen Oele sind zwar fast unlslich in Wasser, immerhin nimmt
dieses hinlnglich viel von den Oelen auf, um nach ihnen zu duften. So
verhlt es sich beim Rosenwasser, dem Orangenblthenwasser und sonstigen
aromatischen Wssern. Die Rosen von Grasse werden mehr zur Herstellung von
Rosenpomade, als von Rosenl und Rosenwasser verwandt. Die durch
Maceration von Rosenblumenblttern in Fett erhaltene Pomade besitzt den
unvernderten Duft der Rose, whrend der Wohlgeruch des Rosenls von
demjenigen der frischen Blumen etwas abweicht. Aus der Pomade wird mit
Alkohol das _Esprit de Rose_ extrahirt, wohl unstreitig eines der
feinsten Parfme, welche existiren. Kaum ein Wohlgeruch der Welt ist so
beliebt wie derjenige der Rosen, und wer einmal den Orient bereiste, wird
sich des aus Rosen und Verwesung gemischten Duftes erinnern, den die
Straen im Sonnenlichte aushauchen. Wer da freilich meint, in den Bazaren
des Orients reines Rosenl in jenen langgezogenen goldverzierten
Flschchen, die dort feilgeboten werden, mit nach Hause gebracht zu haben,
der ist einer argen Tuschung unterworfen. Trkisches Rosenl ist fast
immer verflscht, und zwar fr gewhnlich mit Palmarosal oder indischem
Geraniuml, das in Ostindien aus dem Geranium- oder Kusagras (_Andropogon
Schoenanthus_) durch Destillation erhalten wird. Der indische Destillateur
sorgt andererseits meist dafr, da auch sein Palmarosal schon mit einem
anderen Oel, besonders Cocosl, geflscht sei. So drfte es in Deutschland
zu empfehlen sein, das Flschchen aus dem Orient daheim erst mit echtem
Rosenl zu fllen. Werden doch Rosen zum Zweck der Rosenlgewinnung nicht
allein in Deutschland, sondern auch in England in groem Mastabe gezogen.
Die um die Darstellung therischer Oele und Essenzen so hoch verdienten
Gebrder Fritzsche, Inhaber der Leipziger Firma Schimmel & Co. hatten, wie
Georg Bornemann in seinem Werk ber die flchtigen Oele angibt, im Jahre
1884 zum ersten Mal aus deutschen Rosen drei Kilogramm Rosenl gewonnen.
Sie legten ausgedehnte Rosenpflanzungen in Gro-Miltitz bei Leipzig an,
und diese lieferten, auer anderen Erzeugnissen, im letzten Jahre (1894)
42 Kilogramm Rosenl. Ich entnehme diese Angabe den Berichten, welche die
genannte Firma alljhrlich verffentlicht und aus denen man nicht allein
einen Begriff von der Groartigkeit des Betriebes in dieser Fabrik
gewinnt, sondern auch ber den rationellen Geist und das wissenschaftliche
Streben, das sie bei ihren Unternehmungen leitet. Im Jahre 1893 erstreckte
sich das Rosenfeld der Fabrik ber zwanzig Hectare, an die sich weite
Reseda- und Pfeffermnzculturen anschlossen. Zu diesen haben sich seitdem
Estragon, Wermuth, Liebstock und Angelica gesellt. Aus je hundert
Kilogramm frischer Rosen lassen sich zwanzig Gramm Rosenl darstellen. Es
wurden im letzten Jahre somit nicht weniger als 200 000 Kilogramm Rosen
auf Rosenl verarbeitet. Das ist fr eine einzige Fabrik schon eine sehr
erhebliche Leistung, welche freilich gegen die Gesammtproduction des
Rosenls noch wenig in die Wagschale fllt. Denn das Hauptland dafr,
Bulgarien, liefert jhrlich allein gegen zweitausend Kilogramm Rosenl.

Das Palmarosal riecht nicht rein nach Rosen, es duftet vielmehr wie ein
Gemisch von Rosen und Citronen. Fast rein rosenartig ist hingegen der Duft
des Geraniumls, das aus den Blttern des Rosen-Geraniums gewonnen wird.
Davon kann man sich schon berzeugen, wenn man ein Blatt dieser Pflanze,
die auch bei uns nicht selten in Tpfen cultivirt wird, zwischen den
Fingern zerdrckt. Streng genommen hat man es nicht mit Geranien, sondern
mit Pelargonien dabei zu thun, und zwar mit mehreren Arten derselben,
hauptschlich mit _Pelargonium capitatum_, _odoratissimum_ und _radula_.
Die Art, welche an der Riviera gezogen wird, ist _Pelargonium capitatum_.
Gegen frher hat dort freilich diese Cultur jetzt sehr abgenommen, da der
Wettbewerb mit Algier nicht auszuhalten ist. Man mht an der Riviera die
Pflanzen von Mitte August an bis Mitte September und liefert sie so frisch
als mglich den Fabriken ab. Die Firma Schimmel & Co. erzielt jetzt
bedeutende Erfolge mit Rosen-Geraniol. Sie destillirt reines Geraniol, das
sie aus Citronella-Grasl gewinnt, so lange ber frisch gepflckten Rosen,
bis es mit Rosenl gesttigt ist und dann in der That dem Rosenl fast
entspricht.

In den Grten der Riviera begegnet man oft einer Verbene, der _Verbena
triphylla_ oder _Lippia citriodora_, die auch als Citronelle oder
Citronenkraut bezeichnet wird. Man findet diesen schnen Strauch schon in
den Grten an den italienischen Seen und hat wohl Gelegenheit, im Herbst
die Rispen seiner violett angehauchten kleinen Blthen zu sehen. Zerreibt
man seine Bltter zwischen den Fingern, so verbreiten sie einen feinen
Duft, der die Mitte zwischen Citronen, Melissen und Verbenen hlt. Dieser
aus Persien stammende Strauch wird auch in grerem Mastab an manchen
Orten der Riviera gezogen und aus seinen Blttern das echte Verbenal
destillirt, das die Parfmisten sehr schtzen. Echtes Verbenal ist
freilich sonst schwer zu haben und wird im Allgemeinen durch das
Citronen-Grasl ersetzt, das wir jener Grasgattung, _Andropogon_, danken,
deren Arten so viele wohlriechende le liefern. Das Citronen-Grasl wird
von _Andropogon citratus_ gewonnen, der jetzt besonders auf Ceylon und in
Singapore angebaut wird. Weit ausgedehnter betreibt man an denselben Orten
die Cultur des _Andropogon nardus_, von dem das melissenartig riechende
Citronella-Grasl abstammt. Dieses findet fr das Parfmiren der Seifen
jetzt sehr starke Verwendung und bildet den Hauptbestandtheil des Parfms
der Honigseifen. Von dem Umfang der Citronella-Grasl-Production geben die
Berichte von Schimmel & Co. eine Vorstellung, da diese Firma auf einmal
Sendungen von 10 000 Kilogramm dieses les aus Ceylon erhlt.

Der Reseda entzieht man den Duft durch Enfleurage, dem Thymian, der
Salbei, dem Rosmarin, dem Lavendel und der Melisse durch Destillation.
Salbei, Thymian, Rosmarin und Lavendel werden an der Riviera kaum
cultivirt; man pflckt sie an ihrem natrlichen Standort, besonders am
Fue der Berge. In der Gegend von Agay zogen eines Tages vor uns Frauen
auf der Strae mit groen Ladungen Thymian auf den Kpfen. Sie hatten ihn
an den Abhngen des Esterel gesammelt. Der Wind blies in unserer Richtung
und bildete einen Streifen von Duft, der sich ber Hunderte von Schritten
ausdehnte. Diese wild gewachsenen Pflanzen werden zwar auch vorwiegend in
den Fabriken verarbeitet, zum Theil aber schon im Freien, gleich beim
Einsammeln destillirt, in Apparaten, die man von Ort zu Ort befrdert.
Viel Rosmarinl wandert von hier aus nach Kln, um bei der Darstellung von
Klnischem Wasser benutzt zu werden. Das _Eau de Cologne_ enthlt gelst
in 85 % Weinspiritus gleiche Mengen gepretes Orangen- und
Citronenschalenl, fast ebenso viel Nerolil, dann etwa halb so viel
Bergamottl, endlich, nochmals um die Hlfte weniger, Rosmarinl. Man wird
freilich nicht sofort gutes Klnisches Wasser erhalten, auch dann nicht,
wenn man nach bester Vorschrift die feinsten Oele in vorzglichem
Weinspiritus auflst. Der Schmelz des Duftes stellt sich erst nach
lngerer Zeit ein. Praktische Erfahrungen hatte man in dieser Richtung
schon lange gesammelt, in wissenschaftliche Errterung wurde die Wirkung
der Lagerung erst in den letzten Zeiten gezogen. Am Einfachsten zeigt sie
sich zum Beispiel bei einem Schenkbranntwein, der durch Verdnnung von
achtzigprocentigem Spiritus auf dreiigprocentigen gewonnen wurde. Solcher
Schenkbranntwein, frisch dargestellt, mundet dem Trinkenden nicht, selbst
wenn dieser nicht zu den grten Feinschmeckern gehrt. Auch der
Schenkbranntwein mu erst gelagert haben. Da der Wein durch Lagerung
seine Blume erhlt, ist allgemein bekannt. Es findet also sicher bei der
Lagerung eine gegenseitige chemische Einwirkung der gelsten Bestandtheile
auf einander statt, und es mssen neue Verbindungen entstehen. Ihre
Bildung erfordert vllige Ruhe und kann durch anhaltende Bewegung
verhindert werden, ja es kommt vor, da schon erzeugte Verbindungen
dadurch vorbergehend oder dauernd wieder zerstrt werden. Nach der
Ansicht von Prof. Knapp schlieen diese Vorgnge an solche an, welche die
organische Chemie als Addition, Substitution, Spaltung und dergleichen
bezeichnet. Es mssen somit auch in gemischten Parfms durch Lagerung erst
diejenigen Verbindungen entstehen, welche das erwnschte Zusammenwirken
der einzelnen Dfte bedingen. Der Ursprung des Klnischen Wassers ist
etwas fraglich; meist wird seine Erfindung Johann Maria Farina, einem
Italiener aus Sancta Maria Maggiore bei Domo d'Ossola, zugeschrieben, der
zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in Kln einen Handel mit Parfms und
Colonialwaaren betrieb. Erst gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts gelangte
das Klnische Wasser zu allgemeiner Verbreitung und verdrngte das _Eau
de la reine de Hongrie_ oder Ungarwasser, welches hnlich zusammengesetzt
war, aber auch Rosenl, Citronenl, Citronellal und eine Spur
Pfeffermnzl enthielt.

Bei unseren Wanderungen um Grasse sind wir Jasminpflanzungen am Hufigsten
begegnet. Das zeigt, welche hohe Bedeutung dieser Pflanze fr die dortigen
Parfmfabriken zukommt. Meist waren die Jasminfelder an sdlichen Abhngen
terrassenfrmig angelegt. Die gegen zwei Meter hohen, reich verzweigten,
mit zusammengesetzten, immergrnen Blttern bedeckten Strucher hatten
auch vereinzelte Blthen aufzuweisen und lieen sich als die aus Ostindien
stammende Art _Jasminum grandiflorum_ bestimmen. Die Blthen duften
lieblich, sind ziemlich gro, rein wei auf ihrer Innenseite, von Auen
etwas roth angehaucht. Die eigentliche Blthenzeit beginnt erst im Juli
und dauert bis in den Oktober. Je tausend Stcke liefern bis fnfzig
Kilogramm Blthen. Verarbeitet werden in Grasse davon bis 80 000
Kilogramm, die einen Werth von 140 000 Francs darstellen. Man entzieht den
Blthen ihren Duft durch Enfleurage; die Menge des Riechstoffes, den sie
enthalten, ist aber so gering, da man dieselbe Fettschicht bis fnfzig
Mal mit neuen Blthen bestreuen mu. Aus der Jasminpomade wird mit
feinstem Weingeist Jasminextract gewonnen. Die geschtztesten
Taschentuchparfms enthalten solchen Extract. Man stellt auch ein _huile
antique au Jasmin_ dar, indem man auf wollene, mit Olivenl getrnkte
Zeuglappen zu wiederholten Malen frische Jasminblthen streut und dann das
Oel aus ihnen ausdrckt. Dieses Jasminl ist in Frankreich sehr beliebt.

Eine wichtige Rolle in der Parfmerie spielen auch die Blthen der _Acacia
Farnesiana_, eines Bumchens, das zu bewundern wir im La Mortola-Garten
schon Gelegenheit hatten. _Acacia Farnesiana_ wird in Grasse nur in
beschrnktem Mae angebaut, liefert aber immerhin 30-40 000 Kilogramm
Blthen im Jahre; groe Pflanzungen dieser Art finden wir in Algerien. Die
kugeligen, dunkelgelben Blthenkpfchen, die _Cassie_, werden vom
September bis in den December gepflckt, wozu jedoch viel Uebung und
Geschick gehrt, da die Pflanzen sehr dornig sind. Der zarte,
veilchenartige Duft dieser Blthen wird durch Enfleurage fixirt. Die
gewonnene Essenz hat fr die Zusammensetzung der Bouquets einen sehr
hohen Werth.

Endlich darf auch die Tuberose (_Polyanthes tuberosa_) nicht unerwhnt
bleiben, dieses zu der Familie der Amaryllideen gehrende Knollengewchs,
das man bei uns wegen seines starken Duftes und seiner schnen weien
Blthen so gerne auf Blumentischen und in Blumenstruen sieht. Die
Pflanze stammt aus Centralamerika; wir bekommen sie meist nur mit den
gefllten weien Blthen zu sehen, die besonders krftig am Abend duften,
wie es denn berhaupt eine weit verbreitete Erscheinung ist, da Blthen
nicht um alle Tageszeiten gleich starken Duft verbreiten. Wer wird nicht
bemerkt haben, da die Daturen und Nicotianen, die Nachtviolen (_Hesperis
matronalis_), die langblumige Wunderblume (_Mirabilis longiflora_) unserer
Grten am Tage fast gar nicht riechen, am Abend aber einen durchdringenden
Duft aushauchen. Umgekehrt duften Seerose (_Nymphaea alba_), die
Krbisblthe (_Cucurbita Pepo_), die Ackerwinde (_Convolvulus arvensis_)
nur am Tage. Ein solches Verhalten hat fr diese Pflanzen Bedeutung, sie
duften bei Nacht oder am Tage, je nachdem sie Nacht- oder Tagesinsecten
zur Uebertragung ihres Blthenstaubes brauchen. Sehr viele Tuberoseblthen
gehren dazu, um ein wenig Fett mit ihrem Duft zu sttigen; daher auch
dieser Extract, wie so viele andere feine Parfms, hoch im Preise steht.
Bei uns knnte man den spanischen Flieder (_Syringa vulgaris_), statt der
Tuberose verwenden, um ein sehr hnliches Parfm zu gewinnen, denn das
Fett entzieht dem Flieder einen ganz entsprechenden Wohlgeruch.

Es sind nicht die als Parfme anerkannten Pflanzendfte allein, deren sich
die Parfmerie zu ihren Zwecken bedient. So kommt fr manche Erzeugnisse
aufflliger Weise der Gurkengeruch in Betracht. Man stellt zu diesem
Zwecke eine Essenz her, und zwar indem man ber frisch geschnittenen
Gurkenscheiben mehrmals denselben Alkohol destillirt. Mit solcher Essenz
wird Coldcream parfmirt und erhlt durch dieselbe das frische Aroma,
welches man an dieser Salbe schtzt.

Nicht unerwhnt mchte ich lassen, da ein therisches Oel auch aus dem
Knoblauch durch Destillation gewonnen wird. Dieses Oel dient nun freilich
nicht zum Parfmiren, so sehr man das auch manchmal in Sdeuropa oder im
Orient glauben knnte; wohl aber wird es innerlich als Mittel gegen Wrmer
eingenommen. Die Firma Schimmel & Co., welche dieses, sowie berhaupt fast
alle flchtigen Oele, die irgend welche Anwendung gefunden haben,
herstellt, empfiehlt das Knoblauchl auch als Kchengewrz. Von dem
concentrirten Duft dieses lieblichen Oeles wird man sich eine Vorstellung
machen, wenn man sein Verhltni zum Knoblauch selber erwgt: aus sechzehn
Kilogramm Knoblauch werden nur zehn Gramm Oel gewonnen!

Hingegen spielen Aetzammoniak, der sogenannte Salmiakgeist, und
kohlensaures Ammoniak, trotz ihres tzenden Geruchs in der Parfmerie eine
nicht unwichtige Rolle. Sie dienen zur Herstellung der parfmirten
Riechsalze. Auch der Geruch des Schnupftabaks rhrt vornehmlich vom
Ammoniak her, auerdem werden die Schnupftabake hufig noch mit anderen
wohlriechenden Krpern aromatisirt. Nicht minder wird Essigsure in der
Parfmerie verwendet, und ihre Eigenschaft, therische Oele zu lsen,
benutzt, um parfmirte Essige darzustellen.

                                  XIII.

Die therischen Oele wirken wie Gifte auf unseren Krper ein, wenn sie
innerlich in groen Dosen oder zu hufig eingenommen werden. Daher auch
der Mibrauch mancher Liqueure nicht allein durch den Alcohol, den sie
enthalten, sondern auch durch die flchtigen Oele, mit denen sie parfmirt
sind, nachtheilige Folgen bringt. Geradezu gefhrlich kann das Klnische
Wasser werden, wenn es getrunken wird. Der Arzt kommt oft nur durch Zufall
dahinter, da eine solche stille, geheim gehaltene Neigung bei seiner
Patientin die Ursache der rthselhaften Krankheitserscheinungen ist. -
Viele, doch bei Weitem nicht alle flchtigen Oele wirken, innerlich
verordnet, antiseptisch, und werden besser von unserem Krper als von den
niederen Organismen ertragen, die es oft in unserem Krper zu bekmpfen
gilt. Daher die Benutzung mancher flchtigen Oele zu rztlichen Zwecken. -
Die flchtigen Oele nehmen Sauerstoff aus der Luft auf und erfahren dabei
eine Oxydation. Bei manchen dieser Oele verluft der Oxydationsvorgang
sehr rasch und zwar um so rascher, je feiner sie in der Luft vertheilt
werden. Licht und Feuchtigkeit frdern diesen Vorgang, bei welchem in der
Luft das gasfrmige Ozon oder das gleich wirksame flssige
Wasserstoffsuperoxyd entstehen. Ihnen ist der belebende Einflu
zuzuschreiben, den weingeistige Lsungen von flchtigen Oelen, im Zimmer
verstubt auf die Athmenden ausben. Besonders stellt sich diese Wirkung
ein beim Verstuben jener flchtigen Oele, welche die Chemie als Terpene
zusammenfat, weil sich diese an der Luft am schnellsten oxydiren.

Physiologisch interessant ist es, an Parfms die hohe Leistungsfhigkeit
unseres Geruchssinns zu erproben. Einige Milligramm Moschus reichen aus,
um einen Raum, der hufig gelftet wird, Jahre lang mit Moschusduft zu
erfllen. Wir riechen diesen Moschus, und doch kann er in jener Luft, die
uns umgibt, nur in unnennbar geringen Mengen vorhanden sein. Directe
Versuche, die Passy mit alkoholischen Lsungen stark riechender Substanzen
anstellte, haben ergeben, da fnfhundert Tausendstel eines Milligramms
Vanillin ausreichen, um ein Liter Luft merklich zu parfmiren. Derselbe
Effect wird schon mit fnf Tausendstel Milligramm Camphor erreicht; von
dem knstlichen Moschus reichten gar fnf Millionstel eines Tausendstels
Milligramm aus, um wahrgenommen zu werden. Will man diese Menge in Zahlen
ausdrcken, so ergibt das 0,000 000 000 005 Gramm. Dabei steht die
Leistungsfhigkeit des Geruchssinns beim Menschen gegen diejenige vieler
Thiere noch bedeutend nach.

                                   XIV.

_Die Toiletten-Chemie_ von Heinrich Hirzel, ein Buch, dem ich auch sonst
noch manche Belehrung verdanke, enthlt die Angabe, da Europa an
flssigen Parfms allein jhrlich ber eine Million Liter verbraucht. An
der Deckung dieses Bedarfs ist Grasse mit etwa 100 000 Kilogramm
Lavendell, halb so viel Thymianl, 25 000 Kilogramm Rosmarinl, 2000
Kilogramm Nerolil und sehr betrchtlichen Mengen anderer Oele und
Extracte betheiligt. Nicht wenig wird Grasse in der Parfm-Erzeugung durch
das benachbarte Cannes untersttzt, das mehrere Parfmfabriken besitzt und
Hunderte von Arbeitern in ihnen beschftigt. Der Verbrauch an Parfms in
Europa, wiewohl immer noch gro, ist doch betrchtlich zurckgegangen und
wird, wenn berhaupt, nur in discretester Weise gebt. So verhlt es sich
auch in anderen khlen Lndern, whrend die heien Erdstriche noch immer
ein hohes Bedrfni nach persnlichem Parfm bekunden. Obenan in dieser
Beziehung steht der Orient, dessen Leistungen trotzdem noch gegen
diejenigen des classischen Alterthums bedeutend zurckstehen. Bezeichnend
fr jene Zeit ist die Erzhlung des Plinius, da an Lucius Plocius der
Duft zum Verrther geworden sei. Dieser Lucius Plocius, dessen Bruder
Lucius Plancus zweimal das Consulat bekleidet hatte, wurde von den
Triumvirn gechtet und mute fliehen. Er verbarg sich im Salernitanischen,
wo man ihn entdeckte, weil er so stark nach Salben roch. Er mute den Tod
erleiden, was Plinius nicht ohne einige Genugthuung erzhlt, so emprte
ihn der Mibrauch, den man mit Parfms damals trieb. Da heute Jemand von
wohlriechenden Salben und Oelen triefen sollte, wie es im Orient und in
Griechenland zu alten Zeiten oft der Fall war, knnen wir uns kaum
vorstellen. Wir empfinden eine entschiedene Abneigung selbst gegen fettige
Hnde und suchen solche mglichst rasch zu subern. Oel oder Pomade werden
allenfalls noch im *Haar* geduldet, sonst nur alkoholische Extracte
benutzt. Im Alterthum parfmirte man sich hingegen ausschlielich mit
duftenden Oelen. Das erste flssige Parfm, wie wir es jetzt benutzen,
soll Mercutio Frangipani dargestellt haben, der ein von seinen Vorfahren
erfundenes, aus Gewrzen und Moschus zusammengesetztes Riechpulver mit
starkem Weingeist extrahirte. Dieser Frangipani gehrte einem rmischen
Adelsgeschlecht an, das sich im zwlften und dreizehnten Jahrhundert in
den Kmpfen der Guelfen und Ghibellinen ausgezeichnet hatte. Da die
Neigung, sich mit Wohlgerchen zu beschftigen, in diesem Geschlechte
fortlebte, geht aus der Angabe hervor, da ein spterer Nachkomme der
Frangipani in Frankreich, der Marquis de Frangipani, Feldmarschall unter
Ludwig XIII., eine Art parfmirter Handschuhe einfhrte, die _Gants  la
Fragipane_ genannt wurden.

Die Griechen lernten es von den Orientalen, ihren Krper mit duftenden
Oelen einzusalben. Plinius mchte ohne Weiteres die Erfindung der
wohlriechenden Salben den Persern zuschreiben. Ihr Knig Darius soll in
seinem Trosse nicht weniger als vierzig Salbenbereiter gefhrt haben; sie
geriethen in die Gewalt Alexanders. Aus der Beute, welche dieser damals
machte, stammte, nach Plinius, auch jener mit Gold, Perlen und Edelsteinen
besetzte Salbenschrein, in welchem Alexander die Werke Homers aufbewahren
lie, damit, so sagte er, das werthvollste Werk des menschlichen Geistes
auch die kostbarste Hlle erhalte. In Griechenland galt die Benutzung
wohlriechender Salben immerhin als Verweichlichung; der echte Mann
verpnte sie und rieb sich in den Gymnasien mit reinem Oele ein.

Theophrast, Plinius und Dioscorides haben uns erzhlt, wie die
wohlriechenden Salben im Alterthum hergestellt wurden. Man mischte die
Aromata mit den Oelen und erwrmte sie zusammen. Theophrast gab schon im
dritten Jahrhundert v. Chr. an, man solle die Operation im Wasserbade
vornehmen, um ein Anbrennen der Aromata zu verhindern. Als Oel diente vor
Allem das der Olive, das man kunstvoll reinigte und bleichte, auch aus
noch unreifen Frchten prete, um es mglichst farblos zu erhalten.
Auerdem wurde das Oel aus sen und bitteren Mandeln, Sesaml, Ricinusl
und Behenl benutzt. Das letztere schtzte man ganz besonders, weil es
geruchlos ist und nicht leicht ranzig wird. Auch heute wrde man es zu
Haarlen gern verwenden, wre es nicht aus dem Handel so gut wie
verschwunden. Der Baum, von dem man das Behenl gewann, hie im Alterthum
_Balanos_ oder _Myrobalanon_, somit Salbeneichel. Es ist die in Arabien
und Aegypten einheimische _Moringa aptera_, deren Frchte, die Behennsse,
durch Auspressen das Oel liefern.

Dioscorides warnt in seiner _Materia medica_, einem Werk, das wohl um
die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. erschien, vor jeder Spur Wasser,
die im Oel zurckbleibt, und rth an, das Oel fter umzugieen in Gefe,
die mit Honig und Salz bestrichen sind. Durch das Salz werde dann alles
Wsserige dem Oele entzogen. - Myrrha und andere Balsame, Cardamomen,
Calamus, Wurzelstock der Iris, duftende Blthen und Frchte, wohlriechende
Kruter muten ihre Aromata an die Oele abgeben. Auch war die Eigenschaft
thierischer Fette, sich mit Wohlgerchen zu beladen, schon bekannt.
Allgemeiner Verbreitung erfreute sich namentlich die Rosensalbe, deren
Bereitung Dioscorides eingehend schildert. Man setzte den Salben meist
Gummi und Harz hinzu, um sie zu frben und auch, wie es hie, ihren Duft
zu binden. Manche Salbe frbte man mit Drachenblut, dem blutrothen Harz
des Drachenbaumes (_Dracaena Draco_) oder mit _Anchusa_, wohl dem
Farbstoff, den wir aus der Wurzel der _Anchusa tinctoria_, unserer
Alkannawurzel, gewinnen. Letzterer wurde auch zum Frben des Rosenls
empfohlen. - Die Zahl der benutzten Salben wuchs ganz auerordentlich, oft
mischte man sehr viele Substanzen in einer einzigen Salbe zusammen. Die
gyptische Salbe _Metopium_ stellte man aus Bittermandell her und
setzte _omphalium_, _cardamomum_, _juncum_, _calamum_, _mel_, _vinum_,
_myrrham_, _semen balsami_, _galbanum_, _resinam terebinthinam_ hinzu.
Soweit die Bedeutung der Namen heute klar gelegt ist, enthielt somit diese
Salbe, auer dem Bittermandell, das Oel unreifer Oliven, die flchtigen
Oele der Cardamomen, des wohlriechenden Geraniumgrases und des Kalmus,
dann Honig, Wein, den Balsam des nordafrikanischen Baumes _Balsamodendron
myrrha_, Balsamkrner, d. h. den Balsam der erbsengroen Frchte des
arabischen Balsamstrauches _Balsamodendron giliadense_, das Gummiharz
eines persischen Doldengewchses, _Ferula galbaniflua_, endlich das
Terpentin der _Terpentin-Pistazie_. Von dem Duft dieser Salbe kann man
sich annhernd eine Vorstellung machen, sie mu vorwiegend nach bitteren
Mandeln und Balsam gerochen haben. - Man bezog die Salben von den
verschiedensten Orten, aus Aegypten, Delos, Mendesium, Corinth, Kilikia,
Rhodos, Kypros, spter auch aus Neapolis, Capua, Praeneste. Das wechselte
je nach Geschmack und Mode. Die Salben waren zum Theil sehr theuer und
beschftigten ein ganzes Heer von Verfertigern und Verkufern. In den
Lden der Salbenhndler hielten sich die Miggnger auf. Man whlte
beschattete Orte zur Anlage solcher Lden, damit die Salben, die in Gefe
von Blei oder Stein eingeschlossen waren, von der Sonnengluth nicht
litten. Der Stein, den wir Alabaster nennen, wurde viel fr diese Gefe
verarbeitet, doch scheint die antike Bezeichnung _Alabastron_, wie
Reinhold Sigismund in seinem Buch ber die Aromata nachzuweisen sucht,
sich mehr auf die Gestalt, als auf das Material der Salbengefe bezogen
zu haben.

Bezeichnend fr den Mibrauch, der mit wohlriechenden Salben in
Griechenland getrieben wurde, sind die zahlreichen, uns von Athenus
berlieferten Berichte. Er erzhlt, da die Schwelger in Athen jeden Theil
ihres Krpers mit einer anderen Salbe einrieben. Aegyptische Salbe diente
fr Fe und Schenkel, phnikische Salbe fr Kinnbacken und Brust,
_Sisymbrion_-Salbe fr die Arme, _Armaracon_-Salbe fr Haar und
Augenbrauen, _Serpyllos_-Salbe fr Kinn und Nacken. Man kann sich
vorstellen, wie so ein menschliches Wesen nach vollzogener Einsalbung
geduftet haben mag. Denn die _Amaracon_-Salbe roch nach Majoran, die
_Serpyllos_-Salbe nach Thymian, die _Sisymbrion_-Salbe wohl nach einer
Minze, die gyptische und phnikische nach Bittermandell und Balsamen.
Das war ein ganzer Parfmladen! Dabei glnzte ein solcher Mensch von Fett
an seinem ganzen Krper. - Ueber Demetrius Phalereus wird bei dem
Symposion des Athenus berichtet, er habe sich nicht nur den ganzen Krper
gesalbt, sondern auch das Haupthaar noch gelb gefrbt, um verfhrerischer
auszusehen. - Bei Trinkgelagen salbte man den Kopf, damit der Wein nicht
in die Hhe steige; denn wenn der Kopf trocken ist, hatte Myronides
gesagt, wandern die Dnste nach oben. Dazu kamen noch die Krnze, welche
den Rausch verhindern, den Kopf khl erhalten und den Kopfschmerz abwehren
sollten. Das mgen die ursprnglichen Epheukrnze gethan haben, schwerlich
die spter benutzten aus duftenden Blumen. Denn diese wurden aus Rosen,
Lilien oder Violen (Goldlack und Levkoien) gewunden und von aufwartenden
Dienern vielfach mit duftenden Salben noch besprengt. In dem Symposion des
Athenus wird berichtet, da bei den prunkvollen Aufzgen des Knigs
Antiochus Epiphanes auf Daphne zahlreiche Frauen mit goldenen Gefen
einherschritten und aus diesen duftende Salben auf die Menge verspritzten.
Derselbe Knig, den man spter spottweise auch Epimanes, das heit den
Verrckten nannte, pflegte in ffentlichen Bdern zu erscheinen, wenn das
ganze Volk dort versammelt war. Er salbte sich mit den kstlichsten Oelen.
Da sagte denn Einer: Wie glcklich bist Du, o Knig, da Du so
wohlriechende Parfms benutzen und berall einen so angenehmen Duft
verbreiten kannst. Antiochus antwortete ihm nicht, lie ihm aber am
nchsten Tage nach dem Bade ein groes Gef mit Myrrhensalbe ber den
Kopf gieen. Nun wlzten sich auch Andere in dem verschtteten Oele, viele
glitten aus und fielen zu Boden, sogar der Knig, was allgemeine
Heiterkeit erregte. Dieser Antiochus mu allerdings recht excentrisch
gewesen sein, denn auch die Geschenke, die er vertheilte, waren mehr als
sonderbar. Dem Einen drckte er Knchel, dem Anderen Datteln, noch Anderen
Gold in die Hnde.

Die Lacedmonier, heit es, htten die Salbenhndler und die Frber aus
Sparta verjagt, weil die Ersteren das Oel verdarben, die Letzteren die
Wolle ihrer ursprnglichen Reinheit beraubten. Lykurg und Sokrates traten
gegen den Mibrauch wohlriechender Salben auf, erreichten aber eben so
wenig, wie spter in Rom die beiden Censoren Publius Licinius Crassus und
Lucius Julius Csar, die, wie Plinius mittheilt, im Jahre 189 v. Chr. ein
Edict erlieen, da Niemand exotische Salben verkaufen solle.

Die Haare und Kleider der Rmerinnen verbreiteten, nach Plinius, so starke
Dfte, da sie schon aus der Ferne die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Da
sei um so thrichter, meint er, als dieser theuer erkaufte Genu weit mehr
Anderen zu Gute komme, als dem, der ihn bezahlt hat. Nicht minder beklagt
auch Plutarch diese Salbenverschwendung. Er erzhlt, wie bei einem
Gastmahl, das Salvius Otto dem Nero gab, von allen Seiten her kostbare
Salben aus goldenen und silbernen Rhren flossen und die Gste ganz
durchnten. Juvenal spottet in seinen Satiren ber Crispinus, den
Gnstling Domitians, da er schon am Morgen mehr Amomumduft als zwei
Leichenbegngnisse von sich aushauche. - Ein besonders lebendiges Bild aus
Neronischer Zeit, das auch den Salbenluxus und die Vorliebe fr
Wohlgerche zeigt, hat Petronius in dem Gastmahl des Trimalchio entworfen.
Sind die Farben auch stark aufgetragen, so entspricht die Schilderung doch
den damaligen Sitten, wie sie bei prahlerischen Emporkmmlingen sich
besonders geltend machten. Whrend des ppigen, nicht endenwollenden
Mahles, bei welchem die seltensten Speisen in kunstvoller Zubereitung
aufgetragen werden, folgen die mannigfaltigsten Ueberraschungen
aufeinander. Da pltzlich senkt sich von der Decke ein gewaltiger Reifen,
an dem rund herum goldene Krnze nebst Flaschen wohlriechender Essenzen
hngen. Sie sind als Geschenke fr die Gste bestimmt. Gegen Ende des
Mahles wird die Ausgelassenheit gro, bis der trunkene Trimalchio auf den
Einfall kommt, sich die Todtenkleider bringen zu lassen, in denen er
wnscht, da man ihn einst begrabe. Er befiehlt auch, wohlriechendes
Wasser zu holen und eine Probe zum Kosten von jenem Wein, mit dem seine
Gebeine gewaschen werden sollen. Er ffnet eine Flasche Nardenessenz,
bestrich mit derselben seine Gste und spricht die Hoffnung aus, dieser
Wohlgeruch werde ihm nach dem Tode eben so gut thun, wie im Leben. -
Petronius gehrte zu den Lieblingsautoren des vorigen Jahrhunderts; um die
Mitte desselben hatte das Gastmahl des Trimalchio, wie ich Friedlnders
Einleitung zum Petronius entnehme, schon sechs franzsische Uebersetzungen
aufzuweisen. Am Hofe von Hannover, im Carneval des Jahres 1702, wurde es
sogar von frstlichen Darstellern aufgefhrt. Auf Wunsch der Knigin
Sophie Charlotte von Preuen mute Leibniz der Frstin von
Hohenzollern-Hechingen diese Auffhrung schildern, was in einem
franzsisch geschriebenen Brief vom 25. Februar 1702 geschah.

Gleicher Luxus mit Parfms wie im Alterthum ist wohl zu keiner Zeit wieder
getrieben worden, doch kamen sie an den Hfen von Frankreich und England
zeitweise in hohe Gunst. In Frankreich geschah das zur Zeit der
Renaissance unter dem Einflu der italienischen Knstler, die Franz I. und
Katharina von Medicis an ihren Hof zogen. Da wurde in parfmirten Pasten,
Pomaden und duftenden Handschuhen vollauf geschwelgt. Die Cosmtiques
kamen zu jener Zeit als Schnheitsmittel auf und riefen eine besondere
cosmetische Literatur ins Leben. Da Diana von Poitiers bis in das hohe
Alter sich den Reiz der Jugend zu bewahren wute, ungeachtet sie schon mit
dreizehn Jahren an Ludwig von Breze, Groseneschal der Normandie, vermhlt
worden war, schrieb man cosmetischen Geheimmitteln zu, die ihr Paracelsus
verrathen habe. Der Mibrauch, der unter den Valois mit cosmetischen
Mitteln getrieben wurde, rief eine Reaction gegen dieselben hervor; erst
unter Ludwig XIII. wute die schne Anna von Oesterreich sie wieder in die
Gunst des Hofes zu bringen. Da kamen die Ptes d'Amandes, die
verschiedenen Crmes und Schminken auf, welche der Haut der Damen eine
knstliche Frbung verliehen. Ludwig XIV. liebte die Cosmtiques nicht:
ihr Gebrauch nahm ab, doch nur, um unter der Rgence einen besonderen
Aufschwung zu erfahren. Jetzt blhten Geheimmittel, welche die Jugend und
Schnheit dauernd sichern sollten. Der berchtigte Cagliostro nahm von der
eben so berchtigten Dubarry und von anderen Schnen nicht geringe Summen
fr solche Geheimmittel ein. Trotzdem schminkte man sich unter Ludwig XV.
wieder weniger als zuvor und das _rouge de Portugal en tasse_ rthete
nicht so stark die Gesichter. Der Absatz an Schminke hielt sich immerhin
auf bedeutender Hhe, so da im Jahre 1780 eine Gesellschaft fnf
Millionen Francs der Regierung fr das Privilegium bot, ein Roth
besonderer Gte allein verkaufen zu drfen. Selbst mit violetter Schminke
versuchte man es in den Grten des Palais Royal und hielt ganz Paris
dadurch acht Tage lang in Aufregung. - Das hrte gegen Ende des
Jahrhunderts, unter dem Einflu von Marie Antoinette auf; die schreienden
Farben verschwanden aus den Gesichtern, und zugleich verlor sich auch der
Geschmack an starken Wohlgerchen; das Zarte mute sich jetzt mit dem
Schwermthigen, das Keusche mit dem Gefhlvollen im Aussehen der Frauen
paaren: so gewann die Parfmerie jenes discrete Geprge, welches ihr auch
heute noch geblieben ist. Nur vorbergehend machte sich ein
entgegengesetzter Einflu der Kaiserin Josephine geltend, die als Creolin
die starken Parfms liebte. Napoleon I. selbst bediente sich nur des
Klnischen Wassers, das er sich jeden Morgen ber Kopf und Schultern go.

Seit dem sechzehnten Jahrhundert war Frankreichs Geschmacksrichtung in der
Parfmerie magebend fr die anderen Vlker, im siebzehnten Jahrhundert
gelangte sie zur Alleinherrschaft zugleich mit den franzsischen Moden.

Frankreich und England waren es vorwiegend, welche die Welt mit ihren
Parfmerien versorgten. Nur dem Klnischen Wasser gelang es, als
Weltparfm gegen die Producte dieser Lnder aufzukommen. Jetzt erst
beginnt Deutschland, wenn auch noch nicht in den Bouquets, so doch in
den ungemischten Parfms in die erste Stelle zu rcken. Die Leipziger
Erzeugnisse haben in dieser Richtung einen ungeahnten Erfolg erreicht.
Auerdem steht Deutschland obenan mit seinen chemischen Producten, die
heute in so entscheidender Weise in die Parfmerie eingreifen. Ebenso
liefert es vornehmlich der Welt jene antiseptisch wirksamen Stoffe, welche
die Cosmtiques verdrngt haben und allein berufen sind, die Gesundheit
des Krpers und damit auch die Schnheit des Teint in Zukunft zu wahren.

Die Berge strahlten von allen Seiten Licht und Wrme auf die
Blumenpflanzungen von Grasse zurck. Es wurde hei in der Stadt: feiner
Staub stieg bei jedem Windhauch in dichten Wolken auf: es roch zu stark
nach Santalholz in den Straen, wir fhlten uns pltzlich reisemde und
traten den Heimweg nach dem Norden an.

                            ------------------





FRHJAHR 1895.


                                    I.

Der Winter war so lang und so traurig im Norden gewesen, wir sehnten uns
nach Wrme und nach Sonne. Doch auch vom Mittelmeer trafen unaufhrlich
Hiobsposten ein: die Klte hielt dort an, die Vegetation hatte gelitten,
noch zu Anfang Mrz fiel Schnee, der viele Orte der Riviera mit einem
weien Gewand bedeckte. Da, endlich, siegte die Frhlingssonne: wir
erhielten gnstige Nachricht, und waren einige Tage spter in Cannes.
Schon oben in den Alpen begrte uns der Frhling, mit leuchtendem
Antlitz, mit einer Strahlenkrone ums Haupt. Die Fahrt in dieser sonnigen,
zu neuem Leben erwachenden Natur, glich jetzt einem wahren Triumphzug. So
kamen wir ans Mittelmeer.

Im Norden schneit es noch immer, und dunkle Wolken decken dort den Himmel,
hier aber glnzt die Sonne am blauen Firmament, sie spiegelt sich im
Meere, und ihre Strahlen dringen in unser Inneres ein und lsen die grauen
Nebel auf, die sich an dunklen Tagen dort angesammelt haben. Auch an der
Riviera di Ponente muten Pflanzen und Menschen von der ungewohnten
Strenge dieses Winters leiden. Die meisten Pflanzen erholen sich wieder.
Die gebrunten Bougainvilleen an den Husermauern beginnen stellenweise
auszutreiben, sie bilden carmoisinrothe Hochbltter in Bscheln an dem
todten Laub. Der Heliotrop durchbricht mit seinen Sprossen den Boden, bald
werden frische lebhaft grne Bltter an den Fcherpalmen die braun
gefleckten alten ersetzen. - Auffllig gut haben die Acacien dem Schnee
und der Klte getrotzt, sie sind mit gelben Blthen ber und ber bedeckt,
wahre Blumenstrue in der sonst noch blumenarmen Landschaft. Denn die
Vegetation ist gegen sonst sehr weit zurck, die Rosenstcke weisen nur
geschlossene Knospen auf, whrend sie sonst von Mitte Winter an hier im
Blthenschmuck prangen. Eine Rose ist in keinem der vielen Blumenlden von
Cannes zu erblicken; man mte sie wohl in den Gewchshusern des Nordens
bestellen; Weniger gut als so viele Pflanzen erholt sich der leidende
Mensch, der hier in diesem letzten Winter Linderung, ja Genesung suchte.
Tage lang mute er in Rumen verweilen, die nur drftig zu erheizen waren.
Wie Manchem hat dieser Aufenthalt das Leben gekrzt. Schwerkranke sollten
hierher berhaupt nicht geschickt werden.

                                   II.

Wir wollten nicht unten am Meere wohnen in den staubigen Theilen von
Cannes; wir zogen den Abhang hinauf, der im Osten die Stadt beherrscht,
zur Californie. Ueber den schnen Garten des Htel Californien hinweg
blicken wir auf die Croisette, jene schmale Landzunge, welche den Golfe de
la Nopoule vom Golfe Jouan scheidet. Weiter trifft unser Auge die Ile
St. Marguerite, und bei Morgenbeleuchtung zeichnet sich jedes Haus in dem
Fort ab, das diese Insel krnt. Von der Ile St. Honorat ist nur die Kirche
sichtbar, im brigen wird sie von ihrer Schwesterinsel verdeckt. Im Osten,
ber den blhenden Acacien, steigt an einem Hgel die alte Stadt Cannes
empor. Sie gipfelt in ihrem alten Schlosse und bietet dem Auge ein
malerisch bewegtes Profil. In weniger schner Linie folgen die neuen
Stadttheile der Bucht, doch diese Linie wird, von hier oben aus
betrachtet, durch ppige Grten der Hgel gebrochen und belebt. Besonders
gerne ruht aber unser Blick auf den zackigen Umrissen des Esterel. Dorthin
wendet sich unser Auge stets zuerst am Morgen, wenn die Sonne die Gipfel
der Berge vergoldet und jede Ortschaft sich blendend wei am Fue
derselben zeichnet; dorthin schauen wir auch zuletzt am Abend, wenn die
Sonne jenseits der langen Kette verschwindet, und ihre Strahlen sich wie
ein leuchtender Fcher am Abendhimmel ausbreiten. Dann entznden sich auch
bald die Leuchtthrme lngs der Kste, und schon in der Dmmerstunde
flammt Cannes mit Tausend Lichtern auf. Dieses Schauspiel wiederholt sich
jeden Abend, und wir wurden nicht mde, es zu betrachten.

Zugleich beginnt das Concert der Laubfrsche rings um das Htel, jenes
Concert, das Jeder kennt, der im Frhjahr die Riviera besuchte. In allen
Wasserbehltern versammeln sich um diese Zeit jene Thierchen und locken
sich aus der Ferne mit lauten Rufen an. Die auffallende Kraft des Tones
wird dadurch ermglicht, da das Mnnchen die schwrzliche Haut seiner
Kehle zu einer groen Schallblase auftreibt. Im Uebrigen leben diese
zierlichen, lebhaft grn gefrbten Geschpfe auf den Struchern und
Bumen. Es unterhielt uns, ihnen am Tage in dem Garten des Htels
nachzuspren, und dann auch festzustellen, wie sehr der Ton ihrer Frbung
sich nach ihrer jeweiligen Umgebung richtet. Auf hellen Blttern sind sie
hell, auf dunklen dunkel gefrbt und daher stets schwer zu erblicken. Es
handelt sich auch thatschlich bei diesem Farbenwechsel um eine
Schutzvorrichtung, die sie den Augen ihrer Feinde entziehen soll.
Andererseits werden sie auch nicht von der Beute bemerkt, auf die sie
lauern. Es ist belustigend zu sehen, wie der Laubfrosch auf Insecten jagt,
mit welchem Geschick er sie fngt und wie hoch er springt, um sie zu
erfassen.

Ungeachtet des Regens, der vor Kurzem reichlich gefallen war und trotz des
tglichen Begieens, zeichnet sich die Strae, die von Cannes nach Antibes
fhrt, von hier oben gesehen, meist wie ein langer Streifen von Staub
zwischen den grnen Grten aus. Besonders hoch steigt dieser Staub an den
Nachmittagen auf, wenn eine Equipage der anderen folgt und neue
Staubwolken aufwirbelt. Dieser Staub, von zermalmtem Kalkstein stammend,
ist wie Mehl so fein. Ueberall dringt er ein, er erhebt sich zu so
bedeutender Hhe, da er die angrenzenden Bume bis in ihre Gipfel grau
frbt. Diesen Staub athmen nun tagtglich die vornehmen Gste von Cannes
ein, die meist nach dem Sden reisten, um ihre Lungen zu schonen. Derselbe
Staub herrscht nun leider an vielen Orten der Riviera, berall dort, wo
das Kalkgebirge bis an die Kste reicht. Doch wer zwingt auch den Kranken,
sich auf den Landstraen zu bewegen oder an denselben zu wohnen! - Ich
kann den Staub nicht leiden, wenn ihn auch meine Lunge vertrgt;
glcklicher Weise ermde ich aber auch nicht leicht beim Gehen und fhle
mich wohler zu Fu, als im Wagen. So war das Htel sehr gnstig fr mich
gelegen. Auf Fuwegen lassen sich von demselben schon in kurzer Zeit
Wlder und Maquis erreichen. Dort, auf den mit Kiefern bedeckten Gipfeln
von _la Maure_, 250 Meter hoch ber dem Meere, erffneten sich die
herrlichsten, berraschendsten Blicke in ppig grne Thler, nach den
schneebedeckten Alpen und ber die blaue Kste. Ganz besonders groartig
erschienen in diesem Frhjahr die Seealpen. Der Schnee reichte tief an
denselben hinab. Man whnte oft Bilder aus dem Berner Oberland vor Augen
zu haben, doch leuchtender, getaucht in den Glanz der italienischen Sonne.
So weilte ich denn mit Vorliebe unter den Aleppo-Kiefern oben auf den
Hhen von _la Maure_; doch mied ich grundstzlich das _Observatoire_,
den officiellen Aussichtspunkt, auf welchen am Nachmittag, auf staubiger
Strae, die Wagen durch mde Pferde mhsam aufwrts gezogen werden. Dort
ist ein Aussichtsthurm errichtet, von dem aus, gegen Zahlung, man die
Natur bewundern kann. Meist ist man im Gedrnge, und die Musik aus einer
nahen Wirthschaft trgt dazu bei, die Stimmung zu erhhen.

                                   III.

Beim Aufstieg zum _Observatoire_ schneidet man einen Kanal, der Cannes,
Golfe Jouan und Antibes mit Wasser versorgt. Er fhrt das nmliche Wasser,
das die Rmer einst in Forum Julii tranken. Sie hatten oberhalb Grasse
eine Quelle der Siagne gefat und fhrten das Wasser nach Frjus in einem
gedeckten Aquduct, der auf seinem Wege einen 50 Meter langen Tunnel, den
Tunnel von Roquetaillado, zu durchsetzen hatte. Der moderne Wasserkanal,
der in der Richtung von Cannes luft, steht der rmischen Wasserleitung
entschieden nach, denn er ist unbedeckt und vor Verunreinigungen somit
nicht geschtzt. Man kann von La Maure aus diesem Kanal in nordwestlicher
Richtung meilenweit folgen. Ein Fuweg fhrt an demselben entlang. Er
steigt ganz unmerklich auf, so da man fast eben zu gehen meint. In weiten
Bogenlinien zieht er sich lngs der Berge hin und bietet wechselvolle
Ausblicke auf Cannes und das Esterel. Alsbald befindet man sich ber Le
Cannet, einem Dorfe, das nrdlich von Cannes, drei Kilometer entfernt vom
Meere liegt und durch nahe Hgel ganz besonders gut gegen Winde geschtzt
wird. Man schaut da auf groe Htels hinab, denn Le Cannet ist Station fr
solche Kranke, die nicht am Meere weilen sollen, weil ihnen die Seebrise
angeblich Schaden bringt. Noch weiter gen Norden krnt Mougins einen 260
Meter hohen, isolirten Hgel; ein malerischer Ort, dessen compacte
Husermasse nur von sprlichen Fenstern nach auen durchbrochen wird.
Dorthin sollen sich einst die Oxybier zurckgezogen haben, als die Rmer
die Kste besetzten. Nur eine halbe Stunde Weges trennt Mougins von dem
Thurme von Castellaras, der die umfassendste Aussicht auf die Alpenkette
bietet.

Von dem Wege am Wasserkanal kann man alle jene Hgel ersteigen, welche Le
Cannet von Vallauris trennen. Von da oben sieht man jenseits von Mougins,
am Fu der grauen Kalkalpen, Grasse im Sonnenlichte glnzen; unten im
Kessel, nach Osten zu, breitet sich Vallauris aus. Weiter sieht man Golfe
Jouan, Antibes, Nizza, die Kste bis in neblige Fernen und oberhalb der
Berge die Vallauris schtzen, als herrlichsten Abschlu des Bildes, die
Schneemassen um den Col di Tenda. Dort baut Italien seit Jahren eine
Eisenbahn, welche Turin mit Ventimiglia verbinden soll. Die Bahn ist
fertig von Turin bis zum nrdlichen Abhang des Passes, dem Orte Limone.
Unter dem Col di Tenda luft jetzt schon ein langer Tunnel, der den
Verkehr der Wagen erleichtert. Dann beginnt das Thal der Roja, das bei
Ventimiglia das Meer erreicht. Der mittlere Theil dieses Thales ist im
Besitze Frankreichs. Ihn soll die Bahn umgehen, und das verursacht
bedeutende Kosten. Daher die Arbeiten langsam fortschreiten und die
Vollendung der Bahn sich noch kaum absehen lt. Einst wird diese Bahn ein
herrliches Stck Land dem Verkehr erffnen; denn die Gola di Gandarena, in
welcher die Roja zwischen himmelstrmenden Felsenmauern fliet, ist nicht
minder groartig wie die Via mala. Bis jetzt war dieser gewaltige Engpa,
einer der imposantesten der Alpen, nur Jenen bekannt, welche den kleinen
Badeort St. Dalmazzo di Tenda zur warmen Jahreszeit besuchten, oder die es
gar unternahmen, allen Schneemassen zum Trotz, schon im Frhjahr die Fahrt
ber den Col di Tenda zu unternehmen. Das haben wir einmal gethan und
einen unvergelichen Eindruck davon getragen. Ist einmal die Bahn von
Cuneo bis Ventimiglia in Betrieb, dann bildet sie zugleich die krzeste
Verbindung zwischen der sdlichen Schweiz und den Kurorten der Riviera di
Ponente. Die Strae ber den Col di Tenda ist aber die lteste, die jemals
den Gallischen Strand mit den Ebenen des nrdlichen Italien verband. Sie
existirte schon tausend Jahre vor Christus, zhlt somit jetzt
achtundzwanzig Jahrhunderte und hie die tyrrhenische Strae.

Der Ort Vallauris, so unscheinbar er auch ist, hat es verstanden, jetzt
eine gewisse Berhmtheit zu erlangen. Er dankt sie seinem farbigen
Halbporzellan, seinen _Faences d'art_, die nicht nur an der Riviera,
sondern in allen greren europischen Stdten jetzt die Schaufenster der
Lden zieren. Es sind das Thonwaaren mit Zinnglasur, die im starken Feuer
gebrannt werden. Die Familie Massier beherrscht diese Industrie. Ueberall
liest man diesen Namen ber den Lagern und ber den Fabriken. Den Fremden,
die auf der staubigen Landstrae zwischen Cannes und Antibes umherfahren,
fllt das groe Lager im Orte Golfe Jouan am meisten in die Augen durch
seinen mit bunter Fayence verzierten oder verunzierten Garten.

Bietet Vallauris als Ort auch nur wenig, so bleiben doch die Ausflge
anziehend, die man ber die Hhen in dieser Richtung unternehmen kann. Von
Vallauris geht man durch eine anmuthige Schlucht hinab nach Golfe Jouan
oder durch den Wald, am Abhang der Berge, ber Cannes-Eden, unmittelbar
nach Cannes. Vielfach begegnet man hier in den Wldern noch Korkeichen,
die weiter nach Osten ganz fehlen. Es hngt das mit den Bodenverhltnissen
zusammen, da Glimmerschiefer und Gneis stellenweise bei Cannes noch an die
Oberflche treten und dann die gleichen Vegetationsbedingungen schaffen,
wie sie im Maurengebirge gegeben sind.

                                   IV.

Von der uersten Spitze der Croisette ist die Insel St. Marguerite kaum
anderthalb Kilometer entfernt. In zwanzig Minuten kann man sie mit dem
Boote erreichen. Zweimal am Tage verkehrt auch ein kleiner Dampfer
zwischen dem Hafen von Cannes und den Lerinischen Inseln. Er berhrt sie
beide, und man kann den Ausflug ber die Mittagsstunden ausdehnen, wenn
man den ersten Dampfer zur Hinfahrt, den zweiten zur Rckfahrt benutzt. -
Wir wollten die Abendbeleuchtung der Kste von den Lerinischen Inseln aus
bewundern und nahmen am Nachmittag ein Boot an der Croisette. Voller
Sonnenschein fllte den Himmel mit einem Ueberma von Licht und lie das
glatte Meer gleich einer metallenen Platte erglnzen. Ein blulicher Dunst
lag auf der Wasserflche. Die gegenberliegende Insel rckte immer nher.
Scharf zeichneten sich auf ihr die Mauern, die das Fort umgeben, welches
einst Richelieu erbaute. Oestlich ber den Felsen blicken aus der Mauer
die Fenster jenes berchtigten Gefngnisses hervor, das sonderbarer Weise
so oft schon die Gedanken der Menschen auf sich zu lenken wute. Da war
der mysterise Gefangene eingeschlossen, der als Mann mit der eisernen
Maske die Historiker und Romanschreiber oft beschftigt hat. Man nimmt
jetzt meist an, es sei das Hercules Anthony Matthioli gewesen, ein
Bologneser vom alten Geschlecht, der den Ha Ludwig XIV. sich zugezogen
hatte. Matthioli sollte bei Ferdinand Carl IV. von Mantua, dem letzten
Herzog aus dem Hause Gonzaga, den Verkauf der Festung Casale Monferrato an
Frankreich vermitteln. Nach der Eroberung der Festung Pinerolo
beherrschten die Franzosen den Zugang zum Piemont; ihnen htte der Besitz
von Casale auch die fruchtbare Ebene von Mailand erffnet. Matthioli, der
Senator von Mantua war und das Vertrauen seines Frsten besa, lie sich
fr den Plan gewinnen. Ludwig XIV. empfing ihn an seinem Hofe mit groen
Ehren und zeichnete ihn durch ein kostbares Geschenk aus. Dessen
ungeachtet verrieth Matthioli die franzsischen Plne an Oesterreich und
brachte sie so zum Scheitern. Ludwig XIV. erfllte das mit Zorn. Es gelang
ihm, Matthioli ber die Grenzen von Turin zu locken. Er wurde dort
berfallen, gefangen genommen und in Fesseln gelegt. Man kerkerte ihn ein,
zunchst in Pinerolo, dann in jenem Gefngni auf St. Marguerite. Da der
internationale Rechtsbruch geheim bleiben mute, war es dem Gefangenen
unter Androhung des Todes verboten, sein Gesicht zu zeigen: er trug eine
Maske, die thatschlich aber nicht von Eisen, sondern von schwarzem Sammet
war. Im Jahre 1687 kam Matthioli auf die Insel, um zehn Jahre spter dem
Gouverneur der Festung, dem berchtigten St. Mars, nach der Bastille zu
folgen. Dort starb er am 19. November 1703. - Es heit, da nach der
Revocation des Edictes von Nantes durch Ludwig XIV. auch protestantische
Geistliche in diesem Gefngni geschmachtet htten. Napoleon I. setzte
umgekehrt einen katholischen Geistlichen, de Broglie, Bischof von Gent,
hier ein. Dann gab es weniger vornehme Gefangene, Mamelucken und
dergleichen, erst die Einkerkerung Bazaines an dieser Stelle zog wieder
die Blicke der Welt auf St. Marguerite. Bazaine gelang es zu entkommen.
Seine Frau, eine noch junge Spanierin, und sein frherer Adjutant
Willette, der ihn nach St. Marguerite begleitet hatte, ermglichten seine
Flucht. Er lie sich des Nachts am Seil lngs der Felsen nieder und
erwartete unten in zerfetzten Kleidern, mit wunden Hnden und blutigem
Gesicht, seine Frau. Das strmende Meer verhinderte die Landung des
Bootes, das ihn abholen sollte; er mute sich in das Meer werfen, um es zu
erreichen. - Heut war es an diesen Felsen so still, wie auf einem See, und
wir landeten ohne Mhe an dem steinigen Ufer. - Der Besuch der Festung
lohnt kaum, will man sich nicht etwa an der auerordentlichen Dicke der
Mauern und an dem dreifachen Gitter des einzigen Gefngnifensters
erbauen. Durch dieses Fenster htte Bazaine nicht entkommen knnen. Er
benutzte die mangelhafte Aufsicht, um gegen Abend seine noch offene Zelle
zu verlassen. Er verbarg sich im Gefngnihofe, whrend seine Zelle zur
Nacht leer verschlossen wurde.

Wir zogen in den schnen Kiefernwald, der den grten Theil der Insel
deckt, und lagerten dort unter den Bumen. Die Aussicht landeinwrts ist
derjenigen hnlich, die man von Antibes aus geniet. Nur steigt das
Vorgebirge in grerer Nhe auf, und das Bild wirkt heiterer durch die
groe Nhe von Cannes. Die Schneemassen der Alpen scheinen in der Ferne
fast in der Luft zu schweben, gehllt in jenen leuchtend azurenen Nebel,
der dem provenalischen Himmel eigen ist. Von der blauen Flche des Meeres
und den grnen Hgeln der Kste steigt so das Bild in Stufen, bis zu den
schneebedeckten Riesen der Alpenwelt empor, in groartig eindrucksvollem
Contrast.

Wir ziehen nun quer durch den Wald, nach der entgegengesetzten Seite der
Insel, wo uns das Boot erwartet. Jetzt liegt dicht vor uns die Ile
St. Honorat. Es ist nur ein enger Meeresarm, der beide Inseln trennt, doch
ein Meeresarm, erfllt mit gefahrbringenden Felsen, die kaum von den
Wellen des Meeres gedeckt werden.

Die Ile St. Honorat hie bei den Rmern Lerina. Der heilige Honoratus zog
von seiner Einsiedelei im Esterel zu Anfang des fnften Jahrhunderts nach
dieser Insel hin. Er fand sie, so berichtet die Sage, mit giftigen
Schlangen erfllt, unter denen zu leben fast unmglich schien. Doch der
Heilige bestieg eine Palme und vertrieb die Schlangen durch den groen
Bannfluch, den er ber sie aussprach. Zu St. Honoratus gesellte sich bald
der greise Caprasius, den sptere Zeiten auch als Heiligen anerkannten. Es
strmten von allen Seiten Anhnger herbei, und das errichtete Kloster
hatte bald bedeutenden Ruhm erlangt. Der heilige Vincenz, einer der
hervorragendsten Mnche von Lrin, verfate dort das Commonitorium gegen
die Irrlehre, ein Werk, das man auch in unserer Zeit im Streit um das
Unfehlbarkeitsdogma fters citirte, im Besonderen den Satz: Was immer,
was berall, was von Allen geglaubt worden ist, das ist wahrhaft
katholisch. Dem Kloster gehrten auch an: St. Hilarius, der wie
St. Honoratus spter Bischof von Arles wurde, ebenso St. Maximus, der den
Bischofssitz von Frjus bestieg, dann Faustus, Bischof von Reji, der zu
den Heiligen zwar gezhlt, dessen Rechtglubigkeit aber vielfach
angezweifelt wurde; dann St. Salvian, St. Valerian, auch die beiden Shne
des heiligen Eucharius: St. Veranius und St. Salonius und viele Andere.
Von der kleinen Insel Lerina, die St. Honor nach dem Begrnder ihres
Klosters benannt wurde, gingen nicht weniger als zwlf heilige
Erzbischfe, zwlf heilige Bischfe, zwlf heilige Aebte und vier heilige
Mnche hervor. O gesegnete Einsiedelei, o dreimal glckliche Insel, die
du so viel Sprlinge des Himmels erzogen hast! _Beata et felix insula
Lyrinensis {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}!_ rief daher schon im Jahre 542 der Erzbischof von Arles,
Caesarius, der Sohn des Grafen von Chalon, bei seinem Tode aus. Zu Ehren
aller dieser Heiligen wurde am 15. Mai ein eigenes Fest, das der
Allerheiligen von Lerina, gefeiert. Um das Jahr 690 zhlte das Kloster
ber 3700 Mnche. Wie mgen sie nur alle Platz gefunden haben auf der
kleinen Insel, die nur etwa tausend Schritte lang und vierhundert Schritte
breit ist! Dieses rasche Aufblhen des Klosters trug die Keime des
Verfalles auch in sich; die asketische Lebensweise schwand immer mehr. -
Zur Zeit, da der heilige Caesarius dem Kloster als Mnch angehrte, waren
die Ordensregeln uerst streng. Jeder Mnch bewohnte getrennt seine
Zelle: es gab weder ein Schlafgemach noch eine Kche. St. Caesarius
ernhrte sich von Krutern und von Brhen, die er sich am Sonntag fr den
Bedarf der ganzen Woche kochte. Das nderte sich spter, und schon zu Ende
des siebenten Jahrhunderts muten, wie der Abt Disdier erzhlt, die Ppste
eingreifen, um der Zgellosigkeit der Sitten unter den Mnchen zu steuern.
- Der heilige Aigulf, hieher gesandt, um strenge Zucht im Kloster
einzufhren und die Mnche zu besserem Lebenswandel zu bekehren, wurde von
ihnen verstmmelt und Seerubern bergeben. - Dann aber kamen die
Saracenen. Sie plnderten im Jahre 732 das Kloster und mordeten alle seine
Bewohner. Nur St. Eleutherius blieb am Leben, verborgen in einem
unzugnglichen Felsenspalt, in dem er acht Tage lang von Wurzeln und
Seethieren sich nhrte. Das Kloster blhte noch mehrfach auf, doch die
alte Sicherheit und Ruhe waren von der Insel geschwunden, so da der Abt
Adalbert im Jahre 1073 einen starken viereckigen Thurm erbauen lie, der
vom Strande aus gegen Afrika schaut und dauernd das Meer berwachte. Der
Thurm war gerumig genug, um alle Mnche aufzunehmen; sie konnten die
Klosterschtze darin bergen, dort auch sich wirksam gegen die alten
Feinde, Seeruber und Saracenen, vertheidigen. So kam es, da das Kloster
nicht nur fortbestehen, sondern auch glnzende Zeiten erleben konnte: es
hatte noch manchen geistig hochstehenden Abt aufzuweisen. Im sechzehnten
Jahrhundert besa es eines der reichsten Sanctuarien, und seine Bibliothek
war weit berhmt. Im siebzehnten Jahrhundert, unter dem Pontificat
Gregor XV. begann es endgltig zu verfallen. Als es im Jahre 1788
scularisirt wurde, zhlte es nur noch vier Mnche. Man vertheilte die
Klosterschtze an die Kirchen der benachbarten Regionen. Viele
Kostbarkeiten verschwanden whrend der franzsischen Revolution, so ein
silberner Reliquienschrein, der die Ueberreste des heiligen Honoratus
enthielt und nach Cannes gekommen war. Dieser kunstvoll gearbeitete
Reliquienschrein stammte von Franz I., der nach der Schlacht von Pavia als
Gefangener die Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1525 im Kloster zugebracht
hatte. Im Jahre 1791 wurde das Kloster versteigert und ging, eigen genug,
in den Besitz einer Schauspielerin ber. Es war das Frulein Alziary de
Roquefort, die unter dem Namen Sainval an der _Comdie franaise_
glnzende Triumphe gefeiert hatte.

Die Insel St. Marguerite hie bei den Rmern Lero. Strabon erzhlt, da
ein Heroentempel diese Insel schmckte und da die Ligurischen Piraten
dort Opfer darbrachten. Den Namen St. Marguerite, den jetzt die Insel
fhrt, sucht eine Sage mit dem Namen der Schwester des heiligen Honoratus
zu verknpfen. Von Sehnsucht getrieben, so wird erzhlt, kam Margarethe
nach Lerina und fiel dem Bruder zu Fen. Die Ordensregel schlo die
Anwesenheit von Frauen auf Lerina aus. Daher St. Honoratus die Schwester
nach der Insel Lero brachte, wo sie verblieb und Aebtissin wurde.
Margarethe nahm unter einem blhenden Kirschbaum von dem Bruder Abschied,
und er mute ihr versprechen, da er sie besuchen wrde, so oft dieser
Kirschbaum blhe. Die Heilige erwirkte dann durch ihr Gebet, da der
Kirschbaum allmonatlich in Blthenschmuck prangte.

Jetzt gibt es wieder Mnche im Kloster St. Honorat. Das Bisthum von Frjus
hat das Kloster im Jahre 1859 erworben, und zehn Jahre spter zogen die
Cistercienser hierher. Im weien Gewande, mit schwarzer Kapuze, schwarzem
Gurt und Scapulier schreiten sie in dem Kloster einher. Frauen ist der
Zutritt untersagt, doch viel verlieren sie nicht durch dieses Verbot, denn
von den lteren Theilen des Klosters blieb fast nichts erhalten, und die
Kirche in demselben ist ganz neuen Ursprungs. Weit hheres Interesse
beansprucht das auerhalb des Klosters am Meeresstrande aufgebaute, auch
den Frauen zugngliche Kastell. Ein mchtiger Bau aus Quadersteinen, der
den Angriffen der Zeit getrotzt hat. Nur von wenigen Fenstern nach auen
durchbrochen, mit Zinnen besetzt, trgt es deutlich seine einstige
Bestimmung zur Schau. Besonders stimmungsvoll hebt sich dieses dunkle
Kastell von dem blauen Hintergrund des Meeres ab, wenn es aus einiger
Entfernung betrachtet wird, und dunkelgrne, ber den Strand geneigte
Kiefern dasselbe umrahmen. Im Innern birgt das Kastell alle jene Rume,
die zu einem lngeren Aufenthalt der Mnche nothwendig waren: zahlreiche
Zellen und ein Refectorium, eine Capelle und eine Bibliothek, vor allem
auch eine Cisterne. Diese Cisterne, ganz alter Construction, nimmt die
Mitte des offenen Hofes ein; Sulengnge, in mehreren Stockwerken, steigen
im Umkreis auf. Eingestrzte Gewlbe, halbverschttete Rume, verborgene
Treppen, die in unterirdische Rume fhren, folgen aufeinander und
durchschneiden sich in sinnverwirrender Weise. Die Burg ist Kloster und
Festung zugleich, so recht ein Product jener Zeit, wo das Kreuz und das
Schwert oft von derselben Hand gefhrt wurden, einer leidenschaftlich
erregten Zeit, stark und starr in ihrer Ueberzeugungskraft, der es an
schpferischer That und eigenartiger Poesie nicht fehlte. Auf einer
Wendeltreppe besteigt man den Thurm, von dem aus sich eine herrliche
Aussicht entfaltet. Man sieht hinab auf die Lerinischen Inseln, die wie
grne Fle auf dem Meere schwimmen, und berblickt die ganze weite Kste
von St. Tropez bis zu den Bergen von Bordighera. Die Insel St. Honorat ist
viel kleiner als ihre Schwester; da der heilige Honoratus sie
dessenungeachtet zur Anlage seines Klosters erwhlte, war durch die Quelle
bedingt, die sie birgt.

Zerklftete Felsen ragen in der Nhe des Kastells aus dem Meer hervor. Sie
heien die Mnche und bilden einen natrlichen Schutz fr die Insel. An
ihnen bricht sich die Macht der Wellen, wenn der Sdsturm das Meer gegen
die Insel treibt. Einige Capellen schmcken den Strand, Ueberreste aus
alter Zeit; Marmorfragmente von Sulen und Capitlen sind zwischen Myrten
und Lentisken aufzufinden und mahnen an frhere Pracht. Fnfzehn
Jahrhunderte lang beherrschten die Mnche diese Inseln sowie auch das
gegenberliegende Festland, jetzt gilt ihre Frsorge vor allem einem
Waisenhaus, das in dem Kloster errichtet wurde und in welchem die Knaben
verschiedene Gewerbe erlernen. In diesem Waisenhause befindet sich auch
eine Druckerei, in welcher alte kirchliche Werke neu edirt werden. So hat
die Druckerei von Lerin dem Papst Leo XIII. zu seinem Jubilum ein reich
verziertes Werk berreicht, welches das Magnificat in hundertfnfzig
Sprachen enthielt.

Oestlich von der Insel St. Honorat liegt die kleine Felseninsel
St. Frol. Whrend die beiden greren Lerinischen Inseln durch Legende
und Geschichte wie mit einem Heiligenschein umgeben werden, bildete sich
eine seltsame, fast dmonische Mythe um St. Frol aus. Es hie, und heit
noch vielfach, da auf St. Frol das Grab von Paganini sich befunden
habe. Diese Angabe ist in franzsischen Werken verbreitet. Sie fhren an,
Paganini sei in Nizza, im Mai 1840, an der Cholera verschieden; sein Sohn
Achille habe die Leiche auf einem Schiffe nach Genua gefhrt, um den Vater
an dessen Geburtsorte zu bestatten. Die Geistlichkeit verweigerte aber das
Begrbni dem Manne, von dem es hie, er habe sich dem Satan verschrieben.
Auch das Municipio lie die Ausschiffung des Krpers wegen Choleragefahr
nicht zu. So versuchte der Sohn in Marseille zu landen, doch wieder ohne
Erfolg. Als er auch in Cannes abgewiesen wurde, entschlo er sich, den
Sarg des Nachts auf die kleine unbewohnte Insel zu bringen und dort, von
Strmen oft umbraust, hat der Todte fnf Jahre lang gelegen. Erst im Mai
1845 kehrte der Sohn wieder, nachdem es ihm gestattet worden war, den
Vater zu begraben an der Kirche von Gajona bei Parma, unfern der Villa,
die Paganini dort erworben hatte. Diese Erzhlung kam mir schon einmal in
den Sinn, als ich in dem herrlichen _Pallazzo Doria Tursi_, dem jetzigen
_Palazzo del Municipio_ in Genua, die Geige Paganinis sah. Das war in den
Tagen der Columbianischen Feste, wo die Mitglieder der wissenschaftlichen
Congresse im Municipio durch den Sindaco empfangen wurden. Die Geige, eine
Guarneri, der einst Paganini dmonische Tne zu entlocken gewut, bewahrt
man wie eine Reliquie in einem kostbaren Schrein; man hatte sie zu dem
Feste mit seidenen Bndern in den italienischen Farben geschmckt. Daran
dachte ich jetzt, da ich die kleine Insel St. Frol vor mir im Meere
liegen sah. Die heitere Landschaft stimmte freilich nicht zu dem
unheimlichen Geiste Paganinis. Wohl aber konnte es ihm behagen auf jenem
einsamen Riff, wenn die entfesselten Elemente die brandenden Wogen ber
die Felsen trieben und der Wind klagend ber der Meeresflche pfiff. Da
war es die Natur, welche Schaudergeschichten auf ihrer _G_-Saite spielt,
so wie er sie einst auf jener Saite seinen erregten Zuhrern zu erzhlen
wute. Ja, das Grab Paganinis pat sicherlich besser in die wilde
Brandung, als auf einen stillen Friedhof, das ist vllig klar! - Wie
schade, da die Geschichte nur erdichtet ist! - In Wirklichkeit starb
Paganini in der _Via Santa Reparata_ zu Nizza an der Kehlkopfschwindsucht
und nicht an der Cholera. Er hatte lange zuvor schon, in Folge seines
Leidens, die Stimme eingebt. Da er die Sterbesacramente nicht empfangen
hatte, verweigerte die Geistlichkeit seine kirchliche Bestattung, und
diese konnte erst einige Jahre spter erfolgen. Der Sohn Paganinis, der
heute noch in Parma lebt, theilt mir mit, da sein Vater dort auf dem
groen Friedhof _della Villetta_, nachdem er, auch im Tode unstt, erst
nach Villa-Franca, dann nach Genua gewandert, seit 1876 seine endliche
Ruhe gefunden und er - der Sohn - ihm auf seinem Grabe ein wrdiges
Denkmal habe errichten lassen, fr welches in Genua kein geeigneter Platz
gewesen sei. Ueber Paganinis Leben hatten sich die merkwrdigsten Mythen
ausgebildet, die durch sein ungewhnliches Aussehen, seine fast
gespensterhafte Magerkeit und sein blasses Gesicht, auf welchem, wie Heine
schreibt, Kummer, Genie und Hlle ihre unverwstlichen Zeichen eingegraben
hatten, gefrdert wurden. Paganini trug brigens durch sein excentrisches
Benehmen selber nicht wenig zur Verbreitung dieser Mythen bei. Nur einmal,
in Paris, fhlte er sich veranlat, den Fabeln, die in den Zeitungen ber
ihn berichtet wurden, entgegenzutreten. In einem Briefe, den er in der
_Revue musicale_ verffentlichen lie, schilderte er selbst sein Leben
und fhrte dort den Nachweis, da er weder seine Geliebte ermordet noch im
Gefngni gesessen, noch sich dem Teufel verschrieben habe. Er schlo mit
der Hoffnung, man werde wohl seiner Asche einst die verdiente Ruhe gnnen.
Doch auch diese Hoffnung sollte sich nicht erfllen! Selbst eine
Marmorbste, die man Paganini in der _Villetta di Negro_ zu Genua geweiht
hatte, verschwand spurlos von jener Sttte.

Wir kehrten nach der Insel St. Marguerite zurck und verweilten dort bis
zum Untergang der Sonne. Strahlend verschwand der feurige Ball hinter dem
Esterelgebirge. An den hohen Bergen im Norden trieben sich langgedehnte
Nebelstreifen umher. Sie deckten die Einschnitte der Thler, stiegen dann
empor bis zum Schnee der Alpen, wurden violett und rosenroth und schwanden
spurlos. Scharf zeichneten sich jetzt die riesigen Gipfel in langer Kette
an dem blauen Himmel. Bald rtheten sie sich auch, erglhten in Purpur,
erloschen allmlig und wurden dann leichenbla. Des Tages Gluth lastete
noch auf dem Meere; seine glatte Oberflche zeigte jene matten Reflexe,
wie sie alten venetianischen Spiegeln eigen sind: dann begann sie die
Farbe zu wechseln und schillerte wie Opal. Der Purpur, der von den Bergen
schwand, legte sich ber den Abendhimmel und berfluthete bald auch das
Meer. Geheimnivoll klagend schlugen seine scharlachrothen Wellen jetzt an
die Felsen des Ufers. Der Himmel ber den Alpen nahm fahlgrne Frbung an,
und dann wurde es dunkel. Ungezhlte Sterne tauchten am Himmel auf, und
ungezhlte Lichter entflammten lngs der Kste. Wir bestiegen jetzt wieder
die Barke und glitten still ber der Wasserflche. Eine erfrischende Luft
umflo unseren Krper, drang in unsere Lungen ein und erweckte jenes
Gefhl inneren Wohlbehagens, dem man so gern sich hingibt. Wir wechselten
kaum ein Wort und brachen erst unser Schweigen, als wir an der Croisette
gelandet waren.

                                    V.

Cannes stand unter der Herrschaft der Aebte von Lerin. Sie hatten dasselbe
im zehnten Jahrhundert von Wilhelm von Gruetta, einem Sohne von Redouard,
Grafen von Antibes, erhalten. Im Jahre 1080 begann der Abt Adalbert die
Burg auf dem Hgel, der jetzt die Altstadt trgt, dem heutigen Mont
Chevalier, zu erbauen. Im Kloster von Lerin wurden die geistigen Gter vor
Allem gepflegt, daher wohl seine Herrschaft mild gewesen ist. Das
beeinflute die Sitten und Bruche der Uferbewohner. Whrend jenseits des
Esterels, wo rohe Burgherren herrschten, die Volksbelustigungen in
Scheinkmpfen, den sogenannten _bravades_ bestanden, waren es in Cannes,
Vallauris und Antibes die _romrages_, das heit Tnze und hnliche
Spiele, welche die Feste belebten. Bis auf den heutigen Tag haben sich die
_bravades_ in St. Tropez, die _romrages_ in Vallauris erhalten.
Wachtthrme lngs der Kste waren zum Schutz gegen die Saracenen
aufgerichtet. Feuerzeichen des Nachts, weie Fahnen am Tage, warnten, von
den Lerinischen Inseln aus, die Uferbewohner vor den nahenden Feinden.
Cannes fhrte, gedeckt durch das Kloster, dem die Angriffe der Feinde
stets vor Allem galten, ein ziemlich ruhiges Dasein, und hatte erst
whrend der Kmpfe Franz I. mit Karl V. schwere Verluste zu tragen. Im
Jahre 1580 wurde durch ein Schiff aus dem Orient die schwarze Pest nach
Cannes eingeschleppt und verbreitete sich dann ber die ganze Provence.
Dann gab es noch manches Ungemach im Laufe der Zeiten, so im siebzehnten
Jahrhundert, als die Lerinischen Inseln zeitweise in spanische Gewalt
geriethen, dann im achtzehnten whrend der Invasion der Provene durch
sterreichische und piemontesische Truppen, besonders aber im
sterreichischen Erbfolgekriege, whrend des miglckten Angriffs der
Oesterreicher auf die Provence. - Uebrigens fehlte es auch nicht ganz an
komischer Tragik in der Geschichte von Cannes. So berichten die
Stadtarchive von einem wilden Thiere, das 1785 das Land und die Stadt mit
Schrecken erfllte. Kein Bewohner der Stadt wagte sich mehr ins Freie.
Schlielich wurde eine Schar muthiger Mnner bewaffnet, und es gelang
ihnen auch an der Grenze der Gemeinde das Thier zu erlegen. Ein solches
Thier hatte noch Niemand gesehen; man wute es nicht zu benennen. Ein
heftiger Streit entspann sich nun um das Fell, zwischen den Gemeinden von
Cannes, Grasse und Mougin, an deren gemeinsamen Grenzen das Thier gefallen
war; es drohte ein ernster Conflict, glcklicher Weise machte der Marquis
de Caraman, commandirender General der Provence, demselben ein Ende, indem
er das Fell fr sich nahm. Nunmehr wurde festgestellt, da dieses Fell von
einer Hyne stamme; wie jenes Thier sich nach Cannes verirrt hat, ist
unaufgeklrt geblieben.

Am Ende des vorigen Jahrhunderts war Cannes zu einer ganz unbedeutenden
Ortschaft herabgesunken. Als Horace Benedict de Saussure sie 1787
besuchte, fand er nur ein paar Straen vor, die fast ausschlielich von
Matrosen und Fischern bewohnt waren. Die Schnheit der Lage fiel ihm auf:
_C'est un site vraiment dlicieux_ rief er auf dem Hgel von St. Cassien
aus, als er den blauen Golf und die grnen Inseln vor sich liegen sah,
dann ber das ppige Thal der Siagne, gegen Grasse und die grauen
Kalkalpen schaute. Auch die Htels in Cannes waren damals einfacher als
jetzt, dessen ungeachtet es dem Erlanger Professor Heinrich Schubert im
Jahre 1822 in einem derselben sehr behagte. Er und die gute Hausfrau
waren zu Fu ber das Esterel acht Stunden lang bis nach Cannes gewandert
und kamen dort recht ermdet in den heien Mittagsstunden an. Darauf hin
schreibt Schubert: Wohler und erquicklicher zu Muthe ist es wohl der
guten Hausfrau, auf dieser ganzen Reise, bei keinem anderen Mittagessen
und in keinem anderen Wirthshause gewesen, als in dem brgerlichen, fr
uns daher sehr passenden Wirthshause zu Cannes. Es war das Huslein gleich
eins der ersten in der Huserreihe am Meeresstrande hin. Zwar zu der
oberen Etage, welche fast nur aus dem Zimmer bestand, in welchem wir aen,
fhrte keine Marmorstiege, sondern eine hlzerne Treppe von auen empor,
es stieg sich aber eben so schnell daran hinauf, als auf einer steinernen;
der Balcon, an dessen geffnete Thr wir uns hinsetzten, hatte zwar weder
eiserne noch bronzene Umzunung, sondern nur bretterne, die Aussicht von
ihm hinaus auf das unter uns brandende Meer war aber eben so weit und
lieblich als von einem steinernen. Junge Hhnlein, seit wenigen Tagen
erst aus dem Ei gekrochen, die mit ihrer Alten da im Speisesaal und auf
dem Balcon herumliefen, pickten die Krmlein von Weibrod zusammen, die
ihnen die Hausfrau auf den Boden streute. Dann aber, nachdem wir uns an
einem trefflichen Mahl gesttigt und ausgeruht, verlieen wir -
Strickbeutel und Pflanzenmappe unter dem Arme - unseren Balcon mit der
lieblichen Meeresaussicht und die gutmthigen, billigen Wirthsleute und
zogen unter den schattigen Bumen der Allee, neben dem anbrandenden Meere
hinaus auf die Strae nach Antibes.

Da war es in der That anders in Cannes als jetzt! Den Anfang zu seiner
jetzigen Gre verdankt Cannes einem Zufall. Im Jahre 1834, als die
Cholera im ganzen Norden von Europa herrschte, sperrte sich Italien gegen
dieselbe durch einen Grenzcordon ab. Reisende, die aus Frankreich an diese
Kste kamen, muten mehrere Tage in dem seuchenfreien Cannes verweilen,
bevor sie die Grenze am Var berschreiten durften. Unter den Reisenden
befand sich auch Lord Brougham, der das Amt eines Lord-Kanzlers von
England vor Kurzem niedergelegt hatte und durch den Tod seiner geliebten
Tochter tief gebeugt, nach Italien eilte. Ihm gefiel dieser Ort, an dem er
nun unfreiwillig verweilen mute, so sehr, da er sich entschlo, an
demselben zu bleiben. Er lie sich in Cannes nieder und erbaute auf seiner
Besitzung das Schlo Eleonore Louise, das den Namen seiner Tochter trgt.
Seinem Beispiel folgten zahlreiche seiner Landsleute, und die vornehme
englische Gesellschaft zog sich allmlig von Nizza nach Cannes zurck. Ihr
folgte die franzsische Aristokratie, und allmlig wuchs Cannes zu einem
der vornehmsten Kurorte der Riviera an.

                                   VI.

Den Bewohnern des westlichen Cannes knnen die Ausflge auf den Hhen der
Croix-des-Gardes diejenigen von La Maure zum Theil ersetzen. Die
Aussichten sind hnlich, doch gilt es meist so viel Staub zu schlucken,
ehe man sie erreicht! Die Abhnge dieses 150 Meter hohen Hgels sind mit
den ltesten Villen des neuen Cannes bedeckt; da lehnt sich auch jener
Chteau d'Eleonore Louise an, der den Grund zu dem modernen Kurort legte.
- Man darf es auch nicht unterlassen, den Garten der Villa Larochefoucauld
zu besuchen, dessen Zutritt Fremden stets gestattet wird. Man erreicht ihn
bald auf der Strae von Frjus. Die Ausblicke auf das nahe Esterel
zwischen den Palmen, Pinien und sonstigen ppigen Gewchsen des Gartens
sind zum Theil von hoher malerischer Wirkung.

Ueber alle mglichen, wenn auch nicht immer empfehlenswerthen Ausflge an
den Kurorten der Riviera orientiren jetzt vollstndiger wie zuvor die in
allerletzter Zeit erschienenen _Guides Joanne_. Es gibt jetzt solche
Fhrer fr Cannes, fr Nizza, Mentone, ja selbst fr das Esterel, und
sie sind einzeln fr 50 Centimes oder einen Franc zu haben. Leider sind
aber auch in diesen Fhrern die Angaben ber die Wege, die man bei den
einzelnen Ausflgen einzuschlagen hat, so mangelhaft und die beigefgten
Karten so unvollkommen, da man sich nur selten zurechtfinden kann.

Ich plante noch einen Ausflug nach dem Cap d'Antibes und stand mit
Tagesanbruch auf, um mglichst viel Zeit vor mir zu haben. Ich trat ans
Fenster und ffnete die Lden: Der Himmel war mit Wolken ganz bedeckt.
Hinter denselben im Osten mute die Sonne soeben aufgegangen sein.
Unentschlossen blieb ich am Fenster stehen. Wird es der Sonne gelingen,
die Wolken zu zerstreuen? Leuchtende Stellen tauchten in der Wolkenmasse
nach einiger Zeit auf und erweckten freudige Hoffnung. Bald schwanden sie
aber wieder, und beklommen blickte ich empor, gedrckt von dem Gefhl, da
es so trb und traurig den ganzen Tag ber bleiben knne. Doch wieder
lichten sich hier und dort die Wolken, sie wogen in schweren Massen wie
ein bewegtes Meer; pltzlich zerreien sie an mehreren Stellen, und aus
glhendem Rahmen blickt dort der leuchtende Himmel hervor. Es ist, als
wre in den Hhen eine Feuersbrunst ausgebrochen, und als drngen lange
Feuerstrahlen aus den Oeffnungen der Wolken hervor, um die See und das
Land zu entznden. Jetzt sind es Stellen im Meer, welche in Flammen
aufgehen, dann leuchten die Lerinischen Inseln im rosigen Lichte auf
dunkler Woge, dann wieder entznden sich die Gipfel des Esterel, dann das
alte Cannes. Allmlig erblassen die Wolken, sie weichen vor der
siegreichen Sonne; sie lsen sich auf im goldigen Nebel und schwinden. Der
ganze Himmel erstrahlt in glnzendem Licht.

Wir folgen der Strae von Antibes, von Licht berfluthet. Solche
Lichtflle stimmt den Menschen freudig, erweckt neue Hoffnungen und trgt
so sicherlich nicht wenig zur Heilung der hier weilenden Kranken bei. Es
ist das der suggestive Einflu des Sonnenlichtes; andererseits kommen
demselben thatschlich auch antiseptische Wirkungen zu. Intensives
Sonnenlicht tdtet die Keime jener niederen Organismen, welche Fulni und
Zersetzung bewirken. Entsprechende Versuche haben gelehrt, da eine
Aussaat von Bacterien durch Licht sterilisirt werden kann. Setzt man eine
solche Aussaat dem Sonnenlichte aus, hlt eine andere im Schatten, so
werden die Keime der ersteren getdtet und die der letzteren entwickeln
sich weiter. Intensives Sonnenlicht sterilisirt demgem auch die Wsche
und die Kleider von Kranken. Es sterilisirt auch Seen und Flsse, falls
ihr Wasser nicht zu trb ist und den Lichtstrahlen das Eindringen nicht
verwhrt. Die in der Luft schwebenden Keime werden meist von dem
Sonnenlicht getdtet. Mit Recht sagt somit ein italienisches Sprchwort:
_Dove non entra il sole, entra il medico._ Wre jenes Sprchwort nicht
begrndet, da mten unausstehliche Miasmen manches sdliche Land erfllen
und Infectionskrankheiten ununterbrochen es verheeren. Wie wenig geschieht
da meist fr die Desinfection. Die moderne Hygiene ist ein Kind nordischer
Himmelsstriche, und die peinlichsten Ansprche an Reinlichkeit und Comfort
sind in Lndern erwachsen, in welchen der Nebel meist das Sonnenlicht
verhllt. Whrend wir unsere Wohnrume nach Mglichkeit subern, fr
Desinfection allerorts sorgen, ffnet der Sdlnder weit seine Fenster und
lt sein ganzes Haus vom Sonnenlicht durchstrahlen. Dazu ist aber dauernd
klarer Himmel nthig. - Bacterienkeime, die vom intensiven Sonnenlichte
getroffen werden, halten die Wirkung desselben nur kurze Zeit aus. Die
Keime des _Bacillus anthracis_, jenes gefhrlichen Bacteriums, das den
Milzbrand bei Schafen und Rindern veranlat, sind dann schon todt nach
wenigen Stunden. Ein englischer Botaniker, Marshall Ward, hatte den
Einfall, diese Wirkung des Lichtes auf Bacterienkeime gewissermaen
photographisch zu veranschaulichen. Er breitete Gelatine, die mit
Bacterienkeimen versetzt war, auf einer Glastafel aus, stellte vor
dieselbe eine durchbrochene Zinnplatte und lie letztere vom Sonnenlicht
bescheinen. Nach wenigen Stunden wurde die Glastafel in einen dunklen,
warmen Raum gelegt und dort lngere Zeit gelassen. Ueberall da, wo das
Sonnenlicht durch die Oeffnungen der Zinnplatte die Gelatine erreicht
hatte, blieb letztere klar, weil die Keime in derselben getdtet waren,
sie trbte sich an den brigen Stellen, weil die Keime dort unversehrt
blieben und sich zu trben Bacterienmassen vermehrten. So war das in die
Zinnplatte geschnittene Bild deutlich auf der Gelatineplatte zu erkennen.
Selbst die Negative gewhnlicher Photographien konnten benutzt werden, um
positive Bacterienbilder zu erhalten, wenn mit besonders empfindlichen
Keimen operirt wurde. Ein purpurfarbiges Bacterium der Themse lieferte so
hinter den Glas-Negativen englischer Landschaften zwar nicht scharfe, aber
doch kenntliche Bilder derselben.

Die ganze Strae von Antibes war jetzt blendend hell von Licht, von jenem
grellen Licht, in welches alle Dinge tauchen, wenn die Sonne hoch am
Himmel steht. Auf der kreideweien Strae wurden die Schatten immer krzer
und dunkler, die Halbschatten nahmen blaue Tne an. Die Palmengruppen in
den Grten glnzten so stark, da sie fast wie fabelhafte Decorationen zu
einem Zauberstck erschienen. Es war Fest der Sonne berall in der Natur,
und diese festliche frhliche Stimmung theilte sich uns auch mit. - Wenig
Orte in Europa gibt es, die ber eine gleich groe Lichtflle verfgen. An
dieser goldigen Kste darf sich das Mittelmeer rhmen, Spiegel der Sonne
zu sein. An Klarheit der Luft knnen mit der Gegend um Nizza sich nur
Valencia und Alicante messen. Whrend von dem Eifelthurm in Paris die
Aussicht im gnstigsten Falle bis auf hundert Kilometer reicht, zeigt hier
nicht selten Corsica dem erstaunten Auge seine zackigen Gipfel, die um
mehr als 200 Kilometer von dieser Kste entfernt sind. Daher mit vollem
Recht der Mont Gros bei Nizza zum Bau eines astronomischen Observatoriums
gewhlt wurde. Auch regnet es in Nizza durchschnittlich im Jahre nur an
67 Tagen. Der Regen dauert nicht lange, ist dafr oft so heftig, wie in
den Tropen. Auch in diesem Frhjahr hatten wir whrend unseres
fnfwchentlichen Aufenthalts, von Mitte Mrz bis zur zweiten Hlfte des
April, nur drei Tage mit anhaltendem Regen hier zu verzeichnen. Wir waren
thatschlich die ganze Zeit ber wie in ein Lichtbad getaucht.

Die Strae fhrte uns an dem Orte Golfe Jouan vorbei nach Jouan les Pins.
Nun folgten wir unter Pinien im weiten Bogen dem Meeresstrande. Unser
Blick verlor sich im endlosen Meer oder er ruhte auf dem Esterel und den
Lerinischen Inseln. Es waren das die alten, liebgewonnenen Bilder in immer
neuer Umrahmung. Bald begrten wir das Cap und traten in den Garten des
Caphtels ein. Da ist Alles noch so wie es war, derselbe ppige
Pflanzenwuchs, derselbe Duft der Maquis. Doch fremdartig blicken uns
merkwrdige Bauten von der uersten Spitze der Landzunge an. Haben die
Saracenen wieder das Land erobert und sich am Cap niedergelassen? Das sind
doch maurische Bauten, die sich dort erheben, eine Moschee, die mit ihrer
schlanken Kuppel in die Lfte ragt! Eine Mauer sperrt die Spitze des Caps
vom Htelgarten ab, doch glcklicherweise ist sie schon durchbrochen und
nichts hindert uns, weiter vorzudringen.

Es war nicht ein Saracene, sondern ein Pariser, der diese Bauten errichten
lie. Er starb ohne das Ende seiner Werke zu sehen. Sein Wunsch, hier
begraben zu werden, konnte nicht in Erfllung gehen. Die franzsische
Regierung verbot die Bestattung am Cap; die Familie gab daher die
Besitzung auf.

So wird denn dieses Stck Orient hier wieder verschwinden, vielleicht
Ruinen bilden, die man dermalen als saracenische deuten wird. Der Fischer
aber, dem ein Stck Strand nach dem andern entzogen wird, hat vom Cap
wieder Besitz ergriffen. Mit sichtlicher Schadenfreude zerstrt er die
Mauer, die ihm den Zugang zu den Felsen sperrte, auf denen er gewohnt war,
von Kind auf zu fischen. Und auch der Fremde, der das Cap besucht, kann
wieder ungehindert auf diesen zerrissenen Felsenklippen streifen und dem
geheimnivollen Rauschen der Wogen in den tiefen Spalten des Gesteines
lauschen.

                                   VII.

Einige Tage spter verlieen wir Cannes und siedelten nach dem Cap Martin
ber. Eine englische Gesellschaft hat vor einiger Zeit dieses ganze Cap
erworben und ein Htel auf demselben errichtet, das zu den comfortabelsten
der ganzen Riviera gehrt. Hat man es sonst zu bedauern, da die schnsten
Punkte dieser Kste der Speculation zum Opfer fallen, so ist dies beim Cap
Martin nicht der Fall. Denn mit viel Geschick und Geschmack verstand es
die englische Gesellschaft, dem Cap seinen ursprnglichen Charakter zu
wahren und den schnen Wald von Aleppokiefern, mit dem das Cap bedeckt
ist, in einen nicht minder schnen englischen Park zu verwandeln. Sie
schonte jeden einzelnen Baum; die Maquis am westlichen Strande hat sie in
ihrem ursprnglichen Zustand belassen, fremdartige Gewchse nur in
discretester Weise angebracht. Das Htel steht auf der Hhe, am sdlichen
Ende des Caps, noch in den Wald eingeschlossen, von welchem man nur so
viel entfernte, als zum Bau des Hauses durchaus nothwendig schien. Auch
werden die Grundstcke am Cap von der Gesellschaft nur unter Bedingungen
verkauft, die den neuen Besitzer zur Schonung des Waldes verpflichten. So
merkt man nicht viel von den entstehenden Villen im Walde, und man mu auf
die Hhen steigen, die das Cap beherrschen, um sie zu entdecken. Der
Strand sollte frei bleiben, daher keines der verkauften Grundstcke bis zu
demselben reicht. Man kann vom Htel aus jetzt ungehindert den Wegen
folgen, die sich um das ganze Cap ziehen. An dem stlichen Ufer des Caps
luft die Landstrae, die nach Mentone fhrt; sie ist staubig, und sucht
man sie daher nach Mglichkeit auf den Spaziergngen zu meiden. Das kann
man auch, wenn man die Straen einschlgt, die im Walde, am Rcken des
Caps, verlaufen. Besonders anziehend und von Staub ganz frei ist aber der
Fuweg, der in westlicher Richtung am Cap sich hinzieht. Er folgt auf
langer Strecke zwischen Kiefern und wrzigen Struchern dem Strande. Er
ist so schn, bietet so mannigfaltige Ausblicke, da man nicht mde wird,
auf ihm zu wandern. Der Weg steigt auf und ab, immer in unmittelbarer Nhe
des Meeres, dicht ber zerrissene Felsenmassen. Myrten, Pistacien,
Rosmarin umranden ihn, hufig wchst da auerdem der immergrne Wegedorn
mit dunklen Beeren, der _Rhamnus alaternus_, auch das interessante
_Cneorum tricoccum_ mit kleinen gelben Blthen, das uns schon aus den
Maquis von Antibes bekannt ist, und die wrzige Weinraute (_Ruta
bracteosa_), die um diese Zeit schon ihre gelbgrnen Blthendolden
entfaltet. Bei jeder Windung des Weges ragen neue Felsen aus dem Meer
hervor, immer anders geformt, in unerschpflichem Wechsel. Ueberall die
anbrausenden Wogen mit ihrem Silberrand, hier von tiefem Blau, dort von
hellem Grn, dort wieder in violetten Tnen; dann pltzlich vorbereilende
Fischerbarken, grell beleuchtet im lichten Schein der Sonne. Die Ruder
tauchen wie in flssiges Metall, und funkelnde Tropfen fallen von ihnen in
das Meer zurck. Weite Blicke ffnen sich ber die Kste: hier Monte
Carlo, sanft vom Meere aufsteigend, dort Monaco auf seinem steilen Fels,
darber, wie auf Wache, die riesige Tte de Chien. Ganz in der Nhe
liegt am Bergesabhang das Felsennest Roccabruna, in Orangenhaine gehllt,
umrahmt von Cypressen und Carouben. So lt sich hier genureich am frhen
Morgen wandern, da die Sonne noch im Osten steht, im Schatten der Bume
und des steil aufsteigenden Caps; felsauf, felsab, einmal dicht am Meere,
dann ber demselben, dann wieder am Strand, wo die Welle bis zu den Fen
rollt. Doch gilt es frh aufzubrechen, denn das Cap ist nicht rein
sdlich, sondern sdwestlich gerichtet, und bald beginnen die Strahlen der
Sonne auch den westlichen Abhang zu streifen. Da stellt sich aber der
erwnschte Schatten am stlichen Strande ein. Zwischen der staubigen
Strae und dem Meere liegt ein Felsenstreifen, auf dem Kiefern wachsen,
und wo man, von Staub nicht belstigt, ruhen kann. Auch hier ist der
Strand tief zerklftet und bildet einen bewegten Vordergrund fr das Bild,
das sich jenseits der Bucht entfaltet. Die Kiefern neigen sich vor ber
die Felsen, strecken ihre Kronen dem Meer entgegen und fassen hier das
weie Mentone, dort die hohen Gipfel ber demselben, dort wieder La
Mortola oder Bordighera ein in ihr grnes Laub. Oft stundenlang saen wir
auf diesen Felsen, ein Buch in der Hand, blickten auch hufig ber
dasselbe hinweg, hinaus in die blaue Fluth. Zeitweise waren es auch
Fischer, die unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Sie spheten in der
Nhe den Fischen nach. Einer sa oben ber dem Felsen auf einem Gestell
aus drei verbundenen Stangen und schaute unablssig in die Tiefe. Andere
lagerten in einem Boot, bereit auf ein gegebenes Zeichen die Netze zu
heben. Die Netze waren an einem leeren, quergestellten Boote befestigt und
bildeten ein Dreieck, das an einer Seite offen stand. Erblickte der Spher
Fische, die in das Dreieck eingeschwommen waren, so zog er an einem Seil
und da Netz schlo sich nun auch an der freigehaltenen Seite. Rasch
nherte sich da Boot dem Ufer, schnitt den Fischen jeden Rckweg ab; die
Netze wurden emporgezogen, und meist einige nicht eben groe Fische, oft
auch nur ein einziges solches zappelndes Geschpf erkapert. Die Geduld
dieser Menschen erweckte in mir besondere Bewunderung. Stundenlang lagen
sie da unbeweglich im Boote; den ganzen Tag ber hockte der Spher oben
auf seiner Stangenpyramide, und die Zeit wurde ihm, wie es schien, nicht
lang. Was fr ein Gegensatz zu solchen Menschen wie wir, die wir uns den
ganzen Tag ber hetzen und aufreiben, keine Viertelstunde unbenutzt lassen
und nun hierher kommen mssen, damit unsere Nerven sich wieder etwas
beruhigen. Der Mann da oben auf seiner Pyramide erinnerte mich aber
lebhaft an einen Seeadler, den ich auf einem hohen Felsen von Antibes, an
einer einsamen Stelle des Strandes, einst sitzen sah. Auch er blickte
starr in das Wasser, blickte lange und geduldig, ohne auch nur den Kopf zu
bewegen, strzte sich dann wie ein Pfeil hinab in die Fluth und stieg auf
in die Wolken mit einem Fisch in den Krallen.

Das Htel am Cap Martin ragt ber die Bume des Waldes empor. Sdwrts
erffnet es die Aussicht auf das weite Meer. Nordwrts gestattet es, ber
den gewlbten Kuppeln des Waldes, der ganzen Bergkette zu folgen, welche
diese Kste schtzt. Da reihen sie sich an einander diese gewaltigen Berge
vom Mont Agel im Osten, bis zum Berceau im Westen; die mchtigsten
Kalkriesen liegen in der Mitte und schneiden mit scharfem Grat in den
blauen Himmel ein. Jeden Abend waren unsere Blicke auf sie gerichtet, wenn
die schwindende Sonne ihre Gipfel rthete, ein Gipfel nach dem andern dann
langsam erlosch. Oefters stiegen wir auch gegen Abend zum stlichen
Strande hinab, um die Beleuchtung der Kste zu schauen. Whrend tiefer
Schatten schon Mentone deckte, flammte im purpurnen Lichte noch
Alt-Bordighera. Ein Liebling der Sonne an dieser goldigen Kste, empfngt
es am Abend ihren letzten Gru.

Wenn es dann ganz dunkel war, zogen wir nochmals ans Meer. Es galt Mentone
und Monte Carlo in ihrem Lichterschmuck zu betrachten. Monte Carlo im
Besonderen sieht dann ganz feenhaft aus. Tausende von Lichtern drngen
sich am Fue des Berges zusammen, der einen dunklen Schatten auf den
bestirnten Himmel wirft. Ich schaute oft in dieses Bild, und es war mir
wohl, als htte ich es lange zuvor schon gesehen. Doch wo und wann? das
wute ich nicht mehr zu finden. Da pltzlich, sah ich es ganz lebhaft
wieder vor mir, das alte Bild, so wie ich es mit Kinderaugen geschaut
hatte. Es war ein gemaltes Bild von Neapel in einem kleinen Panorama, das
ich am Weihnachtsabend einst bekommen hatte. Hielt ich es gegen ein Licht,
dann leuchteten unzhlige Flammen in Neapel auf und erregten meine
kindliche Phantasie. Es waren Nadelstiche, welche das Bild durchsetzten.
Wie in jenem Bilde Camaldoli ber Neapel, so ragte hier die Tte de Chien
ber Monte Carlo hervor; und wie die Lichter am Posilip, so stiegen hier
die leuchtenden Punkte am Felsen von Monaco in die Hhe. Wie stark sind
doch solche Eindrcke der Kindheit! Was hat nicht Alles dieses geplagte
Hirn seitdem in sich aufnehmen mssen, und doch war das alte Bild nur
verdeckt, nicht ausgelscht, und tauchte wieder auf, als ein uerer
Ansto es zum Bewutsein brachte.

Dort, wo das Cap Martin die breite Kste erreicht, ist es mit schnen
alten Oelbumen bedeckt. Da sind sie wieder da, diese phantastisch
verschnrkelten Stmme, von denen keiner dem andern gleicht. Sie werden um
so mchtiger und schner an dieser Kste, je weiter man sich vom Esterel
entfernt. Welch ein Unterschied zwischen den armseligen Bumen der
Rhnemndung und jenen Riesen hier, die ihre Kronen stolz in die Lfte
erheben. So mu man sie gesehen haben, um sie zu wrdigen und sie zu
lieben; auch ist die Lichtflle dieser sonnigen Gegenden nthig, damit ihr
Laub nicht grau und traurig, sondern silbern und leuchtend erscheine.
Daher der Olivenwald ein hchst stimmungsvolles Element dieser Landschaft
bildet. Da die Bltter des Oelbaumes nicht gro sind und seine Belaubung
nie dicht wird, so herrscht im Olivenwalde ein Zwielicht von ganz eigenem
Zauber. Jeder Windhauch bewegt dieses Laub, und dann zittern die einzelnen
Lichter auf den Bumen, sie huschen wie Leuchtkfer ber den Boden, und es
belebt sich pltzlich die Einsamkeit.

Trotz seiner scheinbar exponirten Lage ist das Cap Martin gegen die
Nordwinde und den Mistral sehr gut gedeckt und nur den Ostwinden
preisgegeben. Da die hohen Berge im Norden und im Westen das Cap
erfolgreich gegen Klte schtzen, hat der letzte strenge Winter gelehrt.
Es lag fast kein Schnee auf dem Cap, whrend er Mentone deckte, und weder
Bougainvillea noch Heliotrop haben an dem Htel du Cap gelitten. Die
Pflanzen sind aber die sichersten Weiser fr das Klima. Die Bougainvilleen
und der Heliotrop sind an den meisten Orten der Riviera im letzten Winter
erfroren oder bten ihr Laub doch ein. Auch die strauchartige Wolfsmilch
(_Euphorbia dendroides_), die berall am westlichen Abhange des Cap Martin
wchst, zeigt durch ihre krftige Entwickelung an, wie gnstig die
klimatischen Verhltnisse hier fr sie sind. Man mu nach dem sdlichen
Sardinien gehen, will man noch grere Exemplare dieser Pflanze sehen. In
dem nahen Mentone zeugen fr das milde Klima dieser Region vor allem die
ppigen Citronenwlder. Der Citronenbaum kann Temperaturen unter -5 C.
nicht vertragen. Seine Frchte erfrieren schon bei -3 C. Man denke sich
die Aufregung der Leute in diesem letzten Winter, wo das Thermometer
wiederholt unter 0 sank. Der Besitzer eines greren Citronengartens
erzhlte mir, er habe in den kalten Nchten viele Stunden am Thermometer
gestanden und mit Angst auf die Quecksilbersule gestarrt, ob sie nicht
noch weiter falle. Noch einen halben Grad tiefer und die Einnahme des
ganzen Jahres war verloren. Thatschlich sind an vielen Stellen bei
Mentone im letzten Winter die Citronen, nicht die Bume, wohl aber die
Frchte erfroren. Es geschah das besonders am Ausgang der Thler, wo der
Schutz gegen Norden unvollkommen ist. Dort sollten Citronen berhaupt
nicht gebaut werden; doch die Leute vergessen die Vorsicht, wenn viele
aufeinander folgende Winter mild gewesen sind. Fr gewhnlich berhren ja
die kalten Nordwinde die Kste nicht, sie erreichen erst in einigen
Kilometern Entfernung das Meer, und ist es eine hufige Erscheinung, da
das Meer dort strmisch ist, whrend volle Windstille an der Kste
herrscht. - Die Orangen haben bei Mentone auch in diesem Winter nicht
gelitten. Diese Frucht kann bei bedecktem Himmel -4 C. aushalten, und die
Klte mu lngere Zeit -6 C. betragen, damit der Baum getdtet werde.
Daher bei Cannes wohl Orangenbume, nicht aber Citronenbume zu sehen
sind, und selbst an den Orangenbumen war bei Golfe Jouan das Laub zum
Theil erfroren. Auch der Johannisbrotbaum ist gegen niedere Temperaturen
sehr empfindlich, und zeugt somit, wenn stattlich entwickelt, fr ein
mildes Klima. Schner und ppiger kann man ihn aber an der Riviera nicht
sehen, als auf der Strecke, die von Villefranche bis San Remo reicht.

An schnen, sonnenklaren Tagen pflegt an der Riviera gegen acht Uhr
Morgens die Seebrise sich zu erheben. Dann wird es meist khler als zuvor.
Nach Anbruch der Nacht fllt dann die Luft von den Bergen ab, der Landwind
stellt sich ein. Zwischen den Zeiten der beiden Winde herrscht oft vllige
Ruhe. Die italienischen Fischer bezeichnen sie als _bonaccia_, weil sie
die wenigste Gefahr in sich birgt. - Auffllig ist es dem Fremden, wenn
gegen das Frhjahr der sonst so heie Scirocco an der Riviera von Schnee
begleitet ist. Es geschieht das freilich selten, kann aber erfolgen, wenn
auf den hohen corsicanischen Bergen sich groe Schneemassen anhuften.

Auf der ganzen Strecke von Villefranche bis San Remo sieht man fast keine
laubwerfenden Bume. Daher man hier weit weniger an den Winter gemahnt
wird, als weiter im Sden, ja selbst in Neapel. Dort dominirt der
Feigenbaum und der Weinstock, so da der Posilip uns einmal im Mrz fast
kahler erschien, als das Rheinthal, das wir kurz zuvor verlassen hatten.

Die Nchte waren jetzt vom Mondschein erhellt, und die Berge glnzten in
magischer Beleuchtung: Ein mchtiges Amphitheater, dessen scharf gezhnte
Gipfel sich wie feine Spitzenarbeit vom Himmel abhoben, in welchem tief
unten die Lichter von Mentone funkelten.

Dieser Vollmond sollte uns Ostern bringen. Wir gingen des Abends an den
Strand, um ihn zu erwarten. Es war ganz dunkel auf den Felsen am Meere,
einsam und still. Flach ausgebreitet lag vor uns die weite See und schien
fast zu schlafen. Oben breitete sich das Himmelsgewlbe aus, fast schwarz,
doch beset mit ungezhlten Sternen, die sich mit silbernen Streifen auch
im Meere spiegelten. Es schien, als sei die Natur gespannt auf ein
Ereigni, das da kommen sollte: so still und feierlich war es rings umher.
Kein Grashalm erzitterte. Die Kiefern streckten aber ihre Kronen vor nach
der See, als wollten sie weit ber die Fluthen hinaus in die Ferne
lauschen. Die wrzigen Dfte der Maquis senkten sich langsam zur See
hinab, wohl um ihr duftigen Weihrauch zu streuen. Vielleicht war aber nur
unsere Seele von Erwartung voll, und wir trugen diese Empfindung hinaus in
die weite Welt. - Pltzlich tauchte ein rother Streifen im Osten ber dem
Wasser empor. Er nahm an Breite zu und bald warf er den ersten leuchtenden
Strahl ber die schwarze Fluth: es war, als wolle er sie liebkosen. Die
Fluth erzitterte unter diesem Strahl und legte sich in sanfte Wellen, wohl
um ihn einzuwiegen. Der Mond tauchte ganz aus dem Meere hervor, mit
gerthetem Antlitz, wie verschlafen. Quer gedehnt, mit geschwollener Backe
sah er fast lcherlich aus. Doch rasch rundete sich sein Antlitz ab, nahm
leuchtende Silberfarbe an und schttete Licht in Flle ber die
Meereswellen aus. Und whrend er hher stieg, erblaten die Sterne. Nur
die Grten vermochten ihm noch ins Antlitz zu schauen, die anderen
verloren sich in den Tiefen des Himmelsgewlbes. Am Strand, wo sich die
Wellen an den Felsen brachen, da funkelte und blitzte es von unendlichen
Lichtern, als htten alle die Sterne, die am Himmel schwanden, sich hier
gestrzt in die Tiefe. Ein breiter silberner Flu zog sich vom Strande bis
an die uersten Schranken des Meeres. Stellenweise war er von glatten
Streifen unterbrochen, die wie Opal ihre Farbe wechselten. Vorbergehend
tauchten dstere Barken in das Mondlicht ein, wie dunkle Silhouetten auf
Silbergrund. Der Mond stieg immer hher ber die Fluthen und setzte in
weitem Bogen seinen Siegeszug am Himmelsgewlbe fort. Bald begann sein
Licht auch in die tiefsten Spalten des Strandes einzudringen und die
zerrissenen Felsen traumhaft zu beleuchten. Da sah es denn aus, als wren
die schaumgekrnten Wellen eines erregten Meeres versteinert stehen
geblieben, oder man meinte in einen zerklfteten Gletscher der Alpen zu
blicken; dort zauberten schmale Felsengrotten der Phantasie einen
arabischen Friedhof vor, dort endlich eine Schar von Pilgern, die im
weien Gewande von den waldigen Hhen gegen das Meer zu wanderten. In
allen Buchten sprht es aber Funken, die Lichter schwimmen an der
Oberflche oder sie sinken unter; bald verschmelzen sie mit einander, bald
trennen sie sich wieder, in endlosem Spiel.

In den Ostertagen rckte ein Nordsturm heran. Mit ungewohnter Gewalt
strzte er sich auf die Felsenriesen, die Mentone schtzen und suchte
ihren Widerstand zu brechen. Da entspann sich ein gewaltiger Kampf
zwischen diesen Titanen und den entfesselten Elementen: es heulte und
zischte in den Lften. Wir sahen den rauhen Winter ber unseren Kpfen
schweben, whrend wir uns noch im milden Frhling befanden. Der Norden
warf seinen kalten Schnee den Felsenriesen gegen das Haupt. Sie schienen
zeitweise zu weichen. Ein kalter Luftstrom ergo sich ber das Cap. Die
aleppischen Kiefern schttelten bedenklich ihre Hupter, die Wellen des
Meeres flohen wie entsetzt mit schumender Mhne von dem Lande. Bis in die
Nacht hinein zitterte und bebte das Cap. Dann wurde es still, bald
leuchteten die Sterne und am nchsten Morgen standen sie wieder da im
goldigen Sonnenschein, die Riesen ber Mentone, zwar mit Schnee noch
bedeckt, doch siegesbewut, stolz ihre Felsenhupter zum Himmel erhebend.

Dieser Sonnenschein sollte leider nicht dauern; das Gleichgewicht in den
Lften war gestrt. Bald zog der Ostwind heran, und das Wetter verdarb
sich. Das erleichterte uns die Trennung von der Riviera. Dicke
Regentropfen fielen vom Himmel und trnkten die durstige Erde. Wir aber
konnten von hier in dem sen Wahne scheiden, es weine uns dieser Himmel,
den wir so liebgewonnen, einige Thrnen zum Abschied nach.

                            ------------------





INHALTSBERSICHT.


*Vorwort   **VII*

*Frhjahr 1891   **1*

  Bordighera   2

  Monte Nero   3

  Sasso   5

  Oelbume   6

  Frhlingsblumen   11

  Weinstock   11

  Palmen   15

  Gorbio   23

  Pont St. Louis   26

  Garten von La Mortola   30

  Weg nach Mentone   69

  Charakterpflanzen der italienischen Landschaft   70

  Reiz- und Genumittel aus dem Pflanzenreich   72

  Route de la Corniche   83

  Nizza   85

  Cap d'Antibes   85

  Maquis   89

  Garten Close   99

  Seesturm am Cap   99

  Blumencultur an der Riviera   101

  Sonnenuntergang am Cap   105

*Frhjahr 1894   **107*

  Hyres   107

  Maurengebirge   114

  Korkeichen   115

  St. Tropez   121

  La Gaillarde   126

  St. Aigulf   127

  Frjus   127

  St. Raphal   129

  Esterel-Gebirge   132

  Malinfernet   141

  Abend in St. Aigulf, Le Trayas   144

  Cap Roux   148

  Pic d'Aurelle   154

  Klarheit des Seewassers   157

  Grasse   158

  Ursprung der Parfme   159

  Gewinnung der Parfme   162

  Wirkungen therischer Oele   176

  Geschichte der Parfme   177

*Frhjahr 1895   **187*

  Cannes   187

  La Californie   188

  La Maure   191

  Lerinische Inseln   193

  Geschichte von Cannes   203

  Ausflug nach Antibes   207

  Wirkungen des Lichtes   208

  Klarheit der Luft   209

  Cap Martin   211






ANMERKUNGEN DER KORREKTURLESER


Von den Korrekturlesern des _Project Gutenberg_ wurden mehrere nderungen
am Originaltext vorgenommen. Es folgen paarweise Textzeilen im Original
und in der vorliegenden genderten Fassung.



      Blttern in gleicher Weise von Lichtstahlen getroffen.
      Blttern in gleicher Weise von Lichtstrahlen getroffen.

      mit Bambusfasern Matratzen gegefllt und Mbel gepolstert.
      mit Bambusfasern Matratzen gefllt und Mbel gepolstert.

      ganz wie die Scheinbeeren unsers Wachholders verwandt.
      ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt.

      Die Geige, ein Guarneri, der einst Paganini dmonische Tne
      Die Geige, eine Guarneri, der einst Paganini dmonische Tne






***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STREIFZGE AN DER RIVIERA***




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September 29,  2009

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with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.


1.E.8.


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1.E.9.


If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
work or group of works on different terms than are set forth in this
agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
Section 3 below.


1.F.


1.F.1.


Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
may be stored, may contain Defects, such as, but not limited to,
incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
be read by your equipment.


1.F.2.


LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the Right of
Replacement or Refund described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
OF SUCH DAMAGE.


1.F.3.


LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
the person you received the work from. If you received the work on a
physical medium, you must return the medium with your written explanation.
The person or entity that provided you with the defective work may elect
to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
work electronically, the person or entity providing it to you may choose
to give you a second opportunity to receive the work electronically in
lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
refund in writing without further opportunities to fix the problem.


1.F.4.


Except for the limited right of replacement or refund set forth in
paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.


1.F.5.


Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
limitation set forth in this agreement violates the law of the state
applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
shall not void the remaining provisions.


1.F.6.


INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
any volunteers associated with the production, promotion and distribution
of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
you cause.



Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.



Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org



Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form accessible by the widest array of equipment
including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please
visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate



Section 5.


      General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.


_Professor Michael S. Hart_ is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
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***FINIS***
